L2Leihbiblivthel deutſcher, engliſcher und franzöſiſcher Literatur 6dnard Olkmann in Gießen, chloßgaſſe Lit. A. Nr. 256. eih und Teſebedingungen. 1. Offensein der Bibliothek. Die Bibliothek ſteht zur Em⸗ pfangnahme und Rückgabe der Bücher jeden Tag von Morgens 7 Uhr bis Abends 8 lihr offen. Lesepreis. Bei Rückgabe eines geliehenen Buches wird von I jedem Tag 5 Pf bezahlt. Die Zeit eines Tages iſt zu 24 Stun⸗ den angenommen. . Caution. Unbekannte Perſonen müſſen, bei Entgegennahme eines Buches, eine dem Werthe deſſelben entſprechende Summe bie welche bei deſſen Zurückgabe von mir zurückerſtattet wird. 4. Abonnement. Daſſelbe muß voraus bezahlt werden und beträgt: . für wöchentlich 2 Bücher: 4 Bücher: 6 Bücher: ———— auf 1 Monat: 1 Mt. — Pf. 1 Mr. 50 Pf. 2 Mk. — Pf. 5 Answärtige Abonnenten haben für Hin⸗ und Zurückſendung der Bücher auf ihre eigenen Koſten und Gefahr ſelbſt zu ſorgen. 6. Schadenersatz. Für beſchmutzte, zerriſſene, verlorene und defecte Bücher (namentlich bei ſolchen mit Kupfern ꝛc.) muß der Ladenpreis erſetzt werden. — Iſt vas zerriſſene, i ver⸗ lorene oder defecte Buch ein Theil eines größeren Werkes, ſo iſt der Leſer zum Erſatz des Ganzen verpflichtet. 7. Ausleihezeit. Dieſelbe iſt auf 14 Tage feſtgeſetzt und wird beſonders varauf aufmerkſam gemacht, daß das Weiterverleihen der Bücher nicht ſtattfinden darf, indem Diejenigen, welche die⸗ ſelben von mir geliehen, auch dafür zu ſtehen haben. 4 Martin, das Findelkind, oder Erlebniſſe eines Kammerdieners . Von Eugene sSue. In's Deutſche uͤbertragen von Theodor Hell. Neunter Band. Grimma, Druck und Verlag des Verlags⸗Comptoirs. Martin/ das Findelkind, von Eugene Suec. Neunter Theil. Martins Memviren. Sechſter Theil. Martin. 1 1 Erſtes Rapitel. — Martins Tagebuch. (Fortſetzung.) An meine Verkleidung vollſtaͤndig, ging ich aus dem Cabinet. Bei meinem Anblicke ſtießen die Kinder ein Schreckens⸗ geſchrei von guter Vorbedeutung fuͤr mich aus. Die Haus⸗ frau Jerome's blieb ſo erſtaunt, daß ſie mir nur ſtotternd ſagen konnte: „Ach Du mein Gott! Herr Martin .. Herr Martin! das iſt ja, als ob man ein Ungeheuer ſahe! ich ſchlafe die ganze Nacht daruͤber nicht .. mich druͤckt ge⸗ wiß der Alp davon!“ Es fehlte zur entſcheidenden Probe weiter nichts, als der Eindruck Jeromes. Er trat in demſelben Augenblick ein, und fragte unter der Thuͤr ſeine Frau: „Iſt Martin gekommen?“ „Noch nicht . antwortete dieſe, und ſetzte dann hinzu: — „Jerome! ſieh doch!“ und damit drehte ſie ihn ſeitwaͤrts. „Alle Wetter! wer zum Teufel iſt denn das?“ rief Jerome, und trat einen Schritt zuruͤck. „Guten Morgen Jerome,“ ſagte ich ſelbſt mit un⸗ 1 verſtellter Stimme. „Guten Morgen, mein Lieber, wie geht es denn?“ „Wart' einmal . .. wart' einmal!“ . verſetzte Je⸗ rome, trat zu mir, und unterſuchte mich in der Naͤhe, daß ich ſeinen Athem fuͤhlte. „Wer zum Teufel kann nur das ſein?“ „Wie? Jerome, Du kennſt mich nicht? .. . mich Dei⸗ nen Freund? ſieh mich doch nur recht an!“ „Alle Teufel, ich ſehe Sie ſo ganz in der Naͤhe an, aber der Henker ſoll mich holen, wenn ich mich aus dieſem ſchwarzen Kreiſe und weißen Linien und rothen Kreuzen her⸗ ausfinden kann? .. Das ſchwirrt einem vor den Augen herum, als ob man in's Feuer ſaͤhe.“ „Nun denn, im Profil?“ „Im Profil, oder von vorn,“ ſagte Jerome, „ich will verdammt ſein, wenn ich .. ich gebe es auf.“ „Wahrhaftig?“ „Aber die Stimme? die Stimme auch erkennſt Du nicht mehr! Denke nach!“ „Was zum Henker ſoll ich denn mit der Stimme machen, bei einem ſolchen Geſicht? ... meine Frau könnte ſich ſo bemalt haben, und mir geradezu ſagen: ich bin Deine Frau! ſo wuͤrde ich ihr antworten: es kann moöglich ſein, aber ich weiß es nicht.“ „Nun denn! ich bin's, Martin iſt's, mein wackerer Jerome.“ „Martin! ... Sie ... Ach gehen Sie doch! Sie können ja zwei wie er iſt an Umfang abgeben, Spaßmacher! und dann ſind Sie ja auch viel kleiner als et. „Ich habe mich unter meinem Koſtuͤm ausgeſtopft darum komme ich Ihnen dicker vor, und zugleich auch klei⸗ ner, mein braver Jerome.“ „So laſſen Sie doch ſehen!“ und damit unterſuchte mich Jerome noch genauer, und ſagte dann: „Angenommen daß Sie es wären, ſo muß ich doch ein wenig unterſuchen, ob ich Sie wirklich wieder herausfinde.“ Und nun ein neues Examen, worauf er ausrief: „Nicht moͤglich! . Sie ſind nicht Martin! ... wenn Sie irgend Jemand ſind, ſo koͤnnen Sie blos ein Kamerad von mir, Namens Drehbaum ſein! .. . Ja, ja, Du biſt's, Drehbaum. Geſtehe es mir!“ Ich war vollkommen ſicher geworden. Der Fuͤrſt konnte mich durchaus nicht erkennen. Was meine Stimme betraf, ſo war es, da er, ſeit ich im Dienſte ſeiner Gemahlin war, nicht hundertmal ein Wort an mich gerichtet, und ich ihm ſtets, wie es ſchicklich, faſt nur mit einzelnen Sylben und leiſem, ehrfurchtsvollem Tone geantwortet hatte, auch völlig unmoͤglich, daß er ſie wieder erkennen ſollte. Ich fuͤrchtete ſogar einen Augenblick, allzuſehr verſtellt zu ſein, denn Jerome, der ſich einbildete, man triebe Poſſen mit ihm, blieb hartnaͤckig bei ſeinem Irrthume. „Man koͤnnte mich in Stuͤcken reißen,“ agte er mit dem Ausdrucke tiefſter Ueberzeugung, „ich wuͤrde noch aus⸗ zufen: dassiſt 2 Gluͤcklicher Weiſe blieb mir ein Mittel übrig, meine Identität zu beweiſen. Ich fuͤhrte Jerome die Ausdruͤcke an, deren ich mich des Abends znvor bedient hatte, um ihn zu bitten, mir ſeinen Wagen fur heute aufzuheben. Dieſer Beweis ſiegte, und der wackere Mann ſagte mir die groß⸗ ten Schmeicheleien uͤber meine Verſtellung. „Nun gut alſo!“ rief er; „ſo treiben Sie es einmal recht toll! halten Sie Ihr Mardigras auf Tod und Leben! Nun, Sie werden mir wohl meinen ganzen Wagen voll Pierrettchen und dergleichen wilden Mamſellchen ſtopfen.“ „Jerome!“ ſagte die Hausfrau. „Und da thaͤt' er ganz recht daran,“ erwiderte Jerome. „Jugend muß ſich amuͤſiren . beſonders wenn ſie ſich ſo grundhaͤßlich gemacht hat.“ „Nun denn, Jerome,“ verſetzte ich; „es wird Zeit.“ „Vorwaͤrts! Adieu, Frau! Adieu, Kinderchen!“ ſagte Jerome und kuͤßte die Seinen. „Morgen fruͤh alſo, Loui⸗ ſon! und halte mir eine tuͤchtige warme Zwiebel⸗Suppe parat das ſchmeckt nach ſo einer Februarnacht.“ Als wir die Stube verlaſſen hatten, ſagte ich zu Je⸗ rome: „Braver Freund! Ich muß Ihnen auf die Gefahr hin, mich in Ihrer Meinung herabzuſetzen, geſtehen, daß ich mich nicht verkleide, um mein Mardigras zu halten, ſondern um eine ſehr wichtige und ernſthafte Angelegenheit zu Ende zu bringen.“ „Ach, bah, bah! Mit Ihren Ausmalereien und Ihren Pierrotsanzuge, etwas Ernſthaftes!“ „Und doch ſehr ernſthaft! Ich ſage Ihnen das, Je⸗ rome, weil ich Ihrer vielleicht benoͤthigt bin.“ .. „Sie wiſſen es ja, ſtets ſind die Freunde da! alſo iſt's wohl ſo etwas in der Art wie vorm Jahre, Sie wiſſen ſchon als ich den jungen ſchoͤnen Mann in die Straße du vieux marché fuhr, und Sie hinten darauf, und der alsdann in meinem Wagen eine arme Dame zuruͤckbrachte, die ſich nicht aufrecht halten konnte, ſo ſchwach war ſie.“ „Ja, mein Freund, ſo etwas in der Art . . und noch viel wichtiger, womoͤglich .. . daher rechne ich auf Sie.“ . „Verſtehl ſich.“ So ſchwatzend waren wir am Fuße von Jerdme's Treppe angekommen. „Nun? und wohin fahren wir?“ fragte er. „Straße Dauphin Sie halten einige Schritte vor Nro. 3. und ich warte im Wagen.“ „Gut.“ — „Finden wir einen Fiaker an der Thuͤr Nr. Z., oder kommt ſpaͤter Einer, ſo ſteigen Sie von Ihrem Sitze her⸗ unter, ſpazieren hin und her, und geben Acht, ob aus dem Hauſe nicht ein als Pierrot blaugewürfelt gekleideter Mann heraus tritt, um in den Fiaker zu ſteigen.“ „Gekleidet wie Sie?“ „Wie ich.“ „Und nachher?“ „So fahren Sie mit Ihrem Wagen dem nach, in welchen er geſtiegen iſt, halten wo dieſer hält, und ſehen Sie den Pierrot irgendwo ausſteigen, ſo ſagen Sie es mir.“ „Verſtanden! Das muͤſſen Sie mir aber doch zuge⸗ ben, daß es hochſt drollig iſt, eine wie Sie ſagen ſo ernſt⸗ hafte Sache zwiſchen Pierrots verhandelt zu ſehen. ... „Es iſt freilich ſehr ſonderbar, mein braver Jerome. Aber noch etwas ſehr Wichtiges. Im Falle Sie mich ſpaͤter in der Nacht zuruͤckkommen, und mit dieſem Pierrot in ren Wagen ſteigen ſehen .. „Mit dem blaugewuͤrfelten?“ „Mit dem! dann nehmen Sie ſich, ich beſchwore Sie, auf's Sorgfältigſte in Acht, mich nicht Martin zu nennen. ii Ihnen dieſer mein Name, ſo wäre Alles ver⸗ oren!“ „Alle Wetter!“ „Das iſt noch nicht genug. Um ihn noch mehr zu verwirren „den andern Pierrot ſo antworten Sie mir, wenn wir beide ruͤckkehrend zuſammen in den Wagen ſteigen, und ich Ihnen ſagen ſollte, da⸗ oder dorthin zu fahren: Ja, Herr Marquis.“ „Damit Sie der andere Pierrot fuͤr einen Marquis halte.“ „Ganz recht. Er muß mich fuͤr das halten, was ich nicht bin.“ Ehe Jerome nun auf ſeinen Sitz ſtieg, ſagte er noch ganz ernſthaft und faſt geruͤhrt zu mir: „Sagen Sie doch ſelbſt, mein lieber Martin, wer haͤtte das je ſagen ſollen, als ich Sie am erſten Tage Ihrer Ankunft in Paris von der Straße Montblane bis zum Sackgaͤßchen des Fuchſes fortleierte. Ich ſpreche mit Ihnen blos davon, weil mir die Idee ſo durch den Kopf fuhr.“ Und damit ſprang Jerome auf ſeinen Sitz, und rief ſeinen Pferden zu: „Cololle und Colo, vorwaͤrts!“ Jerome hatte Recht. Wer haͤtte das je ſagen ſollen? an dem Tage wo ich mich allein in Paris, ohne Hilfsmittel, ohne Stuͤtze, ohne Bekanntſchaften befand. Noch eine ſeltſame Bemerkung draͤngt ſich mir durch Jerome's Betrachtung auf. Ich hatte mich ſeines Wagens bedient, um meine erſten Fahrten in Paris zu machen, und werde mich auch ohnſtreitig deſſelben zu meinen letzten be⸗ dienen, denn wenn ich mich nicht getaͤuſcht habe, wenn die Inſpiration, der ich bei dieſer feierlichen Gelegenheit ge⸗ horcht, gut und richtig war, (und das werde ich bald erfah⸗ ren) ſo werde ich Claude Gerard wiederfinden . ich werde meine Pflicht erfullt haben, meine Aufgabe wird zu Ende ſein mit meinen Kräften denn ſie ſind erſchoͤpft trotz meiner ſtrengen Entſchloſſenheit iſt die Atmoſphäre, in wel⸗ cher Regina lebt, zu gluhend fuͤr mich. In meinen Mantel feſt eingehuͤllt, neigte ich mich aus dem Fenſter des Wagenſchlages, ich erblickte, wie ich es erwartet hatte, einen Fiaker an der Hausthuͤr. Jerome ſtieg von dem ſeinigen herab. Nachdem er eine Zeit lang auf dem Trottoir hin- und hergegangen war, und leiſe ein Stuͤckchen gepfiffen hatte, trat er zu ſeinen Kameraden, und knuͤpfte ein Geſpraͤch mit ihm an. Nach etwa zehn Minuten hoörte ich eine ſchlie⸗ ßen, und den Fuͤrſten rufen: „Holla! Kutſcher!“ Gleich darauf kam Jerome an die Wagenthuͤr und agte: „Der Pierrot iſt im Kaͤfig aber Sie haben ſich getaͤuſcht.“ „Wie ſo?“ „Dieſer Pierrot iſt nicht blau wie Sie.“ „Nicht?“ „Er iſt grau, ha, ha, ha!“ Wahrhaftig,“ ſagte ich zu Jerome, denn dieſe Trun⸗ kenheit waͤre meinen Plänen ſehr entgegen geweſen. „Laſſen Sie ihn keine Secunde aus den Augen!“ rief ich; „verloͤren Sie ihn, ſo waͤre Alles verloren.“ „Seien Sie ganz ruhig, der hintere Tritt des Wa⸗ gens ſol meinen Pferden zur Krippe dienen.“ Jerome peitſchte auf ſein Geſpann los, und wir flo⸗ gen fort. Je naͤher der Augenblick zum Handeln kam, je mehr war ich in das ernſteſte Nachdenken verſunken, da hielt der Wagen plotzlich. „Nun?“ fragte ich Jerome, eins der Vorderfenſter öff⸗ nend. „Was giebt's?“ „Der Wagen des Andern iſt vor einem Liqueurgewoͤlbe angehalten,“ antwortete Jerome halb laut. „Gut! da ſteigt der Pierrot heraus! .. Er geht in den Troͤſtungsladen. Gut!“ „Ich bezweifle,“ ſagte ich voll Angſt, da ich die Fol⸗ gen dieſer Bacchusopfer fuͤrchtete. „Vorwaͤrts!“ rief wieder Jerome. „Er iſt nicht lange darin geweſen .. Der Burſche ſcheint an ſo etwas ge⸗ woͤhnt.“ Und wir ſetzten unſere Fahrt fort. Nach einer Viertelſtunde neues Anhalten. „Nun? was giebts denn wieder?“ fragte ich Jerome. „Der Wagen des Andern haͤlt vor einem Gewuͤrzkrä⸗ mer.“ „Verdammt!“ rief ich. „Es ſcheint, als ob der verteufelte Pierrot den Pips habe,“ ſagte Jerome. „Je nun, er hat ein Recht dazu .. das iſt eine Vogelkrankheit.“ Nach einer Secunde begann Jerome wieder: „Da kommt er ſchon wieder . Er muß ein Decret beſitzen, ſo ſchnell ſchlucken zu koͤnnen .. Vorwaͤrts!“ Seit 20 Minuten fuhren wir nun weiter. Ich be⸗ gann ruhiger zu werden, denn ich hatte neue Stationen be⸗ fuͤrchtet. Wir befanden uns eben in der Vorſtadt Saint⸗ Martin. Neues Anhalten. Noch einmal rief ich Jerome zu: „Diesmal iſt es etwas Anderes, es geſchieht vor einem Weinhaͤndler der Pierrot hat Durſt, er wird ſich erfri⸗ ſchen wollen . nach dem Liqueur und Schnaps eine Flaſche Wein, das beruhigt.“ — 1 — „Sieht er ſehr betrunken aus?“ fragte ich Jerome mit ſteigender Angſt. „Nein, nicht zu ſehr da, da kommt er wieder er gruͤßt einen Voruͤbergehenden mit vielem Reſpect .. er kann noch gehen und recht gerade kaum daß er ein wenig ſchwankt .. Gut! da wird er wieder einge⸗ packt ... Vorwaͤrts!“ Endlich fuhren wir aus der Barriere Saint⸗Martin. Zehn Minuten nachher hielt der Wagen vor einer mit Lam⸗ pen erleuchteten Thuͤre, die hinter einem Transparent ſtan⸗ den, auf welchem mit großen rothen Buchſtaben zu leſen war: Zum Stelldichein der Titi, Großer Ball in Putz und Traveſtirung. Immer herein, immer herein. Ich oͤffnete den Kutſchenſchlag, ſtieg aus dem Fiaker, und ſagte zu Jerome, indem ich ihm auf der andern Seite der Gaſſe die Ecke eines finſtern Gaͤßchens zeigte: „Wartet auf mich, lieber Jerome, in dieſem Gäͤßchen, gehen Sie nicht von Ihrem Sitze, ich bitte Sie, und erin⸗ nern Sie ſich meiner Anempfehlung.“ „Sie koͤnnen ſich darauf verlaſſen, Herr Marquis!“ antwortete mir Jerome halb leis, um mir zu beweiſen, daß er nichts vergeſſen habe. „Aber eilen Siel da nimmt ſchon der andere Pierrot ſein Billet an der Kaſſe!“ In der That wartete hinter fuͤnf bis ſechs andern ver⸗ kleideten Perſonen der Fuͤrſt von Montbar ſeine Reihenfolge ab, um „ein Eintrittsgeld an einem kleinem Pfoͤrtchen zu be⸗ zahlen, das von zwei Munizipalgardiſten bewacht wurde. Ich ſtellte mich unmittelbar hinter den Fuͤrſten um ihn nicht aus den Augen zu verlieren. So nahm ich mein Eintritts⸗Billet nach ihm, und folgte ihm Schritt vor Schritt. Nachdem ich durch eine Art ziemlich langen Ganges gekommen, an deſſen beiden Seiten ſich Stuͤbchen befanden, die fuͤr die Trinker beſtimmt, traten wir in einen außeror⸗ dentlich großen Saal, den Kronleuchter mit duͤſtern, rau⸗ chenden Lampen erleuchteten, die nur ein ſchwaches Licht verbreiteten, und eine Gallerie oder Tribune, welche in ei⸗ ner Hoͤhe von ſechs bis ſieben Fuß um zwei Seiten dieſes Parallelogramms ging, faſt ganz im Dunkeln ließ. Auf ihr befanden ſich eine große Menge Tiſche und Tabourets fuͤr Trinker, die von dieſer Erhoͤhung aus, auf den Foſtuͤmball einen Einblick hatten. Einen Augenblick lang war ich durch den Höllenlärm des Orcheſters ganz betaͤubt, das blos aus Blechinſtrumen⸗ ten beſtand, die ſo gellend klangen, daß ſie den Tumult des unermeßlichen Knäuls von 500 Perſonen uͤbertaͤubten, welche ſprachen, ſangen, lachten, ſchrieen und heulten, während der Fußboden, von dem ſich ein Staubnebel erhob, unter dem raſenden Getrampel der Tanzenden droͤhnte. Ich erkannte bald an den unedlen Phyſiognomieen und den ſchmutzigen Reden der meiſten Koryphäen dieſes Balls, daß er hauptſaͤchlich von jener groben, muͤſſigen und entar⸗ teten Volkshefe beſucht ward, von welcher dieſe großen Knei⸗ pen wimmeln. Die Koſtuͤms waren faſt alle ſchmutzig, unanſtaͤndig, haͤßlich, oder von einer Gemeinheit welche die Freiheit eines Carnevaltages allein ſich ausdenken konnte. Nur mit Muͤhe konnte ich eine Art von Unwohlſein uͤberwinden, welches auf Neulinge dieſe Hitze, dieſer Tumult, dieſer häß⸗ liche und erſtickende Geruch hervorbringen mußte. Mein ſo ſonderbar bemaltes Geſicht zog mir ſogleich eine Menge — 131 — Anreden in einer fuͤr mich unuͤberſetzlichen Sprache zu, dann aber wurde ich vergeſſen. Ich ging einige Schritte vom Fuͤrſten entfernt ihm voraus, und kehrte dann wieder um, um mich mit ihm zu kreuzen, und recht genau ihn zu betrachten. Er ſchien mir trotz der haͤufigen Libationen, und deſ⸗ ſen was Jerome geſagt hatte, doch nicht grau, ſondern ſein Einhergehen war feſt, ſeine Zuͤge aber bleich, ſeine Augen roth und brennend, ſein Laͤcheln bitter. Ich ſah deutlich, daß ein trauriger, innig trauriger Gedanke den Fuͤrſten wider ſeinen Willen in Mitten der Betaͤubung und voruͤbergehenden Abſtumpfung, worein er ſich zu ſtuͤrzen ſuchte, beherrſchte. Ich bemerkte in ſeiner Phyſiognomie einen Ausdruck von Ekel und zuruͤckgehaltenem Zorne, als er vom Strome dieſes gemeinen Haufens hin- und hergeworfen, groͤblich ge⸗ ſtoßen und in der Sprache der Hallen angeredet wurde. Nach einer Viertelſtunde unſers Eintretens waͤhlte der Fuͤrſt, ohnſtreitig um uͤber dieſes ungelegene Zartgefühl zu ſiegen, und ſich bis zum Taumel zu betaͤuben, die Gelegen⸗ heit eines wuͤthenden, durch den Saal tobenden Galopps, und umſchlang ohne Umſtände eine furchtbare, iſolirte Schaͤ⸗ ferin, die ſich mit dem groͤßten Vergnuͤgen dieſer Entfuh⸗ rung hingab, und ſturzte mit ſeiner Taͤnzerin mitten in die ſchauderhafte Ronde, indem er gleich den andern Taͤnzern ein wahnſinniges Geſchrei ausſtieß. Mit einem Sprunge war ich auf den Stufen der Treppe, die zu den Seitengallerieen fuhrte. Von hier aus konnte ich dem Fuͤrſten faſt immer mit den Augen folgen. Trotz der ungeregeltſten Hingebung zeigte ſich doch an ihm weder Freude noch Trunkenheit, ſon⸗ dern er ſchien mir vielmehr von einem duͤſtern Wahnſinn — beſeſſen. Statt durch die Aufregung dieſes wuͤthenden Tan⸗ zes röther zu werden, wurde ſein Geſicht immer bleicher, ſein Laͤcheln immer krampfhafter. Dieſer Fuͤrſt, den Natur und Gluͤck ſo wunderbar be⸗ gabt hatte, dieſer Mann, der Gatte des anbetenswertheſten Weibes auf der Welt, dieſer Mann, der einen der ſchoͤnſten Namen Frankreichs trug, dieſer Mann, der mir in den Strom ſchmutziger Geſchöpfe ſo fortgeriſſen ſich zeigte, floͤßte mir von Neuem ein tiefes Mitleid ein. Sich ſo blind in einen ſolchen Schlamm ſtuͤrzen, um brennenden Kummer zu vergeſſen, ſchien mir ſchlimmer als ein Selbſtmord. Der Galopp war zu Ende. Er hatte den Fuͤrſten faſt bis unten an den Fuß der Treppe gefuͤhrt, auf welcher ich ſtand. Die Höflichkeit die⸗ ſes Hauſes erforderte es ohnſtreitig, daß der Taͤnzer ſeine Täͤnzerin zu Erfriſchungen fuͤhrte, denn die abſtoßende, rohe, ſchwitzende, athemloſe Schaͤferin, mit ſchmutzigen Struͤm⸗ pfen und Rockchen, bemächtigte ſich entſchloſſen des Armes, womit der Fuͤrſt ſie umſchlungen hielt, und ſagte ihm mit lauter Stimme: „Da wir jetzt auf Tod und Leben galoppirt haben, mein Freund Pierrot, ſo bezahle auch ein Schluckchen fuͤr mich.“ Der Fuͤrſt, deſſen Geſicht immer duͤſterer zu werden ſchien, machte ſich gewaltſam aus der vertrauten Umarmung der Schaͤferin los, und ſagte zu ihr: „Geh zum Teufel!“ „Nein, ſo laß ich Dich nicht los,“ erwiderte das häß⸗ liche Geſchoͤpf und klammerte ſich an des Fuͤrſten Arm, — „wenn wir werden geſchnaͤpſelt haben, dannl“ „Wirſt Du gehen!“ rief wuͤthend der Fuͤrſt, und ſtieß die Schäferin ſo heftig von ſich, daß ſie taumelte, und ihren Extänzer mit den gemeinſten Schimpfreden uberſchuͤttete. Dann bemerkte ſie in der Maſſe einen Tuͤrken mit widrigem Geſichte und herkuliſcher Geſtalt, ſprach heftig mit ihm, und zeigte dabei auf den Fuͤrſten. Dieſer ſtieg, ohne ſich weiter mit dem Vorgefallenen zu beſchaͤftigen, lang⸗ ſam die Treppe hinauf, wo ich ſtand, und ſetzte ſich in ei⸗ nen finſtern Winkel der Gallerie, an einen einzeln ſtehen⸗ den Tiſch, gleich allen denen, die ſich weiter hinten befanden und keine Ausſicht auf den Saal hatten. Die Schäferin und der Turke, die ich nicht aus den Augen ließ, ſprachen leis mit einander, und ſchaarten ſich bald darauf zu anderm nicht minder ſchlechten Geſindel als ſie ſelbſt, verloren ſich in der Menge, und drehten ſich blos mehre Male um, auf den Fuͤrſten zornige und drohende Blicke werfend. Jetzt hörte ich, wie der Fuͤrſt, der einige Schritte hinter mir ſaß, von den Aufwaͤrtern ſich eine Flaſche Brantwein holen ließ. Dann ſtuͤtzte er ſich auf den Tiſch, ließ ſeine Stirn in beide Haͤnde ſinken, und blieb ſchweigſam und finſter. Fuͤr mich war jetzt der Augenblick zum Handeln ge⸗ kommen. Ich wollte den Fuͤrſten nicht trunken werden laſſen, und er ſchien mir jetzt nuͤchterner zu ſein, als bei ſeiner Ankunft auf dem Ball, denn offenbar hatte die un⸗ edle Hingebung, der er ſich uͤberlaſſen, ſeine Sinne mehr abgekuhlt als erhitzt. Bweites Rapitel. Martins Tagebuch. (Fortſetzung.) Indem ich nun zu dem Tiſche trat, auf den ſich der Fuͤrſt geſtutzt hatte, ſtellte ich mich etwas betrunken, und ſuchte die grobe Sprache nachzumachen, die hier Sitte war. „Alle Wetter! Tauſend Teufel! Trinkt man denn hier ſo allein fuͤr ſich?“ ſagte ich zu meinem Herrn, und klopfte ihn vertraulich auf die Achſel. Der Fuͤrſt hob ploͤtzlich den Kopf empor, und ſah mich mit ſtolzer, verwunderter und verdruͤßlicher Miene an. „Nun denn, alſo?“ fuhr ich ihn fixirend fort; „ich ſage Dir, Alterchen, daß ein Menſch, der allein trinkt, mir zuwider iſt .. das iſt ein Hageſtolz bei der Flaſche.“ „Du haſt wahrhaftig Recht,“ antwortete der Fuͤrſt, deſſen Zorn einer Art erzwungener und herber Luſtigkeit wich; „es iſt langweilig, allein zu trinken ... Und dann, waͤrs auch nur um der ſcheußlichen Tötowirung willen, womit Du Dir das Geſicht beſchmiert haſt, Du verdienſt, daß man eine Flaſche fuͤr Dich zahlt. Laß Dir ein Glas geben .. und ſtoßen wir an.“ „Schoͤn! ... Kellner, ein Glas!“ „Da iſt eins.“ — 6 — „Hoͤre einmal,“ fragte mich der Furſt nach einer Pauſe, „amuͤſirſt Du Dich hier recht? .. laß hören, ob Du recht froͤhlich biſt?“ „Und Du, Alterchen, amuͤſirſt Du Dich auch?“ „Alle Wetter,“ verſetzte der Fuͤrſt, „ich muß mich wohl amuͤſiren .. weil ich hier bin.“ „Das iſt kein Grund.“ „Bah?“ „Man geht alle Tage irgendwohin, und wird dort zum Thiere.“ „Warum geht man denn aber da?“ „Warum betrinkt man ſich denn? He, Alterchen? das geſchieht doch nicht um des Weins oder Branntweins willen, Geſoff, das oft der Teufel nicht mochte.“ „Warum trinkt man denn ſonſt?“ „Ei, alle Donnerwetter! um ſich zu betaͤuben, um zu vergeſſen was an uns nagt.“ „Ach!“ ſagte der Fuͤrſt mit einer nachdenkenden, trauri⸗ gen Miene, die mich ergriff. „Ach Du alſo Du trinkſt um Dich zu betaͤuben . um zu vergeſſen?“ „Zum Henker! Ich ſchleppe die ganze Woche uͤber an meinem Klotze . und Sonntags .. wenn ich trinke, bin ich Koͤnig, wie unſer Beranger ſagt . und dann kann ich Dir auch ſagen Alterchen . als Dein Freund ..“ „Freund?“ „Nun, als Dein Bekannter, wenn Du lieber willſt.“ „Ah! Du kennſt mich alſo?“ „Als ob ich Dich aufgezogen haͤtte.“ Der Fuͤrſt zuckte die Achſeln und ſagte: „Nun gut, laß hoͤren ... was kannſt Du denn einem Freunde ſagen ... da ich nun einmal Dein Freund bin.“ „Alterchen! Ich habe Herzweh.“ Martin. MK. 2 — Der Furſt ſtieß ein höhniſches Gelächter aus, und verſetzte: „Herzweh? Du! das muß luſtig ſein. Erzahle mir doch!“ „Stelle Dir vor .. Alterchen ... daß ich eine Frau häte „Teufel!“ „Nun denn Alterchen .. meine Frau. . . .“ „Deine Frau?“ „Hat mir den Streich geſpielt, mit einem Andern .. ſich einzulaſſen.“ „Wahrhaftig!“ ſagte der Fuͤrſt und ſein Geſicht ver⸗ finſterte ſich. Sein Lächeln wurde ſchnell faſt ſchmerz⸗ lich . „Wahrhaftig, armer Junge ... Deine Frau macht Dir Herzweh?“ „Eine gar ſchoͤne Frau!“ „Das iſt bei dieſen immer ſo ... und weißt Du auch gewiß?“ . „Nur zu gewiß, armes Alterchen ... und uͤberdies .. ein Militair .. . „Ein Militair!“ „Ein Soldat vom Geniecorps!“ Der Fuͤrſt bebte, wurde purpurroth, faßte ſich aber. „Ein präͤchtiger Menſch .. 5 Fuß 6 Zoll, und wenn Du ihn in Uniform faͤheſt, mein armes Alterchen, in Uni⸗ ſ „Schon gut, ſchon gut!“ rief plotzlich der Fuͤrſt, und ſchlug auf den Tiſch . „genug davon!“ „Nicht wahr, Alterchen .. es iſt doch bei alledem grundhaͤßlich, ſich ſagen zu muͤſſen .. . meine Frau . eine ſo ſchone Frau . und hat mich. .. .“ — — „Ei! was geht das mich an ... Deine Frau?“ rief der Fuͤrſt voll Ungeduld. „Auf der andern Seite,“ fuhr ich fort, ohne auf die Unterbrechung meines Herrn zu achten; „muß man auch billig ſein . meine Frau war ganz in ihrem Reche .. „Woruͤber beklagſt Du Dich denn da?