Martin, das Findelkind, oder Erlebniſſe eines Kammerdieners. Von Eugene Sue. In's Deutſche uͤbertragen von Theodor Bell. Zehnter Band. nneemeneeeeeeeeeeeeeeeereeeeeereeeee Grimma, Druck und Verlag des Verlags⸗Comptoirs. Erstes Rapitel. Die Ueberraſchung. Wir unterbrechen hier Martins Tagebuch, um den Leſern dieſes Buches die Thatſachen in's Gedächtniß zuruck⸗ zurufen, die ſich in Folge der Gefangennehmung von Béte⸗ puante (oder vielmehr Claude Gerards, dem wir nun ſeinen wahren Namen wiedergeben wollen) zugetragen hatten. Am ufer des Teiches des Pachthofes von Grand Ge⸗ nevrier von dem Brigadier Beaucadet ergriffen, der mit eini⸗ gen ſeiner Leute bei den Truͤmmern des Backofens im Hin⸗ terhalt gelegen hatte, waren Claude Gerard und Martin in die Haͤnde der Gendarmen gerathen, als der Graf und ſein Sohn, von Beaucadet benachrichtigt, am Orte der Ver⸗ haftung angekommen, um ſich zu uͤberzeugen, daß einer aus ihrer Dienerſchaft bei einer geheimnißvollen Zuſammenkunft mit Beéte⸗puante ſich befinden ſolle, den man beſchuldigt, auf Herrn Duriveau geſchoſſen zu haben. Wir erinnern auch noch unſere Leſer daran, daß, nach⸗ dem man in Claude Gerard den Wildſchuͤtzen erkannt, einen Menſchen, den Scipio's Vater zweimal auf's Toͤdtlichſte be⸗ leidigt hatte, dieſer mit haͤßlichem Uebermuthe Gefalen dar⸗ 1 an gefunden hatte, in Claude Gerards Gegenwart Befehl zu ertheilen, Meiſter Chervin und ſeine Frau aus dem Pacht⸗ hofe von Grand Genevrier zu jagen. Als dieſe boshafte That vollbracht, ſtiegen Scipio und ſein Vater wieder in den Wagen und langten in dem Schloſſe Tremblay an, waͤhrend die Gendarmen Claude und Martin fortfuͤhrten. So wie der Graf wieder daheim, hielt er es nach Beau⸗ cadets Rathe fuͤr zweckmaͤßig, in Martins Stube einige Nachſuchungen zu halten, da auf dieſem damals ſchwerer Verdacht laſtete. Dieſe Nachſuchungen waren anfangs vergeblich, aber als Duriveau ein verſchloſſenes Felleiſen gefunden, hielk er ſich fuͤr berechtigt, es mit Gewalt zu oͤffnen, worauf er dar⸗ aus ein hoͤlzernes Kaͤſtchen nahm, in welchem ſich das Ma⸗ nuſtript von Martins Tagebuch nebſt einem Briefe an den König befand. Dieſer Briefwechſel ſeines Kammerdieners mit einem Koͤ⸗ nige erregte Duriveaus Neugier aufs Aeußerſte, et nahm das Manuſetipt des Tagebuches mit in ſein Zimmer und begann, als es Ein Uhr fruͤh an der Thurmuhr Schloſſes Trem⸗ blay ſchlug, zu leſen. Wie wir wiſſen, waren folgende Zeilen die erſten in Martins Tagebuche: „Von den Begebenheiten, die meinem achten oder neun⸗ ten Lebensjahre vorausgingen, habe ich nur eine wirre und unvollſtändige Idee behalten. Doch iſt mir von dieſer un⸗ klaren und ſchon fernen Vergangenheit noch das Andenken an eine ſchoͤne junge Frau geblieben, deren bewegliche Fin⸗ ger faſt ſtets die Spindeln eines Spitzenkiſſens, das ganz mit glaͤnzenden Kupfernadeln bedeckt war, taſcheln ließen. Dieſes helle Getön machte mir Freude, und es iſt mir, als hoͤrte ich es noch; des Abends aber verwandelte ſich dieſe Freude in Bewundrung. In meinem Bettchen liegend, ſah ich dieſelbe junge Frau, dieſe unermuͤdliche Arbeiterin (viel⸗ leicht meine Mutter) beim Scheine des Lichts arbeiten, def⸗ ſen heller Schimmer ſich noch dadurch verdoppelte, daß er durch klares, in einer glaͤſernen Kugel befindliches Waſſer fiel. Der Anblick dieſes Lichtmeeres verurſachte mir eine Art von Blendung und Aufregung, der nur der Schlaf ein Ende machte.“ Waͤre auch die Neugier Duriveau's nicht durch andre Gruͤnde gereizt worden, ſo wuͤrden ſchon die eben mitgetheil⸗ ten Zeilen hingereicht haben ſeine Aufmerkſamkeit, ja ſeine Theilnahme auf dieſes Tagebuch zu lenken! Das junge Maͤdchen das er ehedem verfuͤhrt hatte, war eine Spitzenklöpplerin geweſen, wie das junge Weib, das Martin fuͤr ſeine Mutter hielt. Sie nannte ſich Perrine Martin. .. und der Kam⸗ merdiener, deſſen Tagebuch er las, hieß Martin. „Auch das Alter, das dieſer zu haben ſchien, gewiſſe Ei⸗ genthumlichteiten phyſiſcher Aehnlichkeit, die anfangs der Graf kaum bemerkt hatte, welche aber der erſte Verdacht ſchon augenblicklich ſeinem Gedaͤchtniſſe zuruͤckrief, alle dieſe Umſtaͤnde vereint ſtellten dem Grafen, ohne ihn zu uͤberzeugen, daß Martin ſein S8hn ſei, doch dieſe Hypo⸗ theſe als moͤglich dar. Man begreift nun wohl, wie viele aufregende, anrei⸗ zende Urſachen den Grafen an das Leſen von Martins Tage⸗ buch feſſelten. Dann ſtieß er nach einigen Seiten auf die Namen Bamboche und Basquine, die beiden Kindheitsgefähr⸗ ten Martins. Bamboche war der fuͤrchterliche Moͤrder geworden, den man Tags zuvor in den Waldungen des Grafen verfolgt hatte. Basquine dagegen war eine der damals beruͤhmteſten Schauſpielerinnen geworden .. fuͤr Einige ein teufliſches, fuͤr Andere ein himmliſches Weib, aber doppelt teufliſch fuͤr den Grafen, denn nur wenige Tage waren verfloſſen, ſeit Scipio ſeinem Vater unverſchaͤmt erklaͤrt hatte, daß er Basquine als die hoͤchſte Schiedsrichterin uͤber des Gra⸗ fen Heirath mit Miſtreß Wilſon anzuſehen habe, eine in⸗ ſolente Anmaaßung, welche einen ſchauderhaften und beklagens⸗ werthen Auftritt zwiſchen Vater und Sohn veranlaßt hatte, auf welchen von beiden Seiten ein Waffenſtillſtand eingetre⸗ ten war, da der Graf Tags darauf ſeinem Sohne geſagt hatte, daß, ſo bizarr auch ſeine Forderungen wären, Basquine als Schiedsrichterin uͤber dieſe doppelte Vermählnng von Vater und Sohn aufzuſtellen. . . er es ſich doch uberlegen wolle. Dann folgte in dieſem Tagebuche das Zuſammentreffen Martins im Walde von Chantilly mit Regina, Sci⸗ pio und Robert von Mareuil. Welche Erinnerungen mußten dieſe Namen nicht in Duriveaus Gedächtniſſe wecken! Scipio. .. ſein Sohn .. Robert von Mareuil, deſſen Nebenbuhler er geweſen war bei ſeinen Bewerbungen um Regina's Hand, die er ei⸗ nes Tages in einen gräßlichen Fallſtrick lockte, um ſich an ihrer Verachtung zu raͤchen. Hierauf kam die Kindheit und erſte Jugend Martins bei Claude Gerard. Claude Gerard. .. mit finſtern, unausloͤſchlichen Buchſtaben in das Leben des Grafen eingeſchrieben. Da auch trat wieder Regina auf, Regina als Kind, dann erwachſener, dann als junges Maͤdchen und ſo gleich⸗ — — ſam vor Martins Augen mit jedem Jahrestage des Todes der Baronin von Noirlieu wachſend. Ferner erſchien die arme Blödſinnige, die Claude Ge⸗ rard mit frommer, ruͤhrender Sorge beſchuͤtzte. Eine unbeſiegbare Ahnung ſagte dem Grafen, daß dieſe Irre Perrine Martin ſei... deren Herz er Claude Gerardo geraubt, um ſie zu verfuͤhren, dann zu verlaſſen und ſpaͤtera ihr Kind ihr zu entreißen, um ſich von den dringenden For⸗ derungen der Mutter zu befreien, die er niederträchtig wer⸗ ließ, indem er es wußte, daß ſie von dem ſchwachen Egrwerb anſtrengender Handarbeit leben mußte. Martin kam in Paris an. Wieder Namen, die in dem Gedaͤchtniſſe des Grafen widerhallten: Regina. Robert von Mareuil. Der Fuͤrſt von Montbar. Und ſpäter dieſe Scene in den Funambules, der der Graf mit ſeinem Sohne beiwohnte, eine Scene, von der her ſo zu ſagen der unausloͤſchliche Haß Basquinens gegen Scipio und wie das junge Maͤdchen geſagt hatte. . ſeine ganze muͤſſige und boshafte Race, ſtammte. Noch weiter der Aufenthalt Martins beim Doctor Cle⸗ ment . dann die Empfehlungen des Doctors, der, dem Tode nahe, Martin beauftragte, uͤber Regina zu wachen, die er von dem unverſohnlichen Haſſes des Grafen Duri⸗ veau bedroht wußte. Die Ahnungen des Grafen hatten nicht getrogen Martin entzog ſich der Aufgabe nicht, die ihm ſein ſterbender Herr uͤbertragen, er ſendete Regina, die in dem Fallſtricke gefangen, den ihr der Graf in dem einſamen Hauſe der Straße Marché⸗vieur gelegt, einen Retter. — Dieſer Retter war Juſt Element, der das ſchaͤndliche Benehmen des Grafen ſo hart zuͤchtigen und ihn zu einem Zweikampfe nöthigen mußte, deſſen Bedingungen kuͤnftig Regina vor ſeinen niedrigen Verlaͤumdungen ſchuͤtzten. Endlich war es Miſtreß Wilſon, welche der Graf mit ſo gluhender und thoͤrigter Leidenſchaft liebte, deren Namen er auch in Martins Erzahlungen fand. Nan ſieht wohl, dieſes Tagebuch beruͤhrte ſo viele Punkte aus des Grafen Leben, daß dies allein ſchon genuͤgt haben wuͤrde, die hartnaͤckige Neugier zu erklaͤren, womit er im Leſen fortfuhr. Wenn er aber dahin kam zu bedenken, daß dieſes un⸗ gluͤckliche und verlaſſene, ſo vielem Elende, ſo vieler Noth, ſo viel ſchweren, mit Muth und Entſagung rein und lauter uͤberſtandenen Pruͤfungen preisgegebene Kind, wenn er bedachte, daß Martin ohnſtreitig ſein Sohn ſei, ſo fuͤhlte er ſich als Beute eines mit unertraͤglicher Schande vermiſchten Schreckens bei dem bloßen Gedanken, Martin gegenüber ſtehen zu muͤſſen, deſſen Sinn ſo gerade, deſſen Herz ſo rein, deſſen Charakter ſo erhaben. Dieſe Schande wuͤrde dem Grafen ſchon unertraͤglich geweſen ſein, wenn auch Martin das Geheimniß ſeiner Ge⸗ burt noch nicht gekannt hätte; wenn er ſich aber an einige Beſonberheiten ſeiner erſten Zuſammenkunft mit ihm erinnerte, wenn er an die Liebe dachte, die ihn mit Claude Gerard verband, wenn er ſich endlich ſagte, wie wenig wahrſcheinlich es ſei, daß blos Zufall Martin veranlaßt habe, als Diener bei ihm einzutreten, ſo fuͤhlte der Graf eine neue unb ſchrecklichere Angſt. . denn er zweifelte nicht mehr, daß Martin von den Banden unterrichtet ſei, die ſie Beide ver⸗ einten. So zitterte denn dieſer unermeßlich reiche Mann, die⸗ ſer Mann von unerbittlichem Charakter, von eiſernem Wil⸗ len, von einer Haͤrte und Kuͤhnheit ohne Gleichen, dieſer Mann, der füͤr ſo viele edle Gefuͤhle eine cyniſche und un⸗ bezaͤhmbare Verachtung zur Schau trug, zitterte und erroͤ⸗ thete bei dem bloßen Gedanken, vor die Augen eines armen Bedienten zu treten ... eines ungluͤcklichen, verlaſſenen Kindes! Aber dieſer Diener, der im Beſitz ſo vieler ent⸗ ehrender Geheimniſſe war . beſaß auch zugleich eine ſchöne Seele. . und dieſer Diener war ſein Sohn. Bweites Rapitel. Die Prophezeihung. So unbedeutend ſie auch auf den erſten Anblick erſchei⸗ nen mochte, ſo bewies doch dieſe tiefe Aufregung in den gewohnten Ideen des Grafen Duriveau, daß das Leſen von Martins Tagebuche, woruͤber derſelbe ſo nachdachte, be⸗ reits maͤchtig, und vielleicht ihm unbewußt auf ſeinen Geiſt einwirkte. Nachher fuͤhlte dieſer Mann, der beſonders von uner⸗ meßlichem Stolz beherrſcht wurde, den Einfluß des Gedan⸗ kens: dieſer ungluͤckliche Findling, deſſen Seele in ſo vielen ſchwierigen und furchtbaren Verhaͤltniſſen ſich ſo erhaben ge⸗ zeigt hat, dieſer Bediente, der freundſchaftlich mit einem Koͤnige Briefe wechſelt .. iſt mein Sohn. Endlich rief eine unſelige oder unvermeidliche Ver⸗ gleichung dem Grafen jenen neulichen Auftritt in's Gedaͤcht⸗ niß zuruͤck, in welchem Scipio die Keckheit der Empoͤrung gegen das Anſehen eines Vaters bis zum furchtbarſten Exceß getrieben hatte. Der Graf konnte ſich nicht enthalten, eine Parallele zwiſchen Scipio und Martin anzuſtellen. Deſſen ohnerachtet konnten dieſe noch unbeſtimmten, und mehr inſtinctmaͤßigen,) als reiflich uͤberlegten Ideen „—.—— = 11 — nicht auf der Stelle ihre volle Einwirkung auf den Grafen zeigen. Ein Mann von Duriveau's Alter und Art wan⸗ delt ſich in einem Tage um. Nachdem das Leſen von WMartins Tagebuche in dieſes unglaublich verhärtete Ge⸗ muͤth einigen edlen Samen geſtreut hatte, konnten die Be⸗ gebenheiten in der Zukunft allein ihn entwickeln oder erſti⸗ cken. Nachdem er alſo einen Augenblick mit unwillkurlichem Stolze bedacht hatte, daß Martin ſein Sohn ſei .. ein Gedanke rechtlicher, edler Erhebung, ein Gedanke guten Stolzes, wenn man ſo ſagen kann, verfiel der Graf bald wieder in das Gefuͤhl des verwerflichſten. Er empoͤrte ſich gegen den hohen moraliſchen Werth dieſes Sohnes, zu dem er ſich einen Augenblick lang Gluͤck gewuͤnſcht hatte. Der Neid, der Haß, der Zorn, die Schande fluſterten ihm die ſchlechteſten Leidenſchaften in's Herz. In grauſamer Freude ſagte er ſich ſelbſt, daß Martin wenigſtens im Gefaͤngniſſe ſei, und daß er lange darin bleiben werde, denn er, Duri⸗ veau, werde ihn aus allen Kraͤften fur ſchuldig erklaͤren, allen ſeinen Einfluß, der ſehr bedeutend, anwenden, um ein ſtrenges Urtheil uͤber ihn zu erhalten, damit er ſich ſo von der Gegenwart eines Elenden befreien koͤnne, der ihm eben ſo viele Abneigung als Furcht einfloͤßte. Da nun aber ſelbſt der auf's Abſcheulichſte verdorbene Menſch, beſonders wenn er in ſeiner Jugend menſchenfreund⸗ liche, edle Gefuhle kannte, wie bei Duriveau dies fruͤher der Fall geweſen war, was er auch anfange, doch die Augen nicht ganz und gar vor dem heiligen Glanze großer Tugen⸗ den verſchließen kann, hoͤrte auch der Graf, nachdem er ſei⸗ hen unſeligen Stolz vernommen, der ihm befahl, Martin zu haſſen, auf ſein Gewiſſen und Vaterherz, das ihm ſagte, dieſes edle und kraͤftige Kind zu ſchaätzen und zu lieben. Nun beſchwichtigte ſich dieſer erſte Sturm abſcheulicher Leidenſchaften vor der allmaͤchtigen Autoritaͤt des Rechten und Guten wie Sturmwolken ſich vor dem Glanze der Sonne zerſtreuen. Der Graf unterlag von Neuem dem ſanften und durchdringenden Einfluſſe der herrlichen Eigenſchaf⸗ ten Martins. Er bewunderte dieſe oft ſchmerzliche, aber nie durch einen einzigen Augenblick der Empoͤrung oder des Haſſes gegen ſein furchtbares Geſchick, gegen den Vater ohne Gefuͤhl, der es ihm bereitet hatte, dieſes Geſchick, ent⸗ ſtellte Entſagung!! ... Nie hatte der Graf in dieſen ſchweren Bekenntniſſen ein Wort der Verwuͤnſchung gegen die ſtief⸗ muͤtterliche Sozietaͤt gefunden, die ihn, Martin, ſorglos von ſeiner Kindheit an, allen Zufällen der Unwiſſenheit, des Elends und des Laſters uͤberlaſſen hatte. Nein, nein . Entſagung Opfer ... Pflicht dieſe drei Worte machten das Leben des Ungluͤcklichen aus. 48, Beſonders gab es einen Moment, wo Duriveau ſeiner Ruͤhrung nicht Herr werden konnte, als er die beiden Zei⸗ len las, welche Martins Benehmen gegen Regina, Juſt, und den Fuͤrſten von Montbar zu umfaſſen ſchienen: es giebt keine Stellung, ſo niedrig ſie auch ſei, wo der Mann von Herz nicht ſeine Wuͤrde zeigen könnte. Ruͤhrender Grundſatz! fur welchen Claude Gerard Lehrer und Beiſpiel geweſen war. Im Augenblicke, wo Duriveau dieſe Zeilen las, welche die Epiſode der Fuͤrſtin von Montbar, und das Tagebuch ſelbſt ſchloſſen, hatte es an der Schloßuhr zu Tremblay vier ge⸗ ſchlagen. Die Abends vorher ruhige Nacht war ſtuͤrmiſch ge⸗ worden. Außerhalb tobte das Unwetter, die großen Baume des Parks, vom Winde heftig bewegt, gaben ein dumpfes, = 15 — fortgeſetztes Toſen gleich dem des Meeres von ſich. Man hörte es vom Schlafzimmer des Grafen aus, das im Par⸗ terre lag. Tief verſenkt, den Elbogen auf's Buͤreau, den Kopf in beide Hände ſtuͤtzend, ſetzte der Graf ſein Leſen und ſeine Betrachungen fort. Seine Geiſtesanſtrengung war ſo groß, daß er ein leiſes Geraͤuſch nicht bemerkte, das durch das Knarren? des Schloſſes einer Thuͤr verurſacht ward, die in ſein Ankleidecabinet ging, an das, wie ſchon geſagt, die Treppe zu Martins Stube ſtieß. Im Augenblicke wo ein neuer und heftiger Windſtoß die aͤußern Fenſterladen er⸗ ſchutterte, oͤffnete ſich die Thuͤr, deren Riegel leis weggeſchoben worden. Sie blieb es aber nur halb. Kaum daß Duriveau auf das Geraͤuſch derſelben merkte, indem er glaubte, ſie ſei durch die Heftigkeit des Sturmes aufgegangen, denn, nachdem er einen Augenblick den Kopf dahin gewendet hatte, verfiel er wieder in ſein Nachdenken. Sein energiſches Geſicht verrieth den Kampf verſchiedener Gefuͤhle, welche ſein Gemuͤth bewegten, aber in dieſem Au⸗ genblick ſchien der Ausdruck ſeiner Zuͤge das Vorwalten edler Empfindungen anzuzeigen zweimal ſchuttelte er trau⸗ rig den Kopf, während ein mitleidiges Laͤcheln ſeine Lippen ſtreifte, die gewoͤhnlich ſtolz und veraͤchtlich. Jetzt oͤffnete ſich die bisher nur halb offen ſtehende Thuͤr weit, aber langſam, und in dieſer dunklen Oeffnung zeigte ſich die Geſtalt von Claude Gerard. Der nackte Kopf des Wildſchuͤtzen triefte von Waſſer, ſo wie auch ſeine Lederjacke; an dem ſchwarzen Schlamm, womit ſeine Pantalons bedeckt waren, ſah man, daß er durch Moräſte und ſumpfige Gegenden gekommen. Als Claude Gerard den Grafen mit Leſen beſchäftigt ſah, ſchien er durch Bewegungen und Geſichtsausdruͤcke zu ſagen: „Ich dachte es wohl ... ich komme zu rechter Zeit. Nun naͤherte er ſich Duriveau, ohne von ihm wegen der Dicke des Teppichs gehoͤrt zu werden, und legte ihm ſeine breite Hand auf die Schulter. Der Graf ſprang von ſeinem Stuhle auf, und drehte ſich ſchnell um, beim Anblicke des Wildſchuͤtzen aber blieb er ſtumm und verſteinert. Ehe er noch eine Bewegung machen konnte, hatte ſich Claude Gerard ſchnell des Manuſcripts von Martins Me⸗ moiren bemaͤchtigt, und es in eine der weiten Taſchen ſei⸗ ner Jacke geſteckt, dann aber wendete er ſich zum Grafen und ſagte mit ernſter Stimme: „Martin hatte dieſen Mißbrauch des Vertrauens befuͤrchtet, mein Herr, ich bin zur rechten Zeit gekommen.“ „Sie hier!“ rief der Graf, der endlich von ſeiner Be⸗ ſtuͤrzung zu ſich kam. Damit ſtand er ſchnell auf, eilte an's Kamin und zog heftig an der Klingelſchnur. „Dieſe Klingel geht nur in Martins Stube und er iſt nicht da .. wie Sie wohl wiſſen werden . .“ ver⸗ ſetzte Claude kalt ... „wir ſind allein hier ... Laͤden und Thuͤren ſind verſchloſſen.“ „Du willſt mich alſo morden, Böſewicht?“ rief der Graf, und ſuchte mit den Augen etwas, was ihm zur Waffe dienen koͤnnte. — „Was willſt Du hier?“ „Ihnen ſagen, Herr Graf,“ verſetzte Claude Gerard traurig und feierlich, „Ihnen ſagen, daß Perrine Martin, die Mutter Ihres Sohnes dieſe Nacht geſtorben iſt.“ „Geſtorben? Sie! Martins Mutter!“ rief der Graf. — —— —,——— „Geſtorben! vor drei Stunden .. erwiderte Claude Gerard; „hier, in einem Ihrer Pachthoͤfe, wohin man ſie gebracht hatte.“ „Sie war hier!“ ſtohnte der Graf voll Beſtuͤrzung . „ſie iſt todt! Martin iſt mein Sohn es iſt alſo wahr!“ „Ja! ... Martin iſt ihr Sohn und der Ihrige . ja .. ſie iſt todt!“ wiederholte langſam Claude Gerard, als wolle er dieſe Worte tief in des Grafen Herz dringen laſſen. „Nein, nein!“ rief dieſer faſt im Wahnſinn, „s iſt ein Traum, ein furchtbarer Traum!“ „Wenn es ein Traum iſt, Herr Graf,“ antwortete Claude, „ſo wird die Todtenglocke, die mit Tagesanbruch ertönen wird, Sie daraus wecken.“ „Oh, dieſer Tod in dieſem Augenblicke .. ſtöhnte vernichtet der Graf .. „wo die ganze Vergangenheit ſich mir vor die Augen ſtellt!“ Der Ton, die Phyſiognomie des Grafen, zeigte jetzt einen ſolchen Schmerz, ſolche aufrichtige Reue an, daß Claude Gerard Mitleiden fuͤhlte, und mit drohender Stimme zu ihm ſagte: „Im Namen dieſer Vergangenheit „. im Namen deſſen was Ihr Sohn gelitten hat im Namen des Muths und der Entſagung die er gezeigt . bereuen Sie es iſt an der Zeit, glauben Sie mir.“ Der Graf, zornig uud ſich ſchaͤmend zugleich, daß er Claude Gerard habe ſeine Ruͤhrung erblicken laſſen, verhär⸗ tete ſich gegen die edlen Gefuhle, denen er ſich eben hingege⸗ ben, und rief: „Fort von hier im Augenblicke kein Wort mehr.“ „Gott wird muͤde zuletzt,“ entgegnete Claude Gerard mit noch erhobener Stimme „Huͤten Sie ſich!“ == 16 — „Wirſt Du gehen!“ rief der Graf vor Wuth. „Hoͤren Sie mich, ich beſchwoöre Sie,“ begann Claude Gerard mit durchdrungenem Tone von Neuem. „Ich ſpreche ohne Haß, ohne Aufregung mit Ihnen .. Es liegt in allem dieſen der Wille der Vorſehung. In dieſer Nacht, faſt in derſelben Stunde wo Ihr Opfer ſtarb, Martins, Ihres Sohnes Mutter, lernten Sie, indem Sie das Leben dieſes ungluͤcklichen Kindes laſen, es kennen, und davon bin ich uͤberzeugt . auch beklagen und lieben .. Ich ſage Ihnen, daß in allem dem etwas Anderes liegt als Zu⸗ fall,“ wiederholte Claude Gerard mit immer eindringenderer Stimme; „ja, und wenn Sie blind, wenn Sie ungluͤcklich und verloren genug waͤten, un nicht vor dem ſich zu beugen was dieſe Begebenheiten Geheimnißvolles und von der Vorſehung Geleitetes zeigen ſo huͤten Sie ſich eine geheime Ahnung ſagt mir, daß ein furchtbarer Schlag Sie treffen wird.“ Trotz ſeines Stolzes, trotz ſeiner Verhärtung erbebte der Graf doch bei Claude Gerards Worten, ſo viel Gewicht hatte deſſen feierlicher Ton, und uberdies lag in dieſem Tone weder Haß noch Drohung, ſondern vielmehr eine Art von Mitleid fuͤr den Grafen, ſo ſehr ſchien der Wildſchuͤtz von ſeiner Prophezeihung uͤberzeugt. „Ein furchtbarer Schlag . mich treffen?“ flüſterte Duriveau und warf einen mißtrauiſchen und finſtern Blick auf den Wildſchutzen .. „dieſer Schlag? . Dein Haß wrird ihn ohnſtreitig fuͤhren .. Du wirſt Deine Pro⸗ phezeihung erfullen wollen.“ „Sind Sie nicht in meiner Gewalt jetzt und huͤlflos . entgegnete Elaude Gerard .. „Nein,“ fuhr er dann traurig fort; „nein, es iſt nicht die Rede von mei⸗ ner Racht wenn Sie bereuen, ſo waͤre ſie unbillig und — — — unnütz: . beharren Sie aber im Böſen, dann dann ſchwöre ich es Ihnen bei der ewigen Gerechtigkeit Gottes, an den ich glaube eine geheime, unwiderſtehliche Stimme ſagt mir, daß es eine Hand giebt . maͤchtiger als Menſchenhaͤnde, die Ihre Beſtrafung uͤbernehmen wird.“ Bei dieſen Worten ſchien der Name Basquine in feurigen Zügen durch den verſtörten Geiſt des Grafen zu leuchten, waͤhrend Claude Gerard einem Gefuͤhle, ja man koͤnnte ſagen einer Senſation unausſprechlichen Mitleids nachgebend, vor dem Grafen auf die Kniee fiel und zu ihm ſagte: „Sehen Sie . hier liege ich auf den Knieen . auf den Knieen vor Ihnen ich . ich Claude Gerard, um Ihnen mit gefalteten Händen zuzurufen, um Mar⸗ tins und Ihres andern Sohnes .. um Ihrer ſelbſt willen ſeien Sie gut, ſeien Sie ein Vater .. erfullen Sie die Verſprechungen, die Sie ehemals thaten, als ich Ih⸗ nen ein Leben ließ, das Ihnen zu nehmen ich ein Recht hatte. Oh, bereuen Sie beſſern Sie ſich machen Sie wieder gut ... wo nicht ſo ſage ich Ihnen, daß ich die Hand Gottes bereit ſeche, Sie ſchwer zu treffen!!“ „Und durch Deine Taſchenſpielerkunſte, alter Boͤſe⸗ wicht, ſollte ich mich einſchuͤchtern, mir Furcht erregen laſſen?“ rief der Graf um ſo wuͤthender, je mehr er einen Augenblick lang wider ſeinen Willen durch die prophetiſchen Drohungen Claude Gerards erſchuͤttert worden war, wenn er an Basquine und den Einfluß dachte, den dieſe auf Scipio hatte, einen Einfluß, den das Leſen von Martins Tagebuch dem Grafen noch furchtbarer, noch erſchreckender darſtellte. Sein unbezwinglicher Stolz emporte ſich aber bald wieder, und ſo begann er denn, ſich an Claude Gerard wendend: „Ah, Du glaubſt mit einem feigen und Martin. X. gen Menſchen zu thun zu haben? Du kommſt hierher und redeſt mir von Todten, von Findlingen von der Gerech⸗ tigkeit des Himmels vor? Alle Teufel! da wendeſt Du Dich an den rechten Mayn! Ich aber ſage Dir, Herr Prophet, daß die Gerechtigkeit auf meiner Seite iſt, denn die Todte iſt auf ihrer Bahre und der Baſtard im Gefaͤngniſſe.“ Bei dieſen gräßlichen Worten ſtand Claude Gerard langſam auf, antwortete nicht das Mindeſte, warf einen letzten Blick des Mitleids mit Schrecken gemiſcht auf den Grafen und that einen Schritt, um zu gehen. „Halt!“ rief der Graf und ſtuͤrzte ſich auf den Wild⸗ ſchuͤtz; „wenn Du wie Dein Mitgenoß den Gendarmen auch entwiſcht biſt, ſollſt Du es doch nicht mir .. . und der Ba⸗ ſtard ſoll wieder eingefangen werden und ſollte ich tauſend Louisdor darauf ſetzen!“ Claude Gerard ſtieß den Grafen ſo kraͤftig zuruͤck, daß dieſer das Gleſchgewicht verlor und halbliegend in ſeinen Seſſel fiel, waͤhrend der Wildſchuͤtz mit Einem Satze in dem Toilettencabinet des Grafen war, dies doppelt verſchloß, aus dem Fenſter, das er kluͤglich offen gelaſſen hatte, um ſeinen Ruͤckzug zu ſichern, ſprang, und in dem Gehoölze des WParks ſchnell verſchwand. Was das unerwartete Erſcheinen von Claude Gerard in Duriveaus Zimmer betrifft, ſo erklaͤrt ſich dies ſo: Der Weg von dem Pachthofe von Grand Genevrier zu dem naͤchſten Flecken war lang und gefährlich. Man mußte faſt zwei Stunden lang durch Torfmoor und Mo⸗ raͤſte gehen, welche fuͤr Perſonen, die die kleinen Streifen feſten Boden nicht kannten, die ſich durch dieſes ſumpfige und untiefe Terrain zogen, faſt ungangbar waren. Beaucadet und ſeine Gendarmen waren zu Pferd. Sobald der Mond untergegangen war, befanden ſie ſich in — — — — der Finſterniß. Der Sturm tobte heftig, die Reiter konn⸗ ten daher nur außerordentlich langſam und vorſichtig durch dieſe Moräſte vorwarts kommen, in welche ihre Pferde manchmal bis an den Bauch verſanken. Die beiden Gefangnen wurden ſomit faſt gar nicht uͤberwacht. Da Martin gehoͤrt hatte, wie Beaucadet dem Grafen Duriveau zu einer Hausſuchung in der Stube, wel⸗ che ſein Kammerdiener bewohnt, zugeredet habe, ſo erzitterte er. Sein Tagebuch konnte auf dieſe Art in die Haͤnde des Grafen gerathen. Ganz leis theilte er ſeine Angſt Claude Gerard mit. Die Haͤnde von dieſem waren gebun⸗ den, er benutzte jedoch die Verlegenheit, in welcher ſich die Gendarmen befanden, ſo wie die Zögerungen ihres Zugs, um Martin eben ſo leis zu antworten: „Nimm mein Meſſer aus meiner Taſche und ſchneide bei der erſten Gelegenheit meine Bande durch, fuͤr das Uebrige ſtehe ich.“ Er konnte dies aber um ſo mehr, als jene Verlegen⸗ heiten fuͤr den Wildſchuͤtz gar nicht vorhanden waren, der ſeit langer Zeit daran gewoͤhnt, alle Wege in dieſen Mo⸗ räſten zu durchſtreifen, und da dies meiſt in der Nacht ge⸗ ſchah, in der Dunkelheit ſcharf zu ſehen ſich geuͤbt hatte.⸗ Jene Gelegenheit ließ nicht lange auf ſich warten. Beaucadet ſchrie um Hilfe, da er fuͤhlte, wie ſein Pferd faſt unter ihm in Mitten eines Schlammloches verſchwand. Dieſen Zufall, der die Aufmerkſamkeit der Gendarmen be⸗ ſchäftigte, benutzend, ſchnitt Martin Claude Gerards Bande durch. In zwei Spruͤngen erreichte dieſer einen ſchmalen Fußſteg den er kannte, und war in der immer mehr zuneh⸗ menden Dunkelheit verſchwunden, ehe die Gendarmen nur ſeine Flucht gewahr werden konnten. Claude Gerard war eiligſt nach dem Schioſſe Tremblay 2* „ zu gegangen. Er mußte bei einem einſam liegenden Pacht⸗ hofe vorbei, wohin Martins Mutter gebracht worden war. Claude Gerard, der Verſchwiegenheit des Pachters gewiß, da er dieſen armen Leuten oft behuͤlflich war, trat dort ein, um uͤber den Zuſtand von Perrine Martin ſich zu unter⸗ richten. Der Pachter und ſeine Frau ſchwammen in Thraͤ⸗ „ nen und wollten Claude Gerard nicht in das armſelige Stuͤbchen laſſen, wohin Perrine gebracht worden. Dieſer verſtand ſie. Bei dieſem furchtbaren Schlage ſchwankte er. Aber bei der Erinnerung an die gebieteriſche Pflicht, die ihn in's Schloß rief, ſetzte er ſeinen Weg fort, ſprang leicht uͤber die Hecke des Parks und kam bis zu den Gebäuden. Die Thuͤr zum Dienſtcorridor, auf welchen die Treppe von Martins Stube ging, war ſelten innerhalb verſchloſſen, da die Bedienten, die ſich im Dorfe verſpätigt hatten, ſich immer dieſes Mittel vorbehielten, geraͤuſchlos in der Nacht wieder zuruͤckzukommen. Martin hatte aus Vorſicht Claude Gerard einen doppelten Schluſſel zu ſeiner Stube gegeben; letzteter konnte alſo zum Kammerdiener des Grafen gelangen und verſchaffte ſich jetzt mittels Zuͤndhoͤlzchen, die er auf dem Kamin fand, Licht. Hier ſah er, daß das Felleiſen gewaltſam geoͤffnet war. Die Treppenthuͤr, welche ins Toilettencabinet des Grafen fuͤhrte, war offen geblieben. Claude Gerard errieth nun Alles, ſtüͤrzte hinunter, legte das Auge ans Schluͤſſelloch des Schlafzimmers und ſah den Grafen be⸗ ſchaͤftigt. Nachdem er, wie erwaͤhnt, das Fenſter des Toilettenca⸗ binets das in den Garten ging, geoͤffnet hatte, um ſeinen Ruͤckzug zu ſichern, benußte Claude Gerard das Geräuſch des Sturmes, zog leis den Riegel von dem Schlafzimmer des Grafen zuruͤck und konnte ſich auf dieſe Art ihm na⸗ hern, ohne von ihm gehört zu werden. Beeilen wir uns zu erzählen, daß der Schrecken der Pachtleute, bei denen Claude Gerard verweilt, als er auf das Schloß Tremblay eilte, durch einen Anfall von Ohn⸗ macht hervorgebracht worden war, in welcher Perrine Mar⸗ tin ſo lange bewußtlos gelegen, daß dieſe Armen, die ſie fuͤr todt gehalten, auch jene dieſe Ueberzeugung hatten theilen laſſen. Acht Tage nach dieſer Unterredung zwiſchen Claude und Duriveau gingen andere Dinge in Paris im Hotel Basquinens vor, wohin wir nun den Leſer fuͤhren. Yrittes Rapitel. „ — * Basquinens Hotel. Die folgende Scene geht in einem allerliebſten kleinen, zwiſchen Garten und Hof gelegenen Hotel der Straße Saint Lazare vor, welches Basquine bewohnt. Ein Theil des Gartens geht auf einen wuͤſten, mit Baumaterialien bedeckten Platz. Es iſt um 10 Uhr Morgens. Zwei Perſonen, die in Martins Tagebuche figurirt haben, Leporello und Mamſell Aſtarte beſchaͤftigen ſich damit, die Unordnungen wieder gut zu machen, welche ein bis ſehr ſpaͤt in die Nacht verlänger⸗ tes Zuſammenſein ſtets in einer Wohnung verurſacht. Aſtarte, obgleich einige Jahre aͤlter als da ſie noch im Dienſte ihrer Miniſterin ſtand, der ſie nach eignem Aus⸗ drucke das Leben ſo ſauer machte, hat doch noch ihre elegante Taille, ihre ſchoͤnen weißen Zaͤhne, ihre koͤſtlichen ſchwarzen Haare und ihre impertinente, ſpoͤttiſche Miene be⸗ halten. Leporello, der ehemalige Kammerdiener des Baron von Saint Maurice, hat das an Gewicht gewonnen was er an chevaleresker Jugendlichkeit verloren. iſt ſtaͤrker geworz ben, ſein Geſicht iſt voll und roth, er ſcheint vollkommen „ vertraut mit Aſtarte. „Wohlan, meine Liebe,“ ſagt dieſer Leporello, indem er ſeine haͤuslichen Geſchäfte unterbricht, um ſich unbefan⸗ gen in einen köſtlichen Seſſel zu ſtrecken, immer noch mit ſeinem Federwedel in der Hand. „Schwatzen wir ein bischen, damit meine Zunge geläufig wird. Geſtern auf Deinen Ruf aus der Normandie angekommen, heute hier auf Deine Empfehlung in Dienſte getreten, einen Theil der Nacht beſchaͤftigt, in dieſem Salon mehre Herzoͤge, Fuͤrſten, Am⸗ baſſadeure, Marquis und Grafen und andre Leute der vor⸗ nehmſten Welt anzumelden, die ich nicht in den beſten Häuſern, wo ich diente, angemeldet habe, habe ich noch gar keine Zeit gehabt, gruͤndlich mit Dir zu plaudern.“ „Das iſt nicht wahr, mein armer Leporello,“ ſagte Mamſell Aſtarte, indem ſie ſich ihrerſeits faullenzend in einen Lehnſtuhl ſtreckte, „die letzten Wagen ſind erſt fruh „ um 4 Uhr fortgefahren. Madame hat mich bis 5 uhr“ behalten und ich ſtehe eben erſt auf.“ n „Ich bin auch uͤberzeugt, daß Du mich nicht gus de Hauſe der Marquiſe von Mainval wirſt geholt haben,“ verſetzte Leporello, „um bei dem Tauſche zu verlieren. Furs Erſte iſt mein Gehalt hier doppelt ſo groß, und Du haſt mir die buͤrgerliche Dame als freigebig und wyig aufmerkſam geſchildert.