Martin, das Findelkind, oder Erlebniſſe eines Kammerdieners. Von Eugene suec. In's Deutſche uͤbertragen von Cheodor Hell. Achter Band. —— Grimma, Druck und Verlag des Verlags⸗Comptoirs. Martin, das Findelkind, von EugèEne Sue. Achter Theil. Martins Memoiren. Fuͤnfter Theil. Martin. VMI. 1 Erſtes Kapitrl. Der Kammerdiener. Jo kam nach Paris zuruͤck. Die Empfehlung des Doctor Clement, welche ſein Sohn der Fuͤrſtin von Montbar uͤberbracht, war ſo wirk⸗ ſam geweſen, daß bei meiner Ruͤckkehr von Claude, der Ca⸗ pitain Juſt mir anzeigte, wie der Haushofmeiſter des Fuͤr⸗ ſten den Auftrag habe, mich gleich nach meiner Ankunft in Paris unter die Hausoffizianten aufzunehmen, und mich der Fuͤrſtin vorzuſtellen. Ich war vollkommen uͤberzeugt, daß der Doctor Cle⸗ ment mein Geheimniß ſorgfaͤltig verſchwiegen habe, denn nach der Art, wie der Capitain Juſt mir meine Aufnahme im Hauſe der Fuͤrſtin ankuͤndigte, ſchien es mir, als habe er die großen Intereſſen, wegen welcher ich bei ihr antrat, nicht vermuthet. Ohnſtreitig erblickte er in mir nur einen von einer guten Stelle entzuͤckten Bedienten. 1* Endlich kam nun der ſeit ſo langer Zeit und mit ſol⸗ cher Ungeduld erwartete Tag herbei. Ich ſollte dieſe bis dahin von mir als ein bloßer Traum betrachtete Hoffnung ſich verwirklichen ſehen. Ich ſollte unter Einem Dache mit Regina wohnen. Beſchreiben könnte ich es nicht, mit welchem Herzklo⸗ pfen ich zum erſten Male an das Thor des Hotels von Montbar klopfte. Ich fragte nach dem erſten Diener, welcher, nachdem er einige Zeilen, die ich ihm Seiten des Capitain Juſt, um meine Identitaͤt zu beſcheinigen, uberbrachte, geleſen hatte, mich ihm zur Fuͤrſtin folgen hieß. Nachdem ich an der ſchweren Portiere eines kleinen Salons gekratzt hatte, fuͤhrte er mich ein, indem er zu Regina, die mit Schreiben beſchaͤftigt war, ſagte: „Es iſt der Kammerdiener, den die Frau Prinzeſſin erwarten.“ „Gut!“ antwortet dieſe, ohne zu ſoreten aufzuhoren und mich anzuſehen. Der Haushofmeiſter ging; ich blieb allein mit meiner kuͤnftigen Herrin. Die Fuͤrſtin war in einen Schlafrock von dunkel orange mit Palmzweigen gehuͤllt, welcher ſich an ihren Dianen⸗ wuchs anſchmiegte. Ihre bewundernswerthen ſchwarzen, von Natur wellenfoͤrmigen Haare wanden ſich in einer gro⸗ ßen Flechte um ihr Hinterhaupt, und ihr kleiner mit einem Pantoffel von Maroquin in Silber geſtickt, geſchmuͤckter Fuß trat uͤber die langen Falten ihrer Robe vor, deren et⸗ was weite Aermel den Anfang eines ſchönen, weißen, elfen⸗ beinglatten Armes und die reizenden Knoͤchel einer niedlichen Hand ſehen ließen. Ein ſuͤßer Wohlgeruch erfullte dieſen Salon, mit gruͤnem Damaſt tapeziert, aus welchem vergoldete Leiſten ſich hoben. Der Schreibetiſch der Furſtin war, ſo zu ſagen, mit einem Gebuͤſch von maſſenhaften Blumen in halb run⸗ der, ſehr niedriger und auf dem Teppich ruhender Jardiniere umgeben; auch erblickte man noch eine große Menge von Blumen in Vaſen und Aeſchen des feinſten Porzellans, die hie und da auf den koſtbarſten Meublen ſtanden. Nie hatte ich noch eine ſolche Fuͤlle von ſeltnen Blu⸗ men und ſolchen geſchmackvollen Lurus geſehen. Das Licht fiel in dieſes Sprechzimmer durch einen ſeidnen Vorſetzer, auf welchen Voͤgel von den bunteſten Farben gemalt waren. Dieſes geheimnißvolle Halblicht, das tiefe Schweigen, das in dem Zimmer herrſchte, welches nach dem Garten hinaus lag, der ſuße Geruch der Blumen und des leichten Parfuͤms, den die Haare oder Kleider Regina's ausdufteten, was ſoll ichs nicht ſagen, der Anblick endlich dieſes ſo ſchonen und ſo lange von der Tiefe meines Elends und meiner Dunkel⸗ heit aus, angebeteten Weibes, verurſachten mir Anfangs eine Art von Rauſch . . von Schwindel. Ale Regina aufgehört zu ſchreiben, ſagte ſie mir, auf einen Handleuchter von Vermeil zeigend, der auf ihrem Ti⸗ ſche ſtand: „Zuͤnden Sie dieſen Leuchter an, ich bitte . auf dem Kamine liegt Papier dazu.“ Dem Befehle der Fuͤrſtin gehorchend, nahm ich von der bezeichneten Stelle aus einem kleinen Porzellankoͤrbchen eine Art langen Streifens von Roſapapier und hielt ihn an die Kaminftamme, worauf ich das Licht an dem Handleuch⸗ ter anzuͤndete. „Ich danke Ihnen,“ ſagte die Fuͤrſtin mit ihrer ſanf⸗ ten, milden Stimme. Dann ſagte ſie, waͤhrend ſie einen Brief ſiegelte und die Adreſſe darauf ſchrieb, ohne die Augen auf mich zu heben: „Sie heißen Martin?“ „Ja, gnädige Frau Prinzeſſin.“ „Der Herr Doctor Clement, einer der Menſchen, den ich liebte und auf der Welt am Meiſten verehrte,“ ſagte die Frau Fuͤrſtin mit einem Anfluge von Ruͤhrung zu mir, „hat Sie mir ſo dringend empfohlen, daß ich Sie mit vol⸗ lem Vertrauen in meine Dienſte nehme.“ „Ich werde dieſe Guͤte der Frau Prinzeſſin zu verdie⸗ nen ſuchen,“ antwortete ich, mich verbeugend. Nachdem Regina ihren Brief vollendet, ſtand ſie vom Büreau auf und ſetzte ſich in einen Seſſel am Kamine. Sie ſtuͤtzte ſich auf die Armlehne deſſelben und heftete, indem ſie ohnſtreitig mein Ausſehen pruͤfen wollte, einen forſchenden, obgleich etwas verlegenen Blick auf mich. Ihre großen, ſchwarzen, ſchwimmenden Augen begegneten ſo den meinen. Sogleich ſenkte ich dieſe, und unwillkurlich bedeckte ſich mein Geſicht mit lebhafter Rothe. Ich erbebte bei dem Gedanken, daß die Furſtin vielleicht dieſes ungeſchickte Erroͤthen bemerkt habe. Gluͤcklicherweiſe war es nicht der Fall, wie ich glaube, denn ſie fuhr gleich fort: „Ich muß Ihnen ſogleich ſagen, unter welchen Bedin⸗ gungen ich Sie annehme. Sie erhalten 1000 Francs Ge⸗ halt. Iſt Ihnen das recht?“ „Ich werde Alles anwenden, um die gnaͤdige Frau zu⸗ frieden zu ſtellen.“ „Das wird Ihnen leicht werden. Ich verlange nichts von Ihnen als Eifer und Puͤnktlichkeit in Ihrem Dienſte,“ ſagte ſie gutevoll. „Nur muß ich furchten, nicht gleich noch in der gnaͤ⸗ digen Frau Dienſten eingerichtet zu ſein.“ „Mein Dienſt iſt ſehr einfach, er beſteht ungefaͤhr darin: Sie ſorgen fur dieſes Sprechzimmer und die beiden Salons vorher. Sie haben Acht, daß meine Jardinieren und Vaſen immer mit friſchen Blumen verſorgt und ge⸗ ſchmackvoll geordnet ſind, weshalb Sie ſich mit meiner Blu⸗ menhaͤndlerin verſtehen. Dann wiſchen Sie ſorgſam dieſes Porzellan und die Kunſtgegenſtaͤnde ab, die Sie auf dieſen Etageren erblicken. Von Zeit zu Zeit ſaͤubern Sie auch ſorgfältig die Gemaͤlde, die hier und in den andern Zim⸗ mern ſind. Hierauf bringen Sie mir mein Fruͤhſtuͤck hier⸗ het. Des Nachmittags, wenn ich nicht ausfahre, bleiben — 5 — Sie im Vorſaale, um mir die Perſonen zu melden, die mit mir ſprechen wollen. Gehe ich aus, ſo beſorgen Sie die Auftraͤge, die ich Ihnen gegeben habe, wo nicht, ſo ſind Sie Herr Ihrer Zeit. Beim Diner ſerviren Sie mit dem Haushofmeiſter und dem Kammerdiener des Fuͤrſten. Bleibe ich des Abends zu Hauſe, ſo halten Sie ſich im Vorzimmer auf, und gehe ich aus, gehoͤrt der Abend Ihnen. Darin wird ohngefahr Ihr Dienſt beſtehen.“ „Wenigſtens wird es mir nicht an gutem Willen feh⸗ len, gnaͤdige Frau.“ „Davon bin ich uberzeugt. Sind Sie wegen etwas in Verlegenheit, ſo wenden Sie ſich an den Haushofmeiſter .. oder an Mamſell Juliette, meine Kammerfrau, die werden Sie von Allem unterrichten, was Sie noch nicht wiſſen. . Ich brauche Ihnen nicht erſt zu ſagen, daß der Fuͤrſt auf ein gutes Einverſtaͤndniß unter ſeinen Leuten im Hauſe haͤlt . und ich zweifle an der Fuͤgſamkeit Ihres Charak⸗ ters nicht im Mindeſten ... Sagen Sie mir, Sie können jedenfalls leſen und ſchreiben?“ „Ja, gnadige Frau.“ „Und rechnen?“ „Ebenfalls.“ „So werde ich Sie dazu brauchen, alle Monate mit gewiſſen Lieferanten, von denen ich Ihnen die Liſte geben werde, abzurechnen, und mir dann jeden Monat ganz ge⸗ nau Ihr Ausgabebuch einzuhaͤndigen. Ich liebe das Ste⸗ henlaſſen der Rechnungen nicht.“ 9 „Ich werde mich nach den Befehlen der gnaͤdigen Frau richten.“ „Nun denn! So hoffe ich, daß Sie recht lange bei mir bleiben und ich mit Ihnen zufrieden ſein werde.“ „Die gnadige Frau koͤnnen uͤberzeugt ſein, daß ich da⸗ fuͤr alles Moͤgliche anwenden werde.“ „Von morgen an beginnt alſo Ihr Dienſt bei mir. Heute werden Sie ſich mit der Einrichtung des Hauſes be⸗ kannt machen. Nur dieſen Brief beſtellen Sie mir.“ Und damit uͤbergab mir Regina den Brief, den ſie eben geſchrieben hatte. „Muß ich mir eine Antwort erbitten, gnädige Frau?“ „Ja Sie tragen den Brief ſelbſt ins Vorzimmer und warten darauf. . . . Im Fall aber Madame Wilſon .. das iſt die Perſon, an die ich geſchrieben habe .. nicht zu Hauſe waͤre, ſo laſſen Sie den Brief dort.“ Nach einem augenblicklichen Stillſchweigen fuhr dann die Fuͤrſtin fort: „Hoͤren Sie noch, Martin .. . es verſteht ſich, daß, wenn ich im Wagen ausfahre, Sie mich nie begleiten. ... das thun die Bedienten. Da es aber doch geſchehen könnte, daß ich einmal zufällig Ihrer beim Ausgehen beduͤrfte, ſo ſage ich es Ihnen lieber im Voraus. . .. Uebrigens tragen Sie auch bei ſolchen ſeltnen Faͤllen keine Livrée, als Sie uͤberhaupt ſie gewöhnlich nicht tragen.“ „Ich werde ſtets fuͤr die Befehle der gnädigen Frau bereit ſein; es iſt meine Schuldigkeit.“ — — „Ach, ich vergaß .. erwiderte Regina, und ihr Ge⸗ ſicht verrieth eine ſchmerzliche Erregung .. . „Einmal fuͤr allemal, und ohne daß ich noͤthig habe, es Ihnen zu wieder⸗ holen, gehen Sie jeden Morgen fruͤh und erkundigen ſich nach dem Befinden des Herrn Baron von Noirlieu .. mei⸗ nes Vaters.“ „Ja, gnädige Frau.“ Dann zeigte mir Regina, als wolle Sie ſich von den traurigen Gedanken zerſtreuen, welche ohnſtreitig der Befehl, den ſie mir gegeben hatte, in ihr erweckte, oder vielleicht auch, um mich ihre Erregung nicht ſehen zu laſſen, ein Bouquet von weißen Daphnen, das in einem kleinen vene⸗ tianiſchen glaͤſernen Becher mit Edelſteinen ausgelegt, auf einem Tiſchchen von Roſenholz ſtand, worauf auch ein ge⸗ ſticktes Schnupftuch, ein offnes Buch und eine angefangene Tapiſſeriearbeit lag. Die Fuͤrſtin von Montbar war wieder einen Augen⸗ vlick ſtill geweſen und begann dann mit einem gewiſſen Zaudern: „Der Doctor Clement hat mir geſchrieben und ſein Sohn es beſtätigt, daß Sie die Redlichkeit ſelbſt wären. .. Ich weiß, mit welcher muthigen Ergebenheit Sie mit Ge⸗ fahr Ihres Lebens gegen einen Elenden gekämpft haben, der ſich bei Ihrem Herrn eingeſchlichen hatte, um ihn zu berauben.“ „Ich habe nur meine Schuldigkeit gethan, gnädige Ka —— — „Ich weiß es, aber die, welche ſo brav ihre Schuldig⸗ keit thun .. . ſind ſelten. Mit Einem Worte, alles das Gute, was ich von Ihnen gehoͤrt habe, laͤßt mich glauben, daß Sie mit dieſen beiden vortrefflichen Eigenſchaften der Ergebenheit und Redlichkeit auch ohne Zweifel die der Discretion verbinden?“ Und dabei heftete Regina abermals einen feſten und durchdringenden Blick auf mich. Ich hatte bei dieſer erſten Unterredung mit Regina eine gefährliche Klippe zu vermeiden, naͤmlich nicht durch Rede, ja ich moͤchte ſagen, durch Empfindung hoͤher zu er⸗ ſcheinen, als meine Stellung. Ich mußte mich alſo unaus⸗ geſetzt beobachten und vorzuͤglich unerbittlich der unſeligen Verſuchung widerſtehen, mich in den Augen der Fuͤrſtin intereſſant zu machen. Alles waͤre fuͤr meine Abſichten in dem Augenblicke verloren geweſen, wo ſie in mir etwas Anderes als einen einfachen, redlichen und eifrigen Diener erblickt haͤtte. So dachte denn die Fuͤrſtin, als ſie mich fragte, ob ſie auf meine Discretion zaͤhlen durfe, ohnſtreitig daran, mir irgend einen bedenklichen Auftrag zu geben. Die Hoff⸗ nung, ſchon jetzt einen Beweis ihres Vertrauens zu erhal⸗ ten, machte mich gluͤcklich. Ich antwortete jedoch im Tone aufrichtiger Einfalt, einige Verwunderung affectirend „Die gnaͤdige Frau wollen, daß ich nur Ihnen ſelbſt Rechenſchaft uͤber Ihre Auftraͤge geben werde.“ „Ja, ja, ſo iſt es,“ antwortete ſie mit einer kleinen Verlegenheit. „Man wendet ſich oft an mich, um Unterſtu⸗ zungen . und, wenn es Ungluͤcksfaͤlle giebt, die des Mit⸗ leids werth . ſo giebt es leider auch andre, die erdichtet ſind, oder aus ſchlechter Auffuͤhrung entſtanden. ... Ich werde Ihnen daher den Auftrag geben, manchmal Erkundi⸗ gungen uͤber Perſonen einzuziehen, welche Almoſen von mir empfangen, um ſichre Nachrichten uͤber dieſe zu erhalten. Deshalb werden Sie ſich in Beziehungen mit den Portiers, Nachbarsleuten und ſonſt ſetzen. Endlich begreifen Sie auch wohl, daß ich bei ſolchen Vorkommenheiten verlange,“ ſetzte ſie hinzu, indem ſie ein wenig an meiner Faſſungs⸗ kraft zu zweifeln ſchien . . . „nun, Sie verſtehen mich wohl? „ „Ja, gnaͤdige Frau, ich werde mir Muͤhe geben, daß Sie Vertrauen zu den Mittheilungen haben können, die ich Ihnen hinterbringe.“ Nach einem Augenblicke der uun ſprach die Fuͤrſtin weiter: „So will ich Ihnen denn gleich heute einen Auftrag dieſer Art geben.“ Und nun nahm ſie aus dem Schubfache des kleinen Tiſches von Roſenholz, der neben ihr ſtand, ein Papier, las es und fragte mich: „Kennen Sie die Straße von Marché⸗vieux?“ „Nein, gnaͤdige Frau.“ „Sie muß ohnweit der Straße dEnfer ſich befinden.“ „Ich werde ſie ſchon finden, gnaͤdige Frau.“ „Nun denn! In Nummer 11 jener Straße wohnt eine arme Witwe, Namens Lallemand, ſie iſt gelaͤhmt und außer Stande, ihr Bett zu verlaſſen. Ihre Tochter von 11 bis 12 Jahren hat mich ſchon einige Male wegen ihrer Mutter gebeten. Das Kind intereſſirte mich ſo, daß ich ihr auch Unterſtuͤtzung gewaͤhrte. Greſtern kam die Kleine nun wieder. Sie bat dringend, ihre Mutter zu beſuchen, da dieſe, wie ſie mir ſagte, etwas von der höchſten Wichtigkeit fuͤr mich mir anzuvertrauen habe, ſie aber, da ſie von ih⸗ rem Bette nicht aufſtehen, nicht ſchreiben könne, einem Kinde von dem Alter ihrer Tochter einen ſo wichtigen Auf⸗ trag aber nicht uͤbergeben wolle, genoͤthigt ſei, mich um einen Beſuch bei ihr zu bitten. Ich habe ihn ihr auch ver⸗ ſprochen und werde morgen dahin gehen. Nun hat mir aber das Kind geſagt, daß in dieſe kleine Gaſſe eines entle⸗ genen Viertels, wo das Erſcheinen meines Wagens uͤbrigens das größte Aufſehen machen wuͤrde, Wagen ſchwerlich fah⸗ ren koͤnnten, was mir dann ſehr unangenehm ſein wuͤrde. Gehen Sie alſo jetzt zu dieſer armen Frau, damit man weiß, in welchem Stockwerk ſie wohnt und ich mir ſo die Verle⸗ genheit erſpare, in einem Hauſe nachzufragen, wo es keinen Portier giebt, wie mir das Kind geſagt hat.“ „Soll ich dieſer Frau den Beſuch der gnädigen Frau fuͤr Morgen ankuͤndigen?“ „Ja, das wird ſie einen Tag zuvor ſchon gluͤcklich ma⸗ chen. Sagen Sie ihr, daß ich fruͤh zwiſchen 9 und 10 Uhr zu ihr kommen wuͤrde,“ ſetzte die Fuͤrſtin nach augenblickli⸗ cher Ueberlegung hinzu. „Befehlen die gnädige Frau, daß ich einige Erkundi⸗ gungen uͤber dieſe Frau einzuziehen ſuche?“ „Dieſes Mal. . wuͤrde es unnöthig ſein... ich glaube Alles, was mir das kleine Maͤdchen geſagt hat.. ein Kind von dieſem Alter wuͤrde unfaͤhig ſein zu lugen, oder ſo ſehr zu taͤuſchen.“ Bei dieſer Anſicht Regina's haͤtte ich, von Erfahrung belehrt, mich ach! daran erinnern ſollen, daß die Verderb⸗ niß oft auch ſelbſt die Kindheit beruͤhrt, aber ich war weit entfernt davon, zu glauben, daß dieſe Lockung fuͤr das edel⸗ muͤthige Herz Regina's einen furchtbaren Fallſtrick, einen teufliſchen Plan verbarg. Nur zu bald erhielt ich dieſe traurige Aufklaͤrung. „Da, hier iſt die Adreſſe dieſer armen Frau,“ ſagte Regina und gab mir ein Papier. „Gehen Sie gleich zu Madame Wilſon und bringen Sie ihr meinen Brief, dann beſorgen Sie den anderen Auftrag.“ Im Augenblicke, wo ich mich entfernen wollte, ſetzte die Fuͤrſtin mit vielem Wohlwollen und Wuͤrde hinzu: „In Bezug auf die trefflichen Empfehlungen des Doc⸗ tor Clement, gebe ich Ihnen ſchon am erſten Tage Ihres Eintritts in meine Dienſte einen Beweis von Vertrauen. Ich hoffe, daß Sie durch Eifer und Discretion ihm ent⸗ ſprechen werden.“ — 3 — „Ich werde Alles thun, was ich kann, um die gnädige Frau zufrieden zu ſtellen.“ Und darauf verließ ich das Zimmer der Fuͤrſtin von Montbar. Es wuͤrde mir unmoͤglich ſein, die tauſend Gedanken auszudruͤcken, die ſich in mir nach dieſer erſten Zuſammen⸗ kunft mit Regina durchkreuzten. Es war eine Art ſo hef⸗ tiger Geiſtesbetäubung, daß ich haſtig auf mein Zimmer eilte, um mich zu ſammeln und das noͤthige kolte Blut zu gewinnen, um ohne Verwirrung die Blicke meiner neuen Kameraden auszuhalten. Der furchtbare Eindruck, der zuerſt alle andere be⸗ herrſchte und den ich mir nicht zu verheimlichen ſuchte, weil er mich erſchreckte, war ein Gefuͤhl leidenſchaftlicher Liebe .. gluͤhender . ſinnlicher Liebe, die ich noch nie zuvor fur Regina empfunden. Bis dahin war mir Regina, immer ernſt und ſtreng, mit dem heiligen Zauber ihrer kindlichen Trauer umgeben, in einer ſo erhabenen Sphäre erſchienen, war ſo hoch geſtellt und ich ſo niedrig und fern, daß ich ih⸗ rem Einfluß als Frau, als junge, ſchoͤne, reizende Frau nicht hatte unterliegen koͤnnen. Vernichtet unter dieſen Eindruͤcken voll Reiz und Schrecken zugleich, hatte ich einen Augenblick lang Furcht meine Entſchloſſenheit verließ mich . .. ich ſah eine Zu⸗ kunft voll namenloſer Qualen, die ich nicht hatte ahnen koͤnnen, voraus. Der ſchoͤne Traum, unter demſelben Dache mit der Furſtin zu leben, jeden Augenblick die Suͤßigkeit — — einer durch meine dienſtlichen Verhältniſſe faſt gezwungenen Vertrautheit zu genießen, dieſe Empfindungen bei dem blo⸗ ßen Gedanken, ſie alle Tage zu ſehen und zu hoͤren, dieſes unausſprechliche Gluͤck, mir ſagen zu konnen, wenn ich von ihr ſprach, meine Gebieterin, ihr in der That mit Leib und Seele anzugehoͤren, alle dieſe hinreißenden Viſionen verſchwanden in dem Moment, wo die Wirklichkeit mir vor Augen ſtand: ein Diener, der raſend in ſeine Her⸗ rin verliebt!.. Eine ſinnloſe Leidenſchaft voll Schmach, Laͤcherlichkeit und Niedrigkeit; eine aufgeregte, in jedem Augenblicke durch das Weib, das ſie wiſſenlos verurſacht, wilder werdende Leidenſchaftz denn ſo zuruͤckhaltend man auch ſei, vor ſeinem Diener genirt man ſich doch ſo wenig. Das war noch nicht Alles: Die geringſte verrathene Erregung, ein Blick, ein fluͤchtiges Erroͤthen, das leiſeſte Beben meiner Stimme, ein unwilluͤrliches Zittern konnte nicht nur Veranlaſſung werden, mich fuͤr immer mit Schande aus dieſem Hauſe zu jagen, ſondern ich verlor auch fur alle Zeit die Gelegenheit, vielleicht die Fuͤrſtin hoch ver⸗ pflichten zu koͤnnen, denn ich hatte ja ſchon, ob ſie es gleich nicht wußte, einen ſo großen, einen ſo heilſamen Einfluß auf das Leben Regina's, daß ich wohl noch auf einige Frucht von meiner Ergebenheit fuͤr ſie hoffen durfte. Einer ſolchen Zukunft gegenuͤber, war mein Muth auf dem Punkte zu ſinken, dann aber dachte ich, dieſen feigen Schrecken uͤberwindend, an die letzten Anmahnungen des — 47 — Doctor Clement, an die Ermuthigungen von Claude Ge⸗ rard und beſchloß meine Aufgabe zu erfuͤllen und muthig zu kämpfen, meine gegenwaͤrtige Lage, ſo peinlich ſie auch ſein mochte, mit meinem vergangenen Elende vergleichend, wo ich, muͤde, laͤnger Hunger und Kaͤlte zu dulden, den Tod in der Tiefe des Kellers erwartet und gehofft hatte, in welchen ich mich lebendig begraben hatte. Da glaubte ich die freundliche und ſtrenge Stimme Claude Gerards zu hoͤ⸗ ren, die mir meine unwuͤrdige Schwaͤche vorworf als Belei⸗ digung fuͤr die beſſern Tage, welche mir die Vorſehung neuerdings bereitet hatte. Die Fruͤhſtuͤcksglocke erſcholl und vereinigte mich mit meinen neuen Kameraden, dem Haushofmeiſter, dem Koch, dem Kammerdiener des Fuͤrſten und den beiden Kammer⸗ frauen der Fuͤrſtin. Die Livrée- und Stallbedienten nah⸗ men ihr Fruhſtuͤck und Mittageſſen beim Portier des Ho⸗ tels ein. Meine Dienſtgefaͤhrten nahmen mich herzlich auf. Mademoiſelle Juliette, die erſte Kammerfrau der Fuͤrſtin, ſchlug mir ſogar vor, Abends bei ſich einen Thee zu geben, um meine Ankunft zu feiern. Es ward mir leicht, aus der Zuruͤckhaltung oder Unbedeutſamkeit der waͤhrend dieſes er⸗ ſten Mahles unter den Offizianten ſtattfindenden Unterhal⸗ ſung zu ſchließen, daß man noch kein Vertrauen zu mir habe. Ich hielt es daher fur nuͤtzlich und klug, gute Ka⸗ meradſchaft zu zeigen, indem ich meinen Tiſchgenoſſen an⸗ bot, ihre etwaigen Auftraͤge zu beſorgen, waͤhrend ich die Befehle der Fuͤrſtin vollziehe. Mademoiſelle Juliette nahm Rrtin. vII. 2 es an und bat mich, weil ich ohnedis Madame Wilſon, der vertrauten Freundin der gnadigen Frau, einen Brief braͤchte, Mademoiſelle Iſabeau einzuladen, dieſen Abend, wenn ſie koͤnne, den Thee mit uns zu trinken. Ich begab mich nun zuerſt zu Madame Wilſon. Sie wohnte in einem ſehr eleganten Hauſe der Straße von Lon⸗ don, wo auch das Buͤreau des Herrn Wilſon, eines reichen amerikaniſchen Bankiers, war. Der Bediente, der mich im Vorzimmer empfing, ſagte mir, daß Madame Wilſon ausgegangen. Ich uͤbergab ihm alſo den Brief meiner Herrhaft und bat ihn, mich zu Mamſell Iſabeau, der Kammerfrau, zu fuͤhren. Dieſe war keineswegs ſchoͤn, be⸗ ſaß aber einen ſchlanken, grazioͤfen Wuchs, köſtliche Haare, und eine gewiſſe Auszeichnung im Benehmen. Da ich erfahren, daß Madame Wilſon die vertraute Freundin der JFuͤrſtin ſei, ſchien es mir nicht ohne Inter⸗ eſſe, mit Mamſell Iſabeau zn ſprechen, die darauf mit dem beſten Willen von der Welt einging, denn ſie ſchien mir außerordentlich ſprachſelig. „Ich bin beauftragt, Mademoiſelle,“ ſagte ich zu ihr, „Sie zu erſuchen, dieſen Abend den Thee bei Mademoiſelle Juliette zu nehmen.“ „Mit großem Vergnuͤgen, mein Herr,“ antwortete Mamſell Iſabeau verwundert. „Haben Sie die Guͤte, ſich zu ſetzen. Aber ich habe nicht die Ehre ...“ „Ich bin ganz neu als Kammerdiener in die Dienſte der Frau Fuͤrſtin von Montbar getreten und habe eben einen Brief von meiner Herrſchaft an Madame Wilſon ge⸗ bracht.“ „Oh, ſehr ſchoͤn, mein — das iſt etwas Ande⸗ s... Madame iſt ausgegangen und wird vor 4 bis 5 Uhr nicht zuruͤckkommen. Sie richten wohl meinen beſten Dank an Mademoiſelle Juliette aus? Da Madame heut Abend ins Theater und auf den Ball geht, wie ich glaube, ſogar mit der Prinzeſſin .. ſo werde ich, hoffe ich, uͤbrige Zeit haben .. . Es iſt recht liebenswuͤrdig von Juliette, daß ſie an mich gedacht hat . eine neue Freundin ...“ „Ah, Sie kennen Mademoiſelle Juliette noch nicht lange?“ „Mein Gott, nein! Unſte Freundſchaft datirt ſich erſt von der Freundſchaft unſerer beiden Frauen her. Ma⸗ dame hat mich oft zu der Fuͤrſtin geſchickt und ſo habe ich die Bekanntſchaft Juliettens gemacht.“ „Ich glaubte, Madame Wilſon ſei meiner Herrſchaft vertraute Freundin?“ „Verſteht ſich, aber man kann vertraut ſein und doch ſeit Kurzem erſt einander kennen. Auch ſage ich Ihnen . aber unter uns . nicht um meine Herrſchaft zu loben .. aber ohne ſie waͤre die Fuͤrſtin .. „Die Fuͤrſtin? „Ach, gehen Sie doch, wenn ſie es ſo fortgetrieben haͤtte, wie bis dahin, ſo wäre ſie vielleicht jetzt vor Gram ſchon geſtorben.“ „Wahrhaftig?“ rief ich aus und ſetzte dann nit 2 —= 5 —= „Sie können ſich mein Erſtaunen vorſtellen, Mademoi⸗ ſelle denn da ich ganz neu im Hauſe bin . und nicht bemerkt habe, daß die gnaͤdige Frau ... traurig ſein. „Jetzt iſt ſie es auch nicht mehr, oh nein! aber vor zwei Monaten war es zum Herzzerreißen. Gluͤcklicherweiſe hat die Furſtin Bekanntſchaft mit Madame gemacht, und da hat ſich Alles geaͤndert.“ „Ihre Herrſchaft thut Wunder, wie es ſcheint.“ „Ich glaube es wohl: ſie iſt ſo lebhaft, ſie liebt das Vergnuͤgen ſo ſehr fuͤr ſich und Andre, ſie hat ſo viel Ver⸗ ſtand, ſie iſt ſo heiter, daß gar keine Melancholie bei ihr aushält .. . So hat ſie denn auch die Traurigkeit der Fuͤr⸗ ſtin tüchtig zurecht geruͤckt. Sie leben jetzt fortwaͤhrend in Feſtivitäten und Vergnugungen. Sehen Sie, ich glaube, heute gehen ſie erſt in die italieniſche Oper und dann auf den Ball.“ 6 unſte Unterredung wurde durch die Ankunft einer eng⸗ liſchen Gouvernante unterbrochen, welche das huͤbſcheſte Kind, das ich je geſehen, an der Hand hatte, einen Engel von Schönheit, Friſche und Anmuth. „Wenn Madame vor mir nach Hauſe kommen ſollte, Mamſell Iſabeau,“ ſagte die Gouvernante, „ſo ſagen Sie ihr, daß ich Mademviſelle Raphaele ſpazieren gefuͤhrt habe, denn es iſt ſehr ſchoͤnes Wetter.“ „Schoͤn, Madame Brown,“ antwortete die Kam⸗ merfrau. „Adieu, meine liebe Iſabeau,“ ſagte Raphaele und umarmte dieſe zaͤrtlich, „ich bringe Dir auch etwas mit.“ Und huͤpfend eilte das froͤhliche Kind davon. „Welches allerliebſte kleine Maͤdchen!“ ſagte ich zu Iſabeau. „Nicht wahr, Mamſell Raphaele iſt ſehr huͤbſch? Und dazu artig und gut, nie ſtolz; es giebt kein beſſeres Herz! Ach, man kann wohl ſagen, daß, wenn dieſe einen Mann nicht gluͤcklich macht, er es gewiß nicht verdient. Die arme Kleine! Ach, ſie wird ſo gut ſein, daß ſie ſich nicht wird wehren können!. .. Das wird nicht ſein, wie bei Madame! Ja die! zum Beiſpiel Dieſe Unterredung, die aus tauſend Gruͤnden mich außerordentlich intereſſirte, wurde abermals unterbrochen. Man rief Mamſell Iſabeau in die Waͤſchkammer. Ich glaubte nicht laͤnger bleiben zu duͤrfen und nahm von ihr Abſchied, wobei ſie zu mir ſagte: „Auf heut Abend, mein Herr!. .. Ihren Namen, wenn ich bitten darf.“ „Martin.“ „Herr Martin, ſagen Sie Juliette, daß ich heut Abend allerliebſte Geſchichtchen ihr gauz warm zu erzaͤhlen haben werde . verſteht ſich, nicht von meiner Herrſchaft, Herr Martin, ſondern von andern.“ „Ich verſtehe,“ ſagte ich lachend, „es iſt ein Tauſch, und der Teufel kommt dabei nicht zu kurz.“ . „Sehen Sie, lieber Herr Martin,“ verſetzte Iſabeau offenherzig, „man ſieht, man hört, man erinnert ſich, man erzaͤhlt das ſeinen Freundinnen .. . und dann .. dann ſteht man fuͤr nichts weiter.“ Eine faſt gewiſſe Ahnung ſagte mir, daß ich des Abends beim Thee, den Mademoiſelle Juliette geben wollte, gar ſon⸗ derbare Dinge hoͤren wuͤrde. Als ich Madame Wilſons Haus verließ, eilte ich, mich in die Straße MarchiVieur zu verfuͤgen, um die arme gelaͤhmte Frau aufzuſuchen, zu welcher die Füͤrſtin ſich morgen fruͤh begeben wollte. 1. Bweites Rapitel. Der Verdacht. Ich kam in die Straße Marché⸗Vieux „eine Art ſo engen Gäßchens, daß ein Wagen nur muͤhſam hineinfahren konnte. Von der Adreſſe, welche die Fuͤrſtin mir gegeben hatte, geleitet, trat ich in das Haus der gelaͤhmten Frau. Ein duͤſtrer Gang, wo ich keine Portiersloge erblickte, fuhrte zu der ebenfalls ſehr dunkeln Treppe. Um uͤber das Stock⸗ werk, wo Mad. Lallemand wohnte, unterrichtet zu werden, klopfte ich an zwei Thuͤren, die auf den Treppenaustritt des erſten gingen. Niemand antwortete. Da ich glauben mußte, dieſe Stuben ſeien von Arbei⸗ tern bewohnt, die eben auswaͤrts beſchaͤftigt, ging ich in's zweite Stockwerk und klopfte wieder. Daſſelbe Schweigen. Nicht wenig uͤber dieſe Einſamkeit verwundert, ſtieg ich in das dritte und letzte Stockwerk vor dem Dache und klopfte von Neuem mehrmals, aber wieder vergeblich, an. Schon wollte ich wieder hinunterſteigen, da ich mich in der Nummer geirrt zu haben glaubte, als ich Geraͤuſch von Schritten ſich der Thuͤr naͤhern hoͤrte und eine Kinderſtimme fragte „Wer das „Jemand, der mit Mad. Lallemand Seitens der Frau Fuͤrſtin von Montbar ſprechen will,“ antwortete ich. Sogleich oͤffnete ſich die Thuͤr. Ich erblickte ein klei⸗ nes Maͤdchen von 11 bis 12 Jahren, mit ſanfter und un⸗ befangener Miene. „Wohnt hier Mad. Lallemand?“, fragte ich, und warf einen Blick in ein verfallenes Vorgemach, auf welches eine Treppe, ohnſtreitig die des Dachbodens, ſtieß. „Ja, mein Herr,“ antwortete das Kind, „ſie liegt zu Bett und kann nicht aufſtehen.“ „Kann ich ſie ſehen, und wegen der Fa Fuͤrſtin ſprechen?“ „Ich will ſie fragen, mein Herr,“ ſagte das kleine Maͤdchen, das nach einigen Augenblicken zuruͤckkehrte und mir eine Thuͤr oͤffnete, durch die ich eintrat. Eine noch junge Frau mit leidender Miene und inter⸗ eſſanter Phyſiognomie lag auf einem Strohlager in Mit⸗ ten einer Stube, welche von tiefem Elende zeugte. Als ich ihr geſagt hatte, daß die Fuͤrſtin ſie morgen fruͤh gewiß be⸗ ſuchen werde, floſſen Thraͤnen aus ihren Augen und ſie umarmte in ruͤhrender Aufregung der Freude innigſt ihr Kind. Dann druͤckte ſie mir ihre Dankbarkeit gegen die Fürſtin in ſo einfachen, ſo natuͤrlichen und tiefgefuhlten Worten aus, daß ich von dieſem Auftritte tief geruͤhrt mir ſelbſt verſprach, meiner Herrin von dieſem fuͤr ihren Schuͤtz⸗ ling ſo vortheilhaften Eindrucke Rechenſchaft abzulegen. Wenn ich jetzt daran denke, daß alles Dieſes Seiten dieſes Geſchoͤpfs eine Komoͤdie war, die einen ſchaͤndlichen Fallſtrick verſteckte, ſo kann ich noch nicht die Moͤglichkeit einer ſo furchtbaren Verſtellung begreifen. Ich verließ die Straße Marche⸗Vieux, durch Alles, was ich eben geſehen und gehoͤrt hatte, vollkommen ſicher ge⸗ macht, daß es mir gar nicht in die Gedanken kam, Erkun⸗ digungen uͤber Mad. Lallemand einzuziehen, ja, ich vergaß ſogar die Verwunderung, die ich gefuͤhlt, dieſes Haus nur allein von dem Schuͤtzlinge der Fuͤrſtin bewohnt zu finden. Als ich in's Hotel zuruͤckgekommen, kleidete ich mich ſorgfaͤltig an. Ich ſollte an dieſem Abende bei Tafel auf⸗ warten. Der Schneider des Fuͤrſten war trefflich. Ich trug ein Kleid vom feinſten ſchwarzen Tuch, elegant ge⸗ ſchnitten. Als meine Toilette vollendet, beſah ich mich in dem kleinen Spiegel meiner Stube; und ſorgfältig mit weiß⸗battiſtner Halsbinde, ſchwarzſeidnen Struͤmpfen und glänzenden Schuhen mit goldnen Schnallen bekleidet, fuͤrch⸗ tete ich nicht, daß mich der Fuͤrſt wiedererkennen werde, da er nur Ein Mal mit mir geſprochen hatte, und damals halbbetrunken uber die Lumpen ſcherzte, mit welchen ich be⸗ deckt war. Als ich in das Vorzimmer zum Speiſeſaale trat, fand ich dort den Haushofmeiſter und einen alten Kammerdiener des Fuͤrſten, der freundlich zu mir ſagte: „Ehe Sie uns beim Decken helfen, haben Sie denn nachgeſehen, ob das Feuer im Sprechzimmer der gnaͤdigen Frau gehörig brennt? Sie muß gleich wieder zuruͤck ſein.“ „Nein, Herr Louis,“ entgegnete ich, „daran hatte ich nicht gedacht, und ich eile jetzt.“ „Vergeſſen Sie auch nicht, wenn die gnädige Frau zuruͤckkommt, an der Thuͤr des Sprechzimmers ſich zu laſſen, um ſie zu empfangen.“ „Ich danke Ihnen, Herr Louis, aber wie erfahre ich denn, wenn die gnaͤdige Frau zuruͤckkommt?“ „Das iſt ſehr einfach: durch das Geraͤuſch des Wa⸗ gens und dann durch zwei Zuͤge an der Glocke, die zur Loge des Portiers geht. Wenn der Herr zuruͤckkommt, giebts einen Zug, bei der gnaͤdigen Frau aber zwei.“ Ich begab mich alſo in das Sprechzimmer der Fürſtin, um ihr Feuer zu beſorgen. Ich konnte mich eines Erbe⸗ bens nicht erwehren, als ich abermals den eigenthuͤmlichen Wohlgeruch dieſes Zimmers einathmete, wo Regina ſich am Liebſten aufhielt, einen ſußen, milden, obgleich durchdrin⸗ genden Wohlgeruch. Einen Augenblick, wie ich geſtehen muß, mein Geſchaͤft vergeſſend, ſah ich mich tief erregt um und betrachtete dieſe Blumen, dieſe Gemaͤlde, dieſe Buͤcher, dieſe Meublen, welche das Heiligthum der Furſtin ſchmück⸗ ten, als ich in einer kleinen Gemaͤldegallerie, welche das . — — Sprechzimmer, in welchem ich mich befand, von dem Schlafzimmer der Fuͤrſtin trennte, ſprechen hörte. In dem Augenblicke, wo ich aus Furcht, uͤberraſcht zu werden, mich ſchnell nach dem Kamine buͤckte, trat der Fuͤrſt ein. Ich war gebuͤckt, konnte alſo ſein Geſicht nicht ſehen, aber ein plötzliches Innehalten in ſeinem Gange be⸗ wies mir, daß er verwundert ſei, Jemand hier zu finden. Er machte die Thuͤr der Gemaldegallerie zu, ich erhob mich und verbeugte mich ehrerbietig. „Sie ſind der neue Kammerdiener der Fuͤrſtin?“ fragte er mich, faſt ohne mich anzuſehen und kaum einen Augen⸗ blick ſtehen bleibend. „Ja, mein Fuͤrſt.“ „Gut!“ ſagte er und ging. Ob ich gleich kaum Zeit gehabt hatte, den Fuͤrſten an⸗ zuſehen, ſo ſchien er mir doch ſehr verdrießlich daruͤber, daß er geſehen worden, wie er aus den Zimmern ſeiner Gemah⸗ lin gekommen, ein Verdruß, den ich mir nicht erklaͤren konnte. Als er fort war, blickte ich zufaͤllig auf das kleine Tiſchchen neben Regina's Seſſel und glaubte eine gewiſſe Unordnung unter den Gegenſtänden zu bemerken, die dar⸗ auf ſich befanden. Die angefangne Tapiſſerie war herun⸗ ter gefallen, ſo wie auch ein Buch, und das Schubfach halb offen. Ich weiß nicht, weshalb, aber als ich an die Ver⸗ wunderung und anſcheinende Verſtimmung des Fuͤrſten bei meinem Anblicke dachte, ging mir der Gedanke durch den Sinn, daß er vielleicht, die Abweſenheit ſeiner Gemahlin — benutzend, etwas unter deren Geräthſchaften geſucht habe. Ich ſchauderte, wenn ich bedachte, daß dieſe Indiscretion und Mißbrauch des Vertrauens, wenn er entdeckt werde, mir zugeſchrieben werden könnte. Dieſer Gedanke beunruhigte mich noch, als ich das Rollen eines Wagens in dem Hofe des Hotels vernahm. Faſt ſogleich darauf erſchollen auch zwei Zuͤge mit der Glocke. Den Anweiſungen von Louis gemaͤß eilte ich in den WVorſaal, um der Fuͤrſtin die Thuͤr zu oͤffnen. Ich glaubte es recht zu machen, indem ich ſie ehrerbietig grußte, ſie ſagte aber gutig, obgleich leicht lächelnd: „Ein Mal fuͤr alle Mal, gruͤßen Sie mich kuͤnftig nicht mehr zu Hauſe. Nicht wahr?“ Betreten uͤber meine Ungeſchicklichkeit, ſtammelte ich einige Entſchuldigungen, Regina aber ſagte zu mir, indem ſie durch den zweiten Saal ging, der in's Sprachzimmer fuͤhrte: „Sie waren bei Madame Wilſon?“ „Ja, gnädige Frau. . ich fand ſie aber nicht.“ „So ſagen Sie dem Portier, daß, wenn etwa ein Brief von ihr kaͤme, man mir ihn ſogleich zuſchicken ſolle.“ „Zu Befehl.“ „Und Madame Lallemand?“ „Habe ich geſehen, gnaͤdige Frau. Sie wohnt in dem dritten Stockwerke des Hauſes, wohin Sie mir die Adreſſe gaben.“ — 6 — „Sie haben ihr geſagt, daß ich ſie morgen fruͤh beſu⸗ chen will?“ „Ja, gnaͤdige Frau.“ „Ohnſtreitig giebt's dort großes Elend?“ fragte trau⸗ rig Regina. „Ach ja, gnädige Frau! ſchreckliches Elend.“ „Und dieſe Frau? ſie iſt gewiß intereſſant?“ „Ich glaube, daß ſie alle Wohlchaten der Frau Prin⸗ zeſſin verdient.“ „Nun, deſto beſſer! denn.. .“ Hier unterbrach ſie ſich und ſagte, indem ſie auf den kleinen Tiſch neben ihrem Seſſel blickte: „Iſt denn Jemand während meiner Abweſenheit in meinem Zimmer geweſen?“ „Ich weiß es nicht, gnaͤdige Frau,“ antwortete ich mit alberner Verlegenheit, denn ich zweifelte nicht an der Urſache des Staunens der Fuͤrſtin, und zitterte, daß der Verdacht auf mich falle. „Das iſt ſonderbar!