Leihbibliothek deutſcher, engliſcher und franzöſiſcher Literatur Cdnard Ottmann in Gießen, Schloßgaſſe Lit. A. Nr. 256. Veiß- und geſebedingungen. 1. oflensein der Bibliothek. Die Bibliothek ſteht zur Em⸗ pfangnahme und Rückgabe der Bücher jeden Tag von Morgens 7 Uhr bis Abends 8 Uhr offen. 2. Lesepreis. Bei Rückgabe eines geliehenen Buches wird von jedem Tag 5 Pf bezahlt. Die Zeit eines Tages iſt zu 24 Stun⸗ den angenommen. 3. Caution. Unbekannte Perſonen müſſen, bei Entgegennahme eines Buches, eine dem Werthe deſſelben entſprechende Summe hinterlegen, welche bei deſſen Zurückgabe von mir zurückerſtattet wird. 4. Aponnement. Daſſelbe muß voraus bezahlt werden und beträgt: für wöchentlich 2 Bücher: 4 Bücher: 6 Bücher: — — —— auf Pt 1 Mt. — Pf 1 M. 50 Pf. 2 Mk. — Pf. 5. Auswärtige Ahonnenten haben für Hin⸗ und Zurückſendung der Bücher auf ihre eigenen Koſten und Gefahr ſelbſt zu ſorgen. 6. Schadenersatz. Für beſchmutzte, zerriſſene, verlorene und vefecte Bücher (namentlich bei ſolchen mit Kupfern 1c.) muß der Ladenpreis erſetzt werden. — Iſt das zerriſſene, beſchmutzte, ver⸗ korene oder defecte Buch ein Theil eines größeren Werkes, ſo iſt der Leſer zum Erſatz des Ganzen verpflichtet. 7. Ausleihereit. Dieſelbe iſt auf 14 Tage feſtgeſetzt und wird beſonders darauf aufmerkſam gemacht, daß das Weiterverleihen der Bücher nicht ſtattfinden darf, indem Diejenigen, welche die⸗ ſelben von mir geliehen, auch dafür zu ſtehen haben. ————— Mathilde. Erinnerungen einer jungen Frau. Von Engene Sue. Ueberſetzt und eingeleitet von Dr. Scherr. Zehntes bis zwölftes Bändchen. Stuttgart. Verlag der Franckh'ſchen Buchhandlung. 1845. Prittes Buch. Die Trennung. — Erſtes Kapitel. Eine Mutter. Ich werde niemals die gewaltige Aufregung dieſer Nacht vergeſſen, welche ich in einer Art von bewuß⸗ tem Delirium, wenn ich mich ſo ausdrücken darf, ver⸗ brachte. Bald ging ich mit großen Schritten in meinem Zimmer auf und ab, bald hielt ich plötzlich inne, um niederzuknieen und inbrünſtig zu beten. Dann über⸗ fiel mich eine wahnſinnige Freude, Empfindungen des unſäglichſten Glückes, Regungen eines ruhigen und er⸗ habenen Stolzes. Ich war Mutter! Ich war Mutter! Anwand⸗ lungen abgöttiſcher Zärtlichkeit für das Weſen, welches ich unter meinem Herzen trug, erwachren in mir bei dieſem berauſchenden Gedanken. Ich konnte an ſo viel Glück nicht glauben — — ich preßte mit Heftigkeit meine Hände auf die Bruſt, um mich zu verſichern, daß ich lebe. Es kam mir vor, als folge jedem Schlag meines Herzens ein ſanftes, leiſes Klopfen: es war der Herz⸗ ſchlag meines Kindes. Mein Kind — mein Kind! Nicht müde konnte ich werden, dieſe ſegensvollen, koſtbaren Worte zu wie⸗ derholen. In meiner Trunkenheit rief ich es an, über⸗ häufte es mit Liebkoſungen; ich war wie unſinnig. 10 Ich küßte meine Hände, ich lachte laut über dieſes kindiſche Weſen, und einen Augenblick ſpäter brach ich in Thränen aus. Aber dieſe Thränen waren wohlthuend. Es war, glaub' ich, zwei oder drei Uhr Morgens. Es ſchien mir, als fehle es meinem Glücke an Luft, an Raum, als könnte ich nur im Angeſicht des Himmels Gott meinen frommen Dank darbringen. Ich machte das Fenſter auf. Es war gegen Ende des Herbſtes, die Nacht ſo ſchön und rein, wie der Tag glänzend geweſen. Nicht das kleinſte Geräuſch war hörbar. Allum Dunkel und Geheimniß, das un⸗ ermeßliche Firmament mit Millionen von Sternen be⸗ ſäet. Hinter einem mit dichtem Gehölz bedeckten Hü⸗ gel ging der Mond auf und überſtrömte Alles, Park, Wald, Wieſen und Schloß, mit ſeinem blaſſen Licht. Plötzlich erhob ſich ein leiſer Wind, verſtärkte ſich und zog wie ein unendlicher Seufzer durch die uft. Dann wurde wieder Alles ſtill. Ich erblickte eine Vorbedeutung in dieſem auffal⸗ lenden Flüſtern, welches für einen Augenblick die Stille unterbrach und dann die Ruhe, die ihm folgte, noch tiefer erſcheinen ließ. Es dünkte mich, als ſei die letzte Klage meinem Herzen entflohen und als werde⸗mein künftiges Leben glücklich und friedlich dahinfließen. Zum erſten Mal, ſeitdem ich mich Mutter fühlte, ſeitdem ich doppelt lebte, gedachte ich meiner ver⸗ gangenen Sorgen und hätte erröthen mögen, daß mich ein Leid betrüben konnte, welches mich allein betraf. Indem ich mich dieſes ſo unglücklichen und zu⸗ gleich ſo berauſchenden Abends erinnere, wo die Ge⸗ wißheit, Gontran ſei mir untreu und ich ſei Mutter, über mich kam, erſtaune ich über die tiefe, unausſprech⸗ liche Heiterkeit, welche die brennenden Gefühle ablöste, die gerade noch mich ſo grauſam gepeinigt hatten. Ich konnte nicht mehr daran zweifeln, daß Gon⸗ * 11 tran mich betrogen, und dennoch empfand ich für ihn nur Milde und gränzenloſe Nachſicht. Mein Gatte hatte ſich einer flüchtigen Neigung überlaſſen; es war eine Schwäche, ein Fehler, aber er war ja der Vater meines Kindes, ihm verdankte ich die neuen, himmliſchen Empfindungen, welche mich durchſtrömten. Dieſe Gedanken weckten in mir eine unſägliche Zärtlichkeit und Anhänglichkeit, Achtung und Dankbar⸗ keit, welche mir weder den Willen noch den Muth ließen, Gontran ſeiner begangenen Verirrungen anzu⸗ klagen. Und was die Zukunft anging — o, die Zu⸗ kunft! jetzt fürchtete ich ſie nicht mehr. Die Entdeckung, welche ich meinem Gatten zu machen hatte, ſicherte mir, ich will nicht ſagen, ſeine Liebe, ſeine beſondere Sorgfalt und Aufmerkſamkeit, aber doch eine gewiſſé zärtliche, fromme Verehrung von ſeiner Seite. Ja, es war mehr, als eine Hoff⸗ nung, mehr, als eine Ahnung, die mich an eine Zu⸗ kunft glauben ließ, mit welcher verglichen ſogar das Glück der in Chantilly zugebrachten und immer ſo ſchmerzlich betrauerten Tage mir blaß und traurig er⸗ ſcheinen mußte. Ja, ich ſetzte in mein zukünftiges Glück ein tiefes, feſtes, unerſchütterliches Vertrauen, welches aus dem heiligſten der göttlichen und natürlichen Gefühle ent⸗ ſprang. In dem Augenblick, wo Gott alſo meine Liebe ſegnete und billigte, wäre es ja Gottesläſterung ge⸗ weſen, wenn ich hätte an der Zukunft zweifeln wollen. Bezugs Urſula's fühlte ich nur noch eine Art theil⸗ nehmender Geringſchätzung, ein Mitleid, welches ihr Schutz verſprach. Ich vermochte ihr nicht mehr durch Eiferſucht eine Ehre anzuthun und konnte ihr gegen⸗ über nicht mehr bis zum Haſſe herabſteigen. Ich ſchwebte in einer ſo erhabenen Sphäre, die Ue⸗ berzeugung meines Uebergewichts über Urſula war ſo 12 groß, daß es mir unmöglich war, zwiſchen mir und ihr einen Vergleich anzuſtellen. Zum erſten Mal ſeit langer Zeit trat ein unge⸗ zwungenes Lächeln auf meine Lippen, als es mir ein⸗ fiel, daß ich am geſtrigen Tage die Anmuth, mit wel⸗ cher ich Urſula reiten geſehen, und das glänzende Bril⸗ lantfeuer ihres Geiſtes beneidet hatte. Ich zuckte bei dieſer Erinnerung die Schultern. In meinem unermeßlichen, großmüthigen Stolz rührte mich die arme Frau, welche wahrſcheinlich ihrer Reigung für Gontran nicht hatte widerſtehen können einer Reigung, deren unwiderſtehliche Gewalt ich annte. Mein Gott, dachte ich, welches Erwachen ſteht Ur⸗ ſula bevor nach dem Traume weniger Tage! Dann rief ich unſere Kindheit, unſere frühere Freundſchaft mir im Gedächtniß zurück. Das Glück macht ſo mitfühlend, daß ich um meiner Couſine we⸗ gen Bekümmerniß empfand. Ich verſprach mir, meinen Mann zu bitten, daß er Urſula mit Schonung erkläre, ſie könne nicht län⸗ ger bei uns bleiben. Ich wollte keinen grauſamen Mißbrauch von mei⸗ nem Triumphe machen. Es wäre rein unmöglich, zu beſchreiben, welche mächtige Umwandlung das Gefühl, Mutter zu ſein, in meinem Gedankenkreiſe hervorrief. Etnſte, gewich⸗ tige, faſt ſtrenge Gedanken erhoben ſich in mir, als wolle Gott den Geiſt und das Herz einer Mutter zu den heiligen Pflichten vorbereiten, welche ſie an ihrem Kinde zu üben hätte. . Bis jetzt ſchwach, ſchüchtern und ergeben, fühlte ich mich plötzlich ſtark, entſchloſſen und muthig. Die Hand Gottes hielt mich. Ein neuer Geſichtskreis that ſich mir auf. Die Schranken, welche meine Exiſtenz bewegten, ſchienen 13 zu brechen vor den unendlichen Hoffnungen, welche das Muttergefühl mir verlieh. Schon in den Worten: mein Kind erziehen, lag eine Welt neuer Gefühle. Allmälig tagte es. Mein erſter Gedanke war, meinem Gatten Alles mitzutheilen, durch dieſes plötzliche Geſtändniß ſeine Kälte in Anbetung zu verwandeln. Dann aber beſchloß ich, den Augenblick meines Triumphes noch zu verzögern, um ihn mehr zu ge⸗ nießen. Ich empfand eine eigenthümliche Art von Freude, indem ich mir ſagte: Duͤrch ein Wort kann ich Gon⸗ tran mehr Liebe zu mir einflößen, als er je empfun⸗ den, ihm, der mich geſtern noch um eines andern Wei⸗ bes willen vergaß. Der Zukunft ſicher, geſiel ich mir darin, die Er⸗ innerungen der trübſten Tage an meiner Seele vor⸗ überziehen zu laſſen. Ich that, wie jene Menſchen, welche, wunderbar aus einer großen Gefahr gerettet, noch einmal mit einer mit Entſetzen gemiſchten Freude den Abgrund be⸗ trachten, welcher ſie zu verſchlingen drohte, die Klippe, an welcher ſie faſt geſcheitert wären. Mitten unter dieſen Gedanken überfiel mich ein tiefer, erquickender Schlummer. Spät erwachend, fand ich meine arme Blondeau ſehr beſorgt und traurig an meinem Bette. Mein Kummer war ihr nicht entgangen, aber ſo groß auch mein Zutrauen zu ihr war, ſo hatte ich doch nie ein Gontran anklagendes Wort zu ihr geſprochen. Mein Geſicht ſtralte von einer ſo lebhaften Freude, daß Blondeau ausrief: „Zeſus, mein Gott, welch ein Glück hat ſich denn ereignet, gnädige Frau? Ich verließ Sie geſtern ſo 14⁴ zu Boden gedrückt, daß ich die ganze Nacht in Thränen und Gebet zubrachte.“ . Auch Du, meine gute Blondeau, wirſt närriſch werden vor Freude, wenn Du es erfährſt — — aber ſchnell, rufe Herrn von Lanery, geh' —! „Der Herr Vicomte hat ſich bereits nach dem Befinden der gnädigen Frau erkundigen laſſen, wie auch Herr und Madame Secherin. Ich antwortete, Sie hätten eine ſchlechte Nacht gehabt und der gnä⸗ dige Herr ſchien ſehr beunruhigt.“ Nun ſo geh' und hole ihn ſchnell! Ich will ihn beruhigen. Blondeau ging weg. Je näher der Augenblick rückte, wo Gontran kom⸗ men ſollte, deſto gewaltiger klopfte mein Herz. Mein Gatte kam. Ich ſank ihm weinend in die Arme, unfähig, auch nur ein Wort hervorzubringen. Gontran täuſchte ſich, denn er nahm meine Thrä⸗ nen für einen Ausbruch des Schmerzes. Gewiß glaubte er, ich habe geſtern geſehen, wie er Urſula umarmte, und ſei in Verzweiflung darüber. Verlegen ſagte er: „Ich bitte Sie, urtheilen Sie nicht nach dem Schein, weinen Sie nicht.“ Ich weine ja vor Freude, Gontran, Freude iſt's; betrachten Sie mich wohl! rief ich aus. „In der That,“ ſagte mein Gatte, „dieſes Lächeln, dieſes Glück, welches aus allen Ihrer Züge ſtralt — Mathilde, Mathilde, was bedeutet das?“ Es bedeutet, daß ich Alles weiß und Ihnen Alles verzeihe. Ja, mein geliebter Gontran, ich war Zeuge, wie geſtern auf der Terraſſe Ihr Arm Urſula umfaßte, ich ſah geſtern Ihre Lippen die Wangen Urſula's ſtreifen. Nun, ich verzeihe Ihnen, hören Sie wohl? Ich ver⸗ zeibe Ihnen, weil Sie ſich ſelbſt bald bitterer ankla⸗ 15 gen werden, als ich es jemals konnte, weil Sie bald vor mir knieend ausrufen werden: Gnade, Gnade! „Aber noch einmal, Mathilde —“ Verſtehen Sie mich denn nicht? Gontran, erra⸗ then Sie nicht? Nein, Sie betrachten mich erſchrocken, Sie glauben, ich ſpotte vielleicht, ich ſei wahnſinnig. Aber jetzt iſt es an mir, Verzeihung zu erflehen — — auch Du, o Gott, vergib mir, denn es iſt Unrecht, von einem ſo heiligen Gefühl anders, als mit ſtren⸗ gem Ernſt zu ſprechen. Gontran, rief ich, und faßte meinen Gatten bei der Hand, knieen Sie nieder mit mir — — Gott hat unſere Ehe geſegnet — — ich bin Mutter! O, meine Hoffnung hatte mich nicht getäuſcht! Gontran's Züge verriethen das ſüßeſte Erſtaunen, die innigſte Freude. Nach einer augenblicklichen Beſtürzung drückte er mich mit der lebhafteſten Zärtlichkeit in ſeine Arme, Thränen der Rührung, die einzigen Thränen, welche ich ihn jemals weinen ſah, entſtrömten ſeinen Augen. MWit Liebe, Anbetung, faſt mit Ehrfurcht, blickte er mich an. „O!“ rief er, meine beiden Hände in den ſeini⸗ gen preſſend, „Du haſt Recht, Mathilde; knieend will ich Dich um Verzeihung anflehen, Du edles Weib, Du großſinniges Herz, Du himmliſches Weſen! Und ich konnte Dich kränken 2! Dich, die ewig ſo ſanft und gut! O, noch einmal: verzeih', verzeih'!“ Ich ſagte es Ihnen wohl, Gontran, mein Gelieb⸗ ter, daß Sie mich um Verzeihung anrufen würden. Aber nicht doch, nicht doch, ich kann ſie Ihnen nicht mehr gewähren, ich müßte ja der Beleidigung mich erinnern, und ich gedenke ihrer nicht mehr. — „Ach, Mathilde, Mathilde, ich war ſehr ſtrafbar,“ ſagte Gontran mit trübem Kopfſchütteln. „Doch glau⸗ ben Sie mir, es war nur Unbedachtſamkeit, Inconſe⸗ quenz; mein Herz, meine Liebe und Verehrung gehör⸗ 16 ten Ihnen, ſtets mur Ihnen. Neue Pflichten fordern jetzt ein neues Leben von mir, o, Sie werden ſehen, Geliebte, daß ich unſeres neuen Glückes würdig ſein werde. Sie find für mich geheiligt, Mathilde!“ fügte er bei, begeiſtert meine Hände küſſend. „O glauben Sie mir, dieſer Augenblick erleuchtet mich, wie war ich ſo ſehr von dem Bewußtſein Ihres Werthes erfüllt, wie wußte ich es ſo ſehr, daß ich Ihrer unwerth bin.— Ich ſchwöre es Ihnen, Mathilde, ich liebe Sie viel⸗ leicht jetzt leidenſchaftlicher, als in jenen ſchönen Ta⸗ gen von Chantilly, welche Sie, armes Weib, ewig betrauern. Ich ahme Sie nach; wie Sie mir die Kränkungen nicht vergeben können, weil Sie derſelben vergaßen, ſo kann ich nicht mehr um Gnade bitten, weil ich nicht glauben kann, daß ich Sie jemals zu kränken im Stande war.“ O, Gontran, Gontran, das iſt Ihr Herz, das Ihre Sprache, das ſind Sie ſelbſt, ich erkenne Sir wieder. — O Gott, Gott, verleihe mir Kraft, all die⸗ ſes Glück zu ertragen! „Ja, ja, ich bin es, Dein Freund, Dein Liebha⸗ ber, Mathilde, Dein Liebhaber, der ſich nicht ver⸗ ändert hatte, nein, nein, ich ſchwöre es Dir. Aber Dank Dir, war ich ſo glücklich, ſo zufrieden, daß ich nicht mehr des Glückes gedachte, welches ich Dir ver⸗ dankte, wie man nicht daran denkt, Gott zu danken, wenn das Leben leicht und froh dahinfließt. Und war ich zuweilen launiſch und eigenfinnig, ſo war es Deine Schuld, mein Engel, mein Liebchen. Ich glich den verzogenen Kindern, welche die Mutter in ihrer ab⸗ göttiſchen Liebe nie ausſchilt, für deren größte Fehler ſie nur ein Lächeln oder ſanfte Vorſtellungen hat. Und dann, nie —“ ſprach er mit dem rührendſten Ausdruck — „ich verſuche mich zu entſchuldigen, mein Unrecht zu entkräften, und das iſt ſchlecht; ich war ſelbſtſüchtig, hart, gleichgültig, untreu, habe ſeit einiger Zeit die ſchönſte Seele auf Erden verkannt. O Mathilde, ich 5 17 bebe nicht davor, die Vergangenheit mit den ſchwär⸗ zeſten Farben auszumalen, die Zukunft wird mich rei⸗ nigen.“ Sprechen wir nicht mehr davon, Gontran, ſon⸗ dern von ihm, von unſerem Kinde. Theilen Sie mir Ihre Hoffnungen mit. Welche Freude, welches Glück! Iſt's ein Knabe, wie ſchön wird er ſein! Iſt's ein Mädchen, wie reizend! Er wird Ihre Augen haben, ſie Ihr Lächeln und Ihr ſchönes braunes Haar, ſolche roſigen Wangen, einen ſo weißen Hals und Grübchen in den zarten Schultern. Ach, Gontran, ich bin be⸗ rauſcht, ſieh', närriſch bin ich. Ich werde es gar nicht erwarten können! rief ich ſo naiv aus, daß ſich mein Gatte eines Lächelns nicht erwehren konnte. „Sprechen Sie,“ fragte er zärtlich, „ziehen Sie es vor, noch einige Zeit hier zu bleiben, oder ſollen wir nach Paris zurückkehren? Sprechen Sie, Mathilde, befehlen Sie, ich habe keinen Willen mehr.“ Im Gegentheil, mein Freund, Sie müſſen jetzt einen für ſich und für mich haben, denn mich wird ein einziger Gedanke erfüllen — mein Kind. Ich werde auch zu Nichts taugen, als dieſem einen Gedanken nachzuhängen. „Da Sie mir es freiſtellen, werde ich überlegen, was das Paſſendſte ſein dürfte, liebe Mathilde.“ Was Sie thun, wird das Rechte ſein, mein theu⸗ rer Freund; aber, nicht wahr, bei den Rückſichten, welche Sie zu nehmen gedenken, werden Sie auch nicht vergeſſen, unſere ökonomiſchen Verhältniſſe in Anſchlag zu bringen? Denn nun müſſen wir weiſe handeln, wir ſind ja nicht mehr allein, wir müſſen von jetzt an der Mitgift unſeres Kindes eingedenk ſein, und in der Zeit, in welcher wir leben, hat das Geld einen ſo bedeutenden Werth, daß der Reichthum eine Ausſicht mehr zum Glücke iſt. Laſſen Sie uns über⸗ legen, Freund, wie wir unſeren Haushalt einſchränken können. 3 Mathilde. 1v. —,—— 15 „Wir wollen daran denken, Mathilde, Sie haben Recht. Welches Glück, einen frivolen und unnützen Lurus mit der rührenden Fürſorge für ein Weſen, wel⸗ ches uns das theuerſte iſt, zu Lertalſchen! Ach, nie wird der Reichthum uns glücklicher gemacht haben.“ Sehen Sie, mein Freund, wenn ich denke, daß jede meiner Entbehrungen das Wohlbehagen meines Kindes erhöhen dürfte, fürchte ich recht ſehr, geizig zu werden. „Geliebte, theure Freundin, ſeien Sie ruhig. Ich fühle gleich Ihnen die Pflichten, welche uns jetzt ob⸗ liegen. Ich werde mich keiner derſelben entziehen. Wie Sie, Mathilde, hat auch mich dieſe Sache verwandelt,“ ſetzte Gontran mit einem unnachahmlichen Ausdruck von Liebenswürdigkeit und Zärtlichkeit hinzu. Seine Worte waren aufrichtig. Ich kannte ſeine Züge hinlänglich, um den Stempel der Wahrheit und Rührung auf denſelben wahrzunehmen. Als er mir ſein Bedauern ausdrückte, mich gekränkt zu haben, redete er wahr. Die ſtarrſten Herzen, die verhärtetſten Charaktere ändern ſich oft plötzlich auf herrliche Weiſe. Gontran war eines edeln Gefühles um ſo mehr fähig, da er von Natur nicht ſchlecht, ſondernrnur durch das Leben verdorben war. Ich wiederhole es: mit Ueberzeugung glaube ich, daß in dieſem Augenblick mein Gatte mir wieder das war, was er mir im Anfang unſerer Ehe geweſen. Ich war ſo voll von dieſer Ueberzeugung, es erſchien mir ſo natürlich, daß Gontran's flüchtige Neigung für Urfula durch die Entdeckung, welche ich ihm mitgetheilt, verſchwunden ſein müſſe, daß ich ohne Weiteres und ohne die geringſte Verlegenheit zu ihm ſagte: Mein Freund, wie werden wir nun Urſula ent⸗ fernen? Bei dieſer naiven Frage ſah mich Gontran errs⸗ thend und verwundert an. Sie ſind verwundert, mich ſo von meiner Coufine 19 ſprechen zu hören, ſagte ich lächelnd, und doch iſt Nichts einfacher, obſchon ich jetzt durchaus keinen Widerwillen, keine Eiferſucht gegen ſie empfinde — ich habe hiezu nicht Zeit, ich bin zu glücklich! Sie war Ihnen gegen⸗ über kokett, Sie zuvorkommend gegen ſie, ich verzeihe dies Alles. Es ſind jugendliche Thorheiten, welcher Sie ſich nun nicht mehr erinnern, mein Geliebter. Ich wünſche blos, daß Sie, dem ſo viel Takt und Geiſt zu Gebote ſteht, ein Mittel ausfindig machen möchten, Urſula ohne Härte, ohne ſie zu ſehr zu kränken, von uns zu entfernen; denn ich kann nicht umhin, ſie zu beklagen. Vielleicht hat ſie einen Augenblick ſogar ge⸗ wähnt, von Ihnen geliebt zu werden. Gontran blickte mich verlegen an und ſchien das, was er hörte, kaum glauben zu können. Nach einem kurzen Stillſchweigen rief er aus: „Immer erhaben! immer großmüthig! Ha, ich wäre der ſtrafbarſte Mann, könnte ich je Ihr Betra⸗ gen bei dieſer Gelegenheit vergeſſen. Ja, Sie haben Recht, Mathilde, ich werde mich dieſer jugendlichen Thorheiten entledigen, wie es meine Pflicht iſt. Ihre Couſine muß abreiſen, und zwar ſo bald, als möglich, nicht weil ich etwa in meinem Entſchluſſe wankend zu werden befürchte, ſondern weil ihr Anblick Ihnen pein⸗ lich werden könnte, wenn einmal die erſte Trunkenheit Ihrer Freude vorüber.“ Sie haben Recht, lieber Freund, Sie kennen mich beſſer, als ich mich ſelbſt kenne. Wenn Sie wüßten, wie viel ich Urſula's wegen gelitten — — Aber ſtill, Gontran, wir wollen nicht mehr darüber ſprechen — Alles iſt vergeſſen. Es wird Urſula leicht werden, ihren Mann zu beſtimmen, Maran zu verlaſſen, er kennt keinen andern Willen, als den ihrigen. Doch, fügte ich zögernd hinzu, wie werden Sie es anfan⸗ gen, Urſula zu dieſem Entſchluß zu bringen? „Nichts iſt einfacher, als dieſes; frei und offen werde ich ihr Alles ſagen —“ lich beſeitigen, aber erſt durch eine lange Correſpon⸗ 20 Sie wollen ihr ſagen — — * „Ich werde ihr ſagen, daß wir Beide ohne Ueber⸗ legung gehandelt, daß ſie die Ruhe des beſten Man⸗ nes und ich den Frieden des zärtlichſten, herrlichſten Weibes aufs Spiel geſetzt. Ich will ihr ſagen, daß unſere Unvorſichtigkeit Ihren Argwohn erregt, daß ich um Nichts in der Welt Ihnen den geringſten Kummer verurſachen möchte, und endlich werde ich ſie bitten, ihren Gatten zur Abreiſe zu beſtimmen.“ Ich ſchwieg einen Augenblick, denn trotz meinem Vertrauen auf Gontrans Liebe, auf mein Uebergewicht über Urſula, war es mir doch peinlich, zu denken, daß mein Gatte noch eine geheime Unterredung mit meiner Couſine haben ſollte. Ach, dieſer Gedanke erweckte meine ganze Eifer⸗ ſucht wieder und bewegt ſagte ich zu Gontran: Um Urſula zur Abreiſe zu beſtimmen, müßten Sie ſie wohl um eine Zuſammenkunft angehen? „Gewiß.“ Ach, Gontran, ich muß es geſtehen, dieſer Gedanke iſt mir ſchrecklich. „Nun,“ ſagte er lächelnd, „ſo muß ich wohl mehr Muth zeigen, als Sie. Aber wie ſollte es anders gehen können, meine arme Mathilde?“ Ich weiß es nicht. 2 „Ich wage den Vorſchlag, daß Sie ſelbſt mit Ihrer Couſine ſprechen möchten —“ Nein, das würde mir, wie ich wohl fühle, wehe thun. Von meiner Seite müßte ein ſolcher Vorſchlag ſie bitter berühren; ich vermag nicht zu vergeſſen, daß ſie meine Freundin, meine Schweſter war. „Aber was ſoll denn geſchehen? Ich könnte ihr ſchreiben, aber das iſt gefährlich, und dann gibt es tauſend Dinge, welche man wohl ſagen kann, aber nur nicht ſchreiben, Einwendungen, die man nur münd⸗ denz entfernen kann.“ 2 Nach kurzem Nachdenken rief Gontran freudeſtra⸗ lend aus: . S Mathilde, Mathilde, welch glücklicher Ein⸗ fall! Wollen Sie einen doppelten Beweis meines auf⸗ richtigen Wunſches, Sie den Kummer vergeſſen zu machen, welchen ich Ihnen verurſachte?“ Und wie das? „Sie ſollen irgendwo verſteckt, wo Sie Alles ſehen und hören können, der Unterhaltung, welche Ihre Eiferſucht ſo ſehr fürchtet, anwohnen.“ 3 Gontran, was ſagen Sie? Ach, ſolch' ein Probe — „Brgt Nichts, was Sie erſchrecken könnte. Zum letzten Male, Mathilde, mein lieber Engel, ich will Ihnen Alles ſagen, Alles anvertrauen, will ſo offen ſein, als Sie großmüthig ſind. Verzeihen Sie mir, wenn ich Ihnen Schmerz bereite, ich werde den Muth dazu haben, denn ich bin wenigſtens ſicher, daß mein aufrichtiges Bekenntniß Ihre überſpannte Furcht zer⸗ ſtören wird. Sie werden erkennen, daß ich mehr un⸗ vorſichtig und unbedachtſam, als ſchuldig war, werden ſehen, daß Urſula, wenn ſie auch mir gegenüber kokett war, nicht als über einen ernſten, unverbeſſerlichen Fehler zu erröthen braucht. Nun ja, geſtern habe ich ſie im Scherze mit meinem Arm umfaßt und wollte ſie umarmen; ich weiß, es war das ein unverzeihlicher Leichtſinn, obgleich ihn unſer verwandtſchaftliches Ver⸗ hältniß vielleicht entſchuldigen kann.“ Und in Rouvray, Gontran? „In Rouvrah habe ich Urſula, wie hier, die Auf⸗ merkfamkeit bewieſen, welche man allen Frauen ſchul⸗ det. Ich habe Ihr geſagt, ſie ſei liebenswürdig und es werde mir lebhafte Freude bereiten, ſie auf längere Zeit bei uns zih ſehen. Sie hat dieſe Galanterien mit Koketterie aufgenommen, aber lachend und ohne etwas Ernſthafteres in denſelben zu erblicken, als ſie enthiel⸗ ten, das verſichere ich Sie. Das iſt meine ganze 22 Beichte — Mathilde, vergib mir, noch einmal: Ver⸗ zeihung!“ Ich bin Ihnen im Gegentheil dankbar für dieſe Bekenntniſſe, mein Freund, denn ſie beruhigen mich. Es iſt beſſer, die Wahrheit zu kennen, ſie ſei auch noch ſo traurig, als ſich emnen entſetzen, die oft furchtbarer find, als die Wirklichkeit. „Mathilde, jetzt ſchwöre ich Ihnen noch bei mei⸗ ner Ehre, bei dem Theuerſten, was ich auf Erden mein nenne, bei Ihnen! daß ich bei dieſer Zuſammenkunft, das Herz nur von Ihnen erfüllt, von Ihrer Güte, Ihrer Großmuth zu Ihrer Couſine reden, daß ich kein Wort ſagen werde, ohne der Thränen eingedenk zu ſein, welche Sie, edles, himmliſches Weſen, um meiner willen vergoſſen haben. Ich ſchwöre Ihnenendlich, daß die flüchtige Neigung, welche ich Ihnen Kbeichtet, zerfloſſen iſt vor dem heiligen, mächtigen Bande, wel⸗ ches uns noch enger an einander knüpft. Mathilde, Mathilde, der unwürdigſte der Männer müßte ich ſein, wenn Ihr Zuſtand nicht hinreichte, Sie meiner zärt⸗ lichſten Sorgfalt und tiefſten Ehrfurcht zu empfehlen. Glauben Sie mir dies und wohnen Sie ohne Beſorg⸗ niß unſerer Unterredung bei. Mathilde, ich bin ſtolz darauf, Ihnen zu beweiſen, daß ich wenigſtens für begangene Fehler büßen kann.“ O, ich glaube Ihnen, ich glaube Ihnen, mein hochgeliebter Gontran; ich überlaſſe mich Ihrem Rathe, ie ii ich werde den Muth haben, dieſe Prüfung zu eſtehen. „Dank, o Dank Ihnen, Mathilde, daß Sie mir alſo Gelegenheit geben, mich zu rechtfertigen. Aber ich will nicht, daß Ihnen der geringſte Zweifel bliebe. Ich weiß, die Liebe hegt gar leicht Verdacht. Hören Sie, ſagen Sie Blondeau, dieſe ſoll Ihre Couſine bitten, zu Ihnen zu kommen. Sie verbergen ſich hier nebenan in Ihrem Alkov. Steht dieſe Glasthüre halb offen und iſt dieſer Vorhang etwas in die Höhe ge⸗ 23 zogen, ſo werden Sie Alles ſehen und hören. Wenn Ihre Couſine kommt, werde ich ſie in Ihrem Namen um Entſchuldigung bitten, daß Sie weggegangen, und ihr ſagen, Sie erwarteten ſie im Gartenpavillon. Ich werde ſie einige Minuten zurückhalten, dann wird ſie gehen, um Sie aufzuſuchen. Dann werden Sie Ihr Verſteck verlaſſen —“ Und Ihnen zu Füßen ſinken, Gontran, um Ihnen tauſendfachen Dank zu ſagen, daß Sie mir an einem Tage all das Glück zurückgeben, welches ich verloren glaubte. Nach dem Wunſche meines Gatten ließ ich Urſula durch Blondeau zu mir bitten. Mit pochendem Herzen trat ich in den Alkoven; die zärtlichen Zuſicherungen Gontrans, ſeine Aufrichtigkeit, dies Alles mußte mich beruhigen, und dennoch zauderte ich einen Augenblick. Es kam mir vor, als übernähme ich eine unwür⸗ dige Rolle, indem ich insgeheim dem bevorſtehenden Geſpräche beiwohne. Ich muß geſtehen, daß weniger die Hoffnung, meine Nebenbuhlerin zu demüthigen, als der wunder⸗ liche, peinvolle Wunſch, einer Scene anzuwohnen, welche für eine Frau ſo fremd und neu ſein mußte, meiner Unſchlüſſigkeit ein Ende machte. Ich kannte an Urſula den klagenden, ſchwermü⸗ thigen Ton, ich wähnte, ſie würde in Thränen aus⸗ brechen, wenn mein Gatte ihr ſeine Meinung begreif⸗ lich machte. Ihre Liebe zu Gontran nach der meinigen bemeſ⸗ ſend, glaubte ich, dieſe Scene müſſe für meine Cou⸗ fine ſehr ſchmerzlich ſein. War es Schwachheit, war 6 Großmuth: ich konnte nicht umhin, ſie zu be⸗ agen. Ich beſorgte ſogar, Gontran möchte, veranlaßt durch meine Gegenwart, zu hart gegen ſie ſein. Welches Erwachen für dieſe arme Frau, welche — ihn zweifelsohne ſehr liebte und ſich eben ſo geliebt glaubte! — Ich bin noch im gegenwärtigen Augenblick der Ueberzeugung, daß mein Gatte damals wirklich ent⸗ ſchloſſen war, eine flüchtige Laune der ernſten, heiligen Neigung, welche mir gebührte, zum Opfer zu bringen. Eine einzige Beſorgniß beſchlich mich: Urſula war ſo liſtig, ſo gewandt, ſie wußte ihrer Stimme, ihren Thränen einen ſo verführeriſchen Reiz zu verleihen, daß mein Gatte dem rührenden Ausdruck ihres Schmerzes vielleicht nicht zu widerſtehen vermochte. Dieſe Betrachtungen waren gedankenſchnell an mei⸗ nem Geiſte vorübergegangen. Ich vernahm Urſula's leichte Schritte und raſch zog ich mich in mein Verſteck zurück. Zweites Kapitel. Die Unterredung. Als Urſula mein Zimmer betreten, ſchien ſie er⸗ ſtaunt, mich nicht daſelbſt anzutreffen. Ihr Geſicht war lächelnd und heiter, Gontrans Züge aber waren ernſt und kalt. Er lehnte am Kamin. * Nachdem Urſula die Thüre hinter ſich zugeklinkt, ſagte ſie: „Sie hier? Wo iſt denn Mathilde?“ „Sie hat mich ſo eben verlaſſen, um den For⸗ derungen eines ihrer Armen Genüge zu leiſten; ſie läßt Sie bitten, ſie zu entſchuldigen und ſie bald im Garten⸗ pavillon aufzuſuchen.“ Urſula ſchien Anfangs verwundert über den fro⸗ ſtigen Empfang, der ihr von Seiten meines Gatten zu Theil ward, dann lachte ſie, machte ein ſpöttiſches Compliment und ſagte: „Mein Herr, ich danke Ihnen, daß Sie die Güte hatten, mir zu ſagen, wo ich die Frau Vicomteſſe von Lanery finden könne, und bin troſtlos, Sie in Ihren ernſten Gedanken geſtört zu haben.“ Und hiemit wandte ſich Urſula der Thüre zu. „Noch ein Wort, ich bitte,“ ſagte Gontran. Urſula, welche ſo eben im Begriff war, das Zim⸗ mer zu verlaſſen, blieb ſtehen, wandte langſam den Kopf, warf Gontran einen lebhaften, koketten Blick zu, erhob drohend ihren Finger und ſagte: „Ein Wort, es ſei, aber nicht mehr; ich weiß, es iſt ſehr gefährlich, Sie anzuhören, vielleicht gefähr⸗ licher noch, als Sie zu ſehen. Nun, ſchnell heraus mit Ihrem Wort, mein ſchöner, melancholiſcher Vetter!“ „Was ich Ihnen zu ſagen babe, gnädige Frau, iſt von ernſter Bedeutung.“ „Wirklich? Von ernſter Bedeutung? Nun, dar⸗ über bin ich entzückt, es wird einen hübſchen Gegen⸗ ſatz zu Ihren gewöhnlichen Thorheiten und Leichtfer⸗ tigkeiten abgeben. Sprechen Sie alſo, ich höre.“ „Als ich Sie vor zwei Monaten in Rouvray ſah,“ ſagte Gontran, „konnte ich es nicht verbergen, daß ich Sie reizend fand.“ „Das iſt richtig, mein Herr und ſehr werther Vet⸗ ter, und ich erinnere mich auch, daß Sie mir in einer gewiſſen Hagebuchenallee ſogar eine Erklärung machten, welche ſehr am unrechten Platze war und auf welche ich Ihnen auch die paſſendſte Antwort gab, indem ich mich über Sie luſtig machte. Nur weiter, Ihr er⸗ habener, ceremoniöſer Ernſt erbaut und unterhält mich ſehr. Wo wollen Sie denn hinaus?“ Gontran warf einen triumphirenden Blick nach der Gegend meines Verſteckes hin und verſetzte: 26 „Als Sie hier ankamen, habe ich Ihnen mein anzes Vergnügen zu erkennen gegeben, welches mir hr Wiederſehen verurſachte.“ „Ihr ganzes Glück, theurer und ſchöner Vetter, Ihr Glück, wenn es Ihnen gefällig iſt. Ach,“ fügte Urſula bei, indem ſie die Hand auf das Herz legte und meinen Gatten mit ironiſchem Lächeln anſah, „jedes Ihrer Worte iſt mit unverlöſchbaren Lettern hier ein⸗ geſchrieben.“ Gontran ſchien von dieſem bittern Spott faſt ver⸗ letzt zu werden; ſeine Stirne furchte ſich etwas und er ſagte mit feſtem Ton: „Ich bin entzückt, gnädige Frau, Sie ſo ſcherzhaft aufgelegt zu ſehen; meine Aufgabe wird nur um ſo leichter zu löſen ſein.“ „Nur ſchnell, ſchnell, ich ſtehe wie auf glühenden Kohlen, lieber Vetter, und brenne vor Verlangen, den Schluß aller dieſer Reden zu hören und zu erfahren, wozu dieſe feierliche Ueberſicht unſerer — wie ſoll ich ſagen? — unſerer Liebe — nein, ſicherlich nicht, denn Sie ſind unfähig, mir ein ſolches Gefühl einzuflößen — ſagen wir unſerer Koketterie, das, glaub' ich, iſt das rechte Wort — meinen Sie nicht auch?“ „Gut,“ verſetzte Gontran, „ich ſetze alſo die Ueber⸗ ſicht unſerer Koketterie fort. Bei Ihrer Ankunft in Maran bekannte ich Ihnen das ganze Glück, welches ich empfand, Sie wiederzuſehen, ſowie meine Hoffnung, S hieſiger Aufenthalt werde ſich möglichſt ver⸗ ängern.“ „Auch das verhält ſich ſo, ſchöner Vetter, und am nächſten Morgen machten wir dann eine ſehr hübſche Jagdpartie. Sie haben ſogar ſehr zärtlich geſcholten, daß ich den ſchallenden Ton Ihrer Jagdhörner Ihren Liebeserklärungen vorzöge, und ich muß es zu meiner Schande geſtehen, daß ich dieſe Vorwürfe verdiente. Es gab für mich nichts Hinreißenderes, nichts Neueres beſonders, als dieſer helle Hörnerklang, welcher ſo lu⸗ ſtig aus der Tiefe des Forſtes ſcholl.“ „Ja, ſicherlich hatte eine Liebeserklärung für Sie nicht dieſen Reiz der Neuheit. Das iſt ein naives Be⸗ kenntniß,“ ſagte Gontran lachend. Urſula ſah meinen Gatten feſt an, beugte ihre ſchöne Geſtalt und erhob ſie wieder, wie wenn ſie ſich ſelbſt bewundere, ſchüttelte leicht mit dem Kopf, daß die langen Locken ihres braunen Haares ſie wellenartig umfloßen, und entgegnete mit einem ſpöttiſchen, faſt verächtlichen Lächeln: „Mein guter Vetter, ich bin kaum achtzehn Jahre alt und man hat mir oft genug vorgeſagt, daß ich allerliebſt ſei; Sie verzeihen mir daher, daß ich ſchon ein wenig an derartige Erklärungen gewöhnt bin. Seit langer Zeit ſchon kennt mein Ohr dieſe alltäg⸗ lichen, hergebrachten Schmeicheleien und Sie haben unglücklicherweiſe in meiner Seele dieſe ebenſo unbe⸗ kannten, als entzückenden Regungen nicht geweckt. Ich zweifle nicht, daß ſie ein vortrefflicher Pygmalion ſind, allein der Galatäiſche Marmor hatte ſich erweicht und belebt, bevor Ihr allmächtiger Blick geruhte, auf mich arme Frau aus der Provinz zu fallen.“ Mein Erſtaunen war unbeſchreiblich. So alſo ſprach Urſula, ſie, die ſich ſonſt nur weinend und mißverſtanden zeigte, die nur von ihrem nahen Grabe redete. Mit dieſer beleidigenden Geringſchätzung konnte Urſula zu Gontran ſprechen, zu ihm, der ſo großen Beifall erndtete, der ſo geſucht, ſo angebetet war von den gefeiertſten Damen! Dieſe ſpöttiſche Sprache ſchien Gontran nicht we⸗ niger, als mich, zu überraſchen. Indeſſen bemerkte ich mit Freude, daß er mich nicht getäuſcht hatte. Er konnte leichtſinnig, unvorſichtig geweſen ſein Urſula gegenüber, allein ihre kalte Koketterie mußte ihn vor einem lebhaftern Gefühle bewahrt haben. ²8 urſula fuhr mit derſelben Jronie fort: „Was fehlt Ihnen denn, lieber Vetter, Sie ſcheinen verſtimmt.“ 6 „Ich bin es, weil ich Sie noch nie ſo ſarkaſtiſch ah.“ „Ich bin es, mein Herr, weil ich Sie noch nie ſo feierlich ſah.“ „Sie haben Recht,“ ſagte Gontran lächelnd; „es betrifft Thorheiten, Galanterien ohne Bedeutung zwi⸗ ſchen einem Mann und einer Frau von Welt, und ich nehme eine veritable Schulmeiſtersmiene an, das iſt lächerlich. Nun alſo, meine ſchöne Couſine, erinnern Sie ſich des geſtrigen Abends, wo ich ſo wenig Herr meiner ſelbſt war, daß ich dieſe reizende Taille um⸗ ſchlang und dieſe friſche, roſige Wange küßte? Ich will nun für dieſe Kühnheit Verzeihung und für dieſe Thorheit Vergeſſen erflehen. Ich hatte mich einer flüch⸗ tigen Aufregung hingegeben, hatte einen Augenblick un⸗ ſere verwandtſchaftliche Vertraulichkeit mit einem zärt⸗ licheren Gefühl verwechſelt und ich will —“ urſula unterbrach meinen Mann mit einem lauten Gelächter und rief aus: „Sie wollen mich um Verzeihung bitten? Aber, ich weiß ja in der That nicht weßhalb, lieber Vetter. Ihre Tugend empört ſich ganz vergeblich, das ſchwöre ich Ihnen. Ihre Kühnheit war ſehr unſchuldig, denn Ihr Mund hat nicht dieſe friſche, roſige Wange geſtreift, ſondern nur die Falbel meiner Haube. Und wenn Sie dieſe reizende Taille umfaßt haben, ſo iſt Ihnen eine Gunſt zu Theil geworden, welche ſich auf dem Balle der erſte beſte Mann im Walzer nimmt; ich finde Sie nicht ſchmeichelhaft genug, um die Vor⸗ würfe, mit welchen Sie ſich guälen, zu rechtfertigen. Geſtern Abend ſpielte ich nicht die verſchämte Belei⸗ digte, weil ich mich über ein ungezogenes Benehmen hätte erzürnen oder beklagen müſſen; in ſolchen Fällen ſchweigt eine ehrbare Frau mit Reſignation.“ 3 Zweifelsohne wurde Gontrans Eigenliebe durch dieſen Spott verletzt, denn meine Nähe außer Acht laſ⸗ ſend, rief er faſt bekümmert aus: „Wie, Ihr Schweigen war Reſignation und Gleich⸗ gültigkeit, Couſine?“ „So ſehr, lieber Vetter, daß ich mich auf die klein ſten Einzelnheiten der traurigen Folgen Ihrer Kühnhe g erinnere.“ „Wie ſo?“ 3 „Gewiß, mein rechte Hand lag auf dem Gitter des Balkons und indem ich ſie zurückzog, zerriß ich die Spitzen an meinem Taſchentuche.“ „Das beweiſt Ihr treffliches Gedächtniß,“ ſagte Gontran ungeduldig. „Das beweiſt durchaus Nichts für mein Gedächt⸗ niß, aber es beweiſt die himmliſche Reinheit meiner Gefühle Ihnen gegenüber.“ „Madame“ „Nun, laſſen Sie doch ſehen, betrachten Sie die Sache einmal ernſt. Wäre mein Schweigen Verlegen⸗ beit geweſen, hätte ich Sie geliebt, würde ich dann dieſes Alles bemerkt haben? Hätte ich, um von einem jener plötzlichen, ſtummen, tiefen Gefühle, die uns be⸗ rauſchen und verführen, ergriffen zu werden, gewartet, bis Ihre Lippen meine Wange geſtreift, bis Ihr Arm mich umſchlungen? O mein Gott, kaum hätte Ihre Hand die meinige berührt, ſo würde ein elektriſcher Funke, ſchnell wie der Blitz, meine Vernunft, meine Sinne verwirrt haben! Faſt unbewußt, ohne daran zu denken, gegen meinen Willen ſogar würde ich in Ihre Arme geſtürzt ſein, und in ihnen wäre ich erwacht ohne irgend eine Erinnerung, aber noch zitternd von den berauſchenden, unbekannten Gefühlen, welche kein Aus⸗ druck zu beſchreiben vermag.“ Wehe! Wehe! niemals werde ich den bewegten, leidenſchaftlichen Ton vergeſſen, mit dem Urſula dieſe letzten Worte ſprach. Nie werde ich die Röthe ver⸗ geſſen, welche einen Augenblick auf ihrem Antlitz flammie, wie ein Widerſchein von Purpur. Nie werde ich den glühenden, wolluſtvollen Blick vergeſſen, den ſie gen richtete, als habe ſie empfunden, was ſie ſchil⸗ erte. Wehe! Wehe! Nie werde ich vergeſſen, mit wel⸗ cher glühenden Bewunderung Gontran ſie einige Mi⸗ nuten lang anſah; denn ſie war ſchön, o ſehr ſchön! Sie hatte allerdings nichts Schüchternes, Jungfräu⸗ liches in ihren Zügen, aber es ſprach ſich in ihnen jene Sinnlichkeit aus, die, wie man ſagt, auf die Männer ſtets einen ſo großen Einfluß übt. Wehe! Wehe! Ich nahm in Gontrans Geſicht eine Miſchung von Schmerz, Zorn und unwillkürlicher Hin⸗ neigung wahr, welche mir ziemlich deutlich ſagte, daß er in Verzweiflung ſei, die Gefühle, von welchen Ur⸗ ſula mit einer ſo leidenſchaftlichen Beredtſamkeit ſprach, nicht in ihr hervorgerufen zu haben. Mein Schrecken vor dieſem Weibe nahm zu und ich ſtand auf dem Punkte, aus meinem Verſteck hervorzutreten und dieſe Unterredung zu unterbrechen; allein eine ungewöhnliche Reugier bannte mich unbeweglich an meinen Platz und ich brannte vor Ungeduld, Gontrans Antwort zu ver⸗ nehmen. Urſula ſchien meinen Mann völlig behext zu ha⸗ ven. Mit Bitterkeit entgegnete er ihr: „Sie haben, Madame, hier in der That ein voll⸗ ſtändiges Syſtem entwickelt und glücklich iſt der, wel⸗ cher es in Ausführung bringt. Ich bemerke Ihnen gegenüber mit Vergnügen, daß ich mir gegen meine Frau eine geringere Treuloſigkeit habe zu Schulden kommen laſſen, als ich ſelbſt geglaubt. Ich preiſe mich deshalb glücklich und bin Ihnen dankbar, daß Sie gee mich wenigſtens eine mehr aufrichtige Koketterie iben.“ urſula brach abermals in ein Gelächter aus und verſetzte: ₰ 31 „Mein Gott, mit welcher Jammermiene ſprechen Sie mir von Ihrer ehelichen Treue! Man ſollte bei⸗ nahe glauben, Sie empfinden Gewiſſensbiſſe, eine gute That begangen zu haben, und verzweifeln darob, nicht ſtrafbarer zu ſein.“ „Sie haben Recht, Coufine, ich hielt mich für ſchuldiger und ſetzte bei Ihnen eine größere Aufrichtig⸗ keit voraus —“ „Halten Sie ein, Sie ſind ja im höchſten Grade erzürnt.“ „Zch, Sie täuſchen ſich, das ſchwöre ich Ihnen.“ „Sie ſind wüthend, ſage ich Ihnen. Ach, theurer Vetter, Sie glaubten, ſich nur blicken laſſen zu dür⸗ fen, um mir zu gefallen und Knall und Fall meine Eroberung zu machen. Doch jetzt fällt mir ein,“ fuhr Urſula mit noch lauterem Lachen fort, „Sie haben ſich gewiß eingebildet, mich ſchon vor meiner Verheiratung in dem Augenblick, in welchem Sie ſich Mathilden vorſtellen ließen, auf's Tödtlichſte verwundet zu haben und, bei Ihrer Durchreiſe durch Rouvray abermals verwundet, hätte ich keinen andern Gedanken faſſen, kein anderes Verlangen hegen können, als Sie hier oder in Paris wiederzuſehen, und daß ich in meinem Eifer, Ihnen den Hof zu machen, auf die Gefahr hin, den Hals zu brechen, muthig Unterricht im Reiten nehme, um dadurch Gelegenheit zu bekommen, Ihre Nähe länger genießen zu können, um einen Blick mehr von Ihnen zu erwerben und Sie ausrufen zu machen: Arme Kleine, welch' eine Ergebung, welch' ein Muth! oder wohl auch: Ach, die Frauen, die Frauen! Wenn einer dieſer Dämone es ſich in den Kopf geſetzt, uns zu verführen, ſo gelingt es ihr ſicherlich! — In dieſer Beziehung, Vetter, haben Sie, unter uns geſagt, nicht ſo ganz Unrecht gehabt, denn ich meine allerdings, Sie ein klein wenig verführt zu haben, obgleich es keines⸗ wegs meine Abſicht war.“ „Ich bemerke,“ ſagte Gontran immer gereizter, 32 „daß ich nicht der Einzige bin, welchem man einige Eitelkeit zum Vorwurf machen kann.“ „Wie,“ verſetzte Urſula immer luſtiger, „Sie glau⸗ ben, man könne nicht ohne Eitelkeit Anſprüche an Ihr Herz machen? Für Sie, der Sie mir eine kleine Lektion in der Beſcheidenheit ertheilen wollen, iſt die⸗ ſes Geſtändniß ziemlich ſonderbar. Nun gut, ich will Ihnen bekennen, daß ich, trotz meiner Ueberzeugung, Ihre Eroberung gemacht zu haben, ganz und gar nicht ſtolz darauf bin.“ „Alſo wähnen Sie, ich ſei ſehr verliebt in Sie?“ „Ich glaube, daß Sie heute noch verliebter ſind, als Sie es geſtern waren, ich glaube, daß Sie es morgen noch mehr ſein werden, als heute.“ „Und wie wird dieſe immer zunehmende Leiden⸗ ſchaft endigen, reizende Prophetin?“ „Mich angehend, wird ſie nur ein unbeſchreibliches Lachen zur Folge haben, für Sie aber vielleicht alle Grade der Verzweiflung. Denn Sie ſollten aus Er⸗ fahrung wiſſen, mein Herr Don Juan, wenn auf der einen Seite Leidenſchaft herrſcht, ſo findet ſich auf der andern faſt immer Gleichgültigkeit und Geringſchätzung, denn was mich verhindert, Ihre Liebe zu erwidern, was Sie in meinen Augen eines unverzeihlichen Fehlers zeiht, das iſt eben Ihre Liebe.“ „Sie wiſſen bewundernswerth mit Paradoxen um⸗ zugehen. Ich kann nicht unterlaſſen, Ihnen deshalb mein Compliment zu machen.“ „Das kommt Ihnen parador vor, es iſt aber ganz einfach. Man iſt ſo wenig daran gewöhnt, begründete Wahrheiten zu hören, daß ſie uns immer als paravor erſcheinen. Auf die Gefahr hin, für eine Närrin ge⸗ halten zu werden, will ich Ihnen geſtehen, daß Sie mich nicht allein darum lieben, weil ich jung und hübſch, ſondern auch weil Ihr Stolz, Ihre Eitelkeit ſich darüber beleidigt ſühlt, daß ich, Ihren früheren 33 Erfolgen zum Trotz, mich dennoch nicht von Ihren unwiderſtehlichen Verführungskünſten beſiegen laſſe.“ „Madame, ich bitte, ſprechen wir etwas weniger von mir.“ „Sie haben Recht, Vetter, unſer Geſpräch hat eine ganz andere Wendung genommen. Wovon ſpra⸗ chen wir denn eigentlich? Ach, ja, ich erinnere mich, Sie baten mir ſehr beſcheiden die Kühnheit ab, daß Sie den Beſatz meiner Haube küßten und meine Taille nicht mehr noch weniger umſchlangen, als einer meiner Tänzer im verfloſſenen Jahr.“ Gontran ſchwieg eine Minute, bevor er mit ge⸗ zwungenem Lächeln verſetzte: „Sie vereinigen ohne Zweifel die ſeltenſten Eigen⸗ ſchaften in ſich, Ma dame; Sie haben gewiß das Recht, eigenſinnig zu ſein und mit Geringſchätzung auf uns herabzublicken. Aber dürfte man wohl erfahren, mit elchen unerhörten Eigenſchaften und Vo llkommenheiten erjenige begabt ſein muß, welcher auf das gränzen⸗ voſe Glück Anſpruch machen wollte, Ihnen zu ge⸗ fallen?“ „Wiſſen Sie, Vetter, daß Sie ein ſehr wunder⸗ licher Kauz ſind?“ „Warum?“ „Gerade noch baten Sie mich ziemlich bitter, das Geſpräch über Sie fallen zu laſſen und jetzt beginnen Sie auf die allerſchönſte Weiſe wieder von ſich zu ſprechen.“ „Ich? Im Gegentheil —“ „Fragten Sie mich denn nicht ziemlich ironiſch, mit welchen übernatürlichen Eigenſchaften man begabt ſein müſſe, um mein Wohlgefallen zu erlangen? Heißt das nicht ebenſo viel, als ob Sie fragten, weßhalb Sie mir nicht im Geringſten gefielen, Sie, der Sie ſo viele unwiderſtehliche Vorzüge in ſich vereinigen? Und wenn ich Ihnen hierauf Antwort gebe, werden Mathitde. mw. 3 5 34 Sie mir nicht, wie vorhin, abermals den Vorwurf machen, eine ernſte Unterhaltung in eine verliebte Zän⸗ kerei zu verwandeln?“ „Nein, nein, wir werden dieſe ernſte Unterhaltung wieder aufnehmen. Aber ſprechen Sie ſich jetzt deut⸗ lich aus. Ich bin begierig, das Ideal kennen zu ler⸗ nen, welches Ihre Träume erfüllt.“ „Mein Ideal? Wozu, armer Vetter? Es geht mit jenen Helden, von welchen die jungen Mädchen träumen, gerade ſo, wie mit den Antworten, auf welche man ſich vorbereitet hat. Man ſagt das Ge⸗ gentheil von dem, was man hatte ſagen wollen und man verehrt eine Perſon, welche nicht die geringſte Aehnlichkeit mit derjenigen hat, von welcher man träumte. Jedoch gibt es eine Hauptbedingung, von welcher ich niemals abgehen werde: der Mann, dem ich meine Liebe widmen ſoll, muß vollkommen frei, d. h. unverheiratet ſein.“ „Und warum wenden Sie einen ſo unverſöhnlichen Oſtracismus gegen die Ehemänner an?“ „Zuerſt, weil ich es verſchmähe, ein getheiltes Herz zu beſitzen, und dann hat das Benehmen eines galanten Ehemanns etwas Lächerliches. Er gleicht den Amphibien und erſcheint mir bald wie ein Schü⸗ ler in den Ferien, bald wie ein gereizter Familien⸗ vater, und dann, aber Sie finden das vielleicht albern, kommt mir ein galanter Ehemann faſt immer vor wie ein verheirateter Prieſter.“ „Dieß Porträt iſt gewißlich nicht ſehr ſchmeichel⸗ haft,“ entgegnete Gontran, ſich mit Mühe beherrſchend. „Sie alſo, mein lieber Vetter,“ fuhr Urſula fort, „Sie z. B. haben Ihren ganzen früheren Zauber ver⸗ loren und wären Sie auch wirklich noch unverheiratet, ſo würde es Ihnen dennoch nicht gelingen, meine Liebe u erwerben. Ja, gewiß. Denn bei alledem, was nd Sie denn eigentlich? Ein vornehmer, ſehr liebens⸗ würdiger, ſehr geiſtreicher Herr, ausgeſtattet mit einem reizenden eſicht und ſehr gewählter Eleganz in Anzug und Benehmen. Nun wohl, ſehen Sie, meine Liebe würde ſich, unter uns geſagt, ein anderes Ziel, ein höheres vielleicht, vielleicht aber auch ein niedrigeres erwählen.“ „Wahrhaftig, theure Couſine, Sie ſprechen heute durchaus in Räthſeln.“ . „Wahrhaftig, Vetter, Sie beſitzen heute eine ab⸗ ſonderlich ſchlechte Faſſungsgabe. So hören Sie denn, ich fordere entweder einen Sklaven oder einen Ge⸗ bieter. Sie können weder das Eine noch das Andere ſein. Sie beſitzen weder jene kindliche Ergebenheit noch jenes Uebergewicht, welches verwirrt und unter⸗ wirft. Wenn mich z. B. eines jener einfachen, guten, ſchüchternen Weſen mit einer Vergötterung verehrte, wie ſie der Wilde ſeinem Fetiſch widmet, ſo könnte mir dieſes blind vertrauende Weſen ungefähr jenes Mitgefühl einflößen, welches man einem armen gehor⸗ ſamen Hunde zu Theil werden läßt, welcher treu und ergeben ſeinen Herrn mit keinem Blicke verläßt, der die Hand leckt, welche ihn ſchlägt, und der überglück⸗ lich iſt, wenn er dem zum Fußſchemel dienen darf, welcher ihn aus Zorn oder Laune gerade zuvor aufs Unbarmherzigſte weggeſtoßen hat. Aber ſollte ich je⸗ mals einem jener Männer begegnen, die, ich weiß nicht durch welchen geheimnißvollen Zauber, uns auf den erſten Blick despotiſch beherrſchen, mit welch be⸗ ſcheidener und zärtlicher Unterwerfung würde ich mich vor ihm beugen, mit welch einer Vergötterung würde ich ihn meinerſeits, die ich ſo herrſchſüchtig bin, anbe⸗ ten, wie würde ich meine Gedanken, meinen Willen, mein Leben ganz dem ſeinigen unterordnen! Kniend, immer kniend vor meinem Gebieter, vor meinem Gott, würde ich Freude, Schmerz, Hoffnung und Verzwei⸗ flung nur aus ſeinen Händen empfangen, Alles würde von ihm ausgehen und zu ihm zurückkehren. Er brauchte nur zu mir zu ſagen; komm! — und ich würde ergeben, reſignirt, willenlos ſein, vielleicht ſo⸗ gar verbrecheriſch. Denn die Eiferſucht einer ſolchen Liebe kann bis zum Wahnſinn, bis zur Mordwuth führen. Still! vor dieſem Gedanken, ach, vor dieſem Gedanken fürchte ich mich!“ Dieſe letzten Worte ſprach Urſula mit bewegter Stimme, ſchlug dann tiefſinnig die Augen nieder und ſchien in Träume zu verſinken. Gontran war augenſcheinlich verwirrt, ich aber entſetzt. Nach einigen Augenblicken des Stillſchweigens fuhr Urſula mit der Hand über die Stirne, als wollte ſie gleichſam die Gedanken, die ſie ſo verſtimmt hat⸗ ten, verjagen. Dann ſagte ſie lächelnd zu meinem Mann, welcher ſie noch immer mit Beſtürzung anſah: „Sie ſehen wohl, daß Sie weder mein Gebieter noch mein Sklave ſein können. Wir können nur Freunde ſein und ſelbſt dieß hat noch ſeine Hacken. Sie ſind nämlich viel zu ſehr Weltmann, als daß Sie mir Ihre übelangebrachten Erklärungen und Ihre vergeblichen Bemühungen um mich verzeihen könnten. Alles genau erwogen, haben wir jetzt vielmehr die Ausſicht, Todfeinde zu werden. Finden Sie dieſen Schluß nicht ſehr originell? Wer hätte ſagen können, unſer Geſpräch würde dieſe Wendung nehmen?“ „Gewiß,“ verſetzte Gontran ſo mechaniſch, als wäre ſein Geiſt noch ganz befangen von Urſula's Worten, gewiß, es iſt wirklich ſehr originell. Aber iſt mir wohl die Frage geſtattet, weßwegen Sie uns einige Ihrer Tage haben widmen wollen?