“ „Das heißt ſo ſehr, daß es am Ende genirt, denn mit ſo vertrauensvollen Perſonen wird man... wider ſei⸗ nen Willen bedenklich . .. waͤhrend mit den andern.„. wahrhaftig, da gilts ehrliche Fehde!“ „Eine freigebige Schauſpielerin,“ erwiderte Leporello, „das iſt nichts Seltenes, ſie verthut das Geld wie ſie es ge⸗ 3 winnt, und es ſcheint, als ob Madame. etwas Tuͤchtiges gewaͤnne.“ „Mehr als 100,000 Francs jährlich.“ „Das iſt artig! „Ohne die Nebenaccidenzien zu rech⸗ nen?“ „Wie?“ „Giebt es unter dieſen Herzögen, Fuͤrſten und Am⸗ baſſadeurs denn nicht einen.. der. hm?“ fragte Lepo⸗ rello und ſah ſeine Gefaͤhrtin mit bedeutungsvollem Blicke an. „Nein „ entgegnete Aſtarte ernſthaft. „Ach doch! und nach einer augenblicklichen Ueber⸗ legung ſetzte Leporello hinzu: „ich verſtehe. ſie laͤßt ſich herab. Das iſt manchmal ſo. irgend ein Spitz⸗ bube. der ſie rupft.. „Nein . . ſagte Aſtarte mit Serohelet Ernſte. „Alſo ein Schauſpieler?“ „Nein.“ „Nein . .. nein. nein. Nun die famoſe Bas⸗ quine wird doch wenigſtens einen Geliebten haben und wenn es der Teufel wäre!“ „Der Teufel iſts eben ... denn ſie hat keinen.“ „Dann hat ſie alſo Zwei? . .. Drei?. Zwoͤlf?“ „Nicht Einen.“ „Aſtarte! . Kindl Sie werden ſehr unwahrſchein⸗ lich in Ihren Reden.“ „Du weißt aber doch, daß wir uns unter einander nichts weiß machen.“ „Wenns keinen Nutzen bringt.“ „Wohl verſtanden, und ich habe kein Intereſſe dabei, Dir es zu perheimlichen, ob Madame einen Geliebten hat oder nicht.“ — „Nun,“ ſagte Leporello ſtutzend, „dann muß ich es wohl glauben.“ „Ich will Dich übrigens von Allem in Kenntniß ſetzen. Du weißt, daß ich meinen Schafkopf von Miniſterin nach der Geſchichte mit den Radieschen verlaſſen habe?“ „Radieschen?“ „Wie? Du weißt nicht?“ „Ich will nie mehr ein Radieschen uͤber die Zunge brin⸗ gen — und ich liebe ſie doch ſehr — wenn ich begreife, was Du ſagen willſt.“ „Ich war meiner Miniſterin alſo außerordentlich muͤde und ſatt. Denn nicht zufrieden damit, albern und dicke buͤrgerlich zu ſein, war ſie auch noch boshaft, wie ein rother Eſel, nicht gegen mich, das hätte ich mir verbeten, ich habe Schnabel und Naͤgel, aber ſie war unbarmherzig gegen ihre junge Nichte, haͤßlich freilich wie ein Ungeheuer, das arme Geſchoͤpf! aber ſo gut, ſo ſanft, daß mir die Thraͤnen in die Augen traten, wenn ich die Demuͤthigungen mit anſah, welche dieſe, ohne ſich jemals daruͤber zu beklagen, alle Tage von ihrer abſcheulichen Tante erduldete. Das brachte mich ſo auf, daß ich mir zuſchwor, ich wollte nicht dableiben, ſondern das arme Maͤdchen raͤchen, ehe ich fort⸗ ginge, und mich um etwas ſehr Komiſchen willen fortſchicken laſſen. Eines Tages als ich meine Miniſterin zu einem Balle in den Tuilerieen zu coiffiren hatte, nehme ich in dem Speiſegewolbe ein halbes Dutzend allerliebſter roſiger Ra⸗ dieschen mit ihren Blättern, ſteche durch jedes eine große ſchwarze Nadel und bringe ſo beim Kopfputze meiner Mi⸗ niſterin, ohne daß ſie eine Ahnung davon hat, die Radies⸗ chen hinter die Flechten am Chignon an.“ „Aſtarte, Du biſt brav wie Cambronne.“ „Die Miniſterin trug dazu zwei Maraboutsbuͤſche S 6 nach vorne.. .. O, liebe Kleine,“ ſagte ſie zu mir, indem ſie ſich mit Wohlgefallen im Spiegel beſah, „bin ich heut ſuperb coiffirt, Du haſt Dich ſelbſt uͤbertroffen.“ „Das kommt daher, gnaͤdige Frau, weil Sie in dieſem Kopfputze ganz ausſehen wie die Frau Herzogin. — Wahr⸗ haftig, Kleine? — Auf Ehre, gnaͤdige Frau, antwortete ich, aber erſt auf dem Balle werden Sie uͤber die Wirkung urtheilen koͤnnen, welche Ihr Kopfputz hervorbringt. . Darauf geht ſie denn fort mir nichts Dir nichts, und ganz allein, denn der Miniſter war krank, worauf ich gerechnet hatte. Nach einer Viertelſtunde kommt ſie auf dem Tui⸗ lerieenballe an. Man ſtellte ſich in Reihen, um ſie kommen zu ſehen, eine Wirkung, die ſie dem Eindrucke ihrer Mara⸗ bouts zuſchrieb. Auch bruͤſtete ſie ſich gar gewaltig, wie ich von einer Freundin nachher erfuhr, der ihre Herrſchaft den Auftritt erzaͤhlt hatte. — Mein Gott, gnädige Frau, ſagte Jemand zu der Miniſterin: was haben Sie da für einen Lenzkopfputz, eine Gartenfriſur. .. ja ich moͤchte ſa⸗ gen eine Coiffuͤre wie im Treibhauſe.“ „O mein Herr! — Gnaͤdige Frau, ſagte eine An⸗ dere, Ihre Coiffuͤre wird nie aus der Mode kommen. — O, mein Herr! — Aber ſie iſt wirklich zum Anbeißen! verſetzte ein Dritter. — O mein Herr! o mein Herr! rief immer die Miniſterin, indem ſie ſich mit der Wirkung ihrer Marabouts bruͤſtete. Endlich hinterbrachte ihr die gedachte Freundin, die ſie eine halbe Stunde ſich ſo als Fruͤhbeet hatte ausſtellen laſſen, daß man anfange ſie ein wenig zu ſehr Mutter Radieschen zu nennen, und bei meiner Ehre, den Namen hat ſie auch behalten.“ „Aſtarte, ich betete Dich an,“ ſagte Leporello enthuſias⸗ mirt, „aber von heute an verehre ich Dich.. .. Aber Du * ungluckliche, das war doch ein Scherz, der Dir jede weitere Anſtellung unmoͤglich machen mußte.“ „Im Gegentheil! Das hat mich in der Vorſtadt Saint Germain, wo man mir vorwarf, mich durch den Dienſt bei einem Juliminiſter angeſchloſſen zu haben, recht in Ruf gebracht. Ich hatte nur zu waͤhlen. So bin ich denn zu der Grafin von Ceriſy gegangen, ein brillantes Haus, aber die Gräfin iſt geſtorben .. vor anderthalb Jahren. Da erfuhr der Marquis d'Hanneville, der ſchon um Mamſell Basquine herumcokettirte, und ſtolz darauf war ſich ſo zu ſagen zu ihrem Intendanten herzugeben, um ſich ihr nothwendig zu machen, von einer meiner Freundinnen, der Kammerftau ſeiner Gemahlin, daß ich frei ſei. Er hatte mich bei Frau von Ceriſy geſehen, und ſtellte mich vor. . .. Seitdem bin ich da geblieben.“ „Ich ſehe ſchon ſeine Gedanken, des feinen Herrn Marquis,“ verſetzte Leporello. „Er wird ſich geſagt haben: Aſtarte wird in meinem Intereſſe ſein, und es iſt ſchon ſehr viel, die Kammerfrau fuͤr ſich zu haben .. wenn man der Dame vom Hauſe den Hof macht.“ „Gewoͤhnlich ja, aber es hat ihm nichts geholfen, und doch weiß Gott was er ſich fuͤr Muͤhe um Madame gegeben hat, die tollen Geldausgaben fuͤr Dinge, die ſie nicht einmal zu bemerken ſchien. Endlich hat er ſogar ſeine Frau ver⸗ laſſen, weil er glaubte, Madame wuͤrde ihm das hoch an⸗ rechnen. Nicht genug damit, hat er auch, und der Himmel weiß wie theuer, denn er hat es ſogleich beziehen wollen, ein hier anſtoßendes Haus gekauft.“ „Und warum denn das?“ „Um da zu ſein. . . ganz nahe bei Madame.“ „Und es gaͤbe nichts zwiſchen ihnen?“ „Nichts.“ — „Aber da war er ja ein Narr!“ „Das will ich meinen! .. Und wie Madame ſie be⸗ handelt, mein armer Leporello! wohl bemerkt, daß der Mar⸗ quis ein Mann nach der Mode war, wie Dein ehemaliger Herr, und ſo wie dieſer jung, mit einem ſehr huͤbſchen Ge⸗ ſichte, brav, liebenswuͤrdig, aber ſeine Liebe zu Madame machte ihn ganz albern. Endlich, Aſtarte — ſagte mir der arme Marquis, denn ich war ſeine Vertraute; endlich habe ich fuͤr Deine Herrſchaft das gethan, was unter hun⸗ dert Maͤnnern nicht zehn fuͤr eine Geliebte thun wuͤrden, die ſie anbeten, ich habe meine Frau verlaſſen, habe mir ihre und meine Familie auf den Hals gehetzt, und alles das um Mamſell Basquine zu beweiſen, daß ich trotz ihrer Gleich⸗ giltigkeit mit der Welt gebrochen habe, um nur fuͤr ſie zu leben. Und das ruͤhrt ſie nicht. Wenn ſie einen Andern liebte, wurde ich alle Hoffnung aufgeben, aber ſie liebt Nie⸗ mand, das weiß ich gewiß. Ich habe viel Geld verſchwen⸗ det, um ihr nachgehen zu laſſen, ſie auszuſpioniren, in der Oper, hier, uͤberall wohin ſie geht ... und nichts nicht ein Schatten von einer Intrigue. — Das habe ich Ih⸗ nen ja immer geſagt, mein Herr Marquis, verſetzte ich, Sie wollten mir es aber nicht glauben. — Jetzt aber, ant⸗ wortete er, jetzt glaube ich Ihnen, ich bin uͤberzeugt, daß ſie Niemand liebt. Das hindert mich zu verzweifeln, denn ſie muß mich doch am Ende lieben. Es iſt ja unmöglich, daß ſie allen den Opfern widerſtehen kann, die ich gebracht habe, und noch bringen werde, ohne daß ſie ſelbſt nur es noͤthig hat, ſie mir aufzulegen, und das blos in der Hoff⸗ nung, geliebt zu werden. — Kurz, ich ſchwöre Dir, Lepo⸗ rello, daß der arme Marquis mir das Herz zerriß, denn bald raſete er, daß man ſich hätte fuͤrchten mögen, und bald weinte er wie ein Kind.“ „Und Deine Dame?“ „Ein Marmor . ſchlimmer als ein Marmor ... denn ein Marmor lacht nicht.“ „Sie lachte!“ „Wie ſie zu lachen manchmal . .. und dann ſchaudert einem auch die Haut. „Sieh doch, es iſt alſo ein eingefleiſchter Teufel, un⸗ ſere theure Herrſchaft.“ „Ich fuͤrchte mich vor ihr.“ „Und der arme Marquis?“ „Iſt todt.“ „Todt .. vor Liebe! . . Oh geh doch!“ „Vor Liebe . durch einen Piſtolenſchuß in's Herz.“ „Aſtarte, nicht geſpaßt!“ „Die Sache iſt unterdruͤckt worden ... man hat von einem ploͤtzlichen Schlaganfall geſprochen, aber der Marquis hat ſich ſicher und gewiß ſelbſt getoͤdtet, ſo daß der Graf Duriveau ... Du kennſt ihn ja?“ „Ja! ja, den Herrn, wo Bolard und Mamſell Ga⸗ briele dienen.“ „Ganz recht. Nun denn, der Graf Duriveau, einer ſeiner intimſten Freunde, hat ihn, als er ihn eines Mor⸗ gens beſucht, auf den Dielen ausgeſtreckt gefunden. Auch ſagt man, ſoll der Graf ſeitdem einen Haß auf Madame geworfen haben, ſo, daß es keine Abſcheulichkeiten giebt, die er ihr nicht nachſagte ... was aber ſeinen Sohn nicht hindert ..“ 5 „Den Sohn des Grafen Duriveau?“ „Ja, den Vicomte Scipio; der Ungluͤckliche iſt eben ſo verliebt in Madame, als es der arme Marquis war und ſo viele Andere.“ „Aber ich hoͤrte ja geſtern ſagen, daß der Vicomte Scipio die Tochter der Madame Wilſon heirathen ſolle, und Vater und Sohn ſich an Einem Tage vermaͤhlen wuͤrden?“ „Das iſt wahr. Vicomte Scipio heirathet Mamſell Raphaele.“ „Und er iſt wohl zum Sterben verliebt?“ „In unſte Herrſchaft.“ „Und das Beiſpiel des armen Marquis haͤlt ihn nicht zuruͤck?“ 5 „Im Gegentheil .. alle dieſe ungluͤcklichen Maͤnner ſagen ſich: Was fuͤr ein Triumph, da zu ſiegen, wo der arme Marquis ſich aus Verzweiflung das Leben nahm, und ſo viele Andere mißachtet worden ſind!“ „Und Vicomte Scipio hat nichts Beſſeres zu hoffen, als die Andern?“ „Hm,“ ſagte Aſtarte mit der Miene des Zweifels. „Alſo endlich! .. . ich hole wieder Athem.“ „Hole ihn nicht zu geſchwind, mein armer Leporello. Ohnſtreitig beachtet Madame den Vicomte, ſie hat ſogar Aufmerkſamkeiten fuͤr ihn, wie ich ſie noch fuͤr Niemand an⸗ dern haben ſah. So hat ihm, ſeit er nach der Sologne auf das Schloß ſeines Vaters gereiſ't iſt, Madame drei bis vier Mal die Woche geſchrieben. Uebrigens, glaube ich, erwartet ſie ihn von einer Minute zur andern, weil, wie man ſagt, die Doppelhochzeit von Vater und Sohn in Paris ſtatt finden ſoll.“ „Und was ſagt ſie vom Vicomte?“ „Nichts . doch auch dieſes iſt bemerkenswerth .. denn wenn von den Andern die Rede iſt ſiehſt Du, ar⸗ mer Leporello .. ſo wette ich mit Dir, Du wirſt Madame nicht zehn Minuten lang von einem ihrer Patienten, wie ſie ſie nennt, ſprechen hoͤren .. ohne „Sich uͤber ſie luſtig zu machen?“ — „Nein, ohne ſie zu verachten .. . Sie hat dann ſo harte und blutige Spaͤſchen, daß ſie ſie wie mit gluͤhenden Eiſen brandmarkt.“ „Und trotz deſſen vernarren ſich dieſe albernen Men⸗ ſchen in ſie?“ „Sage lieber eben deßwegen . und bis auf Koͤnige, die ſich darunter mengen, oder gemengt haben.“ „Koͤnige?“ „Ja Madame iſt faſt zwei Jahre im Norden als erſte Saͤngerin der Hofoper angeſtellt geweſen ... und bei meiner Ehre, der König . ..“ „Hat ſich in ſie verliebt?“ „Verliebt wie toll wie die Andern. Aber eines ſchönen Tages weiß ich nicht was vorgefallen iſt, aber man ſagt, daß bei einem Rendezvous mit Madame der Koͤnig großer Gefahr ausgeſetzt geweſen iſt, aus der ihn ein Unbe⸗ kannter nur wie durch ein Wunder gerettet hat.“ „Eine Gefahr bei einem Rendezvous? der Koͤnig hatte alſo einen Nebenbuhler?“ „Ich habe niemals die Sache recht erfahren können, es geſchah vor meiner Zeit, was ich davon weiß, weiß ich von Juliette. Du erinnerſt Dich doch noch an Juliette, bei der Fuͤrſtin von Montbar?“ „Ich werde doch . wo auch Martin war . ein guter Junge, aber verteufelt ſchweigſam.“ „Ganz recht. Martin hatte die Fuͤrſtin begleitet, die aus einer Fuͤrſtin eine bloſe Buͤrgerfrau geworden war, da ſie nach dem Tode des Fuͤrſten, ihres Gemahls, ganz buͤr⸗ gerlich Juſt Clement ihren Geliebten geheirathet hatte. Nun denn, Juliette, die auch ſo wie Martin, in ihrem Dienſte der Fuͤrſtin geblieben, oder wenn Du lieber willſt, in Dienſten der Madame Clement, hatte ſie in dieſe Stadt im Norden begleitet. Waͤhrend ihres dortigen Aufenthalts iſt nun das Abenteuer mit dem Koͤnige und der Mamſell Basquine vorgefallen. Uebrigens gingen Herr und Mad. Clement oft nach Hofe. Der Koͤnig liebte ſie, wie man ſagte, ſehr. So viel iſt mir gewiß, daß nach dem gedachten Vorfalle Mamſell Basquine, ſtatt ihr Engagement auszu⸗ halten, das noch ſechs bis acht Monate dauerte, nach Frank⸗ reich zuruͤckkam, und ich kurze Zeit darauf in ihre Dienſte trat .. Ich erzaͤhle Dir dieſe Geſchichte mit dem Koͤnige, um Dir begreiflich zu machen, daß unſere Herrſchaft ſehr natuͤrlich finden muß, daß ein Marquis ſich um ihretwillen tödtet, wenn einem Könige beinah vaſſelbe paſſirt wäre.“ „Ganz recht und Martin?“ „Von dem habe ich nichts weiter gehört .. Ich glaube daß er dort geblieben iſt .. und habe nicht erfahren, weß⸗ halb er ſeine Herrſchaft verlaſſen hat.“ (Es braucht wohl nicht erſt dem Leſer bemerklich ge⸗ macht zu werden, daß Aſtarte nicht wußte, wie Martin, der vor Kurzem von ſeiner Reiſe zuruͤck, in des Grafen Du⸗ riveau Dienſte getreten.) „Aber um wieder auf unſere Herrſchaft zu kommen, weißt Du auch, daß ſie mir wie eine ganz ſonderbare Weibs⸗ perſon vorkommt? Und doch haͤtte man ſie, wenn man ſie ſo die Honneurs der Soirte machen ſieht, ihres vortrefflichen Benehmens wegen, fuͤr eine Herzogin halten ſollen. Und ſchön, ſchön iſt ſie zum Verlieben .. dennoch.. „Nun was denn?“ „Iſt Madame immer ſo blaß.“ „Immer!“ „Sie ſieht nicht aus, als befinde ſie ſich dabei leidend.⸗ iſt dadurch nicht minder ſchoͤn, aber ſonderbar iſt ſie doch⸗. dieſe Blaͤſſe.“ — „Unter uns geſagt,“ erwiderte Aſtarte geheimnißvoll, „ich glaube, daß ſie blaß vom Rauche iſt.“ „Wie? ſie raucht? .. ſie auch? ... nun wahrhaftig, es ſieht aus, als ob dies entſchieden in der Mode ſei .. obgleich der Cigarrengeruch fuͤr eine Frau ... mir abſcheu⸗ lich vorkommt.. . . Aber weil es Mode iſt.. . .“ „Du irrſt. Madame raucht nicht Tabak.“ „Und was denn ſonſt?“ „Ich weiß nichts davon ... ſie legt das auf eine Art kleirer Muſchel von Porzellan . . es iſt wie Harz dann macht ſie Feuer darunter und zieht den Dunſt durch ein langes, mit goldnen ſeitnen Faͤden umwundenes Rohr ein.“ „Sieh doch! und welches verwuͤnſchte Vergnuͤgen fin⸗ det ſie denn daran?““ „Es ſchlafert ein.“ „Es ſchlaͤkert ein! Und warum ſucht ſie ſich denn einzuſchlaͤfern?“ „Um ſich nicht zu langweilen.“ „Sie langweilt ſich?“ „Wie eine Abgeſtorbene, mein armer Leporello, wie eine Leiche.“ „Sie ſo reich, ſchoͤn und geſucht .. auf den Haͤn⸗ den getragen . . . ſie langweilt ſich?“ „Zum Sterben, ſage ich Dir, und wenn ſie ihr Haar gerauft hat, ſo bleibt ſie 6 bis 7 Stunden mit halb⸗ offnen Augen auf ihrem Kanapee liegen und ruͤhrt keinen Finger.“ „Was Du mir da ſagſt, das iſt ja ganz unglaublich.“ „Beſonders ſeit 6 Monaten nimmt ihre Langeweile zu. Sonſt ſang ſie manchmal ganze Stunden lang und ganz alein; das ſchien ſie zu beluſtigen, ob ſie ſich gleich Martin. K. 3 — — oft unterbrach, um in Thraͤnen zu zebfließen . beſonders bei einer Arie. .. So oft ſie dieſe Arie zu ſingen anfing, wars vorbei, ſie weinte wie eine wahre Magdalene. Aber es ſind nun 3 Monate her, daß ſie ihr Pianoforte nicht geoͤffnet hat, und ſtatt einen Urlaub von 4 Monaten zu be⸗ nutzen, wobei ſie 50 bis 60,000 Francs in England ver⸗ dienen koͤnnte, zieht ſie es vor, hier zu bleiben, zu rauchen und zu ſchlafen.“ „Aber wenn ſie auf dem Theater ſingt, man ihr Blu⸗ men und Kraͤnze zuwivft und ſie mit tollem Geſchrei heraus⸗ ruft „Hoͤre einmal, Leporello, alle Welt ſagt, daß ſie einſt ſchoͤner geweſen ſei und mehr beklatſcht worden, als die letz⸗ ten fuͤnf Male wo ſie geſungen hat und dann im Augenblicke wo ſie ſpielte, ſah ſie aus, als ob ſie noch ein wenig belebt waͤre . aber als ſie nach ihrem Triumphe wieder nach Hauſe kam, ſo haͤtte ſie nicht trauriger und duͤſtrer ſein können, wenn ſie von einer Beerdigung gekom⸗ men waͤre.“ n „Wahrhaftige Es iſt aber doch erſchrecklich!“ „Das letzte Mal hat man ihr die Pferde ausgeſpannt. Das ganze Orcheſter und ich weiß nicht wie viel Wagen mit Maͤnnern und Frauen der vornehmſten Welt haben ſie bis hierher begleitet.. „Und da mußte ſie doch wenigſtens nicht traurig ſein!“ 5 „Freilich iſt es das erſte Mal geweſen, wo ich ſie mit heitrer Miene habe nach Hauſe kominen ſehen.“ „Nun alſo, da wenigſtens!“ „Endlich!“ ſagte ſie zu mir! „s iſt das lette Mal.“ — —— „Wie? das letzte Mal! ſie will alſo nicht mehr ſpie⸗ len?“ „Wie es ſcheint, nein.“ „Dieſes Jahr?“ „Nein „ fuͤr immer.“ „Aber der Beifall, der Ruhm?“ 5 „Ich glaube, daß ſie deſſen bis an den Hals hat, oder 8. vielmehr glaube ich, daß ihr ein Wurm am Herzen nagt. . „Mein Gott! wie ſetzt mich alles das was Du mir da ſagſt in Staunen!“ „Sie hatte ſogar ſeit ziemlich langer Zeit gar Nie⸗ mand mehr geſehen, aber ſeit etwa einem Monate nimmt ſie wieder Leute an.“ „Und wenn ſie in den Vicomte Scipio verliebt iſt, wie reimſt Du das damit?“ „Ich reime es ganz und gar nicht, es geht uͤber mei⸗ nen Horizont, ich verſtehe nichts davon. Seit ſie ihm ſo oft ſchreibt, ſeit ſie mit Einem Worte ihn beruͤckſichtigt, ſchlaͤfert ſie ſich ein und ſcheint trauriger als je. Vorge⸗ ſtern bin ich vor ihr erſchrocken. Seit 11 Uhr Morgens bis faſt Mitternacht iſt ſie in ihrem Schlummer mit halb offnen Augen geblieben, nur daß ihr ... was mir bis da⸗ hin noch nie vorgekommen . . . faſt während der ganzen Zeit dieſer Art von Betaͤubung große Thränen aus den Augen rollten.“ „Die Arme!“ „Es giebt auch noch etwas was mir ſehr auffaͤllt.. Seit Kurzem hat Madame ein altes, haͤßliches Haus mie⸗ then laſſen, in welchem Niemand wohnt, und das in der Straße du Marchs-vieux liegt, nach der Barriere de Enfer zu. Kennſt Du's etwa?“ 3* — 36 — „Nein! aber was will denn Madame mit dieſem Hauſe, in dem Niemand wohnt?“ „Da fragſt Du mich mehr als ich weiß.“ Ein ſtarker Zug an der Klingel, der im Vorzimmer wiederhallte, unterbrach das Geſpräch zwiſchen Leporello und Aſtarte. Viertes Rapitel. Ein Freund aus den Kinderjahren. Leporello oͤffnete. Mit ganz verſtörtem Geſichte fagte der Portier zum Kammerdiener: „Iſt Mamſell Aſtarte nicht da?“ „Warum?“ „Ich muß durchaus und auf der Stelle mit ihr ſpre⸗ chen,“ ſagte der Portier und fuͤgte dann, waͤhrend Lepo⸗ rello fortging, Aſtarte zu holen, hinzu: „Ach Du mein Gott, ich bin noch ganz außer mir!“ „Was haben Sie denn, Herr Durand?“ fragte Aſtarte, die ſchnell herbei eilte. „Ach, Mamſell! Stellen Sie ſich vor, daß man ſo eben klopfte, ich ziehe die Schnur, und ſehe einen großen KRerl in meine Loge kommen, mit braunem Barte und faſt grauen Haaren, ob er gleich noch jung ausſah, uͤbrigens ſchlecht gekleidet, aber mit einer komiſchen Miene und einer breiten ſchwarzen Binde uͤber dem linken Auge, kurz ein Ge⸗ ſicht ein Geſicht .. „Weiter,“ ſagte Aſtarte ungeduldig, „weiter!“ „Wohnt hier Basquine? fragte er in rohem Tone. Ja, Mademoiſelle Basquine wohnt hier, mein Herr, ſagte ich zu dem Eindringling, um ihn ſeine Unart merken laſſen. Gut! ſagt er weiter, und ſteigt uͤber den Hof weg. Ich ihm nach. Mein Herr, warten Sie doch man geht nicht ſo geradezu . Madame iſt nicht ſichtbar. 6 Der Beweis, daß ſie ſichtbar iſt, iſt, daß ich ſie ſehen will, ant⸗ wortet er. Und ſo geht er immer weiter. Jetzt faß ich ihn beim Arme, halte ihn zuruͤck und ſchreie: Wenn Sie mit Gewalt ins Haus dringen, ſo rufe ich nach der Wache! Bei dieſer Drohung wurde der verdammte Kerl blaß, wie ich deutlich bemerkte, blieb ſchnell ſtehen und ſagte: Schreien Sie doch nicht ſo, gehen Sie wieder in Ihis Loge und ge⸗ ben Sie mir Schreibegeraͤth. Ich ſchreibe eine Zeile, und die tragen Sie dann ſogleich zu Ihrer Herrſchäft und Sie werden ſehen, wie man Sie behandeln wird, weil Sie mir z. Thur gewieſen haben.... Und wahrhaftig, dieſer Menſch hat mir das mit einer Miene geſagt, daß trotz ſeines ſchlech⸗ ten Aus ſehens ich in Furcht gerieth, Unrecht daran gethan zu haben, ihn nicht aufzunehmen. ... Hier iſt das Sit das er Madame eingehaͤndigt haben will 1 Damit gab der Portier Aſtarte ein friſch ugucs Billet. „Es iſt unmöglich,“ verſetzte die Kammerfrau, „ich kann Madame nicht aufwecken, ſie hat ſich um 5 Uhr fruh niedergelegt . und noch nicht geklingelt.“ „Ei zum Henker, ſchicken Sie ihn doch fort Ihren Bartmenſchen,“ ſagte Leporello; „oder ſoll ich etwa mit ihm reden?“ „Nein,“ entgegnete Aſtarte nach einigen Augenblicken der Ueberlegung, „Herr Durand hat vielleicht Recht daran gethan, und auf die Gefahr hin, Madame aufzuwecken, will ich ihr den Brief bringen.“ . ⸗ . . ⸗ ⸗ ⸗ ⸗ ⸗ . ⸗ * * — 3 gehn Minuten nachher kam Aſtarte zuruͤckgelaufen. „Ach Du mein Gott! was habe ich fuͤr einen klugen Gedanken gehabt,“ ſagte ſie zu Löporello, „daß ich Madame den Brief brachte!“ — Dann wendete ſie ſich zum Portier: „Geſchwind, Herr Durand, geſchwind, erſuchen Sie den Herrn einzutreten und bringen Sie ihn hierher.“ Der Portier eilte zu gehorchen und kam baid mit Bamboche zuruͤck. Man erinnert ſich vielleicht noch, daß der Bandit zweier Mordthaten angeklagt und nach ſeiner Entweichung aus dem Gefaͤngniſſe zu Bourges von Wald zu Wald ge⸗ hetzt, beinahe von Beaucadet und deſſen Gendarmen in dem Walde, der dem Grafen Duriveau gehoͤrte, feſtgenommen worden waͤre, daß aber Bamboche zuerſt durch Bétespuante, der ihm in ſeiner Hoͤhle Zuflucht verliehen hatte, und daun ſpaͤter durch Herrn Dumolard, dem er ſeine Kleider, ein Pferd und die Boͤrſe mit 55 Louisdor abgenommen hatte, welche der dicke Herr ſo ſehr bejammerte, nach unendlicher, Muͤhe dahin gelangt war, die Polizeiſoldaten, die ihn auf⸗ ſuchten, auf eine falſche Spur zu bringen und endlich Paris zu erreichen, wo er nicht ohne Grund hoffte, ſich beſſer ver⸗ bergen zu koͤnnen. Da war ihm endlich Basquine einge⸗ fallen, deren glaͤnzende Lage er kannte, und ſo hatte er ge⸗ hofft, daß die Gefährtin ſeiner Kindheit ihm werde Hilfe angedeihen laſſen. Bamboche, deſſen ſtarker brauner Bart die Hälfte ſeines Geſichts bedeckte, und den eine breite ſchwarze Binde uber dem linken Auge noch mehr verſtellte, war reinlich ge⸗ kleidet, aber ſeine rohen Zuge, ſeine Blaͤſſe und ſeine wilde Phyſiognomie erklaͤrten die Art von Bedenken, das der Por⸗ tier gehabt hatte, eine ſolche Perſon ohne Bemerkungen bei ſeiner Herrſchaft einzufuͤhren. „Wollen Sie die Guͤte haben, hier durch zu gehen, mein Herr,“ ſagte Aſtarte zu Bamboche, indem ſie ihn mit einem Gemiſche von Neugier, Furcht und Verwunde⸗ rung anſah, und die Eile ihrer Herrſchaft nicht begriff, einen ſolchen Beſucher annehmen zu wollen. Eine Stunde darauf als Bamboche zu Basquine ge⸗ kommen war, ſuchte Aſtarte Leporello auf und ſagte ihm ganz beſtuͤrzt: „Ach Du mein Got!! das iſt wieder etwas Neues!“ „Was denn, meine Liebe?“ „Dieſer Mann mit der ſchwarzen Binde ſoll hier fruͤh⸗ ſtuͤcken.“ „Ah bah!“ „Zu Mittag eſſen.“ „Ah bah!“ „Schlafen.“ „Alle Wetter!“ „Wohnen!!!“ „Es iſt alſo ein Bruder . zum Wenigſten.“ „Still!“ ſagte Aſtarte geheimnißvoll und leiſe. „Was denn?“ „Es iſt ein politiſch Verurtheilter, der aus dem Ge⸗ fangniſſe entflohen, wohin er bei den Emeuten gebracht worden.“ „Ah, dann begreife ichs armer Menſch! . Po⸗ litiſch verurtheilt! . .. das erinnert mich an Herrn Lebouffi den majeſtaͤtiſchen Deputirten der Oppeſition, uber den wir ſo viel gelacht haben der ſich den Schaͤdel von Grund aus wuſch, wenn er von der Tribune aus zu ſprechen hatte, um Schaͤdel geſchaͤfte zu machen, wie mein ehemaliger Herr ſie mit der Waͤſche machte.“ i — — — 41 — „Dieſer unglückliche Herr,“ verſetzte Aſtarte, „ſcheint es aber ſatt zu haben Gefaͤngniß geſchaͤfte zu machen, da⸗ her empfiehlt uns auch Madame das große Geheimniß. Wir Beide allein im Harſe ſollen wiſſen, daß der Gefangene hier iſt. Er ſoll in dem Zimmer ſchlafen, das auf der andern Seite des Waſchhauſes nach dem Garten zu liegt. Dazu habe ich allein den Schluſſel. Fuͤr ſeine Nahrung beſorgſt Du das Nöthige beim Abraumen, ehe Du die Schuſ⸗ ſeln in die Kuͤche zuruͤckbringſt.“ „Sehr gut. Aber der Portier hat ja den Herrn ein⸗ treten ſehen!“ „Madame hat auch daran gedacht; Du ſollſt alſo dem Portier auftragen, dieſen Brief ſogleich zum Vicomte Sci⸗ pio zu beſorgen. Waͤhrend nun Herr Durand das thut, wirſt Du in ſeiner Loge bleiben, und wenn er nach Hauſe kommt, haſt Du indeß dem Manne mit der ſchwarzen Binde die Thuͤr geöffnet, und ihn hinausgehen ſehen.“ „Das iſt gut ausgedacht. Alſo der Vicomte Scipio iſt wieder nach Paris zuruͤck?“ „Ohne Zweifel; ich habe ſeine Handſchrift unter den Billets erkannt, die ich dieſen Morgen Madame vorhin brachte, als ſie mir klingelte, um mir zu ſagen, daß der Mann mit der ſchwarzen Binde hier wohnen werde. Um ſo gewiſſer iſt aber der Vicomte wieder in Paris, als ſie Dir ſagen läßt, daß ſie durchaus fuͤr Niemand als ihn zu ſprechen iſt .. und daß er um 3 Uhr kommen ſoll.“ „Gut, das werde ich dem Portier ſagen, wenn ich ihn wieder in ſeine Loge laſſe, und ſelbſt Niemand annehmen als den Vicomte Scipio. Aber jetzt fällt mirs ein, ich habe ihn ja nie geſohen.“ „Schadet nichts, der Portier kennt ihn. Er wird — — Niemand ſonſt herauf laſſen als ihn, Du kannſt alſo dem Vicomte ruhig oͤffnen.“ „Schon gut, aber um groͤßerer Sicherheit willen werde ich ihn doch, ehe ich ihn herein laſſe, nach ſeinem Namen fragen.“ „Uebrigens,“ fagte Aſtarte, „will ich Dir ihn beſchrei⸗ ben. Das huͤbſcheſte Geſicht das man ſehen kann, kaſta⸗ nienbraune Haare, kleiner Schnurrbart, blond und gelockt, braune, ſo große Augen und Zaͤhne wie Perlen.“ „Alle Wetter, Mamſell, es ſcheint mir, als haͤtten Sie ihm gewaltig in's Geſicht ſehen, dieſem huͤbſchen Vicomte!“ „Und dazu noch,“ fuhr Aſtarte fort, bei Leporello's Bemerkung die Achſel zuckend, „weder zu groß noch zu klein, ein allerliebſter Wuchs, und eine ſo elegante Haltung wie die Deines ehemaligen Don Juan.“ „Bei ſo vielen Trefflichkeiten,“ ſagte Leporello, Fi greife ich, daß Madame Aufmerkſamkeiten fuͤt ihn hat, wie Du ſagſt, auch wuͤrde ich, wenn ich unfre Herrſchaft waͤre, lieber einen ſolchen huͤbſchen Jungen nehmen, um mich ein⸗ zuſchläfern, als ihre Porzellanpfeife.“ „Willſt Du dus Maul halten, untugendhafter Menſch Geh geſchwind zum Portier, und ich will mich mit dem Schlupfwinkel des Mannes mit der ſchwarzen Binde be⸗ S Gigen 2 Uhr fuͤhrte Leporello den Vicemte Scipio Duriveau in Basquinens Salon ein. „Wenn der Herr Vicomte die Guͤte haben wollen einen Augenblick zu verziehen,“ ſagte Leporello zu ihm. „Madame wird gleich hier ſein.“ Scipio nickte mit dem Kopfe und Leporello ging. Waͤhrend der Vicomte auf Basquine wartete, beendete —— dieſe mit Huͤlfe Aſtarte's ihre Toilette. Einige hier und da auf Stuͤhlen umherliegende Kleider von verſchiedener Farbe und Schnitt, zeigten an, daß Basquine mehre Anzuͤge verſucht hatte, ehe ſie ſich fuͤr einen entſchieden, den ſie ohnſtreitig unwiderſtehlich machen wollte. Es ſchien ihr dies auch vollkommen gegluckt zu ſein. Nun hatte ſich Basquine im volen Glanze ihrer blen⸗ denden Schönheit à la Sevignt coiffiren laſſen. Die tau⸗ ſend Locken ihrer Haare vom ſchoͤnſten Dunkelblond um⸗ ſpielten ſeiden, fein und leicht ihre reizende Stirn und kuͤßten die Umriſſe ihrer blaſſen Wangen. Aber ohngeachtet dieſer Bläſſe war Basqulnens Carnation zugleich ſo ſammtig, ſo durchſichtig, ſo rein, daß dieſe Abweſenheit des Colorits einen um ſo eigenthuͤmlicheren Reiz hatte, je mehr es von dem Purpur ihrer Lippen und dem Feuer ihrer großen Au⸗ gen mit kaſtanienbraunen, faſt ſchwarzen Brauen im Ver⸗ gleich zu den der duftigen Locken ihres Haars, in denen Luft und Licht ſpielten, abſtach. Zwei große Bandſchleifen, hochroth und weiß durchſchimmernd, vollendeten dieſen Haar⸗ putz. . Ueber ihr Unterkleid von roſa Seide trug Basquine eine Art Tunica von ſchwarzer, die ſehr weit ausgeſchnitten, um den Leib bogenförmig und kaum bis zu den Knieen ge⸗ hend war, wo ſie mit einer erhabenen Stickerei von ſchwarzem Schmelz beſetzt, aus welcher weite ſchwarze Spitzen bis auf die Fuͤße herabfielen, durch welche man die lichten Reflexe des roſa Unterkleids wie durch ein Netz ſchimmern ſah. Zwei kleine Bauſchaͤrmel unterbrachen allein den koͤſtlichen Umriß, der an rundliche, feine, weiche Arme und Schultern mit Gruͤbchen und einen blendenden Buſen anſchloß. Die Oeffnung des ſchwarzen Corſets wie ein V ausgeſchnitten haͤtte faſt die Hälfte der beiden Elfenbeinbruſte entdeckt, ſo ⸗ wie die breite und weiße Flaͤche, welche ſie trennte, wenn nicht eine große Schleife von Roſaband, an der Spitze des Corſets befeſtigt, ihren roſigen Schatten beſcheiden auf den Schnee des feſten Buſens geworfen hätte. Basquine gab jetzt vor ihrem Spiegel ſtehend den leichten Ringen ihres Haares die letzte Folie, jenes unnenn⸗ bare Nachlaͤſſige, Wahre, das weit uͤber Zierlichkeit und Symmetrie geht. Dann ſchnuͤrte ſie mit einer Schnalle von ſchwarzem Schmelz das breite Band als Guͤrtel ihrer un⸗ glaublich ſchlanken Taille, die ſo zu ſagen ſeit Basquinens Kindheit geſchult, eine Geſchmeidigkeit und Anmuth behal⸗ ten hatte, von welcher die unglaubliche Biegſamkeit der ſpa⸗ niſchen Taͤnzerinnen nur eine Idee geben könnte. Auch Basquine konnte gleich dieſen ihre feine Nattertaille ſich rechts und links, vorwaͤrts und ruͤckwärts biegen, kurz ſich wie eine Schlange winden laſſen, während ihre beiden Huͤften kaum unter wolluͤſtigem Wiegen ſchwankten. Unmoglich konnte man ein verfuͤhreriſcheres Ganze ſehen als das von Basquinen in dieſer Kleidung. Nie hatte noch Aſtarte ſie ſo außerordentliche Sorgfalt auf ihre Toilette wenden ſehen, aber ſie auch noch nie ſo ſchoͤn erblickt. Als die Kammerfrau beſcheiden am Schlafzimmer hatte anklopfen hoͤren, fragte ſie: „Wer iſt da?“ Leporello's Stimme antwortete von draußen: „Der Herr Vicomte Duriveau erwartet Madame im Salon, und hier iſt auch ein Brief an ſie gebracht worden⸗ Es bedarf keiner Antwort.