Martin, das Findelkind, oder Erlebniſſe eines Kammerdieners Von Eugenesune. In's Deutſche übertragen von Throdor Hell. Sechſter Band. z——.—————— Grimma, Druck und Verlag des Verlags⸗Comptoirs. Martin, das Findelkind, von Hugene Sune. Sechſter Theil. 3 Martins Memoiren. Dritter Theil. Erſtes Rapitel. — Arbeit und Brot. Der plötzliche Tod des Herrn St. Etienne hatte alle meine Hoffnungen getaͤuſcht, das Verſchwinden von Bam⸗ voche mich der Stütze beraubt, die ich von ihm erwarten konnte, und ich ſah mich in dieſes unermeßliche Paris ge⸗ ſchleudert, das mir völlig unbekannt, und ſtatt aller Hilfs⸗ quellen nur mit den elenden Kleidern, die ich am Leibe trug, und ſechzehn Sous verſehen, die ich noch gluͤcklicherweiſe nebſt dem in dem Grabe von Reginens Mutter gefundenen Porte⸗ feuille gerettet hatte. Nach der Veiſicherung des Inhabers der Wohnung, in der man mich gepluͤndert hatte, blieben mir nur nech zwei Wege uͤbrig, um nicht Hungeis zu ſterben; mich wegen irgend eines Vergehens feſtnehmen zu laſſen, oder in die Häfen und an die Ausgaͤnge des Theaters zu gehen, in der zweifelhaften Hoffnung, einige Sous zu verdienen, ent⸗ weder durch Laſttragen oder Heffnung der Wagenthuͤren. So wahrſcheinlich, ja ſicher auch die Verſicherung jenes Mannes war, daß ich beſonders in dieſer Zeit des Jahres nicht tägliche Arbeit finden werde, ſo konnte ich mich jedoch nicht gleich entſchli.ßen, daran zu glauben. „Es giebt,“ ſagte ich zu mir ſelbſt, „in jedem Viertel eine Magiſtra:sperſon, deren Thuͤr zu jeder Stunde offen ſteht. Zu dieſer will ich direct gehen, und ſie wird gewiß im Namen des Geſetzes und der Menſchlichkeit einem redlichen Manne beiſtehen, der ja nichts verlangt als Arbeit.“ Ich ging alſo aus dem Sockgäßchen des Fuchſes wie⸗ der an die Barriere und ftagte dort nach der Wohnung des Polizeicemmiſſars dieſes Viertels. Mit wenigen Worten etzählte ich itm, was mir ſeit meiner Ankunft in Paris be⸗ gegnet ſei, wobei ich jedech meinem gegebenen Verſprechen gemaͤß, den Diebſtahl verſchwieg, deſſen Opfer ich zuletzt ge⸗ worden war. Anfangs fand ich den Cemmiſſair kalt, ſtreng und mißtrauiſch, bald j doch ſchien er mir, ven meiner Auftich⸗ tigkeit uͤberzeugt, wohlwollend und cheilnehmend zu werden, worauf er amwertete: „Die nähern Umſtaͤnde, die Sie anfuͤhren, Ihre Ark, ſich auszudruͤcken und meine Menſchenkenniniß überzeugen mich, daß Sie die Wahrheir ſprechen. Ich halte Ihre Lage fuͤr eben ſo traurig als mitleidswerth, ungluͤckticherweiſe zann ich aber nichts dabei thun, durchaus nichts, ſa, ich handle ſogar gegen meine Pflicht, daß ich Sie nicht gleich verhaftin laſſe, weil nach Ihrem eigenen Geſtändniſſe Ihnen k.in Epiſtenzmittel mehr übrig kleibt und Niemand in Paris ſich Ihrer annehmen wird⸗ Ich erzeige Ihnen vſlleicht einen ſchlechten Dienſt, indem ich Ihnen Ihre Freiheit laſſe. Ich fuͤrchte, das ſie fuͤr Sie nur die Freikcit zum Beiteln ſein wird, ein Vergehen, daß Sie bad ins Gefaͤngniß zu⸗ ruͤckbringen wird. Aber ich will Ihr Vertrauen nicht miß⸗ brauchen. Ihre Erziehung und Bildung kann Ihnen in ſo dringender Lage keine Hilfe gewähren. Spaͤter hätten Sie ſich als Zimmergeſell beſchaͤftigen können, ungluͤck⸗ licherweiſe aber feiert dieſes Hantwerk im Winter gänzlic.“ „Was ſoll ich denn ater anfangen, mein Herr? Wo⸗ zu rathen Sie mir denn?“ 5 „Ach, mein braver, junger Mann, der einzige Rath⸗ den ich Ihnen geben koͤnnte, wäre der, ſich ais Vagabond feſtnehmen zu laſſen, dann fänden Sie wenigſtens im Ge⸗ fängniſſe Unterktmmen und Brot. Aber freilich ſind Sie noch ſo jung und das Gefängnifleben iſt ſo anſteckend, daß man Gefahr laufen wuͤrde, ein ſo gutes Naturell wie das Ihrige ganz zu veideiben. Das iſt allerdinos b.klagens⸗ werth aber was iſt zu thun „ die Geſetze können nicht Alles vorausſchen.“ „Den ach! ſo haͤufigen Fall nicht vorausſehen, daß ein redlicher Menſch trotz ſeines keſten Willens nicht Arbeit finden kann!“ rief ich voll Bitterkeit aue. „Die Geſetze ſchen doch die tauſend Verbrechen voraus, die man begehen kann, warum nicht auch die Urſachen vorausſehen, die dazu ſuͤhren lönnen?“ „Ir, es iſt nun einmal ſo,“ antwortete mir trautig der Commiſſar. — — In dieſem Augenblicke rief ihn ſein Sekretair, ich weiß nicht mehr, wegen welcher wichtigen Angelegenheit, ab. Ich ging von ihm mit dem verzweiflungsvollen Gedanken, daß er, die Gemeinheit der Ausdruͤcke abgerechnet, mir ziemlich daſſelbe geſagt hatte, wie der Herr des Abſteige⸗ quartieis. So niederdruͤckend nun auch dieſe neue Pruͤfung war, ſo ließ ich mich doch noch nicht abſchrecken. Ich beſaß ſechzehn Spous. Wenn ich nun alſo mit zwei bis drei Sous räglich fuͤr Brot lebte und nächtlich vier Sous für ein Unterkommen bezahlte, ſo hatte ich noch zwei Tage davon zu leben und ich rechnete wider meinen eigenen Willen doch noch auf einen Gluͤcksfall. Eh⸗ ich mich alſo zu abenteuerlichen Nahrungs⸗ zweigen verſtand, die mir jener Wirth vorgeſchlagen hatte, wollte ich verſuchen, Mittel zu einer weniger ungewiſſen Exiſtenz zu finden. Als ich nun ſo durch die Gaſſen ſchlenderte, erblickte ich die Bude eines öffentlichen Schreibers. Mir leuchtete ein Hoffnungsſtratl. Vielleicht konnte er mich anſtellen. Der Nujahrstag war nahe. Um tieſe Zeit haben die armen L.ute, die nicht ſchreiben lönnen, gewöhnlich einen Wunſch fur ihre entfernten Verwandten oder Freunde auf dem Her⸗ zen. Furchtſam trat ich zu dem öffentlichen Schreiber ein. Kaum hatte er mein Geſuch vernommen, mein Dienſtaner⸗ bieten gehört, als er ſchnell die Thuͤre verſchloß und in mir vielleicht einen kunftigen Concurrenten vermuthele. Ich fuhr alſo fort, hier⸗ und dahin herumzuirren. Auf meinen Wegen traf ich eine Tiſchlerbude an. Da ich nun in der Zimmermannskunſt wohlerfahren war, die in vielen Fäten an das Tiſchlethandwerk ſtößt, ſo wagte ich beim Herrn der Bude eine neue Anfrage. „Mein Sohn,“ ſagte er zu mir, „von zwanzig tuͤch⸗ tigen Arbeitern, die ich den Sommer hatte, habe ich nur noch funf behalten, weil jetzt nichts mehr gebaut wird. Wie zum Henker ſoll ich da Sie beſchäf igen, der Sie nicht ein⸗ mal vom Handwerk ſind?“ Die Antwort war richtig. Ich entfernte mich alſo mit gebrochenem Herzen. Da brach die Nacht ein. Von Hunger und Muͤdiskeit erſchöpft, kaufte ich für drei Sous Brot kei einem Baͤcker und fragte, ob ich weit von der Barriere de la Chopinette ſei, denn ich wollte wieder in der geſtrigen Herberge ſchlafen, da der Wirth ſchon eine Art von Bekannter fuͤr mich war. Um aber dahin zu gelangen, häte ich ganz Paris durd wandern müſſen, da ich mich in der Gegend des Pont Neuf befand. Nun erkundigte ich mich, ob es in dieſem Viertel ſolche Schlafſtellen gebe, und man zeigte mir die kleinen Gäßchen an, die an den Louvre und die Straße St. Honoré gränzen. Ich trat in eine die⸗ ſer finſtern Wohnungen ein. Man verlangte von mir nicht vier, ſondern ſechs Sous, wegen der Nähe des Palais Royal, wie man ſagte, aber dieſe zwei fuͤr mein Nachtlager auszu⸗ gebenden Sous machten den Unterhalt auf einen Tag fuͤr mich aus. Ich war ſo abgetrieben, ich fuhlte einen ſo — — durchdringenden Freſt, ich war der Ruhe ſo betuͤrftig, daß ich mich zu dieſem Dpfer entſchloß. Mißtrauiſcher als vorher legte ich mich ganz angikleidet nieder und knopfte ſorgfältig die Taſche zu, in weicher ſich meine noch übrigen ſieben Sous beſanden. Es war kaum acht Uhr. Da die gewohn⸗ ten Gäſte dieſer ſtets verdächtigen Häuſer ſtets nur erſt ſpät in der Nacht ankemmen, fand ich das Zimmer, in welchem mir cin Bett angewieſen worden, noch ganz leer. Wer meine Gefaͤhrten in dieſer Nacht waren, weiß ich daher nicht, denn ich ſchlif ſo feſt, daß mich der Wirth wecken mußte, da mein Recht auf Bcherbergung mit Mittag erloſch. Faſt im Voraus von der Nutzloſigkeit meines Geſuchs uͤberzeugt, fragte ich den Wirth, ob er mir irgend eine Be⸗ ſchaͤftigung zuweiſen könne? Dieſer Mann ſah mich mit mißtrauiſcher Miene an, und ohne daß ich begreifen konne, welchen unguͤnſtigen Sinn er meinem Antrage untertege, antwortete er mir unfreuntlich: „Du biſt ven der Polizei. Du willſt mir cinen Fall⸗ ſtrick legen, aber ich bin verſchmitzter als Du.“ Dann ſetzte er mit ſpöttiſcher Miene und ſtarktr — tonung der Worte hinzu: „Nein, ich habe Dir keine Beſchäftigung ßniſſ⸗ Da ich die Nutzleſigkeit meiner Schritte ſah, auf ehr⸗ liche Weiſe Arbeit zu finden, und meine Hilfsmittel, die aus ſieben Sous beſtanden, am nächſten Tage erſchopft ſein mußten, ſo beſchloß ich dem Rathe des Inhabers der Schlaf⸗ ſtellen vor der Barricre de la Chopinette zu folgen. — — Nach den Weiſungen, die man mir gab, gelangte ich nun in den Hafen von Saitt Nicolas. Doit eiblickte ich eine große Menge wohl nech ämlicher als ich gekleideter Menſchen. Sie arbeiteten an der Ausladung einiger gre⸗ ßen Boote, waͤhrend Andere, ehnerachtet der ſcharfen Win⸗ lerkälte bis an den Guͤrtet im Waſſer ſtehend, Holzflöße ausein ander hieben und alte unbrauchbare Kaͤhne zerſtuͤckten. Unter dieſen beſchaͤftigten Arbeitern ſuchte ich Einen aufzuſinden, deſſen Phyſiognomie mir ſo viel Vertrauen einflöße, um mich il m zu eröffnen. Unglcklicherweiſe kamen mir alle diee Ptyſiognemieen hait, ſorgenvoll und roh ver. Dech bemerkte ich endlich einen jungen Mann meines Alters, der mittelſt einer Leine einen greßen Balken aus dem Waſ⸗ ſer zog. Ich näherte mich ihm und ſagte: „Soll ich Ihnen helfen?“ . Der junge Mann nahm mein Aneibieten fuͤr Spott an und antwortets mit einer Grebheit. „Ich ſpreche im Ernfte,“ ſagte ich, „ich bin eben eiſt in Paris angekemmen urd ohne Arbeit. Wollten Sie, ſo wuͤrde ich Ihnen in Ihrer Arbeit helfen .. . Sie geben mir dafuͤr was Ihnen beliebt.“ „Du biſt nicht aus Paris und knaupelſt dech mit in unſerm Hafen, und noch dazu im Winter wo es ſo wenig Arbeit giebt, daß ſtatt zwei Hände, die gebraucht werden, zwanzig ſich aufheben und ſchreien: nehmt mich! nehmt mich! . Wir haben nur einen kleinen Mundbiſſen Bret und Du willſt auch mit daran nagen?“ So rief jener aus und wendete ſich dann an einige ſeiner Gefährten mit den zornigen Worten: „Da iſt eine Stumpfnaſe! (cumus) Auf ihn! auf ihn!“ Dieſes Wort, wie ich nachher erfuhr, bedeutete einen neuen Concurrenten bei der Arbeit, und ſo wurde ich denn im Augenblicke umringt und bedroht, und es bedurfte eines ſchnellen, von anſehnlicher Körperkraft unterſtutzten Ent⸗ ſchluſſes, daß mein Ruͤckzug nicht von Mißhandlungen be⸗ gleitet wurde. Mein erſtes Gefuͤhl war, der Härte der Menſchen zu fluchen; aber Mitleid folgte bald auf den Haß. Allerdings war die Jahreszeit kalt, der Arbeit wenig und mit dieſen Ungluͤcklichen concurirren, hieß wirklich, wie ſie ſich in ihrer energiſchen Sprache ausdruͤckten, an ihrem Mundbiſſen Brot auch nech nagen. So verließ ich denn traurig den Halen und ging wie⸗ der auf den Quai.-Hier ſah ich, als ich uͤber eine Bruͤcke ging, von weitem die rauchende Eſſe eines Dampfbootes ſich nähern. Ich ging ihm in der Hoffnung entgegen, den Ausſteigeplatz zu finden, wo die Reiſenden ausgeſchifft wurden und vielleicht die Bagage einiger derſelben tragen zu können. Nicht lange, ſo fand ich auch in der That an der Bruͤſtung eine Tafel, welche den Anlandepunkt die⸗ ſer Boote bezeichnete. Ich eilte an das Ufer des Fluſſes hinabzuſteigen, aber ſchon drängte ſich eine Doppelreihe von Maͤnnern und ſehr jungen lumpigen Leuten am Strande, die mit eiferſuͤchtiger und roher Ungeduld die ankommenden Leute erwarteten. Es waren deren vielleicht dreißig, die⸗ Schimpfreden, Drohungen und Stöße wechſelten, um mehr oder weniger vortheilhaft am Ausſteigepunkte aufgeſtellt zu ſein, und doch befanden ſich nur, ſo viel ich bei ſeinem Näherkemmen beurtheilen konnte, zehn bis zwolf Reiſende auf dem Verdecke des Dampfſchiffes. Von einem unbeſiegbaren Widerwillen ergriffen, ent⸗ ſagte ich im Voraus dem Gedanktn, dieſes Mal wenigſtens mit den dort eingewohnten Leuten in Concurrenz zu trelen⸗ Ich ſetzte mich auf einen Stein, um nach dem, was ich ſähe, uͤber die Ausſicht, die meiner ſpäter warte, zu urtheilen. Kaum lag das Dampfboot feſt, als alle di.ſe zerlumpten Cemmiſſionaire mit Grotheiten und Drohungen ſich tumultuariſch auf den Punkt des Ufers zuſtuͤrzten, wo man eben ein Bret hingelegt hatte, damit die Paſſagiere ausſteigen könnten. Da erblickte ich denn ein eben ſo rohes als unedles Schauſpiel. Acht bis zehn der kraͤftigſten und keckſten dieſer Leute theilten ſich in den Transport der Ba⸗ gage der Reiſenden, nachdem ſie ihre Mitbewerber mit Ge⸗ meinheit geſchimpft, zuruͤckgeſtoßen und geſchlagen hatten. Ein armes Kind von funfzehn bis ſechzehn Jahren hatte ein ganz blutiges Geſicht, und ſeine jammernde Stimme miſchte ſich in die drohenden und zornigen Schimpfreden, mit denen der größere Theil dieſer Laſtträger ihre begluͤckte⸗ ren Gefährten verfolgte. Der Anblick dieſes Elends und aller der gehaͤſſigen oder harten Gefuͤhle, welche es erzeugte, that mir unendlich weh. Es ſchien mir unmöglich, mich zu ent⸗ ſchli ßen, mein tägliches Bret im Wettſtreit mit deſen elenden Menſchen zu veidienen. Ich ſchauderte vor Ekel, Schrecken und Mütleid, wenn ich dieſe fahten, verunſtaltec⸗ ten, rohen Geſichter betrattete, die mit dem Stempel des Ungluͤcks, des Laſters, oder des Verbrechens bezeichnet waren⸗ Die Haftnarbeiter, an die ich mich zuerſt gewendet, hatten mich mit drehender Grebheit aufgenemmen, aber ich hatte doch unter ihnen dieſe Typen nicht gefunden, die mir ſo entartet, herabgeſunken, ſchauerlich und zahlreich unter den Ungluͤcklichen entgegentraten, die ſich am Landungsplatze des Dampfſchiffes drängten. Ich erkannte die Wahrheit der Bemerkung des Inhabers der Scklafſtellen in Bezug auf dieſe Menſchen an, von denen die Meiſten, wie er ſgte Verbrecher eder entlaſſene Straͤflinge wären. Ich trat zu einem Manne, der mir mehr ein Zu⸗ ſchauer als ein Mübeworber zu ſein ſchien und fragte ihn, ob die Dampftvote taͤglich hier landeten. Er antwortete mir? es kemme ein ſolches jeden Morgen hier an und ein anderes fahre am Abend wieder hier ab. Dieſes letztere intereſſirte mich wenig, denn die Paſſagiere, welche von Patis abreiſen, ſenden ihr Geräth immer durch die Cemmiſſionaire des ₰o⸗ tels an Berd. Nur die Ankunft des Dampftoots des Mor⸗ gens bot mir einige Ausſicht auf Lohn dar, jedoch nur un⸗ ter der Bedingung, mit meinen unfreundlichen Concurren⸗ ten in offnen Kampf zu treten. und doch empfand ich trotz meines dringenden Bedürf⸗ — niſſes bei dieſem Gedanken einen unbezwinglichen Wider⸗ willen. So blickte ich denn traurig um mich, als ich mitten in einer Gruppe von Perſenen, die nichts fortzutragen hat⸗ ten, den Kiuͤppel erblickte! „„ Nicht lange, ſo verließ er in Begleitung eines andern Mannes von unfreundlichem Anſehen und einem Kinde von etwa 15 Jahren den Lan dungsplatz und ging auf deh Quai. Einer faſt unwillkuͤrlichen Erregung nachgebend, folgte ich dieſem Schurken. „ Vielleicht ſuchte er Bamboche aufl . Bweites Kapitel. Die Begegnungen. Der Kruͤppel verließ in Begleitung des Mannes mit eben ſo abſtoßendem Geſichte wie das ſeine und dem Juͤng⸗ linge, deſſen matte Zuͤge ſchon gleich denen ſeiner Gefähr⸗ ten einen unedlen und eyniſchen Ausdruck hatten, nach Kurzem den Quai, um ſich in das Irrgewinde duͤſtrer und enger Gaſſen zu verſenken. So gelangten wir nach einem langen Wege in eine der äußern Vorſtädte von Paris. Auf einer Seite derſelben ſtanden einige Häuſer, und ich ſah bald darauf den Kruͤppel und die Seinen in eine Art von Verſchlag treten, um welchen verſtohlen einige häßliche Frauen herumſchlichen. Ohnerachtet meiner unbeſtimmten Hoffnung, Bam⸗ boche wiederzufinden, zögerte ich doch in dieſe Winkel einzu⸗ treten, und der Kruͤppel floͤßte mir ſo viel Schrecken ein, daß ich nicht gewagt hätte ihn anzureden, um ihn nach meinem Jugendgefährten zu fragen. Ich fragte mich ſelbſt, wie es dieſer Bandit wagen koͤnne, nach der Entdeckung ſeines Verbrechens der Schmug⸗ —— gelei, deſſen er, wie Bamboche, ſchuldig ſchien, ſich öffent⸗ lich zu zeigen, als plötzich doe Lärmen eines Zankes, Ge⸗ ſchrei und zert rochene Fenſterſcheiben meine Aufmerkſamkeit auf ſich zogen, und mich veranlaßten umzukehren. Dieſer Lärm kam aus der Spelunke, in welche ſch den Kruͤppel hatte eintreten ſchen. In dem Augenblicke wo ich nahe hin kam, wurde ein Mann, der mir völlig be⸗ trunken zu ſein ſchien, aus dieſer unheilvollen Wohnung mit Gewalt herausgeworfen, und in dem Augenblicke, wo die Thuͤr ſich wieder ſchloß, ſah ich im Dunkel des Ganges unbeſtimmt den Kruͤppel und ſeinen Gefährten, während in einer obern Lucke ſich der Kopf einer Frau mit gelöſetem Haar zeigte, hinter dem das eyniſche Geſicht des Knaben von 15 Jahren ſich ſchen ließ. Beide ſchimpften auf den Trunkenen, den man eben aus dem Hauſe geworfen hatte; dieſer aber ſchwankte rechts und links an die Bäume des Boulevards, lachte jeden Augenblick uͤberlaut, und ſchrie daß man ihn beſtohlen habe. Ein Gefuͤhl der Neugier mit Theilnahme gemiſcht, ließ mich dem Opfer dieſer Schurken einen Schritt näher treten. Wie groß war mein Staunen!... ich erkannte in ihm den Mann mit den Manieren der vornehmen Welt, den ich ſchon in dem Wirthshauſe zu den drei Tonnen be⸗ trunken geſehen hatte, — Ich fuͤhlte eine augenblickliche Regung von Scheden⸗ freude, als ich den trunkenen Zuſtand deſſelben bemerkte; mein erſter Gedanke war der, ihn zum Sprechen zu brin⸗ — — gen, um zu erfahren, ob in der That die Regine, deren Namen er auf den Tiſch im Wirthshauſe geſchrieben, die Regine ſei, die ich kannte, und dann von dieſem ſonder⸗ baren Menſchen herauszubringen, welches Verhältniß zwi⸗ ſchen ihm und dieſem jungen Mädchen beſtehe und od ſi e in dieſem Augenblicke Paris bewohne. Der Gedanke, auf dieſe Art hinter ein Geheimniß zu kemmen, war unredlich, ich geſtehe es, aber ich fand eine Entſchuldigung dafuͤr in dem Intereſſé, das mir Regin⸗ einfloͤßte. War dieſer Unbekannte von ihr geliebt, oder liebte er ſie, welche Wichtigkeit hatte dann nicht meine zwei⸗ malige Begegnung mit ihm! „Dieſe Spitzbuben haben Sie beſtohlen, . Herr?“ fragte ich ihn, mich vorſichtig nähernd, indem ich furchttte, er moͤchte in mir ſeinen Wirthshausnachbar wiederer⸗ kennen. Er ſah mich ganz verdutzt an, indem er ſich auf ſei⸗ nen trunkenen Beinen wiegte, und antwortete mir mit einem neuen Ausbruche von Gelächter: „Sie haben mir Alles geſtohlen. ich hatte die Nacht in dieſer Moͤrderhoͤhle zugebracht.. wir waren unſer fuͤnf oder ſechs, unter Anderm war ein höchſt geiſtreicher Lumpenſammler dabei.. und zwei Frauen o, allerliebſt⸗ „Fraucn.. ſo hinreißendt... Man kann ſih wahrhaftig nirgends Leſſt divertiren als dort.“ und damit hielt ſich der Unbekannte an meinem Arm an, um nicht zu fallen. — Ich ſah dieſen Mann mit einem Gemiſch von Ver⸗ wunderung und Mitleid an. Jetzt bei hellem Tage ſchie⸗ nen mir ſeine Zuͤge noch reiner, noch ſchoͤner als vorgeſtern Abend, und ob er gleich ohne Zweifel von einer langen und ſchmutzigen Orgie kam, ſah ſein Geſicht friſch, faſt ausge⸗ ruht aus. Endlich verriethen trotz der Unordnung ſeines Haares und Anzugs, trotz der Schwankungen ſeines Gan⸗ ges, die Milde und Biegſamkeit ſeiner Stimme und die Art von ausgezeichnetem Benehmen, das er ſelbſt noch mit⸗ ten in der Trunkenheit beobachtete, jeden Augenblick ſeinen hoͤhern Stand. 8h. „Sie ſollten nach Hauſe gehen, mein Herr,“ ſagte ich zu ihm, „wollen wir nach einem Fiakerplatze hin⸗ gehen?“ Ich hoffte auf dieſe Weiſe ſeine Wohnung zu er⸗ fahren. „Sie ſind ein ſehr redlicher Mann. trotz Ihrer grie⸗ chiſchen Muͤtze und Ihrer Blouſe,“ ſagte er mit faſt komi⸗ ſcher Höflichkeit zu mir. „Sie ſtrecken Ihre Hand aus nach einem Ertrinkenden. im Weine.. das iſt. ſehr gut und ſchoͤn.... Aber ich danke Ihnen ich ich werde nicht nach Hauſe gehen .. als erſt heute Abend. . heut Nacht.. Sie ſehen wohl.. Sie der Sie ein artiger Mann ſind.. trotz Ihrer griechiſchen Muͤtze d ich ſo ganz betrunken.. wie ich es wirklich bin. nicht nach Hauſe kommen kann ſo vor meinen Dienſt⸗ leuten.“ Mattin VI. 2 — „Da haben Sie Recht,“ antwortete ich, einen durch⸗ dringenden Blick auf ihn heftend, „aber. wenn Made⸗ moiſell Regine wußte.. daß Er ließ mich nicht endenz ſeine heitere und freundliche Phyſiognomie wurde auf einmal ernſt und unruhig. Einen Augenblick lang zerſtreuten ſich ohnſtreitig die Weinduͤnſte bei dem Eindrucke des tiefſten Erſtaunens, das ſich ſeiner be⸗ mächtigte. Er richtete ſich auf, ſein Schritt ſchien feſter, und mit einem gebieteriſchen, faſt zornigen Blicke rief er aus: „Mit welchem Rechte ſprechen Sie dieſen Namen aus, mein Herr?“ „Ich ſpreche den Namen des Fräulein Regine aus,“ entgegnete ich, ohne mich einſchuͤchtern zu laſſen, „des Fräulein Regine... der Tochter des Barons.. .“ „Von Noirlieu!“ fiel er mir ins Wort. „Sie kennen ſie? Sie?“ Nun ſchwieg er, zog heftig ſeinen Arm aus dem mei⸗ nen, trat einen Schritt zuruͤck, und betrachtete mich mit Verwunderung, Neugier und Mißtrauen. Doch war, wie ich erwartet hatte, ſeine Ruͤckkehr zur Vernunft nur voruͤbergehend. Nach und nach, ſowie das Staunen, das den Unbekannten erfaßt hatte, als er mich jenen Namen hatte ausſprechen hören, ſich verwiſchte, nahm die Trunkenheit wieder uͤberhand. Seine einen Augenblick lang feſte Haltung wurde wieder ſchwankend, er ließ den Kopf ſinken, und begann mit einer Miene, die er fein und durchdringend zu machen ſich bemuͤhte, wieder: — „Oho, oho! mein galanter Herr. in der griechiſchen Muͤtze und Blouſe... Sie kennen ſie?.. ſchon gut! .. Sind Sie etwa ein Nebenbuhler... verkleidet? Das waͤre pikant... Ich wußte bis jetzt nur... von dem... Robert von Mareuil... dem Jugendfreunde .. und dem häßlichen Geſaͤuberten. . dem reifen, ſehr reifen Mann .. zu reifen.. Namens...“ Hier unterbrach er ſich wieder, fing an, mit zufriede⸗ ner Miene zu laͤcheln, und fuhr dann fort: „Ha, hal.. da ſind Sie tuchtig verbluͤfft. ja, ich ſage nicht mehr als ich will. . ich.. Ah! Sie wollen mich ausſpioniren .. das iſt ſehr unfreundſchaftlich .. mein Lieber. aber gleichviel, ich weiß mich aus der Affaire zu ziehen. wenn Sie.. wenn Sie plaudern. . ..“ Der Name Robert von Mareuil, den der Unbe⸗ kannte ausſprach, erinnerte mich plotzlich wieder an die Scene im Walde von Chantilly, eine Scene, deren kleinſte Einzelheiten meinem Gedächtniſſe immer gegenwaͤrtig geblie⸗ ben waren. In der That begleitete den jungen Grafen Scipio damals ein anderer Knabe, Namens Robert, der einige Jahre älter war als dieſer, ſehr huͤbſch gusſah, und der durch ſeine dringende Sorge um Regine eine Art Eifer⸗ ſucht in mir erweckt hatte. Ohnſtreitig war dieſer Robert der Jugendfreund von Regina, der Nebenbuhler, von welchem der Unbekannte ſprach. Was den anderen Nebenbuhler betraf, den haͤß⸗ lichen Geſäuberten, ſo konnte ich nicht erfahren, von wem die Rede war. 3 Um noch ausfuhrlichere Nachrichten zu erhalten, ſagte ich zu dem Unbekannten: „Sie ſind im Irrthum, mein Herr, uͤber meine Ab⸗ ſichten ich „Ha, ha, Sie wollen mich zum Reden bringen mein galanter Herr mit der griechiſchen Muͤtze,“ unterbrach jener mich, „ich hin nicht ſo betrunken. wie ich ausſehen mag. ſehen Sie „Ich ſprach von Fräulein Regina von Noirlieu mit Ihnen,“ ſagte ich, „weil die Familie derſelben in meiner Heimath gewohnt hat. „Regina?“ erwiderte der Unbekannte, und ſtellte ſich erſtaunt, „ich habe nicht die Ehre. dieſes Fraͤulein zu kennen.“ „Sie beſuchen aber ihren Vater doch ſehr oft. Sie wiſſen ja. den Baron von Noirlieu... Straße . Ich hoffte, der Unbekannte ſollte die Angabe der Adreſſe zu Ende bringe n. Er aber verſetzte „Da ich dieſtc Fräulein nicht kenne kann ich auch nicht zu ihr gehen. Aha, Sie glauben .. ich werbe ſchwatzen. ..“ Sie, mein Herr, ha geſprochen,“ entgegnete ich. benn ja zuerſt mit mir von Regina „Da ich ſie nicht kenne kann ich ja gar nicht mit Ihnen von ihr geſprochen haben.“ Und mit der Hartnaͤckigkeit eines xruntenen beſtand et darauf, von dieſen Antworten auf alle meine Fragen uͤber Regina nicht abzugehen. Es war mir unmöglich etwas Weiteres zu erfahren. So ſprechend, waren wir längs des Boulevards hin⸗ gegangen, und erblickten ſchon die Barriere von Weitem. Da ſagte mir plötzlich der Unbekannte mit geheimnißvoller Miene: „Hoͤren Sie e mein vortrefflicher Herr. mit der griechiſchen Muͤtze. . Sie haben mich zum Schwatzen bringen wollen es waͤre ein koͤſtlicher Spaß. wenn ich Sie nun arretiren ließe . und ſagte, Sie waͤren es gewe⸗ ſen, der mich beſtohlen hat.. .. Dann erfuͤhr' ich. wer Si ſin . „Mich fuͤr einen Dieb ausgeben?.. dieſer Spaß wäre ſehr ungeſalzen,“ entgegnete ich, „denn hier iſt Alles, was man bei mir finden wuͤrde.“ Und damit zeigte ich ihm die wenigen Sous, mir noch uͤbrig geblieben. „Es wäre doch wenigſtens etwas wieder!“ verſehtt der Uunbekannte mit einem Ausbruch von Gelächter. Und damit ergriff er meine Hand, um ſich der Sous zu bemächtigen, die bei ſeiner plotzlichen Bewegung auf die Erde fielen. Nun warf er ſich an den Boden, und mich kräͤftig feſthaltend fing er an aus allen Kraͤften zu ſchreien: „ein Dieb! ein Dieb!“ Wir waren nicht weit von der Barriere, an der ich eine Schildwache erblickte. Von den Folgen erſchreckt, welche eine ſolche Verhaftung fuͤr mich haben konnte, und ungluͤcklicherweiſe nicht Zeit genug beſizend, um die Sous wieder aufzuraffen, die hie und da im Kothe zerſtreut lagen, machte ich mich nicht ohne Muͤhe aus den Haͤnden des Un⸗ bekannten los, der ſein Geſchrei verdoppelte, und entfloh querfeldein mit der groͤßten Schnelligkeit ins Freie. Von der Furcht, feſtgenommen zu werden, verfolgt, ging ich bis Einbruch der Nacht, welche in dieſer Jahres⸗ zeit ſich ſo ſchnell naht, immer weiter. Ich war mitten in Feldern, erblickte aber von Weitem links ein Dorf, und rechts, etwa zweihundert Schritte von mir, mehre Korn⸗ meiler, welche mich an die erinnerten, unter denen Bam⸗ boche, Basquine und ich mehr als einmal bei unſerm Um⸗ herſtreifen ein Nachtlager gefunden hatten. Da ich keinen Sou mehr beſaß, ſo hielt ich fuͤr an⸗ gemeſſen, die Nacht wieder unter einem derſelben zuzu⸗ bringen, ſtatt nach Paris zuruͤckzukehren, um dort am nächſten Morgen herumzuirren. Da ich ſeit zwei Tagen ſehr wenig genoſſen hatte, und ſeit geſtern Abend noch nuͤchtern war, fing mich der Hunger gewaltig zu plagen an. Ich ſchaute umher, ob ich nicht ein Feld mit Rüben erblicken könnte. Aber die Ebene war kahl, und mit Fur⸗ chen durchzogen. Nach einigen Minuten erreichte ich den — Kornmeiler. Zwei von ihnen ſtanden einander ſehr nahe. Ueberdies war die Nacht gaͤnzlich hereingebrochen. Ich zog einige Hände voll Stroh heraus, breitete ſie auf den Boden und legte mich darauf, indem ich mich mit den Ueberbleib⸗ ſeln einer andern Garbe bedeckte. Das Wetter war mehr feucht als kalt. Ich fand ſonach ein ziemlich geſchuͤtztes Unterkommen. Zwar bedauerte ich noch immer den Verluſt meiner letzten Sous, als meiner einzigen Hilfsquellen, empfand aber doch eine, ob auch traurige Beruhigung in dem Gedan⸗ ken, daß Regine in Paris lebe, und ich ein Geheimniß von großer Wichtigkeit fuͤr ſie beſitze. Ich konnte nicht mehr daran zweifeln: entweder wurde dieſer Unbekannte von ihr geliebt, oder er liebte ſie, und in beiden Faͤllen konnte mein Geiſt es nicht faſſen, wie ein Mann, der ein ſo edles und reizendes Maͤdchen liebe, oder von ihr geliebt werde, ſich häufig einer ſo ſchimpflichen Erniedrigung hin⸗ geben könne. Was das Geheimniß betraf, in welches dieſe Verirrungen ohne Zweifel bisher gehuͤllt geweſen, ſo erklaͤrte ich mir daſſelbe aus der Wahl und Abgelegenheit der Orte, wo ich nun zweimal dieſen Unbekannten angetroffen hatte. Dieſe Gedanken hatten ſo viel Einfluß auf mich, daß ſie mich einige Augenblicke davon abhielten, an meine eigne Zukunft zu denken; bald aber ſank ich wieder, von der dro⸗ henden Gefahr meiner Lage erdruͤckt, zuſammen. Es be⸗ durfte faſt fuf Tage bis ich Antwort von Claude Gerard erhalten konnte, und ich beſaß nicht einmal ſo viel, um mir dieſen Brief vom Pariſer Poſtbüreau aushändigen zu laſ⸗ fen. Und morgen? und die folgenden Tage? wovon lebene wo die Nächte uͤber ſchlafen? So elend auch manch⸗ mal bereits mein Daſein geweſen war, ſo hatte es doch der Zufall immer ſo gefuͤgt, daß ich nie die fuͤrchterlichen Pla⸗ gen des Hungers hatte kennen lernen, die ich zu fuhlen begann. Einen Augenblick glaubte ich im Schlafe Ruhe und vorzuglich Vergeſſenheit des Beduͤrfniſſes finden zu koͤnnen. Aber zu meinem groößten Kummer durchwachte ich faſt die ganze Nacht bis auf einige ſeltene Betäubungen, die voll Unruhe und wirrer Schreckniſſe waren. Die Feuchtigkeit wurde nach und nach ſo durchdringend, daß ich nur an Eins dachte, nämlich zu eſſen, das heißt an die Mittel, mir Brot zu verſchafſen. So ging ich denn entſchloſſen wieder nach Paris zu, von der lichten Wolke geleitet, welche waͤhrend der Nacht auf der unermeßlichen Stadt zu ruhen ſcheint. Ich ging eilenden Schritts, und ſagte mit wuͤthender Entſchloſſenheit zu mir ſelbſt: „Fort an den Landungsplatz des Danyfbrotegt Es iſt nicht mehr die Rede von Widerwillen oder Furcht. Ich fuͤhle mich entſchloſſen zu Allem. Ich muß durchaus nun etwas zu transportiren haben! Es hungert mich ſo ſehr!“ Und jetzt, aber nur jetzt, begriff ich, welche unver⸗ ſöhnlichen und furchtbaren Geſinnungen in den beiden Worun liegen: Ich hungre! 3 — — So kam ich denn am Landungsplatze an. Es war ſchon heller Tag. Mehre von den geſtrigen Arbeitern wa⸗ ren ſchon am Ufer verſammelt. Ich vergaß den Ekel und Abſcheu, den ich geſtern beim Anblick des häßlichen Kam⸗ pfes gehabt hatte, mit welchem dieſe Elenden ſich um einige Bagage ſtritten. Ich drängte mich entſchloſſen mit⸗ ten in den zerlumpten Haufen. Auf die Verwunderung, welche dieſes gewaltſame Ein⸗ brängen verurſachte, folgte eine heftige Aufregung. „Was willſt Du denn hier? Du!“ rief einer der Derbſten aus dieſer Bande mir zu. „Ich will die Bagage der Reiſenden mit forttragen helfen.“ „Du?“ „Ja, ich.“ „Ich verbiete Dir das.“ „Ja, ja, wir verbieten es Dir,“ wiederholten mehre drohende Stimmen. Das Blut ſtieg mir ins Geſicht, alle Arten eiferſuch⸗ tiger, gehäſſiger, wilder Aufregung brodelten plötzlich in mir auf. „Ihr verbietet mir hier zu bleiben,“ ſagte ich dumpf, mit von Wuth zuſammengebiſſenen Zähnen. „Ja.. und mach daß Du fortkommſt!“ ſagte einer aus dem Haufen, indem er mich hart zuruͤckſtieß. Ich ward wuͤthend. Meinen Gegner an der Gurgel faſſend, warf ich b auf die Erde, einem zweiten, der mich — — anfiel, ſchlug ich, wie ich glaube, die Zaͤhne ein, denn ich fuͤhlte in dieſem Augenblick eine uͤbermenſchliche Kraft, meine Adern ſchwollen zum Zerſpringen, und ein dumpfes Brauſen tönte in meinen Ohren. 2 „Iſts nun genug?“ rief ich. „Will noch einer mehr?“ Die Faulheit dieſer Elenden bewies mir ihre Herab⸗ wuͤrdigung. Keiner antwortete dem Aufrufe. Mein Muth, meine Kraft uͤbermannte ſie. Ihr Haß gegen mich ver⸗ mehrte ſich vielleicht, aber ſie waren gezwungen ihn zuruͤck⸗ zuhalten. Ohnerachtet einigen dumpfen Gemurmels, erhielt ich mich in der erſten Reihe. Es that Noth, denn der Dampfer ſollte bald landen. „Du hatteſt Recht, dieſe Schurken ſo zu behandeln,“ rief mir eine rauhe, heiſere Stimme zu, die ich zu kennen glaubte. „Willſt Du, ſo beſorgen wir den Transport zuſammen.