Eduard Oktmann in Gießen, Schloßgaſſe Lit. A. Nr. 256. Veih- und Seſebedingungen. 1. Oflensein der Bibliothek. Die Pibliothek ſteht zur Em⸗ pfangnahme und Rückgabe der Bücher jeden Tag von Morgens 7 Uhr bis Abends 8 Uhr offen. Leepreis. Vei Rückgabe eines geliehenen Buches wird von jedem Tag 5 Pf bezahlt. Die Zeit eines Tages iſt zu 24 Stun⸗ den angenommen. 3. Cantion. Unbekannte Perſonen müſſen, bei Entgegennahme eines Buches, einr dem Werthe deſſelben entſprechende Summe 4. Abonnement. Daſſelbe muß voraus bezahlt werden und beträgt: . für wöchentlich 2 Bücher: 4 Bücher: 6 Bücher: Wen N 1N 2W 5 Auswärtige Abonnenten haben für Hin- und Zurückſendung der Bücher auf ihre eigenen Koſten und Gefahr ſekbſi zu ſorgen. 6. Schadenersatz. 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Mertin. vu. 1 1 * Erſtes Rapitel. — Die Funambules. *) „Laß uns in die Funambulen gehen, da werden wir dieſe Basquine ſehen, von welcher ein Kenner mit mir wie von einem ungekannten Wunderwerke geſprochen,“ hatte Balthaſar zu Robert von Mareuil geſagt. Ich konnte nicht daran zweifeln, es handelte ſich dieſes Mal um die Gefährtin meiner Kindheit. Wenn ich daran dachte, fuͤhlte ich außerordentliche Freude. Ich beſtellte alſo zuerſt nach den Befehlen meiner Herren das Diner im Rocher de Cancale und dann fuhr mich der Lohnkutſcher zu den Funambulen. Ich ließ mir das Bureau der og vermiethung zeigen und hoffte dort et zu erfähren. Nachdem der Buraliſt Logenbillet erhalten hatte, ſagte er zu m „Es war das letzte, das ich noch hatte, lieber Mann; kommt in die Mode. Es ſind heut Logen 5 vrn Theater in Paris. von Marquis, Grafen und Kapitains, kurz von der ſchoͤnen Welt gemiethet worden wie bei den Italienern.“ „Spielt nicht Mamſell Basquine dieſen Abend?“ fragte ich. „Nein, die beruͤhmte Clorinde ſpielt die Rolle der Silberfee.“ „Ich las aber doch auf dem Anſchlage den Namen Basquine!“ „Ach ja . . die kleine Figurantin . ſie hat ſo ein Endchen Rolle .. die des böſen Genius. Sie bleibt nicht ein Viertelſtuͤndchen auf der Buͤhne.“ „Man ſagt aber, Basquine habe trotz deſſen viel Ta⸗ lent gezeigt.“ „Talent? eine Figurantin fuͤr 10 Sous den Abend! Talent! oh, lieber junger Mann, Sie thun mir leid!“ „Können Sie mir wohl ſagen, wo Mamſell Basquine wohnt?“ „Wo ſie wohnt?“ rief der Buraliſt und brach in ein Gelaͤchter aus. „Wiſſen Sie denn nicht, junger Mann, daß die Figurantinnen fuͤr 10 Sous des Abends nirgends wohnen nie wohnen das hat irgend wo ein Un⸗ terkommen . . und auch dies Damit wendete mir der Buraliſt den Ruͤcken. Ziemlich verſtimmt hoffte ich doch Basquine des Abends wieder zu ſehen und verließ mich auf meine Ein⸗ N. — — gebung des Augenblicks, um ein Mittel zu finden, nach dem Schauſpiel mit ihr zu ſprechen. Balthaſar hielt ſein Wort. Waͤhrend er fröhlich mit Robert von Mareuil dinirte und im Voraus die Erobe⸗ rung der Millionen Regina's feierte, tiſchte man mir in einer Art von Leutezimmer das ſplendidſte Mal auf, das ich in meinem Leben geſehen hatte. Ich machte dieſem Diner wenig Ehre, beſchäftigt, wie ich war, ſowohl mit den Mitteln, Basquine wieder zu ſehen, als mit der Furcht, welche mir fuͤr Regina's Zukunft die Hoffnungen Roberts von Mareuil einflößte, der, wie er ſagte, ihrer Liebe ge⸗ wiß war. Das Mittagsmahl meiner Herren war vorbei. Sie ließen mich rufen. Ich oͤffnete den Schlag ihres Wagens und er rollte zu den Funambulen. Da Balthaſar mir reichlich gegeben hatte, mir einen Platz zu kaufen, ſo ging ich ins Parterre. Noch nie in meinem Leben war ich in einem Theater geweſen, auch war mein Staunen und meine Neugier um ſo groͤßer, als ich waͤhrend eines Zwiſchenakts und inmitten eines furcht⸗ baren Tumelts ankam, ein uͤbrigens in dieſem laͤrmreichen Theater ſehr gewohnliches Ereigniß. Die reſpectwidrige Stellung mehrer Zuſchauer der er⸗ ſten Ranglogen verurſachte dieſen großen Lärmen. Alle meine Nachbarn im Parterre ſtanden auf den Baͤnken und ſchrieen aus allen Kraͤften. „Hinaus! hinaus! Geſicht an's Parterre!“ Und die Gallerieen wie das Paradies wiederholten im Chor dieſes Geſchrei, unter Begleitung von Geſchrei, Geheul und Gepolter, daß die Ohren gellten. Die Zuſchauer der Proſceniumsloge, welche dieſen Lar⸗ men verurſachten, ſaßen auf der Bruͤſtung derſelben und fuhren fort, dem Publico den Ruͤcken zuzukehren. Endlich, ſei es nun, daß ſie einen wirklichen Tumult befuͤrchteten, ſei es, daß ſie glaubten, durch das Beharren in ihrer Stellung gegen die Volkstyrannei genug prote⸗ ſtirt zu haben, wendeten ſie ſich langſam um und warfen einen verachtungsvollen Blick auf den Saal. Dennoch wurde dieſe Niederlage des erſten Ranges durch ein un⸗ geheures Siegesgeſchrei begruͤßt, das aus den triumphiren⸗ den Ha, ha, ha, aus allen aufruͤhreriſchen Winkeln des Hauſes beſtand, und ſo hatte dieſer Zwiſchenfall keine weitern Folgen. Jene Loge, welche ſich neben der von Balthaſar und Robert befand, enthielt vier Perſonen, zwei darunter kannte ich ſchon, den Grafen Duriveau und ſeinen Sohn, den Vicomte Scipio. Ich hatte Erſtern Tags zuvor bei Re⸗ gina's Vater und heut ftuͤh im Louvre geſehen, was Sci⸗ pio betraf, ſo hatten ſich, ob er gleich mehre Jahre alter⸗ und viel größer geworden war, als bei dem Auftritte im Walde von Chantilly, ſeine Zuͤge doch ſehr wenig veraͤn⸗ dert. Es war daſſelbe allerliebſte Geſicht mit blondem Lockenhaar, durch einen Ausdruck von Fuͤhnheit und fruh⸗ reifer Impertinenz bemerkbar. Ob der Vicomte gleich 5 — 5 —— — 4 — kaum ins Juͤnglingsalter getreten, ſah er doch weit mehr einem kleinen jungen Manne, wie der Kunſtausdruck iſt, als einem Kinde aͤhnlich. Als der Vicomte ſich nach dem Saale zuwendete, war ſeine Geſichtsfarbe belebt, ſein Auge glaͤnzte, zuckte. Ich erſchrak uͤber die inſolente und kecke Bewegung, womit er den Zuſchauern trotzen zu wollen ſchien, indem er ihnen den Rohrſtab zeigte, den er in ſeiner kleinen Hand mit gla⸗ eirten Handſchuhen hielt. Haͤtte ein Mann eine ſolche Windbeutelei ausgeuͤbt, ſo. wuͤrde er ohnſtreitig einen neuen Sturm erregt haben, aber Scipio's kindiſcher Trotz wurde dagegen mit großem Gelaͤchter und höhniſchen Bravo's aufgenommen. Ich weiß nicht, wohin der Zorn dieſes Kind noch gebracht haben wuͤrde, deſſen Lippen vor Wuth zuſammengebiſſen waren, wenn ſein Vater es nicht fteundlich in den Hintergrund der Loge gefuͤhrt haͤtte. Ein Juͤngling, ohngefähr in Scipio's Atter, und ein Mann mit verſtaͤndigem, aber gemeinem und heim⸗ tuͤckiſchem Geſichte, begleitete den Vicomte und deſſen Vater. Nach dem was ich dieſen Morgen durch des Grafen Leute vernommen, mußte der Mann mit dem heimtuͤckiſchen Ge⸗ ſichte der Hofmeiſter Scipio's ſein, und war es auch. Der Juͤngling war einer von des Letztern Freunden. Ohnerachtet meiner geringen Weltkenntniß kam es mir doch ſonderbar vor, daß der Graf gerade dieſes Theater gewaͤhlt habe, um ſeinen Sohn dahin zu fuͤhren, nicht we⸗ gen der Art von Stuͤcken, die man hier gab, da im Gegen“ * theile Feenmährchen geeignet zu ſein ſchienen, Kinder zu unterhalten, aber der Graf mußte wiſſen, daß dieſes Theater oft, wie man ſagte, zu Rendezvous von Leuten diente, die nach uͤbertriebenem Gelage noch einen tollen, laͤrmenden Abend zubringen wollten. Nicht lange, ſo befahlen die drei feierlichen hinter dem Vorhange tönenden Schlaͤge ein allgemeines Schweigen, und das Orcheſter ſpielte eine traurige Ouvertuͤre. In meiner Ungeduld, Basquine auftreten zu ſehen, wendete ich mich an einen meiner Nachbarn. „Wird man bald Mamſell Basquine ſehen? frug ich. „Wen? Basquine? . Ah, die Blonde, die den bö⸗ ſen Genius ſpielt nein, noch nicht.. Die Scene kommt erſt am Actenſchluſſe.“ „Basquine hat viel Talent, nicht wahr, mein Herr?“ „Das weiß ich wahrhaftig nicht, aber ſie iſt recht drollig. Wenn ſie ihre Teufelsfratzen macht, hat ſie ein boͤſes Anſehen wie ein Daͤmon, aber es iſt ein Moment drin wo ſie ſingt 0 weh gehorſamer Diener.. M Das klingt ſo gellend wie in der Oper.“ „Ei, mein Herr, wie können Sie das ſagen?“ ent⸗ gegnete mein Nachbar links; „Basquine ſpielt ihr Bischen Rolle mit einem Ausbrucke! und dann hat ſie eine Stimme! eine Stimme! Ich komme blos deshalb hierher, um ſie dies kleine Stuͤckchen ſingen zu hören.“ — — „Jeder nach ſeinem Geſchmacke,“ verſetzte mein Nach⸗ bar rechts. Dann wendete er ſich an mich und ſagte mir leiſe: „Hören Sie nicht auf dieſen Herrn; er verſteht nichts davon. Dieſe Basquine iſt keine Actrice ſie iſt eine ſchlechte Figurantin fuͤr zwei Liards, mager wie ein Nagel und die tragiſch ſpielt . . ich bitte Sie hier bei Funambulen! ... Wenn das nicht mitleidswuͤrdig iſt! aber ſehen Sie Phlorinde, bie die Silberfee ſpielt. .. Das iſt eine Actrice! .. Ich mache nur auf ihre Waden aufmerk⸗ ſam u. ſ. w. . Nun, Sie werden ja dieſe Herrlichkei⸗ ten ſehen.“ Ich ließ dieſen Lobredner der Waden und der u. ſ. w. u. ſ. w. der Mamſell Clorinde ſprechen, denn der Vorhang ging auf. Ich warf einen Blick in die Loge, wo Robert und Balthaſar waren. Letzterer, der auf der vorderen Bank ſaß, war vor Freude ſtrahlend, er ſchien ſich vortreff⸗ lich zu unterhalten, während Robert im Hintergrunde der Loge ſitzend, ſich nachdenkend und duͤſter zeigte. Ich konnte dieſe Traurigkeit nicht mit der Gewißheit vereinen, welche Robert hegte, daß er immer noch von Regina geliebt werde. Dieſe Sonderbarkeit rief mir die Veraͤnderung von Roberts Zugen ins Gedaͤchtniß zuruͤck, als er mit la Levraſſe die geheime Unterredung gehabt hatte, von welcher ſelbſt Bal⸗ thaſar ausgeſchloſſen geweſen war. Ob mir gleich dieſe Bemerkungen viel zu denken gaben, beſchaͤftigte ich mich doch blos mit der Feengeſchichte, da ich nur an den Augen⸗ blick dachte, wo Basquine erſcheinen werde. Dieſer Gedanke führte mich auch zu den tauſendfachen Erinnerungen meiner Kindheit zuruͤck, ſo ſuͤße und auch ſo bittere Erinnerungen. Nicht lange, ſo vergaß ich ſelbſt das Stuͤck, das geſpielt ward, und was um mich her vor⸗ ging, uͤberzeugt, daß ich durch Basquinens Stimme, ſobald ſie auftrete, wieder in die Wirklichkeit zuruͤckgefuhrt werden wuͤrde. Ein neues Ereigniß weckte mich aber aus meinem Nachdenken. Gegenuͤber der Loge des Grafen Duriveau war eine Loge leer geblieben. Zwei ſchlecht gekleidete Maͤnner traten in dieſelbe, indem ſie den Verſchlag uͤberſchritten, der dieſe von der Galerie trennte, wo ſie einſt geſeſſen. Da nun die Miether der Loge jetzt kamen und ſie beſetzt fanden, ſo entſtand daraus ein heftiger Wortwechſel und die Vorſtel⸗ lung wurde einen Augenblick unterbrochen. Die beiden Eindringlinge, von welchen der Eine klein war, geſtikulirten im Innern der Loge, und ſchienen Fuß vor Fuß das Terrain behaupten zu wollen. Plötzlich ſah man zwei große Arme den Kleinſten dieſer Beiden ergreifen, ihn in die Höhe heben, uͤber den Verſchlag der Galerie transportiren, und an derſelben Stelle niederſetzen, die er fruher verlaſſen hatte, um in die Loge ſich zu draͤngen. Dieſer Beweis von Kraft und komiſcher Kaltblutigkeit verurſachte einen allgemeinen Enthuſiasmus. Paradies „r— — —— — — und Parterre brachen in Bravo's aus und eine Menge Stimmen ſchrieen: „Der Autor! der Autor!“ Denn der bis dahin faſt unbemerkte Mann mit den beiden großen Armen, hatte ſich gegen den Hintergrund der Loge gewendet, ohnſtreitig um den andern Eindringling auf dieſelbe Art zu ſpediren, dieſer aber verſchwand eben ſo wie ſein in die Galerie zurucktrans⸗ portirter College faſt auf der Stelle, um den Spottreden des Saales ſich zu entziehen. Dieſe Execution genuͤgte nicht; die Neugier war zu ſehr geweckt, wer wollte mit aller Gewalt den Autor dieſes kraftigen Scherzes ſehen, und Parterre, Paradies und Galerie begannen wieder mit furchtbarem Einklange: „Der Autor! der Autor!“ Dieſer ſchmeichelhafte Ruf ſchien der Beſcheidenheit des Autors dieſer bewunderten That nicht Gewalt anzu⸗ thun, er trat an die Bruͤſtung der Loge mit außerordent⸗ licher Selbſtzufriedenheit und gruͤßte vornehm das Publi⸗ kum, indem er mit der Miene grotesker Verlegenheit die Hand auf ſein Herz legte. BGeſchrei und Bravo's verdoppelten ſich. Jetzt wollte der Mann mit den langen Armen ohnſtreitig eine Perſon die ihn begleitet hatte, an dieſer ſchmeichelhaften Huldigung theilnehmen laſſen, er wendete ſich alſo ruͤckwaͤrts und zog halb gutwillig, halb mit Gewalt ein ſehr hubſches weibliches Weſen in die Mitte der Loge, das eine kecke, obgleich durch dieſe unerwartete Vorſtellung etwas verlegene Miene hatte. Ueber dieſes Benehmen des Mannes mit den langen Armen waren die Meinungen getheilt. Einige applaudirten enthuſiaſtiſch, und dieſe gruͤßte er von Neuem. Andre pfiffen. Stipio Duriveau und ſein Kamerad gehörten darunter. Auch dieſe gruͤßte der Mann mit lan⸗ gen Armen mit unerſchutterlicher Kaltbltigkeit. Vielleicht waͤre zwiſchen den Klatſchenden und Pfei⸗ fenden ein feindlicher Zwieſpalt ausgebrochen, wenn nicht die Neutralen bei dieſer Frage mit großem Geſchrei die Fortſetzung des Stuͤcks verlangt haͤtten. Dieſe letztre Anſicht vereinte die Diſſidenten. Das Schweigen wurde nach und nach wieder hergeſtellt. Der Mann mit den langen Armen ſetzte ſich an die eine Seite der Loge, die Frau mit der kecken Miene an die andere und das Stuͤck ward weiter geſpielt. Was mich betraf . . . ich blieb unbeweglich . . zitternd. Ich hatte in dem Manne mit den langen Armen — Bamboche erkannt. Sein Wuchs war lang, kräftig und gewandt. Er trug wie ehemals ſeine ſchwarzen Haare glatt abgeſchnitten, die denn ſo mit ihren Spitzen um ſeine breite Stirn, ſeinen Zuͤgen einen ganz eigenthuͤmlichen Charakter verliehen. Auch hatte ich ſogleich den alten Gefaͤhrten meiner Kindheit er⸗ kannt. Seine Braunen und buſchigen Backenbaͤrte, und ſein dicker Schnurbart von derſelben Farbe vermehrten noch den entſchloſſenen Ausdruck ſeines kraͤftig hervortretenden ——— Geſichts. Seine Phyſiognomie ſchien mir jedoch ſtatt wie ſonſt wild und höhniſch zu ſein, jetzt zugleich jovial, inſo⸗ lent und ſpottend. Bamboches Kleidung verkuͤndete zugleich Luxus und ſchlechten Geſchmack. Eine dicke goldne Kette ſchlaͤngelte ſich uͤber ſein Gilet von hochrothem Sammt; er trug brillantene Knoͤpfchen im Hemde und die Aermel ſeines maronfarbenen Kleides zu größerer Bequemlichkeit bis uͤber die Knoͤchel zuruckgeſchlagen, ſo daß man ſeine breiten Haͤnde von etwas zweifelhafter Reinlichkeit ſehen konnte. Auch legte er dieſe auf die Logenbrüſtung, ohne Zweifel, um die Edelſteinringe bewundern zu laſſen, die an ſeinen großen Fingern funkelten. Da er ohnſtreitig fur vornehm hielt, kurzſichtig zu ſcheinen, ſo ſah Bamboche trotz des Glanzes ſeiner großen grauen offnen Augen, voll Luſt und Licht, von Zeit zu Zeit und ſehr linkiſch durch eine goldne Doppellorgnette. Die Begleiterin von Bam⸗ boche, die er uͤbrigens nur mit geringer Aufmerkſamkeit be⸗ handelte, trug einen Roſahut und hue einen ſehr ſchoͤnen Shawl uͤber den Schultern. Das Feenſtuͤck fuhr fort, aber ich hatte nur Augen fuͤr Bamboche. Mein Herz ſchlug heftig, denn ich erkannte die Wahrheit von Claude Gerards Vorausſagung: „Du wirſt Deine Gefaäͤhrten nach zehn Jahren, nach zwanzig Jahren wiederfinden und eben ſo tief wie jetzt fuͤr die Vergangenheit jene Freundſchaft aus der Kinderzeit wieder fuͤhlen, die Dich an Basquine und Bamboche knuͤpft. 6 — 4 — Es ſchien mir in der That, als wäre ich erſt ſeit we⸗ nigen Tagen von meinem Gefährten getrennt. Ich fragte mich nicht, durch welche gewagte, ohne Zweifel ſtrafbare, ja vielleicht verbrecheriſche Wege Bamboche vor Kurzem zu Grunde gerichtet, als Contrebandirer verfolgt, und der eingeſtandene Mitgenoſſe von la Levraſſe und dem Kruͤppel bei wer weiß welchen unredlichen Geſchaͤften, von Neuem einen gewiſſen Luxus kundgeben könne. Ich fragte mich nicht, ob die Zuverſicht, mit welcher er es wagte, ſich im Publico zu zeigen, ſeine unglaubliche Keckheit oder feine Unſchuld beweiſe . . . ich dachte nur an die Freude, ihn wiederzuſehen. Wider meinen Willen wurden mir die“ Augen naß, wenn ich bedachte, daß wir uns bald ſagen wuͤrden: Denkſt Du noch daran?... Nur Eins betunuhigte mich: wußte Bamboche, daß Basquine auf der Buͤhne er⸗ ſcheinen werde? . . . empfand er dieſelbe Liebe fur ſie, wie ſonſt? ... Die Gegenwart der Frau, welche meinen Ju⸗ gendfreund begleitete, verwickelte noch dieſe Fragen, die ich an mich ſelbſt richtete und deren Löſung ich im Zwiſchenakte zu erfahren hoffte. Denn ich war feſt entſchloſſen, Bam⸗ boche an der Thuͤr ſeiner Loge zu erfragen, und verließ ihn bis dahin faſt nicht mit den Augen. Seine Gefaͤhrtin ziſchelte ihm einige Worte leiſe ins Ohr. Sogleich machte er ihr, obgleich er ſich kindiſch an der Feengeſchichte zu be⸗ luſtigen ſchien, ein bejahendes Zeichen und verließ die Loge. „Sie wuͤnſchen Basquine zu ſehen,“ ſagte mir einige Augenblicke ſpaͤter mein Nachbar zur Linken, ein erklaͤrter Partiſan der armen Figurantin. „Paſſen Sie auf, ſie kommt jetzt gleich. ... Da geht ſchon der Donner los, die Flammen der Hölle und all der Teufelslärmen, der ihr Auftreten ankuͤndigt.“ Man kann leicht denken, welche neugierige und unge⸗ duldige Blicke ich auf die Buͤhne warf. Dieſe ſtellte eben einen duͤſtern und tiefen Wald dar, der Donner rollte und haͤufige Blitze beleuchteten die Scene. Der Anblick dieſer Decorationen und der Larmen des Donners erweckten in meinem Innern eine vielleicht kindi⸗ ſche Zuſammenſtellung, die aber einen ſonderbaren, faſt er⸗ ſchreckenden Eindruck auf mich machte. Mehre Jahre zuvor waren in einem duͤſtern Walde, wo auch das Rollen des Donners erſcholl und das grelle Leuchten der Blitze zuckte, drei verlaſſene und drei reiche Kinder einander begegnet. Fuͤnf von dieſen Kindern: Scipio faſt ein Juͤngling, Robert von Mareuil, Bamboche und ich, Maͤnner gewor⸗ den, und Basquine zum jungen Maͤdchen herangewachſen, begegneten ſich wieder heut Abend, gegenſeitig ihre Anwe⸗ ſenheit in dieſem komiſchen Theater nicht wiſſend, das auch einen Wald darſtellte, deſſen Echos das Bruͤllen des Don⸗ ners wiederhallten! Nur Regina fehlte aber das Andenken, das in mir fuͤr ſie wohnte, machte ſie gleich'am auch gegenwärtig bei dieſer Scene. — 16 — Im Augenblicke, wo der Donner hinter dem Theater am Tollſten tobte, oöffnete ſich eine Verſenkung und ſpie maͤchtige rothe Flammen aus, wie es bei dem Erſcheinen eines holliſchen Weſens nothwendig, und nachdem der Aus⸗ bruch nach und nach aufgehort, ſah ich Basquine aus der Tiefe der Hoͤlle herausſteigen. Sie mußte damals 16 bis 17 Jahr alt ſein. Ihr mehr als mittelgroßer Wuchs war ſchlank und außerordent⸗ lich zierlich, nur konnte man ihr ein wenig Magerkeit vor⸗ werfen, eine Magerkeit, deren Urſache ohnſtreitig Elend oder Kummer. Sie trug ein fleiſchfarbenes Tricot, das den reizenden Umriß der Beine bezeichnete. Die Schoͤnheit ihrer Arme, die blendende Weiße ihres Buſens und ihrer Schultern ſchienen durch den Contraſt ihres kurzen ſchwarzen, mit rothen und ſilbernen kabbaliſtiſchen Figuren beſaͤten Jaͤckchens noch blendender. Auf ihrer mit köſtlichen blonden, in Zoͤpfen zu⸗ ruͤckgeſchlagenen Haaren gekrönten Stirn, erhoben ſich zwei ſilberne, gleich Reiherfedern bewegliche Hörnchen, waͤhrend an ihren breiten, marmorglatten Schultern zwei Fluͤgel von ſchwarzem Krepp mit ſilbernen Krallchen ſich zeigten. Trotz dieſes teufliſchen, dem Lächerlichen nahe kom⸗ menden Koſtuͤms, machte dieſe Erſcheinung einen tiefen Eindruck auf mich, ſo ſehr war ich durch den wahrhaft diaboliſchen Charakter ergriffen, den Basquine ihren, durch ihre Engelreinheit doch ſo ausgezeichneten Zuͤgen zu geben verſtanden hatte. Da ſie nicht roth geſchminkt war, ſo er⸗ ſchien ihre Bläſſe erſchuͤtternd. Nur ihre beiden großen Augen erhellten mit ihrem Glanze ihr Geſicht, weiß wie ein Leichentuch. Es iſt unmoͤglich, den unbeſchreiblichen Kontraſt ihres brennenden Blicks, voll faſt fieberhafter Gluth und dieſes bittern, eiſigen Lächelns zu beſchreiben, das dieſes Geſicht von himmliſcher Schoͤnheit verſtellte. Ein unbeſtimmter Inſtinkt ſagte mir, daß dies nicht blos eine zu ihrem Vergnuͤgen und im Beduͤrfniß der Rolle vor⸗ genommene Maske ſei. Nein! nein! ich erinnerte mich nur allzugut, mit welchem Ausdrucke wilden Gefuͤhls ſie jenen unſeligen Toaſt, Haß den Reichen! ausgebracht, nachdem ſie, gleich uns, von den kleinen Reichen im Walde von Chantilly unbarmherzig war zuruͤckgewieſen worden, ich erinnerte mich nur zu gut, welche wilde Freude ſich uͤber ihre bis dahin ſo ſanften Zuͤge verbreitet hatte, als ich bei Einbruch der Nacht die ohnmächtige Regina auf meinen Armen fortgetragen hatte. Nein, nein! ich fuhlte, daß in dieſer Rolle eines böſen Genius Basquinens ohn⸗ ſtreitig durch das Ungluͤck verbitterte Seele ſich ganz auf ihrem Geſichte ausſpreche. Das Unglück hatte ſie zu dieſer Rolle geeignet, welche ihr jetzt der gufall verlieh. Der tiefe Eindruck, den ſie auf einige ausgezeichnete Kenner hervorbrachte, bewies hinreichend, daß hier etwas Anderes zum Grunde liege, als die Darſtellung einer an ſich unbe⸗ deutenden Rolle. Basquinen's Erſcheinung, ihre Stellung, Bewegung Martin. VII. 2 s —— und Geſichtszuge, vol dramatiſcher Kraft, wurden nicht ſogleich mit Beifall gekrönt. Warum? Jetzt erklaͤre ich es mir. Fuͤr die meiſten Beſucher dieſes Theaters war Bas⸗ quine nur eine huͤbſche Figurantin, etwas mager und ſehr blaß. Was die wenigen Zuſchauer betraf, die im Stande waren, ihren Werth zu wuͤrdigen, ſo klatſchten dieſe im Allgemeinen ſelten... Doch irre ich nicht, Balthaſar rief laut: „Sie iſt hinreißend! ſublimi“ Und er klatſchte wuͤthend. Vielleicht haͤtte dieſes Beifallklatſchen ein Echo gefun⸗ den, denn oft iſt nichts elektriſcher als Bewunderung, aber oft vereiſet auch den Enthuſiasmus ein Gelaͤchter, und ſo war es diesmal. Spottendes Gaͤhnen, wiederholtes Ruhe⸗ gebieten erſcholl von der Loge des Grafen Scipio und ver⸗ ſteinerte das Fortgeriſſenwerden, zu welchem vielleicht die leidenſchaftlichen Bravo's Balthaſar's angefeuert haͤtten. Der Dichter ließ ſich aber nicht abſchrecken und fing wieder aus allen Kraͤften zu applaudiren an. Dieſe freundſchaft⸗ liche Ungeſchicklichkeit verurſachte neues Stillrufen, das jetzt nicht mehr allein von der Loge des Vicomte ausging. Was Basquine betraf, ſo war ſie ohne Zweifel ganz in ihre Rolle verſenkt, und ſchien von Allem was im Hauſe vorging, nichts zu bemerken, bis ein neuer Vorfall dieſe arme Figurantin aus ihren ſceniſchen Illuſionen riß. Bweites Rapitel. Basquine. Um den Vorfall zu begreifen, der plötzlich Basquinen in Mitten ihrer Rolle beunruhigte, ſind einige Worte über den Gang des Stuͤcks unentbehrlich, ein kindiſches, alber⸗ nes Stuͤck, wenn man will, woraus aber Basquine hin⸗ reißende Wirkungen zu locken wußte. Sobald der böſe Genius (ſie ſtellte den boſen Genius, den Gegner der guten Fee vor), einmal aus der Hölle geſtiegen, kreuzte Basquine die Hände über der Bruſt, dann naͤherte ſie ſich leiſe dem Harlekin, der unter der ſchuͤtzenden Aegide der Silberfee eingeſchlafen, welche von Chlorinda, einer rundlichen Actrice mit vollem Geſichte und ziemlich unzart herwortretenden Reizen ausgeſchmuͤckt, dargeſtellt wurde. In roſa und ſilberne Gaze gekleidet, in der Hand ein goldnes Fuͤllhorn haltend, nahm Harlekins Beſchutzerin daraus Blumen, die ſie mit aller ihrer Anmuth uͤber ihren . 2* entſchlummerten Schuͤtzling ſtreute, als deutſame Embleme des lachenden Looſes, das ſie ihm zudachte. Basquine nahte ſich, immer die Arme über der Bruſt gekreuzt, mit langſamen Schritten der Silberfee. Man kann es nicht beſchreiben, mit welchem hoͤhniſchen Mitleid ſie die vergeblichen Zaubereien der Fee zu betrachten ſchien, die nicht aufhörte, ihren Schuͤtzling mit allegoriſchen Blu⸗ men zu uͤberſchuͤtten. Beſonders ein Moment war es, wo Basquine mit leichtem Achſelzucken den letzten Schritt zur guten Fee that, ein einziger Schritt aber von einer ſo ſchlangenartigen Halsbewegung und einem ſo mit Drohungen und finſterm Zauber begleiteten Blicke, daß die gute Fee von jenem unbeweglichen Schrecken ergriffen zu ſein ſchien, von dem das Opfer befallen wird, das die Schlange verzaubert, ehe ſie daſſelbe verzehrt. Nun hielt die Fee, Schritt vor Schritt ſich Basquine naͤhernd, wie von einem magiſchen Zuge fortgeriſſen, ihr mit zitternder Hand das Fuͤllhorn hin. Basquine nahm eine Blume, eine ſchöne, friſch entfaltete Roſe, ſie zeigte ſie der Fee mit eiſigem, ſardoniſchem Lächeln, als wolle ſie ihr noch den ſanften Glanz der Blume bewundern laſſen, und dann hauchte ſie, die Roſe ihren Lippen naͤhernd, auf dieſe einen leiſen Hauch .. und die Roſe wurde im Augenblicke ſchwarz und entblatterte ſich von ſelbſt. Nein, nie werde ich die Bewegung, die Stellung, das Laͤcheln, die Phyſiognomie Basquinens vergeſſen! nie vergeſſen, was Alles von unerbittlichem Hohne und blu⸗ r tigem Sarcasmus in ihr ſich entfaltete, als ſie dieſe friſche und gleich den Hoffnungen und Illuſionen der Jugend glaͤnzende Roſe mit ihrem toͤdtenden Hauche zerſtörte, mit welcher Verachtung ihre großen, von duͤſterm Feuer gluͤhen⸗ den Augen ſenkend, ſie nachher die Ueberreſte der Blume betrachtete, die ſie mit Fuͤßen trat. Ich konnte mir nicht denken, daß ſich dieſe Scene noch ſteigern könne. Ich taͤuſchte mich. Nicht inge ſo kam eine noch ruͤhrendere Peripetie. Nach der Roſe nahm Basquine ein friſches, liches Bouquet von Myrthen und Orangen aus dem Fuͤll⸗ horn, ohne Zweifel das Emblem von Harlekins Braut. Von neuen Schrecken ergriffen, ſank die Silberfee vor Basquinen auf die Kniee, und ihre gefalteten, flehenden Haͤnde ſchienen um Gnade fuͤr das Bougquet zu bitten. Basquine zerdruͤckte anfangs unerbittlich, und mit kal⸗ ter Verachtung die Bitten der Silberfee zuruͤckweiſend, das Bouquet krampfhaft und triumphirend in der Hand, pyloͤtz⸗ lich aber ſchien ſie geruͤhrt zu werden und das Bouquet mit ſteigendem Mitleid zu betrachten. ... Nach und nach ge⸗ ſtalten ſich die Zuͤge des jungen Mädchens um, ihr Ge⸗ ſicht nimmt den Ausdruck der Engelsguͤte und bewunderns⸗ wuͤrdigen Reinheit an, den ich in ihrer Kindheit ſo oft an ihr erblickt hatte. Weit entfernt, das Myrthenbouquet zu zerſtoͤren, liebkoſ't ſie es mit Blick und Bewegung und mit unſchuldsvoller, reizender Innigkeit. Es waͤre unmoͤglich, ſich vorzuſtellen, welche zauberiſche Anmuth und unwider⸗ ſtehliche Verfuͤhrung in Basquinens Spiele lag. So kuͤßte denn die Silberfee lächelnd, gluͤcklich und zuverſicht⸗ lich die Haͤnde des boͤſen Genius, da ſie ihr Bouquet fuͤr gerettet hielt. Ach! vergebliche Hoffnung! Der Engel wurde plötzlich wieder zum Daͤmon. Mit einem Hauche zerſtorte Basquine das Bouquet wieder, indem ſie in ein hoͤhniſches, aber wohltoͤnendes, harmoniſches Gelaͤchter aus⸗ brach. Dann verſchmolz ſie, wenn man ſo ſagen darf, die letten Schwingungen dieſes wilden Lachens in das An⸗ dante einer Bravour⸗Arie von mächtigem und wildem Cha⸗ racter, die ſie, wie ich nachher erfuhr, ſelbſt componirt hatte, und in deren Worten ungefaͤhr folgender Sinn lag: „Ich bin der Genius des Boͤſen, das Boͤſe iſt mein Ge⸗ biet, mein eiſiger Hauch zerſtöret alle Freuden, ich brauche mich nur zu zeigen, und das Gluͤck verwandelt ſich in Trauer.“ Basquine ſang dieſe Arie bei weniger als mittelmaͤßi⸗ gem Text mit ſo bewundernswuͤrdigem Ausdrucke, daß ſie ihr einen fuͤrchterlichen Ton verlieh. Bei ihrer eben ſo ſtarken als wohlklingenden, weichen und vibrirenden Stimme im mezzo soprano erbebten alle Saiten meiner Seele. Und ich nicht allein war von dieſem ſeltenen Talente tief durchdrungen. An Basquinens Lippen hangend, warf ich zufaͤllig einen Blick auf die Loge, in welcher Balthaſar und Robert ſich befanden, und die faſt auf der Buͤhne ſelbſt war. Der Dichter hoͤrte Basquinen mit einer Theilnahme. —— — — — — einer Bewunderung zu, die ſich in ſeinen Bewegungen, ſeinen Mienen, ſeinen Stellungen, auf die enthuſiaſtiſchſte Art ausſprach. Robert dagegen hörte in ruhiger Extaſe zu. Im Hintergrunde der Loge ſitzend, hatte er, wie unwillkuͤr⸗ lich durch Geſang, Spiel und Schoönheit Basquinens be⸗ troffen, ein wenig den Kopf vorgeſtreckt, und verließ, mit einer Hand auf die Brüſtung geſtemmt, Basquinen nicht mehr mit ſeinen Blicken. Er war wie beſtrickt. Dieſer Loge gegenuͤber, aber einen Rang hoͤher, war Bamboches Loge. Seine Abweſenheit verlängerte ſich⸗ Die junge Frau, die mit ihm gekommen, war noch allein. Sie erſchien mir, ſo wie der größre Theil der Zuſchauer, wie ich geſtehen muß, ſehr gleichgiltig oder unbekannt mit dem bewundernswuͤrdigen Talente, das ſich plotlich bei Basquine, einer armen, vernachläſſigten Figurantin, kund gab, einem Talent, das ſich deſſen ohnerachtet ſo aufdrängte, daß die gegen ſeine Herrſchaft Gleichgiltigſten ihm ohne ihr Wiſſen unterlagen. Denn während mein Nachbar zur Rechten Basquinen mit ſtummem Entzucken zuhoͤrte, wen⸗ dete ſich mein Nachbar zur Linken mit den Worten an mich: „Ich hatte es Ihnen wohl geſagt. . Hoͤren Sie nur dieſe Basquine . wie ſie Ihnen das Herz zuſammen⸗ ſchnuͤrt . wie ſie Sie traurig macht! .. Sollte man nicht ſagen, man habe Furcht vor ihr, man verabſcheue ſie. Sieht ſie doch ſo boshaft aus! Ich koͤnnte ſie um Nichts auspfeifen. ... Ja, mit Chlorinda iſt das etwas ganz An⸗ deres die laſſe ich mir gefallen! die macht mich nicht traurig . dieſe runde, luſtige Perſon!“ Ich weiß nicht, was ich meinem Nachbar ohne den Vorfall, von dem ich bereits ſprach und den ich jetzt erklä⸗ ren muß, geantwortet haben wuͤrde. Basquine war, glaube ich, bis in die Mitte ihrer Arie gekommen. Sie ſang ſie mit ſteigender Energie und Kraft, als ein unswartetes Ereigniß ſie mit einem Male unterbrach. Der Vicomte Scipio hatte es fuͤr ſpaßhaft gefunden, heimlicherweiſe eine Hand voll Knallerbſen auf die Buͤhne zu werfen, die er ohnſtreitig zuvor zu dieſem ſchon mehr als einmal der Sage nach auf dieſem kleinen Theater ver⸗ ſuchten Knabenſtreiche gekauft hatte. Basquine trat mitten in ihrem Geſangsſtucke zufaͤllig auf einige dieſer Erbſen. Die Exploſion derſelben verur⸗ ſachte ihr ſolches Schrecken, daß ſie zuruͤckſprang, da ihr Fuß aber ſich in ein faſt mit dem Boden gleiches Deco⸗ rationsſtuͤck verwickelte, welches die Fallthuͤr bedeckte, aus der ſie herauf geſtiegen, ſo ſtrauchelte Basquine und fiel, fiel aber auf eine ſo ungluͤcklich laͤcherliche Art, daß ein un⸗ ausloͤſchliches, mit einer Fluch ſcharfer Pfiffe begleitetes Lachen zuerſt aus der Loge des Vicomte erſcholl, und in dem Ausbruche einer allgemeinen Heiterkeit ſein Echo fand. Das unſelig Laͤcherliche in Basquinens Sturze gab den Zuſchauern um ſo mehr zu lachen, als das arme Maädchen eine drohende und furchtbare Perſon ver ellte. Das un⸗ — — — gluͤckliche Geſchoͤpf ſprang todtenbleich auf, warf einen furchterlichen Blick voll Verzweiflung und Haß in die Loge des Vicomte, dann wollte ſie von der Buͤhne eilen, aber in ihrer Unruhe verirrte ſie ſich zwei Mal in der Couliſſe. Nun verdoppelte ſich das Pfeifen, Höhnen und Lachen, bis ſie endlich einen Ausweg finden konnte, wo ſie ganz ver⸗ nichtet verſchwand. In dieſem Augenblicke brachten neue Ereigniſſe den Tumult aufs Hochſte. Bamboche trat mit einem Sacke voll Orangen, die er galanterweiſe fuͤr ſeine Begleiterin gekauft hatte, in dem Augenblicke in die Loge, als der Vorfall mit den Knallerb⸗ ſen und Basquinens Sturze geſchah, ein Vorfall, deſſen Einzelheiten trotz ihrer Wichtigkeit mit Gedankenſchnelle voruͤbergingen. Seine Jugendfreundin erkennen, mit Sten⸗ torſtimme ausrufen: „Basquine, da bin ich!“ auf das Theater ſpringen, an die Loge des Vicomte treten, ſo zu ſagen mit einem einzigen Schlage Scipio, deſſen Vater und den Hofmeiſter in dem Augenblicke, wo Basquine ver⸗ ſchwand, ohrfeigen, mit einem Fußtritte die eine Couliſſen⸗ wand eintreten und allein hinter das Theater dringen, um dort die arme Figurantin zu finden, war fuͤr Bamboche das Werk einer Minute. Das Staunen uͤber die unglaubliche Kuͤhnheit vieſes Mannes machte die Zuſchauer einen Augenblick lang ſtumm und unbeweglich, und noch fragten ſie einander, ob ſie ihren Augen tauen ſollten, als Bamboche ſchon ver⸗ — — ſchwunden war, dann aber wurde der einen Wen un⸗ terbrochene Tumult wahrhaft furchtbar. Was mich betrifft, ſo hob mich, ſobald Bamboche in die Couliſſe hinter Basquine her verſchwunden war, ein blitzſchneller Gedanke ſo zu ſagen von einem Sitze em⸗ por, ließ mich in einem Momente und ich weiß nicht wie, die gedräͤngten Reihen der Zuſchauer, von denen ich umgeben war, durchbrechen, aus dem Theater forteilen und mit eini⸗ gen Saͤtzen an die Thuͤre der Acteurs ſpringen, die ſich auf den Durchgang oͤffnete, wo ich heut fruͤh die Loge ge⸗ miethet hatte. Im Augenblicke, wo ich dort athemlos an⸗ kam, ward ich durch zwei Perſonen faſt umgeſtoßen, die aus dem Innern des Theaters entflohen. Es waren Bam⸗ boche und Basquine in einen Mantel gehuͤllt, Letztere konnte ſich kaum mehr aufrecht halten. Die Gefahr ahnend ſo wie das Unpaſſende einer Wiedererkennung in ſolcher Lage, und den Wagen meiner Herren zwei Schritte von mir gewahrend, ſage ich zu Bamboche, ihn beim Arme nehmend: „Geſchwind .. den Wagen! Schnell eingeſtiegen! In der nichſten Secunde hatte ich den beiden Fluͤch⸗ tenden den Schlag geoffnet. Dieſe unerwartete Hilfe kam ſo zu rechter Zeit, daß Bamboche, ohne zu fragen, wie ſich der Wagen ſo zum Moment hier vorfinde, Basquine ſo zu ſagen hinein warf, ſelbſt ihr nachſprang und mir zurief: „Sie ſollen gut bezahlt werden! . fahren Sie hin wohin Sie wollen aber im Galopp!“ — — „Bartiere des Sterns und ſehr ſchnell,“ ſagte ich zum Kutſcher, den ich auf ſeinem Sitze wach ruttelte. Und ich ſelbſt ſtieg hintenauf. Wir entfernten uns eiligſt, aher ich ſah noch, wie eine große Menſchenmenge ſich plötzlich um das Theater ſammelte, während von weitem die Flinten der Soldaten blinkten, die man ohnſtreitig vom nächſten Poſten geholt hatte. Ich kannte mich nicht vor Freude, ich wachte mit den Augen über dieſen Wagen hinter dem ich ſtand und in dem ſich meine beiden Kindheitsgefährten befanden. Ploͤtzlich hielt der Kutſcher, ohnſtreitig durch einen Zug an der Schnur, die an ſeinen Arm befeſtigt, daran erinnert, ſeine Pferde an. Faſt zu gleicher Zeit ward eine der Thuͤr⸗ ſcheiben herabgelaſſen, und ich hörte Bamboche's Stimme im Schreckenstone ausrufen: „Angehalten! angehalten! .. ſie wird ohnmächtig! . Mein Gott, was nun anfangen?“ Wir liefen keine Gefahr mehr, verfolgt zu werden denn wir hielten auf dem Boulevard Saint⸗Denis. Ich eilte an den Schlag. „Lieber Burſche,“ ſagte Bamboche zu mit, „ich weiß nicht, wo Du hergekommen biſt, um uns zur rechten Zeit beizuſtehen, noch weniger aber, weshalb Du es gethan haſt, aber Du ſollſt es nicht bereuen. Dieſes liebe Maͤdchen, das bei mir iſt, iſt ohnmächtig geworden . wir muͤſſen alſo Aether haben — Weineſſig! Dann fahren wir zu — — mir und Du kannſt den Wagen wieder fortnehmen. Da haſt Du Geld, um Aether zu holen Das Uebrige be⸗ hältſt Du.“ Damit druͤckte mir Bamboche einen Doppellouisdor in die Hand. „Schoͤnen Dank, mein Hert,“ ſagte ich zu ihm, meine Ruͤhrung verbergend, und ein gewiſſes Vergnuͤgen daran findend, einige noch mein Incognito zu behaupten. „Es muß hier mehr als einen Apotheker in der Straße Saint⸗Denis geben, wir wollen mit dem Wagen durchfahren.“ „Du haſt Recht! . geſchwind . geſchwind!“ Und Bamboche ließ die andern Wagenſcheiben nieder, um Basquinen mehr Luft zu verſchaffen, die er in ſeinen Armen hielt und die mir regungslos zu ſein ſchien. Mein Rath war gut; in einigen Minuten hatten wir eine Apotheke gefunden. Ich kaufte darin ein Flagon mit Aether. Bamboche ließ es Basquinen einathmen und ſie kam nach und nach zu ſich. „Jetzt zu mir,“ rief Bamboche mir zu: „Hotel der Pyrenaͤen, Straße du Petit-Lion-Saint-Sauvcur, Nr. 17.“ Ich theilte dieſe Adreſſe dem Kutſcher mit und nahm meinen Poſten wieder ein, wegen Basquinens Zuſtand be⸗ ruhigt und entzuckt von der Ueberraſchung, die ich meinen beiden Freunden bereiten wollte, wobei ich ganz meine Herren vergaß, die ohnſtreitig wegen meiner und ihres Wa⸗ — gens, wenn ſie das Theater verließen, ſehr in Sorge waren. Als wir in der Straße du Petit-Lion-Saint-Sauveur angekommen waren, ſagte ich dem Futſcher, ehe ich den Wagenſchlag oͤffnete: „Wenn die Perſonen, die wir auf Befehl meines Herrn hierher gebracht haben, ausgeſtiegen ſein werden⸗ ſo fahren Sie nach Hauſe, man braucht Sie nicht mehr.“ Basqnine war zwar wieder zu ſich gekommen, ſchien aber noch ſehr ſchwach zu ſein, Bamboche mußte ſie feſt in die Arme nehmen, um ſie aus dem Wagen zu heben. Als wir dann in der Straße uns befanden und die Pferde ſich entfernten, ſagte Bamboche zu dem jungen Maͤdchen: „Warte ein wenig. Ehe wir ins Hotel treten, will ich Deinen Mantel vornrecht zumachen und den Capuchon uberſchlagen, die Eſel von Portiers in dem Hotel garni ſind ſo neugierig, daß der Anblick Deines Theaterkoſtuͤms Aufſehn im Hauſe machen wuͤrde.“ „Du haſt Recht,“ antwortete ſie mit ſchwacher Stimme und zaͤhneklappernd. Waͤhrend Bamboche ſich damit beſchäftigte, Basqui⸗ nens Koſtuͤm unter ihrem Mantel zu verbergen, war ich im Dunkel ſtehen geblieben, nun aber ſagte ich zu meinem Freunde, ſo leis ſprechend als es mir nur moͤglich, um meine Stimme zu verbergen: „Mein Herr, hier iſt der Ueberreſt von den 40 Fres., die Sie mir gegeben haben.“ „Ich habe Dir ja geſagt, daß es fuͤr Dich ſei, mein Sohn.“ „Schoͤnen Dank, mein Herr, aber wenn Sie glau⸗ ben, mir Dank ſchuldig zu ſein, ſo erzeigen Sie mir einen andern Gefallen.“ Und damit legte ich das Geld in Bamboches Hand. „Was zum Henker ſoll ich Dir denn thun?“ fragte dieſer immer verwunderter. „Erlauben Sie mir, zwei Worte ins Geheim mit Ihnen zu Hauſe zu ſprechen.“ „Recht gern; es liegt uͤberdem ſo etwas in dieſem Abenteuer, das ich gern aufgeklaͤrt ſähe, alſo folge mir.“ Bamboche klopfte an, das Thor des Hotels öffnete ſich, mein Freund ging ſchnell vor der Loge des Portiers vorbei, dieſer aber trat vor und rief: „Wer ſind Sie, mein Herr?“ „Ei, mein Himmel, ich? „kennen Sie mich denn nicht mehr?“ ſagte Bamboche ohne ſtehen zu bleiben. „Aber wer denn?“ „Alle Wetter! der Capitain Bambochio!“ „Ach tauſend Mal bitte ich um Vergebung, Herr Capitain, ich hatte Sie nicht wieder erkannt!“ antwortete der Portier mit der groͤßten Hoͤflichkeit, die mir bewies, daß mein Freund ein gewiſſes Anſehn in dieſem Hauſe genoß. Ich ſelbſt brach die Fragen wegen meiner, welche der Portier nun beginnen wollte, kurz ab und ſagte: „Ich gehe mit zum Herrn Capitain.“ = — „Schön, lieber Sohn!“ erwiderte der Portier. Dann beſann er ſich, trat plötzlich einige Schritte aus ſeiner Loge und wendete ſich an Bamboche, der die Treppe hinaufzu⸗ ſteigen begann: „Herr Capitain, ich vergaß Ihnen zu ſagen, daß der Herr Major drei Mal nach Ihnen gefragt hat.“ „Hol' ihn der Henker und Dich auch!“ antwortete Bambochio im Weitergehen. „Der Herr Capitain belieben immer zu ſcherzen,“ ſagte der Portier, der mir an die derbe Art und Weiſe meines Freundes gewöhnt zu ſein ſchien, und ſich davvn nicht beleidigt fand. Bamboche blieb auf dem Vorplatze der zweiten Treppe ſtehen. Wir traten in ſeine Wohnung. Eine kleine Lampe brannte im Vorzimmer. Bamboche öffnete eine Seitenthuͤr und ſagte zu Basquine: „Hier tritt ein es muͤſſen noch Kohlen in der Aſche ſein, zunde das Feuer wieder an und wärme Dich, in 5 Minuten bin ich wieder zuruͤck.