“ Aſtarte öffnete halb die Thuͤr, nahm den Brief Le⸗ porello ab und übergab ihn ihrer Herrſchaft. Kaum hatte dieſe ihn geoͤffnet, als ſie ſich nicht ent⸗ halten konnte, laut auszurufen: „Er auch in Paris!!!“ Nachdem Basquine den Brief, den ihr Martin ge⸗ ſchrieben, aufmerkſam geleſen hatte, warf ſie ihn ins Feuer und ſah nachdenkend ihn brennen, waͤhrend ſie auf ſonder⸗ bare Art lachte. Nach einigen traͤumeriſch zugebrachten Augenblicken ſagte ſie dann in ſich erbebend zu Aſtarte: „Vergeſſen Sie ja, ich bitte Sie recht ſehr, nicht meine Anempfehlungen hinſichtlich der Perſon, die hier ver⸗ borgen bleiben ſoll einige Tage langz ich werde Ihren Eifer und Ihre Verſchwiegenheit zu belohnen wiſſen.“ „Madame können ſich darauf verlaſſen, daß das Ge⸗ heimniß bewahrt werden ſoll«.. und gut bewahrt.“ „Ich rechne auf Sie, Aſtarte, bedenken Sie, daß die kleinſte Unvorſichtigkeit großes Ungluͤck nach ſich ziehen könnte.“ „Beſorgen Sie nicht das Mindeſte, Madame, ich ſtehe fuͤr Leporello wie fuͤr mich ſelbſt.“ „Ich glaube Ihnen . .. ſagen Sie ihm auch, daß ich fuͤr Niemand zu Hauſe bin.“ Mit dieſen Worten ging Basquine durch ein Zim⸗ mer an ihrem Schlafgemach und befand ſich bald in Gegen⸗ wart des Vicomte. Bei Scipio's Anblick wurde Basquine von einem un⸗ merklichen Schauer ergriffen. Ein Blick teufliſcher Freude leuchtete aus ihrem Blicke. Sie glaubte jene ſo lang durchdachte, ſo lang erwartete Rache nun zu ergreifen und ergriff ſie wirklich. . .. Und dieſe Rache konnte furchtbar werden. Der Ausdruck, der einen Augenblick lang Basquinens Phyſiognomie einen furchtbaren Anſtrich von Bosheit gab, ging ſo raſch voruͤber, daß Scipio ihn nicht bemerkte. Im Gegentheil, ob er gleich an den Glanz von Basq uinens — Schoͤnheit gewoͤhnt war, ſo hatte vielleicht dieſe Schoͤnheit ihm noch nie ſo bewundernswuͤrdig, oder vielmehr wolluͤſti⸗ ger anziehend geſchienen. Er erbebte bei Basquinens An⸗ blick vor Liebe und Verlangen und rief mit triumphiren⸗ der Stimme: „Ich habe gewonnen! Mein Vater wird morgen kommen. .. Sie werden ihm die Bewrügeit meiner Verheirathung mit Raphaele vorſchreiben.“ „Ha, Sie Daͤmon!“ ſagte Basquine und warf ſich an Scipio's Hals, ihn mit ihren reizenden Armen um⸗ ſchlingend. „Sind Sie zufrieden, roſiges Teufelchen,“ antwortete der Vicomte und umſpannte ſo zu ſagen mit ſeinen zehn Fingern dieſe feine, runde Taille, während fortgeriſſen durch ungeduldige Gluth, er mit ſeinen Lippen Basquinens Mund ſüchte. Dieſe entwiſchte aber dieſem Kuſſe, und ob⸗ gleich immer noch von Scipio feſtgehalten, warf ſie ſich doch ſo lebhaft zuruͤck und ein wenig ſeitwaͤrts, daß ſie durch ihre Geſchmeidigkeit ſich gleichſam uͤber den einen Arm Scipio's in zwei Häͤlften bog. Dann in dirſer halb fallenden Stellung, welche mit der anreizenden Hingebung einer Eri⸗ gone der Antike wett eiferte, heftete ſie ihre großen, feuchten, verſchleierten, ſterbenden Augen auf Scipio, waͤhrend ihre Roſenlippen einen gluͤhenden Seufzer aushauchten, und ſich halboͤffnend, das weiße Email ihrer Zaͤhne ſehen ließen. Eine Wolke flog uͤber Scipio's Blicke; ſeine Wangen gluͤhten; trunken, hingeriſſen ſich gegen Basquine neigend, ſagte er mit ſtammelnder. .. begehrender Stimme zu ihr: „O, wie ſchoͤn Du biſt!. .. Ich liebe Dich!. End⸗ lich. biſt Du mein!“ Kaum hatte er dieſe Worte geſprochen als Basquine beweglich und ſchnell wie ein Aal der leidenſchaftlichen Um⸗ „ ————— armung des jungen Mannes ſich entzog, und als werfe ſie ſich ſelbſt vor, einem unwillkuͤrlichen Fortgeriſſenwerden nachgegeben zu haben, zu ihm ſagte: „Nein nein ich bin eine Thoͤrin!“ Und damit warf ſie ſich in einen Seſſel neben dem Kamin und verbarg das Geſicht in die Hände. i Scipio eilte zu ihr und rief: N „D! Du willſt Dich vergebens vertheidigen. .. Du liebſt mich. . Du biſt mein, und. .. Er endete nicht. Basquine hob den Kopf in die Höhe und ſtieß ein höhniſches Gelächter aus. „Ihre Zuͤhe hatten ploͤtzlich wieder ihren ſpottiſchen und verachtenden Ausdruck angenommen. inn „Ha!. es iſt abſcheulich! . immer dieſelbe!“ rief der Vicomte mit Verdruß und Bitterkeit, ob er gleich an die Aufrichtigkeit der liebenden Etvegung, welche Basquine empfunden zu haben geſchienen, glaubte. „Eben erſt hoͤrte ſie auf die Stimme ihres Herzens .. und jetzt nimmt ſie, um ihr Spiel mit mir zu treiben, ihre beleidigende und ſpottiſche Maske wieder vort. muß ſie denn auch in ihrer Liebe eine Comodiantin ſein?“ „Und Sie, ſind Sie nicht der größte Rouc, das heißt der liebenswuͤrdigſte Comoͤdiant, den ich kenne? Und wer ſagt mir denn, ob Ihr Vater kommen wird? wer ſagt mir denn, ob Sie mit Hilfe einer ſolchen Luͤge, wie Sie es ſchon ſo oft gethan haben, die Redlichkeit eines armen Madchens mißbrauchen wollen?“ und dabei ſchlug Basquine mit heuchleriſcher Miene die Augen nieder. „Mein Vater wird morgen kommen!“ rief Stipio, „ich ſchwoͤre es Ihnen!“ „Ein Schwur?“ ſagte Basquine kachend: „Sie wol⸗ len mir gewiß eine recht tuͤchtige Luͤge ſagen?“ „Aber,“ verſetzte Scipio mit nervoſer Ungeduld, „habe ich Ihnen denn nicht geſchrieben, daß am andern Morgen nach jenem Auftritte mit meinem Vater, in wel⸗ chem ich, glaube ich, einige Herzhaftigkeit gezeigt. ...“ „Wenn Ihre Erzählung wahr und treu geweſen iſt, wie ich glaube, ſo ſind Sie allerliebſt, voll Inſolenz und Keckheit geweſen ... den Grafen mit ſeinen eignen Waffen ſchlagen auf jeden ſeiner Vorwuͤrfe ihm autworten: was ich gethan habe, haſt Du auch gethan! Das war doch außerſt pikant!“ „Nun denn, habe ich Ihnen nicht geſchrieben, daß am Morgen nach dieſer Scene er mir ſagte: Bah! es war albern von mir, geſtern uͤber die Bedingungen empört zu ſein, die Du wegen Deiner und folglich auch wegen meiner Verheirathung aufſtellteſt, ſchlechter Menſch! Ich werde Basquine beſuchen, ſie iſt die Frau, die in Paris am Mei⸗ ſten in der Mode, und ſoll geiſtreich ſein, wie ein kleiner Teufel! Wir ſind dazu geboten, uns zu verſtehen⸗“ „Soll ich denn durchaus mich naͤrriſch in Ihren Va⸗ ter verlieben?“ „Nein, nein, hoͤren Sie mich, ich ſpreche im Ernſt,“ entgegnete Scipio und ſetzte dann hinzu: „Nur kein Wort von dieſem eiwas nach Regemtſchaft ſchmeckenden Schritte an die arme Raphaele. Ales was ich von Dir verlange, iſt Ruͤckſichtnahme gegen ſie, bis wir verheirathet ſind, Du und ich, nachher, nun zum Henker, dann kannſt Du thun was Du willſt. .. Das ſagte mir mein Vater vor S bis 10 Tagen zu Tremblay.“ „Ja, vor 8 bis 10 Tagen wohl, aber ſeitdem?“ „Zwei⸗ bis dreimal. Er kam immer wieder auf dieſes Verſprechen zuroͤck.“ 5 „Ah, da ſehen Sie, wie Sie mich hintergingen. „Aber ſo horen Sie doch nur, und ſtatt Ihren Scherz mit mir zu treiben, werden Sie mich vielleicht bewundern.“ „Ich möchte Sie ſehr gern bewundern, mein lieber Scipio.“ „Sie wiſſen es ja. .. mein Vater iſt der groͤßte Roue in der Welt! er ſetzt einen Ruhm darein und er hat Recht. Da er alſo geſehen, daß er hinſichtlich der Bedingung, die ich wegen ſeiner Heirath ſtellte, nichts von mir erlangen koͤnne, ſo willigte er ein; deſſen ohngeachtet und trotz dieſes Verſprechens hat er doch, da er ſehr fein iſt, zwei⸗ bis drei⸗ mal ſeit 8 Tagen verſucht, mich unterzukriegen, und zu meinem größten Staunen eine fur ihn ganz neue Rolle, worin ich ihn aber ſehr mittelmäßig fand, geſpielt.“ „Es hatte ihm ſchon Spaß gemacht den ſtrengen Vater zu ſpielen, nun wollte er den gefuͤhlvollen Va⸗ ter verſuchen. .. und in einer Scene, auf große Wirkung berechnet, hat er geweint aber wahrhaftig. .. ſehr gut ſehr gut!“ „Der Rous!“ ſagte Basquine, mit höhniſchem Lächeln! „Das war doch gar zu ſtark!“ „Alle Wetter! Sie koͤnnen wohl glauben, daß ich mich nicht von ihm anfuͤhren ließ . .. keine Secunde lang. Aber Einen ſchönen Augenblick hat er doch gehabt und ich auch.“ „Und der war, Sie Dämon?“ „Er hat eine jaͤmmerliche Stimme angenommen und zu mir geſagt: „Ich weine . hier vor Dir... und es ruhrt Dich nicht?“ ... Ach, geh doch! ſagte ich zu ihm: wenn ich an Deine Thränen glaubte .. wuͤrdeſt Du gar zu ſehr lachen.“ „Scipio, ich moͤchte auf der Stelle Ihre ſchönen großen Augen um dieſes Wortes willen kuͤſſen.. Fahren Martin. X. 4 Sie ſo fort, und gewinnen Sie ſich einen zweiten Kuß. . Aber bei alle dem brenne ich darauf, zu erfahren, wie bei alle dem Ihr Vater einwilligt, hierher zu kommen und ſich meinen Bedingungen zu unterwerfen?“ „Zuerſt den Kuß.. ol den Kuß!“ „Nein nein wir wollen ſehen.. nur geſchwind, geſchwind!“ „Nun denn! als er ſah, daß ich ihn als gefuͤhlvoller Vater mittelmaͤßig fand, ſo wollte der Urheber meiner Tage von Neuem die Stellung eines aufgebrachten Vaters annehmen. Auf ſeine Anathemen, antwortete ich da mit dem kalten Blute, das Sie an mir kennen: Denke doch ja an die vortreffliche Geſchichte von dem albernen Ehemanne, den du zum Weinen gebracht haſt mit Deinem eignen Wei⸗ nen, um ihn zu uͤberzeugen, daß Deine Liebe fuͤr ſeine Frau platoniſch geweſen ſei, während Du noch an demſelben 1 Abende ein Rendezvus mit ihr hatteſt; erinnere Dich doch nur, daß Du mir bei dieſer Gelegenheit ſagteſt: man muß ſich uͤben, mein lieber Sohn, eine Thräne bei der Hand zu haben, das wirkt gewaltig bei den Frauen und wie Du ſiehſt auch manchmal bei den Maͤnnern.“ „Scipio, ich bete Dich an!“ rief Basquine, und begann . wieder mit verſtelltem Ernſt: „fahren Sie fort, mein err.“ „Du hätteſt damals ſagen ſollen,“ erwiderte ich ferner meinem Vater, „eine leichte Thraͤne dient auch dazu, die Söhne zu rühren, die man etwa bekommen kann, aber auf mich macht dieſe weinerliche Rouerie keinen Eindruck. .. ich bin ein undurchdringlicher Sohn. .. Da nun mein Vater ſah, daß ich ſein Spiel errathen hatte, ſo wurde er wieder er ſelbſt, das heißt der Vater als Roue, und ſagte lachend: Geh, Du abſcheuliches Subject, man muß — immer thun was Du haben willſt. So ſei es denn: uͤber⸗ morgen.. will ich Deinen Teufel von Basquine ſehen. . „ Und das ſagte er mir vorgeſtern, und. . ..“ Scipio konnte nicht ausreden. Leporello erſchien in dieſem Angenblicke trotz des aus⸗ drucklichen Verbotes, Niemand herein zu laſſen, nachdem er angeklopft, und hatte ein Plateau in der Hand, auf welchem ein Brief lag. Der Brief war vom Grafen Duriveau, der im Neben⸗ zimmer wartete. 4* Fünftes Rapitel. — — Ba squine. Basquine, ſehr von Leporello's Anblick uͤberraſcht, ſagt zu ihm: „Ich hatte ausdruͤcklich verboten hier herein zu kommen was wollen Sie?“ „Ich bitte tauſendmal um Vergebung,“ antwortete Leporello, „aber der Brief iſt ſehr drängend, ſehr wichtig, wie man ſagte, und ſo glaubte ich auch ohne den Befehl von Madame...“ „Geben Sie,“ ſagte Basquine und nahm den Brief. Eine leichte Röthe uͤberzog ſogleich das blaſſe Geſicht des jungen Maͤdchens, die anfangs einer heftigen Unruhe zu unterliegen ſchien, dann aber nach einer augenblicklichen Ueberlegung ſich nicht blos beruhigt, ſondern ſelbſt trium⸗ phirend zeigte und Leporello ſagte: „Sie koͤnnen die Perſon eintreten laſſen, die Ihnen den Brief gegeben hat.“ Leporello ging. „Es iſt unausſtehlich,“ ſagte Scipio mit dem Fuße ſtampfend, „man kann auch kein Woͤrtchen mit Ihnen ſprechen.“ 3 „Geſchwind, geſchwind,“ verſetzte Basquine aufſtehend und de Thuͤr eines kleinen Boudoirs öffnend, das an den Salon ſtieß; „da hinein!“ „Ich?“ ergegnete Scipio betroffen. „Und warum?“ „Wollen Sie bei meinr Unterredung mit Ihrem Va⸗ ter zugegen ſein?“ „Mein Vater?“ „Dieſer Brief iſt von ihm; er iſt höchſt dringend; er verlangt mich auf der Stelle zu ſprechen.“ „Ha! nun glaubſt Du mir doch?“ rief Scipio mit ei⸗ nem Ausdtucke von Stolz und Freude, indem er Basquine umarmen wollte. „Sie ſind das Teufliſchſte von der Welt,“ ſagte Bas⸗ quine und ſchob ſanft Scipio in das Boudeoir. „Wirklich Ihren Vater zu dieſem Schritte gebracht zu haben, das iſt unerhoͤrt, betaͤubend.“ „Ich habe mein Wort gehalten,“ rief Scipio mit glühendem Aug' und Wange, indem er Basquinen bei den Haͤnden ergriff: „jetzt iſt's an Dir!“ „Habe ich denn nicht noch mehr Luſt dazu als Du. .. meine Worte zu halten, abſcheulicher Dämon!“ fluͤſterte Bas⸗ quine Scipio ins Ohr und ſo nahe, daß ihre Lippen ſeine Wangen und Haare ſtreiften. Dann ſetzte ſie hinzu: „Geſchwind. verbirg Dich . es iſt Dein Vater.“ Und ſie ſchloß ſchnell die Thür des Boudoirs hinter dem Vicomte. Die plötzliche Ankunft des Grafen Duri⸗ veau, ob ſie ihn gleich nach Scipio's Verſprechen eheſtens erwartete, hatte doch anfangs Basquine beunruhigt, weil dieſes Zuſammentreffen des Vicomte und ſeines Vaters fuͤr die Pläne, welche ſie beabſichtigte, unangenehme Folgen ha⸗ n zuruͤckzuweiſen, was ſehr einfach und vollkommen mog⸗ konnte. So ſtand ſie denn auf dem Punkte, den Gra⸗ — — lich war. Dann bedachte ſie aber, daß dieſe Unterredung, welchen Ausgang oder Charakter ſie auch haben könnte, indem Scipio ihr ungeſehen beiwohnte, vielleicht ihren Ideen von Rache und Haß ſehr forderlich ſein wuͤrde. Daher be⸗ eilte ſie ſich den Grafen anzunehmen. Im Augenblick wo ſie Scipio eingeſchloſſen hatte und wieder zuruͤck kam, meldete Leporello den Grafen. Bei dem erſten fluchtigen und forſchenden Blicke, den Basquine beim Eintreten auf ihn warf, ſagte ſie zu ſich ſelbſt: „Er glaubt, daß ſein Sohn hier iſt.“ Als ſie nun das Auge des Grafen eine Secunde lang auf der Thuͤr zum Boudoir verweilen ſah, ſagte ſich abermals: „Er glaubt, daß Scipio dort verborgen iſt... Deſto beſſer.“ Sie taͤuſchte ſich nicht. Scipio's Vater war heut und in dieſer Stunde zu ihr gekommen, weil er wußte, daß ſein Sohn bei ihr ſein werde, denn, ihm von weitem fol⸗ gend, hatte er ihn zu ihr gehen ſehen⸗ Die Phyſiognomie des Grafen hatte einen ſo ernſten, ſo vornehmen, ſo harten Ausdruck, daß Basquine ſogleich be⸗ griff, er verberge irgend einen Nebengedanken unter der anſcheinenden Artigkeit, die er bewies, indem er ſo zu ſagen dem kecken Willen ſeines Sohnes nachgab. Weit entfernt, fur die blendende Schoͤnheit Basquinens Empfindung zu haben, ſchien der Graf, als er ſie erblickte, einen Schauer des Widerwillens, ja faſt des Schreckens nicht zuruckhalten zu können, denn ohne es zu wollen, erinnerte er ſich an die prophetiſche Drohung von Claude Gerard und den teufli⸗ ſchen Haß, der in Basquine gegen Seipio und Alle von ſeiner Race lebte, wie er in dem Tagebuche Markins 6 geleſen hatte. Schnell aber faßte er ſich wieder durch Gedanken, daß er in dieſes Haus mit dem feſten Entſchluſſe gegangen ſei, ſeinen Sohn von dem Einfluß dieſes gefährli⸗ chen Weibes zu retten. Basquine warf einen unmerklichen Blick auf die Thuͤr des Boudoirs, in welches ſie eben Scipio eingeſchloſſen, zeigte mit einer Handbewegung dem Grafen einen Stuhl und ſagte vollkommen ruhig zu ihm: „Haben Sie die Guͤte ſich niederzulaſſen, Herr Graf.“ Der Graf nahm den Stuhl nicht an, ſondern ging an den Kamin, wo er ſtehen blieb und von da Basquinen von oben herab beherrſchend, mit einer Stimme, die er ruhig und gleich zu halten ſtrebte, zu ihr ſagte: 4 „Sie erwarteten ohnſtreitig meinen Beſuch, Madame, da ich bis zu Ihnen gelangen konnte?“ „In der That, Herr Graf, ich hoffte auf das Vergnuͤ⸗ gen Sie zu ſehen.“ „Erklaͤren wir uns gegenſeitig,“ ſagte der Graf un⸗ hoͤflich: „ich wollte, mein Sohn ſollte Miß Wilſon heira⸗ then. er hat mir noch geſtern geſagt, daß er aufs Be⸗ ſtimmteſte dieſe Heimath verweigere, wenn ich nicht .. . ich ſelbſt. . ſein Vater (und auf dieſe Worte legte der Graf einen beſonders bittern und zornigen Nachdruck) hierher käme und mich mit Ihnen verſtändigte.“ „Allerdings ja, Herr Graf,“ antwortete Basquine hoͤhniſch und hochmuͤthig; „dieſe Prätenſion habe ich.“ „Ah! Sie haben dieſe Prätenſion,“ entgegnete der Graf und konnte ſich kaum mehr halten; „alſo Sie rechnen darauf, mir Bedingungen vorzuſchreiben.“ „Verſteht ſich, Herr Graf, und Sie kommen mit ſo vieler Artigkeit zu mir... um ſich davon zu unterrichten .. daß es ein wahres Vergnuͤgen fur mich ſein wird, ſie Ih⸗ nen mitzutheilen. ... Hoͤren Sie denn! . Fuͤrs Erſte . „Genug, Madame!“ rief der Graf ungeduldig: „ge⸗ nug! Da Sie mich fur ſo gemein, ſo niedrig halten, eine ſolche Schmach uͤber mich zu nehmen. .. ſo muß ich Sie vor allen Dingen enttaͤuſchen.“ „Dann, mein HerGraf,“ .. . verſetzte Basquine mit vollkommen kaltem Blute. .. „muß ich... mit aller ſchul⸗ digen Achtung fuͤr die Ehre Ihres Beſuchs fragen was mir dieſe Auszeichnung gewaͤhrt hat? Denn nun weiß ich mir Ihr Erſcheinen bei mir nicht zu erklaͤren.“ Der Graf, der durch die ironiſche Ruhe Basquinens ſich gedruͤckt fuhlte, ſuchte ebenfalls eine ſolche Ruhe zu be⸗ wahren und erwiderte: „Um Ihnen die wahre Abſicht meines Beſuchs deut⸗ lich zu machen, Madame, muß ich . ein wenig weit aus⸗ holen.“ „Ich hoͤre, Herr Graf.“ „Ich war der vertraute Freund eines Mannes, den Sie zur Verzweiflung, zum Tode getrieben haben, Ma⸗ dame zu jenem furchtbaren Aeußerſten, wohin Sie ohne Zweifel auch meinen Sohn treiben moͤchten. ... „Ich pflege nie zu wiederholen, Herr Graf,“ ant⸗ wortete Basquine im Tone furchtbaren Scherzes. „Das traue ich in der That, Madame, dem Ueber⸗ fluſſe Ihrer Phantaſie zu. ... Ich aber wiedethole denn .. ich war der vertraute Freund eines Ihrer Opfer. Ich brauche Ihnen wohl nicht erſt den ungluͤcklichen Marquis d'Henneville zu nennen?“ „Das heißt alſo,“ unterbrach Basquine den Grafen, „Sie ſind mein Feind.“ 8 „Und ein unverſoͤhnlicher.“ „Dieſe Offenheit. . gefaͤllt mir.“ „Wos Ihnen aber vielleicht weniger gefallen wird, — Madame, iſt, zu erfahren, daß ich weiß, mit welchem bittern Haſſe Sie meinen Sohn verfolgen... Dieſer Haß,“ ſetzte der Graf mit lauterer Stimme hinzu, um von Scipio ver⸗ ſtanden zu werden, „dieſer Haß ſchreibt ſich ſchon von mehren Jahren her.“ „Von der Kindheit her, nicht wahr?“ ſagte Basquine aufs Gleichgiltigſte von der Welt. „Das Bettelkind im Walde von Chantilly .. . die kleine Saͤngerin von Sceaur die arme Figurantin der Funambules .. das war ich. Iſt dies das furchtbare Geheimniß?“ Der Graf war verlegen. Er hatte erwartet, Basquine durch dieſe Entdeckung niederzuſchmettern. ... Sie kam ihm zuvor, ſtellte das ſelbſt auf, was auf obige Worte des Grafen nun folgen ſollte, und ſah es fuͤr das Angemeſſenſte an, jenem Vorwurfe zuvorzukommen, ob ſie gleich nicht be⸗ griff, wodurch der Graf mit dieſen Eigenthuͤmlichkeiten koͤnnte vertraut geworden ſein. Basquine fuhr alſo fort, den Verdruß des Grafen be⸗ nutzend: „Ihr Herr Sohn hat mich bei unſerm verſchiedenen Zuſammentreffen nicht wieder erkannt, nicht wahr? Aber ich.. da ich ohnſtreitig Erinnerung beſitze ... und Haß ich habe den boshaften kleinen Vicomte nicht vergeſſen und ſobald ſich die Gelegenheit darbot ... habe ich die⸗ ſes arme liebe Kind, das die Unſchuld und Unbefangenheit, wie Jedermann weiß, ſelbſt iſt, verraͤtheriſch in meinen Ne⸗ ken gefangen . um mich an ihm. aufs Graͤßlichſte und Unerhoͤrteſte zu raͤchen.. .. Iſts nicht ſo, Herr Graf? Sind das nicht meine abſcheulichen Plaͤne?“ „Es iſt vollkommen ſagte der Graf, der ſein kaltes Blut wiedererhalten hatte. „Nun denn, mein Herr?“ 6 — „Nun denn, Madame! ich will nicht, daß Sie die Art von Monomanie der Entartung, von welcher mein Sohn befallen iſt, und von der ich ihn grundlich und derb zu hei⸗ len gedenke, noch ſteigern ſollen.“ Bei dieſen Worten erhob der Graf die Stimme wie⸗ der, um von Scipio gehoͤrt zu werden, und fuhr dann in gleicher Maße fort: „Mit Einem Worte, Madame, ich will nicht, daß mein Sohn Ihr Schlachtopfer, ja ſelbſt nicht Ihr Narr ſei . . trotz ſeiner koſtbaren Anlage zu dieſer laͤcherlichen Rolle.“ . Bei dieſen Worten des Grafen flammte ein Blitz teuf⸗ liſcher Freude in Basquinens Augen, die ſie, ohne es zu wollen, nach dem Boudoir hinwendete, wo Scipio ſich befand. Dann begann ſie wieder: „Ich fuͤrchte, Herr Graf, daß Ihr Herr Sohn mit Ihnen uͤber dieſe allerdings nicht allzuſchmeichelhafte Rolle nicht ganz einverſtanden ſein wird, die er bei mir Ihrer Meinung nach ſpielt.“ „Das iſt moglich, Madame; mein Sohn iſt ohne Zweifel ſehr entartet, aber er iſt auch ungluͤcklicherweiſe was Sie betrifft, ſehr leichtgläubig, ſehr blind ... und ſehr al⸗ bern. Aber ich nehme es uͤber mich, ihm die Augen zu oͤffnen und ihn zur Vernunft zu bringen .. Alles in Bezug auf Sie. „Scipio leichtglaͤubig? blind? albern?“ verſetzte Bas⸗ quine lachend: „aber wiſſen Sie auch, Herr Graf, daß Sie mich ſehr ſtol; machen? Die Zaubrerin Circe haͤtte nicht vollſtandiger ihre Liebhaber umformen konnen. ... Deſſen⸗ ohnerachtet aber kann ich trotz der Einfluͤſterungen meiner Eitelkeit Jhte wohlwollende Beſchuldigung und die Allmacht, welche Sie mir zugeſtehen, doch nicht annehmen. Ich muß, — — wenn Sie es erlauben, uͤberzeugt bleiben, daß Scipio trotz meiner das geblieben iſt, was er mir ſtets geſchienen hat, der allerhubſcheſte, der allerkuͤhnſte und der allergeiſtreichſte junge Mann, den ich kenne. Vielleicht denken Sie nun auch Ihrerſeits, Herr Graf, daß ich blind in Bezug auf ihn bin.. das iſt moͤglich. . iſt er es doch, Ihnen nach, auch gegen mich.“ „Sie blind?. nein, nein, Madame,“ entgegnete der Graf mit bittrer Ironie; „Ihre Augen ſind eben ſo durch⸗ dringend als ſchoͤn .. Sie wußten vollkommen gut, wohin Sie meinen Sohn brachten, indem Sie von dem ungluͤck⸗ ſeligen Thoren verlangten, daß er ſo keck ſein ſollte, mir zu erklaͤren, ich habe Sie als den einzigen Schiedsrichter uber meine und ſeine Verheirathung anzuſehen. . . . Nun denn, Madame! Meine und meines Sohnes Vermaͤhlung wird ſtattfinden . ſie werden ſtattfinden .. . trotz Ihrer ... trotz ſeiner .. wenn es ſein muß ... mit Einem Worte, Scipio wird Ihnen ohnerachtet Ihrer ... und ohnerachtet ſeiner entgehen ... wenn er es wagen ſollte, mir ungehor⸗ ſam zu ſein.“ „Herr Graf,“ erwiderte Basquine mit einem fein ſcherzenden Tone, der unſrer unſterblichen Celimene wuͤrdig geweſen waͤre, „Sie, der ein Mann der guten Geſellſchaft, ein Mann von unendlich feinem Takte und Geiſte iſt. ...“ „Madame. . „Beruhigen Sie gefaͤlligſt Ihre etwas wild gewordene Beſcheidenheit, denn ich gedenke mit etwas vielleicht minder Schmeichelhaftem zu enden.. .. Wie kann nur, muß ich Ihnen ſagen, ein Mann von gutem Geſchmack und der die Welt kennt ſo wie Sie, von einer erzwungenen Heirath ſprechen? warum nur, ich bitte Sie, nehmen Sie die Miene eines aufgebrachten Geronte an, der ſeinen Sohn von irgend d — einer Cydaliſe zuruͤckfordert, oder vielmehr, um mich auf Ihre tragiſche Hoͤhe zu ſchrauben, warum ſagt man nicht lieber, ich wolle dieſen ſchuldlos reinen Scipio auf dem Altar ir⸗ gend einer hölliſchen Gottheit opfern? Sehen Sie nur, wie gewaltig eitel ich bin ...“ ſetzte ſie halb lachend hinzu: „mir ſcheint es, als ob ich, wenn ich Scipio mir opferte, viele Ei⸗ ferſuͤchtige machen wuͤrde. Glauben Sie mir, Sie werden Muͤhe haben, mich fuͤr einen fuͤrchterlichen Blaubart aus⸗ zugeben. Nein, nein, ich erſchrecke die Welt nicht eben all⸗ zuſehr. . Nun denn, Herr Graf, ſetzen Sie ſich doch nicht ſo herab, den Buͤrgersmann zu ſpielen ... werden Sie wieder der ſkeptiſche und geiſtreiche junge Vater, der als wahrhaft vornehmer Mann ſeinen Sohn erzogen hat, wie der Herzog von Richelien Herrn von Fronſac erzogen hatte.“ „Es iſt hier nicht die Rede weder von Richelieu noch von Fronſac, Madame .. ich bin kein vornehmer Herr .. mein Vater war ein reichgewordener Gaſtwirth, mein Sohn iſt der Enkel eines ſolchen.“ „Ei, Herr Graf, das macht ja gar nichts aus: Sie ſind es, der durch ſeine edle Haltung aus ſeinem Großvater einen vornehmen Herrn macht. In Ihrer Familie ſteigt der Adel ſtatt hinab, herauf .. . wie, ich weiß nicht in wel⸗ chem Lande ſo iſts!. .. Aber um des Himmels willen, verlaͤugnen Sie nicht mehr jenen ſpottiſchen, ſkeptiſchen und glaͤnzenden Geiſt, deſſen Geheimniß Sie ſo großmuͤthig Ih⸗ rem Sohne anvertraut haben ... und vor allen Dingen nicht mehr jene buͤrgerlichen Ideen, nicht wahr?“ „Es wird mir ſchwer werden, Madame, Ihre Wuͤn che zu erfuͤllen,“ ſagte der Graf, durch die ſuͤßliche Inſolenz Basquinens faſt außer ſich; „mein Sohn hat traͤumen können, daß er der Sohn eines vornehmen Herrn ſei ich ſelbſt auch. habe dieſes traͤumen können . aber ſeit — — einigen Tagen,“ ſetzte der Graf ernſt hinzu, „bin ich er⸗ wacht . und nehme es uͤber mich, auch meinen Sohn ein wenig aufzuwecken .. hoffentlich! Aber wenigſtens will ich ſein Erwachen durch eine gute und anſtändige Vermaͤh⸗ lung begluͤcken.“ „Und wird Scipio einwilligen?“ „Ja, Madame.“ „Ich zweifle.“ „Ich bin deſſen gewiß.“ „Beſitzen Sie etwa einen wundervollen Talisman, ir⸗ gend ein zauberiſches Liebestraͤnkchen?“ „Allerdings .. . und dieſer Talisman, dieſes Liebes⸗ tränkchen . . iſt hier,“ verſetzte der Graf und zog ein Pa⸗ pier aus der Taſche, das er Basquinen mit einem Lächeln voll Verachtung und Triumph zeigte. „Und welcher gute Genius, welche ſchuͤtzende Fee iſt aus ihrem Empyreum herabgeſtiegen, um Ihnen dieſen un⸗ ſchaͤtzbaren Talisman zu ſchenken?“ „Dieſer Schutzgeiſt, Madame, iſt ganz einfach die Obrigkeit.“ „Die Obrigkeit?“ „Mein Gott, jal... Sie ſehen, wie abſcheulich buͤr⸗ gerlich ich werde. Ich habe alſo ... hochſt burgerlich . der Obrigkeit die ernſten Beſorgniſſe geſtanden, welche mir die Zukunft meines Sohnes und die unwuͤrdigen Handlungen einfloͤßen, die er ſchon auf Anſtiften eines abſcheulichen Wei⸗ bes begangen hat. So habe ich denn in Folge meines väter⸗ lichen Rechtes, von dieſer Obrigkeit nach einer Beſprechung daruͤber mit dem königlichen Procurator, die nothwendige Beglaubigung erhalten .. um meinen Sohn einſperren zu laſſen.. . Dieſes Papier, welches ſie enthält, iſt der Talis⸗ man, den ich Ihnen gezeigt habe. .. Weigert ſich mein Sohn, Allem was ich von ihm verlange blindlings zu gehor⸗ chen . heut auf der Stelle . morgen . wann ich will . ſo wird er in ein Beſſerungshaus gebracht.“ Bei dieſem unvorausgeſehenen Schlage erbebte Bas⸗ quine. Bald aber erlangte ſie ihr ſardoniſches kaltes Blut wieder und ſagte: „Sehr gut geſpielt!. . . das muß ich geſtehen, Herr Graf. Scipio iſt nicht im Stande, gegen Sie anzukämpfen. Dieſer Zug iſt treffend.“ „Da ſehen Sie, Madame,“ verſetzte der Grafz „ich hatte Recht Ihnen zu ſagen, daß ich Ihnen meinen Sohn ent⸗ reißen wurde, trotz Ihrer ... und da noͤthig, trotz ſeiner.“ „Sie haben mir auch geſagt, daß Ihre Vermählung und die ſeine.. .. „Zu gleicher Zeit ſicher geſtellt wären. Verſteht ſich und immer wieder durch meinen Talisman denn ich werde meinem Sohn ſagen: Entweder Du heiratheſt Miß Wilſon ohne Bedingung ... oder Du gehſt morgen ins Gefaͤngniß .. . und da begreifen Sie, Madame, daß ſeiner⸗ ſeits gar kein Zoͤgern möglich ſein wird. Uebrigens ſind in allen Fällen Vorſichtsmaßregeln von mir genommen wor⸗ den vollkommen genommen worden. .. Mag er ſich verheirathen oder nicht, Madame .. ich verheirathe mich, und da Sie Herrn von Richelieu zitirt haben, werde ich zum letzten Male den großen Herrn ſpielen, um meinem Sohne das zu ſagen, was der Vater des Herrn von Fronſat dieſem ſchlechten Subjecte ſagte.“ „und was ſagte denn Herr von Richelieu ſeinem Sohne?“ „Herr von Fronſac, ſagte er zu ihm, ich verheirathe mich in der Hoffnung, einen Sohn zu bekommen, der Ihnen ganz und gar nicht aͤhnlich iſt.“ „Immer beſſer! Noch einmal, Herr Graf, der arme Scipio findet in Ihnen einen harten Mitkämpfer .. der ihn erdruckt. .. Duͤrfte ich nun aber wohl auch erfahren, was der Zweck Ihres Beſuchs iſt? Sie haben zu erhabene Geſinnungen, Sie ſind zu großmuͤthig, um blos deshalb zu kommen, um in meinen Augen zu triumphiren, und ſich einem demuͤthigen Maͤdchen wie ich bin, im olympiſchen Glanze Ihrer vaͤterlichen Allmacht zu zeigen . von der eins der ſchoͤnſten Vorrechte mir dies zu ſein ſcheint, die Leute einſperren zu laſſen ... oder ſie mit Gewalt zu ver⸗ heirathen. Das riecht ein wenig nach Cadi... Doch mag der Streich auch hart ſein, er iſt gut geſpielt.... So gut geſpielt er aber auch ſein mag, ſo glaube ich doch nicht, daß Sie blos um deßwillen mir die Ehre Ihres Beſuchs ge⸗ ſchenkt haben, um mich ihn beklatſchen zu ſehen.“ „Es bedurfte in der That eines ſehr wichtigen Beweg⸗ grundes, Madame, um mich zu Ihnen zu fuͤhren . um mich bis dahin herabzulaſſen, um Ihnen, ſei's auch nur auf einen Augenblick den Gedanken einkommen zu laſſen, ich ſei elend genug, um Ihre inſolenten Anſpruche anzuhören.“ „Und dieſer Beweggrund, mein Herr?“ „Madame,“ erwiderte der Graf, ohne auf dieſe Frage zu antworten, „mein Sohn iſt hier.“ „Mein Herr ...“ antwortete Basquine und ſtellté ſich, als ſei ſie uͤberraſcht und verlegen. „Ich ſage Ihnen, daß mein Sohn hier iſt.“ „Aber, mein Herr. . . .“ „Er iſt dort,“ ſagte der Graf und ging einen Schritt nach der Thuͤr des Boudoirs. „Ja er iſt dort,“ antwortete Basquind leis und mit anſcheinend großer Angſt: .. „aber ſtill!. ich be⸗ ſchwoöre Sie .. ich furchte, er moͤchte Sie gehoͤrt haben.“ „Ich habe laut geſprochen . damit er mich hoͤren ſoll,“ verſetzte der Graf mit einem abermaligen Schritte nach der Thuͤr. „Ich wußte vom Anfange unſrer Unterre⸗ dung an, daß er dort ſei.“ „Mein Herr,“ rief Basquine, immer erſchrockener ſcheinend und ſich ſchnell vor den Grafen hinſtellend: „Scipio muß in einer gewaltigen Aufregung ſein.“ „Wirklich?“ „Oh nehmen Sie ſich in Acht, mein Herr!“ „Ich ſoll mich vor der Aufregung Scipio's in Acht nehmen?“ ſagte der Graf mit verächtlichem Lächeln. „Ich ſage Ihnen, Herr Graf, daß er bei Ihrem An⸗ blicke ſich ſelbſt nicht mehr kennen wird.“ „Madame, laſſen Sie mich dieſe Thuͤr offnen.“ „Oh, Herr Graf!.. halten Sie ein!“ ſagte Bas⸗ quine, faltete flehend die Haͤnde und ſchien außer ſich. „Scipio wuͤrde ſchon hier ſein, wenn er nicht die Hef⸗ tigkeit ſeiner erſten Bewegung furchtete!“ „Ich werde, wenn Sie es erlauben, Madame, den Muth beſitzen, dieſer furchtbaren erſten Bewegung entgegen zu treten.“ „Herr Graf! Ich bitte!“ „Madame . zum letzten Male!“ In dieſem Augenblicke oͤffnete ſich plötzlich die Thuͤr des Boudoirs. Scipio zeigte ſich in ihr. Er blieb einen Augenblick auf der Schwelle ſtehn, als ob er die furchtbare Aufregung, die er beim Anblicke ſeines Vaters fuhlte, beſiegen und unterdruͤcken wollte. „Da ſind ſie einander gegenuber!“ ſagte Basquine zu ſich ſelbſt, indem ſie einen Blick wilder Freude auf den Grafen und ſeinen Sohn warf. . .. „Scipio mit der Em⸗ porung und dem Haſſe im Herzen, ſein Vater, Drohworte auf den Lippen. ... Sie ſind mein!