“ Ein auf meine Schulter angebrachter vertrauter Schlag vervollſtaͤndigte dieſen Antrag. Ich drehte mich um. Es war wieder der Kruppel. „Ich kenne Euch nicht,“ ſagte ich ungehalten. „Ich Dich auch nicht, aber Du ſchlägſt tuͤchtig zu, das liebe ich, und ich will Dein Gehilfe ſein.“ „Ich brauche keinen Gehilfen,“ antwortete ich, und wendete mich wieder um, denn die Reiſenden wollten eben ausſteigen. — Der Kruͤppel warf mir einen ſonderbaren Blick zu, und verſchwand. Die Reiſenden waren noch minder zahlreich, als Tags zuvor. Im erſten Range bemerkte ich einen hochgewachſe⸗ nen Mann in einem langen blaͤulichen Ueberrocke. Der untere Theil ſeines Geſichts verſchwand in einem Naſen⸗ waͤrmer, einer Art rothwollner Schaͤrpe. Er hatte blaue Brillenglaͤſer, und eine Reiſepelzmuͤtze mit Ohren verhuͤllte vollends faſt gaͤnzlich ſein Geſicht. Dieſer Reiſende zog beſonders meine Aufmerkſamkeit durch die Eile an ſich, mit der er ans Land zu kommen ſuchte. Zweimal war er ſchon raſch an den Rand des Dampfers getreten, und zwei⸗ mal hatte ein Matroſe ihn zuruͤckgehalten, und ihm ohn⸗ ſtreitig bemerklich gemacht, daß der Moment zum Ausſtei⸗ gen noch nicht gekommen ſei. Dieſer Reiſende hatte einen Nachtſack in der einen und ein Reiſeneceſſaire in der andern Hand. Auch hatte er, ohnſtreitig um noch ſchneller vom Schiffe zu kommen, ſeinen ledernen Mantelſack im Voraus an den Rand deſſel⸗ ben bringen laſſen. Nachdem das Signal zum Ausſchiffen n worden, hatte ich meine Abſichten auf den Reiſenden mit der Brille gerichtet. Zwei meiner Concurrenten wollten mir zuvor⸗ kommen, aber in Grobheit mit ihnen kaͤmpfend, ſtieß ich ſie derb zuruͤck, und ſtand mit einem Satze neben dem Rei⸗ ſenden, der mit eiliger Stimme zu mir ſagte: „Geſchwind! geſchwind! nimm dies Felleiſen und das Neceſſaire. Den Nachtſack wil ich ſelbſt tragen. Stehen Fiaker auf dem Quai?“ Das Felleiſen war nicht ſchwer. Ich kann unmoglich beſchreiben, mit welcher Freude ich es auf die Schulter lud. Ich ſollte einen Sou erhalten und konnte mir Brot kaufen. Mit der andern Hand nahm ich das Neceſſaire an einer kupfernen Handhabe auf dem Deckel, und folgte dem Rei⸗ ſenden, der mit weiten Schritten mir vorausging. Ich ſtrengte mich moͤglichſt an, damit ich nicht zu weit hinter ihm bliebe, trotz der Laſt die ich zu tragen hatte, ſtolperte aber uͤber einen Stein. Dieſe ſchnelle Bewegung ſtörte das Gleichgewicht des Felleiſens, das ich auf der Schulter trug, und ich mußte es auf die Erde fallen laſſen. Als ich mich buͤckte, um es aufzuheben, erblickte ich eine Abreſſe, die mit großen Buchſtaben auf eine Karte geſchrie⸗ ben war, welche an deſſen oberm Theile befeſtigt. Unwill⸗ kurlich warf ich einen Brief darauf und las: An den Grafen Robert von Mareuil. Bei dieſem Namen erinnerte ich mich ſowohl an die halben Geſtaͤndniſſe, welche mir Tags zuvor der Unbekannte in ſeiner Trunkenheit gemacht, als an die Scene im Walde von Chantilly. Dieſer Reiſende war alſo der Jugendge⸗ faͤhrte von Regina, der Nebenbuhler von dem der Unbe⸗ kannte ſprach. In dem Augenblicke, wo ich dieſe Betrachtungen an⸗ ſtellte, waͤhrend ich das Feleiſen wieder auf die Schulter lud, hörte ich einen großen Tumult, und ſah einen großen —— — — Zulauf von Menſchen einige Schritte von mir entfernt. Nicht lange, ſo ſtob die Menge auseinander, und der Rei⸗ ſende, deſſen Sachen ich trug, kam zu mir, indem er mit verlegener Stimme zu zwei Maͤnnern, die ihn zu uͤber⸗ wachen ſchienen, und ihn keinen Fußbreit verließen, ſagte: „Meine Herren, Sie ſehen wohl, daß ich hier auf meine Sachen zu warten habe.“ „Ganz wohl, Herr Graf,“ antwortele der Eine der beiden Maͤnner. „Ihre Sachen ſollen in den Fiaker ge⸗ bracht werden. Allons! vorwärts!“ rief mir dieſer Mann zu, und gab mir ein Zeichen ihm zu folgen. Wir gingen ſo durch die zuſammengelaufene Menge, aus der ich die Worte: Gefaͤngniß, Verkleidung und Ver⸗ rath hoͤrte. Ein Fiaker wartete auf dem Quai. Der Brillenrei⸗ ſende ſtieg hinein. Seine Sachen wurden neben ihn ge⸗ legt, und Einer jener beiden Männer ſagte, ehe er einſtieg, zu dem Kutſcher: „Vorwärts!. .. und ſchnell!“ Nachdem ich nun den Wagenſchlag zugemacht hatte, und ohnerachtet der Verwunderung, in welche mich dieſer neue Zufall verſetzte, ſagte ich zu dieſen Leuten: „Meine Herren, ich habe die Sachen gebracht.“ „Ach geh doch! vom Dampfboot bis hierher,“ ſagte Einer der Beiden, „das iſt was rechts!.. Soll man dafuͤr auch noch zahlen?“ „Der Herr Graf hat kein kleines Geld bei ſich,“ ſetzte — bd — der Anbere mit ironiſcher Miene hinzu, und blickte dabei auf den Reiſenden, der das Geſicht in ſeine Hände barg, und ganz vernichtet zu ſein ſchien. 5 „Aber, meine Herren . .“ rief ich. „Fort, Kutſcher!“ riefen die aus dem Wa⸗ genſchlage. Der Kutſcher peitſchte kräftig auf ſeine Pferde. Ich war genöthigt ſeitwärts zu treten, um nicht unter die Räder zu kommen. Das war eine furchtbare Tauſchung fuͤr mich! In meinem verzweiflungsvollen Zorne drohte ich dem ſich entfernenden Kutſcher mit der Fauſt und ſchrie: „Du ſtiehlſt mir mein Brot... und ich ſterbe vor Hunger!“ „Komm, und fruͤhſtuͤcke mit,“ ſagte leis eine Stimme mir ins Ohr. Ich drehte mich ſchnell um. Es war der Kruͤppel. Ich ſah ihn verwundert und mit Sctecen an. „Nun ja!... Du ſollſt mit fruhſtuͤcken!“ fuhr er fort.. . „Du biſt ein entſchloſſener Kerl.. .. Du ſchlägſt tüchtig zu! . .. Ich habe entſchloſſene Leute, die tuchtig zuſchlagen, gern.... Heute bezahle ich .. morgen Du .. da iſt keine Beleidigung dabei . . alſo fort!“ Ich hatte Hunger. Ich nahm den Antrag des Kruͤppels an. — — — — Prittes Rapitel. — Das Frühſtück. Ich fuͤhlte eben ſo viel Scham als Demuͤthigung, das Anerbieten des Kruͤppels anzunehmen, aber ich hatte Hunger. Nach einigen Schritten ſchob der Bandit vertraulich ſeinen Arm unter den Meinen. Ich erbebte bei dieſer Be⸗ ruͤhrung und machte mich ſchnell wieder los. „Was zum Teufel haſt Du denn?“ fragte der Kruͤp⸗ pel, uͤberraſcht von meiner Bewegung. „Ich will Euch den Arm nicht geben.“ „Wie? . einem Kameraden nicht?“ „Ich bin nicht Euer Kamerad.“ „Ich bezahle Dir das Fruͤhſtuͤck und Du wärſt nicht mein Kamerad? ... Ei, ei, biſt Du etwa ſtolz gewor⸗ den? Nun denn, adieu, ich liebe ſtolze Leute nicht.“ „Ich bin nicht ſtolz“ . ſagte ich zogernd. „Nun denn, ſo gieb mir Deinen Arm.“ Und ſo mußte ich den Arm dieſes Elenden annehmen! Ich ſenkte den Kopf, ſo druͤckte mich die Schande. Einen — — Augenblick lang hatte ich den Gedanken, dieſen Mann zu verlaſſen, aber ich fuͤhlte immer mehr und mehr den ſchmerz⸗ lichen Schwindel, welchen das lange nicht geſtillte Beduͤrf⸗ niß zu eſſen hervorbringt. Meine bis dahin durch fieber⸗ hafte Aufregung noch unterſtutzten Kräfte fingen an mich zu verlaſſen. Zwei bis drei Mal machte eine plotzliche Er⸗ mattung meine Schritte ſchwankend und trotz der Kälte floß mir der Schweiß von der Stirn. Indem ich ſo Arm in Arm neben dem Banditen herging, fühlte ich geheimen Schauer. Ich dachte an die Folgen des Ungluͤcks, hungrig zu ſein. Dann rief ich mir zwei fuͤr mich heilige Erinnerungen zuruck, die an Claude Gerard und an Regine. Wuͤrden dieſe mich tadeln, wenn ich zu der verzweif⸗ lungsvollen Lage gebracht, in welche ich, trotz aller meiner Anſtrengungen ihr zu entgehen, geſtuͤrzt worden, die Hilfe annaͤhme, welche dieſer Elende mir anbot? Und dann kann ja auch noch dieſes Leben, das ich dem größten Elende ab⸗ kampfe, fuͤr Regine nutzlich werden, jetzt wo ich auf der Spur eines fur ſie gewiß ungemein wichtigen Geheimniſ⸗ ſes bin. In dieſe Betrachtungen verſunken, ging ich ſchweigend und niedergeſchlagen, geſenkten Hauptes, um meine Beſchä⸗ mung zu verbergen, Arm in Arm mit meinem unſeligen Gefaͤhrten weiter. „Du ſprichſt nicht eben viel,“ ſagte er. „Nein.“ „Du ſchlägſt beſſer zu als Du ſprichſt. nach Be⸗ lieben ich habe Dich ja nur als einen tuͤchtigen Zuſchlaͤ⸗ ger eingeladen. . Ah, da ſind wir vor der Schaͤnke nun . geh' voraus „ich will Dir die Ehre laſſen.“ Damit ſtieß mich der Bandit vor ſich her in eine Schaͤnke, die an der Ecke einer der kleinen Straßen lag, die auf den Quai gehen. „Geben Sie uns ein Stübchen,“ ſagte der Kruͤppei zu dem Dienſtmädchen. Dann wendete er ſich zu mir: „Man iſt freier . man kann von Allem reden.“ Man fuͤhrte uns in ein düſteres Gemach, deſſen Fen⸗ ſter in eine kleine Gaſſe gingen. Dort ſetzten wir uns an den Tiſch. „Was willſt Du eſſen?“ „Brot.“ „Das iſt wenig. . .. Und dann?“ „Nichts. Bloß Brot und Waſſer.“ Aus einer Art von vielleicht kindiſcher Empfindlichkeit glaubte ich meine Handlung minder verwerflich zu machen, wenn ich von dem Kruͤppel nur das Allernothwendigſte an⸗ naͤhme, um meine erſchoͤpften Kräfte wiederherzuſtellen. „Wie? Brot und Waſſer?“ ſagte der Bandit ſtau⸗ nend. „Glaubſt Du, daß ich meine Sachen ſo treibe, und einen Freund einlade, um ihm ein Gefangnißfruͤhſtuͤck vor⸗ zuſetzen? Heda, Maͤdchen! einen Speckeierkuchen, Rindfleiſch mit Gurken, ein Stuͤck Kaͤſe und zwei Liters zu Zwölf.“ Martin. VI. 3 Dann wendete er ſich mit ſtolzer Selbſtgenügſamkeit zu mir: „So traktire ich meine Freunde.“ „Das iſt unnoͤthig .. laßt mir gleich Brot geben „ich eſſe nicht weiter.“ „Das iſt ja ein wahrer Caraibenhunger! Nun denn, Maͤdchen, ein Stuͤck Brot!“ Man brachte ein Stuͤck Brot von wenigſtens zwei Pfund. In kurzer Zeit hatte ich's verzehrt. „Heda, Maͤdchen! ein Brot von vier Pfund!“ ſagte der Bandit mit pöhniſcher Miene. Das vierpfuͤndige Brot wurde gebracht. Obgleich mein Hunger vermindert war, ſo war er doch keineswegs geſtillt, ich furchtete jedoch, dieſer Exceß im Eſſen möchte mir ſcha⸗ den. So trank ich denn zwei bis drei Glaͤſer Waſſer und unterbrach mein frugales Mahl. Nach und nach fuͤhlte ich mich neubelebt. Die Art Fieber, die mich befallen hatte, beruhigte ſich; ich ſah meine Lage mit feſterem und weniger verzweifelndem Blicke an. Der Bandit hatte mich, waͤhrend ich das Brot ver⸗ ſchlang, ſchweigend betrachtet. Dann ſagte er zu mir: „Du haſt jetzt wahrhaftig nur aus Hunger gegeſſen, nun ſollſt Du auch aus Appetit eſſen. „Nein.“ „Geh doch!“ Man brachte die vom Kruͤppel beſtellten Speſn. Trot ſeines Drängens rührte ich ſie nicht an. „Du biſt ein närriſcher Menſch,“ ſagte der Kruͤppel, wäbrend er dem Mahle Ehre machte. „So einen Gaſt habe ich noch nie geſehen! Ein Glas Wein wirſt Du doch wenigſtens trinken.“ Ich hielt erſt mein Glas hin, in der Hoffnung, daß ein wenig Wein meine Kraͤfte vollkommen wiederherſtellen werde, aber aus Furcht, daß der Wein bei der Schwaͤche, die ich noch fuͤhlte, mir zu ſehr zu Kopfe ſteigen möchte, zog ich es wieder zuruͤck. „Wie? nicht einmal ein Glas Wein?“ rief der Kruͤppel. „Nein nur ein Stuͤck Brot nehme ich noch, wenn Ihr es erlaubt.“ „Da moͤge der Teufel in Deinem Baͤcker ſtecken!“ rief der Bandit. „Wenn ich das gewußt haͤtte!“ Dann ſah er mich faſt mit Mißtrauen an und ſagte: „Du biſt vielleicht nicht das, was ich glaubte .. Du ichſt mir ſehr maͤßig aus.“ „Was glaubtet Ihr denn daß ich ſei“ „Nun, ich hielt Dich fur einen Teufelskerl, der ſich vor nichts fuͤrchtet und Hunger hat.. Das war fuͤr mich ein Fund, ja ... und fuͤr Dich auch. ... Aber Du trinkſt nur Waſſer und iſſeſt nur Brot .. das genirt mich.“ „Wenn man mäßig iſt,“ antwortete ich dem Bandi⸗ ten und ſah ihn feſt an, um ſeine Gedanken zu errathen zu ſuchen, „ſo iſt der Körper gewandter, der Geiſt geſuͤnder, und man iſt zu allen Sachen geſchickter.“ 3* „In Einem Sinne haſt Du Recht „Trunkenheit kann die ſchönſten Dinge fehlſchlagen machen. Aber ſage mir doch da Du dieſen Morgen vor Hunger bald um⸗ kamſt ſo koͤnnte Dir das auch morgen paſſiren . und ferner wenn Du keine andern Bankiers haſt als die Reiſenden, deren Bagage Du fortzuſchleppen ſuchſt. Ich kenne den Stand. . Du mußt doch noch etwas Anderes dabei treiben um Waſſer dazu trinken zu können. . Nun friſch, ein Glas Wein!“ „Nein.“ „Teufelskerl!“ „Von welchem Stande ſprecht Ihr denn?“ „Hoͤre einmal .. Du biſt jung, kräftig, flink und lebendig das iſt Gold in Barren, mein Junge und ¹ Du weißt es auszumuͤnzen, abgeſehen davon, daß Du an Ort und Stelle wenig bekannt biſt denn Du biſt kein Pariſer das ſieht man uͤbrigens.“ „Ich bin erſt ſeit drei Tagen in Paris.“ „Das iſt prächtig! .. Oh, wenn ich ſtatt alt zu ſein, an Deiner Stelle wär' „Was machtet Ihr rannz“ Der Bandit zuckte mit dem Auge und ſagte einer Pauſe: „Hm! Du biſt ſehr eilig!“ Nun beobachtete er ein neues Schweigen und ſtrich ſich zufrieden das Kinn. Seit einigen Augenblicken hatte ich Bamboche's Na⸗ — men auf den Lippen, aber ich furchtete, der Bandit moͤchte mir, mißtrauiſch wie er war, nicht darauf antworten. End⸗ lich konnte ich meiner Neugier nicht mehr widerſtehen. „Und Bamboche?“ fragte ich ſchnell. Der Kruͤppel ſprang vor Verwunderung auf ſeiner Bank in die Höhe. „Du kennſt Bamboche?“ rief er. „Oder den Capitain Hector Bambochio, wenn Ihr wollt.“ Da ich aber ſah, daß ſein Staunen ſich in Mißtrauen umwandte, ſetzte ich hinzu: „Seht ich bin offen, ich bin's, der vor drei Tagen in die Sackgaſſe des Fuchſes gegangen iſt, nach Bamboche grfragt und ich glaube von Euch Antwort darauf erhalten hat.“ „Ahl das warſt Du? und was wollteſt Du denn von Bamboche?“ „Wir ſind Kameraden von Kindheit an geweſen, ich befand mich in Paris ohne Hilfe und wollte Bamboche bit⸗ ten, mir beizuſtehen ſo ſagt mir denn jetzt, wo er iſt?“ „Ah! Du kannteſt Bamboche, ſo wie er iſt .. und Du wollteſt ihn um Hilfe angeh'n . . das giebt mir wieder Zuverſicht .. wir werden uns verſtehen lernen,“ ſagte der Bandit ganz beruhigt. „Aber wo iſt denn nur Bamboche?“ „Beunruhige Dich ſeinetwegen nicht, mein Junge . — ich werde fuͤr Dich thun, was Bamboche in Perſon wuͤrde gethan haben.“ „Aber er? Wo iſt er jetzt?“ „Ja; das S wo Ihr wohntet, iſt von der Polizei aufgehoben worden ich habe die Soldaten im Sackgäß⸗ chen geſehen, am Tage, nachdem ich mich nach Bamboche dort erkundigt hatte.“ „Die großen Vögel waren entflohen, man hat nur die kleinen Voͤgelchen gefangen.“ „So hat ſich alſo Bamboche gerettet ſo wie Ihr? Aber nochmals, wo iſt er jetzt?“ „Oh, jetzt iſt er weit von hier, in Amerika, in China „Bamboche war vor drei Tagen in Paris,“ rief ich aus, „er muß noch hier ſein.“ „Nun, ſo ſuche und finde ihn, wenn Du eannſt. Aber was zum Henker willſt Du mit ihm anfangen, da ich, wenn Du nur willſt, Dir ein zweiter Bamboche ſein will.“ „Schoͤnen Dank.“ „Du biſt ungerecht! Bamboche iſt jung, voll mittel, waͤhrend ich alt bin ich werde ſchwach. beduͤrfte eines Commis. S „Wozu?“ Nach einer Pauſe begann der Bandit wieder: „Wo wohnſt Du?“ „Ich habe keine Wohnung.“ 4 — 39 — „Ich habe eine Stube wir wollen zuſammen woh⸗ nen es ſoll Dir an nichts fehlen da ſieh!“— Und damit zeigte er mir ein Dutzend Fuͤnffraneſtucke, unter denen ich ſogar zwei bis drei Goldſtuͤcke bemerkte. Ich konnte mein Staunen nicht verbergen. Der Bandit bemerkte es und ſagte: „Das wundert Dich, daß ich in den Hafen gehe, wenn ich ſo gut verſehen bin, nicht wahr?“ „Ja das wundert mich.“ „Ich gehe aus Liebhaberei in den Hafen „ſeit zwei Tagen ſuche ich einen Commis .. ich hatte noch Niemand, der mir anſtand, gefunden .. aber dieſen Morgen begeg⸗ nete ich Dir .. ich bin uͤberzeugt, daß Du mir recht wä⸗ reſt. Aber ſo trink' doch!“ „Nein.“ „Eiſenkopf Du! .. Am Ende iſt's auch einerlei. Verſtändigen wir uns, leben wir zuſammen. Du wirſt nicht böſe daruͤber ſein.“ „Ihr wollt mir nicht ſagen, wo Bamboche iſt?“ „So dumm bin ich nicht . .. er behielte Dich.“ „Schönen Dank fuͤr das Brot, das Ihr mir geſchenkt habt,“ ſagte ich zu dem Krüppel und ſtand auf;z „kann ich ſo vergelte ich's Euch einmal wieder.“ „Du gehſt?“ „Ja.“ „Aber ſo höre doch . zum Henker!“ „Es iſt vergebens.“ — — „Wo ſchläfſt Du heut Nacht?“ „Ich hoffe heute einige Sous an den Ausgängen der Theater zu verdienen.“ „Oh! oh!“ ſagte der Kruͤppel und ſchien uͤber das nachzudenken, was ich ihm eben geſagt hatte. „Du kennſt alſo ſchon die guten OHertchen! Und doch . ſchlaͤgſt Du mir's ab! . .. Gleichviel ich werde Dich ſchon fruͤher oder ſpäter wieder fiſchen. ... Ja, ja, ich ſage Dir's . ich warte auf Dich.“ unwillkürlich konnte ich mich des Schanderns nicht erwehren, als ich hörte, mit welchem Tone der vollſten Zu⸗ verſicht der Elende dieſe Worte ausſprach: „Ich warte auf Dich 1 Ich eilte von ihm fortzukommen. Er rief mir nach: „Auf Wiederſehen!“ Ohne große Erfahrung zu beſitzen, begriff ich doch, trotz der Zuruͤckhaltung des Kruͤppels, daß dieſer Schurke, von dem Muthe, der Kraft und faſt wilden Energie betrof⸗ fen, von denen er heute fruh mich hatte gegen meine Con⸗ currenten am Ausſchiffungsplatze Proben ablegen ſehen, meinen hilfloſen Zuſtand und meine Verzweiflung benutzen wollte, um mich als Werkzeug irgend einer ſtrafbaren Ab⸗ ſicht zu gebrauchen, indem er ſich in Betreff meiner Mora⸗ lität durch die Thatſache meines alten Verhaͤltniſſes mit Bam⸗ boche, dem ich mich trotz meiner Kenntniß von ſeinem abenteuerlichen Leben wieder nähern wollte, für hinreichend vergewiſſert hielt. Gleich Anfangs fuhlte ich mich durch den bloßen Ge⸗ danken, nicht etwa der Mitgenoſſe des Kruͤppels zu werden, denn ein ſolcher Gedanke kam mir nicht in den Sinn, ſon⸗ dern auch kuͤnftig nur das kleinſte Verhältniß zu ihm zu haben, emport, dann aber folgte auf dieſen aufrichtigen Entſchluß noch die ſchreckliche Ueberlegung der ſchmachvollen Nachgiebigkeit gegen ihn, die mir der Hunger ſchon entriſ⸗ ſen hatte. „Ach!“ dachte ich bei mir, „wuͤrde ich nicht mit dem Unwillen eines redlichen Mannes den zuruͤckgeſtoßen haben, der mir geſagt hätte, Du wirſt eines Tages Arm in Arm mit dieſem Banditen, der der groͤßten Vergehen fähig und ſchuldig iſt, einherwandern? Und doch! doch habe ich eben jetzt dieſe Schande erlebt, und der Wunſch, uͤber Bamboche Erkundigungen einzuziehen, iſt nur Nebenſache bei dieſem Entſchluſſe geweſen... die Hoffnung, eſſen zu bekommen, war Alles fur mich!“ „Bis zu welchen fuͤrchterlichen Schritten koͤnnen alſo der Hunger und die Schrecken des Elendes uns treiben,“ fuhr ich dann mit herzzerreißendem Schmerze zu mir ſelbſt zu ſprechen fort, „da ich, der von den ſolideſten Grund⸗ ſaͤtzen durchdrungen, ich, der ich im Herzen eine Art gött⸗ licher Anbetung trage, die mir das Streben nach Gutem zur Pflicht macht, ich mich ſo weit habe herabwuͤrdigen koͤnnen! Großer Gott, was wird denn da mit denen, die ſich, den Zufaͤllen des Lebens preisgegeben, ohne Erziehung, ohne Siuͤtze, ohne Glauben, ohne heilſamen Zügel, in einer Lage wie die meinige befinden?“ und ſo rief ich mit Claude Gerard aus: O Elend! Elend! wirſt Du denn immer die Urſache oder die Quelle ſo vieles Boͤſen, ſo vieler Eytwindigungen⸗ ſo vieler Ver⸗ , Wihnn ic die Nacht und die wo die Schauſpiele endeten, erwartete, wendete ich alle Hilfsmittel meiner Phantaſie an, um eine Möglichkeit zu finden, mein Leben auf einem geſicherten und redlichen Wege zu friſten, aber mein Verſtand beſchaͤftigte ſich in unmöglichen Com⸗ binationen. Wenn ich dieſe beſchäftigte Menge gehen und kommen ſah, die, ach! nicht daran denkt, nicht daran denken kann, daß der Ungluͤckliche, an dem ſie ſorglos voruͤbergeht, nicht wußte, wo er in dieſer finſtern Winternacht ruhen ſollte, und daß man ihn vielleicht morgen fruͤh halb todt vor Kälte und Erſchoͤpfung auf dem Straßenpflaſter liegend finden werde, empfand ich einen ſonderbaren, ſchmerzlichen Druck. Die Ungewißheit, in der ich mich befand, wovon ich mein Nachtlager in einem Schlafhauſe bezahlen ſollte, er⸗ ſchreckte mich doppelt. Bei Nacht feſtgenommen zu wer⸗ den, mitten auf der Straße als Vagabund, das bewirkte mir ein Gefaͤngniß, und ein Gefaͤngniß floͤßte mir ſo vielen Schrecken ein, daß ich ihm den Tod vorgezogen haͤtte, denn ein Gefaͤngniß ſetzte mich in die Unmöglichkeit, Reginen nuͤtzlich zu werden, und ich weiß nicht, welcher Inſtinkt mir ſagte, daß ich trotz meiner ungluͤcklichen, meiner niedrigen Lage, dieſen Zweck erreichen koͤnne. Ich mußte alſo um jeden Preis dieſen Abend ſtens 6 Sous verdienen, um mir ein Nachtlager zu ver⸗ ſichern. Was Brot fuͤr den naͤchſten Tag anbetraf. . ſo wollte ich nicht daran denken. Am Morgen hatte mich der heftige Hunger gemein, ja faſt wild gemacht, ich fuͤhlte daß die Nothwendigkeit, einige Sous zu verdienen, um nicht als Vagabund verhaf⸗ tet zu werden, mich auch Abends, wenn es ſein muͤßte, ge⸗ mein, ja wild machen wuͤrde. Als die Nacht gaͤnzlich hereingebrochen war, begab ich mich auf die Boulevards und trank, wie ich mich noch wohl erinnere, aus dem untern Baſſin der Fontaine des Chateau d'Eau mit holer Hand. Dann ſtellte ich mich in die Um⸗ gegend des Theaters du Gymnaſe. Mir ſchien's als er⸗ kenne ich, nicht eben zu meiner großen Verwunderung, die⸗ ſelben Leute wieder, die ich geſtern und heut fruͤh am Lan⸗ dungsplatze des Dampfbootes geſehen hatte. Sie ſaßen umher, einige auf den Eckſteinen, andere auf den Einfaſ⸗ ſungen des Trottoirs, noch einige hinter den Fiakern, de⸗ ren lange Reihe ſich bis zur Porte Saint Denis er⸗ ſtreckte. Als ich auf dem Boulevard die S Equipagen voruͤberfahren ſah, die ſich dort kreuzten, und deren Beſitzer ohnſtreitig zu Feſtlichkeiten dahinrollten, ſo iſt Gott mein — — Zeuge, daß mir kein Gedanke des Neides oder eiferfuͤchti⸗ gen Haſſes in den Sinn kam. Ich ſagte blos zu mir ſelbſt: „Dieſe Gluͤcklichen des Tages wiſſen durchaus nicht, daß um dieſe Stunde Menſchen mit ſchrecklicher Angſt auf den Gewinn einiger Sous warten, um ein Nachtlager und Brot zu haben, und daß, wenn heut Abend und morgen ihre Erwartung getäuſcht wird, uͤhermorgen fuͤr ſie der Todeskampf des Hungers beginnen wird.“ Dieſe Betrachtung rief mir die ſehr weiſen Werte zu⸗ ruͤck, welche Elaude Gerard mir eines Tages ſagte: „Moraliſch und verſtaͤndig geſprochen, heißt Almoſen geben, den erniedrigen, der es erhält, waͤhrend ihm Arbeit verſchaffen, ihn unterſtutzen und ehren heißt. Aber auf dem Punkte, wo wir leider jetzt ſtehen, muß man ſich, trotz ſeiner Gefahren, mit dem Almoſen begnugen, denn es hat wenigſtens eine unmittelbare Wirkung. Man ſollte daher ſchon bei der Erziehung reicher Kinder darauf bedacht ſein, ſie als Anfangs⸗ und Vergleichungspunkt davon zu unter⸗ richten, daß zum Beiſpiel mit zwanzig Sous Brot man im ſtrengſten Wortverſtande zehn Menſchen vom Hun⸗ gertode retten kann.“ Am Stamme eines Baumes auf dem Boulevard ſitzend, in einer dunklen Ecke und der Chauſſee gegenuͤber, auf welche das Theater ging, hatte ich das Ende des — 45 — Schauſpiels gewartet. Von Muͤdigkeit erſchoͤpft war ich halb eingeſchlafen. Plötzlich fuͤhlte ich mich heftig geruͤttelt. Ich oͤffnete die Augen. Eine Gruppe von Menſchen ſchlechten An⸗ ſehns, unter denen ich mehre wieder erkannte, die ich ſchon kurz vorher erblickt hatte, umgab mich. In demſelben Augen⸗ blicke glaubte ich beim Scheine einer Straßenlaterne, auf der gegenuberliegenden Chauſſee die unheilvolle, holliſche Geſtalt des Kruͤppels voruͤbergehen zu ſehen. Dieſe Erſcheinung war aber ſo ſchnell, daß ich ſie kaum mit einem Einem Blicke feſſeln konnte, da ich noch dazu durch die drohende Miene der Leute, die ſich ſo ploͤtzlich um mich geſchaart hatten, be⸗ troffen war. „Was wollt Ihr von mir?“ frug ich aufſtehend, und mich in Vertheidigungsſtand ſetzend. „Du biſt ein Spion,“ antwortete mir eine Stimme; „wir wiſſen es.“ In demſelben Rn und ohne daß ich dieſen Angriff vorausſehen konnte, packte man mich von hinten, ein Schnupftuch ward mir uͤber den Kopf gezogen, und hin⸗ ter dem Kopfe wie ein Knebel zuſammengebunden, und dann fuͤhlte ich mich, ohnerachtet meiner verzweifelten Ge⸗ genwehr, geſchlagen, und faſt bis eine der kleinen huͤgligen Gaſſen getragen, die dort auf den Boulevard ausgehn. Das Schnupftuch erſtickte mein Geſchrei, die große Menge der Angreifenden paralyſirte meine Kraͤfte, der ganze Auf⸗ zritt ging ſo ſchnell vor ſich, daß ich ſchon in der Tiefe eines finſtern Ganges in einem Hauſe dieſer Straße nieder⸗ *geworfen war, ehe ich gleichſam zu mir ſelbſt kam. Die Bewegung, welche durch dieſe Gewaltthaͤtigkeit entſtand, wurde ohnſtreitig kaum von den Voruͤbergehenden bemerkt, oder von ihnen fuͤr eine jener gemeinen Zaͤnkereien gehal⸗ ten, die vor den Eingängen der Theater ſo häufig vorfallen. Auf dem Boden des Hausganges liegend und von Schläͤgen zermalmt, deren einige mein Geſicht blutend machten, ſtieß ich mit dem Kopfe hart an einen Stein. Dieſer Stoß war ſo heftig, daß ich faſt meine Beſinnung verlor. Mitten in dieſem tiefen und zugleich dumpfen Schmerze, der mir die Hirnſchale ſprengen zu wollen ſchien, hörte ich eine Stimme rufen: „Er hat nun genug... fort alſo... dort iſt der Ausgang.“ Nun verſtrich eine ziemlich lange Zeit, während wel⸗ cher ich kein andres Bewußtſein, als das eines ſehr heftigen Schmerzes hatte. Dann kam ich nach und nach wieder zu mir. Ich war eiſig kalt und zerſchlagen. Ich verſuchte aufzuſtehen und es gelang mir endlich mit Muͤhe; ohne eigentlich zu wiſſen was ich that, ging ich wankend aus dem Hauſe. Die Nacht war ſchwarz, die Straße einſam, es fiel ein dichter Schnee. Die Eiwirkung der friſchen Luft brachte mich wieder ganz zu mir ſelbſt. Jetzt erſt be⸗ ſann ich mich klar auf den Angriff, deſſen Opfer ich ge⸗ worden. Es mußte ſehr ſpät ſein. Der Boulevard war mit — — Schnee bedeckt und ganz einſam. Doch hielt noch ein Fiaker an der Ecke der Straße Poiſonniere. Nach einigen Schritten war ich, von einem erumyfhaf⸗ ten Froſte uͤberfallen, genoͤthigt ſtill zu ſtehen. Meine Zaͤhne ſchlugen an einander, meine Kniee zitterten, ich empfand am Kopf und der rechten Huͤfte einen ſo heftigen Schmerz, daß ich mich kaum fortſchleppen konnte. Plötzlich ließ mich der ferne und gemeſſene Schritt einer Patrouille vor Schrecken erbeben. Meine Kleidung in Stuͤcken, mein blutendes Geſicht, die Unmöglichkeit in der ich mich befand, mich wegen eines Unterkommens zu rechtfertigen, mußten Veranlaſſung werden, mich, wenn ich den Soldaten begegnete, als Vagabund feſtgenommen zu ſehen. Ich wollte entfliehen .. aber vom Schmerz beſiegt, ſtrauchelte ich bei jedem Schritte. Der helltönende Klang des Einherſchreitens der Pa⸗ trouille näherte ſich immer mehr und mehr. Schon ſah ich im Halbdunkel der Nebenallee die Flinten der Soldaten blinken, ich verſuchte eine letzte Anſtrengung .. vergebens ich glitt auf dem Schnee aus und fiel auf die Kniee. „Mein Gott! mein Gott!“ rief ich aus. Ich zerfloß in Thraͤnen, denn ich hatte nicht die Kraft wieder aufzuſtehen. Plötzlich trat ein Mann hinter den Baͤumen des Bou⸗ levard hervor, griff mir unter die Arme, hob mich vem Boden auf und ſagte: „Da kommt eine Patrouille. man wird Dich ar⸗ retiren.“ Ich erkannte den Kruͤppel. Er folgte mir ohnſtreitig heimlich ſeit der Gewaltſcene die er veranlaßt hatte. „Laß ſehen. willſt Du mit mir gehen?“ fuhr er fort, „oder Dich feſtnehmen laſſen? Hoͤrſt Du nicht? Die Patrouille kommt immer naͤher.“ „Rette mich hilf mir gehen!“ rief ich vor Furcht außer mir. „Nun denn... Gaſſenlaͤufer!“ ſette der Bandit mit höhniſchem Tone hinzu. Auf ihn geſtuͤtzt, konnte ich uber den Boulevard kommen. „Kutſcher. geſchwind.. den Schlag aufgemacht!“ ſagte der Krüppel zu dem Kutſcher des Wagens, den ich zu⸗ vor bemerkt. Ich ſtieg mit meinem Begleiter in den Wagen, der Schlag ſchloß ſich hinter uns, in dem Augenblicke als die Patrouille an der Stelle des Boulevard ankam, wo ich zur Erde gefallen war. Biertes Rapitel. Des Krüppels Wohnung. 5 Der Fiaker fuhr lange. Während dieſer Fahrt ſprach der Bandit, ich weiß nicht weßhalb, kein Wort mit mir. Das Schweigen, das Schaukeln des Wagens und/ die Wärme, die ich darin fand, nachdem ich ſo viel von der Kälte gelitten hatte, verſetzten mich in eine Abſpannung, die ſich faſt bis auf meine Gedanken erſtreckte. Der Un⸗ gluͤckſtern, der mich zum zweiten Male dem Kruͤppel näͤ⸗ herte, ſchien mir ein boͤſer Traum zu ſein. Als der Wagen hielt, kam ich zur Wieklichkeit zuruͤck. Nachdem mein Gefaͤhrte mich einige Male geruͤttelt hatte, half er mir ausſteigen. Noch immer fuͤhlte ich heftige Schmerzen von meinen Quetſchungen. In welchem Viertel wir uns befanden, wußte ich nicht. Von dem Banditen, auf deſſen Arm ich mich ſtutzen mußte, gefuͤhrt, ging ich zuerſt durch eine Art langen Hofes oder mit Haͤu⸗ ſern beſetzten Durchganges, folgte dann den Windungen einer engen Gaſſe, worauf wir vor einem andern Gebaude Markin. VI. 4 ankamen, deſſen Thür mein Begleiter mit einem Haupt⸗ ſchluͤſſel öffnete. Wir befanden uns jett in vollkommner Finſterniß. „Gieb mir die Hand.. laß Dich fuͤhren und folge mir!“ rief mir der Kruͤppel zu. e Ich kann das Gefuͤhl des Ekels und Abſcheues nicht beſchreiben, das mich ergriff, als ich meine Hand in die die⸗ ſes Elenden legte. Ein kindiſcher Schauder, ohnſtreitig durch meine Gehirnſchwäche verurſacht, ließ mich in dieſer WVereinigung unſerer Hände das Unterpfand einer Art von Vertrag zwiſchen mir und dem Kruͤppel erblicken. An einer ziemlich ſteilen Treppe blieb er ſtehen, oͤffnete eine Thur, ſchloß ſie wieder hinter uns, zuͤndete mittelſt eines chemiſchen Feuerzeugs ein Licht an, das nun eine ziemlich geräumige Stube zeigte, in welche wir nach Durchwande⸗ rung eines engen Corridors traten. In dieſer Stube be⸗ fanden ſich ſo viele Gegenſtaͤnde aller Art, daß kaum Plab genug für ein Bett und einige Meubles blieb. Mehr als die Hälfte des Fenſters, deſſen gelbgewordene Vorhaͤnge ſorgfältig ubereinander gezogen, war der Höhe nach durch eine Menge Packete eingenommen. „Da iſt ein Bett. „ ſchlaf... morgen fruͤh wollen wir ſchwatzen und da⸗nöchig rufen wir einen Arzt,“ G ſagte der Kruͤppel. „Du wirſt ſchen, daß ich nicht ſo ein Teufel bin, wie ich ausſehe.