“ Dann wendete er ſich, als wir allein waren, zu mir: „Jetzt, mein Zung ſind wir nur unſer zwei, alſo ſage mir fuͤrs Erſte .. Meine Verſtellung aber war zu Ende, ſch ſturzte Bamboche an den Hals und rief: „Du erkennſt Deinen Martin nicht wieder?“ Bamboche trat erſt erſtaunend einen Schritt zuruͤck und machte ſich von meiner Umarmung los, um mir beſſer ius Geſicht ſehen zu können. Dann zog er mich an ſich und druͤckte mich nun wieder gewaltſam an ſeine Bruſt, indem er mit einer von Ruͤhrung erſtickten Stimme, das Geſicht nach dem Nebenzimmer gewendet, ausrief: „Basquine! ... Es iſt Martin! —“ Ich horte ſo zu ſagen einen Aufſprung in dem Neben⸗ zimmer, die Thuͤr öffnete ſich und Basquine ſturzte, noch halb in ihren Mantel gehullt, ins Vorzimmer, ſprang mir an den Hals und miſchte ihre ſtummen Umarmungen und Thränen mit den Umarmungen und Thraͤnen Bamboches und den meinen, denn wir weinten alle Drei. t Es war eine lange Pauſe, während welcher wir uns alle Drei eng umſchlungen hielten. Das Schweigen wurde nur dann und wann durch unſer Schluchzen in krampf⸗ hafter, herzerhebender Freude unterbrochen. Ol geprieſen ſei Du, mein Gott, der Du durch ſolche Augenblicke Tage, Jahre des Ungluͤcks vergeſſen laßt! Gelobet ſei Du mein Gott, der Du Deine Ge⸗ ſchöpfe ſo herrlich begabt haſt, daß die Verworfenſten, die Elendeſten noch dieſe Entzuͤckungen genießen koͤnnen, deren unausſprechliche Süßigkeit, deren heilige Erhebung ſie Deiner Göttlichkeit naͤhert! Wir waren hier drei Opfer des Schickſals! Wir hatten viel gelitten, wir hatten viele ſtrafbare Handlungen begangen, unſre Zukunft war trub, truͤber noch als unſte Vergangenheit. Und doch waren in dieſem göttlichen Auf⸗ ſchwunge, der unſre Seelen in einander ſchmolz, dieſe Lei⸗ den, dieſe truͤbe Vergangenheit, dieſe furchtbare Zukunft vergeſſen! Und dieſe Fehler! Faſt gezwungene Folgen des Elendes und Verlaſſenſeins, dieſe Fehler, ſollten ſie nicht auch vergeſſen und verziehen werden durch Deine väterliche Barmherzigkeit und Gerechtigkeit, o mein Gott! denn Alles war nicht verdorben, Alles war nicht todt in der Seele derer, die, nachdem ſie gefehlt, noch faͤhig waren, ſo fromm die himmliſche der Sß zu empfinden. Martin. VIMI⸗ 3 Drittes Rapitel. Die Bekenntniſſe. „Kommt doch in mein Zimmer, damit wir uns wenig⸗ ſtens recht ordentlich in die Augen ſehen können,“ rief Bamboche, nach der erſten Exaltation der Freude unſers Wiederfindens. Wir traten in das Nebenzimmer, das durch auf dem Kamin brennende Kerzen weit beſſer erleuchtet war. Basquine nahm ihren daͤmoniſchen Kopfputz ab, und blieb in ihrem ſchwarzſeidnen Mantel mit Guͤrtel um die Taille gehuͤllt. Ein Augenblick des Schweigens trat ein, waͤhrend wir uns alle Drei mit derjenigen theilnehmenden und geruͤhrten Reugier betrachteten, die ſtets dem erſten Zuſammentreffen nach einer langen Trennung folgt. Bamboche's kraftvolles Geſicht hatte ſeinen gewoͤhn⸗ lichen Character höhniſcher Keckheit abgelegt, ſeine Augen waren feucht, und hefteten ſich abwechſend auf mich und Basquine, waͤhrend dieſe, eine Hand in der ihres Gefähr⸗ * — 5 ten, und die andere ſchweſterlich auf meine Schulter ge⸗ ſtutzt, mich mit jenem ſchmerzlichen und nachdenkenden Lä⸗ cheln betrachtete, das ihr in ihrer Kindheit eigenthuͤmlich war, wenn man mit ihr von den Ihren und ihrem Vater ſprach. In der Nähe betrachtet, ſchienen Basquinens Zuge noch viel feiner und reiner als auf der Buͤhne, man be⸗ merkte aber auch deſto mehr in ihnen das Gepräge des Elends und Kummers. Ihr ſonſt ſo roſig durchſichtiger Teint, obgleich durch die Sommerhitze etwas gebräunt, zeigte ſich jetzt von kraͤnklicher Blaͤſſe, ihre ſonſt ſo friſch⸗ rothen Lippen waren blaß geworden, und es bedurfte der Anmuth und ſchlanken Eleganz ihres Halſes und ihrer Schultern, um ihre Magerkeit vergeſſen zu machen. Ach! was ſoll ich ſagen! dieſes reizende ſechzehnjahrige, ſchon ent⸗ faͤrbte und verwelkte Geſicht verrieth die Gewoͤhnung an ſo herbe Entbehrungen und Leiden, daß! mir die Thraͤnen in die Augen traten. „Du findeſt mich ſehr veraͤndert, nicht wahr, Mar⸗ tin?“ ſagte Basquine zu mir, welche die Urſache meiner Ruͤhrung errieth. „Ich hätte Dich auf der Stelle wieder⸗ erkannt.“ Dann wendete ſie ſich Bamboche, und ihr Blia bezeichnete mich: „Wie brav und gut er ausſieht! nicht wahr?“ „Das erinnert mich an Das, was ich Claude Gerard, den Mann, den wir beſtohlen und der Martin aufnahm, 3* ſagte,“ verſetzte Bamboche: „„ach dem was Sie mir von Martin ſagen, ſehe ich von hier ſein ernſtes und ſanftes Geſicht, in welchem ſich ſein Character malt.“. . Ich hatte mich nicht getaͤuſcht, es iſt wirklich ſo,“ ſetzte Bamboche hinzu, indem er mich feſt anſah, „ja, es iſt ſo . . ein ſo redliches Geſicht zu ſehn, iſt eine Freude .. das beruhigt.“ „Du,“ ſagte Basquine zu Bamboche mit einem eigen⸗ thuͤmlichen Tone der Innigkeit, des Vorwurfs und der Trauer, „Du haſt Dich nicht verändert... Alles ſtumpft ſich an Dir ab. nichts kann in Deine eiſerne Natur ein⸗ dringen.“ „Nichts hat in ſie eindringen können . außer Mar⸗ tin. außer Du!“ Basquine ſchuttelte das Koͤpfchen. „Als ich Euch Beide wiederſah, habe ich geweint .. wie ein Kind,“ fuhr Bamboche fort, ohne die Bewegung Basquinens zu bemerken zu ſcheinen, „alle Wetter! . nach ſo vielen Jahren der Trennung ... uns endlich wiederver⸗ einigt zu ſehen.“ „Euch an demſelben Tage wieder zu finden, Dich,“ ſagte Basquine zu mir, indem ſie mir die Hand zuſtreckte, „und Dich .. .“ ſetzte ſie hinzu, indem ſie Bamboche die andere Hand gab. „Du biſt alſo nicht mehr boͤs auf mich?“ fragte ſie Bamboche faſt mit Angſt. „unter uns Dreien .muͤſſen wir da nicht Alles ein⸗ ander verzeihen?“ ſagte Basquine ſanft. Dann ſtrahlte ein — — Blitz aus ihren Augen, ihre ſpoͤttiſche Lippe zog ſich ſ men, und ſie fuhr fort: „Unſern Haß muͤſſen wir fuͤr Andre nähren!“ „Du hatteſt alſo Bamboche ſeit lange nicht fragte ich unſre Gefaͤhrtin. „Seit drei Jahren,“ antwortete ſie. „Ja, ſeit drei Jahren,“ verſetzte Bamboche, ohne, . zu ſagen, es zu wagen, Basquine anzuſehen. „Du wußteſt alſo nicht, daß ſie heut Abend wuͤrde?“ ſagte ich unſerm Freunde. „Ich wußte gar nicht, daß ſie in Paris ſei, und hatte nicht einmal den Anſchlagzettel geleſen,“ antwortete er, „als ich wieder in meine Loge kam, ging der Lärmen los eine gemachte Kabale, davon bin ich uͤberzeugt, Seiten die⸗ ſer boshaften gelben Handſchuhe des erſten Ranges.. Ungluͤcklicherweiſe habe ich nun Zeit gehabt, ſie zu feigen.“ „In jener Loge, haſt Du ihn erkannt?“ fragte ich. „Wen?“ „Scipio... den kleinen Vicomte!“ „Den Buben aus dem von Chantilly?“ Bamboche. „Martin hat Recht,“ ſagte Basquine dumpf: war der Vicomte!“ „Du wußteſt alſo, daß er da war? Du, arme Bas⸗ quine!“ fragte ich ſie. „Nein. „ ganz in meine Rolle dachte 6 gar nicht an die Gegenwart des Vicomte, ſonſt wuͤrde ich Alles von ihm erwartet haben.“ „Warum denn?“ fragte ich unſre Gefaͤhrtin. „Du hatteſt ihn alſo ſeit dem Auftritte im Walde ſchon wieder geſehen?“ ſetzte Bamboche hinzu, eben ſo vet⸗ wundert wie ich. „Ja. denn es iſt als ob ein Unſtern mich ſtets in die Nähe dieſes abſcheulichen kleinen Geſchoͤpfes braͤchte,“ entgegnete Basquine mit tiefem Verdruſſe. „Vor zwei Jahren habe ich ihn wiedergeſehen ... und vor zwei Jahren wurde ich von ihm wie heute gedemuͤthigt, bis ins Mark, bis aufs Blut beleidigt.“ „Der Elende!“ rief ich aus. „Aber woher kommt denn ſeine Erbitterung gegen Dich?“ „Das weiß ich nicht,“ verſetzte Basquine. „O Vicomte! Vicomte!“ rief Bamboche. „Dich und Deinen Vater .. . werde ich ſchon finden.. . . Ich werde Dich rächen, Basquine.“ „Ich bedarf Niemand,“ entgegnete ſtolz das junge Maͤdchen, „ich weiß zu wollen .. und zu warten.“ „und vor zwei Jahren... glaubſt Du, daß Scipio Dich wieder erkannt hat?“ fragte ich. . „Nein. eben ſo wenig als er mich heut wieder er⸗ kannt hat, davon bin ich uberzeugt.... Der Inſtinkt des Boͤſen und der Zufall werden ihn geleitet haben. .. Ich ſage Euch. es giebt einen Unſtern, der... und damit fuhr ſie ſich mit ihrer abgemagerten Hand üͤber die Stirn, und begann dann zärtlich wieder: „Und Du? haſt Du auch viel gelitten? Biß Du jetzt glucklich?“ „Ha! jetzt ſehe ichs erſt,“ rief Bamboche, mich mit dem Ausdrucke aſt ſchmerzlicher Ueberraſchung 5 „Du .. Du. in Livree!“ „Vaprhefug⸗ ſetzte S nj⸗ Hu gebracht!.. Du!“ „Ei n Henker, das it ſehr einfach,“ rief Bam⸗ boche im Tone bittern Scherzes, „das iſt eine Seele von Gold.. es giebt fuͤr den keine traurige Lage genug. es geht ihm wie Dir, Basquine.. ich habe Dich bewundern muͤſſen, und * „Vergeſſen wir das,“ ſagte das junge Mädchen, Bam⸗ boche unterbrechend. „Ja, vergeſſen wir das,“ entgegnete er mit Bitterkeit, und ſetzte mit einem wiemſtet, mich durchdringenden Tone hinzu: . „Du hoͤrſt es, Martin, und doch bin ich boͤsartig, brutal, unerbittlich gegen ſie geweſen.“ „Das iſt ja Alles vorbei,“ antwortete einfach. „Das iſt vorbei,“ ſagte Bamboche vntſchi „das iſt vorbei. .. wie Deine Liebe zu mir.“ „Liebe!!“ rief Basquine Achſelzuckend, und ihre Zuͤge nahmen den Ausdruck eiſiger Ironie wieder an, der * mich in ihrer Rolle als böſer Genius ſo ergriffen hatte. „Du hoͤrſt, Martin... er redet mit mir von Liebe . in meingm Alter. denn meine armen Kinder ich ſüe ſo ung daß ich jetzt.. was die Liebe be⸗ trifft fuͤnfzig Fahr alt bin.“ Ziſchen uns Dreien trat ein Augenblick nihn Schweigens ein. Trotz ſeiner rohen Gemeinheit wurde Bamboche wie ich davon rſchuttert, dieſes junge Maͤdchen, dieſes Wunder von Schönheit, Anmuth, Verſtand und Genie ſchon jetzt und fuͤr immer in dem verwelkt zu hen, was der Schoͤnheit, der Anmuth, dem Verſtande und dem Genie 4. Glanz oder Begehr verleiht. „Beruhigt Euch,“ ſagte uns Banin indem ſie Jedem von uns eine Hand gab; „in dieſem Herzen, das von allem menſchlichen Elend geblutet hat, bis es vertrocknete, in dieſem Herzen, wo die Liebe durch ein fruͤhzeitiges Ver⸗ derbniß getoͤdtet worden, wird ſtets, wie ehemals Bamboche ſagte, noch ein kleines Winkelchen inniger Freundſchaft fuͤr Euch Beide uͤbrig bleiben ... Vergeſſen wir aber nicht, daß Martin ungeduldig ſn wird, zu erfahren, was mit uns Beiden vorgegangen.“ „Ach, meine Freunde,“ ſagte ich zu ihnen, „wie oft bin ich mit dem Gedanken beſchaͤftigt geweſen: wo ſind ſi ie? was iſt aus ihnen geworden? und vorzuͤglich, wegen welches unglucklichen Vorganges ſind ſie am Abende des Tages ver⸗ ſchwunden, wo ich nach dem bei Claude Gerard verübten Diebſtahl feſtgenommen wurde? Denn denkt Euch meine — — — „ 8 ſtand.“ Verzweiflung, Freunde, als ich an dem Orte des Stell⸗ dichein, das wir uns im gegeben hatten. . Ihr wißt ſchon ankam . „Ja, ja,“ ſagte Bamboche, „an dem Fuße ent ſtei⸗ nernen Kreuzes, das auf dem Hugel an der Landſtraße „Aber da Du frſigenommen vniſt ſtahi⸗ Bas⸗ quine, „wie konnteſt Du denn noch an dieſem abende kommen?“ — . „Dank ſei es dem großmuͤthigen Vertrauen cute Gerards. Ich werde Euch das Alles erklären. Ich kam alſo an dem ſteinernen Kreuze an .. was ſah ich! den klei⸗ nen Shawl Basquinens und Unige Stůcke jenes Silber⸗ geldes in einer Lache von Blut!“ „Erzaͤhle ihm Alles,“ ſagte Basquine zu Bambbche, „dann ſoll er auch erfahren, was mir begegnet iſt. 2 „Ich hatte eben Claude Gerards Geld vollends einge⸗ ſteckt, als Du uns das Allarm⸗ Zeichen gabſt,“ begann Bam⸗ boche. „Ich wollte Dir zu Hilfe kommen.“ „Da hinderte ich ihn daran,“ ſagte Basquine, e waͤren verloren geweſen, ohne Dich retten zu können, Martin, und es war mir ein andrer Plan eingefallen.“ „Du hatteſt Recht, Claude Gerard waͤre leicht uͤber mich und Bamboche Herr geworden.“ „Vielleicht nur, denn ich hatte meine Piſtolen,“ ver⸗ ſetzte dieſer. „Ich war entſchloſſen.. es haͤtte vielleicht einen Mord gegeben .. was geſchehen war zehn Mal beſſer, ob * „ ich gleich beinah meine Haut bei dieſer Geſchichte zu Markte getragen hätte. Ich folgte alſo Basquinens Rathe . Als wir Dich ergriffen ſahen, retteten wir uns unter das Ginſter. Am Ende des Feldes fanden wir einen Haufen Reißig. Ich nahm 4 bis 5 Buͤndel weg, und wir kauer⸗ ten in dieſem Verſteck.“ . „Mein Plan war aber folgender,“ kegann Basquine: „wir wollten zuerſt die ganze Nacht hindurch Dich an der verabredeten Stelle erwarten. Kamſt Du nicht, ſo war kein Zweifel mehr, Du warſt gefangen, dann wollten wir Tags darauf durchs Dorf ſtreifen, theils bettelnd, theils ſingend, und wenn wir etwas über Dein Schickſal afuhen⸗ darnach handeln. 4. „Aber der Teufel Wen gefuͤgt,“ ſchob Bam⸗ boche ein. „Ja,“ ſagte ich, „der Teufel oder der Kruͤppel.“ „Woher weißt Du das?“ riefen zugleich Basquine und Bamboche. „Fahret fort. fahrt nur fort, meine Freunde.“ „Nun denn! Du irrſt Dich nicht,“ fuhr Bamboche fort, „der Kruͤppel entſchied es anders, denn es giebt, wie Basquine ſagt, einen eigenthuͤmlichen Unſtern. Alſo, die Nacht war eingebrochen, und wir warteten nun auf Dich dort, wohin wir uns beſtellt hatten. Es war herrlicher Mondenſchein. Am Fuße des ſteinernen Kreuzes ſitzend, beſchaͤftigte ich mich damit, unſer Geld in Basquinens Shawl zu zaͤhlen. Die Straße war einſam, und wir glaub⸗ „ * ten allein zu ſein, als ploͤtzlich eine eiſerne Hand mich derb im Nacken faßte. .. Rette Dich, Basquine!“ „Ja, das war Dein Erſtes mir zuzurufen,“ ſagte Dieſe. „Mein zweiter Schrei war etwas wie: Alle Donner⸗ wetter! Und nun kaͤmpfte ich mit allen Kraͤften, um mich loszumachen, und eine meiner Piſtolen zu erfaſſen. Es gelang mir auch, aber der Schurke von Kruͤppel ...“ „Ich irrte mich nicht,“ fiel ich ein. „Er hatte ſich ohnſtreitig hinter das Fußgeſtell des eiſernen Kreuzes ver⸗ krochen.“ „Ganz recht,“ fuhr Bamboche fort. „In dem Kampfe entriß der Kruͤppel mir das Piſtol, in dem Augenblicke wo ich es geſpannt hatte, und ſchoß mir es in die Seite, hier rechts, wo ich noch eine Wunde habe, daß man den Dau⸗ men hineinlegen kann. Warum er mich nicht getödtet hat? Der Teufel ſoll mich holen, wenn ichs weiß.“ „Aber dieſer Schaͤndliche, Du haſt ihn wiedergeſehen?“ rief ich aus. „Alle Wetter! er hat erſt heute noch drei Mal nach mir gefragt. .. ſie nennen ihn den Major. Haſt Du nicht gehoͤrt, wie der Portier mir ſeinen Beſuch meldete?“ „Du ſiehſt dieſen Böſewicht?“ wiederholte ich im Tone des Vorwurfs. „Da habe ich noch ganz Andere ſehen muͤſſen,“ rief Bamboche. „Was willſt Du? Ich treibe nach einem gro⸗ ßen Maaßſtabe das Vergeſſen von Beleidigungen... und Piſtolenſchuͤſſen auf zwei Scheitt. . . . Als ich von dem Kruͤppel ſo die volle Ladung in die Bruſt bekam fiel ich auf der Stelle zu Boden. ... Basquine entfloh, indem ſie zu Hilfe! Moͤrder! zu Hilfe! rief. . . und das arme Kind verlor ſo den Kopf, daß ſie davon rannte, ohne zu wiſſen wohin.... Ja, während vierzehn Tagen iſt ſie vor Schrecken völlig verruͤckt geweſen. Nun, ſie wird Dir das ſelbſt er⸗ zählen .. denn von dieſem Piſtolenſchuſſe an, der ſie und mich getrennt hatte. .. zum erſten Male . . „Arme Basquine!“ ſagte ich, die Haͤnde des jungen Madchens in die meinen nehmend. „Aber Du, wer hat Dich gerettet, Bamboche?“ „Ein braver Fuhrmann. . .. Er fuhr ohngefaͤhr eine Stunde nach dieſem Vorfalle leer vorbei. . . . Da ſah er mich in meinem Blute liegen, faſt todt, einige Schritte von dem Kreuze. Er hob mich auf, und legte mich in ſei⸗ nen Karren, indem er mich 5 bis 6 Stunden davon in einen Flecken bringen wollte, wo ein Chirurg wohnte. Als wir aber am andern Morgen in jene Gegend kamen, be⸗ gegneten uns Gensdarmen, der Fuhrmann erzählte ihnen die Sache, man ließ mir den erſten Verband anlegen und brachte mich ins Hospital der nächſten Stadt. Dort heilte man mich, und da ich genöthigt war, einzugeſtehen, daß ich weder Heimath noch Hilfsmittel habe, ſo ſchickte man mich als Vagabund ins Gefaͤngniß, um dort vollends kurirt zu werden.“ — „Ins Gefaͤngniß!“ rief ich. „Ja,“ fuhr Bamboche fort, „und da bin ich bis zum 17ten Jahre geblieben. Du kannſt wohl begreifen, daß mich das vollendete, denn die Haͤrte und Mißachtungen des Gefaͤngniſſes machen uns nicht weicher, wenn man ſchon verhaͤrtet iſt, und die Geſellſchaft dieſer kleinen Diebe iſt nicht geeignet, um in uns das moraliſche Gefuͤhl zu ent⸗ wickeln. Deſſenohnerachtet giebt es, um billig zu ſein, auch Gutes im Gefaͤngniſſe. Ihr könnt ein Vagabund und Spitzbube ſein wie Ihr wollt, ſo erhaltet Ihr doch eine Erziehung, wie ſie der groͤßte Theil der Kinder des ge⸗ meinen Volkes nicht erhaͤlt. Im Gefaͤngniſſe lernt man leſen, ſchreiben, rechnen, ein wenig zeichnen und ein Hand⸗ werk, wenn man noch keins kann. Man bringt einen kleinen Sparpfennig daraus mit, und oft ſogar wird man, was ſehr ermunternd, beim Austritt gleich untergebracht. Ich ſelbſt wurdigte jedoch die Vortheile meiner Lage nicht, wie ich geſollt. Ich wollte mir anfangs den Kopf gegen die Waͤnde zerſtoßen, und dann aus Ueberlegung daſſelbe mit denen der Andern thun, endlich aber entſchloß ich mich, doch gar nichts zu zerſtoßen, ſondern ſagte zu mir ſelbſt: Du biſt 13 Jahr alt, haſt alſo noch 3 Jahre auszuhalten, thue das! Magſt Du Dich wundern, Martin, wie Du willſt, dieſe 3 Jahre ſind wie ein Traum vergangen, denn ſobald ich nur einmal mich auf das Leſen eingelaſſen hatte, gerieth ich in die Wuth zu leſen und zu lernen. Man konnte — Alles von mir verlangen, wenn man mir Buͤcher verſprach. Es iſt unzählbar, was ich Alles geleſen habe! In zwei Stunden arbeitete ich auf, was Andre in einem halben Tage, nur um meine Zeit dem Leſen widmen zu koͤnnen. Man hatte mir das Schloſſerhandwerk gezeigt, und ich haͤmmerte wie ein Vulkan, immer nur, damit man mich nachher meine Buͤcher verſchlingen laſſe. Uebrigens muß ich mir die Gerechtigkeit widerfahren laſſen, lieben Freunde, und auch Euch, ich ſchloß nicht die mindeſte Freundſchaft im Gefängniſſe. Die Stelle war ſchon eingenommen: ich war kräftig, ich hatte Schmeichler und verachtete ſie; ich war boshaft, ich hatte Feinde, und trotzte ihnen. Aber Freunde hatte ich nie. Ich lebte allein, an meiner Galle zehrend. Denn ich habe deren gemacht, das weiß der Teu⸗ fel, und es war auch darnach. Du begreifſt, Martin, was mit 16 Jahren aus mir geworden war, beſonders wenn Du zu allen dieſen ſchlechten Gefuhlen noch meine ſchmerz⸗ liche Ungewißheit über Euer Beider Schickſal und die Hef⸗ tigkeit meiner Liebe zu Basquine hinzurechneſt, die manch⸗ mal bis zum Wahnſinn ging, denn zwiſchen dieſen vier Mauern des Gefaͤngniſſes machten Entfernung und Erin⸗ nerungen meine Leidenſchaft noch heftiger als vor unſter Trennung. .. Ich verließ das Gefängniß, zum Boöſen vererzt, moraliſch geknotet, wie ein vom Winde zuſammen⸗ gedorrter Baum.“ „Jetzt erklaͤre ich mir,“ ſagte ich Bamboche, „den — 47 — Schrecken, den Claude Gerard das Gefaͤngniß einflößte. „„Dich ins Gefaͤngniß werfen laſſen, ungluͤckliches Kind,“ ſagte er zu mir, als er mich nach unſerm Diebſtahle feſt⸗ gehalten hatte, „hieße Dich verderben, fuͤr immer herab⸗ wuͤrdigen.““ „Dieſes Mal hatte Claude Gerard wie ſo oft Recht,“ verſetzte Bamboche. „Die ſchlechte Richtung war erhalten und tief gedrungen. Als ich das Gefängniß verließ, wo ich ein recht guter Schloſſer geworden, wurde ich ſogleich einem Meiſter empfohlen. Da mir mein Weg ſomit vorgeſchrie⸗ ben, beſaß ich einen Broterwerb und offnen Sinn fuͤr Un⸗ terricht. Dabei konnte ich, wie ſo viele Andere, im Elende untergehen, aber ich hatte doch wenigſtens einen Ausweg. Es war aber zu ſpät. Das Leben im Gefaͤngniſſe hatte mich, wie geſagt, vollendet; die Arbeit war mir unerträg⸗ lich; alle meine ſo lange unterdruͤckten Neigungen erwachten wuͤthend. Deſſenohnerachtet trat ich bei einem Schloſſer⸗ meiſter an. Er hatte eine Schweſter, eine Witwe von 36 Jahren, kokett, zuvorkommend und im Beſitz von 60,000 Francs. Wenn ich wenig in der Werkſtatt arbei⸗ tete, ſo ſpielte ich dagegen den Schönredner, und ſang lu⸗ ſtige Lieder, Andenken unſers Hanswurſtes und la Levraſſe, ohne Geſichterſchneiden und equilibriſche Kunſtſtucke zu rech⸗ nen. Durch dieſe trefflichen Verfuͤhrungen verdrehte ich der Witwe den Kopf. Eines ſchoͤnen Tages entfuͤhrte ich ſie. Ich warf meine Blouſe in den Kehricht, und wir lebten als vornehme Buͤrgersleute. Das hinderte mich aber nicht an Basquine und Dich zu denken. Meine fire Idee war es, eine Reiſe zu machen, um Euch aufzuſuchen, aber es gehoͤrte Zeit und Geld dazu, und die Alte huͤtete ihre Boͤrſe. Alles das iſt unwuͤrdig, braver Martin; ich hätte meine 50 Sous, ja 3 Franes verdienen koͤnnen, wenn ich wie ein Neger gearbeitet haͤtte, aber ich hatte bis dahin im Gefaͤngniſſe ſo viel Elend ausgeſtanden... daß wahrhaftig.. ſieh, es koſtet mich viel, Dir dieſe Schlechtigkeiten zu er⸗ zaͤhlen. Ich komme jetzt zu etwas, das Dir beſſer gefallen wird weil ich da .. doch wenigſtens leidlich gut war. .. In dieſer Zeit ließ mich der Zufall Basquinen begegnen .. ſie war damals 13 Jahr alt ... Zwei ſtarke Schlaͤge an die Thuͤr der Wohnung unter⸗ brachen Bamboche's Erzaͤhlung; er machte eine Bewegung der Verwunderung und Ungeduld, ging dann in das Vor⸗ zimmer, und Basquine und ich hoͤrten folgende Worte zwiſchen Bamboche und dem Mitſprechenden durch die Shür nach der Treppe zu: „Wer iſt da?“ fragte Bamboche. „Ich. der Major.“ „Geh zum Teufel und komme morgen wiedel⸗ 4 „Es iſt ſehr dringend.“ „Mir einerlei.“ „Es iſt wegen Feht von Mareuil. La Levraſſe ſchickt mich.“ — — „Hoͤre einmal, Herr Major, wenn Du nicht augen⸗ blicklich im Guten die Treppe wieder hinuntergehſt, ſo komme ich heraus, und werde Dich ſie geſchwinder hinunter⸗ ſteigen laſſen, als es ſich fuͤr Dein ehrwuͤrdiges Alter ſchickt.“ „Aber ich ſage Dir, Capitain, daß es ſo dringend iſt, daß „Mein Herr Major!!!“ rief Bamboche mit Don⸗ nerſtimme, und drehte am Thurſchloſſe, als wollte er hin⸗ aus. Ohne Zweifel wirkte die Drohung von Bamboche, denn er verſchloß die Thuͤre doppelt und ſagte: „Nun denn, gut!“ Darauf kam er wieder zu uns. „Du kennſt Robert von Mareuil?“ ſagte ich zu ihm, von dem was ich hoͤrte, betroffen. „Ich habe die Ehre,“ antwortete Bamboche mit hoh⸗ niſchem Tone. „Was fuͤr eine Canaille!“ „Er?!“ rief ich aus. „Ich glaube doch.“ „Biſt Du deſſen gewiß?“ „Ich verſtehe mich darauf und ſtehe dafuͤr.“ „Wir ſprechen noch uͤber Robert von Mareuil,“ ſagte ich zu Bamboche nach augenblicklicher Ueberlegung. „Fahre nur fort in Deiner Erzaͤhlung.“ Martin. VI. 4 — „Das will ich fuͤr ihn thun,“ verſetzte Basquine, „denn er wuͤrde das, was Gutes und Edelmuͤthiges in ſeinem Betragen gegen mich darin liegt, ſchlecht vor⸗ tragen.“ „Du haſt Recht, Basquine,“ ſagte ich. „Wir hoͤren.“ Achtzehntes Rapitrl⸗ Vasquine's Geſchichte. Je mehr ich Basquine anſah, je mehr bemerkte ich an ihr eine Eleganz des Betragens, die mir nicht ſogleich auf⸗ gefallen war, und die mich in etwas an Regina erinnerte, denn einen andern Vergleichungspunkt hatte ich nicht, da mein Leben bis dahin in den niedrigſten Verhaltniſſen ſich bewegte. Die Entwickelung von Basquine's Talenten hatte mir mehr Bewunderung als Ueberraſchung verurſacht. Es erſchien mir als die Folge, als die faſt logiſche Entwickelung ihrer natuͤrlichen, ſchon in ihrer Kindheit ſo auffallenden Gaben, dieſe Anmuth, dieſe edle Haltung aber, die man nur durch haͤufigen Umgang mit der vornehmen Welt erwirbt, wie war Basquine dazu gekommen? Wie war der Ausdruck ih⸗ rer Rede ſtets correct, beſonnen, oft gewaͤhlt, manchmal ſo⸗ gar beredt und erhaben geworden? Bamboche ſprach mit ſeiner eyniſchen, ſpöttiſchen Laune, — 52 — ſeiner Erziehung im Gefängniſſe, und von dem Leſen einer Menge guter und ſchlechter Buͤcher unterrichtet, die der Art, wie er ſprechen mußte, und ſeine rohe und heftige Art und Weiſe, ſeine gemeinen Bewegungen ſtraften ſeine Worte keineswegs Lügen, aber woher kam bei Basquine dieſer ſo vollkommene Einklang ihrer Sitten und ihrer Sprache? Wie hatte ſie bis auf dieſen Punkt die gemeinen, unedlen und unanſtandigen Lehren der Muter Major, la Levraſſe's und des Hanswurſtes verlernen können, furchtbare Lehren, wo⸗ mit das Verderben ihre Kindheit angeſteckt hatte? Dieſes Geheimniß, das mich ſehr beſchaͤftigte, ſollte ſich bald aufhellen. „Du wirſt Basquine hören,“ ſagte Bamboche zu mir, „Du wirſt ſehen, was die arme Kleine gelitten hat. Ge⸗ gen ſie gehalten, fuhrte ich im Gefuͤngniſſe ein ſybaritiſches Leben.“ „Ich habe das Ungluͤck ſtets mit Reſignation ertrg⸗ gen,“ ſagte Basquine, „aber Erniedrigung, Verachtung, Beleidigung, oh! Dies iſt es, wodurch ich am Meiſten litt.“ Nach einem augenblicklichen Schweigen fuhr ſie fort: „Hoͤre, Martin, Du wirſt ſehen, daß unſte Schickfale, obgleich allerdings verſchieden, doch wenigſtens in Elend gleich ſind. Wie Dir Bamboche ſagte, ſo machte mich der Schrecken, als ich ihn nach dem Piſtolenſchuſſe des Krüp⸗ pels hinſtürzen ſah, faſt wahnſinnig. Ich ergriff die Flucht, indem ich Hilfe! Moͤrder! rief. Der Kruͤppel verfolgte mich, ohnſtreitig, um mich auch zu morden; die Angſt gab mir — aber eine ſolche Schnelligkeit, daß ich, ihm entfliehend, in ein Dickigt gerieth, wo er mich aus dem Auge verlor. An Alles das kann ich mich nur noch ſehr unbeſtimmt erinnern, denn der Schrecken verwirrte gänzlich meine Vernunft. In jenem Dickigt kauernd, brachte ich die ganze Nacht zu. Mit Tagesanbruch verließ ich es und ging aufs Ungewiſſe fort. Es iſt mir, als haͤtte ich einem Viehtreiber im Felde begeg⸗ net, der ſein Vieh zum Markte nach Limoges trieb.“ „Wie? Es iſt Dir nur ſo, als ob Du ihm begegnet wärſt?“ fragte ich, von dieſem zweifelhaften Ausdrucke be⸗ troffen, Basquinen. „Ich ſagte dies mit Fleiß, guter Martin, weil ich erſt einige Tage nach dieſer Begegnung aus der Art von Be⸗ taͤubung, in welche mich der Anblick des Mords von Bam⸗ voche geſtuͤrzt hatte, nach und nach wieder erwachte. Ich erfuhr alsdann von dem Viehtreiber ſelbſt das Nähere uͤber dieſes Begegnen. Ohnſtreitig hatte das Klingeln der Glo⸗ cken, welche einige ſeiner Kuͤhe trugen, meine Aufmerkſam⸗ keit geweckt. Ich war dieſer Heerde nachgegangen und hatte ſie eine Zeitlang begleitet, auch aus rein maſchinenmäßigem Inſtinkte dem Treiber einige Dienſte geleiſtet, indem ich ſei⸗ nem Hunde geholfen das Vieh zuſammenzuhalten. Dieſer Mann hatte Mitleid mit mir. Er hielt mich fuͤr eine Blödfinnige, die man hatte los ſein wollen, indem man ſie in die Irre gefuhrt und verlaſſen. Abends ließ er mir eine Streu im Stalle vorrichten und etwas zu eſſen geben, und fruͤh Morgens war ich witder auf den Beinen. Ohn⸗ — — erachtet des häufig fallenden Schnee's folgte ich getroſt dem Treiber. So verſtrichen mehre Tage, während welcher zur ſteigenden Verwunderung meines Beſchtzers mein Blodſinn ſich nach und nach verlor, mein Verſtand ſich wieder von der heftigen Erſchuͤtterung zu erholen begann. Endlich, Tags zuvor, ehe wir nach Limoges kamen, wenn ich nicht irre, und nachdem ich eine Nacht in tiefem, ſchwerem Schlafe zugebracht, erwachte ich, vollkommen wieder hergeſtellt von dieſem langen Irrſinne. Mein erſter Gedanke war, indem ich unwillkuͤrlich um mich blickte, faſt unwillkuͤrlich auszu⸗ rufen: Bamboche? Martin? ... Dann erſt bekam ich wie⸗ der ein unſicheres Bewußtſein deſſen, was mit mir vorge⸗ gangen war, voll Staunen, mich allein in einem Stalle liegend zu finden. Zwiſchen dieſem Erwachen meiner Ver⸗ nunft und dem Augenblicke des Mordes an Bamboche, war eine Luͤcke, die ich vergebens auszufullen ſuchte. Da trat der Treiber ein und ſagte zu mir: Komm weiter, Kleine! .. Ich fragte ihn, was er von mir wolle, wie ich in dieſen Stall gekommen, und erzaͤhlte ihm bis auf einiges Naͤhere das Ereigniß, das mich ohnſtreitig vor Schrecken wahnſin⸗ nig gemacht habe. Das Mitleid dieſes braven Mannes ſteigerte ſich dadurch, und er erzaͤhlte mir, wie er mir begeg⸗ net und mich fuͤr blödſinnig und verlaſſen gehalten habe. Ich erfuhr von ihm, daß ich jetzt 30 bis 40 Stunden von dem Orte entfernt ſei, wo Bamboche getödtet und Du ohnſtreitig gefangen genommen worden. Ohnerachtet des Erbarmens, das ich ihm einfloͤßte, konnte der Viehtreiber mich doch nicht bei ſich behalten. Sein Geſchaͤft auf den Maͤrkten fuͤhrte ihn von einer Provinz in die andere, und hatte er ſeine Heerde verkauft, dann wollte er Mauleſel in der Gegend von Limoges einhandeln. Ich kann Dich aber doch auch nicht ſo verlaſſen, arme Kleiue, ſagte er zu mir. Die Wirthin, bei der ich gewoͤhnlich auf meinen Reiſen logire, iſt eine recht gute Frau. Ich werde ſie bitten, Dich zu ſich zu nehmen, um ihren Maͤgden zu helfen. Da wirſt Du doch wenigſtens einſtweilen Brot und Unterkommen haben. Am folgenden Abende kamen wir nach Limoges in das dor⸗ tige Wirthshaus in der Vorſtadt, wo der Treiber einzu⸗ kehren pflegte. Seine Bitte meinethalben wurde von der Wirthin ſehr uͤbel aufgenommen, endlich aber willigte ſie doch ein, mich zu behalten. So blieb ich denn einige Zeit in dieſem Gaſthofe, half den andern Dienſtleuten, aß, was ſie uͤbrig ließen und ſchlief in einer Stallecke. Ich hielt Bamboche fuͤr todt; wohl 40 Stunden trennten mich von dem Orte, wo ich Dich verloren hatte, mein guter Martin, und ſo hart mir auch meine Lage in dem Gaſthofe zu Li⸗ moges erſchien, ſo wagte ich es doch nicht, ihn zu verlaſſen, um allein ein herumſtreifendes Leben wieder zu beginnen, wie das unſrige geweſen war. So lebte ich einen Monat dort, als ich den Gaſthof durch ein ſeltſames Abenteuer verließ“ Da Basquine hier zu zoͤgern ſchien, ſo ſagte ich zu ihr, als ich ihre Geſichtszuͤge truͤber werden ſah: „Vielleicht ſind Dir dieſe Geſtaͤndniſſe ſchmerzlich?“ — „Nein“, entgegnete ſie mit ihrem bittern, eiſigen Lä⸗ cheln, „nein, oft rufe ich dieſe Erinnerung und viele andere ſelbſt herbei . ſie ſtärken wieder meinen Muth, meine Kraft, meinen Willen .. ich ſchöpfe neue Stärke baraus, um hartnäckig nach dem Ziele zu wandern, das ich erreichen will und ich werde es erreichen .. oh ja! ich werde es!“ Ich ward durch die unbeugſame Entſchloſſenheit, wo⸗ mit Basquine dieſe letzten Worte ausſprach und den duͤſtern Glanz ihrer großen Augen ergriffen. „Und welches Ziel haſt Du Dir denn vorgeſetzt?“ ſagte ich zu ihr, indem ich durch einen Blick auch Bamboche be⸗ fragte. „Ich weiß von nichts,“ erwiderte dieſer. „Es ſind nun drei Jahre her, als ich ſie ſah, und ſie hat mir deshalb nichts vertraut, nicht wahr, Basquine?“ „Nein,“ entgegnete ſie. Und nach einem kurzen Schweigen fuhr ſie nun fort: „So war ich denn alſo Magd der Mägde in dieſein Gaſthofe. Sie lag in der Halfte eines ſteilen Abhanges, wo die Wagen nur ſehr langſam fahren konnten. Eines Tages, wo das Glatteis, das während der Nacht entſtan⸗ den war, dieſen Abhang faſt unwegſam gemacht hatte, ſaß ich auf einer Bank an der Hausthuͤre, als ich zuerſt einen roth gekleideten, prächtig mit Silber galonnirten Courier voruͤberreiten ſah. Hinter ihm kamen bald darauf mehre Wagen, die nach dem, was ich um mich her ſagen hörte, — 57 — dem Mylord Hetzeg von Caſtleby, einem vornehmen Irlan⸗ der, angehörten, der ungeheuer reich ſei und mit zahlreichem Gefolge reiſe. Er hatte ſich zwei Tage in Limoges aufge⸗ halten und ſeine Köche waren Abends vorher mit zwei Kuͤ⸗ chenwagen voll Proviſionen abgereiſ't, um in der Stadt, wo er uͤbernachten wollte, ein großes Mahl vorzubereiten.“ „Was fuͤr ein Luxus!“ rief ich aus. „Das war noch nichts, mein armer Martin „ fuhr Basquine fort. „An dieſem Morgen ſelbſt fuhr ein ande⸗ rer Packwagen voll transportablen Geräths, mit einem Kammetdiener, der Tapezier war, dem hohen und gewalti⸗ gen Herrn voraus, der auf dieſe Art in allen Gaſthoͤfen bei ſeiner Ankunft mehre auf die glänzendſte und bequemſte Art meublirte Stuben vorfand.“ „So viel Verſchwendung! Man ſollte es nicht glauben!“ „Der Spitzbube verſtand zu leben,“ ſagte Bamboche. „Und was wuͤrdeſt Du denn dazu ſagen, mein guter Martin,“ begann Basquine wieder, „wenn ich Dir von einer Art von Wagen erzählte, welcher das Gefolge des Her⸗ zoos von Caſtleby ſchloß und in welchem zwei Reitpferde ²) mit ihren Reitknechten transportirt wurden, denn es konnte *) Dieſe Art von Wagen nennt man Caravanen. Sie werden mit Poſt gefahren und dienen zum Transporte der Rennpferde, denen man die Beſchwerden eines langen Weges erſparen will. ja möglich ſein, daß die Idee dem gnaͤdigen Herrn einfiel, einen Theil des Weges zu Pferd zuruͤckzulegen.“ „Die Pferde im Wagen fahren zu laſſen? Was ſagſt Du dazu, Martin?“ fragte mich Bamboche. Da ich Basquinen ſtarr anſah, weil ich meinte, ſie ſcherze mit meiner Leichtglaͤubigkeit, fing ſie mit ſpoͤttiſchem Tone wieder an: „Dieſe Verſchwendungen waren allerdings toll, aber der Herr Herzog bezog gegen 4 Millionen Einkuͤnfte aus Beſitzungen, und Jemand aus ſeinem Gefolge ſagte mir ſpaͤter, daß er oftmals in Irland auf den Guͤtern Seiner Herrlichkeit ganze Familien von Bauern nackend auf dem faulen Strohe in ihren Huͤtten habe liegen ſehen, während Mutter oder Tochter im Bache die Lumpen dieſer Elenden wuſch!. Mein guter Martin, ohne ſolche Contraſte wäre ja die Welt entſetzlich langweilig!“ Dieſer kalte Hohn bei dieſem jungen Maͤdchen von 16 Jahren zerriß mir das Herz und erſchreckte mich zugleich. Basquine fuhr fort: „Ich ſaß alſo auf einer Bank an der Lhir des Gaſt⸗ hofes, und beſah mit allen meinen Augen dieſe Reihe von Wagen, die langſam gefahren kamen, als plotzlich der erſte derſelben, der des Herzogs, anhielt, nach dem Befehle, der durch einen auf dem Vorderſitze ſich befindenden Bedienten den Poſtillons gegeben ward. Durch die Scheiben an der Wagenthur erblickte ich zwei kleine hellblaue Augen, deren Ausdruck ich nie vergeſſen werde, welche unverruckt auf mir — ruhten. Nur dieſe zwei Augen ſah ich, denn das Geſicht der Perſon, die mich ſo unverwandt anſah, verſchwand faſt ganz hinter der Verbrämung eines Pelzes und einer Reiſe⸗ muͤtze.“ „Alle Wagen hielten nun. Nach einigen Minuten Wartens und Hin⸗ und Hergehens Seiten der verſchiedenen Perſonen des Gefolgs des Herzogs, die mit abgezogenem Hute mit ihm am Wagenſchlage ſprachen, ſah ich eine Frau von etwa 30 Jahren mit einem anmuthigen und edlen Ge⸗ ſichte aus einem jener Wagen ausſteigen, nach dem Gaſthofe zu gehen und hoͤrte ſie nach der Wirthin fragen. „Fuͤhre dieſe Dame zu der Frau vom Hauſe, ſtatt hier zu ſitzen und ins Blaue zu gaffen,“ rief mir eine der Mägde zu und er⸗ griff mich unſanft am Arme. „Das wuͤnſchte ich eben, meine liebe Tochter,“ ſagte die Fremde mit einem ſtarken engliſchen Accente zu der Magd, nahm mich dann bei der Hand und ſagte im liebkoſendſten Tone zu mir: „Fuͤhren Sie mich zu der Wirthin hier, mein Kind.“ Ich fuͤhrte die Fremde dahin. Sie blieb einige Minuten mit der Wirthin eingeſchloſſen und dieſe ſagte dann lächelnd zu mir: „Kleine, Du biſt hier aus Mitleid; Du haſt kein Hemd auf dem Leibe, man weiß nicht, woher Du kommſt, Du haſt keine Eltern noch Verwandte, ich könnte Dich auch nicht laͤnger behalten, weil Du mehr verzehrſt, als Du einbringſt. Dieſe Dame findet Dich artig, ſie hat Mitleid mit Dit; willſt Du mit ihr gehen, ſo wirſt Du in dem ſchoͤnen Wagen dort fahren und recht glͤcklich werden. Entſcheide Dich! Aber ich ſage es Dir im Voraus, daß, wenn Du ein ſo hertli⸗ ches Almoſen ausſchläͤgſt, ich Dich morgen aus dem Hauſe jage, ſo wahr, als ich hier ſtehe.“ „Armes Kind! Wie denn da ein ſolches Anerbieten ausſchlagen in der elenden Lage, in der Du Dich befandeſt?“ ſagte ich Basquinen. „So nahm ich es denn auch ſehr ſchnell an,“ antwor⸗ tete dieſe; „und doch nicht ohne eine unerklärliche Herzens⸗ beklemmung, ob mir gleich Alles wie ein ſchoͤner Traum vorkam. Die Dame, die ich von jetzt an Miß Turner nen⸗ nen werde, nahm mich bei der Hand und hatte ohnſtreitig Befehl, mich jetzt nicht dem Herzoge vorzuſtellen. Sie ließ mich in den Wagen ſteigen, worin ſie ſelbſt fuhr, und die Wagenreihe ſetzte nun ihren Weg fort. Als ich mich ein wenig von meinem Staunen erholt hatte, blickte ich um mich und ſah, daß ich mich in einer vierſitzigen Berline be⸗ fand, worin alle Plätze beſetzt waren, denn ich ſaß zwiſchen Miß Turner und einer Negerin mit nicht unangenehmen und breiten Zügen, ſondern von großer Regelmäßigkeit. Ihr Reiſemantel verhullte nicht ganz ein Koſtum von reizender Originalität. An ihren nackten, wie Ebenholz glatten Ar⸗ men blinkten Armbänder von Silbet. Mir gegenuber ſah ich zwei andre junge Mädchen. Die eine war ſehr dick, blendend weiß und mit ſehr lichtblonden Haaren. Ihre Augen waren hellblau und ihre Wangen ſehr geröthet. Sie war eine Flammlaͤnderin. Die vierte endlich gemeinen, ob⸗ gleich ſehr pikanten Geſichts, hatte einen Kappa auf, und — 61 — war mit dem Luxus der reichen Fiſchhaͤndlerinnen in Paris angethan, wenn ſie ſich ſonntäglich herausputzen. Catha⸗ rine (ſo nannten ſie ſie) war in der That ein Maͤdchen aus dem Viertel der Hallen. Sie hatte eine kecke, freche, inſolente Miene und entlehnte, wie ich ſeitdem erfuhr, ihre Sprachweiſe faſt ſtets aus dem im Carneval geduldeten Woͤr⸗ terbuche Dieſen Derbheiten fehlte es nicht an einem ge⸗ wiſſen Geiſte und ſie beluſtigten den Herzog von Caſtleby außerordentlich, der manchmal nach dem Tiſchtrunke ſich an dem Cynismus dieſes Geſchöpfs ergoͤtzte, das er in einer der ſchmutzigſten Kloaken von Paris aufgeleſen hatte.“ „Das iſt ja ganz unmöglich,“ rief ich aus, „in unſerer Zeit ſolche Sitten! Dieſe Art reiſenden Harems im Ge⸗ folge eines Mannes!“ „Der arme Martin, er wundert ſich noch uͤber etwas!“ ſagte Basquine zu Bamboche. „Basquine erfindet nichts und ſagt nicht einmal Al⸗ les,“ verſetzte Bamboche. „Dieſer Mylord⸗Herzog exiſtirt. Ich habe in der mehr als ſchlechteſten Geſellſchaft, in wel⸗ cher ich gelebt habe, Zeugen oder . Mitgenoſſen ſeiner Bizarrerieen gekannt.“ „Sieh nur, Martin,“ begann Basquine mit ihrem ſpoͤttiſchen Lacheln wieder; „man wird durch Gluͤck almäch⸗ tig geboren, und durch den Rang bald fur Alles ſtumpf und todt, dann muß man etwas Neues, Sonderbares ha⸗ ben. Uebrigens ſah ich, die Wahrheit zu geſtehen, nur an dieſem Tage die Geſchoͤpfe, welche den Harem des Herzogs bildeten, denn als ich einmal am Ziele meiner Beſtimmung angelangt war, wurde mein Leben das iſolirteſte und ſon⸗ derbarſte von der Welt. Bei der nächſten Station verließ mich Miß Turner, welche der Herzog zu ſich rufen ließ, einen Augenblick, kehrte aber bald zuruͤck und gab mir ein Zeichen, ihr zu folgen. Ich und Miß Turner allein verlie⸗ ßen alſo den Wagen mit dem Serail und ich wurde in einer andern Kaleſche untergebracht, in welcher der Intendant und Sekretaͤr des Herzogs ſonſt ſaßen, die jetzt aber, ſo gut ſie konn⸗ ten, in den andern Wagen des Gefolges untergebracht wurden. In der naͤchſten Stadt, wohin wir kamen, kaufte mir Miß Turner paſſende Kleidung. Ich reiſete ſtets allein mit ihr, in den Gaſthöfen ſervirte man uns beſonders und ich theilte ihr Zimmer. Dieſe junge Frau antwortete ſehr zuruͤckhal⸗ tend und ſchweigſam nur mit einzelnen Worten auf meine Fragen, und ihre von einer Art von Achtung zeugenden Antworten beſchraͤnkten ſich ungefaähr auf Folgendes: Seien Sie ohne Sorgen, Mademoiſelle, Seine Herrlichkeit wird Ihnen eine Erziehung geben laſſen, als ob Sie ſeine Toch⸗ ter waͤren. Sie kennen das Gluͤck noch gar nicht, das Ih⸗ nen zu Theil ward, Seiner Herrlichkeit zu begegnen. Es giebt keinen beſſern und großmuͤthigern Herrn.