ſelben von mir geliehen, auch dafür zu ſtehen haben. 2 Leih iothet deutſcher, engliſcher und franzöſiſcher Literatur von 6dnard Oltmaun in Gießen, 4 Schloßgaſſe Lit. A. Nr. 256. 2 cLeih und Geſebedingungen. oflensein der Bibliotbek. Die Bibliothek ſteht zur Em⸗ pfangnahme und Rückgabe der Bücher jeden Tag von Morgens 7 Uhr bis Abends 8 Uhr offen. 2. Lesepreis. Bei Rückgabe eines geliehenen Buches wird von jedem Tag 5 bf. bezahlt. Die Zeit eines Tages iſt zu 24 Stun⸗ den angenommen. 2 . . 3. Caution. Unbekannte Perſonen müſſen, bei Entgegennahme eines Buches eine dem Werthe deſſelben entſprechende Summe hinterlegen, welche bei deſſen Zurückgabe von mir zurückerſtattet wird. . Abonnement. Daſſelbe muß voraus bezahlt werden und beträgt: für echentih 2 Bücher: 4 Bücher: 6 Bücher: auf 1 Monat: Wer. — Pf. 1 Ver. 50 Pf. 2 Wer. — Pf. 5 Auswürtige Abonnenten haben für Hin⸗ und Zurückſendung der Blicher auf ihre Koſten und Gefahr ſelbſt zu ſorgen. 66. Schadenersatz. Für beſchmutzte zerriſſene, verlorene und defecte Bücher (namentlich bei ſolchen mit Kupfern ꝛc.) muß der Ladenpreis erſetzt werden. — Iſt das zerriſſene, beſchmutzte, ver⸗ lorene oder defecte Buch ein Theil eines größeren Werkes, ſo iſt der Leſer zum Erſatz des Ganſen verpflichtet. 7. Ausleihezeit. Dieſelbe iſt auf 14 Tage feſtgeſetzt und wird beſonvers darauf aufmerkſam gemacht, daß das Weiterverleihen der Bücher nicht ſtattfinden darf, indem Diejenigen, welche die⸗ — zz—— — Mathilde. Erinnerungen einer fungen Frau. Von Eugene Sue. — Ueberſetzt und eingeleitet p von Dr. Scherr. Wit dem Portrait des Pichters. Erſtes bis drittes Bändchen. Stuttgart. Verlag der Frauckh'ſchen Buchhandlung. 1845. Eugene Sue. N Es iſt längſt anerkannt und braucht hier nicht des Breiteren auseinandergeſetzt zu werden, daß uns Neuzeitlichen der Roman das iſt, was den Alten das antike, den Mittelalterlichen das romantiſche Heldengedicht war, diejenige Kunſtform nämlich, welche das Denken und Thun einer Zeit, eines Volkes, „mit allen Gelenken und Gliedern“ wiederzuſpiegeln vermag. So ſchuf däs Alterthum die Jlias, die Odyſſee und die Aenöis, das Mittel⸗ alter die divina Commedia, die Nibelungen, die Gudrun, den Parcifal, Triſtan und Iſolde, etwas ſpäter den Orlando furioso, die Lusiadas und die Gerusalema liberata, gegen welche berühmte Heldengedichte ein neueres Zeitalter die kaum min⸗ der berühmten Romane Don Quixote, Gil Blas, Triſtram Shandy, Nouvelle Heloise, die Waver⸗ leynovellen und den Wilhelm Meiſter einzuſetzen hat. Wir Deutſche müſſen uns indeſſen mit Be⸗ ſchämung geſtehen, daß wir gerade in dieſer Dich⸗ VIII tungsform, welche jetzt weitaus die einflußreichſte und populärſte, hinter andern Nationen zurückge⸗ blieben ſind, was keineswegs unſern Dichtern zu⸗ zumeſſen iſt, ſondern unſerem Mangel an einem ſo reichen und gewaltigen Nationalleben, an einem ſo erhebenden Nationalbewußtſein, wie es engliſchen und franzöſiſchen Romandichtern zur Baſis ihrer romantiſchen Schilderungen dient. Wäre z. B. unſerem Spindler eine ſolche Baſis zu Gebote ge⸗ ſtanden, er würde nicht unter Walter Scott ſtehen, welchen Letzteren unſer Rehfues an Weite und Größe der Weltanſchauung und unſer Tieck an pſychologiſcher Tiefe ohne Frage weit übertrifft. Aber in dem großen Schotten lebte und webte das begeiſternde Gefühl einer weltbeherrſchenden Na⸗ tionalität, wogegen auch auf die genialſten Schö⸗ pfungen Carl Immermanns, Willibald Alexis, Heinrich Königs, A. Sternbergs u. A. das demü⸗ thigende Bewußtſein nationaler Ohnmacht lähmend einwirkte und einwirken mußte. Wie unſerem Gvethe der Ruhm gebührt, durch ſeinen Götz von Berlichingen dem Dichter des Waverley vielleicht die erſte Anregung zu dem modernen hiſtoriſchen Roman gegeben zu haben, ſo gebührt ihm auch der Ruhm, durch ſeine Romane vornehmlich zur dichteriſchen Darſtellung der ſoeialen Conflikte an⸗ geregt zu haben, welche Conflikte ſo recht das Grundthema für die Romandichtung der Gegen⸗ wart abgeben. Alle die Keime des ſocialen Ro⸗ 5 11 mans finden ſich ſchon reichlich bei Gvethe, alle Motive, welche den modernen Dichter beſchüftigen, find in ſeinen Romanen bald flüchtiger, bald ein⸗ läßlicher berührt. Nur zwei Dinge, die jetzt immer bedeutender in das Geiſtesleben eingreifen, die ma⸗ terielle Noth und die religiöſen und konfeſſionellen Fragen und ZBwiſte, lagen mehr abſeits von ſeinem Wege. Eben dieſe religiöſen und konfeſ⸗ ſionellen Fragen und Zwiſte beginnen jetzt, dem idealen Hang des deutſchen Geiſtes gemäß, in dem deutſchen ſocialen Roman eine große Rolle zu ſpie⸗ len, während der ſociale Roman Englands und Frankreichs mehr die materielle Bewegung unſerer Zeit zu ſeinem Vorwurf nimmt, wie es der prak⸗ tiſchen Natur der Engländer und Franzoſen gemäß iſt, welche ſich der ideellen Seite des Daſeins meiſt nur dann zuwenden, wenn dieſelbe vortheilhaft oder auch bedrohlich in die Wirklichkeit eingreift. Wir Deutſche machen es umgekehrt, und wären deßhalb vor lauter Träumen und Phantaſiren ſchon lange total zu Grunde gegangen, wenn uns die Realität nit dann und wann einen derben Rip⸗ penſtoß verſetzte. England und Frankreich haben ſich zwei Schrift⸗ ſteller erzeugt, welche, Jeder in ſeiner Art, die Phaſe, in welche die moderne Romandichtung ge⸗ genwärtig getreten, vollſtändig repräſentiren: Charles Dickens (Boz) und Eugene Sue. Jenen charakte⸗ rifirt vorzüglich der gutmüthige engliſche Humor, vieſeß die heißblutige franzöſiſche Phantaſie. Beide haben ſich in pragmatiſcherer Weiſe, als George Sand, zu Dichtern der geſellſchaftlichen Uebel ge⸗ macht, allein Dickens liebt es, die Nachtſeiten der Geſellſchaft mit den Streiflichtern lachender Laune zu erhellen, während Sue die Fackel ſeiner Phan⸗ taſie nur in dieſe abſchreckenden und gefahtdrohen⸗ den Räume trägt, um dieſelben bis in die fern⸗ ſten, grauſenhafteſten Winkel zu erhellen. Der Engländer und der Franzoſe haben mit einander. gemein eine enorme Fruchtbarkeit, doch überwiegt die des Letzteren noch. Eugene Sue wurde am 10. Dezember 1804 zu Paris geboren. Zwei hiſtyriſch berühmte Per⸗ ſonen hielten ihn über die Taufe, die gute Kaiſe⸗ rin Joſephine nämlich und ihr edler Sohn Eugen Beauharnais. Aus guter Familie ſtammend, wekche ſeit lange her in der Provence begütert war, wurde der junge Sue Erbe eines Namens von mediziniſcher Berühmtheit, denn ſein Urgroßvater Peter, ſein Großvater Joſeph und ſein Vater Jo⸗ hann Joſeph waren Männer von großem Wiſſen und Ruf in der Heilkunſt, welche Wiſſenſchaft ſie mit gediegenen Werken bereicherten. Der Vater unſerers Autors, mit den bedeutendſten ſeiner Zeit⸗ genoſſen befreundet, war nach der Rückkehr der Bourbons zuletzt Arzt des Königs. Es ergab ſich daher ſchon aus der Familientraditivn, daß der junge Sue ebenfalls die mediziniſche Laufbahn ein⸗ ——— — Xl ſchlug. Nach beendigten Studien wurde er als Chirurg dem Generalſtab der 1823 nach Spanien marſchirenden Armee beigegeben, diente während des nämlichen Feldzugs im folgenden Jahre in der gleichen Eigenſchaft im 7ten Artillerieregimente und wohnte der Belagerung von Cadirx, ſowie der Einnahme von Trocaderv und Tarifa bei. In demſel⸗ ben Jahre noch quittirte er den Dienſt in der Armee, um in die Marine zu treten. Als Schiffs⸗ chirurg machte er mehrere Fahrten nach Amerika mit, durchſtreifte Weſtindien, das Mittelmeer und Griechenland und wohnte der berühmten Seeſchlacht bei Navarin im Jahre 1828 bei, welche die Be⸗ freiung Griechenlands von türkiſcher Herrſchaft ent⸗ ſchied. Bei ſeiner Rückkehr nach Frankreich gab er den Dienſt auf, denn es hatte ihn mehr ſein Hang, fremde Länder und Menſchen zu ſehen und kennen zu lernen, als eigentliches Gefallen an der Medizin dazu geführt. Dank ſeinem väterlichen Erbe — ach Gott, ein deutſcher Schriftſteller wird ſelten, äußerſt ſelten ſo gut gebettet — konnte er frei ſeinen Neigungen leben, und ſo gab er ſich neben den Zerſtreuungen von Paris ſeiner Liebe zur Malerei hin, worin ſein Freund Gudin ihn unterrichtete. *) *) Die Leſerinnen duͤrfte es vielleicht intereſſiren, zu erfahren, daß Eugene Sue ein hartnaͤckiger Junggeſell, und wie er logirt iſt. Im vorjährigen Conſtitutionnel Nr. 328 findet ſich hierüber folgende Notiz: XII Damals hatte der Amerikaner Fenimore Coo⸗ per angefangen, durch ſeine Romane „der letzte Mohikan“, „die Prairie“, „der Lootſe“, der „rothe Freibeuter“ u. ſ. f. mit Walter Scott in der Gunſt des Publikums zu wetteifern. Cooper er⸗ reichte ſeinen großen Vorgänger keineswegs, allein die Neuheit ſeiner Stoffe, die Jungfräulichkeit ſei⸗ ner Lokalitäten übte einen unwiderſtehlichen Ein⸗ druck auf die Leſewelt, welche der amerikaniſche Gegenwärtig bewohnt Eugene Sue auf der Hoͤhe der Vorſtadt Sainte⸗Ponors, ein kleines, mit Blumen und Schlingpflanzen gefulltes Haus, mit einem ſchoͤnen, blu⸗ menreichen Garten und einem Quell. Eine lange, mit Werken der Skulptur und mit Pflanzen geſchmückte Ga⸗ lerie fuͤhrt von dem Hauſe zu einer unter einem kuͤnſtli⸗ chen Felſen verborgenen Pforte. Die Wohnung enthalt drei von den Schlingpflanzen etwas verduͤſterte Zimmer mit einem Moͤblement in rother Tapezierung mit golde⸗ nen Naͤgeln und in verſchiedenartigem Geſchmack. Längs der Wände erblickt man reiche Kunſtſchaͤtze von Statuet⸗ ten und Gemaͤlden unſerer erſten Kuͤnſtler, Delacroix, Gudin, Iſabey, Vernet, darunter auch eine Zeichnung von Frau von Lamartine mit Verſen von der Hand ihres beruͤhm⸗ ten Gemahls, ſodann eine Vaſe, die der Koͤnig Sue geſchenkt, und Pferde und Hunde, die er ſelbſt gemalt hat. Er iſt ein großer Thierfreund; im Vorzimmer ſte⸗ hen ausgeſtopft ein Wolf und ein Raubvogel, die er fruͤ⸗ her beſeſſen, im Garten ſpazieren Faſanen über die Raſen. Die ganze Behauſung verbindet ſtille Zuruͤckgezogenheit mit Geſchmack und Luxus und wird von einem alten treuen Diener, der ſeinen Herrn ſeit fuͤnfzehn Jahren nicht verlaſſen, in Ordnung gehalten. — Dichter durch eine lange Reihe raſcher Produktio⸗ nen zu feſſeln wußte. Wie man kurz zuvor dem Verfaſſer des Waverley in die Heiden der ſchot⸗ tiſchen Hochlande gefolgt war, ſo folgte man jetzt Cooper in die Wildniſſe des fernen Weſtens, wo kühne Hinterwäldler mit ſchlauen Rothhäuten kämpften, oder hinaus in die Unermeflichkeit des Oceans, wo Schleichhändler und Piraten ihr mann⸗ haftes, hochpoetiſches Weſen trieben. Da, im Jahre 1830, ſagte eines Tages ein alter Kamerad zu Eugene Sue: „die Cvoper'⸗ ſchen Romane haben das Meer in die Mode ge⸗ bracht, wie wäre es, wenn Du uns Deine Erin⸗ nerungen aus dem Seeleben zum Beſten gäbeſt und den franzöſiſchen Seeroman ſchüfeſt?“ Dieſe Worte waren nicht umſonſt geſprochen, und es ging auch hier, wie es oft im Leben geht. Die zufälligſte, äußerlichſte Veranlaſſung muß uns oft erſt über unſere wahre Beſtimmung aufklären. Sue legte Pinſel und Palette bei Seite, griff zur Feder und ſchrieb das Seeſtück: Kernock, der Pirat. Der Erfolg dieſes Buches ermunterte zu wei⸗ teren Schilderungen dieſer Art und ſo veröffent⸗ lichte unſer Autor die weiteren Seeromane: Plick und Plock, Atar⸗Gull, der Salamander, der Wartthurm von Kvatwen. Sie erregten bedeutendes Aufſehen. Es waren dieß wirklich ächte und gerechte franzöſiſche Mari⸗ xIW nen, zwar auf Anregung der Cooperſchen entſtan⸗ den, allein weit entfernt von hohler Nachäfferei. Man mußte anerkennen, daß man es hier mit ei⸗ nem ſelbſtſtändigen, großen ſchriftſtelleriſchen Ta⸗ lent zu thun habe. Mit glühendſter Farbenpracht und wahrhaft erotiſcher Phantaſie ſind dieſe See⸗ malereien hingeworfen, die Wunder der Tropen⸗ welt thun ſich vor uns auf und neben den Schlün⸗ den des wuthempörten Oceans klaffen die Abgründe des menſchlichen Herzens. Erſchütterndes Grauſen iſt die Sphäre, in welcher ſich Sue während ſei⸗ ner erſten Schriftſtellerperiode mit einer Vorliebe bewegte, welche uns kein Entſetzen, kein Grauen erſpart. Die Hölle, repräſentirt durch eine Reihe ebenſo impoſanter, als wilder und konſequenter Charaktere, feiert in dieſen Schilderungen einen blutdürſtigen, gräßlichen Triumph über die Mächte des Himmels. Die Tugend unterliegt, unterliegt gehöhnt und verzweifelnd, das Laſter ſiegt, der Edle geht zu Grunde, im Tode noch von dem triumphirenden Verbrecher verſpottet. Selbſt die furchtbarſten Schilderungen aus Dante's Inferno reichen nicht an jene hölliſchen Schiffbruchsſcenen in Sue's „Salamander.“ Man liest alle dieſe Bücher mit unermattender Spannung, aber man legt ſie nach vollendeter Lektüre mit einem unüber⸗ windlichen Gefühl des Unbehagens bei Seite. Das verſöhnende Licht fehlt ganz, die troſtloſe Nacht der Sünde und des Elends ſchlägt finnverwirrend XV. über uns zuſammen. Man begreift nicht, warum ſolche glänzende Schätze der Phantaſie aufgewendet wurden, um uns nur Gräuel zu zeigen. Von Anfang an wurden dieſe Sue'ſchen Werke von der moraliſirenden Kritik verurtheilt und man vergaß, daß nicht einmal der Maßſtab der Kunſt, geſchweige denn der der Moral an dieſelben zu le⸗ gen ſei. Der einzige richtige Maßſtab iſt hier der des Lebens. Bietet daſſelbe wirklich ſolche Abnor⸗ mitäten dar, wie die Sue'ſchen Seeromane vor⸗ zugsweiſe ſchildern, ſo kann man dem Schriftſteller das Recht, ſie darzuſtellen, wohl beſtreiten, aber nicht entziehen. Das Böſe iſt einmal als Moment in der ſittlichen Weltordnung anerkannt, wie kann man alſo vernünftigerweiſe fordern, daſſelbe zu vertuſchen? Die Menſchen und vollends die Poeten ſind gar wunderliche Käuze; der Eine liebt den milden Frühlingstag, der Andere den gewitterdro⸗ henden Sommerabend, der Dritte die wuthempörte Herbſtnacht, der Eine ſieht Alles licht, der Andere Alles ſchwarz, der Eine lauter Engel, der Andere lauter Teufel. Und ſonderbar, gerade die Nacht⸗ ſeite des Lebens iſt es, welche eine dämoniſche An⸗ ziehungskraft auf den Dichter übt. Die Nacht iſt poetiſcher als der Tag. Indeſſen fühlte Sue, daß ſich mit den Nacht⸗ ſtücken ſeiner erſten Periode keine dauernde Wir⸗ kung erreichen laſſe. Man nahm ſie wie blendende Phantasmagorien, ſie erpreßten einen Ruf der xV1 Bewunderung, der Angſt, des Schreckens und gingen vorüber, verſchwanden in dem Meer der Tagesliteratur. Wohl mochte den Autor dabei die unbeſtimmte Ahnung ſeiner ſpäteren Beſtim⸗ mung, Sittenmaler ſeiner Zeit zu ſein, geleitet haben, allein dieſe Ahnung äußerte ſich noch blind zutappend, überwuchert von einer da und dort entzückenden, meiſt aber Entſetzen erregenden Phantaſie. Unſer Autor ſah ſich alſo nach ſolideren Grund⸗ lagen ſeiner ſchriftſtelleriſchen Thätigkeit um und zu einer ſolchen Grundlage wurden ihm hiſtoriſche Studien, deren Früchte zunächſt eine Geſchichte der franzöſiſchen Marine unter Ludwig KIV., ſowie eine Geſchichte der Kriegsmarine al⸗ ler Nationen waren. Dieſe Arbeiten lenkten auch ſeine dichteriſche Feder auf das geſchichtlich e Gebiet und ſo ſchrieb er die hiſtoriſchen Romane: 4 Latreaumont, die Fanatikerin den Ceven⸗ nen, der Vicomte Letorieres, der Com⸗ thur von Malta, der Oberſt von Sür⸗ ville, Abenteuer des Herkules Kühn, Kardiki. 3 In keinem dieſer Werke verläugnet ſich die er⸗ findungsreiche, farbenſatte Darſtellungsgabe Sue's und jene, ich möchte ſagen, praktiſche Einbildungs⸗ kraft, jenes wahre Ortskolorit, welches in Deutſch⸗ land ſo ſelten ſich findet, denn wie kann man uns von Jugend auf hinter die Bücher, hinter den 5 xvI Ofen, hinter die Akten gebannten Binnenſeelen zu⸗ muthen, fremde Länder und Sitten ſo zu ſchildern, wie es ein Menſch zu thun im Stande iſt, der die halbe Welt durchzogen? Sue's Veranſchaulichungs⸗ fähigkeit iſt außerordentlich; man ſieht deutlich, daß das Auge ſeiner Phantaſie durch den Blick der Erfahrung gllenthalben unterſtützt wird. Der beſte unter den zuletzt genannten Romanen möchte La⸗ treaumont ſein, deſſen hiſtoriſchen Rahmen der glänzende Hof des deſpotiſchen vierzehnten Ludwigs abgibt. 5 Im Ganzen muß geſagt werden, daß Sue's Weſen dem hiſtoriſchen Roman widerſtrebt. Sein dichteriſches Naturel iſt viel zu unruhig, zu unge⸗ zähmt für die hiſtoriſche Combination. Im Ein⸗ zelnen hat er aber auch hier Meiſterhaftes gelei⸗ ſtet; ich erinnere nur an die prächtigen Tableaur im Latreaumont, an die Scenerie in den Fanati⸗ kern und im Comthur von Malta, ſowie an die treffliche Charakteriſtik des berüchtigten Ali Paſcha von Janina in Kardiki. Nun that Sue einen entſcheidenden Schritt orwärts zu ſeinem Ziel, zur Sittenſchilderei der modernen Geſellſchaft, indem er die Romane Ar⸗ thur, Mathilde, die Coucaratcha, The⸗ reſe Dunoyer und Paola Monti ſchrieb. In dieſen Dichtungen ſteht der gereifte Schrift⸗ ſteller vor uns, deſſen ſcharfer Blick die ſocialen Schäden erfaßt und das Geſchaute mit unerbitt⸗ Mathilde. 1. 2 xVIII licher Feder darſtellt, immer erfindungsreich an Motiven und Handlung und Charakteren. Die beden⸗ tendſten dieſer Bücher ſind „Arthur, Denkwürdigkei⸗ ten eines jungen Mannes“ und Mathilde, „Denkwür⸗ digkeiten einer jungen Frau.“ Hier hat der Dichter bereits den unterminirten Boden betreten, auf wel⸗ chem das geſellſchaftliche Gebäude der Gegenwart ſteht, hier brechen ſchon einzelne Flammen des Vulkans drohend hervor, in deſſen Tiefen uns ein eben ſo überraſchender als erſchreckender Blick er⸗ öffnet wird. In Arthur und Mathilde zeigt aber Sue außerdem noch einen großen, künſtleriſchen Fortſchritt, die bizarren, gräßlichen Auswüchſe ſei⸗ ner Phantaſie ſind hier abgethan oder ordnen ſich wenigſtens einem feinen, pſychologiſchen Takt unter, es waltet mehr Ruhe und Gleichmäßigkeit in Handlung und Diktivn und beſonders muß „Ma⸗ thilde“ unbedenklich als derjenige Sue'ſche Roman bezeichnet werden, welcher am beſonnenſten ange⸗ legt, am konſequenteſten durchgeführt und am ſorg⸗ fültigſten vollendet iſt. Wenn irgend eine Dich⸗ tung von Sue, ſo darf dieſe ein Kunſtwerk genannt werden. Ein Kunſtwerk ſind nun freilich die weltbe⸗ rühmten „Myſterien von Paris,“ welche der Ma⸗ thilde folgten, nicht. An Kunſtwerth iſt ihnen z. B. der Roman „Diane“ von unſerm Sternberg, ein bei Weitem nicht genug gekanntes Buch, wel⸗ ches, vor dem Sueſchen geſchrieben, guch den Ti⸗ xIx 6 tel „Myſterten von Berlin“ führen könnte, ohne Frage vorzuziehen. Die Grundbedingung eines Kunſtwerks iſt Harmonie, die „ Geheimniſſe von Paris“ aber ſind eine Diſſonanz, eine ſchneidende, himmelſchreiende Diſſonanz. Und das gerade macht ihre Bedeutſamkeit aus. Erklären wir uns hierüber etwas näher. Die Zeit, in welcher die Poeſie, die Literatur wie eine romantiſche Innung mehr außer⸗, als innerhalb der Geſellſchaft ſtand, iſt vorüber und die Zeit, in welcher ſie in ruhiger Objektivität mitten aus der Geſellſchaft heraus künſtleriſch pro⸗ duciren könnte, noch nicht gekommen. Der mo⸗ derne Dichter lebt alſo in und mit der Bewegung des Tages und muß, wenn er wirklich ein echter moderner Dichter ſein will, für oder wider Partei nehmen. Ja, das muß er. Das Nachäffen und Wiederkäuen vergangener Literaturperioden iſt vom Uebel und muß nothwendig in eine Spielerei aus⸗ arten, welche mit dem Ernſte der Zeit in einem zu ſchroffen Gegenſatz ſteht, um nicht von milderen Gemüthern belächelt, von entſchiedeneren verachtet oder bekämpft zu werden. So iſt z. B. der dra⸗ matiſche Larifari, welcher unter der Leitung eines Dichters, der ſo viel verſprach und ſo wenig hielt, dermalen in Sandjeruſalem getrieben wird, ebenſo abgeſchmackt als verlogen. Die Männer der Ge⸗ genwart haben wahrhaftig Anderes zu thun, als den Sprüngen eines „geſtiefelten Katers“ zuzuſe⸗ 7 hen oder den affektirten Kindereien „ Rothkäpp⸗ chens“ zuzuhören. Und dann die freiheitathmen⸗ den Tragödien des Sophokles in Potsdam? Gewiß, vas gehört auch zu den tollen Contraſten unſerer Tage und konnte nur einem deutſchen Hofrath ein⸗ fallen, der ſich nie und nimmer um das Wohl und Weh ſeines Volkes bekümmerte und von einem hyſteriſchen Theezirkel auf eine unnatürliche Höhe hinaufgeweihräuchert wurde, von welcher herab er Alles, was außerhalb der beſchränkteſten Kunſt⸗ ſphäre lag, mit nonchelanter Jronie beſpötteln zu vürfen glaubte. Doch, ich kam von meinem Terte ab. Ich wollte nur ſagen, daß der moderne Schriftſteller eine andere und wohl ſchwerere Auf⸗ gabe hat, als die, unſern Herrgott einen guten Mann ſein zu laſſen, in ſtrenger Abſonderung von des Lebens Wirklichkeiten dem Ideal zu hul⸗ vigen und die vornehme Zurückgezogenheit ſeiner Studierſtube höchſtens dann hind wann mit einem Spaziergang in dem Zauberwald der Romantik zu vertauſchen. Die Muſe der Gegenwart flüchtet nicht mehr ſcheu aus dem Menſchengewühl, ſie lebt im Gegentheil mitten unter demſelben Sie iſt kein zimperliches Ritterfräulein mehr, die ſich auf dem Altan ihrer Burg von irgend einem ſüßlichen Troubadvur ein Minnelied vorleiern läßt, während vrunten im Thal ein unglücklicher Leibeigener, auf den Rückgrat eines Hirſches gefeſſelt, wegen Wild⸗ frevels von ihres Herrn Vaters Hunden zu Tode ERI gehetzt wird; ſie iſt herabgeſtiegen von der Höhe der Ausſchließlichkeit in das offene Land der rein menſchlichen Geſinnung; ſie wandelt händedrückend unter dem Volke, ſie freut ſich mit ihm, duldet, leidet, weint, zürnt, arbeitet mit ihm. Ihr Lo⸗ ſungswort iſt Gerechtigkeit. Und eben darum, weil ſie inmitten der Kämpfe und des Jammers unſe⸗ rer Tage ſteht, kann ſie unmöglich Muße finden zu beſchaulichem Künſtlerſtreben, zu Schöpfungen von künſtleriſcher Harmonie. Unſere Zeit iſt eine Diſſonanz, deren Auflöſung noch weitab liegen kann, und ſo müſſen auch die Verkündigungen der Zeitmuſe nothwendigerweiſe Diſſonanzen ſein, welche in künſtleriſchen Einklang aufzulöſen einer glückli⸗ cheren Zukunft vorbehalten werden muß. Aus dieſem Geſichtspunkte betrachtet, erklärt ſich der ungeheure Erfolg der „Myſterien von Pa⸗ ris“ von ſelbſt. Sie ſind, was auch die breiweiche Sentimentalität und die hölzerne, unfruchtbare Ka⸗ thedermoral dagegen vorbringen mag, ein Spiegel unſerer Zeit und es gehörte Genie und Muth da⸗ zu, ihr denſelben vorzuhalten. Ja, die Geſellſchaft iſt verdorben bis in's Mark und geht unaufhaltſam ihrem Ruin, aber auch ihrer Wiedergeburt entge⸗ gen. Mit vornehmem Ignoriren oder heuchleri⸗ ſchem Läugnen lockt man keinen Hund mehr vom Ofen. Euer moralifirendes, tugendhaftes Achſel⸗ zucken beſſert die Entwürdigung der untern Klaſſen um kein Haar. Wie unter dieſen die Brütalität des Verbrechens, ſo graſſirt unter euch das Raf⸗ finement des Laſters. Ihr habt durch jahrhun⸗ dertlange Verſtockung gegen das Geſetz der ewigen Gerechtigkeit das Proletariat geſchaffen und das Geſpenſt des Pauperismus heraufbeſchworen — nun ſeht zu, wie ihr mit demſelben fertig werdet. Ihr habt das Geld zum alleinigen Gott gemacht, ſeht zu, daß ihr nicht alleſammt dem glühenden Moloch zum Opfer fallet. Ihr habt von Liebe geſprochen und Haß geübt, ſein Stachel wird ſich gegen euch kehren. Ob es noch Zeit ſei, das Un⸗ abwendliche wenigſtens zu mildern, wer mag es wiſſen? Als echter und gerechter Franzoſe hat Sue in ſeinen „Geheimniſſen von Paris“ die praktiſchen, unmittelbar auf der Materie fußenden Zeitfragen zu Hebeln ſeiner romantiſchen Schilderungen ge⸗ macht, anders in ſeinem neueſten, derzeit noch un⸗ vollendeten Werke, im „ewigen Juden.“ Ich muß hier mein obiges Wort wiederholen, daß die prak⸗ tiſche Natur der Engländer und Franzoſen der ideellen Seite des Lebens meiſt nur dann ſich zu⸗ kehrt, wenn dieſelbe vortheilhaft oder bedrohlich in die Wirklichkeit eingreift. Als ein ſolches Ein⸗ greifen, und zwar als ein bedrohliches, erſchien un⸗ ſerm Autor das in neueſter Zeit in regſter Thätigkeit wieder erwachte Treiben der Jeſuiten, und dieſes Treiben nach dem umfaſſendſten Maßſtab und bis ins Speziellſte hinein zu charakteriſiren, machte ſich ———— XxIi Sue ſofort in ſeinem „ewigen Juden“ zur Auf⸗ gabe. Ich bin meines Theils kein Jeſuitenriecher, ich halte die Furcht vor dem Jeſuitenorden, als ſolchem, vielfach übertrieben, während ich ſie mehr auf unſere zahlloſen Jeſuiten in Staat und Kirche hingelenkt wiſſen möchte, welche das Ordensgelübde nicht abgelegt haben, aber deſſen ungeachtet muß mir, wie jedem rechtlichen Menſchen, Sue's Unter⸗ nehmen als ein ſehr verdienſtliches erſcheinen. Schon die Wuth aller Dunkelmänner über daſſelbe, die Exploſionen des pfäffiſchen Grimms von den Kan⸗ zeln herab bürgen dafür, und gewiß hätte der pfiffige Loyolait, der die Jultrevolution ſo — haſt nicht geſehen? — in ſeine bodenloſe Taſche zu es⸗ comotiren wußte, trotz ſeines Geizes viel darum gegeben, wenn der „ewige Jude,“ wie es Anfangs den Anſchein hatte, wirklich Fiasco gemacht hätte. Das kam aber anders. In Hunderttauſenden von Eremplaren verbreitet, in alle Sprachen überſetzt, iſt Sue's neueſtes Werk im Stande, allgemeiner und erfolgreicher gegen die Jeſuiterei zu wirken, als alle möglichen proteſtantiſchen Angſtpredigten, Abhandlungen und Guſtav⸗Adolfs⸗Vereine oben⸗ drein. Der unerſchöpfliche, hinreißende Zauber der Phantaſie unſeres Autors und ſeine außerordent⸗ lich ſpannende Darſtellungsgabe, vermöge welcher er ſeine Stoffe ſo draſtiſch zu geſtalten vermag, muß ihm die von ihm erſchwungene, unerhörte Wirk⸗ ſamkeit auch für die Zukunft ſichern, und ſchon XxiV dieſe unerhörte Wirkſamkeit macht ihn, der von Andern llerdings an epiſcher Ruhe, pſychologi⸗ ſcher Feinheit, plaſtiſcher Charakteriſtik und har⸗ moniſcher Abrundung übertroffen werden mag, zu einem der bedeutendſten Romandichter aller Zeiten. Daß ſeine Dichtungen nur Krankheitsbülletins der europäiſchen Menſchheit ſind und ſein können, iſt nicht ſeine Schuld. Stuttgart, den 1. März 1845. Scherr. Mathilde. Erinnerungen einer jungen Frau. Einleitung. Erſtes Rapitel. Das Kaffeehaus Leboeuf. Gegen das Ende des Monats Dezember 1838 ſah man (und man ſieht es wahrſcheinlich noch) in der Straße St. Louis im Marais ein beſcheidenes Kaffee⸗ haus, genannt das Kaffeehaus Leboeuf, dem al⸗ ten Hotel Orbeſſon gegenüber, deſſen geräumige und traurige Räume, nachdem ſie mehrere Generätionen hindurch von einer Familie des Civilſtandes bewohnt worden, nun zu vermiethen waren. Der letzte Eigenthümer des Hotels, der Präſident Orbeſſon, ſtarb wenige Monate nach der Reſtauration. Im Monat Oktober 1838 verſchwand die Aus⸗ hängetafel. Ein alter Thürſteher, die Wache des Ho⸗ tels, verließ es, und ein Miethsmann nahm Beſitz von dieſem düſtern Gebäude, das aus zwei Stockwerken, einem Hofraum und Garten beſtand. Das große wurmſtichige Thor, das auf die Straße führte, war uuf beiden Seiten von zwei Nebenflügeln umgeben, die als Küche, Speiſekammer und Geſindeſtuben dienten. 28 Obwohl nun das Hotel Orbeſſon bewohni war, ſchien es doch eben ſo öde, eben ſo einſam, als vorher. Dichtes Gras wucherte noch immer auf der Schwelle der großen Pforte, die ſich ſeit der Ankunft des letzten Miethsmannes, eines Obriſt Ulrich, noch nie geöffnet hatte. In den volkreichen und eleganten Stadtvierteln von Paris iſt man, ſo zu ſagen, vor der Schmähſucht, Verläumdung und Neugierde ſeiner Nachbarn geſichert. Ein Jeder iſt dort mit ſeinen Arbeiten oder ſeinen Vergnügungen zu ſehr beſchäftigt, um ſeine Zeit mit dieſen fabelhaften Geſchichten, dieſem boshaften und unermüdlichen Spioniren, das zu den Herrlichkeiten der FProvinz gehört, verlieren zu können. Dem iſt nun freilich in gewiſſen abgelegen Quar⸗ tieren nicht ſo, denn dieſe gnb im Allgemeinen von kleinen Kapitaliſten und ehemaligen Angeſtellten bevölkert, welches lauter ungeheuer müßige und leidenſchaftlich neugierige Leute ſind, die da vollauf zu thun haben, ihr gebieteriſches Bedürfniß, zu wiſſen, was auf der Straße oder bei den Nachbarn vorgeht, zu befriedigen. Dieſe ehrlichen Bürger, die ſich's ſo angelegen ſein laſſen, ihre Einbildungskraft zu üben, fordern, zu ihrem Lobe ſei's geſagt, keine beſonders wichtigen That⸗ ſachen, um ſie nach ihrem Dichtertalent ausmalen und ausſchneiden zu können. Der geringſte Umſtand genügt ihnen, die fürchterlichſten Geſchichten aufzuſtellen, an welchen ſie mehrere Monate glücklich und zufrieden zu leben haben. ber wenn die Perſon, die ſie ausſpioniren, ihnen hartnäckig nicht einmal den Vorwand zu einer Fabel leiht, wenn ſie ſich mit einem undurchdringlichen Ge⸗ heimniß umgibt, ſo ſteigert ſich die ungeſtillte und un⸗ bezähmbare Neugierde der Müßigen bis zur Wuth. Und um dieſe ihre Lieblingsneigung zu befriedigen, wagen ſie dann das Aeußerſte. Während eines dreimonatlichen Aufenthalis 3 3 29 Marais war es dem Obriſt Ulrich ſchon gelungen, dieſe Art raſender Neugierde bei ſeinen Nachbarn zu erregen, welche bereits Alle Kunden des Kaffeehau⸗ ſes Leboeuf waren, das, wie wir bereis geſagt, dem Palaſt Orbeſſon gegenüberlag. Nichts ſchien ſorderbarer als das Leben des Obri⸗ ſten; ſeine Fenſter waren immer geſchloſſen, niemals ging er aus, es hätte denn, ohne Zweifel, ganz ge⸗ heimnißvoll durch eine kleine Gartenthüre geſchehen müſſen, die in ein abgelegenes Gäßchen führte. Ein großer, mürriſch ausſehender Mann ſchien ſein Bedien⸗ ter zu ſein. Jeden Morgen empfing ein kleines Dienſtpförtchen einen Korb mit Vorräthen, die ein Speiſewirth der Umgegend zu liefern beauftragt war, dann ſchloß es ſich alſobald wieder. 66 2 Auf die Ausbeute dieſes einzigen Umſtandes be⸗ ſchränkt, machten ſich nun die Neugierigen an den Lieferanten und ſuchten durch die Beſichtigung der Vorräthe, die man ihm brachte, auf die Sitten und den Charakter des Obriſt zu ſchließen. Trotz ihrem erfinderiſchen Geiſte konnten aber die Kunden des Kaffeehauſes Lebveuf keine richtige Schluß⸗ folge aus dieſen gemachten Erkundigungen ziehen. Der Obriſt ſchien ſich mit ſehr einfacher und mä⸗ ßiger Koſt zu ernähren. Und doch gaben mehrere Leute voll Einbildungskraft zu verſtehen, daß er das Ge⸗ flügel, das man ihm brachte, auch roh eſſen könne. Dieſen Bemerkungen, die des Gehalts nicht zu erman⸗ geln ſchienen, gab man aber, für den Augenblick wenig⸗ ſeens, keine Folge. Die letzte und wichtigſte Bemerkung aber war, aß der Briefträger noch keinen einzigen Brief ins Hotel Orbeſſon gebracht hatte. Seit drei My laten hatte Niemand die Schwelle dieſer Wohnung über⸗ ſchritten. Es läßt ſich denken, daß mancherlei Liſt angewandt wurde, dem Diener des Obriſt einige 5 Worte abzugewinnen, oder einen Blick in das In⸗ nere des Hotels werfen zu können. Alle dieſe Bemühungen waren vergeblich. Die Nachbarn, zu einer verdoppelten und verſchärften Beobachtung, zu einem immerwährenden Auflauern hingeriſſen, machten das Kaffeehaus Lebveuf zum Mittelpunkt ihrer Ope⸗ rationen. An der Spitze dieſer Neugierigen befanden ſich die beiden Brüder Godet, zwei Hageſtolze und Ex⸗Ange⸗ ſtellte bei der Lotterie. Seit der Ankunft des Obriſt im Hotel Orbeſſon hatten dieſe beiden alten Knaben eine Beſchäftigung oder einen Endzweck für ihr bis dahin ziemlich farbloſes Leben gefunden. Begierig und erpicht, zu entdecken, wer der geheimnißvolle Uünbekannte i, bildeten ſie jeden Tag neue Pläne, machten ſie ue Verſuche, das lebendige Räthſel zu entziffern, das e halb verdrüßlich machte. Die Wittwe Lebveuf, Wirthin des Kaffechau⸗ ſes, diente den beiden Brüdern als Hülfsmittel. Abgeſondert hinter den Kirſchwaſſergläſern und den Geldrollen, die ihren Zahltiſch zierten, hatte ſie ihre großen Augen immerwährend auf die Thüren des Ho⸗ tels geheftet. Wenn man über die Beharrlichkeit, eine Einöde auszuſpivniren, erſtaunen könnte, ſo würde man ver⸗ geſſen, daß ſogar die Eitelkeit des Spionirſyſtems unſerer Müßigen ein mächtiger Magnet für ihre Neu⸗ gierde ſein mußte. Sie hofften jeden Tag irgend einen wichtigen Punkt enthüllen zu können. Es war, wie ſchon geſagt, zu Ende des Monats Dezember. An der Wanduhr des Kaffeehauſes hatte es ſo eben zwölf geſchlagen, und Frau Lebveuf, mit der Naſe an den Fenſterſcheiben, theilte ihre Aufmerkſgmkeit zwi⸗ ſchen dem in großen Flocken fallenden Schnee und der Thüre des Hotel Orbeſſon. Die Wittwe war erſtaunt, die beiden Brüder Godel, 3 31 ihre getreuen Kunden, heute noch nicht geſehen zu haben, da ſie ſonſt regelmäßig bei ihr frühſtückten. Endlich ſah ſie dieſelben am Fenſter vorbeigehen; gleich hernach traten ſie ein und entledigten ſich ihrer ſchneebedeckten Mäntel. „Guter Gott! mein älterer Herr Godet, was haben Sie denn an der Stirne?“ rief die Wittwe, als ſie den Verband ſah, der um den Kopf ihres Kunden geſchlagen war. Der ältere Herr Godet war ein großer, kahlköpfi⸗ ger Mann, mit ſtarker Geſichtsfarbe, einem vorragenden Bauche und einer ernſten, bezeichnenden, wohl etwas wichtigthuenden Phoſiognomie. Er hob ein wenig die ſchwarzſeidene Binde, die ſein linkes Aug bedeckte, und antwortete mit entrüſteter Miene und einer tiefen Tenorſtimme, die dem Vorſinger einer Kathedale Ehre gemacht haben würde: „Das kommt von dieſem Teu⸗ felskerl, dem Robin des Bois.“ (Mit dieſer ſinnreichen Benennung hatten nämlich die Neugierigen des Kaffeehauſes Lebveuf den Bewoh⸗ ner des Hotel Orbeſſon beehrt.) „Das kommt von den Manieren dieſes Teufels⸗ kerls, des Robin des Bois,“ wiederholte der jün⸗ gere Herr Godet, der ein eigentliches Echo ſeines Bru⸗ ders war. „Guter Gott im Himmel! ſo erzählen Sie mir doch geſchwind, wie ſich das zugetragen hat,“ rief Ma⸗ dame Lebveuf vor Ungeduld zitternd. „Ganz einfach, meine liebe Frau Lebveuf,“ ſagte der Er⸗Angeſtellte. „Man muß einmal in's Reine kommen mit dieſem Abenteurer, dieſem Vagabunden, dieſem Schwärmer, der in ſeiner Höhle hockt, wie ein wildes Thier. (Und wenn ich ihn ein wildes Thier nenne, ſo ſchmähe ich weder ſeine Ehre noch ſeine Mo⸗ ralität, ſondern ich ſtelle die einfache Frage auf: Wenn er nichts Böſes thut, oder noch nie gethan hat, warum ——— —— — praucht er ſich denn zu verbergen wie ein wildes Thier ²)“ Nach dieſer triumphirenden Einſchaltung ſchob der ältere Herr Godet die Binde neuerdings vom linken Auge weg. „Allerdings, warum ſollte er ſich verbergen?“ wie⸗ derholten die aufmerkſamen Kunden. „Da haben wir aber unſre ſchöne Regierung,“ verſetzte Herr Godet mit Bitterkeit, „ſie weiß die Verſchwörer zu finden, zu umzingeln und feſtzunehmen, aber wenn es ſich um das Heil, um die Ruhe fried⸗ licher Bürger handelt, da, gehorſamer Diener, meine Herren! da gibt es nicht mehr Gerichtsdiener und Polizeibeamte, als unter den Wilden.“ — „Als unter den Wilden,“ wiederholte der jüngere Herr Godet. — „Bei den gefährlichen Umſtänden, in welchen wir uns befanden, und ganz meiner eigenen Kraft über⸗ laſſen, meine arme Frau Leboeuf,“ nahm der ältere Herr Godet wieder das Wort, „was habe ich gethan? was ſollte ich thun? Hören Sie, ich ſagte zu mir ſelbſt Godet, Du biſt ein braver, rechtſchaffener Mann, Du haſt eine Pflicht zu erfüllen, eine große Pflicht! thue, was ſie Dir gebietet, und entſtehe daraus, was da wolle, Godet... In Deiner Nachbarſchaft lebt ein Vagabund, ein Abenteurer, ein Schwärmer, der, An⸗ einer ganzen Gaſſe, eines ganzen Quartiers, i ch unverſchämter Weiſe ſeit Wochen, ſeit Monaten, verborgen halten darf, ohne daß die Regierung ein⸗ ſchreitet, um dieſem öffentlichen Skandal ein Ziel zu ſetzen!!!“ „Und wahr iſts, daß es ein Skandal iſt,“ ſagte die Frau Leboeuf; „s iſt unmöglich zu wiſſen, was ſolche Nachbarn thun, die ſich nie zeigen. Da iſt man ja wohl genöthigt, ihnen Uebles nachzureden!“ — „Es iſt ein abſcheuliches Skandal,“ erwiderte der ältere Herr Godet; vich ſage es nicht nur, ich beweiſe —ie —— ——— Mathilde 1. 33 es auch, es iſt augenſcheinlich, es iſt handgreiflich, daß er gemein von ſeinen Mitbürgern denkt, indem er ſich hartnäckig ihrem ſtrengen, jedoch richtigen Urtheil ent⸗ zieht. Aber der Menſch denkt, Gott lenkt . . .“ Frau Lebveuf faßte das Wohlgeeignete dieſes phi⸗ loſophiſchen Spruches nicht auf, ſie rief, ungeduldig den Thatbeſtand zu vernehmen: „das iſt Alles wahr, Herr Godet, aber aus welchem Grunde haben Sie denn dieſe Binde vor dem Auge?“ „Das ſollen Sie gleich hören, meine liebe Frau Leboeuf. Geſtern rief ich meinen Bruder, meinen wür⸗ digen Bruder, und ſagte zu ihm: Dieudonne, *) dieſer unerträgliche Mißbrauch muß einmal ſein Ende neh⸗ men; wir muſſen, und ſollte es uns das Leben koſten, wir müſſen wiſſen, wer dieſer Abenteurer iſt. Ich verhehle Dir nicht, mein Bruder, ſagte ich zu Dieu⸗ donne, daß von dieſer Frage meine Gefundheit abhängt. Seit den drei Monaten, die dieſer Urbertäufe in unſerm Quartier verlebt, ſuche ich vergeblich zu wiſſen, wer er iſt und was er thut, ich vemag es nicht länger aus⸗ zuhalten, die Ungeduld verzehrt michz ich habe gräuliche Träume, ein abſcheuliches Alpprücken. Ich denke nur an dieſen geheimnißvollen Unbekannten, der meine phyſiſchen Verrichtungen bis zu ſolchem Punkte ſtört und aufregt. Ja, meine arme Frau Lebveuf, es iſt gewiß, wie ich die Ehre habe, es Ihnen anzuvertrauen, meine phyſi⸗ ſchen Verrichtnngen werden geſtört und höchlich aufgeregt. Deßhalb ſprach ich auch bei mir ſelbſt: Godet, Du wirſt doch nicht Dein eigener Schlächter ſein, und Dir zum Vergnügen dieſes Abenteurers ein Grab öffneu! Dieſes Geheimniß beunruhigt Dich über alle Maßen, Godet, wohlan denn! enthülle dies Geheimniß, und Du wirſt würdig ſein, Deine Ruhe wieder zu erhalten, die dieſer Vagabund ſo boshaft geſtört hat. Geſagt, 2 Dieudonne, von Gott gegeben, Gottesgabe. Ueb. zethan, meine liebe Frau Leboeuf. Geſtern, bei An⸗ ruch der Nacht, entlehne ich von unſerm Nachbar, dem Müller, eine Leiter; mit Dieudonne gehe ich über die Straße; wir gelangen in das Nebengäßchen, wo die kleine Gartenthüre des Nobin des Bvis iſt; ich lehne die Leiter an die Mauer, ich ſteige hinauf; es F war noch hell genug, um in den Garten und in das Innere des Hauſes ſehen zu können. „Und nun““ rief Frau Leboeuf. „Und nun, Madame, im Augenblick, wo ich den Kopf vorſchiebe, um über die Mauer ſehen zu können, knallt ein Flintenſchuß. . . . „Herrgott im Himmel! ein Flintenſchuß!“ rief die Wittwe. „Ein wirklicher Flintenſchuß, Madame, ein wirk⸗ liches Attentat auf mein eigenes Leben; mein Hut füllt ab, ich fühle mich an der Stirne und am Auge wie von tauſend Nadelſpitzen getroffen, und ich höre die „ Stimme (die ich unter tauſendeu wieder erkennen würde), ich höre die Stimme des Janitſcharen, des Gehülfen dieſes Ahenteurers, der mit wildem und ſpöt⸗ telndem Tone mir zurief: Ein andermal wird ſtatt Pulverſtaub grobes Blei kommen; ein andermal wird man ſtatt auf den Hut auf das Geſicht zielen. . . . Nun ſehen Sie, meine arme Frau Lebveuf, wo ran wir mit unſrer Regierung ſind. Sie ſehen, daß friedliche Bürger auf den Mauern... auf den höchſten Mauern niedergemetzelt werden!!“ „Das iſt ja aber ein Mordanfall!“ ſchrieen die Kunden alle. „Ach! welch' Ungeheuer von einem Menſchen!“ ſagte Frau Lebveuf, „man muß zum Commiſſarius gehen man muß Zeugen herſchaffen.“ „Das iſt's gerade, was ich zu mir ſagte, zu mi ſelbſt, als' ich ſchleunig die Leiter hinabſtieg, mein liebe Dame Leboeuf; ja .ich ſagte zu mir. Godet, Du mußt guf der Stelle Klage beim Ma — ſtrat einlegen. Aber Sie werden ſehen, welche Re⸗ gierung wir haben. Ich trat eine Viertelſtunde nach⸗ her beim Kommiſſär ein, als man ſo eben ſeine Laterne anzündete ſeine Laterne! Ein ſpöttelndes Sinnbild, wenn es die Scharfſichtigkeit des Beamten bedeuten „ ſollte. Ich brachte die beweisleiſtenden Gegenſtände mit, meinen durchlöcherten Hut und meine ganz blaue Stirne. . . .. „Und nun?“ „Und nun, Frau Lebveuf, ſagte mir der Kommiſſär, ja, er hat die Unverſchämtheit gehabt, mir zu ſagen, daß ich nur erhalten, was ich verdiente, daß, ohne die Achtung, die ich ſeit zweiundzwanzig Jahren und eini⸗ gen Monaten in unſerm Quartier genieße, er gezwun⸗ gen wäre, mich, als ſtrafbar des Einbruchs in ein bewohntes Haus, gerichtlich zu belangen.“ „Wie gräßlich!“ ſchrie Frau Lebveuf. „ „So kann denn,“ fuhr der ältere Herr Godet mit bitterer Jronie und ciceroniſchem Nachdruck fort, „ſo kann denn ein Abenteurer hieherkommen und auf un⸗ verſchämte Weiſe die öffentliche Neugierde erregen, in⸗ dem er ſich jedem Blicke entzieht, und ein ehrlicher, in gutem Ruf ſtehender Bürger ſoll erſchoſſen werden, ungeſtraft erſchoſſen werden, weil er verſucht hat, ſich aus dieſem Zuſtand der Qual, der Unruhe und der Verwirrung zu reißen, in welchen ihn die Unbekannt⸗ ſchaft mit einem Geheimniß ſtürzt, das vielleicht auf das öffentliche Wohl Einftuß hat. . .. Hören Sie, . Frau Lebveuf,“ fügte Herr Godet im OHrakelton bei, indem er ſich der ganzen Länge nach aufrichtete, „hören Sie, ein großer Mann hat geſagt, ich weiß zwar nicht welcher, aber gleichviel, ein großer Mann hat geſagt: Jedes Bürgers Haus ſollte aus Glas ber ſtehen. Ich gebe das Beiſpiel, man ahme mich nach, mein Haus iſt von Glas, ein eigentlicher Pokal, man blicke hinein, und man wird mich der Ruhe meiner Mitbürger geweiht ſehen „man Herr Godet konnte ſeine hochtrabende Rede nicht beendigen. Ein niederdonnerndes Ereigniß ſchnitt ihm das Wort ab. Eine ſehr ſchöne, mit Wappen bemalte und mit prächtigen Pferden beſpannte Kutſche hielt vor dem großen Thor des Hotel Orbeſſon. Dieſe Kutſche war im Schritt gekommen, ihre aufgezogenen Vorhänge zeigten, daß ſie leer ſei. Ein reichgalonirter Jäger ſtieg vom Sitze, den er neben einem Futſcher eingenommen hatte, der mit einem amaranth⸗gefütterten Pelzmantel bekleidet war. Kaum hatte der Jäger den Klopfer des Thores berührt, als zum erſten Mal ſeit drei Monaten, daſſelbe ſich öffnete, um die Kutſche einzulaſſen, und ſich dann ſogleich wie⸗ der ſchloß. Die Müßigen des Kaffeehauſes Lebveuf betrachteten ſich mit erſtaunter Miene. Sie wollten ſich, ohne Zweifel, ſchon mit den übertriebenſten Aus⸗ legungen befaſſen, als das Thor ſich von Neuem öffnete. Die Kutſche fuhr ſchnell heraus; man konnte einen noch jungen Mann, mit ſonnverbranntem Geſicht, nach⸗ läſſig varin ſitzen ſehen. Er trug die weiße Uniform eines ungariſchen Huſaren, mit dem blauen, mit Gold⸗ ſtickereien geſchmückten Kragen. An ſeinem Halſe und ſeiner Bruſt ſtrahlten ein Kreuz und fremde Ordens⸗ erne. „Aha! Robin des Bois iſt alſo ein großer Herr aus fernem Landes“ rief der ältere Herr Godet. „Er hat eine ziemlich ſchöne Figur, aber eine über⸗ müthige Miene,“ ſagte Frau Lebveuf. „Habt Ihr dieſe zwei Lakaien geſehen, der Eine in Gold, der Andere in Silber?“ fragte der jüngere Herr Godet. „Ei ſieh doch ſieh doch „ſieh doch! mich, der ich im Grund meines Herzens glaubte, daß, ungeachtet ſeines Obriſtentitels, der Abenteurer, der Meberläufer, der Vagabund, ſo eine Art zurückgezogen lebender Bankeroſtmacher ſei,“ fügte der ältere Herr Godet ziſchend bei, . 1 — „Mir kommt eine Idee, meine Herren!“ rief Frau Lebveuf. „Es iſt vielleicht ein Schauſpieler? Ich habe im olympiſchen Cirkus Bereiter auf ſolche Art gekleidet geſehen.“ „Aber,“ ſagte Herr Godet, „würde denn dieſe prächtige Kutſche der Truppe angehören? Und überdieß ſpielt man am hellen Tage nicht Komödie.“ „Es fällt mir ein,“ fagte Frau Lebveuf, „daß der garſtige Mann, der bei Robin des Bois wohnt, Sie jetzt vielleicht eintreten ließe, weil ſein Herr ab⸗ weſend iſt!“ „Sie haben Recht, meine liebe Frau Lebveuf, Sie haben Recht,“ ſagte Herr Godet; „unter welchem Vor⸗ wand kann ich aber in dieſe Wohnung gelangen?“ „Sagen Sie einfach, Sie möchten ſich entſchuldigen über das, was geſtern Abend vorgefallen iſt,“ ſagte ſchüchtern der jüngere Godet. „Wie! mich entſchuldigen . . . daß er mich nicht ganz einäugig gemacht? Dieudonne, Sie ſind ein Narr. Ich will im Gegentheil Klage über ſeine geſtrige Un⸗ höflichkeit führen, es wird dies ein Mittel ſein, die unterhaltung anzuknüpfen. Sie werden ſehen.“ Dies ſagend, ging Herr Godet hinaus, und klopfte an der kleinen Thüre. Das düſtere Geſicht des Bedienten unſers Obriſt ulrich erſchien im Fenſterladen. „Was wollen Sie?“ ſagte er. 5 „Ich bin es, der ich geſtern .. . erhalten. . „Sie werden noch auf ganz andere Weiſe erhal⸗ ten, wenn Sie nochmals kommen!“ antwortete der Bediente, indem er heftig den Laden ſchloß. Ganz verblüfft kam Herr Godet zu ſeinen Mit⸗ ſchuldigen zurück, und im Kaffeehaus Leboeuf fuhr man fort, die tollſten Vermuthungen über den Obriſt Ulrich außzuſtellen, als dieſer intereſſante Gegenſtand der Un⸗ terhaltung durch das Rollen einer Kutſche unterbrochen wurde, die ebenfalls vor dem Hotel Orbeſſon hielt. Der Obriſt kam zurück; und im Augenblick nach⸗ her fuhr die Kutſche, die ihn gebracht, im Schritt wie⸗ der weg. Herr Godet folgte ihr; er verſuchte eine Unterhaltung mit dem Kutſcher oder dem Jäger anzu⸗ knüpfen; aber er brachte kein Wort von ihnen heraus, ſei es, daß ſie nicht franzöſiſch verſtanden, oder daß ſie dem Frageſteller nicht antworten wollten. Aus dieſem hartnäckigen Stillſchweigen ſchloſſen Herr Godet und ſeine Freunde, daß der Obriſt Ulrich durch Stumme bedient werde, was den Schrecken, den er einflößte, noch unendlich vermehrte. Gehörte dieſe Kutſche ihm? Es war unmöglich dieſe Frage zu löſen. Ben folgenden, den nächſtfolgenden und die nach⸗ her kommenden Tage erwarteten die Kunden des Kaffee⸗ huſh den Wagen vergebens, er erſchien nicht mehr. In den einſiedleriſchen Gewohnheiten des Robin des Bois ſchien ſich Nichts geändert zu haben. Die Neugierde der Brüder Godet war noch heftiger erregt, ſeit ſie wußten, daß der Obriſt jung und ſchön ſei und ohne Zweifel eine hohe Stellung in der Geſellſchaft einnehme. Man verſchwendete die herrlichen Beinamen eines Vagabunden und Abenteurers nicht mehr an ihn, ſon⸗ dern man begnügte ſich, ihn Robin des Bvis zu nennen, indem dieſer Zuname ganz auf ſein myſteriöſes Daſein zu paſſen ſchien. Nun aber wurden die beiden Brüder Godet von einer neuen Grille geplagt; es han⸗ velte ſich nun darum, zu entdecken, ob der Obriſt, den man nie über die Straße gehen ſah, etwa durch das kleine Hinterthürchen ausgehe. Zu dieſem Ende hin, wurden zwei Gaſſenbuben in jeder Ecke der Straße als Schildwachen ausgeſtellt, die vorgeblich Ball ſpielen mußten, heimlich aber beauftragt waren, zu beobachten, ob Jemand an der kleinen Thüre erſcheinen würde. Drei Tage lang blieben die Kinder treulich auf ihrem Poſten, ſie erblickten aber Niemand. 39 Die Brüder Godet, von dem Dämon der Neu⸗ gierde überwältigt, der ſie noch auf verwegenere Unter⸗ nehmungen leiten ſollte, hatten die Geduld, ſich ihrer⸗ ſeits während zwei ganzen Tagen am Eingange des Gäßchens in Hinterhalt zulegen, um ſich von der rich⸗ tigen Berichterſtattung der Knaben zu überzeugen; ſie ſahen aber ebenfalls Niemand ein⸗ noch ausgehen. Der Schnee war durch einen ſtarken Froſt erſetzt worden, und ſomit konnte man keine Spur von Schritten in dem Gäßchen auffinden. Die Kunden des Kaffeehauſes Lebveuf erkannten ſiegesfreudig, daß wenn Robin des Bvis am Tage nicht ausgehe, es bei Nacht geſchehen müſſe. Um deſſen gewiß zu ſein, verfiel der ältere Herr Godet auf eine Liſt, die der letzte der Mohikans gewiß angewandt haben würde, um den Abdruck der Mocaſſin eines De⸗ kotakriegers zu erhalten. Nun breiteten einſt an einem dunklen Abend die beiden Brüder eine dichte Lage zuſammengeſtampfter Aſche vor der kleinen Gartenthüre und in der ganzen Breite das Gäßchen aus, dann zogel ſie ſich zurück, entzückt über ihre Erfindung. Es käßt ſich nicht be⸗ ſchreiben, mit welcher Unruhe und mit welcher Herzens⸗ angſt ſie am folgenden Morgen bei Tagesanbruch dem Gäßchen zueilten ... Kein Zweifel mehr .. Robin des Bois ging bei Nacht aus. Seine in der Aſche abgedrückten Fußtritte hatten ihn verrathen. Dieſer Thatſache gewiß, brauchten die beiden Brüder ihr Ex⸗ periment nur zu wiederholen, um in Erfahrung zu bringen, ob die Spaziergänge des Obriſten täglich, häufig oder ſelten unternommeh würden. Auf dieſe Art gelangten ſie bald zur Ueberzeugung, daß der Obriſt jeden Abend ausgehe, ſei es ſchon oder regneriſch. Wo ging er wohl hin? Die am wenigſten Neugierigen wären es bei ſolchen Anzeichen geworden. 3 Die Kunden des Kaffeehauſes Leboeuf vereinigten ſich zu einer außerordentlichen Berathſchlagung; man 40 veſchloß, daß die ſo unerſchrockenen beiden Brüder Godet die erſie dunkle Nacht abwarten müßten, um ſich dann an beiden Ecken des Gäßchens in Hinterhalt zu legen. So umzingelt, mußte der Obriſt nothwendig bei dem Einen oder dem Andern der beiden Neugierigen vorübergehen, der ihm dann, um nicht ertappt zu wer⸗ den, mit der größten Vorſicht auf dem Fuße nachfolgen ſollte; denn nach der Art, wie Robin des Bois das Erſteigen ſeiner Mauern behandelte, mochte er kaum den Wunſch hegen, Fremde in die Gewohnheiten ſeines myſteriöſen Lebens einzuweihen. Zweites Kapitel. Der Prief. Am Morgen nach dem von den beiden Brüdern vorgehabten Feldzuge war Frau von Lebveuf früher als gewöhnlich aufgeſtanden und trippelte von ihrem Zahltiſche zur Thüre, von der Thüre zum Zahltiſche mit unausſtehlicher Unxuhe. War die Unternehmung der Brüder Godet gelun⸗ gen? hatten ſie Gefahren zu beſtehen? Sowie die Kunden nach und nach erſchienen, ver⸗ mehrte ſich auch die allgemeine Neugierde. Einer der Müßigen, nachdem er die ganze Nacht hindurch nachgedacht und die bereits gemachten Ent⸗ deckungen zuſammengefaßt, hatte gleich Anfangs er⸗ A daß es nur ein Spion von hoher Herkunft ſein önne. . Dieſe glänzende Idee wurde ſiegreich widerlegt durch einen der Zuhörer, der bemerkbar machte, daß, da allem Anſchein nach Robin des Bois nur bei Nacht ausgehe, es ihm ſchwierig fallen müßte, dieß ehrliche Gewerbe zu treiben. 