“ i pnie Mun zog er eine Matratze aus dem Bette, breitete ſie auf dem Boden aus, nahm eins der zahlreichen Packete, — — mit denen die Stube uͤberfuͤllt, als Kopfkiſſen, blies das Licht aus und legte ſich nieder. Moraliſch und phyſiſch zerſchlagen und faſt unfähig alles Denkens, fuͤhlte ich einen Moment unausſprechlichen Wohlbehagens, indem ich mich auf dieſes Bett warf, wo ich ſehr bald einſchlief, denn ich hatte die vorhergehende Nacht auf freiem Felde und in quaͤlender Schlafloſigkeit zu⸗ gebracht. Als ich erwachte, war es heller Tag, aber die Dicke der geſchloſſenen Vorhaͤnge ließen ein Halbdunkel in der Stube herrſchen. Ich vernahm das Kniſtern eines Ofens, deſſen Flamme auf dem röthlichen Steinpflaſter ſich wieder⸗ ſpiegelte. Neben mir erblickte ich auf einem Stuhle ein Stuͤck Brot und eine Taſſe Milch. Von dieſen Zuvor⸗ kommenheiten meines Wirthes überraſcht, ſah ich mich rings um, fand mich aber allein. Mehr über dieſe Einſamkeit als uͤber die Gegenwart des Kruͤppels erſchreckend, wollte ich mich anziehen, und ſuchte nach meinen elenden Kleidungsſtuͤcken, die in dem Kampfe von geſtern Abend faſt zu Lumpen geworden wa⸗ ren, an ihrer Stelle aber ſah ich am Fußende des Bettes ein Pantalon, ein Gilet und einen Ueberrock von Tuch, Alles ganz neu, und ein Paar treffliche Stiefel. Dieſer Aus⸗ tauſch brachte mich, ob er gleich ganz zu meinem Beſten war, doch in Verzweiflung, denn in meiner Weſtentaſche hatte ich bis dahin ſorgfältig das aus dem Grabe von Re⸗ gina's Mutter gerettete Portefeuille verborgen. Bald jedoch erblickte ich zu meiner großen Freude das Portefeuille, obgleich geöffnet, auf einem an meinem Bette ſtehenden Tiſche. Ich ergriff es mit eben ſo vieler Eile als Unruhe. Gluͤcklicherweiſe fand ich Alles was es enthalten hatte wieder. Ich kannte die Zahl der Briefe, ſie waren noch alle da, ſowie das Kreuz und das Pergamentblatt, worauf eine Königskrone von ſymboliſchen Zeichen umgeben gezeichnet. Aber bald erfaßte mich eine neue Furcht. War die⸗ ſes Portefeuille, das ich ſo zu ſagen vor 8 Jahren dem Kruppel aus den Haͤnden geriſſen hatte, als ich ihn in dem Augenblick zu Boden geſtreckt, wo er das Grab von Regina's Mutter berauben wollte, von dem Banditen wie⸗ dererkannt worden? Vermuthete man, auf welche Art die⸗ ſer Gegenſtand in meine Haͤnde gerathen? Und wollte man, wenn dies der Fall, ſich an mir rächen? Meine Lage verwickelte ſich. Ich wagte nicht zu ru⸗ fen. Ich empfand einen unbeſiegbaren Widerwillen, die Kleider, welche man auf mein Bett gelegt hatte, anzuziehen, ohnſtreitig geſtohlne Kleider! Was aber thun? Schon der bloße Gedanke, in dieſem Hauſe zu bleiben, erſchreckte mich⸗ Ich ſuchte meine Lumpen wiederzufinden, ſuchte ſie aber vergebens unter den Gegenſtänden, mit denen die Stube an⸗ gefullt war. Ich erblickte hier einen Verein der heterogen⸗ ſten Dinge: ſeidne Vorhänge, Pendulen, Fußbekleidungen⸗ Stuͤcke von Stoffen, ganz neue Kleider, Frauenſhawls, alte Waffen, Dutzende von ſeidnen Struͤmpfen in Paketen⸗ ſorgfaͤltig geſiegelte Wein⸗ oder Liqueurflaſchen⸗ kleine Sta⸗ tuen von Elfenbein oder Bronze, die mir von trefflicher Arbeit ſchienen, Wäſche aller Art, und wer weiß wie viele kleine Käſtchen mit Cigarren und ſpaniſchen Etiketten, Alles wie der Zufall es gab zuſammengehäuft. Dieſes eiligſt ge⸗ machte Inventar vermehrte meine Furcht. Dieſe Gegen⸗ ſtände mußten die Ausbeute von einer Menge Diebſtaͤhlen ſein, deren Mitgenoß oder Hehler der Kruͤppel geweſen. Mit aller Gewalt wollte ich aus dieſem Hauſe fliehen, ſelbſt in den geborgten Kleidern. Unglücklicherweiſe war die Thür feſt und doppelt verſchloſſen. Nicht lange, ſo horte ich die äußre Thuͤr zum Corri⸗ dor öffnen. Einige Schritte nahten ſich. Auf eigenthuͤm⸗ liche Weiſe wurde an die Thuͤr der Stube geklopft. Ich blieb ſtumm und unbeweglich. Abermals klopfte man und in derſelben Art. dann vernahm ich nach einigen Minuten Stille ein leiſes Raſcheln unter der Thuͤrfuge, und von außen ſchob man mittelſt einer langen, ſcharfen Meſſerklinge ein ſchmales Papier in die Stube, worauf die Schritte ſich entfernten, und die Corridorthure ſich wieder ſchloß. Ich blickte auf das Papier das man ſo hereingeſchoben hatte. Es war halb gebrochen. Ich ergriff, öffnete und fand blos folgende mit Bleiſtift unorthographiſch geſchriebene Worte: „Morgen.. in der Fruͤhſtunde.. wartet man ... hier in der Naͤhe.“ Nach einem augenblicklichen Zögern ſchob ich den Zet⸗ — — tel wieder auf die Thuͤrſchwelle. Es handelte ſich ohnſtreitig um irgend eine ſtraffallige Zuſammenkunft. Dieſer neue Vorgang verſtärkte meinen Wunſch, aus dieſer Wohnung zu fliehen. Um nun auf jede Gelegen⸗ heit vorbereitet zu ſein, zog ich, ſo ſehr es mich anwiderte, abermals die Kleider wieder an, die mir nicht gehörten, und öffnete dann das Fenſter, indem ich die Gegenſtaͤnde bei Seite ſchob, die es verdeckten. Es ging in einen Hof und war wenigſtens 25 bis 30 Fuß uͤber demſelben. Gegen⸗ waͤrtig war alſo jede Flucht durch daſſelbe voͤllig un⸗ möglich. Nach einigen Minuten der Ueberlegung, hielt ich an einem gewaltſamen Entſchluſſe feſt. Sobald der Kruͤppel die Thuͤr oͤffnete, wollte ich mich auf ihn ſtuͤrzen, und trotz der heftigen Schmerzen, die ich noch in Folge des geſtrigen Abends empfand, rechnete ich auf meine Entſchloſſenheit und Gewandtheit, um im Guten oder Boͤſen aus die ſer Stube zu kommen. In demſelben Augenblicke erſchollen Schritte auf dem Corridor. Ich waffnete mich mit Muth, und war bereit mich auf den Kruͤppel zu ſturzen, ſobald dieſer die Thuͤr öffnete. Wie groß war aber mein Staunen als ich eine Stimme, einen Geſang und Worte vernahm, die mir nur allzubekannt. Dieſe Stimme gehoͤrte la Levraſſe! Er trällerte die Worte der ſchönen Bourbonnaiſe, ein Liedchen, welches der Seiltaͤnzer vor allen andern liebte. So ſingend, klopfte er an die Thuͤr, gerade ſo wie der vorhergehende Beſuchende geklopft hatte, ehe er das Billet durch die Thur ſchob. Da la Levraſſe keine Antwort bekam, ſo hielt er einen Augenblick mit ſeinem Geſange inne und klopfte von Neuem. Darauf noch einmal, aber ungeduldig... und endlich, ohnſtreitig von der Abweſenheit des Kruͤppels uber⸗ zeugt, entfernte ſich mein ehemaliger Lehrer mit ſeinem Lieblingsliedchen. Dieſes unerwartete Zuſammentreffen erfullte mich mit Staunen, aber ich verwunderte mich keineswegs uͤber die Beziehungen, welche zwiſchen la Levraſſe und dem Kruͤppel beſtehen konnten, da alle Beide ganz geeignet waren ſich gegenſeitig zu verſtehen. Der Widerwille, den mir der ehemalige Henker meiner Kindheit einfloͤßte, der ſonach dem Brande ſeines von Bamboche angezuͤndeten Wagens entgan⸗ gen, war fur mich ein neuer Beweggrund, dieſe Wohnung zu fliehen, da ich mit jedem Augenblicke eine Ausſuchung Seiten der Polizei erwarten mußte. In einem ſolchen Falle mußte ich, ohnerachtet aller Betheuerungen, ſelbſt bei dem Uneingenommenſten fuͤr einen Mitgenoſſen des Kruͤp⸗ pels gelten, und lief alſo Gefahr als Dieb ins Gefaͤngniß geworfen zu werden, mit der Erlaubniß, ſpaͤter meine Un⸗ ſchuld zu beweiſen. Dieſe Ausſicht aber ſchien mir bei Weitem furchtbarer als wegen Herumtreibens verhaftet zu werden. Immer mehr entſchloſſen, zu meinem Fortgehn Gewalt ſchuͤchtern. Gewalt einen Ausgang zu bahnen. vornehmer Herr!“ tete ich: vorher trug?“ zu gebrauchen, ergriff ich in jedem Falle aus dem alten Waffenvorrathe eine Art eiſerner, damaszirter Keule, weni⸗ ger um den Kruͤppel damit zu treffen, als ihn, wenn er mir drohen oder Widerſtand leiſten ſollte, dadurch einzu⸗ Noch ſtand ich auf den Haufen von Waffen herab⸗ gebeugt, den ich lärmend durchſtoͤrt hatte, um die eiſerne Keule daraus zu ſuchen, als eine Hand ſich auf meine Schulter legte. Ich ſchauderte ſo ſehr zuſammen, (denn da ich mit dem Geſichte nach der Thuͤr zu geſtanden, war ich uͤberzeugt, daß dieſe nicht geoͤffnet worden war) daß beim Aufſehen die Keule meiner Hand entſank. Ich erblickte den Kruͤppel hinter mir ſtehend. nicht durch die auf den Corridor gehende Thuͤr, ſondern durch eine in einem Verſchlage angebrachte Oeffnung einge⸗ treten, deren Daſein ich nicht vermuthet hatte. nung des Banditen hatte zwei Ausgänge. denn mein Vorhaben, mir durch die geöffnete Thuͤr mit „Sieh einmal,“ ſagte der Bandit, in Anſpielung auf meine Kleider zu mir, „da biſt Du ja angezogen wie ein Nach einem augenblictichen Schweigen antwor⸗ „Ihr wollt mir die Kleider nicht zuruͤckgeben, die ich „Du beklagſt Dich doch wohl nicht über den Tauſch?“ „Ja, denn dieſe Kleider hier ſind ohnſtreitig geſtohlen, wie Alles, was in dieſer Stube ſich befindet.“ „Haſt Du gefrühſtuͤckt?“ fragte der Bandit, auf den Stuhl blickend. „Nein? Nun ſo iß doch einen Biſſen, dann ſchwatzen wir zuſammen. Ich habe Dir eingeheizt, Dir ein Fruhſtuͤck zurecht gemacht. Bamboche hätte Dich nicht beſſer traktiren koͤnnen.“ „Zum letzten Male ſage ich es Euch, gebt mir meine Kleider wieder und laßt mich von hier fort! . Gutwillig!“ Statt mir zu antworten, buͤckte ſich der Kruͤppel, hob das Billet auf, zerriß es und ſagte zu mir: „Das wußte ichz ich begegnete dem Kameraden, als er von hier zurückkam.. Haſt Du das Billet geleſen?“ „Ich ſage Euch, daß ich meine Kleider wiederhaben, und von hier fort will.“ „Sei doch nur ruhig!... und hoͤre mich!... Willſt Du ein guter Junge ſein, ſo ſchlage ich Dir Folgendes vor: Du ſollſt zwei recht anſtaͤndig meublirte Zimmer haben. Du biſt ſchon ganz nett gekleidet. Das ſoll vollſtaͤndig geſchehen: Ein Traiteur wird Dir alle Tage Dein Eſſen bringen, denn in der erſten Zeit ſollſt Du kein Geld in der Taſche haben. Später, wenn Du Dich gut benimmſt.. bekommſt Du es ... das verſpreche ich Dir.“ „Und fuͤr dieſe Wohlthaten,“ entgegnete ich mit bit⸗ term Lächeln, „was erwartet Ihr von mir?“ „Drei oder vier Stunden Deiner Zeit jeden Tag, — d 2 nicht mehr! Die uͤbrige Zeit ſchlenderſt Du herum . . . machſt was Du willſt.“ „Und wozu jene Zeit anwenden?“ „Ich ſagte Dir ſchon, daß ich einen Commis brauche. Du ſollſt mein Commis ſein.“ „Euer Commis?“ „Hoͤre! laß uns offnes Spiel ſpielen. .. Seit etwa 8 Tagen gehe ich an den Hafen und ſonſthin um Jemand zu finden, der mir anſteht. .. ich finde Niemand Alles Geſichter, die ſchon ihrem Anſehn nach die Spuͤr⸗ hunde der Polizei auf die rechte Faͤhrte bringen wuͤrden .. und Manieren dazu!! Du im Gegentheil, Du kommſt aus der Provinz, Dich kennt Niemand, Du ſiehſt ehrlich aus, haſt nothigenfalls Courage ... und ſchlaͤgſt tuchtig zu .. Du paſſeſt alſo fur mich wie ein Handſchuh. Und weshalb? Hoͤre denn! Ich bin, wie Du ſiehſt, mit Waa⸗ ren uͤberhaͤuft .. ich habe meine Gruͤnde . ſie nicht ſelbſt zu verkaufen.. nicht aus Stolz, auf Ehre nicht aber ich moͤchte das hier gern los ſein, es verkaufen, aufs Leih⸗ haus tragen, fuͤr Andres vertauſchen und ſo weiter, aber um keinen Handel zu treiben und nicht ſo viel Verdacht zu erregen, muß man eine Wohnung haben, in ſeinem Viertel gut angeſchrieben ſtehen, etwas von ſeinen Renten lebenz deßhalb ſollſt Du gut logiren, gut gekleidet, gut genährt ſein.. ſpater auch einen Antheil haben.. im Verkaufe. Was Du hier ſiehſt, iſt noch gar nichts. ich habe noch andre Magazine und. ——— „Aha, Ihr wollt Euch alſo meiner bedienen, um die Fruͤchte Eurer Diebereien zu verkaufen?“ „Meine Waaren, junger Mann, meine Waaren . damit wirſt Du Dich zuerſt beſchaͤftigen.“ „Alſo auch noch andre Geſchaͤfte werde ich erhalten?“ „Spaͤter ſollſt Du in einige gute Haͤuſer gehen, die ich Dir bezeichnen werde, und Proben von Cigarren, die eingeſchmuggelt worden, anbieten .. . und unter dieſem Vorwande ..“ „Unter dieſem Vorwande?“ „Aha! jetzt beißt er an! Und doch thateſt Du vorher ſo abſchaͤtzig! Nun denn! unter dieſem Vorwande ſollſt Du mir i Dienſte erzeigen; Du ſollſt dann erfahren welche.. . iſt Aus, was Ihr von mir begehrt?“ „Fuͤr jetzt, ja! Was die Gewaͤhrſchaft betrifft, fuͤr das was ich Dir anbiete und verſpreche, ſo beweiſ't Dir das Vertrauen, das ich Dir ſchenke, daß es mein Ernſt iſt.“ „Nun ſo hoͤrt denn auch mich. Ich kenne Euch; Ihr ſeid ein Schurke! Ihr habt ehedem Bamboche ins Verder⸗ ben geſtuͤrzt, und habt neben allen den Verbrechen, die ohn⸗ ſtreitig noch ungeſtraft geblieben, auch ein gräßliches verubt Ihr habt ein Grab beraubt!“ „Dieſes Portefeuille... das iſts alſo doch? ... Ich hatte eine Art von Idee davon,“ rief der Bandit mit wil⸗ dem, verhaltenem Laͤcheln. „Ah! Du weißt alſo, wer mich daran hinderte, dieſen Meiſterſtreich damals auszufuͤhren?“ „Das war ich!“ „Du!“ „Ja, ich! Ich war noch ein Kind damals. Ich ſage Euch das, damit Ihr daraus ſeht, daß ich mich nicht vor Euch furchte, denn wenn ich Euch als Kind noch beinahe den Schädel eingeſchlagen habe, ſo werde ich ihn Euch wohl als Mann ganz und gar mit dieſer eiſernen Keule einſchla⸗ gen. Verſteht Ihr mich?“ „Alſo Du warſt es!“ murmelte der Bandit. „Davon ſprechen wir ſpaͤter.“ „Wenn es Euch beliebt. Unterdeſſen werdet Ihr mich nicht mit Gewalt hier zuruͤckhalten. Was Eußre Anerbieten betrifft.. ſo wuͤrde ich lieber Hungers ſterben, als ſie an⸗ nehmen.“ „Du kannſt wohl denken, lieber Junge, daß ich Dich nicht in meine Magazine gefuͤhrt habe, ohne Sicherheits⸗ maßregeln zu nehmen. Jetzt biſt Du aber ſo compromit⸗ tirt wie ich ſelbſt. Die Kleider, die Du traͤgſt, ſind ge⸗ ſtohlne Kleider, Du haſt hier freiwillig geſchlafen, haſt die⸗ ſen Morgen mit mir gefruͤhſtuͤckt, Alles freiwillig!. .. Dies Alles kann ich beweiſen. Mich angeben, hieße alſo Dich ſelbſt angeben. Was Deinen Brotverdienſt am Hafen be⸗ trifft, ſo erwarte nichts mehr davon ... denn ich habe Dich dort als Polizeiſpion bezeichnet.. und es hat ſeine Gruͤnde, daß man mir das glaubt. Läßt Du Dich alſo wieder dort ſehen, ſo bringt man Dich vollends um. . .. Rechne auch nicht darauf, die Wache herbeizurufen... Du würdeſt ſelbſt als Vagabund feſtgenommen und eingeſperrt werden und zwei Stunden nachher wuͤßte man ... das ſage ich Dir ſelbſt.. wuͤßte man, daß die Kleider, die Du auf dem Leibe haſt, geſtohlne Kleider ſind.“ Nach einer Pauſe ſetzte der Kruͤppel dann — „Nun, was ſagſt Du dazu?“ „Ihr ſeid ein ſchaͤndlicher Menſch!“ Der Bandit zuckte die Achſeln. „Ein ſchaͤndlicher Menſch?“ wiederholte er. „Ein ſchaͤndlicher?... Laßt uns doch einmal ſehen! Geſtern Morgen kamſt Du vor Hunger um, da habe ich Dich gefuͤttert. Geſtern Abends ſtarbſt Du faſt vor Kaͤlte, da habe ich Dir ein Unterkommen gegeben. ... Du warſt mit Lumpen bedeckt, ich habe Dich warm und neu vom Kopf bis zum Fuß gekleidet. Findeſt Du wohl viele redliche Leute, die das fuͤr Dich thun wuͤrden, was ich fuͤr Dich gethan habe?“ „Aber aus welcher Abſicht habt Ihr mir beigeſtanden? um mich zum Boſen zu verleiten?“ „Ei zum Henker,“ fiel der Bandit ein, „das verſteht ſich! Aber ich moͤchte doch wiſſen, ob Deine redlichen Leute Dir eben ſo viel geben wuͤrden, um Dich zum Guten zu verleiten?“ Obgleich dieſe Parallele ihre paradoxe Seite machte ſie mich doch betroffen, und ich wußte nicht gleich was ich darauf antworten ſollte. Denn ich geſtehe es mit Schaam und Reue, ich vergaß einen Augenblick lang, daß = — Claude Gerard, obgleich ſelbſt ſehr arm, mich doch aufge⸗ nommen hatte, um einen ehrlichen Mann aus mir zu ma⸗ chen, ich wiederhole jedoch, daß ich Anfangs uͤber dieſe Para⸗ doxen des Kruͤppels um ſo mehr betroffen war, als die Erin⸗ nerung an den Schritt, den ich bei einer obrigkeitlichen Perſon gethan, die, ſo zu ſagen, das Geſetz, die buͤrgerliche Geſell⸗ ſchaft vorſtellte, mir auf der Stelle ins Gedächtniß zuruͤck⸗ kehrte. Was hatte denn in der That jener Mann mir auf meine Bitte um Arbeit geantwortet? Welche Ermuthigung hatte er meinem Entſchluſſe, ein ehrlicher Mann zu bleiben, gegeben? Welchen Ausweg hatte er mir in meiner ver⸗ zweiflungsvollen Lage eröffnet? Ich mußte es anerkennen, daß der Bandit mir zu Hilfe gekommen war, daß er mich bei ſich aufgenommen hatte, und mir jetzt eine Zukunft voll Wohlſein und Muͤſſi ig⸗ gehen eröffnete, wenn ich unrecht handeln wollte. Aller⸗ dings vikitt ich, wenn ich dieſes annahm, das Gefaͤngniß, aber fuͤhrten mich Elend und Redlichkeit nicht auch gewalt⸗ ſam eben dahin, wie mirs die Magiſtratsperſon ſelbſt in den Worten vorausgeſagt hatte, daß ich aus Mangel an Unterkommen, Hilfsmitteln und Arbeit fruͤher oder ſpäter als Umherſtreicher wuͤrde feſtgenommen und eingeſperrt werden? Gefaͤngniß gegen Gefaͤngniß! ſo iſts doch beſſer, dieſe unvermeidlichen Augenblicke im Wohlſein, als mitten unter den Martern des Elends zu erwarten! ſo dachte ich, uͤber mein Schickſal mit tiefer, ſchon durch Mißmuth geſchaͤrfter Bitterkeit, ſpottend. Bamboche hatte Recht, mir die Logik —= —= des Kruͤppels zu rüͤhmen. Die Erfahrung lehrt mich, daß mein Jugendfreund richtig ſah, ich war ein Einfaltspinſel, dieſer Bandit beſitzt die wahre Lebensweisheit. Allerdings rechnet er, ohne die Entehrung, ohne die Beſchimpfung in Anſchlag zu bringen, aber wenn ich einmal unter ſchmutzige und entehrte Gefangene geſchleudert werde, welchen Unter⸗ ſchied wird man dann zwiſchen ihnen und mir machen? Der Kruͤppel beobachtete mich ſchweigend. Er glaubte zu errathen, daß ſeine Vorſchlaͤge, ſeine cyniſche Theorie meinen Entſchluß wankend zu machen begaͤnnen. Indem er nun ohnſtreitig fuͤrchtete, den Vortheil, den er ſchon uͤber mich errungen zu haben glaubte, durch ein zu heftiges Ein⸗ dringen zu gefaͤhrden, ſagte er blos: „Höre, mein Junge.. bei alledem. .. thut man das ſchlecht, was man gezwungen thut. . ich will Dir nicht das Meſſer an die Gurgel ſetzen, und Deine Lage mißbrauchen. Du biſt nun gut gekleidet.. dieſes Brot und dieſe Milch werden Dir fuͤr heut genuͤgen... . Geh. . ſuche Dir etwas zu verdienen... ehrlich. wie Du es nennſt. Es giebt ſo viele tugendhafte Leute,“ ſetzte er mit höhnendem Tone hinzu; „es kann Dir nicht fehlen, einen zu finden, der Dir ſogleich ein Brot in die Hand giebt, um Dich zu verhindern, Dich wieder zum Boͤſen zu wenden, wie ſie es nennen.. .. Du brauchſt nur den Mund aufzuthun . . davon bin ich überzeugt. Wenn Dich aber dennoch durch den unerwartetſten Zufall von der Welt alle dieſe ehrlichen Leute behandeln ſollten, wie man einen hungrigen Hund be⸗ handelt, der in eine Kuͤche gelaufen kommt, nun dann dann wirſt Du morgen das kleine Stellchen als Com⸗ mis, das ich Dir vorſchlage, doch wohl noch annehmen. Iſt Dir das ſo recht?“ Ich blieb duͤſter und nachdenkend. Der Bandit fuhr fort: „Es verſteht ſich von ſelbſt, daß ich ſo viel Vertrauen in Dich ſetze, um Dich nicht fuͤr faͤhig zu halten, die Klei⸗ der, die Du auf dem Leibe haſt, zu verkaufen, um Dir ſchlechte dafur anzuſchaffen, und von dieſem Gewinne zu leben. Um Dir nun aber zu beweiſen, daß ich das auch thue was ich ſage .. ſo geh wenn Du willſt.. Du biſt frei!“ Damit oͤffnete er die große Stubenthuͤre weit. Fünftes Kapitel. Verſuche und Verſuchungen. Als die Thuͤre geöffnet, war meine erſte Bewegung, durch dieſelbe zu entfliehen. Der Kruͤppel widerſetzte ſich meinem Fortgehen nicht im Mindeſten, ſondern ſagte blos, als ich eben den Corridor verlaſſen wollte: „Lieber Junge . . noch ein Wort . . zu Deinem Beſten.“ Ich wendete mich um. Der Kruͤppel ſchrieb etwas auf ein Stuͤckchen Papier. „Da nimm! Hier haſt Du meine Adreſſe, denn Du weißt nicht, in welchem Viertel wir uns befinden, und wenn Du heut Abend wiederkommſt, mußt Du nach dem Wege fragen koͤnnen. Bin ich ſchon da, ſo klopfe an und ſage Deinen Namen. Kommſt Du vor mir, ſo warte im Corri⸗ dor auf mich. Sieh doch! Du gehſt alſo ohne Fruhſtuͤck?“ „Dies Brot da werde ich zum Abend verzehren, wenn ich wieder komme.“ Martin. VI. 5 „Du ſpielſt den Bedenklichen! Mit einem Freunde! Wie Du willſt .. . jetzt geh ... guter Erfolg bei Deiner Jagd nach guten Leuten . .. die Mitleid mit Dir haben.“ Ich ging wieder. Der Kruͤppel rief mich nochmals. „Sage mir doch ... „Was?“ „Wenn Du einem von den guten Leuten begegneſt .. bringe mir doch einen mit, daß ich ihn ſehe ... Ich will ihn in Stroh einwickeln laſſen.“ Ich zuckte die Achſeln und eilte ſchnell die Treppe hinab. Als ich nur wieder in freier Luft, nur außerhalb der Wohnung und Gegenwart des Banditen war, ſchien ich aus einem Traume zu erwachen. Ich fragte mich ſelbſt, wie ich mich durch die albernen und gemeinen Paradorien dieſes elenden Menſchen hätte können verduͤſtern laſſen. Jetzt warf ich es mir bitter vor, daß ich auch nur einen Augenblick Al⸗ les hatte vergeſſen koͤnnen, was ich Claude Gerard verdanke. War nicht dieſe Thatſache hinreichend, alle eyniſchen Be⸗ ſchuldigungen des Banditen gegen redliche Menſchen zu nichte zu machen? Da ich mich anſtändig gekleidet fand (an den Urſprung meines Anzugs wagte ich jedoch nicht zu denken), ſo fuͤhlte ich mich weniger verlegen. Ich hoffte um ſo mehr; die Zu⸗ kunft ſchien mir minder verduͤſtert; es ſchien mir, als ob mein Anſpruch an irgend eine mitleidige Perſon beſſer werde aufgenommen werden, als ob ich jetzt erſt alles Das verſuchen ——————— — könnte, woran vorher zu denken mir unmöglich geweſen waͤre, denn oft flößt der Anblick eines mit Lumpen bedeckten Menſchen ein unuberwindliches Mißtrauen oder Widerwil⸗ len ein. 53 So nahm ich mir denn vor, mich der Witwe des Herrn von Saint⸗Etienne, meines verſtorbenen Beſchuͤtzers, vorzu⸗ ſtellen, während mich, ſo lange ich wie ein Bettler gekleidet war, die Schaam davon zuruckgehalten hatte, oder man mich nicht im Vorzimmer geduldet haben wuͤrde. Frau von Saint⸗Etienne mußte ſich nun etwas von dem unerwarteten Schlage, der ſie betroffen, erholt haben. Ich hoffte, ſie ſolle mir aus Achtung fuͤr das Andenken ihres Mannes zu Hilfe kommen. So ging ich S in die Straße Mont⸗Blanc. Der Concierge erkannte mich gleich wieder, aber ach! Frau von Saint⸗Etienne war am Tage nach ihres Mannes Tode auf ihr Landgut, das mehr als 100 Meilen von Pa⸗ ris lag, abgereiſ't. An dieſe Dame zu ſchreiben und ihre Antwort abzuwarten, wäre ein Verzug von 5 bis 6 Tagen mindeſtens geweſen, und in meiner Lage waren 6 Tage ein Jahrhundert. „Hören Sie,“ ſagte ich zum Portier, der mich aufrich⸗ tig zu beklagen ſchien, „in dieſem Viertel wohnen ſehr reiche Leute. Unter ihnen giebt es gewiß auch großmuͤthige und mitleidige. Der Name von ſolchen muß Ihnen bekannt ſein. Es wäre ja ganz unmöglich, wenn ſie nicht auch mit 5* — — mir Mitleid haͤtten, wenn ich ihnen offen meine Lage ſchil⸗ dre, und was ich ſeit meiner Ankunft in Paris litt. Der Concierge ſchuͤttelte den Kopf und antwor⸗ tete mir „Es giebt allerdings ſehr reiche Leute in dieſem Vier⸗ tel, aber es beruht Alles darauf, bis zu ihnen zu gelan⸗ gen, mein armer Burſche, und da noch .. nun! Alles, was ich für Sie thun kann, iſt, Ihnen die Adreſſe des Herrn von Tortre, des beruͤhmten Bankiers, zu geben. Man ſagt, er thue ſehr viel Gutes. Wagen Sie es denn!“ Ich kam zum Hotel des Bankiers. „Zu wem wollen Sie,“ fragte der Concierge. „Zu Herrn Bankier de Tortre.“ „Gehen Sie in die Caſſe, die Treppe rechts, im En⸗ treſol.“ Mit meinen Lumpen wäre ich an der Thur abgewieſen worden, meine anſtäͤndigen Kleider flößten keinen Verdacht ein. Ich ſtieg hinauf, ich trat in ein Vorzimmer, wo ſich zwei Caſſenaufwärter befanden. „Herr de Tortre,“ ſagte ich zu einem derſelben. „Wollen der Herr mit dem Caſſier ſprechen . ſo will ich Sie zu ihm fuhren.“ So kam ich in das Cabinet des Caſſiers. Im Hinter⸗ grunde dieſes Gemachs ſtand halb offen ein großer eiſerner Schrank, in dem ich .. Schätze erblickte. Der Anblick die⸗ ſer Reichthuͤmer erweckte keinen Neid in mir . er that mir vielmehr weh. „Ich wuͤnſchte,“ ſagte ich zum Caſſier, „den Herrn de Tortre ſelbſt zu ſprechen.“ „Geſchäfte wegen, mein Herr?“ „Nein, mein Herr,“ entgegnete ich zögernd und bis an die Stirn erröthend .. . „allerdings nicht wegen Ge⸗ ſchäften.“ 2 „Herr de Tortre kennt Sie?“ fragte der Caſſier, der anfing mich mit einer Art von Mißtrauen zu examiniren, die meine Verlegenheit verdoppelte. „Nein .. mein Herr.. antwortete ich „ „aber ich wuͤnſchte ihn zu ſehen zu ſprechen.“ „Er iſt nicht zugegen, mein Herr,“ verſetzte nun der Caſſier mit immer verdachtvollerer Miene. Seine lange Er⸗ fahrung ahnete unſtreitig mein Geſuch im Voraus. „Schrei⸗ ben Sie ihm doch,“ fuhr er fort, „oder ſagen Sie mir, was Sie hierher fuͤhrt.“ „Was mich zu ihm fuͤhrt, .. Herr,“ antwortete ich, meine Scham beſiegend, „iſt der Ruf ſeiner mitleidsvollen Guͤte, und ich komme . . .“ Der Caſſier ließ mich nicht enden. Ohne Zweifel an ſolche Beſuche gewöhnt, antwortete er mir mit hoͤflicher Jaͤlte „Man ruͤhmt allerdings mit Recht die Mildthätigkeit des Herrn de Tortre, aber er uͤbt ſie nach Grundſätzen aus, von denen er ſich nie entfernt. Haben Sie die Gute, mir alſo Ihren Namen und Adreſſe zu geben und dann Namen und Adreſſe von wenigſtens zwei gekannten und ehrenwerthen Perſonen, bei denen man Erkundigungen uber Sie einzie⸗ hen kann. Dann ſeien Sie ſo gefällig, auch anzugeben, welche Art von Sie von Herrn de Tortre zu erhalten wuͤnſchen. In Tagen werden Sie dann guͤtigſt nachfra⸗ gen . nicht ..“ „Verzeihen Sie, mein Herr; unſre Augenblicke ſind ge⸗ zählt,“ antwortete der Caſſier, mich unterbrechend. „Treten Sie gefälligſt ins Nebenzimmer hier, der Caſſenaufwaͤrter wird Ihnen, was Sie beduͤrfen, geben, um die Nachweiſun⸗ gen aufzuſchreiben, um die ich Sie erſucht.“ Und als ich in den Caſſier drang, mich anzuhören, ſtand er auf, klingelte, fuhrte mich hoͤflichſt an die Thuͤr zu⸗ ruck und ſagte zu einem der Caſſenaufwaͤrter: „Geben Sie dem Herrn Schreibgeräth.“ „Ich danke Ihnen .. ich werde zu Hauſe ſchreiben .. meinen Brief ſchicken,“ ſagte ich traurig zum Aufwaͤrter und ging, mit dem Tode im Herzen, fort. Seit der Zeit habe ich erfahren, daß Herr de Tortte weggab, aber ohne je eine Ausnahme von den Regeln zu machen, die er ſeiner Wohlthätigkeit aufgeſtellt. Trotz mei⸗ ner ſchmerzlichen Taͤuſchung mußte ich doch geſtehen, daß, da Paris unausgeſetzt von einer Menge Aventuriers oder ke⸗ cker Muͤſſiggänger heimgeſucht wird, die Vorſi chtsmaßregeln des Bankiers ſehr vernuͤnftig zu ſein ſchienen, und auf dem lobenswerthen Wunſche beruhten, ſeine Wohlthaten nicht an Unwuͤrdige zu verſchwenden. Aber was mich betraf, welche Adreſſe konnte ich geben? Die des Kruͤppels? An welche Perſonen konnte ich mich wenden, um fur mich zu burgen? Doch verzweifelte ich noch nicht. Man muß ſich in einer Lage, wie die meine, befunden haben, um ſich vorzu⸗ ſtellen, welchen hartnäckigen Wahnbildern man ſich bis zu dem Augenblicke uberläßt, wo ſie vor der Wahrheit zerſtaͤu⸗ ben. So begab ich mich denn, als ich von dem Bankier fortging, da es ziemlich ſchoͤnes Wetter war, in die Tuilerieen und zwar in folgender Abſicht: „Ich begreife,“ ſagte ich zu mir ſelbſt, „daß Herr de Tortre ſeine Wohlthaten ſicher und weiſe unterbringen will, und ehe er ſie verſpendet, Zeit ſich nimmt, Erkundigungen einzuziehen. Dabei nimmt er freilich etwas zu wenig Ruͤck⸗ ſicht auf dringende und verzweiflungsvolle Lagen, wie die meine, und gewiß, wenn ich bis zu ihm ſelbſt haͤtte gelangen koͤnnen, wuͤrde ihn die Aufrichtigkeit meiner Worte geruhrt und überzeugt haben. Ich hätte nur mit ihm zu ſprechen gebraucht. Nun denn, ſo will ich mit einem Andern ſprechen, will auf einen offentlichen, gewöhnlich von reichen Leuten beſuchten Spaziergang gehen, dort Jemand mir ausſuchen, deſſen Geſicht mir Wrin einflößt, ihn um eine augen⸗ blickliche Unterredung in ein Nebenallee bitten, und ich werde gewiß nicht zurückgewieſen werden.“ So wollte ich denn bei reichen Leuten das verſuchen, was ich bereits vergebens bei den armen Arbeitern im Hafen verſucht hatte. Ars ich in die Tuilerieen kam, ſtellte ich mich in die Lindenallee, welche laͤngs der Straße Rivoli hingeht. Nicht lange, ſo ſah ich einen noch jungen Mann mit ſanften und etwas traurigen Geſichtszugen aus einem ſchönen Wagen ſtei⸗ gen. Er begann langſam in der Allee ſpazieren zu gehen. Ich folgte ihm Schritt vor Schritt. Trotz meines Entſchluſſes wagte ich es beim erſten Male Auf- und Abgehen nicht, ihn anzureden. Ich fand leicht einen Vorwand fuͤr ein Verle⸗ genſein, das ich mir ſelbſt nicht eingeſtehen wollte ich wuͤnſchte nämlich noch einmal ſein Geſicht zu ſehen, ſagte ich zu mir ſelbſt, um daraus zu beurtheilen, ob der erſte Ein⸗ druck mich nicht getäuſcht habe. Ich ging alſo langſamer, er drehte ſich um und ging zuruͤck, mir entgegen. Es war immer noch dieſelbe ſanfte, traurige, ein wenig zerſtreute Phyſiognomie. Ich will nun nicht laͤnger zogern, dachte ich, ich fuͤhle, wie mein Vertrauen zuruͤckkehrt, ich werde mich ihm naͤhern, wenn er bei dem Cafs auf der Terraſſe vor⸗ uͤbergeht. Aber auch dieſes Mal fand meine ſo ſchwache Entſchloſſenheit einen neuen Vorwand. .. Mehre Spazier⸗ gänger befanden ſich zwiſchen dieſem jungen Manne und mir, und dann ſchien mir auch die Allee an ihrem anderen Ende weniger mit Menſchen uͤberhaͤuft zu ſein. In der Zwiſchenzeit, bis ich dahin kam, indem ich meine Schritte nach denen meines kuͤnftigen Wohlthäters regelte, ſuchte ich mit meinen Blicken andere, noch ermuthigendere Phyſiognomieen auf als die ſeine. Ich fand keine. Noch hatte ich nur einige Schritte zu thun, um das Ende der Allee zu erreichen, und befand mich dann dort ziemlich allein mit dem, auf welchem, ohne daß er es wußte, meine letzten Hoffnungen beruhten. Da bewaffnete ich mich mit energiſcher Willenskraft, ich beſchleunigte meinen Schritt, und indem ich parallel mit ihm ging, ohne daß er mich be⸗ merkte, ſtotterte ich mit erſtickter und zitternder Stimme: „Mein Herr. .. Mochten nun Furcht und Verwirrung meine Stimme unverſtändlich gemacht haben, oder mein kuͤnftiger Wohl⸗ thäter zu zerſtreut und benommen ſein, er hoͤrte mich nicht, und ſetzte langſam ſeinen Spaziergang bis ans Ende der Allee fort. Jetzt uͤber meine Schwäche errothend, machte ich eine letzte Anſtrengung meiner ſelbſt, und ihm in dem Augenblicke, wo er ſich umdrehte vors Geſicht tretend, grußte ich ihn und ſagte furchtſam: „Mein Herr..“ „Mein Herr?“ ſagte er zu mir, und blieb uͤberraſcht und mich feſt anblickend ſtehen. Da ich nun ſtumm und verlegen blieb, ſetzte er hinzu: „Sie irren ſich ohnſtreitig, mein Herr, ich habe nicht die Ehre Sie zu kennen.“ Dieſe Worte machten mich zu Eis. Meine Entſchloſ⸗ ſenheit verrauchte. Ich trat vor der Unmoͤglichkeit zuruͤck, hier, mitten auf dieſem Spaziergange und dieſer Menſchen⸗ menge, faſt mein ganzes Leben einem Unbekannten zu er⸗ zählen, und bei tauſend Einzelheiten zu verweilen, die allein mich intereſſant machen, und von gewöhnlichen Bettlern unterſcheiden konnten. Ich antwortete daher voll Schrecken uͤber das was ich gewagt hatte, ſtotternd: „Nein, mein Herr, ich habe nicht die Ehre Sie zu kennen ich wollte ich hatte . Es war mir unmöglich, ein Wort weiter hinzuzuſetzen. Meine Kehle war zugeſchnuͤrt, ich blieb ſtumm, unbeweg⸗ lich, den Hut in der Hand haltend, und nicht einmal wa⸗ gend, die Augen auf den Mann zu erheben, der immer mehr verwundert, mit ungeduldiger, lauter Stimme zu mir ſagte „Nun, was wollen Sie denn nur? warum halten Sie mich denn ſo miten auf dieſem Spaziergange an?“ Bei dieſen ziemlich laut geſprochnen Worten wendeten ſich zwei bis drei Perſonen um, und blieben ſtehen, um mich anzuſehen. Ich war bis jetzt mit dem Hute in der Hand und verlegen niedergebeugtem Haupte ſtehen geblieben. Als ich aber bemerkte, daß meine Stellung und dies ver⸗ legene Schweigen, verbunden mit dem ſo natuͤrlichen Staunen der Perſon, die ich angeredet hatte, die Aufmerk⸗ ſamkeit der Spazierenden auf ſich zu ziehen begannen, und ich unter dieſen ſelbſt einen Gartenaufſeher erblickte, ſo ſchlupfte ich hinweg, indem ich mit unſichrer Stimme ſagte: „Verzeihen Sie, mein Herr, ich glaubte, mit Je⸗ mand Anderm zu ſprechen!“ Und trotz deſſen ließ ich den Muth nicht ſinken! Mit Bitterkeit ſagte ich zu mir ſelbſt: „Ich kann freilich noch nicht die Keckheit und feine Liſt eines aͤchten Bettlers beſitzen. Das kommt vielleicht noch. Verſuchen wir es aber noch einmal . und vor Alem Muth!“ Ich kam vor einer Kirche vorbei. In dieſe trat ich hoffnungsvoll. Wer betet iſt auch mitleidig. Ich mußte irgend eine mitfuͤhlende Seele finden. Eben wollte eine Frau ſich aus der Kirche entfernen. Ein Bedienter in rei⸗ cher Livree folgte ihr und trug einen ſammtnen Beutel mit einem Wappen. In dieſem Augenblicke, wo dieſe Frau von ſanftem und ehrwuͤrdigem Anſehn eine Art von Corri⸗ dor außerhalb der Kirchthuͤre durchſchritt, näherte ich mich ihr und ſagte ihr eiligſt: „Gnädige Frau, um des Himmels willen haben Sie Mitleid mit mir! ich bin allein in Paris, ohne Bekannt⸗ ſchaft, ohne Hilfsmittel! Ich bitte nur um Arbeit, um mein Leben ehrlich zu friſten.“ „Sind Sie aus dieſem Kirchſprengel, mein Freund?“ fragte mich die Dame. „Nein, gnädige Frau.“ „Kennt Sie der Herr Geiſtliche Ihres Sprengels? Kann er fuͤr Ihre Moralität, Ihre Fröͤmmigkeit buͤrgen?“ „Ach, gnaͤdige Frau, ich habe kein Unterkommen, bin aus keinem Kirchſprengel!“ „Das thut mir ſehr leid,“ antwortete Jene, „da man aber ungluͤcklicherweiſe nicht aller Welt geben kann, ſo ſpare ich mein Allmoſen fuͤr die Armen meines Kirchſprengels auf, welche ſorgfaltig ihre frommen Pflichten erfüllen.