“ „Das iſt Alles hoͤchſt ſonderbar,“ ſagte ich Bas⸗ quinen. „Noch ſonderbarer, als Du es Dir denken kannſt, — Martin. Uebrigens uͤberließ ich mich, als wir auf dem Schloſſe des Herzogs angekommen waren, auch ganz der Suͤßigkeit eines fuͤr mich ſo ganz neuen Wohlſeins. Die Kammerfrau der Miß Turner bediente mich. Die Tafel des Herzogs war von einem Ueberfluſſe, einem Wohlge⸗ ſchmacke, die unerhört waren, aber wir ſpeiſeten allein. Meine durch Entbehrung geſchwächte Geſundheit ward nach und nach immer bluͤhender. Miß Turner war entzuckt uber meine zunehmende Schoͤnheit, und ſagte, ich ſei in einigen Tagen ganz unkenntlich geworden. Ich bewohnte mit Ele⸗ ganz, Luxus und einer Sorgfalt meublirte Zimmer, von denen man ſich kaum einen Begriff machen kann. Alle Tage fuhr ich mit Miß Turner aus und zwar in einem vorbehaltenen Park, wo ich herumlaufen und alle nur moͤg⸗ lichen Arten von Spielen treiben konnte. Oftmals ließ mich auch Miß Turner auf einem allerliebſten kleinen Pferde reiten, das ſanft und zahm, wie ein Hund war. Kurz, die Tochter des vornehmſten Herrn konnte, glaube ich, keiner Exiſtenz genießen, die mit der meinen zu vergleichen gewe⸗ ſen wäͤre.“ „Und Du hatteſt den Mylord⸗Herzog noch nicht wie⸗ dergeſehen?“ fragte ich Basquine. „Nein. Ich wurde ihm erſt ungefaͤhr drei Wochen nach unſter Ankunft auf dem Schloſſe vorgeſtellt. Ich habe vergeſſen, Dir zu ſagen, daß dies ein wahres Konigsſchloß und ſo reizend in Mitten einer der reizendſten Gegenden des mittäglichen Frankreichs gelegen war, daß die Tempera⸗ tur dort, wie man ſagte, eben ſo mild als in Hyeres ſei. Der Herzog brachte dort oft einen Theil des Win⸗ ters zu.“ „Aber warum zögerte man denn ſo ſehr, Dich ihm vorzuſtellen?“ fragte ich von Neuem. „Man wartete auf die Ankunft mehrer Kiſten mit Kleidungsſtuͤcken, welche einen prachtvollen Trouſſeau bil⸗ den ſollten, den man fur mich in Paris bei den beſten Ar⸗ beiterinnen beſtellt hatte.“ „Ehe ich weiter fortfahre, Martin, muß ich Dir ſa⸗ gen, daß Miß Turner eine außerordentlich gebildete Per⸗ ſon war, und daß ſie mich ſtets mit Sanftmuth und Feſtig⸗ keit bei allen Verſtößen gegen die Sitte, und allen mir noch eigenthuͤmlichen derben Redensarten, zurecht gewieſen hatte. Ich gab mir auch, ihr zu gefallen, Mühe, alle ihre Anermahnungen zu befolgen.“ „Am Abende vorher, ehe ich dem Herzoge von Caſt⸗ leby vorgeſtellt werden ſollte, ſagte ſie zu mir „Sie ſind nun faſt eine kleine vollkommne Lady, was Manieren und Lebensart betrifft, ich hoffe, daß Seine Herrlichkeit recht zufrieden damit ſein ſollen, daß meine Lehren bei Ihnen ſo gut angeſchlagen haben.“ . „So kam der Tag der Vorſtellung. Wenn ich ins Einzelne uͤber meinen Anzug eingehe, mein guter Martin, ſo geſchiehts nicht aus Koketterie, ſondern, weil er nach dem Befehle des Herzogs einen ausgeſprochnern kindlichen Gha⸗ — racter trug. Meine mitten auf der Stirn geſcheitelten Haare fielen in großen Locken auf Nacken und Schultern. Meine Arme waren bloß und ich trug ein Kleid von köſtli⸗ chem geſtickten indiſchen Muſſelin, mit gleichen Pantalons, weißſeidne durchbrochne Struͤmpfe und kleine Schuhe von ſchwarzem Satin. Da Miß Turner und ihre Kammer⸗ frau mir immer wiederholt hatten, daß ich ſo allerliebſt ſei, ſo beſah ich mich endlich in einem großen Ankleideſpiegel, der in meinem Toilettencabinet ſtand, denn es verſtand ſich von ſelbſt, daß meine Appartements ganz vollſtändig waren, vom Vorzimmer an, bis auf den Badeſaal. Nachdem ich mich nun ſo betrachtet hatte, geſtehe ich in aller Demuth, daß ich mich ſehr ſchon fand. ... „Nun,“ ſagte Miß Turner mit ihrer ernſten, geſetzten Miene, indem ſie aus einem Ka⸗ ſten eine prachtvolle Puppe nahm, „hier iſt eine Puppe, welche Se. Herrlichkeit Ihnen ſchenkt. Sie muͤſſen ſich dafuͤr bei ihm bedanken, verſtehen Sie?“ „Ja, Miß Tur⸗ ner,“ ſagte ich, dieſes wahrhaft wundervolle Spielzeug be⸗ wundernd, ohne zu wagen, es zu beruͤhren. ... „Nehmen Sie doch Ihre Puppe,“ ſagte die Gouvernante zu mir .. „Aber,“ antwortete ich, „gehen wir denn nicht zu Seiner Herr⸗ lichkeit?“. „Ja, Mademoiſelle, wir gehen zu ihm und Se. Herrlichkeit wuͤnſcht, daß Sie Ihre Puppe mitnehmen. . . . Ganz verwundert, wie ich geſtehe, uber dieſe Anermahnung, folgte ich meiner Gouvernante zu dem Herzoge.“ Dieſer letzte Theil von Basquinens Erzählung machte Martin. VII. 5 mich ganz irr, und in meiner Treuherzigkeit ſagte ich dem jungen Mädchen: „Dieſe Aufmerkſamkeiten, dieſe Erziehung, welche man Dir gab, beweiſen doch wenigſtens, daß der Herzog kein boͤ⸗ ſer Menſch war.“ Vasquine ſah mich feſt an und brach in ein hoͤhniſches Gelächter aus, uber das ich ſchaudern mußte. Fünftes Kapitel. Basquine's Geſchichte. (Fortſetzung.) „Ehe ich meine Erzaͤhlung weiter fortſetze, lieber Mar⸗ tin, und um Dich auf Dinge vorzubereiten, die Du un⸗ glaublich finden wirſt, ſo ſage mir,“ fuhr Basquine fort, „ob Du das Abenteuer des guten Königs Ludwigs XV. mit Mademoiſelle Tiercelin kennſt?“ „Nein,“ antwortete ich Basquinen, voll Verwunde⸗ rung uͤber dieſe Frage, „dieſes Abentener kenne ich nicht.“ „Waͤhrend meines Aufenthalts bei dem Herzog von Caſtleby hatte ich zufällig Gelegenheit, beſonders viele Schriften uͤber die Regierung Ludwigs des Vielgelieb⸗ ten zu leſen. Unter Anderem Folgendes: Als dieſer gute Koͤnig einſt durch die Tuilerieen ging, ſah er in dem Gar⸗ ten ein kleines Maͤdchen von kaum 11 Jahren, bemerke wohl, Martin, von kaum 11 Jahren. Es war das Kind eines Pariſer Buͤrgers, Namens Tiercelin, der von ſeinen Renten lebte. Der König hatte eine Laune fuͤr 5* dieſes Kind, .. und es wurde durch die Marquiſe von Pompadour, eine — wie Du ſiehſt — ſehr nachſichtige Nebenbuhlerin, dem Konige zugefuͤhrt.“ „Oh! das iſt ſchaͤndlich!“ rief ich ſtaunend. Basquine aber fuhr mit ſpöttiſcher Unempfindlichkeit fort: „Ludwig XV. war, was ſehr ſelten, der kleinen Tierce⸗ lin zwei Jahre lang treu. Dieſe Treue erſchreckte Hoͤflinge und Courtiſanen, und in Folge der — der Himmel weiß, welcher Intrigue des Herzogs von Choiſeul, wurde das arme Kind, ſowie deſſen Vater, in die Baſtille geſperrt, wo Beide 14 Jahre lang blieben.*) ) Ich theile das hier mit, was die hiſtoriſchen Memoiren von Peuchet, aus dem Polizei⸗Archive gezogen, im 2. Theile S. 105, 108, 114 u. ſ. w. daruͤber enthalten. „Einer der Zuge, welche am Deutlichſten von der Verdor⸗ benheit der Polizei unter Ludwigs XV. Regierung zeugen, iſt die Geſchichte der Mademoiſelle Tiercelin. Es war ein Kind mit einem allerliebſten Geſichtchen, hochſtens 11 Jahre alt, wel⸗ che Ludwig XV. bemerkte, als er zu Fuß in den Tuilerieen ſpa⸗ zieren ging. Noch an demſelben Abende ſprach er daruͤber mit Lebel, ſeinem Kammerdiener. Dieſer, dem der Geſchmack ſeines Herrn kein Geheimniß war, dachte ſogleich auf Mittel, die neuen Wuͤnſche ſeines Monarchen zu befriedigen. . .. Das junge Mädchen wurde alſo entführt und dem Koͤnige preisgegeben.“ Und weiterhin: „Die Marquiſe von Pompadour ergriff begierig dieſe Ge⸗ legenheit, ſich von einer Nebenbuhlerin zu befreien, die ſehr ge⸗ fahrlich werden konnte. Sie beſtärkte den Herrn von Choiſeul in ſeinem Verdachte, und der Konig unterzeichnete in einem An⸗ „Daher nennt ihn auch die Geſchichte Ludwig den Vielgeliebten!“ verſetzte Bamboche mit einem Ausbruche von Gelaͤchter. „Die Moral davon iſt,“ fuhr Basquine mit dem Tone bitteren Scherzes fort, „daß Ludwig XV. ein naiver Schuͤler im Vergleich mit dem Mylord Herzog v. Caſtleby war, und daß es fur mich beſſer geweſen waͤre, 14 Jahre im Gefängniſſe zu bleiben, als in dem wolluſtigen Hauſe dieſes Mannes zu leben, wie ich es that.“ Von Basquinens Ausdruck, als ſie dieſe letzten Worte ſprach, erſchreckt, rief ich aus: „Du biſt alſo mit Gewalt bei dieſem Manne zuruͤck⸗ gehalten worden?“ „Nein,“ antwortete ſie, „ich bin freiwillig geblieben.“ und als ich den Widerſpruch in ihren Worten nicht begreifen zu koͤnnen ſchien, fuhr ſie fort: „Ehe ich Dir das Abenteuer des vielgeliebten Koͤnigs Ludwig XV. anfuͤhrte, war ich, wie ich glaube, bei meiner Vorſtellung an den Herzog ſtehen geblieben. In einen koſt⸗ baren Kinderanzug gekleidet, meine ſchoͤne Puppe in der einen Hand tragend, gab ich die andre meiner Gouvernante. falle von Zorn einen Verhaftsbefehl gegen die Tiercelin und ih⸗ ren Vater. Die geheimen Schriften über dieſe ſchändliche In⸗ trigue zeigen deutlich, daß ſie vom Jahre 1754 an, wo die junge Tiercelin dem Könige uͤberliefert ward, bis zum Jahre 1756 dauerte, wo jener Verhaftsbefehl unterzeichnet wurde. Sie blieben dann 14 Jahre in der Baſtille.“ So gingen wir zuerſt durch eine prachtvolle Gallerie von Gemälden, dann durch Saͤle, wo immer einer glänzender war als der andere, und kamen endlich in das beſondere Zim⸗ mer des Herzogs. Ausgenommen ſeine beiden vertrauten Kammerdiener, betrat nie einer der andern Hausbedienten dieſe Räume. Meine Gouvernante blieb mit mir vor einer Thur ſtehen, die mit rothem Sammt bedeckt, und klingelte auf eigenthuͤmliche Art. Einer der Vertrauten oͤffnete uns. Er wechſelte einige Worte auf Engliſch mit Miß Turner, welche mich dann den Haͤnden dieſer neuen Perſon uͤbergab, und zu mir ſagte: „Corſo (dies war der Name dieſes italie⸗ niſchen Kammerdienere) wird Sie jetzt zu Sr. Herrlichkeit fuͤhren. Seien Sie huͤbſch verſtändig, benehmen Sie ſich wie eine kleine wohlerzogene Lady und erinnern Sie ſich an jeden guten Rath, den ich Ihnen gab Damit ſchloß ſich die Thuͤr hinter der Gouvernante wieder, und ich blieb allein mit Corſo, deſſen zugleich weibiſches und gebraͤuntes Ge⸗ ſicht, ſeine ſchwarzen, durchdringenden, tiefverkohlten Augen mir einen unbeſtimmten Widerwillen einfloßten. — „Wenn Mabemoiſelle mir folgen wollen,“ ſagte er ehrerbietig, mich bei der Hand nehmend, „ſo will ich Sie zu Sr. Herrlich⸗ keit fuhren.“ Corſo ließ mich darauf durch einen Saal gehen, dann durch eine Art von Boudoir ganz mit Spie⸗ geln tapezirt, in dem auch das Glas und ein Theil des Fußbodens Spiegel waren. Hier beruͤhrte er eine verbor⸗ gene Springfeder, eine Spiegelwand zog ſich zuruͤck, und meinen Fuͤhrer an der Hand haltend, folgte ich ihm mit ſtei⸗ gender Unruhe in einen ganz dunkeln und mit dicken Tep⸗ pichen belegten Corridor, ſo daß das Geraͤuſch unſter Schritte ganz verſtummte. Nach einigen Minuten oͤffnete ſich eine Thuͤr. Corſo ſchob mich ſanft vor ſich her und als ich mich ſchnell nach meinem Fuͤhrer umdrehte, war er verſchwunden, und es war mir unmoͤglich, zu erkennen, von wo ich eingetreten ſei. In meinem Leben werde ich dieſe Lage nicht vergeſſen. Ich befand mich in einer Art ganz von ſchwarzen, mit ſilbernen Thränen geſtickten Behaͤn⸗ gen umgebenen Rotunde. Der durchdringende Duft der ſußeſten und ſtärkſten Wohlgeruͤche erfullte dieſen grabaͤhn⸗ lichen Raum, um den ringsher eine Bank von polirtem Ebenholz, ohne Kiſſen oder Lehne lief. Mitten in dieſer Rotunde ſtand ein Tiſch mit einem ſchwarzſammtenen Tep⸗ pich bedeckt und mit Silber wie ein Leichentuch geſtickt. Auf dem Tiſche eine kleine Wirthſchaft, wie die Kinder zu ſagen pflegen, aber eine kleine Wirthſchaft von der unglaublichſten Pracht. Alle Stuͤcke dieſes Miniatur⸗ ſervice waren von Gold mit Email und feinen Steinen. Beſonders fiel mir eine Suppenterrine von der Größe einer Taſſe auf, ein Meiſterwerk der Goldſchmiedskunſt. Nicht das Mindeſte fehlte, von den Tellern in allen Groͤßen an, bis zu den Oel⸗ und Waſſerflaſchen von Felskryſtall, groß wie Taſchenflacons und Sallatſchuͤſſeln, in denen kaum eine Erbſe liegen konnte.“ „Und die Bauern von den Beſitzungen dieſes Mannes, halb in ihren Hoͤhlen liegend, ſtritten ſich mit den Schwei⸗ — — nen um die Nahrung!“ ſagte ich zu ihr, denn das Ge⸗ maͤlde dieſes furchtbaren Elends ſtand ſtets vor meinen Bli⸗ cken. — „Dieſe Leute, mein braver Martin,“ ſagte Bamboche, „erziehen, ernähren und erhalten das Wildpret mit großen Koſten, aber es liegt ihnen nichts daran, den Bauer zu er⸗ halten.“ „Ich war von dem, was ich ſah, eben ſo verblendet als ergoͤtzt,“ fuhr Basquine fort. „Ich erblickte ferner auf einer Etagere über ſchwarzem Marmor ein vollſtaͤndiges Kuͤ⸗ chengeräth von Silber und in denſelben Verhältniſſen wie das Service. Ein großes Rechaud, unter welchem Spiri⸗ tus brannte, ſollte als Ofen und Heerd dienen. Es lag in dieſen kindiſchen Vorbereitungen nichts Beunruhigendes, aber das tiefe Schweigen, das in dieſem mit Trauerbehaͤn⸗ gen verzierten Raume herrſchte, fing an mich zu erſchrecken. als auf einmal ein Stuͤck dieſer Behaͤnge ſich erhob. Jetzt glaubte ich zu träumen. Ich ſah auf einem jener großen hoͤlzernen Pferde, koſtlichem Spielzeuge, das ſich durch ver⸗ borgene Federn bewegt, einen Mann von mittler Groͤße und ziemlicher Dicke hereinreiten, der etwa 60 Jahre alt zu ſein ſchien. Er trug eine blonde Perrucke mit lang herab⸗ fallenden Locken, einen großen uͤbergeſchlagenen Hemdkragen und eine ſehr kurze Weſte, an welche ſeine Pantalons ge⸗ knöpft waren, mit Einem Worte, dieſe ſonderbare Er⸗ ſcheinung war gekleidet wie ein kleiner Knabe von ungefaͤhr meinem Alter. Ohnſtreitig, um die Täuſchung zu vollen⸗ — den, blies er aus allen Kraͤften auf einer kleinen Trompete von Blech. So machte er die Tour um die Rotunde, in⸗ dem er auf ſeinem hoͤlzernen Pferde ſeine Spruͤnge vollzog.“ „Gluͤcklicher Weiſe war es ein Verruckter!“ unterbrach ich nach einem Augenblicke fuͤrchterlicher Angſt Basquinen⸗ „Ein Verruͤckter?“ ſagte dieſe und ſah mich groß an. Dann ſetzte ſie, mit Bamboche einen Blick wechſelnd, hinzu: „Ja, mein guter Martin, . . es war ein Verruͤckter.“ Und nach einem kurzen Schweigen fuhr ſie fort: „Mylord⸗Herzog, denn er war es, gab ſich in der That manchmal Sonderbarkeiten hin, die an's Verruͤcktſein grenzten. Mein erſter Eindruck, als ich dieſen grotesk als Kind von zehn Jahren gekleideten und wie ein Knabe dieſes Alters ſpielenden Greis erblickte, war der Ausbruch lauten Gelaͤchters. Da aber dieſes Lachen in der tiefen und ſchau⸗ rigen Einſamkeit kein Echo fand, denn der Herzog hatte ſeinen Ritt beendet, war abgeſtiegen und verſchlang mich ſtumm und unbeweglich mit ſeinen kleinen lichtblauen, aus einem hochrothen Geſichte leuchtenden Augen, ſo ergriff mich von Neuem die Furcht und erreichte bald den hoͤchſten Grad, denn was mir Anfangs ſo komiſch vorgekommen, erſchien mir nun nach und nach immer fuͤrchterlicher, und ich begann zu weinen und heftig aufzuſchreien.“ „Es war ja auch wahrhaft fuͤrchterlich,“ ſagte ich zu Basquinen, „mir kommts vor wie ein ſchrecklicher Traum.“ „Nur erſt die liebevollen, vaͤterlichen Worte des Her⸗ zogs,“ fuhr Basquine fort, „konnten mich, da er ſehr gut Franzöſiſch ſprach, beruhigen und mir wieder Vertrauen ein⸗ ſtößen. Als ihm dies gelungen war, ſo aͤnderte er plotzlich den Ton und ſagte, ohne die geringſte Anſpielung auf die Art zu machen, wie er mich auf der Landſtraße aufgenom⸗ men, noch auf die Vorſorge, die er ſeitdem fuͤr mich getra⸗ gen, indem er das Tatſchen eindiſcher Ausſprache nach⸗ ahmte: „Nenne mich Toto, und dutze mich, wir wollen Kochens ſpielen. Du haſt ja da eine allerliebſte Puppe! Ei, ich auch! ich habe gar ſchoͤne Spielſachen ich will Dir ſie ſchon zeigen, aber jetzt wollen wir kochen!“ Da ich Basquinen mit ganz beſtuͤrzter Miene anſah⸗ weil ich das, was ich horte, kaum glauben konnte, ſo be⸗ gann ſie mit ihrem ſardoniſchen Laͤcheln wieder: „und Toto, Herzog und Pair von England, genoß natuͤrlich in der Welt all jenes Anſehen und jene Beruͤck⸗ ſichtigung, welche ein großer Name und ein unermeßliches Vermögen verleihen, und da er ſich herabgelaſſen, ſein Va⸗ terland dei — der Himmel weiß, welcher ceremoniellen Ge⸗ ſandtſchaft — zu repraͤſentiren, ſo hatten ihn zwei bis drei Fuͤrſten mit ihren ſchönſten Ordensbändern behangen. Ueb⸗ rigens,“ ſetzte Basquine mit verdoppelter Ironie hinzu, „hatte der Herzog, wenn er nicht als Toto gekleidet ging, ein recht achtbares und ernſtes Anſehen. Zufaͤllig ſah ich ihn eines Abends in ſeiner Gallerie mit dem Erzbiſchof der benachbarten Stadt Arm in Arm herumſpazieren, denn Mylord Herzog war ein ſehr guter Katholik, und jeden Sonntag wurde im Schloſſe Meſſe geleſen, ich ſah ihn ——— alſo mit hoher und ſtolzer Stirn ſpazieren, ein blaues brei⸗ tes Ordensband anf dem weißen Gilet und einen diamant⸗ nen Stern auf dem ſchwarzen Rocke. Und wahrhaftig, ich haͤtte in die ſem vornehmen Herrn im Leben nicht Toto wiedererkannt, mit dem ich zum erſten Male gekocht hatte.“ „Oh!“ ſagte Bamboche, „wenn man einer Menge ehrwuͤrdiger Greiſe, beſonders unter den alten politiſchen Stutzern, der ſchlimmſten Sorte ausgearteter Menſchen, die Haut umſtuͤlpen könnte, um ſie von Innen zu betrach⸗ ten, wie viele Toto's wurde man nicht unter ſehr geſtrengen Masken finden!“ „um wieder auf meine erſte Kochſtunde zuruͤckzukom⸗ men,“ begann Basquine, „ſo ſpeiſ'ten wir auf dem klei⸗ nen goldenen Service, nachdem wir das Miniatur⸗Diner in den ſilbernen Caſſerolen auf dem Rechaud mit Weinſpi⸗ ritus vorbereitet hatten. Nicht lange, ſo behielten — ſon⸗ derbar genug — die Heiterkeit und die Luſt meines Alters die Oberhand. Ich fing an, an dieſem Zeitvertreibe großen Geſchmack zu finden. Mein Geſpiele Toto zeigte ſich ſehr erfahren bei dieſer kindiſchen Kochkunſt. Unmittelbar nach dem Eſſen ließ Toto mich ſeine Spielſachen ſehen. Er be⸗ ſaß deren bewunderungswuͤrdige und ganz ſonderbare, wahre Wunder der Mechanik. Sie mußten beträchtliche Sum⸗ men gekoſtet haben. Plotzlich aber unterbrach ſich Toto in Mitten ſeiner Ausſtellung und ſagte zu mir mit verzweif⸗ lungsvoller Miene: „Es iſt nun bald 3 Uhr! Bobonne wird kommen und mich zur Stunde abholen, das iſt doch ſchrecklich! Alſo auf Morgen, nicht wahr?“ — Dies war mein erſtes Zuſammenſein mit Mylord⸗Herzog, denn nach⸗ dem er wahrſcheinlich an einer unſichtbaren Klingel gezogen hatte, oͤffnete ſich die verſteckte Thuͤr, durch welche ich ein⸗ getreten war, Corſo erſchien darin, und auf ein Zeichen ſeines Herrn führte er mich auf demſelben Wege, auf welchem ich hereingekommen war, wieder zuruͤck und uͤber⸗ gab mich den Händen der Miß Turner, die mich vor der Thuͤr der beſondern Appartements des Herzogs erwartet hatte. Als ich ihr noch ganz erſtaunt dieſe Sonderbarkeiten erzäͤhlte, brach ſie kurz ab und ſagte mir ernſt: „Einmal fuͤr alle⸗ mal, Mademoiſelle, kein Wort von alle Dem weder an mich, noch an ſonſt Jemand, oder Sie machen ſich aller Guͤte Sr. Herrlichkeit verluſtig.“ . . . „Dieſe erſte Kocherei war nur lächerlich,“ ſagte jetzt Basquine, „aber das Lacher⸗ liche war das Vorſpiel des Furchtbaren.“ In meiner Unbefangenheit hatte ich in der That Bas⸗ quinen geſagt, dieſer Menſch iſt ein Verruͤckter, aber die Folge unſers Geſpraͤchs, die meine Feder wiederzugeben ſich weigert, bewies mir, daß dieſer Menſch eines jener Unge⸗ heuer war, die theils durch Ueberſaͤttigung, theils durch fruͤh⸗ zeitigen Mißbrauch aller Vergnuͤgungen, welche unermeß⸗ liche, ohne Arbeit erworbene Reichthuͤmer von Jugend auf durch bloße Erbſchaft verſchaffen zu — Monomanieen verleitet werden. . „ . — ⸗ „ — „Uebrigens beſchaͤftigte ſich,“ fuhr Basquine fort, „meine Gouvernante, Miß Turner, welche durchaus nichts von Allem, was vorging, zu wiſſen ſich ſtellte und ſtets zu⸗ ruͤckhaltend und ruhig war, mit meiner Erziehung anhaltend und eifrig in Folge ihres Gehorſams fuͤr die Befehle ihres Herrn. Sie lehrte mich alſo leſen und ſchreiben. Als treffliche Muſikerin entwickelte ſie meine natürliche Anlage fur den Geſang, gab mir unterricht auf dem Pianoforte, im Zeichnen, in der Geſchichte und Geographie. Ich hätte, wie ſie ſich ausdruͤckte, die Tochter des Herzogs ſein kon⸗ nen, und meine Erziehung wäre nicht mit großerer Einſicht und Vorſorge geleitet worden.“ „Es liegt etwas Abſcheuliches darin,“ rief ich aus, „eine an ſich edelmuͤthige Handlung zur Erfullung der ver⸗ worfenſten zu verwenden, die Entwickelung des Geiſtes gleichen Schritt mit der ſcheußlichſten Befleckung gehen zu laſſen!“ „Allerdings,“ fuhr Basquine fort, verſtrich, waͤhrend die eine Haͤlfte meines Lebens mit Studiren und in einer Art von Strenge verbracht wurde, da Miß Turner mir gegenuͤber nie von ihrer außerordentlichen Zuruͤckhaltung ab⸗ wich, die andre Hälfte in einer Art Hölle .. deren furcht⸗ bare Erinnerung mich bis an meinen Tod verfolgen wird.“ „Und Du dachteſt nicht an Flucht?“ fragte ich Bas⸗ quinen. „Ich wollte es nicht,“ erwiderte dieſe mit einer Art von Auftegung; „denn damals ſah ich zum erſten Male das Ziel ein, das ich erreichen will, und das ich errei⸗ chen werde,“ ſetzte ſie mit duͤſterer Entſchloſſenheit hinzu. „Ich begreife Dich nicht, Basquine.“ „Höre, Martin .. Du haſt mich ſehr ungluͤcklich gekannt, nicht wahr? Du haſt meinen Schmerz geſehen, als man mich aus den Armen meines ſterbenden Vaters riß. Du weißt, wie elend, mißhandelt meine Kindheit war „ wir ſind herumziehende Seiltaͤnzer, Vagabonden, Diebe geweſen . . . nun denn! trotz dieſer frühzeitigen Her⸗ abwuͤrdigung hatte ich doch immer in der Tiefe meiner Seele eine gewiſſe Reue, ein unbeſtimmtes Anſtreben nach einem minder befleckten Leben bewahrt. .. Du erinnerſt Dich noch jenes Abends auf unſter Inſel . „Oh, ja, ja!“ rief ich aus. „Man ja nicht viel ſolcher Erinnerungen,“ ſut Bamboche „und man hebt ſie auf im guten Winkel des Herzens.“ „Nun denn,“ verſetzte Bäsquine mit immer mehr ſteigender Aufregung, „damals achtete ich mich ſelbſt ge⸗ ring in meinen eignen Augen, um es zu verſuchen, mein Brandmal damit zu entſchuldigen, daß ich zu mir ſagte: „es iſt mein Ungluͤcksſtern, es iſt meine Verlaſſenheit, die mich zu dem gemacht hat, was ich bin!“ Aber nachdem ich einige Zeit bei dem Herzoge gelebt hatte, war ich durch dieſes Ungeheuer ſo furchtbar herabgewuͤrdigt worden, daß ich ſelbſt die Reue uͤber dieſe letzte Entwuͤrdigung verlor. Doch in dem Maße, als die Erziehung meine Einſichten —— — —,—— entwickelte, erwachte in mir ein Beduͤrfniß, ein Verlangen nach Rache, das von Tage zu Tage wuchs und meine fire, unaufhörliche Idee ward. Von dieſem Tage an er⸗ trug ich mein Loos mit finſtrer Freude .. Und ich vollen⸗ dete Wunder von Arbeit; alle Zeit, uͤber die ich gebieten konnte, wendete ich dazu an, mich zu unterrichten, ſoviel als nur möglich jene liebenswuͤrdigen Talente, jenes ausge⸗ zeichnete, verfuͤhreriſche Benehmen zu gewinnen, welche Eigenſchaften den Frauen immer ſo große Macht verleihen. Der Herzog beguͤnſtigte aus einem Raffinement teufliſcher Verdorbenheit meinen Geſchmack fuͤr das Studium. Er ließ fur mich mit den außerordentlichſten Koſten einen vor⸗ trefflichen Geſanglehrer und Tonſetzer kommen, der ſo zu ſagen die beruͤhmteſten Kuͤnſtler unſerer Zeit geſchaffen hat und deſſen Werke jetzt volksthuͤmlich geworden ſind. Aber laß Dir, guter Martin,“ ſetzte Basquine mit ſanftem Laͤ⸗ cheln hinzu, „in Bezug auf dieſen Kuͤnſiler einen Zug mit⸗ theilen, bei dem Du einen Augenblick von allen den trauri⸗ gen Dingen, die ich Dir erzählen muß, ausruhen kannſt. In den Augen des Kuͤnſtlers, von dem ich ſpreche, eines ausgezeichneten und trefflichen Mannes wie irgend Einer, galt ich fur die Adoptivtochter des Herzogs, denn ich waͤre vor Scham geſtorben, wenn ich haͤtte annehmen koͤnnen, daß mein Lehrer wiſſe, was ich damals war. Dieſer bewunderte um ſo mehr die ſichtbare Aufmerkſamkeit, mit der man mich umgab, als er, wie er mir ſagte, ſelbſt ſeine Laufbahn einem eben ſo großmuͤthigen als geheimnißvollen Weſen verdanke. „Ich war von heiligem Feuer durchgluht,“ erzählte er mir, „aber arm, unbekannt, ohne Hilfsmittel; mir fehlte jede Unterſtutzung, um ſtudiren zu koͤnnen, denn ich hatte kaum Brot. Da ſehe ich eines Tages einen ziem⸗ lich bejahrten, ſchlechtgekleideten Mann, mit harter Miene, derber Rede und durchdringendem Blicke in mein Dachſtuͤb⸗ chen treten. Seine Fragen beweiſen mir, daß er alle Ver⸗ hältniſſe meines Lebens und Berufes kennt, und das Re⸗ ſultat ſeines Beſuchs iſt die Zuſicherung einer Penſion, die mir auch in der That die Mittel gewährt hat, zu ſtudiren, zu arbeiten, mich zu produciren und mir einen Namen zu erwerben. Ungluͤcklicherweiſe fuͤr meine Dankbarkeit habe ich meinen geheimnißvollen Wohlthäter nur dieſes einzige Mal geſehen ..“ — „Aber Sie wiſſen doch wenigſtens ſeinen Namen?“ fragte ich den Kuͤnſtler, der mir darauf antwortete: „Er ſagte mir, er nenne ſich Juſt, und der Geſchaͤftsmann, bei dem ich meine Penſion abholte, hatte mir nie etwas Weiteres uͤber dieſen ſonderbaren Mann ſa⸗ gen wollen.“ „Juſt!“ rief Bamboche, Basquinen unterbrechend, „das wird ganz ſonderbar!“ „Wie denn ſo?“ fragte ich. „Ein junger Maler, den ich in den Tagen meines Wohlſtandes kannte und der jetzt ein beruͤhmter Mann ge⸗ worden iſt, hat mir erzäͤhlt, daß er ſein Gluͤck auch der Un⸗ terſtuͤtzung eines geheimnißvollen Beſchuͤtzers verdanke, der ſich Juſt nenne.“ „Ohnſtreitig derſelbe!“ rief ich aus. „Wahrſcheinlich,“ verſetzte Basquine, „denn kucze Zeit, nachdem die Zukunft des jungen Malers, des beſten und trefflichſten jungen Mannes von der Welt (ob er gleich mein Bekannter war) geſichert war, iſt auch einer ſeiner Freunde, ein junger Bildhauer, ein Künſtler, der die ſchoͤnſten Hoffnungen gewährte, aber in das groͤßte Elend verſunken war, ſowie der junge Maler, ganz wunderbar durch diefen Teufel von Juſt unterſtuͤtzt worden, ſo daß der Eine wie der Andre ihn auch nur ein einziges Mal ge⸗ ſehen haben, der doch verdammt gut unterrichtet ſein, oder eine hölliſch feine Naſe haben muß, um ſeine Wohl⸗ thaten ſo gut anzuwenden, denn der junge Bildhauer, ſein Schuͤtzling, hat auch einen großen Ruf ſchon erlangt.“ „Oh, Dank, Basquine, Dank!“ rief ich aufathmend aus, „das thut wohl! das giebt Beruhigung, ſolche edle und ſchoͤne Handlungen zu vernehmen. Nein, nein, nicht alle Menſchen werden durch Reichthum verdorben! Es giebt noch große Seelen, die aus ihm einen Gottwohlge⸗ falligen Opferdienſt machen! Denn Gott ſei gelobt! wenn es Herzöge von Caſtleby giebt, ſo giebt es auch Herren Juſt!. Ach, was gäbe ich nicht darum,“ rief ich voll Enthuſiasmus aus, „ieſen großen, trefflichen Mann ſelbſt ſehen zu können!“ Martin. vII. 6 Sechſtes Rapitel. — Basquinen's Geſchichte. ( Fortſetzung.) „Ach! mein armer Martin,“ ſagte Basquine zu mir, „ich muß Dich vom Himmel in die Hölle hinabſtoßen, und in meiner Erzählung fortfahren. Du kannſt leicht denken, daß bei einem Lehrer wie dieſem, den ich drei Monate lang hatte, ich reißende Fortſchritte machte. Was ich Dir hier⸗ nächſt ſagen werde, wird Dir albern vorkommen, mein gu⸗ ter Martin, und doch iſt nichts wahrer und beweiſ't meht die Kraft meines Willens. Ich beſaß keinen Geiſt, aber ich wollte lernen, Geiſt zu haben. Um zu wiſſen, was Geiſt ſei, las ich und ſtudirte ich die ausgezeichnetſten geiſt⸗ reichen Schriften, und ich echielt wenigſtens durch dieſen Verkehr einen Jargon, der nicht allzugroße Kenner täuſchen konnte, denn der Herzog, der auf ſeinen zahlreichen Reiſen die ausgezeichnetſten Männer Europa's hatten kennen ler⸗ nen, ſagte mir eines Tages ganz verwundert: „Ich glaube, ſtraf mich Gott, daß dieſe Kleine geiſtreich geworden iſt!“ N — X 5 — Beruhige Dich, Martin,“ ſetzte Basquine mit ſchmerz⸗ lichem Lächeln hinzu, „ich werde es Dir gegenuͤber nie auf Geiſt anlegen.“ Aber die Rache, der Du nachtrachtekeſt?“ fragte ich. „Dieſe Rache?“ rief ſie, „um ſie ſicher zu ſtellen, mußte ich jeden Tag dahin arbeiten, jene Werke, jene Vor⸗ theile und Verfuͤhrungsmittel mir zu erwerben, die mir eines Tages als fuͤrchterliche Waffen dienen ſollten . .. nicht ge⸗ gen den Herzog, das wäre mir unmoͤglich geweſen, aber gegen dieſe ganze muͤſſige, dumme, inſolente oder ſchaͤndliche Race, deren fuͤrchterliches Alter der Herzog perſonifizirte und deren fuͤrchterliche Jugend der kleine Scipio perſonifizirt.“ Jetzt fange ich an, Dich zu begreifen, Basquine,“ ſagte ich, betroffen von den unverſöhnlichen Geſichtszuͤgen dieſes jungen Maͤdchens. „Ha! Du unerbittliche Race!“ rief ſie mit drohender Aufregung; „ha! während Du von Ueberfluß anſchwollſt, ſtarb mein Vater vor Schmerz und Elend . . und richtete mich als ganz kleines Kind fuͤr ein Paar Silberſtuͤcke zu Grunde . . . ja! Deine verabſcheuungswerthe Gleichgiltigkeit mit unſerm Schickſale, uns andern Elenden, hat mich in jenem geheiligten Alter zu Grunde richten laſſen, wo ſelbſt die Strafbarſten noch wenigſtens rein ſein ſollten! Ha! als ich Dir eine noch unſchuldige, obgleich verunreinte Hand entgegenſtreckte .. da haſt Du mich zurückgeſtoßen! . .. Oh! ihr abgelebten vornehmen Herren, ihr habt aus mir das Spielzeug und das Opfer eurer blurigen Ausſchwei⸗ 2 6 fungen gemacht, indem ihr mit hölliſchem Hohne eine Freude daran fandet, meinen Verſtand um ſo mehr auszu⸗ bilden, je abſcheulicher ihr mich als Geſchoͤpf erniedrigtet⸗ Ha! Ihr habt mich mit Beſchimpfungen, Kraͤnkungen, Martern vernichtet! Ha! die Anſteckung eurer ſchauder⸗ vollen Verworfenheit hat mich bis auf's Mark verdorben, und ich bin noch nicht zwölf Jahr alt! Aber wartet nur wartet nur! „ eines Tages werde ich ſechzehn Jahr alt ſein . . das Alter der Reinheit und Unſchuld .. das Alter wo die Schoͤnheit in ihrem vollſten Glanze leuchtet das Alter, welches die Verfuͤhrer, die Talente, die ich erworben habe und noch erwerben werde, ins Licht treten läßt; wartet, wartet nur; und dann wenn ich ſtark in dem unerbittlichen Haſſe, den ihr mir eingefloͤßt, ſtark in mei⸗ nem vor der Zeit, wo es erwacht, ſchon abgeſtorbnen Herzen, ſtark in meinen erloſchenen Sinnen vor dem Alter wo ſie ſich entzunden, ſtark beſonders in Verachtung und Schau⸗ der, die eure Race mir aufgeregt . .. wartet nur „. und ihr ſollt ſehen, mit welchen tollen, wilden, verbreche⸗ riſchen Leidenſchaften ich euch berauſchen werde! O, ihr werdet mich lieben .. . eines Tags! und ich werde gerächt ſein!“ Stellung, Bewegung und Phyſiognomie Basquinens, während ſie dieſe Beſchworung ſprach, trugen das Gepräge einer ſo furchtbaren Entſchloſſenheit, daß ich unwillkuͤrlich ausrief: „Basquine, Du erſchreckſt mich!“ Basquine fuhr ſich mit der Hand uͤber die Stirn, die mit brennender Roͤthe bedeckt war, blieb einen Augen⸗ blck ſtill und ſagte dann: „Verzeihe mir, mein guter Martin, daß ich mich ſo habe hinreißen laſſen, aber gegen Dich und Bamboche ſuche ich mich weder zu verſtellen, noch zuruͤckzuhalten. Jetzt ſetze ich aber meine Erzaͤhlung fort. Uebrigens habe ich Euch auch nur noch wenig zu ſagen. Ein unerwartetes Ereigniß ließ mich das Schloß des Herzogs verlaſſen. Er ſtarb plötzlich an einem Schlagfluſſe. Nicht lange darauf kam ſein Neffe und einziger Erbe mit der Diligence an, um die ganze unermeßliche Erbſchaft in Beſitz zu nehmen. Dieſer ſchon ſehr reiche, aber eben ſo geizige und ſtrenge Neffe, als ſein Oheim verſchwenderiſch und ausgelaſſen ge⸗ weſen war, jagte alle die Frauen, welche der Herzog dort verſammelt hatte, und denen er uͤbrigens nicht das kleinſte Legat hinterlaſſen, aus dem Schloſſe. Nur Miß Turner hatte ein bedeutendes Vermoͤgen ſich geſammelt. Als ſie mich gleich den andern Geſchöpfen des Serails fortjagen ſah, behielt ſie ihre gewöhnliche Fuͤhlloſigkeit bei, ſchenkte mir aber doch 20 Franes und eine ſehr ſchöne Guitarre, auf der zu ſpielen ſie mich gelehrt hatte. — Kleine, ſagte ſie zu mir, mit dieſem Broterwerb, Deinem huͤbſchen Geſichtchen, zwanzig Francs in der Taſche, einem guten Kleide und einem kleinen Päcktchen Wäſche, brauchſt Du wegen Deiner Zukunft nicht beſorgt zu ſein. — So verließ ich denn das Schloß des Herzogs von Caſtleby im Anfange des Sommers — 86 — und mit dem einzigen Vorſatze nach Paris zu gehen und ſchon mit den unbeſtimmten Gedanken ans Theater, wo ich durch Arbeit, Eifer und guten Willen mehr als anderswo den erſten Schritt zu der Lage thun koͤnne, die ich traͤumte, ein feſter, einziger, hartnäckiger und glühender Gedanke wie die Rache. Meine Reiſe vom mittaͤglichen Frankreich bis Paris geſchah ohne merkwuͤrdigen Zwiſchenfall, das Wet⸗ ter war faſt immer köſtlich, und mit Hilfe meiner Guitarre, zu der ich in den Kaft's und andern oͤffentlichen Orten der Städte, wo ich verweilte, ſang, beſaß ich als ich in Patis anlangte, ohngefaͤhr das Doppelte von dem, was ich der Miß Turner verdankte. Nicht lange darauf ließ mich der Zufall Bamboche begegnen, ich hielt mein Herz fur erſtorben ganz erſtorben, und doch bebte ich vor Gluͤck, Freude Hoffnung beim Anblicke des Gefahrten meiner Kindheit.“ „Als ich ihr begegnete,“ ſagte Bamboche, „lebte ich mit meiner Witwe, der Schweſter meines Meiſters. Es verſteht ſich, daß ich die Witwe verließ. „Ja,“ verſetzte Basquine, „und ſo lange ich bei ihm blieb, arbeitete er entſchloſſen in ſeinem Schloſſerhandwerke, um ſo meine Bedurfniſſe zu beſtreiten, weil er aus Eifer⸗ ſucht mich nicht in den Kafé's Guitarre ſpielen laſſen wollte.“ „Daran erkenne ich ihn,“ ſagte ich zu ihr. „Aber,“ entgegnete Bamboche mit dem Ausdrucke des Bedauerns, „ſie erzählt Dir nicht all den Kummer, den ic ihr während dieſer Zeit verurſachte, meine Rohheiten, meine Heftigkeiten aus Eiferſucht und ...“ „Wozu Martin dieſe traurigen Erinnerüngen mitthei⸗ len?“ ſagte Basquine, unſern Gefaͤhrten unterbrechend; „Du hatteſt nicht Unrecht, Dich zu beklagen, Bamboche, nicht wegen meiner Liebe ſondern wegen meiner Kälte. Ich liebte allerdings keinen Andern aber ich liebte auch Dich nicht mehr . wie Du es wohl gewünſcht hätteſt. Als ich Dich wiederſah, hatte ich wohl geglaubt, einen Augenblick lang jene ungluckliche Liebe in mir wieder auf⸗ leben zu fuhlen, die ſich von der Kindheit herſchrieb aber ich täuſchte mich, unnatuͤrliche Gefuhle uͤberleben ſich nicht . es iſt ſchon ſonderbar genug, daß ſie eine Zeit lang dauern. „ Und dann ſiehſt Du, Martin, ich war nur von dem Streben beſeſſen, meine Kunſt zu ſtudieren, eine geheime Stimme ſagte mir, daß ich durch ſie allein jenes Ziel, jene Rache erreichen könne, nach der ich damals, wie noch jetzt mit unbeſiegbarer Hartnäckigkeit, mit einem blinden Vertrauen auf die Zukunft ſtrebte. Bamboche's Eiferſucht, ſeine ſteten Vorwuͤrfe uber die wenige Liebe, die ich ihm zeigte, betrubten mich, ich waͤre tauſend Mal gluͤck⸗ licher geweſen, wenn er, wie ich ihn darum flehte, mit einer ſchweſterlichen Zuneigung ſich begnügt haͤtte, aber endlich wurden mir ſeine Aufregungen, ſein Dringen unnatuͤrlich, denn er litt furchtbar wegen meiner Kalte, und mein tägli⸗ cher Kummer war ein ſtetes Hinderniß auf dem Pfade, — 88 — dem zu folgen ich mir vorgenommen. Eines Abends daher „Als ich nach meiner Arbeit nach Hauſe kam,“ unter⸗ brach Bamboche Basquinen, „war ſie verſchwunden. . Seitdem habe ich ſie bis heut nicht wiedergeſehen.“ „Und was iſt ſeit der Zeit aus Dir geworden?“ fragte ihn Basquine mit ruͤhrender Theilnahme. „Sage es uns, denn fuͤr mich wirſt Du immer mein Bruder ſein, ſowie Martin. . In welcher Lage wir alle Drei uns auch jemals befinden, wir werden, und das beweiſt unſre jetzige Ruͤh⸗ rung und die unauslöſchliche Erinnerung, die wir fuͤr ein⸗ ander bewahren, wir werden, das weiß ich gewiß, ſtets den Schwuͤren unſrer Kindheit treu ſein.“ „O ja! immer!“ riefen ich und Bamboche aus. Und Jeder von uns ergriff eine Hand Basquinen's. Nach einem augenblicklichen Schweigen ſagte ich Bamboche: „So fange Du nun wieder an! Was wurde denn aus Dir, nachdem Basquine verſchwunden?“ „Ich glaubte zuerſt, ich muͤßte verruͤckt werden, ſo wuthend machte mich ihr Fortgehen.... Ich liebte ſie, ſiehſt Du, Martin, wie ich nie geliebt habe, und nie wieder lie⸗ ben werde. . .. Beweis davon, daß ich ihr zu Liebe ein Zartgefühl erhielt, das zu mir paßte, wie ſeidne Schuhe fur einen Ochſen, denn ſtatt wie ein Wuͤthender zu arbeiten, um unſte kleine Wirthſchaft zu erhalten, hätte ich, als ich Basquinen begegnete, zu meiner Witwe zuruckkehren und auf einmal mehr Geld aus ihr herauspumpen können, als ich verdient, indem ich mit Atbeiten mich bis aufs Blut ge⸗ plagt, um fur Basquinen und mich Unterhalt zu verdienen, ſo lange ſie bei mir blieb, aber nein, Basquinen das Brot meiner Witwe genießen laſſen, das ſtund mir nicht an, und in Bezug auf alle Andre außer Basquinen wäre es mir doch geweſen, wie man einen Handſchuh auszieht. Wie ichs Dir ſage, Martin, hinter ihr muß man die Leiter fuͤr die guten Gefuhle wegziehen!“ „So gieb doch wenigſtens zu,“ entgegnete ich, „daß es ſchon groß und ſchön iſt zu ſehen, wie unſte gegenſeitige Zuneigung uns ſolche Gefuͤhle auferlegt . ſo beſchränkt ſie auch immer ſein mögen.“ „Ja, beſchränkt ſind ſie, da ſtehe ich Dir dafuͤr, denn nach Basquinen's Entfernung habe ich auch ganz wieder den alten Flug genommen . . eines Nacht⸗ oder Raub⸗ vogels! .. In der Zeit etwa ſtieß ich auf la Levraſſe .. Hal alter Schuft! ſagte ich zu ihm, Du biſt alſo noch im⸗ mer am Leben! . Ha! großer Spitzbube! antwortete er mir, Du haſt mich alſo in meinem Wagen auf dem Roſte braten wollen? . . . Und Du biſt alſo ſo verknochert ge⸗ weſen, um nicht zu braten? Das wundert mich nicht. Aber die Mutter Major? Die war zarter, die das kennſt Du ja auch, Du ſchlechtes Subjekt, antwortete Levraſſe, ie ward vollſtaͤndig gebraten.“ „Ach, Du mein Gott!“ rief ich aus; „und der Fiſch⸗ menſch?“ denn ich hatte ſeit unſter Trennung ſehr oft an ihn gedacht. „Das iſt wahr,“ ſagte Basquine. „Der arme Leonidas! er war im Wagen eingeſperrt, als Du Feuer daran legteſt. Hat Dir Levraſſe etwas von ihm geſagt, Bamboche?“ „Der Fiſchmenſch,“ ſagte mir la Levraſſe, „iſt halb geſotten davon gekommen, aber der Schuft von Poireau, der Hanswuiſt, iſt erſtickt. So gehts immer,“ fuhr Bam⸗ boche fort. „La Levraſſe war ſchon als Kinderſpielzeug⸗ handler im Durchgange Bourg Abbe etablirt, aber zur Erholung, ſagte er, lege er auch Bank. Oh, er verſtand ſich darauf, der alte Bankiſt! . .. Nun denn, ſagte ich zu ihm, ich verzeihe Dir, Du haſt nur eine Backe gebraten, das iſt kleinlich, denken wir nicht mehr daran. ... Ach, Du verzeihſt mir? Nun gut, antwortete mir la Levraſſe, und um Dir zu beweiſen, daß ich von Deiner Huld geruͤhrt bin, lade ich Dich auf morgen zum Mittagseſſen, da wol⸗ len wir ſchwatzen. Ich verfehlte nicht, mich einzufinden. Der alte Spitzbube ſtudirte mich, beobachtete mich, ließ mich plaudern, und beim Deſſert, zwiſchen Aepfeln und Kaͤſe, ſagte er zu mir: Hoͤre! ich lege Bank, und als Bankier kaufe ich oft fur ein Stuͤck Brot Schuldverſchreibungen, die ge⸗ ſetzlich ſehr giltig, aber ſehr ſchwer einzutreiben ſind, bahh weil die Glaubiger in die Fremde gewandert, bald, weil id Kameraden Mittel und Wege finden, das was ſie hab⸗ ſicher zu ſtellen. Bis jetzt habe ich in Ermangelung ein verſtaͤndigen Aſſociés aus ſolchen Dingen nicht den möglich⸗ ſten Vortheil gezogen, und doch wäre Gold in Stangen dabei zu verdienen. Laß Dir ein Beiſpiel unter mehren erzaͤhlen. Ich habe fuͤr 1500 Francs eine Schuldverſchreibung auf 72,000 und ſo viel Livres von einem Herrn Rondeau ge⸗ kauft. Er kann reichlich bezahlen, er hat 6— 700,000 Francs realiſirt, mit denen er nach England entwiſcht iſt, wo er ein vornehmes und luſtiges Leben fuͤhrt. Geſetzlich kann ich nichts thun, denn in dieſem Falle iſt keine Aus⸗ lieferung moͤglich, aber wenn man den moraliſchen Zwang anwendet.. .. Angenommen, mein Freund Bam⸗ boche, daß man Dir ein giltiges, formliches Geſchenk mit dieſer Schuldverſchreibung machte, Dir, der jetzt keinen Sou beſitzt? Was wuͤrdeſt Du thun, wenn Du wuͤßteſt, daß jenſeits des Canals es einen Menſchen gäbe, der Dich vollkommen bezahlen koͤnnte und der doch halt, ich ver⸗ gaß einen wichtigen Umſtand, und der dazu feig iſt wie ein Haſet .. Alle Wetter, ſagte ich zu Levraſſe, das wäre nicht ubel, ich ſuchte meinen Schuldner auf, naͤhm' ihn bei den Ohren, und zwänge ihn durch Stockprugel mich zu bezahlen.. Es liegt viel Gutes in dem was Du ſagſt, verſetzte in Levraſſe, abet in England wie in Frankreich packt man die Gläubiger, die mit Stockſchlaͤgen inſtrumen⸗ tiren, aber man arretirt keinen, der, nehme ich an, unauf⸗ hHorlich ſeinen Schuldner auf den Straßen, den Spazier⸗ gängen, in den Schauſpielhaͤuſern verfolgt und ganz laut und öffentlich zu ihm ſagt: Mein Herr, Sie ſind mir ge⸗ = 9 — ſetzlich 72,000 Francs ſchuldig, Sie können mich bezahlen, weigern ſich aber deſſen, und ſind alſo ein Schurke. Nun entſchließt ſi ich entweder der Schuldner bei einem ſolchen Alpdruͤcken zum Zahlen, oder wenn er es nicht thut, ſucht man andere Mittel auf . . . und mit Deinem Köpfchen, Bamboche, findet man ſie Wie viel gebt Ihr mir? fragte ich la Levraſſe, und in acht Tagen ſoll Euer Herr Rondeau bezahlt haben.. Ich bezahle die Koſten Deiner Reiſe und gebe Dir 30600 Francs .. nun, nun, mache nicht ſo große Augen! ich gebe Dir 10, o00 Francs. Wirſt Du wohl Deinen Stock ruhen laſſen? Ich gebe Dir denn 15,000 Francs . .. Du kannſt ſie bei dem Handelshauſe, wo Signor Rondeau zahlen wird, in Empfang nehmen. . So reiſte ich denn nach London. Acht Tage nachher hatte la Levraſſe ſein Geld und ich meinen Theil. Als ich mich im Beſitze dieſes Vermögens ſah, ſagte ich zu mir jetzt muß ich Martin aufſuchen, daß er es mit genießt.