“ verſetzte ſie, wendete ſich zu mir und ſah mich feſt an. Ohnſtreitig taͤuſchte ich mich, aber ich glaubte in ihren Zugen einen Ausdruck der Verwunderung und des Miß⸗ trauens zu leſen. Ich ward daruͤber ſo unruhig, daß ich unwillkuͤrlich purpurroth wurde, und ſtatt ihr, was doch ſehr einfach war, zu ſagen, daß ich den Furſten vor mir aus der Gemäldegallerie habe kommen ſehen, blieb ich ſtumm und ſo tief erſchuttert, als ob ich ſtrafbar geweſen wäre. Da ich jedoch das Gefaͤhrliche meiner Lage fuhlte, ſo ſtrengte ich mich an, um allen Verdacht von mir zu entfernen, als die Fuͤrſtin trocken zu mir ſagte: „Beſtellen Sie meinen Wagen auf halb neun Uhr.“ Nachdem nun die Fuͤrſtin noch einen Augenblick ſich die Fuͤße am Kaminfeuer gewarmt hatte, ging ſie in die Gemäldegallerie vor jbrn Schlafzimmer und verſchwand. ueber meine Ungeſchicklichkeit tief verſtoͤrt, ging ich zu dem Portier, um den Befehl meiner Herrin ihm zu uͤber⸗ bringen. Da die Stallleute ihr Mittagseſſen bei Herrn Romain, ſo hieß der Inhaber der Loge, einnahmen, ſo konnte ich mich des doppelten Auftrags entledigen. Hert Romain, weiß gepudert und in großer Livree, ein ſtattlicher Mann wie nur irgend einer, nahm es auf ſich, den Kutſcher der Fuͤrſtin zu benachrichtigen und gab mir zwei Briefe, von denen der eine ſo eben von Mad. Wilſon ihm zugeſchickt worden. Mit dieſem Briefe gab mir der Portier auch drei prachtvolle und ſorgſam eingewickelte Ball⸗ bouquets mit den Worten: „Das eine davon hat nebſt dieſem Blumen⸗Carton der Burſche der Blumenlieferantin der gnaͤdigen Frau ge⸗ bracht, die beiden andern haben Commiſſionaire abgegeben, und nicht geſagt, woher ſie kommen.“ Unter dieſen namenloſen Bouquets, die ich mit⸗ nahm, bemerkte ich eins von köſtlichen weißen Lilas und Veilchen von Parma. Als ich langſam die Treppe hinaufſtieg, betrachtete ich — — mit bitt'rer Schwermuth dieſes friſche und geheimnißvolle Ballbouquet, das einen ſuͤßen Düft aushauchte, denn im ſonderbaren Contraſte erinnerte ich mich an die armſeligen Bouquets weißer Schneeglöckchen und Veilchen, die ich ſo viele Jahre lang auch geheimnißvoll bei jeder Begräbniß⸗ Jahresfeier auf das Grab von Regina's Mutter gelegt hatte, ohne daß das junge Mädchen jemals die Quelle dieſer from⸗ men Gabe gekanrit. Bei dieſem Andenken traten mir die Thraͤnen in die Augen. Dieſe demuͤthigen und traurigen Blumen, womit meine ungekannte Ergebenheit ehedem ein Grab ſchmuͤckte, waren nur zu ſehr das Emblem meiner demuͤthigen und traurigen Liebe. Im Hinaufſteigen zu der Fuͤrſtin begegnete ich ihrer Kammerfrau. Sie uͤbernahm die Blumen und Bouquets, und ich ging in den Speiſeſaal, um die Stunde abzuwar⸗ ten, wo ſervirt werden ſollte. Faſt ſogleich offneten ſich die Thuͤrflüͤgel, der Fuͤrſt trat mit ſeiner Gemahlin ein. Auf ein Zeichen des Haus⸗ hofmeiſters ſtellte ich mich hinter die Letztere. Zum erſten Male ſah ich den Fuͤrſten und ſeine Ge⸗ mahlin bei einander. Obgleich ihre Unterhaltung nothwen⸗ dig durch die Gegenwart der Diener gehalten ſein mußte, verdoppelte ich doch meine Aufmerkſamkeit, um wo moͤglich zu erforſchen, in welchem Verhältniß ſie zuſammen ſtuͤnden. Ich hatte durch Uebung eine ſolche Gabe der Beobachtung mir erworben, daß es nur wenig bedurfte, um mich auf die Spur deſſen zu bringen, was ich kennen zu lernen wuͤnſchte. Der Fuͤrſt ſchien mir kalt, zerſtreut und gegen ſeine Gemahlin eine faſt ceremonioͤſe Hoͤflichkeit affectirend. Fol⸗ gendes war ohngefahr ihre Unterhaltung nach einigen unbe⸗ deutenden Worten: „Sie gehen dieſen Abend aus?“ fragte der Fuͤrſt. „Ja . ich gehe in's italieniſche Theater.“ „Aber es iſt ja nicht Ihr Tag, daͤchte ich?“ „Madame Wilſon hat mir einen Platz in ihrer Loge gegeben; ſie wird mich abholen und wir wollen dann zu Frau von Beaumenil fahren.“ „Es iſt dort großer Ball, glaube ich.“ „Sie eroͤffnet ihr neues Hotel. Man ſaßt, es ſei wundervoll, blendend! . . . Kommen Sie nicht auch einen Augenblick hin?“ „Gewiß nicht,“ ſagte der Fuͤrſt. „Ich haſſe dieſes Gewuͤhl, wohin man eingeladen wird, um im Chor einen beleidigenden Aufwand, wo nicht einen laͤcherlichen, wenn er nicht zugleich beleidigend und laͤcherlich iſt, zu loben. Uebrigens ſoupire ich dieſen Abend mit einigen Freunden bei Very. Dann fahren wir nach Fontainebleau, wo wir einige Tage jagen werden.“ „Werden Sie lange abweſend ſein?“ „Sechs bis acht Tage wenigſtens .. ſo viel Zeit, um drei bis vier Jagden zu machen, da die Equipage nur aller zwei Tage jagen kann.“ „Das wird eine allerliebſte Partie werden. Sind Sie Ihrer viel?“ „Nein, nicht zu viel. Der Marquis d'Hervieur und ſein Schwager, der Herr der Equipage, Blinval, Saint⸗ Maurice, Thionville, ich und Alfred de Dreux, der beruͤhmte Pferdemaler, der Gegenſtände nach der Natur malen wird. Aber apropos von Malerei, . . wiſſen Sie, daß ich eifer⸗ ſuͤchtig auf Ihre Bilder bin?“ „Sie erzeigen ihnen wahrhaftig zu viele Ehre.“ „Beſonders dieſe neue Maria von Iſabey . . ſie ſteht mir immer vor den Augen . . . es iſt ein Meiſterwerk!“ „Sie iſt in der That allerliebſt.“ „So allerliebſt, daß ich vorhin waͤhrend Ihrer Abwe⸗ ſenheit zu ihr ging, um ſie zu bewundern.“ Als der Fuͤrſt dies ſagte, richtete er zu meiner großen Verwunderung einen Augenblick lang die Augen auf mich, als ob dieſe Erklärung ſeines Zugegenſeins in dem Zimmer in Bezug auf mich gegeben worden ſei, eine Erklaͤrung, uͤber welche ich mich uͤbrigens ſehr freute, denn ſie entdeckte der Fuͤrſtin das, was ich ſo ungeſchickt geweſen war, ihr nicht zu ſagen, daß ihr Gemahl naͤmlich während ihrer Ab⸗ weſenheit bei ihr geweſen. So mußte der Verdacht ſchwinden, den ſie auf mich in dem Falle haben mußte, wo ſie eine indiscrete Handlung bemerkt. . „Ich bin ſehr gluͤcklich, wenn das Gemaͤlde Ihnen gefällt,“ hatte die Fuͤrſtin ihrem Gemahl geantwortet, Martin. VIIMI. 3 „und bedaure nur, daß Sie es blos in meiner Abweſen⸗ heit bewunderten.“ Ich weiß nicht, ob dieſe von der Fuͤrſtin mit eben ſo viel kalter Hoͤflichkeit geſprochenen Worte, als ob ſie an einen Fremden gerichtet geweſen waͤren, dem Fuͤrſten einen Doppelſinn zu enthalten ſchienen, aber er heftete eine Se⸗ cunde lang auf ſeine Gemahlin einen durchdringenden Blick und ſagte dann: „Wenn Sie zu Hauſe ſind, ſind Sie ſtets ſehr um⸗ geben und Sie wiſſen, daß nichts unangenehmer iſt, als des Morgens ein Ehemann in dem Salon ſeiner Frau. Apropos, von Ihren Freunden, iſt der ſchoͤne d'Erfeuil noch immer ſo albern, als er ſchön iſt?“ „Er iſt ſchoͤner als je.“ „Und hat d'Hervillier immer noch jene verzweiflungs⸗ vollen Anſpruͤche, ein Saͤnger zu ſein? Bittet er immer noch ganz leis, daß man in ihn dringen möge, zu ſingen, um dann einen verſtellten Widerſtand zu ſpielen? Wie das ihm gut ſteht! ein Mann, ſechs Fuß hoch, mit einer Breite, wie ein Regimentstambour, und einer Stimme, wie die eines Kuͤſters in der Kathedrale!“ „Herr d'Hervillier hat einen Fortſchritt gemacht; er ſingt, ohne ſich erſt darum bitten zu laſſen.“ „Das iſt ein Schrei der Verzweiflung,“ entgegnete der Fürſt, ſeinen Spott fortſetzend. „Und der enorme Du⸗ molard, der Bruder Ihrer intimen Freundin,“ — und der Fuͤrſt betonte dieſe Worte mit außerordentlicher Bosheit — „dieſer Mann von empörender Dicke, leiht er noch immer ſeinen Wagen und ſeine Loge den ſchonen Damen, großmuͤthige Gefälligkeiten, die ihm den Beina⸗ men des Omnibus eingetragen haben?“ „Herr Dumolard wird immer noch wegen ſeiner enor⸗ men Gefaͤlligkeit citirt,“ erwiderte die Fuͤrſtin, die an Iro⸗ nie mit ihrem Gemahle wetteifern zu wollen ſchien. Es lag aber in dieſem Austauſche von Scherzen etwas Bitte⸗ res und Kaltes, das weit entfernt war von jener ſanften, mittheilenden Heiterkeit, die aus Vertrauen und Zuneigung entſpringt. „Aber apropos ſeiner Schweſter,“ begann der Fuͤrſt faſt mit Verdruß wiederz „wiſſen Sie auch, daß man viel „ ja, ſehr viel von Ihrer neuen Freundin ſpricht?“ „Von meiner neuen Freundin?“ „Ja, von Madame Wilſon.“ „Das iſt ganz natuͤrlich. eine Frau nach der Mode. Von wem und von was ſpräche man denn ſonſt?“ „Giebt es denn einen . Herrn Wilſon?“ fragte der Fuͤrſt im Tone faſt ungezogenen Scherzes. Die Fuͤrſtin runzelte leicht die Augenbrauen und ant⸗ wortete dann mit erzwungenem Lächeln: „Was richten Sie fuͤr eine ſonderbare Frage an mich?“ „Fuͤr's Erſte . weil man dieſen Herrn Wilſon nie ſieht.“ „Wenn die Epiſtenz von Ehemaͤnnern, die ſich nie in der großen Welt ſehen laſſen, in Zweifel ſollte gezogen wer⸗ 3* — 36 den,“ verſetzte Regina, „ſo geſtehen Sie, daß auch die Ih⸗ rige etwas compromittirt waͤre.“ „Ich glaube .. oder ich hoffe vielmehr nicht, daß zwiſchen mir und Herrn Wilſon irgend eine Vergleichung ſtattfinden könne,“ ſagte der Fuͤrſt mit Hochmuth und ſchlecht verhaltenem Verdruſſe, „denn er gehoͤrt zu den lä⸗ cherlichſten Leuten, die ...“ „Erlauben Sie mir, Ihnen von dieſem Ananas⸗Gelee anzubieten, Herr von Montbar. Es iſt vortrefflich!“ ſagte die Furſtin und unterbrach ihren Mann, der, einſehend, daß ſie dieſe Art von Erörterung vor uns Dienſtleuten nicht fortzuſeszen wuͤnſche, die Gerichte, die ihm angeboten wur⸗ den, ohnſtreitig nur aus Hoͤflichkeit annahm, denn er ruͤhrte nicht daran, und begann nach einer kurzen Pauſe wieder: „Als ich vorhin zu Ihnen ging, um eines Ihrer Ge⸗ maͤlbe zu bewundern, ſah ich auf einem Tiſche drei bis vier große Folianten. Was hat denn das zu bedeuten? Sind Sie denn eine Gelehrte geworden?“ „Es ſind Stahlſtiche. . . eine Sammlung hiſtoriſcher Portraits, welche Herr Juſt Clement die Guͤte gehabt hat, mir zu borgen. Ich ſuchte ein Coſtuͤm fuͤr einen Masken⸗ ball, und Herr Juſt hat mir gerathen, unter den Stahl⸗ ſtichen, die er von ſeinem Vater ererbt, etwas auszuſuchen.“ „Und wie gehts dem Herrn Juſt?“ fragte der Fuͤrſt nicht mehr mit dem hoͤhniſchen Tone, in welchem ſeine Fra⸗ gen über einige Freunde ſeiner Gemahlin geſprochen worden waren, ſondern mit Ernſt und einem gewiſſen Zögern. Von dem Augenblicke an, wo der Fuͤrſt den Capitain Juſt genannt hatte, ſah ich, wie er ſeiner Gemahlin gegen⸗ uͤber ſitzend, ſie mit den Augen nicht mehr verließ und ſie zu beobachten ſchien. Regina ſchien die faſt unruhige Aufmertſamteit des Fuͤrſten nicht zu bemerken, und antwortete vollkommen ein⸗ fach „Der Capitain Juſt iſt immer noch traurig uͤber den Tod ſeines Vaters.. aber dieſe Traurigkeit iſt ſanft und ruhig. Weit entfernt, die Gelegenheiten zu vermeiden, von dem zu ſprechen, den er betrauert, ſucht er ſie im Gegen⸗ theil auf. . und er findet mich ſtets geneigt, ihm dieſen Troſt anzubieten, denn ich hegte fuͤr ſeinen Vater eben ſo viele Verehrung als Anhaͤnglichkeit.“ „Der Doctor Clement war in der That einer der achtbarſten Menſchen,“ erwiderte der Fuͤrſt, „und da wir eben von ihm ſprechen, muß ich Ihnen ſagen, daß ſein und Ihr Schuͤtzling, der junge Arzt, den er uns empfohlen hatte, geſtern nach Montbar abgereiſ't iſt.“ „Ich wußte es, er kam und nahm von mir Abſchied,“ antwortete die Fürſtin. „Ich danke Ihnen auch, daß Sie. „Sprechen wir nicht mehr davon,“ unterbrach der Fuͤrſt ſeine Gemahlin; „Sie wiſſen, daß ich mich ſtets gluͤcklich fuͤhle, wenn ich Ihnen etwas Angenehmes erzeigen kann. Aber um wieder auf den Capitain Juſt zu kom⸗ men, ſo muß ſeine Traurigkeit ſich unter allen Ihren Ele⸗ gants gar nicht wohl befinden.“ * „Wenn Herr Juſt Clement mich zu ſprechen wuͤnſcht,“ entgegnete die Fuͤrſtin, „ſo ſchreibt er mir des Morgens eine Zeile, und ich erhalte ſie zeitig genug, um es ſo einzu⸗ richten, daß er Niemand bei mir findet.“ „Das billige ich ſehr; der Capitain Juſt hat ein Recht auf beſondere Auszeichnung, nicht nur wegen der traurigen Lage, in welcher er ſich befindet, ſondern auch wegen ſeines Muthes und ſeines perſoͤnlichen Verdienſtes, und obgleich noch jung, iſt er doch ein Mann, das muß ich bekennen, der Achtung gebietet.“ Dieſe letzteren Worte ſprach der Fuͤrſt mit einem Tone der Rechtlichkeit und Aufrichtigkeit aus, der mich ruͤhrte. Die Fuͤrſtin ſchien daſſelbe zu fuͤhlen, denn ſtatt mit ihrem Gemahl ferner in trocknem und kalthoflichem Tone fortzuſprechen, wurde ihre Stimme weicher und waͤr⸗ mer. — „Ich bin Ihnen außerordentlich verbunden,“ verſetzte ſie, „daß Sie mit ſo edler Unparteilichkeit einen Mann wuͤrdigen, der nicht, wie man zu ſagen pflegt, nach unſter Mode iſt, und der, wie ich glaube, einer meiner ſicherſten und beſten Freunde werden wird.“ Mochte nun der Fuͤrſt ſich ſelbſt die erſte Bewegung vorwerfen, welcher er Anfangs nachgegeben, indem er dem Capitain Juſt Gerechtigkeit widerfahren ließ, oder hatte die Antwort der Furſtin ihm irgend einen geheimen Ver⸗ — druß verurſacht, er begann wieder mit einem, wie es mir ſchien, ironiſchen und erzwungenen Lächeln: „Sie werden doch wohl nur dem Capitain dieſen pri⸗ vilegirten Zutritt bis zu Ende ſeiner Trauer zugeſtehen?“ „Warum das?“ fragte Regina ernſt. „Je nun, weil der Capitain, wenn er auch nicht eben ſo elegant iſt, wie Ihre Elegants, doch im Gegentheil nichts deſto weniger allerliebſt iſt,“ lachte der Furſt, „und wenn er eben ſo geiſtreich als gelehrt, eben ſo liebenswuͤrdig als aus⸗ gezeichnet, eben ſo ſchon als tapfer iſt, ſo iſt kein Grund vorhanden, daß er nicht ſehr gefaͤhrlich ſei.“ „Welche Tollheit!“ ſagte die Fuͤrſtin. „Sie wiſſen gar nicht, was der Capitain Juſt . in Bezug auf Verfuͤhrung iſt,“ fuhr der Prinz, immer et⸗ was gezwungen lachend, fort. „Er hat ſehr ſonderbare Abenteuer erlebt und unter Anderm eine tolle Leidenſchaft erweckt. Das iſt ein wahrer Roman. Die arme Frau hat Alles verlaſſen, um dem Capitain wider ſeinen Willen nach Algier zu folgen, und iſt dort in einem Scharmuͤtzel mit den Arabern getoͤdtet worden.“ „Sie haben Recht,“ ſagte die Furſtin laͤchelnd, „as iſt unwahrſcheinlich und unmoͤglich wie ein Roman.“ „Aber ich ſage Ihnen das ganz ernſthaft,“ verſetzte der Fuͤrſt, „und ich kann Ihnen auch den Namen nennen . dieſer Heldin.“ „Es iſt mir lieber, ich weiß ihn nicht. damit ich an das Abenteuer glauben kann,“ antwortete die Fuͤrſtin lächelnd. Dann ſtand ſie von der Tafel auf und ſetzte hinzu: „Ich bitte um Vergebung, daß ich Sie ſo bald ver⸗ laſſen muß, aber ich bin noch nicht angekleidet. Madame Wilſon wird mich abholen und ich möchte ſie nicht gern warten laſſen.“ Der Fuͤrſt ſtand nun auch auf und ſagte zu ihr: „Leben Sie wohl, denn ich werde Sie nun wohl vor meiner Abreiſe nach Fontainebleau nicht mehr ſehen.“ „So leben Sie auch wohl,“ agte die Fuͤrſtin, „und bleiben Sie nicht zu lange weg.“ „Ich wuͤrde ſtets, das wiſſen Sie, geeilt haben, wie⸗ der bei Ihnen zu ſein,“ verſetzte der Fuͤrſt und ging in ſeine Zimmer, während die Furſtin ſich in die ihrigen begab. Drittes Rapitel. — Der Ball. Obgleich anſcheinend ſehr unbedeutend, war die Unter⸗ redung der Fürſtin mit ihrem Gemahl doch fuͤr mich voll wichtiger Entdeckungen geweſen. Offenbar herrſchte zwiſchen ihnen Beiden eine gezwungene Kälte. Er ſah die vertraute Bekanntſchaft der Fuͤrſtin mit Mad. Wilſon ſehr ungern. Er huldigte redlich der Superioritaͤt des Capitain Juſt, gegen welchen er dennoch eine inſtinktmaͤßige Eiferſucht hegte, und dieſer Inſtinkt ſollte den Furſten nicht taͤuſchen, denn.. darf ichs geſtehen? ich theilte ſie ſelbſt. Mein Herz hatte ſich ſchmerzlich zuſammengezogen, als ich die Art von Vertraulichkeit gehört, welche zwiſchen dem Capitain Juſt und Regina vorwaltete, eine, meinerſeits, thoͤrigte, niedrige und alberne Eiferſucht, denn ach! ich hatte ja keine Hoffnung fur meine Liebe. Aber obgleich niedrig, obgleich albern, ſo war dieſes Gefuͤhl nicht minder peinigend, und ich ahnete eine unbeſtimmte, aber noch grauſamere Qual als die ohne Hoffnung zu lieben. — — — Nachdem ich mit meinen Kameraden dinirt hatte, ging ich wieder in den Vorſaal der Fuͤrſtin hinauf. Ich war ſchon einige Zeit dort, als ich das Rollen eines Wagens horte, der in den Hof des Hotels fuhr, und fuͤhrte nicht lange darauf Mad. Wilſon in das Sprachzimmer der Fuͤrſtin. Als nach etwa einer Viertelſtunde dieſe beiden reizen⸗ den Frauen durch eine der Thuͤren des Salons, in welchem ich wartete, eintraten, war ich geblendet. Man konnte un⸗ moͤglich zwei vollkommnere und doch verſchiedenere Schoͤn⸗ heiten ſehen, als die der Fuͤrſtin und ihrer Freundin. Mad. Wilſon, weiß und roſig, mit blauen Augen und ſchwarzen Haaren, trug eine Robe von blaßgruͤnem Sammt, mit Stroͤmen von Spitzen beſetzt, die durch Bougquets von Zierrathen befeſtigt waren. Ein eleganter Kopfputz von denſelben Blumen vollendete dieſen al allerliebſten Putz. Die Furſtin, höher gewachſen als ihre Freundin, aber nicht weniger ſchlank, trug eine Robe von gelbem Moire, mit einer kurzen Tunica von weißer Gaze daruͤber, mit Blaͤttern natuͤrlicher Camelien beſetzt, die mit Diamanten befeſtigt, welche in Mitten dieſes glaͤnzenden Gruͤnes wie eben ſo viele eryſtalliſirter Thautropfen ſtrahlten. Ein Kranz von gruͤnen Blaͤttern ohne Blumen, aber ebenfalls mit Diaman⸗ ten beſternt, umzog die weiße und edle Stirn Regina's. Dieſe, wie man ſie damals trug, ſehr ausgeſchnittene Robe ließ Achſeln, Nacken und Buſen der Fuͤrſtin blos, welche die Weiße, Glaͤtte und Feſtigkeit des Marmors zu beſitzen ſchienen. Ihre Haare, blaͤulichet ſchwarz als die der Mad. Wilſon, fielen, ſtatt wie dieſen Morgen in Flechten auf⸗ geſteckt zu ſein, in langen Ringeln herab, welche ihren halb entblößten Buſen liebkoſeten. Sehr niedrig am Hinter⸗ kopfe zuſammengedreht, zeigte ſich glaͤnzend, rein und voll, das ſchöne Haar, und ließ den Anſchluß eines ſchlanken und runden Halſes erblicken. Eine leichte Roͤthe färbte Regina's Wangen. Drei kleine ſchwarze ſammtne, kokette Fleckchen ſtachen, wie eben ſo viele Puͤnktchen von Ebenholz von dem feuchten Karmin ihrer Lippen und dem Feuer ihrer großen, ſchwarzen, jetzt glaͤnzenden und belebten Augen ab. So erſchien mir denn Regina, noch viel mehr als im Morgennegligee, auf dieſe Art in all dem wolluͤſtigen Glanze einer Schoͤnheit, die ich gar nicht an ihr geahnt hatte. Als ſie aus ihrem Sprachzimmer mit Mad. Wilſon kam, lachten alle Beide. Regina's Lächeln war reizend, denn es zeigte Zaähne von blendendem Email. Sie lachte laut, indem ſie ihr Bouquet mit einer anmuthigen Bewe⸗ 1 an die Lippen brachte, als wollte ſie dieſe Heiterkeit halb verhuͤllen. „Boͤſe Frau!“ ſagte Mad. Wilſon zu ihr; „aus einem Arſenale der ſchönſten Bouquets gerade dies ... Ihrer Blu⸗ menlieferantin zu waͤhlen!“ „Was fuͤr Namen werden die Eiferfuͤchtigen dieſem — — armen gekauften Bouquet beilegen?“ erwiderte fröhlich Regina. 2 „Die Namen der Herren, die in Paris am Meiſten in der Mode, wie ſichs verſteht.“ „Geſtehen Sie nur, liebe Freundin, daß dies ſo ge⸗ wiſſermaßen das Bild vieler Dinge iſt. Wenn man wuͤßte, was man oft beneidet!“ ſagte die Fuͤrſtin mit einem ſonder⸗ baren Ausdrucke, und es ſchien mir, als trube einen Augen⸗ blick lang ein Wölkchen ihre glaͤnzende Stirn. Die Fuͤrſtin hatte ſich, waͤhrend ſie dieſe Worte mit Mad. Wilſon wechſelte, halb in einen weiten Mantel von kirſchfarbner Seide, mit Hermelin gefuttert, gehuͤllt, den ihre Kammerfrau, welche ihr gefolgt, ihr uͤber die Achſeln legte, und mir dann ein paar kleine wattirte Schuhe von ſchwarzem Taft, mit den halb leis geſprochenen Worten einhaͤndigte: „Geben Sie dieſe Schuhe der gnädigen Frau, dem Bedienten von Mad. Wilſon, und empfehlen Sie ihm, ſie nicht zu verlieren.“ Dann ging die Kammerfrau ins W zuruͤck, indem ſie mir noch zufluͤſterte: „Jetzt gleich zum Thee!“ 1 Im Augenblick des Fortgehens ſagte Mad. Wilſon zur Fuͤrſtin: „Nehmen Sie Ihren Mantel ja recht zuſammen, liebe Freundin, es iſt furchtbar kalt.“ Da die Fürſtin nun ohnſtreitig durch ihr Bouguet und Schnupftuch genirt war, ſich in ihren ſehr weiten Mantel recht einzuhullen „der noch dazu ſo lang war, daß ſie ihn, als ſie die Treppe hinabſtieg, heraufnehmen mußte, ſo uͤbergab ſie mir das Bouquet und ihr Schnupftuch mit den Worten: „Geben Sie mir das in den Wagen.“ Als ich aus ihrer Hand in die meine ihr Schnupftuch und Bouquet erhielt, deſſen Duft zu mir emporſtieg, ſo bebte ich durch und durch, und folgte langſam meiner Her⸗ rin, als ich ſie leicht und fluchtig die breiten Stufen der Marmortreppe hinabſteigen ſah. Als Mad. Wilſon, welche einige Schritte vor der Fuͤrſtin ging, bemerkte, daß deren Fuͤße nur mit ihren weiß⸗ ſeidnen Schuhen bekleidet, ſagte ſie im Tone zaͤrtlichen Vorwurfs zu ihr: „Aber, Liebe! Sie haben bei ſolcher Kaͤlte keine Ueberſchuhe?“ „Ihr Bedienter wird ſie mir geben, wenn wir den Ball verlaſſen,“ erwiderte die Fuͤrſtin. „Es iſt da Zeit genug.“ 4 „Und waͤhrend der ganzen Oper wollen Sie mit eiſigen uͤßen bleiben . und beim Fortgehen?. .. Eine Stunde lang ſo auf unſern Wagen warten? Sie werden fuͤrchter⸗ lich frieren... das darf ich nicht zugeben... Sie ziehen gleich auf der Stelle Ihre Ueberſchuhe an, und legen ſie nicht eher ab, als bis wir auf dem Balle ſind.“ 3 „Nun ja denn... geliebter Tyrann,“ ſagte laͤchelnd die Fuͤrſtin, „man muß Ihnen wohl gehorchen.“ Indem ſie ſo ſprachen, waren die Fuͤrſtin und ihre Freundin auf der letzten Stufe der Treppe ſtehen geblieben, und Regina ſagte zu mir: „Geben Sie mir mein Schnupftuch und Bouquet, und ziehen Sie mir die Ueberſchuhe an.“ So nahm ſie denn Bouquet und Schnupftuch mir aus der Hand, ſtützte ſich auf das Treppengelaͤnder, und hielt mir ihr Fuͤßchen hin. Ich knieete vor die Fuͤrſtin hin. Als dieſes Kinder⸗ fußchen, in weiße Seide beſchuht, und mit ſo feinen ſeidnen Struͤmpfen bekleidet, daß ich durch ihr diaphanes Gewebe die Haut roſig durchſchimmern ſah, in meine Hand nahm, die es ganz bedeckte, als ich den Riegel des taffetnen Ueber⸗ ſchuhes daruber befeſtigte, begegneten meine zitternden Fin⸗ ger dem zarten Knoͤchel des reizendſten Beines, und als endlich die ſchleppenden Falten der Robe meiner Herrin um mein Geſicht rauſchten.. glaubte ich toll werden zu muͤſſen die Adern meiner Schlafe klopften zum Zerſpringen, und meine bebenden Haͤnde brannten ſo gluͤhend, daß Furſtin ihre Gluth durch Seide und Watte des Ueberſchu haͤtte hindurch fuhlen muͤſſen. Glücklicherweiſe wurde ſie nichts gewahr, und waͤhrend ich außer mir vor ihr knieete, ſchwatzte ſie leis mit ihrer Freundin, nur einige Anfälle zuruͤckgedraͤngten Gelaͤchters unterbrachen das ſchwache Gemurmel ihrer Unterhaltung. Als ich geendet hatte, ſtand ich faſt betaͤubt auf, und fuͤhlte, wie die Kniee mir wankten. Die Fuͤrſtin ſagte, ohne mich anzuſehen, zu mir, indem ſie ſich nach dem Veſtibul wendete, welches das erſte Vorzimmer bildete: „Martin, Sie warten auf mich?“ „Ja, gnaͤdige Frau,“ antwortete ich ſtammelnd. Die Bedienten des Hauſes ſtanden ehrfurchtsvoll auf, als die Furſtin voruͤberging, und zwei davon eilten fort, um die Flugelthuͤren des Perrons zu oͤffnen. Durch die Glasfenſter ſah ich beim Scheine der großen Laternen am Wagen die beiden jungen Frauen in eine elegante Berline ſteigen, welche zwei herrliche Grauſchimmel mit koſtbarem Geſchirr raſch fortzogen. Noch erzitternd von der bittern und furchtbaren Wonne, die ich genoſſen hatte, ſah ich, in eine Art von Extaſe ver⸗ ſenkt, dem Wagen nach, als ich zu der Wirklichkeit meiner Lage, durch die derbe Stimme eines Bedienten aus dem Hauſe, gerufen ward, der geräuſchvoll die Thuͤr des Veſtibul nach der Abfahrt der Fuͤrſtin ſchloß, und unhoͤflich ausrief: „Eingepackt!!“ 8 Einer unausſprechlichen Unruhe und thörigten, gluͤhen⸗ den, ſchmerzlichen Gedanken preisgegeben, fuͤhlte ich große Abneigung, zu dem Thee zu gehen, den die Kammerfrau der Furſtin gab, um meine Ankunft zu feiern. Ich haͤtte es vorgezogen, auf meinem Zimmer zu bleiben, bis ich in =— — — den Salon gehen muͤſſe, um dort meine Herrin zu erwar⸗ ten, da ich aber an die Anempfehlung des Doctor Clement, in Betreff der finſtern Anſchlaͤge des Grafen Duriveau dachte, glaubte ich, dieſe dienerſchaftliche Zuſammenkunft könne mir vielleicht Gelegenheit darbieten, etwas zu entdecken. Uebrigens fragte ich mich auch, ſo wie es zu geſchehen pflegt, wenn man den Geiſt auf die Moglichkeit einer zu⸗ gleich drohenden und unbekannten Gefahr gerichtet hat, wo alles Gegenſtand des Mißtrauens wird, und man ſich den gewagteſten Muthmaßungen uberlaßt, indem ich an die neue und enge Vertraulichkeit der JFuͤrſtin mit Mad. Wil⸗ ſon nachdachte, eine Vertraulichkeit, die großen Einfluß auf Erſtere zu haben ſchien, aus welcher Abſicht Letztere Regina ſo gewaltſam in einen Strudel von Feſten und Vergnuͤ⸗ gen gezogen habe, da dieſe doch bis dahin in einſamer Trau⸗ rigkeit gelebt, und ob dieſe ſo ſchnelle Veraͤnderung in ihrer Gewohnheit nicht die Racheplaͤne des Grafen Duriveau beguͤnſtige? Und endlich.. warum ſollte ich vor dem Ge⸗ ſtandniſſe gewiſſer in den innerſten Falten des Herzens ver⸗ huͤllter Gedanken zuruͤckbeben?. . endlich fuͤhlte ich mich wider Willen faſt eiferſuͤchtig auf Mad. Wilſon. Ihr Re hatte ohnſtreitig Regina veranlaßt, ihren Kummer zu taͤuben, und in dem Egoismus meiner Ergebenheit liebte es nicht, ſie ſo ſtolz ihre Kleider tragen zu ſehen. Ihre fieberhafte Gluth fuͤr Vergnuͤgungen war ohnſtreitig nur gemacht, aber es ſchien mir, und dies nagte mir am Her⸗ zen, als werde meine Ergebenheit der Fuͤrſtin von dem — Augenblicke an, minder nuͤtzlich, wo ſie einige Zerſtreuung in dem Rauſche der Welt finde. Ich hätte es vorgezogen, ſie traurig und niedergeſchlagen zu finden, wie ſonſt, um eines Tages ſie aus dieſer Trauer, dieſer Vereinzelung zu reißen, indem ich ihr die Zuneigung wieder verſchafft, die ſie ſo ſchmerzlich zu bedauern ſchien. Solche Ruͤckhalte, ſolche Eiferſuͤchteleien, ſuche Be⸗ rechnungen in der Ergebenheit ſind kindiſch, ja manchmal ſogar unedel, aber ach! es iſt die Geſchichte meines Herzens, die ich jetzt aufrichtig ſchildere. Noch eine andere Urſache veranlaßte mich, zum Thee von Mamſell Juliette, trotz meines Widerwillens, mich zu begeben. Es iſt ſehr moͤglich . . . hatte mir auch Doctor Clement geſagt. daß Graf Duriveau unter der Diener⸗ ſchaft der Fuͤrſtin ein ihm ergebenes Subjekt ſich verſchafft habe, um ſeine Plaͤne zu befoͤrdern. Noch wußte ich nicht, bis wie weit dieſe Furcht ge⸗ gruͤndet ſein konnte. Da ich meine neuen Kameraden nur ruͤh beim Fruhſtuͤck und Abends beim Diner geſehen hatte, L. Mahlzeiten aber ſehr kurz waren, und meine Gegen⸗ art als neuer Ankoͤmmling nothwendigerweiſe Vertrauen und Freiheit, die ſonſt dabei gewohnlich, hatten verbannen muͤſſen, ſo hatte ich nichts beobachten können. Die belebtere, vertrautere Abendgeſellſchaft konnte vielleicht meine Beobachtungen erleichtern. Uebrigens ſchie⸗ Martin. vIMI. 4 — nen, beim erſten Anblicke, meine Dienſtkameraden allem Verdachte zu trotzen. Mamſell Juliette und eine zweite Kammerfrau der Fuͤrſtin, welche die Waͤſche uͤber ſich hatte, Beide ziemlich jung, und was die Erſtere betraf, ſehr haͤßlich, ſchienen ehrliche und wohlmeinende Geſchöpfe. Der Kam⸗ merdiener des Fürſten, ein alter Diener, der ihn hatte gebo⸗ ren werden ſehen, hatte nicht das Anſehen, als könnte er den mindeſten Verdacht erwecken, und der Haushofmeiſter, ein ernſter, kleinlicher Mann, kam mir vor, als waͤre er fortwaͤhrend mit der Wichtigkeit ſeines Berufs beſchaäftigt. Was unſern Oberkoch betraf . . . die Kuͤchenjungen und WMadchen fuͤhre ich nur beilaͤufig an ... ſo hätte man einen ſehr eingenommenen Blick beſitzen muͤſſen, um unter ſeiner wohlhäbigen, blaſſen und gutmuͤthigen Maske einen Raͤnke⸗ ſchmied zu ſuchen. Unter den Hausleuten wohnten nur die Vorbezeichneten dem Thee bei, denn es gab eine Art von Abgränzung unter ihnen, Dienerſchaft nur fuͤr das Innere, und Bediente, Livree⸗ und Stallleute, welche nicht zu dem eigentlichen Hauſe gehoͤrten. s ich in Mamſell Juliettens Zimmer trat, vu meine Kameraden und die meiſten der eingeladenen Gäſte ſchon dort. Noch jetzt erinnere ich mich an die Mittheilungen, woran die Unterhaltung der Bedienten, die um den Perron des Muſeums ſtanden, ſo verſchwenderiſch war, aber in — — dieſer Abendgeſellſchaft ſollte ich Familiengeheimniſſe von ganz andrer Wichtigkeit verrathen hoͤren, als die, welche ich ſchon uͤberraſcht, und das Leben von einer Menge Per⸗ ſonen von dieſem vertrauten Standpunkte angeſehen, ſollte ſich mir unter den ſonderbarſten Anſichten kund geben. 4* Viertes Kapitel. Der Thee. Die Geſellſchaft der Mamſell Juliette nahm mich mit vielem Wohlwollen auf. Letztre ſtellte mich ihren Gaͤſten mit den Worten vor: „Herr Martin, unſer neuer Kammerdiener.“ Dann ſagte ſie, indem ſie mich den Perſonen, welche ſie mir nannte, vorſtellte: „Mamſell Iſabeau, bei Mad. Wilſon.“ „Ich habe ſchon das Vergnuͤgen gehabt, Mamſell Iſabeau dieſen Morgen zu ſehen,“ ſagte ich mich verbeugend. „Madame Lambert, bei der Frau Marquiſe d'Herbieux,“ fuhr Mamſell Juliette fort, indem ſie zu einer jungen Frau mit recht artigem Geſichte, im bloßen Haar und geſchmack⸗ voll gekleidet, trat. Ich erinnerte mich, daß der Fuͤrſt bei der Tafel ſeiner Gemahlin angezeigt hatte, daß er mit dem Mauquis d'Herbieux auf die Jagd gehen werde. Der Marquis war der Mann der jungen und reizenden Frau, die ich auf dem Perron des Muſeums den unverſchämten Scherzen der Be⸗ dienten ſo ausgeſetzt geſehen hatte. Mamſell Juliette endete ihre weibliche Namensaufzaͤh⸗ lung, indem ſie lächelnd zu mir ſagte: „Mamſell Aſtarte, bei der Miniſterin der Juſtiz.“ Ich gruͤßte Mamſell Aſtarte mit dem anſpruchsvollen Namen. Die Phyſiognomie dieſes Maͤdchens ſchien mir ungezogen und mokant. Aſtarte war ohngefaͤhr 36 Jahr alt. Sie mußte ausgezeichnet ſchoͤn geweſen ſein. Ihre Haare waren voll und dunkelſchwarz, ihre Zaͤhne reizend, ihr Wuchs vollkommen elegant. Die groͤßte Dame hätte nicht mit mehr Geſchmack und Einfachheit angezogen ſein koͤnnen, als Mamſell Aſtarte. Sie trug auf ihren glatt⸗ geflochtnen Haaren ein allerliebſtes Abendhaͤubchen von Tull mit kleinen Traͤubchen von kirſchfarbnen Blumen beſetzt. Ihr Kleid, von ſchwarzem Sammt, ging bis oben herauf, und ihr in ſchwarze Seide chauſſirter Fuß erinnerte mich an den der Fuͤrſtin. „Wir hofften noch auf Mamſell Gabriele, die Aus⸗ geberin des Grafen Duriveau,“ ſagte Mamſell Juliette zu mir, „aber ihr Herr iſt ein ſo abſcheulicher Tyrann, daß man nie weiß, auf was man bei ihm rechnen kann.“ Bei dieſen Worten pries ich mich doppelt gluͤcklich⸗ dieſer Soirce beizuwohnen. Das maͤnnliche Perſonal der Geſellſchaft war minder zahlreich: es beſtand nur aus zwei meiner Collegen. Mam⸗ ſell Juliette ſtellte ſie mir ſo vor: „Herr Benard, Alles in Allem bei Herrn Lebouffi, dem beruͤhmten Deputirten, und Herr Charles, genannt Leporello, Kammerdiener des Herrn Barons von Saint⸗ Maurice, des Lions aller Lions, zubenamſet Don Juan.“ In dem Aeußern, der Kleidung und den Geſichtern der beiden Diener zeigte ſich eben ſo große Verſchiedenheit, als zwiſchen ihren Herren⸗ſtattfinden mußte. Der vertraute Diener des Herrn Lebouffi, des beruͤhmten Deputirten, war ein langer Mann, ſchwarz gekleidet, ernſt, geſetzt, mit ſich zufrieden, mit grauen und wenigen Haaren. Er erwiderte meinen Gruß mit völlig parlamentariſcher Selbſtzufrie⸗ denheit. Leporello (ein Beiname, der mir bewies, daß das Vorzimmer nicht ganz ohne Literatur ſei) war, ohne uͤbri⸗ gens dem Muſter des feigen Dieners Don Juans im Ent⸗ fernteſten zu gleichen, ein junger und huͤbſcher Burſche mit keckem, aufgewecktem Geſichte, leicht und gewandt und un⸗ befangener Haltung. Er trug ſehr elegante, ohnſtreitig vor⸗ her ſeinem Herrn angehoͤrige Kleider, und ſchien mir der Hanswurſt dieſer Damen zu ſein, waͤhrend er ſich ſehr eifrig mit Mamſell Aſtarte, der Koͤnigin der Soirse, be⸗ ſchaͤftigte. „Wir erwarteten auch noch den ſchoͤnen Feodor,“ ſagte mir Mamſell Juliette nach dieſer förmlichen Vor⸗ ſtellung, „aber man kann auf ihn eben ſo wenig rechnen als auf Mamſell Gabriele, die Ausgeberin des Grafen Duriveau.“ —— „Sein Herr,“ ſagte ich Julietten, indem ich in den mediſirenden Ton unſrer Geſellſchaft mich einzuſtimmen ſuchte, „iſt alſo ein eben ſolcher Tyrann, wie der Graf Duriveau?“ Meine Frage wurde mit einem Ausbruche allgemeinen Gelaͤchters aufgenommen. Da man mich etwas verlegen ſah, kam der Vertraute des Deputirten mir hoͤflich zu Hilfe, und ſagte mit belehrender Miene: „Unſer ehrenwerther College weiß ohnſtreitig nicht, wer die Perſon iſt, bei welcher der ſchoͤne Feodor dient, und ſo iſt ſeine Frage ganz natuͤrlich.“ „Das iſt wahr, das iſt wahr,“ riefen mehre Stimmen. „Mein Lieber,“ ſagte Leporello mit nachläſſigem Tone zu mir, „der ſchoͤne Feodor hat keinen Herrn, ſondern eine Herrin, (Maitreſſe) welche auch zugleich die ſeine iſt.. . Begreifen Sie?“ „Ah! Leporello! Leporello!“ riefen mehre Stimmen im Tone des Vorwurfs: „Sind Sie eine boͤſe Zunge!“ „Das Herrn Martin ſo gerade heraus zu ſagen!“ „Sehen Sie . Sie machen ihn ganz verlegen.“ In der That hatte ich durch eine alberne Annäherung unwillkuͤrlich an Regina gedacht, die Roͤthe war mir in die Stirn geſtiegen, und trotz meiner Anſtrengung, mit ſichrer Stimme Leporello zu antworten, ſtammelte ich: „Wahrhaftig . . ich ... begreife . das nicht ganz vecht „Nun ſo hoͤren Sie, mein Lieber,“ begann Leporello — mit ungezogener Ruhe wieder, „der ſchöne Feodor iſt in Dienſten bei der Frau Marquiſe Corbonelli, er iſt 5 Fuß 7 Zoll groß, 25 Jahr alt, friſch wie eine Roſe, und hat einen ſuperben Backenbart, ſo ſchwarz, wie das Haar von Mamſell Aſtarte. Jetzt erlaſſen Sie mir die Beſchreibung des Ausſehens der alten italieniſchen Marquiſe von 50 Jah⸗ ren, die am Tage Diamanten trägt und Roth auflegt, wie im Carneval, und eine braune Peruͤcke mit fleiſchfarbnen Streifen hat, und Sie werden begreifen, mein Lieber, warum ich ſage, daß die Herrin des ſchoͤnen Feodor auch ſeine. Herrin iſt. Sehen Sie doch? Setzt Sie denn das wirklich in Verwunderung?“ „Wahrhaft ja, das thut es,“ entgegnete ich, meine Verwirrung uͤberwindend, „und es kommt mir vor, als muͤſſe das aller Welt ſtaunenswerth vorkommen! Nicht wahr, meine Damen?