“ Mit jener Empfänglichkeit für jeden Eindruck, die urſula eigenthümlich war, brach ſie abermals in ein helles Gelächter aus und, Gontran erſtaunt anſehend, ſagte ſie: „Ei, ei, ſind Sie denn wirklich verrückt gewor⸗ den, lieber Vetter? Verwirrt Ihnen die Leidenſchaft für mich wirklich ſchon die Sinne? Wie, Sie wollen — „ nnaufhörlich das Ziel meiner Gedanken ſein? Sie können meine Hieherreiſe nicht begreifen, weil ſie nicht den Zweck hatte, Ihnen das Geſtändniß meiner Liebe abzukegen? Aber ſo erinnern Sie ſich doch gefälligſt, daß ich nicht Ihnen, ſondern vielmehr meiner theuren Mathilde die Zeit widmen will, welche ich in Maran zubringen werde. Mein Gott, was ziehen Sie mir jetzt für ein Geſicht! Wie wunderlich ſind doch die Männer! Hätte ich Ihnen geſtanden, daß ich ſeit lan⸗ ger Zeit mit dem Gedanken mich trug, Sie Ihrer Frau abwendig zu machen, Sie würden dieſe Schänd⸗ lichkeit ganz natürlich gefunden haben. Da Sie mich aber im Gegentheil die Geſetze einer Freundſchaft ehren ſehen, welche Sie ſelbſt gegen mich anrufen, ſo finden Sie das ſehr ſeltſam.“ „Madame —“ „Nun, nun, ſeien Sie ruhig. Ich will nicht beſ⸗ ſer erſcheinen, als ich bin. Nur mein Widerwillen gegen die Ehemänner im Allgemeinen und meine ge⸗ ringe Neigung für Sie im Beſondern ſchützen mich vor jeder ſchlimmen Verſuchung. Gewiß, ich liebe Mathilde von ganzem Herzen, allein hätte eine unwi⸗ derſtehliche Macht mich zu Ihnen hingezogen, würde ich ſicherlich das Vertrauen meiner beſten Freundin getäuſcht haben. Im Uebrigen,“ fuhr Urſula mit je⸗ nem ſarkaſtiſchen Lächeln fort, welches ihrem Geſichte etwas ſo Unverſchämtes und Höhniſches verlieh, „biete ich Ihnen gleiche Kampfbedingungen. Auch ich bin verwundbar, auch ich habe einen Mann — man ver⸗ führe ihn; es iſt offener Krieg. Doch genug dieſer Thorheiten, lieber Vetter. Laſſen Sie uns jetzt ver⸗ nünftig mit einander ſprechen. Was haben Sie mir denn eigentlich ſagen wollen? Weßhalb hielten Sie mich hier zurück? Mathilde erwartet mich vielleicht ungeduldig.“ Gontran ſchien durch Urſula's Spöttereien bis zum Aeußerſten gebracht zu werden, er verſetzte finſter: „Gerade Mathilde iſt es, über die ich mit Ihnen ſprechen wollte, Madame. Obgleich ich zu jenen ziem⸗ lich lächerlichen, amphibiſchen Weſen gehöre, welche man Ehemänner nennt, ſo hat meine Frau für mich dennoch eine große, aufrichtige und unerſchütterliche Zuneigung gefaßte“ und ſie that vollkommen Recht und verrieth da⸗ durch nur den beſten Geſchmack. Ich rede nur von Ehemännern, welche den Liebhaber ſpielen wollen. Außerdem beſitzen die Ehemänner alle Arten von häuslichen Annehmlichkeiten, und was Sie betrifft, Veiter, ſo beſitzen Sie für Ihre Peyſon Alles, um Ihrer Frau zu gefallen.“ „Ebendeßhalb und weil ich wünſche, ihr auch für die Zukunft zu gefallen, Madame, würde ich untröſt⸗ lich ſein, wenn ich ihr einen heftigen Kummer verur⸗ ſachte. Sie iſt noch jung, noch blind genug, um mich leidenſchaftlich zu lieben, um an meiner Liebe als an ihrem Leben zu hängen. Da ſie aber nicht jenes un⸗ erſchütterliche Vertrauen hegt, das den Glauben ver⸗ leiht, man könne in ihrer Anbetung nie ermüden, da ſie überhaupt eine ſeltene Beſcheideuheit beſitzt, fürchtet ſie gewiſſe, ohne Zweifel ſehr gefährliche Vergleichun⸗ gen, und obgleich ich, ehrlich geſtanden, in Ihren Au⸗ gen nur ein ſehr lächerlich ſchmachtender Ehemann bin, ſo muß ich dennoch befürchten —“ „Alle dieſe Umſchweife,“ unterbrach Urſula mei⸗ nen Gatien, „wollen alſo darauf hinaus, zu ſagen: Mathilde ſei auf mich eiferſüchtig — nicht wahr? Da haben wir das große Geheimniß. Welch eine aller⸗ „ liebſte Thorheit?“ „Ich habe die Ehre, Madame, Ihnen die Ver⸗ ſicherung zu geben, daß es für mich nichts Ernſthaf⸗ teres gibt. Der Seelenfrieden meiner Frau geht mir über Alles.“ . „Ich bin vollkommen davon überzeugt, mein theu⸗ rer Vetter, und ſollte meinen, daß Sie beſſer, als „ 39 irgend Jemand, ſie hierüber zu beruhigen im Stande wären. Was mich betrifft, ſo wäre ich untröſtlich, verurſachte ich Mathilden Ihrer wegen nur den ge⸗ ringſten Kummer; es wäre ganz unverzeihlich und ich würde dabei weder das Vergnügen eines Gewiſſens⸗ biſſes noch den Gewiſſensbiß eines Vergnügens haben.“ „Zum Unglück, Madame, hat Mathilde mehr, als einen bloßen Argwohn. Sie hat Gewißheit, indem ſie geſtern nach der Jagd geſehen hat — „Daß Sie meine Haube küßten? Aber das iſt ja allerliebſt. Ich bin entzückt darüber, und ich habe vollkommen das Recht, eine kleine Rache an Mathilde zu üben, damit ſie künftig beſſer erkennt, wieviel ſie auf einen bloßen Schein zu achten hat. Laſſen wir ſie einen oder ein paar Tage im Irrthum, dann ent⸗ täuſchen wir ſie und ich will ihr ſagen: Siehſt Du jetzt, böſe Couſine, daß man ſich niemals auf ſeine Augen verlaſſen darf!“ „Mathilden nicht enttäuſchen, Madame? Das arme Kind würde darüber ſterben. Sie kennen die Reinheit, den himmliſchen Adel ihrer Seele nicht, wiſſen nicht, mit welch heiliger Glut ſie mich verehrt. O. Ma⸗ thilde iſt keine jener gefühlloſen Spötterinnen, die, weil ſie ſelbſt kein Gefühl haben, ſich den Anſchein ge⸗ ben, als verachteten ſie die Gefühle, welche zu verſte⸗ hen und zu ſchätzen ſie unfähig ſind. Rein, nein, Mathilde iſt keine dieſer —“ „Abſcheulichen Frauen, dieſer treuloſen Ungeheuer, welche ſo unverſchämt ſind, den Mann ihrer innigſten Freundin nicht zum Liebhaber haben zu wollen,“ un⸗ terbrach Urſula meinen Gatten und wollte ſich aus⸗ ſchütten vor Lachen. Gontran ſchien Todesqual auszuſtehen, während Urſula fortfuhr: „Mein Gott, wie unterhaltend ſind Sie doch und wie einfach kommen die Lobſprüche über die arme Vathilde Ihrem Verdruß über meine Gleichgültigkeit ⁴0 zu Hülfe! Wiſſen Sie wohl, daß es nur meines Spot⸗ tes bedarf, um Sie endlich einmal wieder Ihre Frau loben zu machen?“ „Sie haben Recht, Madame,“ rief Gontran, über dieſe Sarkasmen außer ſich; „ich habe vielleicht nie⸗ mals Mathilde's anbetungswürdiges Herz ſo ſehr in . ſeinem ganzen Werth erkannt, als jetzt, wo ich ſehe —“ . „Welch' einem abſcheulichen Herzen Sie es opfern wollten. Wollten Sie nicht ſo ſagen, theurer Vetter? Ich führe gern Ihre Phraſen zu Ende; denn wir ver⸗ ſtehen uns ſo ganz und gar. Ernſtlich, Sie haben in 3 der That triftige Gründe, Mathilde mir vorzuziehen. Zuerſt wird mich Ihre, einem Ehemann wohl anſte⸗ de Treue gegen Ihre läſtige Liebelei ſchützen, und dann iſt, offenherzig geſtanden, meine Couſine tauſend⸗ mal mehr werth, als ich. Iſt ſie nicht viel ſchöner? Hat ſie nicht eben ſo viele Vorzüge, als ich Fehler? Wird zwiſchen uns Beiden nicht immer ein unermeßli⸗ . cher Abſtand bleiben? Selbſt Betreffs ihrer Reſigna⸗ tion, ihrer Tugenden, iſt ſie nicht unglücklicherweiſe beſtimmt, die tiefſte, aufrichtigſte Hingebung zu empfin⸗ den, und ſie niemals einzuflößen, während ich, ach, immer das Unglück habe, ſie einzuflößen?“ „Ohne ſie jemals zu erwidern, nicht wahr, Ma⸗ dame? rief Gontran aus. „Ach, Sie haben Recht, jind eine entſetzliche Frau, Sie flößen mir Furcht ein!“ Urſula zuckte die Schultern. 6 „Ja wohl,“ ſagte ſie, „ich konnte eine entſetzliche Frau ſein für Alle, welche, ich wiederhole es, weder » meine Sklaven, noch meine Tyrannen ſind. Mit denen, welche verrückt oder eingebildet genug, ſich von mir bezaubern zu laſſen, mit denen werde ich mitleidslos umgehen, werde ſie verhöhnen, werde ſie in die aller⸗ lächerlichſten, vielleicht ſogar in die allergefährlichſte Lagen bringen, wie es gerade meine Laune verlang 41 ZJe hartnäckiger ſie mir ihre Liebe beweiſen werden, deſto mehr werde ich mich über ſie luſtig machen.“ „Halten Sie ein, Couſine,“ ſagte Gontran, um dieſer für ihn ſo peinlichen Unterhaltung eine andere Wendung zu geben. „Sie entwickeln hier einen ſo großen Reichthum von Geiſt, eine ſolche Charakterfeſtig⸗ keit, daß ich in keine geringe Verlegenheit gerathe, Ihnen endlich das zu ſagen, was ich Ihnen eigentlich ſagen wollte.“ „Was wollten Sie mir denn ſagen?“ „Es gibt unter Verwandten, unter Freunden, Dinge, über welche man ſich ganz frei und frank ausſprechen darf. Ich ſagte Ihnen, Mathilde ſei eiferſüchtig auf Sie, Ihre Gegenwart errege ihr Furcht und —“ Gontran ſtockte. „Und ſie würde wieder beruhigt ſein, wenn ich meinen Aufenthalt in Maran abkürzte?“ fragte Urſula. „Entſchuldigen Sie mich, Coufine, aber —“ „Mein Goit, alſo weiter Nichts? Warum haben Sie mir das nicht ſogleich geſagt? Arme, liebe Ma⸗ thilde; ich bedaure, Sie ſo früh verlaſſen zu müſſen, und dann ſcheide ich auch ungern von Ihren Jagden, die mir ſo viel Vergnügen verurſachen. Vielleicht würde mir ſpäter auch die Trenuung von Ihnen ſchwer geworden ſein, hätten Sie nicht von Ihrer Liebe zu mir geſprochen. Es iſt Schade, aber es läßt ſich Nichts gegen den Argwohn der Eiferſucht unternehmen. Sie muͤſſen mir noch einige Tage bewilligen, damit ich meinen Mann vorbereiten und ihn über den ſchnellen Wechſel meines Entſchluſſes wegbringen kann. Ich werde es mir angelegen ſein laſſen. Aber Sie ſind doch nicht böſe auf mich, Vetter?“fragte Urſula, mei⸗ nem Gatten herzlich die Hand bietend. „Keineswegs, aber, ich geſtehe es Ihnen, nie wäre mir eingefallen, eine ſolche Geſinnung, eine ſolche Sprache von Ihnen zu erwarten. Ich glaube noch im⸗ mer zu träumen.“ Urſula verſetzte mit ironiſchem Lä ächeln: „Sie finden mich für eine junge Frau, welche von dem Hotel Maran aus in eine Fabrik in der Provinz verſetzt wurde, ziemlich ſonderbar, nicht wahr? Sie können das Alles nicht faſſen? Sie erkennen das arme Opfer nicht wieder, die unglückliche Frau, welche ſo herzzerreißende Elegieen an die arme Mathilde ſchrieb, die darüber weinen mußte. Sie that es auch nicht ohne Grund, denn ich weinte ſetbſt⸗ als ich ſie nie⸗ d ſchrieb, und 8 und wann weine ich auch jetzt noch — „Sie, Sie weinen 24 „Gewiß, ſobald der Wind aus Weſten kommt und in der Luft jenes, ich weiß nicht, was liegt, ſo daß wir uns geſtimmt fühlen, uns aufzuhän⸗ 3 wie das Fräulein von Maran ſich auszudrücken „Immer beweglich, immer mr ſagte Gon⸗ ran. „Bin ich nicht ein komiſches Frauenzimmer 2 Ich ſpreche über Alles, ohne auch nur das Geringſte zu wiſſen, von Herzensgefühlen, ohne ſie zu empfinden, ich nehme alle Phyſionomien an, ohne auch nur eine zu beſitzen, ich bin unverſchämt, ſarkaſtiſ ſch, inconſe⸗ quent. Und doch, Vetter, hn Sie mich gerade nur ſo weit, als ich mich von Ihnen erkennen laſſen mochte. Im Guten, wie im Schlimmen, ſind Sie noch tauſend Meilen der Wirklichkeit fern. Aber ſeien Sie feſt über⸗ zeugt, daß ich immer können werde, was ich will. Sehen Sie, Vetter, meine Züge ſind z. B. mehr aus⸗ drucksvoll, als ſchön, meine Fehler überwiegen meine Tugenden, ich bin mehr ſchwatzhaft, als geiſtreich, ich beſitze nur ein gewöhnliches Vermögen und trage einen lächerlichen Namen — Madame Secherin — ich bitte Sie: Madame Secherin! Und trotz alle dem will ich noch dieſen Winter die gefeiertſte, geſuchteſte Frau von Paris ſein; mein Haus ſoll das ausgewählteſte wer⸗ 43 den, und ich will, alle Köpfe verdrehen bis auf den Ih⸗ rigen herab. Jetzt, leben Sie wohl, lieber Vetter, ich werde meinen Mann zu bewegen ſuchen, baldmöglichſt abzureiſen. Wir werden bis zum Winter noch eine kleine Reiſe machen. Jetzt will ich in den Park gehen und Ihre F Frau aufſuchen. Ich werde ihr unſere Unter⸗ haltung verſchweigen, verſtanden? Arme Frau, ich be⸗ klage ſie, arme Göttin! Ach, wenn man nur die Sprache der Engel zu reden weiß, läuft man große Gefahr, hier auf der Erde Seinesgleichen nicht zu treffen. Im Ganzen genommen, ziehe ich mein Geſchick dennoch dem ihrigen vor, obgleich ihr das unerhörte Glück zu Theil geworden, Sie zum Herrn und Meiſter zu haben.“ Dieſe letzten Worte begleitete Urſula mit ſpötti⸗ ſchem Lächeln, nickte darauf meinem Gatten zu, warf ihm mit der boshafteſten Miene mit ihren Fingerſpitzen einen höchſt anmuthigen Kuß zu und eilte aus dem Zimmer. Kaum hatte ſie die Thüre hinter ſich zugemacht, hörte ich ſie mit ihrer friſchen, hellen Stimme eine Arie aus dem Freiſchütz ſingen. Drittes Kapitel. Fräulein von Maran. An dem Morgen, welcher dieſem Auftritt folgte, ward ich nicht wenig überraſcht durch ein kleines Bil⸗ let von Fräulein von Maran, worin ſie mir meldete, daß ſie zu gleicher Zeit mit ihrem Briefe eintreffen und die Urſache ihres Kommens mir mündlich mit⸗ theilen werde. Man konnte in der That verſucht ſein, zu glauben, 44 daß dieſe Frau, durch einen geheimen Inſtinkt von dem Kummer unterrichtet, welcher über mich hereingebro⸗ chen, komme, um ſich über meine Qual zu freuen. Hätte ich Fräulein von Maran weniger gekannt, ſo würde ich mich über ihre Kühnheit, mich zu beſuchen, verwundert haben, da ich mich wohl erinnerte, wie ſie, als ich ſie das letzte Mal geſehen, mir den Haß, den ſie gegen mich hegte, keineswegs verhehlt hatte. Auch ihr Zuſammentreffen mit Urſula ſetzte mich in Schre⸗ cken. Wenn ſie boshafter Weiſe gehofft, vorausgeſehen, berechnet hatte, daß Urſula früher oder ſpäter ſich, um mich ſo auszudrücken, in metn Leben miſchen und mir feindlich gegenüber treten werde, ſo mußte ſie jetzt die größte Befriedigung empfinden, und konnte für meine Couſine eine nützliche Verbündete werden. Ich dachte mit Bitterkeit daran, daß die geſell⸗ ſchaftlichen Zuſtände, wie ſie jetzt einmal ſind, uns zwingen, unter dem Vorwande von Verwandtſchaft oder anderen Bedingungen, unſere ärgſten Feinde in unſerem eigenen Hauſe zu empfangen. Ich ſetzte Gontran von der nahe bevorſtehenden Ankunft meiner Tante in Kenntniß; er nahm aber dieſe Neuigkeit ziemlich gleichgültig hin. Ich theilte ſeine Sorgloſigkeit nicht. Eine ſolche Reiſe ſtimmte ſo wenig zu den Gewohnheiten des Fräu⸗ leins von Maran, welche ſeit fünfzehn Jahren Paris nicht verlaſſen hatte, daß ich irgend ein ernſtes Wotiv vorausſetzte. Gegen zwei Uhr langte meine Tante an, begleitet von Servien, einer ihrer Frauen, einem Lakai, der ihren Courrier abgab, und einem Wolfshunde, dem Nachfolger von Felix. Wir empfingen Fräulein von Maran an der Frei⸗ treppe des Schloſſes. Sie ſtieg ziemlich behend aus dem Wagen, und es war keine Veränderung an ihr wahrzunehmen. 3 Noch immer ging ſie in dem Hut und Kleid von Car⸗ meliterſeide. Trotz meiner trüben Ahnungen mußte ich doch vor Erſtaunen lächeln, als ich den Hut des Fräuleins mit einer dreifarbigen Schleife geſchmückt ſah, während an Servien's Hut eine ungehenere Kokarde von denſelben patriotiſchen Farben prangte. Meine Tante nahm mein Erſtaunen wahr und rief, in den Salon tretend, aus: „Es wundert Sie, nicht wahr, daß ich noch nicht die Marſellaiſe, das ca iva, die Pariſienne, oder an⸗ dere patriotiſche, demagogiſche, ſinnbildliche, Orleani⸗ ſtiſche Wehklagen, die gben ſo viel werth, wie die an⸗ dern republikaniſchen Sferlieder, angeſtimmt habe. Sagen Sie mir und Bürgerin, ihr hal⸗ tet mich mit meinen ticoloren Bändern gewiß für eine famoſe Anhängerin der Juliusrevolution, nicht wahr? Ihr glaubt vielleicht, ich wolle Euch meine Vermäh⸗ lung mit Herrn von Lafayette für das nächſte Sans⸗ culottenfeſt am Altar des Vaterlandes anzeigen ? Ei, ihr täuſcht euch; ſeht ihr, da liegen dieſe ſchönen, drei⸗ farbigen Bänder zu meinen Füßen und nun im Feuer,“ ſagte meine Tante, die Schleife von ihrem Hute rei⸗ ßend, ſie in komiſcher Wuth mit Füßen tretend und dann in's Kamin werfend. „Vortrefflich, meine Gnädige,“ ſagte Gontran, laut auflachend, „ich dachte ſchon, Sie hätten ſich ge⸗ winnen laſſen.“ „Gewinnen laſſen? Wollen Sie ſich über mich luſtig machen, Sie Spötter? Denken Sie doch, daß ich mich, um nur ruhig reiſen zu können, mit dieſen abſcheulichen Farben, welche nach Pöbel, Gewalt und Guillotine riecheß, geputzt habe.“ „Und Ihr Royalismus empörte ſich nicht dagegen?“ „Kann mein Royalismus Etwas darin ſehen? Würde ich mich zur Zeit des Bürgers Cartvuche und des Bürgers Mandrin lange beſonnen haben, einen 146 Geleitsbrief dieſer Herren zu benützen, um durch ihre Banden zu dringen? Nun gut, dieſe abſcheuliche Ko⸗ karde und dieſer Reiſepaß, geſtempelt mit dem einfäl⸗ tigen galliſchen Hahn, der vollkommen einem fetten Bürger aus Maine gleichſieht, ſind nur Geleitsbriefe, die ich benutze, aber verachte, verſtehen Sie?“ „Vollkommen, Gnädige. Aber welchem glücklichen Zufalle verdanken wir Ihren Beſuch?“ „Stellen Sie ſich vor, armer Junge, ſie wollen dieſe armen Miniſter vor Gericht ſtellen, d. h. ſie ver⸗ urtheilen. Es gibt in Paris Tag für Tag Aufſtände, man ſpricht davon, ein zweites Jahr 1793 zu veran⸗ ſtalten und die Paläſte zu plündern. Ich habe mein Silberzeug in einem Winkel, wo es der Teufel nicht ausfindig machen ſoll, ver en, meine Diamanten aber und fünftauſend Louis in den geheimſten Fä⸗ chern meines Wagens verborgen und will hier die Er⸗ eigniſſe abwarten. Wird es ruhig, ſo kehre ich nach Paris zurück, wird es unruhiger, ſo wandere ich nach England aus. Man kann jetzt nicht in Paris bleiben. Mein ganzer Geſellſchaftskreis iſt verſcheucht und aus⸗ geflogen. Und ſie hatten guten Grund dazu. Die Ei⸗ nen ſind dem armen alten König und der Kronprin⸗ zeſſin gefolgt, die andern gehen in die Vendée, um da⸗ ſelbſt Madame (die Herzogin von Berry) zu erwarten, und, Gott ſei Dank, ſie werden den neuen Blauen zu ſchaffen machen. Noch Andere ſuchen ſich da und dort⸗ hin zu retten, nach Italien oder Deutſchland, wie zur Zeit der erſten Revolution. Wahrhaftig ich langweilte mich in Paris, bis mich zur Abwechslung Furcht an⸗ wandelte. Das, liebe Kinder, verſchafft mir das Vergnü⸗ en, euch zu umarmen. Ich betrachte ſo gern eure leine, artige Wirthſchaft. Das erfreut mir das Herz. Ich ſage mir: es iſt doch mein Werk, daß dieſe beiden edeln, ſo ſehr für einander paſſenden Herzen durch Blu⸗ menketten vereinigt ſind. Ha, ha, ha, da ſeht ihr den 47 Einfluß der Landluft — ich rede wirklich ſchon wie ein Schäferidyll.“ Die Heiterkeit des Fräuleins von Maran erſchreckte mich. Ihr bitteres, ſchneidendes Gelächter weiſſagte jederzeit irgend eine Bosheit. Ihrer Gewohnheit zufolge hatte meine Tante bei ihrem Eintritt ihre Brille aufgeſetzt, obgleich ſie weder leſen noch arbeiten wollte; allein dieſelbe diente ihr vortrefflich, ihren Blick zu verſtecken und ſie konnte hin⸗ ter den Gläſern hervor nach Belieben beobachten, ohne bemerkt zu werden. Ich ſah wohl, daß ſie während ihres Geplauders meines Gatten und meine Züge genau erforſchte. „Und Urſula?“ fragte Fräulein von Maran, „habt ihr Nachrichten von ihr?“ Sie befindet ſich ſeit einigen Tagen nebſt ihrem Gatten hier, antwortete ich. „Iſts möglich? Wie, ſo iſt ja die ganze Familie beiſammen. Das trifft ſich ja prächtig. Aber wo iſt denn dieſe liebe Tochter?“ „Sie geht mit Herrn Secherin ſpazieren, wird aber, wie ich hoffe, bald zurückkehren,“ verſetzte Gontran. „Sie geht mit ihrem Manne ſpazieren?“ rief Fräu⸗ lein von Maran aus, „und Sie, Gontran finde ich hier bei Ihrer Frau? Hier iſt ja das gelobte Land der Ehe! Das iſt ja einzig, das iſt ja ein recht rüh⸗ rendes, echt patriarchaliſches Leben! Sie geht allein mit ihrem Mann ſpazieren? Wie hübſch das von ihr iſt, denn er iſt einfältig, wie eine Gans, ihr Mann, und führt eine Unterhaltung wie ein Strauß. Aber ſagt mir doch, liebe Kinder, herrſcht unter ihnen im⸗ mer noch das rührende und liebenswürdige Verhält⸗ niß, wie zwiſchen Schäſchen und großer Wolf?“ Sie werden Urſula ſehr verändert finden, ſagte ich bitter lächelnd zu Fräulein von Maran. „Verändert? Iſt ſie nicht mehr ſo hübſch, wie vordem?“ ¹8 O ja, gnädiges Fräulein, ſie iſt allerliebſt, aber ihr Charakter hat ſich entwickelt, ſie iſt jetzt nicht mehr ſo ſchwermüthig. „Ha, ha, ha! Ich muß wider Willen lachen, wenn ich daran denke, wie blind meine Vorliebe für Sie, Mathilde, mich Betreffs Urſula's machte. Erinnern Sie ſich, wie ich bei jeder Gelegenheit Urſula häßlich ſchalt? Jetzt kann ich es Euch wohl ſagen, meine Kin⸗ der, es war eine entſetzliche Ungerechtigkeit, denn ich fand ſie geiſtreich und liebenswürdig, und das kann man ſelbſt in Gegenwart eines Ehemanns ſagen, denn dieſe ſagen noch ganz andere Dinge, wenn ihre Frauen nicht zugegen ſind. Alſo ich fand in Urſula's Geſicht mehr Reiz und Ausdruck, als in dem Ihren, meine liebe Mathilde. Es geſchah nur aus Liebe zu Ihnen, Mathilde, um Sie auf Koſten Ihrer Couſine zu loben, daß ich ſo ſchändlich log. War ich nicht recht falſch, d. h. recht gut? Aber, liebe Kleine, bilden Sie ſich nur nicht etwa ein, weniger ſchön zu ſein, als Urſula, Sie find es ohne Frage tauſendmal mehr. Was die Regelmäßigkeit der Züge angeht, ſo kann ſie ſich gar nicht mit Ihnen meſſen, allein ſie hat ienes gewiſſe Et⸗ was an ſich, jenes pikante, unwiderſtehliche Weſen, welches,“ ſetzte ſie auf Gontran zeigend bei, „dieſen Galgenſtricken den Kopf verrückt.“ Hierauf näherte ſie ihren Mund meinem Ohr und ſagte ganz leiſe, aber lachend: „Ei, find Sie nicht etwa eiferſüchtig auf die ver⸗ teufelte Urſula? O, trauen Sie ja nicht dieſen hei⸗ ligen Schweſtern „Rühr mich nicht an!“ Sie beſitzen das Lächeln der büßenden Magdalene und den verlan⸗ genden Blick der Venus Aphrodite!“ Meine Tante würde in ihrer ausgeſuchteſten Bos⸗ heit ihre Worte nicht beſſer haben wählen können, um mich grauſam zu verletzen. Dieſer Umſtand macht mich glauben, daß die wi⸗ derwärtigſten Charaktere gleich den großmüthigſten den 4⁰ Launen des Zufalls ausgeſetzt ſind. Die einen wie die andern werden oft durch das ſeltſamſte Geſchick un⸗ terſtützt. Eioſ Gontran fühlte ſich trotz ſeiner Kaltblütig⸗ keit durch die traurigen Späße des Fräuleins von Ma⸗ ran ſo verletzt, wie ich, und er vermochte nur mit einem erzwungenen Lächeln zu ſagen: „Halten Sie es denn für möglich, meine Gnädige, daß ich meiner lieben Mathilde untreu werden könnte? Sind wir nicht, wie Sie ſelbſt ſagen, ein wahres Mu⸗ ſter von einem Ehepaar?“ „Bemerken Sie denn nicht, Bruder Liederlich, daß ich nur ſcherze? Ich würde es ſehr bald erfahren, wenn Sie ihr untreu werden wollten. Auf dem Lande — das wäre nicht zu entſchuldigen; etwas Andexes iſt es aber in Paris. Der Rauſch, welchen das Leben in der großen Welt über uns bringt, die Gelegenheit, die Verlockungen, wie die ſchöne Fürſtin Kſernika ſagen würde. Aber hier, o pfui, o pfui — arme liebe Kleine, Sie, die immer ſo viel Güte für Gontran gehabt ha⸗ ben, z. B. auch gegen dieſen abſcheulichen Lugarto.“ Ich erblaßte. Gontran wandte ſich um, als ob ihn eine Natter gebiſſen hätte, und ſagte: „Ich bitte, ſprechen wir nicht mehr davon, erin⸗ nern Sie mich nicht an einen ſo peinlichen Auftritt.“ „Wie, ich ſoll nicht mehr davon ſprechen? Un⸗ dankbarer, Ungeheuer, Sie! Ich werde immer davon reden, immer wieder darauf zurückkommen, ſage ich Ihnen. Suchen Sie doch eine zweite Frau, welche ſich, ſelbſt auf die Gefahr hin, ihren Ruf zu verlieren, vazu hergibt, den Gläubiger ihres Mannes zu liebkoſen. Das iſt ja etwas ſehr Erhabenes, mein Theurer.“ „Madame,“ rief Gontran, „eine niederträchtige Verleumdung iſt es! Vor aller Welt habe ich es die⸗ ſem Schuft ins Geſicht geſagt.“ „Ei, mein Gott, ich weiß es wohl, arme Kinder, Mathilde. Iw. 4 50 daß es eine Verleumdung iſt; ich weiß ja, daß Ma⸗ thilde ſo rein und ſchuldlos wie der junge Schwan, der eben aus ſeinem Ei gekrochen, aber —“ Ich ſah, wohin das Geſpräch zielte, welches Fräu⸗ lein don Maran gern im Gang erhalten hätte. Deß⸗ wegen unterbrach ich ſie und ſagte mit einer Feſtig⸗ keit und Beſtimmtheit, welche ſowohl das Fräulein als meinen Gatten in Verwunderung ſetzte: Sie haben uns die Ehre Ihres Beſuches ange⸗ than, Madame, eine Ehre, welche wir nicht erwarten durften. Wir werden uns immer ſehr glücklich fühlen, Sie bei uns zu ſehen, werden nie vergeſſen, daß die⸗ ſes Haus Ihrem Bruder gehört hat, und werden Al⸗ les thun, was nur immer in unſern Kräften ſteht, Ih⸗ nen den Aufenthalt hier ſo angenehm als möglich zu machen. Allein ich glaube, wir werden auch der Hoff⸗ nung Raum geben dürfen, daß Sie künftighin alle Er⸗ innerungen, welche für meinen Gatten und für mich gleich ſchmerzlich ſind, vermeiden werden. „Aber, meine Theure —“ Aber, Madame, fuhr ich, ſie abermals unterbre⸗ chend und mit noch lauterer Stimme ſort, da Sie die Gründe vergeſſen zu haben ſcheinen, welche jede ver⸗ trauliche Annäherung zwiſchen Ihnen und mir ſtets verhindern werden, ſo ſei es uns wenigſtens erlaubt, zu hoffen, daß von dieſer ſchändlichen Verleumdung, zu deren Echo Sie ſich hergeben, nie mehr die Rede ſein wird. Wollen Sie uns dieſen Wunſch gewähren, ſo werden wir uns ſehr erkenntlich beweiſen und Sie werden dann vielleicht einiges Vergnügen empfinden, die vereint undglücklich zu ſehen, welche Sie ohne Zwei⸗ fel gegen Ihren Willen verbittert und getrennt hatten. Meine Kaltblütigkeit, meine Ruhe machten auf Fräulein von Maran, wie auch auf Gontran, einen ſeltſamen Eindruck. Meine Tante wandte ſich, nachdem ſie einige A 51 genblicke geſchwiegen, gegen Gontran und ſagte mit ironiſchem Lächeln: „Ei, jetzt iſt es ja Mathilde, welche „Wir“ ſagt. Wie, mein armer Vicomte, iſt die Herrſchaft von der Lanze auf den Spinnrocken übergegangen?“ „Mathilde ſprach viel für ſich und auch ein we⸗ nig für mich,“ entgegnete Gontrun. „Ich vereinige meine Bitten mit den ihrigen und erſuche Sie gleich⸗ falls, Alles zu vergeſſen, was uns traurig berührt oder verſtimmt. Doch,“ fügte er, mir einen ſtrengen Blick zuwerfend, bei: „erlaube ich mir nicht, Ihren Aufent⸗ halt bei uns von Bedingungen abhängig zu machen.“ Obſchon ich durchaus nicht erwartet hatte, daß Gontran gleichſam die Partie des Fräuleins ergreifen würde, ſo ließ ich mich dennoch nicht einſchüchtern, und zufrieden mit der mich ſelber überraſchenden Sicherheit meiner Sprache fuhr ich fort: Ich mache bloß Bedingungen Betreffs meines eigenen Aufenthalts hier ſelbſt. Ich hatte die Ehre, Ihnen die Verſicherung zu geben, daß ich mich ſtets daran erinnern werde, Sie ſeien die Schweſter meines Vaters und befänden ſich bei Herrn von Lanerh. Wenn es mir unglücklicherweiſe unmöglich ſein ſollte, auf gewiſſe Scherze einzugehen, ſo würde ich nur bit⸗ ten, meine Abreiſe zu entſchuldigen. Herr von Lanery würde ſich gewiß der Mühe unterziehen, im Schloß Maran den Wirth zu machen, und ich, ich wiederhole es, würde auf der Stelle nach Paris abreiſen. Ich hatte dieſen Entſchluß mit ſolcher Beſtimmt⸗ heit ausgeſprochen, daß Fräulein von Maran ausrief: „Ach, gewiß wird ſie es ſo machen, wie ſie ge⸗ ſagt. Aber, mein lieber Gontran, ich erkenne ja Ihre Frau gar nicht wieder. Was iſt denn mit ihr vorge⸗ gangen?“ Es iſt weiter Nichts, Fräulein, als daß ich mich in Acht nehmen muß, mich zu ärgern, und ſdaß ich 52 künftighin alles Aergerniß vermeiden werde, welchem ich immer aus dem Wege gehen kann. „Peſt! liebe Kleine, ei, ei! Sie wollen ſich dem⸗ nach verzärteln, wollen ſich pflegen?“ Ja, Fräulein, ganz, wie Sie ſagen, ich bedarf der Pflege. Seiner Befangenheit ungeachtet, gab mir ein zürtlicher Blick meines Mannes zu verſtehen, daß er mich verſtanden. Fräulein von Maran fuhr ironiſch fort: „Nun wohlan, liebe Kleine, ich bin es zufrieden und wir wollen ein Regiſter der Gegenſtände entwer⸗ fen, deren Erwähnung unterſagt iſt. Nr. 1 Lugarto und alle mit dieſem Namen in Verbindung ſtehenden Verleumdungen. Nr. 2. die Treukoſigkeit, welcher ſich Gontran durch ſeine der Fürſtin Kſernika dargebrach⸗ ten Huldigungen gegen Sie ſchuldig gemacht hat. Rr. 3. jede Vergleichung, welche andeuten könnte, daß ich Urſula anziehender finde, als Sie. Nr. 4. endlich alle Anſpielungen auf die eifrigen Bemühungen⸗ welche aus einem ganz natürlichen Zuſammenhang der Dinge dieſer Taugenichts von Gontran zum großen Nachtheile des einfältigen Secherin der liebenswürdi⸗ gen Frau deſſelben bezeigen könnnte — desſelbigen Secherin, der, unter uns geſagt, nicht viel dabei ver⸗ ſieren würde. Aber ſiehe, da kommt er ja! Mein Gott, wie herrlich ſich das trifft!“ Herr Secherin trat in dieſem Augenblick mit ſeiner Frau in den Salon. 4 „Ei,“ rief er freudig aus, „was für eine Ueber⸗ raſchung! Da iſt ja das gute Fräulein von Maran „Ja, ich bin es ſelbſt mit Leib und Seele, mein würdiger Herr Secherin. Gerade noch ſprach ich von Ihnen. Guten Tag, liebe Urſula, guten Tag liebe Rleine,“ ſagte Fräulein von Maran ſich erhebend und Urſula auf die Stirne küſſend, „ich bin recht erfreut, Sie hier zu finden. Es war ja immer mein liebſter Traum, Sie wie zwei Schweſtern vereint zu ſehen, welche ſich nur ſo ſelten, als unumgänglich nöthig war, trennten.“ 3 „Ja, es geht Nichts über ſo ein Familienleben ſagte Herr Secherin, „nicht wahr, Fräulein von Ma⸗ ran? Sie ſtimmen damit überein, Sie, die Sie die Crème aller guten Frauen ſind!“ „Ach, Herr Secherin, ich werde wieder anfangen müſſen, Sie auszuzanken, wenn Sie nicht aufhören werden, mich mit der Cröme zu vergleichen; das ſage ich Ihnen zum Voraus. Zuerſt lehnt ſich meine Be⸗ ſcheidenheit dagegen auf, und dann könnte es mir, als wäre ich eine Ariſtokratin, übel gedeutet werden, wenn ich Ihre Redensarten mir gefallen ließe. Mein lieber Secherin, Sie ſind zu gütig mit Ihrem Worte Créme. Gibt es denn ſeit den glorreichen Julitagen, welche uns Gleichheit, Freiheit und Brüderſchaft gebracht haben, noch ſolche Auszeichnungen? Nennen Sie mich wi Fräulein, aber nicht Eréme, ſonſt werde i öſe.“ „Nun gut, ſo will ich Sie mein gutes Fräulein nennen, aber Sie ſind ein bewundernswürdig gutes Fräulein, ſo gut,“ ſetzte Herr Secherin, plötzlich ernſt werdend, bei, „daß Sie mich ſtets an meine gute Mutter erinnern, wie ſich meine gute Mutter ſtets an Sie erinnerte.“ „Dieſer Vergleich wird ſtets höchſt ſchmeichelhaft für mich ſein. Aber ſollten Sie denn das Unglück gehabt haben, Ihre Mutter zu verlieren?“ „Nein, nein, ſie lebt noch, Gott ſei Dank, aber ſeit ich Sie nicht mehr geſehen, hat ſich Vieles begeben.“ „Ei, was denn? Erzählen Sie mir doch! Sie wiſſen, wie ſehr ich an Allem Theil nehme, was Sie angeht. Was iſts denn? Sprechen Sie doch!“ Umſonſt machte Urſula ihrem Gatten, deſſen Plau⸗ derſucht ſie fürchtete, Zeichen über Zeichen; er achtete derſelben nicht, ſondern fuhr fort: „Mein Goit, ja, wir haben uns von der Mutter getrennt.“ „Nicht möglich! Armes, liebes Kind, Sie haben ſich von Ihrer Mutter getrennt? Jeſus, mein Gott, und warum das?“ „Weil meine Mutter ſich Grillen in den Kopf ge⸗ ſetzt hatte und Urſula beargwohnte, dieſe ließe ſich von unſerem Unterpräfekten Chopinelle, welcher übrigens durch die Julirevolutivn um ſeine Stelle gekommen iſt, den Hof machen.“ Die Züge des Fräuleins von Maran, bis dahin komiſch und ironiſch, nahmen mit einmal einen ernſten, würdevollen Ausdruck an. Dann ſagte ſie: „An Uurſula's Tugend zweifeln, heißt gerade ſo viel, als die Moralität der Erziehung und die Feſtigkeit der Grundſäte, welche ſie durch mich erhalten, bezweifeln. Ihre Frau Mutter, Herr Secherin, muß grauſam gegen Ihre Frau eingenommen geweſen ſein, daß ſie an eine ſolche Nichtswürdigkeit glauben konnte. Sie wiſ⸗ ſen, meine Zuneigung für Ihre Frau hat mich keines⸗ wegs blind gemacht. Nun gut, ich bürge Ihnen für Urſula und würde es ſtets thun, ſelbſt wenn der Schein gegen ſie wäre. Geben Sie nie Etwas auf den Schein!“ „Ach, Fräulein, ich darf es nicht verhehlen, daß Sie jederzeit Balſam in meine Seele träufeln!“ rief Herr Secherin freudig aus. „Niemals habe ich gegen urſula Verdacht gehegt, darauf gebe ich Ihnen mein Ehrenwort, aber hätte ich auch Zweifel gehegt, ſo würden Ihre Worte den eingewurzeltſten Argwohn vernichten.“ „Fräulein,“ ſagte Urſula, „Sie ſind zu gut, zu nachſichtsvoll.“ „Keineswegs, ich bin bloß gerecht, ich huldige dem Verdienſt, und dann macht es mir ſo großes Vergnügen, euch alle hier vereint zu ſehen. Ihr 55 könnt Euch gar nicht einbilden, wie es mich entzückt, zwei ſo allerliebſte Ehen in eine verſchmolzen zu ſehen. Das bringt mich in eine Rührung, welcher die Worte mangeln. Doch jetzt will ich Euch allein laſſen und bitte Mathilde, mich auf mein Zimmer zu geleiten, denn die Reiſe hat mich etwas angegriffen, wozu noch kommt, daß dieſe verwünſchten dreifarbigen Fahnen mir in Paris ein nachhaltiges Herzweh verurſachten. Zum Glück wird mich die Ruhe des Landlebens und der Anblick derer, welche durch mich ſo glücklich ge⸗ worden, bald wieder herſtellen.“ Viertes Kapitel. Erinnerungen aus der Rinderzeit. Ich vermochte den wahren Grund der plötzlichen Ankunft des Fräuleins von Maran nicht zu errathen und ſuchte mich zu bereden, daß es kein anderer ſei, als der, welchen ſie angegeben, denn die Zeitungen, welche wir aus Paris erhielten, ſprachen in der That von ſehr ernſtlichen Unruhen in dieſer Stadt. Dennoch kamen mir die Furcht und der Schrecken meiner Tante übertrieben vor, und wenn ich voraus⸗ ſetzte, daß eine andere Urſache ſie uns zugeführt, er⸗ ſchrack ich wider Willen und ihre Anweſenheit ſchien mir neues Unheil zu verkündigen. I†ch beobachtete Gontran ſehr aufmerkſam. Er war zerſtreut, ſinnend, träumeriſch. Urſula hatte es zu verſchiedenen Malen vermieden, mit mir allein zu ſein, und mich verlangte ſehr dar⸗ nach, ſie abreiſen zu ſehen. Ich wußte nicht, ob ſie ihren Mann zu der Ab⸗ 56 reiſe beſtimmt hatte, und ſprach mehrmals mit Gontran hierüber. Er ſagte mir, meine Couſine hätte ihm die Verficherung gegeben, daß ſie es mit Klugheit angrei⸗ fen müſſe, um einen Entſchluß zu ändern, welcher ſchon ſeit ſo langer Zeit von ihrem Mann und ihr gefaßt worden, daß ſie aber hoffe, in einigen Tagen damit zu Stande zu kommen. Ich hatte weder meine Couſine noch meine Tante bemerken laſſen, in welchem Zuſtand ich mich befand, denn ich wünſchte dieſes Glück ſo lange, als immer möglich, allein zu genießen. Meine Tante fuhr fort, ſich über Herrn Secherin luſtig zu machen, und ſchien daneben meinen Gatten und Urſula ſehr aufmerkſam zu beobachten. Sie hielt gewiſſenhaft Wort, indem ſie nie wie⸗ der von einer Vergangenheit ſprach, welche in mir ſo peinvolle Erinnerungen hervorrief. Sie wußte ohne Zweifel, daß ich Entſchloſſenheit genug beſaß, meine Worte zur That zu machen und lieber Maran zu ver⸗ laſſen, als ihrer Bosheit zur Zielſcheibe zu dienen. Sie beſaß zu viel Verſtand und Scharfblick, um in Gontrans Benehmen nicht eine große Veränderung wahrzunehmen. Ehemals ſo froh, ſo heiter und lebhaft, war er jetzt nachdenklich, tiefſinnig und düſter gewor⸗ den, hin und wieder erſchien er ungeſtüm und unge⸗ Fs dann wieder gänzlich niedergedrückt und ein⸗ ilbig. Meine Beſorgniß ſteigerte ſich von Tag zu Tag. Ich fürchtete, wie ich es geahnt, daß ſein Hang für meine Couſine durch die Gleichgültigkeit, welche ſie ihm gegenüber affektirte, den Charakter heißer Leiden⸗ ſchaftlichkeit annehmen würde. Zu wiederholten Malen bemerkte ich in ſeinen Zügen jenes traurige, krampfhafte Lächeln wieder, welches ich nicht mehr wahrgenommen, ſeit er dem Einfluſſe Lugarto's entronnen. Mehrmals überraſchte ich ihn, wenn er mit 37 großen Schritten im Park auf⸗ und abging, einmal ſah ich ſogar, daß er geweint hatte. Selten ſprach er in harter Weiſe zu mir, ſondern behandelte mich oft mit auffallender Zärtlichkeit. Ach, aus dieſen Be⸗ weiſen ſeiner Güte edſah ich nun, wie ſehr er leiden mußte. Befand ſich Urſula mir und meinem Manne gegenüber, ſo erheuchelte ſie tollſte Laune, welche meinen Gatten nur noch trauriger machte. Sie ent⸗ faltete beinahe denſelben ſpöttiſchen Cynismus, welchen ſie in jenem Geſpräch mit Gontran an den Tag ge⸗ legt hatte; allein die Gegenwart ihres Mannes be⸗ rückſichtigend, ſchrieb ſie dieſe Empfindungen, anſtatt ſie als ihre eigenen zu bekennen, einem fingirten We⸗ ſen, ich weiß nicht was für einer Romanheldin zu, einem vollkommenen Teufel, deſſen Exiſtenz zu träumen, ihr großes Vergnügen machte. Ich muß geſtehen, Urſula ließ in dieſen Geſprächen einen großen Geiſtesreichthum durchſchimmern und zeigte ſich weit über Gontran erhaben. Was ich für ſie fühlte, war ſeltſam, unbeſchreiblich. Ich haßte ſie aus einem doppelten Grund, einmal, weil ſie ſich die Liebe meines Gatten zu erwerben gewußt, und dann, weil ſie ſo boshaft über die Qualen lachen konnte, welche ihn verzehrten. Hätte ſie ſich den Anſchein gegeben, Gontrans Leidenſchaſt zu theilen, ſo würde ich mich unſäglich un⸗ glücklich gefühlt haben, ohne Zweifel noch unglück⸗ licher, als jetzt, da ich ihn von ihr verſchmäht ſah, z es hätte mich vielleicht weniger in Schrecken ge⸗ Die fortwährende Ironie meiner Coufine zeigte nur zu deutlich, daß ſie gar Nichts fühlte, daß ſie Herrn von Lanery vollkommen beherrſchte und beſonders ſenen Einfluß auf ihn übte, welchen ich ſo ſehr fürchtete. 3 ⁵⁸ Einige Tage nach der Ankunft meiner Tante weckte mich am frühen Morgen das Raſſeln eines Wagens. Nachdem ich gelauſcht und kein Geräuſch mehr vernahm, glaubte ich mich getäuſcht zu haben und ſchlief wieder ein. Als Blondeau kam, fragte ich ſie, ob ſie Nichts gehört hätte. Sie hatte gleich mir einen Wagen fahren hören, und es ſei dies, ſagte ſie, ganz natürlich, da Herr Secherin dieſen Morgen ſchon um vier Uhr abgereiſt wäre. Mit Urſula? rief ich aus. „Nein, gnädige Frau,“ entgegnete Blondeau, „der Bediente des Herrn Secherin ſagte mir, ſein Herr ſei ſo früh abgereiſt, um noch vor Sonnenuntergang Saint Chamant zu erreichen, wohin ihn Geſchäfte riefen.“ In meiner Angſt ließ ich Urſula bitten, zu mir zu kommen. Sie kam bald. Ihr Mann iſt abgereiſt ohne Sie? fragte ich. „Mein Gott, mit welch' einer grimmigen Miene fragſt Du mich, liebe Mathilde! Was liegt denn ſo Außerordentliches in dieſer Abreiſe?“ Was Außerordentliches darin liegt? verſetzte ich, von ihrer Keckheit betroffen. k „Ganz gewiß, die Sache iſt ſehr einfach. Geſtern Abend, als wir auf unſer Zimmer gegangen, beſprach mein Mann nach ſeiner Gewohnheit ſeine Geſchäfte mit mir, und ſein Notizenbuch durchblätternd, fällt ihm plötzlich ein, daß in Saint Chamant einige Grund⸗ ſtücke verkauft werden, welche dicht an die unſrigen ränzen und die er ſchon lange gern erworben hätte. r hat Niemand eine Störung verurſachen wollen, weßwegen er ſich bei Tagesanbruch Pferde kommen ließ und mich bat, ihn bei Dir zu entſchuldigen. Er wird nur ganz kurze Zeit fortbleiben und bei dieſer Gelegenheit ſeine Güter beſichtigen, welche er in der Nähe von Saint Chamant beſitzt.“ Ich wurde ſehr zornig. Gewiß hatte Urſula dieſe Gelegenheit, wo ſie auf eine ſo natürliche Weiſe Ma⸗ ran verlaſſen konnte, abſichtlich unbenützt vorübergehen laſſen. Sie hatte alſo dennoch Abſichten auf Gontran. Mein Argwohn wurzelte immer tiefer. Ich hatte mir ſchon allzu lange meiner Couſine gegenüber allen möglichen Zwang angethan, um mich jetzt beherrſchen zu können. Ich hielt mich nicht mehr verpflichtet, es ihr zu verbergen, daß ich Zeuge ihrer ſii mit Gontran geweſen, und ſagte deß⸗ alb: Was für ein Intereſſe kann Sie denn hier noch zurückhalten, da Sie dieſe Gelegenheit nicht benützten, Maran zu verlaſſen? Ihrem Syſtem der Falſchheit treu bleibend, ließ Urſula ihre Maske noch nicht fallen und antwortete mir mit der Miene ſchmerzlichen Erſtaunens: „Aber noch einmak, Mathilde, was haſt Du denn? Ich weiß in der That nicht, was ich denken ſoll. Du redeſt mich mit Sie an, und ſprichſt von meiner Abreiſe in einer Weiſe, als ob mein Hierſein Dir läſtig wäre. Sag' mir, was ſoll das bedeuten?“ Das bedeutet, daß ich vor acht Tagen Ihre Unter⸗ haltung mit meinem Gatten mitangehört habe. Ja, ich befand mich in dem Alkoven neben dieſem Zimmer. Ich hatte meinem Gatten nicht verhehlt, daß mich ſeine Juvorkommenheit gegen Dich verdroß, und er verſprach mir, Dich zu bitten, daß Du Maran verlaſſeſt. Ich konnte nicht umhin, dieſe Worte mit einem gewiſſen triumphirenden Stolz auszuſprechen. Urſula zog ihre Brauen leicht zuſammen und lä⸗ chelte bitter. Dann ſagte ſie: „Dein Mann wußte alſo, daß Du Dich in dem Alkoven befändeſt?“ 60 Er wußte es. Verſtehen Sie mich jetzt? Begrei⸗ fen Sie meine Verwunderung, daß Sie Ihres Ver⸗ ſprechens ungeachtet noch hier bleiben, obſchon Herr Secherin abgereiſt iſt? „Nun gut, da Du einmal in dem Alkoven warſt, ſo bin ich, unter uns geſagt, hoch erfreut darüber, Mathilde; ich hoffe, Du wirſt mit mir zufrieden ein.“ Zufrieden? „Ganz gewiß. Du wareſt ja Zeuge, wie ich Dei⸗ nen treuloſen Böſewicht behandelte, ſo daß ihm gewiß die Luſt vergangen iſt, mich ferner zu beſtürmen. Habe ich mich nicht als Deine wahre Freundin erwieſen? Habe ich mich nicht in dem allerungünſtigſten Lichte gezeigt, um ſeine vorgebliche Neigung für mich in Widerwillen, ja vielleicht in Haß zu verwandeln?“ Und Sie glauben, mich eine ſolche Lüge glauben machen zu können? „Eine Lüge? Aber, mein Gott, Du warſt ja zu⸗ gegen, ſo erinnere Dich doch, wie geringſchätzig ich ihn behandelte. Du warſt alſo zugegen? Ei, wer hätte mir geſagt, daß ich ſo bald den Lohn für mein tugend⸗ haftes Benehmen empfangen würde! Sieh', Mathilde, ich vermag an einen ſo glücklichen Zufall, an eine ſolche Schickung der Vorſehung, wie ſich meine Schwie⸗ germutter ausdrücken würde, kaum zu glauben.“ Und ſie brach in ein lautes Gelächter aus. Diesmal wenigſtens war der ſpöttiſche Ton und die üble Laune meiner Cvuſine keine Heuchelei. Hören Sie mich an, Urſula, ſagte ich. Es iſt jetzt nicht Zeit zum Scherzen. Was ich Ihnen zu ſa⸗ gen habe, iſt ſehr ernſt, und wir werden uns wohl zum letzten Mal ſprechen. „Ich zweifle ſebr daran!“ rief Urfula aufbrauſend, „denn an mir iſt es, Rechenſchaft über die Unredlich⸗ keit in Ihrem und in Ihres Mannes Benehmen zu fordern.“ 61 Was wollen Sie damit ſagen?k „Daß Sie ſich verſteckt hielten, um ein Geſpräch zu belauſchen, welches ich unter vier Augen zu halten glaubte. Sie haben Mißbrauch mit meinem Vertrauen getrieben und mich zu Ihrem Spielzeug gemacht. Wiſ⸗ ſen Sie auch, daß es mir leicht beikommen könnte, deßhalb Rache zu nehmen?“ Ich ziehe dieſe ſtolzen Worte Ihrer ſüßlichen Me⸗ lancholie vor, Urſula, durch welche ich mich ohnehin zu lange täuſchen ließ. Ich weiß nun wenigſtens, daß ich in Ihnen eine Feindin beſitze. Wohlan, es ſei! „Ich war nie gewillt, Ihre Feindin zu ſein. Sie haben gegen mich unredlich gehandelt, und ich habe daher das Recht, mich varüber zu beklagen, und wie⸗ derhole Ihnen, daß leicht der Wunſch in mir entſtehen könnte, mich zu rächen; das iſt Alles.“ Wie, haben Sie denn nicht ſeit Ihrer Ankunft der Aufgabe nachgelebt, Unfrieden in dieſes Haus zu bringen? „Wie können Sie mir einen folchen Vorwurf ma⸗ chen? Kann ich es verhindern, daß Ihr Mann Gefallen an mir findet? Kann ich etwas Beſſeres thun, als ihn verſpotten, ihm jede Hoffnung rauben und ihm das Verſprechen geben, abzureiſen, da Sie und er es wünſchen?“ Warum ſind Sie denn dieſen Morgen nicht abge⸗ reiſt? War es nicht eine treffliche Veranlaſſung? Ich ſage es Ihnen offen, ſo Sie in Wahrheit die Abſicht hatten, meinem Manne jede Hoffnung zu nehmen, ſo würden Sie, anſtatt ihm ich weiß nicht was für ab⸗ ſcheuliche Gefühle vorzuſpiegeln, anſtatt ihm zu er⸗ klären: Ich liebe Sie nicht, allein einen An⸗ dern würde ich wohl lieben können — — ihm ganz einfach geſagt haben: Ich werde meine Pflichten nie verletzen, Ihre Frau iſt meine Freundin, meine Schweſter, nie werde ich weder ihr noch meinem Mann untreu werden. Dieſe Sprache wäre würdig und ehren⸗ werth geweſen, ſtatt deſſen haben Sie eine treulos be⸗ rechnete geführt. „Sie werden mir, hoff' ich, geſtatten, über die Schicklichkeit und den Sinn meiner Worte ſelber zu richten. Die Eiferſucht iſt eine ſehr ſchlechte Rath⸗ geberin und ich vermuthe, ſie verwirrt Ihnen einiger⸗ maßen den Kopf.“ Sie erleuchtet mich vielmehr, ſie erleuchtet mich! „Sie ſind viel zu ſehr bei dieſer Frage betheiligt, um ſie ruhigen Blutes beurtheilen zu können. Die Weiſe, in welcher ich mit Ihrem Manne ſprach, muß ihm jede Hoffnung benommen haben. Die Männer vertrauen unſern Grundſätzen nicht, allein ſie glauben unſerer Gleichgültigkeit.“ Ich ſetze keinen Zweifel in die Reichhaltigkeit Ih⸗ rer dießfälligen Erfahrungen, Urſula, allein es gibt ein untrügliches Mittel, jede Neigung zu vernichten, und dieſes Mittel heißt: Entfernung. „Wenn die Entfernung nicht vielmehr die Neigung verſtärkt.“ Alſo bleiben Sie aus Gleichgültigkeit gegen mei⸗ nen Mann hier? „Ich habe ihm ausdrücklich erklärt, daß ich faſt Widerwillen gegen ihn empfinde. Sie haben es ja ſelbſt mitangehört. Was wollen Sie noch mehr?“ Gut, zugegeben, mein Argwohn und meine Furcht ſei übertrieben, war es nicht Ihre Pflicht, meinen Lei⸗ den ein Ende zu machen, indem Sie Ihren Aufenthalt hier nicht mehr verlängerten? „Es iſt unmöglich, Jemand höflicher aus dem Hauſe zu weiſen. Ich werde mir jedoch erlauben, Ihnen einige Einwürfe zu machen. Sie werden ein⸗ ſehen, daß nach dem Verſprechen, welches ich Ihrem Manne gab, mich nur ſehr ernſte Beweggründe ver⸗ konnten, meinen Mann allein abreiſen zu aſſen.“ Und iſt es denn nicht der Friede, die Ruhe mei⸗ 63 n Lbens⸗ welche Sie auf ſo abſcheuliche Weiſe tören? „Ich freue mich ſehr darüber, Mathilde, daß Sie ſo viel an ſich ſelbſt denkenz Sie werden es daher nicht ſonderbar finden, wenn ich meinerſeits auch ein wenig an mich denke. Schon zweimal habe ich meinem Manne indirekte von unſerer Abreiſe vorgeſprochen, er gerieth aber darüber in ein ſolches Erſtaunen, daß ich beſorgen muß, er würde ſich dieſen ſchnellen Wech⸗ ſei meiner Pläne nicht erklären können und es möchten ſich daher leicht Zweifel in ſeinem Kopfe erheben. Er könnte entweder auf den Gedanken kommen, ich wolle aus freiem Antrieb Ihren Mann fliehen, weil ich be⸗ ſorgte, ſeine Neigung erwidern zu müſſen, oder er könnte errathen, daß Ihre Eiferſucht meine Abreiſe veranlaßte. Es würden ſich alſo, wie Sie wohl ein⸗ ſehen, ſo oder ſo Zweifel in ſeiner Seele erheben, ſein Vertrauen auf mich müßte einen Stoß erleiden, und ich geſtehe es, ich wünſche nicht weniger, als Sie, ruhig zu leben.“ uUrſula, Urſula, nehmen Sie ſich in Acht! Sie können ſich bloß über mich luſtig machen wollen, wenn Sie ſolche Gründe gegen mich auszuſprechen wagen. „Jür mich ſind es ſehr triftige Gründe, das ſchwöre ich Ihnen. Ich habe die ganze Berevtſamkeit der Wahrheit aufwenden müſſen, um zu verhüten, daß mein Mann den Viſionen ſeiner Mutter Bezugs Cho⸗ pinelle's Glauben ſchenke, und ich habe durchaus kein Verlangen nach weiteren Auftritten dieſer Art.“ Trotz meiner Gefühle gegen Sie, rief ich aus, würde ich dennoch nicht gewagt haben, auf Ihr da⸗ maliges Benehmen anzuſpielen, da Sie aber, ohne zu erröthen, ſelbſt davon zu reden anfangen, darf ich Ih⸗ nen offen geſtehen, daß gerade deßhalb, weil ich Sie eines nicht zu entſchuldigenden Fehltritts überwieſen weiß, ich auch das Recht habe, um ſo lebhafterem Argwohn Raum zu geben und um ſo mehr zu fürch⸗ 6⁴ ten, wenn es ſich um eiuen Mann, wie Herr von Lanery, handelt. „Mathilde!“ Eben weil ich Zeuge von dem zu Rouvray Vor⸗ gefallenen war, habe ich die Ahnung, habe ich die Ge⸗ wißheit, daß ſich hinter Ihrer ſcheinbaren Gleichgül⸗ iit gegen meinen Mann irgend eine geheime Abſicht verbirgt. Urſula zuckte verächtlich die Schultern und ſagte: „Mein Gott, ich weiß recht gut, daß Sie den albernen Grillen meiner Schwiegermutter Glauben ſchenkten, aber warum das Alles noch einmal wieder⸗ käuen 2 Sie hatten damals eine prächtige Gelegenheit, mich anzuklagen, als ſich meine Unſchuld auf Ihr Zeug⸗ niß berief.“ Urſula, wagen Sie es, ſo mit mir zu ſprechen, da nur das Mitleid, nur eine großmüthige Erinnerung an unſere ehemalige Freundſchaft mir damals Still⸗ ſchweigen auferlegte? Ach, Ihre Schwiegermutter hat es mir wohl geſagt: Mögen Sie es nie bereuen, die⸗ ſer ſtrafbaren Frau hülfreich die Hand geboten zu haben! — Doch laſſen wir die Vergangenheit. — Zum letzten Mal bitte ich Sie, und muß es ſein, ſo ſlehe ich Sie an, verlängern Sie Ihren Aufenthalt in unſerem Hauſe nicht, Bitte, reiſen Sie Ihrem Manne nach! Iſt Gontran Ihnen wirklich ſo gleichgültig, wie Sie es mir verſichern, was kann Sie dann hier zu⸗ rückhalten? Ihr Charakter iſt von der Art, daß Sie ſich überall glücklich fühlen können. Ich habe Ihnen nie ein Leid zugefügt, weßhalb alſo ſo hartnäckig dar⸗ auf beſtehen, mich noch ferner zu quälen? „Ich würde untröſtlich ſein, wenn i Ihnen Pein verurſachte, aber ich ſage es Ihnen no einmal, i kann nicht wegen eines bloßen Gedankens, um einer Ihrer Launen willen einen ſo wahnſinnigen Schritt wagen, welcher meine ganze Zukunft compromittiren X 65 würde,“ erwiderte Urſula mit unerſchütterlicher Kalt⸗ blütigkeit. Gut, ich glaube aber, ſagte ich, meine Bewegung bemeiſternd, daß Sie ſich in jedem Fall verrechnen. Sie wollen alſo die Rückkehr Ihres Mannes ab⸗ warten? „Ich wünſche es.“ Gut. Mit Recht oder Unrecht, ich bin auf Sie eiferſüchtig. „Mit Unrecht, mit großem Unrecht!“ Ich gebe es zu, allein ich bin nun einmal eifer⸗ ſüchtig und Ihre Weigerung, ſich von hier zu entfer⸗ nen, verſtärkt meine Eiferſucht noch. Die Rückkehr des Herrn Secherin wird meine innere Aufregung nicht beſänftigen. Ich werde ihm zwar die Urſache derſel⸗ ben zu verbergen ſuchen, allein er wird ſie endlich dennoch errathen. Seit jener Jagdpartie habe ich meine ganze Kraft zuſammennehmen müſſen, um ihn nicht in mein Geheimniß blicken zu laſſen, und er würde es trotzdem entdeckt haben, wäre er nicht ſo gränzenlos zerſtreut. Sie ſollten, denk' ich, daher ein⸗ ſehen, daß Sie bei Ihrer Weigerung, uns zu verlaſſen, einer größern Gefahr entgegengehen, als die iſt, welche Sie fürchten. „Und was könnte ich denn thun? Sollte Ihr Benehmen mich zu Grunde richten, ſo muß ich mich eben in mein Schickſal ergeben, allein ich werde weder ſo albern noch ſo verrückt ſein, mich ſelbſt zu Grunde zu richten.