“ „Braver Bamboche!“ „Claude Gerard hat's nicht gewollt.. .. Es war eine ſchlechte Reiſe fuͤr mich . ja, doppelt ſchlecht,“ ſetzte Bamboche hinzu und nahm plötzlich eine finſtre Miene an, die mich in Verwunderung ſetzte. „Warum doppelt ſchlecht?“ fragte ich, als ich ſah, daß er nachdenkend ſchien. „Weil 6. Dich nicht gefunden habe, Martin 3. und tina „Und vii 26. „Abſchenliches. Irrenhaus das!“ murmelte er halbleis. In dieſem Augenblicke konnte ich den Sinn dieſer Worte nicht faſſen, und ſagte alſo zu ihm: „Erklaͤre Dich deutlicher.“ „Nein,“ verſetzte er ſchaudernd, „woran denke ich denn noch? CGlaude Gerard hatte Dich alſo nicht laſſen wollen,“ fuhr er, ſeine gewoͤhnliche Miene annehmend, fort, „da ging ich denn nach Paris zurück, und hier! nun, da gings denn bald oben, bald unten! Da ober gewoͤhnlich nur die Schnapphaͤhne meiner Art Gluck haben, ſo ſetzte ich, als ich eben bei meinen letzten 1000 Francs angelangt war, auf Nr. 114 und gewann in zwei Tagen 30,000 Franes. Du fehlteſt mir nun um ſo mehr, mein lieber Martin, je mehr ich Geld hatte. Von Dir, Basquine, will ich gar nicht ſprechen. Hätte ich Dich zu finden ge⸗ wußt „Ich glaube Dir's, Bamboche,“ ſagte Basquine, „was waͤre es, im Vergleich mit der harten Handwerksar⸗ beit, die Du Dir während unſers Zuſammenſeins auferlegt hatteſt, geweſen, dieſes ſo leicht erworbene Geld mit mir zu theilen?“ „Das iſt wahr, dieſe 50,000 Francs ſind mit nicht ſo ſchwer zu verdienen geweſen. Statt der Feile und des Hammers den ganzen Tag über einige Zuͤge mit dem Rechen uͤber den grünen Tiſch. und die Doublonen ein⸗ kaſſirt! Darauf, ſtraf' mich Gott, gewaltiges Tralala! — — Praͤchtige Wohnung, Pferde, Wagen, offne Tafel und ein Kalender von artigen Kindern, von Amalie bis Zelie, alle Buchſtaben des Alphabets hindurch! Ich ließ mich Capitain Hector Bambochio nennen und hatte mir die Capitainſchaft fabricirt, als ich Vater la Levraſſe von Texas ſprechen hörte, wo er — der Himmel weiß, welches Geſchaft eingefädelt hatte. Während ich im Zuge war, habe ich mich mit einem Marquis als Vater, und einem Grand von Spanien als künftigem Schwiegervater, ausſtaffirt. Ein Jahr lang habe ich als Spieler gelebt. So ein Leben ſieht, was die Gemuͤthsbewegungen betrifft, wie ein Tropfen Waſſers dem andern, unſerm Vagabondenleben ähnlich. Aber Alles nimmt ein Ende, ſelbſt die Gunſt des Gluͤcke. Das rouge hatte mich ſtets als verzogenes Kind behandelt, es endete damit, mich wie die ſelige Mutter Major, nach' unſrer Liebſchaft zu behandeln. Da wollte ich's mit dem noir treiben, aber das ſpielte mir noch zehnmal ſchlimmer mit. Ich war ſchon aus meinen ſchönen Zimmern in der Straße Richelieu gewandert, um in ein elendes Horel in der Seineſtraße zu ziehen. Da friſtete ich noch mein Le⸗ ben einige Zeit, indem ich Duelle zwiſchen meinen Nach⸗ barn, den Studenten und ihren Freunden anzettelte. Da⸗ bei gab ich dann den Secundanten ab, fruͤhſtuͤckte von der Piſtole, dinirte vom Degen und ſoupirte vom Hieber. Ich vergaß, Dir zu ſagen, daß ich das Fechten leidenſchaft⸗ lich liebte, und ſo viele Fortſchritte darin machte, daß Ber⸗ trand, der unvergleichliche Bertrand, in deſſen Saale ich mich als Sohn vom Hauſe vorſtellte, in 18 Monaten aus mir, zwar nicht einen eleganten, geſchickten, correcten und gewaltigen Fechter, wie er deren ſo viele zieht, gemacht hatte, indem meine wilde Natur ſich dazu nicht hergab, aber mir doch, da ich links focht, ein gefährliches und bor⸗ ſtiges Spiel verliehen. Dieſer Ruf, der practiſch durch ein Duell begruͤndet worden, wo ich den Bauch eines empör⸗ ten Glaͤubigers, der fuͤr einen großen Menſchenfreſſer gehal⸗ ren wurde, durchbohrte, hatte mir in meinen Eintreibungen für la Levraſſe große Dienſte geleiſtet, aber endlich war ſein Sack von Schuldverſchreibungen leer geworden und meine kleinen Studenten und ihre Freunde hatten ſich ſchon alle mit einander geſchlagen. Man hatte mich aus meinem Hotel geworfen, ich hing dem Teufel am Schwanze und ſtand bei meiner armen Seele ſchon im Begriff es hundert Mal ſchlimmer zu treiben, als es bereits geſchehen .. . da begegnete ich dem Kruͤppel. Der wuͤrdige Mann hatte ſeine Angelegenheiten geordnet. Er pruͤgelte damals ſo ein Suͤppchen von Contrebande, Cigarren, Stoffen, Fluͤſſig⸗ keiten, den Henker und ſeine Großmutter zuſammen. Ich kannte nicht wenig Leute, freilich mehr ſchlechte als gute, und übernahm es, ſeine Contrebande bei jungen Männern und Maͤdchen gegen ein Paar Protentchen unterzubringen. Ich lebte ſo hin und wohnte im Sitze unſrer Societät, Sackgaͤßchen des Fuchſes, aber man roch den contrebandiſti ſchen Zunder. Es gab keine Beweiſe gegen mich und ich druͤckte mich. .. Ich dachte uͤber einen neuen Staatsſtreich nach, als mir der Gedanke beifiel: du biſt kraͤftig, die Na⸗ tur hat dich mit einer Figur von 5 Fuß 7 Zoll beſchenkt, du kannſt dich als Stellvertreter beim Militair verkaufen. Einmal verkauft ſpiele ich dann um das erhaltene Geld. Gewinne ich, ſo ſchaffe ich mir ſelbſt einen Stellvertreter, verliere ich ſo werde ich Soldat, und es wird nicht zwei Monate dauern, ſo ſchießt man mich wegen Inſubordination todt. . So ſind nun aber die Karten! Gerade wie die Frauen; aus Eigenſinn ſetze ich wieder auf Roth. Ich gewinne 10,000 Francs, ich kaufe mir einen Stellvertreter und ſitze wieder auf meinem vorigen Pferde. Aber bei mir kommt nie ein Ungluck allein und auch kein Gluͤck!“ (Da⸗ bei ſtreckte Bamboche mir und Basquinen die Haͤnde zu.) „Der alte Schuft la Levraſſe hatte neue Schulden einzu⸗ treiben. Er verband damit die Anmuth, Soͤhnen von gro⸗ ßen Familien, wo er wußte, daß ſie nach dem Tode von Papa und Mama reich werden wuͤrden, baares Geld anzu⸗ bieten. Mein bedeutender Gewinn im Spiel erlaubte mir, mich ebenfalls in eine ſchon teufliſch gemiſchte Geſellſchaft zu miſchen. Da ſpuͤrte ich einige iunge Taͤubchen auf, die ſich vom väterlichen Taubenſchlage verirrt hatten. La Le⸗ vraſſe rupfte ſie und ich hatte meinen Antheil an den Fe⸗ dern. Der Kruͤppel war laͤngere Zeit untergetaucht gewe⸗ ſen, plotzlich erſchien er wieder uͤber dem Pariſer Schmutze. Ich mache ihn zu meinem Seeundanten, und aus Reſpect vor ſeinen weißen Haaren, uͤbertrage ich ihm den Grad als Major. Er unterſucht das Terrain, und dient mir nöthi⸗ — — genfalls als Zeuge. Dies iſt der Stand meiner Angelegen⸗ heiten, Kinderchen. Ich habe in dieſem Secretair dort 5000 und einige 100 Francs, die Euch zu Dienſten ſtehen. Seit einigen Tagen hatte ich mich mit dem Madchen einge⸗ laſſen, das Ihr dieſen Abend bei den Funambulen geſehen habt, wohin ich gegangen war, ohne den Anſchlag zu leſen. Madame Bambochio, der Henker mag ſie holen, hatte mir geſagt: Gehen wir in die Funambulen, das iſt guter Ton. Da bin ich denn hingegangen .. und. wie ich Euch ge⸗ ſagt, Kinder, wie immer habe ich wieder zwei Gluͤcksfälle auf ein Mal gehabt, was ſage ich zwei? drei habe ich ge⸗ habt, vier, funf, denn ich habe die Wonne genoſſen, den Vicomte Scipio zu ohrfeigen, nebſt ſeinem Vater und An⸗ deren, und dabei der armen Basquine Hilfe geleiſtet. Das iſt mein Bekenntniß. Jetzt aber, Basquine, wie zum Henker, haben wir Dich denn nur auf dieſer Buͤhne ge⸗ troffen?“ Martin. VII. Siebentes Kapitel. Der Abſchied. „Nachdem ich Bamboche verlaſſen hatte,“ fuhr Bas⸗ quine fort, „entfernte ich mich aus Paris, weil ich fuͤrch⸗ tete, erneutem Dringen nachzugeben. Ich fuhr fort, in den Kafe's der Staͤdte, durch welche ich kam, zu ſingen. Obgleich mein Publikum ſo ungebildet war wie unſer fruͤ⸗ heres, als wir zu der Truppe von la Levraſſe gehorten, ſo ſuchte ich doch meiner Stimme, meinem Jone, meinen Ge⸗ ſichtszuͤgen ſo viel Ausdruck als moͤglich zu geben. Alles wurde fuͤr mich ein Gegenſtand des Studiums und der Beobachtung, uͤber die Mittel, die Zuhoͤrer zu feſſeln und zu ruͤhren. Ich verſuchte ſogar die Worte und Weiſen einiger Geſaͤnge zu componiren, die meinen Zuhoͤrern im Freien außerordentlich wohlgefielen. Nur mit dem Ziele beſchaͤftigt, nach welchem alle meine Gedanken ſtrebten, war ich faſt unempfindlich gegen die harte Armuth, den Ekel und die unſaubern Beruͤhrungen, die mir mein neues Herumſtreifen auferlegte, ein Elend, das mir um ſo peini⸗ —— — gender hätte ſein ſollen, als ich waͤhrend meines langen Aufenthalts bei dem Herzoge, alle Feinheiten eines ſchwel⸗ geriſchen Lebens hatte kennen lernen. Da mich der Zufall nach Orleans gefuhrt hatte, ſo ſang ich eines Abends in einem ziemlich gemeinen Kaft. Ich war bei Stimme, und der Beifall außerordentlich. Unter den Zuhoͤrern be⸗ merkte ich einen Mann von ohngefaͤhr 50 Jahren mit ſehr verſtaͤndigem Geſichte, deſſen Purpurfarbe aber ſchon von Weitem ſeine Trunkliebe verkundete. Der Anblick dieſes Mannes fiel mir um ſo mehr auf, als er ſehr ſonderbar gekleidet war. Unter ſeinem ſchlechten Ueberrocke ſah man eine Art alten Leibrocks von blaulichem zerriſſenem Sammt, auf dem man die Spuren einiger alten Stickereien von Semilor erblickte, und ſeine abgetragenen Pantalons ſchlap⸗ perten um ehemals rothgeweſene, uͤbergetretene Marokin⸗ ſtiefeln.“ „Gewiß ein alter Schauſpieler,“ ſagte Bamboche. „Ganz recht,“ entgegnete Basquine. „Dieſer Mann, der ſeine Theatergarderobe in der Stadt gebrauchte, war ein ehemaliges Mitglied der komiſchen Oper in der Provinz, und wegen ſeines ſteten Trinkens neuerdings vom Stadt⸗ theater entfernt worden. Man nannte ihn den Poſſen⸗ reißer (le Bagenaudier); voll natuͤrlichen Verſtandes, ſehr heiter und geſellig, ſtritten ſich die Muͤſſiggänger um ihn. So war er denn auch beſtändig, wenigſtens halb, wo nicht ganz betrunken. Nachdem der Poſſenreißer mich ſehr auf⸗ merkſam hatte ſingen hören, ſo applaudirte er mir nicht, 7* — ſondern trat zu mir und ſagte:... Ich bin ein alter Prac⸗ tikus, ich verſtehe mich auf Stimmen und Talente. Wenn Du fleißig biſt, Kleine, ſo kannſt Du in 3 bis 4 Jahren die erſte Sängerin der Pariſer Oper werden. Willſt Du, ſo gebe ich Dir Unterricht, ich habe ja ſo nichts zu thun. Es wird mir Spaß machen. ... Mit vielem Danke nahm ich es an.“ „Und dieſer Mann hatte wirklich Talent?“ fragte ich Basquine. „Hätte dieſer armſelige Menſch die trefflichen Grund⸗ ſatze, die er uͤber ſeine Kunſt beſaß, in Ausuͤbung bringen können, ſo wuͤrde er ſich unter den großen Schauſpielern ſeiner Zeit einen Namen gemacht haben. Der Lehrer, den mir der Herzog gegeben hatte, war ein ausgezeichneter Saͤn⸗ ger und ſehr geſchickter Tonſetzer, aber er war keinesweges Darſteller. Der Poſſenreißer im Gegentheil war ein recht guter Muſiker (er ſtellte die Bufforollen in der komiſchen Oper dar), und beſonders ein vollendeter Schauſpieler. Niemand kannte beſſer als er theoretiſch die unzähligen Hilfsmittel ſeiner Kunſt, von den ausgelaſſenſten komiſchen Effecten an bis zu den erhabenſten dramatiſchen. Warum war dieſer Mann von ſo merkwuͤrdigen Einſichten, der eben ſo eine Rolle von Moliere, wie eine von Racine und Cor⸗ neille mit unglaublicher Tiefe des Gefuͤhls und der Beob⸗ achtung entwickelte und analyſirte, ein mittelmaͤßiger Opern⸗ ſaͤnger geworden und gehlieben? Das iſt einer der eben ſo häufigen als unerklärlichen Faͤlle! Ich nahm des Poſſen⸗ — reißers Anerbieten an. Er beobachtete in ſeinem Unter⸗ richte fuͤr mich einen Ernſt und eine Härte, die faſt uner⸗ traͤglich wurden, aber in den lichten Augenblicken, welche die Trunkenheit ihm ließ, gab er mir Lehren, die fuͤr mich wahre Offenbarungen waren. Unglucklicherweiſe hatte die⸗ ſer unſchaͤtzbare Unterricht ein Ende. Immer mehr durch die Trunkenheit beherrſcht, verfiel der Poſſenreißer in eine Verthierung, die zum Bloͤdſinn wurde. Man übte eine That der Großmuth aus, indem man ihn, ſo viel ich weiß, in einer Armenanſtalt unterbrachte. Mehre Male hatte mir dieſer Ungluͤckliche gerathen, nach Paris zuruckzukehren, und dort mich, um welchen Preis es auch ſei, bei einem leinen Theater engagiren zu laſſen, da er gewiß wiſſe, daß, wenn ich einmal heimiſch geworden ſei, und zu arbeiten fort⸗ fahre, ich mich am Ende hervorthun werde. So reiſ⸗te ich denn von Orleans nach Paris und fuhr fort, mein Brot zu verdienen, indem ich unterwegs ſang. Ich kam auf dieſe Weiſe nach Sceaux, und hier war es,“ ſagte Basquine, deren Stirn wieder finſter und drohend wurde, „wo ich ſeit dem Auftritte im Walde von Chantilly, den Vicomte Scipio zum erſten Male wiederſah. Es war ein Feſttag. Da ich hoffte, etwas zu verdienen, wenn ich im beſten Gaſthofe der Stadt ſänge, ſo ließ ich mich dahin weiſen. Eben hatte ich einen Geſang vor mehren Perſonen beendet, die in dem Garten deſſelben ſaßen, als mir ein Gargon ſagte, daß man . in einem Saale des erſten Stocks zu hören wuͤnſche.. . . Du wirſt Silberſtucke ernten, ſagte der — Kellner, denn es ſind reiche Leute.. . Ich folgte meinem Fuͤhrer, er oͤffnete eine Thuͤr und ich befand mich in Ge⸗ genwart Scipio's und zweier ſeiner Kameraden. Der Auf⸗ tritt im Walde von Chantilly war mir ſo feſt im Gedächt⸗ niſſe geblieben, daß ich auf der Stelle den Vicomte wieder⸗ erkannte, er dagegen erinnerte ſich meiner wahrſcheinlich nicht mehr, und uͤberdies ſchienen er und ſeine Freunde etwas ſehr vom Weine belebt... Vorwaͤrts! ſinge, kleine Bettel⸗ dirne, ſagte er im groben Tone, faſt ohne mich anzuſehen, zu mir. Ich werde Dich beſſer bezahlen, als die Canaillen im Garten. Da! faß auf!. und damit warf er mir be⸗ leidigend ein fuͤnf Frankſtuͤck auf die Erde, daß es zu mir rollte. Ich war von Erinnerungen aller Art ſo bewegt, welche der Anblick dieſes boshaften Kindes in mir erweckte, daß ich anfangs auf dieſe Grobheiten nicht achtete; ſtumm und unbeweglich raffte ich das Geld nicht auf, und mein Schweigen zog ſeine Aufmerkſamkeit auf ſich. Itht ſtand er vom Tiſche auf und ſagte ſeinen Kameraden einige Worte ins Ohr. Der Eine ſchob den Riegel vor der Thuͤr vor . und dann begann gegen mich eine Scene unwuͤrdiger Unge⸗ zogenheit. Ich vertheidigte mich weinend und leis flehend, ohne es zu wagen um Hilfe zu kufen, denn ich wußte, daß, wenn ein Scandal entſtaͤnde, der Herr des Gaſthauſes mir alle Schuld beimeſſen und mich ſchmaͤhlich fortjagen werde. Meine Bitten, meine Angſt ermuthigten dieſe kleinen Schufte, mein hartnaͤckiger Widerſtand brachte Scipio auf. Schon vom Weine befeuert, gerieth er in einen Anfall von — — Wuth, uͤberhäufte mich mit Schimpfworten, und ſchlug mich ſo heftig ins Geſicht, daß das Blut darnach floß. Mit verzweiflungsvoller Kraftanſtrengung machte ich mich los, ſtuͤrzte ans Fenſter, öffnete es und ſchrie um Hilfe. Mein Geſicht war voll Blut. Da dies die Leute, welche in dem Garten ſaßen, erblickten, ſo ſtanden ſie laͤrmend auf. Einer von Stipio's Kameraden zog voll Schrecken den Riegel an der Thuͤr zuruͤck. Der Wirth trat ein, ſchob Alles auf mich, und jagte mich mit Grobheit fort, mehre Zuſchauer dieſes Auftritts ergriffen jedoch Partei fuͤr mich, und ohne die Ankunft von Scipio's Hofmeiſter, der, vom Wirthe unterſtutzt, Scipio und ſeine Kameraden durch eine Hinterthuͤr entſchluͤpfen ließ, wo ſie ſogleich in den Wagen ſtiegen, haͤtte die erzurnte Menge ihnen vielleicht ein boͤſes Spiel gemacht.“ „Infamer Burſche,“ rief Bamboche, „immer noch der boshafte Taugenichts, wie im Walde von Chantilly. Das muß aber doch bei ihm auf etwas derbe Art ein Ende nehmen! Er faͤngt an, das Alter dazu zu haben.“ „Das iſt meine Sache .. und ich werde warten,“ ſagte Basquine mit ihrer kalten Ironie. „Wenn ich Euch von dieſer Niedertraͤchtigkeit erzähle, ſo geſchieht es deßhalb, weil ſie etwas Aehnliches von der heut Abend hat. und das wirklich einen ſonderbaren Character von Unſtern an⸗ nimmt,“ ſetzte ſie hinzu, indem ſie nach und nach ſich mehr echitzte. „Ohnſtreitig iſt es der böſe Stern des Vicomte, der ihn ſtets mir in den Weg fuͤhrt, und ihn dazu treibt, mich — — mit Thaͤtlichkeiten zu mißhandeln, die wohl im Stande ſind, die Rache eines Weibes bis zur Wildheit zu treiben.“ Basquine ſprach dies mit funkelnden Augen, aufſchwellenden Naſenloͤchern, und Zuͤgen, die durch den Ausdruck unver⸗ ſoͤhnlichen Haſſes verzerrt waren. Dann fuhr ſie eben ſo fort: „Es war nicht genug mich noch ganz klein zurückge⸗ ſtoßen, mich ſpaͤter beleidigt und geſchlagen zu haben, der Unſtern des Vicomte fuͤhrte ihn auch noch dieſen Abend ins Theater. Denn Ihr Beiden wißt nicht, was fuͤr Empoͤ⸗ rendes in dem liegt, was vorgefallen iſt. Ich ſpreche nicht von der eben ſo laͤcherlichen als rohen Demuͤthigung, die ich erduldet habe, von den Verhoͤhnungen und Beleidigungen, denen ich ausgeſetzt war, aber das ſollt Ihr wiſſen, daß ich nur nach unerhoͤrten Willensanſtrengungen und unglaub⸗ lichen Entbehrungen dahin gelangt war, an dieſes ungluͤck⸗ liche Theater zu kommen. Als ich nicht mehr auf den Gaſſen ſang, war ich genöthigt, mit 10 Sous des Tages, die man mir als Figurantin zahlte, zu leben, das heißt, nicht Brot genug fuͤr meinen Hunger zu haben, und in den furchtbarſten Spelunken, ohne Unterſchied mit Allem, was Paris nur Schmutziges hat, zu ſchlafen.“ „O! fuͤr ein Weib iſt das fuͤrchterlich,“ rief ich aus. „O Gott! was haſt Du leiden muͤſſen!“ „Die Hoffnung, ja die Ueberzeugung, zu ſiegen, und mich eines Tages zu rächen, hielt mich aufrecht,“ ſagte Basquine. „Mein Eifer verdoppelte ſich auch. Der heu⸗ tigen Vorſtellung wohnte der Director eines Theaters aus — der Provinz bei, und wenn er mit meinem Geſange und Spiele zufrieden geweſen, wuͤrde er mir ein Engagement mit 800 Francs angeboten haben .. das iſt freilich nicht viel, aber fuͤr mich Alles, denn ſo wie nur der erſte Schritt geſchehen, fuhle ich die Gewißheit in mir, durch Arbeit und unermuͤdlichen Willen vorwaͤrts zu kommen. Aber wie Ihr leicht denken könnt,“ ſetzte Basquine im Tone duͤſtrer Ver⸗ zweiflung hinzu, „nach meinem laͤcherlichen und ſchmaͤhli⸗ chen Falle von heut Abend, iſt alle Hoffnung von dieſer Seite verloren. .. . Ich weiß nicht, ob ich es wagen werde, mich auf dem ungluͤcklichen Theater wieder ſehen zu laſſen, zu welchem zu gelangen ich ſo viele Muͤhe hatte,. ſo werde ich denn mit neuem Aufwande wieder beginnen und andere Mittel ſuchen.. . aber meine Rache deßhalb doch nicht aufgeben. Es muß mir gelingen! Es wird mir ge⸗ lingen! Ja, ſo erniedrigt, ſo ſchwach, ſo verlaſſen, ſo elend ich bin, ich werde doch durchdringen! O ſei mir geſeg⸗ net, Scipio! Der neue Haß, den Du mir einflößeſt, wird meine Energie verdoppeln. Sei mir geſegnet. .. denn wenn ich nicht im Streben ſterbe... ſo ſollſt Du und Dein ganzer Anhang.. .“ Hier unterbrach ſich Basquine plotzlich, und ſah Bamboche und mich faſt mit Beſtuͤrzung an. Dann fuhr ſie fort: „Verzeiht mir, Freunde, verzeiht, daß ich vor dieſen Gefühlen der Rache Euch vergeſſe.. .. Spaͤter ſprechen wir von der Zukunft... aber heute, wo wir wieder vereint ſind, nach ſo vielen Jahren der Pruͤfung und Trennung laßt uns nur an das Gluͤck denken, uns wieder zu ſehen, und uns das ſagen zu koͤnnen, was wir vielleicht ſonſt Niemand geſagt hätten, das beruhigt... das troͤſtet.. das ermu⸗ thigt!. WMein Bekenntniß iſt zu Ende, Martin, das von Bamboche iſt es auch Jetzt biſt Du an der Reihe, Du weißt gar iche mit welcher Ungeduld wir auf Deine Sihh warten.“ Ich e denn ſo kurz als miglih Aues, was mir ſeit unſrer Trennung begegnet war, und ich geſtehe es, von dieſer Herzensergießung hingeriſſen, Bedenken tragend, auch nur das Kleinſte Denen zu verheimlichen, die in ihrem mit⸗ cheilenden Vertrauen mich ſo eben in die geheimſten Gedan⸗ ken ihrer Herzen eingeweiht hatten, in die traurigſten Ge⸗ heimniſſe ihres Lebens, verbarg ich ihnen weder meine ehr⸗ furchtvolle Liebe zu Regina, noch die Sorgen, welche mir die verſchiedenen Verfolgungen, deren Gegenſtand ſie war, verurſachten. Und uͤberdies rechnete ich auch außer dem blinden und gerechtfertigten Vertrauen, das mir Basquine und Bam⸗ boche's Zuneigung einfloͤßte, auf die Kenntniſſe, die letztrer von dem fruͤhern Leben Roberts von Mareuil zu beſitzen ſchien, um nöthigenfalls nuͤtzlichen Beiſtand von dem Freunde meiner Kindheit zu erwarten. So kam ich endlich auch zu jenem Bekenntniſſe, das vielleicht indiscret war, ſowohl durch die wahre und tiefe Erſchutterung, welche Basquine und Bamboche mir zeig⸗ ten, als ſie die Erzählung meines hartnäckigen Kampfes gegen das böſe Prinzip hörten, als durch die Angſt, ja ihren Schrecken, als ſie im Verlaufe derſelben mich auf dem Punkte ſahen, ihm zu unterliegen. „Ahl ich athme wieder auf!“ rief Basquine. „Martin! ich habe einen Augenblick lang Furcht fuͤr Dich gehabt!“ ſagte Bamboche, als ich ihnen erzählt, wie die von der Vorſehung herbeigefuͤhrte Begegnung mit Re⸗ gina mich vor der Infamie gerettet hatte. Sonderbar, mir jetzt ſelbſt unerklaͤrlicher Kontraſt! Dieſe beiden Weſen hofften und erwarteten nichts mehr von rechtlichen, hoͤheren, edlen Geſinnungen, und doch begriffen und wuͤrdigten ſie mit der ruhrendſten Sympathie Alles was Muthiges und Braves in meinem Benehmen, während der Zeit dieſer harten Pruͤfung, lag. Daſſelbe fand in Betreff meiner Liebe zu Regina ſtatt. „Du glaubſt an Regina, wie meine Mutter an die heilige Mutter Gottes glaubte,“ ſagte Basquine geruͤhrt, „das iſt keine Liebe mehr.. das iſt Religion.“ „Martin,“ ſagte Bamboche, als ich meine Bekennt⸗ niſſe beendet hatte, mit ernſter Stimme zu mir, „Du biſt das beſte Weſen, das es auf der Erde giebt. Du wirſt lachen, wenn ich Dir ſage, daß es mich freut, das zu ſein was ich bin, weil ich Dich beſſer wuͤrdigen kann, als wenn ich Deiner werth waͤre, auf Deiner Höhe ſtünde.“ „Bamboche, die Freundſchaft macht Dich blind,“ ant⸗ wortete ich ihm laͤchelnd. „Donnerwetter! ich bin kein Phraſenmacher,“ rief er aus, „und es iſt doch wahr, daß, je tiefer man ſteht, deſto beſſer man die Hoͤhe eines Berges beurtheilt.“ „Er hat Recht,“ ſagte Basquine, „die Freundſchaft macht uns nicht blind. Sie hindert uns blos, neidiſch oder ungerecht zu ſein. Siehſt Du, lieber Martin,“ ſetzte ſie hinzu, und lächelte dabei herzzerreißend, „die Schoͤnheit kann nie am Beſten uͤber Schoͤnheit urtheilen ... nur die Haͤßlichkeit kann es wenn ſie harmlos und neidlos iſt.“ „Und dann, ſiehſt Du,“ ſagte Bamboche, „da kann der Teufel nicht helfen! Du wirſt Martin bleiben, wie Basquine und ich Basquine und Bamboche bleiben werden. Wir ſind jetzt in Erz gegoſſen, Du in der guten Form, wir in der ſchlechten. Dieſes Erz abkratzen, das heißt blos, ſich die Nägel abſtumpfen, und das waͤre ganz albern, denn wozu denn das? Basquine und Du, liebt Ihr mich denn weniger, weil ich ein Taugenichts bin. . . bis ich noch hun⸗ dert Mal ſchlechter werde? Nein... Ihr liebt mich wie ich bin.“ „Weil in Dir vortreffliche Eigenſchaften liegen,“ ſagte ich. Er ſchuͤttelte den Kopf und antwortete: „Ich beſite nur zwei Eigenſchaften: Basquinen auf Tod und Leben anzugehoͤren, und Dir, Martin, auf die⸗ ſelbe Weiſe . . und dieſe beiden ... ſind der Boden meines — — Sackes. Aber was ſchadet das? Lieben Dich Basquine und ich etwa weniger, weil Du eben ſo hoch durch Dein Herz ſtehſt, als wir niedrig? Nein, wir lieben Dich, wie Du biſt! Aber worin wir gleich und Eines ſind, daß iſt in unſere Ergebenheit Eins fuͤr den Andern. Was das betrifft, Martin, ſo bilde Dir nichts ein . . da tauge ich ſo viel, wie Du und Basquine, ſo viel wie alle Beide. Unſte Be⸗ kenntniſſe haben das Gute gehabt, daß ſie uns gelehrt, wie wir Eins des Andern beduͤrfen. Was die Mittel betrifft, uns beizuſtehen, ſo werden wir dieſe ſchon finden .. . und da ich nicht dumm bin . ſo laßt uns zuerſt an mich denken. Fuͤr die nachſte Viertelſtunde brauche ich durchaus nichts. Es bleiben alſo ihr Beide, Basquine und Martin.. . Bas⸗ quine muß trotz ihres Falls von heut Abend in den Fu⸗ nambulen, das Engagement in der Provinz behalten, auf das ſie hoffte .. oder vielmehr beſſer als das ſie muß ein koͤſtliches Engagement in Paris ſelbſt bekommen.“ „Aber wie?“ fragte Basquine. „Soll mich der Teufel holen, wenn ich das weiß,“ entgegnete Bamboche, „aber Du ſollſt es doch haben und ein Engagement fuͤr erſte Rollen, dafuͤr ſtehe ich.“ „Ja, dafur ſtehen wir,“ rief auch ich. „Balthaſar Ro⸗ ger, der Dichter, einer meiner Herren iſt fanatiſch über Basquinens Talent. Einer ſeiner Freunde, ein einflußrei⸗ cher Journaliſt, theilt dieſe Bewunderung es giebt kein beſſeres Gemuͤth, als Balthaſar . er wird außer ſich ge⸗ weſen ſein uber den Vorfall dieſes Abends, arme Basquine! — 110 — Ich bin uͤberzeugt, ihn zu bewegen, Dich aus allen Kraͤften ſeinem Freunde, dem Journaliſten zu empfehlen.“ „Und biſt Du einmal in den Journalen geprieſen, ſo biſt Du es auch, Basquine, die die Bedingungen dictirt. Habe ich Dir nicht geſagt, daß wir Dich fur erſte Rollen engagiren wuͤrden! . . Was Dich, Martin, oder vielmehr, was Fraͤulein Regina betrifft, die von nun an keinen eifri⸗ gern Diener haben wird als mich, weil Du ſie eben ſo liebſt als verehrſt, ſo ſoll ſie nicht in die Hände Roberts von Ma⸗ reuil fallen .. das ſage ich Dir. Du weißt gar nicht, was das fuͤr ein Menſch iſt .. aber ſei ruhig, man wird ihn untergraben, und iſt einmal dieſer untergraben .. denn es ſcheint, als ſei er der gefaͤhrlichſte .. ſo wollen wir uns mit den Andern beſchäftigen, dem Fuͤrſten von Montbar und dem Vater dieſes Schurken von kleinem Vicomte. .. Das werden zwei Biſſen ſein .. mehr nicht! .. Mit welcher Sauce wir ſie verzehren werden? das weiß ich noch nicht, aber es wird ſich finden .. wir werden ſchon durch Dich Mittel finden, Basquine engagiren zu laſſen .. .“ Da ich etwas an ſeinen ſchnellen und unfehlbaren Proceduren zu zweifeln ſchien, ſetzte Bamboche hinzu: „Sprichſt Du noch ein Wort, ſo mache ich mich feier⸗ lichſt anheiſchig, Dir Regina zur Frau zu verſchaffen!. . . Aber nein,“ fiel ſich Bamboche ſogleich ſelbſt in die Rede, indem er mir reuig die Hand zuſtreckte, „keinen Spaß mit dieſem Namen! Verzeihung, Martin, Verzeihung! Ich that unrecht! ... Es iſt ſchon genug, daß Du meine Hilfe an⸗ — — nimmſt. . . . Aber, ſiehſt Du, braver Junge um gegen Robert von Mareuil zu kämpfen, taugen die Bamboches beſſer, als die Martins.“ „Robert von Mareuil ſagteſt Du mir, Martin, war bieſen Abend in den Funambulen?“ verſetzte plötzlich Bas⸗ quine, nachdem ſie einige Zeit nachdenkend geſchwiegen. „Ja,“ entgegnete ich, „in den vordern Logen links.“ „Ganz recht,“ ſagte ſie lebhaft. „Obgleich er im Hintergrunde der Loge ſaß, hatte er ſich doch weit vorge⸗ beugt nach dem Theater zu.“ „Ja, ja,“ erwiderte ich, „er ſchien durch Dein Spiel und Geſang angezogen und bezaubert.“ „Sonderbarer Zufall!“ rief Basquine, „ich hatte ihn einen Augenblick lang bemerkt, denn ganz in meine Rolle verſenkt, dachte ich nur an dieſe.“ „Robert von Mareuil ſchien bezaubert!“ rief auch Bamboche und wechſelte mit Basquine einen Blick des Ein⸗ verſtaͤndniſſes. „Ja,“ verſetzte dieſe höhniſch lächelnd, „verſtehſt Du? ein Freund des Vicomte? Einer der Coryphäen jenes Gelichters, das ich verabſcheue?“ „Alle Wetter, ob ich verſtehe?“ entgegnete Bam⸗ boche. „Auch ich glaube zu verſtehen,“ fagte ich. „Aber hütet euch Robert von Mareuil iſt ⸗ „Miſche Dich nicht darein, Martin,“ unterbrach mich Bamboche. „Das iſt grobe Arbeit, womit Du Dich — 112 — nicht abgeben darfſt .. das wuͤrde Dir die Hände beſchmu⸗ tzen, Du biſt zu zart dazu! Uebrigens ſei ruhig . wir werden nichts ohne Deinen Beirath thun. .. Aber weg mit den Geſchaͤften fuͤr heut Abend! Das ſtiehlt uns ja unſte beſte Zeit. Wir haben uns einander nichts mehr Neues zu ſagen, ergotzen wir uns daher ein wenig an der vergangenen Zeit! Fangen wir an mit dem: Denkſt Du noch daran, und ſoupiren wir! .. Mir macht die Freude die Zaͤhne lang. Gluͤcklicherweiſe hatte ich ein Abendeſſen fur mich und die ſelige Frau Capitain Bambochio vorrich⸗ ten laſſen ... Alſo zu Tiſch, meine Freunde. .. Es wird wohl nicht ſo köſtlich ſein, wie in der Kuͤche des armen Leonidas Haifiſch gekocht .. erinnert ihr euch noch deſſen? Was fuͤr famoſes Schoͤpsragout machte der uns!“ „und die Matelotten! Darin war er ausgezeichnet. . in ſeiner Qualitaͤt als Fiſchmenſch,“ ſagte Basquine und folgte ſo wie ich der fröhlichen Aufforderung Bamboche's. „Und ſeine Art, die Neugierigen zu entfernen,“ ſagte ich meinerſeits, „wenn ſie ihn in ſeinem Fiſchkaſten zu nahe betrachten wollten. Erinnert ihr euch noch daran 20 „Alle Wetter, ob ich mich daran erinnere?“ ſagte Bamboche und trug eine reichlich beſetzte Tafel, die er aus ſeinem Salon, wo ſie ſchon vorbereitet war, holte, ans Ka⸗ minfeuer. „Bei unſter letzten Vorſtellung bei la Levraſſe, machte Leonidas ſeinen vortrefflichſten Geſtank zum Scha⸗ bernack gegen die Neugierigen! Ich ſtand in der zweiten — 113 — Abtheilung und roch den peſtilenzialiſchen Geſtank... Es war, um dran zu erwuͤrgen!“ „Und an demſelben Tage, arme Basquine,“ ſagte ich zu dieſer, „erinnerſt Du Dich noch an die Gefahr, die dieſes Ungeheuer, die Mutter Major Dir zuzog? Erinnerſt Du Dich? Die Menſchenpyramide!“ Und unter dem unwiderſtehlichen Zauber dieſer ma⸗ giſchen Worte fur Freunde von Kind auf, die endlich nach langer Trennung wieder vereinigt ſind:. . . Erinnerſt Du Dich? ganz hingegeben dem Andenken an unſer vergangenes Leben, vergaßen wir Gegenwart und Zukunft bei dieſem traulichen Abendmahle, das bis zum hellen Tage waͤhrte. Des Morgens ging ich wieder in die Wohnung mei⸗ ner Herren, höchſt unruhig, zu erfahren, wie ſie meine Ab⸗ weſenheit aufgenommen hatten, denn ich mußte um jeden Preis in Balthaſars Dienſte bleiben, oder vielmehr in dem Roberts von Mareuil, deſſen Schritte zu beobachten fuͤr mich ſo wichtig war. Ich bereitete mich daher, mich mittelſt eines geſchickt erſonnenen Maährchens zu entſchuldigen. So trat ich in die Wohnung meiner Herren. Der Schluͤſſel ſteckte an der Thüͤr. Ich öffnete. Zu meiner großen Verwunderung ſah ich Balthaſar ſein Felleiſen packen. Armer, edler Dichter! Es war bald Martin. vn. 8 voll, und der Bauplan des prachtvollen Pallaſtes, den er bauen laſſen wollte, nahm den großten Theil davon ein. Balthaſars Geſicht war ernſt und traurig. So hatte ich ihn noch nie geſehen. Als er mich erblickte, ſagte er freundlich „Ah, Du biſts, Martin?“ „Mein Herr,“ antwortete ich ganz verlegen, „verzei⸗ hen Sie . daß ich geſtern .. verfehlte „Sprechen wir nicht davon, Martin; ich habe kein Recht mehr, Dich zu ſchmälen mein armer eintaͤgiger Bedienter! . Ich gehe fort „Sie gehen fort?“ rief ich aus und ſetzte unwillkur⸗ lich hinzu: „und der Herr Graf von Mareuil .. Ihr Freund? „Mein Freund?. entgegnete der Dichter und accen⸗ tuirte dieſe Worte faſt mit Bitterkeit: „mein Freund? . der bleibt hier er behaͤlt dieſe Wohnung. Hotel und Viertel conveniren ihm.“ ii „Aber Sie, lieber Herr?“ „Ich, mein Junge ich werde einige Zeit auf dem Lande zubringen.“ Ohnſtreitig hatte ein harter und ſchneller Bruch zwi⸗ ſchen dem Dichter und Robert von Mareuil ſtattge⸗ funden. .. Nach einem ziemlich langen Schweigen ſagte Baltha⸗ ſar zu mir, indem er ein Papier aus ſeinem Portefeuille nahm W n — — „Ich bin Dir ein und ſechszig Francs fuͤr die Com⸗ miſſionen ſchuldig, die Du mir beſorgt haſt, mein Junge denn Du merkſt wohl, daß die nach Millionen capitaliſirten Gagen . ſchlechter Spaß waren . der nur gut iſt, wenn man ſelbſt guter Dinge nimm mirs nicht uͤbel, daß ich Dich ſo lange habe warten laſſen auf Dein Geld.“ „Oh, mein Herr. . .“ „Ich moͤchte Deine Muͤhe, Deinen Eifer, Dein Zart⸗ gefuͤhl gern beſſer vergelten, denn . armer Junge .. Du haſt es nie gewagt, mich um Geld anzugehen, das Du doch ohnſtreitig ſehr nothwendig brauchteſt. Wenn ich Dir nicht eher welches gegeben habe .. ſo liegt das ganz einfach dar⸗ in weil ich keins hatte . das Vierteljahr meiner klei⸗ nen Penſion war noch nicht gefaͤllig aber morgen wird es dies ſein.“ „Trage dieſe Quittung an die angegebene Adreſſe und erhebe dort das Geld fur mich, davon behältſt Du fuͤr Dich 60 Francs und das Uebrige ſchickſt Du mir in Papier zu durch die Poſt nach Fontainebleau, poste restante.“ „Ja, lieber Herr ich danke Ihnen ſehr,“ ſagte ich und nahm das Papier. „Doch ſtill,“ verſetzte der Dichter lächelnd, „ich habe eine ſo ſchlechte Handſchrift, daß ich nicht weiß, ob Du die Adreſſe wirſt leſen koͤnnen. Verſuchs einmal.“ Ich las die Quittung allerdings nicht ohne Schwie⸗ rigkeit. Sie lautete: „Ich bekenne, daß ich von Herrn Renaud, Straße 8* — 1156 — Montmartre Nr. 510, die Summe von 350 Francs auf das vergangene Vierteljahr von der Penſion erhalten, die Herr Juſt mir großmuͤthig angewieſen.“ „Ach Du mein Gott!“ rief ich, nachdem ich geleſen hatte, aus: „wieder Herr Juſt!“ „Was iſt Dir denn? Was haſt Du denn?“ fragte der Dichter. Und ich erzählte Balthaſar, was ich von den andern Edelthaten dieſes ſonderbaren Mannes gehört hatte. „Das iſt merkwuͤrdig,“ antwortete der Dichter mit nachdenkender Miene. „Der Herr Juſt muß ja der leibhaf⸗ tige Teufel ſein. Auch ich wollte faſt vor Hunger ſterben, als er mich aufſtoberte. Woher wußte er denn, daß ich eine Waiſe ſei? Daß mein armer, durch einen Bankerott zu Grunde gerichteter Vater, der bravſte Mann von der Welt) mich ohne alle Hilfsmittel hinterlaſſen, und daß bei der Wuth zu ſchreiben, ich mir auch bewußt war, es dahin zu bringen, durch angeſtrengte Arbeit mir einen Namen zu er⸗ werben? Ich weiß es nicht. So viel nur iſt gewiß, daß Herr Juſt, der widerwärtig und grob ausſieht, wie nur ir⸗ gend Jemand ausſehen kann, eines Tages vor mich getre⸗ ten iſt, und daß er mir nach einer langen Unterredung, bei welcher er unglaublich von Allem unterrichtet ſchien, was mich betraf, einen Brief an dieſen Herrn Renaud zu⸗ rüͤckgelaſſen hat, der mir ſeitdem ſtets dieſe Penſion be⸗ zahlte, die für mich ſo nützlich und unerwartet war. Ich habe uͤbrigens ſeitdem Herrn Juſt nicht wiedergeſehen, nur ſein . — — 415 — Geſchaͤftsmann ſagte mir jedesmal: Es geht gut; fahren Sie ſo fort; Sie ſind ein fleißiger, junger Mann; Sie werden Ihr Ziel erreichen; man uͤberwacht Sie und weiß, was Sie treiben.... Mein einziger Wunſch,“ ſetzte der Dichter ſeuf⸗ zend hinzu, „iſt der, eines Tages Herrn Juſt zu ſehen. denn ihm danke ich es allein wenn ich vorwaärts komme.“ „Oh, ich hoffe es fuͤr Sie, lieber Herr.“ „Und ich auch. . . Jetzt ſage mir, denn ich weiß, daß Du ein braver Burſche biſt, höre meinen Rath. Es könnte ſein, daß Herr Robert von Mareuil der mich in dieſer Wohnung erſetzen wird .. Dir vorſchluge, in ſei⸗ nem Dienſte zu bleiben ..“ „Nun?“ „Dann nimm es nicht an .. laß Dich durch den Reiz des Gewinns nicht verfuͤhren.. bleibe, was Du warſt, ein guter und getreuer Commiſſionaͤr, mehr kann ich Dir nicht ſagen. .. . Aber uͤbrigens,“ fuhr der Dichter mit Wuͤrde fort, „kannſt Du, da ich meine Worte nie ableugne, dem Herrn Grafen von Mareuil ſagen, daß ich es war.. hörſt Du? ich! der Dir den Rath gab, nicht in ſeinem Dienſte zu bleiben. Jetzt geh, mein gurer Martin, noch einen letzten Auftrag, trage dieſes Felleiſen in den Wagen nach Fontainebleau.“ Ich war durch den innigen Ton des Dichters ganz ge⸗ rührt, und ohnerachtet der tauſend Gedanken, die ſein plotz⸗ lcher Bruch mit Robert von Mareuil in mir erregte, ſagte — — ich, an die Intereſſen Basquinens mich erinnernd, zu Bal⸗ thaſar: „Ach, lieber Herr, Sie gehen gerade, wo ich Sie um eine große Gefaͤlligkeit zu bitten habe.“ „Und das wäre, lieber Junge?“ „Geſtern Abend waren Sie Zeuge des großen Un⸗ glucks, das Basquinen widerfuhr .. „Die Schaͤndlichen! Die Schurken! Die Eſel!“ rief der Dichter. „Sie war ſublim . ſie, auf dieſer Buhne war eine Perle in einer ſchmutzigen Auſterſchale.“ „Nun denn, mein Herr, wie ich Ihnen ſchon ſagte, habe ich Basquine ganz klein gekannt. Geſtern Abend habe ich Mittel gefunden, ſie nach ihrem Ungluͤcke wieder zu ſe⸗ hen. Einer meiner Kindheitsgefaͤhrten und ſie, ſind dieſe Nacht uͤber zuſammengeblieben. Nach einem ſolchen Skan⸗ dale ſind alle ihre Pläne fur die Zukunft vernichtet, denn zum Ungluͤcke rechnete das junge Maͤdchen auf ein Engage⸗ ment fuͤr die Provinz, das ſich geſtern Abends entſcheiden ſollte. Der Director wohnte der Auffuͤhrung bei, aber Sie begreifen ſelbſt, daß nach einem ſolchen Vorgange und doch, lieber Herr, wenn Sie wollten . „Was kann ich dabei thun?“ „Sie kennen ja ſo viele Journaliſten .. man ſagt, daß, wenn die Journaliſten Gutes von Basquine ſpraͤ⸗ chen — d — Der Dichter unterbrach mich: „Ich ſollte mich nicht fuͤr Basquine intereſſiren, nicht wegen ihres Talents, das ich bewundre, ihres Charak⸗ ters, den ich nicht kenne, ſondern weil ſie, ohne es zu wollen 5 Der Dichter endete nicht und ſetzte hinzu: „Doch gleichviel! Gerechtigkeit vor Allem. Ich werde an Duparc, den Journaliſten, ſchreiben, an den allmächti⸗ gen Duparc, er iſt gerade auch fuͤr Basquine enthuſias⸗ mirt er wird es unternehmen.. Den Leuten muß ein neues Licht aufgehen die Welt einen neuen Stern erblicken“ rief Balthaſar, ſich ſelbſt unwillkuͤrlich auf⸗ regend, „ſei ruhig, Martin, ich werde mehr thun, als an Duparc ſchreiben, ich werde ihn ſogleich noch vor meiner Abreiſe ſprechen, und was noch mehr, ich ſelbſt uͤbernehme es, Basquinen beruͤhmt zu machen, ich widme ihr eine Epi⸗“ ſtel, die in allen Journalen erſcheinen ſoll! Waͤhrend Du⸗ parc in ſeinem Feuilleton die große Trommel ſchlaͤgt, wird die Gemeine der Maͤrtyrer der Preſſe Chorus machen . und fiat lux. ein neuer Stern erglaͤnzt.“ „Oh, lieber Herr, tauſend Dank,“ rief ich nus, „daß Sie „ „Ich vielmehr muß Dir danken, Martin,“ antwor⸗ tete Balthaſar mit bewegter Stimme. „Ich ging aus Pa⸗ ris mit Galle im Herzen, mit Bitterkeit im Munde. — 120 — Dank ſei es Dir, ich werde es nun mit einem milden und guten Gedanken verlaſſen, dem, einem armen, trefflichen, ungekannten und verfolgten Geſchöpfe Gerechtigkeit wider⸗ fahren zu laſſen.... Dank, alſo, Martin, Dank!. Zähle auf mich fuͤr Deinen Schuͤtzling .. bleibe ein guter und redlicher Burſche, und vor Allem .. vor Allem, geh nicht in die Dienſte des Herrn von Mareuil.