4¹ Der eigenſinnige Bürger antwortete auf dieſen Einwurf, daß der Obriſt ſo handle, um jeden Ver⸗ dacht zu entfernen, was ſein Spioniren noch gefähr⸗ licher mache. Ungeachtet dieſer intereſſanten Verhandlung war „ man doch weit entfernt, die beiden Brüder zu vergeſ⸗ ſen, man war ſogar über ihr langes Weg leiben er⸗ ſtaunt; es war Mittag, und noch erſchien weder der Eine noch der Andere. Frau Lebveuf erinnerte ſich der Geſchichte mit dem Flintenſchuß und irgend einen tragiſchen Aus⸗ gang befürchtend, wollte ſie ſo eben ihren Kellner aus⸗ ſchicken, um Erkundigungen über die Herrn Godet ein⸗ zuziehen, als ſie erſchienen. Ein allgemeiner Ausruf der Neugierde galt ihrem Empfang. „Und nun! und nun!“ „Und nun! wir haben was Schönes erfahren,“ antwortete der ältere Herr Godet mit düſterer Miene. Jetzt erſt gewahrte man, daß die beiden Brüder . bleich wie Geſpenſter ausſahen. Mußte man dieſe Bläſſe den Mühſeligkeiten der vorhergehenden Nacht oder dem Nachweh irgend einer großen Gefahr zu⸗ ſchreiben? Wir werden es aus der Erzählung des ältern Godet vernehmen. Die Kunden des Kaffeehauſes bildeten einen Kreis um ihn, als er folgendermaßen begann: 5 „Ich brauche Ihnen nicht zu ſagen, meine Herrn, daß, nachdem ich muthvoll mein Leben der Entdeckung Ides finſtern Geheimniſſes geweiht, an welchem, ich darf es bezeugen, allen rechtſchaffenen Leuten gelegen iſt, 6 „Dann ſagen Sie es nicht!“ bemerkte weislich ein Zuhörer. „Wie ſo?“ antwortete Herr Godet. „Ganz natürlich,“ erwiederte der Kunde, Sie fa — — 42 gen an: „Ich brauche Ihnen nicht erſt zu ſagen! . . . und dann ſagen Sie es doch ... und dann .. .“ „Gut! es iſt ja gut ſo!“ ſchrieen Alle wie mit einer Stimme. „Sie können doch Nichts als Dumm⸗ heiten ſagen, Herr Dumont; fahren Sie doch fort, Herr Godet; fahren Sie fort, wir hören Ihnen mit Leib und Seele zu.“ „Geſtern alſo,“ nahm Herr Godet wieder das Wort, „legten wir uns, Dieudonne und ich, an den beiden Enden der Straße in Hinterhalt, mit dem fe⸗ ſten Entſchluß, das oben beſagte, finſtere Geheimniß zu durchdringen. Die Glocke unſerer Pfarrkirche ſchlug ſieben .. Niemand kam; acht Uhr ... Niemand; neun Uhr . .. Niemand; zehn Uhr .. . Niemand; elf Uhr . immer Niemand .. „Welche Aufopferung! bei ſolcher Kälte ſo lang zu warten!“ ſchrieen die verſammelten Zuhörer. „Wie ſehr hätten Sie eine Bowle Glühwein nö⸗ thig gehabt!“ ſeufzte Frau Leboeuf. „Das machte mich nicht ſtaunen!“ ewiderte Herr Godet in philoſophirendem Tone. „Nein, ſehen Sie, ich, meine Herrn, ich ſtaunte nicht über dieſe Zö⸗ gerung; ich erwartete ſie. Ich hatte zu mir geſagt: Godet, wenn Etwas vorgehen ſollte, ſo erwarte, daß dies erſt um Mitternacht geſchehen wird; es iſt ſo gewöhnlich die Verbrecherſtunde, voraus bei ge⸗ wiſſen Unternehmungen ... die .. aber greifen wir der Erzählung nicht vor. Es hatte kaum zwölf ge⸗ ſchlagen, als ich deutlich krik krak das Schloß der klei⸗ nen Thüre öffnen höre.“ „Ach, endlich!“ ſagten die Zuhörer. „Wie hat das Herz Ihnen ſchlagen müſſen, Herr Godet!“ verſetzte die Limonadehändlerin. „Mir wäre übel geworden, mir .. .“ „Die Natur hat mich mit der Gabe des Muthes ausgeſtattet, den jeder Franzoſe in ſich trägt, meine liebe Frgu Lebouf. Ich ſchlug mein Oberkleid wohl 43 über einander, und ſchickte mich an, unſerem Manne zu folgen; ich empfand jedoch etwas kalten Schweiß, der mir ins Geſicht ſtieg, was ich für eine äußerliche Ein⸗ wirkung der Temperatur hielt. Ich hörte Robin des Bois oder vielmehr, nein. Er iſt dieſes Zuna⸗ 6 mens nicht einmal würdig, er ſoll einen andern dieß⸗ mal wohlverdienten und hundert Mal fürchterlicheren haben. Doch greifen wir der Erzählung nicht vor. .. Ich hörte Robin des Bois meinem Verſteck zukom⸗ men, er hatte einen ſonderbaren, ſchrecklichen Gang,einen Gang, den ich faſt vom Gewiſſen gefoltert nennen möchte. Ich halte meinen Athem zurück, ich drücke mich hart an die Mauer. Es war ſo dunkel, daß er mich nicht ſah. Er geht vorüber und ich halte mich an ſeine Schritte mit der Filzigkeit des Hundes, der ſeine Beute ver⸗ folgt, wenn ich mich ſo ausdrücken varf. Dieudonne, der ihn meiner Richtung zugehen hörte, eilt herbei, und wir folgen unſerm Mann, oder vielmehr unſerm doch greifen wir der Erzählung nicht vor; wir gehen ihm nach, immer nach, immer nach. ... Her⸗ gott! war er denn vom Böſen geplagt, dieſer Unglück⸗ liche, daß er nicht ſah, wie wir ihm auf den Ferſen waren!“ . „Es iſt haarſträubend,“ ſagte die Wittwe, „wenn man bedenkt, daß er Ihrer gewahr werden konnte!“ „Für dieſen Fall, Madame, hatte ich eine Ant⸗ wort bereit, eine Antwort, die ich, in der Vorausſetz⸗ ung eines Anfalls, ſorgfältig ausgearbeitet hatte.“ „Und dieſe Antwort?“ 4+ „Dieſe Antwort war ganz einfach: „Die Straße gebört Jedem,“ antwortete Herr Godet in heroiſchem Tone. „Wie war er gekleidet?“ fragte Frau Lebveuf. „Er ſchien mit einem ſchwarzen Mantel und ei⸗ nem großen Hute bekleidet. Nach unzähligen Umwe⸗ gen kommen wir endlich an errathen Sie wo? Ich gebe es Ihnen in hundert, in tauſend, in zehntau⸗ ſendmalen aufzurathen .. „Wir geben es aber auf,“ riefen einſtimmig die Kunden des Kaffeehauſes. „Herr Godet, haben Sie Mitleid mit uns,“ ſagte Frau Leboeuf. Nachdem der Kapitaliſt ſich einen Augenblick a der allgemeinen Ungeduld ergötzt hatte, ſagte er m hohler, dumpfer Stimme: „Vir kommen an ach, meine Herren!“ „Nun ſo ſagen Sie's doch!“ 3 „Wir kommen auf dem Kirchhof Pere la Chaiſe an.“ „Auf dem Kirchhofe Pere la Chaiſe!!!“ wieder⸗ holte die Verſammlung im Tone des höchſten Schreckens. Frau Leboeuf wurde ſo ergriffen, daß ſie ein Gläs⸗ chen Rum nahm, um ſich von ihrer Gemüthsbewegung 7 zu erholen. „Ach! was konnte er dieſe Stunde auf dem Kirch⸗ hofe zu thun haben? Gott im Himmel!“ rief die Wittwe, als ſie getrunken hatte. „Sie werden es ſehen, meine Herren, Sie werden es nur zu gut ſehen. Wir kommen am Thore des Kirchhofs an. Es war verſchloſſen, wohl verſtanden, wie ſich das bei einer Friedensſtätte gehört, damit Nichts die Ruhe der Gräber ſtöre. Dann öffnet un⸗ ſer Mann, das heißt der Mann, denn ich entſchlage mich aller Mitſchuld und aller Gemeinſchaft mit ei⸗ nem ſolchen Ungeheuer; der Mann öffnet mit einem nachgemachten Schlüſſel, einem Dietrich, Hacken, oder einem ähnlichen, eben ſo häßlichen Inſtrument; der Mann, ſage ich, öffnet die Thüre und ſchließt ſie hin⸗ ter ſich zu.“ „Und was thaten Sie dann?“ fragte Frau Lebveuf. „Zch und Dieudonne, wir hatten den Muth, die⸗ ſem abſcheulichen Heiligthumsſchänder bis um vier Uhr des Morgens abzuwarten. Es liegt außer Zwei⸗ fel, daß er dieſe ganze Zeit zu abſcheulichen Entweih⸗ d— — 4⁵ ungen angewandt hat, wie es in dem berühmten Me⸗ lodrama, „der Vampyr“ genannt, vorkommt.“ „Ein Vampyr!“ ſchrie Frau Leboeuf; „glauben Sie, es gebe noch Vampyre? Wie, der gegenüberwoh⸗ nende Nachbar wäre ein Vampyr! ein Vampyr, ach! welch ſchreckliche Luſt!“ „Gott ſei Dank, meine liebe Frau Leboeuf, ich bin nicht ſo abergläubiſch, um an die übertriebene Schilderung der Vampyre zu glauben, wie das Melo⸗ drama ſie uns gibt; aber ich glaube, man ſchleiche ſich nächtlicherweiſe nicht auf Kirchhöfe, ohne Bewegungs⸗ gründe, die weder Menſchliches noch Natürliches an ſich haben, wodurch ich mich denn auch bewogen fühle, bis auf weiteres unſern Robin des Bvis den Vampyr zu nennen. Bei dieſem Anlaß fühle ich denn auch dies Bedürfniß, laut und feierlich zu er⸗ klären, daß der, der die Stätte der Gräber nicht ehrt, fruher oder ſpäter ſelbſt ihre Beute wird; denn die Vorſehung erreicht den Strafbaren immer,“ fügte phi⸗ loſophirend Herr Godet bei. „Das iſt auch ganz einfach, weil man früher oder ſpäter ſtirbt,“ ſagte halblaut der unbarmherzige Kri⸗ tiker des Herrn Godet. Dieſer Letztere warf ihm einen ergrimmten Blick zu und endigte folgendermaßen: „Als der Mann, den ich einen Vampyr zu nennen mich nicht ſcheue, den Kirchhof Pere la Chaiſe verließ, folgten wir ihm wie⸗ der nach, weil es erſtens unſer Weg war, und es dann, für den Fall eines übeln Zuſammentreffens beſſer ſein mußte, zu drei als nur zu zwei ſich zu befinden. Endlich gelangte der Vampyr wieder dahin, von wo er herge⸗ kommen war, und kehrte durch das Gäßchen zurück in das, was ich kaum ſeine Wohnung nennen darf .. und von wo er ohne Zweifel dieſe Nacht wieder aus⸗ reißen wird, um ſein Gewebe finſterer Schrecken fort⸗ zuſetzen.“ Die Erzählung des Herrn Godei befriedigte ſeine Zuhörer nicht völlig. Dieſer Beſuch auf dem Kirchhof, verbunden mit der glänzenden Erſcheinung des Obriſten in einer präch⸗ tigen Kutſche diente als neuer Text zu den unerforſch⸗ lichen Auslegungen der Kunden des Kaffeehauſes Le⸗ und erregte die öffentliche Neugierde nur noch mehr. pr glaubte, mit Ausnahme der Wittwe, Nie⸗ mand an ein beſtimmtes Daſein der Vampyre, aber das ſonderbare Benehmen des Obriſten gab nichts deſto weniger Stoff zu den abenteuerlichſten Erklärungen. Als die Verhandlung gerade im vollſten Gange war, trat ein Poſtbedienter ein und übergab der Frau Lebveuf einen Brief, die ihm dann, in Betracht der ſtrengen Kälte, ein Glas Branntwein als Lohn einzu⸗ ſchenken geruhte. Dieſe gute That erfreute ſich alſo bald ihrer Be⸗ lohnung. Der Briefträger zog aus ſeiner Schachtel ein ziemlich großes, ſchwarzverſiegeltes Couvert, ſagte zu der Wittwe: „Der Nachbar da drüben iſt kein guter Kunde, denn ſeit drei Monaten habe ich ihm keinen Brief gebracht, das iſt aber Einer, der deren mehrere aufwiegt! Ha, hal es ſcheint, dieſer Obriſt Ulrich habe die großen Brocken lieber als die kleinen,“ fügte der Briefträger mit amtsfähiger Miene bei. „Meine Herren! meine Herren! ein Brief für den Vampyr!“ rief Frau Lebveuf, indem ſie das Couvert ergriff und mit triumphirender Miene über ihrem Kopf emporhielt. Die Kunden eilten herbei und umringten den Zahltiſch. „Madame! Madame!“ rief der Briefträger und einen Mißbrauch ſeines Vertrauens befürchtend, ſtreckte er die Hand aus, um ſeinen Brief zurückzunehmen. „Nur ruhig, mein Junge, es ſoll dieſem Couvert 7— 47 kein Leid geſchehen! Laß uns mur einen Blick auf die Adreſſe werfen.“ „Gewiß nur einen Blick,“ fügte Herr Godet bei. Und zitternd vor Aufregung ergriff er den Brief und legte ihn ſorgfältig auf den Marmor des Zahltiſches. „Noch ein Glas Branntwein? mein Junge,“ ſagte die Wittwe zum Briefträger; „gleichviel ob Ihr die⸗ ſen Brief fünf Minuten früher oder ſpäter an ſeine Adreſſe abgebt!“ Der Briefträger trank ſein zweites Glas Brannt⸗ wein, ohne den Brief aus den Augen zu laſſen. „Geſchwind, geſchwind,“ ſagte die Wittwe, „wie lautet die Adreſſe ?“ Sie las: „Obriſt Ulrich, Num⸗ mer 38, Straße St. Löuis in Paris. — Und das Pet⸗ ſchaft? Waffen? — Nein, eine punktirte Raute. — „Und der Stempel?“ fragte ein anderer Neugieriger. „Von Paris, dieſen Mittag aufgegeben und koſtet, in Betracht ſeiner Schwere, einen Franken Porto,“ antwortete der Briefträger; „nur her damit, Frau — Sie haben dieſen Brief doch hoffentlich genug geſehn.“ — „Noch einen Augenblick, mein Junge, Ihr habt eine ganz rothe Naſe, trinkt noch ein Glas Brannt⸗ wein, es macht heute gar ſchrecklich kalt.“ — „Danke, danke, Frau Lebveuf,“ ſagte der Poſtbe⸗ diente. „Geſchwind! geſchwind! meinen Brief!“ Herr Godet und die Kunden betrachteten dieſes Couvert mit einer beinahe wilden Gier; ſie prüften aufmerkſam ſein dickes, bläuliches, glänzendes Papier, die feine, geläufige Handſchrift. Plötzlich hielt die Wittwe ihre Stumpfnaſe an den Brief, und rief: „Oh! das riecht nach Biſam, welch abſcheulicher Geruch!“ Dieſes Couvert roch wirklich, um die Wahrheit zu ſagen, ſehr nach Vethver, aber gewiſſen Leuten kommt jeder Wohlgeruch wie Biſam vor. Und der Biſam iſt, wie wir ſo eben gehört, ein abſcheulicher Geruch, Nun ſchnüffelten wechſelsweiſe alle Naſen der Kun⸗ den des Kaffeehauſes Leboeuf an dem Briefe. Es war nur Eine Stimme: „das riecht nach Biſam.“ „Dieſer Brief kommt von einer Frau!“ rief Herr Godet mit begeiſterter Miene, „und von einer Frau, die Wohlgerüche liebt.“ — „Puah!“ machte die Wittwe Leboeuf höchſt ver⸗ ächtlich und mit verzogenem Maul. — „Und wer wird überdieß einen Brief von ſolcher Wichtigkeit nicht frei machen! einen Brief, der einen Franken Porto koſtet!“ ſagte ein andrer Kunde. — „Das will ſagen, daß dieß nur Eine ſo nichts Beſondere, Eine, die gar Nichts iſt, ſein kann,“ er⸗ widerte Frau Leboeuf achſelzuckend, „ein Geſchöpf, das Wohlgeruche liebt, und nicht einmal ſo viel hat, ei⸗ nen Brief frei zu machen!“ „Warten Sie! warten Sie!“ ſagte Herr Godet nachdenkend; dieſe kleine, feine und liegende Schrift... die Nummer vor der Straße. ja! ja! dieſer Brief iſt ohne Zweifel von einer Engländerin!“ In welcher Beziehung konnte eine Frau, die Wohl⸗ gerüche an ſich trug, eine Engländerin, zu einem ſchö⸗ nen fremden Obriſten ſtehen, der bei Tage nicht aus⸗ ging und nächtlicherweile die Kirchhöfe beſuchte? Das waren Fragen, welche die Kunden gegenſeitig ſtellten. Begierig und lüſtern flammten die Augen, die immer noch an dem Couvert hingen. Ohne das Menſchen⸗ geſchlecht falſch zu beurtheilen, darf man gewiß be⸗ haupten, daß, wenn es von den Neugierigen des Kaffee⸗ hauſes Lebveuf abgehangen hätte, den unglücklichen Poſtbedienten mit einem Schlage zu vernichten, um in den Beſitz dieſes koſtbaren Briefes zu gelangen, der Bote mit dem rothen Kragen in großer Gefahr gewe⸗ ſen wäre. Die Wittwe konnte ſich nicht halten, ſie hatte die 49 Kühnheit, eine Ecke des Couverts aufzuheben, um Et⸗ was von ſeinem Inhalt entdecken zu ſree Der Brieſträger ſtürzte ſich auf den Brief, indem er ſchrie, daß es ſich um ſeinen Platz und um Gefäng⸗ nißſtrafe handle für einen ſolchen Mißbrauch des an⸗ vertrauten Gutes. Die Wittwe, die vom Teufel der Neugierde ge⸗ plagt, keine Gränzen mehr kannte, leiſtete Widerſtand; das Couvert mußte in dieſem Kampf zerreiſſen, als plötzlich einer der Kunden rief: „Meine Herrn, meine Herrn! da gibt's noch Etwas Anders! eine Frau! eine Frau, welche die Nummer der Höhle des Vampyrs zu ſuchen ſcheint!!. % Dieſe Worte hatten eine magiſche Wirkung. Die Wittwe ließ den ſchon zerknitterten Brief fallen und drückte ihr Geſicht an die gefrornen Fenſter⸗ ſcheiben. Der Poſtbediente, zufrieden, dieſem tollen Streiche entgangen zu ſein, verſchwand eilig. Frau Leboeuf kratzte mit dem Nagel etwas von dem gefrornen Dampf weg, der ſich an einer der Schei⸗ ben gebildet hatte, und gewann ſich ſomit einen Durch⸗ blick, um aufmerkſam auf die Straße ſchauen zu können. „Meine Herren, wir wollen uns nicht zeigen,“ ſagte Herr Godet, „wir würden ſonſt dieſe Frau ver⸗ ſcheuchen; laßt uns der lieben Dame Lebveuf nachah⸗ men, ein Jeder ſtelle ſich an ſein Loch, und ſtille!“ — Die Neugierigen waren nun wieder auf der Lauer; ſie ſollten aber dießmal hinreichend entſchädigt werden für ihr langes, dreimonatliches Warten, denn die Ereig⸗ niſſe ſchienen ſich dieſen Tag drängen zu wollen. Der Briefträger pochte, übergab das Couvert dem Bedienten des Obriſten, der daſſelbe mit argwöhniſcher Miene betrachtete und erzürnt ſchien. Kaum war der Briefträger weg, ſo näherte ſich die von den Müßigen ſchon bezeichnete Frau dem großen Thore des Hotels; da ſie aber keinen Klopfer daſelbſt fand, ſo wandte ſie ſich der kleinen Thüre des Seitenflügels linker Hand Mathilde. 1. 4 zu. Dieſe ziemlich alte Frau ſchien unruhig und be⸗ wegt, ſie trug einen ſchwarzen Hut und einen braunen Mantel, unker dem ſie Etwas zu verbergen ſchien. Statt zu warten, bis ihr geöffnet wurde, ging ſie, nachdem ſie an der kleinen Thüre geläutet, immer hin und her, ohne Zweifel um weniger bemerkt zu werden. Der Bediente des Obriſten erſchien, die alte Frau ſagte ihm eilig einige Worte, übergab ihm ein kleines Käſt⸗ chen von Schildkrot, mit Gold ausgelegt, und ver⸗ ſchwand, nachdem ſie einer Perſon, welche die Müßigen des Kaffeehauſes Leboeuf noch nicht erblicken konnten, ein Zeichen des Einverſtändniſſes gegeben. — Der Be⸗ viente betrachtete einen Augenblick das Käſichen mit erſtaunten Blicken, dann ſchloß er die Thüre. Herr Godet, die Wittwe und ihre ſpionirenden Gefährten wagten kaum zu athmen hinter den Fenſter⸗ ſcheibenz ſie erwarteten mit unſäglicher Ungeduld die unſichtbare Perſon. Endlich erſchien ſie. — Es war eine junge Frau von ungefähr fünfund⸗ zwanzig Jahren. Ihr Anzug war ſehr einfach und beſtand aus einem kleinen Hut von ſchwarzem Sammt, einem Ueberrock von dunkelbraunem Gros de Naples und einem großen, ſchwarzen Cachemir⸗Shwal, der bis auf die Aufſchläge des Kleides hinunterreichte; ſie barg ihre Hände in einem Muff von Marderpelz, aus wel⸗ chem das Ende eines mit Valencienne⸗Spitzen reich beſetzten Nastuches herabhing. Und endlich ſchienen die niedlichſten kleinen Füße in ihren ſchwarzen Atlas⸗ ſtiefelchen vor Kälte zu zittern. Was in dem Giſicht dieſer jungen, ausgezeichnet ſchönen Frau am auffallendſten war, das war der Contraſt ihrer hellen, blonden Haare mit ihren gro⸗ ßen, ſchwarzen Augen und den ſcharf gezeichneten Angenbrauen von der nämlichen Farbe. Die langen, dichten Locken, die unter dem Hute hervorguollen, bedeckten zur Hälfte ihre Wangen; und ungeachtet der Kälte, die ihre Geſichtsfarbe hätte be⸗ . 51 leben ſollen, war dieſe junge Frau ſehr blaß und ihre Züge ſchreckhaft verſtört. Zweimal erhob ſie ihre thränenfeuchten Augen zum Himmel, und als ſie die Perſon eingeholt, die ſie erwartet, bewegten ſich ihre Lippen in einem ſchmerz⸗ „ lichen Lächeln und ließen die herrlichſten weißen Zähne erblicken. Als ſie beim Kaffeehaus Lebveuf vorbeikam, be⸗ ſchleunigte ſie ihren Schritt. Herr Godet hielt ſich nicht länger, er öffnete ein we⸗ nig die Thüre und ſah die beiden Frauen einem kleinen, blau bemalten Fiaker mit rothen Vorhängen zugehen, den ſie am Ecke der Straße St. Louis gelaſſen hatten. Sie ſtiegen in den Wagen und fuhren ab, ohne die Vorhänge aufzurollen. „Ich hoffe.. ich hoffe, daß wir da Neues hören werden,“ ſagte Herr Godet die Arme kreuzend und mit triumphirender Miene den Kopf ſchüttelnd. Und die Kunden fingen an die Ereigniſſe wieder durchzugehen, die ſich dieſen Morgen zugetragen. .. „Ein Brief, der nach Biſam riecht — eine alte Frau, die mit beſtürzter Miene ein Käſtchen von Schild⸗ krot und mit Gold eingelegt, bringt.“ — „Und endlich eine Frau mit weinerlichem Geſicht, die an der Thüre des Robin des Bois, des Vampyr vorbeigeht,“ fügte die Wittwe Lebveuf hinzu. 6 das niedliche Geſchöpf!“ ſagte Herr . odet 1 „Das eine ſchöne Frau!. .. das hat weniger „ Schönheit und Stattlichkeit, als gar Richts,“ rief ſich brüſtend Frau Lebveuf. — „Ich wette, das iſt die Frau mit den Wohlgerü⸗ chen, welche ihre Briefe nicht frankirt!“ rief Herr G det nach einigen Minuten des Nachdenkens. „Die Engländerin? Aber haben Sie denn nicht geſehn, wie ſie gekleidet war, Herr Godet,“ verſetzte die Wittwe achſelzuckend und im Tone einer Alles ver⸗ nichtenden Ueberlegenheit. „Das, eine Engländerin! Es gibt ja nichts Leichteres, als eine Engländerin zu erkennen. Man kann nur ſehen, auf welche Art ſie ſich kleidet. Das iſt in jeder Jahreszeit gleich, ein kleiner Strohhut, ein roſafarbner Spencer, ein Kleid Halbſtiefel, zu dem faſt immer rothe Haare, wie man das in den „Variétés“ ſieht, bei den „Anglaises pour rire.“ Das iſt ein Stück, das ſich nicht von ge⸗ ſtern her datirt und Anerkennung findet, weil man es öffentlich ſpielt. Noch einmal, ſeit die Welt Welt iſt, waren die ächten Engländerinnen niemals anders ge⸗ kleidet.“ — 3 Unglücklicherweiſe wurden die Bemerkungen und Belehrungen der Frau Lebveuf über die Monographie der Engländer durch die Ankunft zweier Gäſte unter⸗ brochen, die haſtig in das Kaffeehaus traten. Die Kunden betrachteten dieſe beiden Neuange⸗ kommenen mit verdoppelter Neugierde, da auch ſie au⸗ genſcheinlich im Quartier du Marais fremd waren, wie die junge und reizende Frau, deren Bild wir ſo eben entworfen. Drittes Kapitel. Die Uachforſ chungen. Die beiden Unbekannten waren jung und elegant gekleidet. Obwohl es ſehr kalt war, ſo war weder die Figur des Einen, noch des Andern durch dieſe abſcheulichen Säcke verunſtaltet, die man den engliſchen Seeleuten ſo ſchlecht nachgeahmt hat, und die von den franzöſiſchen Schneidern Paletots genannt werden. Der jüngere dieſer beiden Männer, der blond, von ſchottiſchem Muſſelin, hellgrüne oder citronengelbe zart und wohlgeſtaltet war, trug über ſeinem Anzuge ein Oberkleid von weißlichem Tuche, wattirt, mit langem und weitem Schnitt. Die große Schleife ſeiner ſchwarzen Atlas⸗Halsbinde war mit einer kleinen, mit Türkiſen beſetzten Stecknadel geheftet; ſeine hellblauen, beinahe anliegenden Beinkleider ſchweiften ſich auf den glän⸗ zend gewichsten Stiefeln aus. Der andere Unbekannte, der braun und etwas äl⸗ ter war, hatte ebenfalls das Anſehen eines Weltmannes; er trug einen bronzefarbenen Oberrock, am Kragen und den Aufſchlägen mit Sammt von gleicher Farbe gefüttert. Aus ſeinen hellgrauen Beinkleidern ſah man den hübſchen Fuß in Halbſtiefeln von ſchwarzem Caſi⸗ mir hervorragen. Eine ziegelrothe Halsbinde mit brei⸗ ten weißen Streifen paßte vortrefflich zu ſeiner Ge⸗ ſichtsfarbe und ſeinen braunen Haaren. Wir laſſen uns in dieſe kindiſchen Nebenumſtände ein, weil ſie die unerſättliche und ſo zu ſagen wilde Neugier erklären, mit welcher dieſe beiden Männer von den Kunden des Kaffeehauſes Leboeuf betrachtet wurden. Der jüngere der beiden Unbekannten, der Blonde mit ſeinen geiſtreichen Geſichtszügen, ſchien beſonders die lebhafteſte Aufmerkſamkeit zu erregen. Beim Eintreten nahm er ſeinen Hut ab, ſetzte ſich wie ermüdet an einen Tiſch und ſtützte ſeinen Kopf auf ſeine beiden Hände, die mit ſehr ſchönen Handſchuhen von ſchwediſchem Leder bedeckt waren. „Was Teufel,“ ſagte ſein Freund (den wir Alfred nennen wollen) zu ihm; „was Teufel! Gaſton, be⸗ ruhigen Sie ſich; Sie irren ſich gewiß, ſage ich Jh⸗ nen es war Fcherlich nicht ſie.“ „Es war nicht ſie?“ erwiderte Gaſton, indem er lebhaft den Kopf hob und bitter lächelte. „Es war nicht ſie? Wie! wenn ich ſie auf dem Maskenball un⸗ ter tauſend Frauen nur an ihrem 6 erkenne, nur an dem, ich weiß nicht Was, das nur ſie allein beſitzt, wie wollen Sie denn, daß ich mich täuſche? Gehn Sie, Alfred, Sie halten mich für ein Kind; ich ſah ſie ja aus ihrer Kutſche in den Fiaker ſteigen, ſage ich Ihnen, in einen kleinen, blau bemalten Fiaker mit rothen Vorhängen; ſie war von ihrer verdammten Frau Blondeau begleitet, die das Käſichen trug.“ Bei dieſen, von dem jungen Manne ziemlich laut geſprochenen Worten, konnten ſich die Kunden des Kaffee⸗ Lebveuf einer freudigen Bewegung nicht ent⸗ halten. „Hören Sie's? das Käſtchen! ... das Käſichen!.. .“ ſagte mit leiſer Stimme Godet zu ſeinen Gefährten. „Es iſt ohne Zweifel das nämliche, das die alte Frau ſo eben dem Bedienten des Vampyr gebracht hat. Bravv. Das verwickelt ſich, das wird ſehr intereſſant. orchen wir. Geben Sie mir eine Zeitung; ich will mich geſchickt an dieſe zwei Herren heranſchleichen, die mir Burſchen von der haute volée zu ſein ſcheinen.“ Als dieſe aber bemerkten, daß man ſie aufmerkſam beobachtete und ihnen die Nähe des Herrn Godet läſtig war, ſetzten ſie zum großen Aerger der Neugierigen ihre Unterhaltung in engliſcher Sprache fort. „Aber was war denn das für ein Käſtchen?“ ſagte Alfred. „Ein Käſtchen, das ſie mir gegeben, und das mein Kammerdiener dummerweiſe dieſer Frau Blondeau zu⸗ ſtellte, indem er glaubte, ſie ſei von mir beauftragt... Als ich dieſen Morgen heim kam, erzählt mir Peter dieſen albernen Streich; in meinem Erſtaunen eile ich zu ihr, ſie war ausgegangen. . . . Ich treffe ſie im Palais⸗Rohal vor dem Pavillon Flora, und während wir ſchwatzten, ſah ich ſie ſo deuklich, als ich ſie jetzt ſehe, mit Frau Blondeau auf der andern Seite der Brücke in einen kleinen, blau bemalten Fiaker ſteigen. — Der Fiaker fährt ab,“ fuhr Gaſton fort, „wir haben nur Zeit, über die Brücke zu gehen, während Sie be⸗ obachten, in welcher Richtung der Wagen fährt; ich . * 5⁵ eile nach der Straße du Bac, um ein Cabriolet der Regie zu holen, ich bringe es, wir ſteigen ein und fol⸗ gen dem kleinen Fiaker bis zur Straße du Temple. Seit einer Stunde durchziehen wir nun alle Straßen, um ſie wieder zu finden; aber unmöglich. „Ich ſage noch einmal, was ſollte ſie denn im Marais, in dieſer Einſamkeit zu thun haben? Sie fennt nicht eine Seele da, wie Sie mir geſagt haben . Gehn Sie, Sie haben ſich getäuſcht, ſage ich Ihnen . oder wie?“ S „Nein, nein!“ „Und ſei es auch,“ erwiederte Alfred bei einer neuen ungeduldigen Bewegung ſeines Freundes; „es ſoll auch ſo ſein, Sie ſollten wirklich ſie geſehen haben, ſo begreife ich denn doch, unter uns geſagt, ihren Kum⸗ mer und ihre Unruhe nicht. Sie ſagten mir noch ge⸗ ſtern, daß Sie dieſe Verbindung aufzulöſen gedenken, daß Ihre Heirat... „Ach ja! gewiß ich wollte ſie auflöſen; ſeit zwei Monaten arbeite ich unabläßig an dieſer Trennung⸗ aber ich hatte tauſend Gründe, ſie zu ſchonen und es iſt ärgerlich, daß ſie mir zuvorgekommen ſein muß. Dieſes Käſichen enthielt ihre Briefe und es macht mich äußerſt verdrießlich, ſie nicht mehr zu beſitzen. Ich gebe ſonſt niemals Briefe zurück, das iſt mein Syſtem; man weiß nicht, was begegnen kann.“ — „Aber wie kam denn nur Peter dazu, dieſes Käſt⸗ chen abzuliefern?“ — „Ach mein Gott! dieſe hölliſche Blondeau iſt ge⸗ kommen, es in meinem Namen zu verlangen, indem ſie vorgab, ich ſei bei ihrer Gebieterin, und da Peter die Blondeau hundertmal bei mir geſehen, um mir Briefe zu bringen und heimliche Aufträge zu beſorgen, ſo ſetzte er kein Mißtrauen in ſie und glaubte ihr.“ „Sie wußte alſo, daß dieſe Briefe in dem⸗beſag⸗ ten Käſichen verwahrt waren?“ „Gewiß, ſie gab es mir ja, um dieſelben darin zu verſchließen; ich kannte die geheime Springfeder und hatte den Schlüſſel dazu; er lag in einer Com⸗ mode meines Schlafzimmers, die ich nicht ſchließe... denn ich traue meinem Peter vollkommen.“ „Aber mein lieber Gaſton, ich glaube, es liege etwas Unerklärliches hierin; ſtatt das Käſichen weiß Gott wohin zu tragen, warum hat ſie es nicht einfach bei ſich behalten?“ — „Sie hätte das nicht wagen dürfen.“ „Sie hätte es nicht wagen dürfen!... die Eifer⸗ ſucht ihres Gemahls konnte ſie doch hoffentlich nicht ſchrecken,“ ſagte Alfred, wider ſeinen Willen lächelnd. „Mehr kann ich Ihnen nicht ſagen,“ erwiderte Gaſton hocherröthend und mit verlegenem Weſen; aber ſie hat Gründe, dieſes Käſtchen allenthalben ſicherer zu wähnen, als in ihrem Hauſe ſelbſt.“ Alfred betrachtete Gaſton mit Staunen, dann ſagte er: „das iſt was Anders, jetzt glaube ich Ihnen, aber im ſchlimmſten Fall ſind das ja nur unfreiwillig zurückgegebene Briefe und ich ſehe nicht ein...“ „Ach das iſt nicht Alles!! Denken Sie nur, auf dieſen Briefen befinden ſich Anmerkungen von mir und einer andern Frau in Bezug auf dieſe Liebſchaft. .. Ach mein Gott, jal es war dieß ein Fehlſchuß, ſo eine übertriebene, ſchlechte Galanterie und ich weiß nicht, was für eine Prahlerei und Zeitverſchwenderei vom übelſten Geſchmack, zu der ich mich unglücklicherweiſe hinreißen ließ, und die ich jetzt verfluche. Denn wenn ſie will, und ich geſtehe, daß ich ſie unartig genug behandelt habe, um es zu wollen, ſo kann ſie mir ver⸗ teufelt ſchlecht mitſpielen; ich kenne ihren Geiſt, ihre Willenskraft, Sie wiſſen, welchen Einfluß ſie in der Welt übt. Ach! ſehen Sie.. ſehn Sie, Alfred, mit all meinen Anmaßungen auf Schlauheit, habe ich wie ein Dummkopf und erbärmlich ſchülerhaft gehandelt, ich bin nun in ihrer Gewalt!“ — „Wohlan, laſſen Sie das, mein lieber Gaſton. ——————— 57 Die Gewiſſensbiſſe ſtellen ſich von ſelbſt ein, man muß ihnen nicht noch entgegenkommen; uur keine Uebertrei⸗ bungen. Sie haben unrecht an ihr gehandelt, ſagen Sie? das iſt nun nicht die Frage. Es handelt ſich jetzt darum, zu wiſſen, ob dies Unrecht Ihnen ſchaden kann; gewiß, ich glaube es nicht. Man hält ſie für großmüthig und ſtolz, und ehedem waren auch Sie unerſchöpflich im Lobe der vortrefflichen Eigen⸗ ſchaften ihres Herzens, Sie hielten ſie der Treuloſig⸗ keit und Niederträchtigkeit unfähig —“ „Ach, Sie wiſſen doch gewiß wie ich, daß dieß gerade die Charaktere ſind, die am heftigſten erregt und aufgebracht werden und ſich grauſam an der Treulo⸗ ſigkeit rächen... Seit zwei Jahren konnte ich mich über ſie nicht beklagen, und doch habe ich ihr Gründe genug zur Eiferſucht gegeben; aber das iſt einer dieſer ſelbſtſtändigen Charaktere, die ihre Thränen zurückdrän⸗ gen und uns immer mit heitrer Stirne empfangen. Das verwundet dann freilich die Eigenliebe öfters! doch dieß beiſeite, ich ſage noch einmal, daß ich ihr Nichts vorzuwerfen habe. Wenn Sie mir nicht die Heirat vorgeſchlagen hätten, die mein Vermögen um mehr denn fünfzigtauſend Thaler Einkünfte vergrößern wird, ohne die andern Ausſichten nur zu berechnen, 1 ſo hätte ich, bei Gott! dieſe Verbindung nicht des be⸗ ſondern Vergnügens, ſondern der angenehmen Gewohn⸗ heit wegen nicht aufgelöst, da ſie ohne allen läſtigen Zwang und für mich ſehr bequem war... und über⸗ dieß weiß man, was man aufgibt, aber nicht was man kriegt.“ — „Dieß heißt über alle Maßen vernünftig geſpro⸗ chen, mein lieber Gaſton, und riecht ſtark nach Egvis⸗ mus; auch hat bis dahin Ihr Benehmen dieſen ange⸗ nehmen Geruch der Perſönlichkeit getragen. Laſſen Sie ſich alſo nicht durch vergebliche Furcht irre machen. 5 Sie wollten mit ihr brechen? wohlan! die Wegnahme 1 dieſes Käſtchens iſt ein prächtiger Grund zur Trennung. * „ Was dann die Anmerkungen betrifft, oder wie Sie das heißen; was die Anmerkungen betrifft, die ſie da⸗ bei finden wird, ſo wird eine Frau in ihrer Lage, eine Frau, die ſo viel auf ſich ſelbſt hält, keine Rache wa⸗ gen, die ſie vernichten könnte, oder wodurch ſie minde⸗ ſtens betrachtet würde, als wäre ſie aufgegeben worden für.. meiner Treu, ich frage nicht, für wen. .. es liegt mir Nichts daran. .. Doch noch einmal, mein lieber Gaſton, glauben Sie mir. .. das iſt gewiß nur zu Ihrem Beſten. — Ach mein Gott! rief er nach au⸗ 8 Schweigen von einer plötzlichen Idee elebt; ſie hat ſich vielleicht nur zum Ufer des Fluſſes ühren laſſen, um ihr Käſtchen hineinzuwerfen.“ „Sie ſind wohl ein Narr, Alfred, Sie hätte die Briefe zu Hauſe verbrannt, das wäre Alles geweſen.. Noch einmal, ſie behält dieſelben, um einen boshaften Gebrauch davon zu machen.“ „Einen boshaften Gebrauch,“ ſagte Alfred achſel⸗ zuckend und mit Ungeduld; „was beweiſen überdieß ſolche Briefe... Daß Sie nicht ſchön an ihr gehan⸗ delt, daß Sie ſie aufgegeben haben? Und wer zum Teufel hat denn je die Partei einer aufgegebenen Frau genommen? Schmähen Sie eine Frau auf die gehäſ⸗ ſigſte Art, behandeln Sie ſie öffentlich mit der unbarm⸗ herzigſten Grauſamkeit, ſo werden doch immer ihre vertrauteſten Freunde noch ſagen, daß die Unglückliche nur ihren verdienten Lohn empfangen, und die Männer werden Sie Ihrer rohen Unverſchämtheit wegen be⸗ neiden, ohne Ihnen nachahmen zu dürfen, wie die kei⸗ nen Diebe die Straßenräuber beneiden!“ — „Sie kennen ſie nicht, ich ſage es Ihnen noch⸗ mals,“ erwiderte Gaſton. Als Alfred aber die Bläſſe und die Aufregung ſeines Freundes bemerkte, ſagte er nun auf franzöſiſch zu ihm: „Hören Sie, Gaſton, er⸗ holen Sie ſich; wir kamen ja in dieſe abſcheuliche Kneipe, um einen Augenblick auszuruhen und ein Glas Waſſer zu trinken 59 „Sie haben Recht,“ erwiderte Alfred ſich umſehend, „aber es ſieht hier Alles ſo ſchmutzig aus, daß wir vielleicht nicht einmal ein erträgliches Glas Waſſer bekommen werden.“ Dieſe unziemlichen Worte erhöhten den Zorn der Frau Lebveuf und ſämmtlicher Kunden, die wüthend waren, die Unterhaltung der beiden jungen Leute, ſeit ſie engliſch geſprochen, nicht verſtanden zu haben. „Madame, ein Glas Zuckerwaſſer, ich bitte Sie,“ ſagte Gaſton zur Wittwe. Dieſe bewegte mit majeſtätiſcher Geberde, jedoch ohne zu antworten, eine zerbrochene Klingel und rief mit kreiſchender Stimme: „Britard! Britard! ein Glas Zuckerwaſſer!“ „Welch abſcheulicher Ofengeruch!“ ſagte Gaſton Stirne fahrend, „mein Kopf brennt fürchter⸗ ich. „Und zudem kommt noch,“ ſagte Alfred voll Eckel, „ſo eine Art Dunſt von verſchimmelter Waare und alten Rentnern, der wahrlich verpeſtend iſt... „Aber Madame, ich habe ein Glas Zuckerwaſſer verlangt,“ ſagte Gaſton ungeduldig. „Aber, mein Herr, es dünkt mich, ich habe dem Britard ſtark genug geläutet,“ erwiderte die Wittwe ärgerlich, indem ſie neuerdings zur Klingel griff. „Es iſt wahr, Gaſton, Madame hat in der That dem Britard geläutet,“ ſagte Alfred ſehr ernſthaft; „haben Sie ein wenig Geduld. Aber da ich die An⸗ weſenheit Britard's bezweifle, ſo will ich zur Vorſorge eine Cigarre anzünden.“ 3 Alfred zog aus einem Etui vom feinſten Stroh⸗ geflecht eine Cigarre, nahm dann ein chemiſches Zünd⸗ hölzchen aus einem kleinen, ſilbernen, damascirten Büchschen und fing an zu rauchen. Die Kunden des Kaffeehauſes betrachteten ſich mit höchſtem Staunen, unſchlüſſig, wie ſie die kühne Neuerung aufnehmen ſollten. Einige huſteten, Andere ließen energiſche hum, hum hören; und ohne das Intereſſe der Neugierde, das dieſe jungen Leute einflößten durch die Rolle, die ſie in der Begebenheit mit dem, dem Bedienten des Vampyr übergebenen Käſtchen zu ſpielen ſchienen, hätten die Wittwe und ihre Anhänger ohne Zweifel gegen dieſe, in einer Tabagie gebräuchlichen Manieren lebhaft proteſtirt.“ In dieſem Augenblick erſchien Britard, ein baus⸗ bäckiger Kellner mit entblösten Armen, der zu jeder Jahreszeit Hundstage hatte. Er trug auf einem ausgezackten Theebret eine Flaſche, ein zwei Zoll dickes Glas und fünf Klötzchen Zucker in einer zerſprungenen Untertaſſe. Während Gaſton ſich dem tiefſten Nachdenken hin⸗ zugeben ſchien, betrachtete Alfred, die Hände in der Taſche, das Glas Waſſer mit Eckel und Mißtrauen, „als er plötzlich ausrief: „Aber Britard, mein Lieber, Sie bringen da eine Spinne in Ihrer Flaſche! Das iſt mehr, als wir verlangt haben. Wir haben Eile. Wir möchten ein einfaches Glas Waſſer, ohne Spinne, wenn es möglich wäre.“ Britard fuhr ſich mit der dicken, rothen Hand in die Haare und kratzte; dann, aufmerkſam die Flaſche beſchauend, entdeckte er wirklich das Daſein einer Spinne. Anſtatt durch dieſe abſcheuliche Entdeckung in Ver⸗ legenheit zu gerathen, zuckte er die Achſeln und wandte ſich etwas gegen die Wittwe und die Kunden. Durch dieſe Bewegung ſchien er aber ſagen zu * wollen: „Wahrlich, dieſer Herr ſpielt ſehr den Ecklichen mit ſeiner Spinne.“ Die Wittwe und die Kunden antworteten hierauf mit einem andern Geberdenſpiel, deſſen ungefähre Be⸗ deutung: „Ach, mein Gott! ſprecht uns nicht davon, Britard, das iſt ja erbärmlich.“ Dann nahm Britard mit wiederholtem Achſelzu⸗ — . 61 cken die Flaſche in die eine Hand, ſteckte mehrmals ſei⸗ nen dicken, garſtigen Finger in den Hals derſelben und begann da einen Fiſchfang beſonderer Art. Dieſer Fang ward dann auch mit dem glücklich⸗ ſten Erfolge gekrönt. Britard zog die Spinne heraus, nahm ſie ſachte zwiſchen den Daumen und den Zeige⸗ finger, zerdrückte ſie mit dem Fuße und ſtellte mit un⸗ verwüſtlichem Gleichmuth die Flaſche wieder auf den Tiſch, indem er zu Alfred ſagte, wie wenn er ihm die Laune eines verwöhnten Kindes vorzuwerfen hätte: „Nun, mein Herr, hoffe ich, Sie werden mir nicht mehr ſa⸗ 1 daß es Spinnen im Waſſer habe, ſchauen Sie jetzt!“ Alfred hatte dem Manöver Britards mit tiefer Bewunderung zugeſehen, dieſe letzten Worte aber dünk⸗ ten ihm köſtlich. Er drückte ihm hundert Sous in die Hand und ſagte: „Das iſt für Euch, Britard; dem Verdienſte ſeine Kronen, in Eurer Art ſeid Ihr, mein Lieber, ganz prächtig unreinlich.“ Britard betrachtete wechſelsweiſe Alfred, das Geld, die Wittwe und die Kunden mit verblüffter Miene. Gaſton, der immer träumeriſch geblieben, ſagte halb⸗ leiſe zu ſich ſelbſt: „Was nun thun ... was thun? Wo iſt gerade jetzt das Käſitchen?“ Und mechaniſch ſtreckte er die Hand nach der Flaſche aus. „Pfui Teufel! wenn Sie dieß berühren, Gaſton,“ ſagte Alfred. Und er erzählte ſeinem Freunde den Fang der Spinne. Gaſton ſchob das Theebret mit Abſcheu weg und rief ungeduldig: „Gehen wir, es iſt unmöglich, nur ein Glas Waſſer zu trinken, und doch brennt mir der Kopf und verſchmachte ich beiuahe. ... Kommen Sie Alfred, wir wollen einen etwas weniger eckelhaften Ort aufſuchen.“ Dieſe Worte verſetzten die Wittwe in wahre Wuth. 62 Sie rief entrüſtet und ſich an Alfred wendend: „Zuvörderſt, mein Herr, raucht man hier nicht wie in einer Tabakskneipe, verſtehen Sie mich? Und dann habe ich die Ehre, Ihnen trotz Ihrem Hohnlächeln zu ſagen, daß wenn Sie nicht trinken, was man hier auf⸗ trägt, Sie den Andern nicht Eckel einzuflößen brauchen.“ Alfred antwortete mit unzerſtörbarem Ernſte: „Glauben Sie mir, meine liebe Dame, daß ich hierin keinen Einfluß auf dieſen Herrn gehabt; denn ich er⸗ kläre Ihnen, daß wenn man ihn ſeiner eigenen Neig⸗ ung überläßt, er niemals Spinnen ißt.“ — „Kommen Sie, dieſe Frau iſt närriſch,“ ſagte en er ihr einen Lvuisd'or auf den Zahl⸗ warf. 5 Die Wittwe ſtieß mit ſtolzer Verächtlichkeit das Goldſtück weg, indem ſie rief, daß man in ihrem Hauſe nur bezahle, was man verzehrt habe. „Ich habe dieſem poſſirlichen Burſchen ſchon Etwas für ſeine Spinne gegeben,“ ſagte Alfred zu Gaſton. Dieſer nahm ſein Goldſtück wieder und die bei⸗ den jungen Leute gingen weg. . Kaum waren ſie über die Schwelle des Kaffee⸗ hauſes geſchritten, als Herr Godet ihnen, trotz der Kälte, mit entblößtem Kopfe folgte. „Ihr Hut, Herr Godet,“ rief die Wittwe, welche die Abſichten ihres Kunden errieth. „Mein Hut,“ ſagte Herr Godek, „den habe ich nicht nöthig, ich werde ſie ihnen ſogleich innig ver⸗ ſöhnt und zahm wie Lämmer zurückführen, dieſe bei⸗ den Jungfernknechte!“ In zwei Schritten hatte er die jungen Leute er⸗ reicht und zupfte Alfred, der ihm größeres Zutrauen einflößte, ſachte am Aermel. „Was wollen Sie, mein Herr?“ ſagte dieſer Letz⸗ tere, erſtaunt über die groteske Figur des Kunden. „Mein Herr, ich möchte Ihnen gern einen uner⸗ meßlichen Dienſt erweiſen, wenn es möglich iſt, wie ——— — 63 denn das unter guten Bürgern ſein ſoll; ich anerbiete Ihnen daher, uns gegen den gemeinſchaftlichen Feind zu verbinden. Denn, in dieſem Augenblick iſt Robin des Bvis, oder mit andern Worten der Vampyr unſer gemeinſchaftliche Feind.“ Alfred und Gaſton betrachteten Herrn Godet, ohne ein Wort von ſeiner ſonderbaren Rede zu verſtehen. Endlich ſagte Gaſton zu Alfred: „Kommen Sie, mein Freund; ſehen Sie denn nicht, daß dieſe Leute alle Narren ſind?“ „Dieſer da hat aber ein zu dummes Geſicht für einen Narren,“ ſagte Alfred. Herr Godet, der befürchtete, ſeint Leute möchten ihm entwiſchen, wurde nicht empfindlich über die Aeußerung, ſondern fügte ſchnell und mit geheimniß⸗ voller Miene bei: „Ich weiß Alles, Sie ſuchen eine junge Dame, die ſich mit einer ältlichen Frau in ei⸗ nem kleinen, blaugemalten Fiaker, mit rothen Vor⸗ hängen befand. Und ſoll ich ſie Ihnen bezeichnen, ſo hatte die Alte einen ſchwarzen Hut, einen braunen Man⸗ tel und graue Haare; die Junge blonde Haare, ſchwarze Augen, und ſchwarze Brauen.“ — „Das ſind ſie!“ rief Gaſton; dann ſeinen Gleich⸗ muth wieder gewinnend, ſagte er zu Herrn Godet, der voll Schadenfreude triumphirte: „In der That, mein Herr, es würde mich intereſſiren, zu vernehmen, welche Richtung die Perſonen eingeſchlagen haben, von wel⸗ chen Sie ſprechen.“ „Und beſonders zu vernehmen, wo ſie das kleine Käſtchen von Schildkrot, mit Gold eingelegt, hinge⸗ tragen haben, nicht wahr, mein Herr?“ erwiderte Godet. „Wie! wiſſen Sie das?“ verſetzte Gaſton mehr und mehr erſtaunt. „Ich kann Sie auf Ehre verſichern, daß die be⸗ ſagte alte Frau vor ungefähr einer Stunde, Angeſichts mei das Käſtchen dem Bedienten des Vampyr übergeben hat,“ ſagte Herr Godet. Dieſe Nachricht war ſo unerwartet, ſo überra⸗ ſchend, daß die beiden jungen Leute ſie nicht glauben konnten. Tauſend verſchiedenartige Gefühle, Unruhe, Zorn, „ Eiferſucht, Rache, Neugierde kreuzten ſich in Gaſtons Gemüthe. „Mein Herr,“ rief er erbleichend, „Sie müſſen mir augenblicklich ſagen, wer die Perſon iſt, der Sie den Beinamen Vamphr zugetheilt haben und wo . ſeine Wohnung iſt.“ „Peſt! jeßt ſeid Ihr nicht ſo ecklich, mein lieber „ Freund,“ dachte Herr Godet, der nicht geneigt war, ſeine Opfer ſo bald zu verlaſſen. Dann auf ſeinen kahlen Schädel deutend, verſetzte er: „Sie werden bemerken, meine Herren, daß ichnicht mehr in der Frühlingszeit der Jugend ſtehe. Wenn Sie wieder „ ins Kaffeehaus Lebveuf zurückkommen wollten, ſo könn⸗ ten wir dort ſchwatzen ohne zu frieren.“ „Meinethalben, mein Herr,“ ſagte Gaſton, indem er ungeduldig den Weg nach dem Kaffeehaus der Wittwe wieder einſchlug. 3 Nie war wohl ein römiſcher Sieger, der in ſei⸗ nem Gefolge ganze Völker als Sklaven mit ſich ſchleppte, ſtolzer als Herr Godet, begleitet von den beiden jun⸗ gen Männern, bei der Rückkehr in das Kaffeehaus der Wittwe war. Er bedeutete die Kunden, ihre Neugierde zu mäßi⸗ gen, und zog ſich in einen Winkel der Stube zurück. Herr Godet hütete ſich wohl, den jungen Leuten ſogleich den Namen des Obriſt zu ſagen; ſie muß⸗ ten, trotz ihrer Ungeduld es dulden, daß der Dechant der Kunden des Kaffeehauſes Leboeuf ſie mit darauf bezüglichen und von ihm geſchmiedeten, abgeſchmackten Erzählungen unterhielt. S 65 Ohne die genauen, augenſcheinlichen Thatſachen, die dieſer unerbittliche Neugierige ſchon aufgezählt, hätte Gaſton ſeinen Worten nicht den geringſten Glauben beigemeſſen; er ward jedoch genöthigt, die Geſchichte vom Flintenſchuß, von der prachtvoll geſchirrten Kutſche, von der Uniform des Obriſt und endlich die von ſeinem gottesvergeſſenen Aufenthalt auf dem Kirchhof Pere la Chaiſe mit anzuhören. Mehr als alle dieſe Dummheiten machte das ſelt⸗ ſame Daſein eines ſolchen Obriſt unſere jungen Leute ſtaunen. . „Nochmals, mein Herr,“ ſagte Gaſton, „ich habe die Ehre, Sie nun ſchon zum zwanzigſten Male zu bitten, haben Sie die Güte, mir zu ſagen, wo dieſer Mann wohnt? Dieſe Umſtänplichkeiten alle ſind ohne Zweifel merkwürdig, aber noch einmal, geben Sie mir die Adreſſe des Oberſten, ſeine Adreſſe?“ „Folgen Sie mir, meine Herren,“ erwiderte Go⸗ det mit wichtigthuender Miene plötzlich aufſtehend. Er öffnete die Thüre des Kaffeehauſes, ſtreckte den Finger aus, zeigte Gaſton die kleine Thüre des Hotel Orbeſſon und ſagte: „Da, mein Herr, „dagegen⸗ über iſt die Wohnung des Vampyr „ die Thure mit dem Fenſterchen iſt die rechte.“ Gaſton lief nach der Thüre, ohne ein Wort zu ſprechen. Händereibend und mit teufliſcher Freude trat Herr Godet wieder in das Kaffeehaus, indem er rief: „Das heißt geſchürt, meine Herren, das heißt geſchürt; jetzt an unſre Löcher, jetzt an unſre Löcher!“ Die Kunden ſtellten ſich alle an die Fenſter. Gaſton klingelte heftig. Das Geſicht des alten Bedienten des Obriſt er⸗ ſchien, zwar nicht an der Thüre, aber am Fenſterladen. Die jungen Leute ſchienen die dringendſten Vor⸗ ſtellungen zu machen, um Einlaß zu erhalten; ſie ſchie⸗ nen zu bitten, ſogar zu drohen, Alles umſonſt, Gaſton Mathide. 1. v 2 mußte ſich begnügen, vurch den Fenſterladen ſeine Karte abzugeben, auf welche er in der Eile einige Worte mit Bleiſtift ſchrieb. e Als Herr Godet ſah, daß die beiden Unbekannten eifrig ſprachen, öffnete er ein wenig die Thüre der Gaſtſtube und hörte Gaſton mit erzürnter Stimme ſa⸗ gen: „Alſo morgen Vormittag um neun Uhr. Ich hoffe, man werde keine Entſchuldigungen vorbringen.“ Dann enifernten ſich die jungen Männer ſchnel⸗ len Schrittes. Viertes Kapitel. Die Zuſammenkunft. Den folgenden Morgen um neun Uhr hielt der Wagen Gaſtons vor dem Hotel Orbeſſon. Der Kammerdiener ſchellte, die kleine Thüre öff⸗ nete ſich und der alte Bediente erſchien. Gaſton und Alfred ſtiegen aus. „Zum Herrn Obriſt Utrich,“ ſagte Gaſton. Der Bediente verneigte ſich, ohne zu antworten, und ging den beiden jungen Männern voran. Etwas Traurigeres und Oederes als das Innere dieſes weit⸗ läufigen Hauſes konnte wahrlich nicht geſehen werden. Unter dem hohen Graſe, das den Hof überwucherte, lagen hie und da große Steinplatten, die vom Nie⸗ derreißen irgend eines Gebäudes herkommen mußten. Man hätte ſie für Leichenſteine eines verlaſſenen Kirch⸗ hofs halten können. Alle Fenſter waren von Außen geſchloſſen, die Glasthüre der Hausflur pfiff in ihren roſtigen Angeln und wiederhallte kläglich in dem hohen Gewölbe der großen Treppe. 3 67 Der Obriſt bewohnte das Erdgeſchoß. Der Be⸗ diente führte die beiden jungen Leute in einen unge⸗ heuren, dürftig möblirten Saal, deſſen hohe Fenſter ohne Vorhänge und mit kleinen Scheiben nach einem, von großen Mauern umgebenen Garten gingen, der traurig wie ein Kloſtergarten ausſah. „Der Herr Obriſt wird gleich erſcheinen,“ ſagte der Bediente und verſchwand. Es war ein düſterer, dunkler Tag, der Wind heulte traurig durch die ſchlecht verſchloſſenen Thüren. Alles in dieſer Wohnung trug nicht das Elend, nicht die Sorgloſigkeit, ſondern die tiefſte Gleichgültigkeit in Hinſicht des materiellen Wohlſeins zur Schau. Alfred und Gaſton betrachteten ſich einige Augen⸗ blicke ſchweigend. 5 „Seit wir hieher gekommen ſind,“ ſagte Alfred vor Kälte ſchaudernd, „iſt mir, als fühlte ich auf meinen Schultern eine Centnerlaſt gefrornen Bleis. Nirgends iſt Feuer .. . dieſer Mann iſt ein wahrer Spartaner.“ „Was iſt dieſer Mann?“ ſagte Gaſton mit ſich ſelbſt ſprechend. „Sie allein hätte uns über ihn auf⸗ klären können, allein ſie iſt dieſe Nacht abgereist, glaube ich.“ „Dieſe Nacht,“ antwortete Gaſton. „Ulrich?“ ſagte Alfred, „Ulrich? das muß der Name eines Ruſſen, Preußen oder Deutſchen ſein; ich ging geſtern in den Club der Union, indem ich hoffte, ei⸗ nige Glieder des diplomatiſchen Corps daſelbſt zu fin⸗ den; auch ſah ich wirklich drei oder vier Geſandt⸗ ſchaftsſeeretäre. Aber keiner kennt den Obriſt Ulrich. Nun können wir bei Niemand mehr Aufklärung er⸗ halten, als beim ruſſiſchen Geſandten, den ich leider nicht antreffen konnte.“ „Das iſt mir zuletzt gleichgültig!“ ſagte Gaſton. „Genug, dieſer Mann beſitzt mein Geheimniß; ſie hat mich ohne Zweifel ſeinetwegen aufgegeben; das iſt ein unwürdiger Verrath. Entweder tödte ich ihn oder er ſoll mich tödten.“ „Nur nicht ſo ſchnell, mein Freund; vielleicht hat dieſer geſtrige Dummkopf uns falſch berichtet. Zwar iſt Anſchein vorhanden, als ob ſie ſelbſt dieſes Käſt⸗ chen hiehergebracht hätte, aber bemerken Sie wohl, ſie trat nicht ein, Frau Blondeau übergab es nur dem Bedienten; kurz, Gaſton, ich verlaſſe mich auf Sie, Sie haben zuviel Erfahrung in Sachen dieſer Art, als daß Sie ſich wie ein Kind betragen ſollten; dieſe An⸗ gelegenheit iſt zu ernſt, wir können nichts Beſſeres thun, als uns auf die Umſtände vorbereiten, die unfehlbar eintreten werden.“ „Was mich beſonders erbittert,“ rief Gaſton, „das iſt die Falſchheit dieſer Frau! Ich glaubte ſie nicht nur einer Lüge, ſondern auch der kleinſten Verſtellung unfähig. Sie hat vor mir den Namen dieſes Mannes nie ausgeſprochen, und nun anvertraut ſie ihm. . .. Sehen Sie, es waltet da ein gehäſſiges Geheimniß ob, das ich ſofort durchſchauen will.“ „Alles, was dieſer Schwätzer uns geſtern von dem Leben des Obriſten erzählt hat, iſt wirklich ſeltſam genug,“ ſagte Alfred, „und es geht wenigſtens daraus hervor, daß es ein abſcheulich wunderlicher Kauz ſein muß. Der ſchlechte Zuſtand des Innern dieſes Hauſes läßt auch nicht auf den erfreulichſten Charakter ſchlie⸗ ßen, und ohne ihre traurigen Vorurtheile wäre ich entzückt, mich Robin des Bois, dem Vampyr, wie ihn dieſe guten Leute heißen, gegenüber zu befinden; aber hu! wie kalt! wie kalt! . . wenn er der Teufel iſt, ſo ſollte er wenigſtens aus Rückſicht für die, welche ihn beſuchen, einen Wiederſchein ſeiner hölli⸗ ſchen Bratmaſchine hieher ſenden.“ In dieſem Augenblick öffnete der Bediente die Thüre, und der Obriſt trat ein. Es war ein ſehr einfach gekleideter Mann, vo hohem Wuchs. Er ſchien ungefähr ſechsunddreißig 69 Jahre alt, obwohl ſeine braunen Haare längs der Schläfe etwas grau zu werden anfingen. Sein Ge⸗ ſicht war ſonnverbrannt; die dunkle Falte, welche ſeine ſchwarzen, geraden und ſcharfgezeichneten Augenbrauen trennte, verlieh ſeiner Phoſiognomie etwas Hartes und Hochmüthiges, obwohl ſeine, ſonſt ſehr regelmäßigen Züge, in frühern Zeiten mildere Gefühle ausgedrückt haben mochten. Er hielt Gaſtons Karte in der Hand, warf einen Blick darauf und fragte mit feſtem, kurzem Tone und ohne fremdartigen Accent die beiden Män⸗ ner zugleich: „Graf Gaſton von Senneville?“ „Der bin ich, mein Herr,“ ſagte Gaſton. Und auf ſeinen Freund deutend, fuhr er fort: „Der Herr Mar⸗ quis von Baudricoutt.“ Der Obriſt grüßte mit einer leichten Kopfbewe⸗ gung, die Hände auf dem Rücken gekreuzt, ſchaute er Gaſton feſt ins Geſicht und erwartete, daß dieſer ihm den Grund ſeines Beſuches erklären würde. Trotz ſeiner Dreiſtigkeit und trotz ſeinen Weltſitten war Gaſton einen Augenblick ganz beſtürzt. Die har⸗ ten, dunkeln Züge des Obriſt waren unbeweglich, faſt ehern zu nennen. In ſeinen großen, grauen Augen lag ein klarer, feſter, durchdringender Blick, der in die Länge unerträglich wurde. Es gibt oft nichts Schwereres, als das Still⸗ ſchweigen zu brechen. Sei es nun, daß Alfred erwar⸗ tete, Gaſton werde das Wort nehmen, ſei es, daß die⸗ ſer hoffte, der Obriſt werde ſprechen, genug, alle Drei blieben einige Minuten ſtumm. Da erſt fühlte Gaſton, daß es ihm ſchwer fal⸗ len würde, den Grund ſeines Beſuches auseinander zu ſetzen, ohne die Frau bloßzuſtellen, über die er ſich beklagen zu müſſen wähnte. Und wie denn das oft geſchieht, ſo wurde auch Gaſton, im Augenblick wo er eine Erklärung verlangen wollte, von tauſend Betrachtungen ergriffen, die er vor ſeinem Beſuche beim Obriſt hätte machen ſollen⸗ Verlegenheit, Aerger und Zorn jagten ihm das Blut in den Kopf. Alfred, der dieſe läſtige Scene be⸗ endigen wollte, ſagte zum Obriſten: „Mein Herr, Sie kennen ohne Zweifel den Grund, der uns zu Ihnen führt?