“ 3 doch, Urſula; nehmen Sie ſich wohl in „Sie drohen mir? Und womit?“ Ich drohe Ihnen nicht, allein ich deute Ihnen an, daß mein Glück, meine Zukunft, mein Leben auf dem Spiele ſteht, daß ich mich mit allen Kräften zum Kampfe rüſten, zu Allem fähig ſein werde, um mir das zu erhalten, was Sie vielleicht erobern wollen. Mathilde. 1v. 5 durch den gewichtigen Schwur ſeiner Mutter nicht 66 „Wie, Sie ſollten einer niederträchtigen Denun⸗ ciation fähig ſein? Ich glanbe es nicht, traue es Ih⸗ nen nicht zu.“ Sie haben Recht, wenn Sie mir Solches nicht zutrauen, Sie wiſſen, daß ich dergleichen nicht fähig bin. Allein ich kann, ohne niederträchtig zu ſein, an die Güte Ihres Mannes appelliren, kann ihm meine Furcht geſtehen, ihm bekennen, daß ſie thöricht, unſin⸗ nig iſt, aber daß ſie mir eine namenloſe Pein verur⸗ ſacht. Das wird Sie keineswegs bloßſtellen, es wird höchſtens einigen Argwohn in Herrn Secherin erwecken. Aber dieß haben Sie dann ja ſelbſt verſchuldet. „Dann werde ich mich zu vertheidigen oder zu rächen wiſſen.“ Hören Sie mich wohl an, Urſula. Jch ſchwöre Ihnen bei dem Andenken meiner Mutter, daß ich nicht zaudern werde, zum Aeußerſten zu ſchreiten, es mag ſo fürchterlich ſein, als es immer will. Eine geheime Ahnung ſagt mir, daß es ſich in dieſem Augenblick um eine der entſcheidenſten Fragen meines Lebens handelt, ich ſage Ihnen zudem, daß mit meinem Charak⸗ ter eine große Veränderung vorgegangen iſt. Er wurde ebenſo feſt und entſchloſſen, als er früher ſchwach und furchtſam war. Treiben Sie mich nicht zum Aeußer⸗ ſien. Ich verlange ja Nichts, was nicht möglich, nicht ausführbar wäre. „Darüber kann ich, wie ich glaube, allein ent⸗ ſcheiden, denn ich kenne meinen Mann beſſer, als Sie ihn kennen.“ Sie übertreiben ſeine Empfänglichkeit abſichtlich. Ich habe wohl bemerkt, welchen Einfluß Sie auf ihn üben. Sie werden mir doch wohl nicht den Glauben beibringen wollen, daß der Mann, welcher blindes Vertrauen genug beſitzt, um Ihre Fabel Betreffs des Sn Briefes des Herrn Chopinelle für wahr halten, daß der Mann, der in ſeinem Glauben —— ſchüttert wurde, daß dieſer Mann, der nur Sie und durch Sie ſieht, den mindeſten Argwohn faſſen wird, wenn Sie ihn aufſuchen und ſagen, Sie empfänden Langweile, ſobald Sie von ihm entfernt ſeien. 6 „Er würde hierin nur eine lächerliche Uebertreibung ehen.“ Es wäre dieß nur eine jener Uebertreibungen, welche hingebende und großmüthige Herzen, wie das ſeine, um ſo eher für möglich halten, da ſie ſelbſt fä⸗ hig ſind, ſie zu empfinden. Ihre geringſten Wünſche ſind ihm Befehle und ſprächen Sie z. B. den Wunſch aus, nach Italien zu reiſen, er würde ihn für wahr balten und ſich beeilen, ihn zur Ausführung zu bringen. „Ich danke Ihnen tauſendmal für die gute Mei⸗ nung, welche Sie von meiner Geſchicklichkeit und mei⸗ nem Erxfolg hegen, allein unglücklicherweiſe glaube ich, Sie ſchlagen dieſelben zu hoch an. Doch beruhigen Sie ſich, ſowie mein Mann zurückgekehrt ſein wird, werde ich nur noch ſo lange verweilen, als hinreichend iſt, meine Abreiſe auf natürliche Weiſe bewerkſtelligen zu können. Bis dahin bitte ich Sie, nicht weiter in mich zu dringen und mir Ihre Gaſtfreundſchaft zu ge⸗ währen.“ Aber das iſt ja infam! rief ich voll Entrüſtung aus; es wird alſo von Ihrem Gefallen abhängen, mich verzweifeln zu laſſen oder nicht. „Nehmen Sie Vernunft an, vergeſſen Sie Ihren unſinnigen Argwohn. Dieſe Trugbilder werden er⸗ löſchen und Ruhe wird in Ihr Herz zurückkehren.“ Das heißt ſoviel, als: Vergeſſen Sie den Schmerz und Sie werden nicht mehr leiden. „Glauben Sie mir, Mathilde, Nichts kann mir unangenehmer ſein, als dieſer Streit, und Nun gut, unterbrach ich meine Couſine, weil Sie einen Kampf begehren, ſo nehme ich den Handſchuh auf. Alle Mittel ſind Ihnen recht, um mich in dem, was mir das Theuerſte iſt, zu verletzen, aile Mittet werden daher auch mir recht ſein, um mich zu verthei⸗ digen. Ihre vorgebliche Gleichgültigkeit gegen meinen Mann iſt nur ein Mittel der ſchlaueſten Koketterie, welche mich nicht täuſchen kann. Sie wollen ihm ge⸗ fallen, gut, ich werde Sie in ſeinen Augen herabzu⸗ ſetzen wiſſen. Ich habe ihm bis jetzt Ihr ſchmachvolles Abenteuer zu Rouvray verſchwiegen, jetzt aber werde ich mich der Schonung entſchlagen. So er mich auch nur einen Augenblick um Ihrer willen vergeſſen ſollte, mich, die ihm ſo viele Beweiſe von Liebe und Hin⸗ gebung gegeben, dänn mag er einen Vergleich anſtellen und ſehen, was für einer Frau er mich opfert. „Mathilde, Mathilde! Sehen Sie ſich Ihrerſeits vor!“ rief Urſula und ihre Augen warfen mir zornige Blitze zu; „ſehen Sie ſich wohl vor, was Sie ſagen. In meinem Leben würde ich Ihnen dieſe Verleumdung nie verzeihen. Verſtehen Sie mich? Machen Sie mich nicht raſend!“ Ich wußte es wohl, ſagte ich, mein Mann iſt Ihnen keineswegs gleichgültig, da Sie fürchten, er könnte dieſes Ihr Abenteuer erfahren. „Ich wünſche die Achtung Ihres Gatten, wie die eines jeden Ehrenmannes, und es iſt abſcheulich voh Ihnen, mir dieſelbe rauben zu wollen,“ rief Urſula mit der Betonung beleidigter Würde. Sie wünſchen ſeine Achtung und dennoch haben Sie ſich nicht geſcheut, ihm gegenüber die frechſten Grundfätze preiszugeben! Und dennoch ſchrecken Sie nicht davor zurück, die heiligſten Gefühle, die es im Leben gibt, ihm gegenüber laut zu verhöhnen! Nein, nein, ich überzeuge mich immer mehr von Ihrer Nei⸗ gung für ihn. Ihre angeborene Schlauheit ſagte Ihnen, daß Sie, unfähig, durch edle und erhabene Eigenſchaften ſein Wohlgefallen zu erlangen, ſeine Phantaſie bloß durch irgend eine ſonderbare und wun⸗ derliche Aufregung reizen könnten. Allein ſobald er hören wird, daß dieſe ſchlau berechnete Taktik keinen 69 andern Zweck hat, als den, ihm ein Herz zuzuwenden, welches Herr Chopinelle bereits ganz und gar be⸗ ſeſſen — „Mathilde! nehmen Sie ſich wohl in Acht, treiben Sie mich nicht zum Aeußerſten!“ O, ſeit ich Sie kenne, fürchte ich Sie nicht mehr. Meine Zweifel Betreffs Ihrer allein konnten mir ge⸗ fährlich ſein, allein dieſe find zum Glück verſchwunden. „Nun wohlan,“ rief meine Couſine, mir fürder die feindſeligen Gefühle, welche ihren Buſen durch⸗ wühlten, nicht mehr verbergend; „da Ihre Zweifel verſchwunden ſind, da Sie mich kennen, da Sie mich beleidigen, ſo brauche ich auch keine Rückſichten mehr gegen Sie zu nehmen. Es hat mich Zwang genug gekoſtet, ſo lange gegen Sie mich zu verſtellen. Sie haben mich entlarvt, ſagen Sie, wohlan, ſo blicken Sie mir ins Angeſicht!“ Ich ſchrack vor dem kühnen und boshaften Aus⸗ druck zurück, welchen Urſula's Züge plötzlich ange⸗ nommen. Sie fuhr fort: „Seit einer Reihe von Jahren iſt dieſe Maske mir hochſt läſtig geweſen.“ Seit einer Reihe von Jahren? Was wollen Sie damit ſagen? „Ei, überraſcht Sie das? Sie ſahen in mir eine ergebene Freundin, eine Schweſter, eine offenherzige und unverdorbene Frau.“ Und ſie zuckte die Schultern, als ſie ſo ſprach. Mein Gott! Mein Gott! „Aber haben Sie denn Alles vergeſſen, was ich um Ihrer willen ſeit Ihrer Kindheit habe keiden müſſen?“ Um meiner willen? Um meiner willen? „Ja, um Ihrer willen, Mathilde. Sie halten mich alſo für ſehr unempfindlich, für ſehr gefühllos oder für ſehr dumm, daß Sie glauben „ich hätte un⸗ ſere Jugend vergeſſen? Sie ahnen alſo nicht, wie viel Haß und Neid ſich in meinem erbitterten Herzen gegen Sie angehäuft hat, ſeitdem ein unglücklicher Zu⸗ fall uns zuſammen führte?“ Und ich, o wie habe ich dieſen Tag geſegnet, im Glauben, er würde mir eine Schweſter zuführen! „Verwünſchen hätten Sie ihn ſollen, denn damals gab er Ihnen ein Opfer, ſpäter eine Feindin.“ Ein Opfer! Eine Feindin! Großer Gott, was that ich Ihnen denn? „Geſchah es nicht um Ihrer willen? War es nicht Ihr Hochmuth, welchem ich täglich geopfert wurde? So haben Sie alſo ganz und gar vergeſſen, daß ich Ihrer wegen bei jeder Gelegenheit gedemüthigt, ver⸗ letzt und zurückgeſetzt wurde? Nein, es gibt keine Qual der Selbſtliebe, welcher man mich nicht unter⸗ worfen hätte, indem man mich fortwährend mit Ihnen verglich. Als Kind war meine Erziehung nur eine Wohlthat, welche ich Ihrer Mildthätigkeit zu danken hatte. Gab man mir irgend ein elegantes Kleidungs⸗ ſtück, ſo geſchah es als ein Almoſen, das man mir auf Ihre Koſten zuwarf. Und das war noch nicht Al⸗ les. Für Sie gab es immer und überall nur Lobes⸗ erhebungen, Schmeicheleien und Belohnungen, für mich dagegen nur Vorwürfe, Strafen und rauhe Worte. Und Sie glauben, ich, ich hätte das Alles vergeſſen können? Sie wiſſen nicht, daß ſolche Wunden nie ver⸗ narben? Und Sie glauben noch, es ſtehe Ihnen das Recht zu, mir einen Fehltritt vorzuwerfen und mich zu bedrohen?“ O, Gott, Gott! rief ich aus, mein Geſicht in die Hände bergend, die teufliſche Ahnung des Fräuleins von Maran hat ſie nicht betrogen; ſie wußte recht wohl, in was für eine Seele ſie den Neid pflanzte! „Was geht mich das an?“ verſetzte Urſula mit erneuerter Heftigkeit, „was geht mich die Hand an, welche mich geſchlagen? Ich denke nur an den Schlag, den ich erhalten. Habe ich nicht immer und um ſo mehr leiden müſſen, weil man mich beugte, um Sie zu erheben? Als Kind wurden mir Strafen, als Mäd⸗ chen Verachtung — das war mein Schickſal an Ihrer Seite. War von unſerer Verheiratung die Rede, ſo ſollten Sie die glänzendſte Partie beanſprachen dürfen, ich aber mich glücklich fühlen, irgend einen armen und gewöhnlichen Mann chelichen zu dürfen. Sie waren ſo reich, Sie waren ſo ſchön, Sie beſaßen ſo piele anbetungswürdige Eigenſchaften, während ich arm, ein⸗ fältig und Alſes deſſen beraubt war, was man an Ihnen entzückend fand. Uebrigens traf auch ein, was man uns vorausgeſagt. Sie haben einen vornehmen, geiſtvollen und reizenden Mann geheiratet, ich einen und lächerlichen Menſchen heiraten müſſen. O nie, nie werde ich vergeſſen, was ich damals em⸗ pfand, als man in Ihrer Gegenwart ſich über den Mamn luſtig machte, deſſen Namen ich mit Erröthen trug; während Sie mit freudeſtralenden Augen ihren ſchönen Bräutigam anſahen. O, dieſer Vergleich war der letzte, ſchreckliche Schlag, welcher mich treffen konnte. Wie immer, mußte ich auch damals dem gränzen⸗ loſen Glücke geopfert werden, vermittelſt deſſen Sie mich ſchon ſo lange zu Boden drückten.“ Aber das iſt ſchändlich! rief ich. Wiſſen Sie denn nicht, daß mir die Abſcheulichkeiten meiner Tante ganz fremd waren? Erinnern Sie ſich nicht mehr, daß ich mich in unſerer Kinderzeit oft beſtrafen ließ, nur um die Ihnen auferlegten Strafen zu theilen? Bedenken Sie doch, daß es ſpäter ebenfalls nicht meine Schuld war, daß Sie keine Heirat nach Ihrer Wahl ein⸗ gingen. „Sie haben mir die Hälfte Ihres Vermögens an⸗ geboten, wollen Sie mir ſagen? Habe ich es ange⸗ nommen? Wer ſagt Ihnen denn, daß ich weniger Stolz beſitze, als Sie ſelbſt? Wer ſagt Ihnen, daß die fort⸗ währenden Beweiſe von Theilnahme und Großmuth, welche Sie mir gaben, mich nicht noch mehr ver⸗ bitterten?“ Sie haben mich alſo ſtets gehaßt? Die mir von Ihnen gewordenen Freundſchaftsverſicherungen waren alſo ebenſo viele Lügen und Läſterungen? Wie, ſeit unſerer Kindheit ſchon hat dieſer grimmige Haß Ihr Herz verzehrt? Wie, Sie haben ihn bis jetzt ver⸗ bergen können? Nichts hat Sie gerührt, weder meine ſchweſterliche Liebe noch der Haß, womit Fräulein von Maran mich verfolgte? Wie, Sie mit Ihrem Geiſte hätten Fräulein von Maran nicht zu durchſchauen ver⸗ mocht, hätten nicht errathen ſollen, daß durch die De⸗ müthigungen, welchen man Sie meiner wegen aus⸗ ſetzte, nur Ihre Eiferſucht, Ihr Neid geweckt werden ſollte, Sie zu meiner unverſöhnlichen Feindin gemacht werden ſollten? Ach, Urſula, Urſula, ſo meine Tante Sie hörte, wie groß müßte ihr Triumph ſein, daß Sie als ein ſo blindes Werkzeug ihrem Haſſe dienen! „Ei, mein Gott, klagen Sie doch Fräulein von Maran nicht allzu hart an,“ rief Urſula ungeduldig. „Sie hat gewiß das Gefühl des Neides, welches ich in meiner Bruſt trug, ſich entwickeln laſſen, denn ich bin ebenſo eiferſüchtig und neidiſch von Natur, als Sie bieder und großmüthig. Hätten Sie meine Stelle eingenommen und ich die Ihrige, alle boshaften Be⸗ rechnungen des Fräuleins von Maran würden nie ver⸗ mocht haben, ein Gefühl des Neides und der Mißgunſt in Ihnen gegen mich zu erwecken.“ Aber, da Sie anerkennen, daß ich bieder und groß⸗ müthig, warum haſſen Sie mich denn? Was that ich Ihnen zu Leide? „Gerade darum, weil Sie bieder und großmüthig ſind, haſſe ich Sie. Ich haſſe Sie, weil ich um Ihrer willen ſtets gedemüthigt ward, ich haſſe Sie, weil Sie all das Glück beſitzen, um das ich Sie beneide, ich haſſe Sie, weil ich vor Ihnen erröthen mußte. Wir ſind allein, ich kann es ungeſtraft ſagen; was meine 73 Wuth gegen Sie auf die höchſte Spitze getrieben hat, iſt eben der Umſtand, daß Sie von jenem lächerlichen Verhältniß Kenntniß erhielten, daß ich mich in Ihrer Gegenwart der tiefſten Verachtung preisgegeben ſah, mit welcher meine Schwiegermutter mich behandelte.“ Aber Sie müſſen doch eingeſtehen, daß jenes Ver⸗ hältniß ſtatt hatte, daß Sie dieſe Verachtung ver⸗ dienten. „Das iſt's ja eben, was mich verbittert!“ Aber — „Aber, ich will mich nicht beſſer machen, als ich bin, ich ſtreite nicht, ſage nicht, daß ich das Recht habe, ſo zu fühlen, ich ſage nur, daß ich ſo fühle. Der Zufall wollte, daß ich durch Sie oder um Ihrer willen gerade an den reizbarſten Stellen meines Her⸗ zens verwundet wurde — ich halte mich dafür an Sie, ich haſſe Sie! Es iſt dies vielleicht unlogiſch, aber es iſt einmal ſo. O, der Kummer und das Alleinſein, Mathilde, entwickeln in uns den Scharfſinn wunderbar. Vor Allem verdanke ich den grauſamen Lehrern die Kunſt, mich zu verſtellen und ruhig meine Zeit abzuwarten. Ich wurde Ihrer wegen gedemüthigt, was konnte ich gegen Sie unternehmen? Nichts. Ich geduldete mich, ich beobachtete. Das übermäßige Lob, womit man Sie überhäufte, erweckten in mir das brennende Verlangen, die rühmlichen Eigenſchaften, welche mir abgingen und die man an Ihnen bewun⸗ derte, durch die Kunſt, durch erheuchelte Grazie, durch die ſtudirteſte Koketterie zu erſetzen. Mit meinem fünf⸗ zehnten Jahre bemerkte ich, daß Sie ſchön, ſchöner, als ich, wären, und da ich mich in Bezug auſ Schön⸗ heit nicht mit Ihnen meſſen konnte, ſo gelobte ich mir, dieſe eines Tages durch den hinreißenden Ausdruck mei⸗ ner Züge zu erſetzen. Ihre Schönheit war blendend und engelhaft, ich meinerſeits wollte herausforderno, verführeriſch ſein. Aber der Augenblick war noch nicht gekommen. Eines Tages weintt ich vor Wuth, als 74 ich der glänzenden Zukunft dachte, welche Ihrer harrie, und mich des traurigen Schickſals erinnerte, dem ich entgegenging. Zufällig blickte ich in dieſem Augen⸗ blick in den Spiegel und ſah, daß mich Thränen faſt ebenſo gut kleideten, wie ausgelaſſenes Lachen. Ich entſchloß mich daher, einſtweilen traurig, ſchwermüthig, empfindſam zu werden. Sie waren reich, ich war arm; man überhäufte Sie mit Schmeicheleien, mich behan⸗ delte man mit Gleichgültigkeit und Geringſchätzung. Nichts ſchien natürlicher und intereſſanter, als meine Rolle eines ergebenen Opfers. Ich verheiratete mich und Sie ſich gleichfalls. Sie waren zu jeder Wahl berechtigt und wählten einen liebenswürdigen Mann. Das Glück iſt Ihnen bis in Ihre Ehe gefolgt. Schön, reich, jung, vornehm, genießen Sie eines mackelloſen Rufes, ſind der Abgott der Welt, welche nicht genug Ihre Schönheit bewundern, Ihre Tugend nicht genug preiſen kann. Sie können keinen Wunſch ausſprechen, der nicht ſogleich erfüllt würde. Das iſt Ihr Leben. Iſt das nicht Glück genug?“ — fügte ſie mit einem Jusdruck von Zorn und Reid bei, der mich deutlich überzeugte, daß ſie mich wirklich für die glücklichſte der Frauen hielt. . Einen Angenblick lang war ich im Begriff, Sie zu enttäuſchen, ſie auf dieſe Weiſe zu entwaffnen. Ich wollte ihr die Angſt ſchildern, durch welche ich ſchon in den erſten Monaten meiner Ehe gedrückt wurde, die Ver⸗ leumdungen, deren Opfer ich geweſen; allein dieſe Ge⸗ ſtändniſſe erſchienen mir als eine Feigheit und ich be⸗ gnügte mich, ſie einfach zu fragen: Sie halten mich alſo für ſehr glücklich, da Sie mich ſo ſehr haſſen? „Allerdings, wenn ich Ihr Leben mit dem meini⸗ gen vergleiche, ſo beneide ich Sie und fühle mich ziedergebeugt. Warum ſoll dieſe Verſchiedenheit zwi⸗ ſchen uns ſtattfinden? Warum ſoll es keinen Vorzug geben, deſſen Sie nicht genießen? Warum nicht eine 7⁵ Eigenſchaft, eine Tugend, welche man nicht an Ihnen bewundert? Ich hatte es wohl vorhergeſehen und Ihre Tante hat es mir ſeit Ihrer Ankunft unabläßig in die Ohren geſchrieen: in Paris, in Ihren Kreiſen kennt man nür Sie, ſchwört nur bei Ihnen. Sie ſind die geachtetſte und doch zugleich die gefeiertſte und geſuch⸗ keſte Frau. Man erwähnt Ihrer allenthalben als eines Muſters von Grazie und Eleganz und wirft Ihnen nicht eine Schwäche, nicht eine Koketterie vor. Und dies ſagt man in der ſpottſüchtigſten Welt, in einer Welt, die am ſchwierigſten zu gewinnen iſt, während ich in der Provinz, an der Seite eines obskuren Kauf⸗ manns lebe, welchen ich nur dadurch beherrſchen kann, daß ich in mein Benehmen einen Theil ſeiner Gemein⸗ heit aufnehme, wogegen ſich doch mein Geſchmack und meine früheren Lebensgewohnheiten empören. Und dies iſt noch lange nicht Alles. Sie mußten auch noch Zeuge aller ſchmählichen Plagen meiner an und für ſich ſchon ſo grauſamen Exiſtenz werden. Seit Ihrer Anweſen⸗ heit in unſerem Hauſe mußten meine Schwiegermutter und mein Mann nicht müde werden, Ihr Lob zu po⸗ ſaunen und mich mit Lobpreiſungen Ihrer Perſon be⸗ täuben, wie es früher Fräulein von Maran that. O, Sie ſind eine unvergleichliche Frau! Es mag ſein, al⸗ lein vielleicht bietet Ihr unverſchämtes Glück doch auch eine verwundbare Seite dar.“ Meine Couſine war vor Zorn und Neid ſo ganz befangen, daß ſie meine Beſtürzung nicht be⸗ merkte. Als ich ſie in der angeführten Weiſe über mein unverſchämtes Glück reden hörte, vermochte ich mir erſt die Worte meiner Tante zu erklären, welche wieder⸗ holt zu mir geſagt hatte: Ich bleibe unſerem Ueber⸗ einkommen treu, ich ſage kein Wort von all den Ab⸗ ſcheulichkeiten Lugarto's zu Ihrer Coufine, ich rufe ihr im Gegentheil ſtets ins Gedächtniß zurück, daß ſie ſtets die glücklichſte der Frauen geweſen, daß Ihr Geſchick allgemein beneidet wird und daß die gute wie die ſchlimme Welt nur das eine Gefühl der Verehrung für Sie hegt. ZJetzt machte es mich nicht mehr erſtaunen. Fräu⸗ lein von Maran hatte nur die Eiferſucht meiner Cou⸗ ſine ſtacheln wollen, indem ſie ihr mein Leben als in eben dem Maße reizend und lachend ſchilderte, wie es von geheimem Kummer verzehrt wurde. Als ich meine Couſine in einer ſo gereizten Stim⸗ mung ſah, in welche ſie nur das Glück, das ſie bei mir vorausſetzte, gebracht hatte, konnte ich mir eine deutliche Vorſtellung von der Freude machen, welche ſie hätte empfinden müſſen, wäre meine traurige Lage ihr plötzlich klar geworden, und dieſen Triumph wollte ich ihr um keinen Preis gewähren. Alſo, ſagt' ich, das iſt die geheime Triebfeder Ihres Haſſes? Sie bekennen denſelben doch wenigſtens. Und was haben Sie in dieſem Augenblick für Pläne geſchmiedet? Wollen Sie mich meines Gatten berauben? Soll hierin Ihre Rache beſtehen? „Wie wir jetzt mit einander ſtehen,“ erwiederte Urſula ungeſtüm auffahrend, „werden Sie, glaube ich, nicht darauf rechnen, daß ich Sie zur Vertrauten mei⸗ ner Pläne mache.“ Da es nicht ſehr ſchwierig, dieſe zu errathen, rief ich aus, ſo will ich Ihnen jetzt meinen unwiderruflichen Entſchluß mittheilen. Ich werde ſogleich an Ihren Mann ſchreiben und ihn bitten, ſo ſchnell, als mög⸗ lich, zurückzukehren. Kommt er, ſo werde ich ihm meinen Argwohn vertrauen, will ihm aber zugleich geſtehen, daß derſelbe vielleicht unſinnig iſt, und werde ihn an⸗ flehen, Sie mit ſich zu nehmen. Sie werden von nun an meine gefährlichſte Feindin ſein und ich ſehe mich zu keinen Rückſichten mehr gegen Sie veranlaßt. Ich werde daher meinem Gatten auch Alles mittheilen, was in Rouvray zwiſchen Ihnen und Herrn Chopinelle vor⸗ gefallen iſt. 77 „Sie wollen Krieg, Mathilde? Wohlan, ſo ſei Krieg! Alle Mittel ſind gut, wenn ſie nur zum Ziele führen. Ich hoffe das bald beweiſen zu können.“ Mit dieſen Worten ging Urſula weg. Fünftes Kapitel. Rückkehr. Nach Urſula's Weggehen war mein erſter Gedanke, meinen Gatten aufzuſuchen, um ihm meine Unter⸗ redung mit meiner Couſine mitzuthéilen. Zum Unglück war Gontran ſchon am frühen Mor⸗ gen auf die Jagd ausgezogen. Ich ertheilte Blondean den Befehl, mich ſogleich von ſeiner Rückkehr zu unterrichten. Indeſſen war die Stunde des Frühſtücks gekommen, Gontran aber noch nicht. Fräulein von Maran befand ſich bereits in dem Salon, als ich denſelben betrat. Sie fragte nach mei⸗ ner Couſine und ich antwortete, daß dieſe ſich höchſt wahrſcheinlich auf ihrem Zimmer befinden werde. Man ſuchte ſie dort, fand ſie aber nicht. Der Morgen war ziemlich heiter, ich vermuthete, ſie hätte einen Spaziergang im Park gemacht. Man läutete daher zum zweiten Mal, allein ſie kam nicht. Plötzlich kam mir der Gedanke, ſie ſei vielleicht meinem Manne nachgegangen, um ihn aufzuſuchen. Allein man ſagte mir ja, daß Gontran mit einem Jäger und ſeinen Hunden weggeritten ſei, um im Sumpfe zu jagen. Dies beruhigte mich wieder, ich ſetzte mich mit meiner Tante allein zu Tiſch und dieſe erſparte mir 78 ihre boshaften Bemerkungen über Gontrans und Urſu⸗ la's Abweſenheit keineswegs. Meine eigenen Gedanken beſchäftigten mich in ſo hohem Grade, daß dieſe heimtückiſchen Andeutungen, welche unter andern Umſtänden mir höchſt peinlich ge⸗ weſen ſein würden, mich damals faſt ganz gleichgültig ließen. Als wir uns vom Tiſch erhoben, ſchützte ich, um auf mein Zimmer gehen zu können, vor, noch einige Briefe ſchreiben zu müſſen, bevor der Courrier an⸗ 2 und ließ meine Tante mit ihrem Strickzeug allein Es ſchlug zwei Uhr und weder Gontran noch Ur⸗ ſula waren heimgekehrt. Ich ließ Blondeau rufen und bat ſie, ſich bei dem Zunſenbchen meiner Couſine zu erkundigen, ob ſie von ihrer Herrin vielleicht einige Befehle empfangen hätte. Blondeau kam ſogleich zurück und ſagte mir, Ma⸗ dame Secherin hätte ſich ein Buch aus der Bibliothek geholt und ſei ſpazieren gegangen. Ich durchlief den Park nach allen Richtungen, fand aber Urſula nirgends. Eine kleine Pforte, welche in den Wald hinaus⸗ führte, ſtand offen. Durch dieſe mußte Urſula den Park verlaſſen haben. Vielleicht hatte ſie am vorigen Tage mit Gonkran eine Zuſammenkunft verabredet. Dieſer Gedanke erſchreckte mich, denn es war mir Alles daran gelegen, meiner Coufine mit einem Ge⸗ i mit Gontran zuvorzukommen. Verzweiflung im Herzen kehrte ich ins Schloß zurü Meine Tante ſagte mir, Urſula's Abweſenheit fange an, ihr ernſtliche Unruhe zu machen, ich möchte daher einige Leute in den Wald ſchicken, um ſie auf⸗ zuſuchen, da ſie ſich wahrſcheinlich verirrt 79 In dieſem Augenblick trat meine Couſine in den Salon. Sie begrüßte mich ſo herzlich und innig, als hätte die Scene von heute Morgen gar nicht ſtatt⸗ gefunden. Ihre Farbe war erhöht, ihre Augen ſtralten, auf ihren Zügen lag ein Ausdruck des Triumphes und des Stolzes. Ihre ſeidenen, ſehr beſtaubten Halbſtiefeln verriethen, daß ſie einen ſehr weiten Spaziergang ge⸗ macht haben müſſe, die aufgelösten, roſarothen Bän⸗ der ihres Strohhutes flatterten auf ihre Schultern, die langen Locken ihrer braunen Haare ergoſſen ſich bis auf ihren Buſen, den ein Tuch, wie man es auf dem Lande zu tragen pflegt, nur halb verhüllte. Sie hatte einen großen Strauß von Feldblumen in den Händen. Sie ſagte meiner Tante und mir, daß ſie ihren Spaziergang über den Park hinaus habe ausdehnen wollen, und dann halb und halb im Walde irre ge⸗ angen; da aber das Wetter ſo herrlich geweſen, hätte ie eie der letzten Herbſttage noch benützen wollen, um Blumen zu pflücken. Erſt, nachdem ſie ſehr weit gegangen, ſei es ihr eingefallen, daß ſie an den Rück⸗ weg denken müſſe. Ein Holzfäller, welchen ſie getrof⸗ fen und angeſprochen, hätte ihr den Rückweg gezeigt und ſie bis in die Nähe des Schloſſes geführt. Dieſe ganz einfach und natürlich vorgetragene Erzählung zerſtreute mein, mit Recht erwachtes Miß⸗ trauen. Ich glaubte meiner Couſine um ſo mehr, als eine halbe Stunde ſpäter, gerade als der Courrier uns un⸗ ſere Briefe überbrachte, der Jäger, welcher meinen Gatten begleitet hatte, zurücktehrte und mir die Ent⸗ ſchuldigungen deſſelben überbrachte. Gontran ließ mir ſagen, ich möchte mich ſeiner wegen nicht beunruhigen, ſeine Jagdpartie habe ſich weiter ausgedehnt, als er anfänglich geglaubt, und er würde zum Abendeſſen heimkehren. Ich fragte den Jäger aus, und dieſer gab mir die Verſicherung, meinen Gatten erſt vor einer Stunde dicht am Sumpfe verlaſſen zu haben, wo derſelbe noch jage. Was er mir ſagte, beruhigte mich vollkommen. Es war mir ſo ſehr daran gelegen, meinen Gat⸗ ten vor Urſula zu ſprechen, daß ich Blondeau aber⸗ mals beauftragte, auf Gontran's Rückkehr ja wohl zu achten, und ihn, ſobald er gekommen, zu mir zu füh⸗ ren, da ich ihm Einiges von größter Wichtigkeit mit⸗ zutheilen hätte. Nachdem ich dieſes befohlen, kehrte ich in den Salon zurück, wo ich meine Tante in die Lektüre einiger ihr von Paris zugekommenen Briefe vertieft and. Ich kann nicht beſtimmt ſagen, ob ſie mein Ein⸗ treten wahrnahm oder nicht, aber ſie verwandte kein Auge von den Briefen, und rief mehrere Male mit dem Ausdruck des höchſten Erſtaunens: „Ach, mein Gott, mein Gott! Wer hätte das glauben ſollen? Man würde ihr das Sakrament ge⸗ reicht haben, ohne daß ſie nöthig gehabt, zu beichten. Was ſoll daraus werden? Soll man ihn darauf vor⸗ bereiten, oder es ihm verbergen? Es iſt ſchrecklich!“ ih gemacht durch dieſe Ausrufungen, fragte ich ſie: Nun, gnädiges Fräulein, haben Sie Nerigkeiten aus Paris erhalten? Ohne mir jedoch zu antworten, und ohne ſich den Anſchein zu geben, als habe ſie meine Frage vernom⸗ men, fuhr ſie fort, mit ſich ſelbſt zu reden: „Welches Aufſehen wird das machen! Wie ſoll man ihm entgegen arbeiten? Welch ein Glück iſt es doch, daß ich hieher gekommen, um Alles in Ordnung zu bringen!“ 81 Dieſe letzten Worte meiner Tante öffneten meinen Vermuthungen ein weites Feld und erſchreckten mich. Ich wußte nicht, was geſchehen ſeiz als ich aber Fräu⸗ lein von Maran äußern hörte, es ſei ein Glück, daß ſie gekommen, um Etwas in Ordnung zu bringen, flüſterte eine geheime Ahnung mir zu, daß ihrer An⸗ kunft in Maran boshafte Pläne zu Grunde lägen und daß die Unruhen in Paris ihrem Kommen nur einen Vorwand hätten abgeben müſſen. Ich ging auf ſie zu und wiederholte ſo laut, daß ſie mich hören mußte: Haben Sie gute Nachrichten aus Paris erhalten, gnädiges Fräulein? Sie machte eine Gebärde der Ueberraſchung und ſagte mir: „Wie? Sie waren hier? Haben Sie gehört, was ich ſo eben geſagt?“ Ich habe Sie allerdings gehört, Madame, aber von Ihren Worten nicht däs Geringſte verſtanden. 3 beſſer, deſto beſſer, denn es iſt noch nicht eit.“ Und ihre Hände gen Himmel erhebend, ſetzte ſie 25 ſei Gott, ach Gott! Sollte es denn möglich ein ? Sie ſcheinen ſehr aufgeregt zu ſein, Madame, ich laſſe Sie allein. „Ich ſcheine aufgeregt zu ſein? Zch glaub'es wohl, habe auch guten Grund dazu, und Sie werden es nur zu bald erfahren.“ So geht alſo dieſer Brief mich an, Madame? „Ob er Sie angeht? Ob er Sie angeht? Mehr, als Sie ſich vorſtellen. Ach, Sie ſehen, daß ich noch ganz außer mir bin, ganz, ich weiß ſelbſt nicht, wie, durch dieſe Nachricht. Doch ich kann derſelben noch nicht glauben, nein, nein! Nicht wahr, Sie ſind deſſen unfähig 2 M hitde 1v 6 Weſſen denn, Madame? Wollen Sie mir neuen Kummer verurſachen? Ich bitte, erklären Sie ſich! „Ich mich erklären? Wie könnte ich das in Ab⸗ weſenheit Ihres Mannes? Wir müſſen ihn erwarten, und ſelbſt dann weiß ich noch nicht, ob ich es wagen ſoll. Sagen Sie mir, iſt er wirklich ſo heftig, wie man es vor ſeiner Verheiratung ihm nachſagte? Man mußte damals ſonderbare Wege einſchlagen.“ Ich blickte meiner Tante feſt in's Geſicht und ſagte: Es ſollte mich ſehr Wunder genommen haben, ſo Ihre Ankunft nicht von irgend einem traurigen Ereig⸗ niß begleitet geweſen wäre. Ich bin auf Alles gefaßt und vertraue dem Herzen meines Gatten ganz und gar. „O, dann iſt's um ſo beſſer, dann habe ich nicht nöthig, meine ganze Beredtſamkeit aufzubieten. Sie haben Recht, Ihr Vertrauen auf das Herz Ihres Man⸗ nes zu ſetzen, das kann Alles faſſen. Sie haben da einen herrlichen Einfall. Doch ſei dem, wie ihm wolle, trauen Sie ſeiner erſten Bewegung nicht, hüten Sie ſich vor dem Alleinſein mit ihm, denn ach, mein liebes Find, ich bin ſehr alt, ſehr ſchwach, und würde Sie nicht vertheidigen können.“ Mich vertheidigen? Und gegen wen? „Gegen Ihren Mann, denn ich muß unwillkürlich daran denken, daß der Fürſt Kſernika ſeine Gemahlin, die ſchöne Fürſtin Kſernika, oft recht derb geprügelt, und wahrlich aus weit geringfügigeren Urſachen.“ Ich erkenne aus dieſen Kebertreibungen zu meinem großen Vergnügen, Madame, daß Sie einen traurigen Scherz mit mir treiben wollen. „Einen Scherz? Gott behüte. Sie werden nur zu früh einſehen, daß es ſich um eine ſehr ernſte Sache handelt. Alles, was ich als nahe Verwandte thun kann und thun muß, iſt, einzuſchreiten, wenn es zu weit gehen ſollte.“ Ich kannte meine Tante zu gut, als daß ich hätte hoffen dürfen, eine nähere Erklärung von ihr zu er⸗ 83 halten, oder dieſen geheimnißvollen Worten ein Ende zu machen. Ich ſagte daher mit einer Kaltblütigkeit, auf welche ſie nicht gefaßt war, zu ihr: Sie werden mich entſchuldigen, Madame, wenn ich Sie verlaſſe, um mich zum Eſſen anzukleiden. „Gehen Sie nur, liebe Kleine, und machen Sie ſich ſo ſchön, als nur immer möglich. Ein vortreff⸗ licher Anzug entwaffnet dann und wann die größten Wütheriche. Die ſchöne Fürſtin Kſernika wußte das recht gut, und ließ ſich in dieſer Hinſicht kein Verſehen zu Schulden kommen. Sie kleidete ſich immer zum Entzücken, ſowie ſie einen häuslichen Sturm bekämpfen ſollte. Triumphirend und ſtattlich geputzt, ſchritt ſie ihm entgegen und brachte es durch ihre ſchöne Toilette oft dahin, daß ihr ihr lieber und theurer Fürſt nicht mehr, als ein Glied, auf einmal zerſchlug.“ Ich verließ das Gemach, ohne weiter auf dieſe widrigen Späſſe zu hören, und begab mich auf mein Zimmer, um Gontran zu erwarten. Kaum war er von der Jagd zurückgekehrt, als er mich aufſuchte, wie ich ihn hatte erſuchen laſſen. Seine heitere und ſorgenfreie Miene überraſchte mich, da ich ihn ſeit mehreren Tagen nur traurig und nachdenklich geſehen. Bei ſeinem Eintreten umarmte er mich zärtlich, in⸗ dem er mir ſagte: „Verzeihung, Mathilde, tauſendmal Verzeihung, wenn Sie durch mein Fortbleiben beunruhigt wurden, aber ich habe mich wie ein Kind von dem Vergnügen der Jagd fortreißen laſſen, und rechne, wie immer, auch heute auf ihre freundliche Nachſicht.“ „Die Entſchuldigungen meines Gatten überraſchten mich noch mehr; denn ſchon ſeit lange hat er keine mehr vorgebracht. Ich bin hoch erfreut, ſagte ich, daß Ihre Jagd ſo glücklich ausgefallen. Sie ſcheinen heute ſorgenfteier, als dieſe Tage her. „Mein Gott, Nichts geht einfacher zu. Sie wiſſen, daß die kleinſten Urſachen oft die größten Wirkungen haben können. Als ich dieſen Morgen mein Jagdpferd beſtieg, war ich ſehr ſchlechter Laune und begann, ohne irgend ein Vergnügen zu empfinden, ganz mechaniſch die Jagd. Der Himmel war ganz von Nebeln verſchleiert. Plötzlich dringt ein heller Sonnenſtral durch die Wolken, die Natur ſcheint aufzuleuchten, zu ſtralen. Ich weiß nicht, wie es kam, aber es erging mir, wie der Natur. Ich war grämlich und düſter, und ich wurde plötzlich heiter und glücklich, glücklich und fröhlich, wie in meinem zwanzigſten Jahre, oder beſſer geſagt, glücklich und fröhlich, wie an dem Tage, wo Sie zu mir ſagten: Ich liebe Sie. Nun, ſchauen Sie mich an,“ ſetzte Gontran anmuthig hinzu, „betrach⸗ ten Sie mich und vergleichen Sie, ob Sie, gleich mir, eine unvergeßliche Erinnerung an jenen ſchönen Tag in Ihrem Herzen bewahrten.“ Es war wirklich ſo: nie in meinem Leben hatte ich an meinem Gatten einen lachenderen und unbe⸗ ſchreiblich glücklicheren Ausdruck wahrgenommen. In der That, ſagte ich zu ihm, ohne ihm meine ueberraſchung ganz verbergen zu können; Ihr Geſicht ſtralt von Glück und ruft mir die ſchönſten Tage mei⸗ nes Lebens in's Gedächtniß zurück. „O, entgegnete er herzlich, „mein Glück iſt un⸗ ermeßlich, es ſpricht ſich unwillkürlich in meinem gan⸗ zen Weſen aus, und ich glaube, ſo mein Leben davon abhänge, ich würde nicht verbergen können, wie glück⸗ lich ich mich fühle.“ So ſei mir dieſer Sonnenſtral geſegnet, mein Freund, da er eine ſo gewaltige Umwandlung bewir⸗ ken konnte! Gontran ſah mich lächelnd an und ſagte: „O, ich muß Ihnen Alles geſtehen. Nicht allein dieſer Sonnenſtral hat mich umgewandelt, es hat mich, wenn ich ſo ſagen darf, auch ei ngeiſtiger Sonnenſtral 85⁵ getroffen, welcher die Schatten meines Geiſtes durch⸗ brach. Brauche ich Ihnen, geliebter Engel, noch zu ſagen, daß es der Gedanke an Sie war, welcher die⸗ ſes Wunder bewirkte?“ In Wahrheit, Gontran? Wie ging das zu? „Ich legte mir die Frage vor, warum die düſtere Trauer in meinem Innern ſo gewaltig mit dem hellen Glanz der Natur contraſtirez ich fragte mich, ob ich denn nicht Alles beſäße, was das Leben angenehm und beneidenswerth machen könnte, ob ich dieſes nicht ganz einer heißgeliebten Frau verdanke, der ſchönſten, beſten, großmüthigſten, welche je das Glück eins gemacht? Aber, ſagte ich mir, das iſt noch nicht Alles, ein neues Pfand der Liebe, ein neues Band wird uns bald noch inniger verbinden. Und ich bin düſter, niederge⸗ ſchlagen, und ich genieße nicht mit Entzücken jeden Augenblick dieſes Baſeins? Da ſchien mir, theure Mathilde, als ob ich aus einem langen, bangen Traum erwache.“ O Gontran, Gontran! Sprechen Sie die Wahr⸗ heit? O mein Gott! „Ja, die Wahrheit. Das Glück flößt uns Ver⸗ trauen ein, macht uns wieder aufrichtig. Sobald der Gedanke an Sie, Mathilde, mich erſt auf dieſen guten Weg gebracht hatte, zögerte ich nicht, der erſten Ur⸗ ſache dieſer abgeſchmackten übeln Laune nachzuforſchen, von welcher ich mich ſeit einigen Tagen ſo ſehr hatte bewältigen laſſen. Noch einen kleinen Grund habe ich Ihnen zu bekennen. Ja, ich habe den Muth dazu. Ich bin albern genug geweſen, einen heftigen Ingrimm über den Spott Ihrer Couſine zu empfinden. Wie ein Schüler, wie ein Menſch aus der Provinz, habe ich ihr gegrollt, daß ſie ſich über mein Geſtändniß luſtig machte. Ich fühlte mich nicht in meiner Liebe — die gehört Ihnen — wohl aber in meiner Eigenliebe grau⸗ ſam verletzt. Zum Glück habe ich, als ich an meine Mathilde dachte, und an den kleinen Engel, durch 86 welchen Sie unſere Zukunft zu verſüßen verſprechen, mich dieſer ſinſtern Grille ſchnell entledigt, und kehre reuevoll, und, was noch beſſer iſt, zärtlicher, verlieb⸗ ter, leidenſchaftlicher, als je, zu Ihnen zurück.“ Und bei dieſen Worten küßte mir mein Gatte mit bezaubernder Anmuth die Hand. Ich glaubte zu träumen. Ich konnte nicht glauben, was ich ſoeben gehört. Was für ein Zufall hatte in Gontrans Herzen dieſe plötzliche Umwandlung heergerh Seine Worte flangen ſo einfach, ſö natürlich, er ſprach mit einer ſo ernſten Gemüthsbewegung von unſerem Kinde, daß ich nicht vorausſetzen konnte, er hätte mir eine Un⸗ wahrheit geſagt, und dann, was hätte ihn zu einer ſolchen veranlaſſen können? Ich preßte beide Hände an meine Stirne, um meine Gedanken zu ſammeln, und nachdem ich einen Augenblick geſchwiegen, ſagte ich zu Gontran: Zetzt bitte ich um Verzeihung, mein Freund, wenn ich für ſo viele Beweiſe von überſchwänglicher Güte keine Worte finden kann, aber obſchon meine Ueber⸗ raſchung eine ſehr freudige, iſt ſie doch auch ſo ernſt, daß mir die Worte fehlen, um meine Erkenntlichkeit auszudrücken. Ich war gränzenlos verlegen. An die Aufrichtig⸗ keit der Wiederkehr ſeiner Liebe zu mir glaubend, wußte ich nicht, ob ich ihn mit der des Morgens mit Urſula gepflogenen Unterhaltung bekannt machen ſollte, oder nicht, ob ich ihn von ihren abſcheulichen Geſtänd⸗ niſſen und der Art von Herausforderung, die ſie mir Betreffs ſeiner hingeworfen, in Kenntniß ſetzen ſollte. Um meinem Gatten eine Andeutung zu geben, ſagte ich: „Ei, Herr Secherin iſt dieſen Morgen abgereiſt, mein Freund. Wiſſen Sie es ſchon? ch weiß es. Warum iſt ſeine Frau nicht mit⸗ gegangen? Es war dieß ja eine vortreffliche Gele⸗ 87 genheit, ihr mir gegebenes Verſprechen zu erfüllen,“ erwiderte mir Gontran im natürlichſten Ton. „Sie hätte ſo handeln ſollen,“ ſetzte er im Tone des Vor⸗ wurfs bei. „Sie ſchuldeten Ihnen dieſe Rückſicht, da ich ihr ſo deutlich zu verſtehen gegeben, daß Ihre Ruhe von ihrer Abreiſe abhänge.“ Vielleicht, verſetzte ich, ein Lächeln erzwingend, welches meine Aufregung verbergen ſollte, vielleicht bedauert ſie, ſich ſo guh gegen Sie gezeigt und Ihre Aufmerkſamkeiten allg zurückgewieſen zu haben; vielleicht war die Abneigeng von Urſula's Seite nur eine ſcheinbare. „O, dann um ſo ſchlimmer für ſie,“ entgegnete Gontran heiter, „ſie hat, wie man zu ſagen pflegt, die Viertelſtunde des Teufels unbenützt vorübergehen laſſen. Jetzt iſt es zu ſpät, mein Schutzengel ſteht mir wieder zur Seite und dieſer iſt viel zu ſchön und viel zu gütig, als daß er mich nicht gegen alle bos⸗ haften Angriffe beſchirmen ſollte.“ Sie ſind für den Augenblick beruhigt, mein Freund, ſagte ich, immerfort lächelnd, doch meine Coufine iſt ſehr gewandt, ſehr verführeriſch und Ihre arme Mathilde — „O, meine arme Mathilde,“ unterbrach mich Gontran zärtlichſt, „meine arme Mathilde iſt ein klei⸗ ner, boshafter Schalk. Anſtatt dieſe beſcheidene und reſignirte Miene anzunehmen, ſollte ſie bemerkt haben, daß ſie von dieſem Augenblick an wieder die einzige ebieterin meines Herzens iſt. Ja, ich fange an zu glauben, dieſe arme Mathilde iſt mit übernatürlichen Kräften ausgerüſtet, vermittelſt deren ſie, den unſicht⸗ baren Genien gleich, mit einem einzigen Hauch den Sturm in Windſtille, die Trauer in ſüße und heitere Freude wandeln kann. Sie hat nur gewinkt und meine Seele wurde voll von Glückſeligkeit. Kurz, meine arme Mathilde erinnert mich an die Feen, welche ihre Macht lange Zeit geheim halten, um die⸗ 88 ſelbe eines Tages in ihrer ganzen Größe hervortreten zu laſſen, und ich könnte leicht beſorgen, für die Zu⸗ kunft allzuſehr ihr Sklave zu ſein, wenn man nicht durch Gehorchen ſelbſt regiert. Doch jetzt verlaſſe ich Sie, mein theurer Schutzengel. Putzen Sie ſich recht ſchön, recht ſchön, damit wir nur durch einen Blick, den wir auf Ihre Couſine fallen laſſen, zu ihr ſagen können die arme Urſ ah Hiemit küßte mich Fontr f die Stirne und ließ mich in einer Art Sechstes Kapitel. Die Fraubaſerei der Welt. 6 Jetzt, wo ich kaltblütig über die erwähnten Re⸗ den meines Gatten nachdenke, kann ich nicht begrei⸗ fen, wie ich an ihre Aufrichtigkeit glauben konnte, wie dieſe ſchnelle und zärtliche Rückkehr Gontrans, auf eine ſo ſeltſame, fabelhafte Weiſe mir erklärt, nicht meinen Argwohn erweckte. Aber ich wußte eben damals noch nicht, daß un⸗ ter den leidenſchaftlichſten Betheurungen ſich faſt im⸗ mer der Verrath und die Teeuloſigkeit verbirgt. Und zudem war ich ſo unglücklich, die Theilnahme meines Gatten war mir ſo nothwendig, daß ich mich dieſem unverhofften Glücke blindlings überließ. Außerdem vertraute ich noch auf meine Klugheit, auf meinen Scharfblick, vermöge deſſen ich die Abſichten meiner Coüſine zu durchdringen hoffte Das Eſſen war ſehr munter. Fräulein von Ma⸗ 1 89 ran ſagte kein Wort, welches auf die Drohungen hätte hindeuten können, welche ſie gegen mich hatte hören laſſen. Urſula überhäufte mich mit Zuvorkommenheiten. Gontran ſeinerſeits widmete mir eine ſo zärtliche Aufmerkſamkeit, daß ſich meine Tante wiederholt über ihn luſtig machte. Im Begriffe, vom Seuſuſehen⸗ ſagte meine Couſine mit ſchmerzlichem auern zu mir: „Ach, wie icklich biſt, Du doch, daß Du den und vinen eil des Winters hier verbringen annſt!“ „Ei,“ bemerkte Fräulein von Maran, „ich ſollte meinen, Sie theilten dieſes Glück, meine Theure. Iſt denn dieſer treffliche Herr Secherin nicht außer⸗ ordentlich glücklich, Sie bis in alle Ewigkeit hier zu wiſſen? Hat er ſeine Gefälligkeit nicht ſo weit getrie⸗ ben, Sie ſelbſt hieher zu bringen?“ „Gewiß, Madame,“ verſetzte Urſula, „allein man kann nicht immer ſeinen Wünſchen nachleben. Un⸗ mittelbar nach ſeiner Rückkehr hieher, um deren Be⸗ ſchleunigung ich ihn heute in einem Briefe dringend bat, wird mein Mann ſich genöthigt ſehen, nach Pa⸗ ris zu reiſen, und ich werde ihn natürlich begleiten.“ „Ei, mein Gott,“ rief meine Tante aus, „das iſt ja etwas ganz Neues! Vor ſeiner Abreiſe gab er mir die Verſicherung, ſein Aufenthalt hier könne bis zum Januar dauern, wo Sie dann vereint mit Ma⸗ thilde und Gontran nach Paris gehen würden.“ „So iſts, Madame, allein einer ſeiner Pariſer Correſpondenten, von dem ich ſo eben einen Brief er⸗ hielt, denn ich öffne in Abweſenheit meines Mannes alle ſeine Briefe,“ ſagte Urſula lächelnd, „meldet ihm, er müſſe zur Gründung des Banquierhauſes, mit wel⸗ chem er, wie er Ihnen geſagt haben wird, in Com⸗ pagnie tritt, perſönlich in Paris erſcheinen. Auf dieſe Weiſe, liebe Mathilde, habe ich bloß noch vier oder 90 fünf Tage hier zuzubringen, und ſind wir einmal in Paris, ſo werden unſere Geſellſchaftskreiſe ſehr ver⸗ ſchieden ſein. Ich, eine beſcheidene Bangquiersfrau, Du, die glänzende Vicomteſſe von Lanery, wie ſollten wir da häufig zuſammenkommen? Unſer Aufenthalt in Paris wird faſt einer Trennung gleichſehen.“ „Aber,“ rief Fräulein von Maran, „Sie wollten ja in Paris ein und daſſelbe Haus bewohnen, um das Muſter einer verträglichen Wirthſchaft fortzuführen. Alle dieſe trefflichen Projekte ſind alſo geändert?“ „Sie waren zum Unglück bloß Träume junger Penſtonärinnen,“ verſetzte Urſula lächelnd, „und ob⸗ ſchon ich meinerſeits ſehr bedaure, dieſen ſchönen Hoff⸗ nungen entſagen zu müſſen, ſo muß ich mich doch da⸗ rein fügen.“ „Und dann, Couſine,“ ſagte mein Gatte heiter, „geſtehen Sie nur immerhin, daß das Bild, welches ich Ihnen von der Wohnung entwarf, die wir Ihnen darbieten könnten, Sie nicht ſehr angezogen hat.“ „Sie ſind ſehr ungerecht, lieber Vetter, wir wür⸗ den uns mit noch Geringerem begnügt haben, um nur Mathilde nicht verlaſſen zu dürfen, allein der Fau⸗ bourg Saint⸗Honoré liegt ſo weit vom Mittelpunkt des Geſchäftslebens ab, daß mein Mann ſich nicht in jenem Quartier niederlaſſen kann.“ Das Eſſen war zu Ende und ich erhob mich. Gontran gab meiner Tante die Hand und ging vor mir und Urſula her. In dem Augenblick, als wir den Salon betreten wollten, flüſterte mir meine Couſine leiſe zu: „Da haben Sie meine Rache! Sind Sie zu⸗ frieden?“ Nachdem die Bedienten den Kaffee ſervirt hatten, nahm meine Tante einen ernſten, feierlichen Ton an, und ſagte: 5 „Jetzt ſind wir allein und können offen reden.“ So ſprechend zog ſie aus ihrer Taſche die Briefe, 91 welche ſie heute Morgen aus Paris empfangen hatte, und warf mir einen höhniſchen und boshaften Blick zu. „Was wollen Sie damit ſagen, Madame?“ fragte Gontran. „Sie ſollen es ſogleich hören. Aber zuvor müſſen Sie mir geloben, daß Sie ruhig bleiben und ſich nicht von Ihrer erſten Aufregung fortreißen laſſen wollen. Doch halt! Sehen Sie doch einmal gefällig nach, Ur⸗ Niemand nebenan im Speiſezimmer ſich be⸗ ndet. Urſula ging nach der Thüre, öffnete ſie, ſah in das Speiſezimmer hinein, kam zurück und ſagte; „Es iſt Niemand da, Madame.“ „Aber noch einmal: wozu alle dieſe Vorbereitun⸗ gen?“ fragte Gontran. „Bonaparte,“ erwiederte Fräulein von Maran, „pflegte zu ſagen; waſchen wir unſere ſchmutzige Wäſche unter uns. Halten Sie mir dieſen Ausdruck zu gut, der ſehr richtig iſt. Doch bevor ich beginne,“ fuhr meine Tante zu Urſula gewandt fort, „iſt es noth⸗ wendig, daß ich Ihnen, liebe Kleine, die ſcheinbaren Widerſprüche erkläre, welche zwiſchen dem, was ich Ihnen früher ſagte, und dem, was ich Ihnen jetzt ſa⸗ gen werde, ſtattfinden.“ „Wie ſo, Madame?“ „Ich war mit Mathilde übereingekommen, nie⸗ mals von den abſcheulichen Verleumdungen, deren Opfer ſie geworden, nie von dieſem bittern Kummer zu reden, welcher die Flitterwochen ihrer Ehe vergiftete. Ich habe Ihnen deßhalb Ihre Conſine bis jetzt nur als die glücklichſte der Frauen geſchildert. Ach, ſo ver⸗ hält es ſich nicht, nicht im mindeſten. Sie ſollen ſehen und hören, daß vielmehr im Gegentheil, ſeit Mathilde verheiratet iſt, ihr Leben mit Ausnahme einiger weni⸗ ger Flitterſtunden nur eine unabläſſige Pein geweſen, und daß dieſe noch Nichts war, verglichen mit der, welche ihr das Schickſal noch aufbewahrt hat.“ 92 Als ſich Fräulein von Maran in dieſer Weiſe über mich äußerte, ſah mich Urſula mit ſteigender Aufmerkſamkeit an. Wäre ich durch ihre Heuchelei nicht ſo vielmals hintergangen worden, würde ich ſagen, ſie betrachtete mich mit Theilnahme. „Aber, Madame, ich ſtelle noch einmal die Frage an Sie, wovon es ſich hier handelt?“ fiel Gontran ungeſtüm ein. 5 „Mein armer Gontran, Sie werden es nur all⸗ zufrühe erfahren, denn es betrifft Sie als Familien⸗ haupt — und wohl zu ſpät, denn ich glaube faſt, das Unglück ſei nicht wieder gut zu machen. Doch vor Allem müſſen Sie mir Ihr Wort als Edelmann geben, daß Sie von Allem, was ich Ihnen ſagen werde, höchſtens nur die Hälfte glauben und die andere Hälfte den Umſtänden und boshafter Klatſchſucht auf Rechnung ſchreiben wollen. Sodann müſſen Sie bedenken, daß ich Ihre Frau erzogen habe, Sie dürfen deßhalb aus zweifacher Rückſicht, ihrer und meiner halben, ſich nicht allzuſchnell von dem Scheine zu einem ungünſti⸗ gen Urtheil verleiten laſſen. Sehen Sie, wir wollen das Für und Gegen gewiſſenhaft abwägen und dann erſt, nicht wahr, einen Entſchluß faſſen.“ Ich konnte unmöglich errathen, wo hinaus Fräu⸗ lein von Maran wollte. Ich hatte ein ſo großes Vertrauen auf mich ſelbſt, daß ich nicht im Geringſten beunruhigt wurde, wenn ich auf irgend eine Schändlichkeit gefaßt ſein mußte. Da es ſich von mir handelt, Madame, ſagte ich, ſo bitte ich Sie recht ſehr, Ihre Einleitungen abzukür⸗ zen und gefälligſt zur Sache zu kommen. „Ei, ei, das iſt eine edle Ungeduld, welche mich ſehr beruhigt und von guter Vorbedeutung iſt. Alſo, Herr von Lanery, wiſſen Sie, was man ſich in die Ohren ziſchelt, oder vielmehr, was noch mehr ſagen will, wiſſen Sie, was die Perſonen unſeres Geſell⸗ 93 ſchaftskreiſes, welche durch die Revolution nicht aus Paris vertrieben wurden, für eine Ueberzeugung hegen?“ „Nein, Madame.“ „Nun gut, man hegt die Anſicht, man weiß, daß Ihre Frau, bevor ſie zu ihrer Couſine nach Rouvray ging, eine Nacht in einem Landhauſe des Herrn Lu⸗ garto zubrachte, und, wohlverſtanden, daß dieſer ſchöne Alexander mit den goldenen Sternen im ſilbernen Felde ſich allein daſelbſt befand, was doch wohl für ein ganz hübſches, nächtliches Rendez⸗vvus gelten kann.“ Und dieſe Worte ausſprechend, warf mir Fräulein von Maran einen Natterblick zu. Ich erblaßte. „Ei, ei,“ rief Fräulein von Maran, „ſehen Sie doch dieſe arme Kleine an, wie ſie ganz betroffen iſt! Ach, mein Gott, wie zürne ich mir, daß ich jetzt da⸗ von geſprochen. Aber ſie ſchien ihrer Sache doch ſo gewiß zu ſein. Urſula, hier nehmen Sie mein Riech⸗ fläſchchen, geſchwind, ſtehen Sie Ihrer Couſine bei.“ Urſula näherte ſich mir mit triumphirender und vornehm mitleidiger Miene. Ich ſtieß ſie ſanft zurück und ſagte, daß ich keiner Hülfe bedürfe. Dieſer erſte Streich war entſetzlich. Ganz und gar darauf unvorbereitet, blieb ich ſtumm. Mein Gatte, welcher für einen Augenblick vor Erſtaunen und Zorn feuerroth geworden, faßte ſich ſchnell und brach in ein helles Gelächter aus. „Wie, Fräulein von Maran,“ ſagte er dann, „Sie ſind es, welche uns ſolche Geſchichten auftiſcht? Ich wundere mich gar nicht, daß die arme Mathilde ſo niedergeſchmettert iſt. Denn wer hätte jemals einen ſolchen Wahnſinn erwarten können?“ I†ch ſann haſtig auf ein Mittel, mich zu rechtfer⸗ tigen, um ſo lange als möglich Gontran's Geheimniß zu ehren. . 2 Fräulein von Maran ſchien ſehr erſtaunt über die 4 That, die Zeiten, in welchen wir leben, ſind viel zu 94 Gleichgültigkeit, womit mein Mann ihre Neuigkeit aufnahm. Sie fuhr fort. „Aber gedulden Sie ſich doch mit Ihrem Geläch⸗ ter, Sie garſtiger Menſch, bis ich wenigſtens Alles geſagt habe, was man mir berichtet hat. Man ſagt alſo, Ihre Frau habe eine Nacht in dem Hauſe des Herrn Lugarto zugebracht. Nun glauben und behaup⸗ ten die Einen, es ſei dieß freiwillig und aus Liebe geſchehen. Das ſcheint mir aber eine kühne Annahme zu ſein, denn ſie ließe vermuthen, meine Nichte ſei ein unwürdiges Geſchöpf. Andere behaupten im Gegen⸗ theil, das arme Kind habe ſich in allen Ehren dort⸗ hin begeben, um ein Papier, Gott mag wiſſen, um welchen Preis, von Lugarto zurückzukaufen, welches Sie, theurer Gontran, der Ehrloſigkeit hätte überfüh⸗ ren können. Meine Kinder, ihr werdet wohl begreifen, daß ich an allem dieſem Geſchwätze weder ſchuldiger noch unſchuldiger bin, als die Nymphe Echo.