“ Martin. K. — Sechſtes Kapitel. Das Verſprechen. Nachdem Scipio einen Moment lang ſtumm und un⸗ beweglich in der Thuͤr des Boudoirs geſtanden hatte, ſchritt er langſam in den Salon, ſeine Zuge waren bleich und ver⸗ ſtellt durch ein furchtbares Gefuͤhl des Zornes, des Haſſes und der Empoͤrung gegen ſeinen Vater, auf welchen er einen Blick voll finſtrer Herausforderung richtete. „Sie wußten alſo, daß ich hier ſei?“ ſagte er zum Grafen. „Und deshalb haben Sie ſo laut geſprochen?“ „Ganz recht,“ ſagte der Graf mit unbeugſamer Stimme. Dann ſich zu Basquine wendend: „Deshalb habe ich den graͤßlichen Widerwillen, den mir eine Unterredung mit Ihnen einfloͤßte, überwunden. Ich wußte, daß mein Sohn bei Ihnen war.. dort, in jenem Cabinet. .. und vor Ih⸗ nen verſtehen Sie wohl, vor Ihnen . .. wollte ich ihm dieſe harte Lehre geben, die mit Hilfe meiner Feſtigkeit ihm doppelt heilſam ſein wird.“ „Ich habe keines Ihrer Worte verloren ... mein Herr,“ antwortete Scipio mit dumpfer Stimme; „und werde mich daran erinnern.“ „Ich wuͤrde mich, falls es nöthig wäre, auch damit bemuͤhen, Ihr Gedachtniß anzufriſchen,“ ſagte der Graf, „Sie daran zu erinnern, wenn es ſein muͤßte, daß ich Sie vor dieſem Weibe, deſſen abſcheulicher Einfluß Sie zur Ver⸗ achtung meiner Autorität getrieben hat, unter das Joch der väterlichen Gewalt zuruͤck brachte, daß ich Ihnen vor die⸗ ſem Weibe, das Sie verachtet, das Sie vielleicht noch mehr zum Beſten hat als es Sie haßt, dieſe heilſame Demuͤthigung auferlegt habe.“ „Und der Zweck dieſer ſchonen Execution, zu deren Henker Sie ſich ſo vaͤterlich herablaſſen, mein Herr,“ ver⸗ ſetzte Scipio, „welcher iſt es?“ „Da die großmuͤthigſten Worte,“ erwiderte der Graf, „das zaͤrtlichſte Flehen, Ihre unbezwingliche Inſolenz nicht beſiegen konnten. ...“ „Ah! Die Scene des gefuͤhlvollen Vaters,“ hohnlaͤchelte Scipio; „ich habe Ihnen das erzaͤhlt, meine Liebe. ſie machte auch nur mittelmäßigen Eindruck... dieſer Herr hat mirs ſeit zu lange geſagt, daß er es ſtudirt habe, Thraͤnen bei der Hand zu haben.“ Ohne ſich ſtoͤren zu laſſen, fuhr der Graf fort: „Es blieb mir nur noch Ein Mittel uͤbrig, dies, Sie in dem zu treffen was bei Ihnen das Lebendigſte iſt... Ihr Stolz... Dieſen alſo wollte und will ich demuͤthigen. Demuͤthigen ſo tief... daß Sie ſelbſt vor dieſem Weibe erroͤthen muͤſſen .. . und daß dieſes Weib ſelbſt vor Ihnen errothet.... Und jetzt fordre ich Ihre Gleichgiltigkeit im Laſter auf, ſich von dieſem zu erheben .. Sie, der Rous, der Veraͤchter Aller und Alles, Sie ſind jetzt durch die vaͤter⸗ liche Gewalt auf Ihre wahre Groͤße zuruͤckgefuͤhrt, die eines halbrebelliſchen, halbthorigten Findes, das man erſt zuchtigt und dann heilt, weil es im Böſen beharrt. und in ſeiner laͤcherlichen Monomanie der Verdorbenheit.“ 5* „Mein Herr,“ rief Basquine und ſtellte ſich, als furchtete ſie, der Graf möchte Scipio zu ſehr aufbringen: „huͤ⸗ ten Sie ſich! Dieſe Worte ſind furchtbar.“ „Laſſen Sie nur, Liebe,“ erwiderte Scipio mit in⸗ ſolenter Verachtung, „ℳich finde die Scenes drollig... und habe ſo mein⸗ Gedanken und Plaͤne. Nur hat dieſe Drol⸗ ligkeit eine Seite elender Heuchelei, welche die vaterliche Gewalt dieſes Herrn unter einen neuen Geſichtspunkt ſtellt. Wir haben den Vater als Rous.. den gefuͤhlvollen Vater. .. den erzuͤrnten Vater gehabt. .. nun haben wir den Vater als Tartuͤffe.. .. Denn dieſen Morgen noch ſpielte dieſer Herr mit mir den guten und luſtigen Ka⸗ meraden, waͤhrend er ſchon meinen Verhaftsbefehl in der Taſche hatte.. .. Geſtern noch ſagte er zu mir: Nun denn, chlechtes Subject, weil Du es durchaus willſt, ſo will ich Basquine ſehen; aber kein Wort da⸗ ſoon an Miſtreß Wilſon!... Auch wundert mich das ubrigens gar nicht,“ fuhr Scipio mit verdoppeltem Sarkas⸗ mus fort; „denn das Spruͤchwort ſagt: Aechtes Blut kann nicht luͤgen. Der Sohn des Vaters des Kalb⸗ fleiſch mit Reis, der reichgewordne Wucherer, giebt die ganze Reinheit ſeiner Race kund: er handelt wie ſein wuͤrdiger Vater wuͤrde gehandelt hahen, wenn er den hart⸗ naͤckigen Schuldner, deſſen Verhaftsbefehl er in der Taſche hatte, in irgend einen Fallſtrick zu locken gedachte. Geſtehen Sie nur, mein Herr, daß das den kleinen Judas ſpielen eißt.“ P „Schlechter Vergleich,“ ſagte der Graf mit eiſiger Kälte, „wenn man einen Verruckten einſperren will.. hute man ſich wohl, ihm vorher etwas davon zu ſagen.“ „Ah, die Entſchuldigung iſt wahrhaftig gut,“ rief Scipio mit einem Ausbruche hoͤhniſchen Laͤchelns. „Das iſt — 66 — alſo die ehrwuͤrdige Väterlichkeit, die ſich als Profoß des Bicétre verkleidet.“ Der Graf zuckte mitleidig die Achſeln und ſagte zu Scipio: „Ich entſchuldige Ihre Beleidigungen, ich muß ſie ent⸗ ſchuldigen . die Gegenwart diefes Weibes reizt Ihre Kuͤhnheit.. Ich erwartete das es war eine der vor⸗ ausgeſehenen Folgen der Lection, die ich Ihnen geben wollte. . doch ein letztes Wort: Beſäß' ich nicht das Mit⸗ tel, Sie noch heute, eben jetzt, dem Einfluſſe dieſes Geſchoͤpfes zu entreißen, ſo wuͤrde ich Ihnen wiederholen, daß ſie ge⸗ ſchworen hat, ſich an Ihnen, wie ſie es ſchon an Andern gethan hat, wegen all' der Schmach, all' der verdienten Beleidigungen zu rächen, womit ſie ſeit ihrer unwuͤrdigen Kindheit uͤberhaͤuft worden. ... Denn mit 10 oder 12 Jahren waren ſchon Entehrung, Vagabondiren und Dieb⸗ ſtahl ihr vertraut.. . dieſer Beruͤhmten .. . deren Pferde man jetzt ausſpannt, um ſie ſelbſt im Triumphe zu ziehen.“ „O, Herr Graf! verſchonen Sie wenigſtens die Kind⸗ heit!“ ſagte Basquine und verbarg ihr Geſicht in den Haͤn⸗ den, als beuge dieſer Vorwurf ſie auf's Tiefſte. „Genug, mein Herr!. .. genug!“ rief Scipio. „Ach geh doch, armer Tropf!“ antwortete ihm ſein Vater.. . „Sie glauben wohl gar, ich habe ſie gekraͤnkt. Beruhigen Sie ſich; die früͤhzeitige Gewöhnung an Ent⸗ artung und Schande hat ihr Herz gepanzert. Ich ſage ihr das in Ihrer Gegenwart, um ihr recht zu beweiſen, daß ich ihrem Haſſe trotze... wie man der Viper trotzt, die man unter ſeiner Ferſe zertritt.. .. Ja, jetzt wo ich mit Güte oder Gewalt Ihrer ſicher bin, verbiete ich jener, fordre ich ſie ſogar auf, mir und Ihnen zu ſchaden. Begehren Sie noch einen letten Beweis! Ich laſſe Sie mit ihr allein, denn ich vermuthe, daß Sie nicht mit mir von hier fort gehen wollen.“ „Allerdings. . . trotz der Verdoppelung Ihrer Zaͤrt⸗ lichkeit und der Achtung, welche mir Ihre Vaterſchaft ein⸗ flößt .. ſagte Scipio mit bitterm Spotte, „möchte ich Sie demuͤthig.. wenn Sie ſo gutig waren.. um die Erlaub⸗ niß bitten.. bei Madame zu bleiben. .. Sie begreifen wohl, daß ... wenn wir wieder allein ſind .. wir ſehr viel von Ihnen zu ſprechen haben werden.“ „Nicht mehr als billig,“ ſagte der Graf, und nahm ſeinen Hut. „Wahrhaftig?“ ſagte Scipio, „Sie fordern mich nicht auf, in Macht Ihres Talismans und auf Koͤnigs Gebot Ihnen zu folgen?“ „Es ware unnuͤtz“ entgegnete der Graf. „Ich uͤber⸗ laſſe Sie bis dieſen Abend 6 Uhr ſich ſelbſt, um ſich zu ent⸗ ſcheiden.“ „Aber fuͤrchten Sie denn nicht, daß ich Ihnen bis dahin entwiſche?“ „Nicht im Mindeſten.“ „Wie? Sie begehren nicht einmal mein Ehrenwort als vaͤterlicher Gefangener?“ verſetzte Scipio und fuhr mit kaltem Hohnlaͤcheln fort. „Ich bedarf Ihres Wortes nicht,“ antwortete der Graf und legte die Hand an das Thurſchloß; „es ſtehen da unten .. vor dem Hotel von Madame .. zwei Polizeidie⸗ ner welche auf Sie warten.“ Scipio konnte eine Bewegung der Ueberraſchung und Wuth nicht verhalten. Dann aber buͤckte er ſich, um eine Cigarre am Kaminfeuer anzuzuͤnden, damit er ſo ſeine Roͤthe und Aufregung verberge, und ſagte, ſich wieder auf⸗ richtend: Ach — — „Sie ſind in der That ein Mann der Vorſicht, mein Herr, aber nicht eben von großer Erfindungsgabe. Dieſe ſchoͤne Idee der Polizeidiener wird Ihnen durch die Erin⸗ nerung an die Handelsgerichtsdiener zugekommen ſein, wo⸗ mit der Großpapa, der Wucherer vom Kalbfleiſch mit Reis ſich zu umgeben pflegte, gleich den ehemaligen Freiherren mit ihren Waffenknechten.“ „Der Unterricht in der Geſchicht, den Ihnen Ihr Hof⸗ meiſter gegeben hat, iſt doch wenigſtens nicht weggeworfen geweſen,“ ſagte der Graf mit unſtoͤrbarem kaltem Blute. „Uebrigens iſt auch der Vergleich ſehr richtig, denn dieſe beiden Polizeidiener haben Befehl, Ihnen uͤberallhin zu fol⸗ gen, wohin Sie gehen und unter gewiſſen Umſtaͤnden Sie augenblicklich feſt zu nehmen. Glauben Sie mir alſo, neh⸗ men Sie ſobald als moͤglich von Madame Abſchied und kommen Sie nachher zu mir. Wir werden auch mit ein⸗ ander zu ſprechen haben. Wenn, wie ich hoffe, Ihr armes Koͤpfchen ſich beruhigt, ſe werden Sie beim Wiedergewinn Ihrer fuͤnf geſunden Sinne eingeſtehen, daß ich gehandelt habe, wie ich handeln mußte, und mit Hilfe meiner Feſtig⸗ keit ein honetter Menſch werden. . .. Dann wendete er ſich an Basquine: „Ich verlaſſe Sie, Madame, und gehe von Ihnen mit der größten Gemuͤthsruhe wegen deſſen was Sie noch gegen mich oder meinen Sohn verſuchen koͤnnten. Dies iſt, hoffe ich, das Haͤrteſte und Verzweiflungsvollſte, was ich die Ehre haben koͤnnte Ihnen zu ſagen.“ „Das iſt wahr, Herr Graf,“ antwortete Basquine mit hoͤhnender Demuth, „und ich erkenne die Ohnmacht meines Haſſes gegen Sie . Ich habe geſuͤndigt ich bereue es . es iſt meine Schuld . .. meine große Schuld. Glauben Sie uͤbrigens, mein Herr Graf, daß ich Ihre Art, die väterliche Gewalt zu verſtehen und auszuuͤben, zu ſchaͤtzen weiß. Es liegt etwas ſo Durchdringendes, ſo Ueberredendes in Ihrer mit Polizeidienern gefuͤtterten Beredtſamkeit, welche das Gefäͤngniß im Hintergrunde ſehen läßt, daß ich nicht zweifle, Ihr Herr Sohn werde ſich gleich mir vor Ihrer Allmacht neigen.“ „Sprechen Sie fuͤr ſich, Liebe!“ rief Scipio, der nun ſeiner Wuth, deren er nicht mehr Herr war, freien Lauf ließ; „was mich betrifft, ſo beuge ich mich vor Niemand ... und wenn man mich beleidigt .. . raͤche ich mich.“ Der Graf wollte eben gehen, blieb aber ſtehen, wen⸗ dete ſich um, uͤberſah fluͤchtig ſeinen Sohn, und ſagte: „Sie ſprachen, wenn ich recht hörte, von Rache?“ „Ja . . ich ſprach davon, und werde mehr thun als ſprechen!“ rief Scipio außer ſich. „Oh, mein Herr, Sie glauben wohl, Sie haͤtten mich ungeſtraft auferzogen .. wie Sie mich auferzogen haben? Ha! Sie glauben wohl, daß zur beliebigen Stunde eine Laune Ihrer Willkuͤr mich ploͤtzlich zum reſpectvollen Sohne, und Sie zum reſpectir⸗ ten Vater machen werde?“ Der Graf machte eine Bewegung, hielt ſich aber. Scipio fuhr mit ſteigender Aufregung fort: „Alſo haͤtten Sie mich zum Zeugen Ihrer Liebſchaf⸗ ten, zum Vertrauten Ihrer Ausſchweifungen genommen . haͤtten mich gelehrt, uͤber Alles zu ſpotten, Alles in der Welt zu inſultiren ... mit Ihrer Autoritaͤt angefangen, aus der Sie ſelbſt eine Unterlage fuͤr unſere Spottreden und unſte Orgien machten ... und ſeit acht bis zehn Tagen beliebte es Ihnen, weil das Intereſſe Ihrer Heirathswuth es fordert, Ihre Vaterrolle ernſthaft zu nehmen? Das iſt zum Er⸗ barmen . Sie ſprechen von der Ehrerbietung, die ich Ihnen ſchuldig bin! Sie haben kein Recht mehr, Anſpruͤche dar⸗ auf zu machen, mein Herr, von dem Tage an, wo wir zu⸗ — 3 — ſammen aus Einem Glaſe den Wein der Schwelgerei getrun⸗ ken, und unſere Geliebten gegen einander ausgetauſcht haben.“ Bei dieſen furchtbaren Worten konnte der Graf, nieder⸗ geſchmettert, ſich nicht erwehren, die Stirn zu ſenken. „Erinnern Sie ſich noch des Soupers, der Nacht,“ begann Scipio, uͤber die Niedergeſchlagenheit ſeines Vaters triumphirend, von Neuem, „wo Sie Ihre braune Sidonie gegen meine blonde Zephirine austauſchten .. wie Sie ſo⸗ gar beklagten, bei dieſem Tauſche zu verlieren? ... Aber genug davon brechen wir ab ... Nur dies Eine noch! huͤten Sie ſich! Sie ſpielen mit mir ein furchtbares Spiel. Sehen Sie ſich vor! Es handelt ſich hier nicht mehr um Vater und Sohn, ſondern um zwei ehemalige Schwelgerei⸗ gefaährten, die Todtfeinde geworden ſind, weil der Eine dem Andern einen ſchändlichen Streich geſpielt hat . .. und we⸗ gen dieſes Streichs ich ſage es Ihnen nochmals, mein Herr werde ich mich rächen, trotz Ihrer Polizeidiener, trotz Ihres Gefängniſſes, und ſelbſt trotz Ihres Fluchs .. wenn Sie es wagen mir ihn zu geben, ohne uͤberlaut zu lachen, wie damals, als Sie zu mir ſagten: Ich fluche Dir, unwuͤrdiger Sohn .. . der bei der fuͤnften Flaſche un⸗ ter den Tiſch fällt! ... Und nun, mein Herr, halten ich und Madame Sie nicht laͤnger zuruͤck.“ Der Graf, der, während Scipio mit dieſer pflichtver⸗ geſſenen Kuͤhnheit ſprach, bald blaß bald roth geworden war, antwortete keine Sylbe, zog ſeine Uhr aus per Taſche, warf einen Blick darauf, und ſagte ſeinem Sohne kalt: „Es iſt drei Uhr .. ich befehle Ihnen, um ſechs Uhr bei mir zu ſein .. und erkläre Ihnen hiermit, daß Sie dort ſein werden . mit Guͤte oder Gewalt ... Sie ſehen wohl, daß man mit einem widerſpenſtigen Schulknaben —— ſtets zu Ende kommt. Alſo, um ſechs Uhr ... und ver⸗ fehlen Sie das nicht.“ Mit dieſen Worten ging der Graf fort, und ließ als Schlußſtein der Verachtung, Scipio mit Basquine al⸗ lein. Als Herr Duriveau aus dem Hauſe getreten war, gab er, ehe er in ſeinen Wagen ſtieg, der hinter Scipio's Cabinet hielt, zwei vermummten, kraͤftigen, in alte Paletots von zweifelhafter Farbe gehuͤllten, und mit ungeheuern blei⸗ ausgeſtoßenen Stoͤcken verſehenen Leuten ein Zeichen, zu ihm zu treten. Dieſe beiden Polizeidiener, die bis dahin in der Straße auf⸗- und abgegangen waren, ohne mit den Au⸗ gen Basquinens Thuͤr zu verlaſſen, eilten ſogleich zu ihm. „Verdoppelt Euere Sorgfalt,“ ſagte er zu ihnen, „laßt Niemand ohne ſorgfaͤltige Pruͤfung aus dem Hauſe. Mein Sohn koͤnnte verſuchen unter einer Verkleidung zu entwiſchen.“ „Seien Sie ruhig, mein Herr Graf,“ ſagte einer der beiden Polizeidiener, „wir haben gute Fuͤße und Augen.“ „Hat um ſechs Uhr mein Sohn dieſes Haus noch nicht verlaſſen,“ fuhr der Graf fort, „ſo requirirt einer von Euch den Beiſtand einer obrigkeitlichen Perſon, um in daſſelbe zu gehen, und dann arretirt Ihr dort meinen Sohn. Bringt ihn zu mir, ehe Ihr ihn in das Gefaͤngniß fuͤhrt.“ „Soll geſchehen, Herr Graf.“ „Kommt er vor ſechs Uhr heraus, ſo erklaͤrt Ihr ihm, daß Ihr ihn zu mir begleiten, wo nicht unmittelbar in die Conciergerie bringen wuͤrdet.“ „Gut, Herr Graf.“ „und ...“ ſetzte Duriveau hinzu, ohne einen ſchmerz⸗ lichen Ausdruck verbergen zu können „wenn Ihr geno⸗ — — thigt ſein ſolltet, Gewalt zu brauchen, um Euch meines Soh⸗ nes zu bemaͤchtigen, ſo empfehle ich Euch die groͤßte Ruͤck⸗ ſicht zu nehmen.“ „Haben Sie keine Sorge, Herr Graf, wir werden uns ſo dabei benehmen, als hätten wir eine jener Demoiſellen nach Saint Lazare zu bringen, die dieſe Reiſe nicht lieben, und beißen und kratzen wie die zornigen Katzen.“ „Alſo, Ihr wißt es,“ wiederholte der Grafz „ſeid Ihr genöthigt es weit zu treiben, ſo empfehle ich Euch die groͤßte Schonung, Ihr ſollt dafuͤr gut bezahlt werden.“ „Ganz ruhig, Herr Graf, wir bedienen unſere Kun⸗ den nach ihren Verdienſten, und ſtehen Ihnen dafuͤr, daß Ihr Herr Sohn ſich uͤber unſer Benehmen nicht zu bekla⸗ gen braucht.“ „Gut alſo!“ ſagte Herr Duriveau, und ſtieg in ſeinen Wagen. Der Graf hatte eine unglaubliche Herrſchaft uͤber ſich ſelbſt ausuͤben muͤſſen, um mit anſcheinender Ruhe die letz⸗ ten Beleidigungen ſeines Sohnes zu ertragen, aber man muß geſtehen, daß er einen Augenblick lang unter Scipio's Sarkasmen, auf die er nichts zu erwidern wußte, wie er⸗ druckt und vernichtet geſtanden hatte, denn dieſe furchtbare Lection, die ſein Sohn nun ihm in Gegenwart Basquinens gab, verdiente er .. das geſtand er ſich ſelbſt voll Schre⸗ cken und blutiger Thränen, uͤber die abſcheuliche Erziehung weinend, die er ſeinem Sohne gegeben hatte. Auch war der Graf einen Augenblick lang in Verzweiflung, der natürlichen Heftigkeit ſeines Charakters nachgegeben zu haben, der ihn ſtets zu Extremitäten trieb, bald, wie vorher, zu einer em⸗ poͤrenden und gottloſen Vertraulichkeit, bald, wie in dem eben beſprochenen Auftritte, zu einer Rohheit der Sprache, einer — — Haärte der Formen, die unglücklicher Weiſe ganz dazu geeig⸗ net, den unbezähmbaren Stolz ſeines Sohnes bis zur Wuth zu ſteigern. Wenn er ſich aber dann wieder erinnerte, daß er drei Mal ſeit acht Tagen (und wie man bekennen mußte, ſeit dem Leſen von Martins Tagebuche, deſſen heilſamer, obgleich mehr verſteckt liegender Einfluß ſich immer mehr und mehr in ihm, faſt ihm ſelbſt unbewußt, entwickelte), daß er ſeit acht Tagen, Sprache und Benehmen plötzlich aͤndernd, und uͤber die Vergangenheit erroͤthend, ſich vergeblich ſeinem Sohne eben ſo wahrhaft zaͤrtlich, eben ſo väterlich liebend gezeigt hatte, als bis dahin laſterhaft, gemein oder heftig, wenn er bedachte, daß ſeine Vorwuͤrfe voll Erhebung, Weisheit und Guͤte, daß ſeine aufrichtigen und ſchmerzlichen Thränen, die ihm die Verhaͤrtung ſeines Sohnes ausgepreßt, von dieſem unerbittlichen Kinde verſpottet worden waren, als heuchle⸗ riſche Taſchenſpielerſtuckchen, ſo glaubte Duriveau, auf's Aeu⸗ ßerſte getrieben, nur nach Recht und Pflicht, ſowie in Sci⸗ pio's Intereſſe zu handeln, wenn er in der Hoffnung, die⸗ ſen unbeugſamen Charakter zu bändigen, ſeine Haͤrte ver⸗ doppelte. Ungluͤcklicherweiſe ketrog ſich Duriveau. Der Vicomte hatte furchtbar wahr geſagt: Nach der Erziehung, die Sie mir gegeben haben, werden Sie nicht in Einem Tage aus mir einen reſpectvollen Sohn und aus ſich einen reſpec⸗ tirten Vater machen. Die Wiedergeburt Scipio's, dieſer durch ſo fruͤhe Ver⸗ dorbenheit mit Krebs behaftete Seele, hätte eine völlig müt⸗ terliche Zartheit der Behandlung, haͤtte unendliche Scho⸗ nung, kurz jene ſeltene und verſtaͤndige Kenntniß des menſch⸗ lichen Herzens, und vor Allem jene Geduld voll Scharfſinn, ———— ———— — — Milde und Liebe bedurft, die vielleicht nur in einem Mut⸗ terherzen allein zu finden ſind. Dieſe weſentlichen Eigenſchaften fehlten Duriveau, einem ungeſtuͤmen, energiſchen, abſprechenden Manne. Dann beherrſchte ihn auch das Intereſſe ſeiner thoͤrigten Leidenſchaft fuͤr Miſtreß Wilſon und zwang ihn mit eben ſo viel Eile als Haͤrte zu handeln. Scipio's Bekehrung wuͤrde Monate, Jahre vielleicht erfordert haben, und fuͤr Duriveau's Plaͤne war es durchaus nothwendig, daß ſein Sohn in acht Tagen wiedergeboren ward. Auch noͤthigten das Draͤngen dieſer fuͤr ihn unwiderſtehlichen Intereſſen, und die Un⸗ wirkſamkeit ſeiner Verſuche, auf andere Weiſe ſeinen Sohn zu baͤndigen, den Grafen, auf dem Wege der aͤußerſten Strenge zu beharren. Und was konnte denn endlich auch Scipio thun, um ſich zu raͤchen, da ihm Schritt vor Schritt die Polizeidiener folgten, ſobald er Basquine verließ, oder ihn bei ihr verhaf— teten, wenn er uͤber 6 Uhr blieb? Wie wir bereits ſagten, waren Basquine und Scipio nach dem Fortgehen des Grafen allein geblieben. Jetzt trat ein Augenblick des Schweigens zwiſchen bei⸗ den ein. Basquine bruͤtete ſo zu ſagen mit gierigem Blicke uͤber dem Ausdrucke der Empoͤrung und des tiefen Haſſes, den ſie aus den Zuͤgen des Vicomte hervorbrechen ſah. „Oh! ich werde mich rächen!“ rief dieſer und ſtreckte die geballte Fauſt nach der Thuͤre zu aus, durch welche ſein Vater verſchwunden war. „Oh ja! ich werde mich raͤchen Ich habe mich ſchon geraͤcht“ er konnte ſeine Wuth kaum noch zuruͤckhalten .. „Jedes meiner Worte hat ihn getroffen.“ — 5 — „Ja Worte .. und wieder Worte! .. Das iſt Ihre Rache! . eitle Worte!“ ſagte Basquine mit dumpfer Stimme und hoͤhniſchem Ausdrucke zu ihm. „Eine ſchoͤne Rache! als ob die haͤrteſten, die beleidigendſten Worte je die Schande bezahlen koͤnnten, womit dieſer Menſch Sie uͤberhaͤuft hat! Gehen Sie bent nun von hier fort, um in die groben Haͤnde gemeiner Polizeidiener zu fallen!“ „Wenn ſie mich anruͤhren, bringe ich ſie um!“ rief Scipio. „Sie werden ſie nicht umbringen,“ ſagte Basquine achſelzuckend, „ſie werden Sie verhaften und zu Ihrem Vater zuruͤckbringen wie einen Schulknaben, der Buße thun muß.“ „Basquine! wollen Sie mich toll vor Wuth machen?“ rief Scipio und ſtampfte wuͤthend mit dem Fuße. „Ja, das moͤchte ich gerne,“ entgegnete Basquine hart. „Sie wuͤrden dann wenigſtens nicht das Bewußt⸗ ſein Ihrer lächerlichen und jaͤmmerlichen Lage haben .. Hat Sie denn dieſer Menſch nicht genug laͤcherlich gemacht, genug beleidigt, genug vor mir verſpottet? Sehen Sie, da hat er ſich der Himmel weiß welches Hiſtorchen in Be⸗ zug auf einen Haß erfunden, der ſich von meinen und Ih⸗ ren Kinderjahren herſchreiben ſoll. Nun denn! wenn dem ſo waͤre, ſo wuͤrde Ihr Vater meine vermeinte Rache uber⸗ nommen haben, denn ſelbſt meinen Todfeinden moͤchte ich keine ſchmachvollere, niederſchmetterndere und graßlichere Lage wuͤnſchen, als die, in welche dieſer Menſch Sie ver⸗ ſetzt hat!“ „Sollte man nicht ſagen, ich haͤtte mich vor ihm gede⸗ muͤthigt!“ rief Scipio; „haben Sie ihn nicht unter meinen Sarkasmen roth und bleich werden ſehen?“ „Wiederum Worte ... und nichts als Worte das — — iſt Alles,“ entgegnete Basquine. „Was thun ihm denn Ihre Sarkasmen? Er ſpielt die gute Rolle dabei . er beherrſcht Sie . er ſetzt Sie matt: Sie mögen ſich da⸗ gegen ſtraͤuben ſo viel Sie immer wollen . er hat Sie in der Hand, Sie muͤſſen ſich unterwerfen, muͤſſen feig gehorchen, wie ein Knabe, der um Pardon bittet . . wo nicht, das Gefaͤngniß, eine zweite, noch ſchrecklichere De⸗ muͤthigung. Denken Sie nur an den Effekt, den es in Paris, in Ihrem Clubb machen wird, unter Ihren Freuu⸗ den und Feinden, welche tolle und hoͤhniſche Freude! Der brillante Scipio, der Blaſé, der Roue, der furchtbarſte der Bande, eingeſperrt wie ein Toller!! Sehen Sie glau⸗ ben Sie mir verſuchen Sie es nicht ſich gegen Ihren Vater aufzulehnen er zerdruͤckt Sie .. Sie ſind nichts als ein Knabe gegen einen Mann von dieſem Schlage.“ „Sie auch?“ rief Scipio, mit eben ſo viel Staunen als Bitterkeit . . . „auch Sie kraͤnken mich!“ „Wahrhaftig!“ rief dagegen Basquine und ſchien einem verſtellten Unwillen nachzugeben; „ſollte man nicht ſagen, Sie haͤtten allein die Beleidigungen dieſes Menſchen zu ertragen gehabt? hat er nicht auch mich mit der belei⸗ digendſten Verachtung behandelt? hat er mich nicht gezwun⸗ gen oh! er hat es wohl geſagt .. und das iſt eben meine Wuth, hat er mich nicht gezwungen, vor Ihnen zu erroͤthen?“ „Erroͤthen, vor mir?“ rief Scipio: „Sie? ... „Und was haben Sie denn gethan, um mich ſtolz zu machen? Werden Sie aus der Tiefe Ihres läͤcherlichen Ge⸗ faͤngniſſes uns Beide raͤchen? oder wenn Sie vor Ihrem Vater ſich auf die Kniee werfen, ihn um Gnade anflehen, und einwilligen, Ihre Raphaele zu heirathen, wird dies wohl eine „In dieſem Augenblicke Scherz mit mir treiben!“ rief Scipio, Basquine unterbrechend: „Sind Sie den ganz ohne Mitleid?“ „Ja, ich werde ohne Mitleid ſein . weil Sie ſich zum Beſten haben, anfuͤhren laſſen durch dieſen Menſchen, und ich eine ſolche Thoͤrin bin, auch bitter, bitterer als Sie die ſchmachvolle Lage zu fuͤhlen, in welcher Sie ſich befinden. Alles das waͤre mir uͤbrigens ganz gleichgiltig, wenn ich Sie nicht liebte!“ „Aber nochmals, es iſt zum Tollwerden,“ rief Scipio erbittert, „was verlangen Sie denn, daß ich gegen die Ge⸗ walt thun ſoll?“ „Weiß ich das, ich? .. Man muͤßte verſchlagener, hinterliſtiger ſein als dieſer Menſch, der auf ſolch eine un⸗ wuͤrdige Weiſe Ihnen mitgeſpielt .. der Sie ſo laͤcherlich gemacht hat .. Scipio erhob beide Faͤuſte zum Himmel mit einem Ausdrucke ſtummer Wuth, der unmöglich zu beſchreiben. Siebentes Rapitel. — Die Rache. Basquine fuhr fort: „Ja, ich werde ohne Mitleid ſein, weil, anſtatt, wie ich geglaubt hatte, in Ihnen den Geliebten zu finden, den ich ſeit ſo lange traͤumte, den reizenden, hoͤhniſchen und kuhnen Daͤmon, mit dem ich unter Kuſſen lachen wollte, lachen uͤber alle dieſe Albernen, die von meiner Maske betrogen, mich verehren, ſich vor meinen Wagen ſpannen, oder um meinetwillen ums Leben bringen, lachen uͤber dieſe froͤm⸗ melnden vornehmen Damen, die uͤber meine Tugend wachen, lachen uͤber Alles und uͤber Alle, ich jetzt wahrhaftig verſucht wäre uͤber Sie zu lachen, Dank ſei es dem Laͤcherlichen, womit dieſer Menſch Sie uͤberſchuͤttet hat! ... Ja, ich werde um ſo unbarmherziger ſein, je mehr ich verhofft hatte. .. Man mufßte mir nicht den Kopf erhitzen, wider meinen Willen, oder vielmehr wider den Ihrigen, denn wahrhaftig, ſtraf' mich Gott! ich fange an zu glauben, daß Sie, armer unſchuldiger Menſch, es nicht gern ge⸗ than haben. Man mußte mich nicht die köſtliche und ſtolze Geſtalt eines bleichen Don Juans ſehen laſſen, jenes un⸗ erſchrockenen und allerliebſten Rout, und ſtatt ſeiner mir Martin. X. 6 — der Himmel weiß welchen kleinen, aͤrmlichen, verſchaͤmten jungen Menſchen zuruͤcklaſſen, den ſein Vater bei mir in Geſellſchaft von Polizeidienern wieder aufjagt.“ „Moͤge mich der Blitz erſchlagen, wenn ich nicht zu Allem entſchloſſen bin, um mich zu raͤchen!“ rief Scipio in furcht⸗ barer Aufregung. „Aber um ſich zu ſchlagen bedarf man der Waffe, und ich habe hier keine bei der Hand.“ Basquinens Augen ſchienen von teufliſcher Gluth zu leuchten. Sie begann wieder mit ihrer gewoͤhnlichen Iro⸗ nie: „Sie haben Recht, man findet die Sache nicht ſo leicht .. hier bei der Hand. .. Da nun noch dazu die Zeit draͤngt . ſo heirathen Sie Raphaele. .. Sie wer⸗ den einen vortrefflichen Ehemann abgeben. .. Uebrigens, armer guter Junge, wird Ihnen auch die Reſignation weit beſſer anſtehen. . Ich hatte fuͤr uns Beide eine ſo thörige, ſo ſeltſame Liebe geträumt, daß ich nicht weiß wo⸗ hin ich Sie noch gebracht haͤtte . Trennen wir uns alſo. . Sie ſind außer Stande, unſre gemeinſchaftlichen Beleidigungen zu raͤchen, verzeihen Sie ſie alſo. . Das zeigt furs Erſte ein beſſeres Herz fuͤrs Zweite iſt es leich⸗ ter kluger, nicht wahr, mein lieber Scipio?“ ſetzte Bas⸗ quine im Tone mitleidiger Verachtung hinzu, der den Vi⸗ comte hundertmal mehr noch empörte als die heftigſten Auf⸗ regungen zum Haß gegen den Grafen es gekonnt. . „Ich ſpreche im Ernſte mit Ihnen, Sie beſitzen nicht die Kraft, gegen Ihren Vater zu kämpfen.“ „Schon wieder!“ „Ja ich muß Sie jetzt als Freundin mit den Gefahren bekannt machen, denen ich Sie in dem kuͤhnen Stolze meiner Liebe vielleicht ausgeſetzt haͤtte, wenn Sie mein Geliebter geweſen waͤren.“ — „Was ſagen Sie?“ „Sie ſehen wohl, daß ... Hier unterbrach ſich Bas⸗ quine, begann aber dann wieder: „Sehen Sie, armer Junge, um Ihnen eine Idee von meinem Stolze zu geben der freilich albern, ungeheuer, hoͤlliſch iſt .. ſo geſtehe ich Ihnen, daß, wenn ich einen Geliebten hätte, der Spieler waͤre, ſo wuͤrde ich ihn verachten. Daraus konnen Sie ei⸗ nen Schluß ziehen.“ „Ich wiederhole Ihnen, daß Sie nicht die Kraft be⸗ ſitzen gegen Ihren Vater zu beſtehen. So will ich Ihnen ein Beiſpiel unter Tauſenden von ſeinem teufliſchen Verſtande und bewundernswuͤrdiger Kuͤhnheit anfuͤhren.“ „Sie loben ihn jetzt?“ ſagte Scipio und brach in ein verzweiflungsvolles Lachen aus. „Ich bewundre Energie, Verſtand und Muth ſelbſt bei meinem Feinde, urtheilen Sie daraus wie ich ſie bei meinem Geliebten vergoͤttert haben wuͤrde.“ „Basquine, mein Vater hat Recht gehabt,“ ſagte Scipio mit dumpfem Tone: „Sie haſſen mich.“ „Glauben Sie das nur, Sie naiver junger Mann, der Sie ſind, und der Triumph jenes Menſchen wird voll⸗ kommen ſeini Aber jetzt ſind Haß, Mißtrauen oder Liebe Ihrerſeits fuͤr mich ſehr gleichgiltig. Laſſen Sie mich Ihnen den Zug erzaͤhlen, den ich erwaͤhnte. Wer weiß, viel⸗ leicht finden Sie in ihm eine nuͤtzliche Lehre,“ ſagte Basquine, dieſe Worte betonend. Dann fuhr ſie fort: „Haben Sie von der ſchoͤnen Fuͤrſtin von Montbar nichts gehört?“ „Ja,“ entgegnete Scipio, nachdem er Basquine ver⸗ 6* wundert betrachtet: „mein Vater wollte ſie, glaube ich, hei⸗ rathen, aber was gehört dieſe hierher?“ „Ihr Vater war leidenſchaftlich in ſie verliebt,“ ſagte Basquine, ohne auf die Frage des Vicomte zu antworten⸗ „ja, leidenſchaftlich verliebt, und dieſe Liebe hatte die Fuͤrſtin mit der ſtolzeſten, beleidigendſten Verachtung zuruͤckgewieſen. Ihr Vater ſchwur ſich zu raͤchen ... nun, der Graf, mein armer Scipio, fand, als es ſich um Rache handelte, ſchnell und leicht ... „Den Muth! ... Loben Sie ihn ſogar noch!“ „Das muß ich wohl, denn ich glaube, es wuͤrde ſchwerlich Jemand gegeben haben, der kuͤhn genug geweſen, um das auszufuͤhren was er that.“ „Laſſen Sie horen,“ verſetzte Scipio, der ſich kaum noch halten konnte, „laſſen Sie dieſen unnachahmlichen Zug hören!“ „Ein ganzes Jahr lang ſpielte der Graf den Todten in Bezug auf die Fuͤrſtin, die ihm nicht traute,“ fuhr Bas⸗ quine fort; „dann miethete er ein verlaſſenſtehendes Haus, und logirte in demſelben eine verſtellte Gichtbruͤchige in eine elende und iſolirte Wohnung ein. Die Fuͤrſtin war ſehr mildthätig .. ſie wird auf geſchickte Weiſe in dieſes Haus unter dem Vorwande gelockt, der vermeinten Kranken dort Almoſen zu ſpenden, und ſo geräth dieſelbe in die Gewalt Ihres Vaters, der ſich an ihr rächt ... ſowie man ſich an einer huͤbſchen jungen Frau raͤcht, die einen Mann auf be⸗ leidigende Art verachtet hat. Alles das iſt geheim geblieben, wie es auch ſein mußte, da Jeder das groͤßte Intereſſe da⸗ bei hatte, dieſes Abenteuer zu verbergen. ... Was ſagen Sie dazu?“ Scipio ſchien nachzudenken und antwortete nicht. Basquine fuhr fort: „Sehen Sie, deſſen iſt Ihr Vater faͤhig, und wenn man eine ſolche Kraft, eine ſolche Beharrlichkeit in ſeiner Rache entwickelt, . ſo fuͤhlen Sie wohl, daß man es mit vollem Rechte fuͤr ein leichtes Spiel haͤlt, einen unartigen Schulknaben, wie er ſagt, zur Vernunft zu bringen.“ „Ja, das muß ſo vorgefallen ſein,“ rief Scipio, ſeine Erinnerungen ſammelnd, „denn ungefaͤhr um dieſe Zeit hat er ſich mit dem Eapitain Clement, dem nachherigen Gemahl der Fuͤrſtin geſchlagen. .. Der Grund zu dieſem Duell kam mir immer unwahrſcheinlich vor. Er muß an dieſes Abenteuer knuͤpfen, und .. Plotzlich brach Basquine in ein lautes Gelaͤchter aus und rief: „Oh, verzeihen Sie . aber ein guter Gedanke ... „Und der waͤre?“ „Oh, mein armer Junge, ich habe mehr Erfindungs⸗ gabe als Sie.“ „Sie ſuchen eine Waffe .. eine Rache? . ich habe eine bewundernswuͤrdige gefunden .. . von teufliſcher Aus⸗ gelaſſenheit.“ „Was Sie ſagen?“ „Aber, bah! Sie wagen es nicht! .. Dann muͤß⸗ ten Sie durchaus . . .“ und Basquine betonte das Worte, durchaus, „dieſelbe Kuͤhnheit haben, dieſelbe Energie wie Ihr Vater .. . und Sie ſind nicht ſo aus Eiſen ge⸗ ſchmiedet.