“ Dann warf der Dichter, indem er ſeinen alten Hut und Regenſchirm ergriff, noch einen letzten, faſt melancholi⸗ ſchen Blick um ſich her und ſagte: „Theures, beſcheidnes Gemach! Wos fuͤr ſchoͤne Er⸗ innerungen knuͤpfen ſich an Dich! Welche goldne Traͤume habe ich hier geträͤumt! Welche Stunden der Arbeit und Hoffnung in Dir verlebt!“ Nun zuckte er die Achſeln, als werfe er ſich dieſen Ab⸗ ſchied vor und ſagte: „Seht doch! Da ſage ich gar den Wänden einer Miethswohnung ein poetiſches Lebewohl! Fort denn! Auf Wiederſehen, Martin! Rechne auf mich wegen Basquine. Ich will der Herſchel dieſer neuen Conſtellation werden . und wenn es wegen Deines Schuͤtzlings nöthig, ſo ſchreibe mir poste restante nach Fontainebleau, wenn Du mir das Geld ſchickſt. Uebrigens komme ich nach Paris zuruͤck .. etwa in ein bis zwei Monaten. . . . Dann werde ich im, Vorbeigehen ſehen, ob Du an Deiner Ecke ſtehſt. .. Leb wohl, mein Junge vergiß meine Empfrhlung nicht, von Mareuil.“ Der Dichter war fo; Am folgenden Tag Warnungen Balthaſars, — — Von Weitem hatte es langſam ſchon ſeit einer Vier⸗ telſtunde Mitternacht geſchlagen, als das dumpfe Rollen eines Wagens die Scheiben erſchuͤtterte. Dann vernahm man das Geraͤuſch mehrer ſchnell geoͤffneter und wieder ge⸗ ſchloſſener Thuͤren, während ſchnelle Schritte uͤber die Die⸗ len eines uͤber dem Parterre, in dem ich mich verſteckt be⸗ fand, liegenden Zimmers dahinſtrichen. Jetzt war es wieder ſtill, und ein Weib in einem Mantel mit zuruͤckgeſchlagenem Kapuchon, verſchwand durch eine Seitenthuͤr, nachdem ſie ſchnell durch das Zimmer mit dem Altare gegangen war. Nach einigen Augenblicken öff⸗ nete ſich jedoch dieſe Thuͤr wieder und ſchloß ſich verſchiedene Male, als ob das erwaͤhnte Weib erſpähen wollte, was vor⸗ gehen ſolle. Darauf trat ein hochgewachſener Mann ein, unter⸗ ſuchte einen Augenblick lang die Vorbereitungen und fand ohnſtreitig die Hellung noch zu ſtark, da er zwei von den vier Kerzen ausloͤſchte und wieder fortging, ſo daß jenes Zimmer faſt ganz in Dunkel gehuͤllt blieb, welches das ſchwache Licht der Kerzen muͤhſam erhellte. Eben war dieſe Perſon verſchwunden, als die beiden Flugel der Mittelthure ſich öͤffneten. . . . Langſam ſchritt ein Mann in Begleitung einer Frau zu dem Altare. Dieſer Mann war Robert von S und dieſe Frau war Regine! Zwei andere Perſonen folgten ihnen einige Schritte entfernt. Das junge Maͤdchen hatte ein ruhiges, gefaßtes und entſchloſſenes Anſehen. Die Flechten ihrer dichten, ſchwar⸗ zen Haare umgaben ihr ſchoͤnes Geſicht, das bleich und durchſichtig war wie eine Kamee. Ihr ſchwarzes, ziemlich langes Gewand, ihr hoher Wuchs, die ſtolze, aufrechte Hal⸗ tung ihres Kopfes verliehen ihrem Einherſchreiten eine ernſte Majeſtät. Auch Robert von Mareuil war blaß, und ein Beobachter hätte ohnerachtet ſeiner angenommenen Zuver⸗ ſicht, doch hier und da das Beben einer tiefen Angſt unter die ſer luͤgneriſchen Maske uͤberraſcht. Robert und Regina knieeten auf den beiden dazu vor⸗ gerichteten Kiſſen. Auch die beiden ſie begleitenden Maͤn⸗ ner knieeten einige Schritte hinter ihnen. Einen Augenblick lang verweilte Regina's Blick auf dem Grafen mit dem ruͤhrenden Ausdrucke des Vertrauens und der Zaͤrtlichkeit, dann wendete ſie ihn plötzlich ab, beugte die Stirn, faltete die Haͤnde und ſchien inbruͤnſtig zu beten. Das junge Mädchen ſah nämlich einen Prieſter mit den heiligen Inſignien, gemeſſenen Schrittes, den heiligen Be⸗ cher in den Haͤnden, eintreten. Der Prieſter trat zum Altare, gab den Anweſenden ſeinen Segen und fing an, die Trauungsmeſſe zu begehen, während die beiden Männer als Zeugen Roberts und Re⸗ gina's dem Gebrauche nach ein Stuͤck Stoffes uͤber die Häupter der beiden Verlobten ausgebreitet hielten. Als der Prieſter dahin kam, Robert und Regina zu fragen, ob ſie einwilligten, ſich einander zu Ehegatten anzunehmen, hob das junge Mädchen den Kopf empor und ſprach das feierliche „Ja“ mit feſter Stimme. Robert da⸗ gegen, der von Zeit zu Zeit unruhig um ſich her geblickt hatte, antwortete mit unſicherer Stimme. Nach dem Wechſeln der Trauringe und als der Prie⸗ ſter beiden Gatten eine Vorhaltung üͤber ihre Pflichten that, hörte ich das Klingeln der Schellen von Poſtpferden, die in den Hof des Hauſes kamen. Bei dieſem Geräuſch bebte Robert vor Freude und zůgelte von dieſem Augenblicke an ſeine ungeduldige Angſt ſo we⸗ nig, daß er vor dem Ende der Feierlichkeit ſich von dem Kiſſen erhob, Regina an der Hand ergriff und mit eiliger Stimme zu ihr ſagte: „Gehen wir, Regina, gehen wir! Unſtre Augenblicke ſind gezaͤhlt!“ Das junge Maͤdchen warf dem Grafen einen verwun⸗ derten Blick zu und ſchien ihn mit einer ausdrucksvollen Bewegung an die Schicklichkeit zu erinnern, die er ſo ſelt⸗ ſam vergaß. Der Graf biß ſich in die Lippen, ſeine Zuͤge verzogen ſich und ſeine Fußſpitze klopfte bis zur vollſtändigen Vollziehung der heiligen Handlung krampfhaft auf den Fuß⸗ boden. „Kommen Sie .. geſchwind! . . . ſagte dann der Graf zu dem jungen Mädchen. Und damit ergriff er ſie ſchnell an der Hand und that einen Schritt vor, um ſich zu entfernen, Regina aber machte ſich von ſeiner Hand los und wendete ſich zurüc † — 126 — zu dem Prieſter, dem ſie mit ſanfter und wuͤrdevoller Stimme ſagte: „Mein Vater, jetzt, wo ich die Ehre genieße, den Namen des Herrn von Mareuil zu tragen, jetßt, wo von Ihnen geſegnet, unſre Verbindung unaufloͤslich und gehei⸗ ligt iſt, jetzt kann ich Ihnen meinen innigſten Dank aus⸗ ſprechen fuͤr den heiligen Beiſtand, den Sie uns geleiſtet haben. Dieſer Beiſtand beweiſ't mir hinreichend, daß Sie, nachdem Herr von Mareuil Sie von Allem unterrichtet hat, mein Benehmen billigen, und das Dringende der Ver⸗ hältniſſe beherzigen, die mich gezwungen haben, geheimniß⸗ voll eine Vermählung zu ſchließen, die morgen für Nie⸗ mand mehr ein Geheimniß ſein wird.“ „Regina!“ rief Robert, und ſtampfte mit dem Fuße, „Sie kennen den Werth der Zeit nicht, die wir jetzt verlie⸗ wn „Was iſt Ihnen, mein Freund 2 antwortete ihm das junge Mädchen, „was fuͤrchten Sie? Bin ich nicht Ihr Weib vor Gott und den Menſchen? Kann uns jetzt noch eine menſchliche Gewalt trennen?“ „Nein, o nein!“ rief Robert im Tone des Triumphes: „Regina, Sie gehoͤren mir! Sie ſind fuͤr immer mein Weib!“ „Ah bah! Das glaubſt Du!“ ſagte plotzich einer der beiden Maͤnner, welche als Zeugen bei der Vermaͤhlung zu⸗ gegen geweſen. Dieſer Mann war Bamboche. — 127 — „Wahrhaftig, mein Herr Graf,“ begann er wieder, „Du glaubſt, daß das Fraulein Dein Weih iſt?“ Bei dieſen Worten Bamboche's ſprang Robert von Mareuil, leichenblaß vor Wuth und Verzweiflung, furcht⸗ bar mit einem Sprunge auf meinen Jugendfreund zu, die⸗ ſer aber ergriff mit herkuliſcher Stärke deſſen beide Häͤnde, hielt ihn trotz ſeiner Anſtrengungen feſt und ſagte mit ehr⸗ furchtsvollem Tone zu Regina: „Verzeihen Sie, mein Fraͤulein, aber man mußte die Sache bis zu Ende treiben laſſen. Jetzt ſollen Sie Alles wiſſen.“ Bei dieſen Worten blieb der Prieſter, der aus dem Zimmer hatte gehen wollen, eben ſo beſtuͤrzt ſtehen, als Bamboche's Begleiter, der zweite Zeuge, der Niemand an⸗ ders war, als . . . der Kruͤppel. Regina ſah der Reihe nach mit ſtarren Blicken auf ſaͤmmtliche Darſteller dieſer Scene, die ihr unbegreiflich war, und blieb dann unbeweglich wie eine Bildſäule. „Schließet die Thüren!“ rief Bamboche mit lauter Stimme. Dann horchte er. . . . Faſt in demſelben Augenblicke horte man die Schluͤſſel beider Thuͤren in ihren Schlöſſern gedreht. Aus meinem Schlupfwinkel tretend, in welchen ich gleich darauf zuruͤckkehrte, hatte ich eine derſelben ver⸗ ſchloſſen. Die Frau mit dem Kapuchonmantel hatte es mit der andern gethan. „Jetzt, mein Herr Graf,“ ſagte Bamboche zu Ro⸗ — 6 — bert, und gab dieſen wieder frei, „entwickeln Sie Ihre Grazie . aber die Hände herunter, oder ich zerſchlage Ihnen den Schaͤdel mit dieſem Spielzeug.“ und damit zog Bamboche ſchnell einen abgebrochenen Dreſchflegel aus der Taſche, eine furchtbare Waffe in den Händen eines ſo gewandten und kräftigen Mannes. Robert fand bald ſein kaltes Blut und ſeine Keckheit wieder, trat ſchnell zu Regina und rief: „Regina . wir ſind in einen furchtbaren Hinterhalt gefallen . . aber furchte nichts . ich Sheh 55 auf Tod und Leben!“ Mit dieſen Worten umſchlang er Frgins mit einem Arme, wie um ſie zu beſchutzen. „Mein Gott! mein Gott! Robert!“ fluͤſterte das junge Mädchen mit ſterbender Stimme, indem ſie ſich er⸗ ſchrocken an Robert draͤngte, „wo ſind wir? was ſoll das Alles bedeuten?“ Und ihr Blick zeigte dabei auf Bamboche. „Ich weiß nicht, was dieſer Schaͤndliche von uns gehrt . . er ſcheint zu Allem faͤhig. vielleicht will man uns berauben . . . oder das Gcheimniß ausbeuten, womit wir genöthigt ſind, unſere Vermaͤhlung zu umgeben,“ ant⸗ wortete Robert dem jungen Maͤdchen. . . „Gleichviel!. fuͤrchte nichts von dieſem Banditen . ich bin da!“ „Aber Robert,“ erwiderte Faine voll „Sie haben mir geſagt. daß dieſer Mann. der Zeuge — ¹89 — unſter Vermaͤhlung . . . einer Ihrer Freunde ſei und der andre Mann auch?“ 6 Und damit zeigte ſie auf den Kruͤppel. Durch dieſe Bemerkung betroffen, antwortete Robert ſtotternd: „Allerdings ... und ich begreife nicht ich hielt Beide fuͤr meine Freunde . fuͤr rechtliche Maͤnner . . „Wir? rechtliche Männer . . .“ ſagte Bamboche mit einem Ausbruche von Gelächter. Dann ſich an den Kruͤppel wendend: „Sage einmal, alter Spitzbube, hoͤrſt Du den Herrn Grafen? Er giebt uns fuͤr rechtliche Män⸗ ner aus! Bah! an einem Hochzeitstage iſt man großmuͤ⸗ thig!“ „Regina!“ rief Robert außer ſich; „Sie haben Recht, es ſind ſchaͤndliche Buben! ... Ja, ich geſtehe es Ihnen von der Zeit gedrängt, in Beſorgniß, unſre Vermaͤh⸗ lung laut werden zu laſſen und zu gefährden, wenn ich mich an Perſonen unſtes Standes wendete, war ich gens⸗ thigt, mich herabzulaſſen, dieſe Elenden zu Zeugen zu er⸗ bitten. aber „ Regina machte ſich mit einer wurdevollen Bewegung ſchnell von Roberts Arme los. Es war nicht Furcht, ſondern ein ſchmerzliches Stau⸗ nen, welches ſich in den Zuͤgen des jungen Mädchens malte, als es ausrief: „Alſo, Robert . . . haben Sie mich belogen! ha⸗ ben Sie mich erniedrigt! .. Als Zeugen unſter Verbin⸗ Martin. VII. 9 — 130 — dung zwei Elende . zwei ſchaͤndliche Menſchen ſich zu waͤhlen... wie Sie ſelbſt geſtehen.. . das iſt eine furcht⸗ bare Beleidigung. .. das iſt Beſchimpfung!“ Nun wendete ſie ſich zu dem Prieſter, der, in un⸗ glaubliches Staunen verſenkt, das, was er hörte, was er ſah, nicht zu glauben ſchien, und ſagte mit dem Ausdrucke gluͤhender Scham und tiefen Schmerzes zu ihm: „Oh, mein Vater! . . . koͤnnen Sie verzeihen?“ „Genug, Fraͤulein,“ rief Bamboche, ſie unterbrechend, „genug, ich bitte Sie!. . . alles Das hat fuͤr Sie zu lange gedauert.“ Dann ſetzte er, ſich an den Prieſter wendend, hinzu, indem er ſeine Worte mit drohender Geberde begleitete: „Geſchwind denn, Herr Paſtor, herunter mit dem Prieſterrocke, oder ich reiße Dir ihn herunter . . . alte Ca⸗ naille!“ In dieſem Augenblicke hatte der Prieſter das Ober⸗ kleid und die Stola abgelegt. Der falſche Prieſter war la Levraſſe. „Mein Gott!. .. wo bin ich? ... Großer Gott, er⸗ barme Dich meiner!“ Außer ſich, mit gefalteten, flehenden Haͤnden, ni ſie ſich vor dem Altar auf die Kniee. „Wie?“ rief Robert, und ſtellte ſich, als ſei er uͤber⸗ und empoͤrt, „dieſer Mann waͤre ein falſcher Prie⸗ Nicht ubel!“ ſagte Bamboche; „recht brav den Er⸗ — ſtaunten geſpielt!“ Dann ſich zu la Levraſſe wendend, fuhr er fort: „Hoͤrſt Du Herrn Robert von Mareuil?... Er wußte nicht — das arme Lamm — daß Du Prieſter ge⸗ worden warſt. zufällig.“ . La Levraſſe knirſchte vor Wuth mit den Zaͤhnen, durch die Furcht jedoch, die Bamboche ihm einflößte, zuruͤck⸗ gehalten, beſchränkte er ſich darauf, ihm mit den Worten die Fauſt zu zeigen: „Hal großer Schurke! .. ha, Verräther!.. Du bringſt mich um mehr als 100,000 Francs!“ Dann ſetzte er, wuͤthend mit den Fuͤßen ſtampfend und ſich an Robert von Mareuil wendend, hinzu: „Verſtehen Sie etwas davon, Mareuil? Was fuͤr Intereſſe kann denn dieſer Schuft dabei haben, Alles zu verderben? Hat er denn nicht Alles ſelbſt geleitet? War denn nicht Alles ſchon aus und ging wie am Schnuͤrchen?“ „Ah! Ihr wißt nicht, welches Intereſſe ich dabei habe, Euch zu entlarven?“ verſetzte Bamboche; „ein ganz einfaches Intereſſe, wie Ihr gleich erfahren ſollt.“ Nun ſich zu Regina wendend, die noch immer am Altare knieete und ſich ohnſtreitig unter der Gewalt einer furchtbaren Viſion zu beſinden glaubte, ſagte er: „Verzeihen Sie, mein Fraulein, wenn ich genöthigt bin, dieſe fur Sie ſo qualvolle Scene noch einige Augen⸗ blicke zu verlaͤngern, aber Sie müſſen Alles wiſſen. Er⸗ innern Sie ſich noch vor ohngefähr 8 bis 9 Jahren im 9* Walde von Chantilly drei kleinen Bettelkindern begegnet zu ſein, die Sie um Almoſen baten?“ „Ja ich entſinne mich. . deſſen,“ ſagte Regina, die zu traͤumen ſchien. „Nur Sie allein,“ fuhr Bamboche fort, „hatten fuͤr dieſe drei Kinder, von welchen ich das Eine war, Worte der Milde und des Mitleids. Dennoch ſchleppten die durch die Härte der Perſonen, die Sie begleiteten, aufgebrachten Kinder Sie eine kurze Zeit mit ſich fort. Ich habe, mein Fräulein, weder unſer hartes Benehmen, noch die Theil⸗ nahme, welche Sie uns bezeigten, vergeſſen, und heute ver⸗ gelte ich ſie Ihnen.. . . Das Gluͤck hat mich zu einem un⸗ gebundenen Taugenichts gemacht; ich ſage, das Gluͤck, denn wenn ich mich der Ehre zugewendet haͤtte, wuͤrde ich mich gewiß nicht in Geſchäfts- und Freundſchafts⸗Verbindung mit dem Herrn Grafen von Mareuil hier befunden haben.“ Robert antwortete nichts. Er dachte ohnſtreitig üuber ein Mittel nach, aus dieſer verzweifelten Lage zu kom⸗ men. „Wenn der Herr Graf von Mareuil nur von Schul⸗ den wimmelte, die er gemacht, um die alleralbernſten und niedrigſten Leidenſchaften zu befriedigen, ſo waͤre das viel⸗ leicht nichts; ſeine Liebe, oder wenigſtens ſeine Dankbar⸗ keit gegen Sie, mein Fraulein, hätten ihn bekehren können. Aber weit davon entfernt, belugt er Sie nicht blos, ſondern er betrügt, er verräͤth Sie auf die ſchändlichſte Weiſe, ja, noch mehr .. — 333 — und als hier der Graf voll Wuth ſich abermals auf Bamboche ſtuͤrzen wollte, ſagte dieſer mit gebieteriſcher Stimme zu la Levraſſe und dem Kruͤppel: „Haltet den Herrn hier in einer anſtändigen Stel⸗ lung .. wo nicht .. ſo werde ich, da ich einmal im Zuge bin, morgen anderwärts von Dingen ſprechen, die Euch be⸗ treffen.“ Bei dieſen Worten wechſelten la Levraſſe, der Kruͤp⸗ pel und Robert von Mareuil einen ſchnellen und wilden Blick, bei dem ich von der Stelle, wo ich mich befand, auf⸗ ſprang, bereit, Bamboche zu Hilfe zu kommen. Ich war bewaffnet und auf Alles vorbereitet, aber mein Jugend⸗ freund begann mit verachtender Kuͤhnheit wieder: „Keine Kindereien! .. Fuͤr's Erſte fuͤrchte ich ſelbſt allein mich nicht vor Euch. . .“, und damit zog er ein Paar Piſtolen aus der Taſche, die er auf den naheſtehenden Al⸗ tar legte, „und dann,“ fuhr er fort, indem er einen Blick nach der Gegend zu warf, wo ich mich befand, „Ziebt es hier ganz in der Nähe einen wackern und handfeſten Burſchen, der mich nicht in der Verlegenheit laſſen wurde.“ „Das iſt gewiß der verfluchte Martin!“ rief la Le⸗ vraſſe. Als Robert meinen Namen ausſprechen hörte, erbebte er, ſchien einen Augenblick ſeine Erinnerungen zu ſammeln und ballte dann wuͤthend beide Fäuſte, waͤhrend Regina ſtumm und mit fortdauernd auf Robert geheftetem Blicke, — 134 — den durch meinen Namen veranlaßten Zwiſchenfall nicht zu bemerken ſchien. „Sei es Peter oder Paul, der dort bereit iſt, mir die Hand zu reichen,“ verſetzte Bamboche, „das iſt einerlei, aber ich befehle Euch Beiden, die Wuthausbruͤche des Herrn Grafen zuruͤckzuhalten. Ich will ruhig das ſprechen, was ich noch zu ſagen habe.“ Robert von Mareuil zuckte hier mit verdoppelter Wuth verächtlich die Achſeln und ſagte zu Bamboche „Sprecht. ſprecht ich unterbreche Euch nicht. und Sie, Regina, hoͤren Sie ihn auch, ich 1t⸗ Sie bei unſerer Liebe!“ Regina antwortete nicht, ihre Augen blieben unver⸗ wandt auf Robert geheftet, der dieſen Blick drohender Fe⸗ ſtigkeit nicht ertragen konnte. Die Phyſiognomie des jun⸗ gen Maͤdchens drüuckte jetzt nicht Schmerz, nicht Schrecken aus, ſondern einen mit Verachtung gemiſchten Unwillen, deſſen fuͤrchterlichen Ausbruch nur noch eine finſtre Neugier zuruͤckzuhalten ſchien. „Mit zwei Worten bin ich zu Ende,“ begann Bam⸗ boche wieder. „Der Herr Graf war im Schuldgefängniſſe . da ſagt er la Levraſſe, dieſem wuͤrdigen Wucherer, den Sie hier vor ſich ſehen: „Ich kann eine reiche Heirath ma⸗ chen, die mich in den Stand ſetzt, Sie zu bezahlen. Ge⸗ ben Sie mich wieder vorlaufig frei, und wenn ich die Mit⸗ gift nicht erwiſche, ſo konnen Sie mich ja wieder feſtſeßzen.“ — „Das iſt mir recht,“ ſagt la Levraſſe, „aber um Sie = 6 — noch beſſer anzuſpornen, ſo ſtellen Sie mir falſche Wechſel aus, wo Sie meine Handſchrift nachmachen, ſind Sie ver⸗ maͤhlt, ſo gebe ich Ihnen gegen baares Geld dieſe falſchen Wechſel zuruͤck.. . aber wenn Sie die reiche Erbin nicht zu angeln verſtehen .. ſo gehen Sie, bei meiner armen Seele, auf die Galeeren! Auf dieſe Art angeſpornt, muͤſ⸗ ſen Sie wohl die Vermaͤhlung zu etwiſchen ſuchen.“ .. Und ſo wurde ſie auch erwiſcht!“ „Fahren Sie fort,“ ſagte Regina mit unempfindlicher Ruhe. „Regina! . wenn Sie wuͤßten . . .“, rief Robert, nich Das junge Madchen unterbrach den Grafen mit einem Blicke voll niederſchmetternder Verachtung, und ſagte zu Bamboche: „Fahren Sie fort! ... Dieſe Lehre fuͤr mich . iſt furchtbar . . aber ich will ſie bis zu Ende hoͤren!“ „Bei dieſem Muthe, mein Fraͤulein, werden Sie dieſe auch darin finden... Die Sache mit dem falſchen Prieſter wurde zwiſchen dem Grafen und meinen beiden Mitgenoſ⸗ ſen verabredet, da es unmoͤglich war, einen aͤchten Prieſter zu finden. Da es jedoch, damit der Herr Graf in den Be⸗ ſitz Ihres Vermögens gelange, nothwendig war, daß nicht allein Sie, mein Fraͤulein, ſich fuͤr vermaͤhlt hielten, ſon⸗ dern daß Ihre Vermaͤhlung auch ganz nach der Ordnung geſchehe, wuͤrde Herr von Mareuil Sie, ſobald Sie mun⸗ dig geworden, noch eine zweite Civilehe haben ſchließen laf⸗ — 136 — ſen. Dieſe als nun wirklich und giltig, würde zum Vor⸗ wande gehabt haben, Ihre erſte Verheirathung durch den Prieſter zu legaliſiren, eine Verheirathung, die den Geſe⸗ tzen nach ohne Folgen. Sie ſehen, daß der Herr Graf in dem Ehecodex ſehr bewandert iſt.“ „Und ich, der ich ſo ganz unbefangen in die Falle ge⸗ gangen bin!“ murmelte la Levraſſe. „Du ſiehſt wohl, alte Canaille, . verzeihen Sie, mein Fraͤulein, das iſt ſo unter uns gebräuchlich, daß ich an dem Complotte Theil nehmen mußte, um es ſchei⸗ tern laſſen zu können. Wenn ich die Sache bis auf die⸗ ſen Punkt habe kommen laſſen, mein Fraͤulein, ſo geſchah es, um Ihnen dadurch meine Dankbarkeit auf meine Art zu beweiſen, daß ich Sie hinderte, einen entehrten Men⸗ ſchen zu heirathen .. der die Schande und das Ungluͤck Ihres Lebens gemacht haben wuͤrde.“ „Ich danke Ihnen, mein Herr! Ihr Benehmen iſt in dieſem Falle das eines Mannes von Herz und Ehre“, ſagte Regina mit düſtrer Ruhe, und fuhr fort, ihre Blicke feſt und unverſöhnlich wie die eines Richters auf Robert von Mareuil zu richten, ohne ein Wort mit ihm zu ſpre⸗ chen. Dieſes Schweigen, dem das Spiel der Geſichtszuge Regina's einen furchtbaren Ausdruck gab, war erſchrecken⸗ der als die bitterſten und heftigſten Vorwuͤrfe. Robert von Mareuil, vernichtet, zerknirſcht, ſchien durch dieſen Blick unbeugſamen Feſthaltens angezaubert zu — 137 — ſein. Endlich wollte er eine verzweiflungsvolle Anſtrengung verſuchen und rief: „MNun denn, ja! Regina! ich war ſtrafbar, war ein Verbrecher. . aber wenn Sie wuͤßten, bis zu welchen Ver⸗ irrungen eine ſinnloſe Liebe hinreißen kann! wenn Sie wuͤßten, wie meine Leidenſchaft fuͤr Sie . . „Basquine!“ rief Bamboche, Robert unterbrechend, „komm, mein Madchen, und bringe uns den leidenſchaft⸗ lichen Brief, den Dir noch vorgeſtern der Herr Graf ſchrie Bei dem Namen Basquine wurde Robert bleich. Er war ſo ergriffen, daß er ſich, um nicht zu fallen, an die Wand anhalten mußte. „Sie haben keine Idee, mein Fraͤulein,“ fuhr Bam⸗ boche zu Regina gewendet, fort, „von der Lebendigkeit der Zuneigung des Herrn Grafen fuͤr dieſes arme Maͤdchen. Sie begann an dem Tage, wo der wuͤrdige Herr Graf Ih⸗ nen im Muſeo begegnete . an dem Abende ſah er Bas⸗ quinen in den Funambulen ſpielen .. . und wahrhaftig, er wurde bezaubert. was ihn aber doch nicht hinderte, an ſeine Vermählung mit Ihnen zu denken, mein Fraulein, im Gegentheil, denn wenn er reich geworden, wuͤrde er die glänzenden Verſprechungen haben halten koönnen, die er Basquinen gemacht . komm doch, mein Kind!“ Eine Seitenthure öffnete ſich, Basquine erſchien, im⸗ mer noch in ihren Mantel gehuͤllt, deſſen halbaufgeſchlag⸗ — 138 — ner Capuchon ein damals von wahrer teufliſcher Freude ſtrahlendes Geſicht zeigte. Ihre Augen leuchteten von einem duͤſtern Feuer und ein eiſiges Lächeln zog ihre hoͤhni⸗ ſchen Lippen zuſammen. In der Hand hielt ſie mehre of⸗ fene Briefe. Venntes Kapitel. Die Flucht. Bei Basquinens Anblick rief Robert, völlig vernichtet, mit der Wuth eines Verruͤckten: „Iſt denn hier die Hoͤlle?!“ Basquine ging langſam zu Fraͤulein von Noirlieu, und hielt ihr die Briefe des Grafen hin. Ruhig, wie im⸗ mer, nahm ſie Regina, durchflog ſie mit aufmerkſamem Blicke, und gab ſie Basquine zuruͤck, mit feſter Stimme ſprechend: „Ich danke Ihnen, Mademoiſelle.. es iſt gut.“ „Auch mich hat Dankbarkeit fuͤr Sie, mein Fräulein, veranlaßt,“ ſagte Basquine, „dieſen Menſchen zu ent⸗ larven.“ „Dankbarkeit?“ „Ja, mein Fraͤulein, und auch der Wunſch, ein Un⸗ recht wieder gut zu machen, ein großes Unrecht gegen Sie.“ „Gegen mich?“ „Vor mehren Jahren im Walde von Chantilly... — 140 — „Das waren Sie?“ ſagte Regina lebhaft, „Sie?“ „Ja, mein Fraulein, ich. er,“ wobei ich auf Bam⸗ boche zeigte, „und ein andrer Knabe. Aber die Freundlich⸗ keit vergeſſend, mit der wir von Ihnen aufgenommen wur⸗ den, wagten wir es... „Sie waren ſo hart zuruͤckgewieſen worden, daß Ihr Zorn begreiflich war; aber ich werde ſtets mich daran erin⸗ nern,“ fuhr Regina fort, indem ſie nun uͤber Robert hin⸗ weg die Augen mit Ekel und Widerwillen wendete, „daß Sie mir heut einen großen Dienſt erzeigt haben. Sie haben mich vor der Schande bewahrt.“ Herr von Mareuil warf, aufs Aeußerſte getrieben, und unter den Zeugniſſen ſeiner Schändlichkeit erdruckt, jetzt plotzlich die Maske ab, und rief mit einem furchtbaren Ausbruche von Wuth und Bosheit, ſich an Regina wendend: „Nun denn, ja! ich habe Sie betrogen, ja, ich habe Sie vertathen, ja, ich habe Sie dieſem hoͤlliſchen Geſchoͤpfe aufgeopfert, aber wenn ich entehrt bin, ſo ſollen Sie es auch ſein. .. man ſoll erfahren, daß ich Sie entfuͤhrt habe .. Ihr Vater wird ſich weigern, Sie wieder aufzunehmen, Ihre Schande wird oͤffentlich werden, man wird glauben, Sie ſeien meine Maitreſſe geworden, und ich werde ge⸗ raͤcht ſein .. ſtolzes und hochmuͤthiges Weib, das Sie ſind. Ja, man wird ſagen, wie die Mutter . ſo auch die Tochter. ..“ Bei dieſer Beleidigung, die das am Leben verletzte, — 141 — was Regina das Theuerſte in der Welt war, das Andenken ihrer Mutter, erhob ſich das junge Mädchen blitzesſchnell, und ſchlug Robert mit den Worten ins Geſicht: „Niedertraͤchtiger!“ „Brav! edles Maͤdchen!“ rief Basquine entzuͤckt. Ohne Bamboche, der ſich Robert entgegen warf, als dieſer leichenblaß und wuͤthend auf Regina losſtuͤrzte, waͤre dieſe in der größten Gefahr geweſen, aber feſt von Bam⸗ boche's kräftiger Hand gehalten, konnte jener aller Anſtren⸗ gungen ohnerachtet ſich nur in Verwuͤnſchungen und Dro⸗ hungen ohnmachtiger Wuth ergießen. „O! .. Du wirſt entehrt ſein. fuͤr immer „ murrte er, von Bamboche gezugelt, der mit kaltbluͤtigem Spotte zu ihm ſagte: „Gehen Sie doch, mein lieber Graf, nicht ſo haͤßliche Täuſchungen unſere Maaßregeln ſind vortrefflich genom⸗ men, das Fraͤulein wird unter dem Schutze eines ſicheren und ergebenen Fuͤhrers zu ihrem Vater zuruͤckkehren. . Niemand wird ihre kurze Abweſenheit bemerkt haben. ich und Basquine werden ganz natuͤrlich das Geheimniß bewah⸗ ren. Dieſe zwei Schurken, unſte wuͤrdigen Freunde, wer⸗ den auch ſtumm bleiben uͤber den Vorfall.. und das aus Gruͤnden. Was Sie betrifft, mein Hert, wenn Sie Zeit genug zu ſprechen haben, vor Ihrer Flucht oder Verhaf⸗ tung, ſo mögen Sie Schlimmes von dem Fraͤulein ſagen, ſo viel Sie nur wollen, man wird Ihnen nicht glauben.“ „Die Flucht nehmen, er!“ rief la Levraſſe wuͤthend: — 142 — „ich muß mich durchaus an Jemand rächen, und das wird er ſein er muß auf die Galeeren.. und. 3 Mehre heftige Schläge außerhalb an die Fenſterladen des Zimmers, worin dieſer Auftritt vorfiel, inerbrachen la Levraſſe, und in demſelben Augenblicke hörte man von einer ſtarken Stimme folgende Worte: „Im Namen des Geſetzes .. aufgemacht!“ Bei dieſen furchtbaren Worten blieben alle gegenwärti⸗ gen Perſonen verſtört, erſchreckt. „Alle Wetter!“ rief Bamboche, „auf dieſe Artigkeit der Polizei war ich nicht gefaßt.. ſie iſt gar zu gutig.“ Dann zu Regina eilend, ſagte er zu ihr: „Fuͤrchten Sie nichts, mein Fraͤnlein, vertrauen Sie mir!“ Dieſe Bewegung benutzend, bemaͤchtigte ſich Robert von Mareuil, ohne daß es Bamboche bemerkte, der Piſtolen, die dieſer auf eine Ecke des Altars gelegt hatte. „Im Namen des Geſetzes, aufgemacht!“ verlangten dieſelben Stimmen von außen. Bamboche war bei Regina ſtehen geblieben. Ploͤtzlich warf er mit einem Fauſtſchlage die beiden Leuchter mit ih⸗ ren Kerzen zu Boden. Die Stube verſank in tiefe Nacht. Ich ſah nichts mehr. Da ich die Gelegenheiten des Hauſes kannte, ſo eilte ich aus meinem bisherigen Verſteck, öffnete die, eine Viertel⸗ ſtunde vorher auf Bamboche's Befehl verſchloßne Thuͤr, und ſtͤrzte in das Gemach, wo die Trauung ſtattgefunden hatte, — 143 — und, vor Schrecken außer ſich, la Levraſſe, der Kruͤppel und Robert von Mareuil ſich umhergriffen. Um zu wiſſen, wo Bamboche ſei, und mich ihm zu nähern, ſtieß ich einen Schrei aus, deſſen wir uns in un⸗ ſerer Kindheit oft als Signal bedient hatten. Als ich jetzt bemerkte, daß ich vor einer offnen Thuͤr vorbei kam, (ich ward es an der friſchen Luft gewahr, die mir plötzlich ins Geſicht wehte) blieb ich einen Augenblick lang unbeweglich ſtehen, und vernahm nach der Richtung eines Corridors hin, der auf dieſe Thur ſtieß, Bamboche's Stimme, welcher auf meinen Ruf antwortete. Von dieſer Stimme geleitet und dem Corridor folgend, kam ich in den Garten am Hauſe. Die Nacht war ſo finſter, daß man nicht zwei Schritte weit ſah. „Biſt Du's?“ fragte ſchnell Bamboche. „Ja.“ „Wo iſt der Fiaker?“ „Im Gaͤßchen. . er wartet . . an der kleinen Thuͤre.“ „Mein Fraulein,“ ſagte Bamboche zu Regina, „noch iſt nichts verloren, folgen Sie dem Fuͤhrer, den ich Ihnen gebe, und er wird Sie nach Hauſe bringen. Geſchwind, geſchwind! Sie haben keinen Augenblick zu verlieren. Ich hatte Alles vorausgeſehen .. . nur nicht das Einſchreiten der Polizei. .. Fort, Basquine! Nach unſrer Richtung hin, ich ſehe dort Licht.“ Ich hörte Bamboche und Basquine ſich eiligſt entfer⸗ — 144 — nen, waͤhrend Regina, an meinen Arm ſich klammernd, mit erſtickter und vor Furcht zitternder Stimme zu mir ſagte: „O, retten Sie mich, mein Herr! retten Sie mich vor der Schande.“ „Folgen Sie mir, mein Fraͤulein,“ erwiderte ich. Und ſo zog ich ſie fort, meinen Arm kräftig um ſie ſchlingend, denn ich fuͤhlte, wie ſie der Ohnmacht nahe ſei. Sie mußte mit mir zu laufen ſich entſchließen. Die Allee, der wir folgten, fuͤhrte uns zu einer kleinen Thuͤr. Dort wartete ein Fiaker, der Kutſcher auf ſeinem Sitze, die Peitſche in der Hand, der Wagenſchlag offen .. ich hatte den braven Mann gewaͤhlt, der mich vor Hunger Sterben⸗ den aufgenommen hatte. So trug ich denn, ſo zu ſagen, Regina in den Wagen, und ſagte dem Kutſcher: „Im Galopp, Straße Faubourg du Roule. ich werde Ihnen ſagen, wo Sie halten ſollen .. ich ſteige hinten auf den Wagen, um Ihnen freiere Hand fuͤr Ihre Pferde zu laſſen.“ Der Kutſcher brauchte ſeine Peitſche. Ich wollte hinten auf den Wagen ſpringen, als ich mich gewaltſam zuruͤckgehalten fuhlte, und beim Scheine der Laternen des ſich entfernenden Fiakers, einen Augenblick lang die todtenbleichen Zuge Roberts von Mareuil er⸗ kannte. Beim Anblicke des ſchon entfernten Wagens ſchrie er: „Haltet auf! haltet auf!“ — — Ich wehrte dem Grafen das Schreien, indem ich ihm die Hand auf den Mund legte, da ich furchtete, die Polizei⸗ offizianten möchten ihn hoͤren, von denen eine Schaar in das Haus gedrungen war. Durch meine Leibesſtärke, die der meines Herrn weit uͤberlegen, behielt ich, trotz ſeiner verzweifeltſten Anſtrengun⸗ gen, in dieſem Kampfe die Oberhand. Ob er mich gleich furchtbar in ſeiner Wuth in die Hand biß, gelang es mir doch, ſeine Stimme zu erſticken, bis der Wagen um eine Ecke verſchwunden war. Ich rechnete auf meine Gewandtheit, ihn wieder zu erreichen, und hoffte, daß Regina im ſchlimmſten Falle, die Geiſtesgegenwart beſitzen werde, den Kutſcher einige Schritte vor dem Hotel Noirlieu halten zu laſſen, um durch die kleine Thuͤr, aus welcher ſie entflohen, und die durch unſte Vorſorge offen geblieben war, wieder hineinzukommen. Als ich meinen Kampf mit Robert enden wollte, hielt mich dieſer nunmehr aus allen Kraͤften feſt, und rief: „Ahl ... Du warſt es alſo .. treuer Diener!... Dieſes Mal ſollſt Du mir nicht entkommen.“ „Ja, ich war es,“ ſagte ich, und ſuchte mich von ihm loszumachen: „Sie wollten eine Niedertraͤchtigkeit begehen, ich habe es verhindert.“ „Alſo.. . Du warſt es, der mich verrieth... Du warſt der Mitgenoſſe von Bamboche und Basquine .. und Martin. VII. 10 6 — 146 — Du haſt mich zu Grunde gerichtet! Treuer Martin!“ murrte er zwiſchen ſeinen vor Wuth zuſammengebiſſenen Zähnen. Dann wendete er eine faſt unglaubliche Kraft an, und es gelang ihm, ſeine Hand zwiſchen meinen Hals und Binde zu bringen, ſich dieſer zu bemächtigen, und ſie ſo zuſammenzudrehen, daß ich erſtickte: meine Krafte verließen mich. „Du begreifſt wohl, treuer Diener,“ rief er mit einem wilden Hohngelaͤchter, indem er fortfuhr, mich faſt zu er⸗ wuͤrgen, „Du begreifſt wohl, daß ein Graf von Mareuil kein Futter fuͤr die Galeere iſt.. .. Ich werde mich toͤdten aber vorher mußt Du ſterben.“ Dieſer gewaltige, verzweiflungsvolle Kampf ging in tiefſter Finſterniß vor ſich, aber bei einer Bewegung, die ich den Grafen mit der rechten Hand machen fuͤhlte, um zu ſeiner Taſche zu gelangen, waͤhrend er mit der linken meine Halsbinde immer ſtarker umdrehte, erinnerte ich mich der Piſtolen von Bamboche, deren der Graf ſich in dem Augenblicke, wo die Polizei erſchien, bemaͤchtigt hatte. Ploͤtzlich fuͤhlte ich die Kälte eines Piſtolenlaufs an meinen Schläfen. Eine letzte Anſtrengung von mir leitete den Schuß ſeitwärts, konnte ihn aber nicht zuruͤckhalten. Eine blen⸗ dende Flamme verſengte mir die Augen. Es war mir, als ob ein gluͤhendes Eiſen durch meinen Hals fahre, waͤhrend eine blitzahnliche Erſchuͤtterung mich zu Boden warf. — — 147 — Im Augenblicke, wo mein Kopf auf den Boden auf⸗ ſchlug, hörte ich einen zweiten Schuß.. und verlor mein Bewußtſein. Die Begebenheiten, welche der falſchen Vermaͤhlung des Grafen mit dem Fraͤulein von Noirlien vorausgegangen waren, kann man leicht errathen. Es war Robert von Mareuil gelungen, mit Regina in Briefwechſel zu kommen, und durch luͤgenhaftes Eindringen und verſtellte Leidenſchaft hatte er es dahin gebracht, ſie zu dem unbeſonnenen Schritte zu verleiten, den Bamboche ſo gluͤcklich hintertrieb. Obgleich von Regina nicht gekannt noch geſehen, war ich doch der einzige Vermittler dieſes Briefwechſels zwiſchen ihr und meinem Herrn, fuͤr den mein Eifer nicht zu ermuͤ⸗ den ſchien. Es lag, wie ich wohl weiß, und mir oft vor⸗ werfe, eine Art von Verrath in meinem Benehmen gegen Robert von Mareuil, aber mein Zweck war lobenswerth, denn es handelte ſich darum, die ſchaͤndlichen Plane dieſes Menſchen zu hintertreiben und ihn zu entlarven. Der Weg dazu war freilich krumm und treulos. Dennoch zögerte ich, im Angeſichte der Gefahr, welche Fraͤulein von Noirlieu lief, keinen Augenblick, bei dem Verſuche ſie durch das ein⸗ zige Mittel zu retten, das in meiner Macht ſtand, und wenn ich Robert von Mareuil genöthigt hätte, einen an⸗ dern Mittelsmann als mich zu wählen, konnten Ruf und Ehre Regina's durch Indiscretionen, deren ich unfaͤhig war, im höchſten Grade compromittirt werden. Uebrigens 10* — — erſparte mir Bamboche, der Mittel gefunden hatte, in Ro⸗ berts Vertrauen durch la Levraſſe ſehr feſt zu ſtehen, die empoͤrende Veranſtaltung der vorgeblichen Vermaͤhlung. Der Gedanke dazu gehoͤrte dem Grafen, die Ausfuͤhrung Bamboche. Späͤter erfuhr ich die Urſache des Bruchs zwiſchen Balthaſar und Robert. Letztrer hatte ſeit der Vorſtellung in den Funambulen, ſo ploͤtzlich eine ſo tiefe Leidenſchaft fuͤr Basquinen gefaßt, daß er dem Dichter, ohne ſich zu verſtellen zu ſuchen, fagte: „Ich habe jetzt einen Grund mehr, dieſe Regina und ihre Millionen zu heirathen: ich will der Geliebte dieſer Basquine werden. Ich werde ſie zu der modiſchſten Frau in Paris machen, und ſollte es mich Haufen Goldes koſten.“ Balthaſar, den bisher Freundſchaft verblendet hatte, uber die Bedenken hinwegzukommen, welche die gierige Speculation des Grafen ihm erweckte, ward durch dieſen Zug von Schlechtigkeit empört, und brach nach dringenden und vergeblichen Verſuchen, ihn zu beſſern Gedanken zu⸗ ruͤckzufuͤhren, fuͤr immer mit Robert, indem er ihm die yäßliche Schwaͤrze ſeines Betragens vorſtellte. Doch vergaß Balthaſar das Verſprechen nicht, das er mir in Bezug auf Basquine gegeben hatte. Am Tage darauf, nachdem das arme Maͤdchen in Folge eines grauſa⸗ men Scherzes des Vicomte Scipio in den Funambulen ſo abſcheulich behandelt worden war, las man in einem der einflußreichſten Journale von Paris, einen langen, von — 149 — einem beruͤhmten und Balthaſar innig befreundeten Kritiker geſchriebenen und unterzeichneten Aufſatz. In dieſem wurde mit offnem Unwillen die Art von Fallſtrick, deſſen Opfer Basquine auf jenem Theater geworden war, erzaͤhlt, und dann zur Wuͤrdigung des Talents dieſes bis dahin noch ungekannten jungen Maͤdchens uͤbergehend, ſprach der Kritiker mit einer ſo warmen, uͤberzeugenden und uͤberzeugten Be⸗ wunderung von ihr, ſtuͤtzte ſeinen Enthuſiasmus auf eine ſo zarte, verſtaͤndige und gruͤndliche Entwickelung von Spiel, Geſang und ſeltner dramatiſcher Kraft Basquinens, die er von dieſem Tage an fuͤr die groͤßte lyriſche Tragoͤdin unſret Zeit erklaͤrte, daß dieſer Artikel allgemeine Aufmerk⸗ ſamkeit und Neugier erregte, und die Menge, aber eine hoͤchſt ausgeſuchte Menge, nach den Funambulen wanderte. Der durch dieſen unerwarteten Erfolg ganz geblendete Director, eilte nun mit flehenden Haͤnden zu der Figurantin, die nicht wieder gewagt hatte aufzutreten, und beſchwor ſie, ihre Rolle des böſen Genius wieder zu uͤbernehmen. Als Basquine wieder erſchien, gab es einen allgemeinen Enthu⸗ ſiasmus, eine wahre Huldigung. Denn, was nicht eben haufig, Basquinens unbeſtreitbares Talent rechtfertigte die faſt hyperboliſchen Lobreden, welche Balthaſars Freund ver⸗ öffentlicht hatte. So wie die öffentliche Aufmerkſamkeit nur einmal fuͤr dieſes neue dramatiſche Wunder geweckt war, machte die Preſſe das Echo des Lobes, das man der neuen Darſtellerin widmete. Endlich gab Balthaſar, ſeinem — — Verſprechen treu, in dem Journale ſeines kritiſchen Freun⸗ des eine Epiſtel an Basquine heraus. Sonderbar! dieſe Epiſtel, ein wahres Meiſterſtuͤck, von Kraft und Geiſt ſtrahlend, voll erhabnen Enthuſiasmus und angefullt von der ruͤhrendſten Melancholie und edelſten Erregung, als der Dichter den ſchmerzlichen, unabläſſigen Kampf eines armen, ungekannten, ſchutzloſen ſechszehnjaͤh⸗ rigen Maͤdchens ſchilderte, das die zahlloſen Hinderniſſe zu uberwinden hatte, womit die Zugange ſelbſt zu dem unbedeu⸗ tendſten Theater beſäet ſind, dieſe Epiſtel, bald hinreißend wie ein Roman, bald zärtlich wie eine Elegie, anderswo bitter und einſchneidend wie eine Satyre, weiterhin toll, bizarr und keck wie ein fantaſtiſcher Traum, dieſe Epiſtel, edelmuthig wie eine gute That, wurde auch fuͤr Balthaſer das Signal zu einem unſäglichen Erfolge. Sein bis dahin nur von einigen Freunden gekanntes Talent wurde oͤffentlich durch dieſe Epiſtel hervorgehoben, ſein Name ertönte von allen Zungen, und ſeine bis dahin nicht beachteten oder viel⸗ mehr ganz unbekannten Werke fingen an geſucht und ſo gewuͤrdigt zu werden, wie ſie es verdienten. Wenige Tage nach dem Erſcheinen dieſer Epiſtel erhielt ich von Balthaſar folgendes fröhliche Billet: „Ruhm und Ehre Dir! mein braver Martin, die Freundin Deiner Kindheit iſt gehoben, mein Name hat einen Teufelslärmen gemacht, und die Buchhaͤndler pruͤgeln ſich vor meiner Thur, ich aber laſſe ſie nicht vor mir er⸗ ſcheinen, als auf vier Fuͤßen gehend und in den Zaͤhnen eine — 151 — Borſe mit goldnen Zechinen haltend, denn Zechinen will ich, weil das teufliſch venetianiſch. „Das iſt meine Rache. ſie iſt einfach und wuͤrdig im Ernſt, mein braver Martin, alles Das waͤre vielleicht nicht geſchehen, wenn Du mich nicht beſchworen hätteſt, der unvergleichlichen Basquine Gerechtigkeit widerfahren zu laſſen. .. und ihr ſelbſt zu huldigen. Noch einmal, Ruhm und Dank Dir, mein wackrer Martin, Du haſt vollendet, was mein unbekannter Beſchuͤtzer Juſt angefangen hatte, der Edle, dem ich nun die Penſion erlaſſen kann, die er mir ſo großmuͤthig zukommen ließ. Ein Andrer, der eben ſo ungluͤcklich als ich es war, mag an meiner Stelle ſie benutzen. „Ich ende durch einen Rebus, das Deinem natürlichen und achtbaren Verſtande angemeſſen iſt: „Eine gute That traͤgt ſtets ihren Lohn in ſich. „Dein Exherr und ſtets wohlaffectionirter Balthaſar.“ Der glaͤnzende Triumph Basquinens war neue Nah⸗ rung fuͤr Roberts von Mareuil tolle Leidenſchaft. Dieſe Leidenſchaft war unſern Plaͤnen und dem unverſoͤhnlichen Haſſe, den Basquine der Race der Scipionen, wie ſie es nannte, geſchworen hatte, zu foͤrderlich, als daß unſte Gefaͤhrtin dieſe unſinnige Liebe, welche ſie einflößte, nicht hätte zu ermuthigen ſcheinen ſollen. Sie wiegte den Grafen in den gluͤhendſten Hoffnungen, und Beide wechſelten leiden⸗ ſchaftliche Briefe, die, wenn ſie Fraͤulein von Noirlien — 162 — mitgetheilt wuͤrden, zu einer furchtbaren Vofe gegen Ro⸗ bert werden mußten. Dieſer Menſch rächte ſich uͤbrigens — an mir, denn nicht nur waͤre ich faſt an der Wunde geſtorben, die ich erhalten, indem die Kugel mir durch die Halsmuskeln gegangen war, ſondern ich waͤre auch beinahe durch den Schuß in dieſer Nähe blind geworden. Mehr als ein Jahr lang war ich gänzlich des Augenlichts beraubt. In Folge dieſes Kampfes mit Robert fanden mich die Polizeioffizianten, die Bamboche, der ihnen entflohen, hat⸗ ten feſtnehmen wollen, einige Schritte vom Grafen von Mareuil, der ſich durch den Kopf geſchoſſen hatte, in mei⸗ nem Blute liegen. Man brachte mich ins Hotel Dieu. Als ich wieder auf einem Bette dieſes Hospitals zu mir kam, waren mir die Augen verbunden. Bei einer Bewegung, die ich machte, um die Binde zu entfernen, ſagte ein Krankenwaͤrter, der mich ohnſtreitig beſorgte, zu mir: „Suchen Sie die Binde nicht wegzunehmen, lieber junger Mann, Sie wuͤrden deßhalb nicht beſſer ſehen.