“ „Woruͤber ich mich beklage, armes Alterchen? Aber ſo ſtelle Dir doch nur vor, daß trotz ihres Soldaten vom Genie mit welchem ſie mich ungluͤcklich gemacht hat . ich ſie doch noch anbete . . .“ „Dann biſt Du ein feiger Menſch!“ rief mein Herr immer aufgebrachter durch die eigenthuͤmlichen Annäherungs⸗ punkte, die er in einer erdichteten Lage mit der ſeinigen fand. „Dann biſt Du ein elender Kerl . .. wenn Du ſie noch liebſt.“ „Das kannſt Du leicht ſagen .. Du, armes Alter⸗ chen . weil Du ſie nicht kennſt .. eine ſo ſchöne Frau.“ „Schon gut . ſchon gut! . . hor' auf!“ „Sieh nur erſt dieſen Morgen . ſah ich ihre Silhouette an, Du kennſt ja dieſe kleinen Profils auf ſchwarzem Papier, die fuͤnf Sous koſten. Ich hatte ſie fruͤher einmal machen laſſen ... und da ſagte ich zu mir, indem ich ſie ſo anſah, und an ihren Soldaten vom Genie⸗ corps dachte .. wie ſchade doch, daß .. „Aber Du erbaͤrmliche Memme!“ rief der Fuͤrſt, und knirſchte vor Wuth mit den Zaͤhnen: „warum haſt Du ihn denn nicht umgebracht, dieſen Menſchen, da er Dich ent⸗ ehrte?“ „Du alſo, Du haͤtteſt ihn umgebracht, Alterchen?“ Dann aber, als bereue er es, ſeine peinigenden Ge⸗ fuͤhle zu verrathen, die ihn marterten und mir das bewieſen 2* was ich zu wiſſen ſo ſehr bedurfte, daß er naͤmlich Regina noch leidenſchaftlich liebte, ſetzte der Furſt ungeduldig hinzu: „Und uͤbrigens iſt mir das ganz einerlei .. Trinken wir, und dann, gute Nacht! . . ich habe es ſatt, Deine Klagelieder mit anzuhoͤren.“ „O, mein Alterchen,“ ſagte ich zum Fuͤrſten, im Tone des Vorwurfs, „das iſt nicht huͤbſch . . . einen Freund ſo fortzuſchicken .. der in der Noth iſt .. . einen alten Freund „Er iſt bloͤdſinnig!“ ſagte der Fuͤrſt die Achſeln zu⸗ ckend. „Einen Freund ſo zu behandeln,“ begann ich wieder meine Worte langſam betonend, „einen Bekannten, aus der Schaͤnke zu den drei Tonnen.“ Bei der Erinnerung an dieſe Schaͤnke, in der er ſich oft betrunken hatte, konnte der Fuͤrſt eine Aufwallung un⸗ ruhiger Ueberraſchung nicht verbergen, und ſagte: „In der Schaͤnke zu den drei Tonnen? da irrſt Du Dich! dieſe Kneipe kenne ich nicht.“ „Geh doch! wir haben dort zwanzig Mal mit einander getrunken es iſt freilich ſchon lange her .. „Das iſt nicht wahr.“ „Hoͤre, Alterchen, das will ich Dir beweiſen . . Eines Abends im Monat December .. es war ein Hunde⸗ wetter .. . da warſt Du in den drei Tonnen .. Du tran⸗ keſt eine Flaſche Branntwein.“ „Das bin ich nicht geweſen, ſage ich Dir, elender Dummkopf,“ rief der Fuͤrſt, . „Du biſt beſoffen!“ „Das iſt ein wenig ſtark! Als ob ich Dich nicht kennte, als ob ich nicht wuͤßte, wie Du hießeſt?“ „Alſo Du weißt meinen Namen?“ „Alle Wetter, Du nennſt Dich .. „Ich nenne mich?“ „Georges „Warum nicht Jean Louis, oder Jean Pierre?“ „Warum, Alterchen? weil Du Dich Georges Fuͤrſt von Montbar nennſt.“ Dieſe letzten Worte hatte ich ſehr leiſe ausgeſprochen, um nur von meinem Herrn, nicht aber von den uͤbrigen Andern gehoͤrt zu werden. Auch rief der Fuͤrſt in ſeinem erſten Staunen, wo er an meine Worte nicht glauben konnte noch wollte, und mich mit ſtarrem Auge und ver⸗ zerrten Zuͤgen anſah, aus: „Was ſagſt Du da?“ „Ei zum Henker, Alterchen,“ entgegnete ich aufs Ein⸗ fältigſte von der Welt, „ich fagte Dir, daß Du Dich Ge⸗ orges Fuͤrſt von Montbar nennſt ... was iſt denn da Er⸗ ſtaunliches?“ „Ungluckſeliger!“ rief mein Herr, und ſtand mit vor Zorn funkelnden Augen, vor Scham geroͤtheten Wangen, und mit drohender Miene auf. „Nun jal was giebts denn, Alterchen? Du biſt ja ganz außer Dir, weil ich Dir ſage, daß Du der .. .“ „Wirſt Du ſchweigen!“ rief der Fuͤrſt, und blickte ängſttich um ſich, voll Furcht, daß andere Mittrinker mich gehoͤrt haben koͤnnten. Dann ſchlug er, um eiligſt dieſen unwuͤrdigen Ort zu verlaſſen, wo er erkannt worden, auf den Tiſch, und rief: „Kellner!“ „Wie Alterchen? Du verlaͤſſeſt Deine Freunde?“ „Kellner!“ rief der Fuͤrſt, und ſprang ohne mir zu antworten auf. „Alter, bleibe doch!“ ſagte ich zu ihm, indem ich ſelbſt aufſtand; „denn Du läſſeſt ja ſo einen Freund in der Noth ſtecken ich klammre mich an Deinen Hals . ich laſſe Dich nicht los, und rufe Dich bei Deinem Namen als Fuͤrſt . ſo laut, wie Du eben den Kellner riefſt.“ Dieſe Drohung ſchreckte meinen Herrn, und hielt ihn zuruͤck. Er trat wieder an den Tiſch, und ſah mich einige Secunden mit zorniger Aufmerkſamkeit an, und ſuchte ohn⸗ ſtreitig unter der Malerei meiner Zuͤge zu erkennen, oder zu errathen. Da ihm dies aber nicht gelang, ſagte er zu mir, indem er ſich wieder uͤberall umſah, voll Angſt: „Laß hoͤren, was verlangſt Du, um Dein Maul zu halten, Schurke? Geld, nicht wahr?“ „Ich will mein Herz vor Dir ausſchuͤtten, armes Alterchen, von vergangenen Zeiten ſprechen . und wenn Du mir das abſchlägſt, ſo nenne ich Dich laut . ſo rufe ich die Titis, und die andern tollen Masken herbei, und ſage ihnen: Heda, heda! hoͤrt nur, kommt und ſeht die Kurioſi⸗ täͤt auf unſerm Balle! dieſer Pierrot den ihr da ſeht, das iſt kein Pierrot, das iſt der ...“ „Ich beſchwoͤre Dich, ſchweige!“ rief mein Herr mit faſt flehender Stimme, denn ich hatte laut genug geſpro⸗ chen, um die Trinker ſich nach uns hin wenden zu ſehen. „In meiner Boͤrſe ſind zwanzig Louisdor,“ ſetzte der Fuͤrſt leis hinzu, „komm hinaus .. mit mir — ſie ſind Dein.“ „Kenne ſchon, mein Alterchen .. Du wirſt mir ſie nicht geben.“ „Ich ſchwore es Dir.“ „Und dann, ſiehſt Du,“ fuhr ich fort, und nahm die Halsſtarrigkeit eines Betrunkenen an; „Dein Geld ver⸗ ſchaffte mir doch keine Freude ich koͤnnte mein Herz nicht ausſchuͤtten .. in Deinem Gelde ... waͤhrend vor einem Füͤrſten mich ausſchutten .. . ſo einem wie Du .. einem aͤchten Fuͤrſten der trinkt und ſchwaͤrmt . . mit den — — gemeinſten Leuten ... mit der erſten beſten Canaille . der ſo ganz nicht ſtolz iſt . . . dieſer Wonne kann ich nicht ent⸗ ſagen ich muß mich ausſchuͤtten! Alſo ſetze Dich nie⸗ der, und laß uns von unſern Angelegenheiten ſprechen . mein Alterchen . .. daruͤber werde ich meine Frau vergeſſen.. wenn Du mir es abſchlaͤgſt, noch ein Bischen zu plaudern. „Heda! ſo kommt her . „Schweig doch! .. . ich bleibe ja,“ rief der Fuͤrſt .. „wenn ich Dir ſage, daß ich bleiben will .. und dann,“ ſetzte er mit zuruͤckgehaltener Wuth hinzu: „ſo laß hoͤren . was willſt Du? .. . aber geſchwind, und dann aus!“ „Was zum Teufel aus! wir haben ja noch gar nicht angefangen!“ „Oh!“ ſagte der Fuͤrſt, hob die Augen zum Himmel und ſchlug mit beiden Faͤuſten auf den Tiſch: „Was fuͤr eine Marter!“ „Alſo Alterchen, Du kennſt mich wirklich nicht? . wahrſcheinlich iſt's meine Malerei, die Dich verwirit macht.“ Der Fuͤrſt biß vor Wuth in ſein Schnupftuch. „Nun denn ſieh! ich will Dich an etwas er⸗ innern, Alterchen, das Dir gleich auf die Spruͤnge helfen ſoll. Eines Abends trankſt Dr eine Flaſche in der Schaͤnke zu den drei Tonnen .. da haſt Du Schnaps umgegoſſen, den Finger hineingeteucht, und auf der Wachsleinwand einen Namen geſchrieben „Einen Namen, ich?“ „Ja doch, ja! .. den Namen Regina . wie?“ Der Fuͤrſt ſprang vom Stuhle auf, dann blieb er ei⸗ nen Augenblick ſchweigend, mit ſtarrem Auge, in Nachden⸗ ken verſunken. Ohnſtreitig hatte er noch eine dunkele Et⸗ innerung an jenen Abend der Trunkenheit, denn ohne es zu wagen mir zu widerſprechen, rief er wie von Son niedergedruͤckt aus: „Schweige! ich verbiete es Dir, dieſen Namen auszu⸗ ſprechen.“ „Sieh doch? und weßhalb denn das, Alterchen? Einen Namen, den Du ſelbſt auf einen Schaͤnktiſch zum Spaße ſchriebſt? . . . und den ſelbſt an dieſem Abende ein Betrun⸗ kener buchſtabirt hat ... mit Aufſtoßen zum Erſchrecken ... R und E das macht RE und dann ſchwankend 6 und I das macht 61 „Ungluͤckſeliger!“ rief der Fuͤrſt außer ſich; „ſo willſt Du denn daß ich .. „Wenn Du ſo ſchreiſt, Alterchen,“ unterbrach ich ihn, „ſo ſchreie ich noch ſtaͤrker als Du, aber Deinen Namen ... Holla heh! Ihr Titis! Holla! .. „Iſt dieſer Menſch denn ganz des Teufels? Wer iſt es nur?“ murmelte der Fuͤrſt, und ſuchte wieder meine Zuͤge zu erkennen. Als er ſah, daß ihm dies unmoͤglich, ſagte er mit einem Seufzer: „Unmoͤglich! unmoͤglich! . . dieſe Stimme? . . dieſer Ton? ich weiß durchaus nicht .. .“ „Es iſt doch drollig, daß Du mich nicht wieder erkennſt, Alterchen! .. Laß ſehen, ob ich durch etwas Anderes Dir auf die Spur helfen kann. Erinnerſt Du Dich noch an eine famoſe Nacht, die wir zuſammen in einem (ich ſagte ihm das Wort ganz leis) . . an der Barriere der Paillaſ⸗ ſons zubrachten? . Es war da ein Lumpenſammler mit uns, der uns mit ſeinen Geſchichten zum Lachen machte .. und Weiber, aber was fuͤr Weiber .. Es gab da beſonders eine große Blonde mit einer Soldatenmuͤtze einem Erbſtuͤck von einem Invaliden die Dich mit den Augen zu verſchlingen ſchien .. Erinnerſt Du Dich noch? . — 6 — man nannte ſie den Wiſchlappen, wegen ihres Anzuges Du warſt ſo in ſie geſchoſſen, daß Du ihr in dieſem Schuſſe den Namen gabſt, den Du eines Tages auf den Tiſch in der Schänke geſchrieben hatteſt . und ſie hat ihn meiner Seel! ſeitdem behalten, und dieſes Maͤdchen Du mein Gott, ja! ... man nennt ſie in der Anſtalt dort nicht mehr den Wiſchlappen, ſondern Regina.“ Ich hatte einen furchtbaren, aber gerechten und noth⸗ wendigen Schlag auf ihn fallen laſſen. Zum erſten Male, davon bin ich uͤberteugt, hatte endlich der Fuͤrſt volles Bewußtſein der Schaͤndlichkeit ſeiner Be⸗ ſuche, und der unwuͤrdigen Folgen, welche ſie haben mußten. Denn dieſer letzte Zug, unter dem ich ihn einen Augenblick vernichtet und zerſchmettert ließ, war, wenn auch nicht wahr, doch wenigſtens ſo wahrſcheinlich, daß es mir nach dem Ausdrucke der Angſt und furchtbaren Schande, die ſich auf des Fuͤrſten Geſicht zeigte, vorkam, als ſage er zu ſich ſelbſt: „Habe ich denn in meiner Trunkenheit an einem ſchaͤndlichen Orte den Namen eines weiblichen Weſens ausſprechen kön⸗ nen, das jetzt den meinen traͤgt? und warum nicht? habe ich doch auch Regina auf einen Schaͤnktiſch geſchrieben.“ Auf die Vernichtung, in welche der Fuͤrſt einen Moment verſunken war, folgte ein ſolcher Anfall von Wuth, daß er mich uͤber den Tiſch heruͤber am Arme packte, ihn gewaltſam preßte urd ausrief: „Du lügſt, dieſe ſchaͤndliche Inſolenz ſollſt Du mir theuer bezahlen!!“ Meine Kraͤfte waren denen des Fuͤrſten bei weitem uͤberlegen, ſo bezaͤhmte ich ihn denn meinerſeits bald, und faſt ohne Lärmen drückte ich ihm das Handgelenk ſo ſtark, daß er meinen Arm losließ. Plötzlich gab ein unerwarteter Zufall meiner Unterre⸗ — — dung mit dem Fuͤrſten einen neuen Charakter, einen neuen Gang. Im Ballſaale entſtand ein erſt dumpfes, und dann Kan⸗ eres Laͤrmen. Ich ſah nach der Seite hin, von welcher dieſes wachſende Getos kam, und erblickte etwa zwanzig Schritt von uns die furchtbare Schäferin, die der Fuͤrſt, nach⸗ dem er mit ihr getanzt, ſo hart von ſich gewieſen hatte. Dieſes, durch eine große Menge von Geſchoͤpfen ihrer Art verſtaͤrkte Weibsbild ſchrie, ſchimpfte, und geſtikulirte, in⸗ dem es ſich nach der Gegend hin richtete, wo wir uns be⸗ fanden. Sogleich begriff ich die Gefahr, von welcher der Fuͤrſt bedroht war, und rief ſelbſt wahrhaft erſchreckt aus: „Das Weib, der Sie abſchlugen mit ihr zu trinken, nachdem Sie mit ihr getanzt hattten, hat eine Menge Mit⸗ genoſſen angeworben .. Schen Sie nur ſie kommen näher! . Seien wir auf unſerer Huth!“ „Davon iſt nicht die Rede!“ rief der Fuͤrſt voll Wuth, und ohne dahin ſehen zu wollen, wohin ich zeigte. „Ich muß augenblicklich wiſſen, wer Du biſt, Schurke!“ Ich ſtellte mich nun vor den Prinzen, richtete mich empor, änderte ſchnell Sprache und Sitten, affectirte ſogar Ausdrucke und Art eines Menſchen aus der vornehmen Welt, eine Nachahmung, die mir um ſo leichter war, als ich bei meiner großen Beobachtungsgabe täglich im Hotel Montbar ſeit einem Jahre Sein und Sprechen der ausgezeichnetſten Perſonen von Paris ſah und hoͤrte. Nun wendete ich mich mit feſter, ruhiger und vollkommen gemaͤßigter Stimme an den Fuͤrſten: „Ich habe die Ehre, Ihnen zu wiederholen, mein Prinz,“ ſagte ich zu ihm, „daß die Annaͤherung dieſer Lente da, ge⸗ fahrdrohend iſt. Wir ſind hier nur zwei Perſonen ge⸗ — bildeten Standes ... wir laufen Gefahr, hier hinausgewor⸗ fen zu werden.“ Das Erſtaunen des Fuͤrſten, als er mich ſo ſprechen hoͤrte, war noch ergreifender als es vorher der Fall geweſen. Sein Zorn, ſeine Scham erhoͤhten ſich ſo zu ſagen, mit der Stellung in der Geſellſchaft, die er bei mir vorausſetzte, aber ſeine heftigen Empfindungen gaben ſich auch auf an⸗ dere Weiſe kund. Er fuͤhlte ſich ohnſtreitig erleichtert, als er glaubte, es mit einem Manne von Stand zu thun zu ha⸗ ben, und als ſeine Erregung ihm erlaubte zu ſprechen, ſagte er mit einer Stimme, die er ruhiger zu machen ſuchte, zu mir: „Ich weiche nicht von Ihnen, mein Herr, bis ich weiß wer Sie ſind ... Ich begreife jetzt Alles, es hat kein Wort in unſerer Unterredung gegeben, das nicht ein belei⸗ digendes Epigramm, eine beſchimpfende Anſpielung enthalten haͤtte! Das verlangt furchtbare Genugthuung, Herr . und ich werde dieſe erhalten ... Ich kann Ihnen dieſe auf Ihr Geſicht gemalte Maske nicht entreißen ... aber von dieſem Augenblicke an klammere ich mich an Sie, und .. Dann unterbrach ſich der Fuͤrſt, und ſetzte mit voll⸗ kommener Wuͤrde hinzu: „Doch nein nein, ich werde nicht noͤthig haben, mich zu einem, fuͤr Sie und mich unangenehmen Extreme her⸗ abzulaſſen, . . Herr, Sie ſind ein Mann der feinen Welt, ſagen Sie mir ſelbſt .. und wenn das der Fall iſt ſo werden Sie nicht zögern ſich zu nennen, nach dem was zwi⸗ ſchen uns vorgefallen iſt.“ „Seien Sie ruhig, mein Herr, ich werde mich als Chrenmann bewaͤhren ... Sie werden Alles erfahren, . was Sie erfahren ſollen .. aber Sie ſind hier in Gefahr, mein Herr jeder Ruͤckzug iſt Ihnen abgeſchnitten Blicken Sie hinter ſich (der Fuͤrſt wendete, indem er mit mir ſprach, dem Saale den Ruͤcken) wir können nur mit vieler Energie aus dieſem Mordwinkel entkommen Ich ſage, wir, mein Herr, fur's Erſte, weil zwei wohlerzogene und beherzte Männer ſich in ſolchen Verhaͤltniſſen gegenſei⸗ tig unterſtuͤtzen muͤſſen .. und fur's Zweite, weil die Dro⸗ hung, die Sie eben an mich gerichtet haben, mir jetzt faſt das Recht verleiht, Ihre Gefahr zu theilen.“ „Ich danke Ihnen, mein Herr . und nehme es an, Ihre Sprache, ja ſelbſt Ihr Gefuͤhl bei dieſer Gelegenheit beweiſen mir wenigſtens, daß das was ſpaͤter unter uns vor⸗ gehen wird .. unter Maͤnnern von Anſtand vorgehen wird.“ „unterdeß, mein Herr,“ ſagte ich zum Fuͤrſten, und zerbrach mit einem kraͤftigen Fußtritt ein Tabouret, und haͤn⸗ digte ihm alsdann eins von den Beinen deſſelben ein, die hierdurch zu kurzen, derben Stoͤcken wurden; „bewaffnen Sie ſich damit, greifen Sie aber ja nicht ſelbſt an nur wenn man Sie angreift .. ſo ſchlagen Sie derb zu, und in die Geſichter.“ Wahrend ich dieſe ruhigen und hoͤflichen Worte zu dem Fuͤrſten ſprach, die ihn in Staunen ſetzten, ſah ich den Sturm zunehmen. Die fuͤrchterliche Schaͤferin und eine Menge widriger Perſonagen, wuͤrdig, dieſe Creatur zu un⸗ ſtuͤtzen, hatten ſich am Fuße der einzigen Treppe geſchaart, durch welche es uns moͤglich wurde von der Gallerie herab⸗ zuſteigen. Zwei bis drei Munizipalgardiſten, welche auf Ord⸗ nung ſehen ſollten, ſtanden oben weit entfernt. Uebrigens ſetzte auch hier, wie es ſtets an ähnlichen Orten geſchieht, die Mehrzahl derer, die ſie beſucht und ihre Freude an Streit und Scandal findet, der Polizei eine gewaltige ab⸗ wehrende Kraft entgegen, indem ſie ſich zu einer compacten und lange Zeit undurchdringlichen Maſſe bildet. So kom⸗ — — men denn die Repraͤſentanten der öffentlichen Macht faſt immer zu ſpat, um oft blutige Colliſionen zu verhindern. Ein neuer Zufall, auf den ich nicht geachtet hatte, ver⸗ mehrte noch die Unordnung, und ſteigerke die Beſchaͤmung des Fürſten auf den höchſten Punkt. Wir hatten uns oben an der Treppe vorſichtiger Weiſe in Vertheidigungsſtand geſetzt, da wir ſo ziemlich auf die Neutralitat der Trinker auf der Gallerie rechnen konnten, weil dieſe Leute weniger ſtreitſuchtig als die andern. Sie hatten mich das Tabouret zerbrechen, und ſeine Truͤmmer zwiſchen mir und meinem Gefaͤhrten vertheilen ſehen, und fingen alſo an auf die Tiſche zu ſteigen, um die Schlaͤge unpartheiiſch zu beurtheilen. Das Ungewitter begann durch eine Ladung von Schimpf⸗ reden, die zu meiner großen Verwunderung ſich an meinen Herrn richteten, den man zwar nicht als Fuͤrſt von Mont⸗ bar, aber doch als einen Gelbhandſchuh und Geputzten er⸗ kannte, ummich der Sprache dieſes Orts zu bedienen. Ein Titi, ein Burſche von zwanzig Jahren, mit unedlem Geſicht, der in den erſten Reihen des Haufens ſtand, rief mit hei⸗ ſerer Stimme, den Fürſten bezeichnend: „Oho! ſeht doch den unverſchaͤmten Pierrot, der unſere Frau immer mißhandelt und ſchlͤgt, es iſt ein Schuft, ein Gelbhandſchuh! ich kenne ihn!“ „Er? dieſe Kroͤte da?“ „Man muß ſie zertreten!“ „Weißt Du es auch gewiß, Titie daß er ein Gelb⸗ ling iſt?“ „Ja doch, ja! ich habe ihn mehr als zwanzigmal zu Pferd und zu Wagen in den eliſaͤiſchen Feldern geſehen, wo ich Cigarrenſtuͤmpchen aufleſe.“ „Was will er denn hier, der Zierbengel?“ — 30 — „Gehen wir denn etwa auch in ihre Schaͤnkenbaͤlle?“ „Oho! dieſer Angeputztel er will uns wohl Trotz bieten?“ „Weil er Waͤſche auf dem Leibe hat.“ „Dieſer Herr da! er will ſich amuͤſiren, wenn er die Canaille rutſchen ſieht.“ „Sind wir denn etwa zum Amuͤſiren da? He! ſage, Du Schuft!“ „Ja, ſag' einmal, haͤßliche Schnauze!“ Bei dieſen ſchmutzigen Schimpfreden wurde der Fuͤrſt purpurroth im Geſicht, ſeine Augen funkelten vor Wuth, er wollte ſich Kopfuͤber in dieſe Maſſe ſtuͤrzen, ich errieth aber ſeine Bewegung, und ergriff ihn am Arme. „Sie ſind verloren, wenn Sie oben von dieſer Treppe weichen, ruͤhren Sie ſich nicht, und ſehen Sie ihnen gerade in's Geſicht .. . aber keinen Laut . kaltes Blut und Schweigen imponiren ſtets.“ Der Fuͤrſt folgte meinem Rathe, und in der That nahm das Schimpfen auch einen Augenblick lang an Heftigkeit ab, und die Angreifenden blieben unentſchloſſen, denn unſere Stellung war, militciriſch genommen, vortrefflich. Wir hatten die Hoͤhe einer Treppe inne, auf welcher kaum zwei Perſonen zugleich hinaufſteigen konnten, waren mit guten Stocken bewaffnet, und erſchienen der Menge ruhig, entſchloſſen, zu Allem bereit. Prittes Rapitel. Martin's Tagebuch. (Fortſetzung.) Dieſer Waffenſtillſtand dauerte kaum eine Minute. Die fuͤrchterliche Schaͤferin wendete ſich an ihre Genoſſen, und fing mit ſcharfer, heiſerer Stimme, den ganzen Larm uͤbertönend, zu ſchreien an: „Was fuͤr Menmen ſeid Ihr doch, daß Ihr den Ge⸗ Putzten da Euere Weiber ſchlagen, und ſie mißhandeln laßt! Ja, er hat mich geſchlagen .. . er hat mich Geſindel ge⸗ nannt.“ „Er iſt ſelber Geſindel.“ „Wart' doch einmal,“ rief ein Wilder, der durch das Geſchrei dieſer Megaͤre aufgeregt, zwei Stufen der Treppe hinan ſtieg, und einen Augenblick lang noch unentſchloſſen ſtehen blieb, „ich will ihm an die Haut kommen, dieſem Schoͤn⸗ geputzten da!“ „Er iſt ein Spion,“ ſagte ein Anderer. „Ja, es iſt ein Spion, ja, ja“riefen mehre Stim⸗ men. „Sonſt kaͤme er nicht hierher.“ „Auf den Spion los!“ „Nieder mit dem Spion.“ „Man muß ihn ausfaſern . ihn zu Charpie ma⸗ en!“ „Aber es ſind ihrer zwei ... zwei Geputzte!“ rief eine Stimme, „der andere Pierrot hat auch ein Stuhlbein ge⸗ nommen.“ „Aber bedenkt doch, die Gensd'armen!“ „Was geht das uns an? die Gensd'armen? ſchließt Euch nur dicht an einander,“ ſagte der als Wilder gekleidete Mann; „ſo ſchnell als man eine Pfeife zerbricht, und dann iſt von den beiden Geputzten nichts mehr.“ „Halten Sie ſich bereit,“ ſagte ich leis zum Fuͤrſten, „der Augenblick iſt da, keine erſten Angriffe, machen Sie es mir nach.“ „O, mein Herr! ſo viele Beleidigungen einſchlucken,“ murmelte der Fuͤrſt, bleich vor Wuth, aber voll Muth und Kraft. Kaum hatte ich ihm anempfohlen ſich bereit zu halten, als der Wilde die letzten Treppenſtufen hinaufſtieg, und bis zu uns kam. Ich ſtellte mich vor den Fuͤrſten, und ſagte dem Wilden, indem ich ihn, ohne einen Zollbreit zu⸗ ruckzuweichen, feſt anſah: „Ruͤhre mich nicht an!“ „Du willſt mich wohl freſſen?“ „Ruͤhre mich nicht an!“ Da!!!“ rief der Mann, die Hand auf mich erhe⸗ 7 bend. Aber ehe er mich getroffen hatte, warf ihn ein der⸗ ber Schlag des Stuhlbeins, den ich ihm zwiſchen die Augen beibrachte, die Treppe hinunter. Dieſe kräftige That verſchuͤchterte einen Augenblick lang die Angreifer. „Halten wir uns nur noch zwei bis drei Minuten hier tapfer,“ ſagte ich zum Fuͤrſten, „und wir ſind ge⸗ rettet. Ich ſehe dort unten die Gensd'armen, ſie werden ſich anſtrengen, durch die Menge zu kommen, um uns zu helfen. Noch hatte ich nicht geendet, als ſchon ein athletiſcher Tuͤrke ſich auf die Treppe ſchwang. „Du willſt auch eins haben,“ ſagte ich zu ihm. „Ja, ich will Dir eins verſetzen,“ und damit ſchlug er auf mich los. Bi Ich hob meinen Stock, um zu antworten, als der Ge⸗ fährte des Turken ſchnell wiederkehrte, mich bei den Bei⸗ nen ergriff, und mich zu Falle brachte. Dagegen that der Fuͤrſt einen Schlag ſtatt meiner, aber mein Sturz war das Signal zu einem allgemeinen Angriff. Im Augenblicke, wo es mir mit unerhörter Anſtrengung gelang, wieder aufzu⸗ ſtehen, ſah ich den Fuͤrſten niedergeworfen, mit Fuͤßen ge⸗ treten und ins Geſicht geſchlagen, und den Tuͤrken, wie er auf deſſen Bruſt knieete, und ihm den Hals zuſchnuͤrte⸗ Da ich einen Augenblick lang von meinen Gegnern mich befreit hatte, warf ich mich auf den Tuͤrken, ergriff ihn an den Haaren, zog ihn ruͤckwaͤrts zuruͤck, und befreite ſo den Fuͤrſten. Er konnte nun auf die Kniee ſich aufrichten, und wenigſtens mit beiden Armen den Hagel von Schlaͤgen ab⸗ wehren, die auf ihn abgeſehen waren. Glucklicher Weiſe war es unten den drei bis vier Gensd'armen muͤhſam gelungen, ſich durch die Menge hin⸗ durch zu arbeiten. Bei ihrem Anblick verſchwanden, wie es ſtets zu geſchehen pflegt, die Wuͤthendſten unſerer Angreifer, die Menge wich zuruͤck, und es bildete ſich ein großer leerer Raum um die Treppe, den Ort des Kampfes, her. Wir waren ſichtlich ſo gereizt worden, das Blut, das dem Geſichte des Fuͤrſten entſtroͤmte, zeigte ſo deutlich die Rohheit des Angriffs, deſſen Opfer wir waren, daß die Martin. IR. 3 Gensd'armen, welche ſonſt nur zu ſehr geneigt ſind, bei den haͤufigen Prugeleien an dieſen verworfenen Orten Schla⸗ gende und Geſchlagene feſtzunehmen, doch uns veranlaßten, aus Vorſicht den Ball zu verlaſſen, und als wir unſere Zeche und das zerbrochene Tabouret bezahlt hatten, unſern Ruͤckzug beſchutzten. Dieſe Entwicklung war mir vollkommen angenehm. Ich hatte einen Augenblick gefuͤrchtet, mit dem Fuͤrſten ver⸗ haftet zu werden. Er wäre dann genöthigt geweſen, ſeinen Namen zu nennen, und auch ich hätte den meinen ſagen muͤſſen. In welcher ſchrecklichen Verlegenheit wuͤrde ich mich da befunden haben! Uebrigens wußte ich nun, was ich vor Allem hatte wiſſen wollen: der Fürſt liebte ſeine Frau noch leidenſchaft⸗ tich. Ohnſtreitig hatte ihr Stolz und die Furcht ſich lůͤ⸗ cherlich zu machen ihn gehindert, dieſe Eiferſucht Reginen zu geſtehen, und zu verſuchen ihre Verzeihung zu erhalten. Kurz, der Fuͤrſt ſuchte Betäubung ſeines Kummers in der ſchmach⸗ vollen Herabwuͤrdigung. Nur eine einzige Sache konnte mich fuͤr ihn intereſſi⸗ ren .. . die Beſtaͤndigkeit ſeiner Liebe zu Regina. Die Ausdauer dieſes Gefuͤhls bewies mir, daß ſein Herz noch nicht ganz aufzugeben war. Ich hatte uͤbrigens ſo viel ge⸗ litten, und litt noch faſt dieſelben Schmerzen, ſo daß ich mehr als Jemand an den ſeinigen haͤtte Theilnahme haben ſollen, aber der Stolz des Fuͤrſten, ſeine falſche Scham, und die unedle Zerſtreuung, die er gegen ſeine Leiden aufſuchte, flößten mir nur ein verachtungsvolles Mitleiden ein. Dieſer Mann bot mir, ſelbſt noch in ſeiner Liebe, keine Gewaͤhr fuͤr Regina's zukunftiges Gluͤck dar. Dagegen aber hegte ich außerordentliches Vertrauen fuͤr den Charakter, den Geiſt und ſelbſt den perſoͤnlichen Muth des Kapitain Juſt. 1 — — Da ich es alſo faſt in meiner Macht hatte, die letzte Be⸗ denklichkeit zu heben, welche Regina hinderte, ihren Gemahl zu verlaſſen, und den Entſchluß zu faſſen, ihr ganzes Schick⸗ ſal der Liebe Juſt's anzuvertrauen, ihm, dem ſie die Wie⸗ derherſtellung des Andenkens ihrer Mutter verdanken ſollte, ſo war ich ziemlich entſchloſſen, das Zunglein der Wage ſich zu des Kapitains Gunſten entſcheiden zu laſſen. Wenn, ich jedoch an die außerordentliche Verantwortlichkeit dachte die ich uͤber mich nahm, ſo wollte ich mich noch in einer letzten Unterredung mit dem Fuͤrſten vergewiſſern, ob denn durchaus nichts mehr von ihm fuͤr Regina's Glück zu hoffen ſei. Der Fuͤrſt bat, als er unter dem Schutze der Gensd'ar⸗ men den Saal verlaſſen hatte, um ein wenig friſches Waſ⸗ ſer, um ſich das Blut abzuwaſchen, von dem ſein Geſicht be⸗ deckt war. Seine Phyſiognomie kam mir duͤſter und trüb vor. Ohnſtreitig war der Auftritt, in welchem er eine ſo ungluͤckliche Rolle geſpielt, ihm doppelt unangenehm geweſen, weil auch ich Mitſpieler und Zeuge dabei geweſen, ich, den er fuͤr Seinesgleichen hielt, ich, der ſchon einige Geheim⸗ niſſe beſaß, deren Veroͤffentlichung ſo nachtheilig fuͤr ihn werden konnte. „Jetzt, mein Herr,“ ſagte er zu mir, ſobald wir außer⸗ halb des Ballſaales waren, jetzt werden Sie mir hoffentlich Ihren Namen ſagen. Ich muß doch wenigſtens,“ ſetzte er mit Bitterkeit hinzu, „erfahren, wem ich die unverhoffte Hilfe verdanke, ohne welche mich dieſe Elenden mordeten. Habe ich einmal die Schuld meiner Dankbarkeit dann abge⸗ tragen, mein Herr,“ begann der Fürſt wieder mit verſtörter Stimme und wachſender Erregung, „ſo werde ich Rechen⸗ ſchaft von Ihnen fordern.. fuͤr die Beleidigungen.