“ „Schweigen Sie,“ rief Scipio, voll Schauder er⸗ ſchreckend, „ich weiß nicht . zu welchen furchterlichen Ge⸗ Sie mich treiben koͤnnten ... wenn Sie ſo ſpre⸗ en.“ „Keine Kindereien, Scipio, oder ich behalte meine — Idee fuͤr mich. .. Doch ehe ich ſie Ihnen ſage, muß ich erſt ſehen, ob ſie wirklich ausfuͤhrbar iſt, und um deß⸗ willen überlegen wir noch in zwei Worten Ihre Lage. .. Wenn Sie ſich weigern, Raphaele zu heirathen . . ſo er⸗ wartet Sie das Gefaͤngniß.“ „Und die Verzweiflung meinen Vater .. denn dann heirathet er auch Miſtreß Wilſon, ſeine einzige wahre Lei⸗ denſchaft nicht. Nun denn! ich werde die harte Demuͤthi⸗ gung des Gefaͤngniſſes ertragen .. aber ich werde ihm das Herz durchbohren. Darauf rechnete ich. Dies wird immer der Fall ſein .. bis auf Beſſeres, und dieſes Beſſere . beim Teufel! werde ich finden, Sie moͤgen mir zu Hilfe kommen oder nicht.“ „Sie irren ſich gaͤnzlich, mein armer Scipio,“ ſagte Basquine die Achſeln zuckend: „Sie werden die harte Strafe des Gefaͤngniſſes zu dulden haben und Ihr Vater wird ſich uͤber Sie luſtig machen und ganz koͤſtlich die junge Witwe heirathen.“ „Sie ſind nicht klug . weiß ich denn nicht zu gut, daß ſie ſich nicht verheirathen wird, als unter der Bedin⸗ gung, daß ich ihrer Tochter die Ehre wieder zuruͤckgebe?“ „Sie raiſonniren wie ein Kind. Miſtreß Wilſon betet vor Allem ihre Tochter an, und wenn dieſe zaͤrtliche Mutter ſehen wird, daß Sie lieber ins Gefängniß gehen, als dieſen Engel heirathen wollen, ſo wird ſie begreifen, was fuͤr einen abſcheulichen Ehemann Sie abgegeben haben wuͤrden, und ſich ſehr troͤſten, wenn ſie Sie nicht zum Schwiegerſohn erhalt. Und da uͤberdies Miſtreß Wilſon ſehr arm iſt und Ihr Vater koloſſal reich, ſo wird ſie nicht ſo albern ſein, eine ſolche Heirath ſich entgehen zu laſſen, die ihr in der Folge ſelbſt verſtatten wird, fuͤr die Zukunft ihrer Tochter zu ſorgen, die durch Sie doppelt kompromit⸗ — — — tirt worden iſt. .. Als einzige Rache wird Ihnen alſo das Vergnuͤgen uͤbrig bleiben, aus der Tiefe Ihres lächer⸗ lichen Gefängniſſes an Miſtreß Wilſon, Ihre zweite Mutter zu ſchreiben, um ſie zu erſuchen, ſich fuͤr Sie zu verwenden; und da Gluͤck nachſichtig macht, ſo iſt es wohl moͤglich, daß Ihr Vater auf dem Gipfel der Gluͤckſeligkeit Ihnen den abſcheulichen Streich, den Sie ihm geſpielt haben, verzeiht.“ Bei dieſen Worten Basquinens ſchauderte Scipio und blieb einen Augenblick nachdenkend. Der Vicomte ſo wie ſein Vater und die Welt wußten nicht, daß Miſtreß Wilſon, dieſe tapfere Frau, eine feurige und gegenſeitige Liebe aufgeopfert habe, um ſich mit dem Grafen Duriveau zu verbinden, blos deshalb, um Raphae⸗ lens und Scipio's Vermaͤhlung ſicher zu ſtellen. Fuͤr die⸗ jenigen aber, welche nicht das Geheimniß dieſer bewunderns⸗ wuͤrdigen Aufopferung beſaßen und Miſtreß Wilſon fuͤr verliebt in den Grafen Duriveau hielten, war es nicht wahr⸗ ſcheinlich, daß dieſe Frau, die ſchon durch Scipio's Zuruͤck⸗ weiſung genoͤthigt war, auf ihrer Tochter Heirath zu verzich⸗ ten, nun auf ihre eigne verzichten werde, da dieſe ihr durch Erlangung eines ungeheuren Vermoͤgens dazu dienen konnte, ſpaͤterhin Raphaelens Intereſſe zu ſichern. Indem Basquine die Sachen unter dieſem, dem An⸗ ſcheine nach ſo verſtaͤndigen Geſichtspunkte Scipio vorſtellte, wollte ſie ihm die Unſicherheit der einzigen Rache zeigen, die er an ſeinem Vater auszuuͤben gedachte; auch antwortete ihr der Vicomte, der unwillkuͤrlich der Evidenz dieſer Darſtellung nachgab, mit verhaltener Wuth: „Gut denn! meine Rache mag ungewiß ſein, aber ſie iſt moͤglich „Und die meine waͤre unvermeidlich, ſchrecklich,“ ſagte — — Basquine mit einem Ausdrucke der Ueberzeugung und des Uebergewichts, der Scipio betroffen machte. „Ja, ſchrecklich denn nicht bloß Miſtreß Wilſon wuͤrde ſich weigern, Ihren Vater zu heirathen, ſondern Ihr Vater ſelbſt, ver⸗ ſtehen Sie wohl, wuͤrde ohnerachtet ſeiner gluͤhenden und thoͤrigten Leidenſchaft genoͤthigt ſein, Miſtreß Wilſon aus⸗ zuſchlagen.“ „Was ſagen Sie?“ „Ja, ich kenne ein unfehlbares Mittel, die Heirath Ihres Vaters zu verhindern und .. eine furchterliche Ver⸗ zweiflung, eine graͤßliche Marter fuͤr dieſen Menſchen, ihn ſelbſt zu zwingen, zu bekennen .. dieſe Verbindung iſt un⸗ moöglich!“ „Oh, wenn man das koͤnnte!“ rief Scipio vor Haß lechzend, und begann dann wieder: „aber nein, Sie ſcher⸗ zen mit mir, Basquine!“ „Das dachte ich mir,“ ſagte ſie mit hoͤhniſchem Gelaͤch⸗ ter; „er will mir nicht glauben weil er ſich fuͤrchtet!“ „Ich mich fuͤrchten!“ ſagte Scipio mit krampfhafter Stimme: „ſprechen Sie .. . und wenn Sie wahr geſprochen haben . „Mein Gott,“ entgegnete Basquine laͤchelndz „neh⸗ men Sie doch nicht eine ſo furchtbare Miene an! ... Sollte man nicht glauben, es handle ſich um irgend ein ſchwatzes Verbrechen. Nein, es iſt ganz einfach nur die Rede von einer teufliſchen Tollheit . und die uͤbrigens Ihnen um ſo mehr erlaubt ſein wuͤrde, als Sie auch dieſes Mal zu Ih⸗ rem Vater ſagen koͤnnten: ich ahme Ihrem Beiſpiel nach, was ich thue, haben Sie auch gethan.“ Scipio blickte Basquine verwundert an. „Ja,“ fuhr dieſe fort, „Jje mehr ich daruͤber nachdenke, e pikanter, anbetungswuͤrdiger kommt mir dieſer Streich vor — — Was ſage ich? ein Streich.. nein, es iſt eine Lection, und eine der beſten, der vorſehungvollſten, wie die guten Leute zu ſa⸗ gen pflegen. Oh, wenn wir dieſem Menſchen verhundertfacht die blutige Lection wiedergeben könnten, die er uns heute gege⸗ ben hat, waͤre das nicht allerliebſt? Dann, dann geſtehe ich es, Sie wäͤren ein Rieſe von Kuͤhnheit gegen ihn .. . wir wären Beide gerächt, ich wäre raſend in Sie verliebt, und .. . . . „Basquine, Sie bringen mich um mit Ihren Zoͤge⸗ rungen.“ „Nun denn, ſo hoͤren Sie, ungeduldiger Satan! ... Fuͤrs Erſte muͤſſen Sie wiſſen, daß ich vor wenigen Tagen, als ich auf Sie wartete, in ein armes Stadtviertel ging, ohnweit der Barriere d'Enfer. ... Ich ſuchte eine abge⸗ legene, einſame, vereinzelte Wohnung und hatte damals meine Plaͤne auf Sie.“ „Eine abgelegene, einſame Wohnung!“ fragte Scipio, wider Willen ſich intereſſirend: „und weshalb?“ „Oh, es betraf ſehr bizarre, ſehr kuͤhne Ideen . die Sie, glaube ich, getheilt haben wuͤrden, denn Sie können ſich gar nicht einbilden, was ich fur ein Leben fuͤr uns Beide erdacht hatte. Da nun aber nichts ſterblicher iſt in der Liebe, als die Monotonie des Beſitzes ſelbſt, ſo wollte ich, doch wozu davon jetzt noch ſprechen? Ich befand mich alſo in dieſem wenig beſuchten Viertel, als ich durch eine Straße kam, Namens du Marché-vieux. Kennen Sie ſie?“ „Nein. Aber was hat dieſe Straße gemein mit. 2 „So haben Sie doch nur ein klein wenig Geduld,“ ſagte Basquine, Scipio unterbrechend. „In dieſer Straße fand ich juſt ein Haus wie ich es brauchte .. . von ärm⸗ lichem Anſehen . einſam .. faſt ganz von den Nachbar⸗ haͤuſern getrennt. . . . Dieſes Haus miethete ich, da Nie⸗ mand darin wohnte und nachdem ich es unterſucht hatte, ſchien es mir faſt dieſelben Bedingungen der iſolirten Loge zu haben wie die Wohnung ... wohin Ihr Teufelsvater die Fuͤrſtin von Montbar unter einem Vorwande der Mildtha⸗ tigkeit gelockt hatte.“ Basquine hatte dieſe Worte ſehr langſam ausgeſprochen, indem ſie auf Scipio einen feſten, durchdringenden Blick richtete. Noch war der Vicomte nicht auf der Spur des hoͤlli⸗ ſchen Gedankens Basquinens, dennoch empfand er eine Art unbeſtimmter, mit wilder Neugier gemiſchter Angſt. In dieſem Augenblicke ſtand Basquine von ihrem Seſſel auf, ſetzte ſich neben Scipio in einen Divan und ſagte ihm halbleis: „Ich kann das, was ich Ihnen von meinem Plane noch anzuvertrauen habe, nicht laut erzählen. ... Man konnte uns horen ... Geben Sie alſo wohl Acht, mein theurer, verungluͤckter Daͤmon. ... Naͤher mit dem Ohre!“ Und unter dem Vorwande leis mit Scipio zu ſprechen, ſchlang Basquine vertraulich ihren Arm um den Nacken des jungen Mannes und ſtuͤtzte ihr Kinn auf deſſen Schulter. Den ſanften Druck von Basquinens Arm fuͤhlend, den Hauch ihrer Lippen ſeine Wangen ſchmeichelnd empfin⸗ dend, konnte ſich Scipio eines Erbebens von Liebe und Ver⸗ langen trotz der ſturmiſchen und unverſoͤhnlichen Regungen ſeines Haſſes gegen Duriveau nicht erwehren. „So ſind wir denn alſo im Beſitz eines iſolirten, ein⸗ ſamen Hauſes,“ fuhr Basquine halbleis fort: „jetzt nehme ich nun an .. . es ſchlägt halb fuͤnf ... Sie begeben ſich zu Miſtreß Wilſon .. „Zu Miſtreß Wilſon?“ rief Scipio ſtaunend. „Etwas leiſer, Unbeſonnener!“ fluͤſterte Basquine und naͤherte ihren Kopf mit einer kleinen, plotzlichen und koket⸗ 2 2 — ten Bewegung voll Anmuth dem von Scipio noch mehr, indem ſie fortfuhr: „Ja Du gehſt zu Miſtreß Wilſon ... „Und die Polizeidie ner?“ murmelte Scipio. „Unſchuldiges Kind! Und die Mauer meines Gar⸗ tens, die an das im Bau begriffene Haus ſtoͤßt,“ antwortete Basquine laͤchelnd. „Leporello haͤlt die Leiter ... und leicht und lieblich wie Cherubin biſt Du ſchon weit weg waͤh⸗ rend dieſe elenden Menſchen noch an der Thuͤr auf Dich warten.“ „Das iſt wahr,“ rief Scipio, „ich hatte dieſe Zu⸗ flucht vergeſſen. . . . So werde ich alſo doch wenigſtens dieſem abſcheulichen Gefaͤngniſſe entgehen?“ „Ich hoffe es. .. Du gehſt alſo zu Miſtreß Wil⸗ ſon. Dein Vater wird ſich wohl gehuͤtet haben, ihr etwas zu ſagen . da er immer noch darauf rechnet, Dich zur Heirath zu bewegen.“ „Ohne Zweifel. Aber was ſoll ich bei Miſtreß Wilſon?“ fragte Scipio mit wachſendem Staunen. „Du magſt da, liebſtes Teufelchen, mit Raphaelen ſchoͤn thun, wenn Du willſt .. . denn eiferſuͤchtig bin ich nicht .. und dabei ihre Mutter erwarten, wenn dieſe noch nicht da waͤre, im Gegentheile aber, wenn Du dieſe zu Hauſe fin⸗ deſt, nimmſt Du eine heuchleriſche und zerknirſchte Miene an, Sie koͤnnen ja zum Ungluͤcke alle Mienen annehmen, welche Sie nur wollen, mein Herr .. und ſagen alſo Miſtreß Wilſon: Meine theure und reizende Schwiegermutter! (man muß jeden Verdacht zu entfernen ſuchen) ich komme, um Sie zu entfuͤhren ... ja, Sie auf der Stelle zu ent⸗ fuͤhren, ohne Ihnen ſogar Zeit zum Diniren zu laſſen. Unten ſteht ein Fiaker bereit. .. Und wohin wollen Sie mich bringen, mein lieber Stipioꝛ wird Miſtreß Wil⸗ ſon Dich fragen. .. Zu einem wohlthaͤtigen Werke, meine reizende Schwiegermama, antworteſt Du, zu einer zarten, großmuͤthigen Handlung ... die nur aber dadurch ihre ganze Zartheit, ihre ganze Großmuth erhalten kann, daß ſie von Ihnen vollzogen wird, denn es handelt ſich um eine Frau, eine arme, gichtbruͤchige Frau, deren Rettungsengel Sie wer⸗ den koͤnnen. . Dieſe Ungluͤckliche wird Ihnen das Naͤ⸗ here ſagen, denn das iſt ihr Geheimniß. . Kommen Sie alſo geſchwind, theure Schwiegermama, fuͤr Leidende werden Minuten zu Jahrhunderten .. . und dieſe leidet ſehr dieſe ungluckliche Frau, fur welche ich Sie anflehe. Miſtreß Wilſon hat ein treffliches Herz ... ſie glaubt Dir Du nimmſt ſie mit fort.“ Scipio fing an zu begreifen. Ein Ausdruck wilder Freude leuchtete in ſeinen Zuͤgen, doch durchrieſelte ein kal⸗ ter Schauer ſeine Haare. Basquine fuhr noch leiſer fort, ſich dem Vicomte noch mehr naͤhernd: „Miſtreß Wilſon, eben ſo blind Deinen Worten ver⸗ trauend wie die Fuͤrſtin von Montbar dem Flehen der ver⸗ ſtellten Kranken, die Dein Vater ſprechen ließ .. . Du be⸗ greifſt doch alles Pikante, das in dieſer Annäherung liegt“ Miſtreß Wilſon ſteigt alſo in Deinen Wagen mit Dir Du faͤhrſt ſie .. . Straße du Marché- vieux in den dritten Stock .. . in die iſolirte .. . einſame Wohnung . . zu der ich Dir den Schluſſel gebe . . und da . findeſt Du nicht auch dieſe Lection wahrhaft vorſehungsvolle . und da, nicht minder kuͤhn als Dein Vater, als er die Fuͤrſtin Montbar in einen teufliſchen Fallſtrick gelockt hatte. .. „Basquine!“ rief Scipio von Schwindel ergriffen und noch ſchwankend zwiſchen Verlangen und dem Abſcheu vor dieſer abſcheulichen Rache .. . „das iſt die Hoͤlle . dieſer Gedanke! „Glaubſt Du, daß nachher Dein Vater trotz ſeiner Liebe Miſtreß Wilſon heirathen wuͤrde? Was uns betrifft, ſo befinden wir uns deſſelben Abends noch auf der Straße zur Grenze, morgen außerhalb Frankreich . . ſtets uns lie⸗ bend und reich uͤberall durch mein Talent.. .. Was ſagſt Du zu dieſem Leben, mein bleicher und ſchoͤner Don Juan?“ fuhr Basquine fort, beide Arme um Scipio's Na⸗ cken ſchlingend, und ſich ſo zu ſagen auf die Kniee des jun⸗ gen Mannes ſetzend. „Glaubſt Du, daß dieſer Menſch, der Dich mit Schande bedecken wollte, nicht ſeinerſeits zermalmt ſein wuͤrde? Und dann ihm von weitem her die Donner⸗ worte zugerufen: Ich that was Sie gethan haben, mein Vater!“ gehn Minuten nach dieſer Unterredung war die Nacht, welche zu dieſer Jahreszeit ſehr bald eintritt, eingebrochen. Leporello ſtellte eine Leiter an die Mauer von Bas⸗ quinens Garten (man erinnert ſich, daß ihre Wohnung zwi⸗ ſchen Hof und Garten lag), und waͤhrend die Polizeidiener an der Thuͤr zur Straße ihre Aufmerkſamkeit verdoppelten, ſtieg Scipio bei der Dunkelheit und mit Leporello's Hilfe uͤber die Mauer, kam auf einen Raum herab, wo man ein Haus zu bauen anfing, ſchluͤpfte zwiſchen zwei Bretern der vorlaͤufigen Vermachung durch und kam zweihundert Schritte oberhalb der Stelle, wo die Polizei kreuzte, ins Freie. Ohngefaͤhr eine halbe Stunde nach Scipio's Entkom⸗ men hatten Leporello und Aſtarte folgende Unterredung mit einander. „Nun ich hoffe, mein armer Leporello, daß dies fuͤr — b den zweiten Tag, wo Du hier in Dienſten biſt, Abenteuer genug ſind!“ „Sprich mir nicht davon, Liebe, ich bin noch ganz beſtuͤrzt. Nimmt denn nicht jetzt, da der Vicomte einmal mittelſt der Leiter und des Bauplatzes gluͤcklich entkommen, auch jetzt dieſer politiſche Vorurtheilte, den Madame ſeit die⸗ ſem Morgen verſteckt hielt, denſelben Weg wie jener, mittels der Leiter, die ich ihm auch gehalten habe?“ „Und gleich darauf huͤllt ſich Madame in einen Man⸗ tel und geht durchs große Thor fort, um zu dem Fiaker zu kommen, den Du ihr geholt hatteſt, und der am Ende der Straße auf ſie wartete!“ „Was bedeutet nun das Alles, Aſtarte?“ „Ich weiß es nicht „bin aber doch, ohne es zu wol⸗ len, unruhig. .. . WMir iſts, als ob irgend ein Ungluͤck ge⸗ ſchehen wuͤrde. Noch nie habe ich eine ſolche Miene an Madame geſehen, wie ſie jetzt hatte, als ſie einen Brief ſchrieb, den ſie mitnahm.“ „Ja, ja, als ich kam, um ihr zu melden, daß der Fia⸗ ker am Ende der Straße auf ſie warte, hatte Madame, die ſonſt ſo blaß iſt, ganz purpurrothe Backen, und ihre Augen glaͤnzten ſo ſehr, daß ich, als ich ihr antwortete, es nicht wagte, ihr ins Geſicht zu ſehen.“ „Und als ſie ſchrieb, war es, als lache ſie ganz fur ſich allein. Aber was fuͤr ein Lachen! ihre Lippen zogen ſich hinauf und man ſah darunter ihre kleinen, weißen Zähne ſich zuſammentreffen, als hatte ſie Kraͤmpfe.“ „Siehſt Du, Aſtarte, mir gehts wie Dir .. ich habe Angſt. .. Es muß etwas irgendwo vor ſein etwas Teufliſches. .. . Uund Alles iſt noch nicht fuͤr heut vorbei.“ „Wie ſo?“ „Jener Herr, der zwiſchen fuͤnf und ſechs kommen ſoll — dem Du den Brief einhändigen ſollſt, den Madame Dir gegeben hat. . . .“ „Das iſt ja wahr! da iſt der Brief,“ ſagte Aſtarte und nahm ihn vom Kamin. . . . „Alles das hat mich ſo verwirrt gemacht, daß ich nicht einmal die Adreſſe angeſehen habe . um den Namen zu leſen.“ „Laß doch ſehen den Namen?“ „Ach du mein Gott!“ rief Aſtarte, nachdem ſie die Adreſſe geleſen hatte: „das iſt ſchon wieder etwas Neues!“ „Nun? der Name?“ „Da, lies!“ „An Herrn Martin,“ las Leporello.. .. „Wie? WMartin?“ begann er: „unſer ehemaliger Kamerad Mar⸗ tin? das iſt unmoͤglich! das kann nicht derſelbe ſein! Ma⸗ dame wuͤrde ja nicht an einen Bedienten ſchreiben?“ „Ganz recht uͤbrigens werden wir es wohl erfah⸗ ren; es iſt bald ſechs Uhr.“ Achtes Rapitel. Schickſalswege. Der Zufall ſchien Leporello's und Aſtarte's Neugier beguͤnſtigen zu wollen. Ein Klingelzug ließ ſich hoͤren, und als Leporello geoͤffnet hatte, rief er aus: „Er iſt es, Aſtarte!“ Es war in der That Martin, ſeit zwei Tagen aus dem Gefaͤngniſſe zu Orleans entlaſſen, da ſeine Unſchuld bei der Unterſuchung ſich gezeigt hatte. Als er heut fruͤh in Paris angekommen, hatte er ſogleich Basquine gebeten, ihn noch deſſelben Tages anzunehmen. Martins Verwunderung kam der ſeiner beiden Kame⸗ raden im Dienſt gleich, welche bei Basquine wieder zu finden er nicht erwarten konnte; die lebhafte Aufregung, in der er ſich zu befinden ſchien, gewaͤhrte aber wenig Raum, ſein Staunen auszudruͤcken. Nachdem er alſo auf Leporello's und Aſtarte's Ausrufungen geantwortet hatte: „Ja, ich bins, lieben Freunde und freue mich Euch wieder zu ſehen;“ ſetzte er ſchnell hinzu: „Iſt Eure Herrſchaft zu Hauſe? ich muß durchaus mit ihr ſprechen.“ „Madame iſt ausgegangen,“ ſagte Aſtarte, durch Martins Kälte nicht wenig verletzt: „aber ſie hat dieſen Brief fuͤr Sie zuruͤckgelaſſen.“ Ein neuer Gegenſtand des Staunens und Commen⸗ tirens fuͤr Leporello und Aſtarte! Kaum hatte Martin nam⸗ lich dieſen Brief geleſen, als er bleich wie eine Leiche ward, und mit ſchmerzlicher Stimme ausrief: „Ach! das iſt fuͤrchterlich!“ Dann verſchwand er. Im naͤchſten Augenblicke war er aus dem Hauſe. Folgendes aber hatte Basquine Martin geſchrieben: „Komm im Augenblicke Straße Marché - vieux . Bamboche und ich erwarten Dich dort.“ „Wir werden alle Drei geraͤcht werden.“ „Bamboche an Scipio, dem Henker ſeiner Lochter Bruydte.“ „Du an dem Grafen Duriveau, dem Henker Deiner Mutter.“ „Ich an Scipio und deſſen Vater, einer ſchaͤndlichen Race, die ich, die Tochter des Volkes, geſchworen habe bis auf den Tod zu verfolgen.“ Martin ſtieg außer ſich in das Miethcabriolet, das ihn hergebracht hatte und ließ ſich in Galopp nach der Straße Marché- vieux fahren. Ghe wir Martin auf ſeiner eiligen Fahrt folgen, muͤſ⸗ ſen wir erwaͤhnen, daß Basquine, als ſie in den Fiaker ſtieg, der auf ſie wartete, ſich zuerſt zu Raphaelens Mutter fahren ließ. Da ließ ſie durch den Kutſcher fragen, ob Miſtreß Wilſon nicht mit dem Vicomte Scipio ausgefahren ſei. Als dies bejahend beantwortet worden, hatte Basquine ſich zu dem Grafen Duriveau bringen iaſſen, und feſt uͤber⸗ zeugt, daß er zu Hauſe ſei und auf ſeinen Sohn warte, Martin. K. 7 durch den Kutſcher einen ſchon vorher geſchriebenen Brief abgeben laſſen, der ihm ſogleich eingehaͤndigt werden ſollte. Dieſer Brief enthielt Folgendes: „Gehen Sie zu Miſtreß Wilſon und Sie werden ver⸗ 3 nehmen, daß Scipid eben mit ihr ausgegangen iſt. Ihr Vertrauen mißbrauchend, hat er ſie Straße du Marché- vieux gefuͤhrt, um ſich dort an Ihnen zurraͤchen.“ „Erinnern Sie ſich der Fuͤrſtin von Montbar und errathen Sie das Uebrige.“ „Wie der Vater, ſo der Sohn.“ Nachdem dieſer Brief dem Hausmeiſter im Hotel des Grafen uͤbergeben worden, hatte Basquine ihrem Kutſcher befohlen, ſie eilig Straße du Marché- vieux zu fahren, waͤhrend auch Martin ſich ſeinerſeits aufs Schnellſte dahin begab. Als Martin denſelben Weg nahm, den er enhe — Jahre zuvor genommen, um der Fuͤrſtin von Montbar, — die durch Duriveau in einen ſchändlichen Fallſtrick verlockt — worden, einen Retter zuzufuͤhren, ſchien dieſer ſich ſelbſt unter dem Einfluſſe eines ſchweren Traumes zu befinden. Durch welches Spiel des Schickſals, fragte er ſich, muß jetzt daſſelbe Haus und ohnſtreitig daſſelbe Zimmer, welches der Schauplatz der niedertraͤchtigſten Handlung des Grafen Duriveau geweſen, nun auch der Schauplatz von Basqui⸗ nens Rache ſein? Nicht lange, ſo erinnerte ſich Martin mit Schrecken, daß er Basquine bei ihrem erſten Zuſammentreffen, nach ſeiner Gewohnheit, ſeinen beiden Kindheitsfreunden, auf deren groͤßte Verſchwiegenheit er bis dahin aufs Beſtimmteſte rech⸗ nen zu koͤnnen glaubte, nicht das Mindeſte zu verſchweigen, erzaͤhlt hatte, wie er dazu gelangt, Regina aus dem furcht⸗ — 65 — baren Fallſtricke zu retten, durch den ſie nahe daran war des Grafen Duriveau Opfer zu werden. Nun ſitzte Martin voraus, und taͤuſchte ſich darin nicht, daß dieſe Mittheilung ſpätechin Basquine den fuͤrch⸗ terlichen Rachegedanken eingegeben habe, den ſie jetzt in Ausuͤbung zu bringen im Begriff ſtand. Einige Secunden bevor das Cabriolet, das ihn jetzt in groͤßter Eile weiter fuhr, vor dem Zugange zu dem Hauſe der Straße du Marché- vieux hielt, ſah Martin beim matten Schimmer einer fernen Lampe eiligſt aus dieſem Hauſe eine Frauensperſon ſtuͤrzen und nicht lange darauf in dem dunk⸗ len Nebel verſchwinden, in welchen das andere Ende der Straße gehuͤllt. Dieſe ploͤtzliche Viſion verſchwand aber wieder ſo ge⸗ ſchwind, daß es Martin unmoͤglich war Geſicht oder Wuchs dieſer Frau zu unterſcheiden, und zu erkennen, ob es Bas⸗ quine ſei oder nicht. Nachdem das Cabriolet vor dem Hauſe hielt, ſprang Martin aus demſelben, fand die Thuͤr halb offen, und ſtieß ſie ſo plotzlich vollends auf, daß ſie beim Zuruͤckprallen von ſelbſt ſich zuſchloß, da der Riegel des Schloſſes durch den Stoß eingeſchnappt war. Ohne uͤber dieſen Zufall ſich zu kuͤmmern, ſchritt Martin durch den finſtern Gang und klimmte in der Dunkelheit ſchnell die Treppe hinauf. Seine Ahnungen ſagten ihm, daß die Scene der Rache, zu welcher Basquine ihn eingeladen hatte, in dem dritten Stockwerke, an demſelben Orte ſtattfinden werde, wo Kapitain Juſt Reginen aus Duriveau's Haͤnden geriſſen hatte. Zu ſeinem großen Erſtaunen horte Martin, als er ſich dieſer Wohnung naäherte, nicht das mindeſte Geräuſch⸗ Endlich betrat er den Vorplatz .. ein blaſſer Schiimet⸗ 3 — 100 — aus der halboffnen Thuͤr kommend, leitete ihn. Er fuͤhlte ſich halbohnmaͤchtig, unfaͤhig, einen Schritt weiter zu thun. Folgendes Bild ſtellte ſich ſeinen Augen dar! Scipio lag bleich, ſterbend, regungslos, die Haare voll Blut, das aus einer breiten, gaͤhnenden Wunde am rechten Schlafe langſam uͤber ſeine Backe floß, auf einem Bette. Am Kopf⸗Ende des Bettes knieete mit gefalteten Haͤnden Graf Duriveau, ſein weißes Gilet war voll Blut und ſein Geſicht, von kaltem Schweiß gebadet, noch bleicher, als das ſeines ſterbenden Sohnes. Nach der Mitte des Zimmers zu erblickte man einen ſchweren, hoͤlzernen, halbzerbrochenen Stuhl, mitten in einer Blutlache, neben einem der Miſtreß Wilſon zugehoͤ⸗ renden Shawl. Der Thuͤre, wo Martin halb ohnmaͤchtig ſtand, gegen⸗ uͤber zeigten ſich Basquinens und Bamboche's Geſichter, unbeweglich, bleich, unverſoͤhnlich, vortretend halb aus dem Dunkel des Todtengemachs, wo ſie ſtumm, zwei Schritte von der Thuͤrſchwelle ſtanden. Der Graf hatte ſie nicht bemerkt . Seine ſtarren und trotz der Thraͤnen, die ſie umſchleſertin. gluͤhenden Au⸗ gen hefteten ſich auf die ſterbenden ſeines Sohnes. Der durch eine Verziehung des Kinnbackens halboffne Mund des Grafen, ſchien ſich nicht mehr ſchließen zu koͤnnen. Er ließ convulſiviſches, ſtoͤhnendes Schluchzen vernehmen, das einzige Geraͤuſch, welches das furchtbare Schweigen dieſer Scene unterbrach. Scipio's Geſicht, obſchon bereits mit dem Gepraͤge des Todes bezeichnet, war doch noch reizend. Seine kalten, blaͤulichen Lippen bewegten ſich ſchwach unter dem kleinen plonden Schnauzbarte, ſchienen ein letztes hoͤhniſches Laͤcheln — 101 — zu verſuchen und ließen ſeine Zähne vom reinſten Schilh ſehen. Den Kopf ſtutzte er auf ſeinen gebogenen Arm, und ſeine Hand, zart und weiß wie eine Frauenhand, ver⸗ ſchwand unter den kaſtanienbraunen Haaren, von denen er manchmal in den unwillkuͤrlichen Kraͤmpfen des Todes⸗ kampfes eine ſeid'ne Locke faßte. Endlich machte der Graf Duriveau eine gewaltſame Anſtrengung, um einige Worte zu ſprechen, und folgende kamen abgebrochen uͤber ſeine bebenden Lippen: „Ich habe Dich getoͤdtet mein Sohn ich habe meinen Sohn getoͤdtet!“ Es war gräßlich! ... Man hatte ſagen koͤnnen, dieſer Elende habe in der Art uon Wahnſinn, in welchen er verſenkt blieb, gezwungener, ſchickſalsvoller Weiſe dieſe Worte aus⸗ ſprechen muͤſſen und keine andern gefunden, denn er wie⸗ derholte zum dritten Male mit krampfhaftem Kopfſchuͤtteln: „Ich habe meinen Sohn getödtet ... meinen Sohn getödtet!“ In dieſem Augenblicke öffneten ſich Scipio's ſterbende, bis dahin hälbgeſchloßne Augen weit und groß .. . und ei⸗ nige Secunden lang machte ein letzter Funke von Leben und Jugend dieſen Blick noch klarer, glaͤnzender, ſchoͤner als er je geweſen war. So wie Scipio's Augen ſich oͤffneten, vergroßerten ſich auch die ſeines Vaters, wie durch einen Zauber ange⸗ zogen, immer mehr und rundeten ſich auf eine ſo furchtbare Art, daß die Pupille von einem weißen Ringe umgeben erſchien. Scipio's Lippen zuckten jetzt ſchwach⸗ als habe er ſprechen wollen. Der Graf bemerkte es und murmelte jene Worte — 102 — wieder, die einzigen, immer die einzigen, die in ſeinen irren Sinn kamen. „Er will mir ſagen: Du haſt Deinen Sohn gemordet! Deinen Sohn gemordet!“ Scipio begann nun auf eine ſeltſame Art zu laͤcheln und ſagte mit immer ſchwaͤcher werdender Stimme, die mit ſeinem letzten Seufzer ſtarb: „Du haſt mich getödtet aber gleichviel ich habe gewonnen. .. Du wirſt nicht heirathen .. ſie die Wilſon . Du biſt ſelbſt Schuld . . ich folgte Deinem Beiſpiele ich habe gethan ... was Du thateſt „ Du weißt die Fuͤrſtin . . von Montbar .. . Aber ſage, wer haͤtte glauben ſollen .. daß der junge Vater der mordende Vater werden ſollte ... Das iſt doch drollig! ..„Ich will das wiedererzaͤhlen .. dem Großpapa, Kalbfleiſchmit Reis. .. . An der Schwelle der Ewigkeit endete diefes ungluck⸗ ſelige, unzaͤhmbare Kind ſein kurzes Leben mit einem letzten Sarkasmus. „Scipio mein Sohn ſtirb nicht!“ rief der Graf mit furchtbarer Stimme, denn die Wirklichkeit brachte ihn zu ſich. Er warf ſich uͤber den Leichnam ſeines Sohnes und bedeckte deſſen Geſicht, Haar und Haͤnde mit wahnſinnigen Kuͤſſen. Eine fluͤchtige Erinnerung rief Martin wie ein Blitz als Kontraſt einer furchtbaren Lehre, den erhabenen Tod des Doctor Clement und die Worte voll Groͤße und Heiter⸗ keit, welche dieſer und ſein edler Sohn in dieſer feierlichen Stunde gewechſelt hatten, ins Gedaͤchtniß zuruͤck!! Martin blich vor Schrecken ſtarr. Brsquine und Bamboche, die aus dem tiefen Dunkel, in welchem ſie ſtanden, ihren Kindheitsgefaͤhrten erblickten, zeigten ihm ſtumm⸗ furchtbar, trocknen und brennenden Auges mit unbarmher⸗ zigem Geiſt dieſen ungluͤcklichen, uͤber den Leichnam ſeines Sohnes hingeſtreckten Vater. Dieſe kalte Rohheit erbitterte Martin und riß ihn aus ſeiner Betaͤubung. Er durchſchritt raſch das Zimmer, ohne vom Grafen bemerkt zu werden, der in herzzerreißendes Schluchzen und unartikulirtes Geſchrei ausbrechend, ſich auf dem Bette wand, die Lippen auf das eiſige Geſicht ſeines Sohnes hef⸗ tend, ergriff Basquine am Arme und rief mit leiſer Stimme, aber voll Zorn, Unwillen und Drohung: „Nein, Du darfſt durch Deine Gegenwart nicht die⸗ ſem Schmerze Hohn ſprechen, dieſen Gewiſſensbiſſen eines Vaters, der ſeinen Sohn getoͤdtet hat, Basquine! Du haſt aus einem Geheimniſſe, das ich Dir wie einer Schweſter anvertraute, Dir eine toͤdtliche Waffe bereitet. . Das iſt ſchaͤndlich!“ „Bruder ich raͤchte Dich ja auch,“ antwortete dumpf Basquine. „Nein, Du wirſt nicht die Kraft beſitzen, hier zu blei⸗ ben, damit dieſer Ungluͤckliche Dich ſehe .. Dich, die Ur⸗ ſache dieſes gräßlichen Verbrechens!“ rief Martin mit einer zugleich ſo ſtrafenden und doch auch ſo flehenden, obgleich verhaltenen Stimme, daß Basquine, welche ſchon durch Martins Vorwurf erſchuͤttert worden, ſich noch tiefer in das Dunkel des andern Gemachs zuruͤckzog ſo daß ſie der Graf nicht mehr erblicken konnte, während Bamboche mit uͤber ſeine breite Bruſt gekreuzten Armen dieſe furchter⸗ liche Scene mit wilder Freude betrachtete. Ploͤtzlich drang ein dumpfes, noch wirres Geraͤuſch, — 104 — das außerhalb des Hauſes zu grollen ſchien, bis in das Gemach, und nicht lange darauf erſchutterten heftige Stoͤße die Thuͤr zum Hausgange, welche hinter Martin zuge⸗ fallen war. Auch dieſer Laͤrm zog des Grafen Aufmerkſamkeit nicht auf ſich, der faſt wahnſinnig vor Schmerz und Ver⸗ zweiflung war. Immer noch den todten Koͤrper ſeines Sohnes mit ſeinen Armen umſchlingend, ſtieß er ein krampfhaftes Stöhnen und herzzerreißendes, unartikulirtes Schreien aus. Aber Bamboche, immer auf ſeiner Hut, eilte bei dem erſten Ertoͤnen der ſtets heftiger werdenden, die Thuͤr erſchuͤtterndem Schläge zu Basquine in den Hin⸗ tergrund des Gemachs, wohin ſich dieſe auf Martins Geheiß zuruͤckgezegen hatte, und oͤffnete dann eins der auf die Straße gehenden Fenſter mit dem Ausrufé: „Die Wache ich bin ertappt ... Die Polizei war auf meiner Spur ... man wird mich erkannt haben ..„ mir, waͤhrend ich von Basquinen hierher ging, nachgefolgt ſein. . Wenn ſie mich feſtnehmen wollen,“ ſagte er mit einem wilden Zaͤhnfletſchen und zog ein großes Dolchmeſſer „o ſolls ihnen theuer zu ſtehen kommen.“ „Einen Mord!“ rief Martin und eilte zu Bamboche: „Du einen Mord oh nie!“ „Ich ſtehe bei meinem zweiten,“ ſagte dieſer mit ſchau⸗ derhafter Ironie, indem er ſich von Martins Zuruͤckhalten losmachte. „Alſo iſt's doch wahr! „. Du wurdeſt mit Recht verfolgt . ſtöhnte Martin zerknirſcht. „Du haſt gemordet!“ „Aber dieſen Mord,“ ſagte Basquine zu Bamboche ſchau⸗ dernd, denn er hatte ihr dieſes Verbrechen verborgen, um eine Zuflucht bei ihr zu erhalten, „dieſen Mord veruͤbteſt Du, um Dich zu vertheidigen? bei einem Streite?“ „Ich habe zweimal getoͤdtet .. um zu ſtehlen,“ ant⸗ wortete Bamboche mit abgebrochner Stimme. „Jetzt einen mehr zwei mehr, um mich zu retten nun, man kann mir ja doch den Hals nur einmal abſchlagen .. Lebt wohl, Freunde ich habe Euch wiedergeſehen .. Eure Hand . und vorwaͤrts!“ . Basquine und Martin ſtießen vor Schrecken ſchau⸗ dernd die Hand zuruͤck, die Bamboche ihnen zuſtreckte. „Ach,“ ſagte der Bandit mit wilder Erſchuͤtterung. .. „Ihr ſchaudert vor dem Moͤrder . .. Ihr wollt nicht einmal ſeine Hand beruͤhren ... Um ſo beſſer .. das wird mich wuͤthend machen wie einen Tiger .. ich werde morden, um zu morden.“ 2 Ploͤtzlich hoͤrte man in Mitten des ſich verdoppelnden Tumults die Stimme der Gerichtsbeamten rufen: „Im Namen des Geſetzes .. aufgemacht . . aufge⸗ macht!“ „Oh mein Gott!“ rief Martin von einer ploͤtzlichen Idee ergriffen: „es iſt ſchrecklich . dieſer Ungluͤckliche .. der ſeinen Sohn getoͤdtet hat man wird ihn mit Blut bedeckt verhaften.“ „Mit einem Grafen, der ein Moͤrder iſt, verhaftet! was das fuͤr eine Ehre fuͤr mich iſt!