“ „Es iſt alſo Nacht?. wo bin ich denn?“ „Sie ſind im Hotel Dieu, und es iſt heller Tag.“ „Und warum ſollte ich denn da nicht beſſer ſehen?“ „Weil Sie blind geworden ſind.“ Bei dieſen furchtbaren Worten riß ich die Binde ab. Trotz der heftigſten Schmerzen öffnete ich die Augen.. und ſah nichts. als wuͤſtes Dunkel. „ — — 153 — Bei dieſem graͤßlichen Schlage war mein erſter Gedanke Regina. So war ich denn fuͤr immer außer Stande, ihr zu dienen, uͤber ſie zu wachen, denn was vorgegangen, bewies mir, daß, ſo untergeordnet und unbekannt auch meine Ergebenheit ſei, ich ihr doch nuͤtzlich werden koͤnne. Ich fragte auch bei mir ſelbſt voll Sorge, was wohl aus Basquine und Bamboche geworden ſein möchte; ge⸗ heime Ahnungen ſagten mir, daß die Polizei ihm und dem Kruͤppel nachtrachte, ich bedachte endlich voll Angſt, daß zwei Bewerber um Regina's Hand noch vorhanden, und dieſes junge Madchen nun, nachdem es von Robert von Mareuil befreit, ihre Wahl fur den Fuͤrſten von Montbar beſtimmen koͤnnte, dieſen, dem Anſcheine nach, ſo wundervoll begabten und verfuͤhreriſchen Menſchen, deſſen glaͤnzendes Aeußre eine tiefe Herabwuͤrdigung verbarg. Ungluͤcklicherweiſe ſollten meine Blindheit, meine grau⸗ ſamen Schmerzen und die Abweſenheit oder Flucht Bam⸗ boche's mich in Betreff Regina's in langer und peinlicher Ungewißheit laſſen. Doch beſtimmte ein ſonderbares Ereigniß meine Zweifel. Seit einem Jahre befand ich mich im Hotel Dieu; meine Halswunde war vernarbt, aber der Zuſtand meiner Augen beſſerte ſich nicht. Ich gehoͤrte zu der Abtheilung, welche dem Doctor Clement, einem der erſten Chirurgen des Hotel Dieu, anvertraut war. Dieſer Mann, von europäi⸗ ſchem Rufe und einer gewaltigen Originalitaͤt, hatte ſich, . . — 154 — wie er mir ſpaͤter ſelbſt ſagte, gleich anfangs fuͤr mich in⸗ tereſſirt, wegen der muthigen Reſignation, mit welcher ich furchtbare Schmerzen ertrug, und der einfachen, wurdigen und zuruͤckhaltenden Art und Weiſe, mit der ich mehre Befragungen des Inſtruktionsrichters uͤber das tragiſche Ereigniß, deſſen Opfer ich geworden war, ertragen hatte. Meine Sprechweiſe und die Art, wie ich dem Doctor Cle⸗ ment fur ſeine Muͤhen dankte, vermehrte noch ſein Wohl⸗ wollen fuͤr mich. Seit einiger Zeit hatte der Doctor mich einer neuen Behandlungsart unterworfen, von der er vielen Erfolg hoffte. Der Tag erſchien, wo man eine gewiſſe Vorrich⸗ tung, die meine Augen bedeckte, wegnehmen ſollte. Der Doctor lud zu dieſer ohnſtreitig intereſſanten Operation einen ſeiner Collegen ein. Er erzählte ihm das Hiſtoriſche meiner Krankheit während der Vorbereitungen, mit der ſich ohnſtreitig die Gehilfen beſchäftigten. „Und ſeit wie lange befindet er ſich in dieſem Zuſtande?“ fragte der College des Doctor Clement. „Seit einem Jahre,“ antwortete dieſer, und ſetzte dann leiſer zu ſeinem Freunde hinzu: „Ach Du mein Gott, ſehen Sie, der arme Burſche iſt gerade am Abende vor dem Tage hier aufgenommen worden, wo ich Sie bat, mit mir zur Conſultation zum Fräulein von Noirlieu zu gehen, denn ich geſtehe es, ich konnte und kann noch nicht mit mir einig werden, über die ſonderbaren Nervenzufälle, die ſich ſo ploͤtzlich bei ihr gezeigt hatten.“ — = 3 — „Ich glaube,“ verſetzte der Freund des Doctors, „daß wir uns nicht taͤuſchen, wenn wir dieſe ſonderbaren Symptome irgend einer heftigen und plötzlichen Aufregung zuſchreiben, obgleich unſre liebe Kranke hartnaͤckig laͤugnete, von irgend etwas ergriffen worden zu ſein. Apropos, wie geht es ihr?“ „Wenig beſſer als vor ihrer Verheirathung,“ erwiderte der Doctor Clement, „auch behandle ich ſie ſehr ſorgfaͤltig es iſt eine ſo ſeltne Frau!.. . Welch ein Herz! welch Gemuͤth! Wie rein, wie ſchoͤn, wie erhaben!“ „Uebrigens kann man unmöglich ein beſſer zuſammen⸗ paſſendes Paar ſehen,“ begann der College des Doctors darauf, „der Fuͤrſt von Montbar iſt einer der liebenswuͤr⸗ digſten und ausgezeichnetſten Menſchen die man findet.“ „Moͤglich,“ erwiderte abbrechend Doctor Clement. Alsdann ſetzte er jedoch hinzu, indem er ohnſtreitig einen ſeiner Gehilfen bemerkte, der etwas zur Wegnahme des Verbandes Nöthiges geholt hatte: „Ahl.. da iſt das, worauf ich wartete jetzt alſo zur Wegnahme.“ Es wuͤrde eben ſo nutzlos als unmoͤglich ſein, die Empfindungen zu beſchreiben, denen ich waͤhrend dieſer Operation, die mir vielleicht das Augenlicht zuruͤckgeben ſollte, zur Beute in dem Augenblicke ward, wo ich Regina's Vermaͤhlung mit dem Fürſten von Montbar erfuhr, eine Verbindung, die ich aus ſo vielen Gruͤnden gefurchtet hatte. — 156 — Ich erhielt mein Augenlicht wieder. Nach langen und ſorgfaͤltigen Vorkehrungen, um das Licht nicht zu plötzlich auf mich einwirken zu laſſen, ward es mir endlich moͤglich, die Zuͤge meines Retters zu ſchauen. Behntes Rapitel. Doctor Clement. Als ich vollig geheilt, trat ich als Kammerdiener und Secretair in die Dienſte des Doctor Clement. Er hatte mir in Folge einer langen Unterredung dieſe Stelle angetra⸗ gen, worin ich ihm treulich die hauptſaͤchlichſten Ereigniſſe meines Lebens (das was Regina betraf ausgenommen) mit⸗ getheilt und geſagt hatte, daß, indem ich das Hotel Dieu verließe, ich mich durchaus von allen Hilfsmitteln entbloͤßt befaͤnde. Indem ich das großmuͤthige Anerbieten des Doctors annahm, ohne auch nur ein Mittel zu verſuchen, dieſer neuen Dienſtleiſtung zu entfliehn, gehorchte ich dem alten Gedanken, der mich ſchon in Balthaſars oder vielmehr in Roberts von Mareuil Dienſte gebracht hatte, naͤmlich dem, den Lebensverhaͤltniſſen Regina's nicht fremd zu werden. Denn der Zufall hatte mich von der mit Beſorgniß gemiſch⸗ ten Theilnahme unterrichtet, welche der Doctor Clement ihr — 158 — widmete. Dadurch, ſelbſt daß die Vermählung, welche ich fur Fraͤule in von Noirlieu ſo ſehr gefuͤrchtet hatte, vollzogen worden war, legte mir mein ungekanntes Werk der Erge⸗ benheit, weit entfernt zu Ende zu ſein, vielmehr neue Pflich⸗ ten auf. Aus dieſer Verbindung mit dem Fuͤrſten von Montbar konnte fuͤr Regina neues Ungluͤck entſpringen. Soll ich auch noch einen Traum bekennen, der da⸗ mals faſt ſinnlos zu ſein ſchien? Ich dachte oft, daß ich, da durch meine Stellung bei dem Doctor ich einigen Zutritt in dem Hauſe des Fuͤrſten von Montbar erhalten, eines Tages in deſſen Dienſt treten koͤnnte, und dann .. . mit welcher Wachſamkeit, welcher gluͤhenden Sorglichkeit wurde ich nicht meine Gebieterin umgeben haben! Der Doctor Clement war ein Mann von ungefähr 60 Jahren, mittlern Wuchſes. Er hatte einen ungeheuer großen Kopf und ein Wald krauſer Haare bedeckte ſeine breite, oft durch ein löwenartiges Zuſammenziehen der Mus⸗ keln gefurchte Stirn. Das Ganze ſeines duͤſtern, braunen Geſichts war unanmuthig, von einem harten, faſt wilden Ausdrucke, und doch beſaßen ſeine ſanften, lichtblauen, ob⸗ gleich halb mit dichten Brauen bedeckten Augen die ſanfteſte und ruͤhrendſte Sprache. Von roher, ſteifer Haltung, trug der Doctor, ſtets mit ſchmutziger Nachlaͤſſigkeit gekleidet, un⸗ ausgeſetzt hohe, herzfoͤrmig ausgeſchnittene Stiefeln über Pantalons von grauem Tuche. Hierzu einen langen, blauen Ueberrock, ein ſchwarzes Gilet und eine weiße, wie einen Strick um den Hals gewundene Binde. So beſuchte er die angeſehenſten Perſonen, und ſelbſt die Höchſtgeſtellten nahmen die Eigenthuͤmlichkeiten dieſes Mannes nachſi chtig auf, denn ſeine Kenntniſſe und ſeine praktiſchen Erfolge als Arzt und Chirurg waren außerordentlich. Ich werde nie den erſten Tag, den ich bei ihm zu⸗ brachte, vergeſſen. Er nahm mich vom Hotel Dieu in ſei⸗ nem Fiaker, deſſen er ſich unausgeſetzt bei ſeinen Beſuchen bediente, mit nach Hauſe. Ich hatte mich ehrerbietig neben den Kutſcher ſetzen wollen, er hielt mich aber zuruͤck und ſagte mit ſeiner derben, rauhen Stimme zu mir: „Wo willſt Du hin?“ „Mich neben den Kutſcher ſetzen.“ „Iſt denn kein Platz neben mir dat?“ „Verzeihen Sie, Herr Doctor, aber der Reſpect. ich 6 zuckte die Achſeln, ſtieg zuerſt ein und gab mir ein Zeichen, mich neben ihn zu ſetzen. Als der Fiaker fortfuhr, ſagte er zu mir: „Du haſt gelitten ... Du haſt gekämpft .. Du biſt aufrichtig . es iſt Menſchliches in Dir.. 3c liebe das, Du wirſt Dich nach meinen Gemihritn fuͤgen und Dein Schickſal waͤhrend der 3 bis 4 Monate, die wir zu⸗ ſammen zubringen werden, nicht bereuen, 83 nachher. wenn, und ich mit Dir zufrieden geweſen .. „Wie? Herr Doctor!“ unterbrach ich 2 verwundert; — 160 — „in 3 bis 4 Monaten wollen Sie mich wieder fort⸗ ſchicken?“ „In drei bis vier Monaten hochſtens .. und vielleicht vielleicht viel früher .. .“ antwortete er mir, „werde ich todt ſein.“ „Sie, Herr Doctor?“ rief ich aus, „und warum denn?“ „Warum wirſt auch Du eines Tages ſterben?“ „Hm.. Herr Doctor ... weil wir Alle ſterblich ſind. Aber wie kann man vorausſehen?“ .. „Bei einer tüchtigen, unheilbaren Krankheit, Erfahrung und Blick, kennt man ſeine Sache bis auf die Nagelſpitze,“ antwortete er mir mit ſonderbarer Miene und ſetzte dann hinzu: „Jetzt Deine Geſchaͤfte: meine Kleider auskehren, wenn Du willſt, doch iſt mirs auch einerlei; die Liſte der Beſuche, die ich mache und erhalte, genau fuͤhren .. alle acht Tage die Rechnung daraus ziehen und mir vorle⸗ gen denn alle acht Tage laſſe ich mich bezahlen .. außer⸗ dem nuͤrde ich graͤßlich beſtohlen werden. ... Ja „ fuhr er mit bitterer Verachtung fort, „die reichen Leute haben ſtets Geld genug, um Buhlerinnen zu unterhalten, Pferde zu kaufen, Gelage anzuſtellen, Palläſte zu meubliren, aber nie einen Sou fuͤr den Arzt, dem ſie doch die Geſundheit verdanken, die ihnen erlaubt, dieſe Buhlerinnen zu liebkoſen, dieſe Pferde zu reiten, dieſe Gelage mitzumachen und in ihren Palläſten von Stolz zu ſtroten. Ich verkaufe dieſen Leuten die Geſundheit, wie nur Andre Wein oder Tuch * verkaufen. Wer mir ſchuldig iſt, bezahlt mich. oder Ge⸗ richtsdiener vor!“ Dann ſah er mich mit ſeinen durchdringenden Blicken an und ſagte kurz: „Dieſe Gier nach Gewinn ſcheint Dir unedel zu ſein, nicht wahr?“ „Herr Doctor . . .“ „Sei aufrichtig,“ ſagte er nun mit faſt drohender Stimme. „Ich habe Dich mit mir genommen, weil ich Dich fuͤr wahrhaft halte .. . ich habe den fortgejagt, an deſſen Stelle Du kommſt, weil er mich belogen hatte . ein gewiſſes Zeichen: ſchlechte und gemeine Natur. Ich habe lange nach dem geſucht, was ich in Dir finden ſoll, eine rechtliche und erhabene Seele, obgleich in niedriger Stellung. Beweiſe mir, daß ich mich nicht betrogen habe und oft werde ich ganz laut vor Dir denken. . . . Laß hören, was ſagſt Du zu meiner Habgier? He?“ „Nun denn, Herr Doctor,“ antwortete ich entſchloſ⸗ ſen, „ich hatte mir eine andre Idee von der Heilkunſt ge⸗ macht. Meiner Anſicht nach waͤre ſie .. .“ „Eine heilige Handlung .. nicht wahr? Das iſt das angenommene Wort!“ ſagte er, mich mit einem höhniſchen Gelaͤchter unterbrechend, und fuhr dann fort: „Meinetwe⸗ gen denn, eine heilige Handlung; aber lebt denn der Prie⸗ ſter nicht auch vom Altare?“ Bei dirſen Worten hielt unſer Fiaker vor der Fagade eines prachtvollen Hotels. Ohnſtreitig erwartete man un⸗ Martin. VI. 11 — 162 — geduldig meinen Herrn, denn kaum erſchien er, als ein auf der Lauer ſtehender Bedienter ausrief, indem er den Wa⸗ genſchlag öffnete: „Ach, Herr Doctor! Der Hert Marquis ſoll ſich in einem verzweiflungsvollen Zuſtande befinden, und es ſei kein Augenblick zu verlieren. . . . Es iſt ſchon ein Wagen fort, um Sie aus dem Hotel Dieu zu holen . ein anderer iſt an Ihr Haus gefahren.. ſo ſehr furchtete man, Sie moch⸗ ten vergeſſen haben .. „Schon gut, ſchon gut,“ ſagte rauh der Doctor. „Sind meine Gehilfen da?“ „Die Herren ſind ſchon ſeit einer halben Stunde ht. „Warte auf mich,“ ſagte mein Herr zu mir, „es iſt hier ein gewaltiger Fiſchzug zu machen; aber ich werde Un⸗ glück haben .. dieſer alte Marquis iſt der Koͤnig aller Geiz⸗ haͤlſe und Lumpe.“ Damit trat Doctor Clement ins Hotel. Während der Abweſenheit meines Herrn uberlegte ich mir die tadelnswerthe Habgier, deren er ſich ruͤhmte. Sein Begehren, von den Reichen, deren Arzt er war, honorirt zu werden, ſchien mir in der Ordnung, aber dieſer gerechte Anſpruch haͤtte mit weniger Herbheit verfolgt werden koͤn⸗ nen; auch empfand ich ein trauriges Vorgefuͤhl, wenn ich an die Vorausſagung des Doctors in Bezug auf ſeinen Tod dachte, der ihm nach, ſo nahe ſein ſollte, und den er — ohnſtreitig in Folge der Art von zweitem Geſicht, das die Wiſſenſchaft oft verleiht, vorausſah. Dieſe Loskettung vom Leben, welches der Doctor, wie er ſagte, zur beſtimmten Zeit verlaſſen muͤſſe, ſchien mir ungewöhnlich. Nun kamen mir die ſonderbaren Geruchte ins Gedächtniß zuruͤck, welche in den Sälen des Hotel Dieu uͤber dieſen beruͤhmten Arzt umliefen. Man nannte ſein haͤusliches Leben wahrhaft myſteriös und hielt es fuͤr hochſt eigenthuͤmlich. Millionen beſitzend, denn ſeine Clien⸗ tel war eben ſo enorm, wie die Habgier, die er vorgab, lebte er, wie man ſagte, mit dem hochſten Geize. Seit langer Zeit Witwer, ſollte ſein einziget Sohn, der mit großem Lobe aus der polptechniſchen Schule abgegangen und jetzt Ingenieur war, dieſes unermeßliche Vermoͤgen allein erben, denn ſeit vielleicht 20 Jahren erwarb ſich Doctor Clement mehr als 100,000 Francs jaͤhrlich, und er konnte, wie man verſicherte, hoͤchſtens 10,000 verthun. Endlich circulirten auch die unglaublichſten, um nicht zu ſagen, die laͤcherlichſten Geſchichtchen in Bezug auf das Haus, das er bewohnte, und welches in einer der einſam⸗ ſten Straßen des Marais lag. Niemand durfte hinein. Er gab ſeine Conſultationen in einem Simmer des Nach⸗ barhauſes. Das unumwundene Bekenntniß des Doctors ließ mir keinen Zweifel wegen deſſen Gier nach Gewinn uͤbrig, eine um ſo unbegreiflichere Habgier, als er gewaltig reich war und wußte, daß ſeine Tage gezaͤhlt ſeien. Deſſenohn⸗ 11* — 164 — erachtet ſchien mir die großmuͤthige Theilnahme, die er mir bewies und vorzuͤglich die faſt vaͤterliche Vorſorge, welche Regina ihm eingefloͤßt, ſich ſchwer mit ſeinem Zurſchautra⸗ gen einer unerſaͤttlichen Habſucht zu vereinen. Geizige und Habſuͤchtige haben vertrocknete Herzen; nun konnte aber ein Mann, der faͤhig und wuͤrdig war, die Fuͤrſtin von Montbar anzuerkennen, keine egoiſtiſche oder niedrige Seele beſitzen. Die Ruͤckkehr des Doctors dieſe Betrach⸗ tungen. Er ſprang in den Fiaker, ſeine Augen funkelten von Freude und er rief aus (ich gebe ſeine Worte in ihrer ganzen derben Energie wieder): „Er iſt gerettet . . . aber er hat bezahlt, der alte Schuft.“ Dann zog er aus der Taſche ſeiner Pantalons ein Paͤcktchen Bankbillets und ſagte zu mir, indem er ſie mir mit triumphirender Miene zeigte: „Zwanzigtauſend Francs!“ „Zwanzigtauſend!“ wiederholte ich ſtaunend. „In ſieben Minuten gewonnen .. . Die Operation hat nicht länger gedauert.“ „Zwanzigtauſend Francs,“ wiederholte ich, „das iſt ja ungeheuer.“ „Ungeheuer?“ ſagte er und zuckte die Achſeln mit ver⸗ aͤchtlicher Miene, „ungeheuer? .. Ein alter Geizhals, der mehr als 2 Millionen Einkuͤnfte hat und kaum zweihundert tauſend verthut? Ohne die Operation, die ich an ihm ge⸗ macht habe, mußte er crepiren wie ein Hund. Was haͤtten ihm denn dann ſeine 2 Millionen Renten geholfen? Aber welche treffliche Scene fuͤr ein Luſtſpiel!“ ſetzte mein Herr hinzu und rieb ſich froͤhlich die Haͤnde. „Ich komme an. Der Marquis war auf ſeinem Schmerzenslager. Ein zu⸗ ruͤckgetretener Bruch . tödtlicher Fall, wie irgend einer. Als er mich erblickte, rief er aus: „Ach! mein beſter Doctor, ſtehen Sie mir bei .. meine Hoffnung beruht auf Ihnen. .. Ich weiß, daß dies den Tod herbeifuhren kann, aber Sie ſind ein rettender Engel .. . ja, ein Gott ſind Sie!“.. „Ich unterſuchte ihn nun und antwortete: „Wenn die Operation nicht geſchieht und geſchickt geſchieht, ſind Sie todt, ehe eine Viertelſtunde vergeht.“ „Mein bewunderungswuͤrdiger Doctor, ich werde Ih⸗ nen mein Leben verdanken.“ „Moͤglich! Aber vorher frage ich, wer bezahlt hier?“ „Ich, Doctor .. und königlich, das wiſſen Sie wohl, aber ſprechen wir nicht davon. Nur geſchwind, ge⸗ ſchwind!“ „Im Gegentheil, ſprechen wir davon. Ich kenne Sie uͤbrigens, es konnte zwei bis drei Jahre dauern, ehe ich Ihnen einen Sou erpreßte und noch dazu muͤßte ich ihn von Ihnen herausklagen. Alſo geben Sie mir 20,000 Francs auf der Stelle, oder .. . gute Nacht.“ Bei dieſen unbarmherzigen Worten konnte ich eine Bewegung des Schauderns nicht zuruͤckhalten. Der Doc⸗ ror ſchien es aber nicht zu bemerken und fuhr fort: — 106 — „Jeſus, mein Heiland!“ rief der Marquis, „20,000 Francs . ſo auf der Stelle . . ſo mit einem Male ſo ganz plötzlich! Aber das iſt doch ein furchterlicher Falſtrick und die Stunde vergeht indeß! O mein Gott, mein Gott, Doctor! Die Zeit vergeht!“ „Das glaube ich wohl, daß ſie vergeht, ſchon ſind zwei Minuten vorbei,“ ſagte ich. „Da aber die Zeit vergeht,“ rief der Marquis mit jam⸗ mernder Stimme . . „ſo operiren Sie mich, Doctor!“ „Da aber de Zeit vergeht .. ſo bezahlen Sie mich, Marquis!“ „Endlich ſiegte die Furcht zu ſterben uͤber den Geiz. Er hat einem Verwandten den Schluͤſſel gegeben und iſt ihm mit beſtuͤrzten Augen gefolgt, als er die 20,000 Francs ihn mir einhaͤndigen ſah.“ „Das war noch nicht Alles. Mitten in der ſtärkſten Operation rief der Marquis aus: „Tauſend Francs Ren⸗ ten! Oh!“ Und nachdem nun Doctor Clement nochmals mit freundlichen Augen ſeine 20,000 betrachtet hatte, ſetzte er hinzu: „Ich bereue nur Eins dabei, deß ich nicht 100,000 Francs gefordert habe, wie von einem gewiſſen Mylord, dem Herzoge von Caſtleby, einem wuͤthenden Wuͤſtlinge. Dieſer Marquis haͤtte ſie auch gegeben .. Aber ich fange „Serupel zu bekommen ... und alles Unedle, das, wie Du ſagſt, in dieſer Habgier nach Gewinn liegt, einzuſehen.“ — 167 — In dieſem Augenblicke hielt unſer Wagen in Gott weiß welcher duͤſtern und unheimlichen Gaſſe der Vorſtadt Marceau. Wir ſtiegen in die oberſte Etage eines verfalle⸗ nen Hauſes. Mein Herr oͤffnete die Thuͤr einer Dachſtube. Das Bild furchtbaren Elendes bot ſich unſern Augen dar. Es befanden ſich darin der Mann, die Frau und drei Kin⸗ der, alle abgemagert, erſchoͤpft und halb nackend. Die Frau von ausgezeichneter Schoͤnheit, ſaͤugte ihr Neugebornes. Der Mann, kaum mit Lumpen bedeckt, colorirte jene Schaͤchtelchen, mit ungeſchickten Zeichnungen bekleidet, in welchen die Gewuͤrzkraͤmer ihre Delicateſſen verkaufen. Der Eintritt des dieſen Unglucklichen gaͤnzlich unbe⸗ kannten Doctor Clement, verurſachte ihnen eine unruhige Ueberraſchung. Sie ſahen uns ſchweigend, faſt furcht⸗ ſam an. „Sie heißen Auguſt Levaſſeur?“ fragte mein Herr und heftete auf den Ungluͤcklichen einen forſchenden Blick, indem er ihn mit durchdringender Aufmerkſamkeit betrachtete, als wolle er ſeine innerſten Gedanken leſen. „Ja, mein Herr,“ antwortete der junge Mann verle⸗ gen, deſſen durch das Elend abgemagertes und mit einem ungekaͤmmten Barte bedecktes Geſicht einen merkwuͤrdi⸗ gen Ausdruck von Verſtand, Sanftmuth und Offenheit zeigte. „Sie ſind Doctor der Medizin in Montpellier gewor⸗ den,“ fuhr mein Herr fort. „Ja, mein Herr,“ antwortete ſchuͤchtern der junge — m — Mann, indem er mit ſeiner Frau einen Blick ſteigender Verwundrung wechſelte. „Ihr Examen hat zu den ausgezeichnetſten gehoͤrt; Ihre Auffuͤhrung war ſtets trefflich,“ verſetzte Doctor Cle⸗ ment. „Sie haben koͤſtliche anatomiſche Arbeiten geliefert . Sie ſind ein eben ſo guter Chirurg, als Arzt ... und doch ſind Sie, von Nebenbuhlern erſtickt und kein Brot in Montpellier findend, wie Sie aus Liebe dieſe edle und rei⸗ zende Frau hier geheirathet haben, nach Paris gekommen, und hofften, hier ein beſſeres Loos zu finden.“ „Aber, mein Herr,“ ſagte der junge Arzt mit Stau⸗ nen, „wer hat Ihnen das Alles ſagen koͤnnen?“ „In Paris,“ fuhr mein Herr fort, „war es wie in Marſeille. Aller Protektion beraubt, haben Sie nirgends eine Stuͤtze, nirgends Entgegenkommen bei Ihren Collegen gefunden, die um zu leben genoͤthigt ſind, die Kranken ſich mit Gewalt ſtreitig zu machen, da hier, wie uͤberall, die Großen die Kleinen freſſen. Da Sie eine Familie zu er⸗ naͤhren hatten, mußten Sie ſich bis zu den elendeſten Mit⸗ teln herablaſſen, um einige Clienten zu gewinnen. Sie waren dahin gebracht, den Portiers zu ſchmeicheln, um von ihnen den Miethleuten empfohlen zu werden, oder der Obſt⸗ händlerin an der Ecke eine Belohnung zu verſprechen, um — daß dieſe Sie den Maͤgden vorſchlage, die des Morgens die Milch ihr abkauften. .. . Ich kenne dies und noch viele andre Niedrigkeiten, welche die Fruͤchte einer unerbittlichen Concurrenz find. Und Sie, Sie, ein Mann von Gemuͤth, — 169 — Kenntniß und Einſicht, haben ſich dem unterworfen, weil Sie Ihren Kindern, Ihrer Frau .. . einem Engel, das weiß ich, an Muth und Entſagung, Brot verſchaffen mußten.“ Bei dieſen Worten konnte der junge Mann ſeiner Ruͤhrung nicht Herr werden, ſtreckte die Hand ſeiner Frau, die ſich ihm genaͤhert hatte, entgegen und Beide zerfloſſen in Thränen. Mein Herr fuhr ebenfalls ſehr geruͤhrt fort: „Und trotz aller dieſer verſchluckten Demuͤthigungen konnten Sie keine Kundſchaft bekommen .. Sie waren arm, furchtſam, beſcheiden, und was noch ſchlimmer, ſchlecht logirt in einer Miethwohnung, floͤßten Sie kein Vertrauen ein. .. Endlich war Ihr Elend ſo hoch geſtiegen, daß Sie Ihre Kleider verkaufen mußten, um Brot zu haben .. . dann, als Sie kein Mittel mehr beſaßen, ſich irgendwo ſe⸗ hen zu laſſen, fluͤchteten Sie ſich in dieſes Dachſtubchen, wo Sie und die Ihren vor Hunger geſtorben waͤren, wenn Sie nicht einige Hilfe durch Ihr Talent, als Coloriſt, ge⸗ funden hätten. So verdienen Sie denn ohngefaͤhr taͤglich 15 Sous durch achtzehnſtuͤndige Arbeit, und doch muͤſſen Sie und Ihre Familie davon leben!!“ „Mein Herr,“ rief der junge Mann mit dem Aus⸗ drucke ſchmerzlicher Wuͤrde, „ich habe mich nie beklagt und ich weiß nicht, wie Sie, den zu kennen ich nicht die Ehre habe, dieſes traurige Demil unſrer Exiſtenz erfah⸗ — 170 — ren konnten ich weiß nicht, in welcher Abſicht Sie hier⸗ her kommen, mein Herr ich kenne ſelbſt Ihren Namen nicht und ... „Meinen Namen?“ ſagte der Doctor Clement, ſeinen jungen Collegen unterbrechend, „ich nenne mich ich nenne mich . . . Herr Juſt.“ Eilftes Rapitel. Doctor Clement. (Fortſetzung.) Dieſer Name Juſt erinnerte mich an den geheimniß⸗ vollen Beſchuͤtzer, von dem Bamboche, Basquine und Bal⸗ thaſar mir erzahlt hatten. Kein Zweifel mehr! der Doctor Clement verbarg ſeine Wohlthaten unter dieſem Namen. „Jetzt,“ begann er wieder, „laſſen Sie uns von Ge⸗ ſchaͤften ſprechen, denn ich habe Eile .. Sie können nicht in Paris bleiben. .. Sie beſitzen weder die Intrigue, noch die Gewandtheit, die noͤthig ſind, um hier fortzukommen. Sie wuͤrden hier erdruͤckt werden. Paris wimmelt von gu⸗ ten und trefflichen Aerzten, während drei Viertheile des franzoöſiſchen Bodens durch Eſel oder Empiriker behandelt werder. Wollen Sie hier 10,000 Francs baar, eine Stelle mit jaͤhrlich 1500 Francs und ein huͤbſches Haus in einem großen Flecken Berry's, dem Flecken Montbar, annehmen?“ Bei dieſem unerwarteten Anerbieten ſahen der junge Mann und ſeine Frau ſich mit zweifelndem Staunen an. Ohnſtreitig erſchien ihnen dieſe Zukunft allzureizend. — 172 — „Mein Gott! . . . mein Herr, entſchuldigen Sie mich,“ ſagte der junge Mann mit ſtockender Stimme; „aber ... dieſes Anerbieten ſcheint uns ſo außerordentlich, daß wir nicht wagen, daran zu glauben; und doch ſagt uns Alles, daß Sie im Ernſte ſprechen.“ „Einen Augenblick noch!“ rief mein Herr. „Hier ſind die Bedingungen. Fuͤr dieſe 1500 Francs jahrlich und das huͤbſche Haus werden Sie Arzt des Fuͤrſten und der Fuͤrſtin von Montbar, waͤhrend der Zeit, wo dieſe auf ih⸗ rem an den Flecken ſtoßenden Schloſſe in Berry ſich auf⸗ halten. Uebrigens koͤnnen Sie auch noch auf eine große Kundſchaft ſicher rechnen, denn 6 bis 7 Stunden in der Runde giebt es dort nur einen Sanitätsbeamten, der dumm iſt wie ein Thier, und fur ſich ſelbſt mehr Landleute um⸗ bringt, als die Cholera. Aber,“ ſetzte der Doctor Clement mit Bitterkeit hinzu, „ein Sanitätsbeamter iſt gerade gut genug, um Landleute zu herathen, wenn ſie ihn bezahlen können, das Geſetz autoriſirt dieſes Halbwiſſen. Das iſt ganz einfach; ſchwarzes Brot fuͤr die Armen, weißes fuͤr die Reichen. So werden Sie alſo Geſundheit und Leben in einem Umkreiſe von 6 bis 7 Stunden, der bisher Empi⸗ rikern uͤberlaſſen war, verbreiten, und da Sie ſehr gut, ſehr menſchlich und ſehr aufgeklaͤrt ſind, ſo werden Sie dieſen Landleuten unermeßliche Dienſte leiſten. Was dieſe 10,000 Francs betrifft,“ und dabei legte der Doctor Clement 50 Bankbillets auf den Tiſch des jungen Arztes, „ſo werden Sie die Zinſen davon in unentgeltlichen Beſuchen bei ar⸗ — 173 — men Leuten und durch Ankauf von fur dieſe allzutheuern Arzneien abzahlen. Das iſt eine Unterbringung, die man mir aufgetragen hat. Hier iſt auch noch ein Brief an den Intendanten des Schloſſes Montbar. Das Haus, das Sie bewohnen werden, gehoͤrt dazu. Alles iſt im Verhof⸗ fen Ihrer Einwilligung mit der Prinzeſſin im Voraus ab⸗ gemacht. Wenn Sie es annehmen, ſo können Sie dahin reiſen, ſobald Sie wollen.“ „Ob ich es annehme, mein Herr!“ rief der junge Mann und faltete berauſcht die Hände. „Aber iſt auch das Alles nicht ein Traum? . . Unſte theuerſten Wuͤnſche ſind jetzt erfuͤllt. Nur mit Widerwillen hatten wir uns entſchloſſen, nach Paris zu ziehen ... denn ...“ „Denn wir lieben das Landleben außerordentlich,“ fiel der Doctor ein; „Sie und Ihr Engel von Frau, Ihr ſeid leidenſchaftliche Botaniker, Beweis davon iſt das ſchoͤne Her⸗ barium, das Ihr in Montpellier geſammelt hattet, und von dem Ihr Euch mit ſo großem Kummer trenntet.“ „Aber, mein Herr,“ ſagte der junge Arzt und ſah ſeine Frau mit neuem Staunen an, „woher wiſſen Sie denn nur dies Alles?“ Auf einmal ſah ich meinen Herrn auf furchtbare Art erbleichen, ob er gleich kraͤftig gegen den Schmerz zu käm⸗ fen ſchien. Seine Geſichtszuͤge veraͤnderten ſich gänzlich, er legte ſchnell die Hand an's Herz, als habe er einen ſte⸗ chenden Schmerz gefuͤhlt. Nun ſchien er ſich gewaltſam aufzuraffen und ſagte mit unterbrochener Stimme: — 174 — „Sie nehmen es an .. ſo iſt's abgemacht . . . es wird eine Perſon morgen mit Ihnen meinerſeits Alles vollends in Ordnung bringen.“ Darauf ſchritt Doetor Clement der Thuͤr zu. „Mein Herr!“ rief der junge Arzt, „ich nehme dieſe unbegreiflichen Wohlthaten nicht an, ohne zu wiſſen .. „Sehen Sie denn nicht, daß die Auftegung mich tod⸗ tet? Laſſen Sie mich!“ rief mein Herr mit ſo gebiete⸗ riſchem Tone, daß der junge Arzt ſtumm und unbeweglich blieb, waͤhrend der Doctor Clement ſchnell das Dachſtuͤbchen verließ. Mein Herr war genoͤhtigt, ſich auf mich zu ſtutzen, um die Treppe hinabzuſteigen und mehre Male ſtehen zu bleiben, wobei er die Hand ſtark an's Herz druckte, als wolle er deſſen Erregung beſaͤnftigen. Sein Athemholen war unterbrochen und ſchwer, man hätte ſagen koönnen, es drohe ihm eine furchtbare Erſtickung. „Mein Gott! lieber Herr!“ rief ich aͤngſtlich, „was iſt Ihnen?“ Ohne mich anzuſehen, ergriff er mich am Arme und wies mich ſanft zuruͤck. Ich glaubte die Bedeutung davon zu verſtehen und wartete ſchweigend das Ende der Kriſis ab, der mein Herr unterlag. Jetzt ahnte ich wohl, daß ich Zeuge eines Anfalls jener unheilbaren Krankheit ſei, an welcher zu ſterben der Doc⸗ tor, wie er mir ſagte, gewiß war. Nach und nach wurde ihm jedoch das Athemholen — 175 — weniger ſchwer, ſeine Blaͤſſe minderte ſich, er ſchien mir weniger zu leiden. Jetzt konnte ich meine Bewunderung nicht länger zuruͤckhalten, wenn ich an die großmuͤthige Handlung, deren Zeuge ich geweſen war, und an ſo viele andre dachte, welche der Zufall mir enthuͤllt hatte. „Oh, mein Herr!“ rief ich aus, „jetzt begreife ich's, warum Sie die Reichen ſo unbarmherzig zahlen laſſen!“ Doctor Clement gab mir, ohne zu antworten, ein Zei⸗ chen, zu ſchweigen. Er ſtuͤtzte den Kopf an eine Seite des Wagens, ſchloß die Augen und blieb regungslos, wie Je⸗ mand, der ſich gebrochen, vernichtet fuͤhlt. Schweigend beobachtete ich nun dieſes Geſicht von ſo maͤchtigem, ſo kraͤftigem Ausdrucke, dieſe breite, von ſo vie⸗ len Jahren des Studiums und Nachdenkens gefurchte Stirn, dieſen Mund mit ſo feſten und ſtrengen Umriſſen. Ich weiß nicht, ob das, was ich eben von dem bewunderns⸗ wuͤrdigen Edelmuthe meines Herrn erfahren hatte, auf mein Urtheil einwirkte, aber mir erſchien nun ſeine Phyſiognomie ernſt und heiter wie die der Weiſen des Alterthums. Mein Herz ſchlug heftig, als unſer Wagen vor dem Hotel Montbar hielt. „Soll ich Sie begleiten, Herr Doctor?“ fragte ich dieſen. „Nein . bleibe da! ...“ antwortete er. Und ſo ſchloß ſich die Hauptthuͤre des Hotels hinter ihm. Von lebhafter Neugier getrieben, verließ ich, waͤh⸗ rend ich auf ihn wartete, den Wagen und unterſuchte das Aeußere von Regina's Wohnung. Es war eins jener alten, in den ariſtokratiſchen Vierteln ſo haͤufigen Hotels. Der Hof mußte außerordentlich groß ſein, denn von Gebäuden ward ich nichts gewahr, als große gebrochene und faſt ge⸗ rade aufſteigende Daͤcher, uͤber welche gewaltige Feuereſſen von behauenen Steinen herausragten, welche Waffentrophäen darſtellten. Links zog ſich die lange Mauer eines Gartens hin. Dieſe Mauer, welche mit einer Nachbargaſſe einen rechten Winkel bildete, verlaͤngerte ſich nach anderwaͤrts. An ihrem Ende bemerkte ich eine kleine Thuͤr, durch welche man ohnſtreitig heimlich aus dem Hotel gelangen konnte. Hier fielen mir nun die Vorfaͤlle der ſonderbaren Herabwuͤr⸗ digung ein, deren Zeuge ich bei meinem zweimaligen Zuſammentreffen mit dem Fuͤrſten von Montbar geweſen, das erſte Mal in der Schaͤnke zu den drei Tonnen, und das zweite Mal an der Thuͤr einer Kneipe der äußern Vor⸗ ſtaͤdte. Vielleicht war es dieſe Thur,“ ſagte ich bei mir ſelbſt, „durch welche der Furſt, in elende Lumpen verklei⸗ det, ſeine reiche Erbwohnung verließ, um ſich den unſelig⸗ ſten Epceſſen preiszugeben. Nachdem ich die Thuͤr ſorgfaͤl⸗ tig unterſucht hatte, um zu erſpuͤren, ob ſie noch vor Kur⸗ zem geoffnet worden, begab ich mich wieder zu dem Wagen, wohin auch nicht lange nachher mein Herr kam. „Nach Hauſe!“ rief er dem Kutſcher verdrießlich zu. Dann richtete er, ohnſtreitig in peinliche Betrachtun⸗ gen verſenkt, kein Wort an mich, bis wir bei ihm ange⸗ langt. Während dieſer Fahrt ſah ich ihn zwei bis drei — — Mal die Augen zum Himmel heben und krampfhaft mit den Achſeln zucken, als nehme er Gott zum Zeugen eines großen Unrechts. Dieſe ſchmerzliche Trauer, welche mein Herr bei ſei⸗ nem Fortgehen aus dem Hotel Montbar zu empfinden ſchien, erregte meine Unruhe und Neugier. Hatte der Doctor irgend eine unangenehme Entdeckung gemacht? Drohte Regina irgend ein Ungluͤck? Der Fiaker hielt vor dem Hauſe des Doctors, in der Tiefe des Margis, in einer ſo einſamen Straße, daß Grus zwiſchen den Steinen wuchs. Beim wiederholten Schellen einer Klingel oͤffnete ſich eine Nebenthuͤr, wir traten Beide in dieſe ſtille Wohnung. „Suzon,“ ſagte er zu der alten Magd, die uns em⸗ pfing, „da iſt der brave Burſche, von dem ich Dir ſagte: unterrichte ihn, was er zu thun hat, und komme nicht eher in mein Cabinet, bis ich klingle.“ „Und Dein Fruͤhſtuͤck, Clement?“ fragte Suzon. „Ich werde klingeln,“ ſagte der Doctor und ver⸗ ſchwand durch einen Corridor, der an die Art von Vorzim⸗ mer ſtieß, worin wir uns befanden. Die alte Magd, welche ihren Herrn dutzte, gab mir ein Zeichen, ihr zu folgen. Wir gingen durch zwei Gemaͤ⸗ cher im Parterre, die auf einen unbeſtellten Garten ſahen, der mit einigen großen Baͤumen mit ſchwarzgewordener Rinde bepflanzt war. Der zertruͤmmerte Rand eines waſ— ſerloſen Baſſins und die Ueberreſte einer Marmorſtatue mit Martin. VII. 12 Moos bedeckt, lagen halb verborgen unter dem hohen Graſe, das mich an das traurige Gruͤn der Kirchhöfe erinnerte. Meiner Fuͤhrerin folgend, trat ich in eine große Stube, deren Fenſter auf die Straße ging. „Hier iſt Ihre Wohnung,“ ſagte Suzon zu mir, „dieſe Klingel hier iſt die des Herrn... die andre dort des Herrn Juſt, des Sohnes unſers Herrn.“ „Der Herr Doctor hat einen Sohn, der Juſt heißt?“ fragte ich erregt. „Verſteht ſich. und ich habe ihn erzogen,“ erwi⸗ derte die Alte nicht ohne einen gewiſſen Stolz. Ich begriff jetzt, daß mit einer ruͤhrenden Zartheit der Doctor Clement ſeine zahlreichen und verſtändigen Wohl⸗ thaten unter dem Namen ſeines Sohnes ſpendete. Suzon fuhr fort: „Wenn Herr Juſt in Paris iſt, ſo beſorgen Sie waͤh⸗ rend ſeines Aufenthalts ſeinen und des Herrn Dienſt. Ge⸗ woͤhnlich werden Sie mir helfen, das Haus zu ordnen und zu reinigen.. dann gehen Sie in das Conſultationszimmer des Herrn, hier nebenan, melden ihm die Beſuche und hal⸗ ten die Liſte. Um 6 Uhr trinkt man Kaffee, zu Mittag fruͤhſtuͤkt man und um 6 Uhr Abends dinirt man mit dem Herrn.“ „Mit dem Herrn Doctor?“ rief ich aus, „an ſeinem Tiſche?“ „Verſteht ſich, wenn er nicht unerwartete Beſuche be⸗ 4 tömmt. Jetzt iſt's 11 Uhr, zu Mittag werde ich an die⸗ — 179 — ſen Verſchlag klopfen, dann iſt's Fruͤhſtuͤcksſtunde, was aber dies betrifft, ſo fruͤhſtuckt der Herr allein.“ Und ohne mir Zeit zur Antwort zu laſſen, verſchwand Suzon. Ueber dieſe ſonderbare und patriarchaliſche Gewohnheit meines neuen Herrn ſehr verwundert, der ſeine Diener⸗ ſchaft mit an ſeinem Tiſche ſpeiſen ließ, warf ich einen neu⸗ gierigen Blick auf meine Wohnung. Nichts Traurigeres und ſo zu ſagen Kloſterlicheres als der Anblick dieſes ſchweig⸗ ſamen Hauſes. Aber ich hatte das ſchreckliche Elend in der Nähe geſehen, oder vielmehr ich war in ſo furchtbar anti⸗ pathiſchen Lagen mit meinem Charakter geweſen, daß, in⸗ dem ich an alles Großmuͤthige und Ehrwuͤrdige dachte, was ich in jedem Augenblicke an meinem neuen Herrn entdeckte, ich mit einem Gefuͤhle von Gluͤck und unausſprechlicher Beruhigung Beſitz von meiner Stube nahm. Ein gutes Bett, einige Stuͤhle, ein großer Schrank, eine Kommode und ein Schreibepult waren meine Meub⸗ len, allerdings Alles ſehr einfach, aber auch ſehr reinlich. Als ich einen Kaſten des Schreibpultes aufzog, um mein koſtbares Portefeuille hineinzulegen, das mich niemals ver⸗ laſſen hatte, fand ich in der Tiefe deſſelben einige zerknillte und halbzerriſſene Papiere, die ohnſtreitig mein Vorgänger dort gelaſſen hatte. Als ich ſie wegnahm, um ſie in den Kamin zu werfen, verweilte mein Blick unwillkuͤrlich auf einem derſelben, worauf ein Riß gezeichnet war. Meine Aufmerkſamkeit und Nengier wurden aber erregt, als ich „ 12* — 180 — auf dem Riſſe den Namen der Straße und die Nummer des Hauſes las, wo mein Herr wohnte. Nach kurzer Un⸗ terſuchung erkannte ich leicht, indem ich mich an die Ein⸗ theilung der Gemaͤcher erinnerte, durch welche ich gekom⸗ men war, daß es ein Riß von unſerer Wohnung ſei, meine Verwunderung aber ſtieg, als ich eine rothe Linie darauf bemerkte, die von dem Fenſter der Stube, die ich bewohnte, ausgehend, mehre Gemaͤcher durchſchnitt und in einem großen Saale des erſten Stockes endete, der auf dem Riſſe mit einem grobgezeichneten Todtenkopfe bemerkt war. Was bedeutete dieſe Linie, dieſe Art von Reiſeroute durch das Haus? Ich konnte mir nicht Rechenſchaft daruͤber ab⸗ legen. Da jedoch meine Neugier durch dieſe Entdeckung aufgeregt worden war, ſo unterſuchte ich aufmerkſamer die zerriſſenen oder zerknillten Papiere, die ich vorher wegge⸗ worfen, fand aber nichts als Namensaufzeichnungen der Beſuche, die der Doctor Clement gemacht hatte. Es war ohnſtreitig das Concept zu dem Regiſter, welches mein Herr von dem Diener, auf welchen ich folgte, hatte halten laſſen. Ich warf nun dieſe Ueberreſte unbedeutender Pa⸗ piere in's Feuer, behielt jedoch den Plan mit dem ſonder⸗ baren Striche, der in mir eine mit Beſorgniß vermiſchte Neugier weckte. Noch war ich damit beſchaͤftigt, ihn zu unterſuchen, als die alte Haushaͤlterin wieder eintrat. Ich zeigte ihr dieſes Papier. Sie beſah es, und ob ſie gleich, wie ſie ſagte, keinen Werth auf dieſe Entdeckung legte, ſo verſi⸗ — 181 — cherte ſie mir doch, ſie werde es dem Doctor mittheilen, und ſetzte dann hinzu: „Derr Herr hat nach ſeinem Fruͤhſtuͤcke geklingelt. Holen Sie es aus der Kuͤche und bringen Sie es ihm in ſein Kabinet. Folgen Sie mir, ich werde Sie fuͤhren.“ Dieſes Fruͤhſtuͤck beſtand unveränderlich aus einer Taſſe Milch und einem Stuͤck Brot. Der Doctor trank nie Wein. Sein außerordentlich mäßiges Diner beſchraͤnkte ſich auf eine Suppe und einige in Fleiſchbruͤhe gekochte Ge⸗ muͤſe. Er verlangte aber uͤbrigens nicht, daß ſeine Umge⸗ bungen ſich mit dieſer frugalen Koſt begnuͤgen ſollten, die er ſeit 20 Jahren ſowohl aus Geſchmack, als ſeiner Ge⸗ ſundheit wegen genoß. Suzon gab mir ein Plateau in die Hände, auf wel⸗ chem das frugale Fruͤhſtuͤck ſervirt war, und ging dann vor mir her. Indem ich jetzt unwillkuͤrlich an die Art von Wegweiſer auf dem in meinem Pulte gefundenen Riſſe dachte, bemerkte ich, daß ich gerade denſelben Weg ging⸗ und daß ich, wenn der Riß genau, nachdem ich die Treppe hinaufgeſtiegen, bald in dem Gemache ankommen muͤſſe, das mit dem grobgezeichneten Todtenkopfe bemerkt war. Ich taͤuſchte mich nicht. Suzon blieb vor einer Thuͤre ſte⸗ hen, die ſie mir mit den Worten zeigte: „Da iſt er! gehen Sie hinein.“ Der Doctor war mit Schreiben beſchäftigt. Er gab mir ein Zeichen mit der Hand, das Plateau auf einen klei⸗ nen Tiſch neben ſeinem Arbeits⸗Bureau zu ſtellen. Da er — 182 — mich nicht fortgehen hieß, ſo glaubte ich dableiben zu müſ⸗ ſen, um ihn zu bedienen. Waͤhrend ich auf ſeine Befehle wartete, unterſuchte ich neugierig den Ort, wo ich mich be⸗ fand. Es war ein weites, viereckiges, ſehr hohes Gemach, ohne Fenſter, da aber ein Theil des Plafonds, der rund wie eine Kuppel aufſtieg, mit Glasſcheiben verſehen, ſo be⸗ kam dieſer Saal ſein Licht von oben. Große Glasſchränke ſtanden an der einen Seite und enthielten eine vortreffliche anatomiſche Sammlung. Gegenuͤber ſtand ein Bibliothek⸗ ſchrank, nur aus mit der Zeit vergelbtem Tannenholze, deſ⸗ ſen Lokate von Buͤchern aller Groͤßen wimmelten. Unzähl⸗ bare Papierſchnitzel, welche uber die Blätter dieſer beſchmutz⸗ ten, zerlederten und durch haͤufigen Gebrauch abgenutzten Buͤcher herausragten, bezeugten die langjahrigen und unab⸗ laͤſſigen Studien des Doctor Clement. Dieſer ohnſtreitig nicht ausreichende Bibliothekſchrank hatte viele Bände außer⸗ halb liegen laſſen, und ſelbſt auf dem Boden erblickte man eine große Menge Folianten. Ein andrer Theil dieſes Saales war geologiſchen und mineralogiſchen Sammlungen gewidmet, auch ſah man dort mit der größten Sorgfalt klaſſificirte Herbarien. In einer Ecke bemerkte ich noch einen chemiſchen Ofen mit ſeinem noͤthigen Zubehoͤr von Retorten, Kolben und Phiolen auf Bretern geordnet. End⸗ lich zogen, dem ungeheuern Tiſche gegenuͤber, der mit Buͤ⸗ chern, Inſtrumenten aller Art, Papieren und Cartons uber⸗ laden war, und in deſſen Mitte Doctor Clement ſtets mit Schreiben beſchaͤftigt, wie eingeſargt ſaß, zwei Portraits meine Aufmerkſamkeit auf ſich. Das eine ſtellte eine junge bewundernswuͤrdig ſchöne Frau vor. Sie war im bloßen Haar und eine weiße Gaze bedeckte nur halb ihre Schultern und ihren Buſen. Das andere war das eines ſehr jungen Mannes mit männlichem und ſchoͤnen Geſichte, ſtolzem, aber ſanften Blicke. Er trug die Uniform eines Zöglings der polytechni⸗ ſchen Schule und ſeine Züge hatten einige Aehnlichkeit mit denen des Portraits der jungen Frau, das zuerſt meine Aufmerkſamkeit auf ſich gezogen hatte. Ohnſtreitig beobachtete mich der Doctor Element ſeit einigen Augenblicken im Stillen, denn er ſagte mit dem Ausdrucke ſtolzer Zufriedenheit zu mir: „Nicht wahr, der junge Mann hat ein allerliebſtes Geſicht?