“ Und damit — weiter. 6 des ende gegen en uhr vilig eſhiy wieder in die Wohnung des Kruͤppels kam, hatte ſich eine gewaltſame Umwälzung in mir geſtaltet. Noch jetzt frage ich mich ſelbſt, wie ſie ſo ſchnell entſtehen konnte. Meine Seele war in Zweifel und Galle untergetaucht. Empörung und Haß traten an die Stelle meiner gewöhnlichen Entſa⸗ gung. Nach ſo vielen vergeblichen und redlichen Verſuchen, dem Schickſale zu entfliehen, das mich niederdruckte, fingen die Begriffe vom Böſem und Gutem, Gerechtem und Unge⸗ rechtem ſich in meinem Geiſte zu verwirren an, ja ich be⸗ gann auch, unſeliges Symptom! in Bezug auf Rechtlichkeit, die Praxis von der Theorie zu trennen. Ich war aber vor Allem muͤde!.. muͤde zu dulden! .. mude vergebens zu hoffen! müde fur die Zukunft zu fuͤrch⸗ ten! muͤde mir zu ſagen: Werde ich nicht morgen vor Hunger und Kälte ſterben? Rechtlichkeit, Zartgefuͤhl, Ehre, das ſind ganz vor⸗ treffliche Worte, dachte ich, ich geſtehe es ein, aber davon lebt man nicht. Ich habe mir nichts vorzuwerfen, ich habe Alles gethan, Alles verſucht, um Arbeit zu finden, ich finde keine, oder ſie iſt ſo ungewiß, ſo abenteuerlich, daß man gemeinen Beſchimpfungen eines ſchändlichen Haufens, viel⸗ leicht ſelbſt dem Tode entgegentreten muß, um den Verſuch zu machen, einen noch ungewiſſen Lohn zu gewinnen. .. . Ich werde kein ſolcher Thor ſein, die Ausuͤbung guter Grundſätze ſo weit zu treiben, eher Hungers zu ſterben, als davon abzuweichen. Vorlaufig werde ich daher die Anerbie⸗ tungen des Kruͤppels annehmen, und werde ſo einige Tage gewinnen, waͤhrend derer ich Zeit haben werde, einen Brief von Claude Gerard oder eine Antwort von der Witwe des Herrn von Saint⸗Etienne, an welche ich ſchreiben will, zu erhalten. Freilich iſt mein Betragen feig und unwuͤrdig, ſebte ich hinzu, es iſt der erſte Schritt meines Lebens auf dem Wege der Schande, aber es wird auch zugleich der letzte ſein, denn wenn ich in 8 Tagen keine Nachricht von Claude Gerard oder der Witwe meines Beſchuͤtzers erhalten, ſo entledige ich mich eines doch gar zu elenden Lebens. Jetzt, wo ich kaͤlter auf die Vergangenheit blicken kann, lehrt mich die Erfahrung, daß faſt immer redliche Menſchen, welche ſtraucheln, wie ich mich ſtraucheln fuhlte, ſich gegen ihre kuͤnftige Schande blind machen, wie ich es in Bezug auf die meine durch thörigte Hoffnungen einer beſſern Zu⸗ kunft oder den Entſchluß eines abbuͤßenden Selbſtmordes that. Aber ach! faſt immer erkennen ſie dann bald die Eitelkeit ihrer Hoffnungen, die Stunde des Todes ſchlaͤgt.. die Stunde dieſes Todes, der uns von einem fortan be⸗ ſchränkten Leben befteien ſoll.. aber, ſo wie der Verur⸗ theilte immer darnach ſtrebt, den Augenblick der Hinrichtung hinauszuſchieben, ſo vertagt man auch die Abbuͤßung. Was verſchlaͤgt auch ein Tag mehr, eine Woche mehr, ein Mo⸗ nat mehr ... ſo lange unſte Schande noch nicht offenkun⸗ dig? Ein glücklicher Zufall kann uns ja wieder auf den guten Pfad bringen, und dann werden wir ihn nie wieder verlaſſen! .. Und ſo laſſen wir uns feig am Leben. . Aber unſte Schande wird entdeckt, wird öffentlich. .. O dann! Gewiß eher als den Schandpfahl ... den Tod! jenen verſöhnenden Tod, zu welchem wir uns ſchon im Voraus verurtheilt haben. Den Tod? Warum? Wozu dieſer ſpaͤte und nutzloſe Heroismus? Sind wir denn nicht fuͤr immer gebrandmarkt? Ein entehrtes Leben iſt doch am Ende noch beſſer als ein entehrter Ted .. und die Entwuͤrdigung iſt fur alle Zeit vollendet, und man lebt fort in ſeiner Schande. Ich kam zu dem Kruͤppel, der auf mich gewartet hatte. „Du haſt nichts gefiſcht! Du bringſt auch nicht den kleinſten mitleidigen Menſchen zum Einpacken mit?“ ſagte er laut lachend zu mir. „Ich werde Euer Commis,“ antwortete ich mit fin⸗ ſterm Entſchluſſe. „Morgen?“ „Morgen.“ „Schoͤn! Alle Wetter! Höre nun weiter! Ich rech⸗ nete darauf, daß Du wieder zu mir kämſt, und da habe ich denn heute eine kleine völlig meublirte Wohnung fuͤr — 4 — Dich beſprochen. Morgen wollen wir ſie mit einander be⸗ ſehen. Du magſt ſagen ob ſie Dir gefällt, dann unter⸗ zeichneſt Du den Contract. Der Eigenthuͤmer iſt ſchon davon unterrichtet. Ich verſtändige mich nun mit dem Traiteur wegen Deines Eſſens. Es ſoll Dir an nichts fehlen, nur wirſt Du mir morgen, um Dich in Athem zu ſetzen und mir eine Buͤrgſchaft zu geben, eine Uhr aufs Leihhaus tragen. Uebermorgen haſt Du frei, aber nachher wollen wir unſre Operationen anfangen.“ „Schon gut,“ entgegnete ich, „aber mich hungert, und ich bin muͤde.“ „Ich erwartete Dich zum Abendeſſen. Hier ſind Ge⸗ richte, die beſſer als Brot und Milch, und dort eine gute Matratze. Ich nehme dieſe Nacht mein Bett wieder ein, das biſt Du meinem Alter ſchuldig, junger Mann.“ „Habt Ihr keinen Wein hier?“ fragte ich, das Be⸗ duͤrfniß mich zu betaͤuben fuͤhlend. „Auch gut! das nenne ich vernuͤnftig reden. Ich habe dort ein Fläſchchen mit einer Maoberaprobe. oſte, mein Sohn!“ — — Ich aß und trank, beſonders gierig. Ich war ſo we⸗ nig daran gewöhnt Wein zu trinken, daß ich mich, wenn nicht betrunken, doch wenigſtens vollkommen betaubt ſchlafen legte, denn meine ſonſt ſo treue Erinnerung läßt mich fuͤr das Ende dieſes Abends im Stich. Am folgenden Morgen fand ich bei meinem Erwachen den Kruͤppel ſchon aufgeſtanden und angekleidet. Das Letztere that ich auch und wir gingen fort. In demſelben Augenblicke, wo wir die n des Kruͤppels verließen, ſagte er zu mir: „Da, nimm die Uhr.“ Und er zeigte mir eine ſehr ſchoͤne goldne Uhr mit Kette. „Ich werde ſie in dem Augenblicke nehmen, wo wie im Leihhauſe ſind. Das wird noch zeitig genug ſein,“ ver⸗ ſetzte ich. . „Wie Du willt.. . . Jetzt wollen wir zuerſt die Woh⸗ nung ſehen, und die Muthe richtig machen. ... Du mußt geſtehen, daß ich ein ſehr guter Geſchaͤftsmann bin.“ „Vortrefflich.“ So kamen wir in Vorſtadt Montmartre, in ein Haus von recht gutem Aeußern. Hier ſtiegen wir hinauf, um die Wohnung zu beſehen. Sie beſtand aus drei kleinen Zimmern, die in einen Hof gingen und recht anſtändig meublirt waren. „Du wirſt hier leben wie ein Koͤnig,“ ſagte der Kruͤp⸗ pel, „das iſt doch beſſer als der Schnee oder Schmutz von Paris während der Nacht! He?“ „Viel beſſer.“ „Nun, ſo gehen wir zum Eigenthuͤmer, ntetztchnen den Contract und zahlen drei Monate voraus. Hier ſind 200 Francs.“ Damit hůndigte mir der Krüppel 10 Goldſtücke ein. Der Eigenthuͤmer erwartete uns, der Contract lag be⸗ reits fertig; da der Kruppel ſich mit dem Tapezier, der die Meubles geliefert, verſtändigt hatte, ſo hatte derſelbe dem Eigenthuͤmer davon Mittheilung gemacht, ich zahlte die 200 Francs und die Abſchrift des Miethcontracts ſollte mir zu Hauſe eingehändigt werden. „Da haben wir ein köſtliches Geſchaͤft gemacht,“ ſagte mein Gefährte zu mir, als wir das Haus verließen. „Waa⸗ ren ſich zu verſchaffen, das will gar nichts ſagen, aber ſie ohne Verdacht wieder verkaufen, das iſt der Knoten! Nun iſt es aber ganz natuͤrlich, daß ein junger eingerichte⸗ ter, in ſeinem Viertel gekannter Mann ſich heute eines Juwels oder Silbergeräths, und morgen einiger Wäſche oder ſonſtiger Effecten entledigt, wenn er nur vor Allem Sorge fuͤr die Wahl ſeiner Kaͤufer trägt, wie Du ſie Dir auswählen wirſt, heute in dem Virtel, morgen in einem an⸗ dern, während man dem Kaͤufer eine anſtaͤndige Adreſſe geben kann, wo er bezahlt hat. Dadurch wird jeder Schat⸗ ten von Verdacht zerſtreut, und ſiehſt Du, das ſind nur Kleinigkeiten auf der Hand, aber ſpäter wirſt Du den gan⸗ zen Gewinn einſehen, den man von Dir und Deinem Etabliſſement in dieſem Viertel erwarten kann.“ „Ich zweifle nicht daran. .. . Wo gehen wir jetzt hin?“ „Ins Leihhaus. Dort verlangſt Du 400 Francs fuͤr Martin. VI. 6 die Uhr und die Kette. Man wird Dir 300 geben, welche Du nimmſt.“ „Sehr gut! Alſo fort!“ „Nimm die Uhr.“ „Gleich.“ „Wie Du willſt.“ 3 Sechſtes Rapitel. Die Begegnung. Ich fuͤhlte mich in einer Geiſtesſtimmung ohngefaͤhr der eines Mannes ähnlich, welcher traͤumt, aber ein ſchwan⸗ kendes Bewußtſein hat, daß er traͤume. Uebrigens empfand ich keine Gewiſſensbiſſe; ich hielt mich faſt fuͤr entſchuldigt; in meinem gehaͤſſigen Gefuhle gegen die buͤrgerliche Geſell⸗ ſchaft ſagte ich mir: ich habe hartnackig um Arbeit und Brot gebeten, ſie hat mir nicht geantwortet, ſie hat mich gezwun⸗ gener Weiſe in bie Alternative geſetzt, entweder vor Hunger zu ſterben, oder eine ſchlechte Handlung zu begehen. So falle denn meine Schande auf dieſe ſtiefmuͤtterliche Geſell⸗ ſchaft; ſie erkannte meine Rechte zu leben nicht an, ich ihre Geſetze nicht. Ohnſtreitig las mein Gefaͤhrte auf meinem Geſichte das Herbe meiner Gedanken, denn er ſagte zu mir: Ich habe Dich ſo gern, mein Sohn! Du biſt bleich, Du knirſcheſt mit den Zähnen.... Ich bin uͤberzeugt, daß 6* — Du mit einem tuͤchtigen Meſſer in der Hand, Dich nicht vor zehn Perſonen fuͤrchten wuͤrdeſt.“ Mein Gefaͤhrte hatte eben dieſe finſtern Worte aus⸗ geſprochen, als wir uns genoͤthigt ſahen mitten in einem Menſchenhaufen ſtehen zu bleiben, den ein Vorfahren von Wagen verurſacht hatte. Da die Ecke einer Gaſſe auf dieſe Art verſtoͤpft, ſo ſtrömten die Fußgaͤnger zurück. Ich war am Rande des Trottoirs ſtehen geblieben. Plötzlich ſtieß ich einen unwillkuͤrlichen Schrei aus. Einige Schritte von mir erblickte ich . Regina, in einem durch die Hemmung angehaltnen Wagen. Das junge Mädchen war in ſchwarzer Kleidung, wie ich ſie immer bei der Jahresfeier des Todes ihrer Mutter geſehen hatte. Eine leichte Blaͤſſe ruhte auf ihrem ſchwer⸗ muͤthigen und ſchoͤnen Geſichte, ſie ſchien nachdenkend. Zufaͤllig wendete ſie den Kopf nach meiner Seite hin kaum weilte eine Secunde lang ihre trauriger und zer⸗ ſtreuter Blick maſchinenmäßig auf mir. Meine Augen begegneten den ihren .. . ohne daß ſie es uͤbrigens zu bemerken ſchien. In dieſem Augenblicke wurde die Paſſage frei, der Wagen, in welchem Regine ſich mit einem andern Frauen⸗ zimmer befand, ſetzte ſeinen Weg fort und verſchwand. Regina's Blick war elektriſch. Ein gottliches Licht erleuchtete plötzlich den Abgrund, in welchen zu ſtuͤrzen ich im Begriff ſtand. Im Augenblick war mein Entſchluß ge⸗ faßt. 6 — 85 — Ich fand mich durch mehre Perſonen, welche gleich uns einen Augenblick aufgehalten worden waren, von dem Kruͤppel getrennt. Links ſah ich einen offnen Thorweg und unter ſeiner Wolbung die erſten Stufen einer Treppe⸗ Den Augenblick benutzend, wo mein Begleiter nach einer andern Seite hinſah, trat ich plötzlich unter den Thorweg, ohne vom Portier bemerkt zu werden. Dann ſtieg ich ha⸗ ſtig die Treppe bis zum erſten Stockwerk hinauf und ſetzte ſehr langſam dies Aufſteigen bis zum fuͤnften fort, ſtets bereit, nach einem ungekannten Miethmann zu fragen, um meine Gegenwart in dieſem Hauſe zu entſchuldigen. Ich wollte dem Kruͤppel Zeit laſſen, ſich zu entfernen, und an einer oder der andern Gaſſenecke mich zu ſuchen. Nachdem ich mich eine Zeit lang in der obern Etage ver⸗ weilt hatte, ſtieg ich wieder langſam hinunter und hielt auf jedem Treppenabſatze inne. So gewann ich ohngefähr eine Viertelſtunde, dann verließ ich das Haus vorſichtig, rechts und links in der Straße mich umſehend, ehe ich aus dem Thorwege trat. Der Kruͤppel war verſchwunden. Indem ich mich nun in den Durchgang verſenkte, der die Cité Bergere bildet, lief ich was ich konnte durch die am Wenigſten beſuchten Straßen dieſes Viertels. So kam ich zu weiten Strecken Landes, nur von der einen Seite durch die letzten Hauſer der Vorſtadt und von der andern durch die Einfaſſungsmauer von Paris beſchränkt. Hier athmete ich wieder auf. Ich war frei. — Während dieſes ſchnellen Ganges war mein Entſchluß noch mehr gereift. Ich fuͤhlte mich ruhig. Als ich um mich blickte, bemerkte ich mehre an die letten Häuſer der Vorſtadt ſtoßende Ausgrabungen, Fol⸗ gen von Bauwerken, die ohnſtreitig durch Eintritt des Winters unterbrochen worden. Ein durchſichtiger Breter⸗ verſchlag umgab dieſelben. Eines dieſer Bauwerke hob ſich kaum erſt über den Grund. Ich bemerkte in demſelben eine Art halb vollende⸗ ten Kellers, deſſen vollſtändige obere Woͤlbung aber eine nicht unbedeutende Tiefe bildete. Die Vorſehung ſtand mir nach Wunſch bei. Ich erwartete die Nacht mit Unge⸗ duld, das Tageslicht that mir weh. Lange ging ich in dieſer einſamen Gegend auf und ab. Nicht lange, ſo bedeckte ein duſtrer Nebel ſie mit dichtem Schleiet. Je mehr ich daruͤber nachdachte, je weiſer und logiſcher ſchien mir mein Entſchluß, je mehr verwunderte ich mich ſelbſt uͤber den furchtbaren Schwindel, der mich befallen hatte, und von dem mich nur Regina's Anblick befreite. Endlich kam die Nacht. Ich machte mir leicht eine Oeffnung in den Bretern, womit das unvollendete Bauwerk umgeben. Dann ſtieg ich in den Grund hinab und mittelſt einigen Strohes, das ich den Deckungen der Werkſtuͤcke entnahm, die man füt den Winter uͤber ihnen anzubringen pflegt, machte ich mir — 87 — in der Tiefe des unvollendeten Kellers eine Streu, legte einen großen Stein als Kopfkiſſen darauf, und ſtreckte mich auf dieſelbe, ruhig dort den Tod zu erwarten. Du weißt es, o mein Gott! ich faßte dieſen letzten Entſchluß, ohne Haß, ohne Zorn, ohne Empoͤrung gegen mein Schickſal. Dieſe ſchlechten Gefuͤhle waren eben ſo wie meine ſtrafbaren Vorhaben vor einem einzigen Blicke Regina's verſchwunden. MNein, ich ergab mich drein zu ſterben, blos weil ich kein Mittel fand, mein Daſein zu friſten. Weil ich nicht leben wollte fuͤr den Preis der Schande, wie vorher wohl mir der Gedanke gekommen. Weil ich endlich weder Muth, noch den Willen, noch die Kraft in mir fuͤhlte, vergeblich den furchtbaren Kampf zu verlaͤngern, den ich ſeit drei Tagen gegen meine it Lage fuͤhrte. Ich toͤdtete mich nicht, ich ſchleuderte kein ie und furchtbares Anathem gegen eine mitleidloſe buͤrgerliche Geſellſchaft, nein, nein, Du weißt es, mein Gott! Ent⸗ ſagend, voll Milde und Vergebung nahm ich die mate⸗ rielle Unmoͤglichkeit zu leben an und unterwarf mich ihr, ſo wie man eine toͤdtliche Krankheit mit Heiterkeit er⸗ tragt. Dieſe Krankheit war das Elend . ich mußte daran ſterben aber ich toͤdtete mich nicht ſelbſt. Um mich ſelbſt tödten zu wollen, erinnerte ich mich zu ſehr an die Unterredungen mit Claude Gerard uͤber den Selbſtmord, den er durchaus nicht fuͤr ein Verbrechen an⸗ ſah, ſondern der ihm noch ſogar heldenmüthig und erhaben werden konnte, aber er ließ ihn nur mit großen Einſchrän⸗ kungen gelten. „Sich tödten wollen, heißt ſich zugleich als Opfer, Richter und Henker aufſtellen,“ ſagte Claude Gerard zu mir; „es heißt vor dem höchſten Tribunal unſers Gewiſſens, unſrer Vernunft zugleich klagen, richten und das urtheil ausfuͤhren, ein Urtheil ohne weitere Berufung. Man kann alſo den Selbſtmord nicht mit genug Vorſicht und ernſtem Nachdenken beabſichtigen, vorzuglich darf man keinen Ent⸗ ſchluß faſſen, ohne folgende Fragen ſich in Seele und Ge⸗ wiſſen beantwortet zu haben: „— Ueberſchreitet die Summe Deines Ungluͤcks die Summe menſchlicher Kraͤfte? „— Wird Dein Tod für Jemand nuͤtzlich ſein? „— Iſt es Dir durchaus gewiß, daß Dein Leben von nun an fuͤr Deine Nebenmenſchen nutzlos iſt? „— Darum denke wohl! So elend auch der Menſch iſt, kann er doch immer noch dem Nebenmenſchen Dienſte erweiſen. Iſt er jung und ſtark, kann es ihm obliegen, einen Schwächern als er zu vertheidigen; iſt er verſtändig und gut, kann er die, welche Unwiſſenheit zum Böſen fuͤhrt, aufklaͤren und beſſern, kurz, es iſt kein Dienſt zu klein in Bezug auf die Unfruchtbarkeit des Selbſtmords. Wenn die Umſtände ihn weder heroiſch noch erhaben ma⸗ — — chen, iſt ein muͤſſiges und unfruchtbares Leben nur einem unfruchtbaren Tode zu vergleichen.“ Ich hatte alſo kein Recht mich zu toͤdten. . Mein Tod wuͤrde, wenn er ihn erfuhr, Claude Gerard tief betrubt haben .. und mein Leben konnte Regina nuͤtzlich werden. Auch tödtete ich mich nicht ſelbſt ich ſtarb. Von dieſem Abende an begann fuͤr mich eine Art mo⸗ raliſcher Agonie, uͤbrigens bei weitem minder ſchmerzlich als ich es geglaubt hätte. Die Temperatur dieſes feuchten und duͤſtern Kellers war faſt lau. Als ich nach der erſten in einer Art von Fuͤhlloſigkeit des Körpers und der Seele zugebrachten Nacht, den bleichen Schimmer des Morgens durch die Woͤlbung meines Verſtecks anbrechen ſah, empfand ich, ſonderbar genug! eine Art von Genuß darin, mir zu ſagen: Ich werde nicht dieſen Ort verlaſſen .. dieſen Tag uͤber. Ich werde nicht fuͤr Brot und Unterkommen ängſtlich zu ſorgen haben. So brachte ich denn dieſen Tag in berechnetet Unbe⸗ weglichkeit zu, denn es waͤhrte nicht lange, ſo fuͤhlte ich Kaͤlte und vollſtändige Erſtarrung. Mit dem Geſichte nach der Mauer des Kellers zu, die Augen geſchloſſen, gab ich mich den Erinnerungen an die Vergangenheit hin. Dieſes lange Nachdenken war gleichſam ein zärtlicher und feierlicher Abſchied aus der tiefſten Tiefe meines Her⸗ zens fuͤr Alle, die ich geliebt hatte. — Bamboche . Basquine . Claude Gerard .. Regina wurden der Reihe nach von meinen immer ſchwaͤ⸗ cher werdenden Gedanken herbeigerufen, denn gegen Abend dieſes Tages fing ich an, die ſchmerzlichen Qualen des Hungers zu fühlen. Glucklicherweiſe wirkten ſie faſt auf der Stelle auf mein ſchon geſchwaͤchtes Gehirn zuruͤck. Von dieſem Augenblicke mußte ich den Phantomen preisgegeben ſein, welche ſtets den furchtbaren Parorysmus begleiten, welchen man den Wahnſinn des Hungers nennt, und ich verlor das Bewußtſein von dem was mit mir ge⸗ ſon n ich wieder zu mir ſelbſt kam, dämmerte es kaum. Ich lag auf einem Gurtbette in einer Art von Verſchlag, von wo aus ich unter mir einen langen Schuppen ent⸗ in welchem 30 bis 40 Pferde ſtanden. Ich glaubte zu traͤumen. MWit ſteigender Neugier blickte ich um mich her, als ich auf der Leiter, die vom Stalle zu dem Verſchlag fuhrte, etwas heraufſteigen hoͤrte, und ohnerachtet meiner Schwache, ohnerachtet der Erſtar⸗ rung, in welche ich noch verſunken, erkannte ich ſogleich das gute und brave Geſicht des Fiakrekutſchers wieder, der mich am erſten Tage meines Aufenthaltes in Paris gefah⸗ ren hatte. er freudig zu mir. „Der Arzt behauptete wohl, daß Sie „Nun! da ſe Sie endlich die en auf!“ ſagte —— nur aus Entbehrung krank waͤren, und das hat man auch geſehen, denn als man Sie ein wenig warme Bouillon trinken ließ ſchien es Ihnen ſchon beſſer zu gehen.“ „Wie bin ich hierher gekommen?“ fragte ich mit Ruͤh⸗ 9 rung. „Ohnſtreitig verdanke ich es Ihnen?“ „Das will ich meinen, und ruͤhme mich deſſen, lieber Junge, gleich will ich Ihnen alles Das erzählen, damit Sie nicht lange darnach ſuchen moͤgen, das wuͤrde Ihren Kopf angreifen und taugte nichts. Hören Sie denn. Geſtern Nachmittags kam eine huͤbſche kleine Dame mit niederge⸗ ſchlagenem Schleier, und das Koͤpfchen auch, nun, wir ken⸗ nen das, an meine Station und gab mir ein Zeichen, ihr meinen Wagen aufzumachen, und flink wie ein kleines Kaͤtzchen, ſpringt ſie uͤber den Tritt, zieht den Vorhang zu und ruft: Kutſcher, Barrière de [Etoile! Sind Sie auf der Straße nach Neuilly alsdann, ſo fahren Sie Schritt! Kenne das ſchon, mein Schaͤtzchen. Ich ſteige auf. meinen Sitz, komme auf die Straße nach Neuilly und fahre Schritt. Nach 5 Minuten zieht mich die kleine Dame mit aller Gewalt ihrer niedlichen Hand am Kragen meines Carrik und ruft: Kutſcher! angehalten, und machen Sie den Schlag auf, ſeien Sie ſo gut! . . . Ich ſteige ab, ich oͤffne den Wagenſchlag, und wem? Einem ſchönen jun⸗ gen Manne, der hereinſteigt und mir ſagt: Kutſcher, Vor⸗ ſtadt⸗Montmartre, an die Barriere. Dort halten Sie an den neuen Bauwerken.. . . Ich peitſche auf meine Pferde, — denn es war eine verdammt weite Fahrt, wie Sie ſehen, und ſo ein wenig in der Art und Weiſe, wie Sie mich ſie haben machen laſſen, von der Straße Montblanc zu dem Fuchs⸗Sackgaͤßchen. Als wir bei den freien Plaͤtzen an der Barriere Montmartre ankommen, ſteigen meine beiden Turteltauben frohlich wie die Finken aus und der junge Mann bezahlt mich wie ein Prinz. Sie hůtten ohnſtreitig dieſen abgelegenen Ort ausgeſucht, um nicht geſehen zu werden, wenn ſie zuſammen aus dem Wagen ſtiegen. Ich will nun geſchwind wieder nach Hauſe fahren, als ich einige Schritte von mir einen Haufen Leute bemerke. Ich lenke dahin. Wos iſt denn da geſchehen? frage ich. Gaſſenjun⸗ gen, die in den angefangenen Bauwerken Verſteckens ge⸗ ſpielt, haben einen Mann darin gefunden, der vor Hunger halb todt ſein ſoll. Das geht mir ans Herz; ich mache einen langen Hals und wen erkenne ich? Sie! mein braver junger Mann! Mein Mann aus der Provinz! rufe ich aus; nun, das wundert mich nicht! ... Da ſehe ich mich auch nicht weiter um; wir haben nicht weit zu unſern Ställen; ich ſteige ab; Sie waren in Ohnmacht gefallen; da ſage ich, daß ich Sie kenne, packe Sie in meinen Fiaker ein, bringe Sie hierher, laſſe einen Arzt holen, der kommt, ſagt, Sie ſtuͤrben nur aus Mangel, und man muͤſſe Ihnen etwas zu ſchlucken geben, ſo nach uud nach ein wenig Bouillon. Man thut das, und jetzt, glaube ich, moͤchten Sie wohl gern viel Bouillon verſchlucken, nebſt einem gu⸗ ten Glaſe Wein.“ Und als ich meine volle Dankbarkeit dieſem trefflichen Manne ausdruͤcken wollte, fuhr er fort: „Nur ſtill! eine gute Nachricht kommt nie allein. Die Wachshuͤte ſind brave Kinderz da haben wir denn Einer zu dem Andern geſagt: Michel, unſer Stallwaͤrter iſt fort. Will der junge Mann da unterdeß ſeine Stelle einnehmen, ſo wirds ihm nicht ſchlecht gehen. Er wird wie Michel im Verſchlage uͤber dem Stalle ſchlafen, die Pferde waͤhrend der Nacht bewachen, ihnen fruͤh zu ſaufen geben, und wir werden Ihnen wie Micheln 30 Sous des Tags zahlen. Das wird nun freilich, mein armer junger Mann, kein Koͤnigreich fuͤr Sie ſein, der Sie eine Anſtel⸗ lung in Paris ſuchen, aber es giebt doch wenigſtens Brot und bei dem Brote kann man das Weitere kommen ſe⸗ hen .. das iſt die Hauptſache. Wenn Ihnen alſo Mi⸗ chels Stelle anſteht, ſo iſt's abgemacht, und Sie treten ſie an, ſobald Sie ganz wieder hergeſtellt, denn der Arzt hat geſagt, Sie muͤßten ſich noch pflegen. Beunruhigen Sie ſich alſo ja nicht nicht, wir ſind hier unſer Zwanzig und mit einem Abzug von täglich zwei Sous fuͤr Jeden, nähren wir Sie recht leidlich, bis Sie ganz wieder zu Kraͤften ge⸗ kommen.“ Gott ſei Dank! Die Zeit meiner ſchwerſten Prufun⸗ gen war voruͤber. Ich brauche nicht erſt zu ſagen, mit welcher Dankbarkeit ich von dieſen braven Leuten die uner⸗ wartete Hilfe annahm, die ſie mir darboten. In einigen — 41 Tagen war ich gaͤnzlich wieder hergeſtellt. Durch die Er⸗ fahrung und die Vorſchriften von Claude Gerard unter⸗ richtet, erfuͤllte ich treu und ohne mich im Mindeſten er⸗ niedrigt zu fühlen, einen Beruf, der mir redlich verdientes Brot gewaͤhrte. Nach Ablauf von 6 Wochen ſagte der Kutſcher, mein Beſchuͤtzer, zu mir: „Lieber Junge, ich habe einen der Poutier in einem Hotel garni der Straße de Provence iſt. Das iſt ein Eckchen, das ſich vortrefflich fur einen thätigen und verſtaͤndigen Commiſſionair eignet, ſo wie Sie, der, was ſelten iſt, leſen und ſchreiben kann. Mein Schwager buͤrgt Ihnen uͤbrigens fuͤr die Kundſchaft des Hotels. Das iſt ein Fixum von ohngefaͤhr 50 Sous oder 3 Francs des Ta⸗ ges. Gefaͤllt Ihnen das beſſer als hier Stallknecht zu ſein? Wenn das iſt, ſo wollen wir mit meinem Schwager und einem Zeugen auf die Praͤfectur gehen, damit Sie eine Medaille erhalten. Das iſt zwar noch eben nichts Großes, aber Sie werden minder ſchwere Arbeit haben als hier, und doch ein ſicheres Brot . . und dann wollen wir's weiter kommen ſehen.“ Ich nahm dieſes neue Anerbieten um ſo lieber an, als ohnerachtet meines Eifers und meiner Genauigkeit, meine Verbindungen mit meinen zahlreichen Herren, allerdings im Allgemeinen guten, aber doch etwas rohen Leuten, nicht die angenehmſten waren, doch ſei dies blos geſagt, ohne den auftrichtigen und innigen Dank im Geringſten zu ſchwachen, von dem ich gegen ſie fuͤr die Hilfe durch⸗ drungen bin, welche ſie mir in der fuͤrchterlichſten Lage mei⸗ nes Lebens angedeihen ließen. * Siebentes Rapitel. Martin an den König. „Zwei Worte, Sire, uͤber das Vorhergehende. „Sie haben das furchtbare, unſelige Reſultat der Benutzung von Kindern durch vagabondirende und ſittlich verworfene Seiltaͤnzer erblicken koͤnnen. „Faſt jeden Tag enthuͤllt in Frankreich die Preſſe Thatſachen, welche diejenigen beſtaͤtigen, deren Zeuge oder Theilnehmer ich ſelbſt war. Und die buͤrgerliche Geſellſchaft duldet mit unbekuͤmmertem Egoismus dieſe Monſtroſitaͤten, deren einzige Opfer die Kinder der Armen ſind. „Bitterer Hohn! . . . Es giebt Geſetze, (die man frei⸗ lich nicht ausuͤbt) deren Zweck wenigſtens lobenswerth iſt, weil er dahin ſtrebt, die Verwendung der Kinder in den Fabriken zu regeln, warum ſchweigt ein ſolches Geſetz in Bezug auf die Verwendung der Kinder unwuͤrdiger Aeltern zu Poſſenreißern? einer Verwendung, welche dieſe unglück⸗ ſeligen kleinen Geſchoͤpfe herabwuͤrdigt und ſie faſt immer ſpaͤter der Entehrung oder dem Diebſtahle preisgiebt. — „Die Erzählung der paar Jahre, die ich bei Claude Gerard zugebracht hatte, Sire, wird Ihnen auch gezeigt haben, wie diejenigen, welche Frankreich beherrſchen, die Erziehung des Landvolks, das doch die unermeßliche Mehr⸗ zahl der Nation ausmacht, verſtanden haben und verſtehen. Sie haben geleſen, Sire, mit welchem Anſehen, welchem Wohlſtande, welcher Ehre ſie den Lehrer umgeben. „Wenn es irgend eine Feierlichkeit, irgend eine öffent⸗ liche Ceremonie giebt, wen erblickt man an der Oberſtelle? Die Magiſtratsperſon, die das Schwert des Geſetzes, den General, der das Schwert der bewaffneten Macht, den Prieſter, der das Schwert der gottlichen Gerechtigkeit halt. Dieſe repräſentiren den traurigen Pomp menſchlicher und göttlicher Beſtrafungen — die Unterdruͤckung — die Ein⸗ ſchuͤchterung in dieſer und der andern Welt. „Aber warum erblickt man unter dieſen prachtvollen Aufzugen in demſelben Range, wie dieſe Maͤnner welche richten, ſtrafen und zuruͤckhalten, niemals jenen fuͤr die Geſellſchaft nicht minder wichtigen Mann als es Magi⸗ ſtrat, Soldat und Prieſter ſind? jenen Mann, der wenig⸗ ſtens eben ſo ſehr als ſie geehrt werden ſollte. — Den Leh⸗ rer des Volks? „Ja, den Volkslehrer; ihn, der moraliſch den Buͤr⸗ ger ſchaffen, unterrichten, ihn beſſern, ihm die gluͤhende und heilige Liebe zum Vaterlande und der Redlichkeit ein⸗ flößen, ihn zur Erfullung aller ſeiner Pflichten, aller Auf⸗ Martin. Vvl. — opferungen, welche ein arbeitſames und rechtliches Leben auferlegt, vorbereiten ſoll? „Roch einmal, warum gehen dieſe Lehrer, die das hei⸗ ligſte Prieſterthum ausüben, das Volk aufzuklären und zu verſittlichen, nicht an der Seite derer, die, wenn das Volk ſtrauchelt, es richten, niederſäbeln und verdammen? „Sie haben geſehen, Sire, (und die offiziellen Doku⸗ mente beweiſen es nur zu ſehr) zu welchem Zwecke diejeni⸗ gen welche dieſes Land beherrſchen, und ihre Mitgenoſſen, den Volkslehrer, in die haͤrteſte, niedrige und empoͤrendſte tellung zuruͤckdrängen. „Eine andere Epiſode meines Lebens, Sire, ſoll Sie eine monſtroͤſe Thatſache kennen lehren, die in jedem Staate der auf Socialität Anſpruch macht, ein eben ſo ſeltenes als erſchreckendes Phaͤnomen ſein ſollte, und dennoch ſo haͤufig iſt, daß edle Herzen ſich daruͤber betruͤben und unwillig werden, aber ſich nicht mehr wundern. „Um zur Löſung dieſes ſchmerzlichen Problems zu ge⸗ langen, Sire, muß man es folgendermaßen aufſtellen: „Nehmt einen jungen, kräftigen, verſtändigen und redlichen Mann, der einen guten Elementarunterricht er⸗ hielt, der ein Handwerk inne hat, der voll des beſten Wil⸗ lens iſt wie voll Muth, der vor keiner Arbeit ſich ſcheut, der zu jedem Geſchäfte ſich hingiebt, der an Arbeit und Entbehrungen gewoͤhnt, der mit Wenigem zufrieden iſt und nur auf redliche Art ſich Brot und Unterkommen zu erwer⸗ ben verlangt. „Koͤnnte dieſer Mann, mit dieſem kräftigen Ent⸗ ſchluſſe, dieſer vollſtaͤndigen Entſagung und Verläugnung, mit dieſen Arbeitsfähigkeiten wohl Mittel finden, um auf rechtliche Art dieſes Brot und dieſes Unterkommen zu er⸗ langen? „Mit Einem Worte, wird ſein Recht an Arbeit, d. h. ſein Recht, mitteltſt Arbeit und Redlichkeit zu leben, von der Geſellſchaft anerkannt und ausführbar gemacht werden? „Die Epiſode meines Lebens, welche Sie eben leſen, Sire, hat dieſe Frage entſchieden. „Ich weiß, daß vernuͤnftige Leute, daß Oeco⸗ nomiſten ohnſtreitig antworten werden: „„Gute Subjekte ſind zu ſelten, als daß ein Mann, der mit gutem Willen Verſtand und Fähigkeit verbindet, nicht unfehlbar eine Beſchäftigung oder Stellung fuͤnde... früher oder ſpäter.“ „Ja!. früher vder ſpäter.... Darin liegt es eben, Sire. „Früher oder ſpäter. „Ganz ohne Hilfsmittel ſein, und eine geſicherte Be⸗ ſchaͤftigung nach zwei bis drei Tagen finden.. Das iſt früh.. ſo früh daß es eines faſt wunderbaren Zufalls be⸗ darf, um zu einem ſolchen Reſultate zu gelangen. . .. Ich berufe mich auf diejenigen, die gleich mir die Erfahrung einer ſolchen verzweiflungsvollen Lage gemacht haben. „Nun denn, Sire, fur einen Menſchen, dem es an 7* — — Allem fehlt, und der weder betteln noch ſtehlen will, nach zwei Tagen eine Beſchaͤftigung finden, was fuͤr eine es auch ſei.. nach zwei Tagen . . verſtehen Sie, Sire.. das iſt ſchon ſehr ſpaͤt ... weil wenig menſchliche Geſchöpfe den Hunger länger als zwei Tage ertragen können. „Arbeit nach drei Tagen finden, Sire das iſt zu ſpaͤt. . dann iſt man dem Tode nahe. „„Zwei bis drei Tage? das iſt aber doch gar nicht lange. das iſt ſo geſchwind voruber!“ ſagen die Glückli⸗ chen der Welt. „Oder auch wohl: „„Man findet Perſonen die vor Hunger geſtorben, oder ſterbend ſind.. das iſt wahr.. aber es iſt ſehr ſelten. „Es iſt aber ſchon ungeheuer, daß inmitten einer Ge⸗ ſellſchaft, von der ſo viele Mitglieder von Ueberfluß ſtro⸗ ten, ein Geſchoͤpf Gottes aus Mangel an Nahrung ſterben kann .. aber ferner: dieſe Todesfälle ſind ſelten. Warum? „Weil die groͤßre Zahl von een die, wie ich, dieſe furchterliche Lage gekannt haben, ſeine Arme, ſeine Kennt⸗ niß, ſeinen Eifer vergebens gegen irgend eine Art Lohn dar⸗ zubieten, zwiſchen den beiden Alternativen nicht zaudern: „Vor Hunger, rechtlich und rein zu ſterben, „oder „um den Preis der Schande, des Laſters oder des Verbrechens am Leben zu bleiben. „Und deßhalb ſind die Gefängniſſe und Begnos t be⸗ — 101 — völkert, und deßhalb ſind die vor Hunger Geſtorbenen noch ſehr ſelten. „Was aber dagegen thun? Almoſen? Nein, das Al⸗ moſen iſt unvermogend, es wuͤrdigt herab. „Man muß den heilig gehaltenen Grundſatz anerken⸗ nen und uͤben: „Die buͤrgerliche Geſellſchaft muß allen ih⸗ ren Mitgliedern zuſichern: Phyſiſche und mora⸗ liſche Erziehung... die Mittel und Werkzeuge zum Arbeiten.. einen hinreichenden Lohn dafuͤr. ⸗ ⸗ ⸗ ⸗ „Es geſchieht nicht, Sire, um rückwärtsblickend Ihre Theilnahme oder Ihr Mitleid zu erwecken, daß ich Ihre Aufmerkſamkeit auf die vorhergehenden Blätter lenke, ſon⸗ dern um Sie zum Erbarmen zu bewegen, fur die unermeß⸗ liche Anzahl derer, die ſich in einer der meinen ähnlichen Lage befunden haben, oder noch befinden koͤnnen.