“ 3* — 36 — „Mein Herr,“ antwortete ich, „erlauben Sie mir, Sie zu unterbrechen. Es iſt nicht gerathen, an der Thuͤr der Schaͤnke ſtehen zu bleiben, die wir eben verließen es regnet. Ich habe mich mit einem Fiaker fuͤr die Nacht verſorgt .. Erzeigen Sie mir die Ehre, einen Platz darin anzunehmen, im Falle Ihre Leute nicht in der Naͤhe ſind.. ich werde mich gluͤcklich ſchaͤtzen, Sie an Ihrer Thuͤr ab. zuſetzen.“ „Mein Herr,“ rief der Fuͤrſt, „glauben Sie nicht, mir zu entwiſchen ich muß wiſſen, wer Sie ſind, und ich werde es erfahren.“ „Ich mache Ihnen blos bemerklich, mein Herr,“ ver⸗ ſetzte ich, „daß ich um ſo weniger Ihnen zu entwiſchen ſuche, als ich Sie bitte, mir die Ehre zu erzeigen, mit mir in ei⸗ nen Wagen zu ſteigen. „Gut denn, mein Herr,“ ſagte der Fuͤrſt; „ich es an.“ In einigen Minuten hatte wir die kleine finſtere Straße erreicht, in welcher Jerome auf mich wartete, der auf ſeinem Sitze eingeſchlafen war. Ich fuͤrchtete, daß, wenn er ploͤtzlich geweckt wuͤrde, er meine Anempfehlungen vergaͤße, und mich Martin nenne. So bat ich denn den Fuͤrſten, zuerſt in den Wagen zu ſteigen, und rechnete darauf, Jerome zu wecken. Der Fuͤrſt aber ſchuͤttelte ihn in ſeiner Ungeduld heftig, indem er ihn am Kragen ſeines Carrik zog. Meine Angſt war grenzenlos, als ich den braven Kut⸗ ſcher gähnen und ſich ſtrecken, endlich noch ganz im Schlafe ſagen hoͤrte: „He? was giebts denn? da bin ich ja!“ „Vorwaͤrts, Jerome, mein braver Burſche, ſputen * Sie ſich,“ ſagte ich ganz laut. „Machen Sie uns doch die Wagenthuͤr auf!“ und dabei betonte ich das Wort uns. Jerome erinnerte ſich vortrefflich meiner Anempfehlung, denn vom Bocke herabſpringend, ſagte er ehrerbietig zu mir? „Ach mein Gott! ich bitte tauſendmal um Verzeihung. Ich war eingeſchlafen, mein Herr Marquis.“ „Mein Herr Marquis! .. Gut!“ ſagte der Prinz halblaut zu ſich ſelbſt, als er hörte, wie der Kutſcher mir dieſen Titel beilegte. „Wollen Sie die Guͤte haben einzuſteigen, mein Herr,“ ſagte ich zu dem Fuͤrſten, in dem Augenblicke, wo ich ihn aufmerkſam die Nummer des Fiakers betrachten ſah. Ohn⸗ ſtreitig wollte er dieſe ſich merken, mittels derſelben Jerome wiederfinden, und von dieſem meinen Namen erfahren, wenn ich fortfuͤhre ihn zu verbergen. Das war fuͤr mich doch zu ernſt. Ich kannte Jerome's Anhaͤnglichkeit und Red⸗ lichkeit, er wußte aber nicht, wie höchſt wichtig es fur mich ſei, daß der Fuͤrſt meinen wahren Namen nicht erfahre. Jerome konnte alſo, durch allzugroße Anerbietungen gewon⸗ nen, ganz einfach ſagen, daß ich Martin heiße. Ungluͤck⸗ licherweiſe war es mir nicht möglich, jetzt den wackern Mann zu warnen, und ich furchtete vor Ablauf dieſer Nacht nicht dazu kommen zu konnen, da ich nicht wußte, welche unvor⸗ hergeſehene Zufaͤlle meine Unterredung mit dem Fuͤrſten her⸗ beifuͤhren wuͤrde. „Wollen Sie die Guͤte haben einzuſteigen, mein Herr,“ wiederholte ich dem Fuͤrſten nochmals. „Verzeihen Sie, mein Herr,“ ſagte er, zuerſt ein⸗ ſteigend. Ich ſtieg nach ihm ein. Wohin ſoll ich aber den Herrn Marquis fahren?“ fragte mich Jerome, als er die Wagenthür ſchloß. „Zu Ihnen daͤchte ich, mein Herr,“ ſagte ich zu dem Fuͤrſten. „Gut, zu mir, mein Herr,“ antwortete dieſer nach einem augenblicklichen Schweigen. „Sind wir einmal da . werde ich ſehen, was zu thun iſt.“ „Univerſitaͤtsſtraße,“ ſagte ich zu Jerome. „Ich will Ihnen Halt zurufen, wenn wir da ſind.“ Der Wagen fuhr ab. „Jetzt, mein Herr Marquis,“ ſagte lebhafter der Fuͤrſt zu mir, „da ich durch die Indiscretion dieſes Kutſchers we⸗ nigſtens Ihren Titel kenne, werden Sie mir wohl auch hoffentlich Ihren Namen nicht laͤnger verbergen.“ „Mein Herr,“ entgegnete ich, „die Unterredung, die wir haben werden iſt ſehr ernſt .. „O ja, wichtig und ernſt,“ rief er. „Dann haben Sie die Guͤte, mein Herr, mich einige Augenblicke anzuhoͤren, ohne mich zu unterbrechen, außer⸗ dem wuͤrden wir eine koſtbare Zet verlieren.“ „Sprechen Sie, mein Herr.“ „Mein Herr, Sie ſind der unglucklichſte aller Men⸗ ſchen.“ . „Es iſt unerhoͤrt!“ rief der Furſt aus, von ſeinem Sitze aufſpringend, „auch Mitleid! .. Nun gut! . Immer weiter! .. Ich habe zu ſchweigen verſprochen „ich will den Kelch bis auf die Hefe leeren.“ Dann ſagte er wieder mit Bitterkeit: „Mitleid einfloͤßen!“ . „Das nicht, mein Herr, aber die aufrichtigſte Theil⸗ nahme.“ „Und wodurch habe ich die Ehre Ihrer aufrichtigen Theilnahme verdient, mein Herr?“ fragte der Furſt in auf⸗ geregtem und hoͤhniſchem Tone. S „Durch Ihr Ungluͤck.“ „Mein Ungluͤck .. wahrhaftig?“ „Ja, Ihr Ungluͤck .. Herr, es iſt furchterlich. Sie lieben Ihre Gemahlin noch leidenſchaftlich, ſeit achtzehn Mo⸗ naten kaͤmpfen Sie vergebens gegen dieſe Liebe. Um ſie zu überwinden, verſuchen Sie alles Gute wie Schlechte, und fuͤhlen unendlich die furchtbaren Qualen der Eiferſucht. Und doch weinten Sie noch geſtern aus Liebe und Verzweif⸗ inng vor dem Gemaͤlde Ihrer Gemahlin.“ Es lag unſtreitig ſo viel Uebergewicht in der Aufrich⸗ tigkeit meines Ausdrucks und der Wahrheit der Thatſachen, an die ich den Fuͤrſten erinnerte, und er war ſo betroffen, mich von Dingen unterrichtet zu ſehen, von denen er glaubte, es wiſſe ſie Niemand, daß ſein Staunen ihn Anfangs zu antworten hinderte. „Und eben deshalb, weil in Ihrem Herzen noch eine innige und heiße Liebe lebt,“ fuhr ich mit warmer Ueberzeu⸗ gung fort, „nehme ich wahrhaften Antheil an Ihrer Lage, und glauben Sie mir, mein Herr, Ihre Lage iſt nicht ver⸗ zweiflungsvoll. Wahre Liebe kann Wunder wirken. Und kehrten Sie nicht bereits vor ſechs Monaten, als Sie end⸗ lich uͤber den Muͤſſiggäng errotheten, in welchem Ihr Leben bis dahin verfloſſen, mit Muth zu einer Ihrer wuͤrdigern Lebensweiſe zuruͤckt zu einer Lebensweiſe, würdiger des glor⸗ reichen Namens, auf den Sie ſtolz ſind, ſtolz ſein müſſen, denn Ihr Ahnherr, deſſen Bruſtbild Sie zu ſich kommen ließen, um ſich an ſeinem großen Beiſpiele zu begeiſtern. . „Es iſt zum Raſendwerden,“ rief der Fuͤrſt, faſt mit einem wuͤthenden Ausdruck, „ich weiß nicht ob ich wache oder träume! Wer iſt dieſer Menſch, wie hat er . „Dieſer berüͤhmte Krieger, mein Herr, von dem Sie abſtammen,“ fuhr ich fort, ohne mich von jener Unter⸗ 1 — — brechung ſtören zu laſſen, „der Marſchall, Fürſt von Mont⸗ bar, hat Ihnen einen glorreichen und verehrten Namen hin⸗ terlaſſen. Im Kriege hat er heldenmuͤthig fuͤr Frankreich gekaͤmpft, im Frieden die Parthei der Enterbten ergriffen, und fuͤr dieſe Rechte erworben, die man ihnen weigerte. Dieſe herrliche Laufbahn Ihres Ahnherrn mußte fuͤr Sie, mein Herr, eine große Lehre werden. Eines Tages hatten Sie dies begriffen . eines Tages hatte ſich endlich Ihr Adel, Ihr wahrer Adel, der der Seele, gegen Ihr unfrucht⸗ bares Leben empoͤrt, gegen jene Verirrungen, bei deren Er⸗ innerung ich Sie dieſen Abend von Scham und Schmerz niedergedruͤckt geſehen habe, wenn Sie an jene ſchaͤndlichen Entweihungen dachten, die ich Ihnen dadurch noch auf⸗ fallender zu machen ſtrebte, daß ich die rohe Sprache der Elenden, mit denen Sie verkehrten, annahm.“ „Aber, mein Herr, laſſen Sie mich doch endlich wiſ⸗ ſen, ob Sie ein Freund oder Feind ſind!“ rief der Fuͤrſt wider Willen geruͤhrt. „Sind Sie ein Freund, wozu die⸗ ſes Geheimniß? Und uͤbrigens, mein Herr,“ ſetzte er hin⸗ zu, ſich ſchäͤmend, ſeine Ruͤhrnng verrathen zu haben, „mit welchem Rechte ſprechen Sie ſo mit mir? Ich will nicht, daß 4 „O, Sie werden mich bis zu Ende hoͤren,“ rief nun ich, „vergebens wollen Sie es vor mir verbergen, Sie ſind geruͤhrt, nicht durch meine Vorwuͤrfe, denn ich habe kein Recht, dieſe Ihnen zu machen, aber durch das Mitgefuͤhl, das ich Ihnen zeige, als ein Mann von Herz, der dazu ge⸗ ſchaffen iſt, und den edlen Schluß, den Sie gefaßt hatten, zu verſtehen um zu ehren, denn es war ſchoͤn und gut und edel von Ihnen, mein Herr, die Liebe Ihrer Gemahlin wiedergewinnen zu wollen, indem Sie ſich eben ſo zu ihr hingezogen zeigten, als fruͤher, aber mehr als fruher eine — 41 — moraliſche Kraft zeigten, die Ihnen Ihren Glanz wiederver⸗ lich. Ach! Warum dieſe unſelige Entmuthigung?“ „Warum?“ rief der Fuͤrſt, wider Willen fortgeriſſen, gleichviel ob durch die Macht dieſer ſonderbaren Lage, oder durch die Ruͤhrung, welche meine Worte in ihm weckten: „warum ich nicht beharrte? .. Dann unterbrach er ſich raſch: „Aber bin ich nicht ein Thor, Ihnen zu antworten? Welch Recht haben Sie auf mein Vertrauen? Wer ſind Sie nur, mein Herr, daß Sie meine Vergangenheit, die innerſten Eigenſchaften derſelben, die Geheimniſſe meines Herzens kennen? Ja, wer ſind Sie, der mir Geſtaͤndniſſe entlocken will, die ich noch Niemand gethan habe? Sie, der mich doch umbringt, mich vor Ihren Augen rechtferti⸗ gen zu wollen? Sie, den ich nicht kenne, der hier ſitzt, im Dunkel neben mir, Sie, den ich nie anders geſehen habe, als in einem laͤcherlichen Koſtuͤm, und das Geſicht unter einer greulichen Maske verborgen? Bin ich denn wirklich wach? Iſt nicht Alles was in dieſer unſeligen Nacht vor⸗ gegangen, ein Traum? Was wollen Sie von mir? Was iſt Ihre Abſicht? Sind Sie ein Feind, ſind Sie ein Freund? Antworten Sie, mein Herr, antworten Sie!“ Dann fuhr der Fuͤrſt, ohne mir Zeit zu einem Worte zu laſſen, in einer Art von Geiſtesverwirrung fort: „Nun denn, Freund oder Feind, was verſchlaͤgts, Sie wiſſen ſolche Geheimniſſe von mir, mein Herr, daß ich Ihr Leben haben muß, oder Sie das meine . Und jetzt, da Sie Geſtändniſſe von mir verlangen . eins mehr gleich⸗ viel .. morgen ſollen Sie es mir theuer bezahlen!! Dank Ihnen uͤbrigens, mein Herr. Dieſe ſeit langer Zeit ver⸗ borgenen Schmerzen erſticken mich . Da ſchickt mir die Hoͤlle einen Vertrauten!! Wohlan denn! ja, ich bete noch immer meine Frau an und ſie verachtet mich und — — ſie liebt einen Andern! .. Ja, um ſie wiederzugewin⸗ nen, wollte ich beſſer werden . ein würdigeres Leben füh⸗ ren. Wenn ich es nicht verachte, in dieſem Streben zu beharren .. ſo geſchah es, weil ich durch das einzige Weſen nicht unterſtuͤtzt noch ermuthigt ward, das mich im Verhar⸗ ren haͤtte beſtaͤrken, in mir, wenn es gewollt, eine voll⸗ ſtändige Veraͤnderung hatte hervorbringen koͤnnen. Aber es war zu ſpät . Kaͤlte und Hohn nahmen meine erſten Strebungen auf. Da fehlte mir dann die Entſchloſſenheit, und ich verſank wieder in dieſes Leben, deſſen Nichtigkeit ich fuhle, und das ich durch den Kontraſt der roheſten Ein⸗ druͤcke, die ich an den unedelſten Orten aufſuche, ertraͤglich zu machen ſtrebte, indem ich heut in meinem Hotel lebe, und morgen mich in irgend einer ſcheußlichen Kneipe zu be⸗ tauben ſuche. Nun denn dieſe Gegenſaͤtze haben füt mich eine Art von gewaltſamem Zauber gehabt. Und Sie, der es wagt, mich zu tadeln, wiſſen Sie denn auch nur, wie und durch wen und warum ich zu dieſen Gewohnhei⸗ ten bizarrer Herabwuͤrdigung gebracht worden bin?“ Die Aufregung des Furſten war außerordentlich, und ſtieg immer noch höher. Ich ſah ihn im Begriffe ein Geſtänd⸗ niß zu machen, das auf meine fernere Entſchließung großen Einfluß haben konnte, und fuͤrchtete durch ein unbeſonnenes Wort ihn zu ſich zu bringen. Daher ſchwieg ich, und er fuhr mit verdoppelter Bitterkeit fort: „Es iſt ſo leicht, Jemand zu beſchuldigen, wenn man weder auf Erziehung noch Umſtaͤnde Ruͤckſicht nimmt. Iſt es denn mein Fehler, wenn ich, mit dem eilften Jahre ver⸗ waiſ't, durch Verwandte erzogen worden bin, die von den Leuten von 1760 uͤbrig geblieben waren? Mit fuͤnfzehn Jahren fuͤhlte ich einen Beruf zum Militair. Pfui doch! antwortete man mir, kann denn ein Fuͤrſt von Montbar auf Schulbaͤnken unter Buͤrgerlichen ſitzen, und von dort unter das Commando Gott weiß was fuͤr eines Menſchen ſich ſtellen? das iſt ja unmoͤglich. So entſagte ich denn dem Militairſtande. Später, als ich achtzehn Jahr alt, hatte ich Luſt in die Diplomtiae zu treten. Dieſelbe Ant⸗ wort: Die Buͤrgerlichen haben ſich uͤberall eingedrängt. Kann denn ein Fuͤrſt von Montbar Attache“ oder Secretair des Herrn Geſandten Gott weiß wer ſein? Gehen Sie doch! In dieſen ungluͤckſeligen Zeiten bleibt ein Fuͤrſt von Montbar, der ſich ſelbſt achtet, ſechs Monate des Jahres auf ſeinen Guͤtern, reiſet zwei Monate, und wohnt die uͤbrige Zeit im Hotel Montbar. So blieb ich denn muͤſſig, ohne Be⸗ ſtimmung, ohne Ausſicht jetzt. Und wiſſen Sie, wer mich vollendet hat? Mein alter Onkel, der nicht muͤde ward, von den koͤſtlichen Parthieen zu ſprechen, welche die vorma⸗ ligen großen Herren machten, wenn ſie in Bauerkleidern à la Galiotte oder aux Porcherons gingen. Das war ſo allerliebſt, ſagte er. Wir verließen unſere Puder und Degen, um den Kittel des niedrigſten Burſchen anzuziehen, und fan⸗ den aux Porcherons friſche kleine Dingerchen, die wir ihren Tölpeln wegſiſchten. Manchmal gabs auch ſogar einige Fauſtſtoße. Man tobte, man betrank ſich, man encanail⸗ lirte ſich! Das war allerliebſt. Wie wir nun Hans Goͤrge oder Peter Michel geweſen waren, ſo wurden wir wieder Herr Herzog, Herr Marquis, und nachdem wir das Röck⸗ chen einer Griſette zerknittert hatten, zerknitterten wir das einer Herzogin. Dieſe Kontraſte waren deliziss! Und nun ſagen Sie ſelbſt,“ fuhr der Fuͤrſt immer belebter wer⸗ dend fort, „was ſollte aus einem Knaben von 18 Jahren werden, der ſo erzogen wurde, und Herr eines großen Ver⸗ moͤgens, muͤſſig, ohne Fuͤhrer und allein war, und un⸗ — — gluͤcklicher Weiſe nur zu ſehr die Art dieſes allerdings bi⸗ zarren, unedlen und albernen, aber doch wirklichen Reizes des Kontraſt's zweier ſo entgegengeſetzter Exiſtenzen, auf der Höhe der geſelligen Leiter, und auf ihrer unterſten Staffel begriff? O mein Gott! er endet damit, ſich dieſer Art von Leidenſchaft hinzugeben, wie Andere der Leidenſchaft dis Spiels, und das that ich denn auch, denn in dieſen Rontraſten habe ich das Gleiche an jenen Wechſelfäͤllen des Verluſts oder Gewinns wiedergefunden, welche das Leben des Spielers ausmachen. Geſtern Gold, heute Elend! So auch ich mit meiner Leidenſchaft! Ich ging aus einem ungeſunden Loche, von Galgenſtricken bevölkert, mit denen ich mich betrunken hatte, fort, und trat wieder bei mir ein in mein Hotel, wo alle ehrfurchtsvolle Diener meiner war⸗ teten! In der Nacht hatten mich verlorne Maͤdchen, in Lumpen gehuͤllt, geduzt, ich hatte ihnen gefallen, und am Abende in der großen Welt ſagte meine edle, junge, reizende, mit Diamanten und Blumen geſchmuͤckte Geliebte auch garz leis hinter ihrem Bouquet Du zu mir. Kurz, was ſoll ich Ihnen ſagen? mitten in dieſen glaͤnzenden Feſten, wohin ich in prachtvoller Equipage gekommen war, inmit⸗ ten dieſer Bälle, wo ſich die eleganteſte Ariſtokratie Europa's drängte, dachte ich: ich, der ich heut hier unter meines Gleichen bin, ich war geſtern um dieſe Zeit mit ſchmutzigen Kleidern, in einer ſcheußlichen Winkelkneipe mit Lumpen⸗ ſammlern und dem Auswurfe der Straßenmädchen. Nun ſo ſagen Sie ſelbſt, mein Herr, daß dieſe Leidenſchaft aller⸗ dings abgeſchmackt, unedel, herabwürdigend und herabge⸗ wuͤrdigt ſein mag, aber geſtehen Sie wenigſtens, daß man ſie ohne ſie deshalb zu entſchuldigen, doch begreifen und zugeben kann, eben ſo gut, wie die Leidenſchaft zum Spiel. Oh, mein Herr, wenn ich Geſchmack an der Gemeinheit faͤnde (um der Gemeinheit willen) . . ſo wuͤrde ich mein ganzes Leben darin zubringen.“ Hier unterbrach ſich der Furſt ſelbſt einen Augenblick, ſo groß war ſeine innere Ruͤhrung. eines Gedankens enthielt, der in ſeiner Anwendung edel und Viertes Rapitel. Martins Tagebuch. (Fortſetzung.) Ich geſtehe es; auf die Verachtung, die mir die Ge⸗ ſchmacksentartung des Fuͤrſten von Montbar anfangs ein⸗ gefloͤßt hatte, folgte nun verdoppeltes Mitleid. Ich ent⸗ ſchuldigte jene ſonderbare Herabſetzung nicht, aber, wie er ſagte, ich begriff ſie, begriff ſelbſt, ſo haͤßlich ſie auch war, die Art eigenthümliche Poeſie ſolcher Kontraſte, ich fuhlte“ das Anziehende, das fur einen ſeit langer Zeit blaſirten, ob⸗ gleich noch jungen Mann, dieſe Abwechslungen auf die hoh⸗ len und eintoͤnigen Zerſtreuungen reichen Muͤſſigganges ha⸗ ben mußten. Nun pries ich mich doppelt gluͤcklich, daß ich mir dieſe Unterredung mit dem Fuͤrſten hatte verſchaffen koͤnnen. Ich hatte beſſere Hoffnung fuͤr ſeine Zukunft, denn kuͤndigte dieſe voruͤbergegangne Herabwuͤrdigung, uͤber welche er zu erroͤthen ſchien, nicht an, wie er ſelbſt kräftig ausdruͤckte, daß er kei⸗ nen Geſchmack an der Gemeinheit um der Gemeinheit wil⸗ len habe? Es lag wenigſtens in dieſen Anfaͤllen von Ent⸗ . artung noch ein tiefes Gefuͤhl der Vergleichung, ein bis jetzt falſch geleitetes, verdorbenes Gefuhl, das aber doch den Keim fruchtbar werden konnte. „Und ſagen Sie mir nicht, mein Herr,“ begann der Fuͤrſt wieder nach einem augenblicklichen, durch ſeine tiefe Ruͤhrung verurſachten Schweigen, „daß dieſe Leidenſchaft zu Kontraſten, von der ich mit Ihnen ſprach, die Liebe aus⸗ ſchließe . . nein eben ſo wenig als die Leidenſchaft zum Spiel die Liebe ausſchließt. Sind die wahnſinnigſten Spie⸗ ler nicht oft auch die leidenſchaftlichſten Liebhaber. Sie be⸗ ſchuldigen mich, weil Sie mich einen fur mich doppelt hei⸗ ligen Namen auf einen Schänktiſch ſchreiben ſahen, das weiß ich .. aber wiſſen Sie auch, was ich damals dabei dachte?“ „Ja, jetzt weiß ich es,“ rief ich aus, von der Frei⸗ muͤthigkeit der Geſtändniſſe des Fuͤrſten immer tiefer ge⸗ rührt. „Sobald Sie die Kleider, das Aeußre, die Sprache, ja ſelbſt die Laſter jener Unglucklichen angenommen hatten, welche Unwiſſenheit und Armuth herabwuͤrdigt, gefielen Sie ſich in bizarrer Phantaſie darin, ſich fuͤr einen derſelben ſelbſt zu halten. Und während dieſer Verirrung, die oft durch Trunkenheit vervollſtaͤndigt ward, empfanden Sie den⸗ ſelben Taumel betaͤubenden Gluͤcks, welchen einer dieſer Nie⸗ drigen, mitten unter denen Sie ſaßen und zechten, empfun⸗ den haben wuͤrde, wenn er ſich geſagt: ich liebe und bin ge⸗ liebt von dem ſchönſten und edelſten jungen Madchen von der Welt.“ „Das iſt wahr, das habe ich oft empfunden,“ ſagte der Fuͤrſt zu mir, immer mehr verwundert. — „Und ſpäter,“ fuhr ich fort, „als dieſes edle, reizende Mädchen Ihre Gemahlin worden iſt, die Sie abgöttiſch liebte haben Sie, immer von jenem ſeltſamen Beduͤrfniſſe der Kontraſte getrieben, ſich ſo weit vergeſſen, mitten unter das Elend und die Entwurdigung jeder Art, Ihr verborgnes Glück zu bringen, ſo wie der Mann aus dem orientaliſchen — — Maͤhrchen unter ſeinen Lumpen einen Diamant verbarg, der einen Koͤnig hätte loskaufen koͤnnen.“ „Das iſt auch wahr,“ rief der Fuͤrſt, deſſen Staunen immer mehr wuchs, dagegen ſeine bittre Aufregung jeden Augenblick abzunehmen ſchien. „Wie haben Sie nur ſo die Eindrucke, die Alles auf mich machte, faſt errathen koͤnnen? Noch einmal, mein Herr, ich frage Sie, nicht mehr unter Drohungen, ſondern faſt als eine Bitte, welcher beſondre Antheil fuͤhrt Sie zu mir? Kurz, wer ſind Sie?“ „Meinen Namen .. werden Sie nie erfahren, mein Herr.“ „Nie?“ „Was Sie auch thun mögen.“ „Das wollen wir doch ſehen,“ rief der Fuͤrſt. „Sie werden es ſehen, mein Herr. Was das Motiv betrifft, das mich zu Ihnen fuͤhrt, ſo moͤchte ich es faſt wa⸗ gen zu ſagen, daß ich noch vorhin .: ein Richter war.“ „Ein Richter?“ „Aber jetzt . glauben Sie es mir, mein Herr.. ſetzte ich mit geruͤhrter Stimme hinzu ... „jetzt iſt es ein Freund verſtatten Sie mir dieſes Wort, ein aufrich⸗ tiger Freund, der mit Ihnen ſpricht ... und bald ſollen Thatſachen Ihnen beweiſen, daß ich die Wahrheit ſprach.“ „Ein Richter? ein Freund?“ verſetzte der Fuͤrſt. „Aber fahren Sie nur fort, mein Herr, fahren Sie fort. Was mir begegnet, iſt ſo ſeltſam .. . ich fuͤhle, daß wider meinen Willen Ihre Reden mich beherrſchen, mich ſo be⸗ waͤltigen, daß ich mich uͤber nichts mehr verwundern kann, ſelbſt nicht daruͤber, bei dieſem unheimlichen Balle zuerſt in Ihnen einen groben Trunkenbold und dann einen Mann von Welt, mit dem vollkommenſten Anſtande gefunden zu haben, der mich mit eben ſo viel Muth, als Edelſinn ver⸗ — — theidigt hat . dann einen Richter .. dann endlich einen Freund, wie Sie ſagen. . . . Fahren Sie fort, mein Herrz was ſich zwiſchen uns ereignete und noch ereignet, liegt ſo ganz außer dem gewoͤhnlichen Lebensgange, daß ich reſignirt bin, Alles zu hören Alles zu ertragen... Richter, Freund, Feind, was Sie auch ſein moͤgen, mein Herr, ich werde Sie anhören bis zum Ende. Bielleicht wird der Tag die Art von Zauber verſcheuchen, unter dem ich mich vergebens waͤhrend dieſer unſeligen Nacht abgearbeitet habe. Dann mein Herr dann treten wir wieder in das wirkliche Le⸗ ben ein .. und Sie werden eine große Rechnung abzulegen haben! aber bis dahin uͤberlaſſe ich mich blind allen Zufäl⸗ len dieſer unerhoͤrten Begegnung. Ha! unſer Maskenball⸗ abenteuer iſt doch wahrhaftig eins der ſeltſamſten, mein Herr!“ „Sagen Sie, eins der gluͤcklichſten, mein Herr. Ja, es ſoll es fuͤr Sie werden, wenn Sie dem Inſtinkte nicht widerſtreben, der Sie treibt mich anzuhören, mir zu glau⸗ ben, denn von jetzt an kann Ihre Beſtimmung anders ſich geſtalten, kann ſo ſchoͤn, ſo erhaben werden, als ſie bis jetzt unfruchtbar, langweilend, ungluͤcklich war. Ja, ſelbſt dieſe ſo herabwurdigende Vergangenheit, uber welche Sie jetzt er⸗ roͤthen, wird ihren nutzlichen Einfluß haben.“ „Was wollen Sie damit ſagen?“ „Hören Sie, mein Herr. Ich begreife dieſe Leidells ſchaft zu Kontraſten, die ſich unter dem Einfluſſe gefaͤhrlicher Lehren im Schooße eines muͤſſigen Lebens entwickelt hat. Sie ſagen vollkommen wahr: man muß dieſe Leidenſchaft zugeſtehen, wie man es mit der zum Spiele thut. Aber man muß ſie auch noch heftiger tadeln als die zum Spiele.“ „Heftiger? Und warum?“ „Ein Spieler kann blos ein Spieler ſein. Was kann Martin. IX. 4 er denn vom Spiel verlangen? Die verwerflichen Erregun⸗ gen des Gewinnens oder Verlierens. Weiter nichts. Aber Ihre Leidenſchaft, mein Herr, konnte fuͤr Sie die wuͤrdig⸗ ſten, die „nütlichſten Folgen haben .. und hat ſie viel⸗ leicht.. 55 wuͤrdigſten, die nuͤtzlichſten Folgen? Oh! erkla⸗ ren Sie ſich deutlicher.“ „Sehen Sie, mein Herr, ſtatt durch das Raffine⸗ ment eines blaſirten Menſchen Ihre Erinnerungen an Ih⸗ ren hohen Stand in eine Kneipe zu uͤbertragen, und Ihre Erinnerungen aus der Schenke in Ihr Hotel ... und dies blos um des unfruchtbaren Vergnuͤgens des Kontraſtes we⸗ gen warum haben Sie dieſen ſchaͤndlichen Orten nicht zu chrenvollerem Zwecke getrotzt?“ „Und zu welchem, mein Herr?“ „Zu dem, ſelbſt durch ſich dieſe ſcheußlichen Wunden, welche nothwendig aus Unwiſſenheit und Elend entſtehen müſſen, zu unterſuchen, dieſe Wunden, welche zu kennen fuͤr Sie, den reichen und gluͤcklichen Weltmann, ſich eig⸗ nete, um die unermeßlichen Kraͤfte, uͤber welche Sie gebieten, zu deren Heilung anzuwenden?