“ Ich konnte es nicht mehr bezweifeln: Lugarto hatte Wort gehalten. Um ſich zu rächen, hatte er an meine Tante oder an andere ſeiner Bekannten verſchiedene Erdichtungen über jene verhängnißvolle Nacht geſchrie⸗ ben, welche entweder meinen Ruf zu Grunde richten oder Gontran entehren mußten. Wahrheit und Lüge waren ſo teufliſch in einander gemengt, daß die Welt aus Gleichgültigkeit oder Bos⸗ heit dieſe Berichte ohne weitere Prüfung für wahr annehmen mußte. Ich wagte es kaum, Gontran anzuſehen. Ich er⸗ wartete von ihm einen furchtbaren Ausbruch. Allein mein Gatte verſetzte, nachdem er ſeine Auf⸗ regung abermals ſchnell niedergekämpft, achſelzuckend und mit kälteſter Ruhe: „Jetzt, Madame, ſind es keine Verleumdungen mehr, ſondern wahnwitzige Hirngeſpinnſte, und in der 95 ernſt, als daß man Vergnügen daran finden könnte, dergleichen Albernheiten nachzuſchwatzen.“ „Wie,“ ſchrie meine Tante, „auf dieſe Weiſe nehmen Sie es? Die Peſt über Ihre Philoſophie!“ „Es wäre nicht ſchwer, ein Philoſoph zu ſein, wenn man dieſen Titel dadurch verdiente, daß man unnützes Gerede verachtet, welches nicht einmal das Gewicht einer Verleumdung hat. Mathilde darf ſich nicht durch ſolche Albernheiten beunruhigen laſſen. Mit zwei Worten werde ich Ihnen die traurigen Umſtände zurückrufen, welche einzig und allein die Schuld tra⸗ gen können, daß man Lugarto's und der Frau von Lanery Namen miteinander in Verbindung bringt. Es hat nämlich dieſer Menſch auf eine höchſt jammerſelige Weiſe eine Vertraulichkeit benutzt, welche ſeine Freund⸗ ſchaft mir beinahe aufgenöthigt, um den Ruf meiner Frau zu untergraben. Ich habe auf dieſe Niederträch⸗ ſigkeit die gebührende Antwort gegeben und gab Lu⸗ garto vor vielen Zeugen ein Paar Ohrfeigen. Ein Duell fand hierauf ſtatt, Lugarto empfing von mir einen Degenſtich und am andern Tage reiſte ich nach England, wohin wichtige Angelegenheiten mich riefen⸗ Bald nach meiner Abreiſe verließ Mathilde Paris, um die Zeit meiner Abweſenheit bei ihrer Couſine zu verleben. Sogleich nach meiner Rückkehr aus England ſuchte ich ſie auf und begleikete ſie hieher. Das, Ma⸗ dame, iſt Alles. Was die lächerlichen Einflüſterungen betrifft, welche man Ihnen mitgetheilt, und auf welche Sie unſere Aufmerkſamkeit richten zu müſſen glaubten, ſo wiederhole ich es Ihnen, daß ſie auch nicht der geringſten Widerlegung werth ſind. Ich würde ſogar in dieſem Augenblick kein Wort mehr darüber verlieren, wenn Mathilde nicht Kind genug wäre, ſich dadurch verſtimmen zu laſſen. Aber ſie iſt zu entſchuldigen. Sie tritt erſt in die Welt und ihre reine und aufrich⸗ tige Seele iſt natürlich gegen ſolche Schändlichkeiten — 96 noch nicht abgeſtumpft, ſpäter werden ihr dieſelben nicht mehr ſo viel zu ſchaffen machen.“ Hierauf wandte ſich Gontran zu mir und ſagte mit dem Ausdruck der liebevollſten Zärtlichkeit: „Verzeihung, meine arme Mathilde! Meine un⸗ ſelige Verbindung mit Lugarto hat Ihnen auch noch dieſe Unannehmlichkeit zugezogen, aber ich hoffe, es wird die letzte ſein.“ Ich wurde durch die einfache und würdevolle Sprache Gontran's auf's Tiefſte gerührt. Seit dem Beginn dieſes Geſpräches ſchien meine Couſine ganz in Gedanken verſunken zu ſein. Der Ausdruck ihres Geſichtes hatte ſich gänzlich verändert. Was Fräulein von Maran betrifft, ſo war ſie ihrer Sicherheit ungegchtet dennoch völlig aus der Faſſung gebracht. Sie betrachtete mich, meinen Mann und meine Couſine mit den aufmerkſamſten Blicken, um für die Gleichgültigkeit und Mäßigung eine Urſache zu ent⸗ decken, für eine Mäßigung, die mich nicht weniger in Verwunderung ſetzte, als ſie mich rührte, da in mehr⸗ facher Beziehung Gontran durch die Worte meiner Tante auf's Empfindlichſte beleidigt ſein konnte. Nach ihrer ſtummen Betrachtung, welche kaum einige Se⸗ kunden währte, fuhr meine Tante mit nachdenklicher Miene fort: „Nun, Gontran, Sie laſſen ſich nicht aus der Faſſung bringen, das iſt ſchon viel. Sie werden ge⸗ wiß einſehen, daß ich durchaus RNichis verlange, als im Stande zu ſein, kein Wort von dem, was man mir geſchrieben, zu glauben und darauf mit einer tüchtigen Widerlegung zu antworten. Doch, wie das Sprüchwort ſagt, wo Rauch iſt, da iſt auch Feuer. Unter uns alſo, wer kann dieſen wilden Brand ent⸗ zündet haben? Wie könnte man nur glauben, vaß ernſte und würdige Leute, denn nur von ſolchen empfing ich meine Briefe, ſich ein Vergnügen daraus machen wür⸗ den, die Fabel von Mathilde's nächtlichem Beſuch bei 9 Lugarto auszuhecken, wenn derſelben nicht etwas Wah⸗ res zu Grunde läge? Bei alledem, theurer Gontran, müſſen Sie beſſer, als irgend Jemand wiſſen, ob die⸗ ſer Lugarto wirklich Etwas in Händen hatte, was Sie entehren konnte. Wäre er wohl fähig geweſen, das erwähnte Papier, welches Sie verderben konnte, ſo ohne alles Weitere herauszugeben, bloß um einen Akt der Großmuth zu begehen? Mir für meine Perſon würde dieß von einer Hand, welche nur Böſes zu thun gewohnt iſt, ziemlich problematiſch, wenn nicht gar närriſch erſcheinen.“ Die hölliſche Bosheit des Fräuleins von Maran führte vielleicht ohne ihr Vorwiſſen zu ihrem Zwecke. Es war ſchlechterdings unmöglich, auf eine grau⸗ ſamere Weiſe Gontran's Argwohn Betreffs der Rück⸗ gabe der Fälſchung zu erregen, was von Lugarto frei⸗ willig gethan worden zu ſein ſchien. Wenn auch mein Gatte dieſe Sache nie mit mir erörtern konnte, weil er mich von dieſer unglücklichen Handlung durchaus nicht unterrichtet wähnte, ſo hatte ich doch immer bemerkt, daß er bei der Zurückerſtat⸗ tung jenes Papiers durch Lugarto die Thätigkeit einer geheimen Urſache vermuthete. Wußte Fräulein von Maran Alles? Ich war darüber noch ungewiß, ſah aber nichtsdeſtoweniger einer heftigen Aufwallung Gontran's entgegen. Ich wurde faſt erſchreckt durch die ſich gleichblei⸗ bende Ruhe, womit er dem Fräulein von Maran zu⸗ hörte. Er begnügte ſich auch diesmal damit, die Schultern zu zucken und, indem er mich lächelnd an⸗ ſah, zu ſagen: „Dieß iſt weder eine Verleumdung noch eine Al⸗ bernheit, dieß ſchlägt ins Fach der Romane, des Ue⸗ bernatürlichen. Sind Sie nun zu Ende, Madame? Berichten Ihre Correſpondenten ſonſt Richts mehr? Es Machilde w. 7 98 wäre zu bedauern, wenn Sie, da Sie ſo gut im Zuge waren, jetzt ſchon aufhörten.“ „Nein, Sie haben es errathen, ich bin noch nicht zu Ende,“ ſchrie meine Tante, unvermögend, ihre Wuth zu verbergen; „ich habe Ihnen bereits Alles geſagt, wovon die achtbarſten Leute feſt überzeugt ſind, jetzt aber muß ich Ihre Aufmerkſamkeit auch auf die Wir⸗ kungen dieſer Ueberzeugung aufmerkſam machen. Sie werden wahrhaftig ziemlich angenehm ſein, dieſe Wir⸗ kungen! Obgleich ſie die Sache in das Gebiet des Romans und des Uebernatürlichen verweiſen, ſo wer⸗ den Sie doch ganz einfach wahrnehmen, daß man auf Sie und Ihre Frau mit Fingern zeigen und von zehn Ihrer Begrüßungen höchſtens eine erwiedern wird. Verwundert Sie das? Werden Sie dieß auch der Magie zuſchreiben? Aber es iſt Nichts einfacher und ich werde Ihnen nach meiner geringen Einſicht die nöthige Aufklärung geben. Entweder glaubt man, Ihre Frau habe ſich, um Ihre Ehre zu retten, zum Opfer gebracht, und dann wird man Sie für einen jämmerlichen Wicht halten, oder man wird glauben, Ihre Frau habe ſich von ihrem Geſchmacke zu Lugarto hinreißen laſſen und in dieſem Falle muß ſie als eine ſchlechte Creatur erſcheinen. Sie aber, mein Lieber, werden jedenfalls als der elendeſte Menſch angeſehen werden, denn man muß ja vorausſetzen, daß Sie den Hang Ihrer Frau billigen, ſei es, weil Sie dieſem abſcheulichen Lugarto Geld ſchuldig ſind, oder daß Sie es, da Ihnen Ihre Frau ihr ganzes Vermögen zu⸗ brachte, für die beſte Politik halten, die Augen zuzu⸗ vrücken und ſieben gerade ſein zu laſſen.“ „In der That, Madame, glaubt man das 20 „Gewiß, alle achtbaren Leute glauben dieß, alle Leute, welche an Nichts weniger denken, als den Ruf von irgend Jemand anzugreifen, Ihre Freunde —“ „Und unſere Feinde, Madame?“ „Ha, ha, ha! Ihre Feinde, das iſt ein ganz an⸗ 99 deres Ding. Ihre Feinde glauben, Sie und Mathilde ſeien einverſtanden, wie zwei Gauner auf dem Jahr⸗ markt. Ihre Feinde ſagen: Wäre in dieſer Familie Einer der Schuldige, ſei es der Mann oder die Frau, ſo hätte eine Trennung erfolgen müſſen, denn eine ehrſame Frau lebt nicht mit einem ehrloſen Mann zu⸗ ſammen; ſie kann ihre Ehre wohl zum Opfer bringen, um dadurch die ihres Mannes zu retten, allein ſie wird, ſobald ſie dieſes Opfer gebracht hat, ihn ver⸗ laſſen; bleibt ſie bei ihm, ſo iſt ſie ohne Zweifel ſeine Mitſchuldige. Andererſeits wird ein Mann von Ehre nie eine Frau in ſeiner Nähe dulden, welche ſeine Ehre gekränkt hat. Beſitzt er kein Vermögen, ſo wird er ſich lieber allen Entbehrungen unterziehen, als ſich dem Verdacht ausſetzen, ihn hielte ein niedriges Intereſſe bei einer Ehebrecherin zurück. — In dieſer Art ſpre⸗ chen ſich Ihre Feinde aus, und dieſe Worte, welche Ihren Ruf vergiften und Ihre Ehre tödten, werden Sie ſtets zu hören bekommen.“ Endlich, endlich errathe ich Sie, rief ich, Fräulein von Maran raſch unterbrechend aus; Sie haben ſich von Ihrem Haſſe zu ſehr hinreißen laſſen, er hat ſie gegen Ihren Willen entlarvt! Geſegnet ſei der Him⸗ mel, daß er die Feinde, welche uns verfolgen, uns ſo unverſchleiert erblicken läßt! „Wie, wie? Iſt dieſe Kleine verrückt geworden?“ ſagte Fräulein von Maran. Gontran, Gontran, ſagte ich, ich fragte mich, wa⸗ rum dieſe Frau, welche übrigens die Schweſter meines Vaters iſt, wohl hieher gekommen ſein könnte. Sie hat es Ihnen jetzt geſagt. Ja, Madame, jetzt begreife ich Alles. Sie beabſichtigen durch Ihre abſcheulichen Verleumdungen einen Zwieſpalt zwiſchen Gontran und mir herbeizuführen und uns zu trennen. Wahrlich, Madame, Sie hätten dann einen herrlichen Triumph feiern können. Wir ſind kaum ein Jahr verheiratet, eine Trennung würde auf jeden Fall Eines von uns 100 der allgemeinen Achtung berauben, denn eine Trennung müßte den widerſinnigſten Gerüchten einige Wahrſchein⸗ keit verleihen. Das Zuſammenkneifen ihrer Augen gab mir die vollſtändigſte Gewißheit, daß ich meine Tante ganz durchſchaut hatte. Wie gewöhnlich rief ſie, um ihren Ingrimm zu verbergen, ihr Lachen zu Hülfe. „Ha, ha, ha! Wie amüſant iſt dieſe Kleine mit ihren Vorausſetzungen. Aber ſind Sie denn närriſch, meine Theure? Spreche ich denn in meinem Namen? Ich bitte, nicht außer Acht zu laſſen, daß ich bloß als wohlmeinende Verwandte zu Euch ſage: Liebe Kinder, ſeht Euch wohl vor; hört, dieß ſagt man über Euch, es iſt kein leeres Geſchwätz, keine Klatſcherei, es iſt vielmehr die Stimme der ernſthafteſten und achtbar⸗ ſten Leute, deren Urtheil von Gewicht iſt; da es un⸗ möglich, der Welt dieſen Glauben zu nehmen, da Ihr entehrt ſeid, wenn ſchon nicht Beide, ſo doch der Eine oder die Andere, ſo gebe ich als nahe, wohlmeinende Verwandte Euch —“ „Mir ſcheint, Madame,“ unterbrach Gontran die Sprecherin, „es ſtände der Welt ein leicht einfacheres und natürlicheres Mittel zu Gebot, ſich die gegenſei⸗ tige Neigung zu erklären, welche meine Frau und ich für einander hegen. Sie brauchte ja nur zu glauben, daß wir als verſtändige Leute zuſcmmen leben, daß wir uns keinen Vorwurf zu machen haben, daß wir alle ſchmählichen Verleumdungen auf das Tiefſte ver⸗ achten und viel zu viel geſunden Menſchenverſtand be⸗ ſitzen, um unſer Glück durch die erſte beſte Verleum⸗ dung erſchüttern zu laſſen. Dieſe Erklärung hätte noch den Vortheil, die einzig mögliche und wahre zu ſein, was, wie ich denke, nicht ganz unbedeutend iſt. Im Uebrigen, Madame, theile ich die gereitze Stimmung und das Mißtrauen meiner Frau gegen Sie nicht. Das arme Kind hat ſchon ſo viele Schlechtigkeiten ertragen 101 müſſen, daß ſie in ihrem etwas blinden Groll Sie ei⸗ nen Augenblick mit denen verwechſeln konnte, welche ihr wehe gethan. Ich zweifle nicht, daß ſie ſich täuſcht. Als Sie auf dieſe Weiſe zu uns ſprachen, hat Sie bloß die Theilnahme geleitet, welche wir Ihnen ein⸗ flößen, ſetzen Sie deßhalb Ihrer Güte die Krone auf, indem Sie uns rathen, was wir thun ſollen, um un⸗ ſere Freunde, welche durch eine Verleumdung gegen uns eingenommen wurden, vom Gegentheil zu über⸗ zeugen, und unſeren Feinden zu beweiſen, daß das Al⸗ les bloß eine ſchändliche Lüge.“ „Mein ſchöner Neffe,“ verſetzte Fräulein von Ma⸗ ran, außerordentlich aufgebracht, „ich rathe nicht mehr. Mein Rath würde jetzt ſchon zu ſpät kommen, aber ich will prophezeien und vorausſagen: In Eurer al⸗ lerliebſten Haushaltung iſt das Eine von Euch geopfert und betrogen, das Andere ein Schelm und Henker; ein Bruch wird zwiſchen Euch nothwendig werden und das vielleicht weit früher, als Ihr es denkt, denn das Opfer wird ſich zuletzt gegen den ſchuldigen Theil auf⸗ lehnen. Aber dieſer Bruch wird zu ſpät eintreten, liebe Kinder, und die Welt ſich bereits gewöhnt haben, in Euch nur zwei Mitſchuldige zu ſehen, wird in ihrer Verachtung gegen Euch beharren. Dieſer Bruch, wel⸗ cher jetzt wenigſtens die Ehre des Einen oder der An⸗ dern retten könnte, wird nurzu einer neuen harten Anklage gegen Euch führen. Man wird Euch für ruchlos hal⸗ ten, als daß Ihr fernerhin noch zuſammen leben könn⸗ tet. Das kommt Euch drollig vor, Ihr ſehet in mir eine Mondſüchtige. Schon gut. Ihr ſollt mir eines Tages ſagen, ob ich mich geirrt. Zetzt nur noch ein Wort und dann ſprechen wir nicht mehr davon. Dieſe ſchändliche Revolution hat ſo ſehr unter meinen Freun⸗ den gewüthet, daß ich keinen mehr zu ſehen bekam. Einige Gerüchte, welche mir deſſenungeachtet zu Ohren kamen, veranlaßten mich, theurer Neffe, Ihren Onkel, Herrn von Verſac und Herrn von Blancvurt, zwei 102 meiner alten Freunde, zu bitten, ſich auf die Lauer zu legen, ſich genau zu unterrichten und mir dann Al⸗ les zu berichten, was ſie hören würden. Hier ſind ihre Briefe, leſen Sie ſelbſt. Sie werden daraus er⸗ ſehen, daß ich Nichts erſonnen habe. Und nun kein Wort mehr über dieſe Sache; wir wollen eine Partie Whiſt machen und, wenn es Euch recht iſt, zu Drei ſpielen, da Mathilde zu ſehr angegriffen zu ſein ſcheint. Alles hat ſich wunderſam geendigt. Sie ſind zufrie⸗ den und fügen ſich in Ihr Schickſal, mein ſchöner Neffe; deſto beſſer, deſto beſſer! Ich bin hoch erfreut und ganz aufgeheitert, ich bin ſtolz und triumphire, denn, ſagt ſelbſt, iſt nicht Alles, was ich will, Euer Glück? Nun gut, je mehr man Euch verachten wird, deſto glücklicher werdet Ihr Euch fühlen, und dieß über⸗ hebt mich, ſelbſt an Eurem Glück zu arbeiten, nicht wahr? Klingeln Sie jetzt und laſſen Sie die Karten bringen.“ — Ich begab mich auf mein Zimmer und ließ Ur⸗ ſula, meinen Gatten und das Fräulein von Maran Whiſt ſpielen, welche Beſchäftigung ihnen wenigſtens geſtattete, nach einer ſo peinlichen Scene ſchweigen zu dürfen. Siebentes Kapitel. Glück und Boffnung. Ich war äußerſt beklemmt, denn ich wußte nicht, ob Gontran's Ruhe eine natürliche oder erzwungene, und den Rathſchlägen des Herrn von Mortagne zuwi⸗ der war ich halb und halb Willens, meinem Gatten Betreffs jener verhängnißvollen Nacht Alles zu ſagen. Aber ich dachte, es ſei vielleicht großentheils nur =— — —— 103 der Wunſch, meinen Argwohn Bezugs jener unglück⸗ lichen Vetfälſchung nicht aufzuregen, was Gontran bei den Angriffen des Fräuleins von Maran ſo kalt ge⸗ laſſen. Da ich die hölliſche Bosheit meiner Tante kannte, konnte ich mir nicht verheimlichen, daß wir den Unwillen der Welt allerdings zu fürchten hatten. Die eiſige Kälte, womit man Gontran vor eini⸗ gen Monaten in der Geſellſchaft aufgenommen, ſchien den Verdacht des Fräuleins von Maran beinahe zu rechtfertigen. Ich war begierig, zu erfahren, ob mich Gontran noch aufſuchen würde, bevor er in ſein Zimmer zurück⸗ kehrte; ich wollte ihm meine Zufriedenheit über Ur⸗ ſula's bevorſtehende Abreiſe ausdrücken. Dieſen Ent⸗ ſchluß meiner Couſine ſchrieb ich weniger einem groß⸗ müthigen Gefühle zu, als vielmehr der Furcht, ich möchte, wie ich ihr gedroht, ihren Mann von meinem Argwohn in Kenntniß ſetzen und ſo für die Zukunft Mißtrauen in ihm erregen. Hieran erkannte ich den richtigen Blick der Herzogin Richeville. Nach eilf Uhr klopfte Gontran an meine Thüre und trat bei mir ein. Ich blickte ihm faſt ängſtlich in's Geſicht, ſo ſehr befürchtete ich, einen drohenden Ausdruck auf demſelben zu finden. Aber nein, ſeine Miene war im Gegentheil viel⸗ leicht noch zärtlicher und liebevoller. Ach, mein Freund, ſagte ich, wie boshaft iſt doch Fräulein von Maran! In der abſcheulichen Abſicht hie⸗ her zu kommen, um durch Zuträgerei der furchtbarſten Verleumdungen vielleicht einen gewaltſamen Bruch zwi⸗ ſchen uns zu verurſachen! „Wenn ich auch nicht, gleich Ihnen, beſtimmt an⸗ nehme, daß dies der Zweck der Reiſe Ihrer Tante ge⸗ weſen, ſo denke ich doch, daß es ihr langweilig wurde, VNiemand zu haben, den ſie quälen konnte, und zum Voraus beiläufig den Inhalt der Briefe meines Oheims 104 und des Herrn von Blancourt kennend, iſt ſie gekom⸗ men, den Feuerbrand der Zwietracht zwiſchen uns zu werſen. Sie hatten Recht, Mathilde, Fräulein von Maran iſt boshafter, als ich glaubte, und wir wollen künftig keine Veranlaſſung geben, ſie zu ſehen.“ Ach, mein Freund, wie gütig Sie ſind ! Wüßten Sie, welche Freude Sie mir mit dieſem Verſprechen bereiten! Es hat mir immer geahnt, daß unſer Kum⸗ mer von Fräulein von Maran herrühren müßte. „Zum Glück hat ſie uns in dieſer Sache, in wel⸗ cher ſie uns ſchaden wollte, genützt, und faſt ohne es zu wiſſen.“ Wie das? „Ich habe die Briefe meines Oheims und des Herrn von Blancourt geleſen. Es iſt klar, daß die lügenhafteſten und gehäſſigſten Gerüchte über uns in Umlauf geſetzt wurden. Die Bosheit hat die einfach⸗ ſten Thatſachen benützt, um ſie auf die ſchändlichſte Weiſe zu entſtellen. Alſo, weil ich abweſend war, um in England Papiere zu holen, welche eine dritte Per⸗ ſon compromittiren konnten, hat man geſagt, es hätte in Lugarto's Macht geſtanden, mich zu entehren. Auf das abgeſchmackte Mährchen von jener Nacht, welche Sie in Lugarto's Haus zugebracht haben ſollen, will ich gar nicht eingehen. Ich weiß ja, welches Grauſen Lugarto Ihnen einflößte. Doch ſtill, ich bin ein Narr; es hieße Sie beſchimpfen, wollte ich auch nur einen Augenblick bei derartigen Schändlichkeiten verweilen. Die Abſcheulichkeit des Fräuleins von Maran dient uns aber wenigſtens dazu, die Meinungen unſerer Feinde zu erfahren. Dieſe Entdeckung muß durchaus eine Aenderung unſerer Pläne herbeiführen, und, ſo Sie einſtimmen, wäre ich der Meinung, unſere Rück⸗ kehr nach Paris noch auf lange zu verſchieben und erſt in einem Jahre oder nach fünf Vierteljahren dorthin zurückzukehren und bis dahin hier zu bleiben. Die politiſchen Ereigniſſe geben einen guten Vorwand für 105 unſere Abweſenheit ab. Ich kenne Paris und die Welt, in Zeit von einem halben Jahre wird man ſich nicht mehr mit uns beſchäftigen, in einem Jahre werden jene jämmerlichen Verleumdungen vergeſſen ſein. So wir aber, wie wir es uns Anfangs vorgenommen, in einigen Wochen ſchon nach Paris kämen, ſo würden wir mitten in die allgemeine Wuth hineinfallen, über welche Sie weniger erſtaunen würden, wenn Sie die Welt beſſer kennten. Sie ſind ſchön, tugendhaft, Sie lieben mich, Sie haben mich auserwählt: das iſt mehr als hinreichend, um all ihren Haß, ihre ganze Eiſer⸗ ſucht zu erregen, und ſie wird nie verfehlen, das Ge⸗ heimnißvolle, welches vielleicht an meinem früheren Verkehr mit Lugarto haftete, zu benützen. Stände ich allein, ſo würde ich dieſe eiteln Gerüchte verachten, allein ich muß für Ihr Glück Bürge ſein, und wäre der elendeſte Mann, ſo ich nicht Alles verſuchte, Ihnen, die Sie ſchon ſo viel um mich gelitten, neuen Kummer zu erſparen. Das beſte und ſicherſte Mittel hiezu iſt jedenfalls, unſere Rückkehr nach Paris zu verſchieben. Sagen Sie, Mathilde, ſind Sie meiner Meinung? Ich bitte, antworten Sie mir.“ O, mein Gott, kann ich denn reden? rief ich, von Freude erfaßt, wie kann ich antworten, da mein Herz vor Staunen und Glückſeligkeit zu zerſpringen droht! Gott, Gott, wollen Sie mich denn wahnſinnig machen, Gontran? Ach, nein, das iſt zu viel Glück für einen Tag! Ihre Zärtlichkeit wieder zu finden, die Gewißheit zu erlangen, lange, lange hier mit Ihnen allein zu bleiben — noch einmal, Gontran, das iſt k viel⸗ und ſo viel habe ich nicht verlangt, o mein ott! Und ich mußte in Thränen ausbrechen, aber das waren wohlthuende Thränen. „Armes Kind!“ ſagte Gontran; „ach, Ihr Erſtau⸗ ven iſt ein ſchmerzlicher Vorwurf, und ich verdiene ihn nur zu ſehr, das iſt wahr! Ich habe Sie des Glückes wenn Sie mich ſagen hören, ich liebe Sie, und wir werden längere Zeit hier beiſammen bleiben. O, es iſt gräßlich, daran zu denken, daß ich Dich auch nur einen Augenblick verkannt habe, armer, geliebter En⸗ gel! Wie iſt es möglich, daß ich, ſtatt Deines zarten Geiſtes, der anbetungswürdigen Milde Deines Gemü⸗ thes mich zu erfreuen, mein Herz erſtarren ließ und einem roͤhen, thörichten Treiben mich hingab? Iſt es Traum, iſt's Wirklichkeit? Sprich, mein treuer Schutz⸗ engel, ſprich! Ja, ja, ſag' mir, daß wir in Chantilly entſchlummerten und jetzt in Maran erwachten.“ O, rief ich, meine Hände in einer Art von Ekſtaſe faltend, ſprich weiter mit dieſer ſanften, melodiſchen Stimme. O ſprich weiter, Du weißt nicht, wie wohl mir dieſe lieben Worte thun, wie balſamiſch ſie mir in's Herz träufen. Ach, Gontran, ſieh', mich dünkt, als hätte auch unſer Kind ſanft dabei gebebt; ja, Freude und Schmerz, Alles wird das arme, kleine Weſen künftig fühlen und mit uns theilen. Darum will ich Dir auch auf meinen Knieen in meinem und in meines Kindes Namen danken für das Glück, wel⸗ ches Du uns gibſt. — — — — — — — — Die Tage, welche dieſem Geſpräch folgten, ver⸗ ſtrichen mir in einer unausgeſetzten Bezauberung. Es war unmöglich, zärtlicher, aufmerkſamer, zuvorkom⸗ mender zu ſein, als mein Gemahl es war. Fräulein von Maran konnte ihren Mißmuth nicht verbergen, als ſie ihre boshaften Pläne gänzlich ge⸗ ſcheitert ſah. Sie ſprach von ihrer nahen Abreiſe, vor⸗ gebend, die neueſten Nachrichten aus Paris lauteten beruhigender. Urſula erwartete ihren Mann jeden Augenblick. Ihrem Verſprechen getreu, hatte ſie ihm geſchrie⸗ ſo entwöhnt, daß Sie Thränen des Entzückens weinen, ——— 107 ben, und ihn gebelen, mit ihr nach Paris zu gehen, ſtatt in Maran zu bleiben. Von dem Tage an, an welchem ſie Fräulein von Maran von den Verleumdungen hatte ſprechen hören, deren Opfer wir geworden, bemerkte ich an ihrem Ge⸗ bahren mir und Gontran gegenüber eine ſeltſame Veränderung. Während ihr Benehmen gegen meinen Gatten im⸗ mer mehr Höhniſches, Jroniſches, Stolzes annahm, er⸗ ſchien ſie in den ſeltenen Fällen, wo ſie mit mir allein war, befangen und verwirrt, und betrachtete mich bis⸗ weilen mit einem Ausdruck von Theilnahme, welchen ich nicht verſtehen konnte. Dann und wann nahm ich wahr, wie ſie nahe daran war, hingebend zu mir zu reden, als habe ſie mir ein Geheimniß anzuvertrauen, und dann hielt ſie ſich plötzlich wieder zurück. Uebri⸗ ich, wo ich nur konnte, mit ihr allein zu ſein. * Die Morgenſtunden verbrachte ich mit Gontran. Nach dem Frühſtück machten wir lange Spazier⸗ fahrten, während welcher wenig geſprochen wurde, dann ſpeisten wir zu Mittag, und Fräulein von Maran's Whiſt füllte den Abend aus. etzt, da die Vergangenheit mir ganz klar iſt, er⸗ innere ich mich mancher Umſtände, welche ich damals kaum bemerkte, weil mir der Zuſammenhang des Gan⸗ zen entging. So war z. B. mein Gatte, obſchon er ſo plötzlich zu mir zurückgekehrt war, und mir die vollkommenſte Zärtlichkeit widmete, dennoch träumeriſch und befangen. Zuweilen war er äußerſt zerſtreut, dann ſchien er wie⸗ der tief, faſt ſchmerzlich ergriffen zu ſein, als ſuche er umſonſt nach Worten für ein entſetzliches, ſeltſames Geheimniß. Seine Ausbrüche wahnſinniger Freude, welche mich Anfangs ſo in Erſtaunen geſetzt hatten, kehrten nicht wieder. Oft ſah ich ſogar ſeine Züge von dem Schatten bitterer Trauer umdüſtert. . 108 Ich konnte ihm meine Verwunderung darüber nicht verhehlen, allein er entgegnete mir ſanft: „Ich gedenke des Kummers, welchen ich Ihnen verurſachte.“ Wenn mich gleich dieſe Anzeichen hätten befremden ſollen, ſo beunruhigten ſie mich dennoch nicht. Gontran war für mich voll Aufmerkſamkeit und Güte, er ſprach immer mehr von der Nothwendigkeit, wenigſtens ein Jahr lang in Maran zu bleiben, theils um jene Ge⸗ rüchte vergeſſen zu laſſen, theils um Erſparniſſe zu machen, welche unſere neue Zukunft erheiſchte. Ich ſage es noch einmal, ich konnte über Gon⸗ tran's ſeltſame Befangenheit nicht in Schrecken gera⸗ then; auch hätte ich gefürchtet, ihn durch Fragen un⸗ geduldig zu machen. Zweifelsohne durch ihren Inſtinkt unterrichtet, wel⸗ cher ſie antrieb, meine Feinde zu lieben, ſchien Fräu⸗ lein von Maran eine zärtliche Neigung für Urſula zu faſſen, und ſie unternahmen zuweilen lange Spazier⸗ gänge mitſammen. Meine Tante hatte Anfangs feſt geglaubt, Gontran beſchäftige ſich mit Urſula. Ihre verrätheriſchen Scherze gegen Herrn Secherin hatten es bewieſen, allein die Beweiſe von Theilnahme, welche mir Gontran gab, und die Kälte, die ihm Urſula zeigte, ſchienen ſie von ihrem Verdacht abzubringen. Urſula erging ſich jeden Morgen in dem Park und dieſe Zeit hatte Gontran gewählt, um, wie früher, mit mir zu muſiciren. Die Unbehaglichkeit abgerechnet, zwei Perſonen in unſerer Nähe zu haben, welche ich mir feindlich geſinnt wußte, war ich ſeit jenen ſchönen Tagen von Chantilly nie wieder ſo vollkommen glücklich geweſen. Und die erwähnte Unbehaglichkeit ſollte aufhören, denn der letzte Brief, welchen Urſula von Herrn Se⸗ cherin, dem ſie regelmäßig täglich ſchrieb, erhalten w 100 hatte, zeigte ihr deſſen Ankunft auf den 13. Dezem⸗ Ich werde dieſes Datum nie vergeſſen. Der Tag war gekommen. Obſchon Herr Secherin gewöhnlich höchſt pünktlich mit den Antworten an ſeine Frau war, ſo hatte dieſe dennoch ſeit drei Tagen keinen Brief von ihm erhal⸗ ten, was ſie aber keineswegs unruhig machte, denn ſie ſah darin im Gegentheil ein Zeichen der nahen An⸗ kunft ihres Mannes, der ſie doch natürlicher Weiſe in Kenntniß geſetzt haben würde, ſo er ſeine Pläne ge⸗ ändert. Ich wollte mich mit Gontran an mein Clavier ſetzen, als mich Blondeau zu fragen kam, ob ich Ur⸗ ſula empfangen könnte. Mein Gatte kam der abſchlägigen Antwort, welche ich zu geben im Begriff war, zuvor, indem er zu mir ſagte: „Sie reiſt heute abz; empfangen Sie ſie immer⸗ hin, es iſt nur eine Höflichkeitsform und ich bin ſo⸗ gleich wieder hier.“ Obſchon dieſe Zuſammenkunft mir höchſt wider⸗ wärtig ſein mußte, ſo ſtand ich doch nicht an, dem Rath meines Mannes Folge zu leiſten. Urſula trat ein und wir blieben allein. Achtes Kapitel. Veur. Urſula war traurig und ernſt. „Nach dem, was zwiſchen uns vorgefallen,“ ſagte ſie, „glaubte ich nicht abreiſen zu dürfen, ohne Sie 11⁰ noch einmal zu ſehen und einen Augenblick mit Ihnen zu reden. Mein Mann wird dieſen Morgen ankom⸗ men, in Zeit einer Stunde ſchon wäre eine letzte Er⸗ klärung unmöglich.“ Eine Erklärung? Wozu ? Sie iſt unnütz. „Für Sie vielleicht, denn Sie haben ſich mir gegenüber Nichts vorzuwerfen, ich aber, ich geſtehe es ohne Scheu, ich habe gegen Sie großes Unrecht be⸗ gangen.“ Ich ſah Urſula mißtrauiſch an, indem ich von ihr keine Rückkehr zu beſſeren Gefühlen, ſondern bloß zur Heuchelei erwartete. Sie hatte mich ſo oft betrogen, daß ich nun und nicht mehr befürchtete, ſo ſchwach und leichtgläubig, wie früher, zu ſein. Etwas aber verwunderte mich. Meine Coufine affektirte nicht jenen klagenden, ſchwermüthigen Ton, welchen ſie gewöhnlich, als eine ihrer unwiderſtehlich⸗ ſten Verführungskünſte, in Anwendung brachte. Ihr Gebahren war kalt und gleichmüthig. Ja, ſagte ich, Sie ſind in der That im Unrecht gegen mich, ich hätte Sie aber im Augenblick des Ab⸗ ſchieds nicht daran erinnert; jede Verbindung, jede Freundſchaft iſt zwiſchen uns aufgehoben und wir wer⸗ den uns künftig fremd gegenüber ſtehen. Vielleicht vergeſſe ich indeſſen ſpäter das mir von Ihnen zuge⸗ fügte Unrecht. „Täuſchen Sie ſich nicht über die Urſache dieſer letzten Zuſamwenkunft,“ ſagte Urſula. „Ich komme nicht, Sie zu bitten, jenes Bekenntniß des Neides, welchen Sie mir eingeflößt, und der Abneigung, welche dieſer Neid hervorbrachte, zu vergeſſen.“ Wozu denn dieſe Zuſammenkunft? „Hören Sie mich, Mathilde! Sie haben mich ſchon in verſchiedenen Geſtalten geſehen: einmal wei⸗ nend, ſeufzend und unverſtanden, ein andermal ſtolz und ſpottend, unerhört kokett und die ſchamloſeſten 11¹ Grundfätze zur Schau ſtellend; heute ſahen Sie mich bemüht, ſelbſt den gemeinſten Launen eines Mannes zu ſchmeicheln, ihn ſo ſehr zu beglücken, wie er nur immer konnte und wollte, morgen ihn betrügen, ohne Gewiſſensbiſſe zu empfinden, und die ſchändlichſte Heu⸗ chelei anwenden, um ihn von ſeiner Mutter loszu⸗ reißen, welche mich verabſcheute. Allein dieſe ſchon ſo großen Verſchiedenheiten meines Charakters erſchöpfen die Geheimniſſe meiner Seele keineswegs. Ich ver⸗ einige gar viele Gegenſätze in mir, Mathilde. So fühle ich ein unwiderſtehliches Bedürfniß nach Luxus, Aufſehen und Reichthum. Die Sucht, zu glänzen, hat in mir einen ſo hohen Grad erreicht, daß ich, um ſie zu befriedigen, den widerwärtigſten Greis geheiratet hätte. Dennoch beſitze ich den Muth und die Geduld, mich in die Provinz zu vergraben, das jämmerlichſte, bürgerlichſte Leben zu führen, um meinem Manne Zeit zu laſſen, ſein Vermögen zu vergrößern und mich in den Stand zu ſetzen, in Paris das verſchwenderiſche Leben zu führen, welches ich geträumt und für welches ich Alles zu opfern vermocht hätte. Ich liebe es, un⸗ umſchränkt zu herrſchen, und dennoch gibt es despo⸗ tiſche, faſt rohe Mächte, welche ich anbeten würde. Ich bin von Natur und aus Berechnung falſch und verſteckt, aber bisweilen habe ich Anfälle von thörich⸗ ter Offenherzigkeit. Kurz, ich bin zugleich zu vielem Böſen und zu vielem Guten fähig. O, lächeln Sie nicht ſo verächtlich und ungläubig, Mathilde! Ja, zu vielem Guten, und ich kann Ihnen gerade in dieſem Augenblick einen Beweis hievon geben. Dieſes Gute iſt natürlich mit Böſem vermiſcht, wie alles Menſch⸗ liche. Aber ich glaube doch, das Gute ſchlägt vor. Sie ſollen darüber urtheilen. Vor acht Tagen hatten wir eine lange Unterredung. Ich bekannte Ihnen, was für eine Eiferſucht Sie mir eingeflößt hätten, ja, ich beneidete Sie ernſtlich, Sie, die Sie jung, ſchön, reich, geiſtvoll, unwiderſtehlich liebenswürdig durch 1¹2 Ihre Tugend, verführeriſch ſelbſt durch die Eigenſchaf⸗ ten ſind, welche gewöhnlich wohl imponiren, aber anziehen. Ich ſah nichts Vollkommeneres, als Sie.“ Dieſe Schmeicheleien — „O, es ſind keine Schmeicheleien, Mathilde. Ich war Zeugin, welche Macht Ihre Liebenswürdigkeit ausübt. Um einer alten Bürgersfrau aus der Provinz zu gefallen, ſah ich Sie mehr Mühe aufwenden, als hinreicht, zwanzig Modeherren den Kopf zu verrücken, denn Sie beſitzen eine unſchätzbare Eigenſchaft, die Koketterie der Tugend, wie ſo viele andere Frauen die Koketterie des Laſters beſitzen. Kurz, es vereinig⸗ ten ſich damals, wie jetzt, alle Vorzüge in Ihnen, die mir abgehen. Vor acht Tagen noch beneidete ich Sie um dieſe Vorzüge, weil ich der Meinung war, daß Sie denſelben ein unerhörtes Glück verdankten, heute aber —“ Nun, ſagte ich zu Urſula, als ſie innehielt, heute? — „Heute weiß ich, daß Sie unglücklich ſind. Ja, ich weiß, Sie ſind die unglücklichſte der Frauen, und ich habe nicht mehr den Muth, Sie um jene ſeltenen, glänzenden Eigenſchaften zu beneiden — das iſt aber⸗ mals ein Widerſpruch, den Sie ſich erklären mögen, ſo gut Sie können.“ Diesmal, ſagte ich, täuſcht Sie Ihr gewöhnlicher Scharfblick, denn gerade ſeit acht Tagen, ſeit ich Ih⸗ nen ſo beneidenswerth erſcheine, bin ich glücklicher, als ich jemals geweſen, und, fügte ich ſtolz hinzu, niemals benahm ſich mein Gatte zärtlicher und zuvor⸗ kommender gegen mich. . „Wir werden ſpäter auf dieſe Zärtlichkeit und Zuvorkommenheit zu ſprechen kommen,“ verſetzte Ur⸗ ſula mit einem ſeltſamen Blicke. „Sprechen wir zu⸗ nächſt von dem, was meinen Neid und Haß in Mit⸗ leid, ich möchte, wenn Sie es geſtatten, faſt ſagen in Theilnahme verwandelt hat. Fräulein von Maran 113 gefiel ſich, ich weiß nicht zu welchem Zwecke, ohne Zweifel aber wohl, um meinen Neid noch mehr zu ſtacheln, ſtets darin, mir Ihr Glück noch vergrößert vor Augen zu ſtellen, bis zum Tage, wo ich Zeugin war, wie ſie Sie mit den Verleumdungen bekannt machte, deren Opfer Sie find. Obgleich ich ihre Bos⸗ heit theile, bin ich dennoch überzeugt geblieben, daß Sie die rechtlichſte und edelſte Frau von der Welt, und doch Ihr guter Ruf, wenn auch nicht verloren, doch für immer compromittirt iſt.“ täuſchen ſich, die Wahrheit wird ſich Bahn rechen — „Ach, Mathilde, täuſchen Sie ſich nicht. Falſches und Wahres iſt in den Exeigniſſen, welche der Welt zu ſo ungerechten Urtheilen Veranlaſſung geben, un⸗ glücklicherweiſe ſo verſchmolzen, daß es ſchwer ſein dürfte, ſie zu beſtreiten. In zweifelhaften Fällen ſchweigt die Welt nicht, ſondern verdammt. Ich muß alſo noch einmal ſagen, daß ich mich für die Vorzüge, um welche ich Sie beneidete, grauſam gerächt ſehe.“ Das Mitleid, welches Urſula affektirte, machte mich zornig, ihre Lobeserhebungen empörten mich, —und obgleich das, was ſie mir Betreffs meines Rufes ſagte, für mich leider nur zu wahrſcheinlich war, wollte ich es ihr gegenüber doch nicht zugeſtehen, weßwegen ich ſagte: Ich gebe zu, daß Sie ſich ſehr geneigt fühlen mögen, an dieſe ſeltſame Vertheilung menſchlicher Ge⸗ rechtigkeit, welche ehrſame Frauen läſtert, zu glauben, aber triumphiren Sie nicht zu frühzeitig! Obſchon Sie das Gegentheil hoffen, wird dennoch früher oder ſpäter über Jeden nach Verdienſt gerichtet werden. Laſſen Sie alſo ab, mich zu beklagen, und was meine guten Eigenſchaften angeht, ſo prophezeihen Sie ja denſelben eine ſolche Belohnung, daß Ihr Lob ſchlimmer iſt, als Ihr Hohn. Mathilde. . 8 i Mit unbezwinglicher Kaltblütigkeit verſetzte Ur⸗ ula: „Gerade weil dieſe Eigenſchaften ſo ſchlecht belohnt ſind, lobe ich ſie ohne Rückhalt, glauben Sie mir. Sie darum zu beneiden, hüte ich mich wohl. Ich habe von der Welt nicht mehr geſehen, denn Sie, aber Rachdenken hat ſie mich beſſer kennen gelernt, als Sie ſie je kennen lernen werden. Mögen Sie ſagen, was Sie wollen, ich bin dennoch überzeugt, daß Ihrer glänzenden Tugend zum Trotz Ihr Ruf tödtlich ver⸗ wundet wurde.“ Madame — „Sehen Sie dieſe Wiederholung nicht als Belei⸗ digung an, Mathilde; nein, nein, ſehen Sie,“ fuhr Urſula nach einer augenblicklichen Pauſe fort, „Sie halten mich für die falſcheſte, verlogenſte Frau, daher werden Sie anſtatt von dem, was ich Ihnen ſagte, gerührt zu werden, mich als eine Heuchlerin behan⸗ deln, doch einerlei, ich ſpreche in dieſem Augenblicke nicht für mich, ſondern für Sie. Alſo, da ich weiß, welchen furchtbaren Schmerz Sie jetzt empfinden, und da ich weiß, welcher Ihrer noch harrt, jetzt Mathilde, o gewiß, jetzt bereue ich, bereue ſchmerzlich das Leid, das ich Ihnen habe anthun wollen, ich wage nicht zu ſagen, das Böſe, welches ich Ihnen angethan.“ Bei dieſen Worten bebte ihre Stimme und ohne mein Mißtrauen hätte ich ihre Reue für aufrichtig ge⸗ halten, allein ich kannte ihre Falſchheit und ihre Schau⸗ ſpielerei zu genau, ſo daß ich nur bitter lächelte und ihre Hand wegſtieß, welche die meinige ſuchte. „Mathilde, Sie glauben mir nicht?“ Nein, und wahrſcheinlich werden Sie nun bald auch Ihre Thränen zu Hülfe rufen, um mich zu überzeugen. „Thränen? Nein, Mathilde, nein, diesmal weine ich nicht, denn mein Schmerz iſt ſo tief, ſo aufrichtig, daß ich nicht erheuchelter Thränen nöthig habe, um Sie daran glauben zu machen.“ . n 115 Betroffen von dieſem unverſchämten Bekenntniß ſah ich meine Couſine mit Erſtaunen an. Und, ja, ja, ich muß es geſtehen, ſollte ich auch einfältig erſcheinen — nach ſo vielen Enttäuſchungen, nach ſo vielem Betruge bewegte und rührte mich der Ausdruck in Urſula's Geſicht und der unerklärliche Schmerz in ihrem Auge. Dieſer Ausdruck mußte mich um ſo mehr erſchüttern, als er ihrem ſonſtigen, affektirten Gebahren keineswegs glich. Ich glaubte und glaube es noch, daß ſie von einem wahren Gefühl beherrſcht wurde. Deſſenungeachtet wollte ich dieſem Eindruck mit aller Kraft entgegentreten. O, rief ich aus, Sie ſind die gefährlichſte der Frauen! Laſſen Sie mich, Laſſen Sie mich! Iſt Ihr Bedauern auch aufrichtig, ſo iſt es doch überflüſſig, es mindert das gräßliche Unrecht, welches Sie mir zuge⸗ fügt, nicht; Sie haben mein Glück vernichten wollen. Ich war nicht blind Betreffs Ihres liſtigen Benehmens gegen meinen Gatten, und wenn dieſer für Sie nicht Ver — Das Wort kam mir zu hart vor und ich wollte es zurückhalten. Urſula ſprach es aus: „Verachtung, wollen Sie ſagen, Mathilde? Sagen Sie, ſagen Sie! Ich muß und kann jetzt Alles von Ihnen hören.“ Nun wohlan, es liegt nicht an Ihnen, daß Sie meinen Gatten nicht verführt, daß Sie einer Frau nicht den letzten Streich verſetzt haben, einer Frau, welche gegen Sie ſtets nur Güte hegte und welche Sie ohnehin ſchon ſo unglücklich, ſo unverdient un⸗ glücklich finden, wenn ich der Annahme Raum geben darf, daß Ihre Theilnahme aufrichtig iſt. „So iſts, es iſt wahr, ja, in jener Unterredung, welcher Sie ohne mein Wiſſen anwohnten, wußte ich gar wohl, daß ich, anſtatt Ihres Mannes Leidenſchaft 116 zu vernichten, vieſelbe durch meine ſcheinbare Gleich⸗ gültigkeit, meinen Hohn und meine Verachtung nur ſtachelte.“ Seine Leidenſchaft? ſagte ich mit verächtlichem Achſelzucken; Gontran, er ſollte für Sie eine Leiden⸗ ſchaft —2 Sagen Sie vielmehr Gefallen, eine flüch⸗ tige Grille. „Ich ſage Leidenſchaft, weil es ſich allerdings um eine Leidenſchaft handelte, hören Sie, ich ſage: um eine Leidenſchaft!“ Um eine Leidenſchaft? Und Sie wagen es, das jetzt noch zu ſagen? „Glauben Sie ja nicht, ich wolle in irgend einer Weiſe Ihrer Selbſtliebe zu nahe treten; ich will Ih⸗ nen vielmehr einen Dienſt leiſten, Mathilde, will einen Theil des Böſen, das ich Ihnen zugefügt, wieder gut machen. Es iſt hiezu, Gott ſei Dank, noch Zeit.“ Der Ton ihrer Stimme übte eine ſolche Gewalt über mich, daß ich ſie wider willen ſchweigend an⸗ hörte. * „Ja,“ fuhr ſie fort, „ich wußte die Leidenſchaft Ihres Mannes zu ſchüren. Dieſe Berechnung muß Ihnen Beruhigung geben Betreffs meiner Gefühle für ihn.“ O, das iſt nichtswürdig! rief ich aus; welche ge⸗ häſſige Verleumdung! Das iſt alſo Ihr Abſchied? Im Fortgehen wollen Sie mir noch einen entſetzlichen Argwohn ins Herz ſenken? „Mathilde, geſtatten Sie mir um Ihrer willen, 16 daß ich ausſpreche. Mein Mann kann jeden Augen⸗ blick ankommen und ein weiteres Geſpräch unmöglich machen.“ Um meiner willen? „Ja, ja, um Ihrer willen, unglückliche Frau! Hören Sie mich und glauben Sie mir, ich überlaſſe mich jetzt einer Anwandlung von Großmuth, was mich einſt über manche böſe That tröſten wird. Hö⸗ — — 117 ren Sie mich, wenn auch nicht Ihrer, doch um der Zukunft Ihres Kindes willen!“ Wie! rief ich beſtürzt, denn ich hatte dieſes Ge⸗ heimniß nur Gontran vertraut — wie, Sie wiſſen? „Ja, ja, ich weiß und beſonders dieſer Umſtand ſchreibt mir, indem er meine Gewiſſensbiſſe verſchärft, meine jetzige Handlungsweiſe vor.“ Und nach einer kleinen Pauſe fuhr Urſula mit geſenktem Blicke und gepreßter Stimme fort: „Nicht wahr, Sie entſinnen ſich genau jener leb⸗ haften Unterredung, welche wir mit einander hatten?“ Ja, ja! Und nun? rief ich angſtvoll, denn eine entſetzliche Ahnung erfaßte mein Herz, wenn ich be⸗ dachte, daß mein Gatte dieſer Frau ein Geheimniß mitgetheilt habe, welches uns allein gehörte. „Ich will meine Schuld nicht beſchönigen,“ ſagte Urſula mit immer ſteigender Bewegung, „aber wenn ich Ihnen damals ohne Rückhalt den Neid bekannt, welchen Sie mir eingeflößt, ſo waren Sie dagegen, Mathilde, für mich ohne Mitleid. Sie haben mir die Schmach eines Verhältniſſes vorgeworfen, welches ich niemals eingeſtehen werde, Sie haben mir meine Falſchheit vorgeworfen und endlich hielt ich Sie da⸗ mals noch für die glücklichſte Frau. Damals, ich ſchwöre es, wußte ich noch nicht, was Sie gelitten hatten, denn, denken Sie ja daran, Mathilde, erſt am Abend dieſes Tages erfuhr ich durch Fräulein von Maran einen Theil Ihrer Schmerzen.“ Aber, um Gottes willen, ſprechen Sie! Sprechen Sie! Was iſt nach unſerer Unterredung vorgefallen? Aber, ja, jetzt erinnere ich mich, Sie waren in den Wald gegangen — „Mathilde, Gnade, Gnade! — ich ſuchte Ihren Gatten auf. Er erwartete mich in einem unbewohn⸗ ten Jägerhauſe, wo er mir ein Rendez⸗vous gab.“ Dieſes Geſtändniß war ſo unerwartet, ſo gräß⸗ —— , daß ich ihm Anfangs keinen Glauben ſchenken onnte. Es handelte ſich ja um meine letzte Hoffnung! Es handelte ſich darum, zu glauben, daß Gon⸗ trans Betragen gegen mich ſeit acht Tagen ein Ge⸗ webe von Lüge und Falſchheit geweſen! Es handelte ſich darum, zu glauben, daß die Zärtlichkeit, welche er mir bezeigt, nur ein Schein geweſen, welcher ſein Verhältniß mit Urſula verber⸗ gen ſollte! Ich konnte und wollte nicht an dieſe entſetzliche Thatſache glauben und rief außer mir: Sie verleumden Gontran! Er hat jenen Tag auf der Jagd verbracht, Einer ſeiner Leute hat es mir in ſeinem Namen geſagt. „Dieſer Mann hat bloß geſagt, was ihm ſein Herr aufgetragen.“ Es war nicht ſo? Dieſer Mann log? „Ja, ja — Gnade, Mathilde! Verleitet von der Abneigung, welche ich gegen Sie hegte, wollte ich mich rächen, indem ich Ihnen Ihren Gatten entriß. Ich bin ſtrafbar.“ Ich ſage Ihnen, daß ich Ihnen nicht glaube, ich ſage Ihnen, Sie verleumden ſich ſelbſt, um mir einen tödtlichen Streich beizubringen. „Ich habe den Muth, Ihnen die Wahrheit zu ſa⸗ gen, ſo beſchämend ſie auch für mich, ſo peinlich ſie für Sie iſt.“ Mein Gott, mein Gott, rief ich, die Hände gen Himmel erhebend, du hörſt es! „Gnade, Mathilde! Als ich ſpäter erfuhr, wie unglücklich Sie geweſen, als mir ſpäter Gontran ſagte, Sie wären Mutter, das hat mich entwaffnet. Ich erſchrack vor meinem Fehler, als ich bedachte, daß ich nicht aus Liebe, ſondern aus niedrigem Haſſe, aus einem abſcheulichen Rachegefühl mich hingegeben —“ Mein Gott, mein Gott, rief ich verzweifelnd, 119 mache mich wahnſinnig oder nimm mir das Leben! Ich will, ich kann nicht mehr leiden! „Mathilde, Gnade! Ich ſchwöre Ihnen, ich ahnte damals noch nicht, wie ſehr Sie Theilnahme und Mitleid beanſprechen durften, und dann — ich muß den Muth haben, Ihnen Alles zu ſagen — wußte ich auch noch nicht, welche ſchändliche Gleichgültigkeit Ihr Mann gegen Sie hegt — nein, ich glaubte nicht, daß die Liebe zu mir ihn ſo treulos, ungerecht und grau⸗ ſam gegen Sie machen könnte. Ach, Sie kennen ſeine Abſichten noch nicht.“ Aber das iſt ja entſetzlich, unerhört! Sie, die Sie der Schmach entgegengegangen, Sie klagen meinen Gatten an! Was ſind Sie, was iſt er, was bin ich? Was iſt dieſes Leben? Iſts ein Traum? Iſts furcht⸗ bare Wahrheit? Und Sie, die Sie vor mir ſtehen, mich anblicken — wer Sie auch ſein mögen, antwor⸗ ten Sie mir: wo bin ich? Was iſt Wahrheit? Was Lüge? Wie? Die Zärtlichkeit, welche Gontran mir ſeit acht Tagen bewies, war nur eine Falle, eine empö⸗ rende Treuloſigkeit? Aber wozu denn dieſe Verſtellung, da Sie abreiſen, ſich entfernen wollen? O, das iſt ein Chaos, in welchem ich mich verwirre und verliere — — ich bin wahnſinnig, mein Gott, ich bin wahnſinnig! Haben Sie Erbarmen mit mir, geben Sie mir Licht, Urſula! Bin ich noch nicht genug gedemüthigt? Bin ich unglücklich genug? Hier ſehen Sie mich zu Ihren Füßen, Urſula, zu Ihren Füßen — „In des Himmels Namen, Mathilde, ſtehen Sie auf! Ich bin es, ich, die Sie um Gnade fleht.“ Ich verzeihe Ihnen, ich verzeihe Ihnen, aber ſa⸗ gen Sie mir nur die Wahrheit, die volle Wahrheit, ſo gräßlich ſie auch ſein mag. Ich bin Mutter, ich gehöre nicht mehr mir, dieſer Schmerz wird mein Kind tödten! Ich ſage, daß ich nicht länger leiden will, wenn Gontran mich ſo unwürdig betrogen, ich will nicht mehr! Zede Hoffnung, ihn jemals zu mir zurück⸗ —— —————— — 120 zuführen, iſt unwiderbringlich verloren. Ich werde ihn nicht widerſehen, ich werde hier allein bleiben, und ſo ich mein Kind habe, kann ich vielleicht noch glücklich ſein. Alſo fürchten Sie Nichts, Urſula, ſagen Sie mir Alles. Sprechen Sie! Gewißheit, um Gottes willen, Gewißheit, ſo ſchrecklich ſie auch ſei! Lieber den Tod, als ſolche Todesqual! „Armes, unglückſeliges Weib!“ ſagte Urſula, ihr in Thränen ſchwimmendes Geſicht in die Hände ver⸗ bergend. Ja unglücklich, ſehr unglücklich, nicht wahr? Zetzt können Sie mich nicht mehr beneiden, nicht wahr? Mich ferner zu verfolgen, wäre Barbarei. Sie ſehen es ja, es iſt unmöglich, unglücklicher zu ſein. Das wollten Sie ja! Iſt Ihr Haß nun geſättigt? „Ich bin mehr gerächt, als ich es wollte. Es iſt entſetzlich, entſetzlich! Unglücklicherweiſe kann ich die Vergangenheit nicht ändern, wohl aber die Zukunft. — Hier iſt ein Brief, welchen Gontran mir geſchrieben, und ein anderer, welchen ich ihm geantwortet. Jeden Tag wollte ich ihm dieſen zuſtellen; er mildert meine Schuld nicht, allein er beweiſt, daß ich wenigſiens hoffte, es wieder gut zu machen. Ich ſchildere mich in dieſer Antwort mit ſo ſchrecklichen Farben, daß ich, ſo ſehr ich es auch bedauerte, Sie gekränkt zu haben, bis jetzt zauderte, Gontran dieſe für mich ſo beſchä⸗ menden Briefe zuzuſtellen. Hier ſind ſie.“ So ſprechend überreichte mir Urſula ein verſiegel⸗ tes Couvert, welches ich mechaniſch nahm. „Und nun noch ein letztes Wort, Mathilde. Ich hätte Ihnen dieſes furchtbare Geheimniß verſc weigen, nach Paris abreiſen und Sie in völliger Blindheit zurücklaſſen können, allein wenn Sie den Brief Ihres Mannes an mich leſen, werden Sie ſeine Pläne für die Zukunft daraus erſehen, werden Sie ſehen, daß er eine maßloſe Leidenſchaft für mich hegt, deren Folgen mir Angſt verurſachen. — Bis jetzt habe ich nur von 121 dem Unheil geſprochen, welches ich Ihnen angethan; nun ſollen Sie aber auch erfahren, wie ich es wieder gut machen will. Durch den Brief, welchen Gontran an mich geſchrieben, werden Sie ihn beſchämen, er kann ſich dann nur Ihnen zu Füßen werfen und Ihre Verzeihung erflehen. Durch meine Antwort aber wer⸗ den Sie ihm beweiſen, daß ihm keine Hoffnung bleibt, mich jemals wieder zu ſehen. Zudem ſind Sie durch dieſe Briefe in den Stand geſetzt, ſich für die Vergan⸗ genheit zu rächen und für die Zukunft ſicher zu ſtellen⸗ Gebe ich Ihnen je wieder Anlaß zur Eiferſucht, ſo ſenden Sie an Herrn Secherin den Brief, welchen ich Ihrem Manne geſchrieben; wenn Sie ſich für die Vergangenheit rächen wollen, ſo ſtellen Sie ihm dieſen Brief ſogleich zu. Er wird ihm keinen Zweifel über die Größe meines Vergehens laſſen und, ich kenne ihn, wie blind auch ſeine Güte und Liebe, er wird unbarm⸗ herzig gegen mich ſein, wenn er die Gewißheit hat, betrogen worden zu ſein. Er würde mich verſtoßen, mein Vater würde mich niemals wiederſehen wollen, ich wäre jeder Hülfe bersbt und würde aus jenem Traum von Ueberfluß, welchen ich verwirklichen will, zum tiefſten Elend erwachen. Und Sie wiſſen nicht, Mathilde, wozu das Elend mich bringen könnte. — Es muß,“ ſetzte ſie in feierlichem Tone hinzu, „et⸗ was Verhängnißvolles, Unerforſchliches darin liegen, was mir geſchehen wird. Ich ſchreibe ſonſt niemals, ich bin zu ſchlau, Etwas zu thun, was mich compro⸗ mittiren könnte, mein Vergehen konnte, wenn auch nicht ganz verborgen, doch ohne Beweiſe bleiben, und dennoch ſchrieb ich dieſen Brief, der mich verderben kann, dennoch vertraue ich Ihnen denſelben. Sie wiſſen, daß mich Niemand zwingt, mich in dieſer Art Ihrer Discretion anheim zu geben, Nichts, als meine Reue ob der Vergangenheit, meine guten Vorſätze für die Zukunft und mein blindes Vertrauen zu Ihrer Ge⸗ rechtigkeit; Nichts zwingt mich, ſo zu handeln, wenn 122 es nicht eben einer jener wunderlichen Gegenſätze in meiner Natur iſt, von welchen ich Ihnen ſprach und über die Sie ſpotteten, Mathilde.