“ rief Bamboche mit einem Ausbruche teufliſchen Laͤchelns. Trotz der Art von Wahnſinn, in welchen Duriveau verſenkt war, hob er doch, durch den immer mehr anwachſenden Laͤrm von außen wieder zu ſich gebracht, ſich ploͤtzlich vom Lager ſeines todten Sohnes empor und horchte. Dann er⸗ blickte er Martin, der beſtuͤrzt aus dem Gemach ohne Aus⸗ — ——— — 106 — gang trat, in welchem Basquine und Bamboche ſich be⸗ fanden. „Martin,“ rief der Graf und bebte vor Staunen zu⸗ ruͤck: „Sie hier!“ „Die Wache iſt unten,“ rief Martin, „ſie wird herauf kommen.“ „Oh! ich habe meinen Sohn getoͤdtet,“ ſtoͤhnte der Graf ſchaudernd; „das Schaffot wartet meiner!!“ „Und die Flucht .. unmoͤglich .. .“ verſetzte Martin in Verzweiflung. „Oh, retten Sie mich,“ rief der Graf in der erſten Verwirrung ſeiner Furcht: „retten Sie mich! Sie ſind auch mein Sohn! Sie! Sie kamen nicht hierher, um meiner Verzweiflung zu ſpotten an meinem Verbrechen ſich zu weiden! Ich habe Sie kennen lernen; Sie ſind groß⸗ muͤthig! Sie ſind hier, um mich zu retten „nicht wahr? Sie ſind fuͤr ſo viele Andre hilfreich geweſen haben Sie Mitleid auch mit mir! .. Oh, das Schaffot! .. Nun ja, ich bin feig . . ich habe Furcht . ich flehe Sie an!“ „Die Thuͤr iſt geſprengt,“ rief ploͤtzlich Martin: „der Ungluͤckliche . er iſt verloren!“ In der That war die Thuͤr gewichen: der Laͤrm des Tumultes von außen, bis dahin durch dieſes Hinderniß gemindert, brach ſo zu ſagen auf der Treppe los, deren untere Stufen nun von eiligen Tritten widerhallten. „Sie kommen herauf,“ rief Martin hinhorchend. „Ha! ſie halten an im erſten Stock! Aber ſie werden hierher kommen. .. Oh! dieſen Ungluͤcklichen nicht retten koͤnnen meinen Vater nicht vorm Schaffot!!!“ Es lag in Martins Tone, als er dieſe Worte ſprach, et⸗ was ſo Herzzerreißendes, daß der Graf ſich zum erſten Male ————————————— — 107 — in die Arme ſeines Sohnes ſtuͤrzend, nicht mehr mit Niedergedrucktheit, ſondern mit Feſtigkeit entgegnete: „Ja, ich bin .. Dein Vater. ich ſage es Dir vor dem Leichname dieſes ungluͤcklichen Kindes .. mei⸗ nes doppelten Opfers .. ja, ich bin Dein Vater. . und wenigſtens dieſes letzte Mal wirſt Du nicht vor mir er⸗ roͤthen.“ „Was thuen Sie?“ rief Martin, als er den Grafen nach der Thuͤre zu gehen ſah. „Sie ſind jetzt im zweiten Stock.. wo ſie ausſuchen Hoͤren Sie ſie? Wohin wollen Sie?“ „Mich ausliefern .. mein Verbrechen eingeſtehen das Blut, das ich vergoſſen habe, ſoll auf mein Haupt zuruͤckfallen .. . ſagte der Graf mit muthiger und maje⸗ ſtaͤtiſcher Entfagung. — „Komm, mein Sohn,“ fuhr er fort. „Deinen Arm.. Nicht der Muth . .. die Kraͤfte nur fehlen mir.“ Kaum hatte der Graf dieſe Worte geſprochen und ging von Neuem nach der Thuͤr, als Bamboche, der bis da⸗ hin unbemerkt in dem Dunkel des Nebenzimmers geblieben war, ſchnell heraustrat und zu dem Grafen mit einem wuͤrdevollen, von der gewoͤhnlichen Rohheit ſeiner Sprache abſtechenden Tone ſagte: „Mein Herr, nicht den Grafen Duriveau will ich vom Schaffot retten . ſondern Martins Vater.“ „Was willſt Du thun?“ rief dieſer Letztre: „wohin gehſt Du?“ „Ihnen zu ſagen, daß ich den Vicomte getoͤdtet habe . Man wird mir glauben ich kam hierher, um zu ſtehlen, werde ich ihnen ſagen . er war bei einem Frauenzimmer hier ſie ſchrieen ich mordete ihn mit einem Stuhl⸗ beine zehn Minuten nachher kam ſein Vater, der ihn — 108 — aufſuchte, um ihn verhaften zu laſſen, hierher. . er ſah ſei⸗ nen blutenden Sohn, warf ſich auf ihn .. . und deshalb hat Dein Vater Blut an ſeinem Gilet.“ „Ein ſolches Opfer von Ihnen annehmen,“ rief der Graf: „nein, nein!“ „Erklaͤre ihm doch geſchwind, daß ich ſchon zwei um⸗ gehracht habe,“ ſagte Bamboche zu Martin . . „einer mehr macht nichts aus. .. ich habe nur Einen Kopf zum Abſchla⸗ gen .. Adieu Bruder . . . noch eine letzte Bitte,“ (und zwei Thraͤnen netzten die wilden Augen des Banditen) „komm mit Basquine am Abende vorher. wo ich.. (und damit legte er die Hand an den Hals) „Du begreifſt B nochmals adieu, Bruder!“ Und ehe der Graf und Martin eine Bewegung ma⸗ chen konnten, ſtuͤrzte Bamboche nach der Treppe zu, als habe er Hoffnung zu entkommen, indem er ſich einen Weg durch die Polizeidiener und Soldaten bahnte, von denen er einen Theil auf der Treppenflur des zweiten Stocks nebſt einigen Lichtern fand. — „Da iſt er, ich erkenne ihn . .. haltet ihn feſt!“ rief ein Polizeidiener beim Erblicken von Bamboche, der bleich, ohne Hut, die Kleider in Unordnung und ſein Meſſer ſchwingend, ſich mit einem Satze auf die Gruppe ſtuͤrzte und einen Mann daraus leicht verwundete, „nicht aus Rohheit. .. denn ich konnte ihn toͤdten,“ ſagte er ſpaͤter zu Martin, „ſondern weil ich die Scene wahr⸗ ſcheinlicher machen wollte.“ Bamboche wurde ohnerach⸗ tet ſeines kraͤftigen Widerſtandes, von dem er uͤbrigens wußte, daß er vergebens, ohne Muͤhe zu Boden geworfen und gebunden, dann aber ſagte er waͤhrend einiger Augen⸗ blicke der Ruhe, die auf dieſe Verhaftung folgten, mit ſeinem graͤßlichen Cynismus: „Jetzt laßt uns ſchwatzen. Ich geſtehe die beiden — — Mordthaten, deren ich angeklagt bin, ein, und noch eine dritte dazu.“ „Einen dritten Mord!“ rief die obrigkeitliche Perſon, welche die Soldaten begleitete: „einen dritten Mord!“ „Ja, eines kleinen jungen Maͤnnchens. Es hatte hier ein Stelldichein mit einem Frauenzimmer. Da kam ich in dieſes Haus, um zu ſtehlen, uͤberraſchte die Verlieb⸗ ten, ſie fuͤrchteten ſich und ſchrieen um Hilfe. Um den jungen Menſchen zum Schweigen zu bringen, habe ich ihn mit einem Stuhlbeine erſchlagen. Da ſeht Ihrs.“ „Aber wo iſt denn das geſchehen, Boͤſewicht?“ rief die Magiſtratsperſon. „Uebrigens thuts mir leid, ſo grob geweſen zu ſein,“ ſetzte Bamboche hinzu, ohne auf die an ihn gerichtete Frage zu antworten, „denn ſein Vater iſt gekommen ... und die⸗ ſen Vater ſich uͤber den Leichnam ſeines Sohnes werfen zu ſehen. das hat mir wider Willen weh gethan.“ „Aber wo iſt es denn geſchehen?“ fragte jener wieder. „Oben. im dritten Stock.. antwortete Bambochez „Sie werden da den Vater finden. Es ſcheint, er ſei ſeinem Sohne nachgeſchlichen und habe ihn dort mit jenem Frauen⸗ zimmer uͤberraſchen wollen, denn er und noch ein andrer Mann ſind in dem Augenblicke hier angekommen, wo ich je⸗ nem den Schlag beigebracht hatte. Sie haben an nichts wei⸗ ter gedacht, als dem kleinen jungen Manne zu Hilfe zu kommen, der Vater hat ſich auf ihn geworfen und ſich ſelbſt ganz mit Blut beſudelt. . .. Ich habe mich fortmachen wollen.. Ihr habt mich gefiſcht. ... meine Sache iſt klar „aber ich fuͤrchte mich nicht vor der Guillotine.“ . . „ — . ⸗ ⸗ * * . * . ⸗ . ⸗ * Es bedarf nicht der Erwähnung, daß durch das kalte — 1w — Blut und die unglaubliche Geiſtesgegenwart und Aushilfe von Bamboche, welche uͤberdies die Wahrſcheinlichkeit und zum Theil auch die Wirklichkeit ſeiner Geſtändniſſe und An⸗ fuͤhrungen unterſtutzten, man auch nicht die kleinſte Vermu⸗ thung des von dem Grafen Duriveau veruͤbten Verbrechens erhielt. Seine Verwirrung, ſeine Blaͤſſe, die Verlegenheit ſelbſt in ſeinen Antworten auf die erſten Befragungen der Magiſtratsperſon, welche dieſer uͤberdies aus einem Gefuͤhle von Anſtand und Mitleid mit einem ſo großen Ungluͤcke nicht fortſetzte, wurden der fuͤrchterlichen Erſchuͤtterung bei⸗ gemeſſen, in welcher dieſer ungluͤckliche Vater ſich in Folge des Mordes an ſeinem Sohne befinden muͤſſe. Als der Graf ſich einen Befehl zu Verhaftung ſeines Sohnes auswirkte, hatte er uͤbrigens nicht verſchwiegen, daß er Stipio dem Einfluſſe einer gefahrlichen Leidenſchaft ent⸗ reißen wolle; es erſchien daher als ganz natuͤrlich, daß der Vicomte, als er ſich auf dem Punkte geſehen, in Basquinens Hauſe verhaftet zu werden, bei ihr entflohen ſei, und ſie in dieſer unbekannten iſolirten Wohnung erwartet habe. So erklaͤrte ſich auch Basquinens Gegenwart auf dem Schau⸗ platze des Verbrechens, ſo wie ſpaͤter die Ankunft des Gra⸗ fen, der den Ort erfahren haben konnte, wo ſein Sohn ſich verborgen, um dem Gefaͤngniſſe zu entfliehen konnte man denn auch endlich denken, daß, ſtatt n die ſo wahrKeinlichen Geſtaͤndniſſe eines Boͤſewichts, der ſchon zwei Merehen ſich zu Schulden kommen laſſen, zu glauben, man einen geachteten Mann mit einer treffli⸗ chen Stellung in der Welt, wie es der Graf Duriveau durch ſeine Verhaͤltniſſe und ſein unermeßliches Vermögen war, des Mordes an ſeinem Sohne haͤtte beſchuldigen ſollen⸗ ⸗ . * . ⸗ ⸗ ⸗ ⸗ . „ ⸗ * — 111 — Bamboche's Prozeß ging raſch vorwaͤrts. Dreier Mordthaten beſchuldigt, wurde er zum Tode verurtheilt. Weder Martin noch Basquine hatten das Verſprechen vergeſſen, das ſie dem Gefährten ihrer Kindheit gegeben. Am Abende vor dem Hinrichtungstage ſollten mittels beſonderer Erlaubniß die drei Freunde noch zum letzten Male ſich in der Kerkerſtube vereinen, wo Bamboche ſeinen Tod erwartete. Meuntes Rapitel. Die drei Freunde von Kindheit her. Die Gefaͤngnißzelle, in welcher ſich Bamboche befand, enthielt ein eiſernes Bett, einen Tiſch und eine Bank, beide an die Steinplatten des Bodens befeſtigt. Hinter der ſtar⸗ ken Thuͤr hoͤrte man die gemeſſenen Schritte einer Wache. Seit ohngefaͤhr einer Viertelſtunde waren Basquine und Bamboche zuſammen, als die Thuͤr ſich öffnete, und der Gefaͤngnißwaͤrter Martin zu dem Verurtheilten ein⸗ fuhrte. Seit Bamboche's Verhaftung in der Straße du Mar- ché-vieux hatte Martin ſeine beiden Gefährten von den Kinderjahren her nicht wieder geſehen. Er konnte ſich nicht enthalten, als er in ihrer herzlichen Umarmung ſich befand, in Thranen auszubrechen. Nach dieſer erſten, von den drei Mitſpielenden gleich getheilten Ruͤhrung ſagte Martin zu Basquine: „Deinem Briefe zu Folge, war ich zu Dir gegangen, um Dich dort abzuholen.“ „Ich hatte meine Gruͤnde, guter Martin, Dir voraus zu eilen,“ ſagte Basquine und tauſchte einen ſonderbaren, geheimnißvollen Blick mit Bamboche, „dies iſt ein Geheim⸗ niß, das Dir ſpaͤterhin erklaͤrt werden wird.“ — 113 — „Vor allen Dingen,“ fragte Bamboche Martin: „Bru⸗ yere? meine Tochter?“ „Es geht ihr gut,“ antwortete Martin, „ich beſuchte ſie an dem Zufluchtsorte, wo Claude Gerard ſie verborgen hielt, ſeit man glaubte, ſie ſei ertrunken. Ein wackeres Pachtmaͤdchen brachte ihr taglich einige Nahrung dahin, Bruykrens Unſchuld iſt ſo offenbar geweſen, daß die Anklage von Kindesmord von ſelbſt wegfiel.“ „Und wo iſt ſie jetzt, das arme Kind?“ fragte Bam⸗ boche. „Bei meiner Mutter und dem Grafen Duriveau,“ antwortete Martin. „Dann bin ich ruhig uͤber ihr Schickſal,“ ſagte der Verurtheilte mit leicht geruͤhrter Stimme. „Und ſie weiß nichts von mir . nicht wahr?“ „Nichts. meine Mutter uͤberhaͤuft ſie mit Sorg⸗ falt und Zärtlichkeit, in ihren lichten Augenblicken.“ „Wie?“ ſagte Basquine, „im Irrſinn ... Deine arme Mutter?“ . „Nach einer lethargiſchen Kriſis, die ſo lange dauerte, daß man ſie fuͤr todt hielt,“ verſetzte Martin, „iſt meine Mutter wieder zu ſich gekommen, ihre Vernunft aber, die kaum etwas wieder hergeſtellt war, hat ſich von Neuem ver⸗ wirrt . . obgleich allerdings minder ſchwer, als es vorher der Fall war. Jetzt beſteht ihr Irrſinn darin, daß ſie manch⸗ mal ganze Tage in eine Art von Stumpfſinn verſenkt iſt, wahrend deſſen ſie, unempfindlich gegen Alles was man ihr ſagt, kein Wort ſpricht. Sind dieſe Anfälle voruͤber,“ fuhr, Martin fort, „ſo bekommt ſie ihre volle Vernunft wieder.“ „Und Dein Vater?“ fragte Basquine. „Seit acht Tagen ſind ſeine Haare weiß geworden,“ antwortete Martin. „Er hat Paris fuͤr immer verlaſſen, Martin. X. 8 — 114 — und Scipio's Leiche nach der Sologne bringen laſſen. Seit dem iſt der Graf nicht von dort weggekommen, und wird fuͤr immer daſelbſt bleiben.“ „Und wie benimmt er ſich ſonſt gegen Dich?“ fragte Bamboche, „gegen Deine Mutter?“ „Er hat ſeine Verbindung mit ihr bekannt machen laſſen,“ antwortete Martin. „Obgleich die Vernunft Deiner armen Mutter noch nicht ganz wieder hergeſtellt iſt?“ ſagte Basquine ſtau⸗ nend. „Ja,“ antwortete Martin .. . „Meine Haͤrte hat ſie der Vernunft beraubt,“ . ſagte er, „ich muß mich beſtre⸗ ven, ſie ihr durch liebevolle Pflege wieder zuruͤckzugeben ... Ich habe ſie entehrt . ich muß ihr die Ehre durch meinen Namen wiedererſtatten.“ „Welche Veraͤnderungen!“ ſagte Basquine mit bitterm Lächeln, und ſetzte dann kalt hinzu: „Und Miſtreß Wil⸗ ſon?“ „Sie iſt mit ihrer Tochter nach England gereiſ't,“ antwortete Martin traurig; „aber es iſt wenig Hoffnung vorhanden, dieſe Ungluͤckliche zu retten .. Raphaele geht dem Tode entgegen.“ „Und Claude Gerard?“ fragte Bamboche. „Verlaͤßt meine Mutter und den Grafen nicht. Die⸗ ſer hat ihm demuͤthig die ausgezeichnetſte Ehrenerklaͤrung ge⸗ geben . Von der wilden Menſchenſcheu, in welche ihn un⸗ wuͤrdige Verfolgungen geſturzt hatten, geheilt, konnte Claude gegen den fuͤrchterlichen Schmerz und die unermuͤdliche Reue des Grafen, der ſeinen einzigen Troſt in einer Suͤhnung ſuchte, die er nicht groß und folgereich genug erhalten konnte, nicht unempfindlich bleiben. Der Graf hat die weitausſehendſten und großmuͤthigſten Pläne fur das Gluck dieſer Gegend, die — 115 — faſt faſt ganz ihm zugehoͤrt, und welche Elend und Krank⸗ heit ſeit ſo lange bisher zehnteten.“ „Ich ſage wie Basquine: welche Veränderungen!“ ent⸗ gegnete Bamboche, dann ſetzte er mit abſcheulichem Hohn⸗ gelächter hinzu: „Da ſieht man doch, was es heißt, ſeinen Sohn umbringen! Es giebt nichts, was einen Menſchen ſo moraliſiren könnte, als dies!“ „Du bleibſt ſtets derſelbe!“ ſagte Martin traurig zu Bamboche. „Auch jetzt noch!“ „Zum Henker, jetzt vor Allem,“ erwiderte der Ver⸗ brecher mit einem neuem Ausbruche von Gelächter. „Weil man mir morgen den Hals abſchneidet, willſt Du, daß mich das heute zu einem tugendhaften Menſchen machen ſoll.“ „Du chuſt Dir ſelbſt wieder Unrecht,“ ſagte Martin. „Deine Aufopferung fuͤr meinen Vater war bewunderns⸗ wuͤrdig.“ „Ein ſchoͤnes Verdienſt! ich war ja ohnedies ſchon ge⸗ fangen!“ „Und als Du beim Doctor Clement, um mich nicht anklagen zu laſſen, auf den Gewinn des Diebſtahls, den Du begangen hatteſt, verzichteteſt . . das war doch auch ſchoͤn und gut.. Mochten doch in dieſem letzten Augenblick Dich dieſe guten Erinnerungen wenigſtens tröſten!“ „Doch! ... Dieſe ſchonen Geſinnungen haben mich nicht abgehalten, einen Greis und ſeine Frau mit einem Beile zu morden, um ihre dreiundzwanzig Francs zu ſtehlen.“ „Aber dieſes gräßliche Verbrechen bereuſt Du doch?“ rief Martin. „Ganz und gar nicht . . . ich hatte Hunger ... mich fror, mit dieſen dreiundzwanzig Francs habe ich einen Fuhr⸗ mannskittel gekauft, und acht Tage gelebt ...“ „Höre, mein armer Martin,“ ſagte Basquine zu ih⸗ S* — 1156 — rem Gefaͤhrten, der uͤber eine ſolche Verhärtung ſchauderte, „wenn ich Bamboche entſchuldigen wollte, wuͤrde ich Dir ſa⸗ gen: biſt Du nicht ſelbſt, trotz der Lehren Claude Gerards, trotz der Guͤte und natuͤrlichen Hoheit Deines Herzens, nach vier Tagen gräßlichen Kampfes gegen Hunger, Kaͤlte und Arbeitsmangel, in Deiner Verzweiflung im Begriff geweſen, ein Mitgenoſſe des Kruͤppels zu werden?“ „Das iſt wahr,“ ſagte Martin niedergeſchlagen. „Und ſpäter,“ verſetzte Bamboche, „als Du die ma⸗ terielle Unmoglichkeit zu leben einſaheſt, aber doch vor dem Selbſtmorde zuruckbebteſt, haſt Du da nicht den Tod in ei⸗ nem Keller erwartet? Nun denn! Ich, der ich meinen Vater ohne Hilfe ſterben ſah, in der Tiefe eines Waldes, von Raben aufgezehrt, ich, der ich, ſtatt Claude Gerard zum Lehrer zu haben, den vaterlichen Unterricht des Kruͤp⸗ pels und la Levraſſes genoſſen habe, ich, der durch Erziehung im Gefaͤngniſſe vollends verdorben worden iſt, kurz, ich, der wie ein Wolf auferzogen ward, ich habe auch wie ein Wolf gelebt, und ſterbe wie ein Wolf, indem ich in die Gitter meines Kaͤfigs beiße . .. Ich verdiene weder Theilnahme, noch Mitleid, noch verlange ich ſie ... wie ich begonnen habe, ſo ende ich .. man ſchlaͤgt mir den Kopf ab und daran thut man wohl, denn man kann es. . In meiner Kindheit hat mich die Geſellſchaft wie einen weggeſetzten Hund behandelt . als mir die Krallen gewachſen waren, habe ich ſie dagegen behandelt wie ein Wuͤthender es war ſo Beſtimmung .. weiter nichts.“ Indem Bamboche dieſe letzten Worte ausſprach, war ſein Lächeln krampfhaft, faſt ſchmerzlich. War dies moraliſcher, oder phyſiſcher Schmerz, Mar⸗ tin konnte dies nicht ergruͤnden. Er bemerkte blos, daß Bamboche's Blaͤſſe ſich zu vermehren ſchien. — 117 — „Man muß, ſiehſt Du, mein armer Martin, auch nicht vergeſſen,“ begann Basquine immer ganz ruhig, „daß Bam⸗ boche und ich von Kindheit auf verdorben und verſchlechtert, ſpaͤter aber allen Zufaͤllen des Laſters und des Elends preis⸗ gegeben worden ſind.“ „Und dennoch,“ entgegnete Martin titten „haͤttet auch Ihr Beide koͤnnen gerettet werden . davon bin 3 Zeuge die Tage, die wir auf unſrer Inſel zubrachten .. . erin⸗ nert Ihr Euch ihrer noch? Wer hätte gedacht, o mein Gott! daß in den ſchoͤnen Sommernaͤchten, wo wir alle Beide auf die begeiſterte Stimme Basquinens hoͤrten, und aus Her⸗ zensgrunde uns ein ehrliches, arbeitſames Leben erflehten ... wir alle Drei . eines Tages . uns wiederfinden ſollten ach! bei einem ſo traurigen Zuſummentreffen wie heut!“ Martin konnte ſeine Thraͤnen nicht mehr zuruͤckhalten. In dieſem Augenblicke unterbrach ſich Bamboche, deſ⸗ ſen Blaͤſſe ſeit einigen Augenblicken ſich zu verdoppeln ge⸗ ſchienen hatte. Sein wildes Geſicht zuckte von Neuem; er fuhlte einen ſchmerzlichen Druck. Was iſt Dir?“ fragte Martin ſchnell. „Richts, entgegnete der Verbrecher und wechſelte von Neuem einen ſeltſamen Blick mit Basquine. „Ich bin von Eiſen . wie Du weißt ... ſetzte er hinzu, Martin die Hand reichend; „aber Du allein .. und Basauine greift dieſes Eiſen an .. . und Euch hier zu ſehen .. alle Beide hier und heut ... da morgen .. . das macht ſelbſt Erz weich. aber es geht voruͤber . geht voruͤber.“ „Deine Hand iſt eiſig,“ rief Martin, die Hand, welche ihm Bamboche gegeben hatte, in der ſeinen haltend. „Kalte Haͤnde, warme Liebe, Du kennſt das Sprich⸗ wort,“ ſagte Bamboche lachend und zog ſchnell ſ Hand aus der Martins. — 118 — „Das iſt gar nicht zu verwundern,“ verſetzte Basquine, „ich habe auch kalte Haͤnde ... da!“ „Eiſigkalt . . auch! . . .“ oegegnete Martin immer mehr ſtaunend. „Das iſt ganz einfach,“ ſagte Basquine einfach, „die Erregung. . . .“ „Alle Wetter, ja .. . die Erregung ...“ erwiderte Bamboche und ſeine Zuͤge wurden wieder ruhig. Trotz dieſer beruhigenden Worte fuͤhlte Martin eine unbeſtimmte, unausſprechliche Angſt. Er glaubte auf der Stirn des jungen Maͤdchens plotzliche krampfhafte Falten zu erblicken, wie wenn ſie manchmal gegen einen heftigen Schmerz zu kaͤmpfen habe .. und doch ſprach Basquine mit kalter ruhiger Ironie. 7 „Verlangſt Du, lieber Martin,“ fing ſie nach einem augenblicklichen Schweigen wieder an, „einen letzten Beweis dieſer Wahrheit? daß, da meine und Bamboche's erſte Kind⸗ heit durch furchtbare Entartungen verdorben und krebsartig geworden, wir ungluͤcklicherweiſe unheilbar geworden ſind? So hoͤre, ich hege im Herzen eben ſo viel Haß, eben ſo viel Verzweiflung, wie er.“ „Du!“ rief Martin, „Du mit allen Gaben der Ju⸗ gend, der Schoͤnheit, des Gluͤcks, des Genies uͤberhäuft! Du, deren Ruhm von einer Welt zur andern ertönt? Oh! So zu ſprechen iſt Gotteslaͤſterung. Bamboche kann zu ſeiner Vertheidigung wenigſtens die verdorbene Atmoſphaͤre anfuͤhren, in der zu leben er gezwungen war! Seine Ent⸗ ſchuldigungen ſind das Elend, die Erniedrigung, die Schande vor ſich ſelbſt, die Verachtung, mit der er uͤberſchuͤttet wor⸗ den, unverſohnliche Gefuͤhle, die das Herz in Haß und Galle tauchen und uns dadurch erbittern. Mag er dieſe Welt verfluchen, die ihn von ſeiner Kindheit an allem uͤblen Ein⸗ — 119 — fluſſe des Boͤſen uͤberlaſſen hat .. . er bezahlt mit ſeinem Kopfe das Recht, ihr zu fluchen, dieſer Welt! Aber Du, Du, die nach einer, wie ich wohl weiß, grauſam beſchmutzten und gemarterten erſten Jugend, in kaum zwei Jahren zum Gip⸗ fel des Gluͤcks und des Ruhms geſtiegen iſt, Du, der dieſe Welt Geld, Triumphe/ Huldigungen verſchwendet, die ſie nicht einmal Fuͤrſten bewilligt, wie kannſt Du es wagen, von Haß, von Verzweiflung zu ſprechen, da Du nur Liebe, Milde und Dankbarkeit athmen ſollteſt?“ Basquine hatte Martin mit ſardoniſcher Ruhe zuge⸗ hoͤrt und nur manchmal mit Bamboche einen Blick gewech⸗ ſelt, welcher Letztere ſich, vielleicht um ſeine Schmerzen zu verbergen, mit den Ellbogen auf den Tiſch geſtemmt und ſeine breite Stirn, von der hie und da kalte Schweißtropfen herabperlten, in beiden Haͤnden verborgen hatte. Basquine ſagte laͤchelnd zu Martin: „Alſo komme ich Dir wie ein Ungeheuer von Undank⸗ barkeit gegen meine glaͤnzende Beſtimmung vor?“ „Nein,“ entgegnete Martin mit ſchmerzlicher Bitter⸗ keit, „Du mußt ſo furchtbar unglucklich ſein, daß ich nicht mehr den Muth habe Dich zu tadeln.“ „Ungluͤcklich! ja!“ ſagte Basquine mit klarer und ſchneidender Stimme: „ja, ich bin ungluͤcklich eben ſo ſehr und noch mehr als ich es je vorher geweſen bin.“ Als Martin darauf nicht eine Bewegung ſchmerzlichen Unwillens hatte zuruͤckhalten können, fuhr das junge Maͤd⸗ chen fort: „Alſo glaubſt Du, daß es nur einiger Blumenſtraͤuße, etwas Gold, ein wenig Genie und ein wenig Ruf beduͤrfe, ja ſogar viel von alle dem, wenn Du willſt, um auf ein Mal eine Seele und einen Koͤrper zu reinigen, die 16 Jahre — 120 — lang in allem Schmutze des Elends und des Laſters ſich herumgetrieben haben?“ Martin ſah Basquine mit Schrecken an. Er fand Zein Wort zur Erwiderung, und dieſe fuhr fort: „Alſo weil mir die Menge Bravo zugerufen hat, weil einige große Damen, einige Königinnen ... zu mir geſagt haben: Meine liebe Freundin, Sie ſind fublim! weil alle Maͤnner, die ich kennen gelernt habe, von den niedrigſten an, bis zu den Königen mir im Allgemeinen geſchrieben oder geſagt haben: Sie ſind ſchoͤn, anbetenswerth unnach⸗— ahmlich verſtatten Sie mir Sie zu lieben! glaubſt Du, 8 daß mich das gehindert hat mit acht Jahren entehrt zu wer⸗ den .. und zwei Jahre ſpaͤter das Spielwerk, das Schlacht⸗ opfer und ſchlimmer als das (weil ich weder entfloh noch mich tödtete) die Mitgenoſſin der ungeheuerſten Entwuͤrdi⸗ gungen des Herzogs von Caſtleby zu ſein?“ Martin begann, immer erſchrockener, einen Theil der graͤßlichen Wahrheit zu durchſchauen, die er mehr als ein⸗ mal geahnet hatte, aber ſie ſchien ihm ſo verzweiflungsvoll, daß er ſich ſtets Muͤhe gegeben hatte, ſeine Gedanken davon abzulenken. „Höre! glaubſt Du, daß es nur eines Bades von Gold oder Weihrauchs bedurfte, den man zu meinen Fuͤßen anzun⸗ dete, um mich von allem dieſem Schmutze zu reinigen?“ fuhr Basquine mit der eiſigen Ruhe fort, die ihre Worte ſo durchdringend machten. „Glaubſt Du, daß dieſer Ausſatz der Seele, den man nothwendig annehmen muß, wenn man Seiltaͤnzerin, Diebin, Vagabondin, Straßentänzerin oder Figurantin fuͤr zehn Sous iſt, nicht atzend, nicht unheilbar ſei? Glaubſt Du, daß es nicht ſeine ganze Zukunft ver⸗ pfaͤnden heißt, ſeinen Leib ohne Liebe, ſelbſt ohne Verlangen hinzugeben? denn eine vorzeitige Herabwuͤrdigung hatte meine — — 121 — Sinne getoͤdtet, ehe ſie noch erwacht waren „und ich bin ſtets nur ein lebender Marmor geweſen.“ „Oh mein Gott! mein Gott!. . dieſe Entdeckungen ſie ſind gräͤßlich!“ „Du haſt vielleicht geglaubt, ich ſei wieder zur Jung⸗ frau geworden,“ fuhr das ungluͤckliche Maͤdchen mit ihrer unheilbaren Ironie fort, „als ob Du nicht wuͤßteſt, daß ich, ſchoͤn, jung, ohne Hilfsmittel, genoͤthigt war, meinen Koͤrper heut fuͤr Brot, morgen fuͤr ein Nachtlager in einer Her⸗ berge mitten unter Dieben und oͤffentlichen Maͤdchen preis⸗ zugeben? ein anderes Mal wieder, um von dem Herrn der Schaͤnke die Erlaubniß zu erhalten, in ſeiner Hoͤhle zu ſin⸗ gen, oder von einem Theaterdirektor die Gunſt, auf ſeine Bretter zu treten!... Und das ſollte nicht herabwuͤrdigen und fuͤr alle Zeit? Und die Atmoſphaͤre des Ruhms, wie Du ſie nennſt, ſollte hinreichen, dieſe Erinnerungen, die an uns nagen, zu verſcheuchen? uns eine neue Haut zu ge⸗ ben? uns dieſen Ausſatz ausſchwitzen zu laſſen? Nein! nein!“ „Jetzt,“ verſetzte tief niedergedruͤckt Martin, „jetzt be⸗ greife ich.“ „Und iſt denn von einer ſolchen Veraͤchtlichkeit, zur Bosheit, zum Haſſe, zur Verzweiflung ſo weit?“ rief Bas⸗ quine, immer mehr ſich aufregend. „Du ſagſt mir von Milde, von Liebe, von Dankbarkeit gegen dieſe Welt, die mich mit Gold bedeckt, mit Blumenſtraͤußen und Bravo's, weil mein Geſang und mein Geſicht ihre Augen und Ohren ergotzen. Laß mich morgen haͤßlich und ohne Stimme ſein, was wird dieſe Welt, die heut zu meinen Fuͤßen liegt, dann fuͤr mich haben? Verachtung und Vergeſſenheit. Sie hat mich genommen, wie man eine Blume vom Wege auf⸗ nimmt, ohne ſich darum zu kuͤmmern, ob ſie auf jungfraͤu⸗ — — lichem Boden oder einem Duͤngerhaufen bluͤhte. Iſt die Blume verwelkt, wirft man ſie gleichgiltig weg.“ „Aber der Ruhm?“ rief Martin, der ſich nicht ent⸗ ſchließen konnte eine unheilbare Entzauberung mitten in ei⸗ ner dem Anſcheine nach ſo gluͤcklichen und glaͤnzenden Exi⸗ ſtenz zuzugeben: — „dieſe Beifallsbezeigungen eines ganzen Volks.“ Basquine zuckte die Achſeln. „Bin ich nicht bei la Levraſſe und in meinen unedlen Scenen mit dem Hanswurſte, als ich acht Fahr erſt alt, mit Wuth beklatſcht worden, habe ich da nicht furore ge⸗ macht? hat man ſich da nicht auch am Eingange zu un⸗ ſern Brettern geſchlagen? Und wahrhaftig, glaube mirs, die Bravo's der mit Glaceehandſchuhen bedeckten Haͤnde ha⸗ ben mir ſpaͤterhin weniger ſchallend geſchienen, als die Bra⸗ vo's der ſchwieligen Haͤnde, die meiner Kindheit Beifall zu⸗ klatſchten.“ „Aber das Bewußtſein, eine außerordentliche Kuͤnſtlerin zu ſein!“ rief Martin. „Dieſer gerechte Stolz war Dir doch wenigſtens etwas werth.“ Basquine brach in ein Gelaͤchter aus. „Ja, ich habe mir das oft geſagt, und mußte es wohl: Ich bin in der That eine Kuͤnſtlerin . . . habe ein ungeheures Talent.. Nun ja . und nach⸗ Martin wußte auf die Frage: Nun ja ... und nach⸗ her? keine Antwort. Es waren dies Worte, die ihn um ſo mehr erſchreckten, als der Ausdruck der Verachtung, der Er⸗ muͤdung, mit welchem Basquine ſie ausgeſprochen hatte, be⸗ wies, daß ſie aufrichtig ſprach. „Nun gut!“ fuhr ſie fort, „nimm an, ich habe ein Valt, ja zehn Mal, wenn Du willſt, das empfunden, was Du einen gerechten und edlen Stolz auf mein Genie nennſt und was dann weiter? iſt es nicht ſtets dieſelbe Sache? dieſelbe Ruhmerhebung von ſich, durch ſich, vor ſich?. . Nach ſechs Monaten macht das Uebelkeiten weil es gar zu laͤcherlich iſt.“ „Aber,“ entgegnete Martin, das Terrain Fuß vor Fuß beſtreitend, „wenn Deine Seele fuͤr die Freude des Stolzes ſo abgetoͤdtet iſt, giebt denn der Ruhm nicht auch Gold?“ „Gold?. ich brauche keinen Schmuck, um ſchön zu ſein .. . und habe Niemand, dem ich zu gefallen wuͤnſchte.. .. Ich habe ſo lange das Elend ertragen, daß das Nothwen⸗ dige eine Art von Luxus fuͤr mich geworden iſt. Dennoch wollte ich mich in Pracht berauſchen. Nach einem Monate war ich deſſen todtmude.. .. Und was iſt der alberne Ge⸗ nuß des Lupus gegen den Rauſch des Ruhmes. und ſelbſt der Ruhm berauſcht mich nicht mehr.“ „Aber mit Gold. .. kann man Gutes thun.“ „O, mein Gott! ich habe Gutes gethan, und viel. So wie ich reich war, habe ich nach meiner Familie geforſcht Vater und Mutter waren geſtorben . ich habe nur noch zwei Bruͤder und eine Schweſter gefunden. .. . Die andern waren auch todt, oder verſchwunden . . man wußte nichts von ihnen.. .. Weiß man denn je was aus Ungluͤck⸗ lichen wird gleich uns? das wird geboren, das ſtirbt, wer kuͤmmert ſich darum?... Das Schickſal meiner beiden Bruͤder und Schweſter habe ich geſichert, Andern noch habe ich gegeben, viel gegeben . und dann eines Tages.. habe ich bei der Mildthaͤtigkeit, wie beim Ruhme, wie beim Golde geſagt . und nachher?“ „Alſo,“ erwiderte Martin mit ſchmerzlicher Beſtuͤr⸗ zung, „alſo iſt Dein Herz, das von Kindheit an verdorben, — 124 — von nun an allen reinen, edelmuͤthigen, fruchtbaren Regungen verſchloſſen... und lebt nur noch fuͤr jenes un⸗ fruchtbare, gräßliche Gefuͤhl wie der Tod. fuͤr den H a ß2 2 „Ja! o ja! lange Zeit habe ich wenigſtens dieſen wil⸗ den und herben Genuß gekoſtet und darin geſchwelgt,“ rief Basquine immer bleicher werdend, waͤhrend Schweißtro⸗ pfen auf ihrer Stirne zu ſtehen begannen wie auf der von Bamboche. Dieſer, mit ſtarrem Blicke den Kopf in beide Haͤnde ſtuͤtzend, laͤchelte manchmal bei den verzweiflungsvol⸗ len Worten Basquinens mit finſterm, knwuſhnitem und ſchmerzlichem Lachen, indeß ſeine bleichen, verzerrten Zuͤge ſich immer mehr aͤnderten. Martin aher⸗ der ſo zu ſagen unter dem Drucke der furchtbaren Geſtaͤndniſſe Basquinens faſt erlag, bemerkte die Art langſamer Zerſetzung auf Bam⸗ boche's Geſichte nicht. „Ja, lange habe ich in der bittern und wilden Wonne des Haſſes geſchwelgt,“ fuhr Basquine fort. „O, mit welcher Freude habe ich entzuckt, verfuͤhrt, berauſcht, um ſie dann bis zum Tode, zur Verzweiflung zu bringen, dieſe verhaßte Race der Scipio und Caſtleby's!... Wie viele Thraͤnen, welche furchtbare Opfer, wie viel Blut habe ich dieſer ſchaͤndlichen Race gekoſtet!... Aber,“ ſetzte Basquine mit finſtrer Miene hinzu, „nicht lange ... ſo haben auch dieſe Gefuhle, in welchen mein ganzes Leben lag, ſich geſchwaͤcht.“ „Was ſagſt Du?“ rief Martin. „Dann ging ich, um ſie wieder zu beleben,“ ſprach Basquine weiter, „allein und zu Fuß in jene Viertel, wo es wimmelt von unſers Gleichen und ſie ſich jeden Tag das Leben dem Elende und allen Laſten, welche dieſes gebiert, abkaͤmpfen. In dieſem gräßlichen Schauſpiele erfriſchte ich kraͤftig meinen Haßz ich gab dort was ich an Gold bei mir * — 125 — hatte, und kehrte dann, das Herz von Haß geſchwellt, in mein Haus zuruͤck, um dort bei mir in meinem Salon, dieſe Reichen, dieſe Glucklichen des Tages zu erwarten, die nur Verachtung oder Haͤrte fur dieſe Leiden unſrer Bruͤder, unſrer Schweſtern beſaßen, verlaſſen und elend wie wir es ge⸗ weſen. O dann entriß ich dieſer Race, die ich verfolgte, furchtbare Rache.. . Herabwuͤrdigung, Ruin, Selbſtmord, Mord des Sohns durch den Vater .. aber nicht lange, ſo ergriffen mich Ermuͤdung, Ekel von Neuem. Und dann um nicht mehr denken zu muͤſſen . ergab ich mich der Betäubung durch Opium.“ „O Du Ungluͤckſelige, Du!