“ „Das iſt wahr,“ ſprach der Fuͤrſt in ſic ſelbſt. „Dieſe Idee iſt groß!“ „Oh, dann waͤre jeder Ihrer Ausſläge in dieſe Hoͤh⸗ len eine Handlung maͤnnlicher Tugend, hoher Moralitaͤt ge⸗ worden. Der Armuth, dem Laſter, der Schlemmerei, dem Verbrechen einige dieſer elenden, enterbten Geſchoͤpfe zu ent⸗ reißen, die Ihnen darin begegneten, das wäre ein ſchoöner Gebrauch Ihres Verſtandes und Ihres Vermoͤgens gewe⸗ ſen.. . Sie lieben die Kontraſte, mein Herr, Ihre Lei⸗ denſchaft waͤre befriedigt worden. Nur ſtatt, daß Sie jetzt ſchaamwoll ſie verbergen, wuͤrden Sie ſie mit Stolz verbor⸗ gen haben, wie jetzt Ihre großmuͤthigen Handlungen.“ „Mein Herr,“ verſetzte der Fuͤrſt mit ſanftem und ge⸗ ruͤhrtem Tone: „Sie ſagten mir, Sie ſeien mein Freund. Jetzt glaube ich es und was auch noch aus unſerer Be⸗ gegnung werde, ſo werde ich ſtets in meinen Gedanken den rechtlichen Mann ehren, der mich dieſe ſtrenge Sprache ver⸗ nehmen ließ.“ „Ich ſpreche ſo mit Ihnen, mein Herr, weil ich ge⸗ wiß bin, verſtanden und Ihnen nuͤtzlich zu werden. Glau⸗ ben Sie mir, es geſchieht nicht um des Vergnuͤgens willen zu moraliſiren. Ich habe Ihnen dieſe Idee vorgelegt, weil die Verwirklichung derſelben Ihnen praktiſche Hilfe leiſten kann aus Ihrer ſchrecklichen Lage ſich zu retten.“ „Ich beſchwöre Sie, erklaͤren Sie ſich naͤher!“ „Ihr Intereſſe verlangt, daß ich Ihnen Ihre Lage ohne Schonung auseinanderſetze. Sie haben durch Ihre eigne Schuld die ſo lebhafte, ſo hingebende Zuneigung Ih⸗ rer Gemahlin verloren.“ „Das iſt nur allzuwahr,“ ſeufzte tief der Fuͤrſt. „Und doch lieben Sie Ihre Gemahlin abgoͤttiſch.“ „Ja .. ich vergöttere ſie ja, mein Herr, ich bete ſie an!“ Und dabei ſchien es, als hemmten Thränen die Sprache des Fuͤrſten. „Die Frau Fuͤrſtin iſt, das muͤſſen Sie ſelbſt wiſſen, unfaͤhig eines Verrathes. Sie wird nie dazu herabſinken, Sie zu hintergehen. Aber ein Tag wird kommen, und er iſt nahe, wo ſie zu Ihnen ſagen wird: Sie haben die Liebe getödtet, die ich fuͤr Sie hegte. ſeit lange ſchon liebe ich Sie nicht mehr, ich habe mir bis jetzt keinen Vorwurf zn machen; aber mit Ihnen ferner zu leben, iſt mir unmöglich. Trennen wir uns daher ohne Aufſehen, ohne Scandal, und nehmen jedes unſte Freiheit zuruͤck.“ „Das ohngefaͤhr hat ſie mir geſtern ſchon geſagt,“ ver⸗ fetzte der Fuͤrſt mit verhaltener Wuth. „Aber morgen werde ich dagegen den toͤdten, der mir das Herz meiner Frau ge⸗ raubt hat. Ich werde mich in den Augen der Leute von gutem Tone laͤcherlich machen .. . ich weiß es . aber nur allzulange ſchon verberge ich meine Eiferſucht wegen dieſer feigen Beſorgniß . .. die Rache wird mich vor der Lä⸗ cherlichkeit retten.“ „Eine unfruchtbare Rache, mein Herr! wenn ſie aus⸗ geuͤbt iſt, wird ſie die Achtung, welche Ihre Gemahlin noch fuͤr Sie bewahrt haben kann, in unheilbaren Haß ver⸗ wandeln.“ „Nun denn! ſo wird ſie und ich ungluͤcklich ſein: das iſt mir lieber als der Anblick ihres unverſchaͤmten Gluͤcks.“ „Waͤre es denn aber nicht beſſer, wenn Sie und Ihre Gemahlin gluͤcklich waͤren?“ „Was wollen Sie damit ſagen?“ „Um Ihnen zu zeigen, wie wichtig unſre Unterredung iſt, um Ihnen mit Einem Worte das vollſte Vertrauen in das zu geben was ich Ihnen ſage . . . noch eine letzte Frage: Wiſſen Sie, von welchem Werthe fuͤr Ihre Gemahlin der materielle, unwiderſprechliche Beweis der Unſchuld ihrer Mutter ſein wuͤrde 2“ „Fuͤr einen ſolchen Beweis,“ rief der Fuͤrſt, „gaͤbe ſie die Haͤlfte ihres Lebens.“ „Nun denn, mein Herr! Dieſe Beweiſe ich be⸗ ſitze ſie.“ „Sie?“ „Ich habe ſie hier .. . bei mir!“ — — „Sie?“ wiederholte der Fuͤrſt mit wachſendem Er⸗ aunen. „Dieſe Beweiſe befinden ſich hier in dieſem Porte⸗ feuille... Jetzt, mein Herr, nehmen Sie an, daß ich dieſe Beweiſe in Ihre Haͤnde legte.“ „Dieſe Beweiſe? in meine Haͤnde?“ ſagte der Fuͤrſt und ſchien dem nicht zu glauben was er hoͤrte. „Ja,“ fuhr ich fort, „in Ihre Haͤnde: nehmen Sie ferner an, daß Sie ausgeruͤſtet mit dieſer fuͤr Ihre Gemahlin ſo unſchätzbaren Wiederherſtellung, ſo eben in Ihr Hotel zu⸗ ruͤckkaͤmen, und morgen fruh bei Ihrer Gemahlin anfragen ließen, um welche Stunde ſie Sie anhoͤren wolle.“ „Das iſt ein Traum!“ ſtammelte der Fuͤrſt: „nur ein Traum!“ „Sie können ihn zur Wirklichkeit machen, mein Herr. Ich fahre in meiner Vorausſetzung fort: Sie ſtellen ſich Ihrer Gemahlin vor und ſagen zu ihr etwa Folgendes ... oder noch etwas viel Beſſeres, wie ich uͤberzeugt bin: — Gnaͤdige Frau, ich kenne den Werth, den Sie auf die Wieder⸗ herſtellung des ehrenvollen Andenkens Ihrer Mutter legen; dieſe Wiederherſtellung iſt hier! (und damit uͤbergeben Sie ihr das Portefeuille, das ich Ihnen anvertraut habe). In⸗ dem ich Ihnen ſomit die Mittel gebe, die Unſchuld Ihrer Mutter zu beweiſen, will ich nicht im Geringſten mein vergangenes Unrecht gegen Sie beſchonigen. Es iſt groß, ich erkenne das; iſt unverzeihlich, ich befurchte dies, denn Sie kennen nicht deſſen Beſchaffenheit. Sie haben meine naͤchtlichen Abweſenheiten erfahren und geglaubt, daß eine Untreue dabei im Spiele ſei. Nein, gnaͤdige Frau, nein, es war noch ſchlimmer, weil ich nicht einmal den Verſuch gewagt habe, mich zu rechtfertigen im Gegentheil, ich habe Ihre ruͤhrenden Votwürfe mit Uebermuth und Ver⸗ 6 — 54 — achtung aufgenommen. . .. Das was ich damals Ihnen zu bekennen nicht wagte, aus Furcht, Ihre Zuneigung mir zu verſcherzen . heut kann ich es Ihnen ſagen.. .. Ungluck⸗ licherweiſe habe ich nichts mehr zu verlieren!. . . Und dann, mein Herr, dann erzaͤhlen Sie Ihrer Gemahlin offen, was Sie mir ſo eben felbſt erzählt haben, welche unſelige Macht Sie zu dieſer ſeltſamen Leidenſchaft fuͤr Kontraſte hingetrie⸗ ben habe. Ihre Gemahlin wird Sie beklagen, Sie ſchaͤtzen, mein Herr, weil Sie bei dieſem Geſtaͤndniſſe aufrichtig und wyuͤrdig waren.“ „Dieſes Geſtaͤndniß ihr ... und jetzt .. .“ antwor⸗ tete nachdenkend der Fuͤrſt. „Iſt, glaube ich, Ihr einziges Rettungsmittel, mein Herr!. .. Nach dieſem Geſtändniſſe ſagen Sie ihr. . . .“ Hier unterbrach ich mich aber, da ich fuͤrchtete die Ei⸗ genliebe des Fuͤrſten zu verletzen und begann herzlich wieder: „Entſchuldigen Sie guͤtigſt, mein Herr, wenn ich ſo den Anſchein habe, als ſchriebe ich Ihnen Ihr Benehmen, ſelbſt bis auf die Worte vor, aber. .. .“ „Jahren Sie fort, fahren Sie fort, ich beſchwoͤre Sie darum,“ ſagte der Fuͤrſt mit einer Reſignation, die mich tief durchdrang, zu mir: „Meine Sache wuͤrde gewonnen ſein .. wenn ich fuͤhlte, wenn ich ſpraͤche wie Sie!“ „Dieſe Beſcheidenheit ſelbſt ſchon beweiſ't, daß Sie dies Gefühl, dieſe Sprache ſelbſt beſitzen, mein Herr. Ich fahre alſo fort, da Sie es erlauben.. .. „Ich bitte dringend darum.“ „So ſagen Sie denn Ihrer Gemahlin ferner: — Nach einem ſolchen Geſtaͤndniſſe, gnaͤdige Frau, habe ich auf keine Hoffnung mehr zu rechnen. Ich habe Ihre Zunei⸗ gung verloren, ich habe ſie verlieren muͤſſen. Eine falſche Schaam, ein boͤſer Stolz hat mich anfangs verfuͤhrt, Ihnen — die Leiden zu verbergen, welche Ihre Kälte wir verurſachte. Denn ich habe Sie ſtets geliebt, ich liebe Sie ewig und innig. Es iſt dies eine der Unſeligkeiten meiner Lage! Dieſes Ihnen zu geſtehen, iſt mir vielleicht jetzt erlaubt, wo wir auf dem Punkte ſtehen, uns zu trennen. Warum aber auch jett Sie an meine eitlen und vergeblichen Verſuche erinnern, Ihre Liebe wieder zu erobern von dem den Sie liebten, und det wuͤrdig iſt dieſer Liebe?“ „Das iſt nur zu wahr!“ ſeufzte der Fuͤrſt in ſchmerz⸗ licher Niedergeſchlagenheit: „ach! ſie haͤtte ihn ja ſonſt nicht geliebt!“ „Verzweifeln Sie nicht über eine ſolche Wahl, mein Herr,“ erwiderte ich dem Fuͤrſten; „ein erhabenes Gefuͤhl iſt die Schutzwehr einer edlen Seele . und von ihr kann man Alles erwarten .. . ſelbſt ein heldenmuͤthiges Opfer.“ „Wie?“ rief der Fuͤrſt, „Sie hofſen?“ „Man muß von einem ſo edlen Herzen, wie das Ihrer Gemahlin iſt, Alles hoffen, mein Herr. So wuͤrden Sie ihr denn ſagen: — Vergebens wollte ich aus meiner ver⸗ gangnen Muͤſſigkeit treten .. einige wohlwollende Worte von Ihnen hätten mir Beharrlichkeit auf dieſem Pfade ver⸗ lichen . aber ich verdiente ſelbſt Ihre Theilnahme nicht mehr . . und als ich Sie nun unempfindlich gegen meine veſſern Entſchluſſe ſah, ſo bin ich wieder in meine traurigen Gewohnheiten verfallen und habe in neuen Verirrungen, Vergeſſenheit des grauſamſten Kummers geſucht. Es ſind dies keine Vorwuͤrfe, gnaͤdige Frau, die ich Ihnen machen will, es iſt nur der Ausdruck bittrer Reue.... Ein einziges Wort noch. . .. Ich habe, das weiß ich wohl, kein Recht auf die Gunſt, die ich von Ihnen zu erflehen wage. Sehen Sie in dieſer Bitte nur eine jener thoͤrigten Hoffnungen, wie diejenigen hegen, welche in einen Abgruud ſtuͤrzend ver⸗ gebliche Verſuche machen, dem Tode zu entgehen. Kurz, gnädige Frau, wenn Sie mir vergönnten .. Sie, die Sie ſo gut, ſo großmuͤthig ſind . mir vergoͤnnten, es zum letzten Male zu verſuchen . ein Herz wiederzugewinnen, das ich verloren habe.“ „Oh, ich verſtehe Sie .. ich verſtehe Sie!“ rief der Prinz voll Ruͤhrung aus und ſchien von unausſprechlicher Hoffnung ergriffen. „Ha ich kenne Regina dieſe Entſagung wird ſie ruͤhren. — Um Ihr Herz wieder zu ge⸗ winnen, Regina, werde ich ihr ſagen,“ fuhr der Fuͤrſt fort, als ſpreche er ſelbſt mit ſeiner Gemahlin, „was thaͤt' ich nicht, um Ihr Herz wieder mir zuzuwenden?.. ich weiß es nicht aber ich liebe Sie ſo ſehr, Regina, daßses mir ſcheint, als wuͤrde ich ein Mittel finden, Sie zu Allem zu uͤberre⸗ den, um was ich Sie bitte .. nämlich mich Sie lieben zu laſſen ſich von mir uͤberzeugen zu laſſen! .. Beſchaͤf⸗ tigen Sie ſich deshalb nicht mehr als bisher mit mir. . . . Fahren Sie in Ihrer gewohnten Lebensweiſe fort. Ja! ich werde gewiß nicht zudringlich ſein!. .. Nur trennen Sie ſich, ich flehe Sie an, nicht von mir ... bezeichnen Sie mir einen Zeitpunkt . bis dahin laſſen Sie mich verſuchen .. laſſen Sie mich hoffen.“ „Gut! gut!“ ſagte ich dem Fuͤrſten. „Unmoͤglich kann Ihre Gemahlin einer ſo ruͤhrenden, ſo entſagenden Sprache widerſtehen.“ „Verpflichten Sie ſich zu nichts gegen mich, Regina, werde ich ihr ſagen,“ fuhr der Fuͤrſt fort: „ſagen Sie mir blos: Georg, bringen Sie es dahin, daß ich Sie wieder liebe wie ſonſt . durch Aufmerkſamkeit, Hingebung, Liebe .. was weiß ichs bewirken Sie, daß ich eine Zuneigung vergeſſe, die mich uͤber den Kummer getroͤſtet hat, den Sie mir ſchufen . und ich werde ihn vergeſſen, und ich werde — Sie wieder lieben wie vormals.. Das iſt die hoͤchſte Gnade, die ich von Ihnen erflehe, Regina; mit dieſem Ver⸗ ſprechen von Ihnen, die ſo edel und ſo wahr iſt, wird mir Alles möglich werden wird Ihr Herz mir wieder zu Theil werden.. Sollte aber doch mein Streben vergebens ſein ſollte nach dieſer letzten Probe Ihre Liebe mir fuͤr im⸗ mer verloren bleiben. nun dann, Regina, dann iſt mein Loos entſchieden. .. Aber dann werden Sie wenigſtens gut und großmuthig gehandelt haben .. und dieſer letzte Gedanke wird mich in meinem furchtbaren Ungluͤcke tröſten.“ „Oh, mein Herr,“ ſagte ich dem Fuͤrſten, „glauben Sie mir, eine ſolche Sprache und Alles was der Genius der Liebe Ihnen eingeben wird, muß in Ihrer Gemahlin Herzen die ſtets ſo maͤchtigen Gefuͤhle einer erſten Zunei⸗ gung erwecken.“ „Ich wuͤnſche es ſo gluͤhend daß ich es endlich hoffe,“ entgegnete der Fuͤrſt. „Da aber dieſe letzte Taͤu⸗ ſchung mir geraubt werden könnte, ſo werde ich Regina zu⸗ leßt noch ſagen: Nur noch ein Wort, Regina! Was Sie auch beſchließen moͤgen, Sie ſind von dieſem Augenblick an frei. Heut Abend oder morgen werden Sie mir Ihren Ent⸗ ſchluß mittheilen. Weiſen Sie mich zuruͤck, ſo werde ich Ihrem Zartgefuhle die Sorge uͤberlaſſen, Alles zu vermeiden was bei unſrer Trennung öffentliches Aufſehen machen konnte. Morgen reiſe ich nach Italien alsdann und Sie ſehen mich nie wieder.“ „Muth alſo, mein Herr,“ ſagte ich dem Fuͤrſten, „hof⸗ fen Sie Alles von einem ſo edlen und großmuͤthigen Be⸗ tragen.“ „Oh, Sie werden mein Retter ſein, ich fuͤhle es,“ erwiderte er mit dem Ausdrucke tiefſten Dankes; „aber wie — — nur habe ich es verdient, daß Sie mir ſo zu Hilft gekom⸗ men ſind?“ „Sie waren unglucklich, mein Herr, und auch ich habe viel gelitten.“ In dieſem Augenblicke hielt der Wagen. Jerome wendete ſich auf ſeinem Sitze um, neigte ſich nach der vordern Wagenſcheibe und ſagte: „Wir ſind jetzt da, Herr Marquis; wo werden Sie ausſteigen?“ „Das werde ich Ihnen gleich ſagen,“ antwortete ich. „Halten Sie nur einen Augenblick.“ „Gut, Herr Marquis.“ Ich zog aus meiner Taſche das Portefeuille, in welchem ſich die deutſchen Briefe befanden die aus dem Grabe von Regina's Mutter genommen worden, ihre Ueberſetzung, die Medaille; das Pergament, auf welches eine Königskrone ge⸗ zeichnet und einige andere Sachen, ſo wie eine deutliche kurze Zuſammenſtellung dieſer geheimnißvollen Angelegenheit, und ſagte dem Fuͤrſten: „Hier, mein Herr, die unwiderlegbarſten Beweiſe von der Unſchuld der Mutter Ihrer Gemahlin. Ein fluchtiger Blick auf den Aufſatz, der bei dieſen Schriften liegt, wird Ihnen die Evidenz und Aechtheit dieſer Papiere zeigen. Und nun mein letztes Wort.. . Als Vergeltung fuͤr den Dienſt, wel⸗ chen Ihnen erzeigt zu haben ich mich gluͤcklich ſchätze, ver⸗ lange ich drei Zuſagen auf Ehre von Ihnen.“ „Nennen Sie ſie.“ „Die erſte iſt die, dieſe Schriften Ihrer Gemahlin ein⸗ zuhaͤndigen.“ „Ich verſpreche es Ihnen, auf Ehre.“ „Die zweite: Ihrer Gemahlin ſtets zu verſchweigen, in Folge welcher Begebenheiten Sie in den Beſitz dieſer Familienpapiere gekommen ſind.“ „Auch das verſpreche ich Ihnen auf Ehre.“ „Endlich nie den geringſten Schritt zu thun, um zu erfahren, wer ich bin und welches Intereſſe mich angetrieben hat, mich ſo in Ihre haͤuslichen Angelegenheiten zu miſchen.“ „Ich verſpreche es Ihnen auf Ehre,“ ſagte der Fuͤrſt nach kurzem Zoͤgern. „Hier ſind die Papiere, mein Herr.“ Und damit uͤber⸗ gab ich dem Fuͤrſten das Portefeuille. Er nahm es mit zitternder Hand und ſagte mit tief⸗ geruͤhrtem „Dank, Dank, mein Herr!. .. Vielleicht iſtes mein ganzes Lebensgluͤck, das ich Ihnen ſchulde! Denn ich weiß es, welchen Einfluß die Uebergabe dieſer Papiere auf den Entſchluß meiner Gemahlin uͤber mich haben kann! .. Aber ſoll ich denn Ihre freundliche und ſtrenge Stimme, die ein⸗ zige die je in ſo erhabener Sprache mit mir geredet hat, jetzt zum letten Male gehoͤrt haben?“ „Ja, mein Herr.“ „Oh, hoͤren Sie mich an!“ tf der Fuͤrſt mit einer innern Bewegung, die auch mich uͤberkam. „Ich werde eine große Aufgabe zu loͤſen haben ... und werde allein dabei ſein .. Sie, der Sie ſchon ſo viel fuͤr mich gethan haben Sie, den ich nicht kenne, der aber fuͤr mich ein Schut⸗ geiſt iſt .. Sie, deſſen Rath, was auch erfolgen moͤge, eine entſcheidende Einwirkung auf mein Schickſal ausgeuͤbt ha⸗ ben wird wollen Sie mich ſo allen Zufaͤllen, allen Gefah⸗ ren einer ſo ſcwitigen Lage wie die meine iſt, e 2 „Mein Herr.. „Ohl ich kann es nun auch meinerſeits ſagen, Sie ſind geruͤhrt, ich ſehe es,“ rief der Fuͤrſt; „auch Sie wer⸗ * den Ihr Werk nicht unvollendet laſſen .. . nur mit un⸗ ſicherm Schritte koͤnnte ich auf dieſer ehrenvollen und ruͤhm⸗ lichen, aber fuͤr mich neuen Bahn, die Sie mir vorgezeichnet haben, fortſchreiten ohne Ihre Unterſtuͤtzung .. und wenn trotz meines Entſchluſſes ich doch den Muth verlöre, wenn neue Schwierigkeiten ſich erhoͤben, von wem ſollte ich mir Rath erbitten? Es giebt keinen meiner Freunde, dem ich das anvertrauen koͤnnte, was mir in dieſer verhaͤngnißvollen Nacht begegnet iſt, ſelbſt einem Bruder wuͤrde ich es nicht eingeſtehen.. .. Und Sie wollten mich verlaſſen?. .. Nein, nein, Maͤnner wie Sie ſind großmuͤthig und mitleidsvoll bis ans Ende. Oh, nicht wahr, nicht wahr? Ich werde Sie wiederſehen? Und im Voraus ſchwoͤre ich es Ihnen bei mei⸗ ner Ehre ... nie werde ich mir die geringſte Frage wegen der außerordentlichen Urſachen erlauben, die Sie zu mir ge⸗ fuͤhrt haben .. laſſen Sie mir wenigſtens die Zuverſicht, Sie wiederzuſehen.“ „Das iſt ungluͤcklicherweiſe fuͤr mich . unmoͤglich, mein Herr.“ „Ach!“ ſagte der Fuͤrſt mit dem Ausdrucke ſchmerz⸗ lichen Vorwurfs; „kann Sie denn nichts ruͤhren?“ „Meine Erregung ſagt Ihnen genugſam, mein Herr, welchen Schmerz mir die abſchlaͤgige Antwort verurſacht, die ich gezwungen bin Ihnen zu geben. ... Wenn Sie es aber wuͤnſchen, wenn Sie glauben, daß mein Rath in einem ſchwierigen Falle Ihnen in etwas nuͤtzlich ſein koͤnnte, ſo haben Sie die Guͤte mir zu ſchreiben.“ „Ihnen ſchreiben,“ rief der Fuͤrſt: „und unter welcher Adreſſe?“ „Nach Paris, poste restante. Ueberſchreiben Sie den Brief nur an . . an ... M. Pierre und ich glaube, ich werde Ihnen antworten können. . . . Fünftes Rapitel⸗ Martins Tagebuch. (Fortſetzung.) — „Sie wohnen alſo in Paris?“ ſagte der Fuͤrſt von Montbar zu dem unbekannten Marquis. „Wo ich auch wohnen moͤge, mein Herr, ſo werden Ihre ſo adreſſirten Briefe zu mir gelangen. Alle 5 bis 6 Tage werde ich auf die Poſt ſenden, das iſt Alles, was ich Ihnen verſprechen kann, mein Herr.“ „Oh! Sie ſind unbarmherzig!“ rief der Fuͤrſt und fuhr dann fort: „Verzeihen Sie mir, mein Herr, verzeihen Sie dieſes Wort, das Ihnen meinen Kummer ſchildert. Ver⸗ zeihen Sie alles Das, was Sie in unſter Unterredung ver⸗ letzen konnte, aber Sie muͤſſen Alles auf die Sonderbar⸗ keit unſres Zuſammentreffens rechnen. Ich werde nicht laͤnger in Sie dringen, mein Herr. Ich habe nicht die Ehre, Sie zu kennen, mithin kein Recht auf das unerklär⸗ liche Intereſſe, das Sie fuͤr mich gezeigt haben. Was Sie aber fuͤr mich thaten, verpflichtet mich zu ewiger Dankbarkeit. Alles was ich bedaure, und bitter bedaure, das ſchwoͤre ich Ihnen, iſt dies, daß Sie das Anerbieten meiner unwandelbaren Freundſchaft nicht annehmen koͤn⸗ nen ich werde aber deren wuͤrdig werden glauben Sie mir das.“ Und da ich dem Fuͤrſten nicht antwortete, der eine Secunde lang ſchwieg, in der Hoffnung, daß ich vielleicht ſeine Freundſchaft annehmen wuͤrde, ſo begann er wie⸗ der traurig: „Nochmals denn, verzeihen Sie auch dieſem letz⸗ ten Schmerze ... aber laſſen Sie mich wenigſtens Ihre redliche Hand druͤcken, mein Herr ... zum erſten und letz⸗ ten Male.“ Und meine Hand antwortete dem Drucke der ſeinen. Es wuͤrde mir unmoͤglich ſein, auszudruͤcken, welch' ein unausſprechliches, ruhmvolles Gluͤck ich in dieſem Au⸗ genblicke empfand .ich, der arme Diener dieſes Fürſten, der ihn durch das bloße Uebergewicht eines redlichen, offe⸗ nen und das Gute liebenden Gemuths bis dahin gebracht hatte. Ich geſtehe es, daß ich zum erſten Male in meinem Leben Stolz empfand und zu mir ſelbſt ſagte: „Dank Dir, Claude Gerard, meinem Freunde und Lehrer! Dank Dir denn! Deine Lehren und Beiſpiele haben mein Herz gereinigt und mir einige Seelenſtaͤrke verliehen.“ „Jetzt, mein Herr,“ ſagte ich zum Fürſten, „jetzt leben Sie wohl! .. Muth und Beharrlichkeit!“ „Leben Sie wohl, mein Herr,“ ſagte er zu mir, . „und im Fall ich an Sie zu ſchr iben haͤtte?“ „Adreſſiren Sie gefälligſt Ihren Brief an M. Pierre in Paris, poste restante. „Und Sie antworten mir, nicht wahr? wenigſtens darum beſchwoͤre ich Sie.“ „Ich werde Ihnen antworten mit Eile .. mit Ver⸗ gnugen, mein Herr, ſeien Sie davon uͤberzeugt.“ „Leben Sie denn wohl, mein Herr, weil es ſo ſein muß und fuͤr immer leben Sie wohl!“ Dann ließ er das Fenſter nieder und ſagte zu Jerome: „Kutſcher oͤffnen Sie mir.“ „Sie wollen hier ausſteigen?“ fragte ich. „Ja, es iſt mir, als wuͤrde friſche Luft und ein wenig Gehen mir wohlthun; Leben Sie denn wohl, mein Herr. Noch einmal Ihre Hand!“ Und nach einem letzten und liebevollen Drucke ſtieg der Fuͤrſt aus dem Wagen und entfernte ſich in ſeinen Mantel gehuͤllt. Ich vermuthete mit Recht, daß er in die Straße du Dauphin gehe, um ſeine Verkleidung abzulegen. „Nun?“ fragte mich Jerome, „ſind Sie zufrieden mit Ihrer Nacht? Sagen Sie doch einmal, mein Herr Marquis?“ „Ich bin es nicht wie ein Marquis, ſondern wie ein König, mein braver Jerome,“ antwortete ich. „Jetzt ſo geſchwind als moͤglich zu Dir. Ich muß Zeit haben, meine Verkleidung abzulegen, und es iſt ſchon ſpät.“ „Bald 3 Uhr fruͤh,“ verſetzte Jerome, nachdem er ſeine Uhr zu Rathe gezogen hatte, und fuhr, mit mir auf ſeinen Sitz ſteigend, raſch nach ſeiner Wohnung. Dieſen Morgen um 5 Uhr (3 Stunden nachher ſchreibe ich dieſe Zeilen), bin ich ins Hotel Montbar zuruck⸗ gekommen, nachdem ich, groͤßrer Vorſicht halber Jerome anempfohlen, ein unverbruchliches Stillſchweigen zu bewah⸗ ren, wenn ſich jemals irgend Jemand bei ihm erkundigte, wer der Pierrot geweſen, den er gefahren. Er ſolle dann = 4 — ſagen, daß es ein Marquis ſei, deſſen Namen er nicht ſagen duͤrfe. So kam ich wieder auf mein Zimmer, ohne Jemand zu begegnen, und ende nun den Bericht uͤber dieſe ſonder⸗ bare Nacht. Ich glaube auf Seel' und Gewiſſen, daß ich recht ge⸗ handelt habe. —* Entweder gelingt es dem Fuͤrſten, das Herz ſeines Weibes wieder zu gewinnen, und dann wird Regina nach den Geſetzen der Welt gluͤcklich ſein und ihre Lage keine falſche werden, oder Regina willigt nicht in die Probe, die ihr der Fuͤrſt vorſchlagen wird .. . und die Liebe, die ſie fuͤr Juſt hegt, ſiegt, auch dann wird ſie gluͤcklich werden, denn wenn ich jetzt Vertrauen zu dem edlen Entſchluß des Fuͤr⸗ ſten habe, ſo habe ich ein nicht minderes zu der Liebe und dem Charakter Juſt's, oder endlich, wenn Regina in jene Probe eingewilligt hat, ſind die Beſtrebungen des Fuͤrſten, die Zuneigung ſeines Weibes wiederzugewinnen, ohnmaäch⸗ tig, und die Liebe zu Juſt fährt fort, Regina's ganzes Herz auszufuͤllen, auch dann iſt das Gluͤck derſelben ge⸗ ichert. N Wird nun aber jetzt der Fuͤrſt meinen Rath befolgen? Wird, wenn ich nicht mehr bei ihm bin, der Zauber, mit dem ich ihn gefeſſelt gehalten habe, zerſtört ſein? Ich weiß nicht. Heut Abend aber noch werde ich es wiſſen. Was aber auch geſchehe, ich habe des Fuͤrſten Ehrenwort, und kann darauf zahlen. Regina wird noch heut Abend den Beweis der Unſchuld ihrer Mutter erhalten, und dieſer Tag fur ſie ein uͤberaus ſchoner werden. Oh, wie ſehne ich mich ſchon nach dieſem Abende, um die Ereigniſſe dieſes fur Regina's Daſein ſo entſcheidenden Tages ganz zu kennen! — 17. Februar 18.. Es iſt Mitternacht ich bin allein .. dieſer Tag iſt geendet. Sammeln wir unfte Erinnerungen. Um 8 Uhr bin ich hinuntergegangen, um das Apparte⸗ ment meiner Herrin in Ordnung zu bringen, und gegen 9 Uhr kam Mamſell Juliette zu mir in das Sprechzim⸗ mer, wo ſie ſagte: „Guten Morgen, Herr Martin. Huͤten Sie ſich ja, kein Geraͤuſch in der Gemaldegallerie zu machen.“ „Iſt die gnaͤdige Frau unwohl?“ „Ein wenig. . Sie hat die ganze Nacht in unge⸗ wöhnlicher Aufregung zugebracht . ihre Nerven waren ſo angeſpannt .. daß ſie ſich zwei Mal Orangenbluͤthen⸗ waſſer von mir hat bereiten laſſen.“ „Geſtern ſchien aber doch die gnädige Frau gar nicht leidend zu ſein.“ „Sie war ſchon auch nicht recht wohl ſie brachte einen Theil des Abends mit Schreiben zu und als ſie ſich niederlegte, ſah ſie ſehr ermattet aus. Sehen Sie, Martin,“ ſetzte Juliette mit geheimnißvoller Miene ganz leis hinzu. „oll ich Ihnen etwas ſagen?“ „Nun?“ „Es geht im Hauſe etwas vor.“ „Was denn?“ „Ich weiß es nicht, aber ich bin uͤberzeugt, daß ich mich nicht irre, und daß etwas hier unter dem Graſe lauert.“ „Aber was kann Sie zu dieſer Vermuthung veran⸗ laſſen?“ „Und wenn es nur das wäre, was mir eben der alte Louis geſagt hat. Der Furſt hat die gnädige Frau fragen laſſen, ob ſie ihn dieſen Morgen annehmen konne, und das Martin. IK. 5 — — ſſt ſeit langer Zeit das erſte Mal, daß er des Morgens zu ihr köͤmmt und . der gnädigen Frau Traurigkeit .. ihre gereizten Nerven .. ich ſage Ihnen, Martin, daß etwasvorgeht.“ Der Fuͤrſt folgt meinem Rathe, dachte ich bei mir ſelbſt voll Neugier, ſo ſich nach und nach vor mir die Be⸗ gebenheiten auftollen zu ſehen, die ich ſo zu ſagen wäͤhrend der vergangenen Nacht vorbereitet hatte. „Nun,“ ſagte ich zu Juliette, „giebt's etwas Neues, ſo werden wir's wohl ſehen.“ „Wir ſitzen ja dazu im erſten Range! . Alles was ich wunſche iſt nur dies, daß es nichts Unangenehmes fur die gnädige Frau ſei. Sie iſt ſo gut! Uebrigens,“ und mit dieſen Worten verließ mich Juliette, „machen Sie ſo wenig Geraͤuſch als moͤglich in der Gemaldegallerie.