“ „Nein, mein Herr,“ verſetzte Ulrich. „Mein Herr,“ rief Gaſton, „es handelt ſich um ein Käſtchen, das mir gehört und das Ihnen geſtern durch eine Frau, die Sie kennen müſſen, zugeſtellt wurde denn dieſe Frau iſt die geheime Botſchaf⸗ terin einer Andern, die Ihnen jedenfalls nicht unbe⸗ kannt ſein kann. . . .“ „Ich weiß nicht, was Sie ſagen wollen, mein Herr,“ antwortete der Obriſt. „Mein Herr! ... ſagte Gaſton lebhaft. „Mein Herr! . . .“ ſagte der Obriſt ohne ſtärkere Betonung der Stimme. Ein neues Stillſchweigen erfolgte; Gaſton biß ſich ärgerlich die Lippen. Endlich hub Alfred kaltblütig wieder an: „Es liegt Herrn von Senneville ſehr viel daran, mein Herr, zu wiſſen, ob ein Käſtchen, das ihm gehört, und ehr wichtige Papiere enthielt, Ihnen geſtern Nach⸗ mittag übergeben worden iſt. Wenn Sie, mein Herr, ihr Ehrenwort geben wollen, daß dieſes Käſtchen weder in ihrem Beſitz iſt, noch war, ſo wird ſich Herr von Senneville befriedigt erklären.“ „Ich werde mich nur befriedigt erklären, wenn.. 1 „Mein Freund, Sie haben mich als Rathgeber mitgenommen,“ ſagte Alfred, „erlauben Sie mir alſo, mich mit dieſem Herrn zu verſtändigen.“ „Das wird ganz einfach ſein, meine Herrn,“ ſagte der Obriſt, einige Schritte gegen die Thüre zugehend, um zu zeigen, daß alle andern Fragen vergeblich ſein würden; „ich habe Ihnen Nichts darauf zu antworten“ „Sie verweigern alſo, mein Herr,“ rief Gaſton, „Ihr Ehrenwort zu geben, daß „ 7¹ „Ich weigere mich, mein Herr, Fragen zu beant⸗ worten, die ich für unſchicklich halte,“ ſagte der Obriſt, immer der Thüre zugehend. Gaſton und Alfred blieben beim Fenſter. „Mein Herr,“ ſagte Alfred, der ſich kaum halten konnte, „ſoll Ihr Zurückziehn gegen die Thüre bedeuten, daß dieſe Unterhaltung zu lange gedauert hat?“ „Zu lange . . . vielleicht, mein Herr,“ ſagte der Obriſt, die Hand an die Klinke legend, „doch jeden⸗ falls lange genug .. . Ich habe Nichts zu ſagen und Nichts anzuhören.“ „Und ich, ich erkläre Ihnen, mein Herr, daß ich nicht von hier weggehen werde, ohne daß Sie mir geantwortet haben!“ rief Gaſton; „iſt dies Käſtchen hier, ja oder nein?“ „Nur ein Wort, mein Herr, ich bitte Sie,“ ſagte Alfred, welcher alle Wege der Vermittlung einſchlagen zu wollen ſchien. „Sie ſind ein Mann von Bildung, mein Herr, und wir haben uns auch als Männer von Bildung an Sie gewandt, nachdem wir zuvor die ſicherſten Erkun⸗ digungen eingezogen, welche uns die Gewißheit geben, daß das fragliche Käſtchen, wo nicht Ihnen, mein Herr, doch einem Ihrer Leute zugeſtellt worden iſt. Sollte Ihnen dieſer Umſtand unbekannt ſein, ſo bitte ich Sie, Ihren Bedienten darüber zu befragen.“ „Das iſt unnöthig, mein Herr.“ „Aber dann,“ rief Gaſton heftig ſtampfend, „dann muß „Gaſton . . . ein Wort noch,“ ſagte Alfred, dann fuhr er fort: „Weil Sie uns dieſen Aufſchluß verwei⸗ gern, mein Herr, ſo bleiben Sie allein verantwortlich in der fraglichen Angelegenheit. Wir wenden uns nun zum letzten Mal an Ihre Rechtlichkeit, um eine be⸗ ſtimmte Antwort zu erhalten. Herr von Senneville würde bedauern, die Schranken der Mäßigung über⸗ ſchreiten zu müſſen, und Sie, mein Herr, ſind zu ge⸗ 6. bildet, um eine höfliche Frage nicht auch höflich beant⸗ worten zu ſollen.“ „Meine Herren, ich habe ſchon zweimal die Ehre ehabt, Ihnen zu ſagen, daß ich auf dieſen Gegenſtand ichts zu antworten habe,“ wiederholte der Obriſt, immer ruhig und kalt. Alfred und Gaſton warfen ſich unwillige Blicke zu. „Es iſt augenſcheinlich, mein Herr,“ ſagte Alfred, „daß wir Sie nicht zwingen können, zu ſprechen, noch ſich zu erklären; aber .. „Es iſt unnöthig, dieſe Unterhaltung in die Länge u ziehen,“ ſagte Gaſton mit Feſtigkeit, „Sie weigern ch zu antworten, mein Herr, und das beweist mir, daß Sie das Käſichen beſitzen; ich aber habe Gründe, dieſen Beſitz als eine mir angethane Beſchimpfung zu betrachten und verlange daher Genugthuung von Ihnen.“ „Es ſei, mein Herr,“ ſagte der Obriſt, die Thüre des Sales öffnend. „Sie werden die Güte haben, ſich heute mit mei⸗ nem Zeugen zu verſtändigen,“ ſagte Gaſton, auf Alfred deutend. Das iſt nicht nöthig, mein Herr, wir können leich jetzt die Stunde, den Ort und die Waffen be⸗ ſ ſagte der Obriſt. „Nun denn, mein Herr . . die Stunde mor⸗ gen Vormittag um zehn Uhr,“ ſagte Gaſton. „Um zehn Uhr,“ wiederholte der Obriſt. „Im Gehölze von Vincennes, bei der Faſanerie.“ „Im Gehölze von Vincennes,“ ſagte der Obriſt. „Was die Waffen betrifft,“ verſetzte Gaſton, „ſo wählen Sie, mein Herr.“ „Das iſt mir gleichgültig, mein Herr.“ „Auf den Degen alſo, mein Herr.“ „Auf den Degen alſo, ſagte der Obriſt, die Thüre vor den beiden jungen Männern ſchließend, ohne daß ſein Geſicht oder ſeine Stimme nur die leiſeſte Bewe⸗ gung verrathen hätte. 73 Der alte Bediente geleitete die Beiden hinaus, und das Hotel Orbeſſon wurde wieder ſo ſtill und ſo einſam als vorher. Die Kunden des Kaffeehauſes Leboeuf, welche den ganzen Morgen auf der Lauer waren, hatten die jun⸗ gen Männer eintreten geſehen. Als ſie wieder herauskamen und den Wagen be⸗ ſteigen wollten, öffnete Herr Godet, von ſeiner unbe⸗ ſieglichen Neugierde getrieben, die Thüre des Kaffee⸗ hauſes, näherte ſich Gaſton entblößten Hauptes und ſagte zu ihm mit geheimnißvoller und vertraulicher Miene: „Nun! junger Mann, wie ſtehen die Sachen? Sie, der Sie in's Capharnäum des Vampyr gedrun⸗ en ſind, Sie können uns am beſten ſagen, wie das ſeiner Höhle ausſieht! Hat er Ihnen das Käſt⸗ chen von der hübſchen Dame zurückgegeben? Sie haben ihn hoffentlich artig ausgeſcholten und angeſchnautzt.“ Alfred und Gaſton ſtiegen in den Wagen, ohne auf die Fragen des Herrn Godet nur ein Wort zu erwidern. „ . Der Kammerdiener ſchloß den Schlag, ſagte zum Kutſcher: Ins Hotel und der Kunde blieb verblüfft ſtehen. „Impertinentes Bürſchchen!“ ſagte Herr Godet. „Geſtern wareſt Du viel höflicher, als es ſich um mein Geheimniß handelte! Nun, das iſt einerlei, ſie waren blaß ſie ſahen ärgerlich drein; das iſt immer Etwas.“ Als Herr Godet in das Kaffeehaus zurückkam, wurde er mit Fragen beſtürmt. Er gab ſich eine wich⸗ tige Miene und antwortete: „Dieſe Herrn hatten nur Zeit, mir in der Eile einige kleine Umſtände mitzu⸗ theilen und für meine Gefälligkeit zu danken. Morgen Vormittag wird ſich Alles aufklären.“ Dieſe Angabe, die zufällig mit der Wahrheit über⸗ einſtimmt, wurde von den Kunden mit beſonderer Freude aufgenommen und Alle erwarteten ungeduldig den fol⸗ genden Morgen. — Dieſer Tag mußte denn auch, in der That, ein roßer Tag für die Neugierigen des Kaffeehauſes Le⸗ veuf werden. um acht Uhr ging der Bediente des Obriſt allein aus, kam dann ungefähr eine Stunde nachher in einem Fiaker zurück und brachte zwei Soldaten der Infanterie mit ſich. „Aha!“ rief Herr Godet, der als eifriger Beob⸗ achter ſchon auf ſeinem Poſten ſtand, „er hat die Wacht geholt! Vielleicht um ſeinen Herrn gegen die beiden jungen Männer zu vertheidigen? Es ſcheint, der Schä⸗ del des Vampyr ſei auch nicht von Eiſen.“ „Wenn das die Wache wäre,“ bemerkte Jemand, „ſo hätten die Soldaten ihre Flinten und Patrontaſchen, während ſie jetzt nur ihre Säbel bei ſich tragen.“ „Wohl wahr, aber zu was denn Soldaten, wenn ſich der Vampyr nicht eine bewaffnete Mannſchaft als Beiſtand erbeten hat?“ Während ſolcher Berathſchlagung öffnete ſich die Thüre des Hotel Orbeſſon, der Obriſt, in einen großen Mantel gehüllt, trat heraus, und beſtieg mit den bei⸗ den Soldaten den Fiaker. Statt, wie er gewohnt, ſogleich wieder in das Haus zu treten, blieb der alte Bediente jetzt, als die utſche weg war, noch einige Augenblicke auf der Thürſchwelle ſtehen und ſchaute ihr mit unruhigen Blicken nach. dann ging er hinein und ſchloß heftig die Thüre. .. Dieſe Bewegungen entgingen den Spionen des Kaffeehauſes Lebveuf nicht; das Benehmen des Obriſt war ihnen räthſelhaft; wo mochte er wohl mit dieſen beiden Soldaten hingehen? Die Wittwe bemerkte, daß ſie aus dem Mantel des Obriſten etwas vorragen geſehen, das der Scheide eines Degens glich, ſie wollte es jedoch nicht beſtimmt behaupten. „WVie! ein Degen?. Aber warten Sie warten „ 75 Sie.. ſagte Herr Godet, ſich fröhlich die Hände reibend, „Sie könnten Recht haben; es handelt ſich⸗ vielleicht um ein Duell mit den beiden geſtrigen Jung⸗ fernknechten. . . das Ding wird ja ganz luſtig . . . wir kriegen doch was zu ſehen für unſer Geld? bravo!“ „Wenn ein Duell ſtattfinden ſollte,“ rief die ränke⸗ ſüchtige Wittwe, „ſo wollte ich Etwas aus meiner Taſche geben, wenn dieſer arge Spötter, der wegen einer armen Spinne ſolchen Lärm machen konnte, recht wacker durchgebläut würde... „Da auch ich mich der Höflichkeit und Erkenntlich⸗ keit dieſer beiden Jungfernknechte nicht all zu ſehr zu erfreuen hatte, ſo vereinige ich mich mit Ihnen, meine liebe Frau Lebveuf, indem ich denſelben ebenfalls eine rechte Teufelei wünſche. Doch wenn es ſich um ein Duell handeln würde, ſo brauchte er Zeugen.“ „Nun. . dieſe Soldaten? . .. „Gehn Sie mir, meine liebe Frau Lebveuf, der Vampyr iſt Obriſt, er würde gewiß nicht zwei einfache Soldaten zu Zeugen nehmen. Das wäre gegen alle Regel der Disciplin. Ach, ach! was Teufels hat denn dieſer Bediente wieder auf der Thürſchwelle zu thun?“ fügte Herr Godet bei, indem er durch die Scheiben blickte. „Seit ſein Herr ausgegangen iſt, kommt er nun zum dritten Mal ſich wie ein Klotz darauf zu ſtellen. Das geht nicht mit rechten Dingen zu; da geht was vor, er ſcheint unruhig.. . wenn ich ihn be⸗ fragen würde?“ „Der Augenblick wäre übel gewählt, Herr Godet,“ ſagte die Wittwe, „geben Sie ſich nicht den Rohheiten dieſes alten Wichtes Preis . . .“ „Stille ſtille. ich höre das Rollen einer Kutſche,“ ſagte Herr Godet, ſein Geſicht auf's Neue an die Scheiben drückend. In der That kam auch der Fiaker mit den zwei Soldaten und dem Obriſt zurück. Dieſer ſprang hurtig aus der Kutſche, ſagte einige Worte zu den drückte ihnen die Hand und verabſchie⸗ dete ſie. Frau Lebveuf behauptete ſpäter, in den Augen des alten Bedienten eine Thräne geſehen zu haben, als er beim Eintritt ſeines Herrn die kleine Thüre des Hotels wieder ſchloß. Zum Unglück für die Kunden des Kaffeehauſes Lebveuf, folgten auf dieſe, an Ereigniſſen ſo fruchtbaren zwei Tage wiederum Tage der verzweifeltſten Ein⸗ tönigkeit. Sie ſahen weder Briefe, noch Käſtchen, noch Kut⸗ ſcher mehr kommen, der Speiſewirth brachte jeden Mor⸗ gen ſeine gewohnte Portion und dies war Alles. Der im Gäßchen oft erneuerte Verſuch mit der Aſche bewies, daß der Vampyr ſeine nächtlichen Spa⸗ ziergänge fortſetzte. Obwohl Herr Godet ſich nicht mehr geneigt fühlte, dieſelben zu theilen, ſo zweifelte er doch nicht, daß ſie immer dem Kirchhof Pere la Chaiſe galten. Das Einzige, was vorübergehend die Neugierde der Kunden etwas erregte, war die Erſcheinung der alten Frau, welche das Käſtchen gebracht hatte. Ungefähr zwei Monate nach dem Duell des Obriſt kam dieſe Frau nochmals zum Hotel Orbeſſon und übergab dem Be⸗ 4 dienten des Obriſt ein ziemlich großes und dickes Päckchen. Seither erſchien ſie nie mehr. Wir wollen daher von dieſem letzten Beſuche der Frau Blondeau beim Obriſt Ulrich ſprechen. Fünftes Kapitel. Der Obriſt Alrich. . Der Bediente ließ Frau Blondeau in den großen Sal treten, wo zwei Monate vorher der Obriſt Al⸗ fred und Gaſton empfangen hatte. Die Phyſionomie Stocks, ſo nannte ſich der alte Diener, hatte ihren mürriſchen Ausdruck verloren. „Wie befindet ſich der Obriſt, Herr Stock?“ „Immer gleich, Frau Blondeau; der Körper iſt eiſenfeſt, aber der Kopf ſchwach; oft weint der Herr Tage lang wie ein Kind und er weinen!. er... hätte man mir das vor einem Jahre geſagt, ſehn Sie, ich hätte es nie geglaubt!.. und dann faſt alle Nächte...“ Stock ſeufzte. „Immer auf den Kirchhof, gerechter Himmel!“ „Immer, Frau Blondeau. es iſt herzzerreißend. „Und die übrige Zeit, Herr Stock?“ „Verträumt er, bringt er troſtlos zu, ſpaziert er in dem kleinen, mit Steinplatten belegten, Zimmer, das er bewohnt. Es iſt hundert Mal kälter und feuchter als die andern, denn es diente ehemals als Badzimmerchen. Und gewiß, man könnte ſagen, der Herr hätte es eben darum gewählt, weil es das ſchlechteſte des Hotels iſt. Sehn Sie, Frau Blondeau, es iſt das Etwas, das einer Kinderei gleich ſieht, und doch treten mir die Thränen in die Alugen, wenn ich daran denke.“ „Und was wäre das, Herr Stock?“ „Seit den ſechs Monaten, während welchen wir dieſes Haus bewohnen, hat mein Herr durch das im⸗ merwährende Auf⸗ und Abgehen an dem gleichen Ort die Platten ſo abgenützt, daß man die Spur ſeiner Tritte ausgehöhlt ſieht.“ Ja, das iſt wirklich ſchrecklich! welch' ein Leben! mein Gott.“ „Ach! Frau Blondeau, es iſt, als ob ſein Geiſt ſich ſo ſehr auf einen Punkt zuſammengedrängt hätte, daß er für alles Uebrige, für Kälte, Hunger und Durſt unempfindlich iſt. Wenn ich ſeine Eſſenszeit nicht beſtimmen würde, ſo würde er gewiß nicht an das Eſſen denken. Während der größten Kälte dieſes Winters wollte er in einer mir unerklärlichen Laune kein Feuer angezündet wiſſen. Ueberdieß kann ich Jh⸗ nen noch Etwas ſagen, Frau Blondeau, das Sie in Erſtaunen ſetzen wird. Seit dreißig Jahren erlaubt mir mein Herr, ihm täglich beim Schlafengehn nach unſrer alten ungriſchen Gewohnheit die Hand zu küſſen. Das iſt bei uns ein Zeichen der Achtung und Anhäng⸗ lichkeit. Nun war trotz dieſer großen Kälte ſeine Hand immer trocken und brennend, wie wenn ein hitziges Fieber ihn durchwühlte .. . Ungeachtet deſſen iſt er nicht verändert, was ſich durch ſeine kräftige Leibesbeſchaffenheit erklären läßt ... Ich ſah ihn vor zwölf Jahren in unſern Feldzügen gegen die Türken, oft zwanzig und dreißig Stunden ohne Speiſe zu Pferde zubringen, indem er nur von Zeit zu Zeit ſei⸗ nen Durſt mit dem Schnee ſtillte, der die Mähne ſei⸗ nes Pferdes bedeckte, ſich aber nie beklagte. War er verwundet, und näherte ich mich ihm, ſo lächelte er, und dies Lächeln war ein ſo mildes, ſo ſanftes, daß meiner Beſorgniſſe ungeachtet ich mich wieder beruhigt fühlte. Ach!,. ſeit einem Jahr erſchien dies Lächeln nie mehr auf ſeinen Lippen .. . Er ſieht Niemand .. geht zu Niemand Ein einziges Mal ging er zum ruſſiſchen Geſandten, um daſelbſt eine Ordre von Sr. 6 Majeſtät dem Kaiſer zu empfangen. Ach!. Frau Blondeau, das war ein Feſt für mich, ihn ſeine Uni⸗ form anziehn zu ſehn. Er war dann ſo ſchön! Das erinnerte mich an ſo Vieles, Vieles!. . . Ich war ganz erſtaunt, als er ſeine Uniform verlangte. Ich muß beim Geſandten einen Brief vom Faiſer in Empfang nehmen, ſagte er zu mir, und ich begriff, daß er bei —— einer ſolchen Gelegenheit dieſe Kleidung für ſchicklicher halte: der Kaiſer, bewies ſich immer ſo gütig gegen ihn! Der Obriſt liebte ihn ſo ſehr! Seit dieſem Tag iſt mein Herr nie mehr ausgegangen, ausgenommen zu dem Duell.“ „Ach! dies Duell, dies Duell... Herr Stock, wenn ich bedenké, daß das unglückliche Käſtchen die Urſache davon war .. „Was das Drell ſelbſt betraf, ſo war ich durch⸗ aus nicht unruhig, Frau Blondeau, denn ich kannte die Geſchicklichkeit und die Kraft meines Gebieters. Er hatte die beſten franzöſiſchen Fechtmeiſter, die nach Rußland kamen, übertroffen; und doch mußte ich wider meinen Willen immer unter die Thüre gehen. Als ich ihn endlich mit den zwei Soldaten, die ich als Zeugen in der nahen Kaſerne holen mußte, zurückkehren ſah, hat mein armes altes Herz hoch aufgejubelt. .. Der junge Mann iſt mit einem Degenſtich davon⸗ gegangen, der ihn einen Monat im Bett zurückhielt. Am Abend nach dem Duell ſprach mein Gebieter ein Wort, das mich ſehr in Verwunderung ſetzte; er redete mit ſich ſelbſt, wie das oft geſchieht und murmelte mit leiſer Stimme: „Ich haſſe ihn nicht dieſen Mann, es wäre denn im Kriege, der Anblick des Blutes hat mich immer heftig aufgeregt und das ſeinige ſah ich mit wahrhaft wilder Freude fließen .. . Ich war auf dem Punkte, ihn nicht mehr zu ſchonen, dann aber befahl mir die Stimme, ihn leben zu laſſen, und ich ge⸗ horchte ihr.““ „Welche Stimme, Herr Stock?«“ „Ich weiß es nicht, Frau Blondeau ... Oft un⸗ terbricht er haſtig ſeinen Spaziergang, ſteht ſtille . ſcheint zu horchen, legt die beiden Hände auf ſeine Stirne und fängt wieder an zu gehen.“ „Der arme Obriſt „Aber ſehen Sie, wie ſelbſtſüchtig ich bin, ich 80⁰ ſpreche Ihnen nur von meinem Gebieter,“ ſagte Stock. „Und wie geht es der Frau Gräfin?“ „Madame iſt immer in Touraine und immer ſehr leidend.“ „Ach, Frau Blondeau, welche Veränderungen, welche Unglücksfälle ſeit den ſechs Jahren unſerer Be⸗ kanntſchaft!“ „Der Himmel gebe, daß Sie für meine Gebieterin zu Ende ſeien, Herr Stock! Ich darf für Ihren Herrn nicht den gleichen Wunſch hegen, obwohl man ſagt, daß jedes Leiden ſein Ende habe.“ „Solche aber nicht, Frau Blondeau, ſolche nicht,“ ſagte Stock mit traurigem Kopfſchütteln. „Könnte ich den Herrn Obriſt nicht ſehen? Ich möchte ihm dieſes Päckchen noch übergeben und dann dieſen Abend mit dem Eilwagen wieder nach Foi⸗ gehen. Ich muß eiligſt zu Madame zurück⸗ ehren.“ „Mein Herr hat mir noch nicht geläutet. Einige Augenblicke mehr oder weniger gefährden Ste nicht,“ ſagte Stock in beinahe flehendem Tone. „Und wüßten Sie, welche Wohlthat einige Augenblicke ruhigen Schlum⸗ mers für meinen Gebieter ſind! Es thut ihm ſo gut! Er ſchläft ſo wenig! Er kam dieſen Morgen wieder ſo ſpät heim. .. „Welch' ein Leben!“ ſagte Frau Blondeau ſeufzend. „Ich würde mich nicht beklagen,“ erwiderte Stock, wenn ich nur an meinen Herrn zu denken hätte, aber Sie glauben nicht, wie ſehr mich ein Halbdutzend alter Dummköpfe langweilen, die uns den ganzen Tag aus⸗ ſpioniren. Nicht eine Liſt ließen ſie unverſucht, um ins Haus zu kommen; ſie hocken beſtändig wie Raben auf den Stühlen des Kaffeehauſes da gegenüber und ſpioniren, was hier vorgeht..“ — „Das ſind gewiß die, welche ich ſo eben auf der Lauer ſah, als ich an der Thüre pochte,“ ſagte Frau Blondegu. 81 „Eben die.. Ich habe jedoch dem Einen von ihnen eine tüchtige Lection gegeben. hat aber Nichts geholfen...“ In dieſem Augenblicke ertönte eine Glocke. „Der Herr läutet mir. .. Erwarten Sie mich, Frau Blondeau, ich bitte Sie... Ich will meinen Gebieter von Ihrem Hierſein benachrichtigen.. Eine Viertelſtunde nachher trat Frau Blondeau in das Zimmer des Obriſt. Sie fand ihn ſtehend, in einen langen türkiſchen Pelz von dunkler Farbe gehüllt. Das niedrige Fenſter, durch welches man eine Allee Kaſtanienbäume mit ihren ſchwarzen Stämmen und entblätterten Zweigen erblickte, warf ein zweifel⸗ haftes Licht in das Gemach. Die Art ſchmerzhaften Inſichgekehrtſeins des Obri⸗ ſten, das ſeinem Geſicht einen harten und ſo zu ſagen verſteinerten Ausdruck verlieh, ſchien ſich etwas zu mil⸗ dern und ſeine Züge wurden ſanfter, als er Frau Blon⸗ deau ſah. „Wie befindet ſich Mathilde?“ fragte er mit einem Ton voll Milde und Güte. „Ach! mein Herr... Madame iſt immer ſehr nie⸗ dergeſchlagen.“ Die Stimme der armen, alten Frau wurde be⸗ wegt und ihre Augen füllten ſich mit Thränen. „Verzeihen Sie, mein Herr,“ ſagte ſie, „ich kann nun einmal dieſen Namen nicht ausſprechen hören, ohne ganz ergriffen zu werden.“ „Ich benenne ſie bei Ihnen mit ihrem Mädchen⸗ namen, weil Sie ſie auferzogen haben und weil Sie ihr wie eine Mutter anhänglich waren.“ „Ach! mein Herr... ich verdiene nicht.. ich bin nur eine Dienerin.“ „So zu ſprechen, heißt weder Ihnen noch ihr Ge⸗ rechtigkeit widerfahren laſſen.. Ich kenne Ihr Be⸗ nehmen; ich weiß auch, daß Mathilde es nach Ver⸗ Mathilde. 1. 6 Da dieſe nicht wagen durfte, noch ein zu richten, ſo zog ſie ſich bald zurück. „. dienſt würdigt, Sie gute und vortreffliche Frau... Aber was wollen Sie?“ „Madame hat mich gebeten, Ihnen dieſe Papiere zu überbringen, da ſie dieſelben der Poſt nicht anver⸗ trauen mochte. Dann hat ſie mir noch ſehr anem⸗ pfohlen, mein Herr, Ihnen zu ſagen, daß ſie keine Antwort verlangt. Sie ſollen dieß leſen... wenn Sie wollen, ſagte mir meine Gebieterin; ſie weiß. ..“ „Gut. gut.. ſagte der Obriſt ſanft, wie wenn er einer peinlichen Erinnerung hätte entgehen wollen; dann legte er die Papiere auf den Tiſch. „Und das Käſichen?“ fragte er Frau Blondeau. „Madame gab mir den Auftrag, Sie zu bitten, daſſelbe noch zu behalten.“ Ungeachtet der Obriſt Frau Blondeau ungemein ütig empfangen hatte, ſah man doch, daß er vom Genicht einer tiefen Zerſtreuung gedrückt ſei; denn kaum hatte er die letzten Worte ausgeſprochen, ſo ver⸗ fiel er wieder in ſeine Träumereien. Mit geſenktem Haupte, die Arme über die Bruſt gekreuzt, fing er langſamen Schrittes zu gehen an und vergaß die Gegenwart der Frau Sn gänzlich. Wort an ihn Der nun folgende Brief war einem ziemlich gro⸗ ßen und dicken Manuſeript beigelegt, das Frau Blon⸗ deau ſo eben dem Obriſten im Auftrage Mathildens überbracht hatte. „Schloß Maran, den 13. April 1838. „Ich weiß nicht, mein Freund, ob Sie wohl nach Zeit den Muth haben werden, dieſen Brief zu öffnen. „Ich kannte ich liebte, ich liebte die, welche Sie beweinen; ich kenne Ihr Herz, Ihren Charakter; ich weiß, was Sie ihr, ich weiß auch, was ſie Ihnen war: wie ſollte ich denn nicht fühlen, daß Ihr Schmerz ewig und unheilbar ſein wird? ulrich, mein Freund, mein Bruder, Sie beſitzen hienieden kein Herz, das Ihnen ergebener wäre, als das meine... Ich hatte nie einen eſſern Freund als Sie .. Sie wiſſen es... und hätte. ich der ſtrengen, unbeugſamen Stimme Ihrer heiligen Freundſchaft mehr gehorcht, welch' bittre Reue hätte ich mir erſpart! Ich will aber in vieſem Briefe nicht von mir, ſondern von Ihnen ſprechen. .. von Ihnen, edles und großes Herz⸗ von Ihnen, dem Ideal menſchlicher Güte... „Sie leiden, mein Freund! Sie leiden in hoff⸗ nungsloſem Schmerz! Je mehr Sie denſelben aufwüh⸗ je tiefer wird der Schlund, je größer die Finſter⸗ niſſe! „Als ich vor einem Jahre das ſchreckhafte Ereig⸗ niß erfuhr, ſiel ich auf meine Knie und betete für ſie, betete beſonders auch für Sie, mein Freund.. der Sie die Freundin überlebt... „Damals dachte ich keinen Augenblick, Ihnen ſchreiben vder Sie ſehen zu wollen... Es gibt Lei⸗ den, die rch eiteln Troſt nur erhöht und bitterer ge⸗ macht wetden. „Sie verließen Alles, um in der Nähe der theuren neberreſte Emma's ein düſteres und ſtummes Leben wie ihr Grab führen zu können. Wie ſeltſam und zugleich wie ſchön iſt es, mein Freund, zu ſehen, wie große Charaktere, die groß durch ihren Muth und groß durch ihr Herz genannt werden können, oft ſo ſicher voraus wiſſen, was ſie ſpäter fühlen werden. „Vor drei Jahren ſagte Emma lächelnd zu Ih⸗ nen: „Ulrich, was würde aus Ihnen werden, wenn Sie mich verlieren ſollten?“ Ich höre Sie noch, mein Freund, ihr mit dem Ihnen ſo ei nthümlichen Lächeln antworten, ohne jedoch die hervorquellenden Thränen zu verbergen: „Ich ginge hin, wo Sie ſein wür⸗ den, ich würde einſam leben. mich nimmer tröſten. .. Vielleicht hätte ich nicht einmal den Muth, Mathilden... unſre Freundin. .. unſre Schweſter.. wieder zu ſehen.“ „Dieſe, ſo einfachen Worte, hätten, von einem An⸗ dern geſprochen, nur traurig und übertrieben geſchie⸗ nen in Ihrem Munde aber. .. Ulrich.. trugen ſie das Gepräge troſtloſer Wahrheit. „Erſchüttert, als ob die Hand Gottes uns in die⸗ ſem Augenblick die Zukunft enthüllt hätte, zerfloßen Emma und ich in Thränen. „Dieß ſchreckliche Verſprechen haben Sie, Ulrich, wie alle, die Sie ſchon geleiſtet, auch treulich gehalten. „Voll Vertrauen und ohne Furcht, Ihnen über⸗ läſtig zu ſein, ſchicke ich Ihnen nun dieſe Papiere; wenn Sie den Brief leſen, werden Sie den Muth ge⸗ habt haben, an mich zu denken, die ich ſo oft um ſie war. .. „Es würde dieß zwar kein Beweis ſein, daß Ihre Verzweiflung ſich mindert... Leider! nein... es ge⸗ ſchähe im Gegentheil mit einer Art grauſamer Freude, die ſchon ſo ſchmerzhaften Wunden noch mehr aufzu⸗ reißen, indem Sie unter dieſen Blättern die hervor⸗ ſuchen würden, die von Emma ſprechen. „Vielleicht. nach langer Zeit... werden Sie dieß leſen ... vielleicht auch nie .. Dann . mein Freund. .. anempfehlen Sie dieſe Papiere dem treuen Stock, ſowie das Käſtchen, das Sie vor zwei Monaten erhalten haben. Ich wünſche, daß Alles vernichtet werde. „Wenn Sie die Schriften, die ich Ihnen ſende, leſen, ſo werden Sie erfahren, warum ich Ihnen das Käſtchen geſandt habe... „Ewige Gewiſſensbiſſe werden mich verfolgen, Ulrich. Dieſe Zuſtellung hätte unheilbringend für Sie ſein können. .. Ich habe Alles erfahren. Dieß Duell! Ach, Gott iſt mein Zeuge, daß ich glaubte, es 85 ahne Niemand auf der Welt, daß dieſe Papiere in Ihren Händen ſeien. .. . „Durch welch' unglücklichen Zufall wurde dieß Geheimniß nur entdeckt?. Durch welch' unglücklichen Jufall Ihr Leben... wurde eine Perſon, die ich nicht F mehr anklagen kann, wohl auch dadurch bloßgeſtellt?... Das werde ich ohne Zweifel nie erfahren. . „Nun ein Wort über mich, mein Freund. „Schon lange her, aber beſonders ſeit einem Jahre, bin ich ſehr unglücklich. Es wäre zwar Läſterung, mein Leiden mit dem Ihrigen vergleichen zu wollen; aber doch ward mir das Leben drückend und zur Laſt.. Als ich vor zwei Monaten dieſe Zufluchtsſtätte ſuchte, wo ich wahrſcheinlich meine Tage beendigen werde, ſtürzte mich die Erinnerung an die Vergangenheit in ſchmerzhafte Betäubung. „Ich fühlte ein ſolches Bedürfniß nach Ruhe oder vielmehr ein gänzliches Vergeſſen Aller und all meiner Begegniſſe, daß dieß Brauſen aus einer längſt dahin⸗ geſchwundenen Zeit mir widerwärtig erklang. „Da drang ſich mir die ſeltſame Ueberzeugung auf: Man mildert und man ſtillt ſeine Leiden, wenn man ſie Jemand anvertraut. Während ich hier die Hauptzüge meines Lebens niederſchreibe, kann ich mich vielleicht der Erinnerungen entledigen, die mich guälen, und vielleicht wird dieſe ſtumme Beichte mir die Ruhe wieder geben. „Ich ſah auch eine Art bittrer Freude darin, ein 4 letztes Mal die Vergangenheit noch durchzugehen, und mir aus ihrem Strauße einige, wenn auch verwelkte, doch immerhin köſtliche Blumen zu pflücken, das Uebrige aber dem Winde der Vergeſſenheit zu überlaſſen . ich fühlte eine Freude, dem Unwillen Luft zu machen, den mein Stolz zurückgedrängt hatte. „Dieſe Hoffnung hat mich nicht getäuſcht, mein Freund; dieſes offene Geſtändniß meines ganzen Le⸗ bens, meiner edeln Handlungen, meiner Schwächen 86 und Verirrungen hat mich erleichtert; die Schreckbilder, welche meine Einbildungskraft geguält, ſind geflohen. „Indem ich einen unparteiiſchen Blick auf ent⸗ ſchwundene Zeiten warf, mir Rechenſchaft von meinen Thränen gab und kaltblütig betrachtete, was dieſelben * hervorgerufen, ſo erſetzte Verachtung die Stelle der Schmerzen und eine dumpfe, traurige Ruhe folgte den grauſamen Auftegungen meiner Seele. Ohne Hoch⸗ muth geſtand ich das Gute, ohne falſche Demüthigung das Böſe: ich habe meine Feinde nicht verächtlich ge⸗ macht, meine Freunde nicht gelobt, ich ſchilderte nur ihr Benehmen gegen mich... Ich warf den ſtrengen und gerechten Blick des Richters auf mein, Leben. „Mir war, als ſpräche ich zu Ihnen, zu unſerer Freundin, unſerer Schweſter. „Ich erinnerte mich, wie oft ſie beide in den ſo glücklichen Zeiten zu mir geſagt: „„Erzählen Sie uns doch aus eigenen Blättern Ihres Herzens,““ ich er⸗ innerte mich, wie meine Freimüthigkeit ſie wechſelsweiſe entzückte und erſchreckte. „So Sie dieſe Zeilen leſen, mein Freund, ſo wer⸗ den Sie mich nicht deſto mehr lieben, vielleicht aber höher achten. . „Nun iſt mein Zweck erfüllt, mein Herz leer, aber ruhig. Die Vergangenheit bürgt mir fur die Zukunft. Ihnen verdanke ich die Ruhe, die ich genieße.. Nie hätte ich einem Andern dieſe Geſtändniſſe gemacht. und diefe Geſtändniſſe haben heftige Schmerzen geſtillt. „Leben Sie wohl, mein Freund! leben Sie wohl, ₰ mein Bruder! erinnern Sie ſich Mathildens, wenn Sie in dieſen Blättern zwei Namen leſen, die ſtets ſo heilig Weint in einem Herzen leben werden, wie ſie es guf dieſer Welt waren; Klrich und Emmg.“ Mathilde. * —, Erſtes Buch. Erſtes Kapitel. Fräulein vvn Maran. In meiner Kindheit lebte ich als Waiſe bei mei⸗ ner Tante, dem Fräulein von Maran, einer Schweſter meines Vaters. Ich wurde von Blondeau, einer trefflichen Frau, die lange vor meiner Geburt ſchon in meiner Mutter Dienſten ſtand, erzogen. Meine Tante hatte ſich nie verheiraten wollen, ſie war mißwachſen, aber ungemein geiſtreich und eine arge Spötterin. Ungeachtet ihrer ünform, ihrer Häßlichkeit und ihres übertrieben widerlichen Wuchſes, ſah man doch ſelten eine ſo ehrfurchtgebietende, oder vielmehr ſo ſtolze Ge⸗ ſichtsbildung als die des Fräulein von Maran. Sie flößte unſtreitig nicht die achtungsvolle Hingebung ein, die man bei edeln Zügen einer vornehmen Hal⸗ tung und leutſeligen Würde der Manieren fühlt; ihr vielmehr Furcht und Mißtrauen in ſich ſelbſt. Fräulein von Maran hatte meinen Vater nie verlaſſen: gegen die Mitte der Revolution war ſie mit ihm nach England ausgewandert und hatte ſeinen Kummer, ſeine Gefahren getheilt. So übel mich auch meine Tante behandelte, ſo gebührt ihr doch das Lob, daß ſie ihren Bruder zärt⸗ lich liebte; aber die Liebe der Böſen hat doch ihre grauſame Eigenthümlichkeit; man könnte ſagen, daß ſie eine Perſon nur lieben, um den Vorwand zu haben, hundert Andere zu haſſen; ſie lieben euch, aber ſie verabſcheuen die, welche ebenfalls ein Recht auf eure Zuneigung beſitzen oder euch ihre Anhänglichkeit be⸗ weiſen. Solcher Art war die Liebe meiner Tante zu mei⸗ nem Vater. Ueberdieß beherrſchte ſie ihn völlig durch ihre Willenskraft und Charakterſtärke. Er that Nichts, ohne ſie zu berathen, und ſie ertheilte ihm ſtets Rath⸗ ſchläge voll Vorſicht, Feinheit und Gewandtheit. Da mein Vater Napoleon ſo ſehr als die Revolution haßte, mit mehreren Gliedern des engliſchen Kabinets in vertrauter Bekanntſtchaft ſtand und den Sturz des Kaiſerreichs vorausſah, ſo wußte ſie ihn gegen das Jahr 1812 zu bewegen, ſich in der Nähe von Hartwell niederzulaſſen und Ludwig dem Achtzehnten eifrig den Hof zu machen. Sie ſelbſt ſah den König oft und gefiel ihm durch die Satyre und Lebendigkeit ihres Geiſtes, durch die Sicherheit ihres Urtheils und die Freiheit ihrer Rede; da ſie der lateiniſchen Sprache vollkommen mächtig, ſo führte ſie dieſem Prinzen ganz beſonders auf ihn geeig⸗ nete Stellen an, deren Schmeichelei noch um ſo zarter war, weil ſie ſich unter dem Aeußern einer beinahe 5 cyniſchen Derbheit barg. Verſchmitzt, gewandt, ſcharfſichtig und ihrer ſarka⸗ ſtiſchen Bosheit wegen, die Nichts ſcheute, aber Alles angriff, gefürchtet, betrachtete Fräulein von Maran ihre Häßlichkeit, ihre Unform als eine Waffe oder ein Vertheidigungsmittel, um Männern und Frauen zu trotzen. Sie opferte ſich ſelbſt der Lächerlichkeit, um das Recht zu haben, auch Andere erbarmungslos mit⸗ zunehmen. Sie benutzte mit einer ungemein gefähr⸗ lichen Geſchicklichkeit die Geheimniſſe, die ſie unbeſon⸗ 8⁰9 nenen oder nicht mißtrauiſchen Leuten entlocken konnie, um ſpäter die Leute ihrer Argliſt in der Gewalt zu haben; und da ſie die verwundbare Stelle eines Jeden kannte, ſo unterließ ſie keinen auch noch ſo bittern Scherz, indem ſie dann bat, auch ihrer nicht zu ſchonen. Sie erkünſtelte gewöhnlich eine gewiſſe Vertrau⸗ lichkeit der Sprache, die an Gemeinheit ſtieß. Ich habe ſie äußern gehört, daß da ſie einen Theil ihrer Jugend in Pontchartrain, bei der alten Frau von Mau⸗ repas zugebracht, (es war während der Verbannung des Herrn von Maurepas auf dieſes Landgut) ſie da⸗ ſelbſt die Gewohnheit angenommen habe, ſich gemeiner Ausdrücke zu bedienen, welche Gewohnheit denn auch unter der damaligen Regierung ſehr im Schwange ge⸗ weſen und ſich bei einigen Perſonen des Hofes bis zum Ende Ludwigs des Fünfzehüten erhalten hätte. Staunen Sie daher nicht, mein Freund, wenn Sie in meiner Erzählung hie und da Spuren einer Sprache finden, die in unſern Zeiten ſehr anſtößig erſcheinen muß. Ich wollte Nichts ändern, was den Sicher des Fräulein von Maran näher bezeichnen onnte. Ludwig der Achtzehnte, der im Epigramm die Grauſamkeit und im Scherz die Rohheit liebte, gefiel ſich in der Unterhaltung meiner Tante und ſagte; Man fühlt ſich behaglicher bei ihr, als bei einem Manne, und zwangloſer, als bei einer Frau. 3 Im Jahre 1812 war der Marquis von Maran, mein Vater, ungefähr vierzig Jahre alt. Er wollte ſich mehrmals verheiraten, aber ſeine Schweſter, welche ihre Herrſchaft über ihn zu verlieren fürchtete, hatte dieſe verſchiedenen Heiratspläne zu nichte gemacht, indem ſie bald auf die geſchickteſte Weiſe Verläum⸗ dungen über die jungen Mädchen verbreitete, die man dem Herrn von Maran vorgeſchlagen, oder ihm dann wieder einen ſo heftigen und ſo verſteckten Charakter 90 beigelegt hatte, vaß viele Väter von keiner Verbindung mit einem ſolchen Eidam hören wollten. Herr von Maran ſah meine Mutter; ſie war ſo ſchön, von ſo reizendem Weſen und ſo bezauberndem Verſtande, daß er leidenſchaftlich in ſie verkiebt wurde, und zwar ſo verliebt, daß er ſeiner Schweſter ſogleich ſeine Liebe und ſeinen Entſchluß zu heiraten erklärte. Als Tochter eines Ausgewanderten, des Baron von Arbois, eines ehemaligen Generallieutenant der könig⸗ lichen Armee, war meine Mutter zwar arm, aber aus⸗ gezeichnet ſchön. Und da Fräulein von Maran geizig und mißgeſtaltet war, ſo verachtete ſie die Armuth und verabſcheute die Schönheit. Sie ſetzte Alles in's Werk, Bitten, Drohungen, Thränen, Hohn, Intriken, um meinen Vater von ſeinem Beſchluß abzubringen. Er aber war unbeugſam und heiratete meine Mutter. Sie können ſich die Wuth und den Haß meiner Tante gegen ſie denken, mein Freund. Zum erſten Male in ſeinem Leben ſchüttelte mein Vater das Joch ſeiner gewalthaberiſchen Schweſter von ſich. Dieſe aber wußte ſich als gewandte Frau zu verſtellen. Sie benahm ſich zuerſt vor meinem Vater kalt und höflich gegen ihre Schwägerin; erſt nach und nach ſchien ſie willfähriger und geſelliger zu werden und machte an⸗ ſcheinliche Vergünſtigungen; da ſie aber immer bei Herrn von Maran wohnte, ſo führte ſie ihre Herrſchaft bald wieder ein. Das Alter und der ſarkaſtiſche hochmüthige Geiſt des Fräulein von Maran flößte meiner Mutter eine Art Scheu ein, denn ſie war eine Frau von engelglei⸗ cher Güte, Sanftmuth und ſittſamer Schüchternheit. Mein Vater behandelte ſie wie ein verzärteltes Kind und überließ alle wichtigern Geſchäfte dem Fräu⸗ lein von Maran. Dieſe that ſich nicht lange Zwang an, ſie ließ meine Mutter bald durch täglichen Verdruß die geſchloſſene Verbindung büßen. Mein Vater, der ein herzguter Mann war, haite erigt . 91 unglücklicher Weiſe einen ſchwachen, obwohl ſehr recht⸗ lichen und großmüthigen Charakter; er liebte ſeine Frau herzlich, weihte aber dennoch ſeiner Schweſter eben ſo viel Anhänglichkeit als Achtung, und betrach⸗ tete ſie als den ſicherſten und koſtbarſten Führer, den er beſitzen konnte. Ein Jahr nach der Verheiratung meines Vaters wurde der Einfluß des Fräulein von Maran, der einen Augenblick ſchwankend geweſen, unumſchränkter als je. Meine Mutter aber ſah mit Schmerz ein, daß ſie das Zutrauen ihres Gatten nie beſeſſen. Ohne die Einmiſchung oder die Bewilligung mei⸗ ner Tante durfte Nichts geſchehn. Zwei oder drei Mal verſuchte meine Mutter die Herrin ihres eigenen Haus⸗ halts zu ſein, und beklagte ſich bei meinem Vater über die Eingriffe des Fräulein von Maranz doch das hatte nur die ſchrecklichſten Auftritte zur Folge. Mein Vater erklärte meiner Mutter rundweg, vaß er ſich nie dazu verſtehen werde, die brüderliche Zuneigung einem zwar ſehr zarten Gefühle zu opfern, das aber erſt vor ein oder zwei Jahren entſtanden, während vas erſtere mit ſeinem Leben angefangen und auch nur mit ſeinem Leben endigen ſolle. Tief gekränkt uber dieſe Erklärung, zu ſtolz um zu klagen, zu ſchüchtern um mit ihrer Schwägerin zu kämpfen, ergab ſich meine Mutter von dieſem Tage an und wurde förmlich das Opfer der Launen des Fräulein von Maran. Die Ereigniſſe, die den Unglücksfällen des Jahres 1813 folgten und meinen Vater in den Stand ſetzten, ſeine ehrgeizigen Abſichten zu befriedigen, vermehrten noch den Einfluß des Fräulein von Maran. Zufolge der Verbindungen, in welchen mein Vater nach dem Rathe ſeiner Schweſter ſchon ſeit längerer Zeit mit Ludwig dem Achtzehnten ſtand, wurde Herr von Maran mit mehreren ſehr mißlichen Aufträgen an die Höfe von Wien und Berlin geſandt. Seine Schweſter war ſtets mit ſeinen Uuterhand⸗ lungen vertraut, denn ſie war wirklich fähig, an den wichtigſten politiſchen Angelegenheiten Theil zu nehmen. Ihre Rathſchläge waren meinem Vater ſehr nützlich und die Aufträge, die man ihm ertheilt, hatten die glücklichſten Erfolge. Im Jahre 1814 wurde er durch eine ſehr hohe Stellung im Rathe Ludwigs des Acht⸗ zehnten, dem er ſpäter nach Gent folgte und mit wel⸗ chem er nach Frankreich zurückkam, für ſeine Dienſte prächtig und ehrenvoll belohnt. ch wurde im Jahr 1813 während meines Va⸗ ters Aufenthalt in Deutſchland geboren. Dieſes Er⸗ eigniß, das vielleicht meiner Mutter wieder einige Herr⸗ ſchaft über ihren Gatten verliehen hätte, wenn er bei ihr geweſen wäre, brachte nur eine kleine Veränderung in die ſchon ſo erkaltete Verbindung. Ze mehr das Glück meines Vaters ſtieg, deſto grö⸗ ßer wurde die Herrſchſucht des Fräulein von Maran, deſto peinlicher das Schickſal meiner Mutter. er Salon meines Vaters war ein politiſcher Salon geworden, in welchem Fräulein von Maran allein die Dame des Hauſes machte. £ Meine Mutter, welche erſt achtzehn Jahr alt war, fühlte einen heftigen Widerwillen gegen alle Staats⸗ geſchäfte, die ihr durchaus kein Intereſſe abgewannen. Sie zog Muſik und Poeſie den trockenen diplomatiſchen Abhandlungen vor, an welchen ſie weder Theil neh⸗ men wollte, noch konnte. Fräulein von Maran ſchien im Gegentheil ganz in ihrer Sphäre zu ſein. s ich in meinem Lebenslauf ſpäterhin politiſche Frauen antraf, mußte ich mich überzeugen, daß ſie ſich Alle glichen. Das iſt eine Baſtardart, welche die ehr⸗ geizigen und ſelbſtſüchtigen Leidenſchaften der Männer theilt, i i i 93 Charakters, übertriebenes und lächerliches Gelehrtſein⸗ wollen, das ſind die Eigenſchaften, die ſie auszeichnen; mit einem Wort, politiſche Frauen riechen nach Schul⸗ pedanten und Stiefmüttern, und wenn auch verhei⸗ ratet, gleichen ſie doch immer alten Jungfern. .. Nach und nach ſchützte meine Mutter ihre ſchwäch⸗ liche Geſundheit vor, um ſich von der Welt zurück⸗ ziehen zu können, in welcher ſich ihre Schwägerin ſo ſehr gefiel. Sie wandte mir alle ihre Zärilichkeit zu; ſie liebte mich als die einzige Zuflucht ihres Kummers, als ihren einzigen Troſt, als ihre einzige Hoffnung. „ Ihr Herz war ſo großmüthig, ſo gut, daß ſie ſich keine Klage, keinen Vorwurf gegen Fräulein von Ma⸗ ran erlaubte. Mein Vater wurde zur Würde eines Pairs erhoben. Aber ein letzter, tödtlicher Kummer war meiner Mutter vorbehalten; ſie ſah, daß die Zärt⸗ lichkeit meines Vaters für mich immer ſchwächer wurde. Nur ſelten gewährte er mir in ſeiner Zerſtreutheit ei⸗ nige Liebkoſungen, indem er dann in ſeinem vererbten Patrizierſtolz gnuerli beifügte: „Wie ſchade, daß es nicht ein Knabe iſt!“ 5 Der Kälte, die mir mein Vater bewies, folgte bald eine gänzliche Gleichgültigkeit. Meine Mutter konnte dieſen neuen Schlag nicht ertragen, ſie zehrte in einigen Monaten ab und tarb! Ich habe oft bitterlich geweint, wenn mir meine Gouvernante von den letzten Augenblicken der beſten Mutter erzählte, wenn ſie mir die Furcht und die Be⸗ ſorgniß ſchilderte, die meine Zukunft ihr eingeflößt und die leider nur zu ſehr gerechtfertigt waren, da ſie mich in den Händen des Fräuleins von Maran ſah. Meine Mutter kannte die Schwäche meines Va⸗ ters und ließ demzufolge meine Gonvernante ſchwören, mich nie zu verlaſſen. Mein Vater mußte ihr auch verſpre⸗ chen, ſie bei mir zu laſſen. — „Achl ich ſehe nur zu wohl voraus, daß meine arme Mathilde keinen Schutz als den Ihrigen in der Welt finden wird,“ ſagte meine Mutter zur Blondeau. „Verlaſſen Sie ſie niemals.“ Ihre letzten Worte zu meinem Vater waren ernſt, rührend und feierlich. „Ich ſterbe ſehr jung, ich habe viel gelitten, nie geklagt, ich verzeihe Alles; aber Sie werden Gott für das Schickſal meines Kindes verant⸗ wortlich ſein. Ein Jahr nach dem Tode meiner Mutter ſtürzte mein Vater auf einem Jagdzuge des Dauphins vom Pferde. Dieſer Fall hatte tödtliche Folgen. Ich ver⸗ lor ihn. Mit vier Jahren war ich nun zur völligen Waiſe geworden und der Sorge meiner Tante, als meiner nächſten Verwandten, übergeben. Um gerecht gegen Fräulein von Maran zu ſein, muß ich geſtehen, daß ſie ihren Bruder liebte, ſo ſehr ſie lieben konnte, und daß ihr Betragen gegen meine Mutter aus einer bis zum Haß getriebenen Eiferſucht entſprang. Der Tod ihres Bruders ſchmerzte Fräulein von Maran tief, ſie weinte bittre Thränen, ihr Leid war ſtill, aber heftig. Ihr Charakter wurde noch hämiſcher, ihr Geiſt höhnender, ihre Bosheit unbarmherziger. Ich glich meiner Mutter Zug für Zug. Meiſe Tante aber vergaß, daß ich das Kind ihres vielgelieb⸗ ten Bruders war, ſie ſah in mir nur die Tochter ei⸗ ner Frau, die ſie verabſcheut hatte, und ſo übertrug ſie denn ihre Abneigung für meine Mutter auf mich. Während meiner Kindheit war Fräulein von Ma⸗ ran faſt immer ein Gegenſtand des Schreckens für mich, ihr langes, mageres, rußſchwarzes Geſicht, ihre ſtark gezeichneten Züge ſchienen noch häßlicher durch einen Aufſatz falſcher, ſchwarzer Haare, die ihre Stirne bedeckten. Sie hatte ſehr dichte graue Augenbrauen und kleine, braune, ſtechende Augen. Man ſah ſie zu jeder Jahreszeit in einem braun⸗ ſeidenen Kleide und einem Hut von gleicher Farbe und — ſie mir einen zornigen Blick zuwarf, mit ſanft ſchel⸗ gleichem Stoff, den ſie immer trug, ſelbſt Morgens in ihrem Bett, wo ſie gewöhnlich in einem braunſeidenen Bettmantel, wie ſie vor der Revolution getragen wur⸗ den, frühſtückte, las und ſchrieb. So vft ich zu meiner Tante gehen mußte und das geſchah täglich, ſo wurde ich von unwillkürlichem Zittern ergriffen und Thränen ſtürzten mir aus den Augen. Um mich dazu zu bewegen, bedurfte es der gan⸗ zen Zärtlichkeit meiner armen Blondeau. Sie hatte mir feierlich erklärt, daß, wenn ich fortführe, ſolchen Schreck zu zeigen, ſie gezwungen wäre, mich zu ver⸗ laſſen. Bei dieſer Drohung überwand ich meine Furcht und trocknete die Thränen, ich faßte dann mit meinen kleinen Händen die Hand der guten Blondeau und ſo ging ich der gefürchteten Zuſammenkunft entgegen. Wir mußten durch einen Vorſal gehen, wo ſich gewöhnlich der Haushofmeiſter meiner Tante, Servien genannt, aufhielt⸗ Dieſer Mann theilte mit Felix, dem Schvoßhunde des Fräulein von Maran, meinen unbeſieglichen Wi⸗ derwillen. Serviens Geſicht war zur Hälfte mit einer abſcheulichen Feüerflamme bedeckt, er hatte einen un⸗ geheuren Mund und große borſtige Hände, kurz er machte auf mich den Eindruck, wie wenn er wirklich ein Wilder geweſen wäre. Endlich wurde die Thüre des Schlafzimmers des Fräulein von Maran geöffnet, ich klammerte mich an Blondeau's Kleid und näherte mich dann zitternd dem Bett meiner Tante. WMein Schreck war nicht ohne Grund, denn Felix, der kleine weiße Schvoßhund mit den ſpitzen Ohren, kam alſobald unter der geſteppten Bettdecke hervor und wies uns brummend zwei Reihen ſcharfer Zähne. Er hatte mich mehrmals bis aufs Blut gebiſſen. Statt allem Verweis aber ſagte meine Tante, indem tender Stimme i ihm: „Nun doch! . nun doch! kleiner Rarr, willſt du wohl dieß Kind in Ruhe laſſen? Du ſiehſt ja, daß es nicht mit dir ſpielen will.“ Fräulein von Maran war ſehr gelehrt und im⸗ merfort mit den politiſchen Angelegenheiten bekannt. Ich fand ſie nach ihrer Gewohnheit in ihrem Bett, im braunſeidenen Mantel und Hut, in ihren Zeitungen oder in einem großen, durch ein Pult unterſtützten Folianten leſend. Sie empfing mich ſtets mit einem Verweis over einer bittern Spöttelei. Dieſe Auftritte erneuerten ſich ſo oft und haben einen ſo tiefen Eindruck in mir zuruckgelaſſen, daß ſie mir noch mit den geringſten Nebenumſtänden vorſchwe⸗ ben. Sie ſind mir wichtig, weil die unaufhörliche Furcht, die mich in meiner Kindheit beherrſchte, auf den übrigen Theil meines Lebens einen ſo mächtigen Einfluß übte. Ich ſehe das Zimmer des Fräulein von Maran noch vor mir. Im Hintergrunde ihres, mit dunkel⸗ rothem Damaſt kapezirten Alkovens war in einer Ein⸗ faſſung von ſchwarzem Sammt ein großes, elfenbei⸗ nernes Chriſtusbild angebracht, über welchem ſich ein ebenfalls elfenbeinerner Todtenkopf erhob. Dieſe Pie⸗ tät war nur zum Schein und eine Ausſchmückung, die, glaube ich, nur der Schicklichkeit wegen angeordnet wurde, denn ich erinnere mich nicht, meine Tante je in der Meſſe geſehen zu haben. Faſt alle Fenſterſchei⸗ ben waren mit Bruchſtücken alter bemalter Gläſer be⸗ veckt. Unter andern ſah man eine Enthauptung Jo⸗ hahnes des Täufers, die mich lange Zeit in meinen kindiſchen Träumen verfolgte. Auf dem Marmor des roth lackirten Schreibpultes ſah man in zwei gläſer⸗ nen Behältern, wohlausgeſtopft den Vater und den Großvater des Felir. Ihrer boshaften Mienen, ihrer glänzenden glä⸗ ſernen Augen wegen, hielt ich ſie für unbewegliche Ge⸗ ſpenſter, die jedoch ſtets zu beißen bereit ſchienen, weß⸗ 3 5 halb ſie mir dann noch mehr Furcht verurſachten, als ihr Sprößling. . Der Anblick dieſer Thiere unter Glas, die ſich nicht regten, nicht fraßen und immer ihre Zähne wie⸗ ſen, hatte etwas Uebernatürliches und Unheimliches für mich. An dem grauen Getäfel hingen einige alte Ge⸗ mälde, deren eines meine Großtante, eine ehemalige Aebtiſſin der Urſulinerinnen von Blois, vorſtellte. Sie hatte ein kaltes, ernſtes und blaſſes Geſicht, das ſo weiß war, wie die Leinwand, die ihre Stirne und Wangen umgab. Die andern Gemälde machten weniger Eindruck auf mich. Es waren Abbildungen mehrerer unſrer Verwandten in der Hoftracht oder Kriegsrüſtung frü⸗ herer Jahrhunderte. Das Kamin endlich war mit zwei häßlichen grünen Wunderthieren von chineſiſchem Porzellan geſchmückt. Dieſe Ungeheuer wurden durch einen verborgenen Perpendikel in beſtändige Beweg⸗ ung geſetzt, ſo daß ihre rothen Augen fürchterlich um⸗ her rollten. Denken Sie ſich nun, mein Freund, ein armes Kind von fünf oder ſechs Jahren in Mitte die⸗ ſer geheimnißvollen Wunder, ſo werden Sie mein Ent⸗ ſetzen begreifen. Aber, ach! das war nur das Vor⸗ ſpiel manch andrer Qualen. Trotz des Bellens und der Zähne des Felix ſollte ich nun auf das Bett der Tante ſitzen und mich von ihr küſſen laſſen. Fräulein von Maran ſchnupfte übermäßig Tabak und dieſer Geruch war mir unerträglich. Jedoch fühlte ich mich trotz des Widerwillens und der Furcht, welche mir meine Tante einflößte, von den Beweiſen der Zu⸗ neigung, die ſie mir geben wollte, gerührt. Ich machte unerhörte Anſtrengung um meinen Abſcheu zu über⸗ winden, aber es gelang mir nicht immer. Ich erfuhr ſpäter (und das Benehmen des Fräu⸗ lein von Maran bewies mir ihre Abneigung nur zu ſehr), daß nicht aus Zärtlichkeit, ſondern um ſich über Mathilde. . 7 98 meine Angſt zu beluſtigen, ich jeden Morgen ihre Küſſe dulden mußte. Unter andern hat ſich ein Auftritt meinem Gedächt⸗ niß unauslöſchlich eingeprägt. Sie werden daraus den Charakter meiner Tante beurtheilen können. Man führte mich eines Tages zu ihr. War es Ahnung oder Zufall? Sie hatte mir noch nie boshafter geſchienen .. Ich wagte mich nicht zu nähern, und hielt den Kopf ſo geſenkt, daß die langen Locken meiner Haare mir auf das Geſicht ſielen. Da ſetzte mich endlich Frau Blondeau auf das Bett des Fräulein von Maran. Dieſe ergriff mich dann roh beim Arm, indem ſie unwillig rief: „Mein Gott, wie ſieht dieſe Kleine mit ihren großen, dummen Augen und ihren auf die Stirne fallenden Haaren ſo tölpiſch aus! Geſchwind! ge⸗ ſchwind! man muß ihr dieſe Haare rund herum abſchneiden wie einem Knaben.“ Frau Blondeau, welche mir ſeither alle dieſe Ne⸗ benumſtände erzählt, faltete die Hände und rief: „Hei⸗ lige Jungfrau! Fräulein! es wäre eine Sünde, die ſchönen, blonden Haare Mathildens abzuſchneiden! Sie reichen ihr bis auf die Füßchen.. — t gerade deßwegen, damit ſie nicht Gefahr läuft, darauf zu treten. . Fertig! . .. die Scheere her.“ — „Ach, Fräulein!“ rief Blondeau mit thränenden Augen, „ich bitte Sie dringend, thun Sie das nicht ... Erlauben Sie mir, Ihnen zu bemerken; dies wäre ruchlos .. ein Frevel.“ — „Was wäre es? was wäre es?“ fragte meine Tante mit ihrer gebieteriſchen, durchdringenden Stimme, die Alles um ſie zittern machte. — „Ja, Fräu⸗ lein,“ erwiderte meine Gouvernante mit bewegter Stimme, „die Frau Marquiſe .. hat mir anempfohlen, die Haare ihrer Tochter nie abzuſchneiden .. Man hat ſie auch ihr nie abgeſchnitten. die arme Damel. Die ihrigen waren ſo ſchon! . Darum empfahl ſie mir noch bevor ſie ſtarb . ſagte die treffliche Frau, und fing an in Thränen zu zerfließen. — „Sie 99 ſind eine impertinente und ſchändliche Lügnerin! Meine Schwägerin hat nie ſolche Dummheiten geſagt .. Die Scheere her, und damit f Meine Tante ſprach die Worte: Meine Schwä⸗ gerin mit ſo bitterem, höhniſchem Tone aus, daß ich ſpäter immer beklommen wurde, wenn ich dieſelben von ihr hörte. Fräulein von Maran ſchien ſo erbittert, daß wenn es ſich um mein Leben gehandelt, ich nicht ängſtlicher hätte ſein können. 2 Mit der einen Hand zog ſie mich an ſie heran, und drückte mir den Arm mit ihren langen, magern⸗ und ſtahlharten Fingern, mit der andern nahm ſie meinen Kamm weg, um die Haare aufzurollen, die mir bald die Schultern bedeckten. Der Schreck machte mich ſtumm, ich hatte nicht die Kraft zu ſchreien. „Fräulein! Fräulein!