“ „O ja, Herr Doctor,“ antwortete ich, mich zu ihm wendend. „Es iſt mein Sohn,“ ſagte mir mein Herr, deſſen finſtre Phyſiognomie ploͤtzlich von der reinſten und gottlich⸗ ſten Vaterliebe ſtrahlte. „Es iſt mein innig geliebter Juſt, und ob er gleich jetzt einige Jahre aͤlter iſt, als wo er hier gemalt wurde, und obgleich die afrikaniſche Sonne ſeine Geſichtsfarbe gebraͤunt, und eine ehrenvolle Narbe ſeine Stirn gefurcht hat, wuͤrdeſt Du ihn doch ſogleich an dieſer Miene voll Sanftmuth, Offenheit und Energie wiederken⸗ nen, die er ſtets beibehalten hat.“ „Er iſt noch Militair, Herr Doctor?“ 5 — 184 — „Ingenieurhauptmann, und einer der ausgezeichnetſten ſeines Corps. Aber das iſt der geringſte ſeiner Vorzuge. Er waͤre beinahe ſchon in die Akademie der Wiſſenſchaften aufgenommen worden, wozu ihm nur Eine Stimme fehlte, aber bei der naͤchſten Wahl iſt ſein Einruͤcken gewiß, ohne die glaͤnzenden Vorſchlaͤge zu erwähnen, die man ihm ge⸗ macht hat, im Auslande metallurgiſche Etabliſſements zu begruͤnden. Man bot ihm 60,000 Francs jaͤhrlich und ſpäter einen großen Antheil am Gewinne. Dazu fuͤhrt das Wiſſen! Das iſt der wahre Reichthum! Aber glaube deshalb nicht, Martin,“ ſetzte mein Herr lebhafter werdend hinzu, „daß mein Sohn ein pedantiſcher Gelehrter in A plus B iſt; er iſt liebenswuͤrdig, geiſtreich und luſtig wie Keiner; er ſingt wie ein Engel, zeichnet entzuckend, und ich ſtehe Dir dafuͤr, daß die Uniform nie eine von Na⸗ tur elegantere Haltung herausgehoben hat. Dabei iſt er muthig wie ein Loͤwe und ſanft wie ein Kind. . . denn er beſitzt die Guͤte der Kraft, und dann ein Herz!“ ſagte der Greis mit Ruͤhrung, „ein Herz!“ und nach einem augen⸗ blicklichen Schweigen fuhr er fort: „ich kenne nur eins in der Welt, das mit ihm verglichen werden kann.“ „Das Ihre, Herr Doctor!“ „Nein! . . . das ſeinige hat zarte Fibern, welche das. meinige nicht beſitzt. . . denn was Zartheit und Schwäͤche betrifft, iſt es ein Frauenherz, das meines Juſt. Darum vergleiche ich es auch mit dem der edelſten Frau, die ich kenne.“ — 185 — Unwillkuͤrlich dachte ich an Regina, fuͤr welche der Doctor Clement die zärtlichſte Aufmerkſamkeit zu beſitzen ſchien. i Der Greis fuhr fort: „Uebrigens wirſt Du meinen Sohn bald ſehen und ihn lieben, weil Du jetzt mit zu meinem Hauſe gehoörſt, denn ich bin,“ ſetzte er ſanft laͤchelnd hinzu, „ein wenig patriarchaliſch in der Art, meine Diener anzuſehen. Su⸗ zon wird Dir geſagt haben, daß Ihr Beide mit mir zu Mittag ſpeiſet. Was nun Deine dienſtlichen Beſchäftigun⸗ gen anbelangt, ſo wird ſie Dir der Unterſchied der Jahre bei uns Beiden faſt natuͤrlich ſein laſſen, denn es giebt nichts Demuͤthigendes in den Dienſtleiſtungen eines jungen Man⸗ nes gegen einen Greis.“ „Das iſt wahr, Herr Doctor,“ ſagte ich, von ſo vie⸗ ler Guͤte durchdrungen, „und uͤbrigens hat mich der Mann, der mich aufnahm und erzog, durch ſein Beiſpiel gelehrt, daß es, wie er mir ſagte, keine Stellung im Leben giebt, ſo niedrig ſie auch ſein moͤge, in welcher der Menſch nicht wuͤrdig daſtehen koͤnne.“ „Das iſt ein geſundes und eines gebildeten Geiſtes wuͤrdiges Urtheil,“ erwiderte mein Herr, von den Worten geruͤhrt, die Claude Gerard mir ſo oft wiederholt hatte. „Alles, was Du mir von Leben, Charakter und Gewohn⸗ heiten dieſes Mannes erzaͤhlt haſt, geben mir eine hohe Idee von ihm und . Dann unterbrach er ſich ploͤtzlich, als ob ihm eine Er⸗ innerung einfiele, und begann darauf: „Aber jetzt fallt mir's bei, daß dieſer ſo großherzige Mann Dorfſchulmeiſter war, wie Du ſagteſt!“ „Ja, Herr Doctor, und nannte ſich Claude Gerard.“ „War er nicht Schullehrer in einem Dorfe bei Evreux?“ „Nein, Herr Doctor, die Gemeinde, in welcher er lehrte, lag im mittaͤgigen Frankreich.“ „Dann iſt er's nicht,“ verſetzte mein Herr. „Wie ſo, Herr Doctor?“ fragte ich. „In einem ſeiner letzten Briefe ſchreibt mir mein Sohn, der jetzt mit Vermeſſungsarbeiten ohnweit Evreux beſchaͤftigt iſt, daß, als er einige Tage in einem Dorfe jener Gegend gewohnt, er zufaͤllig einen armen Schullehrer dort gefunden habe, deſſen Namen er mir nicht nennt, deſſen Charakter und Geiſt ihn aber ſo lebhaft ergriffen hat, daß er mir ſchreibt: „Lieber Vater, dieſer Mann iſt einer der Unſern, und ... „Das iſt Claude Gerard!“ rief ich aus, „davon uͤber⸗ zeugen mich dieſe Worte Ihres Herrn Sohnes. Oh, der Himmel ſegne Sie, lieber Herr! durch Sie werde ich i wiederfinden.“ „Haſt Du mir denn aber nicht eben geſagt, daß die Gemeinde, der er angehoͤrt, im mittaͤgigen Frankreich liege?“ „Ja, mein lieber Herr, aber in dem Augenblicke, wo ich von ihm ſchied, ſollte er, zu ſeinem großen Bedauern, verſetzt werden, und er wußte noch nicht, wohin man ihn „ — 187 — ſenden werde. Alle Briefe, die ich an ihn abſchickte, waren noch an die ehemalige Adreſſe gerichtet. War er ſchon fort, als ſie ankamen? ſind ſie ihm nicht eingehaͤndigt wor⸗ den? ſind ſie unterwegs verloren gegangen? das weiß ich nicht, aber er hat ſie gewiß nicht erhalten, denn er wuͤrde mir geantwortet haben. Aber das iſt er! Ja, ja, das weiß ich gewiß! Er iſt es, von dem Ihr Herr Sohn Ihnen ſchrieb, denn Claude Gerard iſt in der That wuͤr⸗ dig, einer der Unſern zu ſein.“ „Ich glaube jetzt wie Du, und werde noch heute an Juſt ſchreiben und ihn fragen, ob der Lehrer, von dem er ſprach, Claude Gerard heißt, und in wenigen Tagen er⸗ fahren wir, woran wir uns halten ſollen. Jetzt gieb mir mein Fruͤhſtuͤck.“ Als mein Herr ſein frugales Fruͤhſtuͤck genoſſen hatte, gab er mir einen Schluͤſſel und bezeichnete eine alte Moͤbel von Acajou, die aus mehren Faͤchern uͤbereinander beſtand. „Oeffne das erſte Schubfach dort, und gieb mir ein großes Regiſter, das darin liegt.“ Ich gehorchte und uͤbergab meinem Herrn eine Art Folioband mit Lederruͤcken in gruͤnes Pergament gebunden, der nach ſeinem Alter und Zerriſſenſein ſich von vielen Jahren herzuſchreiben ſchien. Der Doctor ſchlug dieſes Regiſter auf, das ohnſtreitig ſchon faſt ganz voll war, denn er ſchrieb einige Zeilen auf — 188 — eins der letzten Blätter, zaͤhlte dann die noch uͤbrigen und ſagte zu ſich ſelbſt: „Ach! es wird noch genug ſein!“ Nachdem er nun einen Augenblick lang dieſes Regi⸗ ſter zugleich heiter und auch ſchwermuͤthig angeſehen hatte, ſagte er zu mir: „Nimm lege das Regiſter wieder an ſeinen Ort dann öffne das Fach darunter und lege dieſe Billets hinein.“ Dieſes ſagend, haͤndigte er mir 10 Bankbillets von 1000 Francs zuſammen, den Ueberreſt der 20,000 Fres., die er von dem geizigen, millionenreichen Marquis erhalten hatte, ein, der dieſen Morgen ſo hart gebrandſchatzt worden war. Als ich nun dieſe Befehle vollzog, ſetzte er hinzu: „Zaͤhle 100 Louisdor und ſtecke je 50 davon in jede Seite meiner Boͤrſe, denn ſie iſt wahrhaft leer. Da, nimm ſie!“ und damit uͤbergab er mir dieſelbe. Ich hatte muͤhſam das zweite ſehr ſchwere Fach her⸗ ausgezogen, dann in einem beſondern Kaͤſtchen erblickte ich eine große Anzahl Banknoten, zu welchen ich die von meinem Herrn erhaltenen fuͤgte. Zwei andre Kaͤſtchen von verſchiedener Groͤße waren mit Gold⸗ und Silberſtuͤcken in ſo großem Ueberfluſſe gefuͤllt, daß die 100 Louisdor, die ich aus dem Käſtchen mit Golde nahm, faſt gar keine Luͤcke machten. . 4 Als ich das Fach wieder zugeſchloſſen, uͤbergab ich — 189 — den Schluͤſſel meinem Herrn. Er ſagte mir nun, indem er mich zu einem Pulte fuͤhrte, das in einem kleinen an⸗ ſtoßenden Stuͤbchen ſtand, welches keinen andern Ausgang als durch die Stube, aus welcher wir hereinkamen, hatte „Schreibe indeß bis ich wiederkomme hier die erſten Bogen dieſes Aufſatzes uͤber eine Organiſarion des ärzt⸗ lichen Dienſtes, an welcher ich ſeit vielen Jahren arbeite, ins Reine. Moͤchte ich nur ſo lange leben, um ihn zu be⸗ enden! denn in dieſem ungluͤckſeligen Lande ſchmachtet Alles, demoräliſirt ſich Alles, geht Alles zu Grunde, und nur aus Mangel an Organiſation. Eine unerbittliche Concurrenz gewoͤhnt die Menſchen daran, ſelbſt unerbitt⸗ lich zu werden . auch iſt ihnen, um vorwaͤrts zu kom⸗ men, jedes Mittel recht. Gluͤck den Starken, Wehe den Schwachen!“ ſetzte er ſeufzend hinzu und begann dann wieder: „Biſt Du mit der Abſchrift zu Ende, ſo kannſt Du Deine Zeit bis zum Mittagseſſen anwenden wie Duwillſt.“ Darauf ließ er mich allein. Das Vertrauen, das er mir geſchenkt hatte, mir, einem ihm Unbekannten, indem er mir gleich am erſten Tage den Ort gewieſen, wo er ſeine bedeutenden Gelder verwahrte, ruͤhrte mich noch mehr als ſie mich uberraſchte. Meiner Rechtlichkeit gewiß, wunderte es mich nicht ſehr, daß man mich auch fuͤr rechtlich hielt. Dennoch vermehrte dieſer letzte Zug noch meine Dankbarkeit und Verehrung fur meinen neuen Herrn. — — Am zweiten Tage darauf fiel fuͤr mich ein doppelt intereſſanter Auftritt vor. Er vervollſtaͤndigte auf die ſchoͤnſte Art die ganze Richtung des Charakters des Doctor Clement, dieſes Mannes von ſo gewaltiger Originalität. Ich war mit Schreiben nach den Dictaten meines Herrn an der Fortſetzung ſeines Plans einer Medizinal⸗ Organiſation beſchäͤftigt, eines Aufſatzes voll Leben, ſo neuer als praktiſcher, eben ſo erhabener als edelmuͤthiger Anſichten, denn er betrachtete die unermeßne Frage aus dem Geſichtspunkte der Hygienie und des Geſundheitszu⸗ ſtandes der Bewohner der Staͤdte wie des Landes, als Suzon ihm Herrn Dufour aus Evreur meldete, der einen Brief von Herrn Juſt, dem Sohne meines Herrn bringe. „Ein Freund meines Sohnes!“ ſagte ſchnell der Doctor zu Suzon. „Laß ihn ſogleich herein .. Solche Leute ſind mir ſtets willkommen.“ Nicht lange, ſo ſah ich einen kleinen, geſchniegelten und aufs Zierlichſte herausgeputzten Greis eintreten. Ob⸗ gleich der Puder ſchon lange aus der Mode war, trug er doch Locken und einen Zopf mit ſchwarzem Bonde geknuͤpft, das auf dem leichtgepuderten Kragen ſeines hellblauen Rocks flatterte. Schwarzſeidne Beinkleider und ſeidne Strumpfe vollendeten das etwas veraltete Koſtum dieſes Maͤnnchens. Sobald Herr Dufour erſchienen war, hatte ich mich, wie gewöhnlich, in das Nebenſtubchen zuruͤckgezogen, das keinen andern Ausgang als in das Arbeitszimmer meines — 191 — Herrn hatte. Da dieſer ohnſtreitig unverſehens die Thuͤr offen gelaſſen hatte, hörte ich gezwungenerweiſe nachſtehende Unterhaltung mit an: „Sie bringen mir einen Brief von meinem Sohne, mein Herr?“ 3 „Ja, Herr Doctor, hier iſt er.“ Jetzt trat ein augenblickliches Schweigen ein, während deſſen mein Herr den Brief las und dann zu jenem ſagte: „Sie wuͤnſchen mich zu conſultiren?“ „Nein, Herr Doctor.“ 4 „Wie?“ entgegnete mein Herr mit verwundertem Tone. „Mein Sohn ſchreibt mir ja: „Lieber Vater, Herr Dufour, einer der groͤßten Eigenthumer Frankreichs wuͤnſcht Dich zu conſultiren und Dir beſonders empfohlen zu werden. Ich beeile mich, ſeinen Wuͤnſchen entgegen zu kommen und haͤndige ihm dieſen Brief fuͤr Dich ein, in⸗ dem ich Dir im Voraus fuͤr Dein Wohlwollen gegen Herrn Dufour danke, von dem ich ſelbſt bei den geologi⸗ ſchen Arbeiten, die mich auf eine ſeiner Beſitzungen fuͤhr⸗ ten, mit der herzlichſten Gaſtfreundſchaft aufgenommen wor⸗ den bin. Ich umarme Dich zaͤrtlichſt.““ Nachdem mein Herr dieſe Btiefſtelle vorgeleſen, fuhr er fort: „Das ſchreibt mir mein Sohn, Herr Dufour, und ich danke Ihnen recht ſehr fuͤr dieſe Gaſtfreundſchaft, die Sie ihm gewaͤhrt haben, wenn Sie aber nicht wegen einer Con⸗ ſultation mich beſuchen, welchem andern Motive danke „ denn dann die Ehre Ihres Beſuchs?“ Dieſer Brief, Herr Doctor, war nur ein Vorwand, um mich bei Ihnen einzufuͤhren. „Ein Vorwand?“ „Nichts weiter, Herr Doctor. Ich beſitze 8 Millio⸗ nen in liegenden Guͤtern.“ „Sehr ſchoͤn, mein Herr, aber? ...“ „Ich bin ein Witwer und habe nur eine Tochter von 18 Jahren, die ich anbete.“ „Erlauben Sie, mein Herr .. wozu dieſe Be⸗ kenntniſſe?“ „Herr Doctor! ... meine Tochter iſt ſehr huͤbſch, ohne väterliche Verblendung ſei es geſagt, und iſt uͤberdies er⸗ zogen worden, wie es ſich fuͤr eine ſo außerordentlich reiche Erbin ziemt.“ „Und mein Sohn liebt Ihre Tochter? Iſt es das?“ „Ich hoffe es, mein Herr Doctor, denn ich glaube, daß meine Tochten an Ihrem Herrn Sohne waͤhrend ſeines Aufenthalts in unſerm Hauſe Geſchmack gefunden hat. Sie hat mir zwar deshalb nichts vertraut .. aber Sie wiſſen . ein Vater, der ſeine Tochter unbitic iſt hell⸗ ſehend. Kurz, Herr Doctor, gerade heraus geſagt, ich gebe meiner Tochter, wenn ſie heirathet, eine Beſitzung mit, die 180,000 Francs Einkunfte traͤgt, die in guten Pachtgel⸗ dern mit der Minute bezahlt werden. Das Uebrige mei⸗ nes Vermögens gehoͤrt unſern Kindern . . . nach meinem — — 193 — Sie ſehen, daß ich als Vater handle und gern offen in meinen Geſchäften zu Werke gehe. So hoffe ich denn, daß Sie, Herr Doctor, Ihrerſeits es auch ſo machen werden, denn die oͤffentliche Stimme und Erkundi⸗ gungen, die ich, wie ich Ihnen geſtehen muß, eingezogen habe, legen Ihnen ein Vermoͤgen bei, das dem meinen wenigſtens gleich kommt.“ Nach einem kurzen Schweigen antwortete mein Herr: „Fuͤrs Erſte ein Wort, mein Herr. Ich kann nicht glauben, daß mein Sohn von dieſem Ihrem Schtitte unter⸗ richtet ſei: er haͤtte mir es ſonſt geſchrieben.“ „Ihr Sohn, Herr Doctor, weiß von dieſem Schritte nichts, eben ſo wenig als meine Tochter. Der Herr Capi⸗ tain Juſt iſt durch andre Arbeiten 20 Stunden weit von Evreur abgerufen worden, und wir haben den herzlichſten Abſchied von einander genommen, aber von einer Heirath iſt kein Wort zwiſchen uns gewechſelt worden. Nach der Abreiſe Ihres Herrn Sohnes habe ich mich erſt, da ich meine Tochter ganz traurig und niederhkſchlagen ſah, an gewiſſe Umſtaͤnde erinnert, und vorausgeſetzt oder vielmehr errathen, daß Liebe dabei im Spiele ſei. Da nun aber eine ſolche Verbindung alle paſſenden Verhaͤltniſſe des Alters, der Lage, des Charakters und des Vermoͤgens ver⸗ einen wuͤrde . des Vermögens beſonders.“ „Des Vermoͤgens beſonders?“ ſagte mein jenen unterbrechend. „Gtauben Sie?“ „Ei, mein Herr Doctor, das ſehen Sie doch wohl ein, Martin. V. 13 — daß Ihr Herr Sohn trot aller ſeiner vortrefflichen Eigen⸗ ſchaften und Talente wie ſeines angenehmen Aeußern, wenn er blos Tſchako und Degen haͤtte .. mich nicht veranlaſſen wurde, hierher zu kommen.“ „Mein Herr,“ unterbrach abermals Herrn Dufour der Doctor, „ehe wir dieſe Unterhaltung fortſetzen, muß ich Ihnen ſagen, daß ich nach meinem Tode meinem Sohne als ganze Erbſchaft nur 1000 Thlr. Renten hinterlaſſe.“ „Tauſend Thaler Renten!“ rief Herr Dufour. „Wenn er ſich aber verheirathet,“ fuhr der Doctor fort, „ſo erhält er dieſe 1000 Thaler als Mitgift. Das iſt Alles, was er von mir bei meinen Lebzeiten oder nach meinem Tode wird zu erwarten haben.“ „Sie ſcherzen, Herr Doctor! Jedermann weiß, daß Sie jährlich mehr als 100,000 Francs ſeit 20 Jahren eingenommen haben, und dabei wie man mir wohl ge⸗ ſagt hatte . mit der größten der größten . ſchaͤt⸗ baren Sparſamkeit leben es iſt alſo unmöglich, daß . „Ich verdiene mir jährlich allerdings wenigſtens 100,000 Francs, mein Herr, und im vorigen Jahre ſogar 120,000 Francs und mehr . „Da hatte ich alſo ganz Recht, Herr Doctor, zu glauben, daß Sie ſcherzten.“ „Mein Herr,“ fuhr der Doctor fort, „wenn Sie, ehe Sit hierher kamen, meinen Sohn wegen dieſes Schrittes befragt hätten, der beſonders aus Vermoͤgensruͤckſichten geſchehen, ſo wurde er Ihnen ohnſtreitig das hinterbracht haben, was ich ihm, ſobald er in die Jahre der Vernunft gekommen war, mitgetheilt hatte.“ „Und was war denn das, Herr Doctor?⸗ mein Herr. . Mein liebes Kind, ſagte ich zu ihm, ich gebe Dir eint vortreffliche praktiſche Er⸗ ziehung, die Dir mehre ehrenwerthe Laufbahnen eroͤffnet. Durch Arbeit kannſt Du Dich daher reichlich ernähren. Da aber die menſchliche Geſellſchaft ſo beſchaffen iſt, daß unter den Menſchen weder Zuſammenhalten noch Verbruͤ⸗ derung vorhanden, und daß Du, mein armes Kind, ſo arbeitſam und redlich Du auch immer ſein möchteſt, doch von dieſer ſtiefmutterlichen Geſellſchaft keinen Beiſtand er⸗ halten wuͤrdeſt, wenn Krankheit oder unvorhergeſehene gufaͤlle Dich in der Arbeit ſtörten und ins Elend ſtuͤrzten, ſo ſichre ich Dir 1000 Thaler Renten zu, wodurch Du, was auch geſchehen möge, doch genug beſitzeſt, um das Nothwendigſte zu beſtreiten. Genuͤgt Dir dieſe Einfach⸗ heit nicht, willſt Du Ueberfluß, Luxus . ſo gewinne ihn Dir durch Deine Arbeit, Deine Kenntniſſe Jeder nach ſeinen Werken. ... Was mich betrifft, mein liebes Kind, ſo glaube ich meine Vaterpflicht erfullt zu haben, wenn ich Dir die Erziehung gegeben, welche den Menſchen, das Geſchaͤft, das Dich nutzbar macht, und das Geld, das Dich uͤber den Mangel und die Abhaͤngigkeit hinwegſetzt. Nicht mehr und nicht weniger iſt ein Vater ſeinem Sohne ſchuldig.“ „Ach, gehen Sie doch, Herr Doctor,“ rief Herr Du⸗ 13* 8 196 — four, „das ſind moraliſche Reden, die an ſich ganz vortreff⸗ lich ſind und alle vermoͤgende Väter ihren Kindern ſagen ſagen muͤſſen, um ſie vom Muͤſſiggange abzuhalten, aber im Grunde ihres Herzens ſind doch die Väter ſtolz darauf, ihren Kindern einen großen Wohlſtand zu hintet⸗ taſſen, der ihnen verſtattet, ohne Arbeit zu leben und die glucklichſte Exiſtenz auf der Welt zu haben.“ „Alſo, mein Herr,“ entgegnete der Doctor lächelnd, „liegt in der Thatſache unſre Kinder zu Herren eines großen Vermögens zu machen, das ſie nicht durch Arbeit erwerben, etwas ſo Emporendes, daß ſelbſt Väter, die auf Ueberfluß am Verſeſſenſten ſind, ſich genöthigt ſehen, wenigſtens aus Pflicht, wenn auch nicht aus Ueber⸗ zeugung, ihren Kindern das zu ſagen, was ich meinem Sohne aus Pflicht und Ueberzeugung ſagte: Arbeitet, und rechnet nicht auf meine reiche Erbſchaft.“ „Aber dieſes unermeßliche Vermoͤgen, das Sie be⸗ ſizen,“ rief Herr Dufour aus, „was machen Sie denn da⸗ mit, wenn Sie Ihren Sohn davon enterben?“ „Ehl eh! ſehen Sie, mein Herr, Jeder hat nun ſo ſeine kleinen Phantaſieen,“ verſetzte mein Herr mit leich⸗ tem Scherze. V „Alſo Sie geſtehen es ein,“ rief unwillkurlich Herr Dufour, ganz boͤſe geworden, „Sie haben ſo geheime Laſterchen?“ Der Doctor Clement lachte ſelten, aber bei dieſer ſon⸗ derbaren Anſchuldigung brach er in ein ſo herzliches Ge⸗ lächter aus, daß ich Herrn Dufour von ſeinem Stuhle aufſpringen hörte.. * m „Ich begreife Ihre Luſtigkeit, Herr Doctor,“ ergegnete dieſer, „das Unpaſſende der Ausdruͤcke, die mir entwiſcht ſind, hat ſie veranlaßtz aber trotz deſſen noch Ein Wort. Sie lieben Ihren Herrn Sohn, Sie lieben ihn zaͤrtlich . nun denn, wenn er nun meine Tochter liebte, wenn ſeine Verbindung mit ihr ſein Gluͤck ausmachen ſollte „ und dieſes Gluͤck fur den Preis einer jener Millionen zu haben wäre von der Sie ihn enterben wollen!“ * „Eins von Beiden Herr Dufour, entweder mein Sohn wird nicht che und dann iſt's gleichviel, ob er Millionen hat oder nicht, oder er wird von Ihrer Tochter mit eben ſo viel Aufrichtigkeit als Uneigennuͤtzigkeit geliebt, wozu dann die Millionen?“ 5 „Wie? wozu? aber ohne die Millionen wuͤrde ich zu dieſer Heirath meine Einwilligung nicht geben!“ „So wird Ihre Tochter, wenn ſie meinen Sohn liebt, wider Ihren Willen ihn heirathen, wie ich die Ehre habe Ihnen zu verſichern.“ „So enterbe ich ſie.“ „Was thut das? Mein Sohn wird ſeine 1000 Thlr. Renten und ſeine Stelle haben, er und ſeine Frau werden alſo anſtaͤndig leben. Begehren ſie Ueberfluß, ſo wird mein Sohn die reichen Anerbieten annehmen, die ihm vom Auslande gemacht worden.“ — 198 — — Aber das iſt ungewiß! Und wenn ſie Kinder haben?“ 8 „So wird mein Sohn ſo viel beſitzen, ſie zu erziehen. Dann werden ſie die Aufgabe erfullen, die Gott Jedem ge⸗ ſtellt hat, ſie werden arbeiten wie ihr Vater that, wie ihr Großvater that, ich meine nämlich mich, der ich in Holzſchuhen nach Paris gekommen bin. . . Hiermit, Herr Dufour,“ ſagte mein Herr und ſtand auf, „erlauben Sie mir, daß ich Sie verlaſſe . ich habe noch einige Conſul⸗ tationen zu geben.“ In Folge dieſer Unterredung, worin ſich die ſtrenge Erhabenheit, die Weisheit meines Herrn und ſeine unbe⸗ fangene Zärtlichkeit für ſeinen Sohn ausſprachen, konnte ich mich nicht enthalten, das bejammernswerthe Schickſal Roberts von Mareuil damit zu vergleichen, dieſes ungluͤck⸗ lichen Opfers nutzloſen Muͤſſiggangs und reicher Erbſchaft, ſo wie die nicht minder muͤſſige, minder unheilvolle Er⸗ ziehung des Vicomte Seipio, eine Erziehung, welche ihm eine gleiche heilloſe Zukunft voraus zu fagen ſchien. Pwölftes Rapitel. Die Beſtrafung. Einiges Nähere uͤber Lokalitäten ſind zur Erklärung einer Begebenheit nothwendig, die vier Tage nach meinem Eintritte in das Haus meines Herrn in demſelben vorfiel⸗ Seine im erſten Stocke und uͤber der meinen gelegene Schlafſtube war von ſeinem Arbeitszimmer du ziemlich langen Corridor getrennt⸗ und ein gle rch einen icher war im Parterre, auf welchen meine Thuͤr ging. Eine auf die Mitte dieſes Corridors ſich öffnende Treppe, fuͤhrte in das erſte Stockwerk, und ihr oberer Austritt war gerade der Thuͤr zum Cabinet des Doctors gegenuͤber. Auch war die Verbindung zwiſchen dieſem Gemache und meiner Stube leicht und ſchnell. Suzon, die alte Dienerin, ſchlief neben der Kuͤche am andern Ende des Corridors. Ihre Fenſter gingen in den Garten. * Des Abends zog ich mich, nachdem ich die Befehle meines Herrn fur den nächſten Tag eingeholt, in meine 200 — Stube zuruͤck, entſchloſſen, einen Theil der Nacht mit dem Studium der deutſchen Sprache zuzubringen. Der Doctor hatte mit außerordentlicher Guͤte meinen Wunſch aufgenom⸗ men, dieſe Sprache zu lernen, indem er mir ſagte, daß er ſelbſt dabei intereſſirt ſei, weil ich ihm dann von großem utzen fuͤr ſeinen Briefwechſel mit fremden Gelehrten wer⸗ den koͤnne. Ein Lehrer war gekommen, er hatte mir ſchon zwei Stunden gegeben, und bei meinem brennenden Ver⸗ langen, mich zu unterrichten, konnte ich ſchon, mit Hilfe einer Grammatik, fur mich allein fortſtudiren. Ich ſetzte mich zur Arbeit. Die Nacht war ſturmiſch, der Regen peitſchte die Scheiben, in dieſeln alten, einſamen Viertel uͤbertönte kein Laͤrmen das Brauſen des Windes, deſſen Heftigkeit manch⸗ mal die innern Laden meines Fenſters bewegte. Ein tuͤchtiges Feuer loderte in meinem kleinen Kamine, ich fuͤhlte mich ſeit langer Zeit wieder in einem gaſtlichen und ſtillen Hauſe. Das Studium zog mich an, und ich fuͤhlte ein um ſo tieferes Wohlſein, als ich mit einer Art melancholiſcher Freude ein Vergnuͤgen daran fand, meiner ungluͤcklichſten Tage zu gedenken, furchtbarer Tage, wo ich ſo grauſam von Elend, Kälte und Hunger gelitten hatte, und wo ich in meiner Verzweiflung dem Dringen des ſtand, jener Winternacht endlich, wo ich zu matt, um län⸗ ger zu leiden, mich in die Tiefe des Kellers eines halb Krüppels nachgebend, nahe an einem Abgrunde von Infamie ausgebauten Hauſes ſchlafen legte, und den Tod erwartete, den ich mir nicht ſelbſt geben wollte. Indem ich mein jetziges Loos mit dieſem vergangenen Ungluͤck verglich, ſtieg es mir zu Herzen wie ſanftes Wehen unausſprechlicher Dankbarkeit und Ruͤhrung. Ich empfand ein unſagliches Gluͤck, daran zu denken, daß ohne die ſtren⸗ gen Lehren Claude Gerards, verſtaͤrkt durch meine fromme Anbetung Regina's, ich gefallen waͤre, wie ſo viele andere arme Verlaſſene. Es mochte ohngefähr Mitternacht ſein, als ich vom Schlafe beſiegt, mich niederlegte, nachdem ich mein Licht ausgeloͤſcht und meine Vorhaͤnge hermetiſch geſchloſſen hatte. Ich ſchlief, ſo zu ſagen, von dem Geraͤuſche des draußen tobenden Lärmens gewiegt, ein. Mein letzter Gedanke war ein Gedanke des tiefſten Erbarmens fuͤr Diejenigen, die während dieſer ſtuͤrmiſchen Nacht ſich ohne Obdach befanden, wie es mir ja ſelbſt ergangen war. Ich weiß nicht, wie lange ich geſchlafen, als ich durch ein ſehr lebhaftes Gefuͤhl von Kälte aufgeweckt ward. Ich ſetzte mich im Bette empor, und ſchob meine Vochaͤnge bei Seite. Das ſchwankende und bleiche Licht einer dem Hauſe faſt gegenuͤber hängenden Straßenlampe warf ein ſchwaches Licht in meine Stube, denn zu meinem großen Staunen ſah ich meine Fenſter offen. Der Regen fiel noch in Stroͤ⸗ men, der Wind tobte noch heftig. Ich glaubte, des Abends meine Fenſterladen ſchlecht geſchloſſen zu haben, ſo daß ſie von der Gewalt des Sturmes geoͤffnet worden. Eben wollte — 2 — ich aufſtehen, um ſie wieder zuzumachen, als ich, immer mehr und mehr ſtaunend, erblickte, daß auch meine Thuͤr offen ſtehe. Von unbeſtimmter Angſt ergriffen, warf ich ſchnell ein Gewand uber, und als ich aufhorchte, kam es mir vor, als höre ich Jemand ſich naͤhern, der mit großer Vorſicht in dem Corridor ſchleiche, auf welchen meine Thuͤr ging, und der mittelſt der Treppe, zu dem Arbeitscabinet meines Herrn fuͤhrte. Plotzlich erleuchtete ein ziemlich helles Licht meine Thuͤröffnung. Ich ſprang gleich dahin, aber auf der Thuͤrſchwelle rannte ich mit einem Manne in einer Blouſe zuſammen. Das Kellerlicht, das er trug, erloſch, eine kraͤftige Hand ergriff mich an der Kehle, ſtieß mich heftig in meine Stube zuruͤck, und dann fuͤhlte ich die Spitze eines Meſſers auf meiner nackten Bruſt, indem mir eine Stimme zurief: „Wenn Du einen Laut thuſt, iſt es Dein Tod!“ „Bamboche!“ rief ich aus, indem ich an der Stimme meinen Jugendgefaͤhrten erkannte, und unbeſtimmt bei dem bleichen Schimmer der Straßenlaterne, der durch das offne Fenſter drang, ſeine Zuͤge erkannte. „Martin!“ rief Bamboche, und trat einen Schritt zuruck.. „s lag hier Jemand .. in dieſem Bette .. das warſt Du?“ 1 „Woher kommſt Du? Was thateſt Du?“ ſagte ich vol Schrecken ganz leis. „Du auch!.. Geht Dirs gut?. Das freut mich. — — Ha, das iſt mir lieb,“ ſagte Bamboche mit geruhrt werdender Stimme. „Du haſt meinen Herrn beſtohlen!“ 5 „Nun ja!“ entgegnete er entſchloſſen. „Was thut das?“ „Mein Herr!“ uirf ich mit einer furchtbaren ueber⸗ legung, und wollte zur Thuͤr hinaus. „Du haſt ihn viel⸗ leicht gemordet!“ „Nein, er hat nichts gehört,“ ſagte Bamboche, und widerſetzte ſich meinem Fortgehn: . .. „ich habe Niemand geſehen. ich ſchwoͤre Dirs... bei unſrer Freundſchaft.“ Ich glaubte ihm . ſein Ausdruck war wahr. „Dul. ſtehlen!“ entgegnete ich mit Unwillen. „Du warſt es ja nicht.. den ich beſtahl.“ „Aber mein Wohlthäter.“ „Um ſo ſchlimmer . . . es bleibt ihm noch genug. ich habe blos eine Hand voll Bankbillets genommen.“ „Aber ſtehlen! Das iſt ja ſchaͤndlich!“ „Geh doch!“ „Stehlen!.. das iſt feig! und Du haſt Muth, Du!“ „Genug Moral!“ „Bamboche, ich laſſe mit dieſem Gelde nicht von hier fort.“ „Ah bah!“ „Bei unſter Freundſchaft!“ „Ich habe Hunger. und habe ein Kind das hungert.“ „Du?“ 5 „ „Ja ein kleines Mädchen. .. Als ich Dich bei Claude Gerard aufſuchte, blieb ich in einem Gaſthofe der benachbarten Stadt.. daneben war der Garten eines Irrenhauſes . 5 nd da.. .“ rief ich mit Schrecken aus, indem ich mich an das halbe Geſtändniß Claude Gerards erinnerte. .. haſt Du eine junge, ſchoͤne Frau geſehen . 1 „Sie machte mir Zeichen, ich wußte nicht, daß ſie irre ſei. ich war halb trunken . .. aber woher weißt Du? . „Oles iſt ſchrecklich!“ 4 „Nun! es iſt einmal geſchehen!“ verſeßte Bamboche mit dumpfer Stimme, „vor etwa vierzehn Tagen habe ich die Frau wiedergeſehen . immer noch irr ich habe das 4 Kind wegnehmen können. . ein kleines Toͤchterchen ich „habe keinen Sou. daher ſtahl ich fur ſie es.“ „Dieſer Verdienſt. fuͤr Deine Tochter. . nein, nie!“ „Ich habe keine Wahl.“ „Doch!“ „Wie?“ „Werde Soldat.. geh fort.. mein Herr wird für Dein Kind ſorgen.. das ſchwöre ich Dir .. und fur Dich auch .. ſpaͤter, wird er Erbarmen haben.. . aber keinen Diebſtahl!“ „Ich habe das Geld.. das iſt ſichrer... ich be⸗ halte es.“ 3o0 . Trotz meiner Bittes“ „Ja „Trotz unſrer Freundſchaft?“. „Ja.“ „Trotz... meiner.. Bruder!“ ſagte ich mit erſtickter Stimme, indem ich ihn bei der Hand ergriff, und unwill⸗ kuͤrlich in Thraͤnen ausbrach. Bamboche 6 zoͤgerte einen Augenblick und ſagte dann: „Nun denn, ja!. . . trotz Deinet.⸗ „So erſchlage mich denn erſt.“ „Und Du,“ entgegnete er mit Tone, „rufe um Hilfe!“ Ploͤtzlich vernahm ich jetzt durch das offne Fenſter in einiger Entfernung auf der Straße das Geraͤuſch ſchwerer, regelmaͤßiger Schritte, wie einer naͤchtlichen ſich naͤhernden Runde. „Eine Patrouille,“ rief ich, „ſie kommt!“ „Da bekommſt Du Unterſtuͤtzung,“ ſagte Bamboche mit graͤßlichem Laͤcheln zu mir, als er mich ans Fenſter eilen ſah. Ich machte es ſchnell zu. Einige Augenblicke nachher, ſahen wir in der Dunkel⸗ heit der Straße die Flinten der Soldaten flimmern. Sie gingen langſam voruͤber. Nicht lange, ſo verlor ſich das Geraͤuſch ihrer Schritte in der Ferne mitten unter dem Sturmgetoͤſe. „Martin,“ rief Bamboche, als ich wieder zu ihm trat, „ich zweifelte an Dir.. verzeih.. Dank im Namen mei⸗ nes Töchterchens.“ „Warte,“ ſagte ich mit Bitterkeit zu ihm, „um Dich zu retten, muß die Patrouille erſt in einer andern Straße ſein.. Alles im Hauſe ſchläft noch. Du kannſt mit Allem entfliehen, was Du geſtohlen haſt. es bleibt keine Spur gegen Dich zuruck. fuͤrchte Dich nicht.“ „Wie Du mir das ſagſt, Martin!“ „Was mich betrifft,“ verſetzte ich, „ſo iſt das ein unterſchied. Mein Herr weiß, daß ich den Ort kenne, wo er ſein Geld hat... ich bin ein neuer Ankoͤmmling hier man wird mich beſchuldigen... Du weißt, daß ich Dich nicht angeben werde . denn ich halte Freundſchafts⸗ ſchwuͤre, ich!.. „Martin!“ „So werde ich denn als Dieb gelten. ich war Dir einen Dank ſchuldig, und bezahle dieſe Schuld.. Nun geh!“ „Martin .. Du verachteſt mich.“ „Mein Herr könnte erwachen.. geh!“ „Höre mich!“ „Willſt Du uns alle Beide verderben? Geh! wir ſind quitt.“ „Du haͤltſt mich alſo fur ganz ſchlecht?“ rief Bam⸗ boche, und warf mir das Packet mit den Bankbillets, das er geſtohlen hatte, vor die Fuͤße. Ich wollte mich in die Arme meines Jugendfreundes — 207 — ſtuͤrzen, als ſich plötzlich dumpfe, ſchnelle Schritte uͤber uns in dem Zimmer meines Herrn, vernehmen ließen, als ob dieſer hinter Jemand hereile, und nicht lange, ſo hörten wir ihn mit Gewalt rufen: „Raͤuber!. zu Hilfe!“ Als ich dieſen Ruf hörte, ſagte ich zu Bamboche: „Bamboche! Du warſt alſo nicht allein?“ „Nein, der Kruͤppel iſt oben geblieben.. um ſeine Taſchen zu fuͤllen.“ „Der Kruͤppel?“ „Man hatte ihm den Diebſtahl vorgeſchlagen.“ „Und wer?“ „Der Diener, an deſſen Stelle Du kamſt.“ Nun begriff ich die Bedeutung des Riſſes, den ich im Pulte meiner Stube gefunden hatte. Das Geſchrei verdoppelte ſich und kam näher. „Es iſt die Stimme meines Herrn. er iſt vielleicht in Gefahr! rette Dich, Bamboche!“ rief ich aus. Und damit ſturzte ich nach der Thuͤr, während Bam⸗ boche nach dem Fenſter eilte, und es oͤffnete. Kaum war ich zwei Schritte im Corridor gegangen, als ich durch den Stoß des Kruͤppels, der entfliehen wollte, gewaltſam getroffen wurde. Ich faßte ihn um den Leib, aber die Furcht, feſtgehalten zu werden, verdoppelte ſeine Kraͤfte, er machte ſich von mir los, und ſtieß mich heftig in die Stube zuruͤck. Ich ſtieß an ein Möbel, ſtolperte, und rief nach Hilfe. Ah, Du ſchreieſt!“ ſagte der Kruppel, und ſtrzte ſich auf mich. Ich ſah die Klinge ſeines Meſſers blinken, und empfand faſt zu gleicher Zeit einen harten Stoß in die gelang es mir noch, meinen Gegner in dem Augenblicke feſtzuhalten, wo Bamboche ſich mit dem Ausrufe auf ihn ſtuͤrzte: „Da! alter Schurke!“ Der Kruͤppel ſtuͤrzte ſo ſchwerfaͤllig auf mich, daß ich mit ihm auf den Boden rollte, und nur noch Bamboche zu mir ſagen hoͤrte: „Sprich, Du habeſt ihn getödtet .. vergiß mein eleines Töchterchen nicht ich werde Dir die Adreſſe ſchicken. .. Nimm die Bankbillers da an Dich. Leb' wohl, Bruder!“ n Und mit Einem Sprunge verſchwand Bamboche durch das offne Fenſter. Es gelang ihm, zu entkommen, und ich machte mich muͤhſam aus der Umſchlingung des Kruͤppels im Todes⸗ kampfe los, als meine Stube durch den Doctor Clement hell erleuchtet wurde, der mit einer Kerze in der einen und einem Hirſchfaͤnger in der andern Hand eintrat. Einige Serunden nachher kam auch Suzon, eiligſt angekleidet mit einem Lichte. „Armer Martin! Du biſt verwundet!“ rief mein Herr, als er mich ganz blutig aufſtehen ſah. „Er hat ſich mit dem Raͤuber geſchlagen, und ihn Schulter, dem eine ſcharfe Kälte folgte. Deſſenohnerachtet 4 — 209 — getodtet“ rief Suzon mit Schrecken beim Anbliche des Leichnams. — Ehe ich antworten konnte, ſturzte der Doctor auf mich zu, zerriß mein Hemd, da, wo es blutig war, beſah die Wunde, und rief: „Gott ſei Dank, die Klinge iſt am Knochen abge⸗ glitten.. . die Wunde iſt unbedeutend.. mein muthiger Martin!“ Und dabei druͤckte mich der Greis ans Herz. „Welch ein Gluͤck, daß ihm kein groͤßeres Unheil wie⸗ derfuhr!“ ſagte Suzon, und trat dann, als ein plötzliches Zucken der Glieder des Kruͤppels ſie erſchreckte, zitternd mit dem Ausrufe zuruͤck: „Herr Doctor! nehmen Sie ſich in Acht! der Raͤuber ruͤhrt ſich noch.“ „Er?“ ſagte der Doctor, indem er das Leichengeſicht des auf dem Ruͤcken liegenden Kruͤppels betrachtete, der noch zwei Mal mit einer letzten krampfhaften Bewegung den Mund halb oͤffnete, „er hat nicht mehr zwei Minuten zu leben.“ In der That ertönte eine Art hohlen Stohnens aus der Bruſt des Banditen mit ſeinem letten Athem.. bluti⸗ ger Schaum roͤthete ſeine Lippen, und er fiel in Unbeweg⸗ lichkeit des Todes zuruͤck. Betaͤubt, vom Schwindel in Folge dieſes furchtbaren Auftritts erfaßt, mußte ich mich auf den Rand meines Bettes niederſetzen. Martin. Vn. 14 — 21 — „Verzeihen Sie, Herr Doctor,“ ſagte ich zu dieſem, „aber die Erſchuͤtterung.. die Erregung.. .“ „Herr Doctor, ſehen Sie nur das Packet Bank⸗ billets,“ rief Suzon, und raffte die anſehnliche von Bam⸗ boche zuruͤckgelaſſene Summe zuſammen, „und all das Gold, das aus der Taſche dieſes Böſewichts gefallen iſt... man muß ihn durchſuchen . ich vermag's aber nicht.“ „Suzon,“ ſagte der Doctor ſchnell, „zieh die Klingel, die in die Loge des Pottiers des Nachbarhauſes geht, ich habe dieſen Laͤrmruf in dem erſten Augenblicke meines Er⸗ wachens vergeſſen.“ „Das iſt wahr, wir dachten nicht daran.“ Suzon verſchwand eilig. „Da, mein braver Junge,“ ſagte mein Herr, indem er mich aufrecht hielt, und mir ein Glas Waſſer an die Lippen brachte: „trink ein wenig! beruhige Dich! . . ich will ſogleich Deine Wunde verbinden.. ſei außer Sorge. . es iſt nichts.. .. Unterdeß will ich, bis Suzon wiederkommt, doch die Wunde austrocknen.“ „O! Sie ſind zu gut, Herr Doctor!“ „Du läſſeſt Dich umbringen, um einen Raub an mir zu hindern, und ſprichſt von meinem Gutſein,“ ſagte der Doctor, und fuhr fort meine Wunde zu trocknen. . . . „Aber wie iſt nur das Ungluck geſchehen?“ „Herr Doctor,“ erwiderte ich ein wenig zoͤgernd, denn ich mußte luͤgen, da ich Bamboche nicht compromittiren wollte, „ich hatte mich ſchlafen gelegt .. und nachdem ich — 211 — die Vorhaͤnge zugemacht, war ich auch feſt eingeſchlafen .. da erweckte mich eine heftige Kaͤlte und jetzt erſt ſah ich, daß mein Fenſter offen ſtand.“ „Und Du hatteſt nichts gehort?“ ſagte der Doctor, die Augen nach den Fenſterladen ohnweit meines Bettes wen⸗ dend, und ſie unterſuchend. „Das iſt auch ganz natuͤrlich. Der Schurke hat das Glas außen zerſchnitten, und durch Inſtrumente dann eine Oeffnung in den Laden gemacht, wodurch er dann das Fenſter geoͤffnet. In Deinem erſten Schlafe haſt Du das allerdings nicht hoͤren koͤnnen.“ „Ich hoͤrte nichts .. aber in dem Augenblicke, wo ich ſehr beſorgt aufſprang.. hoörte ich Ihr Rufen.“ „Als der Raͤuber aus meinem Cabinet gegangen war, ſtieß er im Corridor an etwas, und warf es um. Durch dieſen Lärmen erweckt, ſtand ich auf. . . ich nahm mein Licht, oͤffnete meine Thuͤr, ſah einen Mann durch den Corridor fluͤchten, ergriff eine Waffe, und ſtuͤrzte ihm nach, indem ich um Hilfe ſchrie.“ „Das horte ich, Herr Doctor, und eilte nun in den Corridor. Mit einem ſcharfen großen Meſſer wollte ich den Banditen aufhalten, aber als wir ſo rangen, traf er mich ich erwiederte den Stoß... und habe ihn getoͤdtet.“ „Dieſer Elende mußte die Gelegenheit des Hauſes ken⸗ nen. er muß gewußt haben .. daß ich... meinen Be⸗ dienten fortgeſchickt habe... er wird geglaubt haben. es ſchlafe hier Niemand .. und ſo . „Mein Gott,“ rief ich, als ich meinen Herrn ſo 14* — 212 — abgebrochne Worte ausſtoßen horte, und ſeine Zuͤge mit einer immer leichenartiger werdender Blaͤſſe bedeckt ſah, welche das Gefuͤhl eines heftigen Schmerzes kund gab: „Herr Doctor! was iſt Ihnen?“ „Nichts. nichts!“ verſetzte et⸗ indem er deſſenohn⸗ erachtet ſich mit einer Hand auf das obere Ende meines Bettes ſtuͤtzte, waͤhrend er die andere ſchnell aufs Herz legte, als ob er einen ſtechenden Schmerz empfinde. „Es iſt nichts. ſage ich Dir ...“ begann er mit immer ſchwaͤcher werdender Stimme wieder, „die heftigen Erregungen .. ſchaden mir ... und dann. dieſer Raub dieſer Mord... Du begreifſt... aber...“ ſetzte er hinzu, indem er ſich mit Gewalt zu ermannen ſuchte, „ich werde immer noch ſo viel Zeit haben.. Dich zu verbinden. Da kommt gluͤcklicherweiſe Suzon.“ In der That trat Suzon in Begleitung zweier Maͤn⸗ ner, des Portiers des Nachbarhauſes und ſeines Sohnes, ein. „Simon . . geſchwind... mein Beſteck zum Verbin⸗ den,“ rief mein Herr; „ich fuhle mich nicht wohl.. aber ich werde doch ſo viel Zeit haben, einen erſten Verband an⸗ zulegen auf die Wunde dieſes braven Jungen.“ Nun verband auch in der That mein Herr, ſeine hef⸗ tigen Schmerzen mit Heldenmuth uͤberwindend, meine Wunde, ob er gleich genoͤthigt war, drei Mal inne zu hal⸗ ten, mit feſter Hand. Kaum hatte er mir aber dieſe Sorg⸗ falt bewieſen, als ihn ein ſo heftiger Anfall ergriff, daß er ſich auf ſein Zimmer bringen laſſen mußte. — 213 — Als er zu Bett lag, ſagte er mit matter Stimme zu mir, als ich ihm dahin gefolgt war? „Schreibe an meinen Sohn, daß er kommen ſoll, ſo wie er den Brief erhaͤlt. Suzon wird Dir ſeine Adreſſe geben. Ich will ihn noch einmal ſehen. meinen gelieb⸗ „Wiek Herr Dortor!“ rief ich aus voll Schrecken uͤber den Ton, mit welchem mein Herr dieſe letzten Worte ausgeſprochen hatte, „Sie fuͤrchten . Er unterbrach mich traurig laͤchelnd: „Ich rechnete noch auf einige Monate, aber . die heftigen Gemuͤthsbewegungen . . und ſeit einiger Zeit... habe ich deren viele gehabt.. haben, glaube ich, den Ter⸗ min ſehr beſchleunigt.. . . Schreibe alſo.. augenblicklich an meinen Sohn.