“ Das erwähnte Briefcouvert in den Händen hal⸗ tend, ſtand ich wie vernichtet da. Dieſe Verderbtheit, dieſer Cynismus, welchem ſich eine Art von Großmuth und Größe beigeſellte, erſchie⸗ nen mir unerklärlich. Ich fragte mich damals und frage mich noch, ob das Geſtändniß, welches Urſula mir gemacht, ein be⸗ rechnetes Spiel der teufeliſchſten Grauſamkeit war, oder aber eine zu ſpäte Theilnahme für mich. Affektirte ſie, ſich meiner Diskretion anheim zu geben, um ſich, indem ſie mir die Treuloſigkeit meines Mannes bekannt machte, an meiner Verzweiflung zu ergötzen, oder wollte ſie mir in der That für die Zukunft gegen ſich und Gontran eine Garantie geben? — — Ich blickte auf meine Coufine mit eben ſo viel Schrecken, als Staunen und Mißtrauen. Da machte ſich plötzlich das Raſſeln eines Wagens auf dem Hofe hörbar. Mein Schlafzimmer befand ſich im Erdgeſchoß und urſula lief an's Fenſter, blickte in den Hof und ſagte hierauf mit einer ſo rührenden Einfachheit, daß ich erſchüttert wurde: „Mathilde, da iſt der Wagen meines Mannes. Sie können ihm Alles ſagen und ſich für das Unrecht, das ich Ihnen angethan, rächen.“ Eine kurze Pauſe trat ein. Dann öffnete ſich die Thüre meines Zimmers. Urſula trat verſteinert einige Schritte zurück. Nicht ihr Mann trat ein, ſondern deſſen Mutter, Frau Secherin. Neuntes Kapitel. Die Züchtigung. Frau Secherin ſchöpfte ohne Zweifel aus den Um⸗ ſtänden, welche ſie zu uns führten, eine übermenſch⸗ liche Kraft. Ich hatte ſie bisher, von hohem Alter und von Schwäche gebeugt, bisher nur langſam einherſchleichen ſehen, heute aber ſchritt ſie mit ſicherem, feſtem, faſt leichtem Gang bis in die Mitte des Zimmers vor. Die Runzeln ſchienen von ihrer Stirne wegge⸗ wiſcht, in ihren Zügen ſprach ſich drohende Genug⸗ thuung und niederſchmetternder Triumph aus und ver⸗ lieh denſelben einem zugleich majeſtätiſchen und furcht⸗ baren Ausdruck. Man hätte ſie für die Vollſtreckerin der göttlichen Rache halten können. Ihre aufrechte und ſtolze Haltung, ihr wildes Lä⸗ cheln, ihr drohender Blick ließ errathen, daß die in ihrer abgöttiſchen Liebe für ihren Sohn verletzte Mut⸗ ter, die einer ſtrafbaren Gattin aufgeopferte Mutter, jetzt mit grauſamer Freude kam, um furchtbare Ver⸗ geltung zu üben. Der Anblick dieſer bleichen Frau in langen, ſchwar⸗ zen Gewändern erſchreckte mich ſo ſehr, daß ich Alles vergaß, was zwiſchen Urſula und mir vorgegangen war. Gleich meiner Couſine blieb auch ich ſtumm und wie verſteinert. Frau Secherin aber rief mit zum Himmel erhobe⸗ nen Augen und erſtickter Stimme: „Mein Gott, mein Gott, verlaſſe mich nicht, gib mir nach deiner Gnade die Kraft, deinen Willen zu Ende zu führen! Zu viel Freude iſt zu viel Freude, zu viel Schmerz zu viel Schmerz!“ 124 Und als wäre ſie von einer heftigen Bewegung übermannt worden, ſtützte Frau Secherin für einen Augenblick ihre runzelvolle Hand auf die Lehne eines Armſtuhls. Dann rief ſie, Urſula einen durchbohrenden Blick zuwerfend: „Ich ſagte es wohl, Unglückliche, daß der gute Gott endlich alle Böſen entlarvt und ſie früher oder ſpäter zu Boden ſchmettert.“ Und zu mir gewendet, fügte ſie bei: „Ich ſagte es gleichfalls voraus, eines Tages würden Sie für das ſtrafbare Mitleid, welches Sie dieſer Frau zu Theil werden ließen, durch dieſelbe Frau beſtraft werden. Ich ſagte es voraus, mein Sohn würde dereinſt zu mir zurückkehren und bei mir Troſt ſuchen.“ Und ſie kreuzte ihre Arme und ſchüttelte mit trium⸗ dem Stolz den Kopf. In dieſem Augenblick trat Gontran mit Fräulein von Maran und einem mir unbekannten jungen Manne herein. „Darf ich fragen, Madame,“ ſagte Herr von Lan⸗ ery, „welcher Umſtand uns die Ehre Ihres Beſuches verſchafft, und wer der junge Mann iſt, welcher ſich durch einen meiner Leute bei mir einführen ließ und mich in Ihrem Namen hieher beſchieden hat?“ „Dieſer Herr iſt der erſte Buchhalter meines Soh⸗ nes; ich konnte nicht allein reiſen und mein Sohn hat ihn mir deßhalb als Begleiter mitgegeben.“ Dann ſagte Frau Secherin zu dem jungen Mann: „Firmin, wir werden in einer Stunde wieder ab⸗ reiſen; gehen Sie und ſchließen Sie die Thüre.“ Gontran ſah mich überraſcht an. Der Buchhalter verließ das Zimmer. Mein Gatte, Fräulein von Maran, Frau Seche⸗ rin, Urſula und ich, blieben zurück. 125 Gontran und meine Tante wußten Nichts von dem Beginn dieſer Zuſammenkunft und ahnten durch⸗ aus nicht, daß es ſich um ein ſehr ernſtes Ereigniß handeln ſollte. Frau Secherin ſagte zu meiner Tante: „Sie gehören zur Familie, Madame?“ Fräulein von Maran betrachtete Urſula's Schwie⸗ germutter, und fragte dann vermittelſt eines Blickes mich, wer dieſe Frau ſei. Frau Secherin, ſagte ich zu ihr, und Urſula's Schwiegermutter auf meine Tante hinweiſend, fügte ich bei: Fräulein von Maran. Frau Secherin fielen die Lobſprüche ein, welche ihr Sohn, der Betreffs des Charakters meiner Tante völlig im Unklaren war, immer über dieſe Dame aus⸗ geſprochen, und näherte ſich ihr deßhalb, ergriff ihre Hand und ſagte: „Sie ſind auch eine der Unſrigen, denn ſie ergrei⸗ fen ebenfalls die Partei der Guten gegen die Böſen. Mein Sohn hat es mir oft genug geſagt. Sie ſind, wie ich, einfach, loyal und eine Feindin der Heuchelei. Ihre Gegenwart iſt mir daher ſehr erwünſcht, es kön⸗ nen nicht zu viel Richter hier ſein, denn an Schuldi⸗ gen wird es nicht fehlen.“ „Obſchon ich nicht das Geringſte davon verſtehe, was Sie mit Ihren Richtern und Schuldigen ſagen wollen, meine liebe Frau, ſo kann ich doch eine ſo ſchöne Gelegenheit nicht vorübergehen laſſen, um Ih⸗ nen zu erklären, daß Sie den allerartigſten Sohn von der Welt haben, ohne erſt noch zu erwähnen, daß das, was er Bezugs meiner offenherzigen Güte geſagt hat, einen großen Beweis ſeines Scharfblickes und ſeiner Gerechtigkeitsliehe abgibt. Ich wage deßhalb auch, zu hoffen, daß das, was er mir über Sie mittheilte, nicht minder begründet iſt. Es bleibe uns dann Nichts mehr übrig, als uns zu dieſem gegenſeitigen Zuſammentref⸗ fen von Herzen zu gratuliren.“ 126 . Frau Secherin betrachtete meine Tante aufmerk⸗ ſam, und mochte es nur Beobachtungsgabe, Scharffinn, Inſtinkt des Mutterherzens ſein oder mochte das ſpöt⸗ tiſche Lächeln meiner Tante ihre Jronie verrathen ha⸗ ben: Urſula's Schwiegermutter antwortete nach einer Pauſe meiner Tante, während ſie den Zeigefinger ih⸗ rer rechten Hand erhob und den Kopf ſchüttelte: „Nein, nein, ich ſehe es wohl, Sie ſind Keine der Unſrigen und werden es nie werden! Ihr Blick iſt boshaft, und mein Sohn hat ſich in Ihnen getäuſcht, wie er ſich in Andern täuſchte.“ In ein helles Gelächter ausbrechend, rief Fräulein von Maran: „Ei, wer hätte das gedacht, werthe Madame? Sie kommen mir auf ein Haar mit Ihren tiefſinnigen, wenig ſchmeichelhaften Prophezeiungen wie eine Sy⸗ bille oder Pythia vor, nur geſtatten Sie mir, gerade, als ob ich zu Ihrem Sohn ſpräche, die Bemerkung, daß dieſe Prophezeiungen etwas grober Natur find, da ich doch einmal, Ihrer Anſicht zufolge, niemals ge⸗ meinſchaftliche Sache mit Ihren ſogenannten guten Leu⸗ ten machen werde.“ „Ich weiß zwar nicht, Madame, was eine Sybille iſt, aber ich weiß, wenn man mich verſpottet,“ be⸗ merkte Frau Secherin höchſt würdevoll. „Ich mache mir ein wahres Vergnügen daraus, Sie zu unterrichten, meine werthe Frau, und Ihnen zu ſagen, daß die berühmte Spbille eine Art von Wahr⸗ ſagerin war, welche mit teufeliſchen Grimmaſſen und allem möglichen Hokuspokus die Zukunft enthüllte.“ Mein Gatte wandte ſich, erſchreckt durch die Lei⸗ chenbläſſe Urſula's, von welcher er kein Auge verwandte, abermals zu Frau Secherin mit den Worten: „Madame, darf ich die Frage wiederholen, wel⸗ cher Zufall uns die Ehre Ihres Beſuches verſchaffte 2 Meine Frau ſcheint ſehr beunruhigt, Ihre Schwieger⸗ tochter ſehr bewegt zu ſein. Sie haben mich bitten laſ⸗ 4 127 ſen, ſogleich hieher zu kommen. Was iſt vorgefallen 2 Was wünſchen Sie? Haben Sie die Güte, ſich aus⸗ zuſprechen.“ „O, Sie ſollen es ſogleich erfahren, mein Herr, Sie ſollen es ſogleich erfahren,“ verſetzte Frau Secherin. Ich empfand Todesangſt. Ich ahnte, daß dieſe Frau irgend einen ſchlagenden Beweis von Urſula's ſchlechter Aufführung erhalten habe. Allein ſie beeilte ſich nicht, denſelben darzulegen, ſie ſchien ſich vielmehr in ihrem Rächeramt zu gefallen und ſich an der furcht⸗ baren Angſt zu ergötzen, welche meine Couſine befan⸗ gen hielt. Denn ihrer Kaltblütigkeit und ihrer gewohnten Kühnheit ungeachtet ſchien Urſula völlig niedergeſchmet⸗ tert zu ſein, indem ſie wohl fühlen mochte, daß Ihrer Schwiegermutter gegenüber alle ihre Verſtellungsver⸗ ſuche ohnmächtig ſein würden. Ich bekenne es, daß ich, den vielfachen Gründen zum Trotz, welche meine Abneigung gegen Urſula recht⸗ fertigten, mich dennoch einer Regung des Mitleids nicht enthalten konnte bei dem Gedanken, daß ſie gerade in dem Augenblick verloren ſein ſollte, wo die Reue über ten Fehltritt vielleicht ein edleres Gefühl in ihr er⸗ weckte. Frau Secherin zog langſam ein Briefcouvert her⸗ vor, welches dem vollkommen ähnlich war, das Urſula vorhin mir übergeben hatte. Dieſe Aehnlichkeit war um ſo leichter wahrzuneh⸗ men, da beide Cvuverts aus dem bläulichen Papier gefertigt waren, welches man zu Urſula's Dispoſition auf ihr Zimmer gelegt. „Kennen Sie dieſen Brief?“ fragte Frau Secherin laut und hielt Ihrer Schwiegertochter das Couvert ent⸗ gegen. Dann fügte ſie, mit der Hand gen Himmel wei⸗ ſend, ſehr ernſt und würdevoll hinzu: „Sehen Sie, ob hier nicht Gottes Hand gewaltet 128 hat. Der Beweis Ihres erſten Fehltritts war ein Brief, deſſen Sie mich verwegen beraubten. Der Beweis Ih⸗ res zweiten Verbrechens iſt wiederum ein Brief, aber dies Mal haben Sie ihn ſelbſt meinem Sohne zuge⸗ ſtellt. Der Herr hatte ſie mit rächender Zerſtreutheit geſchlagen.“ Urſula erwiederte kein Wort, erbleichte, eilte auf mich zu, nahm den Brief, welchen ſie mir gegeben, und den ich noch in der Hand hielt, erbrach das Sie⸗ gel, faltete das Schreiben aus einander, warf einen ſchnellen Blick darauf und ließ ihn dann zu Boden fallen, während ſich ihr Kopf in einem Zuſtand furcht⸗ barer Niedergeſchlagenheit auf ihre Bruſt ſenkte. Das Opfer eines verhängnißvollen Irrthums, hatte beide Briefe verwechſelt, als ſie die Adreſſen rieb. Sie hatte ſo ihrem Manne Gontran's Brief und ihre Antwort auf denſelben zugeſandt, mir aber den Brief überliefert, welchen Sie an Herrn Secherin ge⸗ ſchrieben. „Ich widerhole es, hier hat die Hand Gottes ge⸗ waltet!“ rief Frau Secherin. Der Herr hat Sie, die Sie ſo liſtig, ſo ſchlau waren, vermittelſt einer ein⸗ zigen Unvorſichtigkeit entlarvt. Er hat Sie die Briefe verwechſeln laſſen, das iſt Alles. Dieſer einfache Irr⸗ thum hat meinem Sohn endlich die Augen über Sie geöffnet und er leugnet es jetzt nicht mehr, daß mich damals in Rouvray der Herr erleuchtet hatte, als ich zu ihm ſagte: ich ſchwöre es, dieſe Frau iſt ſchuldig! Trenne Dich von ihr, wenn auch die Beweiſe ihrer Schuld mangeln. — Damals, nicht wahr? erſchien ich als eine Wahnwitzige, da ich ohne hinlänglichen Be⸗ weis meinem Sohn einen Schritt zumuthete, welchen er als ein unfinniges Opfer bezeichnete. Aber Gott nahm mich in ſeinen Schutz, er hat mich gerechtfertigt und meinem Sohne bewieſen, daß mütterliche Ahnun⸗ gen unfehlbar ſind!“ 129 Es lag in der That in dieſer Entdeckung etwas ſo Verhängnißvolles, daß wir Alle einen Augenblick lang ſtarr vor Erſtaunen waren. Fräulein von Maran brach das Stillſchweigen zu⸗ erſt, indem ſie bitteren Tones zu Frau Secherin ſagie: „Um der Liebe Gottes willen, deſſen kleine Ge⸗ heimniſſe Sie alle ſo genau kennen, Madame, erklären Sie uns doch dieſe hübſche Couvertverwechslung! Er⸗ laſſen Sie uns Ihre moraliſchen Lehren und ſagen Sie uns, was das Alles bedeutet.“ „Das gottloſe, boshafte und ſittenloſe Alter geht immer mit ſchlechtem Beiſpiele voran,“ entgegnete Frau Secherin, Fräulein von Maran feſt anblickend. Dann fügte ſie rauh hinzu: „Jetzt, ſeitdem ich weiß, daß Sie dieſe beiden jungen Frauen erzogen haben, ſetzt mich die Verdor⸗ benheit dieſer Unglücklichen (ſie wies auf Urſula) nicht mehr in Erſtaunen, allein ich muß mich über die Tu⸗ genden ihrer Couſine (ſie wies auf mich) verwundern.“ „Was iſt's denn? Was iſt's denn?“ ſchrie Fräu⸗ lein von Maran dazwiſchen; „ei, liebe Madame, weil Sie Allem nach die Haushälterin der Vorſehung ſind, ſo gibt das doch noch keinen Grund ab, ſo mitleids⸗ los gegen die arme Welt zu ſein. Was würden Sie denn wohl ſagen, wenn ich nun meinerſeits Ihnen vor⸗ würfe, Ihren Sohn zu einem ſo lächerlichen Weſen erzogen zu haben, daß er ſein Schickſal ganz verdient? Sagen Sie mir, habe ich nicht vollkommen Recht, wenn ich Sie für die ſchlimmen Folgen ſeiner Heirat ver⸗ antwortlich mache 2“ — „Madame,“ ſagte Gontran zu Frau Secherin, „laſſen Sie uns dieſem Wortwechſel ein Ende machen. Es iſt unglaublich, daß ich nicht erfahren ſoll, um was es ſich handelt.“ Ich will, mein Herr,“ verſetzte Frau Secherin, „Ihrer Frau den Brief zu leſen geben, welchen Sie der Frau meines Sohnes geſchrieben haben.“ Mathilde. 1w. 130 Und ſie übergab mir einen Brief. „Ich will ferner Ihnen, mein Herr, den Brief zu leſen geben, welchen die Frau meines Sohnes Ihnen ſchrieb. Gott iſt gerecht. Dieſes Geſchöpf ſoll eben ſo ſehr von dem Manne, der ihr Verbrechen theilte, als von dem, welchen ſie unwürdig betrogen, verabſcheut werden.“ Und ſie übergab Gontran einen Brief. „Ich will endlich, mein Herr, dieſer Ehebrecherin den Brief vorleſen, welchen mein Sohn an ſie ge⸗ ſchrieben hat.“ Hierauf kreuzte Frau Secherin immer noch mit⸗ leidslos die Arme und blickte uns ſchweigend an. Mein Mann war wie niedergedonnert; er begriff endlich die furchtbare Lage meiner Couſine und den Schmerz, womit dieſe unerwartete Entdeckung mich er⸗ füllen mußte. Urſula ſchien, in einen Zuſtand von Gefühlloſig⸗ keit verſunken, weder zu ſehen noch zu hören. Es hatte dieſer Auftritt einen ſo ernſten Charak⸗ ter angenommen, daß Fräulein von Maran für einen Augenblick ihrer boshaften Jronie vergaß und wirk⸗ lich ernſt ſchien. Eine fieberiſche Aufregung gab mir einige Augen⸗ blicke noch Kraft, mich aufrecht zu erhalten, al⸗ lein ich fürchtete meine Beſinnung zu verlieren, bevor ſich dieſes unſelige Geheimniß aufgeklärt habe. Während Urſula ganz in Gedanken verſunken wer, während Gontran den Brief las, welcher Urſula's Antwort auf den ſeinigen enthielt und welchen die un⸗ glückliche Frau mir übergeben zu haben wähnte, ent⸗ faltete ich den Brief meines Mannes, der den meiner Couſine veranlaßt hatte. —— ————— Zehutes Kapitel. Hert von Lancry an Urſula. Nein, nein, Urſula! Ich vermag Ihren Befehlen nicht Folge zu leiſten. Ihr Benehmen iſt auf das unverhoffte Glück hin, womit Sie mich überhäuft, ſo unerklärlich, was ich empfinde, iſt ſo ſeltſam, daß ich, weil ich Sie nicht ſprechen kann, da Sie zweifelsohne aus Vorſicht die ſeltenen Augenblicke zu meiden ſchienen, in welchen ich Sie vor Ihrer Abreiſe noch ſprechen konnte, Ihnen ſchreiben muß. Ich weiß nicht, wache oder träume ich. Vielleicht können Sie mir dieſes Wunder erklären. Der Beſitz einer hochgeliebten Frau macht immer ſtolz und glücklich, und dennoch bin ich am Tage nach jenem glücklichen Morgen, welcher der ſchönſte Tag mei⸗ nes Lebens hätte ſein ſollen, in tiefe Trauer verſunken, welche durch Ihr unbegreifliches Benehmen nur noch vermehrt wird. Ich wiederhole es Ihnen: das, was ich für Sie fühle, iſt ſo ſeltſam, Urfula, daß es mich erſchreckt. Aus der tiefen, gewaltigen Aufregung mei⸗ ner Seele ſchließe ich, daß das bedeutungsvollſte Er⸗ eigniß ſeiner Erfüllung naht. Meine Leidenſchaft für Sie iſt unwandelbar, ſie iſt verhängnißvoll, weil ſie gränzenlos und ohne Ausweg iſt, ſie iſt unwandelbar und unſelig, weil ich Sie tau⸗ ſendmal mehr liebe, als Sie mich lieben. Sie ſind e erſte Frau, die mich beherrſcht hat; ich fühle mich, offen ſei es bekannt, in Ihrer Nähe ganz bedeutungs⸗ los. Sie wollten, ſagten Sie zu mir, entweder einen Sklaven oder einen Tyrannen. Nun, ſehen Sie, Sie haben in mir einen blinden, demüthigen, in ſein Loos ergebenen Sklaven zu Ihren Füßen. 132 Es beſchämt mich, Ihnen das zu ſagen, und doch ſpreche ich es aus. Ich hoffe, dieſe demuthsvolle Selbſt⸗ verleugnung wird der mitleidsloſen Jronie den Sta⸗ chel nehmen, womit Sie mich ſogar in den Schooß dieſes entzückenden Glückes, welches bis jetzt noch kei⸗ nen Morgen erlebte, verfolgen. Ja, es hat mir ge⸗ ſchienen, als wäre ich damals der Ihrige, Sie aber nicht die Meinige geweſen. In Ihren Blicken ſprach ſich weder Liebe, noch Wolluſt, noch Reue aus, ſondern es lag in ihnen vielmehr der Ausdruck irgend eines triumphirenden Haſſes, einer höhniſchen Herrſchſucht, eines grauſamen Sarkasmus. Sehen Sie, Urſula, wenn ich an den Teufel glaubte, wenn ich es für möglich hielte, daß er einen Seelen⸗ ſchacher treiben könnte, ich würde ihn mir vorſtellen mit Ihrem verachtungsvollen und ſtolzen Blick, in dem Augenblick, wo er vermittelſt ſeiner hölliſchen Zauber⸗ gewalt gerade ein unglückliches Opfer für immer ſei⸗ ner Macht verfallen ſieht. Dieſes Bild wird Ihnen abgeſchmackt und ver⸗ rückt vorkommen, Sie werden ſeiner vielleicht lachen, erbarmungsloſe Spötterin. Sie meinen vielleicht, ich ſcherze; und doch iſt es mir Ernſt mit dieſem Bild. Es erklärt, ſo weit eine Erklärung möglich, ein wirk⸗ liches und dennoch unbeſchreibliches Gefühl. Ja, Urſula, von jenem Tage an habe ich meine Seele eingebüßt, ſie gehört nicht mehr mir. Sie ge⸗ hört Ihnen, Engel oder Teufel! Was wollen Sie mit ihr beginnen? Es iſt unfinnig, wahnwitzig, aber es kommt mir vor, als ſchlüge mein Herz nicht mehr in meiner Bruſt, als ſchläge es in der Ihrigen. Ach, mit Entſetzen ſehe ich, daß ich bis jetzt noch niemals geliebt! Nehmen Sie dieß nicht für eine hergebrachte Re⸗ densart, Urſula. So ich Ihnen fade Schmeicheleien ſagen wollte, würde ich nicht dieſe traurige und bittere —— ,————— Sprache wählen. Sie kann mich nicht in Ihrer Gunſt erhalten, ſie iſt langweilig, ſeltſam und wiederholt Ih⸗ nen nur, was Sie ſchon wiſſen, denn Sie find ſich ſchon längſt Ihrer Allgewalt über mich bewußt. Nein, nein, ich verſichere Sie, bis zu dieſem Au⸗ genblick habe ich noch nicht geliebt. Ich habe immer geglaubt und glaube es noch, daß der Mann, der eine einzige wahrhafte Liebe in ſeinem Leben empfindet, faſt von ähnlichen Gefühlen belebt, werden müſſe, wie ſie die Bruſt der Frauen erfüllen, wo ſie viel zarter, viel ergebener, viel furchtſamer und argwöhniſcher ſich ausſprechen. Und das, Urſula, empfinde ich in Ihrer Nähe. Noch nie iſt mein Herz von ähnlichen Gefüh⸗ len bewegt geweſen — ein Züngling würde Ihnen das nicht geſtehen, und ich räume Ihnen dadurch eine un⸗ ermeßliche Gewalt über mich ein. Aber wofür noch kämpfen? Was hatte ich davon, daß ich meine Liebe bekämpfte, ſeitdem Sie mir in jenem Geſpräche, wel⸗ ches meine Frau mit anhörte, in einer ganz neuen Ge⸗ ſtalt erſchienen? Warum hat von dieſem Tage an, an welchem Sie mich ſo unbarmherzig verſpotteten, meine Neigung für Sie ſo ſchnell den Charakter der wahnſinnigſten Leidenſchaft angenommen? Warum wurde ich nicht durch Ihre Tugenden, ſondern durch die Kühnheit Ihrer Grundſätze, durch die blitzende Fronie Ihres Geiſtes, durch jene glutvolle Beredtſamkeit für Sie eingenommen, mit welcher Sie ſo wolluſtathmend die Verwirrung Ihrer Sinne ſchilderten, welche bei der Annäherung des Ihnen geliebten Mannes über Sie kommen würde? Sehen Sie, Uurſula, es iſt entſetzlich, daran zu denken, allein ich muß Ihnen Alles ſagen: wiſſen Sie, warum Ihr Beſitz mich ſo ſorgenvoll, ſo elend, ſo gramſchwer macht, warum er mir nicht jene Gewalt, jene Herrſchaft, welche er ſonſt immer mit ſich bringt, über Sie gibt, warum ich Ihnen, Sie aber nicht mir gehören? Weil — mich ſchaudert, es zu denken, es nieder⸗ zuſchreiben, — weil — weil mir vorkommt, als hät⸗ ten Sie nicht der Trunkenheit der Liebe, nicht einmal dem Rauſch der Sinne nachgegeben. Ich wäre faſt geneigt, zu glauben, Sie hätten ſich weniger durch mich, als vielmehr durch irgend einen Einfluß, der mir fremd iſt, beſiegen aſſen. O, Sie werden nie eine Ahnung davon haben, welches gräßliche Sehnen, welches brennende Verlan⸗ gen, welche ſtralenden und unſinnigen Hoffnungen Sie in mir zurückgelaſſen haben! Sie begreifen nicht, was es heißt: dieſe Frau, welche Alles beſitzt, was nur im⸗ mer der exaltirteſte Wunſch verlangen kann, habe ich beſeſſen, ohne ſie zu beſitzen, ich habe alle Rechte über ſie und habe doch nicht ein einziges, eines Tages hat ſie ſich mir — mit ſo viel Sorgloſigkeit und Ge⸗ ringſchätzung hingegeben, daß ich darob nur Demü⸗ thigung und Bitterkeit empfinde. Wer war ich, wer bin ich denn in Ihren Augen? Habe ich Ihnen nur zum Spielball gedient? Wenn Sie nicht lieben, warum dieſe Gunſtbezeugungen? Haben Sie mir nur den Beweis liefern wollen, daß Sie mir eines Tages ungeſtraft Alles gewähren konn⸗ ten, um es am andern Tag wieder zu vergeſſen, um“ ſich nicht einmal zu einem Erröthen verpflichtet zu halten? Nein, nein, Urſula, es hat nie eine römiſche Kaiſerin gegeben, welche in ihrer gränzenloſeſten Nicht⸗ 89 auf eine verwegenere Art gezeigt hätte, daß ein Sklave kein Mann ſei. Seit dieſem Tage ſuche ich in Ihren undurchdring⸗ lichen Zügen umſonſt eine zärtliche Rückerinnerung zu leſen. Iſt es Heuchelei, Berechnung, Gefühlloſigkeit oder Klugheit? Ihre Blicke geben Nichts kund, Nichts, außer hochmüthigen Spott oder Gleichgültigkeit. Wes⸗ halb mich ſo behandeln? Bin ich nicht Ihr Geliebter? Bin ich es nicht mehr? Haben Sie, von einer uner⸗ 2 . 2 135 hörten, teufliſchen Koketterie getrieben, mir Nichts ver⸗ borgen gehalten, um mich durch dieſe Offenbarung nachher nur deſto unglücklicher zu machen? Beim Himmel, das kann nicht ſein! Ich habe kein Vertrauen zu mir, ſondern nur zu meiner verzweiflungsvollen Liebe. Dieſe berauſchenden Gefühle, von welchen Sie mir mit ſo glühender Be⸗ redtſamkeit ſprachen, dieſe ſollen Sie für mich empfin⸗ den, hören Sie? Ich will Ihnen die volle Glut der Leidenſchaft einflößen — o, wie ſchön werden Sie dann ſein! Bei dieſer Hoffnung ſchon fängt mein Blut zu ſieden an und mein Kopf verwirrt ſich — — — Urſula, Urſula, um von Ihnen geliebt zu werden, würde mir Nichts zu theuer ſein, ich wäre für Sie je⸗ des Opfers, der Schande, ja, wenn ich es wagte, würde ich ſagen, ſogar jedes Verbrechens fähig! Und wenn ich daran denke, daß, während Ihr wolluſtvoller und verwirrender Reiz die Liebe bis zu dieſem Gipfel ſteigert, Ihr glänzender, kühner Geiſt entzückt, beherrſcht, auf ewig feſſelt — — — Wenn Sie mich liebten, o, wenn Sie mich lieb⸗ ten, könnte es da für mich noch eine bezauberndere Geliebte geben? Ach, Urſula, der Gedanke könnte wahn⸗ ſinnig machen, Sie, die Sie ſo ſelbſtſtändig, ſo unlenk⸗ ſam ſind, könnten aus Liebe zärtlich und ergeben wer⸗ den, zärtlich, ergeben bei dieſem göttlichen Reiz, wel⸗ cher nur Ihnen eigen iſt, nicht nach der Weiſe anderer Frauen, deren Zärtlichkeit und Ergebung Sie, wenn nicht mit Haß, doch mit Verdruß und Verachtung wahr⸗ nehmen, weil dieſe gewöhnliche Zärtlichkeit und Erge⸗ tung oft nur die Folge einer ſchwächlichen Nalur ind — — — Was hat das auf ſich, daß das Lamm ſanft und demüthig iſt? Was iſt das für ein Verdienſt? Doch wenn der Panther furchtſam und ſchmeichelnd ſich mir zu Füßen ſchmiegte, dann, o dann würde ich ein Glück, einen Stolz, einen Triumph ohne Gleichen empfinden. 136 urſula, Urſula, ich wiederhole es, ich fühle es hier, hier an dem ſchnellen Klopfen meines Herzens, Sie werden mich einſt lieben, wie ich von Ihnen geliebt ſein will. O, ich werde Sie ſchon dazu zu zwingen wiſſen. Ja, die hoffnungsloſe Liebe imponirt durch die Fülle ihrer Ergebung. Sie wird ihren Eindruck auch auf Sie nicht verfehlen. Sehen Sie dieß nicht als lächerliche und blinde Vorausſetzung an, die Tiefe meiner Leidenſchaft gibt mir dieſe Zuverſicht. Manchmal hoffe ich, bilde ich mir dennoch ein, Ihre ſcheinbare Gleichgültigkeit ſei nur Verſtellung, damit es mir um ſo leichter gelingen ſolle, meine Frau vollkommen von der wiedererwachten Liebe zu über⸗ zeugen, welche ich für ſie zu fühlen mir den Anſchein gebe. Aber nein, in dieſem Falle hätten Sie mir ei⸗ nige Worte zugeflüſtert, würden ſich durch irgend ein Zeichen mit mir verſtändigt haben. Allein ſeit jenem, zugleich ſo ſüßen und ſo grauſamen Tage haben Sie ſorgfältig jede Gelegenheit vermieden, allein mit mir zu ſprechen. Wer weiß, ob es mir auch nur gelingen wird, Ihnen dieſen Brief zuzuſtecken? Seltſame, unbegreifliche Frau, wenn ich Ihnen durch irgend eine Anſpielung von meiner Liebe rede, ſo antworten Sie mir mit Sarkasmen. Ja, was noch wunderlicher iſt, meine Frau fürchtet und haßt Sie, Sie wiſſen es recht gut und ſeit dem Tage, an welchem Sie ſie gekränkt haben, betrachten Sie ſie mit einer rührenden Theilnahme. Iſt das Reue? Nein, Sie werden niemals Reue empfinden, und weshalb auch Reue? Als ich Ihre unerklärliche Gleichgültigkeit wahr⸗ nahm, ſchmeichelte ich meiner Frau nicht nur aus dem Grunde, weil ich ihren Argwohn zerſtreuen wollte, ſon⸗ dern auch deßhalb, weil ich durch die Liebkoſungen, welche ich an meine Frau verſchwendete, Ihre Eifer⸗ 137 ſucht zu erregen hoffte. Doch anſtatt beunruhigt und gereizt zu werden, ſchienen Sie mein Benehmen eher zu billigen. Urſula, könnte man darob nicht den Verſtand ver⸗ lieren? Wer find Sie denn eigentlich? Was fordern Sie von mir? Sind Sie mein böſer Dämon oder mein guter Geiſt? Dann und wann erſchrecken Sie mich und mir kommt vor, als müßten Sie auf mein Leben den unſeligſten Einfluß üben. Nein, nein, Verzeihung! Ich rede im Delirium. Urſula, Sie laſſen ſich durch dieſen Brief nicht beleidi⸗ gen; gehören Sie doch jenen erhabenen Frauen an, welchen man Alles ſagen darf. Es kann Ihnen dieſe Verwirrung meiner Gedan⸗ ken Bürgſchaft leiſten für die Aufregung meines Gei⸗ ſtes. Meine Ideen kreuzen ſich, ſpringen wild durch einander und Tauſende von Truggeſtalten umlagern meine Phantaſie, weil mein Geiſt und mein Herz un⸗ gewiß ſind, weil ich nicht weiß, ob Sie mir ge⸗ hören. Dieß iſt ein gräßlicher Zuſtand und wenn er an⸗ dauert, wenn Sie mich nicht bald beruhigen, ſo wird mir endlich die Kraft und der Wille ausgehen, für meine Frau noch ferner eine Zärtlichkeit zu erheucheln, vermittelſt welcher ich ihren Argwohn ablenken und je⸗ des Aufſehen verhindern will, das Sie verrathen könnte. Zum Glück ſieht Mathilde die gränzenloſe Zer⸗ ſtreuung, in welche mich meine Gedanken ſo oft ver⸗ ſetzen, blos für verliebte Träumerei an, deren einziger Gegenſtand zu ſein ſie ſich einbildet. Noch einige Tage und Alles wird ſich anfklären. Hier haben Sie meine Abſichten, meine Pläne. Geben Sie ſich keine Mühe, dieſelben zu bekämpfen, es würde Ihnen nicht gelingen. Sie werden nach Verfluß von wenig Tagen nach Paris reiſen. Gegen Mathilde die Verleumdungen vorſchützend, welche Fräulein von Maran uns zugetra⸗ 138 gen, habe ich ſie bewogen, den ganzen Winter über in Maran zu bleiben. Vierzehn Tage nach Ihrer Abreiſe ſuche ich Sie in Paris auf. Geſchäfte ſehr dringender Art werden in Mathilde's Augen einen genügenden Vorwand meiner Abreiſe abgeben. Einmal in Paris, werde ich ſchon Gründe finden, meinen Aufenthalt zu verlängern. Der Zuſtand, in welchem meine Frau ſich befindet, wird es ihr unmöglich machen, mich in Paris zu überraſchen und ſollte ſie den Wunſch äußern, mir nachzukommen, ſo 8 ich ihn nicht billigen. Niemals bin ich unerbittlicher geweſen, als gerade jetzt. Mitleidslos und ohne Erbarmen, wäre ich im Stande, Alles grauſam von mir zu ſtoßen, was nicht auf meine Liebe zu Ihnen Bezug hat. Die Be⸗ ſorgniß, daß meine Frau durch Eiferſucht ſo weit gebracht werden könnte, Sie bei Bn Manne zu ver⸗ klagen, dieſe Beſorgniß allein kann mich bewegen, für Mathilde noch Gefühle zu di ich ſchon längſt nicht mehr für ſie empfi inde. Und jetzt, Urſula, noch einen Beweis, der dem Ge⸗ ſagten noch mehr zur Bekräftigung dienen ſoll. Eine tiefe und wahre Liebe flößt uns ein unbeſchreibliches Zartgefühl ein. Bis jetzt hatte ich immer, ohne daß es mir im Geringſten Mühe oder Schmerz machte, Galanterie gelogen, doch jetzt, ich ſchwöre es Ihnen, jetzt iſt es mir verhaßt, meiner Frau Zärtlichkeiten zu ſagen, welche ich nicht mehr empfinde. Es kommt mir vor, als ſeien das eben ſo viet Läſterungen meiner Liebe für Sie. Man muß ganz ſo blind ſin, wie Mathilde, um nicht zu en welchen Zwang mir die Rolle, wel⸗ ich ſpiele, verurſacht, wie ſehr ſie ieſe Rolle ſoll bald ausgeſpielt Sie in Paris wieder finden. Unſere chaft gibt mir das Recht, Sie jeden — ——— —— 139 Tag zu ſehen, ohne daß dadurch der Argwohn Ihres Mannes erregt würde. Dann, Urſula, ſobald mich kein Zwang mehr be⸗ läſtigt, dann werde ich mir Ihre Liebe wieder zu er⸗ ringen wiſſen und gewiß, Sie werden mich lieben müſ⸗ ſen. Fordern Sie von mir alle nur möglichen und unmöglichen Opfer, ich werde mich denſelben freudig unterziehen. Nichts wird mir zu theuer, zu heilig ſein, mit Niemand werde ich mehr Mitleid haben, weil Al⸗ les, was nicht Sie ſind, für mich gar nicht mehr exi⸗ ſtirt. Es iſt abſcheulich, es zu ſagen, aber es iſt nun einmal ſo und meine Vernunft, mein Wille lehnt ſich vergebens dagegen auf. Dich, Dich, immer nur Dich, Urſula, Nichts, als O ſage, willſt Du es? Laß uns die ſchwachen Feſſeln brechen, welche uns noch halten, und laß uns in einem fernen Lande ein ſtilles Aſol für unſere Liebe ſuchen. Urſula, laſſen Sie ſich nicht vom Mitleid umſtim⸗ men; mag meine Liebe mn glücklich oder unglücklich ſein, nie mehr wird ſich das Schickfal meiner Frau ändern. Mag ſie noch ſo viele Tugenden und noch ſo viele neue Vollkommenheiten in ſich vereinigen, ſo iſt, ich fühle es, dennoch alle Neigung für ſie auf ewig in meinem Herzen erſtorben. Sie allein ſind jetzt das Ideal, der Traum mei⸗ nes Herzens, meiner Sinne, meines Lebens! Urtheilen Sie ſelbſt, ob wohl Mathilde im Stande iſt, jemals Ihren Einfluß zu bekämpfen, wenn Sie mich lieben, oder mir je Troſt geben kann, wenn Sie mich verſchmähen? Noch einmal, Urſula, Sie! — Sie unbedingt, ich Dich zweifte nicht, will nicht zweifeln, weil ich den Loben⸗ loſen Abgrund nicht ſehen mag, welcher ſich vor mir öffnen müßte, wenn — — aber nein, nein, Sie müſ⸗ ſen mich lieben! Der Zufall hat Ihnen nicht umſonſt 140 meine Seele in die Hand gegeben, ich athme nur noch durch Sie, für Sie, denn Sie waren die Meine. Was Sie auch ſagen, was Sie auch thun mögen, wir müſ⸗ ſen künftig und für allzeit für einander leben! Ich werde vor keinem Mittel zurückbeben, hören Sie wohl, vor keinem Mittel, um dieſen Zweck zu erreichen. Das Schickſal will es ſo und es wird geſchehen. Leben Sie wohl, Engel oder Teufel! Ich werde Ihren Himmel oder Ihre Hölle theilen! Ich werde mich ſpäter über die furchtbare und tiefe Veränderung äußern, welche beim Leſen dieſes Briefes in mir vorging. Während ich las, durchflog auch Gontran Urſula's Antwort, welche ſie mir eingehändigt zu haben wähnte. Eilftes Kapitel. Urſula an Gontran. Ich bin ie ſehr großmüthig: ich beant⸗ worte Ihren Brief, der mir viele Unterhaltung gemacht hat. Mißtrauen und Albernheit, Blindheit und Scharf⸗ ſinn, Hingebung und Egoismus, Zärtlichkeit und Grau⸗ ſamkeit ſind darin bunt durch einander gemiſcht und bieten dem Beobachter vielen Stoff zur Unterhaltung dar. Dem Allen fehlt aber jede Erhabenheit, jeder Reiz, ja ſelbſt der Geiſt, obſchon Sie ſolchen unſtreitig beſitzen. Aber da das Alles ganz natürlich iſt, will ich Ihnen ſelbſt mit abſcheulicher Naivität ſagen; Sie haben mich überzeugt. 141 Ich glaube alſo an Ihre Leidenſchaft, ja, ich glaube es, daß Sie zum erſten Mal lieben, ich glaube, daß Sie Alles zu unternehmen im Stande wären, um meine Liebe zu gewinnen. Ich halte Sie der un⸗ ſinnigſten Verſuche, der ſchwärzeſten Handlungen fähig, dieſes ſchöne Reſultat zu erlangen, ich glaube endlich, daß Sie wirklich dieſer wahren Ergebung für mich fähig wären. Sie ſind faſt nicht wieder zu erkennen, mein armer Vetter. Wenn ich gleich nicht dem Verlangen Raum gebe, jene teufliſchen Eigenſchaften, die Sie mir in Ihrem ſtolzen Erſtaunen gnädig verleihen, beſitzen zu wollen, als ob man in der That zu geheimen Künſten ſeine Zuflucht nehmen müßte, um Ihrer Verführung würdig und fähig zu ſein, ſo bin ich doch der Ueberzeugung, eine große Gewalt über Sie auszuüben. Ob dieſe Gewalt, wie Sie meinen, verhängniß⸗ voll für Sie werden wird, dieß wird ganz von Ihnen abhängen. Ich glaube ferner mit Ihnen, daß ich es nur meinen abſcheulichen Fehlern danke, Ihnen ſo unwi⸗ derſtehlich den Kopf verrückt zu haben. Sie haben, vor Allem ſei es geſagt, auch nicht im Mindeſten das Verlangen in mir erregt, Tugenden zu beſitzen, welche ich nicht habe, oder den Wunſch, dieſe Tugenden, wenn ich ſie wirklich beſäße, zur Schau zu ſtellen. Dieſe jungfräulichen Perlen ruhen, wie die Perlen auf dem Meeresgrunde, in der Tiefe der Seele, dieſe Schätze gehören niemals Solchen, welche ſich auf der Oberfläche aufhalten und Spielbällen gleich von den Wellen hin⸗ und hergeworfen werden. Sie ruhen in jenen geheimnißvollen Tiefen, welche das kurzſichtige oder ſchwache Ange nicht zu durchdrin⸗ gen vermag. Wir find hierüber vollkommen einverſtanden, mein theurer Vetter, leider aber iſt es gerade der allerwich⸗ tigſte Punkt, über welchen wir ſehr verſchiedener An⸗ ————— 142 ſicht ſind. Sie glauben nämlich feſt, daß Sie durch die Stärke Ihrer Liebe mich zur Gegenliebe bewegen werden, ich aber erkläre Ihnen mit nicht geringerer Beſtimmtheit, daß ich Sie niemals lieben werde und daß Sie durch die Größe Ihrer Liebe höchſtens meine Verachtung erzielen werden, denn die Liebe, welche man einflößt, ſteht gewöhnlich im umgekehrten Ver⸗ hältniß zu der, welche man empfindet. Sie ſollten, Herr Don Juan, doch wenigſtens ihr ABC kennen. Wenn die Leidenſchaft Sie nicht ſo albern, wenn wie einen Schüler gemacht hätte, müßten Sie in dem folgenden Satze Ihres Briefes, welchen Ihnen wohl nur Ihre ſchwerverletzte Eitelkeit eingegeben, eine tiefe Wahrheit erkennen. Dieſer Satz lautet nämlich: Niemals hat eine römiſche Kaiſerin auf eine verwegenere Weiſe es ausgeſprochen, daß ein Sklave kein Mann ſei. Ich habe dieſe Worte unterſtrichen, denn ſie ver⸗ dienen es. Sie haben dießmal den Nagel auf den Kopf getroffen. Mit andern Worten heißt es: Rache iſt nicht Liebe. Nun wie, verſtehen Sie dieſes Räthſel? Errathen Sie jetzt die Beweggründe meines ſo ſonderbaren Be⸗ nehmens? Nicht? Noch immer nicht? Ei, dann ſind Sie ſicherlich nicht mit beſonderer Weisheit begabt! Ich werde ein wenig weit ausholen und hoffe, mein Geſtändniß werde Ihnen einen gränzenloſen Ab⸗ ſcheu gegen mich einflößen. Es iſt jetzt unglücklicher⸗ weiſe ſchon zu ſpät, als vaß ich Ihnen noch achtbar erſcheinen könnte; mit dieſem Scheine hätte ich ge⸗ wiß Ihre verrückte Leidenſchaft geheilt. Hören Sie alſo. Als ich nach Maran kam, als ich ſelbſt daran dachte, das Anerbieten anzunehmen, welches Mathilde mir früher gemacht, in Paris eine Wohnung in Ihrem Hauſe zu beziehen, ging mein ganzer Plan darauf hinaus, Sie wahnſinnig in mich verliebt zu machen, 143 hören Sie wohl, wahnſinnig in mich verliebt, um mich dieſer tollen Liebe zu bedienen — Sie ſollen ſo⸗ gleich hören wozu. Ich vereinigte alle zu Ihrer Verführung nöthigen Eigenſchaften in mir. Zuvörderſt liebte ich Sie nicht, ich fühlte mich weit über Sie erhaben und bildete mir ferner ein, daß man einen durch viele Erfolge ver⸗ wöhnten Mann nicht leichter in ſich verliebt machen könnte, als wenn man ihn verhöhnt, wenn man ihn in ſeiner Eitelkeit angreift und ihm endlich die Ueber⸗ zeugung beibringt, ſein Verdienſt laſſe uns zwar gleich⸗ gültig, aber man würde dieß gegen einen Andern keineswegs bleiben. Dieſes artige, mit ziemlich viel Bosheit ent⸗ Syſtem hat bei Ihnen den gewünſchten Erfolg gehabt. In Rouvray machten Sie mir noch am nämli⸗ chen Morgen, wo ſie bei uns eingetroffen, eine etwas ungeſtüme und ziemlich impertinente Erklärung und ich beantwortete dieſelbe ſo, wie es meine Pläne heiſchten. Hier, in Maran, haben Sie Ihre zärtlichen Bewer⸗ bungen erneuert und ich habe Ihnen geantwortet und bewieſen, daß ich mich ganz und gar nicht um Sie kümmere. Aus Widerſpruchsgeiſt haben Sie ſich ver⸗ liebt; das ging ganz einfach zu. Einige Tage über habe ich Ihre Liebe noch geſteigert und zwar nicht dadurch, daß ich ſie theilte, ſondern indem ich Sie verhöhnte, indem ich mich Ihnen im wunderlichſten Lichte zeigte, indem ich einen Cynismus der Grund⸗ ſätze, eine Frechheit des Denkens affektirte, welche je⸗ den edelherzigen Mann empören mußte. Kaum vermochte ich ſelber an die Fortſchritte zu glauben, welche ich vermittelſt ſo erbärmlicher Mittel in Ihrem Herzen machte. Hätte ich auch eine hohe Meinung von Ihnen gehegt, die Leichtigkeit meines Erfolgs würde ſie ſofort wieder zerſtört haben. Merken Sie ſichs, Herr Don Juan, Frauen mei⸗ 144 nes Charakters lieben gewöhnlich um ſo mehr, je ſchwieriger es Ihnen wird, Liebe zu erringen. Sie verachten die ſchnellen Erfolge, aber je mehr ſie rin⸗ gen müſſen, deſto mehr ſteigert ſich ihre Leidenſchaft, die Hinderniſſe reizen ſie und ſie ſchwärmen für das Unerreichbare. Kurz, ziehen Sie Nutzen aus dieſer Erfahrung, und wenn Sie je wieder einer Frau mei⸗ nes Gleichen begegnen ſollten, ſo werden Sie die⸗ ſelbe nur dann verführen können, wenn Sie ihr eine gänzliche Abneigung zeigen. Wir ſind einander in zu vielen Stücken ähnlich, theurer Vetter, als daß Sie mir gefallen könnten. Unſere Natur gehorcht dem Geſetze der Anzie⸗ hungskraft des Gegenſatzes. Wenn Sie dieſer Normalrichtung, wie es der gelehrte Herr Biſſon nennt, folgen werden, ſo erreichen Sie gewiß Ihr Ziel. Sehen Sie, Mathilde verehrt Sie vielleicht ge⸗ rade darum ſo ſehr, weil ſie eben ſo rein und mackel⸗ los iſt, als Sie verderbt ſind. Wenden Sie ſich da⸗ gegen an mich, die vielleicht in der Theorie Ihnen nicht nachſteht, ſo werden Sie nie Ihren Zweck errei⸗ chen. Sie gehen Ihrer Vortheile verluſtig und ich verſpotte Sie. Doch wir wollen uns jetzt wieder zu dem Gegen⸗ ſtand Ihres Staunens zurückwenden. Eines Tages, plötzlich, ohne Beweggrund, wenig⸗ ſtens in Ihren Augen, waren Sie der Meinige, ohne daß ich die Ihrige war. Von dieſem Au⸗ genblick an fanden Sie mich immer kalt, geringſchätzig und über das Vorgefallene völlig unbekümmert, als wäre es gar nicht vorgefallen. Sie verwundern ſich über dieſe plötzliche Gleichgültigkeit, Sie ſchreiben die⸗ ſelbe den Dämonen, dem Verhängniß und wer weiß wem Allem zu. Sie fragen mich, ob ich Sie liebe, ob ich wenigſtens nicht ein Intereſſe für Sie fühle? Keineswegs. — 145 Sie ſind zwar allerliebſt, allein ich bin leider ſo unglücklich, einen ſehr ſchlechten Geſchmack zu haben. Wie denn, werden Sie fragen, Sie fühlten für mich weder eine Leidenſchaft noch Liebe, ſelbſt nicht eine oberflächliche Neigung, und Sie — Sie? Nein, neini es iſt unmöglich! wiederholen Sir. Sie vergeſſen, theurer Vetter, daß es Leidenſchaf⸗ ten aller Art gibt und daß die Liebe nicht einmal die heftigſte von Allen iſt. Sie wiſſen alſo noch nicht, daß eine Frau, wie ich, um ihren Haß, ihre Rache zu befriedigen, Alles wagt, was ſie niemals wagen würde, wenn ſie eine leidenſchaftliche Liebe oder auch nur eine zärtliche Reigung in ſich zu fühlen glaubte? In dieſem letztern Falle würde ſie ſich ganz von einem Inſtinkt der Koketterie leiten laſſen, der ihr ſagt, daß ein zu leichter Triumph eine flüchtige Neigung ſehr ſchnell vernichten muß. Würde ſie aber leidenſchaftlich lieben, ſo hätte das Grübeln ein Ende. Die wahre, tiefe Liebe müßte ihr ein unbegränztes Zartgefühl einflößen. Unterläge ſie, ſo würde ſie mit einem keuſchen und züchtigen Rauſche unterliegen. In ihrer blinden Hingebung würde ſie nicht früher zur Erkenntniß ihrer Schuld gelangen, als bis ſie dieſelbe begangen hätte; ſie würde ſich dann die bitterſten Vorwürfe machen und dieſen würden Gefühle folgen, wie ſie nur die edelſten Frauen hegen, denn eine wahre Liebe erhebt oft die am tiefſten Geſunkenen wieder bis zur höchſten Höhe der Reinheit. Welches iſt denn dieſes Myſterium? Was ſind Sie mir denn? fragen Sie wieder. So erfahren Sie denn: ſeit dem Augenblick, der mich über meine Eindrücke aufflärte, ſeit dem Augen⸗ blick, wo ich mir Rechenſchaft über das Gute und Böſe geben konnte, ſeit dieſem Augenblick habe ich Ihre Frau gehaßt. Mathilde. 1v. 10 146 Ich habe ſie gehaßt, weil nicht ein Tag, nicht eine Stunde meines Lebens verging, in welcher ich ihr nicht geopfert, in welcher ich nicht um ihrer Vor⸗ züge willen zurückgeſetzt worden wäre. Nie war ein Neid, eine Eiferſucht bis zu dieſem Grade geſtiegen. Um ſie um ſo ſicherer zu treffen, wollte ich ſie in dem verwunden, was ihr auf Erden das Theuerſte. Deßhalb entſchloß ich mich, ihr Sie zu entreißen, nicht, weil Sie mir gefielen, ſondern einzig und allein, weil Sie von Mathilde angebetet wurden. Einige Tage nach jener Unterredung, welcher Mathilde ohne mein Vorwiſſen anwohnte, hatte ich mit ihr eine Zuſammenkunft. Sie überhäufte mich mit Vorwürfen, ſie drohte mir. Durch ihre Verach⸗ tung, heute muß ichs ſagen, durch ihre gerechte Ver⸗ achtung ſteigerte ſie meine böſe Geſinnung noch. Sie hatten mir gerade ein Rendez⸗vous vorgeſchlagen — ich beſchleunigte den Augenblick, um mich zugleich mei⸗ ner Rache und meiner Gewalt über Sie zu verſichern, denn damals — doch nein, Sie ſollen niemals erfah⸗ ren, mit welchen ſchändlichen Plänen ich umging, Sie würden mich ſonſt zu ſehr lieben, und ich will mich Ihrer entledigen. Zetzt erinnern Sie ſich, daß am Abend dieſes glücklichen Tages ohne ein Morgen, wie Sie ſich ausdrückten, Fräulein von Maran Briefe aus Paris empfangen hatte und daß ſie in meiner Gegen⸗ wart alle jene abſcheulichen Verleumdungen auskramte, deren Opfer Ihre Frau geworden. Der boshaften Uebertreibungen Ihrer Tante un⸗ geachtet begriff ich dennoch ſogleich, daß der Ruf Ihrer Frau auf eine unerhörte Weiſe vor den Augen der Welt müſſe gelitten haben. Der Zufall belehrte mich alſo, daß dieſe Frau, deren Glück mich ſeit meiner früheſten Kindheit ſtets zur Verzweiflung gebracht hatte, eines der unglücklichſten Weſen auf Gottes Erdboden ſei. 6 147 Sie hatte bis dahin nur Ihnen und der Tugend gelebt, ſie hatte ſich jederzeit Aller Liebe und Aller Achtung würdig bewieſen, und nun war dennoch ihr guter Ruf beinahe völlig zu Grunde gerichtet, und Sie — Sie verließen ſie um meiner willen! Das war zu viel. Wer hat mir die Theilnahme, das Mitleid ein⸗ geflößt, welches plötzlich die Steile des Haſſes ein⸗ nahm, den ich bisher gegen Mathilde gehegt? Iſt es ein edles und richtiges Gefühl? Iſt es nicht vielmehr die Ueberzeugung, daß Ihre Frau, weil ſie immer unglücklich war, jetzt für mich nicht mehr ein Gegen⸗ ſtand des Neides ſein könne? Oder ahnte ich, welches Schickſal Mathilde's harre, ſeit ich Ihren Charakter vollkommen kennen gelernt? 4 Ja, dieſer Grund allein hat mich entwaffnet. Meine Rache war mehr als befriedigt, wenn ich der Zukunft dachte, mit welcher Sie Ihre Frau bedrohen. Ihre Liebe war mir daher jetzt ganz und gar über⸗ flüſſig. Entſchuldigen Sie mich daher, theurer Vetter, daß ich Sie ſo ganz vergeblich verführte. Was nun Ihre arme Mathilde angeht, ſo ver⸗ mag ich leider Nichts Betreffs der Vergangenheit, wohl aber Betreffs der Zukunft. Ich bin eine ſo ſeltſame Frau, daß ich von dem Augenblicke an, wo mein Mitleid für ſie angeregt wurde, es als ein Verbrechen betrachten würde, Ihrer Frau um Ihrer willen die allergeringſte Urſache zur Eiferſucht zu geben. Dieß iſt der Grund meiner plötzlichen Kälte, dieß der Grund, weßhalb Sie völlig der etwas koketten Hoffnung ſich entſchlagen müſſen, mich aus einem Panther in ein Lamm zu verwandeln und meinen Himmel oder meine Höllezu theilen. Mein Gott, theurer Vetter, ich bin weder ein Panther, noch ein Teufel, noch ein Engel, ich übe eder über den Himmel, noch über die Hölle eine Ge⸗ walt, ich bin ganz einfach eine arme Frau, welche Sie nicht liebt, und ich lege um ſo leichter den Schwur ab, Sie meiner Jugendfreundin wieder zu geben, als vas Opfer mir ein angenehmes iſt, ſo ſehr, daß meine Ergebenheit beinahe für Selbſiſucht gelten könnte. Sie werden mir daher geſtatten, die Bande nicht zu brechen, welche mich an den beſten der Männer knüpfen, um für unſere Liebe in einem fernen Lande ein Aſyl zu ſuchen. Man braucht für Etwas, was gar nicht vorhanden iſt, kein Aſyl zu ſuchen. Eben ſo freiwitlig lege ich meine Souve⸗ ränetät über Ihr Herz nieder. Rechnen Sie ferner, ich beſchwöre Sie, nicht auf vie Vertraulichkeit, in welcher Sie zu meinem Manne ſtehen, um mich in Paris wieder zu ſehen, im Falle Sie wirklich ſo verrückt wären, mir dorthin zu folgen. Ich ſehe mich, um Herrn Secherin mein plötz⸗ liches Fortgehen von mir zu erklären, zu dem Ge⸗ ſtändniß gegen ihn genöthigt, daß Sie ſich ein wenig allzuviel mit meiner Perſon beſchäftigten, und ich ſei, um Mathilde's Ruhe nicht zu beeinträchtigen und Ihrer zu entgehen, entſchloſſen, Maran zu ver⸗ aſſen. Sie werden demzufolge leicht begreifen, daß Ihre Rolle eben keine ſehr angenehme ſein würde, ſo Sie Ihre Vetterſchaft auf's Neue geltend machen wollten. Bleiben Sie bei Mathilde. Sie ſprachen von einem guten und einem böſen Genius. Mathilde iſt es, die ſtets Ihr guter Genius ſein wird. Wenn Sie aber, meiner gränzenloſen Gleichgültigkeit gegen Sie zum Trotz, dennoch hartnäckig darauf beſtehen wollten, meine Liebe zu erringen, ſo würde ich Ihr böſer Dä⸗ mon werden. Nehmen Sie ſich wohl in Acht, ſehen Sie ſich ja vor. Ich werde ganz mitleidslos ſein. Ich werde Mathildes Rechte vertreten, ich werde Mathilde rächen, indem ich Sie 149 auäle, und um dieſe Rache vollſtändig zu machen, wäre ich im Stande, Mitleid zu erheucheln, zu thun, als hätte eine ſo tiefe und treue Liebe mich endlich gerührt, wäre im Stande, Ihnen trügeriſche Ver⸗ ſprechungen zu machen und auf grauſame Weiſe mein Spiel mit Ihnen zu treiben. Mit einem Wort und ein für allemal: Trauen Sie mir ja nicht, wenn ich mir je den Anſchein geben ſollte, irgend etwas Anderes, denn Gleichgültigkeit, für Sie zu empfinden. Vergeſſen Sie mich, theurer Vetter, wenden Sie Ihre Liebe wieder der Frau zu, welche tauſendmal beſſer iſt, als ich bin. Kehren Sie zu Mathilde zu⸗ rück; ihr Herz iſt lauteres Gold und ihre Seele nur zu gut für dieſe Zeit und dieſe Welt. Jetzt, wo ſie in Folge eines wunderlichen Gegen⸗ ſatzes durch ihr Unglück meine Theilnahme ebenſo ſehr erregt, als ſie mich früher durch ihr Glück abgeſtoßen, kann ich es ſagen, daß ſie eine jener herrlichen, jener reichbegabten Naturen iſt, welche ſtets geneigt ſind, an das Gute zu glauben, und an dem Böſen zu zwei⸗ feln, weil ihr Weſen von Edelſinn und Großmuth ſo erfüllt ſind, daß ſie nur einiges Scheines von Glück bedürfen, um vollſtändig glücklich zu ſein. Unfähig, an die Lüge zu glauben, haben dieſe armen Seelen das Vertrauen eines Kindes. Ihre findliche, ſchuldloſe Freude iſt ſo leicht erregte, daß man ein Ungeheuer ſein müßte, um ſie zu betrüben. Sie haben es bemerkt, wie ſeit den acht Tagen, in welchen Sie ſich ihr aus Klughrit wieder näherten, ihr reizendes Geſicht vor Freude ſtralte. Und däann, ſie iſt Mutter, ſie iſt Mutter, mein Herr, und Sie können den ſchmachvollen Muth haben, mir zu ſchrei⸗ ben: Der Zuſtand, in welchem ſich meine Frau befindet, wird es ihr unmöglich ma⸗ chen, mich in Faris zu überraſchen? Sehen Sie, Herr von Lanery, ich bin ſehr ſchlech⸗ ter Handlungen fähig und ſchuldig, ich weiß nicht, was Alles die Zukunft mir noch vorbehalten wird, zu thun, doch niemals, ich ſchwöre es Ihnen, werde ich mir etwas Aehnliches mit dieſen abſcheulichen Worten vorzuwerfen haben. Entſchieden ſind Sie der undankbarſte, ſelbſtſüch⸗ tigſte, gefühlloſeſte Menſch, denn die Leidenſchaft er⸗ niedrigt Sie, ſtatt daß ſie davon erhoben werden. Das iſt übrigens ganz natürlich: eine niedrige Leidenſchaft vermag das Herz nicht zu erheben. Nehmen Sie ſich auch vor Ihrer Eitelkeit in Acht, welche Ihnen vielleicht zuflüſtern wird, daß Lovelace und Don Juan nicht beſſer waren, denn Sie, und daß mein Vorwurf weiter Nichts bedeute, als anbetungs⸗ würdiger Böſewicht! Sie würden ſich da auf eine außerordentliche Weiſe täuſchen. Ich bin ein weiblicher Don Juan, ich weiß, was dieſer Don Juanismus werth iſt, ich ſchäme mich ſelbſt, wenn ich ſehe, wie die Leidenſchaft, welche ich einflöße, ſich ſo abſcheulich äußert. We der Heren⸗ meiſter des deutſchen Märchens bebe ich erſchreckt vor dem Ungeheuer zurück, das ich in's Leben gerufen und welches mich jetzt mit wildem Gebrüll auffordert, mich ihm zu geſellen. Vergeſſen Sie mich alſo, mein theurer Vetter! Sollten Sie auf Ihrer unfinnigen Liebe beſtehen, ſo prophezeihe ich Ihnen das unglücklichſte Ende von der Welt, und Sie werden mir dann den Glauben an jene göttlichen Vergeltungen und Strafgerichte bei⸗ bringen, von welchen mir meine unerträgliche Schwie⸗ germutter immer die Ohren voll ſchrie. Für einen Schuldigen, wie Sie einer ſind, wäre eine Strafe, wie ich eine bin, wohl nöthig, allein da dieſe Rolle, eine Vollzieherin der göttlichen Rache zu ſein, für mein Alter ein wenig zu ernſt iſt, ſo würde ich Ihnen außerordentlich verbunden ſein, wenn Sie mich dieſer Rolle entbänden und, in ſich gehend, —————— — ———.