“ ſagte Blondeau auf die Kniee ſinkend, „um's Himmelswillen, thun Sie das nicht; es könnte Mathilden Unheil bringen! das hieße den Willen ihrer ſterbenden Mutter mißachten, Fräu⸗ lein.“ — „Werden Sie mir eine Scheere geben, oder nicht, Sie dummes Thier?“ — „Aber, mein Gott! ... mein Gott! Fräulein Ohne zu antworten, klingelte meine Tante. Ser⸗ vien erſchien. „Servien, bringen Sie die große Scheere der Dienerſchaft hieher.“ — „Ja, Fräulein,“ ſagte Servien. Er ging. Fräulein,“ rief meine Gouvernante muthig und mit Nachdruck; „ich bin nur eine arme Dienerin und Sie ſind hier die Gebieterin, aber ich laſſe mich eher tödten, als die Haare meines Kindes berühren!“ Und mit dieſen Worten näherte ſie ſich dem Bette, um mich den Händen meiner Tante zu entreißen. Felir, durch dieſe Bewegung erbost, warf ſich auf Blondeau und biß ſie in die Wange. —— „Pfui! boshaftes Thier!“ ri packte ſie Felix beim Hals und auf den Fußboden. Der Hund ſtieß ein erbärmliches Geſchrei aus; ich aber fühlte die Nägel meiner Tante ſich in meine bloße Schulter krallen. „Hinaus! hinaus, unglückliche!“ ſagte ſie zur Blondeau. Dann, als ſie Servien eintreten ſah, fügte ſie hinzu: „Stellen Sie dieſe Unverſchämte vor die Thüre, und kommen Sie, mir dieſe Kleine zu halten, damit ich ihr die Haare abſchneiden kann.“ — „Fräulein, Ver⸗ zeihung! Verzeihung!. .. ich hatte Unrecht, ich vergaß mich; aber haben Sie Mitleid mit Mathilden! .. Gnade für ihre ſchönen Haare, Gnade! und dann Fräu⸗ lein, bedenken Sie doch, daß die Hand ihrer ſterbenden Mutter ſie berührt hat . .. ſie ſind ja geweiht!“ — „Noch ein Wort, und ich jage Sie fort . verſtehn SSie mich?“ ſagte meine Tante. 4 Dieſe Drohung ſchüchterte Blondeau ein. Sie wußte, daß Fräulein von Maran fähig wäre, ihr Wort zu halten, fürchtete Richts mehr, als mich verlaſſen zu müſſen, und duldete endlich die Unbill. So lang ich lebe, werde ich mich dieſes Auftritts erinnern. Er ſcheint eine Kinderei, für mich aber hatte er etwas Fürchterliches. Servien, mit ſeinem zur Hälfte feuerfarbenen Ge⸗ ſichte, hielt die große Scheere geöffnet. Ich glaubte, er wolle mich tödten, und ſtieß ein gräßliches, durch⸗ vringendes Geſchrei aus. „ „Nehmen Sie ſie doch in Ihre Arme!“ ſagte meine Tante zu dieſem Manne, „und halten Sie ſie gut; wenn ſie dann mit Ihnen ringen will, ſo verwundet . ſie ſich.“ Ach! ich ſuchte mich nicht mehr zur Wehr zu ſetzen; 5 ich hatte bereits alle Beſinnung verloren. ef ſie zornig. Dann ſchleuderte ihn heftig 101 Blondeau barg ſich ſchluchzend das Geſicht; Ser⸗ vien ergriff mich mit ſeinen groben Händen. Ich ſchloß die Augen, ich ſchauderte als der kalte Stahl meinen Hals berührte; ich hörte das Fletſchen der Scheere und fühlte meine Haare um mich herum wegfallen. Als das Geſchäft vollzogen war, ſagte meine Tante zu Servien, indem ſie hoch auflachte; „So, jetzt ſieht ſie wie ein recht häßlicher Chorknabe aus .. . Nun fort . . . fort . . Servien, rufen Sie eine meiner Frauen, damit man ſie wegwiſche, dieſe ſchönen Haare!“ Blondeau bat zitternd um die Erlaubniß, ſie auf⸗ leſen und behalten zu dürfen. Meine Tante geſtattete es und befahl ihr, mich fortzuführen. Als ich ſpeben das Zimmer verlaſſen wollte, rief mich Fräulein von Maran nochmals zu ihr, betrachtete mich einen Augenblick und rief wieder mit dem gellend ſten Gelächter: „Mein Gott! wie iſt dieſe Kleine ſog häßlich jetzt!“ Da wir endlich wieder in dem Zimmer waren, das Blondeau und ich bewohnten, nahm mich die gute Frau in ihre Arme und überſchüttete mich mit Thrä⸗ nen und Küſſen. Beim Anblick der großen Scheere Serviens war ich ſo fürchterlich erſchrocken, daß der Ausgang dieſer Scene mir ein glücklicher ſchien. Ich theilte die Pflege und die Bewunderung meiner Haare nicht mit der Gouvernante, denn ich geſtehe, daß ich ſogar ziemlich froh war, im Garten herumſpringen zu können, ohne jeden Augenblick die Haare aus meiner Stirne weg⸗ ſchütteln zu müſſen. Ich ward nur etwas befremdet von den letzten der Tante: „Wie iſt dieſe Kleine ſo häßlich jetzt! Als ich daher meine Gouvernante bat, mich vor einen Spiegel zu tragen, kam mir mein Geſicht ſo ſelt⸗ großen Aerger Blondeaus auch ich ſam vor, daß zum in ein heftiges Gelächter ausbrach. Späterhin wußte ich mit dann das ſonderbare Benehmen des Fräulein von Maran zu erklären. Sie hatte immer eine große Abneigung, einen tiefen Wider⸗ willen gegen Alles, was ſchön war, empfunden; und * ohne Eitelkeit, oder vielmehr der blinden Anhänglich⸗ keit meiner Gouvernante nachzuſagen, war ich als Kind allerliebſt. Dann hatte ja die Tante meine Mutter immer verabſcheut. Und ſpäter machte ich, leider! in Bezug auf dieſes ſchreckliche Entdeckungen. Zweites Kapitel. Der Veſchützer. Ich erreichte das Alter von ſieben Jahren. Die Abneigung des Fräuleins von Maran gegen mich ſchien ſich täglich zu mehren. Sie gefiel ſich, ſtets neue Qua⸗ len für mich zu erſinnen. So hatte ich denn immer bei meiner Gouvernante geſpeist, nun aber wollte ſie mich an ihrem Tiſche und neben ihr haben; da ihre Tabacksdoſe mir abſcheu⸗ lichen Eckel erregte, ſo legte ſie dieſelbe offen neben meinen Teller hin; wenn ein Gericht mir zuwider war, ſo brachte man es mir täglich, und konnte ich dann meinen Widerwillen nicht überwinden, ſo ließ, um mich „ zu ſtrafen, Fräulein von Maran meinen Teller in den Schlupfwinkel des Felir tragen, und ungeachtet mei⸗ nes Schreckens, war ich dann verurtheilt, dieſe Nah⸗ rung knieend zu holen und ſie auch knieend zu eſſen. WMeine Tante hatte bemerkt, daß die Gegenwart der guten Blondeau mir Muth gab, Alles zu erdulden ohne zu weinen; nun verbot ſie ihr, bei mir zu ſein, um mich zu bedienen. Der Haushofmeiſter, Servien, 103 ward mit dieſer Sorge beauftragt, und dieſer Mann flößte mir ſo viel Eckel als Furcht ein. Es ſcheint mir jetzt unbegreiflich, wie meine Tante, trotz ihrer Beſchäftigungen und der wirklichen Ueberlegenheit ihres Geiſtes mit ſolch berechnender Beharrlichkeit ein Kind quälen konnte. Es war da nie Zufall im Spiel. Ihr Benehmen gegen mich war durchdacht und durchſtudirt. Nach und nach härtete mich der Schmerz ab. Das Leiden erweckte das Bedürfniß der Rache in mir. Ich beobachtete, daß, je mehr ich weinte, deſto mehr meine Tante lachte und befriedigt ſchien. Nach unerhörten Anſtrengungen, mich zu beherrſchen und meine Thränen zu verbergen, gelang es mir endlich. Ich empfand große Freude, als ich das Erſtaunen und den Aerger meiner Tante ſah. Sie verdoppelte ihre Härte, ich verdoppelte meinen Muth und meine Verſtellungskunſt. Ich ſchaudere jetzt noch, wenn ich an dieſen offenen Kampf zwiſchen einem verlaſſenen Kinde und einer Frau wie Fräulein von Maran denke, wenn ich an dieſen Kampf denke, in dem ich zuletzt Siegerin blieb, da die Bosheit meiner Tante gewiſſe Gränzen nicht überſchreiten konnte. Das ganze Haus erzitterte vor ihr; auch meine Gouvernante war täglich die Zielſcheibe tauſend kleiner Plackereien. Dieſe vortreffliche Frau bedurfte wahrlich einer mehr als heroiſchen Hingebung, um ihren Abſcheu zu überwinden. Meine Tante wollte mich zweimal von ihr trennen; ich wurde aber ſo ernſtlich krank, daß ſie auf einen neuen Verſuch in dieſer Hinficht ver⸗ zichten mußte. Ich weiß nicht, ob es Abſicht oder Sorgloſigkeit von meiner Tante war, daß man mir mit ſieben Jah⸗ ren noch keinen Lehrer gab. Meine Gouvernante hatte mich leſen und ſchreiben gelehrt; ſie ließ mich meine Gebete und meinen Kate⸗ chismus herſagen, und ſo erhielt ich denn, Dank ſeis der mütterlichen Anhänglichkeit dieſer guten 104 Seele, wenigſtens die Erziehung, die eine Perſon ihres Standes ihrer Tochter gegeben hätte. Die Kinder täuſchen ſich nie in den Gefühlen und dem Charakter derer, die ſie umgeben. Ihr Scharfſinn iſt raſtlos, wenn ſie ſich geliebt ſehen; ſie wiſſen ſich mit unglaub⸗ licher Gewandtheit ihre Herrſchaft zu ſichern. So furchtſam und verſchloſſen ich gegen Fräulein von Maran war, ſo heiter, ungeſtüm und deſpotiſch war ich gegen meine Gouvernante. Sie verſagte mir ſelbſt die übertriebenſten Wünſche nicht, ſofern ſie nur meiner Geſundheit keine Gefahr brachten. Sie ver⸗ götterte mich, überhäufte mich mit Lobſprüchen auf meine Schönheit, meinen Verſtand und meine Sitt⸗ ſamkeit. So brachte ich denn meine Kindheit zwiſchen dem bittern Hohn und der Härte meiner Tante und den blinden Schmeicheleien der Blondeau hin. Dieſer verſchiedene Einfluß mußte aber von höch⸗ ſter Wichtigkeit für meinen Charakter ſein. Ich war wechſelsweiſe übertrieben ſtolz oder über⸗ trieben demüthig, ſtralend von Glück oder zernagt von Bitterkeit; ich empfand endlich Liebe und Haß auf eine für mein Alter unglaubliche Weiſe. Die Grau⸗ ſamkeiten meiner Tante machten mich faſt glücklich, weil ſie mir das Mittel boten, ihr zu trotzen und ſie durch meine Kaltblütigkeit zu ärgern. Sie rächte ſich, indem ſie mit ungemeiner Kunſt mich zu überzeugen wußte, daß ich häßlich und dumm ſei. Ich hielt meine Thränen zurück, lief zur Gouver⸗ nante und brach in Schluchzen aus. Dann ertheilte mir die arme Frau, um mich zu tröſten, die über⸗ triebenſten Lobſprüche, welchen ich zuletzt Glauben ſchenkte. 5 Daher entſprangen ohne Zweifel meine ſtets über⸗ triebenen Gefühle, daher mein Unvermögen, ſpäter die im Leben ſo nothwendige Mittelſtraße einzuſchlagen⸗ 105 Das Alter wußte überdieß die ſonderbare Ark, mit der ich mich beurtheilte, in die gehörigen Schranken zu bringen. Statt zwiſchen zwei Extremi⸗ täten die vernünftige Mitte zu wählen, ſtatt mich we⸗ der ganz unter noch ganz über den Andern zu glauben, lebte ich in dem ewigen Schwanken eines übertriebenen oder eines drückenden Mißtrauens zu mir elbſt. Der genoſſene Triumph hinderte mich ſo wenig, oft die lächerlichſte Demuth an den Tag zu legen, als die erlittene Demüthigung mich verhinderte, ſiegesſtolz bis zur Verachtung zu ſein. Beim erſten Wort, beim erſten Blick war ich be⸗ herrſcht oder beherrſchte ich ſelbſt, und das in den ge⸗ wöhnlichen Beziehungen des Lebens. Es gibt wirklich gefürchtete und furchterregende Perſonen, vor welchen die Kühnſten erzittern, denen ich aber völlig imponirte, während die unbedeutendſten Leute oft eine gänzliche Herrſchaft über mich erlangten. Ich ſollte auch von meiner erſten Erziehung her noch die Gewohnheit und den Willen beibehalten, mei⸗ nen Kummer und meine Schmerzen zu verbergen, und mich für das angethane Leid durch eine ſcheinbar ver⸗ ächtliche Unempfindlichkeit zu rächen. . . Ich war, glaube ich, noch nicht ſieben Jahr alt, als meine Erziehung eine gänzliche Veränderung erlitt. Die Ereigniſſe, welche dieſe Umgeſtaltung herbeiführten, ſind mir in lebhafter Erinnerung geblieben. Man hatte mich nach dem Gulfinden meines Vor⸗ mundes, des Baron von Orbeval, der ein ziemlich weitläufiger Verwandter meines Vaters war und den nur ſelten ſah, der Obhut meiner Tante über⸗ aſſen. Als er Fräulein von Maran beſuchte, ließ man mich holen, und ſtatt des mehr als beſcheidenen Kittels, mit dem mich meine Tante bekleidet wiſſen wollte, zog man mich etwas ſorgfältiger als gewöhnlich an, und führte mich zu meinem Vormunde. Er war ein großer, blaſſer Greis, mit marder⸗ artigem Geſicht und einer blonden, ſehr gekräuſelten Perrücke; er trug einen grünſeidenen Abat⸗jour und einen braunſeidenen, ganz abgetragenen Ueberrock; er war Mitglied des Kaſſationshofes und von ſtinkendem Geiz. Als ich zu ihm kam, betrachtete er mich mit ſtrenger Miene, und fragte mich, ob ich recht artig ſei. Meine Tante aber nahm gewöhnlich die Antworten, die dahin lauteten, daß ich eigenwillig, dumm und träge ſei. Da gab mir mein Vormund einen ziemlich tüchtigen Backenſtreich und ſagte: „Fräulein Mathilde, das iſt ja ſehr ſchlimm! . . ſehr ſchlimm!. .. Wenn das ſo fortgeht, ſo wird man ſie zu den kleinen Mädchen ar⸗ mer Leute ſchieben.“ Ich zerfloß in Thränen und Blondeau nahm mich weg. Während drei oder vier Monaten wurde ich dann meinem Vormunde nicht wieder vorgeſtellt, als ich plötzlich eines Tages einen noch jungen, mir unbekann⸗ ten Mann in das Zimmer treten ſah. Sobald er erſchien rief Blondeau, die Hände in freudiger Ueberraſchung faltend: „Mein Gott! .. ſind Sie's, ſind Sie's, Herr von Mortagne! . . . Dieſer aber nahm mich, ohne meiner Gouvernante zu antworten, in ſeine Arme, betrachtete mich ſtill⸗ ſchweigend mit lebhafter Neugierde, und nachdem er mich zärtlich umarmt, ſtellte er mich auf den Boden, und ſagte, eine Thräne abwiſchend: „Wie ſie ihr gleicht!. wie ſie ihr gleicht! Dann verfiel er in eine Art Träumerei. Das Geſicht dieſes Fremden ſchien mir, trotz der Strenge ſeiner Züge, ſo wohl⸗ wollend; er ſchien mir ſo bewegt, als er mich betrach⸗ tete, ſeine Gegenwart ſchien Blondeau ſo viel Freude zu machen, daß ich mich furchtlos ihm näherte. 7 Er war Geſchwiſterkind von meiner Muiter, hielt ſich mehrere Jahre auf Reiſen auf und kam ſo eben nach Frankreich zurück. Der Graf von Mortagne galt für einen ſehr ſon⸗ derbaren Mann. Er hatte gedient, und tapfer gedient unter dem Kaiſerreiche. Seither wußte man ſich ſein beſtändig nomadifirendes Leben nicht zu erklären. Er hatte die neue und die alte Welt durchreiſt. Er war mit tiefer Wiſſenſchaft, mit einem eiſenfeſten Charakter und hohem Muthe begabt, aber ſeine faſt brutale Frei⸗ müthigkeit hatte ihm der Freunde wenige erworben. Meine Mutter ward von ihm mit der ganzen Zärtlichkeit eines Bruders geliebt. Mehrmals hatte er meinem Vater den Werth des Kleinods, das er vernachläſſigte, um die ehrgeizigen Rathſchläge des Fräulein von Maran zu befolgen, be⸗ greiflich machen wollen; daher denn auch meine Tante eine heftige Abneigung gegen ihn hatte; als Glied meines Familienraths, und als ſolcher beauftragt, über meine Intereſſe zu wachen, war er dann freilich oft gezwungen, ſich dem Fräulein von Maran zu nähern. Während der letzten vier Jahre hatte er ſich in Indien aufgehalten. Bei ſeiner Zurückkunft nach Pa⸗ ris galt ſein erſter Beſuch mir. Er wurde nicht müde mich zu betrachten, zu bewundern, zu loben! Blyndeau wurde mit Fragen beſtürmt. War ich glücklich? Gab man mir die, meinem Stande gebührende, Erziehung? Wer waren meine Lehrer? Als ſiebenjähriges Kind ſollte ich ſchon Manches wiſſen, ich ſah ja ſo verſtän⸗ dig aus! Der Unterricht, den ich erhalten, mußte herr⸗ liche Früchte getragen haben! Meine arme Gouvernante wagte kaum zu ant⸗ worten. Endlich geſtand ſie unter Thränen die Wahr⸗ heit... Mein geringes Wiſſen verdankte ich ihr. Fräu⸗ lein von Maran wurde je länger je härter und unge⸗ rechter gegen mich. Ich genoß keine der Vergnügungen meines Alters und Blondeau war beſonders erbittert, 108 daß ich nie gekleidet war, wie es der Tochter der Gräfin von Maran gebührt hätte. Bei jedem Worte meiner Gouvernante ſteigerte ſich der Unwille des Herrn von Mortagne. Er war ein Mann von hohem Wuchs, doch im⸗ mer ziemlich ſorglos gekleidet. Obwohl er kaum vierzig Jahre alt ſein mochte, ſo war doch ſeine Stirne kahl, und nach einer, dazu⸗ mal ſehr ſeltſam ſcheinenden Mode, trug er einen lan⸗ gen Bart, wie man es heutzutage öfters ſieht. Die Derbheit ſeiner Manieren, die militäriſche Kühnheit ſeiner Worte, ſeine ſonderbare, faſt wilde Geſichtsbildung hatten ihm in der großen Welt den Beinamen des „Donaubauern“ verliehen. Er gehörte zu den Liberalſten ſeiner Zeit und bemäntelte ſeine Anſichten durchaus nicht, obgleich ſehr wohlwollende Perſonen ihm mehr Mäßigung anempfoh⸗ len hatten. Wann er wollte, konnte er den beißendſten Spott unter einer anſcheinlich naiven Gutmüthigkeit bergen; gewöhnlich aber war ſeine Sprache ſcharf, herb und faſt brutal. Als meine Gouvernante dem Herrn von Mor⸗ tagne die Art meiner Erziehung aus einander geſetzt hatte, wurde das in der indiſchen Sonne gebräunte Geſicht meines Vetters glühend vor Zorn; einige Au⸗ genblicke ſchritt er in heftiger Aufregung im Zimmer umher; dann nahm er mich barſch in ſeine Arme und wandte ſich gegen das Cabinet des Fräulein von Ma⸗ ran indem er rief: „Ha! ſo alſo behandelt ſie das Kind meiner armen Baſe . ich will ein Paar Worte mit ihr ſprechen, ich! und zwar mit meiner bekannten Stimme!“ — „Aber, Herr Graf, ... nehmen Sie ſich in Acht.. ſagte meine Gouvernante, ihm erſchrocken nachfolgend. — „Sein Sie ruhig, Frau Blondeau, ich laſſe mich nicht gleich einſchüchtern! Ich habe noch bösartigere Thiere, als Fräulein von Maran unter — 109 meinem Fuße zerteten!“ Dann umarmte er mich zwei Mal und ſagte: „Arme Kleine! Dein Loos ſoll anders werden.“ Ich werde die Freude nie vergeſſen, welche ich empfand, als ich errieth, daß mein Beſchützer die an mir verübte Bosheit meiner Tante rächen wolle. In meinem Entzücken, in meiner Erkenntlichkeit ſchlang ich die Arme um den Hals des Herrn von Mortagne, und da ich glaubte, ihm einen wichtigen Dienſt zu erweiſen, ſo ſagte ich ganz leiſe zu ihm: „Nicht nur meine Tante iſt böſe, mein Herr, ſondern auch ihr Hund Felir, Sie müſſen ſich ſehr in Acht nehmen; denn er beißt bis auf's Blut.“ — „Wenn er mich beißt, meine kleine Mathilde, ſo werfe ich ihn zum Fenſter hinaus,“ ſagte Herr von Mortagne, mich nochmals umarmend. Herr von Mortagne ſchien mir ein Held, und zum erſten Mal fühlte ich die Glut der Rache in mir. Nach ſeiner Gewohnheit war Servien in dem Vorſal, der an das Schlafzimmer ſeiner Gebiete⸗ rin ſtieß. 8 Von Blondeau begleitet, wollte Herr von Mor⸗ tagne die Thüre öffnen, als der Haushofmeiſter auf⸗ ſtand und ſagte: „Ich weiß nicht mein Heer, ob das Fräulein Beſuche empfängt.“ Ohne zu antworten ſtieß ihn Herr von Mortagne mit dem Ellbogen weg, und trat bei meiner Tante ein. Im Hut und Mantel von brauner Seide ſaß ſie wie gewöhnlich in ihrem Bett und las die Zeitungen. Herr von Mortagne war ſo barſch, ſo geräuſch⸗ voll eingetreten, daß der aufgeſchreckte Felir ſchnell aus ſeinem Reſte ſprang und ſich keifend auf die Füße mei⸗ nes Beſchützers warf. „Nehmen Sie ſich in Acht, nehmen Sie ſich in Acht, das iſt der böſe Hund,“ ſagte ich leiſe zu ihm. — „Dem ſoll geholfen werden!“ Und mit einem Fuß⸗ tritt ſchleuderte mein Rächer den Felir unter das Bett. Bei dem Heulen ihres Lieblings ſchrie meine Tante, welche durch den Eintritt des Herrn von Mortagne, den ſie haßte, ſchon ziemlich aufgebracht war, nun in höchſter Erbitterung: „Aber, mein Herr, was ſoll das heißen!.. Was bedeutet das? Mich eigentlich über⸗ fallen!. meinen Hund mißhandeln!.. Glauben Sie, Sie ſeien noch in Ihrer Kaſerne?“ Herr von Mortagne hat mir ſeither dieſen Auf⸗ tritt oft erzählt. Ohne Umſtände ſetzte er ſich neben das Bett des Fräulein von Maran, mich immer auf den Knieen haltend und antwortete ihr: „Madame, jetzt handelt es ſich weder um einen Hund, noch um einen Ueberfall, ſondern um dies unglückliche Kind, das Sie gleich ei⸗ ner Rabenmutter erziehen..“ — „Was ſoll das?.. was ſoll das?“ — antwortete meine Tante mit hochmüthiger Miene. „Sind Sie von den Antipoden zurückgekehrt, um mir ſolche Unver⸗ ſchämtheiten zu ſagen? Weil Sie wie ein häßlicher Wilder ausſehen und in dem wohlverdienten Ruf der Grohheit ſtehen, ſo folgt daraus keineswegs, daß ich mich in meinem Hauſe beſchimpfen oder einſchüchtern laſſen werde, verſtehn Sie mich wohl, mein Herr?“ — „Und weil Sie, Madame, das Glück haben, mit der ungeſtaltheit und dem Verſtande Aeſops die Häßlichkeit und Bosheit des verſtorbenen Herzogs von Gevres zu verbinden, ſo folgt ebenfalls daraus keineswegs, daß ich Ihre Unverſchämtheiten dulden muß, verſtehn Sie mich wohl, Madame?“ erwiderte Herr von Mortagne, der die Grobheiten des Fräulein von Maran immer mit Grobheiten bezahlte. Meine Tante erblaßte vor Wuth und rief: „Mein Herr, hüten Sie ſich, wenn ich haſſe, ſo haſſe ich tüch⸗ tig. und wenn ich haſſe, ſo beweiſe ich es.“ „Ich weiß, daß ſich unter Ihren mächtigen Freunden ge⸗ 111 fährliche Kreaturen befinden, aber ich brauche Nie⸗ mand ich fürchte Niemand. .. Ich werde Ihnen alſo die Wahrheit ſagen. .. Um ſo ſchlimmer, wenn die⸗ ſelbe Sie verwunden ſollte, ich habe ſie ſchon Vielen geſagt, die.. leider! nicht daran geſtorben ſind. Mit einem Wort, dieſes Kind wird abſcheulich ſchlecht er⸗ zogen, ſeine Erziehung iſt ſo vernachläſſigt, daß ich für Sie ſie erröthen muß. Schämen Sie ſich nicht, die Tochter Ihres Bruders auf ſolche Art zu behandeln?“ Dieſe Worte erweckten bei der Tante die Liebe für meinen Vater und den Haß gegen meine Mutter zugleich. Sie rief: „Weil das Andenken meines Bruders mir heilig iſt, behandle ich dieſe Kleine wie es mir zuſteht, ſie zu behandeln. Sie iſt mir anvertraut, ich habe nur ihrem Vormund über ſie Rechenſchaft abzu⸗ legen! alſo, mein Herr, bringen Sie Ihre Schmähun⸗ gen anderswo an, was hier geſchieht, geht Sie Nichts an.“ — „Das geht mich ſo viel an, daß ich, als Mit⸗ glied des Familienrathes gleich heute noch deſſen Zu⸗ ſammenberufung verlangen werde und man wird un⸗ terſuchen, ob Ihre Nichte bisher die Erziehung erhalten, auf welche ſie Anſprüche zu machen hat...“ Dieſe Drohung ſchien auf Fräulein von Maran ziemlich Eindruck zu machen. „ „Komm hieher, Kleine und antworte,“ ſagte meine Tante mit einem Winke, zu ihr zu treten. Statt zu gehorchen, ſchmiegte ich mich an Herrn von Mortagne und betrachtete ihn mit flehenden Blicken. „Sie ſehen wohl, daß Sie ihr mit Ihren Zärt⸗ lichkeiten ſchreckliche Furcht einjagen! ſagte Herr von Mortagne. Nicht dieß Kind ſoll antworten, ſondern Sie. Man hat ihr nicht einen Lehrer gegeben! ſie weiß kaum, was die Kinder der gemeinen Klaſſe in ihrem Alter wiſſen; Sie verweigern ihr ſogar die ih⸗ rem Stande gebührenden Kleider. Und doch werden Sie für die Beſorgung dieſer Kleinen theuer genng bezahlt!“ — „Was ſoll das ſagen? Mich bezahlen!“ rief mit höchſter Entrüſtung meine Tante. — „Das will ſo viel fagen, daß man Ihnen von dem Vermögen dieſes armen Kindes monatlich 1000 Franken gibt, um die Ausgaben für daſſelbe zu beſtreiten und nach ihrer Kleidung und ihrem Unterrichte zu ſchließen, können Sie unmöglich mehr als 100 Luuisd'or jährlich für ſie ausle⸗ gen.. Was thun Sie mit dem Uebrigen? Wenn Sie es in den Sack geſteckt haben, ſo müſſen Sie es gewiß verantworten... hebrigens, ſein Sie ruhig... ich werde ſchon aufpaſſen. .. Weil Sie ſehr boshaft ſind, ſo iſt das kein Grund zu glauben, Sie ſeien nicht auch ſehr geizig!“ — „Das überſteigt ja alle Gränzen! Wenn man nicht wüßte, daß Sie ein halber Narr ſind, mein Herr, ſo ſollte man Sie zum Fenſter hinauswer⸗ fen! Hab' ich Ihnen Rechenſchaft zu geben? Was be⸗ deutet dieſes impertinente Inquiriren?“ rief Fräulein von Maran, ſich ungeſtüm auf ihrem Bette geberdend. — „Ich ſage Ihnen, daß ich ſein Verwandter, ſein Gönner bin, verſtehn Sie mich?“ antwortete Herr von Mortagne mit donnernder Stimme, „ich werde Sie vor die verſammelte Familie fordern laſſen, um Ihr Benehmen zu verantworten! Wenn man dieſes Kind nicht rächen will... ſo werde ich ſelbſt es thun! und wir werden uns dann unter vier Augen ſprechen .. was mir zwar nicht angenehm ſein würde.. Sehn Sie, Sie ſind ein Ungeheuer,“ „Ach der abſcheuliche Menſch! er wird mich durch ſeine Rohheiten noch krank machen.. Eine unglückliche Frau ſo behandeln?“ ſagte meine Tante mit kläglicher Stimme. — „Ja, Madame, ſeit langer Zeit ſchon kannten Sie durch die Kühnheit Ihrer Angriffe und durch die Bosheit Ihrer Reden, das Mitleid und die Rückſichteni, die man dem Alter, der Häßlichkeit und Gebrechlichke t ſchuldig iſt. Gehn Sie doch! Sie find keine Frau mehr!“ — „Wie! ich keine Frau mehr! Bin ich denn etwa ein Einhorn?... Wan ſollte Sie ja einſtecken, mein Herr.. Run fort 1¹3 von hier; fort! ich will bei meinen Leuten kein Auf⸗ ſehen erregen... Sonſt...“ — „Sonſt! Madame, das wäre einerlei, Sie hätten dann doch Zeugen. Sie hören jetzt mein letztes Wort: ich werde mich ſogleich— zu allen Gliedern des Familienrathes begeben, um ſie zu bewegen (und es wird mir gelingen), dieß unglück⸗ liche Kind Ihren Händen zu entziehen und es in einer Erziehungsanſtalt oder in einem Kloſter unterzubringen.“ — „Und um dieſes ſchöne Werk zu krönen,“ erwiderte Fräulein von Maran in ſpöttelndem Tone, „wird man Sie ohne Zweifel beauftragen, mein Herr, das Kloſter zu wählen? Es iſt ſehr Schade, daß es keine Jako⸗ binerinnen gibt, ſolchen würde dieſe Kleine ſogleich übergeben, nicht wahr? Und zum Andenken der Brüder und Freunde des Jahres 93, deſſen Geſchichte Sie ſo ſehr lieben, würden Sie das Kind Mamſell Sci⸗ pione oder Mamſell Egalits heißen; nein, was ſage ich doch! nicht Mamſell! Bürgerin, wenn Sie's erlauben. Unglücklicherweiſe ſind aber dieſe guten Zeiten dahin. und in unſern Tagen hält man in Allem und für Alles eine Rechnung, mein Herr, und zwar eine ſtrenge Rechnung, verſtehn Sie, über die Art der Leute, welche ihre Meinungen gegen diejenige.. wohldenkender Perſonen geltend machen wollen...“ Fräulein von Maran betonte dieſe letzten Worte ſo ſehr, daß Herr von Mortagne deren Sinn verſtand. „Aha! ſind wir endlich de!“ rief er, „ich war ſchon erſtaunt, daß Sie mich noch nicht als Jacobiner und Bonapartiſten behandelt haben, was freilich kaum zuſammenpaßt.. Ich weiß, daß Sie falſch genug ſind, um in dem Rathe, meiner Einſprache wegen, eine Parteifrage zu erregen. Ich weiß, daß Ihre Ultra⸗ Verwandten ſich in großer Zahl darin befinden. Ich weiß, daß Sie blind weg Ihren Rathſchlägen folgen, und es iſt wahrſcheinlich, daß Sie bei dieſer Angele⸗ genheit wie bei allen andern einen ſtrafbgren Gebrauch von ihrer Ueberlegenheit machen!“ Mathilde. 1. 8 Und zärtlich und gerührt mich umarmend, fügte er betrübt bei: „Armes Kind! Armes Frankreich!“ — „Ach! mein Gotti wie iſt das ſo prächtig und rührend zugleich!“ rief meine Tante, indem ſie in ihr unverſchämtes, höh⸗ niſches und gellendes Gelächter ausbrach. „Ach! mein Gott! man ſehe doch dieſe pomphafte Zuſammenſtel⸗ lung.. Armes Kindi Armes Frankreich! Der heilige Saint⸗Juſt ſagte ſolch⸗ artige Schäferphraſen im Elub der Cordeliers, glaub' ich, doch verhinderte es ihn keineswegs, den folgenden Morgen wieder Köpfe abſchneiden zu laſſen. Ja, ja, ich erſehe aus Ihrem Zorne, mein Herr, daß wenn es von Ihnen abhinge, Sie mich wie dieſe armen Brüder und Freunde behan⸗ deln würden. Denn trotz Ihrer Geburt, waren Sie ihrer in der That würdig, Sie, der mit den Herren von der Loire verbündet war.“ Herr von Mortagne ſagte mir, daß der kalte und grauſame Hohn meiner Tante ihn wirklich außer ſich gebracht habe, und daß er ſich den Vorwurf mache, ihr tollkühn geantwortet zu haben: „Es iſt wahr! wenn ich bedenke, daß Sie meiner Baſe durch Ihre Bosheit den Tod gegeben haben, wenn ich bedenke, daß Sie ein unglückliches Kind mit teufliſcher Grauſamkeit mar⸗ tern, ſo frage ich mich, ob man nicht dem Schutz der Geſetze entfremden ſollte. was geiſtig und bürgerlich der Natur entfremdet iſt.“ — „Genug ſolcher Schmä⸗ hungen! hinaus! hinaus, mein Herr!“ rief Fräulein von Maran mit ſolchem Wuthausdruck, daß als Herr von Mortagne aufſtand und mich auf den Boden ſtellen wollte, ich mich aus Leibeskräften an ihn klam⸗ merte und ihn dringend bat, mich nicht bei meiner Tante zu laſſen. Er übergab mich den Händes meiner Gouvernante welche während dieſer ganzen Scene ſtumm und unbe⸗ merkt geblieben war. 11⁵ Wir verließen alle Drei das Zimmer; Fräulein von Maran wüthete in unbeſchreiblichem Zorn. Drittes Kapitel. Der Familienrath. Von der Unterhaltung des Herrn von Mortagne mit meiner Tante hatte ich nicht viel verſtanden, je⸗ doch war ich entzückt, meinen Beſchützer auf ſo ernſte Weiſe mit dem Fräulein von Maran ſprechen zu hören. Ich ahnte eine glückliche Veränderung meiner Lage. Der den Kindern ſo ſchreckliche Gedanke, in ein Klo⸗ ſter oder in eine Erziehungsanſtalt zu treten, gefiel mir im Gegentheil ſehr. Mein höchſter Wunſch war, das Haus meiner Tante zu verlaſſen. Der Rath hatte nun zu entſcheiden, ob ich unter der Obhut des Fräulein von Maran bleiben ſolle oder nicht. Ich that die heißeſten Gelübde, damit die Abſicht des Herrn von Mortagne erreicht werde. Der verhängnißvolle Tag erſchien, meine Tante ließ mich ſorgfältig kleiden und in den Salon hinabfüh⸗ ren, wo die Glieder der Familie verſammelt waren. WMeine Augen ſuchten den Herrn von Mortagne, er war jedoch noch nicht da. Die Tante ſetzte mich zwiſchen ſie und meinen Vormund, den Herrn von Orbeval. Alle unſre Verwandten ſchienen Fräulein von Ma⸗ ran zu fürchten und huldigten ihr mit ſpeichelleckeri⸗ ſcher Nachgiebigkeit. Man kannte ihren mächtigen Ein⸗ fluß. Ihr Salon war der Sammelplatz der einfluß⸗ reichſten Männer der Regierung. Aus Rückſicht für Ludwig den Achtzehnten erwieſen ihr ſogar die Prin⸗ zen ein beſonderes Wohlwollen. 3 1¹6 Herr von Talleyrand theilte ſeine Abende oft zwi⸗ ſchen meiner Tante und der Prinzeſſin von Vaudemont. Dieſer große Staatsmann, von dem meine Tante mit vie⸗ lem Grund ſagte, daß er vas Stillſchweigen zur Beredt⸗ ſamkeit, den Geiſt zum Genie und die Erfahrung bis zu einem Grad des Hellſehens gebracht habe, ſchwatzte oft eine Stunde ganz allein mit Fräulein von Maran, denn ſie war eine jener Frauen, die ſich zu den geiſt⸗ vollſten Perſonen jener Zeit zählen durften. Einen beſondern Eindruck auf die Kinder macht dies äußerliche Anſehen, ſie kennen die Macht des Gei⸗ es und der Intrike nicht, daher war es mir lange Zeit unmöglich zu begreifen, wie Fräulein von Maran, trotz ihres krüppelhaften, beinahe unnatürlichen Aus⸗ ſehens doch ſo viel Macht über Perſonen ausübte, die gezwungen waren, in Abhängigkeit von ihr zu eben. Wenn meine Tante ſaß, ſo überragte ihr Kopf, welcher faſt mit ihrer linken Schulter, die unend⸗ lich viel höher als die rechte, gleichlaufend war, doch nicht die Rücklehne eines gewöhnlichen Armſtuhls; ihre langen, mit ſchwarzen Filzſchuhen bekleideten Füße ruh⸗ ten auf einem ſehr hohen Polſter, das ſie mit Felir theilten. Ungeachtet ihrer Häßlichkeit und Bosheit verſam⸗ melte ſich doch allabendlich der Kern der höchſten Klaſſe von Paris bei ihr und ſolche, die einige Tage hin⸗ durch ihre Beſuche verſäumt, wurden hochmüthig von ihr ausgeſcholten. Ihre harten, bittern Vorwürfe be⸗ wieſen genugſam, daß ſie weniger aus Freundſchaft als aus Stolz auf ſolche Huldigungen hielt. Man erwartete nur noch Herrn von Mortagne; er kam. Mein Herz ſchlug heftig, denn von ihm jollte ja meine Zukunft abhängen. Daß meine Verwandten Herrn von Mortagne kalt empfingen, bemerkte ich gleich. Sein Bart und ſein vernachläſſigtes Aeußere erregten ein Flüſtern und Lächeln, obwohl ſeine Originalität bekannt war. Man kannte die tiefe Abneigung mei⸗ ner Tante gegen ihn und wußte, daß um ihr zu ſchmei⸗ cheln, man ihn verhöhnen mußte. Nach einigen Augenblicken des Stillſchweigens bat mein Vormund Herr von Orbeval den Herrn von Mortagne die Gründe anzuführen, die ihn beſtimmt hätten, eine Verſammlung der Familie zu beantragen. Herr von Mortagne wiederholte, was er meiner Tante geſagt hatte, ohne ſeine Ausdrücke etwas mehr abzuwägen, und endigte endlich mit dem Verlangen, daß ich dem Kloſter der Engländerinnen übergeben werde, welches damals ſo ſehr im Schwunge war, wie nachher das Kloſter zum Herzen Jeſu. Während dieſer heftigen Anſchuldigung blieb Fräu⸗ lein von Maran ruhig und kalt. Unſre ganz von ihr beherrſchten Verwandten erſchracken herzlich darüber. Sie beurkundeten zu widerholten Malen ihre Ent⸗ rüſtung gegen Herrn von Mortagne durch Murren und Unterbrechungen, ihre der Tante zugewandten Blicke ſchien gegen die derbe Sprache meines Beſchützers pro⸗ teſtiren und ſie als Zeuge auffordern zu wollen. Dieſer aber, dem ſolche Aeußerungen gleichgültig blieben, zuckte von Zeit zu Zeit die Achſeln, wartete bis ſich das Geräuſch gelegt hatte, um ſeine Rede, die er keineswegs zu mäßigen geſonnen war, wieder aufzunehmen. Es bedurfte wahrlich ſeines Muthes, Fräulein von Maran auf ſolche Weiſe anzugreifen; wie ſie da ſaß und wie ſie umgeben war, konnte ſie tauſend Mittel finden, ihm zu ſchaden und ſich zu rächen.. .. Ach! ſie bewies dem Herrn von Mortagne nur zu ſehr, daß der Haß, den ſie auf ihn geworfen, unzerſtörbar ſei. ch war dazumal noch ganz ein Kind. Doch er⸗ innere ich mich einer Thatſache, die mir trotz ihrer Geringfügigkeit auffiel, und die jetzt ihre volle Be⸗ deutung in meinen Augen hat. Während dieſes Wortſtreites hatten die Züge mei⸗ mer Tante nicht die geringſte Bewegung verrathen; ſie hielt eine lange Stricknadel, und je weiter Herr von Mortagne ſprach, je mehr ſchien Fräulein von Maran dieſelbe zwiſchen ihre hagern Finger einzuklem⸗ men. Im Angenblick endlich, als er ausrief: Daß wenn Nichts achtungswerther, als Häßlichkeit, Alter und Schwäche ſei, es auch nichts Elenderes gebe, als ſolch bedauerliche Vortheile zu mißbrauchen, um Männer, welche Rechenſchaft von einem eben ſo ſchmählichen als grauſamen Benehmen verlangten, ungeſtraft mit Unverſchämtheiten zu antworten. Da brach Fräulein von Maran wie durch Zufall die Nadel, welche ſie zwiſchen den Fingern hielt, in Stücke, und nie werde ich den unheildrohenden Blick vergeſſen, den ſie in die⸗ ſem Augenblick auf Herrn von Mortagne warf. Mein Vormund glaubte im Namen der Mehrzahl der Verſammlung dem Widerſacher meiner Tante ant⸗ worten und ſeine Sprache nachdrücklich tadeln zu müſ⸗ ſen. Doch mein Beſchützer ſchien ſich wenig um die⸗ ſen Angriff zn kümmern, worauf dann Herr von Orbe⸗ val das Fräulein von Maran mit der achtungsvoll⸗ ſten Ergebenheit und nur der Form wegen frug, ob ſie für nöthig erachte, einige Abänderungen in meine Erziehung zu bringen, wobei er ſich jedoch beeilte, hin⸗ zuzufügen, daß die Verſammlung ſchon zum Voraus ſich gänzlich an ihre Beſtimmung über dieſen Punkt halte, den ſie beſſer als irgend Jemand zu würdigen im Stande ſei. Fräulein von Maran antwortete, ohne die min⸗ deſte Anſpielung auf die Angriffe des Herrn von Mor⸗ tagne zu machen, mit einer Feinheit und einer außer⸗ ordentlichen Gewandtheit, daß ich in der That, was man heiße, noch ſehr zurück ſeie; daß ich einen ſchwa⸗ chen Kopf und wenig entwickelte Verſtandeskräfte habe, daß ſie geglaubt, meinen Geiſt nicht vergeblich ermü⸗ den zu dürfen durch einen Unterricht, von welchem Nu⸗ tzen zu ziehen ich außer Stande geweſen wäre; daß 1¹9 auf ſolche Weiſe mir das Lernen hätte zuwider wer⸗ den müſſen; ſie wollte im Gegentheil ſich zuerſt mit meiner Geſundheit beſchäftigen, die, Gott ſei Dank, jetzt hlühend ſei, ich befände mich alſo vollkommen in der Lage, die verlorne Zeit einzuholen, ohne die Er⸗ müdung eines angeſtrengten Fleißes zu befürchten. Sie ſchloß endlich mit den Worten, daß vor der Zu⸗ ſammenberufung der Familie ſie ſchon geſonnen ge⸗ weſen, nun unverzüglich meinen Unterricht beginnen zu laſſen. Herr von Mortagne hat mir nachmals oft ge⸗ ſagt, daß man ſich unmöglich geſchickter vertheidigen und ein ſolches Benehmen in ein ſcheinbar günſtigeres Licht ſtellen konnte, als es meine Tante that; ſie be⸗ wies klar, daß wenn ſie in den erſten Jahren meiner Erziehung beſonders Sparſamkeit behauptet, ſie ſich die Mittel, mir ſpäter einen weit ausgedehntern und völlſtändigern Unterricht ertheilen zu laſſen, hätte ſichern wollen; ſie fügte bei, daß es begreiflich ſei, wenn ich mich in dem Hauſe einer alten und ſchwäch⸗ lichen Tante langweile, daß ſie aber meinem Vater verſprochen, mich nie zu verlaſſen und ſie alſo nicht glauben könne, daß meine Verwandten mich in einem Kloſter unterzubringen gedächten. um Alles ins Reine zu bringen und damit ich eine Altersgefährtin hätte, kündigte meine Tante noch an, daß mein Vormund, ihren dringenden Bitten Ge⸗ hör ſchenkend, einwillige, ſeine Tochter in einigen Mo⸗ naten aus dem Kloſter zu nehmen und ſie ihr anzu⸗ vertrauen. Herr von Orbeval war Wittwer, ſeine Tochter würde alſo meinen Unterricht theilen und bei Fräu⸗ lein von Maran wohnen. Mit ſeiner gewöhnlichen Derbheit und Freimü⸗ thigkeit antwortete Herr von Mortagne, daß dem⸗ zufolge ich die Koſten der Erziehung des Fräulein von Orbeval, die arm war, beſtreiten müßte, und das ihr Vater in dieſe Anordnung nur aus perſönlichem Intereſſe und aus Furcht vor meiner Tante, die ihm ſchaden oder nützen konnte, gewilligt habe. Herr von Mortagne bemerkte ferner, daß er un⸗ ter allen andern Umſtänden keinen Einwurf gegen die beſondere Erziehung, die man mir geben und mich mit einer jungen Anverwandten theilen laſſen wollte, gemacht hätte, daß er aber wichtige Gründe habe, den Einfluß des Fräulein von Maran als ſchädlich für mich zu erachten; da ſie meine Kindheit gequält, ſo könne ſie leicht das Verderben meiner Jugend werden. Ein Geräuſch des Unwillens hemmte ſeine Worte. Mein Vormund ſchrie, daß ſeine Tochter nie ei⸗ nen Fuß in das Haus meiner Tante ſetzen ſolle und er den gemachten Vorſchlägen nur aus Intereſſe für mich beigepflichtet habe, daß er aber ſein Verſprechen zurücknehme, da man ſeiner Ergebenheit ſolch böſe Deutung gäbe. Als ſich jedoch die ganze Verſamm⸗ lung mit dem Fräulein von Maran vereint hatte, den Herrn Baron von Orbeval zu beſänftigen und Herrn von Mortagne zu tadeln, ſo verſprach mein Vormund, ſeine Tochter kommen zu laſſen. Herr von Mortagne, der ſeinen Zorn nicht bändigen konnte, ging ſo weit, zu behaupten, daß ſich in der ganzen Verſammlung kein Mann von Herz befände und daß ſie alle vor dem Anſehen des Fräulein von Maran zitterten. Da mein Beſchützer ſich anheiſchig machte, ſein ſo eben Geſagtes mit dem rgenjt der Hand zu be⸗ kräftigen, ſo war nur ein Schrei der Entrüſtung ge⸗ gen dieſen Raufbold, der rohe Gewalt in den Ver⸗ handlungen der Familie vorherrſchend machen wollte und weder Geſchlecht noch Alter ehrte. Der auf's Höchſte beleidigte Herr von Mortagne kam zu mir, umarmte mich zärtlich und ſagte: „Mein armes Kind, wir werden uns bald wiederſehen. Gott beſchütze Dich vor dieſer böſen Frau und ihren Augen⸗ dienern! Ich ſehe es, ſie haben jetzt die Zahl und das — 12¹ Geſetz für ſich. Geduld, Geduld, ich werde Mittel finden, Dich ihrer ungeachtet zu retten...“ Er umarmte mich nochmals und ging dann weg. Sobald er fort war, verdoppelte ſich die Erbitte⸗ rung und machte bald einem Gefühle verächtlichen Mitleidens Platz. Diejenigen meiner Verwandten, die im Stunde waren, mit den Anforderungen des Herrn von Mor⸗ tagne übereinzuſtimmen, und es, nicht aus Mangel an Muth, aber aus Furcht vor meiner Tante nicht gethan hatten, behaupteten, daß er ein krankes Gehirn habe, und daß man ſeine Narrheiten nicht ernſtlich neh⸗ men dürfe. Indem ich freilich die Niederlage meines Beſchützers ſehr bedauerte, konnte ich mich doch nicht enthalten, faſt mit Freude an die mir angekündigte Gefährtin zu denken, ich betrachtete Herrn von Orbeval, ihren Vater, mit weniger Unruhe und erkühnte mich ſogar, die Tante zu fragen, wenn meine Baſe kommen werde. Zu meinem großen Erſtaunen antwortete mir Fräu⸗ lein von Maran ohne Bitterkeit und in einem beinahe herzlichen Tone, daß Fräulein Urſula von Orbeval nächſtens anlangen werde. Dieſe Verſicherung machte mich unbeſchreiblich froh. Wäre ich glücklicher geweſen, ſo hätte ich viel⸗ leicht zu der Ankunft meiner Baſe etwas eiferſüchtig geſehen, während ich im Gegentheil nur an eine gün⸗ ſtige Aenderung meiner Lage glauben konnte. Von dieſem Tage an wurde das Benehmen des Fräulein von Maran ganz anders gegen mich. Vorerſt gab ſie mir zu meinem Unterrichte die beſten Lehrer von Paris. Aus einem Grunde, den ich erſt ſpäter einſah, ließ ſie mir Frau Blondeau als Gouvernante, obwohl Letztere weit entfernt war, die nöthigen Kennt⸗ niſſe zu Erfüllung ſolcher Pflichten zu beſitzen, da meine Erziehung nun weit veredelter werden ſollte. Zu meiner Bedienung wurde ihr noch eine Kam⸗ 122 merfrau beigegeben und ſtatt mich auf eine beinahe filzige Weiſe zu kleiden, ſollte es nun, dem Willen meiner Tante gemäß, mit einem Aufwand und einer Zierlichkeit geſchehen, die weit über mein Alter waren. Ich erinnere mich meiner Ueberraſchung und mei⸗ ner Freude, als ich eines Tags eine meinem Wuchſe anpaſſende Pſyche und einen Ueberwurf a la Du⸗ cheſſe, mit Bandſchleifen und Spitzen verziert, fand. Statt mich unaufhörlich zu ſchelten und über meine Häßlichkeit und Albernheit entzückt zu ſein, fing meine Tante plötzlich an, mich mit den übertriebenſten Lobſprüchen auf meine Schönheit, meinen Wuchs, den vornehmen Anſtand, meinen Geiſt und meine Anlagen zu überſchütten. Da dieſe raſche Wendung ihres Benehmens mir ſehr auffallend ſein mußte, ſo ſagte mir Fräulein von Maran im Vertrauen, daß es ſehr gefährlich geweſen wäre, mich mit dieſen allerliebſten Wahrheiten bekannt zu machen, als ich noch träge war, denn meine Eigen⸗ liebe wäre gefährlich davon erregt worden; da ich nun aber mit Fleiß und Emſigkeit arbeite, ſo wäre es eine Art Belohnung für mich, mich wiſſen zu laſſen, daß es auf der Welt nichts Entzückenderes gebe, als meine ganze Perſönlichkeit. Die Kammerfrau, welche mir meine Tante gege⸗ ben, wiederholte das Gleiche. Kurz, bis auf Servien, wetteiferte Alles im Hauſe, mir zu ſchmeicheln. Meine arme Blondeau, ausgeſtattet mit dem In⸗ ſtinkt, dem Tiefblick und dem Scharfſinn des Herzens, den wahre Hingebung allein verleiht, war beſtürzt über dieſe plötzliche Wendung in dem Verfahren meiner Tante. Nun war ſie es, die mich ſchalt, die mir vor⸗ warf, zuviel an meinen Putz zu denken, meine Gebete zu vernachläſſigen, hochfahrend und launiſch zu werden. ungeachtet meiner Anhänglichkeit an dieſe vortreffliche Frau, verletzten mich ihre Ermahnungen. Sie ſchienen mir um ſo peinlicher, als ſie mich bis dahin mit ver⸗ „ 123 götternder Zärtlichkeit behandelt hatte. Ich fühlte meine Zuneigung zu ihr erkalten, und im Gegentheil mein Vertrauen zu Julie, meiner Kammerfrau, wachſen, die denn auch keine Gelegenheit, mich gegen meine Gouvernante aufzureizen, vorbeigehen ließ. Ungeachtet der Zuvorkommenheiten des Fräulein von Maran gegen mich, konnte ich die Furcht und den Widerwillen, die ſie mir eingeflößt, noch nicht überwin⸗ den; ich trachtete jedoch nach Kräften dahin, indem ich durch meine Erkenntlichkeit ihr einige Anhänglichkeit zu beweiſen glaubte. Ich machte wirklich reißende Fortſchritte, ich gab mich mit Eifer dem Zeichnen, der Muſik, dem Studium der engliſchen und der italieniſchen Sprache hin, um nicht allzuſehr meiner Baſe Urſula von Orbeval nach⸗ zuſtehen, deren Ankunft meine Tante täglich erwartete. Fräulein von Maran ging nur äußerſt ſelten aus, faſt täglich aber machte ich in ihrer Kutſche meine Spazierfahrt in das Wäldchen von Boulogne, begleitet von Julie, deren Bevorzugung ich keineswegs verbarg. Auf dem ganzen Spazierwege wiederholte ſie im⸗ mer, daß Jedermann mich mit Bewunderung betrachte. Kurz, als ſich meine Tante ein Jahr ganz be⸗ ſonders mit meiner Erziehung beſchäftigt hatte, war ich kaum mehr zu erkennen; im Unterrichte hatte ich bedeutend gewonnen, mein Geiſt hatte ſich ent⸗ wickelt, aber der Keim der übelſten Leidenſchaften fing an in mir zu gähren. Ungeachtet des elfenbeinernen Chriſtusbildes, welches das Schlafgemach meiner Tante ſchmückte, vernachläſſigte ſie alle religiöſe Formali⸗ täten. Sie beſchränkte ſich darauf, mich mit einer ihrer Frauen zur Meſſe nach St. Thomas dAquin zu ſchicken. Ein Livreebedienter folgte mir, um den be⸗ malten Fußſchemel und einen Sammtbeutel, der mein Meßbuch enthielt, nachzutragen. Das war ein ebenſo lächerliches als unanſtändiges Auftreten für ein Kind meines Alters und ich hörte auf meinem Wege ſagen: „Die blinde Zärtlichkeit des Fräulein von Ma⸗ ran für ihre Nichte gränzt an Tollheit.“ Zuletzt glaubte ich wirklich an dieſe Anhänglichkeit. Man ſagte in der That überall, daß meine Tante mich vergöttere, und daß es ihrer blinden Schwach⸗ heit zugeſchreiben werden müßte, wenn ich einſt ſchlecht erzogen wäre. Noch jetzt, zu dieſer Stunde ſind viele Leute über⸗ zeugt, vaß Fräulein von Maran mich immer zärtlich... zu zärtlich geliebt habe... Es gibt nichts Liebeſpendenderes, aber auch nichts Egoiſtiſcheres als die Kinder. Ich machte mir ein barbariſches Spiel, meine neue Kammerfrau mit Beweiſen von Zutrauen in Blondeau's Gegenwart zu überhäufen; um Letztere wüthend zu machen, wie die kleinen Mädchen ſagen. Die unglückliche Frau, welche mit ihrem richtigen Sinne ſo klar ſah und keineswegs von niederm Neide geſtachelt war, litt ungeheuer, ſich ſo vergeſſen, ſo verkannt von mir, die ſie ſo aufrichtig liebte, zu ſehen. Bald kannte meine Undankbarkeit keine Grän⸗ zen mehr. Je mehr ſich mein Verſtand entwickelte, je mehr flößte mir Fräulein von Maran, wo nicht Anhänglich⸗ keit, doch wenigſtens Neugierde ein. Mein Geiſt fing an, ihren Witz und Hohn zu verſtehen und ſich daran zu beluſtigen; ſie beſpöttelte Blondeau, ihre Strenge, ihre Ermahnungen wegen meiner entſtehenden Coquet⸗ terien, und ich lachte herzlich. Sie verhöhnte ihre Unwiſſenheit, den Ausdruck ihrer Sprache und ich lachte noch mehr. Nach und nach verband ſich mit dem Entſchwinden dieſer ſo heiligen, ſo hingebungsvollen Zuneigung bei⸗ nahe die Verachtung; denn meine Tante ließ mich über die Art der Vertraulichkeit erröthen, in welcher ich mit einer Frau von ſolchem Stande lebte. Ohne Zweifel hatte ich Unrecht, ſehr Unrecht; aber 125⁵ ich war kaum acht Jahre alt, und eine Frau von wirklich überlegenem Geiſte übte ſolchen Mißbrauch, um mich auf den Weg des Verderbens zu leiten. Ich befolgte ihre Rathſchläge nur zu ſehr, ich bewies meiner Gouvernante ſo viel Kälte, daß die unglückliche Frau, als ſie Alles gethan, meine frühere Anhänglichkeit wieder in mir zu erwecken, vor Kum⸗ mer erkrankte. Als ich ſie blaß und leidend ſah, da erſt begriff ich die ganze Größe meines Fehlers, ich weinte und wollte ſie nicht mehr verlaſſen. Meine Tante aber, die meine Betrübniß ſah, wußte mich zu überzeugen, daß Blondeau's Krankheit nur ein Spiel und Ver⸗ ſtellung ſei. Dieſe gehäſſige Auslegung lieh meiner eine Entſchuldigung, ich maß ihr Glau⸗ en bei. 4 Nie werde ich das ſchreckliche Staunen vergeſſen, das ſich auf den Zügen meiner Gouvernante malte, als ſie mich lächelnd, leichtfertig und ſpöttelnd zu ihr zurückkommen ſah. Sie hob ihre abgezehrten Hände gen Himmel, und rief weinend: „Mein Gott! ſie, die das Herz ihrer Mutter hatte! . .. ſie haben ſie verdor⸗ ben.. ſie iſt verloren!. ..“ Von dieſem Tage an wurde die unglückliche Frau noch düſterer, ſchweigſamer; obwohl ihre Schwäche groß war, wollte ſie aufſtehen... Zerſtreut, in Ge⸗ danken verſunken, ſchien ſie von einer fixen Idee bewäl⸗ tigt. Unſre Leute machten ſie bereits zu ihrem Spielzeug. Sie, die ehemals ſo ungeduldig war, ſchien nun Alles mit Ergebung oder vielmehr Gleichgültigkeit zu leiden. Sie ſprach faſt Nichts mit mir. Ich erinnere mich, ſie einſt bei Nacht, als ich aufwachte, gefunden zu haben, wie ſie den Kopf auf mein Kiſſen geneigt und die Augen in Thränen ge⸗ badet, mich mit einer unbeſchreiblichen Angſt anblickte. Ich fürchtete mich und ſtellte mich wieder ſchla⸗ fend. Den folgenden Morgen erzählte ich Alles mei⸗ 126 ner Tante, die mir antwortete, daß dieß ein Scherz der Blondeau ſei, die mich ſchrecken wolle. Ich glaubte dem Fräulein von Maran und hegte Groll gegen meine Gouvernante. Der Neujahrstag kam; am Abend vorher hatte mir die Tante geſagt, als ſie von dem Angebinde für Blondeau ſprach: „Statt ihr einige Kleider oder etwas Werthvolles zu ſchenken, muß man ihr Geld geben. Solche Leute lieben das Geld über Alles.“ Und ſomit übergab ſie mir fünf Louis d'or für ſie. In frühern Jahren hatte mir meine Tante nie Etwas für Blondeau gegeben, und da ich ſie dazumal noch zärtlich liebte und ihr durchaus Etwas darbrin⸗ gen wollte, ſo machte ich jedes Jahr ungeheuere An⸗ ſtrengungen in Verſchwiegenheit und Geſchicklichkeit, um dahin zu kommen, ihr ohne ihr Vorwiſſen einige Zeilen der naivſten Zärtlichkeit zu ſchreiben und ihr, ſo gut ich konnte, irgend eine kleine Stickerei zu ver⸗ fertigen. Man kann ſich die Freude und das Entzücken der Frau Blondeau nicht vorſtellen, als ich am Abend vor dem Neujahrstage, nachdem ich das Nachtgebet ver⸗ richtet hatte, mich an ihren Hals warf und ihr dieſe Gabe brachte. Zetzt, da ich daran denke, ſcheint es mir, als ſei in dieſem Beweiſe meiner Zuneigung etwas Rühren⸗ des und Religiöſes gelegen, denn ich, die arme, ver⸗ laſſene und zurückgeſtoßene Waiſe, die Nichts beſaß, ich nahm Zuflucht zu meiner kindiſchen Arbeit, um die Schuld meines Herzens abzutragen. Ungeachtet ihres geringen Dienſtlohnes hatte meine Gouvernante zu viel Gemüth, um bei dieſem Beweiſe meiner Anhänglichkeit, den Niemand mir angerathen hatte, nicht bis zu Thränen gerührt zu werden. Man ſtelle ſich daher ihren Schmerz vor, als ich ihr an beſagtem Tage, alſo am Abend vor dem Reu⸗ 127 jahrstage, mit munterer, lachender Miene meine fünf Louisd'or in die Hand gleiten ließ. Sie erwartete die gewohnte Ueberraſchung, und da ich ſchon ziemlich ordentlich zu zeichnen anfing, ſo hatte ſie ſogar auf eine Probe meines neuen Talentes zu hoffen gewagt! Ungeachtet meiner augenſcheinlichen Undankbarkeit hatte ſie keinen Augenblick an die Mög⸗ lichkeit gedacht, daß ich die zarten Gebräuche meiner Kindheit ſo völlig vergeſſen könnte; ſie gab mir auch, indem ſie mich mit eben ſo viel Trauer und Unruhe betrachtete, das Gold zurück. „Sie irren ſich, Mathilde, das iſt für Julie; für mich. für mich. .. nicht wahr? Sie haben was Andres.“ Und ihre Stimme zitterte, und ſie betrachtete mich mit unruhiger, verſtörter Miene. „Aber.. nein, ich habe Dir nichts Anderes zu geben, ſagte ich zu ihr. „Doch.. die andern Jahre (und ſie ſuchte ihre Thränen zu verbergen), die andern Jahre. .. Sie wiſ⸗ ſen wohl., am Abend.. nach Ihrem Gebet gaben Sie mir. „Ach! ja, ich weiß, was Du ſagen willſt; aber jetzt, ſiehſt Du, habe ich nicht mehr Zeit, ich muß ſtu⸗ dieren.. Und noch überdieß, Ihr Andern, Ihr liebt das Geld mehr als Alles.