“ * Dreizehntes Rapitel Eine gute Stelle. Bald wurde ich zu meinem ſchmerzlichen Staunen ge⸗ wahr, daß der Zuſtand des Doctor Clement ſchlimmer ward. Seine Zuge veraͤnderten ſich immer mehr, aber mitten un⸗ ter ſeinen heftigen Schmerzen verließ ihn ſeine Heiterkeit nicht. Seine einzige Sorge war der Gedanke, ſein Sohn mochte nicht zeitig genug kommen, um ſeine letzte Umar⸗ mung zu empfangen. Ich hielt meinen Herrn fur unfaͤhig, von ſeinem bal⸗ digen Ende zu ſprechen, ohne von deſſen Annaͤherung uͤber⸗ zeugt zu ſein, und doch konnte ich mich nicht entſchließen, die Wirklichkeit ſeiner finſtern Ahnungen anzuerkennen. Die alte Dienerin verbarg, weniger unglaͤubig als ich, ihre tiefe Traurigkeit nicht. Gegen Abend hatte der Doctor eine ſehr ſchmerzhafte Kriſis, waͤhrend der er bewußtlos ſchien. Darauf folgte eine voruͤbergehende Ruhe. Er nahm einen Trank, deſſen Zubereitung er der Alten anzeigte und wurde ruhiger. — 3165 — Allein neben ſeinem Bette ſitzend, betrachtele ich dieſe ehrwuͤrdige, ſtets ſanfte und ruhige, obgleich hinfaͤllige Phy⸗ ſiognomie. Beim Anblicke dieſes durch ſein Wiſſen und ſeine Kenntniſſe ſo maͤchtigen, durch ſein Herz ſo großen Mannes, der jetzt erloſch, war ich tief zerknirſcht. Das gimmer, wo er lag, viel aͤrmlicher meublirt, als das, wel⸗ ches ich bewohnte, ſchien die Uneigennuͤtzigkeit dieſes Man⸗ nes zu bezeugen, der, nachdem er Millionen erworben, in erhabener Armuth ſterben ſollte. Gegen 10 Uhr Abends erwachte der Doctor aus ſeiner Bewußtloſigkeit, er wendete den Kopf nach mir und fragte: „Welche Zeit iſt's?“ „Bald zehn Uhr, Herr Doctor.“ „Ich habe Dich oft nach der Zeit gefragt, nicht wahr?“ „Ja, Herr Doctor.“ „Schlechtes Symptom! Man iſt um ſo unruhiger wegen der Zeitdauer, je weniger uns davon zu verwenden ubrig bleibt. Das habe ich ſtets bei denen bemerkt, deren Leben erloſch. Ach! ich werde meinen heißgeliebten Juſt nicht wiederſehen! Er kann kaum ſchon uͤbermorgen hier ſein, und ſo lange laufe ich nicht. Wir haben uns ſo oft, er und ich, uͤber mein letztes Stuͤndchen unterhalten, daß wir uns an den Gedanken dieſer Abweſenheit gewöhnt haben, und unſer Abſchied nicht ſo ſchmerzlich wuͤrde gewe⸗ ſen ſein. Nun, ſo ſei's denn!“ ſetzte er mit einem Seuf⸗ zer der Entſagung hinzu. — 216 — „Herr Doctor,“ ſagte ich zu ihm, „Sie werden Ih⸗ ren Herrn Sohn wiederſehen . . . Sie taͤuſchen ſich .. Der Doctor theilte meine Hoffnung nicht, ſondern entgegnete: „Reden wir von etwas Anderem . . . Du kannſt wohl denken, braver Junge, daß ich Dich nicht aus einer faſt verzweifelten Lage werde geriſſen haben, um Dich nach mei⸗ nem Tode wieder in ſie verſinken zu laſſen. Du biſt ver⸗ ſtaͤndig, ehrlich, muthig, Du haſt das Ungluͤck kennen ge⸗ lernt . . . der allerbeſte Unterricht . . . und ich werde Dein Schickſal ſichern.“ „Lieber Herr „Nicht daß Du muͤſſig bleiben ſollſt, der Muͤſſiggang verſchlechtert, ſondern indem ich Dir die Mittel gebe, zu einer ehrenwerthen Laufbahn zu gelangen. Bei Deinem Alter, Deiner Liebe zur Arbeit wird es Dir gelingen. . . . Fuͤhlſt Du irgend einen entſchiedenen Beruf in Dir?“ „Herr Doctor . . .“ ſagte ich zögernd. „Das Dienen behagt Dir nicht . . . wenigſtens das nicht, wie es allgemein angenommen und angewendet wird, denn mir nach muͤßte der Diener mit zur Familie gehoͤren und auch in dieſen Verhaͤltniſſen ſind gewaltige Refor⸗ men zu machen. . . . O Zeit! Zeit!“ rief er mit dem Aus⸗ drucke ſchmerzlichen Bedauerns, dann ſetzte er hinzu: „Kom⸗ men wir zu Dir zuruͤck.“ „Ich weiß, daß ich nie wieder einen Herrn finden wenden wie Sie, Herr Doctor, aber . — — „Du wollteſt wieder dienen?“ ſite der Doctor, mich erſtaunt anſehend. „Ja, Herr Doctor, aber . „Aber ..2“ „Es giebt nur Eine Perſon in der Welt, bei der ich dienen moͤchte.“ „Und dieſe wäre? mein Sohn vielleicht?“ „Nein, Herr Doctor, obgleich ich den ganzen Edel⸗ muth ſeines Herzens kenne.“ „Wer denn aber ſonſt?“ „Herr Doctor, gewaͤhren Sie mir eine Gnade!“ „Sprich!“ „Haben Sie ſo viel Vertrauen zu mir, um mir zu verſprechen, mich nicht wegen der Gruͤnde zu der Bitte, die ich an Sie richten will, zu befragen. Dieſe Beweggruͤnde ſind ehrenwerth und rein, das ſchwoͤre ich Ihnen.“ „Ich glaube Dir . . . und werde ſie achten.“ „Nun denn, Herr Doctor .. wenn ich einmal. . durch irgend ein Ereigniß von Ihnen getrennt werden ſollte, ſo flehe ich Sie an, mir durch Ihren Schutz einen Dienſt zu verſchaffen, bei. „Ende, mein Sohn!“ „Bei der Frau Fuͤrſtin von Montbar.“ Bei dieſen Worten ſchien er Anfangs faſt verſteint, doch nachher eine ſo unerwartete Freude zu empfinden, daß ich ihn nun meinerſeits mit Verwunderung anſah. „Es iſt doch ſonderbar, wie ſich manchmal die Gedan⸗ ken begegnen,“ ſagte er nachdenkend und geruͤhrt. „Wie ſo, Herr Doctor?“ „Haͤtte ich ahnen koͤnnen, daß Du ſtatt der Unabhän⸗ gigkeit, die ich Dir anbot, daran denken konnteſt, bei Je⸗ mand zu dienen, wuͤrde ich, wie um eine Gefaͤlligkeit, ja, wie um ein Opfer, Dich gebeten haben, dies bei der Fuͤr⸗ ſtin von Montbar zu thun.“ „Iſt das moͤglich?!“ „Du kennſt ſie?“ „Herr Doctor ...“ „Dieſe Frage iſt mir entwiſcht. .. es ſoll die letzte ſein... Nun denn, ob Du die Fuͤrſtin von Montbar per⸗ ſoͤnlich kennſt oder nicht, ſie iſt die beſte, die edelſte Frau auf der Welt. und da eines oder des andern Tages ihr eine große Gefahr drohen kann .. ſo denke Dir mein Gluͤck, wenn ich weiß, daß ein Diener um ſie iſt, wie Du.“ „Die Fuͤrſtin waͤre bedroht?“ „Aber Du wirſt wachen uͤber ihr .. . denn gluͤcklicher Weiſe wird Dein Dienſt fordern, daß Du um ſie biſt . immer und immer.“ „Ja, ja! immer, immer!“ rief ich aus. „Aber wer kann denn die Fuͤrſtin bedrohen?“ Nach einem augenblicklichen Schweigen begann mein Herr: „Das Ungluͤck, das die Fuͤrſtin von Montbar druͤckt und bedroht, iſt von mehrfacher Art. Obgleich eine be⸗ — 219 — wundernswerthe Tochter, hat ſie doch die Liebe ihres Vaters verloren, eine liebende und treue Gattin, wird ſie, fuͤrchte ich, von ihrem Gemahl auf's Abſcheulichſte betrogen. Der Kummer fuhrte ſie zum Grabe, aber ſeit zwei Monaten hat ſie ſich gegen den Schmerz geſtaͤhlt und ihr Stolz ſich gegen die Ungerechtigkeit des Schickſals emport. Seitdem ſtellt ſie ſich ruhig, froͤhlich, vergnügungsſuͤchtig, aber ich kenne ſie . dies iſt Alles nur Schein. Sie ſucht ſich zu betaͤuben, um furchtbaren Schmerzen zu entgehen; ihre Schoͤnheit erſcheint blendender als je, aber mir erſcheint Regina nur in der blendenden Schoͤnheit derer, die das Ungluͤck bald treffen ſoll.“ „O Gott, Herr Doctor, was ſagen Sie?“ „Dagegen kannſt Du nichts thun, Martin, aber es giebt eine materielle drohende Gefahr, vor der Du eben durch Dein Verhaͤltniß als Diener, die Fuͤrſtin vielleicht ſchuͤtzen kannſt.“ „Oh, ſprechen Sie! ſprechen Sie!“ „Es giebt einen Mann von unbezaͤhmbarem Character und eiſernem Willen, ſeltener Energie und unermeßlichem Reichthume; dieſer Mann iſt zu Allem faͤhig, ja ſelbſt zum Opfer ſeines Lebens, um ſeine Liebe oder ſeinen Haß zu be⸗ friedigen . vorzuͤglich ſeinen Haß.“ „Und dieſer Mann? .. „Er iſt in dem, was am Schmerzlichſten bei einem Manne ſeiner Art iſt, verletzt worden in ſeinem Stolze. Er hatte um die Hand des Fräuleins von Noirlieu ange⸗ halten .. Ich bebte zuſammen, der Name des Grafen Duriveau ſchwebte auf meinen Lippen. Der Greis fuhr fort, ohne meine Erregung zu bemerken: „Zweimal iſt dieſer Mann verächtlich vom Fräulein von Noirlieu zuruͤckgewieſen worden, eine fuͤr ihn um ſo blutigere Zuruͤckweiſung, als ſie von dieſem ſtolzen und mu⸗ thigen Maͤdchen hart begruͤndet wurde. Daher der unver⸗ ſoͤhnliche Haß dieſes Elenden. Vor wenigen Tagen habe ich aus ſicherer, nur zu ſicherer Hand erfahren, daß dieſer Mann bei der Vermaͤhlung des Fräuleins mit dem Fuͤrſten von Montbar, geſagt hat: „Fraͤulein von Noirlieu hat mich voll Beleidigung verſchmaͤht. .. ich werde mich um jeden Preis an ihr raͤchen,“ .. . und ſo iſt es ungluͤcklicher Weiſe wahrſcheinlich, daß die Stunde ſeiner Rache naht, denn er hat ohnlaͤngſt noch geſagt: „Meine Rache ſchreitet vor!“... Dieſer Mann iſt der Graf von Duriveau.“ „Ich werde dieſen Namen nicht vergeſſen!“ „Nimm Dich in Acht! Um zu ſeinen Zwecken zu ge⸗ langen, iſt er zu Allem faͤhig; fähig der niedrigſten, finſter⸗ ſten, teufliſch'ſten Mittel, die Dienerſchaft zu verlocken, in das Haus der Fuͤrſtin vielleicht eine Creatur einzuſchwaͤrzen, die ihm verkauft iſt, dieſe ungluckſelige Frau in irgend einen Fallſtrick zu locken . . . was weiß ich's? Stelle Dir vor, was das unbarmherzigſte, ſchwaͤrzeſte und unerſchutterlich böſeſte Gemuͤth nur Verabſcheuungswuͤrdiges im Sinne ha⸗ — m — pen kann und Du bleibſt noch hinter der Wirklichkeit zu⸗ ruͤck.“ „Das iſt ja ein Ungeheuer!“ rief ich aus. „Er iſt ein Ungeheuer! . .. und eben deswegen kann dieſer Mann ſo furchtbar gefahrlich fur die Fuͤrſtin werden, daß ich freudig ſterbe, wenn ich Dich bei ihr, an ihrem Heerde weiß. . . . Daher beobachte, ſpionire, horche, wache, frage, mißtraue Allem, was Dir verdaͤchtig erſcheint, miß⸗ traue ſelbſt dem, was Dir ſchuldlos vorkommt, denn der Haß dieſes Mannes wird es verſtehen, alle Masken anzuneh⸗ men, alle Umwege zu benutzen, um zu ſeinem Ziele zu ge⸗ langen. Deine Wachſamkeit erſtrecke ſich auf alle Augen⸗ blicke. .. und ich weiß nicht, welche Ahnung mir ſagt, daß Du vielleicht dieſe himmliſche Frau aus großer Gefahr ret⸗ ten wirſt.“ „Aber, Herr Doetor, haben Sie nicht wenigſtens die Furſtin vor der Gefahr gewarnt, die ihr droht?“ „Ja. aber in ihrer muthigen Sicherheit hat ſie mich uͤber meine Furcht ausgelacht, und uͤberdies, wie ſie ſagte, eine Art kuhnen Vergnuͤgens daran gefunden, dem Haſſe dieſes Mannes zu trotzen. Von dieſer gefahrvollen Nichtachtung erſchreckt, habe ich den Fuͤrſten warnen wol⸗ len, die Fuͤrſtin hat mich aber gebeten, ihrem Gemahle Al⸗ les zu verheimlichen.“ „Das iſt ſonderbar! Nicht wahr, Herr Doctor?“ „So ſonderbar, daß ich im Intereſſe der Fuͤrſtin ſelbſt weiter gehen wollte, aber ihr Flehen iſt dann ſo dringend geworden, ſie hat ſo heilige Intereſſen angerufen . . ch betrachtete den Doctor verwundert, er erklaͤrte ſich aber nicht naͤher und fuhr fort: „Kurz, ihre Vorſtellungen waren der Art, daß ich ihr auf Ehre verſprochen habe, dem Fuͤrſten nichts zu ſagen.“ „Herr Doctor, ich vermag ſehr wenig in meiner Stel⸗ lung, aber die Fuͤrſtin wird keinen ergebeneren, keinen wachſameren Diener haben, als mich. Ich beſitze nichts, als mein Leben, aber dieſes gehort ihr auch.“ „So fuͤhle ich mich beruhigter. . . . Aber ſage mir jetzt, kennſt Du die Prinzeſſin ſchon? Ich muß das wiſſen we⸗ gen der Form meiner Empfehlung.“ „Ich bin der Fuͤrſtin ganz unbekannt, ganz ftemd.“ „Und Du giebſt Dich ihr ſo tapfer hin? .. Nun denn, fuͤrchte nichts, ich will nicht in Dein Schennß ein⸗ zudringen ſuchen.“ Nach einer augenblicklichen Ueberlegung fuhr der Doc⸗ tor darauf weiter fort: „Ja, ja, ich werde der Fuͤrſtin ſchreiben . mein Sohn ſoll ihr den Brief einhaͤndigen . . . Regina wird, da⸗ von bin ich uͤberzeugt, dieſen letzten Willen eines alten Freundes erfullen und Dich in ihre Dienſte nehmen.“ „Ihren Sohn, Herr Doctor?“ „Ja, ich werde ſo der Fuͤrſtin von Montbar zai treue Beſchutzer hinterlaſſen, die ihre Sorge fuͤr dieſelbe in zwei verſchiedenen Sphaͤren ausuͤben werden.“ — 223 — „Und Ihr Sohn kennt die Fürſtin ſchon?“ „Ich habe oft von ihr mit ihm geſprochen .. . er hat von mir gelernt, ſie zu lieben, ſie zu verehren. . .. Sie ih⸗ rerſeits hat mich oft von meinem Sohne mit aller Liebe ſprechen hoͤren, die er verdient, und mich auch mehre Male ſeit ihrer Verheirathung erſucht, ihn ihr vorzuſtellen. „Nein, lieber Vater,“ ſagte er mir aber ſcherzend, als ich ihm Re⸗ gina's Wunſch mittheilte, „ich wuͤrde mich in die Fuͤrſtin toll verlieben; warte alſo, bis mein Herz anderswo gefan⸗ gen iſt, dann werde ich ſie ungeſtraft ſehen können. . .“ Ich habe dieſen Scherz der Furſtin erzählt und ſie hat viel daru⸗ ber gelacht. Damals lachte ſie, aber jetzt, wo es ſich um wichtige Intereſſen handelt, wird mein Sohn einſehen, daß etwas Heiliges in dem Auftrage liegt, den ich ihm hinter⸗ laſſe, und den ich ihm ſchriftlich auseinanderſetzen werde, wenn ich die Kraft dazu beſitze.“ Und der Greis, deſſen Stimme immer ſchwaͤcher ge⸗ worden war, ſchien durch dieſe Unterredung ſo ermuͤdet, daß er in eine Art von Betaubung verſank. Wider meinen Willen war mein Herz gebrochen. So ſtolz und gluͤcklich ich geweſen ſein wuͤrde, allen Erniedrigungen zu trotzen, um im Dunkeln das Werk mei⸗ ner ungekannten Hingebung zu erfuͤllen, aber unter der Bedingung, dies allein zu thun, ſo ſehr litt ich bei dem Gedanken, dieſen edlen Auftrag mit dem Sohne meines Herrn zu theilen, der im Glanze aller äußern Vorzuge, mit den ſeltenſten Eigenſchaften des Geiſtes und Herzens begabt, — in den vertrauten Freundekreis Regina's aufgenommen wer⸗ den ſollte, waͤhrend ich mein Ziel, ungekannt von Allen, verfolgte. Ich bekenne zu meiner Schande, daß ich, einen Augen⸗ blick lang von dieſem niedrigen und eiferſuͤchtigen Gedanken beherrſcht, die Feigheit beſaß, von meinem erſten Entſchluſſe zuruckzutreten, eine doppelt unwuͤrdige Feigheit, da die Ge⸗ fahren fuͤr Regina zu wachſen ſchienen . aber dieſe haͤß⸗ liche Schwaͤche haͤtte beinah in mir jedes edlere Gefuͤhl er⸗ ſtickt und ich ſtand auf dem Punkte, meinem Herrn zu ge⸗ ſtehen, daß ich meine Abſicht aufgebe, da ich weder Muth noch Tugend genug beſaͤße, ſie durchzufuͤhren. Gluͤcklicher Weiſe ging ich nach ſchmerzlichen Anſtren⸗ gungen als Sieger aus dieſem Kampfe, und ich wendete mich an den Doctor mit den Worten: „Herr Doctor, noch eine Bitte.“ „Sprich.“ „Sagen Sie . ich beſchwoͤre Sie . Ihrem Herrn Sohne nicht, unter welchen ſonderbaren Umſtaͤnden ich in die Dienſte der Fuͤrſtin von Montbar trete.“ „Wie ſo?“ „Aus Urſachen, deren Wichtigkeit ich allein nur wuͤr⸗ digen kann und die nichts Unedles an ſich haben. Verber⸗ gen Sie gutigſt Ihrem Herrn Sohne, daß ich vielleicht .. wenigſtens durch meine uneigennuͤtzige Hingebung, das ſchwoͤre ich . uͤber der Stellung ſtehe, zu welcher ich ni mit Freuden entſchließe.“ — — „Du wuͤnſcheſt alſo 2 „Daß Ihr Herr Sohn nur einen ehrlichen Diener in mir erblicke, fur den Sie ſich intereſſiren, und dem Sie blos eine gute Stelle bei der Fuͤrſtin verſchaffen wollen.“ „Dein Geheimniß gehoͤrt Dir, es wird mir heilig ſein. Jedenfalls haͤtte ich ohne Deine Erlaubniß nie meinem Sohne ein Wort von allem Dem geſagt, was Du mir an⸗ vertraut haſt. .. Ich werde ihn alſo bitten . oder viel⸗ mehr,“ ſagte der Greis, indem er ſich mit melancholiſchem Tone verbeſſerte, „ich werde ihm ſogleich Alles in der Art ſchreiben. wie Du es wuͤnſcheſt was Dich betrifft. und Der Doctor Clement konnte nicht reden; die Thuͤr ſeines Zimmers öffnete ſich langſam und herein trat der Ca⸗ pitain Juſt. Bei dem unerwarteten Anblicke des Capitains hob ſich der Doctor in die Hoͤhe, und rief: „Mein Sohn!“ waͤh⸗ rend ſein entfärbtes Geſicht einen unbeſchreiblichen Ausdruck ſtechenden Schmerzes und unausſprechlicher Freude zeigte, denn wenn dieſe plotzliche tiefe Bewegung ihm auch den letz⸗ ten und furchtbarſten Stoß gab, ſo triumphirte doch das unerwartete Gluͤck, ſeinen Sohn wiederzuſehen, über den materiellen Schmerz. Beim Eintritt in das Zimmer ſeines Vaters war der Geſichtsausdruck des Capitain Juſt lächelnd und froͤhlich. Er wußte noch von nichts. Eine mehrtägige Unterbrechung ſeiner Arbeiten benutzend, hatte er ſich mit dem Briefe Martin. VII. 15 — — gekreuzt, welcher ihm die beunruhigende Lage des Doctors meldete. Durch einen ungluͤcklichen Zufall hatte Suzon, welche in ihrer Stube beſchäftigt war, nichts von des Capitains Ankunft gehört. Der Sohn des Portiers des Nachbar⸗ hauſes offnete ihm. Dieſer junge Menſch war ſeit den Begebenheiten des Abends zuvor, mehrer Sicherheit wegen, in ſeiner Wohnung geblieben. Ueber die plötzliche Ankunft des Capitain Juſt betroffen, wagte er es nicht, ihm etwas von dem traurigen Anblicke, der ſeiner wartete, zu ſagen, und beſchraͤnkte ſich darauf, ihm mitzutheilen, daß der Herr Doctor ſchon im Bette ſei. Da es nun bereits ziemlich ſpät war, ſo hatte dies den Capitain nicht im Mindeſten beunruhigt. In dem Augenblicke aber, wo er eintrat, und der Greis von Freude ergriffen, ausrief: „Mein Sohn!“ eilte Suzon, die jetzt erſt die ploͤtzliche Ankunft des Capitains er⸗ fahren hatte und befurchtete, es moͤchte dem Greiſe eine ge⸗ fährliche Anſtrengung verurſachen, bleich, athemlos und er⸗ ſchrocken herbei, um dieſe Zuſammenkunft wenigſtens in et⸗ was vorzubereiten. Es war zu ſpät. 4 Das Erſcheinen der alten Dienerin, ihr aͤngſtliches Weſen, die ſchmerzliche Veränderung in des Doctors Zugen, alles Dies verſtändigte plotzlich den Capitain, und er warf ſich mit tiefer Angſt in die Arme ſeines Vaters. Nach einem Stillſchweigen einiger Augenblicke, wäh⸗ — — rend welchem Vater und Sohn ſich feſt umarmt hielten, Suzon und ich aber kaum unſte Thraͤnen zuruͤckhalten konn⸗ ten, ſagte der Doctor mit ſchwacher, aber ruhiger Stimme: „Nun denn . .. Ruhe .. . Faſſung, mein geliebter Juſt damit dieſe Stunde uns . . . nicht bitter werde. . Warum denn traurig ſein bei dem Abſchiede zweier Freunde, wie wir ſind? Wenn ſie ſich einen Augenblick trennen, fin⸗ den ſie ſich nicht ſpäter wieder vereint?“ Als der Greis dieſe einfachen Worte ſprach, gab die hohe Heiterkeit ſeiner Zuͤge Zeugniß fuͤr ſeinen tiefen Glau⸗ ben an die Wiedervereinigung und Unſterblichkeit der Seelen. Obgleich Juſt den Glauben ſeines Vaters theilte, ſo konnte er doch deſſen Stoicismus nicht nachahmen. Er ſtand am Kopfende des Bettes, beide Haͤnde auf's Geſicht gedruͤckt, und ſuchte ſeine Thraͤnen zu verbergen. „Mein Kind,“ ſagte nun der Greis mit dem Tone ſanften Vorwurfs, indem er ſich halb wendete und mit matter Hand die des Sohnes zu ergreifen ſuchte, „warum Thraͤnen? Weißt Du nicht, daß nicht von einer ewigen Trennung die Rede iſt, ſondern nur von einer Abweſenheit?“ „Oh, mein Vater! . .. mein Vater ... ſchon!“ rief Juſt ſchluchzend, und ſank am Bette des Greiſes in die Kniee. „Mein geliebtes Kind!. .. wozu dieſer Schmerz? Was liegt denn ſo Betruͤbendes in den Worten: „auf Wie⸗ derſehen!?“ Sind unſte Seelen nicht rein, ruhig und voll Vertrauen auf die Gerechtigkeit des Gottes der Redlichen?“ 15* — 228 — Nach dem erſten Ausbruche des Schmerzes fand Ca⸗ pitain Juſt jene ſtoiſche Ruhe wieder, an welche ſein Vater ihn gewoͤhnt hatte. Er trocknete ſeine Thränen und ſagte mit feſter Stimme: „Sei ruhig.. guter Vater.... Die Erinnerung an unſern Abſchied ſoll mir nie ſchmerzlich werden, im Gegen⸗ theil werde ich jeden mit Freuden daran denken, denn jeder Tag wird fuͤr mich .. die Dauer unſter Trennung verkuͤrzen.“ „und bei einem arbeitſamen und beſchaͤftigten Leben wie das Deine ... vergeht die Zeit geſchwind,“ ſagte der Doctor mit ſanftem Laͤcheln. „Iſt mir's doch, als wäre ich erſt von geſtern.. aber die Augenblicke ſind gezählt . ich habe noch uͤber wichtige Gegenſtaͤnde mit Dir zu ſpre⸗ chen, und Dir einige Auftraͤge zu ertheilen. . vor meiner Abreiſe.“ Dann gab er mir ein Zeichen und ſagte: „Martin, nimm den Schluſſel dort von der Kom⸗ mode und hole aus dem Acajouſchranke in meinem Kabinet das Regiſter, das Du kennſt.“ Ich gehorchte, und ging in das Kabinet des Doctors. Pierzehntess Rapitel. Vater und Sohn. Ich blieb einige Minuten abweſend. Ohnſtreitig hatte der Doctor Clement meine Abweſen⸗ heit benutzt, um mit ſeinem Sohne von dem Heirathsbe⸗ ſuche zu ſprechen, den Herr Dufour, der Millionair aus Evreux, ihm gemacht hatte, denn als ich wieder eintrat, ſagte der Capitain Juſt: „Niemals, lieber Vater. Fraͤulein Dufour iſt aller⸗ liebſt, aber ich habe nie an ſie gedacht. Uebrigens bin ich ſtets Deiner Anſicht geweſen, daß Heirathen, ohne die Moͤg⸗ lichkeit einer befreienden oder raͤchenden Trennung, kein gleichmaͤßiges Band, ſondern eine ſchwere Kette ſei, deren Laſt das Weib allein trage.“ „Mein Sohn,“ antwortete ihm der Greis, nachdem er mit einem Kopfnicken deſſen Worte gebilligt, und das Regiſter aus meiner Hand genommen hatte; „Du wirſt in dieſem Buche,“ und damit uͤbergab er es dem Capitain, „die genaueſte Angabe der Summen finden, die ich ſeit — vierzig und mehr Jahren eingenommen habe. Ihr Geſammt⸗ betrag belaͤuft ſich auf zwei Millionen ſiebenhundert und einige tauſend Francs, welche, wenn ich ſie angelegt hätte, wie man ſagt, mir ein Vermoͤgen von fuͤnf bis ſechs Millio⸗ nen gewaͤhrt haben wuͤrden.“ „Das Alles haſt Du eingenommen?“ rief der Capitain Juſt in ſeinem kindlichen Stolze, „und blos durch Deine Arbeit?“ „Ja, nur durch meine Arbeit, mein geliebtes Kind. In dieſem Regiſter findeſt Du aber auch die Anwendung, die ich von dieſen betraͤchtlichen Summen gemacht habe.“ „Mir Rechenſchaft über Dein Vermoͤgen ablegen? mir? Deinem Sohne? und jetzt?“ antwortete der Capitain im Tone ſchmerzlicher Ueberraſchung und erhabener Uneigen⸗ nuͤtzigkeit. „Wozu das? Haſt Du mir nicht eine Stellung gegeben, und mehr geſichert als ich zum Leben bedarf?“ „Nicht uͤber mein Vermoͤgen muß ich Dir Rechenſchaft ablegen, ſondern uͤber meine Handlungen.“ „Ueber Deine Handlungen?“ „Höre mich an .. ich habe Dich ſtets zärtlichſt ge⸗ liebt,. ich habe Dir es bewieſen .. aber Du hatteſt Tauſende von Bruͤdern in der Menſchheit... arme, von unſter ſtiefmuͤtterlichen Geſellſchaft verlaßne, und doch auch voll Herz, und Muth, und Einſicht und guten Wil⸗ lens. .. . Es fehlten ihnen blos die Mittel, die Inſtrumente zur Arbeit, ein wenig Muße und Geld, um ſich einen Namen in den Künſten, der kiteratur⸗ den Wiſenſigſten zu machen.“ Juſt blickte auf ſinn Vater mit einem Gemiſch von Staunen und Bewunderung. Er begann zu begreifen. „Wenn mir einer dieſer armen Enterbten bezeichnet wurde,“ fuhr der Greis fort, „ſo verſicherte ich mich erſt genau, daß er Beiſtand verdiene .. und dann wurde er unterſtuͤtzt. nicht in meinem Namen, mein Sohn . ſondern in dem Deinen im Namen des Herrn Juſt damit Dein Name geſegnet werde!“ Juſt konnte keine Worte finden. Edle Thraͤnen ran⸗ nen aus ſeinen Augen. Der Doctor fuhr fort: „Wenn ich, ſtatt Dich muͤſſig und millionenreich zuruͤckzulaſſen, Dir ein maͤßiges Auskommen, eine ge⸗ ſicherte Zukunft und eine edle Laufbahn, der Du Ehre machſt, hinterlaſſe, mein theures Kind, ſo geſchah es, weil ich einem Gedanken folgte, der an dem Fronton des ſocialen Gebaͤudes eingeſchrieben ſein ſollte. Dies iſt dieſer: Nie⸗ mand hat ein Recht auf das ueberfluͤſſige, ſo lange noch nicht Jeder das Nothwendige beſitzt. Und eben weil ich das Nothwendige Tauſenden Deiner Bruͤder in der Menſchheit gegeben habe, mein Sohn, laſſe ich Dir nicht das Ueberfluͤſſige. Jetzt weißt Du, wie ich unſer Vermoͤgen angewendet habe.“ Was mich betrifft, ſo beruͤhrte mich dieſer impoſante Auftritt ſchmerzlich. Ich begriff, ich bewunderte den ſtrengen = — Gedanken des Doctor Clement, um ſo mehr, als ich un⸗ willkuͤrlich an das Leben dachte, das der ungluͤckliche Robert von Mareuil gefuͤhrt hatte, an das bevorſtehende Leben des Vicomte Scipio... dieſer beiden Opfer des Muͤſſigganges. .. der faſt unausbleiblichen Folge einer reichen Erbſchaft. „Juſt! . . . habe ich wohl daran gethan?“ fragte der Greis. „O! Du ruͤhmlichſte aller Erbſchaften!“ rief der Capi⸗ tain Juſt mit Entzuͤcken, indem er das alte Regiſter kußte, das ihm der Doctor eingehaͤndigt hatte. „Dank, Dank, mein Vater! ich fuͤhle, wie ich groͤßer werde mit Dir!“ „Komm! komm, mein edles und wuͤrdiges Kind!“ rief der Doctor, von unausſprechlicher Ruͤhrung ergriffen, die Arme nach ſeinem Sohne ausſtreckend, der in ſie ſtuͤrzte. Und ſo blieben Beide einen Augenblick lang eng umarmt. Nicht lange darauf, ſo wendete ſich der Doctor an Suzon und mich, und ſagte voll Guͤte zu uns: „Meine Freunde, laßt uns jetzt allein. . ich habe mit meinem Sohne zu ſprechen. Ich werde Deine Angelegenheit nicht vergeſſen, Martin!“ Seit einer halben Stunde etwa hatten wir meinen Herrn und den Capitain verlaſſen, als der ſchnell wieder⸗ holte Klang einer Klingel aus des Doctors Schlafzimmer uns rief. Suzon und ich eilten dahin. Unſer Herr war im Verſcheiden. — 233 — „Meine gute Suzon,“ ſagte er mit erloſchner Stimme, „ich wollte nicht. .. ſcheiden .. . ohne Dir Dank zu ſagen, fuͤr Deine Sorgfalt. . .. Mein Sohn wird fuͤr Dich ſorgen . leb denn wohl .. . auf Wiederſehn!“ „Ja . auf Wiederſehn .. und bald,“ ſagte Suzon ſchluchzend. Sie warf ſich auf die Kniee, und druͤckte ihre Lippen feſt auf die Hand des Greiſes. „Und Dir auch. .. Martin,“ ſagte er zu mir, . „wollte ich Lebewohl ſagen. ... Alles iſt mit meinem Sohne verabredet ... Deine Unabhaͤngigkeit iſt geſichert .. und wenn Du mich . . . in gutem Andenken behaͤltſt. .. ſo thue fuͤr die . die Du ſchon kennſt. .. das, was Du fuͤr meine Tochter thun wuͤrdeſt.... Lebe wohl . . . Deine Hand ... auch Und dieſe ſchon erkaltete Hand mit kindlicher Vereh⸗ rung an meine Lippen druͤckend, knieete ich an der andern Seite des Bettes nieder. „Juſt. mein heißgeliebter Juſt!“ ſagte der Doctor Clement mit ſterbender Stimme, und das Angeſicht durch einen letzten Strahl von Gluͤck erhellt, „mein theurer Sohn. Dank Dir. . . daß ich ſo gluͤcklich ſcheide!. .. Auf Wiederſehen .. mein geliebter Sohn!“ „Mein Sohn!“ war das letzte Wort des Greiſes. Einige Secunden darauf ſchloß fromm der Capitain Juſt die Augenlider ſeines Vaters. Der Tod des Doctor Clement war fuͤr mich ſehr ſchmerzlich. Ohnerachtet ſeiner dringenden Empfehlungen, — 3 — die mit meinem heißen Wunſche, in Regina's Dienſte zu treten, ſo ganz uͤbereinſtimmten, wollte ich dieſen Entſchluß doch nicht faſſen, ohne erſt Claude Gerard um Rath gefragt zu haben. Ich begab mich daher zu dieſem in das Dorf, das er in der Gegend von Evreur bewohnte. Ich erzaͤhlte ihm mein Leben ſeit unſcer Trennung. Die verdoppelte Liebe, die er mir in Folge dieſer Mittheilung zeigte, bezahlte mich fuͤr alle meine vergangenen Leiden. Er ſchien gluͤcklich und ſtolz darauf zu ſein, zuzuſehen, welche mächtige Hilfe ſeine Lehren der praktiſchen Moral ſtets fuͤr mich in Mitten meiner peinlichen Kaͤmpfe gegen das Schickſal geweſen waren. Mit dem, was Reines und Erhabenes in meiner Liebe lag, mußte Claude Gerard um ſo mehr ſympathiſiren, als er ein armes und reizendes junges Maͤdchen leidenſchaftlich liebte, und bald heirathen ſollte, das in dem Dorfe wohnte, wo er Lehrer war. Der Vater ſeiner Braut, aus der Sologne gebuͤrtig, wo ſeine Eltern Schnitter geweſen, war ſeit langer Zeit in der Gemeinde aufgenommen. Er trieb das Geſchaͤft eines Fuhrmanns. Mehre Male ſah ich das junge Maͤdchen, es ſchien mir wegen ſeiner Sanftmuth, natuͤrlichen Grazie, und unbefangenen Schoͤnheit Claude's Liebe zu verdienen. Dieſer ſchilderte mir uͤberdies mit Ent⸗ zuͤcken die Eigenſchaften des Herzens, die dieſes Mädchen ſchmuͤckten. Nie hatte ich Claude ſo innig gluͤcklich geſehen, faſt blendeten mich die tauſendfachen Seligkeiten, die er von dieſer bei alledem armen Verbindung erwartete, da ſeine — — Braut ihm nur ihre Schoͤnheit, ihr gutes Herz und ihre Gewoͤhnung an ein karges und arbeitſames Leben zur Mit⸗ gift brachte. Claude zweifelte nicht daran, daß meine Briefe bos⸗ hafterweiſe, durch den elenden Haß der Feinde, unterſchlagen worden ſeien, die er in der Gemeinde zuruͤckgelaſſen, wo meine erſte Jugend in ſeiner Naͤhe verfloſſen war, denn als er jenen Ort den zweiten Tag nach meinem Abgange nach Paris verlaſſen, hatte er ſeine neue Adreſſe Jemand gegeben, auf deſſen Treue er ſich verlaſſen zu koͤnnen glaubte. Deſſenohngeachtet wurden meine Briefe ſtatt auf dieſem Wege zu Claude zu gelangen, zuruͤckgewieſen, verloren oder an falſche Adreſſen geſchickt. Claude Gerard hatte Neider und Feinde, doch zählte er auch durch die Erhabenheit ſeines Characters einige Freunde. Unter dieſen war der Oberarzt des Irrenhauſes geweſen, wo zuerſt die blödſinnige Frau eingeſperrt war, fuͤr welche Claude Gerard ſo ruͤhrend geſorgt hatte, und die eines Tages, als ein Schlachtopfer der rohen Verwirrung und Trunkenheit Bamboche's, ein Maͤdchen geboren hatte⸗ Durch die einflußreiche Verwendung des Arztes, Claude Gerards⸗Freundes, waren Kind und Mutter, letztre immer noch blodſinnig, nach Evreur, einer Stadt, die ohnweit des Dorfes lag, in welchem der Lehrer ſein Amt verwaltete, gebracht worden. Auf die anfaͤngliche Tobſucht dieſer Ungluͤcklichen war ein unſchaͤdliches Irrſein gefolgt. Unter andern ſonderbaren — 236 — Manieen trug ſie ſtets an ihrem Guͤrtel befeſtigt, eins der kleinen runden, mit Tuch bezogenen Kaͤſtchen bei ſich, an denen die Spitzenkloͤpplerinnen arbeiten, und ſie bewegte faſt unaufhoͤrlich ihre Finger darauf, als ob ſie die Kloͤppel in Bewegung ſetze. Außer dieſer Geiſtesverirrung ſah man ſie immer ruhiger werden, und hoffte, daß vielleicht der Anblick ihrer kleinen Tochter eine heilſame Wirkung auf ſie haben koͤnne. Der Arzt leitete alſo dieſes Zuſammentreffen in dem Hauſe einer Baͤuerin ein, bei welcher Claude Ge⸗ rard das Kind untergebracht hatte. In der That fuͤhlte die arme Mutter, ob ſie gleich ihr Kind nicht wieder er⸗ kannte, doch bei deſſen Anblicke eine große Ruͤhrung, weinte ſehr, indem ſie es umarmt hielt, und dann folgte auf dieſe Thraͤnen eine Art nachdenkender Abſpannung, durch welche hindurch der Arzt einige Lichtpunkte der Vernunft glaubte ſchimmern zu ſehen. Von dieſer erſten Erfahrung befriedigt, nahm er ſich vor, ſie zu erneuern. Bei dieſer zweiten Zuſammenkunft der Irren mit ihrer Tochter, welche in dem kleinen Garten der Wärterin vorfiel, war es, wo Bamboche, der ohnſtreitig auf der Lauer ſtand, einen Augenblick benutzte, wo die ungluͤckliche Mutter mit der Tochter allein geblieben war, und ganz un⸗ erklaͤrbar dieſe nebſt dem S das die Irre ſtets bei ſich trug, entfuͤhrte. In Folge welcher Regehthpilen bofand ſich Bamboche in dieſer Gegend? Wie hatte er die Gewißheit n daß dieſes Kind das ſeine ſei? Aus welcher Abſicht raubte er das an ſich vshſe Kaͤſtchen? Ich konnte uͤber alle dieſe Fragen nichts erfahren, denn Claude's Nachforſchungen deßhalb waren vergeblich geweſen, und bei dem Diebſtahlsauftritte bei dem Doctor Clement war Bamboche in nichts Einzelnes eingegangen. Noch Tags zuvor, ehe ich zu Claude Gerard abgereiſ't war, hatte er mir jedoch geſchrieben, daß er nichts beduͤrfe, weder fur ſich noch fuͤr ſeine Tochter, da ein gluͤcklicher Zufall ihm zu Hilfe gekommen waͤre, und daß er ſich entferne, begluͤckt, mir bewieſen zu haben, daß auch er dem Schwure unſter Kindheit treu geblieben ſei. Claude Gerard und ich verſprachen uns, tief betruͤbt daruͤber, das Kind in Bamboche's Haͤnden zu wiſſen, unſrer⸗ ſeits Alles zu verſuchen, einige Nachricht von demſelben zu erhalten. Ich hatte auch in Bezug auf Regina lange und ernſte Unterhaltungen mit Claude. Ich verbarg ihm nichts, weder von dem Antheile, den ich bei dem Vereiteln der ſchaͤndlichen Pläne Roberts von Mareuil genommen, noch wie ich die ſonderbare Entartung des Fuͤrſten von Montbar erfahren, noch von der Drohung des Grafen von Duriveau, eine bei einem Manne von ſeinem Character furchtbare Drohung. Auch die Beſorgniſſe, welche die Zukunft der Fuͤrſtin von Montbar dem Doctor Clement eingefloͤßt hatte, verſchwieg — ich ihm nicht, noch die Dankbarkeit dieſes Letztren, als ich ihn unter dem Siegel der Verſchwiegenheit um eine un⸗ verhoffte Gunſt gebeten hatte, mir Mittel zu verſchaffen, in die Dienſte der Fuͤrſtin zu treten. Zu meinem großen Erſtaunen erzaͤhlte mir Claude uͤber Regina Vieles, das ich noch nicht wußte, und vermehrte mein Intereſſe fuͤr ſie noch dadurch. Alles dieſes hatte Claude vom Capitain Juſt erfahren. Dieſe beiden Maͤnner hatten ſich, als der Zufall ſie einmal zuſammengefuͤhrt, in ſo vielen Beruͤhrungspunkten gefunden, daß ſie ſich bald durch innige Freundſchaft verban⸗ den. Als ſie einſt mit einander uͤber den unedlen Geiſt des Handels und der ſchmutzigen Habſucht geſprochen, die durch väterliche Autorität faſt immer bei den Vermaͤhlungen jun⸗ ger reicher Maͤdchen vorwaltet, armer, auf dieſe Art ohne Liebe, ohne Verlangen, ohne Vertrauen zu dem Manne den ſie ehelichen, ohne Achtung fuͤr ein Band, das keine Sympathie knuͤpfte, und gezwungen zwiſchen einer duͤſtern, kalten, das Herz zerreißenden Lebensweiſe oder der Verlockung ſtrafbarer Leidenſchaften zu wählen, verheiratheter Mädchen, hatte der Capitain Juſt als Muſter der Schönheit, des Reizes, des Geiſtes und der Kraft eine junge Perſon ge⸗ nannt, die ſein Vater, der Doctor Clement, ſeit mehren Jahren kenne, Fraͤulein von Noirlieu. Claude hörte ſeinem neuen Freund mit verdoppelter Aufmerkſamkeit zu, aber ohne das Intereſſe zu verrathen, das er um meinetwillen an Regina nahm. Der Capitain . Juſt ſagte ihm nun ferner, daß eines der größten Kuͤmmer⸗ niſſe des Fraͤuleins von Noirlieu aus der Entfremdung entſpringe, welche ihr Vater ihr zeige, der ſie doch während ihrer Kindheit und erſten Jugend vergöttert. Die unge⸗ rechte Anſchuldigung, die noch auf dem Andenken von Regina's Mutter ruhte, war der einzige Grund der Abnei⸗ gung des Barons von Noirlieu, der ſeit einigen Jahren entdeckt zu haben glaubte, daß Regina nicht ſeine Tochter ſei. Und doch hatte die Baronin von Noirlieu noch ſterbend geſagt: „Ein Schwur verpflichtet mich zu ſchweigen, ſelbſt in dieſer Sterbeſtunde, aber eines Tages wird meine Unſchuld anerkannt werden.“ Waren Regina's Hoffnungen, das Andenken h Mutter wiederhergeſtellt zu ſehen, auf dieſe Worte blos oder auf beſtimmtere Thatſachen begruͤndet? Daruͤber konnte mir Claude nichts ſagen. Regina liebte ihren Va⸗ ter, ſich an die Zärtlichkeit, welche er ihr ſonſt gewidmet hatte, erinnernd, immer noch, liebte ihn um ſo mehr, als ſie ihn einem wilden, unheilbaren Schmerze hingegeben ſah, der ihn langſam untergrub. Da ſie von der Unſchuld ihrer Mutter uͤberzeugt war, ſo verfolgte ſie deren Ehrenrettung mit den gluͤhendſten Wuͤnſchen, weil dieſe ihr auch das Herz ihres Vaters wieder zufuͤhren mußte. In der Hoff⸗ nung, dieſen unerbittlichen Mann zu ruͤhren, der in der Bizarrerie ſeines Schmerzes ſeine Tochter ſeit ihrer Verhei⸗ rathung nicht hatte wiederſehen wollen, begab ſich Regina — 240 — jeden Tag zu ihm, und flehte, obgleich vergebens, vor ſeiner Thuͤr um die Erlaubniß, ihn zu ſehen. Jeder Zuruͤckweiſung ſetzte ſie geduldige Hoffnung entgegen, und ohne je muͤde zu werden zuruͤckgeſtoßen zu werden, kehrte ſie am folgenden Tage immer ehrerbietig und entſagend wieder zuruͤck. Was den Selbſtmord Roberts von Mareuil und die Verheirathung Regina's mit dem Fuͤrſten betraf, ſo erklaͤrte der Capitain Juſt dieſelben Claude nach den daruͤber ver⸗ breiteten Geruͤchten. Fraͤulein von Noirlieu habe Herrn von Mareuil, den ſie von Kindheit an geliebt, verſprochen, nur ihm allein anzugehoͤren, Entfernung, Abweſenheit, des Grafen gänz⸗ liches Schweigen, vielleicht auch unbeſtimmte Geruͤchte ſei⸗ ner Verſchwendung und unnuͤtzen, verlornen Lebensweiſe, hatten in Regina die Gefuͤhle dieſer erſten Liebe erkalten laſſen. Der Baron von Noirlien, dem daran gelegen, ſeine Tochter, deren Gegenwart ihm ſchmerzlich geweſen, zu ver⸗ heirathen, habe ihr mehre Partieen, unter andern auch den Grafen Duriveau und den Fuͤrſten von Montbar vorge⸗ ſchlagen. Wenn Regina, trotz des unbegreiflichen Eindrin⸗ gens ihres Vaters, hartnaͤckig den Grafen Duriveau abge⸗ lehnt habe, ohne dem Fuͤrſten deshalb ſich geneigter zu zei⸗ gen, ſo habe des Letztern äußerer Reiz und Geiſt Eindruck auf ſie gemacht. In dieſer Zeit habe Herr von Mareuil Regina wieder an ihr heiliges Verſprechen erinnert. Die ritterliche Redlichkeit des jungen Mädchens, der Anblick und — 241 — wahrſcheinlich auch der Briefwechſel des Mannes, den ſie von Kindheit an geliebt, haͤtten ihren Entſchluß beſtimmt. Sie habe ihrem Vater erklärt, daß ſie Robert heirathen wolle. Der Baron von Noirlieu ſei unbeugſam geweſen, trotz aller Bitten, alles Flehens ſeiner Tochter. Plötzlich habe man den Selbſtmord des Herrn von Mareuil erfahren, einen fuͤr alle Welt, ausgenommen für Regina, fuͤr mich und fuͤr die Mitgenoſſen der finſtern Plaͤne Roberts, uner⸗ klaͤrlichen Selbſtmord. Nun hatten der Graf Duriveau und der Fuͤrſt von Montbar, die eine Zeitlang durch die Macht der Verhaͤlt⸗ niſſe entfernt worden, ihre Antraͤge bei dem Fräulein von Noirlieu erneuert. Immer aufrichtig, habe ſie dem Grafen Duriveau ihre tiefe Abneigung nicht verhehlt, und dem Fürſten von Montbar geſagt: „Durch ein heiliges Verſprechen gebunden, habe ich Ihre Hand ablehnen muͤſſen. Jetzt nehme ich ſie an, und Sie können auf ein redliches und Ihrer wuͤrdiges Herz zaͤhlen.“ Der in Regina leidenſchaftlich verliebte Fuͤrſt habe es dahin gebracht, den Widerſtand des Baron von Noirlieu zu beſiegen, der immer fuͤr den Grafen ſich verwendet, und ſo ſei denn, dem wuͤthenden Verdruſſe des Letztern zum Trotz, dieſes Band geſchloſſen worden. Sechs Monate lang habe die Fuͤrſtin von Montbar die gluͤcklichſte aller Frauen zu ſein geſchienen, aber nach dieſer Zeit ſei auf einmal eine gewaltige Kälte zwiſchen Martin. VII. 16 — — dem Fuͤrſten und ſeiner Gemahlin eingetreten. Letztre ſei in eine tiefe Schwermuth verfallen, die den Doctor Clement ſehr beunruhigt habe. Auch der Fuͤrſt habe einige Zeit duͤſter und erregt geſchienen, da er, wie man ſage, ſeine Frau anbetet. Auf dieſe Traurigkeit ſei aber bei ihm eine wahre oder erheuchelte Gleichgiltigkeit gefolgt. Wer mochte das wiſſen? Die Geſundheit der Fuͤrſtin ſei immer bedenklicher geworden, als auf einmal, zwei Monate vor dem Tode des Doctor Clement, ſich in der Lebensweiſe der Fuͤrſtin eine auffallende Veraͤnderung gezeigt. Seit langer Zeit habe ſie zuruͤckgezogen und faſt in volliger Einſamkeit gelebt. Plötzlich habe ſie den Tumult der Feſtlichkeiten wieder auf⸗ geſucht. Jung, geiſtreich, reizend, ſei die Fuͤrſtin von Montbar bald eine der geſuchteſten Damen in Paris gewor⸗ den, und die Herren nach der Mode häͤtten ſich um die geringſte Bewegung von ihr geſtritten, aber ſelbſt die boshafteſte Verlaͤumdung habe Regina's Auffuͤhrung achten muͤſſen. Die Lage der Furſtin von Montbar, wie ich ſie eben nach meinen Unterredungen mit Claude Gerard geſchildert habe, veranlaßte ihn, meinen Entſchluß zu billigen und zu ermuthigen. Ich ſollte nach ſeiner Anſicht mein Werk einet von Regina ungekannten Hingebung bis ans Ziel verfolgen, einer Hingebung, die mir doppelt zur Pflicht wurde, ſowohl wegen meines eignen Gefüͤhls als wegen des — 243 — letzten Wunſches des Doctor Clement, deſſen großmuͤ⸗ thige Guͤte auf immer fuͤr meine Beduͤrfniſſe geſorgt hatte. „Iſt einmal dieſes Werk ſo weit vollendet, als es in Deinen Kräften ſteht,“ ſagte Claude Gerard bei unſerm Abſchiede zu mir, „ſo kommſt Du hierher zuruͤck. Wir trennen uns dann nicht mehr, und weil Du das einmal wuͤnſcheſt, ſo magſt Du meine Arbeiten des Unterrichts theilen, die durch die gluͤcklichen Erfolge derſelben, mir mit jedem Tage lieber werden. Stoͤßt Dir irgend ein Zweifel uͤber Dein Benehmen auf, bedarfſt Du guten Rathes, ſo ſchreibe mir. Mein Gefuͤhl fuͤr Rechtes und Gutes, verbunden mit meiner vaͤterlichen Liebe fuͤr Dich, ſollen meine Rathſchlaͤge ſicher leiten.“ Durch Claude Gerards Schutz und Beifall geſtärkt, verließ ich mit neuem und innigem Vertrauen zu der Auf⸗ gabe, die ich vollbringen ſollte, meinen Freund. Dieſe Aufgabe beſtand fuͤr mich darin: „Die Rache des Grafen Duriveau zu hintertreiben. „Regina die Liebe ihres Vaters wieder zu erwerben. „Zur Rechtfertigung des Andenkens ihrer Mutter beizutragen. „Den Fuͤrſten zu ihren Fuͤßen zuruͤckzufuͤhren. „Endlich die Furſtin glucklich. . vollkommen gluͤcklich * zu ſehen. Eine unendliche, ja unmoͤgliche Aufgabe, wenn ich ſie nach den geringen Mitteln beurtheilte, uͤber die ich 16* gebieten konnte, ich, ſo niedrig geſtellt, ſo ungekannt, ſo gering! . Eine vielleicht erfullbare Aufgabe, wenn ich auf jenen † Glauben an meine Liebe baute, welcher, wie der Glaube von welchem das Evangelium ſpricht, Berge verſetzen konnte. 1 Ende des ſiebenten Theils.