“ „Seien Sie unbeſorgt, Mademoiſelle.“ um halb 12 klingelte mir die Juͤrſtin. Sie war nicht im Nachtkleid, wie gewoͤhnlich, ſondern angekleidet. Sie trug eine bis an den Hals gehende ſchwarze Robe, welche die Blaͤſſe ihres ermatteten Geſichts noch mehr hervortreten ließ. Sie ſchien ſehr nachdenkend und unruhvoll und ſagte zu mir: „Der Fuͤrſt wird eben zu mir kommen. Außer fuͤr ihn bin ich fuͤr Niemand zu Hauſe, durchaus für Niemand. PVerſtehen Sie?“ „Ja, gnaͤdige Frau.“ Und ſo entfernte ich mich. Kaum hatte ich die Portiere hinter mir fallen laſſen, als ich Regina im Selbſtgeſpräche ausrufen horte: „Wenigſtens wird ſich nun heute .. Alles entſcheiden.“ * „ ————————— — ————————— — — Dem Befehle meiner Herrin gemaͤß, blieb ich im Sa⸗ lon, ſtatt hinaufzugehen und mich wie gewöhnlich ſchwarz anzuziehen, nachdem ich die geſtreifte Zwillichjacke und die große weiße Schuͤrze mit dreieckigem Latze die ich fuͤr den Morgendienſt trage. Ich erinnere mich an dieſe kindiſche Kleinigkeit, weil ſie die Veranlaſſung zu einer Bemerkung war, die der Fuͤrſt an mich richtete, eine ſonderbare Bemerkung in der Geiſtesſtimmung, in welcher er ſich befinden mußte, die mich aber nur wenig in Staunen ſetzte, da ich ſeine Strenge in der Haltung der Hausoffizianten kannte. Ein Viertel vor zwolf klingelte es. Ich oͤffnete. Es war der Fuͤrſt. Er hielt das Portefeuille, das ich ihm in der Nacht uͤbergeben hatte, in der Hand. Er war ſo wie Regina, außerordentlich bleich. Ohne Muͤhe konnte man auf ſei⸗ nem Geſichte die Heftigkeit der Erregungen leſen, die in ihm ſtuͤrmten. „Iſt die Fuͤrſtin zu Hauſe,“ ſagte er zu mir mit einem mehr bejahenden als fragenden Tone. Dann fielen ſeine Blicke auf meine ungluckſelige Schuͤrze und er ſagte ſtreng zu mir: „Es iſt unglaublich, daß Sie um dieſe Zeit im Sa⸗ lon der Fuͤrſtin noch in der Schuͤrze gehen.“ „Gnaͤdiger Herr die gnaͤdige Frau hat .. „Schon gut . keine Entſchuldigung! Ziehen Sie ſich anſtaͤndig an,“ ſagte er, hochmuͤthig mich unterbrechend, und frug dann wieder: „Die Fürſtin iſt alſo zu Hauſe?“ „Ja, gnaͤdiger Herr.“ Darauf ging er ſchnell in den erſten Salon, deſſen Thuͤr er hinter ſich zumachte. 5* 1 Ich habe Unrecht gehabt, mich daruͤber zu wundern, daß der Furſt in dem Augenblicke, wo er mit ſeiner Ge⸗ mahlin eine Unterredung von der groͤßten Wichtigkeit haben ſollte, daran gedacht, das Unpaſſende meines Koſtums zu bemerken, denn ich kann wohl ſagen, daß ich, ob ich gleich faſt eben ſo ſehr wie er bei der Unterredung, die er mit der Fuͤrſtin haben ſollte, intereſſirt war, mich doch nicht des ſonderbaren Vergnuͤgens enthalten konnte, bei dieſer Idee zu verweilen: welches Staunen fuͤr den Fuͤrſten, wenn er wuͤßte, daß der arme Diener, mit dem er eben auf ſo ver⸗ aͤchtliche und harte Art geſprochen, derſelbe Mann ſei, den er dieſen Morgen um 3 Uhr faſt wie um eine Gnade bat, daß er ihm die Hand druͤcken duͤrfe, und dann ſchmerzlich ſein Bedauern ausdruͤckte, nicht mit ihm einen unaufloösli⸗ chen Freundſchaftsbund ſchließen zu koͤnnen. Ich geſtehe, daß die kindiſche Freude uͤber dieſe Son⸗ derbarkeit einen Augenblick lang mich den großen Intereſſenent⸗ zog, an welchen ich ſo vielen Antheil hatte, bald aber kehrte ich zu ernſteren Gedanken zuruͤck und horchte moraliſch, wenn man ſo ſagen kann, auf das, was zwiſchen dem Fuͤr⸗ ſten und ſeiner Gemahlin im Sprechzimmer vorging, denn materiell konnte ich nichts vernehmen. Jeder Verſuch dazu wäre unklug geweſen. Und außerdem wozu? Kannte ich nicht den Gegenſtand, faſt die Ausdrucke dieſer Unter⸗ redung? So war ich denn da und ſagte mir ſelbſt: In die⸗ ſem Augenblicke durchfliegt ohnſtreitig Regina jene Briefe, die ich mit ſo vieler Muhe uberſetzte; vielleicht druͤckt ſie ihre Lippen auf jene kleine Medaille, die ihrer Mutter gehoͤrte, vielleicht endlich lieſ't ſie mit gierigem Blicke den fluͤchtigen und doch klaren Aufſatz uͤber jenes geheimnißvolle Aben⸗ teuer, den ich mit verſtellter Hand niederſchrieb. — Ich ſtand nun endlich an dem ſchon ſo lange verfolg⸗ ten Ziele. Ohne es zu wollen, ſtellte mir eine raſche Ver⸗ zuͤckung alle Phaſen meiner Liebe dar, von meiner erſten Begegnung Regina's im Walde von Chantilly an bis auf heut. Indem ich mir ſo den thätigen Einfluß uͤberdachte, den ich auf das Leben dieſer ſchoͤnen, jungen und ſo hoch⸗ geſtellten Frau hatte ausuͤben koͤnnen, fiel es mir mit einer Art von Schauder ein, daß ich auf dem Punkte geſtanden, dieſe ſo reinen Freuden, die ich heut genoß, in meiner wil⸗ den, ſinnlichen Gluth einer ſchaͤndlichen Gewaltthat aufzu⸗ die mich zu Schmach und Selbſtmord getrieben aͤtte. Aber wieviel habe ich zu kaͤmpfen, zu leiden gehabt! ach, wieviel werde ich noch zu leiden haben! denn ich liebe Regina immer noch, ich liebe ſie leidenſchaftlicher als je . O, dieſe Liebe wird nur mit meinem Leben enden. Ploͤtzlich ertoͤnte heftig die Klingel der Fuͤrſtin. Ich eilte ins Sprechzimmer. Im Augenblicke, wo ich eintre⸗ ten wollte, hoͤrte ich, nach Regina hingeriſſen, ihrem Ge⸗ mahle ſagen: „O Georges! die Hingebung meines ganzen Lebens wird meine Schuld gegen Sie nicht zahlen!“ Ich fuͤrchtete, durch ein ploͤtzliches Eintreten meine Ruͤhrung zu verrathen, denn dieſe Worte Regina's oder vielmehr das Gefuͤhl unausſprechlicher Dankbarkeit, das ſie ausdruͤckten, richteten ſie ſich nicht an den Raͤcher des An⸗ denkens ihrer Mutter, und folglich an mich? So blieb ich denn eine Secunde lang hinter den Vorhaͤngen der WPortiere und ſagte dann, ſie halb aufhebend: „Die gnaͤdige Frau haben geklingelt.“ — 70 — „Ja warten Sie!“ ſagte ſie ſchnell, indem ſie haſtig einen Brief faltete, den ſie geſchrieben hatte. Regi⸗ na's Wangen waren gerothet, ihre Augen glaͤnzten thraͤnen⸗ feucht vor ſtrahlender Freude. Der Fuͤrſt, der am Kamine ſtand und ſehr blaß aus⸗ ſah, befand ſich unter der Gewalt einer ſolchen Erregung, daß ich das unwillkurliche Zittern bemerkte, das ſeine ganze Geſtalt ergriffen hatte, und doch las man trotz dieſes Be⸗ bens, trotz dieſer Blaͤſſe ein inneres Gluͤck in ſeinen Zuͤgen. Er hoffte ohnſtreitig. Regina ſiegelte den Brief, den ſie geſchrieben hatte, und ſagte mit einer gleichſam Freudebebenden Stimme: „Dieſen Brief. an meinen Vater augenblicklich, und ihm ſelbſt, verſtehen Sie? ihm ſelbſt. Mein Wagen iſt angeſpannt nehmen Sie ihn um ſchnel⸗ ler dort anzukommen. Verlieren Sie keine Minute .. keine Secunde.“ „Ich habe der gnaͤdigen Frau nur zu bemerken .. „Was?“ fragte ſie ungeduldig. „Daß Herr Melchior mih vielleicht nicht zu dem Herrn Baron vorlaſſen wird. „Das iſt wahr,“ ſagte Regina, ſich zu ihrem Manne wendend, „Sie ſehen wohl, daß es beſſer iſt, ich gehe ſelbſt. Laſſen Sie geſchwind den Wagen vorfahren,“ ſagte ſie zu mir. „Ich verſichre Ihnen,“ verſetzte der Fuͤrſt, „daß in dem Zuſtand von Schwaͤche, in welchen Ihr Vater ſich befindet, Ihre unerwartete Gegenwart, und beſonders bei die⸗ ſer Gelegenheit,“ ſetzte er, dieſes Wort betonend, hinzu, „ihm eine gefaͤhrliche Störung herbeifuͤhren kann. Dagegen bereitet ihn Ihr Brief auf Ihren Beſuch vor und das iſt weit beſſer fuͤr ihn, glauben Sie mir.“ — — „Sie haben vielleicht Recht. .. Aber wenn nun doch Melchior .. . Sie kennen ja dieſen Menſchen, Martin nicht zu meinem Vater laſſen will?“ „Ich wuͤrde ſelbſt gehen,“ entgegnete der Fuͤrſt uͤberle⸗ gend, „aber der Uebelſtand wuͤrde derſelbe ſein doch wuͤrde ich mich dazu entſchließen, wenn Ihr Brief Ihrem Vater nicht könnte eingehaͤndigt werden. Es ſcheint mir aber un⸗ moͤglich, daß dies nicht geſchehen köͤnne.“ Dann wendete ſich der Fuͤrſt an mich und ſagte gebieteriſch: „Sie muͤſſen dieſen Brief in die Haͤnde des Herrn von Noirlieu bringen, verſtehen Sie? .. . Sie muͤſſen.“ „Gnaͤdiger Herr ich werde es verſuchen,“ ſagte ich demuͤthig. „Es handelt ſich hier nicht darum, es zu verſuchen,“ erwiderte ſtolz der Fuͤrſt, „ſondern es muß geſchehen. Sie dringen bei Melchior darauf, Sie verlangen es, indem Sie ihm ſagen, daß Sie dazu von meiner Gemahlin Befehl haben und wenn Sie nicht graͤnzenlos ungeſchickt ſind..“ „Ja Herr, mein Fehler wird es nicht ſein, wenn ich nicht ... „Genug!“ ſagte der Fuͤrſt mit Haͤrte. „Gehen Sie geſchwind, Martin, und thun Sie Ihr Moͤglichſtes auf eine oder die andre Art,“ ſagte die Fuͤrſtin mit Milde zu mir, da ſie ohnſtreitig bemerkte, daß der Fuͤrſt zu hart gegen mich geweſen. „Aber kommen Sie ſchnell zu⸗ ruͤck. Und nehmen Sie, wie ich ſchon ſagte, meinen Wa⸗ gen.“ . „Ja, gnädige Frau.“ 5 „Und ſteigen Sie anpaſſend ein,“ ſetzte der Fuͤrſt inzu. Und als ich ihn uͤber die Anempfehlung betroffen an⸗ ſah, zuckte er die Achſeln und wendete mir den Ruͤcken. — 2 — Kaum hatte ich das Sprechzimmer verlaſſen, als ich den Furſten ohnſtreitig in Bezug auf mich zu Regina ſa⸗ gen hoͤrte: „Aber iſt der dumm!“ „Er iſt nicht der kluͤgſte aber er iſt treu und eif⸗ rig antwortete die Fuͤrſtin. Die Härte welche der Fuͤrſt gegen mich gezeigt hatte, uͤberſtieg nicht die Graͤnzen eines jener vielleicht etwas zu ſrengen Verweiſe, die man täglich meines Gleichen giebt, aber ſo iſt nun einmal das Menſchenherz beſchaffen, oder vielmehr dieſe Gewohnheit zu uͤberlegen und zu beobachten war bei mir ſo weit gekommen, daß ich anfangs durch dieſe hochmuͤthigen Worte des Fuͤrſten mich ſehr verletzt fuhlte. Noch mehr! von einem an ſich ſo kindiſchen Anfange ge⸗ langte ich durch Schlußfolge auf Schlußfolge dahin, mich ſelbſt zu fragen, ob denn auch der Fuͤrſt wirklich das groß⸗ muͤthige Mitleid und die wohlwollende Theilnahme verdiene, von denen ich ihm waͤhrend der verfloſſenen Nacht ſo viele Beweiſe gegeben hatte, kurz, ob er des unermeßlichen Dienſtes wuͤrdig ſei, den ich ihm dadurch erwieſen, daß ich ihm die Familienpapiere anvertraut, die bereits auf ſein Verhaͤltniß zu der Fuͤrſtin einen ſo großen Einfluß gezeigt hatten. Ich fragte mich dies, nicht weil der Fuͤrſt mich hart behandelt und dumm genannt hatte, nicht weil im Augen⸗ blicke ſeiner Unterredung mit Regina, einer fuͤr ihn ent⸗ ſcheidenden Unterredung, er daran hatte denken koͤnnen, mir hart das Unpaſſende meiner Morgenſchuͤrze vorzuwerfen, ſondern weil ein ſo gluͤcklicher Menſch, wie mir der Juͤrſt zu ſein ſchien, nachdem er gehoͤrt, wie die Fuͤrſtin ihm ge⸗ ſagt, daß die Hingebung ihres ganzen Lebens ihre Schuld gegenſeitig nicht abzahlen werde, mir nach, in einem ſol⸗ „—.,— chen Augenblicke ſelbſt fuͤr ſeine fehlenden Diener nur Worte der Nachſicht und Guͤte haben mußte, denn Diejenigen, bei denen das Gluͤck nicht Gefuͤhle voll Milde erweckt, ſind nicht vollkommen werth gluͤcklich zu ſein. Indem ich uͤber das Urtheil nachdachte, das ich uͤber den Fuͤrſten faͤllte, fragte ich mich, ob ich nicht meiner unbe⸗ wußt und wider meinen Willen einem Gefuͤhle von ver⸗ letzter Selbſtliebe nachgegeben, und meine Empfindlichkeit nicht durch den harten Verweis des Fuͤrſten gereizt worden ſei. Vergebens aber pruͤfte ich mich deshalb ſtreng. Die Härte des Fuͤrſten, als bloßes Symptom angeſehen und mich ganz davon getrennt haltend, hinterließ mir doch einen uͤblen Eindrnck in Bezug auf ſeine Herzensgute. Alle dieſe Gedanken durchkreuzten ſich in mir in weit kuͤrzrer Zeit als ich ſie hier niedergeſchrieben. Ich ſtieg von meiner Stube, wohin ich gegangen war, um mich an⸗ ſtäͤndig anzuziehen (wie der Fuͤrſt geſagt), die Treppe hinab, um zu Herrn von Noirlien zu fahren, als mir der gute alte Louis begegnete, der ganz von der Freude wider⸗ ſtrahlte, die ſein Herr ihm wahrſcheinlich nicht verborgen hatte. Die Begegnung war mir ſehr gelegen, denn ich war wegen der Anempfehlung des Fuͤrſten, anpaſſend in den Wagen ſeiner Gemahlin zu ſteigen, ſehr verlegen. „Herr Louis,“ ſagte ich zu ihm: „ich habe Sie ger ſchwind um einen guten Rath zu bitten.“ „Was betriffts denn, mein lieber Freund?“ „Die Fuͤrſtin ſchickt mich zu ihrem Vater mit einem wie es ſcheint ſo dringenden und wichtigen Briefe, daß ſie mir befohlen hat, ihren Wagen zu nehmen. Soll ich nun hinten auf, neben den Kutſcher oder hineinſteigen?“ — — „Hinein, mein Freund, hinein!“ antwortete mir der alte Louis mit verſtaͤndiger Miene. „Denn Sie haben ja nicht Livree an und ſind mit einer ſehr wichtigen Commiſ⸗ ſion beauftragt. Es iſt geradeſo wie mich der Fuͤrſt ab⸗ ſchickte, um das Hochzeitkoͤrbchen zu Fraͤulein von Noirlieu zu bringen. Da bin ich mit dem Kaͤſtchen und den Dia⸗ manten in ſeine Berline geſtiegen, die in Gala angeſchirrt war. Aber wohl gemerkt, aus Reſpect, den man ſeiner Herrſchaft ſchuldig iſt, habe ich mich auf den Ruͤckſitz der Berline geſetzt, waͤhrend die andern Geſchenke in dem Coupé folgten, der auch in Gala war. „ Alſo hinein, hinein 3 muͤſſen Sie ſteigen.“ 4 „Schoͤnen Dank, Herr Louis.“ So ging ich denn ſchnell zu dem Stalle, als der foͤrm⸗ liche alte Mann mich am Arme zuruͤckhielt und indem er die groͤßte Wichtigkeit darauf zu legen ſchien, mir ſagte: „Aber ſetzen Sie ſich ja nicht anders als auf den Ruͤckſitz des Wagens, das ſage ich Ihnen, ſonſt wuͤrden Sie ſich eine unverzeihliche Freiheit erlauben.“ „Seien Sie unbeſorgt, Herr Louis; da Sie mich jetzt gewarnt haben, bin ich unfaͤhig, ſo gegen den Reſpect zu 3 fuͤndigen.“ Schon war ich vier Stufen herunter geſtiegen, als der 3 alte Louis mich mit erſchrockener Miene wieder zuruͤckrief . und ſchrie: „Aber ſo hoͤren Sie doch, Martin! .. Ach du mein Gott ich hatte vergeſſen „Was denn, Herr Louis?“ „Vor allen Dingen empfehlen Sie ja Meiſter Johnſon (das war der erſte Kutſcher des Furſten), empfehlen Sie ihm ja, wenn er es vergeſſen ſollte, was ich nicht glaube, denn er hat dazu in zu guten Haͤuſern gedient, daß er, wenn Sie eingeſtiegen ſind, die Jalouſieen des Wagens uͤber den Scheiben der Thuͤren aufziehen ſoll, gerade ſo als ob der Wagen leer waͤre.“ „Und weshalb denn das, Herr Louis?“ fragte ich, neugierig uͤber die Urſache dieſes anderen Gebrauchs der Etikette. „Weil, wenn man die Jalouſieen in einem Wagen aufgezogen ſieht, und kein Laquai hinten aufſteht, dies, bedeutet, daß die Herrſchaft nicht im Wagen ſitzt. Verſte⸗ hen Sie nun, wie wichtig das iſt?“ „Allerdings, Herr Louis, und ich werde es nicht vergeſ⸗ ſen,“ ſagte ich die Treppe vollends ſchnell herabſteigend, waͤhrend Louis über das Gelaͤnder gelehnt, und beide Haͤnde als Sprachrohr am Munde, mir halbleis nachrief: „Vor Allem aber, ſetzen Sie ſich ja auf den Ruͤckſitz!“ „Ja, Herr Louis,“ erwiederte ich ebenfalls halbleis und ging nach den Staͤllen. Sechſtes Rapitel. Martins Tagebuch. (Fortſetzung.) Die Berline war angeſpannt, die Stallknechte Kanden an den Koͤpfen der Pferde, denn der Herr erſte Kutſcher ſchirrte nie ſelbſt an, und ſtieg nicht eher auf ſeinen Sitz, als im letzten Augenblicke. Uebrigens war Herr Johnſon als aͤchter engliſcher Kutſcher, wie ſchon der alte Louis vorausgeſehen hatte, ein ſorgfaͤltiger Beobachter der Etikette. Ich brauchte ihm gar nichts anzuempfehlen, denn als er er⸗ fuhr, daß ich in die Berline ſteigen wuͤrde, befahl er ſo⸗ gleich einem der Stallknechte, die Jalouſieen aufzuziehen. Als dieſes geſchehen, uͤbergab ihm ein Anderer ſeine Peitſche. ein Dritter die Zugel, die bis dahin auf einem der Sattel⸗ kiſſen lagen, und die wichtige Perſonnage, faſt eben ſo dick als Herr Dumolard, das breite rothe Geſicht in eine weiße Zipfelperrucke eingerahmt, ſtieg gewichtig auf ſeinen Sitz und wir fuhren nach der Vorſtadt du Roule, wo Herr von Noirlieu wohnte. Uebrigens ſetzte ich mich pflichtgetreu und gewiſſenhaft auf den Ruͤckſitz dieſer leeren Kutſche. Trotz meiner innern Aufregung, konnte ich mich doch nicht enthalten zu laͤcheln, wenn ich an die Entwicklung aller dieſer häͤuslichen Förmlich⸗ — keiten in Bezug auf mein Einſteigen in den Wagen der Fuͤrſtin dachte, und mich als aͤußerſten Vergleichungspunkt an den Doctor Clement, dieſen durch Herz und Geiſt ſo großen Mann, dieſen erhabenen Millionair erinnerte, der beim Fortfahren aus dem Hospital mich in ſeinem Fiaker neben ſich ſitzen ließ und mit welcher ehrerbietigen Ruͤhrung ich neben ihm Platz nahm. Und doch erblicken ſehr viele Leute und ſelbſt ſehr ge⸗ bildete Geiſter in dieſer kleinlichen Beobachtung einer Menge muͤſſiger Gebraͤuche und kindiſcher Unterſcheidungen, die ich waͤhrend meines Aufenthalts im Hotel Montbar ken⸗ nen gelernt hatte, das was ſie die Grundpfeiler der geſellſchaftlichen Hierarchie nennen. .. die unver⸗ meidlichen Bedingungen der Ehrerbietung der Kleinen ge⸗ gen die Großen. Das iſt ein gewaltiger Irrthum, ich habe tauſendmal gehoͤrt, mit welcher hoͤchſten Inſolenz, mit wel⸗ cher ſatyriſchen Keckheit von den unerbittlichſten Herr⸗ ſchaften uͤber die Beobachtung des häuslichen Geſetz⸗ buches geſprochen ward, waͤhrend andere Herrſchaften voll freundlicher Familiariraͤt, doch durch das bloße Uebergewicht eines edlen und großen Charakters oder ihres perſoͤnlichen Werthes ihren Dienern Gewohnheiten der Achtung und des Gehorſams, die ſich in ihrer Abweſenheit wie Gegen⸗ wart gleich blieben, aufzuerlegen verſtanden, und daraus nach eigner Erfahrung geſchloſſen, daß nichts falſcher iſt, als das beruͤchtigte Ariom: Es giebt keinen Helden oder großen Mann fuͤr ſeinen Kammerdiener. Bei unaͤchten Helden und unaͤchten großen Maͤnnern mag es der Fall ſein, aber die wahre Groͤße der Seele oder des Geiſtes erhaͤlt im Gegentheile vielleicht noch mehr in hauslicher Vertraulichkeit ihr Uebergewicht. Ich werde es — 598 — nie vergeſſen, mit welcher ruͤhrenden Verehrung ein einfacher und ehrlicher Burſche, der in des Vicomte Chateaubriand Dienſten ſtand, mit mir von dieſem beruͤhmten, durch Geiſt und Charakter eben ſo wie durch Genie bewundernswerthen Manne ſprach. „Mein Gott! wenn wir vom Herrn Vicomte ſprechen,“ ſagte dieſer brave Burſche mit allerliebſter Naivetat, „ſo ſprechen wir ſtets ſo als ob er uns zuhörte! Ach! Mamſell Aſtarte behandelt ihren Miniſter und Miniſterin ganz anders, mochten ſie zugegen ſein oder nicht.“ Abſichtlich, und nicht ohne Kampf verſetzte ich mich in dieſe Betrachtungen und Erinnerungen während meiner Fahrt aus dem Hotel Montbar zu Herrn von Noirlieu. Ich wollte Gedanken entgehen, die ich nur zu ſehr in mir gaͤhren fuͤhlte, denn der Wagen, in welchem ich mich befand, war Regina's Wagen, und auch hier athmete ich den ei⸗ genthuͤmlichen Geruch der Kleider meiner Herrin ein, ein ſtets berauſchender, ſtets fur mich gefaͤhrlicher Liebestrank. Wir kamen bei Herrn von Noirlieu an. Ich ließ den Wagen am Thore halten, trat herein und wie immer be⸗ reitete ſich Herr Melchior vor, mir ſeine kurze Audienz auf dem Perron des Veſtibuͤls zu bewilligen. „Herr Melchior,“ ſagte ich zu ihm, „ich habe einen Brief der Frau Fuͤrſtin an den Baron abzugeben und an ihn ſelbſt... Das iſt der Befehl meiner Herrſchaft.“ Der Mulatte laͤchelte veraͤchtlich und zuckte die Achſel. „Es giebt hier kein Achſelzucken, Herr Melchior,“ ſagte ich mit ſehr lauter Stimme. „Der Auftrag, den die gnaͤdige Frau mit gegeben hat, iſt ſo wichtig und dringend, daß ſie mir ſogar befohlen hat ihren Wagen zu nehmen.“ „Ihren Wagen!“ ſagte Melchior ſehr verwundert. 3 „Ja, ich ſteige eben aus, er hält vorm Thore.. alſo bringen Sie mich ſogleich zum Herrn Baron, auf der Stelle.“ „Unmoͤglich!“ antwortete Melchior rauh. „Unmoöglich?“ „Der Herr Baron iſt leidend und nimmt Niemand an.“ „Hoͤren Sie, Herr Melchior,“ rief ich ungeduldig uͤber dieſe Boͤswilligkeit, „wenn Sie nicht auf der Stelle den Befehlen meiner Herrſchaft gehorchen. .. „Nun?“ „So nehme ich Sie bei den Schultern, ſo!“ und damit that ich es; „und drehe Sie ſo um,“ was ich auch that; „und trete dann ſchnurſtracks ins Haus, wo ich aus Leibeskräften den Herrn Baron rufen werde. er wird mir antwor⸗ ten. und ich ihm meinen Brief uͤbergeben. 6 MNit dieſen Worten drehte ich in der That Melchior herum, der bei ſeinem Alter und Geſtalt nicht gegen mich ſich wehren konnte, ſprang ins Haus und rief aus allen Kraͤften: „Herr Barrn! Herr Baron!“ „Ungluͤckſeliger!“ rief auch der Mulatte mir nachei⸗ lend; „ſo ſchweigen Sie doch!“ Aber ich war ſchon in einen Cortidor gerathen, ver⸗ doppelte daher mein Rufen und horchte von Zeit zu Zeit. Endlich hoͤrte ich von einer ſchwachen Stimme: „Was iſt denn das fuͤr ein Lärmen? wer ruft mich denn? was giebts denn? Melchior... Melchior, wo biſt Du denn?“ Ich ging durch einen Salon, oöffnete eine Thuͤr und fand mich Herrn von Noirlieu gegenuͤber, der von einem Seſſel aufſtand, auf dem er geſeſſen hatte. — 6 — Der Mulatte kam ganz blaß vor Wuth hinter mir an. Ich bereitete mich, dem Baron den Brief ſeiner Tochter ein⸗ zuhaͤndigen und ſagte ihm: „Herr Baron es iſt ohnſtreitig eine gute Nachricht, denn die gnädige Frau hatte ſo viel Eile, ſie Ihnen zu ge⸗ ben, daß ſie mich in ihrem Wagen hergeſchickt hat.“ Waͤhrend nun der Baron den Brief mit zitternden Haͤnden geleſen, ſetzte ich hinzu: „Ich bitte den Herrn Baron um Vergebung wegen des Laͤrmens, den ich machte, um bis zu Ihnen zu gelangen, aber Herr Melchior wollte mich nicht bis zu dem Herrn Baron kommen laſſen . und Herr von Noirlieu ließ mich nicht ausreden. Kaum hatte er Regina's ohnſtreitig ſehr kurzen Brief geleſen, als er blaß wurde, zitterte, Zeichen der tiefſten Ruͤhrung von ſich gab und mit gebrochener Stimme ausrief: „Mein Gott! . .. ſie behauptet deſſen gewiß zu ſein!. eine ſolche Entdeckung . noch jetzt .. und ich koͤnnte ſie wieder lieben immer lieben?. ach, das iſt zu viel auf einmal. . wenn es wahr waͤre .. Aber nein . nein es iſt unmoglich. . doch verlangt ſie nur kommen zu duͤr⸗ fen um mich zu uͤberzeugen . .. mir zu beweiſen .. Und der Greis, deſſen Thraͤnen floſſen, ſchlug die Haͤnde vors Geſicht und ſank in ſeinen Seſſel zuruͤck. „Mein Herr Baron. .. was iſt Ihnen?“ rief Mel⸗ chior und eilte zu ſeinem Herrn. Mit einem wuͤthenden Blick auf mich „ ſetzte er hinzu: „Da ſehen Sie, abſcheulicher Menſch, was Sie an⸗ gerichtet haben!“ „Ich glaube, daß es kein Ungluͤck iſt, Herr Melchior,“ verſetzte ich. . „vielmehr im Gegentheil... In der That ſtand, nachdem dieſe erſte Aufregung voruͤber, der Greis raſch und mit feſter Haltung auf, ſtatt wie ich ihn bis dahin geſehen hatte, von Kummer gebeugt zu ſein, und ſagte zu Melchior .. „Geſchwind .. meinen Hut. .. und einen Mantel.“ „Wie?“ entgegnete Melchior ſtaunend, „der Herr Ba⸗ ron. wollen Und ohne ihm zu antworten, ſagte Herr von Noirlieu zu mir: „Der Wagen meiner Tochter...“ und hielt bei dieſen Worten inne, als fuͤhlte er ein unbeſchreibliches Vergnuͤgen es auszuſprechen. „Der Wagen meiner Tochter iſt da?“ fuhr er fort. „Ja, Herr Baron.“ „Und meine Tochter iſt zu Hauſe?“ „Ja, Herr Baron.“ „Und wäre ſie's nicht, ſo warte ich auf ſie.“ ſagte er bei ſich ſelbſt. „Vorwaͤrts!“ Dann wendete er ſich zu Melchior: „Nun? Hut? Mantel?“ „Wie?“ ſagte der Mulatte, „der Herr Baron ſind im Schlafrocke und wollen ... „Ich habe keine Zeit mich anzukleiden!“ verſetzte der Greis. „Geſchwind alſo Hut und Mantel.“ „Aber Herr Baron,“ Sngegntt der Mulatte, „es kann Ihr Ernſt nicht ſein.. „Haben Sie mich deten 2“ ſagte der Baron und richtete ſich mit ſo entſchloſſener und gebieteriſcher Stimme empor, daß der Mulatte wohl fuͤhlte, es könnte gefährlich fuͤr ihn werden, länger Widerſtand zu leiſten. „Bringen Sie mir das was ich verlangt Den Martin. IF. Wagen,“ ſagte der Greis zu Melchior. „Ich will keine Se⸗ cunde verlieren.“ Und er ging mit ſo raſchem und ſicherm Schritte vor mir her, daß ich Muͤhe hatte ihm zu folgen. So ſtieg er den Perron mit jugendlicher Leichtigkeit hinadb. Melchior kam ganz außer Athem nach, den Mantel auf dem Arme und den Hut in der Hand, in dem Augenblicke wo der Baron unbekuͤmmert darum, mit bloßem Kopfe, und in ei⸗ nem grauen Flanelluͤberrocke geſehen zu werden, auf die Gaſſe trat. Ich ließ Melchior Zeit, ihm den Mantel uͤber die Achſeln zu werfen. Ich oͤffnete die Wagenthuͤr und er ſprang mit den Worten in die Berline: „Geſchwind, geſchwind in's Hotel!“ Herr von Noirlien hatte ohne die Etikette gerechnet. Der Herr erſte Kutſcher war auf ſeinem Sitze in au⸗ tomatiſcher Unbeweglichkeit geblieben, die Zuͤgel in der lin⸗ ken Hand, den Stiel der Peitſche auf das rechte Knie ge⸗ ſtuͤtzt. „Geſchwind in's Hotel,“ rief ich ihm zu. Aber Herr Johnſon, immer ſeine Pferde auf Einer Stelle haltend und ſtets vor ſich hin ſehend, antwortete mir unbeweglich und mit brittiſchem Phlegma, ohne nur den Kopf nach mir zu wenden: „Die Jalouſieen nieder!