“ ſetzte ich in der Hoffnung hinzu, die Unterhaltung allgemein zu machen, und der Aufmerk⸗ ſamkeit zu entgehen, deren Gegenſtand ich war. „Staunenswerth? o nein, .. nicht ſo ſehr,“ ſagte Aſtarte. „Es iſt zwar vielleicht nicht ſo gewoͤhnlich, als Herren zu ſehen, welche uns Kammerfrauen zu Herrinnen neben ihren legitimen haben. aber man findet das auch. und ohne ſehr weit zu gehen, als ich bei der Her⸗ zogin von Rullecourt war, gab es die famoſe Geſchichte der Baronin von Surville mit dem großen Laforet, dem Jäger ihres Mannes. Man muß aber auch ſagen, daß die Ba⸗ ronin die Jagd ſehr liebte.“ . „Uebrigens,“ verſetzte der alte Louis, der Kammerdie⸗ ner des Fuͤrſten, „hat mir ſchon mein Vater erzaͤhlt, der im Hauſe Soubiſe erzogen ward, daß unter der alten Re⸗ gierung viele Damen vom Hofe Bediente hatten, um ſie zu friſiren, und daß dieſe Spitzbuben .. nun .. genug geſagt!“ „Unter der alten Regierung. .. ja, das glaube ich wohl,“ ſagte der Vertraute des Deputirten, und blies die Backen auf, „da gab es noch keine Sitten, es war die Zeit, wo das Herrenrecht galt, die Zeit des Ochſenparks und des Hirſchauges nein, nein, des Hirſchparks und des Och⸗ ſenauges und der rothen Abſaͤtze.“ „Gut,“ rief Leporello lachend, „da gehts mit dem al⸗ ten Benard vorwaͤrts... wie bei ſeinem Herrn.“ „Apropos,“ ſagte Benard, „meine ſchoͤne Aſtarte, Sie können es der Frau Miniſterin immer ſagen, daß ihr Mann ſich morgen tapfer zu halten hat. . .“ „Weshalb denn?“ „Mein Herr hat heute länger als zwei Stunden im Toilettencabinet von Madame vor deren Spiegel perorirt und geſticulirt.“ „Ach, das iſt luſtig!“ ſagte Aſtarte. „Eine wahre Komoͤdie,“ begann der Vertraute des Politikers wieder. „Um auf der Tribune gehorig zu figuri⸗ ren, hatte er die Badewanne von Madame verkehrt geſetzt, und ſchlug nun auf den Boden los, indem er die langen Arme vor dem Anzieheſpiegel ausſtreckte, wie ein Verruckter, ſich ſelbſt wuͤthende Blicke zuwarf, mit der Fauſt drohte, und ganz die Miene annahm, als wolle er ſich wie der Schlechteſte aller Schlechten behandeln.“ „Er repetirte alſo ſeine Parade?“ ſagte Aſtarte, „die Scene die er morgen unſerm Miniſter machen wollte.“ „Freilich,“ verſetzte Benard, „um ſo mehr, als er mit ſeinem Organ auf der Tribune ſprach, als er ausrief, und es zwanzig Mal wiederholte, ſo daß es zuletzt ganz betaͤubend wirkte, da ich's ſogar im Vorzimmer hoͤrte: Unter der Uebermacht einer ploͤtzlichen Erregung eile ich auf dieſe Tribune. . .. Frankreich iſt hier. . es ſoll mich hoͤren! Es ſchien, als ob er beſonders die Worte „plotzliche Erregung“ nicht recht natuͤrlich vorzubringen verſtand.... Endlich aber hat er ſie doch... ſo langſam her⸗ ausgezogen .. .“ „Auf Ehre,“ ſagte Leporello, „da haͤtte man Ein⸗ trittsgeld bezahlen moͤgen!“ „Und als er ſagte: Frankreich iſt hier! machte er eine große Handbewegung, und zeigte auf die Thuͤr zu Madame's Garderobe,“ ſetzte der treue Geſchäftsmann des politiſchen Mannes hinzu, indem er die allgemeine Luſtigkeit „Und noch dazu,“ begann Aſtarte mit ſchallendem Gelaͤchter wieder, „arbeitet Ihr Herr auf dieſe Art Alles umſonſt. blos um der Laächerlichkeiten willen ... fuͤr wei⸗ ter nichts!. .. Es iſt nicht, wie bei ſo vielen Andern, denn ich habe mir von meinem Miniſter ſagen laſſen, daß man fuͤr tauſend Thaler jahrlich.. . ſehr liebe kleine Deputirte finde, die auch gar nicht uͤbel ſpraͤchen.“ „Und machſt Du Deiner Miniſterin immer noch das Leben ſauer?“ fragte Mamſell Juliette Aſtarten. „O, das will ich meinen! So wollte ſie heut Abend erſt um zehn Uhr ausgehen, um ſich zum Ball bei dem Innern zu begeben. Das waͤre mir recht geweſen, da ich um acht Uhr hier ſein wollte! Ich ſagte ihr alſo, daß ich ausgehen muͤſſe, und habe ſie ſogleich, wie ſie vom Tiſche aufſtand, ankleiden laſſen, und wie geſchwind! Es war zum Umkommen, denn ſie ißt wie ein Vielfraß. Und jetzt muß ſie nun wie ein Schlittenpferd geputzt vor ihrer Uhr auf die Stunde warten, wo ſie zum Balle gehen kann. Und welche Toilette! Welche Maſſe! und wie das zuſam⸗ mengebuͤndelt iſt!“ „Sie muͤſſen einen eignen Talisman beſitzen, Mam⸗ ſell,“ ſagte ich zu Aſtarte, „um mit Ihrer Miniſterin ſo anzugeben, was Sie nur wollen?“ „Ihr Talisman,“ ſagte Juliette lachend, „iſt dies, daß ſie fuͤnfzehn Jahr erſte Kammerfrau bei der Frau Herzogin von Rullecourt war, der Schoͤnheit, die unter der Reſtauration am meiſten in der Mode war, und daß Madame Poliveau, ſo heißt Aſtartes Frau Miniſterin, ſich ſo geehrt und ſo ſtolz fuͤhlt, eine Kammerfrau der Herzogin in ihrem Dienſte zu haben, daß Aſtarte Alles, was ſie will, in dieſem Hauſe macht, wo man gar zu gluͤcklich iſt, ſie zu beſitzen.“ — 60 — „Aha, jetzt begreife ich,“ ſagte ich zu Aſtarten. „Das iſt mein ganzes Geheimniß,“ antwortete ſie mir. „Aber dieſe Leute auch! Das iſt ſo buͤrgerlich, ſo dumm, ſo eingefleiſcht! Da iſt gar nichts zu thun. ... Uebrigens iſt es höchſt komiſch, wenn eine der Colleginnen meiner Miniſterin zu ihr kommt, wie z. B. Madame Golimand vom Commerz, oder Madame die Miniſterin des Innern, deren Großvater muͤtterlicher Seite Portier war, ſo klingelt mir meine Herrſchaft, unter dem Vorwande, mir einen Auftrag zu geben, und ſagt dann zu ihren Colleginnen ganz leiſe, indem ſie ſich aufbläht, und mit den Augen nach mir hinwinkt: „Das iſt meine Kammerfrau; ſie war fuͤnfzehn Jahre bei der beruͤhmten Herzogin von Rullecourt!“ Und dann ſchlägt meine Miniſterin ein Rad, während die Andern vor Wuth gelb werden.“ „Ol das geht ſo!“ rief Leporello mit vollem Lachen, „ich kenne einen Dummkopf von Herrn, der ſeinen Kutſcher allemal zuerſt gruͤßt, weil dieſer Englaͤnder bei dem beruͤhm⸗ ten Lord Cheſterfield gedient hat.“ „Noch eine andere Komödie!“ fuhr Aſtarte fort. „Von Morgen bis Abend ſagt meine Miniſterin zu mir: Meine liebe Kleine, (ſie iſt familiaͤr,“ ſagte Aſtarte mit unglaub⸗ licher Inſolenz) „meine liebe Kleine, wie zog ſich denn die Frau Herzogin an? wo coiffirte ſich denn die Frau Herzo⸗ gin? was für Waͤſche trug denn die Frau Herzogin? was ſebte denn die Frau Herzogin fuͤr Rachthauben auf? Ich glaube, Gott verzeihe mir's, daß ſie mih eines Tages fragen wird, wie die Frau Herzogin.. Ein Ausbruch von Gelaͤchter hier zur rech⸗ ten Zeit Aſtartens Redefluß, welche fortfuhr: „Und der Herr Miniſter nun! Das iſt derſelbe Geſang auf eine andere Melodie. Da dieſer Buͤrgersmann aber ſo eitel als unwiſſend im vornehmen Betragen iſt, ſo fragt er mich ſtets: .. Meine Gute (gehe mir doch, Duͤtchen⸗ kraͤmer!) meine Gute, machte man das auch ſo beim Herrn Herzoge? Meine Gute, wie zog ſich der Herzog Abends an? Meine Gute, wie ſervirte man die Tafel bei dem Herrn Herzoge?“ „Sie ſagen uns noch nicht Alles, ſchöne Aſtarte,“ verſetzte galant der Geſchaͤftsmann des politiſchen Mannes, „ich bin überzeugt, daß Ihr Miniſter Sie auch gefragt hat: Meine Gute, machte Ihnen der Herr Herzog nicht den Hof?“ „Das verſteht ſich,“ erwiderte Aſurte, „er wollte ein⸗ mal ein wenig taͤndeln, und ſagte zu mir: Meine Gute, ich bin uͤberzeugt, daß der Herr Herzog Sie allerliebſt fand, und es Ihnen bewies. .. Nein, mein Herr, ergriff ich das Wort gegen den Herrn Miniſter, denn haͤtte mir's der Herr Herzog beweiſen wollen, ſo wuͤrde er damit ange⸗ fangen haben, mir eine Wohnung zu meubliren, und ein 100,000 Francs zu meiner Einrichtung zu geben. Darauf blieb der Miniſter ganz ſtill, und machte Hm! Hm! und drückte ſich. Und bei alledem waͤrs doch hochſt drollig geweſen, die Erziehung eines Miniſters der Juſtiz zu uͤber⸗ nehmen, und ihn gute Sitten zu lehren. Aber er iſt ſo haͤßlich, ſo ſchmutzig, ſo geizig, daß ich ihm gedroht habe, Alles ſeiner Frau zu ſagen, wenn er in mich dränge, und ſelbſt wenn er es nicht thäte. So mache ich denn, Dank ſei es meiner Tugend, aus dieſer Wirthſchaft Alles was ich will, ich vergebe Stellen an Bureauaufwärter und Gerichts⸗ diener, als obs deren regnete. Wer will eine?“ „Alle Wetter! das iſt bei Gelegenheit gar nicht von der Hand zu weiſen fuͤr einen Eingeweihten,“ ſagte Leporello. „Ich hatte ſogar eine Freundin, die bei einer Frau diente, deren Mann Souschef in unſerm Bureau war, und den ich durch eine ſchreiende Ungerechtigkeit zun Chef habe ernennen laſſen. Hören Sie nur!“ „Ich bitte um Deine Protection fuͤr den Bruder einer meiner Kameradinnen,“ ſagte die Kammerfrau der Marquiſe d'Herbieux. „Ich werde Dich wieder daran erin⸗ nern, Aſtarte.“ „Du brauchſt mich nur zu biten. mich koſtet's nur dies Wort an meinen Miniſter... Herr Herzog, der Kammerherr von Karl K war, püu⸗ nie einem der Leute aus ſeinem Hauſe eine Gnade abgeſchlagen. Ich ſage Dir, es giebt nichts Hochmuͤthigeres als dieſe Emporkömmlinge.“ „Und wenn ich daran denke,“ verſetzte unſer Haus⸗ hofmeiſter, „daß ich einen Couſin hatte, einen braven und wackern Jungen, ſeines Standes Kaufmannsdiener, der vor der Revolution zu einer geheimen Geſellſchaft ge hörte, wo man auf Dolche Haß den Königen, den Adlig und Prieſtern ſchwur, und der dieſen Miniſter hundert Ma mit dabei geſehen hat, der damals Herr Poliveau ſchle weg hieß, ſchwören und wieder ſchwören, wie ein Wuͤthende dieſen Königen und Adligen und Prieſtern Haß!“ „Darum alſo kriecht er jetzt,“ erinnerte Aſtarte, „vor jedem noch ſo geringen ſchwarzen geiſtlichen Rocke, ſo daß er mir noch geſtern mit andächtig rollenden Augen ſagte: Meine Gute, der Herr Herzog ging alle Sonntage in die Kirche, nicht wahr?... Ja, mein Herr, er ging in die Meſſe, aber er ſpendete alle Jahre 25,000 Francs an Arme auf ſeinen Guͤtern.. .. Bei dieſen Worten brummte der ſchmutzige Bürgerliche wieder Hm! hm! und zog ſeinen dicken Kopf und ſeine runden Schultern wie eine blinde Schnecke in ihr Haus.“ Dieſe Unterredung wurde durch das Erſcheinen unſers Kochs unterbrochen. Dieſe Perſonnage hielt einen ſtatt⸗ lichen Einzug im Gefolge von ſeinem Kuͤchengehilfen, die auf einem Plateau 5 bis 6 Tellerchen mit kleinen Kuchen, die eben aus dem Ofen kamen, trug. Die Verſammlung nahm dieſe Kuͤchengalanterie mit ausgezeichneter Gunſt auf. Die Kuchen wurden auf einen Tiſch geſtellt, neben ein Theeſervice von ſehr huͤbſchem engliſchem Porzellan. Der Kuͤchengehilfe ging vermöge ſeiner interwerfung unter die Geſetze der Hierarchie hinaus, indem er noch einen begehrlichen „Ich bitte Sie um Verzeihung, meine Herren und amen,“ ſagte der Koch, „daß ich mich in Uniform prä⸗ entire,“ wobei er auf ſeine weiße Jacke und baumwollene Muͤtze zeigte. Er ſei, ſagte er, dieſer traditionellen und claſſiſchen Muͤtze treu geblieben und habe die weiße Perkal⸗ locke der Neuerer und Romantiker verſchmaͤht. „Sie wuͤrden ja auch,“ ſetzte er hinzu, „die Haltung eines Soldaten entſchuldigen, der eben aus dem Feuer kommt.“ „Das iſt Ihre beſte Entſchuldigung, mein Hert Chef!“ ſagte anmuthig Aſtarte, indem ſie auf die kleinen Kuͤchelchen zeigte, welche hoͤchſt elegant auf den Tellern ruhten. „Ich glaube in der That, daß die Damen meiner Entſchuldigung Geſchmack abgewinnen werden,“ entgegnete der Koch. „Ich empfehle Ihnen, von aller Eitelkeit abge⸗ geſehen, dieſe Schaͤferinnen in Rahm mit Erdbee⸗ ren geſpickt, ſie ſind ein Deſſertſtuck von der ſchoͤnſten Sorte.. Der große Careme (Faſten), unter dem ich die Ehre hatte beim Wiener Congreß zu dienen, hatte ſie zuerſt auf die Tafel Sr. Excellenz des Herrn franzoſiſchen Bot⸗ ſchafters gebracht. .. am Vorabende jenes ungluͤckſeligen Diners. . . „O laſſen Sie hoͤren, Chefl zu Gunſten des Herrn — Martin, der dieſe Geſchichte noch nicht kennt,“ ſagte Juliette lachend, „wir hören ſie auch noch einmal.“ „Welche Geſchichte?“ fragte Leporello. „Da ſind zwei, die ſie noch nicht kennen,“ verſetzte Aſtarte lachend. „Vorwaͤrts, mein Herr Chef, ha da⸗ mit im Vertrauen.“ „Ich wuͤnſchte ganz außerordentlich wlis dieſe Geſchichte zu hoͤren,“ ſagte ich. „Werd' ich ſo oft darauf zuruͤckkommen,“ erwiederte der Koch mit geruͤhrter Stimme, „ſo geſchieht es, um im⸗ mer, um ewig gegen eine Schändlichkeit, einen Verrath zu proteſtiren, deſſen ich einen franzoſiſchen Koch durchaus für unfaͤhig halte.“ „Alle Wetter, das wird ernſthaft,“ ſagte Leporello. „Ja, es betraf unſre Ehre, mein Herr!“ rief der förmliche Koch, der uͤbrigens ſeine Leute vortrefflich kannte. „In zwei Worten alſo. Wir waren in Wien, ich hatte die Ehre, unter den Befehlen des großen Careme bei dem franzoͤſiſchen Herrn Botſchafter zu dienen. Die Herren des diplomatiſchen Corps ſpeiſeten abwechſelnd bei einander. Sie hatten die Guͤte, dies Diners in Frankreich, England, Rußland u. ſ. w. zu nennen, und Sie können leicht denken, welche Rivalitat unter den Kuͤchenchefs vorwaltete. Am Tage zuvor, wo die Tractaten unterzeichnet wurden, ſpeiſete man bei dem Herrn Fuͤrſten Metternich. Dieſes war, der Natur der Sache nach, alſo die wichtigſte Sitzung, das heißt, das wichtigſte Diner des Congreſſes, ſo wichtig, daß Murtin. v1U. 5 —— £ bet Herr Fuͤrſt Metternich ſeinen Kuͤchenzttel eigenhändig verbeſſern zu muͤſſen geglaubt, und darunter geſchrieben hatte: dieſes Dinet iſt als ein Diner für gekrönte Häupter anzuſehen und zu behandein. Ich habe den Autographen geſehn. und beſite eine Abſchrift davon unter meinen Papieren.“ „Das witd ſehr intereſſant,“ ſagte ich zum Koch, „man ſollte meinen, es handle ſich um eine Staatsan⸗ gelegenheit.“ „Es handelte ſich um eine europäiſche Angelegenheit, mein Hetr!“ rief der diplomatiſche Koch, „und Sie ſollen ſehen, warum. Bis dahin hatte, wie ich Ihnen geſagt, eine furchtbare Rivalität zwiſchen den Herren Küchenchefs der Herten Botſchafter ſtakt gefunden, aber eine lopale Rivalität. Unglüͤcklicherweiſe hatte dieſe Rechtlichkeit ein Ende. Am Tage dieſes feierlichen Diners beſtach ein Schänblichet, ein Infamer, ſtatt mit offnem Viſire, oder vielmehr mit offnem Ofen zu fechten, durch Gold einen Kuͤchengehilfen des Herrn Fürſten von Metternich, und ließ, Gott weiß, welches abſcheuliche Arzneimittel unter die meiſten Gerichte dieſes königlichen Diners miſchen das mit ſo vieler Liebe, ſo vieler Ehrfurcht von dem Kuͤchen⸗ chef des Fuͤrſten behandelt wurde und...“ „Olol ich errathe die Folge,“ ſagte Leporello lachend. „Noch war man nicht beim Deſſert,“ rief der Koch in ſeiner edlen Aufwallung gegen ein ſo unwuͤrdiges Be⸗ nehmen, „als ſchon mehre der Herren Mitglieder des genug geſagt,“ eugegnete Aſtarte. 3— einen ausgenommen,“ argegnete der Koch, „denn man muß gerecht ſein. Se. Excellenz der Herr Graf M** — 67 — diplomatiſchen Corps die groͤßten Unbequemlichkeiten fuhl⸗ ten, und genöthigt waren, die Tafel zu verlaſſen. .. Dar⸗ auf folgten einige leichte Unpäßlichkeiten, die Untetzeichnung der Vertrage wurde nun mehre Tage hinausgeſchoben.. und der Himmel kennt ja die Intriguen, die während dieſer drei Tage ſich kreuzten,“ ſetzte der Koch mit geheimnißvollem und diplomatiſchem Tone hinzu: „Das hieß doch etwus wunderlich die Diplomatie vor⸗ wärts bringen,“ ſagte Leporello. „Das Schlimmſte bei der Sache iſt,“ fügte traurig der Koch noch an, „daß der Urheber dieſer Schändlichkeit nie entdeckt worden iſt. Verdacht hat man bald auf Eng⸗ land, bald auf Rußland, bald auf Frankreich gehabt!!. .. Was Frankreich betrifft, nein nie! Dagegen proteſtire ich, und werde immer proteſtiren.. wagte ich es, irgend Jemand anzuklagen, ſo wuͤrde es Preußen ſein, denn deſſen Kuͤchen⸗ chef war ein eleganter Topfgucker, kaum werth genug, fuͤr einen Ihret Herren Miniſter zu ſchmoren, Mamſell Aſtarte.“ „Das glaube ich wohl.. . . Miniſter-Diner, das iſt ₰. — ſſt, als er die Ehre hatte, die auswärtigen Geſchaͤfte zu leiten, der einzige Miniſter geweſen, bei welchem man ein Diner von 50 Couverts warm, pünktlich und ausgeſucht gehabt hat. Aber das iſt leicht erklaͤrlich; der Herr Graf 5* — M*iſt ein vornehmer Herr, der noch gute Traditionen behalten hat. Uebrigens ſind das, was ich nach Miniſter⸗ diners als das Abſcheulichſte gefunden habe, die Familien⸗ diners eines koloſſal reichen Amerikaners, bei dem ich drei Monate lang ausgehalten habe. ... Schoͤpſenkeulen mit Bohnen, Rindfleiſch mit Kohl, Erdäpfelkuchen, das war der tägliche Kuͤchenzettel.. aber ſechs Mal im Monate Diners. o! Diners, des großen Carzme wuͤrdig. ftei⸗ lich verkaufte man am andern Morgen das Deſſert an die Reſtaurationen mittler Gattung. .. . Dieſe Außerordent⸗ lichkeiten waren nicht nach meiner Art zu arbeiten, und ich deſertirte. Uebrigens giebt es viele ſolche Haͤuſer,“ ſetzte philoſophiſch der Koch hinzu, „Alles nur Schein nichts Wirklichkeit.“ 5 „Das iſt wie bei vielen unſrer Elegants,“ verſetzte Leporello, „ich ſage Elegants,“ fuhr er mit Selbſtgefaͤllig⸗ keit fort, „weil nur noch die Weiber der Notare oder Mi⸗ niſter Lions ſagen: Dieſe Spitzbuben haben Rechnungen von 100 Francs bei der Waͤſcherin, und von 2000 bei dem Schneider, ich ſage das nicht von meinem Herrn, denn nach dem Herrn Marſchall S* iſt mein Herr der größte Mann in der Wäſche, der exiſtirt. Apropos von meinem Herrn, da muß ich Ihnen doch erzahlen, daß ich ihm heut fruh foͤrmlich das Leben gerettet habe, denn ohne mich ſchluͤge er ſich morgen auf Leben und Tod mit dem Herrn von Blinval und der hätte ihn umgebracht — ſo gewiß, als Sie die e Augen von der Welt Aſtarte.“ „Ach Du mein Himmel, erzaͤhlen Sie uns das doch, Leporello,“ ſagte Juliette. „Nun ja aber ganz unter uns, wie immer!“ ent⸗ gegnete Leporello, ehe er ſeine Erzählung anfing, und ſtellte ſich breit vor den Kamin, beide Däume in die Taſchen eines ſchimmernden Gilets geſteckt. „Es bleibt doch ganz unter uns?“ „Alle Wetter, gewiß!“ wurde ihm von Allen mit Einer Stimme geantwortet. „Mein Herr,“ begann Leporello, „iſt, wie Sie wiſ⸗ ſen, der Liebhaber der Frau von Beaupreau und der Frau von Blinval, aber doch gewoͤhnlicher der Frau von Blinval.“ „Halt! auch von Frau von Beaupreau?“ rief die Kammerfrau der Marquiſe d'Herbieux, „das iſt alſo eine neue Frucht?“ „Vom 17. November Nachmittags,“ antwortete Le⸗ porello. „Ich machte an dem Tage Feuer in einer zweiten Wohnung, die mein Herr wegen der Vermehrung ſeiner Kundſchaft miethen mußte.... Aber auf Herrn von Blinval zuruͤckzukommen, ſo iſt dieſer nothwendigerweiſe der ver⸗ traute Freund meines Herrn, da mein Herr der Liebhaber ſeiner Frau iſt.“ „So iſts nicht bei uns,“ ſagte die Kammerfrau der Marquiſe d'Herbieux, jene allerliebſte blonde Frau, die ich — — auf dem Perron des Muſeums geſehen hatte „Der Hert Marquis kann Herrn von Bellerive nicht ausſtehen.“ 3 „Apropos von Deiner Herrſchaft,“ ſagte Juliette zu ihrer Gefaͤhrtin, „wenn Leporello ſeine Geſchichte erzhlt haben wird, ſo erinnere mich daran, Dir auch etwas zu ſagen, was Dir Vergnuͤgen machen wird.“ „Gut.. fahren Sie nur fort, Leporello.“ „Dieſen Morgen alſo war ich aus dem Zimmer mei⸗ nes Herrn gegangen, um im Stalle etwas zu beſtellen, und der Frotteur war oben geblieben, waͤhrend ich abweſend. Da kommt Herr von Blinval, man öffnet ihm, und er tritt bei meinem Herrn ein. Ich komme wieder, der Eſel von Frotteur ſagt mir nichts, und ſieche da, nach zehn Minu⸗ ten kommt ein Commiſſionair mit einem Briefe der Frau von Blinval. Er iſt ſehr eilig, ſagt mir der Commiſſionair, ich ſoll gleich Antwort bringen. Nicht im Mindeſten mir einbildend, daß Herr von Blinval da ſei, trete ich mit dem Briefe ein, und ſehe den Ehemann ganz ruhig ſeine Cigarre mit meinem Herrn rauchen und lachen zum Bucklicht⸗ werden.“ . „O, mein Gott!“ „Wie haben Sie ſich denn da herausgezogen, Lepo⸗ rello?“ riefen voll Theilnahme die Frauen. „Nun, nicht übel!“ antwortete Leporello ziemlich fad, „nicht uͤbel. Als mich mein Herr mit dem Briefe auf dem Praͤſentirteller eintreten ſieht, ſtreckt er die Hand nach ihm aus und fragt: Von wem iſt der Brief? Der Ehemann — war ſo nahe, daß er nothwendig die Handſchrift erkennen mußte. die noch dazu ſehr kenntlich kangheinig, ſo lang!“ „Aber ſo bringen Sie's doch zu Ende, Leporello! Wie Sie uns ſchmachten laſſen! Ich bin ganz Ohr dabei,“ ſagte Juliette. „Einen falſchen Namen angeben? das half nichts,“ begann wieder Leporello. „Die verteufelte Handſchrift war ja da!“ „Aher um des Himmels willen, ſo hringen Sie es doch zu Ende!“ „Ich zog alſo den Präſentirteller ſo weit zurück, daß mein Herr ihn nicht erfaſſen konnte, und ſagte lachend ich kann dieſen Brief dem Herrn Baron nicht in Gegen⸗ wart des Herrn Vicomte geben. . Und warum nicht? fragte mein Herr ganz albern. .. Weil der Herr Vicomte die Handſchrift des Briefes kennt, antwortete ich lächelnd. . Sieh doch dieſen drolligen Leporello? ſo gewandt wie ein Frontin! ſagte der Ehemann, und lachte uͤberlaut, waͤh⸗ rend mein Herr, dem ich einen Wink mit den Augen gege⸗ ben hatte, aufſtand, den Brief nahm, und nachdem er ihn ſchnell durchleſen hatte, in die Taſche ſteckte.“ „Bravo, Leporello!“ rief Alles mit Einer Stimme „Während der Zeit, wo mein Herr las,“ fuhr dieſer fort, „ſagte der Ehemann, die Naſe in die Luft ſteckend, und ſich die Glieder vor dem Kamine reibend: Laß doch ſehen, ob ich die Hand kenne? Von wem, zum Teufel, kann es = = denn ſein?.. Dann rief er auf einmal aus: Ich wette, daß es ein Briefchen von Fifine iſt. .. . Fifine iſt eine Ratze aus der Oper, ein drolliges Dingelchen, die ein we⸗ nig die Maitreſſe von allen den Herren des Clubbs iſt.. .. Du rerraͤthſt aber auch Alles, Blinval! Man kann Dir nichts verbergen,. antwortete mein armer Herr, deſſen Stirn mit Schweißtropfen bedeckt war. . .. Nun denn,“ endete Leporello, „Sie muſſen doch geſtehen, daß ohne mein kaltes Blut, und ich darf wohl ſagen, meinen Verſtand, ein ſchönes Ungluͤck paſſiren konnte, denn Herr von Blinval iſt tapfer wie ein Loͤwe. Er ſchießt mit der Piſtole wie ein Gott, und morgen war mein Herr todt, wenn der Ehe⸗ mann den Brief geſehen hätte. Und dennoch ſagt man von uns die Canaillen von Bedienten!“ „Das erinnert mich an einen bewundernswuͤrdigen Zug von Kaltblutigkeit des letzten Liebhabers der Herzogin von Rullecourt,“ ſagte Aſtarte, „und Sie konnen gelegent⸗ lich das Recept dazu Ihrem Herrn geben, Leporello. Dir⸗ ſer Liebhaber erhielt einen Brief von der Herzoain, unter ganz gleichen Umſtänden, außer daß er keinen geſcheiten Leporello als Diener hatte. Der alberne Kammerdiener bringt alſo den Brief der Herzogin. Ei ſieh, ſagte der Herzog zum Liebhaber, ein Briefſchen von meiner Frau? Sie ſchreibt Dir alſo? . Der Liebhaber antwortet nichts, lieſet den Brief mit köſtlichem kaltem Blute, und ſagt dann zum Herzoge: Hole ſie der Teufel, Deine Frau!.. Wie? D beſorge Du es! . Und damit nimmt der Liebhaber 73 — vom Kamin zwei Louisdor, die er dem Manne giebt! . Was ſoll ich mit den zwei Louisdor? fragte dieſer. .. . Ei zum Henker, fuͤr eine jener unausſtehlichen Betteleien, mit der alle dieſe einſammelnden Damen uns verfolgen .. . und Deine Frau hat mich auch nicht verſchont! ... Und damit wirft der Liebhaber den Brief ins Feuer.“ „Bravo!“ „Das iſt ſehr ſtark!“ ſagten einige Stimmen. ünftes Rapitel. Der Thee. (Fortſetzung.) Je mehr ich in die Mitte meiner Lage vorwärts ſchritt, deſto mehr wuͤrdigte ich die Richtigkeit von Leporello's Be⸗ merkung. Offenbar beſaßen die Mehrzahl von Juliettens Gäſten Geheimniſſe voller Gefahren fur Ruhe und Gluͤck vieler Familien. Dieſer Gedanke wurde faſt ſogleich durch Madame Lambert, die Kammerfrau der Marquiſe d'Her⸗ bieur, gerechtfertigt. „Leporello hat vollkommen Recht,“ ſagte ſie, „oftmals behandeln uns unſte Herrſchaften ſchlecht, und doch hing es oftmals von uns ab, Feuer in — der Himmel weiß, wie vielen Haushaltungen anzulegen, Trennungen, Proteſſe, Duelle auf Tod und Leben, zu verurſachen . .. „Ja, das iſt wahr,“ ſagten mehre Stimmen. „Was mich betrifft,“ fuhr Madame Lambert fort, „ſo kenne ich Jemand, der einen der gefeiertſten Maͤnner unſ⸗ rer Zeit, und auch ſeine Frau, die den ganzen Tag in den Kirchen liegt und die große Dame ſpielt, in's Criminalver⸗ hör und ſelbſt auf die Galeere bringen könnte.“ „Ah bah!“ riefen mehre Stimmen verwundert. „Und was noch mehr iſt,“ ſprach Mad. Lambert wei⸗ ter, „den Haushalt, wo es noch geiziger als ſcheinheilig zu⸗ geht, und der blos 300,000 Livres Einkuͤnfte hat, vollſtaͤn⸗ dig ruiniren.“ „Aber ſagen Sie doch, wie?“ „Damit dieſer Haushalt, von dem ich ſpreche, einen unermeßlich reichen Onkel beerben könne, mußte die Frau ein Kind haben. Da ſie ſah, daß ſie ſelbſt nicht ſchwanger werden koͤnne, kam ſie mit ihrem Manne dahin uͤberein, eine Schwangerſchaft vorzuſpiegeln. Meine Herrſchaft, denn es iſt allerdings von mir hier die Rede, mußte mich, als ihre Kammerfrau, dabei wohl in's Vertrauen ziehen. Ich beſchäftigte mich alſo damit, eine ſchwangere Frau auf⸗ zuſuchen, welche in einem einzelnſtehenden Hauſe unterge⸗ bracht wurde. Dies ging auf dem Lande vor. Sobald die andre Frau auf dem Punkte ſtand, niederzukommen, ſtellte ſich die meinige, als fuͤhle ſie Kindeswehen. Von jener nahm ich das Kind in Empfang .. einen prächtigen Jun⸗ gen. Ich brachte ihn in einer Hutſchachtel herein, und als eine dumme Wehmutter vom Lande, die man uͤberdies ab⸗ ſichtlich zu ſpat holen ließ, ankam, fand ſie eine große Puppe, die wie am Spieße ſchrie, um der Amme angelegt zu werden, mit der man ſich vorgeſehen hatte.“ „Sind das durchtriebene Leute!“ ſagte Leporello. — — „Nun aber!“ fuhr Madame Lambert fort, „können Sie ſich's denken, daß man mich aus dieſem Hauſe der Moralitaͤt wegen fortgeſchickt hat, weil man den Kut⸗ ſcher in meiner Stube gefunden. Das hat mich aufge⸗ bracht. Ich habe meiner Frau zwr ich habe ihr geſagt, daß ich uͤber eine Menge Dinge ſprechen könne. Wiſſen Sie, was ſie mir geantwortet hat?“ „Was denn?“ „Sprechen Sie, wenn Sie wollen, meine Liebe, die Mitgenoſſen werden ebenſo beſtraft, wie die Verbrecher ſelbſt.“ „Die Niederträchtige!“ ſagte Aſtarte. „Und das kommt nicht aus den Kirchen hinweg!“ ver⸗ ſetzte Juliette. „Sie hatte Recht,“ fuhr Madame Lambert fort; „ich haͤtte ſie und mich in's Verderben geſtuͤrzt. ueberdies ſtelle ich mich auch ſchlechter, als ich ausſehe. Ich hätte ſogar ungeſtraft mich rächen können, und hätte es doch nicht ge⸗ than. Aber apropos,“ ſagte ſie dann, ſich an Juliette wendend, „Du ſagteſt ja, daß Du etwas wuͤßteſt, was mei⸗ ner Herrſchaft Vergnuͤgen machen werde.“ „Sie weiß es vielleicht ſchon, aber hote nur. Der Furſt geht dieſe Nacht nach Fontainebleau. Er jagt fuͤnf bis ſechs Tage mit dem Manne Deiner Herrſchaft.“ „Iſt der Mann verſteckt!“ rief Madame Lambert, „noch heut Abend wußte man nichts davon bei uns; aber er macht es immer ſo. Wenn der Marquis fortgeht, ſo ſoll man ſich erſt im letzten Augenblicke daruͤber freuen. —— Wahrend er fort iſt, treibt ſie es faſt alle Tage ſo: des Morgens ihr Bad, nachher ihr Fruhſtuͤck, dann ſo ſchnell als moͤglich einen Fiaker, und nun bleibt ſie bis um ſechs Uhr aus, wo ſie zum Diner in's Hotel kommt. Nach Tiſch ſchreibt ſie einen Brief von acht Seiten, den ich am folgenden Morgen beſtelle, (Herr von Sarville antwortet. darauf mit einem Billetchen von zwei Zeilen) und iſt der Brief geſchrieben, ſo zieht ſie ſich an und geht in Geſell⸗ ſchaft, um ihren Schatz zu ſehen. Ihre ſchönſten und friſcheſten Toiletten ſind fuͤr einen ſolchen Abend.“ „Ich glaubte, ſie wären geſpannt?“ fragte Juliette. „Ja, ſechs Monate lang waren ſie's. Die arme Ma⸗ dame (ſie iſt ſo gutl) iſt beinah daran geſtorben; ſie ver⸗ blich, daß es ein Jammer war. Jetzt aber iſt ſie wieder reizend geworden, ihr Liebhaber bekommt ihr ſo gut!“ „Da thut ſie wohl daran,“ ſagte Aſtarte; „einen ſo dummen Mann!“ „Und ſo ſchmutzig!“ verſetzte Madame Lambert. „Das ſehen wir, wir Andern. . .. Mein Himmel, wenn die Welt wuͤßte, was wir wiſſen, ſo wuͤrde man drei Viertheile der Frauen entſchuldigen, die Liebhaber haben.“ „Ich entſchuldige ſie Alle, ich zuerſt,“ ſagte Aſtarte, „denn es ſind die beſten Herrſchaften .. das macht ſie ſanft fuͤr uns. ſo mild! Und bei Ihnen, Iſabeau, was giebts da Neues?“ „Oh, bei uns,“ begann die Kammerfrau der Madame Wilſon, „iſt man ſtets luſtig und ausgelaſſen, man ſagt — — Papa Wilſon guten Morgen und gute Nacht, der die Naſe nicht aus ſeinen Buͤreau's herausſtreckt. und betet einen Engel von einem kleinen Mädchen an . das iſt Alles.“ „Sonderbar!“ ſagte Aſtarte. „Wahr iſt's,“ verſetzte Leporello, „daß ich bei meinem Herrn nie ein Wörtchen von Madame Wilſon habe ſpre⸗ chen hören, und det Himmel weiß, wie man da uͤber die Modedamen herzieht.“ „Vielleicht deswegen,“ ſagte Aſtarte, „weil dieſe Her⸗ ren deren ſo viele ausziehn.“ . „Bravo!“ ſagte Leporello. „Und hier?“ fragte Aſtarte, mit ihrem Blicke die Ant⸗ wort von Regina's Kammerfrau unterbrechend. Ich fühlte eine ſonderbare Angſt, indem ich Juliettens Antwort erwartete, die plötzlich ſagte: „Aber wo iſt denn Vater Louis?“ Alle Welt wendete die Augen nach der Stelle, wo die⸗ ſer alte Kammerdiener des Fuͤrſten geſeſſen hatte. Er war in der Stille verſchwunden, ohne daß man ſein Fortgehen bemerkt hatte. „Er wird ſich ganz gewiß weggeſchlichen haben,“ ſagte Juliette, „als er ſah, daß die Unterredung ſich auf etwas Standal wende; er haßt das. .. Nun denn, deſto beſſer, er genirt uns, und dann kann man auch nicht das Min⸗ deſte aus ihm herausbekommen.. uͤber ſeinen Herrn.“ Ich war in der That uͤber die Discretion dieſes Die⸗ ners erſtaunt und betroffen, des Einzigen, der ohnſtreitig „— im Geheimniß der nächtlichen Ausfluge ſeines Herrn war. Ich fragte mich ſelbſt, durch welches Wundet von Gewandt⸗ heit er bis jetzt den uͤbrigen Dienern des Hauſes dieſe Ab⸗ weſenheiten ſeines Herrn habe verbergen koͤnnen, die, wie ich ſeitdem erfuhr, ſich ziemlich häufig erneusrten. „Sie haben Recht, Juliette,“ verſetzte die Kammer⸗ frau der Madame Wilſon. „Der alte Louis wurde uns ge⸗ nirt haben. Nun denn! Ich ſagte es Ihnen ja ſchon, und hier, ſeit die Fuͤrſtin mit meiner Herrſchaft auf die Bälle und Feſte geht . . .“ „Weiter nichts Nichts Neues?“ ſagte Aſtarte. „Wahrhaftig, nein! Die Fuͤrſtin empfängt alle Mor⸗ gen die Erbſenbluͤthe der Elegants, wie Leporello ſagt, ſie macht ſtets köſtliche Toilette, man ſchickt ihr Bouquets ohne Namen, wie heut Abend, und ſie traͤgt votzugsweiſe das der Blumiſtin. Weiter weiß ich durchaus nichts. Ueber⸗ dies, wenn die Kammerfrauen auch manchmal das Ende der Sachen wiſſen, aus mancherlei Gruͤnden, ſo wiſſen ſie doch nichts vom Anfange .. das geht die Kammerdiener an. Ei! ſie melden die Beſuche, ſie können alſo die bemerken, die länger oder kͤrzer ausfallen .. je nachdem die gnädige Frau allein oder in Geſellſchaft iſt . . ſie können auch die traurigen oder heitern Geſichter beobachten, welche die flei⸗ ßigen Beſucher beim Fortgehen machen. Das iſt ſehr in⸗ tereſſant. Ich habe den alten Lapierre, der lange bei der famoſen Prinzeſſin Romanoff war, ſagen hoͤren, daß man — — faſt ſtets bei ihr beim funften oder ſechſten téte à téte die Handſchuh auszog.“ „Das iſt eine ſehr wahre Beobachtung,“ ſagte Aſtarte. „Ergreifen Sie doch einmal die Hand einer Geliebten mit Handſchuhen!“ „Auch möchte ich — alſo,“ ſetzte Julierte hinzu, „in Betreff des Neuen, das es etwa geben könnte, ſagen, wenden Sie ſich an Herrn Maftin hier, aber er iſt erſt ſeit heut Kammerdiener bei der gnädigen Frau.“ „Wahrhaftig, Mamſell,“ ſagte ich zu Julierte, „ich verſichere Ihnen, daß mir die Sachen die Augen ausſtechen muͤßten, denn ich bin ſehr wenig ſtark im Beobachten. 6 „Bahl bah!“ ſagte Juliette lachend zu mir, „das ſieht man unwillkuͤrlich. Honoré, der vor Ihnen hier war, Herr Martin, war nicht boshaft, aber das hinderte nicht, daß er nicht bemerkt haͤtte, daß der Capitain Juſt, dieſer ſchoͤne, große, junge Mann, dreimal in einer Stunde zu der g gna⸗ digen Frau peen ſei, wo dieſe gewöhnlich NRimm annahm.“ „Ahal ſehen Sie!“ ſagte Aſtarte, in Lachen ausbre⸗ bei Ihnen gebe!“ „Ich theile die Anſicht von Mamſell Juliette,“ ſagte ich zu Aſtarte, „vor Kurzem hat der Herr Capitain Juſt ſeinen Vater verloren, der ein Freund der gnädigen Frau war, und die Fuͤrſtin ſagte noch heute ſelbſt beim Diner zum Fuͤrſten, daß der Capitain Juſt noch ſo traurig ſei, chend, „und Sie behaupten, ⸗ daß es nichts Neues —— daß er es vermeide, Geſellſchaft bei ihr zu finden. Deshalb empfängt die gnaͤdige Frau ihn ohnſtreitig zu einer andern Stunde als die uͤbrigen Beſuche.“ „Gleichviel,“ verſetzte lachend Aſtarte, „es git nichts Verrätheriſcheres, als die ſchoͤnen, großen, ſchwermuͤthigen jungen Maͤnner. Ich empfehle Ihnen dieſen jungen Mann da, Herr Martin, und wenn Sir mir das Vergnügen ſchenken werden, eine Taſſe Thee im Juſtizminiſterio zu trinken, ſo werden Sie auch Ihren kleinen Scandal zu er⸗ zählen haben. Horen Sie, Jeder ſeine Zeche!“ „Und unſte Hertſchaften bezahlen ſie,“ ſagte ich la⸗ chend zu Aſtarte, um die peinliche Errezung zu verbergen, die mir dieſe boshaften Bemerkungen verurſachten. „Uebrigens ſehen Sie ja ſelbſt,“ fuhr Aſtarte fort, „daß Alles in Guͤte und Ehren zugeht. Unter uns kann man ſich Alles ſagen, aber außerhalb muß man nicht das Geringſte wiſſen. Alle, wie wir hier ſind, könnten wit furchtbare Domeſtiken werden, wie Herr Gavarni ſa⸗ gen wuͤrde. Nun, ich bin uͤberzeugt, daß Niemand unter uns ſich wird vorzuwerfen haben, ein Geheimniß zum Nach⸗ theile ſeiner Herrſchaft zu mißbrauchen.“ „Vollkommen wahr,“ ſagte der Geſchaftsmann des Deputirten. „Aber doch .. wenn man wollte!“ „Ah bah!“ fiel Leporello laut lachend ein. „Ihr ſaub⸗ rer Hert Deputirter hat alſo einen Ruf zu ſchonen. und Sie könnten ihn einer Schaar von wuͤthenden e maͤnnern preisgeben?“ Martin. VIMII. 6 „Das nicht, Spaßmacher, aber der Wuch ſeiner Wah⸗ ler, die eben ſo giftig ſind . . wie die Ehemaͤnner. Hoͤ⸗ ren Sie nur! Dieſen Morgen melde ich bei meinem Herrn den ſtaͤrkſten ſeiner Waͤhler, den Widder, den Leitham⸗ mel der Heerde, wie mein Herr ſagt, denn er nennt ihn immer ſo gegen Madame. Als er nun erfaͤhrt, daß der Leithammel da ſei, ruft er voll Wuth: „Hole Sie der Teu⸗ fel! ich habe Ihnen ja geſagt, daß ich ſolche Leute nur Ein Mal auf fuͤnf Mal annehme! Mein Gott, das iſt ja zum Umkommen! Nun, da Sie einmal geſagt haben, daß ich zu Hauſe ſei, ſo laſſen Sie ihn herein.“ Und als der Leit⸗ hammel nun einmal eingetreten war, da haͤtten Sie das Händedruͤcken ſehen ſollen und die Worte hören: wie ſelten machen Sie ſich doch, mein lieber Herr! man ſieht Sie ja gar nicht u. ſ. w., was jedoch nicht hinderte, daß mein Herr mir, ſobald der Leithammel den Ruͤcken gekehrt hatte, ſagte: „Wenn Sie das Ungluͤck haben, dieſen Herrn un⸗ ter 14 Tagen von heut an anzunehmen, ſo laſſe ich Sie mit ihm im Stich!