Leihbiblivthet deutſcher, engliſcher und framßſiſcher Literatur 6dnard Oltmann in Gießen, Schloßgaſſe Lit. A. Nr. 256. deih und eſebedingungen. i oflensein der Bibliotbek. Die Bibliothek ſteht zur Em⸗ pfangnahme und Rückgabe der Bücher jeden Tag von Morgens 7 Uhr bis Abends 8 UUhr vffen. . 2. Lesepreis. Bei Rückgabe eines geliehenen Buches wird von jedem Tag 5 Pf. bezahlt. Die Zeit eines Tages iſt zu 24 Stun⸗ den angenommen. 8. Caution. Unbekannte Perſonen müſſen, bei Entgegennahme eines Buches, eine dem Werthe deſſelben entſprechende Summe binterlegen, welche bei deſſen Zurückgabe von mir zurückerſtattet wird. 3 4. Abonnement. Daſſelbe muß voraus bezahlt werden und beträgt: für nchentich Bücher: „4 Bücher: 6 Bücher: auf 1 Monat — Pf 1 Verh5 Pf. 2 er. — Pf. 5. Auswärtige Abonnenten haben für Hin⸗ und Zurückſendung der Bücher auf ihre eigenen Koſten und Gefahr ſeldſt zu ſorgen. 6. Schadenersatz. Für beſchmutzte, zerriſſene, verlorene unr defecte Bücher namentlich bei ſolchen mit Kupfern ꝛc.) muß der Ladenpreis erſetzt werden. — Iſt vas zerriſſene, beſchmutzte, ver⸗ lorene oder defecte Buch ein Theil eines größeren Wertes, ſo iſt der Leſer zum Erſatz des Ganzen verpflichtet. 8 7. Ausleihezeit. Dieſelbe iſ auf 14 Tage feſtgeſetzt und wird beſonders varauf aufmerkſam gemacht, daß das Weiterverleihen der Bücher nicht ſtattfinden darf, indem Diejenigen, welche vie⸗ ſelben von mir geliehen, auch dafür zu ſtehen haben. „——— — 1 „ Mathilde. Erinnerungen einer jungen Frau. Von Engene Sue. Ueberſetzt und eingeleitet von Dr. Scherr. Siebentes bis neuntes Bändchen. Stuttgart. Verlag der Frauckh'ſchen Buchhandlung. 1845. Sechzehntes Kapitel. Die Reiſe. Ein neuer Kummer ſollte mich bedrücken. Meine arme Blondeau wurde krank. Der Arzt ſchien über dieſes plötzliche Unwohlſein erſtaunt; ohne ernſthaft zu ſein, hielt es doch dieſe treffliche Frau in einem Zuſtand ſonderbarer Mattigkeit und Schlafſucht. Meine Unruhe hinſichtlich Gontran's ſtei⸗ gerte ſich mehr und mehr. Ich wußte nicht, wem mich anvertrauen, und ſandte zu Frau von Richeville. Sie war noch in Anjou und man kannte den Zeitpunkt ih⸗ rer Rückkehr nicht. Herr von Mortagne war ſeit dem Tage, an wel⸗ chem er einen Brief für Herrn von Rochegune zu mir ſeert hatte, noch nicht wieder in Paris er⸗ chienen. Wie bitterlich vermißte ich Urſula, meine einzige Freundin! Ich hätte, wo nicht ihren Rath verlangen, tec ibr meine Angſt und meine Bangigkeit mittheilen önnen. Sie ſchrieb mir oft Briefe voller Melancholie und Trauer. Sie war nicht glücklich, obwohl ihr Gemahl ihr alle mögliche Sorgfalt und Aufmerkſamkeit widmete, aber er verſtand ſie nicht. Sie beklagte ſich über das einförmige Leben, das ſie führen müßte und be⸗ dauerte unſere entſchwundene Kindheit. 8 Seit meinem öffentlichen Auftreten hatte ich mit keiner Frau eine vertraute Freundſchaft geſchloſſen und trotz meiner Anerkennung der großmüthigen Eigen⸗ ſchaften der Frau von Richeville, empfand ich unwill⸗ kürlich ſtets ein unbeſtimmtes Gefühl von Eiferſucht.. Sie hatte ja Gontran auch geliebt! Ich ſah mich alſo ganz allein und umgeben von Leuten, welche erſt kürzlich in meinen Dienſt getreten waren; faſt alle Dienſtboten des Hauſes waren er⸗ neuert und die früher eingetretene meiner beiden Kam⸗ merfrauen war kaum ſechs Wochen bei mir. Blon⸗ deau's Unpäßlichkeit beraubte mich der einzigen Freun⸗ desperſon, die damals um mich war. Seit beinahe drei Tagen kannte ich Gontrans Schickſal nicht. Gegen fünf Uhr Abends kam Fritz, der Kammerdiener, den er mitgenommen hatte, in einem der Cabrivlette an, welche man in Poſthäuſern findet, und brachte mir einen Brief von meinem Gemahl. Die Nachrichten, die er enthielt, beſtürzten mich. Gontran war unwohl; er ewartete mich in einem Hauſe bei Chantilly, wohin ſein Abgeordneter mich führen ſollte. Herr von Lanery wünſchte, daß, ſobald ich ſeinen Brief erhalten, ich von Blondeau und Fritz begleitet, mit Poſtpferden reiſen ſolle, um möglichſt ſchnell bei ihm anzukommen. „Es iſt höchſt wichtig für mich, fügte Herr von Lanery hinzu, daß man in Paris nicht wiſſe, daß Sie ſich zu mir begeben haben. Sie ertheilen alſo Ihren Leuten Befehl, den Perſonen, welche nach Ihnen fra⸗ gen ſollten, zu antworten, daß Sie für einige Tage zu Frau Secherin gereiſt ſeien. In dieſem Sinne müſ⸗ ſen Sie auch dem Fräulein von Maran, meinem Oheim von Verſac und ebenſo der Prinzeſſin Kſernika ſchrei⸗ ben. Ich bitte Sie, Mathilde, welchen Wi⸗ derwillen Sie auch haben möchten, dieſer letztern Perſon zu ſchreiben; die Hauptſache iſt, daß die Welt 9 zuverläßig glaube, Sie haben ſich zu Urſula und nicht zu mir begeben. Ich werde Ihnen dieſes ganze Ge⸗ heimniß, das glücklicherweiſe nicht lange dauern ſoll, erklären. Sie dürfen völliges Vertrauen zu Fritz ha⸗ ben, den ich Ihnen deswegen ſende; er wird Sie in die Nähe von Chantilly führen und da erwarte ich Sie denn, gute, liebe Mathilde. Muth! ich hoffe, es ſeien uns noch ſchöne Tage aufbehalten.“ Ich geſtehe, daß die Freude, Gontran wiederzu⸗ ſehen, größer war, als die Beſorgniß für ſeine Ge⸗ ſundheit. Ich ertheilte die nöthigen Befehle, um augenblick⸗ lich abzureiſen. Obwohl das Ausforſchen der Dienſt⸗ boten mir zuwider war, ſo befragte ich Fritz doch, ob Herr von Lanery auf ſeiner Reiſe oder auf dem Rück⸗ wege krank geworden ſei. „Ich kann der Frau Gräfin hierauf nicht antwor⸗ ten,“ ſagte er. „Als wir von Paris kamen, ließ mich der Herr Vicomte bei Chantilly, in dem Hauſe, wo er Madame erwartet, zurück; vor drei Tagen reiſte er al⸗ lein ab und dieſen Morgen kam er wieder allein dort an. Der Herr Vicomts ſchien ermüdet und unpäßlich; er befahl mir, ein Poſteabriolet zu nehmen und Madame zu holen.“ Eine thörichte Hoffnung durchzog mein Herz. Einen Augenblick dachte ich, Gontran habe mich getäuſcht, als er mir von der Zerſtörung unſeres Häuschens ſprach, er wolle mir eine Ueberraſchung aufſparen, dieſe Einſam⸗ keit ſollte uns in ihren ſchützenden Schooß aufnehmen, um den boshaften Läſterungen der Welt zu entfliehen. Ich hatte ſo viel fromme Verehrung für dieſen gött⸗ lichen Glanzpunkt meines frühern Lebens, daß ich aus übertriebenen Bedenklichkeiten, ſo zu ſagen, meine theu⸗ ren Hoffnungen und Erinnerungen nicht durch die ge⸗ ringſte hierauf bezügliche Frage an Fritz entweihen wollte. 4 Wie mir Gontran anbefohlen hatte, ſchrieb ich dem Mathilde. m. 2 10 Fräulein von Maran, dem Herrn von Verſac und der Dame Fſernika, daß ich einige Tage auf dem Lande, bei Urſula, zubringen werde und gab dann zu Hauſe den Befehl, den Perſonen, welche mich beſuchen wollten, in gleichem Sinne zu antworten. Es that mir leid, Blondeau nicht mitnehmen zu können; doch dachte ich nicht einmal daran, ihr von meiner Abreiſe zu ſprechen, denn ſie hätte, trotz ihres Krankheitszuſtandes, mich begleiten wollen. Ich beſuchte ſie in ihrem Zimmer. Sie erkannte mich kaum. Ihre Züge ſchienen nicht verändert, auch ſchien ſie nicht zu leiden; ſie war nur von tiefer Er⸗ befangen. Um ſechs Uhr reiſte ich nach Pa⸗ ris ab. Diejenige meiner Frauen, welche mich mit dem Kammerdiener des Herrn von Lanery begleitete, war ein ziemlich trauriges Mädchen, deren Phyſionomie mir mißfiel, ohne daß ich wußte warum. Es war Ende Juni, der Himmel war düſter, die Luft ſchwül, die Hitze erdrückend, ein Gewitter drohte. Trotz der langen Tage hatten wir um halb acht Uhr, wo die Pferde in Ecouen gewechſelt wurden, bei⸗ nahe völlig Nacht. In der Ferne fing der Donner an zu grollen und Blitze durchfurchten den Horizont. Die Atmosphäre wurde noch drückender. Bei dieſem Pferdewechſel entſpann ſich ein kindi⸗ ſcher Streit zwiſchen meinem Bedienten und den Po⸗ ſtillonen, die mich geführt hatten. Ich berühre dieſe anſcheinlich unwichtige Thatſache nur, weil ſie ſpäter von ernſter Bedeutung ward. Bis dahin wurde die Station mit vier Franken Trinkgeld bezahlt, glaube ich, und übetdieß hatte ich die größte Eile anempfohlen; ich weiß nicht, warum Fritz bei dieſer Umſpannung nur drei Franken bezahlen wollte. Der Poſtillon kam an den Wagenſchlag, um Einſpruch zu khunz ich befahl, ihm zu geben, was er — 6 verlange, indem ich hinzuſetzte, daß ich vor Allem ſehr ſchnell reiſen wolle, da ich die höchſte Eile habe. Der Poſtmeiſter, der dieſem kleinen Wortwechſel ugehört hatte, empfahl den Poſtillonen die größte Vor⸗ ich. beim Abhange von Luzarches, da zu olge vorge⸗ nommener Ausbeſſerungen die Straße an dieſem Orte ganz locker und das Pflaſter aufgeriſſen ſei. Ueberdieß ſollten Laternen die gefährliche Stelle bezeichnen. Wir fuhren von Ecouen weg. Die Dunkelheit ſteigerte ſich und ſchwere Regen⸗ tropfen begannen zu fallen. Ich fürchtete, die heftigen Donnerſchläge möchten die Pferde ſcheu machen und ein unvorhergeſehener Zufall könnte meine Ankunft bei Gontran verzögern. Im Nebrigen betrachtete ich mit melancholiſcher Ruhe dieſe heraneilenden Vorboten des Gewitters. Ach! ſo impoſant und ſo fürchterlich auch oft dieſe großen Naturereigniſſe ſind, ſo ſind ſie doch weit we⸗ niger ſchreckhaft, als die dumpfen, niederträchtigen Bos⸗ heiten, die uns umſummen. Es liegt in dieſer Er⸗ ſchütterung der Elemente ſo viel Majeſtät, daß die Seele ſich über die Furcht erhebt und ſich einer re⸗ ſe Bewunderung dieſes prachtvollen Kampfes hingibt. Dieſe Gedanken verliehen mir neue Kräfte; über⸗ dieß ſollte ich Herrn von Lanery wiederſehen; er ſei nur unpäßlich, ſagte er mir, ich zählte darauf, daß Ruhe und meine liebende Sorge ihn heilen würden. Ich gewann zuletzt die Ueberzeugung, daß er mich, ſei es in unfrer alten Wohnung, oder in einem neuen Hauſe erwarte, um einige Zeit in Abgeſchiedenheit von der Welt zu leben. 5. Dieſes ſo ſehnlichſt gewünſchte Ereigniß betrachtete ich als die Belohnung meiner Hingebung für Gontranz ich dankte Gott, mich ſo gut geleitet zu haben. Ich ſetzte ein ſolches Vertrauen in die Kraft meiner Ge⸗ fühle, daß ich an dem Glücke meines Gatten, der künf⸗ tig nur unter dil Einfluß meiner Liebe ſtehen würde, nicht mehr zweifelte. Bevor wir ganz bei dem Abhang von Luzarches, den man uns als gefährlich bezeichnet hatte, anlangten, hielt meine Kutſche einen Augenblick auf der Höhe eines Hügels an, den wir ſo eben erſtiegen hatten; man mußte die Hemmkette einhängen. Anfangs hörte ich aus der Ferne den Galopp eines Pferdes, das ſich uns mehr und mehr näherte. Ich bog mich mechaniſch aus dem Schlag; einige Au⸗ genblicke nachher rief ein Reiter, der mit verhängtem Zügel heraneilte, ſich an Fritz wendend, mit keuchender Stimme: „Ihr werdet verfolgt, ſie ſind ſo beeilt, daß ſie in Ecouen keine Pferde gewechſelt haben.. Ich bin ihnen nicht eine Viertelſtunde voraus; ſie kommen den Hügel heran; ich will da unten ſagen, daß . Ich konnte das Ende ſeiner Rede nicht verſtehen; mit derhängtem Zügel verfolgte er ſeinen Weg.. Von Entſetzen ergriffen, war mein erſter Geranke, daß es ſich um Herrn Lugarto handle. „Wer verfolgt uns? Wer iſt dieſer Mann?“ rief ich. Fritz zögerte einen Augenblick und antwortete vann: „Es iſt dieß ein Mann, dem ich, als ich Ma⸗ dame abzuholen kam, ebenfalls einen Brief von dem Herrn Vicomte zu übergeben hatte.. Indem er herbei⸗ eilt, Madame von unfrer Verfolgung zu benachrichti⸗ gen, handelt er ohne Zweifel nach den Befehlen, die er von dem Herrn Vicomte empfangen hat.“ „Aber, wer verfolgt uns denn? mein Gott!“ „Ich könnte es nicht ſagen, Madame,“ antwortete Fritz mit unruhiger Riene, indem er ſich bückte, um zu horchen. Wirklich hörten wir auch in einem der Momente tiefen Schweigens, welche zuweilen das Toſen des Gewitters unkerbrechen, das noch entfernte Geraſſel 13 eines Wagens, die ſich trotz der Seile des Hügels ziemlich ſchnell näherte. .. „Da ſind ſie da ſind ſie . . ſagte Fritz bei⸗ nahe mit Entſetzen. Alles wurde mir klar; ohne Zweifel hatte Gon⸗ tran aus Furcht, Lugarto möchte ſeinen Aufenthalt entdecken und meine Abreiſe erfahren, einem zuverläßi⸗ gen Manne anbefohlen, ſeine Schritte zu beobachten. Dieſer Mann ſah Herr Lugarto abreiſen, er mußte Herrn von Lanery benachrichtigen, daß ſein Aufenthalt entdeckt ſei und mich im Vorbeigehen warnen. „Mein Gott! was iſt da zu thun.. was thun?“ rief ich. Rollen der Kutſche näherte ſich mehr und mehr. Sie kam auf der Höhe des Hügels an und da ſie nur noch hinabzufahren hatte, ſo mußte Sie uns ereilen. „Habe die Frau Vicomteſſe keine Furcht,“ ſagte plötz⸗ lich Fritz. „Ich kenne ein Mittel... Poſtillon, hab Acht auf Deine Pferde und nun ventre a terre ohne einzulegen; wenn Du an dem Ort vorbei biſt, wo das Fflaſter aufgeriſſen iſt und man die Laternen da unten ſieht, ſo halt an...“ Kaum hatte Fritz geſprochen, ſo fuhr die Kutſche mit reißender Schnelligkeit weiter. Sdie rollte nicht, ſie prallte den ſteilen Abhang hinunter. Es bedurfte einer bewunderungswürdigen Gewandt⸗ heit der Poſtillone, um den guten Theil der Straße, welcher ein enger, von drei auf Fußgeſtellen ruhenden Laternen ſchwach beleuchteter Paß zwiſchen ungeheuren Steinhaufen war, richtig zu treffen. Als dieſes Hinderniß überſchritten war, bielten wir an. Ich ſchaute durch die Scheibe im Hintergrund der Kutſche; Fritz ſprang von ſeinem Sitze, lief zu den Laternen hin und löſchte ſie aus. Die Poſtillone, welche dem Theil der Straße, den wir ſo eben zurückgelegt und den die Kutſche ihnen verbarg, den Rücken wandten, konnten Fritzens Hand⸗ lung nicht bemerken. Ich begriff ſeine Abſicht. Die Nacht war ſo ſchwarz, daß die uns verfolgenden Per⸗ ſonen, welche, da ſie in Ecouen keine Pferde gewechſelt hatten, die Gefahr nicht kannten, blindlings in dieſe Sandſteinmaſſen gerathen und Alles zerſchlagen mußten. Wir waren dieſen Abhang mit ſolcher Schnelle hinabgerollt, daß die andere Kutſche kaum auf deſſen Höhe erſchien, als Fritz rief: „Marſch! Poſtillon... zehn Franken Trinkgeld, wenn Ihr die Straße im Ga⸗ lopp hinauffahrt!“ Dieſer Anempfehlung ungeachtet erſtiegen die ar⸗ men, durch dieſen übermäßigen Lauf ganz athemloſen Pferde den ſteilen Hügel, der dieſem Abhang wieder“ folgte, nur langſam. In einem Zuſtande unausſprechlicher Angſt ſchaute ich immer durch die Scheibe im Hintergrunde der Kutſche. Reſultat ſeiner Liſt zu beobachten. Die Racht war fortwährend ſo dunkel, daß man? die uns verfolgende Kutſche nicht unterſcheiden konnte, man ſah nur zwei leuchtende Punkte (ihre Laternen), welche ſich näherten und mit fürchterlicher Schnelligkeit dieſen beinahe ſenkrechten Abhang heruntereilten. Beim Leuchten eines Blitzes erkannte ich vollkom⸗ men eine mit zwei weißen Pferden beſpannte Kutſche, welche ungeheuer hin und her geſchaukelt wurde. Dann wieder völlige Dunkelheit... Ein ſchreckli⸗ cher Gedanke ergriff mich: wenn die Unglücklichen, die einem gewiſſen Verderben entgegengingen, nicht dieje⸗ nigen wären, die uns verfolgten!.. Mechaniſch hub ich beide Hände vor mir und rief: „Haltet ein!“ Ein neues Wetterleuchten zeigte mir die Kutſche, die von unwiderſtehlichem Sturz fortgeriſſen wurde Fritz blieb auf dem Fußtritt ſeines Sitzes, um das * — — — 15 Noch war ſie kaum zwanzig Schritte von der Sand⸗ ſteinmaſſe entfernt, auf welcher ſie unvermeidlich zer⸗ ſchellen mußte ... Wie ward mir, mein Gott! als ich die eigen⸗ thümliche Form einer Art Kaleſche zu erkennen glaubte, welche Herrn von Mortagne angehörte und in der er am Tage der Unterzeichnung meines Ehekontraktes bei meiner Tante aus Ztalien ankam. Gontran hatte mir oft von der bequemen, obwohl etwas biharren Be⸗ ſchaffenheit dieſes Wagens erzählt. Als ich die ſie bezeichnenden beiden leuchtenden Punkte plötzlich verſchwinden ſah.. ſtieß ich einen herz⸗ zerreißenden Schrei aus und hielt meine Hände vor dte Augen.. wie wenn ich bei der von mir befürchte⸗ ien Kakaſtrophe zugegen geweſen wäre. Da in dieſem Augenblicke unſre Pferde auf der Höhe des erſtiegenen Abhangs angekommen waren und 1e ebene Straße fanden, eilten ſie mit neuer Haſt dahin. Vergeblich riefich den Poſtillonen zu, das betäubende Raſſeln der Räder übertönte meine Stimme, ſie hörten mich nicht, verzweiflungsvoll warf ich mich wieder in den Hintergrund der Kutſche. Da ich mich fürchtete, der Idee, als ſei Herr von Mortagne das Opfer eines furchtbaren Unfalls gewor⸗ den, weitern Spielraum zu laſſen, ſo wollte ich mich überzeugen und überzengte mich, daß ich mich ge⸗ täuſcht habe. Ueberdieß gab es vielleicht nicht nur dieſe Kaleſche von ſo eigenthümlicher Form; Herr von Mortagne könnte ſie auch verkauft und Herr Lugarto ſie gekauft haben; auf ſolche Weiſe ſtillte oder betäubte ich viel⸗ mehr meine Furcht.. Ich bemühte nit zu glauben, daß dieſer Letztere uns verfolge und daß eine Strafe der Vorſehung den Mann ereilt, der uns ſo viel Leid zugefügt. Endlich würde ich ja Gontran ſehen. Schon dieſe Hoffnung gllein ermuthigte mich; Herr von Lanery, der durch den vorauseilenden Boten benachrichtigt wurde, mußte meine Zweifel in dieſer Hinſicht löſen. Nachdem wir noch ungefähr eine halbe Stunde die Hauptſtraße verfolgt, bemerkte ich bald, daß wir das Pflaſter verließen und in eine Seitenſtraße einlenkten. Die Nacht war ſo dunkel, daß ich nicht ſehen konnte, ob wir in einen Wald einfuhren oder nicht. Noch einige Zeit rollte unſre Kutſche auf dieſem Seitenwege dahin, dann hielt ſie plötzlich ſtille. Das Gewitter dauerte immer fort. Ich ſah ein traurig ausſehendes Haus, deſſen Fen⸗ ſterladen alle geſchloſſen waren. Fritz ſtieg von ſeinem Sitze herunter, klopfte und vie Thüre öffnete ſich... Mein Herz ſchlug hörbar, als ich bedachte, daß ich Gontran wieder ſehen würde. Schleunig trat ich in das Haus, während meine Leute ſich mit dem Entladen der Kutſche beſchäf⸗ tigten. Eine ältere, mir unbekannte Frau bat mich, in einen kleinen Salon im Erdgeſchoß zu treten. Wo iſt Herr von Lanerh?“ rief ich. „Der Herr Vicomte hat dieſen Brief für Madame zurückgelaſſen.“ „Iſt denn Herr von Lanery nicht hier? mein Gott!“ „Der Herr Vicomte wird erſt morgen Abend zurück⸗ kehren, was er Madame ohne Zweifel in dieſem Briefe mitgetheilt haben wird.“ Höchſt beunruhigt über die Abweſenheit des Herrn von Lancry nahm ich den dargebotenen Brief. Ich las parin Folgendes: 1 „Aengſtigen Sie ſich nicht, meine liebe Mathilde, ich reiſe dieſen Augenblick ab, um einen ſehr glücklichen Umſtand zu benptzen, der mich auf den Punkt bringen ſoll, Alles zu beendigen und mich kunftig nur Ih⸗ rem Glucke zu weihen. Muth! Erwarten Sie mich, morgen Abend ſpäteſtens werde ich zurückkehren; wenn — — 17 das Haus Ihnen gefällt, ſo bleiben wir da, bis wir uns in Ihrem Schloſſe Maran niederlaſſen können. Leben Sie wohl! Troſt und Hoffnung meines Lebens, verzeihen Sie mir den Kummer, den ich Ihnen ſchon verurſacht habe und lieben Sie mich ein wenig.“ Obwohl dieſe nochmalige Abreiſe mir ſehr nahe ging, ſo ergab ich mich doch ohne allzugroßen Kummer darein, indem ich bedachte, daß ich Herrn von Lanery morgen wieder ſehen würde. Ueberdieß, welche Freude für mich! Gontran verwirklichte meine geheimen Hoff⸗ nungen, er verſprach, mit mir allein in dieſer Abge⸗ ſchiedenheit zu leben. 3 Ich war ſeit einiger Zeit Zeuge ſo myſteriöſer Ereigniſſe, daß ich über dieſe neue und plötzliche Ab⸗ rreiſe nicht ſtaunen durfte. „Iſt im Laufe dieſes Abends nicht ein Reiter ge⸗ kommen, der in größter Eile Herrn von Lanery Nach⸗ richten brachte?“ fragte ich dieſe Frau. „Nein, Madame, ich habe Niemand geſehn.“ „Rufen Sie augenblicklich Fritz,“ ſagte ich in höchſter Verwunderung. „Der Herr Vicomte hat dem Fritz befohlen, die Kutſche ſammt den Pferden nach Chantilly zurückzu⸗ führen, Madame, denn es wäre kein Platz hier, ſie unterzubringen; er iſt ſchon weg und hat nicht einmal das Haus betreten.“ „Wie, alſo dieſen Abend wäre kein Reiter von Paris hier angekommen?“ „Nein, Madame.“ Was war aus dieſem Boten geworden? Wovon wollte er Herr von Laneth benachrichtigen? ch fing an, unruhig zu werden, mich in dieſem einſamen Hauſe mit Leuten, die ich nicht kannte, zu befinden. Beſonders bedauerte ich, Blondeau nicht bei mir zu haben. War es Lugarto, der mich verfolgte? Dieſe Hypotheſe annehmend, fühlte ich mich beinahe beruhigt; 18 ſein Wagen mußte unterwegs zerbrochen und er un⸗ fähig ſein, ſeinen Weg fortzuſetzen; wenn ich mich aber getäuſcht hätte, wenn an ſeiner Statt Herr von Mortagne... Dieſer Gedanke war abſcheulich, ich wollte ihn nicht nähren. Die Frau, welche mich empfangen hatte, fragte, ob ſie mir das Nachteſſen auftragen ſolle. Ich war von Paris abgereist, ohne vorher geſpeist zu haben . Die Ermüdung ſchwächte mich, ich entſchloß mich daher, zu eſſen, um wieder zu Kräften zu gelangen. Die Frau ging weg. Der Salon, in welchem ich mich befand, war elegant möblirt, roth tapezirt und durch unzählige Wachskerzen in vergoldeten Armleuchtern erhellt. 2 An gewiſſen Kleinigkeiten erkannte ich Gontrans Geſchmack; ich wagte noch nicht, zu glauben, daß ich dieſes Haus vielleicht geraume Zeit mit Herrn von Lanery bewohnen würde. Bald brachte mir die Frau, welche mir geöffnet hatte, einen kleinen, mit ausgeſuchten Speiſen belade⸗ nen Tiſch herbei, indem ſie ſagte, daß Herr von Lanerh das Nachteſſen ſelbſt angeordnet habe. Ich war Gontran für dieſe Aufmerkſamkeit er⸗ kenntlich und ſandte die Frau weg, um allein zu ſein und ungeſtört über die Begebenheiten dieſes Tages nachdenken zu können. Nachdem ich einige Löffel voll Suppe und das Viertel eines Hühnchens gegeſſen und, da ich heftigen Durſt hatte, zwei oder drei Gläſer Waſſer mit etwas rothem Bordeaurwein vermiſcht, getrunken (man wird ſehen, warum ich dieſe kindiſchen Nebenumſtände be⸗ rühre) ſtieß ich den Tiſch weg und rückte meinen Lehnſtuhl zum Kamin, obwohl kein Feuer auf dem Heerde war. Noch immer ertönte das dumpfe Rollen des Don⸗ ners, ein ſtarker Wind hatte ſich erhoben und miſchte 19 ſein pfeifendes, klägliches Geheul mit dem ferner und ferner ſich verlierenden Brauſen. Nach einiger Zeit überfiel mich eine heftige, moraliſche und phyſiſche Er⸗ mattung; trotz meiner Anſtrengung wurden meine Au⸗ genlieder ſchwerer und da ich mich dem Schlafe noch nicht ergeben wollte, ſo ſtand ich ſchnell auf; ging ei⸗ nige Schritte vorwärts und näherte mich zufälliger⸗ weiſe einer Thüre, welche in ein anſtoßendes Zimmer führen mußte. War es der Wind oder nur Wirkung meiner Ein⸗ bildungskraft? mir däuchte, einen tiefen und ſchmerz⸗ baften Seufzer hinter dieſer Thüre zu hören. Ich zog mich ſchnell zurück und empfand unwillkürlich Furcht... Eine unbeſtimmte Ahnung von Unglück überfiel mich. Auf einer Seite des Kamins erblickte ich einen Glo⸗ ckenzug; ich lief hin, zog ihn heftig an.. Niemand kam. Ich läutete nochmals und ſtärker. .. Niemand kam. Ein dritter Verſuch war ebenſo vergeblich. Ent⸗ ſetzt über die Todtenſtille, die in dieſem Hanſe herrſchte, warf ich mich in einen Lehnſtuhl und bedeckte mein Geſicht mit meinen Händen. Dann ſchien mir, als ob eine unbeſiegliche Er⸗ ſtarrung mich an meinem Platz gebannt halte, ich fühlte meine Beine ſchwerer werden und glaubte mich von unüberwindlicher Schlafſucht befangen. Da ich mich fürchtete, einzuſchlafen und meine Kammerfrau oder die Perſon, die mich bedient hatte, durchaus aufſuchen wollte, ſo überwand ich meine Furcht, nahm ein Wachslicht vom Tiſche weg und ging entſchloſſen der Thüre zu, welche in's Vorzimmer führte. Ich legte die Hand ſchon an die Klinke, als ich fühlte, daß ſie mit einem zweimaligen knarrenden Tone bewegt wurde. Die Thüre ward von Außen doppelt abgeſchloſſen. In meinem plötzlichen Entſetzen ſchüttelte ich dieſe Thüre, es war unmöglich, ſie zu öffnen. . Von Beſtürzung ergriffen, fing ich an, in unbeſtimmten Umriſſen das abſcheulichſte Machwerk zu erblicken, ich 20 ging zum Fenſter, öffnete es, die Läden waren jedoch von Außen verrammelt... Außer mir lief ich an die Thüre, hinter welcher ich ein Seufzen gehört zu haben glaubte. An dieſer Thüre erſchien Herr Lugartv. Siebzehntes Kapitel. Enthüllungen. Herr Lugarto war ſehr blaß, ſein Geſicht trug einen Ausdruck hölliſcher Bosheit, den ich noch nicht an ihm geſehn. „Die, welche dieſes Haus bewohnen, ſind mir ergeben. Alle Ausgänge ſind verſchloſſen, vor Mor⸗ gen wird keine menſchliche Macht Sie mir entreißen können.“ Das waren die erſten Worte dieſes Mannes. Von Betäubung erfaßt, betrachtete ich ihn mit verſtörten Blicken, ohne ihm antworten zu können. Plötzlich aber rief ich, zu einem Fenſter flüchtend: „Kommen Sie mir nicht nahe!. .. kommen Sie mir nicht nahe!...“ Er zuckte die Achſeln, ſetzte ſich in einen Lehnſtuhl und ſagte: „Schwatzen wir . . Ich habe Ihnen Vieles mitzutheilen.“ Dann zog er eine Brieftaſche heraus, die er auf den Tiſch legte. „Setzen Sie ſich doch,“ fügte er hinzu, „denn es kann lange gehen und Sie müſſen ermüdet ſein.“ „Herr, mein Gott! erbarme Dich meiner!“ rief ich, vor einem Lehnſtuhl auf die Kniee fallend, indem ich ein brünſtiges Gebet gen Himmel ſandte. err Lugarto durchblätterte ſeine Brieftaſche, nahm einige Papiere dgraus und ſagte, indem er ſie mir eigte: „Das ſoll Sie in Erſtaunen ſetzen.. Doch ſahren wir der Ordnung gemäß.“ 21 Ermuthigt durch mein frommes Flehn zu Gott, erhob ich mich und blieb ſtehen, indem ich einen küh⸗ nen Blick auf Herrn Lugarto warf und zu ihm ſagte: „Es iſt ein Gott im Himmel und auf dieſer Erde habe ich noch Freunde.“ „Gewiß, mich allervorderſt... Aber... wenn Sie auch auf Herrn von Mortagne zählen, ſo verrechnen Sie ſich; ſein Wagen iſt am Abhang von Luzarches zerſchellt. Halbtodt blieb er auf dem Platze.“ „Es wäre alſo wahr!. .. die Kutſche die uns ver⸗ ſe „War die ſeinige. .. O! Fritz iſt ein prächtiger Kerl.. Ich wußte wohl, was ich that, als ich Ihrem Manne befahl, ihn in ſeine Dienſte zu nehmen... Ich wurde einen Augenblick beſtürzt durch dieſe unſelige Nachricht, doch faßte ich bald wieder Hoffnung, indem ich bedachte, daß Herr Lugarto von dem Schick⸗ ſ des Herrn von Mortagne nicht unterrichtet ſein önne. „Sie lügen, mein Herr,“ rief ich. „Als Sie die⸗ ſes unglückliche Ereigniß hörten, konnten Sie nichts Näheres über den Zuſtand des Herrn von Mortagne erfahren; Fritz hat mich nicht verlaſſen.“ „Auch habe ich dieſe Nachricht nicht von Fritz, ſondern von dem einen der beiden Männer, welchen ich Befehl gegeben hatte, Ihrer Kutſche ſeit Ihrer Ab⸗ reiſe von Paris in angemeſſener Entfernung zu fol⸗ gen.. Ohne gerade Militär zu ſein, wie der liebe Lanery, kenne ich doch die Rützlichkeit des Nachtrabs. Sehn Sie, ob das mir gedient hat!... Als einer dieſer beiden Männer bemerkte, daß Herr von Mortagne Sie einzuholen ſuche, ſo eilte er mit verhängtem Zügel, um Fritz und hernach mich zu benachrichtigen; der an⸗ dere Nachzügler blieb in einiger Entfernung hinter der Kutſche des Herrn von Mortagne zurück, um den⸗ ſelben zu beobachten; beim Abhang von Luzarches war er Zeuge des Sturzes Ihres Erretters, den er halb⸗ 22 todt aus ſeiner Briſtha herausziehen ſah, und dieſer treue Diener kam eine Viertelſtunde nach Ihnen hier an, indem er, um Ihren Argwohn nicht zu erwecken, ſein Pferd in einiger Entfernung ließ... Mit einem Wort, der Beweis, daß Sie nicht mehr von der Ge⸗ genwart des Herrn von Mortagne zu hoffen, als ich dieſelbe zu befürchten habe, iſt, daß Sie mich hier ſehr 6 und, wie man ſagt, mit freier Hand handeln ehen.“ Was Herr Lugarto ſagte, war unglücklicher Weiſe ſo wahrſcheinlich, daß ich keine Hoffnung haben konnte; ich ſeufzte, als ich an den unſeligen Zufall dachte, wel⸗ der, von der Vorſehung geſandten Hülfe be⸗ raubte. „O! das iſt ein liſtiger Kämpfer, dieſer Herr von Mortagne,“ verſetzte Herr Lugarto; „er und dieſer Rochegune, den der Teufel holen ſoll, haben ſich ſeit zwei Monate an meine Sohlen geheftet; in Dunkel gehüllt, machten ſie ſchon zwei oder drei Pläne ſchei⸗ tern, die Sie betrafen, meine ganz allerliebſte Feindin! Sie haben Leute von mir beſtochen, die ich unbeſtech⸗ lich glaubte. Glücklicherweiſe hat Fritz vor einiger Zeit ſchon dieſen Rochegune beinahe niedergemacht, als er während Ihrer Krankheit an dem Gitter Ihres Gartens herumlungerte und auf Nachrichten über Ihre theure Geſundheit wartete.“ „Er war es! .. Mein Gott! Herr von Roche⸗ gune war es! . Ein verrätheriſcher Ueberfall! „Gehn Sie doch! für wen halten Sie mich? Ein einfacher Streit . . ein tüchtiger Stockſchlag auf den Kopf, weiter Nichts. .. Rochegune hat ſich wohl ge⸗ hütet, dieſe Sache ruchbar zu machen. Dieſer tugend⸗ hafte und menſchenliebende Jüngling wußte wie ich, daß wenn er Klage einlegen würde, er erklären müßte, wie und warum er all' abendlich vor Ihrem Garten⸗ gitter Schildwache zu ſtehen kam... Das hätte Sie 23 kompromittiren können; er mußte ſchweigen. Auf das hatte ich wohl gezählt.“ „So feige als verrätheriſch und grauſam,“ ſagte ich mit Abſcheu die Hände faltend. Weige. nein, nervenſchwach, ja. Was wol⸗ len Sie? ich habe die Schwachheit, weſentlich am Leben zu hangen. Das iſt ganz einfach .. ich liebe Sie .. und Sie machen mir das Daſein werth. Und da wir auf dieſes Kapitel zu ſprechen kommen ſo muß ich Ihnen als ein wahrer Novize oder mehr als kalter Liebhaber erſcheinen. .. In meiner Gewalt befindet ſich eine allerliebſte und unſtreitig die anbetungswür⸗ digſte Frau von Paris, und ich erzähle ihr ruhig von meinen guten Streichen, ſtatt ihr von meiner Vebes⸗ flamme zu ſprechen. Aber werden Sie mir nicht un⸗ geduldig ich will Ihnen dies Benehmen, welches Ihnen vielleicht etwas zu achtungsvoll ſcheint, erklä⸗ ren. Sie ſehen dieſe Pendeluhr, nicht wahr? Sie zeigt auf halb zwölf . Wohlan! Vor Mitter⸗ nacht werden Sie in dem tiefſten .. unbezwinglichſten Schlafe liegen. Uum Mitternacht alſo find Sie in meiner Macht; Sie haben ſoeben in Ihrem Nacht⸗ eſſen ein unfehlbar wirkendes narkotiſches Mittel er⸗ halten. Sie mußten jetzt ſchon einige Symtome von Erſchlaffung ſpüren .. Zetzt, während wir die Schäfer⸗ ſtunde erwarten .. plaudern wir.“ Ich ſtieß einen fürchterlichen Schrei aus ich erinnerte mich wirklich der vorübergehenden Erſtarrung, welche ich einen Augenblick zuvor dem Schlafe und der Ermüdung zugeſchrieben hatte. Haben Sie Mitleid mit mir! .. rief ich auf die Kniee finkend. „Das iſt abſcheulich gottlos Was hab' ich Ihnen gethan? Mein Gott! Gnade! . Gnade! Herr Lugarto fing heftig an zu lachen und ſagte: „Aber, Madame, was haben Sie? was wollen Sie2 was werfen Sie mir vor? In der That „das iſt ungkaublich Ich bin da, ganz ruhig in meinem Lehnſtuhl, ſehr weit von Ihnen weg, betrachte Sie mit tiefſter Ehrerbietung, und wenn man Sie jetzt ſo fle⸗ hend, ſo verſtört ſähe, ſo würde man ſagen. ich hätte mich wie Tarquinius betragen. . Gehn Sie doch! ſchöne Lukretia, Sie ſind ungerecht. .. Wiſſen Sie wenigſtens, daß wenn ich ein Geck wäre, ich glau⸗ ben würde, Sie werfen mir meine Zurückhaltung vor .. um meine Kühnheit herauszufordern. . . Ich prüfte, ſo zu ſagen, meine Gefühle mit furcht⸗ barer Aengſtlichkeit; ich fuhr mit meinen Händen zur Stirne ſie war brennend heiß; der Kopf ſchien mir ſchwer, die Augenlieder matt, Bei jeder dieſer unglückſeligen Entdeckungen ſchau⸗ verte ich vor Entſetzen; ich lag noch auf den Knieen und als ich aufſtehen wollte, fühlte ich meine Kniee unter mir wanken. „Das iſt ja nicht Schlaf!“ ſchrie ich verzweiflungs⸗ voll. „Nein, es iſt ein Todeskampf der Todes⸗ kampf eines Geſunden .. Das iſt ja gräulich! .. Ol mein Gott! mein Gott! iſt es Täuſchung? . Doch nochmals nein „ nein. . Ich fühle meine Kräfte ſchwinden ein Nebel breitet ſich vor meinen Augen .. Gott des Himmels! Rächende Gottheit! wirſt Du mir denn nicht zu Hülfe eilen? Ach! ſei es, daß meine Einbildungskraft zufolge der Benachrichtigung Lugarto's die Wirkungen des nar⸗ kotiſchen Mittels, das ich zu mir genommen, beſchleu⸗ nigte, ſei es deſſen natürlicher Gang, ich empfand eine unbeſiegliche Mattigkeit und Erſchlaffung. .. Unwill⸗ kürlich fiel ich in einen Lehnſtuhl neben dem Tiſche niever, auf welchem dies ſchändliche Nachteſſen aufge⸗ tragen worden war. Ein konvulſiviſches Zittern ergriff mich, ich konnte kaum ſprechen; in meinem Entſetzen richtete ich ver⸗ geblich flehende Gebärven an dieſes Ungehener. 3ch war der Wirkung meines Trankes gewiß —— 25 verſetzte er, „ich hab' ihn ſchon mehrmals angewandt. Gut, jetzt ſitzen Sie, bald werden Sie unfähig ſein, nur die geringſte Bewegung zu machen .. doch eine Zeitlang können Sie mich noch anhören.. . So hö⸗ ren Sie denn, das wird Sie zerſtreuen.“ Ich horchte in der That, aber ſchon kraftlos. Ich glaubte der Spielball eines fürchterlichen Trau⸗ mes zu ſein: meine Augen waren ſtarr. Dieſer Mann mir damals mit beinahe übernatürlicher Macht egabt. Er ſchwieg einen Augenblick und ſuchte nach meh⸗ reren Papieren. Der Wind verdoppelte ſein Geheul und toſte durch das Kamin herab. Nach und nach fühlte ich meine Fähigkeiten in wachſender Schlafſucht untergehen; zwei⸗ mal wollte ich aufſtehen und nach Hülfe rufen,/doch Kraft und Stimme mangelte mir. „Ich ſage Ihnen, daß dies unnütz iſt,“ verſetzte Herr Lugarto achſelzuckend; „doch hören Sie mich. Sie ſollen Ihren vielgeliebten Gontran kennen lernen und den Grund meiner Abneigung gegen ihn erfahren. . .. Vor zwei Jahren entdeckte ich in Paris, in der dürf⸗ tigſten Lage eine Perle von Anmuth, einen Schatz von Schönheit, ein edles Herz, einen entzückenden Geiſt, mit einem Wort, ein junges, anbetungswürdiges Mäd⸗ chen; ich ließ ſie meinen Stand nicht ahnen. Das junge Mädchen liebte mich, aber ſie wollte in Nichts von ihren Pflichten abweichen.. Durch Widerſtand gereizt, wurde ich ſo wahnſinnig verliebt in ſie, ich fand ſie ſo ſchön, ſo gut, ſo ungekünſtelt, daß ich die Thorheit begangen hätte, ſie zu heiraten, denn ſie war eine jener Tugendſchätze, die trotz ihrer Strenge an⸗ ziehen, ſtatt zurückſtoßen. Der Teufel mußte mich mit Gontran von Lanery zuſammenführen; ich wurde mit ihm befreundet, anvertraute ihm meine Liebe, meine Abſichten ich ſtellte ihn dem jungen Mädchen als mei nen vertrauteſten Freund vor. Einen Monat nach die Mathilde. m. 3 26 ſer Vorſtellung war ich erſetzt und ausgeſtochen bei ihr; Gontran hatte ihr meinen Namen entdeckt, meine Abſichten verläumdet und dieſes bisher ſo reine Kind ver⸗ führt.... Als fie ſich ſpäter von Herrn von Lanery aufge⸗ geben ſah, verübte die Unglückliche einen Selbſtmord.. Das hat er mir gethan.... Ihr Mann. .. Er zertrüm⸗ merte, befleckte und tödtete die einzige wahre Liebe, die ich vielleicht in meinem Leben empfunden habe! Er hat mit dem gleichen Streich und auf ewig meinem Herzen und meinem Stolze eine Wunde geſchlagen, indem er mir ſo ſchmählich eine Eroberung raubte, die ich mit dem Preiſe meiner Hand erkauft hätte.... Das iſts, was ich ihm nie vergeſſen werde. Sehn Sie, Sie wiſſen nicht, was ich durch dieſen Mann gelitten.“ Als Herr Lugarto dieſe letzten Worte mit tief be⸗ wegtem Tone ſprach, ſchien er ſeine eiſige Jronie ab⸗ zuſtreifen. „Sie haben wenigſtens ein großmäthiges und reines Gefühl gekannt!“ rief ich. „Im Namen dieſes Gefühles, dieſes ſchrecklichen, aber geheiligten Anden⸗ kens, haben Sie Witleid mit mir.. ich fühle es . meine Kräfte verlaſſen mich.“ 6 3 Herr Lugarto antwortete mit ſchallendem Geläch⸗ „Wie kindiſch Sie doch ſind. Das iſt ganz na⸗ türlich.. ich gebe Ihnen ein narkotiſches Rittel, daß es wirten ſoll. Ihre Schlafſucht wird ſich auf ſolche Veiſe ſteigern, bis Sie vollends eingeſchlummert ſind. Um aber auf Lanery zurückzukommen, ſo blieb mir, wenn ich auch das junge Mädchen vergeſſen, doch im Herzen die Wuth, mich Gontran aufgeopfert zu ſehen, und der Durſt nach Rache. Wenn ich den Muth ge⸗ habt hätte, mich mit Lanery zu ſchlagen, ſo gläube ich, ich hätte ihn getödtet, denn ich haßte ihn raſend; doch wie ich Ihnen geſagt.. ich bin nervenſchwach, ich habe gewartet. . Und dann iſt die Rache auch kalt ein köſtlicher Biſſen, wie man gemeiniglich ſagt. Ueberdies weiß ich nicht, welch' geheimnißvolle Stimme mir zuflüſterte, daß früher oder ſpäter Gontran mir nicht entrinnen könne. Voriges Jahr war ich in Lon⸗ don, er kam mit den letzten Ueberbleibſeln ſeines Ver⸗ mögens auch hin; er wollte ſich mit einem gewiſſen erkünſtelten Glanz umgeben, um irgend eine reiche Erbin zu angeln und zu hetraten. .. . Ich ging rundweg zu ihm, fing an über den ſaubern Streich zu lachen, den er mir beim Wegfiſchen des jungen Mädchens geſpielt habe; er lachte auch dazu, war entzückt, zu ſehen, daß ich die Sache ſo gutmüthig aufnahm und wir wur⸗ den wieder vertraut wie zuvor. .. Seine Heirat kam nicht zu Stande; ich hatte das Gerücht ſeines Ruins und ſeiner intereſſirten Abſichten ausgeſtreut, indem ich hinzufügte, daß er ſich zum Voraus über die Erbin fuſtig mache, welche er in ſeinem ehelichen Netze zu langen glaube. Der ariſtokratiſche Stolz der jungen Miſſes der drei Königreiche empörte ſich gegen die ge⸗ heimen Abſichten des unverſchämten Franzoſen, den ich entſchleiert hatte. „Kurz, trotz ſeines ſchönen Namens, ſeines Ver⸗ ſtandes, ſeines hubſchen Geſichtes, trotz aller dieſer Vor⸗ theile, die ich verabſcheute, gelang es dieſem lieben Lanery nicht einmal, irgend eine dunkle Erbin der Cith heiraten zu können ... doch ich ſehe, der Schlaf ge⸗ winnt immermehr die Oberhand über Sie,“ fügte Herr Lugarto hinzu, „rreicht jedoch Ihre Verſtandeskraft noch nicht; bis hieher iſt es eine ganz phyſiſche Er⸗ ſchlaffung. Ich fahre fort, denn ich ſehe an dem Aus⸗ druck Ihres Geſichtes, daß Sie mich ganz wohl ver⸗ ſtehen. Lanerg hatte alſo bei dieſer Jagd auf die Er⸗ binnen ſeine letzten Hülfsquellen erſchöpft. ... Da ſein Oheim, der Herzog von Verſac, ihm keinen Heller mehr geben wollte, ſo wußte er keinen Ausweg mehr — da trat der Verſucher zu ihm. Zum erſtenmal entlehnte er Geld von mir; von dieſem Tage an war er mir verfallen. Ich lieh ihm ſo bereitwillig tauſend Louisdor, — — er wußie mein Vermögen ſo beträchtlich, daß er ohne Bedenken annahm und einen zweiten Verſuch wagte⸗ Ich kam ſeinen Wünſchen mit einem neuen, noch be⸗ trächtlichern Anleihen zuvor. Der Kopf ſchwindelte ihm, er hielt mich für eine milchende Kuh. In ſeinem Intereſſe rieth ich ihm barmherziger⸗ weiſe, neuerdings einen großen Aufwand zu machen. Da man ihn zu Grunde gerichtet glaubte, ſollte man ihn wieder glanzvoll erſcheinen ſehen; er ſollte eine ſo eben zugefallene Erbſchaft vorgeben, und diesmal ſollte es ihm nicht fehlen, irgend eine reiche Heirat anzuhäckeln. Was die Ausgaben betraf, ſo war ja i daß ich hatte drei bis vier Millionen Einkünfte und ſo bald er einmal reich verheiratet ſein würde, ſollte er mir Rückerſtattungen machen. Es ſollte ſo eine Art Unternehmung ſein, zu welcher ich ihm die Fonds vor⸗ ſchießen würde, die ich bis nach Realiſirung der Be⸗ nefice nicht zurückzufordern verſprach. Ich ſcheine ein Dummkopf zu ſein, nicht wahr? Denn vielleicht hätte Lanery keine Verbindung eingehen und ich mit meinem Gelde übel dran ſein können, obwohl er mir ſpäter Obligationen machte, die ich hier habe. Aber zum Gelingen eines gewiſſen, ziemlich geſchickt durchdachten Planes mußte ich ihm blindes Vertrauen zu meiner Großmuth und Freundſchaft einflößen. ... Sie werden ſehen, daß ich mein Geld gut angelegt habe. ... So oft ich ihm irgend eine beträchtliche Summe geliehen hatte, gab ich ihm einen einfachen von mir unterzeich⸗ neten Wechſel auf meinen Banquier; merken Sie ſich das wohl. Eines Tages verließ ich London ſchleunig ohne Lanery dapon zu benachrichtigen oder ihm ſagen zu laſſen, wo ich hinginge. Ich wußte ihn damals ohne Geld. Ich ſandte ihm einen gewiſſen, ſehr ver⸗ ſchmitzten Juden, der ihm auf ſeine Unterſchrift hin ungefähr dreißigtauſend Franken aubot. Gontran⸗ der hinſichtlich der Wiedererſtattung auf mich zählte, unter⸗ zeichnete. Ich war in Brighton, von wo aus ich ihn h aufmerkſam beobachtete. . . . Mein Plan war reif. . .. Gold iſt eine Wünſchelruthe. Einige Zeit nach die⸗ ſem Darlehn ließ ich ganz ernſthaft Lanery eine Erbin von mehr als fünfzigtauſend Thaler Renten vorſchla⸗ gen. Ich kannte die Verwandten des jungen Mäd⸗ chens, ſie hatten völliges Zutrauen zu mir. Ich hatte mein eigenes Vermögen verbürgt, daß Lanery mehr als zwei Millivnen Heiratgut bringe; ich bat jedoch die Verwandten, die Geldfrage erſt bei meiner Rück⸗ kehr zu verhandeln. Seiner Gewohnheit zufolge gab ſich Lanery ſtets unverſchämterweiſe als Millionär aus; er ſah das Mädchen, man empfing ihn und ſetzte den Tag feſt, um die Geldangelegenheiten zu ordnen. Als die Sache ſo weit gediehen war, ſchrieb ich an Lancry von Brighton aus: ſeine Antwort war eine Bitte für zweitauſend Louisd'or um den Juden zu bezahlen, da die Verfallzeit heranrückte; es handelte ſich da um ge⸗ fängliche Haft, denn der Gläubiger war nnerbittlich. Auch wäre es mehr als grauſam für Lanerg geweſen, im Augenblick, wo er eine Heirat mit fünfzigtauſend Thaler Renten machen ſollte, verhaftet zu werden und eine ſo ſchöne Hoffnung fehlſchlagen zu ſehen. „Der Abend vor dem Zahlungstagerſcheint; ich hatte Alles berechnet; Lanery's Angſt war fürchterlich; aber, o Wunder des Himmels! als wohlthätiges Manna ſandte ich Gontran durch die Poſt, jedoch ohne Avis⸗ brief, bemerken Sie das noch wohl, einen Wechſel von zweitauſend Louisd'vr von mir auf meinen Banguier, zahlbar bei Sicht und nur die gewöhnlichen Worte ent⸗ haltend: Gut fürzweitauſend Pfund Sterling. Brighton. Graf von Lugartv. Ich ſchrieb Lan⸗ ery nur ein Paar Worte, um ihm zu ſagen, daß ich Brighton verkaſſe und er ſpäter meinen Aufenthalt er⸗ fahren ſolle. Ich hatte es ſo eingerichtet, daß der Wech⸗ ſel Abends mit der Poſt ankommen mußte. Lanery hatte einen Kammerdiener aus meinem Hauſe nehmen müſſen. Er legt den Wechſel in eine Schublade und *. 30 geht aus, ohne den Schlüſſel abzuziehen, denn er glänzt nicht mit ſeiner Ordnung, Ihr zärtlicher Gemahl; der Bediente nimmt den Wechſel, wie ich es befohlen, und ſendet ihn mir zurück. Am folgenden Morgen ſucht Lanery ſeinen Wechſel .. Nichts . Er befragt ſeinen Kammerdiener . . . Nichts. Dieſer ſpielt ſeine Rolle trefflich, er weiß nicht, was ſein Gebieter von ihm verlangt .. Der Jude kommt, er will ſein Geld mit Gewalt und droht, ſich an die Familie der Verlobten zu wenden, um auf ſolche Art die Heirat rückgängig zu machen. „Lanery, in der Verzweiflung des gehetzten Hirſches, fieht ſich auf dem Punkte, dieſes verteufelten Wechſels wegen ſeine Erbin zu verlieren, er bricht los, er wü⸗ thet; in ſeinem Zorne beſchuldigt er ſeinen Bedienten, in welchen er überdies völliges Vertrauen ſetzte, der abſcheulichen Verlegenheit, in der er ſich befindet. Mein verſchmitzter Kerl aber, der meine Inſtruktionen Punkt für Punkt befolgt, bringt ſeinem Gebieter nach mannig⸗ facher Zögerung folgenden Vernunftſchluß bei: Der Herr Graf von Lugarto hat dem Herrn Grafen einen Wechſel von zweitauſend Louisd'or geſandt; er will ihm alſo zweitauſend Louisd'or leihen; jetzt hat der Herr Graf den Wechſel verlegt. Was wäre da Uebles, wenn der Herr Graf einen andern Wechſel fabriziren würde? — Elender! . einen falſchen? — Aber weil Herr von Lugarto dem Herrn Grafen einen Wechſel geſandt hat und dieſer Wechſel verloren ging .. ſo iſt es ja immerhin das gleiche. Wem ſchadet das, wenn man einen andern macht? „Nach einigen Gewiſſensſkrupeln ergab ſich Ihr lieber Gontran dieſer ſchönen Rhetorik der Verfälſchung; eine Stunde nachher wies er meinem Banguier einen falſchen Wechſel von mir vor... Doch das weckt ſie. “ fügte Herr Lugarto hinzu, als er ſah, daß ich mich mit einer beinahe verzweifelten Anſtrengung erhöb. „Sie lügen Sie lügen,“ rief ich mit ſchwacher Stimme, „Gontran iſt einer ſolchen Schändlichkeit un⸗ fühig..“ Faſt erſchöpft von dieſer Bewegung, fiel ich in meinen Lehnſtuhl zurück. Von dieſem Aug enblick an empfand ich eine zrt ſonderbarer Anſchauungskraft tz je nachdem Herr Lugarto ſprach, däuchte es mir, als erhalte ſeine Erzählung Leben, die Perſonen, die er citirte, erſchienen und verſchwanden vor meinem Blicke mit der Schnelligkeit des Gedankens wie in einem S „Indem ich Lanerh als Verfälſcher anklage,“ erwiderte Herr Lugarto mir ein Farte zeigend, „lüge ich ſo wenig als dieſer falſche Wechſel da. Ich nehme meine Erzählung pheer auf. .. Ich habe noch mehr als genug in den zehn Minuten zu ſagen, während welcher Ihnen noch das Bewußtſein bleiben wird. Seit eini⸗ gen Tagen war mein Banquier im Vertrauen und un⸗ ter dem Siegel des größten Geheimniſſes von mir be⸗ nachrichtigt, daß Lanery, meine Freundſchaft mißbrau⸗ chend, ihm falſche Wechſel von mir vorweiſen laſſen könnte, daß ich aber aus Rückſicht für den Namen, den dieſer Elende ie ſagte ich, meinen Ban⸗ quier bitte, zu bezahlen, ohne Aufſehen zu erregen, und nur den Wechſel zu behalten und Vorme erkung von dem Verbrechen des Herrn von Lanery zu nehmen, in⸗ dem ich mir die Verfol gung dieſes unwürdigen Freun⸗ des vorbehalte, er es ſpäter nicht bereuen würde. „Geſagt, geth an; Zeugen, deren Ausſagen unver⸗ werflich und deren eſcwi egenheit man ſicher war, ſahen t den Wechſel bringen und das Geld dafür einſtecken. Frugen unterzeichneten mit meinem Banquier einen Verbalprozeß, wie man hier ſieht, in welchem ich jed B möglichen Vorbehalt für die Zukunft machte. Sie ſehen, ich brauche nur ein Wort zu ſa⸗ gen, um Ihren Mann als Fälſcher verurtheilen zu laſſen, denn ſeine Auslieferung iſt leicht zu bewirken.