“ rief Martin. „Eine letzte Huffnung hatte mich aufrecht erhalten, die Rache, die ich an Scipio und ſeinem Vater zu nehmen hatte, eine furchtbare Rache... Denn es galt, mit Einem Schlage Bamboche, Dich und mich zu raͤchen. Dieſes blutige Werk habe ich vollbracht... mitleidslos vor⸗ wurfslos, und dann bin ich wieder in meine Niedergedruckt⸗ heit zuruckgeſunken, und mehr als je. habe ich geſagt.. und ſage noch... Ruhm, Liebe, Reichthum, Mild⸗ thaͤtigkeit, Rache. und vergieb mir dieſe Gottesläſte⸗ rung, mein theurer Bruder.. Freundſchaft... Alles nur Eitelkeit!. nichts als Eitelkeit!. . . ich bin fromm geworden wie Du ſiehſt... Die Religion abgerech⸗ net. und ünd. Basquine konnte nicht fortfahren. Ihre fieberhafte Energie, durch einen unglaublichen Muth aufrecht gehalten. wurde auf einmal ſchwach. Ihre Augen umſchleierten ſich. Ihre ſchon kalten Lippen und Haͤnde wurden blau⸗ Sie zitterte krampfhaft und ihre Zaͤhne ſchlugen zuſammen. „Mein Gott, Basquine . was iſt Dir?“ rief Mar⸗ tin, eilte zu ihr und half ihr ſich auf das Bett in dem — 126 — Stuͤbchen zu ſetzen. Dann ſetzte er, immer mehr erſchre⸗ ckend, hinzu: „Bamboche! aber ſieh doch... Basquine. . .. „Ich ſehe es wohl,“ ſagte dieſer und nahm die Haͤnde herab, die bis dahin ſein Geſicht bedeckt hatten, wodurch Martin nun auch deſſen ſchon durch die Annaͤherung des Todes entſtellte Zuge erblickte. „Mein Gott!. .. was iſt denn Euch Beiden?“ rief Martin. . .. „Hilfe! Hilfe!“ „Still,“ ſagte Basquine und legte mit letzter An⸗ ſtrengung ihre eiſige Hand an Martins Mund: „laß uns Bamboche entgeht dem Schaffot . . ich. ich entgehe dem Leben!!!“ „O, das iſt furchtbar! . .. Alle Beide!!“ rief Martin außer ſich: „Gift!!!“ „Ja,“ ſagte Basquine. .. „in einem Ringe . den ich am Finger trug . .. der Kerckermeiſter hat nichts geſehen.“ „O,“ rief Martin „ſo jung! .. ſo ſchoͤn!.. und ſo in Verzweiflung zu ſterben!“ „Und doch ſage ich noch in dieſem Augenblicke .. und bittrer als je . zu Dir . . Nachher?“ fluͤſterte Basquine mit ſterbender Stimme. „Lebe wohl, Basquine, lebe wohl, Martin!“ ſetzte Bam⸗ boche im Todeskampfe hinzu: . .. „ich ſterbe wie ein Hund, denn ich glaubte ... ich glaubte ſtets an nichts aber ich war treu .. . den Schwuͤren unſrer Kindheit.“ und indem er mit ſterbender Hand ſeine Gefaͤngniß⸗ jacke offnete, enthuͤllte er ſeine breite Bruſt, auf welcher man mit unverlöſchlichen Zuͤgen die Worte taͤtowirt las: Basquine fuͤr das ganze Leben. Ihre Liebe oder der Tod! am 15. Februar 1826. — Bruͤ⸗ — 127 — derliche Freundſchaft durchs ganze Leben fuͤr Mar⸗ tin, am 10. Dezember 1825. „Ah!“ rief Martin voll Verzweiflung, „ich bezeuge es dieſes edle Gefuhl von Freundſchaft, das ſtets in Euch am Leben blieb.. . . Ihr wart fuͤr das Gute geboren . . . aber uner⸗ bittlich von Kindheit an von einer ſtiefmuͤtterlichen Geſell⸗ ſchaft verlaſſen .. ſterbt Ihr als deren Maͤrtyrer.“ „Bruder.. nochmals Deine Hand. ..“ ſagte Bas⸗ quine, ſich ſterbend auf dem Bette ausſtreckend, „jett rufe um Hilfe. Du kannſt es!!. .. Martin rief in der That um Hilfel .. Sie war vergeblich! Am folgenden Tage, in der Nacht, begleitete Martin allein zum Felde der ewigen Ruhe den Doppelſarg Basqui⸗ nens und Bamboche's. Epilog. Behntes Rapitel. Sühne. Mehr als ein Jahr war nach Basquinens und Bam⸗ boche's Tode verfloſſen. Der Monat November nahte ſich ſeinem Ende. Ein Reiſender, der ohngefaͤhr funfzehn Monate zuvor den Theil der Sologne durchwandert hatte, wo der Beginn unſerer Erzaͤhlung ſich zutrug, und jetzt durch dieſelbe Ge⸗ gend gekommen waͤre, wuͤrde ſich gefragt haben, durch wel⸗ ches Wunder er ſie ſo zu ſagen voͤllig umgewandelt erblicke. In der That hatte ſich in hoͤchſtens funfzehn Monaten das Gebiet von 5 bis 6 Stunden, welches Herrn Duriveau gehoͤrte, dieſes ſonſt ſo elende, einſame, unbebaute, ſibi⸗ riſche und durch ſtehende Waͤſſer ſo uͤberſchwemmte Land, daß deren Ausduͤnſtungen fuͤr die wenigen Bewohner der Pachthoͤfe faſt toͤdtlich geworden waren, nicht blos dem An⸗ ſehen, ſondern wenn man ſo ſagen darf auch ſeiner Beſchaf⸗ fenheit nach gänzlich veraͤndert. Nichts mehr von jenen feuchten, peſtilenziſchen Nebeln, die in unermeßlicher Ausdehnung dieſe, halb unter ſtehenden — 129 — Gewaͤſſern verſunkenen Steppen bedecken, nicht mehr der ſchwaͤrzliche, ſchwammige, hier und da mit ſchlechtem Ge⸗ ſtruͤppe bedeckte Boden, in welchen Thiere und Menſchen bis an die Kniee einſanken, nicht mehr jene endloſen, nack⸗ ten, trocknen, einſamen Ebenen, auf welchen hie und da ma⸗ geres Vieh mitten in Geniſt und Gerohrig eine ungenu⸗ gende Nahrung ſuchte, waͤhrend arme kleine Hirten, in Lumpen gehuͤllt und von Fieber zitternd, matt ſich hinter ih⸗ ren erbärmlichen Heerden herſchleppten, nicht mehr jene Moraͤſte mit dickem, unbeweglichem und bleifarbigem Gewaͤſ⸗ ſer, in welchem ſich manchmal die zerfallenden Waͤnde einer andern Meierei ſpiegeln, von Koth aufgefuͤhrt und mit halb verwittertem Stroh bedeckt. Kurz, Alles hatte ſich in dieſem Lande in kurzer Zeit ver⸗ aͤndert.. ſelbſt die Luft, die man dort einathmete. eine Luft, ſo geſund, ſo rein, ſo leicht, als ſie zuvor druͤckend und mephitiſch geweſen war. Der Reiſende haͤtte das Geheimniß dieſer unglaublichen Verwandlung leicht ergruͤnden koͤnnen, wenn er auf die brei⸗ ten, von Backſteinen aufgemauerten Kanaͤle geſehen hätte, hier und da durch eben ſo feſte als zierliche Bruͤcken durchſchnit⸗ ten, unter denen unaufhoͤrlich reichliches Waſſer floß, durch unterirdiſche Leitungen unterhalten, deren geſchickt berechnete Neigung fortwährend in dieſe Kanaͤle als hauptſaͤchliche Blut⸗ adern, die ſtehenden Gewaͤſſer fuͤhrte, die in Ermange⸗ lung von Abfluſſen, ſeit Jahrhunderten den Boden uͤberflu⸗ theten, aufweichten, faulen machten, und dadurch mit An⸗ ſteckung und Uufruchtbarkeit trafen. Endlich, o Wunder der Arbeit und menſchlichen Ein⸗ ſicht vom Capital unterſtutzt, rechnete man dieſe Gewäſ⸗ ſer, welche bisher das Unheil dieſer Gegend, zu ihren Reich⸗ thuͤmern. Aus den Kanälen kommend, ſtroͤmten ſie in un⸗ Mirtin. X. 9 — 130 — in weite Behaͤlter empor und konnten nun nach dem Beduͤrf⸗ niſſe des Ackerbaues durch tauſend Bewaͤſſerungs⸗Kanäle ₰ vertheilt werden. So waren denn alſo dieſe unermeßlichen Laͤndereien, die wir im Anfange unſrer Erzaͤhlung ſchlammig, mephi⸗ tiſch, unbebaut erblickten, ſchon jetzt vollſtaͤndig geſund ge⸗ macht, gerodet und an vielen Stellen zu dem Einſtuͤrzen des Herbſtes vorbereitet. Und in den 5 bis 6 Quadratſtunden Landes, welche Herr Duriveau beſaß, war nicht blos der Boden ſo umge⸗ wandelt worden, ſondern auch die Wohnungen, und was noch bewundernswuͤrdiger... die Bewohner, ſonſt ſo bleich und kraͤnkelnd, waren bluͤhend von Geſundheit geworden. Im ganzen Umfange der unermeßlichen Beſitzungen von Martins Vater ſah man nicht mehr eine einzige jener Meiereien oder vielmehr furchtbaren Hoͤhlen, wo eine entar⸗ tete Race durch Fieber und die haͤrteſten Entbehrungen ſich aufrieb. *) Wir ergreifen mit Eifer dieſe Gelegenheit, um gerechte Huldigung der bewundernswuͤrdigen Erfindung des Herrn Durand offentlich zu ſpenden, dem es nach Arbeiten und Berechnungen von der großten Schwierigkeit gelungen iſt, Bewäſſerungsmuͤhlen einzurichten, welche durch Wind getrieben, ſich ſelbſt bewegen und bei Sturmen von ſelbſt ſtille ſtehen. Dieſe große und nütz⸗ liche Erfindung, die wir ſeit zwei Jahren functioniren ſehen, hat vereits dem Ackerbaue die unermeßlichſten Dienſte geleiſtet, indem ſie eben ſo leichte als wenig koſtſpielige Mittel zur Bewäſſerung dargeboten hat, und wird dieſe Dienſte noch ferner leiſten. ermeßlichen natuͤrlichen Baſſins zuſammen, die aus mehren Teichen gebildet, die man wegen ihrer zum Niveau hohen Lage erhalten hatte. Von da ſtiegen ſie durch Windmuͤh⸗ len von eben ſo einfachem als geiſtreichem Mechanismus ¹) — — 131 — Selbſt das kleine Dorf Tremblay, aus etwa 200 nicht minder verfallenen Huͤtten wie jene Pachthöfe beſtehend, war ganz verſchwunden und ſtach durch ſein elendes Anſehen nicht mehr von dem prächtigen Schloſſe des Grafen ab. — Dieſes Schloß ſelbſt hatte eine vollſtaͤndige Umfor⸗ mung erhalten. Das Hauptgebäude mit ſeinen beiden zuruͤcktretenden Fluͤgeln war ſtehen geblieben, und man hatte letztere ſo weit verlaͤngert, daß ſie durch neue Gebaͤude vereint, die dem Hauptgebäude gegenuͤber lagen und an ihren Enden jene Fluͤgel verbanden, ein ungeheuer großes Parallelogramm bil⸗ deten. Innerlich folgte eine breite Gallerie von Ziegelſteinen den Linien dieſes Parallelogramms und bildete in der erſten Etage eine Terraſſe, im Parterre aber einen bedeckten Gang, in welchem man, vor Sonne und Regen geſchutzt, um diefe weiten Bauwerke herumgehen konnte. Der ganze Raum innerhalb dieſer Gebaͤude war zu ei⸗ nem Luſtgarten verwendet. Alle ſeine Baumgruppen und durch Alleen getrennte Raſenplaͤtze gingen auf eine Run⸗ dung, in der ſich ein Springbrunnen erhob. Die Art von Denkmal aus Stein und Erzguß im einfachen, ernſten Style, endete ſich in einer kugelförmigen Zierrath, auf wel⸗ cher man mit großen Buchſtaben als Inſchrift, die Lieb⸗ lings⸗Maxime des Doctor Clement las, wie ſie in Mar⸗ tins Tagebuche angefuͤhrt worden: Niemand hat ein Recht auf Ueberfluß, ſo lange nicht Jedermann das Nothwendige beſitzt. Zur Nachtzeit war der Garten, die Arkaden und Ge⸗ bäude durch Gas erleuchtet, deſſen helles Licht auch hie und da im Parke wiederglänzte, der aus einem mehr als hundert⸗ 9* — 132 — jährigen Gehoͤlze gebildet worden, das man erhalten hatte und das ſich hinter dem Schloſſe hinzog. Endlich erhoben ſich rechts von dieſem Parallelogramme unter den zahlreichen außerhalb ſich anſchließenden Gebaͤuden die ungeheuern Feueroſſen mehrer Dampfmaſchinen, die zur Abkuͤrzung oder Erleichterung verſchiedener Arbeiten, als zur Hebung der Waͤſſer, welche in allen Theilen des unermeßli⸗ chen Etabliſſements kreiſeten, in weite Reſervoire beſtimmt. Wie wir ſchon ſagten, nahte der Monat October ſich ſeinem Ende. Es war einer jener lauen und ſchoͤnen Tage, die im Herbſte nicht ungewöhnlich. Ein leichter Wagen, eine Art Phaston, mit zwei Pfer⸗ den beſcheidenen Anſehens, aber leicht und kraͤftig beſpannt, hielt auf dem hochſten Punkte einer neuerdings eroͤffneten Straße, von wo aus man die eben beſprochenen Baulich⸗ keiten erblickte. Ein Mann und eine Frau, beide noch jung, ſaßen im Innern des Wagens, den der junge Mann ſelbſt fuhr. Auf dem Hinterſitze befand ſich ein kleiner Bedienter von etwa funfzehn Jahren und eine Kammerfrau. Zwei lederne Felleiſen, welche auf dem vordern Kaſten des Phastons ruh⸗ ten, zeigten an, daß Herr und Madame Juſt Clement — denn ſo hießen jene beiden Erſtgedachten — nur kurze Tage⸗ reiſen machten. „Mein Freund, wozu können denn wohl dieſe uner⸗ meßlichen Gebaͤude beſtimmt ſein?“ fragte Regina ihren Mann. „Sieh nur, es iſt ein koͤſtlicher Anblick.“ „In der That,“ antwortete Juſt und ſchien Staunen und Bewunderung ſeiner Fran zu theilen; „iſt es ein Schloß, iſt es eine laͤndliche Wirthſchaft oder iſt es eine Manufactur? Ich weiß es nicht... Und dann ſollte man auch ſagen, daß die ganze Gegend, durch welche wir gekömmen ſind, ſeit einiger Zeit eine vollſtändige Umwandlung erfahren habe Dieſe neugebauten Kanaͤle, dieſe zahlreichen Bruͤcken, dieſe friſch gemalten Barrieren, dieſe vortrefflichen Straßen, von denen einige noch kaum beendigt ſind, dieſe neuerlichſt mit Baͤumen bepflanzten Wege, dieſe unermeßlichen Ausrodun⸗ gen, Alles zeigt eine unglaubliche Arbeitsthätigkeit an.“ „Und doch haben wir Niemand auf unſerer Fahrt be⸗ gegnet. Das iſt ſonderbar. ... Nicht wahr, Juſt?“ „In der That ſehr eigenthuͤmlich, Regina wenn Dir es aber Recht iſt, ſo fahren wir fort auf dieſem Wege, der zu den Gebaͤuden des linken Fluͤgels zu fuͤhren ſcheint; dort werden wir uns dann in unſerer Eigenſchaft als neu⸗ gierige Touriſten betragen und ohnſtreitig die Beſtimmung dieſes großen und prachtvollen Etabliſſements erfahren.“ „Und vielleicht,“ ſetzte Regina hinzu, „wird man uns erlauben, es zu beſehen.“ „Ich zweifle nicht daran, Madame,“ antwortete Juſt heiter, „wenn Sie ſelbſt dieſes Geſuch uͤber ſich nehmen.“ „Gehen Sie, gehen Sie, Sie Schmeichler,“ antwor⸗ tete Regina nicht weniger froͤhlich, „und lenken Sie Ihre armen Pferde nach jenem Zauberpallaſte.“ „Ich gehorche,“ ſagte Juſt und ſah ſeine Frau voll Zaͤrtlichkeit an, „und jetzt iſt es an Dir, reizende Fee Au⸗ gentroſt, Deine Allmacht zu benutzen, um die Hinderniſſe zu beſeitigen, die ſich unſerer Neugier entgegenſetzen koͤnnten.“ „Trotz meines geringen Vertrauens zu meiner Rolle als Fee, wollen wir es doch verſuchen, mein Herr;“ ant⸗ wortet Regina laͤchelnd, und ſetzte dann hinzu: — „Aber ernſtlich, geliebter Juſt, geſtehe ſelbſt, daß nichts reizender iſt als unſre unabhaͤngige Art, durch eine einſame Gegend zu reiſen. Waͤren wir auf der Landſtraße gefahren, ſo — 134 — wuͤrden wir dieſe ſchönen Brocken fuͤr unſere Neugier ein⸗ gebuͤßt haben.“ Nach ohngefaͤhr 10 Minuten hielt Juſts und Re⸗ ginens Wagen vor der Thuͤr eines unermeßlichen Hofes mit gruͤn angeſtrichenen Barrieren eingefaßt, der ſich an einer der Seitenwaͤnde des Parallelogramms hinzog. Juſt war dort halten geblieben, ſtatt, wie Regina wollte, ſeinen Weg bis zum Haupteingange des Palais fortzuſetzen, weil er an der Thuͤr dieſes Hofes eine Frau ſtehen ſah, die er befragen wollte. Dieſe noch junge und kraͤftige Frau war einfach, aber vollſtaͤndig mit einem dunkelfarbigen Barchentkleide ange⸗ than. Sie trug eine blondendweiße Bauernhaube, gute wol⸗ lene Struͤmpfe und reinliche Lederſchuhe. Um den Hals hatte ſie nicht ohne einen gewiſſen Stolz uͤber ihrem roth⸗ wollenen Tuche ein Halsband von blauer Seide, an wel⸗ chem eine kleine ſilberne Medaille hing. Die rohen und gebraͤunten Zuͤge dieſer Frau waren nichts weniger als Wn aber ihr volles und rothes Geſicht verkuͤndete Geſundheit, Offenheit und gute Laune. Wir beeilen uns dem Leſer zu entdecken, daß er in die⸗ ſem maͤnnlichen Geſchoͤpfe eine ſeiner alten Bekannten, die brave la Robin wiederfindet, die er als Stallmagd bei dem Pachter Meiſter Chevin, den Graf Duriveau ſo unerbitt⸗ lich aus ſeiner Meierei vertrieben, in haͤßliche Lumpen gehuͤllt geſehen hat. Beim Erblicken des Wagens, aus dem Juſt und Re⸗ gina ſtiegen, waͤhrend der kleine Bediente die Pferde hielt, trat die gute Robin hoͤflich und vielleicht auch ein wenig neugierig den Beſuchenden entgegen. „Koͤnnten wir erfahten, Madame,“ ſagte Juſt zu ihr, in⸗ — 135 — dem er ſie ungemein hoflich gruͤßte, „wem dieſe präͤchtigen Gebaͤude gehoͤren?“ „Mir, mein Herr,“ antwortete unbefangen la Robin mit ihrem tiefſten Knipe. „Wie? Ihnen!“ rief Juſt, ohne ſein Staunen zu verbergen. „Dieſe praͤchtigen Gebaͤude gehoͤren Ihnen?“ „Ja, mein Herr,“ erwiderte abermals la Robin ohne den miedeſten Hochmuth; „mir.. und auch Petit⸗Pierre da!“ Petit⸗Pierre war eine andre unſrer Bekanntſchaf⸗ ten, nämlich der kleine Kuͤhjunge, den wir bleich, mit hohlen, erloſchenen Augen, blaſſen Lippen, kaum gekleidet, mit nackten Fuͤßen und vom Fieber, das von ſeiner Geburt an ihm nagte, erſchöpft geſehen haben. Aber in dieſem Au⸗ genblicke, wo wir ihn wiederſehen, iſt der kleine Kuͤhjunge nicht mehr zu erkennen. Er iſt nicht mehr bleich. Schwe⸗ felſaures Chinin*), das ihm mehre Male anpaſſend einge⸗ geben worden, hat ſeit langer Zeit das Fieber verſcheucht. Geſunde Nahrung, gutes Schuhwerk, reinliche Wohnung und vor Allem die vollkommne Verbeſſerung des Geſund⸗ heitszuſtandes der ganzen Gegend haben auch die Heilung dieſes Knaben vollendet, und es waͤre unmoͤglich geweſen, den armen kleinen Kuͤhjungen aus dem Pachthofe von Grand⸗Genevrier in dieſem wohlgekleideten Knaben mit *) Im Vorbeigchen ſei es geſagt, daß dieſe Arznei fuͤr die Hei⸗ lung der intermittirenden Fieber, welche die Bevölkerung der Sologne zehnten, ganz unfehlbar, aber von ſo hohem Preiſe iſt, daß es materiell unmöglich fuͤr die Proletarier auf dem Lande, es ſich anzuſchaffen und den Beſuch eines Arztes, der die Anwendung deſſelben anordnet, zu bezahlen. Blos der Preis der Arznei in hinreichender Menge, um das Fieber zu heilen, ſelbſt wenn kein Ruͤckfall eintrate (was doch ohnfehlbar zwei, bis dreimal vor ganzlicher Heilung ſtatt findet) wuͤrde das Brot fuͤr eine ganze Familie auf vier bis fuͤnf Tage betragen. — 136 — kraͤftigen Backen, funkelnden Augen und raſchem, mun⸗ term Einhergehen wieder zu erkennen. Petit⸗Pierre ging in dem Augenblicke uͤber den Hof, wo die brave la Robin ihn Juſt und Regina zeigte und als einen ihrer Miteigenthuͤmer nannte. Der Knabe glaubte, daß la Robin ihn rufe; trat alſo einige Schritte auf ſie zu, blieb aber dann beim Erblicken der Fremden furchtſam ſtehen. Juſt ſagte immer mehr verwundert zur la Robin: „Alſo dieſer junge Burſche iſt ſo wie Sie, Madame, Beſitzer dieſes Etabliſſements?“ „Ja, mein Herr, und auch Eigenthuͤmer aller Län⸗ dereien, und alles Viehs und aller Pferde und alles Ge⸗ flugels und aller Ernten, kurz Eigenthuͤmer von Allem „nicht mehr und nicht weniger als ich und die Andren.“ „Ah! Sie und er ſind nicht die einzigen Herren aller dieſer Guͤter?“ fragte Regina und warf Juſt einen Blick zu, der anzudeuten ſchien: „dieſe arme Perſon iſt ihres Ver⸗ ſtandes nicht ganz maͤchtig.“ Dann begann ſie wieder: „Es giebt alſo noch andre Beſitzer?“ „Das will ich meinen, Madame: wir ſind deren in Allem 763 verbuͤndete Eigenthuͤmer.“ „Siebenhundertdreiundſechszig Eigenthuͤmer?“ fragte Regina „das iſt viel.“ „Ei, Madame, je mehr ſind, je beſſer gehts, denn jedes bringt ſeine Arme zur Arbeit mit,“ antwortete Robin, ohne uͤber die große Menge ihrer Wicheſte bekuͤmmert zu ſein. „Dann haben Sie die Guͤte,“ ergegnete Juſt, „uns zu ſagen, ob wir uns an Sie oder an einen andern Ihrer Verbuͤndeten zu wenden haben, um Ihr vortreffliches Eta⸗ — — bliſſement zu beſehen, und zu erfahren, zu welchem S es beſtimmt iſt?“ „Ei, mein lieber Herr, das iſt etwas Anderes,“ ver⸗ ſetzte la Robin. „Wenn Beſuche kommen, ſo geht das Meiſter Claude an, und da es gerade jetzt nicht Schulzeit iſt, denn es wird bald fuͤr alle Welt, die vom Feld zuruͤck kommt, die Stunde zum Mittagseſſen ſchlagen, ſo kann Meiſter Claude Sie uͤberall herumfuͤhren.“ Dann ſetzte ſie zu dem jungen Petit⸗Pierre ſich wendend hinzu: „He da! ſage doch Meiſter Claude, daß ein Herr und eine Dame da ſei, welche die Verbindung zu ſehen wuͤnſchen.“ Im Augenblick wo Petit⸗Pierre das Geheiß von la Robin befolgen wollte, rief ſie Juſt zuruͤck, nahm aus ſei⸗ ner Taſche eine Viſitenkarte, worauf die Worte ſtanden: Herr und Frau Juſt Clement, und ſagte zu Petit⸗ Pierre: „Lieber Fre und, habe die Guͤte dieſe Karte der Perſon einzuhaͤndigen, die Du aufſuchſt, damit ſie wenigſtens die Namen derjenigen wiſſe, welche dieſe Etabliſſements zu be⸗ ſichtigen wuͤnſchen.“ Petit⸗Pierre nahm die Karte und ging zu einer der Thuͤren des Hauptgebaudes. „Wenn die Herrſchaften, indeß ſie auf Meiſter Claude warten, die Guͤte haben wollten, einen Blick in unſern Kuh⸗ ſtall zu werfen, deſſen Unter-Aufſeherin ich bin,“ ſagte die Robin mit einem gewiſſen Stolze, indem ſie mit dem Finger auf ihre ſilberne Medaille zeigte, „ſo wuͤrde Ihnen das die Zeit vertreiben.“ „Gewiß, und ſehr gern!“ antwortete Regina, nahm Juſts Arm und folgte der la Robin. Dreihundert vortrefflich gepflegte Kuhe mit gläͤnzendem — 138 — Fell waren ſymmetriſch in dieſem gut geluͤfteten und durch viele Fenſter gut erhellten Kuͤhſtalle aufgeſtellt; eben ſo viele Kinder, deren älteſtes noch nicht 12 Jahr alt war, alle wie la Robin gekleidet, aber ohne die kleine ſilberne Medaille, der auszeichnende Schmuck ihrer Function, kamen und gin⸗ gen in dem Stalle, ſchoben die Streu zuruͤck, wenn ſie uͤber die Strohmatte ging, welche ſie begraͤnzte und unterſuchten die Krippen und Raufen, um ſich zu uͤberzeugen, daß das Futter aufgezehrt ſei, waͤhrend von Zeit zu Zeit man das harmoniſche Toͤnen mehrer regelmaͤßig eingeſtimmten Glockchen hörte, die am Halſe der Kuͤhe hingen, die Leite⸗ rinnen jeder Abtheilung der Heerde waren. Juſt und Regina ergriff Staunen bei dem Anblicke der Ordnung und wundervollen Reinlichkeit, welche in dieſem unermeßlich großen Kuhſtalle herrſchte. „Wahrhaftig,“ ſagte Juſt zu la Robin, „ſo etwas habe ich noch nie geſehen. Das iſt bewundernswuͤrdig gehalten!“ „Nicht wahr, mein Herr?“ erwiderte das gute Maͤd⸗ chen. „Und wenn Ihnen das ſo vorkommt, wie muß es erſt uns vorkommen, die wir vor Zeiten gewohnt waren, nur ärmliches Vieh in Staͤllen zu erblicken faſt ohne Dach und Thuͤre, wie wir unter einander mit ihm ſchliefen, und es eben ſo viel herein regnete als draußen, ohne noch den Koth zu rechnen! Und welchen Koth! . ſchlimmer als in ei⸗ nem Moraſte! nie friſche Streu ... und welche Nah⸗ rung! . die armen Thiere es ging ihnen wahrhaftig nicht beſſer als uns. . Wie ſoll man denn noch Luſt be⸗ kommen ſein Vieh in ſchmuzigen Staͤllen, wo Einem ſchlimm wird, zu beſorgen ſtatt daß hier nun Sie ſehen es das iſt eine wahre Freude! Ehemals hatte jeder Bauer in der Gegend ſeinen Stall, ſeinen Schuppen, ſeinen Backofen, ſeinen Heerd. Jetzt haben wir Einen Stall fuͤr alle, Einen Heerd fur alle, Eine Scheuer fuͤr alle. Das koſtet hundert Mal weniger und iſt hun⸗ dert Mal beſſer. Und dann gehoͤren ſie nun auch uns dieſe Thiere ſie gehoͤren mir ſo gut wie dieſen Madchen wie dieſen kleinen Kindern, die Sie da ſehen. . Alle Wetter, da geht man mit frohlichem Herzen an die Arbeit. Da iſt Gewinn und Freude! Meiſterin Chervin, die Ober⸗ aufſeherin des Kuhſtalls gebietet mir, ich wieder dieſen gu⸗ ten Maͤdchen, die nun wieder den Kleinen da Unterricht ertheilen... Niemand ſtraͤubt ſich, Jedermnnn gehorcht mit Zufriedenheit, weil Alles einem Jedem angehoͤrt, und was Jedem, groß oder klein, gearbeitet wird, nutzlich iſt fuͤr lle.“ Eilftes Rapitel. Fortſetzung des Epilogs. Juſt und Regina hatten ſich einander mehrmals mit ſteigender Verwunderung bei den einfachen und doch ſo ver⸗ ſtändigen Worten der la Robin angeſehen. So plaudernd waren ſie bis an das Ende des Kuhſtalls gekommen, die Grenze des Gebietes des braven Maͤdchens, das noch hinzu⸗ ſetzte: „Warteten Sie nicht auf Meiſter Claude, ſo wuͤrde ich Sie noch in den Stall der kalbenden Kuͤhe, zu denen die ſaugen und in die Milchkammer fuͤhren. Dieſe iſt praͤchtig zu ſehen .. es giebt darin eine Maſchine, die allein geht, und taͤglich 4 bis 500 Pfund Butter macht.. .. Das iſt nicht wie ſonſt, wo wir ſie blos ſahen, um ſie auch ſogleich zu Markte zu tragen. Fuͤr uns die gewonnene Milch, fuͤr die Stadt der gute Rahm. .. . Und die Huͤhnerſtaͤlle,“ rief la Robin mit Enthuſiasmus, „und die Hoͤfe mit dem Gefluͤ⸗ gel! Dagegen ſind die Kuhſtaͤlle gar nichts!. .. Nun die Huͤhnerſtaͤlle werden Sie ſehen, die unter der Aufſicht der Bruyire ſtehen, eines jungen Madchens, ſchon wie der Tag und ſo gut als der gute Gott groß iſt, und ſo verſtän⸗ dig und in der Landwirthſchaft erfahren, daß ſie es mit den aͤlteſten Bauern und Schaͤfern aufnehmen kann!“ „Und dieſes kleine huͤbſche Wunder wohnt hier?“ fragte Regina mit Theilnahme. „Ja, Madame .. . ſie hat viel Kummer gehabt .. vordem! aber jetzt iſt er, glaube ich, voruͤber.. .. Uebrigens da ſie nie ſehr luſtig geweſen war, ſo bemerkt man das weni⸗ ger an ihr als an einer andern. . .. Sie werden aber ihre Huͤhnerſtaͤlle, ihre Geflugelhoͤfe ſehen. Es giebt hier ſtets zwiſchen 3 und 4000 ſolcher Thiere ... Truthuͤhner, Gaͤnſe, Perlhuͤhner, in Trupps zu 200 abgetheilt . . . ein Kind von 10 Jahren und ein Hund reichen hin, um jede ſolche Heerde zu fuͤhren, und ein Mann zu Pferde uͤberwacht ſie alle. Es iſt mit dem Geflugel wie mit der Butter und der Milch. Vordem kannten wir, wie unſte Gaͤnſe und Truthuͤhner, die wir aufzogen, ſchmeckten, nur daraus, daß wir gehoͤrt hatten, ſie ſeien gut zum Eſſen. Jetzt eſſen wir dergleichen oft, und doch verkauft verhaͤltnißmaͤßig unſre Verbruͤderung fuͤr mehr Geld als ſonſt alle Pachthoͤfe zuſammen. Zum Henker, das iſt gar nicht zu verwundern! Jetzt werden die Thiere beſſer genaͤhrt und legen daher mehr Eier . die gutgepflegten Kuͤchlein ſterben dann nicht zu Dutzenden . nicht zu ge⸗ denken, daß die Fuͤchſe und Marder, die wenigſtens die Haͤlfte davon in den einzelnſtehenden unverwahrten Meie⸗ reien fraßen, ſich nicht damit abgeben hierher zu kommen. . .. Und wenn Sie nun die Schaͤfereien ſaͤhen! das iſt nun vol⸗ lends ſchoͤn! Und die Pferdeſtälle! Es giebt 60 koͤſtliche Paare zur Arbeit in einem einzigen Stalle. Das iſt ein herrlicher Anblick .. . der Sorgfalt und Reinlichkeit wegen. Nun, Sie begreifen wohl die Eigenliebe. Ich moͤchte nicht geſagt haben, daß die Schafſtaͤlle oder die Pferdeſtälle oder die Geflügelhöfe unſte Kuhſtalle ausſtaͤchen! Und da der — 142 — Pferdeſtall mir eben ſo gut gehoͤrt, als der Kuhſtall denen, die den Schafſtall beſorgen, oder die Huͤhnerſtaͤlle, ſo haben wir alle Intereſſe dabei, gut zu thun und zufrieden zu ſein, wenn es die andern thun. Wozu die Eiferſucht, da ja Al⸗ les fuͤr Alle Nutzen bringt?“ „Aber,“ ſagte Juſt immer mehr ſtaunend, „ich hoͤre Sie da immer von einer traurigen Vergangenheit ſprechen, von ſonſt, wo Alles fuͤr Thiere und Menſchen immer ſchlech⸗ ter ging; durch welches Wunder hat dieſe ſo ungluckliche Vergangenheit ſich ſo umgeſtaltet?“ „Sehen Sie, mein Herr,“ antwortete la Robin, „da iſt Meiſter Claude, der wird Ihnen Alles beſſer erklaͤren als ich.“ In der That ſahen jetzt Juſt und Regina, die waͤhrend des Schluſſes dieſer Unterredung aus dem Kuhſtalle wieder in den Hof getreten waren, Claude Gerard, von Petit⸗Pierre herbeigefuͤhrt, ihnen entgegenkommen. Claude Gerard trug noch immer ſeinen langen ergrau⸗ enden Bart, hatte aber ſeine Kleider von Thierhaͤuten mit einem weniger wilden Anzuge vertauſcht. Seine Zuͤge hatten ihren finſtern Charakter verloren, ſie zeigten das Ge⸗ praͤge ſanften und ſchwermuͤthigen Ernſtes. Als Claude Juſts Karte erhalten, hatte er ſich Gluͤck gewuͤnſcht, daß der Graf Duriveau abweſend und damit be⸗ ſchaftigt war, zwei Stunden von hier einige Arbeiten zu uͤberwachen. Duriveau und ſein Sohn konnten oder woll⸗ ten aus ſehr verſchiedenen Gruͤnden nicht vor Regina und ihrem Manne erſcheinen. Claude hatte es daher uͤber ſich genommen, dieſe zu empfangen. 3 Juſt hatte, wie man ſich noch erinnern wird, einige Verhaͤltniſſe mit Claude Gerard damals angeknuͤpft, als die⸗ ſer noch Schulmeiſter ohnweit Evreur war. Auch ſagte — 143 — Juſt, als er ihn erblickt und ſich, nachdem er ihn aufmerk⸗ ſam betrachtet und je naͤher er kam, je mehr ſich ſeiner erin⸗ nert hatte, von dieſer unerwarteten Begegnung erfreut, zu ihm: „Habe ich nicht die Ehre, mit Herrn Gerard, ehemali⸗ gem Lehrer ohnweit Evreux zu ſprechen?“ „Ja, mein Herr,“ antwortete Claude ſich verbeugend, „und als ich Ihren Namen auf der Karte las, die Sie ſo gu⸗ tig waren mir zu ſchicken, war ich ſehr gluͤcklich uͤber den Zufall, der Sie hierher gefuͤhrt hat.“ „Auch ich brauche Ihnen wohl nicht erſt zu ſagen,“ ergegnete Juſt und reichte Claude herzlich die Hand, „wie ſehr auch ich erfreut bin, Sie bei ſolcher Gelegenheit wieder⸗ zuſehen.“ Dann ſetzte Juſt, an ſeine Frau ſich wendend, hinzu: „Ich ſtelle Dir hier Herrn Claude Gerard vor, meine liebe Regina, und brauche nur das Wort hinzuzufuͤgen, mein Vater ſagte ſtets, wenn er von Herrn Gerard ſprach, er iſt einer der Unſern, denn in meinen Briefen hatte ich mei⸗ nen Vater oft von der lebhaften Sympathie, von der tiefen Verehrung geſchrieben, welche mir Charakter und Geiſt des Herrn Gerard einfloͤßten.“ „Juſt hat Recht, mein Herr,“ ſagte verbindlich Re⸗ gina, ſich an Claude wendend: „ein Mann, von dem der Doc⸗ tor Clement ſagte, er iſt einer der Unſern, muß fuͤr alle Menſchen von Gefuͤhl ein bedeutender Mann, fuͤr Juſt und mich ein Freund ſein.“ Damit ſtreckte Regina auch ihre ſchoͤne Hand Claude entgegen, der ſich verbeugend ſie leis druͤckte, dennoch nicht ohne Bitterkeit denkend, daß Martin waͤhrend ſeines gan⸗ zen traurigen Lebens nicht eine einzige ſolche Gunſt von Re⸗ — 144 — gina erhalten hatte er . er . dem ſie Alles verdankte, ohne es zu wiſſen. „Aber mein Gott, Herr Gerard, wir ſind ja hier in einem Lande der Wunder! Und obſchon dieſes Wunder mir etwas leichter erklaͤrlich ſcheinet, da ich jetzt von Ihrer Ge⸗ genwart an dieſem bezauberten Orte unterrichtet bin, ſo bitte ich Sie doch, mich in das Geheimniß der unglaublichen Um⸗ wandlung einzuweihen, welche dieſe Gegend erlitten hat, und deren Zeichen ſich mit jedem Schritte kund geben.“ „Wir haben eben den Kuhſtall mit einer wackern und verſtaͤndigen Perſon beſehen, die uns aufs Hoͤchſte durch ihre naive geſunde Vernunft ergötzt hat,“ ſetzte Regina hinzu, „mit einem Worte, mein Herr, erlauben Sie uns die Fra⸗ gen, die wir ſo eben an uns ſelbſt beim Anblicke dieſer Bau⸗ werke richteten, an Sie zu thun: iſt dies ein Pallaſt? iſt es eine unermeßliche laͤndliche Anſtallt? iſt es eine nicht minder unermeßliche Fabrik?“ „Von allem dieſem Madame etwas!“ ergegnete— Claude mit ſanftem Lächeln. „Und wenn Sie die Guͤte haben wollen mich zu begleiten, ſo werde ich Ihnen mit we⸗ nigen Worten den Schluͤſſel zu dieſem anſcheinenden Ge⸗ heimniſſe geben.“ — Claude Gerard bot Regina ſeinen Arm an und fuͤhrte 4 ſie in einen Durchgang vom Hofe der Kuͤhſtaͤlle zu einer der großen Gallerieen, welche den im Innern des Parallelo⸗ gramms befindlichen Garten umgaben, und von da ging 4 Claude, immer in Begleitung der beiden Beſuchenden, zu dem monumentalen Springbrunnen, von dem wir ſchon ſprachen. Juſt die Inſchrift davon zeigend ſagte er dann: „Seit langer Zeit ſchon kennen Sie die Mapime, Herr Juſt: Keiner hat ein Recht an das Ueberfluͤſſige bis Jeder das Nothwendige beſitzt.“ — 145 — Bei dieſer Anfuͤhrung eines großherzigen Gedankens, den er ſo oft von ſeinem Vater in denſelben Ausdruͤcken hatte ausſprechen hoͤren, konnte Juſt voll Staunen nicht ſo⸗ gleich antworten, dann netzte eine Thraͤne ſeine Wangen und er ſah Regina mit unausſprechlicher Liebe an. „Ich verſtehe Dich, mein Freund,“ ſagte dieſe, nicht minder geruͤhrt als ihr Mann: „ich bin ſtolz, Dein ruͤhm⸗ liches Gefuͤhl zu theilen, daß Du hier ohne Zweifel jene Mapime wieder in Ausfuͤhrung gebracht findeſt, die Dein Vater mit ſo bewundernswuͤrdiger Großmuth ebenfalls aus⸗ uͤbte.“ „Sie irren nicht, Madame,“ ergegnete Claude Gerard, „und ſo groß iſt die unwiderſtehliche Gewalt erhabener Wahr⸗ heiten, daß die Anwendung dieſes großmuͤthigen Gedankens des Doetor Clement hingereicht hat, die Wunder hervorzu⸗ bringen, uͤber die Sie erſtaunt ſind.