“ und das wäre etwas Fuͤrchterliches! Ich allein mit dem Leithammel, dem Widder!“ „Aha! famos! der Widder!“ rief Leporello, in Lachen ausbrechend. „Famos! das Wort ſoll ihm bleiben! Das erinnert mich daran, daß, als ich vor'm Jahre eine kleine Wohnung fur die Rendezvous meines Herrn ſuchte, ich in ein präͤchtiges Haus kam zu prachtig fuͤr meine Sache. Doch einerlei, ich ſpreche mit dem Portier. „Vor Allem,“ antwortet mir dieſes Thier aus der Loge, „muß ich Ihnen — = ſagen, doß der Eigenthuͤmer darauf haͤlt, daß ſein Haus vollkommen reinlich ſei. — „Nun?“ — „Hat Ihr Herr Hunde?“ — „Nein.“ — „Hat er Kinder?“ — „Nein, wenigſtens nicht ſolche, die dafur gelten. — „Iſt er De⸗ putirter?“ — „Auch nicht, aber warum fragen Sie denn darnach?“ — „Weil wir einen Deputirten im fuͤnften Stocke wehnen haben,“ antwortet mir der Cerberus, „und innerhalb zweier Monate haben ſeine derben Limouſin'ſchen Waͤhler mit ihren ſchmutzigen Stiefeln eine ſolche Prozeſ⸗ ſion gemacht, daß ſie die ganze Treppe verdorben haben. Es war ein Schmutz wie auf der Gaſſe.“ Die Heiterkeit, welche dieſe Anecdote Leporello's her⸗ vorbrachte, wurde durch die Ankunft von Madame Gabriele, der Ausgeberin des Grafen Duriveau, unterbrochen. „Ah, guten Abend, meine Liebe! Wie ſpaͤt Sie kom⸗ men!“ ſagte Juliette zu ihr. „Die Kuchen find ſchon kalt, und der Thee auch.“ „Ich bin nur recht froh, daß ich uͤberhaupt kommen konnte!“ antwortete dieſe ziemlich bejahrte, große und ſtarke Frau mit einem Männergeſichte. „Ich hatte es ganz auf⸗ gegeben!. Der Herr iſt ein ſo famoſer Tyrann!“ „Das ſagte ich ja eben dieſen Damen,“ entgegnete Juliette, „aber durch welchen gluͤcklichen Zufall haben Sie denn noch entwiſchen konnen?“ „Zufall iſt das rechte Wort! Ein wahrer Zufall. Stellen Sie ſich vor, daß der Herr ſeit einigen Tagen eine wahre hundeswuthige Laune hatte, ohngefaͤhr wie gewohn⸗ 6* lich. ueberdies hat et, wie Sie wiſſen, die Mafſet, nicht leiden zu wollen, daß man einen Schritt düs din Hauſe thue, ohne ihn um Erlaubniß dazu zu bitten, blos um ſeine Thrannei auszuüben.“ „Was fuͤr ein Menſch!“ rief Aſtarte. „Was das betrifft, Juliette,“ ſagte die Duriveau'ſche Ausgeberin, „ſo kann Ihre gnaͤdige Frau ihrem Heiligen eine dicke Kerze anzuͤnden, daß ſie meinen Herrn nicht ge⸗ heirathet hat.“ „Das glaube ich wohl, man ſagt, ſie konne ihn nicht erſehen,“ verſetzte Juliette, „und ſeit der Heirath der gnä⸗ digen Frau hat er keinen Fuß mehr in's Haus geſetzt.“ „Und daruͤber iſt er wuͤthend, das weiß ich. Endlich, um wieder auf meine Angelegenheit zu kommen, ſo bitte ich ihn heute Morgen, mir zu erlauben, dieſen Abend auszu⸗ gehen. Nein! antwortete er hart und mit einem Geſichte, ſchwarz wie die Hölle. Schoͤnen Dank, ſage ich zu mir ſelbſt und ſteige ſo langſam zu mir wieder hinauf, denn bei ihm iſt Nein, Nein. Dieſen Abend, nach Tiſche, als er zu ſeinem Sohne ging, begegnete er mir auf der Treppe . das war gar nicht mehr derſelbe Menſch! er war ganz freu⸗ deſtrahlend, ich habe ihn nur Ein Mal mit ſo heiterer Miene geſehen, am Tage nach dem Dutlle, wo er dem ar⸗ men Marquis von Saint⸗Hilafre den Schenkol zerſchoſſen hatte, und der daran ſterben mußte.“ „Ach ja, ein Dütell im Parke des Marquis,“ ſagte —— — — Aſtarte. „Ich habe damals davon ſprechen. hören. Duri⸗ veau war damgls der Liethal er der Marquiſe.“ „Ganz recht,“ entgegnete die Ausgeberin, „es fiel auf dem Lande heim Marquis vor. Der hatte ſie uͤberraſcht. Sie ſchlugen ſich, und mein Graf der auf 60 Schritt eine Karte trifft, hat dem armen Marquis das Garaus gemacht. Kurz, heut Abend hatte der Graf daſſelbe jubilirende Ge⸗ ſicht wie am Morgen nach dem Duelle; er ſah aus, als ſei er voll einer Freude .. voll einer haͤmiſchen Freude.. „Sie haben mich gebeten, ausgehen zu duͤrfen und ich bie es Ihnen abgeſchlagen, meine liebe Madame Gabriele,“ ſagte er zu mir. — „Ja, Herr Graf. “ — „Nun denn, ſo gehen Sie, wenn Sie es wuͤnſchen, ich bin zufrieden, und will, daß man es auch ſei.“ — Und darauf iſt er die Treppe weiter hinuntergeſtiegen.“ „Und was konnte ihn denn ſo zufrieden machen?“ fragte Juliette. „Das habe ich mich auch gefragt,“ antwortete Ma⸗ dame Gabriele. „Es giebt alſo etwas Neues in der Tuͤrkei! Das muß ich herausbekommen, das wird meine Zeche bei Julietten bezahlen. Ich trapple alſo zu dem Kammerdiener des Herrn, wir ſtehen ſehr gut mit einander, weil ich ihm die Waͤſche im Hotel fur ſeine Familie liefre, die auswärts wohnt. — Pi Batard,“ ſagte ich zu ihm, „was giebts denn nur? Der Herr hatte vorhin eine Miene wie der Teufel, und dieſen Abend iſt er luſtig wie eine Nachteule, die ein Mauschen freſſen will.“ — „Ich weiß es nicht,“ ——— = c6 — antwortete Batard, „er ſah ſchon bei Tafel ſo fröhlich aus.“ — „Aber weshalb denn nur?“ — „Ich weiß nicht das Ge⸗ ringſte, auf Ehre!“ — „Ach, Batard, unter guten Be⸗ kannten?“ — „Ich ſchwoͤre Ihnen, meine Liebe, daß ich nichts weiter weiß, als daß in dem Augenblicke, wo ſich der Herr zu Tiſche ſetzen wollte, ein Commiſſionair einen Brief auf ſchlechtem Papier, von ſchlechter Hand geſchrieben, und ich glaube gar mit gekautem Brote geſiegelt, uͤberbrachte. Ich gebe dem Herrn dieſen Brief, er lieſet ihn und ruft: „Endlich!“ aber dies mit ſo zerfriedener Miene, als ob alle Die, welche er verabſcheut, den Strick um den Hals haͤtten und er nur zuzuziehen brauche. Nachdem er nun den Brief in's Feuer geworfen und brennen geſehen hatte, fing er an im Zimmer herumzugehen, oder vielmehr zu ſpringen, rieb ſich die Hände und das Kinn, und lachte . . lachte, aber mit einem ganz ſonderbaren Lachen.“ — „Und weiter wiſſen Sie nichts?“ ſagte ich zu Batard. — „Wei⸗ ter nichts, liebe Madame Gabriele, das kann ich Ihnen zu⸗ ſchwoͤren . . . bei dem letzten Dutzend ausgemuſterter bat⸗ tiſtener Kopfzichen, die Sie mir ſo guͤtig fuͤr meine Frau ſchenkten,“ antwortete mir Batard, und ich mußte ihm wohl glauben. Und das iſt nun Alles, was ich Euch von Neuigkeiten bei uns auftiſchen kann. . .. Dafuͤr geben Sie mir aber jetzt eine Taſſe Thee mit ein wenig Rum, meine kleine Juliette, denn ich erſticke vor Durſt.“ Sonderbare Vorahnung! Ich erſchrak uͤber das, was ich von der Ausgeberin des Grafen Duriveau hoͤrte. Ich laſſen, ſchloß ſorgfaͤltig die außere Thuͤr, und ſtieg dann in meine Stube hinauf. Wagte ich es wohl, mir ſelbſt zu geſtehen, mit minder bittern Gedanken als fruͤher, wo ich Regina in allem blendenden Glanze ihres Putzes und ihrer Schoͤnheit hatte auf den Ball gehen ſehen. 5 —— Sechſtes Rapitrl. — Die Entdeckung. Nach einer faſt ganz ſchlaflos zugebrachten Nacht, waͤhrend deren ich vergebens damit beſchaftigt war, ein Mit⸗ tel zu finden, die Gefahr, von welcher ich ahnete, daß ſie Regina bedrohe, zu errathen und zu beſchworen, ſtand ich auf, und rechnete nur noch auf den Zufall einer glucklichen Eingebung. Ich begab mich zu dem Baron von Noirlieu, zu dem ich nicht wieder gekommen war, ſeit den Auftrage, den ich bei Melchior, dem Mulatten, für Robert von Mareuil ausgerichtet hatte. Ich war auf die Unannehmlich⸗ keit gefaßt, von Melchior wiedererkannt zu werden, aber es geſchah nicht. — „Ich komme,“ ſagte ich zu ihm, „von der Frau Prin⸗ zeſſin von Montbar, in deren Dienſten ich ſeit geſtern ſtehe, um mich nach dem Befinden des Herrn Barons von Noirlieu zu erkundigen.“ 8 „Der Herr Baron befindet ſich noch immer in dem⸗ ſelben Zuſtande,“ antwortete mir geradezu der Mulatte, „ſagen Sie das der Frau Prinzeſſin.“ —— „ Melchtot putte ein ſo rauhes, ſo wenig mittheilendes Weſen, daß es mir ſchwer ſchien, irgend eine Unterhaltung mit ihm anzuknüpfen. Deſſenohnerachtet begann ich wieder: „Ich werde es der Frau Prinzeſſin aüsrichten, die daruͤber ſehr betruͤbt ſein wird.“ „Wahrſcheinlich,“ antwortete kurz der Mulatte, und kehrte mit den Ruͤcken zu, nachdem er mir mit einem Geſt die große Thuͤr gezeigt hatte, denn dieſes ging auf dem Perron des Veſtibuls vor. Ebel wollte ich fortgehen, als ich aus dem Hinter⸗ gründe des Votzimmers den Baron kommen ſah. Er trug einen grau flanellnen Schlafrock, und ſtutzte ſich auf einen Stock. Er kam mir noch abgematteter und gebrechlicher vor, als ich ihn ein Jahr zuvor an der Thuͤr des Muſeums geſehen hatke. Derſelbe finſtere Ausdruck der Trauer zog die Zuͤge des Greiſes zuſammen. Als Melchior die ſchleppenden Schritte ſeines Herrn hoͤrte, ſchien es ihm ſehr unangenehm zu ſein. Ob er mir nun gleich leis und gebieteriſch die Worte wiederholte: „Gehen Sie! gehen Sie!“ ſo blieb ich doch, und hoͤrte, wie der Baron, als er mich erblickte, zu Melchior ſagte: „Melchior!. . . wer iſt der Mann?“ „So gehen Sie doch!“ ganz leis der Mu⸗ latte gegen mich. Dann wendete er ſich zu ſani Herrn, und ſagte im Fotie theilnehmenden Vorwurfs: „Bleiben Sie doch in Ihrem Zimmer, Herr Baron! es iſt heut Morgen ſehr kalt... Kommen Sie, kommen Sie!“ Und damit that er einen Schritt, um den Baron fortzufuͤhren, als ich näher tretend ganz laut zu Herrn von Noirlien ſagte: „Ich komme von der Frau Prinzeſſin von Montbar, um mich nach dem Befinden des Herrn Barons zu er⸗ kundigen. 4. Regina's Vater bebte zuſammen. Sein Geſicht ſchien die peinliche Anſtrengung eines innern Kampfes zu verra⸗ then. Dann kehrte er zuruͤck, während der Mulatte mir zornige Blicke zuwarf. „Wie befindet ſich meine Tochter?“ fragte mich der Greis mit einer Erregung, die er vergebens zu Winen ſtrebte. „Die Frau Prinzeſſi in iſt Hnſ leidend, Herr Baron.“ „Leidend! Regina!“ rief der Greis. Und dabei ſah er Melchior mit ſtaunenden und miß⸗ trauiſchen Blicken an, fortfahrend: „Das hatte man mir ja nicht geſagt!“ Nun wendete er ſich abermals an mich, und fragte mich dringend: „Seit wann iſt denn meine Tochter krank? Was fehlt ihr? Iſt ſie bettlägrig. Antworten Sie. ſo antworten Sie doch!“ — — — Melchior ſchnitt mir das Wort ab, und ſagte zu ſei⸗ nem Herrn mit höhniſchem Laͤcheln: „Ich kann den Herrn Baron daruͤber beruhigen. Die Frau Prinzeſſin iſt geſtern noch auf den Ball gegangen. Ihr Unwohlſein kann daher gluͤcklicherweiſe nur ſehrgleicht ſein.“ „Die Frau von Montbar iſt geſtern auf den Ball gegangen?“ fragte mich der Greis. „Ja, Herr Baron,“ antwortete ich, „aber als ſie nach Hauſe kam, ſchien ſie ſehr gedruͤckt. ſehr ermattet.“ „Ermattet?. weil ſie getanzt hatte?“ ergegnete der Baron, und eine bittre Ironie trat in ſeinen Zuͤgen an die Stelle des Ausdruckes der Theilnahme, den ſie gezeigt hat⸗ ten, als er von ſeiner Tochter ſprach. Der Mulatte bot ſeinem Herrn triumphirend den Arm und Beide gingen in das Innere des Hauſes zuruͤck. Ohnerachtet des ſchlechten Ausgangs meiner Unterre⸗ dung mit den Vater der Fuͤrſtin, war es mir doch ſehr lieb, entdeckt zu haben, daß der Baron, obgleich ungluͤcklich, doch fuͤr ſie eine Anhaͤnglichkeit behalten habe, die oft in ſeinem Herzen gegen die Abneigung, die er ſich ihr zu zeigen zwang, ſtreiten mußte. Uebrigens bemerkte ich auch, daß Melchior Regina zu haſſen, und ſeinen ganzen Einfluß, den er auf den Baron haben mußte, anzuwenden ſchien, um ihn gegen ſeine Tochter aufzubringen. So verließ ich denn das Haus des Herrn von Noir⸗ lieu ſehr gluͤcklich in dem Gedanken, daß vielleicht die Erzählunß des kleinen Vorganges, deſſen Zeuge ich geweſen war, Regina Vergnügen mächen koͤnnte, indem er ihr bewies, daß der Bäron immer noch im Grunde e zu ihr fuͤhle. Bei dieſer gunſtigen Hoffnung hatte ich meine Blätg⸗ ſtigungen, hinſichtlich des Grafen Duriveau, faſt ganz ver⸗ geſſen, als ein unvorhergeſehener Zufall, der an ſich unbe⸗ deutend ſchien, doch allen meinen Verdacht in furchtbate Gewißheit verwandelte. Der Baron von Noirlieu wohnte in der Vorſtadt du Roule. Ich war uͤber die Bruͤcke Ludwigs XV. und den Quai d'Orſay in die Vorſtadt Saint Germain gekom⸗ men. Eben war ich in der Mitte der Straße de Beaune, als ich ſehr ſchnell Madame Gabriele auf mich zukommen ſah, die Ausgeberin des Grafen Duriveau. Dieſer wohnte in der Univerſitätsſtraße, und das Hotel Montbar lag in der Straße Saint Dominique. Anfangs legte ich gat keine Bedeutung auf mein Begegnen mit Madame Gabriele, nur konnte ich, da ich mich einmal nun dieſer Perſon, die ich des Abends zuvor geſehen, ganz nahe gegenuͤber befand, mich um ſo weniger davon entbinden, zu ihr zu treten, als ſie mich etkannte, und zu mir ſagte: „Ah! Herr Martin! Guten Morgen! Ich hätte nicht geglaubt, Ihnen ſo bald wieder zu begegnen, und noch dazu ſo fruͤh.“ „In det That, Madame, es iſt kaum neun Uhr.“ Ditübet bin ich eben außet mir, denn ich muß bis wer weiß wohin gehen, um einen Fiaker aufzufinden. In der jetzigen Jahreszeit kommen ſie erſt ſehr ſpaͤt auf den Platz, und mein Herr wartet mit teufelmaͤßiger Ungeduld darauf.“ „Wie? Er hat Pferde genug, und faͤhrt in einem Fiaker aus? und Sie ſchickt er, um den Wagen zu holen, waͤhrend er ſo viele Bediente hat?“ „Ach, ich ſuche ihn nicht allein, dieſen verwuͤnſchten Fiaker! der Haushofmeiſter und der Kammerdiener ſind auch nach allen Seiten hin ausgeſandt. Alle Wetter, ein Fiaker in dieſem Viertel, um dieſe Zeit, und an einem Sonntagsmorgen dazu, das iſt ſo ſelten wie eine weiße Schwalbe.“ „Wenn Ihr Herr ſo preſſirt iſt, warum laͤßt er denn ſeinen Wagen nicht anſpannen?“ „Dazu hat er ohnſtreitig ſeine Gruͤnde. Daß er lie⸗ ber einen Fiaker nimmt, darunter ſteckt etwas. Batard hat mir von einem Briefe auf grobem Papier geſprochen, ſo einen wie geſtern, Sie wiſſen ja.“ „Allerdings! Das iſt ſehr ſonderbar.. dieſer dicke Brief, mit gekautem Brot geſiegelt, der Ihren Herrn ſo glucklich gemacht hat.“ „Nun jal ganz ſo einer iſt ſchon heute gekommen, fruͤh um 8 Uhr, mit der Ermahnung an den Portier, den Herrn ſogleich zu wecken. Nun hats einen teufliſchen Lar⸗ men gegeben, und den Befehl, um jeden Preis einen Fiaker herbeizuſchaffen .. ohne zu gedenken, daß mir Batard Martin. Vll1. geſagt hat, die Freude von geſtern ſetze ſich auch noch heute fort.. oder ſei wo moͤglich noch größer.“ Ein Gedanke, der mir faſt Schwindel erregte, fuhr mir durch den Kopf. Meine Erregung war ſo ſichtbar, daß die Ausgeberin zu mir ſagte: „Was iſt Ihnen denn, Herr Martin?“ Dieſe Worte brachten mich wieder zu ſich. Ich ant⸗ wortete dieſer Frau, welche die obigen Wotte mit ſteigender Verwunderung wiederholte: „Mein Gott! Madame Gabriele, ich uberlege eben, daß, ſtatt Ihnen Ihre Zeit zu rauben, ich Ihnen einen Weg erſparen kann. Ich ging eben uͤber den Quai Vol⸗ taire, und ſah dort zwei bis drei Fiaker halten. Ich will hinlaufen, und einen fuͤr Sie an die Thuͤr zum Hotel Duriveau bringen.“ „Ei, das waͤre, Herr Martin! Sie ſind zu guͤtig! Sie ſo zu belaͤſtigen!“ „Das beläſtigt mich gar nicht,“ ſagte ich mich entfer⸗ nend, „wir ſind ja nahe dabei. .. In zehn Minuten ſteht der Fiaker vor Ihrer Thuͤr.“ Und nun eilte ich nach der Richtung des Quai Vol⸗ taire hin, waͤhrend Mad. Gabriele mir noch von Weitem nachrief: „Schoͤnen Dank, Herr Martin.“ Der Gedanke aber, der mir faſt Schwindel n hatte, war folgender: — 981 — Man hat Regina einen furchtbaren Falſſtrick in der Straße du Marché vieux gelegt. Man hat ſich an den Wohlthätigkeitsſinn der Fuͤrſtin gewendet, ſie in einen Hin⸗ terhalt zu locken. In dieſem, in der Tiefe eines entlegenen Virtels ſtehenden Hauſe giebt es keinen Portier und keine andern Miethsleute, als die ſogenannte gelaͤhmre Frau. Einer der Briefe, die Graf Duriveau erhielt, kuͤndigte ihm an, daß Regina des andern Morgens in dieſes Haus kom⸗ men werde, wo er die Fuͤrſtin zu uͤberraſchen hoffte. Was dann zwiſchen ihr und dieſem Manne von ſo unerbittlichem Character, eiſernem Willen, und fähig, ſeinem Haſſe und ſeinen Leidenſchaften Alles aufzuopfern, werde. daran zu denken, ſchauderte mir. Wie ich von Folgerungen zu Folgerungen auf die un⸗ beſtimmteſten Wahrſcheinlichkeiten gebaut, zu einer ſichern Gewißheit gelangt? Davon konnte ich mir keine Rechen⸗ ſchaft ablegen, aber ich wußte.. ich fühlte, daß ich mich nicht täuſchte. Zwei Gruͤnde bewogen mich, meine Dienſte der Aus⸗ geberin des Grafen Duriveau anzubieten: einmal, dem Grafen eine der Moglichkeiten, einen Wagen zu bekommen, zu nichte zu machen, und dann ſelbſt dieſen Wagen zu be⸗ nutzen, denn ich hatte in der That zufallig, als ich zurück⸗ gekommen, einen ſolchen auf dem Quai Voltaire bemerkt. Regina zu benachrichtigen, daß ſie in einen Fallſtrick gerathen werde, daran durfte ich nicht denken. Uebrigens war ſie auch wahrſcheinlich ſchon in jene Straße du Marche vieux gefahren, und endlich haͤtte ich mich auch ver⸗ rathen. Konnte ich doch im Mangel aller Beweiſe mich nur auf meine Ahnungen berufen. Selbſt in jene Straße zu gehen; wuͤrde mich vielleicht mit der Fuͤrſtin zuſammen⸗ gebracht haben, und dieſer Schritt, deſſen Veranlaſſung und Zweck ich ihr haͤtte erklaͤren muͤſſen, wuͤrde meine Stellung zu Reginen fuͤr immer aufs Spiel geſetzt haben. Ich durfte ihr ſichtbar keinen jener weſentlichen Dienſte erzeigen, welche die Aufmerkſamkeit und oft eine zu große Dankbarkeit nach ſich ziehen, denn dann wagt man aus Gtne oder Hochachtung nicht, einen Mann, dem man Alles verdankt, als Bedienten zu behalten. Dieſes die Erklaͤrung meiner Verlegenheit, ein Mittel aufzufinden, der Fuͤrſtin zu Hilfe zu kommen. Ungluͤck⸗ licherweiſe war auch der Furſt abweſend. er, der natur⸗ liche Vertheidiger ſeiner Gemahlin. ... An wen mich alſo wenden? Ein Gefuͤhl unwillkuͤrlicher Eiferſucht brach mir das Herz ich dachte an den Capitain Juſt. Einem Andern .. einem Andern .. jung, ſchoͤn .. prav und edel, das Mittel geben, das Weib zu retten, das man mit der leidenſchaftlichſten Raſerei liebt.. dazu gehört mehr als Muth. ... Ich hatte dieſen Muth. In ſolchen Gedanken war ich auf dem Fiakerplatze des Quai Voltaire angekommen. Ich hatte mich nicht geirrt, ich ſah dort zwei Wagen. und der Kutſcher des einen war unerwarteter Wink der Vorſehung!... war der 8 * treffliche Mann, der mich einſt göhindert hatte, vor Hunger zu ſterben, und Regina nach der Scene der falſchen Trauung nach Hauſe gefahren. „Ein guter Tag fuͤr mich, da ich Ihnen dieſen Mor⸗ gen begegne, braver junger Mann!“ rief mir freudig Jerome zu, und mir die Hand entgegen. „Seit wie lange ſchon .. „Es handelt ſich um das Leben von Jemand, den ich wie meine Mutter liebe,“ ſagte ich Jerome, ihn unterbre⸗ chend, und in den Wagen mich werfend, „ich habe jetzt nicht Zeit, Ihnen ein einziges Wort zu ſagen.. . . Haben Sie Papier und Bleiſtift bei ſich?“ „Da iſt mein Taſchenbuch, wo ich meine Fahrten ein⸗ trage,“ ſagte Jerome zu mir, indem er es mir einhaͤndigte. „Und wohin jetzt?“ fuhr er dann fort. „Straße Saint Louis auf der Inſel, an der Ecke des Quai. In Galopp!“ „Eiſenbahnſchnelle!“ entgegnete Jerome, ſprang auf ſeinen Sitz, und ſeine gluͤcklicherweiſe noch friſchen Pferde eilten davon wie der Blitz. Waͤhrend der Fahrt nahm ich ein Blatt aus Jerome's Taſchenbuche, und ſchrieb mit Bleiſtift Folgendes: „Eine große Gefahr droht der Fuͤrſtin von Montbar. Der Graf Duriveau hat ihr einen ſchaͤndlichen Fallſtrick gelegt. Eilen Sie, ohne eine Secunde zu verlieren, in die Straße du Marche vieux Nr. 11. Steigen Sie bis in den dritten Strock, fragen Sie nach Mad. Lallemand. Oeffnet — 102 — man Ihnen nicht, ſo brechen Sie die Thuͤr ein. Bewaffnen Sie ſich daher im Nothfalle. Die Fuͤrſtin ſoll in dieſer Wohnung feſtgehalten werden. Ohnſtreitig giebt es dort eine verborgene Thuͤr, die zu andern Zimmern als denen geht, welche die Lallemand bewohnt. Ein Fiaker wartet auf Sie, der Kutſcher iſt ein zuverlaͤſſiger Mann. Ein unbekannter Freund.“ Der Fiaker hielt an der Ecke des Quai, ich ſtieg aus, gab Jerome das Billet, das ich geſchrieben, und ſagte zu ihm: „Fahren Sie nach Nr. 17 dieſer Straße.“ „Gut.“ „Fragen Sie nach dem Capitain Juſt.“ „Gut.“ „Sagen Sie, daß man ihm ſogleich dieſes Billet ein⸗ händige.“ „Gut.“ „Denn es handelt ſich um Leben und Tod.“ „Teufel!“ „Wenn der Capitain Sie fragt, wer Sie mit dem Billet geſchickt hat. ſo ſagen Sie ſagen Sie .. ein bejahrter Mann mit weißen Haaren.“ „Sehr wohl.“ „Dann fahren Sie den Capitain Straße du Marché vieux, bei der Rue d'Enfer, Nr. 11.“ „Ich ſehe das im Geiſte.“ „Kommen Sie wieder auf den Quai?“ „Ja, das iſt mein Weg.“ „Wenn Sie mit dem Capitain dort zuruͤckfahren, ſo halten Sie nicht an, aber wundern Sie ſich auch nicht, wenn ich hinten auf den Wagen ſteige.“ * „Einverſtanden.“ „Und dann Straße du vieur Marchs, was, die Pferde laufen können.“ „Eiſenbahnſchnelle! Ich habe Lolo und Lolotto, ſeien Sie ganz ruhig.“ Dann peitſchte Jerome wieder auf ſeine Pferde, be⸗ fann ſich dann aber und ſagte: „Und wenn der Capitain nicht zu Hauſe iſt?“ „So kommen Sie wieder hierher. dann ſteige ich 6* in den Wagen.“ 2 Votwärts!“ rief Jerome, und fuhr im ſchaͤrfſten Trott in die Straße ein. Mit Ungeduld erwartete ich Jerome's Ruͤckkehr. Waͤre . Capitain Juſt abweſend geweſen, ſo wurde ich mich ent⸗ ſchloſſen haben, in die Straße du vieur Marché zu fahren, und trotz der unſeligen Folgen, welche meine Dazwiſchen⸗ kunft fuͤr meine Plaͤne haben konnte, zu handeln. In das Dunkel eines offnen Thorweges verſteckt, aus Furcht, vom Capitain erkannt zu werden, lauſchte ich, ob ich nicht den Wagen ruͤckkehren hörte. Langſam ſchlug es 9 Uhr an der Kirche Notre Dame. Regina, welche ohne Zweifel halb 9 Uhr von Zuhauſe weg⸗ gefahren war, mußte jebt ganz nahe bei der Straße du — — — Marcht vieux ſein. Hatte einer von des Grafen Duriveau Bedienten einen Fiaker eher, als die Ausgeberin zuruͤckge⸗ kehrt, gefunden, ſo mußte der Graf auf dem Punkte ſtehen, in jenem Hauſe einzutreffen, wo dieſe furchtbare Scene ſich entwickeln ſollte. Endlich näherte ſich das ſchnelle Raſſeln eines Wagens meinem Verſtecke. Ich ſteckte den Kopf vorſichtig vor. Welches Gluͤck! der Capitain ſaß im Fiakerz ſeine Trauer⸗ kleidung machte die Bläſſe ſeiner ſchoͤnen, durch lebhafte Er⸗ regung geſpannten Zuͤge noch auffallender. Als der Wagen mit dem Capitain vor der Thuͤr vor⸗ bei war, hinter welcher ich verſteckt, ſprang ich vor, um den Fiaker zu ereilen, und mich hinten auf zu ſtellen. Da begegnete mir etwas zugleich hochſt Unangenehmes, und doch Lächerliches. Der Tritt, auf welchem ich ſtehen zu können glaubte, war, wie dies oft zu geſchehen pflegt, durch einen Halbkreis von Eiſenſtaͤben mit ſcharfen Spitzen verpalliſadirt. Der Fiaker, der eben abwaͤrts fuhr, raſete ſo ſchnell fort, daß ich nicht hoffen durfte, ihm im Laufen lange folgen zu konnen. Doch verſuchte ich dies, indem ich mich mit beiden Haͤnden an den hintern Federn anhielt. Ich faßte einen verzweifelten Entſchluß. Meine alte Geſchicklichkeit als Seiltänzer zu Hilfe rufend, und mich an den Sprung uͤber die Bajonnette erinnernd, den ich in meiner Kindheit oft ausgefuhrt hatte, verſuchte ich es, auf die Gefahr, in die Spitzen des eiſernen Halbkreiſes zuruͤckzuſtuͤrzen, über ſie zu ſpringen. Durch ein unerwartetes Gluͤck gelang es mir .. ſo ziemlich, denn da ich bei einem Stoße des Wagens in dem Augenblicke ſchwankte, wo ich, nach dem Sprunge uͤber die Eiſenſpitzen, auf den Tritt kam, fuhr mir eine tief ins Bein. Ich fand keinen Riemen, um mich feſtzu⸗ halten, und klammerte mich daher, ſo gut ich konnte, an das Verdeck an, die Kniee an die Trommel geſtemmt, voll⸗ kommen aber fuͤhlend, daß der kleinſte Fehler im Gleichge⸗ wicht, mich ruͤckwaͤrts auf die Eiſenſpitzen ſtuͤrzen könne. Plötzlich hielt der Fiaker. Jerome, der ohnſtreitig jetzt erſt an die Gefahr, ja, an die Unmoͤglichkeit dachte, auf ſeinen Wagen hinten auf zu ſteigen, hob ſich auf ſeinem Sitze in die Höhe, und ſein ehrliches und gutes Geſicht wendete ſich beſorgt zu mir um. Ich machte ihm mit der Hand ein Zeichen fortzufah⸗ ren. In demſelben Augenblicke hoͤrte ich die Stimme des Capitain Juſt ihm zurufen: „Kutſcher .. was giebts denn?... Vorwaͤrts, alle Wetter!... Vierzig Francs fuͤr Deinen Weg... und ge⸗ ſtreckten Galopp. *. „Vorwaͤrts!“ rief nun auch Jerome. Aber der brave Mann fand, trotz deſſen daß er ſeinen Pferden ermunternd zurief, doch ein Mittel, ſich umzu⸗ drehen, an den Ruͤcken ſeines Sitzes eine der Halfterleinen ſeiner Pferde zu binden, und mir das andere Ende mit den Worten zuzuwerfen: „Da! halten Sie ſich feſt. .. Sie ſtehen dann weniger gefaͤhrlich.“ — — Das Raſſeln der Rader verſchlang Jerome's Stimme, der Capitain hörte ihn ohne Zweifel nicht, und ich hielt mich, Dank ſei es der geiſtvollen Beihilfe des Kutſchers, feſt, einer Beihilfe, die mir um ſo nöthiger ward, als meine Beinwunde mich fuͤrchterlich zu ſchmerzen begann. Ich konnte mich auf dieſem Fuß nicht mehr halten, denn ich fuͤhlte, wie das Blut unter meiner Bekleidung hervor⸗ drang. Als ich den Wagen nur noch wenig entfernt von der Straße du Marche vieux ſah, wollte ich, aus Furcht, vom Capitain Juſt erblickt zu werden, abſteigen; jetzt konnte ich Entfernung wie Schwungkraft berechnen, ich war alſo mit Einem Satze wieder uber die Eiſenſpitzen hinweg, und kam auf die Fuͤße. Der Wagen ſetzte einige Minuten ſeinen Weg fort, und wendete ſich dann um die Ecke der Straße du Marché vieux. Ich nahm mein Schnupftuch, knuͤpfte es um mein Bein feſt, und erhielt dadurch wenigſtens fuͤr den Augenblick eine große Erleichterung. Ich ſelbſt trat in die kleine Gaſſe nun ein, und er⸗ blickte einige Schritte von ihrer Windung einen Ser⸗ deſ⸗ ſen Pferde von Schweiß trieften. „Kutſcher,“ ſagte ich zu dieſem Manne, „haben Sie nicht einen Herrn hierher gefahren. .. groß und braun, aus der Straße der Univerſitaͤt?“ „Ja, lieber Herr, eine famoſe Fahrt, meine Pferde koͤnnen nicht mehr. Aber 10 Franes Trinkgeld, das iſt — — 357 — ſchon der Muhe werth⸗ Ich laſſe nun die Thiere verſchnau⸗ fen, ehe ich zuruckfahre... und „Sind Sie ſchon ſeit lange hier?“ „Hoͤchſtens eine Viertelſtunde.“ „Haben Sie nicht noch einen Fiaker in die Straße fahren ſehen?“ „Ja, lieber Herr, vor fuͤnf Minuten. Er fuhr auch teufelmaͤßig raſch, wie ich vorhin. . .. Man ſollte glauben, es ſei ein Tag, wo.. „Aber vorher? Haben Sie da nicht noch einen in dieſe kleine Straße fahren ſehn?“ „Ach ja! vor ohngefähr 10 Minuten. Eine blaue Citadine mit einem Schimmel. ... Aber die fuhren nicht ſo halsbrechend... Es ſaß ein Frauenzimmer darin.“ Kein Zweifel mehr, der Graf Duriveau war Reginen in dieſer einſamen Gaſſe zuvorgekommen. Glucklicherweiſe war der Capitain Juſt der Fuͤrſtin faſt auf dem Fuße gefolgt. Eiligſt trat ich in das Gäßchen, und ſah Jerome an der Thuͤr Nr. 11 halten. „Sie ſind verwundet! Alle Wetter!“ rief er mir zu, als er mein verwundetes Bein ſah⸗ „Und der Capitain?“ frug ich. „Iſt aus dem Wagen geſprungen, ohne zu warten, daß ich ihm den Tritt herunterlaſſe.“ „Er befahl Ihnen nicht, daß Sie ihn begleiten ſollten?“ — 108 — „Nein.. aber es ſcheint, als werde es warm hergehen ich habe einen Piſtolenkolben aus der Taſche ſeines Ueberrocks gucken ſehen.“ „Warten Sie hier, wackrer Jerome,“ ſagte ich zu ihm, und ſtuͤrzte in den Gang.. „und kein Wort von mir zum Capitain.“ 3 „Seien Sie unbeſorgt,“ verſetzte Jerome, und ſtrei⸗ chelte mit der Hand ſeine Pferde, ime ſtumm ſein, wie Lolo und Lolotte.“ ₰ 2 — — —— Siebentes Rapitel. Die Straße du Marché vieux. (Alt⸗Markt.) Schnell die Treppe hinauf ſteigend, gelangte ich auf den Austritt des dritten Stockwerks, wo die Frau Lalle⸗ mand wohnte. Ich fand die Thuͤr zur erſten Stube offen und horte die durchdringende Stimme des Capitain Juſt ſich an die kranke Frau wenden. „Ich ſage Ihnen, daß die Fuͤrſtin von Montbar hier iſt.“ „Ach, mein lieber Herr,“ entgegnete dieſe Frau mit kläglichem Tone, „ich verſichere Ihnen: nein.“ „Sie iſt hier.. Sie haben ſie in einen Fallſtrick ge⸗ lockt . Schaͤndliche, die Sie ſind!“ „Da moge der liebe Gott mein Kind hier gleich töd⸗ ten, wenn ich weiß, was Sie da ſagen, mein lieber Herr.“ „Thun Sie meiner armen Mama nichts zu Leid, mein lieber Herr!“ ſchrie das Kind, ſein Gewimmer mit dem ſeiner Mutter vereinend. „Wo iſt die Furſtin?“ rief der Capitain Juſt mit — 110 — ⁰ furchtbarer Stimme „und legte wahrſcheinlich die Hand an dieſe Creatur, denn ſie ſchrie außer ſich: „Gnade! Barmherzigkeit! Sie zerbrechen mir ja den Arm!“ „Mama . ach Mama!“ rief das Kind. „Ach, mein Herr, Sie ſehen ja, daß wir weiter nichts als dieſe beiden armſeligen Stubchen hier haben,“ ſagte die Frau, „wo ſoll denn die Fuͤrſtin ſein?“ 3 Plötzlich drang entferntes Rufen bis zu mir, dumpf, erſtickt, als käme es aus einem an das, worin die verſtellte kranke Frau lag, anſtoßenden Gemache, das ohnſtreitig, wie ich es bereits vermuthet, verſteckt lag. Dieſe Stimme gehoͤrte Regina! Sie rief: „Zu Hilfe! zu Hilfe!“ † Ich hörte einen großen Lärmen, wie eine durch einen heftigen Stoß geſprengte Verkleidung und auf einmal gelangte das Rufen Regina's ſo hell zu mir, als es vorher dumpf geweſen. Auf dieſes Rufen folgte ploͤtzlich ein augenblickliches Schweigen, dann dumpfes Fußgerauſch, das ein heftiges Ringen begleitete. Dieſes kaum auf einmal näher, als ob dieſes Ringen ſich in dem Gemache fortſitze, an deſſen Thuͤr ich horchte. Ohnerachtet meiner brennenden Neugier entfernte ich mich doch, aus Furcht, uͤberraſcht zu werden, eiligſt, als ich in dem Raume, wo ich mich befand, eine kleine Treppe bemerkte, die mir zu einer Art von Verſchlng zu fuͤhren 6 ſchien, der über dem Rebenzimmer angebracht war. Dort⸗ ——— —— — 111 — hin ſtuͤrzte ich mich und gelangte auf einen von einer Dach⸗ luke erhellten und blos mit Brettern verſchaalten Boden⸗ Als ich das Ohr auf die Dielen legte, welche die Decke der Stube ausmachten, in welcher die gelaͤhmte Frau lag, ſo hörte ich deutlich das Gerauſch des Ringens fortdauern und folgende Ausrufungen: „Mein Herr,“ ſagte Graf Duriveau mit dumpfer, athemloſer Stimme, „ein Ehrenmann ſchlaͤgt keinen andern.“ „Sie, ein Ehrenmann?“ antwortete der Capitain Juſt, der außer ſich zu ſein ſchien. Noch eine Secunde dauerte der Laͤrmen, dann pörn ich die Stimme des Capitains ſich an Regina wenden:) „Verzeihen Sie, gnadige Frau, daß ich dieſen Men⸗ ſchen vor Ihren Augen zuͤchtige, ich war nicht Herr meines Unwillens. . Jetzt, gnädige Frau ... „Oh!“ rief jetzt Duriveau, als er aus den Händen des Capitains losgelaſſen, „das gilt ein Duell auf Tod und Leben . verſtehen Sie . auf Tod und Leben!“ „Mein Gott! ſie wird ohnmächtig!“ rief der Capitain. „Gnadigſte Frau!. . kommen Sie zu ſich!“ Dann rief der Capitain, ohnſtreitig eben ſo empoͤrt als betroffen uͤber die Keckheit Duriveau's, der ſich nicht entfernte: „Aber Sie ſehen ja, daß Ihr Anblick ſie tödtet Schändlicher Menſch! Muß ich Sie denn zur Wet hin⸗ unterwerfen?“ „Beſchaͤftigen Sie ſich nur mit dieſer lieben Prinzeſ⸗ ſin!“ verſetzte Graf Duriveau mit hoͤhniſcher Wuth; „ſchnuͤ⸗ ren Sie ſie doch auf! Das iſt eine ſchoͤne Gelegenheit . . . „Und nichts. .. nichts. . keine Hilfe! . . . Sie wird ohnmaͤchtig! Dieſe Frau und ihre Tochter ſind davon ge⸗ laufen!“ ſagte der Capitain, der ohnſtreitig Regina in ſei⸗ nen Armen hielt; „mein Gott! was ſoll ich beginnen?“ „Fuͤnf Minuten ſpaͤter.. war ich geraͤcht!“ rief der Graf Duriveau mit unbezahmbarer Frechheit. „Nun, .. da muß man's wieder anfangen. .. . Ich wuͤrde eifer ſuͤchtig auf Sie ſein, wenn ich Sie nicht ohne Weiteres umbrin⸗ gen muͤßte, ſchöner, ritterlicher Herr Capitain! Denn ohne Verzug ſchlage ich mich mit Ihnen, verſtanden? . auf Piſtolen. Ich habe den erſten Schuß .. der gebuͤhrt mir und treffe Sie gerade in das Herz. .. oho! ich habe eine ſichere Hand... der Marquis von Saint-Hilaire ſoll es Ihnen heut Abend ſagen . . . bei den Todten.“ „Gott ſei gelobt!. .. ſie kommt zu ſich!“ rief „Gnaͤdige Frau, fuͤrchten Si⸗ nichts mehr, ich bin da. Muth! . Muth!. kommen Sie!“ „Ach ja!“ begann der Graf Duriveau wieder unver⸗ ſchaͤmt, „machen Sie ſich ja nicht den Spaß, theure Prin⸗ zeſſin, zu erzählen, daß ich Sie in einen Hinterhalt gelockt habe... man wuͤrde es Ihnen nicht glauben. . . . Meine Vorkehrungen ſind getroffen. . .. Die Welt wird glauben und ſagen, daß Sie freiwillig hierher gekommen ſind .. daß es nicht das erſte Mal war, und daß der Herr Capitain da durch ſeine wuͤthende Eiferſucht hierher gefuͤhrt worden iſt.. Ich werde alſo die gute, und Sie die ſchlechte Rolle ſpielen, theure Prinzeſſin. Das wird doch immer ſchon einſtweilen Etwas ſein, bis auf Beſſeres.“ „Stützen Sie ſich auf mich, gnädige Frau,“ ſagte der Capitain Juſt zu Regina, die ſich jetzt ohnſtreitig wieder etwas erholt hatte. „Auf Wiederſehen, theure Prinzeſſin,“ rief die inſo⸗ lente Stimme des Grafen. Dann ſetzte er mit dem Ausdrucke des tiefſten Haſſes hinzu: „In drei Stunden werde ich mit meinen Secundan⸗ ten an Ihrer Thuͤr ſein, Herr Juſt Clement. Werden Sie mich erwarten?“ Der Capitain fuͤhrte, ohne auf dieſe letzte Aufforde⸗ rung zu antworten, Regina fort. Ihre Schritte entfernten ſich gaͤnzlich. Ich hoͤrte im Zimmer nichts mehr, als den abgebrochenen Gang des Gra⸗ fen. Dann rief er aus, ſeiner bis dahin zuruͤckgehaltenen Wuth freien Ausbruch laſſend: „In's Geſicht geſchlagen.. . mit Fuͤßen getreten vor dieſem ſtolzen Weibe ... Und dieſer Menſch!.. ich morde ihn. . . . Die Holle kocht mir im Herzen! ... Ohne ihn war ich geraͤcht. Aus Stolz wuͤrde die Prinzeſſin eher geſtorben ſein, als etwas verrathen haben, und aus Furcht wäre ſie vielleicht nochmals hierher gekommen. . . . Oh! dieſer Martin. VIII. 8 Menſch!. dieſer Menſch!... und noch drei Stunden warten!“ Im Fortgehen ſagte er noch: „Die Lallemand hat ſich gefluͤchtet.. das hat ſie recht gemacht .. aber ich bin ihrer ſicher. . .. Jetzt muß man dieſe Thuͤr ſo gut man kann, zu verſchließen ſuchen, deren Schloß dieſer halbtodte Capitain geſprengt hat.