“ Achtes Rapitel. Die Commiſſionen. Ohne eine geſicherte Stellung lebte ich doch wenigſtens ſeit einigen Monaten fern von den häßlichen und fuͤrchter⸗ lichen Beruͤhrungen, vor denen ich, Dank ſei es der Pro⸗ tektion meines Freundes, des Fiakerkutſchers, verunreinigt worden war, ich war Commiſſionair mit der Medaille an dem Thore eines Hotel garni der Straße de Provence. Unbegreiflicher und fuͤr mich ſehr ſchmerzlicher Weiſe hatte ich von Claude Gerard, an den ich oft geſchrieben, keine Antwort erhalten. Ich erwartete mit Ungeduld die Ruͤck⸗ kehr der guten Jahreszeit, wo ich als Zimmermann Arbeit zu finden hoffte. Mein Geſchaͤft als Commiſſionair gefiel mir nur mittelmäßig, es hatte eine Färbung von Dienſt⸗ botenſchaft, von der ich mich oft verletzt fuhlte. Und doch ſollten viele Jahre meines Lebens in dem Verhältniſſe als Dienſtbote verfließen. Dieſer Widerſpruch wird bald klar werden. Die einzige, und ich geſtehe es, allerdings ſehr große Vergeltung für dieſes knechtiſche Verhältniß, beſtand fuͤr — 103 — mich in einem gewiſſen Vergnuͤgen am Beobachten, einer in mir ſehr entwickelten Fertigkeit, ſeit ich das dringende Be⸗ durfniß gefuͤhlt habe, mich in meinen Gedanken, meinen Betrachtungen zu iſoliren, um den verhaßten Realitäten zu entgehen, mit denen ich umgeben war. Vom Nachdenken zum Beobachten iſt aber der Ueber⸗ gang leicht, und wenn ſich mit dieſem Beduͤrfniſſe des Beobachtens noch ein lebhaftes Gefuͤhl der Neugier verbin⸗ det.. nicht der niedrigen, kindiſchen, ſondern ich mochte ſagen, der philoſophiſchen Neugier, wenn dies Wort unter meiner Feder nicht laͤcherlich waͤre . ſo wird man leicht begreifen, daß ich in meiner Lage als Commiſſionair ein weites Feld fuͤr meine Studien geoffnet fand. Auch dieſes Mal haͤtte ich die Wahrheit von Claude Gerards Verſicherung in Erfahrung bringen können, daß in allen Verhältniſſen des Lebens es materiell vortheilhaft ſei, unterrichtet zu ſein. Commiſſionaire, die leſen und ſchreiben können, ſind ſo ſelten, und ſo wurde naturlich mir der Vorzug bei mehren Gelegenheiten vor meinen Mitbe⸗ werbern zu Theil, ein beneideter Vorzug, der mich aller⸗ dings nöthigte, ihn anfangs mit Kraft der Fauſt gegen meine ungeſchulten Rivale auftecht zu erhalten. Gluckli⸗ cher Weiſe war ich gewandt und kräftig und zog bei ſolchen Streitigkeiten nicht den Kuͤrzern. So ward denn meine kraͤftig feſtgeſtellte Lage geachtet, ja ich konnte in der Folge ſelbſt mehre Male einige kleine Dienſte im Schreiben und Leſen meinen vorherigen Feinden an der Straßenecke leiſten. — 104 — Was die Niedrigkeit meiner Lage betraf, ſo hatte ich ſchon lange in Claude Gerards praktiſcher Schule gelernt, daß es dergleichen keine gebe, in welcher der Menſch nicht ſeine Wuͤrde bewaͤhren könne. So lebte ich denn vom Tage zum Tage und fand ein gewiſſes Vergnuͤgen darin, bald die Beſchaffenheit der Auf⸗ träge, die man mir gab, entweder aus der Eile, die man mir bei meinem Gange empfahl, oder aus der Art, wie der Brief aufgenommen oder die Antwort gegeben ward, zu er⸗ rathen, bald den Character, den Geſchmack, ja, ſelbſt die Meigungen derer zu ergruͤnden, die mich am Meiſten be⸗ ſchaftigten. Meine Beobachtungen wurden mir um ſo leichter gemacht, da meine niedre Stellung als Commiſſio⸗ nair keinen Verdacht einfloßte, und ſo klärten mich oft Worte, die man nicht von mir verſtanden glaubte, oder Thatſachen, die fuͤr jeden Andern als einen aufmerkſamen und gebildeten Beobachter keinen Werth hatten, auf, und brachten mich auf den Weg vielfacher Entdeckungen. Da ich durchaus Niemand das Reſultat meiner Be⸗ merkungen vertraute, und nur darin eine Zerſtreuung von ſchmerzlichem Kummer, oder ein Mittel ſah, meine prak⸗ tiſchen Kenntniſſe uͤber Menſchen und Sachen zu vermeh⸗ ren, ſo uͤberließ ich mich ohne Vorwurf dieſer unſchädlichen Sittenbeobachtung. Seit einem Monate wurde ich nicht nur jeden Tag, ſondern auch faſt den ganzen Tag uͤber von einem jungen Manne beſchäftigt, der ein kleines Zimmer in dem Hotel — 105 — bewohnte, vor deſſen Thore ich gewöhnlich meinen Aufent⸗ halt hatte. Balthaſar Roger, (dies war die Krabbe, die dem ar⸗ men Leonidas Hayfiſch, dem trefflichen, ſpäter zu der be⸗ ſcheidenen Stellung eines Fiſchmenſchen herabgewuͤrdigten Zöglinge das Leben zu ſauer gemacht hatte) Balthaſar Roger, deſſen Name jetzt einer europäiſchen Beruͤhmtheit genießt, war damals nur noch von einigen in ſeine Werke eingeweihten Freunden gekannt. Dieſer junge Dichter beſaß das beſte Herz und den heiterſten originellſten Geiſt, den ich je geſehen habe. Er war häßlich, aber von einer ſo geiſtreichen, lebensvollen und heitern Häßlichkeit, er lachte ſo herzlich, und zuerſt uͤber alle Tollheiten die er von ſich gab, oder ſchenkte vielmehr allen den unglaublichen und un⸗ ſchaͤdlichen Luͤgen, die er erzählte, und durch die er ſelbſt am Ende getaͤuſcht ward, einen ſo naiven Glauben, daß man ſeine Haͤßlichkeit vergaß, und nur an ſeinen Verſtand und ſeine Guͤte dachte. Trotz dieſer Heiterkeit, dieſer geiſtreichen Luſtigkeit hatte Balthaſars Dichtweiſe einen finſtern, leidenſchaftlichen, wilden Character; der junge Dichter opferte damals dem Tagesgeſchmacke in bizarren und duͤſtern Titeln. Die Wege, die ich fuͤr Balthaſar ſeit einem Monat machen mußte, waren um ſo länger, häufiger und zahlloſer, als ſie das Unterbringen ſeiner damals noch ungewuͤrdigten Arbeiten zum Zwecke hatten, die man jetzt ſich mit Recht aus den Händen reißt. Die Buchhaͤndler zeigten ſich unerbitt⸗ — — lich. Nach Wanderungen durch alle Viertel von Paris kehrte ich mit dem Leinwandſacke, in welchem ſeine Manu⸗ ſcripte ſteckten, traurig zu Balthaſar zuruͤck. Ohnerachtet dieſer Zuruͤckweiſungen und Täuſchungen blieb Balthaſars Ruhe heldenmuͤthig, ſeine gute Laune un⸗ zerſtörbar. Ich habe nie ein edleres, auffallenderes Bei⸗ ſpiel der Troͤſtungen, Hoffnungen und Heiterkeit der Seele geſehen, die man aus Arbeit und Studien ſchoͤpfen kann. Studium!! dieſe ſuͤße Mutter! (alma mater, wie Baltha⸗ ſar ſagte.. Er war arm, manchmal ſogar zu ſchmerzlicher Beſchränkung gezwungen, aber nie verließ ihn ſein Ver⸗ trauen auf die glaͤnzende Zukunft, die ſeinem Talente ge⸗ buͤhrte. Es war nicht Stolz, ſondern Vorausſehung, Be⸗ wußtſein. So hatte er auch oft, die Augen auf dieſe glän⸗ zende Zukunft gerichtet, im völligen Wachen glaͤnzende, aber voreilige Träume, und es war dann ſehr ſchwer, ihn aus ſeinen funkelnden Viſionen zu reißen. Eines Morgens hatte er mir, indem er mir ſeinen koſtbaren Sack voll Papierrollen uͤbergab, geſagt: „Martin . . . da drin ſind: 1) ein gebrochnes Herz, 2) das Laͤcheln Satans, 3) Spaͤße eines Gehaͤngten. Ein Brief begleitet jedes dieſer Manu⸗ ſcripte. Jedes Manuſeript und jeder Brief iſt an einen verſchiedenen Buchhaͤndler adreſſirt. Ich verbiete Dir es ausdruͤcklich, irgend eins dieſer Manuſeripte auszuliefern, wenn Du nicht die Summe von 4000 Francs dafuͤr be⸗ kömmſt. Zuſammen 12,000 Francs fuͤr die drei Manu⸗ — 107 — ſtripte. Und vor Allem . .. Martin, vor Allem .. nimm dieſe Summe nur in Gold an, hoͤrſt Du wohl? . in Gold, das iſt ſo mit meinen Buchhaͤndlern beſprochen und abgemacht. Keine Bankbillets, keine harten Thaler, ſondern Gold! Verſtehſt Du?“ „Ja, mein Herr.“ „Da iſt ein kleines Kaͤſtchen, in welches recht gut dieſe 600 Louisdor gehen.. . . Da iſt der Schluͤſſel dazu.. ſtecke das Käſtchen in den Sack. . und ſieh Dich vor, Martin . es giebt hoͤchſt pfiffige Spitzbuben.. ſie werden um Dich herum ſchwaͤrmen . . nimm Dich in Acht! Dieſe Spitzbuben ſchnopern das Gold . eine Meile weit.“ „Seien Sie ganz ruhig, mein Herr, ich werde wohl Acht haben.“ Balthaſar Roger gab mir mit ſolcher Zuverſicht dieſe Befehle, er glaubte ſelbſt ſo treuherzig an die kuͤnftigen 600 Louisdor, daß ich trotz aller ſchon erlebten Taͤuſchun⸗ gen auch zuletzt ſeine Ueberzeugung theilte. Aber ach! der Wahn währte nicht lange, und einige Stunden nach mei⸗ nem Fortgehn kam ich zuruͤck. „Ich hoffe doch, daß Du nur Gold genommen haſt!“ rief Balthaſar, ſobald er mich gewahrte. „Mein Herr, man hat mir nichts angeboten . . .“ „Als Bankbillets? Die Geizhälſe!“ „Nein, mein Herr, aber ..“ „Alſo harte Thaler? die Kraͤmerſeelen! die goͤttliche Ambroſia in harten Thalern zu bezahlen . in elenden Tha⸗ — 108 — lern... wie Syrop oder gebackne Pflaumen... die Duͤt⸗ chenkrämer! die Tölpel! Es ſollte eine Muͤnze von Dia⸗ manten geben, um die Dichter damit zu bezahlen!“ „Man hat mir ganz und gar nichts gegeben, mein Herr,“ ſagte ich traurig. „Du haſt die Buchhändler nicht getroffen?“ „Doch, mein Herr.“ „Nun denn?“ „Nun denn, mein Herr, der Eine hat mir dieſen Brief gegeben, die Andern haben mir geſagt, daß eben jetzt der Handel nicht beſonders gehe.. ſie alſo nichts herausgeben könnten... und vorzuͤglich von einem Unbe⸗ kannten.“ „Die Ochſen! die Eſel!“ rief Balthaſer, ſie kennen die ganze Macht gar nicht, die in dem Unbekannten liegt! Bonaparte .. vor der Belagerung von Toulon, das war der Unbekannte! ... Unbekannte! . .. aber dies iſt ja die ein⸗ zige Gewißheit unſrer Zeit!.. . Dieſe Philiſter haben alſo meine Manuſeripte gar nicht aufgemacht!“ „Nein, mein Herr, ſie haben mich ſie nicht einmal aus dem Sacke da nehmen laſſen.“ „Sie haben ſie nicht geleſen . ſie weiſen ſie zurck. Das iſt ganz natuͤrlich,“ ſagte Balthaſar Roger mit ruhigem und ſtolzem Tone, „das iſt ein Beweis von Ein⸗ ſicht, der ihnen theuer wird zu ſtehen kommen hundert Louisdor mehr fuͤr jedes Manuſcript!... Iſt das genug, Martin? hundert Louisdor?“ — 100 — „Mein Herr .. „Du biſt aufrichtig, Du biſt wahr, Du biſt uneigen⸗ nuͤtzig bei dieſer Frage, Martin! hundert Louisdor, iſt das genug? Du ſollſt der Schiedsrichter uͤber den Geldbeutel dieſer Phariſaͤer ſein .. ſoll ich ſie um 200 Louisdor ſteigern?“ 3 „O, mein Herr . .. „Nun alſo, hundert Louisdor. ... Du biſt guͤtig, jun⸗ ger Mann! Du biſt groß! Morgen alſo bringſt Du mir 900 Louisdor in Gold . . . denn ſie werden ſie leſen. Ich beſitze dazu ein untruͤgliches Mittel. Komm morgen fruͤh zu recht fruͤher Zeit wieder.. vor 2 Uhr muß ich meine Gelder haben... Du bekoͤmmſt 25 Louisdor fuͤr Dich. ein kleiner Schatz. ... Du kannſt Dir davon etwas in Fonds anlegen oder was Du ſonſt willſt... Du kannſt Millio⸗ nair damit werden. ... Jacques Lafitte iſt mit 2 Louisdor nach Paris gekommen . . . in der Taſche... Du haſt 25... Du kannſt alſo dreiundzwanzig Mal reicher werden als Jacques Lafitte. . .. Das iſt huͤbſch? Und ſo werden gute Commiſſionairs belohnt. ... Dreiundzwanzig Mal reicher als Lafitte!. .. Morgen alſo, Martin; nimm meine Stie⸗ feln. ſchabe ſie nicht zu ſehr mit Deiner Buͤrſte. . denn einer von dieſen beiden Waiſen guckt ſchon allzuſehr durchs Oberleder.. .. Auf morgen, mein Junge.“ Alle dieſe Tollheiten uͤber den Reichthum, den ich zu erwarten haͤtte, wurden von Balthaſar im vollen Ernſte und Zuverſicht geſprochen. In der Exaltation ſeiner gewaltigen — 110 — Einbildungskraft wurde die unſinnigſten Hoffnung zur Wirklichkeit. Dann reizte er ſich auf und ſetzte ſich wieder mit einem unermuͤdlichen Streben an die Arbeit, ſo daß er manchmal 2 bis 3 Tage zu Hauſe blieb. Der Dichter hatte mir 25 Louisdor verſprochen. Dieſe Summe, oder auch nur der 25ſte Theil derſelben, waͤre mir ſehr gelegen gekommen. Seit faſt einem Monate nahm Balthaſar faſt alle meine Zeit mit ſeinen literariſchen Aufträgen in Beſchlag. Er hatte mir noch nichts bezahlt, und ſo fand ich mich bei dem Ende einer Erſparniß von etwa 10 Francs ſehr in Verlegenheit. Balthaſar, den ich, obgleich ſehr ungern, dennoch ein⸗ mal um etwas Geld gebeten hatte, ſagte mir majeſtäͤtiſch: „Pfui doch! ich denke fuͤr Dich an etwas S als dieſen elenden Tageslohn.“ Dieſe nicht ſehr verſtändliche Antwort hinderte mich, wenigſtens meine Bitte zu wiederholen. Balthaſar war ſo gut, ſo herzlich, daß ich befuͤrchtet haͤtte, ihm weh zu thun. Ich entſchloß mich alſo zu warten, ohne jedoch recht zu wiſſen, wie ich aus dieſer Lage kommen ſollte, wenn ſie ſich verlängerte. Ohne gerade an die 25 Louisdor Lrinkgeld zu glauben, eben ſo wenig als an die Eincaſſirung der 900, die ich morgen bewirken ſollte, ſah ich Balthaſar ſeiner Sache ſo gewiß, und hatte ſo viel Intereſſe dabei, ſeine Hoffnungen perſoͤnlich verwirklicht zu ſehen, daß ich ſie faſt unwillkurlich in wenig theilte. — 211 — Aber ach! am folgenden Tage neues Mißlingen. Dieſes Mal begnuͤgten ſich die Buchhaͤndler nicht damit, mir es abzuſchlagen, die Briefe zu leſen und die Manuſcripte anzunehmen, ſondern ſie warfen mich ſo ziemlich zur Thuͤr hinaus. Langſam ſtieg ich die fuͤnf Stockwerke bis zu Baltha⸗ ſars Zimmers hinauf, meinen Sack mit Manuſcripten un⸗ term Arme und mein unnuͤtzes Kaͤſtchen zu den Geldern in der Hand, nachdenkend, mit welcher die Eigenliebe des Dichters am Wenigſten verletzenden Art und Weiſe, ich mir zum zweiten Male eine Abſchlagszahlung erbitten koͤnnte, denn man hatte mich eben, weil ich die Miethe nicht be⸗ zahlt, aus einem kleinen meublirten Stuͤbchen gewieſen, das ich Straße Saint Nicolas inne hatte. Ich kam an Balthaſars Thuͤr, ſie war en meinem großen Staunen ſah ich ein Felleiſen und S. Nachtſack in dem kleinen Zimmer, welches vor dem großern des Dichters lag, und in dem ich durch die halboffne Thuͤr Grlaͤchter und Freudenrufe hoͤrte, von denen die Worte bis zu mir gelangten: „Der brave Robert ... der liebe Robert. .. welche koͤſtliche Ueberraſchung!“ Bei dem Namen Robert fiel mir der Reiſende ein, deſſen Geraͤthſchaften ich nach ſeinem Ausſteigen aus dem Dampfer fortgetragen hatte, jene Perſon, die ohnerachtet der Verhuͤllung ihrer Zuͤge vor meinen Augen erkannt, — feſtgenommen, und ohne Zweifel ins Gefängniß gebracht worden war. Ich warf die Augen auf das im Vorzimmer Baltha⸗ ſars gebliebene Felleiſen, und erkannte darauf dieſelbe von mir ſchon bemerkte Adreſſe: An den Grafen Robert von Mareuil. Kein Zweifel mehr, es handelte ſich hier um den Jugendfreund Regina's, um den Robert, von dem der Un⸗ bekannte aus der Schaͤnke der 3 Tonnen, bei meinem erſten Zuſammentreffen mit ihm, als von einem Nebenbuhler ge⸗ ſprochen hatte. Seit ihrem plötzlichen und eiligen Erſcheinen, vor dem alle meine unſeligen Entſchluͤſſe verſchwunden, hatte ich Regina nicht wieder geſehen, meine thoͤrigte Liebe zu ihr war aber ſtatt ſchwaͤcher zu werden, nur noch inmit⸗ ten der harten Pruͤfungen, die ich zu erdulden hatte, ge⸗ wachſen, da mir folgende Worte von Claude Gerard immer im Gedaͤchtniß ſchwebten: „Gott koͤnnen wir nicht erblicken, und doch beten wir ihn an, verehren ihn und fuͤhlen, daß er uns auf dem gu⸗ ten Pfade fuͤhrt und ſtuͤtzt. So ſei es auch mit Deiner Liebe zu dieſem jungen, geheimnißvollen Maͤdchen, dem Sterne Deines Lebens.“ Und es war wirklich ſo. In meiner Anbetung fuͤr Regina, ob ſie gleich unſichtbar und abweſend, hatte ich die Kraft geſchöpft, die Verlockungen zu beſiegen, das Elend faſt unwiderſtehlich machte. — Das unerwartete Begegnen mit Robert von Mareuil war alſo aus tauſend Urſachen fuͤr mich von gewaltigem Intereſſe. Daher klopfte ich denn auch bei lebhaften Her⸗ zensſchlägen an die Thuͤr des Zimmers, in welchem ſich Robert und Balthaſar befanden. „Herein,“ ſagte der Dichter. Dann als er mich erblickte, rief er mit freudiger Exaltation: „Robert.. da iſt unſere Galione!. .. Du kommſt zur rechten Zeit.. wir wollen ein Goldbad nehmen.“ Damit bemächtigte ſich der Dichter, deſſen Augen wie Karfunkel glaͤnzten, des beruchtigten Käſtchens zu der Ein⸗ nahme, das ich noch in der Hand hielt. Aber ach! als er es furchtbar leicht fand, zuckte er die Achſeln, und rief mit dem Tone der Ungeduld und des Vorwurfs: „Zum Henker. .. wieder Bankbillets.. ſolche ſchmu⸗ tzige Fetzen, mit allem dem Schmutze der Finger der Caſſirer beklebt!“ Es wäre unmoglich den Ausdruck wahren Ekels zu malen, mit dem Balthaſar Roger das Käſtchen öffnete, das dieſe unwuͤrdigen Bankbillets enthalten ſollte. Als das Käſtchen geoffnet . . erblickte er nichts. Immer ruhig und ſtolz zuckte er nicht einmal mit den Wimpern. „Sag einmal, Balthaſar,“ ließ ſich Robert vernehmen, der, wie es ſchien, die Phantaſieen ſeines Freundes zu ken⸗ nen ſchien, „und unſer Goldbad?“ Rartin. VI. 8 — — „Warte bis morgen,“ antwortete Balthaſar majeſtaͤ⸗ tiſch. „Statt es in einer unedlen und engen Badewanne zu nehmen, werden wir es in einem Fluſſe nehnen un⸗ ſer Goldbad! Ja, wir werden im vollen Pactolus ſchwim⸗ men ... darauf liegen . . darin herumſchnattern... wir werden uns untertauchen bis uͤber die Ohren. Und bis dieſer begluͤckte Augenblick kommt, verläſſeſt Du mich nicht. Hier nebenan iſt noch ein Zimmer, das nimmſt Du.“ „Das war auch mein Wille,“ verſetzte Robert. „Glaubſt Du wohl, daß ich anderswo wohnen wuͤrde? Ach ja, ich muß nun auch meine Ankunft meinem Couſin mel⸗ den. das iſt höchſt dringend.“ „Welchen Couſin meinſt Du denn?“ fragte Baltha⸗ ſar. „Ich bin eiferſuͤchtig auf dieſen Couſin. Wie heißt er denn?“ „Alle Wetter... Baron von Noirlieu.“ „Aha! .. Dieſem wuͤthenden Originale. .. dem Vater des kleinen allerliebſten Maͤdchen, das Du.. .“ Ein Zeichen Roberts unterbrach Balthaſar. . Die beiden Freunde ſahen ſich einander an ... meine Verwirrung entging ihnen. Der Baron von Noirlieu.. das war der Vater Regina's. . „Ich begreife Dich, Robert,“ ſagte Balthaſar zu ſei⸗ nem Freunde, „in ſolchen Angelegenheiten Discretion, und dann wieder Discretion. Aber ſei ganz ruhig. Martin hier, den ich Dir hiermit empfehle, iſt die Einfachheit, die — Rechtſchaffenheit ſelbſt. Er hat das Gluͤck, dumm wie ein Eſel zu ſein. . gewandt wie ein Reh. .. puͤnktlich wie eine Uhr, wodurch aus ihm ein Bote ohne Gleichen witd. Ich bitte Dich daher um Deine Protection fuͤr ihn.“ Robert warf einen verachtenden Blick auf mich. Ich ſchlug die Augen nieder, zitternd, er möchte mich erkennen. Dieſe Furcht war jedoch vergebens, denn Robert ſagte zu ſeinem Freunde: „Wer iſt dieſer Burſche?“ „Mein Commis fuͤr das Einnahmebureau,“ antwor⸗ tete Balthaſar, indem er ſich vornehm in ſeinem alten Schlafrocke drapirte. „Ein Schatz von Redlichkeit! Seit ich ihn brauche, hat er mir noch nie einen Pfennig unter⸗ ſchlagen bei den Rechnungen die er mir ablegt.“ „Ja, das glaube ich,“ antwortete Robert lachend, „und da ihm dieſe Anſtellung bei Deinen Einnahmen Zeit genug ubrig laſſen muß, ſo wirſt Du mir erlauben, ihm einen Auftrag zu geben.“ „Ich autorifire Dich dazu, Robert.“ „Fuͤrs Erſte gieb mir Schreibgeraͤth.“ „Du weißt wohl, Robert, daß es zwei Klaſſen privi⸗ legirte Weſen giebt, bei denen man ſtets Federn findet, die wie ein Waldhorn zuſammengedreht ſind, und Dinte wie Häringslake. Dieſe zwei Menſchenclaſſen ſind die Portiers und die Dichter. Als Dichter ſiehe alſo hier Alles, was ich fuͤr Dich thun kann.“ „Jetzt Papier,“ ſagte Robert von Mareuil, indem er 8* — 116 — vergebens das was er wollte, auf dem Tiſche des Dichter ſuchte, wo ſich dafuͤr ein Pantoffel, eine Waſſerflaſche, eine Feuerzange und ein Oberrock befand. Nach muͤhſamen Verſuchen fanden die beiden Freunde endlich ein Blatt praͤ⸗ ſentablen Papiers. Die Dinte wurde angemeſſen aufge⸗ löſet, der Graf Robert von Mareuil machte ſich an einer Ecke des ſo ſonderbar beladenen Tiſches Platz, und fing zu ſchreiben an, indem er ſeinem Freunde ſagte: „Ich weiß freilich nicht, ob mir dieſer Brief viel hel⸗ fen wird.“ „An wem ſchreibſt Du denn?“ „An meinen Couſin.“ „Den Baron von Noirlieu?“ „An ihn ſelbſt.“ „Und warum ſollte Dein Brief Dir nichts helfen?“ „Man ſagt, der Baron ſei ſo ziemlich verruͤckt ge⸗ worden.“ „Ah bah! Und warum?“ „Aus Kummer.“ „Was fuͤr Kummer?“ „Aus dem Kummer uͤber welchen Georges Dandin ſich bei ſeinem Schwiegervater und ſeiner Schwiegermutter beklagte,“ antwortete Robert von Mareuil, indem er ſeinen Freund mit der Miene des Einverſtändniſſes anſah. Offenbar glaubten alle Beide, die Worte wären für mich unverſtaͤndlich. „Sieh ſieh ſieh . der arme ron,“ ſagte — 117 — Balthaſar im Tone komiſchen Mitleids, . „er iſt deshalb verrückt. das iſt ihm zu Kopf geſtiegen.“ Dann nahm er ſich wieder zuſammen. „Robert, nimm Deinem Freunde dieſen Notarius⸗ oder Zahnbrecherſcherz nicht ubel... Aber ernſtlich, dieſe Verrucktheit, wenn ſie wirklich ſtatt findet... muß ihm ſehr im Wege ſein.“ „Warum denn?“ ſagte Robert von Mareuil ſchnell aufblickend. „Nun ... wegen.. Du weißt es ja.“ „Im Gegentheil,“ verſetzte Jener, und ſah den Dich⸗ ter ſcharf an. „Wie denn im Gegentheil?“ „Ganz gewiß.“ „Aber ich ſpreche ja mit Dir von .. . Donna Elvira oder wenn Du lieber willſt von Donna Anna, Don Juan!“ ſagte Balthaſar. „Gerade deshalb,“ antwortete Robert, „ſteht der Com⸗ mandant zu Pferde einmal auf ſeinem Piedeſtal, ſo genirt er Niemand.“ „Ah, gut!. . ſehr gut!. . . dann begreife ichs,“ ſagte Balthaſar Roger. „Aber es wird ja leicht ſein Dich zu vergewiſſern, ob der Baron halbverruͤckt iſt.“ „Nicht ſo leicht.. es iſt ein alter Mulatte bei ihm... ein gewiſſer Melchior.. ein vertrauter Diener... der Nie⸗ mand ſo leicht zum Baron laͤßt.“ „Den Cerberus beſaͤnftigt man... und uͤbrigens er⸗ kundigt man ſich. . .. Wer ſoll den Brief uͤberbringen?“ — 118 — „Der Burſche da,“ antwortete Robert von Mareuil, indem er mich mit einem leichten Kopfnicken bezeichnete, ohne ſich im Schreiben ſtören zu laſſen. „Ein Gedanke!“ rief Balthaſar Roger. Und damit fing er an, ohnſtreitig uͤber eine Idee reif⸗ lich nachdenkend, im Zimmer auf- und abzugehen, während Robert ſeinen Brief endete. —— Ueuntes Kapitel. Die Vorſtadt du Ronle. Es koſtete mir viele Gewalt uͤber mich ſelbſt, um dem Anſcheine nach ganz unempfindlich und fremd bei dieſer Un⸗ terredung zu bleiben, die doch Alles, was ich am Lebendig⸗ ſten im Herzen trug, beruͤhrte. Durch Claude Gerards Unterricht hatte ich mich mit den Meiſterwerken unſerer Sprache vertraut genug gemacht, um den Sinn der von Balthaſar und dem Grafen von Mareuil aus Don Juan entlehnten Vergleichung zu ver⸗ ſtehen. Es handelte ſich um Regina. Wenn der ſinnver⸗ wirrte Zuſtand ihres Vaters in der Wahrheit beruhte, ſo mußte dieſer weniger genirend werden. Weniger genirend? ohnſtreitig fuͤr Roberts Plaͤne? Was waren dies aber fuͤr welche? Das mußte ich zu er⸗ gruͤnden ſuchen, und dies beunruhigte mich, ohne ſie zu kennen. Balthaſar dagegen glaubte ich hinreichend zu kennen, um ſicher zu ſein, daß er ſeine Hilfe nicht fuͤr unedle Ab⸗ — ſichten darleihen werde. Aber ich kannte den Charakter, das fruͤhere Leben Roberts von Mareuil nicht. Alles was ich von ihm wußte, war blos, daß er drei Monate vorher arretirt worden war.. .. Kam er aus dem Gefaͤngniſſe? Kannte Balthafar dieſe Verhaftung nicht? Dies waren in dieſem Augenblicke meine Gedanken. Es lag mir zu viel daran, was Robert von Mareuil ſein könnte, zu erforſchen, als daß ich ſeine Phyſiognomie nicht mit der größten Aufmerkſamkeit hätte beobachten ſollen. Dieſer Pruͤfung gab ich mich hin, waͤhrend Robert ſchrieb und Balthaſar nachdenkend im Zimmer umherging. Bei dieſer neugierigen Beobachtung Roberts bemerkte ich zuerſt blos, daß er hie und da durch Alter abgetragene und entfaͤrbte Kleider trug, ſowie einen Hut mit rothem Schimmer, ausgetretene Stiefeln und Waͤſche von ſehr zweifelhafter Weiße. Doch war die natuͤrliche Eleganz und die Anmuth der Zuge dieſes jungen Mannes ſo groß, daß mir die Aermlichkeit ſeines Koſtuͤms nicht gleich aufgefallen war. Sein Geſicht beſaß, ohne regelmaßig ſchoͤn zu ſein, doch unendlich viel Reiz und Ausdruck. Seine kaſtanien⸗ braunen Haare wie ſein ſeidiger Bart, wallten in natür⸗ lichen Locken. Seine Haltung war ſtolz, ſeine Stirn erha⸗ ben, die Augen feurig und kuͤhn, während ſeine etwas ein⸗ gekniffene Lippe, ſeine gerade und ſchmale Naſe zugleich Entſchloſſenheit und Feinheit anzukundigen ſchienen. Das Ganze dieſes Geſichts mußte eher Anziehung als ein entgegengeſetztes Gefuhl einfloßen, und doch ſchien mir — 121 — aus Inſtinkt oder Vorurtheil, durch einiges Falten der Augenbrauen, einiges Zucken mit den Augen, von einem leiſen, ſardoniſchen Laͤcheln begleitet, deren ſich Robert von Mareuil beim Schreiben nicht enthalten konnte, ſich zu ver⸗ ſchiedenen Malen, ich weiß nicht was Falſches, Hinterliſti⸗ ges und Hartes zu verrathen, das mir außerordentlich auffiel. Ich blieb ſtumm und unbeweglich an der Thuͤr, in⸗ dem ich eine ſo ſtumpfſinnige Miene und Haltung als moͤg⸗ lich annahm, und wartete auf Roberts Brief, während der Dichter in ſeinem Zimmer auf- und abgehend, fortfuhr, ſeine Idee zu reifen. Endlich war er damit fertig, denn er blieb plötzlich ſtehen und ſagte: „Martin... Du biſt ein ehrlicher und treuer Burſche.“ „Mein Herr, Sie ſind allzugutig.“ „Ich will Dir eine ſichre Stellung verſchaffen.“ „Mir, mein Herr?“ Ich glaubte treuherzig, es ſei wieder von den 25 Louis⸗ dor Trinkgeld die Rede, die mich eines Tages 23 Mal reicher als Jacques Lafitte machen ſollten, aber keinesweges. Balthaſar Roger vergaß oft mit unglaublicher Beſcheiden⸗ heit die Millionen, womit er ſeine fruchtbare Phantaſie ausſtattete, wie die welche er an Andere verſchwendete. „Ja, Martin,“ verſetzte er, „ich will Dir eine eh⸗ renwerthe Stellung verſchaffen.“ „Sie ſind ſehr guͤtig, mein Herr.“ — 122 — „Sage einmal. . ſeit Du Conmiſſionen fur mich be⸗ ſorgt haſt, habe ich Dich noch nie bezahlt .. glaube ich?“ „Nein, mein Herr, aber . . „Sprechen wir nicht mehr von dieſer Lumperei, das wird ſich Alles finden. . und ſogleich. . . . Jetzt höre! Der Herr Graf Robert von Mareuil, mein Freund, wird von nun an bei mir wohnen. Statt in Dir einen gemeinen Dienſtboten zu haben, ziehen wir es vor, einen treuen und ergebenen Diener zu beſitzen. Willſt Du als ein ſolcher bei uns eintreten „Mein Herr.. „Warte ehe Du Du echaͤltſt Logis, Koſt, Wäſche, Heizung, Licht, Kleidung, Schuhwerk, kurz Alles! Ueberdies geben wir Dir monatlich 50 Francs Gehalt.. Dieſe capitaliſiren wir, und zahlen ſie Dir alle Jahre mit den Intereſſen aus. . . . Nun haſt Du aber gar keinen Be⸗ griff, Martin, was das iſt, Intereſſen zu und Intereſſen von Intereſſen zu erhalten.. In 50 Jah⸗ ren biſt Du, bloß durch Deinen auf dieſe Art capitaliſirten Gehalt, ein Erzmillionair. Steht Dir das an?“ Ich konnte dem Schickſale der Millionen nicht ent⸗ gehen... Dreiundzwanzig Mal reicher als Lafitte. .. Erz⸗ millionair mit 50 Jahren capitaliſirten Gehalts. das konnte mir gar nicht fehlen.. .. Was am Deutlichſten fuͤr mich aus Balthaſars Vorſchlag hervorging, war, daß der vortreffliche Menſch, da er ſich eben ſehr gehindert fühlte, — — — — meine Commiſſionen zu bezahlen, es fur kuͤrzer und he hielt, mich zum Bedienten anzunehmen. Vor der Ankunft des Grafen Robert von Mareuil wuͤrde ich dieſes Anerbieten zuruͤckgewieſen, und im Erwar⸗ ten der ſchönen Jahreszeit, in der ich Arbeit als Zimmer⸗ mann zu finden hoffte, mir eine andre Straße gewählt haben, um nicht verſucht zu ſein, mich von Neuem und ohne Lohn mit den Aufträgen Balthaſars zu beläſtigen, denn trotz der tollen Aufregung war ſein Herz ſo gut, ſein Character ſo edel, daß ich ihn recht ſehr liebte, aber Ro⸗ berts von Mareuil Gegenwart und ein unbeſtimmtes Ge⸗ fuͤhl von Furcht in Bezug auf Regina, veranlaßten mich wenigſtens augenblicklich dieſen Vorſchlag anzunehmen So ſchwach auch das Band war, das mich an Regina's Daſein knuͤpfen ſollte, ſo ergriff ich es doch in der Hoff⸗ nung, ihr vielleicht, ohne daß ſie es wußte, einen Dienſt erzeigen, und dieſe Aufgabe ungekannter und ungelohnter Hingebung fortſetzen zu koͤnnen, die mit der Pflege des Grabes ihrer Mutter angefangen hatte. Balthaſar glaubte ohnſtreitig, ich uͤberlegte ſeinen Vor⸗ ſchlag, denn er ſagte zu mir: „Uebereile Dich nicht mir zu antworten, Martin .. haſt Du aber einmal Deinen Entſchluß gefaßt, ſo müß er unveraͤnderlich ſein.“ Aus Furcht, Verdacht zu erwecken, wenn ich zu ſchnell einwilligte, antwortete ich zoögernd: „Aber, mein Herr, ich weiß nicht, ob ichs können werde. es ſind ſo viele Dinge noͤthig fuͤr einen guten Bedienten.“ „Du beſitzeſt alle erforderlichen Eigenſchaften; Du biſt vor allen Dingen einfach und treuherzig. Ja, Du gehorſt zu denen, welchen das Himmelreich verheißen iſt, und die eines Tages ein paar ſchöne weiße Flugel haben werden, die ihnen die Ewigkeit lang die Nieren ſtreicheln. Der Teufel behuͤte mich vor Frontins, Scapins und Figaro's! Du weißt nicht, was ich mit dieſen Namen ſagen will? Du ſiehſt mich mit dummer Miene an, mein braver Martin. Um ſo beſſer ſo liebe ich es. Du haſt einen einzigen Fehler. daß Du leſen kannſt . aber wenigſtens kannſt Du nicht ſchreiben.“ „Verzeihen Sie, mein Herr, ein wenig doch.“ „Um ſo ſchlimmer... aber vollkommen kann man ein⸗ mal nicht ſein. Uebrigens kannſt Du mit Ausdauer und Fleiß dahin gelangen, alles Das beſtens zu vergeſſen. Nun denn? Willſt Du unſer Bedienter werden?“ „Wenn Sie glauben, daß ich Ihnen anſtehen kann, mein Herr. . alle Wetter ... ich wills wohl verſuchen.“ „Du biſt der unſte! ich gebe Dir 45 Francs rück⸗ ſtändigen Trinkgeldes.. ſie werden mit dem Uebrigen „₰ capitaliſirt.“ „Schoͤnen Dank, mein Herr.“ „Haſt keine Urſache. ... Wohlan denn! Biſt Du fer⸗ tig mit Deinem Briefe, Robert?“ ſagte Balthaſar zu ſei⸗ nem Freunde. — 125 — Und da dieſer eben ſeinen Brief mit großer Aufmerk⸗ ſamkeit wieder durchlas, und mit der Antwort nicht A rief Balthaſar ihm von Neuem zu: „Robert . an was denkſt Du denn?“ „Ich durchlas was ich geſchrieben hatte,“ antwortete der junge Mann, und brach ſeinen Brief zuſammen. WMan brauchte Siegellack oder wenigſtens Oblate. Neue Verlegenheit. Es war nichts da. „Wie?“ ſagte Robert, „nichts um einen Brief zu ſie⸗ geln? Wie machſt Du es denn?“ „Ich ſiegle ſie nie zu,“ antwortete Balthaſar mit an⸗ tiker Einfalt, „ich fodre Jeden auf ſie zu leſen... ich machs noch beſſer . ich erlaube es.“ „Ei zum Henker, das will ich glauben .. ſolche Hie⸗ roglyphen!. .. man muß den Schluͤſſel zu Deiner Schrift haben.. und doch ſehe ich mich noch oft genug zum Rathen genöthigt.. zum Improviſiren. Aber ich, der ich ungluͤck⸗ licherweiſe nicht wie Du eine Handſchrift habe, die vor allen Indiscretionen ſicher... ich muß durchaus darauf beſtehen, dieſen Brief zuſiegeln zu koͤnnen.“ „Ha! jetzt weiß ichs!“ rief auf einmal Balthaſar. Und damit holte er von einer Commode eine unge⸗ heuere Rolle des Papiers, deſſen ſich die Architekten bedie⸗ nen, um ihre Riſſe darauf zu zeichnen. Es enthielt dieſe Rolle auch in der That mehre Riſſe. „Was zum Teufel bringſt Du denn da?“ fragte Ro⸗ bert erſtaunt. — 126 — „Es iſt der Riß zu dem Palais, das ich mir bauen laſſe,“ antwortete ganz beſcheiden Balthaſar. „Du laͤſſeſt Dir einen ein Palais bauen?“ „Uebermorgen faͤngt man an.. und Du, Robert, Du ſollſt den Grundſtein dazu legen,“ entgegnete Baltha⸗ ſar, und druckte herzlich die Hand ſeines Freundes. Dann wendete ſich der Dichter zu mir und ſetzte ernſt hinzu: „Du mußt morgen jedenfalls fuͤr eine ſilberne Kelle und ein Fäßchen von Ebenholz ſorgen, die zu dieſer Feier⸗ lichkeit nothwendig. Vergiß es nicht, Martin.“ „Nein, mein Herr,“ antwortete ich, dieſes Mal wirk⸗ lich mit Staunen, denn ich glaubte an das Palais. Robert von Mareuil jedoch, der ohnſtreitig beſſer als ich die Spruͤnge und Ausſchweifungen der Phantaſie ſei⸗ nes Freundes kannte, ſagte mit dem groͤßten kalten Blute zu ihm: „Gut!. ich will uͤbermorgen den erſten Stein zu Deinem Palais legen . . aber .. „Vorſtadt Saint⸗Antoine!