“ „Aber Herr Johnſon. . .. „Die Jalouſieen nieder. .. fuͤr den Gentleman ... antwortete er mir, ohne ſich ſo wenig zu ruͤhren wie eine Wachsfigur. Jetzt begriff ich, daß, da Herr von Noirlieu meine Stelle im Wagen einnehme, die Etikette verlange, daß die fuͤr mich aufgezogenen Jalouſieen, fuͤr einen Gentleman herabgelaſſen werden muͤßten, wie ſich Herr Johnſon aus⸗ —— — 853 — druͤckte. So mufßte ich denn auch trotz der brennenden Un⸗ geduld des Barons, die Thuͤr wieder oͤffnen, um die ver⸗ langte Formlichkeit zu vollziehen, in Folge deſſen nuu der Wagen wie nach Aufheben einer Hemmung fort fuhr. Die⸗ ſes Mal ſtieg ich beſcheiden hinten auf, nachdem ich dem Kutſcher empfohlen hatte ſehr ſchnell zu fahren, eine An⸗ empfehlung, die uͤbrigens von Herrn Johnſon mit einer vor⸗ nehmen Gleichgiltigkeit aufgenommen wurde. Er fuͤrchtete vor Allem den langſamen, regelmaͤßigen und, bewunderns⸗ wuͤrdigen Taet haltenden Gang ſeiner großen und prachtvollen Caroſſiers zu ſtoͤren. Auch wußte dieſer koſtbare Kutſcher ohnſtreitig, was ich oft im Hotel hatte ſagen hoͤren: daß nichts mehr nach Buͤrger und Boͤrſenmann oder Negoziant ausſehe, als ein Wagen, der raſch fahrend das Ausſehen habe, als laufe er Geſchaͤften nach, da im Gegentheil der gute Geſchmack verlange, daß der muͤſſige Mann nur ein geſchaͤftiges Anſehn habe. Herr von Noirlieu mußte in ſeiner verzehrenden Unge⸗ duld, zu ſeiner Tochter zu kommen, die unerbittliche An⸗ ſtandskenntniß des Herr Johnſon verwuͤnſchen, denn wir brauchten mehr als eine halbe Stunde, um von der Vorſtadt du Roule bis zum Hotel Montbar zu gelangen. Endlich fuhr der Wagen in den Hof, ich oͤffnete dem Herrn von Noirlieu die Thuͤr, er eilte ſo raſch die Treppe hinauf, daß ich ihn kaum erreichen und vor ihm bei der Fuͤrſtin eintreten konnte. Doch kam ich noch Zeit genug, um mit dem Gefuͤhle ruhmvollen Gluͤckes anmelden zu können: „Der Herr Baron von Noirlieu.“ „Mein Vater,“ rief Regina, als ſie Herrn von Noir⸗ 6 * lieu eintreten ſah, und warf ſich in dem Augenblicke in ſeine Arme, als ich die Vorhaͤnge der Portiere fallen ließ. Etwa eine halbe Stunde nach Herrn von Noirlieu's Ankunft verließ der Furſt Regina mit nachdenkender, faſt zufriedener Miene. Er ſagte mir, und konnte nur muͤhſam die Art triumphirender Freude verhehlen, die er ohne Zweifel empfand, als er mir dieſen Befehl gab „Die Fuͤrſtin iſt fur Niemand zu ſprechen, außer fuͤr den Capitain Clement.“ Darauf verließ der Fuͤrſt unſre Gemaͤcher. Der Fuͤrſt, der ohnſtreitig von Regina ſelbſt wußte, daß Juſt kommen werde, erwartete vielleicht von ihr ein heldenmuͤthiges Opfer. Vielleicht hatte ſie, fortgeriſſen von ihrer Dankbarkeit, ihm verſprochen mit Juſt zu brechen. Hatte er nun in der That um dieſe Stunde kommen ſollen, oder hatte die Fuͤrſtin in meiner Abweſenheit an ihn ge⸗ ſchrieben, ich weiß es noch jetzt nicht. Vielleicht wollte ſie Juſt auffordern, ſich auf einige Zeit von ihr zu ent⸗ fernen. Bei dieſem Gedanken fuͤhlte ich mich zu tiefem Mit⸗ leid mit Juſt bewegt, den ein furchtbarer Schlag ſo uner⸗ wartet treffen ſollte. Ich warf mir faſt vor, gehandelt zu haben wie ich es gethan . . das Bewußtſein jedoch, eine Pflicht erfuͤllt zu haben, gab mir wieder Kraft, denn wenn es dem Fuͤrſten gelingt das Herz ſeiner Gemahlin zu glei⸗ chem Gluͤcke zu gewinnen, ſo wird Regina bei ihrem mir bekannten Charakter glucklicher mit ihrem Manne als mit ihrem Geliebten leben, weil ſie dieſes legitime Gluͤck mit hochgehobener Miene genießen kann. Gegen 5 Uhr ging Herr von Noirlieu fort, von der Fuͤrſtin begleitet, die nur erſt unten am Perron von ihm ſchied. Die Heiterkeit, welche aus den Zuͤgen des Greiſes ſtrahlte, ſagte mir hinreichend, daß er die Beweiſe fuͤr die Unſchuld der Frau von Noirlieu ſo ſchlagend gefunden habe, als ſie es in der That waren. Als Regina wieder herausſtieg, ſagte ſie zu mir: „Ich bin durchaus nur für Herrn Juſt Clement zu Hauſe. Zuͤnden Sie Licht bei mir an. Es iſt nicht noͤthig, daß Sie mich zum Diner rufen. Mamſell Julie wird mich bedienen, wenn ich ſpäter etwas bedarf. Sobald Herr Juſt Clement kommt, melden Sie mir ihn.“ „Zu Befehl, gnädige Frau.“ im ein Viertel auf 7 Uhr kam der Capitain. Er ahnete irgend ein wichtiges Ereigniß, denn er ſagte, als er eintrat, mit beunruhigter Miene zu mir: . „Iſt der gnaͤdigen Fuͤrſtin etwas zugeſtoßen?“ „Nein, Herr Juſt, nichts das ich wuͤßte.“ „Ich athme wieder auf,“ fuhr er halb leiſe fort und ſein Geſicht erheiterte ſich. „Armer Juſt!“ dachte ich bei mir ſelbſt. 5 „Wollen Sie mich der Fuͤrſtin melden?“ ſagte er. „Ja, Herr Juſt.“ Und ſo fuͤhrte ich ihn in das Sprechzimmer. Ich war feſt entſchloſſen, was auch die Folge davon ſein möge, dieſes Mal das Geſpraͤch zwiſchen Juſt und Re⸗ gina zu hören, nicht aus niedriger Neugier, ſondern weil in Beider eigenem Intereſſe es mir durchaus nothig war, ihre Entſchluͤſſe zu kennen. Gluͤcklicherweiſe beſaß ich, im Falle meine Indiscretion entdeckt wurde, eine Entſchuldigung, nämlich die, dann erſt Licht in den erſten Salon zu bringen. Sobald Juſt eingetreten war, holte ich daher ſchnell eine Lampe, die ich mir zur Hand auf eine Kommode ſetzte, um ſie im Nothfalle gleich in die Hand nehmen zu koͤnnen, als ob ich eben erſt kaͤme. Indem ich mich uͤbrigens in der Mitte dieſes Zimmers hielt, konnte ich Alles verſtehen. Kaum daß die Dicke der Portieren in etwas Juſt's und Regina's Stimme verſchleierte. Regina hatte einige Augenblicke geſchwiegen. Als ich 1 in den erſten Salon trat, hörte ich Juſt ängſtlich agen: „Regina! o mein Gott! was iſt Ihnen? Nach Ihrem ſo einſylbigen Billet.... Dieſe Bläͤfft. . .. Dieſes Schweigen. „Juſt! hoͤren Sie mich! ... Dieſen Morgen hat man die Beweiſe fuͤr die Unſchuld meiner Mutter mir in die Haͤnde gelegt.“ „Wahrhaftig?“ rief Juſt mit einer Art von Entzuͤ⸗ cken. Dann ſetzte er mit bewegter Stimme hinzu: „H! glauben Sie mir... daß ich das eben ſo tief empfinde als Sie ſelbſi. Sie muͤſſen ja ſo gluͤcklich ſeint... Aber dieſes Gluͤck hat etwas ſo Heiliges, ſo Geheimnißvolles . . . daß ich jetzt Ihre Aufregung begreife. . „Die Beweiſe der Unſchuld meiner Mutter waren ſo einleuchtend,“ begann Regina mit immer mehr bewegter Stimme wieder, „daß erſt noch vor einigen Augenblicken mein Vater hier war, zaͤrtlicher als je. . . er ſprach mit mir von meiner Mutter mit Thraͤnen der Bewunderung. . . . „So ſind denn endlich Ihre letzten Kuͤmmerniſſe ver⸗ geſſen, und. „Juſt. hoͤren Sie mich. derjenige, der das An⸗ denken meiner Mutter auf dieſe Art geraͤcht hat . . . der⸗ jenige, der meinerſeits. eine Dankbarkeit verdient, die. „Ewig, unwandelbar ſein wird,“ rief Juſt, „denn auch ich weiß ja was Sie gelitten haben, wie oft der Ver⸗ luſt der Zuneigung Ihres Vaters, die Erinnerung, die Kraͤnkung, die auf dem Andenken Ihrer Mutter laſtete, die reinſten Freuden unſter Liebe getrubt hat! So will ich ſie denn auch theilen, Regina, Ihre Dankbarkeit. Sie nicht allein ſollen dieſe heilige Schuld abtragen. Auch ich wil „Halten Sie ein!“ rief Regina .. . „Oh mein Gott, es ſieht ja aus, wie ein Fallſtrick, den ich ſeiner Großmuth gelegt haͤtte,“ ſetzte ſie zitternd hinzu. „Ein Fallſtrick? . meiner Großmuth?“ „Wiſſen Sie wer der iſt, dem ich dieſe unausloͤſchliche Dankbarkeit ſchuldig bin, welche Sie theilen?“ „Weiter! weiter!“ „Muth!. . o mein Gott .. es iſt . „Es iſt?“ „Mein Mann!“ Ein neuer Augenblick des tiefſten Schweigens trat ein, während deſſen ich erſtickendes Weinen Regina's zu ver⸗ nehmen glaubte. „Ihr Mann! .. nun da,“ begann Juſt endlich mit Staunen, „warum denn dieſe Thraͤnen? warum dieſe Furcht, Regina? .. Warum unterbrachen Sie mich? .. Ich ſage es Ihnen nochmals, nicht Ihre Sache allein iſt es, dieſe geheiligte Schuld dem abzutragen, dem Sie ihn ſchulden, den gluͤcklichſten, vielleicht den ſchoͤnſten Tag Ihres Lebens. . .. Warum ſoll ich, der Ihre Freuden wie Ihren Kummer getheilt hat, nicht auch Ihre Dankbarkeit gegen den Fuͤrſten von Montbar theilen?“ „Warum?“ rief Regina, die ohnſtreitig mit Schre⸗ cken ſah, wie wenig Juſt das erwartete, was er erfahren ſollte, „warum? weil es, ach! Dinge giebt, die Sie nicht ahnen.“ — „Um des Himmels willen, Regina, ſprechen Sie!“ „Sie wiſſen, daß meine Lage ſeit der Ruͤckkehr meines Mannes unerträglich geworden war .. Meine Liebe zu Ih⸗ nen verheimlichen, da ſie mein ganzes Herz erfullte mein ganzes Leben .das konnte ich nicht mehr es iſt mir eben ſo unmoglich das zu verbergen, was wahr, als zu ſagen, was falſch iſt Daher habe ich meinem Manne freimuͤ⸗ thig geſtanden, daß auf dem Punkte, zu welchem ſeit einem Jahre mein Verhaͤltniß mit ihm gelangt ſei, eine geraͤuſch⸗ loſe Trennung, ohne Aufſehen, wie es ſich fuͤr Perſonen unſeres Standes gezieme, nothwendig, unvermeidlich ſei.“ „Wir hatten von dieſem Plane oft geſprochen . aber warum gaben Sie mir keine Kunde vorher davon?“ „Ach mein Gott, warum Sie mit dieſen ſchmerzlichen Auseinanderſetzungen peinigen? Ich wollte mit Ihnen blos davon ſprechen, wenn ich Ihnen ſagen konnte: „s iſt Alles in Ordnung, wir ſind frei.“ „Dieſe Trennung?“ ſagte Juſt, ohne ſeine Angſt zu verbergen, „er hat ſie verweigert?“ „Er iſt bewundernswuͤrdig großmuͤthig geweſen,“ fuhr Regina mit einer Art von Niedergeſchlagenheit fort; „er will nicht, daß die Dankbarkeit, die er mit Recht von mir er⸗ warten kann, im Mindeſten einen Einfluß auf meinen Ent⸗ ſchluß, mich von ihm zu trennen, habe. Wenn ich darauf be⸗ ſtehe ſo reiſ⸗t er morgen nach Italien . und giebt mir meine Freiheit wieder, ſich wegen Beobachtung des An⸗ ſtandes auf ſmein Zartgefuͤhl .. auf das Ihre, Juſt, ver⸗ laſſend, wie er mir ſagte.“ „Dieſes Benehmen iſt wuͤrdig und edel,“ verſetzte Juſt geruͤhrt, „aber nun . „Aber nun,“ rief Regina, „ſt es unerklaͤrlich, nicht wahr? daß ich Ihnen nicht ſage: Wir ſind frei, verwirkli⸗ chen wir ihn nun, dieſen ſo ſchönen, ſo blendenden Traum, daß wir es kaum wagten, unſere Augen darauf feſtzuheften! Was haͤlt uns zuruͤck? Mein Mann giebt mir die Freiheit wieder . . ich habe die Liebe meines Vaters wiedergewon⸗ nen das Andenken meiner Mutter iſt geraͤcht .. Juſt! mein Geliebter! . . ich gehoͤre endlich Ihnen fuͤr immer fuͤr alle Ewigkeit!“ „Regina! Sie erſchrecken mich! Iſt das Wahnſinn? Großer Gott!“ „Nein, es iſt kein Wahnſinn .. mein Mann liebt mich begreifen Sie es nun?“ „Er liebt Sie,“ rief Juſt, als koͤnnte er nicht an das glauben, was er hoͤrte. „Ja! er hat mich immer geliebt .. leidenſchaftlich ge⸗ liebt.“ „Er!“ ſagte Juſt mit dem Ausdrucke bitteren Zwei⸗ fels. „Ach! ich habe Alles in der Welt angewendet, um es nicht zu glauben!“ rief Regina, „aber wie ſeinen Thraͤnen, ſeinen Geſtaͤndniſſen widerſtehen? Geſtaͤndniſſen fuͤr ihn niederdruͤckend. Und dennoch Durch die Macht der Offenheit und Reue ſo ruͤhrend .. wie nicht glauben an ſeine Demuͤthigung, ſeine ſo unverſtellte Verzweiflung .. an ſeine ſo herzzermalmende Entſagung, wie nicht daran glauben? O mein Gott! Juſt, warum Ihnen alles das ſagen? .. er mußte wohl aufrichtig ſein. .. Ich zitterte uͤberzeugt zu werden, und ich bin es!“ Ein neues Schweigen trat ein. Juſt begann zuerſt wieder zu reden. „Und was verlangt der Fuͤrſt?“ „Er verlangt nichts er bittet um nichts . er fleht nur, das iſt Alles. Ja! nach dem unermeßlichen — 55 —= Dienſte, den er mir erzeigt hat . ja, nachdem er mich uberzeugt hat .. . fleht er. Ach! Das iſt eben ſeine Staͤrke.“ „Um was bittet er Sie?“ fragte Juſt mit bangender Stimme. „Er fleht mich an mich von ihm lieben zu laſſen, ihm noch Hoffnung zu laſſen .. . meine Liebe wieder zu ge⸗ winnen . Wenn dieſer letzte Verſuch vergebens iſt, ſette er hinzu, was auch geſchehe, was Sie auch beſchließen moͤ⸗ gen Sie ſind frei . .. und ich verlagge nichts von nen is ein Recht .. ich habe alle dieſe Rechte verloren. Wenn ich es zum ſetten Male wage Sie anzuflehen, ſo ge ſchieht es im Namen meiner Liebe, im Namen deſſen was ich gelitten habe, was ich noch leide! ... Das hat er mir geſagt und alles das halte ich fuͤr wahr ... Ich habe nichts verſprochen, aber ich habe meinem Manne geſchworen, daß ich nie die Pflichten vergeſſen werde, welche meine Dank⸗ barkeit mir auferlegt. Jetzt, Juſt, wende ich mich an Sie. Was ſoll ich thun? Was wollen Sie das wir thun?“ Siebentes Rapitel. „ Martins Tagebuch. (Fortſetzung.) „Regina,“ ſagte Juſt zu ihr mit leidenſchaftlichem Tone: „Regina, liebſt Du mich?“ „Und das fragen Sie noch?“ antwortete die Fuͤrſtin mit einer Naivetaͤt voll unausſprechlichen Gefuͤhls. „Nun denn,“ begann Juſt faſt ganz leiſe und mit ei⸗ ner von Leidenſchaft pulſirenden Stimme wieder, „dann keine thoͤrigte Großmuth . . nimm die Freiheit an, die man Dir darbietet; die Zukunft iſt unſer . eine ganze lange Zukunft voll Liebe verſtehſt Du, Regina? .. voll einer Liebe, nicht mehr durch Pflicht zuruͤck gehalten, wie es die unſere bis jetzt ſein mußte . ſondern voll freier, gluͤhender, leidenſchaftlicher Liebe!“ „Oh! ſprechen Sie nicht ſo . ſehen Sie mich nicht ſo an Sie zerſtoͤren mich, machen mich feig. Ach! und ich bedarf doch des Muths wenn ich bedenke „Und ich, ich will nicht, daß Du an etwas Anderes denkſt als unſere Liebe meine Regina!“ ſagte Juſt mit ſteigender Gluth. „Ich will, daß in der Erwartung dieſes ſo nahen und ſo ſeligen Augenblicks Du gleich mir Dein Ent⸗ zuͤcken und Deine Qual in dem berauſchenden Gedanken findeſt: bald werden wir frei ſein!“ „Genug! oh genug! .. Haben Sie doch Mit⸗ leid mit mir . ſtoͤhnte die Fuͤrſtin. Juſt fuhr unerbittlich mit zugleich ſo zaͤrtlicher und eindringender Stimme fort, daß ich wider Willen ſelbſt von Eiferſucht und Schmerz noch zitterte. „Nicht wahr, meine Regina? .. Du begreifſt . Du fuͤhlſt Alles was in den Worten liegt; wir ſind frei . Frei! „ das heißt bei Dir ſein hier immer hier „mein angebeteter Engel! Frei! darin liegt jenes Le⸗ ben in Liebe, Kunſt, Poeſie, edler Arbeit, großmuͤthigen Handlungen, ſuͤßer Verborgenheit, von dem ſo oft wir ge⸗ traͤumt haben denn Du weißt wir ſagten ja: in der Liebe liegt von der Gluth der Sinne an bis zu den edelſten und ſanfteſten Genuͤſſen der Seele, des Geiſtes und des Herzens Frei, mein Engel! das iſt das Leben mit Dir, fuͤr Dich, in Dir! Frei! das iſt ja, in jedem Au⸗ genblicke des Tages Deine Hände kuͤſſen koͤnnen, Deinen Nacken, Deine Augen, Deine Haare.. „Oh, ſchweige! ſchweige! .. Du verſengſt mich!“ ſtammelte Regina mit ſterbender Stimme: „ſchweige!“ Und es ſchien mir, als lege ſie ihre flehende Hand auf Juſt's Lippen, und ſuchte ſo die Worte des Liebenden zu er⸗ ſticken. „Nun denn .. nein, nein ich werde Dir nicht mehr davon ſprechen,“ begann Juſt wieder mit eben ſo lei⸗ ſer und bebender Stimme wie die Regina's: „nein ich ſage Dir nichts mehr davon.. Denn auch mich verzehrt es. töd⸗ tet mich!. Nun denn! wenn wir frei ſein werden, werden wir nach der wolluͤſtigen Trunkenheit, deren bloßer Ge⸗ danke uns ſo verwirrt, in den ſuͤßen Ergießungen zweier — Seelen voll Friſche und Heiterkeit ausruhen. Oh komm! komm, Regina, komm! wir werden nicht mehr um⸗ geben ſein von dieſem Glanze, der oft ſchwer auf Dir laſtet aber wir werden reich ſein an Gluͤck! „Oh! ſo reich, daß wir eine ganze Welt begluͤcken koͤnnen. . Und wenn Dich eines Tages die Erinnerung an Deinen vorigen Ueberfluß befaͤllt ſo ſage nur ein Wort und meine Arbeit, meine Kenntniſſe werden Dir Schaͤtze ſchaffen ... aber Schaͤtze, die rein ſind wie die Quelle, aus der ich ſie ſchoͤpfte .. glorreich fuͤr Dich und mich. . Oh, komm, mein Engel komm, ſage ich Dir wir gehoͤren uns nicht mehr an denn Du biſt mein wie ich Dein bin!“ „Mitleid Juſt.. „Mitleid!. . aber bedenke doch.⸗ oh mein Gott!“ „Und was ſoll ich bedenken? laß hoͤren, großmuͤthige Seele! Dein Mann hat das Andenken Deiner Mutter gerächt. Das iſt ſchoͤn .„ das iſt gut . . er hat ſeine Pflicht als Mann von Ehre erfuͤllt. Ich war der Erſte, der zu Dir ſagte, Du nicht allein wirſt dankbar gegen ihn ſein. Aber was hat das mit unſerer Liebe gemein?“ „Aber er liebt mich . aber er leidet! aber er iſt ungluͤcklich Er!“ „Er liebt Dich!“ rief Juſt . „er liebt Dich! Wie denn? Hat er Dich nicht ſeit einem Jahre verlaſſen, hat er Dich nicht mit kalter Verachtung gekraͤnkt, hat er Dein Herz nicht unheilbar verwundet .. Dich, die er haͤtte ſeg⸗ nen auf den Knieen anbeten ſollen? .. Und eines Ta⸗ es, wo er ſieht, daß er durch ſeine Schuld dieſe edle und kraͤftige Zuneigung verloren hat, von der Du ihm ſo viele Beweiſe gabſt, faͤllt es ihm ein, zu kommen und Dir zu ſa⸗ gen, daß er Dich noch liebt? und das willſt Du glauben?“ „Er ſagt die Wahrheit, Juſt! . ich ſchwoͤre es Ih⸗ — — nen bei meiner Mutter, er ſagt die Wahrheit. .. Waͤre es mir erlaubt, Ihnen ſein Geheimniß anzuvertrauen, ſo wuͤrden Sie ſehen, daß dieſe dem Anſcheine nach uner⸗ klaͤrliche, unſelige Liebe . nur zu wahrhaft iſt.“ „Und meine Liebe? iſt ſie nicht auch wahrhaft? hab' ich nicht auch viel gelitten, haſt Du das vergeſſen? Die herzzerreießnde Entfernung, die Du mir auflegteſt, ich habe mich dazu entſchloſſen, Du haſt mir geſagt, komm zuruͤck, und ich bin wieder gekommen. .. Spaͤter, als wir beide ſo oft gegen die Gluthen unſerer Leidenſchaft zu kaͤm⸗ pfen hatten, wie oft haſt Du mir nicht da mit erſterbender Stimme geſagt, wenn ich außer mir, weinend und vernich⸗ tet zu Deinen Fuͤßen ſank: Oh, mein Juſt, es iſt edel von Dir, meine Bitte zu erhoͤren, mich zu ſchonen! ſo ſagteſt Du, denn ach, ich bete Dich an, ich bin kraftlos ich kann Dir nur ſagen, habe Mitleid!“ „O ja! Sie waren gut, waren edel und müthvoll wie immer.“ „Ich war gut, edel und muthvoll, weil ich wußte, daß ein Fehltritt Dir eine ſo bittre Reue verurſachen wuͤrde, daß ſelbſt meine Liebe vielleicht nicht vermoͤchte ſie zu be⸗ ſchwichtigen .. das hat mir Muth und Kraft gegeben. Aber jetzt koͤnnen wir frei, gluͤcklich, ohne Reue fuͤr Dich ſein! Beim Himmel, ſo werfe ich nicht mein Gluͤck in den Wind! Nein, nein! Liebe fuͤr Alle! Jeder nach ſeinem Herzen! Du haſt mir eine wilde Selbſtſucht gegeben in der Liebe, und da Dein Mann Dir die Freiheit ſchenkt .. . „Aber eben ſeine Großmuth druͤckt mich!“ „Seine Großmuth? Oh, beim Himmel, ich daͤchte, ſie waͤre nicht allzu groß! Was konnte er denn thun? . laß ſehen; Du liebſt ihn nicht mehr! .. Gluͤcklicherweiſe ſinken vor dieſen Worten alle dieſe Contracte, dieſe fuͤr un⸗ zerbrechlich gehaltenen Ketten dahin. Kann er Dir im Na⸗ men des Geſetzes ſeine Liebe aufdringen? will er ſich mit mir ſchlagen? ... Wohlan denn ſo toͤdte er mich, oder ich ihn!“ „Oh, Juſt, nicht ſolche Ideen ... das iſt fuͤrchterlich!“ „Wird ein Zweikampf, er mag gluͤcklich oder ungluck⸗ lich fuͤr ihn ausfallen, ſeine Lage aͤndern? Er bittet Dich ihn verſuchen zu laſſen, Dein Herz wieder zu gewinnen. Was das betrifft, ſo kann ich Dich blos noch einmal fragen: liebſt Du mich?“ „Ob ich Dich liebe!“ „Nun denn ... wozu dieſer Verſuch? Weiß er denn nicht, daß Du nie die Schlechtigkeit begehen wirſt, ihm zu ſagen: verſuchen Sie es ſich geliebt zu machen, und doch im Voraus wuͤßteſt, daß er es nie dazu bringen werde?“ „Oh mein Gott,“ rief Regina mit dem Ausdrucke un⸗ beſchreiblicher Angſt; „wuͤrde ich denn dieſe furchtbare Zerriſ⸗ ſenheit empfinden, wenn ich wuͤßte, was ich thun ſollte, wenn ich wie Sie entſchloſſen meine Parthie ergreifen koͤnnte? Das iſt ſehr leicht, Ihnen! Aber ich kann es nicht ſo. „auf der Stelle. beſonders wenn ich bedenke, daß ſagte Juſt mit dem Tone bittern Stau⸗ nens: „Sie zoͤgern?“ „Mein Gott,“ rief das arme Geſchöpf⸗ das ich in Thraͤnen ausbrechen hoͤrte, „ſprechen Sie nicht ſo, ſehen Sie mich nicht ſo an! Sie wiſſen ja, daß ich Sie liebe. Ja, Juſt, ich liebe Sie graͤnzenlos, mein einziger Traum waͤre es, meine Tage mit Ihnen zu verleben, ganz die Ih⸗ rige. Aber das darf mich nicht verhindern auch daran zu den⸗ ken, daß er mich auch liebt, Juſt . . daß er ſehr gelitten hat daß er noch leidet. Er kann ſich auf kein Recht beru⸗ — fen, um ſich Liebe zu erwerben, ich weiß das wohl, aber bei alledem, er könnte ſie doch mißbrauchen, dieſe Rechte, er koͤnnte mir das Leben unertraͤglich machen indem er mich fuͤr immer von Ihnen trennte, oder mich zu einem Scan⸗ dal zwaͤnge der jetzt noch mich erſchreckt ohnerachtet meiner Liebe zu Ihnen. Kurz, Juſt, iſt es nicht wahr, daß er uns viel Uebles zufuͤgen koͤnnte?“ „Viel Uebles .. .“ antwortete Juſt mit dumpfer Stimme: „aber dies Uebel nenne es mir!“ „Oh mein Gott, wie ungluͤcklich bin ich!“ rief Regina mit zerreißendem Tone: „Sie wollen nichts hoͤren; wol⸗ len ſie nicht ſehen, die Lage, in welcher ich mich Dem gegen⸗ uͤber befinde, der das Andenken meiner Mutter gerächt hat und gegen uns ſo bewundernswerth großmuͤthig gehandelt. Man muß aber auch nicht ungerecht und unbarmherzig ſein gegen die, welche leiden und Reve fuͤhlen!“ Und ich hörte Regina in Schluchzen ausbrechen. Nach einigen Augenblicken des Schweigens, waͤhrend welcher eine faſt vollſtaͤndige Umwandlung in Juſt's Gefuͤh⸗ len ſtatt finden mußte, begann er wieder mit ſanftem und traurigem Tone: „Sie haben Recht, Regina man muß nicht unge⸗ recht ſein, nicht unbarmherzig gegen die, welche lieben . und bereuen und furchtbar leiden, nicht mehr geliebt zu werden.“ „Was ſagen Sie?“ „Die Wahrheit, Regina. Einen Augenblick lang hat mich der unſelige Egoismus der Leidenſchaft vesblendet, ich habe Ihnen geſagt: denken wir nur an uns! bedienen wir uns der Großmuth Ihres Mannes, und vergeſſen wir dann in unſerem Gluͤcke ihn in ſeiner Verzweiflung. Das habe ich Ihnen geſagt, Regina! . Es war ſchlecht.. es war feig!“ „Oh! Sie ſind der Edelſte, der Vortrefflichſte in der Welt!“ — 5 — „Ich liebe Sie, Regina, das iſt Alles; ich will, daß wir ſtets Beide einander wuͤrdig bleiben .. Eben jetzt, durch einen jener furchtbaren Kämpfe, denen nur große Seelen ausgeſetzt ſind, zerknirſcht, zerriſſen, ſind Sie zu mir ge⸗ kommen in Ihrer Unentſchloſſenheit, in Ihrer Angſt, in Ihren Schreckniſſen. Armes Weib und mich, den Sie fuͤr ſtark und edelmuͤthig hielten, mich haben Sie ge⸗ fragt, was ſoll ich thun?“ „Ja, Juſt, ſprechen Sie . und was Sie mir auch gebieten, ich werde gehorchen. So ſagen Sie denn: was ſoll ich thun?“ „Ich bin es nicht, der Ihnen dies ſagen wird, Regi⸗ na, es iſt mein Vater,“ begann Juſt wieder mit tief⸗ geruͤhrter Stimme; „er hat mir oft in ſeiner einfachen und ſtrengen Sprache wiederholt: — Mein Sohn, ich gebe keine Unentſchloſſenheit bei den wichtigen Lebensfragen zu. Nur eine Parthei iſt zu ergreifen, die der Pflicht . Was die Folgen betrifft, ſo wird fruͤher oder ſpaͤter das Gute das Gute erzeugen. Oft iſt man der Narr ſeines guten Herzens, ſagen die Thoren und Böſen. Das iſt falſch. Wann iſt eine gute und rechtliche Handlung je unſelig fuͤr ihren Urheber geweſen? Nie! Was kuͤmmert uns Undankbarkeit? Das Gute geſchieht um des Guten willen. Der, dem Ihr Euern Mantel gebt, wird er weni⸗ ger von ihm gewaͤrmt, weil er undankbar iſt? Nein ... das Gute iſt gethan, denkt an etwas Neues. Wenn man die Hand nicht kuͤßt, welche giebt, ſo zerreißt man ſie doch auch wenigſtens nicht, es muͤßte ein Irrer oder ein Wahn⸗ ſinniger ſein. Muß man die Menſchheit vom Standpunkte der Irren und Wahnſinnigen aus beurtheilen? Ein Sprich⸗ wort ſagt: Thu was Du ſollſt. Dies iſt richtig; es ſetzt aber auch hinzu: Geſchehe was da wolle. Dieſe Anru⸗ Martin. IX. 7 2 E fung des Zufalls iſt unedel. Thu was Du ſollſt, das Gute kommt dann daraus. Das iſt das Wahre.“ „Ja, ich glaube ihn zu hoͤren, Ihren guten und edlen Vater!“ ſagte die Fuͤrſtin, „das ſind ſeine Geſinnungen, ſeine Worte.“ „Nun denn! Regina, wir wollen nicht abweichen von dieſen Lehren, wir wollen ſagen wie unſer Vater: Eine Parthei iſt zu die der Pflicht. Laß uns thun was wir ſollen ... Das Gute wird kommen! Sie ſind Ihrem Gemahl eine ewige Dankbarkeit ſchuldig; er hat Sie von ſeiner Liebe uͤberzeugt er leidet, er entſagt, er be⸗ reut, er bittet Sie, als die höchſte Gnade ihm zu erlauben, es verſuchen zu duͤrfen, durch Hingebung Ihr Herz wieder zu gewinnen. — Regina. Sie werden nicht zaudern.“ „Juſt! oh mein Gott!“ ſagte die Fuͤrſtin mit be⸗ bender Sinc ich wei jetzt ich habe Furcht. dieſe Pruͤfung erſchreckt mich!