“ Als ich glaubte, daß der Graf fort ſei, trat ich aus meinem Verſtecke. Ich wollte dieſes Haus nicht verlaſſen, ohne den Ort jenes Kampfes zu unterſuchen. Die eingeſtoßne Verkleidung verbarg nicht mehr den Eingang zu den zwei Nebenzimmern, an dem der verſtell⸗ ten Kranken. Dieſe mit Teppichen belegten Zimmer wa⸗ ren mit einem gewiſſen Luxus ausgeſtattet. An der Un⸗ ordnung der Meublen konnte ich die Spuren eines heftigen Ringens erblicken. Wenn ich bedachte, daß ich aus der Tiefe meiner Un⸗ bedeutendheit zum zweiten Male Regina einen ausgezeichne⸗ ten Dienſt geleiſtet hatte, fuͤhlte ich einen Augenblick lang die innigſte Freude; dann glaubte ich aber auch bei dem Gedanken an die Gefahren, denen der Capitain Juſt ausge⸗ ſetzt ſein wuͤrde, daß ein Duell unvermeidlich ſei, und da die Geſchicklichkeit und der Muth des Grafen bekannt wa⸗ ren, ſo fuͤhlte ich furchtbare Gewiſſensbiſſe wegen meines⸗ Benehmens. Es ſchien mir feig zu ſein. Und doch! an wen haͤtte ich mich bei der Abweſenheit des Fürſten wenden ſollen? Haͤtte es ſich blos darum ge⸗ — 315 — handelt, mich der Gefahr auszuſetzen, die den Capitain Juſt jetzt bedrohte, ſo haͤtte ich ihr mit Freuden getrotzt, aber ach! die Art meiner Stellung und Ergebenheit ſelbſt verbot mir ja jede auffallende, ritterliche That. Die Furcht we⸗ gen dieſes ungluckſeligen Duells, in welchem der Sohn mei⸗ nes Wohlthaͤters unterliegen konnte, vergiftete alſo allein die Freude, die zu genießen mir erlaubt war. Als ich aus dem Hauſe trat, ſah ich Jerome und ſei⸗ nen Fiaker nicht mehr. Er hatte ohnſtreitig Regina zuruck⸗ gebracht. Meine Wunde, die ich waͤhrend dieſes erſchuͤt⸗ ternden Auftrittes vergeſſen hatte, machte mir viele Schmer⸗ zen und ich waͤre gern ſchnell in's Hotel Montbar zuruͤck⸗ geeilt, um meinen Dienſt zu verſehen, den ich vollig ver⸗ nachlaͤſſigt hatte. Ich wuͤnſchte mir keine Verweiſe von der Fuͤrſtin zuzuziehen, und es wuͤrde mir ſchwer geworden ſein, ihr die Urſache meiner Abweſenheit waͤhrend des gan⸗ zen Morgens zu erklaͤren. Nach einem Wege von einer Viertelſtunde begegnete ich einem Fiaker und ſtieg hinein. Da ich mich vorſichti⸗ ger Weiſe am Ende unſter Straße hatte abſetzen laſſen, ſo gelangte ich gegen Mittag in das Hotel Montbar. Meine erſte Sorge war, in meine Stube hinaufzu⸗ ſteigen, um die mit Blut befleckten Kleider auszuziehen. Dabei begegnete ich Mamſell Juliette auf der Treppe. Sobald ſie mich erblickte, rief ſie aus „Ach, du mein Gott, Herr Martin, woher kommen 8* Sie denn ſo ſpaͤt? Seit die gnaͤdige Frau wieder zuruͤck⸗ gekommen iſt, hat ſie wohl mehr als zehn Mal nach Ihnen gefragt. Sie hätten mir's ſagen ſollen, ſo haͤtte ich dieſen Morgen Ihren Dienſt uͤbernommen. . . . Als die gnädige Frau kam, fand ſie nirgends Feuer. .. Dabei iſt ihr im Wagen eine Art Ohnmacht zugeſtoßen ... denn beim An⸗ kommen war ſie bleich wie eine Leiche und zitterte wie Es⸗ penlaub... Ich habe ihr zugeredet, ſich niederzulegen . ſie hat aber nicht gewollt.. ſeitdem hat ſie nichts gethan, als geklingelt, um zu erfahren, ob Sie wieder zu Hauſe.“ „Ich bin außer mir uͤber die Verzoͤgerung, Mamſell Juliette,“ ſagte ich, „aber ſehen Sie. .. das iſt meine Ent⸗ ſchuldigung.“ „Ach, du mein Gott! Blut!. .. an Ihren Panta⸗ lons... und das Schnupftuch an Ihrem Beine. .. „Es iſt ſo glatt! ich lief, ſtolperte und fiel in Glas⸗ ſcherben, die man dieſen Morgen ohnſtreitig auf's Trot⸗ toir geworfen hatte.“ „Armer Junge! . . . Sie haben Schmerzen?“ „Jetzt weniger, aber zuerſt ſo ſehr, daß es mir un⸗ möglich war, zu gehen. Es wird nicht viel, wie ich hoffe, zu bedeuten haben, ich will nur geſchwind zu mir hinauf, um andre Kleider anzuziehen, und dann komme ich gleich zur gnaͤdigen Frau.“ Zehn Minuten nachher trat ich in das Vorzimmer, wo ich mich gewoͤhnlich aufhielt, als ich einen heftigen Klingel⸗ zug vernahm. — 11¹1 — Ich eilte ins Sprachzimmer der Fuͤrſtin und hob ſchuͤchtern die Portiere auf. Regina erblickte ich furchtbar bleich, mit verſtörten Zugen, aber mit feſter, faſſungsvoller Haltung. „Ich habe mehr als zehn Mal geklingelt,“ ſagte ſie hart zu mir. „Sie ſollten ſchon ſeit acht Uhr wieder hier ſein . es iſt wahrhaftig unglaublich.. Sie fangen Ih⸗ ren Dienſt bei mir ſehr ſonderbar an.“ „Die gnaͤdigſte Frau geruhen mich wegen heut zu ent⸗ ſchuldigen .. . aber ...“ „Man hat keinen Begriff von einer ſolchen Nachläſ⸗ ſigkeit! Ich erwartete etwas Anderes und Beſſeres von Ihrem Eifer und gerade.. wo ich ſo nothwendig es bedurft haͤtte . Dann ſagte ſie, ſich unterbrechend, kurz zu mir: „Genug! .. ich weiß nun, daß Sie da ſind .. ich werde klingeln, wenn ich Sie brauche.“ Ich ging fort, das Herz zerfleiſcht von der Haͤrte der Furſtin; aber ich entſchuldigte ſie ſchnell.... Sie wußte ja die Urſache meiner unerklaͤrlichen Abweſenheit nicht. Zehn Minuten waren kaum verfloſſen, ſo erſcholl aber⸗ mals die Klingel der Fuͤrſtin. Regina war noch immer bleich, ihre Zuͤge zeigten noch eine ſchmerzlich zuruͤckgedrängte Angſt, aber als ſie mit mir ſprach, war ihr Ton, ſtatt hart und rauh zu ſein, mild und wohlwollend. „Mamſell Juliette hat mir eben geſagt, daß Sie — 118 — ſchwer verwundet ſeien,“ ſprach ſie zu mir, „und daß dies die Urſache Ihrer Dienſtverſäumniß. Warum haben Sie mir das nicht gleich geſagt?“ „Gnadige Frau . „Freilich,“ verſetzte Regina guͤtig, „habe ich Ihnen keine Zeit dazu gelaſſen .. Haben Sie viel Schmerzen?“ „Wenige nur, gnädige Frau.“ „Könnten Sie einige Beſorgungen zu Wagen aus⸗ richten, ohne daß es Sie zu ſehr ſchmerzte?“ „Mit Freuden, gnaͤdige Frau.“ Und da Regina, deren Angſt ſichtbar war, fortzufah⸗ ren zogerte, ſagte ich ſelbſt: „Ich habe der gnädigen Frau noch nicht ſagen konnen, daß ich dieſen Morgen den Herrn Baron von Noirlieu ge⸗ ſprochen habe.“ „Sie haben meinen Väater geſehen?“ rief ſie verwun⸗ dert. „Sie haben ihn ſelbſt geſehen?“ „Ja, gnaͤdige Frau.“ Und nun erzaͤhlte ich ihr meine Unterredung mit dem Baron und Melchior. Ob Regina gleich die Erregung verbarg, die ſie em⸗ pfand, als ſie vernahm, mit welcher Theilnahme ihr Vater ſich zuerſt nach ihr erkundigt habe, ſah ich doch eine Thraͤne, ohnſtreitig des Gluͤcks, in ihren Augen glaͤnzen. Ihr Ge⸗ ſicht klaͤrte ſich einen Augenblick lang auf. Als aber jetzt die Uhr die erſte Stunde ſchlug, ſchauderte die Furſtin, wurde finſter und unruhig, und ſagte ſchnell: zuſammennehmen, — — „Ein Uhr! Mein Gott, ſchon!“ Sie dachte an das Duell des Capitain Juſt. Dann ſagte ſie mit abgebrochenen Worten, und, in⸗ dem ſie jedes dieſer ſchnellgeſprochenen Worte betonte, zu mir: „Der Doctor Clement hat Sie bei mir untergebracht ich verehre ihn wie einen Vater .. und dabei mußte das ungluͤckſelige Weib alle Kräfte um ruhig zu ſcheinen und das Schwan⸗ ken ihrer Stimme zu verbergen. „Die gnaͤdige Frau kennen meine hochſte Dankbarkeit gegen den Doctor Clement,“ ſagte ich. „Und weil ich dieſe kenne,“ begann ſie wieder, meine Worte mit Eifer auffaſſend, „ſo bin ich im Voraus von Ihrem Eifer verſichert... von Ihrer Discretion bei einem Auftrage, der den Capitain Juſt betrifft.“ Und trotz aller Anſtrengungen konnte Regina nicht ihre furchtbare Angſt und die Art von Scham verbergen, welche ihr ohnſtreitig die Luge verurſachte, die ſie genoͤthigt war, gegen mich auszuſprechen. „Dieſen Morgen,“ begann ſie wieder, „habe ich. . zufaͤllig .. erfahren .. bei einer .. meiner Freundinnen, daß in Folge, Gott weiß welches Streites.. Herr Juſt Clement.. ſich ſchlagen ſoll.“ „Er, gnädige Frau. .. oh⸗ mein Gott!“ rief ich aus, meinerſeits Ueberraſchung und Furcht heuchelnd. „Dieſes Duell,“ fuhr die Furſtin fort, „ſoll, wie man mir geſagt hat, heut ſtattfinden .. Herr Juſt Clement .. iſt der Sohn eines Mannes, der mir ſtets vaͤterliche Zunei⸗ gung gezeigt hat . .. und ich bin ſo unruhig, daß ich gern wiſſen moͤchte... ob etwas Wahres an dieſem Geruchte ſei.“ Ich hatte Mitleid mit Regina. Ihre Kraͤfte waren erſchoͤpft. Sie ſtuͤtzte ſich auf den Marmor ihres Kamins. „Nichts leichter als das, gnädige Frau,“ antwortete ich. „Ich gehe ſogleich zum Herrn Capitain Juſt. Er wohnt noch im Hauſe ſeines Vaters. Ich werde Suzon ſprechen, die Herrn Juſt erzogen hat. . . und durch dieſe ge⸗ wiß etwas erfahren.“ „Oh, thun Sie das!“ ſagte die Fuͤrſtin ſchnell, „und wenn zufaͤllig .. was ich nicht glauben will.. dieſes un⸗ gluͤckliche Duell ſtattfände.. heute noch. bald...“ Und Regina's Lippen zuckten krampfhaft. „So wuͤrden Sie wiederkommen .. .“ „Um Ihnen zu melden, daß Herr Juſt nicht verwun⸗ det ſei, denn ich habe, Gott ſei Dank, vom verſtorbenen Herrn Doctor gehört, daß ſein Sohn einer der beſten Fech⸗ ter ſeines Regiments ſei.“ „Wahrhaftig?“ rief Regina mit einem unaus ſprechli⸗ chen Entzuͤcken der Hoffnung. Dann ſetzte ſie ſchnell hinzu: „Aber geſchwind! die Zeit verſtreicht. . nehmen Sie einen Wagen .. . ſchnell! ſchnell!“ 3* — 121 — Eine halbe Stunde, nachdem ich die Fürſtin verlaſſen hatte, war ich beim Capitain. Spaͤter erfuhr ich die Vorbereitungen zu dem bevor⸗ ſtehenden Duelle, ſonderbare Vorbereitungen, welche uͤbri⸗ gens die Energie, das kalte Blut des Capitains, deſſen vor⸗ ſichtige Ruͤckſicht auf Regina's Ruhe und die Kenntniß be⸗ wieſen, die er von dem teufliſchen Charakter des Grafen Duriveau hatte. Folgendes war geſchehen. Ehe Juſt nach Hauſe gekommen, war er zu zweien ſeiner ehemaligen Kameraden von der polytechniſchen Schule gegangen. Er war ſo gluͤcklich, ſie zu treffen. Der Eine war Artillerie⸗Offizier, der Andre Offizier des Ingenieur⸗ corps. Dieſer beiden Secundanten ſicher, ging er, denn er erwartete den Beſuch des Grafen, zu einem andern Freunde, einem Advokaten und ausgezeichneten Rechtsgelehrten. Die⸗ ſen fand er auch und nahm alle Drei mit nach Hauſe, nach⸗ dem er ihnen geſagt, wovon die Rede ſei. Um zwei Uhr hielt ein Wagen vor dem Hauſe des Doctors. Zwei ſehr feine Maͤnner ſtiegen heraus und fragten nach Capitain Clement. Suzon fuͤhrte ſie ein. Dieſe beiden Perſonen, die Secundanten des Grafen Duriveau, fanden den Capitain Juſt mit den beiden Offi⸗ zieren und dem Advocaten. Man begruͤßte ſich mit der groͤßten Hoͤflichkeit, und einer der Secundanten des Weſen ſagte zum Capitain: — — „Der Herr Graf von Duriveau, mein Freund, iſt von Ihnen, mein Herr, auf die ernſteſte Weiſe beleidigt wor⸗ den, er hat deshalb Satisfaction von Ihnen begehrt. In ſeiner Stellung als Beleidigter waͤhlt er Piſtolen. Wir wollen mit dieſen Herren, ohnſtreitig Ihren Secundanten, die Bedingungen des Zweikampfes in Ordnung bringen.“ „Mein Herr,“ antwortete der Capitain, „haben Sie die Guͤte, auf eine einzige Frage zu antworten. Wiſſen Sie die Urſache der Herausforderung, mit welcher der Herr Graf von Duriveau mich beehrt hat?“ „Vollkommen, mein Herr, der Herr Graf von Duri⸗ veau hat uns geſagt, daß es ſich um ein ungluͤckliches Zu⸗ ſammentreffen handelte, das in Folge einer Rivalitaͤt bei den Aufmerkſamkeiten entſtanden, die Sie beiderſeits einer und derſelben Perſon widmeten. Der Herr Graf hat ſogar das Zartgefuͤhl beſeſſen, uns den Namen der Dame nicht zu nennen, welche der erſte Grund zu dieſem beklagenswerthen Streite geweſen. es uns berlaſſend, ſie nach Ausgang des Duells bekannt werden zu laſſen.“ „Das erwartete ich,“ entgegnete der Capitain, einen Blick mit ſeinen Freunden wechſelnd. Dann ſetzte er hinzu: „Meine Herren, der Herr Graf v. Duriveau haͤlt vor meiner Thuͤr, nicht wahr?“ „Ja, mein Herr.“ „Häͤtten Sie wohl die Guͤte, ſo gefaͤllig zu ſein, ihn zu erſuchen, ſich herauf zu bemuͤhen?“ —— — 123 — „Aber, mein Herr. eine ſolche Zuſammenkunft .. .“ „Ich ſelbſt werde gar nicht die Ehre haben, mich mit dem Herrn Grafen zu unterhalten,“ antwortete der Ca⸗ pitain. „Und wer denn, mein Herr?“ „Dieſer Herr,“ verſetzte der Capitain, indem er auf den Advocaten zeigte. „Der Hert iſt einer Ihrer Secundanten?“ „Der Herr iſt mein Freund.“ „Dann ſehe ich nicht ein,“ antwortete ſehr verwundert der Secundant des Grafen, „weshalb...“ „Mein Herr,“ entgegnete der Capitain Juſt, „ich er⸗ kläre, daß ich mich auf der Stelle entferne, und alle Satis⸗ faction dem Herrn Grafen verweigere, wenn er nicht in die Zuſammenkunft willigt, von der ich wuͤnſche, daß er ſie mit dieſem Herrn hier hat.“ „Aber, mein Herr .. . „Aber, mein Herr,“ verſetzte der Capitain Juſt mit Feſtigkeit, „haben Sie wenigſtens die Guͤte, ſich mit dem Herrn Grafen über die Bedingungen zu berathen, die ich aufſtelle.“ „Das iſt billig, mein Herr,“ ſagten die Zeugen. Darauf gingen ſie fort. Fuͤnf Minuten nachher kamen ſie mit dem Grafen Duriveau zuruͤck. „Der Herr Graf willigt ein?“ fragte der Capitain⸗ „Er thut es,“ antwortete bejahend einer der Secundanten. — 124 — „Meine Herren, haben Sie die Guͤte, da hinein zu gehen,“ ſagte der Capitain zu den Secundanten des Grafen wie zu den ſeinen.“ Graf Duriveau blieb allein mit dem Advocaten. Letzterer war ein kleiner Mann mit ruhiger und ſcop⸗ tiſcher Miene; er trug eine blaue Brille und hatte einen großen Band mit einem Schnitte von verſchiedenen Farben unter dem Arme. Sehr hoͤflich machte er dem Grafen ein Zeichen, ſich zu ſetzen. „Mit wem habe ich die Ehre, zu ſprechen?“ fragte dieſer. „Mit Herrn Dupont. . .. Advocat.“ „Mit Herrn Dupont. . . Advocat?“ ſagte der Graf mit Staunen und Hochmuth; „was ſoll das heißen? War⸗ um mit einem Advocaten?“ „Damit dieſer ſein Handwerk uͤbe, mein Herr.“ „Ihr Handwerk?. Aha, das iſt ein Scherz.“ „Iſt dem Herrn Grafen der 322. Artikel des Crimi⸗ nalcoder bekannt?“ fragte der Rechtsgelehrte. „Warum?“ rief der Graf, der den Advocaten mit wachſendem Staunen anſah. „Hier iſt der Artikel,“ begann der Advocat wieder, und las ihn vor: „Wer ein Attentat an der Schamhaftigkeit gewaltſam veruͤbt oder auch nur verſucht hat, wird mit Abſchlie⸗ ßung beſtraft.“ „Mein Herr!“ rief der Graf. — — „Wiſſen Sie, was Abſchließung will?“ fuhr der Rechtsgelehrte fort. „Aber „Hoͤren Sie,“ antwortete der Advocat, ihn unterbre⸗ chend, und las: „Jedes Individuum, das zur Abſperrung verurtheilt iſt, wird in ein Zuchthaus eingeſperrt, und bei Arbeiten gebraucht, deren Gewinn zum Theil zu ſeinem Vortheil verwendet werden kann.“ Dann ſah der Advocat den Grafen, welcher bleich wurde, mit hoͤhniſchem Läͤcheln an und ſagte: „Sie ſcheinen mir alle Eigenſchaften zu vereinen, welche erfordert werden, um Schuhe von Sahlleiſten zu verfertigen, Herr Graf, und auf dieſe Art Ihre 3 bis 409,000 jaͤhrliche Renten um 3 bis 4 Sous zu vermeh⸗ ren, die Sie taͤglich gewinnen werden, wenn Sie Ihre Mufßeſtunden ſo angenehm beſchaͤftigen, ſei's zu Malun, Poiſſy oder in andern Zuchthaͤuſern.“ „Mein W rief der Graf, vor Wuth ſchaͤumend, „huͤten Sie ſich.. „Still! nicht ſo läut Ruhe oder ich muß die Stimme zu erheben anfangen,“ ſagte der Advocat ſtets kaltbluͤtig, . . „und Ihren Secundanten ſagen, was Sie ihnen kluͤglicher Weiſe verſchwiegen haben . .. naͤmlich die Infamie Ihres Betragens, welche allein die Thaͤtlichkeiten des Capitain Juſt veranlaßt hat.“ Bei dieſer Drohung des Advocaten blieb Graf Duri⸗ veau von Neuem ſtumm und betreten. Der Advocat fuhr fort: „Das Verbrechen, deſſen Sie ſich ſchuldig gemacht haben, verurtheilt Sie zu den gedachten Strafen .. ſogleich werde ich mich damit beſchaͤftigen, Alles zu ſammeln, was zur Inſtruction dieſer haͤßlichen Sache noͤthig ſein wird. Das wird nothigenfalls etwas ſchon ganz Zugeſchnittenes fur den Inſtructionsrichter abgeben.“ „Ein Verbrechen? Der Inſtructionsrichter? Gehen Sie doch, mein Herr! Sie halten mich fuͤr ein Kind,“ ſagte der Graf, ſeine inſolente Keckheit wiederfindend. „Sie wiſſen wohl nicht, daß es in dieſer Beziehung keinen Menſchen von Welt giebt, der nicht mehre Male in ſeinem Leben ſich eines Attentats, ja ſelbſt mit Gewalt, auf die Schamhaftigkeit der Frauen ſchuldig gemacht hat, denen er den Hof machte.. .. Ei, zum Henker, Herr Advocat, man macht den Frauen ja nur in dieſer Abſicht den Hof. Sie wiſſen alſo im Juſtizpallaſte von dieſen Dingen nichts?“ „Ah! was Sie da ſagen iſt wenigſtens recht artig ſehr artig. .. vom Geſichtspunkte des Lebens unter der Regentſchaft aus betrachtet.. nur daß es von dem des Criminalgeſetbuches aus . hochſt albern iſt. Der koͤnig⸗ liche Procurator hat nicht uber Attentate auf die Scham⸗ haftigkeit zu erkennen .. das iſt unſre Art im Juſtiz⸗ pallaſte, uns auszudrucken .. woruͤber die Frauen ſich nicht beklagen, im Gegentheil .. aber er beſchließt auf der — Stelle ein Vorladungsmandat ... ſo nennen wir's wiederum im Juſtizpallaſte .. . gegen einen Böſewicht, der eine ehrbare Frau in einen Hinterhalt gelockt hat, um ge⸗ gen ſie trotz ihrer Thraͤnen und ihres Schreiens die abſcheu⸗ lichſten Gewaltthaͤtigkeiten auszuuͤben. Iſt dies Verbrechen erwieſen, und das Ihrige iſt's nur allzuſehr, ſo wird der Verbrecher zu einer infamirenden Strafe verurtheilt. . .. Bringt Sie das etwas in Verlegenheit?... Sie hatten Ihre Schlechtigkeit nicht von dieſem Geſichtspunkte aus an⸗ geſehen . das wundert mich.. Sie waren ſich es aber dennoch ſo ſehr bewußt, eine empoͤrende Niederträchtigkeit begangen zu haben, daß Sie Ihren Zeugen die Urſache die⸗ ſes Duells zu entdecken nicht wagten. ... Das war ſehr weiſe . .. denn ich fordre Sie auf, einen Mann von Ehre zu finden, der einwilligt, Ihnen beizuſtehen. .. wenn er die volle Wahrheit weiß.“ „Der Capitain Juſt Clement. .. will ſich nicht ſchla⸗ gen, und ſucht alſo Ausfluͤchte fuͤr ſeine Feigheit, nicht wahr?“ ſagte der Graf Duriveau bitter. „Der Herr Capitain Juſt Clement ſollte, meiner An⸗ ſicht, nach es verweigern, ſeinen ehrlichen Degen mit einem Manne zu kreuzen, den er morgen vor die Aſſiſen ſchicken kann. Aber der Herr Capitain Juſt wuͤrdigt Sie aus ganz beſondern Urſachen, ſich mit Ihnen zu ſchlagen, aber unter gewiſſen Bedingungen.“ „Laſſen Sie hoͤren, mein Herr, und enden wir,“ — 128 — ſagte der Graf, vor Wuth die Zaͤhne zuſammenbeißend. „Was ſchlaͤgt er vor?“ „Der Herr Capitain ſchlägt keine Bedingungen vor, er ſchreibt ſie vor.“ „Wahrhaftig?“ „Allerdings; und es ſind folgende: Fuͤr's Erſte fin⸗ det er es ſehr laͤcherlich, ſich, wenn er ſich herablaͤßt, einen Zweikampf anzunehmen, den er verweigern könnte, dem auszuſetzen, von Ihrer Kugel ſicher getoͤdtet zu werden .. da Sie wahrſcheinlich den erſten Schuß in Anſpruch neh⸗ men wuͤrden.“ „Das iſt mein Recht, ich benuͤtze es.“ „Laſſen Sie mich doch mit Ihrem Rechte, Menſchen zu morden, ohne ſelbſt dabei Gefahr zu laufen, in Ruhe! Sie treiben Ihren Spaß mit den Leuten ... das ſoll aber keineswegs geſchehen. Hoͤren Sie, wie es gehen ſoll .. Sie verſtehen ſich vortrefflich auf den Degen ... das iſt be⸗ kannt. .. der Capitain ſtößt auch ſehr gut, ſeine Freunde freuen ſich daruͤber ſehr. Die Verhaͤltniſſe muͤſſen alſo gleich ſein: Sie ſchlagen ſich auf den Degen.“ „Nein! denn ich bleibe bei meinem Rechte.“ „Sie ſchlagen den Degen aus?“ „Ja.“ „Gut,“ ſagte der Advocat aufſtehend, „ſo werde ich auf der Stelle Ihren Secundanten den wahren Grund des Duells entdecken . . und noch dieſen Abend gelangt eine Criminalanklage in die Haͤnde des königlichen Procurators.“ — 129 — „So ſei's denn mit dem Degen!“ rief der Graf wü⸗ thend und ſtand auf. „Einen Augenblick: es iſt noch nicht Alles.“ „Wie? noch mehr?“ „Ich glaube wohl,“ ſagte der Advocat. „Sie werden hiermit in Kenntniß geſetzt, daß, wenn Sie die Keckheit haben, Ein Wort, ein einziges Wort zu ſagen, das der Achtung fuͤr eine Frau, deren Namen auszuſprechen Ihnen von nun an verboten iſt, nachtheilig werden koͤnnte, augen⸗ blicklich die Criminalanklage eingereicht werden wird.“ „Mein Herr . „Man nimmt dieſe Vorſichtsmaßregeln, um Sie zu verhindern, Beſchimpfungen und Verlaͤumdungen zu ver⸗ breiten, womit Sie gedroht haben. Ueberlegen Sie es alſo wohl: dieſe abſcheuliche Geſchichte wird in das tiefſte Still⸗ ſchweigen verſenkt .. oder ſie hat den unberechenbarſten Nachklang. Der Capitain handelt ſo nicht im Mindeſten aus Schonung fuͤr Sie, wohlverſtanden, ſondern um der edelſten aller Frauen ein immer ſchmerzliches Aufſehen zu erſparen, das ſie uͤhrigens verachten wird, um ſo ſtolzer dann, wenn Sie ſie durch Ihre Verläumdungen dazu zwin⸗ gen, daß die Folge dieſes Aufſehens fuͤr Sie das Gefaͤng⸗ niß, die Schande, fuͤr ſie ſelbſt nur Vermehrung der Theil⸗ nahme und Achtung ſein wuͤrde.“ „Das iſt doch nun Alles, hoffe ich?“ ſagte Graf Du⸗ riveau, als er ſich mit⸗ ohnmaͤchtiger Wuth zu der umz Martin. vU. 9 — — lichkeit gezwungen ſah, das Ueble zu thun, das er ſich vor⸗ genommen hatte.. . . Ich habe den Degen angenommen . .. und es wird ſpät.“ „Nur noch zwei Worte . . . die letzten ... die beſten,“ verſetzte der Rechtsgelehrte. „Sie ſagen Ihren Secundan⸗ ten in Gegenwart derer des Herrn Capitain Clement ohn⸗ gefaͤhr dies: Ich habe behauptet, meine Herren, daß die⸗ ſes Duell eine eiferſuͤchtige Rivalität zur Urſache habe, das iſt nicht genau ſo.“ „Widerrufen?.. Nie!“ „Hoͤren Sie nur! Wie ſcrupuloͤs!“ ſagte der Advo⸗ cat achſelzuckend. „Sie ſetzen hinzu: Ich ſchwoͤre auf Ehre, daß die Urſache dieſes Duells die Folge ... eines politiſchen Zwiſtes iſt, oder eines andern nach Ihrer Auswahl und Be⸗ lieben.“ „Ein falſcher Schwur! mich entehren!“ rief der Graf, „mich dem ausſetzen, wie ein Kind behandelt zu werden! Wahrhaftig, Sie ſind toll!“ „Spielen Sie doch nicht ſo den Zartfuͤhlenden!“ „Mein Herr Advocat!“ rief der Graf wuͤthend. „Still!. .. ruhig!. .. oder ich erzähle Ihren Secun⸗ danten. .. Sie wiſſen, was. und ich ſtehe dafuͤr... Sie ſchworen alſo auf Ehre, daß bei Ihrem Duelle alle Riva⸗ lität aus dem Spiele iſt. Wir fordern aber, ehrlich geſagt, dieſes aus folgenden Gruͤnden. Der Capitain Juſt erhält auf dieſe Weiſe als Gewaͤhr Ihres Schweigens 1) Ihre — — Furcht vor einem Criminalproceſſe, und 2) Ihre Furcht, ſich zu entehren. öffentlich nämlich, was aber geſchehen wuͤrde, wenn Sie, nachdem Sie vor ehrliebenden Maͤnnern auf Ihre Ehre geſchworen, daß dieſes Duell einen Grund habe, der von einer eiferſuchtigen Rivalitaͤt voͤllig entfernt, irgend eine beleidigende Aeußerung in Betreff der Perſon, die Sie kennen, wagten.“ „Nein, nein, ich widerrufe nie!“ „Nun denn,“ ſagte der Advocat, „ſo ſollen Ihre Se⸗ cundanten Alles erfahren.“ „Und was ſchadet mir das? So finde ich andere!“ rief der Graf in einem Anfalle von Wuth. „Ich ohrfeige den Capitain Juſt, und dann muß er mir wohl helfen, Secundanten zu finden.“ „Spielen Sie dieſes Spiel ja nicht,“ ſagte der Advo⸗ cat hohniſch lachend; „ich daͤchte, Sie wären heute früh gewahr geworden, daß der Capitain Juſt eine ſolide Hand hat. Wenn Sie alſo das Ungluͤck hätten, die Hand ge⸗ gen ihn aufzuheben, ſo wuͤrde er die Ehre haben, Sie noch⸗ mals tuchtig durchzupruͤgeln, und zwar vor dem Criminal⸗ proceſſe.“ „Ich willige in Alles,“ rief der Graf, zum Aeußer⸗ ſten getrieben. „Aber ich ſchlage mich wenigſtens.“ „Sie werden ſogleich zuftiedengeſtellt werden. Der Herr Capitain Juſt hat geglaubt, daß in Betracht der Schwierigkeiten, einen paſſenden Winkel zu finden, wo 9* — 132 — man ſich ruhig die Kehle abſchneiden koͤnne, der Garten an ſeinem Hauſe, den Sie von hier aus ſehen können „recht gluͤcklich ſich eignen werde. .. Dort .. ſehen Sie .. durch dieſes Fenſter.. . . Was die Waffen betrifft, ſo haben unſre Secundanten zwei Paar Fechtdegen mitgebracht.“ „Es iſt gut, mein Herr,“ ſagte der Graf, ſein kaltes Blut wiedererhaltend, „ich nehme Alles an, willige in Al⸗ les, wenn nur endlich einen Degen in die Hand be⸗ komme. . und Sen Mann vor 16 4 Der Graf von S den Wi⸗ derruf und ſchwur auf Ehre, daß keine eiferſuͤchtige Riva⸗ lität bei dieſem Duell zum Grunde liege, das nur die Folge eines politiſchen Streites ſei. Das Duell fand in dem Garten am Hauſe des Doc⸗ tors ſtatt. Der Kampf war ſehr erbittert. Der Graf von Duriveau zeigte große Bravour; ob⸗ gleich durch einen Degenſtoß am Schenkel verwundet, wollte er doch fortfahren, und nachdem er den Arm des Capitain Juſt durchbohrt, erhielt er einen zweiten Degenſtoß in die der fneis Ein⸗ pale Stunbe kehrte 6 zu gegin zu⸗ ruͤck, mit der Nachricht, daß die Verwundung des Capitain Juſt unbedeutend ſei. —— — — — 133 — Der Muth der ungluͤcklichen Frau hatte ſich bis dahin aufrecht erhalten. Aber jetzt brachen ihre Kniee unter ihr zuſammen und ich hatte nur noch Zeit, Mamſell Juliette, ihre Kam⸗ merfrau, herbeizurufen und ließ dieſe bei der Fuͤrſtin. Achtes Rapitel. Martin's Tagebuch. Ich finde unter meinen Papieren Bruchſtuͤcke eines hie und da nach einiger Zeit meines Verweilens im Hotel Montbar geſchriebenen Tagebuchs. Dieſe, Tag vor Tag, ohne Zuſammenhang hingewor⸗ fenen Zeilen geben dennoch aufrichtige Rechenſchaft von dem, was mich in der ſonderbaren Lage, die ich uͤbernommen hatte, vorzuglich quälte. Da dieſes Tagebuch auf wenigen Seiten die hervor⸗ tretendſten Eigenthuͤmlichkeiten meines erſten Dienſtjahres bei Regina umfaßt, ſo fuͤhrt es bis zur Vollendung der wichtigen haͤuslichen Begebenheiten in der Familie Montbar, Begebenheiten, welche die entſcheidendſte Epoche meines Lebens bezeichneten und etwa vierzehn Monate nach meinem Eintritt bei der Fuͤrſtin vorfielen. Ich habe jetzt dieſe Seiten mit der Ruhe kalter Ver⸗ nunft wieder durchgeleſen: mehre davon tragen das Gepraͤge jener Art ſcharfer, gluhender, duͤſtrer Wolluſt, wie jede — — Tags werde ich mit Schimpf und Schande aus ihrem Hauſe gejagt werden? Dieſen Morgen begegnete ich, als ich vom Capitain Juſt zuruͤckkam, Leporello. Ich ließ ihn ſchwatzen, um zu hoͤren, was man in der Welt von dem Duelle ſage, in welchem Graf Duriveau ſo ſchwer verwundet worden, daß man noch jetzt nicht weiß, ob er es noch uͤberleben wird. Man ſtimmt uͤberein, dieſem Zweikampfe, Leporello nach, einen politiſchen Grund unterzulegen, da der Capitain, wie man ſagt, republikaniſche Ideen haben ſoll. Ich hatte ſchon, wegen des Duells, Aſtarte ſowie die Kammerfrau der Marquiſe d'Herbieux gefragt, die Beide durch ihre Herrſchaften verſchiedenen Kreiſen angehoͤrten. Ihre Antworten bewieſen mir, daß man denſelben Glauben deshalb habe, und der Name der Fuͤrſtin bei dieſer Gelegen⸗ heit nie genannt worden ſei. Die Vorſichtsmaßregeln des Capitains Juſt gegen den Grafen Duriveau, waren alſo vortrefflich: ſie zeigten einen Mann von vielem Muthe, vielem Takt und vielem Ver⸗ ſtande an. Dieſen Abend beim Diner war der Prinz von herber und ſtreitſuͤchtiger Laune in Bezug auf ſeine Gemahlin. Sonderbar! bei ſeiner Ruͤckkehr von der Jagd hatte er auf⸗ richtig ergriffen geſchienen, als er von der Verwundung des Capitain Juſt gehoͤrt, und war es auch wirklich geweſen. Seine erſte Empfindung war rechtlich und edel, aber je — 140 — mehr es ſich mit Capitain Juſt beſſerte, deſto mehr begann der Fürſt die Leute laͤcherlich zu machen, die von der Wuth politiſcher Duelle ergriffen waͤren, indem er uͤbrigens aller⸗ dings ſehr verſtaͤndig ſagte, Jemand den Hals abzuſchneiden, ſei doch nicht gerade der beſte Beweis, den man fuͤr das Uebergewicht ſeiner Meinung geben koͤnne u. ſ. w. Dieſe ſichtlich gegen den Capitain Juſt gerichteten Scherze, mußten fur die Fuͤrſtin, als die einzige Urſache dieſes Zweikampfs, in welchem der Capitain Juſt ſo ritter⸗ lich ſein Leben eingeſetzt, doppelt ſchmerzlich ſein. Es giebt Unglucksſterne, welche die Ehemaͤnner an⸗ treiben, gerade das zu ſagen und zu thun, was ſie ihren Frauen unangenehm und oft verhaßt machen kann. So war dieſen Abend der Text der Scherze des Fuͤrſten der erſte Beſuch, welchen der Capitain Juſt ohnſtreitig ſeiner Ge⸗ mahlin abſtatten wuͤrde. „Von einem Degenſtoße geneſen, das nimmt ſich ſtets ſehr gut aus,“ ſagte der Prinz ironiſch lächelnd, „man ver⸗ liert nicht leicht eine ſo gute Gelegenheit, ſich intereſſant zu machen. Man traͤgt den Arm in der Binde, das Geſicht iſt noch ein wenig blaß, und nachdem man ſich beſcheident⸗ lich hat nothigen laſſen... erzählt man die wuͤthenden Degenſtoͤße, die man gegeben und empfangen hat... und dann fangen die armen Weiberchen an zu zittern und zu beben, bei dieſen eines Arioſts wurdigen Beſchreibungen .. und ſo weiter . . .“ Regina litt ſichtlich durch dieſe boshaften Spaͤßchen, — — — — 141 — und dies um ſo mehr, als ſie genoͤthigt war, ſich zuruͤckzu⸗ halten, und die Spottader durch angenommne Kaͤlte und Gleichgiltigkeit zu verſtopfen. Endlich verließ ſie, aufs Aeußerſte getrieben, den Speiſe⸗ ſaal, und wandte eine Migraͤne vor, während der Fürſt ſiten blieb. Ich war aus den vielfachſten Gruͤnden ſo ſehr mit der ſchmerzlichen Lage der Fuͤrſtin beſchaͤftigt geweſen, daß, als der Fuͤrſt einen Loͤffel von mir verlangt hatte, ich vergeſſen, ihn ihm, wie es ſich gebuͤhrte, auf einem Teller zu präſentiren, und das Ungeheure beging, dieſen Loͤffel mit der Hand in die Hand zu geben! Statt ihn zu nehmen, maß mich der Fuͤrſt mit ſpoͤt⸗ tiſchem Blicke und ſagte: „Haben Sie das Serviren bei dem Doctor Clement gelernt?“ Da ich ihn nun ganz beſturzt anſah, fuhr er fort: „Wahrſcheinlich bietet man einen Loͤffel ſo ganz sans fagon bei den Aerzten Jemand an?“ Der Kammerdiener des Fuͤrſten, der arme alte Louis, kam mir zu Hilfe, trat mir näher, und ſagte leis mit klaͤg⸗ lichem Tone: „Auf einem Teller!.. ei, auf einem Teller!!“ „Verzeihen der gnaͤdige Herr,“ ſagte ich nun zum Fuͤrſten, und wolite meine Vergeſſenheit wieder gut machen, er aber wendete ſich zu ſeinem Kammerdiener, und ſagte dem: „Louis, gieb mir einen Loffel.“ — 142 — Das that denn auch der gute alte Diener, indem er mich mit Zerknirſchung anſah. Ich kann uͤbrigens nicht laͤnger daran zweifeln, ich bin dem Fuͤrſten unangenehm. Der Vorfall von heut Abend, obgleich an ſich ſehr unbedeutend, giebt mir doch, zuſammen⸗ gehalten mit andern, nicht minder bedeutſamen Kindereien, dieſe Ueberzeugung. Das erſchreckt mich... nicht wegen der Härten und des Stolzes, womit der Fuͤrſt mich verletzen kann; der Fuͤrſt, den ich betrunken aus einer unanſtändigen Kneipe, wo er die Nacht zugebracht, habe kommen ſehen, kann mich nicht demuͤthigen. Duch mein Herz habe ich ſtets uber meiner Lage geſtanden, ſo ungluͤcklich ſie auch geweſen, und ich habe dieſen vornehmen Herrn, meinen Gebieter, ſchimpf⸗ lich unter die ſeine herabſinken ſehen, aber es iſt hier nicht von einem moraliſchen Uebergewichte die Rede .. ich bin der Bediente dieſes Herrn . . er kann mich fortſchicken. Ich muß alſo durch Zuvorkommenheit, durch Eifer, durch Unterwerfung die Art von Widerwillen zu beſiegen ſuchen, die ich dem Fuͤrſten einfloͤße, damit er mich in ſei⸗ nen Dienſten behalt. Der Kelch iſt oft ſehr bitter! 10. Februar 18.. Welcher Morgen! ich glaubte verruͤckt zu werden. Es iſt 11 Uhr Abends... ich komme wieder ins Ho⸗ tel. Welche Viertel ich durchlaufen, kann ich nicht ſagen. — — — 143 — Dieſer tolle Lauf hat mich muͤde gemacht. Ich bin von Anſtrengung erſchoͤpft, aber ruhiger. Erinnern wir uns daran .. . wenn ichs wage. Ich bin zeitig aufgeſtanden, und zu dem Baron von Noirlien gegangen. .. . Mein Herr iſt noch immer in dem⸗ ſelben Zuſtande, hat mir Melchior geantwortet. Ich bin wieder nach Hauſe gekommen, und habe mich, wie wir Be⸗ dienten ſagen, damit beſchaͤftigt, die Zimmer meiner Herr⸗ ſchaft zurecht zu machen. Ich fange ſtets mit dem Vorzimmer an, dann gehts in den Salon, indem ich mir das Sprechzimmer, in wel⸗ chem die Fuͤrſtin ſich immer aufhält, und die kleine Ge⸗ maͤldegallerie, von wo eine Thuͤr in das Schlafzimmer der Fuͤrſtin geht, bis zuletzt vorbehalte. Ich beſchaͤftigte mich zuerſt mit dem Sprechzimmer. Dieſe dienſtlichen Geſchaͤfte, welche meine Kameraden ge⸗ wöhnlich mit Verdruß oder Nachlaͤſſigkeit treiben, haben fuͤr mich einen unbeſchreiblichen Reiz, ſie ſind die Quelle einer Menge von Genuͤſſen. Dieſe eleganten Gegenſtaͤnde, dieſe koſtbaren Meublen, womit meine ſchöne Herrin ſich umgiebt, oder deren ſie ſich bedient, in Ordnung bringen, und vor jedem Staͤubchen wahren, den durchſichtigen Glanz dieſes Spiegels erhalten, der ſo oft ihre Zuͤge zuruͤckwirft, durch Vernachlaͤſſigung die Farbe dieſer Gemaͤlde, auf denen manchmal ihre Blicke ſo lange ruhen, nicht erbleichen laſſen, das zarte Email dieſes Porzellans, wo das Gold ſich zu — 144 — den glaͤnzendſten Farben miſcht, dieſe prächtigen Vaſen, welche ihre Hand ſo gern ſelbſt mit Blumen fuͤllt, in im⸗ mer gleicher Reinheit erhalten, und dieſe tauſend Gegen⸗ ſtaͤnde der Kunſt, kleine Meiſterſtuͤcke der Ciſelirung und Sculptur, Statuetten, Reliquienkaͤſtchen, kleine Figuren, Basreliefs in Silber, Elfenbein und Gold, mit welchem Vergnuͤgen, welcher Liebe beruͤhre ich ſie! Meine Herrin hat ſie beruͤhrt, wird ſie ſo oft beruͤhren, um ihre Zartheit, ihre koſtbare Vollendung zu bewundern. Und die Dinge, deren ſie ſich täglich bedient, ihre goldne Feder in ein Petſchaft von Carneol endend, das ich ſie ſo oft an ihre Lippen bringen ſehe, wenn ſie nachdenkend einen Augenblick im Schreiben innehaͤlt, und ihr Flacon von Kriſtall, das ſie manchmal ſo lange in ihrer kleinen Hand hält, und ihr Gueridon von Roſenholz, auf den ſie ſich ſo haͤufig ſtuͤtzt, ihre ſchoͤne Stirn melancholiſch in ihre Hand verſenkt, o, mit welcher Wonne, welcher Vergoͤt⸗ terung, und oft, ach! mit welcher Trunkenheit lege ich meine Hand auf dieſe geheiligten Reliquien meiner liebenden Anbetung! Wie oft ſage ich mir ſelbſt: „Wuͤrde nicht der heißeſte Liebende mein Schickſal beneiden? In dem Heiligthume des angebeteten Weibes zu leben, zu ſein, wo ſie iſt, die Luft einzuathmen, die ſie ein⸗ athmet, zu ſehen, was ſie ſieht, zu beruͤhren, was ſie be⸗ ruͤhrt, ihr Taſchentuch aufzuheben, ihren Handſchuh, ihren Blumenſtrauß, ihr das Buch zu reichen, das ſie wuͤnſcht, — 145 — ihr das reine Waſſer einzugießen, das ihre Lippe benetzt, ihr die Kriſtallſchale anzubieten, in die ſie ihre roſigen Fin⸗ ger taucht, ſie gegen einen Sonnenſtrahl zu ſchuͤtzen, durch das Herablaſſen eines Vorhanges, das Feuer anzufachen, an dem ſie ſich waͤrmt, ein Kiſſen unter ihre kleinen Fuͤßchen zu legen, einen ſeidnen Mantel uͤber ihre weißen Schultern, endlich mit aufmerkſamen Blicken ihren kleinſten Wuͤnſchen zuvorzukommen, nachzudenken, wie man ihr auch die kleinſte Muͤhe eines Verlangens erſparen koͤnne, allen ihren Befehlen zu gehorchen, mit Einem Worte, ihr zu dienen, iſt das nicht ein idealiſches Gluͤckt Der ſtolzeſte, hochmüthigſte Liebhaber, waͤre er Fuͤrſt, wäre er König, koͤnnte er mit ſolcher Liebe, mit ſolchem Entzucken ſeiner Geliebten alle dieſe Dienſte leiſten, die ich der meinen leiſte? Sagen wir nicht alle Beide zu ihr: meine Gebieterin? Ich diene mei⸗ ner Gebieterin als Liebender; keine menſchliche Gewalt kann mir dies Gluͤck 1 rauben. Ja, tieſe Giüc i ſin Se es liegen 36 gie bare Folgen in dieſer dienſtlichen Vertraulichkeit. Heut habe ich einen unſeligen Beweis davon gehabt. Es war der Tag des Blumenwechſelns, einer meiner ſchoͤnen Tage. Sie liebt die friſchen Blumen ſo ſehr! Sehr oft verlaͤßt ſie ſich nur auf ſich allein, in der Sorge ſie zu ordnen, die Farben und Blaͤtter zuſammenzuſtellen. Dann helfe ich ihr dabei... und Beide vollbringen wir dies allein. Ich ſtellte alſo eine große Menge Blumenſtoͤcke auf Martin. VIII. 10 den Teppich, um von da auf die Jardiniere und in die Vaſen geordnet zu werden. Ich hatte im Sprechzimmer nichts weiter zu thun, als den Seſſel, in welchem meine Herrin gewohnlich halb aus⸗ geſtreckt ſitzt, abzuſtaͤuben. Die weiche Fuͤlle dieſes Seſſels hat faſt den Eindruck von Regina's reizendem Koͤrper behalten, die Seide iſt da, wo ſie den Kopf anlegt, etwas glaͤnzend. Ueberall wehet jener milde Duft von Iris mit friſchem Eiſenkraut gemiſcht, der den Gewaͤndern meiner Herrin eigen iſt. Ich war allein . ich habe wahnſinnig meine brennen⸗ den Lippen auf dieſe Seide gepreßt, wo ihre Haare, ihre Wange, ihre Hand, ihr Koͤrper geruht hatten. Ich habe leidenſchaftlich den wolluͤſtigen Wohlgeruch eingeathmet, den ſie nach ſich gelaſſen hatte. Ich habe das ſammtne Kiſſen gekuͤßt, auf dem ſie ihre Fuͤßchen kreuzt, ihre kleinen Füß⸗ chen, die ich in meiner Hand gehalten habe. Es iſt ein Wahnſinn. aber fuͤr mich leben und ath⸗ men dieſe Spuren ihrer Gegenwart! Es iſt ihr Haar, iſt ihre Wange, iſt ihre Hand, iſt ihr Koͤrper, iſt ſie!! Dann bin ich in den Gemaͤldeſaal gegangen, der einer⸗ ſeits an ihr Sprechzimmer, andrerſeits an ihr Schlafzim⸗ mer ſtößt. In dieſem Gemach befinden ſich außer den Gemaͤlden noch einige alterthuͤmliche Geraͤthſchaften. An dem einen Ende haͤngt uber einer ſehr ſchoͤnen ebenholznen Truhe, aus — 147 — der Renaiſſancezeit ein venetianiſcher Spiegel, mit einem wundervoll gearbeiteten Rahmen. Dieſer Spiegel hängt dem Schlafzimmer Regina's gegenuͤber. Ich ſtand eben nahe an dieſer Thuͤr, beſchaͤftigt, ein ebenholznes Geraͤth mit einem Stuͤckchen Serge zu reinigen, als ich Regina's Stimme hoͤrte, die zu ihrer Kammerfrau ſagte: „Mamſell, kann ich aufſtehen? iſt mein Bad fertig?