“ Dann legte ich ihr, ohne ſie zu umarmen, ohne ihr auch nur den kleinſten Beweis von Zuneigung zu geben, das Geld wieder in die Hand, und hüpfend und ſpringend eilte ich weg, um einen prächtigen Her⸗ melinpelz zu bewundern, den ich von Fräulein von Maran zum Geſchenk erhielt. Als ich meine Gouvernante verließ, hörte ich ein ſchmerzliches Stöhnen und das Klirren von Goldſtücken, die aus ihrer Hand auf den Fußboden fielen. Bei meiner unbarmherzigen Gleichgültigkeit, bei der Eile, das Geſchenk meiner Tante zu betrachten, 128 blieb ich keinen Augenblick länger, ich wandie nicht einmal den Kopf um. Ach! mein Freund, obwohl noch jung, habe ich doch ſchon viel gelitten, ſchon manche bittre Thräne vergoſſen! aber Gott weiß, daß in den heftigſten Pa⸗ rorismen der Verzweiflung ich ſchon oft ausrief: Ich muß Alles tragen, ohne mich zu beklagen! Denn ich habe dem beſten der Weſen den ſchrecklichſten Kummer bereitet, den das menſchliche Herz je empfinden kann. ungeachtet meiner Gleichgültigkeit fühlte ich doch am Abend dieſes Tages etwas Scham, wenn ich an Blondeau dachte, ich erwartete Vorwürfe, fand, aber im Gegentheile meine Gouvernante zärtlicher, als ge⸗ wöhnlich, jedoch ſehr blaß und ſehr angegriffen. In ih⸗ rem Blicke ſchien mir etwas Seltſames zu liegen. Sie legte mich zu Bette und umarmte mich zu wiederholten Malen mit Ungeſtüm; ich fühlte ihre Thränen auf meine Wangen fließen. Mein Gemüth gewann die Oberhand; ich warf mich an ihren Hals und bat ſie um Verzeihung, ſie betrübt zu haben. „Dich beſchuldigen.. Dich... mein Kind. nie⸗ mals,“ ſagte ſie weinend, indem ſie meine Haar und Hände küßte. „Niemals, arme Kleine! So lange man Dich gut und zartfühlend ließ, wareſt Du in Allem ganz das Bild Deiner Mutter... Aber ſprechen wir nicht mehr davon, liebes Kind. Komm, ſage Dein Abendgebet und bitte auch für Deine alte Wärterin. Sie liebt Dich ſo ſehr, ſie hat wohl nöthig, daß Du für ſie bitteſt. Das Gebet der Kinder iſt wie das der Engel! der gute Gott liebt und erhört ſie.“ Als ich gebetet hatte, küßte ſie mich zärtlich auf die Stirne und ſagte: „Nun, mein Kind. gute Racht.., gute Nacht.⸗ Ich bemerkte, daß ſie zitterte, daß ihre Hände brennend heiß, ſie jedoch beſonders blaß war. Ich ſchlief ein. Ich weiß nicht, wie lange ich in tiefem Schlummer gelegen hatte, als ich plötzlich auf⸗ 1²9 wurde. Ein ziemlich ſchwerer Körper ſtützte ſich auf mich. In meinem Entſetzen öffnete ich halb die Augen. Ich weiß nicht, wie viel Uhr es war. Noch flackerte ein Reſt des Feuers im Kamine und durchzuckte das Zimmer mit ſeinem ſchwankenden Schein. Bei der Helle eines Nachtlichtes ſah ich meine Gouvernante; ſie war neben meinem Bette und hatte mich aufge⸗ weckt, indem ſie mich umarmen wollte. Da ich keine Bewegung wagte, ſo folgte ich ihr mit den Augen; ihr ſonſt ſo ſanftes, ſo ruhiges Antlitz hatte einen dü⸗ ſtern Ausdruck, der mich vor Schrecken ſtarr machte. Sie betrachtete mich, indem ſie mit leiſer Stimme und verſtörter Miene zu ſich ſelbſt ſprach. „Nein, nein, ſagte ſie, ich kann das nicht länger ertragen. Dieß Ungeheuer verdirbt mein Kind; ſie hat es gleichgültig... derei gegen mich gemacht;z Mathilde liebt mich nicht mehr. Ich bin ihr zu Nichts mehr gut; ich brauche nicht länger zu bleiben... Auch könnte ich nicht... Nein, ich habe heute zu viel gelit⸗ ten, das Maaß iſt voll.. Geld. mir. achl das macht mich wahnſinnig... Ich glaube, ich bin es ſchon. .. Nun dennz das ſoll ein Ende nehmen; noch ein letzter Kuß dieſem armen, kleinen, ſchlafenden Engel; ſie hat für mich gebetet und Gott wird mir verzeihen.“ Bei dieſen Worten kußte mich Blondeau auf die Stirne und fügte ſchluchzend hinzu: „Lebwohl! Leb⸗ wohl! Du wirſt nie wiſſen, wie weh Du mir gethan haſt, arme Kleine! Nicht Dich beſchuldige ich. o nein! nicht Dich, ſondern dieß Ungeheuer, die Deiner Mutter ſo viel Kummer und endlich den Tod brachte, und die nun Deine Seele verderben will. Lebwohlt nochmals Lebwohl! O meine ſchönen, blonden Haare. Laß ſie mich noch einmal küſſen. Und ich fuhlte auf meiner Stirne ihre eiskalten Lippen. Bis jetzt hielt ich, obwohl wachend, die Augen geſchloſſen. Da blickte ich plötzlich auf; ich ſah meine Mathilde. 1. 9 131¹ ihr Eiferſucht, Neid und nothwendigerweiſe Haß ein⸗ zuflößen! Ich weiß nicht, ob Sie bemerken, mein Freund, daß meine Tante mit einem ſonderbaren Scharfſinn meine Jugend in zwei verſchiedene Abſchnitte getheilt hatte: bis zum neunten Jahre hatte ich von Furcht, Entbehrungen und Verlaſſenheit zu leiden; ich war für andere Pläne noch nicht reif. Viertes Kapitel. Eine Freundin der Kindheit. Ein neuer Lebensabſchnitt begann für mich. Bis dahin hatte ich nur unvollſtändige Gefühle ehabt, ich fürchtete meine Tante, aber ihr Verſtand urzweilte mich. Ungeachtet einiger Beweiſe von Kälte und Vergeſſenheit liebte ich meine Gouvernante zärt⸗ lich, aber es gab zwiſchen uns weder Alters⸗, noch Charakterbeziehungen. Als Urſula von Orbeval ankam, war ich ſo allein, hatte ich mir ſo ſchöne Träume hinſichtlich dieſer ver⸗ ſprochenen Zuneigung gebildet, daß ich mich meiner Baſe, die mich in den Stand ſetzen ſollte, dieſe ſüßen Hoffnungen zu verwirklichen, ſchon zum Voraus er⸗ kenntlich fühlte. Ich vergaß die niederträchtigen Rath⸗ ſchläge meiner Tante völlig; ſtatt an Urſula's Ernie⸗ drigung zu denken, dachte ich nur daran, ſie zu lieben. Am Tage nach dem Neujahr kam ſie denn endlich im Hotel Maran an; ſie war ein Jahr älter als ich. Ein wunperlicher Zufall wollte, daß ſie ſchwarze Haare und blaue Augen hatte, während ich ſchwarze Augen und blonde Haare beſaß. Wir waren ungefähr von gleichem Wuchs. Die Züge Urſulg's waren keines⸗ — 132 wegs regelmäßig und doch konnte man ſich kaum eine intereſſantere Geſichtsbildung, ein ſanfteres und lie⸗ benswürdigeres Lächeln vorſtellen. Als ich ſie zum erſtenmale ſah, trug ſie Trauer für ihre Großmutter, ihre ſchwarze Kleidung hob die Roſenfriſche ihrer weißen Haut noch mehr; ſie ſprach mich ſo ſehr an, daß ich mich an ihren Hals warf und ſie meine Schweſter nannte. Ich mußte unwillkürlich weinen, und dieſe Thrä⸗ nen waren die ſüßeſten, die ich noch vergoſſen. Meine Baſe empfing meine Liebkoſungen mit rührender An⸗ muth, ich führte ſie in mein Zimmer und ſtellte alle meine Putzſchätze zu ihrer Verfügung. urſula zeigte weder linkiſche Verlegenheit, noch unbeſcheidene Breiſtigkeit. Sie ſagte ganz bewegt zu mir, daß ſie mich um meine Freundſchaft bitte; denn, da ihr Vater ſie mit außerordentlicher Härte behandelte, ſo war auch ſie beinahe eine Waiſe. Ich fühlte in mir eine Welt neuer Empfindungen erwachen, ich begriff das Glück, ſich einer Perſon, die man liebt, hinzugeben, ſie zu beſchützen, zu vertheivigen, ich wußte es Urſula bereits Dank, arm zu ſein, weil ich reich war faſt verlaſſen zu ſein, weil mein Herz ganz bereit war, dem ihrigen entgegen zu kommen und ihr die Zuneigung zu widmen, derer ſie entbehren mußte. Sobald ich eine Freundin hatte, die ich lieben konnte, glaubte ich kein Kind mehr zu ſein, ich fühlte mich groß, wie die kleinen Mädchen ſagen, ich wurde ſehr ernſthaft, ſehr nachdenkend; ich ſchämte mich mei⸗ ner vorigen Koketterie; ich ſagte zu Urſula, indem ich ihr alle meine ſchönen Kleider mit einer ganz prächti⸗ gen Verachtung zeigte; „Das war wohl gut, als ich allein war.“ Meine Baſe trug Trauer und ich wollte ebenfalls ſchwarz gekleidet ſein. Die ganze Nacht ging mir dieſer Plan im Kopf herum. Am Morgen trat ich dann entſchloſſen bei Fräulein von Maran ein. „Meine Tante, ich möchte wie Urſula ſchwarz ge⸗ kleidet ſein, und zwar ſo lange, als ſie es ſein wird.“ — „Du biſt wohl närriſch, meine liebe Kleine; Urſula iſt in Trauer, und Du haſt keinen Grund, Leid zu tragen,“ ſagte meine Tante erſtaunt. — „Aber die Trauer für meine Mutter?“ antwortete ich, traurig die Augen ſenkend. Meine Tante ſchlug ein Gelächter auf und rief: „Wie ſie doch unterhaltend iſt mit ihren leichenſchwan⸗ gern Einbildungen! Aber Du haſt ſie vor ſieben Jahren getragen, die Trauer für deine Mutter, und das iſt wohl genug.“ — „Ich trug ſie, ohne es zu wiſſen, meine Tante,“ ſagte ich, indem ich Thränen in meine Augen treten fühlte. Das Gelächter meiner Tante hatte mich ſchmerzlich verletzt. — „Ach, mein Gott! wie hat doch dieſe Kleine ſo drollige Einfälle,“ erwiderte Fräulein von Maran neuerdings lachend und mich beim Kinn faſſend. „Geh .. geh. Närrchen, man wird Dir dieſe ſchöne Laune da austreiben; das heißt, Du ſollſt ſchwarz gekleidet ſein, aber nicht in Trauer ſchwarz, ſo es beliebt, das wäre zu lächerlich . Du ſollſt vielmehr ſchöne Kleider von Moiree und Seide haben, während dieſe arme Urſula nur wollene Stoffe tragen kann das wird ſie raſend machen.“ „Meine Tante, ich möchte nie anders gekleidet ſein, als meine Baſe.“ — „Wie! ſind wir ſchon auf dieſem Punkte?“ rief Fräu⸗ lein von Maran, indem ſie ihre durchdringenden Augen auf mich heftete. „Doch, das iſt ja noch beſſer, als ich dachte. Geh . geh . beruhige Dich, ſobald die Trauer abgelegt ſein wird, ſollt ihr immer wie zwei Schweſtern gekleidet gehen; Du biſt reich genug, um Deiner Baſe, die keinen Sous hat, von Zeit zu Zeit ein ſchönes Kleid zu ſchenken.“ — „Meine Tante, Sie verſtehen mich nicht!“ rief ich ungeduldig; „da urſula arm iſt, ſo möchte ich wie ſie gekleidet ſein, und nicht, daß ſie es wäre wie ich.“ Fräulein von Maran betrachtete mich nochmals aufmerkſam und ſagte mit ihrer ſardoniſchen Miene: „Gut das, aber was ſteckt denn heute in dieſer Kleinen und ihren hochgetriebenen Zartheiten? Rein doch, wie rührend .. das liegt in der Familie . Dann fügte ſie, zu ſich ſelbſt ſprechend, bei: „Eigentlich, nur um ſo beſſer,“ und ſich an mich wendend: „Gut .. ſehr gut ... Fleine, Du kannſt Urſula nicht ſchweſter⸗ lich genug behandeln. Ich ſehe mit Freude die Symp⸗ tome eines großen Zartgefühls .. einer großen Em⸗ pfindſamkeit ſich in Dir beurkunden. Um ſo beſſer, ich zählte nicht darauf, Du übertriffſt meine ſüßeſten Hoff⸗ nungen.“ Ganz ſtolz, ganz glücklich verließ ich Fräulein von Maran. Ich ging dann ſchnell zu meiner Gouvernante, um ihr das Reſultat der Unterhaltung mit meiner Tante mitzutheilen. Diesmal umarmte mich Blondeau weinend vor Freude und ſagte: „Da haben wir ja Ihr gutes Herz wieder. Mir iſt, als hörte ich Ihre arme Mutter ſprechen.“ Man könnie glauben, es wäre damals ein Still⸗ ſtand in den boshaften Schlichen des Fräulein von Maran eingetreten; gewiß nicht. Im Gegentheil, ſie glaubte ſich nie ſicherer, mir für die Gegenwart und für die Zukunft zu ſchaden. „ Aber damals wußte ich nicht, was ich ſeither erfahren, und ich überließ mich voller Glück den überſpannten Freundſchaftsgefühlen für meine Baſe. Sie erwiderte dieſelben mit der ganzen Ausdehnung ihrer Zärtlichkeit und ihres Dankes. 3 Eeinige Tage nach der Ankunft Urſula's im Hotel Maran, hatte ich kein Geheimniß mehr vor ihr. Ich hatte ihr Alles aus meiner Kindheit erzählt, 135 mit Ausnahme der unheildrohenden Abſicht meiner Gou⸗ vernante, und auch dieſes Geheimniß zu behalten, o⸗ſtete mich viele und lange Ueberwindung. Obwohl Urſula ein Jahr älter war, als ich, ſo war ich doch in meinem Unterrichte bereits ſo weit als ſie; unſere Lehrer ermangelten nie, meine Aufga⸗ ben den ihrigen vorzuziehen, ſei es nun, daß ſie es wirklich verdienten, oder daß dieſelben dadurch meiner Tante zu ſchmeicheln glaubten. Ohne es zu wiſſen, machten ſie ſich auf ſolche Art zu Mitſchuldigen ihrer geheimen Abſichten. Da ich hiedurch die Eigenliebe Urſula's zu ver⸗ wunden glaubte, that ich Alles, um meine Ueberlegen⸗ heit zu entſchuldigen. Ich fand tauſend Gründe, meine kleinen Triumphe zu meinem Nachtheil auszulegen; bald wollten unſere Lehrer, indem ſie mir den erſten Platz gaben, dem Fräulein von Maran gefallen, bald liebte mich Urſula ſelbſt ſo ſehr, daß ſie gefliſſentlich Fehler machte, um mir ſo den Vorzug zu laſſen. Ich weiß nicht, ob unſere entſtehende Zuneigung die Pläne des Fräuleins von Maran durchkreuzte, aber ſie fand Mittel, mich neuerdings und noch grauſamer als je zu quälen. Unter dem Vorwand, uns nach und nach in die Welt einzuführen, ließ ſie uns des Morgens mehrmals in den Salon kommen. Sie empfing allabendlich mehrere vertraute Perſonen, die ſie zwiſchen vier und ſechs Uhr beſuchten. Man denke ſich meinen Kummer, als ich das erſte⸗ mal, da meine Tante Urſula und mich vorſtellte, ſie zu Fremden ſagen hörte: „Würden Sie glauben, daß meine Nichte, die ein Jahr jünger iſt, als Fräulein von Orbeval, und deren Unterricht weit ſpäter begon⸗ nen, ſich ſo ſehr befliſſen und ſo erſtaunliche Fortſchritte gemacht hat, daß ſie in Allem ihre Gefährtin übertrifft? Das iſt erſtaunlich, nicht wahr? Sonſt ſind es gewöhn⸗ lich die armen, unbegüterten Mädchen, welche fleißiger 136 arbeiten. Da iſt nun gerade das Gegentheil der Fall. Mathilde begnügt ſich nicht, an Reichthum und Schön⸗ heit uber ihrer Baſe zu ſtehen, ſie will ſie auch an Bil⸗ dung übertreffen. Die arme, liebe Kleine, ſie iſt ein wahres Kleinod: ganz das Bild ihrer Mutter.“ — Und Fräulein von Maran überhäufte mich mit heuchleriſchen Liebkoſungen. Mein Herz brach. Ich betrachtete Urſula mit flehendem Blick, und kaum waren wir allein, ſo warf ich mich weinend in ihre Arme, indem ich ſie der übertriebenen und lächerlichen Lobſprüche wegen, mit denen mich meine Tante überhäufte, um Verzeihung bat. Meine Baſe, ſo bewegt als ich war, ſtillte meine Beſorgniſſe, ſcherzte ſogar darüber und bewies mir durch ihre immer zunehmende Zärtlichkeit, daß ſie weder auf meine Vorzüge eiferſüchtig ſei, noch ſich durch vie Vorwürfe des Fräulein von Maran verletzt fühle. Ich that dann mein Möglichſtes, um Urſula den erſten Platz zu laſſen, aber vergeblich häufte ich Fehler auf Fehler, es gelang mir nicht, die Arbeiten Urſula's den meinigen vorgezogen zu ſehen. Ich nahm mir einſt vor, gar Nichts mehr zu thun, und meine Aufgaben nicht zu lernen. Da mußte man denn wohl meiner Gefährtin den erſten Platz einräumen. Fräulein von Maran ließ uns Beide in ihren Salon herabkommen, wo ſich noch mehrere Perſonen befanden. Nach einigen Worten eines unbedeutenden Geſprä⸗ ches rief mich meine Tante zu ihr heran. Dann wandte ſie ſich an eine ihrer Freundinnen: „Sie werden mir ſagen, daß ich immer das Gleiche wiederhole; aber man muß alten Frauen verzeihen, geſchwätzig zu ſein, wenn ſie von dem, was ſie lieben, zu ſprechen haben! Ich ſehe Sie lachen; Sie errathen, daß es ſich noch um meine kleine Mathilde handelt? Es iſt wahr, ich bin in ſie verliebt, vernarrt, wenn Sie wollen. Nun ja, es iſt ſo, ich kann es nicht hindern,“ ſagte meine Tante, den Ton eines guten Mütterchens annehmend ——— — ———. — „ 137 was immer geſchah, wenn ſie Bosheiten ſprach. Kurz, ſehen Sie, vergleichen Sie Mathilde und Urſula zum Beiſpiel .. und man muß doch da fällt mir gerade ein, der Mamſell von Orbeval eine Lection zu geben.“ Dann ſich gegen meine Baſe wendend, fuhr meine Tante mit ernſter Miene fort: „Fräulein, Sie ſind arm, Sie genießen den Unterricht aller Lehrer Ihrer Baſe, und doch ſind Sie träge genug, zu dulden, daß Mathilde, dieſer Engel von Güte, wie das heute geſchab, ihre Pflichten abſichtlich vernachläſſigt, um Ihnen den erſten Platz zu laſſen, welchen, durch Ihren Fleiß zu gewinnen Sie nicht den Muth haben.“ — „Aber, meine Tante!“ rief ich, „Urſula wußte Nichts davon.“ — „Sehen Sie das gute Herz dieſer theuren Kleinen? Welche Großmuth! ſie vertheidigt ſie noch?“ Und meine Tante umarmte mich. Dann fuhr ſie fort, ſich in ernſtem, hartem Tone an meine Baſe zu wenden, welche, roth vor Scham, in Thränen zerfloß, und ſprach: „Wie, ſchämen Sie ſich deün nicht von Seite dieſes Kindes ſolche Opfer anzunehmen, ja vielleicht zu fordern?“ „Aber, Madame!“ rief die arme Urſula, „ich verſichere Sie, daß ich nicht wußte . „ — „Schon gut! ſchon gut „„ ſagte Fräulein von Maran, „ich weiß, was ich zu denken habe.“ Hierauf ſandte ſie uns zurück, nachdem ſie mich vorher noch zärtlich umarmt hatte. Ihre Liebkoſungen empörten mich. Ich fing wieder an, ſie mehr als je zu haſſen. Ich ahnte, daß ihre hölliſche Bosheit mir die Freundin abgeneigt machen wollte. Nach dieſem Auftritt warf ich mich ſchluchzend an Urſula's Kniee. Das arme Kind erwiderte meine Liebkoſungen, dankte mir für die Verſicherungen meiner Zärtlichkeit; aber ich ſah es, ſie litt lange unter dem Schlage dieſer um ſo ſchmerzhaftern Wunden, da ſie ſtolz war und ihren Kummer in ſich verſchloß. Meine ganze Furcht war, meine Baſe könnte mich 138 fähig glauben, die Berichterſtatterin meiner Tante, oder, geſchmeichelt durch ihre Lobſprüche, wenigſtens ihre Mitſchuldige zu ſein. — Ich entſchloß mich zu offener Feindſchaft gegen das Fräukein von Maran, und nahm mir vor, ſie um jeden Preis gegen mich aufzubringen, um meiner Freundin Urſula völlig zu beweiſen, daß ich keine Verrätherin ſei, und daß ich die Scheltungen meiner Tante mit ihr theilen wolle. Es mußte nun ein Hauptſtreich ge⸗ ſchehen; meine Nachläſſigkeit, meine Arbeitsſcheu, weit entfernt meine Tante gegen mich aufzubringen, hatten der armen Urſula graufame Vorwürfe zugezogen; ich N mußte alſo auf andere Weiſe ſtrafbar werden. Ich ſann lange Zeit über dieſen ſchönen Plan nach; ich hatte, wie mir ſpäter Blondeau ſagte, ein ernſtes, nachdenkendes und gedankenvolles Ausſehen. Ich verdoppelte meine Zärtlichkeit für Urſula, zugleich wandte ich aber alle mögliche Vorſicht an, damit ſie nicht beſchuldigt werden könne, meine Abſichten gekannt zu haben. Unter mehreren unglückſeligen Entwürfen, hatte ich mir gleich Anfangs vorgenommen, eine prachtvolle Porzellanſchale, welche König Ludwig der Achtzehnte, meiner Tante geſchenkt hatte und auf die ſie große Stücke hielt, zu zerbrechen. Das genügte mir nicht. Man konnte dieſe Hand⸗ lung einer Ungeſchicklichkeit, einer Unvorſichtigkeit zu⸗ ſchreiben. Es brauchte etwas Vorherbedachtes, irgend eine tüchtige, ganz klare und unentſchuldbare Bosheit. Ich dachte dann keckweg die Vorhänge des Salons anzünden zu wollen, aber die Folgen dieſer Feuers⸗ brunſt wurden für Urſula und Blondeau gefährlich, und überdies konnte Alles noch dem Zufall beigemeſſen werden. 3 Indem ich ſolche böſe Anſchläge hegte, machte ich mir nicht das geringſte Bedenken; ich glaubte etwas ſehr Großmüthiges, ſehr Heldenmäßiges zu thun, ich 139 fühlte mein Blut in meinen Adern ſieden, und wähnte das erhabenſte Ziel der Hingebung zu erreichen. Dieſegro ßen Gedanken durchkreuzten meinen Kopf, als das Mißgeſchick mich meine Augen auf Felix, den Schvoßhund meiner Tante, werfen ließ. Ich hatte mich an dieſem boshaften Thiere, das mich ſo oft gebiſſen, zu rächen. Hatte er doch den Abend zuvor ſeine Zähne auch Urſula fühlen laſſen; aber ich geſtehe, daß wenn er der gutmüthigſte der Hunde geweſen wäre, ſo war ſein größtes Verbrechen in meinen Augen, oder viel⸗ mehr der Grund, der mich ihn zum Opfer wählen ließ, die außerordentliche Anhänglichkeit, die meine Tante ihm bewies. Ich kannte ihren Zorn, wenn nur durch Zufall einer ihrer Leute an dem geringſten Heulen des Felir Schuld war. Einen Augenblick war ich feige genug, zu zittern, als ich mir den Grimm des Fräulein von Maran dachte. Ich hielt ſie für fähig, mich zu tödten, wenn ich etwas gegen ihren Hund unternehmen würde. Aber meine Freundſchaft für Urſula ſiegte. Ich trotzte allen Folgerungen meines Entſchluſſes. Ich befand mich allein im Sprachzimmer meiner Tante. Felir lag in ſeiner ſammtenen Behauſung; ich ſah nur ſeinen Kopf; wohl hätte ich ihm gerne ein Leid zugefügt, aber ich wußte nicht, wie es anfangen, er war ſehr bösartig, ſehr mißtrauiſch, und überdies hätte ein Fußtritt weder meiner Rache noch meinem Vorhaben genügt. Jetzt, mein Freund, kann ich mich nicht enthalten zu lächeln, indem ich dieſe frevelhaften Umſtändlich⸗ keiten ſchildere, doch erinnere ich mich nicht, jemals eine ſo tiefe, ſo ergreifende Bewegung empfunden zu haben, wie die war, die ich im Augenblick des Han⸗ delns fühlte. Sonderbar! Ich habe ſeither in meinem Leben ſehr ernſte und ſogar ſehr ſtrafbare Entſchlüſſe gefaßt; aber noch einmal, nie empfand ich die Furcht die Unſchlüſ⸗ ſigkeit, die vorauseilende Reue, wenn man ſich ſo aus⸗ drücken darf, ſo ſehr, wie in dieſem Augenblicke, als ich einen boshaften Kinderſtreich ausführen wollte. Ich geſtehe, daß meine Rache an Felir höchſt barbariſch war; mein Charakter war nicht grauſam, es bedurfte daher meines ganzen Verlangens, bei Urſula gerecht⸗ fertigt zu ſein, um mich zu ſolcher Rohheit zu ent⸗ ſchließen. Ich hatte den abſcheulichen Gedanken, eine Zange ins Feuer zu legen; als ſie dann recht glühend war, ergriff ich ſie, um unerſchrocken auf meinen Feind an⸗ zurücken. Seiner Gewohnheit gemäß ſprang er bellend aus dem Neſte, um mich anzupacken; ich ergriff ihn aber ſo geſchickt mit der Zange bei einem ſeiner ſpitzen Ohren, daß er ein abſcheuliches Geheul ausſtieß und niederfiel, ohne den Muth oder die Kraft zu haben, ſich in ſein Neſt zurückzuziehen. Als ich das Ohr des unglücklichen Thieres rauchen ſah und ſein Schmerz⸗ eſchrei vernahm, fühlte ich einen Augenblick Reue, ſo⸗ baln ich aber an das Glück dachte, vor den Augen Urſulas von meiner Tante mißhandelt zu werden, ſo unterdrückte ich jede Bewegung von Mitleiden. Mit der Zange in der Hand war ich heldenmäßig vor dem zu meinen Füßen winſelnden Thiere ſtehen geblieben. 8 Fräulein von Maran eilte herbei und trat ganz erſchrocken ein. Ihr Haushofmeiſter folgte ihr nicht minder beun⸗ ruhigt. erechter Gott im Himmel! was gibt es?“ ſchrie ſie auf Felir zuſtürzend. „Was gibt es, mein armes Thier?...“ Dann ſein ganz verbranntes Ohr er⸗ blickend, hob ſie den Kopf und ſagte wüthend zu mir; „Kleiner Dummkopf! konnteſt Du denn nicht auf ihn achten und ihn verhindern zum Feuer zu gehen. 141 Servien.. geſchwind, friſches Waſſer.. Eis 1“ Mit zornſprühenden Blicken und ſchäumenden Lip⸗ pen nahm mich meine Tante, ihr gewöhnliches Ver⸗ fahren vergeſſend, beim Arm, und kniff mich bis aufs Blut, indem ſie rief: „Konnteſt Du nicht auf ihn ſehen, garſtiger Dummkopf . . . unwürdiges Ge⸗ ſchöpf!“ 6 Fräulein von Maran hatte ein ſo ſchreckliches Ge⸗ ſicht, ein ſo boshaftes Ausſehen, daß ich einen Augen⸗ blick unſchlüſſig blieb: ich konnte ſie im Wahne laſſen, die Verbrennung des Felix ſei eine Folge ſeiner Un⸗ vorſichtigkeit, aber ſchnell überwand ich dieſe feige Schwäche; ihren Händen entgleitend, zeigte ich ihr die Zange, welche ich noch hielt, und ſagte mit gewichti⸗ ger, triumphirender Ruhe: „Ich habe dieſe Zange glühend gemacht und bediente mich ihrer; um das Ohr des Felix zu verbrennen.“ Noch hatte ich dieſe Worte nicht beendigt, als ich auf meiner Wange die dürren Knochenfinger meiner Tante fühlte. Die Ohrfeige war ſo tüchtig, daß ich faſt rück⸗ lings hingeſtürzt wäre. Lächeln Sie nicht, mein Freund; obwohl der Schmerz heftig und das Entſetzen meiner Tante groß war, ſo dachte ich, ſo zu ſagen, nur an die Beſchimpfung; ich wurde roth vor Zorn, und ohne ganz zu wiſſen, was ich that, ſchleuderte ich die Zange aus allen Kräften gegen das Fräulein von Maran. Das Mißgeſchick diente iir nach Wunſch; die Zange erreichte die prachtvolle Porzellanſchale: das königliche Geſchenk lag in Stücken. Ich erinnere mich, mein Freund, Sie mit Ihrem ſo richtigen und klaren Geiſte die Gefühle, die ſich Ihrer i Kriege bemächtigten, auseinander ſetzen und Sie von dem unwillkürlichen Inſtinkte, der Sie fort⸗ riß und erhitzte, ſprechen gehört zu haben . Nun denn! mein armer, kleiner, zehnjähriger Kopf empfand, übereinſtimmend damit, die gleiche Aufwallung. Gleichgültig für die Vorwürfe und die Drohungen meiner Tante lief ich, ſiegestrunken, den Hund ver⸗ brannt und die Schale zerſchlagen zu haben, ins Sprach⸗ zimmer, indem ich im Uebermuth meines Stolzes aus allen Kräften rief: „Urſula!... Urſula!.. komm doch und ſieh!“ Unfähig aber, der Heftigkeit der Gefühle, die mich ſeit einigen Minuten überwältigt, länger widerſtehen 1 können, verlor ich dann völlig mein Bewußt⸗ in Denken Sie ſich meine Freude! Als ich wieder zu mir ſelbſt kam, fand ich mich in meinem Bette, meine Gouvernante mir zur Seite, und meine Baſe hielt knieend meine Hände in den ihrigen. Ich kann Ihnen mein Entzücken und meinen Stolz nicht ſchildern, als ich mich meiner muthvollen That erinnerte. Ich befürchtete nur zu vernehmen, daß der Zorn meiner Tante ſich gelegt habe. „Mein Gott, mein armes Kind!“ ſagte Blondeau; wie hatten Sie doch mit Ihrem guten Herzen den Muth, dieſem Hunde ſo viel Böſes zuzufügen ?.. Er iſt boshaft wie ein Satan. ich weiß es, aber doch war es ſehr grauſam von Ihnen ..“ — „Und meine Tante? meine Tante! ... Iſt ſie ſehr böſe?“ fragte ich ungeduldig. — „Ob ſie böſe iſt? Jeſus mein Gott!“ ſagte Blondeau, „ſie iſt ſo erzürnt, daß ſie einen Nervenzufall bekommen hat . Als ſie wieder zu ſich kam, waren ihre erſten Worte ein Befehl, Sie wäh⸗ rend acht Tagen auf Waſſer und Brod zu ſetzen.“ — „Ach! Urſula!“ rief ich, mich an den Hals meiner Baſe werfend. — „Das iſt nicht Alles, Fräulein,“ fügte Blondeau traurig bei; „Ihre Frau Tante läßt Ihnen inen Kittel von grober, grauer Leinwand machen, woran ſich ein Zettel befinden ſoll, und womit Sie gezwungen werden, morgen, wenn die Leute da find, ſich im Salon ſehen zu laſſen.“ — „Urſula! Urſula!.. Du ſiehſt es! ſie ſtraft auch mich! . ſie demüthigt auch mich! . .. auch mich verabſcheut ſie!“ rief ich ſtrahlend von Glück, indem ich meine Baſe umarmte. — „Ach! jetzt errathe ich Alles!“ ſagte meine Gou⸗ vernaute, und die Hände faltend betrachtete mich die treffliche Frau mit tiefer Rührung. . Fünftes Kapitel. Die erſte Rommunion. Ihrer Feinheit und ihres Geiſtes ungeachtet errieth Fräulein von Maran den Beweggrund meiner Rache an Felix nicht. Sie glaubte, ich habe aus Haß und Rachegefühl gegen ihren Hund gehandelt. Ich konnte mich meines Entſchluſſes wegen nur beglückwünſchen, denn Urſula ſchien durch dieſen ſeltſamen Beweis mei⸗ ner Freundſchaft ſehr gerührt, und die Bande unſrer tärtlichen Zuneigung ſchloſſen ſich immer enger Ich fand Urſula von weit beſſerm Charakter als mich, da ich oft zornig, eigenwillig und trotzig war, während meine Baſe, im Gegentheil, immer große Geduld und vollkommene Ruhe bezeigte; ihr ſanfter, klarer Blick verſchleierte ſich oft mit Thränen ſtatt im Feuer lebhafter Bewegung zu lodern. Sie ſchien zum Leiden und zur Ergebung beſtimmt. Fräulein von Maran ſchien nach und nach den Fehler, deſſen ich mich ſchuldig gemacht, zu vergeſſen, und fuhr fort, mich bei jeder Gelegenheit auf Unkoſten meiner Baſe zu erheben. Dieſe, ohne Zweifel beruhigt durch die Beweiſe von Anhänglichkeit, die ich ihr ſtets zu geben ſuchte, ſchien von nun an gleichgültig bei den Niederträchtig⸗ keiten meiner Tante. Eines der ernſteſten Ereigniſſe im Leben eines jungen Mädchens, das kein Kind mehr iſt, meine erſte Kommunion, erweckte ſpäter neue, tiefgefühlte Em⸗ pfindungen in meiner Seele. Fraulein von Maran befolgte keine der äußer⸗ lichen Gebräuche der Religion. Nichts in ihrer Sprache, Nichts in ihren Gewohnheiten wies auf fromme Gefühle. Sie ließ uns daher dieſen feierlichen 6 als eine Art geſellſchaftlicher Nothwendigkeit egehen. Unglücklicherweiſe erfüllte der mit unſerm Religions⸗ unterricht beauftragte Prieſter dieſe himmliſche Auf⸗ gabe nur aus Amtspflicht. Indem er am Buchſtaben dieſer heiligen Ceremonie hing, ermangelte er, den göttlichen Geiſt unſrer Faſſungskraft und unſerm zar⸗ ten Verſtande gemäß hineinzulegen. So erklärte er uns denn die Beichte nicht als einen Akt frommen, wohlthätigen Vertrauens, das der Prieſter durch Troſt und Verzeihung beantwortet. Die Beichte ward uns zu einem unangenehmen und gefürchteten Geſtändniß. Der FPrieſter, welcher täglich kam, uns zur⸗Kommunion vorzubereiten, hieß ſich Abbe Dübourg, war von grämlichem, hartem Cha⸗ rakter und ſchien immer beeilt, unſre Unterweiſung zu beendigen. Sein Unterricht war trocken, kalt, beinahe verächtlich. Als berühmter Kanzelredner hatte er zwei Faſten hindurch mit dem größten Erfolge gepredigt, und wünſchte, glaube ich, lebhaft, zur Biſchofswürde zu gelangen. Da er den mächtigen Einfluß meiner Tante kannte, ſo hatte er das Amt, das er bei uns erfüllte und ohne Zweifel als ſeinem Wiſſen und ſeines Predigerruhmes zu gering achtete, nur aus wei⸗ ſer Berechnung angenommen. 3 Jetzt, da ich das Durchlebte vergleichen und be⸗ 145⁵ urtheilen kann, ſcheint es mir, daß der Unterricht des Abbé Dübourg von demjenigen unſter andern Lehrer in Nichts verſchieden war; er ertheilte uns Religions⸗ unterricht, und das war Alles. Ach! glücklich die jungen Mädchen, deren reli⸗ giöſe Erziehung entwickelt und gepflegt wird durch die Zärtlichkeit einer Mutter, dieſer geheiligten Ver⸗ mittlerin zwiſchen ihrem Kinde und Gott. Müſſen nicht, ſo zu ſagen, die glänzenden Stra⸗ len göttlichen Lichtes durch Mutterliebe in die noch ſo zarten, ſanften Kindernaturen dringen? Ohne dieſe wird man in dieſem Alter geblendet, aber nicht er⸗ leuchtet. Der religiöſe Trieb aber, der in mir lag und immer in mit geweſen, enthüllte mir dunkel und ver⸗ worren die Heiligkeit des Aktes, an dem ich Theil nehmen ſollte. Zwar beſchränkte ich in meiner Un⸗ wiſſenheit dieſes ſo erhabene, dieſes die Menſchheit umfaſſende Symbol auf meine perſönlichen Gefühle. Mit Urſula das heilige Abendmahl nehmen, das hieß für mich das heilige Gelübde ablegen, ihr eine wahrhaft chriſtliche Schweſter zu ſein. So weihte ich denn ihr die ſchrankenloſe Hingebung, welche die Reli⸗ gion für Alle fordert. Unſre Kommunion an den Stufen der Altäre war für mich die heilige, ewige Weihe unſrer Freundſchaft. Ich weiß, v mein Gott, daß Dein geheiligtes Geſetz ſich auf Alle und nicht auf einen Einzelnen erſtreckt, aber der Herr wollte in ſeiner Barmherzigkeit ſich zweier armen Waiſen erbarmen, welche in ihrer un⸗ gekünſtelten Schwärmerei die rührende Schweſterliebe mit den wichtigſten Geheimniſſen der Religion ver⸗ miſchten. Von dieſem Tage an ſchienen mir unſre Bande unauflösbar; wir machten die übertriebenſten Ent⸗ würfe, wir ſollten uns nie verlaſſen, nie uns ver⸗ Mathilde. 1. 10 heiraten, leben wie meine Tante lebte, beglückt durch unſre Freundſchaft, dieſes unſer zukünftiges Altejung⸗ fernleben ſchien uns das Beneidenswertheſte der Welt u ſein. drei oder vier Jahre, welche meiner erſten Kommunion folgten, gingen ohne bedeutende Ereigniſſe „ vorüber. . Mein einziger Kummer war, mich, meiner Bit⸗ ten ungeachtet, immer eleganter als meine Baſe geklei⸗ det zu ſehen, und Fräulein von Maran vor mir und Urſula zu den ſie beſuchenden Perſonen ſagen zu hö⸗ ren: „Es iſt unglaublich, wie das Alter die Züge ver⸗ ändert. .. Sehn Sie, zum Beiſpiel,.. Mathilde war als Kind nur artig; nun! je größer ſie wird, je voll⸗ kommener, bewundrungswürdiger wird auch ihre Schön⸗ heit, ſo daß man ſich umwendet, um ſie zu ſehen; Ur⸗ ſula hingegen, die ein ziemlich nettes Geſichtchen hatte, wird durch ihr Heranwachſen zu einer wahren Häß⸗ „ lichkeit; zudem hat ſie noch Etwas ſo Gemeines, . —ſo Gemeines!. während ihre Baſe eine ſo ausge⸗ zeichnete Geſichtsbildung beſitzt. Aber ach! was kannſt Du dafür, meine Kleine,“ fügte Fräulein von Maran mit heuchleriſcher Ergebung und mit der Miene des guten Mütterchens bei, indem ſie ſich zu Urſula wandte, „wir müſſen uns unterziehen und darüber weggehen... Unſrer Seite wurde in unſrer Familie weder Anmuth noch Schönheit zu Theil! Ich kann wohl davon ſpre⸗ chen, ich, die ich häßlich bin wie die ſieben Todſün⸗ den, und bucklig wie ein Sack voll Nüſſe; doch, apropos,“ . ſetzte meine Tante hinzu, indem ſie ſich an ihre Augen⸗ diener wandte, „finden Sie nicht, daß Urſula einen etwas gebogenen... etwas ſchiefen Wuchs hat? Kaum bemerklich, . aber es iſt gewiß Etwas, nicht wahr? Es iſt wie ein Andenken väterlicherſeits.“ Die Geſchöpfe des Fräulein von Maran ermangel ten nicht, die Sache nur ſchwach zu läugnen, und meine Tante fortzufahren:; 147 „Welcher Unterſchied zwiſchen Mathilde .. Das iſt eine wahre Feengeſtalt, ſchlank wie ein Schilfrohr und biegſam wie ein Weidenzweig; es gibt keine junge Perſon ihres Alters, welche wie ſie Anmuth mit Maje⸗ ſtät, Geiſt mit Schönheit verbindet. Was iſt da zu * machen? Du, meine arme Urſula, die Du keine die⸗ ſer ſchönen Eigenſchaften beſitzeſt, glaube mir, daß, um Dich zu tröſten, in Allem ſo ſehr unter Deiner Baſe zu ſtehen, Du ſie bewundern mußt. . . . ſiehſt Du, denn die Bewunderung iſt der Troſt häßlicher, aber . großmüthiger Mädchen; es wird dies Deinerſeits um ſo ſchöner ſein, da man Dich beſonders im Vergleich mit Mathilde häßlich findet. So war es bei mirz ich erſchien nie ſo abſchreckend, wie in Geſellſchaft einer jungen und ſchönen Frau; aber wie ich Dir ſage ... ſie bewundernd tröſtete ich mich... Und dann haſt Du endlich tauſend Gründe, Mathilde zu lieben, eure Freundſchaft entzückt mich, ſie beweiſt mir, daß Du nicht undankbar biſt; erwies Dir Deine Baſe nicht die größte Barmherzigkeit der Welt? die einer glänzenden Erziehung? ohne ſie hätteſt Du nie eine ſolche erhal⸗ ten. Hätte Dir Dein Vater Profeſſoren geben können zu einem Louisd'or die Stunde? Noch einmal, Du thuſt gut, Deine Baſe zu lieben und zu ſegnenz ihr verdankſt Du, daß Du durch Deinen Unterricht und Deine Talente vergeſſen machen kannſt, daß Dein Geſicht ſo unangenehm, als das ihrige entzückend A . Es gab nichts Niederträchtigeres, Gehäſſigeres und Gefährlicheres, als dieſen Tadel und dieſe Lobſprüche über unſte phyſiſchen Vorzüge und Mängel. Nie begriff ich die falſche Beſcheidenheit, welche im Läugnen ſeiner eigenen Schönheit beſteht. Schön zu ſein, iſt eine von ſich ſelbſt unabhängige Sache, und dieß zu geſtehen, iſt nicht Stolz, ſondern Bekenntniß der Wahrheit. Ich kann nur im Gegentheil Zweifel, Aengſtlich⸗ keit und Mißtrauen in den Werth ſeiner Talente oder ſeiner erworbenen Vorzüge erklären. Ich glaube alſo, daß ich mit ſichszehn oder ſieben⸗ zehn Jahren ſchön war, doch ohne Zweifel nicht ſo ſchön, wie Fräulein von Maran behauptete; genug, ich war es hinreichend, um ihre Lobſprüche, wären ſie nicht ſo abſcheulich übertrieben geweſen, einigermaßen zu rechtfertigen. So verhiekt es ſich nicht mit dem Tadel, den ſie an meine Baſe verſchwendete, ſie war von hohem, ſchlan⸗ kem und vollkommen geradem Wuchſe; was aber den Bosheiten meiner Tante einen Schein von Wirklichkeit verlieh, war, daß Urſula, wie viele junge Perſonen, die ſehr ſchnell aufgewachſen ſind, ſich ein wenig gebo⸗ gen hielt. Man ſieht, welche Kunſt, welche Folgerun⸗ gen Fräulein von Maran in ihre Niederträchtigkeit zu legen wußte. Es war dieß das nämliche Syſtem, das ſie ſeit meiner Kindheit angewandt hatte. Aus einem gewiſſen Geſichtspunkte betrachtet, ſprach ſie Wahrheit und noch mehr, ihre Waffe war zweiſchneidig. Meine Tante wollte Urſula's Eitelkeit ſchmerzlich e und meine Eigenliebe bis in's Lächerliche eigern. Wenn die falſcheſten Ideen und die erwieſenſten Lügen durch unaufhörliche Wiederholungen endlich un⸗ ſerm Geiſte tiefe Spuren aufdrücken und hinterlaſſen, wie wird es erſt da ſein, wo es ſich um ſcheinbare Wahrheiten handelt? Meine Baſe glaubte ſich endlich aller Reize, aller Annehmlichkeiten bar: wenn ich ihr das Gegentheil verſicherte, ſo hielt ſie meine Worte für die Eingebung eines zärtlichen, mitleidsvollen Gefühles und antwor⸗ tete mir: „Mein Gott! wie gut biſt Du, mich ſo trö⸗ ſten zu wollen?.., Ich täuſche mich nicht, Fräulein von Maran hat Recht... Du biſt ſo ſchön, als ich häßlich bin; ich habe dieſe Ueberzeugung gewonnen.“ 149 Die Sprache meiner Baſe war ohne Zweifel auf⸗ richtig. Nichts konnte mir dann die Gewißheit neh⸗ men, daß meine Tante ihr Ziel erreicht und in dieſes reine Herz die Keime bittrer Eiferſucht geworfen abe Aber, ach! die Zukunft wird entſcheiden, ob es nicht ein Verbrechen. ein großes Verbrechen des Fräulein von Maran war, welche die geheimſten, dun⸗ kelſten Falten des menſchlichen Herzens erforſchte, es nur gewagt zu haben, in der Seele Urſula's die ſchrecklichſte, wildeſte und unverſöhnlichſte aller Leidenſchaften... den Neid zu erwecken. Die andere Gefahr.. . die, meine Eigenliebe über alle Maßen zu erwecken, war minder drohend. Ohne es zu wiſſen, erwies mir meine Tante durch dieſe Handlungsweiſe einen großen Dienſt. Sie ſetzte mich für immer auf die Hut gegen übertriebene Schmeiche⸗ leien. Was die Schmeicheleien gefährlich macht, das iſt die Gewohnheit und das Wiſſen, mit Zärtlichkeit, Takt und Wahrheit gelobt worden zu ſein. Man gibt ſich dann blindlings dem Zauber dieſer wohlwollenden Worte hin; ſie erinnern uns an eine Vergangenheit voll Vertrauen, Liebe und Aufrichtigkeit. Welch' unwiderftehliche Zauberkraft müßte nicht eine Schmeichelei haben, die ein Nachhall des mütter⸗ ichen evbes ſchiens Wann ich mit Urſula über unſte Kinderpläne, uns nie zu verheiraten, ſprach, Pläne, welchen ich getreu bleiben wollte, dann ſagte ſie traurig lächelnd zu mir: „Das iſt gut für mich, eine alte Jungfer zu werden, ich bin arm, ohne Annehmlichkeiten. Aber Du, reich, ſchön, liebenswürdig, wie Du biſt, Du wirſt Dich verheiraten, Du wirſt glücklich ſein. Wenn Du mir nur einen kleinen Platz in Deinem Herzen und in Hauſe läßſt, damit ich jeden Augenblick Zeuge Deines Glücks ſein kann.“ Gelübde und unſre Vorausbeſtimmungen! Ich hatte mein ſiebenzehntes Jahr erreicht. Meine Baſe und ich hatten noch faſt nie das Hotel Maran verlaſſen. Wir gingen mitunter in's Vaudeville oder in die Oper mit meinem Vormunde, dem Herrn von Orbeval, aber wir waren noch nicht in die große Welt einge⸗ führt worden. Nur ſelten blieben wir Abends im Salon meiner Tante. Sie ſah weit mehr Männer, als Frauen bei ſich, und die Gegenwart zweier junger Mädchen legt der Unterhaltung faſt immer Zwang auf. Zu ihrem großen Bedauern entſchloß ſich Fräulein von Maran, die mich ohne Zweifel zu verheiraten ge⸗ mich im Anfang von 1830 in die Welt einzu⸗ ühren. Sie machte meine Baſe und mich mit dieſem Vor⸗ ſatze bekannt, und wo ſie, ihrer Gewohnheit gemäß, einige ſehr unverbindliche Reden an Urſula richtete. — „Du wirſt nun nicht mehr bei mir allein durch die Vergleichung zwiſchen Dir und Mathilde zu leiden haben,“ ſagte ſie zu ihr, „ſondern öffentlich .. . und vor Jedermann... Waffne Dich daher mit Muth, mein liebes Kind... Du wirſt bald Deine erſte Probe zu beſtehen haben. Morgen Vormittag werde ich Dich der Botſchafterin von Oeſtreich vorſtellen, und Mitt⸗ woch führe ich Euch auf den großen Ball, den ſie gibt. Es iſt Zeit, daß Ihr in die Welt eintretet. Ich bin alt, von ſchwacher Geſundheit; ich möchte nicht ſterben, ohne meine theure Nichte verheiratet.. und zwar nach meinem Wunſche verheiratet zu ſehen... Ach! das Verhängniß belächelt oft bitter unſre — Sechstes Kapitel. Der Eintritt in die Welt. Als Fräulein von Maran uns angekündigt, daß ſie uns auf den Ball des öſtreichiſchen Geſandten füh⸗ ren werde, waren Urſula und ich, wie natürlich, ſehr beunruhigt, denn wir lebten faſt in der Zurückgezogen⸗ heit. Nichts war eintöniger, regelmäßiger, als unſre Gewohnheiten. Des Morgens nahmen wir unſre Lec⸗ tionen. Nachmittags gingen wir, je nach der Jahrzeit, bald zu Fuß mit Blondeau, bald im Wagen mit Fräu⸗ lein von Maran ſpazieren, dann kehrten wir heim und nachdem wir uns angekleidet, blieben wir mitunter im Salon meiner Tante, wo wir bis zu Tiſche arbeiteten. Zu dieſer Stunde beſuchten ſie mehrere ihrer Freunde. Sie waren nicht zahlreich und ſämmtlich Auswande⸗ rungsgefährten meines Vaters. Unter dieſen liebten wir Herrn von Verſac, einen der großen Offiziere des Königshauſes ſehr. Ungeach⸗ tet ſeiner ſiebenzig Jahre konnte man keinen fröhlichern, jugendlichern und liebenswürdigern Mann ſehen. Er war noch von ſehr elegantem Wuchſe, ritt vorzüglich und fehlte bei keiner Jagd des Königs oder des Kronprin⸗ zen. Gegen mich war er immer beſonders gütig, und zu meiner großen Freude hatte er Urſula oft verthei⸗ digt, indem er lebhaft und beluſtigend ihre Partie gegen meine Tante ergriff. Herr von Verſac war von liebenswürdigem, aber unbeſtändigem Charakter; er hatte ſich ſein Leben hin⸗ durch die Aufgabe gemacht, zu gefallen, und es wäre ihm unmöglich geweſen, nicht etwas Liebenswürdiges, Anmuthiges oder Schmeichelhaftes zu ſagen. Niemals hatte er, wie ich glaube, ein Wort nur geſprochen, das einem Tadel ähnlich geſehen hätte. Ich komme jetzt oftmals in Verſuchung, zu glauben, 152 daß dieſes unverwüſtliche Wohlwollen, wo nicht eine tiefe Verachtung, doch wenigſtens eine vollkommene Gleichgültigkeit gegen Alles und Alle barg. Wenn aber dieſes Gefühl bei Herrn von Verſac wirklich vor⸗ handen war, ſo mußte es ſchwer fallen, daſſelbe unter der Maske edler Hoheit und ausgeſuchter Leutſeligkeit, mit der er ſich umgab, zu erkennen. Ueberdieß konnte ich mir Herrn von Verſac nie ohne ein Lächeln oder freundlich ſchmeichelnd vorftellen; er hatte ausgezeichnet ſchöne Zähne, ein ſehr verführeriſches Lächeln; vielleicht entſchieden dieſe Vorzüge über ſeinen Optimismus. Ich ſehe ſein Geſicht ſo voll Adel und ſo voll der, den glücklichen Greiſen eigenthümlichen, gewinnenden Anmuth noch. Er trug ſeine weißen Haare ziemlich kokett, und wenn dann Abends ſein, für ſein Alter vielleicht zu geſuchter Anzug, noch durch die blaue Schnur und den ſilbernen Schild des Heiligen-Geiſt⸗ Ordens gehoben ward, ſo konnte man ſich kein ange⸗ nehmeres Urbild eines großen Herrn von Vormals denken. Er ſah ſeine Frau, die Herzogin von Verſac, ſel⸗ ten, da ſie ſich ſeit der Reſtauration in die Abtei von Panthemont zurückgezogen, wo ſie ſich mit guten und gottſeligen Werken beſchäftigte. Erſtaunen Sie nicht, mein Freund, wenn ich Ih⸗ nen viel von Herrn Verſac ſpreche, denn Sie wiſſen, daß ich ihm ſpäter ziemlich nahe angehörte. Was ihn bei uns noch beliebt machte, das waren ſeine bezaubernden Erzählungen von den Bällen der Herzogin von Berry und beſonders von den Coſtümen der QOuadrille. Herr von Verſae war ein ausgezeich⸗ neter Lebemann; er ſprach von dieſen Feſten, dieſen Zerſtreuungen des müßigen und ſchwelgeriſchen Lebens mit dem größten Intereſſe. Unter den andern Perſonen, die am Morgen den kleinen Eirkel des Fräulein von Maran bildeten, be⸗ fand ſich noch einer der königlichen Miniſter. Das war — 1⁵3 der beſte Mann von der Welt; er beluſtigte uns ſehr durch ſeine Zerſtreuung und ſeinen unbeſieglichen Hang zu ſchlafen, welchem er ſich auch oft am hellen Tage mit allerliebſter Gutmüthigkeit hingab. Was unſre Freude auf's Höchſte ſteigerte, das war die Ankunft des Herrn Biſon, eines Mannes von aus⸗ gezeichneter Gelehrſamkeit und europäiſchem Rufe; er galt als eines der weſentlichſten Glieder der Gelehrten⸗ Akademie. Es war ein großer, magerer, ſechs Fuß hoher Mann, mit einem ganz kleinen Kopfe und dem gutherzigſten Geſichte, das man ſehen konnte, ſein lan⸗ ger Hals ragte aus einer zur Schnur zuſammengeroll⸗ ten, weißen Halsbinde hervor, deren Schleife ſich ge⸗ wöhnlich hinten am Kopfe befand. Zu jeder Jahrszeit trug er einen grünen, mit Aſtrachan gefütterten Spencer über ſein mit weiten Schöößen verſehenes ſchwarzes Kleid. Um Nichts in der Welt wäre er in eine Kutſche geſtiegen, weil er ſich übermäßig vor dem Umwerfen fürchtete, und ſo kam er denn beim Regenwetter oder großen Kothe oft in einem erbarmungswürdigen Zu⸗ ſtande zu Fräulein von Maran. Voller Geiſt, Kenntniſſe und Güte hatte er nur die unheilbare Sucht, Alles zu berühren, Alles vom Platze zu nehmen und oft Alles zu zerbrechen. Meine Tante gerieth mitunter in wüthenden Zorn; da ſie aber gern mit einem ſo berühmten Manne, wie Herr Biſſon, über Wiſſenſchaften ſprach, ſo legte er ſich gemeiniglich bald wieder. Ich werde mich immer einer allerliebſten, mit be⸗ ſonders ſchöner Schmelzarbeit verzierten Tabaksdoſe erinnern, die meine Tante ihm unvorſichtigerweiſe wäh⸗ rend einer Abhandlung über eines der letztgeleſenen Werke, ich glaube von dem Herzog von Luynes, Mit⸗ glied der Gelehrtenakademie, betreffend etruskiſche Ge⸗ fäße, anvertraut hatte. Herr Biſſon fing an, die köſtliche Doſe ganz un⸗ ſchuldig zwiſchen ſeinen Fingern zu drehen, nach und 15⁴ nach wurde die Unterhaltung belebter. Fräulein von Maran ſetzte ihren Angriffen kein Ziel, lieber leugnete ſie die Augenſcheinlichkeit, als daß ſie nachgab. Der Gelehrte, zur Verzweiflung getrieben durch ich weiß nicht was für eine falſche Behauptung meiner Tante, rief, ungeſtüm auf das Kamin ſchlagend: „Ach! nein, nein, nein, tauſend Mal nein, und nochmals nein, Madame!“ Jede Verneinung ward durch einen tüchtigen Schlag mit der Tabaksdoſe auf die Marmortafel unterſtützt. Meine Tante gewahrte die Zerſtörung ihrer zer⸗ brechlichen Doſe erſt beim Herausfallen des Tabaks und dem Klirren des wegſpringenden Schmelzes. „Ach! der Abſcheuliche zerbricht Alles!“ rief ſie zornig, „was hat er mir jetzt da zerbrochen? . Aber das iſt ja meine Tabaksdoſe von Petitot! Ach! der Schändliche; aber mein Herr, halten Sie ſich doch um Gotteswillen ruhig! Sie werfen mir den Tabak in die Augen! Sie machen mich blind. Von jetzt an ver⸗ biete ich Ihnen, noch einen Fuß in mein Hans zu ſe⸗ tzen, verſtehn Sie mich meine Tabaksdoſe von Pe⸗ kitot! ... Züngſt war es eine Bonbonſchachtel von durchbrochenem Felskryſtall, eine Bonbonſchachtel von fünfzig Louisd'or ſo's beliebt, die er mir durch das Herumhaſpeln ſeiner langen Arme in Stücke geſchlagen hat! Gehn Sie weg von mir, ich bitte Sie drin⸗ gend . gehn Sie . Ihre wiſſenſchaftlichen Unter⸗ haltungen koſten mich zu viel, ohne die Unannehmlich⸗ keit ins Auge zu faſſen, daß Sie immer wie ein ent⸗ laufener Schelm ausſehen und mir den Koth aller Straßen von Paris hieher bringen“ — 4 „Sie haben gut ſprechen! Madame,“ ſchrie Biſſon zornerglühend, „ich werde nie in eine Kutſche ſteigen, dazu bin ich feſt entſchloſſen, ich will lieber Ihren Tep⸗ pich beſudeln, als den Hals brechen!“ So und nicht anders ſprach der Gelehrte auch über das Unglück der Tabaksdoſe. — „Sehn Sie, Herr Biſſon,“ ſagte meine 155 — Tante, „laſſen Sie mich ruhig, Sie bringen mich auſ⸗ ſer mich; erweiſen Sie mir die Freundſchaft, ſich ſo⸗ gleich wegzubegeben und beſonders kommen Sie mir nie wieder.“ — „Und wo wollen Sie denn, daß ich hingehe? es iſt erſt halb drei und vor halb vier Uhr brauche ich nicht im Inſtitut zu ſein,“ ſagte Herr Biſ⸗ ſon, indem er ſich in ſeinem Lehnſeſſel dehnte und n Lichtſchirm ergriff, den er auseinanderzulegen anfing. Wie! wo Sie hingehen ſollen?“ rief Fräulein von Maran empört. „Soll mein Haus den müßigen Mitgliedern des Inſtitutes als Zufluchtsſtätte dienen? Ach! mein Gott! was macht er nun da wieder? Nun gut . . jetzt arbeitet er daran, mir einen Licht⸗ ſchirm zu zerbrechen. Das iſt ja nicht auszuhalten .. . das iſt ja wohl eine Peſt, wohl eine Geißel um ein ſo ſchändliches Weſen.“ Und Fräulein von Maran war genöthigt, den ſchon beinahe zerſtückelten Licht⸗ ſchirm den Händen des Herrn Biſſon zu entreißen. „Es iſt erſtaunlich, wie man heutzutage ſo wenig dauerhaft arbeitet! Das kommt daher, weil die. Er⸗ zeugniſſe in übertriebener Maſſe geliefert werden!“ ſagte Herr Biſſon mit nachdenklicher Miene, indem er einen kleinen Kaminbeſen ergriff, deſſen er ſich ſtatt der Zangen bediente, um zum großen Aerger meiner Tante, die in neuen Zorn gerieth, das Feuer zu ſchüren. Solche ſich oft wiederholende Scenen beluſtigten uns ſehr, denn Herr Biſſon kam, das Vorgefallene gänzlich vergeſſend, nach Verfluß von zwei oder drei Tagen wieder und Fräulein von Maran konnte ihm nicht lange grollen. 3 Nach dieſen Vormittagsbeſuchen ſpeisten wir mit Fräulein von Maran, ſie that ſich nicht gern Zwang an d lud nie Jemand ein. Man hatte einen vor⸗ züglichen Tiſch bei ihr, denn ſie war eine Feinſchme⸗ ckerin, doch hatte ſie Manieren, die uns einen unbeſieg⸗ lichen Widerwillen einflößten. 