ß“ „Sie muß Sie erſchrecken, Regina, denn Sie erſchreckt mich auch, um meiner Liebe willen „ Außerdem wuͤr⸗ de dieſe Pruͤfung Ihnen nicht gerathen.“ „Was ſagen Sie?“ „Wenn dieſe Pruͤfung, Regina, ſchon im Voraus ent⸗ ſchieden waͤre, ſo ſage ich Ihnen, daß es unwuͤrdige Heu⸗ chelei waͤre, ſie verſuchen zu laſſen.“ „Mein Gott! Sie glauben alſo, daß ich noch einmal lieben koͤnnte, ihn?“ „Sagte ich Ja, ſo betroͤge ich mich vielleicht, Reginaz ſagte ich Nein, ſo koͤnnte ich mich vielleicht auch betruͤgen. Was wird aus dieſer Pruͤfung, dieſer erfullten Pflicht ent⸗ ſtehen?“ „Ach! Sie wiſſen es auch nicht, ſo wie ich und ich bekenne Ihnen in dieſem Augenblicke erſchreckt mich dieſer Zweifel.“ „Mag aus der Pruͤfung werden, was da will .. das Gute wird doch daraus folgen, wie mein Vater ſagte.“ „Das Gute?“ „Entweder Sie werden mich immer lieben, Regina, und dann wird dieſe Pruͤfung, durch ihren Edelmuth ſelbſt unſte Liebe gekraͤftigt, geheilet haben oder .. Ihr Ge⸗ mahl wird Ihr Herz ganz wieder gewinnen und Ihr Gluͤck und das ſeine .. werden geſichert ſein.“ „Aber Sie! oh mein Gott, Sie!“ „Auch mein Loos wird ſchön ſein, Regina ja ſchoͤn und groß und troſtreich. Dieſes Glück, das Sie genießen wethen Sie und er werde ich nicht durch mein Opfer dazu beigetragen haben? Iſt denn das nichts?“ „Und ich!“ rief Regina, einer neuen Angſt bei dem Gedanken an den Verluſt von Juſts Liebe ſich hingebend; „und ich will nichts mehr von dieſer Pruͤfung wiſſen; ich ſage Ihnen, daß ſie mich erſchreckt; ich habe mich fuͤr ſtark, fuͤr großmuͤthig gehalten, nun denn, ich bin es nicht das iſt Alles! Mein Mann bietet mir meine Freiheit dar „ich nehme ſie an! Und dann, haben Sie nicht eben ſo viel fuͤr mich gethan als er? ſind Sie nicht um meinet⸗ willen in einem fuͤrchterlichen Zweikampfe verwundet worden, wo Sie meine Ehre retteten mein Leben denn ich haͤtte mich getoͤdtet, wenn ich das Opfer des Schaͤndlichen geworden waͤre, an dem Sie mich raͤchten.“ „Regina, hoͤren Sie mich „ „Nein, nein,“ rief die Fuͤrſtin mit ſteigender Aufre⸗ gung. „Und vor Allem „ich liebe Dich! liebe nur Dich . Du biſt die einzige Hoffnung, die mir auf dieſer — 100 — Welt bleibt .. Du biſt zu mir getreten, als ich ſo unglucklich war Du haſt mich getröſtet; . . . ohne Dich waͤre ich geſtorben. .. Ich will nicht Gefahr laufen Dich jetzt zu verlieren! Man muß nicht Egoiſt ſein, ſagſt Du das will ich auch. . .. Aber man muß ſich auch nicht ſelbſt toͤdten, wenn unſer Tod Niemand nuͤtzt.“ „Regina ich beſchwoͤre Sie . .. „Ich kenne mich gut vielleicht .. Ich ſage Dir, daß es mir unmoͤglich ſein wird, meinen Mann jetzt zu lieben Ich werde Alles S mich nehmen . . . Mir bie⸗ tet er meine Freiheit an . werde es allein ſein, die ſie annimmt.“ „Ich beſchwoͤre Sie . „Erwarte das nie von mir. Du magſt immerhin ſa⸗ gen, daß ich feig, egoiſtiſch, unbarmherzig ſei . Gut! ſo mußt Du mich ſo lieben .. Um ſo mehr ... Jeder nach ſeinem Herzen .. das ſagteſt Du ja ſelbſt . und . Ein heftiger Klingelzug ertoͤnte hier an dder zußetn Thuͤre zu den Appartements der Fuͤrſtin. Ich konnte ihre letzten Worte nicht vernehmen und eilte zu oͤffnen. Es war Herr von Noirlieu, Regina's Vater. Regina hatte dieſen abermaligen Beſuch ihres Vaters, beſonders in dieſen ſo wenig gelegenen Augenblicken nicht erwarten koͤnnen. Aber was nun thun? Sagen, daß die Fuͤrſtin nicht zugegen?“ Unnuͤtze Luͤge .. Herr von Noirlieu haͤtte auf ſie gewartet, denn ich durfte nach dem Ausdrucke ungeduldigen Gluͤcks, ja, ich moͤchte ſagen habgierigen Gluͤcks, das in den Zuͤgen des Greiſes zu leſen war, nicht daran zweifeln, daß ſeine Vaterliebe durch den Morgenbeſuch nicht geſtillt wor⸗ den ſei. — 101 — „Meine Tochter .. . iſt ſie zu Hauſe?“ fragte Herr v. Noirlieu. „Ja, Herr Baron,“ antwortete ich, uͤberlegend, daß das mindeſte Zaudern meinerſeits, verbunden mit der ſo ſeltſa⸗ men Gegenwart Juſt's bei der Fuͤrſtin um dieſe Stunde (es war faſt 8 Uhr Abends), Herrn v. Noirlieu unange⸗ nehmen Verdacht erwecken koͤnnte. Ich oͤffnete daher ſo geraͤuſchvoll als möglich die Thuͤr des erſten Salons, um Regina's Aufmerkſamkeit rege zu machen, ging dem Baron voraus und huſtete mehrmals, ehe ich in's Sprechzimmer kam. Durch dieſe Vorkehrungen fand ich Juſt und Regina, als ich die Portiere aufhob, anſcheinend ruhig und gefaßt. Die Fuͤrſtin ſagte lebhaft und ſtreng zu mir: „Ich hatte Ihnen doch verboten ...“ „Der Herr Baron v. Noirlieu ...“ eitte ich, Regina unterbrechend, zu antworten. „Mein Vater!“ rief ſie aus, und ſagte dann ganz leis zu Juſt: — „Wir hatten ihn vergeſſen! „Ha! das iſt unſere Strafe.“ . In dieſem Augenblicke, wo die Fuͤrſtin dieſe letzten Worte ſprach, trat Herr v. Noirlieu ein.. Er ging ſogleich zu ſeiner Tochter, kuͤßte ſie zärtlich mehre Male und ſagte: „Mein Kind .. ich bin es ſchon wieder! Bedenke nur, ich habe Dich heut erſt zwei Stunden lang geſehen.“ Herr v. Noirlieu unterbrach ſich, und da er jetzt erſt Juſt's Gegenwart bemerkte, ſo machte er eine Bewegung des Staunens. Regina ſagte mit ziemlich ruhigem Tone zu ihm: „Lieber Vater ... Herr Juſt Clement.“ Juſt verbeugte ſich gegen Herrn von Noirlieu. Dieſer begann mit vieler Freundlichkeit wieder: „Es freut mich doppelt, mein Herr, die Ehre zu haben, Sie bei meiner Tochter anzutreffen, da ich ſo oft Ihren Na⸗ men mit all der Achtung nennen hoͤrte, die ihm gebuͤhrt. Ihr Herr Vater war einer von den Maͤnnern, die wir auf der Welt am Meiſten liebten und ehrten.“ „Der freundlichen Erinnerung, die Sie, Herr Baron, ſo guͤtig waren, meinem Vater zu erhalten, verdanke ich eine ſo guͤtige Aufnahme, deren wuͤrdig zu ſein ich innigſt wuͤnſchte,“ antwortete Juſt Herrn v. Noirlieu ſehr hoͤflich. Dann that der Capitain ohnſtreitig einen Schritt, um ſich beſcheiden zu entfernen, denn ich hoͤrte Regina mit leis⸗ bewegter Stimme, ohnerachtet des Zwanges, den ſich die Ungluͤckliche auferlegte, ſagen: „Auf baldiges Wiederſehen ... hoffe ich, Herr Clement.“ Es lag in Regina's Tone, als ſie die einzigen Worte: auf baldiges Wiederſehen! ausſprach, die einzigen, die ſie in Gegenwart ihres Vaters ſagen konnte, etwas ſo Flehen⸗ des, ſo Eindringendes, daß mir die Thraͤnen in die Augen traten. Ohnſtreitig antwortete Juſt der Fuͤrſtin durch eine ehrerbietige Verbeugung, denn als derſelbe das Sprechzim⸗ mer verließ, drang kein anderes Wort an mein Ohr. Faſt in demſelben Augenblicke hoͤrte ich aber, wie der Baron mit ſeiner Tochter ſprechend ausrief: „Er iſt allerliebſt!“ Juſt ging ſchnell bei mir vorbei; ohnſtreitig ſo in Ge⸗ danken verloren, daß er mich nicht bemerkte. Ich folgte ihm. Als er in das Vorzimmer gelangt, blieb er ſtehen, gleichſam als ſuche ſein Blick etwas. ———,— — „—————— ———— ,—— Bei dem Geraͤuſche, das ich machte, als ich die Thuͤr ſchloß, wendete er ſich zu mir um und ſagte: „Ah! Sie ſind da, Martin .. . ich ſuchte Sie.“ Dann fuhr er nach einem augenblicklichen Schwei⸗ gen fort: „Sagen Sie mir, haben Sie hier etwas, um nur ein Woͤrtchen zu ſchreiben? Ich habe vergeſſen ... der Frau Fuͤrſtin .. eine Adreſſe zu geben, um die ſie mich bat ... und um nicht unbeſcheiden zu ſein .. wollte ich nicht wie⸗ der zuruͤckgehen .. . da Herr v. Noirlieu bei ihr.“ „Hier haben Sie Schreibgeraͤth, Herr Juſt,“ antwor⸗ tete ich. Und damit zeigte ich ihm auf meinem Tiſche Papier, Dinte und Federn, welche fuͤr die Perſonen beſtimmt, die ſich manchmal bei der Fuͤrſtin in ein dazu beſtimmtes Re⸗ giſter einſchrieben. Juſt ſchrieb eilig und ohne ſich zu ſetzen einige Worte. Ich hatte mich aus Schicklichkeit entfernt, beobachtete ihn aber aufmerkſam ... und ſah eine Thraͤne auf das Papier fallen. 3 Mit Oblate verſiegelte Juſt das Billet, und ſagte, ohne ſich nach mir umzuwenden, ohnſtreitig fuͤrchtend, daß ich die Thraͤnen in ſeinen Augen erblicken mochte, im Vor⸗ ubereilen nach der Thuͤr, zu mir: „Ich bitte Sie, dieſes Billet der Frau Fuͤrſtin einzu⸗ haͤndigen . wenn Herr v. Noirlieu fort iſt.“ Und damit verſchwand er. Dieſes Billet .. ich bekenne es habe ich ge⸗ leſen . Die Oblate war noch feucht, ich hatte keine uͤble Folge meiner Indiscretion zu befurchten. Es lautete ſo: — 104 — „Ich reiſe ab es muß ſein Muth! ich werde warten. . .. Wenn Sie mir zu ſchreiben haben, ſo adreſſiren Sie Ihre Briefe an mich nach Paris ſie werden zu mir gelangen.“ Eine große Thraͤne verloͤſchte halb, ohne ſie jedoch ganz unleſerlich zu machen, die Worte ich werde warten. Ich ſchloß und ſiegelte den Brief wieder. Gegen 10 uhr ging Herr v. Roirtien fort. Die Fuͤrſtin begleitete ihren Vater bis an die Treppe. Als ſie zuruͤckkam, ſagte ich zu ihr: „Hier ſind einige Zeilen, welche Herr Juſt fuͤr die gnaͤdige Frau zuruͤckgelaſſen hat.“ Damit uͤbergab ich ihr den Brief. Als ſie ihn annahm, zitterte die arme Frau ſo ſehr, daß ihre Hand zweimal an den ſilbernen Praͤſentirteller ſtreifte. Dann ſagte ſie mit ſo leiſer Stimme, daß ich es kaum verſtehen konnte, zu mir: „Es iſt gut Sie koͤnnen „ ſich entfernen . und die Thuͤr verſchließen.“ Es ſchien mir, als ſaͤhe ich Regina zweimal ſchwanken und als ſie durch den Salon ging, ſich an einem Geraͤthe anhalten. Ich hatte mich nicht getaͤuſcht. Seit hoͤchſtens einer Minute hatten ſich die n des Sprechzimmers hinter ihr geſchloſſen, ſeit ſo lange als ſie brauchte, um Juſt's Billet zu leſen, als ich das Ge⸗ raͤuſch eines Falles hoͤrte ich eilte hinzu⸗ Regina war bewußtlos zwei Schritte vom Kamine mit Juſt's Billet in der Hand umgeſunken. ten zu helfen. Mochte geſchehen was da wollte, ich warf ſchnell das Billet ins Feuer, weil ich die Indiscretion von Mamſell Juliette fuͤrchtete, und zog dann heftig und wiederholt an einer Klingelſchnur. Die Kammerfrau der Fuͤrſtin kam faſt auf der Stelle. „Die gnaͤdige Frau iſt unwohl, rief ich. Geſchwind Hilfe . ich will nach Madame Felix gehen.“ (Das war die andere Kammerfrau der Fuͤrſtin.) So ging ich denn ſchnell fort, lief in das Zimmer, wo dieſe Frau ſich aufhielt, und dieſe beeilte ſich nun Juliet⸗ ———— Achtes Rapitel. Martins Tagebuch. (Fortſetzung.) Dies war die Entwickelung des haͤuslichen Drama's, deſſen Perſonen ich ſo zu ſagen nach meinem Gutduͤnken oder vielmehr nach den Eingebungen meines Gewiſſens, nach den heiligen Forderungen des Rechts und der Pflicht habe handeln laſſen. Ich ſtieg in unausſprechlicher Unruhe und Angſt zu mir hinauf, beſonders durch ſchmerzliches Mitleid mit Juſt geruͤhrt, deſſen Benehmen um ſo großmuͤthiger geweſen war, als er zuerſt jenem von der Liebe unzertrennlichen ego⸗ iſtiſchen Gefuͤhle nachgegeben hatte, nachher aber auf dieſen Anfall von Perſoͤnlichkeit das ſtrenge Gefuͤhl der Pflicht, des Opfers gefolgt war. Auch Regina hatte mich tief geruͤhrt, weil ſie wahr, weil ſie Weib war. Anfangs dem Eindrucke der Dankbarkeit, die ſie ihrem Gemahle ſchuldig, deſſen Benehmen edel und gemuͤthlich ge⸗ worden, unterliegend, hatte Regina zuerſt mit Juſt von der Nothwendigkeit einer Trennung geſprochen, dann aber, als ſie die Angſt, die Furcht empfand, welche ihr der Gedanke einflößte, Juſt zu vergeſſen oder ſeine Liebe zu verlieren, hatte ſie ſich mit aller Kraft der Leidenſchaft dem Entſchluſſe widerſetzen wollen, den ſie zuerſt zu erregen geſtrebt. Juſt... Regina! Arme, theure Seele, Opfer des Ungluͤcks ihrer hoͤhern Gefuͤhle. Oh, welchen Muth koſtete es, um der doppelten Ver⸗ ſuchung zu widerſtehen, ihren Zweifel zu beruhigen, und meinem Stolze zu genuͤgen, indem ich mit einem Male mit den Worten vor ihnen erſchiene: „Jene Dankbarkeit, die Euch Beide vorzuͤglich an den Fuͤrſten knuͤpft.. ſie iſt eitel. . . er hat kein Recht daran .. Ich allein habe die noͤthigen Beweiſe fuͤr die Wiederherſtel⸗ lung des Andenkens der Frau von Noirlieu geſammelt. ... Ihr ſeid alle Beide tief geruͤhrt durch die Entſagung des Fuͤrſten, der nichts begehrt als verſuchen zu duͤrfen, das Herz ſeiner Gemahlin durch Aufmerkſamkeiten und Liebe wieder zu gewinnen, und ſich dann fuͤr immer zu entfernen, wenn dieſer Verſuch vergebens. .. Ich bin es, der ihm in die Mitte der Orgie folgte, wohin er ging, um ſeinen Kum⸗ mer in ſchnoͤder Trunkenheit zu betaͤuben, und der ihm dort jene eben ſo wuͤrdigen als entſagenden Inſpirationen ins Herz hauchte, die, wie Sie alle Beide ſagten, ſeine Kraft ausmachen.“ Oh mein Gott! wenn ich ſo ſpraͤche, mit welchen Seg⸗ nungen wuͤrde ich von Juſt und Regina aufgenommen wer⸗ den! mit welcher innigen Herzlichkeit wurde ſie mir die Hand druͤcken! mit welcher geruͤhrten Stimme mich vielleicht ihren Freund nennen! ... Ihren Freund!. . mich, den armen Laquai der ich bin! .. Ja, das waͤre fuͤr mein Herz und meinen Stolz ſuß geweſen! Aber bin ich, weil Juſt und Regina nicht wiſ⸗ ſen was ich fuͤr ſie gethan habe, deshalb weniger ihr — 108 — Freund?.. habe ich ſie weniger, ſo viel an mir iſt, auf den Pfad der Pflicht und Ehre gefuͤhrt? Ein oft ſehr rauher, ſehr ſchmerzlicher Pfad! Ach, wer weiß das beſſer als ich? Oh! rauh und ſchmerzlich wie der zu einem Calvarienberge! Aber iſt man einmal ange⸗ kommen auf dem Gipfel mit dem ſchweren Kreuze, das man lange getragen hat ... welch einen Blick ſchwermuͤthiger Freude wirft man dann in die Ferne auf den mühſam durchlaufenen Weg ... der manchmal n* die blutigen Spuren unſerer Schritte behaͤlt! Oh Claude Gerard, mein Meiſter, mein Freund.. Dank fuͤr Deine Lehren, Deine Beiſpiele!. Sie haben mir Muth und Kraft gegeben, ihn hinan zu klimmen.. Kts harten tee MRein, nein, dießt Berfücheng Juſt und Regina Aues zu entdecken, war ein boͤſer Gedanke. Mein Stolzmachte mich ungerecht. Der Fuͤrſt hatte auch gelitten, grauſam gelitten. . .. Wenn es ſeinem Schmerze an Muth, an Wuͤrde fehlte, iſt dies nicht eine der Folgen der unſeligen Erziehung, die er erhielt, einer Erziehung, welche drei Worte in ſich begreifen: Stolz. .. Reichthum . Muͤſſiggang. Wenn der Fuͤrſt lange Zeit ſeiner unwuͤrdige Troͤſtungen aufgeſucht hat, hat er nicht mit Eifer, mit einer ihn ehren⸗ den Beſcheidenheit die beſſeren Einfluͤſſe aufgenommen, die ich ihm nach meinem Herzen zu geben ſuchte? Sein Be⸗ nehmen gegen ſeine Gemahlin, wovon dieſe mit Recht ge⸗ ruͤhrt war, beweiſ⸗t hinreichend, daß er meinen Rath wuͤr⸗ dig begriff. Hat er nicht endlich noch vor meinem Zuſammentref⸗ fen mit ihm einem Gefuͤhle edelmuͤthiger Eiferſucht gehorcht, — 109 — indem er es verſuchte, aus dieſer Nichtigkeit zu treten, uͤber welche er erroͤthete, beſonders je mehr er ohne Unterlaß um ſich her den glorreichen Namen des Capitain Juſt ausſpre⸗ chen hoͤrte? Ungluͤcklicherweiſe war dieſer verſpaͤtete Entſchluß nicht von Regina ermuthigt worden, um deren willen ohnſtrei⸗ tig allein er unternommen. Dann verfiel er wieder in ſeine groben Berauſchungen. Sei dem wie ihm wolle, dieſer Verſuch ehrt ihn, erhebt ihn, und je mehr ich daruͤber nachdenke, je mehr ſcheint es mir, als habe ich gegen Juſt und den Fuͤrſten mit Unpar⸗ theilichkeit und Uneigenuͤtzigkeit in dem was mich betrifft, ge⸗ handelt. Denn ach, vergebens habe ich in meinen einſa⸗ men Thraͤnen das Feuer zu löſchen geſucht, das mich wider meinen Willen doch fortwaͤhrend verzehrt. Das Thatſaͤchliche iſt geſchehen. Wem wird jetzt die Zukunft angehoͤren? ... Juſt oder dem Fuͤrſten?.. Das weiß allein Gott. Was aber auch geſchehe, Regina's Gluͤck ſcheint mir geſichert.. ſei's nun mit ihrem Gemahle.. ſei's mit ihrem Geliebten. Was die unuͤberlegten Verleitungen anbelangt, zu wel⸗ chen der Epceß oder die Uebertreibung ihrer Dankbarkeit ge⸗ gen den Fuͤrſten Regina bewegen koͤnnte . . ſo bin ich ruhig. Wenn der Fuͤrſt gegen mein Erwarten, gegen ſein Verſprechen in dieſen guten Entſchluͤſſen nachließe, wenn er ſich nicht auf der Hoͤhe dieſer ſo ſchwierigen, aber ſchoͤnen und erhabenen Lage, die ich ihm geſchaffen, erhielte, ſo kann ich mit Einem Worte das Fußgeſtell zerſtoͤren, auf das ich ihn in Regina's Augen erhoben habe; mit Einem Worte „— — 110 — kann ich den Fuͤrſten viel tiefer ſtuͤrzen, als er noch je in Regina's Achtung geſunken war. In jedem Falle bin ich da und wache „ und trage Sorge. 30. Juni 18.. Mehrals vier Monate ſind verfloſſen, ſeit Juſt durch ſeine Entfernung Regina ihren eigenen Eingebungen uͤberlaſſen hat. Es iſt mir unmoͤglich geweſen zu erfahren, wohin Juſt ſich zuruͤck gezogen hat. Die Discretion der alten Suzon war undurchdringlich. Alles was ich von ihr herausbringen konnte, war dies, daß Juſt zwei Monate lang zwiſchen Tod und Leben in Folge einer ſchleichenden Krankheit geſchwebt habe. Seit kurzer Zeit erſt ſei er wieder geneſen. Ich hatte nicht vergeſſen, daß mich der Juͤrſt bei un⸗ ſerer Unterredung, welche dem coſtuͤmirten Ballean der Barriere folgte, als um eine Gunſt gebeten hatte, mir ſchreiben zu duͤrfen, wenn er meines Rathes beduͤrfe. Ich hatte ihn erſucht, ſeine Briefe Poſte reſtante nach Paris an M. Pierre zu adreſſiren. Die Frau des braven Jerome war ſelbſt allwöchentlich auf das betreffende Bureau gegangen, um nachzufragen, ob nicht etwas fur M. Pierre eingegangen ſei. Ich wuͤrde, wenn ich dieſes ſelbſt beſorgte, gefurchtet haben, von dem Fuͤrſten, der ohnerachtet ſeines Verſprechens doch die Perſonen, die nach Briefen an Me. Pierre fragten, uͤberwachen und ihnen nachgehen laſſen koͤnnen, ausgekund⸗ ſchaftet und entdeckt zu werden. In dieſem letztern Falle hatte, wenn meine Beſorgniſſe ſich verwirklichten, Jeromens —— Frau ſchon beſtimmte Vorſchrift. Sie ſollte antworten, daß ein unbekannter Marquis, oder vielmehr einer, deſſen Namen ſie verheimlichen muͤſſe, ſie damit beauftragt, die unter der Adreſſe M. Pierre eingegangenen Briefe abzuholen. Der Juͤrſt ſchrieb mir oft und viel. Einer der letzten Briefe, den ich von ihm erhielt und den Jerome's Frau mir geſtern Abend unter Umſchlag mit der Stadtpoſt zuſendete, iſt ſo zu ſagen die Zuſammenfaſ⸗ ſung einer ganzen Correſpondenz mit dem Fuͤrſten. Er giebt eine ſummariſche aber ſehr wahre Idee von ſeinen Verhaͤltniſſen zu Regina während dieſes viermonatlichen Zeitraums. Dieſer Brief wird die Stelle meines Fihulici Ta⸗ gebuchs vertreten. Uruntes Rapitel. Der Fürſt von Montbar an M. Pierre. Ich habe einen feſten Blick auf das Vergangne wer⸗ fen muͤſſen, ehe ich Ihnen dieſen Brief ſchreibe, theuerer und unbekannter Freund, bei dem ich ſtets den Rath einer ſtarken, edlen und erhabenen Seele gefunden habe. Ich muß Ihnen in wenig Worten die hauptſaͤchlich⸗ ſten Ereigniſſe dieſer Monate zuruͤckrufen, die ſchnell wie ein Tag verfloſſen. Wenn man hofft, geht das Leben ſo ſchnell! Bei meiner erſten Unterredung mit meiner Frau, die auf unſer Zuſammentreffen in jener ſeltſamen Nacht folgte, fand ich ſie, wie ich Ihnen ſchon ſchrieb, eben ſo aufrich⸗ tig als voll Takt und Wuͤrde. So groß auch ihre Dankbarkeit fur mich war .. fuͤr mich, waͤhrend Sie es doch waren, Sie allein, der ein Recht auf dieſes Gefuͤhl hatte, und ich verſichere Ihnen wenigſtens, mein Freund, und dies faſt ohne Stolz, daß ich ſtets eine geheime Scham empfand, wenn ich Regina von dem ſprechen hoͤrte, was ſie mir ſchuldig ſei .. ſo groß alſo auch ihre Dankbarkeit fuͤr mich bei dieſer erſten Unter⸗ redung war, verpflichtete ſich doch die Fuͤrſtin zu nichts . — 113 — verſprach ſie nichts .. . und ſagte mir blos, daß ſie mir in zwei Tagen eine entſcheidende Antwort geben werde. Das war ſehr natuͤrlich, da ſie erſt Juſt ſprechen, und ſich mit dieſem berathen wollte. Ich habe Ihnen nicht verſchwiegen, wie ſehr mich die toyale Beſtimmung von Herrn Juſt Clement geruͤhrt hat. Iſt ſeine Abreiſe im Einverſtändniß mit Regina geſchehen, oder hat er ſich entſchloſſen abzureiſen, ohne ſie zu benach⸗ richtigen, das weiß ich nicht. Ich habe es nie erfahren, und mich nie darnach erkundigt. Wozu auch? So viel iſt mir nur gewiß, weil mir es meine Frau geſagt hat, ſeit vier Monaten haben ſie ſich nicht ein ein⸗ ziges Mal geſchrieben. Als ich meine Frau wiederſah, um zu fragen, was ſie beſchloſſen habe, antwortete ſie mir blos mit folgenden Wor⸗ ten, die ich noch zu hoͤren glaube: „Wuͤrde der Verſuch, den Sie machen wollen, Georges, gluͤcken? ich weiß nicht ... Soll ich nach dem urtheilen, was ich in dieſem Augenblicke empfinde .. ſo bekenne ich Ihnen offen, daß er unnuͤtz ſein wird ... Aber wer kann für die Zukunft ſtehen? .. . ich befinde mich jetzt unter der Gewalt einer innigen, erhabenen Liebe, uͤber die ich vor Ih⸗ nen nicht zu erröthen brauche, weil ſie ſtets rein war. Au⸗ ßerdem waͤre der Verſuch, den Sie machen wollen, fuͤr Sie und mich empoͤrend und unwuͤrdig geweſen. Ich habe alſo noch keinen Entſchluß gefaßt, Georges. Ich wiederhole Ih⸗ nen jedoch, daß meinem gegenwaͤrtigen Glauben nach, die Liebe die ich fuhle, ewig ſein muß. Angenommen aber, daß Sie durch irgend ein Wunder dahin gelangten, in mei⸗ nem Herzen die zaͤrtlichſte Neigung wieder zu entflammen, von der ich Ihnen ſo viele Beweiſe gegeben habe, ſo werde ich zwar ſtets eine ſuße Erinnerung an ein Verhaͤltniß be⸗ Martin. IX. 8 — — halten, das eben ſo erhaben als mir theuer war, aber dies⸗ mal fuͤr immer zu Ihnen zuruckkehren. Denn Sie wiſ⸗ ſen, daß meinem Charakter nach, ein legitimes Gluͤck mir koſtbar iſt. Machen Sie alſo, daß ich Sie noch lieben kann, Georges, und wenn Sie dieſes Wunder bewirken, werde ich Sie doppelt deshalb lieben, daß Sie mich durch Liebe zu Pflichten zuruͤckgefuͤhrt haben, die ich durch Ihre Schuld verkannte.“ Dies waren Regina's erſte Worte. Die wahre Liebe hat einen ſo feſten Glauben in ſich, daß, als ich meine Frau ſo ſprechen hoͤrte, ich nicht an der Zukunft zweifelte. Dennoch, mein Freund, habe ich Ihnen geſchrieben, mit welcher Ueberlegung, welcher Vorſicht ich mir den Weg vorgeſchrieben habe, den ich zu gehen hatte. Eine zu zärtliche Zudringlichkeit wurde vielleicht Re⸗ gina's Herz hart beruͤhrt und verletzt haben. Ihre Liebe zu Juſt mußte um ſo ſorgſamer, um ſo reizbarer ſein, je mehr ſie vielleicht furchtete, ſie vermindert zu ſehen. Daher hatte ich mich auch, um ihr Mißtrauen einzuſchläfern, anfangs mehr als Freund, als Bruder, denn als Liebhaber gegen ſie benommen. Auch hatte ich vollkommen eingeſehen, daß es, um ihr Herz zu mir zuruckzufuͤhren, ganz anderer Dinge beduͤrfe, als Liebesbetheuerungen. Sie von meinem aufrichtigen Ge⸗ fuhle zu uͤberzeugen, nichts leichter als das, aber es ſie thei⸗ len zu machen!!! welche Muͤhen, welche Anſtrengungen. Fuͤr's Erſte mußte nun meine Zeit ſo wuͤrdig beſchaͤf⸗ tigt werden, wie ſie bisher muͤſſig und nutzlos war. Die fruchtbare Idee, welche Sie in mir geweckt haben, meine Leidenſchaft fuͤr Kontraſte nuͤtzlich zu machen, indem ich noch immer jene abſcheulichen Orte beſuchte, aber nicht mehr aus unfruchtbarer, entarteter Neugier, ſondern in ei⸗ ner nuͤtzlicheren Abſicht, jene Idee habe ich praktiſch ausge⸗ fuhrt. Ich habe Ihnen oft von dem ergreifenden und ſel⸗ ten meinem Herzen ſehr wohlthuenden Intereſſe geſchrieben, das ich in ſo geleiteten Ausfluͤgen gefunden. Nie werde ich die Ueberraſchung, die Ruͤhrung der Fuͤrſtin vergeſſen, als ich ihr meinen erſten Erfolg in die⸗ ſer Gattung ſchilderte. Mit welcher warmen Ueberzeugung hat ſie mich gelobt!. .. Das iſt ſchoͤn . das iſt gut, hat ſie mit geruͤhrter Stimme zu mir geſagt, das iſt Ihres Namens, Ihres Ranges wuͤrdig. Regina's Augen glaͤnzten, ihr ſeit einem Monat ſo bleiches Geſicht hatte ſich ſanft geröthet, es ſchien mir, als ob ihr Blick, wie er ſo auf mir ruhte, etwas von ſeiner freundlichen, aber kalten Ruhe verlöre. Da ſagte ich zu ihr mit faſt ſchuͤchterner Stimmer „Sind Sie mit mir zufrieden, Regina?“ „Ach ja . zufrieden, und recht gluͤcklich um Ihret⸗ willen.“ „Nun denn,“ ſetzte ich zoͤgernd hinzu, aus Furcht zu ſchnell zu gehen, „ſo bitte ich um Ihre Hand.“ „Von Herzen gern!“ antwortete ſie mit einer gleich herzlichen Bewegung. Dies ſchien mir eine unverhoffte Gunſt. Ich ergriff dieſe Hand alſo faſt zitternd, dieſe reizende Hand, die ich ſonſt mit heißen Kuͤſſen bedeckte . und wagte es, ſie zu druͤcken. Regina antwortete kalt meinem Drucke .. Aber ſo⸗ bald ich ihre Hand einen Augenblick in der meinen behal⸗ ten fuͤhlte ich, wie ſie, ſo zu ſagen, kaͤlter, eiſiger ward. Da ſah ich meine Frau an . ſie ſchlug die Augen 8* nieder. Ihr vorher ſanft heiteres Geſicht wurde wieder traurig. Ich verſtand ſie. Es war Achtung, lebhafte Theilnahme, die ſie mir hatte zeigen wollen .. weiter nichts. Nun ſagte ich zu ihr mit einer Entſagung, von der ſie geruͤhrt zu ſein ſchien: „Noch nichts .. Regina, „ nicht wahr?