“ rief der Dichter mit Exal⸗ tation, „ich will die Volksmenge nach dieſer Seite hin⸗ locken... das ehemalige Herren⸗Viertel von Paris. Ich werde Nachahmer haben. ... Wir wollen eine Hauptſtadt in der Hauptſtadt gruͤnden ... die Hauptſtadt iſt das Landz das Land. . das iſt Frankreich;... Frankreich iſt das Haupt Europa's. .. . Ich werde das neue Viertel Europäiſches Viertel taufen!!“ — 127 — „Meinetwegen,“ ſagte Robert, der ohnſtreitig eine neue Wendung der ausſchweifenden Gedankenfolge des Dich⸗ ters fuͤrchtete; „baue Dein Palais in die Vorſtadt Saint⸗ Antoine. .. aber ich rufe Dirs zuruͤck, daß es ſich jetzt darum handelt, meinen Brief zu ſiegeln.“ „Ganz recht,“ ſagte Balthaſar, die Achſel zuckend, und entrollte den ungeheuern Bogen Papier, auf welchem ſich in der That der Riß zu einem herrlichen, mit Gaͤrten um⸗ gebenen Palais befand. Anſicht, Durchſchnitte, Profile, nichts fehlte. Hie und da waren auch kleine Papierſtreifen angefuͤgt und ſorgfaͤltig daran befeſtigt. „Siehſt Du dieſe Papierſtreifen?“ ſagte Balthaſar ſcnem Freunde. „Balthaſar! es iſt ja die Rede vom Briefzuſiegeln! Ich begreife nicht...“ „Dieſe Streifchen ſind Abaͤnderungen, Zuſätze, die ich jeden Tag zu dem urſpruͤnglichen Plane meines Palais ge⸗ macht habe. Man ſchreibt, man verbeſſert ein Monument wie ein Gedicht. Ein Palais, das iſt ein Gedicht von Marmor und Erz, weiter nichts.“ „Balthaſar! ich muß einen Brief zuſiegeln,“ wiederholte ungeſtört der Graf. „Ich weiß es ja... deßwegen ſpreche ich von dieſen Papierſtreifen. Ich klebe ſie an... mit was? . Mit Mundleim, den Du hier ſiehſt!... Nun ſage noch, daß ich nicht gerade auf die Sache losgehe. Später ſchwatzen wir vom Palais. Du wirſt mir Deine Anſicht mittheilen. — — Ich habe noch die Ausſchmuckung der Gärten zu beſtellen; 50 bis 60 Gruppen und Statuen vom ſchonſten Penteli⸗ ſchen Marmor. Ich bin noch ſehr unentſchloſſen. Pra⸗ dier iſt allerliebſt, voll Eleganz und Anmuth. .. aber Da⸗ vids Meiſel iſt gewaltig... breit und ernſt. . .. Wir haben auch noch Duſeigneur! Antoine Moyer, Barrye ſind voll Originalität! Da mag der Teufel wählen! .. Geht mirs doch mit den Gemälden eben ſo. . . . Delacroix, Paul Delaroche und Amery Duval haben einige uͤbernommen. .. . Ich möchte gerne Ingres haben, aber der Herzog von Luynes hat mir ihn fuͤr ſein Schloß Chevreuſe wegefiſcht. Es iſt zum Raſendwerden.... Ach, Robert! Robert!“ ſetzte ſchwermuͤthig der Dichter hinzu, „wie begreife ich nun jetzt alle Noth und Sorge, alle Plage der Mediceer.“ Robert von Mareuil hatte ſich, als er einmal im Be⸗ ſitz des koſtbaren Stuͤckchen Mundleim war, damit beſchäf⸗ tigt, ſo gut es gehen wollte, ſeinen Brief zu ſiegeln, und ſchien daher wenig Antheil an den Klagen des Dichters hin⸗ ſichtlich der Ausſchmuͤckung ſeines Palais zu nehmen. Was mich betraf, ſo war ich vollkommen uͤberzeugt. Der An⸗ blick des Riſſes mit ſeinen angeklebten Papierſtreifen und vorzuglich die Beſtellung einer ſilbernen Kelle und eines ebenholznen Troges fuͤr die Grundlegung des erſten Steines am Baue des Palais, machten einen unwiderſtehlichen Ein⸗ druck auf mich. Ich fing an, Balthaſar fuͤr einen von jenen Millionairs zu halten, die bei einem bizarren Cha⸗ racter ein Vergnuͤgen daran finden, ihre Schaͤtze unter anſcheinender Armuth zu verbergen; auch ſchien mir nun das Trinkgeld von 25 Louisdor, das mir verſprochen wor⸗ den war, nicht mehr allzu fabelhaft. Aber nicht lange, ſo beſchäͤftigten mich viel ernſtere Gedanken, denn Robert von Mareuil uͤbergab mir den eben von ihm geſchriebenen Brief und ſagte: „Weißt Du, mein Burſche, wo die Straße der Vor⸗ ſtadt du Roule iſt?“ „Ja, mein Hert, ſo ohngefähr. Ich bin erſt ſeit Kurzem in Paris.. aber ich werde fragen. . und ſie ſchon finden. ganz gewiß.“ „Du gehſt in Nummer 119.“ „Gut, mein Herr.“ „Dort fragſt Du nach dem Baron von Noirlieu. Uebrigens kannſt Du ja leſen, und der Name ſteht auf der Adreſſe.“ „Schoͤn, mein Herr.“ „Und meine Idee?“ rief Balthaſar, ſeinen Freund unterbrechend. „Welche Idee?“ „Zu erfahren, ob der Baron wirklich in der Lage Hamlets oder Opheliens iſt, da er in der des Georges Dandin geweſen?“ „Ach ja,“ ſagte Robert. „Aber wie ſich deſſen verge⸗ wiſſern?“ Der Dichter zuckte die Achſeln und ſagte zu mir: „Wenn Du einmal im Hotel des Barons v. Noirlieu Martin. VI. 9 — 130 — biſt, ſo ſagſt Du dem Portier, daß Du dem Herrn einen Brief inhändigen haſt.“ „Ja, mein Herr.“ „Aber dem Baron ſelbſt.. und giebſt ihn nun an ihn ab. verſtehſt Du?“ „Ja, ja, mein Herr, ich gebe mir alle Muͤhe.“ Hier wendete ſich Balthaſar zu ſeinem Freunde, und fagte mit triumphirender Miene, indem er auf mich zeigte: „Wenn ich Dir ſagte, daß dieſer hier nie ein Frontin ſein werde?“ „Wie!“ entgegnete Robert von Mareuil ungeduldig, „Du begreifſt nicht, daß man von Dir verlangt, dieſen Brief nur dem Baron ſelbſt zu uͤbergeben?“ „Ah ſo, mein Herr!. jetzt faſſe ichs. Ich gebe ihn Niemand Anderm als dem Herrn Baron.“ „Endlich!“ ſagte Balthaſer. „Jetzt noch etwas. Haſt Du Gedaͤchtniß?“ „Was beliebt, mein Herr?“ „Schatz von Unſchuld! Wenn Du etwas gehoͤrt oder geſehen haſt, erinnerſt Du Dich deſſen nachher?“ „Ach nein, mein Herr, ein oder zwei Tage nachher erinnere ich mich an gar nichts mehr.“ „Nun denn! indem Du dem Baron den Brief uber⸗ giebſt. ſieh ihn Dir genau al, beobachte ſein Geſicht, bemerke wohl, was er thun wird, hoͤre wohl auf das, was er Dir ſagt, wenn er den Brief lieſ't. gieb Dir vor allen Dingen Muͤhe, Dich an alles Das wieder zu erinnern, und — 131 — laufe dann geſchwind hierher, um es uns wieder zu ſagen. In ſo kurzer Zeit wirſt Du es doch nicht wieder vergeſ⸗ ſen haben?“ i „Ach nein, mein Herr, gleich auf der Stelle gehts. Aber morgen zum Beiſpiel, wuͤßte ich kein Sterbenswört⸗ chen mehr.“ „Wenn ich Dir ſagte, daß ich in dieſem Burſchen den Antin Scapin entdeckt habe!“ rieſ Balthaſar. „Wenn man Dich fragt, woher der Brief kommt,“ ſette der Freund des Dichters hinzu, „ſo ſagſt Du, vom Herrn Grafen Robert von Mareuil, der eben angelangt..“ Robert von Mareuil zauderte hier einen Augenblick, und ſetzte dann hinzu: „Aus der Bretagne.“ „Aus der Bretagne, verſtehſt Du wohl?“ ſagte Bal⸗ chaſar, und es war mir als müſſe er das Lachen gewaltſam unterdruͤcken, .. „aus der Bretagne!“ wiederholte er dann nochmals. „Ja, mein Herr.“ „Und jetzt geh, eilig!“ ſagte Robert zu mir. Dann ſetzte er hinzu: „Doch ich vergaß: jwenn man es Dir durchaus ab⸗ ſchluͤge mit dem Baron zu ſprechen. ſo bringſt Du den Brief zuruck und ſagſt dem Diener, daß Du morgen gegen 9 Uhr wiederkommen wuͤrdeſt.“ „Ja, mein Herr.“ „Und bei derſelben Gelegenheit,“ ſetzte Robert nach 9* — 132 — einem kurzen Schweigen hinzu, „wirſt Du bemerken, ob un⸗ ter der Dienerſchaft, die Dich empfaͤngt, ſich ein Mulatte befindet.“ „Mulatte, mein Herr? was iſt das?“ „Ein Mann, deſſen Farbe wie Pfefferkuchen, oder deß etwas ausſieht,“ ſagte Balthaſar. „Aha, mein Herr, ich verſtehe.“ „Und wenn man zufaͤllig,“ fuhr Graf Robert mit einer gewiſſen Verlegenheit fort, „Dich zum Baron fuͤhrte und Du bei ihm eine junge Dame ſaͤhſt . . . groß, ſehr hubſch. mit drei kleinen ſchwarzen Zeichen im Geſicht .. Du ſiehſt, daß ſie leicht zu erkennen ſein wird. . „Ja, mein Herr.“ „Nun denn! ſo ſieh, ob dies junge Madchen ſehr bleich ausſieht.. ob ſie ſehr traurig zu ſein ſcheint.“ „Das iſt nicht eben ſchwer,“ ſetzte der Dichter hinzu. „Ganz gewiß, mein Herr, Jemand der blaß iſt und traurig ausſieht.. das ſieht man ja gleich.“ „Nun, mein braver Martin,“ ſagte Balthaſar, „ſo ſpanne denn Deine Flugel aus. und ſchwebe die Treppe hinab.“ Ich ging nach der Thuͤr, aber als ich hinaus wollte, beſann ich mich wieder, und wendete mich treuherzig an Balthaſar: „Mein Herr, an wen ſoll ich mich denn wegen der ſilbernen Kelle wenden?“ 5 — „Wie?“ entgegnete der Dichter, 66 machte große Augen. „Nun ja doch, wegen der ſibernen Kelle, die ich kau⸗ fen ſoll?“ . „Du ſollſt eine ſilberne Kelle kaufen?“ antwortete der Dichter, mich groß anſehend. „Und einen Trog von Ebenholz.“ „Einen Trog von Ebenholz?“ Der Dichter begriff es nicht. „Verſteht ſich,“ ſo nun Robert mit ubrchich Gelaͤchter, „zur Legung .. . „Was fuͤr Legung?“ eh. der immer mehr ſtaunende Dichter, ſich an ſeinen Freund wendend. „Zur Legung des Grundſteins.“ „Des Grundſteins?“ „Von Deinem Palais ... Hohlkopf!“ „Von meinem Palais?“ „Von Deiner Hauptſtadt .. in der Hauptſtadt .. Deinem Viertel vom neuen Europa... Woran denkſt Du denn nur zum Henker, Balthaſar?“ „Ach, alle Wetter!. . . Warum konnte ſt Du mir denn das nicht gleich ſagen?“ rief der Dichter aus. „Da einzelt iht mir alle Beide die Worte zu, wie an einem Roſen⸗ kranze. .. Freilich muß mir Martin eine ſilberne Kelle und den kaufen, wie ſichs geziemt.“ „Aber wo bekommt man das, lieber Herr?“ fragte ich den S „Und dann habe ich auch ke in Geld.“ — 134 — „Einen Augenblick Geduld!“ rief Balthaſar, als ſ ihm ein plotzlicher Gedanke ein. „Was fur einen Tag haben wir uͤbermorgen?“ „Wir haben heut Dienſtag,“ antwortete ich treuherzig, „alſo iſt uͤbermorgen Donnerſtag.“ „Donnerſtag!! der Tag vor Freitag!“ rief der Dichter mit einem Ausbruch von Schrecken und Unwillen, „den Grundſtein meines Palais am Tage vor einem Freitag le⸗ gen laſſen. das iſt ja abſichtlich, als ſolle es mir uͤber dem Kopfe zuſammen ſtuͤrzen... Fatalität!. .. welche Vorbe⸗ deutung!. welches traurige Omen!“ Dann ſetzte er traurig und geruͤhrt hinzu: „Nein, Martin, kaufe weder Kelle noch Trog, mein Junge, wenn Du nicht willſt, daß Dein armer Herr eines Tages unter den Truͤmmern ſeines Palais begraben werde.“ „O, mein Herr!“ „Ich war Deines guten Herzens gewiß. ... Beſorge alſo Deine Commiſſion, und komm geſchwind wieder.“ „Ich gehe ſogleich, mein Herr,“ ſagte ich, und eilke wieder nach der Thuͤr. In dem Augenblicke, wo ich ſie ſchloß, horte ich die Stimme des Dichters wiederholen: „Am Tage vor einem Freitage! ... Niemals! Ich bin bei ſolchen Dingen eben ſo Sgntiß wie Na⸗ poleon!!“ „ — 135 — Ich ging nach der Vorſtadt du Roule mit fieberhafter, verzehrender Ungeduld. Die Adreſſe des Baron von Noirlieu war auch die, welche ich auf dem Pergamente mit einer Koͤnigskrone und ſymboliſchen Figuren geſehen hatte. ein Pergament, das ich in dem Portefeuille gefunden, worin ſich die Briefe von Regina's Mutter befanden. 3 16 — Behntes Rapitel. Regina. In kurzer Zeit kam ich an das Ende der Vorſtadt du Roule, wo ſich das Haus von Regina's Vater befand. Ich ſah anfangs nur außerhalb eine lange Mauer, in deren Mitte ſich ein großes Thor zeigte, an dem nicht weit davon ein Wagen mit zwei koſtbaren Pferden hielt. Als ich mich ihm näherte, glaubte ich dieſelbe braune und blaue Livree mit ſilbernen Litzen zu bemerken, welche die Dienerſchaft des Vicomte Duriveau bei der Stene n Walde von Chantilly trug. Ueber dieſes Zuſammentreffen ſtaunend, und begierig, meine Zweifel aufzuhellen, wendete ich mich an den Kut⸗ ſcher und ſagte zu ihm, indem ich that, als ſei ich von dem Glanze ſeiner Equipage gblendet: „Gehoͤren nicht dieſer herrliche Wagen, dieſe vortreff⸗ lichen Pferde dem Herrn Grafen Duriveau?“ „Ja,“ antwortete mir veraͤchtlich der Aufſeher. — — — — Mein Intereſſe, meine Neugier wuchs immer mehr. Elaude Gerard hatte mir mit ſolchem Widerwillen vom Grafen Duriveau erzählt, er hatte mir ihn mit ſolchen ſchwarzen Farben gemalt, daß meine Unruhe ſich vermehrte, wenn ich an die Urſachen dachte, welche den Grafen zu Re⸗ gina's Vater fuͤhren konnten, denn es fiel mir dabei ein, daß der Unbekannte in der Schaͤnke zu den 3 Tonnen von einem Manne reifern Alters geſprochen hatte, der auch ſein Nebenbuhler bei Regina waͤre. Unter dem Einfluſſe dieſer verdoppelten Theilnahme und Neugier klopfte ich an das große Thor. Man öͤffnete mir es. Da ich kein Behaͤltniß fuͤr den Portier ſah, ſo ging ich zu einem großen viereckigen Pavillon, der zwiſchen Hof und Garten lag. Alſobald erſchien auf den erſten Stufen zu einem breiten Perron der Mulatte, der Regina gewoͤhnlich bei ihren Reiſen zu dem Grabe ihrer Mutter alljaͤhrlich begleitete. Dieſer Mulatte war ſchwarz gekleidet. Er hatte ein hartes, finſtres Anſehen. „Was wollen Sie?“ fragte er mich barſch, indem er mir den Weg verſperrte. „Ich wollte mit dem Herrn Baron von Noirlien ſprechen.“ Der Mulatte ſah mich vom Kopf bis zu den Fuͤßen ſo an, als ſtaune er uͤber meine kecke Forderung und ant⸗ wortete mir, indem er mir den Ruͤcken wendete: „Der Herr Baron nimmt Niemand an.“ „Aber ich habe ihm einen Brief zu uͤbergeben.“ — — „Einen Brief?“ entgegnete er, ſich umdrehend; „das iſt etwas Anderes.. . Wo iſt er?“ „Ich habe Befehl, mein Herr, ihn nur dem Herrn Baron ſelbſt zu uͤbergeben.“ „Ich habe Ihnen ſchon geſagt, daß der Herr Baron Niemand annimmt. .. . Geben Sie mir den Brief.“ „Unmöglich, mein Herr. . . . Er iſt von großer Wich⸗ tigkeit und ich darf ihn nur dem Herrn Baron ſelbſt ein⸗ haͤndigen.“ „Wenn Sie ihn mir nicht geben wollen, ſo geben Sie ihn auf die Poſt,“ antwortete der Mulatte mit verdruͤß⸗ lichem Tone. „Das kann ich nicht, mein Herr. Ich muß ſogleich Antwort darauf haben. Kann ich heute den Herrn Baron nicht ſprechen, ſo ſagen Sie mir, zu welcher Stunde ich morgen wiederkommen kann.“ „Hat man je einen ſolchen Dickkopf geſehen?“ rief erzuͤrnt der Mulatte. „Ich wiederhole es Ihnen, daß Sie den Herrn Baron nicht ſprechen können, weder heute noch morgen, noch nachher. Iſt das deutlich? Zum letzten Male, Ihren Brief her, oder gehen Sie.“ „Der Herr Graf Robert von Mareuil, der mich her⸗ ſendet,“ entgegnete ich, die Zuge des Mulatten genau beob⸗ achtend, „hat mir befohlen, daß .. Der Mulatte ließ mich nicht enden. Beim Namen Robert von Mareuil zuſammenbebend, rief er aus: „Herr von Mareuil iſt in Paris!“ — 139 — Ich wollte eben antworten, als das Gerauſch mehrer Thuͤren, die ſich ſchloſſen, und Schritte, die hinter ihnen ſchollen, den Mulatten veranlaßten, ſchnell zuruͤckzugehn, „„in demſelben Augenblicke ſah ich aus dem Veſtibuͤl des Hauſes einen noch jungen Mann in eleganter Kleidung und Haltung und ſehr charakteriſtiſchem Geſichte kommen, deſſen Ausdruck mir jedoch hochmuͤthig und hart vorkam. „Befehlen der Herr Graf, daß ich Ihren Wagen in den Hof fahren laſſe?“ fragte der Mulatte. Kein Zweifel mehr; es war der Graf Duriveau. „Nein, es iſt nicht nöthig, Melchior,“ antwortete freundlich der Graf. Dann ſetzte er, indem er weiter ging und den Perron hinabſtieg, hinzu: „Hoͤre! ich habe mit Dir zu ſprechen.“ Darauf ſchritt er langſam nach dem Thore zu, indem er zu dem Mulatten, der ihn begleitete, leiſe und mit einer gewiſſen Lebhaftigkeit ſprach. Den Augenblick der Freiheit, den mir der Zufall ſchenkte, benutzend, warf ich rings umher fluchtige, neu⸗ gierige und unruhige Blicke. Ohnſtreitig wohnte Regina in dieſem Hauſe. Ich verſuchte, in das Veſtibuͤl hineinzu⸗ ſchauen, aus dem Graf Duriveau gekommen war, aber 6 konnte nichts erkennen. Plötzlich erhob ſich im Innern des Parterre des Hau⸗ ſes, deſſen Fenſter mit dem Perron gleich waren, ein Lärmen von Stimmen und ward nach und nach lauter, als ob zwei Perſonen mit einander heftig ſtritten. Faſt in demſelben Augenblicke wurde eines jener Fenſter einige Schritte von mir ſchnell geoffnet und ich erblickte an ihm Regina mit entflammten Wangen, thraͤnenglänzenden Augen und Zuͤgen, die zugleich ſtolz und doch auch ſchmerz⸗ lich bewegt waren. „Nein, nein,“ rief ſie mit bebender Stimme; „nie! nie!!“ Dann ſtuͤrzte ſich das junge Madchen, indem es die Hand an die Stirn legte und ſeine Erregung zu beſchwich⸗ tigen ſuchte, einen Augenblick auf den Fenſtervorſprung, als wolle ſie zugleich einer Unterhaltung, die ihren Unwillen erregte, ein Ende machen und ihre brennende Stirn einen Augenblick durch die Beruͤhrung mit der äußern Luft erfti⸗ ſchen. Der Mulatte und Graf Duriveau hatten, da ſie fort⸗ fuhren, ſich unter der Thorwolbung zu unterhalten, das Gerauſch des ſich oͤffnenden Fenſters weder gehoͤrt, noch Regina geſehen. Nie war mir dieſe noch ſo gebieteriſch und ſchoͤn erſchie⸗ Ihre langen ſchwarzen, in zwei dichten Straͤhnen ge⸗ fochtenen Haare ſchloſſen ihr keuſches, reines und ſtolzes Geſicht ein, das dem der antiken Diana glich. Ein ſchwar⸗ zes ſehr einfaches Gewand, ihren edlen und ſchlanken Wuchs bezeichnend, vollendete das ernſte Ganze der Geſtalt dieſes jungen Maͤdchens. Ich betrachtete ſie mit einer Art furchtſamer, ehrerbie⸗ — 141 — tiger Bewunderung, und unwillkurlich fullten ſich meine Augen mit Thraͤnen, wenn ich zu mir ſelbſt ſagte: „Armer Ungluͤcklicher! verbirg dieſe Liebe, die Dein Leben, Deine Kraft, Deine Ausdauer im Guten, Dein Haß gegen das Boͤſe iſt; verbirg ſie, dieſe Liebe, in Dein tiefſtes Herz, daß dieſe einzige Gottheit Deiner Seele nimmer erfahre, daß Du zu ihr beteſt, daß Du ſie an⸗ rufſt, daß Du zu ihr flehſt, daß Du Dich aufopferſt fuͤr ſie ſo viel als ihr die ungekannte Hingebung eines dunkeln und elenden Geſchoͤpfes wie Du biſt, nutzlich ſein kann.“ Regina hatte mich unter der Gewalt einer heftigen Aufregung ohnſtreitig ſtehend, nicht bemerkt, denn ſie ſah gerade aus und ich erblickte ſie nur im Profil, in der Oeff⸗ nung der Thuͤre halb verborgen. Als aber das junge Maͤdchen zufällig die Augen nach meiner Seite hin wen⸗ dete, zog es ſich haſtig zuruͤck, und auch das Fenſter wurde wieder geſchloſſen. Dieſe Bewegung geſchah ſo ſchnell, daß mich Regin unmoöglich auch nur angeſehen haben konnte. Sie hatte blos im Allgemeinen Jemand dort bemerkt und ſich dann gleich zuruͤckgezogen. Alles dieſes ging in ſo kurzer Zeit vor, daß, als re Mulatte, nachdem er den Grafen Pusi ehrfurchtsvoll begruͤßt, in Folge ſeiner Unterredung mit ihm den Wagen⸗ ſchlag geoͤffnet hatte, Regina verſchwunden und das ſter geſchloſſen war. — 142 — Der Graf Duriveau wollte einſteigen und hatte ſchon den Fuß auf dem Tritte, als er ſich zu dem Mulatten, der zu mir zuruͤck ging und ohnſtreitig verdruͤßlich war, daß er mich ſo allein ſtehen laſſen, umwandte, und ihm mit ſo lauter Stimme, daß ich es verſtehen konnte, zurief: „Melchior! ich vergaß Dich zu bitten, daß Du den Baron daran erinnerſt, ich wuͤrde morgen um 2 Uhr wiederkommen, um ihn und Regina in den Louvre abzu⸗ holen.“ „Werde nicht verfehlen; der Herr Graf können ſich darauf verlaſſen,“ ſagte Melchior, ſich zu dem Letztern um⸗ drehend. Als dieſer fortgefahren war, kam der Mulatte eiligſt zu mir. „Warum ſind Sie an dieſer Thuͤr ſtehen geblieben?“ ſagte er mißtrauiſch zu mir. „Ei, mein Herr, ich wartete hier Sie, da ich wußte, wo ich hingehen ſollte.“ „Sie mußten in den Hof herabſteigen und nicht auf dieſem Perron bleiben.“ Dann ſetzte er nach einem augenblicklichen hinzu: „Haben Sie mir nicht geſagt, daß Sie einen Brief an den Herrn Baron, von Robert von Mareuil brächten?“ „Allerdings, mein Herr.“ „Iſt Hert Robert von Moteuil lange in Paris?“ — — fragte mich Melchior mit einem auf mich gerichteten durch⸗ dringenden Blicke. „Er iſt dieſen Morgen angekommen.“ „Wo wohnt er?“ „Straße Provence, Hotel de l'Europe. „Sind Sie in ſeinen Dienſten?“ „Nein, mein Herr, ich bin Commiſſionair.“ Melchior dachte einen Augenblick nach, dann ſagte er: „Und dieſer Brief? „Iſt hier, mein Herr . . . aber ich habe Befehl, ihn nur in die Haͤnde des Herrn Barons abzuliefern.“ „Kommen Sie mit,“ antwortete Melchior und ging vor mir voraus. Ich folgte ihm. Er ging durch das Veſtibuͤl, dann wendete er ſich in einen Corridor, offnete die Thuͤr eines Vorſaales, gab mir ein Zeichen, dort zu bleiben und ging in ein anderes Zimmer. Der Saal, in welchem ich mich befand, war einfach meublirt und die Waͤnde verſchwanden faſt hinter großen Familiengemaͤlden, die ihrem Koſtuͤme nach, bis in die ent⸗ fernteſten Zeiten hinabſtiegen, denn auf dem ſchwarzen Hintergrunde eines dieſer Portraits, das einen Ritter mit Helm und Panzer vorſtellte, las ich in weißen Buchſtaben geſchrieben: Gaſton V. Herr von Noirlieu, 1220. Auf faſt allen dieſen Portraits befanden ſich die Wappen dieſes alten Hauſes angebracht, mit der oft wiederholten Deviſe: Stark und ſtolz. — 144 — Die Deviſe erinnerte mich an den kräftigen und erha⸗ benen Ausdruck, den ich eben an Regina, der wuͤrdigen Tochter dieſes Geſchlechts, bemerkt hatte. Nach einigen Augenblicken erſchien der Mulatte wie⸗ der und ſagte höhniſch zu mir: „Wie ich's Ihnen vorausgeſagt hatte, der Herr Baron kann Niemand weder heute noch morgen noch je ſprechen. Ueberlaſſen Sie mir alſo dieſen Brief oder geben Sie ihn auf die Poſt.“ Ich fuͤhlte die Nutzloſigkeit, weiter zu beharren und zog mich zuruͤck, ohne jedoch den Brief da zu laſſen. Der Mulatte begleitete mich bis an die Thuͤr und ſchloß ſie n⸗ ter mir. Dennoch hatte ich in einer vierteiſtunde ſehr viel er⸗ fahren, ob ich gleich nicht wußte, ob es meinen neuen Herrn, Robert von Mareuil, eben ſo intereſſiren werde als mich ſelbſt. Ich wußte naͤmlich nun zuvörderſt, daß der Graf Duriveau, ein ſtolzer, egoiſtiſcher und entarteter Mann (denn Claude Gerard durfte ich glauben), in ſehr vertrau⸗ ten Verhaͤltniſſen mit dem Baron und Regina zu leben ſchien, weil er ſie morgen ins Louvre begleiten ſollte, ein deutlicher Beweis, daß die Vernunft des Barons nicht ſehr zerruͤttet ſein konnte, weil er die Gemaͤlde⸗Ausſtellung zu beſuchen ſich vorgenommen. Dann ſchien Regina heute, und zwar gleich nach der Entfernung des Grafen Duriveau, einen ſehr heftigen — 145 — Streit mit dem Baron gehabt zu haben, ohnſtreitig einen ſehr ſchmerzlichen Streit, weil das junge Maͤdchen mit ver⸗ weinten Augen die Unterredung ſchnell beendigt und eine entſchloſſene Zuruͤckweiſung ausgeſprochen hatte. Endlich ſchien der Baron nicht fuͤr ſeinen jungen Couſin Robert von Mareuil eine ſehr große Zuneigung zu haben, nach der Kälte wenigſtens zu urtheilen, mit der er meine Sendung aufgenommen hatte. Verband ich mit die⸗ ſen Thatſachen die Erinnerung an den Unbekannten aus der Schanke der 3 Tonnen, ſo fuͤhlte ich eine unbeſtimmte An⸗ wandlung von Beſorgniß fur dieſes junge Madchen, denn viel⸗ leicht wurde ihre Hand von folgenden drei Perſonen begehrt: dem Grafen Duriveau, deſſen ſchlechten Charakter Claude Gerard mir geſchildert hatte, dem Unbekannten, der ſich in elende Kleider verbarg, um ſich in Branntwein in den Schaͤnken und Spelunken vor den Barrieren zu betrinken, und Robert von Mareuil, vor Kurzem verhaftet, dem An⸗ ſcheine nach arm, und mir, ich weiß nicht weßhalb, ein un⸗ willkuͤrliches Mißtrauen einflößend. Aber ach! wenn ich bedachte, daß die Abſichten eines dieſer drei Nebenbuhler doch mit einem fuͤr Regina unheil⸗ vollen Erfolge gekrönt werden koͤnnten, was fuͤr ein Mit⸗ tel blieb mir da uͤbrig, ſie gegen ſo reiche oder in der Welt ſo hochgeſtellte Maͤnner zu vertheidigen? ich, ſo elend und ungekannt, ich, der ich in der Hoffnung, mich an Fraͤulein von Noirlieu auch nur durch das ſchwaͤchſte Band zu kni⸗ Mertin. vI. 10 — 146 — pfen, ſo eben eine Bedientenſtelle bei dem Grafen Robert von Mareuil angenommen hatte. Bei ſolchen Betrachtungen druͤckte mich meine Entmu⸗ thigung manchmal gaͤnzlich nieder, und dennoch rief mir eine geheime Stimme zu, Regina nicht zu verlaſſen, und daß, ſo demuͤthig auch meine Hingebung an ſie ſei, ſie ihr doch vielleicht nicht nutzlos werden könnte, weil der Zufall mich wenigſtens die Menſchen hatte kennen lehren, deren Verfolgungen ſie zu befuͤrchten haben konnte, oder deren ge⸗ heime Laſter und feinſte Pläne ſie ohne Zweifel noch nicht wußte. Nach reiflicher Ueberlegung und während ich eiligſt nach Balthaſars Wohnung zuruͤcklief, ſchrieb ich mir ſelbſt folgende Handlungsweiſe vor: ich wollte vor Allem ſuchen zu erforſchen, welche Abſichten Robert von Mareuil auf Regina habe, aufrichtig, loyal und ohne ungerechtes Vor⸗ urtheil das Benehmen dieſes jungen Mannes ſtudiren, dann zu ergruͤnden ſuchen, was fur eine Abſicht der Graf Duriveau haben koͤnne, und alle Mittel, die mir der Zu⸗ fall oder die Verhältniſſe darbieten könnten, benutzen, um die Spuren des Unbekannten aus der Schänke zu den 3 Tonnen wieder aufzufinden. Um zu alle dem zu gelan⸗ gen, nahm ich mir vor, in meiner nächſten Unterredung mit Robert von Mareuil die verſchiedenen Erſcheinungen, deren Zeuge ich in der Wohnung des Baron von Noirlieu geweſen, zu verſchweigen oder ſelbſt, da nöthig, zu ent⸗ ſtellen. Dieſen Entſchluß faßte ich ohne Zögern, ohne Vor⸗ wurf. Robert von Mareuil hatte aus mir ein blindes Werkzeug zu ich weiß nicht welchen, Plänen machen wol⸗ len, indem er mir auftrug, Alles, was beim Baron in mei⸗ ner Gegenwart vorgehe, zu beobachten und ihm wieder zu hinterbringen. Dieſe Verlockung zu einer niedrigen Maß⸗ regel, die ich zuruckgewieſen haben wuͤrde, wäre nicht von Regina die Rede geweſen, gab mir ein Recht, ohne Beden⸗ ken gegen Robert von Mateuil zu handeln. Und dann waren ja auch meine Abſichten rein, recht⸗ lich, gerade, ohne die geringſte Eiferſucht, ohne den klein⸗ ſten Nebengedanken an perſönliches Intereſſe. Mehr als je entſagte ich der thörigten Hoffnung, nicht nur von Re⸗ gina bemerkt zu werden, ſondern ſelbſt auch nur von ihr gekannt zu ſein, ja, ich geſtehe es, ich fand eine Art ſchwermuͤthigen Reizes in dem Gedanken, ſtets unſichtbar und ungekannt dieſe Beweiſe von Ergebenheit, Ehr⸗ furcht und Anbetung fuͤr Fraͤulein von Noirlieu fortzu⸗ ſetzen, die ſich von der Beerdigung ihrer Mutter her⸗ ſchrieben. — Balthaſar ließ ſtets mit einem des goldnen Zeitalters wurdigen, und vielleicht auch durch Abweſenheit aller Ge⸗ genſtaͤnde, die einen Dieb hätten anreizen können, motivir⸗ ten Vertrauen, den Schluͤſſel an ſeiner Thuͤr. Ich trat alſo in das kleine Gemach vor dem Schlafzimmer des Dichters und horte dieſen mit bewundernden und üͤbertrie⸗ benen Worten, die ihm ſo gewoͤhnlich waren, ausrufen: 10* — 148 — „Sie ſoll prachtvoll .. . blendend .. niederſchmet⸗ ternd ſein ſchon im Voraus werde ich dieſes Geſchoͤpf anbeten, ich vergöttre ſie ſchon ihres Namens wegen .. dieſer Name iſt ein ganzes Gedicht!“ Ich trat in das Zimmer auf die Gefahr hin, den Monolog des Dichters zu unterbrechen, meine Gegenwart ſtillte aber ſeine Aufregung nicht. „Ja! ihr Name iſt ein Gedicht . ein ganzes Ge⸗ dicht!“ rief Balthaſar, mit großen Schritten umhergehend; „er iſt mehr als ein Gedicht, er iſt ein Charakter . . ein Gemaͤlde .. Duparc hat ihn geſehen bei den Fehtulin in einem Punkte ſeiner Rolle, wo er ſagte, es ſei ein ver⸗ borgner Diamant, der bald in ſeinem ganzen Glanze ſtrah⸗ len muͤſſe!“ „Nun? und der Baron? 2“ fragte mich ſchnell Robert von Mareuil, der bei ernſten Gedanken durch die tollen Ausrufungen ſeines Freundes ungeduldig geworden ſchien. „Ehe Du antworteſt,“ rief Balthaſar, „hoͤre mich an, ich rufe Dich zum Richter auf, Anti⸗Frontin, ich will eine Erfahrung mit Deinem ſo ehrwuͤrdig beſchraͤnkten Ver⸗ ſtande machen.“ „Genug der Narrenspoſſen! Laß ihn mir erſt Bericht uͤber ſeine Sendung abſtatten,“ ſagte eifrig Robert: „das iſt ſehr wichtig.“ „Ich uͤberlaſſe Dir Martin in einer Secunde, borge ihn mir einen Augenblick,“ ſagte Balthaſar und wendete — 149 — ſich dann an mich. „Laß hören, Martin; welchen Eindruck macht auf Dich der Name Basquine?“ Die Frage kam ſo unvorhergeſehen, meine Erregung war ſo groß, daß ich einen Schritt zuruͤcktrat und den Dichter mit Staunen anſah. „Siehſt Du,“ rief Balthaſar triumphirend, „wenn ich Dir ſage, daß es Namen giebt, die ſelbſt auf Naturen, die fuͤr alle moraliſche Electricitaͤt die unzugaͤnglichſten ſind, einen ſchlagenden Eindruck machen.“ Robert von Mareuil zuckte die Achſeln. Als meine erſte Beſtuͤrzung voruͤber war, fuhlte ich ganz, welche Gefahr fuͤr mich darin liege, meinem neuen Herrn das geringſte Mißtrauen einzuflößen. Ich weiß nicht, welche Eingebung mir zuflaͤſterte, daß ich bei dieſer Gelegenheit nichts Klugeres thun konnte, als ohngefaͤhr die Wahrheit zu ſagen. Ich erwiderte alſo: „Ach Du mein Gott . dieſer Name .. wenn Sie wuͤßten „Dieſer Name blendet Dich, nicht wahr?“ rief der Dichter. „Er flimmert vor Deinen Augen wie ein roſiges Gewand mit Silberſternen. . . Dieſer Name glaͤnzt, wir⸗ belt, wimmelt in Deinem Geiſte wie ein Schwarm von Goldblättern, he?“ „Ach nein, mein Herr, das iſt es nicht,“ entgegnete ich, „aber es hat mich tief ergriffen, als Sie mir dieſen Namen genannt haben.“ „Und warum?“ fragte Balthaſar, während der Graf vor ſteigender Ungeduld mit dem Fuße ſtampfte. „Als ich noch Kind war, mein Herr,“ antwortete ich dem Dichter, „kannte ich ein kleines Mädchen, dem man dieſen Namen beigelegt hatte. .. Sie ſang wie eine Nach⸗ tigall und tanzte wie eine Fee. Sie war blond und hatte ſchwarze Augen.“ „Ungluͤck!“ rief Balthaſar. „Dieſes Wunder von Kunſt, Ausdruck und Poeſie, das heut noch verborgen iſt, wird morgen vielleicht vor den Augen Aller wie eine Feuer⸗ kugel aufgehen. . .. Basquine iſt Seiltaͤnzerin geweſen! Robert, wir muͤſſen dieſen Abend in die Funambules gehen. .. Wir werden ſie den Cretins entdecken, die ſie noch nicht kennen, wir werden ihr einen Triumph zuer⸗ kennen .. eine Apotheoſe!!!“ Robert von Mareuil, aufs Aeußerſte durch die Ueber⸗ ſpanntheiten ſeines Freundes gebracht, ſagte mit traurigem, leidendem Tone zu ihm. „Balthaſar .. . Du vergiſſeſt zu ſehr, daß es ſich bei mir um eine .. mehr als ernſthafte Angelegenheit handelt.“ 5 „Verzeihung, lieber Freund, ich hatte Unrecht,“ ant⸗ wortete Balthaſar mit geruͤhrtem Tone: „Nenne mich einen Narren ... aber nur keinen Egoiſten. .. Dann wendete er ſich zu mir: „Haſt Du den Baron geſehen?“ „Nein, mein Herr.“ — 151 — „Das wußte ich im Voraus,“ rief Robert voll Ver⸗ druß. „Der Mulatte hat Dich angenommen?“ „Ja, mein Herr, ich habe dringend gebeten, der⸗Mu⸗ latte aber .. . Dann unterbrach ich mich und fuhr fort: „Sie haben mir anempfohlen, auf Alles genau Acht zu haben, was vorgehe .. . und mich wieder daran zu erin⸗ nern, wenn ich koͤnnte.“ „Allerdings! Nun, was iſt vorgegangen?“ „Sehen Sie, lieber Herr, es macht mich ganz ver⸗ wirrt, daß ich nicht gleich mit dem Anfange anfangen kann, um die Sachen ſo hintereinander . .“ „Nun, ſo fange doch nur mit dem Anfange an, lieber Junge,“ ſagte der Dichter; „es iſt freilich teufelmaͤßig Ro⸗ coco, aber Du haſt ſo einen klaſſiſchen Anſtrich .. Alſo! laß hoͤren! Eilftes Rapitel. Die Begegnungen. „Nun alſo, mein Herr ſagte ich zu Balthaſar, „ich bin Straße Faubourg du Roule angekommen, habe geklopft, man hat mir aufgemacht . ich bin eingetreten und der Mulatte iſt gekommen. Er hat mich gefragt, was ich wolle. Einen Brief dem Herrn Baron von Moir⸗ lieu zu eignen Haͤnden uͤbergeben. — Man kann den Herrn Baron nicht ſprechen, hat mir der Mulatte geantwortet. — In dieſem Augenblicke, wo ich neben dem Mulatten auf dem Perron ſtand, iſt ein noch junger und ſehr gut ange⸗ zogener Herr aus dem Hauſe gekommen und hat mit dem Mulatten geſprochen, der ihn Herr Du.. Du . (und dabei that ich, als naͤhme ich mein Gedächtniß zuſammen) i „Duriveau!“ rief Robert von Mareuil mit eben ſo viel Staunen als Unruhe, und ſetzte dann hinzu: „Der Graf Duriveau iſt groß . braun. hart aus⸗ ſehend. Richt wahr?“ „Ja, mein Herr, das iſt der Name des Herrn und ſein Ausſehn.“ Robert von Mareuil blickte den Dichter an und ſagte kopfſchuͤttelnd zu ihm: „Du kennſt den eiſernen Willen dieſes verteufelten Mannes; er iſt ungeheuer reich. Nichts waͤre gefaͤhrlicher fuͤr mich, als . Doch unterbrach er ſich abſichtlich ſogleich und begann dann wieder zu mir: „Fahre fort. Waͤhrend Du mit dem Mulatten ſprachſt, kam alſo der Graf Duriveau vom Baron?