156 Serien, ihr Haushofmeiſter, brachte ihr Alles, was ſich auf dem Tiſche vorfand, denn ſie verſuchte von Allem und oft, verzeihen Sie mir dieſe Einſchal⸗ tung, mein Freund, bediente ſie ſich ſogar mit ihren Fingern; dann kam die Reihe an den damals kränk⸗ lichen Hund Felir, den ſie oft aus ihrem Teller eſſen ließ. . Die Dauer des Mittageſſens wurde uns faſt zur Qual. Wir gingen dann noch einen Augenblick in den Salon, woſelbſt wir blieben, bis Fräulein von Maran in ihrem Lehnſeſſel völlig eingeſchlafen war, welche Gewohnheit ſie nie unterließ. Ihre Leute hat⸗ ten Befehl, ſie nicht aufzuwecken und die Perſonen, welche durch Zufall in prima sera hätten kommen können, zu bitten, ſie in einem andern Salon zu erwarten. Gegen acht Uhr gingen dann Urſula und ich in unſer Zimmer hinauf, und da ſchwatzten und laſen wir oder machten Muſik bis zur Theeſtunde. Wir nahmen nie an den Abendgeſellſchaften des Fräulein von Ma⸗ ran Theil; ſie empfing wenig Frauen, und die, welche ſie ſah, waren gemeiniglich ihres Alters. Sie begrei⸗ fen, mein Freund, daß, an ſolch einförmiges Leben ge⸗ wöhnt, wir bei der Ausſicht auf die Bälle und Feſt⸗ lichkeiten, von welchen meine Tante ſprach, etwas ge⸗ blendet ſein mußten. Als wir dieſe Nachricht erhielten, war unſre erſte Bewegung eine freudige; doch verſetzte reifliches Nach⸗ denken uns bald in trübe Gedanken. Ich brachte die Nacht vor dem Balle in ſonder⸗ barer Aufregung zu. Je mehr der Tag des Feſtes ſich näherte, je trauriger und gedrückter fühlte ich mich. Ich hatte nicht das Glück, mich der Zärtlichkeit mei⸗ ner Mutter zu erfreuen . . . ich bedauerte ſie vielleicht nie mehr als in dieſem Augenblicke. Die Erfahrung bewies mir, daß mein Inſtinkt mich nicht getäuſcht hatte; beim Eintritt in die Welt 157 beſonders iſt die ſchützende Sorgfalt einer Mutter un⸗ erläßlich. Jedermann weiß, daß die offizielle Erſcheinung ei⸗ nes jungen Mädchens in Mitte ſolcher Feſte, von wel⸗ chen ſie bis jetzt Erziehung und Anſtand entfernt ge⸗ halten hatten, die Bewerbungen derer, die ihre Hand verlangen könnten, ſo zu ſagen, ermuthigt und er⸗ mächtigt. Begründet oder unbegründet mißt man gewöhn⸗ lich dem Scharfblick des Mutterherzens ſo viel Glau⸗ ben bei, daß gewiſſe Abſichten, gewiſſe Hoffnungen, die vielleicht unwürdig oder des Gelingens unſicher, die⸗ ſen ſo aufmerkſamen und ſo mißtrauiſchen mütterlichen Scharfblick zu verletzten fürchten. Wenn im Gegentheil ein junges Mädchen Waiſe iſt, ſo glaubt und weiß man, von welcher Zuneigung ſie man auch beſchützt vermuthe, daß ſie einzelner und weniger vertheidigt daſteht; ſie wird dann, wenn ſie reich iſt, zu einer Art Beute und Eroberung, wenn Sie wollen, auf welche Alle ihr Recht geltend zu ma⸗ chen ſuchen. Ohne ſolche Klarheit der Anſichten bei der ſchmerz⸗ lichen Unruhe, welche mich einen Theil der Nacht wach erhielt, hatte ich doch ein unbeſtimmtes Vorgefühl die⸗ ſer Gedanken; ich ward empfindlich, faſt ärgerlich, wenn ich bedachte, daß Unbekannte mich nun beſichti⸗ gen, durchmuſtern, mein Vermögen berechnen, meine Geburt abwägen und mich in die Klaſſe einer mehr oder minder vortheilhaften Partie reihen würden. Es ſchien mir, als ob ich keine dieſer Beſorgniſſe em⸗ pfunden, ſo meine Mutter mich hinbegleitet hätte. Ich hatte noch einen Grund zur Mißſtimmung, der mir beinahe Kummer verurſachte. Weit entfernt, die Vorurtheile meiner Tante gegen meine Baſe zu theilen, mußte ich bei den unaufhörlichen Wiederholun⸗ gen des Fräulein von Maran, daß Urſula häßlich und ohne alle Annehmlichkeit ſei, endlich befürchten, die 158 Welt werde das Urtheil meiner Tante beſtätigen und meine Freundin den geringen Erfolg, der ihr zu Theil würde, empfinden. Ich zitterte, Urſula möchte einſt, ihrer Sanftmuth und gewöhnlichen Ergebung ungeachtet, in den glän⸗ zenden Cirkeln der Salons, mich der eiteln Vorzüge wegen, die ihr mangelten, beneiden, und ihre Eifer⸗ ſucht könnte ſich vielleicht in bittre Gefühle verwandeln. Ihre Eigenliebe war erſt in Gegenwart einiger Freunde des Fräulein von Maran verletzt worden. Wie, wenn ſie nun grauſam und öffentlich durch ver⸗ ächtliche Gleichgültigkeit leiden müßte? Ich verſichre Sie, mein Freund, daß dieſe vorge⸗ faßte Meinung vielleicht das war, was mich am mei⸗ ſten quälte, ſolch hohen Werth hatte Urſula's Freund⸗ ſchaft für mich. Ueberdies dachte ich, ohne ihr ein Wort zu verrathen, ganz ernſthaft an die Mittel, mein Vermögen mit ihr zu theilen. Es war dies keine je⸗ ner kindiſchen Uebertreibungen, die ſchnell entſtehen und ſchnell vergeſſen werden, ſondern ein feſt durchgedachter Entſchluß, worüber ich, um ihn deſto ſicherer verwirk⸗ lichen zu können, nicht mit meiner Tante ſprechen wollte, ſondern entſchloſſen war, dieſes Geſchenk als erſte Clau⸗ ſel meines Heirathskontractes feſtzuſetzen. Sie werden ohne Zweifel, mein Freund, die Naive⸗ tät hinſichtlich ſolcher Geſchäftsſachen, wie man ſagt, belächeln; ich danke dem Himmel, hierüber nicht beſ⸗ ſer und nicht früher belehrt worden zu ſein, denn dieſe Unwiſſenheit ſchuf mir glückliche Augenblicke. Endlich erſchien der Tag des Valles. Ungeachtet ihrer Häßlichkeit und ihres nachläſſigen Anzuges hatte Fräulein von Maran ausgezeichneten Geſchmack; ihre beſtändige Gewohnheit zu ſpötteln, ihr Haß der Ju⸗ gend und Schönheit hatten ſie ſo eigenſinnig und wun⸗ derlich gemacht, daß, was ſie billigte, gewiß untadel⸗ haft ſein mußte. Sie hatte uns Beiden einen allerliebſten und voll⸗ —— 1⁵9 kommen ähnlichen Putz machen laſſen. Späterhin mußte ich mich fragen, wie Fräulein von Maran ſo groß⸗ müthig ſein konnte, mich nicht in irgend ein Kleid oder einen Kopfputz von ſchlechtem Geſchmacke zu ſtecken; dies wäre ihr ſehr leicht geweſen und hätte mich für lange Zeit lächerlich erſcheinen laſſen, denn der erſte Eindruck, den man macht, iſt oft unvertilgbar. ... Doch eine armſelige Rache war meiner Tante unwür⸗ dig. Sie begehrte, ſie that mehr. Wenn ich nicht fürchten würde, die Ereigniſſe durch⸗ einanderzuwerfen, indem ich Ihnen hier von Thatſachen ſpreche, die ich erſt ſpäter erfahren konnte, ſo würden Sie ſehen, mein Freund, daß in dieſem Zeitpunkte meines Lebens ich ſchon umgarnt war von dem Netze, das der Haß des Fräulein von Maran mit einer Si⸗ cherheit des Vorherſehens um mich her gebreitet hatte, welche eine tiefe und fatale Kenntniß des menſchlichen Herzens verrieth. Siebentes Kapitel. Der Ball. Vom frühen Morgen an beſprachen Urſula und ich die großen Ereigniffe des Abends. Ich fand meine Baſe ſehr niedergeſchlagen, ſehr mißtrauiſch in ſich ſelbſt und entſchloſſen, den Ball nicht zu beſuchen. Sie ſagte mir, daß ſie die ganze Nacht geweint habe; ihr Geſicht war jedoch weder blaß noch abgemattet; es trug nut den Ausdruck bezaubernden Tieffinns. Ich ſehe ſie noch, geſenkten Kopfes, die Stirne hinter ihren dunkeln, braunen Locken geborgen, in ge⸗ beugter Haltung, die Hände auf den Knieen gefaltet, 160 von Zeit zu Zeit ſeufzend und den verſchleierten Blick zum Himmel erhebend. „Urſula, Urſula, meine Schweſter,“ ſagte ich, ſie zärtlich umarmend, „ich bitte Dich, faſſe Muth, ſei doch nicht ſo furchtſam; bin ich denn nicht bei Dir? nicht wie Du, unbekannt mit der Welt, in die wir treten, und vor der wir uns ſo kindiſch fürchten, deß bin ich gewiß. Man wird uns kaum bemerken, und nach und nach werden wir uns an ſie gewöhnen. Immer einander zur Seite, werden wir uns glücklich fühlen, uns gegenſeitig unſere Bemerkungen mittheilen zu können. Wohlan denn! wenn wir uns zum erſten Male linkiſch und ungeſchickt benehmen, ſo werden auch in Hinſicht auf uns wir uns irgend etwas Spaß⸗ haftes anzuvertrauen haben“ . urſula lächelte und antwortete mit einem zärtlichen Händedrücken; „Verzeih mir, Mathilde, aber ich kann Dir meine ganze Furcht vor der Welt nicht ausſpre⸗ chen . Niemals. ich fühle es, niemals werde ich mich an ſie gewöhnen können; es iſt dieß keine Kinde⸗ rei, es iſt Gewiſſenhaftigkeit, es iſt Pflicht. Wenn man, wie ich, arm und aller Reize bar iſt, ſo wird man nicht beachtet, man bleibt im Schatten und hat nicht viel vor der Verachtung voraus.. Bei Dir iſt das anders, Du haſt Alles, was Du bedarfſt, um in der Wekt zu erſcheinen und zu glänzen.. Geh' allein hin, ich will Dich erwarten. Ich werde ſo glücklich ſein, Dich von Deinem Erfolge erzählen zu hören! Ich werde dieſe glänzenden Feſte in Deinen Augen ſehen, und das ſoll mir genügen.“ Dann fügte ſie, anmuthig lächelnd, bei: „Sieh, ich werde zwar nicht die unglückliche und vergeſſene Aſchenbrödel des Feen⸗ mährchens ſein, ſondern ein freiwilliges Aſchenbrödel, die glücklich iſt, Dich ſchön und bewundert zu ſehen! Ja. wenn Du, matt von Vergnügen und geſättigt von Schmeicheleien, vom Ball zurückkehrſt, ſoll mein zärtlich beunruhigter Blick Dich empfangen und Du — 16¹ wirſt im ſtillen Frieden meiner Freundſchaft von Dei⸗ nem Triumphe ausruhen.“ Dazumal, mein Freund, hätte man Urſula ſehen und hören ſollen, um ſie, wenn auch nicht ſchön, doch 10 der Unregelmäßigkeit ihrer Züge entzückend zu inden. Ihre bewegte Stimme hatte einen ſo reinen, ſo wohllautenden Klang, ihre blauen Augen einen ſo ſanften, ſo flehenden Ausdruck, daß man ſich unwider⸗ ſtehlich beſiegt fühlte. „Urſula,“ rief ich, „wie kannſt Du ſolches Miß⸗ trauen in Dich ſetzen, wenn Du ſo ſprichſt und mit ſolchem Blicke? Ich, Deine Schweſter, ich, welche Dich nie verlaſſen, welche an Deine Stimme an Dei⸗ nen Blick gewöhnt ſein ſollte, ich finde Dich in dieſem Augenblicke ſchon, und zwar ſo ſchön, um eiferſüchtig zu werden, wenn ich es könnte. Du kennſt Dich nicht.. Du haſt Dich, ſo zu ſagen, nie geſehn . . . Glaube mir alſo, Du biſt trotz der Bosheit des Fräulein von Ma⸗ ran, trotz Deines Mißtrauens reizend, allerliebſt. Glaubſt Du, Deine Schweſter wäre fähig, Dich zu täuſchen! Muth, Urſula, meine Freundin, Muth: laß uns Eine auf die Andere ſtützen; laß uns herzhaft ſein und der großen Welt trotzen, morgen verlachen wir vielleicht unſre Furcht... Endlich erkläre ich Dir, daß wenn Du mich nicht auf dieſen Ball begleiteſt, ich gewiß auch nicht hingehe.“ — „Mathilde, ich be⸗ ſchwöre Dich, dringe nicht weiter in mich.“ — „Ur⸗ ſula. ich meinerſeits beſchwöre Dich auch.“ — „Ich kann nicht.“ — „Urſula, das iſt ſchlimm . . . Du weißt, meine Tante wird Dir den Vorwurf machen, dieſen Ball äusgeſchlagen zu haben, um mich zu ver⸗ hindern, dahin zu gehen... Du kennſt ſie; Du weißt, wie unglucklich ich bin, wenn ich Dich ungerecht be⸗ handelt ſehe... Nun! willſt Du mir dieſen Kummer machen? Urſula, meine Schweſter, Dein Abſchlag würde mir ſagen, daß Du mich gleichgültig bei Deinen Lei⸗ Mathilde. 1. 11 162 den glaubſt.. und dieſen Vorwurf verdiene ich nicht.“— 5 „Mathilde.. ach! was ſagſt Du?“ rief meine Baſe, „jetzt zögere ich nicht mehr, ich werde gehn.“ Je mehr der Augenblick herannahte, deſto unruhiger wurde ich, weniger meinethalben als wegen Urſula. Trotz ihrer anſcheinenden Sicherheit war ich ungewiß, ob der Ballſchmuck ihr vortheilhaft ſtünde oder nicht. Um meinen erſten Eindruck nicht zu ſtören, ging ich, als ich bereit war, ſtatt bei ihrer Ankleidung zu ſein, in den Salon hinunter. Dort fand ich das Fräulein von Maran und den Herzog von Verſac, der uns zum Geſandtſchaftshof begleiten ſollte. Ich mache keine Anſprüche mehr, mein Freund; meine erſte Jugend und meine erſte Schönheit ſind ſo ferne von mir! ich bin jetzt ſo wenig mehr das, was ich damals geweſen, daß ich Ihnen von der ſieben⸗ zehnjährigen Mathilde, wie von einer Fremden ſprechen kannz es braucht überdieß Kraft, Beſcheidenheit und Demuth, um ſagen zu können: „Ich war ſchön.“ So ſtellen Sie ſich denn Ihre Freundin vor un⸗ gefähr zehn Jahren, in der ganzen Blüthe ihrer Ju⸗ gend vor, ihre blonden Haare mit einem Zweige roſa⸗ ſarbenen Heidekrauts geſchmückt, das Kleid von weißem Crepp ſehr einfach nur mit drei natürlichen Sträußchen des nämlichen Heidekrauts verziert, welch' ſeltene Blu⸗ men des Kap's ich der außerordentlichen Güte der Kronprinzeſſin verdankte, die dieſelben in eigener Per⸗ ſon in den Treibhäuſern von Meudon wählte und ſie dem Fräulein von Maran zu überſenden geruhte. Mein Wuchs war ſehr ſchlank. Herr von Verſac machte mir, wie ich glaube, ein Compliment über mei⸗ nen runden Arm, während ich die Handſchuhe anzog. Was meinen Fuß und meine Hand betrifft, ſo iſt das das Einzige, worüber ich nicht ſprechen kann, denn die haben ſich nicht verändertt . Fräulein von Maran mußte mich wohl ſo recht und vielleicht nur zu hübſch finden; denn als ſie mich erblickte, konnte ſie ſich nicht enthalten, die Stirne zu runzeln, trotz ihrer Gewohnheit, mir die übertriebenſten Lobſprüche zu ertheilen. Sie unterdrückte jedoch dieſe erſte Bewegung, indem ſie zu Herrn von Verſac ſprach: „Iſt ſie nicht ganz allerliebſt und ſchön wie ein Stern des Himmels, dieſes theure Kind?“ — „Glücklicher Weiſe hat ſie Verſtand genug, um nicht fürchten zu müſſen, von ihrer Schönheit zu ſprechen,“ antwortete lächelnd Herr von Verſac. Fräulein von Maran trug, wie immer, ein braun⸗ ſeidenes Kleid, und zum erſten Male ſah ich ſie in einem ganz einfachen, mit einem Blumenzweig verzier⸗ ten Häubchen. Voll Unruhe erwartete ich Urſula's Eintritt, ſie erſchien endlich. Glauben Sie nicht, daß ich übertreibe, mein Freund, wenn ich Ihnen ſage, daß ich ſie kaum erkannte, ſo ſehr fand ich ſie verſchönert. Ihr Kopfputz beſonders war entzückend. Ihre ſchönen braunen, in Mitte der Stirne geſcheitelten, Haare fielen in langen Locken auf ihre Wangen her⸗ nieder, und reichten beinahe bis auf die Schultern; ihre zartgeröthete Bläſſe, ihr halbumwölkter Blick, ihr mildes düſteres Lächeln, und ſelbſt ihre etwas ſchmach⸗ tende Haltung ſchienen in ihr das Ideal träumeriſcher Schwermuth verkörpern zu wollen, welchen Ausdruck regelmäßig ſchöne Geſichter niemals beſitzen. Man könnte ſagen, daß eine ſchwermüthige Ge⸗ ſichtsbildung den Mangel einer Vollkommenheit zu be⸗ dauern ſcheine, damit dieſes beſcheidene Mißtrauen ihr einen Reiz mehr verleihe. Als ich Shakespeare geleſen, habe ich mir immer das Bild Urſula's von dieſem Balle her in's Gevächt⸗ niß gerufen, um mir Orphelia vorzuſtellen. Statt ſich nach ihrer Gewohnheit etwas gebogen zu halten, bewies meine Baſe durch das geſchmeidige leichte Weſen ihres Ganges, daß ihr Wuchs untadel⸗ 164 haft ſei, und da ſie, wie die Blume zum Stengel ſich herabneigt, ihre Stirne immer etwas geſenkt hielt, ſo gab dieſe Bewegung ihrem Halſe eine leichte Biegung von außerordentlicher Eleganz und trug noch viel zum Zauber ihrer ganzen Haltung bei. Man las auf ih⸗ rem Antlitz eine ſanfte Trauer, die ſich mit den Freu⸗ den der Welt miſchte, ohne daran Theil zu nehmen. Der faſt flehende Blick Urſula's ſchien endlich um Verzeihung bitten zu wollen, daß ſie dem Vergnügen fremd blieb, für welches ein ſchmerzliches Vorurtheil ſie gleichgültig machte. Ich war gewöhnt, Urſula leidend und ergeben zu ſehen. Aber am Tage dieſes Balles war es das ge⸗ heime Leiden und die Poeſie der Ergebung, welche, ſo zu ſagen, zum Ball angezogen waren. Aber ach! Epigramme werden das ſchreckliche Leiden nicht rächen, das dieſe Freundin mir zugefügt... Konnte ich an ſo viel Verſtellung glauben! Und noch⸗ mals, nein, nein .. nicht ſie muß man beſchuldigen, ſondern Fräulein von Maran, deren elender Hohn... Doch wir werden nur zu bald bei dieſen trauri⸗ gen Entdeckungen ſein . . kommen wir zu meiner Er⸗ zählung zurück. Liebevoll hatte ich mich Urſula hert um ihr die Hand zu reichen und ihr Glück zu wünſchen, ſo allerliebſt zu ſein. Herr von Verſac rief: „Ich bitte, bleiben Sie einen Augenblick Beide ſo, ſich die Hand gebend! Welch bewunderungswürdiger Kontraſt! Sie, Mathilde, ſchön, entzückend, die Stirne ſtralend von Glück und An⸗ muth Sie, die die Königin unſerer Feſte ſein wird... und Sie Urſula, das rührende Bild lächelnder Schwer⸗ muth, mit der Thräne im Auge.“ Fräulein von Maran fing aus allen Kräftes an zu lachen und ſagte zu Herrn von Verſac: „Warum doch auf ſo ſchönem Wege ſtehen bleiben und die Ver⸗ gleichung nicht bis zur ſtolzen Roſe und zum demüthi⸗ 165 gen Veilchen treiben, ich bitte! Kommen Sie von den ufern des Tendre oder des Lignon, ſchöner Alkander? Laſſen Sie mich doch in Ruhe mit ihren Kontraſten. Die Roſe hat beinahe hunderttauſend Livres Einkünfte und das Veilchen hat keinen Sou, darum hebt die Eine die Stirne ſo hoch empor, und ſenkt die Andere ſie beſcheidentlich.“ Die Vergleichung des Herrn von Verſac, die bos⸗ hafte Bemerkung meiner Tante und vielleicht der An⸗ blick Urſula's, die ich nie ſo hübſch geſehen, flößten mir zum erſten Mal in meinem Leben einen Gedanken von Eiferſucht ein, der ſich bald in Groll gegen mich ſelbſt verwandelte. Da ich an dem, was meine Tante ſagte, nicht zweifelte, ſo glaubte ich die ſo ſtolze Miene zu haben, die das Bewußtſein des Reichthums gibt, und benei⸗ dete daher die intereſſante Beſcheidenheit Urſula's, welche ihren Zügen einen ſo rührenden Zauber verlieh. Zwar dauerte dieſer böſe Gedanke nicht lange, zwar ſchämte ich mich vor mir ſelbſt, indem ich bedachte, daß ich ſo wenig Großmuth beſitze, um meine Baſe, meine zärtlichſte Freundin, um das Intereſſe zu benei⸗ den, das ihre Anmuth mir einflößte; ohne Zweifel hätte ich ohne die boshafte Aeußerung meiner Tante dieſe Bewegung des Neides nie empfunden, die vielleicht zu entſchuldigen war, da ich, die Reiche, die Armuth beneidete. Nichtsdeſtoweniger hinterließ dieſer Eindruck ein bitteres Gefühl in mir. Im Augenblick des Weggehens ſagte Herr von Verſac zu Fräulein von Maran: „Sehn Sie nur, welche Vergeßlichkeit, Gontran iſt dieſen Morgen aus England zurückgekehrt, und ich habe Ihnen noch Nichts davon geſagt.“ — „Ihr Neffe! ... nun! da haben wir ja den Tänzer für dieſe jungen Mädchen ſchon gefunden.“ Ich betrachtete Urſula voll Erſtaunen, denn nie hatte weder Herr von Verſac noch Fräulein von Ma⸗ 166 ran in unſerer Gegenwart den Namen dieſes Reffen ausgeſprochen. Wir wollten ſoeben den Wagen be⸗ ſteigen, als einer der vertrauteſten Freunde meiner † Tante in Bezug eines ſehr wichtigen Geſchäftes um eine kurze Unterredung zu bitten kam. Fräulein von „ Maran ging in ihre Vibliothek, Herr von Verſac nahm die Abendzeitung zur Hand. 8 Unter dem Vorwande, mir eine Haarnadel beſſer zu befeſtigen, führte ich Urſula in das Zimmer des Fräulein von Maran. Da ſiel ich ihr dann um den Hals, bekannte ihr offen meine Anwandlung von Eifer⸗ ſucht und bat ſie mit thränenden Augen um Verzeihung. Urſula ward durch meine Offenheit ebenfalls zu Thränen gerührt; ſie beruhigte mich durch die zärtlich⸗ ſten Betheurungen. WMit berhigtem und zufriedenem Herzen trat ich wieder in den Salon, indem ich mir heilig gelobte, was ich auch zu Urſula geſagt, um keinen Preis das Anſehen einer reichen Erbin zu haben. Wir fuhren zum Geſandtſchafts⸗Hotel. . Achtes Kapitel. Vir Vorſtellung. Als ich in Begleitung des Herrn von Verſac in den erſten Salon des Geſandtſchaftshofes trat, fühlte ich meine Sicherheit weichen. Es bedurfte der ganzen * gätigen und anmuthsvollen Aufnahme der öſterreichiſchen Botſchafterin, um mich ein wenig zu ermuthigen. Fräulein von Maran gab Urſula den Arm. Mehr, als je, konnte ich da den Einfluß meiner Tante ſchätzen und bemerken, wie ſehr ſie gefürchtet wurde. Die angenehmſte, die eleganteſte Frau hätte nicht mehr umgeben, mehr beehrt werden können, als „ 167 Fräulein von Maran es bei ihrem Eintritt auf dem Balle wurde; ſie empfing dieſes achtungsvolle Zuvor⸗ tommen, dieſe eifrigen Huldigungen mit ſehr vornehmer Miene und der beinahe verächtlichen Leutſeligkeit einer Schutzgottheit. Wir gingen auf die Seite der Gallerie, wo ge⸗ tanzt wurde. Herr von Verſac, dem ich den Arm gab, nannte mir verſchiedene der Auszeichnung würdige Per⸗ ſonen. Einen Augenblick blieben wir bei einer der Thüren der Gallerie ſtehen. Da hörte ich dann von zwei Per⸗ ſonen, die ich nicht ſehen konnte, folgende Worte: „Nun! Sie wiſſen . . Lancry iſt aus England zurück ... Ich habe ihn ſoeben geſehen . Er iſt glän⸗ zender, als je „ „Wahrlich! iſt er zurück?“ erwi⸗ derte die andere Perſon. „Die Herzogin von Riche⸗ ville wird ſehr vergnügt ſein, denn ſie war mehr als traurig über ſeine Abreiſe .. Die arme Frau! Bei einer ziemlich raſchen Bewegung des Herrn von Verſac, uns durch die Menge Bahn zu brechen, wurde mir klar, daß er meine Aufmerkſamkeit von die⸗ ſer Unterhaltung ablenken wollte, welche für mich zu hören nicht ſchicklich und deren Held ſein Neffe, Herr Gontran von Lanery, war. Ich legte dämals keine Wichtigkeit auf dieſen Ge⸗ genſtand und folgte dem Herrn von Verſac. Vor mei⸗ ner Ankunft auf dem Balle glaubte ich, daß mich Alles in Verlegenheit ſetzen müſſe; meine Haltung, mein Gang, mein Blick; aber ſobald meine erſte Bewegung vorüber war, und ich mich einmal in Mitte dieſer Geſellſchaft, zu der ich gehörte, befand, fühlte ich mich nicht nur ermuthigt, ſondern ſo zu ſagen, in Mitte der Meinigen. Man iſt faſt nie in Verlegenheit oder eingeſchüch⸗ tert, als wenn man in eine Sphäre über vder unter derjenigen geräth, welcher man angehört. Ich hatte 168 daher bald meine Freiheit zur Beobachtung wieder er⸗ langt. Als ich in die Gallerie trat, wo man tanzte, ward ich faſt geblendet von dem Glanz und der Pracht all dieſes Putzes. Eine Freundin meiner Tante, Frau von WMirecourt, welche eine erſt kürzlich verheiratete junge Frau unter ihrer Obhut hatte, anerbot ſich, uns einen Platz neben ihr einzuräumen. Fräulein von Maran nahm es an, und Urſula und ich ſetzten uns zwiſchen die beiden Damen. Herr von Verſac verließ uns, um ſeinen Neffen aufzuſuchen, den er uns vorſtellen wollte. „Nun denn!“ ſagte ich leiſe zu meiner Baſe, „nach Allem zu ſchließen iſt das gar nicht ſo ſchrecklich, biſt Du ein wenig ermuthigt?“ — „Nein,“ ſagte Urſula, „ich kann meine Bewegung nicht beſiegen, ich zittere, und ſehe kaum was um mich her vorgeht.“ — „Ich aber ſehe ſehr gut,“ ſagte ich heiter zu ihr, und um ihr etwas Muth einzuflößen, fügte ich bei: „Ich ge⸗ ſtehe, daß ich dieſen Anblick herrlich finde. Wie Schade, daß Du ihn nicht genießen kannſt! Gewiß, es iſt etwas ſehr Hübſches um einen Ball.“ Da ich dieſe Worte mit ungekünſtelter Freude ausſprach, ſchlug meine Tante, neben welcher ich ſaß, ein helles Gelächter auf. Mehrere Perſonen, welche, während man von einem Walzer ruhte, vor uns ſtanden, wandten ſich um. Frau von Mirecourt, die ſich zur andern Seite Urſula's befand, neigte ſich vorwärts und ſagte zu meiner Tante: „Was haben Sie denn ſo zu lachen?“— „Kann man ſich bei einer ſo kleinen Spötterin, wie die da, halten?“ ſagte Fräulein von Maran, mich ihrer Freundin zeigend. „Wenn Sie hörten, wie drollig und leichtfertig ihre Bemerkungen find es iſt zum Ster⸗ ben Hüten Sie ſich wohl, ſie gibt Ihnen Ihren Theil vorweg!“ Dann ſich gegen mich wendend, fügte meine Tante halbleiſe mit zärtlich ſchmollendem Tont — 169 . bei: „Wollen Sie gefälligſt nicht allſoviel Witz zeigen, Fräulein! man könnte ſagen, ich hätte Sie ſo boshaft gemacht.“ Das Alles war mit leiſer Stimme, doch immer⸗ hin ſo geſagt worden, daß es die Umſtehenden hören konnten. Ich betrachtete meine Tante mit tiefem Erſtaunen. urſula neigte ſich zu meinem Ohre herab und fragte mich, was ich denn ſo Kurzweiliges zu Fräulein von Maran geſagt, und über welche Lächerlichkeit ich mich beluſtigt habe. „Gewiß über keine,“ antwortete ich ihr. „Ich be⸗ greife nicht ein Wort von Allem, was ſie ſoeben ſagt.“ Hier, mein Freund, die Löſung dieſes Räthſels. Meine Tante begehrte mich in den Ruf der Bosheit zu ſetzen, an welche ſelbſt Sie geglaubt haben, und die lange Zeit eines Ihrer heftigſten Vorurtheile gegen mich war. Den niederträchtigen Reden des Fräulein von Maran hatte ich es zu verdanken, daß mehrere vor uns ſitzende Perſonen (deren Eine, die gute und liebenswürdige Lady Fitz⸗Allan es mir ſpäter wie⸗ derholt hatte) Gegenſtand meiner Spöttereien zu ſein glaubten. Ich trat zum erſtenmal in die Welt und aus mehreren bekannten Urſachen mußte ich bemerklich ge⸗ nug werden; der Ausruf meiner Tante über meine boshaften Bemerkungen mußte ſich alſo verbreiten und verbreitete ſich auch augenblicklich. Es gibt für eine Frau keinen ſchädlichern Ruf, als den einer, wenn auch geiſtreichen Spötterin .. . Dumm⸗ köpfe fürchten und verläumden ſie, Geiſtreiche beneiden ſie und wohlwollende und großmüthige Charaktere ent⸗ fernen ſich von ihr. Noch war keine halbe Stunde ſeit meiner Ankunft auf dem Balle verfloſſen, als ich ſchon meine Feinde hatte. Lady Fitz⸗Allan hat mir ſeither erzählt, daß meine Bosheit augenblicklich die Neuigkeit des Bal⸗ 170 les war. Man unterhielt ſich über den beißenden Witz des Fräulein Mathilde von Maran. (Von jetzt an wurde ich ſo genannt, um mich von meiner Tante zu unterſcheiden.) Niemand hatte meinen Hohn vernommen, und doch, wie denn das ſtets der Fall, ſprach Jedermann davrn. Meine Tante wollte ihr Werk krönen; bei einer neuen Pauſe der Muſik ſagte ſie ganz laut zu Urſula: „Mein Gott! mein armes Kind, ſeien Sie doch nicht ſo ernſthaft, ſo melancholiſch, ſondern ein wenig Ihrer Jugend angemeſſen, wenn Sie können: was . denn dieſe blöde Scheu?“ Dieſe ebenfalls gehörten, wieder erzählten und hie und da erklärten Worte meiner Tante, bewerkſtelligten die feſte Ueberzeugung, daß ich eben ſo höhniſch und leichtfertig, als meine Baſe ſchüchtern, verſtändig und überlegend ſei. Sie kennen die Welt, mein Freund, und wiſſen, daß Sie ſehr ſelten von ihrem erſten Urtheile abweicht, daher werden Sie begreifen, welchen Einfluß dieſe wenigen Worte meiner Tante auf mein Schickſal haben konnten. Ach! um Alles zu ſagen, vermehrten meine Erfah⸗ rung und meine Eitelkeit noch den mir beigelegten Grad von Bosheit. . . . Später beweinte ich dann dieſen fatalen Ruf bitterlich. Ich war Anfangs ſchwach ge⸗ nug, mich faſt geſchmeichelt, faſt ſtolz darauf zu fühlen. Ich hielt mich für ſchön und glaubte, die Jronie ſei ein Diplom des Geiſtes. . Nach beendigtem Walzer führte Herr von Verſac ſeinen Neffen, den Vicomte Gontran von Lanery, mei⸗ ner Tante zu. Ich geſtehe, daß ich mich kaum enthalten konnte, beim Anblick des Herrn von Lanery faſt unbeweglich vor Erſtaunen zu ſein; er war damals ungefähr dreißig Jahre glt, und kaum fand man einen vollkommen lie⸗ 171 benswürdigern Mann, einen Mann von ſo verführe⸗ riſchem Aeußern. Sie werden, glaube ich, verwundert ſein, mein Freund, über die Unbefangenheit, mit der ich Ihnen von Herrn Lanery ſpreche. Während ich dies niederſchreibe, bin ich ſelbſt erſtaunt, mich der erſten Eindrücke ſo genau erinnern und ſie gänzlich von den nachfolgenden trennen zu können. Beurtheilen Sie meine Herrſchaft über mich ſelbſt oder vielmehr den traurigen Zuſtand meines Herzens aus der Ruhe und dem Gleichmuth, mit welchen ich Ihnen Herrn von Lancry, wie er damals war, ſchildern will. Ach! vielleicht werde ich nicht immer die gleiche Feſtigkeit beſitzen. Vielleicht werden ſpäter bei der Erzählung einiger Thatſachen theure und grauſame Erinnerungen meine Hand in ſchmerzhafter Bewegung zittern machen. .. Doch, ich will verſuchen, meine da⸗ maligen Gefühle in meinem Herzen aufzufriſchen. Lä⸗ cheln Sie nicht, wenn ich hie und da in kindiſche Kleinigkeiten eintrete: ich war noch ſehr jung und bei Fräulein von Maran hatte ich nie Jemand geſehen, der auch nur im Geringſten mit Herrn von Lanery hätte verglichen werden können. Als ehemaliger Edelknabe des Königs, hatte er gedient und im ſpaniſchen Kriege ſehr tapfer mitgefoch⸗ ten. Da er ſpäter einem großen Geſandtſchaftspoſten als Ehrenbegleitung beigegeben wurde, ſo hatte er, nach Verfluß mehrerer Jahre, den Militärſtand ver⸗ laſſen, und ward durch die königliche Gnade und die Verwendung des Herrn von Verſac zum Kammerherrn des Königs ernannt. Unſre erſte Begegnung auf dem Balle des öſtreichiſchen Geſandten ſteht mir wieder recht lebhaft vor Augen. Es war große Aufwartung im Schloſſe geweſen und viele Herren des Hofes waren in Uniform auf den Ball gekommen. Herr von Lanery kam ebenfalls aus den Tuilerien; er trug das glänzende Kleid ſeines Hofamtes, um den Hals hatte er das rothe Band und 172 das goldene Kreuz eines Commandeurs der Ehrenlegion, und auf der Seite den großen Schild eines fremden Ordens. Herr von Lanery war mittlern, aber höchſt eleganten Wuchſes; ſeine vollkommen regelmäßigen Züge waren (nach dem richtigen Ausdruck meiner Tante) die „eines jungen, mit der ächten Pariſerfeinheit und An⸗ muth belebten, athenienſiſchen Griechen. Er ſei,“ ſagte ſie, „das Jdeal des Hübſchen.“ Er hatte kaſtanien⸗ braune Haare, dunkelbraune Augen, herrliche Zähne, Hände und Füße, um die ihn eine Frau beneidet hätte, und wie ich Ihnen geſagt, trotz ſeiner dreißig Jahre ſchien er kaum fünfundzwanzig zu ſein. Dieſe natürlichen Vorzüge, welche durch ſo ehren⸗ volle Inſignien, die man gewöhnlich nur einem reifern Alter verleiht und die immer Verdienſte anzukünden ſcheinen, noch gehoben wurden, mußten daher den Herrn von Lanery beſonders bemerklich machen. Als er ſich meiner Tante näherte, reichte ſie ihm die Hand und ſagte: „Guten Abend, mein lieber Gon⸗ trän! Ich erfahre eben erſt von Ihrem Oheim Ihre Rückkehr aus London; nun! wie iſt's Ihnen in dieſem lieben Lande gegangen?“ Herr von Lanery kächelte, näherte ſich dem Fräu⸗ lein von Maran und ſagte ihr ganz leiſe einige Worte, die ich nicht verſtehen konnte. „Wollen Sie ſchweigen!“ rief meine Tante lächelnd. Dann fuhr ſie fort: „Zum Glück darf man einer ſo — eiteln Mutter, wie ich, Alles ſagen; nur ſollen Sie mir zur Buße mit dieſen beiden Kleinen tanzen.“ Und gegen mich ſich wendend, ſagte meine Tante * mit der, wenn ſie bei Laune war, ihr unnachahmlichen Würde: „Fräulein Mathilde von Maran, zmeine Nichte.“ Herr von Lanery machte eine ehrerbietige Ver⸗ beugung. 4 „Fräulein Urſula von Orbeval, unſere Baſe . fügte meine Tante mit kaum bemerklicher Veränderung des Tones, jedoch bezeichnend genng hinzu, daß man 173 fühlen konnte, daß ſie zu meinem Vortheile eine Art Unterſchied zwiſchen mir und meiner Freundin bemerk⸗ lich machen wolle. Herr von Lanery verneigte ſich nochmals. Ich ſchlug die Augen nieder und fühlte ein heftiges Erröthen.“ Meine Hand ſuchte die Urſula's, welche ich faſt ängſtlich drückte. — „Werde ich die Ehre haben, Sie zum erſten Contretanze zu führen, Fräulein?“ ſagte Herr von Lanery zu mir. — „Ja, mein Herr,“ antwortete ich, einen unruhigen Blick auf Fräulein von Maran werfend. Herr von Lanery grüßte und ſagte, ſich an Urſula wendend: „Darf ich hoffen, Fräulein, daß Sie mir die gleiche Gunſt, wie Fräulein von Maran, für den zweiten Contretanz erweiſen.“ „Gewiß, mein Herr,“ antwortete Urſula mit einem Seufzer; und den Kopf ſenkend, warf ſie unter ihren langen Wimpern hervor einen ſchwermüthigen Blick auf Herrn von Lancry. In dieſem Augenblick ſtand eine ſehr hübſche, von Edelſteinen funkelnde, ſehr braune, ſehr ſchlanke und ſehr elegante Frau mit ſtolzen, kühnen Geſichtszügen, ſehr durchdringenden, ſchwarzen Augen und einer Adler⸗ naſe vor uns, welche einem jungen, engliſchen Obriſten den Arm gab. „Sie wiſſen Ihre Freunde leicht zu vergeſſen, Herr von Lanery,“ ſagte ſie mit wohlklingender, ſanfter Stimme. Herr von Lanery wandte ſich lebhaft um, unter⸗ drückte eine ziemlich ſichtbare Verlegenheit und ſagte ſich verbeugend: „Ich verdiene dieſen allzuliebenswür⸗ digen Vorwurf nicht, Frau Herzogin, ich kam erſt dieſen Morgen aus London an und hoffte die Ehre zu haben, Ihnen morgen meine Aufwartung zu machen.⸗ Wie wenig trügen oft gewiſſe Vorgefühle, mein Freund; ſobald ich Lanery dieſe Dame Frau Herzo⸗ gin betiteln hörte, zweifelte ich keinen Augenblick, . 17⁴ daß dies die Frau von Richeville ſei, deren Namen ich ſo unbeſcheiden mit dem des Herrn Lanery in Ver⸗ bindung bringen hörte. Man präludirte den Contretanz. „Sehn Sie, wie gut ich bin,“ ſagte die Herzogin zu Herrn von Lanerp, „ich verzeihe Ihre Vergeßlich⸗ keit und ſage Ihnen ſogar im Vertrauen, daß ich für dieſen Contretanz nicht verſagt bin, bin ich großmüthig genug?“ Herr von Lanery betrachtete ſie neuerdings mit erſtaunter, beinahe verlegener Miene und antwortete mit ziemlich augenſcheinlichem Zwange: „Und ich, habe ich nicht zu viel Glück. .. ich hätte dieſen Contretanz mit Ihnen tanzen können, Ma⸗ dame, und nun werde ich das Vergnügen haben, den⸗ ſelben mit Fräulein von Maran, die ich ſo eben ein⸗ geladen, zu tanzen.“ Frau von Richeville, welche glaubte, es handle ſich um meine Tante und Herr von Lanery wolle ſcherzen, fing herzlich an zu lachen und rief: „Sie kom⸗ men aus England, um mit Fräulein von Maran zu tanzen Es gibt wohl in London einen Excen⸗ tric⸗Club? Sie wollen ſich alſo unter den Kühnſten auszeichnen?“ Herr von Lanery beeilte ſich, die Frau von Richeville zu unterbrechen. Sie hatte ein ſehr kurzes Geſicht und daher die Gegenwart meiner Tante nicht bemerkt. „Ich ſoll ſo eben die Ehre haben, Madame, n Fräulein Mathilde von Maran zu tanzen,“ ſagte Hert von Lanery, den Namen Mathilde ſchärfer betonend, und ſich etwas gegen mich wendend. — „Ah! ich be⸗ greife! Man führt ſie alſo ſchon in Geſellſchaft ein?“ antwortete die Herzogin. Sie nahm ihr kleines mit Schildkrot ue Augenglas und betrachtete mich mit einer, wie däuchte, wohlwollenden Aufmertſamkeit. Ich war auf ——— —— 175 der Folter. Meine Tante hatte nicht ein Wort von dieſer Unterhaltung verloren. Da ſie das Glas der Herzogin von Richeville immer noch auf mich gerich⸗ tet ſah, ſchien ſie ärgerlich und ſagte ihrerſeits in ſau⸗ rem, gebietendem Tone: „Frau Herzogin, nicht wahr, meine Nichte iſt reizend?“ — „Bezaubernd, Madame,“ antwortete die Herzogin mit trockenem Weſen, indem ſie ihr Glas ſenkte und ſich Fräulein von Maran näherte, um ihr eine leichte und anmuthsvolle Verbeugung zu machen. Ich erfuhr nachher, daß meine Tante und die Herzogin ſich haßten, was mir die Aufmerkſamkeit er⸗ klärte, mit welcher man dieſe beiden gleichgefürchteten Gegnerinnen betrachtete. „Wohlan! Madame,“ erwiderte meine Tante, „ich bin für dieſe liebe Kleine hier entzückt, daß Sie ſie reizend finden; der Beifall einer Frau wie Sie, Ma⸗ dame kann einer jungen Perſon bei ihrem Eintritt in die Welt nur Glück bringen; es iſt wie eine Vorbe⸗ deutung ... Ungeachtet deſſen glaube ich kaum, daß meine Nichte je Ihre Verdienſte erreichen werde, Ma⸗ dame Dieſe Worte waren anſcheinlich ſehr einfach und ſehr höflich; ich kannte jedoch den Ton meiner Tante zu gut, um zu ahnen, daß ſie etwas Hämiſches ent⸗ hielten. Und wirklich, als ich die Augen auf Frau von Richeville und die Umſtehenden warf, ſo ſah ich die Erſte eine große Ruhe erheucheln und Jedermann in peinigender Verlegenheit. Sie mußten in Geſellſchaft der Frau von Riche⸗ ville begegnen, mein Freund; Sie wiſſen ohne Zwei⸗ fel, was man über ſie ſprach, indem man den Leicht⸗ ſinn ihres Benehmens bis zur gehäſſigſten Verläumdung trieb. Man ſagte, daß ohne ihren erlauchten Namen, ohne den Adel und die Verbindung ihres Hauſes, vhne ihr unermeßliches Vermögen man ſchwerlich die Augen 1 über ihre Fehler geſchloſſen hätte, und daß ihr Ge⸗ mahl genöthigt war, ſich von ihr zu trennen. Sie ward nichts deſto weniger in den erſten Geſellſchaften, zu welchen ſie gehörte, vollkommen gut aufgenommen: einzig an den Tagen der Aufwartung im Schloſſe ſchien die Kronprinzeſſin ihr ihren Tadel durch eiſige Kälte zu bezeigen. Sie werden nun das Bittere der Rede des Fräu⸗ lein von Maran verſtehen, welche dann, ihr Ueberge⸗ wicht benützend, der Frau von Richeville noch einen letzten Hieb gab, indem ſie rief: „Ach, mein Gott! welch' ſchöne Rubinen Sie da haben, Madame! Sind es nicht diejenigen, welche dieſer trefflichen Herzogin⸗ Wittwe von Richeville angehörten? Wie ſchade, daß ſie nicht das Glück haben konnte, Sie damit geſchmückt zu ſehpl und welch' Vergnügen muß es dem Herrn von Richeville machen, Sie mit den Edelſteinen ſeiner Mut⸗ ter geziert zu ſehen“ m die Grauſamkeit der Bemerkung des Fräulein von Maran zu begreifen, müſſen Sie wiſſen, mein Freund, daß einem glaubwürdigen Gerüchte zufolge (deſſen Unwahrheit ich aber ſpäter einſah) man behaup⸗ tete, der Herzog von Richeville habe bei Gelegenheit ſeiner Vermählung dieſen Schmuck ſeiner Frau ge⸗ ſchenkt und bei der Trennung von der Herzogin habe er ihn aus Zartgefühl nicht von ihr zuruckverlangt, welches Zartgefühl ſie jedenfalls nicht nachgeahmt, in⸗ dem ſie dieſen Schmuck ferner getragen hätte. Jedermann ſchien niedergedonnert durch die Bos⸗ heit des Fräulein von Maran. Frau von Richeville hatte ſo viel Macht über ſich ſelbſt, ihr verletztes Ehr⸗ gefühl zu verbergen; ſie warf auf meine Tante einen Blick voll Sanftmuth und Würde und ſagte ſehr lieb⸗ rreich zu ihr: „Sie beſchämen mich, Madame, ich möchte Ihnen für die Beweiſe Ihrer Theilnahme er⸗ kenntlich ſein ... Aber, da fällt mir ſo eben ein, daß ich Ihnen eine Nachricht mittheilen kann, die, wie ich — 177 hoffe, Ihnen großes Vergnügen machen wird. Einer Ihrer Freunde kommt aus Ztalien, wo er während einer Reihe von Jahren ſich aufgehalten, ohne daß man wußte, was aus ihm geworden, zurück. Aber, ich ſehe... Sie ſind ungeduldigz ich will Ihre Neu⸗ gierde nicht länger foltern.. Wohlan denn!“ fügte Frau von Richeville mit anmuthsvoll vertraulicher Miene bei; „wohlan denn! Herr von Mortagne wird in einigen Tagen hier ſein... Ja, ich habe aus Ve⸗ nedig Nachrichten von ihm erhalten. Man ſagt, ſein Verſchwinden ſei ein fürchterlicher Roman. Geſtehn Sie, daß Sie ſehr überraſcht und ſehr beglückt ſind durch vieſe Rückkehr, Madame?“ Frau von Richeville richtete dieſe letzten Worte mit ſchneidendem Hohn an Fräulein von Maran; als ſie dann das Vorſpiel zum Contretanze hörte) ſagte ſie munter zu Herrn von Lanery: „Ich anerbiete Ih⸗ nen als Entſchädigung für den Contretanz, den Sie mir abgeſchlagen, einen Walzer.“ Und ſich an den engliſchen Obriſt wendend, der ihr den Arm gab, ſagte ſie: „Gehn wir in die kleine Gakerie hinauf, ich möchte dieſen Contretanz ſehen.“ Ich hatte Fräulein von Maran noch nie beſtürzt geſehen; jetzt aber ward ſie es bei den erſten Worten der Frau von Richeville im höchſten Grade. Als aber Letztere vollends die Wortk ausgeſprochen: „Herr von Mortagne wird in einigen Dagen hier ſein“. .. da erblaßte meine Tante, welche zum gro⸗ ßen Erſtaunen derer, die ihre Kühnheit kannten und den verborgenen Sinn der Antwort der Frau von Richeville nicht verſtanden, ſehr niedergeſchlagen ſchien. Der Tanz begann. Herr von Lancry hatte den feinen Geſchmack, mir die Complimente, die für ein junges Frauenzimmer ſo beläſtigend ſind, zu erſparen. Er war ſehr einfach, ſehr munter, ohne Bosheit, ſprach von Frzulein von Maran mit liebenswürdiger Ehrerbie⸗ tung, von Herrn von Verſac mit Zärtlichkeit; das Mathilde. I. 178 Geſicht Urſula's ſehr intereſſant, und fragte mich, welch großer Kummer ſie denn ſo ſchwermüthig mache. Er war Muſikliebhaber, wir ſprachen über Muſik. Ich gab den deutſchen Meiſtern, er den italiä⸗ niſchen den Vorzug. Er legte eine ſo liebenswürdige Gutmüthigkeit in ſein Geſpräch, daß nach beendigtem Tanze ich faſt keine Schüchternheit mehr empfand. Nachdem er mich an meinen Platz zurückgeführt und Urſula an ihr gegebenes Verſprechen erinnert hatte, ging er mehrere ihm bekannte Damen zu begrüßen. „Mein Gott!“ ſagte Urſula zu mir, „wie haſt Du's nur gewagt, ſo viel zu ſprechen? .. Ich bewun⸗ derte Dich.“ — „O!“ verſetzte ich, „ich fürchtete mich Anfangs wohl; nach und nach habe ich Muth gefaßt, und dann ſcheint Herr von Lanery ſo gut, ſo einfach; Du wirſt es ſelbſt ſehen“. . „Ol ich werde ihm kaum zu antworten wagen,“ ſagte Urſula ſchüchtern. — „Du haſt ſehr Unrecht; er findet Dich allerliebſt, er hat es mir ſo eben geſagt und das ließ mich ihn vielleicht ſo liebenswürdig finden.“ .. Ich konnte meine Unterhaltung mit Urſula nicht fortſetzen. Die Männer alle, welche meine Tante kannten, kamen, ſie zu begrüßen. Unter dieſen ſtellte ſie uns diejenigen vor, welche im Alter waren, noch tanzen zu können, und Urſula und ich hatten bald eine Menge Aufforderungen. ch war ſo beſchäftigt, dem Tanze zuzuſehen, daß, ſo gern ich wollte, ich kaum die Zeit fand, an die letzten Worte der Frau von Richeville hinſichtlich des Herrn von Mortagne zu denken. Ich hatte ihn immer in dankbarem Andenken be⸗ halten, denn er war ja in meiner Kindheit mein erſter Vertheidiger. Seit acht oder neun Jahren war ſein Name bei meiner Tante faſt nie genannt worden. Ich erinnerte mich nur alsdann, mehrmals ſagen gehört daß man ohne Rachrichten von ihm ſei. Sein Leben 179 war ſo fremdartig, man kannte ſeine Gewohnheit zu reiſen ſo gut, daß ich da nichts Auffallendes fand. Was mir allein ſeltſam erſchien, war die niederſchmet⸗ ternde Wirkung, welche die Nachricht ſeiner Rückkehr bei Fräulein von Maran hervorbrachte. Die Melodie ei⸗ nes Walzers zog mich von dieſen Betrachtungen ab. Unter den Paaren, die bald von ſeinem Wirbel vahingeriſſen wurden, ſah ich Herr von Lanery und die Herzogin von Richeville. Sie hatte einen ausgezeich⸗ neten Wuchs und, wie er, walzte auch ſie zum Ent⸗ zücken. Die langen Locken ihrer rabenſchwarzen Haare wallten anmuthig um ihren ausdrucksvollen, etwas zurückgebogenen Kopf. Dieſe Frau mußte ſich in ihrer Unſchuld ſehr ſtark fühlen oder eine tiefe Verachtung gegen das öf⸗ fentliche Urtheil hegen, um nach den grauſamen Wor⸗ ten des Fräulein von Maran die, ſo zu ſagen, allen wirklichen oder vermutheten Skandal des Benehmens der Frau von Richeville wieder auffriſchten, demſelben ſo offenkundig zu trotzen. . Was mich ſehr überraſchte, war der Ausdruck der Züge des Herrn von Lanery während dieſes Walzers: er ſchien wechſelsweiſe verächtlich, gezwungen und ge⸗ reizt. Als er Frau von Richeville zu ihrem Platze zurückführte, ſchien es mir, als ob ſie einige Worte des Herrn Lanery mit bitterm Lächeln erwidere. Zuerſt empfand ich, ich weiß nicht warum, eine ſonderbare Beklemmung, als ich Herrn von Lanery mit Frau von Richeville walzen ſah. Ich erinnerte mich unwillkürlich an die Worte, die ich gehörte hatte, und zweifelte nicht mehr, daß er ſie liebe. Sie hatte ein ſtolzes, entſchloſſenes Ausſehen, das mich ſchreckte, doch wenn ich bedachte, daß ſie die Freundin des Herrn von Mortagne, meines Beſchützers ſei, welcher, wie ich ſpäter von Blondeal erfuhr, meiner Mutter ſo tief ergeben war, ſo ſuchte ich den unangenehmen Eindruck, den ſie auf mich machte, zu überwinden. 180 Dieſe Gedanken wurden dann von Neuem durch einen Contretanz unterbrochen, auf welchen ich ver⸗ ſagt war. Mein Ruf der Bosheit mußte ſchon mehrern meiner Tänzer zu Ohren gekommen ſein, denn Manche unter ihnen, die meiner Spottſucht zu gefallen dachten, fingen an, höhniſche Witze zu reißen; Andere ſagten mir übertriebene Schmeicheleien, noch Andere erlaubten ſich Scherze, die ich nicht verſtand. Summa Summarum, obwohl es unter ihnen viele ſehr angenehme Männer gab, ſo ſchien mir doch die Mehrzahl des vollkommenen Taktes zu ermangeln, mit dem Herr von Lanery begabt war. Jedenfalls braucht ein Mann viel Takt und Zartheit des Geiſtes, um das Vertrauen eines jungen Mädchens zu gewinnen, um den ganzen Zauber lihrer Unterhaltung zu genie⸗ ßen. Er bedarf einer Sprache, deren Bilder zart und gemäßigt ſind; ſomit iſt es vielleicht geſchmacklos, ihre Schönheit zu loben, während das Lob ihres Geiſtes immer etwas Angenehmes in ſich hat. Ihre Munterkeit iſt viel bezaubernder, wenn man ſie nicht über das Lächeln hinaus reizt, und durch Verläumdung oder üble Nachrede die ausgeſuchte und ungekünſtelte Fein⸗ heit ihrer Bemerkungen beantworten, muß ſie ſcheu und blöde machen. Halten Sie mich nicht für eitek, mein Freund, wenn ich Ihnen alſo vom ſchönſten Alter unſers Lebens ſpreche. Unſre Triebe ſind dann ſo edel, ſo großmüthig, unſre Iluſionen ſo ſtralend, ſo glänzend, daß unſer Cha⸗ rakter, daß unſre Gedanken die gewöhnliche Hoheit der Seele theilen. Kommen wir zu dieſem Balle zurück. Ich ſah urſula mit der gleichen rührenden Anmuth tanzen. Sie ſchien ſich nicht ſehr zu beluſtigen, doch ſchlug ſie keinen Contretanz aus, ſondern ſeufzte und ſchien durch die Annahme der Aufforderungen ein großes Opfer zu leiſten. 181 Nachdem wir einen Blick auf das Souper ge⸗ worfen und eine Taſſe Thee getrunken hatten, verließen wir den Ball. Herr von Lanery, der ebenfalls weg⸗ ging, traf uns im Ankleidezimmer wieder; er ſandte nach den Leuten meiner Tante und brachte unſre Pelze herbei. ² Herr von Verſac gab Urſula den Arm, Herr von Lanery bot den ſeinigen dem Fräulein von Maran, welche ihm lachend ſagte: „Wollen Sie wohl ſolch' beleidigende Anerbieten bleiben laſſen, Gontran! Habe ich den Wuchs, ſie annehmen zu können? Geben Sie meiner Nichte den Arm, ich kann wohl allein gehen.“ Als wir in den Wagen geſtiegen waren, ſagte meine Tante zu Herrn von Lanery? „Nun Gontran, da Sie zurück ſind, rechne ich darauf, Sie oft mit Ih⸗ rem Oheim bei mir zu ſehen, Sie wiſſen, daß ich keine Vernachläſſigung dulde.. Apropos, wiſſen Sie auch, daß ſie eine roſafarbne eherne Maske hat, dieſe ſchöne Herzogin? und daß es ein Höllenfeuer brauchte, um ſie erröthen zu machen .. Aber was ſage ich denn, da vor dieſen jungen Mädchen 4. Gehn wir, guten Abend, Gontran, und nehmen Sie ſich wohl in Acht, wenn Sie mich vernachläſſigen.“ Herr von Lanery verſicherte meine Tante ſeines eifrigſten Gehorſams und wir kehrten in's Hotel Ma⸗ ran zurück. Neuntes Kapitel. Ver Tag nach dem Palle. Es iſt mit gewiſſen Eindrücken wie bei gewiſſen Landſchaften, die, um ihren ganzen Werth zu erhalten, aus einiger Entfernung geſehen werden müſſen. Als ich am Tag nach dem Balle meine Erinne⸗ rungen durchging und mir die geringſten Nebenumſtände 18² dieſes Abends ins Gedächtniß zurückrief, ſo empfand ich, ſo zu ſagen, deren Rückwirkung. Doch, warum es Ihnen bergen, mein Freund, unter dieſen Erinnerungen beherrſchte eine einzige die Andern alle; es war die, den Herrn von Lanery mit Frau von Richeville einen Weberſchen Walzer tanzen geſehen zu haben. Dieſe ziemlich melancholiſche Weiſe kam mir un⸗ aufhörlich zu Sinn, während ich mich derjenigen des Contretanzes, den ich mit Herrn von Lanery getanzt, nicht erinnern konnte. Das Ergebniß der empfangenen Eindrücke war beinahe ein trauriges. Die Welt ſchien mir ſchon trotz ihrer vollkommenen Urbanität, trotz ihres ausge⸗ zeichneten und reizenden Aeußern eine Arena, ein Kampf⸗ platz, auf welchem man ſich mit lächelnden Lippen und blumengeſchmückter Stirne die ſchrecklichſten Schläge beibringt. 5 Was zwiſchön dem Fräulein von Maran und der Herzogin von Richeville vorgefallen, bewies es mir nur allzuſehr. Ich hatte nur höfliche Worte gehört, deren Sinn aber irgend ein grauſames Geheimniß verrieth. Man hatte mir jedoch viel Aufmerkſamkeit erwie⸗ ſen. Es ſchien mir, ohne falſche Beſcheidenheit, daß man mich ſchö fand. Ich hatte bemerkt, daß die Fräulein von B' und von Pe kaum drei oder vier Contretänze getanzt, während ich und Urſula deren mehrere ausſchlagen mußten. Ich konnte es nicht hindern, hie und da das den Ohren einer Frau ſo ſchmeichelhafte Geflüſter zu vernehmen. Herr Lon Lan⸗ ery war unſtreitbar der angenehmſte Wann dieſer glän⸗ zenden Verſammlung und hatte uns ſehr. beehrt, und doch war der Nachhall meiner Empfindungen ein trü⸗ ber und bitterer. Nichtsdeſtoweniger verdankte ich dieſer Feſinacht 183 einen ſüßen Gedanken, eine frohe Hoffnung. Herr von Mortagne ſollte zurückkommen .. Ich machte mir eine Freude aus ſeiner Zurückkunft. Ein unbeſtimmtes Bedürfniß ernſter und ſicherer Rath⸗ ſchläge gab ſich meinem Herzen kund; ich empfand nicht nur eine tiefe Abneigung gegen meine Tante, auch ihr Lob, auch ihre Meinungen, auch ihre Bemer⸗ kungen verſetzten mich in beſtändige Unruhe. Ich war den Unglücklichen ähnlich, welche in Allem, was ſie an ihre Lippen bringen, Gift zu finden fürchten. Ich liebte Urſula mit allen Kräften meiner Seele, aber ſie war ſo jung und ſo unerfahren, als ich; ich durfte gänzlich auf Blondeau's Ergebung zählen, aber dieſe treffliche Frau war von blinder Liebe für mich beſeelt. Mein Vormund, Herr von Orbeval, Urſula's Va⸗ ter, hatte ſich nach Touraine auf eines ſeiner Güter zurückgezogen; ich ſah ihn nie und überdieß ward er, wie meine andern Verwandten, ganz von meiner Tante beherrſcht. Ich mußte alſo die Ankunft des Herrn von Mortagne als ein für mich ſehr glückliches Ereigniß anſehen und überdies hatte er mir ja verſprochen, wie⸗ der zu kommen, ſobald er mir von wirklichen Nutzen ſein könnte. Was meinen Wunſch, ihn zu ſehen, noch lebhafter machte, war die Beſtürzung, die meine Tante an den Tag gelegt hatte, als Frau von Richeville ihr ſeine Rückkehr ankündigte. Während mein Geiſt ſich mit ſolchen Gedanken be⸗ ſchäftigte, trat Urſula in mein Zimmer; wir ſchwatz⸗ ten vom Balle; ich konnte um ſo leichter von dem kleinen Anfluge von Eiferſucht, den ich vor der Abfahrt zum Geſandſchaftshofe empfunden, ſprechen, als ich während der ganzen Dauer des Balles mich über den günſtigen Erfolg meiner Baſe gefreut hatte. Weißt Du wohl, meine liebe Urſula,“ ſagte ich lächelnd zu ihr, „daß, als man mich ſo freudeſtra⸗ lend ſah, man vielleicht glaubte, ich ſei mit mir ſelbſt 184 ſo wohl zufrieden, während ich im Gegentheil ſtolz auf Dich war? Aber was liegt uns daran, uns, die wir die Geheimniſſe unſrer Herzen kennen?“ — „Wie findeſt Du Herrn von Lanery?“ fragte mich plötzlich meine Baſe. — „Ach, ich finde ihn bezaubernd,“ ſagte ich, ein wenig zerſtreut bei dieſer plötzlichen Frage. „Ja bezaubernd, beſonders wenn er nicht mit die⸗ ſer Herzogin von Richeville tanzt, die ein ſo ſtolzes Ausſehen hat.“ Urſula betrachtete mich aufmerkſam, ſenkte die Au⸗ gen, blieb einen Augenblick ſchweigend und erwiderte dann: „Willſt Du, Mathilde, daß ich Dir ſage, was ich denke . — „Sage doch, ſchnell .. — „Nun denn! ich glaube, Fräulein von Maran und Herr von Verſac wären entzückt, Dich mit Herrn von Lanery verheiratet zu ſehen.“ Anfangs machte ich ein Zeichen des Erſtaunens; dann aber fing ich herzlich an zu lachen. „Was findeſt Du denn ſo Unvernünftiges an die⸗ ſer Vermuthung, Mathilde? Hat Herr von Verſac nicht den Herr von Lanery Deiner Tante vorgeſtellt, hat dieſe den Herrn von Lanery nicht ſehr dringend eingeladen, ſie Vormittags oft zu beſuchen? Und wen empfängt ſie denn Vormittags? Fünf oder ſechs ſehr vertraute Freunde. Zu welchem Zweck hätte ſie eine Ausnahme zu Gunſten des Neffen des Herrn von Ver⸗ ſac gemacht?“ — „Willſt Du, Urſula, daß ich Dir ſage, was ich denke?“ erwiderte ich, mich des Aus⸗ drucks meiner Baſe bedienend, „Herr von Verſac und Fräulein von Maran wären entzückt, Dich mit Herrn von Lancry verheiratet zu ſehen.“ Nun kam die Reihe zu lachen an Urſula. „Welche Narrheit,“ ſagte ſie, „eine ſo prächtige Partie für mich armes, niedriges und unbegütertes Mädchen, iſt das möglich? Rein, nein, Du kennſt mei⸗ nen Wunſch und Entſchluß, nie zu heiraten, ich laſſe mir zu ſehr Gerechtigkeit widerfahren, um hoffnungs⸗ — — 18⁵ loſe Anſprüche zu machen, und wenn es morgen ſchon von mir abhängen ſollte, den Herrn von Lanery zu heiraten, ſo würde ich es doch nicht thun. Das über⸗ raſcht Dich? . und doch iſt es ſoz er iſt zu ſchön, zu elegant, zu ſehr Weltmann. .. Das iſt nicht das Glück, welches ich ſuchen würde, ich bin nicht für ei⸗ nen ſo glänzenden Stand gemacht; mein Leben ſoll in der Dunkelheit dahinfließen; ich will kein anderes Glück, als das Deinige.