“ 3 Schaudernd barg ich meinen Kopf in beiden Händen. „Dies erklärt Ihnen das Geheimniß meiner Herr⸗ ſchaft über Lanery und viele Perſonen. Ich habe eine Art eigener Polizei, die ich jedem an die Ferſen hefte, auf welchen ich Einfluß haben will, und es müßte wohl der Teufel ſein, wenn ich nicht irgend einen zar⸗ ten Irrthum oder eine ſchuftige Handlung entdecken ſollte, die mir die Leute mit Hals und Kopf überliefert. Sie ſahen eine Probe dieſer Geſchicklichkeit in meiner Herr⸗ ſchaft über die Prinzeſſin Kſernika und die Herzogin von Richeville .. Um auf Gontran zurückzukommen, zerſchlug ſich ſeine Heirat mit der reichen Erbin wie⸗ der, obwohl der Jude mit den dreißigtauſend Franken bezahlt war. Ohne mich weiters zu erklären, zog ich meine Bürgſchaft zurück. Lanery, der das Vermögen, das er zu haben behauptete, zeigen ſollte, konnte Nichts beweiſen; wohl verſtanden, wandte man ihm den Rücken, und arm wie ein Job, fiel er wieder in ſeine Unbe⸗ deutſamkeit zurück, indem er als einziges Gut mehr denn zweimalhunderttauſend Franken Schulden an mich hatte. Das war vielz aber ſeine Seele war mir ver⸗ pfändet, wie Satan geſagt haben würde... Als Lan⸗ ery ſich alſo in meiner Macht ſah, ſpie er Feuer und Flammen; doch was thun? Sich ergeben bei Strafe der Anklage .. „Damals erhielt er dann einen Brief von ſeinem Oheim, der ihm die Heirat mit Ihnen vorſchlug. Das entzückte mich; meine Rache konnte ſich nun verdoppeln, ich ſollte über zwei ſtatt über ein Daſein verfügen können .. Um dieſen ſchönen, von Fräulein von Maran und dem Herrn von Verſac entworfenen Plan gelingen zu laſſen, lieh ich dem Lancry auf das Erbe Ihrer Mitgift hin ungefähr hunderttauſend Franken, um un⸗ vermuthete Ausgaben zu beſtreiten und ihm zu geſtat⸗ S. dieſe ſchöne Gelegenheit nicht fehlſchlagen zu ehen. 33 „Die Heirat wurde geſchloſſen. Ich lag krank in Lon⸗ don, ſonſt wäre ich gekommen, Ihrer Hochzeit als Braut⸗ führer beizuwohnen. Als ich hergeſtellt war, ſchrieb ich an Lancry, der ſeinen Honigmonat in Chantilly feierte. . Ich befahl ihm, zur Stunde nach Paris zurückzukommen. Er brachte auch Sie zurück „ich ſah Sie, liebte Sie und ſetzte mir's in Kopf, Sie zu be⸗ ſitzen. Und wenn ich Was will ... ſo will ich es abſolut. Ich erklärte Ihrem Manne, daß ich Ihnen den Hof machen werde, raſend ergab er ſich drein. Zwaor baute er auf Ihre Tugend und er hatte Recht... haben Sie mich doch in die Nothwendigkeit verſetzt, wie man ſagt, zu großen Mitteln Zuflucht zu nehmen. Das lebrige wiſſen Sie . bis zu der jüngſt ſtattge⸗ fundenen Scene bei Tortoni .. Sein Hitzkopf riß ihn fort; erbittert durch den verächtlichen Empfang bei Ma⸗ dame machte er dieſen Ausfall und dieſe lächerliche Pralerei bei Tortoni. Um zwei Uhr Morgens war er bei mir, auf den Knieen, weinend⸗ ſchluchzend, flehend, Gnade erbettelnd für Sie und für ihn... Er kam wieder und immer wieder auf ſein altes Geſchwätz von den Galeeren zurück... noch einmal ließ ich mich erweichen und zwar unter folgenden Bedingungen: erſtens, mußte ein Duell ſtattfinden, doch ich war zu nervenſchwach, um ein ernſthaftes Duell annehmen zu können. Es ward daher beſchloſſen, daß wir den Anſchein haben müßten, als hätten wir uns geſchla⸗ gen und als Zeugen Soldaten mitgenommen; es ſollte auch den Anſchein haben, als hätte ich einen zwar ungefährlichen Degenſtich erhalten; ich nahm es über mich, dieſem Gerüchte Glaubwürdigkeit zu verſchaffen, was auch geſchehen iſt, und man hält mich für ei⸗ nen Roland... Zweitens ſollte Lanery unverzüglich nach London abreiſen, wo er ſich zu dieſer Stunde be⸗ findet. Vor ſeiner Abreiſe nöthigte ich ihn, ohne ihn mit dem Zweck davon bekannt zu machen, den von mir diktirten erſten Brief zu ſchreiben, den Sie in Paris 34 erhalten und der Sie beſtimmte, hieher zu kommen. Der andere Brief iſt von mir, wohlverſtanden, denn Ihr Mann iſt nicht der einzige, der Handſchriften nach⸗ zuahmen und Fälſchungen zu machen verſteht. „Ich habe Nichts vergeſſen, glaube ich. nein .. faſſen Sie jetzt, da Ihnen noch etwas Bewußtſein bleibt, die Wichtigkeit Ihrer Lage wohl auf; ſeit zwei Monaten iſt die Welt überzeugt, daß wir auf dem vertrauteſten Fuße mit einander ſtehen .. wenn man daran zweifeln könnte, ſo urtheile man nach den That⸗ ſachen .. Sie find freiwillig hieher gekommen, Sie wollten dieſe Reiſe Ihrer Tante, dem Herrn von Ver⸗ ſac und der Dame Kſernika verbergen, weil Sie ihnen geſchrieben, Sie gingen auf's Land zur Frau Secherin; man glaubt, Ihr Mann habe mich im Duell verwun⸗ det und man wird ſich denken, Sie ſeien gleich nach ſeiner Abreiſe hieher geeilt, um mich in meinen Leiden zu tröſten: wie könnten Sie das läugnen? Wo ſind Ihre Veweiſe? Meine falſchen Briefe, werden Sie ſa⸗ gen; ſobald Sie aber völlig eingeſchlafen ſein werden und das muß bald geſchehen, nehme ich Ihnen dieſe Briefe und verbrenne ſie. „Werden Sie ſich auf das Zeugniß und die Aus⸗ ſagen Ihrer Leute berufen? Erftlich ſind ſie mir er⸗ geben und dann werden ſie ſagen, was wahr iſt, Ihren Vefehlen gemäß gehandelt haben, denn Sie allein ha⸗ ben die Abreiſe angeordnet. Das iſt nicht Alles; um das Maß der Abſcheulichkeiten voll zu machen, ſetzt Ihnen einer Ihrer Verwandten nach, ein achtbarer Mann, der ohne Zweifel Ihr gottloſes Beginnen er⸗ fahren, um Ihren Fall zu verhindern. Ihre Leiden⸗ ſchaft macht Sie ſo blind, daß Sie als Mitſchuldige eines Lackeien dem tugendhaften Verfolger eine Schlinge legen, in welcher er vielleicht das Leben verloren hat⸗ Nun! was ſagen Sie? Ich fordere den gewandteſten Advokaten auf, dieſes Alles zu widerlegen.. zu ver⸗ hindern, daß Sie dem Anſcheine nicht erliegen, daß dieſer letzte auffallende Skandal Sie nicht vollends ruinire; denn ich habe es ſo eingerichtet, daß man wohl weiß, daß Sie keineswegs zu Frau Secherin gegangen, ſondern hiehergekommen ſind, mir ein trau⸗ riges und zärtliches ewohl zu ſagen. Morgen in der Frühe (Ihr wird wenigſtens acht bis zehn Stunden dauern) reife ich nach Italien ab, ich laſſe Sie ganz nach Belieben erwachen und poste restante London dem lieben Gontran ſchreiben, zurückzukommen und Sie zu tröſten, wenn das Sie werde dieſe koſtbare Fälſchung.. dieſen hölliſchen Faden, an welchem ich die Seele Gontrans und die Ihre beſtändig halten werde, überall mit mir führen. Was die hunderttauſend Thaler anbetrifft, die Ihr Mann mir ungefähr ſchuldig iſt, .. und wovon hier die Beweistitet, ſo werden Sie dieſe Urkunde morgen früh, nach meiner Abreiſe, in Stücke zerriſſen, zu Ihren Füßen finden: denn ich bin galant und ein großmüthi⸗ ger Mann.“ Dieſe letzte Infamie belebte das Wenige von Kraft und Wille, was noch in mir wach geblieben .. Herr Lugarto erhob ſich, ſchaute nach der Uhr und ſagte; „In zehn Minuten ſind Sie die Meine.“ Als ich eine verzweifelte Bewegung machte, um mich aus dem Lehnſtuhl zu erheben, in welchem ich wie feſtgebannt lag, fielen meine Augen auf ein Meſſer. Sei es, daß ich durch den Tod der Entehrung entfliehen, oder daß ich durch einen Schmerz oder einen Blutverluſt dem ſchrecklichen Zuſtande, in dem ich hülf⸗ los lag, entrinnen wollte, kurz ich erinnere mich der gewaltſamen Gedanken, die einen Augenblick meine Seele durchzuckten, kaum. Ich ergriff dieſes Meſſer, faßte meine ganze Kraft zuſammen um mir einen Stich in die Bruſt zu geben, die Klinge glitt ab und verwundete mich nur etwas an der Schulter. 36 Es war dieß ſo raſch geſchehen, daß Herr Lugarto es nicht bemerkte. Eine mir wohlbekannte Stimme rief entſetzt: „Hal⸗ ten Sie ein, Mathilde!“ Durch eine beinahe konvulſiviſche Bewegung erhob ich mich, that einige Schritte vorwärts und breitete meine Arme gegen Herrn von Mortagne aus, denn er war es. Ein Nebenzimmer verlaſſend, ſtürzte er auf mich zu. Herr von Rochegune, der ihn begleitete, faßte mit der einen Hand Herrn Lugarto am Halskragen, mit der andern ſchloß er die Thüre ab, durch welche meine beiden Erretter eingetreten waren. Achtzehutes Kapitel⸗ BVeſtrafung. Ich fühlte eine ſolche Erſchütterung beim Anblick des Herrn von Mortagne und des Herrn von Roche⸗ gune, daß ich Zanz zu mir ſelbſt kam. Vielleicht hatte auch die Wunde, die ich mir bei⸗ gebracht und die einen Aderlaß erſetzte, eine heilſame Wirkung, denn ich fühlte mich in beinahe natürlichem Zuſtande. Während Herr von Mortagne dieſe Wunde ver⸗ band, bemächtigte ſich Herr von Rochegune der Pa⸗ piere Lugarto's, der grüngelb vor Schreck gewr den war. 8 Da erſt bemerkte ich, daß Herr von Mortagne mehrere Wunden und Quetſchungen erlitten. Seine Kleider waren wie die des Herrn von Rochegune mit Koth befleckt. 37 In meiner erſten Ueberraſchung hatte ich noch nicht bedacht, wie gütig die Vorſehung zu meinem Schutze herbeigeeilt ſei. Als ich ruhiger war, dankte ich Gott für dieſe Rettung kindlich. . Ich nahm nur ſtummen Antheil an der folgenden Scene, die jedoch mit unauslöſchlichen Buchſtaben in meinem Gedächtniß aufgezeichnet iſt. So lange ſie andauerte, waren die Züge des Herrn von Rochegune, der mehr Zeuge als handelnde Perſon dabei war, ſehr finſter und verſtört und hatten vielleicht einen noch drohendern und ſchreckhaftern Aus⸗ druck, als der aufgebrachte Herr von Mortagne. So oft der feſte glühende Blick des Herrn von Rochegune auf Lugarto fiel, ſchien er Flammen zu ſprühen, mehrmals bemerkte ich an der nervöſen Zuckung ſeiner Hände, daß er großer Anſtrengung bedürfe, um ſeine ſcheinbare Ruhe zu erhalten. Und ſo oft ſich ſeine grauen durchdringenden Augen auf Lugarto hef⸗ teten, ſchien dieſer von einem ſchmerzhaften Zauber be⸗ ſtrickt zu werden. .. Nachdem mir Herr von Mortagne die erſte Pflege gewidmet hatte, ſetzte er mich in einen Lehnſtuhl und ſagte: „Zetzt, armes Kind, ſollen Sie der Verurthei⸗ lung und BVeſtrafung dieſes Ungeheuers beiwohnen . Und er wandte ſich gegen Herrn Lugarto. „Aber, mein Herr, was wollen Sie mir denn thun? Sie werden doch nicht von Ihrer Kraft Ge⸗ brauch machen wollen,“ rief dieſer, die Hände mit fle⸗ hender Miene ausſtreckend. 3 „Auf die Kniee vorerſt, auf die Kniee .. ſagte err von Mortagne mit fürchterlicher Sttmme zu ihm, indem er mit ſeiner kräftigen Hand Lugarto am Kragen ſaßte und ihn etwas unſanft auf den Boden niederzu⸗ nieen zwang. 5 „Bas iſt aber eine Hinterliſt, ein widerrechtlicher Eingriff in .. 38 „Schweig!“ rief Herr von Mortagne. „Noch ein Wort, ſo kneble ich Dich.“ Herr Lugarto ließ niedergeſchlagen ſeinen Kopf auf die Bruſt fallen. „Höre wohl,“ ſagte Herr von Mortagne . . „Du wirſt jetzt an Herrn von Lanerh ſchreiben, daß Du ihm die Fälſchung zurückſchickſt, die ihn in's Verderben ſtür⸗ zen könnte: es iſt nöthig, daß er glaubt, Du handelſt aus freiem Willen, indem Du ihm dieſes Aktenſtück zurückgibſt, und daß Niemand um Deine abſcheulichen Geheimniſſe wiſſe, Du verſtehſt mich ..“ Vie einen Augenblick veränderten Züge Lugario's nahmen nach und nach ihren dreiſten Ausdruck wieder an. Immer noch knieend, warf er einen verdächtigen Blick auf Herrn von Mortagne und antwortete: „Hal⸗ ten Sie mich für ein Kind, mein Herr? Sie können mir gewaltſam dieſe Papiere entreißen, aber ich zweifle, ob Sie mich zwingen können, zu ſchreiben, was Sie wollen, daß ich ſchreibe.. .“ „Du willſt nicht ſchreiben? . .. Nn „Nein? 4 „Nochmals, nein . . nein.“ Herr von Mortagne ſchwieg einen Augenblick, ließ ſeine Augen umherſchweifen und ſagte dann plötzlich: eune geben Sie mir den Vorhanghalter; iſt er 5id „Sehr ſolid,“ ſagte Herr Rochegune, indem er eine ziemlich lange Schnur von einer der Roſetten ablöſte. „„Was wollen Sie machen?“ rief Herr Lugarto, halbaufſtehend. Herr Mortagne drückte ihn wieder auf die Kniee nieder. „Dir dieſe Schnur um die Stirne werfen und ſie mittelſt einem Drehkreuz zuſammenziehen. (dieß Meſ⸗ 39 ſerheft wird prächtig dazu taugen) und ſie zuſammen⸗ ziehen, bis Du nachgibſt. Das iſt ein treffliches Zwangsmittel, das ich in Indien anwenden ſah... dem verdankt man, daß die Halsſtarrigſten gehorchen.“ „Sie werden das nicht thun!“ rief Lugarto zitternd, „Sie werden das nicht thun. die Gerechtigkeit. das Geſetz „Ich nehme es über mich, es bei der Gerechtigkeit zu verantworten, die Hauptſache iſt, daß Du ſchreibſt,“ ſagte Herr von Mortagne mit ſchrecklicher Kaltblütigkeit, indem er eine zulaufende Schlinge an die ſeidene Schnur machte. „Aber ich laſſe es nicht geſchehen. aber „Sieh mich wohl an .. ſieh Herrn von Rochegune an und dann ſieh nachher dies hinſterbende Weſen an und Du wirſt ſehen, ob Du Widerſtand leiſten kannſt.“ „Aber „O! genug jetzt!... Rochegune, halten Sie ihm die Hände.“ Das Geſicht Lugarto's wurde ſcheußlich vor Wuth und Entſetzen. Ich hielt mein Nastuch vor die Augen, ein kurzer Kampf entſpann ſich, nach welchem ich ein durchdringen⸗ des Geſchrei und dann von einer zitternden Stimme die Worte hörte; „Gnade. Gnade . ich will ſchrei⸗ „Dann ſchreibe,“ ſagte Herr von Mortagne. „Sie mißbrauchen Ihre Gewalt es ſind Ihrer Zwei gegen Einen. murmelte Lugartv. „Wirſt Du ſchreiben? Wirſt Bu ſchreiben 2 Herr Lugarto ergab ſich und ſchrieb folgende Zei⸗ len, die ihm Herr von Mortagne diktirte: „Ich ließ den bewußten übeln Scherz ſchon zu lange andauern, mein lieber Lanery, daher ſende ich Ihnen das fragliche Papier zurück; auch in Zukunft A dieß Geheimniß nur unter uns bleiben, denn ich 40 ſchäme mich alles des Vorgefallenen ſehr. Ich reiſe nach Italien, Leben Sie wohl. Ganz der Ihrige.“ Nachdem Herr Lugarto geſchrieben, unterzeichnete er. „Ich hoffe, das ſei Alles,“ fügte er hinzu, „ich weiche der Gewalt. . doch Geduld. Geduld!... „Schweig.. ſagte Herr von Mortagne; „wie viel ſchuldet Dir Herr von Lanery?“ „Hier in dieſer Brieftaſche ſind die Obligationen des Herrn von Lanery,“ ſagte Herr von Rochegune; „dreimal hundert zwanzig tauſend Franken.“ Herr von Mortagne ſchrieb einige Zeilen auf ein Papier, übergab es dem Herrn Lugarto und ſagte: „Hier ein Wechſel für dieſe Summe auf meinen Ban⸗ guͤier, zahlbar bei Sicht. Du wirſt ſie durch Deinen Correſpondenten einziehen laſſen.“ Dann zerriß er Gontrans Obligationen. „Aber das iſt unwürdig... aber das iſt ja Ent⸗ wendung des Eigenthums... aber.. „Und die unglückliche Verfälſchung Gontrans?“ ſagte Herr von Mortagne, ohne ihm zu antworten. „Hier iſt ſie,“ verſetzte Herr von Rochegune. Herr von Mortagne legte ſie in den Brief, wel⸗ chen Lugarto ſo eben an Herrn von Lanery ſchreiben mußte und verwahrte Alles in ſeiner Brieftaſche. Als Lugarto ſich auf ſolche Weiſe des Mittels be⸗ rauben ſah, die Qualen ſeines Opfers fortdauern zu laſſen, ſtieß er ein beinahe wildes Wuthgeſchrei aus. „Das iſt infam, das iſt Zwang.. Hinterliſt... Gewalt!“ „Du willſt alſo, daß ich Dich kneble?“ rief Herr von Mortagne. „Ich verbiete Dir, zu ſprechen, wenn Du mir keine Frage zu beantworten haſt., Schreib eiten „Aber „Rochegune, geben Sie mir die Schnur.. Lugarto hob die Augen zum Himmel und gehorchte. Herr von Mortagne diktirte ihm, wie folgt; 3 „Ich erkläre, der Frau Vicomteſſe von Lanery falſche Briefe geſchrieben zu haben, indem ich die Handſchrift ihres Gemahls nachahimte. In dieſen Briefen lud Herr von Lanery ſeine Frau ein, ſich alſobald zu ihm in ein bei Chantilly gelegenes Haus zu begeben. Frau von Lanerh, die ſich in dieſer infamen Falle fangen ließ, reiste ſogleich von Paris ab; bei ihrer Ankunft in hier, fand ſie noch einen Brief von Herrn von Lancry, der ebenfalls von mir nachgemacht war, in welchem er ſeine Frau bat, ſich nicht zu beunruhigen und ihn zu erwarten, indem er ihr anzeigte, daß er den folgenden Tag zurückkehren würde. Frau von Lancry nahm, von Ermüdung erſchöpft, das Nachteſſen an, das ich ihr bereiten ließ; ich hatte Alles, was man ihr auftrug, mit einem narkotiſchen Mittel vermiſcht; als die Wir⸗ kung dieſes Giftes ſich kund zu geben anfing, zeigte ich mich der Frau von Lanery und hatte die Grauſamkeit, ihr anzukündigen, daß ſie ein narkotiſches Mittel zu ſich genommen, indem ich ſie noch von Minute zu Mi⸗ nute auf die ſteigende Wirkung dieſes Gebräus auf⸗ merkſam machte und ſie verſicherte, daß ſie um Mitter⸗ nacht völlig eingeſchlafen und dann ganz in meiner Macht ſein werde... Bei dieſer fürchterlichen Drohung raffte Frau von Lanery, die den Tod der Entehrung vorzog, was ihr noch von Kraft und Bewußtſein blieb, zuſammen, ergriff ein Meſſer und verwundete ſich. Herr von Mortagne und Herr von Rochegune, welchen es gelang, in das Haus zu kommen, und welche, ver⸗ borgen, Zeuge dieſes ganzen Auftritts waren, traten in demſelben Augenblick in das Zimmer; da ich nun eben ſo feige als grauſam bin. „Das werde ich nicht ſchreiben..“ rief Herr Lu⸗ garto, die Feder wegwerfend. Mit verkehrter Hand gab Herr von Mortagne dem Herrn Lugarto eine tüchtige Ohrfeige. Dieſer wollte aufftehen. Herr von Mortagne drückte ihn aber auf ſeinen Stuhl zurück und ſagte: „Ich will Dir ſelbſt Mathilde. m. . beweiſen, was Du übrigens nur zu gut weißſt, daß Du ein elender Feigling biſt, ich habe Dir eine Ohr⸗ feige gegeben, nun bin ich Dir Genugthuung ſchuldig. Da ſind geladene Piſtolen, draußen iſt prächtiger Mond⸗ ſchein, Rochegune wird den Zeugen machen.. komm... Und er ergriff Herrn Lugarto beim Kragen, indem er einen Schritt gegen die Thüre ging, während Herr von Rochegune die Piſtolen nahm, die er beim Eintritt auf den Tiſch gelegt hatte. Herr Lugarto ſchäumte vor Wuth und ſchien einem heftigen Kampfe hingegeben zu ſein. „Vorwärts... komm.“ ſagte Herr von Mor⸗ tagne, der ihn mit ſich ſchleppen wollte, „komm. ich habe Ahnung, daß ich Dich tödten werde.. denn Gott iſt gerecht.. daher komm!“ Herr Lugarto erhob ſich, that einen Schritt, doch die Furcht ſiegte über das Verlangen, ſeine Schmach zu rächen; er fiel gebeugt auf ſeinen Stuhl zurück und ſagte mit erregter Stimme zu Herrn von Mortagne; „Sie ſind ein vollendeter Duellant; Sie wollen mich ermorden. Ich.. „So ſchreibe denn... daß Du ein Feigling biſt, oder ich zerbreche Dir die Rippen!“ rief Herr von Mor⸗ tagne mit ſchrecklicher Stimme. 5 Herr Lugarto bog den Kopf, ergriff die Feder wie⸗ der und fuhr fort zu ſchreiben: „Da ich nun eben ſo feige, als grauſam bin. .. „Mach' ein Einſchließungszeichen...“ fügte Herr von Mortagne bei. („Und ſo feige, daß, nachdem ich ſo eben von Herrn von Mortagne Ohrfeigen erhalten.. „Wirſt Du ſchreiben!“ Herr Lugarto zögerte wieder. Er entſchloß ſich jedoch. „Daß, nachdem ich ſo eben von Herrn von Mor⸗ tagne Ohrfeigen erhalten, ich nicht den Muth das Duell anzunehmen, das er mir anzubieten ge⸗ „Schließe die Parentheſe.“ „Ich habe die Infamien, die ich ſo eben geſchrie⸗ ben, zitternd vor Furcht erklärt und eingeſtanden. Ich erkläre auch, Herrn von Rochegune in einen Hinterhalt verlockt zu haben, der ihm von Fritz Müller, einem in meinem Lohne ſtehenden Manne, gelegt worden, wie das Geſtändniß der Inſtruktion, das von Herrn von gefordert werden wird . . . . es bezeugen „Aber,“ ſagte Herr Lugarto, ſich nochmals unter⸗ „weil ich in Alles willige ... . ſo erſparen „Wirſt Du ſchweigen ?... Schreib!“ „Geſchehn, unterzeichnet und als Wahrheit erklärt unter der Macht des Schreckens, welche Feiglinge meiner Art in Gegen⸗ wart rechtſchaffener, muthvoller Leute ſtets empfinden. Lugarto.“ Nachdem Herr Lugarto unterzeichnet hatte, warf er die Feder weg und barg ſein Geſicht in ſeinen Händen. „Jetzt höre,“ fuhr Herr von Mortagne fort, „Mor⸗ gen früh wirſt Du nach Italien abreiſen und ich ver⸗ biete Dir, verſteh' mich wohl... ich verbiete Dir, je wieder, mit einem Fuß Frankreich zu betreten, ſo ich wenigſtens nicht dazu ermächtige.. . ich verbanne Di „Das ſind Narrheiten!“ rief Herr Lugartv. „Nach Allem trotze ich Ihren Drohungen, das Geſetz wird mich ſchützen, ich werde in Frankreich bleiben, wenn es mir gefällt...“ „Höre mich an,“ rief Herr von Mortagne, ſich der ganzen Höhe ſeiner großen und robuſten Geſtalt nach aufrichtend und ſeine derbe Hand auf Lugarto's Schulter legend, ſo daß der Letztere ſich beinahe unter dieſem gewaltigen Drucke biegen mußte.. „Höre mich „ wohl an. Seit vier Monaten warſt Du der Quäl⸗ geiſt der anbetungswürdigſten Frau, die auf Erden lebt; Du haſt alles Mögliche gethan, um ihren Ruf zu beflecken, um ihren Gemahl zu erniedrigen, Du haſt die abſcheulichſte Niederträchtigkeit benutzt, um infami⸗ renden Gerüchten Glauben zu verſchaffen; Du wollteſt Herrn von Rochegune ermorden laſſen; Du warſt Ver⸗ fälſcher, um Frau von Lanery hieher zu locken, Du und Deine Mitſchuldigen, Ihr waret ſogar Mörder, in⸗ dem Ihr mir eine abſcheuliche Falle ſtelltet; Du warſt Giftmiſcher, indem Du diefer unglücklichen Frau ein Gebräu bereiteteſt, das Dir erlauben ſollte, ſo vielen Verbrechen noch ein neues beizufügen... Das haſt Du gethan. hörſt Du. hörſt Du? . Die Miene, die Stimme und der Accent des Herrn von Mortagne waren ſo drohend, daß, trotz ſeiner Dreiſtigkeit, Herr Lugarto kein Wort zu erwidern wagte. Mit wachſender Aufregung fügte Herr von Mor⸗ tagne bei, indem er mich Lugarto bezeichnete „Du weißſt alſo nicht, daß ich ihrer ſterbenden Mutter ver⸗ ſprochen, über ſie, wie über mein eigenes Kind zu wa⸗ chen? Du weißſt alſo nicht, welche Gefahren man läuft, wenn man die angreift, welche ich liebe? . Du weißſt alſo nicht, daß ohne das Intereſſe, die Triebfeder der unſeligen Herrſchaft, die Du auf Herrn von Lanery ausübteſt, zu erforſchen ich Dich ſchon mit Fußtritten aus Frankreich gejagt hätte. Denn Du fühlſt wohl, daß es einem Manne, wie mir, der ſich einem Elenden, wie Du, als Verfolger an die Sohlen heften will.. endlich gelingen wird, die Geſellſchaft von ihm zu befreien. .. und daß hiefür kein Richterſtuhl iſt! Und überdieß,“ rief Herr von Mortagne ſich nicht mehr beſitzend, „ſtehſt Du ntcht außerhalb des Geſetzes! Ich bin wahrhaftig nur zu gut, Dich nicht gleich da, dazu?“ wie einen Hund zu tödten! Hab' ich nicht das Recht * — k— — „Das Recht!...“ rief Herr Lugarto, erſchrocken über die Heftigkeit des Herrn von Mortagne. „Ja, das Recht.. ja ich habe das Recht, Dich zu tödten.. .. hier. . .. auf der Stelle. Mathilde iſt meine Anverwandte: mit Hülfe verfälſchter Briefe lockſt Du ſie hieher; ich habe den Beweis davon... Du biſt im Begriff, ein abſcheuliches Verbrechen zu begehn, als ich, ihr Freund, ihr Verwandter, komme und Dich überraſche... ich ergreife dieſe Piſtole, ich ſetze Sie Dir an den Schädel (und Herr von Mortagne ſetzte die Piſtole wirklich an Lugarto's Stirne) und zerſchmettere Dir das Gehirn Wohlan! nachher? Wer wird mich denn tadeln? Welcher Gerichtshof wird mich verdam⸗ men dürfen? Biſt Du nicht auf friſcher That ertappt? Iſt Dein Leben nicht mir verfallen, Elender ?2.. Entſetzt über die Wuth des Herrn von Mortagne, welcher immer und immer heftiger werdend, ſich ſelbſt nicht mehr kannte und ihm ſtets das geladene Piſtol an die Stirne hielt, faltete Lugarto erſchrocken die Hände; ſein Geſicht verzog ſich, er hatte nur noch die Kraft zu ſagen: „Gnade!... Gnade!... Nehmen Sie ſich in Acht, mein Gott! das Piſtol iſt geladen...“ Und er ließ ſeine beiden Arme längs den Körper e wie wenn er alle Beſinnung verloren ätte. Selbſt erſchrocken über die ſich immer ſteigernde Erbitterung des Herrn von Mortagne, ſagte Herr von Nochegune zu ihm: „Haben Sit Mitleid mit dieſem Elenden.“ „Was! hat er Mitleid mit dieſein unglücklichen Kinde gehabt, er, er?...“ rief Herr von Mortagne. „Gnade mein Gott. .. ich will ja abreiſen, wann Sie wollen... ich ſchwöre es Ihnen,“ murmelte Lugarto leiſe. Wagſt Du's noch, hier zu ſchwören ?. Nicht auf Dein Wort zähle ich, ſondern auf das meinige und ich geb' es Dir, hörſt Du2... mein Ehrenwort geb' ich Dir, daß Du keinen Fuß mehr nach Frankreich ſetzen ſollſt, und zwar aus einem Grunde, den Du ver⸗ ſtehen wirſt... Da Du nach Allem beſtraft werden ſollſt und der legale Weg mir hierin nicht dienen kann, da Du nach Allem ein Verfälſcher, ein Mörder, ein Giftmiſcher biſt, und man Deinesgleichen mit einem glühenden Eiſen zeichnet, ſo will ich Dich auch brandmar⸗ ken und zwar nicht auf die Schulter, ſondern auf die Stirne... Dich brandmarken mit einem L und einem F, damit man das gut und immer ſehe!. . Auf dieſe Art wirſt Du nicht verſucht werden, nach Frankreich zurückzukehren.“ „Aber dieſer Mann iſt ja der Teufel ſelbſt!“ rief Lugarto, entſetzt die Hände faltend und halb auf⸗ ſtehend. .. „Mein Gott! mein Gott! was wollen Sie mir denn noch mehr anhaben? Haben Sie mich denn nicht genug beſchimpft, erniedrigt?“ „Ich will Dich auf der Stirne zeichnen. Die Klinge dieſes Meſſers, hier an der Wachskerze glühend gemacht, wird hinreichen, das Gepräge unauslöſchlich zu machen.“ Bei dieſen Worten ergriff Herr von Mortagne das Meſſer, mit welchem ich mich verwundet hatte und näherte es einem der Leuchter. Herr Lugarto be⸗ trachtete ihn mit Entſetzen; er lief zur Thüre. Sie war verſchloſſen. 2 Er kam zurück, warf ſich zu meinen Füßen und ſagte mit herzzerreißender Stimme: „O! nicht das nicht das .. Madame .. haben Sie Mitleid mit mir. Ich habe Sie beleidigt . . ich war feige, voll Infamie, ich will abreiſen. .. Ich will abreiſen . und nie, nie wieder kommen. ... Nur das nicht. . O aus Mitleid! nur das nicht!“ Die Züge dieſes Mannes waren vom Entſetzen verſtört, er weinte und ſtreckte flehend die Hände ge⸗ gen Herrn von Mortagne aus. 47 * Dieſer fuhr unerweicht fort, die Klinge des Meſ⸗ ſers von der Flamme der Wachskerze belecken zu laſſen. „Aber Sie, mein Herr, Sie werden weniger un⸗ barmherzig ſein,“ rief Lugarto, ſich an Herrn von Rochegune wendend. „Ich ließ Sie verrätheriſcher Weiſe angreifen, ich geſtehe, ich bereue es; haben Sie Mitleid mit mir, bitten Sie für mich. . .. Aber um's Himmelswillen, das nicht. . .. Für das Leben! . .. bedenken Sie doch, gebrandmarkt für das Leben . auf dem Geſichte. . .. Ach! das iſt abſcheulich!. .. Das iſt ein hölliſcher Gedanke!“ Herr von Rochegune zuckte die Achſeln und ant⸗ wortete nicht. 4 „Madame, aber . . Sie . . Sie, o mein Gott! beim Andenken Ihrer Mutter, die Sie ſo ſehr liebten WMadame, bitten Sie für mich.“ Wider Willen . ungeachtet der fürchterlichen Leiden, die mir dieſer Mann zugefügt hatte, ſchauderte ich vor der Grauſamkeit dieſer Züchtigung. „Mein Freund, mein Erretter,“ ſagte ich zu Herrn von Mortagne, „überlaſſen Sie dieſen Menſchen ſeinen Gewiſſensbiſſen; er ſoll nur abreiſen, er ſoll ab⸗ Liſei „Seinen Gewiſſensbiſſen!“ ſagte Herr von Mor⸗ tagne; „haben Leute ſolchen Gelichters Gewiſſensbiſſe 2 Die Wuth, auf der Stirne das Gepräge eines glühen⸗ den Eiſens zu haben, das iſt der einzige Gewiſſens⸗ biß, den er kennen kann. Kommen Sie, Rochegune, das Meſſer iſt glühend binden wir ihm die Hände.“ „Um Erbarmen, laſſen Sie ihn,“ rief ich, „ich werde dieſer abſcheulichen Folter nicht beiwohnen. Mein Freund, ich bitte Sie dringend, eine ſolche Rache iſt Ihrer und meiner unwürdig.“ Nachdem Herr von Mörtagne den Herrn Lugarto, welcher mitten ünter Schlichzen noch Gebete und Bit⸗ ten murmelte, einen Augenblick noch betrachtet hatte, 3 1 48 ſagte er zu ihHm: „Dank' es dieſem Engel von Güte, daß ich dießmal noch Mitleid mit Dir habe.“ „O! Ihre Hand Ihre Hand, laſſen Sie mich Ihre Hand küſſen!“ rief Herr Lugarto in einem An⸗ fall unbeſchreiblichen Dankgefühls, indem er ſich auf den Knieen bis zu Herrn von Mortagne ſchleppte. . Dieſer zog ſich haſtig zurück, ſtieß ihn mit dem Fuße weg und ſagte: „Aber ich ſchwöre Dir, daß wenn Du's wagſt, nach Frankreich zurückzukehren, ſo werde ich, was ich jetzt unterlaſſe, dann beſtimmt thun; Du ſollteſt mich genug kennen, um zu glauben, daß ich vor Nichts zurückbeben werde; ich und zwei entſchloſ⸗ ſene Männer, wir werden zu dieſer Vollſtreckung hin⸗ reichend ſein und ich werde mich Deiner zu bemächti⸗ gen wiſſen. ... „Ich verſpreche Ihnen, nie nach Frankreich zurück⸗ zukehren, Alles iſt zu meiner Abreiſe bereit, mein Wa⸗ gen wird morgen hieher kommen; mit Tagesanbruch gehe ich nach Italien ab; Tag und Nacht werde ich reiſen, bis ich den Boden Frankreichs verlaſſen, ich ſchwöre es Ihnen,“ ſagte Herr Lugarto, deſſen Zähne vor Furcht klapperten. „Mathilde, mein Kind, Sie bedürfen der Ruhe,“ ſagte Herr von Mortagne zu mir, „Ihre Kammerfrau iſt da, Sie haben Nichts mehr zu befürchten. Kom⸗ men Sie, Rochegune wird bei dieſem Elenden bleiben. Morgen, wenn Sie ſich beſſer erholt haben werden, ſage ich Ihnen dann, wie wir die verruchte Abſicht . dieſes Menſchen entdeckt haben.“ Ich befolgte den Rath des Herrn von Mor⸗ 6 en und zog mich in das für mich bereitete Zimmer zurück. Bald verſank ich in tiefen Schlaf. Neunzehntes Kapitel. VDer Abſchied. Bei meinem Erwachen am folgenden Morgen, glaubte ich geträumt zu haben, doch der heftige Schmerz den meine Wunde mir verurſachte, erinnerte mich an die ſchreckliche Seene der vorhergehenden Nacht. Meine erſte Bewegung war, Gott zu danken, daß er mich errettet und mir Gontran zurückgegeben habe. Die gehäſſigen Geheimniſſe, die mich ſchon lange betrübt, waren aufgedeckt; ich zweifelte nicht, vaß hien Gatte, der künftig ruhig und ſicher ſein konnte, nicht wieder gegen mich werden würde, wie er in den erſten Tagen unſter Vereinigung geweſen. Dem unheilbringenden Einfluſſe Lugarto's maß ich all das Leid bei, das Gontran mir unwillkürlich ver⸗ urſacht hatte. Mußte er nicht, um ſeinem böſen Ge⸗ nius zu gehorchen, ſich mit der Fürſtin Kſernika be⸗ ſchäftigen ? Anfangs, ich geſtehe es, ſcheute ich mich, meine Gedanken auf die unglückſelige That zu richten, die S von Lanery in Lugarto's Abhängigkeit verſetzt atte. Und doch, um ſolch peinlichem Nachſinnen ein Ende zu machen, faßte ich Gontran's Benehmen muthvoll in's Auge. Ich ſuchte es mit allen nur möglichen Ver⸗ nunftſchlüſſen zu bemänteln. . . . Ach! ich hatte von Natur aus allzufeſte Grundſätze, um die Mittelſtraße zwiſchen einem ernſten Tadel und einer ſtrafbaren Beipflichtung finden zu können. . .. Ich betrachte Gon⸗ tran als ſchuldig. Einen Augenblick war ich beſtürzt, als ich ſah, daß dieſe unglückſelige Entdeckung meiner Liebe zu Herrn von Lanery nicht den geringſten Abbruch that. 5⁰ Ich war beinahe erſchrocken, einen, einer ſo ſchlech⸗ ten Handlung fähigen Mann noch immer zu lieben. Bitterlich beweinte ich ſeinen Fehler, es war mir ſchrecklich, mich über ihm ſtehen zu ſühlen, ihm ... eine Schlechtigkeit, wo nicht vorzuwerfen, doch wenig⸗ ſtens zu verzeihen zu haben. Dieß Gefühl wurde ſo lebhaft, ſo ſchmerzlich, daß, zufolge einer ſonderbaren Inkonſequenz, die ich mir heutzutage noch nicht erklären kann, ich, die ich für ſeine ſchändliche That keine ehrenhafte Entſchul⸗ digung finden konnte, daß ich alles Mögliche that, um mich durch mehrere Vergleichungen zu überzeugen, daß ich in einer ähnlichen Lage gehandelt hätte wie Gontran. Ich könnte Ihnen meine Freude nicht beſchreiben, als ich nach langen, reiflichen Ueberlegungen, deren eine ſeltſamer als die Andere war, mich von dieſer Art moraliſcher Mitſchuld überzeugte . und mit welch triumphirendem Glück ich erkannte, daß ich nicht mehr das Necht habe, Gontran zu tadeln. Ohne Zweifel lag in dieſer ſonderbaren Ernied⸗ rigung meinerſeits ein Nebengedanke von Aufopferung und Selbſtverleugnung, von dem ich mir damals nicht Rechenſchaft ablegte und der mich ohne mein Vorwiſ⸗ Als ich in den Salon hinabſtieg, fand ich Herrn von Rochegune daſelbſt; er erröthete und ſagte mir, daß Herr von Mortagne einige Befehle für meine Ab⸗ reiſe gebe. „Ich war geſtern ſo leidend, ſo verſtört, mein Herr,“ ſagte ich zu ihm, „daß ich Ihnen meine Er⸗ kenntlichkeit kaum ausſprechen konnte. Sie und Herr von Mortagne waren meine Erretter. Ich vergeſſe ebenfalls nicht, wie Sie in meiner Krankheit „Ich beſchwöre Sie, Madame, ſprechen wir nicht davon.. .. Sie haben mir erlaubt, mich Ihren Freund zu nennen, und ich handelte als Ihr Freund.“ ₰ „Ach! mein Herr!. . . wie kann ich Ihnen je ver⸗ gelten 2... „Indem Sie mir immer dieſen köſtlichen Namen erhalten Madame, indem Sie mir erlauben, ihn fer⸗ ne zu Seen Ich weiß nicht, warum mir plötzlich der peinliche Gedanke kam, daß Herr von Rochegune, der das Ge⸗ heimniß von Gontran kannte, ſich vielleicht berechtigt glaube, das Benehmen meines Gemahls ſtrenge zu beurtheilen. Zufolge einer jener bizarren Uebereinſtimmungen der Gedanken, wovon es ſo viele Beiſpiele gibt, fügte Herr von Rochegune im gleichen Augenblick hinzu: „Und wenn ich Sie bitte, Madame, mir zu geſtatten, mich Ihren Freund zu nennen, ſo hoffe ich zugleich, daß Sie nicht vergeſſen, wie ſehr es mich ebenfalls freuen würde, ſtets zu den Freunden des Herrn von Lanery gezählt zu werden.“ Ich bemerkte, daß Herr von Rochegune die letzten Worte abſichtlich betonte, und fand dieſe Verſicherung ſo großmüthig, ſie beſeitigte meine Beſorgniſſe ſo edel⸗ müthig, daß ich mich nicht enthalten konnte, lebhaft auszurufen: „O! Dank, mein Herr, Dank für ihn und mich!“ . Eerſtaunt über dieſe Bewegung, betrachtete mich Herr von Rochegune .. . . Wir verſtanden uns. . .. Er begriff meinen Dank, wie ich ſein Wohlwollen für Gontran begriff. Ein mildes trauriges Lächeln ſpielte um die Lip⸗ pen des Herrn von Rochegune, als er mit bewegter Stimme zu mir ſagte: „Es gibt edle Genüſſe im Leben, Madame, um ſolchen Preis iſt das Gute noch zu leicht zu vollbringen. . . . Dieſen Worten des Herrn von Rochegune folgte ein Schweigen von mehreren Minuten. Er machte mich verlegen; durch Zufall ſchlug ich * die Augen zu ihm auf; ſein Blick war unſtät und zer⸗ ₰„ ſtreut, er ſchten träumeriſch. Seine gewöhnlich ſo ſtrenge und ſtolze Phyſionomie trug den Ausdruck un⸗ ausſprechlicher Güte. Seine ſchwarzen Haare bedeck⸗ ten kaum die kürzlich erhaltene, tiefe Wunde an der Sirne, welche ich ſchon bemerkt hatte, als er mich zum erſten Male nach meiner Krankheit beſuchte. Wider Willen füllten ſich meine Augen mit Thränen, indem ich bedachte, daß ich die unfreiwillige Urſache der Hinterliſt geweſen, mit welcher man Herrn von Roche⸗ gune überfallen, als er Blondeau's Nachrichten von mir in Empfang nehmen ſollte. Da ich das Stillſchweigen brechen wollte, ſagte ich zu ihm: „Sie leiden doch nicht mehr. an der Wunde, die Sie empfangen.. Herr von Rochegune erbebte, als er meine Stimme hörte und beeilte ſich, mir zu antworten: „Ich leide nicht mehr, Madame.“ Dann, wie wenn ihm der Gegenſtand der Unterhaltung läſtig geweſen wäre, ſagte er mit tief⸗ ergriffenem Tone: „Meine ganze Furcht iſt jetzt die, die⸗ ſer elende Lugarto möchte ſich, wenn auch außerhalb Frankreich, an Herrn von Mortagne rächen.“ „Wie das?“ Dieſen Morgen reiſte dieſer Mann abz Herr von Mortagne wollte ihn in den Wagen ſteigen ſehn und ihm eine letzte zempfeynn machen. .. „Erinnern Sie ſich!“ ſagte er mit einer drohenden Geberde zu ihm. — „Für Ihre Ruhe werde ich mich deſſen nur zu wohl erinnern!!!“ antwortete Lugarto: „wie entfernt ich auch ſei . . ich werde Siezu erreichen wiſſen. „Und nachdem er Herrn von Mortagne noch die Fauſt gewieſen, befahl er den Poſtil⸗ lonen, mit verhängten Zügeln abzufahren... O! Ma⸗ dame, es iſt unmöglich, etwas Häßlicheres zu ſehen, als das Geſicht dieſes Mannes im Augenblicke, wo er dieſe letzte Drohung vorbrachte: Haß, Rache, Entſetzen, Wuth miſchten ſich in fürchterlicher Aufregung darin.“ „Großer Gott!“ rief ich, „er iſt fähig, ſogar im Aus⸗ lande irgend einen niederträchtigen Anſchlag gegen Herrn von Mortagne auszufinnen; in ſeinem Reichthum fin⸗ det dieſer Menſch ſo viele Hülfsquellen, um ſeine hölliſche Bosheit zu ſättigen!“ „Ich theile Ihre Beſorgniſſe,“ ſagte Herr von Ro⸗ chegune, „und unglücklicher Weiſe bin ich genöthigt, Herrn von Mortagne zu verlaſſen . . . Ohne das. . hätte ich über ſeine Tage wie über die meines Vaters gewacht...“ „Und wohin gehen Sie denn, mein Herr?“ „Nach Griechenland, Madame, um den Feldzug ge⸗ gen die Türken mitzumachen. Es gibt da eine edle und heilige Sache zu vertheidigen . . . Und dann bedarf ich der Aufregung, der Unruhe.. .“ „Es iſt dieß, wie man ſagt, ein oft gräßlicher Krieg, ohne Gnade noch Erbarmen. . .“ ſagte ich mit Theilnah⸗ me zu Herrn von Rochegune. „Das iſt ein Krieg, wie alle Kriege, Madame,“ verſetzte er mit melancholiſchem Lächeln, „man tödtet oder man wird getödtet... Nur ſtirbt man in dieſem für eine großmüthige Heldennation ... und dieß iſt ein ſchö⸗ ner und großer Tod.“ „Das find aber traurige Vorgefühle,“ ſagte ich zu ihm, „geben Sie ſich nicht ſolchen hin. Ich, ich habe die Hoffnung und ſogar die Ueberzeugung, daß Ihre Freunde Sie wiederſehen werden.“ „Und ich theile dieſe Ueberzeugung, Madame. Man hat nicht das Recht, gleichgültig gegen das Leben zu ſein, wenn man die geringſte Ausſicht hat, denjenigen, welche man liebt und ehrt, nützlich ſein zu können.“ Herr von Mortagne trat ein. Er ſchien ſehr auf⸗ geregt. „Ich erfuhr ſo eben eine andere Infamie dieſes Lu⸗ garto. Ihre Kammerfrau, die ich mit Fragen und Dro⸗ bungen zum Eingeſtändniß drängte, erklärte mir dieſen Augenblick, daß ſie durch dieſen Mann bei Ihnen ange⸗ ſtellt wurde und daß endlich, um Ihre treffliche Frau Blondeau Ihrer Begleitung zu verhindern, dieſe Krea⸗ tur nach dem Befehle Lugarto's ein gewiſſes Pulver in 54 ihren Trank gemiſcht hätte, was Blondeau krank genug machte, um Ihnen nicht folgen zu können.“ „Mein Freund, Herr von Rochegune, ſagte mir, daß Lugarto bei ſeiner Abreiſe...“ „Ja, ja. er hat mir gedroht... ich erwarte wohl irgend eine Teufelei, aber ich werde auf meiner Hut ſein Alles, was ich wollte, war, Sie von ihm zu befreien und es iſt mir gelungen, denke ich... Nichtsdeſtoweni⸗ ger reut es mich, ihn nicht gebrandtmarkt zu haben... das wäre eine Bürgſchaft mehr geweſen.“ „Und auch ein Grund des Haſſes und der Rache mehr für dieſen Menſchen,“ ſagte ich zu ihm. „Wenn man ſich von ſolcher Furcht aufhalten ließe, ſo thäte man niemals Etwas,“ erwiderte Herr von Mor⸗ tagne. „Ich weiß wohl, gegen wen ich zu kämpfen habe .. Doch Sie ſollen erfahren, wie ich die Spur dieſes abſcheulichen Anſchlags verfolgen und entdecken konnte. Einige Zeit nach Ihrer Rückkehr von Chan⸗ tilly vernahm ich durch Rochegune die gottloſen Ge⸗ rüchte, die Lugarto über Sie in Umlauf ſetzte; ich war krank und außer Stande, auszugehen.. Die erſte Re⸗ gung Rochegune's war, Lugarto aufzuſuchen und ihm Schweigen anzuempfehlen; er kannte ihn ſeit langer Zeit und wußte, wie feige er iſt, daher zweifelte er nicht, daß eine kräftige Drohung ihn einſchüchtern würde; ich vermochte ihn, es nicht zu thun, denn ich hatte nach London geſchrieben, um Erkundigungen über das Leben des Herrn von Lancry vor ſeiner Verheira⸗ tung daſelbſt einzuziehen.“ Da Herr von Rochegune ſah, daß das Geſpräch nun auf Herrn von Lanery fallen werde, ſagte er aus einem ausgezeichneten Schicklichkeitsgefühle, deſſen ganze Delikateſſe ich zu ſchätzen wußte, zu Herrn von Mor⸗ tagne: „Ich ſollte einige Befehle für unſre Abreiſe er⸗ theilen, daher verlaſſe ich Sie.“ Er grüßte mich und ging. Herr von Mortagne fuhr fort: „Man ſagte mir, 55 Herr von Lanery habe in London viel Geld verſchwen⸗ det und dieſes Geld ſei ihm, nach allgemeinen Gerüch⸗ ten, von Lugarto gekiehen worden. Indem ich dieß mit einigen andern Umſtänden zuſammenbrachte, er⸗ rieth ich leicht, daß Ihr Gemahl von dieſem Menſchen abhängig ſei, ohne jemals zu glauben, daß dieſe Ab⸗ hängigkeit durch den Ihnen bekannten Vorfall noch unumſchränkter und gefährlicher geworden ſei; ich ver⸗ mochte daher Rochegune, ſich zu gedulden und meine Wiederherſtellung abzuwarten. Ein ſehr zuverläßiger Mann, der mir ſeit zwanzig Jahren dient, veranlaßte einige Bedienten Lugarto's zum Plaudern. Durch dieſe erfuhr ich dann, daß ſie Herrn von Lanery ſich oft mit ihrem Gebieter einſchließen geſehn und Erſtern ihren Herrn bitten und flehen gehört hätten, ihn nicht in's Verderben zu ſtürzen. Dieſe Berichterſtattung bewies mir, daß es ſich da um Andres, als um bloße Geld⸗ verpflichtungen handle, ich wollte dieß Geheimniß um jeden Preis erforſchen und Sie vor den ſchlechten Ab⸗ ſichten Lugarto's ſicher ſtellen; er kannte meine Zunei⸗ gung zu Ihnen. Ich bemerkte bald, daß ich ausſpiv⸗ nirt werde, denn dieſer Menſch hat ſich mit ſeinem Gelde eine Art Polizei geſchaffen, vermittelſt welcher er eine Menge Geheimniſſe entdeckt, die er bei Gelegenheit nützt oder mißbraucht, wie Sie es hinſichllich der Fürſtin Kſernika und der Frau von Richeville geſehen haben. Um ſeinen Argwohn abzuwenden, verließ ich Paris; ſeine Spione verloren meine Spur, es war ungefähr um die Zeit Ihrer Krankheit. .. Nach Verfluß mehre⸗ rer Tage kam ich wieder, um mich in einem abgele⸗ genen Quartiere niederzulaſſen, ich beobachtete die Schritte Lugarto's nicht weniger, denn ich wußte ſo gut als er, daß Schurken beſtechlich ſind. Da nun be⸗ reits alle ſeine Leute Mitſchuldige irgend einiger ſeiner ſchlechten und ſchändlichen Handlungen waren, ſo wurde es mir möglich, einige ſeiner Bedienten zu er⸗ kaufen und ſo vernahm ich denn, daß er ſeit einiger Zeit ein einſam gelegenes Haus in der Nähe von Chantilly gemiethet und ausmöblirt habe.. Das war dasjenige, in welchem wir uns nun befinden. Ich kam, mich perfönlich von der Thatſache zu überzeugen und mir die Lage dieſer Wohnung zu merken. Ich wußte, daß Lugarto Handſchriften mit verabſcheuungswürdiger Geſchicklichkeit nachahme. Da ich eine Argliſt befürch⸗ tete, ließ ich Ihnen durch Rochegune ſagen, Ihren Ge⸗ mahl nie zu verlaſſen, indem ich ganz richtig vermu⸗ thete, Lugarto werde den Augenblick ſeiner Abwrſen⸗ heit wählen, um Ihnen einen hölliſchen Streich zu ſpielen. Der Auftritt bei Tortoni ging vor, erſt am zweitfolgenden Tage erfuhr ich ihn von Rochegune, ich ſandte zu Ihnen, man ſagte mir, daß Sie ſoeben ab⸗ gereist ſeien, um ſich zu urſula zu begeben und daß Herr von Lanery auch auf Reiſen wäre; ich ſandte zu Lugarto; er mußte, ſagten ſeine Leute, wegen eines Degenſtichs das Bett hüten; vor Allem war ich über Ihre Trennung von Gontran beſtürzt; eine Stunde Aufſchub oder Zögerung konnte Alles verderben . .. wenn Sie wirklich zu Frau Secherin gegangen wären, ſo konnten Sie nicht Gefahr laufen, wir durften uns daher nicht mit dieſer Hypotheſe beſchäftigen; auf gut Glück entſchloſſen wir uns, hieher zu eilen. Wir hät⸗ ten Sie am Abhange von Luzarches erreicht, als die⸗ ſer Teufelskerl uns in einem Haufen FPflaſterſteine um⸗ werfen ließ; der Sturz war fürchterlich; ich blieb ei⸗ nige Augenblicke beſinnungslos. . 0 „Mein Gott . mein Freund . und um mei⸗ nerwillen ſchon ſo viel Gefahren beſtanden.“ „Dieſe Gefahren dürfen nicht gerechnet wer⸗ den, mein armes Kind, wenn ſie mich nur nicht zu ſpät kommen laſſen. ... Dem Himmel ſei Dank, dieß⸗ mal war dem nicht ſo. Nach einigen Augenblicken Be⸗ täubung kam ich wieder zu mir. . . Ich war, ſowie Rochegune, mit einigen tüchtigen QOuetſchungen davon gekommen aber unſre Pferde waren unfähig zu laufen, unſer Poſtillon hatte ein Bein gebrochen, mein Wagen lag in Trümmern. . .. Wir zählten die Se⸗ kunden; zu Fuß brauchten wir mehr als eine Stunde, um uns hieher zu begeben; wir machten uns auf den Weg. ... Glücklicherweiſe trafen wir nach einer Vier⸗ telſtunde die zurückkehrenden Pferde, die Sie hieher⸗ geführt hatten. Bei einer genauern Beſchreibung, die wir von den Pvſtillonen erhielten, hegten wir keinen Zweifel mehr, daß Sie es waren. Rochegune und ich nahmen nun die beiden Sattelpferde und ſprengten in raſender Eile davon, in einer halben Stunde waren wir noch einige Schritte von dieſem Hauſe weg. Um teinen Argwohn zu erregen, ließen wir unſre Thiere in ziemlicher Entfernung harren. Alle Fenſter waren geſchloſſen, aber man ſah Licht durch die Fenſterladen. Wir waren ſchon entſchloſſen, heftig an die Thüre zu klopfen, als ein Fenſterflügel des Erdgeſchoſſes ſich öff⸗ nete; es war Ihre Kammerfrau, die ohne Zweifel Luft ſchöpfen wollte. In einem niedern Sale ſahen wir eine alte Frau und Fritz; die Piſtolen in der Hand, waren wir mit einem Sprunge ihnen vorüber im Zim⸗ mer. Rochegune ſtellte ſich an die Thüre, ich ans Fen⸗ ſter. Von ßurcht ergriffen, fielen dieſe Elenden auf die Kniee. Es muß da ein Holzbehälter, ein Keller irgendwo ſein, ſagte ich zu ihnen, führet uns 'hin oder wir ſchießen Euch nieder. Zur Rechten unter der Haus⸗ flur befindet ſich die Kellerthüre, ſagte die Alte zu mir. Fünf Minuten nachher waren Fritz und die beiden Frauen eingeſperrt. Wir traten in das Vorzimmer des Salons, in welchem Sie ſich befanden; wir hör⸗ ten ſprechen; es war Lugarto, der Ihnen ſeine ab⸗ ſcheulichen Anſchläge enthüllte. Dieſe Enthüllungen konnten uns dienen; wir warteten bis zum Augen⸗ blicke, wo Sie, arme Frau, ſich ſo muthvoll ver⸗ wundeten „Edler, großmüthiger Freund,“ ſagte ich zu Herrn „Mathilde. U. 5 58 von Mortagne, ſeine Hände in den meinigen drückend, „immer immer ſind Sie da . wo es gilt, mir beizuſtehen oder mich zu erretten!“ „Ja gewiß, immer da. . .. Welches Intereſſe hätte ich denn ohne Sie noch im Leben? Aber ſagen Sie mir, mein Kind heute noch muß dieſer Brief an Ihren Mann auf die Poſt gegeben werden; er wird ihn bei ſeiner Ankunft in London erhalten und die unglückliche Fälſchung darin finden, die ihm ſeine Freiheit zurück⸗ gibt. Um die boshaften Ausſtreuungen Luggrto's zu vereiteln, Ihre Abreiſe von Paris zu erklären, und damit Ihr Mann keinen Verdacht hege, von dem, was ſich dieſe Nacht zugetragen hat, müſſen Sie auf das Landgut der Frau Secherin reiſen; ſobald Sie dort ſind, werden Sie Ihrem Manne ſchreiben, daß, da Sie nicht ohne ihn in Paris bleiben wollten, Sie ſich für die Dauer ſeiner Abweſenheit zu Urſula begeben hätten. Ihren Brief adreſſiren Sie in Ihr Haus in Paris, damit er ihn bei ſeiner Ankunft daſelbſt vor⸗ finde.“ - 3 „Aber, mein Freund, warum Gontran nicht Alles ſagen?“ „Warum? armes Kind! Weil Ihr Mann om Angenblick an, wo er Sie von der Schlechtigkeit; die er begangen, unterrichtet wüßte, Sie haſſen würdel.. er müßte vor Ihnen erröthen.. und nie würdeß er Ihnen ſeinen Feyn verzeihen.“ „Ach! könnten Sie glauben?“ „Hören Sie, Mathilde. ich will nicht richten, ich will in Herrn von Lanery nur den Mann ſechen, den Sie lieben; Ihre edle und heilige Zuneigung ſt ſein Schutzbrief in meinen Augen; aber endlich. ſtien Sie gerecht, hat er den Muth gehabt, Ihnen dieß ſelige Geſtändniß zu machen, als er Sie ſo unglüt wußte um der ſchändlichen Vertraulichkeit willen einem Manne, den er verachtete? Nein, er zog die infamirendſten Gerüchte über Sie glaubwürdig zu machen.“ „Aber offen mit Lugarto brechen, hieße ſich in's Verderben ſtürzen.“ „Ihr Ruf wäre aber gerettet worden, Ihr Ruf, unglückliche Frau, die Sie an allen dieſen Schlechtig⸗ keiten unſchuldig waren. .. Wäre Ihr Mann nicht ein abſcheulicher Egviſt geweſen, ſo hätte er den Folgen ſeines Fehlers muthvoll getrotzt, ſtatt Sie in den Au⸗ gen der Welt erniedrigen zu ſehn... Hat er nicht nach dieſem Auftritt bei Tortoni, welcher wenigſtens einen Stral von großmüthiger Entrüſtung in ihm er⸗ kennen ließ, allen Forderungen Lugarto's auf's Neue gehuldigt? Hat er Sie nicht, ſo zu ſagen, ſeinen gott⸗ loſen Verſuchungen feige überlaſſen.. Sehn Sie, Mathilde, mein armes, liebes Kind! es bedarf der ganzen Achtung, der ganzen Bewunderung, welche Ihre Ergebung mir einflößt, um mich zu enthalten, meine Gedanken unumwunden auszuſprechen... Ich will Sie nicht noch hr betrüben... Nur, glanben Sie's mei⸗ ner Erfahig, ſagen Sie Gontran nie, daß Sie ſein Gheinß kennen.. Dieß Geſtändniß wäre Ih⸗ nen heilbtügend.. Ich wiederhole es, der Mann, welcher in d fürchterlichen Lage, in welcher Sie ſich befunden, nitht hinreichend Vertrauen zu Ihrem Herzen hatte, um Ihn Alles zu geſtehen, dieſer Mann wäre unerbittlich, enn er Sie von einem Geheimniß unter⸗ richtet wüßte, das er mit ſo viel Hartnäckigkeit ver⸗ barg.“ 7 „Wenn äber Gontran' endlich meinen Aufenthalt in dieſem Hauſe doch entdecken ſollte?“ „Daran habe ich gedacht... Ich habe auch gedacht, daß Lugarto in einer neuen Bosheit, deren Zweck ich freilich nicht begreifen konnte, im Stande wäre, Ihrem Manne Alles zu ſchreiben; dann würde aber dieſe von Lugarto unterzeichnete Erklärung, mein und Rochegune's 3 Zeugniß hinreichen, Sie vor jeder Verläumdung zu ſichern, denn man muß auf Alles bedacht ſein .. .“ „Ich werde Ihren Rath befolgen,“ ſagte ich ſeuf⸗ zend zu Herrn von Mortagne, „jedoch geſtehe ich, daß es mir ſchwer fällt, Gontran Etwas zu verbergen... Ohne zu antworten, ergriff Herr von Mortagne meine Hände und betrachtete mich einige Angenblicke ſchweigend . .. Auf ſeinem charakteriſtiſchen Antlitz lag unaus⸗ ſprechliche Rührung. Wider Willen mußte er weinen .. Ich könnte Ihnen nicht ſagen, wie tief gerührt ich war, als ich die Thränen dieſes ſo energiſchen und entſchloſ⸗ ſenen Mannes fließen ſah. „Mein Bott! was haben Sie, mein Freund?“ rief ich, ohne gleichfalls meinen Thränen gebieten zu können. „Ich ſehe Sie noch nicht für die Zukur⸗t glück⸗ lich. Armes Kind... Ihr Mann iſt von einer ab⸗ ſcheulichen Botmäßigkeit befreit, Ihr Vermögen wieder hergeſtellt.., Herr von Lanery hat ſich gräßliche Fehler zu verzeiten und Reue ſollte von Natur aus gute Seelen noch beſſer machen. .. Und doch fürchte ich, doch bin ich nicht beruhigt.. .“ „Das ſind eitle Befürchtungen, mein Freund . .. Ihre Zuneigung zu mir ängſtigt Sie grundlos . glau⸗ ben Sie mir's . „Ach! möchte ich mich täuſchen,“ verſetzte Herr von Mortagne mit traurigem Kopfſchütteln. „Apropos,“ ſagte ich zu ihm, „die beträchtliche Summe, die Sie für uns ausgelegt haben. . . . die geben wir Ihnen zurück, nicht wahr, das iſt ausgemacht?