“ „Im Augenblick, gnaͤdige Frau,“ antwortete Juliette aus dem Toilettenzimmer, wo ſie ohnſtreitig beſchaͤftigt war, „ich habe nur noch Eiſenkrauteſſenz ins Waſſer zu gießen.“ Ihr Bad! „Nun iſt es fertig. Gnaͤdige Frau können jetzt aufſte⸗ hen,“ rief bald darauf Juliettens Stimme. und ich vernahm das leiſe Rauſchen der ſeidnen Decken, die ohnſtreitig zu dem Fußende des Bettes zuruͤckgeworfen wurden. Sie ſtand auf! Sie ging ins Bad! Näch einem Augenblicke ſagte ſie zu ihrer Kammer⸗ frau: „Machen Sie das Bad etwas waͤrmer.. ich finde es kalt.. ſorgen Sie dafuͤr, daß mein Bademantel recht warm ſei.“ „Ja, gnaͤdige Frau.“ Ich blieb unbeweglich, die Beute einer unausſprech⸗ lichen Unruhe.. hörte.. wenn man ſo ſagen darf, das, 10* was ich nicht ſehen konnte, oder folgte vielmehr mit den Au⸗ gen des Gedankens allen Bewegungen meiner ſchöner Herrin. Bei dieſen verzehrenden Gedanken klopften die Adern meiner Schlaͤfe ſo heftig, daß ich ihren dumpfen Schlag mitten in dem tiefen Schweigen hoͤrte, das in dieſem ent⸗ fernt liegenden Gemach herrſchte. Ich verlor den Kopf. . . ich wollte fliehen .. . ich konnte es nicht. meine Kniee zitterten, ich ſtuͤtzte mich auf das Geraͤth, das ich abſtaͤubte, eine ſchmerzliche Blendung um⸗ hullte mein Auge, ich blieb einige Augenblicke unfaͤhig, zu ſehen oder zu fuͤhlen. Die Stimme der Furſtin rief mich zu mir ſelbſt. Sie ſagte zu Juliette: „Ich bleibe nicht laͤnger in dieſem Bade, geben Sie mir meinen Mantel.“ Nach einer Secunde ſagte Juliette: „Da iſt er, gnaͤdige Frau.“ „Geben Sie,“ antwortete meine Herrin. Dann rief ſie faſt in demſelben Augenblicke verdruͤßlich: „Ach! da ſind mir die Haare aufgegangen . laſſen Sie den Mantel liegen. und binden Sie ſie wieder .. Sie ſehen ja, daß ſie ins Waſſer fallen.“ Und ohnſtreitig ſtand in dieſem Augenblicke Regina, halb verhuͤllt von ihrem prachtvollen ſchwarzen Haar, gleich der antiken Nymphe in ihrer Muſchel von weißem Marmor. — 149 — Ohngefaͤhr eine Viertelſtunde ſpaͤter befand ich mich am aͤußerſten Ende der Galerie, und reinigte mit einem trocknen Pinſel die tief eingegrabenen Sculpturen des Rah⸗ mens des großen venetianiſchen Spiegels, deſſen oberer Theil⸗ ſtatt an der Wand anzuliegen, ſich vorbog. Ploͤtzlich wurde dieſer ſonſt dunkle Spiegel, da er blos eine kleine an dem andern Ende der Galerie gelegene Thuͤr von Holzſculptur zuruckſpiegelte, eine Thuͤr die zum Schlaf⸗ zimmer der Fuͤrſtin fuͤhrte, hell, und folgendes Bild ſtellte ſich mir darin, waͤhrend kaum einer Secunde, vor. Meine Herrin, ihre prachtvollen Haare noch etwas in Unordnung, Arme und Schultern unbedeckt, den ſchneeigen Buſen kaum durch den mit Spitzen beſetzten Battiſt bedeckt, den zwei ſmaragdne Knopfchen nicht mehr verſchloſſen, meine Herrin, an der Seite ihres Kamins auf einem kleinen Stuhle von blauer Tapiſſerie halb gebeugt ſitzend, zog uͤber ihr feines und rundes Bein einen perlengrauen Strumpf von Seide, und befeſtigte ihn oberhalb ihres Kniees mit einem carmoiſinfarbenen Kniebande mit goldnem Schloſſe, waͤhrend ihr rechtes, noch entblößtes Bein, glatt wie Elfenbein, an Weiße den Hermelinteppich beſchaͤmte, auf den ſich ihr kleiner Fuß mit blaͤulichen Adern und roſi⸗ gen Zehen ſtuͤtzte. Ich hoͤrte das Geraͤuſch einer Thuͤr, die ſich ſchloß. Sogleich wurde der Spiegel dunkel, die glaͤnzende, wobůſtige Erſcheinung war verſchwunden. — Ich glaubte, ein Traum habe mich umfangen; ein leiſer, freundſchaftlicher Schlag auf meine Achſel durchbebte mich. Ich wendete mich um. Es war Mamſell Juliette. „Ich ſehe, mein lieber Martin,“ ſagte ſie lachend zu mir, „daß Sie ganz in Ihre Arbeit verloren ſind ich komme aus der gnaͤdigen Frau Zimmer, und Sie hoͤren mich nicht einmal kommen.“ „Ich ich.. reinigte dieſen Spiegel,“ antwortete ich ſtammelnd. „Das weiß ich wohl, nichts ſtoͤrt Sie in dem was Sie vornehmen, Sie ſind ſehr gluͤcklich!.. Ach, ſagen Sie mir doch, ſind die Blumen fuͤr die gnaͤdige Frau ange⸗ kommen?“ „Sie ſind im Sprechzimmer, Mamſell,“ ſagte ich, wieder kaltes Blut gewinnend. „Gut,“ ergegnete Juliette, „ich will es der gnaͤdigen Frau melden. Sie laͤßt Ihnen ſagen, daß Sie auf ſie warten ſollen, um die Blumen in den Jardinieren zu ord⸗ nen. Sie wiſſen, daß das ihre Manie iſt.“ „Schoͤn, Mamſell!.. Ich werde die gnädige Frau erwarten.“ „Sie wird nicht lange ausbleiben; nur ſo viel Zeit als ſie zum Kaͤmmen und Coiffiren braucht, dann iſt ſie hier, denn ich ſchnuͤre ſie erſt nach dem Fruͤhſtuͤck ein.“ Damit ging Juliette weg. Als ſie die Thuͤr zum Schlafzimmer der Fuͤrſtin off⸗ nete, wurde der venetianiſche Spiegel, in welchen ich den Blick wider meinen Willen geworfen hatte, abermals hell, ich ſah aber blos den kleinen blauen Stuhl an der Seite des Kamins von weißem Marmor. Bald darauf trat Regina in ihr Sprechzimmer, wo ich mit den vorgerichteten Blumen auf ſie wartete. Ueuntes Rapitel. Martins Tagebuch. (Fortſetzung.) Nie war mir noch die Fuͤrſtin ſtrahlender ſchoͤn, ju⸗ gendlich friſcher vorgekommen. Ich weiß nicht weshalb, aber es ſchien mir, als muͤſſe ſie jetzt in einem Momente ſich befinden, wo die ſittſamſten Frauen aus Inſtinct ſich ſinnlich ſchoͤn wiſſen und fuͤhlen. Man hätte ſagen ſollen, ſie werde groͤßer im Fortſchreiten, ihre kleinen roſigen Na⸗ ſenflugel erweiterten ſich, ihr Buſen wogte leicht, während ihre ſchoͤnen Arme, noch feucht von der Lauheit des duften⸗ den Bades, halb aus den weiten Aermeln ihres weißen Ca⸗ chemirgewandes hervortraten, deſſen reiche Falten mit Wonne dieſen gottlichen Koͤrper zu liebkoſen ſchienen. Wie mir unbeſonnen die Kammerfrau geſagt hatte, war meine Herrin noch nicht geſchnuͤrt, aber die natuͤrliche Eleganz ihres vollen Wuchſes war ſo, daß man hätte ſagen ſollen, er ſei aus Marmor gehauen, die weiche Geſchmei⸗ — 1 — digkeit ſo, daß ſie von faſt uͤbertriebener Feinheit in der en⸗ gen Umſchließung eines Guͤrtels von Purpurſeide erſchien. Ohnſtreitig fuͤhlte ſich meine Herrin unter dem Ein⸗ fluſſe eines lachenden und fröhlichen Gedanken .. vielleicht eines liebenden .. . denn ihre reizenden Zuͤge waren ſanft erheitert, und dann, als ſie die Maſſe von Blumen ſah, in welcher ſie mit einem ruhigen Entzuͤcken hinwandelte, rief ſie aus: „Mein Gott! die ſchoͤnen Camelien, die ſchoͤnen Mai⸗ bluͤmchen, die ſchoͤnen Roſen! .. . Wie iſt Alles dies friſch und koͤſtlich!“ Ich half ihr die Blumen ordnen. Ich trug ſie ihr zu und ſie ſtellte ſie dann ſelbſt in Vaſen, mit ausgezeich⸗ netem Geſchmack Blaͤtter und Farben ordnend. Die Jardiniere, welche ihren Schreibtiſch umgab, war wenig hoͤher, als der Teppich; um ſie zu beſetzen, mußte meine Herrin ſich auf die Kniee niederlaſſen, waͤhrend ich ſtehend und mich zu ihr beugend, ihr die Blumen brachte, ſo wie ſie ſie verlangte. Ich befand mich da ſo nahe bei ihr, daß der ſuͤße Geruch des friſchen Eiſenkrauts und der Iris, der ihr entſtroͤmte, mir manchmal wie ein berauſchen⸗ der Liebestrank zu Kopf ſtieg, und wenn ſie, immer un⸗ ter meinen Augen knieend, bald da, bald dorthin ſich neigte und vorbog, um den Zweig eines Strauchs zu ordnen, einige unter den Blaͤttern verſteckte Blumen hervorzuziehen, ich unabſichtlich mit irrem Blicke den Wellenlinien dieſer feinen und runden Taille folgte, deren Schaͤtze ſich bei jeder neuen Bewegung verriethen. Ich ſtand auf dem Punkte, mich zu verrathen; das Laͤcherliche rettete mich. Es war nur noch eine große und koſtbare Vaſe von faͤchſiſchem Porzellan, mit großen Blumen in Relief daran, und porzellanenen Handhaben, welche Weinranken von un⸗ glaublicher Feinheit darſtellten, zu beſetzen. Dieſe Verzie⸗ rungen machten die Vaſe ſo zerbrechlich, und meine Herrin hielt uͤberdies ſo viel auf ſie, da ſie ihrer Mutter gehoͤrt hatte, daß ſie ſelbſt ein ſehr ſchoͤnes Crinum, eine Blume mit Purpurdolde vom angenehmſten Geruche und langen Blaͤttern, welche hoͤchſt anmuthig in Garben ſich herun⸗ terbeugen, darein pflanzen wollte. Den Blumentopf zwiſchen beiden Haͤnden haltend, bot ich ihn meiner Herrin dar. Der Zufall fuͤgte, daß, als ſie mir ihn abnehmen wollte, eine der kleinen, ſo friſchen und weichen Haͤndchen Regina's die meine ſtreifte. Dieſes Ge⸗ fuͤhl war blitzaͤhnlich. Das Blut ſtroͤmte mir zum Herzen zuruͤck, und mit einer unwillkuͤrlichen Bewegung der Ehr⸗ furcht und des Schreckens, zog ich meine beiden Haͤnde ſo ſchnell zuruͤck, daß ich das Crinum in dem Augenblicke fal⸗ len ließ, wo die Fuͤrſtin es ergreifen wollte, und es auf dem Teppiche zerbrach. „Mein Gott! Wie ungeſchickt Sie ſind!“ rief meine Herrin mit Verdruß, als ſie dieſe praͤchtige Blume auf dem Stengel gebrochen ſah. — 155 — „Ich bitte um Verzeihung, gnaͤdige Frau Prinzeſſin! . . Ich glaubte, die gnaͤdige Frau hielten ſelbſt ſchon Alles da habe icch „Da haben Sie eine Albernheit gemacht,“ entgegnete Regina ungeduldig, „eine ſo ſchoͤne Blume und ſo ſel⸗ ten Und da ich beſtuͤrzt ſtehen blieb, oder vielmehr tauſend⸗ fach zufrieden uͤber meine Ungeſchicklichkeit, die auf dieſe Art Regina uber meine Aufregung taͤuſchte, ſo ſetzte ſie verdruͤß⸗ lich hinzu: „Nehmen Sie doch die Scherben da weg, und die Erde da auf dem Teppich!“ „Wenn es die gnaͤdige Frau erlauben ... ſo werde ich die Blume in einen andern Topf ſetzen . da iſt einer, der groß genug.“ * „Das muß man auch, denn obgleich die Bluthe abgebrochen, ſind doch die Blaͤtter ſo ſchoͤn, daß ſie immer noch in der Vaſe ſich gut ausnehmen werden.“ Und waͤhrend ich den Knollen des ſchoͤnen Gewaͤchſes in einen andern Topf ſetzte, ſagte die Fuͤrſtin zu mir: „Jetzt ſtellen Sie ihn auf den Tiſch, wo ich ihn holen werde, um ihn in meine Porzellanvaſe zu ſetzen. da wird keine hi dabei zu Sutn ſn Giceichermeiſ fur die Fürſin, ſie, wie gewoͤhnlich, gegen 3 Uhr fortgefahren, um zu ſe⸗ — 155 — hen, ob ſie ihren Vater ſprechen könne, ihren Tag bei Ma⸗ dame Wilſon beſchloſſen, wo ſie dinirt hat. Der Fuͤrſt ſeinerſeits dinirte im Clubb. Ich verließ das Hotel und ging immer wie ein Irrer gerade aus, ohne zu wiſſen, wohin ich gehe, von den wolluͤ⸗ ſtigen und gluͤhenden Erſcheinungen dieſes ungluͤcklichen Morgens verfolgt. Regina mit aufgelöſetem Haar, in ihrem marmornen Bade ſtehend .. Regina am Kamine ſitzend. Ich kann nicht zu Ende kommen .. dieſe Erinnerun⸗ gen brennen, toͤdten mich! Ohl ſterben . . ſterben, oder dieſe namenloſen Qualen fliehen, von denen ich keine Ahnung hatte. Nein, ich werde nicht bleiben in dieſem unſeligen Hauſe „. Die Plaͤne des Grafen Duriveau ſind vereitelt Regina bedarf meiner nicht mehr ich werde fliehen ich werde ſonſt wahnſinnig. 11. Februar 18.. Nein, ich darf nicht fliehen .. . das wäre feig, wäre unwuͤrdig. Regina bedarf meiner ... vielleicht jetzt mehr, als je zuvor, meine Ahnungen trugen mich nicht, ſie ſind dafür zu ſchmerzlich . Regina liebt .. . oder wird lieben den Capitain Juſt! Dem furchtbaren Einfluſſe, den eine ſolche Liebe auf — 157 — die Ruhe, auf das Schickſal Regina's haben kann, gegen⸗ uͤber, iſt es mir nicht erlaubt, zu fliehen, meine Ergebenheit kann ihr noch nuͤtzlich ſein. Aber was nun thun, o Gott! Was thun? Ich bin ein Menſch, bin jung, liebe leidenſchaftlich, und ſie iſt ſtets vor mir! Was thun? Bezaͤhme Dich, vernichte Dich! Schließe die Augen vor dem, was Strahlendes in der Schoͤnheit Dei⸗ ner Herrin liegt, ſchließe die Ohren vor dem, was Verfuͤh⸗ reriſches in ihrer Stimme, erſticke die Wallungen Deines Herzens, verloͤſche die Gluth dieſer Wuͤnſche, welche ein Wort, ein Blick, eine Bewegung dieſes Weibes entflammt, das Du verehren mußt, und das Du durch ſtrafbare Phan⸗ taſieen beleidigſt, ertraͤnke dieſe ſchmachvolle Liebe in der bittern, blutigen, grimmigen Laͤcherlichkeit, die fur Dich aus dem Gedanken entſpringen muß: Ein Diener, der in ſeine Herrin verliebt und beſonders, wenn dieſe Herrin die ſtolze Fuͤrſtin von Montbar iſt! Thue noch mehr .. gedenke der ſtrengen Lehren Claude Gerards, laß die beiden Hebel jedes maͤnnlichen und edlern Gemuͤths Dir ſtets gegenwaͤrtig ſein: Pflicht und Opfer! Ja, ich werde mich dahingeben . . werde mich opfern. Ich bleibe! 13. Februar 18 .. Geſtern habe ich Nachrichten uͤber den Capitain Juſt eingezogen. Er iſt vollkommen geheilt und war Tags zu⸗ vor ausgefahren. Als ich zuruͤckkehrte, ſagte ich Regina, wie immer, ohne ihre Frage zu erwarten: „Gnädige Frau, der Herr Capitain Juſt befindet ſich wieder ſo wohl, daß er geſtern ausgefahren iſt.“ „Ah, um ſo beſſer,“ antwortete ſie mir, „dann darf ich auf das Vergnuͤgen hoffen, ihn recht bald bei mir zu ſehen.“ Regina ſagte dies nicht gerade mit verſtellter Gleich⸗ giltigkeit, ſondern mit einem Tone, der zuruͤckhaltend ge⸗ nug war, um die Aufregung, welche ihr der Gedanke ver⸗ urſachte, bald nun den Capitain wieder zu ſehen, zu ver⸗ bergen. Auch habe ich geſtern bemerkt, daß ſie zerſtreut, nachdenkend, unruhig war; ſie klingelte einmal nach mir, ich kam, und da ſie wahrſcheinlich unterdeß den Befehl ver⸗ geſſen hatte, den ſie mir geben wollte, ſo ſagte ſie zu ſich ſelbſt: „Was wollte ich denn?“ und ſetzte dann hinzu: „Ah, ſagen Sie dem Portier, daß ich dieſen Morgen Beſuch an⸗ nehme.“ Dieſer Befehl ſetzte mich in Verwunderung. Regina mußte wiſſen, daß der Capitain Juſt, des Anſtands wegen, ſie weder bei ſeinem erſten noch zweiten Ausgang beſuchen werde. In den Augen der Welt, welche die wahre Urſache des Duells nicht kannte, wuͤrde dieſer Eifer eine zu große * — 159 — Vertraulichkeit angezeigt haben, waͤhrend Regina in dem Eifer dieſes Beſuchs auch eine zarte Eile Seiten des Capi⸗ tains finden konnte, den Ausdruck des Dankgefuͤhls, den er verdient, von ihr zu erhalten. Deſſenohngeachtet war ich uͤberraſcht, daß Regina, ohne an dieſem Tage den Capitain zu erwarten, doch ihre Thuͤr gleichgiltigen Perſonen öffnete, deren Gegenwart ihr in Mitten ihrer Befangenheit unerträglich ſein mußte. Uebrigens habe ich ihre Befehle erfuͤllt und ihr nach und nach gemeldet: den Herrn Baron d'Erfeuil, den der Fuͤrſt eben ſo dumm, als ſchoͤn fand, den Grafen d'Harvil⸗ liers, einer Art von Koloß mit eherner Stimme, der ſich bitten laͤßt, Schaͤferlieder zu ſingen, und endlich Herrn Du⸗ molard, den enormen Bruder der Madame Wilſon. Die Fuͤrſtin klingelte mir, um mir, kurze Zeit, nach⸗ dem der letzte Beſuch eingetreten, zu befehlen, Holz herbei⸗ zubringen. Ich ſtaunte, die Unterredung ſehr lebhaft zu finden, und zu ſehen, wie Regina mit leicht gerötheten Wan⸗ gen, voll Waͤrme von einer, ſo viel ich urtheilen konnte, ſehr unbedeutenden Sache ſprach. Ohnſtreitig die Einſamkeit ſcheuend, wollte Regina bis morgen ſich betaͤuben, oder die Zeit todten, bis morgen, wo ſie auf eine, fuͤr ſie ſo wichtige Zuſammenkunft mit dem Capitain Juſt, hoffte. Ich taͤuſchte mich nicht; nach 10 Minuten wurde ich durch die Klingel der Furſtin wieder herbeigerufen. Ich öffnete die Portiere und hoͤrte noch den ſchönen d'Erfeuil mit lispelnder Stimme ſagen: — 160 — „Wahrhaftig, Prinzeſſin, ſie ſind unendlich gutig, dieſe Impromptuͤ von kleinem Schauſpiel und Abendeſſen ſo freundlich anzunehmen.“ „Ich nehme es an“, ſagte die Fürſtin, „aber unter der Bedingung, daß Madame Wilſon mit mir kommen kann, denn der Fuͤrſt dinirt dieſen Abend nicht'zu Hauſe.“ In dem Augenblicke, wo ich eintrat, rief Herr Du⸗ molard: „Ich ſtehe fuͤr meine Schweſter, ſie hat dieſen Abend nichts zu thun ich will es ihr vorher ſagen und ſie wird auf Sie warten, Frau Prinzeſſin, ſo wie ich auch den Eh⸗ renhuͤter fuͤr Sie Beide abgeben werde. Ah! Sie befehlen alſo meinen Wagen nicht? Es entzuͤckt mich, meinen Wagen zu geben, das iſt mein Steckenpferd, ha, ha!“ „Sie ſind zu guͤtig,“ antwortete die Fuͤrſtin laͤchelnd, und ſagte dann zu mir: „Beſtellen Sie meinen Wagen um halb ſieben Uhr.“ Als ich eben fortging, ſagte der ſchoͤne d'Erfeuil zur Fuͤrſtin: „Dieſe Melodramen ſind doch ungeheuer dumm ... aber gleichviel, ich ſehe gern Alles, ich.“ Und dabei laͤchelte der ſchone junge Mann mit boshaf⸗ ter Miene. Ich liebe es dagegen,“ ſagte der dicke Dumo⸗ lard, „erſt in der Halfte anzukommen: — das wirkt dann wie eine Charade, man ſucht das Wort bis zu Ende, d — 161 — Ungluͤcklicherweiſe verlor ich, da ich mich immer weiter entfernte, den Schluß dieſer ſchoͤnen Bemerkung. 84 Es iſt doch ſonderbar, dachte ich, mich zuruͤckziehend, mir iſts, als hätte ich andre Dinge zu ſagen, wenn ich die Ehre genoͤſſe, im Salon der Fuͤrſtin von Montbar aufge⸗ nommen zu ſein. Die Fuͤrſtin kam um 1 Uhr fruͤh zuruͤck. Ihre Phy⸗ ſiognomie war nicht traurig und niedergeſchlagen, wie ich ſie oft von Bäͤllen hatte zuruͤckkommen ſehen. Sie war nach⸗ denkend, uͤberlegend, faſt finſter. Kein Zweifel! Regina hatte durch die Annahme dieſer Schauſpielparthie eine erzwungene Zerſtreuung von ernſten, 6 6 Gedanken Geſtein peh⸗ mir eine hnung hn daß der Cayi⸗ tain Juſt heute kommen werde, und ich hatte mich nicht getaͤuſcht. Dieſen Morgen, nachdem ich ihr den Thee ſervirt hatte, ſagte Regina mit dem natuͤrlichſten Tone von der Welt zu mir: „Sie werden dem Portier ſagen, daß ich fuͤr Niemand zu Hauſe bin, als fuͤr Herrn d'Erfeuil ... Herrn Dumo⸗ lard . . Herrn d'Hervilliers, wenn dieſe kommen ſollten.“ Ich war erſtaunt uͤber dieſen Befehl. Im Augen⸗ blicke, wo ich gehen wollte, ſetzte die Furſtin hinu Martin. VII. 11 3 „Auch für Herrn Juſt Clement bin ich zu Hauſe, wenn er zufaͤllig kaͤme.“ Nun begriff ich Alles. Regina hat denſelben Gedanken gehabt, wie ich, ſie iſt gewiß, daß Juſt kommen wird, und um allein mit ihm zu ſein, hat ſie ihre Thuͤr vor Jedermann verſchloſſen, außer vor drei Perſonen, die, da ſie geſtern hier geweſen, gewiß heut nicht wiederkommen werden. Ich errieth auch, daß Juſt aus einem ungemein zar⸗ ten Bedenken, die Fuͤrſtin nicht hatte erſuchen laſſen wollen, ihn wie ſonſt zu einer beſondern Stunde anzunehmen. Eben deshalb, weil Regina ihm ſeit dem Duelle ſo viel ſchuldete, furchtete er ohne Zweifel auch nur den mindeſten Vorzug von ihr zu erbitten. Gegen 2 Uhr hoͤrte ich an der äußern Thier des Ho⸗ tels halten, ohnſtreitig einen beſcheidenen Fiaker, denn nur die Karoſſen fuhren in den Hof ein, da Herr Romarin, der Portier, ſich ſtreng an dieſe Anweiſung hielt. Ich trat an ein Fenſter des Vorzimmers, hob die Vorhaͤnge etwas auf und ſah den Capitain uͤber den Hof gehen, nachdem er ſich wahrſcheinlich beim Portier erkundigt hatte, ob die Fürſtin zu ſprechen ſei. „Guten Morgen, Martin,“ ſagte er herzlich zu mir beim Eintreten. „Guten Morgen, mein Freund .. Kann mich die Frau Prinzeſſin annehmen?“ „Ja, mein Herr.“ So ging ich ihm denn in den Saal voraus, der das Gemach, wo ich mich gewoͤhnlich aufhalte, vom Sprach⸗ zimmer der Furſtin trennt. Ich öffnete einen Vorhang der Portiere und meldete ihr: „Herr Capitain Juſt!“ Regina ſaß. Sie ward ein wenig roth und wendete ſich dann zu Juſt, dem ſie lebhaft die Hand entgegenſtreckte und mit geruͤhrter Stimme ſagte: „Wie gluͤcklich bin ich, Sie wiederzuſehen, Herr Juſt!“ Ich ließ nun den Vorhang wieder fallen und zog mich mit gebrochnem Herzen zuruͤck, indem ich langſam durch den Saal ging, wo ich noch haͤtte hoͤren koͤnnen ... aber ich hatte keinen Gedanken daran .. ich hätte zu viel gelitten! So ſetzte ich mich denn traurig vor den Tiſch, wo ich gewöhnlich ſitze und verbarg das Geſicht in die Haͤnde. „Was werden ſie ſich ſagen?“ dachte ich mit Bit⸗ terkeit. Juſt hatte mit außerordentlichem Takte die Klippe des Armes in der Schaͤrpe vermieden, eine laͤcherliche Vor⸗ ausſetzung, uͤber welche der Fuͤrſt ſich im Voraus ſo ergötzt hatte. Ein wenig Steifheit in den Muskeln, die ſich aus der Art verrieth, wie der Capitain ſeinen Hut in der Hand hielt, war die einzige ſichtliche Spur ihrer Verwundung. Er iſt mir vielleicht nie ſchoͤner vorgekommen, als heut in jener zugleich männlichen und ſanften Schoͤnheit, die ihn auszeichnet. Seine kurzen kaſtanienbraunen Haare wie 11 * „ Augenbrauen, ſeine blauen, großen, ſchoͤn geſchnittenen Augen, ſeine breite, geiſtreiche, ruͤhmlich vernarbte Stirn, ſeine bleiche Geſichtsfarbe, ſein faſt blonder Schnurbart, ſein anmuthiges und feines Lächeln, ſein ſtarkes Kinn, ga⸗ ben ſeinen Zugen einen ſeltnen Charakter von Kraft und Offenheit. Viel größer als der Fuͤrſt, beſaß ſeine Haltung ohne die militairiſche Steifheit etwas Gewiſſes, Feſtes, Ge⸗ haltnes, welches die Gewohnheit, Uniform zu tragen, ver⸗ leiht, im auffallenden Kontraſte mit dem, obſchon nicht un⸗ eleganten, Sichgehenlaſſen, das dem Fuͤrſten und den Per⸗ ſonen der Maͤnner nach der Mode, welche Regina zu beſu⸗ chen pflegten, eigen war. Derſelbe Kontraſt exiſtirte auch zwiſchen dem geſuchten und luxurioͤſen Anzuge des Fuͤrſten und der ſtrengen Kleidung des Capitains. Dieſe Strenge ſchloß aber deſſenohngeachtet nicht die Eleganz aus. Sein ſchwarzer, bis zu dem rothen Ordensbande, das er trug, zugeknoͤpfter Ueberrock war kurz und bezeichnete vollkommen ſeinen Wuchs, den die kraͤftige Fuͤlle ſeiner Schultern kuͤr⸗ zer und ſchlanker erſcheinen ließ. Seine dunkelgrauen Pan⸗ talons ſchloſſen ſich an einen Fuß an, der fuͤr die hohe Ge⸗ ſtalt des Capitains merkwurdig klein war. Seine Haͤnde waren ſorgfaͤltig mit ſchwarzen Handſchuhen bekleidet. Mit Einem Worte, der Fuͤrſt und er, obgleich alle Beide jung und ſchön, unterſchieden ſich eben ſo ſehr phy⸗ ſiſch als moraliſch. So war die Phyſiognomie des Fuͤrſten ruhig, gelaſſen, faſt indolent, obgleich ein Wenig hochmuͤ⸗ thig; an ſeiner leichten, ſorgloſen Haltung erkannte man ⸗ ſchnell den eleganten Muͤſſiggänger, deſſen Leben leicht, glucklich, unabhaͤngig, ohne Kampf, ohne Sorge, ohne ſtrenge Pflichten vorubergeht, waͤhrend die faſt ſteife Hal⸗ tung des Capitain Juſt und die maͤnnlichen, ſchon durch Muͤhen und Gefahren im Kriege, wie durch tiefes Stu⸗ dium ſcharf ausgepraͤgten Zuͤge, im Gegentheil, Gewöhnung an Arbeit, Pflicht und Subordination, und eben dadurch an ſtrenge Autorität, anzeigten. Sonderbar .. dieſe genaue Vergleichung zwiſchen dem Aeußern und dem Verdienſte des Capitain Juſt und des Fuͤrſten, waren alle die Ideen, die mich waͤhrend der Un⸗ terredung zwiſchen Regina und Juſt zuerſt beſchaͤftigten; dann fuhrten ſie zu der demuͤthigendſten, eiferſuͤchtigſten, ſchmerz⸗ lichſten Vergleichung zwiſchen mir und dieſen beiden Män⸗ nern, die mit ſo vielen Anſpruͤchen ſich vielleicht um Regina ſtritten, während ich. . . . . . Oh, mein Gott! Was habe ich waͤhrend dieſer Unter⸗ redung gelitten! um halb 4 Uhr trennten ſie ſich. Ich hatte mich zu großen Anſtrengungen an Beobachtung und Scharfſinn vorbereitet, um zu errathen zu ſuchen, in wel⸗ cher Stimmung ſich der Capitain bei dieſem Abſchiede befinde. Ich haͤtte mir dieſe Vorbereitungen erſparen können. Män⸗ ner von der Art des Capitains ſuchen ſelten ihre Erſchutte⸗ rung zu verbergen und es gelingt ihnen auch nicht. Als — 166 — er aus Regina's Zimmer trat, waren ſeine Zuge verändert, er ſchien noch der Macht eines tiefen, ſchmerzlichen Mitleids zu erliegen, denn er konnte einen Seufzer nicht zrtern gen, als er mir ſagte: „Adieu .. Martin.“ Er betonte dieſes Adieu ſo beſonders, daß ich mich nicht enchalten konnte, ihm mit einer Art Vertraulichkeit zu ant⸗ worten, welche mein vormaliger Aufenthalt in dem Hauſe ſeines Vaters rechtfertigte: „Aber ich hoffe doch wenigſtens auf baldiges Wieder⸗ ſehen, Herr Juſt.“ Er ſchuttelte traurig den Kopf und antwortete „Nicht auf ſo baldiges.“ „Wie denn ſo, Herr Juſt?“ „Ich reiſe morgen zu meinem Regimente nach Metz“ „Was? So bald?“ „Ja. .. . Aber noch eins, Martin, Sie wiſſen, daß Sie auf mich rechnen koͤnnen, wie vordem auf meinen ar⸗ men Vater, in welcher Lage Sie ſich auch befinden moͤgen, vergeſſen Sie das nicht.“ „Ich werde mich immer an die Wohlthaten Ihres Herrn Vaters und an die Ihrigen erinnern, Herr Juſt.“ „Uebrigens befinden Sie ſich hier vortrefflich, nicht wahr?“ „Ja, Herr Juſt ich befinde mich ſehr gut.“ „Das glaube ich .. Sie haben eine vortreffliche Herr⸗ — 167 — ſchaft. .. Apropos,“ begann er dann wieder, Sie, ob der Finſt zu ſprechen iſt?“ „Nein, Herr Juſt, er iſt eben ausgefahren. 4 „Nun denn,“ ſagte er und zog muͤhſam ein kleines Portefeuille aus der Taſche, da ihn ſeine Verwundung ohn⸗ ſtreitig dabei ſchmerzte; „geben Sie gefaälligſt bei dem Fuͤr⸗ ſten dieſe Karte ab .. .“ und damit bog er die eine Ecke ein „und ſagen Sie ihm, daß ich es ſehr bedaure, nicht die Ehre haben zu koͤnnen, Abſchied von ihm zu nehmen.“ „Ich werde es nicht unterlaſſen, Herr Juſt,“ ſagte ich und nahm die Karte. „So leben Sie denn wohl, mein Freund,“ verſetzte nun herzlich der Capitain. Ich trat ans Fenſter, ſah ihn langſam über den Hof gehen, während des Augenblicks, wo er wartete, daß man die? roͤffne, wendete er ſich um, ohnſtreitig mit ſeinem Blicke Regina's Fenſter ſuchend.. Dann öffnete und ſchloß ſich die Thuͤr hinter ihm. Ich bin uͤberzeugt, daß der ſchallende Ton dieſes Schließens ſchmerzlich in Re⸗ gina's Herzen widerhallte. Der erſte Eindruck, den die Nachricht von Juſt's Ab⸗ reiſe auf mich machte, war eine egoiſtiſche, grauſame Freude. Der Tag war ſehr trube, es hatte vier Uhr geſchlagen, die Stunde, wo ich der Fuͤrſtin gewoöhnlich Licht brachte. An⸗ fangs zögerte ich damit, im Gefuͤhle, daß Regina bedurfen muͤßte, allein zu ſein, daß dieſes Halbdunkel mit der Schwer⸗ muth ihrer Gedanken uͤbereinſtimme. Ich war gewiß, daß — 168 — in dieſem Augenblicke meine Gegenwart ihr eben ſo unan⸗ genehm ſein wurde, als eine ploͤtzliche Helle. Aber ich gab meiner boshaften Neugier nach, die ich dadurch vor mir ſelbſt verheimlichen wollte, daß ich ſie der Theilnahme, die mir Regina einfloͤßte, zuſchrieb. Ich nahm die porzellanene Lampe, die ich gewöhnlich brachte, öffnete vorſichtig die Thuͤr des erſten Salons, deren Geraͤuſch ihre Aufmerkſam⸗ keit erweckt haben wuͤrde, und hob, mit leiſen Schritten auf dem Teppich vorſchreitend, die Portiere, ehe Regina meine Annäherung gewahr worden war. Bei der blendenden Helle, welche ploͤtzlich in das Sprachzimmer drang .. ſah ich Regina in ihrem Seſſel ausgeſtreckt, ihr Geſicht mit Thraͤnen uͤberſtroͤmt. Aber ſogleich auch wendete ſie ſich kurz nach dem Kamine zu, ohn⸗ ſtreitig um mir ihre Thraͤnen zu verbergen, n erregter Stimme: „Dieſes Licht iſt unertraͤglich! .. Wer hat Ihnen geklingelt?““ „Es iſt die Zeit, wo ich der gnädigen Frau immer die Lampe bringe.“ „Gut!... Nehmen Sie ſie wieder mit fort.. .. Brin⸗ gen Sie mir ſie erſt, wenn ich ſie verlangen werde.“ Behntes Rapitel. Martin's Tagebuch. (Fortſetzung.) 6. Maͤrz 18.. Da bin ich denn von der kurzen Reiſe Regina's, um, wie gewoöhnlich, das Grab ihrer Mutter am Jahrestage ihres Todes zu beſuchen, zuruͤck. 3 liette und ich haben die Fuͤrſtin begleitet. Der Wagen fuhr vor dem ſteinernen Kreuze vorbei, wo ich vor⸗ dem den blutigen kleinen Shawl Basquinens nach unſrer Trennung fand. Welche Erregung, als ich wieder in das Dorf kam, wo meine erſte Jugend bei Claude Gerard verfloſſen war! Welche Erinnerungen beim Anblicke dieſes demuͤthigen Kirchhofes, wo ich zum erſten Male Regina noch als Kind ſah! Welches Loos iſt das meine! dahin zuruͤckzukehren . mit ihr. . nach ſo vielen Jahren! Unkraut umrankte den Grabſtein, der Wind hatte die kleine ehemals von mir aufgerichtete Schutzwehr, um Regina, wenn ſie dort zu beten komme, vor der Ungunſt der Wit⸗ terung zu ſchuͤtzen, umgeſtuͤrzt. Sie zeigte ſich uber ſo viele Unachtſamkeit ſchmerzlich betrubt, und eben ſo verwun⸗ dert als empoͤrt, ihre Abſichten ſeit drei Jahren ſo ſchlecht ausgefuͤhrt zu ſehen, waͤhrend ehemals, wie ſie ſagte, das Grab ihrer Mutter ſtets mit frommer Sorge gepflegt, und mit Blumen und Gebuͤſchen umkraͤnzt worden ſei. Ach! Regina durfte nie erfahren, daß ehemals ich es war, der ſich mit Liebe dieſer frommen Pflicht unterzog. Sie ſendete mich zu dem Geiſtlichen, um ihre Klagen dort vorzubringen, denn ſie war alle Bedingungen, wegen der Unterhaltung des Grabes ihrer Mutter, eingegangen. Der vormalige Feind Claude Gerards erkannte mich nicht wieder, er entſchuldigte ſich ſchlecht, und gab mir den ſon- derbaren Grund an, daß er jetzt nicht mehr wie on einen Lehrer zu ſeinen Dienſten habe, um fuͤr den Kirchhof zu ſorgen, da eine Schule der Ordensbruder ſeit 18 Mona⸗ ten die Gemeindeſchule hier erſetze. Der Geiſtliche hatte ſeinen Zweck erreicht.. der Leh⸗ rer der Landleute, der Franzoſe, war verdraͤngt worden .. die myſteriöſen Werkzeuge Roms hatten ſich auch der Erzie⸗ hung dieſer armen Gemeine bemaͤchtigt. Regina hatte mir anbefohlen, die Summe, welche ſie jaͤhrlich bezahlte, zu verdoppeln, ja zu vervierfachen, unter der Bedingung, daß dieſes Grab kunftig mit der größten Sorgfalt unterhalten werde, der Geiſtliche hat aber ſein Gewiſſen bedacht, und ſich blos die doppelte Summe, aber — — im Voraus bezahlen laſſen. Die ſchönſten Verſprechungen haben ihm nichts gekoſtet.... Sie werden eitel ſein. eine Miethlingshand wird nie dns thun, was ich ſeit ſo vielen Jahren that. Wie ſind nun wieder zuruͤck. Zwei Briefe des 6wpi⸗ tain Juſt warteten auf die Fuͤrſtin, denn ſie unterhielten eine fortgeſetzte Correſpondenz. 20. April 18.. Himmelsfteude!.. ich bin, wie ich hoffe, auf dem Wege der Ehrenrettung von Regina's Mutter. Ich habe endlich die aus dem Grabe genommenen Briefe zum Theil leſen koͤnnen. Dank meinem einſamen und anhaltenden Studium der deutſchen Sprache, das ich ſeit meinem Eintritte in das Hotel Montbar mit Eifer wieder vorgenommen. . .. Ich errathe, ich ahne einen Theil der Wahrheit, die noch halb in Geheimniß gehuͤllt. Irre ich mich nicht, ſo war Regina's muthige Mutter der heroiſchſten, erhabenſten Hingebung aus Freundſchaft faͤhig! 12. Mai 18. Die naͤchtlichen Abweſenheiten des Fuͤrſten werden im⸗ mer haͤufiger. Nach vielen Nächten, die ich vergebens am Fenſter eines unbewohnten Zimmers durchwacht hatte, von ¹ — 172 — wo aus man in die Allee blicken kann, die zu der kleinen Gartenthur geht, habe ich zwei Mal den Fürſten in einen Mantel gehuͤllt zuruͤckkehren geſehen. Der gute alte Louis, der ohnſtreitig an einem beſtimmten Orte auf ihn wartete, unterſtutzte ihn. Der Fuͤrſt gelangt dann durch ein Oran⸗ geriehaus und einen Gang, auf den eine verborgne Treppe, zu Louis Stube fuͤhrend, ſtoͤßt, in ſein welches neben jener Stube ſich befindet. Seit zwei Monaten ſcheint die Geſundheit des Furſten zu leiden, vielleicht in Folge ſeiner ihn herabwuͤrdigenden Ausſchweifungen. Er dinirt jetzt ſelten mit der Fürſtin, und giebt haͤufige Unpäßlichkeiten vor, um auf ſeinem Zim⸗ mer zu ſpeiſen. Er iſt düͤſter, ſchweigſam und vernachläſſigt ſich, er, der ſonſt ſo viel auf ſeine Toilette hielt. Der Briefwechſel zwiſchen der Fuͤrſtin mit dem Capi⸗ tain Juſt dauerte fort. Noch dieſen Morgen habe ich einen Brief Regina's fortgetragen, den ſie ihm bei ſeinem Regimente zuſchickte. Lange habe ich dieſen Brief in der Hand gehalten, ihn mit einem ſchmerzlich gepreßten Herzen und bittrer Neugier betrachtend. Einen Augenblick lang ſtand ich auf dem Punkte, einen ſchändlichen Mißbrauch des Vertrauens zu begehen. Gluͤcklicherweiſe widerſtand ich. — 5 — Gleichviel! ich weiß, daß ſie ſich lieben. Sich lieben! Ol was habe ich gelitten. o! was leide ich bei dieſem Gedanken! Muth! Muth! armes, bedraͤngtes Herz! Die Ent⸗ wickelung von Regina's Leidenſchaft naht, wie es auch aus⸗ falle, dieſe Begebenheit wird fuͤr die Zukunft der Fuͤrſtin entſcheidend ſein. . . . Bei dieſer Kriſis, der wichtigſten ihres ganzen Lebens, kann ich vielleicht ihr noch nuͤtzlich ſein. .. Iſt ihr Schickſal einmal beſtimmt, ſo werde ich meine Pflicht vollendet haben. 10. Juni 18.. Ich hatte dieſen Morgen eine Begegnung, die mich geruͤhrt hat, denn ſie verſetzte mich weit in die Vergan⸗ genheit. Ich ſchlenderte laͤngs des Quai d'Orſay hin, der in dieſem Augenblicke ſehr einſam war. Ein bleicher, magrer Mann mit ungepflegtem Barte und von merkwuͤrdiger Haͤßlichkeit, in Lumpen gekleidet, aber mit ſanfter und furchtſamer Miene, ſtreckte zitternd die Hand nach mir aus. Er hatte große Thraͤnen in den Augen, und ſagte gun leis mit erloſchner Stimme zu mir: „Mein Herr. mein Herr. erbarmen Sie ſi gůtigſt!“ Seit ich die Beaͤngſtigungen eines ſchuͤchternen und rechtlichen Mannes empfunden habe, der dahin gebracht 174 worden, die Hand auszuſtrecken, bin ich gegen ſolche trau⸗ rige Bitten nie gleichgiltig. Ich ſuchte in meiner Taſche nach kleiner Muͤnze, und als ich eine ſolche dem armen Manne in die Hand legte, und ihn naͤher betrachtete, durch⸗ bebte mich ſeine merkwuͤrdige und dazu lächerliche Haͤßlich⸗ keit. Tauſend Erinnerungen wachten auf in meinem Geiſte und ich rief aus: „Leonidas Haifiſch!