— 151 der achtbarſte und treueſte Gatte werden wollten, was, da Mathilde Ihre Frau iſt, nichts Anderes heißt, als der glücklichſte und angebetetſte Mann. Leben Sie wohl, leben Sie wohl und für immer! Denken Sie ſtets daran, daß zwiſchen uns nie von Liebe, ſondern bloß von einem an der edelſten der Frauen verübten Verrath die Rede geweſen iſt. Sie waren wohl mein Mitſchuldiger, aber nie⸗ mals mein Geliebter. Zwölftes Kapitel. Herr Secherin an Uſula. Sobald Frau Secherin an Gontran's und meiner Niedergeſchlagenheit bemerkte, daß wir die Brieſe, welche ſie uns übergeben hatte, geleſen hatten, las ſie den Brief ihres Sohnes an Urſula vor und zwar mit ſo langſamer Stimme, als ob ſie die Qual meiner Couſine noch verlängern wollte. Dieſer Brief lautete: „Ich werde Sie in meinem Leben nie wieder ſehen, Urſula; meine Verachtung gegen Sie übertrifft noch meinen Haß. Gott hatmich dafür geſtraft, daß ich nicht aufden Rath meiner armen Mutter hörte. Sie bleibt mir, ſie bleibt mir und bei ihr beklage ich Nichts, ich danke im Gegentheil dem Himmel, daß er mich von einem ſolchen verrätheriſchen und verworfenen Ungeheuer, wie Sie ſind, befreit hat. Ich verwünſche mich, wenn ich daran denke, daß ich um Ihrer willen, mein Gott, um Ihrer willen, die beſte der Mütter betrüben und beinahe verlaſſen konnte. Doch meine Zärtlichkeit ſoll ſie jetzt für den Kummer entſchädigen, welchen ich ihr verurſachte; ſie wird mir verzeihen. Wenn ein ſo gefährliches, ſo entſetzliches Weib, wie Sie, in eine Familie tritt, muß man ſich auf Alles gefaßt machen. — Ich will Ihnen Etwas ſagen, was Sie ärgern wird, ich weiß es: an demſelben Tage, wo der Himmel wollte, daß mir der Brief in die Hände fiel, der mir die ganze Abſcheulichkeit Ihrer Seele enthüllte, hatte ich eben das Doeument abgefaßt, welche Ihnen nach meinem Tode mein ganzes Vermögen zuſicherte — Sie, die Sie ſo ſehr den Lurus lieben, Sie werden nun arm ſein — — deſto beſſer, deſto beſſer; es iſt dieß der einzige Schmerz, welcher Sie berühren kann. Die 60,000 Francs Ihrer Ausſtattung ſind ſeit heute bei einem Notar deponirt. Ihr Vater wird Sie aus ſeiner Nähe ver⸗ bannen, denn ich habe ihm eine Abſchrift Ihres ſchänd⸗ lichen Briefes zugeſchickt. Endlich, um Ihnen noch einen Schlag beizubringen, der Ihnen noch empfind⸗ licher ſein wird, als die übrigen, muß ich Ihnen an⸗ zeigen, daß mir Ihre Abſcheulichkeit durchaus keine Schmerzen verurſacht, hören Sie's, ich leide nicht. Nein, nein, denn Sie ſind ſo furchtbar, daß ich mich vor Ihnen bloß entſetzen kann, und ich fühle mich glücklich, — o ſehr glücklich, für immer von Ihnen getrennt zu ſein. Meine gute, herrliche Mutter wird Ihnen das Nämliche ſagen — und das wird Ihre letzte Strafe ſein. Secherin.“ Nachdem Frau Secherin dieſen Brief geleſen, ſah ſie Urſula mit einem unverſöhnlichen Blicke an. Urſula aber erwachte endlich aus der Betäubung, in welche ſie ſeit dem Beginn dieſes Auftritts ver⸗ ſunken war. 3 Sie richtete ſich gebieteriſch, ſtolz, feſten Blickes und mit einem bitteren, verächtlichen Lächeln auf und ſagte zu Frau Secherin: „Sie triumphiren, nicht wahr? Blindes, thö⸗ 153 richtes Weib! Sie freuen ſich, während das Herz Ihres Sohnes von einer tödtlichen Wunde blutet!“ „Zu dieſer Stunde denkt er nicht einmal mehr an Sie,“ verſetzte Frau Secherin, „er ſchreibt es Ihnen und, Gott ſei Dank, es verhält ſich ſo.“ „Ich glaube nicht an die Worte dieſes Briefes,“ entgegnete Urſula; „ein Mann, wie er, kann ein Weib, wie mich, nicht vergeſſen. Wiſſen Sie, daß, wenn ich wollte, hören Sie nur, daß, wenn ich wollte, er mor⸗ gen wieder zu meinen Füßen liegen und mich dringend bitten würde, wieder zu ihm zurückzukehren, aber ich. will nicht. Das Schickſal wirft mich nieder in dem⸗ ſelben Augenblicke, wo ich mich einem großmüthigen Gefühle hingab, in demſelben Augenblicke, wo ich Mit⸗ leid empfand für eine Frau, die ich gehaßt und gekränkt, in demſelben Augenblicke, wo ich das von mir verübte Böſe wieder gut machen wollte. Wohlan, ſo will ich allein gegen das Schickſal kämpfen. Und ein Tag wird kommen, wo Ihr Sohn, verzweifelnd über meinen Ver⸗ luſt, Ste verwünſchen wird, daß Sie ihn nicht aufge⸗ fordert, mir zu verzeihen!“ „Hören Sie die Unglückliche 2“ rief Frau Secherin aus, mit Entſetzen die Hände erhebend. „Er follte Verluſt bedauern, Ihren Verluſt? Hölliſcher tolz!“ irſula zuckte mit einem Ausdruck des Mitleids die Schultern. „So wiſſen Sie alſo nicht,“ ſagte ſie, „was ich ihm geweſen bin, wäs ich ihm geweſen wäre, denn er war einfach, gut und anhänglich, und es unterhielt mich, ihn glücklich zu machen, wie Einen die Freude eines Kindes unterhält. Sie haben es ſelbſt gehört, wie groß ſein Glück, wie ich ihm Alles war. Sie freuen ſich und denken nicht daran, daß er weinen wird, daß er vielleicht blutige Zähren um die Vergangenheit wei⸗ nen wird, welche für ihn ewig das Ideal des menſch⸗ lichen Glückes ſein wird. Blind für meine Mängel 154 aus Liebe, blind für mein Betragen aus Bedauern, ſloß ſein Leben leicht und glücklich dahin — — in Ver⸗ zweiflung wird er fortan es hinſchleppen! Doch, Sie müſſen befriedigt ſein. Arm, verlaſſen, ſelbſt von mei⸗ nem Vater, ſtehe ich da. Sie, Mathilde, ſind gerächt, und auch Sie, mein Herr Vetter, Sie, Mathilde, deren Freundſchaft ich verrathen, Sie, mein Herr, deſſen Liebe ich verhöhnt habe. Ihrem Triumphe man⸗ gelt nur das Eine, mich vernichtet, zerſchmettert zu ſehen unter den Schlägen eines unerhörten Mißgeſchicks, allein dieſe Freude werde ich Ihnen nicht bereiten; ich beſitze Willen und Energie. Ich befinde mich in einem jener Augenblicke, welche über die Zukunft, über das ganze Leben entſcheiden können. An das Erwachen eines edeln Gefühls hätte ſich vielleicht ein zweites, ein drit⸗ tes geknüpft: das Schickſal hat es nicht gewollt. Wohl⸗ an, ich bin achtzehn Jahre alt, habe einen eiſernen Charakter, einen ſchmiegſamen Geiſt, bin kühn und ſchön — Gott habe mit mir Erbarmen!“ Mit dieſem gottesläſterlichen Spott ſchloß Urſula ihre Rede. Frau Secherin ſtand ſtumm und erſchrocken vor dieſem verwegenen Weib. Gontran betrachtete ſie mit Angſt und Bewun⸗ derung. Mit einmal ſtand Fräulein von Maran auf, that, als wiſche ſie ſich Thränen aus den Augen, und ſagte: „Nein, nein, man ſoll nicht ſagen, die Qualen dieſes armen lieben Kindes hätten mich unempfindlich gelaſſen! Ich bin ganz hingeriſſen von dieſer himmli⸗ ſchen Ergebung. Es iſt unmöglich, ſeine Fehler auf⸗ richtiger zu bekennen und mehr Reue an den Tag zu legen. Und eure Härte empört mich. Ich werde dieſe liebe Kleine mit mir nach Paris nehmen, und zwar heute noch, denn hier vermag ich keinen Tag mehr zu bleiben. Sie könnte euch ehrliche Leute anſtecken.“ „Sie wagen es, ſie in Schutz zu nehmen 2“ rief 155 Frau Secherin empört, „Sie wagen es, ihr ein Aſol anzubieten?“ „Und warum nicht, wenn ich fragen darf? Sollte ich etwa auch mit einſtimmen in Ihre Klagelieder Zere⸗ miä über die Verheerungen der Sünde? Sollte man nicht glauben, es handele ſich um das Schickſal der ganzen Chriſtenheit, oder die Welt wolle untergehen, weil Ihrem Sohne etwas Unangenehmes paſſirte? Iſt das ein Grund, wie ein Nachtrabe die arme Urſula anzukrächzen und ſie ohne Erbarmen zu vernichten? Für Sie, die Sie ſo gern die Gottesfürchtige ſpielen, liebe Madame, iſt das nicht ſehr barmherzig.“ Frau Secherin blickte gen Himmel und ſagte ernſt und feierlich: „Herr, mein Gott, erbarme dich über dieſe alte Frau! Ihr Grab iſt ſchon geöffnet, ihr Ende nahe und ſie läſtert dich!“ Dann fügte ſie mit ſo imponirender Stimme hin⸗ zu, daß ſelbſt Fräulein von Maran einen Augenblick betreten ſchien: „Sie gewähren dem Laſter Schutz, Sie beleidigen rechtſchaffene Leute, Sie läſtern Gott. Aber Geduld — auf dem Sterbelager wird eine gräßliche Qual Sie erfaſſen, wenn Sie an das Böſe denken, welches Sie angeſtiftet, und an die Strafe, welche Ihrer harrt. Sie ſind ſo bösartig und gottlos, daß Sie keinen Prie⸗ ſter finden werden, der für Ihre Seele betet!“ Nach einem augenblicklichen Stillſchweigen rief Fräulein von Maran mit ihrem höhniſchen Lächeln: „Ha, ha, ha! Iſt ſie nicht drollig mit Ihren Ex⸗ mmunicationen? Ei, wahrſcheinlich wiſſen Sie ganz vertraut mit den Blitzen des Vaticans umzugehen, werthe Dame! So eben incommodirten Sie Himmel und Vorſehung. Sagen Sie mir, ohne Bitterkeit meine ich's, Sie ſcheinen mir auf eine ſehr altfränkiſche, ich will nicht ſagen, leichtfertige Weiſe, mit den Dingen da oben umzugehen. Doch beruhigen Sie ſich, ich 156 werde zur Reue immer noch eine paſſende Viertelſtunde auftreiben und ein Thälerchen, um eine Meſſe für 8 mich leſen zu laſſen, wenn der Augenblick kommt, wo ich an den Abſchied denken muß.“ Noch an demſelben Abend reiste Fräulein von Maran mit Urſula nach Paris ab. Frau Secherin kehrte zu ihrem Sohne zurück. Gontran und ich blieben allein in Maran zurück. — — Dreizehutes Kapitel ⸗ Vie beiden Gatten. Es vergingen zwei Tage, ohne daß ich Herrn von Lanery wiederſah. Das Kommen und Gehen der Frau Secherin hatte unſere Leute auf die Vermuthung geführt, es müſſe zwiſchen meinem Manne und mir ein ernſtlicher Zwie⸗ ſpalt Statt gefunden haben. Sie hielten es daher für ihre Pflicht, noch ſtiller und zurückhaltender, als gewöhn⸗ lich, ihrem Dienſt nachzugehen, während ſie unter ſich leiſe flüſterten. Es war, als ob in dieſem Hauſe Jemand in Sterben läge. Es iſt unmöglich, den unheimlichen Anblick dieſes großen, düſtern, ſtummen Schloſſes zu beſchreiben einen Flügel ich, deſſen andern Gontran inne atte. * Ich hatte allein ſein wollen, um mich auf die Unterredung vorzubereiten, welche ich mit Gontran ha⸗ ben ſollte. eeece —— ——— 157 Im Verlauf dieſer zwei Tage ging eine Verän⸗ n in mir vor, welche ich mir noch nicht erklären ann. Ich ſah es als eine Pflicht an, ganz offen mit meinem Maane zu ſprechen. Dieſes Ereigniß war das wichtigſte meines gan⸗ zen Lebens, ſeine Nachwehen werden bis zu meinem letzten Tage dauern. Die unbedeutendſten Einzelnheiten dieſer Zuſam⸗ menkunft ſind treu in meinem Gedächtniß haften ge⸗ blieben. Es war Sonntag. Nachdem ich in der Dorftirche die Meſſe gehört und lange gebetet hatte, kam ich nach Hauſe. Das Wetter war düſter und wolkig, und es fing an zu ſchneien. Die Uhr meines Wohnzimmers ſchlug die zehnte Stunde. Es war dies ein einfacher, kleiner Salon, wo ich mich gewöhnlich aufhielt. Seine beiden Fenſter gingen nach dem Parke, rechts und links am Kamin hingen die Portraits meines Vaters und meiner Mutter, über meinem Schreibtiſche ein Medaillon mit dem Miniatur⸗ portrait Gontran's. Betreffs dieſes Miniaturportraits kann ich hier ein⸗ flechten, was ich erſt ſpäter erfuhr: es war meinem Manne von der Herzogin von Richeville zurückgegeben worden. Seiner Frau ein Portrait zu geben, welches einſt ür eine Geliebte gemalt wurde, iſt eine jener außer⸗ ordentlichen Unzartheiten, die ein Mann ſich erlaubt, ohne auch nur daran zu denken, wie abſcheulich und beleidigend ein ſolches Thun iſt. Meinem Schreibtiſch zur Seite trug ein kleines Büchergeſtell von Roſenholz meine Lieblingsbücher, und zwiſchen den beiden Fenſtern ſtand mein Clavier. An einem Spiegel vorübergehend, betrachtete ich mich; ich war entſetzlich blaß und abgemagert, und meine ſchon etwas gerötheten Wangen verriethen das Fieber, welches ſchon zwei Tage in mir glühte. Mein Blick war lebhaft und glänzend, aber meine Lippen waren blau, meine Hände kalt. Ich trug ein ſchwarzes Kleid, meine Haare lagen glatt an den Schläfen, denn ich hatte nicht daran ge⸗ dacht, ſie zu locken. Mit einer Art trüber Freude nahm ich die Ver⸗ heerungen wahr, welche der Kummer in meinem Antlitz zuwege gebracht. Ich verglich mich mit Urſula, welche ewig friſch und roſig war. Es ſchlug auf der alten Schloßuhr elf, als Gon⸗ tran bei mir eintrat. Auch er hatte ſich ſeit zwei Tagen ſchrecklich ver⸗ ändert, er war entſetzlich blaß und Nachtwächen, viel⸗ leicht Thränen, hatten ſeine Augen geröthet. Er ſchien niedergebeugt, ſein Blick war ſcheu. „Ich will es nicht leugnen,“ begann er barſch, „daß das Unrecht, welches ich Ihnen zugefügt, ſehr groß iſt. Sie müſſen mich verabſcheuen — nun gut, verabſcheuen Sie mich!“ Ich bitte, hören Sie mich, Gontran. Unſere künftige Stellung wird noch heute feſtgeſetzt werden. Ich will Ihnen mit der größten Offenheit das Reſultat meines Nachdenkens, meinen unerſchütterlichen Entſchluß mittheilen. „Ich höre Sie.“ 6 Während der zwei Tage, welche ich einſam z gebracht, ſind mir in einem ſeltſamen Gedankenre alle Ereigniſſe, welche ſeit unſerer Bekanntſchaft ſtatt⸗ gefunden, ſo zu ſagen in einem einzigen Augenblick vor die Seele getreten. Ich vermochte den Geſammt⸗ eindruck und die einzelnen Umſtände aufzufaſſen und ſie mit einer Sicherheit und aus einer Höhe des Ge⸗ ſichtspunkts zu beurtheilen, der mich in Erſtaunen ſetzt. Während ich auf dieſe Weiſe die Vergangenheit über⸗ 159 blickte, habe ich ohne thörichten Stolz erkannt, daß ſich meine Ergébenheit für Sie nie verleugnet, daß ich Wunder der Zärtlichkeit vollbracht habe, um Ihrer Geringſchätzung zum Trotz meine Liebe rein und ma⸗ ckellos zu erhalten. Einige ſpärliche Klagen abgerech⸗ net, welche mir durch unerträgliche Schmerzen entriſſen wurden, habe ich mein Leid mit Reſignation getragen, habe bei der geringſten, mir von Ihnen erwieſenen Zärtlichkeit meine Thränen ſchnell getrocknet, kam mit einem Lächeln auf den Lippen wieder zu Ihnen, und gab mich, wie oftmals auch getäuſcht, immer von Neuem Hoffnungen des Glückes hin. „Das verhält ſich in Wahrheit ſo, aber es iſt un⸗ großmüthig, in dieſer Stunde meinen Fehlern Ihre Tugenden gegenüber zu ſtellen,“ ſagte Gontran mit Bitterkeit. Wenn ich ſo ſpreche, Gontran, ſo geſchieht es keineswegs, um mich zu loben, ſondern im Gegentheil, um mich zu tadeln. „Wie, Sie bedauern 2“ — Ich bedaure, gerade das gethan zu haben, was mich unglücklich gemacht, ohne Sie glücklich zu machenz vielleicht wären Sie weniger graufam gegen mich ge⸗ weſen, wenn ich mich anders benommen. „Was wollen Sie damit ſagen?“ Das kommt Ihnen ſonderbar vor, aber das Re⸗ ſultat meiner Betrachtungen läuft beinahe darauf hin⸗ aus, daß ich Sie losſpreche und mich anklage. „Mich losſprechen — mich?“ Ich ſpreche Sie los, Sie. Ich täuſche mich nicht mehr, Gontran, niemals war ich eine Ihrer würdige Gefährtin, niemals meines Werthes bewußt und cha⸗ rakterfeſt genng, mir Achtung zu erzwingen. Ich war Ihre demüthige Sklavin und beſaß nur jene negativen Eigenſchaften, welche der Sklaverei angemeſſen ſind. Blinde Ergebung, einfältige Reſignation und uner⸗ ſchöpfliche Geduld. Da ich ſo war, mußten Sie mich 160 behandeln, wie Sie mich behandelten; Sie konnten für mich weder Schonung noch Mitleid haben. „Ich kann nicht errathen, zu, welchem Zwecke Sie mich als unſchuldig darſtellen wollen,“ ſagte Gontran, mich mißtrauiſch anblickend. — Ich könnte ſagen, es geſchehe dieß, um Ihnen das Bekenntniß, welches ich Ihnen noch zu machen habe, weniger ſchrecklich erſcheinen zu laſſen, allein dann würde ich lügen, denn wenn ich Sie auch nicht ohne Grund zu verletzen wünſche, ſo iſt es mir doch gleich⸗ gültig, ob Ihnen das, was ich Ihnen mittheilen muß, Schmerz verurſacht oder nicht. Mein Mann war betroffen über die Kälte, womit ich ſprach. „Ihre Sprache iſt neu für mich, Mathilbe.“ Sie muß es ſein, wie das Gefühl, welches ſie in neu, wie das, was ich Ihnen zu bekennen habe. „Aber ſo erflären Sie ſich doch endlich!“ Dieſer Blick auf die Vergangenheit hat mich noch eine Entdeckung machen laſſen, eine gräßliche Entde⸗ äung, ich ſchwöre es Ihnen. Mein Kummer, ſo auf⸗ richtig und ſchmerzlich er auch geweſen ſein mag, war voch kaum der Theilnahme werth, meine Klagen waren mehr langweilig, als rührend, meine ewigen Thränen mußten Sie mit Recht ungeduldig machen, erbittern und nur ſelten rühren. „Spotten Sie, Mathilde? Der Spott wäre grau⸗ ſam.“ Zch nahm meinen Mann bei der Hand, führte ihn vor den Spiegel und, indem ich ihm mein welkes Ge⸗ ſicht zeigte, ſagte ich: um mich ſo zu verändern, muß ich ſehr gelitten haben, Gontran, nicht wahr? Nun ſtellen Sie ſich vor, was ich fühlte, als ich mir bekennen mußte, mein Kummer ſei kaum des Mitleids werth, als ich mir ſagte, ſo ich ihn morgen einem unparteiiſchen Richter 161 mittheilte, hätte er das Recht, zu ſagen: Es iſt Ihre eigene Schuld. — Glauben Sie nun wohl, ich bätte mit einer ſolchen Ueberzeugung den Muth, zu ſpotten? „Dieſe Ueberzeugung haben Sie, Mathilde?“ Allerdings. Wenn die Welt die Qualen, welche ich erduldete, erfährt, ſo wird ſie verächtlich ſagen: Die Thörin, das langweilige Ding, mit ihren ewigen Klagen und Seufzern! Ihr iſt nur geworden, was ſie verdiente! Man kann demnach keine ehrbare und zu⸗ gleich unglückliche Frau ſein, ohne unausſtehlich zu werden. Ihr Charakter iſt ſo ſchwach, jammerſelig und ſentimental, daß er die Härte ihres Mannes faſt entſchuldigt. Gewiß, Urſula iſt ſehr verrätheriſch, frech und verderbt, aber es läßt ſich begreifen, daß Herr von Lanery ſie Mathilden tauſendmal vorzieht, denn Urſula hat wenigſtens etwas Reizendes, Anziehendes, man findet in ihr jene Abwechslung von gut und böſe, welche ſo zu ſagen den Geiſt immer wach erhält; Ma⸗ thilde aber hat weiter Nichts, als ewige Reſignation und Klagen; ſie beſitzt alle Tugenden, nun ja, will Niemand leugnen, allein ſie weiß ihre nicht ſehr liebenswürdig zu machen. Kurz, ſie ha größten aller Fehler, ſie verſteht wohl zu lieben, aber nicht Liebe zu erwecken. — So wird die Welt ſprechen, Gontran, und ſie hat ein Recht dazu, nach ihrer Art die Dinge zu betrachten. Einige mitleidige Seelen werden mich vielleicht beklagen, aber blos beklagen — Aun zwiſchen Mitleid und Sympathie iſt eine große kluft. „Welche Sprache, Mathilde!“ Noch einmal, Gontran, glauben Sie, ich ſcherze, da mir nach tauſend Thränen nicht einmal der Troſt bleibt, der Theilnahme werth zu ſein? „Und wer, mein Gott, konnte Ihnen eine ſo un⸗ ſelige Ueberzeugung beibringen?“ Wathilde. m. 11 7 162 Die Vernunft, die kalte, unbeugſame Vernunft, aber es muß im Herzen ſehr öde und leer ſein, wenn dieſe ſtrenge Stimme eindringen ſoll. „Was ſagen Sie? Ihr Herz? —“ Mein Herz iſt leer und öde, ſeitdem ich Sie nicht mehr liebe, Gontran, und erſt, ſeitdem ich Sie nicht mehr liebe, vermag ich Ihr und mein Betragen un⸗ parteiiſch zu beurtheilen. „Sie lieben mich nicht mehr?“ rief Gontran. Ich liebe Sie nicht mehr und gerade deßhalb kann ich Alles ſo unparteiiſch betrachten, gerabe deßhalb fürchte ich nicht, Sie zu brtrüben, indem ich ſo ſpreche. Hätte man mir dereinſt geſagt, daß die unendliche Liebe, welche ich für Sie empfand, daß dieſe Liebe, die ſo ſiegreich aus ſchweren Proben hervorging, eines Tages ſich vermindern könnte, ich hätte es für Gottes⸗ läſterung gehalten, und doch — ſie iſt erloſchen. „Mathilde! Mathilde!“ In den wenigen Angenblicken, deren ich bedurfte, um den Brief zu leſen, welchen Sie an Urſula ſchrie⸗ ben, iſt ſie völlig erloſchen. Ich mache Ihnen keinen f„ Gontran; ich habe hiezu nicht mehr das Recht. Sie verlieren mein Herz und — ich ſage es ohne Eilelkeit — dadurch ſind Sie genugſam be⸗ ſtraft Anfänglich ſtumm vor Verwunderung, verſetzte Gontran mit unterdrücktem Aerger: „Gerade die Raſchheit, die Plötzlichkeit Ihrer Ent⸗ zauberung Betreffs meiner ſollte Ihnen beweiſen, daß dieſe Entzauberung nicht aufrichtig iſt. Gewiß, ich habe Ihnen gegenüber Unrecht, großes Unrecht; aber eine ſolche Behandlung verdiene ich nicht.“ Es kam, wie es kommen mußte, Gontran. Ich war darauf gefaßt, daß Ihre Eigenliebe ſich gegen den Gedanken auflehnen werde, ich könne Sie nicht mehr lieben und liebe Sie' nicht mehr. Ich kann es wohl faſſen, daß meine ſchnelle Entzauberung Ihre Illuſion —5 163 zu unterſtützen im Stande iſt, — allein Sie irren ſich, ich habe mich niemals Bezugs meiner Gefühle ge⸗ täuſcht. Mein Mann entgegnete mit Achſelzucken: „Sie haben auch geglaubt, Sie würden mich ewig lieben, Sie ſelbſt haben es oft geſagt, und dennoch glguben Sie in dieſem Augenblicke, Ihre Liebe ſei erloſchen.“ Und mit unzerſtörbarem Selbſtvertrauen ſetzte er hinzu: Gerade ſo wird es mit Ihrer jetzigen Empfind⸗ lichkeit gehen; ſie wird einmal ein Ende nehmen.“ Ihr Vergleich iſt unrichtig, Gontran; ich würde Sie allerdings ewig geliebt haben, deſſen bin ich ge⸗ wiß, wenn Sie nicht ſelbſt Alles aufgeboten hätten, dieſe Liebe zu tödten. Mit der nämkichen Offenheit ſage ich Ihnen, daß, wenn Sie jetzt auch Alles auf⸗ böten, meine Gleichgültigkeit zu zerſtören, Sie dennoch keinen Erfolg haben würden. „Aber bei alledem waren es am Ende nur Un⸗ beſonnenheiten, war es nur eine einzige Untreue, und es gibt keine Frau, welche nach der erſten Regung verletzter Eitelkeit einen ſolchen Fehler nicht verzeihen würde.“ Ich will Ihnen nicht widerſprechen, ich bin nicht ſo anmaßend, zu verlangen, daß alle Frauen wie ich den⸗ ken oder denken ſollen. Gewiß, ich habe Unrecht, aber es iſt einmal mein unglückliches Schickſal, immer an⸗ geklagt zu werden, oder es iſt vielmehr ein Fehler mei⸗ nes Charakters, Alles zu übertreiben. „Aber noch einmal, wenn es nur der Brief iſt, welchen ich an Ihre Couſine geſchrieben, was Ihre Entfremdung gegen mich herbeiführt, ſo mangelt es die⸗ ſer Entfremdung an hinlänglichen Gründen.“ Ich will Sie nicht anklagen und abermals an⸗ klagen, Gontran; doch weil Sie jenes Briefes erwäh⸗ nen, ſo erinnern Sie ſich ſeiner Worte und Sie wer⸗ den einſehen, daß jedes verſelben meinen liebſten Hoff⸗ nungen einen Todesſtoß verſetzte. Sie haben mich un⸗ heilbar verletzt als Weib, als Gattin, als Mutter. Doch das iſt nicht Alles. Die Leidenſchaft, um wel⸗ cher willen Sie mich ohne Zaudern, ohne Erbarmen geopfert haben, iſt und wird die einzige wahre Ihres Lebens ſein. Sie werden ſehen, daß meine Ahnungen in Erfüllung gehen werden. Ich geſtehe es ohne falſche Demuth, ſondern vielmehr mit Stolz, daß ich Nichts beſitze, wodurch ich mit Ausſicht auf Erfolg gegen Ur⸗ ſula kämpfen könnte, wenn ſie ihrer Verſprechungen ungeachtet Sie ferner verführen will; eben ſo wenig kann Ihnen mein Herz jetzt einen Erſatz bieten, wenn ſie fortfährt, Sie zu verachten. Aber auch das iſt noch nicht Alles. Verzeihen Sie mir meine Offenherzigkeit, es koſtet mich viele Ueberwindung, ſo zu ſprechen. So ſehr ich Sie geliebt, im nämlichen Grade war ich auch über gewiſſe Ereigniſſe in Ihrem Leben verblendet und beredete mich zuletzt, daß ich nicht minder ſtrafbar geweſen, als Sie. Nun aber ſind meine Illuſionen verſchwunden, Ihr Betragen erſcheint mir in einem an⸗ dern Lichte, und wenn ich auch den Fall ſetzte, ich könnte Ihr Unrecht, Ihre Treuloſigkeit vergeſſen, ſo wäre es mir doch unmöglich, fürder einen Mann zu lieben, wel⸗ chen ich nicht mehr achten kann. „Mathilde! Was ſoll das heißen?“ Das ſoll heißen, daß, wenn ich vor unſerer Ver⸗ heiratung, bevor die wahnſinnigſte Leidenſchaft mich verblendete, gewußt hätte, was ich ſpäter erfuhr, ich Sie nicht geheiratet hätte. „Aber noch einmal, gnädige Frau, was wiſſen Sie denn, das mich Ihrer Achtung berauben kann? Denn ich denke, man iſt deßhalb kein ehrloſer Mann, wenn man eine unüberwindliche Neigung für ein Weib fühlt, welches dieſer Neigung unwerth iſt.“ Nach einem nochmaligen, letzten Zaudern erzählte ich Gontran das ganze Ereigniß in Lugarto's einſamem Hauſe und die Art und Weiſe, in welcher Herr von Mortagne und Herr von Rochegune dieſen Mann ge⸗ zwungen hätten, die Verfälſchung herauszugeben, welche Gontran begangen hatte. Mein Mann war wie niedergedonnert. Während meiner Erzählung ſprach er kein Wort. Wie ich jetzt zu ihm ſtand, brauchte ich mir keine Skrupel mehr zu machen; es konnten keine ſolche Ver⸗ heimlichungen, keine Schonung mehr zwiſchen uns ſtatt⸗ finden. Ich wollte meine Stellung meinem Manne gegenüber ohne Rückhalt ſicher ſtellen, und wenn ich auch ſpäter großmüthig ſein wollte, ſo hatte ich dennoch nicht im Sinne, jetzt einfältig zu erſcheinen. An den düſtern Blicken, welche mir Gontran von Zeit zu Zeit zuwarf, an der Bewegung, mit welcher er im Zimmer auf und ab ging, nahm ich wahr, daß er mir, wie Herr von Mortagne vorausgeſehen, die nſt jener unſeligen Thatſache nie verzeihen önne. Endlich warf ſich mein Mann in einen Lehnſtuhl und verhüllte ſein Geſicht mit den Händen. Er flößte mir Mitleid ein. Ich liebe Sie nicht mehr, ſagte ich, Sie haben eine ſtrafbare Handlung begangen, aber ich werde deſ⸗ ſen ungeachtet Ihren Namen tragen. Sie ſind der Vater meines Kindes und wenn Sie auch ein Herz, erfüllt mit der heiligſten, innigſten Liebe, verloren ha⸗ ben, ſo ſoll Ihnen vor den Augen der Welt dennoch eine Frau bleiben, welche keine der Pflichten verſäu⸗ men wird, welche ihre Stellung Ihnen gegenüber ver⸗ langt. Dem Scheine nach wird in unſeren Verhält⸗ niſſen keine Aenderung ſtatthaben. Ohne die Verleumdungen freilich, deren Opfer wir ſind, würde ich verlangen, von Ihnen getrennt zu wer⸗ den, allein demzufolge, was ich durch Fräulein von Maran erfuhr, würden wir Beide, glaub' ich, bei ei⸗ nem ſolchen Skandal verlieren. Es iſt daher wohl 166 paſſend, daß wir vor der Hand noch einige Zeit fort⸗ leben, wie bis jetzt und ſpäter nach den Umſtänden uns richten. „Es ſei!“ ſagte Gontran barſch. „Ich werde es nicht verſuchen, Sie von Ihren Vorurtheilen abzubrin⸗ gen und Sie ſobald als möglich von meiner verhaß⸗ ten Gegenwart befreien. Sie ſind nicht im Stande, das Ihnen zugefügte Unrecht zu vergeben und zu ver⸗ geſſen. Sie thun wohl daran.“ Ich gebe Ihnen die Verſicherung, daß ich es be⸗ reits vergeſſen habe und weit entfernt bin, mich rächen zu wollen. Die Folgen ſind da, ihre Urſachen ſind mir gleichgültig. Nachdem er einen Augenblick geſchwiegen, rief Gontran aus: „Aber, nein, nein, es kann nicht ſein, daß ſo viel Kälte auf ſo viel Anhänglichkeit folgen kann! Sie kön⸗ nen mich nicht mit ſo viel Grauſamkeit behandeln, be⸗ ſonders in dieſem Augenblicke — —“ Wo Sie vielleicht troſtbedürftig ſind? Ich kann Ihnen auch noch die Verſicherung geben, daß es kei⸗ neswegs Eiferſucht iſt, was mich abhält, Sie zu bekla⸗ gen, ſondern die rein menſchliche Achtung vor mir ſelbſt. Ich ſehe es nur zu klar ein, daß die Liebe, welche Sie hegen, unheilvoll für Sie ausſchlagen wird, daß ſie zu gewaltig und zu gefährlich iſt, als daß ſie mich nicht ſchrecken ſollte. Kein Unglück, welches Ihnen wider⸗ fährt, wird mich theilnahmlos finden. Rach dieſem Allen,“ rief Gontran, heftig auf⸗ ſpringend, „wäre ich ein Narr, wenn ich mich länger verſtellen wollte! Es iſt, wie Sie ſagen, gnädige Frau, unſer früheres Verhältniß iſt für inmer zerſtört. Sie lieben mich nicht mehr, gut: man führt ohne Liebe eine treffliche Haushaltung. Meine Nähe iſt Ihnen läſtig, ich werde Sie davon befreien. Sie werden für ſich und ich für mich leben. Ich widerſetze mich Ihren Plänen durchaus nicht.“ — 167 Gontran, ich muß nur noch einen einzigen, ſehr zarten Punkt berühren. Ich wünſche nämlich, daß zwei Drittheile meines Vermögens ſo feſtgeſtellt wer⸗ den, damit die Zukunft meines Kindes ge ſichert ſei. „Das iſt meine Sorge, gnädige Frau, überlaſſen Sie es mir.“ Ich glaube, Sie in Kenntniß ſetzen zu müſſen, daß ich, ich von Geſchäften Nichts verſtehe und doch wünſche, dieſe Angelegen cheit möchte ſo gut, als mög⸗ lich, teing werden, von Mortagne darüber um Rath angehen werde. „Ich werde mit dieſem Manne niemals in Ver⸗ bindung treten, gnädige Frau.“ Das fordere ich auch keineswegs. Sie werden bloß die Güte haben, mir den Beweis zu liefern, daß mein Wille erfüllt iſt. Wenn Herr von Mortagne die⸗ ſen Beweis ſodann für richtig und genügend erklärt, verlange ich Nichts weiter von Ihnen. „Das Alles kann nicht ſo gehen, wie Sie es wün⸗ ſchen, gnädige Frau. Das Geſchick unſeres Kindes geht mir ſo nahe, wie Ihnen; mir aber, mir gehört die Sorge hiefür und ich werde alles Nöthige thun, ohne daß Sie über Angelegenheiten, die mir allein obliegen“ Controlle führen müſſen.“ Sie wollen mir alſo für das, was ich verlange, keine . Garantie geben? kein, gnädige Frau.“ & muß ich Ihnen erklären, daß ich Alles auf⸗ bieten werde, um dieſe Garantie zu erlangen. „Thun Sie das, gnädige Frau, Sie haben völ⸗ lige Freiheit.“ So endete die Unterredung mit meinem Mannt. Vierzehntes Kapitel. Verzweiflung der Liebe. Wenige Tage nach dieſem Geſpräch ſandte Herr von Lanery ſeinen Kammerdiener, welchem er vollkom⸗ men vertraute, nach Paris, und ſeit dieſer Mann in Paris angekommen, erhielt Gontran Tag für Tag Briefe von ihm. Mit Ungeduld und Unruhe harrte ich auf eine Antwort von Herrn von Mortagne. Schon zweimal hatte ich ihm geſchrieben und ich konnte ſein Still⸗ ſchweigen nicht begreifen. Mein Leben ſchleppte ſich traurig und trübe dahin. Bisweilen mußte ich mich wundern, wie ſo plötz⸗ lich an die Stelle der Liebe Gleichgültigkeit getreten ſei. Aber es war dies ganz natürlich zugegangen. Hef⸗ tige, tiefe Gefühle können nicht nach und nach in Er⸗ ſtarrung übergehen. Sie leben immer, oder aber, ſie erlöſchen, wie ſie entſtanden ſind, — plötzlich, nachdem ſie lange und muthig den gkauſamſten Angriffen wider⸗ ſtanden haben. Ja, dieſe Gefühle ſinken und ſterben mit einmal, dem Krieger gleich, welcher, wenn er verathmet, bemerkt, daß er mit Wunden bedeckt iſt und daß er in der Schlacht ſein Blut vergoſſen. Etwas verwunderte ich mich und wußte nicht, ob mich dies ſtolz machen oder beſchämen ſollte. Dieſe Abneigung erkältete mein Herz, obgleich viele Ereig⸗ in meinem Leben mich viel ſchmerzlicher berührt atten. War es Muth, war es Ergebung, war es Gleich⸗ gültigkeit? Bald entdeckte ich das Geheimniß meiner Empfin⸗ dungen. 169 Ich tröſtete mich nämlich darüber, daß ich Herrn von Lanery nicht mehr liebte, damit, daß ich dachte, alle Kräfte meiner Seele würden künftig nur auf ein Weſen concentrirt ſein. Oder betrog mich auch da noch mein Herz? Fuhr ich etwa noch fork, Gontran zu lie⸗ ben, indem ich ſein Kind vergötterte? Ich konnte mich nicht täuſchen. Die Mutterliebe erfüllte mein Herz ganz und gar, und ſie allein war die Urfache meiner Standhaftigkeit. Denn als ich un⸗ glücklicherweiſe einmal daran dachte, die Hoffnung, welche der Himmel mir gegeben, ſei nur eine Hoff⸗ nung, als ich mich fragte, wie leer es in meinem Herzen ſein wurde, ſo mir dieſe Hoffnung geraubt wäre, als ich daran dachte, o, da erfaßte mich ein Schwindel und ich wandte meinen Blick von dieſem finſtern Abgrund weg, um ihn auf die ſtralende Zu⸗ kunft hinzulenken, welche mich allein noch an's Leben knüpfte. * * Der Winter war gekommen mit ſeiner unfreund⸗ lichen Kälte, ſeinen düſtern Nebeln und ſeinen langen Abenden, welche keine ſüße Traulichkeit des häuslichen Herdes mir verkürzte. 5 Beim Frühſtück und Mittageſſen wechſelten Gon⸗ tran und ich einige Worte, dann begab er ſich wieder in ſeine Zimmer und ich in die meinigen. Seine Lebensgewohnheiten hatten ſich gänzlich ver⸗ ändert. Er ging nicht mehr auf die Jagd, aber der ſtren⸗ gen Kälte ungeachtet begab er ſich täglich in den Wald und brachte viele Stunden dort zu. Mit merkwürdiger Pünktlichkeit kehrte er indeſſen jedesmal zu der Stunde zurück, wo die Poſt ankam; dann ging er abermals aus und kehrte oftmals erſt ſpät in der Nacht zurück. Zuweilen blieb er auch zwei bis drei Tage in ſei⸗ nen Zimmern, ohne ſie zu verlaſſen. Seine Züge veränderten ſich auf eine erſchreckende ————————— 170 Weiſe. Seine eingefallenen Wangen, ſeine eingeſunke⸗ nen Augen, das krampfhafte Lächeln, welches ſeine Lip⸗ pen zuſammenzog, gab ſeinem Geſicht einen Ausdruck von Schmerz, Gram und Hoffnungsloſigkeit, wie ich noch nie auf ihm wahrgenommen. Zur Poſtſtunde vermochte er ſeine Angſt kaum zu bezwingen. Er ging ſogar dem Boten entgegen. Eines Tages ſah ich aus einem meiner Fenſter, wie er einen Brief empfing, denſelben eine Zeit lang betrachtete, als fürchtete er ſich davor, ihn zu öffnen, dann ihn haſtig las, zerriß, die Stücke auf die Erde warf und wüthend mit den Füßen zertrat. Zweimal traf er Vorbereit zweimal blieb er wieder. Eines Abends befand ich mich mit Blondeau in meinem Empfangzimmer und öffnete eine Kiſte mit ſi welches ich aus England hatte kommen aſſen. Da kam Gontran plötzlich blaß und verſtört her⸗ ein und rief mit herzzerreißender Stimme: „Mathilde, länger kann ich nicht —“ Nun erblickte er aber Blondeau, verſtummte und ungen zur Abreiſe und ging weg. Ich wollte ihn aufſuchen, allein er hatte ſich ein⸗ geſchloſſen und wollle mir nicht öffnen. Ein andermal kam er gegen ſeine jetzige Gewohn⸗ heit höchſt elegant gekleidet zu mir und fragte mich mit wilden Blicken: „Sagen Sie mir offen, wie finden Sie mich? Bin ich ſehr verändert? Kurz, bin ich nicht mehr fä⸗ hig, zu gefallen? Oder bin ich noch eben ſo hübſch, wie vordem?“ Ich ſah ihn verwundert an. Er aber rief heftig und mit dem Fuße ſtampfend: „Ich frage Sie, ob ich ſehr verändert bin, hören Sie mich?“ Mein Erſtaunen wich dem Schrecken, ſo wahnſin⸗ — — ——— —— —— 171 nig kam mir dieſe Frage vor, und die Art, wie ſie gethan wurde. Wüthend verließ Gontran das Zimmer, nachdem er eine Schale von chineſiſchem Porzellan, welche auf dem Tiſche ſtand, zu Boden geworfen. Soll ich es ſagen? Blondeau hatte vom Haushofmeiſter erfahren, daß ſich Herr von Lanery zuweilen in ſtarken Liqueuren⸗ betrinke. Ich konnte es nicht mehr bezweifeln. Dieſe Aus⸗ ſchweifungen, dieſes ungeſtüme Weſen, dieſe wunder⸗ lichen Grillen gaben mir den Beweis, daß Gontran von einer unſeligen Leidenſchaft verzehrt werde und im Rauſche zuweilen Vergeſſenheit ſeiner Qualen ſuche. Das Mitleid, welches ich für ihn fühlte, machte mich glauben, daß alle Liebe für immer in meinem Herzen erloſchen ſei. Mein Herz blutete, ihn ſo un⸗ glücklich zu ſehen, und ich klagte Urſula an. Allein Eiferſucht fühlte ich keine mehr und zu meinem Be⸗ dauern ſah ich ein, daß ich Nichts für Gontran thun könne, und daß meine Tröſtungen fruchtlos bleiben müßten. Uebrigens wollte und wagte ich nicht, ihm von dieſem Gegenſtand zu ſprechen, und wartete daher eine günſtige Gelegenheit ab. Eines Tages kam der Poſtbote früher, als ge⸗ wöhnlich. Man brachte Gontran Briefe in das Bib⸗ liothekzimmer, wo ich ihn traf, da ich mir ein Buch holen wollte. Aufgeregt erbrach er einen Brief, las ihn, ließ ihn zu Boden fallen und verbarg ſein Geſicht in die Hände. Gerührt näherte ich mich ihm. Gontran, ſagte ich, Sie leiden. Er erbebte und erhob lebhaft den Kopf. Er weinte! 172 Eine tiefe Verzweiflung lag auf ſeinen Zügen. „Nun, ja, ja, ich leide,“ ſagte er bitter, „aber wie kann das Sie intereſſiren?“ Hören Sie, mein Freund, ſagte ich, und faßte ſeine brennende, abgemagerte Hand, ich kann Sie jetzt be⸗ dauern um Ihres Kummers willen. „Sie? Sie?“ Ja, gerade deßhalb, weil ich keine Liebe mehr für Sie fühle. Ich kann, ich will Sie als Freundin trö⸗ ſten. Sie leiden, und ich brauche nicht erſt nach der urſache der Veränderung zu fragen, welche ich ſeit einiger Zeit an Ihnen wahrgenommen. „Nun wohlan,“ rief er außer ſich; „warum ſoll ich mich Ihnen gegenüber noch verſtellen? Ja, ich liebe Urſula leidenſchaftlich, liebe ſie, wie ein Kind, wie ein Wahnſinniger, ja, ich liebe ſie, wie noch nie ein Menſch geliebt hat, und dennoch iſt ſie erbarmungs⸗ los mit ihrer Verachtung. Ich bin Schuld an ihrem Unglück, und dennoch will ſie nicht einmal, daß das Mißgeſchick, welches ich über ſie brachte, mir ein Recht geben ſoll. Denn es iſt jetzt ſogar eine Ehrenſache für mich, daß ich mich ihrer annehme, und doch — — aber verzeihen Sie, ich vergeſſe — mein Gott, ich vergeſſe, mit wem ich ſpreche.“ Sie können es mir wohl ſagen, Gontran, es iſt mir nichts Neues; ich kann nicht mehr im Zweifel ſein über die Leidenſchaft, welche Sie ſo untröſtlich macht über dieſe unſelige Leidenſchaft, welche mir mein Glück geraubt und auch Ihnen nur Kummer verurſacht. „O, ja wohl eine unſelige Leidenſchaft! Sie wiſ⸗ ſen nicht, wie viele Thränen, ſtille Verzweiflung, wie viele Anfälle raſender Wuth, wie viele wahnſinnige, verbrecheriſche Entſchlüſſe ſie ſchon in mir erzeugt hat! Sie wiſſen nicht, daß ich im Rauſche entehrende Be⸗ täubung geſucht habe! — O, dieſes infernaliſche Weib wußte es wohl, was für eine Liebe ſie mir in's Herz ſchleuderte! Niederträchtige, entſetzliche Liebe, welcher — 173 ich Sie ſchon aufgeopfert habe — Sie! Sehen Sie, ich bin ein Elender oder ein Narr vielmehr, und den⸗ noch wächst dieſe Liebe noch von Tag zu Tag. Zwei⸗ mal ſchon war ich im Begriff, zu ihr zu gehen, allein ich wagte es nicht. Bei einem ſo unbeugſamen Cha⸗ rakter, wie dieſe Frau ihn beſitzt, kann man durch ei⸗ nen einzigen falſchen Schritt Alles verlieren, denn lei⸗ der bewahre ich noch immer einen Schimmer von Hoff⸗ nung, aber — noch einmal — verzeihen Sie mir — mein Gott — ich beleidige, verletze Sie.“ Ich vermag jetzt Alles zu hören, Gontran, ich ſchwöre es Ihnen — — — es iſt dieß für mich und ſ Sie ein trauriger Erſatz für das, was wir ver⸗ oren. „O, ich weiß es, ich weiß es! — Ich darf nicht mehr auf Ihre Liebe rechnen; aber ſeien Sie nicht erbarmungslos, laſſen Sie mich mein Herz vor Ihnen ausſchütten. Zetzt, da Sie mich nicht mehr lieben, kann es Sie nicht mehr verletzen. Mathilde, ich bin ſo unglücklich, daß ich Sie ſelber räche, indem ich Sie zum Zeugen meiner Leiden mache. O, wenn Sie wüßten, was es heißt, ſolch einen raſenden Schmerz ſtumm und einſam zu tragen!“ Ich weiß es, Gontran, ich weiß es. „Zwanzigmal ſtand ich ſchon auf dem Punkt, mich Ihnen zu Füßen zu werfen, Ihnen Alles zu be⸗ kennen und wenigſtens um Ihr Mitleid zu flehen. Aber da trat all das Unrecht, welches ich an Ihnen verübt, vor meine Seele, ich ſchämte mich vor mir ſelbſt und wagte es nicht. Im Stillen habe ich Thrä⸗ nen vergoſſen, Sie ſehen es wohl, ich bin ſchwach, ich weine wie ein Kind.“ Und er weinte in der That wieder. Dann trocknete er ſeine Thränen und rief aus: „Aber Urſula iſt ohne Erbarmen, aber ſie bedenkt nicht, daß ich ihr Sie geopfert, Sie, ein ebenſo edles, üthiges Weſen, als ſie verderbt und abſcheulich 174 iſt — — doch ſie bedenkt wohl nicht, daß meine Ver⸗ blendung ein Ende nehmen kann! Was ſie auch ſagen mag, ihr teufliſcher Ehrgeiz fühlt ſich geſchmeichelt, mich zu ihren Füßen zu ſehen. Sie weiß nicht, daß, ſo meine Illuſion verſchwunden, ich nur Verachtung und Haß gegen ſie hegen werde. O, ihrer Eitelkeit kann noch eine grauſame Strafe warten, wenn ſie mich zu Ihnen zurückkehren ſieht, zu Ihnen, welche Sie noch immer beneidet, ob ſie es auch leugne.“ Jede Rückkehr zur Vergangenheit iſt unmöglich, Gontran. Sie müſſen darauf Verzicht leiſten, Urſula dieſen Aerger bereiten zu wollen, welchen Sie für ih⸗ ren Ehrgeiz ſo empfindlich glauben. . „Wohlan, ſo verachten Sie mich, Mathilde! Aber ich darf es Ihnen nicht verſchweigen, daß, ſeitdem Sie jene Worte, welche aus Ihrem Munde ſo furchtbar klangen, die Worte: ich liebe Sie nicht mehr! geſprochen haben, ich erſt recht empfunden, was ich in Ihnen verliere, ja, das erhöht noch meinen Kummer, daß ich nicht mehr ſagen kann: ein edles, liebevolles, großmüthiges Herz iſt noch mein, welches vergeſſen und vergeben kann und zu welchem ich immer mit Vertrauen zurückkehren darf, denn ſeine Güte iſt ohne Gränzen.“ Ja, ſo gehörte Ihnen dieſes Herz, Gontran, o, es gehörte ganz Ihnen. „Aber dieſes Herz gehört mir noch. Sie täuſchen ſich, Mathilde, — eine Liebe, wie die unſrige, faßt für ewig in den Herzen Wurzelnz ſie kann eine Zeit lang ſchlummern, aber bald wieder erwacht ſie leb⸗ hafter, als jemals. Mathilde, bringen Sie mich nicht zur Verzweiflung, helfen Sie mir dieſe entſetzliche Lei⸗ denſchaft bewältigen; ich ſchwöre Ihnen, nie habe ich klarer erkannt, wie groß und erhaben Ihr Herz iſt. O, wie groß würde die Wuth jenes Weibes ſein, wenn ſie uns glücklich glaubte, vereinigt bend, Eines nur mit dem Andern beſchäftigt!2 17⁵ tödtliche Wunde würde ihr Stolz empfangen. Kom⸗ men Sie, Mathilde, laſſen Sie uns ohne Erbarmen für ſie ſein, kommen Sie mit nach Paris und laſſen Sie uns vor ihr erſcheinen, zärtlicher, als ſie uns je geſehen; auch ſie ſoll die Angſt und das Weh kennen lernen, welches ſie uns auferlegt hat.“ Dieſer wunderliche Vorſchlag bewies mir, wie aufgeregt Gontran und wie blind und egviſtiſch die Leidenſchaft ſtets ſei. Er konnte in dieſem Augenblick nicht beabſichtigen, mich zu beleidigen, und dennoch ſchlug er mir vor, eine abſcheuliche Rolle zu übernehmen, um Urſula's Eiferſucht zu reizen! Früher hätten mir dieſe Worte ſehr weh gethan, ſagte ich zu meinem Manne, jetzt aber enttocken ſie mir blos ein trauriges Lächeln. Ach, die Liebe be⸗ herrſcht Sie ſo ſehr, daß Sie nicht wahrnehmen, daß Ihre Abſicht) zu mir zurückzukehren, nur ein neuer Beweis von der Gewalt iſt, welche Urſula über Sie übt. „Aber es iſt doch entſetzlich, wenn dieſe Frau mich niemals lieben ſollte!“ rief er aus, „wenn ſie meiner Leiden lachte! Wenn ihre Verachtung nicht eine Liſt ihrer Koketterie iſt, warum kann ich denn der Hoffnung nicht entſagen, daß ſie mich einſt lieben werde? Wa⸗ rum verurſacht mir der Kummer, welchen ſie mir be⸗ reitet, eine bittere Wolluſt? Warum bete ich ſie denn an, da ich weiß, daß ſie falſch, treulos und gegen meine Liebe gleichgültig iſt?“ O, Gott, mein Gott! rief ich, die Hände faltend, Dein Wille iſt allmächtig! Um Gontran zu beſtrafen, läßt Du ihn all das Leid dulden, das er mir berei⸗ tet hat! „Was wollen Sie damit ſagen, Mathilde?“ Wiſſen Sie wohl, Gontran, daß in dem, was jetzt geſchieht, ein höherer Wille ſich ſichtbar macht? Als ich für Sie eine blinde und unwiderſtehliche Lei⸗ 176 denſchaft hegte, ſagte ich auch zu mir; Wenn Gontran mich nicht mehr liebt, warum habe ich denn die feſte Hoffnung, daß er mich einſt wieder lieben werde? Warum ermüdet mich ſeine Gleichgültigkeit, ſeine Härte nicht? Wie Sie, Gontran, fragte ich mich, wie Sie fand ich in meinem Kummer eine bittere Wolluſt, wie Sie trotzte ich täglich neuer Geringſchätzung mit ver⸗ zweifeltem Vertrauen, wie ohne Zweifel Sie auch, brachte ich lange, bange Nächte damit zu, das ſchmerz⸗ liche Geheimniß meiner Seele zu erforſchen — „Oz nicht wahr, es iſt entſetzlich, ſich von einem unwiderſtehlichen Gefühl fortgeriſſen zu ſchen? Ach, dieß iſt gräßlich! Was ſoll ich thun, mein Gott, was ſoll ich thun?“ Und abermals begann dieſer Mann, mit dem har⸗ ten, unbeugſamen Charakter, zu weinen; allein dieſe e Schwäche empörte mich mehr, als ſie mich rührte. Was Sie thun ſollen? ſagte ich; was Sie thun ſollen? Und das fragen Sie mich? Wenn man Ihren Schmerz, Ihre ohnmächtigen Klagen, Ihre blinde Hin⸗ gebung an eine verbrecheriſche Neigung fieht, ſollte man da nicht ſagen, Sie ſeien gezwungen, zu handeln, wie Sie handeln? „Mathilde, ich ſage Ihnen, dieſe Macht iſt un⸗ widerſtehlich —“ Ich aber entgegne Ihnen, daß das leere Entſchul⸗ vigungen ſind. Was Sie thun ſollen, fragen Sie mich? Sie müſſen ſich endlich benehmen wie ein Mann von Gefühl und Ehre! Hören Sie mich, Gontran, ich bin nicht mehr für Sie verblendet und der Augenblick iſt gekommen, wo ich mit ſtrenger Offenheit mit Ihnen reden muß. Mein und meines Kindes Zukunft hängt von dem Entſchluſſe ab, welchen Sie heute faſſen wer⸗ den! Sie haben mich ohne Liebe geheiratet, Sie haben eine Handlung begangen, welche Sie faſt ehrlos macht, Sie haben mich ſo unglücklich, als Ihnen n. immer 177 — gemacht, Sie nähren eine ſtrafbare Leiden⸗ ſchaft — „Noch mehr Vorwürfe? — Haben Sie doch Er⸗ barmen mit mir, Mathilde!“ Wenn ich Sie an dieſe traurige Vergangenheit erinnere, ſo thue ich es nur, um Ihre Stellung und die meinige feſtzuſetzen und die Frage, was Sie thun ſollen, zu beantworten. Ich will es Ihnen ſagen. Heute, in dem Augenblicke, wo wir ſprechen, hängt es noch von Ihnen ab, ein glückliches, ehren⸗ Leben zu führen, morgen iſt es vielleicht ſchon zu ſpät. „Wohlan, ſo erklären Sie ſich, tröſten Sie mich, ſtehen Sie mir bei. Sie können blos edle Vorſchläge machen, Mathilde, und ich werde dieſelben befolgen.“ Sie ſind jung, beſitzen Geiſt, Muth, Vermögen, Sie ſind ſo glücklich, den Beweis einer unſeligen Hand⸗ lung, welcher Sie entehren könnte, vernichtet zu wiſſen, das Gute und Böſe wird in der Welt durch Verleum⸗ dung ſo vermiſcht, daß rechtliche Menſchen ſich ſcheuen werden, gegen Sie zu ſprechen: ändern Sie Ihr Le⸗ ben, machen Sie ſich nützlich und die gute Meinung der Geſellſchaft wird Ihnen wiederkehren. „Aber wie, Mathilde? Durch welche Mittel?“ Sie haben bis jetzt, Ihre militäriſche Dienſte ab⸗ gerechnet, Ihr Leben müßig in Zerſtreuungen hinge⸗ bracht, ſetzen Sie ihm einen ernſten Zweck vor, be⸗ ſchäftigen Sie ſich, dienen Sie Ihrem Vaterlandel Stehen Ihnen nicht ehrenvolle Laufbahnen offen? Sind Sie nicht Militär und Diplomat geweſen? „Ich werde von der jetzigen Regierung nie wieder ein Amt annehmen!“ Gut, Sie haben Recht. Dieſe Empfindlichkeit läßt ſich erklären durch die Dankbarkeit für ein Königshaus, welches Sie und die Ihrigen ſtets mit Gnaden über⸗ häuft hat und dem auch meine Verwandien ſtets ergeben Mathilde. w. 12 178 waren. Sie gehören zu Denen, welche die Rechte und Hoffnungen dieſer königlichen Familie vertreten, wohlan, ſo vereinigen Sie ſich mit den Vertheidigern derſelben! „Sie rathen mir alſo, in die Vendée zu gehen?“ Ich rathe Ihnen nicht, am Bürgerkriege theilzu⸗ nehmen. Ich begreife, entſchuldige und bewundere vielleicht allerdings die Begeiſterung, die ihn hervor⸗ ruft, allein ich möchte Sie dieſe Begeiſterung nicht theilen ſehen. Gibt es denn nicht andere Mittel dieſer Sache zu dienen? „Welche denn?“ Was weiß ich? In der Kammer z. B. gibt es da keine Stelle für Sie unter den Royaliſten? „In der Kammer? Daran iſt nicht zu denken! Welcher beſondere Glücksfall müßte da eintreffen?“ Wenn Sie wollten, hätten Sie in dieſer Beziehung gewiß gute Ausſichten. Unſere Beſitzungen hier herum, das Andenken, welches meine Familie hinterlaſſen hat, begünſtigen gewiß ihre Wahl. Ergreifen Sie dieſe Hoffnung und richten Sie Ihre Gedanken dieſem Zwecke zu. Ihr Verſtand iſt ſcharf, Ihr Faſſungsvermögen be⸗ deutend, verſehen Sie es mit den gründlichen Kennt⸗ niſſen, die ihm abgehen. Sie wollen Ihr Land ver⸗ treten, ſtudiren Sie ſeine Verfaſſung, ſeine Geſetze, vervollſtändigen Sie durch ernſten Unterricht die Vor⸗ theile, welche Ihre Welikenntniß Ihnen ſichert. Sie haben um ſich her Pächter und Gutsbeſitzer, Männer, von denen eine Wahl abhängt. Ueben Sie über dieſe den Zauber, welchen Sie beſitzen, ſobald Sie wollen, erforſchen Sie die Intereſſen, die Bedürfniſſe derſelben, machen Sie ſich beliebt. Bis jetzt ſind Sie dieſen Leuten blos ein müßiger, gegen die wichtigen Fra⸗ gen, welche den Staat bewegen, gleichgültiger Edel⸗ mann, beweiſen Sie ihnen, daß man aus einem alten Geſchlechte ſein und dennoch die Grundſätze, welche man für heilſam, die Rechte, welche man für göttlich hält, vertheidigen kann, zeigen Sie ihnen, daß Sie 129 noch zu Anderem berufen ſind, als den Jagdhunden zu folgen. Wenden Sie die langen Winterabende zu nütz⸗ lichen Studien an, während Sie unter Tags unſere Güter durchwandern und beaufſichtigen; ſeien Sie gut, gerecht und freundlich und überall werden Sie ſich Her⸗ zen gewinnen; laſſen Sie mich jenen wohlthätigen Plan, den Sie ſo ſchnell verwarfen, verwirklichen und in Folge Ihres Wohlthuns, Ihrer Verdienſte werden Sie ſich nothwendig machen und dereinſt werden Ihre Mü⸗ hen, Ihre Arbeiten ſicherlich in dem Beifall des Landes ihren Lohn finden. Richten Sie Ihr Leben auf dieſen Zweck und Sie werden die unſelige Leidenſchaft über⸗ winden, welche Sie ſchwächt und niederbeugt. Um Ihnen auf dieſer ſchönen, ehrenvollen Bahn immer neuen Muth einzuflößen, werden Sie, wenn auch kein glühendes, leidenſchaftliches Herz mehr in Ihrer Nähe haben, aber doch eine aufrichtige Freundin, welche Sie ſegnen wird, wenn Sie gut und muthig ſind und dann werden Sie ſich ſagen, daß die Anfgabe, welche Sie ſich ſtellen, Sie nicht allein von einer jämmerlichen Schwäche heilen, ſondern auch den Namen, welchen Ihr Kind tragen wird, noch erheben und veredelu wird. Dann vielleicht, Gontran, wenn ich Sie ſo ver⸗ ändert, ſo gut und glücklich ſehe, dann wird vielleicht dieſes traurige Hexz, welches jetzt für Sie ſo kalt und todt iſt, durch eines jener Wunder, mit denen der Himmel energiſche Entſchlüſſe zuweilen belohnt, ſich von Neuem wieder beleben. Wenn aber der Schlag, der es getroffen, ein tödtlicher war, nun ſo wird meine aufrichtige Freundſchaft, die Erziehung unſeres Kindes, die Bewunderung der Welt, Ihr Ruhm und ein löb⸗ licher Ehrgeiz Ihr Leben vielleicht ſo ſehr ausfüllen, daß Sie die Liebe in der Ehe, von welcher Sie einſt ſprachen, weniger vermiſſen werden. „Nicht ich — nur die Umſtände haben dieſe ſchöne Hoffnung zerſtört — und wir haben auch ſchöne Tage genoſſen.