“ „Hören Sie, Mathilde, ich habe ungefähr ſechzig⸗ tauſend Livres Einkünfte; während der Jahre, die Fräulein von Maran mich unter Venedigs Bleidächern zubringen ließ, machte ich gezwungene Erſparniſſes ich habe wenig Bedürfniſſe und wende faſt meine ganzen Einkünfte an, um ſtilles und edles Unglück zu mildern; —— 61 da ich keine andern Erben als Sie habe, ſo iſt alſo dieſe Summe eine Vorſtreckung auf die Erbſchaft hin.“ „Mein Freund, doch...“ „Hören Sie mich weiter: Ihr Heiratskontract ward ſo unloyal abgefaßt, daß Sie, die Sie allein Vermö⸗ gen in dieſe Verbindung gebracht, kein Recht auf ir⸗ gend welche Bedingung haben, Ihr Mann kann Sie Ihres ganzen Vermögens berauben und völlig zu Grunde richten. Glücklicherweiſe bin ich da... mein Vermögen ſichert Ihre Zukunft...“ „Mein Freund befürchten Sie das nicht; ich verſichere Sie, daß Gontran ſeinen Hang zur Ver⸗ ſchwendung verloren hat... er ſpielt nicht mehr...“ „Der Hausſtand, den Sie in Paris hielten, war ſchon zu beträchtlich für Ihr Vermögen, ich bin über⸗ zeugt, daß wenn ſich Herr von Lanery von Lugarto befreit ſieht, er ſich auf's Neue thörichten Verſchwen⸗ dungen hingibt... Nachdem Ihr Hotel bezahlt, haben Sie jetzt noch netto hunderttauſend Livres Einkünfte; wohlan! in Zeit von fünf bis ſechs Jahren kann Ihr Mann Alles durchgebracht haben... Ich kenne die Verſchwender.“ „Aber, mein Freund.. .“ „Aber, mein Kind, die Schande hielt ihn nicht zurück, eine Fälſchung zu machen, um ſich Geld zu verſchaffen... Welch' ein Zügel wird ihn aufhalten, wo er mit vollen Händen aus Ihrem Vermögen ſchö⸗ pfen kann?.. Verzeihung... Mathilde... ich betrübe Sie; aber es gibt ſtrenge Wahrheiten, die man aus⸗ zuſprechen wagen ſoll.. Nie habe ich dieſe Pflicht ver⸗ ſäumt, nie werde ich ihr untreu werden... Ich beſchwöre Sie, leiſten Sie den Verſchwendungen Ihres Mannes den möglichſten Widerſtand; um Ihrer, ja ſogar um ſeiner willen faſſen Sie dieſen Entſchluß... Ich, ich will ihm Nichts ſagen; ich will meinen Entſchluß für außerordentliche Fälle aufbehalten. Er iſt heftig, auf⸗ brauſend, ungeduldig bei Ermahnungen, gleichviel, wenn Ihr Vortheil mich zu ſprechen auffordert. ſo werde ich ſprechen und zwar ſo, daß ich angehört und verſtanden werde, dafür ſehe ich Ihnen. Nun leben Sie wohl, mein Kind .. Beim geringſten Ereigniß ſchreiben Sie mir nach Paris und zählen Sie zu allen Zeiten auf mich . . . und auf Rochegune.. Was Den anbetrifft, ſo möge Gott ihn mir erhalten .. denn er wird einen fürchterlichen Krieg mitmachen und er iſt nicht der Mann, ſich dabei zu ſchonen ... Leben Sie wohl, nochmals leben Sie wohl! Ich will Ihnen Blon⸗ veau zu Frau Secherin ſenden; einer meiner Bedienten, der geſtern bei mir war und ſoeben mit meiner Kaleſche angekommen iſt, ſoll Sie begleiten. Er iſt ſchon lange bei mir, Sie dürfen ſich daher auf ihn verlaſſen. Sie können die Kammerfrau, die Sie mitgebracht haben, bis zur Ankunft Blondeau's behalten, aber dann jagen Sie dieſelbe weg und bei Ihrer Rückkehr in Paris ma⸗ chen Sie Kehraus mit Ihrem Geſinde, damit nicht etwa eine gefährliche Kreatur Lugarto's zurück bleibe, und beſtellen Sie nachher Ihr Haus nur mit äußerſt gut empfohlenen Leuten. Nun noch ein Lebewohl.“ Unter ſüßen Thränen umarmte ich dieſen mic Freund ein letztes Mal. Ich drückte Herrn von Nochegune herzlich die Hand und reiste dann nach der Touraine ab, mir ein Feſt daraus machend, Urſula durch meinen unerwarteten Be⸗ ſuch zu überraſchen. maſſivem, hölzernen Geländer hinauf, welche auf einen langen Corridor mündete, auf den mehrere Thüren ſich öffneten. Urſula trat in eine derſelben. Wir gingen durch ein kleines Vorzimmer und dann befand ich mich in einem großen Gemach, welches alterthümlich getäfelt war. Im Hintergrund ſtand ein Himmelbett, das mit Vorhängen von chineſiſcher Stickerei auf weißem Grunde verſehen war. Ueber den Thüren und dem Kamin ſah man in hölzernen Rahmen Schäferſcenen in Wattau's Geſchmack, hellgrüne Bäume, ein blauer Himmel, Schä⸗ ferinnen in roſenrothen Jäckchen, Schäfer in himmel⸗ blauen Röcken, zu deren Füßen Schaafe lagen, weiß wie Schnee, mit rothen Bändern um den Hals. Es iſt mir unmöglich, zu beſchreiben, wie ſehr ich mich durch den Anblick dieſer Schäferſcenen erfreut fühlte. Sie waren zweifelsohne unnatürlich, allein die lachende, ländliche Ruhe, welche aus ihnen ſprach, erquickte mei⸗ nen Sinn. Große Fenſter mit kleinen Scheiben gingen auf den Garten hinaus und gewährten einen Anblick der Loire. Eine Kommode und ein Secretär von Mahagonyholz, mit grün und rother Einfaſſung, grau angeſtrichene Möbel mit Ueberzügen von rother und weißer Leinwand vervollſtändigte die Ausrüſtung dieſes Zimmers. Urſula ſchien beſchämt über dieſe Einfachheit, ich aber fand Richts heiterer, Nichts einladender. Zwei andere Zimmer, im nämlichen Geſchmack eingerichtet, von welchem das eine als Salon dienen konnte, hingen mit dem erſteren zuſammen. „Befändeſt Du Dich hier in der That nicht zu ſchlecht eingerichtet?“ fragte Urſula. Ich befinde mich hier ſo ſehr nach meinem Ge⸗ ſchmack, daß, wenn Herr von Lanery, wenn er mich abzuholen kommt, einige Zeit hier bleiben will, Du viele Mühe haben wirſt, uns los zu werden; das ſag ich Dir zum Vorqus. „Ich glaube Dir, gute Mathilde, aber ich beſorge nur, daß die hieſige Lebensweiſe Dich bald langweilen wird, obgleich Du ſie Dir jetzt mit dem ganzen Zau⸗ ber Deiner Einbildungskraft ausſchmückſt. Auch fürchte 5 ich, die Geſellſchaft meiner Schwiegermutter, der Frau Secherin, werde Dir bald uncrträglich werden.“ Aber Dein Mann ſagt ja, ſie ſei die beſte Frau von der Welt. „Die Söhne ſind immer nachſichtsvoll. Du wirſt ſie ſehen; ſie iſt ohne Geiſt, ohne Lebensart, von über⸗ ſpannter Frömmigkeit, von einer Zähigkeit, die eine unglaubliche Feſtigkeit des Charakters heißen könnte, wenn ſie mit eben ſoviel Verſtand, als Willen, gepaart wäre. Niemals haben weder ich noch ihr Sohn es bei ihr dahin bringen können, in dieſem Hauſe die ge⸗ ringſte Veränderung vorzunehmen und die Zahl des Geßndes zu vermehren. Ihre ewige Antwort lautet: Mein guter, ſeliger Secherin fand, daß es ſo gut wäre. Du, meine gute Mathilde, die, wie man ſagt, eines der trefflichſten und modiſchſten Häuſer in Paris befitzt, darfſt Dich daher auch nicht zu ſehr darüber luſtig machen, daß wir bei Tiſche durch zwei plumpe Bauer⸗ mädchen bedient werden. Es iſt dies ein Eigenſinn meiner Schwiegermutter, von welchem Nichts in der Welt ſie abzubringen vermochte.“ Ich ſah Urſula an, ohne ihr meine Traurigkeit verbergen zu können. Wie, ſagte ich, Du kennſt mich ſo ſchlecht, Urſula, daß Du glauben kannſt, ich würde eine ſolche Klein⸗ lichkeit auch nur beachten? Denk' ich nicht vor Allem an das Vergnügen, bei Dir zu ſein? Es ſchlug gerade ſieben Uhr. „Ich will Dir ſchnell Deine Kammerfrau ſchicken,“ ſagte Urſula. „Frau Secherin ſpeist Punkt acht Uhr zu Abend. Ja, ſie ißt zu Abend, denn Nichts konnte 1 ſie bewegen, ihre altfränkiſchen Gewohnheiten zu ändern, und ſie beſitzt ſo wenig Lebensart, daß ſis ohne Dich zu Tiſche gehen würde, ſo Du nicht bereit wäreſt.“ Und ich wäre untröſtlich darüber, meine gute Ur⸗ ula, denn Deine Schwiegermutter würde in meiner unpünktlichkeit einen Mangel an Achtung erblicken, und Du weißt, daß mir Nichts ehrwürdiger, als Familien⸗ gebräuche. Urſula ging weg. Ihre Beſorgniſſe, ihre Bemerkungen, thaten mir um ihrer willen leid. Sie ſchien faſt gedemüthigt, um nicht zu ſagen, verdroſſen über die Einfachheit des mir gewordenen Empfangs, und man hätte leicht auf die Vermuthung kommen können, ſie denke noch mehr an ihren Stolz, als an mich. Jetzt fiel es mir auch bei, daß meine Couſine, während ſie mir ihre Freude und ihr Glück, mich wieder zu ſehen, betheuerte, dennoch über meine Ankunft ver⸗ legen ſchien. Anfänglich ſchrieb ich dieſe Befangenheit den kindiſchen Beweggründen zu, deren ich erwähnte, bald aber ſollte ich die wahre und jämmerliche Urſache ihrer Verlegenheit ſehen. . Ich zog mich ſehr ſchnell und möglichſt einfach an. Urſula klopfte an meine Thüre. „Du wirſt meine Schwiegermutter entſchuldigen,“ ſagte ſie, daß ſie Dich nicht willkommen geheißen, allein das Gehen wird ihr ſauer, und es wäre mühevoll für ſie geweſen, die Treppe heraufzuſteigen. Mein Mann kommt gerade aus der Fabrik, nund wir werden ihn im Salon treffen.“ So laß uns ſchnell hinabgehen, denn ich bin ent⸗ ſchloſſen, die Eroberung Deiner Schwiegermutter zu machen, ſagte ich lachend. „O, das wird Dir keine geringe Anſtrengung ver⸗ urſachen, denn ich mochte, ſo viel ich wollte, von Dei⸗ nem Rang ſprechen, von der Stellung Deines Mannes, — von eurem Reichthum und eurer Eleganz — ſie ſchien deßhalb durchaus nicht geneigt, Deiner wegen mehr Umſtände zu machen, als ſie wegen einer Bürgersfrau machen würde. Du wirſt dieſen Mangel an Erziehung entſchuldigen, nicht wahr?“ . Dieſe Einfachheit gibt mir im Gegentheil noch eine beſſere Meinung von Deiner Schwiegermutter, meine liebe Urſula, und es muß mir durchaus gelingen, ihr Wohlgefallen zu erlangen. Wir gingen hinab und traten in einen Speiſe⸗ ſal, wo der Tiſch bereits gedeckt war; dann in ein Zimmer, in welchem Frau Secherin ſich befand. Ich erinnere mich noch der geringfügigſten Umſtände dieſes Auftrittes, denn er ergriff mich, um mich ſo auszudrücken, durch die Harmonie, welche zwiſchen Frau Secherin und allen ſie umgebenden Gegenſtänden herrſchte. Ich kam von ſolchen Aufregungen her, daß ich vor Allem einen unſäglichen Reiz in Allem finden mußte, was Gedanken von Stille und Ruhe erweckte. Die Fenſter und Glasthüren dieſes Salon öffne⸗ ten ſich auf einen Blumengarten. Ein Kronleuchter von Bergkryſtall, ſorgfältig mit weißer Gaze verhüllt, 32 hing von einem mächtigen Balken nieder, welcher die Decke durchzog. Da und dort hingen, allen übrigen Schmuck vertretend, an dem grauen Tafelwerk vergol⸗ dete Rahmen, welche mit Kreide gezeichnete Köpfe ent⸗ hielten, Studien, die Urſula's Mann gezeichnet, als er auf dem Collegium zu Tours war, und die er ſeinem Vater und ſeiner Mutter zu ihren Namenstagen ge⸗ widmet hatte. Auf dem Marmor des Kamins ſtanden eine Pen⸗ deluhr und Armleuchter von vergoldeter Bronze, welche, gleich dem Kronleuchter, mit Gaze überzogen waren. Zwei Schränke von Mahagony, Armſtühle und zwei Canapee's mit einem weißen Ueberzug machten das * 71 übrige Geräthe dieſes Zimmers aus, das mit rothen, äußerſt reinlichen Flieſen gedielt war. Frau Secherin ſaß auf einer Bergere, welche in der Niſche eines der offenen Fenſter ſtand, und unter welcher ein ſchöner Buſch von Roſen blühte. Ein alter, grauer Papagei mit rothem Halsband ſchritt gravitätiſch auf dem Fenſtergeſims auf und ab. Urſula's Schwiegermutter trieb in abgemeſſener Bewegung ihr Spinnrad. Sie war eine Frau von etwa ſiebenzig Jahren, in ein ſchwarzes Gewand und eine weiße Battiſthaube ohne allen Beſatz gekleidet, welche ihre blaſſe Stirne und ihre eingefallenen, gerunzelten Wangen eng um⸗ ſchloß. Beim erſten Anblick erſchien dieſes Geſicht nur ein⸗ fach, ſanft und ernſt, bei aufmerkſamerer Betrachtung aber entdeckte man in demſelben den Ausdruck der Fe⸗ ſtigkeit, während der tiefe und forſchende Blick der it eine lange Gewohnheit der Beobachtung ver⸗ rieth. Ich war ſogleich überzeugt, daß Urſula gegen ihre Schwiegermutter eingenommen ſei und ſie ungerecht beurtheilte. Was mir vornehmlich bewies, daß Frau Secherin keine gemeine Frau ſei, war der Umſtand, daß ſie mich mit freundlicher Würde und ohne alle Befangen⸗ heit empfing. Als ich eintrat, erhob ſie ſich mühſam, ſtützte ſich uf die Lehne ihrer Bergsre, grüßte mich herzlich und agte: „Sie ſind recht gut, gnädige Frau, daß Sie meine Schwiegertochter beſuchen. Wir werden Alles thun, mein Sohn und ich, was immer in unſeren Kräften ſteht, daß Sie ſich hier gefallen.“ Warum ſollte ich mir hier nicht gefallen, Madame? verſetzte ich. Ich bin bei einer Schweſter, die ich liebe 72 und deren Mann ich achte, und Sie empfangen mich mit einer Herzlichkeit, die mich noch mehr hoffen läßt. „Ich fühle mich ſehr geneigt, Sie zu lieben. Mein Sohn hat mir geſagt, daß Sie eine brave, edle Dame wären; die braven Leute lieben ſich, und ich hoffe da⸗ her, daß Sie mit uns zufrieden ſein werden.“ Ich bezweifle es nicht, Madame. „Wir machen keine Umſtände,“ fuhr Frau Seche⸗ rin fort, ſich wieder zu ihrem Spinnrad ſetzend; „wir leben nach der alten Weiſe, ganz wie zur Zeit meines ſeligen Mannes. Ich hätte es nicht vermocht, eine Lebensweiſe zu ändern, welche ſo viele Jahre die ſei⸗ nige war.“ I†ch verſtehe dieſe Religion der Erinnerung, Ma⸗ dame, und bewundere ſie. Man fühlt dergeſtalt die Abweſenheit einer geliebten Perſon noch lebhafter, aber es liegt in dieſem Schmerze nichts Bitteres, denn er wird gemildert durch die Hoffnung, einſt mit denen, die wir beweinen, wieder vereint zu werden. Frau Secherin ſah mich einen Augenblick theil⸗ nahmsvoll an und ſagte dann: „Die guten Herzen verſtehen ſich.“ Hierauf ſeufzte ſie, ſchwieg einige Augenblicke und fuhr dann, als wollte ſie dem Geſpräch eine andere Wendung geben, fort: „So ſind unſere Gewohnheiten in der Touraine, gnädige Frau: wir frühſtücken um neun Uhr, ſpeiſen zu Mittag um zwei Uhr, zu Abend um acht, und um zehn Uhr ſchlafen wir bereits Alle. Denn ſehen Sie, wer früh aufſteht, muß auch früh zu Bette gehen. Mein Sohn iſt mit dem erſten Hahnenruf auf den Beinen, und kann alſo nicht ſpät in die Nacht hinein wachen.“ Urſula ſah mich mit einem faſt flehenden Blicke an, und zuckte, auf ihre Schwiegermutter deutend, die Schultern. 3 Meine Couſine beſorgte, die unbefangene Vertra lichkeit, womit Frau Secherin mich empfing, möchte ——————————— 73 mich verletzen. Ich war aber im Gegentheil davon entzückt und fand ſie ſehr würdevoll. Es gibt nichts Gemeineres, als den falſchen und lärmenden Eifer, als die demüthigen Betheuerungen, das übertriebene Bedauern, nur arme Bewohner der Provinz zu ſein, unwürdig, Perſonen aus der Haupt⸗ ſtadt zu empfangen (der Stol der Unterpräfekturen, wie es Fräulein von Maran bezeichnete). Herr Secherin trat raſch herein. Er ſchien ent⸗ zückt, mich zu ſehen, und kam mit offenen Armen auf mich zu. Seine Bewegung war eine ſo natürliche, ſo herz⸗ liche, daß ich ihm meine beiden Wangen hinbot, wenn gleich nicht, ohne ein wenig zu lächeln und zu er⸗ röthen. Herr Secherin ließ den Salon von zwei gewal⸗ tigen Küſſen ertönen zur großen Verwirrung Urſula's, welche nicht umhin konnte, ihm halblaut zu ſagen: „In der That, mein Herr, Sie ſind verrückt! Welche Manieren! Mathilde, verzeih' ihm!“ „Wie ſo denn?“ rief er aus; „weil ich unſere Couſine von ganzem Herzen auf beide Wangen geküßt habe? Meiner Treu, es freut mich unbändig, ſie zu ſehen, und ich zeige ihr das nach meiner Weiſe.“ Bemerken Sie denn nicht, daß Urſula eiferſüch⸗ tig iſt, lieber Couſin? ſagte ich lachend. Herr Secherin ſchien gleichwohl über Urſula's Aeußerung nachdenklich geworden und ſagte mir mit verlegenem, beinahe traurigem Weſen: „Alles erwogen, hat meine Frau doch vielleicht Recht. Ohne Zweifel benahm ich mich ungeſchickt, Couſine. Entſchuldigen Sie mich, aber es machte mich ſo glücklich, Sie wiederzuſehen, daß ich nicht lange bedachte, ob es ſchicklich oder nicht, Sie zu um⸗ armen.“ Ei, mein lieber Couſin, ſagte ich, ich wäre faſt Mathilde m. 6 74 geneigt, Sie zu bitten, noch einmal von vorn anzu⸗ fangen, um Urſula zu lehren, Sie nicht ungerecht aus⸗ zuzanken. „In der That? Sie ſind alſo nicht böſe?“ rief Herr Secherin, deſſen Geſicht ſich ſogleich wieder er⸗— heiterte. Seh' ich denn ſo aus? „Ach, wie gut Sie ſind! Sehen Sie, gerade wie Ihre vortreffliche Tante, Fräulein von Maran. Ei, beiläufig, wie befindet ſich dieſe treffliche Dame?“ Recht gut, entgegnete ich ziemlich verlegen und einen Blick mit Urſula tauſchend. Frau Secherin fuhr fort, ihr Rad zu drehen. Dann, zufällig ihren Sohn anſchauend, fragte ſie ihn: „Willſt Bu heute Abend nach der Stadt gehen?“ „Nein, Mutter, weßhalb ſollte ich in die Stadt gehen?“ „Du haſt ja Deinen ſchwarzen Rock, eine weiße Halsbinde an und biſt ganz friſch raſirt.“ „Ei, Mutter, das iſt ein Einfall von meiner Frau. Sie ſagte mir, ich ſolle mich der Frau von Lanery wegen putzen; denn als ich aus der Fabrik kam, hatte ich meine Blouſe an.“ Wie, Urſula, um meiner willen? Hören Sie, wenn wir gute Freunde bleiben wollen, ſo dürfen Sie wäh⸗ rend meines Aufenthalts nicht das Geringſte in ihren Gewohnheiten ändern. „Gut, ſiehſt Du, Schäfchen,“ ſagte Herr Secherin zu Urſula, „ſagte ich Dir nicht, daß es der Frau von Lanery ſehr gleichgültig ſein würde, ob ich in meiner Blouſe ſpeiſte und mit einem Bart von vorgeſtern?“ Noch einmal, mein theurer Couſin, ſagte ich, ich wäre untröſtlich, wenn ich durch mein Hieherkommen Ihnen in irgend Etwas Zwang auferlegte. „Nun gut, das wäre abgemacht, Couſine, ich nehme Ihr Anerbieten an, und was meine Frau au dazu ſagen mag, künftig behalte ich meine Blouſe an 75 Sie werden mir es wohl verzeihen, nicht wahr? Es iſt, wenn man den ganzen Tag gearbeitet hat, ſo an⸗ genehm, am Abend ſeiner Bequemlichkeit leben zu können.“ „Du mühſt Dich aber auch ab, als ob Du Dein Vermögen erſt noch erwerben müßteſt, mein Sohn,“ ſagte Frau Secherin mit einem Seufzer, „und doch hat der gute Gott die Arbeit Deines Vaters ge⸗ ſegnet.“ „Seien Sie ruhig, Mutter. Beläuft ſich mein Vermögen auf 100,000 Livres Renten, richtig und ge⸗ nau berechnet, ſo werde ich die Arbeit aufgeben. Ich ſagte zu mir ſelbſt: Meine Frau findet, daß mein Vermögen noch nicht bedeutend genug ſei, ſie will 100,000 Livres Renten haben, um in Paris glänzen zu können. Gut, ſie ſoll ſie haben, dieſe 100,000 Li⸗ vres Renten. Es iſt ſo gut, ſo ſüß, zu denken, daß alle Mühe, die ich mir gebe, meiner Frau Vergnügen k macht, zu denken, daß es in meiner Macht ſteht, alle ihre Wünſche zu erfüllen, und daß dazu Nichts erfor⸗ derlich iſt, als Arbeit. Sehen Sie, Couſine, ſchon der Gedanke, arbeiten zu können wie ein Neger, macht mich glücklich wie einen König. Deshalb ſind auch meine Hände ſo ſchwarz, denn es bleibt mir durchaus keine Zeit übrig, den Stutzer zu ſpielen.“ Und lachend wies er mir ſeine großen Hände, welche den Scherz vollkommen rechtfertigten.“ 3 Urſula wurde roth vor Scham und Verdruß und warf ihrem Manne einen wüthenden Blick zu. Herr Secherin betrachtete mich ſchüchtern indem er verlegen ſeine Hände anſah. „Aber,“ fuhr er dann fort, „wird dieſe Hand als Pfand eines Verſprechens oder aufrichtiger Freundſchaft gereicht, ſo iſt das Verſprechen, welches ſie gibt, oder die Freundſchaft, welche ſie gelobt, heilig.“ Das weiß ich, ſagte ich zu Herrn Secherin und reichte ihm die Hand. 76 Dieſe Bewegung, dieſe einfachen Worte, welche mir meine Theilnahme für dieſen trefflichen Menſchen einflößte, der eben ſo treu und rechtſchaffen, als unge⸗ bildet war, machten ihm Thränen in die Augen treten, und er zog die Spitzen meiner Finger voll Verehrung an ſeine Lppen. Seine Mutter unterbrach ihre Arbeit, ſah mich ſtarr an und ſagte dann mit gerührter Stimme: „Gnädige Frau, wollen Sie mir geſtatten, daß ich Sie umarme? Sie laſſen meinem armen Sohne Gerechtigkeit widerfahren, Sie!!“ Und indem die Sprecherin einen ſtrengen Blick auf Uurſula richtete, welche die Schultern zuckte, machte ſie eine Bewegung, um aufzuſtehen. Geben Sie ſich keine Mühe, Madame, ſagte ich und beugte mich zu ihr nieder. Sie küßte mich zweimal auf die Stirne. Als ich aufblickte, ſah ich zwei Thränen über ihre ehrwürdigen Wangen rinnen. Sie trocknete dieſelben langſam und machte ſich, ohne weiter ein Wort zu ſprechen, wieder an ihr Spinnrad. „Meine arme Mutter — — Sie verzeihen — — aber indem Sie ſo von mir ſprechen — —“ ſagte Herr Secherin leiſe und mit gerührter Stimme zu mir. Es hatte dies Alles ſehr ſchnell ſtattgehabt. Ich ſuchte mit den Augen Urſula und wurde durch den ſpöttiſchen Ausdruck überraſcht, womit ſie dieſen Auftritt betrachtet hatte. Die Uhr auf der Fabrik des Herrn Secherin ſchlug die achte Abendſtunde. „Mutter, Ihren Arm, wir wollen eſſen; ich habe Hunger wie ein Wolf,“ ſagte Herr Secherin auf ſeine Mutter zuſchreitend. „Nicht doch, mein Sohn, gib Deiner Couſine den 4 Arm, meine Schwiegertochter wird mich unterſtützen“ Wieder eine Störung, die ich nicht dulden werde, ſagte ich. Sind wir nicht im Familienkreis? und hiemit nahm ich Urſula's Arm. „Wahrlich, Mathilde,“ ſagte mir Urſula in leiſem, und wie mir vorkam, gereiztem Ton, „Du haſt, wie Du es wollteſt, die Eroberung meiner Schwiegermutter gemacht. Zum erſten Mal habe ich gehört, daß ſie ihrem Sohn befahl, ſeinen Arm Jemand, außer ihr, anzubieten. Wohl zwanzigmal haben Frauen von un⸗ ſerer Verwandtſchaft hier geſpeiſt und nie iſt dies vor⸗ gekommen. Deſto heſſer; ich bin ſehr ſtolz auf meine Erober⸗ ung, denn ich finde, daß Deine Schwiegermutter ſehr achtungswerth und ehrwürdig iſt. 3 „Ehrwürdig? Meine Schwiegermutter? Du findeſt ſie ehrwürdig? Du machſt Dich über ſie und uns luſtig.“ Ich finde ſie ſo ehrwürdig, daß ſie mir ganz und gar eine jener Matronen des Provinzadels vergegen⸗ wärtigt, von denen Fräulein von Maran uns immer erzählte, die ſtets auf ihren Gütern lebten, ohne je nach Paris oder an den Hof zu kommen. Urſula ſah mich verwundert an. Sie wähnte, ich ſpotte, während ich doch nur die Wahrheit ſprach. Nichts imponirt mehr, denn das Alter, wenn es ein⸗ fach, beſonnen, ehrwürdig iſt und das Bewußtſein ſei⸗ ner Autorität beſitzt. Wir ſetzten uns zum Eſſen. „Mutter, die Weinkellerſchlüſſel!“ ſagte Herr Se⸗ cherin zu ſeiner Mutter. Urſula ward wiederum roth vor Scham und Ver⸗ druß, während ihre Schwiegermutter langſam ein ge⸗ waltiges Schlüſſelbund aus der Taſche zog und es ei⸗ ner der beiden Bauernmägde gab. Herr Secherin ſprach das „Benedicite“ und das Abendeſſen begann. 78 Es war trefflich, faſt lecker, und wurde höchſt ein⸗ fach, aber äußerſt reinlich ſervirt. „Cvuſine,“ wandte ſich Herr Secherin an mich, indem er mir eine vor ihm ſtehende Schüſſel reichte, „Sie ſollen von dem Paſtetenbackwerk meiner Mutter koſten. Sie werden finden, wie trefflich das ſchmeckt. Nur Mama kann ſo Etwas backen, und mein ganzes lt iſt, daß mein „Schäfchen“ es nicht lernen will. Daran thut uUrſula ſehr Unrecht, Couſin, denn ſie weicht damit von Etwas ab, weßwegen unſere Familie berühmt iſt, ſagte ich höchſt ernſthaft. „Ei, wie? Was iſt's damit, Couſine?“ Wie, Urſula, ſagte ich zu meiner Couſine, Du ſollteſt Dich nicht mehr erinnern, daß Fräulein von Maran uns immer ſagte, wie unſere Großtante von Surgy und die Gräfin von Brionne (eine Prinzeſſin aus dem Hauſe Lothringen, Herr Secherin, bemerken Sie das wohl), die Leidenſchaft gehabt hätten, Tor⸗ ten aus geronnener Jasminmilch mit in Zucker gerö⸗ ſteter Orangen⸗Creme zu verfertigen, und wie König Ludwig XV. ſich ſehr glücklich geſchätzt, wenn ſich dieſe Damen herbei ließen, ihm ihre culinariſchen Werke mitzutheilen? — Erinnerſt Du Dich denn nicht mehr deſſen? „Doch, doch,“ erwiederte Urſula, „es war mir nur entfallen.“ „Torten mit in Zucker geröſteter Orangencreme! Das muß ſehr gut ſein,“ meinte Frau Secherin, „das muß ich zu machen verſuchen.“ „Nun wie, Schäfchen, beſtimmt das Dich nicht? Sieh einmal — wenn eine Prinzeſſin von Lothringen backen konnte — ſo wirſt Du doch wohl eben⸗ a 6 —7 . „Entſchuldige mich — ich finde an derartigen Zer⸗ ſtreuungen keinen Geſchmack,“ entgegnete Urſula, und 79 überdies habe ich ja auch nicht die Ehre, dem Hauſe Lothringen anzugehören.“ „Ei, Mama gehört ja dem Hauſe Lothringen auch nicht an, was ſie doch nicht hindert, Fladen zu backen, und demnach kannſt auch Du —“ Ich fühlte Mitleid mit Urſula's Verdruß, und unterbrach ihren Mann, indem ich ihn fragte, wie er mit ſeinem Fabrikweſen zufrieden ſei. Dieſe Frage entzückte ihn und er ging ſogleich in 1 Details ein, die mich in der That ſehr intereſ⸗ irten. Die Unterhaltung von Männern von Fachbildung bietet ſtets etwas Lehrreiches und Merkwürdiges. Als Herr Secherin ſich auf einmal mitten in dem Gedankenkreiſe ihm genau bekannter Thatſachen befand, drückte er ſich leicht und klar aus, und wenn nicht mit Beredtſamkeit, ſo doch mit Gemüth und Energie. Ich erinnere mich, daß ich die Frage an ihn rich⸗ tete, ob er viele Kinder in ſeiner Fabrik beſchäftige. „Alle, deren ich habhaft werden kann,“ verſetzte er lächelnd, „und habe ich ſie einmal, ſo laſſe ich ſie nicht wieder los. Die Eltern müſſen mir einen in aller Form ausgeſtellten Schein unterzeichnen, und dann müſſen ſie mir die Kinder ſo lange, als es immer an⸗ geht, überlaſſen.“ Was für einen Vortheil haben Sie denn davon? „Was für einen Vortheil, Couſine? Den, daß ich die Eltern, welche oft ſehr ſelbſtſüchtig und habgierig ſind, abhalte, die armen Kleinen mit Arbeit zu über⸗ laden. In meiner Fabrik werden Sie zu Nichts an⸗ gehalten, als zu dem, was ſie leiſten können, lernen dabei ein gutes Geſchäft und werden rechtſchaffen und fleißig, da ſie ſtets gute Vorbilder vor Augen haben, denn ich behalte ſchlechte Subjekte nie. Das raubt mir allerdings Geld, denn die armen Kinder koſten mich mehr, als ſie mir einbringen, aber das iſt mir einer⸗ lei, das iſt mein Luxus. Und ſehe ich ſie glücklich und 80 kräftig und luſtig bei der Arbeit, dann bemerke ich, meiner Treu', daß ich mein Geld im Grunde doch vortrefflich angelegt habe.“ Ich bewundere dieſes Ihr Zartgefühl um ſo mehr, Cvufin, da ich von vielen Ihrer Collegen habe ſagen hören — „Daß ſie die Kleinen mit Arbeit erdrückten, nicht wahr?“ rief Herr Secherin voll Entrüſtung aus. „Die Elenden! Sehen Sie, Couſine, das erinnert mich an eine Geſchichte, von der ich weder meiner Frau, noch meiner Mutter Etwas geſagt, weil es nicht der Mühe werth war, und mich in den Ruf eines Raufboldes hätte bringen können; aber da wir einmal dabei ſind, will ich es Ihnen mittheilen. Eines Tages, noch vor meiner Heirat, will ich mir zu Paris eine Fabrik be⸗ ſehen; was erblick ich da? Erſchöpfte, krank ausſehende Kinder, welche mehr arbeiteten, als Erwachſene, und um was für einen Lohn, mein Gott? Kaum auslan⸗ gend, trockenes Brod dafür zu kaufen. Meiner Treu', das empörte mich, und ohne mich lange zu beſinnen, ſagte ich zu dem Fabrikherrn, der mir ſein Etabliſſe⸗ ment zeigte: Wie können Sie dieſe unglücklichen Ge⸗ ſchöpfe bei langſamem Feuer röſten? Sie tödten ſie ja, mein Herr! Mein College entgegnete, ich miſchte mich da in Dinge, welche mich Nichts angingen, und er verbitte ſich meine Bemerkungen. Ich erwiederte, das ginge mich allerdings Etwas an, denn ich wäre eben⸗ falls Fabrikant, und ſeine und Seinesgleichen Habſucht müßte einem ehrenwerthen Stand die öffentliche Ach⸗ tung rauben. Er hieß mich zum Teufel gehen und ich ſchickte ihn zum Henker. Ich bin von Natur ſanft, wie ein Lamm, Couſine, macht man mir aber den Kopf warm, ſo ſtehe ich nicht für mich. Ich weiß ſelbſt nicht, wie es kam, aber es fielen Beleidigungen, mein College war Soldat geweſen, und am nächſten Morgen ſchlu⸗ gen wir uns. Ich hatte zwar nie ein Piſtol berührt, bin aber auf der Jagd kein ſchlechter Schütze. Mit 81 einem Wort, ich jagte ihm eine Kugel durch die rechte Wade, denn er ſtand auswärts, wie ein Tanzmeiſter.“ „Du haſt Dich geſchlagen, mein Sohn!“ rief Frau Secherin aus, welche dieſe einfache Erzählung mit allen Zeichen von Angſt angehört hatte und die Hände wie in der Nachwirkung des Schreckens faltete. . „Ei, ich wußte es wohl, jetzt wird Mama mich ausſchelten,“ ſagte Herr Secherin leiſe zu mir. Dann ſtand er auf, ging zu ſeiner Mutter und ſagte ihr mit einem Tone ehrfurchtsvoller Zärtlichkeit: „Mutter, ich hatte Unrecht. Es war dies die Ueber⸗ eilung eines jungen Menſchen. Ich habe Ihnen Nichts davon geſagt, um Sie nicht zu beunruhigen.“ „Mein Kind, mein armes Kind,“ ſagte Frau Se⸗ cherin, ihren Sohn mit Innigkeit umarmend, „wie wehe thuſt Du mir!“ „Aber, mein Gott, Mama, das iſt ja vorbei — alſo iſt es vorbei.“ „Deine Geburt iſt auch vorbei, und doch danke ich Gott noch alle Tage, daß er mir einen guten Sohn gegeben,“ ſagte Frau Secherin mit rührender Einfach⸗ heit, indem ſe ihre Thränen trocknete. Dieſe Scene, welche mir bewies, daß Urſula's Gatte, wenn es die Gelegenheit erforderte, nicht min⸗ der muthig und entſchloſſen ſei, als er rechtſchaffen und treu war, wurde durch eine der beiden Mägde unter⸗ brochen, welche Herrn Secherin einen Brief überbrachte. „Höre, Frau, das iſt von Chopinelle,“ ſagte er zu Urſula, „wahrſcheinlich wird er heute nicht zu der Abend⸗ partie kommen können.“ Herr Secherin entſiegelte den Brief und las ihn. Iſt das einer eurer Nachbarn? fragte ich Urſula. „Es iſt unſer Unterpräfekt,“ erwiederte ſie errö⸗ thend. Ueberraſcht von ihrem Rothwerden, blickte ich ſie ſtarr an, nicht, um ſie verlegen zu machen, ſondern von einer unwillkürlichen Regung geleitet. Zu mei⸗ nem großen Erſtaunen wurde Urſula purpurroth. „Ganz recht,“ ſagte Herr Secherin, „er kann die⸗ ſen Abend nicht kommen, denn er hat Eirkulare zu ſchreiben; man ſpricht von neuen Wahlen. Er iſt ein allerliebſter Junge, dieſer Chopinelle, ein recht hübſcher Burſche. Immer iſt er gut angezogen, trägt Hand⸗ ſchuhe und läßt ſich täglich raſiren. Sind Sie ihm nie in der Welt begegnet, dem Chopinelle, Cou⸗ fine?“ Ich glaube nicht, verſetzte ich lächelnd, wenigſtens iſt der Name mir nicht bekannt. „Er kommt aber doch in die beſte Geſellſchaft, wenn er in Paris iſt, nicht wahr, Frau? Er ſpeist bei den Miniſtern zu Mittag und iſt der Liebling des adeligen Faubourg, wie er immer ſagt, nicht wahr, Schäfchen?“ „Ich bin der Anſicht, Herr Chopinelle ſei ein Groß⸗ ſprecher,“ ſagte Urſula trocken. „Ei, mit was für einer drolligen Miene Du das ſagſt, Du, die immer ärgerlich wird, wenn man ihm widerſpricht, und immer auf ihn hörſt, wie auf ein Orakel.“ „Ich glaube, daß er ein Lügner iſt,“ ſagte Frau Secherin kurz. „Ah, gut, Mama, gut! Sie werden ſich einen ſchlimmen Streit mit ürſula auf den Hals laden, wenn Sie Uebles von ihrem „Landsmann“reden, denn Chopinelle iſt ein Pariſer, wie Urſula, und überdies ihr privilegirter Walzer und Romanzenſänger, denn er hat eine herrliche Stimme, dieſer Chopinelle, nicht wahr, Schäfchen? eine Stimme, ſchrillend wie eine Orgelpfeife. Ihr müßt, mit ſammt unſerer Couſine, das hübſche Duett vorſingen, Du weißt wohl — nun, Du weißt ſchon — das Duett, welches ihr ſo oft wie⸗ derholtet, — das Duett aus einer italiäniſchen Oper — welches endigt mit einem — — einem J.“ 83 urſula, die ohne Zweifel ein Geſpräch unterbre⸗ chen wollte, welches ihr unangenehm war, ſagte zu ihrer Schwiegermutter: „Meine Couſine iſt von der Reiſe ſehr erſchöpft, und möchte wohl der Ruhe bedürfen.“ „Sie haben Recht, meine — Verzeihung, gnädige Frau. — Mein Sohn, ſprich das Dankgebet.“ Als dieſes geſchehen war, kehrten wir in den Sa⸗ lon zurück, ich wünſchte meiner Wirthin gute Nacht und bezab mich mit Urſula auf mein Zimmer. „Morgen früh werde ich Dich wecken, und wir wollen dann zuſammen plaudern,“ ſagte ſie verlegen. Abend mußt Du ſehr ermüdet ſein — ſchlaf' wohl!“ Einundzwanzigſtes Kapitel. Der Prief. Nachdem ich am folgenden Morgen aufgeſtanden, ſchrieb ich an Gontran einen ausführlichen Brief, wo⸗ rin ich ihn bat, ſobald, als es ihm möglich, zu mir nach Rouvrah zu kommen. Mein Mann mußte dieſen Brief bei ſeiner Rück⸗ kehr aus London in Paris finden, und ich konnte ihn alſo ſehen, bevor acht Tage verfloſſen waren. Zum erſten Male, ſeit ich Gontran ſchrieb, hatte dieſe Beſchäftigung einen unendlichen Reiz für mich. Ich hatte ihm ſo viel zu ſagen, jeden Augenblick ſtand ich auf dem Punkte, ihm Alles zu erzählen, allein ich war der Rathſchläge des Herrn von Mortagne einge⸗ denk und fügte mich in das Stillſchweigen. 8⁴ Als ich mit meinem Briefe fertig, erwartete ich Ur⸗ ſula mit ziemlicher Ungeduld. Alle meine Erinnerungen an Kindheit und Jugend waren wieder in mir lebendig worden. Der Kummer, welchen ich erlebt, hatte mein Urtheil gereift und ent⸗ wickelt. Ich ſah mit aufrichtigem Schmerz, daß meine Coufine die weſentlichen und vortrefflichen Eigenſchaf⸗ ten ihres Mannes verkannte. So übermäßig die Schwermuth war, welche Urſula ehedem an den Tag legte, ſo zog ich dieſe Ueberſpannung dennoch dem trocke⸗ nen, entſchiedenen und beinahe geringſchätzenden Tone vor, welchen Urſula gegenüber ihrem Gatten und ih⸗ rer Schwiegermutter angenommen zu haben ſchien. Indem ich die Sache genauer überlegte, fand ich Entſchuldigungen für Urſula. Sie ſtand allein, ohne Rathgeber, und ſo ſie einmal einen falſchen Weg ein⸗ geſchlagen, ſo mußte ſie ſich in Ermangelung eines heilſamen und befreundeten Rathes täglich weiter ver⸗ irren. Mehrmals dachte ich an das Erröthen, an die Verlegenheit meiner Coufine, als ihr Mann über den Herrn Chopinelle geſprochen. In ihrer Vereinſammung hatte Urſula gegen die⸗ ſen Menſchen vielleicht etwas Koketterie geübt, und ich beſchloß, mit ihr hierüber ganz offen zu ſprechen und ſie zu bitten, um eines ſo jämmerlichen Gegenſtandes willen, ſich keinen häuslichen Unannehmlichkeiten aus⸗ zuſetzen. Frau Secherin erſchien mir als eine ſehr verſtän⸗ dige, ſehr ernſte und ſehr ſcharf beobachtende Frau zu ſein. Sie hatte auf ihren Sohn augenſcheinlich viel⸗ leicht noch mehr Einfluß, als Urſula, und es kam mir vor, als nähre ſie gegen dieſe einen geheimen Widerwillen und bezwinge ſich nur, bis eine günſtige Gelegenheit ihr geſtatte, denſelben hervortreten zu laſſen. Menſchen von dieſem Charakter ſind gewöhnlich 85⁵ klug, ruhig, zähe, ſcharfſichtig, von einfachem, geradem Gemüth, ſtrenger Frömmigkeit und kennen weder Scho⸗ nung noch Uebereilung. Eine fromme Unparteilich⸗ keit macht ihnen eine Pflicht daraus, mit unſäglicher Geduld Beweiſe zu erharren, aber glauben ſie dann, auf dem Boden des Rechtes und der Wahrheit zu ſte⸗ hen, ſo werden ſie unerbittlich. Endlich trat Urſula bei mir ein und nach einigen unbedeutenden Redensarten ſagte ich zu ihr: Ich muß Dich auszanken, liebe Schweſter. Du biſt nicht vernünftig, Du haſt mir verſprochen, ſo zu ſagen, die Bildung Deines Mannes zu übernehmen, ihn einigermaßen abzuſchleifen, und würdeſt mit eini⸗ gen freundlichen, liebevollen Worten, das Alles von ihm erlangen. Denn ich bin überzeugt, daß ſogar ich, die ich keinen Einfluß auf ihn beſitze, binnen wenigen Tagen ihn ſehr zu ſeinem Vortheil verändern würde. „Ei, Du biſt eben an Wunder gewöhnt. Haſt Du nicht meine Schwiegermutter bezaubert? Mein Mann ſh mir dieſen Morgen, ſie ſei ganz verſeſſen auf ich.“ Dieſen Triumph zugegeben, ſiehſt Du, wie leicht es iſt, ſich beliebt zu machen. „Es iſt allerdings nicht ſo ſchwer, liebe Ma⸗ thilde, aber es iſt langweilig und ich empfinde nicht das Bedürfniß, von Frau Secherin geliebt zu werden.“ Höre, Urſula, glaub mir, Du beurtheilſt den Geiſt und die Sinnesart Deiner Schwiegermutter falſch. „Du findeſt, daß ſie das Weſen einer vornehmen Dame hat, und nun wirſt Du auch noch Genie bei ihr entdecken,“ ſagte Urſula mit ſpöttiſchem Lächeln. Genie? Nein; jedoch vielen Scharfſinn; ſie be⸗ obachtet ohne Unterlaß. „Was kann ſie beobachten? Ich habe keine Furcht vor ihr.“ Das glaube ich wohl, allein weßhalb nicht ſcho⸗ nend gegen ſie ſein? 4 86 „Warum? Ich möchte Dich einmal an meiner Stelle ſehen.“ An Deiner Stelle? Ich würde mich ſehr gut un⸗ terhalten. „Hier?“ Hier. „Und womit?“ . Mich beliebt zu machen, meine Gewalt zu verſu⸗ chen, Wunder zu bewirken, Deinen Mann beinahe zu einem Stutzer umzuwandeln und Deine Schwieger⸗ mutter zu vermögen, zu allen wünſchenswerthen Ver⸗ beſſerungen in dieſem Hauſe, das Dir ſo ſehr mißfällt, die Hand zu bieten. „Das iſt eine Unmöglichkeit. Du kennſt den Starr⸗ ſinn der Madame Secherin und den Abſcheu meines Mannes vor Allem, was einem Zwang ähnlich ſieht, nicht.“ Probire es dennoch. Wie habe ich es geſtern an⸗ gefangen, um auf dem beſten Fuß mit ihr zu ſtehen? „O Du, Du biſt eben ſo verführeriſch, Du kennſt die Kunſt zu gefallen, kannſt Deine unangenehmen Ein⸗ drücke verbergen. Ich aber weiß Nichts zu verhehlen, ich bin zu offen. Mehrere Monate lang war ich von dem tiefſten Schwermuth befangen. Meine Verzweiflung hat ſich durch meine Thränen abgeſtumpft und jetzt bin ich abgehärtet. Ich habe ſo viel gelitten. Mein Herz iſt fühllos geworden gegen den Schmerz; ich ſcherze und ſpotte; das iſt mir lieber.“ Der Ton Urſula's war gereizt, hart, abſtoßend. Schweſter, begann ich wieder, Du befindeſt Dich nicht im natürlichen Zuſtande; Du verheimlichſt mir irgend einen Kummer. „Durchaus nicht, das ſchwöre ich Dir. Ich habe meinen Entſchluß gefaßt. Wenn wir hinreichendes Ver⸗ mögen beſitzen, um in Paris leben zu können, ſo gehe ich dorthin. Bis dahin lebe ich mechaniſch fort und. fliehe meine Mädchenträume, wenn ſie mir zuweilen — 87 wieder kommen, denn dieſe geliebten Erinnerungen ru⸗ fen Dich und unſere ſchönen Tage nur allzu lebhaft zurück. Ach, Mathilde, Mathilde, Du haſt mir das Leben verdorben!“ Und nach einem ziemlich langen Schweigen brach ſie in Thränen aus, als ob ſie plötzlich einer bisher bekämpften Rührung nachgäbe. O, rief ich aus, ich wußte es wohl, daß meine Freundin, meine Schweſter mir Etwas verheimliche, daß ihre kurzen, bittern Worte von den Lippen kämen, doch nicht aus dem Herzen. „Nun wohl, ja, ja — verzeihe mir. Geſtern, nach der erſten Regung der Freude, welche Deine Ankunft mir verurſachte, wurde ich von einem ſchlechten Ge⸗ fühl erfaßt. Ich ſchämte mich meiner Umgebung, ich ſchämte mich meiner gewöhnlichen Schwermuth und fürchtete, Dir mit meinen ewigen Thränen lächerlich zu werden; ich wollte entſchloſſen, ſorglos, ſpöttiſch ſein, aber ich vermochte dieſe erheuchelte Rolle nicht durch⸗ zuführen. Dir gegenüber vermag ich nicht zu lügen. Deine arme Urſula fühlt noch eben ſo lebhaft und vielleicht noch lebhafter, als vordem, die Pein über die moraliſche Mißheirat, welche ſie eingegangen. Als ich geſtern, als ich heute über die Traurigkeit dieſer Behauſung mich beklagte, log ich. Was kümmert mich der Rahmen des Lebens, wenn dieſes Leben ſelbſt für ewig verwelkt iſt? Ach, Mathilde, mit einem Herzen, das mich verſtanden hätte, würde die härteſte, elendeſte Exiſtenz mich entzückt haben.“ Arme lirſulg, ſo fehr ich Dich liebe, Deine Thrä⸗ nen ſind mir lieber, als Dein kaltes, ironiſches Lächeln. Doch ſag mir, Dein Mann ſcheint doch allen Deinen Wünſchen entgegen zu kommen, und, obgleich ſchon reich, arbeitet er dennoch unabläſſig, um Deinem Stre⸗ ben nach Reichthum genug zu thun. „Du ſprichſt von dem Vermögen, Mathilde, wel⸗ ches zu erwerben ich ihm befohlen habe, nicht wahr? — 58 um in Paris glänzen zu können,“ ſagte Urſula bitter lächelnd, „ich erſcheine Dir demnach als ſehr ſelbſtſüch⸗ tig, ſehr eitel, ſehr habſüchtig, nicht?“ Urſula Du biſt thöricht, ich ſage ja das nicht. „Nein, nein, es iſt wahr. Verzeihung, Mathilde, aber ich wäre ſo ſehr betrübt, wenn Du mich dieſer ſchmachvollen Geldgier fähig hielteſt. Höre mich daher. Bei unſrer Ankunft hier ſprach mein Mann davon, ſein Fabrikweſen aufzugeben, müßig zu leben und alle ſeine Zeit mir zu widmen. Soll ich es Dir geſtehen, Ma⸗ thilde, daß ich, um ſeiner vielleicht noch mehr, als um meiner willen, über dieß unthätige Leben, welches er mir anbot, erſchrack? Unſere Neigungen ſind ſo ſehr verſchieden, es waltet ſo wenig Sympathie zwiſchen uns! Und überdieß wußte ich auch, daß es ihm ſchwer fallen würde, die ihm liebgewordenen Beſchäftigungen, die gewohnte Thätigkeit aufzugeben, welche ihm zur zweiten Natur, zur Bedingung ſeines Wohlſeins ge⸗ worden. Ich hätte dieſes ſehr große Opfer viel zu ſchlecht vergolten, als daß ich es hätte annehmen kön⸗ nen. Um aber meine Weigerung für ſeine Selbſtliebe weniger verletzend zu machen, mußte ich einen Vor⸗ wand erſinnen, und ſo ſah ich mich genöthigt, Hab⸗ ſucht und übermäßige Eitelkeit zu erheucheln, und ſagte ihm, daß er, anſtatt ſein Geſchäft aufzugeben, mir durch die Fortführung deſſelben Freude machen würde, bis er dereinſt ein Vermögen erworben, welches bedeu⸗ tend genug wäre, um in Paris glänzen zu können. Ein Vermögen! — Glänzen? — Mathilde, Mathilde, Du kennſt mich, Du weißt, welchen Werth ich dem Glanz und Luxus beilege, und ſelbſt wenn mein Mann das Vermögen erwerben würde, von welchem er träumt, ach, ſo fühle ich nur zu deutlich, daß ich es nicht ge⸗ nießen könnte. Mein Leben zehrt ſich langſam und unmerklich auf, Schweſter.“ So ſprechend, ließ Urſula ihren Kopf traurig auf — 89 die Bruſt ſinken und ſchien durch einen gewaltigen Schmerz niedergebeugt zu werden. Der melancholiſche Ausdruck ihrer Züge, das Schmachtende ihres verſchleierten Blickes ſtimmten ſo ſehr mit ihren Worten überein, daß ich, ich geſtehe es, blind an das glaubte, was ſie mir ſagte. Sie wußte ſich das Anſehen zu geben, als opfere ſie ſich ihrem Manne, während ſe ihn zwang, ohne Unterlaß zu arbeiten, um ſein ſchon bedeutendes Ver⸗ mögen noch zu vermehren. Ich war ſo ſehr verblendet, daß ich mich über Urſula's finſtere Ahnungen beunruhigte. Ich bekämpfte dieſelben lebhaft. Weßhalb denn, fragte ich, träumſt Du Dir eine ſo finſtere Zukunft? Weßhalb willſt Du auf jede Hoff⸗ nung verzichten? Urſula ergriff meine beiden Hände, richtete ihre blauen, in Thränen ſchwimmenden Augen auf mich und lispelte mit ſchmerzlich bewegter Stimme: „Du ſprichſt von Hoffnung, Schweſter? Ach! ich habe Dir ja ſchon am erſten Tage nach dieſer unſeli⸗ gen Verbindung geſchrieben: Meine Hoffnung iſt ein ſtiller Winkel auf einem Dorfkirchhofe, meine Zukunft iſt die Ewigkeit!“ Und Urſula lehnte weinend ihren Kopf an meine Schulter. Allmälig beruhigte ſie ſich indeſſen wieder. Unſer Geſpräch hatte aber einen Charakter ange⸗ nommen, der mir nicht goſtattete, einen Uebergang j der Frage zu ſuchen, ob ſie gegen Herrn Chopinelle Koketterie geübt. Da ich die Excentrität meiner Coufine kannte und wußte, daß ihr Herz unbeſchäftigt war, ſo fürchtete ich für ſie die Gefahren der Einſamkeit. Indem ich es für nützlich und ſogar für nothwendig hielt, ihr meine Beſorgniſſe mitzutheilen, zögerte ich keinen Au⸗ genblick. Mathilde. m. . 90 Sag mir, Urſula, ſeht Ihr viele Geſellſchaft bei Euch? 35 „Einige Verwandte meines Mannes und einige Kaufleute von Rouvray, mit welchen er in Geſchäfts⸗ verbindung ſteht.“ Aber Ihr habt keinen gewöhnlichen, genauern Um⸗ gang? 9Wohl, einen oder zwei alte Freunde meiner Schwiegermutter, zuweilen den Subſtituten des könig⸗ lichen Anwalts und auch unſern Unterpräfekten.“ Herrn Chopinelle? „Ja, der geſtern, wie Du weißt, meinem Mann geſchrieben.“ Urſula ſprach dieſe Worte ſo unbefangen und un⸗ teueen aus, daß ich meinen Verdacht für grundlos ielt. Und Du machſt mit ihm Mufik? Iſt er ein guter Muſiker? „Bewahre, er ſingt gräulich falſch. Zum Unglück ſteht Herr Secherin in näherer Verbindung mit ihm, und ſo war ich genöthigt, ich weiß nicht wie viel Duette und Wiederholungen von Duetten zu ertragen. Ach, Mathilde,“ fügte Urſula bei, trübe den Kopf ſchüttelnd, „denkſt Du noch daran, wie wir ſagten: Zu Zweien geſprochen iſt die Muſik eine göttliche, hei⸗ lige Sprache, die man nicht entweihen darf? Wie viel habe ich daher gelitten, wenn ich mit dieſem Men⸗ ſchen fingen mußte, da ich mir dachte, daß man nur mit einer innig geliebten Perſon jenen Aufſchwung der Seele, jene leidenſchaftlichen Töne theilen kann, welche der Geſang allein wiederzugeben vermag.“ Ich erinnerte mich wirklich, daß wir bei unſerer lebhaften Bewunderung für die Muſik nicht begreifen konnten, wie man ein leidenſchaftliches Duett mit einer andern Perſon, als mit einer geliebten, zu fingen wa⸗ gen könnte, oder wie man es vermöchte. Die letzten Worte zerſtörten daher alle meine Be⸗ 91 ſorgniſſe Betreffs der Koketterie Urſula's, ſo daß ich nicht umhin konnte, ihr lächelnd zu bemerken: Du wirſt Dich über mich luſtig machen. Hätte ich mir doch beinahe eingebildet, der Unterpräfekt mache Dir den Hof! Der Thränen ungeachtet, welche noch an ihren Wimpern zitterten, brach Urſula in ein ſo ungezwunge⸗ i „lautes Lachen aus, daß ich ganz aus der Faſſung am. „Herr Chopinelle!“ rief ſie unter Lachen, „mein Gott, was das für ein Einfall iſt! Du weißt nicht, was das für ein Menſch iſt! Aber Du ſollſt ihn ſehen! Ach Gott, ach Gott, Herr Chopinelle mir den Hof machen!“ Das Lachen ſteckt an und unwillkürlich mußte ich 1 die Heiterkeit meiner Couſine theilen. Als dieſer Ausbruch der Luſtigkeit vorüber, ſagte Urſula mit einem jener plötzlichen Uebergänge, die einen ihrer größten Reize bildeten, in traurigem Ton: „O Mathilde, ſiehſt Du, eine der Urſachen meines verzweiflungsvollen Grames iſt, daß ich fühle, mein Herz ſei todt und für ewig erſtorben. Es wurde durch lang verſchloſſene Leiden ſo ſchmerzlich verwundet, daß es kaum noch klopft, dieſes arme Herz, und dieſes Klopfen — Deine Freundſchaft allein iſt's, welche es verurſacht. Und endlich, liebe Schweſter,“ ſetzte Ur⸗ ſula mit rührender Würde hinzu, „fehlt es meinem Manne zweifelsohne an allen den Vorzügen, welche die Leidenſchaft, dieſen Traum unſeres Frauenlebens einflößen und gebieten. Doch er iſt rechtſchaffen, gut und treu, und Du darfſt mir glauben, daß es mir nicht minder unmöglich iſt, ihn zu beleidigen, als zu lieben.“ Gut, gut, Urſula, ich erkenne Dein Herz wieder, rief ich und drückte ihr die Hände. „Und endlich,“ fuhr ſie mit einem herzzerreißenden Lächeln bei, welches mir Thränen entlo te, „gleiche 5 4 9² ich auch den leidenden Kindernz ich finde eine Art ſüßen Troſtes darin, daß man mich beklagt, und dürfte ich wagen, mich beklagen zu laſſen, ſo ich ſtrafbar wäre?“ Gewiß war ich für Urſula eingenommen, allein ſelbſt das mißtrauiſchſte, argwöhniſchſte Gemüth müßte gleich mir durch den Schein einer ſo unbefangenen Offenherzigkeit entwaffnet worden ſein. Urſula hatte Alles aufgeboten, um mich zu über⸗ zeugen: ſpöttiſche Heiterkeit, Gefühl, Zartſinn, Würde — und ich ließ mich überzeugen. Gegenwärtig, wo ich beſſer unterrichtet bin, bin ich immer noch, ich möchte faſt ſagen von Bewunder⸗ ung verwirrt — gibt es doch auch ſchöne Irrthümer — wenn ich daran denke, mit welch' unſäglicher Kunſt dieſes Weib alle Saiten der Seele anzuſchlagen wußte, mit welcher Gewandtheit, welcher Geſchmeidigkeit ſie von Thränen zum Lächeln, von dem Stolz zur Zärt⸗ lichkeit überging, um von einer Lüge zu überreden. Alles zumal angreifend, unſern Geiſt und unſer Gemüth, unſere Fehler, unſere Tugenden, unſere Liebe und unſern Haß, ließ ſie keine Fiber unſerer Vernunft und unſeres Herzens unberührt. * Gegen drei Uhr — Herr Secherin war in ſeiner Fabrik beſchäftigt, Frau Secherin hielt ihre gewöhnliche Sieſta und Urſula und ich befanden uns im Salon — trat Herr Chopinelle ein. Er war ein junger Mann, braun, mit einem vollen, rothen Geſicht, das ein ſchwarzer Backenbart umgab. Sein unterſetzter Wuchs war anmuthsvoll, ſeine Hände und Füße waren ungeheuer groß, ſeine Züge, ziemlich regelmäßig, aber gemein, mußten ihn in der Provinz für ſchön gelten laſſen. Wahrſcheinlich der Jahreszeit zufolge trug er einen Strohhut und eine Halsbinde a la Colin und einen 93 Ueberrock von grünem Bourachon mit metallenen Knö⸗ pfen, blaugeſtreifte Beinkleider und graue, wildlederne Schuhe vervollſtändigten dieſen Schäferanzug. Ich hatte dieſes gemeine Ganze kaum überblickt, als ich mich über die Herzensruhe Urſula's vollkommen beruhigt fühlte. Etwas von dem Geiſte des Fräulein von Maran borgend, ſage ich noch, daß Herr Chopinelle mit die⸗ ſem Aeußern eines „Leander“ das Weſen einer großen Selbſtgenügſamkeit vereinigte, leiſe zurückgehalten durch eine Art amtlicher Strenge, welche den Herrn Unter⸗ präfekten zu einem Ideal ſelbſtzufriedener Dummheit und lächerlicher Gemeinheit ſtempelte. Ich tauſchte ein boshaftes Lächeln mit meiner Coufine. „Sie beantwortete die geräuſchvolle und vertraute des Herrn Chopinelle mit einem kalten ruße. Es kam mir vor, er ſei einem Sieger gleich in den Salon getreten, ja wie ein ungeduldig erwarteter, vertrauter Freund. Der eiſige Empfang von Seiten Urſula's machte ihn ganz beſtürzt. . Mit einmal faßte er ſich indeſſen, denn es fiel ihm wohl bei, daß ſein ſiegeriſcher Ton in Gegenwart einer Fremden ſehr am unrechten Orte ſei. Er lächelte ſelbſt⸗ gefällig und ſein Blick ſchien Urſula zu ſagen: Seien Sie ruhig und fürchten Sie Nichts; ich werde Sie nicht cympromittiren und unſer Einverſtändniß vollkom⸗ men verbergen. . Dieſes Gebahren unverſchämter und lächerlicher Geckenhaftigkeit empörte mich. Damals hegte ich in⸗ deſſen noch keinen Augenblick die Vermuthung, daß die unverſchämte Selbſtgefälligkeit des Herrn Chopinelle durch das Benehmen meiner Couſine vollkommen ge⸗ rechtfertigt ſei. „Was gibt es Neues in Rouvray, Herr Chopinelle?