“ Er war es.. .. Der arme Leonidas! Welche Freude! Er ſah in mir ſiten Retter; ich gab ihm ſehr wenig, aber doch ſo viel, um damit auf acht Tage ein kleines Stuͤbchen zu bezahlen, und während dieſer Zeit vor Hunger geſchuͤtzt zu ſein. Ich beſitze einige Kleider, die ihn anſtaͤndig beklei⸗ den werden, und will ſuchen, Mad. Aſtarte fuͤr ſein Schickſal zu intereſſiren, die allmaͤchtige des Miniſters. „Nachdem ich Fiſchmenſch geweſen war, und ſo elend gelebt hatte, als ich Dir kurzlich erzählt, mein guter Mar⸗ tin,“ ſagte er zu mir, nach einer ſehr langen Unterredung, „ſiehſt Du wohl, daß ich jede Stellung annehmen werde, welche es auch ſei, wenn ſie mir nur ein Dach, ein Kleid und Brot giebt“ Und als ich von einer Stelle als Aufwärter in einem Bureau mit ihm ſprach, vielleicht gar als Gerichtsdiener, lächelte der wuͤrdige Univerſitats⸗Laureat melancholiſch mit zweifelhafter Miene und ſagte: — — „Warum nicht gar Großmeiſter der taͤt ſo auf der Stelle?“ Ich ging in das Juſtizminiſterium. Aſtarte war nicht da. Ich werde wieder kommen. Sie muß mir durchaus Leonidas anſtellen. 17. Juni 18.. Unter den Journalen, welche man im Hotel hält, lieſot die Fuͤrſtin gewöhnlich das Journal des Debats. Nicht lange nach Regina's Abreiſe, fand ich dieſes Blatt bei ihr. Ohngefähr eine halbe Spalte fehlte. Sie war mit der Scheere herausgeſchnitten. Ueber dieſen Umſtand ſehr ver⸗ wundert, trat ich, als ich eben in einigen Auftraͤgen der Fuͤrſtin ausging, in ein Leſecabinet, ließ mir das Jour⸗ nal des Debats geben, und Folgendes ſtand an der Stelle, welche Regina aus dem Exemplare des Hotels herausge⸗ — hatte. Man lieſ't in einer Zeitſchrift folgende welche wir 1 beeilen hier wieder abzudrucken: „Man hat die heldenmuͤthige Waffenthat nicht vergeſ⸗ ſen, welche im Jahre 1831 in unſrer afrikaniſchen Armee ſolchen Anklang fand. Ein Lieutnant des erſten Regiments vom Genie, der mit 25 Soldaten in einem Marabout ſich befand, vertheidigte ſich mit unglaublicher Unerſchrockenheit drei Tage und eine Nacht gegen den Angriff von zwei⸗ bis dreihundert Kabylen. Zweimal wagten dieſe einen Sturm, und zweimal wurden ſie, durch den heldenmuͤthigen Lieut⸗ nant an der Spitze ſeiner kleinen, durch ſeine Kuͤhnheit und ſein Beiſpiel begeiſterten Schaar zuruͤckgewieſen. Obgleich von einem Saͤbelhiebe an der Stirn und einer Kugel in der Schulter verwundet, zog ſich der unerſchrockne Offizier zuletzt von der Mauer zuruͤck, wie er der erſte geweſen, der ſich auf ſie geſtuͤrzt hatte. Bei dieſem Kampfe wurden ſechs Soldaten getoͤdtet und drei andere ſchwer verwundet. Am Abende des zweiten Tages fehlten Munition und Le⸗ bensmittel den Belagerten. Als die Nacht eingebrochen, zuͤndeten die Araber ihre Feuer an, und lagerten ſo wie Tags zuvor um den Marabout, darauf rechnend, dieſe Hand voll Soldaten durch Hunger zu zwingen. Der Lieutnant, entſchloſſen, einen Ausfall zu wagen, und ſich durch die Araber durchzuſchlagen, ließ ſeine Soldaten zuſammenkommen, ließ ſie ſchworen, die drei Verwundeten, die unbarmherzig maſſakrirt worden wären, nicht zu verlaſſen, und elektriſirte ſeinen kleinen Haufen ſo ſehr, daß um Mitternacht der Ausfall geſchah. Es war ein furchtbarer Kampf mit blan⸗ ker Waffe, aber durch die Finſterniß der Nacht, durch den bewundernswerthen Muth dieſer Ingenieurſoldaten, von de⸗ nen fuͤnf noch blieben, durchbrachen die ubrigen eilf und ihr Offizier das Lager, und retteten noch zwei Verwundete von den dreien, die ſie mitgenommen hatten. Während der Nacht, welche ihre Flucht beguͤnſtigte, verband ſich der Offizier mit den Soldaten, um abwechſelnd einen Sergeant zu tragen, dem er ſehr anhing. Mit Tagesanbruch hielt — 177 — ſich die kleine Schaar zuſammen, denn ſie erwartete, ver⸗ folgt und umzingelt zu werden, gluͤcklicherweiſe aber ſtieß ſie auf zwei Infanterie⸗Bataillons, die nach Oran mar⸗ ſchirten. Dieſer unerſchrockene Offizier nannte ſich Juſt Clement. Schon auf dem Schlachtfelde wegen einer aus⸗ gezeichneten Waffenthat dekorirt, iſt er fuͤr dieſe neue zum Capitain ernannt worden. „Aber der Capitain Juſt Clement, der Sohn des be⸗ ruͤhmten Doctor Clement, iſt nicht blos ein unerſchrockner Soldat, ſondern auch einer der ausgezeichnetſten Gelehrten. Er iſt im vergangenen Jahre zum Mitgliede der Akademie der Wiſſenſchaften in der mathematiſchen Section durch die Majoritaͤt ernannt worden, auch ſoll er eben, wie man uns verſichert, eine vortreffliche Entdeckung gemacht haben, welche die Arbeiter in den Minen kuͤnftig vor einer der groͤßten Gefahren ſchuͤtzen wuͤrde, denen ſie bei ihren ſo ſchweren Arbeiten unterworfen. Man ſieht, daß es wenig Laufbah⸗ nen giebt, die ein ſo edles Streben, wie das des Capitain Clement zeigen. Nicht damit zufrieden, mehre Male ſein Blut auf dem Schlachtfelde vergoſſen zu haben, obgleich noch ſehr jung, doch einer der beruͤhmteſten Repräſentanten der Wiſſenſchaft zu ſein, hat er ſich nun einen neuen An⸗ ſpruch auf die oͤffentliche Theilnahme durch eine Entdeckung erworben, welche Tauſende von Arbeiten, die ohnedies ſchon dem haͤrteſten und muͤhevollſten Daſein gewidmet ſind, vor furchtbarer Gefahr ſchutzen ſoll.“ Martin. vIII. 12 — 178 — Ich begriff, mit welcher Freude, mit welchem Stolze Regina dieſe fuͤr Juſt ſo ſchmeichelhaften Zeilen hatte leſen muͤſſen. Als ich maſchinenmäßig eine andre Zeitung durchlas, ſielen meine Augen auf folgende Zeilen, die ich auch aufge⸗ ſchrieben habe. „Man ſchreibt uns aus ***. (Der Hauptſtadt eines nördlichen Reichs.) „Am 8. dieſes Monats hatte auf dem Hoftheater eine Vorſtellung ſtatt, deren Andenken fuͤr lange nicht in dem Gedachtniſſe derjenigen erloͤſchen wird, die das Gluͤck hatten, dieſer dramatiſchen Feierlichkeit beizuwohnen. „Die beruͤhmte Basquine, dieſe bewundernswerthe lyriſche Tragödin, welche wir das Gluͤck gehabt haben, bei unſrer königl. Oper zu engagiren, als ſie aus Italien zu⸗ ruͤckkam, dieſe beruͤhmte Basquine errang in der Armide von Gluck, welche ſie in Gegenwart Ihrer Majeſtaͤten, der königlichen Familie und des ganzen Hofes darſtellte, einen jener betaͤubenden Triumphe, welche Epoche machen. Nie hat noch in dieſem Lande ein heimiſcher oder fremder Kuͤnſt⸗ ler ſo allgemeine Bewunderung erregt. „Der Koͤnig verließ während dieſer Darſtellung mehr als nn ſeine Loge, um der großen Kuͤnſtlerin ſelbſt die Bewunderung zu bezeugen, die ſie ihm einflößte, und nach dem letzten Stuͤcke des zweiten Akts gab unſre huldreiche Monarchin einem unwiderſtehlichen Enthuſiasmus nach, und warf einen Blumenſtrauß auf die Buͤhne. Dem Beiſpiele — 4 — Ihrer Majeſtät folgten alle Damen des Hofes, und ein Berg von Blumenſtraͤußen erhob ſich um die berühmte Basquine. Nicht zufrieden noch damit, ihr dieſen ſo ſchmeichelhaften Beweis hoher Bewunderung gegeben zu haben, wollte unſee erhabene Monarchin der goͤttlichen Saͤn⸗ gerin ſelbſt etwas Verbindliches ſagen, und als eine außer⸗ ordentliche, in den Theaterannalen unerhoͤrte Ehre ließ der Konig Mamſell Basquine von der Bühne in die koͤnigliche Loge fuͤhren, wo die Majeſtäten wie die koͤniglichen Prin⸗ zeſſinnen und Prinzen ſich draͤngten, die Kundgebungen ihres Enthuſiasmus mit denen ihrer hohen Eltern zu ver⸗ einen. Endlich band ſogar Ihro Majeſtät die Koͤnigin ein praͤchtiges Collier von Juwelen von ihrem eignen Halſe, und legte es um den Hals der großen Kuͤnſtlerin. Dieſe beugte in einem Gefuͤhle der Verehrung und ausgezeichneten Anſtands das Knie anmuthig vor unſter gnädigſten Fuͤrſtin, als ſie eine ſo hohe Gnade aus koniglicher Hand empfing. „Dieſe ruͤhrende Scene, welche, ſo zu ſagen, vor den Augen des ganzen Saales ſich ereignete, wurde durch ein⸗ ſtimmigen Beifallsruf aufgenommen, den die hohe Gegen⸗ wart der Majeſtaͤten nicht zuruͤck draͤngen konnte, und der ſich ubrigens eben ſo ſehr auf die unnachahmliche Kuͤnſtlerin als auf die Majeſtaten bezog, die dem Talente, dem Genie einen ſo ausgezeichneten Beweis königlicher Bewunderung ſchenkten. „Wir brauchen nicht erſt anzufuͤhren, daß die vor⸗ nehmſten Kreiſe unſrer Hauptſtadt, ſich um die ſeltnen und 12* „ — 180 — koſtbaren Augenblicke ſtreiten, uͤber welche die beruͤhmte Sängerin zu ihren Gunſten gebieten kann. Die groͤßten Damen, die großten Herren beeifern ſich, ihre Salons der großen Kuͤnſtlerin zu öffnen, die uͤbrigens mit dem Genie der Anmuth und einer blendenden Schönheit die vortreff⸗ lichſte Erziehung, das feinſte Benehmen und vorzuͤglich ſo viel Zuruͤckhaltung und Wuͤrde verbindet, daß dieſe vollkom⸗ men beweiſen, es beſitze die beruͤhmte Kuͤnſtlerin das Be⸗ wußtſein deſſen, was man ihrem Genie ſchuldet, wie das Gefühl deſſen, was ſie den erhabenen Perſonen ſchuldig iſt, die ſo viele Beweiſe ihrer Theilnahme und Bewunderung ihr ſchenken.“ So war denn alſo Basquine durch Fleiß, Unermüd⸗ lichkeit und Glauben an das Genie, das ſie in ſich fuhlte, in wenigen Jahren zu dem Ziele gelangt, nach dem ſie mit unbezähmbarer Kraft durch Elend, Noth und Hinderniſſe aller Art ſtrebte. Mein Herz huͤpfte vor Freude, meine Augen wurden feucht von Thränen beim Leſen dieſer Zeilen, welche von dem glaͤnzenden Ruhme, dem enropaͤiſchen Rufe meiner kleinen Kindheitsgefaͤhrtin ſprachen, von Basquinen, der armen Tochter des Wagners, von Basquinen, der Seil⸗ tanzerin, der Vagabondin, der Straßenſaͤngerin. Großer Gott, von ſo tief aus zu gehen, und ſo hoch hinaufzuſteigen!... und dies allein, ganz allein, eine arme — 181 — Verlaßne. .. allein.. mit welkem Herzen .. verdorbnem todtem Herzen ... noch vor dem ſechszehnten Jahre! Bei dieſem Gedanken ward meine Freude wider mei⸗ nen Willen zu Eis, ſchnuͤrte ſich mein Herz zu. Ach! mitten in dieſen Berauſchungen des Ruhmes, mitten in dieſen koniglichen Liebkoſungen iſt Basquine vielleicht doch ungluͤcklich! Dieſe Anmuth, dieſer Geiſt, dieſe Schonheit, dieſes Genie, dieſer Ruf, der jetzt in Europa wiederhallt, ſollten fuͤr Basquinen, wie ſie ſelbſt ſagte, nur furchtbare Waffen werden, um ihre Rache zu vollenden, und ſie hatte furchtbare Wiedervergeltung zu uͤben. War dies aber ſtets der geheime Gedanke Basquinens, ſo mußte das ungluͤckliche Kind, trotz des Glanzes ihrer Triumphe ein elendes Leben dahinſchleppen. Ach! die Ge⸗ danken an Rache, ja ſelbſt die geſaͤttigte Rache laſſen dem Herzen nur Trauer und Bitterkeit zuruͤck. Sollte es denn möglich ſein, großer Gott, daß die fruhzeitige Entwuͤrdigung, in welche Verlaſſenſein und Elend Basquine ſtuͤrzten, eine der ſchoͤnſten und ruͤhmlichſten Exiſtenzen, die ein Weib ſich traͤumen kann, in ihrem Keime ungluͤcklicherweiſe vergiftet habe? Wenigſtens weiß ich nun doch, wo Basquine iſt, und kann ihr ſchreiben. Als Folge dieſer Notiz uͤber las man in derſelben Zeitung: — 182 — „Bei Gelegenheit dieſer gerechten Huldigung, die man in der Fremde einer unſrer beruͤhmteſten Kuͤnſtlerinnen ſpendete, freuen wir uns, dem Publikum einen neuen Band der Gedichte des Herrn Balthaſar Roger anzeigen zu koͤn⸗ nen, der zuerſt Mlle. Basquine beſungen hat. Wir zwei⸗ feln nicht am Erfolge und dem Rufe dieſes neuen Werkes dieſes Dichters, deſſen Stelle bereits unter unſerm gefeiert⸗ ſten geſichert iſt.“ 18. Juni 18.. Was iſt das fuͤr ein Geheimniß? Seit zwei Monaten bleibt der Fuͤrſt faſt immerwaͤhrend zu Hauſe eingeſchloſſen. Ein Mann von ohngefaͤhr 40 Jahren mit ernſtem Aeußern kommt jeden Morgen, und bleibt zwei Stunden lang allein bei dem Fuͤrſten. Dann kommt er Nachmittags wieder. Mehre Kiſten mit Buͤchern ſind im Hotel angelangt. Der alte, ſonſt ſo ſorgliche und niedergebeugte Louis ſcheint immer heitrer zu werden, der Fuͤrſt ſelbſt aber ruhig und beſonnen zu ſein. Er geht ſelten aus, ſein Leben iſt be⸗ ſchaͤftigt, fleißig. Manchmal kommt er des Morgens zur Fuͤrſtin, aber dieſelbe Faͤlte ſcheint zwiſchen Beiden zu herrſchen. Man hat das Bruſtbild des Marſchalls, Fuͤrſten von Montbar, aus dem großen Geſellſchaftsſaal, wo es mit andern Familiengemaͤlden aufgehangen war, entnommen, und es in das Cabinet des Fuͤrſten gebracht. Dies war ein — 183 — Mann des Kriegs wie des Staats, eine der ausgezeichnet⸗ ſten und mit Recht gefeiertſten Perſonen ſeiner Zeit, deſſen Einfluß auf die damaligen Geſchaͤfte groß und vortreff⸗ lich war. Warum hat nur der Fuͤrſt dieſes Portrait ſeines be⸗ ruͤhmten Ahnherrn in ſein Cabinet bringen laſſen? Will er ſich durch deſſen Beiſpiel begeiſtern? Begriff er endlich die Nichtigkeit des Lebens, das er fuͤhrt? Welche Veraͤnderung wuͤrde dieſe neue Phaſe in der Exiſtenz des Fuͤrſten in ſeine Verhaͤltniſſe zu Regina bringen? Geſchieht es aus einem Gefuͤhle von Eiferſucht gegen den Capitain Juſt, deſſen Arbeiten ohnlaͤngſt öffentliche Auszeichnung erhalten haben, daß der Fuͤrſt ſich endlich ſeiner Nichtigkeit und der Lage bewußt wird, die er in der Welt einnehmen könnte und ſollte. Es muß dies der Gegenſtand tiefen Nachdenkens fuͤr mich ſein. „Was giebt denn der Fuͤrſt den ganzen Tag ſo bei ſich eingeſperrt an?“ fragte ich Louis. Der Greis ſchuttelte den Kopf mit heitrer und geheim⸗ nißvoller Miene und antwortete: „Er arbeitet.“ — — 4184 — 19. Juni 18.. Gott ſei Dank, der arme Leonidas Haifiſch iſt jetzt fuͤr das Nothduͤrftigſte geſichert. Eine Stelle als Gerichts⸗ diener war vacant, und wurde von ſehr einflußreichen Per⸗ ſonen geſucht. Aſtarte hat ſie davon getragen. Dieſes treffliche Maͤdchen meldet mir eben die Ernennung von Leonidas. 20. Auguſt 18.. Mehr als ein Monat iſt verſtrichen, ſeit der alte Louis mir ſo geheimnißvoll zufrieden mit den neuen Beſchaͤftigun⸗ gen ſeines Herrn geſchienen. Der wuͤrdige Diener wird wieder traurig. Ich habe auch bemerkt, daß ſeit kurzer geit der Mann, der ſich immer mit dem Fuͤrſten einſchloß, erſt ſeltner, und ſeit acht Tagen gar nicht mehr kam. Der Fuͤrſt hat ſeine vorherige Lebensweiſe wieder be⸗ gonnen. Er hat ſehr oft mehre Freunde zum Fruͤhſtuͤck des Morgens bei ſich, das dann bis 2 und 3 Uhr dauert. An ſolchen Tagen ſpeiſ't dann der Fuͤrſt nicht im Hotel, und kommt ſehr ſpaͤt in der Nacht nach Hauſe. Es vergehen jetzt oft mehre Tage, wo er Regina nicht ſieht. Seine naͤchtlichen Ausfluͤge werden haͤufiger als zuvor. Ich hatte mich getaͤuſcht. = 6 — 22. Auguſt 18. Ich habe die alte Suzon, die Amme des Cupitain Juſt ſo eben beſucht. Er ſoll ſelbſt bald kommen, wie ſie ſagte, und wird ein halbes Jahr in Paris bleiben. Muth, o mein Gott, Muth! 23. Auguſt 18.. Dieſen Morgen brachte ich der Fuͤrſtin einen Brief mit dem Poſtſtempel Metz. Mittags, als ich ihr den Thee ſervirte, ſagte ſie zu mir: „Sorgen Sie uͤbermorgen dafuͤr, daß alle Blumen in meinem Salon gleich in der Fruͤhe erneuert werden.“ Ich verſtand es. Sie erwartet ihn uͤbermorgen. 24. Auguſt 18.. Der Fuͤrſt iſt nach ſeiner Beſitzung Montbar um 4 Uhr fruͤh abgereiſ't. Geſtern hat er nicht im Hotel ge⸗ geſſen. Er geht alſo, ohne von Regina Abſchied genommen zu haben. Dieſe ſchnelle teiſ am Tage vor des Capitain Juſt's Ankunft? Das iſt ſonderbar! — — 25. Auguſt 18.. Ich ſage, wie ehedem Basquine ſagte: Es giebt ſon⸗ derbare Fatalitaͤten! Heute findet die Zuſammenkunft zwiſchen Regina und dem Capitain Juſt nach mehrmonatlicher Abweſenheit ſtatt. Folgendes begegnete mir dieſen Morgen. Es war herrliches Wetter, ein Wetter, das im Stande geweſen waͤre, ſelbſt die traurigſten Gemuͤther zu erfreuen. Und doch hat mir dieſe Sonne bleich, dieſer Himmel von ſo lachendem Blau grau geſchienen .. . ich habe vorgeahnet, daß der Tag fuͤr mich ſehr ſchmerzlich ſein wuͤrde. Um 7 Uhr fruh trat ich in die Gemaͤcher der Fuͤrſtin. Zu meinem groͤßten Erſtaunen fand ich ſie im Sprechzim⸗ mer, angekleidet und zum Ausgehn bereit. Nie vielleicht iſt mir Regina ſchoͤner vorgekommen. Ihre roſige Friſche ſiegte uͤber das glaͤnzende Licht der Sonne, die hell dieſes von Liebe und Hoffnung ſtrahlende Geſicht beſchien! Dieſer Teint, rein, durchſichtig und eben wie ein Spiegel, in welchem man nicht die mindeſte Falte erblickt, zeigte auch nicht den kleinſten Flecken, das leiſeſte Bluͤthchen, röthliche Strahlen durchdrangen ihn, vergoldeten ihn und machten ſeinen Glanz noch blendender. Meine Herrin war mit einer ganz morgendlichen Ein⸗ fachheit gekleidet, in ein Kleid von weißem Sommerſtoff mit tauſend blauen Streifen. Ein kleiner blaßgelb gefuͤt⸗ terter Sommerhut von roſa Taft ließ die dichten Flechten ihres ſchwarzen Haares erblicken. In dem Augenblicke wo — 4 — ich eintrat, huͤllte ſie ſich in einen leichten weißen chineſiſchen Krepp⸗Shawl. Indem ſie ſich ruͤckwaͤrts beugte und halb wendete, um dieſen Shawl uͤber die Schultern zu ziehen, verlieh dieſe Bewegung ihrem Wuchſe einen ſo wolluͤſtigen Reiz, daß ich trotz meines Entſchluſſes dieſe gefaͤhrlichen Bezauberungen zu fliehen, meine Augen nicht davon ab⸗ wenden konnte. „Ich will ſelbſt die Blumen bei meiner Blumenhaͤnd⸗ lerin ausſuchen,“ ſagte Regina zu mir, „ſie wurde mir ſonſt nicht ſchicken, was ich gerade wuͤnſche. Bringt man ſie vor meiner Ruͤckkehr, ſo warten Sie auf mich, um ſie zu ordnen.“ „Zu Befehl, gnaͤdige Frau.“ Und ſo ging ich ihr denn voraus, um ihr die Thuͤr zu dem Gemache zu oͤffnen, das auf die große Treppe geht. Ich ſah ſie dieſe hinabſteigen, ſchnell, leicht, befluͤgelt moͤchte ich ſagen, denn ihre kleinen, mit ſchwarzen Stiefel⸗ chen bekleideten Fuͤßchen beruͤhrten kaum die breiten Mar⸗ morſtufen. „Vielleicht eilt ſie,“ ſagte ich bebend zu mir ſelbſt, „zu einem Rendezvous, das ihr der Capitain fuͤr den Tag ſeiner Ankunft gegeben hat.“ Bei dieſem Gedanken war es mir ſelbſt, als ob eine Hand von Eiſen mir das Herz zermalme, und um dieſe Marter noch zu erhohen, malte mir meine Phantaſie alle gluͤhende Wonne dieſer Zuſammenkunft aus. Es giebt ſonderbare Fatalitäten, wie Basquine ſagte. Ich befand mich unter dem furchtbaren Zauber dieſer Viſion. Sie verſtaͤrkte Alles, was von Liebe, Haß und Eiferſucht in meinem Herzen lag, als ich hoͤrte, wie Mam⸗ ſell Juliette mich rief und mir ſagte: „Martin . . . wollen Sie ſich recht liebenswuͤrdig ma⸗ chen? ſo helfen Sie mir das Schlafzimmer der gnaädigen Frau zu beſorgen.“ „Oh, gewiß!“ antwortete ich. Und ich half Julietten mit der Entſchloſſenheit, die man oft anwendet, um ſein ungluͤckliches Schickſal zu Ende zu bringen. Niemals war ich noch in das Schlafzimmer meiner Herrin gekommen. Und heute . .. gerade heute geſchah es zum erſten Male. Um deswillen war ich nie in das Schlafzimmer der Fuͤrſtin gekommen, weil Regina mit einem, ſelbſt unter den beſterzogenſten und vornehmſten Perſonen ſehr ſeltenen Gefuͤhl der Zuruͤckhaltung, ausdruͤcklich darauf hielt, daß nur ihre Frauen den Dienſt im Schlafzimmer beſorgten, und ſelbſt das Holz fuͤr den Kamin brächten. Sie wachte ſelbſt daruͤber, daß dieſe Befehle ſtreng befolgt wuͤrden, denn außer ihrem Fruͤhausgange zu der vorgeblich gelähmten Frau und ihrem heutigen, habe ich ſie nie vor 1 oder 2 Uhr das Hotel verlaſſen ſehen. — 189 — So trat ich denn mit Mamſell Juliette in dieſes Ge⸗ mach, von dem ich manchmal das Innere ſich in dem Spie⸗ gel des Gemaldeſalons hatte widerſpiegeln ſehen. Nichts Einfacheres und folglich wahrhaft Geſchmackvolleres! Es iſt mit hellem Orange⸗Cachemir mit weißſeidenen Streifen bekleidet. Das Holz des Bettes verſchwindet unter einer dicken Wattirung von gleichem Stoffe wie jener. Nur die Vorhänge ſind von weißem, geſticktem Mouſſelin, ſo wie die doppelten Fenſtervorhange. Die Meublen, von dem fein⸗ ſten Holze, ſind von vielfarbig ausgelegter Arbeit. Das Toiletten⸗ und Bade⸗Cabinet iſt mit alt⸗perſiſchem Stoffe tapeziert, der Grund grau und große Roſenbouquets darauf. Die Badewanne iſt von weißem Marmor, ziemlich von der Wand entfernt. Ein dicker Teppich, mit verſchiedenartigen Palmen durchwirkt, bedeckt den Fußboden aller dieſer Ge⸗ maͤcher. Ich wuͤnſchte mir Anfangs Gluck, nicht allein in die⸗ ſelben getreten zu ſein, denn ich hätte fuͤr mich jene wahn⸗ ſinnigen Aufregungen befuͤrchtet, deren Schauplatz das Sprechzimmer meiner Herrin ſo oft geweſen iſt, aber bald bemerkte ich, daß es fur mich beſſer geweſen wäre, allein zu ſein, als in Geſellſchaft von Mamſell Juliette, denn aus ihrer unbefangenen, indiscreten Sprache, der Folge ihrer Gewohnheiten und Beſchäftigungen als Kammerfrau, ſog ich eine neue Marter. Dieſe mußte ich ertragen und ein ruhiges Geſicht dazu machen. „Sie ſind in der That außerordentlich liebenswuͤrdig, mit zu helfen, Martin,“ ſagte jene: „dieſer Beiſtand, den Sie mir gewähren, wird mich trefflich vorwärts bringen, denn es iſt heut der Tag der Wäſcherin, und ich hatte dar⸗ auf gerechnet, meine Waͤſche fruhzeitig aufzuſchreiben, aber die gnädige Frau klingelte mir ſo fruh. um 5 Uhr .. denken Sie ſich. ich ſchlief noch.“ „Das iſt allerdings ſehr fruͤh.“ „Nun kommen Sie, wir wollen zuerſt damit anfan⸗ gen, die Ueberzuͤge der Kopfkiſſen und das Betttuch zu wech⸗ ſeln, denn Sie wiſſen wohl nicht, daß die gnaͤdige Frau alle Morgen ihr Bett weiß und friſch haben will,“ ſagte Juliette zu mir, und gab mir eines der Kopfkiſſen, um es ſeines mit Spitzen beſetzten battiſtnen Ueberzugs zu befreien, während ſie fortſprechend daſſelbe mit dem andern that. „Wahrhaftig?“ entgegnete ich, und beruͤhrte mit zit⸗ ternder Hand dieſes feine Gewebe, auf welchem der Kopf meiner ſchoͤnen Herrin geruht hatte. „Mein Gott, ja,“ verſetzte Juliette. „Die gnädige Frau verlangt alle Tage neue Bettwäſche. Auch iſt das gar nicht zu verwundern, man wechſelt ja auch alle Tage das Hemd, nicht wahr, Martin?“ „Allerdings.“ „Und auf dieſe Art iſt die gnädige Frau ſicher, daß ihr Bett nicht auf engliſche Art gemacht wird.“ „Wie? auf engliſche Art?“ pidi „Wiſſen Sie das nicht? Wir nennen das ſo, wenn — 191 — man ſich nicht die Muͤhe nimmt, das Ferzn uͤber der Matratze wegzunehmen.“ „Ah, ich begreife.“ „Aber dann macht es fuͤrchterliche Knillen im Bette, und die gnaͤdige Frau hat eine ſo ſenſible, ſo zarte Haut, daß ſie ſelbſt die kleinſte Falte ihres Battiſthemdes unter ihrem Corſet merkt. Apropos, vom Hemde.. geben Sie mir doch dort das der gnädigen Frau von heut Nacht .. da.. am Fuße des Bettes. Ich will es zu den Kopf⸗ kiſſenuberzugen legen.“ Ich that, was Mamſell Juliette von mir verlangte. Aber als ich dieſe leichte und ſanfte Leinwand, vom Geruche der Iris und des Eiſenkrauts, welche Regina be⸗ ſonders liebte, ganz durchdrungen, ergriffen hatte, ſo krampf⸗ ten ſich mit einer unwillkuͤrlichen Bewegung meine beiden Haͤnde ſo heftig und leidenſchaftlich zuſammen, daß die Kam⸗ merfrau lachend zu mir ſagte: „Aber ſo geben Sie es doch her, Martin! Wie feſt Sie das Hemd halten!“ — „Weil ich fuͤrchtete. es fallen zu laſſen,“ ſagte ich ſtotternd. Gluͤcklicher Weiſe brach hier Juliette in ein Gelächter aus, und ſagte, ohne meine Verwirrung zu bemerken, zu mir: „Ha, ha! glauben Sie denn, daß das zerbricht, wie Glas?“ „Sie haben Recht. . aber es war wegen der Spitzen.“ „Auch die Spitzen ſind nicht ſo zerbrechlich. Ihr — — Maͤnner verſteht doch davon auch gar nichts! Jetzt nehmen Sie die Betttuͤcher weg, während ich die weißen aufbreiten will.“ Und mit bebender Hand beruͤhrte ich die ſeidne Decke und die Betttuͤcher meiner Herrin. Und doch .. . trotz der herben Wolluſt, die ich empfand, ſchien es mir eine unwuͤr⸗ dige, gotteslaͤſterliche Handlung, dieſes keuſche Bett zu ent⸗ huͤllen .. meine Hand zitterte.. aber Juliette tief mir zu: „Geſchwind, Martin, geſchiin Wir haben Eile!“ Nun nahm ich die Decke weg. Auf der Dicke der etwas feſten, mit Orange⸗Taft uͤberzogenen Matratze zeig⸗ ten leichte Eindrucke die Stelle, welche meine Herrin noch vor Kurzem eingenommen hatte .. ich kehre Julietten den Ruͤcken zu „als ich das Betttuch wegzog, heftete ich meine Lippen darauf-. meine Kniee ſchienen unter mir zu wan⸗ ke „Nun, da iſt die neue Wäſche,“ ſagte meine Gefähr⸗ tin zu mir, „drehen Sie nun gefaͤlligſt die Matratze gründ⸗ lich um, und dann wollen wir die Betttuͤcher daruber legen.“ Gleich darauf ſetzte Juliette mit einem mitleidsvollen Seufzer hinzu: „Ach! die arme Frau!“ „Von wem ſprechen Sie denn, Mamſell Zutn „Je nun. ich ſpreche von der gnaͤdigen Frau.. Sie glauben, daß, ſo ſchoͤn, ſo jung. . und ... und. .. kurz, ſo geſund, wie ſie iſt, es ihr angenehm ſin ſeit ſo langer Zeit hier allein zu ſchlafen?“ „Ah, das wufßte ich nicht.“ „Das kann man ja aber doch bald ſehen, daß der Fuͤrſt ſehr ſchlecht mit der gnaͤdigen Frau ſteht..., Schon ſeit laͤnger als einem Jahre iſt die Thuͤr, die Seiten des Herrn in dieſe Zimmer geht, verriegelt... und verroſtet!“ „Das wußte ich nicht.. wie Sie wohl glauben koͤn⸗ nen.“ „Nun ja aber wir Andern, wir wiſſen ſehr Vie⸗ es... Auch ſchwoͤre ich Ihnen, Martin, daß, wenn ich von der gnädigen Frau ſpreche, ich wohl ſagen kann: arme Frau!“ Dieſe Unterredung, in dieſem Gemach, neben dieſem Bette, that mir unbeſchreiblich weh⸗ In der Hoffnung, kurz abzubrechen, ſagte ich zu Ju⸗ lietten: „Nun iſt das Bett fertig; beduͤrfen Sie meiner noch ſonſt?“ „Ei ja wohl, wir muͤſſen ja die Badewanne noch ablaſſen! Das Ventil iſt verdorben, man muß die Schnur in der Hand behalten, damit das Waſſer ganz ablaͤuft, und ich wuͤrde damit viel Zeit verlieren.“ „Die Frau iſt ſo fruͤh ausgegangen, daß ich nicht glaubte.. „Sie habe ihr Bad genommen? Ach, verſteht ſich! Das fehlt nie! Uebrigens iſt jetze ihr Bad ſehr bald fertig. Sie nimmt es kalt. Auch, ſehen Sie, wenn ich ihr aus dieſem mit Eiſenkraut parfuͤmirten Waſſer helfe, um ihr Martin. vlMI. 13 — 194 — Irispulver auf die Achſeln zu ſtreuen. . hat ſie eine ſo friſche Haut, trotz der Waͤrme oh, ſo friſch und feſt, daß man ſagen ſollte, man greife Marmor an.“ Hy, ihr Weiberl. zenge chönt Weiber! de hr keuſch oder liebend fuͤr euern Mann oder euern Geliebten ſeid.. je mehr ihr keuſch, je mehr ihr liebend ſein werdet, deſto mehr muß euer Schlafzimmer jedem Diener undurch⸗ dringlich ſein, wo nicht, ſo wird der Beſcheidenſte wie der Roheſte wider Willen mit ſeinen Blicken, ſeinen Gedanken, ſeinen Wuͤnſchen dieſes keuſche und heilige Sanctuarium beflecken. Muͤßt ihr nicht bei dem bloßen Verdachte vor Scham roth werden vor einem ſolchen Manne? Oh, ihr wißt nicht, welche furchtbare Verirrungen eure Nachläſſig⸗ keit in dieſer Suiczütis S kann. Die Erinnerung an was in der Schuftinime Regina's vorgegangen, hatte in mir ſo viele ſchmerzliche Eiferſucht, Neid und Haß gegen das Gluͤck des Capitain Juſt zurückgelaſſen, daß zum erſten Male eine teufliſche Verſuchung mir durch den Sinn fuhr. Dieſer ſchaͤndliche Gedanke waͤre mir nie eingefallen, glaube ich, ohne das unſelige Zuſammentreffen der Ankunft des Capitain Juſt mit dem Tage, wo die ſinnliche Gluth meiner thoͤrigten Liebe durch eine jener Folgen meines Dienſtverhůltniſſes bis ʒum Schwindel getrieben worden, Ver⸗ — — haͤltniſſe, denen ich doch ſtets mich zu entziehen ſuchte, da ich wußte, wie ſtoͤrend ſie auf meine Vernunft einwirkten. Der Capitain Juſt kam um 2 Uhr mit einer ſo hoch⸗ begluͤckten Miene, daß mein Verdacht in Betreff des Ren⸗ dezvous von dieſem Morgen fuͤr mich zur peinigendſten Ge⸗ wißheit wurde. Und doch ich muß es bekennen . taͤuſchte ich mich, wie ich ſpaͤter erfuhr. Regina war rein. „Guten Morgen, Martin,“ ſagte herzlich der Capi⸗ tain zu mir, „ich freue mich, Sie wiederzuſehen.“ Das Gluͤck macht ſo vertraut, ſo innig, dachte ich, und entgegnete ganz laut: „Sie ſind ſehr guͤtig, Herr Juſt.“ „Aber ich finde Sie bleich und veraͤndert, Martin; ſind Sie, ſeit ich abweſend war, krank geweſen?“ „Nein, Herr Juſt, ich befinde mich wohl, aber Sie wiſſen ja, es giebt ſolche Tage, .. wo man weniger gut ausſieht.“ „Und es gofaͤllt Ihnen immer noch hier, hoffe ich?“ „Ja, Herr Juſt.“ „Um ſo beſſer.. . . Iſt die Peinzeſin zu Hauſe?“ „Ja, Herr Juſt.“ „Nein“ kam mir auf die Lippen; es war albern . . . aber das Gluͤck dieſes Mannes empoͤrte mich. Ich ging dem Capitain voraus und meldete ihn bei Regina. 8 Er ſchritt lebhaft auf ſie zu. Sie ſtreckte ihm die Hand entgegen. Dann, als ſie mich nnbeweglich bei der 13* — 1965 — Portiere ſtehen ſah, die ich aufgehoben hatte⸗ ſah ſie mich verwundert an und ſagte: „Es iſt gut.“ Auch Juſt wendete ſich nach mir um. Ich fuͤhlte, wie albern meine Beharrlichkeit, hier zu bleiben, war, und zo9 mich zuruͤck, Neid und Wuth im Herzen. Mloͤtzlich rief mich die Stimme der Fuͤrſtin wieder zuruͤck. „Martin,“ ſagte ſie, „ſchlagen Si dieſe Portiere zu⸗ ruͤck, es iſt hier ſo heiß, damit die Fuß aus dem Salon herein kann.“ Mit doppeltem Verdruſſe gehorchte ich, ich nahm mir vor, was auch daraus folgen moͤchte, im Salon zu blei⸗ ben und durch die Portiere zu horchen, um keinen Zweifel mehr zu haben. . .. Die erſten Worte eines téte-àntéte. das einem Stelldichein folgt, ſind ſo bedeutungsvoll, hatte ich mir gedacht, aber der Befehl der Fuͤrſtin machte mein Spioniren unmoͤglich, denn das Gemach, wo ich mich ge⸗ woͤhnlich aufhielt, war vom Sprechzimmer durch einen gro⸗ ßen Saal geſchieden. — Auf meinem Tiſche fand ich zwei Briefe fur die Fuͤr⸗ ſtin, welche ohnſtreitig der Bettmeiſter waͤhrend meiner Ab⸗ weſenheit vom Vorzimmer gebracht hatte. Mit boshafter Freude nahm ich die beiden Briefe; ich kann ſo wenigſtens zwei Mal, ſagte ich zu mir ſelbſt, ihre ſuͤße Unterredung unterbrechen. ——— — 197 — Zuerſt freute ich mich daruͤber, daß die Portieren zu⸗ ruͤckgeſchlagen waͤren, und Juſt und Regina, wiſſend, daß ich jeden Augenblick eintreten könne, durch den, ihren Her⸗ zensergießungen auf dieſe Art auferlegten Zwang leiden muͤßten; aber als ich bedachte, daß fuͤr zwei Liebende ſelbſt dieſer Zwang einen aufregenden Reiz haben muͤſſe, ſo kam meine unſelige Verſuchung wieder uͤber mich. Vergebens wollte ich ihr entfliehen, ſie beherrſchte mich. Nun analy⸗ ſirte, wog, betrachtete ich ſie unter allen Geſichtspunkten, mit dem kalten Blute eines Mannes, der uͤber einen Selbſt⸗ mord nachdenkt. Dann, ſelbſt empoͤrt uͤber dieſe furcht⸗ bare Idee, ſtand ich auf und ging umher, indem ich meine Aufregung zu beruhigen ſuchte. Ich ſah an die Stutzuhr, ſie waren ſeit einer Stunde bei einander. „Nun denn,“ rief ich, und nahm einen der unlaͤngſt gebrachten Briefe; „ich will ſie ſtören.“ Und ohne zu bedenken, daß meine Blaͤſſe, meine Er⸗ regung mich verrathen koͤnnte, trat ich ſchnell in den Saal mit dem Briefe in der Hand. Ich glaubte eine plötzliche und leiſe Bewegung zu hoͤ⸗ ren, denn da die Thuͤr des Sprechzimmers dem Fenſter gegenuͤber war, konnte ich, wenn ich durch den Saal ging, Juſt und Regina in der Tiefe, worin ſie ſich befanden, nicht bemerken. Als ich eintrat, ſaß Regina in einem Seſ⸗ ſel und Er neben ihr auf einem niedrigen Stuhle. Die Wangen meiner Herrin waren leicht geroͤthet. Ihn konnte ich nur im Ruͤcken ſehen. — 198 — „Was wollen Sie?“ fragte die S mit zuruͤckge⸗ haltener Ungeduld. „Ich habe einen Brief, den man für die nih⸗ Frau brachte.“ Und ſo uͤberreichte ich ihn ihr von Hand zu Hand, da ich in meiner Verwirrung vergeſſen hatte, ihn wie gewöhn⸗ lich auf ein Plateau zu legen. Regina machte mir keine Bemerkung uͤber meine Vergeſſenheit, aber ich bemerkte ein faſt unſichtbares Widerſtreben, als ſie den Brief aus meiner Hand nahm. Dann ſagte ſie mit bedeutungsvollem Tone: Es iſt gut!“ „Es iſt keine Antwort darauf, gnaͤdige Frau?“ „Nein,“ antwortete ſie mit ſteigender Ungeduld; „es genuͤgt.“ ungeſchickter Diener, Du ſollteſt nicht kommen, aber komm wenigſtens nicht wieder, dachte ſie ohne Zweifel. Meine Hand, die Hand eines Laquai's beruhren, iſt ihr widerlich, ſagte ich zu mir ſelbſt, mit Bitterkeit dieſe Demuͤthigung fuhlend, die ein andres Mal mir ohnſtreitig gleichgiltig geweſen waͤre. Da kehrte die ſchaͤndliche Verſuchung mir wieder zu⸗ ruͤck, dringender als je. „Wie werde ich geraͤcht ſein fuͤr Alles, was ich geüt⸗ ten habe!“ ſagte ich zu mir S „ — — Ich erinnerte mich an die Unterhaltung beim Thee der Mamſell Juliette, in welcher Aſtarte, von den Bemer⸗ kungen ſprechend, welche die Kammerdiener leicht machen könnten, ſagte, daß ſie manchmal bedeutungsvolle Schluͤſſe aus Haͤnden zu ziehen wuͤßten, die beim Eintreten behand⸗ ſchuht und beim Fortgehen entblößt. Ich hatte bemerkt, daß der Capitain, der noch Halbtrauer trug, graue Hand⸗ ſchuhe angehabt, als ich den erſten Brief brachte, um die verliebte Unterredung von Juſt und Regina boshaft zu un⸗ terbrechen; meine ganze Aufmerkſamkeit lenkte ſich nun auf meine Herrin, ich hatte nicht beobachtet, ob ſie ohne Hand⸗ ſchuhe geweſen war. Kaum war eine Viertelſtunde voruͤber ſeit meiner häß⸗ lichen Unterbrechung, ſo legte ich den zweiten Brief auf ein Plateau und trat wieder ein. „Was giebts denn wieder?“ fragte ſtreng die Fuͤrſtin. „Einen Brief fur die gnaͤdige Frau.“ „Bringen Sie mir meine Briefe, wenn ich Ihnen klingeln werde,“ ſetzte ſie mit trocknem und hartem Tone hinzu, ohne den Brif, den ich brachte, anzunehmen. Ich ſtammelte eine Entſchuldigung, und ging. Die Haͤnde des Capitain Juſt, ſo weiß wie die Regina's, wa⸗ ren nicht mehr behandſchuht. „Es widerſteht ihr nicht, die Häͤnde des Capitains in den ihrigen zu druͤcken!“ dachte ich. — 200 — In der That, indem ich jetzt mit kaltem Blute dieſe kindiſch⸗häßlichen Dinge niederſchreibe, kann ich es noch nicht begreifen, welcher Schwindel mich an dieſem unſeligen Tage erfaſſen mußte... ich frage mich ſelbſt deshalb ... und doch weiß ich es, wage es aber nicht, mir zu geſtehen. Ach! dieſe Gährungen einer ſtrafbaren, ſchamvollen, lange Zeit bekaͤmpften, aber durch die unheilvolle Scene am Morgen aufgeregten Gluth, ſiedeten in mir und umnebelten meine Vernunft. Und meine Herrin wußte das nicht? konnte an ſo et⸗ was nicht denken? Ein Laquai eine junge, reizende Frau lieben, bei der er ohne Unterlaß in erzwungener Vertraulich⸗ keit lebt? Iſt denn das möglich? Beſitzen denn dieſe Leute ein Herz. „ und Sinne? . Wenn dies liebt, liebt es nur ſeines Gleichen!. .. Der Capitain Juſt iſt um 5 Uhr weniger ein Viertel fortgegangen, ſie ſind faſt 3 Stunden zuſammen geblieben. Es iſt Regina gleich, der Fuͤrſt iſt abweſend. um 8 Uhr hat ſie ihren Wagen verlangt, um in den elyſaͤiſchen Feldern ſpazieren zu fahren, wie es ihre Gewohn⸗ heit iſt. Sie wird dort ohnſtreitig ihren Geliebten ſehen. Sie hat mir nach Tiſche geſagt: „Seien Sie um elf Uhr hier, bis dahin konnen Sie uͤber Ihren Abend disponiren, wie Sie wollen.. und ein ander Mal bringen Sie mir nie eher Briefe, als bis die Perſonen, welche bei mir ſind, fortgegangen.