“ — „Wir werden uns über die Rolle, welche Du ſpielen zu müſſen behaupteſt, niemals ver⸗ einigen können. ... Meine gute Urſula, Du wirſt ſe⸗ hen. Aber um von Herrn von Lanery zu ſprechen, warum ſollen denn mir die gefährlichen Vorzüge, die er beſitzt, beſſer gefallen als Dir?“ — „Warum? Weil Herr Lanery durch ſeine Vermählung mit mir eine Art Mißheirat ſchließen würde, während Du, welche Du die gleichen gefährlichen Vorzüge, wie Du ſagſt, be⸗ ſitzeſt, nur ſehr beglückt in Folge einer ſolchen Heirat ſein kannſt und mußt, wie mich däucht.“ „Urſula, Du biſt närriſch. Herr von Lanery denkt ſo wenig an mich, als ich an ihn, und überdies würde ich, wie Du, ein minder glänzendes, aber um deſto ge⸗ wiſſeres Glück vorziehen“ — „Kurz und gut, Du fin⸗ deſt Herrn von Lanery bezaubernd!“ — „Mein Gott! wie Du ſo boshaft biſt. ... Nun ja doch! wie man Jemand bezaubernd finden kann, den man nur zwei Stunden geſehen hat. „ — „Sei es, und Du findeſt ihn beſonders hinreißend, wenn er nicht mit der Herzogin von Richeville tanzt.“ Ich konnte ein leichtes Erröthen nicht bergen. — „Ja, ſagte ich zu meiner Baſe, „ich weiß nicht, wa⸗ rum vas ſo iſt, ich weiß eben ſo wenig, warum ich er⸗ röthe, indem ich Dich meine Worte widerholen höre.“ — „Warum warum? .. Soll ich es Dir ſagen, ich?“ erwiderte traurig meine Baſe. „Du wirſt ihn lieben.“ — „Urſula, noch einmal, Du biſt närriſch!“ — „Nein, nein, Mathilde ich bin nicht närriſch — ⸗ 186 meine Freundſchaft für Dich, meine Furcht, mich von dir vergeſſen zu ſehen, meine eiferſüchtige Hin⸗ gebung, wenn Du willſt, treten bei mir an die Stelle einer Erfahrung, die ich nicht haben kann, und lehren mich vielleicht mehr als Dich, den Zuſtand Deiner ei⸗ genen Gefühle erkennen .. Mathilde ich mußte dieſe Veränderung in Deinem Leben erwarten, ſie muß einſt eintreten. .. . Vergib .. . vergib mir, daher meine Thränen.“ — Und weinend warf ſie ſich in meine Arme. Ich kann Ihnen nicht ſagen, mein Freund, mit welch tiefer Rührung ich dieſen Beweis der zärtlichen Hingebung Urſula's beantwortete; ich ſuchte ſie durch die liebevollſten Betheuerungen zu beruhigen. „Sieh,“ ſagte ich die Thränen abwiſchend zu ihr, „ich bedurfte' weiter Nichts, um eine gänzliche Ab⸗ neigung gegen Herrn von Lanery zu hegen ich ſchwöre dir — „Mathilde ... ſchweige,“ ſagte Urſuka, mir ſanft die Hand auf den Mund legend „ſchweige ich war dumm, mürriſch, mich von meiner erſten Beweg⸗ ung hinreißen zu laſſen, aber ſie war ſtärker als ich, mein armes Herz war voll, es überſtrömte, und über⸗ vies kann ich Dir nichts verbergen, was ich für Dich oder in Bezug auf Dich fühle.“ uſere Unterhaltung wurde durch Blondeau unter⸗ brochen, welche gleich beim Eintritt ſagte „Ach! mein Gott, Fräulein, die hübſche Equipage! noch nie fuhr eine ähnliche in den Hof des Hotels, gewiß nicht und welch prächtiger junger Mann iſt ausgeſtiegen; er hat nach Fräulein von Maran gefragt und iſt auf der Vortreppe dem Herrn Biſſon begegnet, welcher ohne Zweifel wieder Etwas zerbrochen hat, denn er ging ſehr ſchnell und ohne Hut weg und ſchien ganz außer ſich zu ſein.“ 4 urſula betrachtete mich, ich verſtand ſie Der 187 junge Mann, von dem meine Gouvernante ſprach, konnte nur Herr von Lanery ſein. Dieſer ſo beſchleunigte Beſuch ärgerte mich, es ſchien mir ein Mangel an Takt von ſeiner Seite, und ich entſchloß mich, wenn Fräulein von Maran mich bitten ließe, in den Salon zu kommen, es unter ir⸗ gend einem Vorwande auszuſchlagen. 8 Wir hörten das Rollen einer Kutſche, Blondeau eilte zum Fenſter und ſagte: „Ach! da geht ja dieſer junge Herr wieder weg, ſein Beſuch muß nicht lange gedauert haben.“ Ich fühlte mich ſehr erleichtert und bedauerte bei⸗ nahe, nicht die Gelegenheit gehabt zu haben, meine Anweſenheit im Salon auszuſchlagen. Etwas vor dem Mittageſſen gingen wir hinab und fanden daſelbſt meine Tante allein und dem An⸗ ſcheine nach ſehr zornig. 2 „Nuni“ ſagte ſie, „Sie kennen den neuen Streich dieſes abſcheulichen Alles⸗Zerbrechers, des Herrn Biſ⸗ ſon, wahrſcheinlich noch nicht? Aber, Gott ſei Dank! er wird jetzt keinen Fuß mehr in's Haus ſetzen.“ — „Hat Herr Biſſon wieder Etwas zerbrochen, meine Tante?“ — „Wie! ob er Etwas zerbrochen hat? Ach! ohne Zweifel und das durch die Schuld dieſes Dummkopfs von Servien!“ rief meine Tante mit er⸗ neuter Wuth. „Ich hatte ihm einmal für allemal ver⸗ boten, dieſen ſchändlichen Menſchen allein in meinem Salon zu laſſen. Ich war in meinem Kabinette mit Briefſchreiben beſchäftigt, die Thüre war halb offen, als ich plötzlich einen ſummenden rollenden Ton, wie der einer Schnurre höre; da ich nicht wußte, was das ſein konnte, ſtehe ich auf, trete in den Salon und was ſehe ich? Dieſer abſcheuliche Herr Biſſon ſaß in mei⸗ nem Lehnſtuhl, hielt meine Pendeluhr zwiſchen den Knieen und nüſterte im Innern des Gehäuſes mit mei⸗ ner Scheere herum; er hatte ſchon die große Spring⸗ 188 feder zerbrochen; das war denn auch der ſchnurrende Ton, den ich gehört hatte.“ Fräulein von Maran war ſo zornig, daß ſie un⸗ ſer unterdrücktes Lachen nicht bemerkte und fortfuhr; „Aber, in der That, ich hätte ihn geſchlagen, wenn ich die Kraft dazu gehabt hätte.“ „Sie haben alſo geſchworen, hier Alles zu zer⸗ ſtören! Sie können ſich alſo nicht ruhig halten, Sie abſcheulicher Menſch!“ ſagte ich zu ihm. — „Was wollen Sie denn, däß ich thue, während ich auf Sie warte? Ich, ich habe Langeweile, wenn ich unthätig ſein muß,“ antwortete er mir ſo dumm und kaltblü⸗ tig, indem er die Pendeluhr guf den Boden ſtellte, daß ich mich meiner Treue nicht halten konnte. Ich ward empört, ich habe ihn gkſtoßen, habe ihn gejagt und er lief ganz zerſtört davon.“ — „Und ohne ſeinen Hut mitzunehmen, der hier auf dem Seſſel liegt,“ ſagte ich zu meiner Tante. — „Deſto beſſer!“ rief ſie; „wenn er nur ein tüchtiges Gehirnfieber davontragen würde, damit man ihn als abſcheulichen Narren, der er auch trotz ſeiner Wiſſenſchaft iſt, einſperren könnte.“ Fräulein von Maran mußte ſehr zoruig ſein, denn ſie ſtieß die Liebkoſungen des ehrwürdigen Felir, der brummend ſein Neſt wieder ſuchte, gar unfreund⸗ lich von ſich. Der Anblick des Felir erinnerte mich an die Ta⸗ pferkeit des Herrn von Mortagne, die ich in meiner Findheit ſo ſehr bewundert hatte, da er gewagt, dieſes garſtige Thier zu ſchlagen; ich faßte den Muth, Fräu⸗ lein von Maran zu fragen, wo Herr von Mortagne ſei und ob er bald ankommen werde. Ich glaube, meine Tante hätte mich mit einem Blick zerſchmettern mögen. Was geht das Sie an? Bekümmere ich mich um das, was dieſer Mann thut? Gott ſei Dank! was auch vieſe ſchöne Herzogin, deren Seele ſo ſchwarz wie die Hölle iſt, ſagen möge, es genüge Ihnen, zu 189 wiſſen, daß er da, wo er iſt, gut aufgehoben iſt und lange dort bleiben wird, dieſer abſcheu⸗ liche Jacobiner, verſtehn Sie?“ Ich unterſtreiche dieſe Worte, mein Freund, weil ich wider meinen Willen über den düſtern, faſt wilden Ausdruck ſchauderte, mit welchem meine Tante dieſe Worte ſprach. Ich erinnerte mich unwillkürlich, daß vor zehn Jahren, faſt auf dem nämlichen Platze, ſie einen unverſöhnlichen Blick auf Herrn von Mor⸗ tagne geworfen, indem ſie in ſtummer Wuth die Na⸗ del zerbrach, die ſie in ihren Händen hielt. Ich war ſo erſchrocken, daß ich dem Fräulein von Maran kein Wort zu ſagen noch zu erwidern vermochte. Nach einigen Augenblicken des Schweigens ver⸗ ſetzte ſie: Gontran iſ gekommen, um mir auf die morgige Oper die Loge der Kammerherrn anzubietenz ich habe es angenommen und wir werden gehen.“ Ich glaubte ſehr heldenmüthig zu ſein und Urſula meine Freundſchaft zu beweiſen, indem ich dieſe Ge⸗ legenheit, den Herrn von Lanery wieder zu ſehen, aus⸗ ſchlug. „Ich bin noch müde vom Ball, meine Tante,“ antwortete ich; „ich werde vorziehen, nicht in die Oper zu gehen. — „Sie werden vorziehen, was ich Ihnen vorzuziehen befehlen werde,“ antwortete mürriſch Fräu⸗ lein von Maran. Urſula warf mir einen flehenden Blick zu. „Wenn Sie es durchaus wünſchen, ſo werde ich in die Oper gehen,“ ſagte ich zu meiner Tante. Zehntes Kapitel. Die Oper. Was mir urſula über die Möglichkeit meiner 1 Heirat mit Herrn von Lancry geſagt hatte, verſenkte mich, ſobald ich allein war, in tiefes Rachdenken. Ohne die Bemerkungen meiner Baſe hätte ich mir vielleicht noch lange keine Rechenſchaft von dem Ein⸗ druck ablegen können, den der Neffe des Herrn von Verſac auf mich gemacht hatte. Ich befragte mich offen, indem ich das günſtige Vorurtheil, welches das ausgezeichnete Weſen eines Mannes, eine ſchöne Stimme und ein hübſches Geſicht immer einflößen, bei Seite ſetzte. Ich fragte mich, ob die Erinnerung an Herrn von Lancry mich beunruhige, ob ich einiges Intereſſe für ihn fühle. Es ſchien mir, als ſei er mir ganz gleich⸗ gültig; ich wunderte mich nur, daß, als ich ihn mit Frau von Rocheville tanzen ſah, ich unangenehm be⸗ rührt ſein konnte. Eben darum, weil die Urſache dieſes letzten Ein⸗ druckes mir unerklärlich ſchien, wollte ich ſie durchaus entdecken; es gelang mir,.. Urſulas Bemerkung hatte mir den Weg gezeigt. Ich glaubte immer, die Frauen hätten oft erſt einen feſten Charakter, nachdem ſie ſchon geliebt hät⸗ ten. Sobald aber die erſten Bewegungen, oder wenn man ſo ſagen kann, die erſten Intereſſen der Liebe einmal im Spiel, einmal hervorgerufen ſind, ſo wecken, entwickeln und ſteigern ſie gewiſſe edle oder gefährliche Fähigkeiten der Seele, die nach und nach alle andern verſchlingen. 8 So hatte ich denn mit ſiebzehn Jahren weder eine gute, noch eine üble vorherrſchende Eigenſchaft; es wäre, glaube ich, ſchwer geweſen, meinen Charakter zu zergliedern oder zu beſtimmen. Ich war wechſelsweiſe übertrieben ſtolz und über⸗ trieben demüthig, weil man mir in meiner Jugend wechſelsweiſe bis zum Lächerlichen geſchmeicheld oder mich bis zum Hohn erniedrigt hatte; ich war von Na⸗ tur aus und aus Ueberzeugung fromm; ich fühlte das gebieteriſche Bedürfniß, Gott für Alles, was mir Glück⸗ 191 liches widerfuhr, zu danken. Anfangs trieb ich dieſes zwar lobenswerthe Gefühl bis zu einer tadelhaften Kinderei, ſpäter bis zu gottloſem Danke. Ich war ſo großmüthig, als ich ſein konnte; aber zu meiner Schande geſtehe ich es, daß ich mich nie barmherziger gegen die Unglücklichen erwies, als wenn ich ſelbſt litt; dann ſuchte ich eifrigſt die Leiden Andrer zu lin⸗ dern und ſie zu tröſten. Das Glück riß mich hin, ohne mich ſelbſtſüchtig zu machen; man mußte mein Mit⸗ leid herausfordern, um meine Zuneigung zu gewinnen. Zart oder grauſam, waren meine Gefühle weniger hef⸗ tig als andauernd, ich vergab ein Unrecht, eine Be⸗ leidigung, aber ich vergaß ſie nie, nicht daß ich je einem meiner Beleidiger zu ſchaden geſucht hätte, aber ich rächte mich für mich durch eine beſtändige Ver⸗ achtung. Sis ſehen, mein Freund, daß nichts Scharfes, nichts Bezeichnendes in meinem Charak⸗ ter war. Nun denn! von demſelben Tage an, wo ich Herrn von Lanery zum erſtenmale ſah, fing eine Leidenſchaft, die mir bis dahin ganz unbekannt geblieben, in mir zu keimen anz zuerſt unmerklich, faſt unfühlbar, weil ſie ſich in dem unbeſtimmten Widerwillen, einen mir kaum bekannten Mann mit einer mir unbekannten Frau walzen zu ſehen, beurkundete. Ach! ich brauche es Ihnen nicht zu ſagen, mein Freund, dieſe Leidenſchaft, die einſt alle andern ent⸗ feſſeln mußte, die faſt die Triebfeder meines Charakters werden ſollte, dieſe Leidenſchaft war die Eiferſucht, die bald bezwungene, verborgene und aus Stolz ver⸗ läugnete, bald eingeſtandene, bald mit erniedrigender Demuth beweinte Eiferſucht. . ⸗ . . Von meiner Kindheit an gewöhnt, viel nachzupen⸗ ken und in mich ſelbſt zu gehen, blieb ich bei meiner ziemlich lebhaften Einbildungskraft und meinem ziem⸗ 192 lich durchdringenden Verſtande nicht lange bei der Lö⸗ ſit der Frage, welche meine Baſe mir vorgelegt hatte: Warum waresmir unangenehmer, Herrn von Lanery mit Frau von Richeville, als mit jeder Andern tanzen zu ſehen? Und doch wiederhole ich Ihnen, mein Freund, daß, indem ich Herrn von Lanery ſehr angenehm fand, ich Nichts fühlte, was der Liebe, dieſen erſten Bewegun⸗ gen, die man ſich immer ſo rein und ſo ſüß träumt, hätte gleichen können. Und dann dachte ich überdies, daß ich aus allen Kräften gegen dieſes Gefühl ankämpfen müſſe, das, wenn es in mir entſtünde, mich zur unglücklichſten Frau machen könnte, denn Herr von Lanery würde daſſelbe vielleicht nicht theilen, oder wenn er es auch theilen würde, ſo müßten ſeine Abſichten vielleicht ſei⸗ ner oder meiner Familie mißfallen. Mitten unter dieſen für einen armen ſiebenzehn⸗ jährigen Kopf ſo ernſthaften Betrachtungen, bedauerte ich beſonders die Abweſenheit meines einzigen Freun⸗ des, des Herrn von Mortagne, in welchen ich ein in⸗ ſtinktmäßiges Vertrauen ſetzte. Unglücklicher Weiſe ver⸗ nichteten die letzten Worte des Fräulein von Maran die Hoffnungen, welche Frau von Richeville in mir erweckt hatte, indem ſie mir von der bevorſtehenden Rückkehr meines alten Beſchützers ſprach. Sie begreifen, mein Freund, daß, einmal dem Zuge dieſer Betrachtung hingegeben, einmal feſt ent⸗ ſchloſſen, die geringſten Bewegungen meines Herzens zu erforſchen, ich den Abend, an welchem ich Herrn von Lancry zum zweiten Male ſehen ſollte, mit einer gewiſſen Aengſtlichkeit erwartete. Vir kamen ziemlich ſpät in die Oper; der Sal war völlig und glänzend angefüllt. Die Herzogin von Berry wohnte dieſer Vorſtellung bei. Man gab die Belagerung von Korinth⸗ 193 Als wir in unſere Loge traten, war die erſte Per⸗ ſon, die ich gerade uns gegenüber ſah, die Herzogin von Richeville; eine der Freundinnen meiner Tante, Frau von Mirecourt und ihr Gemahl begleiteten ſie.. Man konnte nichts Eleganteres, nichts Hübſcheres als Frau von Richeville ſehen. Ihr Turban von weißer, ſilber⸗geſtreifter Gaze ſtand ihrer etwas brau⸗ nen Geſichtsfarbe und ihren ebenholzſchwarzen Haaren vorzüglich gut; ſie trug ein kirſchrothes Sammtkleid mit kurzen Aermeln, und ihrer langen Handſchuhe un⸗ geachtet, konnte man ihren vollkommen ſchönen Arm erblicken . Ihre Hand hielt einen ungemein großen Strauß von weißen Roſen, welche, wie man ſagt, eine der größten Seltenheiten ſind, die man ſich im Winter verſchaffen kann. Ich that, was ich konnte, um bei ihrer Schönheit wenigſtens gleichgültig zu bleiben, und doch mußte ich unwillkürlich traurig ſein; die melancholiſche Weiſe des Weber'ſchen Walzers, den ſie mit Herrn von Lanery getanzt, begleitete, ſo zu ſagen, dieſe traurigen Ge⸗ danken. Frau von Mirecourt neigte ſich gegen Frau von Richeville, die kurzſichtig war, um ihr, ohne Zweifel, unſre Ankunft bemerklich zu machen. Die Herzogin nahm ſchnell ihre Lorgnette, und betrachtete mich ſehr aufmerkſam, doch nicht mehr mit der hochmüthigen und übelwollenden Ziererei, die mir Tags zuvor aufgefallen war. Der Vorhang hob ſich. Ich liebte die Muſik ſo ſehr, die Oper däuchte mich ſo ſchön, daß ich mit der Gier einer Koſtſchülerin auf Alles ſah und horchte. Während des Zwiſchenaktes ſah ich Herrn von Lanery ſich der Herzogin von Berry in ihrer Loge vor⸗ ſtellen, welche, ſtatt in ihren Salon zu gehen, die Loge nicht verlaſſen hatte. Madame ſchien Herrn von Lanery mit viel Wohl⸗ wollen zu empfangen, ſie ſprach ziemlich ſuge mit Mathilde. 1. 194 ihm, und als er ſich dann ohne Zweifel aus Anſtand zurückziehen wollte, geruhte Madame, ihn noch einige Augenblicke aufzuhalten. Als er die königliche Loge verließ, war ich be⸗ gierig zu wiſſen, ob er uns einen Beſuch machen würde, bevor er die Herzogin von Richeville zu be⸗ grüßen ginge. Während mehreren Minuten wurde dieſe Neugierde mir faſt zur Qual: mein Herz ſchlug heftig, als ich die Thüre der Loge öffnen hörte, ich zweifelte nicht, daß Herr von Lanery es ſei, und er war es auch. Ich fuhlte mich verwirrt, und wagte nicht, mich umzuwenden. Er ſagte dem Fräulein von Maran und Urſula guten Abend. Meine Tante berührte mich ſachte am Arm und ſagte: „Mathilde! Herr von Lanery.“ Ich wandte mich um und verbeugte mich erröthend. Nach und nach fühlte ich meine Verlegenheit weichen und nahm Theil an der Unterhaltung. Herr von Lan⸗ ery war ſehr liebenswürdig, ſehr geiſtreich. Er kannte ganz Paris, und ganz Paris nahm an dieſer Vor⸗ ſtellung Theil. Ich erinnere mich dieſer Unterhaltung ſehr gut, denn Herr von Lanery erſchien mir in einem ganz neuen und vortheilhaften Lichte. „Wohlan denn, Gontran,“ ſagte Fräulein von Maranzu ihm, „Sie, der Sie überall hinkommen, machen Sie mich ein wenig mit all' dieſer ſchönen Welt da, die ich nicht kenne, bekannt. Sie iſt mir ſo fremd, wie dieſen jungen Mädchen. Seit mehr als vierzehn Jahren habe ich die Oper nie betreten. Die ganze Blüthe der Bankerbſen muß da verſammelt ſein. Sie müſſen die dem Namen oder den Geſichtern nach ken⸗ nen. Die ſind reich, entſetzlich reich. Die halten ſich immer eine Loge in der Oper, während wir Andere beſcheidentlich die Logen des Hofes benützen, welche, Gottlob, die beſten ſind!“ — „Ich wäre da ſehr in Verlegenheit, Madame,“ ſagte Herr von Lanery, „denn 195 während der vier Monate, die ich in England zuge⸗ bracht, haben viele Logen der Bank, wie Sie die⸗ ſelben benennen, ihre Beſitzer gewechſelt. Ich erkenne faſt Niemanden mehr, die Börſe hat ſo viel Lau⸗ nen, ſie macht und zerſtört ſo viele raſche Glücksfälle.“ — „Das fehlte noch, dieſe Leute in beſtändigem Reich⸗ thum zu ſehen! Das wäre ein hübſches Beiſpiel für die andern Uebelthäter,“ ſagte Fräulein von Maran. „Aber wer iſt denn dieſe kleine Frau, in der zweiten Logenreihe mit dem roſafarbnen Barettchen? Sie iſt hübſch, nicht wahr?“ — „Sehr hübſch,“ verſetzte Herr von Lanery. „Sie und ihr Gemahl ſind die Helden einer ſehr ein⸗ fachen und ſehr rührenden Begebenheit,“ fügte er hin⸗ zu mit einem ſchwermüthigen Tone, der mich erſtaunen machte, und ſeiher Phyſiognomie großen Reiz verlieh. — „Ach! mein Gott! ſo erzählen Sie uns doch das, Gontran! Wie heißt ſie, dieſe ſchöne Heldin?“ — „Der Name meiner Heldin iſt ſehr unbedeutend. ... Sie heißen Herr und Frau Düpre,“ ſagte Herr von Lanery lächelnd. — „Düpré! das iſt ja aber ein ſehr ſchöner Name. Iſt er nicht wohl ſo ſchön wie die Düpärc, die Düpont, die Dümont und die Dübvis? Nun, Gontran, laſſen Sie uns den Roman des Herrn und der Frau Düpré hören...“ — „Stellen Sie ſich alſo vor, Madame, daß vor zwei Jahren. .. Und plötzlich ſich unterbrechend, ſagte Herr von Lanerg zu meiner Tante: „Sehn Sie, Madame, Ihr ſpöttiſches Lächeln ſchreckt mich ab! erlauben Sie mir, mich an Fräulein Mathilde und an Fräulein Urſula zu wen⸗ den; ſie werden mich nicht entmuthigen, ſondern, ich es gewiß, ſich für dieſes naive Ereigniß intereſ⸗ ſiren.“ n. Ich hob die Augen und begegnete dem Blick des Herrn von Laneryz da konnte ich mich nicht enthalten, zu erröthen. „Geſchwind! geſchwind! erzählen Sie Ihr Hiſtör⸗ chen dieſen jungen Mädchen. Ich will Sie nicht gn⸗ ſchauen,“ ſagte Fräulein von Maran; „und wenn ich lache, ſo wird es abſeits für mich ſein.“ — „Nun denn, Fräulein,“ ſagte Herr von Lanery zu mir, „Herrund Frau Hüpré hatten eine glückliche Heirat eingegangen..“ „Aber das iſt ja prächtig!“ rief Fräulein von Maran, „das fängt gerade an wie ein Geſchichtchen des Kinderfreundes, oder die von Berquin. Ich frage Sie ein wenig, ob man auch glauben würde, daß ein alter Huſaren-Capitän der Leibwache ſolche Sachen da erzählt! Fortgefahren, fortgefahren, da tritt ſo eben die ſchöne Prinzeſſin Kſernika mit ihrem Gefolge in ihre Loge. Sie werden Ihr Hiſtörchen beendigt haben, bevor der Flaconträger, der Lorgnettenträger, der Fächerträger, der Sträußchenträger, der Programm⸗ träger ihre Amtspflichten erfüllt haben werden. Das iſt eine ſchöne Prinzeſſin, welche an den Erzählungen von Berquin kaum Geſchmack findet!“ — „Ich kenne, Madame,“ ſagte Herr von Lanery mit ſchlimmem Lä⸗ cheln, „den ganzen Unterſchied zwiſchen einer Erzäh⸗ lung von Berquin und der Frau Prinzeſſin Kſernika; aber ich wende mich an dieſe Fräulein, ich brauche ſie nicht um Nachſicht für die ungekunſtelte Erzählung zu bitten, und fahre daher fort: Herr und Frau Dü⸗ prä waren im Genuß eines artigen Vermögens voll⸗ tommen glücklich. Ich weiß nicht, welcher Bankrott oder welch' zu großes Vertrauen ſie gänzlich rninirte. Herr Düpré hatte eine alte Mutter, die er anbetete und die blind warz ſie hatte ihm ihr ganzes Beſitzthum unter der Bedingung überlaſſen, bei ihm und ihrer Schwiegertochter, die ſie zärtlich liebte, wohnen zu fönnen. Als ſie ihren Ruin erfuhren, war der erſte, größte Kummer des Herr und der Frau Düpré, die Armuth ihrer Mutter, welche ſich ſeit langer Zeit an eine, ihrem Alter faſt unentbehrliche Behaglichkeit ge⸗ wöhnt hatte. Sie beſchloſſen daher, ihr dieſes Un⸗ glück zu verheimlichen. Ihre Hinfälligkeit kam ihnen vei Verwirklichung dieſes Planes trefflich zu ſtatten. Einige Ueberreſte ihres Vermögens reichten hin, die Ausgaben der erſten Zeit zu decken. Herr Düpré war der engliſchen und deutſchen Sprache vollkommen kun⸗ dig, er ſchrieb Ueberſetzungen; ſeine Frau malte herr⸗ lich, ſie machte Stammbuchzeichnungen und ſogar Fächer. Durch Arbeit, Entbehrungen, und beſonders durch Geiſtesgegenwart und Gewandtheit gelang es Ihnen, während beinahe zwei Jahren ihre Mutter zu täuſchen, welche, keine materielle Veränderung in ihrer Lebensweiſe entveckend, nicht einen Augenblick das Un⸗ glück ahnte, das über ihre Kinder gekommen war, ein Unglück, welches durch den Kummer, den ſie darüber empfunden, und die Entbehrungen, die ſie ſich hätte auflegen wollen, ihr doppelt ſchädlich geworden wäre. Endlich erhielt Herr Düpré vor einigen Tagen hun⸗ derttauſend Franes nebſt einem Briefe, der ihm an⸗ zeigte, daß dieſe Summe eine Rückerſtattung von Seite des Bankerottirers ſei, der ihn zu Grunde gerichtet habe. Andere ſchreiben dieſes Geſchenk einem geheimen Wohlthäter zu.“ — Was auch viel wahrſcheinlicher iſt, als die Gewiſſensbiſſe eines Gelderpreſſers,“ ſagte meine Tante. — „So viel iſt gewiß, Fräulein, daß durch dieſe Summe dieſe guten, braven, nun zur Ar⸗ beit gewöhnten Leute den verlorenen Wohlſtand bei⸗ nahe wieder erlangt haben und ihre alte Mutter nicht ahnte, daß das Elend in ihrer Nähe weilte.“ — „Das endigt, wie es angefangen hat,“ ſagte Fräulein von Maran, „und beweiſt, daß rechtſchaffenes Benehmen immer belohnt wird. Darum wird auch die ſchöne Prinzeſſin Kſernika, wenn ſie einſt zum lieben Gott kommt, nicht lange dort verweilen.“ — „Sie lachen, Madame,“ erwiederte Herr von Lanery; „wohlan, ich werde den Muth haben, dieſe Anekdote als eine der Thatſachen aufzuſtellen, die unſrer Zeit am meiſten Ehre machen., Und an mich ſich wendend: „Finden Sie nicht, Fräulein, daß eine ſeltene Zartheit in die⸗ ſem Benehmen liegt, Herrſchaft genug über ſich ſelbſt 198 zu haben, um jede Klage, jede unwillkürliche Anſpie⸗ lung auf das Unglück, das man erduldet und mit ſo frommer Sorgfalt verbirgt, zu verdrängen? Mitten unter der nagenden Beunruhigung der Armuth Geiſtes⸗ gegenwart und Seelenſtärke genug zu beſitzen, um ſich den gleichmüthigen heitern Charakter, den die Gewohn⸗ heit des Reichthums gibt, zu erhalten? Iſt es endlich nicht ein edles und rührendes Gemälde dieſe beiden Leute ihre alte Mutter auf ſo religiöſe Weiſe täuſchen zu ſehen, indem ſie ihr durch ihre Arbeit einen kleinen Winkel des neberfluſſes mitten in ihrem kalten Elende ſchaffen?“ — „Ach! ohne Zweifel iſt das ſchön! iſt das bewunderungswürdig!“ ſagte Urſula mit bewegter Stimme und eine Thräne abwiſchend. „Wenn man,“ fügte ſie hinzu, „einen ſolchen Zug erzählen hört, ſo bedauert man nicht, arm zu ſein, da die Armuth ſolche Gefinnungen einflößen kann.“ Ich war ſo gerührt, daß ich keine Worte finden und Urſula um ihrer Antwort willen glücklich hätzte. Herr von Lanery hatte dieſe Erzählung mit aus⸗ gezeichneter, kindlicher Anmuth vorgetragen, was ihr Munde eines ſolchen Mannes einen Reiz mehr verlieh. Während der Herr von Lanerg ſprach, betrachtete ich ihn mehrmals, der rührende Ausdruck ſeiner Phy⸗ ſiognomie gab ſeinen Worten einen neuen Zauber; meiner Anſicht nach konnte man eine ſolche Handlung nicht ſo großmüthig beurtheilen, ohne ſelbſt der Nach⸗ ahmung fähig zu ſein. Ich war ſtumm vor Erſtaunen, denn ich erwartete unter dem glänzenden Aeußern eines Weltmanns dieſe ſanfte Empfindſamkeit nicht. Auch zog ſich mein Herz krampfhaft zuſammen, als ich meine Tante zu Herrn von Lanery ſagen hörte: „Meine Nichte Mathilde iſt mit ihrer angelikaſchweſterlichen Miene ſo boshaft, daß 199 ſie wohl fähig wäre, Ihre Erzählung zu verlachen und zu beſpötteln, mein lieber Gontran.“ Ich erhob lebhaft die Augen zu Herrn von Lanery, als wollte ich ihn beruhigen. Mein Blick traf den ſeinen, der aber ſo traurig, ſo entmuthigt ſchien, daß ich auf dem Punkte war, vor Verdruß und Aerger zu weinen. Ich weiß nicht, wie ſich dieſe Scene ohne die An⸗ kunft des Herrn von Verſae beendigt haben würde, der wenige Augenblicke vor dem Aufrollen des Vorhangs erſchien. Ich fühlte eine tiefe Verſtörung, eine Art Schwin⸗ del, welche die Macht der Muſik nur noch erhöhte; jeder der Gedanken, die mich bewegten, war, ſo zu ſagen, wechſelsweiſe von einer träumeriſchen, zärtlichen oder leidenſchaftlichen Harmonie begleitet, die nur zu ſehr mit dem Zuſtande meines Herzens im Einklange war. Unter gewiſſen Umſtänden hat die Muſik uner⸗ meßlichen Zauber. Sie ſcheint unſere geheimſten, ver⸗ worrenſten und oft ſtrafbarſten Gedanken in einer ſo berauſchenden Sprache wiederzugeben, daß wir uns ihren gefährlichen Verführungen überlaſſen. So in dieſen bewundrungswürdigen Melodieen ge⸗ wiegt, gefiel ich mich in der Erinnerung der rührenden Worte des Herrn von Lanery, ohne einen Augenblick an die Hinderniſſe zu denken, welche dem ſo herrlich in mir erwachenden Gefühle entgegentreten könnten, ich gab mich der ganzen Bewunderung hin, die mir der Charakter, den ich in ihm vermuthete, einflößte. Und als ich zwiſchen dieſen wachen Träumen das braune Antlitz der Herzogin von Richeville vor mir erblickte, ergriffen mich auch die Gedanken der Eiferſucht. Nach beendigtem Schauſpiele blieb ich immer noch horchend, ich war ſo ganz in mich verſunken, daß meine Tante mir zu wiederholten Malen rufen mußte, um mich aus meinen Träumen zu wecken. 200 Man verließ den Sal, ich gab Herrn von Verſae den Arm, Herr von Lanery reichte Urſula den ſeinen. Faſt mechaniſch ſtieg ich hinunter, indem ich weder hörte noch ſah, was um mich her vorging. Im Augenblick, als man uns von der Ankunft un⸗ ſers Wagens benachrichtigte, empfand ich einen ſehr an⸗ genehmen, aber ſehr ſtarken Wohlgeruch, der bauſchige Stoff eines Kleides berührte das meinige, und eine bewegte, einnehmende Stimme ſagte mir faſt in's Ohr folgende Worte: „Hüten Sie ſich, armes Kind. . man will Sie verheiraten .. . warten Sie auf Herrn von Mortagne. . . .“ Ich wandte ſchnell den Kopf um zu ſehen, wer ſo eben zu mir geſprochen, erblickte aber nur den kirſch⸗ farbenen Atlasmantel und den ſilbergeſtreiften Turban der Herzogin von Richeville, welche mit Frau von Mirecourt die Treppen vor mir hinabſtieg. Eilftes Kapitel Vas Geſtändniß. Ein Monat war verſtrichen ſeit dem Tage, an welchem ich mit meiner Tante und dem Herrn von Lancry in die Oper gefahren war. Der Letztere hatte das Fräulein von Maran ſehr regelmäßig beſucht, zuerſt alle zwei oder drei, ſpäterhin alle Tage. e vertrauter wir wurden, je mehr entdeckte ich an ihm tauſend reizende Eigenſchaften, man konnte keinen rechtlicheren, zuvorkommenderen Charakter, ver⸗ bunden mit ſo zarter Aufmerkſamkeit finden. Sein feiner, erfinderiſcher Geiſt wußte die Schmeichelei ſo geſchickt einzukleiden, daß ſelbſt ich ſie annghm, die 201 ich den Lobſprüchen ſo ſehr mißtraute, indem ich mich der ſchändlichen Uebertreibungen meiner Tante, hin⸗ ſichtlich der Vorzüge, mit welchen ich begabt war, er⸗ innerte. Begeiſtert und großmüthig, gab es keine edle Sache, die Herr von Lanery nicht mit Wärme ver⸗ theidigte. Voll Beſcheidenheit litt er ſichtbar, wenn man ihm von den Verdienſten ſprach, welche ihm die, in ſeinem Alter ſo ſeltenen Auszeichnungen verſchafft hatten. Sein Auftreten in der Welt, welcher Gegen⸗ ſtand zwar ſehr ſelten von mir und Urſula behandelt wurde, hatte, wie man leicht einſehen konnte, Herrn von Lanery keine abgeſchmackten Begriffe beigebracht; ſeine Unterhaltung war, wenn man wollte, wo nicht ernſthaft, doch wenigſtens belehrend. Er war viel ge⸗ reist und mit Nutzen gereist. Er ſprach mit unge⸗ meinem Geſchmack über Künſte und war auch der gleich⸗ zeitigen Literatur nicht fremd. Dieſe weitläufige Schilderung ſeiner Vorzüge könnte Sie bereits vermuthen laſſen, daß ich ihn liebte a ich liebie ihn⸗ . Und wie hätte ich ihn nicht lieben ſollen? Bei meiner Tante faſt in der Einſamkeit lebend, nur ihn und ihn täglich ſehend, konnte ich lange dem Zauber widerſtehen, der ihn ſo verführeriſch machte? Ich habe Ihnen ſchon geſagt, wie traurig und einförmig das Leben war, das ich bei Fräulein von Maran führte. Sobald Herr von Lanery auf vertrautem Fuße mit uns lebte, änderte ſich Alles; die Hoffnung, das Ver⸗ gnügen, ihn zu ſehen, der Wunſch, ihm zu gefallen, die Furcht des Mißlingens, die Erinnerungen, die ſei⸗ — ner Abweſenheit folgten, die ſteten Träumereien, kurz die tauſend geheimnißvollen Aengſtlichkeiten der Leiden⸗ ſchaft warfen mich in eine beſtändige Unruhe und die Zeit verfloß mit unglaublicher Schnelle.... Ich liebte ihn. . und ich war wechſelsweiſe ſehr glücklich und ſehr unglücklich durch dieſe Liebe . —— —— 202 Ich war glücklich, wenn ich in den ſeltenen Fällen meines Selbſtvertrauens, in den Tagen meines jugend⸗ lichen Stolzes, des Stolzes auf meine Schönheit, des Stolzes auf mein Herz mich fragte, ob Gontran in einer Andern die Garantieen des Glückes fände, welche ich zu beſitzen und ihm bieten zu können glaubte, ſo er meine Hand verlangen würde ... Ich war unglücklich, o! ſehr unglücklich! wenn, an mir ſelbſt, an meiner Schönheit, faſt an meinem Her⸗ zen zweifelnd, ich nicht zu glauben wagte, daß Gon⸗ tran mich lieben könne, ich überzeugte mich dann ſo⸗ gar, daß er mehr als je an Frau von Richeville an⸗ hänglich ſei.. Dann kamen mir die Worte: „Hüten Sie ſich, armes Kind!“ welches ſie mit ſo einnehmendem Tone in der Oper mir zugeflüſtert, auf's Neue zu Sinn. In meiner Entmuthigung hatte ich nicht mehr die Kraft, dieſe Frau zu haſſen. Ich deutete dieſe Worte, wie wenn ſie zu mir geſagt⸗hätte: „Hüten Sie ſich, armes Kind, man will Sie mit Gontran verheiraten, Sie beſitzen Nichts, deſſen es bedürfte, um ihm zu gefallen, und Sie werden durch unerwiderte Liebe leiden.“ Wenn dann im Gegentheil, mein Vertrauen wie⸗ der wuchs, ſo ſah ich in den Worten der Herzogin eine verſteckte Drohung, eine Art Waffe, das Herz, welches ſie beſaß, zu behaupten. Dieſe verſchiedenen Gedanken drückten mich um ſo mehr darnieder, da ich ſie Niemand anvertrauen konnte. Mein Vormund, Herr von Orbeval hatte Urſula für einige Zeit zu ſich zurückberufen. Unſre Trennung war, obwohl ſie nur von ſehr kurzer Dauer ſein ſollte, nichts deſto weniger ſchmerzlich. In dieſem Augenblicke be⸗ ſonders mußte die Abweſenheit meiner Baſe doppelt fühlbar ſein. Dieſer drückenden Zweifel ungeachtet, beruhigte ich mich dann oft wieder durch den Gedanken, daß Fräu⸗ 203 lein von Maran nicht mit ſolch' offener, beſonderer Zuvorkommenheit den Herrn von Lanery empfangen, wenn er ihr nicht ſeine Abſichten mitgetheilt hätte. Doch hatte weder meine Tante, noch Herr von Verſac nie die geringſte Anſpielung auf eine Heirat zwiſchen mir und Herrn von Lanery gemacht. Endlich erreichten dieſe Qualen ihr Ende. Den fünfzehnten Februar, ich erinnere mich dieſes Datums, dieſer Umſtände, wie wenn ſich Alles geſtern zugetragen hätte, den fünfzehnten Februar war ich al⸗ lein im Salon meiner Tante, wo ich ſie zu finden glaubte; ſie war aber ausgegangen, indem ſie Befehl gab, die Perſonen, welche nach ihr fragen würden, zu benachrichtigen, daß ſie bald wieder zurückkehren würde. Ich las Lamartines „Betrachtungen,“ als ich die Thüre des Salons öffnen hörte; Servien meldete den Herrn Vicomte von Lanery. Noch nie hatte ich mich mit Gontran allein befunden, ich fühlte mich in tödtlicher Verlegenheit. „Man ſagte mir, Fräulein, Ihre Frau Tante werde bald zurückkehren und ſie bitte ihre Beſucher, ſie erwar⸗ ten zu wollen...“ Und nachdem er einen Augenblick gezögert hatte, fügte er mit bewegter Stimme hinzu: „Und ich glaubte nicht, das Glück zu haben, Sie hier zu finden, Fräulein; auch werden Sie mir geſtatten, dieſe ſeltene und köſtliche Gelegenheit zu benützen, um Sie zu bitten, mich anhören zu wollen.“ — „Mein Herr. ich weiß nicht.. was können Sie mir zu ſagen haben?“ antwortete ich ſtammelnd, mit faſt ſchmerz⸗ haftem Herzklopfen. Dann ſagte er mir mit einer zitternden Stimme, deren bezaubernden Accent ich nie werde vergeſſen können: „Bitte, Fräulein, laſſen Sie mich ganz offen ſprechen. und ſeien Sie ſo gut, mir zu verſprechen, auf die gleiche Weiſe antworten zu wollen“ — „ verſpreche es Ihnen, mein Herr.“ — „Wohlan, Fräu⸗ lein, mein Oheim, der Herzog von Verſac, wollte Miß⸗ 204 brauch von einem Geheimniſſe machen, das er erforſcht, ohne daß ich es ihm anvertraut hatte, er war dem⸗ nach entſchloſſen, bei Ihrer Frau Tante für mich um Ihre Hand anzuhalten .. Ich beſchwor ihn, es nicht zu thun.“ Es gebrach mir an Muth.. . Ich empfand einen heftigen Schlag in meinem Herzen und glaubte, Herr von Lanery fühle keine Zuneigung zu mir, ſo daß ich mit ſchwacher Stimme antwortete: „Es war unnöthig, mich zu benachrichtigen . . mein Herr. . .“ Ich konnte nicht enden. — „Nein, Fräulein... das war nicht un⸗ nöthig, erlauben Sie mir, Ihnen zu ſagen, daß ich Herrn von Verſac nicht ermächtigen konnte, Fräulein von Maran hierüber zu befragen, bevor ich Ihre Ein⸗ willigung dazu erhalten.“ — „Alſo um meine Einwil⸗ ligung bitten Sie mich!“ rief ich, ohne meine Freude verbergen zu können, noch zu wollen. Bei einer Bewegung der Ueberraſchung des Herrn von Lanerg bedauerte ich beinahe meine Offenheit, ich fürchtete, er möchte ſie ungünſtig auslegen; ich erröthete, wurde verwirrt und konnte kein Wort weiter ſagen. Nach einigen Augenblicken des Schweigens erwi⸗ derte Gontran: „Ja, Fräulein, Ihre Einwilligung komme ich mir zu erbitten, ohne darauf hoffen zu dür⸗ fen. Sie ſind frei in Ihrer Wahl, und ich hätte immer bedauert, der Gegenſtand irgend einer Frage oder irgend einer Zudringlichkeit zu ſein, die Ihnen unangenehm hätte ſein können.“ — „Mein Herr, ich Gontran unterbrach mich und ſagte mit dem Fone ernſthafter Zärtlichkeit: „Fräulein, noch ein Wort, bevor Sie vielleicht durch einen Korb nicht voreilige Hoffnungen, wohl aber Wünſche, die ich kaum zu näh⸗ ren wagte, zerſtören, geſtatten Sie mir, Ihnen meine Gedanken darzulegen. Sie ſind Waiſe. Sie ſtehen beinahe allein in der Welt. Als rechtlicher Mann ſoll ich die ernſte Sprache mit Ihnen führen, die ich mit * Ihrer Mutter geführt hätte... Sie wiſſen, warum. in dieſer Angelegenheit wende ich mich an Sie.. und nicht an Fräulein von Maran,“ fügte Gontran mit einer bedeutungsvollen Miene bei, die mir bewies, daß er meine Verhältniſſe zu meiner Tante durchſchaut hatte, aus Delikateſſe aber nicht darüber ſprechen wollte. Die zugleich ernſthafte und liebevolle Weiſe, mit der ſich Gontran ausdrückte, rührte mich lebhaft. „Ich verſtehe Sie,“ ſagte ich zu ihm „und ich danke Ihnen.“ — „Wenn Sie mich angehört haben werden,“ verſetzte er, „ſo können Sie, Fräulein, die Zukunft mit ſo viel Gewißheit beurtheilen, als wenn ſie ſchon erfüllt wäre. Ich habe vielleicht wenig Eigen⸗ ſchaften, aber immer war ich loyal und treu in der Vollziehung meiner Worte . . . Ich war immer ent⸗ ſchloſſen, mich nur mit einer Frau zu verheiraten, der ich die achtungsvollſte und lebhafteſte Liebe weihen könnte . . . Dieſe inbrünſtige und heilige Liebe, die ſo wenig dem vergänglichen Geſchmacke der erſten Jugend gleicht, als die Dauer der bald wieder vergeſſenen Verbindungen, welche eine Folge davon ſind, der Dauer des Eheſtandes; im Gegenſatze zu Andern ſchien mir nie Etwas romantiſcher, als eine zartgewählte Verbin⸗ vung .. ſo wie ich mir ſie träumte,.. Um dieſe Wünſche zu erfüllen, braucht man nur mit dem Schatze der Glückſeligkeiten, die ſo lange, als wir, dauern kön⸗ nen, behutſam umzugehen .. . Dann durchſchreitet man mit Entzücken, in gegenſeitigem Vertrauen, ein Leben voll Zärtlichkeit und Liebe, welchem die Erfindungs⸗ gabe des Herzens herrliche Abwechslung verleihen kann. . denn, nochmals, es gibt nichts Romantiſcheres, als der Eheſtand wenn man zu lieben verſteht.“ Ich weiß nicht, warum in dieſem Augenblick die Erinnerung an Frau von Richeville meine Gedanken durchkreuzte. Ich konnte mich nicht enthalten zu Herrn von Lanery zu ſagen; „Und doch, mein Herr, ſind dieſe * 206 bald wieder vergeſſenen Verbindungen, von welchen Sie ſprechen, oft ..“ — „Ach! Fräulein,“ rief er, mich unterbrechend, „kann man ſie je einem rechtmäßigen und wahren Glücke vergleichen? Ach! glauben Sie mir ... wenn man für das ganze Leben liebt, ſo erkennt man ſchnell die Nichtigkeit dieſer ſtrafbaren Zuneigungen. Was iſt ihr Zauber, daß er einer von Gott geſegneten Liebe vorgezogen werden könnte? Weil eine Frau uns vor der Welt und dem Himmel angehört, wird man darum den ganzen Reiz eines bei ihr zugebrachten Abends weniger ſchätzen? Wird man ihre Bevorzugung weniger genießen, weil man ſie täglich vor Aller Augen durch die liebevolle Sorgfalt und Zärtlichkeit verdient haben wird? Sind ihr Verſtand, ihre Anmuth, ihre Erfolge uns weniger werth, weil ihr Blick den unſern unbeſorgt ſuchen und ſagen kann: Genieße dein Werk. Wenn in Geſellſchaft ſie ein Zeichen von uns durch geheimnißvolles, ſüßes Lächeln erwidert, wird dieſes Lächeln weniger ſüß ſein, weil es nicht von ſtrafbarem Einverſtändniß ſpricht? Weil die Blumen, mit'welchen ſie geſchmückt iſt, von der Hand des geachteten Freun⸗ des gewählt ſind, haben ſie darum weniger Glanz und Wohlgeruch? Wenn man reiſen und den Tumult von Paris in Betrachtung der Naturſchönheiten vergeſſen will, muß man denn da durchaus eine Tochter ihrem Vater, eine Frau ihrem Gatten entführen, um die tau⸗ ſend Entzückungen einer Reiſe mit der Geliebten in einem zauberiſchen und poetiſchen Lande zu genießen? „Wäre dann der ſchöne Himmel Spaniens oder Italiens verdüſtert für die, welche ſich lieben können, ohne zu erröthen? O! glauben Sie mir, ich wieder⸗ hole es Ihnen, es liegen unerſchöpfliche Schätze reinen Glücks, romantiſcher Vergnügungen in einer auf die Liebe gegründeten Vereinigung, ſo wie ich ſie mir träu⸗ me... Denn, ich geſtehe Ihnen, es wäre mir unmög⸗ lich, im Ehſtande eine beiderſeitige Vereinzelung, ein gleichgültiges, oder nur anſtandsgemäßes und höfliches 207 Leben zu denken ... O! nein ... nein . ich möchte in dieſem Leben alle Freuden, alle Entzückungen, alle Macht meines Herzens concentriren! Jetzt, ſehen Sie .. da ich die eiteln Genüſſe der Jugend kenne, ſcheinen ſie mir ſo entfernt von der wahren Glückſeligkeit, wie der Aberglaube von der Religion ... Ich weiß nicht, Fräulein, ob Sie mich wohl verſtanden haben, ich weiß nicht, ob ich Ihnen eine ſchwache Idee meiner Gefühle, meiner Gedanken beibringen konnte. Wenn ich hierin glücklich genug wäre, wenn Sie, meine Hoffnungen übertreffend, nur geſtatten würden, den Herrn von Verſac zu der gewünſchten Frage an Fräulein von Maran zu ermächtigen, ſo glauben Sie dem Worte eines rechtſchaffenen Mannes . .. Fräulein . . . von Ihnen geliebt . würde ich mich Ihrer in Allem wür⸗ dig bezeigen.“ Bei dieſen letzten Worten erhob ſich Herr von Lanery, der in einem Lehnſeſſel neben dem meinigen ſaß, mit einer Bewegung rührenden, faſt feierlichen Ernſtes. 2 Ich kann Ihnen, mein Freund, alle die Empfin⸗ dungen, die dieſe für mich ſo neue Sprache in meinem Herzen erweckte, nicht ſchildern; es ſchien mir, als öffne ſich vor meinen Blicken ein glänzender, nie ge⸗ ahnter Geſichtskreis, ein himmliſches Entzücken ergriff mich, denn Gontran's Worte über das Romantiſche eines legitimen Glücks, faßten tauſend bis dahin un⸗ beſtimmte und verworrene Gedanken meines Geiſtes völlig in ſich zuſammen und verliehen ihnen Geſtalt und Bedeutung. Dies entzückende Gemälde der ehelichen Liebe mit den Delikateſſen und den Geheimniſſen hinreißender Veidenſchaft erfüllte mich mit unausſprechlicher Hoffnung. Ich war zu glücklich, um meine Freude verbergen oder die geringſte Verſtellung in meine Antwort legen zu können. Ich fühlte meine Wangen brennen, mein Herz, nicht vor Schüchternheit, ſondern vor großmü⸗ 208 thigen Entſchlüſſen ſchlagen. Ich wollte mit dem Manne, der ſpeben mit ſolcher Aufrichtigkeit zu mir geſprochen, und deſſen Worte mir ein unbeſiegliches Vertrauen ein⸗ flößten, auf gleicher Höhe ſtehen. „Ih werde nicht weniger offen, noch weniger loyal, als Sie ſein,“ ſagte ich zu ihm. „Ich bin Waiſe; ich habe nur Gott und mir ſelbſt Rechenſchaft über die Wahl abzulegen, die ich treffen kann und will . . Ich ſchenke der Liebe, die Sie mir ſo ſüß und ſo ſchön ſchildern, Glauben, weil ich ſelbſt mir oft eine ſolche Zukunft geträumt habe.“ — „Fräulein, wäre es wahr .. könnte ich hoffen?“ — „Ich habe Ihnen verſprochen, aufrichtig zu ſein ich bin es auch; bevor ich Ihnen aber nicht eine Hoffnung, ſondern eine Gewißheit gebe . geſtatten Sie mir meinerſeits einige Worte über meine Gefühle; nehmen Sie das, was ich Ihnen ſagen werde, nicht als den Ausdruck eines, meinen Ge⸗ danken fernen Zweifels .. . Ich liebe meine Baſe wie die zärtlichſte Schweſter. Sie iſt unbegütert, ſie will ſich nach ihrem Herzen verheiraten, und um ſie in den Stand zu ſetzen, wählen zu können, ohne das Intereſſe dabei befragen zu müſſen, wünſche ich, ihr die Hälfte meines Vermögens zuzuſichern. Wenn ſie ſich nicht verheiratet, ſo wünſche ich, ſie immer bei mir zu be⸗ halten .. Geben Sie Ihre Einwilligung, daß ſie auch Ihre Schweſter ſei?“ Zuerſt betrachtete mich Gontran mit Staunen, dann rief er, die Hände faltend: „Welch' edles Herz! welche Seele! Wie ſollte ich eine ſo großmüthige Zu⸗ neigung nicht billigen? was ſage ich! nicht bewundern! Wäre ſie mir nicht die Bürgſchaft Ihrer erhabenen Geſinnungen, ſo ich dieſelben bezweifeln könnte? und dann, kenne ich Fräulein Urſula nicht? Weiß ich nicht, daß ſie eine ſolche Hingebung verdient?“ „O! gut .. gut,“ ſagte ich hingeriſſen, „ich ſehe, mein Herz findet einen Wiederhall in dem Ihrigen. Nun eine letzte 209 Frage .. fügie ich ſtammelnd und geſenkten Blickes hinzu: „Die Herzogin von Richeville. .2 Ich konnte nur dieſe Worte ſagen. Gontran erwiderte mir alſobald: „Ich verſtehe Sie, Fräulein . .. die verbreiteten Gerüchte konnten zu Ihren Ohren gelangen ... Seit meiner Rückkehr aus England oder vielmehr ſeit dem Balle des öſter⸗ reichiſchen Geſandten, ſchwöre ich Ihnen bei meiner Ehre, daß ich nur mit einem einzigen Gedanken ich darf nicht ſagen .. nur mit einer einzigen Perſon beſchäftigt war.“ Ich reichte Gontran die Hand, ohne zwei Thrä⸗ nen, o! zwei ſehr ſüße Thränen zurückhalten zu können. „Wenn Sie die Hand der Waiſe wollen ſo iſt ſie Ihnen .. vor Gott gebe ich Sie Ihnen,“ ſagte ich zu ihm.“ — „Und vor Gott leiſte ich auch den Eid, ſie zu verdienen,“ ſagte Gontran, indem er mit ſo rei⸗ zendem, ſo natürlichem, ich möchte faſt ſagen, ſo from⸗ mem Weſen auf die Kniee fiel, und meine Hand an ſeine Lippen zog, daß in dieſer Bewegung mir Nichts übertrieben ſchien. In meinem Leben hatte ich noch kein ſo füßes, ſo reines und ſo triumphirendes Gefühl zugleich em⸗ pfunden. ch faltete entzückt die Hände und ſprach mit tiefbewegter Stimme: „Mein Gott! Mein Gott! wie danke ich Dir, mir nun ein ſo ſchönes, reizendes Leben zu ſchaffen . Das Rollen eines Wagens im Hofe ließ die Rück⸗ kunft des Fräulein von Maran erwarten. „Mathilde,“ ſagte Gontran zu mir, „wollen Sie mir erlauben, nun ſogleich, hier in Ihrer Gegenwart, meine Bitte an Ihre Tante zu richten? . Dann könnte ich vielleicht dieſen Abend wieder bei Ihnen zu⸗ bringen.“ — „Ol ja, ja,“ rief ich ſreudig, „Sie haben Recht. Sie werden alſo dieſen Abend wiederkommen?“ Fräulein von Maran trat in den Salon. Mathilde. 1. 14 „Ich wette,“ ſagte ſie ſchon an der Thüre zu mir, „daß Sie nicht wiſſen, was Urſula in der Touraine zu thun ging?“ — „Nein, Madame.“ — „Und Sie, Gon⸗ tran?“ — „Ich weiß gar RNichts . . .“ — „Nun denn! ſo weiß ich es. Ich komme vom Notar des Herrn von Orbeval, der auch der meinige iſt; er ſchmierte, kramte aus ſeinen Papieren heraus, errathen Sie was? .. Ich gebe es Ihnen hundert . . ich gebe es Ihnen tau⸗ ſendmal aufzurathen.“ — „Aber, meine Tante . . — „Er ſchmierte Titel, Vergabungen für Urſula,“ ſagte Fräulein von Maran mit großem Gelächter; „für Ur⸗ ſula, die ſich verheiratet.“ — „Urſula verheiratet ſich . ohne es mir zu ſchreiben! In ihrem letzten Briefe ſagte ſie mir kein Wort davon!“ rief ich mit ſchmerzhaftem Erſtaunen.“ — „Warten Sie doch .. warten Sie doch. Pierron hat mir ſoeben, als er den Wagenſchlag ge⸗ öffnet, einige Briefe übergeben, die ich, ohne ſie zu betrachten, in meine Taſche ſteckte; vielleicht iſt Einer von Urſula an Sie dabei.“ Fräulein von Maran durchſuchte ihre Taſche, zog drei Briefe heraus, las ihre Aufſchriften und ſagte? „In der That. da iſt einer für Sie mit dem Stem⸗ pel von Tours.“ — „Madame,“ ſagte Herr von Lan⸗ ery zu meiner Tante, „was ich nun die Ehre haben werde, Ihnen vorzutragen, iſt ſehr ernſthaft. Ich ver⸗ letze ohne Zweifel die angenommenen Gebräuche, indem ich, ohne Sie darauf vorzubereiten, einen ſolchen Ge⸗ genſtand zur Sprache bringe; aber ich bin ſo glücklich, und beſonders ſo ungeduldig, das Vorrecht, das mir vielleicht geſtattet wird, bald möglichſt zu genießen .. daß ich, der Einwilligung Fräulein Mathildens gewiß, Sie um ihre Hand zu bitten komme.“ — „Ach, mein Gott!“ rief meine Tante, „was ſagen Sie mir denn da, Gontran? das iſt ja wie ein Donnerſchlag ich erhole mich nicht. So was hat man noch nie geſehen, eine Heirat auf ſolche Art abgemacht.“ — „Sie reden wahr, Madame, wenn Sie Ihre Einwilligung gäben, und wenn ich meinem Herzen glaube, ſo wäre dieſe Heirat einzig unter allen Heiraten,“ ſagte Gontran, mich anblickend.“ — „Aber ich bin wahrhaftig ganz ver⸗ wundert. Das geſchieht nie ſo, mein armer Gontran! Die hohen Verwandten übernehmen ſolche Eröffnungen und zwar mit allen Arten von Umſchweifen und Vorreden. Man ſpricht oft acht Tage lang davon, und nach noch andern Vorreden läßt man die Kleine kom⸗ men, und ſagt ihr, daß es ſein könnte, daß man ſie einſt zu verheiraten gedächte; daß in ſolchem Falle ein junger Mann, der dieſe, jene und andere Vorzüge be⸗ ſitze, eine anſtändige Partie ſcheinen würde.“ — „Nun denn! meine Tante!“ ſagte ich munter zu Fräulein von Maran, „denken Sie ſich, dieſe acht Tage, dieſe langen Vorreden ſeien abgeſpielt worden und Sie hätten der Kleinen geſagt, daß ſich eine anſtändige Partie zeige ..“ „Nun denn?“ ſagte meine Tante. — „Nun denn, die Kleinè nimmt es mit tiefer Erkenntlichkeit an,“ ſagte ich zu Fräulein von Maran, ihr zum erſtenmal in mei⸗ nem Leben zärtlich die Hand drückend. Ich fand dieſe Hand eiſig. Sie hielt die meinige lange zwiſchen ihren abgemagerten Fingern, indem ſie einen durchdringenden Blick auf mich heftete; dann lächelte ſie nach ihrer Weiſe. Ich könnte ein unbeſtimmtes Schreckensgefühl, das jedoch ſogleich verſchwand, nicht unterdrücken. „Sie wollen alſo dieſen abſcheulichen Geſellen da zum Gemahl, mein Kind?.. Wohlan, es ſei, ich will Sie nicht hindern .. . Ich willige ein . . jedoch mit Vorbehalt des Beifalls Ihres Vormundes, des Herrn von Orbeval, und desjenigen Ihres Oheims. Gon⸗ tran.“ — „Er wollte ſelbſt dieſe Frage an ſie richten, Madame,“ ſagte Herr von Lanery, freudetrunken. „Ach, meine Tante! Sie ſind mir eine zweite Mutter!. . „ rief ich, Fräulein von Maran voll Ent⸗ zücken umarmend. — „Ha, ha, ha! hören Sie dieſe Närrin?“ ſagte meine Tante in ihr gellendes, höhni⸗ ſches Gelächter ausbrechend, „eine zweite Mutter!... Ach! ich hatte geläſtert, Fräulein von Maran den Mutternamen zu geben .. . Gott ſollte mich grauſam dafür beſtrafen ... Um neun Uhr Abends kam, Gontran mit ſeinem Oheim, dem Herrn von Verſac wieder. Er machte meiner Tante die offizielle Anzeige, daß der König die Güte gehabt habe, ihm zu erlauben, ſeinen Herzogtitel und ſeine Pairswürde auf Herrn von Lanery zu über⸗ tragen, wenn dieſer Letztere ſich verheiraten würde. „Das macht, daß Sie einſt Herzogin ſein werden, was gewiß ſehr angenehm iſt, wenn man dieſem mehr als hunderttauſend Pfund Einkünfte beifügt,“ ſagte Fräukein von Maran. Dann fuhr ſie fort: „Da wir von den Einkünften ſprechen, ſo habe ich für dieſen Abend meine Thüre ſchließen laſſen. Wir haben mit Herrn von Verſac den Contrakt zu beſprechen. Die Liebenden haben Nichts dabei zu hören. Laſſen Sie uns daher in Ruhe, und gehn Sie in meine Bi⸗ bliothek.