“ fragte Urſula, an ihrer Stickerei fortarbeitend. „Nichts von Wichtigkeit, Madame, außer etwa Staatsangelegenheiten.“ . Und mit wichtigem und geheimnißvollem Tone fügte er bei: „Man ſpricht von einer Auflöſung der Kammern. Mein Briefwechſel hat meine ganze Zeit in Anſpruch genommen und mich geſtern verhindert, von der Partie unſeres dicken Tourainers zu ſein. Ei, was wollen Sie? bevor man den Liebenswürdigen ſpielen darf, muß man Geſchäftsmann ſein.“ Ich ſchaute Urſula an; ſie zuckte die Schultern. Die Worte „unſer dicker Tourainer“ bezogen ſich zweifelsohne auf ihren Mann. Ich fühlte mich durch dieſen Scherz verletzt. Herr Chopinelle redete weiter: „Sie können ſich leicht vorſtellen, Madame, daß mein Bedauern ſich nicht darauf beſchränkte, allein die Staatsgeſchäfte gehen Allem vor.“ „Liebe Freundin,“ ſagte Urſula, mit einer Bewe⸗ gung des Kopfes auf Herrn Chopinelle deutend: „Herr Chopinelle, Unterpräfekt unſeres Bezirkes.“ Zch verbeugte mich ein wenig. 2 ie gnädige Frau kommen äus der Haupt⸗ — Ja, mein Herr. „Sie ſinden die Provinz wohl ſehr albern und geſchmacklos! Für uns Pariſer iſt ſie ein wahres Sibirien, ein Exil; es wäre ebenſo gut, gleich zu den Antipoden zu gehen. Sie können ſich, gnädige Frau, keinen Begriff machen von den Geſichtern, welche man in meinem Bezirke ſieht, noch von dem Leben, welches man hier führt. Auf Ehre, man könnte meinen, unter den Huronen zu ſein, um nicht mehr zu ſagen. Glück⸗ licherweiſe iſt Madame Secherin gleich mir in dieſen fremden Erdtheil geworfen, und wenn die gnädige 95 „ Frau gleichfalls einige Zeit hier bleibt, ſo improviſiren wir eine kleine Pariſer Colonie mitten unter den Wil⸗ den der Touraine. Die gnädige Frau ſind ohne Zwei⸗ fel muſikaliſch?“ Glücklicherweiſe übernahm er die Antwort ſelbſt und fügte ſogleich bei: „Es iſt nicht daran zu zweifeln und ich wette, die gnädige Frau hat eine ſchöne Stimme. Laſſen Sie uns hier der Kunſt eine Heimat aufthun. Madame Secherin hat ein koſtbares Talent, wohlverſtanden Madame Secherin die jüngere, denn ihre Schwieger⸗ mutter hat außer der Meſſe nie Etwas zu fingen ver⸗ ſtanden, ha, ha, ha.“ Und Herr Chopinelle ſchaute mich an, ganz ſtolz auf ſeine Unverſchämtheit. Er bemerkte indeſſen, daß ſie nicht ſehr nach meinem Geſchmack war, und wen⸗ dete ſich deßhalb wieder zu Urſula. „Mein Herr,“ bemerkte ihm dieſe trocken, „was Sie da über die Mutter meines Gatten ſagen, kommt mir ſehr unpaſſend vor.“ 3 Das Staunen des Herrn Chvpinelle verdoppelte ich. „Ah,“ meinte er mit etwas unwilligem Ausdruck, „Sie haben alſo Etwas gegen mich, da Sie mich ſo aufnehmen? Man ſollte glauben, ich wäre ein Frem⸗ der für Sie.“ „In Wahrheit, mein Herr, ich weiß nicht, was Sie wollen. Laſſen Sie uns, ſo es Ihnen gefällig, von der Vicinalſtraße reden, welche Sie uns beſtändig verſprechen,“ verſetzte Urſula mit der größten Kalt⸗ blütigkeit. Herr Chopinelle ſchien dadurch gereizt zu werden und indem er ſich zweifelsohne der vertrauten Sprache wegen, welche er gegen meine Coufine ſührte, recht⸗ fertigen wollte, vergaß er ſich ſo weit, zu ſagen: Ich kann nicht beſtimmen, ob die Gegenwart der gnädigen Frau ſie ſo einſchüchtert, aber ſonſt, geſtehen 1 X 96 Sie es, behandeln Sie mich mit weniger Umſtänden, Madame. Ich bin alſo fürder nicht mehr Ihr Haus⸗ freund? Gut, gut, ich werde mich bei dem lieben Secherin darüber beklagen. Das ſag' ich Ihnen zum Voraus.“ Wäre mein Vertrauen zu Urſula nicht ein ſo blin⸗ des, unfinniges geweſen, ſo hätte mir die üble Laune dieſes Menſchen, der ohne alle Lebensart war, viel zu denken geben müſſen. Aber ich ſah in dem Herrn Chopinelle weiter Richts, als einen lächerlichen Gecken, der den Schein von Vertraulichkeit, wozu das Landleben berechtigt, mißbrauchen wollte, um mich glauben zu machen, Ur⸗ ſula betrachte ihn mit einigem Intereſſe. Um eine Vorſtellung von der Fovbeit dieſes Men⸗ ſchen zu geben, habe ich einige Worte aus ſeinem Ge⸗ ſpräche angeführt, welches Richts, denn ein praleri⸗ ſches Gemengſel aus Gemeinplätzen und Dummheiten war. 1 Wie man ſich damit unterhalten kann, ſich über Dummköpfe luſtig zu machen, habe ich nie begriffen. Ihre Gemeinheit, ihre Albernheit haben etwas Abſto⸗ ßendes, Betrübendes für mich, gerade wie der Anblick eines phyſiſchen Gebrechens. Die Kälte und der Widerwillen, deſſen ich mich Herrn Chopinelle gegenüber nicht erwehren konnte, kürzte den Beſuch deſſelben bedeutend ab. Als er ſich entfernt hatte, fragte mich Urſula laut lachend, ob ich noch immer glaube, daß fie ſich mit dieſem Unterpräfekten beſchäftige, ob es möglich ſei, einen abgeſchmackteren Menſchen zu ſehen, ob ich mich meines diesfälligen Verdachtes nicht ſchäme? ch ſtimmte in die Munterkeit Urſula's ein und hegte nicht den geringſten Zweifel Betreffs Ihrer Auf⸗ 3 richtigkeit. * 97 Herr Chopinelle ließ ſich einige Tage lang nicht ſehen, zur großen Befremdung des Herrn Secherin, der nicht abließ, ſeine Frau mit Fragen zu beſtür⸗ men, welche ſie ungeduldig beantwortete. 4 Vollkommen beruhigt Betreffs der Koketterie Ur⸗ ſula's, machie ich nach einigen Tagen eine Entdeckung, welche mir weit angenehmer war. In meiner Gegenwart war der Ton meiner Cou⸗ ſine gegen ihren Mann kalt, gleichgültig und zuweilen ſogar geringſchätzig. Dies ſchien aber Herr Secherin gar nicht zu bemerken, ſondern vielmehr der glücklichſte Menſch von der Welt zu ſein, und zu Urſulas großem Verdruß ſpielte er auf tauſend Umſtände an, welche bezeugten, daß das beſte Einverſtändniß zwiſchen ihnen herrſche und ſeine Frau ihn mit Zuvorkommenheiten überhäufe. Zu verſchiedenen Malen ſagte Herr Secherin lä⸗ chelnd und achſelzuckend zu Urſula: „Du willſt ja doch nur vor Deiner Couſine Dir den Anſchein geben, nicht in mich verliebt zu ſein.“ Ich mußte mich, nachdem ich mich lange gefragt, warum meine Couſine ein Benehmen verheimliche, wel⸗ ches mit den Rathſchlägen, die ich ihr gab, ſo ganz übereinſtimmte, endlich überzeugen, daß ſie dies nur thäte, um das Recht zu behalten, ſich die unverſtan⸗ denſte, unglücklichſte der Frauen nennen, und ſich bei mir über die moraliſche Mißheirat beklagen zu können, der ſie geopfert worden ſei. Dieſe meine Ueberzeugung gab mir hinſichtlich Urſula's Geſchick eine große Beruhigung. Zum erſten Mal erkannte ich eine Art von ſchwer⸗ müthiger Monomanie in der überſpannten Traurigkeit, welche ſie in unſerer erſten Unterredung nach meiner Ankunft an den Tag gelegt. Ich klagte meine Coufine nicht der Falſchheit an, ich hielt ſie beinahe für un⸗ glücklich, daß ſie ſich ihres Glückes ſchäme und nicht wage, es einzugeſtehen, nachdem ſie die edeln und groß⸗ 98 herzigen Eigenſchaften ihres Mannes erkannt und über einige ſeiner gemeinen Angewöhnungen ſich hinwegge⸗ ſetzt hatte. Als ich einmal gewiß wußte, daß ihr Kum⸗ mer weiter Nichts ſei, als eine Art von Koketterie mit dem Schmerz, hatte ich nicht den Muth, ihr in dieſer Beziehung zu widerſprechen. Ich ſah und glaubte, ſie ſei vollkommen glücklich, und das Uebrige war mir gleichgültig. Dabei war ich weit entfernt, die Thränen zu be⸗ klagen, welche ich dem vorgeblichen Schmerz gewidmet hatte. Doch konnte ich mich des Lächelns nicht enthal⸗ ten, wenn ich daran dachte, daß die Vollſtändigkeit ihres Glückes darin beſtand, ſich das elendeſte Geſchöpf von der Welt zu nennen. Ze mehr ich ſie beobachtete, deſto mehr bemerkte ich, daß die Herrſchaft, welche ſie über ihren Mann übte, außerordentlich war, ſo daß ich bisweilen ſogar zweifelte, ob die der Frau Seche⸗ rin der ihrigen gleichkommen könnte. Dieſe verharrte gegen Urſula fortwährend in einer gezwungenen Kälte, wodurch ſie ihren Sohn oft zu verletzen ſchien. Etwa acht oder zehn Tage nach dem eben von mir erzählten Auftritt kam Herr Chopinelle zum Eſſen, in⸗ dem er ſein langes Wegbleiben mit zahlreichen Geſchäf⸗ ten entſchuldigte. Herr Secherin empfing ihn mit größter und mun⸗ terſter Herzlichkeit. Nach dem Eſſen, als die Dämmerung gekommen, ſetzte ſich Frau Secherin an ihr Spinnrad, ſtatt, wie gewöhnlich, noch mit ihrem Sohne Piquet zu ſpielen. Mein Vetter ging weg, um in ſeiner Fabrik noch einige Befehle zu ertheilen. Die Fenſter ſtanden offen; es war herrliches Wetter. Urſula und Herr Chopinelle plauderten mit ein⸗ ander, auf einem Canapee beiſammen ſitzend, welches hinter dem Stuhle der Frau Secherin ſtand, die nur mit ihrem Spinnrad beſchäftigt war. ——— ihres 99 Der heruntergeſchlagene Schirm der Lampe ver⸗ ſetzte den Salon in Halbdunkel. Ich ſetzte mich an eines der Fenſter. Die Sterne funkelten am heiteren Himmel und ich verſank in eine tiefe Träumerei. Ich weiß nicht, wie lange ich derſelben nachge⸗ hangen, als ich, unwillkürlich den Kopf drehend, be⸗ merkte, wie Herr Chopinelle, der neben Urſula ſaß, ihr einen Brief gab, welchen ſie ſchnell in die Taſche ihres Schürzchens ſteckte. Ich war in der Fenſterniſche faſt verſteckt, meine Couſine konnte mich daher nicht wahrnehmen, und glaubte ohne Zweifel, dies ſei auch von meiner Seite rückſichtlich ihrer der Fall. meintè durch ein Blendwerk getäuſcht worden zu ſein. Im ſelben Augenblicke unterbrach Frau Secherin die taktmäßige Bewegung ihres Spinnrads und ſagte, den Kopf halb nach Urſula hinwendend, mit dem na⸗ türlichſten Tone von der Welt: „Schwiegertochter, kommen Sie doch zu mir her, um mir dieſe Strähne abzuwinden.“ Urſula erhob ſich und näherte ſich ihrer Schwie⸗ germutter. Ich ſehe dieſe Scene noch vor mir. Urſula hatte ein weißes Mouſſelinkleid mit rothen Streifen an und eine hellblaue ſeidene Schürze, die mit ſchwarzen Spitzen beſetzt war. Vor ihrer Schwie⸗ germutter ſtehend, hielt ſie die Strähne auf ihren bei⸗ den erhobenen Händen. Ohne Zweifel von dieſer Be⸗ ſhäftigung gelangweilt, ſtampfte ſie mit der Spitze leinen Fußes leiſe auf den Boden. Mit einer gedankenſchnellen Bewegung fuhr Frau Secherin plötzlich mit der Hand in Urſula's Schürzen⸗ taſche und ergriff den Brief des Herrn Chopinelle. „Gegen Verräther muß man verrätheriſche Mittel 100 anwenden,“ rief ſie mit drohender Stimme aus. „Ich habe Alles in dieſem Spiegel mitangeſehen!“ rade gegenüber hing, und in welchem ſie wirklich Al⸗ les, was hinter ihr vorgegangen, hatte ſehen können. „Madame!“ ſagte Urſula erblaſſend. „Seit lange ſchon beobachte ich Sie,“ verſetzte Frau Secherin; „mein Sohn ſoll Alles erfahren!“ Zweiundzwanzigſtes Kapitel. Guter Rath kommt über Macht. Dieſer Auftritt hatte ſich ſo raſch abgeſpielt, daß und ihr zu ſagen: Im Namen des Himmels, Madame, ſprechen Sie nicht ſo laut, man könnte Sie hören und Ihr Sohn kann jeden Augenblick aus dér Fabrik zurückkehren. „Er bleibt mir ſchon zu lange aus,“ verſetzte die unbeugſame Frau. Herr Chopinelle war vernichtet, außer ſich, und bringen. Madame, rief ich wieder, meine Couſine iſt mehr unbeſonnen, als ſtrafbar! „Mein armer Sohn! mein armer Sohn!“ ſagte für dieſe Frau tödtet er ſich durch angeſtrengte Arbeit, und um dieſer Frau willen vergißt er zuweilen ſeine Und ſie deutete auf einen Spiegel, welcher ihr ge⸗ ich kaum Zeit hatte, mich der Frau Secherin zu nähern vermochte, neben Urſula ſtehend, kein Wort hervorzu⸗ Frau Secherin, ohne mir zu antworten und voll Schmerz den Brief betrachtend, den ſie aufgefangen hatte. „Und 101 Mutter! Aber der gute Gott iſt gerecht und gibt nicht zu, daß die Strafbaren unbeſtraft bleiben.“ Sie zog die Klingel. Eine Magd erſchien. „Sage meinem Sohn, der in der Fabrik ſein muß, daß ich auf der Stelle mit ihm zu ſprechen wünſche,“ ſagte Frau Secherin. Die Magd ging. Ich ſah Urſula an. Ihre unwandelbare Kaltblü⸗ tigkeit verwirrte mich. „Endlich wird Ihnen die Behandlung werden, welche Sie verdienen,“ ſagte Frau Secherin voll Un⸗ willen zu ihr, indem ſie auf den Brief wies, „mein Sohn ſoll Alles erfahren.“ Urſula verſetzte mit vollkommen wieder erlangter Kaltblütigkeit: „Wahrlich, Madame, ich verſtehe Ihre Vorwürfe nicht, und weiß nicht, worauf Sie anſpielen, wenn Sie mir ſagen, daß ich behandelt werden ſolle, wie ich es verdiene. Es ſcheint mir, daß Sie dieſen Brief, wenn er die Urſache Ihres Zorns gegen mich iſt, öffnen und ſich von ſeinem Inhalte überzeugen ſollten, bevor Sie mich anklagen.“ Frau Secherin erhob ſchnell den Kopf und ſah Urſula mit der höchſten Ueberraſchung an. WVie,“ rief ſie aus, „Sie wagen — 2“ „Mein Gott, Madame, Nichts iſt einfacher. Der Namenstag meines Mannes kommt heran und da habe ich Herrn Chopinelle Bezugs einer Herrn Secherin von mir zugedachten Ueberraſchung einen Auftrag gegeben. In der Vorausſicht, daß Herr Chopinelle von dieſem Fall nicht allein mit mir ſprechen könnte, und wün⸗ ſchend, daß Alles ein Geheimniß bleibe, hatte ich ihn gebeten, mir einige Worte darüber zu ſchreiben. Das 5 . große Geheimniß, Madame, um welches es ſich andelt.“ Von einer furchtbaren Beklemmung erlöst, um⸗ v 102 armte ich Urſula. Ihr Benehmen war ein ſo einfa⸗ ches, ſo unbefangenes und natürliches, daß ich mir meinen Argwohn gegen ſie bitterlich vorwarf. Ich ſagte zu Frau Secherin: Sie ſehen wohl, Madame, daß Sie ſich täuſchten. Frau Secherin war ſtarr vor Erſtaunen. Sie hielt ihre Augen fortwährend auf den Brief geheftet und ſchien das Gehörte nicht glauben zu können. „Wie,“ ſagte ſie, zu ſich ſelbſt ſprechend: „ich ſollte mich ſo ſehr getäuſcht haben und beobachte ſie doch ſchon ſo lange! Nein, nein,“ fuhr ſie lebhaft fort, indem ſie den Brief raſch erbrach, „ein Mutterherz täuſcht ſich nicht. Weßhalb ſollte ich einen ſolchen Wi⸗ derwillen gegen dieſe Frau empfinden? Ich bin we⸗ der ungerecht, noch rachſüchtig, nein, nein — ſie muß ſtarfbar ſein und iſt es!“ Hiemit ging ſie, nach ihrer Brille ſuchend, auf die i zu um den, Brief zu leſen. Geſicht meiner Coufine blieb unbeweglich. tichehn ſagte ſie zu Chopinelle: „Nun, mein Herr, mit unſerer Ueberraſchung iſt's vorbei.“ Der Unterpräfekt ſah Urſula ganz verwirrt, ganz verſtört an, ergriff dann plötzlich ſeinen Hut und ſtürzte nach der Thüre. Hier aber ſtieß er auf Herrn Secherin, der ihn beim Arm ergriff, zurückhielt und lachend ſagte: „Wie, Sie wollen ſchon fort, Chopinelle? Sind Sie toll? Und die Revanche im Ecarté, welche Si mir zu geben haben? Nein, nein, ſo entkommen Sie mir nicht!“ „Endlich, mein Sohn, biſt Du da,“ rief Frau Secherin aus, die noch immer den geöffneten Brief in der Hand hielt, ohne die Augen darauf geworfen zu haben, „jetzt wird ſich Alles aufklären.“ Herr Secherin hatte den Unterpräfekten Zimmer . „—— 103 zurückgezogen und hielt ihn noch immer am Arme feſt. „Aufklären? Was ſoll ſich denn aufklären, Mutter ?“ „Ach, mein Freund, eine ſchreckliche Geſchichte,“ verſetzte Urſula ſchnell und heiter. „Stelle Dir in⸗ mal vor, Herr Chopinelle hat mir ſo eben heimlich einen Brief zugeſteckt. Mein Gott, ja, ſehr geheimnißvoll, ge⸗ rade, als hätte es ſich um eine förmliche gehandelt — weißt Du aber, was dieſer Brief enthält? Ei, ich muß mich nun wohl entſchließen, Dir es mit⸗ zutheilen! Er enthält einige Angaben Betreffs einer Ueberraſchung, welche ich Dir zu Deinem Namenstage zugedacht und womit ich Herrn Chopinelle beauftragt hatte. Da es ſehr wahrſcheinlich war, daß ich keine Gelegenheit haben würde, mich mit Herrn Chopinelle allein darüber zu unterhalten, ſo bat ich ihn, mir dar⸗ über zu ſchreiben, damit Niemand Etwas erfahren ſollte. Zum Unglück iſt jetzt Alles verrathen und ich mich an Deiner Ueberraſchung nicht mehr er⸗ götzen. „Ei, ei, das iſt wahr, übermorgen iſt St. Bene⸗ diktstag,“ ſagte Herr Secherin. „Wie, liebe Frau, ſo verziehſt Du mich und nimmſt den guten Chopinelle zum Mitverſchworenen? Ei, ei, Herr Unterpräfekt! Sie wollen ſich mit meiner Frau gegen mich verbin⸗ den?“ fügte er laut lachend hinzu: „Sie verſchwören ſich alſo zuſammen, um mir Ueberraſchungen zu be⸗ reiten?“ „Eine Ueberraſchung!“ rief Frau Secherin aus, einen durchbohrenden Blick auf Urſula werfend. „Wir wollen ſehen“ Und ſie ſchlug den Brief auseinander. Herr Chopinelle wurde blaß wie eine Leiche. Ich zitterte. Eine entſetzliche Ahnung ſagte mir, daß Urſula mit ihrer Geiſtesgegenwart, die mich ver⸗ wirrte, und mit Hülfe einer kecken Lüge irgend einen furchtbaren Ausbruch bloß verzögert hätte. Die Unruhe des Herrn Unterpräfekten mußte mich 10⁴ überzeugen, daß der fragliche Brief in der That ein Liebesbriof ſei. ch wollie, koſte es, was es wolle, noch einen letzten Verſuch machen, Urſula zu retten und ſagte da⸗ her, das Beben meiner Stimme zu verbergen ſtrebend, zu Herrn Secherin: Sie wiſſen, lieber Vetter, daß ſolche Ueberraſchun⸗ gen heilig ſind, daß man ſie ehren muß. „Gewiß, das will ich meinen! Mutter, ich bitte Sie deßhalb, dieſen Brief nicht zu leſen. Geben Sie ihn Urſula und ihrem Mitverſchworenen zurück, damit ſie ihre Abſcheulichkeiten weiter treiben können: Ich werdt mir den Anſchein geben, als wüßte ich Nichts davon.“ „Geben Sie, geben Sie den Brief, Madame!“ rief Herr Chopinelle, die Hand ausſtreckend. Dieſe Hand zitterte wie Espenlaub. Ich glaubte, Alles ſei verloren. Da ergriff Urſula, welche kein Auge von ihrer Schwiegermutter gewendet und ſich ihr verſtohlen ge⸗ nähert hatte, in dieſem Augenblicke lautlachend den Brief und rief: „Liebe Mutter, es darf kein Verzug ſtattfinden. ſu Sie ſollen Nichts von der Ueberraſchung er⸗ ahren.“ „Bravo! Bravo! mach' Dich davon, Frauchen! mach' Dich davon!“ rief Herr Secherin. Uurſula eilte blitzſchnell aus dem Zimmer. Ich folgte ihr unwillkürlich und eben ſo Herr Chopinelle, der, als wir außerhalb des Salons waren ſich verſtört den Schweiß von der Stirne wiſchte und ausrief: „Welche Kaltblütigkeit! — Sie hat uns geret⸗ tet! — Ah, welche Frau! welche Frau!“ 24 Sobald wir allein waren, zerriß Urſula den Brief und fleckte die Stücke in die Taſche. 4 Ach, Urſula, ſagie ich mit dem Tons des Vor⸗ 105 wurfs, ich zittere noch; was für eine ſchreckliche Lehre! Will's Gott, geht ſie nicht verloren! „Sie können ſich rühmen, eine merkwürdige Gei⸗ ſtesgegenwart zu beſitzen. Ohne Sie war Alles ent⸗ deckt! Ich habe keinen Blutstropfen mehr in den Adern!“ ſagte Herr Chopinelle, noch immer beſtürzt. „Ach, Urſula, was für eine Frau ſind Sie!“ Hätte ich noch den geringſten Zweifel gehegt, ſo hätten mich die letzten Worte des Herrn Chopinelle vollends aufklären müſſen. Meine Coufine betrachtete uns Beide mit einem Blick des höchſten Erſtaunens; dann ſagte ſie lachent zu mir: „Ei, was da? Sprichſt Du im Ernſt, gute Ma⸗ thilde? Was willſt Du denn mit Deiner „ſchreck⸗ lichen Lehre?“ Weßhalb ſagſt Du mir das? Was kann zwiſchen derſelben und einer unſchuldigen Ueber⸗ raſchung, welche faſt entdeckt worden wäre, für ein Zuſammenhang ſtattfinden? Sollte man nicht glau⸗ ben, es handle ſich um eine ernſte Sache? Meinſt Du etwa auch, wie meine Schwiegermutter, es ſei von einer Liebeserklärung die Rede?“ Dieſe ſchamloſe und ſpöttiſche Zuverſichtlichkeit flößte mir Schrecken ein und machte mich verſtummen⸗ Der Unterpräfekt, nicht weniger betäubt, ſah mich an und ſagte albern: „Es iſt ſtaunenerregend — man ſollte es kaum glauben — ach, dieſe Frau!“ Urſula verdoppelte ihr Gelächter und ſagte: „Sie auch, Herr Chopinelle 2 Sie ſind verwirrt, Sie erblaſſen, rühmen meine Geiſtesgegenwart, welche, wie Sie ſagen, verhinderte, daß Alles entdeckt wurde! Wahrhaftig, ich bin außer mir über die Unruhe, welche ich Ihnen durch Ertheilung dieſes geringfügigen Auf⸗ trags verurſachte. Aber wiſſen Sie wohl, daß Sie nicht ſehr gewandt ſind?“ ſetzte ſie mit verächtlichem Mathilde. . 8 * 106 Lächeln hinzu, „wiſſen Sie wohl, daß Ihr verſtörtes, erſchrecktes Benehmen hinreichend geweſen wäre, dem Verdachte meiner Schwiegermutter einen Schein von Wahrſcheinlichkeit zu verleihen? Für einen zukünftigen Staatsmann haben Sie ſich ſelbſt ſehr wenig in der Gewalt — und noch dazu wegen einer Kinderei. Wie wäre es erſt geweſen, ſo es ſich um etwas Ernſtes ge⸗ handelt hätte. Ich hege ſtarke Zweifel, ob Sie in der Politik Ihren Weg machen werden, mein guter Herr Chopinelle!“ Wie, rief ich, empört über ſo viel Frechheit, un⸗ willkürlich aus: Wie, wenn Dein Mann den Brief geleſen hätte? . „Dann hätte er erfahren, was für ein Angebinde ich ihm zu ſeinem Namenstage hatte beſcheeren wollen, und das iſt Alles.“ Und hiemit blickte mich Urſula feſt an, ohne zu erröthen. Ihre Phyſionomie war ſo ruhig und heiter, als hätte ſie die Wahrheit geſprochen. Wir waren in dem Vorzimmer ſtehen geblieben un Herr Secherin traf uns, indem er noch immer achte. So wie Urſula ihn erblickte, rief ſie aus: „Deine Mutter iſt wohl über dieſe Kinderei ſehr aufgebracht, nicht wahr? Alles wohl erwogen, iſt mein Thun in der That ſehr ſchlecht. Mein Gott, jetzt kommt mir in den Sinn, daß ich vielleicht aus⸗ ſah, als fürchtete ich, Du möchteſt dieſen Brief leſen. Sieh, ich bin feſt überzeugt, daß Deine Mutter in die⸗ ſem Sinn zu Dir geſprochen haben wird, und ſie hatte Recht, denn der Schein iſt gegen mich.“ „Ha, ha, ha,“ lachte Herr Secherin, „biſt Du verrückt mit Deinem Schein? Im Gegentheil und zu meinem großen Erſtaunen hat die Mutter mich, als Du weg warſt, ſtarr angeſehen, ohne ein Wort zu ſprechen, ſtatt darüber zornig zu ſein, daß Du es gewagt, ihr 107 den Brief aus der Hand zu reißen. Dann hat ſie meinen Arm verlangt, um auf ihr Zimmer zu gehen, und ich habe kein Wort aus ihr herausbringen können.“ Urſula ſchüttelte traurig den Kopf und ſagte: „Siehſt Du, mein Freund, das wußte ich wohl. Nun zürnt mir Deine Mutter. Wie ſehr bin ich böſe auf mich, daß ich ſo unbeſonnen handelte! Siehſt Du, das kann ich mir nie verzeihen.“ Und eine Thräne glänzte in Urſula's Auge. „Nun, nun,“ rief ihr Mann gerührt aus, „Du wirſt Dich doch darüber nicht beunruhigen, und Dir um einer ſolchen Lapperei willen Kummer machen, wenn ich Dir ſage, daß die Mutter kein Wort geſprochen hat. Sei doch ruhig!“ „Gerade darum. Ihr Stillſchweigen iſt eine An⸗ klage gegen mich. Sie fühlt ſich bitter verletzt und wird dieſe Thorheit für einen Mangel an Ehrfurcht gegen ſie gehalten haben.“ Herr Chopinelle ſkiſirte ſich, während Herr Se⸗ cherin ſeine Frau tröſtete. Ich ſchützte Migräne vor, um auf mein Zimmer zu gehen. Urſula und ihr Mann gaben mir bis an die Thüre das Geleite und wünſchten mir gute Nacht. Ich blieb allein. Urſula war ſchuldig — ich konnie darüber nicht den geringſten Zweifel mehr hegen. 8 Mein Herz zog ſich krampfhaft zuſammen. Ich empfand eines der peinlichſten Gefühle, welche ich je t Urſula hatte mich belogen, ſtets be⸗ gen! Sie war falſch. Ihre thränenreiche Schwermuth, ihre träumeriſche Trauer, ihre idealen Bedürfniſſe, ihre Skrupel, welche an Allem, was nicht das höchſte Zartgefühl zeigte, An⸗ i6 alles dieſes war nur Schein, nur Spiel eſen. 108 Ich hatte Mitleid mit ihren moraliſchen Leiden ge⸗ habt, und ſie litt nicht. Sie hatte einen Fehltritt be⸗ gangen, und noch dazu, ohne von der Leidenſchaft, von der hinreißenden Gewalt, welche ein ausgezeichnet be⸗ gabter Mann üben kann, entſchuldigt zu werden. Sie hatte ihre Pflichten einem lächerlichen Menſchen zum Opfer gebracht, über welchen ſie erröthete, denn ſie verleugnete und verhöhnte ihn mit unerſchütterlicher Zuverſicht. Während des Auftritts, welcher ſie ins Verderben ſtürzen konnte, war ihre Stirne ruhig und ungebeugt geblieben. Sie hatte den Sturm mit einer Kaltblütig⸗ keit, mit einer Verwegenheit beſchworen, die mich er⸗ ſchreckten. Dieſe Enideckung that mir entſetzlich weh. Ach, ich bekenne es mit Scham, daß die Bitterkeit meiner Enttäuſchung vielleicht noch durch den Unwillen wuchs, welchen man ſtets empfindet, wenn man der Narr ſei⸗ ner eigenen Güte war. Und dennoch, nein, nein — jemehr ich meine Er⸗ innerung befrage, deſto mehr kommt es mir vor, daß ich beſonders durch die Vorſtellung niedergebeugt worden ſei, ich hätte nun keine Schweſter mehr, denn die, auf welche ich ſo viele Hoffnungen gründete, war ja meiner Freundſchaft nicht mehr würdig. 5 74 verbrachte eine ſehr traurige und unruhige Am nächſten Morgen, als ich kaum erwacht war, ſagte mir meine Kammerfrau, Herr Secherin hätte ſchon mehrmals angefragt, wann ich ihn empfangen könnte. Er hätte durchaus mit mir zu ſprechen. Ziemlich beunruhigt, kleidete ich mich ſchnell an und ließ dann meinen Vetter rufen. Er kam ſogleich und ſchien traurig und ſorgen⸗ voll Was haben Sie mir zu ſagen, Vetter? „Etwas ſehr Wichtiges, Coufine. Da Sie zur — 109 Familie gehören und die beſte Freundin meiner Frau ſind, dürfen wir kein Geheimniß vor Ihnen haben. Stellen Sie ſich einmal vor, was mir zuſtößt. Es iſt wie ein Dachziegel, der einem auf den Kopf fällt. Nie hätt' ich's geahnt. Aber wenn alte Leute ſich einmal Etwas in den Kopf ſetzen —“ Ich verſtehe Sie nicht, Vetter. „Hätten Sie jemals geglaubt, daß meine Mutter ſo hart und ungerecht gegen meine arme Frau ſein könnte? Nun, und dennoch iſt's ſo. Die Nacht hat mir Urſula Alles mitgetheilt, indem ſie in Thränen ausbrach. Es zerriß mein Herz. Sollten Sie ſich wohl vorſtellen, daß Mama ſie ungerecht behandelt, wenn ich nicht gegenwärtig bin, ſie ausſchilt, mit ihr hadert, und Urſula — wie ein armes Gotteslamm, das ſie iſt — Alles leidet, ohne ſich zu beklagen! Der geſtrige Auftritt mußte das Maaß voll machen.“ Der geſtrige Auftritt? „Freilich. Urſula hat mir Alles erzählt. Der al⸗ berne Verdacht meiner Mutter Betreffs des Briefes des Herrn Chopinelle hat meine Frau beſonders tief ver⸗ letzt, und ſie hatte wohl Grund dazu. Denn, ſagte meine Frau dieſe Nacht zu mir, Du begreifſt wohl, mein armer Wolf, daß ich Stillſchweigen beobachten konnte, ſo lange es ſich um gleichgültige Dinge han⸗ delte, jetzt aber, wo es einen Argwohn betrifft, der deine und meine Ehre antaſtet, jetzt kann ich nicht länger ſchweigen; denn das hieße ja beinahe zugeben, daß deine Mutter Recht habe. Aber ſo geht es,“ rief Herr Secherin laut aus, „Schwiegermütter und Schwiegertöchter ſind wie Feuer und Waſſer, wie der Teufel, der beichten ſoll. Ich hätte das Alles erwarten ſollen, doch auch wieder nein, denn meine arme Frau ſagte ja kein Wort, ſondern gab Mama in Allem nach. Sie iſt ſo gut, ſo himmliſch gut!“ Und er ging in heftiger Bewegung hin und her. Ich ſah ein, daß Urſula, befürchtend „ihre 11⁰ Schwiegermutter möchte ihr zuvorkommen, ihrem Monne Alles mitgetheilt und ihren ganzen Einfluß aufgeboten habe, um ſich unſchuldig darzuſtellen. Wenn auch über das Gebahren Urſula's empört und über die Verblendung ihres Mannes betrübt, wollte ich dennoch kein Wort ſagen, welches ſeinen Verdacht erwecken konnte, ſondern bemühte mich nur, den Un⸗ willen zu beſchwichtigen, welchen er gegen ſeine Mut⸗ ter zu hegen ſchien. Alles das wird ſich geben, lieber Vetter, ſagte ich, Sie wiſſen, das Herz einer Mutter iſt ſtets etwas arg⸗ wöhniſch und eiferſüchtig. Es iſt dies der Fehler der wahren Zärtlichkeit. „Ich zürne ihr deßhalb auch nicht, der guten Frau. Ich möchte ihr nur ganz einfach ſagen; Sie behaupten, Mama, Herr Chopinelle mache meiner Frau ſeit drei Monaten den Hof? Gut, gerade ſeit drei Monaten benimmt ſich meine Frau zärtlicher gegen mich, denn je. — Und wirklich, Couſine, es iſt ſo. Sie können ſich nicht vorſtellen, wie mich Urſula be⸗ ſonders ſeit drei Monaten hätſchelt und verzieht. Da iſt ihr dicker Wolf hier und ihr guter Hund da, denn Urſula macht es, wie ihre Tante mir zu thun befahl, ich muß ihr nachrühmen, daß ſie dieſe artigen Schmeichelnamen für ſolche Augenblicke aufbe⸗ wahrt, wo wir allein ſind. Mit einem Wort, ich muß Ihnen ſagen, daß ich niemals, gar niemals glücklicher, zufriedener und heiterer war, als die letzten drei Mo⸗ nate her. Das ſind keine Träume, keine eiteln Worte — es iſt die Wahrheit. Ich habe ſie empfunden und * empfinde ſie noch. Ha, ha, ha,“ fügte er herzlich lachend hinzu, „meine Frau in Chopinelle verliebt? Wie kann man auf einen ſolchen Einfall kommen? Das iſt Unfinn! Und wie Urſula mir noch dieſe Nacht ſagte, wenn ſie nicht beſorgt hätte, Chopinelle vor den Kopf zu ſtoßen und ihn gegen die Vicinalſtraße einzu⸗ 4 nehmen, welche für meine Fabrik ſo nothwendig iſt, ſo . — 1¹¹ würde ſie ihn mit ſeinen Duetten ſchon lange zum Henker geſchickt haben. Er langweilt ſie fürchterlich, er zerreißt ihr die Ohren, denn ſtatt zu ſingen, ſcheint er zu ſchreien wie ein heiſerer Teufel, wenigſtens ſagt Urſula ſo. Auch auf mich hat es zuweilen einen der⸗ artigen Eindruck gemacht, aber da ich Nichts davon verſtehe, ſo ſchwieg ich. Ich frage: wo hat Mama ihren Kopf, daß ſie ſich derartige Sachen einbildet? Ein ſo fader, dummer, dicker Kerl! Der Chopinelle muß wirklich ſehr lächerlich ſein, denn ihrer Thränen ungeachtet, hat meine arme Urſula dieſe Nacht ſo viel über ihn geſcherzt, daß wir am Ende über ihn lachten, wie zwei Kinder. Sie iſt ſo ſpaßhaft, ſo munter, meine Frau, wenn ſie es ſein will. Sie haben davon keinen Begriff, Couſine, denn in Ihrer Gegenwart thut ſie ſich Zwang an, um nicht von ſchlechtem Ton vor Ihnen zu erſcheinen, aber ſind wir allein, ei, da iſt ſie luſtig! Deßhalb thut es mir auch ſo weh, ſie betrübt zu ſehen, deßhalb muß man auch ein Herz von Stein haben, um ſie zu kränken, das arme, theure Lamm. Und Mama, die doch ſonſt ſo gut iſt, hegt gerade gegen ſie einen unbegründeten Widerwillen — ſie, ſie!“ Ich bin überzeugt, lieber Vetter, daß Urſula ſich Nichts vorzuwerfen hat, aber Sie wiſſen ja, das Alter iſt argwöhniſch, und dann will es mich auch bedünken, als hätte Ihre Frau Mutter bis jetzt noch Nichts gegen Ihre Frau geſagt. „Freilich, nein, aber ſehen Sie, das kann nicht ausbleiben. Jetzt begreife ich das Gebahren Mama's am geſtrigen Abend. Es iſt ihr eigenthümlich, nie Etwas halb zu thun, ſehen Sie. Dieſes Stillſchwei⸗ gen verkündigt einen heftigen Auftritt. Ich kenne die Mutter. Sie ſpricht nur, wenn Sie Etwas zu ſagen hat, aber dann wird ſie furchtbar.“ Selbſt Familien, in welchen die größte Eintracht herrſcht, ſind gegen ſolche Streitigkeiten nicht geſchützt, 112 „ lieber Vetter, aber dieſe leichten Stürme gehen vor⸗ über und ſind bald vergeſſen. „Gewiß, aber, es wäre, wie Urſula meint, um den Stürmen, von welchen Sie ſprechen, auszuweichen, vielleicht für uns und Mama beſſer, wenn wir etwas mehr getrennt von einander lebten. Zwei Büchſenſchüſſe von hier entfernt ſteht ein ſehr artiges Haus zu ver⸗ kaufen: wir beziehen es mit meiner Frau und über⸗ laſſen dieſes hier der Mutter, denn Sie begreifen wohl, daß für ihre Bequemlichkeit hier mehr geſorgt wäre, denn, wie Urſula ſagt, geſchieht doch Alles nur zum Beſten Mama's.“ Ihre Mutter verlaſſen, Vetter? Sehen Sie ſich wohl vor; ſie iſt ſeit ſo langer Zeit daran gewöhnt, bei Ihnen zu leben. „O, das hieße ſie ja nicht verlaſſen, wir werden ſie täglich beſuchen, eher zwei und dreimal, als einmal. Und dann, ſehen Sie, hat Urſula trotz ihrem geſun⸗ den Ausſehen, eine ſehr ſchwache Bruſt. Die Mahl⸗ zeitſtunden Mama's ſind ſo verſchieden von denen, an welche meine Frau gewöhnt iſt, daß es ihr die größte Anſtrengung verurſacht, ſich darein zu finden. Auf die Dauer müßte es ſie krank machen. Sie hat, ſo lange ſie im Stande war, gekämpft, ohne Etwas zu ſagen, die arme Kleine, nun aber hat ſie mir bekannt, daß ſie es nicht länger zu ertragen vermag.“ Sie ſind demnach beinahe entſchloſſen, ſich von Ihrer Mutter zu trennen? Dieſer Entſchluß iſt ein ſehr wichtiger und es will mich bedünken, als ſei er zu raſch gefaßt worden. Geſtern dachten ſie noch nicht daran. „Nein, allerdings noch nicht — — das heißt, zu⸗ weilen hat meine Frau ſo beiläufig mit mir davon geſprochen. Dieſe Nacht aber machte ſie mir begreif⸗ lich, daß es nach all dem Vorgefallenen für Mama und uns das Paſſendſte wäre, und ich bin ganz mit ihr einverſtanden. Jetzt, da ich weiß, daß Mama un⸗ 113 gerecht gegen meine Frau iſt, müßte das früher oder ſpäter doch Kälte in unſern Umgang bringen. Finden Sie nicht, Couſine, daß wir Recht haben, wenn wir ſo handeln? O, Urſula hat mir auf der Stelle geſagt: befrage vor Allem Mathilde, und laß uns ihrem Rath folgen.“ Da Sie mich um Rath fragen, Vetter, ſo muß ich Sie auffordern, ſich noch zu gedulden. Ihre arme Mutter iſt nicht auf dieſe plötzliche Trennung vorbe⸗ reitet. Es wäre ein ſchrecklicher Schlag für ſie. „Meinen Sie, Couſine?“ Aber Sie, fühlen Sie denn Nichts? „Allerdings, ich würde einen fürchterlichen Schmerz empfinden, ſo davon die Rede wäre, Mama ganz zu verlaſſen — ich weiß nicht einmal, ob ich mich über⸗ haupt dazu entſchließen könnte; aber es handelt ſich ja nur darum, uns zwei kleine Büchſenſchüſſe von dieſem Hauſe entfernt niederzulaſſen.“ Trotzdem, glauben Sie mir, würde dieſer Ent⸗ ſchluß für Ihre Mutter ſehr verletzend ſein. Uebereilen Sie ſich nicht, folgen Sie mir, warten Sie und über⸗ legen Sie die Sache. Hier trat eine von den Mägden der Frau Seche⸗ rin ein und ſagte zu meinem Vetter: „Herr Secherin, Madame läßt Sie bitten, zu ihr zu kommen. Sie bittet guch die gnädige Frau, Sie zu begleiten. Sie wartet in dem Zimmer mit den drei Fenſtern.“ „In dem Zimmer meines verſtorbenen Vaters?“ fragte mein Vetter, indem er mich mit dem Ausdruck des Erſtaunens und der Furcht anſah, „was gibt es denn Außerordentliches? Seit dem Tode meines Vaters geht meine Mutter nie in dies Zimmer, als um zu beten; es iſt für ſie wie eine Kapelle. Hören Sie, Couſine, Sie haben keinen Begriff von der Traurigkeit und Furcht, die mir das verurſacht. Ich kenne meine Mut⸗ ter; es wird etwas ſehr Ernſtes geben.“ 1¹4 Sehr erſtaunt darüber, ebenfalls von Frau Se⸗ cherin gerufen worden zu ſein, folgte ich meinem Vet⸗ ter mit finſterer Ahnung. Ich habe von dieſer Familienſcene eine lebhafte Erinnerung bewahrt. Mein Geſpräch mit Herrn Secherin gab mir einen deutlichen Beweis an die Hand, daß Urſula, weit ent⸗ fernt, durch die Gemeinheit ihres Mannes zu leiden, ſich vielmehr ſtellte, als theilte ſie dieſelbe, um dadurch ihren Einfluß auf ihn noch mehr zu befeſtigen. Die Liſt, die Gewandtheit meiner Couſine ſetzten mich in Schrecken. Ich nahm mir vor, dieſes Haus bald zu verlaſ⸗ ſen; ich bereute es, hergekommen zu ſein; denn eine geheime Ahnung ſagte mir, daß dieſe Reiſe verderblich für mich ſein würde. Indem ich meiner Kindheit dachte, der Demüthi⸗ gungen, welchen Fräulein von Maran meine Couſine um meiner willen ausgeſetzt, indem ich meine Stellung mit der ihrigen verglich, begann in mir die Ueberzeu⸗ gung lebendig zu werden, daß Urſula, der fortwähren⸗ den Verſicherungen ihrer Liebe zu mir ungeachtet, zu falſch, argliſtig und ſelbſtſüchtig ſei, um nicht im höch⸗ ſten Grade neidiſch zu ſein. Ich fühlte unbeſtimmt, ſie könne mir die ſcheinbaren Vorzüge nicht verziehen ha⸗ ben, welche ich vor ihr voraus hatte, und ſie werde früher oder ſpäter nach Rache trachten. Die Kaltblütigkeit und Keckheit, welche ſie am vorigen Tage entwickelt hatte, erſchreckten mich. Eine ſo junge, ſo ſchöne, ſo kecke, gewandte und verdorbene Frau erſchien mir als das gefährlichſte Ge⸗ ſchöpf von der Welt. Uueber Nichts erröthend, Alles wagend, mit uner⸗ ſchütterlicher Unverſchämtheit lügend, die Gabe der Thränen mit dem bezauberndſten Lächeln vereinend, geiſtreich, reizend und gemüthlos — was konnte ſie 1¹5 nicht Alles unternehmen? Wer vermochte ihr zu wider⸗ ſtehen? Was mußte ihr nicht gelingen? Herrn Secherin zu ſeiner Mutter folgend, dachte ich der unbeſchreiblichen Geſchicklichkeit, womit Urſula ihren Mann auf die Entdeckung vorbereitet hatte, welche Frau Secherin ihm zweifelsohne machen wollte. So betrat ich mit Herrn Secherin das Zimmer, in welchem ſeine Mutter uns bereits erwartete. Dreiundzwanzigſtes Kapitel. Die Frau und die Schwiegermutter. Der Anblick dieſes Gemaches hatte etwas Impo⸗ ſantes, Finſteres. Die Wittwe des verſtorbenen Herrn Secherin hatte dieſes Gemach frommer Erinnerung zufolge ganz in dem Zuſtande gelaſſen, in welchem es bei dem Tode ihres Gatten ſich befand. Da und dort erblickte man auf den Möbeln noch Arzneigläſer, auf einem Schreibtiſch einen halbvollendeten Brief, ohne Zweifel den letzten, welchen der Verſtorbene geſchrieben. Dieſer Brief war mit einer Glasglocke bedeckt. Es war dieſes Zimmer, da es ſtets verſchloſſen, feucht und kalt, wie das Grab, die Wände düſter, und das ſchwache Tageslicht, welches durch die halbgeöff⸗ neten Jalouſieen drang, vermehrte noch die verzweif⸗ lungsvolle Traurigkeit dieſes Ortes, an welchem Alles auf eine ſo auffallende und betrübende Weiſe an Tod und Strafen erinnerte. Ich zitterte unwillkürlich. Mein Vetter erblaßte und näherte ſich ſeiner Mutter mit ehrerbietiger Scheu. Frau Secherin war, wie gewohnt, ſchwarz geklei⸗ det, hatte aber das weiße Häubchen, welches ſie ſonſt trug, mit einer Wittwenhaube vertauſcht. Ihre Haare fielen in Unordnung unter dieſem traurigen Kopfputze hervor, ihre grauen Augenbrauen waren zuſammen⸗ gezogen, ihre Lippen ſchmerzhaft gepreßt, ihr Geſicht trug einen Charakter der Traurigkeit, des Leidens und der Strenge, der mich tief ergriff. Mit einem Mal ſtreckte, ohne ein Wort zu ſprechen, Frau Secherin ihrem Sohn die Arme entgegen. Er warf ſich weinend hinein, und einige Augenblicke hielt ſie ihn eng umfaßt, mit erſtickter Stimme ſprechend: „Mein Kind, mein armes Kind — Muth!“ Herr Secherin ſagte, ſeine Augen trocknend, mit ſichtlicher Rührung: „Mein Gott, Mama, weßhalb denn laſſen Sie uns hieher kommen, in das. Zimmer meines Vaters? Das ruft Ihnen und auch mir ſehr ſchmerzliche Augen⸗ blicke ins Gedächtniß zurück. Das thut Ihnen wehe — das iſt nicht gut.“ „Dieſer Ort iſt mir heilig, mein Kind. Du weißt, ich gehe oft hieher, um mein Gebet zu verrichten. Es iſt ein geweihter Ort, und es kommt mir vor, als ob Dein armer Vater mich hier beſſer ſähe und hörte, denn anderswo.“ Hierauf wandte ſie ſich zu mir mit den Worten: „Gnädige Frau, Sie gehören zu der Familie und ſind ein Engel der Tugend und Güte. Deßhalb habe ich mir erlaubt, Sie hieher zu rufen. Sie hegen Freund⸗ ſchaft für meinen Sohn, Sie wiſſen, daß er redlich und gut, und werden uns nicht verlaſſen. Sie wer⸗ den nicht gegen uns ſein, ſondern für das Recht, nicht wahr?“ Und Frau Secherin ſtreckte mir ihre zitternden Hände entgegen. Madame, ſagte ich, ich weiß nicht, womit ich „Ich will Ihnen Alles ſagen, und obſchon Sie von 6 3 1 dieſer unſeligen Frau Schweſter genannt werden, ſo werden Sie dennoch gerecht ſein; ich bin davon feſt Sie können Nichts mit den Boshaften gemein aben.“ ² Herr Secherin ſah mich an und machte mir ein Zeichen des Einverſtändniſſes, als wollte er ſagen, daß er die Gedanken ſeiner Mutter erriethe. Dieſe ergriff die Hände ihres Sohnes, blickte ihn mit rührender Innigkeit an und ſprach mit tiefbeweg⸗ ter Stimme: „Mein Kind, wenn Dir ein großes Unglück wider⸗ führe, ſo würdeſt Du zu mir kommen, um Troſt bei mir zu holen, nicht wahr? Zch würde Dir Alles erſe⸗ tzen, was Du verloren hätteſt. Du würdeſt nie ganz unglücklich ſein, ſo lange Du mich beſäßeſt, nicht?“ „Aber, Mama, weßhalb ſagen Sie mir das?“ „Höre, höre, ich ſage Dir das, um Dir zu bewei⸗ ſen, daß der Herr die nie verläßt, welche gut und red⸗ lich ſind — verſtehſt Du mich? Wenn ein falſches, boshaftes Herz ſie betrügt, nun wohl, ſo finden ſie zu ihrem Troſte ein Herz, welches ihnen ganz ergeben iſt — das Herz einer Mutter, und vergeſſen darob die unwürdigen Geſchöpfe, durch welche ſie betrogen wur⸗ den. — Muth, mein armes Kind, Muth!“ Zweifelsohne wollte Frau Secherin ihren Sohn auf den ſchrecklichen Streich vorbereiten, welchen ſie ihm beibringen wollte, indem ſie ihm die Aufführung Urſula's enthüllte. Herr Secherin ſchien über dieſe Einleitungen un⸗ geduldig zu werden. Endlich vermochte auch ſeine Mutter ihren Zorn nicht länger zu zügeln und rief aus: „Du mußt ſie verlaſſen — ſie wegſchicken, ohne ſie wieder zu ſehen — hörſt Du? das iſt's, was ſie verdient, aber ich bleibe Dir, ich!“ „Aber noch einmal, Mutter, erklären Sie ſich.“ „Nun?“ „Nun, Mutter?“ „Mein Sohn, Deine Frau betrügt Dich!“ ſagte Frau Secherin mit bebender Stimme, indem ſie ihren Sohn voll Rührung anſah. Sie erwartete ſicherlich einen heftigen Ausbruch, wie ward ihr daher, als ihr Sohn blos die Schultern zuckte und weiter Nichts antwortete, als: „Hören Sie, Mutter, laſſen wir das. Ich weiß, was Sie mir ſagen wollen; Sie wollen von Chopi⸗ nelle ſprechen. Ei, das hat, unter uns geſagt, keinen geſunden Sinn und Menſchenverſtand.“ Es iſt unmöglich, das Ekſtaunen der Frau Seche⸗ rin zu ſchildern, als ſie ihren Sohn eine Entdeckung, welche ſie für niederſchmetternd hielt, ſo aufnehmen ſah. Ihr mütterlicher Inſtinkt erklärte ihr aber die Sache ſogleich und ſie rief aus: „Sie iſt mir zuvorgekommen!“ Und hiemit verhüllte ſie ſich mit den Händen das Geſicht. „Nun ja,“ verſetzte Herr Secherin, „ja, meine Frau hat mir geſtern geſagt, daß Sie zu glauben ſcheinen, der Brief, welchen ihr Chopinelle übergab, ſei ein Liebesbrief geweſenz ſie hat mir geſagt, daß Sie glaubten, dieſer Menſch liebte ſie und werde von ihr geliebt. Nun gut, Mama, Sie haben ſich getäuſcht, Sie haben ſchlecht geſehen. Sprechen wir nicht mehr davon und umarmen Sie mich. Wäre ich weniger vertrauungsvoll gegen Urſula geweſen, ſo hätte mir das vielen Kummer verurſachen können, denn es hätte mir Argwohn gegen meine arme, gute Frau ein⸗ geflößt.“ Mein Vetter ſchien ſo vollkommen beruhigt, ſo blind überzeugt von der Treue ſeiner Frau, daß ſeine Mutter einen entſcheidenden Streich führen wollte, weil ſie erkannte, daß Schonung unnütz. Sie richtete ſich hoch empor, ruhig und impoſant, erhob die Arme gen Himmel und rief mit begeiſtertem 119 Tone, der tief aus ihrem innerſten Herzen zu kommen ſchien: „Bei dem heiligen Andenken an Deinen Vater, und ſo wahr ein Gott im Himmel lebt — möge ich für ewig als Gottesläſterin büßen, wenn Deine Frau nicht ſtrafbar iſt!“ Dieſe Anklage war fürchterlich — dieſe feierliche Betheurung hatte in dem Mund einer frommen und ſtrengen Frau ein ſolches Gewicht, daß Herr Secherin, Fii Vertrauens auf Urſula ungeachtet, todtblaß wurde. Unbeweglich, ſtarren Blickes, betrachtete er ſeine Mutter voll unbeſchreiblicher Angſt. Ich war nicht minder erſtaunt, als erſchreckt über den Ausdruck des Schmerzes, der Wuth, der Verzweif⸗ lung, welches den ſonſt ſo gutmüthigen Zügen des Secherin beinahe den Charakter wilder Energie verlieh. „Die Beweiſe, die Beweiſe hievon, Mutter!“ rief er aus. „Beweiſe? Du forderſt Beweiſe? Und ich habe Dir geſchworen und ich ſchwöre Dir bei dem geheilig⸗ ten Andenken Deines Vaters,“ ſagte Madame Secherin mit dem Tone ſchmerzlichen Vorwurfs. „Mein Gott, mein Gott! Iſt's denn möglich, iſts möglich!“ rief Herr Secherin aus, ſich niederbeugend und den Kopf in die Hände bergend. Seine Mutter fuhr fort. Geſtern hatte ich einen Beweis in Händen, ich bin feſt davon überzeugt, allein dieſer Teufel hat ihn mir entriſſen. Ihre Frechheit hatte mich ſo verwirrt, daß ich kein Wort zu ſagen vermochte. Und dann wollte ich mich zuvor ſammeln und den guten Gott um Rath fragen. Dieſe ganze Nacht habe ich die Sache über⸗ legt. Ich habe mir ins Gedächtniß zurückgerufen, was immer ich beobachtet hatte: ihre Zeichen des Einver⸗ ſtändniſſes, ihr Benehmen. Ich flehte den Himmel an, 120 mich aufzuklären. Dieſen Morgen ging ich hieher, kniete nieder und habe Deinen armen Vater, der uns ſieht und hört, gebeten, mir ebenfalls ſeinen Geiſt ein⸗ zuhauchen. Mein Flehen iſt erhört worden. Ich fühlte mich ſo überzeugt von dem, was ich Dir ſage, daß ich einen Eid darauf ſchwöre, hörſt Du, einen heiligen Eid. Du kennſt mich, ich würde lieber ſterben, als einen Unſchuldigen anklagen. Ich werde doch meine Seele nicht durch eine Gottesläſterung der ewigen Verdamm⸗ niß überliefern. Es muß daher eine Offenbarung von 36 welche mir ſagt, daß dieſe Unglückliche ſtraf⸗ ar iſt.“ „Es iſt wahr — meine Mutter würde Gott nicht läſtern; ſie muß Ihrer Sache ſehr gewiß ſein, und den⸗ noch — mein Gott, was ſoll ich glauben? murmelte Herr Secherin mit dumpfer Stimme, ſeine geballten Fäuſte heftig gegen die Stirn drückend. Seine Mutter erhob mit flehendem Blick ihre Au⸗ gen gen Himmel, näherte ſich dann ihrem Sohne, legte ihm ihre Hände auf die Schultern und ſagte mit dem des Mitleids und unbeſchreiblicher Zärtlich⸗ eit: „Du mußt Deiner Mutter glauben, mein armes Kind, denn der gute Gott erleuchtet ſie. Er hat mich ohne Zweifel auserwählt, Dir dieſen grauſamen Streich beizubringen, weil ich Dich tröſten, beruhigen und hei⸗ len kann. — Wir werden wieder allein zuſammen le⸗ ben, wie zuvor. O, Du ſollſt ſehen, Du ſollſt ſehen, daß Du die Abweſenheit Deiner ſchlechten Frau nicht bemerken wirſt. Du wirſt mich ſtets an Deiner Seite finden. Ich werde Dir noch näher ſtehen, als bisher, denn, ſiehſt Du, ich nahm wahr, daß ich Dir weniger nothwendig, ſeitdem ſie hier war, ſie. Ich wagte nicht, es Dir zu ſagen, aber es that mir wehe, v, ſehr wehe! Das vermehrte noch die Traurigkeit, welche mich ſeit dem Tode meines armen Mannes drückt. Aber für die Zukunft will ich mir Mühe geben, heiterer zu ſein. 121 Ich werde es ſein, um Dich zu zerſtreuen — ich ſtehe Dir dafür, Du ſollſt ſehen, Du ſollſt ſehen,“ — ſagte die arme Mutter, indem ſie unter Thränen zu lächeln verſuchte, „ich werde ſo glücklich ſein, mein Kind wie⸗ der ganz allein zu haben, ich werde wieder heiter ſein wie in meiner Zugendzeit. Ich verſichere Dich, daß Du Dich bei mir nicht einen Augenblick langweilen ſollſt. Ich habe noch gute Augen und werde Dir Abends vorleſen; da kannſt Du dann von der Arbeit aus⸗ ruhen. Und an Deinem Lager werde ich für Dich zu dem guten Gott beten, von Deiner Mutter geſegnet, wirſt Du einſchlafen. Wir werden ein friedliches, ſtil⸗ les Leben führen, und ich werde Dich ſo ſehr lieben, o, ſo ſehr, daß Du Nichts vermiſſen ſollſt!