“ „Ja, mein Herr, und der Mulatte begleitete ihn bis ans Thor. Dann ſagte dieſer Herr dem Mulatten, er ſolle den Herrn Baron daran erinnern, daß er ihn morgen um 13 Uhr abholen werde, um mit ihm und Fräulein Regina in den Louvre zu gehen.“ „Regina!“ rief Robert. „Ja, mein Herr, den Namen hörte ich.“ „Aha! Morgen .. um 12 Uhr . . . in dem Louvre,“ ſagte Robert mit einer Art von Zuftiedenheit, aber nicht ohne Verdruß. „Sehr ſchoͤn! Es iſt gut, daß man das weiß. Der Baron iſt alſo nicht ſo menſchenſcheu, ſo ver⸗ ruͤckt, wie man ihn gern ausgeben möchte. Vortrefflich! Morgen wird man im Louvre ſein.“ Nun richtete Robert von Neuem das Wort an mich und ſagte: „Lieber Junge, Du biſt nicht mit Gold aufzuwiegen, — — trot Deines albernen Anſehens. Fahre nur fort. Nach⸗ dem der Graf fort war, bliebſt Du alſo mit dem Mu⸗ latten?“ „Ja, mein Herr.“ „Und was ſagte er Dir?“ „Da ich meinen Brief durchaus nur dem Herrn Ba⸗ ron uͤbergeben wollte, ſo ſagte der Mulatte, daß ſein Herr Niemand annehme. Endlich aber drang ich ſo in den Mu⸗ latten, daß er mich in einen Salon fuhrte, worin ſehr viele Portraits waren, und da ließ er mich warten.“ „Und endlich ſahſt Du den Baron?“ Oh nein, mein Herr. Nach einigen Augenblicken kam der Mulatte wieder und ſagte mir mit einer ganz komiſchen Miene: Wenn Sie den Brief nicht dalaſſen wollen, ſo mag der Herr Graf von Mareuil an den Herrn Baron mit der Poſt ſchreiben, da wird er ihm ſchon antworten. und nun fuͤhrte mich, ohne weiter etwas hören zu wollen, der Mulatte bis ans Thor zuruͤck.“ „Immer dieſelbe unguͤnſtige Stimmung und daſſelbe Mißtrauen!“ ſagte Robert, ſich an den Dichter wendend, der, dem Stillſchweigen treu, das er ſich auferlegt hatte, um ſeinen Freund nicht zu unterbrechen, den Kopf zum S der Zuſtimmung neigte. „Und das junge Mädchen haſt Du im Hauſe nicht er⸗ blicken können?“ fragte wieder Robert. „Nein, mein Herr.“ „Haſt auch außerdem nichts Beſonderes bemerkt?“ — 155 — „Nein, mein Herr . blos beim Fortgehen .. „Nun? beim Fortgehn?“ „Das heißt, als ich fortging .. . „Gut! nur ſchnell!“ „Ich war etwa ein paar Schritte vorm Thor, als eine prächtige Equipage vorfuhr. Nun weiß ich nicht, ob ichs recht gemacht habe, da Sie mir aber ſagten, ich ſolle auf Alles Acht haben, ſo habe ich beobachtet, wer heraus⸗ ſ „Du haſt es vollkommen recht gemacht,“ ſagte ſchnell Robert. „Und wer iſt denn aus dieſem Wagen geſtiegen?“ „Ein Herr mit einem ſehr ſanften und ſchönen An⸗ ſehn, viel juͤuger, als der Graf Duriveau, größer als dieſer, aber auch ſehr elegant gekleidet.“ Und um dieſes Mährchen zu vervollſtaͤndigen, malte ich, ſo viel es mir möglich war, den Unbekannten in der Schaͤnke zu den 3 Tonnen ab, in der Hoffnung, daß Ro⸗ bert von Mareuil ihn vielleicht kennen werde. Dadurch hätte ich von dieſem erfahren, wer der ſonderbare Menſch geweſen, welchen kennen zu lernen mich ſo ſehr intereſſirte. Meine Hoffnung ward getäuſcht. Trotz der genaue⸗ ſten Einzelnheiten, in welche ich über ihn einging, ſagte mir der Graf von Mareuil, nachdem er mit großer Auf⸗ merkſamkeit und ſichtlicher Angſt mir zugehoͤrt hatte, blos: „Den Mann kenne ich nicht. Haſt Du die Farbe ſeiner Livrée Dir gemerkt?“ — 156 — „Mein Herr?“ fragte ich und ſtellte mich, als ob ich ſeine Frage nicht verſtande. „Haſt Du bemerkt, welche Farbe die Kleider ſeiner Bedienten hatten?“ verſetzte jetzt Robert. „Ach nein . ich ſah nur den Herrn an.“ „Das iſt unangenehm! Dieſe Bemerkung hätte mir nuͤtzlich werden können,“ ſagte Robert nachdenkend. „Haſt Du nicht ſonſt noch Etwas bemerkt?“ „Nein, mein Herr.“ „Denke nach .. Oft ſind die geringſten Kleinigkeiten bedeutſam . fuͤr den, dem daran liegt, ſie zu wiſſen.“ „Nein, mein Herr ich entſinne mich auf nichts. Ich mag nachdenken wie ich will aber doch ja, ja, jetzt beſinne ich mich.“ Und ich nahm meine Zuflucht zu einem neuen Maähr⸗ chen, um die Eiferſucht Roberts noch mehr aufzuregen. Ich wollte ihn eben ſo hitzig, als mich ſelbſt machen, wer dieſer Unbekannte ſei, zu entdecken. „Sprich ſchnell!“ verſetzte der Graf. „Einer ſeiner Bedienten, der hinten auf dem Wa⸗ gen ſtand, ſagte zu dem vorn .. .“ „Zum Kutſcher?“ „Ja, mein Herr, er ſagte zum Kutſcher, als der junge Herr ausgeſtiegen war: Da können wir nun wieder wie ge⸗ wöhnlich, eine bis zwei Stunden warten.“ „Wie gewöhnlich eine oder zwei Stunden warten?“ — 157 — rief der Graf von Mareuil . . . „Das hat der Bediente ge⸗ ſagt? Aber das iſt ja ſehr wichtig.“ „So? Ja, das weiß ich nicht.“ „Aber Du Schafkopf, das beweiſot ja, daß dieſer junge Mann gewoͤhnlich in dieſes Haus kommt.“ „Das iſt moͤglich, mein Herr.“ „Du mußt durchaus binnen hier und 3 bis 4 Tagen wiſſen, wer der junge Mann iſt,“ ſagte Robert nach eini⸗ gen Augenblicken der Ueberlegung. Ich hatte meinen Zweck erreicht. ich hatte den Gra⸗ fen eben ſo begierig als mich gemacht, dieſes Geheimniß zu ergruͤnden, und er mußte mich ſo in meinen Nachforſchun⸗ gen unterſtuͤtzen. „Ja,“ begann er wieder, „Du mußt wer dieſer junge Mann iſt.“ „Ich, mein Herr? Aber wie ſoll ich denn das an⸗ fangen?“ Robert von Mareuil dachte einen Augenblick nach und ſagte dann zu mir: „Du ſtellſt Dich von morgen an, fruͤh von 10 oder 11 Uhr an, in die Gegend des Hauſes des Barons. Da beobachteſt Du alle Perſonen, die hineingehen, und bemerkſe, ob ſich unter ihnen nicht auch der gedachte junge Mann be⸗ findet. Kommt er in ſeinem Wagen, ſo iſt nichts leichter, als zu erfahren, wer er iſt.“ „Wie denn ſo?“ 5 „Indem Du ſeine Dienerſchaft nach dem Namen ih⸗ res Herrn fragſt.“ „Ja .. . aber ich werde mich das nicht unterſtehen .. und dann werden ſie mir es auch nicht ſagen.“ „Wollen ſie Dir es nicht ſagen, ſo wird es ein ſehr einfaches Mittel geben, ſie zum Reden zu bewegen,“ ver⸗ ſetzte Robert; „Du ſagteſt, jener Mann ſei jung, elegant und ſchoön?“ „Ja, ſehr ſchoͤn, ſehr ſchoͤn von Geſicht.“ Robert runzelte die Augenbrauen und ſetzte hinzu: „Nun denn! Du ſagſt ſeinen Leuten mit einer ge⸗ heimnißvollen Miene, daß Du von einer ſehr ſchönen Frau geſchickt biſt, die ihren Herrn geſehn hat, und genau ſeinen Namen und Wohnung wiſſen moͤchte. Ganz gewiß werden Dir ſeine Bedienten dies dann ſagen. Verſtehſt Du?“ „Aber, mein Herr, das iſt ja nicht wahr,“ antwortete ich Robert mit einfaͤltigem und verlegenem Weſen. „Da muͤßte ich ja luͤgen.“ „Brav, Anti⸗Frontin,“ rief Balthaſar, der nicht laͤn⸗ ger ſchweigen konnte, „Du erſchreckteſt mich ſoeben, Du wandteſt Dich einigermaßen zum Figaro hin, aber dieſer letzte Zug beruhigt mich wieder. Daher,“ rief der Dichter mit ſteigender Exaltation, „vermehre ich Deinen Gehalt zu 15,000 Livres Tournois wegen bieſer tugendhaften Ant⸗ wort. Nur daß Du mir dafuͤr noch Stiefelknecht, Zuͤnd⸗ hölzchen, Wichſe und Hemdenhaͤlschen zu liefern haſt.“ „Aber, mein Herr, wenn der junge Mann nun nicht — — zu Wagen kommt,“ ſagte ich zu Robert, „wie kann ich denn da mit ſeinen Leuten ſprechen?“ „Kommt er zu Fuß, ſo warteſt Du, bis er wieder fortgeht und gehſt ihm nach.“ „Ach ja, das iſt wahr,“ ſagte ich mit kluger und tri⸗ umphirender Miene, „und da man nur zu Hauſe ſchlaͤft .. werde ich wohl erfahren, wo er wohnt.“ „Man ſchläft nur zu Hauſe!“ rief Balthaſar voll Entzuͤcken. „Martin, um Deinen keuſchen Glauben zu belohnen, erhoͤhe ich Deinen Gehalt auf 60,000 Livres Tournois, aber Du lieferſt mir dafuͤr Ueberziehſchuhe, So⸗ cken, Hoſenheben, Sous, um den Pont des Arts zu paſſi⸗ ren und ſchenkſt mir 5 fruͤhzeitige Melonen.“ „Sie ſind ſehr guͤtig,“ ſagte ich dem Dichter und wen⸗ dete mich dann wieder an den Grafen. „Wenn ich aber auch weiß, wo er wohnt, ſo weiß ich doch noch immer ſei⸗ nen Namen nicht.“ „Du gehſt zum Portier, beſchreibſt ihm den Mann, der geſtern Abend ins Haus kam und fragſt ihn nach deſ⸗ ſen Namen ... Ich will Dir ſchon einen Vorwand dazu ausdenken.“ „Ach, mein Herr, wie maliziös Sie doch ſind “ rief ich voll Bewunderung aus. „Jetzt zu etwas Anderem,“ ſagte Robert von Mareuil zu mir, indem er mir einen, ohnſtreitig in meiner Abweſen⸗ heit geſchriebenen Brief einhaͤndigte. „Dies traͤgſt Du — 160 — Durchgang Bourg ['Abbé, zu einem gewiſſen Bonin, der Kinderſpielzeug verkauft.“ Bei dem Namen Bonin ſtiegen dunkle Erinnerun⸗ gen in meinem Gedächtniſſe auf. Es ſchien mir, als haͤtte ich dieſen Namen ſchon nennen hören, aber ich konnte mich nicht mehr beſinnen, bei welcher Gelegenheit, und welcher Perſon er angehoͤrte. ie „Mit dieſem Briefe wirds nicht gehen, wie mit dem an den Baron,“ ſagte Robert von Mareuil, „Du uͤbergiebſt ihm Herrn Bonin ſelbſt, er kommt nie aus ſeinem Ge⸗ wolbe . und wird Dir eine Antwort einhändigen.“ „Schon, mein Herr.“ „Jetzt geh, und komm bald wieder.“ „Und ſage, wenn Du wieder zuruͤckkommſt, dem klei⸗ nen Traiteur in der Straße Saint Nicolas, daß er Eſſen hinſchicken ſoll ... fuͤr zwei,“ ſagte Balthaſar gebieteriſch zu mir .. „denn wir ernaͤhren Dich, Martin, wir geben Dir Wohnung . wir kleiden Dich, wenn Deine noch vortreff⸗ lichen Kleider abgenutzt ſein werden .. Du ſchläfſt im Vorzimmer, das Buffet dient Dir als Commode, ich borge Dir meine Sibiriſche Baͤrenhaut; bis ich Dir ein bequeme⸗ res Bett werde eingerichtet haben, ſchlafſtſDu dort wie ein König.“ „Oh, ich bin leicht zu befriedigen,“ antwortete ich. „Im Nachhauſegehn werde ich aus meiner Wirthswohnung die wenigen Sachen abholen, die mein ſind, und mich uber⸗ all wohl befinden, wohin Sie mich ſtellen.“ —— — —— — „Nun ſo eile,“ ſagte Robert von Mareuil. „Du warteſt auf Herrn Bonin, wenn er noch nicht zugegen ſein ſollte.“ „Gut, mein Herr! .. .“ Und damit ging ich fort. Ich kam Durchgang Bourg l'Abbé, einem der duͤſter⸗ ſten, traurigſten Durchgaͤnge. In dem Augenblicke, wo ich ihn betrat, ſtieß ein ganz junger Mann, der aus einem eleganten Cabriolet ſprang, ſehr derb an mich an, waͤhrend der Groom ein ſchoͤnes und wildes Pferd vorn am Zuͤgel hielt. Nachdem er ſich fluͤchtig bei mir entſchuldigt, ging dieſer junge Mann, oder vielmehr dieſer Juͤngling mit bart⸗ loſem und ziemlich gemeinem Geſichte, der aber mit vieler Sorgfalt gekleidet war, vor mir her. Ich folgte ihm, mit meinen Blicken das Gewoͤlbe mit Kinderſpielzeug ſuchend. In dem Augenblicke, wo ich es entdeckt hatte, ſah ich den Juͤngling, der vor mir aus dem Cabriolet geſtiegen war, in daſſelbe eintreten. Ich fand ihn am Comptoir, als ich ſelbſt dorthin trat. Zwei andere Perſonen warteten noch in dieſem Gewoͤlbe. Die eine war ein Jaͤger, der einen umgehangenen Hirſchfaͤnger, ein gruͤnes Kleid, ſilberne Epau⸗ letten und einen dreifarbigen Stutz von Hahnenfedern trug. Die zweite war ein ſehr huͤbſches Mädchen, die wie eine rei⸗ zende Soubrette mit ihrer heitern Miene, dem zierlichen Haͤubchen, der hlendend weißen Schuͤrze und Nettigkeit des ganzen Anzugs ausſah. Der Jäger, ein langer, gewandter und artiger Burſche, ſchien mir in vertrautem Geſpraͤche mit dem Kammermaͤdchen, das neben ihm ſaß, waͤhrend Martin. Vl. 11 — 162 — eine Alte mit gelbem, runzligen Geſichte, unfreundlicher Miene und grauen, durchbohrenden Augen, hinter dem Comptoir ſo zu ſagen kauerte. Der junge Mann, der mir vorausgegangen war, trat zu dieſer Megaͤre und redete ſie zu meiner großen Verwun⸗ derung mit einer Art wohlwollender Hoͤflichkeit an. „Guten Morgen, meine liebe Madame Laridon,“ ſagte er, „wie geht es Ihnen?“ 3 „Wenn Sie der bewußten Sache wegen kommen,“ ſagte die Alte verdrußlich, „ſo koͤnnen Sie wieder nach Hauſe gehen es macht ſich nicht.“ „Wie?“ rief der Juͤngling, der mir ſehr dadurch be⸗ troffen ſchien; „geſtern war man doch einverſtanden .. „Nun ja! Aber heute nicht mehr .. . damit gut.“ „Aber, liebe Madame Laridon, das iſt doch unmöglich. Herr Bonin wufßte ja recht gut, daß ich darauf rechnete.“ „Bleiben Sie zehn Stunden hier und ſprechen Sie zohn Stunden mit mir davon,“ verſetzte unhoͤflich die Me⸗ gaͤre, „es iſt eben ſo gut, als ob Sie in den Wind ſpraͤ⸗ chen. Der Herr hat Nein geſagt, und damit bleibt es Nein.“ „Dann mußte er mir aber,“ rief der Juͤngling Verzweiflung, „es doch fur heute nicht verſprechen, daß. „Genug geſchwatzt,“ ſagte die Megaͤre, ihre Arme un⸗ ter ihrer Schuͤrze kreuzend und gegen alles Andringen des jungen Menſchen unempfindlich bleibend. Gleichviel,“ ſagte endlich dieſer mit dem Ausdruck zor⸗ *. — 166 — nigen Gefuͤhls, wegen dieſer Taͤuſchung, „ich werde auf Herrn Bonin warten.“ Die Alte machte mit Kopf und Schultern eine e Be⸗ wegung, welche zu ſagen ſchien: „Thun Sie was Sie wollen.“ Als ſie mich nun an der Thuͤr bemerkte, wo ich ſtehen geblieben war und wartete, bis der Juͤngling vom Comptoir zuruͤckgetreten, ſagte ſie zu mir: „Was wollen Sie?“ „Ich bringe einen Brief fuͤr Herrn Benin, Madame.“ „Er wird gleich kommen . . . Sie koönnen ihn ihm ge⸗ ben .. .“ antwortete ſie kurz. Es befanden ſich in dieſem Gewoͤlbe blos zwei Tabou⸗ rets, auf welchen der Jäger und die Soubrette ſaßen. Der Juͤngling ſchien mir dadurch verletzt, daß der vornehme La⸗ quai ihm nicht ſeinen Sitz anbot, aber der Jäger wechſelte, ohne ſich ſehr darum zu bekuͤmmern, was fuͤr eine ſchwere Unpaßlichkeit er begehe, mit der niedlichen Soubrette einen ſpoͤttiſchen Blick und ließ ſie dadurch die Röthe des Verdruſſes bemerken, die dem Juͤnglinge 3 die Stirn ſtieg. — Immer verwunderter uͤber das, was ich ſah und hörte, unterſuchte ich dieſes ſonderbare Gewolbe mit ſteigender Neu⸗ gier. Statt heiter und lachend zu ſein, wie es gewöhnlich Magazine dieſer Art ſind, mit ihren in Seide und Flittern friſch gekleideten Puppen, ihren kleinen wie von Silber funkelnden Haushaltungen, ihren mit Scharlach und Rauſch⸗ 11* . — 164 — gold aufgezäumten Pferden, hatte dieſes Gewoͤlbe ein du⸗ ſtres und kahles Anſehn. Einige verblichene, farbloſe und ſtaubige Spielſachen ausgenommen, die auf den Geſtellen ſtanden, ſah ich im Innern dieſes Magazins kein anderes Kinderſpielzeug. Es war von unten bis oben mit großen braunen, beſtaubten Schachteln beſetzt. Iꝝch hatte eben dieſe Bemerkungen im Hintergrunde des Gewoͤlbes, faſt im Schatten der herannahenden Nacht verborgen, gemacht, als ich einen Mann von hohem Wuchſe eintreten ſah, mit langem grauem Schnurbarte in ſeinem ganz dunklen Geſichte, einer ſchwarzen Halsbinde, großem, blauem, militairiſch bis ans Kinn zugeknoͤpftem Ueberrocke, einem derben mit Blei ausgegoſſenen Stocke und einem al⸗ ten Filz auf dem Ohre. Ich irrte nicht, es war der Kruͤppel. Sein dicker Schnurbart, ſeine militairiſche Haltung hatten mich zuerſt gehindert, ihn zu erkennen. Aus Furcht, von ihm bemerkt zu werden, zog ich mich in den finſterſten Winkel des Ma⸗ gazins zuruͤck. Beim Anblicke des Banditen ſchien die alte Frau plötz⸗ lich aus ihrer Apathie zu erwachen. Sie ſtand halb auf und rief ſchnell: „Nun?“ „Das wird ſchlimm!“ verſetzte der Kruͤppel leis. „Es ſcheint als ſei es ein Wolf im Schafspelze geweſen.“ „Wie? Noch nicht zu Ende!“ ſagte die Alte im Tone des Vorwurfs. — 55 „Zu Ende? oh ja, ja, zu Ende!“ entgegnete der Kruͤppel. „Der Hauptmann wird viel aufzuwickeln haben.“ „Mit einem . ſolchen Huͤhnchen,“ ſagte die Alte und zuckte veraͤchtlich die Achſeln. „Ich ſage Ihnen aber, daß das Huͤhnchen ein Huhn iſt,“ erwiderte der Kruͤppel; „ein Huhn mit Sporen be⸗ waffnet, und der ſich nicht den Kopf abbeißen laſſen wird .. Das ſage ich Ihnen.“ „Nun, was wollen Sie da?“ murrte die Alte. „Wozu kommen Sie denn da hierher?“ „Der Hauptmann ſchlaͤgt dem Herrn vor, das Drit⸗ tel anzunehmen. .. Auf die Art wird man Mittel finden, zu vermitteln.“ „Der Herr iſt nicht da, das geht ihn an, er wird die⸗ ſen Abend an den Hauptmann ſchreiben,“ antwortete die Alte. „Alſo abgemacht, bis morgen fruͤh!“ ſagte der Kruͤp⸗ pel. „Ich wills dem Hauptmanne hinterbringen.“ „Der Herr wird ihm ſchreiben,“ verſetzte die Alte. Der Kruͤppel entfernte ſich. Bei dem Worte Hauptmann ſagte mir eine eigen⸗ thuͤmliche Ahnung, daß von Bamboche die Rede ſei, der mit dem Kruͤppel immer noch in Beziehung ſtehe. Ich ſuchte vergebens zu errathen, welche ſonderbaren Beweggruͤnde Per⸗ ſonen von ſo verſchiedenen Verhaͤltniſſen in dieſes finſtre Spielwaaren⸗Gewoͤlbe fuͤhren koͤnnten, wo durchaus keine Rede vom Kaufen oder Verkaufen ſolchen Ki nderſpielzeugs war. — 166 — Plotzlich rief die alte Frau, indem ſie, ſo zu ſagen, ihr vertrocknetes, runzliges Geſicht an die Fenſterſcheiben des Gewölbes klebte, mit hohler Stimme: „Der Herr kommt!“ Bei dieſen Worten ſtanden der Jaͤger und die Sou⸗ brette eiligſt auf, und der Juͤngling entfernte ſich von der Glasthuͤre, durch welche er bis dahin in den Durchgang ge⸗ ſchen hatte, ohnſtreitig um ſeine uͤble Laune zu verbergen. Bwölftes Kapitel. Der Händler mit Kinderſpielzeng. Die Thuͤr des Gewoͤlbes oͤffnete ſich. Der ſinkende Tag, welcher den dunklen Durchgang noch duͤſtrer gemacht hatte, hinderte mich anfangs, die guͤge des Händlers mit Kinderſpielzeug zu erkennen. Er trug uͤbrigens einen alten, uͤber die Augen geſtuͤlpten Hut und den Kragen ſeines ſpaniſchen, tabakfarbenen Ueberrocks aufgeſchlagen, ohnſtreitig wegen der Kaͤlte, ſo daß die Ohren und ein Theil des Geſichts bedeckt waren. Der Juͤngling naͤherte ſich trotz des zornigen Ver⸗ druſſes, den er gezeigt hatte, dem Kaufmanne, und richtete mit einer Art ſchuͤchterner, unruhiger und faſt bittender Hoͤflichkeit die Worte an ihn: „Guten Morgen, mein lieber Herr Bonin, ich komme, um Der Kaufmann unterbrach den Juͤngling mit den ſchnell an die Alte gerichteten Worten: — 168 — „Du haſt ihm alſo nicht geſagt, daß es nicht an⸗ gehe? 2 „Ich hab's ihm hundert Mal geſagt,“ murrte die Alte „r wollte aber durchaus bleiben.“ Nun wendete ſich Herr Bonin an den Juͤngling und ſagte mit ſehr bedeutſamen Tone: „Gute Nacht, junger Mann.“ Uud damit wandte er ihm plötzlich den Ruͤcken. „Aber Herr Bonin,“ verſetzte der junge Mann mit bittender Stimme: „ich beſchwoͤre Sie .. wenn Sie wuͤß⸗ ten .. ich will Ihnen erklaͤren, warum ich .. .“ „Unnutz . . unnuͤtz!“ rief Herr Bonin, ohne jenen auch nur anzuſehen: „ich habe Nein geſagt ... dabei bleibts. . . . Gute Nacht.“ „Aber Herr Bonin .. . ich flehe Sie an ... hoͤren Sie mich.“ „Gehen Sie zu Bett, junger Mann, das wird Ihr Blut beruhigen,“ ſagte W Bonin darauf. „Nochmals gute Nacht!“ Dann wendete der Spietzeughindler ſich zu dem Jaͤ⸗ ger mit den Worten: „Sie kommen vom Herzoge?“ „Ja, da iſt ein Brief von meinem Herrn.“2 * „Im Augenblicke, wo der Jaͤger Herrn Bonin den Brief uͤbergab, rief der Juͤngling, ohnſtreitig wuͤthend daruͤber, ſich vor Zeugen ſo gering behandelt zu ſehen: „Nun denn, wenn es ſo iſt, ſo denuncire ich Sie — — als Schurke, der Sie ſind, Herr Bonin! Ich werde ſagen, daß ich an nichts Boͤſes dachte, als ich einen Brief erhielt, worin man mir ſagte, daß eine Perſon, welche wiſſe, daß mein Vater reich ſei, mir Vorſchuͤſſe auf meine kuͤnftige Erbſchaft vorſchlage. Ich werde ſagen . . .“ „Ta, ta, ta, Sie werden ſagen . . was werden Sie ſagen? was? So ſind dieſe kleinen Herren da!“ verſetzte der Kaufmann achſelzuckend und mit dem Ausdrucke veraͤchtli⸗ cher Gleichgiltigkeit. „Sie kommen und ſchlagen uns vor, auf den Tod von Papa oder Mama zu borgen, weil ſie nicht Geduld genug haben, die Erbſchaft zu erwarten, nach der ſie leckern .. . und wenn rrechtliche Kaufleute ſich wei⸗ gern, ihre Unordnung zu beguͤnſtigen, ſo kommen ſie und beſchimpfen dieſe in ihrem eigenen Hauſe. Das iſt zum Erbarmen . .. weiter nichts.“ „Wie! Das wagen Sie zu ſagen?“ rief der Juͤngling, immer mehr in Aufregung kommend. „Sie wagen es zu ſagen, daß Sie nicht der Mitgenoſſe dieſes Huſarencapitains ſind, der mich fuͤr 100,000 Francs Wechſelbriefe in bianco hat unterſchreiben laſſen, worin ich bekenne, von ihm eine Ladung Campecheholz und Baͤrenſchinken erhalten zu haben ein Erfindungs- und Ausfuͤhrungsdecret auf lycophori⸗ ſche Luftballons .. 1000 Flaſchen Lacrimä Chriſti, 2000 Exemplare von Faublas und ich weiß nicht, wie viele Cent⸗ ner Rhabarber eine Abtretungsurkunde auf 10 Qua⸗ dratmeilen Landes in Texas .. eine Parthie Straußfedern. und eine hypothezirte Schuld auf den Bey von Tunis, — 170 — Gegenſtände, die blos in der Einbildung beſtehen und von denen ich nur die Etiketten und ſogenannten Papiere geſe⸗ hen, und die Sie mir wieder im Ganzen fuͤr die Summe von 30,300 Franes abgekauft haben .. Sie!“ Bei der Aufzaͤhlung der ſonderbaren Gegenſtände, welche man dem Juͤnglinge gegeben, brachen der Jaͤger und die Soubrette in ein tolles Gelächter aus. Ich theilte ihre Luſtigkeit nicht, denn ich wußte damals durchaus nicht, was Wucheranleihen waͤren. Der Juͤngling ſchien dieſe beleidigende Luſtigkeit nicht zu bemerken, ſein Zorn wuchs aber immer mehr und er rief zu dem Kaufmanne gewendet: „Ich ſage Ihnen, ich, daß Sie der Mitgenoſſe dieſes Schurken von Capitain ſind, das fuͤhlten Sie ſo gut, daß Sie mir ein ſogenanntes viel beſſeres Geſchaͤft vorſchlugen, weil es ſich ſtatt der erdichteten Waaren um baares Geld handelte und daß Sie mir heute 20,000 Franes gegen einen von mir unterzeichneten Wechſel einhändigen ſollten .. . und Sie wagen es, Ihr Verſprechen abzuleugnen!“ „Zum letzten Male erklaͤre ich Ihnen, junger Mann, daß ich nie Mitſchuldiger Ihrer tollen Verſchwendungen ſein werde. Gehen Sie zu Papa und Mama. Seien Sie fein artig und machen Sie keinen Laͤrmen in meinem Gewoͤlbe . ſonſt laſſe ich von Laridon die Wache holen.“ „Wenn dem ſo iſt,“ rief der junge Mann außer ſich, „ſo ſollen Sie von mir reden hoͤren.“ „Wann Sie wollen ich bin gedeckt,“ entgegnete — 41 — der Kaufmann ruhig, waͤhrend der Juͤngling fortging und die Thuͤr hinter ſich zuwarf. „Schafskopf!“ ſagte halbleis Herr Bonin. Darauf nahm er den Brief, den der Jaͤger in dem Augenblicke ihm uͤbergeben wollte, als der Zorn des Jung- lings ausbrach, Erſterm aus der Hand und las ihn. Je länger ich Herrn Bonins helle, ſcharfe und höh⸗ niſch klingende Stimme hörte, je mehr war es mir, als kennte ich ſie bereits. Vergebens ſuchte ich die Geſichtszuge dieſes Mannes zu unterſcheiden; wegen ſeines aufgeſchlage⸗ nen Rockkragens, dem in die Augen gedruͤckten Hute und der immer mehr abnehmenden Tageshelle in dem Gewoͤlbe, in deſſen Hintergrunde ich unbeweglich ſtand, vermochte ich es aber nie. . „Sagen Sie dem Herzoge,“ trug der Kaufmann, nachdem er den Brief geleſen hatte, dem Jäger auf, „daß ich keine Zeit habe, heute zu ihm zu kommen und die Ge⸗ genſtaͤnde zu pruͤfen, von denen er ſpricht, er mag ſie daher morgen Abend zwiſchen 7 und 8 Uhr, wo ich dinire, hieher bringen oder ſchicken, da werden Sie ſehen und ihm ſagen, was ſie werth ſind.“ „Wie? Wie?“ verſetzte der Jaͤger mit der beleidigen⸗ den Vertraulichkeit eines Laquai aus vornehmem Hauſe; „das geht nicht, der Herr Herzog verlangt, daß Sie ihn noch heut beſuchen.“ „Nun denn, ſo werde ich ihn heut nicht beſuchen, da⸗ mit gut,“ erwiderte Herr Bonin mit kalter Ironie. „Er — 172 — kann morgen .. . wenn ich ſpeiſe .. . kommen, da wird er mich finden.“ „Es iſt doch bei alledem hoͤchſt ſpaßhaft, daß ein Her⸗ zog und Pair, der Sohn eines Marſchalls von Frankreich, Ihre Befehle befolgen ſoll,“ ſagte der ſo zu ſagen in der Eigenliebe ſeines Herrn verletzte Jäger. „Ah bah? wahrhaftig!“ erwiderte der Spielzeughaͤnd⸗ ler. „Er muß ſich aber doch dieſe kleine Muͤhe geben, weil er auf die Ordensſterne, den Degen und andere Brimbori⸗ ums in Diamanten von ſeinem verſtorbenem Herrn Vater, borgen will, dieſer liebe junge Herr! Was Sie betrifft, mein Freund, ſo glauben Sie mir, und laſſen Sie ſich, wenn Ihr junger Herr Ihnen Lohn ſchuldig iſt, dieſen auszahlen. . Er iſt mit ſeinem Gelde zu Ende. Wenn das Haus einfallen will, laufen die Ratten davon ... und die haben ſo gute Naſen. . . . Benutzen Sie die Fabel. .. Gute Nacht.“ Der Jaͤger ſchien allerdings von dieſer Fabel nicht we⸗ nig betroffen und ging, nachdem er der Soubrette ein Zei⸗ chen gegeben hatte. Dieſe haͤndigte nun ihrerſeits dem Spielzeughaͤndler einen Brief ein, und dieſer ſagte, ehe er ihn las: „Das laſſe ich mir gefallen! Deine Herrin iſt eine Dame von Ordnung, mein Kind. Sie iſt habgierig, iſt geizig, ſie denkt an die Zukunft, an's Solide, und iſt doch erſt 18 Jahr alt, und dazu ſchoͤn wie ein Engel. .. . Sie kennt aber auch die jungen Familienſohnchen aufs Daus, — 173 — und ſpielt mit dieſen Schwachkoͤpfen, ſo lange ſie ihre Lieb⸗ haber ſind, nach Noten. Laß doch ſehen, was ſie will.“ Mit dieſen Worten entſiegelte Herr Vonin den Brief. S3. Nachher habe ich erfahren, was er enthielt. Hier iſt er in ſeiner treuherzigen Einfalt, nur daß die furchtbare Or⸗ thographie etwas berichtigt. „Mein guter Alter! „Der kleine Marquis will mir fuͤr 60,000 Francs Diamanten geben, aber er hat in dieſem Augenblicke kein Geld, ſein Intendant erwartet erſt in 3 bis 4 Monaten Eingänge wahre Eingange .. . das weiß ich gewiß aber 3 Monate! . .. das iſt lang, und haben iſt beſſer, als haͤtten . und dann giebt es auch einen ſehr reichen Ruſſen, wegen deſſen man mit mir geſprochen hat .. . Sie verſtehen. Endlich wuͤrde es auch wie der letzte Abſchied des Herzogs ſein, daher habe ich ihm auch geſagt, daß ich die Diamanten ſogleich haben will, und daß, da er kein baa⸗ res Geld hat, ich Jemand kenne, der ihm 60,000 Francs leihen koͤnne, aber mit 20 Procent Intereſſen, 6 Monate vorausbezahlt. „Dieſer Jemand bin ich! Dem Anſcheine nach aber muͤſſen Sie es ſein. Ich habe meinem Makler befoh⸗ len, fuͤr 3,200 Livres von meinen Renten zu verkaufen, Sie werden ſich nun mit dem Intendanten des kleinen Marquis verſtaͤndigen, von ihm einen Wechſel auf 6 Mo⸗ nate, der gut und tuͤchtig, ſich geben laſſen, und die Fonds — 174 — herzugeben ſcheinen, die mein Notar, auf ein Wort von Ih⸗ nen, auszahlen wird. Er iſt in Kenntniß geſetzt. So er⸗ halte ich die Diamanten ſogleich und profitire 15 Procent Intereſſen, denn es verſteht ſich, daß 5 Ihnen fuͤr die Com⸗ miſſion zufließen. „Wenn Sie irgend ein ſolides und vortheilhaftes Ge⸗ ſchäftchen merken (ich will weder mit Filzen noch Un⸗ muͤndigen zu thun haben), ſo habe ich noch einhundert⸗ tauſend Francs disponible ungefaͤhr auf ein Jahr, denn ich ſchiele noch immer auf das famoͤſe Pachtgut Brie. .. . Es iſt ein derber Biſſen, aber fruͤher oder ſpaͤter iſt er doch in meiner Taſche. „Vergeſſen Sie nicht, Morgen fruͤh zum Intendanten des kleinen Marquis zu gehen. Ganz die Ihrige, mein guter Alter, Malvina Charangon.“ „Und dieſer Engel iſt noch nicht achtzehn Jahr!“ rief der Kinderſpielzeughaͤndler, nachdem er geleſen hatte. .. „Was fuͤr ein Verſtand. Welche praktiſche Kenntniß der Geſchaͤfte!“ Dann wendete er ſich an die Soubrette. „Sage Deiner Herrſchaft, daß es gut ſei. . . . Ich werde Alles thun, was ſie verlangt. . . . Die bezahlt Dir gewiß Deinen Lohn richtig .. davon bin ich uͤberzeugt. He?“ „Oh, mein Herr, das will ich meinen! . .. Ich lege ihn wieder bei ihr an! .. Meine Dame!! Das iſt beſſer als ein Notar!!“ — — Die Soubrette ging, ohnſtteitig um mit dem Jaͤger wieder ſich zu treffen, der wahrſcheinlich den Durchgang noch nicht verlaſſen hatte. Jetzt war es völlig Nacht geworden. Plötzlich erhellten blendende Stroͤme von Gas den Durchgang und das In⸗ nere des Gewoͤlbes des Kinderſpielzeughändlers. Dieſer nahm ſeinen Hut ab und ſchlug den Kragen ſeines Ueber⸗ rocks zuruͤck. Ich erkannte meinen ehemaligen Herrn . . la Le⸗ vraſſe. Eine Art ruͤckwirkender Schrecken durchzitterte mich einen Augenblick, beſonders als ich die tiefen Narben einer breiten Brandwunde entdeckte, die ſich unten vom Backen bis auf die Stirn zog, und ohnſtreitig durch den Brand des Nomadenwagens, den Bamboche entzuͤndet hatte, entſtanden war. Das Geſicht von la Levraſſe war immer noch bart⸗ os, bleich und höhniſch. Er ſchien wenig gealtert zu ha⸗ ben, nur daß, ſtatt daß er ſonſt die Haare hinausgeſtrichen, er ſie jetzt ganz kurz abgeſchnitten als Buͤrſte trug, was einigermaßen den Eindruck ſeiner Phyſiognomie aͤnderte. Ich konnte mich einer gewiſſen Ruͤhrung nicht enthalten, als ich ihm den Brief Roberts von Mareuil uͤbergab, aber ich fuhlte ja keinen perſonlichen Haß, wenn man ſo ſagen darf, gegen den Henker meiner Jugend, es war ein Gemiſch von Ekel, Verachtung und Schrecken, was mir das Herz bewegte. Ich haͤtte aus einem Gefuͤhle der Billigkeit den Elenden aller Strenge der Geſetze preisgegeben ſehen mogen, — 176 — aber ich haͤtte geglaubt mich zu beſchmutzen, wenn ich die Wiedervergeltung an ihm haͤtte ausuͤben wollen, die mir Jugend, Staͤrke und Entſchloſſenheit wuͤrden leicht gemacht haben. Ehe das Gewoͤlbe hell geworden war, hatte ich mich in Entfernung und im Schatten in einer Art von Vertie⸗ fung gehalten, die durch die Thuͤroͤffnung in dem hintern Theile des Gewoͤlbes entſtanden, la Levraſſe hatte alſo bis dahin meine Gegenwart gar nicht bemerkt. Sobald er mich erblickte, trat er einen Schritt zuruͤck und ſagte mit betrof⸗ fener, verdrießlicher Miene zu der Alten: „Wo zum Henker kommt denn der her? Er war alſo ſchon da? Und ich, der ich mich en famille glaubte!“ „Wie? Sie haben ihn nicht geſehen?“ verſetzte die Alte. „Ich glaubte, Sie höben ihn ausdruͤcklich bis zu⸗ letzt auf.“ La Levraſſe zuckte die Achſeln, ſtampfte mit dem Fuße und ſagte zu mir, indem er mich aufmerkſam betrachtete: „Wer ſind Sie? Woher kommen Sie? Was wol⸗ len Sie?“ „Mein Herr, ich tuig⸗ Ihnen einen Brief vom Herrn Grafen Robert von Mareuil.“ Bei dieſem Namen malte ſich lebhafte Freude in la Levraſſes Zuͤgen und er ſagte zu mir: „Geben Sie, geben Sie den Brief. Ich glaubt ihn ſchon geſtern zu erhalten.“ Nachdem er den Brief geleſen, den ich ihm gab — 177 — deſſen Inhalt ihm ſehr zu gefallen ſchien, ſagte er in äußerſt wohlwollendem Tone zu mir: „Lieber Junge, ſagen Sie dem Herrn Grafen Robert von Mareuil, daß ich die Ehre haben werde, ſeinem Wun⸗ ſche nach morgen fruͤh gegen 10 Uhr bei ihm zu ſein.“ Dann öffnete mir la Lepraſſe hoflich die Thuͤr des Gewölbes und wiederholte: „Morgen um 10 Uhr . vergeſſen Sie nicht, mein Freund, da werde ich bei dem Herrn Grafen ſein.