“ „Nichts!“ antwortete ſie mir. Und zwei Thraͤnen rollten auf ihre Wangen. Dieſer Schlag war furchtbar fuͤr mich ... ich hatte mich zu ſehr beeilt .. ich hatte ihr Mißtrauen geweckt, das vielleicht ſchon einzuſchlummern begann. Die Arbeit eines ganzen Monats war verloren .. eine Arbeit der Ge⸗ duld, der Entſagung, des ſo ſchweren, ſo ſchmetzlichen Zwanges. Nun, Sie wiſſen es, mein Freund, war ich nahe daran, zu zweifeln, nahe daran, dieſes Werk aufzugeben, deſſen ſchreckliche, unuͤberſteigliche Schwierigkeiten ich jetzt erſt einſah .. Gluͤcklicher Weiſe kam Ihre ſtrenge Freund⸗ ſchaft mir zu Hilfe; auch dieſes Mal folgte ich Ihrem Rathe. Muth und Ausdauer! ſchrieben Sie mir. Nein, es iſt keine verlorene Zeit. Sie konnten ſie im Gegentheil nicht beſſer anwenden. Sie iſt vielleicht fuͤr die Liebe ver⸗ loren geweſen . Dieſe nuͤtzlichen, fruchtbaren Handlungen, deren Sie ſich ſchon ruͤhmen koͤnnen, vergleichen Sie nur mit der Unfruchtbarkeit Ihrer Vergangenheit .. . Nein, es iſt keine verlorene Zeit ... und um mit einem gemeinen Ausdruck zu enden .. wenn dieſe erſte Hoffnung ge⸗ taͤuſcht, gebrochen worden iſt, ſo ſind doch noch die — 117 — Stuͤcke davon zuetwas gut. Muth alſo, und Aus⸗ dauer. Ich bin Ihrem Rathe gefolgt, ich habe ausgedauert, weil mein Glaube an Sie blind iſt. Wiſſen Sie die Ur⸗ ſache davon? Ich will ſie Ihnen geſtehen. Ich weiß nicht, was mir zufluͤſtert, es findet zwiſchen uns eine außerordentliche Gleichheit der Lage ſtatt ich ſpreche nicht von der ſozialen Lage . das iſt ganz natuͤrlich .. aber von der Lage des Gemuͤths. Ja, es ſchwebt ſo zu ſagen, uͤber Allem was Sie mir ſchreiben, ein zugleich edles und trauriges Gefuͤhl, ein ſo zar⸗ —— tes und entſagendes, daß ich uͤberzeugt bin, Sie haben auch viel geliebt und viel gelitten. Daher, ich wiederhole es Ihnen, mein unbedingtes Vertrauen zu Ihrem Rathe, und ich habe Urſache gehabt es zu beſitzen, denn nach und nach habe ich von Neuem ge⸗ hofft. Ich weiß nicht, wodurch das wenige Gute, das ich be⸗ wirkt habe, bekannt worden iſt. Dann iſt das Ereigniß jener Art von Vorſtellung dazugekommen, die ich in einem Augenblicke gluͤhenden Unwillens geſchrieben habe, wegen ei⸗ ner haͤßlichen Beſchuldigung, womit man eine arme Familie der Vendee beſchimpfte, deren Oberhaupt einſt meinem Va⸗ ter ergeben geweſen war. Ich weiß nicht, welches Ihre politiſchen Anſichten ſind, mein Freund, aber Sie haben die Gefuhle und die Ausdrucksweiſe dieſer Vorſtellung gebilligt, ja gelobt, weil, wie Sie mir geſchrieben, Ueberzeugung und Rechtlichkeit uberall lobenswerth ſind. K arme Familie aus der Vendee iſt gerettet worden und hat mir zum Theil die Ehre ihrer Losſprechung zugeſchrieben. Dieſes hatte in unſern Kreiſen ein ſehr uͤber⸗ lebenes Aufſehen gemacht. Wie es nicht anders ſein — 18 — konnte, wurde ich dadurch ein wenig uͤber die Nutzloſen und Muͤſſiggaͤnger geſtellt und man nahm mich mit einer andern Beruͤckſichtigung auf, als der, welche wan blos der Geburt zugeſteht. Von dieſer Zeit an machten mir die emi⸗ nenten Maͤnner unſerer Parthei mehre ſowohl fuͤr mein Alter als meinen geringen Einfluß hoͤchſt ſchweichelhafte Antraͤge, ja unſere Zeitſchriften bezeichneten mich als einen Mann von Ausſicht fuͤr unſere Anſichten. Dieſes mit ſo wenig verdientem Wohlwollen geſpendete Lob verblendete mich nicht, aber es noͤthigte mich in mei⸗ nem guten Streben zu beharren und bewies mir wenigſtens, daß meine Anſtrengungen mir großmuͤthig angerechnet wurden. Dieſe merkwuͤrdige Veraͤnderung meiner Stellung hatte die Fuͤrſtin auch bemerkt und mich deshalb belobt. Die mit vollem Rechte geachtetſten Maͤnner hatten ihr Gluͤck ge⸗ wuͤnſcht zu dem Wege, den ich, wie ſie ſich ausdruckten, ſo ruͤhmlich eingeſchlagen. Ihr Vater, der ſich unſerer Verbindung widerſetzt hatte und mir lange Zeit feindlich ge⸗ weſen war, uͤberhaͤufte mich mit Beweiſen ſeiner Zuneigungz was ſoll ich Ihnen ſagen? .. geliebt wie ich es ſonſt von meiner Frau geweſen war und wie ich es immer noch zu werden hoffte, waͤre ich der gluͤcklichſte aller Menſchen geweſen. Doch wagte ich kaum mich ſelbſt uͤber die Fortſchritte zu befragen, die ich in ihrem Herzen gemacht haben koͤnnte. Mehr als zwei Monate waren ſeit jenem zu eiligen Verſuch verfloſſen, den ich mir ſo lange ſelbſt vorgeworfen habe. Die Fuͤrſtin zeigte ſich gleich freundlich gegen mich. Sie intereſſirte ſich fuͤr meine Arbeiten, rieth mir voll Ver⸗ ſtand und Scharfſinn und maͤßigte nicht ſelten die Gluth meiner Anſichten. Sie ſprach theilnehmend mit mir bon der Zukunft, die mir bevorſtehe, von den Hoffnungen, die ich als Repräſentant meiner Parthei hegen koͤnne, u. ſ. w. — — Aber trotz der Ruhe und Stille, welche Regina an⸗ ſcheinend zeigte, uͤberraſchte ich ſie doch oft, wo ſie traurig und nachdenkend war. Ihre Geſundheit nahm ſichtlich ab, und das Lächeln, mit welchem ſie Alles aufnahm, was ich ver⸗ ſuchte, um ihr zu gefallen, hatte etwas ſanft Entſagendes, das mir oft das Herz zerriß. Ihr Vater ſagte mir manchmal: „Sie benehmen ſich herrlich gegen meine Tochter, ſie iſt voll Theilnahme fuͤr Sie, Ihre Lage bildet ſich, waͤchſt mit jedem Tage, und doch ſagen mir die vaterlichen Ahnungen, die ſich ſelten taͤuſchen; es liegtetwas zwiſchen Euch.“ Ich mußte Herrn von Noirlieu zu beruhigen ſuchen und es iſt mir, hoffe ich, zum Theil gelungen. So ſtanden die Sachen, mein Freund, bei meinem letzten Briefe. Wenn ich dieſe Thatſachen in Ihr Gedaͤchtniß zuruͤck⸗ rufe, ſo geſchieht es, weil ich heute, wo ich an Sie ſchreibe, ſie mir nothwendig ſelbſt wieder erneuern muß, um mit einem einzigen Blick meine gegenwärtige und vergangene Lage zu uberſchauen. Durch eine jener Ideen, die nur in Thoren ent⸗ ſtehen koͤnnen, welche eine alberne Einbildung verblendet, oder in verzweifelnden Menſchen, die gleich mir ſich an die un⸗ ſinnigſte Hoffnung klammern, oder dieſe vielmehr ſich ſelbſt erſt ſchaffen, bildete ich mir eines Tages ein, daß Regina's Nachdenklichkeit, daß ihre Traurigkeit, daß die ſteigende Veraͤnderung ihrer Geſundheit durch die Verlegenheit, durch die Art von Schaam hervorgebracht wuͤrden, die ſie fuhle mir zu geſtehen: daß meine anfangs ſo mißachtete Liebe je⸗ den Tag mehr in ihrem Herzen die verlorne Stelle wieder einnehme. Meinen Gedanken nach, verband ſich mit dieſer Um⸗ wandlung von Regina's Gefuͤhlen ein großmuͤthiges Mitleid mit Juſt, den ſie mir ſonach aufopferte, ein von Reue, ja ſelbſt von Gewiſſensbiſſen begleitetes Mitleid, das aber doch dem Erwachen der erſten Liebe Regina's wich. Und da nun, ſagte ich zu mir ſelbſt, ſeit meinem erſten und ungluͤcklichen Verſuche, ich mich ſtets in den Schran⸗ ken einer blos freundſchaftlichen Zuneigung gegen meine Frau gehalten hatte, ihr die Gelegenheit, mir jene Verände⸗ rung ihrer Gefuͤhle fuͤr mich zu zeigen, gäͤnzlich gefehlt, ſo muͤßten ſolche Geſtaͤndniſſe unter ſolchen Umſtänden und beſon⸗ ders fur ſie, ſtets von der außerordentlichſten Schwierigkeit ſein. Als ich dieſe Auslegung des Benehmens der Fuͤrſtin mir einmal eingebildet hatte, fand ich nur zu viele Gruͤnde, ſie zu rechtfertigen und bei meinem Glauben zu beharren, denn Sie haben mir ja ſelbſt, mein Freund, mit Ihrer un⸗ beugſamen Geradheit geſchrieben: das Böſe und das Falſche, eben ſo, wie das Gute und Wahre, hat ſeine unwiderſteh⸗ liche, dem Schickſale unterliegende Wahrheit. So war denn das freundliche, aber ſtets zuruͤckhaltende Benehmen Regina's, die Discretion, die Vorſicht, welche ſie in der Auswahl ſelbſt ihrer Ausdruͤcke anwendete, wenn ſie mit mir von ihrer Achtung, ihrer Freundſchaft, ihrer Dankbarkeit ſprach, alles das war meinen Gedanken nach, ihrerſeits nur Zwang und Schein, und bei dem erſten guͤn ſtigen Zufalle ſollte die Wahrheit mir vor Augen treten. Nach langem Zoͤgern . ohnſtreitig aus Inſtinkt und das mich haͤtte warnen ſollen . entſchloß ich mich, mein Schickſal zu erfahren, welches es auch ſein möchte, denn ich geſtehe Ihnen dieſe Feigheit, ich fuͤhlte mich nicht mehr ſtark genug, länger meine ungewiſſe und peinliche Lage zu ertragen. Pehntes Rapitel. Fortſetzung des Briefs des Fürſten von Mont⸗ bar an M. Pierre. Seit Kurzem hatte meine Frau mir bewegter und ge⸗ beugter als gewoͤhnlich geſchienen, was ich auf das gegenwaͤrtige ſtuͤrmiſche und druͤckende Wetter ſchob, denn ſie hatte außer⸗ ordentlich reizbare Nerven bekommen. Geſtern war ich in ihren Salon ſo derb eingetreten, daß ſie mich wohl hoͤren konnte; deſſen ohngeachtet wurde ſie meine Ankunft nicht gewahr. Als ich nun naäͤher zu ihr trat, fand ich ihr Geſicht in Thraͤnen gebadet. Ich fragte ſie, was ihr ſei, ſie antwortete aber nicht. Ich rief ſie, gleiches Schweigen, gleiche Zerſtreutheit. Endlich ergriff ich ihre Hand. Nach einer Secunde zog ſie ſie ſchnell zuruͤck, ſah mich erſtaunt an, als ob ſie eben er⸗ weckt worden, und fragte mich, ob ich ſchon lange hier ſei. Dieſe tiefen Abweſenheiten, dieſe Augenblicke ſchmerz⸗ licher Extaſe oder vollſtaͤndiger Unempfindlichkeit, in die ſie jetzt manchmal verſunken iſt, habe ich mir wie das Uebrige erklaͤrt, oder glaubte ſie mir vielmehr ſo zu erklaͤren. Sie kämpft vergebens, ſagte ich zu mir ſelbſt, gegen das unwiderſtehliche Gefuͤhl, das ſie zu mir zuruͤckfuhrt, und das ſie fuͤrchtet ſich zu geſtehen mir zu geſtehen. — Des Abends nun gingen wir bei einem ſchoͤnen Son⸗ nenneigen, obgleich die Atmoſphäre ſtuͤrmiſch und erſtickend war, in den Garten hinunter. Ich hatte beſtellt, daß der Kaffee in einem kleinen laͤnd⸗ lichen Pavillon, der im Hintergrunde einer dichten Baumgruppe lag, ſervirt wurde. In der erſten gluͤcktichen Zeit unſrer Verbindung fanden Regina und ich ein kindiſches oder verliebtes Ver⸗ gnuͤgen daran, die Thuͤr des Gartens von innen zu ver⸗ ſchließen und ſo ganze Tage allein in dieſem Pavillon zu bleiben. Die Erinnerungen, die ſich an dieſe Tage, die ſchoͤn⸗ ſten meines Lebens, knüpfen, ſind noch fur mich ſo gegen⸗ waͤrtig, ſo lebendig, daß in dem Strom der Ideen, von dem ich mich fortreißen ließ, es mir ſchien, als muͤßten ſie auf meine Seele denſelben Einfluß haben, und daß ſo, umge⸗ ben von allem dem was ihr unſre vergangenen Entzuͤckun⸗ gen zuruckriefe, dieſes Geſtändniß, auf das ich ſo gluͤhend wartete, ihr faſt wider Willen aus dem Herzen auf die Lip⸗ pen treten muͤſſe. So traten wir in den Pavillon. Regina ſetzte ſich auf einen Divan. Sie war weißgekleidet und ſchien nur der Schatten ihrer ſelbſt. Sie war ſo blaß ... ſo blaß, daß in dem Halbdunkel, das im Pavillon zu herrſchen be⸗ gann, ihr ſanftes und ſchoͤnes Geſicht ſich kaum von der Weiße ihres Gewandes unterſcheiden ließ. Als unſre Unterhaltung nach und nach matter wurde, woren wir Beide, faſt ohne daran zu denken, ſeit mehr als einer Viertelſtunde in eine ſchweigende Traͤumerei ver⸗ ſunken. Regina ſchien meine Gegenwart nicht mehr zu be⸗ merken: ihr ſtarrer Blick heftete ſich auf die Wipfel der — 123 — großen Baͤume im Garten, uͤber denen ſchon einige Sterne glänzten. Ihr Laͤcheln kam mir unendlich traurig und ſchmerzlich vor. Sie ſaß unbeweglich, halb in ſich verſun⸗ ken, und hielt ihre immer noch reizenden, aber außerordentlich abgemagerten Haͤnde uͤber den Knieen gefaltet. Jetzt, mein Freund, wo mein Geiſt nicht mehr von truͤgeriſchen Viſionen getruͤbt iſt, und ich mir wirklich Phyſiognomie und Stellung der Fuͤrſtin zuruͤcktufe, kann ich kaum die unſelige Verirrung begreifen, in die ich ver⸗ fiel, als ich zu mir ſagte: „Das arme Weib! ich habe ſo viel fuͤr ſie gethan, daß ſie ſich endlich ergeben hat ... Sie erwartet nur ein Wort von mir, um mir ein Geſtaͤndniß abzulegen, das zu⸗ gleich ſie entzuͤckt und quaͤlt, denn dieſe Bläſſe, dieſe Mat⸗ tigkeit ſind die Folgen zuruͤckgedraͤngter Gefuͤhle. Sie wendet die Augen von mir ab aus Furcht vielleicht, der magnetiſchen Anziehungskraft meines Blickes nachzugeben. Ihre Zerſtreuung, ihre Unruhe ſagen mir hinlaͤnglich, daß ſie zum letzten Male, aber vergebens gegen die Gedanken der Liebe kaͤmpft, die von allen Seiten auf ſie eindringen. Aber die Nacht bricht herein „das Schweigen iſt tief . .. wir ſind allein allein an dem Orte, der ihr ſo viel Erinnerungen zuruͤckruft. Nie wird ſich eine beſſere Gele⸗ genheit darbieten, das Geſtaͤndniß, das ſie noch zuruͤckhalt, auf ihre Lippen zu locken. So kniete ich denn neben meiner Frau nieder und ergriff eine ihrer Haͤnde, die ſie mir auch ohne Widerſtand uberließ. § Dieſe brennende, abgemagerte Hand, ich habe ſie mit leidenſchaftlichen Kuͤſſen bedeckt, und ſie hat meinen Druck krampfhaft erwidert. „Regina!“ rief ich nun trunken aus „„enblich . — 124 — biſt Du wieder mein geworden . Du biſt meine Regina von ehedem .. Du liebſt mich?“ „Ja, ja! Was man auch thue ich liebe Dich ſtets, ich liebe Dich heißer als je .. Ich ſterbe an die⸗ ſer Liebe .. aber ich ſage es nicht .. . ich kann es nicht ſagen ich verdanke ihm ſo viel ihm! . Gleichviel ... laß . dieſer Tod iſt ſuͤß .. . mein geliebter Juſt . Ich ſterbe mit dem Gedanken an Dich!“ Ein herzzerreißender Schrei, den ich unwillkuͤrlich aus⸗ ſtieß riß die Fuͤrſtin aus der Art von Wahnſinn, in welchen ihr Geiſt ſich verirrt hatte. Sie ſchien aus einem Traume zu erwachen, ſie bebte zuſammen, ſie richtete ſich plotzlich empor, ſagte zu mir mit irrem Blicke, indem ſie beide Haͤnde vor die Stirn hielt „Sind wir ſchon lange hier . Georges?“ Thraͤnen erſtickten mich; gluͤcklicher Weiſe war die Nacht ſchon faſt eingebrochen. Meine Frau bemerkte nicht, daß ich weinte, und ich an wortete ihr: „Ja „ ſchon ziemlich lange .. Aber es wird ſpaͤt Wollen Sie wieder ins Hotel?“ „Wie Sie wollen, mein Freund,“ antwortete ſie ſanft, ohne die Aufregung meiner Stimme zu bemerken. Ich habe dieſen Brief unterbrochen, mein Freundz ich litt zu ſehr, um ihn fortſetzen zu können. Jetzt wiſſen Sie Alles . ich habe nur Eine Parthie zu ergreifen und Sie werden mir dieſe anrathen, das weiß ich morgen abzureiſen der Fuͤrſtin ihre Frei⸗ heit wieder zu geben. — — — 125 — Das ungluͤckliche Weib ſtirbt .. und meine Verblen⸗ dung, meine Feigheit iſt es, die ihr den Tod giebt. Morgen alſo entferne ich mich. In dem Zuſtande, in welchem die Fuͤrſtin ſich befindet, wuͤrde die Ankuͤndigung dieſer ſchnellen Abreiſe ſelbſt durch das Uebermaaß des Gluͤcks, das ſie fuͤhlen wuͤrde, ein tödtli⸗ cher Schlag fuͤr ſie ſein .. ich werde ihr daher ſchreiben, daß ich nur eine Reiſe von einigen Tagen unternehme, ſpäter ihr aber die fröhliche Nachricht nach und nach und mit Schonung von fern her melden. Gluͤcklicherweiſe . . wird Regina gluͤcklich werden, trotz meines unbeſieglichen Widerwillens gegen dieſen Mann. Ich habe Vertrauen in die ſeltenen Eigenſchaften ſeines Herzens ich zweifle nicht ich habe nicht das Recht zu zweifeln, daß er nicht fur ſie das ſein werde, was er ſein ſoll. Zum letzten Male . Lebewohl und Dank mein Freund oh ja! Dank! . . . denn Ihre weiſen und liebe⸗ vollen Lehren haben Wurzel geſchlagen in meiner Seele, und wenn in dem ſchmerzlichen Leben, zu dem ich von nun an verurtheilt bin, in mir ein Troſt noch vorbehalten iſt, ſo werde ich ihn der Kenntniß des Guten, der Gewoͤhnung an edle, erhabene und nuͤtzliche Ideen verdanken, durch deren Hilfe ich das Herz dieſer kräftigen und edlen Frau, die nun durch meine Schuld auf immer fuͤr mich verloren, wieder zu erlangen hoffte . ja, durch meine Schuld!! Dieſe Lehre iſt nutzich ... aber furchtbar. .«. Haͤtte ich begonnen wie ich endete .. haͤtte ich, ſtatt mein Leben in erniedrigendem Muͤſſiggange zuzubringen, der fuͤr immer das Herz meines Weibes von mir entfremdet hat, gehandelt, wie ich ſeitdem, Dank ſei es Ihrem Rathe, gehandelt habe, — 126 — ſo waͤre Regina ſtolz auf mich geweſen, ware es noch jetzt! Leben Sie wohl, mein Freund, antworten Sie mir augenblicklich, ob ich gleich im Voraus weiß was Sie ſchrei⸗ ben werden. Sie können mir zu nichts Anderem rathen, als wozu ich entſchloſſen bin. G. v. M. Elftes Rapitel. Martins Tagebuch. (Fortſetzung.) Beim Leſen dieſes Briefes des Fuͤrſten empfand ich in mir ein Gefuͤhl des innigſten Mitleids mit ihm, zu glei⸗ cher Zeit aber bedachte ich auch, daß ſein Entſchluß, in wel⸗ chem ich ihn beſtärken mußte, vielleicht Regina das Leben rette und ihr ſo wie Juſt's Gluͤck auf immer ſichre. Was mir der Fuͤrſt eben uͤber diewuͤhrende und muth⸗ volle Entſagung Regina's geſchrieben hatte, ihr bis zum Pa⸗ rorysmus getriebenes Zartgefuͤhl, indem ſte, ihrem Gemahl zur Dankbarkeit verpflichtet, es weder wagte die Freiheit zu beanſpruchen, die er ihr verſprochen hatte, wenn es ihm nicht gelaͤnge, von ihr wieder ſo wie ehedem geliebt zu werden, noch ihm zu ſagen, daß ſie noch ſtets Juſt Clement liebe, daß ſie ihn vielleicht noch mehr liebe als je, der Qualen ſelbſt wegen, welche dieſe Liebe ihr verurſachte, alles Dieſes hatte ich geahnet, geſehen oder errathen. Ich hatte wie gewöhnlich waͤhrend dieſer vier Monate meinen Dienſt bei der Fuͤrſtin fortgeſetzt, und meine Ge⸗ wohnheit zu beobachten, verbunden mit der Art von Vor⸗ auswiſſen, das mir meine Liebe gab, hatte mich in faſt alle — 128 — Geheimniſſe dieſes ungluͤcklichen, ſo hart gepruͤften Herzens eingeweiht. Uebrigens war ich entſchloſſen, im Fall dieſe Lage ſich zu ſehr verlaͤngert haͤtte, um mir ernſte Befurchtungen fur der Fuͤrſtin Leben zu verurſachen, an den Fuͤrſten unter dem Namen von M. Pierre zu ſchreiben, daß dieſe vergebliche Probe zu lange gedauert habe, und haͤtte der Fuͤrſt meinem Rathe nicht nachgegeben, ſo wuͤrde ich mich ſogar entſchloſ⸗ ſen haben, Regina's Bedenklichkeiten zu beſeitigen, indem ich ſie von der Dankbarkeit losgeſprochen, die ſie ihrem Ge⸗ mahl ſchuldig zu ſein glaubte. Gott ſei gelobt! ich habe nicht noͤthig gehabt, zu die⸗ ſem ſchmerzlichen Aeußerſten meine Zuflucht zu nehmen. Regina, Juſt, der Furſt haben ſich Eines des Andern wuͤr⸗ dig gezeigt. Folgendes Billet habe ich dieſen Morgen vom Fuͤrſten in Antwort auf meinen Brief von geſtern erhalten, in welchem ich ihn ermunterte, bei ſeinem Entſchluſſe zu be⸗ harren. „Ich wartete nur auf Ihre Billigung, um abzureiſen, mein Freund. Blos zu einem Geſtaͤndniſſe habe ich mich, ohne Sie zu Rathe zu ziehen, entſchloſſen, das Sie vielleicht beſtritten haͤtten. Ich wollte nach meiner Entfernung der Fuͤrſtin nicht das mindeſte Bedauern uͤbrig laſſen hinſichtlich der Dank⸗ barkeit, die mir ſchuldig zu ſein, ſie ſo lange geglaubt hat. In meinem Abſchiedsbriefe habe ich ihr geſagt, daß nicht mir. .. ſondern einem unbekannten Freunde ſie die Wiederherſtellung des Andenkens ihrer Mutter verdanke. Die letzte Gnade, um welche ich Sie noch anflehe, ſchrieb ich ihr, wird die ſein, mir zu verzeihen, daß ich ein Ge⸗ — — fuhl der Dankbarkeit, auf die ich keinen Anſpruch hatte, ſo ſehr gemißbraucht habe. . Ich glaube darin nicht die Ehrenzuſage zu vetletzen, die ich Ihnen gegeben hatte, mein Freund. Und habe ich dieſe Zuſage vielleicht in etwas vernach⸗ läſſigt, ſo werden Sie nachſichtsvoll ſein. Ich glaubte mich mehr als Ehrenmann zu zeigen, indem ich ſo handelte, als wenn ich im ſtrengſten Wortverſtand die Verpflichtung ge⸗ gen Sie beobachtet haͤtte. Leben Sie wohl, und ungluͤcklicherweiſe fuͤr mich auf immer! Leben Sie wohl, mein Freund! Ich weiß nicht welches Schickſal mir vorbehalten iſt .. ich weiß nicht, was ich von der Zeit hoffen darf, dieſem finſtern Troͤſter. Aber in dieſem Augenblicke wo ich jetzt ſchreibe, glaube, fuͤhle ich, daß es auf der Welt keinen ungluͤcklichern Men⸗ ſchen giebt als mich. Der einzige Gedanke, deſſen bittre Suͤßigkeit mit dem Chaos duͤſtrer zerreißender Gefuͤhle, in derer Mitte ich kaͤm⸗ pfe, contraſtirt, iſt der, das Regina bewundernswuͤrdig erhaben geblieben bis ans Ende. Glauben Sie mir, mein Freund, fuhle ich mich mit⸗ leidslos gegen irgend Jemand, ſo iſt es nicht gegen ſie oder Juſt, der eben ſo wuͤrdig und edel wie ſie, ſondern gegen mich, die einzige Urſache ihrer erduldeten Leiden, meiner zukuͤnftigen Qualen. Zum letzten Male nun Lebewohl und Dank fuͤr Sie, mein Freund! Ohne Ihren Rath waͤre mein Schickſal noch tauſendmal elender, denn ich haͤtte zwei Perſonen ge⸗ haßt, verachtet und vielleicht in Verzweiflung geſtuͤrzt, die ich im Gegentheile in dem Augenblicke, wo ich mich von ihnen entfernte, achte und ehre und gewiß bin, ſie gluͤcklich und ohne Reue zuruͤcklaſſen. Martin. IX. 9 — 130 — Sie hatte Recht. Es liegt eine Art Troſt in einem ſolchen Gefuͤhle. Muth! die Stunde ſchlaͤgt... Es iſt alſo geſchehen fuͤr immer .. . o meine Hoffnungen!“ „Großer Gott! wie leide ich! .. Mitleid meiner Schwaͤche! . Leben Sie wohl ... Beklagen Sie mich . lieben Sie mich.. Ol wenn Sie in dieſem furchtbaren Augen⸗ blicke zu mir kaͤmen .. mit mir fortreiſ'ten .. auf meinen Knieen wuͤrde ich Sie ſegnen! Ihre Freundſchaft wäre mir eine ſo große Hilfe! .. Aber nein! es iſt unmoglich, Sie werden nicht wol⸗ len ich bin ein Thor. Verzeihung fuͤr dieſe Bitte; haben Sie denn nicht ſchon genug gethan fuͤr mich? Leben Sie wohl . zum letztenmale!“ G. v. M. Alles iſt vollendet. Seit dem Beginnen der verfloßnen Woche iſt der Fuͤrſt abgereiſet. Heut haben ſich Regina und Juſt zum erſten Male wiedergeſehen. Meine Herrin war noch ſehr blaß, ſehr abgemagert.. aber wie ſchoͤn war ſie doch, o mein Gott! wie ſchoͤn von Gluͤck und Liebe!! Meine Anfgabe iſt beendet .. redlich, muthig beendet, das kann ich ohne Unbeſcheidenheit ſagen. Was beginne ich nun? Wozu kann ich der Fuͤrſtin ferner nuͤtzlich ſein? Aber ich ſelbſt? . .. Die Gewohnung haͤuslicher Innig⸗ keit ſo ſuͤß, ſo theuer meinem Herzen, trotz der Qualen, mit denen ſie mich manchmal marterte, kann ich ſie auf⸗ — 131 — geben? von Regina entfernt leben? ſie nicht mehr faſt jeden Augenblick des Tages uͤber ſehen? . mich von ihr tren⸗ nen? jetzt beſonders, wo ſie ſo gluͤcklich iſt? Werde ich den Muth dazu beſitzen? werde ich dieſer ſchwermuͤthigen Freude widerſtehen, mir, wenn ich ihr und Juſts Geſicht von Wonne ſtrahlen ſehe, zu ſagen: Zu die⸗ ſem Glucke habe ich beigetragen. Dieſe ſchmerzlichen, aber zur Weihe ihrer Liebe nothwendigen Pruͤfungen, welche ſie rein machen ſollte von allen Vorwuͤrfen, dieſe Pruͤfungen, aus denen alle Beide ſo glorreich hervorgingen, ich habe ſie ihnen bereitet, um ihrer Liebe, um deren Groͤße und Wuͤrde willen. Und in dieſem Augenblicke ſollte ich Regina verlaſſen, nachdem ich das ſchmerzliche Schauſpiel ihrer Traurigkeit, ihres Ungluͤcks ſo lange vor Augen gehabt habe? Nein, nein! wenn ich einen Lohn verdient habe, ſo ſoll dies der meine ſein. Der Anblick dieſer Gluͤckſeligkeit, zu welcher ich mit allen Kraͤften meiner Hingebung beigetragen habe, ungekannt, wie ſie es immer bleiben ſoll. Nein! ... noch einige Zeit lang werde ich . wenn ſie darein willigt... Regina nicht verlaſſen. Und wenn ſpaͤterhin .. dieſe ſuͤße und gefaͤhrliche Gewoͤhnung des Zuſammenlebens mit der Fuͤrſtin ſo in wir eingefleiſcht worden, daß ich mich ihr nicht entreißen kann, wenn die Fuͤrſtin, ſelbſt ſich daran gewoͤhnend, mich wie einen ihrer braven und treuen Diener anzuſehen, von denen man ſich nicht trennt, mir eines Tages ſagt: Martin! Sie verlaſſen mich nie? nicht wahr? Wie es dann ihr abſchlagen? Wird nicht mein Herzenswunſch mit ihrer Bitte zu ſehr im Einklange ſein? Dann wird mein Leben in einem unfruchtbaren, egviſtiſchen, durch nichts hoͤher geſtellten Dienen beſtehen. Denn bis jetzt wenigſtens hat mir dieſes Dienen erlaubt, Regina die Dienſte zu leiſten, die ich ihr in keiner andern ſozialen Stellung haͤtte leiſten koͤnnen. Aber meine Auf⸗ gabe iſt erfullt.... Durch die Großmuth des Doctor Cle⸗ ment uͤber das Beduͤrfniß geſichert, kann da, muß da nicht mein Leben einen hoͤhern, nuͤtzlichern Zweck haben, einen vortheilhaftern fuͤr meine Bruͤder in der Menſchheit, wie mein Wohlthaͤter ſagte? Keine Schwaͤche mehr. Ich werde Claude Gerard um Rath fragen. Sein maͤnnliches, liebendes Wort ſoll. mich noch einmal leiten. Aber Segen uͤber ihn, denn er iſt es, dem ich es ver⸗ danke, daß ich auf meine niedrige Stellung, die von ihm ſo oft wiederholte und ausgeubte Mapime anwenden konnte: Es giebt keine noch ſo niedrige Lage, wo der Mann von Herz nicht ſeine Wuͤrde beweiſen könnte. Ende des neunten Theils. 4