“ Was ſoll ich Ihnen, mein Freund, von dieſem Abende ſagen, der ſo herrlich angewandt wurde, von einer Zukunft, die ſich ſo glänzend aufrollte? War es möglich, ſchönere Vorzeichen eines gewiſſen Glückes zu haben? Geiſt, Schönheit, Zauber, Zartgefühl, Verdienſt, Geburt, Vermögen, beſaß nicht der, mit dem ich mich vermählen ſollte, alle dieſe Vorzüge? Zwölftes Kapitel. Der Prief. Wie groß war meine Ueberraſchung, als ich in mein Zimmer hinauf ſtieg und in meinem Kabinette 213 ein großes Körbchen voll Jasmin und Sonnenblüm⸗ chen, dieſe meine beiden Lieblingsblumen fand. Wir waren im Februar. Seit dieſem Morgen erſt hatte Gontran, ſo zu ſagen, das Recht, mir Blu⸗ men anzubieten; ich konnte nicht begreifen, wie er in ſo kurzer Zeit dieſe Menge Blumen zuſammen zu bringen gewußt, welche in dieſer ſo wenig vorgerückten Jahreszeit noch ſeltener, als köſtlich waren. Ich war tief gerührt von dieſer zarten Aufmerk⸗ ſamkeit. Blondeau erwartete mich, ich erzählte ihr mein Glück, ſprach von allen meinen Hoffnungen. Nachdem ſie mich aufmerkſam angehört hatte, antwor⸗ tete mir dieſe treffliche Frau: „Ich glaube gewiß, Fräulein, daß der Vicomte von Lanery ſo bezaubernd iſt, wie Sie ſagen; einſt wird er Herzog und Pair ſein. .. es iſt möglich, aber erlauben Sie mir, Ihnen zu be⸗ merken, daß, bevor man ſich verheiratet, es immer klug iſt, Erkundigungen einzuziehen.“ — „Wie! Er⸗ kundigungen? Biſt Du närriſch! Hat der Herzog von Verſac, ſein Oheim, nicht hinreichend mit meiner Tante geſprochen ...“ Blondeau ſchüttelte den Kopf. „Die Berichterſtattungen der Verwandten lauten immer günſtig, mein Fräulein, nicht dieſen muß man glauben, oft ſogar nicht dem Urtheile der Welt.“ — „Was willſt Du denn damit ſagen?“ — „Sehn Sie, Fräulein, wenn Sie es mir geſtatten wollten, ſo würde ich Mittel finden, Vieles zu erfahren, indem ich mich mit den Leuten des Vicomte im Geſindezimmer unter⸗ hielte.“ — „Ach! das iſt unwürdig. Und Sie ſind es, Sie, die mir von gemeinem Spioniren ſprechen darf! . . . Bedenken Sie wohl!“ rief ich, „wenn Sie den geringſten Werth auf meine Anhänglichkeit ſetzen, ſo verſprechen Sie mir augenblicklich, an die Leute des Herrn von Lanery nicht die unbedeutendſte Frage zu richten.“ — „Aber, Fräulein, Ihre Tante ja iſt es, die, um wahr zu ſprechen, dieſe Heirat angeſtiftet hat! 214 Vergeſſen Sie denn alle ihre Bosheiten? den Haß, den ſie auf die arme Marquiſe, ihre Mutter, warf, die vor Gram ſtarb! . Sie ſtehen auf dem Punkte, ſich für ewig zu verbinden . . überlegen Sie es wohl, Fräulein. .. Verzeihen Sie mir, wenn ich ſo zu Ih⸗ nen ſpreche. Ich bin nur eine arme Frau, aber ich liebe Sie, wie mein eigenes Kind; dieſes Gefühl leiht mir Gedanken, die über meiner Lage ſtehen, und den Muth, ſie Ihnen mitzutheilen. Armes Fräulein! Sie find ſo zutrauensvoll, ſo gut, ſo großmüthig, daß Sie Niemandem mißtrauen. Es iſt wie bei Fräulein Ur⸗ ſula, die ich trotz ihrer Seufzer und ihrer Duldermiene nicht für aufrichtig halte .. .“ — „Hören Sie mich, Blondeau, ich begreife, daß eine Art eiferſüchtiger Zu⸗ neigung Sie ungerecht über Fräulein von Orbeval ſprechen läßt; auch entſchuldige ich dieſes Gefühl, aber ich bitte Sie, ſich nicht die geringſte Anſpielung auf eine Verbindung zu erlauben, die ich eingehen will weil ſie ehrenvoll und ſchön iſt. Ich weiß, was ich thue, ich bin kein Kind mehr. Nicht Fräulein von Maran hat mir von dieſer Heirat⸗ geſprochen, ich ſprach ihr davon. .. Ueberdieß fühle ich ... daß, würde meine Mutter noch leben, ſie die Wahl meines Herzens billigen würde . .“ — „Fräulein, eine letzte Bemerkung. Wenn, wie Sie nicht zweifeln, die Nach⸗ forſchungen über den Herrn Vicomte ſich günſtig er⸗ weiſen, was kann es Ihnen denn ſchaden, wenn . . „Hören Sie,“ ſagte ich mit entſchiedenem Tone zu Blondeau, „ich kann Sie nicht hindern; nach Ihrem Kopfe zu handeln, aber, ſo ſchwer es mir äuch fallen würde, ja, ſehr ſchwer fallen würde, mich Ihrer Dienſte zu entledigen. .. ſo erkläre ich Ihnen, daß, wenn Sie mir über dieſen Gegenſtand noch ein Wort ſagen, Ihr Loos gefallen iſt und ich Sie auf immer von mir entferne. — „Ach! Fräulein, blicken Sie mich nicht ſo an. Mein Gott! es iſt wie, als Sie noch ganz klein und durch die böſen Rathſchläge Ihrer Tante 2¹⁵ verleitet waren, Sie zu mir ſagten, ich ziehe das Geld allem Andern vor.“ Und die arme Frau zerfloß in Thränen. „Ach!“ ſagte ich zu ihr mit verdrießlicher und bei⸗ nahe harter Ungeduld, „ich war ſo glücklich, müſſen Sie denn mit Ihren lächerlichen Viſionen mir dieſes Glück zerſtören!“ Da ich Niemanden die Sorge über das köſtliche Blumenkörbchen, das mir Gontran geſandt hatte, an⸗ vertrauen mochte, nahm ich es dann und trug es in mein Zimmer. Seit dieſem Tage gewöhnte ich mich, Blumen in meiner Nähe zu haben, ohne Etwas an⸗ deres als eine leichte Schlafſucht, die nicht ohne Reiz iſt, davon zu empfinden. Nach und nach verſchwand die Ungeduld, die mir Blondeau verurſacht, in dem Zauber der Erinnerun⸗ gen dieſes Tages. Meine Selbſtbeſchäftigungen waren ſo mächtig geweſen, daß ich Urſula's Brief, der mir ihre Heirat meldete, noch nicht geöffnet hatte. Ich behielt dieſen Brief nebſt noch einigen ... Hier iſt er. Sie werden beim Leſen deſſelben bemerken, daß der Stol etwas geziert und romanhaft iſt. Ich ſchalt meine Baſe mehrmals über dieſe ihre Schreibart, ohne ſie davon abbringen zu können. Sie, mein Freund, der Sie faſt die ganze Tiefe meiner Freundſchaft für Urſula und die Folgen ihrer Heirat, wie ich, kennen, Sie werden kaum ein bittres Lächeln verdrängen können, wenn Sie dieſe thränen⸗ ſchweren, ſeufzenden Zeilen leſen, in welchen ſie ſich als bejammernswerthes Opfer ſchildert. Dazumal aber hatten ſich die Zeiten noch nicht geändert, ich hatte alle meine Illuſionen und war von Urſula's Unglück tief ergriffen. Um Alles zu ſagen, war dieſer Brief, von voll⸗ kommen kunſtgerechter und ausgebildeter Schrift, mit einem gravirten Steine, der einen Todtenkopf vor⸗ 2¹6 Fellte, ſchwarz geſiegelt, welch bizarres Siegel Urſula beſonders werth hielt. * „Saint⸗Norbet, im Februar 1830.“ „Es iſt geſchehn, Mathilde, Deine arme Urſula iſt hingeopfert; ſie kann nur noch ihr ganzes Leben den Thränen und der Trauer weihen. Kaum darf ſie in der dunkeln Zukunft, die ſie einen von Troſt erblicken, den ſie ohne Zweifel Deiner theu⸗ ren Freundſchaft verdanken wird . . . Aber, mein Gott! warum über den neuen Schlag, der mich ereilt, ſtau⸗ nen? Bin ich nicht ſchon lange an Leiden gewöhnt! Als ein dem Unglück ergebenes Opfer kann ich nur mein Haupt beugen und weinen!. „Verzeihung, meine Freunvin, meine Schweſter, wenn ich Deine Freuden durch die Klagen trübe, die meine untröſtliche Seele aushaucht; denn, ich habe das Vorgefühl, daß Du glücklich, daß Du nach Deinem Herzen glücklich ſein wirſt. . . Du wirſt Dich mit dem vermählen, den Du liebſt. .. So reich, ſo ſchön, ſo liebenswürdig, um zu gefallen, brauchſt Du nur zu erſcheinen .. „Die arme Urſula im Gegentheil, ohne Zauber, ohne Reize, ohne Vermögen, war ſie bei ihrer Geburt ſchon bereits dem Unglück geweiht . . . Was willſt Du? es iſt dies ihre Beſtimmung.. Doch was ſage ich?.. Nein, nein, ich bin ungerecht; habe ich nicht Dich auf meinem Lebenswege getroffen? Haſt Du Dich nicht der kleinen Verlaſſenen erbarmt? Verdankt ſie nicht † Deiner Großmuth, Deiner rührenden Freundſchaft das köſtlichſte der Güter, eine glänzende Erziehung, wie Fräulein von Maran es mir ſtets mit vollem Rechte wiederholte. „Verdankte ich Dir nicht .. . ſchulde ich Dir nicht das ſüßeſte, theuerſte Gefühl meines Herzens? Ach, ohne das ohne die unwillkürliche Hoffnung, die es mir gibt. hätte ich längſt den Tod der Verzweiflung 217 gefunden... Du hätteſt nur noch Deine Freundin zu beweinen. „Höre, Mathilde, Du wirſt ſagen, es ſei eine Narrheit... ſei es... ſo iſt es doch, ich verſichere Dich, eine ſchmerzhafte traurige Narrheit . .. Ich habe düſtere Ahnungen, ich weiß nicht, welches Loos mich erwartet . in jedem Fall möchte ich Dir ein kleines Andenken von mir hinterlaſſen, ich möchte Dir meine Bücher und den kleinen Korallenſchmuck geben, den Du kennſt. „Ach, ich bin unbegütert, ich habe Nichts... Ent⸗ ſchuldige die Armuth dieſes Geſchenkes; es wird Dich wenigſtens an die Tage unſerer gemeinſamen Arbeiten, an die unſchuldige Coquetterie junger Mädchen er⸗ innern, nicht wahr, Mathilde? Du wirſt Deine Freun⸗ din beweinen! Wird nicht ein leiſes Andenken an ſie hie und da an den glänzenden Feſten, deren Königin Du ſein wirſt, in Deinem Herzen auftauchen? ... „Ich möchte hier meine letzte, meine Ruheſtätte finden. Oft ſchon beſuchte ich den beſcheidenen Kirch⸗ hof des Dorfes; er hat nichts Abſchreckendes, es iſt ein grünender Grasplatz, mit einer Hecke von Flieder und Weißdorn umzäumt, die im Frühling mit Blumen bedeckt ſein muß. Hie und da ſieht man einfache, hölzerne Kreuze... O! wie ſüß wäre mir, mit dieſen niedriggebornen Weſen, die in dieſen vergeſſenen Grä⸗ bern ruhen, vereint zu ſein; ich hätte unbemerkt wie ſie, auf dieſer Erde gelebt. „Verzeihe mir, Mathilde, den traurigen Anfang dieſes Briefes, meine Seele iſt zu, tief verwundet, ich mußte mich der Bitterkeit meiner Gefühle überlaſſen. „Du ſollſt jedoch die Urſache meiner Thränen er⸗ fahren .. Ich vermähle mich! Welche Heirat! mein Gott!.. Fahrt wohl ihr jugendlichen Träume! fahrt wohl, ihr ſüßen Hoffnungen! fahre wohl, beſonders Du, o Leben der zärtlichen Hingebung, das ich bei Dir zuzubringen gedachte. Ich wagte einen Augen⸗ 2¹8 blick gegen den unerſchütterlichen und ſchrecklichen Willen meines Vaters anzukämpfen; aber ich fühlte, daß meine Kräfte in dieſem ungleichenKampfe bald abgenützt wären, ich dem Streite unterliegen würde; und dann legte mir noch ein mächtiger Grund die Pflicht der Erge⸗ bung auf. Ich gehorchte; Du ſollſt bald wiſſen, warum. „Vor acht Tagen, es war an demſelben Tage, als ich Dir ſchrieb ohne zu wiſſen, was mir bevor⸗ ſtünde, ließ mich mein Vater in ſein Zimmer kommen. Du haſt meinen Vater nur in der Geſellſchaft oder bei Fräulein von Maran, die ihm ziemlich imponirt, geſehen; er konnte Dir nur ernſt und abgemeſſen er⸗ ſcheinen. Hier iſt er gewöhnt, zu herrſchen und als unbeugſamer Herr zu ſprechen; ſein Antlitz hat einen ganz verſchiedenen Ausdruck: er iſt hart, faſt drohend. „Du biſt unbegütert,“ ſagte er zu mir, „man muß ſuchen, dich zu verheiraten. Ich habe eine unverhoffte Partie für Dich gefunden, einen jungen Mann, der über ſechzigtauſend Livres Einkünfte hat, ohne das in Ausſicht ſtehende, und was er noch gewinnen kannz denn er verwaltet ſein Vermögen trefflich und verſteht die Geſchäfte vorzüglich. Er wird morgen mit ſeiner Mutter hieher kommen. Putze Dich, um ihm zu ge⸗ fallen, denn wenn Du ihm gefällſt, ſo iſt die Heirat geſchloſſen. Vor Allem ſei heiter und einfach, denn Herr Secherin iſt ein gutgelaunter, ganz runder Bur⸗ ſche ohne alle Umſtände. Denke hierüber nach, ich ver⸗ laſſe Dich. Ich muß nach meinem Pachthof bei San⸗ laies gehen. Dieſes unglückliche Beſitzthum koſtet mich in der That mehr, als es einträgt, und Du thuſt wohl, Dich gut zu verheiraten, um nach meinem Tode nicht in einer mehr als mittelmäßigen Lage zu ſein. „Ohne mir die Zeit zu laſſen, nur eine Sylbe zu antworten, ließ mich mein Vater allein. „O! meine Freundin, ich könnte Dir nicht ſagen, in welchen Abgrund ich zu verfinken glaubte, als ich dieſe unheilbringenden Worte hörte, ich, die ich, wie Du weißt, mit Dir von der entzückenden Vereinigung der Seelen geträumt, die ſich früher oder ſpäter be⸗ gegnen, weil ſie ſich unwillkürlich ſuchen. „Ich brachte die Nacht in Thränen zu.. Du wirſt mich vielleicht fragen, gute und zärtliche Schwe⸗ ſter, ob ich Dein großmüthiges Verſprechen, Dein Ver⸗ mögen mit mir zu theilen, um mir eine Heirat nach meinem Herzen zu ſichern, oder bei Dir zu bleiben, bis ich eine anſtändige Partie fände, vergeſſen habe? Nein, Mathilde, nein, ich hatte dieſes Verſprechen nicht vergeſſen! ich wußte, daß Dein Herz groß und edel genug wäre, um es zu erfüllen. .. Daher wollte ich das Opfer, das Du unſrer Freundſchaft gebracht hät⸗ teſt, zur Unmöglichkeit machen. „In Deiner ſo bewunderungswürdigen als un⸗ überlegten Hingebung hatteſt Du nicht an die Zu⸗ kunft gedacht; obwohl beträchlich, iſt Dein Vermögen doch nicht groß genug, ſich alſo theilen zu laſſen. Mit Deinem ganzen Vermögen biſt Du eine ſehr reiche Er⸗ bin und kannſt auf die glänzendſten Partieen Anſpruch machen; würdeſt Du es theilen, ſo verminderten ſich Deine Glücksgüter um die Hälfte. „Ohne Zweifel war, ewig bei Dir zu bleiben, einer meiner ſchönſten Mädchenträume. Aber wer weiß, ob dieſe Anforderung demjenigen gefallen würde, den Du zum Gemahl erwählen wirſt. Großer Gott! lie⸗ ber tauſendmal ſterben, als nur die geringſte Urſache ei⸗ ner unglücklichen Meinung zwiſchen Euch zu ſein! Ich habe mich alſo ergeben, Mathilde. Ich fand die Kraft dieſer Ergebung in meiner Freundſchaft, in meiner Hingebung für Dich! Ich werde das Opfer, das ich mir auferlegt, ewig ſegnen, indem ich bedenke, daß es viel⸗ leicht beitragen konnte, Dein zukünftiges Glück zu ſichern. „Ach! es hat mich viel gekoſtet, ich habe geweint, bitter geweint in der Nacht, die meiner erſten Zuſam⸗ menkunft mit Herr Secherin vorherging. .. „Darf ich Dir Alles ſagen, Dir Alles geſtehen? 220 Ein gottloſer Gedanke hemmte einen Augenblick meine Thränen. . .. Das Haus meines Vaters iſt von tie⸗ ſfen Waſſergräben umringt . . . ich ſtand auf .. öff⸗ nete das Fenſter, maß die Höhe, der Mond war um⸗ wölkt, es war eine traurige Winternacht . der Wind heulte . . . ich bog mich über den Balkon .. . ich ſagte mir: beſſer ohne Zweifel ein ſtrafbarer Tod, als das Leben, das mich erwartet; ein Schwindel ergriff mich; ich hätte mich leicht einer unheilvollen Eingebung über⸗ laſſen, als, ein letztes Lebewohl Allem, was mir theuer war, zurufend .. das will ſagen Dir . . . hielt die Erinnerung an Dich mich auf. . .. Dank ſei Dir noch⸗ mals gebracht, Mathilde! denn dieſe Erinnerung hielt mich am Rande des Abgrunds zurück ... ſie verhin⸗ derte mich, ein Verbrechen zu begehen .. . ich ergab mich, zu leben. . . . „Ach! dies Leben, das ich ſo ſchwach vor dem er⸗ drückenden Kummer vertheidige, wird es ſich nicht bald verzehren? O! wenn es ſo wäre ... wenn es ſo wäre! ich würde Gott ſegnen, mich von dieſer Erde zurückzurufen, ich würde den Tod annehmen als die ſüße Belohnung ſo vieler Opfer, welche ich mir aufzulegen den Muth hatte. „Der unheilbringende Tag erſchien; am Morgen deſſelben erneuerte mein Vater die ſtrengſten Anem⸗ pfehlungen; ich erwartete mit ebenſoviel Beklemmung als düſterer Gleichgültigkeit den Augenblick, wo ich Herrn Secherin vorgeſtellt werden würde. „Trotz den Befehlen, trotz dem Zorne meines Va⸗ ters hatte ich nicht die mindeſte Sorgfalt auf meinen Anzug verwendet. Wie hätte ich den Muth gehabt? mein Gott! ich trug ein ſchwarzes Kleid, das wahre Sinnbild der Gedanken, die mein Herz zerfleiſchten. Meine Haare fielen in langen Locken um mein ſchmer⸗ zensbleiches Antlitz herab, ich war ſo gebeugt von der Laſt des Unglücks, die mich bedrückte, daß Fräulein 221 von Maran mir dießmal gewiß und mit Recht vor⸗ geworfen hätte, mißgeſtaltet zu ſein. „Mein Vater konnte mich wohl ausſchelten, mir eine beſſere Haltung, eine lächelnde Miene anem⸗ pfehlen, ich konnte die peinlichen Empfindungen, die mich bewegten, nicht beſiegen; kaum wandte ich den Kopf, als man Herrn Secherin und ſeine Mutter an⸗ meldete. „Herr Elias Secherin iſt, wie mir mein Vater geſagt hat, in ſehr große Unternehmungen verflochten und vergrößert das Vermögen, das ihm ſein Vater hinterlaſſen, täglich. Ich kann Dir weder von ſeinem Aeußern, noch von ſeinen Manieren ſprechen . denn ich ſehe Alles nur durch einen Thränenſchleier. . „Herr Elias Secherin muß nicht ſchwer zu ver⸗ führen ſein, denn nach ſeiner Abreiſe kam mein Vater, mich zu bekomplimentiren, indem er mich verſicherte, daß ich mich ausgezeichnet gut, einfach und ohne alle Anmaßung benommen und daß Herr Secherin und ſeine Mutter entzückt über mich wären. „Ich bin wie eine arme Gefangene, deren Augen die ſie umgebenden eiſigen Finſterniſſe noch nicht durch⸗ dringen konnten. In dunkeln Umriſſen habe ich Herrn Secherin und ſeine Mutter geſehen, und es bleibt mir nur eine unbeſtimmte Idee von ihnen. Ich habe mehr einige Worte gehört, als angehört. Ich antwortete mechaniſch. Heute unterzeichnet man iden Contrakt, und meine Heirat ſoll morgen oder übermorgen ſtatt⸗ finden, glaube ich. „ „Wenn Du mich in einigen Tagen in Paris ſiehſt, wirſt Du Deine Arme einem armen ergebenen Opfer öffnen. „Verzeih, verzeih, Mathilde, daß ich auf ſolche Art Dein Glück zu trüben kam, denn daß Du glück⸗ lich biſt, daß er Dich liebt, ſagt mir eine geheime Ahnung. Du weißt es ſeit dem Geſandtſchaftsballe. Ich ſagte Dir; Du wirſt ihn lieben, und ich bin ge⸗ witß, daß er ſich dieſer Liebe durch Erwiderung wür⸗ dig gemacht hat. „Glückliche, glückliche Mathilde! ich bedarf der Gewißheit Deines Glückes, damit ſie mir helfe, das Leben zu ertragen, das ich ſo elend dahinſchleppen muß bis die Bürde meiner Leiden zu ſchwer ſein wird. Dann werde ich, dieß Jammerthal verlaſſend, einen letzten, trauernden Blick auf die bei Dir zugebrachten Jahre werfen. . . . „Lebwohl, lebwohl, ein düſteres Lebewohl! Einen Augenblick dachte ich auf den Knieen Deine Gegen⸗ wart bei meiner Vermählung zu erflehen, um Muth zu erlangen; ich überlegte aber bald, daß Dein An⸗ blick, indem er mich an Alles, was ich durch die Tren⸗ nung verliere, erinnern könnte, mir die wenige Kraft, die mir bleibt, vollends rauben würde. . .. Noch ein⸗ mal, lebwohl, wann Du Deine arme Urſula wieder⸗ ſiehſt, wirſt Du, ich bin es gewiß, Mühe haben, ſie wieder zu erkennen. . . „Lebwohl o! lebewohl! Die Kraft gebricht mir; ich habe ſo viel geweint. . . . Dein von ganzem Herzen, von der ganzen Tiefe meines Herzens. Urſula von Orbeval.“ Nachdem ich dieſen Brief geleſen, war ich wie niedergedonnert. Mein vorherrſchender Gedanke war, daß Urſula, wie ſie mir ſagte, ſich in buchſtäblichem Sinne für mich aufgeopfert habe, aus Furcht, meiner Heirat mit Herrn von Lanery zn ſchaden. Dann machte ich meiner Baſe beinahe den Vor⸗ wurf, ſo wenig auf meine Zuneigung und die Gon⸗ tran's gezählt zu haben. Es herrſchte in ihrem Briefe eine ſo tiefe Trauer, eine ſo verzweifelnde NRiederge⸗ ſchlagenheit, daß ich ernſtlich beunruhigt ward und eine Schwindſucht für ſie befürchtete. Noch blieb mir eine Hoffnung. Urſula's Vermäh⸗ lung konnte ja aufgeſchoben werden. Ich entſchloß . 22 mich, den folgenden Morgen Gontran zu bitten, ſchleu⸗ nigſt nach der Touraine abzureiſen, er ſollte meine Baſe beſchwören, dieſe Verbindung aufzulsſen und ſie in eigner Perſon verſichern, daß die Ausführung meiner Verſprechungen nicht die geringſte Schwierigkeit bei unſrer Vermählung verurſachen würde. Ich brachte eine ſehr unruhige Nacht zu und er⸗ wartete Gontran's Ankunft am folgenden Morgen mit der größten Aengſtlichkeit. Er zögerte keinen Au⸗ genblick, zu Urſula zu eilen, er begriff, er theilte meine Beſorgniſſe, meine Hoffnungen mit anbetungswürdiger Güte. Er ſollte Fräulein von Maran hievon Nichts wiſſen laſſen und ſogleich abreiſen. Wir beſprachen dieſen für mich ſo wichtigen Gegenſtand, als man mir einen Brief von Tours einhändigte. . .. Urſula's Heirat war vollzogen. Ihr geſtriger Brief war einige Tage liegen geblieben. Dieſe Nachricht machte mich niedergeſchlagen. Ich war in meiner Liebe zu Gontran ſo glücklich, daß ich beſſer als je begriff, wie ſchrecklich Urſula's Schickſal ſein mußte. 1 Meine Baſe meldete mir, daß ſie in wenig Tagen mit ihrem Vater und ihrem Gemahle nach Paris kom⸗ men werde, woſelbſt ſie das Ende des Winters zuzu⸗ bringen gedächten. Ich ging in mein Zimmer, um meiner Baſe zu ſchreiben, um mich über ihren Mangel an Vertrauen zu beklagen, um ſie zu tröſten, zu ermuthigen, um ihr endlich die Vortheile zu zeigen, welche vielleicht ihr untröſtlicher Schmerz ſie in dieſer Verbindung über⸗ ſehen ließ. Ich fand Blondeau in meinem Arbeits⸗ zimmer, welche mir ſagte, daß eine Frau, die mich für ein gutes Werk anzuſprechen gedächte, um eine Unter⸗ redung bitte, worauf ich ihr befahl, ſie eintreten zu laſſen. Ich ſah eine in einen Mantel gehüllte Frau, deren Züge durch einen ſehr dichten ſchwarzen Schleier p völlig unkenntlich waren. Blondean entfernte ſich. Die 224 Frau ließ ihren Mantel fallen, und hob ihren Schleier⸗ Es war die Herzogin von Richeville. Dreizehntes Kapitel. Vie Unterredung. Ich war ſo erſtaunt und beinahe ſo erſchrocken beim Anblick der Frau von Richeville, daß ich mich an der Lehne eines in meiner Nähe befindlichen Arm⸗ ſtuhls hielt. Die Züge der Herzogin drückten jedoch nichts Drohendes aus. Sie ſchien mir ſehr verändert, ſehr abgemagert; ſie war heftig bewegt und betrachtete mich mit Theilnahme. Als ob ſie mich veranlaſſen wollte, ſie anzuhören und ihr mein Vertrauen zu ſchenken, beeilte ſie ſich mir zu ſagen: „Wie ſeltſam Ihnen auch mein Beſuch erſcheinen mag, Fräulein, ſo beruhigen Sie ſich. Ich komme im Namen eines unſrer gemeinſchaftlichen Freunde, des Herrn von Mortagne.“ — „Iſt er denn hier, Madame?“ — „Leider nein; und obwohl er täglich erwartet wird, kann ich Ihnen noch Nichts von ſeiner geheimnißvollen Reiſe ſagen . .. aber, ich kenne die Theilnahme, die er Ihnen weiht ... Vor acht Jahren als er vor ſeiner letzten Zuſammenkunft mit Fräulein von Maran ankam, hat er mir Alles erzählt. . den Familienrath, den Auftritt mit Ihrer Tante, als er Sie in ſeine Arme nahm und trotz dem Bellen des Felir in das Zimmer des Fräulein von Maran brachte. Ich berühre dieſe Nebenumſtände, um Ihnen zu beweiſen, daß dieſer Mann, der groß⸗ müthigſte der Männer, mir ſein volles Vertrauen ſchenkte. Im Namen dieſes Vertrauens komme ich, 2⁵⁵ das Ihrige zu erbitten, Fräulein.“ — „Das meinige . Madame Sie?⸗ Ich betonte das Wort Sie ſo ſehr, daß Frau von Richeville bitter lächend erwiderte: „Armes Kind! könnten Sie, noch ſo jung, ſchon den Verläumdungen 3 der Welt glauben ? Hätte die Welt dieſe engelgleiche Gute, die Herr von Mortagne in Ihnen erblickte, und die aus allen Ihren Zügen leuchtet, ſchon zerſtört?. .. Warum dieſe kalte Aufnahme . . des Schrittes, den nur Ihr Intereſſe gebietet, des Schrittes, zu dem ich, ſo zu ſa⸗ gen, durch einen der beſten Freunde Ihrer Mutter er⸗ mächtigt wurde ſagen Sie . warum eine ſolche Aufnahme?“ Es iſt unmöglich, den einſchmeichelnden Zauber der Stimme der Frau von Richeville wieder zu geben, und den zugleich ſo traurigen und liebevollen Blick zu ſchildern, mit welchem ſie ihre Worte begleitete; ich ward trotz der heimlichen Eiferſucht, die ich gegen ſie empfand, bewegt und antwortete Ihr mit weniger Kälte: „Erlauben Sie mir, mich über einen Veſuch zu verwundern, den zu hoffen ich nicht berechtigt war, da ich nicht die Ehre habe, Sie zu kennen, Ma⸗ dame.“ — „Sagte ich Ihnen nicht vor ungefähr einem Monate als wir die Oper verließen, die Worte: „Armes Kind, hüten Sie ſich!“ — „Ich hörte dieſe Worte in der That, Madame; aber ich wußte nicht, zu welchem Zweck ſie mir geſagt wurden.“ — Sie wußt en es nicht?“ ſagte Frau von Richeville mit ei⸗ nem durchdringenden Blicke zu mir, der mich erröthen machte. 3 Da ſie ohne Zweifel meine Verwirrung nicht ver⸗ mehren wollte, ſo fuhr ſie fort, indem wo möglich ihr Blick und ihre Stimme noch liebevoller wurden. Hören Sie mich an .. Um meinen Worten den nöthigen Glauben zu verſchaffen . .. um den Gegen⸗ ſſtand, der mich hieher fuhrt, behandeln zu können, ohne der Hinterliſt von Ihnen beſchuldigt zu werden, Mathilde. 1. 15 muß ich Ihnen einige Erklärungen über die Vergan⸗ genheit geben. Herr von Mortagne war von jeher mein Freund; er hat mir einſt einen jener Dienſte erwieſen, die eine großmüthige Seele nur mit lebens⸗ länglicher Freundſchaft bezahlen kann, und wenn ich ſage Freundſchaft.. ſo ſpreche ich von den heiligen Pflichten, die ſie auferlegt. .. Ich weiß nicht, mit welch' ſchwarzen Farben mich Ihre Tante in Ihren Augen geſchildert. . aber einſt werden Sie, ich hoffe, erfahren, daß meine tödtlichſten Feinde nie meinen Muth und meine Hingebung für meine Freunde zu beſtreiten wagten .. Später dürften Sie vielleicht den Beweggrund meiner ewigen Dankbarkeit gegen Herrn von Mortagne wiſſen. .. Ich kannte, ich kenne die ganze Theilnahme, die er Ihnen weiht... Nun, was er liebt, liebe auch ich.. Das iſt ſchon ein Grund, warum ich mich lebhaft für Sie intereſſire nicht wahr? Ich habe mir bittern Haß zugezogen aber keinen heftigern, unverſöhnlichern, als den des Fräu⸗ lein von Maran . . . Ich weiß, daß Ihre Tante Alles that, im Ihre Kindheit unglücklich zu machen. jetzt thut ſie Alles, um Sie zur unglucklichſten der Frauen zu machen.. Sie ſollten ſie wenigſtens eben ſo ſehr, wie ich, haſſen.. Das iſt noch ein Grund, warum Sie mich intereſſiren... Sie Ihren boshaften Anſchlä⸗ gen entreißen, Ihnen neue Niederträchtigkeiten ent⸗ hüllen. meine Freundſchaft, meine Dankbarkeit dem Herrn von Mortagne endlich beweiſen, indem ich für Sie handle, wie er ſelbſt gethan hätte.. das ſind, wie mir ſcheint, mächtige Beweggrunde genug, um Ihnen die Theilnahme, die ich Ihnen beweiſe, zu er⸗ klären. — „Madame, ich konnte mich uber Fräulein von Maran zu beklagen haben; ſie hat aber ſeit eini⸗ ienen ſo viel für mich gethan, daß ich einige iderwärtigkeiten meines S vergeſſen muß.“ ch betonte die Vorte, ſie hat ſo viel für mich gethan, abſichtlich, damit ich der Frau von „ — 297 Richeville zu verſtehen gäbe, daß ich von meiner Hei⸗ rat mit Gontran ſprechen möchte. Die Herzogin ſchüttelte traurig den Kopf und ſagte: „Sie hat ſo viel für Sie gethan? .. Ja, Sie ſprechen wahr ... noch nie that Sie ſo viel für Ihr Unglück.“ Von dieſem Augenblick an glaubte ich den Ge⸗ genſtand des Beſuchs der Frau von Richeville zu er⸗ rathen. Sie liebte Gontran. Seine Heirat mit mir machte ſie wüthend vor Eiferſucht, ſie war ſo gewandt, als verſchlagen, und kam ohne Zweifel, Herrn von Lanery zu verläumden, um eine Verbindung, die ſie verabſcheute, zu zerreißen. Von dieſem Gedanken ausgehend, wurde mir Gon⸗ tran Anfangs nur noch theurer, indem ich ſah, wie ſehr man mir ſein Herz ſtreitig machte. Ich war faſt ſtolz, eine ſo ſchöne, ſo übermüthige, ſo die Welt ver⸗ achtende Frau, wie Frau von Richeville, zu einer Ver⸗ kleidung und der geſchickteſten und ausgedachteſten Falſchheit Zuflucht nehmen zu ſehen, um demüthig eine gehäſſige Rolle bei mir zu ſpielen. Feſt entſchloſſen, das Benehmen der Herzogin aus dieſem Geſichtspunkte zu betrachten, antwortete ich ihr ſehr trocken: „Ich wiederhole Ihnen, Madame, daß ich jetzt nur höchſt erkenntlich und gerührt ſein kann bei Allem, was Fräulein von Maran für mich thut „Das muß ſo ſein,“ ſagte Frau von Richeville, „und weil es ſo iſt, weil Sie blindlings in die Ihnen be⸗ reitete Falle ſtürzen können .. unglückliches Kind, ſo komme ich zu Ihnen; Sie ſind von Allen verlaſſen, Sie ſtehen ganz vereinzelt! Blicken Sie um ſich, wen können Sie berathen, wem ſich anvertrauen? ſeit Ihr einziger Freund. .. Ihr einziger Beſchützer in der Ferne lebt?. „ „Niemanden ... Sie haben Recht, Madame „ — „Niemanden? nicht einmal mir, wollen Sie ſagen? Das iſt grauſam, Mathilde. O! dieſe Vertraulichkeit beleidige Sie nicht. Zch bin faſt noch ein Mal ſo alt als Sie, und ich weiß wahrhaftig nicht, was ſagen und was thun, um die eiſige Kälte zu brechen, die Sie von mir entfernt hält. Verzeihen Sie, wenn, indem ich zu Ihnen ſpreche, ich mich vielleicht zu zärtlicher Ausdrücke bediene .. Denn, mein Gott! kann ich in dieſem Augenblicke abwägen, was mir mein Herz eingibt? .. Es bedurfte meines ganzen Vorurtheils und mei⸗ ner Eiferſucht gegen Frau von Richeville, um durch den anmuthsvollen Zauber, mit welchem die Herzogin dieſe letzten Worte ſprach, nicht entwaffnet zu werden. Und wie denn das gar oft vorkommt, daß in der Lage, in welcher ich mich befand, gewiſſe Worte ent⸗ weder uns tief bewegen, oder aber uns um ſo mehr empören, je mehr ſie einen Seelenſchmerz auszuſprechen ſcheinen, ſo antwortete ich der Frau von Richeville: „Madame, ich wünſchte den Zweck dieſer Unterredung zu kennen; wenn es kein anderer iſt, als meinen alten Groll gegen Fräulein von Maran wieder aufzuwecken, ſo kann ich Ihnen, indem ich für die Theilnahme, die Sie mir im Namen des Herrn von Mortagne erwei⸗ ſen, danke, nur wiederholen, daß ich jetzt Fräulein von Maran nur loben kann.“ — „Sie müſſen ſchon ſehr gelitten haben, ſchon ſehr betrübt geweſen ſein, um ſich mit ſiebenzehn Jahren ſo ſehr beherrſchen zu kön⸗ nen,“ ſagte Frau von Richeville, mich mit dem Aus⸗ vruck ſchmerzlichen Mitleids betrachtend, „oder aber Ihre Vorurtheile gegen mich müſſen unbezwinglich ſein...“ Dann zu ſich ſelbſt ſprechend: „Wozu es wa⸗ gen?. gleichviel! Es iſt eine Pflicht..“ Und gegen mich ſich wendend, ſagte ſie lebhaft: „Ja, es iſt eine Pflicht, und ich werde ſie erfüllen... Man will Sie an Herrn von Lanery verheiraten!“ — „Fräulein von Maran und der Herzog von Verſac haben einen Ent⸗ ſchluß, den Herrn von Lanery und ich gefaßt, beſtätigt, Madame. Und die Verlobung iſt vollzogen,“ antwor⸗ tete ich, ganz ſtolz, ganz triumphirend, meine Neben⸗ — 2 buhlerin mit dieſen, im Munde eines jungen Mädchens vielleicht unſchicklichen Worten vernichten zu können. „Wiſſen Sie, was Herr von Lanery iſt?“ — „Madame..“ — „Wohlan! ich will es Ihnen ſagen, ich. Herr Lanery iſt ein ſchöner Mann, ein Mann voll An⸗ muth, Geiſt und Tapferkeit, von vollkommenem Aeu⸗ ßern, von ausgezeichneter Eleganz; Sie wiſſen das, nicht wahr? unglückliches Kind! Dieſe glänzende Au⸗ ßenſeite hat Sie verführt, ich mache Ihnen keinen Vorwurf darüber; aber unter dieſer glänzenden Außen⸗ ſeite birgt ſich ein gefühlloſes Herz, ein unlenkſamer Egoismus, eine unerfättliche Gier, die ſich in zügel⸗ loſem Spiel zu befriedigen ſucht. Er hat ſchon ſeit längerer Zeit ſein Vermögen beinahe gänzlich verſchwen⸗ det; er hat bedeutende Schulden; glauben Sie mir, Mathilde, Fräulein von Maran hat dieſe Heirat ge⸗ ſucht und angezettelt, um Sie in einen Abgrund uner⸗ meßlichen Elends zu ſtürzen: auch beſchwöre ich Sie im Namen Ihres Freundes, Herrn von Mortagne, warten Sie ſeine Rückkunft, die nächſtens erfolgen ſoll, ab, bevor Sie dieſe Verbindung ſchließen; Sie wiſſen nicht, welchen Mann Sie gewählt haben! Noch ein⸗ mal, ich bitte Sie dringend, erwarten Sie Herrn von Mortagne; erwarten Sie ihn, bei dem Andenken Ihrer Mutter!“ — „Genug, Madame!“ rief ich entrüſtet. „Ich werde nicht dulden, daß der Name meiner Mut⸗ ter zu einer Verläumdung angerufen werde, zu welcher ſich zu erniedrigen, Sie... Sie, Frau Herzogin... nicht befürchten... Ach, Madame, welch' ein Leid habe ich Ihnen zugefügt, daß Sie es wagen, das, was ich als das einzige Glück, als die einzige Hoffnung meines Lebens betrachtete und Gott ſei mein Zeuge, noch jetzt betrachte, zu vergiften? Ach! ich bede vor Entſetzen, wenn ich bedenke, daß dieſe gehäſſigen Worte in jedem andern Munde, als dem Ihrigen, vielleicht das Vertrauen, die Bewunderung und die Liebe, die ich Herrn von Lanerp ſchenke, geſtört oder geſchwächt W . hätten...“ — „Sie hätten vielleicht dieſen Worlen gelaubt, wenn eine Andere, als ich, zu Ihnen ge⸗ ſprochen hätte?“ wiederholte Frau von Richeville, in⸗ dem ſie mich aufmerkſam betrachtete und den Sinn meiner Gedanken zu ſuchen ſchien. „Warum ſchenken Sie mir weniger Vetrauen, als jeder Andern? — „Warum? Sie fragen mich? Aber es handelt ſich ja von Herrn von Lancry, Madame... Und ſo verein⸗ zelt ich ſtehe, ſo haben gewiſſe Gerüchte. ..“ — „Ach! das unglückliche Kind! ſie hält mich fur eiferſüchtig we⸗ gen Herrn von Lanery!“ rief Frau von Richeville mit einem Tone der Ueberraſchung und beinahe des Schre⸗ ckens. „Dann iſt Alles verloren, Mathilde! Sie glau⸗ ben daran... Mein Gott! mein Gott! ich mußte wohl ſehr verläumdet werden bei Ihnen, daß Sie mich einer ſo ſchlechten Handlung fähig glauben! In Herrn von Lanery verliebt, komme ich, ihn bei Ihnen zu ver⸗ läumden, um eine Heirat zu hintertreiben, die mich in Verzweiflung brächte? Sagen Sie, ſagen Sie! nicht wahr, das glauben Sie?“ — „Erlaſſen Sie mir eine Antwort, Madame!“ — „Nun denn! ſo will ich Ihnen ein Geſtändniß machen. Es iſt ſchmerzhaft, o! es iſt grauſam, aber was liegt mir daran? es kann Sie retten.“ Nach langem Zögern ſagte Frau von Richeville endlich tief erröthend, mit bewegter Stimme und ſicht⸗ licher Verwirrung: „So wiſſen Sie denn, daß ich, wie Sie.. Herrn von Lanery geliebt habe, ja, wie Sie war ich durch ſeine glänzende Außenſeite ver⸗ führt.. Aber bald entdeckte ich, was Alles von Egois⸗ mus, Gleichgültigkeit, Härte, ja ſogar von Grauſam⸗ keit in ihm lag, wenn ſeine Eitelkeit befriedigt war. Auch weiß ich jetzt noch nicht, ob meine Seele mehr Haß oder Verachtung für ihn fühlt.“ Dieſe letzten Worte der Frau von Richeville ſchie⸗ nen mir ſo gehäſſig, ich, alle Rückſichten verge * 231 ſend, ausrief: „Und doch, Madame, damals an dem Geſandtſchaftsballe.. dachten Sie nicht ſo!“ Frau von Richeville zuckte die Achſeln mit einer Bewegung ſchmerzlicher Ungeduld: So hören Sie mich doch. Sie werden erfahren, warum ich an die⸗ ſem Balle ſo gehandelt habe, und werden Herrn von Lanery kennen lernen. Vor ungefähr einem Jahre erlitt ich ein großes Unglück; ich war untröſtlich, die bedauerns⸗ würdigſte der Frauen... Möchten Sie, Mathilde, nie erfahren, wie ſchwach uns das Leiden macht, möchten Sie nie unglücklich ſein, um den gefährlichen Zauber einer Freundesſtimme, die uns tröſtet und uns beklagt, nie kennen zu lernen! Ich glaubte den Betheurungen des Herrn von Lanerh, ich liebte ihn aufrichtig und mit Hingebung; ich war ihm die beſte, die zärtlichſte der Freundinnen und lebte damals beinahe in der Zurückgezogenheit, indem ich nur bedacht war, allen ſeinen Wünſchen und Gedanken zuvorzukommen. Eines Tages erwarte ich ihn vergeblich, ich werde unruhig, ſende zu ihm... Er war denſelben Morgen nach Lon⸗ don abgereist und überließ der Welt die Sorge, mich erfahren zu laſſen, daß er in England, ich weiß nicht, welches Theatermädchen wieder finden würde, das er mir ſeit einigen Tagen zur Nebenbuhlerin gegeben hatte. Dieſes Benehmen war ſo roh, ſo feige, daß ich mei⸗ nen Zorn auf mich ſelbſt wandte. Ich war entrüſtet, die Betrogene eines ſolchen Mannes zu ſein. Zu mei⸗ nem großen Erſtaunen erſetzte gänzliche Gleichgültigkeit und Verachtung die Gefühle, die ich am Abend zuvor unzerſtörbar wähnte. Es gibt ſo elende Beleidigungen, daß ſie nicht Zorn, ſondern Mitleid einflößen. Als ich Herrn von Lanery am Geſandtſchaftsballe traf, ſah ich ihn zum erſtenmale wieder, ſeit er mich ſo ſchmählich verlaſſen. Trotz ſeiner Sicherheit ward er verlegen.. Ich empfand Nichts.. Nichts als den Wunſch, ihm meine Verachtung zu zeigen, indem ich ihn mit einer anſcheinenden Freundlichkeit behandelte, als ob ich mit ihm auf dem vertrauten Fuße alter Freundſchaft ſtünde... meine Rache ging nicht weiter. Aber für einen Mann von Herrn von Lancry's Charakter, und überhaupt für alle Männer .. . gibt es nichts Verletzenderes, Empfind⸗ licheres, als das Opfer, vas ſie ſich erkoren, gleichgül⸗ tig lächeln zu ſchen... Ich habe Ihnen geſagt, mit welcher Theilnahme mir Herr von Mortagne von Ih⸗ nen geſprochen, ich betrachtete Sie mit liebevoller Neu⸗ gierde, als Fräulein von Maran mich unterbrach, um mir einige ſchneidende Worte zu ſagen, deren tiefere Bedeutußg Sie nicht verſtehen konnten. Ich hatte Herrſchaft genug über mich, um ihr nur durch eine Thatſache zu antworten, die ihr Entſetzen bereiten mußte ... Durch die Anzeige der Ankunft des Herr von Mortagne, der, wie ich beſtimmt weiß, das Opfer eines abſcheulichen Anſchlags war. In Bälde werden Sie ihn ſehen.“ — „Mein Gott, Madame, rief ich, „was bedeutet das?“ — „Ich kann es Ihnen noch nicht ſagen,“ erwiderte Frau von Richeville, „aber bald wird er hier ſein. Darum bitte ich Sie dringend, ihn zu erwarten, bevor Sie dieſe unſelige Heirat ab⸗ ſchließen... Noch einige Worte,“ fügte die Herzogin bei, als ſie meine Ungeduld ſah, „und ich verlaſſe Sie. Schon am Abend ves Geſandtſchaftsballes waren die Pläne Ihrer Tante und des Herrn von Verſac kein Geheimniß mehr. Man ſagte überall, der Herzog habe ſeinen Neffen dieſer reichen Heirat wegen aus England zuruckkommen laſſen. Als ich Sie dann am zweitfol⸗ genden Tage in der Oper und in der Loge der Kam⸗ merherrn ſah, zweifelte ich nicht mehr an der Wahrheit dieſer Geruchte. Ihre Tante und Herr von Verſac hatten dieſelben vorfätzlich beſtätigt, indem ſie Sie in der großen Loge der Oper mit Herrn von Lancry zuſammen⸗ treffen ließen, um jede andre Pattie, die ſich hätte zeigen können, abzuſchrecken. Fräulein von Maran wußte, vaß ein junger Mann won welchem ich Ihnen bald ſprechen werde, für den ſich Herr von Mortagne 23³3 lebhaft intereſſirte und der Sie am Geſandtſchafts⸗ balle, wo Sie großen Eindruck auf ihn gemacht, ge⸗ ſehen hatte, um Ihre Hand anhalten ſollte. ... Ich ahnte die Gefahr, in der Sie ſchwebten. Als wir die Oper verließen, ſagte ich Ihnen: „Armes Kind, hüten Sie ſich! Ich wollle mich nicht auf die kurze Warnung beſchränken.. Was ich Ihnen heute ſage, wollte ich Ihnen ſagen, bevor Herr von Lanery Eindruck auf Ihr Herz gemacht hätte; mit den Vorzügen, die er verei⸗ nigt, begabt, von Ihrer Tante begünſtigt, mußte er Ihnen gefallen. .. Unglucklicherweiſe ward ich am Tage nach dieſer Vorſtellung in der Oper krank und ſpäter ſo ſchwer krank, daß ich meinem Vorſatz nicht Folge leiſten konnte... In dieſer äußerſten Noth ent⸗ deckte ich mich in vollem Vextrauen der Frau von Mirecourt, einer meiner beſten Bekannten, die Ihre Tante oft ſieht; ich beauftragte ſie, ihr Möglichſtes zu thun, um heimlich mit Ihnen zu ſprechen, Sie über die Heirat, die man für Sie beabſichtigte, aufzuklären, und Sie dringend zu bitten, die Rückkunft des Herrn von Mortagne abzuwarten. Ihre Tante mißtraute der Frau von Mirecourt, ſie kannte unſre Verbindung und verhinderte Ihr Alleinſein mit Ihnen. Dazumal verwünſchte ich die Leiden, die mich im Zimmer zurück⸗ hielten, noch mehr. Ihre Liebe für Herrn von Lanery mußte täglich zunehmen; ich wollte Ihnen ſchreiben, fürchtete aber, Ihre Tante könnte meinen Brief unter⸗ ſchlagen; der Gedanke, daß Sie vielleicht, bei Zeiten benachrichtigt, noch nicht uber Ihre Zukunft entſchieden hätten, brachte mich zur Verzweiflung. ich nehme ja ſo herzliche Theilnahme an Ihnen. .. Wie ſchrecklich war mir dieſer Gedanke. aber ach! ich ſehe es an Ihrer Kälte, Mathilde, daß ich Sie nicht überzeugen kann, in Ihrem Mißtrauen fragen Sie immer na der Urſache der ſo beſondern Theilnahme, die ich Ihnen bezeuge. Mein Gott, muß ich Ihnen nochmals wider⸗ polen, daß ich durch Ihre Rettung eine Schuld gegen 234 Herrn von Mortagne abzutragen gedenke?“ — „Und an Herrn von Lanery rächen Sie ſich, Madame,“ ſagte ich mit Bitterkeit. — „Ich räche mich, Mathilde!“ er⸗ widerte ſanft die Herzogin. „Muß man denn durch⸗ aus von ſolch' einem Beweggrund geleitet werden, um herzliches Mitleid für Sie zu fühlen? Soll mir das Herz nicht brechen vor Schmerz, wenn ich Sie, arme Kleine, ſehe, Sie ſo jung, ſo intereſſant, verlaſſen, verloren in Mitte dieſer boshaften Egoiſten, endlich das Opfer des Haſſes Ihrer Tante und der Habſucht des Herrn von Lanery zu werden?“ — „Das iſt zu viel, Madame!“ rief ich in einer Aufwallung empörten Stol⸗ zes, „bin ich denn, nach Allem, ſo übel oder ſo wenig begabt, daß Herr von Lanerg, indem er ſich um meine Hand bewirbt, nur mein Vermögen im Auge haben ſollte? Weil er Sie betrogen, ſchändlich betrogen, ich ebe es zu, iſt das ein Grund, daß er ein Herz, das ſo ihm in Begeiſterung hingibt, nicht zu ſchätzen wiſſe? Und wer ſagt Ihnen, Madame, daß Sie ihn geliebt, wie er verdiente, geliebt zu ſein? Und wer ſagt Ih⸗ nen, daß alle die Frauen, die er ſo unwürdig betrogen haben ſoll, ihn ſo geliebt haben, wie ich? Und wer ſagt Ihnen, Madame, daß nicht eben darum, weil ſeine Seele edel und großmüthig iſt, er den ganzen Unterſchied zwiſchen einer ſtrafbaren Verbindung und einer vor den Augen Gottes und der Menſchen gehei⸗ ligten Liebe zu ermeſſen wiſſe? Und mit welchem Rechte werfen Sie ihm eine Feigheit vor. .. Sie, die Sie einen großen Fehler begingen? Und mit welchem Rechte kommen Sie, Ihre Liebe mit der meinigen zu vergleichen?“ „O, mein Gott! mein Gott! das hören!“ ſagte Frau von Richeville, indem ſie mit einem Ausdruck des Schmerzens und der Demuth, der mich, wäre ich weniger entrüſtet geweſen, hätte rühren müſſen, ihr Geſicht mit ihren Händen bedeckte; ach! ich wußte —— — — — —— 235 meine Sprache nicht zu mäßigen und bedaure jetzt de⸗ ren Grauſamkeit. Hingeriſſen von dem Wunſche, Gon⸗ tran für die Verläumdungen, für deren Gegenſtand ich ihn hielt, zu rächen, fuhr ich fort: „Sie ſagen, er habe kein Vermögen mehr, er habe es verſchwendet... deſto beſſer, Madame, ſo bin ich doppelt glücklich, ihm das meinige bieten zu können. Er hat, ſagen Sie, Hülfsquellen im Spiele geſucht?.. Künftig wird er reich ſein, und ſomit nicht mehr zu dieſem Mittel Zu⸗ flucht nehmen müſſen. Sie glauben, er betrüge mich, Madame, beruhigen Sie ſich., beruhigen Sie ſich.. Neid und Eiferſucht halten oft ihre boshaften Hoff⸗ nungen für Ahnungen... Die wahre Liebe iſt glück⸗ licher; ſtark in Hingebung und Großmuth, ſieht ſie die Belohnung, die ſie verdient und erhält, mit. Gewißheit voraus.“ Frau von Richeville hob ihr ſchönes Antlitz, das ich zu meiner großen Verwunderung in Thränen gebadet und ſchmerzlich zerſtört fand. Ich geſtehe Ihnen, mein Freund, daß trotz meines Unwillens ich mich nicht enthalten konnte, tief bewegt zu ſein, als ich dieſe gewöhnlich ſo ſtolze und über⸗ müthige Frau meine Vorwürfe mit ſo viel Ergebung anhören ſah. Sie faßte meine Hand, welche ihr zu entziehen ich nicht den Muth hatte, und ſagte im Tone tiefer Traurigkeit: „Es iſt geſchehn, Mathilde, es iſt keine Hoffnung mehr ... Sie ſind das Opfer eines Trug⸗ ſchluſſes, der mich ... der viele andre Frauen zu Grunde gerichtet hat. .. Auch ich, als ich Herrn von Lanery liebte, ſprach zu mir: Bin ich nicht ſchöner, verführeriſcher als meine Nebenbuhlerinnen?... Sie konnten dies unbeſtändige Herz nicht feſſeln, dieſen hochmüthigen und höhniſchen Charakter, der mit den heiligſten Gefühlen ſpielt, nicht bändigen. mir, mir wird es gelingen. Ach! Mathilve, ich habe Ihnen 236 meine Schande und meine Schmach bekannt. Zetzt glauben Sie nicht, daß ich mich einen Augenblick mit Ihnen, mit dem Zauber Zhrer Perſönlichkeit und der ſo ſeltenen Vereinigung der liebenswürdigen Eigen⸗ ſchaften, die Sie auszeichnen, vergleichen wolle. Die⸗ ſer Zauber, dieſe Eigenſchaften, die ich beinahe errieth, ſind es, die mich noch begieriger machten, dem Schütz⸗ ling des Herrn von Mortagne zu dienen. .. Ohne den Sinn Ihrer Worte zu ermeſſen, armes Kind, ließen Sie mich dieſen Augenblick den Unterſchied, der zwi⸗ ſchen der Liebe, die ich Herrn von Lanery anbieten konnte, und der, die Sie ihm ſchenken, recht ſchmerz⸗ lich fühlen... Sie haben Recht, Mathilde,.. Wenn Herr von Lanery durch Alles, was in Ihrer Liebe zu ihm bewundrungswündig Gutes und Hingebendes liegt, gerührt werden könnte, ſo dürften Sie auf das Glück, das Sie ſich träumen, hoffen. Aber glauben Sie mir,“ fügte die Herzogin mit geſenkter Stimme bei, indem ſie einen thränenden Blick auf mich warf, der mir zu Herzen ging; „glauben Sie mir, wie ſtrafbar auch eine Liebe ſei. wer auch die Frau ſei, die mit auf⸗ richtiger Hingebung liebt.. nie wird ein Mann von erhabenem Herzen, von großmüthiger Seele die Be⸗ weiſe tiefer Anhänglichkeit mit Hohn und Grauſamkeit vergelten Ein ſolches Betragen zeugt immer von böſer Gemüthsart... Zwar, Mathilde, könnten Sie ohne unſer Beider Wiſſen Recht haben . Vielleicht find Sie beſtimmt, den Charakter des Herrn von Lan⸗ ery völlig zu ändern.. Gewiß.. wenn Schönheit, Anmuth, die liebenswürdigſten Eigenſchaften dies Un⸗ geheure bewirken können, ſo wird es Ihnen gelingen „ Aber, ach! glauben Sie mir, wenn ich die ge⸗ ringſte Hoffnung auf ſolche Umwandlung gehabt hätte, ſo hätte ich es für ein Verbrechen gehalten, Ihren Glauben und Ihre Zuverſicht auf dieſe Liebe erſchüt⸗ tern zu wollen.. Nun. die Zukunft wird entſchei⸗ den. Leben Sie wohl, Mathilde. leben Sie wohl vielleicht werden Sie mich einſt beſſer kennen.. vielleicht, armes Kind... werden Sie mir einſt mit Bitterkeit ſagen: Warum habe ich Sie nicht angehört! Doch, großer Gott! ich will lieber in Ihren Au⸗ gen bleiben, was ich Ihnen ſcheine, eine böſe, nieder⸗ trächtige Frau, ohne Zweifel, als meine Ahnungen und Vorausſagungen durch Ihr Unglück gerechtfertigt zu ſehn. Leben Sie wohl.. nochmals leben Sie wohl! Ein letztes Mal... Sie wollen alſo nicht auf die An⸗ kunft des Herrn von Mortagne warten?“ „Madame,“ antwortete ich, gerührt von den Thränen der Frau von Richeville, „ich bitte Sie drin⸗ gend, brechen wir dieſe Unterredung ab. Einige Worte, die ich bereue, o! die ich ſehr bereue, ſind mir ent⸗ fallen. Mögen ſie Ihnen wenihſtens beweiſen, daß die Wärme, mit welcher ich Herrn von Lanery ver⸗ theidigt, aus einem Herzen entſpringt, das ihm für immer angehört.“ — „Ein letztes Wort, und ich ver⸗ laſſe Sie,“ ſagte Frau von Richeville; „was ich Ihnen ſagen werde, wird Ihren Entſchluß in Nichts ändern, aber ich darf Ihnen nicht verbergen, was für Pläne Herr von Mortagne hinſichtlich Ihrer hegte. Vor ſei⸗ ner Abreiſe nach Italien, hatte er, an Ihre Zukunft denkend, mir, wie ich Ihnen ſchon geſagt, von einer Heirat zwiſchen Ihnen und dem Sohne eines ſeiner beſten Freunde, Herrn Abel von Rochegune geſprochen, welcher damals zwanzig Jahre war und deſſen Ver⸗ mögen beträchtlich werden ſollte. Dieſer junge Mann ſchien Herrn von Mortagne eine Ihrer würdige Par⸗ tie. Herr von Rochegune, einer der edelſten Charak⸗ tere unſrer Zeit, iſt nun durch den Tod ſeines Vaters in den Beſitz großer Güter gelangt. Er kehrt von einer Reiſe zurück, Jedermann vereinigt ſich, ſeinen Geiſt und ſeine Eigenſchaften zu loben; ohne ſchön zu ſein, beſitzt ſeinePhuſiognomie einen unendlichen Zauber.. Er ſah Sie auf dem Geſandtſchaftsballe, er wurde überraſcht von Ihrer Schönheit, und ohne das ſonder⸗ bare Beſtreben, mit welchem Fräulein von Maran Ihre Vermählung mit Herrn von Lanery zum Voraus an⸗ gekündigt hatte, hätte Herr von Rochegune um die Ehre gebeten, Ihnen vorgeſtellt werden zu dürfen. Wäre Herr von Mortagne hier geweſen, ſo hätte er Ihnen ſeinen Schützling zugeführt. Noch einmal, ich ſage Ihnen das, Mathilde, um Ihnen zu beweiſen, daß Ihr Entſchluß, Ihre Vermählung nicht bis zur Ankunft Ihres einzigen Freundes aufzuſchieben, ihm um ſo ſchmerzhafter ſein muß, da er Abſichten hatte, die ihm Ihr Glück zu begründen ſchienen.“ — „Wenn Herr von Mortagne, deſſen Güte ich nie vergeſſen werde, Madame, hier wäre, ſo würde ich ihm ant⸗ worten. daß ich eine ehrenhafte Wahl getroffen, daß keine Erwägung meine Vereinigung mit Herrn von Lanery verhindern werde. ..“ erwiederte ich mit der unbiegſamen Halsſtarrigkeit des Willens, der die tiefe, blinde und durch Widerſpruch noch geſteigerte Liebe charakteriſirt. — „So leben Sie wohl, Mathilde!“ ſagte Frau von Richeville mit durchdringendem Tone; „geben Sie mir die Verſicherung, daß Sie wenigſtens an die Uneigennützigkeit meines Schrittes glauben, es ſoll mir ein Troſt für den Kummer ſein, Ihr Ver⸗ trauen nicht gewonnen zu haben .. Sagen Sie, ſa⸗ gen Sie, daß Sie meiner nicht in Haß gedenken werden.“ Ich wollte ihr antworten, als Blondeau ſchleunig eintrat. Frau von Richeville ließ den Schleier fallen. „Fräulein,“ ſagte Blondeau zu mir, „Fräulein von Maran bittet Sie, zu ihr hinabzukommen.“ Frau von Richeville machte mir eine beſcheidene Verbeugung und ging. Jetzt, mein Freund, weiß ich, ohne daran zu D— —— — 239 zweifeln, daß Frau von Richeville durch keine gehäſſige Hinterliſt geleitet war, als ſie ſo zu mir ſprach. Sie empfand wirklich für mich ein liebevolles Mitgefühl. Ihre Erkenntlichkeit gegen Herrn von Mortagne, die Theilnahme, die ihr meine Lage einflößte, waren die einzigen Triebfedern dieſes Schrittes geweſen. Sie wiſſen, mein Freund, wie dieſe Frau die fremdartigſten Contraſte in ſich vereint. Sie bringt die Hälfte ihres Lebens hin, die begangenen Fehler bitterlich zu beweinen, und zwar von Grund der Seele, ohne alle Heuchelei; ihre hohe Stellung, Ihr ſtolzer Charakter machen ihr alle Vorſtellung ſo unnütz, als unmöglich. Nein, ſie iſt eines der beſonderen Weſen, die zum Böſen wie zum Guten die gleiche Kraft haben; rein, edel und groß ging ſie aus der Hand Gottes hervor, die Erziehung, die Welt, das Leben, in dem ſie ſich bewegt, haben mehr noch, als ihre böſen Nei⸗ gungen, ſie ſtrafbar gemacht. Aber es walten noch ſo glänzende Eigenſchaften in ihr, ihr Verſtand iſt ſo richtig, ihr Urtheil ein ſo überlegenes, ihr Herz iſt ſo gut, ihre Seele ſo großmüthig geblieben, daß, wenn ſie ſich manchmal in traurige Erinnerungen verſenkt und heißer Reue ſich hingibt, ſie einen flehenden, ver⸗ zweiftung vollen Blick gen Himmel und zur Erde ein bitteres, verächtliches Lächeln richtet. Später, mein Freund, werde ich Ihnen einige bewundrungswürdige Züge dieſer Frau mittheilen, welche ohne Zweifel ihre Fehler hatte, aber ſtets zu unwür⸗ dig verläumdet wurde; ich werde Ihnen von ihrer ſchrecklichen Heirat erzählen, welche vielleicht allein ſie in den Abgrund geſtürzt, aus welchem ſie durch ſchmerz⸗ liche Abbüßung gereinigt hervorgeht. Urtheilen Sie nun über die Reue, die ich bei der Erinnerung an die verächtliche Härte fühlen muß, mit welcher ich den Schritt aufgenommen, den die rüh⸗ 2¹⁰ rendſte Theilnahme, ich darf noch nicht ſagen die un⸗ heilvollſte Ahnung vorgeſchrieben hatte. Kaum war Frau von Richeville weggegangen, als ich mich zu meiner Tante begab. Die erſte Perſon, die ich neben ihr erblickte, war Gontran. O7S SLA SEMde