“ Nur zu ſchöne Tage, Gontran. Eines Ihrer Ver⸗ gehen iſt das geweſen, daß Sie mich Anfangs zu glücklich machten, da Sie doch wußten, daß ein ſol⸗ ches Glück nicht von Dauer ſein könne, ich aber that Unrecht, daß ich an die Unvergänglichkeit eines ſolchen Glückes glaubte. Als die Täuſchungen begannen, hatte ich nicht den Muth, entſchloſſen einen Ausweg zu ſuchen, mein Zartgefühl ſteigerte ſich zu übertriebener Empfind⸗ lichkeit, ich vermochte Nichts zu thun, als zu leiden. Es bedurfte dieſer völligen Enttäuſchung, um mich mir ſelbſt und der Vernunft wiederzugeben. Vielleicht hätte eine feſte, verſtändige Sprache, wie ich ſie heute rede, edle Wünſche in Ihnen erzeugt und beſchämende Plane erſtickt, ich hätte Sie zugleich in meinen und Ihren Augen erhoben, aber — ich hatte Ihren Wor⸗ ten vertraut — die Enttäuſchung war fürchterlich! Während des Kampfes zwiſchen meiner Liebe und Ihrer Verachtung hatte ſich meine Vernunft umflort, aber ich fühle es, durch die neuen FPflichten, welche die Natur mir auferlegt, erhebt und befeſtigt und ver⸗ ſtärkt ſie ſich — jetzt ſchon urtheile und ſpreche ich anders, als vordem. „Anders — ja anders in der That,“ ſagte Gon⸗ tran, welcher mir mit wachſendem Erſtaunen zugehört und dabei den Muth verloren hatte, mich zu unter⸗ brechen. „Wie, ſind Sie es, Mathilde, welche ich höre? Sie, die Sie ſtets nur ſo ſchwach und ergeben waren?“ Nun, wohlan, Gontran, antworten Sie mir, werden Sie jetzt noch weinend jene unmännlichen Worte wiederholen: Was ſoll ich thun gegen die un⸗ ſinnige Leidenſchaft, welche mich beherrſcht? „Nein, nein!“ rief Herr von Lanery aus; „nein! Sie ſollen wieder mein guter Engel ſein! Ihre ſtren⸗ gen, edeln Worte haben einen neuen Geſichtskreis vor mir gufgethan. Ja, ja, ich will dieſe unſelige Leiden⸗ ſchaft bekämpfen und bezwingen! Ich habe einen dop⸗ pelten Zweck zu erreichen, eine doppelte Belohnung zu hoffen: meine Ehre vor den Augen der Welt wieder herzuſtellen und das edle Herz, welches ich verlor, wieder zu erringen. O, edelſtes aller Weiber! Wenn ich dieſe würdevolle, erhabene Sprache mit dem ſchamloſen Geſchwätz Urſula's vergleiche, wenn ich die reine, heilbringende Bewegung, welche Ihre großmü⸗ thigen Gedanken in mir hervorruft, mit den bitteren Gefühlen in Vergleich bringe, welche das hochmüthige, höhniſche Weſen jener Frau in mir erzeugte, dann vermag ich nicht zu begreifen, wie ich im Stande war, Sie ihr aufzuopfern. O, Mathilde, um mir Muth zu machen, um meinen Entſchluß zu kräftigen, geben Sie mir den Glauben, daß die Erkaltung Ihres Herzens bald aufhören werde. Dieſes neue Leben würde, von Ihnen getheilt, ſo ſüß für mich ſein!“ Gontran, das iſt unmöglich; ich wiederhole es, Sie ſollen jederzeit eine Stütze finden, und ſo viel Zuneigung, als die Pflicht mir vorſchreibt, allein mehr kann ich nicht verſprechen. Unſere Ehe' in Liebe iſt vorüber, die Convenienzehe beginnt; es wird ein ruhiges, trauriges Verhältniß ſein, aber erfüllt mit Sorgfalt und Aufrichtigkeit. Ich will meinen Werth nicht höher anſchlagen, Gontran, aber bedenken Sie Alles, was zwiſchen uns vorgefallen, und ſagen Sie, ob mein Benehmen — „Nicht das der großmüthigſten Frau von der Welt? — das iſt wahr, nur allzu wahr. Die Gewohnheit des Glückes macht ſo begehrlich, daß ich auch auf das Anſpruch mache, was ich nicht Lerdiene.“ Muth, Muth, Gontran! Ihr Leben kann noch ſehr ſchön werden. Ein edles Streben, anhaltende Be⸗ ſchäftigung und ruhmvolle Triumphe werden Sie tröſten; vielleicht werden Sie dereinſt ſogar Nichts vermiſſen, vielleicht werde ich allein es ſein, welche den Unterſchied zwiſchen Einſt und Jetzt wahrnimmt, den Sie heute beklagen. Ein neues Daſein kann für — 182 Sie beginnen. Wohlan, nur Muth, und wenn Sie unglücklich ſind, ſo denken Sie derer, welche noch un⸗ glücklicher ſind, als Sie. „Ja, ich will Muth faſſen, Mathilde. Sie ſollen ſehen, ich werde Ihrer würdig ſein. Von heute an ſoll ein neues Leben für mich beginnen. Sie haben in mir einen rühmlichen Ehrgeiz geweckt, ich will Ihren Rath befolgen. Unwillkürlich habe ich es ja ſchon bedauert und mir Vorwürfe gemacht, daß ich bei dieſer Revo⸗ lution ein unthätiger Zuſchauer geblieben und nicht zum Wenigſten einer Familie, der ich Alles verdanke, meine Anhänglichkeit gezeigt habe. O Dank Ihnen, die Sie mir den rechten Weg gewieſen!“ — — — Ich geſtehe es, daß dieſe Unterredung mir wieder einige Hoffnung gab, und dankte Gott, daß meine Abſicht ſo wohl gelungen. e mehr ich über die Rathſchläge und Hoffnungen nachſann, welche ich Gontran gegeben, deſto mehr freute ich mich darüber. So der Ehrgeiz einmal in ſeiner Seele Wurzel faßte, konnte er ſchnell genug wachſen, um ſeine Leiden⸗ ſchaft für Urſula zu erſticken. Wenn Gontran mit ſeinem Geiſte und ſeiner Men⸗ ſchenkenntniß einmal an den politiſchen Geſchäften theilnahm, konnte er gewiß bald eine bedeutende Stellung erſchwingen. Fünfzehntes Kapitel. Die Abreiſe. Am Tage nach dieſer Unterhaltung, welche mir ſo viele Hoffnung eingeflößt, und in welcher Gontran 183 35 herzhaften Entſchluß ausgeſprochen, ſah ich ihn nicht. Gegen zwei Uhr hellte ſich das Wetter auf und ich ließ Herrn von Lanery fragen, ob er mit mir aus⸗ fahren wolle. Blondeau brachte mir die Antwort, er ſei ſehr beſchäftigt und bedaure, mich nicht begleiten zu können. Ich glaubte, er denke bei der Lebhaftigkeit ſeines Temperaments bereits an die Arbeiten, welche ihm eine ſo nützliche Zerſtreuung gewähren ſollten, und fuhr deßhalb allein aus. Die bleiche Winterſonne that mir wohl, mein be⸗ klemmtes Herz athmete freier und gegen meinen Wil⸗ len leuchtete mir aus der Ferne eine unbeſtimmte Hoffnung. Wenn ich auch keine Liebe mehr für meinen Mann empfand, wenn mir auch ſeine Gegenwart oft peinlich war, weil ſie mir nur düſtere Erinnerungen hervor⸗ rief, ſo konnte ich dennoch nicht umhin, an die Mög⸗ lichkeit einer ſchönern Zukunft zu glauben. Konnte Herr von Lanerp durch Arbeit und feſten Willen es dahin bringen, ſeine Leidenſchaft für Urſula zu bewältigen und ſie durch einen edeln Ehrgeiz zu er⸗ ſetzen, ſo war er gerettet, ſo kehrte er zu mir zurück. Iſt einmal in Männern von ſeiner Sinnesart der Ehrgeiz erwacht, ſo geſtattet er zärtlichen Gefühlen wenig Raum und vielleicht genügte dann Gontran, wenn er meiner Ergebung und Anhänglichkeit gedachte, der Beſitz meines Herzens. Ach, dieſe Vorſtellungen bewieſen mir die Schwachheit und Unbeſtändigkeit meiner Empfindungen. Gewiß, es war ſo, wie ich meinem Manne ge⸗ ſagt, ich liebte ihn nicht mehr, und dennoch, bei der entfernteſten Hoffnung, ihn als den wiederzuſehen, der er mir früher geweſen, kam es mir vor, als ob ich dieſelbe Liebe, wie früher, wieder für ihn fühlen müßte. . 184 Ich wollte lieber an einen Starrkrampf, als an den Tod meines Herzens glauben. * *½ Ees war faſt Nacht geworden, als ich mich nach ei ner langen Spazierfahrt wieder dem Schloſſe näherte. Ich war ſehr verwundert, Blondeau in der lan⸗ gen Allee, welche auf das Thor zuführte mir entge⸗ gen kommen zu ſehen. Sie gab dem Kutſcher ein Zeichen und der Wa⸗ gen hielt an. Das traurige und ängſtliche Ausſehen dieſer treff⸗ lichen Frau erſchreckte mich. Steig' ein und fahre mit mir zurück, rief ich ihr zu. 2 „Ich wollte Sie eben darum bitten, gnädige Frau,“ ſagte ſie. Blondeau ſtieg ein. Mein Gott, rief ich aus, was haſt Du denn? Du biſt blaß und unruhig — — gewiß geht etwas Unge⸗ wöhnliches vor. allen Dingen beruhigen Sie ſich, gnädige Aber was gibt es denn? Du erſchreckſt mich. „Ich bin Ihnen entgegen gegangen, weil ich be⸗ ſorgte, man möchte Ihnen im Schloſſe zu überraſchend —“ Aber, noch einmal, was iſt vorgefallen? Sprich! „Beruhigen Sie ſich, gnädige Frau, beruhigen Sie ſich — — es iſt Etwas, was Sie wohl verwun⸗ aber nicht betrüben kann, wenn Sie vernünftig ſind — — es iſt vielleicht ſogar gut, Sie werden dadurch ruhiger werden.“ 3 Ruhiger? So ſprich doch! „Uebrigens wird ein Brief, welchen mir der Herr Vicomte für Sie gegeben, Sie ohne Zweifel in Kennt⸗ niß ſetzen —“ Ein Brief? Wo iſt er? — 185 Pier, gnädige Frau, aber es iſt ſchon ſo dunkel, daß Sie ihn nicht leſen können.“ Aber was hat Dir Herr von Lanery geſagt? „Gnädige Frau, Sie waren kaum ausgefahreu, ſo kam Germain, welchen der Herr Vicomte vor eini⸗ ger Zeit nach Paris geſchickt und der ihm ſeither täg⸗ lich geſchrieben hat, von Paris an. Sogleich verlangte er ſeinen Herrn zu ſprechen, und kaum hatte er füͤnf nit ihm geſprochen —“ un? „Ich verſichere Sie, gnädige Frau,“ fuhr Blon⸗ deau fort, mich mit ſchmerzlicher Theilnahme anſehend, „es iſt vielleicht beſſer — — dieſe Abreiſe — —“ Eine Abreiſe? Herr von Lanery iſt abgereiſt? rief ich, die Hände faltend. „Und gebe der Himmel, daß er nicht wiederkehre,“ verſetzte Blondeau haſtig und außer Standes, ſich länger zurückzuhalten, „denn Sie würden ſonſt noch vor Kummer ſterben, arme gnädige Frau!“ Ohne zu antworten, lief ich, als wir im Schloß angekommen, auf mein Zimmer, um Herrn von Lan⸗ ery's Brief zu leſen. Dieſer Brief lautete folgendermaßen: „Maran, drei Uhr. „Sie werden den Grund meiner ſchnellen Abreiſe unſchwer errathen — wie wir zu einander ſtehen, iſt es überflüſſig, ſich zu verſtellen. Sie ſehen, es gibt Verhängniſſe, denen man nicht widerſtehen kann, ohne dem Wahnſinn zu verfallen. „Meine Gegenwart müßte Ihnen künftig uner⸗ träglich ſein und die Ihrige mich an das Vergehen erinnern, welches ich weder leugnen kann noch will. Ihre Eigenſchaften und meine Fehler ſind ſo beſchaffen, daß wir nicht hoffen können, in jener negativen Ver⸗ traulichkeit zu leben, welche ſo vielen Gatten genügt. „Ihre Sehnſucht nach der erſten Zeit unſerer Ver⸗ heiratung würde ſtets zu Vorwürfen ſich geſtalten und 186 Ihre Tugenden mich immerfort an meine Fehler erin⸗ nern; dadurch müßte mein Charakter immer ſpröder werden und wir Beide könnten bei einer Annäherung nur verlieren. „Ich gebe Ihnen unbeſchränkte Freiheit, überzeugt, daß Sie den Anſtand nicht verletzen werden. Uebrigens ſteht mein Entſchluß unwiderruflich feſt und Sie wür⸗ den umſonſt verſuchen, meine Vorſätze zu ändern. „Ich glaube, daß Sie mit 25,000 Franes jähr⸗ lich ausreichen werden. Mögen Sie in Maran blei⸗ ben, wie ich Ihnen rathe, oder nach Paris gehen, Jahrgehalt wird Ihnen pünktlich ausbezahlt werden. „Geben Sie mir Nachrichten über Ihr Befinden, und ſo Sie gegen die finanziellen Anordnungen, welche ich Ihnen vorgeſchlagen, Etwas einzuwenden haben, ſo ſchreiben Sie es mir; ich werde ſtets trachten, Alles Ihren Wünſchen gemäß einzurichten. „Bei meinem geſtrigen Entſchluſſe war ich befangen, wie Sie. Es, war eine Schwachheit, ich hatte den ſoyf verloren, ich ſprach wie ein Mann ohne Willens⸗ raft. „Die Flut reißt mich weg, ich ſchließe die Augen und überlaſſe mich ihr. Was Sie auch ſagen mögen, es gibt Umſtände, welche den Willen machtlos machen. S. 9. * Die plötzliche Abreiſe meines Mannes, das Leſen dieſes Briefes brachte in mir eine Bewegung, eine ſo heftige Erſchütterung hervor, daß ich mit einmal einen furchtbaren, unbekannten innern Schmerz verſpürte. Mein Blut gerann zu Eis — wie ein Blitz flog eine entſetzliche Ahnung durch meine Seele — — ich wurde beſinnungslos vor Schreck und Schmerz. — — — ——— 187 Heute, wie damals, wie allzeit, ſage ich: Verflucht ſeiſt Du, Gontran! — Du huſt mein Kind in meinem Schooß keiöptet — Vie tange ich in dieſem Zuſtanb, der an Wahn⸗ ſinn, anBlödſinn gränzte, verharrte, kann ich nicht angeben. Blondeau wich weder bei Tag, noch bei Nacht einen Augenblick von mir. Später ſagte ſie mir, meine Sinne hätten ſich, als ich die fürchterlichen Wirkungen meines Schreckens verwirrt und ich ſei in einen Lachkrampf ver⸗ fallen Dieſer Nervenparorpsmus dauerte an, bis meine Kräfte ganz und gar erſchöpft waren. Hierauf verſank ich in eine Art Schlafſucht, in träge Mattigkeit. Wäh⸗ rend dieſer Zeit ſprach ich kein Wort und ſchien es gar nicht zu hören, wenn man mich anredete. Es vergingen etwa zwei Monate, bevor ich wie⸗ der meiner Sinne mächtig wurde. Als ich wieder zu mir gekommen, mußte mir Blon⸗ deau Alles erzählen, was vorgegangen war, Alles bis zur Abreiſe meines Mannes, Alles bis zu der Revo⸗ lution, welche ſeine Abreiſe in mir hervorgebracht, Al⸗ les endlich bis zu dem Augenblicke, wo — Meine Hand bebt, ich kann nicht weiter ſchreiben — ich ſchaudere zurück vor dieſer herzzerreißenden Er⸗ innerung — O, mein Kind! — Mein Kind! H, wehe über Dich, Gontran! Wehe über Dich! Noch in dieſer Stunde möchte ich verzweifeln! O, wehe über Dich, der erbarmungslos das letzte, ein⸗ zige Vand zerriß, welches mich noch an das Leben knüpfte! Wehe über Dich, der Du mir den einzigen Vor⸗ wand, den ich noch hatte, um Dir einmal das Böſe, das Bu mir angethan, zu verzeihen, waubteſt! Sei verflucht, für ewig verflucht! 188 Oftmals habe ich die Frage an mich gerichtet, ob Gontrans plötzliche Abreiſe allein es war, welche jene Kataſtrophe herbeigeführt, oder ob ich ſie meinem hef⸗ tigen Kummer während der vorhergehenden Monate zuzuſchreiben hätte. Ueber meine Schwäche erröthend, wollte ich mir dieſen letzten, unverzeihlichen Fehler lange nicht einge⸗ ſtehen; doch leider iſt es wahr und ungeachtet des ſchändlichen Verraths meines Mannes, ungeachtet ſei⸗ nes Briefes an Urſula, ungeachtet ſeiner Bekenntniſſe und meiner Gefühle, ungeachtet ich ihm zuletzt ſagte, daß ich ihn nicht mehr liebe — — ungeachtet alles deſſen — Schmach und Fluch über mich! — liebte ich ihn noch, liebte ich ihn, denn die Erſchütterung, welche ſeine Abreiſe in mir hervorbrachte, hat ja den Tod meines Kindes herbeigeführt. Zetzt, wo jede Jlluſion für immer in mir ver⸗ nichtet iſt und ich klar in die Vergangenheit ſehe, be⸗ merke ich, daß mich inmitten verzweiflungsvollen Schmerzes ohne mein Wiſſen eine geheime Hoffnung erfüllte. Gontrans Flucht erſt ließ mich erkennen, was ſeine Nähe für mich geweſen. Ein entſetzlicher, unauslöſchlicher Vorwurf wird mich durch mein ganzes Leben verfolgen: eine unwür⸗ dige Liebe hat mir das Leben meines Kindes geraubt! Wenn ich, wie meine lügneriſchen Lippen es ſag⸗ ten, den verrätheriſchen Mann wirklich verachtete, ver⸗ gaß und meine Zukunft einzig und allein der Mutter⸗ pflicht weihte, ſo hätte ich es mit Ruhe und Faſſung ertragen können, daß dieſer Mann mich verließ. Dem war nicht ſo. Der qualvolle Schmerz, den die Abreiſe meines Mannes mir bereitete, ließ mich erkennen, wie ſehr mein Herz noch immer an ihm hing. Doch ſeine ſchändliche Flucht tilgte, leider zu ſpät, 189 doch für immer, dieſe entſetzliche Liebe bis auf die letzte Spur aus meiner Seele hinweg. Sechszehntes Kapitel. Vas Deſtament. Während ich krank darniederlag, waren nachfol⸗ gende Briefe von der Herzogin von Richeville für mich in Maran angekommen. Das ſchwarze Siegel dieſer Briefe veranlaßte Blondeau, ſie mir erſt zu übergeben, als ich außer Ge⸗ fahr mich befand. Sie befürchtete, ihr Inhalt möchte ein trauriger ſein, und wollte mich nicht einer, leicht gefährlich werdenden Bewegung ausſetzen. Es hatte ſich dieſe treue Frau in ihren Ahnungen nicht getäuſcht. Die Briefe der Frau von Richeville lauteten alſo: „Paris, zwei Uhr, Januar 1831. Ich ſchreibe Ihnen in aller Eile, meine liebe Ma⸗ thilde, um Sie von einem ſehr ſchmerzlichen Ereigniſſe zu benachrichtigen. So eben erfahre ich nämlich, daß Herr von Mor⸗ tagne im Duell ſehr gefährlich verwundet worden iſt. Man ſagt, daß unſer unglücklicher Freund, deſſen biedern Charakter Sie kennen, der fordernde Theil ge⸗ weſen iſt. Die Aerzte vermögen noch keine Hoffnung zu ge⸗ ben, denn der erſte Verband wird erſt heute Abend abgenommen. Ich kann nicht ſagen, warum ich beſorge, dieſes 190 Duell möchte wohl die Folge eines abſcheulichen Com⸗ plottes ſein. So eben habe ich ſelber Nachrichten über den Ver⸗ wundeten eingezogen. In eine Ecke meines Wagens gedrückt, wartete ich an der Thüre ſeines Hauſes, welches er, wie Sie wiſ⸗ ſen, allein bewohnt, bis mein Diener zurückkam. Zwei ð hochgewachſene Männer, gut angezogen, aber von ge⸗ meinem Gebahren, kamen herbei, wahrſcheinlich in der gleichen Abſicht, wie ich. Bevor ſie in das Haus tra⸗ len, erſchöpften ſie ſich in grotesken Höflichkeitsbezeugungen Betreffs des Vortritts, die mich verwunderten. Nach⸗ dem ſie einen Augenblick in dem Hauſe geblieben, ka⸗ men ſie wieder heraus und ſtanden einige Secunden j ſtill, nach allen Seiten um ſich blickend. Dann ſagte einer dieſer Männer, — und zwar der größere, deſſen gemeines, widerwärtiges, kupferiges, von rothem Barte eingerahmtes und von kleinen, blitzenden Augen erleuch⸗ tetes Geſicht ich nie vergeſſen werde —: „Wenn ich Ihnen ſage, eine Kugel in der Bruſt iſt ebenſo gut, wie eine in der Hirn⸗ ſchale, ſo werden Sie zufrieden ſein. Ich hatte zwar nach dem Kopfe gezielt, allein ich, der ich eine Fliege auf vierzig Schritte nicht verfehle, war gezwungen, vor dem Blick dieſes Mannes mit den Augen zu blin⸗ zeln. Nie habe ich einen ſolchen Blick ge⸗ ſehen. Er machte, daß ich mein Ziel ver⸗ fehlte.“ „Es thut Nichts, wenn nur der Schuß wirklich gut iſt,“ verſetzte der Andere mit auslän⸗ diſchem Accent, „und in dieſem Falle muß ge⸗ halten werden, was verſprochen iſt. Nur fein Wort und —“ 4 Weiter hörte ich nicht, denn die Beiden entfern⸗ ten ſich. 191 Ich vermag nicht zu ſagen, wie ſehr mich dieſes beunruhigte. Wer ſind dieſe Männer? Welches Verhältniß konnte zwiſchen Herrn von Mortagne und ſolchen Men⸗ ſchen beſtehen? Was bedeuteten dieſe Worte: Was verſprochen iſt, muß gehalten werden — wenn der Schuß ganz gut iſt, d. h. ohne Zweifel: wenn der Schuß tödtlich iſt? Was iſt das für ein Geheimniß?“ „Acht Uhr Abends. „Der Herr von Mortagne befindet ſich noch in demſelben Zuſtande und die Aerzte haben die gewiſſen⸗ hafteſte Stille vorgeſchrieben. Ich habe den Herrn von Saint⸗Pierre, welcher einer der Zeugen des Verwun⸗ deten wahr, zu mir bitten laſſen, um ihm das Ge⸗ ſpräch jener beiden Männer mitzutheilen. Er iſt über dieſe ſeltſamen Worte erſchrocken, wie ich. Jener Mann mit dem rothen Barte war der Gegner des Herrn von Mortagne. „Ich theile Ihnen nachfolgend die Einzelnheiten des Duells mit, wie ich ſie von Herrn von Saint⸗ Pierre erfuhr. „Am Freitag Abend war Herr von Mortagne zu Letzterem gekommen, um ihm mitzutheilen, daß er mit einem Manne, welchen er nicht kenne, mit dem er aber öfters in dem Kaffeehaus, wo er, zu Mittag ſpeiſe, zuſammengetroffen, einen heftigen Streit gehabt habe. Dieſer Mann und ſein Begleiter hatten ſich, ſo vft ſich Gelegenheit darbot, an einen dem ſeinen zunächſt ſtehenden Tiſch geſetzt, und einmal dem Herrn von Mortagne ſo nahe, daß ſie von dieſem gehört werden mußten, in den beleidigendſten, verächtlichſten Aus⸗ drücken über den Kaiſer geſprochen. Sie kennen, liebe Mathilde, die abgöttiſche Verehrung, welche Herr von Mortagne für Napoleon bewahrt, Sie können daher leicht begreifen, mit welcher Ungeduld er dieſer Unter⸗ 192 verletzte. „Vergangenen Freitag begab er ſich wie gewöhn⸗ lich zum Mittageſſen in das Kaffehaus, und kaum hatte er ſich zu Tiſche geſetzt, als die beiden Unbekannten wieder eintraten und dieſelbe Seene wieder erneuten, wieder dieſelbe Unterhaltung führten. Unſerem unglück⸗ haltung zuhörte, welche ſeine lebhafteſten Sympathieen lichen Freunde wurde es um ſo ſchwerer, ſich zurückzu⸗ halten, da es ihm vorkam, als wechſelten dieſe beiden Menſchen, ſo oft ſie nach ihm hinſahen, Blicke des Ein⸗ verſtändniſſes. Indeſſen blieb er ſeiner ſo weit mäch⸗ tig, daß er aufſtand und fortging, weil er keinen ei⸗ gentlichen Grund zum Angriffe hatte. Es ſtand ja den Beiden frei, ihre Meinungen unter ſich auszutau⸗ ſchen, an ihn hatten ſie ſich ja nicht gewendet. „Herr von Mortagne begab ſich ins Theater Francaiſe. Das Haus war ziemlich leer und nach we⸗ nigen Augenblicken erſchienen die beiden Fremden, lie⸗ ſien ſich an ſeiner Seite nieder und nahmen ihre vo⸗ rige Unterhaltung wieder auf. „Herr von Mortagne glaubte in der ſeltſamen Beharrlichkeit, womit ſie ihn verfolgten, eine Provo⸗ calion zu ſehen; unglücklicherweiſe ging ihm die Ge⸗ duld aus, ſeine heftige Gemüthsart brauste auf und er rief dem Mann mit dem rothen Barte zu, bloß ein Niederträchtiger ſei im Stande, ſo über den Kaiſer zu ſprechen. „Anſtatt dem Herrn von Mortagne eine Antwort zu geben, verdoppelte der Mann mit dem rothen Bart ſeine Läſterungen auf Napoleon, indem er ſich fort⸗ während an ſeinen Begleiter wandte. Unſer unglück⸗ licher Freund aber, durch dieſe Kaltblütigkeit außer ſich gebracht, vergaß ſich ſo weit, daß er den Unbekannten am Arme ergriff, ihn heftig ſchüttelte und ihn fragte, ob er ihn denn nicht verſtanden hätte. „Nun, rief der Rothbärtige lebhaft: Sie haben mich einen Hundosfott genannt, Sie haben mich ange⸗ 5 193 faßt, ich habe nicht mit Ihnen geſprochen, Sie ſind der Angreifer und mir Genugthuung ſchuldig. Hier iſt meine Adreſſe, morgen in der Frühe wird mein Zeuge bei Ihnen ſein. „Und er gab den Herrn von Mortagne eine Karte. „Auf dieſer Karte ſtand: Le Blanc, Capitain. „Noch am ſelben Abend begab ſich Herr von Mor⸗ tagne zu dem Herrn von Saint⸗Pierre, geſtand ihm, daß er Unrecht gehabt, daß er ſich aber nicht habe enthalten können, aufzubrauſen, als er das Andenken des Mannes, welchen er auf der Welt am höchſten be⸗ wundere, beſchimpfen hörte. Er bat Herrn von Saint⸗ Pierre, ſich mit dem Sekundanten des Capitains Le Blanc zu verſtändigen indem er beifügte, daß er zu jeder Genugthuung bereit ſei. „Am folgenden Morgen fand ſich des Capitains Sekundant, welcher ein Italiäner war und ſich Che⸗ valier Peretti nannte, bei Herrn von Saint⸗Pierre ein, um für den Capitain Le Blanc die Wahl der Waffen zu beanſprachen. Der Capitain forderte Piſto⸗ len, zwanzig Schritte Diſtanz und, als Beleidigter, den erſten Schuß. „Herr von Saint⸗Pierre wollte den Vortheil im Kampfe getheilt wiſſen und verlangte, die beiden Geg⸗ ner ſollen zugleich feuern, allein Le Blancs Sekundant willigte nicht ein. Zum Unglück war Herr von Mor⸗ tagne der Angreifer geweſen und ſo ſah ſich Herr von Saint⸗Pierre genöthigt, den Zweikampf ſo anzuneh⸗ men, wie er vorgeſchlagen worden.. „Als Herr von Mortagne das Reſultat dieſer Be⸗ ſprechung erfuhr, ſchien er bekümmert und ſorgenvoll, und bevor er nach dem Ort des Duells fuhr, übergab er dem Herrn von Saint⸗Pierre einen Schlüſſel mit der Bitte, die Papiere, welche er in einem bezeichneten Käſichen finden würde, an ihre Adreſſe gelangen zu laſſen. Mathilde. mw. 13 194 8 „Herr von Saint⸗Pierre, welcher den Muth ſei⸗ nes Freundes kannte, ſchrieb die Bewegung, welche der⸗ ſelbe an den Tag legte, einem traurigen Vorgefühle zu. „Unſer Freund drückte wiederholt ſein Bedauern aus, daß er ſich ſo weit vergeſſen, dieſen Mann zu beleidigen, als ob des Kaiſers Andenken irgend einer Ver⸗ theidigung bedürfe. Zu wiederholten Malen ſagte er: Mein Benehmen wäre kaum verzeihlich, wenn mein Leben mir allein gehörte, aber mich zu gebahren, wie ich es gethan, iſt mehr als Thorheit, iſt faſt Ver⸗ brechen. „Um zwölf Uhr kam Herr von Mortagne und ſeine beiden Zeugen, ſo wie der Capitain Le Blanc mit den ſeinen im Gehölz von Ville d Avry an. Alles war beſorgt, wie es ausgemacht worden. „Die beiden Gegner ſtellten ſich in der Entfernung von zwanzig Schritten einander gegenüber. Herr von Mortagne richtete ſeine hohe Geſtalt auf, kreuzte, ſeine Waffe in der rechten Hand haltend, die Arme über die Bruſt und warf dem Capitain einen ſo durchdringen⸗ den Blick zu, daß dieſer einen Augenblick die Augen ſenkte und Herr von Saint⸗Pierre deutlich wahrnahm, wie ſeine Hand für einen Moment zitterte. Allein deſſen ungeachtet fiel der Schuß — ach, ſehr unheilvoll! Herr von Mortagne drehte ſich um und ſank in die Kniee, mit der rechten Hand nach der linken Seite greifend. Dann ſiel er rücklings zu Boden, indem er rief: Mein armes Kind! — Sie ſehen, er dachte an Sie, Mathilde. „Seine Sekundanten fingen ihn faſt ſterbend in ihren Armen auf. Die Kugel war ihm durch die Bruſt gedrungen. Man brachte ihn mit der höchſten Vorſicht nach Paris zurück und es hat ſich ſein Zuſtand, wenn auch ſehr bedenklich, ſeit geſtern wenigſtens nicht ver⸗ ſchlimmert. „Soweit, liebe Mathilde, der traurige Bericht des Herrn von Saint⸗Pierre. „Den abſcheulichen Reden zufolge, welche mich ein 195 Zufall aus dem Munde des Gegners des Herrn von Mortagne vernehmen ließ, denkt Herr von Saint⸗Pierre, gleich mir, daß dieſe beiden Menſchen ihn abſichtlich ſo lange gereizt, bis ihn ſeine gewöhnliche Mäßigung verlaſſen und er ſich durch ein unvorſichtiges Wort den Händen dieſer Raufbolde überliefert hätte. „Aber wer iſt der geheimnißvolle Anſtifter dieſer ſchändlichen Rache? Gewiß handelten dieſe zwei Elen⸗ den nicht für ſich, ſondern waren bloß die Werkzeuge einer abſcheulichen Machinativn. — — „So eben erhalte ich Nachricht von Herrn von Mortagne; es geht ihm etwas beſſer. Er hat über ſehr ernſte Dinge mit mir zu ſprechen und ich werde nicht zaudern, dieſe traurige, theure Pflicht auf mich zu nehmen. Ich verlaſſe Sie jetzt, mein Kind, um bald wieder mit Ihnen zu reden.“ . „Paris, elf Uhr Abends. „Ich komme ſo eben von unſerem Freunde zurück. „Danken wir Gott, Mathilde, und beten wir für ihn! Es bleibt noch einige Hoffnung. Er wird le⸗ ben! O, er wird leben zum Glück ſeiner Freunde und zur Strafe ſeiner Feinde, denn die Worte, welche ich gehört, haben ihn einem ſchändlichen Complott auf die Spur gebracht. „Welcher Abgrund von Schurkerei! „Aber ſprechen wir zuerſt von Ihnen! „Sein erſtes Wort war Mathilde. Er bat mich, Ihnen zu ſagen, daß ernſte Pflichten ihn abgehalten hätten, Ihnen nach jenem Auftritt in dem einſamen Hauſe einige Tage zu widmen. Er hat meiner Freund⸗ ſchaft die Ereigniſſe jener gräßlichen Nacht vertraut; Sie werden ſogleich ſehen, warum. „Die politiſchen Kriſen, welche die Revolution des vorigen Jahres herbeiführten, und der Sieg der Grund⸗ ſätze, deren eifrigſter Anhänger Herr von Mortagne iſt, zeigen Ihnen hinlänglich, welche Intereſſen ihn einige Monate über beinahe ausſchließlich in Anſpruch nahmen. „Er hat den Brief erhalten, welchen Sie Betreffs der Verſchwendung Ihres Gemahls an ihn gerichtet haben. Seiner Gewohnheit gemäß wollte er Sie in ſeiner Antwort beruhigen oder Ihnen einen wirkſamen Rath ertheilen, allein er bedurfte hiezu mehrerer Gut⸗ achten von Geſchäftsmännern, und erſt geſtern konnte er dieſe erhalten, und darunter, mit großer Schwierig⸗ keit, eine Abſchrift Ihres Ehekontrakts. „Ach, armes Kind, Sie ſind das Opfer eines vollſtändigen, verrätheriſchen Complottes geworden. Sie können über Nichts verfügen, Ihr Gemahl kann Alles durchbringen, und Ihnen, die Sie ihn ſo groß⸗ müthig bereichert haben, nur das Elend zurücklaſſen! „Aber Mathilde beruhige ſich, ſaßte Herr von Mortagne; ich mag leben oder ſterben, ihre Zukunft iſt geſichert und geſchützt gegen die Verſchwendung ihres WMannes. „Ich habe ihm Alles mitgetheilt, Frau! Ihre gerechte Eiferſucht und Herrn von Lanery's Härte. Er ſieht blos ein Mittel, Sie dieſer Tyrannei zu ent⸗ reißen — — aber ich wage es kaum, dieſes Wort aus⸗ zuſprechen, denn ich kenne Ihre zärtliche Verblendung — doch, um ſeiner willen, dieſes Mittel heißt: Tren⸗ nung! — Und noch iſt es kein Jahr, ſeit Sie verhei⸗ ratet ſind, unglückliches Kind! „Hören Sie auf Ihren Freund, hören Sie auf michi Denken Sie darüber nach und gewöhnen Sie ſich an dieſen Gedanken. Gewiß, die Einſamkeit iſt trau⸗ rig, aber ſie iſt doch beſſer, als daß jeder Augenblick Schmerzen bringt. „Und nun zu dem Verdachte, welchen jene, von mir aufgefangenen Worte in Herrn von Mortagne er⸗ regt haben. „Wiſſen Sie, wen er anklagt? 07 „Es iſt der Dämon, der es auf Ihr Verderben abgeſehen hatte, mit einem Wort: Herr Lugarto. „Um mir die Wuth dieſes Schurken begreiflich zu machen, hat mir Herr von Mortagne die Scene in dem einſamen Hauſe und die Rachedrohungen, welche dieſes Ungeheuer bei ſeiner Entfernung ausgeſtoßen, mitgetheilt. „Er wird nur zu getreu Wort gehalten haben! Gedungene Raufbolde, von ihm unterrichtet und gelei⸗ tet, haben den Herrn von Mortagne ausgeſpäht und nach ihres Meiſters hölliſchen Vorſchriften ſeinen Zorn dadurch gereizt, daß ſie ein ihm heiliges Andenken läſterten. „Da Herr von Mortagne den Gegner einmal an⸗ gegriffen, und das Verlangen deſſelben und die Mode ihn zum Duell nöthigten, ſo blieb ihm Nichts übrig, 1 Lugarto's bezahlten Meuchelmördern die Bruſt zu ieten. „Dieſer natürlichen Auslegung einer ſonſt uner⸗ klärlichen Thatſache zum Trotz und ſeines Abſcheues vor dieſem Menſchen ungeachtet, kann ihn Herr von Mortagne dennoch nicht unbedingt eines ſo blutigen Frevels für fähig halten. Vermöge der ſtrengen Recht⸗ lichkeit ſeiner Sinnesart läßt er nur thatfächliche Be⸗ weiſe gelten, da es ſich darum handelt, einen Mann eines Verbrechens anzuklagen, welches noch abſcheulicher als Meuchelmord, da es unfehlbar und dennoch ſtraf⸗ los iſt. Indeſſen gibt er zu, daß — —“ * * * Hier brach dieſer Brief der Frau von Richeville ab. Ein mit zitternder Hand von ihr geſchriebenes und von einem ſtarken, ſchwarzgeſiegelten Paket begleitetes Billet lautete folgendermaßen: „Ein Uhr Morgens. „Es bleibt mir kaum Kraft genug — Ihnen zu ſchreiben. — — „Er iſt todt — — ein Stickfluß hat ihn uns ent⸗ riſſen. — „Das iſt nicht Alles — — ich glaube, ich werde vor Entſetzen wahnſinnig. „Kaum hatte man mir dieſe ſchreckliche Nachricht überbracht, als ein Unbekannter eine Schachtel für mich abgab. — — Eemma öffnete ſie in meiner Gegenwart. — — Was mußte ich ſehen? — — Ein Strauß von jenen giftigen, blutrothen Blumen, welche Sie vorigen Jahres auf jenem Morgenballe trugen, und die Ih⸗ nen — ohne daß Sie es wußten — von Herrn Lu⸗ garto, dem böſen Dämon, übermacht worden wgren. „Dieſer Strauß war mit einem ſchwarzen Bande umwunden. „Verſtehen Sie dieſes entſetzliche Sinnbild? — Wiſſen wir nun nicht mit einmal, welche Hand dieſen furchtbaren Schlag geführt hat? Werden wir nicht mit neuer Rache bedroht? — — „Wenn das iſt — o Gott, o Gott! — Gnade für Emma! Gnade für meine Tochter! Triff mich, aber ſchirme ſie! — — „Mathilde, ſehen Sie ſich vor — ein hölliſcher Geiſt ſchwebt über uns. Unſer Freund iſt vielleicht nur ſein erſtes Opfer. „Leben Sie wohl! Ich kann Ihnen nur noch meine Liebe und meine Verzweiflung ausdrücken. Verneuil von Richeville.“ Wie ſchon geſagt, begleitete ein verſiegeltes Packet dieſen Brief. Es war an mich adreſſirt. Es enthielt das Teſtament des Herrn von Mor⸗ tagne, das Vermächtniß ſeines ganzen Vermögens — und die Mittheilung eines heiligen Geheimniſſes, wel⸗ 5 ſür immer tief in meinem Herzen begraben blei⸗ ei — — — — — — — — — — 199 Ich brauche nicht erſt zu ſagen, wie groß mein Schmerz war. Die einzige verläßliche Freundeshand, welche mich vielleicht vom Rande des Abgrundes hätte zurückziehen können, war im Tode erkaltet. Alle meine Stützen waren zugleich zerbrochen. Das Unglück ſchien unauflöslich an mich geket⸗ Ein Tag nur, und allein war ich mit meinem öden und verzweifelnden Herzen — die Seele voller Bitterkeit und Haß. — In meiner gottloſen Empörung gegen mein Ge⸗ ſchick, welches von Gott zweifelsohne als Prüfung über mich verhängt worden, müde, immerfort das Opfer zu ſein, ſpottend über meine Ergebung und meine guten Eigenſchaften, faßte ich endlich den Entſchluß, Böſes mit Böſem zu vergelten. Mein Gott, kannſt Du mir es jemals verzeihen? Meine Fehler, ſie mögen auf den Mann fallen, welcher mich hinausgetrieben in den Sturm und in die Verzweiflung! Nein, nein! Kein Mitleid, kein Erbarmen für ihn! Aus dem Himmel hat er mich in die Hölle geworfen, hat die letzte Hoffnung mir entriſſen — — — Haß, unverſöhnlichen, ewigen Haß dem, der mein Kind getödtet!!! Piertes Buch. Liebeswahnwitz. Erſtes Kapitel. Der Brief. Mißtrauiſch gehe ich an die Erzählung dieſes neuen Abſchnittes aus meinem Leben. Als ich die Ereigniſſe, welche zwiſchen meiner Kindheit und meiner Heirat, und zwiſchen meine Heirat und den Augenblick fallen, wo Herr von Lan⸗ ery mich ſo grauſam verließ, um Urſula in Paris aufzuſuchen, durfte ich allen meinen Erinnerungen und allen Gefühlen derſelben vertrauensvoll mich hingeben. Ich brauchte mir Nichts zu verſchweigen, Nichts zu be⸗ mänteln. Offenheit war kein Verdienſt. Nur die Uebertreibung einiger lobenswerthen Eigenſchaften konnte ich nicht leugnen. Hatte ich doch Herrn von Lanery geſagt, ich ſelbſt fühlte recht wohl, daß meine überſtandenen Leiden, wären ſie zur Kennt⸗ niß der Menſchen gelangt, nicht die leiſeſte Theilnahme zu erregen vermocht hätten, weil ich es an Entſchieden⸗ heit und an Würde in meinem Benehmen gegen ihn habe fehlen laſſen. Tag ein, Tag aus Richts als blinde Unterwürfig⸗ keit, feige Ergebung; Nichts als Weinen und Dulden. .. auch Dulden iſt um nichts mehr eine Tugend, als Thränen eine Sprache ſind. Für eine edle Sache dulden, iſt groß und ſchön. — 204 Aber die Verachtung und die Mißhandlung eines Nichts⸗ würdigen demüthigſt ertragen, iſt eine ſchimpfliche Schwäche, die vielleicht ein froſtiges Mitleiden, doch nimmer ein warmes, herzliches Intereſſe erregt. Dieſe Entdeckung war eine furchtbare Lehre für mich. Ich geſtand mir, nach ſo vielen und langen Leiden kaum ein Anrecht auf Mitleid mir erworben zu haben. Nachdenken und Erfahrung überzeugten mich, daß die an Laſtern und Buhlerkünſten reiche Urſula den Augen der Welt oder doch der großen Mehrzahl der Menſchen gefallen könne, während ich nur eine kalte Achtung oder eine oberflächliche Theilnahme ein⸗ zuflößen im Stande ſei. Wenigſtens blieb mir die tröſtliche Gewißheit, niemals wider meine Pflichten verſtoßen zu haben. Dieß Bewußtſein wurde die Quelle jener bitterfüßen Verachtung, womit ich das harte Urtheil der Welt und die Ausſchweifungen eines Gat⸗ t Wer beſchreibt meine Muthloſigkeit, meine Betäu⸗ bung, als ich nach langer Krankheit ſo ganz verlaſſen mich fand, und mein vor der Geburt verſtorbenes Kind ſo ganz allein beweinen mußte! Das tragiſche Ende des Herrn von Mortagne, der meine einzige Stütze geweſen, machte meine Lage noch peinlicher. Während des Winters litt ich mit finſtrer Erge⸗ bung; doch die erſten ſchönen Frühlingstage, der An⸗ blick der erſten Maiblumen brachten die alten Wunden wieder zum Bluten. Der Winter paßte wenigſtens zu meiner Seelenſtimmung. Als aber die Natur in ver⸗ jüngtem Glanze mich anlächelte; als Alles Leben und Liebe athmete; als die mit dem Dufte der jungfräu⸗ lichen Knoſpen geſchwängerten Lüfte mich ſo lauwarm anwehten; als die muntern Vöglein aus ihren grünen Lauben mir ihren Gruß zuriefen; da wuchs meine Verzweiflung. . 205 Der Anblick der friedlichen, lachenden Natur war mir verhaßt. Ich fühlte, wie die Fähigkeit, zu lieben und glücklich zu ſein, immer mehr in meiner Bruſt erſtarb. Die ſchönen, warmen, ſonnigen, himmelblauen Tage waren für mich nicht da. Eben ſo wenig die ſchönen, ſternhellen, balſamiſchen, wonnig⸗kühlen ahnungsreichen Nächte. Oft, wenn ich von der Gegenwart träumte, die, ohne den Tod meines Kindes, ſo glücklich hätte ſein können, war ich Anfällen ſchrecklicher Verzweif⸗ lung und ſtiller Raſerei Preis gegeben. Denn ach! ich hatte eine Ahnung bekommen, welch unerſchöpfliche Quelle des Troſtes in der Mutterliebe fließt. Ueber meinem Mutterglück würde ich die grauſame und verächt⸗ liche Behandlung von Seiten des Herrn von Lanery verſchmerzt haben. In ſolchen Augenblicken fühlte ich ſo recht tief, wie furchtbar die Lage des Weibes iſt, das für das tiefinnerſte Gemüthsleben keinen entſprechenden äußern Wirkungskreis finden kann. Wunderliche Ungerechtigkeit, die dem Manne, deſſen Vermögen, zu lieben, ungleich weniger entwickelt iſt, als das unſrige, tauſendfachen Erſatz bietet für einen flüchtigen Seelenſchmerz! Denn es iſt ſprüchwörtlich wahr, daß die Grundbedingung unſres Seins für ihn eine Zerſtreuung iſt. Trotz des gehäſſigen Benehmens meines Gemahles gegen mich, begriff ich nicht, daß ein Verrath den andern rechtfertige oder doch entſchuldige. Freilich dachte ich ſo nicht aus Achtung für Herrn von Lanerh, ſondern aus Achtung vor mir ſelbſt. Ich wußte wohl, daß die Welt mich nicht ſteinigen werde, wenn ich in den Armen eines Liebhabers Ent⸗ ſchädigung ſuche. Aber wäre mir dieſe Art der Rache auch weniger gemein und entehrend erſchienen, glaubte 206 ich doch die Quelle jeder zärtlichen Neigung gänzlich in mir verſiegt. Mitunter erſchreckten mich die Regungen des Haſ⸗ ſes und der Rachluſt in mir. Das Andenken an Ur⸗ ſula erfüllte mich ſtets mit Abſcheu, oft gab es mir gar thörichte Rachepläne ein. Noch eine Probe vom Eigenſinn des Schickſals! Der Mann darf ſeine Wuth an ſeinem Feinde ſät⸗ tigen, ihn herausfordern, ihn Angeſichts Aller tödten und ſich ſelbſt ſo Recht ſchaffen. . . . . Das Weib, das von einer andern in ihren theuerſten, heiligſten Empfin⸗ dungen gekränkt wird, muß ihren Kummer in ſich ſelbſt begraben! Noch einmal, wie ſeltſam! Wir, die jedes Leiden in unſrem Grundweſen angreift, dürfen keine ent⸗ ſprechende, glänzende Genugthuung ſuchen! Rächet Euch durch Verachtung, heißt es. Eine ſo ſchamloſe Per⸗ ſon, wie Urſula, verachten! Was hätte ich damit bewirkt? So verfloſſen meine Tage in fieberhafter Auf⸗ regung oder finſterer Gleichgültigkeit. Erröthend geſtehe ich, daß weder Gebet, noch Fürſorge für die Armen mir dauernde Erleichterung verſchafften. Das Gute, das ich that, ſagte mir zu, ohne die Leere meines Herzens auszufüllen. Wiederholt rieth die gute Blondeau Ortwechſel oder Reiſen an, wozu ich weder Luſt, noch Kraft hatte. Obgleich jeder Gegenſtand um mich her die bitterſten und ſchmerzlichſten Gefühle weckten, blieb ich doch in Maran — niedergeſchlagen und entnervt. Tage und Monate ſchwanden dahin, während Denk⸗ und Willenskraft wie erſtarrt waren. Ich führte das Lehen einer Einſiedlerin. Die ganze Dienerſchaft war Herrn von Lanery nach Paris gefolgt, ſo daß mein Haus Niemand beherbergke als mich, Blondean, zwei Mägde und einen im Dienſte des Herrn von Mortagne ergrauten Kammerdiener. angewieſen habe, die beträchtlich genug ſei, um mir 207 Ich ging viel, um mich körperlich recht abzumat⸗ ten. Zurückgekehrt, ſetzte ich mich ganz mechaniſch an meinen Stickrahmen nieder. Jede muſikaliſche Beſchäf⸗ tigung war mir unmöglich; denn ich war nervös ſo erregt, daß der Ton des Pianoforte mich ſchmerzlich durchzuckte und in Thränen wie auflöſte. Frau von Richeville ſchrieb mir oft. Gleich nach der Ankunft meines Gemahls in Paris hatte ſie mir einen Beſuch in Maran verſprochen. Doch lehnte ich das Anerbieten dieſer trefflichen Freundin ab, weil ich wußte, wie ſchwer ihr die Trennung von Emma, die im Kloſter ihre Erziehung vollendete, fallen würde, und bat ſie, weder ihre Tochter zu verlaſſen, noch mir je wieder die Namen des Herrn von Lanery oder Ur⸗ ſula's zu nennen, da ich ſchlechterdings Nichts mehr von ihrem Leben hören wolle. Die Briefe der Frau von Richeville athmeten lautere Zärtlichkeit und Güte. Obwohl ſie meinen Kummer begriff und zu würdigen wußte, lud ſie mich doch zu ſich nach Paris ein. Aber nimmer wäre ich damals zu bewegen geweſen, mich auf's Neue in das Geräuſch der Welt zu ftürzen. Durch meine Geſchäftsleute erfuhr ich von dem verſchwenderiſchen, mein Vermögen aufzehrenden Lebens⸗ wandel des Herrn von Lanery. Weil unſer Heirats⸗ vertrag auf Gütergemeinſchaft lautete, durfte er ge⸗ ſetzlich und ungeſtraft mein Vermögen durchbringen. Ich befand mich ſomit ganz in ſeinen Händen. Doch ließen mich dieſe Geldangelegenheiten ziem⸗ lich gleichgültig. Die Penſion, die ich von ihm bezog, reichte für wenig Bedürfniſſe hin. Uebrigens war ich von Frau von Richeville benachrichtigt worden, daß Herr von Mortagne zwar allzu plötzlich abgeſchieden ſei, um alle Güter, die er mir hinterließ, gegen die Verſchwendungsſucht meines Gemahles ſicher zu ſtellen, daß er aber ihr, der Frau von Richeville, eine Summe 208 und meinem Kinde eine ſorgenfreie Zukunft zu ver⸗ ſchaffen, wenn Herr von Lanery mein Eigenthum gänz⸗ lich durchgebracht haben ſollte. Ach! dies Kind war nicht mehr. Was lag mir an der Zukunft'“ 6 So floſſen mehr als zwei Jahre im ewigen Einer⸗ lei der Dinge ſchnell dahin. Am Ende dieſer Zeit litt ich nicht mehr, fühlte ich Nichts, weder Freude noch Schmerz. Vielleicht wäre ich noch lange in dieſer Apathie, in dieſem Starrkrampf aller Seelenkräfte verharrt, hätte nicht der folgende Brief der Frau von Richeville mir die unabweisliche Nothwendigkeit meiner Rückkehr nach Paris bewieſen. „Paris, 20. Oktober 1834. „Ungeachtet Ihres Wunſches vom Gegentheile, liebe Mathilde, muß ich Ihnen nochmals von Herrn von Lanery ſchreiben. Wie durch ein Wunder erfuhr geſtern Einer meiner Freunde, daß Ihr Gemahl den Verkauf von Maran beabſichtige; der Kaufsliebhaber bot, wie ich meine, zwanzig oder dreißigtauſend Fran⸗ ken zu wenig. Ich weiß, wie werth Ihnen das Beſitzthum iſt, als Erbſtück von Ihrer ſeligen Mutter, vielleicht auch, weil Sie viel und lange daſelbſt gelitten haben. Deß⸗ halb habe ich, nach vorgängiger Berathung mit Herrn von Rochegune, der ſeit vier Wochen wieder hier iſt, Herrn von Lanery durch einen, ihm unbekannten Ge⸗ ſchäftsmann einen höhern Kaufpreis antragen laſſen, womit Ihr Gemahl ſich zufrieden erklärt hat. Der Contrakt iſt ſchon aufgeſetzt, doch iſt Ihre Gegenwart in Paris unerläßlich. „Da Sie, laut des Ehekontrakts, Nichts für ſich allein beſitzen dürfen, werden viele Förmlichkeiten nö⸗ thig ſein, um Ihnen das neu erworbene Gut, unter angenommenem Namen, ausſchließlich zuzuwenden und es den Anſprüchen, die Ihr Gemahl erheben könnte, zu entziehen. Sind Sie mit dem Allen einverſtanden⸗ ſo könnten wir ſehr vortheilhaft die Summen anlegen, 209 die Herr von Mortagne in jener unglückſeligen Nacht meinen Händen anvertraute. . .. „Vergeſſen Sie über das Langweilige dieſer Ge⸗ ſchäftsſachen nur ja nicht ihre Wichtigkeit für Sie. Ich danke dem Zufall, der mich ermächtigt, Ihnen einen neuen Kummer und neue Trübſal zu erſparen. „Eine Reiſe nach Paris iſt alſo unerläßlich; viel⸗ leicht auch heilſam, indem ſie zu Ihrer Zerſtreuung dienen kann. Armes Kind! Ihre Briefe bringen mich in Verzweiflung. Iſt denn Ihr Kummer unheilbar Müſſen wir Sie in Schwermuth untergehen laſſen? die Tröſtungen der Freundſchaft Nichts über ie * „Beſſer als irgend Jemand, begreife ich die Urſache, die Sie von der Welt fern hält. Aber gibt es denn keine Mitte zwiſchen einem wahren Klausnerleben und dem Gewirbel der Feſte? Ich wage es nicht, Ihnen von meinem Glücke zu reden und. Ihnen meine Lebens⸗ weisheit, die in der Hingabe an wenige, aber erprobte Freunde, beſteht, anzuempfehlen. . . . Meine Emma iſt um mich; folglich könnten Sie ſagen, daß ich unter allen Umſtänden mich glücklich fühlen müſſe. „Dennoch ſcheint mir, als müſſe die Einſamkeit, in die Sie ſich begaben, auf Ihr edles Herz, wenn es je ſeine engelhaften Eigenſchaften verlieren könnte, nachtheilig einwirken. Darum wiederhole ich: kommen Sie, kommen Sie recht bald zu uns. „Seit Emma's Erziehung vollendet iſt und ich wieder mein eigenes Haus bewohne, habe ich einen Kreis von Damen um mich verſammelt, die vortreff⸗ lich zu einander paſſen. Sie Alle ſind etwas älter als ich; denn, ohne Scherz, ich fange an, mich zu den alten zu zählen, wodurch ich den Verdacht Mancher, als mache ich noch Anſprüche an das Leben, zum Schwei⸗ gen gebracht habe. Ich bleibe jeden Abend zu Hauſe, und bin wahrhaft unerbittlich, um den Zudrang zu Mathilde Ww. 14 2¹0 unſerem kleinen Kreiſe abzuwehren. Es wird oft von Ihnen geſprochen. Die Aufführung Ihres Gemahls iſt ſo anſtößig, die abſcheuliche Frau ſo unverſchämt, Ihre Ergebung in Ihr Schickſal ſo würdig und muth⸗ voll, daß es nur Ein Staunen des Bedauerns und der Bewunderung für Sie gibt. L Die Revolution hat die Geſellſchaft zerrüttet und in viele kleine Cirkel zerſpalten. Kein großes Haus iſt geöffnet, weniger, weil man der Regierung grollt, um die man ſich wenig kümmert, als weil es unmög⸗ lich iſt, die verſchiedenen Bruchſtücke der Geſellſchaft in Einem Mittelpunkte zu ſammeln. „Unter der Reſtauration hielt der Hof und die Beziehungen zu demſelben, Hofehre und Hof⸗Intrigue, die einzelnen Beſtandtheile der geſelligen Welt zuſam⸗ men, und gab ihnen ein gleiches Gepräge. Dieſe An⸗ ziehungskraft fehlt jetzt, Zeder iſolirt ſich, nach Ge⸗ ſchmack oder Neigung; dadurch entſtehen Coterien. Nur in dem Hotel der Botſchafter von Oeſterreich und Sardinien findet ſich die alte Geſellſchaft wieder zu⸗ ſammen. „Wundern Sie ſich nicht, liebes Kind, über dies ſcheinbar zweckloſe Geplauderz denn ich hoffe, Sie da⸗ durch leichter für meine Abſichten mit Ihnen zu ge⸗ winnen. „Wäre die Welt noch ſo, wie ſie vor vier Jahren war, gäbe es noch einen Hof, ſo würde ich Ihre Ab⸗ neigung gegen ein Wiederauftreten in der Geſellſchaft ſehr begreiflich finden. Eine Frau von Ihrem Charak⸗ ter weicht dem aus, der ſie gröblich beleidigt hat; das ehrloſe Benehmen des Herrn von Lanery hätte Ihnen Zurückgezogenheit zur Pflicht gemacht, wie Sie ſelbſt mir ſchrieben: eine Frau, die von ihrem Manne ver⸗ laſſen wurde, nimmt es ſich zu Herzen oder nicht; in beiden Fällen darf ſie eben ſo wenig ihre Gleichgül⸗ tigkeit als ihren Kummer zur Schau tragen. Aber ich wiederhole Ihnen, liebes Kind, ich will Sie keines⸗ weges in die Welt wieder einführen; meine ge⸗ wöhnliche Geſellſchaft, die Sie ſehnlichſt herbeiwünſcht, beſteht höchſtens aus fünfzehn bis zwanzig Perſonen, lauter Verwandte oder vertraute Freunde. „Das Beſte wird ſein, ich mache Sie brieflich mit den Hauptperſonen bekannt. Dann kommen Sie gewiß. „Faſt jeden Abend treffen Sie bei mir den Für⸗ ſten und die Fürſtin von Hericourt. Um ihrer Güte und Seelengröße willen hat man ihnen ein langes und ungetrübtes Leben in Glück und Zärtlichkeit verzie⸗ hen. Die Revolution von 1789 richtete ſie ganz zu Grunde, die vom Jahre 1830 beraubte ſie ihrer Würden, worin ihr ganzes Vermögen beſtand. Zum zweiten Male verarmt, haben ſie die Schläge des Schick⸗ ſals mit ſolchem Seelenadel, mit ſolchem Muthe er⸗ tragen, daß ihr Unglück eben ſo viel Achtung einflößt, als ihr früheres Glück. „Ich betheure Ihnen, Mathilde, wenn Sie dieſe beiden Greiſe ſehen, müſſen Sie ſich wahrhaft erquickt und ermuthigt fühlen, Ihren Kummer entſchloſſener zu bekämpfen. „Vor zwei Tagen beſuchte ich die Fürſtin. Sie und der Fürſt bewohnen ein kleines Haus in der Nähe der Barriere von Monceaux, das ihnen durch die Stille der Umgebung, den anſtoßenden Garten, mehr noch durch die Wohlfeilheit der Miethe, ſehr lieb geworden iſt. Ich kann Ihnen nicht ſagen, mit wie wohlthuen⸗ den Empfindungen ich die beſcheidene Wohnung betrat. „Nichts kann einfacher ſein, als die Einrichtung des wohnlichen Zimmers. Aber die Gemälde ihrer Ahnen an den Wänden und einige Geſchenke königli⸗ cher Freigebigkeit aus jenen Zeiten, wo der Fürſt außerordentlicher Geſandter war, machten den Ein⸗ druck verfallener Größe und rührten mich bis zu Thränen. WVie ſchmerzlich — dachte ich bei mir — mag dies Paar, das im Ueberfluß aufwuchs, die harten Ent⸗ 212 behrungen ihrer alten Tage empfinden? Dennoch kam keine Klage, kein bitterez Wort wider das Geſchick über ihre Lippen. „Ich konnte nicht umhin, der Fürſtin meine Bewun⸗ derung auszudrücken, worauf ſie mit rührender Einfalt erwiederte: „Das Geheimniß von dem, was Sie unſre muthige Ergebung nennen, iſt nicht groß. Wir denken an die, die noch unglücklicher ſind, als wir; wir ſagen uns, wie leicht wir in jenen Prüfungstagen hätten getrennt werden können, beſonders denken wir an unſern gr⸗ men, alten König und an ſeine Kinder, und danken Gott, daß er uns vor ſo Manchem bewahrt hat, wo⸗ von Andere betroffen worden ſind. „Ich weiß, Mathilde, daß Sie viel Mitleid ver⸗ dienen; ich fordere Sie nicht auf, Ihr Schickſal mit dem Schickſale jenes ehrwürdigen Paares zu verglei⸗ chen und es eben ſo muthig zu tragen, wie dieſe, aber ich widerhole: Eilen Sie, eilen Sie zu uns. Solche Leute lieben dürfen, iſt gewiß tröſtlich. Umſonſt ſuchen Sir in ſich ſelbſt nach Troſtgründen, wenn Sie in den Armen des Schlafes für die Schrecken einſam verleb⸗ ter Tage ſich entſchädigen wollen. Dagegen müſſen Sie ſich erleichtert fühlen, wenn Sie ein ſo liebes Bild vor Augen haben. Warum ſollte es mit den Krankheiten der Seele nicht ſein wie mit denen des Leibes? Gleich⸗ wie eine reine, geſunde Luft den Körper neu belebt, ſo genest auch die kranke Seele im Aether hoher und edler Gefühle. „Ich kenne Ihre Wohlthätigkeit; aber weil Ihre Beſcheidenheit Sie das Gute, das Sie thun, allzu⸗ ſchnell vergeſſen läßt, vermag jene nicht, Ihren Schmerz zu lindern. „Noch einmal, kommen Sie zu uns! Keines verſteht ſo gut, Sie zu zerſtreuen, als die liebenswürdige und geiſtreiche Gräfin A. von Sémur, meine Couſine. Sie iſt fein, gewandt, witzig und haßt alles Gemeine 213 und Niederträchtige. Man ſagt ihr nach, ſie ſtelle ihre Behauptungen gern auf die Spitze; doch thut ſie das nur, um allem Edeln und Hohen Anerkennung zu ver⸗ ſchaffen, oder das Lächerliche und Böſe, wo es ſich zeigt, ſchonungslos anzugreifen. „Erinnern Sie ſich noch der Lady Flora Fitz⸗Allan, einer Engländerin von ausgezeichneter Schönheit, die Ihnen bei Ihrem erſten Auftreten in der Welt, im Hauſe des öſterreichiſchen Geſandten, ſo auffiel? Die Dame hat Sie nicht vergeſſen. So oft ich ſie ſehe, ſpricht ſie von Ihnen. Wie ſie mir erzählte, war ſie an jenem Abende höchſt unangenehm überraſcht worden durch die Nachricht, daß Sie, deren ſanfte