“ In diefem Augenblick ging die Thüre auf. Urſula trat ein. Ich bin überzeugt, daß ſie den Anfang dieſes Ge⸗ ſchräches belauſcht und ihren Eintritt geſchickt ange⸗ paßt hatte. Die Wichtigkeit dieſes Auftrittes ahnend, hatte ſie die Koketterie ihres Anzugs verdoppelt. Noch ſehe ich ſie eintreten, heiter, lächelnd, unbe⸗ fangen; nie war ſie mir ſo hübſch vorgekommen. Ihre kurzen Aermel ließen ihre wunderſchönen, weißen Arme ſehen. Ihr Kleid von engliſchem Mouſ⸗ ſelin war etwas ausgeſchnitten, ließ ihre reizenden Schultern bloß und hob ihren vollendeten Wuchs her⸗ vor. Ihr reiches, braunes, auf der Stirn geſcheiteltes Haar, fiel in zahlreichen Locken auf ihren Nacken herab und umfloß anmuthig ihr friſches, roſiges Geſicht, wäh⸗ rend lange, ſchwarze Wimpern ihre großen, dunkel⸗ blauen Augen verſchleierten. Beim Eintreten warf ſie, freundlich und anmuths⸗ voll mit dem Kopfe nickend, ihrem Manne einen ver⸗ ſtohlenen Blick zu, und dieſer Blick war ſo zärtlich, ſo ſchmachtend, daß Herr Secherin trotz der Qual, un⸗ Mathilde. m. 9 122 ter welcher er litt, erröthete und vor Liebe und Be⸗ wunderung zitterte. Sein bisher durch den Zweifel verfinſtertes Ge⸗ ſicht hellte ſich plötzlich auf, er richtete auf ſeine Frau begehrende und entzückte Blicke und ſchien von dieſem Augenblick an durch den unwiderſtehlichen Einfluß ih⸗ rer verführeriſchen Schönheit bezaubert zu ſein. Ich wiederhole es, nie in meinem Leben war mir Urſula entzückender vorgekommen Meine Coufine ſtellte ſich an, als wäre ſie mit dem, was hier vorging, völlig unbekannt. Sie grüßte ihre Schwiegermutter ehrerbietig, ließ ſich nicht fern von derſelben auf einen Divan nieder ſtützte ihren vollen runden Arm auf die Lehne deſſel⸗ ben, ſchlug ihre Beine übereinander, ſo daß ihr Kleid den Knöchel des ſchönſten Fußes von der Welt blicken ließ, welcher zierlich mit einem Pantoffel von braunem Maroquin bekleidet war. Wenn ich bei einer ſo ernſten Sache bei ſolchen anſcheinend kindiſchen Einzelnheiten mich aufhalte, wenn ich ſelbſt die Stellung Urſula's beſchreibe, ſo geſchieht es, weil ich überzeugt bin, daß Alles, bis auf ihre Stellung voll verlockender Koketterie von meiner Cou⸗ ſine mit unglaublicher Gewandtheit berechnet war. War es wohl Zufall oder ebenfalls Berechnung? Urſula ſetzte ſich gerade in den einzigen Sonnenſtral, der in das Zimmer drang. Nie werde ich dieſen auffallenden Gegenſatz ver⸗ eſſen. 8 Hier war Urſula in dem Glanze der Schönheit, ver Jugend, des friſcheſten Schmuckes, wie von einem ſtralenden Heiligenſchein umfloſſen, der durch das dü⸗ ſtere Halbdunkel, welches das übrige Zimmer erfüllte, noch blendender erſchien. Dort, im Schatten, ſaß die Mutter des Herrn Secherin, in ſchwarze Trauergewänder gehüllt, blaß, verzweifelnd, von Kummer und Alter niedergebeugt. Ach, als ich vie Frage ins Auge faßte, welche ſo zu ſagen zwiſchen dieſen beiden Frauen entſchieden wer⸗ den ſollte, von welchen die eine dem Grabe nahe ſtand, die andere aber im Lenz des Lebens ſich befand, da wurde ich von einer tiefen Traurigkeit ergriffen. Ich ſollte einem jener verhängnißvollen Kämpfe beiwohnen, welche in der Laufbahn aller Menſchen ſo oft vorkommen und die heiligſten Gefühle den menſch⸗ lichen Leidenſchaften gegenüberſtellen. Ich empfand innige Theilnahme für die alte, arme Muttet, gerade weil ſie alt und Mutter war“ Eine ſchmerzliche Ahnung erfaßte mein Herz. Es fiel mir ein, daß in eben dem Augenblicke, in welchem ſie alle Kräfte ihres Herzens aufbot, um ihren Sohn zu tröſten, in dem nämlichen Augenblicke, in welchem ſie ihm mit rührender Unbefangenheit die Zerſtreuungen aufzählte, welche ſie für ihn vorbehielt, und ihn fragte: was er wohl dabei vermiſſen könnte? daß in eben dir⸗ ſem Augenblicke Urſula eintrat, ſchön, kokett, keck und herausfordernd. 8 Der mütterliche Inſtinkt entdeckte zweifelsohne der Frau Secherin die Größe und die Gefahr des Kam⸗ pfes, welchen ſie zu beſtehen haben würde⸗ Ihre Phyſionomie hatte bisher nur die zärtlichſten Gefühle ausgedrückt, bei dem Anblick meiner Couſine aber verfinſterte ſich ihre Stirne, ihre Züge zogen ſich krampfhaft zuſammen und drückten Unwillen, Verach⸗ tung und Haß aus. Starr vor Verwunderung über die Keckheit Ur⸗ ſula's, beobachtete Frau Secherin einen Augenblick lang Stillſchweigen. Dann rief ſie plötzlich aus: „Was wollen Sie hier? Hinaus! Hinaus!“ Und ſich halb aus ihrem Lehnſeſſel erhebend, deu⸗ tete ſie mit einer gebieteriſchen Gebärde nach der Thüre. Urſula warf ihrer Schwiegermutter zuerſt einen Blick unbefangenen und ſchmerzlichen Erſtaunens zu. Dann befragte ſie ihren Gatten mit einem Blick voll Sanftmuth und Ergebenheit. „Aber Mama?“ fragte Herr Secherin zögernd, „Sie ſoll gehen, ſoll dieſes mir heilige Gemach nicht durch ihre Gegenwart entweihen! Sie iſt un⸗ würdig, hier zu bleiben. Sie ſoll gehen, mein Sohn. Hörſt Du, ſie ſoll gehen!“ Herr Secherin machte eine Bewegung der Unge⸗ duld und ſagte zu ſeiner Mutter: „Aber, Mama, man verdammt die. Leute doch nicht ungehört!“ „Du vertheidigſt ſie? Du vertheidigſt ſie!“ rief Frau Secherin, die Hände haltend, aus. Dann ließ ſie dieſelben voller Bitterkeit niederſinken und ſagte: „Er vertheidigt ſie noch!“ Urſula richtete ihre großen Augen, in welchen eine Thräne zu glänzen begann, auf ihren Mann und ſagte mit gerührter, zitternder Stimme: „Gott, Gott, mein Freund, was ſoll denn das? Und Sie, Madame,“ wendete ſie ſich mit flehender Geberde zu ihrer Schwiegermutter, „ſagen Sie mir um Gottes willen, was ich begangen habe, um eine ſolche Behandlung zu verdienen?“ „Was Sie begangen haben? Sie haben meinen Sohn unglücklich gemacht. Sie haben ihn unwürdig betrogen. Doch von nun an hintergehen Sie ihn nicht mehr. Ich habe ihn enttäuſcht und er empfindet für Sie den ganzen Abſcheu, die ganze Verachtung, welche Sie verdienen.“ Als ſie dieſe mit lauter Stimme ausgeſprochenen Worte vernahm, ſchaute Urſula ihren Mann mit unbe⸗ ſchreiblicher Angſt an. Sie barg hierauf ihr Antlitz in ihre Hände und ſagte Nichts, als die in dem Tone des bitterſten Vorwurfs geſprochenen Worte: „Ach, mein Freund!“ Hiemit ſtützte ſie ihr Geſicht auf die Lehne des . 125 Divans, ſo daß man nur noch die b erblickte. ebenden Schultern „Mutter,“ rief Herr Secherin mit dem Fuße ſtampfend aus, „warum ſagen Sie das? Weshalb ſagen Sie, ich empfände Abſcheu und Verachtung gegen meine Frau?“ „Weil ſie das verdient; Du weißt wohl, daß ſie es verdient. Komm, komm, mein armes Kind, laſſen wir ſie.“ Und Frau Secherin machte eine Bewegung, um ſich zu erheben. „Das kann nicht ſo gehen!“ rief ihr Sohn aus, „man darf meine Frau nicht nur ſo ohne Weiteres anklagen, ohne Beweiſe von dem Fehltritt beizubringen, welchen ſie, wie Sie ſagen, begangen hat. Hören Sie alſo, Mutter; es handelt ſich um ganzen Lebens, und Sie müſſen woh das Glück meines l einſehen, daß ich daſſelbe nicht ſo leichtfinnig opfern werde.“ „Leichtſinnig? Leichtſinnig, mein Sohn? Wenn ich Dir geſchworen habe, daß dieſe Fra u ſchuldig iſt?“ „Sie iſt ſchuldig, ſie iſt ſchuldig — das wird Ihnen zu ſagen leicht; — ich aber kann nicht auf mein ganzes Lebensglück Vetzicht leiſten, weil Si überzeugt ſind.“ „Dein ganzes Lebensglück, ſie2 e von einer Sache Und was bin ich Dir denn?“ rief Frau Secherin unwillkürlich aus. „Aber, mein Gott, Sie ſind meine Mutter, ich ehre Sie, ich liebe Sie zärtlich. Aber,“ fuhr er mit herzzerreißendem Ausdruck fort, „ich liebe auch Urſula leidenſchaftlich; ich liebe ſie, wie man die erſte, die einzige Frau liebt, die man je geliebt hat, und nie⸗ mals werde ich ſie opfern. Nein, ich werde ſie nun und nimmer Ihren Vorurtheilen opfern, wenn ſie nicht gegründet ſind —“ „Du klagſt mich demnach des Meineids an, un⸗ glückſeliges Kind?“ 1²6 „Ich klage Sie nicht an. Sie ſagen mir, meine Frau ſei ſtrafbar, nun wohlan, beweiſen Sie es.“ Hierauf verſetzte Frau Secherin in dem Tone ſurchtbaren Unwillens: „Du wagſt es, noch andere Beweiſe von mir zu ſordern, als den Eid, welchen ich hier ablege im An⸗ geſichte Gottes, der mich hört, und bei dem geheiligten Andenken Deines Vaters?“ „Um des Himmels willen, Mutter, werden Sie nicht zornig. Ich möchte nicht an dem zweifeln, was Sie ſagen, aber Sie können ſich ja auch irren, Sie können durch den Widerwillen, welchen Sie gegen meine Frau empfinden, geblendet werden, und das für eine Offenbarung von Oben halten, was nur eine Folge Ihrer Abneigung gegen ſie iſt. Denn, da wir doch einmal daran find, ſo muß ich Ihnen ſagen, daß ich es erſt ſeit heute weiß, daß Sie meine Frau nicht lieben — und das erklärt mir jetzt Vieles.“ „Nun gut, ich haſſe ſie, ja, und ich verachte ſie, weil ſie Dich ſchändlich betrog, weil ſie Deinen Namen entehrt, und ich werde es nicht dulden, daß eine Un⸗ ſelige den Namen ſchändet, welchen Dein Vater und ich ſtets geehrt haben.“ urſula ließ ein unterdrücktes Schluchzen vernehmen. Ihr Gatte erröthete vor Zorn und rief aus: „Liebe Mutter, Sie müſſen keinen Mißbrauch von⸗ Ihrer Stellung machen. Noch einmal, haben Sie Be⸗ weiſe gegen meine Frau zur Hand, ſo liefern Sie die⸗ ſelben. Da iſt meine Frau, klagen Sie ſie an. Kann ſie ſich nicht vertheidigen, ſo werde ich mitleidslos gegen ſie ſein. Bis dahin aber beſchimpfen Sie ſie nicht, nein, ich werde es nicht dulden, daß man ſie in meiner Gegenwart ſchmäht.“ „Hört ihr es, er droht mir? Mein Gott, Du hörſt es, er droht mir in dem Zimmer, in welchem ſein Vater ſtarb!“ „Mein Gott, Mama, Mama, verzeihen Sie mir!“ 127 rief Herr Secherin aus, ſeiner Mutter zu Füßen fal⸗ lend und ihre Hand ergreifend, welche ſie ihm unwillig entzog. Mit einmal erhob Urſula ihr reizendes, in Thrã⸗ nen gebadetes Antlitz. Ich betrachtete ſie aufmerkſam und zum erſten Mal nahm ich wahr, was ich bisher überſehen, daß ihre Augen, obſchon in Thränen ſchwimmend, weder roth noch geſchwollen waren, ſondern unter den glänzenden Thränen, welche langſam, faſt möcht' ich ſagen kokett herabrieſelten, ſogar noch klarer erſchienen. Damals ſah ich erſt, daß man auch weinend ſchön ſein kann. Bisher waren mir ſelbſt die reizendſten Züge durch die krampfhafte Verzerrung entſtellt vorge⸗ kommen. Bei dem Geräuſch, welches Urſula's Aufſtehen ver⸗ urſachte, wandte ſich ihr Mann gegen ſie. „Mein Freund,“ ſagte ſie mit feſtem, würdevollem und rührendem Tone, „nie will ich eine Urſache der Zwietracht zwiſchen Dir und Deiner Mutter ſein. Ich hatte das Unglück, ihr zu mißfallen, ich ergebe mich in mein Geſchick. Sie ſagt Dir, daß ich ſtrafbar, ſie erhärtet es durch einen feierlichen Schwur: füge ihr daher nicht die Kränkung zu, daran zu zweifeln. Glaube ihr und vergiß mich als eine Deiner unwürdige Frau. Mathilde wird mich zu meinem Vater bringen, Du wirſt bei Deiner Mutter bleiben und ſie durch Deine Zärtlichkeit das Leid vergeſſen machen, welches ich ihr, ach, ſo abſichtslos, verurſachte.“ Frau Secherin blickte ihre Schwiegertochter feſt an und ſagte in hartem Tone: „Meinen Sie, Sie machen ſo das Unheil wieder gut, welches Sie über meinen Sohn brachten? Er hätte eine Frau heirathen können, die ſeiner würdig geweſen wäre, Ihnen hat er es zu danken, daß er jetzt allein ſtebt und dennoch für das ganze Leben ge⸗ . feſſelt. Zum Glück bleibe ich ihm und ich werde ihn für Alles tröſten.“ „Ach, fürchten Sie Nichts, Madame,“ verſetzte Urſula, ihre beiden Hände auf das Herz preſſend, „ich fühle hier, daß Ihr Sohn binnen kurzer Zeit frei ſein wird. Er kann dann beſſer wählen,“ fügte ſie in dem Ton dumpfen Schmerzes bei, als läge das Grab ſchon geöffnet vor ihr. Herr Secherin vermochte dieſem letzten Streiche nicht zu widerſtehen. Er brach in Thränen aus und, noch vor ſeiner Mutter auf den Knieen liegend, wandte er ſich zu Urſula, ergriff ihre Hand, bedeckte ſie mit Küſſen und rief mit von Thränen erſtickter Stimme: „Meine arme Frau, beruhige Dich! Meine Mut⸗ ter glaubt nicht, was ſie ſagt, beachte es nicht, ver⸗ zeihe ihr. Klage ich dich denn an? Kann ich leben ohne Dich? Bin ich nicht Deines Herzens gewiß?“ Der ſo ganz wahrhafte Schmerz dieſes trefflichen Menſchen ergriff mich innig. Ich war über die Falſch⸗ heit Urſula's empört, aber was konnte ich ſagen? Als Frau Secherin die Verwandlung der Gefühle ihres Sohnes bemerkte, rief ſie aus: „Alſo Du opferſt mich dieſer Heuchlerin? Alſo reichen einige falſche Thränen hin, um ihr gegen Deine Mutter Recht zu geben?“ Herr Secherin ſtand plötzlich auf und verſetzte, ſich mühſam bemeiſternd: „Wollen Sie mich denn wahnſinnig machen, Mut⸗ ter? Zum letzten Mal frage ich: Haben Sie, ja oder nein, Beweiſe gegen meine Frau? Sie meinen, Chopinelle habe meiner Frau den Hof gemacht, er liebe ſie? Nun gut, ich glaube es nicht. Sie meinen, der Brief, welchen er ihr geſtern geſchrieben, ſei ein Liebesbrief geweſen? Nun gut, ich glaube es nicht. Sie ſagen, meine Frau werde mein Unglück ſein? Nun, ich erkläre Ihnen, daß ſie mich bisher zum glücklichſten Menſchen von der Welt gemacht hat. Ich habe zahl⸗ 129 loſe Beweiſe von Urſula's Liebe, Zuneigung und Zärt⸗ lichkeit. Um ſie anzuklagen, bedarf ich jetzt ebenfalls der Beweiſe, aber beſtimmter, unwiderlegbarer Be⸗ weiſe ihrer Falſchheit und ihres Verrathes. Nie werde ich den Muth beſitzen, mein Glück Ihrer Abneigung zu opfern.“ „Aber ich meinerſeits, ich werde den theuerſten Wunſch meines Lebens dem Glück Deiner Mutter zum Opfer zu bringen wiſſen, mein Freund,“ ſagte Urſula mit rührender Würde. „Meine Anweſenheit iſt ihr läſtig, alſo iſt es an mir, mich zu entfernen. Vergiß nie, daß Deine Mutter Deine Mutter iſt. Seit Deiner Kindheit überhäuft ſie Dich mit Sorgfalt und Zärt⸗ lichkeit; ich dagegen, ich liebe Dich ſeit kaum einem Jahre; meine Neigung hält alſo keine Vergleichung mit der ihrigen aus. Hätte ich das Glück gehabt, Dir lange Jahre widmen zu können, ſo würde ich es viel⸗ leicht verſuchen, gegen die ungerechten Vorurtheile Deiner Mutter, die ich liebe und verehre, anzukämpfen. Doch, ach, ich habe ſo wenig für Dich gethan, ich habe ſo wenig Rechte geltend zu machen, daß ich mich in mein Geſchick füge, ohne mich zu beklagen. Lebe wohl, lebe wohl, für immer lebe wohl!“ Urſula machte einen Schritt gegen die Thüre, in⸗ dem ſie beide Hände vor die Augen preßte. Ihr Gatte ſtürzte ſich aber auf ſie zu, hielt ſie zurück, führte ſie wieder zu ihrem Platze, nöthigte ſie, ſich wieder niederzulaſſen, und rief dann, gegen ſeine Mutter gewandt, aus: „Sie ſehen wohl, Mutter, daß es ein Engel iſt, ein Engel des guten Gottes. Keine Klage, keinen Vorwurf, und doch behandeln Sie ſie wie das ver⸗ worfenſte Geſchöpf.“ Frau Secherin lächelte bitter. „Biſt Du blind,“ ſagte ſie, „biſt Du verrückt ge⸗ nug, ihre heuchleriſchen Verſicherungen für Wahrheit zu nehmen? Siehſt Du denn nicht ein, daß ſie das 130 Opfer ſpielt, weil es ihr unmöglich iſt, ſich zu ver⸗ Sieie und daß ſie mit ihrer Schande davongehen will?“ „Nein, Madame, das müſſen Sie nicht glauben,“ verſetzte Urſula traurig; „ich ſchweige, weil ich das Gefühl, welchem Ihr Benehmen entſpringt, ehre und bewundere. Ja, Madame, in meinen Augen iſt — Nichts heiliger, als die Liebe einer Mutter zu ihrem Sohne. So ich es wagte, die Liebe einer Frau zu ihrem Mann mit einer ſo heiligen Zuneigung in Ver⸗ gleich zu bringen, dann würde ich Ihnen ſagen, daß ich Ihre Eiferſucht, Ihre Anhänglichkeit, ſo blind ſie auch ſein mag, vollkommen begreife, weil auch ich fähig bin, ſie zu fühlen. Noch ein Wort, Madame. Seit dem Beginn dieſes grauſamen Kampfes iſt Ma⸗ thilde, meine Couſine, meine Schweſter, ſtill geweſen. Sie kennen ihre Tugenden, ihre redliche Sinnesart. Ach, wenn ſie mich für ſtrafbar halten würde, ſo würde ſie mich verdammt haben, der Freundſchaft, der Bande, welche zwiſchen uns beſtehen, zum Trotz. Ach, Madame, ich weiß, wie viel ſie dadurch leidet, mich nicht ver⸗ theidigen zu können, aber mich vertheidigen iſt ſoviel, als Sie anklagen, Sie der Gottesläſterung zeihen. Deßhalb muß ſie auch ſchweigen.“ „Sie, auch Sie, Sie vertheidigen ſie?“ rief die unglückliche Mutter, angſtvoll die Hände faltend und ſich zu mir wendend; „aber das iſt ja unmöglich; ſprechen Sie, damit dieſes falſche Weib nicht ſagen kann, Ihr Stillſchweigen rechtfertige ſie.“ Was konnte ich anfangen? Meine Couſine anfla⸗ en? Dazu hätte ich nie den Muth gehabt, und ſo ſent ich alſo nur ſagen: Madame, der Schein trügt oft, und — „Sie ſehen wohl, Mutter, meine Cuufine iſt eben⸗ falls von ihrer Unſchuld überzeugt!“ rief Herr Seche⸗ rin aus. „Was hat das zu ſagen?“ verſetzte Urſula ſchnell, 131 doch traurig. „Meine Couſine mag immerhin meine Unſchuld bezeugen, dennoch darfſt Du, mein Freund, zwiſchen Deiner Mutter und mir keinen Augenblick ſchwanken. Nur das Eine, Madame,“ fuhr ſie mit thränenerſtickter Stimme fort; „da ich als einzigen Troſt die Achtung des Mannes mit mir zu nehmen wünſche, dem ich mein Leben widmen wollte, werden Sie mir geſtatten, mich zu rechtfertigen, nicht wahr? Sie werden mir die Frage geſtatten, ob ſie in meinem Betragen nur eine einzige Thatſache aufzeigen können, welche mich verdammt? Ach, nur das Eine, Madame, nur das aus Mitleid!“ „O, ohne Zweifel, ohne Zweifel. — Sie ſind ſo verſchmitzt, ſo ſchlau, daß Sie ſich trotz meiner Wach⸗ ſamkeit wohl in Acht genommen haben, ſich überraſchen zu laſſen,“ rief Frau Secherin, außer ſich über ſo viel Heuchelei. „Ach, mich trifft die Strafe meiner Schwäche! Hätte ich meinem Sohn meinen Verdacht gleich An⸗ fangs mitgetheilt, ſo würde er Sie beſſer beobachtet haben, als ich. Ich bin alt, kränklich, ich hatte nicht die Kraft, mit Ihnen zu ringen. Blieben Sie nicht ſtundenlang mit dieſem Herrn Chopinelle allein, unter dem Vorwand, zu ſingen?“ „Aber, Madame, Sie kamen ja oft in das Zim⸗ mer, wo ich mich befand. Und überdies hat mich ja mein Mann gebeten, mit ſeinem Freunde zu ſingen.“ „Sie wollen alſo nicht begreifen,“ rief Frau Se⸗ cherin, „daß der gute Gott mir eben darum den Muth gegeben hat, einen Eid zu leiſten, weil ich keinen un⸗ widerlegbaren Beweis in Händen habe und dennoch von Ihrem Vergehen ſo feſt überzeugt bin, wie von meinem Leben — einen heiligen Eid, um Sie des Verraths zu überführen? Der Brief, der geſtrige Brief hätte Sie als ſtrafbar erwieſen, und Sie wußten wohl, was Sie thaten, als Sie Alles wagten, um ſich deſ⸗ ſelben wieder zu bemächtigen.“ „Noch einmal dieſer Brief,“ ſagte Herr Secherin; X „das hat keinen geſunden Sinn und Menſchenverſtand, gerade eine Aufmerkſamkeit, welche meine Frau mir erweiſen wollte, ihr zum Nachtheil zu deuten.“ „O Gott, o Gott, aber ich bin ja doch unſchul⸗ dig!“ rief Urſula aus, indem ſie ſich vor ihrer Schwieger⸗ mutter niederwarf. „Sie ſehen wohl, daß Sie keinen Beweis gegen mich haben. Ich ergebe mich in Alles, ich will meinen Gatten verlaſſen, will ihn nicht wieder⸗ ſehen, will von Ihnen ſcheiden, in der Zurückgezogen⸗ heit leben, in Schmerz, in Reue, nur laſſen Sie mich meine Ehre und die Achtung meines Mannes mit mir nehmen. Ich verlange Nichts weiter, ach, nur dies, um die wenigen Tage, die mir noch bleiben werden, durchleben zu können. Sie ſind gut und großmüthig; die blinde Liebe, welche Sie für Ihren Sohn hegen, nimmt Sie gegen mich ein — ſeien Sie nur gerecht, haben Sie nur ein wenig Mitleid mit der armen ih⸗ welche Sie ſo gern ihre Mutter genannt hätte!“ Und ſo ſprechend wollte Urſula die Hand ihrer Schwiegermutter an ihre Lippen ziehen, aber Frau Secherin ſtieß ſie heftig zurück mit den Worten: Rühren Sie mich nicht an, nichtswürdige Heuch⸗ erin!“ al Nun vermochte ſich Herr Secherin nicht länger zu alten. Er ergriff ſeine Frau ſanft beim Arme und ſagte mit vor Zorn bebender Stimme: „Steh' auf, Urſula, ſteh' auf, meine gute, edle Frau. Es iſt genug ſolcher Demüthigung; ich allein bin hier Richter. Ich erkläre Dich für unſchuldig, und mag man thun und ſagen, was immer man will, ſtets werde ich Dich als meine beſte und aufrichtigſte Freun⸗ din anſehen!“ „Unglücklicher!“ rief Frau Secherin aus, „das iſt mehr als Verblendung, das iſt Wahnwitz. Sieh Dich wohl vor. So Du Dich ferner durch dieſe Frau be⸗ 133 trügen läſſeſt, wirſt Du Dich ſo lächerlich machen, daß man Dich nicht einmal mehr bemitleiden kann.“ Dieſe letztern Worte waren eine große Taktloſig⸗ keit. Sie verletzten die Eigenliebe des Herrn Secherin lebhaft und er entgegnete deshälb auch gereizt: „Es ſei, ich will lieber lächerlich ſein, als unge⸗ recht, verrätheriſch und boshaft.“ . „Auf wen beziehſt Du das, mein Sohn? Ant⸗ worte!“ „Ich erkläre mich nicht näher. Dieſer Auftritt hat lange genug gewährt. Es thut meiner Frau, Ih⸗ nen und mir unſäglich wehe. Was Sie noch beifügen wollten, wäre unnütz. Ich bin entſchloſſen, es nicht mehr zu dulden, daß man in meinem Beiſein dieſen Engel der Sanftmuth und Güte angreift.“ „Du wagſt es, mich in dem Hauſe Deines Va⸗ ters zu bedrohen, — mich zu bedrohen, um eine Un⸗ würdige zu vertheidigen, welche ſich im Grunde ihres Herzens über Dich luſtig macht?“ „Meine Mutter, treiben Sie mich nicht zum Aeußerſten. Ich wiederhole es Ihnen: was Sie auch ſagen, was Sie auch thun mögen, dennoch werde ich meine Frau lieben und achten; ja, und gegen Jeden, der ſie angreift, wer immer es ſei, werde ich ſie ver⸗ theidigen.“ „Auch gegen mich, nicht wahr, undankbarer Sohn? Wagſt Du das zu wiederholen?“ „Nun ja, ſelbſt gegen Sie, wenn Sie ſie unge⸗ recht angreifen!“ rief Herr Secherin aus, i ch länger zu beherrſchen. „Sie will ja nur mein Glück, ſie, Sie aber wollen mich unglücklich machen, indem Sie quälen, was mir das Theuerſte iſt.“ Urſula, welche halb über den Divan gelehnt da⸗ ſaß, verbarg den Kopf in die Hände und weinte Ströme von Thränen. Das Geſicht der Frau Secherin nahm einen dro⸗ 134 henden Ausdruck an und mit decivirter, ſcharf betonter Stimme ſagte ſie: 2 „Mein Sohn, Du weißt, mein Wille iſt unwider⸗ ruflich. Entweder verläßt dieſe Frau das Haus Dei⸗ nes Vaters und Du bleibſt bei mir, oder Du gehſt mit ihr und ich ſehe Dich in meinem Leben nie wieder!“ „Mutter!“ Madame, rief ich aus, ſehen Sie ſich wohl vor, 820 Sie nicht einer augenblicklichen Aufwallung nach! „Ich ſage Dir, mein Sohn, wenn Du dieſe Frau nicht augenblicklich verläßt, ſo ſeh' ich Dich in meinem Leben nie wieder,“ wiederholte Frau Secherin feſt. „Ihr verlaßt beide dieſes Haus, und da ich dann keine Kinder mehr habe, ſo vermache ich mein perſönliches Vermögen den Armen!“ „Sie glauben demnach, Mutter, daß ich nieder⸗ trächtig genug ſei, mich um eine ſolche Drohung zu kümmern, um eine Geldrückſicht?“ „Jetzt allerdings, denn dieſe Frau hat Dich mit ihrem Geize, ihrer Habſucht angeſteckt. Dir meine Erbſchaft zu entziehen, iſt ein Mittel, euch Beide zu beſtrafen.“ „Mutter, Sie verſtoßen mich alſo aus dem Haus meines Vaters, Sie enterben mich, weil ich Ihren blinden Haß gegen meine Frau nicht theilen will?“ „Ja, ja, ich verſtoße Dich, unnatürlicher Sohn! Ich verſtoße Dich, um dieſes Geſchöpf nicht vor Au⸗ gen haben zu müſſen — ich verſtoße Dich!“ Hier veränderte ſich plötzlich die Stimme der un⸗ glücklichen Mutter und mit einem herzzerreißenden Ton und in Thränen ausbrechend, ſagte ſie: „Ich verſtoße Dich, — mein Gott — da ich es nicht zu ertragen vermöchte, Dich fortwährend betrü⸗ gen zu ſehen, unglückliches Kind! Ich verſtoße Dich, damit Du mich nicht ſterben ſiehſt vor Leid!“ 135 Dieſe Worte wurden mit einer ſolchen Innigkeit, mit einem ſo mütterlichen Schmerze geſprochen, daß Herr Secherin zu ſeiner Muiter eilte, vor ihr nieder⸗ kniete, und ausrief: . „Verzeihung! Verzeihung!“ Im nämlichen Augenblicke ſtieß Urſula einen tie⸗ fen Seufzer aus. Ihr Kopf ſank über die Lehne des Divans herab, einer der Arme hing zur Erde: fie fiel in Ohnmacht. Der Zufall wollte, daß re Lage wieder ſchmach⸗ tend und reizend war. Ihre Wangen waren noch im⸗ mer roth, ihren geſchloſſenen Augen entglitten Thrä⸗ nen, durchſichtig wie der Thau, ihr Buſen wogte heftig. Zwei oder drei Mal fuhr ſie mit der Hand unwillkür⸗ lih ihren Schnürleib, als fühlte ſie ſich heftig be⸗ Ich konnte kaum an die Wahrheit dieſer Ohnmacht glauben. Deſſenungeachtet eilte ich zu ihr. gn „Aber Sie bringen ſie unt, Mutter, Sie ſehen ja, daß Sie ſie umbringen!“ rief Herr Secherin außer ſich, indem er ſich über ſeine Frau warf. Mit friſchbelebtem Zorn rief Frau Secherin: „Sie hat Dich zum Rarxen! Dieſe Ohnmacht iſt eine Comödie, wie alles Uebrige. Kümmere Dich nicht ſ ſie wird ſchon von ſelbſt erwachen, die Heuch⸗ erin!“ 2 „Das iſt entſetzlich!“ rief Herr Secherin, „nicht einmal Mitleid! Wohlan, da Sie es ſo wollen, Mut⸗ ter, trennen wir uns, trennen wir uns für immer. Nach ſo erbarmungsloſen Reden vermöchte ich ſie nicht mehr ohne Schmerz zu ſehen.“ „Nichtswürdiger Sohn! Der Herr wird Dich ver⸗ Deines eigenen Vergehens züchtigen. Geh, ich erfl —“ Madame, es iſt ihr Sohn, rief ich aus, auf ſie zuſtürzend und den Fluch zurückhaltend, welcher auf ihren Lippen zitterte. 136 „Nein, ich will ihm nicht fluchen — er hat den Verſtand eingebüßt — Gott hat ſich von ihm abge⸗ wandt — er bleibe bei dieſer Nichtswürdigen. Dieſe Strafe iſt entſetzlich, aber er verdient ſie!“ Und mit dieſen Worten verließ die unglückliche Mutter das Gemach. Herr Secherin, welcher Urſula zur Seite kniete, bedeckte ihre Hände, ihre Haare, ihre Stirne mit Küſ⸗ ſen und Thränen, indem er laut ſ Namen rief: „Ach,“ rief er, (haſne e ſtirbt! Schnüren Sie ſi döch auf, Sie ſthen ja vuß ſi ſirbt⸗ Das Ende dieſes Auftritts war leide mußte. Die Ohnmacht Urſula's hatte ei nach der Entfernung der Frau Secherin Als meine Couſine ihrer Sinne wieder Meiſter geworden, brach ſie in Thränen aus und beharrte auf ihrem Vorſatz, zu ihrem Vater zurückzukehren, indem es ihr, wie ſie ſagte, unmöglich wäre, fürder bei ihrer wiegermutter zu bleiben †ch wies vergeblich auf die Mö ei einer Ver⸗ n hin. Urſula blie dabei, opfern zu wollen. 3 Das letzte Zögern des Herrn Secherin verſchwand vor dem unwiderſtehlichen Einfluſſe ſeiner Frau. Am Abend dieſes Tages erklärte er ſelbſt ſeiner Mutter, daß er und Urſula ein Haus in der Nachbar⸗ ſchaft bewohnen würden, welches eben zum Verkaufe ausgeſetzt ſei. Die Trennung wurde beſchloſſen und feſtgeſetzt. 3 wie es ſein ige Minuten ein Ende. — In dem Augenblick, als Herr Secherin mir dieſe traurige Nachricht mittheilte, vernahm ich Hufſchlag auf dem Hofe. Ich eilte an's Fenſter. Es war mein Mann; es war Gontran. . Vierundzwanzigſtes Kapitel. Bückkehr und Abreiſe. Ich fiel weinend in Gontran's Arme. 8 Solche Empfindungen laſſen ſich nicht beſchreiben. Er kehrte gerettet zu mir zurück, gerettet von der fürchterlichſten Gefahr, welcher ein Mann ausgeſetzt ſein kann! — Ich nahm auf ſeinem ſchönen, entſtellten und er⸗ ſchlafften Antlitz Spuren erlittenen Kummers wahr. Er benahm ſich gegen mich außerordentlich gütig und freundlich. Zwanzigmal bat er mich um Ver⸗ zeihung der Schmerzen wegen, welche er mir unwill⸗ kürlich bereitet habe, und verſprach mir, durch ver⸗ doppelte Liebe und Sorgfalt ſie mich vergeſſen zu machen. » Ich möchte faſt bekennen, daß ich die ſchmerzvollen Ereigniſſe, deren Opfer ich ſeit einigen Monaten ge⸗ weſen, nicht bedauerte, mit ſolchem Glanz umgab der Gegenſatz jener finſtern, düſtern Vergangenheit meine gegenwärtige Lage. — — Inmitten der Verworrenheit zärtlicher Gefühle, welche bei der Rückkehr Gontrans auf mich einſtürm⸗ ten, herrſchte beſonders eine innige Heiterkeit, ein un⸗ bedingtes Vertrauen auf die Zukunft vor. Ich glaubte nicht an ein vollkommenes Glück, aber es ſchien mir, als ſei mein Leben ſo hart geprüft worden, daß ich ohne übermäßige Anſprüche in Zukunft wohl auf ruhige und glückliche Tage rechnen dürfe. Wunderlich! Bevor Gontran ankam, erſchrack ich zuweilen, wenn ich mir das Gefühl zu vergegenwär⸗ tigen ſuchte, welches ſein Anblick in mir erwecken würde, bei dem Gedanken an ſeine ſchlechte und un⸗ Mathilde. m. 10 138 ſelige Handlung! Umſonſt hatte ich mir, da ich ihn nicht entſchuldigen konnte, geſagt, daß ich eben ſo ge⸗ handelt haben würde, wie er, — ich hegte dennoch Angſt vor dem erſten Eindruck. Aber als ich ihn wie⸗ der erblickte, vergaß ich der ſchmählichen That, die er begangen, ganz und gar. WMeine Gedanken beſchäftigte blos der Wunſch, ihm die ſchreckliche Nacht zu verbergen, welche ich in dem Hauſe des Herrn Lugarto verbracht hatte. Auch wünſchte ich zu erfahren, in welcher Weiſe mir Herr Lancry die wahren Gründe ſeiner plötzlichen Abreiſe und ſeiner Rückkehr verheimlichen würde. Ich befürch⸗ tete, er möchte zu gut lügen — was mich für den ganzen Reſt meines Lebens mißtrauiſch gemacht hätte. Meine Furcht verwirklichte ſich nicht. Gontran vermied, ſo zu ſagen, die Lüge, indem er mir einen Theil der Wahrheit geſtand. Er ſagte mir, er hätte ſehr große Geldverpflichtungen gegen Herrn Lugarto gehabt, in deſſen Händen ſich zudem ſehr wichtige Pa⸗ piere befunden hätten, die nicht allein ihn, Gontran, ſondern auch der Ehre einer Familie hätten verderb⸗ lich werden können. Dabei gab er mir zu ver⸗ ſtehen, daß von Briefen einer verheirateten Frau die Rede ſei. . . Herr von Lanery ſetzte noch bei, daß er, um dieſe Papiere, welche ſich nicht mehr in den Händen des Herrn Lugarto befunden hätten, zurückzuerhalten, nach England hätte reiſen müſſen, wo er ſie endlich nach Angſt und Mühe bekommen und vernichtet ätte. Ich hatte mich unglücklicherweiſe zu ſehr über die Art, in welcher Gontran mich belügen werde, behn⸗ ruhigt, ohne zu bedenken, daß ich ſelbſt ſehr wichtige Ereigniſſe ihm zu verbergen hätte. Mehrmals richtete mein Gatte die Frage an mich, ob ich, während ſeiner Abweſenheit, Herrn Lugarto nicht geſehen hätte. Wie mir Herr von Mortagne es empfohlen und 139 ich bereits an Herrn von Lanerh geſchrieben/“ ant⸗ wortete ich ihm, daß ich, ſobald ich ſeinen Brief erhalten, nach der Tourain abgereiſt ſei, indem ich vorgezogen, die Zeit ſeiner Abweſenheit bei Urſula zuzubringen. Nach den Fragen des Herrn von Lanery über dieſen Gegenſtand ſah ich, daß er ſich nicht zu erklären im Stande war, wie es gekommen, daß Herr Lugarto ihm die Verfälſchung, die er bis dahin ſo ſorgfältig aufbewahrt hatte, zurückgeſchickt. Mein Gatte wollte wiſſen, ob etwa meine Bitten n mein Einfluß bei der Zurückerſtattung eingewirkt ätten. 2 Ich bedauerte abermals, Herrn von Lanery Etwas verbergen zu müſſen, allein ich gedachte des Rathes des Herrn von Mortagne, ſo wie des dieſem Mann gegebenen Verſprechens und ſchwieg. Zweifelsohne fürchtete Gontran meinen Argwohn zu erwecken, wenn er mich länger mit verſteckten Fra⸗ gen anging, denn er hörte bald auf, von Herrn Lu⸗ garto zu ſprechen. Eins machte mich verlegen. Herr von Mortagne hatte Herrn Lugarto die Summen, welche mein Mann dieſem ſchuldete, bereits bezahlt. Wenn nun Gontran, der hievon Nichts wußte, ſich ſeiner Schuld entledigen wollte, ſo wurde vielleicht Alles enideckt. Herr von Lanery beruhigte mich, wenigſtens für einige Zeit, in Betreff dieſes Umſtandes, indem er mir ſagte, daß er das Geld, welches er Herrn Lugarto ſchulde, ſpäter bezahlen und demſelben dabei die Zinſen anrechnen werde. Als dieſe Erklärungen gegeben und empfangen waren, ſchien ſich Gontran von einer großen Laſt be⸗ freit zu fühlen. Seine Züge drückten eine Art von ſorgloſem Ver⸗ trauen aus, welches ich ſogar vor unſerer Heirat noch nicht an ihm bemerkt hatte. 140 Nichts war einfacher zu erklären: ſeitdem ich ihn kannte, hatten ihn die Drohungen des Herrn Lugarto, ſeines böſen Dämon, ſtets in Angſt erhalten. ch, ſoll ich es ſagen, daß ich einen Augenblick gegen die Vorſehung ungerecht war, und beinahe das Verſchwinden des Anflugs von Melancholie und Trauer⸗ beklagte, welchen der Kummer bis dahin dem Antlitz Gontrans aufgehaucht. Es kam mir einfältigerweiſe vor, als ob er mir mehr angehörte, wenn er unglücklich. Als ich ihn ſo jung, ſo ſchön, ſo glänzend und jetzt ſo frei von jedem unſeligen Nebengedanken ſah, fürchtete ich beinahe für die Zukunft. Ich hatte die furchtbaren Qualen der Eiferſucht bereits empfunden, und dennoch hatte Gontran nur den Drohungen des Herrn Lugarto Folge geleiſtet, indem er ſich damals mit der Fürſtin Kſernika beſchäf⸗ tigte. Aber bei alledem war er nicht, obſchon von Unrecht gepeinigt, von einem Augenblick zum andern befürchtend, entehrt zu werden, ſehr liebenswürdig ge⸗ gen dieſe Frau geweſen? Wie würde es erſt geweſen ſein, wenn ſein Geſchmack, ſeine Laune ihn angetrieben hätten, ihr den Hof zu machen? Bald verwarf ich indeſſen dieſe traurigen Gedan⸗ eine Undankbarkeit gegen das wiedergewonnene ück. . Aber, ach, dieſe Furcht war eine Ahnung! * * Ich ſetzte Gontran von dem Zerwürfniß in Kennt⸗ niß, welches zwiſchen Herrn Secherin und ſeiner Mut⸗ ter ſtattgefunden hatte, ohne ihm jedoch den Grund deſſelben mitzutheilen. Das Geheimniß Urſula's ge⸗ hörte nicht mir, und ich ſetzte daher den von meinem Vetter gefaßten Entſchluß, getrennt von ſeiner Mutter zu leben, guf Rechnung von Streitigkeiten, welche zu⸗ 14 erſt unbedeutend geweſen, dann aber ernſthafter ge⸗ worden ſeien. Es kam mir vor, als ſei es Gontran ſehr unan⸗ genehm, nicht, wie er gehofft hatte, einige Tage in Rouvray zubringen zu können. „Dieſe Verzögerung,“ ſagte er, „hätte hingereicht, in unſerem Schloß Maran einige unerläßliche Arbeiten vornehmen zu laſſen, um es bewohnbar zu machen.. Allein dieſer traurige Zwiſt zwiſchen meiner Couſine und ihrer Schwiegermutter erlaubt uns nicht, unſere Anweſenheit in Rouvray zu verlängern.“ Als ich am nächſten Tage mit Herrn Secherin allein war, machte ich, jedoch vergebens, einen neuen Verſuch, um eine Annäherung zwiſchen ihm und ſeiner— Mutter zu bewirken; er ſchien mir aber noch erbitter⸗ ter zu ſein, als am vorhergehenden Tage. Urſula hatte ihre Rolle mit gewöhnlicher Ueber⸗ legenheit fortgeſpielt. Sie hatte ſich kein Wort des Vorwurfs gegen ihre Schwiegermutter erlaubt. Sie ſagte, daß ſie die eiferſüchtige Zuneigung, welche eine Mutter dazu antreibe, die Aufopferung ihrer Schwie⸗ gertochter zu verlangen, verſtehe und bewundere. Ihr Mann brauche nur ein Wort zu ſagen und ſie beuge die Stirne in Demuth. Sie willige in Alles und wenn es ſein müſſe, wolle ſie den Mann ihres Herzens verlaſſen um ſeiner Mutter willen. Dieſe engelhafte Sanftmuth Urſula's hatte Herrn Secherin noch mehr gegen ſeine Mutter aufgebracht, und dieſe ihrerſeits zeigte ſich, wie alle Perſonen von feſtem und gerechtem Charakter in ihrem Widerwillen gegen Urſula noch unbeugſamer. Ich ſuchte Frau Secherin auf, um mich von ihr zu verabſchieden. Vergebens ſprach ich mit ihr von ihrem Sohne, von der Verlaſſenheit, dem Alleinſein, in welchem ſie leben würde. Sie wollte von Nichts weiter hören, bis mein Couſin ſeine Frau fortgeſchickt haben würde. „ 142 2 Was mir von dem unglaublichen und unſeligen Einfluß Urſula's auf ihren Mann noch einen deutlichen Beweis lieferte, war der Umſtand, daß ich ihn gegen die ſchmerzliche Trennung von ſeiner Mutter beinahe gleichgültig fand, obwohl er ſonſt ein ſo guter Sohn war und ein ſo großmüthiges Herz beſaß. Er ſagte mir, ſeine Mutter werde ſich beruhigen und er ſie dann täglich ſehen. Er war mit dem Vor⸗ gefallenen beinabe zufrieden, denn früher oder ſpäter hätte es doch zu einer Trennung kommen müſſen. Die Anklage ſeiner Frau von Seiten ſeiner Mut⸗ ter war nach Herrn Secherins Anſicht nur ein Vor⸗ wand, ihre Schwiegertochter zu entfernen, die ſie nie hatte ausſtehen können, weil ſie ihren Sohn zu ſehr liebe. „Ja, Couſine,“ rief Herr Secherin aus, „das iſt die ganze Geſchichte. Meine Frau liebt mich zu ſehr, meine Mutter iſt eiferſüchtig auf ſie —“ Ach, der Zufall brachte mir noch einen neuen ſchmerzlichen Schlag bei, welcher unter dieſen Umſtän⸗ den recht wie ein Hohn des Geſchickes ausſah. Am Tage nach ſeiner Ankunft hatte Gontran ei⸗ nige Befehle zu unſerer Abreiſe zu geben, welche auf den Nachmittag feſtgeſetzt war. Ich benutzte dieſen Augenblick, um mit Herrn Secherin die erwähnte Unterredung zu haben. Wir waren lange plaudernd in einer ſehr ſchattigen Hage⸗ buchenallee in der Mitte des Gartens auf und ab gegangen, und nachdem mich mein Vetter verlaſſen, ſetzte ich mich träumeriſch am Fuße einer Gruppe von bemalten Steinen nieder, welche einen Schäfer und eine Schäferin vorſtellte. Dieſe in den Gärten des vorigen Jahrhunderis ziemlich häufig eenn Statue ſtanden an dem Ausgang der erwähnten Hagebuchenallee. Ihr Fuß⸗ geſtell war viereckig und mit Bänken umgeben. — 1¹3 So, wie ich ſaß, kehrte ich der Allee den Rücken und wurde durch die Statue gänzlich verborgen. Ich weiß nicht, wie es kam, daß ich mehr an die Falſchheit Urſula's dachte, als an mein Glück und an Gontran. Seit dem Auftritt am vorigen Tage hatte meine Couſine mich ſorgfältig vermieden. Plötzlich vernahm ich ihre Stimme. Sie ſprach mit Jemand und kam allmälig näher. Eine ſchmerzliche Beklemmung meines Herzens ſagte mir, daß ſie mit Gontran ſprach. Ich lauſchte. Ich hatte mich nicht geirrt. Statt mich zu erheben und Urſula und meinem Manne entgegenzugehen, faßte ich den ſchmachvollen Entſchluß, ihre Unterhaltung belauſchen zu wollen. Ohne Grund und Urſache zuckte mir plötzlich ein Blitz der Eiferſucht durch die Seele. Ich hielt den Athem an und lauſchte begierig. Zetzt, wo ich bei kaltem Blute bin, frage ich mich, ob ich damals unter dem Einfluß eines Argwohns handelte. Ich muß bekennen, daß ich keinen hatte. Der Entſchluß war ein plötzlicher, unwillkürlicher. Ich lauſchte mit Begierde. Der Sand, welcher unter den Füßen Urſula's und Gontrans knirſchte, hinderte mich Anfangs, ihre Worte zu unterſcheiden. Als ſie aber nur noch wenige Schritte von mir entfernt waren, vernahm ich Foigendes, was Urſula mit ihrer ſüßeſten, ſchwermüthigſten Stimme ſagte: „— So viel Traurigkeit in der Einſam⸗ keit, denn es heißt allein ſein, wenn man —“ Mehr konnte ich nicht vernehmen. Gontran und ſie erreichten das Ende der Allee, kehrten um, entfernten ſich und das Geräuſch ihrer Schritte kam bald nicht mehr zu meinen Ohren. In den von mir vernommenen Worten Urſula's 144 lag Nichts, was mich verwundern oder verletzen konute. Meine Eouſine wiederholte, ihrer Sucht, für eine un⸗ verſtandene und unglückliche Frau zu gelten, getreu, ohne Zweifel gegen Gontran die romantiſche Lüge, welche ſie mir ſo oft vorgetragen. Und dann konnte es ja ſein, daß ſie nicht von ſich ſelber ſprach. Dennoch fühlte ich einen ſo ſchmerzlichen Stich im Herzen, eine ſo quälende Angſt, die Zukunft, welche mir einen Augenblick lang ſo lachend erſchienen war, bedeckte ſich plötzlich mit einem ſo düſtren Schleier, daß ich von einer unbeſieglichen und furchtbaren Ah⸗ nung ergriffen wurde. Weßhalb, fragte ich mich, ſollte um einiger nichts⸗ ſagenden Worte willen eine ſo ſchmerzliche, ſo tiefe Erſchütterung mich erfaſſen? Dieſe Worte verhüllen alſo irgend eine Tücke, irgend einen Verrath? Nach dem peinlichen Eindruck des Auftritts vom vorigen Tage wollte ich in der Furcht, welche mich ergriff, eine göttliche Offenbarung erblicken, ähnlich jener, durch welche Frau Secherin umſonſt über das Betragen meiner Couſine aufgeklärt worden war. Ich vermag es nicht zu beſchreiben, mit welcher Angſt und Pein ich den zweiten Rundgang von Ur⸗ ſula's und Gontrans Spaziergang erwartete. Einem Augenblick erröthete ich vor Scham bei dem Gedanken, zu was für einer unwürdigen Spivne⸗ rei ich mich erniedrigte, und machte eine Bewegung, mich zu entfernen, allein eine verderbliche Neugier, hielt mich zurück. 8 Ich hörte ſie abermals näher kommen. Mein Herz fing gewaltig zu pochen an und jeder ſeiner Pulsſchläge ſchien ſich dem Takte ihrer Schritte anzupaſſen. Dießmal vernahm ich Gontrans Stimnie. O, ich erkannte ſie wohl wieder, dieſe Stimme von ſo anmuthigem Wohlklang! Er ſprach, wie mir — 14⁵ vorkam, mit einem Ausdruck voll Innigkeit und ſo leiſe, daß ich nur die Worte vernehmen konnte: „Erinnern Sie ſich noch? Sagen Sie, erinnern Sie ſich noch? Ach, Sie waren ſo —“ Der Reſt der Phraſe ging für mich verloren. Sie entfernten ſich wieder. Ach, es lag in dieſen Worten Gontrans ebenfalls Nichts, was mir Grund zum Argwohn geben konnte, und dennoch thaten ſie mir unbeſchreiblich wehe, indem ich bedachte, an wen ſie gerichtet waren. „ Welche Erinnerungen rief er zurück? Warum fragte er dieſe Frau, ob ſie ſich erinnere? Woran ſollte ſie ſich erinnern? Nun erinnerte ich mich, daß Gontran während eines Monats vor unſerer Heirat beinahe tagtäglich bei meiner Tante geſehen atte. Und jetzt — wehe, wehe! — fiel mir ein, daß Urſula mir hundertmal geſagt hatte, ſie fände meinen Mann allerliebſt, ich wäre die glücklichſte der Frauen und für ſie ſei ein Glück, wie das meinige, nicht ge⸗ ſchaffen. Da mir die Falſchheit, Verderbtheit und heuch⸗ leriſche Kunſt meiner Couſine jetzt bekannt war, mußte ich denn nicht befürchten, ſie wolle ſich für Alles rä⸗ chen, was Fräulein von Maran ſie ehedem leiden ließ, ohne Zweifel in der Hoffnung, eines Tages mich zum Gegenſtand grauſamer Wiedervergeltung zu machen. Gewiß hatte meiner Tante entſetzlicher Scharfblick bei Urſula ſchon in der Kindheit die Fehler und Laſter erkannt, welche, ſich entwickelnd, mir ſo verderblich werden ſollten, denn unſere Verwandtſchaft, unſere Jugendfreundſchaft mußten uns einſt gezwungen einan⸗ der nahe bringen. Dieſe traurigen Betrachtungen wurden abermals unterbrochen. Gontran ſprach wieder. Dießmal war ſein Ton heiter und neckiſch. Ur⸗ 146 N ⸗ 2 ⸗ ſula antwortete ihm ebenſo, denn ich vernahm ein friſches, herzliches Gelächter. Gontran ſagte: „Sie werden ſehen, daß ich Recht habe, Sie werden ſehen. Ich möchte Ihnen das ſo gar gerne beweiſen. „Hören Sie, Couſin,“ verſetzte Urſula mit dem Ausdruck kokettirenden, freundlichen Vorwurfs, „Sie ſind verrückt, es iſt ein-Gräuel —“ Weiter Nichts, weiter Nichts — Sie entfernten ſich wieder. Was hatten dieſe Worte zu bedeuten? Worauf ſpielte Gontran an, indem er meiner Couſine ſagte, daß fie ſehen würde? Was wollte er ihr beweiſen? Und ſie, weßhalb ſagte ſie ihm ſo kokett, er wäre verrückt? WMein Gott, worüber ſprachen ſie denn zuſammen? Ach, ich erinnere mich, daß ich damals naiv und dumm genug war, darüber böſe zu ſein, daß meine Couſine und mein Gatte nicht von mir ſprachen. Die Schritte näherten ſich wieder. Es ſchien mir, als ob Urſula und Gontran dieß⸗ mal langſamer gingen und von Zeit zu Zeit ſtehen blieben. Gontran ſagte mit ſanfter, flehender Stimme: Ich bitte Sie, das — ach, das —“ Die Schritte hielten an. Urſula erwiederte mit einem Ton, der mir ſehr bebend vorkam: „Sie denken nicht daran; das wäre zu peinvoll. Sie wiſſen nicht, wie viel Thrä⸗ nen ich vergoſſen habe, ſeit — — Aber ich bin noch närriſcher, als Sie; Sie machen mich ſagen, was ich nicht ſagen wollt Sie verdienen nicht —“ fügie ſie bei mit heftiger — — 147 Stimme und ſo ſchnell gehend, daß das Ende dieſes Satzes mir entging. †ch fühlte mich ohnmächtig werden. Dieſe Lage war entſetzlich. Der iaſt Argwohn beſtürmte mich und das um einiger Bruchſtücke eines Geſpräches willen, welche Sinn hatten, als den, welchen meine iferſucht ihnen unterſchob. keinen ander unvernünftige Auf den Schrecken folgte der Zweifel, dann ein Hoffnungsſtral. Indem ich zugab, daß Urſula unwür⸗ dig genug ſei, das Wohlgefallen Gontrans erregen zu wollen — denn ich konnte, ohne verleumderiſch zu ſein, dieß annehmen — konnte wohl er, Gontran, welchem * ich mein ganzes Leben gewidmet hatte und welcher von mir nur Liebe und Glück empfing, Gontran, um den ich ſchon ſo viel gelitten hatte, konnte er den Muth, die Grauſamkeit beſitzen, mich ihrer wegen zu ver⸗ geſſen ? Nein, nein! das iſt unmöglich! rief ich aus; ich wurde nicht aus einem Abgrund des Grames und der Verzweiflung gerettet, um augenblicklich wieder in ei⸗ nen weit tieferen zu ſtürzen. Nein, nein, es iſt unmöglich! Gontran iſt geſtern angekommen und reiſt heute wieder ab. Es iſt un⸗ möglich, daß er in der Unterhaltung einer Stunde dieſer Frau gefallen wollte, ihr gefallen hat, und ſchon daran denkt, mich zu verrathen. urſula iſt ſehr frech, aber ſelbſt die ſchamloſeſte Frau bewahrt den äußeren Schein. Und dann folgten auf dieſe ſtralende Hoffnung wieder beklemmende Zwei⸗ fel, indem mir Alles wieder vor die Seele trat, was mir Frau von Richeville über den ſelbſtſüchtigen und leichtſinnigen Charakter Gontrans mitgetheilt hatte. Urſula erſchien mir immer verführeriſcher und ge⸗ fährlicher. Wenn mein Gatte ihr in Paris begegnete, konnte ſie dann nicht unter dem Vorwande unſerer Freundſchaft pft in mein Haus kommen? Dieſer Gedanke und die Bewegung, die ich ſeit einigen Augenblicken vergeblich bekämpfte, verwirrten mich ſo ſehr, daß ich in die Allee trat, ohne daran zu denken, wie ich mein Lauſchen verrieih, indem ich mit einmal mein Verſteck verließ. Urſula und Gontran waren ſ indem ſie ſich am entgegengeſetzten Sn fanden. 5 Ich ſah Herrn Secherin auf ſie zukommen und ſie nach dem Hauſe begleiten. Da athmete ich freier und blieb noch einige Zeit lang im Garten. Durch eine eigenthümliche, unerklärliche Umwand⸗ lung des Eindrucks kehrte allmälig die Ruhe in mein Herz zurück, ſobald Urſula verſchwunden war. Ich ſchämte mich meiner Schwäche, ich machte mir es zum Vorwurf, heiteren Herzens das Glück zu trüben, wel⸗ ches die Vorſehung mir ſendete. Sollte ich in Maran nicht mit Gontran allein ſein? Sollten nicht die ſchö⸗ nen Tage des Häuschens bei Chantilly wierer erwa⸗ chen? Der Winter war noch weit entfernt. So ich die Kokeiterie Urſula's gegenüber meinem Gatten fürch⸗ tete, mußte ich ja tauſend Mittel zu finden wiſſen, ſie fernzuhalten, und war es endlich nöthig, zum Aeußer⸗ . ſten zu ſchreiten, ſo konnte ich ja Gontran das Aben⸗ teuer mit Herrn Chopinelle erzählen und er mußte dann gewiß Verachtung für Urſula fühlen. Ich vermag durchaus nicht anzugeben, durch wel⸗ chen wunderlichen Gegenſatz der Anfall ſolchen thörich⸗ . i entfernt, Allee be⸗ ten Vertrauens auf eine ſchmerzliche Niedergeſchlagen⸗ heit folgte. Ich wollte, bevor ich Rouvray verließ, der Frau Secherin Lebewohl ſagen. Ich traf ſie ruhig, würdevoll und gefaßt. Sie reichte mir die Hand, welche ich ehrerbietig üßte. 3 „Heute Abend,“ ſagte ſie, „werden mein Sohn und dieſe Frau mein Haus verlaſſen und ich werde . „ — 149 in Zukunft hier allein leben, meinen Sohn erwartend. Ja,“ fuhr ſie, mein Staunen bemerkend, fort, „ja, eines Tages mird mein Sohn zurückkehren, das ſagt mir der gute Gott. Er wird mich lange genug leben laſſen, um mein Kind ſehr unglücklich zu ſehen, aber auch, um es zu tröſten.“ Ich wurde ergriffen durch den begeiſterten Ton, mit welchem Frau Secherin dieſe letzten Worte ſprach. Mich mit Theilnahme betrachtend, fügte ſie hinzu: „Sie ſind gut und edelmüthig; gleich mir, deſſen bin ich ſicher, ſind Sie überzeugt, daß dieſe Frau eine Unwürdige iſt, allein Sie hatten nicht den Muth, ſie anzuklagen. Hätten Sie ſich mit mir verbunden, ſo wäre ſie verloren geweſen. Ich mache Ihnen Ihre Milde nicht zum Vorwurf, im Gegentheil; allein ich werde zu dem Herrn flehen, daß die, welche Sie geſchont haben, Ihnen dereinſt nicht bittern Kummer bereite.