“ „O, mein Herr, erklaͤren Sie ſich naͤher,“ rief Juſt, „Sie fuͤhlen, daß hier Alles nun doppeltes Intereſſe fuͤr mich hat.“ Nach einem auhenblicklichen Schweigen begann Claude von Neuem: „Ein außerordentlich reicher Mann hatte lange im Muͤſſiggange gelebt, in voͤlliger Gleichgiltigkeit gegen das elende Loos der meiſten unſrer Bruͤder in der Menſchheit, wie Ihr Vater ſagte, Herr Juſt. Plötz⸗ lich wurde dieſer Mann durch ein furchtbares Ungluͤck ins Herz getroffen, und durch dieſe ſchreckliche Pruͤfung umge⸗ wandelt, wiedergeboren, ſuchte er ſeinen einzigen Troſt in der Ausuͤbung der erhabenen Grundſaͤte der menſchlichen Verbruͤderung. Statt unfruchtbar zu ſein, wurde ſein Schmerz heilbringend.“ Martin. X. 10 — 146 — „Dieſe obgleich ſpaͤte Umwandlung zeigt doch natür⸗ liche gute Anlagen an,“ bemerkte Regina. „Das Vergeſſen furchtbaren Kummers in Ausuͤbung des Guten ſuchen laͤßt Alles verzeihen,“ ſagte Juſt. Wenn ſie wuͤßten, daß der, von dem ſie mit ſo vieler Theilnahme ſprechen und der jetzt deren auch wuͤrdig, der Graf Duriveau iſt! dachte Claude. Dann begann er wieder: „Juͤr dieſen Mann war die Maxime Ihres Vaters, Herr Juſt: Niemand hat ein Recht an das Ueberfluͤſſige, ſo lange Jeder nicht das Nothwendige beſitzt, eine Offen⸗ barung. Als Beſitzer dieſes herrlichen Schloſſes und der unermeßlichen Guͤter, die dazu gehoͤren, blickte er um ſich . und uͤberall ſah er nur Elend, Krankheit, Un⸗ wiſſenheit, Verwuͤſtung. Da ſagte ſich dieſer Mann: dieſe Gegend iſt todtlich ungeſund, fuͤrchterlich unfruchtbar, ich will, indem ich mein Ueberfluͤſſiges opfre, daß ſie geſund und fruchtbar werde. Ihre Bewohner, matt, krank und durch ſchreckliche Fieber abgezehrt, ſollen geſund und kraͤftig werden, und ihr Leben nicht mehr unſelig abgekuͤrzt ſein. Sie bewohnen elende Höhlen, wo ſie die groͤßten Entſagungen erdulden, ſie ſollen geſunde, lachende Woh⸗ nungen haben, worin ihnen nicht, was zum Leben nothwen⸗ dig iſt, fehlt. Sie ſind zu der druͤckendſten Arbeit beſtimmt, die ſie alle mit Widerwillen vollbringen, weil ſie fuͤr ihre Beduͤrfniſſe nicht ausreicht, ihre Arbeiten ſollen anziehend, mannigfaltig, verſtaͤndig, ertragsvoll werden, damit die Liebe zum Wohlſtand und das Gefuͤhl moraliſcher Wuͤrde ihnen auch Liebe und Achtung fuͤr dieſe Arbeiten verleihe. Sie leben endlich, weil ſie vereinzelt, elend, ſchwach, un⸗ wiſſend, oft feindlich, ſie ſollen Bruͤder durch Verbruͤ⸗ derung werden, wozu ich ihnen das Beiſpiel geben werde. — 1 — Dieſer Mann wollte es . ſetzte Claude hinzu „und ſein Wille iſt That geworden.“ „Nichts Edleres als dieſe Anſichten,“ rief Juſt; „ich wundere mich nicht mehr uͤber die Fruchtbarkeit ſolcher Grundſätze, ſondern nur uͤber ihre ſo ſchnell, und in ſo großem Umfange geſchehene Anwendung.“ „Als es ſich um dieſe Anwendung handelte,“ entgeg⸗ nete Claude, „ſo ſah dieſer Mann ein, daß die Stunde der Opfer und Entſagungen gekommen ſei.“ „Wie ſo?“ fragte Regina. „Dieſer Mann ſah ein, daß in dem Zuſtande des Elends und der hergebrachten Unwiſſenheit, in welchen dieje⸗ nigen verſunken, an deren Wiedergeburt er arbeiten wollte, man ihnen, um dieſe Wiedergeburt ſittlich und materiell zugleich zu bewirken, fuͤr ihr Intereſſe wirkliche Vortheile darbieten, und auf ihren Verſtand durch ein großmuͤthiges Beiſpiel wirken muͤſſe. So hat er denn ſeine Pächter und die Einwohner ſeines armen Dorfes verſammelt, und ihnen geſagt: Seit ich mitten unter euch lebe, haͤtte ich die ſtren⸗ gen Pflichten erfullen ſollen, welche denen die beſitzen, gegen diejenigen obliegen, die n icht beſitzen. Ich muß das Vergangene ſuͤhnen und die Zukunft wird mich los⸗ ſprechen, wie ich hoffe. Ich ſchlage euch naͤmlich Folgendes vor. Das Gebiet dieſer Gemeinde betraͤgt 6000 Acker ungefähr, welche mir bis auf etwa 300, die unter euch verſtuckelt ſind, angehörten. Verbrüdern wir uns. Eure Laͤndereien und die meinigen ſollen nur eins ausmachen, und dies uns gemeinſchaftlich angehoͤren. Daſſelbe ſoll mit unſern Heerden, unſern Pferden ſein. Zu dieſer Verbruͤderung bringt ihr eure Arme, eure Induſtrie, ich, den Boden, die Gebäude und das zur erſten Cultivirung nöthige Geld. Indem ich ſomit der Verbruͤderung Hilfs⸗ 10* — 148 — mittel und Inſtrumente zur Arbeit gewaͤhre, bringe ich allein eben ſo viel mit als ihr Alle zuſammen. Rechtlich koͤnnte ich daher fuͤr mich allein die Haͤlfte aller Einkuͤnfte fordern, aber im Namen des Gefuͤhls der Bruͤderlichkeit, das mich euch naͤhert, entſage ich dieſem Rechte, dieſer Un⸗ gleichheit, und verlange von den Einkuͤnften unſter Ver⸗ bruͤderung nur einen Theil, der dem eines Jeden von euch gleich iſt, und auch dieſen Theil will ich mir durch meine Arbeit gewinnen, indem ich alle Kraͤfte meines Verſtandes zu der guten Verwaltung unſrer Angelegenheiten anwende. Ich habe 40 Jahre lang in unſeligem und unfruchtbarem Muͤſſiggange gelebt, man hat mir daher viel zu verzeihen. So verſichre ich euch aber auch, daß vom Tage unſrer Ver⸗ bruͤderung an, Niemand mehr Eifer und Achtung fuͤr das gemeine Beſte haben wird, als ich.“ „Das iſt bewundernswuͤrdig,“ ſagte Juſt. „Eine ſolche Entſagung,“ verſetzte Regina voll Ruͤh⸗ rung, „eine ſolche Huldigung fuͤr Wuͤrde und Bruͤderlich⸗ keit der Arbeit, giebt eine koſtbare Lehre.“ „Und das Verſprechen, das dieſer Mann gab,“ ſagte Claude, „ſollte er treulich halten.“ „Und die Verbruͤderung ſogleich zu Stande kommen,“ 3 ſagte Juſt. „Nein,“ erwiderte jener, „ob er gleich dieſen armen Leuten ſolche unerhoͤrte Vortheile bot, mußte er doch noch das Mißtrauen und die Vorurtheile beſiegen, die unglucklicher⸗ weiſe von der Art von Sclaverei und Unwiſſenheit, in wel⸗ * cher dieſe Ungluͤcklichen leben, unzertrennlich ſind. Was wagt Ihr denn dabei,“ ſagte dieſer wackere Mann, den Sie bewundern, Herr Juſt, zu jenen. „Verſucht es doch! Ich übernehme das erſte. Etabliſſement, ja, noch mehr, ich ſichre euch eure Exiſtenz auf zwei Jahre. Ihr verlaßt eure trau⸗ — 149 — rigen und menſchenmörderiſchen Wohnungen, um geſunde, lachende und bequeme zu beziehen; eure erdruͤckenden, un⸗ fruchtbaren Arbeiten werden euch durch Abwechslung an⸗ ziehend und fruͤchtebringend gemacht werden. Verſucht nur dieſe Verbruͤderung. Was wagt ihr denn dabei? In zwei Jahren ſollen euch die Laͤnderparzellen, die ich zu denen fuge, die ihr mitbringt, gemeinſchafgich zufallen. Duͤnkt euch dann eure Lage nicht verbeſſert, ſo koͤnnt ihr wieder nach Hauſe in eure Huͤtten gehen, die indeß ſtehen bleiben ſollen.“ „Nun, der Evidenz dieſer Vortheile haben ſie doch gewiß nicht lange widerſtanden?“ ſagte Juſt. „Faſt zwei Monate lang,“ antwortete Claude. „Es iſt kaum glaublich! ſo einleuchtenden Vortheilen gegenuͤber,“ ſagte Regina. „Ach, Madame,“ erwiderte Claude traurig, „dieſe ungluͤcklichen waren ſeit ſo langer Zeit daran gewoͤhnt, mit Haͤrte oder Nichtachtung behandelt zu werden; man hat ſie daran gewöhnt, ſo wenig Vertrauen in Menſchenguͤte zu haben, daß ſie ſich mit einer Art aͤngſtlichen Mißtrauens fragten, warum man ihnen ſo viele Uneigennuͤtzigkeit und Großmuth zeige.“ „Sie haben Recht, mein Herr,“ ſagte Regina, „dieſes Mißtrauen iſt eine blutige Satyre auf die Vergangenheit.“ „Endlich aber,“ fuhr Claude fort, „hat ſich die Ver⸗ bruͤderung doch gebildet. Sechs Monate nachdem die noͤthi⸗ gen Gebaͤude aufgefuͤhrt waren, wurde das ehemalige Dorf mit einer Art freudiger Feierlichkeit zerſtoͤrt und abgetragen. Was das Gluͤck, den Wohlſtand betrifft, deſſen ſich jetzt dieſe bis dahin ſo furchtbar elenden Bewohner erfreuen, ſo haben Sie die Guͤte mich zu begleiten, und was Sie ſehen werden, wird Ihnen die wundervollen Reſultate dieſer Ver⸗ bruͤderung zeigen.“ — 150 — Noch dieſen Worten fuͤhrte Claude Gerard Juſt und Regina in das Hauptgebaͤude, welches ſonſt das Schloß war. Seine ungeheuern Saͤle waren in Schulen fuͤr Knaben und Maͤdchen, in Bewahrungsanſtalten fuͤr die Kleinen umgeformt worden. Eine große Raͤumlichkeit nach dem Wintergarten zu, welcher erhalten worden war, wurde zum Verſammlungs- und Speiſezimmer fuͤr diejenigen Mitglieder der Verbruͤderkkng gebraucht, die es vorzogen zuſammen zu ſpeiſen, ſtatt ihre Gerichte aus der gemein⸗ ſchaftlichen Kuͤche zu ſich zu tragen. Die obern Stock⸗ werke waren zu Waſchboͤden, zu Krankenſaͤlen, zu Magazi⸗ nen fuͤr die erſten Materialien aller Art, die in den großen Werkſtaͤtten bearbeitet wurden, zugerichtet, denn dieſe Ver⸗ bruͤderung war zugleich fuͤr Ackerbau und induſtrielle Ver⸗ haͤltniſſe beſtimmt. Auf dieſe Art wurden die langen Abende und zahlreiche Wintertage, waͤhrend welcher die Feld⸗ arbeit ruhte, nuͤtzlich angewendet. Die Verbruͤderten fanden dort die mannigfachſten Beſchaͤftigungen und die allgemeine Einnahme vermehrte ſich um eben ſo viel. Was die Wohnungen der Verbruͤderten betraf, ſo be⸗ ſtand jede je nach dem Beduͤrfniſſe der Familie in einer oder zwei Stuben, die alle nach dem innern Garten zu gingen. Sie waren luftig im Sommer und mit Daͤmpfen gut ge⸗ heizt im Winter. Man benutzte dazu das immer brennende Feuer der außerordentlich großen Kuͤche. Waſſer und Leucht⸗ gas wurde durch Röhren uͤberall hingefuͤhrt. Die Kinder und Erwachſenen ſchliefen des Nachts in Schlafſaͤlen unter der Auf⸗ ſicht der Vaͤter oder Muͤtter, die abwechſelnd die Aufſicht hattten. Kuͤche, Waſchhaus, kurz im Allgemeinen alle Arbeiten der Wirthſchaft wie des Handwerks wurden an beſondern Orten vorgenommen. Die Wohnungen der Verbruͤderten waren durchaus nur fuͤr das Familienleben, Ruhe und Schlaf — — — — — 151 — beſtimmt, und wurden mit der größten Reinlichkeit gehalten. Mehre Verbruͤderte hatten ſogar ſchon einen Theil ihrer Erſparniſſe dazu angewendet, ihre beſondere Wohnung mit einer gewiſſen Eleganz zu ſchmuͤcken. Jetzt traten Juſt und Regina, immer mehr in Ver⸗ wunderung geſetzt, unter Claude Gerards Leitung in einen großen Saal, wo mehr als fuͤnfzig junge Madchen und Frauen, reinlich gekleidet und von Geſundheit ſtrahlend, damit beſchaͤftigt waren, an Spitzen oder an verſchiedenen Waͤſchſtuͤcken zu arbeiten. Unter dieſen Arbeiterinnen er⸗ kannte Juſt und Regina die wackere la Robin und ihre Ge⸗ fahrtinnen aus dem Kuhſtalle wieder, die waͤhrend der Zeit wo ſie nicht dort beſchaͤftigt, nach ihrer eigenen Auswahl hier arbeiteten, waͤhrend andere es vorzogen im Garten, oder im Waſchhauſe oder in der Kuͤche thatig zu ſein. Nichts frohlicher und belebter als dieſer Verein junger, Arbeiterinnen. Das leiſe Geſchwaͤtz der Einen, das offene und freie Gelaͤchter der Andern, die kleinen Liedchen noch Anderer bildeten das luſtigſte Gewirr. Auf einmal aber wurden Juſt und Regina durch eine Er⸗ ſcheinung betroffen und geruͤhrt, die ſich ihren Augen darbot. In den großen Arbeitsſaal trat naͤmlich Frau Perrine langſam ein, mit der Hand ſich auf Bruydrens Schulter ſtuͤtzend. Martins Mutter, trotz ihrer Blaͤſſe noch ſehr ſchön, ſah etwas leidend aus, aber ihre Zuͤge druͤckten unbeſchreib⸗ liche Guͤte aus. Sie war nach ihrer Gewohnheit ſchwarz gekleidet, und ein einfaches weißes Haͤubchen ließ die breiten Flechten ihrer ſchwarzen Haare erblicken. Bruydre, welche ſorgſam ihre Schritte nach denen ih⸗ rer Mutter richtete, die ſich ſanft auf ihre Schulter lehnte, hatte ihr Koſtum von reizender und ungewohnlicher Origi⸗ nalitaͤt beibehalten. Einige Knospen rother Haide ſchmuͤck⸗ ten ihr reizendes, wellenfoͤrmiges Haar. Ihre runden, et⸗ was verbrannten Arme waren halb entbloͤßt. Nur weiße Struͤmpfe und kleine lederne Stiefelchen hatten ihre Baſt⸗ ſtiefelchen und Holzſchuhe erſetzt. In ihrem reizenden, gleich dem ihrer Mutter bleichen und milden Geſichte er⸗ blickte man die Spuren einer Schwermuth voll Ergebung. Die arme kleine Bruytre betrauerte immer noch ihr Kind . das ihr doch ſo viele Thraͤnen gekoſtet ... ſo viele Schmach zugezogen hatte. „Mein Gott, Herr Gerard,“ ſagte Regina ganz leis, „wer iſt denn dieſe reizende Perſon, die eben eintrat, und auf welche ſich dieſe Dame mit einem ſo edlen Geſicht ſtutzt?“ „Ich habe nie etwas Huͤbſcheres geſehen, als dieſes junge Maͤdchen mit ihrer roſigen Haide in den Haaren,“ ſetzte Juſt hinzu; „welche Sanftmuth in ihren Zuͤgen, welcher Verſtand in ihrem Blick!“ „Und welcher Reiz, welche Anmuth in ihrer leiſeſten Bewegung!“ ſetzte Regina hinzu. — — Bwölftes Kapitel. Ende des Epilogs. Claude, von der Bewunderung, welche Juſt und Regina bei Brunèrens Anblick zeigten, ſichtbar bewegt, ſagte zu ihnen: „Dieſe blaſſe Dame mit dem edlen und ſanften Ge⸗ ſichte iſt die Frau deſſen, der all das Gute gethan hat, was Sie bewundern.“ „Seine Frau,“ ſagte Regina bewegt: „ſie muß ſehr ſtolz, ſehr gluͤcklich ſein, ihm anzugehoͤren.“ „Ja.. ſie iſt gluͤcklich daruͤber. und ſtolz...“ ant⸗ wortete Claude. „Und dieſe allerliebſte Perſon,“ ſagte Juſt; „iſt es ihre Tochter?“ „Es iſt die Tochter... dieſer blaſſe Dame,“ antwortete Claude, „und die Adoptivtochter deſſen von dem wir ſprachen aber er liebt ſie... eben ſo zaͤrtlich... als ob ſie ihm durch Bande des Blutes angehoͤrte.“ „Und hat er einen Sohn?“ fragte Juſt. „Ja mein Herr:.. antwortete Claude. „Und einen Sohn der ohnſtreitig ſeiner wuͤrdig?“ fragte Regina. „Ja Madame,“ verſetzte Claude mit tiefer Bewegung“ einen wurdigen . einen kraͤftigen Sohn.“ In dieſem Augenblicke ging Dame Perrine, oder viel⸗ mehr die Graͤfin Duriveau, nachdem ſie mehren jungen Madchen, die Spitzen klöppelten, guten Rath ertheilt hatte, zu Claude, im⸗ — mer von Bruyere begleitet, auf deren Schulter ſie ſich ſtutzte. Als ſie dabei bemerkte, daß Fremde den Lehrer begleiteten, er⸗ rothete ſie ein wenig, während Bruydre auf dieſe ihre großen ſchuͤchternen und ſtaunenden Augen hob. „Madame,“ ſagte Regina mit bewegter Stimme, in⸗ dem ſie mit hoͤflichem und achtungsvollem Ausdrucke ſich Martins Mutter naͤherte, „erlauben Sie zwei Fremdlingen, Ihnen ihre tiefe Bewunderung fuͤr den großmuͤthigen Mann auszudruͤcken, der dieſe ſonſt wie man uns gefagt hat ſo elende Gegend in ein wahres gelobtes Land umgeſtal⸗ tet hat. Moͤge ſein Name, den man uns hier noch nicht genannt hat, ohnſtreitig um der Beſcheidenheit ſeines Cha⸗ rakters zu entſprechen, fuͤr immer geſegnet ſein!“ „Wenigſtens iſt es uns ſuͤß, Madame,“ ſetzte Juſt hinzu, „jetzt Ihnen, der wuͤrdigen Gefaͤhrtin dieſes großen und edlen Mannes, ſagen zu konnen, wie ſehr wir von allem dem ergriffen ſind, was wir eben geſehen haben, und wie dankbar dafuͤr im Namen der geſammten Menſchheit.“ Bei dieſen Worten nahm die leichte Röthe, welche ſeit einem Augenblicke Dame Perrinens Geſicht faͤrbte, noch zu, ein Ausdruck ſtolzer Schwermuth glaͤnzte in ihren großen ſchwarzen Augen, welche feucht wurden, und dann antwor⸗ tete ſie, in ihrer Einfachheit immer wuͤrdevoll, jenen Beiden: „Ich danke Ihnen im Namen meines Mannes fuͤr die Lobſpruͤche, die Sie ihm zugeſtehen wollen. Glauben Sie mir, er verdient ſie. .. denn wenn er etwas bedauert, ſo iſt es dies.. daß er noch nicht all' das Gute vollbracht hat, was er zu vollbringen wuͤnſchte.“ Dann ſich leicht verneigend entfernte ſich die Graͤfin, nachdem ſie mit Claude Gerard einen Blick fanfter Zu⸗ friedenheit gewechſelt, langſam mit Bruysren. „ ⸗ ⸗ „ „ . ⸗ * ⸗ . — 155 — Ohngefaͤhr eine Stunde nachher hatten Juſt und Re⸗ gina unter Leitung Claude's den Beſuch der Verbruͤderung beendet und warteten auf ihren Wagen unter der Back⸗ ſteingallerie, die im Innern um das ganze Parallelogramm ging. Regina hielt einen ſchönen Strauß von Herbſtblu⸗ men in der Hand, den Claude im Garten gepfluckt und ihr angeboten hatte. „Die allmächtige Fruchtbarkeit dieſes großen Prin⸗ zips der Menſchenverbruͤderung, Madame,“ ſagte der Lehrer zu ihr, „iſt ſo außerordentlich, daß dieſes Inſti⸗ tut hier, welches, Dank ſei ſeiner vortrefflichen Einrichtung, Allen Arbeit giebt *), auch zugleich ein minimum, das heißt das Nothwendige gewaͤhrt, mit einem Worte ihnen die geſetliche Befriedigung aller Beduͤrfniſſe der Seele und des Koͤrpers verleiht, und ſpaͤter denen ſelbſt das Ueberfluͤſſige geben wird, die es durch einen Zuwachs von Arbeit erkaufen wollen, nicht allein vom Geſichtspunkte der Moral aus be⸗ wundernswuͤrdig iſt, ſondern auch fuͤr das Intereſſe berech⸗ net ein ſehr gutes Geſchaͤft fuͤr den Begruͤnder ſein wuͤrde, wenn er nicht aus edler Uneigennuͤtzigkeit auf alle Vortheile verzichtet häͤtte, die er mit Recht wegen des Zu⸗ bringens ſeines Theiles zu der Verbruͤderung haͤtte fordern können. Dies iſt ſo wahr, daß bereits zwei benachbarte *) Wir haben von dem nur eine ſehr oberflaͤchliche und un⸗ vollkommne Idee geben können, was eine zugleich auf Ackerbau und Induſtrie gerichtete Verbruderung ſein konnte, welche auf die drei Elemente geſtützt wäre: Capital, Arbeit und Kennt⸗ niß. Hiejenigen unſrer Leſer, welche deren praktiſche Organiſa⸗ tion näher kennen zu lernen wuͤnſchen, verweiſen wir auf das vortreffliche kleine Werk von Mathieu Briancourt: Organi- Sation et association du travail, das in der Vereinsbuchhandlung 10. Rue de Seine, erſchienen iſt. — 156 — Eigenthuͤmer, welche uber die Reſultate, zu welchen wir ge⸗ langten, ſtaunten, mit ihren Pächtern und Tageloͤhnern eine Vereinigung zu einer zugleich fur Ackerbau und Ma⸗ nufacturweſen beſtimmten Unternehmung abgeſchloſſen ha⸗ ben, wozu ſie, die reichen Eigenthuͤmer, die erſten Einrich⸗ tungskoſten hergaben. Sie werden alſo nicht nur das Gute in unermeßlichem Maaßſtabe befoͤrdern, ſondern ſie werden auch ihr eignes Capital vergrößern.“ „Und das wundert mich nicht, mein Herr,“ verſetzte Juſt, „denn mein Vater hatte einen andern Grundſatz, der hier auch ſeine Anwendung findet: Thue was Du ſollſt.. . das Gute wird ſich finden. Eben ſo unfruchtbar wie der Egoismus iſt, eben ſo fruchtbar iſt die Bruͤderlichkeit.“ Hier wurde Juſt durch einen Schreckensſchrei Regi⸗ na's unterbrochen. Er wendete ſchnell das Auge zu ihr und ſah ſie blaß, zitternd, unwillig. „Er iſt es,“ rief ſie aus, indem ſie ſchnell zu Juſt eilte, als wollte ſie ſich unter deſſen Schutz begeben .. und bei dieſer lebhaften Bewegung des Schreckens ließ die junge Frau den Strauß fallen, den ſie in der Hand gehalten. Juſt erblickte, der Richtung des erſchrocknen Blickes ſeiner Frau folgend, zehn Schritte von ſich aus dem Schat⸗ ten tretend, den einer der Bogen der Gallerie verbreitete... den Grafen von Duriveau. .. unbeweglich daſtehend, ſeine Zuͤge verſtoͤrt, durch das Staunen welches ihm dieſe uner⸗ wartete, furchtbare Erſcheinung verurſachte, denn ſie rief ihm ſowohl ſein ſchandliches Attentat gegen Regina als Scipio's Tod in's Gedaͤchtniß zuruͤck, den er gemordet, als dieſer ungluͤckliche Sohn deſſelben Verbrechens gegen Miſtreß Wilſon ſich hatte wollen ſtraffaͤllig machen. Mit Juſt's und Regina's Anweſenheit unbekannt, kam der Graf ſo eben von der Beſichtigung auswaͤrtiger Arbeiten — 157 — zuruͤck. Sein Geſicht war faſt unkenntlich. Ganz weiße Haare umrahmten daſſelbe von Schmerz und Reue tief ge⸗ furcht. Sein ſonſt ſo aufgerichteter, ſchlanker Wuchs war gebeugt und gekruͤmmt. . . kurz, die ſchmerzvollen Zuͤge wie die getragne Haltung dieſes Ungluͤcklichen gaben ſeine un⸗ heilbare Verzweiflung kund. „O komm! komm, Regina!“ rief Juſt mit Widerwil⸗ len beim Anblicke des Grafen, faßte dann ſchnell den Arm ſeiner Gattin und ſchritt vor, um mit ihr fortzugehen, indem er rief: „Die Gegenwart dieſes Mannes in dieſem edlen Hauſe. iſt faſt eine Gotteslaͤſterung!“ Claude Gerard hielt Juſt in dem Augenblicke zuruͤck, wo dieſer ſich entfernen wollte, und ſagte mit ernſter und be⸗ wegter Stimme zu ihm: „Es iſt der Graf Durivean ... der all das Gute ge⸗ ſchaffen hat, das Sie eben bewundert haben, mein Herr.“ „Er!“ rief Juſt nun ſeinerſeits unbeweglich vor Ver⸗ wunderung. „Er!“ wiederholte Claude. „Er iſt ſehr ſtrafbar gewe⸗ ſen. aber er hat viel verbuͤßt.“ „Der Graf Duriveau!“ wiederholte Juſt, als konne er an das nicht glauben, was er gehoͤrt, waͤhrend Martins Vater, vernichtet, zerſchmettert, mit gebeugter Stirne, keinen Schritt vorwaͤrts zu thun vermochte. c 7 „Ja,“ „gegnete Claude Gerard, der fortfuhr⸗ ſich an Juſt und Regina zu wenden; „nach dem Tode ſeines Soh⸗ nes, den er durch ein furchtbares Ereigniß verloren, hat dieſer ungluͤckſelige Vater, ſeines vergangenen Lebens ſich ſchaͤmend, ſeinen, wie Sie ſehen, dennoch unheilbaren Schmerz dadurch zu lindern verſucht, daß er, wie Sie ja ſelbſt ſagten, dieſe elende Gegend in ein wahres gelob⸗ tes Land umgewandelt hat... Nochmals, Herr Juſt,“ — 158 — fuhr Claude mit tief geruͤhrter Stimme fort, „im Namen ſeiner Reue. im Namen ſeines Schmerzes . im Na⸗ men des Guten, das er gethan hat und noch thun wird, beſchwore ich Sie ihm zu verzeihen!“ Juſt und Regina ſahen ſich an. .. ohne ein Wort zu ſprechen, verſtanden ſich dieſe beiden tapfern Herzen. Geruͤhrt. .. ernſt. .. faſt feierlich naͤherten ſich die beiden Gatten. Duriveau, der mit auf die Bruſt geſenktem Haupte an die Stelle gefeſſelt ſchien, wo er ſtand, von Schaam und Reue erdruͤckt. Mein Herr,“ ſagte Juſt mit geruͤhrter Stimme, in⸗ dem er dem Grafen die Hand zuſtreckte: „erlauben Sie mir Ihnen die Hand zu druͤcken.“ Duriveau erbebte, hob ſchnell das Haupt.. ſeine er⸗ loſchenen, thraͤnengeroͤtheten Augen ſtrahlten von ungewohn⸗ ter Freude, er ſah Juſt mit einer Art furchtſamer Angſt an und wagte kaum auf dieſes Entgegenkommen zu antworten. „Mein Herr,“ ſetzte Regina mit bewegter Stimme hinzu, indem ſie nun auch dem Grafen ihre zitternde Hand bot; „wir wiſſen Alles, was Sie Großmuͤthiges, was Sie Edles gethan haben .. . das Vergangene ſei vergeſſen!“ Als Duriveau ſeine beiden Haͤnde faſt liebevoll von Juſt und Regina gedruͤckt fuͤhlte, ſtroͤmten unwillkuͤhrlich ſeine Thraͤnen, und er konnte nur mit erſtickter Stimme ſagen: „Dank! oh mein Gott! Dank!“ „Leben Sie wohl, meine Herren,“ ſagte Juſt weiter; „Sie zaͤhlen nun zwei Freunde mehr . . die jetzt Ihren Namen ... nur mit der Achtung ausſprechen werden, die er verdient.“ Die Pferde der beiden Reiſenden fuhren mit dem Wa⸗ gen vor. Nach einem letzten und trauervollen Blick, den Juſt — 159 — und Regina auf den Grafen richteten, ſtiegen ſie in den Wagen, fuhren ab und ließen Duriveau unbeweglich auf ſeinem Platze. Dieſe ruͤhrende Scene hatte noch einen verborgenen Zeugen. Dies war Martin. Er hatte es nicht gewagt, vor Regina zu erſcheinen. Verborgen hinter dem Pfeiler einer Arkade, hatte er Alles geſehen, Alles gehoͤrt. Claude Gerard trocknete ſich die Thraͤnen mit der verwendeten Hand und hob den Blumenſtrauß auf, den Re⸗ gina hatte fallen laſſen. Sobald der Wagen ſich entfernt hatte, eilte Martin zu ſeinem Vater, warf ſich in deſſen Arme und ſagte: „Muth, mein Vater, Muth! ich habe es ja gehört, Sie beſizen zwei Freunde mehr. ... Oh, glauben Sie mir, ſolche Freundſchaften erworben zu haben, iſt ein edler und herrlicher Troſt.“ „Oh ja,“ erwiderte der Graf, ſeinen Sohn mit In⸗ nigkeit umarmend, „das thut mir wohl, das zu hoͤren, wie es mir .. . in Deiner Gegenwart geſagt wird. Dann ſenkte er das Haupt in neuer, dumpfer Niederge⸗ ſchlagenheit und murmelte mit leiſer Stimme: „Ach! .. ſie wiſſen nicht .. daß ich meinen Sohn getoͤdtet habe!“ „Claude Gerard weiß es,“ ſagte Martin „das iſt auch ein großes Herz ... und er liebt Sie . mein Va⸗ ter verehrt Sie.“ Der Graf ſtreckte Claude die Hand entgegen, und nach⸗ dem er ſie ihm innig gedruͤckt, ſetzte er ſich auf die Bruſt⸗ lehne der Gallerie, als fuͤhle er ſich nach einer ſo heftigen Ruͤhrung erſchöpft. Dann ſchien er in Gedanken zu verſinken. — 160 — Jetzt trat Claude Gerard zu Martin mit dieſen Worten: „Du warſt zugegen .. Du deſſen erhabene Hingebung Regina nie erfahren hat! Wenigſtens habe ich Deinen Namen vor ihr erwaͤhnt.“ „Wie ſo?“ fragte Martin erſchuttert. „Und Martin? habe ich Regina's Gemahl gefragt, dieſer treue Diener, den Ihr wuͤrdiger Vater Ihrer Gattin empfohlen hatte? Was iſt aus ihm geworden? Er hat uns bei einer Reiſe, die wir nach Norden machten, verlaſſen, antwortete Regina. .. „Ja, ich habe es Ihnen ſchon geſagt, Claude,“ erwi⸗ derte Martin, „meine Kräfte waren zu Ende. .. Dieſe ungluckſelige Leidenſchaft haite ſich nicht geſchwaͤcht ... und der Anblick des ſo außerordentlichen Gluͤcks Regina's hatte ich geſteh's zu meiner Schande ... meinen Muth er⸗ ſchoͤpft. ... Da zog ich vor, wieder Handwerksmann zu werden, bis ich genug verdient haben wuͤrde, um nach Frankreich zuruͤckzukehren.“ „Regina ſagte auch noch: „Ich habe Martin ſehr ver⸗ mißt: er war ein treuer, eifriger Diener.“ „Ein Diener . treu. .. und eifrig ...“ ſagte Martin mit ſchwermuͤthiger Entſagung. ... „Das iſt die einzige Erinnerung, die ſie fuͤr mich haben wird.“ Claude betrachtete voll Ruͤhrung Martin einen Augen⸗ blick lang ſchweigend. Dann gab er ihm den Blumenſtrauß, den Regina hatte fallen laſſen und ſetzte hinzu: „Da, mein armer Sohn nimm dieſe Blumen ſie hatte ſie eben in der Hand.“ * Martin griff gluͤhend nach dem Strauße, druͤckte ihn leiden ſchaftlich an ſeine Lippen und ſeine Thraͤnen fielen in die duftenden Kelche. — — Am Abende deſſelben Tages hatte ſich Duriveau, der nach obiger ſo unerwarteter und erregender Begegnung mit Juſt und Regina, eine Att Hinfälligkeit empfunden, in ſein gleich denen der uͤbrigen Mitglieder der Verbruͤderung beſcheiden meublirtes Zimmer zuruͤckgezogen. Dame Perrine und Claude Gerard ſaßen an der Seite des Grafen, während Martin, auf die Lehne von deſſen Seſſel geſtuͤtzt, liebevolle Blicke auf ſeinen Vater warf, dem Bruyere mit kindlichem Eifer einen Stärkungs⸗ trank vorhielt. Plotzlich öffnete ſich die Thuͤr, und man uͤbergab Martin einen anſehnlichen Brief, den eben ein Courier ge⸗ bracht hatte. Es war ein Brief des Koͤnigs. „Sie erlauben, lieber Vater?“ fragte ehrerbietig Martin den Grafen, der durch eine ungemein liebevolle Kopfbewegung antwortele. Martin las den Brief, der ſo ſchloß: „Meine Wuͤnſche folgen Madame Juſt Clement überall . denn ich werde nie vergeſſen, daß ihre Mutter die bewundernswertheſte Hingebung gezeigt hat, indem ſie ihren guten Ruf opferte, um das Leben einer Frau zu retten, die ich leidenſchaftlich liebte, die ihr wie eine Schweſter war, und welche ein ſchändlicher Verrath in Todesgefahr gebracht hatte, als ich mich als Kronprinz im Jahre 1814 zu Paris befand⸗ „Ich brauche Ihnen nicht zu wiederholen, daß ich wegen Ihres mir Anvertrauten das heiligſte Stillſchweigen beobachtet habe und ſtets beobachten werde. ⸗ . * Martin. R. 11 — 162 — „Die Plaͤne, die ich Ihnen in meinem vorletzten Briefe mitgetheilt habe, als ich Ihnen das Manuſcript Ihres Tage⸗ buchs zuruͤckſendete, ſind jetzt verwirklicht worden. Ich freue mich außerordentlich, Sie davon zu benachrichtigen, da ich Ihnen die guten und heilſamen Gedanken, die mich zu dieſen Reformen und Entſchluͤſſen geleitet haben, zum Theil verdanke. „So iſt denn, wie ich Ihnen ſchon ſchrieb und Sie es geahnet hatten, das Leſen Ihres Tagebuchs fuͤr mich frucht⸗ bar geweſen, indem es meine Aufmerkſamkeit auf That⸗ ſachen und Elend geleitet hat, die ich nicht vermuthete. „Folgendes ſind im Allgemeinen die Beſtimmungen, die ich feſtgeſetzt und die auch angenommen worden: „Verbot an Seiltaͤnzer und dergleichen, unter Androhung der haͤrteſten Strafen, Kinder zu ih⸗ ren Uebungen zu mißbrauchen. „Erhebung der Volkslehrer zum Range von Staatsdienern erſter Klaſſe, welche den Vortritt vor den buͤr gerlichen, militairiſchen und geiſtli⸗ chen Behoͤrden haben, da der, welcherden Menſchen redlich unterrichtet und arbeitfſam macht, der ihn mit Einem Worte moraliſch erſchafft, vor al⸗ len Andern vorausgehen muß. „Gruͤndung von Findelhaͤuſern, Kinderbe⸗ wahranſtalten, Waiſenhaͤufern, Induſtrie⸗ und Ackerbauſchulen fuͤr die Erwachſenen, oͤffentlichen Werkſtaͤtten, wo der redliche Mann, der im Augen⸗ blicke arbeitslos iſt, Unterhalt und Unterkommen finden kann; Pflegehaͤuſer fuͤr buͤrgerliche Inva⸗ liden. „Sofortige Schließung der Schaͤnken, welche unaufhörlich die ihe Leidenſchaften auf⸗ regen. — 163 — „Der Familienvater wird es nicht wagen ſich zu Haufe zu betrinken, wo er uͤberhaupt tau⸗ ſend Hinderniſſe gegen dieſes Laſter finden wird. „Strenge Strafe gegen Trunkenheit. „Eroͤffnung nationeller ſubventionirter Schauhauſer, wo bei Feſttagen das Volk fuͤr das Viertel des Geldes, das es dazu verwendete ſich in der Schaͤnke zu verthieren und zu vergiften, an⸗ ſtändige und männliche gerſtreuungen und Schau⸗ ſpiele finden wird. „Dies ſind die erſten Reformen. Sie werden, ſo hoffe ich, ohne Widerſtand vollzogen werden, weil ich das gute Recht fuͤr mich habe und mich auf die Enterbten gegen die Privilegirten ſtuͤtze. „Muͤßte es ſein . ſo wuͤrde ich offen gegen die Ari⸗ ſtokratie der Geburt und des Reichthums, die hier ſehr mächtig iſt, mich verſchwören und mich als Koͤnig an die Spitze meines Volkes ſtellen. „Leben Sie wohl! Es hat mich glucklich gemacht Ih⸗ nen dieſen Brief zu ſchreiben. Er wird Ihnen wenigſtens beweiſen, daß ich die Schuld nicht vergeſſen habe, die mir gegen Sie obliegt, denn ich bin bedacht, mich gegen Sie nach dem Wunſche Ihres edlen Herzens abzufinden, indem ich darnach ſtrebe, daß mein Name nicht ohne einige Dank⸗ barkeit von unſeren Brüdern in der Humanität aus⸗ geſprochen werde. Ihr e O.“ Als Martin dieſen Brief geleſen hatte, fragte ihn — 164 — ſeine Mutter mit der Unbefangenheit muͤtterlicher Indiscre⸗ tion: „Von wem iſt dieſer Brief, mein Kind?“ „Vom Konige, meine gute Mutter,“ antwortete Mar⸗ tin einfach. „Vom Koͤnige?“ ſagte Bruyere verwundert. Die Graͤfin Durivenu und ihr Mann ſahen ſich ein⸗ ander mit dem Ausdrucke des Stolzes an. „Kannſt Du mir ihn vorleſen, dieſen Brief?“ fragte Duriveau faſt ſchuͤchtern ſeinen Sohn. „Er? . nein! . ſagte Claude Gerard laͤchelnd: „er wuͤrde das nicht wagen aber ich, ich uͤbernehme es, wenn Martin es erlaubt.“ „Wenn mein Vater .. . meine Mutter es wuͤn⸗ ſchen,“ antwortete Martin. „Ob wir es wuͤnſchen?“ fragte Duriveau lebhaft, ſich zu ſeiner Frau wendend. „Das fragt er uns, Perrine?“ Claude Gerard las den Brief. Als er geendet hatte, rief Duriveau mit ſuͤßen Thraͤnen in den Augen: „Oh! es iſt nicht Stolz es iſt Vater⸗ zärtlichkeit . wenn ich weine . Dann ſagte er, nachdem er Martin und Bruyere mit Innigkeit ans Herz geſchloſſen hatte, indem er Perrine und Claude Gerard die Hände zuſtreckte: „Ja! Ihr habt Recht! mit einer Frau und einem Freunde wie Ihr mit Kindern wie Bruyere und Martin in immerwaͤhrender Suͤhnung des Boͤſen durch das Gute . darf man nicht an der Zukunft verzweifeln!“ Ende des zehnten und letzten Theils. — ——