Schönheit ſie bewunderte, einen ſo beißenden, boshaften Witz ha⸗ ben ſollten. Natürlich ſtand ich keinen Augenblick an, ſie über Ihren wahren Charakter aufzuklären und das Gerücht für eine ſchnöde Verleumdung — bekanntlich eine der erſten, die Fräulein von Maran laut werden ließ, — auszugeben. Sie dankte mir innigſt, denn die Möglichkeit, daß Herz und Geſicht ſich in ſolchem Grade widerſprechen könnten, habe ſie äußerſt beun⸗ ruhigt. Sie müſſen an Lady Flora zur Närrin wer⸗ den. Ihr Gemahl iſt der ächt engliſche Lord: eben ſo loyal geſinnt als ſtolz und würdevoll. „Die Marquiſe von Sérigny und ihre Tochter, die Herzogin von Grandval, ſollten Sie ſchon bei mir geſehen haben. Wo nicht, ſo denken Sie ſich die voll⸗ kommenſte Grazie mit den anmuthigſten Sitten und einer gewiſſermaßen angebornen Eleganz verbunden; denn körperliche Reize, guter Geſchmack und Würde ſcheinen unter den Damen dieſes Hauſes erblich, eine Art ſaliſches Geſetz, zu ſein. „Ich muß Ihnen noch die Männer nennen, die ſich oft bei mir einfinden. Zuerſt den Geſandten von ***, ein alter und vertrauter Freund, feingebildet, hochherzig, von gediegenem Verſtande, von ſeltenem Muthe, ein eben ſo tapferer, als erfahrener Krieger, dabei anſpruchslos und großmüthig, weil er Verdienſte und Thatkraft beſitzt. Glauben Sie nur nicht, liebes Kind, daß ich mich blos mit ernſten Männern abgebe. Auch in geſellſchaftlicher Beziehung liebe ich die Gegen⸗ ſätze. So verſpreche ich Ihnen dann den liebenswür⸗ digſten Gecken ſeiner Zeit, d. h. Gaſton de Senneville, einen meiner Neffen. Es iſt unmöglicht, hübſcher, an⸗ muthiger, gewandter und doch unſchädlicher, um nicht zu ſagen, unbedeutender zu ſein. Er gehört zu jenen reizenden Jünglingen, die den Reigen der An⸗ beter einer Modedame eröffnen, wie die Chorführer den Chor in den alten Tragödien. Als ich ihm mein Erſtaunen ausdrückte, ihn ſo oft bei mir zu ſehen, die keineswegs zu den Modedamen gehöre, verſicherte er mir, daß er mich erſtlich als ſeine Tante zärtlich liebe, und daß er zweitens in meiner Geſellſchaft mehr als ſonſtwo ein geſetzt Weſen und einen ſeinen Jahren fremden Ernſt ſich aneignen könne. Uebrigens iſt er nichts weniger als ſteif und vornehm und gönnt einem Jeden ſein hübſches Geſichtchen. Er verſchweigt es weislich, daß er den ſo genannten neuen Hof be⸗ ſucht; durch ihn erfahren wir Alles, was dort vorgeht; von den Frauen ſollen einige recht hübſch, doch etwas ſeltſam erzogen, die Männer aber im Allgemeinen höchſt unbegreiflich ſein. Dieß Geplauder macht uns viel Spaß. Außerdem muß jedes Haus ſich Glück wün⸗ ſchen, wenn Einer der Seinen bereit iſt, ſich dem Au⸗ ſt zum Opfer zu bringen. Weil wir die Zu⸗ unft nicht vorher wiſſen, iſt unſer Grundſatz, mit der Gegenwart ſtets in irgend einem Zuſammen⸗ hange zu bleiben. „Aber faſt hätte ich über die Nebenperſonen die Hauptperſon, einen unſerer beſten Freunde, die Seele unſtes kleineh Kreiſes, vergeſſen. Nur flüchtig gedachte ich der Rückkehr des Herrn von Rochegune; darum will! ich jetzt das Verſäumte nachholen. Beinahe würde ich ihn nicht wieder erkannt haben, ſo hat die ſüdliche 215. Sonne ihn gebräunt. Nachdem er mit den Griechen gegen die Türken gefochten, hat er als Freiwilliger den Krieg der Ruſſen gegen die Tſcherkeſſen mitgemacht. Unmöglich laſſen ſich die Erlebniſſe eines Feldzuges an⸗ ſchaulicher und lebendiger erzählen. Wie mir ſcheint, hat er geiſtig ungemein gewonnen; denn er hat ſeine frühere Schüchternheit und Zurückhaltung abgelegt, und die ihm jetzt eigene Feſtigkeit, Zuverſicht und Entſchloſ⸗ ſenheit zeigt die edlen Eigenſchaften ſeines Herzens im ſchönſten Lichte. Natürlich iſt er durch die Nachricht von dem traurigen Ende des Herrn von Mortagne tief erſchüttert und niedergeſchlagen. „Wir unterhalten uns oft von dieſem trefflichen Freunde, der auch für Sie ein warmes, herzliches In⸗ tereſſe an den Tag legt. Seine Güte, ſein Geiſt, ſeine ächt ritterlichen Eigenſchaften machen ihn überall be⸗ liebt; er iſt in der That ein Mann von ſeltenem mö⸗ raliſchen Muthe, der ohne Anſehen der Perſon ſagt und thut, was Keiner ſagen und zu thun wagt. Mit vollem Rechte nennt ihn die Gräfin A. von Sémur einen unverſchämt⸗ehrlichen Menſchen. Wenn er — wie oft geſchieht — eines der großen Prinzipien, die ihm über Alles gehen, in der Pairskammer ver⸗ theidigt, ſchont ſein derbes, ſchneidiges Wort weder Freund, noch Feind. Trotz ſeiner Jugend kömmt man weit mit ihm, denn ſein Einfluß iſt eben ſo groß als ſeine Unabhängigkeit. „So ſind die Perſonen beſchaffen, in deren Mitte Sie leben können, wenn Sie wollen. Sie Alle war⸗ ten ſehnlichſt auf Sie, nicht nur Ihre Bekanntſchaft zu machen, ſondern Ihnen zu verſichern, daß Sie ſchon längſt bekannt und geliebt ſind. „Glauben Sie mir, liebe Mathilde, ſo boshaft und verleumderiſch die Welt im Allgemeinen iſt, ſo wohlwollend und nachſichtig iſt ein ausgewählter Kreis erprobter Freunde. „Auch ich habe mir, wie Sie wiſſen, Manches vor⸗ 216 zuwerfen; aber die Zunge der Verleumdung hat alle meine Schwächen auf die abſcheulichſte Weiſe übertrie⸗ ben. Nur der Geſammteinfluß eines Mannes, meiner Familie, meiner Verbindungen, meines Vermögens, meines Charakters konnte ſie zum Stillſtande brin⸗ gen. Seit ich aus dem Geräuſche der Welt mich zu⸗ rückog, ſeit ich mit den Jahren und durch Unglück, Reue und Religion im Leben und in Grundſätzen feſter wurde, habe ich bei meiner nächſten Umgebung nichts als Schonnng, Nachſicht und Theilnahme gefunden. „Ich brauche Ihnen nicht zu ſagen, daß die oben⸗ genannten Perſonen, die ich faſt täglich ſehe, die Elite der beſten Geſellſchaft ſind, daß ihr Umgang gewiſſer⸗ maßen von den Vergehungen der Jugend mich frei⸗ ſpricht. Namentlich gehören der Fürſt und die Fürſtin von Héricourt zu den Perſonen, deren ganzes Leben in ſo reinem Glanze ſtrahlt, deren Charakter eine ſo gebieteriſche Autorität beſitzt, daß ihr Lob oder Tadel die Art und Weiſe Ihrer Aufnahme in der Welt be⸗ dingt; kurz der Fürſt von Héricvurt iſt der Schutz⸗ herr aller Edlen, Zartfühlenden, Muthvollen und Er⸗ habenen. Es gereicht der Geſellſchaft zur Ehre, daß ſie ihm, ungeachtet der Zurückgezogenheit, in der er lebt, und nach den Unglücksfällen, die er ſo würdevoll trägt, einen größern Einfluß zugeſteht, als früher. Darf ich nicht mit Recht ſtolz ſein auf die Anhänglichkeit und Freundſchaft dieſes ehrwürdigen Paares? „Auch der Umſtand, daß Emma die Liebe findet, die ſie verdient, erfüllt mich mit Freude und Dank⸗ barkeit. „Vielleicht, daß man um das Geheimniß ihrer Geburt weiß, obgleich ſie für eine angenommene Waiſe gilt; jedenfalls zeugt das Zartgefühl, womit das Ver⸗ hältniß Emma's zu mir behandelt wird, von Wohl⸗ wollen für mich. Sie haben ſich überzeugt, wie ſchön Emma war; wenn mein Mutterauge mich nicht blen⸗ det, iſt ſie noch ſchöner geworden. Die Erziehing, die 217 ſie unter meiner Aufſicht im Kloſter genoſſen, hat die vortrefflichen Anlagen ihres Geiſtes und Herzens ent⸗ wickelt und zur Reife gebracht. Zwei oder dreimal in der Woche behalte ich ſie Abends bei mir; alle meine Freunde ſind von ihr entzückt. Aber Sie müſſen ſie ſche. „Ja, Sie müſſen ſie ſehen. . . . Ach! Mathilde, aber wann? wann werden Sie endlich einmal dieſem Einſiedlerleben entſagen, das Ihre ſchönſten Jahre auf⸗ zehrt? Oder ſoll es eine Buße, mein Gott, . eine Buße ſein? Aber wofür? Ohne Zweifel für das erlittene Unrecht. „Es ſprechen ſo viele und gewichtige Gründe für Ihre Ueberſiedlung nach Paris, daß es Thorheit wäre, ſie einen Augenblick zu verſchieben. Eben weil Sie Maran ſo gern haben, müſſen Sie Alles thun, ſich den Beſitz deſſelben für die Zukunft zu ſichern. „Ich kann Ihnen noch einen Grund angeben, von dem ich mir freilich wenig verſpreche. „Wie Sie wiſſen, bewohne ich jetzt ein Haus in der **ſtraße. Im Hintergrunde des anſtoßenden Gartens ſteht ein allerliebſter Pavillon, in dem die verwittwete Marquiſe von Montal längere Zeit ge⸗ wohnt hat. Er iſt jetzt leer; wollen Sie ihn beziehen? Ich glaube kaum, daß Sie mehr Raum brauchen als jene Dame; jedenfalls ſtelle ich Ihnen einen Theil der Nebengebäude meines Hauſes, die ſich leicht wohn⸗ lich einrichten laſſen, zur Verfügung. Der Garten iſt ſehr groß, ſo daß Sie, wenn Sie wollen, in aller Stille und fern von aller Geſellſchaft leben können. Nur ich und Emma werden in Ihrer Nähe ſein, und gewiß, liebes Kind, es iſt unter allen Verhältniſſen ein Troſt, ſich von guten und theilnehmenden Herzen umgeben zu wiſſen. „Ueberlegen Sie meinen Vorſchlag wohl, Ma⸗ thilde! Ich muthe Ihnen nicht zu, daß Sie in Paris allein leben ſollen; in Ihrem Alter und in Ihrer Lage iſt das nicht möglich. Eben ſo wenig können Sie bei Ihrer Tante wohnen, weil Ihre nichtswürdige Couſine bei ihr iſt. Mein Vorſchlag entſpricht, nicht blos allen Forderungen des Anſtandes, ſondern läßt Ihnen auch volle Freiheit. „Ich gehöre jetzt durchaus zu den alten Damen. Wie Sie wiſſen, hat noch Jeder, wenn ich es ſo ge⸗ wollt, ſeine Rechnung bei mir gefunden. Dank unſe⸗ rem künftigen Zuſammenwohnen, kann ich Ihnen vor⸗ trefflich als Matrone dienen. „Noch ein Wort, Mathilde. Ich hätte Sie nim⸗ mer zu mir eingeladen, ſtände ich nicht ſo in der Welt da, daß Sie Schutz und Hülfe bei mir finden könnten. Wenn die Wahl, der Ruf und das Gewicht meiner Freunde mich für die Zukunft nicht gegen jede Ver⸗ leumdung ſicher ſtellten, würde ich gewiß nicht den Muth gehabt haben, Ihnen mütterliche Freundſchaft anzutragen. Nicht wahr, Sie verſtehen mich? Dies Geſtändniß darf Sie nicht überraſchen; ich habe Ihnen ſchon manches geſtanden, das meine Eitelkeit ungleich tiefer demüthigte. „So kommen Sie denn, Mathilde! Sie dürfen einer ſchützenden, liebevollen Aufnahme gewiß ſein! „In dieſem Augenblicke tritt Emma ins Zimmer und bittet mich, Ihnen zu ſagen, daß ſie recht oft an Sie denke, und, ohne Sie näher zu kennen, Sie doch ſo liebe, wie Sie mich liebe. „Das ſind ihre eigenen Worte; ſie klingen zu ſüß in meine Ohren, um ſie nicht wörtlich zu wiederholen, nebſt der dringenden Bitte, ja bald in unſre Arme zu eilen. 6 „Sie werden eben ſo ſehr geliebt, als ungeduldig erwartet von Ihrer 6 Verneuil de Richeville.“ Zweites Kapitel. Rouvray. Dieſer Brief wirkte entſcheidend. Die Geldfrage ausgenommen, war der Brief Nichts als eine Wiederholung aller ſeit zwei Jahren zwiſchen uns gewechſelten. Aber die Thränen traten mir in die Augen, als ich die Stelle las, wo ſie von ihrem neuen Leben ſprach, um mich zu überzengen, daß ſie Mutter⸗ ſtelle bei mir zu vertreten würdig ſei. Auch ohne die Nothwendigkeit meiner Reiſe nach Paris, hätte ich das Anerbieten angenommen. Eine abſchlägige Antwort wäre ſehr leicht mißdeutet worden. Nicht wenig beſtärkte mich in meinem Entſchluſſe die reizende Schilderung jenes traulichen Kreiſes von Perſonen, deren Geiſt und Charakter ich ſtets hatte rühmen hören. Doch je näher der Augenblick des Ab⸗ ſchiedes herankam, um ſo ſchmerzlicher empfand ich die Trennung von dieſem Orte langer Leiden. Wußte ich, was im Schooße der Zukunft verborgen lag? Die Furcht, meinem Gemahl oder Urſula in Paris zu begegnen, beſtimmte mich mit zu jenem zurückgezo⸗ Leben. Für Herrn von Lanery empfand ich halb Verachtung, halb Gleichgültigkeit; für meine Coufine einen tiefen Abſcheu. Aber ich war meiner Würde mir hinreichend bewußt, um nicht zu erblaſſen, wenn der Zufall mich mit Beiden zuſammenführte, obgleich ich ihre Unverſchämtheit kannte. Seit dem Augenblick, wo mein Gemahl mich ver⸗ laſſen hatte, ſah ich mich als geſchieden von ihm an; zwar nicht dem Rechte, doch der That nach. Dieſe, für eine junge Frau höchſt peinliche Lage, und die Ab⸗ neigung, allein in Paris zu leben, hatten meinen Auf⸗ enthalt in Maran verlängert. Der Vorſchlag der Fran e bei ihr zu wohnen, hob alle meine Be⸗ enken. Als Blondeau meinen Entſchluß erfuhr, weinte ſie vor Freude, und traf eiligſt alle Vorkehrungen zur Reiſe, aus Furcht, ich möchte mich eines andern be⸗ ſinnen. Ende Herbſtes verließ ich Maran. Schnell fuhr ich an Rouvray vorüber, unſchlüſſig, ob ich Madame Secherin beſuchen ſolle oder nicht. Ich hatte von ihr und ihrem Sohne Nichts gehört ſeit je⸗ nem Tage, da ſie nach Maran gekommen war, um Urſula zu melden, daß mein Couſin, über ihr Betragen empört, ſich auf immer von ihr trennen wolle. Ich fürchtete, der Beſuch möge bei mir und bei jenen Unglücklichen alle kaum vernarbten Wunden öff⸗ nen. Auf der andern Seite wollte ich gegen den Kum⸗ mer eines ſo ehrlichen, guten Menſchen nicht gleichgül⸗ tig ſcheinen. Schon befand ich mich der Fabrik des Herrn Secherin gegenüber und befahl dem Poſtillon, Schritt zu fahren, um dadurch Zeit zum Nachdenken zu gewinnen, als Herr Secherin plötzlich aus einem Nebenwege in die Hauptſtraße umbog. Er erkannte mich, blieb ſtehen, ſah mich einige Augenblicke verſtört an, verbarg das Geſicht in den Händen und kehrte haſtig wieder um. Welche Veränderung, mein Gott! Er hatte mich erkannt, folglich mußte ich ſeine Mutter beſuchen. Ich ließ Blondeau am Ausgange jener Lindenallee, wo mir einſt Urſula begegnet war, mit dem Wagen warten und ging allein weiter, Der früher ſo ſorgſam gepflegte Garten bot den traurigſten Anblick dar. Ueberall wucherte das Un⸗ kraut, die Wege waren mit Gras überwachſen; die alten, ſonſt ſo ebenmäßig beſchnittenen, Bäume ver⸗ ſchlangen ihr Laub ineinander und raubten die Aus⸗ ſicht auf die lachenden Ufer der Lire; keine Spur von Blumen auf den verödeten Beeten; die welken 221¹ Blätter rauſchten unter meinen Schritten, und der grauumwölkte Himmel eines Herbſtmorgens warf ſein trübes Licht auf dies ſchon ſo trübe Gemälde. Die Gruppe von ſteinernen Figuren am Ende jener Hagebuchenallee, wo ich die erſten Geſtändniſſe Gontrans an Urſula belauſcht hatte, drohte gänzlichen Verfall. Im Hausflur traf ich eine der beiden Mägde des Hauſes und erfuhr, daß Madame Secherin im Salon ſei. Ich ging durch das Vorzimmer und den Eßſal. Eiſige Kälte herrſchte dort; die ſonſt ſo hübſch gerö⸗ theten, und gebohnten Flieſen ſpielten ins Gräuliche und ſchwitzten Feuchtigkeit aus. Alles ſchien vergeſſen und vernachläſſigt. War das wirklich das Haus der Madame Secherin, die überall ſtreng auf Pünktlichkeit und Ordnung hielt? Leiſe und von Madame Secherin unbemerkt, trat ich durch die offene Thüre in den Salon ein. Sie ſaß vor ihrem Spinnrade und trug, wie immer, ein ſchwarzes Kleid und eine weiß-leinene Kopfbedeckung. Ihr alter grauer Papagei, ſtarr vor Kälte, hockte auf der Stange, während der Wind die loſe am Geländer herabhängenden, entblätterten Rebhölzer hin und her wehte und gegen die vom Nebel beſchmutzten Fenſter⸗ ſcheiben antrieb. Zwei geſchwärzte Scheite Holz brann⸗ ten langſam auf dem Aſchenhaufen des Kamines. Die Vorhänge und Ueberzüge des Zimmergeräths, einſt ſo weiß wie Schnee, waren durch den Rauch gelb ge⸗ worden. Kurz, die alte Nettigkeit dieſer Wohnung, die faſt an Luxus gränzte, war ſpurlos verſchwunden. neberall die Hinfälligkeit und Sorgloſigkeit des Al⸗ ters, das uns zuruft: wozu dieſe Mühe? morgen iſt's vorbei. 5 Der Gedanke an das heitere, fröhliche Leben, das eine junge und ſchöne Frau in dieſen Mauern auf kurze Zeit hervorgezaubert hatte, machte mich ſchaudern. Hatte Herr Secherin Urſula noch nicht vergeſſen, ſo mußte er ſich höchſt unglücklich fühlen. Mein Herz ſchlug ſo ſtark, daß ich in der Thüre des Sals unbeweglich ſtehen blieb. So betrachtete ich dann aufmerkſam das bleiche, abgemagerte Geſicht der Madame Secherin. Mein Gott! welch tiefe Furchen hatte der Kummer in ihre Züge eingegraben! Zweimal ſchien es, als gehe die gemeſſene Bewegung des Rades in eine ungleiche über, ähnlich wie der Pendel der Uhr, ehe er zu ſchlagen aufhört, immer langſamer wird. Leicht ſenkte ſie den Kopf auf die Bruſt; die rothgerändeten Augen blickten ſtarr und leer nieder; eine Thräne, wie Greiſe ſelten ſie weinen, netzte die geſchwollenen Wimpern; dann fuhr ſie plötzlich, wie aus ſchwerem Traume, empor, und offenbar um trüben Gedanken zu entfliehen, brachte ſie in fiebriſcher Hitze ihr Spinnrad wieder in Gang. Noch immer ſah und hörte ſie mich nicht. Ich drehte den Schlüſſel der Thüre hin und her. Auf dies Geräuſch hin blickte ſie auf, erkannte mich, ſtieß das Spinnrad mit dem Fuße weit von ſich und ſtreckte ſtumm die Arme gegen mich aus. Ich küßte ihr die Hand und ließ mich neben ihr nieder. Nach einigen Minuten Stillſchweigens rief ſie tief bewegt aus: „Ol ich bin ſehr, ſehr unglücklich! Nie⸗ mand iſt ſo unglücklich als ich! .. Aber ſagen Sie meinem Sohne Nichts davon .. er darf es nicht wiſ⸗ ſen!“ „Ich bin ihm ſoeben begegnet, erwiederte ich. Er ſcheint mir ſehr verändert.“ „Das arme Kind iſt nicht wieder zu erkennen das Herzeleid tödtet ihn .. er denkt noch immer an die — Elende rief ſie mit erhobener Stimme und faſt wüthendem Blick. Ruhiger, aber bitter fuhr ſie fort: „und doch hat ſie ihm nur Böſes angethan .. während ich, ich, mein Gott! ihn liebte, wie eine Mutter nur lieben kann . . ja, und doch denkt er noch an ſie .. denkt vielleicht mehr an — 223 ſie, als an mich! wiederholte ſie .. „Ich hoffe, Sie irren ſich. Ohne Zweifel quält ihn mehr der Schmerz über die entſetzliche Täuſchung, als das Andenken an „Nennen Sie den verwünſchten Namen nicht!“ — fiel ſie ein „ich bitte Sie, nennen Sie ihn nicht. .. Sie wollen mich tröſten, aber ich irre mich nicht. Nein, nein! es iſt nicht Zorn, was er empfindet .. Der Zorn lärmt, tobt, flucht der Urſache deſſelben. . und der Zorn geht in Verachtung, die Verachtung in Vergeſſen über .. Aber ach! der Unglückliche hat Nichts vergeſſen, auch nicht ſo viel vergeſſen! ..“ „Ge⸗ duld, Geduld. Gewiß, er iſt ſchon bis zur Verachtung gekommen; noch einen Augenblick, und er wird Alles vergeſſen haben. Er iſt ſo tief bekümmert, weil er verachten muß. Eine edle Seele kennt keinen bitterern Schmerz, als verachten müſſen, was ſie geliebt hat.“ Traurig den Kopf ſchüttelnd, erwiederte Madame Secherin: „Ach! Sie verſtehen mich falſch. Wollte Gott, er verachtete ſie aber ich hab's errathen.“ „Was ſagen Sie?“ „Die Wahrheit ... ja, ja, ich hab's errathen er ſchämt ſich, er flieht mich er verbirgt ſich .. Anfangs ſchien mir das natürlich. Er liebt dich, ſagte ich mir; drum ſollſt du nicht ſe⸗ hen, wie er leidet. Wüßten Sie nur, was er ge⸗ litten hat! „So viel? . „Unerhört ... Tag und Nacht war ich um ihn. Er weinte heiße Thrä⸗ nen und ſchluchzte unaufhörlich. Dann plötzlich ge⸗ rieth er außer ſich vor Wuth brüllte vor Schmerz und Verzweiflung . zerbiß das Betttuch. Mein Gott! noch ſehe ich ihn, wie er die Arme ausſtreckte, die Fäuſte ballte .. er hörte und ſah mich nicht .. einmal übers andre rief er die Elende, und von mir, die bat, die flehte, die weinte, wollte er Nichts, Nichts wiſſen! . . .. Nächte lang kniete ich an ſeinem Kopf⸗ kiſſen, ganz naß von ſeinen und meinen Thränen .. Inmer fürchtete ich, er möge den Verſtand verlieren „„wie ängſtlich wartete ich, ob er mich erkenne . 224 Wenn er zu ſich kam,“ fuhr die arme Mutter fort und verbarg ihr Geſicht mit dem Taſchentuche, „umarmte er mich und bat mich um Verzeihung; denn er iſt gut und ſanft, wie ein Kind ... Anfangs tröſtete ich mich noch.. Oft gab er verdrießliche oder ungeduldige Antworten; aber ich dachte, er wird bald wieder der alte.. Alles Mögliche that ich, ihn zu tröſten, zu beru⸗ higen und zu zerſtreuen .. doch umſonſt... Ich ließ Bücher aus der Stadt kommen und las ihm mit mei⸗ nen ſchwachen Augen vor er hörte nicht . ich kochte ihm ſeine Lieblingsgerichte . er aß nicht .. ich lud ſeine Freunde zu ihm ein . er ſtieß ſie vor den Kopf, daß ſie nicht wieder kamen ich ſchlug ihm, trotz meines Alters, eine Reiſe vor . . . er nahm es nicht an .. Sie wiſſen, wie theuer mir dies Haus iſt. Mein Mann iſt darin geſtorben, auch ich möchte hier ſterben. Aber aus Rückſicht auf meinen Sohn vergaß ich das Alles und bot ihm an, wir wollten eine andere Wohnung beziehen ... Auch das wurde ausgeſchlagen immer ausgeſchlagen ... wie Alles, was ihm ſeine Mutter anträgt . ſetzte ſie bitter hinzu. Es lag ein ſo tiefer Schmerz in dieſen natur⸗ warmen Klagen, ich ſah für Madame Secherin ein ſo unglückliches Leben voraus, wenn ich an den tiefwur⸗ zelnden Gram ihres Sohnes dachte, daß ich unwill⸗ kürlich die Hand dieſer armen Mutter in die meinige legte und ſie betrübt anblickte. „Immer ſprach ich mir Troſt ein,“ fuhr ſie fort. „Sein Schmerz kann nicht ewig währen, ſagte ich mir. Ich bat den guten Gott, er wolle ſich gnädigſt meines Sohnes annehmen und ihn mir wiedergeben Auch ließ ich Meſſen für ihn leſen... Ach! Alles, Alles umſonſt... Je mehr ich that, um ſo mehr verlor ich bei ihm, um ſo mehr erkannte ich meine Ohnmacht über ihn,“ fügte ſie ſchluchzend hinzu.. „Ich durfte es ihn nicht merken laſſen; er war ſchon ſ unglück⸗ — 225 lich . darum wartete ich ... Mitunter nahm er eine weniger traurige Miene an, um mich zu tröſten ... Einmal wollte das arme Kind gar lächeln .. Ich zerfloß in Thränen . .. ſo ſchnitt mir ſein bitter⸗ſüßes Lächeln in's Herz . .. und ich gelobte, ihm nie wieder ſolchen Zwang anzuthun .. . Bei dem allwiſſenden Gotte ſchwöre ich Ihnen, nie habe ich ihm ſeinen Kummer vorgeworfen . . . aber er macht mich immer muthloſer und beträbter. . . Wie er, ſo ward auch ich gegen Alles gleichgültig . . . Ich ließ Alles im Hauſe gehen, wie es eben ging . . . das Gras wächſt überall im Garten und bald wird es über dem Grabe einer ar⸗ men alten Frau wachſen, die Nichts mehr auf Erden nützt, weil ſie nicht einmal ihren Sohn zu tröſten vermag ..“ Ich erſchrack; denn dieſe Niedergeſchlagenheit war der gerade Gegenſatz von jener, faſt männlichen Feſtig⸗ keit des Charakters, die ich immer an Madame Seche⸗ rin wahrgenommen hatte. Dieſe geiſtige Ermattung deutete auf große körperliche Schwäche. Ich verſuchte, ihr Muth einzuſprechen, indem ich ihr mein Beiſpiel vorhielt. „Ohne Frage,“ ſagte ich zu ihr, „müſſen Ihnen dieſe beiden Jahre furchtbar lang erſchienen ſein; aber bedenken Sie, daß jeder Schmerz von ſelbſt aufhört.. Je heftiger der Schmerz Ihres Sohnes iſt, um ſo nä⸗ her die Befreiung... Auch ich habe viel gelitten; ich habe nicht blos den Mann verloren, dem ich mein ganzes Leben gelobt hatte, auch mein Kind und damit das einzige Unterpfand des Glücks, das mir geblieben war.. Nach langem Sturme trat endlich Ruhe ein, zwar eine trübe Ruhe, aber doch iſt ſie faſt ein Glück, wenn ich ſie mit meinem früheren Zuſtande vergleiche. Drum Muth, liebe Mutter,.. Muth! vielleicht iſt das Ende Ihres Leidens nahe... Wir Beide, Ihr Sohn und ich, ſind das Opfer dieſes Weibes. Mein Haß ging in eiſige Verachtung über... So wird und muß es auch mit Ihrem Sohne ſein,.“ Mathilde. w. 15 Madame Secherin ſchüttelte traurig den Kopf. — „Die Sache iſt nicht dieſelbe,“ erwiderte ſie. „Ihr Gemahl war von Ihrem Range, ſtand auf der gleichen Höhe mit Ihnen und Ihrer Umgebung. Sie vermiſſen ihn daher weniger; während mein armes Kind nie eine Frau kennen lernte, die dem Anſcheine nach ſich mit dieſer Elenden vergleichen ließ. Die Wahrheit dieſer Bemerkung erſchreckte mich. Auf einen Augenblick ihre alte Entſchloſſenheit wieder gewinnend, rief ſie aus: „So hat die Ehrloſe doch Recht gehabt, als ſie mit ihrer hölliſchen Frechheit mir verſicherte, eine Frau, wie ſie, werde nicht vergeſ⸗ ſen, mein Sohn werde ihren Verluſt ewig bejammern, werde blutige Thränen um ſie weinen!. Mein Gott! mein Gott!... Dein Wille iſt unerforſchlich... Es gehört ein ſtarker Glaube dazu, um an Deiner Gerech⸗ tigkeit nicht zu verzweifeln.., und viel Liebe zu ſeinem Kinde, um in der Liebe nicht zu erkalten, wenn ſie gar Nichts mehr hilft.“ Ich bemühte mich, ihr die ſchmerzlichen Gedanken auszureden. — „Glauben Sie das nicht. Ohne Sie, ohne Ihre mütterliche Sorgfalt, wäre Ihrem Sohne das Leben tauſendmal unerträglicher.“ „Unmöglich,“ erwiederte Madame Secherin ungläu⸗ big. er kann ihren Verluſt nicht tiefer empfinden, als es der Fall iſt... Gewiß, wäre er nicht ſo namlos un⸗ glücklich, ich würde ihn einen böſen Sohn nennen, einen undankbaren...“ „Madame Secherin!...“ fiel ich ein. — „Ich würde ſagen, daß es nur aus Gründen der Menſchlich⸗ keit bei mir bleibt, und weil er im erſten Augenblick ſeines Zornes bei den Manen ſeines Vaters geſchworen hat, nie und nimmer der Verruchten zu verzeihen.. Ach! ich habe im Stillen viel gelitten... zwei lange Jahre habe viel erduldet... So lange er an dis Tugend dieſes Weibes glaubte, merkte ich an ſeinem Benehmen 1— — — 227 gegen mich, daß er ſie mir vorzog... Daß er aber nach ſolchen Vorgängen ſie noch ſo lieben kann, das... ich muß mit der Sprache heraus... das kränkt... das empört mich!... Vielleicht irren Sie ſich, erwiederte ich... Man kann lange Zorn und Haß wider ſeinen Feind empfin⸗ den, ohne deßhalb noch unter ſeinem Einfluſſe zu ſtehen. Die edelſten Gemüther ſind ſtets die reizbarſten. Je gränzenloſer ihre Hingabe war, um ſo tiefer empört ſie Verrath... „Gott ſei Dank, daß ich Sie da finde,“ rief Ma⸗ dame Secherin und trocknete ihre Thränen. „Ich habe ſonſt Keinen, vor dem ich mein Herz ausſchütten darf. Nur gebe der Himmel, daß ich mich nicht übereile und daß mein Sohn nie erfahre, wie tief er mich gekränkt hat. .. Doch ich fürchte, ich kann nicht mehr lange an mich halten. . .“ Hüten Sie ſich, rief ich aus, oder die Ruhe Ihres Lebens und die Ihres Sohnes iſt auf immer dahin. „Ich muß endlich ermüden. .. nicht, mich für ihn zu opfern. .. nein! . . . Der kleine Reſt meines Lebens ſoll ihm nach wie vor gewidmet ſein. .. aber ihn län⸗ ger leiden ſehen, als wäre er allein und verlaſſen ... der Schmerz überwältigt mich, wenn ich ſehe, wie das Andenken an eine Elende die Mutter aus dem Herzen des Sohhles verdrängt... Iſt es nicht ſchrecklich,“ rief ſie lauter und tiefer bewegt aus, „wenn vor den Augen der alten Mutter der Sohn von langſamem Feuer verzehrt wird, ohne daß ſie ihn retten kann?. .. Dieſe erſchütternde Unterredung überzeugte mich, daß die Lage der Madame Secherin und ihres Soh⸗ nes noch furchtbarer war, als ich ſie mir gedacht hatte. Als ich aufblickte, ſah ich Herrn Secherin langſam an den Fenſtern des Saals vorübergehen. Er blieb eine Weile ſtehen, betrachtete mich und entfernte ſich dann. Erſt glaubte ich, er werde zu uns kommen; aber ich irrte mich. Während ich nach einem Vorwande 2²8 ſuchte, um mit ihm reden zu können, ſagte die Mut⸗ ter: „Ohne Zweifel wollte er mit Ihnen ſprechen; jetzt wagt er's nicht mehr... Sehen Sie, dort geht er in der Allee Mit Ihrer Erlaubniß will ich zu ihm. Sie wiſ⸗ ſen, er hat mir immer einiges Vertrauen geſchenkt. Vielleicht kann ich ihn ermuthigen, und ihm ſeine Trau⸗ rigkeit beſiegen helfen .. . Madame Secherin reichte mir ihre Hand, den Kopf ſchüttelnd. „Immer edel und gut,“ ſagte ſie. Immer an fremdem, aber ſelbſterlebtem Schmerze theilnehmend, erwiederte ich. Ich traf Herrn Secherin in derſelben Allee, wo ich einſt Zeuge der erſten Geſtändniſſe des Herrn von Lancry an Urſula geweſen war. Als ich mich meinem Vetter näherte, erſchrack ich noch mehr als zuvor über die Veränderung in ſeinen Zügen. Wie kömmt es doch, daß nur das Unglück und die Verzweiflung den alltäglichſten Geſichtern einen Stempel der Größe aufdrücken, während Glück und Zufriedenheit ſie nie veredeln? Das einſt ſo blühende, ſanfte, ſtets lächelnde An⸗ tlitz des Herrn Secherin war blaß wie Marmor und entſetzlich abgemagert; die hohlen, tiefliegenden, ver⸗ weinten Augen glänzten in fieberhaftem Feuer, alle ſeine Züge verriethen einen wilden Schmerz, der ihm einen nie geahnten Ausdruck der Erhabenheit gab. Als er mich ſahe, fuhr er zuſammen, hob die Au⸗ gen gen Himmel und rief mit halb erſtickter Stimme aus: „Sie hat auch Ihnen viel Böſes angethan... Viel Böſes .. ja, lieber Vetter... viel Böſes. aber ich habe Muth... Ich bin, wie Sie, verrathen und verlaſſen worden... Doch jetzt verachte und ver⸗ geſſe ich die Perſonen, die mich ſo tief beleidigt haben Ruhe iſt wieder in mein Herz eingekehrt und doch habe ich keine Mutter, die mich tröſtet... — — 229 Herr Secherin ſchwieg, ging mit ungleichen Schrit⸗ ten neben mir her, blieb dann plötzlich vor mir ſtehen, kreuzte die Arme, und brach mit wuthfunkelnden Augen in die Worte aus: „Noch lebt Ihr Gemahl... Nicht wahr, Sie halten mich für feige?... Aber Geduld. .. Geduld,“ fuhr er in finſterer Faſſung fort; „meine arme alte Mutter muß bald ſterben. .. Und er ging ſchweigend weiter. Dieſe Worte erklärten mir das Benehmen des Herrn Secherin. Trotz ſeiner Gutmüthigkeit, hatte er Beweiſe ſeines Muthes gegeben. Ohne Zweifel wollte er den Tod der Mutter abwarten, ehe er blutige Rache nehme. Obwohl ich Herrn von Lanecry nicht mehr liebte, ſchauderte ich beim Gedanken an dieſen Zweikampf... Noch bei Lebzeiten Ihrer Mutter, entgegnete ich, wird Ihr Zorn ſich ſo weit ermäßigen... daß Sie Gott die Rache anheimſtellen. „Gott die Rache anheimſtellen!“ — rief Herr Se⸗ cherin wild lächelnd aus.. „Wüßten Sie nur,“ fuhr er unheimlich flüſternd fort, „daß es mir oft ſcheint, als lebte meine Mutter für meine Rache allzulang.“ Entſetzlich! unterbrach ich ihn .. Sie, ein ſo frommer Sohn! „Frommer Sohn!“ wiederholte er mit ſteigender Wuth.. „Ich bin Nichts mehr. .. Nichts als ein un⸗ glücklicher Thor ... der die eine Hälfte ſeines Lebens eine Nichtswürdige bejammert und herbeiſehnt... Die andre ihr flucht und auf Rache finnt... Gott weiß, es gibt Augenblicke, wo ich meine Mutter verlaſſen könnte, obgleich ich weiß, daß dies ihr Tod wäre.“ Wär's möglich? „Ja; wenn ich denke, daß Ihr Gatte vor mir ſterben kann, daß Urſula mich für einen Feigling hält: dann bin ich zu Allem fähig.“ Verwirrt blickte ich Herrn Secherin an. Seine Furcht, in ihren Augen als feige zu erſcheinen, ſagte mir, wie heftig er ſie auch jetzt noch lieben müſſe. 230 Vergeſſen Sie Urſula; ſie verdient nicht, daß Sie an ſie denken. „ Er zuckte mit den Achſeln. — „Auch Sie ſprechen ſo. auch Sie .. ganz wie meine Mutter. .. Ver⸗ geſſen 1.. . und immer wieder vergeſſen!. .. Unmöglich, ſo lange mein Herz ſchlägt, ſo lange das Blut in mei⸗ nen Adern kocht. . . . Sie iſt eine Elende. .. aber man muß ſie anbeten, die Elende!!. .. Ihretwegen hat Ihr Gemahl Sie verlaſſen, — Sie, die tauſend Mal beſ⸗ ſer ſind.“ Einen Augénblick wußte ich nicht, was antworten. urſula's Verführungskunſt mußte in der That unwider⸗ ſtehlich ſein, um zwei ſo verſchiedene Naturen, wie Herr von Lanery und Herr Secherin, ſo leidenſchaftlich für ſich einzunehmen. Finſter fuhr mein Couſin fort: „Sie vergeſſen ... Sie vergeſſen ... warum das 2... Wer hat für mich gethan, was ſie that, ehe ſie zur Verbrecherin wurde?“ — Aber Ihre Mutter . . . — „Aber meine Mutter — ſiel er erzürnt ein, „war nur meine Mutter, und meine Frau war meine Frau! Die Zeit, die ich mit Urſula verlebte, bleibt ewig die ſchönſte Zeit mei⸗ nes Lebens. Sie, die an Geiſt und Erzichung ſo viel höher ſtand, als ich, hatte ſich zu mir herabgelaſſen! — O, und ihre Schönheit!. .. Wie oft habe ich meine Nächte in Wahnſinn durchwacht!. .. Wie oft habe ich in meiner verödeten Kammer laut ihren Namen geru⸗ Sie vergeſſen!. ... ach, Sie wiſſen nicht, wie ich ſie liebte . . vielleicht mehr ihre bezaubernde Schönheit, als ihren entzückenden Geiſt. ... vergeſ⸗ ſen!. und warum?. . .. mit einer Mutter unter vier Augen zu leben, nicht wahr?. ... Welch ein Erſatz . 5 Schreckliche Worte! rief ich aus; wüßten Sie nur, wie bekümmert ſie iſt, daß alle Verſuche, Sie zu trö⸗ ſten, umſonſt ſind! . „Was will meine Mutter denn mehr? — .. ſie iſt ja glücklich und zufrieden .. „. ich habe Urſula ihrem Schickſal überlaſſen . . .. ich 231 habe bei den Manen meines Vaters geſchworen, ſie nicht wieder zu ſehen, . ihr nie zu verzeihen. .. Ich halte mein Gelübde, wie ſchwer es mir fällt. . Darf ich nicht einmal mehr weinen 2. . . . und noch dazu im Stillen... Dennoch .. .“ Und ſeine Lippen bebten, dicke Thränen rannen über ſeine Wangen, er bedeckte ſein Angeſicht mit den Händen und fiel ſchluch⸗ zend auf eine Bank zuſammen. Der Anblick eines ſolchen Liebeskampfes machte mich verſtummen. „Sie werden mein Benehmen lächerlich, thöricht, verächtlich finden,“ fuhr er ruhiger und ſich die Augen trocknend fort .. . .. „Aber Sie verlangen allzuviel von mir .. . . Ja, ich verdiene Ihre Verachtung, denn ich liebe ſie noch ... — „Sie lieben ſie noch . — „Ja S iſt ſchimpflich. ... entſetzlich. . . ich liebe ſie ſo glühend, wie je — „Mein Gott, iſt's möglich?“ — „Vergebens halte ich mir alle Umſtände vor; vergebens ſage ich mir, daß ihr Umgang mit Ihrem Gatten tauſendmal mehr Vorwürfe verdient, als wenn ſie blos die Pflicht der ehelichen Treue verletzt hätte; vergebens geſtehe ich mir, daß, wer ſich ſo hingeben kann, von Grund aus verdorben ſein muß . Ja, gewiß! Ohne meine Mutter. .. verſtehen Sie 2... ohne meine Mutter hätte ich längſt Herrn von Lanery auf Tod und Leben gefordert; hätte ich mich längſt Urſula zu Füßen geworfen, um ihr Alles zu verzeihen . . . und bin ge⸗ wiß, ich hätte ſie durch Nachſicht und Güte zum Be⸗ wußtſein ihrer Schuld gebracht . . Denn Niemand kennt ſie ſo gut, wie ich. Ihr Herz iſt beſſer, als ihr Kopf, verſicherte er mitnaſſen Augen. — „Lieber Couſin,“ erwiederte ich, „ich klage nie einen Abweſenden an. Aber das tiefe Unrecht, das Ihre Frau mir zugefügt hat, berechtigt mich wohl, Ihnen meine Meinung über ſie zu ſagen, weniger aus Rachſucht, als um Sie zur Erkenntniß ihrer großen Schwäche zu bringen. Urſula iſt eben ſo falſch, als bösartig. Zehn Jahre lang hat 232 ſie mich unverſöhnlich gehaßt, und zehn Jahre lang wußte ſie mir Zärtlichkeit zu heucheln.“ — „Sie liebte Ihren Gatten nie,“ rief Herr Secherin aus, wie wenig es auch in den Zuſammenhang paßte .. . „Wäre meine Mutter nicht, könnte ich ihr um dieſes Geſtändniſſes willen verzeihen. Aber die Weiber ſind ſo unverſöhn⸗ lich in ihrem Haſſe!. .. Meine Mutter hat nicht ver⸗ geſſen, daß ich ihr Urſula vorzog .. . . Noch jetzt denkt ſie daran... Und ſollte ich auch das Glück eines gan⸗ zen Lebens einbüßen, ſollte ich vor Kummer ſterben, und ſie mit, ich mußte, weil ſie nach Rache dürſtete, ſchwören, Urſula nie zu verzeihen.“ — „Aber ſolch ein Leben iſt eine wahre Hölle.“ — „Ja, ja, eine wahre Hölle. Vor meiner Mutter thue ich mir Zwang an, während das Herz mir blutet.. . .. Dann wieder fluche ich mir, daß ich gegen ihren Troſt unempfindlich bleibe Ich fühle all den Kummer, den ich ihr mache; aber ich kann Nichts dawider. ... ſo ſchwach, ſo feige bin ich. Eine Hölle . ja, ja, eine Hölle.... Und doch gibt es keine beſſere Mutter! . . . . . und doch iſt mein Herz nicht böſe!. . .. Ich liebe ſie.. ich liebe ſie zärtlich, und doch fühle ich, daß ich ſie betrübe, daß ich ſie unaufhörlich kränke.. Verflucht ſei der Augen⸗ blick, wo ich Urſula kennen lernte .. . . . Ich hätte eine Frau meines Standes geheiratet: mein Leben, das Le⸗ ben meiner guten Mutter, wäre nicht vergiftet worden Mein Gott, wüßten Sie, was ich leide wüß⸗ ten Sie's! .. Mein Geſchäft laſſe ich gehen, wie es geht; mein Vermögen kümmert mich nicht; ich habe einen jungen Mann, der Alles für mich beſorgt. . . .. Was nützt mir das Geld ?... Für ſie, für ſie wollte ich reich werden . Das wußte ſie recht gut! . Für ſie hätte ich Alles gethan. Blos ihr zu Liebe hätte ich in Kurzem mein Vermögen verdoppelt . . .. blos um Einen freundlichen Blick ihres ſtralenden Au⸗ ges, blos um Ein Wort des Dankes aus ihrem ſchö⸗ nen Munde zu erhaſchen. — 233 „Dies Auge, dieſer Mund“ — rief er mit dumpfer Stimme, und drückte die geballten Fäuſte an ſeine Augen .. „ich werde ſie nie wiederſehen nie, nie wieder ich hab's verdient, ich habe nicht den Muth gehabt, ihr zu verzeihen . . . . ich hörte auf den unverſöhnlichen Haß meiner Mutter . . ich war kein Menſch. nein, ein Kind . ein Thor. . In tiefer Bewegung ging er neben mir her. Nach einigen Augenblicken fuhr er fort: „Verzeihung, liebe Coufine, Verzeihung! Ach! So leben wir Beide, Mut⸗ ter und Sohn, ſchon zwei Jahre in dieſem Hauſe, ſo kalt und ſtumm, wie das Grab .. Den Vormittag gehe ich ſpazieren. . ohne zu wiſſen, wohin:.. Dann komme ich zum Eſſen heim ... Bei Tiſche blicke ich immer den Platz an, wo ſie ſaß. .. Den Abend leſe ich der Mutter vor, oder ſie mir .. . ich leſe, ohne zu 4 wiſſen, was, ohne zu hören, ohne zu verſtehen. Um eeilf Uhr ſpricht Mutter laut das Nachtgebet, und wir trennen uns. Dann gehe ich in unſere Kammer, die ich nicht habe verlaſſen wollen ... Dann wälze ich mich auf einſamem Lager hin und her. . ... Dann dulde ich, wie am erſten Tage, alle die Qualen einer wahn⸗ ſngen vorzweiflungsvollen Eiferſucht . . wenn ich Herr Secherin hielt ein, drehte ſich um, ſtampfte wüthend auf den Boden und brach, die Fäuſte gen Himmel hebend, in den Ausruf aus: „Ja, ja, ich will, ich muß ihn tödten, dieſen Menſchen!“ . Haſtig ging er weiter. Eine der Hausmägde erſuchte uns, im Namen der Madame Secherin, in den Sal zu kommen. „Lieber Sohn,“ ſagte ſie, als wir eintraten; „Deine Couſine eilt vielleicht. Wir dürfen ſie nicht aufhalten.“ „Wirklich ruft ein dringendes Geſchäft, das keinen Aufſchub leidet, mich nach Paris,erwiederte ich. „Sonſt würde ich einige Tage Ihr Gaſt ſein.“ — 234 „Sie werden ihm zugeſprochen haben,“ fragte Ma⸗ dame Secherin, auf ihren Sohn weiſend. „Ich habe von Ihnen geſprochen,“ erwiederte ich. „Sie können glauben, er iſt ein ehrerbietiger, zärtlicher Sohn.“ 1 „Ich glaube es, denn ich will nur ſein Beſtes.“ Das weiß er, Madame. Dann gab ich, auf die Mutter deutend, Herrn Secherin zu verſtehen, er ſolle einige Worte kindlicher Zärtlichkeit an ſie richten. Seine Kälte erſchreckte mich. Ich fürchtete, Madame Secherin werde meine Anweſen⸗ heit benützen, um ihrem beklommenen Herzen in Vor⸗ würfen gegen ihren Sohn Luft zu machen. Herr Secherin näherte ſich ſeiner Mutter, ergriff ihre Hand und küßte ſie mit den Worten; „Verzeihung, liebe Mutter! Sie wiſſen, daß ich ſeit einiger Zeit leidend bin, daher vielleicht mein launiſches Weſen, das ich meiner Coufine gebeichtet habe. Sie hat mich tüchtig ausgezankt,“ fügte er trübe lächelnd hinzu . „Ich will gewiß anders werden.“ „Das wird Dir ſehr ſchwer fallen,“ erwiderte die Mutter ernſthaft. Das Gefürchtete drohte einzutreffen. Ich warf einen flehenden Blick auf Herrn Seche⸗ rin, um ihn zur Mäßigung aufzufordern. Aber auch er war ſeit lange erbittert. Dazu kam, daß meine Gegenwart alle Wunden aufgeriſſen hatte. Ich er⸗ zitterte bei dem Gedanken, daß ich die unſchuldige urſache eines betrübenden Auftrittes zwiſchen Mutter und Sohn werden könne. Doch Herr Secherin ließ ſtumm den Kopf ſinken. „Ein guter Sohn,“ fuhr Madame Secherin mit er⸗ Stimme fort, „ſoll ſeine Mutter über Alles ieben.“ „Wie ſchwer es mir auch ward, ich habe alles Mögliche gethan, Ihnen meinen Gehorſam zu bewei⸗ —— 235 ſen, liebe Mutter. .. Mehr kann ich nicht thun,“ er⸗ widerte der Sohn kalt. „Da haben wir's. .. Alſo bleibt Alles beim Alten, ſo wie die Elende, die er noch beweint, es gemacht hat,“ rief Madame Secherin, zu mir gekehrt. An den Sohn ſich wendend, brach ſie heftig in die Worte aus: „Kannſt Du eine Ehrloſe beweinen?“ Ueber die Wendung des Geſpräches erſchreckt, fiel ich haſtig ein: „Entſchuldigen Sie ihn, Madame Seche⸗ rin. Er liebte ſie ſo!“ „H, daß er noch ſie lieben kann! . ... Eine un⸗ würdige Liebe macht Jeden zum Feigling. . Mit funkelnden Augen entgegnete Herr Secherin: „Nicht blos eine unwürdige Liebe macht zum Feigling, liebe Mutter! . .. Uebrigens bin ich des längern Zwanges, des längern Leidens ſatt und ich muß endlich mit der Sprache heraus. 4 „Undich auch, rief die Mutter zornig. . . . .. „Ich habe lange genug gelitten, Du haſt lange genug Deine Pflichten gegen mich vergeſſen.. ... Ich wiederhole, dieſe unwürdige Betrübniß über den Verluſt einer Ehr⸗ loſen iſt eine Feigheit. . . . iſt eine Kränkung meiner Mutterliebe.. . . „Lieber Couſin ... . rief ich. Er hielt nicht länger an ſich. „Die edelſten Gefühle, die heiligſten Pflichten kön⸗ nen auch zum Feigling machen. ... Verſtehen Sie mich, Mutter?“ „Wie das?. „ „Kein Wort weiter,“ rief ich Herrn Secherin zu. Leiſe fuhr ich fort: „Wollen Sie denn an Ihrer Mutter zum Mörder werden? Der Gedanke an die Ihnen drohende Gefahr eines Zweikampfes wird ſie noch in der Todesſtunde ängſtigen.“ „Wahr, wahr! O ich Thor und Undankbarer, daß ich ihr ſo antworten konnte. . . Meine Betrübniß kränkt ſie, weil ſie mich zärtlich liebt.“ — Dann kniete 236 er vor der Mutter nieder, ergriff ihre Hand und küßte ſie mit den Worten: „Verzeihung, beſte Mutter, ich er⸗ kenne mein Unrecht.. „Eine Mutter verzeiht Alles . ſprach fie ſchluch⸗ zend, und küßte die Stirn ihres Sohnes. „Und ein Sohn duldet Alles . . ... erwiderte Herr Secherin. Beide ſahen mich ſchmerzlich bewegt an. Ich verließ Rouvray in einem Anfluge tödtlicher Betrübniß. Auf der ganzen weiten Welt gibt es, wie mir ſcheint, keine ſchrecklichere Lage, als die Lage dieſer Mutter und dieſes Sohnes. Erſtere beweint die Liebe ihres Kindes, letzterer die Liebe einer ſchuldbefleckten Gattin; und Beide können und dürfen ſich nicht aus⸗ weichen⸗ Entſetzlich!. Der Gedanke an den Verluſt meines Gatten und den Tod meines Kindes, an die Hoffnungsloſigkeit meiner Zukunft und an das durch Urſula's Haß wider mich getrübte, einſt ſo zärtliche Verhältniß zwiſchen einer frommen Mutter und einem edlen Sohne — dies Alles erfüllte mich mit tiefer Wehmuth. Drittes Kapitel. Pie Rückkehr. Zwei Monate nach meiner Abreiſe von Maran war ich in dem Gartenhauſe der Frau von Richeville wti eingerichtet. jetzt iſt es mir ein Räthſel, wodurch ich das Vohluohen dieſer trefflichen Frau, das ſie auch nach meiner Rückkehr nach Paris bei jeder Gelegenheit 237 an den Tag legte, zu gewinnen wußte. Mit der zärt⸗ lichſten, mütterlichſten Sorgfalt wachte ſie über den geringſten meiner Wünſche, war ſie bemüht, mir den kleinſten Kummer zu erſparen. Wenn ich an die nichtswürdigen Verleumdungen dachte, deren Opfer ſie geweſen war, wurde ich nament⸗ lich durch die herzliche Vertrautheit zwiſchen ihr und zwiſchen Leuten überraſcht, die zur Elite der beſten Geſellſchaft in Paris gehörten, die ſogar, man ver⸗ zeihe mir den Ausdruck, für ſehr altmodiſch galten. Dieſe Wendung der Meinung zu Gunſten der Frau von Richeville hätte mich nicht erſtaunen ſollen. Leute von ſtrengen Sitten ſind um ſo nachſichtiger gegen die früheren Verirrungen einer Perſon, die um ihre Gunſt ſich bewirbt, je untadelhafter das gegenwärtige Leben derſelben iſt. Mit Recht ſtolz auf dieſe Art weltlicher Be⸗ lehrung, die ihr heilſamer Einfluß bewirkt hat, ver⸗ theidigen ſie ihren Neophyten mit all der edlen Wärme des Proſelytismus. So hatte denn Frau von Richeville zu wahrhaft ergebenen Freunden alle die, welche früher ihr Unglück und ihre Fehler aufrichtig beklagt hatten. Ihr Haus war äußerſt bequem und hübſch, aber nicht glänzend genug eingerichtet, um den Eifer, wo⸗ mit man den Zutritt in ihre Cirkel ſuchte, von der Dame des Hauſes, die mit vollendeter Anmuth die Wirthin machte, abzulenken. Die Schilderung, die ſie mir von den Hauptper⸗ ſonen ihrer täglichen Geſellſchaft entworfen hatte, konnte nicht gelungener ſein. Der Zufall wollte es, daß ich gleich am erſten Abende meiner Ankunft in Paris dieſe Erfahrung machte. In Etampes war mein Wagen gebrochen. So konnte ich erſt um zehn Uhr Abends in Paris bei Frau von Richeville eintreffen. Da ſie mich dieſen Tag nicht mehr erwartete, hatte ſie, wie gewöhnlich, empfan⸗ 238 gen. Nicht wenig ſtaunte ich, beim Ausſteigen aus dem Wagen, Frau von Richeville und den Fürſten von Hericourt unten im Vorhofe zu finden. Der von mir abgeſandte Eilbote war eine Viertelſtunde vor mir an⸗ zeh und hatte ſie von meiner Ankunft in Kenntniß geſetzt. 5 die Fürſtin von Hericourt, Frau von Sémur und Frau von Grandval. Man war gegen mich die Güte und Zuvorkommenheit ſelbſt. Nur wer in ähnlichen Kreiſen heimiſch iſt, weiß, was es heißt, mit ebenſoviel Herzlichkeit als ſchonen⸗ der Zurückhaltung aufgenommen zuwerden. Alle kannten meine traurige Lage und ſchenkten mir eine lebhafte Theilnahme, aber voll zarter Schonung mieden ſie jedes Wort, das die ſchmerzlichen Empfindungen meiner Bruſt, die ſie in Vergeſſenheit zu bringen wünſchten, neu beleben konnte. Das Weſen einer ſolchen Schonung läßt ſich blos fühlen, nicht begrifflich entwickeln. Dank der räthſel⸗ haften Natur der geſelligen Umgangsformen, über⸗ häuften ſie mich mit allerhand gewinnenden Aufmerk⸗ ſamkeiten, ſtatt mir ein unzeitiges Mitleid zu bezeigen. So lange die Traditionen und die Lebensart unſrer alten Ariſtokratie ſich nicht verlieren, wird nie in Europa eine Geſellſchaft aufkommen, die ſich an jener Feinheit des Taktes, an jener Güte des Ge⸗ ſchmackes, die dem Geiſte der Franzoſen eigenthümlich ſind, mit unſerer guten Geſellſchaft vergleichen ließe. So werde ich nie im Leben die Worte der ehr⸗ würdigen Fürſtin von Hericourt vergeſſen, als ich ihr denſelben Abend von Frau von Richeville vorgeſtellt wurde. „Obgleich ich heute zum Erſtenmale das Vergnü⸗ gen habe, Sie zu ſehen, Madame,“ ſagte ſie mir, „kenne ich Sie ſchon. Geſtatten Sie mir drum die Freiheit, Ihnen zu verſichern, daß ich Sie liebe, ſeit Ich traf dieſen Abend bei ihr den Fürſten und 239 Amalie (der Vorname der Frau von Richeville) mir zuerſt von Ihnen erzählte. Ich und ihre Freunde, die auch die Ihrigen ſind, drangen unaufhörlich in ſie, Ihre Rücktehr nach Paris zu beſchleunigen. In Ihrem Alter — eine betagte Großmutter darf wohl ſo reden — iſt die Einſämkeit gefährlich; ein ſolches Einſiedler⸗ leben endet immer damit, daß man der Welt Selbſt⸗ ſucht und Gefühlloſigkeit Schuld gibt, aber gewiß mit Unrecht. Lange Erfährung hat mich gelehrt, daß das Unglück, das mit M th und Würde getragen wird, ſtets eine warme, herz che Theilnahme findet.“ „Und ich, Mgdäme,“ redete die gemüthlich⸗lebhafte Gräfin von Semur mich heiter an, „ich wollte faſt, Sie wären weit von hier, in Ihrer Touraine, wie unartig Ihnen dieſer Wunſch auch dünken mag. Denn Sie waren unſer Ideal, und weil das Ideäl ſich den leib⸗ lichen Augen entzieht, tröſteten wir uns über Ihr Nichterſcheinen. Würden Sie jetzt wieder verſchwin⸗ den, wären wir vollends untröſtlich.“ Als ich dieſe Lobſprüche beſcheiden ablehnte, er⸗ griff die Fürſtin von Hericourt meine Hand und ſagte mit tief bewegter Stimme: „Vergeſſen Sie nicht, Ma⸗ dame, daß wir an einer jungen Frau noch etwas Andres als ihre Schönheit, ihre Anmuth und ihren Geiſt bewundern können ... Dann fühlen Sie den Un⸗ terſchied zwiſchen einer faden Schmeichelei und einer ernſtgemeinten, wohlverdienten Huldigung.“ Hierauf begrüßte ich Emma. Sie trug ein ein⸗ faches weißes Kleid; die reichen Flechten ihrer herr⸗ lichen blonden Hgare ſchmiegten ſich wellenförmig um das zarte und reine Oval ihres Antlitzes von roſen⸗ farbigem Alabaſter. Sie ſchien mir von blendender Schönheit. Als ſie mich in Maran beſuchte, war ſie vierzehn Jahre alt. Seitdem war ſie zu einer Jung⸗ frau herangereift, deren volle Formen und hoher, ſchlanker Wuchs an eine Diang erinnerten. . Ich vergleiche ſie mit dieſer klaſſiſchen Göttin, 240 weil Emmas ganzes Weſen bis auf die geringſte Be⸗ wegung hinab eine ernſte, keuſche Grazie athmete, die ich Majeſtät nennen würde, wenn dieſer Ausdruck auf eine junge ſechszehnjährige Dame paßte, in deren gro⸗ ßen blauen Augen und friſchem Lächeln ſich die reine kindliche Offenheit abſpiegelte. Wie gewöhnlich, ſchenkte Emma den Thee ein. Beim Präſentiren deſſelben bewies ſie einigen Damen beſondere Aufmerkſamkeiten. So nahm Sie den Au⸗ genblick wahr, wo die Fürſtin von Hericourt die Un⸗ tertaſſe ergriff, bog ſich ſanft nieder und küßte die Hand der Fürſtin. So verdünnte ſie den für Frau von Semur beſtimmten Thee, weil ſie nicht vergeſſen hatte, daß jene keinen ſtarken Thee vertragen könne. Ich führe dieſe Kleinigkeiten an, weil Emma ihnen die größte Bedeutung zu geben wußte. Ewig unvergeßlich bleibt mir das wehmüthige Lächeln, womit Frau von Richeville mich anſah, als Emma ſie mit ihrer klangreichen, lieblichen Stimme fragte; darf ich Ihnen Thee anbieten, Madame? Gott! dies froſtige, gleichgültige Madame fuhr der armen Mutter wie ein Dolch durch die Seele. Doch mußte ſie ſchweigen, denn vor der Welt war ihr die Tochter nur das Fräulein von Loſtange, eine Waiſe und entfernte Verwandte. Schon nach wenigen Tagen wurden Emma und ich vertraut mit einander. Ihr Herz war ſo offen, ſo bieder, ſo abſtoßend gegen Alles, was mit ihrer edlen Natur nicht in Einklang ſtand, daß Emma ge⸗ wiſſe Laſter und Vergehen nie begriffen hat. Jede böſe That ſchien ihr eine Wirkung ohne Ur⸗ ſache, ein außerordentliches Ereigniß; die Möglichkeit frevelhafter Abſichten, die Gewalt unlauterer Triebe, die zu Verbrechen oder Niederträchtigkeiten führen, gingen über ihren Verſtand. Emma war eine in ih⸗ rer Art ebenſo ſeltene Ausnahme, als Fräulein von Maran und Urſulg in der ihrigen. 78 SLit See