“ Was ſagen Sie? rief ich aus, indem ich meine Befürchtungen neu erwachen fühlte. „Ich ſage Ihnen, was der gute Gott mir eingibt, weiter Nichts — Ach, dieſe Worte waren nur zu prophetiſch, be⸗ ſonders wenn ich ſie mit dem Auftritt in der Allee in Verbindung brachte. Der Augenblick der Abreiſe kam. Urſula umarmite mich mit ihrer gewöhnlichen Freundlichkeit und mein Vetter ſagte uns das herzlichſte Lebewohl. S* Die Worte oder die Miene Goneran's berechtig⸗ ten mich durchaus zu dem Verdacht, daß er un⸗ gern von Urſula ſcheide. So verließen wir dieſes Haus, welches bei mei⸗ ner Ankunft ſo friedlich, und ſeitdem der Schauplatz ſo peinlicher Spaltungen geworden war. Fünfundzwanzigſtes Kapitel. Schloß Maran. In dem Maaße, in welchem wir uns von Rouv⸗ ray entfernten, fühlte ich auch meine Beängſtigung ſchwinden. Bald vergaß ich die ſchmerzliche Unruhe, die mich dort gequält hatte, beinahe ganz, um nur noch an das Glück zu denken, endlich wieder mit meinem Manne allein zu ſein. Ich machte mir ein Vergnügen aus dieſer Reiſe, indem ich mir die zärtlichen Worte, die zarten Zuvor⸗ kommenheiten in's Gedächtniß zurückrief, mit welchen mich Gontran überhäuft hatte, als wir nach unſerer Verheiratung nach Chantilly reisten. Ich fand zwiſchen dieſen beiden Abſchnitten meines Lebens eine große Aehnlichkeit. . Auch damals reiste ich ja mit Gontran allein zu einem langen Aufenthalt in einer lachenden und fried⸗ lichen Einſamkeit. Dieſes Gefühl von Glück war ſo tief, dieſe Hoff⸗ nung ſo ſtralend, daß alle meine übrigen Gedanken davon beherrſcht wurden. Ich erwartete ungeduldig das erſte Wort von Gontran. Er war ſeit unſerer Wegfahrt von Rouvray ſchweig⸗ ſam. Ich aber fand in meinem Herzen tauſend Gründe, weßhalb dieſes erſte Wort voll Anmuth und Gäte ſein mußte. Ich ſagte mir beinahe mit Befriedigung, daß mein Mann ſich einiges Unrecht gegen mich vorzuwer⸗ fen hätte, und daß er es durch jene ſüßen Schmeichel⸗ worte, jene zarten Aufmerkſamkeiten, gut zu machen ſuchen würde, deren Geheimniß er vorzugsweiſe beſaß. Mit einmal gähnte Herr von Lancry zwei Mal 151 ziemlich laut, lehnte den Kopf gegen eines der Wagen⸗ kiſſen und ſchlief feſt ein. Dieſe Gleichgültigkeit ſchmerzte mich Anfangs furcht⸗ bar, und ich konnte einige Thränen nicht zurückhalten, wenn ich der entzückenden Zärtlichkeiten gedachte, die unſerer erſten Reiſe an mich verſchwendet atte. Ich fragte mich voll Schmerz, wodurch ich ein ſol⸗ ches Benehmen verdient hätte. Mußte ich ihm denn im Gegentheil nicht noch theurer ſein? Hatte ich nicht ſchon viel um ſeiner willen gelitten? Dieſer erſten, ſo peinlichen Regung folgte das Nachdenken. Ich ſchämte mich über mich ſelbſt, ich klagte mich der Selbſtſucht, der lächerlichen und romanhaften Ueber⸗ ſpannung an. Was war einfacher und natürlicher, als dieſer Schlaf, welchen ich Gontran zum Vorwurf machte? Sollte er ſich um meiner willen Zwang anthun? Ich trocknete meine Thränen und beobachtete ſeine Züge, in welchen man die Spuren der Mühen und des Kummers, durch welche ſie entſtellt worden waren, bereits nicht mehr erblickte. Nie war er mir ſchöner vorgekommen. Zenes halbe Lächeln, welches ſtets einen ruhigen und glückli⸗ chen Schlaf verräth, verlieh ſeinem Munde einen ent⸗ zückenden Ausdruck einer etwas boshaften Freiheit. Feinal bewegte er leicht die Lippen, als ob er einige orte ſpräche. Zch lauſchte begierig. ch hörte Nichts. Indem ich ihn ſo ſchlafen ſah, ſchön, ruhig, lä⸗ chelnd, fühlte ich mich glücklich durch all' das Glück, welches ihm geworden war. Der ſchrecklichen Herr⸗ ſchaft des Herrn Lugarto ledig, reich, jung, von mir bis zur Abgötterei geliebt, konnte es wohl einen glück⸗ licheren Menſchen auf der Welt geben? Vereinigte er 152 nicht alle Vortheile, alle Bedingungen menſchlicher Glückſeligkeit? Seine Eigenſchaften bei mir erwägend, ward ich einen Augenblick von Furcht angewandelt. Wir ſollten bis zum Winter in Maran bleiben. Dieſe lange Ein⸗ Zntzücke mich, aber würde ſie auch Gontran zuſagen? . 93 fing an, Mißtrauen gegen mich ſelbſt zu empfin⸗ den, zu fürchten, ich gefiele meinem Mann nicht genug. Ich hatte ſchon ſo viel gelitten, daß ich jenen Reiz ſanfter und unbefangener Heiterkeit nicht mehr em⸗ pfand, welche mir die Gegenwart Gpntran's ehedem einflößte. Ich ſtellte eine Vergleichung an zwiſchen dem, was ich vor meiner Heirat oder während unſers glücklichen Aufenthalts in Chantilly geweſen, und dem, was ich bei unſerer Ankunft in Maran war, und unwillkürlich ergriff mich thörichte Furcht. Ich meinte, ich ſei häßlicher geworden, traurig und verarmt. Ich fragte mich, ob mir auch noch ge⸗ nug Vorzüge blieben, um meinem Gatten während der langen Tage zu gefallen, welche wir in der Einſamkeit zubringen ſollten. Dann fiel mir die Unterhaltung in der Allee, der ich einen Augenblick mich entſchlagen hatte, wieder ein. Ich kam ſo weit, meine Mängel zu übertreiben, meine Vorzüge zu entſtellen, den Geiſt, die Sinnesart Urſula's, ſogar ihr ſtets wechſelndes, belebtes, koket⸗ tes, rührendes, ſchwermüthiges oder unbefangenes Ge⸗ ſicht zu beneiden. * Ohne thörichten Stolz wußte ich, daß meine Schön⸗ heit regelmäßiger ſei, als die meiner Couſine. Ich wußte, daß ich ſolide Eigenſchaften beſaß, ein treues Herz, eine geprüfte Aufrichtigkeit, eine gränzenloſe Er⸗ gebenheit, welche ſchon erprobt worden und ſich niemals verläugnet hatte. Ich konnte nicht zweifeln, daß Ur⸗ 6 ſula lügenhaft und falſch ſei, daß ſie eine tiefe Ver⸗ — achtung gegen Alles hege, was edlere Seelen verehren und dennoch, wenn ich daran dachte, daß ſie Gontran gefallen könnte, dann bedauerte ich nicht, meiner Couſine nicht zu gleichen. O Gottesläſterung! Ich ging ſo weit, meine Tu⸗ genden zu verachten und auf die Laſter, welche ich nicht beſaß, eiferſüchtig zu ſein. Ach, ach, die Männer wiſſen es nicht, daß ſie oft die ſtolzeſten, edelſten Naturen entweihen, indem ſie gewiſſe Vorzüge auszeichnen, ſie wiſſen nicht, daß man, ſo man leidenſchaftlich, wahnſinnig liebt, vor Allem und um jeden Preis gefallen will, und daß, ſo tugend⸗ haft man immer ſei, man zuweilen die edelſten Eigen⸗ ſchaften als nutzlos und eitel verwirft, wenn man ſich Frauen geopfert ſieht, welche keine andern Verführungs⸗ mittel beſitzen, denn Heuchelei, Frechheit und Unſitt⸗ Während der Reiſe war Gontran zerſtreut und ſchweigſam. Ich ſchrieb ſein Sinnen der politiſchen Verände⸗ rung zu, welche eingetreten, und Betreffs der er viel⸗ leicht nicht ſo gleichgültig war, als er ſich den Anſchein geben wollte. Ich habe vergeſſen, zu erwähnen, daß wir unter⸗ Nachricht von der Juli⸗Revolution erhalten atten. Ich ſehnte mich darnach, Maran zu erreichen. Blondeau hatte mir oft geſagt, meine Mutter hätte mit mir, als ich kaum zwei Jahre alt geweſen, zwei Sommer auf dieſem Gute zugebracht und Blon⸗ deau ſie dahin begleitet. Nie, ſagte dieſe, hätte ſich meine Mutter glücklicher gefühlt, als in dieſer Ein⸗ ſamkeit, wo ſie der Bosheit des Fräuleins von Maran und der eifigen Gleichgültigkeit meines Vaters entzo⸗ gen war. 3 Das Bewußtſein, daß das Schloß unbewohnt ge⸗ MWathilde m. lungen über die Gemächer machen können, welche meine Mutter am liebſten bewohnt, über die Spaziergänge, wWo ſie am liebſten gewandelt. Hauſe, welches aus ſo vielen Gründen für mich ein Wgeweihtes war. mich erſt an dem Orte, wo Alles von meiner Mutter ſprach, unter dem unſichtbaren Schutze derſelben ſtehen ihr Kind wachen und zu Gott flehen würde, daß er mir kein neues Leid auferlege. S gefühl Gontran's zu würdigen, und ich dieſe Wohnung mir einflößte. Blondeau geſchrieben, ſie ſolle unverwei großen Hauptgöbäude mit zwei zurücktretenden Flügeln abermalige ſteinerne Brücke führte zu dem erſten Hofe, 154 blieben, entzückte mich, denn dieſe für mich ſo köſtli⸗ chen Erinnerungen ſchienen mir dadurch ungefährdeter, heiliger erhalten worden zu ſein. Blondeau mußte mir tauſend werthvolle Mitthei⸗ Mit frommen Gefühlen näherte ich mich dieſem Es kam mir auch vor, als wenn ich, befände ich 3 müßte und ſie aus der Höhe des Himmels herab über überzeugt, daß er die Verehrung theilen würde, welche Mehrmals hatte ich Gelegenheit geh . Bevor ich von Rouvray abreiste, h Maran kommen. Herr von Lanery hatte bei ſeiner Paris bereits einen Theil unſeres Maran geſendet, welches wenige Stu döme entfernt lag. 1 Wir langten an einem ſchönen Sommermorgen ah. Eine lange Allee von hundertjährigen Eichen führte. zu dem großen Ehrenhofe. Man mußte zwei Brücken paſſiren, welche über den kleinen Fluß geworfen wa⸗ ren, der die Mauern des Schloſſes beſpülte. Dieſes war von Ziegelſteinen erbaut und beſtand aus einem im Geſchmack des Jahrhunderts Ludwigs XIII. Eine *155⁵ * welcher durch ein Gitter verſchloſſen wurde, das mit dem Hauptgebäude parallel lief. Die Vegetation rings um das Schloß her war prachtvoll. Eichen, italiſche Pappeln und Ulmen hatten eine bewunderungswürdige Höhe erreicht, weitläufige Wieſengründe ſtreckten ſich ſo weit der Blick trug, und wurden durch mächtige Forſte begränzt. Der Caſtellan, welchen ein vorausgeſchickter Cour⸗ rier von unſerer Ankunft in Kenntniß geſetzt, erwar⸗ tete uns am Gitter und führte uns in eine lange Ga⸗ lerie, welche im Erdgeſchoß lag und deren Wände mit Familienbildern behangen waren. Die ſechs Fenſter dieſes mächtig großen Gemaches gingen auf den mit fließendem Waſſer angefüllten Gra⸗ ben hinaus, der das Schloß umgab, und ungeachtet der Sommerhitze war es in dieſem ungeheuren Sale beinahe kalt. Seine Mauern waren von einer Dicke, daß die Fenſterniſchen fünf bis ſechs Fuß Tiefe hatten. Ungeduldig, das Haus zu beſichtigen, bot ich Gontran lächelnd meinen Arm und ſagte: Kommen Sie, mein Freund, ich bin ungeduldig, hier Alles wieder zu ſehen, obgleich ich mich an Nichts mehr erinnere. Sie haben keinen Begriff davon, wie mir das Herz bei dem Gedanken klopft, die Orte zu betreten, welche ehedem von meiner armen Mutter be⸗ wohnt wurden. Und dann muß ich Ihnen ja auch die Honneurs des Hauſes machen. Ich fühle mich ſo glück⸗ lich, Sie hier zu haben⸗ Ich hbin hier die Burgfrau, Sie befinden ſich in meiner Gewalt und ich werde Sie mit despotiſcher Liebe beſtürmen. Statt in meine heitere Stimmung einzugehen, entgegnete mir Gontran mit gezwungenem Weſen, indem er ein Lächeln erzwang und mit der Miene des Widerwillens umherblickte: „Unter uns geſagt, Ihr Herrenhaus ſcheint mir in eiwas verfallenem Zuſtand ſich zu befinden, edle Burgfrau, wenn alle Gemächer dieſem gleichen. Es r 156 uns verhindert haben, einen Baumeiſter herzuſchicken; ohne Vorwurf, aber Sie, die Sie nur daran zu den⸗ ken hatten, meine liebe Freundin, Sie hätten es über⸗ nehmen können, ſich um dieſe Details zu bekümmern. Sie wußten ja, in welchem jammerwürdigen Zuſtand dieſes Schloß war.“ Mein Gatte hatte Anfangs noch ein ge⸗ lächelt, zuletzt aber klang ſeine Rede beinahe herbe. Ich blickte mit ſchmerzlichem Staunen auf und ſagte ſanft: Aber, mein Freund, erinnern Sie ſich, daß ich durch all die Schläge, welche uns erſchütterten, ebenſo gepeinigt wurde, wie Sie, und dann wiſſen Sie auch, daß ich ſehr krank war und mich nicht mit dieſer Sache beſchäftigen konnte. Ich wähnte, daß — „Ach, mein Gott,“ verſetzte Gontran, mich un⸗ K unterbrechend, „noch einmal, ich mache Ihnen keinen Vorwurf hierüber, liebe Freundin. Nur bedaure ich, daß Keines von uns Beiden an die Renovation gedacht hat, deren dieſe Behauſung ſchlechterdings be⸗ darf. Jetzt iſt nicht mehr zurückzuweichen. Dank dieſer verwünſchten Revolution kann man nirgends reiſen, nicht in die Bäder gehen. Binnen vierzehn Tagen wird ganz Europa in Flammen ſtehen. Paris wird unerträglich ſein. Wir müſſen uns demnach gefallen laſſen, hier zu bleiben, und deßhalb bedaure ich, daß wir ſo ſchlecht eingerichtet find.“ Ich bin Ihrer wegen untröſtlich über den Mangel an Bequemlichkeit, mein Freund. Was mich angeht ſo bin ich ſo glücklich, mit Ihnen hier zu ſein, daß ich mich ſtets behaglich fühlen werde. „Sie ſind ausnehmend gut, meine Theure. Auch ich fühle mich ſehr glücklich, dieſe Einſamkeit zu thei⸗ len; ich verſtehe alle die Gründe, welche Ihnen dieſe Behauſung werth machen; allein das iſt kein Grund, um Teppiche und Jalouſieen zu entbehren, denn ich iſt verdrießlich, daß unſere Geſchäfte in letzter Zeit ——— —— ſehe an keinem Fenſter eine und das Schloß gleicht auf's Haar einer Laterne.“ Ich bin darüber in Verzweiflung, mein Freund, aber beruhigen Sie ſich. Wir werden wohl Mittet finden, den Mängeln abzuhelfen, indem wir einige Arbeiter aus Vendöme kommen laſſen. Ich übernehme es, dieſe Arbeiten zu leiten und zu beſchleunigen. Aus Stolz des Herzens wünſchte ich, daß Maran der an⸗ genehmſte Aufenthalt für Sie würde, nur bitte ich, mit meinen Bemühungen Nachſicht zu haben. „Arbeiter!“ rief er ungeduldig, „das fehlte noch. Es gibt nichts Unerträglicheres, als Arbeiter um ſich zu haben — und doch wird man ſich's gefallen laſſen müſſen. Das wird ſehr angenehm ſein, da werd' ich wahrhaftig eine hübſche Zerſtreuung haben.“ Gontran, ſagte ich, traurig gemacht durch die üble Laune meines Gatten, wir ſtellen uns die Zer⸗ ſtörung dieſes Hauſes größer vor, als ſie iſt. Wir haben ja noch Nichts geſehen, als dieſe Halle. „Ach, mein Gott, dieſe Probe genügt. Das iſt ja das Ehrengemach, der Empfangſal. Man ſieht, daß der Verwalter die ganze Pracht des Hanſes hier aufgehäuft hat,“ ſagte er mit erzwungenem Lachen. „Nun, liebe Freundin, beſichtigen Sie Ihre Burg und ſuchen Sie daraus ſo viel Vortheil zu ziehen, als möglich, bis die Handwerksleute kommen. Was mich betrifft, ſo will ich nach den Ställen ſehen. Ich wette, das ſind wahre Löcher ohne Krippen, ohne Ständer, und doch bringe ich eben ein Dutzend Pferde aus Eng⸗ land mit! Das iſt ſehr angenehm! Ich weiß in der That nicht, woran Ihre Geſchäftsleute dachten, daß ſie dieſe Behauſung ſo in Verfall gerathen ließen.“ Ich bin betrübt darüber, mein Freund, aber, bitte, ärgern Sie ſich nicht darob. Geben Sie mir Ihre Befehle und ich werde ſie nach beſtem Wiſſen und Können ausführen laſſen. — Ohne Zweifel wurde Herr von Lanerp durch — „ 15⁵⁸ meine Reſignation gerührt. Er bereute ſeine Ungeduld und ſagte beſchwichtigend: „Noch einmal, ich klage Sie durchaus nicht an, theure Freundin, Sie können Nichts dafür. Aber wenn die Ställe ſchlecht find, ſo iſt das nicht minder unangenehm, um ſo mehr, da ich während der fünf bis ſechs tödtlich langen Monate, welche wir hier zu⸗ bringen werden, kein anderes Vergnügen haben werde, als meine Pferde und die Jagd — — Apropos, wie weit ſind wir denn von Vendome entfernt?“ Sechs bis acht Stunden, glaube ich, mein Freund. „Immer hübſcher, dieſe Entfernung wird ſehr be⸗ quem für die Bedürfniſſe von friſchen Fleiſch ſein, friſche Seefiſche können wir ohnedieß nicht bekommen, und nun fehlt weiter Nichts mehr, als daß unſere Küche auch noch abſcheulich ſein ſollte. Ich kann in Wahrheit nicht begreifen, wie ſich Ihre Familie ent⸗ ſchließen konnte, hier zu leben.“ Mein Vater war nur ſehr wenig in Maran, mein Freund. Meine Mutter hat einige Zeit hier zugebracht und Sie wiſſen, mein Freund, daß wir Frauen uns mit Wenigem begnügen. „Es ſteht Ihnen frei, liebe Freundin, ſich von Träumereien und Idealitäten zu nähren, was aber mich angeht, ſo muß ich Ihnen erklären, daß ich auf dem Lande ſehr poſitiv und materiell ſein werde. Ich bitte Ihre romanhafte Ueberſpanntheit deßhalb millio⸗ nenmal um Verzeihung, aber wenn man keine andern Freuden hat, als die Tafel, ſo iſt es, mein, ich, er⸗ laubt, zu verlangen, daß die Speiſen gut ſeien. Sie würden mich daher ſehr verbinden, wenn Sie ſich mit Ihrem Hausmeiſter verſtändigen wollten, um Mittel und Wege ausfindig zu machen, uns ſo gut, als es angeht, zu verpflegen. Wenn es ſein muß, werde ich für einen Fouragewagen und zwei Pferde ſorgen, un unſern Mundvorrath aus Vendoͤme zu holen, denn ich, lebe nicht von Abſtraktionen, ſondern halte Etwas auf das Solide. Und nun will ich nach den Ställen ſehen.“ Gontran ging. Dieß war unſere erſte Unterhaltung nach unſerer Ankunft in Maran. „Sechsundzwanzigſtes Kapitel. Schloßleben. Eeinige Zeit nach unſerer Ankunft in Maran fühlte ich mich ſchwach und leidend und zuweilen überfiel mich eine ganze Stunde lang ein mir völlig unbe⸗ kanntes Unwohlſein. Bald mußte ich einſehen, wie ſehr ich mich ge⸗ täuſcht, wenn ich gehofft, Gontran's Benehmen gegen mich werde wieder ſo werden, wie es in den erſten WMonaten unſerer Ehe geweſen war. Sein Charakter ſchien ſich in der Einſamkeit zu verbittern, jedoch ſchien in vie Lebensweiſe, welche er führte, wohl zu ge⸗ allen. Oft war er in meiner Gegenwart nachdenklich und in Gedanken verſunken. Bald überredete ich mich, er denke an Urſula, bald, er betraure unwillkürlich den Kummer, welchen ſeine Gleichgültigkeit mir ver⸗ urſachte. hnterbrach ich ſeine Betrachtungen, ſo unterbrach er mich bitter oder ſtand ungeduldig auf, ohne mir ein Wort zu ſagen, wie wenn ich ihn in einer theuren und ſüßen Träumerei unterbrochen hätte. Was mir bei alledem bisweilen dennoch einen Stral von Hoffnung gab, war die plötzliche Ver⸗ wandlung meines Mannes in Beziehung auf mich. Eine 160 allmälige Erkaltung hätte mich mehr erſchreckt, denn ſie wäre natürlicher geweſen. Es war ein verhängnißvoller Tag, an welchem ich die Ueberzeugung gewann, Gontran hege keine Liebe mehr für mich. Von da an hielt er es nicht ein⸗ mal für nöthig, die Formen der guten Geſellſchaft gegen mich zu beobachten, die Achtung der Wohlan⸗ ſtändigkeit, welche jeder Mann den Frauen ſchuldig iſt, ſogar ſeiner eigenen. Von da an nicht mehr jene ſüße Aufmerkſamkeit, jene herzlichen Ergießungen, Nichts, was von ſeiner Seite das Verlangen oder das Bedürfniß, mir zu ge⸗ fallen, verrathen hätte. Einige Worte über die neue Lebensweiſe, welche Gontran führte, ſind unerläßlich. 3 Seit wir uns in Maran befanden, hatte er aus England Hunde und Jagdpferde kommen laſſen, ſodann einen der Staatsforſte, welche an unſer Eigenthum ſtießen, gepachtet und jagte nun hier wöchentlich drei⸗ mal hetzend, dreimal auf dem Anſtand. Sonntags ruhte er aus — das war der einzige Tag, welchen er bei mir zubrachte. Gewöhnlich brach er nach dem Frühſtück auf und ich ſah ihn erſt Abends, nachdem er von der Jagd zurückgekommen, wieder. Wir ſetzten uns dann zu Liſche, er aß lange, ſprach wenig mit mir, trank oft zu viel für ſeinen Verſtand und — ſoll ich es geſtehen — er bedurfte manchmal des Beiſtandes einer ſeiner Diener, um ſein Zimmer zu erreichen, welches dicht an das meinige ſtieß. Ich hatte meinen Gatten ſtets ausgeſucht elegant gekleidet geſehen, allein jetzt, mit mir allein, vernach⸗ läſſigte er ſein Aeußeres gleichſam abſichtlich. Er ſchien nur für die Jagd und für die Tafelfreuden zu leben. O, der Scham und Entweihung, ich war für. ihn weiter Nichts mehr, als eine der Bedingungen ſeines grob ſinnlichen Lebens! Lange litt ich ſchweigend dieſes Verlaſſenſein, dieſe Veränderung in ſeinem Benehmen, welches bis dahin wenigſtens immer anſtändig geweſen war. Dieſes Leben in der Einſamkeit, auf welches ich ſo große Hoffnungen gebaut, verfloß für mich trübe, reiz⸗ und farblos. Nach meiner Gewohnheit verſchloß ich meinen Kummer, bis er überquoll. Der Tag erſchien, wo ich nicht länger zu vulden vermochte. Ich entſchloß mich, zu ſprechen, Gontran Alles zu agen. Es war ein Sonnabend. Der Wind hatte den ganzen Tag über ſehr heftig geweht und ohne Zweifel hatte Gontran ſchlechtes Jagdglück gehabt, denn die Jäger blieſen bei ſeiner Heimkehr nach dem Schloſſe die gewohnten Fanfaren nicht. Ich wußte aus Erfahrung, daß die Laune meines Gaiten an ſolchen Tagen keine roſenfarbene war, und ging ihm daher ängſtlich entgegen. Mein Herz er⸗ bebte, als ich ſeine ſchweren Sporenſtiefeln auß den Treppenſtufen raſſeln hörte. 5 Ihre Jagd war nicht glücklich, mein Freund? fragte ich ihn. „Nein, ich bin ermüdet,“ verſetzte er und trat in einen kleinen Salon, in welchem ich mich vornehm⸗ gerne aufhielt, weil meine Mutter ihn bewohnt atte. Ohne mir ein Wort zu ſagen, warf ſich Herr von Lanery mürriſch und verdroſſen auf ein Kanapee. Als ich ihn ſo mit kothbeſpritzten Kleidern ſah, unraſirtem Bart und unordentlich unter der Jagdmütze hervorquellenden Haaren, konnte ich in ihm kaum den Mann wieder erkennen, welchen ich ſtets ſo ausge⸗ zeichnet elegant geſehen hatte. „Klingeln Sie doch, meine Theure, daß man uns baldmöglichſt das Eſſen bringe. Ich habe Wolfshun⸗ 162 ger,“ ſagte Gontran, ſich auf dem Kanapee herum⸗ drehend und mit der Fußſpitze einen kleinen Tapiſſerie⸗ ſtuhl zu ſich heranziehend, um ſeine ſchmutzigen Stie⸗ feln darauf zu legen. Ach, rief ich — auf ihn zueilend aus, Gnade für dieſen Stuhl, er iſt von meiner Mutter geſtickt, bitte, nehmen Sie einen andern. Gontran nahm achſelzuckend einen andern Stuhl und ſagte: „Mein, wie wunderlich Sie ſind mit Ihren Affek⸗ tationen! Ich frage Sie, was das dem Andenken an Ihre Mutter ſchaden kann, wenn ich meinen Fuß auf dieſen Stuhl lege?“ Ich wundere mich, mein Freund, daß Sie den Cultus der Vergangenheit nicht verſtehen — er iſt oft der einzige Troſt für die Gegenwart. „O, wenn Sie anfangen, Metaphyſik des Ge⸗ fühls zu treiben, dann bin ich ſtille. Das Leben, welches ich führe, iſt wenig zu derartigem geeignet.“ In Wahrheit, Gontran, ſeit einiger Zeit handeln Sie, glaub' ich, mehr, als Sie denken. 2 „Dem Himmel ſei Dank! Ich hatte mich ſtets nach einigen Monaten eines rein materiellen Lebens geſehnt, in welchem das Thier, wie man zu ſagen pflegt, die Oberhand hätte. Nun wohl, ein ſolches Leben führe ich jetzt und befinde mich dabei vortreff⸗ lich. Selbſt die Ueberflüſſigkeiten, Eleganz, die Ge⸗ ſuchtheit des Anzugs habe ich muthig bei Seite ge⸗ worfen. Ich war ein ächter Sybarit, jet bin ich ein ächter Spartaner, ein Bär, ein Wilder, und traun, ich finde es ſehr bequem, für einige Zeit unreif zu bleiben, eine rohe Puppe, bis zu dem Augenblick, wo mich aufs Neue die Laune anwan einen Schmetterling zu verwandeln. Aber klingeln Sie doch, ich bitte. Ich will Hubert (ſo hieß unſer Haushofmeiſter) ſagen, er ſolle mir eine Flaſche Rhei wein in Eis kühlen. Ich habe lange keinen Rhein⸗ delt, mich in 163 wein getrunken und der, welchen Sie hier haben, iſt vortrefflich. Es iſt Johannisberger, gelb wie Bern⸗ ſtein. Woher hat Ihr Herr Vater dieſen Wein be⸗ kommen?“ Ich meine Fräulein von Maran ſagen gehört zu haben, mein Freund, daß der Kaiſer meinem Vater bei ſeiner Geſandtſchaft in Wien ein Geſchenk damit gemacht. „Meiner Treu, Ihr Vater that ſehr wohl daran, dieſen Wein hier zu vergeſſen, denn er iſt herrlich.“ Ich klingelte, mein Mann gab ſeine Befehle, gähnte und ſagte zu mir: „Spielen Sie mir doch, bis das Eſſen kommt, auf Ihrem Flügel die Ouvértüre zur „Belagerung von Korinth.“ Ich ſah Gontran kummervoll an. Er erinnerte ſich zweifelsohne nicht daran, daß man dieſe Oper gab, als ich mich zum erſten Mal mit ihm in der Kammerherrnloge befand. Hatte er dieſen Umſtand nicht vergeſſen, ſo war ſeine Forderung ein grauſamer Spott. nnwillkürlich füllten ſich meine Augen mit Thrä⸗ nen und traurig entgegnete ich: Verzeihen Sie, mein Freund, aber ich kann das Stück nicht ſpielen. „Weil ich Sie darum erſuche? Nun, gut. Thun Sie, was Ihnen beliebt, und ſpielen Sie mir etwas Anderes. Ich verlange es nur, um die Zeit zu töd⸗ ten, bis das Eſſen aufgetragen iſt.“ um die Zeit zu tödten? Sie wird Ihnen alſo jetzt ſehr lang, Gontran? „Mir? Durchaus nicht. Ich tödte jie, ohne im Mindeſten auf ſie ungehalten zu ſein. Nie iſt mir das Leben ſchneller verfloſſen. Ich hatte bisher keinen Be⸗ griff von dem guten und materiellen Leben eines Lund⸗ junkers, jetzt aber finde ich es vortrefflich. Ich kann nicht beſtimmen, ob es mich lange unterhalten wird, N 164 aber bis jetzt entzückt es mich. Die Jagd iſt mir zu einer wahren Leidenſchaft geworden. Mein erſter Pi⸗ gueur iſt prächtig, ich habe einen Jagdmeiſter, wie ihn kein König beſſer beſitzt, Thomas iſt ein trefflicher Koch, die Ställe ſind durch einige Ausbeſſerungen jetzt wohnlich geworden, wir haben uns in dieſem alten † Schloſſe ziemlich ordentlich eingerichtet, Sie ſind noch immer hübſch, wie ein Engel — warum ſollte mir alſo die Zeit lang werden?“ Mein Mann ſprach ſo aufrichtig und unbefangen, er ſchien ſein Benehmen ſo natürlich zu finden, daß er den Kummer, welchen er mir bereitete, nicht ahnte. Dieſe Vorſtellung benahm meinen Vorwürfen die Bitterkeit. 5 Ich ſah Gontran ſtarr an und ſagte mit inniger Bewegung: Gontran, halten Sie mich auch für glücklich? Er blieb nachläßig auf dem Kanapee ausgeſtreckt liegen und erwiderte, mit der Reitgerte gegen ſeine Stiefeln ſchlagend: „Sie? Meiner Treu, ich halte Sie für ſehr glück⸗ lich, für ſo glücklich, als Ihnen Ihr verteufelt wun⸗ derlicher Charakter zu ſein verſtattet. Was geht Ihnen denn ab?“ Nichts, Sie haben ganz Recht, Gontran. Ich ſehe Sie Morgens beim Frühſtück, dann Abends bei Tiſche, — zuweilen Sonntags eine oder zwei Stunden, wenn ich Ihnen Ihr Jagdmemorial ins Reine ſchrei⸗ ben muß. „Nun, und was wollen Sie denn weiter? Soll ich Ihnen denn etwa unabläßig an der Schürze hän⸗ gen? Glauben Sie mir, dieſes fortwährende Beiſam⸗ menſein müßte Ihnen bald tödtliche Langeweile ver⸗ urſachen.“ Ich habe Sie gebeten, mein Freund, mit Ihnen —— reiten zu dürfen. So hätte ich Sie zuweilen auf die Jagd begleiten können. — „Bah, dazu ſind Sie viel zu furchtſam, liebe Freundin, und dann iſt Nichts läſtiger, als eine Frau auf der Jagd. Sie findet ſelber kein Vergnügen dar⸗ an und iſt Andern im Wege, dieſes Vergnügen zu finden. Hätte ich Jemand, dem ich Sie anvertrauen könnte — dann möchte es gehen; allein wir haben keinen umgangsfähigen Nachbar. Ueberdies wollen Sie ja Niemand ſehen, Sie ſind eine ſo menſchenſcheue Anachoretin.“ Es würde für mich eine große Freude ſein, mit Ihnen auszureiten, mein Freund, aber nur mit Ihnen. „Das iſt, wie ich Ihnen ſagte, nicht möglich. Wie phantaſtiſch Sie ſind, arme Mathilde, Sie ver⸗ langen ſtets unverſtändige Dinge.“ Sie haben Recht, ſagte ich, ſprechen wir nicht mehr davon. Ich bin die glücklichſte der Frauen und mein Glück muß mir genügen. Und ich drückte mein Taſchentuch vor die Augen. Gontran hatte meine Antwort ſehr natürlich und ganz und gar nicht verletzend gefunden. Er ſchien da⸗ her nicht minder überraſcht, als unwillig, mich weinen zu ſehen. „Ei,“ ſagte er mit Ungeduld, „was iſt Ihnen denn? Wir plaudern da ganz ruhig und Sie fangen an zu weinen. Weßhalb denn? Wollen Sie mir etwa eine Scene machen?“ Eine Scene? Nein, Gontran, nein. Ich habe Ihnen Nichts zu ſagen, da Sie ſeit unſerer Ankunft in Maran den Gegenſatz nicht bemerken, der zwiſchen dem Leben beſteht, das wir hier führen, und dem, welches wir in Chantilly geführt haben. „Ach, ſind wir daran? Chantilly und Nichts als Chantilly! Sie führen dieſes Wort beſtändig wie ei⸗ nen Vorwurf im Munde, aber wiſſen Sie wohl, daß, 166 wenn Sie nicht ablaſſen, davon zu reden, Sie mir die Erinnerung an dieſen Honigmond noch zum Ueberdruß machen werden?“ Und über dieſen Scherz lachend, fügte er bei: „Ja, was wollen Sie, meine Liebe? „„Der Honigmond, der hat gelebt, ſo wie Honigmonde le⸗ ben.““ S iſt nicht der rechte Reim, doch gewiß der Gedanke.“ Ach, Gontran, läſtern Sie nicht die einzigen koſt⸗ baren Erinnerungen, welche mir bleiben. „Nun, ſo ſchwatzen Sie nicht immer davon, ſonſt werde ich Sie auf dieſe Weiſe beſtrafen. Kommen Sie, laſſen Sie uns als gute Freunde ſprechen, ohne vaß wir uns ereifern. Glauben Sie, daß ich mich verheiratet hätte, um mein Leben zu Ihren Füßen zu⸗ zubringen und Ihnen alberne Süßigkeiten vorzugirren? Sie ſind nie zufrieden. Leben wir in der Welt, ſo ſind Sie eiferſüchtig, leben wir allein, ſo machen Sie endloſe Anforderungen. Das wird,“ ſetzte er, unfähig, ſich länger zu bezwingen, hinzu, „auf die Länge nach⸗ gerade läſtig.“ Sie ſind grauſam, Gontran; Sie vergeſſen, daß ich ſchon ſo viel gelitten und Anſprüche auf Schonung hätte. „Mein Gott, mein Gott, welch ein Charakter? Soll ich wieder Vorwürfe hören? Nun, nur heraus mit der Sprache. Viel gelitten haben Sie? Wenn Sie dies in Beziehung auf Lugarto ſagen, ſo haben Sie Unrecht.“ Unrecht? „Allerdings. Ich kann Ihnen nur wiederholen, was ich ſchon früher darüber äußerte. Hätten Sie nur einen Schatten von Gewandtheit, von Scharfſinn be⸗ ſeſſen, ſo hätten Sie uns durch einige freundliche All⸗ täglichkeiten von ihm befreien können, ohne ſich zu com⸗ promittiren, wie Sie es gethan.“ „ ——— — Ohne mich zu compromittiren? O Gott, war es denn meine Schuld? „Das iſt Einerlei. Mag es Ihre Schuld ſein oder nicht, Sie ſind jedenfalls compromittirt und ich bin es, der früher oder ſpäter die Lächerlichkeit davon zu haben wird.“ Aber ich werde der Verachtung ausgeſetzt ſein, ich? „Bah, Madame, ich zöge Ihren Theil dem meinigen noch immer vor. Wenn Sie des Glaubens leben, es wäre für mich angenehm bei unſerer Rück⸗ kehr nach Paris mit Fingern auf mich zeigen zu ſehen, als auf einen betrogenen Ehemann, ſo irren Sie ſich beträchtlich. Aber,“ fuhr er zornig fort, „Sie müſſen in der That verrückt ſein, total verrückt, daß Sie ſolche Händel mit mir anfangen. Brechen wir ab — ich würde Ihnen ſonſt etwas Harkes ſagen — Sie würden in Vorwürfe ausbrechen, in Thränen, und ich will, daß Sie ruhig eſſen ſollen und ich gleich⸗ falls.“ N Was Sie da ſagen, iſt fürchterlich, verſetzte ich nach einem Augenblick ſtarren Erſtaunens, mich kla⸗ gen Sie an, mich, das Opfer der Verleumdungen die⸗ ſes Menſchen? Gontran, ich kann nicht ſagen, was für ein Geſchick mich für die Zukunft bedroht, doch für dieſen Abend beruhigen Sie ſich. Ich werde nicht in Thränen ausbrechen und Sie können ruhig eſſen. Ich habe ſchon ſo viele vergoſſen, daß ihr Quell vertrock⸗ nete. Das Unglück hat mich verſtändig gemacht, ich werde Ihnen keine Vorwürfe machen, denn Sie wür⸗ den Nichts fruchten. Ich will Ihnen blos ſagen, daß ich mich meinem Geſchick füge, jedoch nicht fühllos gegen Ihre Gleichgültigkeit bin. „Nun, ſo ſprechen Sie,“ ſagte Herr von Lanery, aufſtehend und mit großen Schritten hin⸗ und her⸗ gehend. „Ich habe Alles, was ich vermochte, gethan, um die Sache zum Scherz zu wenden, allein ich werde dennoch einem Auftritt nicht entgehen können. Dieſen 168 Morgen hatte ich eine ſchlechte Jagd und der Ausgang des Tages muß ſeines Anfangs würdig ſein. Nun, laſſen Sie hören, ſprechen Sie, machen Sie ein Ende. ie wiſſen ja doch, daß ich nur den einen Wunſch be, in Ruhe zu leben und Sie glücklich zu ſehen.“ Ich danke Ihnen, daß Sie mich anhören wollen, Gontran. Nun denn, ich ſehe mit Schmerz, daß Sie, ſeitdem wir hier, kein herzliches, kein zärtliches Wort für mich haben, daß Sie in meiner Nähe leben, als ob ich gar nicht zugegen wäre. „Aber, um's Himmels willen, was ſoll denn die⸗ ſes Gerede bedeuten? Was ſoll ich denn Ihnen ſagen? Wenn Sie ſich ſo gerne Galanterien ſagen laſſen, nun veranlaſſen Sie mich dazu!“ Sie haben Recht. Seit Langem ſchon bin ich von der traurigen Wahrheit durchdrungen, daß man ver⸗ dient, was man veranlaßt. Ihrer Härte zum Trotz ich Sie noch immer. Sie verdienen dieſe iebe. „Nun gut, ſo ſeien Sie vernünftig, da wir Beide Nichts dafür können, wie ſich die Sachen geſtaltet haben.“ Dann fügte er weniger zornig hinzu: „In Wahrheit, Mathilde, Ihr romanhafter, über⸗ ſpannter Charakter muß Sie zur unglücklichſten Frau von der Welt machen. Seien Sie doch vernünftig. Ich habe Ihnen hundertmal geſagt, daß man ſich nicht derheiratet, um immerfort und durch alle Tempora hindurch das Zeitwort Lieben zu conjugiren, man ver⸗ heiratet ſich, um ein eigenes Haus zu haben, einen eigenen Herd, eine geregelte Lebensweiſe, man ver⸗ heiratet ſich, um zwangslos zu leben, wenn man mit feiner Frau allein iſt. Es iſt leicht einzuſehen, daß es eben ſo gut wäre, unverheiratet zu bleiben, wenn man ich nur verheiratete, um fortwährend die Cour zu machen und Schäfergedichte herzudeclamiren.“ * 4 169 Ach, Gontran, Gontran, was für ein Ex⸗ wachen! „Sie werden eines Tages mir dankbar dafür ſein, daß ich dieſe hohle Träume behandelte, wie ſie es ver⸗ dienen. Wir müſſen zuweilen ſtrenge ſein, das iſt die Rolle von uns Männern, die wir dazu berufen ſind, Familienväter zu werden. Añ uns iſt es, die Sprache der Vernunft zu reden, und ich werde ſie reden. Zu⸗ nächſt iſt es mein feſter Entſchluß, Ihnen keine thö⸗ richte Illuſion zu laſſen. Sind dieſe Illuſionen ein⸗ mal zerſtört, ſo werden Sie ſehen, daß Sie ſich in der Wirklichkeit, welche Ihnen bleibt, vollkommen wohl befinden werden.“ Das iſt richtig, Gontran, ſind einmal meine Il⸗ luſionen alle zerſtört, ſo werde ich mich vollkommen in die Wirklichkeit finden, welche mir bleibt, wie Sie ſagen, nur wird das für mich die Ewigkeit ſein. „Ach, nun gar vollends Todesdrohungen! Wie luſtig das iſt! Welch' eine angenehme Unterhaltung! Und Sie beklagen ſich noch, daß ich mürriſch? Ich komme nach Haus und ſtatt einer heiteren, zuvorkom⸗ menden Miene zeigen Sie mir eine finſtere, traurige. Geſtehen Sie wenigſtens, daß das nicht das beſte Mit⸗ tel iſt, meine Liebenswürdigkeit in Gang zu bringen.“ Es iſt wahr, meine Seele iſt verödet, ich kann es Ihnen nicht länger verſchweigen, ſagte ich voll Bitterkeit, denn der höhniſche Ton Gontrans verletzte mich noch mehr, als ſeine Härte. Ich begreife, fuhr ich fort, daß es nichts Unerträglicheres gibt, als die Thränen fließen zu ſehen, welche man verurſacht. Al⸗ lein das iſt nicht meine Schuld. Ich bin nicht mehr im Stande, wie ſonſt, immer zu lächeln. 2 „Nun, gut, ich werde mich darein fügen, Sie ſtets in Thränen zu ſehen. Aber was ſoll ich dabei thun? Kann ich Sie hindern, ſich für die unglück⸗ lichſte Frau von der Welt zu halten?“ Mahilde. m. 17⁰ Mein Gott, ſeien Sie doch gerecht, Gontran? Sehen Sie, wie mein Leben iſt! Was ſind Sie mir, oder vielmehr: was bin ich Ihnen? Guten Morgen — guten Abend — meine Jagd war gut oder ſchlecht — ſpielen Sie mir dieſes oder jenes Stück auf Ihrem Piano — laſſen Sie an die Pächter ſchreiben, welche im Rückſtand ſind — das iſt mein Leben, Gontran, und Sir wollen, daß ich Ihnen Erheiterung verſchaffe, daß ich lachend, munter ſein ſoll? Wie iſt das möglich? Ach, Ihre Güte, Ihre Liebe erheiterten mich ehe⸗ mals. 5 † „Da iſt endlich das Eſſen,“ ſagte Gontran, da er die Glocke hörte, „ich ziehe es vor, zu Tiſche zu gehen, als Ihnen zu antworten, denn Sie würden mich außer mich bringen, und das ſollte mir Leid thun. Ueber die⸗ ſen Gegenſtand mit Ihnen zu ſtreiten, iſt ſo viel, als ſich mit Windmühlen ſchlagen.“ Man meldete, daß das Eſſen ſervirt ſei. „Kommen Sie mit?“ fragte Gontran.. 8 Entſchuldigen Sie mich, mein Freund. Ich habe keinen Appetit und bin leidend. „Das iſt angenehm und beſonders von vortreffli⸗ cher Wirkung auf Ihre Leute. Doch ganz nach Ihrem Belieben, meine theure Freundin.“ Und er ging, um ſich zu Tiſche zu ſetzen. 3 3 RNach der Entfernung meines Mannes kehrte ich in mein Zimmer zurück und brach in Thränen aus. „ Nichts war im Stande geweſen, ihn zu rühren⸗ Davon war ich jetzt überzeugt. Er ahnte die Größe des Kummers nicht einmal, welchen er mir verurſachte. In meinen Klagen ſah er weiter Nichts, als eine vage, romanhafte Ueberſpannung. Jede Hoffnung, ſein Mit⸗ leid zu erwecken, war für immer verſchwunden. 4. Seiner Selbſtſucht zum Trotz würde er nicht gen 171 gefühllos gegen meine Leiden geweſen ſein, ſo er ſie begriffen. Wennich nicht mehr die zärtliche Spra⸗ che von ehedem zu Ihnen ſpreche, ſo rührt das daher, daß Sie mir dieſelbe nicht mehr einflößen. Dieß hatte er mir geſagt. Dieß war eine der vernichtenden Offenbartgen, welche ſich zwiſchen mir und der Hoffnung aufthürm⸗ ten, wie eine Mauer von Erz. In meinem Schmerz wußte ich nicht, was ich ſa⸗ gen ſollte. Ach, ich war kaum achtzehn Jahre alt und vor mir lag das Leben, das ganze Leben! „ Und noch dazu mußte ich mir ſagen, daß ich jetzt vielleicht nur bei dem Anfang meines Kummers ſtünde. Die dumpfe Exiſtenz, welche ich in Maran führte, war beinahe bloß negativ und ich hatte Nichts zu be⸗ klagen, als das Glück, deſſen ich hätte genießen kön⸗ nen. Ach, vielleicht mußte ich dieſe Tage noch zu den beſſern zählen unter denen, welche die Zukunft mir aufbewahrte. Ich ſtieg in mein Herz hinab, um mich zu fragen, ob nach ſo vielen grauſamen Prüfungen meine Vebe zu Gontran abgenommen hätte. Ach, ich nahm mit einer Art bitterer Freude wahr, daß ich ihn noch immer liebte, — noch immer ſo heiß, wie ehedem. Gegenwärtig wird es mir ſchwer, dieſe blinde Hartnäckigkeit meiner Neigung zu begreifen. Sie mußte nothwendigerweiſe aus der Ueberzeug⸗ ung entſpringen, daß Gontran, wenn er wollte, mich noch ſo glücklich machen könnte, wie ſonſt. Dieſe letzte Hoffnung, an welche ich mich mit al⸗ ler Kraft anklammerte, genügte, um dieſe unſelige Liebe zu unterhalten und zu beleben. Eine MWiſchung von Stolz und Mißtrauen beredete mich, daß ich noch immer fähig ſei, Gontran die tiefe Zärtlichteit einzu⸗ N flößen, die er für mich empfunden, daß es mir aber an Gewandtheit des Herzens mangele, wenn i mich ſo ausdrücken darf. Wenn die Liebe dieſen Zuſtand fieberhafter Ueber⸗ ſpanntheit und verzweiflungsvoller Hartnäckigkeit er⸗ reicht hat, nimmt ſie, wie es ſcheint, ganz den Chargk⸗ Spielwuth an, wie ich dieſe habe beſchreiben ören. Das Unglück wird ermüden, ſagt man und rafft ſeine letzten Goldſtücke zuſammen und der Schlund des Zufalls verſchlingt ſie wieder, und man hat Aller verloren. Es wird müde werden, mich zu verfolgen ſagt man und verdoppelt ſeine Ausdauer. Man er⸗ ſchöpft ſeine letzten Beweiſe von Zuneigung und An⸗ hänglichkeit — man wagt eine letzte, furchtbare Probe, und wie der Spieler an einem dummen Zufall zu Grunde geht, ſo geht man an einer dummen Gleich⸗ gültigkeit zu Grunde. Dann beſitzt man Nichts mehr — Nichts! Dann iſt das Herz leer, dann hat man die ganze Kraft zu lieben verbraucht, dann bleibt Einem, gleich dem Ver⸗ ſchwender, nur noch die ewige Reue, ſo koſtbare Schätze vergeudet zu haben. Dahin war ich noch nicht gekommen. Gontran anklagend, liebte ich ihn noch immer. Zuweilen glaubte ich ihn mit der Erinnerung an urſula beſchäftigt, und dann empfand ich, daß die Eiferſucht meine Liebe verdoppelte, ſtatt ſie zu ver⸗ mindern. 8 Die Eiferſucht bringt die heftigſten Empfindungen in Aufruhr: die Selbſtliebe, den Stolz, die Furcht, die Hoffnung — und es lebt ja die Liebe vornehmlich von Aufregungen. 8 Die Eiferſucht vermindert die Leidenſchaft nicht, 3 welchen man liebt, ſondern erhöht ſie. Je mehr der, ₰ ——————— 173 reizt und gefällt, je mehr man uns ſein Herz ſtreitig macht, deſto höher ſteigt ſein Werth in unſern Augen. Ich wollte einen letzten Verſuch machen, um zu erkennen, bis zu welchem Grad ich Gontran noch liebte. Der Freundſchaft des Herrn von Mortagne dan⸗ kend, hatte ich mich mehrmals auch des Herrn von Nochegune und ſeiner ſo innigen Zuneigung erinnert. Die heitere Ruhe mit welcher ich dieſer Rückerinnerung mich hingab, lieferte mir den Beweis, wie wenig ſtraf⸗ bar dieſe Erinnerung war. Ich fühlte für den Herrn von Nochegune Bewun⸗ derung, Achtung, kurz ein Gefühl, dem ähnlich, das Herr von Mortagne mir einflößte, eine Empfindung voll Ruhe und Frieden. Obſchon ſeine Züge nicht ganz regelmäßig, empfand ich doch, daß ſie einen Aus⸗ druck voll Adel und Würde trugen. Wenn ich der Theilnahme gedachte, welche er mir ohne mein Wiſſen ſeit langer Zeit zollte, und von der er mir ſo viele Beweiſe gegeben hatte, wenn ich mir alle ſeine ſchönen Handlungen zurückrief, wenn ich bedachte, daß er mit dieſer mitfühlenden Güte einen erprobten Muth, eine glühende, ritterliche Geſinnung vereinte, dann erkannte ich, daß Herr von Rochegune alle jene ſeltenen Eigenſchaf⸗ upen ngte welche die lebhafteſte Leidenſchaft einflößen müſſen. Und dennoch war ich weit entfernt, es zu bekla⸗ en, wenn ich daran dachte, daß ich ihn hätte heiraten önnen, und ich fühlte, daß mein Herz, ſo ich in die⸗ ſer Stunde noch zwiſchen ihm und Gontran hätte wäh⸗ len können, noch immer für den Letztern geweſen wäre. Ach dieſes Geſtändniß kommt mich ſchwer an, denn es iſt zweifelsohne das Geſtändniß einer verkehrten Sinnesweiſe. Die Liebe, welche mit dem Ausdruck: die Leiden⸗ ſchaft iſt blind, entſchuldigen muß, iſt faſt immer übel angebracht.. Siebenundzwanzigſtes Kapitel. Ein gutes Werk. Meine Betrachtungen über das erwähnte traurige Geſpräch mit meinem Manne blieben nicht unfruchtbar. Sie brachten mich auf den Gedanken, daß mich viel⸗ leicht der Mangel einer ernſten, feſſelnden Beſchäf⸗ ſo reizbar und für jeden Eindruck empfänglich mache. Ich verzichtete und, ich bekenne es, mit bitteren Thränen auf die Ueberzeugung, daß meine Liebe die beſtändige, die einzige Beſchäftigung meines Lebens ſein könne. Bald ging ich noch weiter und machte mir, mei⸗ ner Gewohnheit, mich anzuklagen, um Gontran zu ent⸗ ſchuldigen, getreu, einen Vorwurf daraus, mein Leben bisher ganz auf dieſe Neigung beſchränkt zu haben., Ich ſagte mir, Gott beſtrafe mich vielleicht um meiner Selbſtſucht willen. Sobald dieſer Gedanke in mir Wurzel gefaßt, glaubte ich gerettet zu ſein. Die Vergangenheit er⸗ ſchien mir in einem ganz anderen Lichte, und ich be⸗ griff, daß die Uebertreibung meiner Gefühle Gontran hatte verdrießen müſſen, ich begriff, daß die Aufgabe einer Frau auf Erden eine andere ſein müſſe, als die, zu lieben, oder vielmehr, daß mir, wenn auch für ein † einziges und angebetetes Weſen glühend, von der un⸗ endlichen Liebesfülle unſeres Herzens auch noch wohl⸗ thätige Stralen auf die werfen ſollen, welche leider, gerade ſo, wie unſer frommes Gefühl für das alleinige und unendliche Weſen, welches die Welten geſchaffen hat, ſich durch unſere Liebe und unſer Erbarmen für alle Menſchen beweiſen muß. — An dem Tage, an welchem dieſer Gedanke einer göttlichen Offenbarung gleich mich erleuchtet hatte, er⸗ wartete ich voll Ungeduld Gontran's Heimkehr. Gewiß verrieth mein Geſicht meine Freude, denn als er mich anblickte, rief er aus: „Mein Gott, Sie ſehen ja recht heiter aus!“ Mein Freund, ich machte eine koſtbare Entdeckung. „Wie ſo?“ Ich entdeckte, daß Sie Recht hakten, mit mir böſe zu ſein, daß ich Unrecht hatte, überſpannt, romanhaft zu ſein, wie Sie mir vorwarfen, mit einem Worte, daß meine Liebe zu Ihnen ſchlecht angewendet war, ich entdeckte, daß es mir nicht genug ſein dürfe, zu ſagen; Gontran ich bin Ihrer würdig, ſondern, daß ich Ihnen auch andere Beweiſe hiefür geben müſſe. „Was wollen Sie damit ſagen, Mathilde?“ Ja, meine unausgeſetzten Klagen mußten Sie un⸗ geduldig machen. Ich werde mich nicht mehr beklagen und künftig ſollen Sie mich bei Ihrer Heimkehr nicht mehr trübe und mürriſch finden. Ich werde ſtets ſein, wie heute, glücklich und lächelnd. „Deſto beſſer, tauſendmal beſſer. Aber was wird dieſe Veränderung in Ihnen hervorbringen?? „ O, ich habe große Pläne. „Große Pläne welche Sie glücklich und heiter ſollen? Laſſen Sie doch ſchnell hören! Was iſt es?“ Sie kennen doch das kleine Schloß? — (Es war dies ein ziemlich großes Gebäude, das zu dem Schloß Maran gehörte und an die Geſinde⸗ wohnungen ſtieß. Zur Zeit meines Großvaters wur⸗ den in dieſem Nebenhaus die Gäſte untergebracht, für welche in dem Hauptgebände kein Platz mehr war.) Sie kennen doch das kleine Schloß? fragte ich Gontran. „Allerdings, nur weiter?“ Es iſt ganz ungebraucht. 176 „Wie ſo2 Es befinden ſich daſetbſt meine Hunde⸗ ſtälle meine Sattelkammern und die Wohnungen mei⸗ ner Jäger.“ 4 Wenn Sie erfahren werden, wozu ich das kleine Schloß beſtimme, ſagte ich lächelnd, ſo werden Sie gewiß gleich mir finden, daß Ihre Hunde, ihr Reitzeug und Ihre Jäger recht wohl in dem Gefindehauſe un⸗ tergebracht werden können, deſſen einer Theil ja ohne⸗ dieß leer ſteht. — von Lanery ſah mich verwundert an und agte: „Wie, Sie denken daran, meine Leute aus dem kleinen Schloſſe zu vertreiben? Das iſt ein Scherz“ ₰ Durchaus nicht, ich verſichere Sie — „Bah, ſprechen wir nicht mehr davon, liebe Freun⸗ din. Es iſt unmöglich, meinen Hundeſtall anderswo hinzubringen, als in das kleine Schloß. Der Garten, der daran ſtößt, iſt verſchloſſen und dienlich für die Bewegung der jungen Hunde und der trächtigen Hün⸗ dinnen. Der alte Hundeſtall iſt ſehr feucht und ha nur einen kleinen, dunkeln Hof. Sie ſehen alſo, daß an dieſe Veränderung nicht zu denken iſt.“ WViſſen Sie wohl, mein Freund, daß es mich bei⸗ nahe freut, Sie Ihres Vergnügens wegen Etwas auf dieſes kleine Schloß halten zu ſehen? So wird Ihr Antheil größer als der meinige ſein, an dem guten Werke, auf welches ich ſinne, denn Sie müſſen dafür ein kleines Opfer bringen, während ich nur Vergnügen daran habe. . Mein Gatte ſchien ſehr überraſcht zu ſein. „Ein gutes Werk — ein Opfer — liebe Freun⸗ ½ din, ſprechen Sie nicht in Räthſeln; was hat das Alles zu bedeuten?“ Es bedeutet, daß ich einen vortrefflichen Gedanken habe, wofür Sie mir ſogleich danken werden. will in dem kleinen Schloſſe eine Schule für junge Mädchen im Erdgeſchoſſe einrichten, während ich in 177 den erſten Stock einige Betten für arme, kranke Frauen ſtellen laſſe. Drei oder vier barmherzige Schweſtern werden zu dieſer kleinen Anſtalt ausreichen, welche unter meiner Oberleitung ſteht und uns die Segens⸗ wünſche aller Unglücklichen der Umgegend gewinnen wird. Ich ſelbſt werde die Kinder unterrichten. Die⸗ ſen wird die eine Hälfte des Gartens zu ihren Spie⸗ len angewieſen, während die geneſenden Frauen die andere bekommen. Nun, werden Sie jetzt noch ſagen, daß Ihre Hunde in dem alten Hundeſtalle ſchlecht un⸗ tergebracht ſeien? Herr von Lanery brach in ein lautes Gelächter aus, welches mich in Verwirrung brachte, und rief, indem er ſich unterbrach, um abermals zu lachen: „Ich finde dieſen Einfall ausnehinend originell. Sie theure Freundin, können derartige haben.“ „Im Ernſt geſprochen, können Sie ſich denn ein⸗ bilden, daß ich mich hier mit einem Haufen von Bett⸗ lern und Kindern umgeben will, um mein Ohr durch das Gekreiſch ſolcher Bälge zerreißen und mein Auge durch den Anblick einer Banbe alter, kranker Weiber beleidigen zu laſſen?“ Aber, mein Freund, das kleine Schloß liegt weit von da ab und man kann weder ſehen, noch hören — „Bah, bah, Sie ſind ein verzogenes Kind, eine kleine Thörin,“ ſagte mein Mann mit ſpöttiſcher Gleich⸗ gültigkeit, die mir ins Herz ſchnitt. „Sprechen wir nicht mehr von dieſer Kinderei. Wie, um das Ver⸗ gnügen zu haben, die Schulmeiſterin und die Sama⸗ riterin ſpielen zu können, wollten Sie ernſtlich daran denken, meine Hunde und meine Leute zu vertreiben welche dort ſo gut aufgehoben ſind?“ Aber, mein Freund — „Laſſen Sie mich doch hören, Sie gute kleine Ei⸗ genſinnige, wie Ihnen ſo närriſche Pläne in den Kopf ommen konnten? Sagen Sie 's mir ganz offen.“ 178 Wie, Gontran? entgegnete ich, indem ich fühlte, daß mir die Thränen in die Augen traten, denn ich hatte nicht entfernt dieſe Aufnahme und dieſe Spott⸗ reden erwartet, ich will Ihnen ſagen, wie mir das in den Kopf kam. Ich habe erkannt, daß Sie Recht hat⸗ ten, daß ich mich mit etwas Anderem beſchäftigen müſſe, als damit, ohne Unterlaß Ihnen von meiner Zärtlich⸗ keit vorzuſchwatzen. Ich habe es empfunden, daß es an Gottloſigkeit gränze, nur an meine Liebe für Sie zu denken, und daß ich, ohne Sie deßhalb weniger zu lieben, ſo viel Gutes thun müßte, als ich im Stande wäre. Ferner dachte ich, es wäre das ein Mittel, Ihnen meine Liebe zu beweiſen, denn der Wunſch, Ihnen als Ihrer noch würdiger zu erſcheinen, hat mir dieſen Gedanken eingegeben. So bin ich auf dieſen Einfall gekommen, Gontran. „Gewiß, Ihre Abſicht iſt eine ſehr löbliche, meine theure Freundin, und ich begreife, daß Sie hier eini⸗ ger Zerſtreuungen bedürftig ſind. Allein ich bekenne Ihnen, daß es andere gibt, welche ich der von Ihnen beabſichtigten vorziehen würde, obgleich ich meinen An⸗ theil an dem Gewinn dieſer guten Werke haben ſoll. Unter uns geſagt, ich bin der gehorſame Diener Ihrer menſchenfreundlichen Abſichten, allein ich werde ſpäter einen andern Weg ausfindig machen, um an meinem Seelenheil zu arbeiten.“ Aber, mein Freund — „Ich bitte Sie, Mathilde, ſprechen wir nicht mehr davon. Beſäßen Sie einen anderen Charakter, ſo würde ich annehmen, daß Sie ſcherzen.