“ — 201 — „Ja, gnaͤdige Frau.“ Durch die furchtbare Verſuchung verfolgt, wollte ich ausgehen, in der Hoffnung, daß die Bewegung, die friſche Luft, die Ermuͤdung, meine aufgeregten Geiſter beruhigen wuͤrden. unter die großen Kaſtanienbäume, die ein laͤnglichtes Par⸗ terre umgeben, das ganz mit Roſen und Reſeda bepflanzt. Baͤume, der Geruch der Blumen, die milde Luft, der An⸗ blick einiger Liebespaare, die langſam in dieſer unbeſuchten . und duͤſtern Gegend des Gartens auf- und abgingen, kurz, Alles was mich umgab, fuͤhrte mich zu Gedanken, die ich fliehen wollte. dem Ufer der Seine, laͤngs des Cours la Reine. Bei jedem Schritte ſah ich nur hier uͤberall Liebesſcenen. ker und Griſetten Arm in Arm, waͤhrend Andere auf dem Raſen am Ufer ſitzend koſeten. Elftes Rapitel. Martins Tagebuch. (Fortſetzung.) Der Abend war koͤſtlich. Ich ging in die Tuilerien, Die Einſamkeit, der dichte Schatten dieſer ſchoͤnen Ich verließ die Tuilerien und folgte den Quais und Mich verfolgte mein Unſtern. Die Nacht war eingebrochen . . . ſanft, hell, geſtirnt. Am Rande des Fluſſes gingen und kamen Handwer⸗ — — Ich trat in die dunkeln Alleen des Cours la Reine. Da ſaß faſt auf jeder Bank ein Paar, das ich nur durch die Weiße der Frauengewänder unterſcheiden konnte. Geraͤuſch von Kuͤſſen, Seufzern, leis gefluſterte Worte ver⸗ folgten mich auch hier .. Dieſer ganze unſelige Abend athmete nur Zäͤrtlichkeit, Vergnuͤgen, Wolluſt. Ich entfernte mich von dieſem, fuͤr mich zu gefaͤhrlichen Orte, und da ich dieſen Bildern entfliehen wollte, die mein Blut erhitzten, ging ich uͤber den Platz der Eintracht, laͤngs der Straße Saint Honori. Der Mond ſtand hell am Himmel, die Fenſter vieler Haͤuſer waren offen, und auf mehr als einem Balcon er⸗ blickte ich, waͤhrend das Innere der Gemaͤcher erleuchtet war, bei dem ſie ſanft beleuchtenden Mondſcheine, Maͤnner und Frauen, auf die eiſernen Gelaͤnder gelehnt, ſo nahe mit einander ſchwatzen, ſo nahe, daß ihre Haare ſich miſchten. Was ſoll ich ſagen? o mein Gott! . .. dieſe armen, ungluͤcklichen Geſchöpfe, welche die Nacht auf die Trottoirs auswirft, und deren Anblick fuͤr mich gewoͤhnlich ſo empoͤ⸗ rend iſt, trugen auch noch mit ihren ausfordernden Mienen und ihrer ſchluͤpftigen Haltung dazu bei, das Feuer anzuſchuͤ⸗ ren, das mich verzehrte. Immer mehr verlor ich den Kopf. .. Von dieſem Au⸗ genblicke an bemaͤchtigte ſich die abſcheuliche Verſuchung, die mich ſeit dieſem Morgen peinigte, meiner vollkommen. Ich trat in ein Gewoͤlbe, kaufte eine Flaſche Liqueur, und ging wieder ins Hotel. Es war halb eilf Uhr. Ich verbarg die Liqueurflaſche in einem Winkel des Zimmers, wo ich mich gewöhnlich auf⸗ hielt, und erwartete die Ruͤckkehr der Fuͤrſtin. Ein Viertel auf zwoͤlf Uhr kam ſie. Als ich ihr die Thuͤr geöffnet hatte, ſagte ſie zu mir: „Sie koͤnnen ſich zur Ruhe legen, ich brauche Sie nicht mehr.“ Ich zog mich auch zuruͤck. Wie gewöhnlich habe ich die Lichter des Sprechzimmers, des Saals und des Vorzimmers ausgelöſcht, deſſen Thuͤr ich gerauſchvoll offnete und ſchloß, als ob ich fortginge, ich blieb aber darin, und verſchloß innerhalb doppelt die Thuͤr. Dann kauerte ich mich in den Schatten, und wartete ſo, bis es Mitternacht ſchlug. Die Gedanken aufzaͤhlen zu wollen, die mich waͤh⸗ rend dieſer Stunde des Wartens und des Sturmes befielen, wäre unmöglich. Eher könnte man die Wellen eines Waſ⸗ ſerſturzes zaͤhlen. Regina wird mein . durch Ueberraſchung oder Ge⸗ walt! Es war eine ſchaͤndliche Kriſis! es war, ich weiß es, ein noch ſchändlicheres Verbrechen, als das, welches der Graf Duriveau hatte begehen wollen . . denn meine Herrin ſchlief, friedlich und vertrauend unter meiner Hut . un⸗ — 205 — ter meiner Hut, den mein Wohlthaͤter bei ihr aufgeſtellt, als einen getreuen Diener, als einen Schutzgeiſt. Ja, das Verbrechen war ſchaͤndlich, aber ich war trun⸗ ken, aber ich war wahnſinnig, aber ich wurde von rohen Geluͤſten eines wilden Thieres getrieben. Und damit dieſe Schaͤndlichkeit vollſtaͤndig frei in ihrer Abſcheulichkeit war, fand ich Mittel, ſie mit Hilfe, ich weiß nicht welcher graͤßlichen Heuchelei zu beſchönigen. „Keiner von denen die Regina liebt, oder geliebt hat,“ ſagte ich zu mir ſelbſt, „hat das fuͤr ſie gethan, was ich that, ich! und wenn ſie nun in dem Staunen und Schre⸗ cken, in welches ſie mein Attentat ſtuͤrzen werden, zermalmt zu mir flehen wird, werde ich ihr ſagen: „Zehn Jahre ſinds, daß ich Sie liebe, hoͤren Sie! ich habe es bewieſen, ob Sie es gleich nicht wußen. So er⸗ fahren Sie es denn endlich. Sie feierten einen Gottesdienſt am Grabe Ihrer Mut⸗ ter, zehn Jahre lang habe ich dieſes Grab fromm gepflegt. Sie ſollten das Weib, das Opfer eines unwuͤrdigen Mannes werden, ich habe dieſen Mann entlarvt. Sie ſollten in einen furchtbaren Fallſtrick gerathen, ich habe Ihnen einen Befreier geſendet. Die Wiederherſtellung des Andenkens Ihrer Mutter wuͤrde Ihnen das Herz Ihres Vaters wieder ſchenken, wuͤrde Ihre Seele mit Gluͤck und Stolz erfüllen⸗ die Wie⸗ derherſtellung liegt in meiner Hand. Haben Sie ein Bedenken Ihren Gemahl zu hinter⸗ — — gehen? ich werde Ihr Gewiſſen beruhigen, indem ich Ihnen beweiſe, daß der Fuͤrſt Sie verließ, um ſich in den unrein⸗ ſten Schmutz zu ſturzen. Sie lieben Ihren Liebhaber. Was hat er gethan? er hat ſich fuͤr Sie geſchlagen. Ha! zehn Jahre ſind es nun, ſeit ich fuͤr Sie kaͤmpfe, allein, und in der Tiefe mei⸗ ner Verborgenheit kampfe. Hätte der Mann, den ich ent⸗ larvte, um Sie vor ihm zu retten, mir nicht mit einer Ku⸗ gel den Hals durchſchoſſen, und mich ein Jahr lang blind gemacht, ſo haͤtten Sie auch nicht Ihren Fuͤrſten gehei⸗ rathet. Das habe ich fuͤr Sie gelitten und gethan, ich! aber nun iſt die Stunde da, wo das Bewußtſein meiner unge⸗ kannten Hingebung mir nicht mehr genuͤgt. Stolze Fuͤr⸗ ſtin!. . Sie werden nie einen Laquai lieben, Sie koͤn⸗ nen es nicht, das weiß ich, ob er es gleich durch Opfer und Liebe verdient hätte. Nun denn! der Laquai wird Sie doch beſitzen, und dann — ſich toͤdten!“ Ja, während dieſer verruchten Stunde dachte ich al⸗ les Das aufrichtig. „ Es hat Mitternacht geſchlagen. um den letzten innern Vorwurf zu bekämpfen, habe ich mit einem Zuge das Viertheil der Liqueurflaſche getrun⸗ ken, und bin nach dem Schlafzimmer Regina's gegangen, kopflos, aber mit ſichern Schritten, feſter Hand, lauſchen⸗ dem Ohr, wachſamem Auge. Der Mond warf große, leuchtende Strahlen in den Salon, in das Sprechzimmer, in die Gemaͤldegallerie. Dies leuchtete mir bis zum Schlafzimmer. Ich habe gehorcht, und nichts gehört.. nichts. Wenn Regina wach war, war ich verloren. „Sie konnte die Klingelſchnur ergreifen Ich bedauerte, ſie nicht am Abend vorher abgeſchnitten zu haben. Wenn ich beim Oeffnen der Thuͤr Regina erweckte. war ich auch verloren . Einen Augenblick zögerte ich von Neuem.. dann aber fortgeriſſen von berauſchenden Erinnerungen, entſchloſſen, zu ſterben .. drehte ich im Schloß den Schluͤſſel raſch und ganz einmal um. Die Schläge meines Herzens hielten an, ich horchte nichts. nicht das mindeſte Geraͤuſch. Nun öffnete ich leis die Thuͤr. Das Zimmer war von einer Alabaſterlampe erleuchtet, die auf dem Kamin ſtand. Regina ſchlief. Sie ſchlief ſo tief, daß ich bei der Dicke des Teppichs mich ihrem Bette genugſam naͤhern konnte, um ihren ſanf⸗ ten, friedlichen Athem zu hören. Die Nacht war erſtickend heiß. „Regina ſchlief mit ihrem aufgelöſ'ten, langen, ſchwarzen Haare, in einer Un⸗ ordnung, die mir die wenige Vernunft, die ich noch beſaß, vollends raubte . .. In dem Augenblick wo ich mich auf meine Beute ſtürzen wollte . ſah ich unwillkurlich ſeit⸗ waͤrts mit dem einen und dem andern Auge, als fuͤrchtete ich, es ſei Jemand da, ob ich gleich gewiß war, allein zu ſein .. Bei dieſer Bewegung des Kopfes hafteten meine Augen plötzlich auf dem Spiegel uͤber dem Kamine, der von einer Alabaſterlampe hell beleuchtet ward. In dieſem Spiegel erblickte ich ein todtenbleiches Geſicht, deſſen Ausdruck ſo ſcheußlich, ſo wild war, daß ich in meinem, durch den Wahnſinn meiner Phantaſie noch vermehrten Schrecken, verſteinert blieb, verzaubert vor dieſer fuͤrchterli⸗ chen Viſion ... dann aber erwachte meine Vernunft. Dieſes ſcheußliche, todtenbleiche Geſicht, das mich er⸗ ſchreckte .. war das meine! Jetzt zu erklären, wie ein Strahl der Vernunft hingereicht hat, den Abgrund zu er⸗ hellen, in welchen zu ſtuͤrzen ich im Begriff ſtand, und mir ſeine Schrecken zu zeigen zu erklaͤren, durch welches Phaͤnomen ich plötzlich vor der Stillung der abſcheulichſten Lei⸗ denſchaften zuruckbebte, als ich ſie auf meinem Geſichte in graͤß⸗ lichen Zugen ſich abſpiegeln ſah, als ich gleichſam auf ihm die Infamie der Handlung die ich begehen wollte, geſchrieben las: zu erklären endlich, wie die gemeine Redensart: wenn Sie ſich ſehen köͤnnten, wuͤrden Sie vor ſich ſelbſt erſchrecken! mein Schickſal, und Regina's Schickſal in dieſem Augenblicke entſchieden hat, dies Alles zu erklaͤren, iſt mir unmöglich . denn noch weiß ich dieſe ſchnelle Revo⸗ lution meines Geiſtes mir nicht auszudeuten. — 2090 — Blos daran erinnere ich mich noch, daß auf meine wilde Kuͤhnheit ein ſolcher Schrecken, von Regina betroffen zu werden folgte, daß ich faſt ohnmächtig, kaum die Kraft beſaß, das Zimmer zu verlaſſen, die Thuͤr ſanft zu verſchlie⸗ ßen, und das Sprechzimmer wieder zu gewinnen, wo ich bewußtlos hinſank. Als ich wieder zu mir kam, bepurpurten die erſten Strahlen der in dieſer Jahreszeit fruͤh aufgehenden Sonne die Wipfel der großen Bäume im Garten. Es mochte etwa fruͤh drei Uhr ſein. Das tiefſte Stillſchweigen herrſchte rings umher in den Gemaͤchern. Ich eilte ſie zu verlaſſen. Ich öffnete und ſchloß leis die äußere Thuͤr. Alles ſchlief noch im Hauſe. Ich ge⸗ langte wieder ohne Geraͤuſch und Begegnung auf meine Stube. Einmal hier, warf ich mich auf mein Bett, und zerfloß in Thraͤnen. Die Pruͤfung war furchtbar, aber entſcheidend. Alles was in meiner Liebe zu Regina Unreines und Strafbares lag, iſt während dieſer unſeligen Nacht ver⸗ ſchwunden. 3 Die Gluth dieſer ſtuͤrmiſchen Gährungen hat das Gold von ſeinen Schlacken geſchieden .. Für immer in mein Herz verſchloſſen, wird dieſe goͤttliche Liebe von nun an unveränderlich und rein darin bleiben. Martin. VII. 14 — 210 — Als ich dieſen Morgen Regina den Thee ſervirte, ſagte ſie zu mir: „Martin, haben Sie nicht dieſe Nacht Geräuſch im Hotel gehort?“ „Nein, gnaͤdige Frau.“ „Es iſt doch ſonderbar,“ fuhr ſie fort, „es ſchien mir als hoͤrte ich gegen drei Uhr fruͤh die Thuͤr zum Apparte⸗ ment ſchließen, die auf die große Treppe geht.“ „Ich habe nichts bemerkt, gnaͤdige Frau. Dieſen Morgen fand ich die Thuͤr des Vorzimmers verſchloſſen, wie ich ſie geſtern Abend verſchloſſen hatte.“ „So muß ich mich getaͤuſcht haben. Uebrigens neh⸗ men Sie auch ſtets den Schluͤſſel mit, nicht wahr?“ „Ja, gnädige Frau.“ „Das iſt vorſichtiger, vergeſſen Sie es nie.“ „Nein, gnaͤdige Frau.“ 30. Auguſt. Regina liebt Juſt leidenſchaftlich, aber ſie iſt nicht ſtrafbar. Daruͤber habe ich heut Gewißheit erhalten. Das Rendezvous des Morgens, an das ich glaubte, exiſtirte nur in meiner Phantaſie. Sie hat ihre Blumiſtin mit in den Fiaker genommen, um mehre beruͤhmte Treibhaͤuſer zu beſuchen, um die ſchoͤnſten Blumen dort zu erhandeln. Um halb Neun Uhr iſt ſie zu ihrer Blumenlieferantin gekommen, und hat ſie um Eilf Uhr in ihr Gewoͤlbe zuruͤckgebracht. Eine halbe Stunde ſpäter war die Fuͤrſtin im Hotel. — 211 — Ich war innig begluͤckt, meinen Irrthum zu erkennen, und in dieſem Gluͤcke waltete nicht die mindeſte eiferſuchtige Freude vor. Der Tag und die Nacht von vorgeſtern bereiten mir zu viel Scham vor mir ſelbſt!... Ich habe zu viel zu ſüͤh⸗ nen, um nicht von nun an alle Kraͤfte meines Willens da⸗ zu anzuwenden, Alles was noch Strafbares oder Schlech⸗ tes in mir aufwachen koͤnnte, zu bezähmen. Jetzt bin ich uͤberzeugt, daß eine Ruͤckkehr der Fuͤrſtin von Montbar zu ihrem Gemahle eben ſo unmoͤglich iſt, als eine Ruͤckkehr von ihm zu ihr. Regina wird auf der Bahn der Leidenſchaft fortgeriſſen . . ihr Schickſal wird ſich er⸗ fullen. Sie beſitzt zu viel Stolz, um ein Leben voll Trug und Unredlichkeit anzunehmen; an einem ſichern Tage .. wird ſie mit Juſt entfliehen das weiß ich gewiß. Auch weiß ich gewiß daß ſie durch dieſe Liebe gluͤcklich werden wird.. .. Juſt iſt faͤhig ein ſolches Opfer wie das was Regina nothwendig bringen wird, einzuflößen und ſich deſſen wuͤrdig zu zeigen. Ich werde warten .. . ſei auch Regina gegen mich aufs Aeußerſte zuruͤckhaltend in Bezug auf Alles was den Capitain Juſt angeht; wenn die Fuͤrſtin einmal zu dem Aeußerſten gebracht ſein wird, das ich vorausſehe, ſo wird ſie meiner beduͤrfen . bis dahin werde ich wachen uͤber ihr und uͤber ihm. Droht ihnen irgend eine Gefahr, ſo werde ich ſie da⸗ von zu unterrichten wiſſen. 14* — Regina wird ubrigens vielleicht meiner Ergebenheit und Aufopferung entbehren koͤnnen; ſobald ich ſie ganz unter dem Schutze der redlichen und edlen Liebe Juſts weiß, wird, da ich dann ruhig wegen der Zukunft meiner Herrin ſein kann, meine Aufgabe vollendet ſein ich werde zu Claude Gerard zuruͤckkehren. 29. September 18 .. Ich habe dieſes Tagebuch auf laͤngere Zeit unterbro⸗ chen. .. Wozu auch?. Sie lieben ſich, die Leidenſchaft berauſcht ſie . reißt ſie hin . ſie leben nur fuͤr ſich allein. Regina trägt die Stirn zu hoch, zu ſtolz, um ſtrafbar zu ſein. Der Fuͤrſt iſt immer noch abweſend. Er hat ſein Schloß verlaſſen, um eine Reiſe in die Pyrenaͤen zu ma⸗ chen. Man erwartet ihn vor November nicht zuruͤck. Gluͤcklicherweiſe ſind alle Perſonen aus Regina's Ge⸗ ſellſchaftskreiſe auf dem Lande. Meine Discretion iſt er⸗ probt. Niemand hat ſonſt, glaube ich, Regina's Liebe er⸗ forſcht. Juſt kommt nur zwei bis drei Mal die Woche ins Hotel, wozu freundſchaftliche Verhaͤltniſſe ihm das Recht verleihen. An den andern Tagen benutzen Regina und er die jetzige herrliche Jahreszeit, und finden ſich in wenig be⸗ ſuchten Gaͤrten, im Luxemburg, dem Pflanzengarten, dem — 213 — Park von Monceau oder dem Boulogner Hölzchen, oft auch im Muſeum zuſammen. Ich weiß dies, da ich mehre Male Regina nachgegangen bin. Um ihre haͤufigen und langen Abweſenheiten zu rechtfertigen, hat ſie vorgegeben, ſich ma⸗ len zu laſſen und dazu ſitzen zu muͤſſen. 5. December 18.. Seit einigen Tagen hat Regina an ihrer bisherigen Heiterkeit verloren. Ich habe ſie oft traurig, nachdenkend, tief abgeſpannt, getroffen. Wenn ſie aber Juſt erblickt, ſo beleben ſich ihre Zuge und werden wieder lächelnd, ſtrahlend. Der Fuͤrſt iſt von ſeiner Pyrenaenreiſe zuruͤck und bringt einen Monat auf den Beſitzungen des Marquis d'Hervieux zu. Kein Zweifel, daß die Ankunft des Fuͤrſten die man gegen Ende dieſes Monats erwartet, die Beſorg⸗ niſſe der Fuͤrſtin hervorbringt. Sie ſieht voraus, daß der Augenblick naht, wo ſie einen beſtimmten Entſchluß faſſen muß. Ich habe uͤbrigens einige bedeutungsvolle Worte ge⸗ hört, die ſie geſtern Juſt ſagte. Dieſe Worte waren: „Alles . . oder nichts immer . . oder nie!“ Ich kenne die Entſchloſſenheit von Regina's Charakter; die Zukunft und Vergangenheit ihrer Liebe liegen in dieſen Worten. 29. December 18. Madame Wilſon, die, ſo viel ich weiß, die halbe Ver⸗ traute der Fuͤrſtin bei dieſer Liebe war, iſt auf dem Lande durch eine ſchwere Krankheit ihrer Tochter Raphaele zuruc⸗ — 214 — gehalten. Der Briefwechſel meiner Herrin mit ihr wird immer lebhafter. 20. Januar 18.. Der Fuͤrſt iſt ſeit einigen Tagen angekommen. Mir unbegreiflich iſt es, daß ſein Benehmen gegen Regina ganz daſſelbe iſt wie vor ſeiner Abreiſe, hoͤflich, aber ſpottend und kalt. Er vermeidet beſonders mit ſichtlicher Afſectation alle Gelegenheit, um vom Capitain Juſt zu ſprechen. Dagegen hat die Ruͤckkehr des Furſten auf Regina ei⸗ nen ſichtbaren Einfluß gehabt; ihre Nachdenklichkeit, ihre Traurigkeit, ihre Unruhe ſind bis aufs Aeußerſte geſtiegen. Eine Kriſis iſt dringend, das fuͤhlt ſie. Große häusliche Ereigniſſe bereiten ſich hier vor. Ich verdopple meine Wachſamkeit .. Regina vertraut ſich mir nicht an .. und mir iſts noch Beduͤrfniß fuͤr ſie und ohne ſie zu handeln. 2. Februar 18. Ich erſchrecke vor der Gewalt die ich jetzt in den Hän⸗ den habe. Geſtern Abends habe ich endlich nach unglaublichen Anſtrengungen des Scharfſinns, nach unerhörten Schritten den beſten Beweis erhalten, den ich zu der unbeſtreitbaren. handgreiflichen, ſchlagenden Wiederherſtellung des Anden⸗ kens von Regina's Mutter bedurfte. Dieſes Weib ſtarb als Martyrerin der bewunderns⸗ rtheſten Hingebung, deren jemals die Freundſchaft faͤhig — 215 — geweſen iſt. Nie hat die Heiligkeit eines Schwurs, eines beſchwornen Verſprechens ſich heldenmuͤthiger gezeigt. Die Beweiſe davon, ich habe ſie hier vor mir, auf die⸗ ſem Tiſch. Ich habe dieſes Ziel erreicht, nach dem ich ſo lange ſtrebte, aber ſtatt himmliſcher Freude, fuͤhle ich nur Schauder. Erleuchte mich, o mein Gott! Denn von dem Ge⸗ heimniſſe in meinen Haͤnden kann das Schickſal von drei Perſonen abhängen, von Regina, von Juſt und von dem Fuͤrſten von Montbar. So naͤmlich: Vorgeſtern und geſtern war Regina unruhig, in ſich verſenkter, als je. Nach einer ſehr kurzen Unterredung mit ihrem Gemahl, hat ſie einen großen Theil des Tages uͤber geſchrieben, mir aber doch keinen Brief zu beſorgen gegeben. Als ich in ihr Sprechzimmer trat, um Holz zu brin⸗ gen, ſah ich ſie mehre zerriſſene und zerriebene Papiere in das Kamin werfen. Als ich das Feuer anfachte, gelang es mir, einige Papierfragmente, die von ihr beſchrieben und in einen Knaͤuel zuſammen gedreht waren, bei Seite zu ſchieben. Sie bemerkte nichts. Nachdem ſie ausgegangen war, eilte ich herbei und konnte die halbangebrannten Papiere noch ret⸗ ten. Ich fand darin Bruchſtuͤcke eines Briefs oder Con⸗ cepts zu einem Briefe an Madame Wilſon, die noch von Paris abweſend war. Dieſe Brieffragmente der Fuͤrſtin an Madame Wilſon ſind folgende: — 216 — — „. Ich habe eben eine Erklaͤrung mit meinem Manne gehabt: er weiß Alles . uͤbrigens habe ich gefun⸗ den, daß er. . . — „ .. Ehe drei Tage voruͤber, muß Alles entſchieden ſein. Urtheilen Sie ſelbſt, ob ich Ihrer bedarf, um mich mit Ihnen zu berathen? Ich habe den Kopf verloren .. aber ich weiß: Sie koͤnnen Ihr armes Kind nicht verlaſſen, und kommen nach Paris. Auch bin. ...“ Meine Verlegenheit iſt furchtbar: mit Juſt fliehen, ihm mein Leben opfern, das Opfer des ſeinigen an⸗ nehmen, uns in irgend eine verborgene Einſamkeit zuruͤck⸗ ziehen, um dort gluͤcklich, ungekannt und vergeſſen zu leben und zu ſterben; das waͤre ein Himmel! Juſt iſt der Ein⸗ zige auf der Welt dem ich mein Schickſal ſo anvertraute. .. Warum alſo noch zoͤgern? werden Sie mir ſagen. .. Hoͤ⸗ ren Sie weshalb ich zaudre.... Das Andenken meiner Mutter iſt noch bis jetzt aufs Schimpflichſte verläumdet.. Auf ihrem Todesbette ſagte ſie zu mir: Ich ſterbe ſchuld⸗ los. Sie iſt alſo ſchuldlos, das glaube ich, das weiß ich, das fuͤhle ich. Aber dieſe Beweiſe ihrer Ehrenrettung, die ich zwei Mal zu entdecken hoffte, ſind mir bis jetzt entgan⸗ gen. In den Augen der Welt, in den Augen meines Va⸗ ters, deſſen Leben mitten in dieſem grauſamen Kampfe zwi⸗ ſchen der Erinnerung an ſeine Liebe zu mir und dem Wi⸗ derwillen, den ich ihm einfloͤße, ſeit er glaubt, ich ſei in den Augen der Welt nicht ſeine Tochter, dahinſchwindet, war meine Mutter ſtrafbar. . .. Das Aufſehen, das meine Flucht mit Juſt erregen muͤßte, wurde die ſchrecklichen Worte hervor⸗ rufen: Wie die Mutter, ſo auch die Tochter! Mein Fehltritt wuͤrde eine neue Beſchimpfung fuͤr das Andenken meiner Mutter werden. . .. Verſtehen Sie mich nun?“ „Und das iſt noch nicht Alles, o meine Freundin! welch ein Abgrund iſt das Herz!“ „Ich liebe Juſt . .. ja, ich liebe ihn zaͤrtlich, edel, ich bekenne es Ihnen, mit hoher Stirn, denn dieſe Liebe iſt noch rein, an dem Tage wo ſie aufgehort hätte es zu ſein, haͤtte ich den Fuͤrſten fuͤr immer verlaſſen.“ „Hören Sie mein Bekenntniß, meine Freundin, ich will Ihnen Alles ſagen, aufrichtig, ohne Scham, ohne Stolz, wie ich es meiner Mutter wuͤrde geſagt haben. .. . Ich habe drei Mal geliebt .. das iſt viel; aber es iſt nicht meine Schuld! Haͤtte es der erſte Mann den ich geliebt habe, gewollt, verdient .. . ſo haͤtte ich nur Eine Liebe auf der Welt gehabt.“ „Dieſe erſte Zuneigung ſchrieb ſich von meiner Kind⸗ heit her.“ „— Auch war Alles was ſich auf dieſe unwuͤrdige Liebe bezog, nicht blos eine voruͤbergegangene, vergeſſene Sache . ſondern ein Nichts es hatte nie exiſtirt.“ „Frei geworden . .. habe ich alsdann meinen Mann geliebt, wie es mir nicht mehr zu lieben erlaubt iſt, denn ſelbſt in meiner Liebe zu Juſt giebt es eine Seite durch meine Lage erzwungener Unredlichkeit, die mich demuͤthigt, — 218 — und dann auch, weil fuͤr mich etwas Trauriges darin liegt, etwas Beſchaͤmendes. Juſt, obgleich aufrichtig, doch immer dieſelben Worte, dieſelben Zuſicherungen der Zuneigung zu wiederholen, die ich ſchon einem Andern geſagt habe eben⸗ falls auftichtig! Denn, ach, die Liebe hat nur Eine Sprache! .. . Und dann iſt auch meine Liebe zu Juſt in Mitten von Thraͤnen, von graͤßlichem Kummer entſtanden. Ihre Wurzel iſt bitter, ihre Fruchte ſind es auch ... aber gleichviel, ich habe keine Wahl mehr, dieſe mit Vorwuͤrfen und Bitterkeit gemiſchte Liebe iſt beſſer fuͤr mich als dieſes einſame, duſtre, verzweiflungsvolle, verlaſſene Leben, das ſo lange das meine war . und das ohne Sie, ohne Ihre zärtliche Freundſchaft ſich nicht lange fortgeſetzt häͤtte.“ „— Wir waren ſeit 6 Monaten verheirathet. Mein Gluͤck war nie größer geweſen. Mein erſter Verdacht wurde durch einen anonymen Brief geweckt.“ „ . Leſen Sie, was ich dem Fuͤrſten geſagt habe. Georg, ſeit einem Monate haben Sie drei Naͤchte außer dem Hauſe zugebracht: ſuchen Sie es nicht zu laͤugnen .. an jedem dieſer drei Abende haben Sie mich verlaſſen, um ſich unter dem Vorwande einer Unpaͤßlichkeit in Ihre Zimmer zuruckzuziehen. Eine Stunde nachher gingen Sie durch die kleine Gartenthuͤr fort, und kamen erſt kurz vor Tages⸗ anpruch wieder durch die Orangerie und Louis Stube. Sie ſehen, ich bin gut unterrichtet. Ich bitte Sie nur um Eins, —— — 219 — Georg, ſetzte ich in Thränen zerfließend hinzu, mich Ihre Vertheidigung hören zu laſſen. Ich weiß, daß der unſeligſte Schein oft täuſcht.... Und ob es mir gleich faſt unmoͤg⸗ lich ſcheint, daß Sie Ihr Benehmen auf eine fuͤr mich nicht bekränkende Art erklären könnten .. ſo werde ich doch Alles glauben, Georg, was Sie mir ſagen .. ich bedarf es ſo ſehr beruhigt zu ſein.“ „Auf dieſe ſo nachſichtsvollen Worte, die ihm jedoch be⸗ wieſen, daß mir Alles bekannt, antwortete mein Mann, der einen Augenblick niedergeſchmettert, vernichtet war, bald darauf mit Worten voll bittern Hochmuth und herabwuͤr⸗ digenden Uebergewichts; nach mehr. . .“ WVon dieſem Tage an, in meiner Liebe, meiner Wuͤrde, meinem feſten Vertrauen auf meinen Mann, fuͤr immer verletzt, erhob ſich eine eiſige Scheidewand zwiſchen uns und ich verfiel in die Verzweiflung aus der Sie mich ret⸗ teten.“ „Ich fuͤhlte unwillkurlich manchmal meine Liebe zu meinem Manne zuruͤckkehren, verbarg ihm das aber, da mein Stolz ſich dagegen empoͤrte.. „Eines Tages er auch ſeiner Seits . aber da war es zu ſpaͤt!“ — 220 — „Lediglich alſo dieſe Ruckſicht auf das Andenken mei⸗ ner Mutter laͤßt mich zögern. . . . Ich habe jeden Fall be⸗ dacht . . ich habe Alles erwogen. . . . Jetzt erfüllt eine andre Zuneigung mein Herz ... ich ſtehe im Begriffe dieſer Alles zu opfern ... und doch. . . .“ Dieſe Bruchſtuͤcke ſind fuͤr mich bedeutungsvoll. Dieſes Zoͤgern, das bei Regina aus der Beſorgniß entſteht, ihren Fehltritt auf das ſchon ſo bekraͤnkte Anden⸗ ken ihrer Mutter uͤbergehen zu ſehen, dieſes Zoͤgern kann ich mit einem Worte enden, wenn ich Juſt, ohne daß er weiß woher ſie kommen, die Documente uͤberſende, welche die Unſchuld von Regina's Mutter beweiſen. Auch was noch etwa bei der Trennung von dem Fuͤrſten Regina an Reue und Gewiſſensbiſſen fuͤhlen koͤnnte, kann ich ſchwinden machen, kann morgen an Juſt die Mittel ubergeben, ſich ſelbſt um der Ruhe Regina's und ſeines ei⸗ genen Bewußtſeins willen, davon zu uͤberzeugen, daß der Fuͤrſt weder Mitleid, noch Achtung, noch Bedauern ver⸗ dient, denn ſein Geſchmack fuͤr das Gemeine ſcheint ſtatt ſich zu mindern, noch mehr gewachſen zu ſein. Dieſen Morgen noch hoͤrte ich durch einen ſonderbaren Zufall den Fuͤrſten Folgendes ſagen: er wendete ſich an Louis ſeinen alten Diener. „Du verſtehſt mich doch ein Pierrot⸗Koſtuͤm aus Matratzenleinwand das Schlechteſte was Du finden kannſt, kaufſt Du.“ —— „Aber, mein Prinz, Sie werden doch nicht. . . . „Werde ich denn nicht meinen Anzug darunter be⸗ halten?“ „Nun dann!“ ſagte Louis ſeufzend: „und wohin ſoll ich's bringen?“ „Da unten . . Rue Dauphin, Nr. 3.“ „Und wann? Um welche Stunde, Prinz?“ „Morgen muß es vor 8 Uhr Abends dort ſein. Weiter brauchts nichts. Sage dem Portier, daß er Feuer macht.“ „Alſo .. mein Prinz .. .“ ſagte der alte Louis in vorwurfsvollem Tone: „ wieder?“ Ich konnte ungluͤcklicherweiſe den Schluß der Unter⸗ redung nicht vernehmen. Morgen in der Nacht kann ich alſo Juſt Zeuge ſein laſſen irgend einer niedrigen neuen Orgie, indem ich ihm dieſe Erkundigungen, die ich eingezogen habe, mittheile. Wird dann Regina noch zoͤgern zu fliehen? Juſt die Wiederherſtellung des Andenkens ihrer Mut⸗ ter ſchuldig zu ſein! Zu welcher Hoͤhe wird dann nicht Re⸗ gina's Dankbarkeit ſich ſteigern? Und iſt die Fuͤrſtin ein⸗ mal der Unwuͤrdigkeit ihres Gemahls vergewiſſert, wer koͤnnte 6 ſie dann zuruͤckhalten? O, ich fuͤhle es, die Verantwortlichkeit, die ich uͤber mich nehmen will, iſt furchtbar. — 222 — Alles muß ſich fuͤr mich in die Worte zuſammenfaſſen: „Bin ich auf Ehre und Gewiſſen uͤberzeugt, ſo viel ein Menſch daruͤber gewiß ſein kann, daß Regina mit Juſt glucklich ſein wird?“ 3. Februar 18.. Was ich ſehe und erfahre wirft meine Entſchluͤſſe uͤber den Haufen und ſtuͤrzt mich in unglaubliche Verlegenheit. Vorhin gegen Mittag uͤbergab mir die Fuͤrſtin ein großes verſiegeltes Paket und ſagte: „Tragen Sie das zu dem Fuͤrſten .. und warten Sie.“ Ich begab mich in die Zimmer des Fuͤrſten, die von denen ſeiner Gemahlin ziemlich entfernt ſind. Da ich den alten Louis nicht in dem erſtern fand, wo er ſich gewoͤhnlich aufhaͤlt und das vor der Bibliothek ſich befindet, ſo ging ich durch dieſen großen Saal. Es war noch Niemand darin und ich klopfte leis an die Thur zum Cabinet des Prinzen⸗ welche halb offen ſtand. „Komm nur herein!“ rief die Stimme des Fuͤr⸗ ſten, und ohne zu uͤberlegen, daß er mich nicht dutze, öffnete ich leis einen Fluͤgel deſſelben. . Der Lage des Orts nach ſah ich den Fuͤrſten im Pro⸗ fil vor einem Büreau ſitzen, das Kinn in die Hände geſtuͤtzt. Er ſchien mit tiefer und ſchmerzlicher Aufmerkſamkeit ein — — — 223 — köſtliches Portrait Regina's, das kurz nach ſeiner Vermäh⸗ lung gemalt worden, zu betrachten. Der Ausdruck des Ge⸗ ſichts des Fuͤrſten, auf dem ich Spuren friſcher Thraͤnen er⸗ blickte, war ſo troſtlos, ſo zerknirſcht, ſo ruͤhrend, daß ich auf der Stelle wider meinen Willen, eben ſo viel Mitleid als Theilnahme fur dieſen Mann fuhlte, deſſen Ungluͤck ich nie geahnet hatte. Ein Gedanke durchzuckte mich blitzesſchnell. Der Fuͤrſt betete ohnſtreitig ſeine Frau immer noch an, und verbarg vielleicht aus Stolz ſeine Liebe. Ueber die Art von Geheimniß, das ich erlauſcht, er⸗ ſchreckt, habe ich damals blos gedacht, daß der Fuͤrſt durch den Zuruf: Komm nur herein, ſich an Louis zu wenden geglaubt habe, dem er ohne Zweifel keines ſeiner Gefuͤhlt verbarg. Gluͤcklicher Weiſe war ich auf der Schwelle der ge⸗ öffneten Thuͤr ſtehen geblieben, und der Prinz ſo verſenkt, daß er meine Gegenwart gar nicht zu bemerken ſchien. So trat ich denn einen Schritt zuruͤck, in der Hoff⸗ nung, nicht geſehen worden zu ſein, und zog mich hinter die andere Thuͤrhalfte, wo ich dann abermals und ſtarker klopfte. „Aber ſo komm doch herein, Louis!“ rief der Fuͤrſt. „Gnädiger Herr . . es iſt nicht Louis,“ antwortete ich, ohne mich ſehen zu laſſen. „Wer denn ſonſt?“ ſagte verdrußlich der Fuͤrſt, ich horte ihn aufſtehen, und an die Thuͤr gehen, die er voöllig oͤffnete. — 2 — „Was wollrn Sie?“ fragte er nun hart und unwillig. „Gnädiger Herr, hier dieſes von der gnadigen Frau. Sie hat mir befohlen zu warten.“ Und damit uͤbergab ich dem Fuͤrſten das Päcktchen. „Es iſt gut,“ entgegnete er. „Warten Sie in der Bibliothek.“ Einige Minuten nachher gab er mir den großen Um⸗ ſchlag zuruck, und ſagte: „Bringen Sie das zur Fürſtin zuruͤck.“ S eilte 3. zu vl i! die lef⸗ und erb⸗ des ʒürßen beim Betrachten des Portraits ſeiner Gemahlin, ſturzte alle meine Gedanken um ... Er liebte ſie noch . hatte ſie ſtets leidenſchaftlich geliebt. Aber wie dann ſeine Ruckfaͤlle in die entarteten, niedrigen Gewohnheiten erklären? Nein nein .. dieſe verſpaͤtete Anbetung iſt nur eine Laune, eine Phantaſie der Erinnerung . Ein ſolcher Menſch iſt fuͤr immer unfaͤhig, Regina's Gluͤck zu ſichern . das dies nur i ſchr. Was i6 in einem nugenic der ite des alten Louis vernehme, wirft mich wieder in meine Zweifel zuruck. Ich beſitze nur Ein Mittel, mich durch mich ſelbſt von der Wahrheit zu uͤberzeugen. Morgen werde ich den Füt⸗ — 225 — ſten beſuchen, ich werde ihn ſprechen, und ich muß dabei das Tiefſte ſeiner Gedanken ergruͤnden. Dann werde ich zwiſchen ihm und Juſt entſcheiden. 4. Februar, 5 Uhr fruͤh. Es iſt vorbei! Nach einer ſtrengen und unpartheiiſchen Pruͤfung mei⸗ ner Eindruͤcke, waͤhrend dieſer ſeltſamen Nacht, habe ich mich von der Kenntniß leiten laſſen, die ich uͤber die Charak⸗ tere, Regina's, Juſts und des Fuͤrſten beſitze. Ich habe Alles vor dem Tribunale meines Gewiſſens redlich abgewogen, und einen letzten Entſchluß gefaßt. So moͤge denn Regina's, Juſts und des Fürſten Schickſal ſich heut erfullen! Noch vor dieſem Abende wird Alles zwiſchen ihnen ent⸗ ſchieden ſein. Gott kennt meine Abſichten er weiß ob ſie rein, redlich, uneigennuͤtzig ſind; er wird mich losſprechen, wenn ich mich in dem Guten irre, das ich ſtiften will. Folgendes hat ſich zugetragen. Geſtern ſagte ich Regina: „Ich haͤtte eine Bitte an die gnaͤdige Frau.“ „Was denn, Martin?“ „Wenn die gnaͤdige Frau meiner nicht bedurfte, hätte Sie wohl die Gnade, mich fuͤr dieſen Abend zu beurlauben Martin. VIII. 15 wo ich vielleicht ziemlich ſpaͤt ins Hotel zuruͤckkommen duͤrfte.“ Die Fuͤrſtin ſah mich ſehr verwundert an, dann ſchien ſie ſich an etwas zu erinnern und antwortete laͤchelnd: „Ah, ich verſtehe, wir ſind im Carneval.. .. Gehen Sie, gehen Sie, amuͤſiren Sie ſich gut, aber ja keine Ex⸗ ceſſe,“ ſetzte ſie hinzu. „Ich ſage Ihnen das, Martin, weil Sie ein braver, ſehr ruhiger und ordentlicher Diener ſind und es oft unglucklicherweiſe nur einer Gelegenheit bedarf, um die beſten Gewohnheiten umzuwandeln.“ „Die gnaͤdige Frau koͤnnen deshalb ſicher ſein.“ „Gut! gehen Sie denn.“ Und ich ging. Ich hatte durch den alten Louis erfahren, daß der Fuͤrſt nicht im Hotel ſpeiſ'te. Es blieb mir nichts uͤbrig, als ihn Abends in der Straße Dauphin zu erwarten und ihm dann dahin zu folgen, wohin er gehen wuͤrde. Als die Nacht eingebrochen, begab ich mich zu einem Maskenverleiher in der Straße Saint⸗Honoré, wo ich mir ein blau und weiß gewuͤrfeltes Pierrot⸗Coſtuͤm, ſo wie das des Fuͤrſten kaufte. Dann verſah ich mich bei einem Haͤnd⸗ ler mit feinen Farben, mit einer kleinen Blaſe voll Blei⸗ weiß, einer andern mit Roth, noch einer mit Elfenbein⸗ ſchwarz und endlich mit einem Pinſel und einer Flaſche trock⸗ nen Oels, mittels deſſen ein Gemälde, ſobald dieſes darauf kommt, ſogleich trocknet. Alle dieſe Kleinigkeiten kommen mir jetzt kindiſch und laͤcherlich vor, aber Alles war verloren, wenn der Fuͤrſt, mein Herr, mich erkannte ⸗ Nun ging ich zu meinem braven Freund Jerome, dem Fiakerkutſcher, den ich niemals vernachlaͤſſigt, und ihm noch Tags zuvor geſchrieben hatte, daß ich ihn erſuche, ſich mit ſeinem Wagen zu meiner Dispoſition zu ſtellen, von 6 Uhr Abends bis 6 Uhr Morgens. Eine gruͤne Teufelsmaske und eine andere mit einem Elephantenruͤſſel, als Naſe, die ich bei dem Coſtuͤmier kaufte⸗ ſollten den beiden Kindern Jerome's eine Freude machen. Ich fand bei ihm nur ſeine gute und ehrliche Hausfrau. „Ah, guten Morgen, Herr Martin,“ ſagte dieſe, „Sie muͤſſen auf meinen Mann warten. Er hatte Ihnen ver⸗ ſprochen, um 6 Uhr hier zu ſein, aber im Carneval wiſſen Sie ſchon, iſt ein Fiaker nicht ſein eigner Herr.“ „Ich brauche ihn auch eigentlich erſt gegen 8 Uhr, alſo haben wir noch Zeit.“ „Oh, er wird nicht ausbleiben. Fuͤr Sie ließe er lieber ſeine Kunden mitten auf der Straße ſtehen.“ „Waͤhrend deſſen, meine gute Frau Jerome, erlauben Sie mir mich in dieſem Cabinet zu verkleiden, beſonders aber ſagen Sie Jerome, wenn er wiederkommt, nicht, daß ich hier bin; ich will ſehen, ob er mich erkennen wird.“ „Seien Sie ohne Sorge, Herr Martin, das wird ſehr luſtig werden. .. Welche Freude!“ Vor einem durch ein Licht beleuchteten Spiegel in ei⸗ nem Stuͤbchen, das zu der kleinen Wohnung Jerome's ge⸗ 15* hörte, zog ich fuͤrs Erſte die Pierrotkleider uͤber meine ſchon ſehr weiten, wodurch ich viel dicker und folglich auch viel kleiner ausſah, als ich bin. Dann taͤtowirte ich mir mit⸗ eis der rothen, weißen und ſchwarzen Farbe und des trock⸗ nen Oels das Geſicht auf eine ſolche Art, daß es durchaus unmoͤglich ward, mich zu erkennen, und meine Zuͤge unter dieſen bizarren Zeichnungen leuchtender Farben zu unterſchei⸗ den. Außerdem hatte ich noch meine Haare unter eine Haube gezwaͤngt und auf dieſelbe eine ungeheure, graue, lange Lo⸗ ckenperucke befeſtigt, worauf ich meinen Pierrot⸗Hut ſtuͤlpte. Niemals werde ich das ſonderbare Gefuͤhl vergeſſen, das ich waͤhrend dieſer an ſich ſo burlesken Vorbereitungen em⸗ pfand, die ich bei alledem auf eine ernſte und beſonnene Weiſe trieb, wenn ich bedachte, daß dieſe Verkleidung mir dazu dienen ſollte, einen Plan von der hoͤchſten Wichtigkeit auszufuͤhren. ——— Ende des achten Theils. ——