“ Ich ſpreche in vollem Ernſt, Gontran, und bitte ernſtlich, daß Sie mir gewähren, um was ich ſie angehe. „Im Ernſt, Mathilde? Wollen Sie ſich über mich luſtig machen?“ Gontran, welch eine Sprache, welch ein Empfang? v. 179 S Und weßhalb? Weil ich Sie mit der Bitte angehe, ſich bei einem guten und nützlichen Werke zu betheiligen. Herr von Lanery zuckte ungeduldig die Schultern und ſagte trocken: „Ich that Alles, was ich konnte, um in dieſer 5 phantaſtiſchen Grille weiter NRichts, als einen Scherz zu ſehen, da Sie mich aber zwingen, offen mit Ihnen zu reden, ſo ſage ich Ihnen zum letzten Mal, daß das, was Sie fordern, unmöglich iſt. Verſtehen Sie mich? Ganz und gar unmöglich. Ich hoffe, das iſt deutlich 6 genug, und Sie werden es mir erſparen, auf dieſen Gegenſtand zurückzukommen.“ 4 Zum erſten Mal lehnte ich mich gegen den Wil⸗ len des Herrn von Lancry auf, indem ich ihm ſehr feſt ſagte: Ich bedaure unendlich, in dieſer Sache mit Ihnen nicht gleicher Meinung ſein zu können, mein Freund, allein dieſer Plan iſt ausführbar, ſeine Ausführung liegt mir am Herzen und er wiro ausgeführt werden! Mein Gatte betrachtete mich mit einem Blicke, welcher vielleicht noch mehr Ueberraſchung, als Zorn an den Tag legte, und verſetzte dann mit ironiſchem Lächeln: „Ei, bin ich denn Herr hier oder bin ich es nicht?“ Sie ſind es, mein Freund; ich bin Ihren Neig⸗ ungen nicht entgegen und nehme für mich nur das gleiche Recht in Anſpruch. „Ei, das iſt ja prächtig! Wie, ich ſollte Ihnen die Freiheit laſſen, acht bis zehntauſend Franes jährlich oder ſogar mehr um einer Laune willen zu verſchleu⸗ . dern, welche Ihnen durch den Kopf fährt? Denn Sie wiſſen nicht, zu welchen Ausgaben dieſe ſchöne Sucht der Mildthätigkeit, von welcher Sie ſo plötzlich erfaßt ſind, verleiten wird. Aber, in Wahrheit, ich bin när⸗ riſch, daß ich Ihnen auch nur antworte.“ Wenn der Geldpunkt Ihnen Unruhe macht, ſo 180 beruhigen Sie ſich; ich werde von dem erſparen, was Sie mir monatlich ausſetzen. „Das mag ich nicht haben, theure Freundin. Sie ſollen mit der Eleganz auftreten, welche unſerm Ver⸗ mögen und unſerem Range angemeſſen iſt. Sprechen wir offen. Meinen Sie denn, ich würde es dulden, Sie mit lächerlicher Knauſerei gekleidet zu ſehen, da⸗ mit Sie das Vergnügen haben, kleinen Schreihälſen das ABC zu lehren oder alten Weibern Tropfen ein⸗ zugeben? Nein, liebe Mathilde. Man ſoll ſagen: Frau von Lanery iſt eine der eleganteſten Damen von Paris. Sie ſind einer meiner reizendſten Luxusartikel.“ Es ſprach ſich in den Einwürfen meines Mannes ſo viel Selbſtſucht und Gefühlloſigkeit, ſo wenig Ver⸗ ſtändniß der frommen und edeln Geſinnung, der ich gehorchte, aus, daß es mich empörte. Zum erſten Mal fiel es mir ein, daß ich mich in meinem Eigenthum, in dem Hauſe meines Vaters be⸗ finde und daß ich, ohne ungerecht zu ſein, einen klei⸗ nen Theil des Vermögens, welches Hert von Lancry verſchleuderte, zu guten Werken benützen durfte. Ich antwortete daher meinem Gatten nach einer ziemlich langen Pauſe: Sie werden mich entſchuldigen, daß ich Ihre An⸗ ſicht über meine Abſicht nicht theilen kann, und — Gontran ſtampfte zornig mit dem Fuße, fiel mir in die Rede und rief aus: „Wie, immer noch? Nach Allem, was ich Ihnen geſagt habe? Sie haben alſo geſchworen, mich raſend zu machen? Sie haben mich alſo nicht verſtanden? Ich ſage Ihnen, daß ich es nicht haben will! Wie oft ſoll ich das noch wiederholen?“ Ich konnte mich nicht länger bemeiſtern und rief aus: Nun gut, ich aber will es! „Sie wollen es? Das iſt etwas Neues. Goit verzeih' mir, ich glaube, Sie ſagen; ich will“ Ja, denn ich bin es endlich überdrüſſig, ſtets zu — 181 dulden und mich zu fügen. Dieſe Sprache klingt Ih⸗ nen neu und ich begreife, daß ſie darob erſtaunen, Gontran, aber dießmal werde ich nicht nachgeben, denn das, was ich verlange, iſt gerecht und vernunftig und ich werde es erlangen! „Ei, ei, Sie! Sie werden es erlangen? Und auf welche Weiſe, wenn es Ihnen gefällig iſt. An wen wollen Sie ſich denn wenden, um mich zu zwingen, Etwas zu thun, was ich nicht thun will? Laſſen Sie doch hören. Bevor Sie dieſen äußerſten Schritt tha⸗ ten, ſich zu dieſen Drohungen entſchloſſen, haben Sie ſich ohne Zweifel der Mittel verſichert, Ihre Abſicht zu erreichen — noch einmal, antworten Sie doch!“ Ich war wie angedonnert, ich wußte meinem Manne kein Wort zu erwiedern. Ein Kampf gegen ihn erſchreckte mich nicht nur, ſondern erſchien mir auch unmöglich. Mein Inſtinkt ſagte mir, daß Geſetz und Sitte dem Herrn von Lanery gegen mich Recht geben würde. Bevor ich aber auf meine Hoffnung verzichtete, wollte ich noch einen letzten Verſuch machen, indem ich mich an das Herz, an den Edelmuth Gontrans wen⸗ dete. Deßhalb ſagt' ich: Gewiß, ich kann Sie nicht zwingen, mein Freund, meinen Wunſch zu gewähren, allein ich kann es von Ihnen als eine Gefälligkeit fordern. Unterlegen Sie meinen Worten keine falſche Deutung. Allein Ihre Weigerung nöthigt mich, ſo mit Ihnen zu ſprechen — 5 Und vor Scham erröthend und zitternd ſetzte ich mn Dieſes Haus gehörte meinem Vater, und — „Wenn dieß eine indirekte Art, mir beizubringen, daß Sie einen großen Theil des Vermögens, welches wir beſitzen, mir zugebracht haben, ſo iſt dieſer Vor⸗ wurf zwar ohne Zweifel ſehr zartſinnig und von gu⸗ tem Geſchmack, allein er bewegt mich nicht,“ verſetzte Herr von Lanery äußerſt kalthlütig. „Seit lange 182 — ſchon erwartete ich ihn, denn es mußte früher oder ſpäter ſo kommen. Es iſt dieß das ewige Lied der Frauen, wenn ſich ein verſtändiger Mann ihren Grillen widerſetzt. Allein, gnädige Frau, mag dieſes Haus Ihrem Vater gehört haben oder nicht, mag das Ver⸗„ mögen, in deſſen Beſitz wir find, von Ihrer Seite herrühren und nicht von der meinigen, daran liegt ganz und gar Nichts. Erinnern Sie ſich ein für alle⸗ mal daran, daß wir verheiratet ſind und daß Si mir eine Vollmacht ausgeſtellt haben, kraft welcher mir allein, verſtehen Sie, mir allein die Verwal⸗ tung und Verwendung dieſes Vermögens zukommt. Ich allein beſtimme die Ausgaben, die Sie machen — wollen. Ich bitte Sie tauſendmal um Verzeihung, daß ich in dieſe ökonomiſchen Details eingehe, allein ich hoffe, daß es das erſte und das letzte Mal zugleich ſein wird. Dadurch erſparen Sie ſich für die Zukunft die Unannehmlichkeit, unmögliche Dinge von mir zu verlangen, und mir, ſie Ihnen abzuſchlagen. Sie würden in der That einen ſchönen Gebrauch von Ih⸗ rem Vermögen machen. So wollten Sie vor ſechs Monatei in Chantilly ein Haus kaufen, weil wir in demſelben einige glückliche Tage zugebracht hatten.“ Ach, Gontran, rief ich aus, unfähig, meine Thrä⸗ nen länger zu verbergen, das iſt entſetzlich, Sie ſind mitleidslos geworden! Ehemals folgte auf Ihre Härte doch wenigſtens dann und wann eine Rückkehr Ihrer Güte und Zärtlichkeit, Sie hatten wenigſtens Mitleid mit meinem Schmerz, welchen ſie mir verurſachten. Run aber haben Sie kein Wort des Troſtes mehr für mich. Ach, ich begreife es, ehedem waren Sie unglück⸗ lich, und die Zukunft machte Ihnen Sorge, damals wußten auch Sie, was der Kummer zu bedeuten hat, und das mgchte Sie beſſer.“ „Vorwürfe und immer Vorwürfe!“ ſagte Gontram gen Himmel blickend. 5 — 183 Seine Stimme klang weniger drohend, und ich hoffte, ihn gerührt zu haben. Gontran, fuhr ich fort, vielleicht ſind meine Vor⸗ würfe bitter, allein ſeien Sie gerecht, ſagen Sie, ob ich nicht, jene flüchtigen Tage des Glückes ausgenom⸗ men, die unglücklichſte Frau von der Welt geweſen. Erinnern Sie ſich meiner Kindheit, meiner Jugend, — die ſo düſter und traurig war. Ich verlange nur Eins von Ihnen. Vergeſſen Sie, was ich Ihnen bin, be⸗ trachten Sie mich als eine Fremde, und dann ſagen Sie — ſagen Sie, ob ich nicht Mitleid verdiene! Nachdem ich ſo geſprochen, ſank ich erſchöpft in meinen Seſſel zurück und vermochte kein Wort mehr hervorzubringen. „Nun, nun, beruhigen Sie ſich,“ ſagte Herr von Lanerp, indem er ſich mir näherte und ſich neben mich ſetzte. „Sie find eine kleine Närrin und beſitzen eine ſo überſpannte Gemüthsart, daß Sie Alles ſchwarz ſehen. Weil ich mich in Ihrem eigenen Intereſſe wei⸗ gere, Ihre verſchrobenen Pläne zu billigen, welche meinethalben großmüthig, aber unausführbar ſind, er⸗ eifern Sie ſich und ſehen Alles im ſchlimmſten Lichte.“ Ach Gott, wenn Sie wüßten, in Folge welcher Gedanken ich dazu gekommen, die Ausführung meiner Abſicht zu wünſchen, Sie würden meine Hartnäckigkeit begreifen. „Ich begreife Alles, theure Freundin; doch laſſen Sie uns vernünftig mit einander reden. Sie wollen viel Geld ausgeben, um Ihre Schule und Ihr Hoſpital zu ſtiften — das iſt eine edelherzige, fromme Zer⸗ ſtreuung; — iſt es aber weiſe, iſt es auch nur menſch⸗ lich, arme Leute an den Genuß von Wohlthaten zu gewöhnen, welche ſehr vorübergehend ſein könnten?“ ch verſichere Sie, mein Freund ₰ mich das Wohlthun nie ermüden ſoll. „Es gibt aber tauſend Umſtände, unter welchen es Ihnen unmöglich werden könnte. So wäre es, um 2 18⁴ nur einen dieſer Umſtände zu erwähnen, z. B. gar nicht unmöglich, daß ich dieſes Gut früher oder ſpäter verkaufte.“ Gott, dieſes Gut verkaufen? Und weßhalb denn . „Weil es mehr denn eine Million werth iſt und mir nicht einmal reine zwanzigtauſend Livres Renten einträgt. Die Wohnung iſt zudem unbequem, die Fel⸗ der liegen zerſtreut, kurz, es iſt ein ſehr trauriger Auf⸗ enthalt. Wenn ich nun Maran um eine Million ver⸗ kaufe und das Geld in Staatsrenten oder in der franzöſiſchen Bank anlege, ſo macht das fünfzigtauſend Rores Renten, anſtatt daß uns das Gut jetzt kaum zwanzigtauſend abwirft —“ Maran verkaufen? Daran können Sie nicht den⸗ ken. Dieſe Beſitzung gehört ſchon ſo lange unſerer Familie, meine Mutter hat hier gewohnt, ich — „Alle pieſe eingebildeten Vortheile wiegen, wie S A zugeben werden, dreißigtauſend Livres Renten nicht auf.“ Aber wozu bedürfen Sie denn ſo viel Geld? Kön⸗ nen wir nicht mit dem leben, was wir ſchon beſitzen? „Kind, Sie verſtehen Nichts von Geſchäften; man hat nie zu viel Einkünfte. Sie wiſſen nicht, was ein Haushalt koſtet, und zudem will ich, daß wir dieſen Winter in Paris viel Geſellſchaft und mit Pracht ſehen⸗ Es liegt mir daran, zu zeigen, daß uns die Juli⸗ revolution nicht zu Grunde gerichtet hat.“ Aber im Ernſt, mein Freund, Sie denken wphl nicht daran, Maran zu verkaufen? Ich beſchwöre Si, thun Sie das nicht. Ich fühle mich an dieſem Orte ſo heimiſch. „Gerade deßhalb iſts gut, die Beſitzung bald z9 verkaufen, bevor Sie hier noch heimiſcher werden —“ Aber, mein Freund, ich möchte nicht — „Wollen Sie unſeren Streit erneuern? Nehmen Sie doch Vernunft an. Wie oft ſoll ich Ihnen noch — ſagen, daß das Geſetz mir unbedingt, hören Sie, un⸗ bedingt die Verwaltung Ihres Vermögens übertra⸗ gen hat, daß ich kaufen, verkaufen, Gelder anlegen und dergleichen thun kann, wie es mir gut ſcheint. Dünkt es mich um unſeres Intereſſes willen gut, dieſe Beſitzung zu verkaufen, werde ich ſie verkaufen, und ſo nahe bin ich daran, dieſe Ueberzeugung zu bekom⸗ men, daß ich die Errichtung Ihrer Wohlthätigkeits an⸗ ſtalt, welche kaum eine Dauer von ſechs Monaten hätte, nicht zugeben kann. Nachdem wir hierüber in's Reine gekommen, verlaſſe ich Sie, um zu ſehen, ob meine Hühnerhunde ordentlich gefreſſen, denn die heutige Jagd muß ſie ſehr angeſtrengt haben.“ Und mit dieſen Worten ließ Herr von Lanery mich allein. Achtundzwanzigſtes Kapitel. Emma. Was mir mein Gatte, Betreffs ſeiner Abſicht, Maran zu verkaufen und ſeine Ausgaben zu vergrö⸗ ßern, geſagt hatte, ſetzte mich in Schrecken, und den⸗ noch fühlte ich, daß ich ſeinem Willen durchaus keinen Widerſtand entgegenſetzen könne. Ich mußte der War⸗ nungen der Frau von Richeville und des Herrn von Mortagne bezüglich der Verſchwendungsſucht des Herrn von Lanery gedenken, ich bebte bei der Vorſtellung, daß ihm unſer Vermögen völlig Preis gegeben ſei. Seine Weigerung, mir das zur Gründung einer wohl⸗ thätigen Anſtalt Erbetene zu gewähren, zerriß mir das Herz. Allein ich ließ mich dadurch nicht entmuthigen, und da ich nicht in ſo großartigem Maßſtab Gutes thun konnte, beſchloß ich, die Armen wenigſtens nach Mathilde. m. 13 186 meinen beſten Kräften zu unterftützen und in der Er⸗ füllung dieſer frommen Fflicht eine Zerſtreuung für meinen Kummer zu ſuchen. WMeeine gute Blondeau diente mir hiebei auf's Beſte. Dank den Nachrichten, welche ſie mir mittheilte, war ich im Stande, manche Leiden zu mildern. Gott be⸗ lohnte mich dafür. Meine Traurigkeit wurde, ſtatt, wie bisher, nagend und bitter zu ſein, melancholiſch und beſchaulich. Ich genoß einer Art von Stille und Ruhe. Ich tröſtete mich über das barſche Benehmen oder die Gleichgültigkeit meines Mannes, indem ich der Thränen gedachte, mit welchen man mir einige Wohlthaten gedankt hatte. Ich fand ein Vergnügen daran, Gontran an dieſen Handlungen der Barmher⸗ zigkeit theilnehmen zu laſſen, indem ich immer in ſei⸗ nem Namen gab, und empfand innige Rührung, wenn ich uns gemeinſchaftlich ſegnen hörte. So vergingen mehrere Tage. Mein Gemahl führte ſtets daſſelbe Leben und ſchien den mit mir vorgegan⸗ genen Wechſel nicht zu bemerken. Nur einmal ſagte Er mir: „Ich nehme mit Vergnügen wahr, daß Sie auf Ihre Thorheiten verzichtet haben. Sie haben Recht daran gethan, denn je genauer ich dieſes Gut kennen lerne, deſto mehr überzeuge ich mich, daß ſich mit dem Verkauf deſſelben ein vortreffliches Geſchäft ma⸗ chen läßt.“ Ich hatte Gontran's Sinnesart genugſam kennen gelernt, um noch ferneren Widerſtand gegen ſeinen Willen zu verſuchen, denn ich wußte, daß ich kein Mit⸗ tel beſaß, ihn davon abzubringen. Ich entgegnete da⸗ her nur, daß er handeln könne, wie es ihm gut ſcheine, allein ich ſchrieb an Herrn von Mortagne, um ihn von dem Entſchluß des Herrn von Lanerh in Kenntniß zu ſetzen, und ihn zu befragen, ob ich mich demſelben widerſetzen könnte. Seit zwei Monaten etwa hatten wir die Familie — 187 Secherin verlaſſen, als ich eines Morgens, nachdem mein Mann zur Jagd aufgebrochen, einen Brief aus Rouvray empfing. Herr Secherin ſchrieb mir, daß urſula, dem mir gegebenen Verſprechen getreu, mit ihm demnächſt in Maran eintreffen werde, um hier einige Zeit bei uns zuzubringen. Seine Fabrik ſei im beſten Gange, und ſein erſter Commis würde ihn wäh⸗ rend ſeiner Abweſenheit vollkommen erſetzen können. Herr Secherin hatte, wie er ſchrieb, Urſula nicht das Vergnügen geſtatten können, mir dies anzuzeigen und mir dieſe Ueberraſchung zu bereiten. Einige, von der Hand meiner Couſine als Nach⸗ ſchrift beigefügten Worte wiederholten mir, was ihr Mann geſagt hatte. Ich überlas dieſen Brief zweimal. Ich konnte kaum meinen Augen trauen. Gleichwohl war dem Anſchein nach Nichts natürlicher. Mehr als zwanzig Mal hatten wir mit Urſula verabredet, daß ſie einige Zeit bei uns zubringen ſollte, allein damals hielt ich ſie noch für meine Freundin, meine Schweſter. Mir kamen die Worte wieder in den Sinn, welche ich von Gontran's und Urſula's Geſpräch aufgefangen hatie, und die meine Eiferſucht ſo lebhaft erregten. Ich zitterte, wenn ich daran dachte, daß meine Couſine, wenn ſie bei uns wäre, meinen Mann täglich ſehen würde. Ich beredete mich, ſie ſei Betreffs dieſer Reiſe nach Maran mit Gontran im Einverſtändniß. Mein erſter Gedanke war, an Frau Secherin zu ſchreiben, daß wir unſer Gut verlaſſen wollten und ſie nicht empfangen könnten. Allein ich wagte es nicht, dieſen Entſchluß auszuführen, ohne meinen Mann da⸗ von zu benachrichtigen. Ich ergab mich darein, ſeine Rückkehr von der Jagd abzuwarten. Ach, bei dieſen neuen Regungen der Eiferſucht be⸗ dauerte ich beinahe die zwei Monate, die ich verlebt hatte. Der Kummer, welcher ſie trübte, war ja Nichts im Vergleich mit dem, der mir, wie ich nicht zwei⸗ felte, bevorſtand, wenn meine Couſine nach Maran kam. Während ich mit dieſen Gedanken beſchäftigt war, hörte ich plötzlich einen Wagen auf den Schloßhof fah⸗ ren. Ich glaubte, daß Urſula, um jeder Möglichkeit einer Weigerung zuvorzukommen, mit ihrem Briefe zu⸗ gleich habe ankommen wollen, und eilte an's Fenſter. Wie groß war mein Erſtaunen, als ich die Her⸗ zogin von Richeville mit einem mir unbekannten, jun⸗ gen Mädchen aus dem Wagen ſteigen ſah. Zum erſten Mal in meinem Leben that der An⸗ blick der Herzogin mir wohl, es kam mir vor, als ſende mir der Himmel eine Freundin in dem Augen⸗ blicke, wo ich am meiſten einer ſolchen bedurfte. Die Erfahrung hatte mir bewieſen, daß ſie mir vor Zeiten einen großen Dienſt leiſten wollte, als ſie gekommen, um mich auf die Fehler Gontran's aufmerkſam zu ma⸗ chen. Ich glaubte, daß in der ſchwierigen Lage, in welche die bevorſtehende Ankunft Urſula's mich bringen mußte, die Rathſchläge der Freundin des Herrn von Mortagne für mich von größter Bedeutung ſein müßten. Ich wollte das Zimmer verlaſſen, um der Herzo⸗ gin entgegenzueilen, als dieſe eintrat. Ich fand, daß in den drei Monaten, ſeit ich ſie nicht mehr geſehen, eine ſolche Veränderung mit ihr vorgegangen, daß ich eine Geberde der Befremdung nicht unterdrücken konnte. Sie bemerkte es, und ſagte mit ihrem freundlichen, reizenden Lächeln: „Sie erkennen mich kaum wieder, nicht wahr? Ach, ich habe ſo viel zu leiden gehabt! Doch ſprechen wir von Ihnen, von Ihnen!“ fuhr ſie fort, meine beiden Hände ergreifend. „Maran lag nicht weit von meinem Wege ab, und ich machte gern den kleinen umweg, um Sie zu ſehen. Aber wo iſt Herr von Lancry?“ 3 Auf der Jagd, gnädige Frau, für den ganzen Tag. — 189 An dem Accent, womit ich dieſe Worte ſprach, an dem Blicke, womit ich ſie begleitete, errieth die Herzogin gewiß, daß mich dieſe Gelegenheit, mich mit ihr allein zu beſprechen, glücklich mache, und daß ich irgend ein peinliches Geſtändniß abzulegen hätte. Sie ſchüttelte traurig den Kopf und betrachtete mich mit rührender Theilnahme, indeſſen bedenkend, daß ſie nicht allein gekommen ſei, ſagte ſie zu mir, indem ſie das junge Mädchen, welches ſie begleitete, vor⸗ ſtellte: „Geſtatten Sie mir, Ihnen Emma von Loſtanges vorzuftellen — meine Verwandte,“ fügte ſie nach eini⸗ gem Zögern hinzu. Ich hatte das junge Mädchen bis jetzt noch nicht aufmerkſam angeſehen; jetzt aber, als ich es that, er⸗ griff mich Bewunderung. Obgleich kaum vierzehn Jahre alt, ſchien Emma ihrem hohen, ſchlanken Wuchs zufolge, ſechszehn Jahre alt zu ſein. Das Blau ihrer ſchoͤnen großen Augen war, ſo zu ſagen, durchſichtig und flüſſig, ihre feine Naſe, ihr kleiner Roſenmund waren von ſeltner Voll⸗ kommenheit, ihre elfenbeinene Stirne, ihre Wangen von roſig angehauchter Weiße waren von Flechten des ſchönſten braunen Haares eingerahmt, welches ſich lockte und trotz ſeiner Feinheit ſo füllereich war, daß es am Hinterkopfe Emma's einen ſtarken Knoten mehr⸗ mals verſchlungener Zöpfe bildete. Dieſes reizende Antlitz von etwas länglichem Oval verwirklichte das Ideal antiker Schönheit. Der großen Jugend des Fräulein von Loſtanges ungeachtet, ver⸗ liehen ihre Züge, ihr ganzes Weſen, ihre Haltung ihr einen Ausdruck ernſter Aufrichtigkeit, milder Strenge und edler Würde, welche zugleich imponirten und ent⸗ zückten. Ihr Blick vornehmlich trug einen ſolchen Aus⸗ druck engelhafter Sanftmuth, daß mir unwillkürlich Thränen in die Augen traten. 190 Ach, arme Emma, meine traurigen Ahnungen täuſchten mich nicht! Dieſe ſo vollkommen begabte Weſen, welche man für Geſchöpfe einer höhern Welt halten konnte, beſitzen allein jenen Blick, welcher ſo zu ſagen im Voraus die himmliſchen Freuden wiederſpiegelt, in deren Schvoß ſie bisweilen nur zu bald entrückt werden. Gott läßt ſeine Engel nicht lange unter den Menſchen. Emma, Emma, meine Freundin, o, du, meine wahre Schweſter, du fiehſt, du hörſt mich, du, die du wie eine himmliſche und heilige Erſcheinung durch das Leben derer wandelteſt, die dich liebten! * Die Schönheit des Fräuleins von Loſtanges hatte mich ſo ſehr ergriffen, daß ich nicht umhin konnte, der Herzogin von Richeville mit leiſer Stimme zu ſagen: Mein Gott, wie ſchön ſie iſt, wie ſchön ſie iſt! „Nicht wahr?“ entgegnete mir die Herzogin uh⸗ willkürlich und mit dem Ausdruck ſtralenden Stolzes. Dann ſah ſie mich ängſtlich an und ihr bleiches, eingefallenes Geſicht überzog ſich mit Röthe. Nach einem augenblicklichen Stillſchweigen ſagte ſie: „Befindet ſich Ihre vortreffliche Blondeau hier?“ Freilich. „Wollen Sie wohl die Güte haben, ſie rufen zu laſſen? Ich habe mit Ihnen zu ſprechen und inzwiſchen möchte ich ihr Emma anvertrauen, damit ſie ihr den Park zeigt, der ſehr reizend ſein ſoll.“ Ich klingelte und ließ Blondeau rufen. Sie nahm Fräukein von Loſtanges mit ſich, welche die Herzogin von Richeville nicht entlaſſen konnte, ohne ſie auf die Stirne zu küſſen. Als wir allein waren, rief die Herzogin aus; „Ach, armes, unglückliches Kind, ich habe Alles erfahren! Ihr Mann war dieſem ſchurkiſchen Lugarto 6 —— 191 Geld ſchuldig, und dieſer mißbrauchte die Abhängig⸗ keit des Herrn von Lanery, um ſie niederträchtigerweiſe zu kompromittiren. Es fand ein Duell ſtatt, in wel⸗ „ chem dieſer Elende verwundet wurde —“ Dieſe Worte der Herzogin bewieſen mir, daß ſie weder von der ſchmachvollen Handlung Gontran's noch von den Auftritten in dem einſamen Hauſe Etwas wußte. Die Verſchwiegenheit des Herrn von Mortagne machte mich glücklich, denn es wäre mir qualvoll ge⸗ weſen, über meinen Gatten erröthen zu müſſen. In der That, ſagte ich, Herr Lugarto hat uns ſo viel Leid zugefügt, als er nur immer vermochte, aber er iſt jetzt, Gott ſei Dank, außerhalb Frankreichs. Aber haben nicht auch Sie ſich über ihn zu beklagen gehabt? „Er hat mir den heftigſten Schmerz bereitet, wel⸗ chen ich je in meinem Leben empfunden.“ Verzeihung, gnädigſte Frau, Verzeihung! Der Antheil, welchen Sie mir bewieſen, hat vielleicht inen Haß gegen Sie verurſacht. „Warum es leugnen, armes Kind? Es iſt wahr, er kannte die lebhafte Freundſchaft, welche mich an den Herrn von Mortagne band und dadurch auch an Sie. Er wollte mich entfernen und Sie auf dieſe Art einer Freundin berauben in dem Augenblick, als Sie derſelben am meiſten bedurften.“ Und Sie haben mich vielleicht als die unwillkür⸗ liche Urſache Ihrer Schmerzen angeklagt? „Nein, nein, Mathilde. Ach, ich war ſo unglück⸗ lich, daß ich es mir im Gegenctheil ſpäter zum Vor⸗ wurf machte, während meines Unglücks ſo wenig an Sie gedacht zu haben. Sie ſehen, Mathilde, daß ich nur noch der Schatten meiner ſelbſt bin; ich habe ſo viel gelitten, ſo viel geweint!“ Ich wage nicht, ſie nach der Urſache dieſes ſchreck⸗ lichen Kummers zu fragen. „Hören Sie, Mathilde, und möge dieſer Beweis ² — 192 des höchſten Vertrauens das Ihrige erwecken. Ihre Bläſſe, Ihr trübes, ſchmerzliches Lächeln verrathen mir, daß Sie nicht glücklich find.“ Ich ſchwieg, eine Thräne rann über meine Wangen. Die Herzogin von Richeville faltete die Hände, blickte gen Himmel und ſah mich kopfſchüttelnd an, wie wenn ſie ſagen wollte: „Ach, hatte ich Sie nicht gewarnt?“ Nach einigen Augenblicken des Stillſchweigens nahm ſie wieder das Wort: „Armes Kind, es liegt in Ihnen ein unbekannter Zauber, welcher das innigſte Vertrauen einflößt. Vor Ihrer Verheiratung legte ich Ihnen ein peinliches Geſtändniß ab, hoffend, daß dieſe Beichte, ſo demüthi⸗ gend ſie auch für mich war, gewiſſermaßen jenen Rath⸗ ſchlägen, welche ich Ihnen zu geben kam, als Bürg⸗ ſchaft dienen möchte. Es geſchah, was geſchehen mußté. Ihr Herz war von Leidenſchaft erfaßt und Sie ſchenk⸗ ten mir keinen Glauben. Sie konnten mir nicht glau⸗ ben. Es ſoll dieß kein Vorwurf ſein, es iſt im Gegen⸗ theil eine Entſchuldigung für eine Verblendung, welche ich ſelbſt getheilt. Indem ich Ihnen mittheile, was ich Ihnen jetzt vertrauen will, Mathilde, hege ich die Hoffnung, glücklicher zu ſein. Sie werden mir Ihren Kummer nicht mehr verbergen und ich werde Ihnen nützlich ſein können.“ ch, gnädige Frau, wie ſtrafbar, wie grauſam habe ich mich damals gegen Sie benommen! rief ich aus. „Grauſam gegen mich?“ entgegnete ſie mir. „Nein, aber gegen Sie ſelbſt, unglückliches Kind. Auf, faſſen Sie Muth, verzweifeln Sie nicht. Sie ſehen, jetzt bin ich es, welche Sie tröſtet und Ihnen Hoffnung macht.“ Hoffnung! ſagte ich lächelnd. „Ja, Hoffnung. Meine Rathſchläge ſollen Sie dazu berechtigen. Doch, um ſie wirkſam zu machen, 193 muß ich Alles wiſſen. Ich mache den Anfang, mein Beiſpiel wird Sie beſtimmen.“ Zweifeln Sie nicht daran, gnädige Frau. Als ich Ihre Ankunft wahrnahm, dankte ich Gott, daß er mir eine — Freundin ſandte. Darf ich mich ſo aus⸗ drücken? „Ja gewiß; eine Mutter, denn der Kummer hat mich ſchnell alt gemacht und mein Herz iſt Ihnen er⸗ gebener, als jemals. Hören Sie mich alſo. — Auf jenem Morgenballe bei dem engliſchen Geſandten ſagte Herr Lugarto zu mir Iſtes lange her, ſeitdem Mademoiſekle Albin bei dem Pächter Anſelm in dem Dorf Bory in Anjou geweſen iſt? — Auf welche Art dieſer Menſch ſich eines Geheimniſſes bemächtigte, welches für mich von der größten Wich⸗ tigkeit war, vermag ich Ihnen durchaus nicht zu er⸗ klären. Dieſe unerwartete Entdeckung machte mich ſtarr vor Staunen und Schrecken. Herr Lugarto for⸗ derte für den nächſten Tag eine Unterredung. Ich gewährte ihm ſein Verlangen; denn es drängte mich, zu erfahren, bis zu welchem Punkte dieſer Menſch von einem Geheimniß unterrichtet ſei, welches ich ſo wohl bewahrt glaubte. Er kam. Sie laſſen ein junges Mädchen unter dem Namen Emma von Lo⸗ ſtanges erziehen, ſagte er zu mir. Das war wahr und ich erblaßte. Mademoiſelle Albin iſt mit der Erziehung beauftragt. Das verhielt ſich ſo. Dieſes junge Mädchen befindet ſich ſeiteinem Monat bei dem Pächter Anſelm in Borp in Anjou. Das war gleichfalls wahr. Ich weiß, wer die Mutter, wer der Vater dieſes jungen Mädchens iſt, fuhr er fort; dann, nachdem er ſich einen Augenblick an meinem Schrecken geweidet, fügte er hinzu; Dieſes junge Mädchen iſt ſeit drei Tagen dem Tode nahe — in dieſem Augen⸗ blick lebt es vielleicht ſchon nicht mehr. Hie⸗ rauf enifernte er ſich mit den Worten; Ich werde 194 ſtets als meine erbittertſten Feinde alle die betrachten und behandeln,welche die Freunde Mortagne's, Rochegune's und Mathilde's ſind. Jetzt, da mir das Geheimniß der Ge⸗ burt Emma's bekannt, wiſſen Sie, wie ich mich rächen werde, mag nun Emma ſterben oder am Lebenbleiben, was nicht ſehr wahr⸗ ſcheinlich ift. „Mein erſter Ruf, als ich aus der Erſtarrung erwachte, in welche mich die Enthüllung dieſes Ge⸗ heimniſſes verſetzt hatte, ging nach Pferden. Noch am gleichen Abend reiſte ich nach Anjon ab, und dieſer Teufel hatte mich nicht getäuſcht — Emma lag im Sterben.“ Großer Gott! rief ich aus. „Herr Lugarto hatte durch Mademviſelle Albin, ein ſchändliches Geſchöpf, welches er durch Geld zu erkaufen wußte, den verzweiflungsvollen Zuſtand der armen Emma erfahren und bediente ſich dieſer entſetz⸗ lichen Nachricht, um mich aus Paris zu entfernen. Ich konnte ſeinen böſen Anſchlägen gegen Sie in den Weg treten, und mein Erſcheinen bei Emma ſollte zugkeich ſeinen Anklagen gegen mich zum Beweis dienen. Seine Tücke war wohl berechnet. Ich weinte an dem Lager der ſterbenden Emma, da erſchien mein Gemahl. Wir lebten ſeit mehreren Jahren mit ſtillſchweigender Einwilligung getrennt. Das Benehmen des Herzogs von Richeville wird Sie ihn kennen lehren. Dieſes Mädchen iſt Ihre Tochter? fragte er. Ach, in dem Augenblicke, wo ich dieſen Engel in das Grab hinabſteigen ſehen ſollte, wo ich von Verzweiflung nie⸗ dergedrückt wurde durch die Reue über einen Fehltritt, welchen der Himmel ſo hart beſtrafte, wagte ich keins Lüge, wollte ich nicht lügen.“ Wie, rief ich, die Herzogin unterbrechend, aus, Emma? ——— — 195 „Emma iſt — meine Tochter,“ verſetzte die Her⸗ zogin, voll Verwirrung die Augen niederſchlagend. Ich konnte eine Bewegung nicht unterdrücken und die Herzogin, darin einen Vorwuͤrf ſehend, beeilte ſich zu ſagen: „O, verdammen Sie mich nicht, bevor Sie mich gehört haben. Gewiß, ich war ſtrafbar, ſehr ſtrafbar, aber wenn Sie wüßten, ich werde Ihnen Alles erzäh⸗ len und Sie werden mich beklagen, davon bin ich überzeugt. — Nachdem ich mein Geſtändniß abgelegt, ſagte der Herzog von Richeville am Sterbebette meines Kindes zu mir: Ich habe mein ganzes Vermögen ver⸗ ſchwendet, während Sie noch 100,000 Livres Renten beſitzen; geben Sie mir eine Million. Wo nicht, ſo fange ich einen Scheidungsprozeß gegen Sie an und ſchlage einen gräßlichen Lärmen auf. Ich habe alle Briefe in Händen, welche darthun, daß das Fräulein von Loſtanges Ihre Tochter iſt, daß ſie während mei⸗ ner Reiſe in Italien geboren wurde. Und das iſt noch nicht Alles. Ich beſitze auch alle Briefe, welche Sie an Herrn von Lanery geſchrieben.“ Ach, gnädige Frau, unterbrach ich die Herzogin erröthend, Herr Lugarto allein kann meinen Mann durch Mißbrauch ſeines Einfluſſes auf ihn genöthigt haben, ihm dieſe Briefe einzuhändigen! „Ich bezweifle dies nicht, denn ich halte Herrn von Lanery für unfähig, aus eigenem Antriebe eine ſolche Schändlichkeit zu begehen. Was ſoll ich Ihnen weiter ſagen, Mathilde? Außer mir, halb wahnſin⸗ nig vor Schmerz, das Skandal eines Prozeſſes fürch⸗ tend, welcher dem Hohn der Welt ein mir heiliges Andenken preisgeben mußte — das Andenken von Em⸗ ma's Vater —“ Er lebt nicht mehr, gnädige Frau? „Nein, ſeit ſechs Jahren iſt er todt,“ verſetzte die Herzogin, mit ſchmerzhafter Aufregung die Hände vor das Geſicht preſſend. Dann fuhr ſie fort: 196 „In Berückſichtigung von ſo Vielem, was mich das Aergerniß befürchten ließ, mit welchem Herr von Richeville mir drohte, ſo ich ſein Verlangen nicht gewährte, willigte ich in Alles. Als ein vorſichtiger Mann,“ ſetzte die Herzogin mit bitterem Lächeln hin⸗ zu, „hatte mein Herr Gemahl einen ſeiner Geſchäfts⸗ leute mitgebracht, die Papiere waren vorbereitet und dort an dem Krankenlager meiner Tochter unterzeich⸗ nete ich die Abtretung der Hälfte meines Vermögens. Im Austauſch gegen dieſe Schenkung wurden mir meine Briefe an Herrn von Lanery und die auf Emma's Geburt bezügliche zurückgegeben und ſo iſt, Dank dem Himmel, mein Mann jetzt gegen mich entwaffnet.“ Q, das iſt recht jämmerlich! rief ich aus, an ei⸗ nem Sterbebette ſolche Bedingungen zu diktiren! „Jetzt, Mathilde, habe ich Ihnen die beiden ein⸗ zigen Fehltritte bekannt, deren ich mich jemals ſchul⸗ dig machte. Man hat mir viele Abenteuer nachge⸗ ſagt, und dennoch ſchwör' ich Ihnen hier im Angeſicht des unendlich gütigen Gottes, der mir meine Tochter zurückgegeben, daß ich die Läſterungen, womit man mich überſudelte, niemals rechtfertigte. Ich will meine Schuld nicht leugnen, ſie iſt ungeheuer; aber wenn Sie wüßten, daß ich, kaum ſechszehn Jahre alt, ver⸗ heiratet wurde, daß mich der Herzog von Richeville nach wenigen Monaten unſerer Verbindung auf die roheſte und verächtlichſte Weiſe opferte — und welchen Creatüren, o mein Gott! — Vier Jahre lang genüg⸗ ten mir die Triumphe, welche ich in der Welt feierte, um mich über die Vernachläſſigung von Seiten meines Mannes zu tröſten. Während dieſer vier Jahre der Berauſchung oder vielmehr der Betäubung ſchlummerte mein Herz, ich liebte Niemand, aber ich kannte auch keinen Augenblick die Langeweile. Allmälig wurde ich dieſer Feſte, dieſer leeren, geräuſchvollen Epiſtenz über⸗ drüſſig. Mein Gemahl war nach Italien gegangen, woſelbſt er zwei Jahre verweilte, ich war allein und 197 frei. Da erfaßte mich eine tiefe Schwermuth und zum erſten Mal genügten mir die Freuden dieſer Welt nicht mehr. Was ſoll ich Ihnen ſagen, Mathilde? Um dieſe Zeit traf ich in den Geſellſchaften den Vater Em⸗ ma's. Lange bekämpft, ließ eine leidenſchaftliche Liebe mich meine Pflichten vergeſſen. Wenn ein Fehltritt, geadelt durch den Werth deſſen, der dazu verführte, entſchuldigt werden könnte, ſo wäre meine Liebe ent⸗ ſchuldigt. Der, den ich liebte, vereinigte die trefflich⸗ ſten, ſeltenſten Eigenſchaften. Dieſe innige und gegen⸗ ſeitige Leidenſchaft dauerte ſechs Jahre, der Welt bei⸗ nahe unbekannt, denn ich brachte den größten Theil derſelben auf meinen Gütern zu. Der Tod nahm den hinweg, welchen ich ſo innig geliebt. Nach dieſem gräßlichen Schlage verbrachte ich mehrere Jahre unter auffallenden Widerſprüchen. Bald war ich Monate lang von Verzweiflung ergriffen, bald wieder wollte ich gegen den verzehrenden Gram ankämpfen und gab mich eifrigſt Zerſtreuungen hin. Ich nahm mit einer faſt unbewußten Koketterie, die, ich ſchwör' es Ihnen, ganz unſchuldig war, allein den Ruf weit mehr benachtheiligt, als große Fehler, die Huldigungen und die Geſtändniſſe der Männer auf; denn mein Herz blieb fortwährend kalt und todt gegen die Regungen der Liebe und wenn dann dieſe Männer, deren Auf⸗ merkſamkeiten ich mit ſolcher Gleichgültigkeit geduldet hatte, ſich geliebt wähnten und irgend einen ernſten Beweis von Zuneigung von mir forderten, verſtand ich ſie kaum; ich glaubte aus einem Traume zu er⸗ wachen und ihre Zumuthungen empörten mich. Ihr Unwille, ſich in Hoffnungen getäuſcht zu ſehen, welche ich unglücklicherweiſe ermuthigt hatte, ihr Haß brach⸗ ten ſchändliche Verleumdungen zuwege, deren Opfer ich war und auf welche Sie von Fräulein von Maran ſo grauſame Andeutungen vernahmen. Wenn ich mich dann ſo ungerecht angegriffen ſah, fühlte ich mich er⸗ bittert gegen die Bosheit der Welt und ſuchte eine 198 Zuflucht im Gebet. Ich vermochte Nichts ohne Ueber⸗ treibung zu thun und ſo verfuhr ich gegen mich ſelbſt mit der größten Strenge, kleidete mich in ein Büßer⸗ hemd und verlebte Monate in der tiefſten Einſamkeit. Doch umſonſt bat ich Gott um Ruhe. Er erhörte mich nicht; er ſah Gottloſigkeit in dieſen verzweiflungsvollen, gewaltſamen Gebeten, in dieſen willkürlichen Buß⸗ übungen, denen ich mich nur zuweilen hingab und nur, um mich für den Spott zu rächen, welchen mein Leicht⸗ ſinn hervorgerufen. Nach ſo vielen Kämpfen, nach ſo vielen bittern Täuſchungen wollte ich einen letzten Troſt in der Liebe ſuchen oder vielmehr ich hoffte, die Ver⸗ gangenheit neu zu beleben, jene Vergangenheit, welche mir ſo theuer geweſen. Ach, das war mein größter Fehler. Thörichterweiſe glaubte ich, man könne zwei⸗ mal lieben. Statt in meinem Herzen eine theure und heilige Erinnerung zu bewahren, habe ich dieſe erſte und einzige Liebe beſchimpft! Ihre Regungen, ihre Innigkeit, ihre Begeiſterung parodirend, liebte ich Herrn von Lanery oder glaubte vielmehr ihn zu lie⸗ ben. Nur zu bald erkannte ich meinen Irrthum und vergoß bittere Thränen über dieſen neuen, ſo wenig Gluͤck gewährenden Fehltritt. Ich will das abſcheu⸗ liche Benehmen des Herrn von Lanery gegen mich nicht rechtfertigen, Mathilde, aber vielleicht wurde ihm die Lauheit meiner Zuneigung klar, denn ob ich ihm auch eine unbegränzte Ergebenheit bewies, ſo mußte ich den⸗ noch täglich mit herzzerreißendem Trübſinn erkennen, daß man nur einmal liebt und daß eine zweite Liebe, ſelbſt im Falle ſie die ganze Friſche der erſten beſitzt, doch jederzeit weiter Nichts iſt, denn ein Wiederſchein, eine Wiederholung, ein Echo. Nach meinem Bruche mit Herrn von Lanery, meiner letzten und unſeligen Prüfung, kehrte ich theilnahmslos in die Welt zurück, beſtändig nur an meine Tochter denkend, welche um mich zu haben, mir der Anſtand nicht geſtattete. Da⸗ mals erfuhr ich die Krankheit Emma's, nachdem jene — 199 Mademoiſelle Albin, in welche ich unbedingtes Ver trauen ſetzen zu dürfen glaubte und die ich meiner Tochter zur Erzieherin gegeben hatte, durch die Aner⸗ bietungen des Herrn Lugarto beſtochen worden war.“ Was für eine Niederträchtigkeit! „Sie verkaufte ihm den Briefwechſel, welchen ich ſtets mit ihr unterhalten hatte, ſowie alle Papiere, die ſich auf Emma's Geburt bezogen, und die ich ihr an⸗ vertraut hatte, da die häufigen Reiſen des Herrn von Mortagne dieſem vortrefflichen Freunde nicht erlaubten, ein ſolches Pfand von mir anzunehmen. Nachdem mein Gemahl mir mein letztes Zugeſtändniß entriſſen, legte ich an dem Lager meiner ſterbenden Tochter das Ge⸗ lübde ab, ſo Gott ihr Leben erhielte, für immer die Welt zu verlaſſen und das Ende meiner Tage in einer Zurückgezogenheit zuzubringen, welche ganz den Cha⸗ rakter eines klöſterlichen Lebens trüge. Gott ſchenkte mir Erbarmen und rettete Emma. Ich vermag Ihnen nicht zu ſchildern, was ich für einer Ruhe genieße, ſeit ich jenes Gelübde abgelegt. Mein Leben wird in Zukunft zwiſchen meiner Tochter und religiöſen Uebun⸗ gen getheilt ſein. Ich bin ſo glücklich in dieſer Zu⸗ kunft, Mathilde, ſo glücklich, daß ich davor zittere, ir⸗ gend ein neuer Unſtern möchte ſie zertrümmern. Sehen Sie, ich bin zu ſtrafbar geweſen, um einen Anſpruch auf ſolches Glück zu haben,“ ſchloß die Frau von Richeville mit einem tiefen Seufzer. O, glauben Sie das nicht, gnädige Frau, Gott verzeiht der Reue ſo Vieles. „Möge er Sie erhören, Mathilde!“ Und wohin gehen Sie jetzt? „Nach Paris. Ich ziehe mich dort in das Kloſter des Sacré coeur zurück, wohin ich Emma mit mir nehme. Sie wird für eine mit mit verwandte Waiſe gelten. Die Superiorin des Kloſters überläßt mir eine kleine Wohnung in dem heiligen Hauſe, und dort werde ich in Zukunft leben. Hat Emma das Alter 200 erreicht, wo ſie ſich verheiraten kann, ſo werde ich Herrn von Mortagne und Sie bitten, die Sie das traurige Geheimniß ihrer Geburt kennen, einen Mann für ſie auszuſuchen, welcher großmüthig genug iſt, das arme Kind nicht für den Fehltritt ſeiner Mutter ver⸗ antwortlich zu machen. Ich werde ihr den Reſt mei⸗ nes Vermögens mit Vorbehalt eines geringen Jahr⸗ gehalts überlaſſen, werde mein Leben in Zukunft der Sühnung meiner Sünden widmen und Gott erhört vielleicht dann die Gebete, die ich für das Glück mei⸗ ner Tochter an ihn richte.“ 1 Es lag in den Worten, in dem Geſtändniſſe der Frau von Richeville ſo viel Einfachheit und ſie ver⸗ kündeten einen ſo feſten, innigen Entſchluß, daß ich tief davon ergriffen wurde. Auch der Umſtand rührte mich, daß ſie, ſo ſchön und noch ſo jung, denn ſie zählte nicht mehr, als drei⸗ oder vierunddreißig Jahre, ſich einer tiefen Zurückge⸗ zogenheit widmen wollte und auf eine Welt verzichten, in welcher ſie bei ſo vielen Vorzügen noch lange zu glänzen vermocht hätte. Ach, gnädige Frau, ſagte ich, warum ſollte Ihnen Gott nicht ſein Mitleid und ſeine Gnade ſchenken?! „Er war ſchon ſo erbarmungsvoll, indem er mir meine Tochter wiedergab, indem er dieſelbe ſo reich be⸗ gabte, denn Sie haben keinen Begriff von den herr⸗ lichen Eigenſchaften dieſes Kindes. Wenn Sie ihr Herz, ihre Seele, ihren bezaubernden Geiſt kennten! Nein, die Mutterliebe verblendet mich nicht,“ fuhr die Her⸗ zogin fort, außer Standes, ihre Thränen zurückzuhal⸗ ten; „es iſt nicht möglich, mehr Herzensgüte mit mehr Seelenadel und Natürlichkeit zu vereinigen, und dann ein ſo inniges, wahres Gefühl! Ihre Seele iſt in ihrem frommen Blick zu leſen und — aber Verzeihung, Mathilde, Verzeihung und Entſchuldigung für eine arme Mutter — ich finde aber ſo ſelten Gelegenheit, 201 ſagen zu dürfen „meine Tochter,“ daß ich die Nach⸗ ſicht mißbrauche —“ Ach, was ſagen Sie, gnädige Frau? Meinen Sie, ich vermöge die Peinlichkeit des Zwanges, welchen Sie ſich auferlegen, nicht zu begreifen? „Ach, ja wohl iſt es eine Peinlichkeit, beſonders, wenn ich mich mit Emma allein befinde. Obgleich ich ſie mit Zärtlichkeit überhäufe, obgleich ſie meine Liebe zärtlich erwiedert, weiß ſie doch nicht, wird ſie doch nie erfahren, daß ich ihre Mutter bin. Zuwei⸗ len bin ich nahe daran, ihr Alles zu bekennen, aber die Scham hält mich zurück. Nie werde ich mich der Gefahr ausſetzen, vor dieſem Engel erröthen zu müſ⸗ ſen. Aber noch einmal, Verzeihung, Mathilde, daß ich ſo viel von mir ſpreche. Zetzt, da Sie mein Leben kennen, werden Sie wohl mein Vertrauen nachahmen. Und nun laſſen Sie uns über Sie reden. Verbergen Sie mir Nichts. Glauben Sie mir, die Erfahrung des Unglücks reift den Verſtand und mein Rath kann Ihnen vielleicht von Nutzen ſein.“ Nach kurzem Zaudern theilte ich der Herzogin Alles mit, was mich berechtigte, auf Urſula eiferſüch⸗ 3 tig zu ſein, meinen Verdacht Betreffs ihres Verhält⸗ niſſes zu Herrn Chopinelle, ferner, was ich von der Unterredung Urſula's und meines Gatten erlauſcht, und endlich meine Beſorgniſſe über die nahe Ankunft mei⸗ ner Cuuſine. Die Herzogin ſagte mir hierauf: „Mathilde, Sie hängen noch immer mit leiden⸗ ſchaftlicher Liebe an Ihrem Gemahl — deſto beſſer. Um eine Liebe, wie die Ihrige, iſt es etwas Heiliges, etwas Erhabenes. Ohne Zweifel leidet man, gllein das Herz iſt voll und dieſe fieberhafte Glut immer noch beſſer, als die Leere und das Nichts. Ihre Cou⸗ ſine kommt mir ſehr gefährlich vor. Vormals erhob Fräulein von Maran Sie ſtets auf Koſten Urſula's, und zwar mit tiefberechneter Bosheit. Sie wußte recht Mathilde. m. 14 202 wohl, daß Frauen von Urſula's Charakter Nichts ver⸗ geſſen und daß ihr verwundeter Stolz unheilbar iſt. „Urſula will ſich an Ihnen für die Demüthigungen ihrer Kindheit, für die Lächerlichkeiten ihres Gatten, für die Lächerlichkeit ihres erſten Liebhabers rächen. Das Verhängniß wollte, daß Sie Zeugin vieler Auf⸗ tritte ſein mußten, worüber ſie erröthen muß. Dies wird ſie nie vergeſſen. Sehen Sie daher Ihre Couſine als Ihre tödtlichſte Feindin an. Sie haben ſich gegen Urſula vortrefflich benommen und die Boshaften ver⸗ zeihen nie das Gute, das man an ihnen thut.“ Und gleichwohl wird ſie hieher kommen und mich ihrer erheuchelten Freundſchaft verſichern. Nie werde ich das dulden, o nie! „Mathilde, Sie kennen den unlenkſamen Charak⸗ ter Ihres Gatten. So er will, daß Sie Ihre Cou⸗ ſine empfangen, werden Sie ihm gehorchen müſſen.“ O nie, nie! „Armes Kind, was wollen Sie denn thun?“ ch will Gontran beſchwören, er wird meine Thränen ſehen und Mitleid mit mir haben, denn wenn ſie hieher kommt, werde ich krank. „Herr von Lanery wird kein Mitleid haben, Ma⸗ thilde, denn ich bin gleich Ihnen der Anſicht, dieſe Reiſe ſei zwiſchen ihm und Urſula verabredet.“ Sie glauben alſo, er liebe ſie? „Soweit er lieben kann, ja. Dem zufolge, was Sie mir geſagt, zweifle ich nicht, daß Ihre Coufine eine herausfordernde Koketterie gegen ihn geübt. Ihr Einverſtändniß wird ſich auf der Stelle feſigeſtellt ha⸗ ben. Ohne den Zufall, der Ihnen einige Bruchſtücke eines ihrer Geſpräche zuführte, wäre Ihr Argwohn durch Nichts geweckt worden.“ Aber was thun? Mein Gott, iſt meine Couſine einmal hier, ſo iſt mein Unglück entſchieden. Gontran wird dann nur für ſie leben und mein Leben eine un⸗ abläßige Marter ſein. „Glauben Sie das nicht; im Gegentheil. Wenn 203 Sie meinen Rath befolgen, wird Urſula blos einige Tage bei Ihnen bleiben und dieſe Zeit über ſelbſt die geringſten Zuvorkommenheiten Ihres Mannes zurück⸗ weiſen.“ Was ſagen Sie, gnädige Frau? „Hören Sie mich an, Mathilde. Ihrer Couſine, dieſer ſchwermüthigen, romanhaften Frau, liegt vor allen Dingen der Einfluß am Herzen, den ſie über ihren Mann ausübt. Um ſich dieſen Einfluß zu ſichern, wird ihr Nichts zu ſchwer. Sie ſchmeichelt ſeiner Ge⸗ meinheit, theilt dieſelbe, ſteigert ſie, und es iſt dies ganz natürlich. Urſula iſt ehrſüchtig, habſüchtig und arm, ſie reibt ihren Mann durch Arbeit auf, um bald im Stande zu ſein, in Paris ein glänzendes Leben zu führen. Wenn Herr Secherin morgigen Tages erfährt, daß er von Urſula betrogen wird, ſo wird er ſie auch morgigen Tages ſchon verſtoßen, und Urſula wird dann wieder arm, ohne eine andere Hilfsquelle, als ihre Ausſteuer. Sie hat geheiratet, um reich zu ſein, und wird daher der Erhaltung des Reichthums viel, wo nicht Alles opfern.“ Ach, ihr Mann liebt ſie ſo ſehr, er iſt ſo gut und ſo ſchwach! . . „Dem zufolge, was Sie mir von ihm erzählt, iſt er eben ſo muthig, als redlich und treu. Solche Cha⸗ raktere unterhandeln nie mit der Ehre, laſſen ſich nie⸗ mals Feigheit zu Schulden kommen. Er betet ſeine Frau un, in dem Augenblick aber, wo er überzeugt iſt, daß er durch ſie entehrt wird, wird er ſie ver⸗ ſtoßen. Es macht ihn dies vielleicht unendlich un⸗ glücklich, aber nie wird er ſie wiederſehen.“ Sie rathen mir alſo, Urſula anzuklagen? „Ich rathe Ihnen, liebes Kind, Ihre Coufine hier zu erwarten und ihr alſogleich am Tage ihrer Ankunft ruhig und feſt zu ſagen: Deine Reiſe nach Maran war mit meinem Mann verabredet; ich laſſe mich nicht betrügen und erkläre dir, daß ich zu Allem entſchloſſen bin, um Dich wieder von hier zu entfer⸗ . 2 nen. Ich vermag Herrn von Lanerh nicht abzuhalten, ſich durch deine Koketterie verführen zu laſſen, allein ich werde nicht dulden, daß Du mir in meinem eige⸗ nen Hauſe Trotz bieteſt. Du beherrſcheſt Herrn Se⸗ cherin ganz und gar und es wird dir daher nicht ſchwer ſein, ihn binnen fünf oder ſechs Tagen wieder zur Ab⸗ reiſe zu beſtimmen, indem du eine Erkaltung unſerer Freundſchaft zum Vorwand nimmſt, G ich dir na⸗ türlich Veranlaſſung geben werde. Gehſt du hierauf nicht ein, ſo wende ich mich morgen an deinen Mann und ſage ihm offen, daß ich mit oder ohne Grund auf dich eiferſüchtig ſei und ihn deshalb bitte, dich mit ſich fortzunehmen. — Sprechen Sie ſo zu ihr, Ma⸗ thilde, und ich ſchwör' es Ihnen, daß ſie nicht an⸗ ſtehen wird, ſich zu entfernen, denn ſie wird mit Recht beſorgen, daß ſie, wenn der Argwohn ihres Mannes ein⸗ mal geweckt iſt, jenes blinde Zutrauen einbüßen möchte, . ihre ganze Macht bildet und worin die ganze Keckheit und die ganze Zukunft Ihrer Coufine beſteht.“ Ich hatte der Herzogin ſehr aufmerkſam zugehört. Ihre Worte ſchienen mir richtig und wahr zu ſein. Tauſend vergeſſene Umſtände fielen mir ein und ſagten mir, daß die Herzogin über Urſula's Charakter eine vollkommen richtige Anſicht habe. Nun bekannte ich ihr, daß ich die ſchamloſe Zuverſicht meiner Couſine fürchte, von welcher ſie mir ſo viele Beweiſe gegeben. „Gerade deßhalb, Mathilde, fordere ich Sie auf, ſich nie in einen Streit mit ihr einzulaſſen. Gehen Sie nicht davon ab, zu ſagen: Du verläſſeſt mich oder aber ich entlarve Dich vor Deinem Manne! Richt mehr und nicht weniger.“ Ach, gnädige Frau, das iſt ſehr grauſam. „Keine Schwäche, Mathilde, ſonſt iſt Alles ver⸗ oren. Ach, wenn Gontran mich nicht mehr liebt, wird er 4 dann Andern nicht ebenſo leicht opfern, wie Urſula? „Armes Kind, man muß im Leben ſtets damit beginnen, ſich die Ruhe i das Glück zu ſichern, welches man erreichen kann. Iſt Urſula weg, ſo kön⸗ nen Sie bis zum Winter hier ungeſtört ſein und haben dadurch viel gewonnen. Kehren Sie nach Paris zu⸗ rück und fürchten Sie die Koketterie Ihrer Couſine noch immer, ſo können Sie ja zu derſelben Drohung Ihre Zuflucht nehmen. Ich begreife recht wohl, daß Ihre Edelherzigkeit davor erſchrickt, aber Sie werden nicht zu dieſem äußerſten Schritt gezwungen ſein. Glauben Sie mir, Ihre bloße Drohung wird hinrei⸗ chen, Ihre Couſine von ihren Verführungsplänen ab⸗ zubringen. Frauen ihrer Art find jeden Opfers fähig, ſogar dann, wenn es ſich um ihre ſchlechten Leiden⸗ ſchaften handelt.“ Blondeau trat mit Emma ein und machte unſe⸗ rem Geſpräch ein Ende. Emma eilte auf ihre Mutter zu und brachte ihr mit einem Kuſſe einen großen Roſenſtrauß. Der Spaziergang hatte ihrem Geſicht die lebhafteſte, ſchönſte Färbung verliehen. Sie nahin einen Angenblick zwi⸗ ſchen mir und der Herzogin auf einem Kanapee Platz⸗ Die Herzogin legte den Strauß auf ihren Schvoß, nahm Emma's Hände in eine der ihrigen und ſtrich mit der andern das blonde Haar ihrer Tochter glatt, wel⸗ ches der Spaziergang etwas in Unordnung gebracht. Indem ich uns Drei ſo beiſammen ſah, dieſes Kind, ſeine Mutter und mich, und unſere Lage und unſer Alter erwog, bedachte ich, ach, voll Bitterkeit, daß ich nicht mehr die vertrauensvolle Sicherheit des jungen Mädchens beſaß, noch durch die dumpfe Erge⸗ benheit, welche der Kummer der Mutter deſſelben ver⸗ liehen hatte. Ich mußte all der Schmerzen denken, welche ich Herzogin von Richeville dahin gelangte, auf alle ir⸗ diſche Hoffnung zu verzichten. Das handelnde Alter der Frauen, wenn ich mich ſo ausdrücken darf, erſtreckt ſich vornehmlich vom fünfzehnten bis zum vreißigſten Jahr. Emma, ich und die Herzogin von Richeville ₰ noch durchzumachen haben würde, bevor ich wie die 206 — wir ſtellten die drei Abſchnitte des Lebens dar! die ſchuldloſe und reine Ruhe, die ſtürmiſche Qual der Leidenſchaften, die Niedergeſchlagenheit, welche ihnen folgt, wenn das Herz, im Kampfe erdrückt, in der Vergeſſenheit Ruhe ſucht. . * * * Frau von Richeville wollte Gontran nicht ſehen und verließ mich deßhalb, als ſich der Tag ſeinem Ende zuneigte. Sie hatte keine Nachrichten von dem Herrn von Mortagne und auch den Brief hatte er nicht beantwortet, in welchem ich ihm mitgetheilt, daß mein Gatte Maran zu verkaufen beabſichtige. Ich fühlte deßhalb Beſorgniſſe. Frau von Richeville verſprach, ſogleich nach ihrer Ankunft in Paris mir zu ſchreiben, um mich in dieſer Beziehung zu beruhigen. Sie empfahl mir auch, ſie ſtets von Allem in Kenntniß zu ſetzen, was nach Ur⸗ ſula's Ankunft in Maran vorfiel, und ihrer Rathſchläge wohl eingedenk zu ſein. Ich entließ dieſe treffliche Freundin mit einer ſchweren Beklemmung. Als Gontran Abends von der Jagd heimkehrte, theilte ich ihm den Beſuch der Frau von Richeville mit. Es ſchien ihm gleichgültig zu ſein. Dann gab ich ihm den Brief des Herrn Secherin, welcher die bevorſtehende Ankunft meiner Couſine mel⸗ dete. Herr von Lanery ſagte kalt, er ſei ganz damit zufrieden, weil Urſula mir Geſellſchaft leiſten könnte. ** 4 Vier oder fünf Tage nach meiner Unterredung mit Frau von Richeville trafen Herr Secherin und Urſula in Maran ein. 1 Neunundzwanzigſtes Kapitel. Yie beiden Freundinnen. Urſula fiel mir um den Hals und umarmte mich voll Zärtlichkeit. Ich erwiderte nur kalt dieſe Freund⸗ ſchaftsbezeugung, meine Cuufine bemerkte aber die Lauheit meines Empfanges nicht, oder wollte ſie nicht bemerken. Nachdem die Begrüßungen vorüber, ſagte mir Herr Secherin, ſeine Frau anſehend, mit einem Seufzer: „Nun, Couſine, den Tag, nachdem Sie abgereiſt, waren, haben wir uns von Mamg getrennt und Rou⸗ vray verlaſſen. Ach, Sie können es ſich nicht vor⸗ ſtellen, wie das meiner Frau ſo ſchwer wurde. Ihre Seele war ganz davon zerriſſen, was einen Beweis ihrer Herzensgüte liefert, denn, ohne Vorwurf ſei's geſagt, meine Mutter hat ſich ſehr grauſam und unge⸗ recht gegen ſie benommen. Aber, was wollen Sie? Haben ſ6 alte Leute einmal Etwas in den Kopf ge⸗ ſetzt, ſo iſt es ſchwer wieder herauszubringen.“ Sie wohnen doch noch in der Nähe von Ronvray, ſagte ich, um Ihre Mutter ſehen und Ihre Fabrik be⸗ aufſichtigen zu können? „Freilich, Couſine. Ich habe meine Mutter ſehr oft geſehen. Sie befindet ſich ganz wohl und ich darf, wie meine Frau ſagt, überzeugt ſein, daß der Mutter die Anordnung unſerer Trennung, nun ſie getroffen iſt, viel lieber ſein wird. Sie iſt ungezwungener und wir gleichfalls. Aber ſie hat Urſula nicht wiederſehen wollen. Meine Frau hat ſehr darob geweint, doch das macht Nichts, davon iſt nicht die Rede. Jetzt geht meine Fabrik, ſo zu ſagen, ganz allein. Die Rechnung genau gemacht, habe ich 80,000 Livres Ren⸗ ten und ſo wollen wir, Urſula und ich, uns auch ein we⸗ nig des Lebens freuen. Sie errathen wohlunſern Plan?“ In der That nein, mein lieber Vetter. „Mein Freund,“ ſagte Urſula, „Sie werden in⸗ diskret, ich bitte Sie —“ 208 „Unſerer Couſine gegenüber?“ rief Herr Secherin, ſetne Frau unterbrechend, aus; „iſt denn das mög⸗ lich? Iſt ſie nicht Ihre Schweſter, Ihre vertrauteſte Freundin?“ Und ſich zu meinem Ohr niederbeugend, ſagte Herr Secherin ganz leiſe: „Sie bemerken, Couſine, daß ich meine Frau Sie nenne und nicht mehr Du zu ihr ſage.“ . Dann fuhr er wieder laut fort: „Zudem bin ich ja überzeugt, daß das, was Sie unſerer Coufine vorſchlagen wollen, ihr ein wahres Vergnügen machen wird, da es für uns eines iſt. MWit einem Wort, Frau Vicomteſſe, Sie haben uns bei Ihrer Verheiratung den Antrag gemacht, uns in Jh⸗ rem Hotel eine Wohnung abzutreten, — wir nehmen dieſen Antrag an.“ 2 Ich ſah Urſula ebenſo überraſcht, als unwillig an. Sie ſchien mich nicht zu verſtehen und lächelte mir freundlich zu, während Herr Secherin fortfuhr: „Erinnern Sie ſich noch an das, was Sie uns damals ſagten, Couſine? Kommen Sie nach Paris und wollen nur eine Familie bilden, den Winter in Paris, den Sommer in Maran oder Rouvray zu⸗ bringen. Nun gut, dieſe ſchönen Pläne, welche Ihnen damals ſo wohl gefielen und uns ebenfalls, ſie wer⸗ den jetzt zur Ausführung kommen. Wir werden Sie nicht mehr verlaſſen. Alljährlich beſuche ich meine Mutter und laſſe inzwiſchen Urſula bei Ihnen. Ich habe mir in meiner Fabrik ein Abſteigequartier ein⸗ gerichtet. Jetzt bitten wir um Gaſtfreundſchaft, bis wir alle zufammen nach Paris gehen. Um, meine Zeit und mein Geld nicht müſſig zu laſſen, werde ich bei dem Banguiergeſchäft eines meiner Freunde mich be⸗ theiligen, einem ſehr ſichern Hauſe, da es durch die Julirevolutivn nicht wankend gemacht wurde. Das wird mir während meines Aufenthalts in Paris Be⸗ ſchäftigung darbieten. Nur für einige Zeit werde ich Sie verlaſſen, um einekleine Reiſe zu machen. Man 209 hat mir einen kleinen Pachthof zum Kauf angetragen, und ich will ihn daher beſichtigen. Während deſſen können Sie und Urſula Betreffs unſerer Ueberſiedelung nach Paris Alles verabreden. Es iſt ebenſo gut, uns zu Miethsleuten zu haben, als Fremde, nicht wahr, Couſine? Doch, in der That, nein. Die Frauen ver⸗ ſtehen Nichts von Geſchäften, ich werde daher Alles mit Herrn von Lancry abmachen. Nun, Couſine, ge⸗ ſtehen Sie, daß Sie das Alles nicht erwarteten und daß wir Ihnen eine köſtliche Ueberraſchung bereiteten.“ Herr Secherin war nicht ſehr hellſehend; er nahm meine Erſtarrung nicht wahr. Meine Lage wurde um ſo peinlicher, da ich in der That, während ich noch einen blinden Glauben an die Freundſchaft Urſula's hegte, ihr dieſen Vorſchlag ge⸗ macht und ſie dringend gebeten hatte, auf denſelben einzugehen. Mein Schweigen auf ſeine Weiſe auslegend, rief Herr Secherin: „Nun, Sie können ſich noch gar nicht darein fin⸗ den, nicht wahr? Ich war gewiß, daß Sie uns deſſen nicht für fähig halten würden.“ In der That, Vetter, ich war weit entfernt, zu hoffen — „Daß wir uns Deiner Anerbietungen erinnern würden, meine gute Mathilde? Ei, das heißt ja zu⸗ nächſt mich und dann auch meinen Mann kränken!“ ſagte Urſula mit einem Blick freundlichen Vorwurfs. Da ich mich nicht näher ausſprechen wollte, be⸗ vor ich mit ihr die von der Herzogin von Richeville angerathene Unterredung gehabt, entgegnete ich ziem⸗ lich verlegen: Ohne Zweifel hoffte ich auf dieſes Glück, lieber Vetter, aber ich rechnete nicht darauf, daß es ſo nahe ſei, und ich bin über dieſe Beſchleunigung von Ihrer Seite entzückt. „Und ich glaube Ihnen, Couſine, weil Sie es ſa⸗ gen. O, ich kenne Sie! Sie gehören nicht zu den — 21⁰ Frauen, welche Ja ſagen, wenn ſie Nein denken. Meine Mutter wiederholte mir immerfort: Frau von Lanery iſt die Wahrheit, die Ehre in eigener Perſon; was ſie ſagt, iſt wie das Evangelium. Nicht wahr, Urſula?“ „Gewiß, mein Freund, und indem Ihre Mutter ſo ſprach, drückte ſie nur meine Gedanken aus.“ „Ja, das iſt wahr. Sehen Sie, Couſine, Sie haben keine treuere Freundin, ach, was ſage ich, keine treuere Schweſter, als meine Frau. Das iſt immer Mathilde hier und Mathilde da. Kurz, beſonders ſeit Ihrer Reiſe nach Rouvray iſt Urſula wie beſeſſen, um mit Ihnen zuſammen zu wohnen. Sie können wohl denken, wie mir das gefällt, denn ich ſchwöre auch nur bei Ihnen, ohne indeſſen meinen Vetter Lanery zu vergeſſen. Ach, Couſine, zwei machen ein Paar, wie man ſagt. Sie find für Herrn von Lanery geboren, wie Herr von Lanery für Sie. Das iſt gerade, ohne Eitelkeit zu ſprechen, wie Urſula für mich geboren iſt, und ich für ſie. Aber das iſt auch ſehr wahr,“ fügte Herr Secherin laut lachend hinzu, „die großen Herren ſind für die großen Damen, wie Sie, gemacht, wäh⸗ rend die hübſchen, kleinen Bürgerinnen, wie Urſula, für die guten, kleinen Bürger ſind, wie ich einer bin.“ Ich bin nicht Ihrer Meinung, Vetter. Es beſteht kein ſolcher Unterſchied zwiſchen Urſula und mir. Sind wir nicht Verwandte? ſagte ich, da ich bemerkte, daß das Geſpräch eine unangenehme Wendung nahm, und Herr Secherin den Stolz ſeiner Frau ſchwer verletzte. Wenn aber mein Vetter einmal eine Idee erfaßt hatte, war es unglücklicherweiſe ſehr ſchwer, ihn wie⸗ der davon abzubringen, weßhalb er erwiderte: „Sie verſtehen mich nicht, Couſine. Ich ſpreche nicht von der Geburt, ich weiß recht gut, daß die Fa⸗ milie meiner Frau von Adel, und daß ich nur ein ſimpler Bürger, allein ich ſage, daß Sie und Ihr Ge⸗ mahl ſo etwas Höheres, Imponirendes an ſich haben, was mir und Urſula abgeht, und ich für meinen Theil — 2¹¹ bin davon entzückt — ja entzückt. Meinen Sie denn, ich würde meine Frau gleich am Tage der Hochzeit gedutzt haben, ſo ſie das vornehme Weſen einer Prin⸗ zeß gehabt hätte, wie Sie ? Ei, das hätt' ich hübſch bleiben laſſen. Urſula dagegen mit ihrem allerliebſten Geſichtchen, in welches ich mich immer mehr und mehr verliebe, bewirkte ſogleich, daß ich mich bei ihr behag⸗ lich fühlte. Ich ſagte Du zu ihr, ſie nannte mich eben⸗ falls Du, und ſo waren wir ſogleich Freunde. Kurz, zwiſchen Ihnen und ihr beſteht der Unterſchied, daß —“ Halt, da muß ich Sie unterbrechen, ſagte ich zu Herrn Secherin; ſuchen Sie nicht uns Rechenſchaft von Ihren Eindrücken zu geben, ſondern begnügen Sie ſich, dieſelben zu empfinden. Sie lieben Urſula leidenſchaft⸗ lich, und deßhalb fühlen Sie ſich ganz vertraut bei ihr, deßhalb bemerken Sie mit gutem Grunde an ihr den Reiz und die Anmuth, welche Sie anziehen, wäh⸗ rend Sie mich würdevoll und impoſant finden. Mit einem Worte: Für Urſula empfinden Sie Liebe, für mich blos eine aufrichtige Freundſchaft. Darin beſteht der Unterſchied. „Es iſt merkwürdig, wie Sie den Grund von Allem aufzufinden wiſſen. Ach, um von etwas ande⸗ rem Merkwürdigem zu reden, es wird Sie ſehr über⸗ raſchen, daß ich Stallmeiſter geworden.“ Wie das? „Das iſt wieder ein neuer Beweis der Zuneigung meines Mannes,“ ſagte Urſula. „Nach Deiner Abreiſe, meine gute Mathilde, hat mir mein Arzt das Reiten empfohlen. Secherin hat die Güte gehabt, aus Tours einen Stallmeiſter kommen zu laſſen, und um mich begleiten zu können, theilte er meine Lektionen.“ WVir fiel auf der Stelle ein, Urſula hätte reiten gelernt, um ſich, wenn ſie einmal in Maran wäre, das Alleinſein mit meinem Gatten zu ſichern, während Gontran mir es fortwährend verweigert hatte, mich im Reiten zu üben. „Und Sie können ſich nicht vorfiellen,“ fuhr mein * Vetter fort, „mit welchem Eifer und Muth Urſula lernte. Was ihr um Ihrer Geſundheit willen verord⸗ net worden, wurde ihr zu einem wahren Vergnügen. Sie war ſo kühn, daß der Stallmeiſter meinte, er hätte noch Niemand mit ſo großen, natürlichen Anla⸗ gen geſehen.“ „Ach, mein Freund, Sie übertreiben,“ ſagte Ur⸗ ſula beſcheiden. „Ich übertreibe? Ei, ich will darauf wetten, daß Herr von Lanery kein Pferd in ſeinem Stalle“ hat, welches Urſula nicht reiten könnte!“ rief Herr Seche⸗ rin ausz „was mich angeht, ſo kann ich von mir nicht das Gleiche behaupten, und auch wohl Sie nicht, Cou⸗ ſine, denn Sie ſind, glaub' ich, keine Reiterin.“ Nein, lieber Vetter, aber es wäre ſehr unbeſon⸗ nen von Urſula, wenn ſie den Verſuch machen wollte, eines der Pferde des Herrn von Lanery zu reiten. Es iſt keines derſelben für eine Dame zugeritten, und das wäre alſo ſehr gefährlich für ſie.“ „Gefährlich! Ja, da kennen Sie ſie ſchlecht. Ge⸗ fährlich? Als ob ſe Etwas fürchtete, wenn ſie einmal u Pferde ſitzt. Sie ſollten ſie nur ſehen, wie hübſch je dabei ausſieht, und wie gut ihr das Amazonenkleid ſteht. Wenn ich ſie nur anſehe, wird mir der Kopf verrückt. Du wirſt Dich vor unſerer Couſine als Ama⸗ zone e laſſen, nicht wahr?“ Mein Herz blutete. Bie Eiferſucht — und daß ich's nur geſtehe, der Neid verwundete mich tödtlich. †ch ſah Urſula bereits zu Pferde, an der Seite Gon⸗ tran's, kokett, kühn, ungeſtüm, Beide zu langen Spa⸗ zierritien aufbrechend, und ich — ich blieb allein. Nein; nein! ſagte ich zu mir, vor Zorn bebend, das ſoll nicht geſchehen. Urſula muß fort, ich werde den Rath der Herzogin von Richeville befolgen. In dem Augenblick, wo ich mich dieſen bittern Gedanken hingab, ſagte Urſula: „Es iſt bald Eſſenszeit, liebe Mathilde. Willſt 21³ Du ſo gut ſein, meine Kammerfrau rufen zu laſſen, damit man uns nach unſern Zimmern führe?“ „Ach ja, und mache Dich recht ſchön,“ ſagte Herr Secherin. „Denken Sie ſich, Couſine, ſie hat ſo viele Kiſten und Schachteln bei ſich, daß ich in Tours einen Gepäckwagen nehmen mußte, um Alles fortzuſchaffen, Cöleſtine mit inbegriffen, Mamſell Cöleſtine wollte ich ſagen, eine Zofe, wie es keine mehr gibt, die meine Frau aus Paris kommen ließ. Man muß zugeben, daß ſ mit der vollkommenſten Vollkommenheit das Haar riſirt.“ * Dieſe Vorbereitungen Urſula's, Behufs ihrer Ko⸗ ketterie, verſtärkten meinen Argwohn noch, und ich konnte nicht umhin, ihr zu ſagen: Mein Gott, weßhalb haſt Du denn ſolche Anord⸗ nungen getroffen? Um einige Zeit bei uns zuzubrin⸗ gen, die wir keinen Menſchen ſehen? Man ſollte in der That glauben, Du hätteſt große Eroberungspläne. Ich weiß nicht, wen Du hier verführen willſt. Das wird ſehr beunruhigend. Urſula antwortete mir nicht, allein ſie wies mit einer Kopfbewegung voll reizender Koketterie auf Herrn Secherin, und ſagte mit wundervoll erheuchelter Auf⸗ richtigkeit: „Mein Gott, meinen Mann wrill ich verführen, das iſt Alles.“ Herr Secherin konnte dieſen Worten nicht wider⸗ ſtehen. Er ergriff die Hand ſeiner Frau, küßte ſie wiederholt ſehr zärtlich und rief aus: „Wie prächtig und natürlich ſie iſt! He, Couſine, iſt ſie es nicht? Aber ſie hat Recht. Sie vergeſſen wohl, wie Sie mir einſt ſagten: Lieber Vetter, eine Frau muß ſich vornehmlich für Ihren Mann ſchmücken und umgekehrt muß ſich ein Mann für ſeine Frau pu⸗ tzen. Ja, ja, Couſine, wir vergeſſen Ihre Rathſchläge nicht, da können Sie ganz ruhig ſein. Ich will deß⸗ halb auch Urſula's Beiſpiel befolgen und Sie um die Erlaubniß bitten, mich für mein Weibchen ſo ſchön, 214 als möglich zu machen, denn Sie ſagten ja ſelbſt: Sobald ein Mann ſich vernachläßigt, liefert er dadurch Beweis, daß er ſeine Frau nicht mehr wahrhaft iebt —“ Es läßt ſich Alles übertreiben, ſagte ich zu Herrn Secherin, ihn unterbrechend, denn Gontran konnte jeden Augenblick zurückkehren, und es wäre eine tiefe Demü⸗ thigung für mich geweſen, wenn Urſula errathen hätte, wie geringſchätzig mein Gatte mich ſeit einiger Zeit behandelte. Ich fuhr daher fort: Es gibt eine gewiſſe Freiheit, die ſich vollkommen mit einem einſamen Aufenthalt auf dem Lande ver⸗ trägt; eine geſuchte Toilette wird dann unpaſſend und geſchmacklos. „Ei, Mathilde, Mathilde,“ ſagte Urſula lächelnd, „betrachte Dich doch einmal. Welche Eleganz! nie habe ich Dich mit mehr Koketterie gekleidet geſehen.“ Ich wußte nicht, was ich erwidern ſollte. Da ich Nichts vernachläßigen wollte, was die Liebe Gontran's neu beleben konnte, hatte ich jetzt in Maran, wie ehe⸗ dem in dem Häuschen bei Chantilly, nur einen Zweck, den, Gontran trotz ſeiner Geringſchätzung ſo ſehr, wo möglich, zu gefallen. In dieſem Augenblick hörte ich eine Thüre aufge⸗ hen. Ich erkannte den Gang Gontran's. Ich erröthete vor Scham. Aber wie groß war mein Staunen! Er war mit der ausgeſuchteſten Eleganz gekleidet. Ich war ſo ſehr daran gewöhnt, ihn in ſeiner Futigen Kleidung zu ſehen, daß ich ihn kaum er⸗ annte. 3 Ich beobachtete Urſula genau, als mein Mann eintrat. Sie erröthete nicht. Gontran gab ſich außerordentlich artig und herz⸗ lich. Seine Züge, welche ſich zwei Monate lang für mich kaum entfurcht hatten, nahmen den entzückenden Ausdruck wieder an, welcher ihnen, wenn er wollte, einen ſo unwiderſtehlichen Verführungszauber verlieh. Urſula und ihr Mann verließen uns vor dem Eſ⸗ 2¹5 ſen auf einige Augenblicke, und ich konnte nicht umhin, meinem Mann zu ſagen: Sie wußten wohl, daß Urſula hier wäre? „Weßhalb? Weil ich die Jagdkleider abgelegt habe, und dies nicht thue, wenn ich hier mit Ihnen allein bin?“ Ohne Zweifel iſt es eine Kinderei, aber es ſcheint mir, daß Sie das, was Sie für eine Fremde thun — „Wohl auch für Sie thun könnte?“ unterbrach er mich. Ich glaube, mein Freund, daß ich nicht weniger Recht, als meine Couſine, darauf habe, von Ihnen mit Achtung behandelt zu werden. „Erlauben Sie mir, meine theure Freundin, die Bemerkung, daß die Achtung nicht in einem ſo oder anders geformten Kleidungsſtück beſteht. Es iſt ganz einfach, daß ich mich anſtändig kleide, um Ihre Cou⸗ ſine zu empfangen. Ich habe ſe nicht eingeladen, hie⸗ her zu kommen, ſondern Sie, und glaube deshalb, mich Ihnen angenehm zu erweiſen, wenn ich ſie ſo gut als möglich empfange und ihr die Aufmerkſamkeit be⸗ zeige, welche jeder Mann einer Frau ſchuldig iſt, die er als Gaſt bei ſich empfängt.“ Sie wußten alſo nicht, daß Urſula dieſen Herbſt hieher kommen würde? fragte ich meinen⸗Mann, in⸗ dem ich in ſeinen Zügen zu leſen fuchte. „Es war mir völlig unbekannt. Jetzt aber bin ich darüber entzückt. Die Anweſenheit Ihrer Couſine wird Ihnen Zerſtreuungen gewähren und ihr Mann iſt der beſte Menſch von der Welt. Aber was iſt Jh⸗ nen denn? Die Ankunft Ihrer Jugenfreundin ſcheint Ihnen nicht ſo viel Vergnügen zu gewähren, als ich erwartete.“ Ich habe hiefür meine Gründe, mein Freund, und ich fürchte, der Aufenthalt meiner Couſine hier wird nicht ſo lange dauern, als ſie vielleicht erwartet. „Die Geſchäfte ihres Mannes werden ihren Be⸗ ſuch wohl abkürzen. Hat ſie Etwas darüber geäußert?“ Nein, aber — „Aber, was wollen Sie damit ſagen?“ Ich werde Urſula bitten, wieder abzureiſen. „Sie? und weßhalb?“ Weil — weil — „Nun?“ Weil ich Urſache habe, ihre Gegenwart zu fürch⸗ ten, — weil ich eiferſüchtig auf ſie bin, Gontran. „Auf Ihre Couſine? Bah, Sie find wahnſinnig, liebe Freundin.“ — Ich bin nicht wahnſinnig, Gontran! Der Inſtinkt meines Herzens täuſcht mich nicht. „Wenn die Sache ſich ſo verhält, ſo werden Sie ihr den Aufenthalt in Maran angenehm machen! Dieſe Viſion verſpricht Etwas. Man ſoll bei Ihnen doch nicht einen Augenblick Ruhe genießen. Ach, was ha⸗ ben Sie doch für einen unglücklichen Charakter, für ſich und für Andere!“ Aber, mein Gott, es iſt ja nicht meine Schuld, wenn ich Argwohn habe, wenn — „Aber ich wiederhole es, Ihr Argwohn iſt wider⸗ ſinnig. Bedenken Sie doch, daß das mich grundlos anklagen und Sie ſelbſt quälen heißt.“ Wirklich? Gontran gewiß? Gontran ſeien Sie großmüthig und beruhigen Sie mich! „Arme Mathilde,“ ſagte Gontran mit rührender Würde; „ich will nicht mehr von meiner Liebe mit Jh⸗ nen ſprechen, denn Sie würden mir vielleicht nicht mehr glauben, allein ich ſage Ihnen, daß Herr Se⸗ cherin als ein Verwandter bei uns wohnen wird und daß ich ein Elender wäre, wenn ich auch nur im Ent⸗ fernteſten daran dächte, die ihm von uns angebotene Gaſtfreundſchaft ſo feig zu mißbrauchen.“ Ich drückte Gontran's Hand in der meinigen, denn ſeine edelmüthigen, einfachen Worte gaben mir neuen uth. ürſula und ihr Mann traten wieder ein. Ich fand meine Couſine ſo hübſch, ſo rofig und friſch, ihre — — S — * 217 Augen waren zugleich ſo mild und ſo glänzend, ihr Lächeln ſo fein und herausfordernd, ihr Wuchs ſo voll⸗ endet, daß ich unwillkürlich in einen gegenüberhän⸗ genden Spiegel blickte, um eine Vergleichung zwiſchen ihr und mir anzuſtellen. Ich bemerkte aber mit Schmerz, daß ich blaß war, daß meine Züge verändert, matt und kränklich waren, denn ich war ſeit einiger Zeit leidend. Ich empfand fortwährend ein unbeſtimmtes, beklemmendes Unwohl⸗ ſein, welchem ich meinen Kummen zur Urſache gab. Zum erſten Male bemerkte ich, daß mein Geſicht jene erſte Blüthe der Jugend, welche Urſula's Zügen ſo großen Reiz verlieh, bereits eingebüßt hatte. Das Mittageſſen war ſehr heiter, Dank den Be⸗ mühungen meines Mannes, der Munterkeit und Un⸗ gezwungenheit zu beleben ſuchte. Urſula war ſichtbar befangen. Sie fürchtete, in meinen Augen zu heiter zu ſcheinen und ſo ihren ſchwermüthigen Zauber ein⸗ zubüßen, während ſie auf der andern Seite beſorgte, ſc Gontran in keinem glänzenden Lichte zeigen zu önnen. Gegen das Ende der Mahlzeit kam Herr Secherin auf ſeinen unglücklichen Vorſchlag zurück, indem er zu Gontran ſagte: „Lieber Coufin, ich behauptete vorhin gegen Frau von Lanery, daß Urſula im Stande ſei, jedes Ihrer Pferde zu reiten.“ „Wie, Madame, Sie reiten?“ fragte Herr von Lanery erſtaunt. „Das iſt ja ein rechtes Glück für uns, ich wage beinahe zu ſagen auch für Sie, denn die Umgegend von Maran iſt ſo reizend und ich bin entzückt, Ihnen dieſe Zerſtreuung bieten zu können.“ Aber, mein Freund, ſagte ich zu meinem Manne, Sie beſitzen ja keine Damenpferde, denn Sie wiſſen, daß Sie mir niemals haben geſtatten wollen, Sie auf die Jagd zu begleiten. Es wäre eine große Unbeſon⸗ nenheitz Urſula einer Gefahr auszuſetzen. Mathilde. m. „Aber ich ſagte Ihnen ja bereits, Coufine,“ rief Herr Secherin aus, „daß Urſula ſehr gut reitet. Hat ſe zwei letzten Monate her ſonſt beinahe Nichts gethan. „Mathilde hat Recht,“ meinte Urſula reſignirt, „es wird klüger ſein, auf dieſes Vergnügen zu ver⸗ zichten.“ „Sie können wohl glauben, Madame,“ nahm Gon⸗ tran das Wort, „daß um keinen Preis in der Welt ich Sie einer Gefahr ausſetzen möchte. Frau von Lanery hat es nie gewagt, ein Pferd zu beſteigen, und ich mußte ſie daher aus Vorſicht des Vergnügens berau⸗ ben, ſie mit mir zu nehmen, während Sie nach den Worten unſeres Couſin —“ „Ich verbürge mich, daß meine Frau Sie in Stau⸗ nen ſetzen wird,“ rief Herr Secherin. „Der Stall⸗ meiſter aus Tours konnte gar nicht von demſelben zu⸗ rückkommen.“ „Ich habe gerade eine Stute in meinen Ställen, die ſehr ſanft iſt,“ ſagte Herr von Lanery, „ſie wird trefflich für Madame Secherin paſſen und wenn meine Couſine nur einiges Vertrauen zu mir hat, braucht ſie durchaus Nichts zu befürchten.“ „Ich ſetze gewiß das größte Vertrauen in Sie, mein Couſin,“ ſagte Urſula zaudernd, „allein Alles wohl bedacht, ſollte es mir Leid thun, mich einem Ver⸗ gnügen hinzugeben, welches Mathilde nicht theilen kann.“ „Aber was ſind Sie doch für ein Kind!“ ſagte Herr Secherin zu ſeiner Frauz „wenn auch Frau von Lan⸗ ery nicht ſelber reitet, ſo wird ſie Sie doch nicht da⸗ ran verhindern wollen, nicht wahr, Couſine?“ „Nun gut, liebe Mathilde,“ ſagte Gontran, „Sie ſollen dieſe Frage in letzter Inſtanz entſcheiden, Ihre hohe Weisheit ſoll den Ausſpruch thun. Erlauben Sie der Madame Secherin zu reiten? Sehen Sie ſich wohl vor, denn ſagen Sie Nein! ſo werden wir Ihnen einen tödtlichen Haß ſchwören, da Sie Ihre Coufine eines großen Vergnügens berauben und mich ebenfalls.“ 2¹9 „So wäre es recht und ich würde zu Ihnen ſchwö⸗ ren,“ rief Herr Secherin laut lachend, „denn Sie wür⸗ den dadurch meine Frau verhindern, ſich in ihrem voll⸗ pn n zu zeigen; nie iſt ſie ſchöner, denn zu erde.“ Ich vermochte keinen triftigen Gegengrund zu fin⸗ den und ſagte deßhalb: Ich widerſetze mich nicht und machte nur aus Vorſorge einen Einwurf. „O, beruhigen Sie ſich, es hat gar keine Gefahr,“ ſagte mein Gatte, „ich bürge für die Sanftmuth Stella's, ein Kind könnte ſie reiten.“ „Da Du es ausdrücklich verlangſt, Mathilde, ſo will ich es verſuchen, allein ich fürchte in der That ſehr linkiſch zu ſein.“ „O, was das angeht, Coufine,“ ſagte Gontran lächelnd, „ſo ſtrafe ich Sie Lügen und zwar ohne Schmeichelei, denn es iſt gewiſſen Perſonen unmög⸗ lich, irgend Etwas ohne Geſchick und Grazie zu thun.“ „Nun, und wann ſoll dieſe Partie ſtattfinden?“ fragte Herr Secherin. „Morgen,“ verſetzte Gontran; „der Sonnenunter⸗ gang war herrlich, das Wetter wird morgen köſtlich ſein, wir ſteigen um ein Uhr zu Pferde und das wird eine wahre DBamenjagd abgeben.“ „Ja, Couſin, ganz recht, aber, offen geſtanden, ich bin ein zu ſchlechter Reiter, um einer Jagd folgen zu können; darauf mache ichSie zum Voraus aufmerkſam.“ „Sie, lieber Herr Secherin, Sie werden uns mit Frau von Lanery zu Wagen begleiten und einer meiner Waidknechte, der den Wald vollkommen kennt, wird Sie zu Pferde auf die Kreuzwege bringen, wo Sie die Jagd vorüberkommen ſehen können.“ „So laß' ich mir's gefallen!“ rief Herr Secherin, „das iſt ja ein wahres Feſt, ein königliches Vergnügen für mich, der ich nie anders gejagt, als mit meinem Waldſchützen und mit ſeinen zwei Dachshunden. Wenn nur das Wetter gut wird!“ tig ſein wird,“ ſagte Gontran. „Madame Secherin wünſcht es zu ſehr, als daß es nicht gut ſein ſollte. Morgen wird alſo ein herrlicher Tag ſein, dafür bürge ich.“ Dreißigſtes Kapitel. Die Jagd. Es war mir unmöglich, an dieſem Abend meine Cvouſine allein zu ſprechen. Sie theilte das Zimmer mit ihrem Mann und nach dem Eſſen ſchien ſie mir auszuweichen. Ich litt grauſam während dieſer Nacht. Ich empfand Alles, was die Eiferſucht nur immer Stechendes und Bitteres hat. Vergebens ſuchte ich mich zu überreden, daß mein Verdacht ungerecht und übertrieben ſei, vergebens ſagte ich mir, daß das Betragen Urſula's vielleicht nur eine unſchuldige Koketterie; es gelang mir nicht, mich zu beruhigen. 3 Ich ſetzte mir vor, während des morgigen grau⸗ ſamen Tages meinen Mann und meine Couſine auf⸗ merkſam zu beobachten, um mit letzterer am Tage darauf eine ernſte Unterredung zu haben. * * Gontran hatts ſich in trogen: Das Wetter war herrlich und eine ſtralende Sktoberſonne verkündete einen jener letzten Herbſttage, welche beinahe die Schönheit der Sommertage erreichen. Um Mittag brachen wirn ort der Jagd auf. Herr von L folges ihre E Fenſtern des „Ich gebe Ihnen die Verſicherung, daß es präch⸗ iner Hoffnung nicht be⸗ m Verſammlungs⸗ — 22 Sel der Jagdhörner mit den Hunden aufbrechen ehen. Ein leichter, mit vier Pferden beſpannter Wagen fuhr an der Treppe vor. Ich ſetzte mich mit Herrn Secherin ein. Ich verweile bei dieſen kindiſchen Angaben von Pracht nur aus zwei Gründen, zuerſt, weil die Blicke Urſula's mich wahrnehmen ließen, daß ſie dieſen Pomp ebenſo ſehr bewunderte, als begeidete, und dann, weil dieſer Feſtſchimmer einen ſcherzlichen Gegenſatz zu meinem Kummer bildete. Ich erwartete ungeduldig das Erſcheinen Urſula's. Ich war begierig, zu ſehen, ob ſie ſich zu Pferd ſo gut ausnähme, wie Ihr Mann ſagte; ich hoffte, es würde nicht ſo ſein, ich wünſchte ſogar, es möchte ihr, wenn auch kein ernſtlicher Unfall, doch ein Mißgeſchick begegnen, welches ſie in den Augen Gontran's lächer⸗ lich machen und ſie für ihren Uebermuth beſtrafen könnte. Ach, dieſe elende Genugthuung wurde mir nicht. Als meine Couſine zu Pferde, von meinem Gat⸗ ten begleitet, zu uns kam, war ich genöthigt, ſie hüb⸗ ſcher zu finden, als ich ſie jemals geſehen. Ich habe nie begreifen können, wie die Eiferſucht die Vorzüge einer Nebenbuhlerin leugnen oder herab⸗ ſetzen kann, und bin im Gegentheile ſtets geneigt ge⸗ weſen, ſie zu übertreiben. Allein ohne alle Ueber⸗ treibung war Urſula zu Pferde von ſo vollkommener Anmuth und Eleganz, daß ich im Begriff war, vor Unwillen darüber zu weinen. Ich ſehe ſie noch vor mir. * Ihr Reitkleid von dunkelblauem Tuch, deſſen Schleppe beinahe den Boden berührte, war mit engem Leibchen und Aermeln verſehen und hob ihren Wuchs en zückend hervor. Sie trug einen Männerhut und einen Hemdkragen, welcher über eine kleine Cravatte von kirſchrothem Atlas heruntergeſchlagen war. Ihr hübſches, friſches und roſiges Geſicht verdankte dieſer Tracht einen kecen, decidirten Ausdruck, welcher ihr außerordentlich wohl anſtand, ihr ſchönes braunes Haar umfloß ihre Grübchenwangen und nie hatte ich das Blau ihrer Augen reiner geſehen. Man hätte meinen ſollen, der Himmel ſpiegele ſich in ihnen. Die Stute, welche ſie mit einer Sicherheit ritt, die mich verwirrte, war ein Goldfuchs, deſſen glän⸗ zendes Haar in der Sonne funkelte, während ſeine langen, ſchwarzen Mähnen im Winde flatterten. Das Pferd ſchien über die leichte Laſt, die es trug, ſich glücklich zu fühlen und den Raſen kaum mit ſeinen Füßen zu berühren. 2 Gontran ritt ein Jagdpferd, ſchwarz wie Eben⸗ holz, und trug einen Jagdanzug von der Farbe ſeiner Livree, hellblau mit einem Kragen von Orangeſammet und n goldausgelegten Knöpfen. Das Ban⸗ delier ſeines Hirſchfängers, welches ebenfalls reich ver⸗ ziert war, umſchlang ſeine feine Taille. Seine ſchwarze Sammetmütze ließ ſeine Züge erblicken und hob die Feinheit und den Reiz derſelben noch mehr hervor. Die Geſuchtheit in Gontran's Anzug fiel mir um ſo mehr auf, da er zur Jagd ſonſt immer mehr, als nachläſſig, gekleidet war. Meine Coufine wollte ſich dem Wagen nähern, um mit mir zu reden. Ihre Stute wollte aber, ohne Zweifel durch meinen Sonnenſchirm ſchen gemacht, nicht heran. Ich bekenne zu meiner Schande, daß ich über die⸗ ſes Mißgeſchick, welches die Geſchicklichkeit Urſula's auf die Probe ſtellte, beinahe entzückt war, aber zu meinem großen Erſtaunen runzelte meine Couſine ihre ſchönen Brauen, erhob ihre Reitgerte und ſtrafte das Pferd derb ab. „Nehmen Sie ſich in Acht, Madame, ſchlagen Sie Stella nicht, ſie iſt ſehr hitzig,“ rief Gontran aus, erſchrocken über Urſula's Verwegenheit. „Sei kein Trotzkopf, Frauchen, ich beſchwöre dich!“ rief mein Vetter, ſeine beiden Hände ängſtlich gegen ſeine Frau ausſtreckend. 5 223 Dieſe aber achtete der Warnungen nicht. Mit gerötheten Wangen, die Purpurlippen von ſpöttiſchem Lächeln verzogen, die Augen von Zorn blitzend, ver⸗ ſetzte ſie Stella einen neuen Schlag, ſo daß das Thier einen gewaltigen Sprung machte und ich einen Schrei des Schreckens ausſtieß. Uurſula ſchien durchaus nicht eingeſchüchtert zu ſein, ſondern beugte ſich über den Hals Stella's und ſtrei⸗ chelte ſie mit einer ſo natürlichen Bewegung, als wäre ſie ſich keiner Gefahr bewußt. „Bravo, Coufine, herrlich!“ rief Gontran, un⸗ fähig, ſeine Bewunderung zu verbergen: „Welche Kalt⸗ blütigkeit, welcher Muth!“ Noch mehr angeſpornt durch dieſes Lob, wollte i die Widerſetzlichkeit ihres Pferdes beſiegen und daſſelbe zwingen, ſich dem Wagen zu nähern. Einige abermalige, mit feſter Hand verſetzte Gertenhiebe brach⸗ ten Stella nach einem nochmaligen Kampf zum Gehor⸗ ſam, nach einem Kampfe, bei welchem ſich das Thier bäumte, ſtatt bloß Sprünge zu machen. Urſula, deren feiner Wuchs allen Bewegungen des Pferdes mit der Gewandtheit einer Schlange folgte, ſaß ſo feſt im Sattel, daß ſie keinen Augenblick ſchwankte. Dieſer Zufall, welcher meinem Wunſche gemäß zum Nachtheil meiner Couſine ausfallen ſollte, diente alſo nur dazu, ihr neue Reize zu verleihen. Sie bändigte das Pferd und zwang es, dem Wagen zur Seite zu bleiben. Stolz lächelnd ſtreichelte ſe den Hals Stella's mit ihrer kleinen weißen Hand, welche ſie kokett ihres Handſchuhes entkleidete, und warf Gontran einen blitzenden Blick zu, als wollte ſie ihm ſagen, daß ſeine Gegenwart es ſei, was ihr ſo viel Muth einflöße. „Nun, Couſine,“ rief Herr Secherin, „was habe ich Ihnen geſagt? Iſt ſie kühn? Geſtehen Sie nur, daß das ein leibhaftiger Page iſt.“ „In der That, Madame,“ ſagte Gontran, indem er ſich Urſula näherte, „ich kann von meinem Erſtau⸗ nen über Ihre Unerſchrockenheit und Ihre Grazie noch nicht zurückkommen. Man vergißt die Gefahr, welche Sie laufen, um nur daran zu denken, Sie zu bewun⸗ dern. „O, es iſt ſo kurzweilig, zu reiten,“ verſetzte Ur⸗ ſula unbefangen und ſetzte, zu mir gewandt, hinzu: „Wie kannſt Du Dich doch dieſes entzückenden Ver⸗ gnügens berauben? Was für ein Glück iſt es, beſon⸗ ders für die Frauen, unſerer Schwäche zum Trotz ein Geſchöpf beherrſchen, bändigen, bezwingen zu können, ein Weſen, welches uns tauſendmal tödten würde, im Falle man ſeiner Kraft nicht Gewandtheit, ſeinem rohen Starrſinn nicht einen verſtändigen Willen ent⸗ gegenſetzte.“ — „Das iſt ſo ziemlich die Geſchichte Ihrer Herr⸗ ſchaft im Allgemeinen,“ ſagte Gontran lächelnd, „und Sie bändigen uns Männer ungefähr nach denſelben Grundſätzen und durch dieſelben Mittel. Aber, mein Gott, was wandelt Sie denn an, theure Freundin?“ fragte mich Herr von Lanery, die Entſtellung meiner Züge wahrnehmend, denn Urſula's Triumph und die ihr von Gontran gezollte Bewunderung thaten mir entſetzlich wehe. Mir fehlt Nichts, mein Freund, antwortete ich, allein das Beiſpiel Urſula's ermuthigt mich und von morgen an will ich durchaus reiten lernen. „Aber Sie haben es nie verſucht, theure Freundin, und vdann glaube ich, daß Sie wenig Anlage dazu haben, weil Sie zu ſchüchtern ſind. Ich ſage Ihnen, daß ich reiten werde und ſollte ich mich auch auf der Stelle dabei tödten! rief ich aus. „Gut, gut, wir wollen weiter darüber reden,“ ſagte Gontran. „Aber brechen wir auf, denn es iſt ſchon ſpät. Ich ſtehe zu Ihrem Befehl, Couſine.“ „Wir ſehen uns bald wieder. Adieu, Mathilde,“ ſagte Urſula mit der Hand grüßend. „Begehen Sie keine Unbeſonnenheit, mein gutes Weibchen. Herr von Lanerg, ich empfehle ſie Ihnen,“ rief Herr Secherin. Urſula und Gontran ſetzten ihre Pferde in einen kurzen Galopp und ritten dicht neben einander über einen Raſenplatz, welcher die Allee begränzte, durch die wir fuhren. Eine Zeit lang blieben wir ihnen zur Seite und ich verfolgte ſie mit den Augen, ſo weit ich konnte, allein bald verſchwanden ſie in einem gewun⸗ denen Baumgange, wohin der Wagen ihnen nicht fol⸗ gen konnte, und ich verlor ſie aus dem Geſicht. Alle dieſe Umſtände müſſen denen kindiſch erſchei⸗ nen, welche die zahlloſen Qualen der Eiferſucht und die ſchmerzenden Wunden verletzter Eitelkeit nicht kennen. Der ſcheinbar ſo unbedeutende Auftritt, den ich ſo eben beſchrieben, hatte mich aber in ſolche Verwir⸗ runggeſetzt, daß ich im Begriff war, eine nichtswürdige Handlung zu begehen — nämlich Urſula's Benehmen bei Herrn Secherin zu verklagen, meinen Argwohn gegen ſeine Frau ihm mitzutheilen. Glücklicherweiſe feſſelte die Scham dieſes Ge⸗ ſtändniß auf meinen Lippen. Hätte mein Vetter nur den mindeſten Scharfſinn beſeſſen, ſo hätte er die Ur⸗ ſache meiner Unruhe, meiner Aufregung errathen müſ⸗ ſen. Ich antwortete ihm nur zerſtreut und verſank zuweilen in tiefe Träumereien, die kaum durch den Lärm der Jagd unterbrochen wurden, welche zeit⸗ weiſe die breiten Alleen durchkreuzte, die an den großen freien Plätzen zuſammenliefen, auf deren einem wir, geleitet von einem der Diener des Herrn von Lanery, uns aufgeſtellt hatten, um ſie vorbeikommen zu ſehen. Was einen beſonders tiefen, eigenthümlichen und ſchmerzlichen Eindruck auf mich machte, war der Um⸗ ſtand, daß ich Gontran und ürſula ſtets dicht neben einander plötzlich im Hintergrunde irgend einer ſchat⸗ tigen Allee erſcheinen ſah. Der fromme, ſchwermü⸗ thige Ton der Hüfthörner, welche im Walde wider⸗ hallten, das dumpfe Gebell der Meute kamen mir ganz trübſelig, ſchrecklich vor. 2²⁸ Ach, die düſtere Stimmung des Geiſtes und der Seele wirft über die lachendften Gegenſtände einen Trauerſchleier und findet ſelbſt in dem, was Andere entzückt, trübe Vorzeichen. Herr Secherin war ſo außer ſich über das leben⸗ dige Schauſpiel vor ſeinen Augen, daß er meinen Zu⸗ ſtand der Niedergeſchlagenheit und Trauer gar nicht bemerkte. Das Unwohlſein, welches mich ſeit einiger Zeit bedrückte, nahm immer zu und ich fühlte oftmals ein unbekanntes Beben, welches ich einer Nervener⸗ ſchütterung zuſchrieb. Mein Kopf war dumpf, matt und ſchwer. Wir waren auf einem Kreuzweg des Waldes angekommen und hatten Halt gemacht. Urſula und Gontran kamen raſch aus einer Seitenallee heran. Ich wähnte, ſie würden zu uns kommen, und bog mich aus dem Wagen. Sie waren in der That bald uns zur Seite, allein ſie hielten nicht an. „Mathilde,“ rief Urſula, ſchnell vorüberfliegend und mit der Hand grüßend, „ich bin außer mir, be⸗ rauſcht von der Jagd.“ Und mit hochrothen Wangen, mit keckem, funkeln⸗ dem Blick verſetzte ſie ihrem Pferde einen Gertenhieb, um es ſchneller vorwärts zu treiben. „Der Hirſch wird jetzt nicht mehr länger, als eine halbe Stunde aushalten!“ rief Gontran, „die Hunde jagen prächtig, die Jagd wird austreten.“ Und ſich im Sattel vorbeugend, holte er Urſula wieder ein und Beide verſchwanden aufs Neue. „Wie ſie ſich erluſtirt! Gott, wie ſie ſich erluſtirt!“ ſagte Herr Secherin voller Freude. „Aber, Couſine, was will denn Herr von Lanery mit den Worten ſagen: die Jagd wird austreten?“ Ich hatte meinen Gatten oft genug von der Jagd ſprechen hören, um die Frage des Herrn Secherin be⸗ antworten zu können: Das will ſagen, daß das unglückliche Thier, im * —— —————— — —— 227 Walde müd gehetzt, auf das Feld ausbricht. Das iſt ſeine letzte Hoffnung auf Rettung; dann wird es er⸗ mordet ohne Ritleid. Ich befand mich in einem Zuſtand von ſolcher Nervenreizung, ich hatte ſeit ſo langer Zeit meine Thränen unterdrückt, daß ich dieſe lächerliche Gelegen⸗ heit ergriff, um in Thränen auszubrechen. Herr Secherin ſah mich mit verwunderter Miene an und ſagte theilnehmend: „Mein Gott, der Tod eines Hirſches macht ſie ſo traurig? Sie ſollten an Dergleichen gewöhnt ſein. Ei, Couſine, ſeien Sie vernünftig, vielleicht entgeht das arme Opfer doch noch ſeinem Schickſal.“ Wer jmmer ſchon an einem heftigen, unterdrück⸗ ten und geéheimen Schmerz gelitten, wird nicht ver⸗ ächtlich lächeln, wenn ich ſage, daß ich, die letzte Aeußerung des Herrn Secherin beantwortend, für mich allein eine Art von Anſpielung auf mein eigenes Ge⸗ ſchick machte, um ſo mit lauter Stimme meinem Kum⸗ mer einigermaßen Luft machen zu können. Das iſt lächerlich, ſehr lächerlich, ich weiß es recht gut, aber glücklich ſind die, welche nicht wiſſen, daß die größten Leiden in ihren Aeußerungen zuweilen ko⸗ miſch ſind, was, wie ich glaube, der höchſte Grad moraliſcher Folter iſt. Ich ſagte daher weinend zu Herrn Secherin: Nein, nein, das Opfer kann nicht entrinnen. Was kann es thun? Kämpfen, nicht wahr? Aber hiezu bedarf es der Kraft und es hat keine mehr. Die Hetze dauert ſchon zu lange, ihm bleibt Nichts übrig, als ſich zu fügen, ſeinen Hals dem Meſſer darzubieten, und dennoch erſchien das Leben ihm ſchön — und wer ſollte bei dieſem ſtralenden Wetter, bei dieſem prächti⸗ gen Sonnenſchein, bei dem Schmettern dieſer Fanfa⸗ ren, bei dem Freudengeſchrei der Jäger daran denken, zu ſterben? Für wen iſt dieß Feſt eine Trauer? Für das Opfer allein! Es wird weinen, und man wird 228 über ſeine Thränen lachen, man wird es tödten ohne Mitleid und Barmherzigkeit. „Es iſt in der That wahr, daß die armen Thiere im Augenblick des Todes weinen,“ erwiderte Herr Secherin beinahe gerührt. „Aber hören Sie, Couſine, man ſagt auch, daß die Hirſche, bevor ſie verenden, ſich tapfer zur Wehre ſtellen und daß das Opfer im Tode wenigſtens die Freude hat, ſich zu rächen.“ In meiner Verwirrung auf meine eigenen Ge⸗ danken, ſtatt auf die Worte des Herrn Secherin ant⸗ wortend, trocknete ich meine Thränen, blickte ihn ſtarr an und ſagte: O, nicht wahr, die Rache? die Rache! Nicht ſchwach, verachtet, verhöhnt und beſchimpft ſterben, auch ſeinerſeits denen Thränen entpreſſen, welche über unſer Unglück lachen — o, nicht wahr, die Rache? Die Rache, beſonders um die Beſchimpfung zu züchti⸗ gen, die feige, erbärmliche Beſchimpfung, die Be⸗ ſchimpfung, die man ſtraflos weiß, ſtraflos glaubt, weil die Ehre, die Erhabenheit eines edeln Herzens eine unwürdige Angeberei verbietet. Aber das muß doch endlich ein Ende nehmen, nicht wahr? Ja, Sie haben Recht — die Rache! „Ei, Couſine,“ ſagte Herr Secherin, nur mühſam ſeine Lachluſt unterdrückend, „wie ſoll man denn einen Hirſch beſchimpfen, wie ſollte er auf Rache finnen?“ Ich ſah Herrn Secherin an und verſtand ihn nicht. Nach einigen Augenblicken kam ich indeſſen wieder zu mir und ſagte ihm: Verzeihung, Verzeihung, lieber Vetter, ich bin in Wahrheit nicht recht bei Troſt, Sie haben ganz Recht, mein Gefühl hat mich irre geführt. „Das ſagte ich mir auch,“ meinte er, „meine Couſine ſpricht von dieſem armen Hirſch, wie von ei⸗ nem vernünftigen Menſchen. Aber wir wollen uns wieder in Marſch ſetzen. Hören Sie, wie ſchön dort unten die Hörner tönen? Wahrlich, die Jagd iſt ein königliches Vergnügen!“ — 229 —— Der Wagen ſetzte ſich wieder in Bewegung. — Nach Verfluß von einer halben Stunde etwa ſchickte uns Gontran einen ſeiner Leute, um uns ſagen zu laſſen, daß der Hirſch in einem Teiche erreicht wor⸗ den, der Weg dahin aber zu ſchlecht ſei, um zu Wagen * dahin zu gekangen; er laſſe mich deßhalb bitten, nach dem Schloß zurückzukehren, wo er uns mit Madame Secherin wieder treffen würde. Wir fuhren nach Maran, welches wir nur einige Augenblicke vor Gontran und Urſula erreichten. Nach⸗ dem wir uns zum Eſſen umgekleidet, kamen wir im Salon zuſammen. Hier traf ich meinen Gatten, Ur⸗ ſula und meinen Vetter. Bei Tiſche drehte ſich die Unterhaltung um die heutige Jagd. Gontran zollte dem Muth und der Gewandtheit Urſula's das größte Lob, und dieſe verſicherte ihrerſeits, nie ein lebhafteres Vergnügen empfunden zu haben. — Meine Couſine war viel munterer, als am Tage zuvor. Sie ſchien ſich wenig darum zu kümmern, in meinen Augen ihr ſchwermüthiges Weſen beizubehalten. Ohne Umſtände nahm ſie einige Toaſte an, welche Gontran auf mein Wohl ausbrachte, und trank, ohne ſich ſehr nöthigen zu laſſen, einige Gläſer Champag⸗ ner, und zwar zur großen Verwunderung ihres Gat⸗ ten, welcher immerfort wiederholte: „Meine Frau iſt ja ein wahrer Teufel!“ Zum erſten Mal ahnte ich, die Lebhaftigkeit, Heiterkeit und Ungenirtheit meiner Couſine gewahrend, 6 wie ſehr kühn und unbezähmbar ſie ſei. Bisher war ſie mir nur verſtellungsfähig erſchie⸗ nen. Ihre frechen Lügen waren ſtets in heuchleriſche Formen gekleidet geweſen und indem ſie ihre großen, in Thränen ſchwimmenden Augen zum Himmel auf⸗ geſchlagen, hatte ſie den Augenſchein ſelbſt geleugnet. Run ich ſie aber bei Tiſche ſo heiter, ſo entſchloſſen ſah, als ich ihre lebhaften und glänzenden Ausfälle ₰ hrie, fund ich ſie noch viel gefährlicher. Mein Gatte verbarg die Bewunderung nicht, welche 230 ſie ihm einflößte. Es entſpann ſich eine Art geiſtigen Wettkampfs zwiſchen ihm und ihr und er war oft im Nachtheile. Er ſchien durch das Uebergewicht dieſer Frau, welche ihn mehrmals durch einen beißenden Sarkasmus zum Schweigen brachte, beinahe bezaubert, beherrſcht zu werden. Sonderbar und unmöglich mag es faſt erſcheinen, daß mir die Art ſpöttiſcher Ueberlegenheit weh that, womit Urſula meinen Mann behandelte. — Herr Secherin ſelbſt ſagte mir leiſe, er hätte ſei⸗ ner Frau nie ſo viel Geiſt zugetraut. Ich wußte mir dieſe Veränderung indeſſen wohl zu erklären. Es gibt gewiſſe Naturen, welche ſich fo u ſagen nie vollſtändig offenbaren, bis ſie ſich in ihrem eigentlichſten Element befinden. So war Ur⸗ ſula weſentlich für ein Leben des Luxus, der Pracht, der Feſte, der zügelloſen Freuden geſchaffen. Ein Jahr⸗ hundert früher würde ſie eine von jenen geiſtreichen - und ſchamloſen Frauen geweſen ſein, welche die Kö⸗ niginnen der Orgien zur Zeit der Regentſchaft waren. Sie befand ſich ſeit ihrer Heirat zum erſten Male in einer Lage, welche ihrem Geſchmack zuſagte, und zweifelsohne offenbarte ſich nun ihre wahre Sinnes⸗ weiſe ihr ſelbſt faſt unbewußt. Nachdem die Tafel vorüber, ſollte bei Fackelſchein der Hirſch auf dem Hofe ausgebrochen werden, da Gontran der Madame Secherin dieß blutige Schau⸗ ſpiel vorbehalten hatte. Gegen die neunte Abendſtunde bließen die Jäger einige Fanfaren und wir betraten eine Terraſſe, welche die Ausſicht auf den großen Schloßhof darbot und vor den Fenſtern des Salon ſich hinzog. Die von unſern Bedienten in Staatslivree ge⸗ haltenen Fackeln warfen ein röthliches Licht auf die Gebäude, von denen ein Theil ganz im Dunkel dalag. Es war eine trübe Scene. Die gierige, unge⸗ duldige Meute, nur mit Mühe durch die Peitſchen der 231 Jäger zurückgehalten, ließ ein wildes Knurren hören und die Augen der Hunde funkelten in der Dunkelheit. In des Hofes Mitte ſtand der erſte Jäger des Herrn von Lanery. Er hatte den Ausbruch des Hir⸗ ſches mit der Haut des Thieres bedeckt, ergriff den Kopf beim Geweihe und ſchwenkte ihn vor den Augen der Hunde hin und her. Immer noch zurückgehalten, ſtieß die Meute ein wüthendes Geheul aus, bis man ihr geſtattete, ſich unter Hörnergeſchmetter über die blutigen Ueberreſte herzuſtürzen, worauf alsbald ein erbitterter Kampf zwiſchen dieſen achtzig Hunden entſtand, welche heulend über einander herfielen und ſich die blutigen Einge⸗ weide ſtreitig machten. Dieſes Schauſpiel empörte mich. Ich kehrte in den Salon zurück, deſſen Fenſter auf die Terraſſe hin⸗ ausgingen. Herr Secherin war hinabgelaufen, um die Sache mehr in der Nähe mitanzuſehen. 2 Ich fühlte mich durch phyſiſches Unwohlſein mehr, als je, bedrückt, und zum erſten Mal fragte ich mich, was wohl die Urſache davon ſein könnte. Ich ſank auf einen Seſſel, der, von einem Vor⸗ hang halb verborgen, an einem der Fenſter ſtand. Mechaniſch blickte ich auf den Widerſchein der letzten Helle der erlöſchenden Fackeln, denn die Ausweidung war vorüber. Da ſah ich Gontran und Urſula einen Augenblick draußen vor dieſem Fenſter ſtille ſtehen. Gontran umſchlang mit einem Arm die ſchlanke Taille Urſula's und näherte, des ſchwachen Widerſtre⸗ meiner Couſine ungeachtet, ſeine Lippen ihrer ange. Nie werde ich vergeſſen, was ich in dieſem Au⸗ genblicke empfand. Einer ſeltſamen Fügung zufolge enthüllte mir, ſo zu ſagen, der grauſamſte Schmerz, den ich je gefühlt, die unſäglichſte Freude, welche ich je empfand. 2 Ich kann nicht ſagen, durch welches Phämomen . der Schlag, den ich fühlte, ſo heftig war, daß in dem nämlichen Augenblick ein inneres Beben, meinem Her⸗ zen Antwort gebend, mich mit einmal über den Grund des Unwohlſeins aufklärte, welches mich ſeit einiger Zeit drückte. Ich fühlte, daß ich Mutter war. Dieſer doppelte Eindruck berauſchender Freude und niederſchmetternden Unglücks war ſo gewaltig, daß ich einen Augenblick glaubte, mein Verſtand müſſe ſich verirren. In meinem Taumel ſtand ich mechaniſch auf lief durch den Salon, ſchloß mich in mein Zimme ein, ſank auf die Kniee und vermochte Richts zu ſagen, als die Worte: O Gott, Du haſt mich erhört! Jetzt kann ich nicht mehr unglücklich ſein! In demſelben Augenblick, wo ich vor Schmerz zu ſterben glaubte, ſendeſt Du mir eine unausſprechlich ſüße Hoffnung! Ich hatte nicht bemerkt, daß ſich Blondeau in meinem Alkoven befand. „Großer Gott, was iſt Ihnen, gnädige Frau?“ rief ſie aus. Ohne zu antworten, deutete ich auf die Thüre und ſagte: Ich will allein ſein, verlaß' mich, verſchließe die Thüre und ſage, daß ich allein ſein wolle. Blondeau ging und ſagte Herrn von Lancry, daß ich unwohl ſei und allein zu bleiben wünſche. 7 Ich blieb in der That allein und meinen Gedan⸗ ken überlaſſen. 4 2 Ich konnte an der Untreue meines Gatten nicht mehr zweifeln und — ich war Mutter! 578 e1 snqae .