“ Ich ging aus Levraſſes Gewölbe mit neuen und maͤch⸗ tigen Anlaͤſſen zum Nachdenken, Theilnahme, Furcht und Neusier. Ich war feſt überzeugt, daß der Capitain, von welchem der Kruͤppel geſprochen hatte, derſelbe ſei, der mir als ein Mitgenoſſe der Wucheranleihen des Kinderſpielzeug⸗ händlers bezeichnet worden; mit Einem Worte, daß es ſich wieder um den Capitain Bambochio handle. Was la Levraſſe betraf, den ich unter dem Namen des Herrn Bonin wiederfand, ſo erinnerte ich mich jetzt erſt, daß in der That der ehemalige Seiltaͤnzer ſich Bonin nannte, ein Name, der manchmal auf unſern Anſchlagzetteln ſtand, den ich aber gänzlich vergeſſen hatte. Ich wunderte mich nicht ſehr uͤber das heimliche Handwerk, das er unter dem Vorwande, Spielſachen fur Kinder zu verkaufen, trieb, und erlangte erſt ſpäter einen vollſtändigen Begriff von die⸗ ſer neuen Schändlichkeit. Welche ſonderbare Schickſalslaune vereinte nach ſo vie⸗ Martin. VI. 12 — 178 — len Ereigniſſen und Wanderungen dieſe drei Menſchen, Bamboche, den Kruͤppel und la Levraſſe? Welches gemeinſchaftliche Intereſſe konnte ſie bewogen haben, den unverſöhnlichen Haß zu vergeſſen, von dem ſie gegen einander entbrannt ſein mußten? Wie hatte Bam⸗ boche ſeinen Rachegefuͤhlen gegen la Levraſſe entſagen können? Ich konnte nicht daran zweifeln, Bamboche war Ur⸗ heber oder Mitſchuldiger bei ſehr niedrigen und ſtrafbaren Handlungen geweſen .. und doch fuͤhlte ich meine Anhäng⸗ lichkeit an ihn nicht vermindert. Es miſchte ſich in dieſe Freundſchaft eine Art ſchmerzlichen Mitleids, denn ich war Zeuge öftern redlichen Willens der Ruͤckkehr zum Guten geweſen, dem Bamboche ſich hingegeben. Ich weiß nicht, welche unbeſtimmte Hoffnung mir ſagte, daß mein Einfluß auf dieſe kräͤftige Natur ihm vielleicht heilſam werden könne. Mein Wunſch, ihn wiederzuſehen, war ſehr lebhaft, aber ich beſaß genug Gewalt uͤber mich, um keinen Verſuch zu einer Annaͤherung zu wagen, bevor ich den Plan meines Beneh⸗ mens in Bezug auf Menſchen und Dinge, welche fur Re⸗ gina von Intereſſe zu ſein ſchienen, feſtgeſtellt. Als ich zu meinem neuen Herrn zuruͤckgekehrt, hinter⸗ brachte ich dem Grafen Robert von Mareuil die guͤnſtige Antwort des Kinderſpielzeughandlers. Er ſchien hoch er⸗ freut, und ſein Freund Balthaſar uberließ ſich den lauteſten und ausgelaſſenſten Freudenbezeugungen. Er wollte noch durchaus an demſelben Abend in die Funambulen, um Bas⸗ — — quinen einen Triumph zu bereiten, die er aufs Wort liebte, ob er ſie gleich noch nicht hatte ſpielen ſehen; als jedoch Ro⸗ bert ſeinen Freund daran erinnert hatte, daß dieſer Abend eine weit ernſtere Beſtimmung haben muͤſſe, mußte der Dichter ſeufzend ſein Vorhaben aufgeben. Nach ihrem frugalen Mittagseſſen, deſſen Ueberbleib⸗ ſel mir genuͤgten, ſagten mir meine Herren, daß es nutzlos ſein wurde, auf ſie zu warten, und veranlaßten mich, ſchla⸗ fen zu gehn, hinzufugend, daß ſie mich, wenn ſie wiederka⸗ men, aufwecken wuͤrden, wenn ſie meiner beduͤrften. Noch vorm Fortgehen hatte mir Robert von Mareuil befohlen, ſein Felleiſen zu oͤffnen, ſo wie ſeinen Nachtſack, und die Sachen, welche darin waren, in Ordnung zu bringen. Dieſes Geſchaͤft war bald vollbracht, denn man durfte ſchwerlich eine minder zahlreiche und gebrauchtere Garderobe gefunden haben, als die des Grafen Robert. Der einzige Luxusgegenſtand, der ſich in dieſem Inventario vorfand, war ein ſchönes Schreibzeug in ruſſiſchem Leder mit ſilbernem Schloſſe, zu dem Robert von Mareuil ohne Zweifel den Schluͤſſel beſaß. Im Hin⸗ und Hergehen in dieſen Zimmern, bemerkte ich etwas, was mir Anfangs nicht aufgefallen war. Ich entdeckte naͤmlich in dem Verſchlage, der das Zim⸗ mer meiner Herren von dem trennte, wo ich mich aufhal⸗ ten ſollte, eine Art kreisförmiger neuer Mauerung von etwa 12* — 180 — 6 Zoll im Snſi⸗ und etwa 3 Fuß uͤber dem Fuß⸗ boden. Garz ſichtlich war dieſe Mauer urſpruͤnglich eines Ofen⸗ rohres wegen durchbrochen geweſen, wodurch man das Ge⸗ mach, in welchem ich ſchlief, hatte heizen wollen, und das mittels eines Kniees in die Feuereſſe des Nebenzimmers ge⸗ gangen. In dieſem Zimmer, dem meiner Herren, waren dieſe Spuren mit der Tapete uͤberklebt, in dem meinen aber hatte man ſich nicht die Muͤhe genommen, ſie zu ver⸗ bergen. Jetzt fiel mir ein Gedanke ein, der, wie ich geſtehen muß, an ſich allerdings tadelnswerth, aber den vielleicht die ſteigende Angſt rechtfertigte, welche mir die ſonderbaren Ver⸗ hältniſſe Roberts von Mareuil und das, was ich von ſeinen Abſichten auf Regina hatte durchſchauen können, einfloͤßten. Indem ich in dem Nebenzimmer das Papier der Ta⸗ pete, welches den ehemaligen Durchgang der Roͤhre verbarg, unberuͤhrt ließ, auf meiner Seite aber die Materialien hin⸗ wegnahm, welche ihu fullten, konnte ich kein Wort meiner Herren verlieren, ſelbſt wenn ſie ſehr leiſe geſprochen haͤtten. um die Oeffnung dieſer Art von akuſtiſchem Conductor (Schallleiter) zu maskiren, nahm ich hinter dem Buffet etwas von der Tapete ab und brachte es ſorgfältig ſtatt der ſcheinbaren neuen Mauerung in meiner Stube an. Che ich mich dazu entſchloß, dieſen Mißbrauch des Vertrauens zu begehen, fragte ich mich ſtreng, welchem Be⸗ — — weggrunde ich gehorchte? Auf dieſe Frage, die ich völlig aufrichtig an mich richtete, antwortete ich: Der Beweggrund, dem ich gehorche, iſt die unbeding⸗ teſte Hingebung, welche eine eben ſo gluͤhende als ehrfurchts⸗ volle und uneigennutzige Liebe einfloͤßen kann, eine Liebe, welche der, die ſie einfloͤßt, ſtets verborgen bleiben muß und bleiben wird. Das Gute, das ich mir vorſetze, iſt, ſo viel als meine niedrige Stellung mir erlaubt, ein edles junges Mädchen zu beſchuͤtzen und zu vertheidigen, das ich fuͤr bedroht halte und hoͤre. Die Nothwendigkeit, welche mir die Pflicht auferlegt, zu handeln, wie ich's thue, iſt unumſchraͤnkt. Ich habe kein anderes Mittel, mich von den wahren Abſichten Roberts von Mareuil zu vergewiſſern, und uͤberdies, ich nehme den Himmel zum Zeugen . . . wenn mein Verdacht nicht begruͤn⸗ det iſt, wenn ich die Rechtlichkeit des Charakters dieſes jun⸗ gen Mannes erkenne, wenn Regina ſeine Pläne und Hoff⸗ nungen theilt, ſo werde ich, ſo ſchmerzlich mir auch ein ſol⸗ cher Entſchluß ſein möge, eben ſo eifrig ſein, den Abſichten Roberts von Mareuil zu dienen, als ich ihnen im entgegen⸗ geſetzten Falle feindlich entgegengetreten waͤre. Endlich, nachdem ich mich als letzte Probe aufs Ge⸗ wiſſen gefragt hatte, ob meine Handlung von Claude Ge⸗ rard wuͤrde gebilligt worden ſein, auf deſſen Sanction ich im Geiſte Alles bezog, was ich that, . ſo entſchloß ich mich. Nach einer halben Stunde exiſtirte ein vollkommen — verborgener akuſtiſcher Leiter zwiſchen dem benachbarten Zim⸗ mer und dem meinen. Die Toͤne gingen mir ſo beſtimmt zu, daß, als ich Feuer in dem Kamine im Zimmer meiner Herren angezundet hatte, ich vollkommen, obgleich die Thuͤr verſchloſſen, das Kniſtern des Holzes hoͤrte. Nachdem dies geſchehen, erwartete ich mit Ungeduld Roberts Ruͤckkehr, indem ich mich auf der Bärenhaut aus⸗ ſtreckte, welche Balthaſar mir großmuͤthig zugewieſen. Mein Kopfkiſſen lag nach der Seite der Communication zu, die ich eben in Stand geſetzt hatte. „ Preizehntes Rapitel. Die Unterredung. Nach zwei bis drei Stunden kamen Robert und Bal⸗ thaſar wieder, gingen raſch durch das Gemach, in welchem ich lag und feſt zu ſchlafen mich ſtellte, und ſchloſſen ſich im Nebenzimmer ein. Faſt zugleich hoͤrte ich auch den Laͤrm eines zornig aufgeſtoßenen oder umgeworfenen Stuhles. Ich legte nun das Ohr an meine Art akuſtiſchen Lei⸗ ters, der faſt an meinem Kopfkiſſen ſich befand, und hoͤrte folgende Unterredung; „Geh doch, Robert,“ ſagte der Dichter mit freundli⸗ chem Vorwurfe .. „Ruhe ... Muth! Zum Henker! es iſt ja noch nicht zum Verzweifeln.“ „Alles iſt verloren,“ rief Robert von Mareuil, mit großen Schritten umhergehend und wuͤthende Fluͤche mur⸗ melnd. „Nein, Alles iſt nicht verloren — weil noch nichts ge⸗ ſchehen iſt,“ verſetzte Balthaſar; „und welchen Glauben 7 — 184 — kann man denn ſolchen Geruͤchten ſchenken? Sieh, Robert, keinen Egoismus, Du weißt wie ich es verabſcheue traurig zu ſein, und Du biſt da, um mir das Herz mit Deiner Verzweiflung zu zerreißen.“ Nach einem augenblicklichen Schweigen erwiderte Ro⸗ bert von Mareuil: „Siehe, Balthaſar, ich habe keinen Freund als Dich... Alle die ich zu meiner Zeit des Glucks mit Wohlthaten uberhaͤuft . . . „Haben, ſo wie der Sturm des Untergangs wehte, ſich windſchnell aus dem Staube gemacht, wie die Zugvögel beim Annaͤhern des Winters!.. Alle Wetter! ... darüber wunderſt Du Dich?... wozu hat Dirs denn geholfen, daß Du Dein Pariſer Leben gefuͤhrt haſt? Vergiß das Alles, hin iſt hin; ſprechen wir von der Gegenwart wie alte Schulfreunde.“ „Ja,“ verſetzte Robert mit Bitterkeit, „Jjetzt kehre ich zu Dir zuruͤck. So lange ich reich war.. habe ich Dich im Stich gelaſſen.“ „Halt!“ fiel Balthaſar ein, „verwechſeln wir das nicht! Ich wars der Dich im Stiche ließ. als ich Dich in der großen Welt ſah. .. Ich bitte Dich, ſage ſelbſt, was fuͤr eine Figur ich in dieſer Welt geſpielt haben wuͤrde . mit meinen armſeligen 1200 Francs Renten und meiner Waſ⸗ ſerſcheu vor Arbeit und Reimerei. Aber deshalb vergaß ich Dich nicht und habe Dich fuͤnf bis ſechs Mal in Deiner ſchön en Equipage geſehen. Du fuhrſt auf dem Boulevard — 185 — wie ein glänzendes Meteor dahin. Ich grußte Dich mit der Hand. Und ſo ganz Meteor Du auch warſt, ließeſt Du doch halten, ſtiegſt aus dem Wagen, ſprachſt mit mir. Das war beherzt von Dir, denn ich trug wollne Struͤmpfe, Schnuͤrſchuhe und einen grauen Hut in jeder Jahreszeit. Du konnteſt nicht eben ſehr geſchmeichelt davon ſein, mit mir im Geſpräch geſehen zu werden, und doch. . . „Balthaſar!“ „Geſchahe dieſe Kleinlichkeit... ich geſtehe Dir dafuͤr eine andere. Ich war gewaltig ſtolz darauf, geſehen zu wer⸗ den, indem ich mit einem jungen ſo eleganten Manne wie Du, ſprach! Aber ich hatte ſtets Ungluͤck; niemals hat ei⸗ ner meiner Pairs in Schnuͤrſchuhen mich mit Dir ſchwa⸗ ten ſehen. Doch jetzt im Ernſte. Wir ſind unſerm Schick⸗ ſale gefolgt: Du haſt Dich wie ein Gott. . ich habe ge⸗ reimt wie ein Teufel, und nun finden wir uns wieder, ich, mit einigen tauſend Verſen mehr, Du, mit einigen tauſend Louisdors weniger, dadurch gleicht unſer Vermögen ſich aus. Nur daß ich glocklich bei meinem Looſe bin, Dank ſei es der Arbeit, ich lebe acht bis zehn Stunden des Tags mit⸗ ten in einer durch die Phantaſie verſchönten Welt, die ubrige Zeit. hoffe ich... was ſage ich? ich lebe in der Gewißheit, eines oder anderen Tages, vielleicht morgen ſchon, im vollen Pactolus zu ſchwimmen, wie ich beim Styr und den Häuptern meiner Buchhändler ſchwöre. Daher bin ich jetzt der reiche, der Millionair, und alle Wetter, ich laſſe Dich nicht ſo verzweifeln. Heut Morgens warſt Du Feuer „ — 186 — und Flamme, jebt biſt Du Schnee und Eis, weshalb? wegen einer Nachricht, die wenn ſie wahr wäre, ſich darauf beſchraͤnkte, daß ſich vielleicht ein Hinderniß auf Deinem Wege findet. Geh doch, Robert, ich kenne Dich gar nicht mehr.“ 3 „Ich mich ſelbſt nicht,“ entgegnete der Graf niederge⸗ ſchlagen. „Ach! das Ungluͤck macht, daß man an ſich ſelbſt zweifelt.“ „Mit aller dieſer Entmuthigung,“ rief der Dichter, „weißt Du wo das hinfuͤhrt?“ Dann ſich unterbrechend ſetzte er mit ernſtem und uͤber⸗ zeugtem Tone, der ihm nicht gewöhnlich war, hinzu: „Hoͤre, Robert, wenn ich Dich fur faͤhig hielte mit ſehr Wenigem auszukommen, bis zu dem Augenblick, wo Du durch Deine ehemaligen Verbindungen und einigen Familienprotektionen eine mäßige Anſtellung erhalten kannſt, ſo wuͤrde ich Dir ſagen, theile mit mir das außerordentlich Geringe wovon ich lebe, und habe keine Sorge wegen der Zukunft. In wenigſtens ein paar Monaten wirſt Du an einer guten kleinen Stelle von 12 bis 1500 Thalern untergebracht ſein.. beſcheiden aber ſicher. dann werde h. „Hoͤre Du nun auch, Balthaſar,“ ſagte Robert, ſei⸗ nen Freund unterbrechend. „In Luxus und Muͤſſiggang aufgewachſen, habe ich die Gewohnheit angenommen, jeden koſiſpieligen Geſchmack, jede Laune verſchwendriſchen Wohl⸗ lebens zu befriedigen. Ich bin unwiſſend, träg und ſtolz. * — 187 — Ich liebe am Reichthume nicht blos die Wonnen, die er ſpendet, ſondern auch alle die Genuͤſſe, welche der Hoch⸗ muth daraus ſchoͤpft. Mit Einem Worte, ich liebe eben ſo ſehr zu genießen. als meinen Rang zu behaupten, ja, denn mit Recht oder Unrecht glaube ich, daß ein Mann von meiner Geburt anders leben muß als ein Andrer, daß er, wie man es nennt, repraͤſentiren, und ſeinen Namen mit einem gewiſſen Glanze fuͤhren muß. Daher habe ich, ſo lange ichs gekonnt, wie ein vornehmer Herr gelebt. Jetzt, wo ich ruinirt und mit Schulden uͤberhaͤuft bin, bin ich, und ich ſage Dirs offen, fuͤhle ich mich unfaͤhig mein Le⸗ ben durch Arbeiten zu friſten. Und zu welcher Arbeit ſollte ich auch geſchickt ſein? zu keiner. Und geſetzt ſogar, daß der Zufall, oder eine allmächtige Protection mir eine An⸗ ſtellung zuwieſe, nicht von 12 bis 1500, ſondern von 12 bis 15000 Francs jaͤhrlich .. .“ „So etwa wie ſie ein Praͤfect oder Feldmarſchall, ein Biſchof oder ein Staatsrath bezieht,“ ſagte Balthaſar. „Nun ja, ſelbſt die Art von Erniedrigung abgerechnet, die darin liegt, eine Stelle zu haben, das heißt unter Befehlen eines Andern zu ſtehen, was zum Henker ſoll ich denn mit 12 bis 15000 Francs des Jahres uͤber an⸗ fangen?. . ich, der es gewohnt iſt fur ſeine Exiſtenz wenig⸗ ſtens 100,000 Livres zu brauchen?. .. Was ich Dir da ſage, wird Dir vielleicht albern vorkommen, aber es iſt bei alle⸗ dem die Wahrheit.“ „Ich glaube es Dir, Robert. Was zum Henker * — 188 — ſollteſt Du denn mit 12 bis 15000 Franes das Jahr über anfangen? — Ernſtlich, recht ernſtlich, ich ſehe Dich fur unfähig an, mit weniger als mindeſtens 60,000 Livres Renten auszukommen, und auch das wuͤrde Dich geniren, da Du Dich ſo knapp behelfen muͤßteſt. Du haſt mir das einmal mathematiſch gewiß bewieſen, und ich werde mich ſtets an Dein durchdachtes Budjet erinnern. Laß es mich Dir os ins Gedächtniß zuruͤckrufen .. .“ „Erſtens, ſagteſt Du mir, kann man nicht zu Fuß ge⸗ hen; daher 8 bis 9000 Francs fuͤr einen Stall; zweitens, die Damen der großen Welt nöthigen uns zu tödtenden Aufmerkſamkeiten, man muß alſo anderswo fuͤr eine Ge⸗ liebte ſorgen, und das Geringſte was man einem Maͤdchen geben kann, das nur etwas in der Mode iſt, ſind 1500 Francs den Monat, ohne die Geſchenke; drittens kann man im Gaſthofe hicht unter 30 bis 40 Francs den Mittag ſpeiſen, wenn man von den Aufwärtern nur etwas geachtet und gehätſchelt ſein will; man muß auch 40 bis 50 Francs fur eine Loge in den erſten Raͤngen nehmen, die man ſeiner Geliebten ſchicken muß, was mit dem gehoͤrigen täglichen Blumenſtrauße und dem Eſſen im Gaſthofe ſich auf täglich ohngefaͤhr 100 Franes belauft. Rechne zu alledem noch die Miethe einer anſtaͤndigen Wohnung, die Beſtreitung unvorhergeſehener Ausgaben, die Soupers, die Geſchenke, die Nebengaͤnge, die Phantaſieen, das Spiel, die Wetten bei den Rennen, und Du wirſt ſelbſt einſehen, daß, um das Geringſte anzunehmen, ein Mann von einem großen . * — 189 — Range nicht leben, im eigentlichſten Verſtande nicht leben kann, ohne 80 bis 100,000 Francs des Jahres, ohne 100,000 dergleichen fuͤr die erſte Einrichtung zu rechnen, und auch da muß er als Gargon und ohne eingerichtetes Haus leben.“ „Das iſt wahr,“ ſagte Robert von Mareuil mit ei⸗ nem bittern und ſchmerzlichen Lächeln, „ja, ich fordre einen Mann comme il faut auf, in Paris mit Wenigerem ſei⸗ nem Range gemaͤß zu leben.“ „Du biſt der Wahrheit viel naͤher als Du es ſelbſt glaubſt. Vielleicht, Robert, iſt Dir, indem zu ſagſt, daß Du mit Wenigerem nicht leben kannſt, und ich Dir dieſes Budjet vor die Augen lege, um die Summe Deiner Be⸗ duͤrfniſſe ganz genau anzugeben, das Ueberfluͤſſige ſo noth⸗ wendig geworden, daß, wenn es Dir zu lange fehlte .. „Ich mich ſelbſt toͤdten werde,“ ſagte Robert kalt. Dieſe Worte wurden von dem Grafen ſo entſchieden ausgeſprochen, daß ich nicht zweifeln konnte, er ſpreche die Wahrheit. Der Dichter theilte dieſe Ueberzeugung, nach kurzem Schweigen fuhr er mit ſehr bewegter Stimme fort: „Ja, das glaube ich, Du wuͤrdeſt Dich tödten. Ich ſagte es Dir daher auch, Du könnteſt mit weniger als 60,000 Francs nicht leben. Ich begreife das, ich, der ich doch von meinen 1,200 lebe. Ja, ich begreife es, denn man muß ſeine Freunde nehmen wie ſie ſind. Statt hinkend oder bucklig zu ſein, haſt Du die Gebrechlichkeit des Ueber⸗ fluͤſſigen; das iſt Alles. Aber deshalb ſollteſt Du doch — d — den Muth nicht verlieren, weil, wenn Du dieſes thuſt, Dir eine Heirath mit 100 bis 150,000 Livres Renten verloren geht und Du Dir aus Verzweiflung eine Kugel durch den Kopf jagen wirſt. Nun, zum Henker, will ich aber nicht, daß Du Dich vor den Kopf ſchießeſt. Im Gegentheil will ich, Du ſollſt Fraulein Regina von Noirlieu heirathen⸗ die wenigſtens 3 Millionen beſitzt... und Du ſolſſt ſie heirathen. Wir uͤberwinden alle Schwierigkeiten und ich ſtelle mich Dir deshalb zu Dienſten. Da nun aber das was ich an liegenden Guͤtern am Sicherſten beſitze.. meine Phantaſie iſt, ſo ſtelle ich vor Allem meine Phantaſie und langjaͤhrige Erfahrung uͤber dramatiſche Intriguen zu Deinen Dienſten, denn ich habe da 11 Dramen und Comodien die noch nicht gegeben ſind. . .. Nunmehr wollen wir, wenn Du mir Glauben ſchenkſt, damit anfangen, Deine und Re⸗ gina's Lage und den Charakter der Perſonen, die an der Handlung Antheil nehmen ſollen, deutlich ins Auge zu faſ⸗ ſen... Entwickeln wir zuerſt alles Dieſes.. gerade ſo als ob die Rede davon wäre, ein Drama zu ſchreiben. Haben wir das ſorgfältig gethan, ſo ſehen wir weiter. Stelle Dir alſo vor, ich waͤre Dein Mitarbeiter und es handelte ſich um den Plan zu einem Luſtſpiele höheren Styls.. vielleicht ſelbſt eines Drama, den wir entwerfen wollten. Laß ſehn! .. zuerſt der Name der Perſon... was die Frauen betrifft, ſo haben wir Regina von Noirlieu... Bis jetzt iſt das Alles.“ Das iſt Alles?“ antwortete Robert. — 191 — „Gut!. .. Jetzt die Männer. Zuerſt Du, Robert von Mareuil, der Baron von Noirlieu, Regina's Vater, der Graf Duriveau. .. und. ... „Und der Fuͤrſt von Montbar,“ rief Robert bitter. Ohnſtreitig wollte Martin von dieſem verwünſchten Fuͤr⸗ ſten ſprechen... denn er iſt ſehr jung, ſehr ſchoͤn, und kommt oft zum Baron.“ Dieſe Worte Roberts rechtfertigten meinen Verdacht. Ich konnte faſt nicht mehr zweifeln. Der Unbekannte aus der Schänke der 3 Tonnen nannte ſich Fuͤrſt von Montbar. Balthaſar fuhr nach einem augenblicklichen Schweigen fort: „Sind das alle unſre Perſonen?“ „Ja, alle, und Gott verdamme mich, ſchon viel zu viel!“ antwortete Robert. „Was die Nebenrollen betrifft,“ entgegnete Robert, „ſo vergeſſen wir unſern Anti⸗Frontin. So dumm er auch iſt, kann er uns doch nuͤtzich werden. Die Nachrichten, die er Dir heut fruͤh gegeben hat, haben Dich ja auf die Spur von Duriveau und den Fuͤrſten von Montbar gebracht.“ „Das iſt wahr.“ „Alſo fuͤgen wir noch hinzu: Martin, Bedienter Roberts von Mareuil. Du wirſt ſehen, daß meine Ma⸗ nier, die Sache zu treiben, zwar bizarr, aber nicht uͤbel iſt. Die Seene iſt... Paris ... Jetzt werfen wir einen ſchnellen Blick auf die Perſonen.“ — 192 — „Keine Narrenspoſſen mehr .. jetzt.. rief Robert ungeduldig. „Narrenspoſſen. .. aber weißt Du denn nicht was die Vorſcene iſt? Das ſind die Begebenheiten, welche dem Augenblicke, wo das Stuͤck beginnt, vorausgingen. Mit andern Worten, laß uns, um in unſern Angelegenheiten klar zu ſehen, mit wenigen Worten, die Lage der Sache wegen Regina, bis heut zuſammenfaſſen. . .. Einige Deiner vertrauten Mittheilungen ſchreiben ſich von lange her, und ich kann gewiſſe Umſtande ſeit dem vergeſſen haben . berich⸗ tige alſo meine Erinnerungen da nöthig, theile mir noch mit was ich nicht weiß um fuͤr Alles zu ſorgen, muß man Alles wiſſen . .. und ich fuͤrchte, daß ich nicht Alles weiß.“ „Nein,“ antwortete Robert von Mareuil mit Ver⸗ legenheit. „Du wirſt mich alſo davon unterrichten ſo wie die Thatſachen ſich heraus ſtellen,“ ſagte Balthaſar. „Jetzt laß uns zu unſrer Vorſcene ſchreiten. Du biſt mit Regina er⸗ zogen worden, deren Verwandter Du biſt. Aus dieſer kind⸗ lichen Freundſchaft ging eine vertraute Gewoͤhnung unter euch hervor, die, ſo wie ihr nach und nach aufwuchſet, ſich in Liebe verwandelte. Iſt das ſo recht?“ „Ja! eine zartliche, leidenſchaftliche Liebe bei mir,“ ver⸗ ſetzte Robert; „aber kalt, ernſt und zuruͤckhaltend bei Regina.“ „Sehr gut! ſo habt ihr denn alſo, ſie das 16te und Du das 18te oder 191te Jahr erteicht,“ fuhr Balthaſar fort. — — „Ihr ſaht euch ſo oft als eure Familienverhaͤltniſſe es erlau⸗ ten und fuhr fort euch zu lieben, ſie mit der Liebe einer keuſchen Penſionairin, Du mit der Liebe eines noch unver⸗ dorbenen Studenten, indem ihr euch, wie man das unter unſchuldigen Seelen ſagt, verſpracht, euch immer zu lieben . nie einem Andern anzugehören.“ „Aber unter Einer Bedingung,“ ſagte Robert. „Welcher?“.. Davon haſt Du mir nichts geſagt.“ „Regina ſchwur mir, nur mein zu werden,“ verſetzte Robert, „aber unter der Bedingung, daß ich eines Tages das Andenken ihrer Mutter rächte.“ „Es raͤchte?. was denn? an wem?“ fragte Bal⸗ thaſar, immer mehr verwundert. „Rächte? . wie denn?“ „Regina hatte ſich nicht naͤher daruͤber erklaͤrt: . ſpaͤter wollte ſie dieſes Bekenntniß vervollſtändigen . wir wurden aber in Folge eines Bruches zwiſchen unſren beiden Familien getrennt.. . Hoͤre alſo jetzt, was Du noch nicht weißt, Balthaſar,“ ſetzte Robert hinzu. „Bei unſrer letzten Unterredung ſagte mir Regina mit feierlichem Tone. „Man trennt uns aber man kann unſte Herzen nicht trennen. Ich habe Sie geliebt, und liebe Sie noch, Robert, weil ich Sie von Kindheit an kenne, weil Sie ein edles Herz, einen großartigen Charakter beſitzen, weil Sie mir geſchworen haben, mir eines Tages beizuſtehen, um das Andenken meiner Mutter wieder herzuſtellen .. meiner unwuͤrdig ver⸗ kannten Mutter!.. Soo reiſen Sie denn, Robert, da es ſein muß . Aber ich ſchwöre es Ihnen bei der heiligen Martin. VI. 13 — — Erinnerung an meine Mutter ... weder Zeit noch Entfer⸗ nung wird mich je das feierliche Verſprechen vergeſſen laſſen, das ich Ihnen heut ablege, nie einem Andern als Ihnen anzugehören. An dem Tage wo ich den Augenblick dazu fuͤr guͤnſtig erachten werde... werde ich Ihnen ſagen, kom⸗ men Sie. .. und Sie werden kommen ... das weiß ich.“ „Dieſe Sprache iſt ruͤhrend., dieſes Verſprechen iſt feierlich!“ ſagte Balthaſar tiefbewegt. „Nimmt man den feſten, rechtlichen und ritterlichen Charakter Regina's hinzu, ſo wird ſie offenbar halten, was ſie verſprach.“ „O, ſie muß es wohl,“ rief Robert mit einer Art bittern Verdruſſes; „meine ganze Zukunft beruht ja nur auf dieſer einzigen Hoffnung.“ * Balthaſar ſchwieg einige Augenblicke. „Was iſt Dir?“ fragte ihn Robert. „Wahrhaftig,“ verſetzte der Dichter mit ergriffenem Tone, „Regina iſt ein edles Geſchopf.. Doch jetzt wieder zu unſrer Vorſtene.. .. Der Baron entfuhrt ſeine Tochter auf ein in Berry entlegenes Landgut. Du vergiſſeſt ſchnell Deine erſte — Liebe, und dem Budjet treu, deſſen Zahlen Du mir ange⸗ geben hatteſt, verwendeſt Du dazu luſtig das Vermoͤgen, das Dir Dein Vater hinterlaſſen.. .. Alles nimmt ein Ende und folglich auch ſelbſt Erbſchaftn. .. Dein Vermoögen iſt auf dem Trocknen, Dein Credit zu Ende, da erfährſt Du, daß Regina durch eine zu erwartende Erbſchaft ohngefäͤhr um 3 Millionen reicher geworden iſt. Nun erinnerſt Du Dich des feierlichen Verſprechens der Freundin Deiner Kind⸗ — 195 — heit.. Jetzt ſage mir offen, fuͤhlſt Du Dich gänzlich von aller vergangenen und zukuͤnftigen Leidenſchaft zu Reginen frei und ledig? Das Spiel zu ſpielen, das Du ſpielen willſt, dazu gehoͤrt kaltes Blut, ja ſelbſt der unbeugſame Egoismus eines Geſchaͤftsmannes, denn Du darfſt Dir nicht verbergen, daß es ein Geſchaͤft iſt, ein vortreffliches Geſchäft, das Du machen willſt. . .. Nichts mehr und nichts weniger ... ge⸗ lingt es Dir, ſo ſage ich Dir ſpaͤter meine perſoͤnliche Mei⸗ nung daruͤber.“ „Wie?“ rief Robert, „erklaͤre Dich.“ „Wir ſprechen jetzt aus dem dramatiſchen Geſichts⸗ punkte und nicht aus dem moraliſchen, verzeihe dieſes Wort. . .. Da eine ſchwierige, faſt verzweiflungsvolle Lage (die Deine) und die Charaktere gegeben ſind, ſo muͤſſen wir jetzt die Mittel zu finden ſuchen, um dieſe teufliſche Stellung aufzuloſen. Darum ſuchſt Du, ich wiederhole es Dir, ein vortreffliches Geſchaͤft zu machen, ich aber ſuche darauf ein Intriguenlüſtſpiel zu bilden ... Folglich iſt von Moral dabei nicht die Rede.“ „Glaubſt Du denn, ich handle auf unredliche Art und Weiſe?“ rief Robert. „Geh doch! .. Du biſt zu Grunde gerichtet wim⸗ melſt von Schulden. Ein junges, ſchoͤnes und reiches Maͤd⸗ chen hat Dir verſprochen Dir zu gehören, und Du nimmſt ihre Zuſage in Anſpruch. Von hundert Perſonen wuͤrden neun und neunzig und ein halber ſo handeln wie Du. Sei 13* alſo ganz ruhig, was die Anſicht der Welt betrifft. Du biſt rein, fleckenlos, wie das Paſſahlamm.“ „Aber nach Deiner Anſicht?“ „Nach meiner Anſicht?“ a. „Sonderbar!!“ „Sei offen, Du wuͤrdeſt nicht ſo handeln wie ich, Balthaſar?“ „Vielleicht.“ „Du tadelſt mich?“ „Aber ich helfe Dir. weil es fuͤr Dich, wie ich weiß, eine Frage um Leben oder Tod betrifft,“ ſagte ernſthaft Balthaſar. „Du tadelſt mich und hilfſt mir! Wozu dieſer Widerſpruch?“ „Ein Widerſpruch?“ rief der Dichter, indem er ſeinen gewöhnlichen guten Humor wieder annahm; „im Gegenthti es iſt eine Vermiſchung, ein vollſtändiges S ſtäͤndniß. Indem ich Dich tadle, gehorche ich meiner per⸗ ſönlichen Meinung, indem ich Dir helfe, theile ich die Mei⸗ nung der großen Mehrzahl.“ „Immer bizarr!“ „Was verlangſt Du, Robert?. ein Dichter das iſt nun einmal ſo ein drolliges Ding.“ Obgleich dieſe Proteſtation gegen Roberts Abſichten nur eine paſſive war, ſo wußte ich Balthaſar doch Dank dafuͤr. So hoͤrte ich denn das Ende der Unterredung mei⸗ ner Herren mit ſteigender Unruhe an. — — „Fahren wir denn in unſerer Expoſition fort,“ begann Balthaſar wieder. „Als Du die unerwartete Erbſchaft Re⸗ gina's erfuhrſt, hoͤrteſt Du noch dabei, daß ſie ſehr ungluͤck⸗ lich bei ihrem Vater lebe ... Denn ſie ſoll, wie man ſagt, nicht ſeine Tochter ſein. Der Baron hat, obgleich Jahre ſeit dieſer Entdeckung verfloſſen ſind, dieſen komiſch⸗eheli⸗ chen Zufall ſo tragiſch genommen, daß ſeine Menſchenſcheu, wie man ſich zufluͤſtert, in Wahnſinn ausarte, wodurch die Lage ſeiner Tochter vollkommen unertraͤglich werde, be⸗ ſonders ſeit man ſie wieder nach Paris zuruͤckgebracht hat. Alles dies ſcheint Dir durch eine gute Fee gewoben; ein junges geplagtes Maͤdchen iſt ſchon halb entfuͤhrt; . Du nimmſt Dir alſo vor, Regina zu entfuͤhren, uͤberzeugt, daß ihr Vater ſie Dir aus tauſend Urſachen nicht zur Frau ge⸗ ben wird. Dieſe Idee einer Entfuͤhrung iſt nicht unver⸗ ſtaͤndig: Du beſitzeſt den Schwur des chevalereskeſten aller Mädchen, nur hat Regina Dir noch nicht geſagt: Kom⸗ men Sie! doch, das iſt einerlei, Du kommſt von ſelbſt, um ihren Wünſchen zuvorzueilen. So findeſt Du Dich in Paris ein, um die Belagerung Regina's und ihrer Milli⸗ onen regelmaͤßig zu beginnen .. Auf dieſem Punkte ſtan⸗ den wir heute Mittag. Dieſen Abend ein neuer Zufall, der die Vorſcene vervollſtändigt. Du erfährſt aus faſt ganz ſichrer Quelle, daß Du zwei Mitbewerber um Regina's Hand haſt: der Eine, vom Baron anerkannt, iſt der Graf Durirevau, ein Witwer, ein ſchaͤndlicher reicher Emporköͤmm⸗ ling; der Andre, wie man ſagt von Regina, die ſonach ihren — 198 — Schwur vergeſſen hätte, bevorzugt, iſt der Fuͤrſt von Mont⸗ bar, ein junger Manu von 25 Jahren, ſchon wie Antinous, edel wie ein Montmorency, ausgezeichnet, geiſtreich und hinreichend reich. Ich habe nichts vergeſſen, wie ich glaube, wenigſtens nichts von dem was ich weiß.“ „Nichts!“ ſagte Robert von Mareuil. Was das betrifft, was ich nicht weiß,“ fuhr Balthaſar fort, „ſo ſieh zu, ob Du es fuͤr angemeſſen achteſt, mich da⸗ von zu unterrichten . um dieſe Zeit.“ Nach einem kurzen Schweigen verſetzte Robert in etwas verlegenem Tone: „Dieſen Morgen ſagte ich Dir, daß ich aus der Bretagne kaͤme aus dem Schloſſe des Marquis von Kerouard bei dem ich eine Zuflucht vor meinen Gläu⸗ bigern geſucht.“ „Nun?“ „Heut Morgens bin ich aus dem Schuldgefängniſſe ge⸗ kommen worin ich mich ſeit dem Monat Januar befand.“ „Du. im Gefaͤngniſſe und davon habe ich nichts gewußt . rief Balthaſar im Tone des Vorwurfs. „Ich wollte es ſo viel als möglich geheim halten und glaube, daß es mir gelungen iſt. Man verhaftete mich im Augenblicke, wo ich von einer Reiſe von einigen Tagen zurück⸗ kam, die ich unternommen hatte, um meine Glaͤubiger auf falſche Spuren zu leiten.“ „Aber Deine Schulden — ſind beträchtlich,“ ſagte Balthaſar ... „wer hat ſie denn bezahlt?“ ——— nn.14404aw — 199 — „Sie ſind nicht bezahlt.“ „Wer hat Dich denn da aber aus dem Gefingriſſt gelaſſen?“ „Meine Glaͤubiger.“ „Deine Gläubiger?“ „Sie haben mir ſogar die Mittel erleichtert, ein neues Anlehn bei dieſem Kinderſpielzeughändler zu machen, an den ich heut fruͤh geſchrieben habe.“ „Das grenzt ans Wunderhafte.“ „und doch iſt nichts einfacher als dies. Ich habe meine Glaͤubiger uͤberzeugt, daß ſie nichts von mir zu er⸗ warten hätten, wenn ſie mich im Gefaͤngniſſe behielten, waͤhrend, wenn ſie mich freiließen, und mir ſogar einiges unentbehrliche Geld verſchafften, ſie eine reiche Heirath, die ich im Auge hätte, moͤglich machen wuͤrden.“ „Jetzt begreife ich.“ „Sie haben uͤbrigens ihre Sicherheitsmaßregeln ge⸗ nommen ... Vor meiner Entlaſſung aus dem Gefaͤngniß ich ale meine Wechſel erneuert, auf drei Monat erneu⸗ Ich werde uͤberwacht. Findet die Heirath — ſo werden ſie bezahlt ... findet ſie nicht ſtatt .. Doch wozu dieſe Hypotheſe? Entgeht mir die Heirath .. ſo iſt mein Entſchluß gefaßt.“ „Jetzt, wo ich Alles weiß was Du riskirſt, Alles was Du gelitten haſt,“ rief der Dichter, „ſo ſage ich Dir, daß, wenn Du, wie ich hoffe, dieſes edle Mädchen heiratheſt — — es ganz unmoͤglich iſt, daß Du ſie nicht von Neuem anbe⸗ teſt, waͤre es auch nur aus Dankbarkeit.“ „Ich glaube es wie Du. Sie wuͤrde mich aus einer verzweiflungsvollen Lage gezogen haben Aber jetzt bin ich zu ſehr von Ungewißheit und Furcht umhergeworfen, als daß ich an Liebe denken koͤnnte.“ „Mich freut dieſe Aufrichtigkeit . und ich glaube Dir: das verdoppelt meinen Eifer . Alles dies nun vor⸗ ausgeſetzt, iſt das Erſte was Du zu thun haſt, Regina wieder zu ſehn. Daß ſie die Bewerbungen des Grafen Duriveau angenommen habe, iſt unmoͤglich ... Daß ſie die des Fuͤr⸗ ſten von Montbar annehmen werde, wenig wahrſcheinlich Sie hat Dir einen Schwur geleiſtet ... Du haſt ſie davon nicht losgeſprochen, und bei ihrem Charakter kann ſie nicht meineidig werden.“ „Meine ganze Furcht iſt nur, daß das Geruͤcht von meinen Verſchwendungen, vielleicht ſogar von meiner haftung, zu ihr gelangt ſein moͤchte.“ „Wenn Regina Dich noch liebt, was ſchadet es dann?“ ſagte Balthaſar. „Die Liebe iſt nachſichtsvoll, und dann kannſt Du Dich ja in alle dieſe Zerſtreuungen und Verſchwen⸗ dungen mit Gewalt geſtuͤrzt haben, Dich wegen einer ſo grauſamen Trennung zu betaͤuben. Moch einmal „ wenn ſie Dich nur noch liebt, ſo hat alles Andre nichts zu ſagen.“ „Morgen werde ich es N ob ſie mich liebt.“ „Morgen?“ „Geht ſie nicht mit hen Vater und dem Grafen Duri⸗ — 201 — veau in's Muſeum? Wenn ich nur Regina's Blicke begeg⸗ nen kann, weiß ich ſchon mein Schickſal. Stolz und kalt wie ſie iſt, wird es ihr unmoͤglich ſein, ſich zu verſtellen. Ich kenne ſie, der Ausdruck ihres Geſichts wird mir Alles fagen.“ „Du haſt Recht; ehe wir weiter beſchließen, muſſen wir den Eindruck der morgenden Begegnung abwarten.“ „Und wenn meine Hoffnungen mich betrogen haben!“ rief Robert von Mareuil. „Und wenn . nein nein,“ fuhr er fort — und ich hoͤre ihn noch den Stuhl mit Ge⸗ walt zuruͤckſtoßen, aufſtehn und unruhig umhergehn . „Nein, bei dieſem bloßen Gedanken habe ich die Holle im Herzen.“ „Laß ſein, Robert, beruhige Dich!“ ſagte Balthaſar be⸗ wegt. „Du erſchreckſt mich wirklich. Du biſt blaß, Deine Augen ſind voll Blut! .. Komm ans Fenſter und laß Dich die friſche Luft anwehen „. Dieſes Zimmer iſt klein . . man erſtickt darin. . .. Wir werden ja ſehen, aber beruhige Dich nur und komm zu Dir. .. Du biſt verdammt nervoͤs heute Abend.“ Ich hoͤrte das Fenſter oͤffnen und Robert faſt in dem⸗ ſelben Augenblicke zu Balthaſar, indem er an jenes trat, ſagen: „Du haſt Recht. Mein Kopf gluͤht. Die Luft wird mir wohlthun, mich beruhigen . . und dann werde ich Dir mit Ruhe, aber Beſtimmtheit ſagen, daß, wenn Regina meine Hoffnung taͤuſchte ich entſchloſſen. . Da Roberts Stimme immer ſchwaͤcher wurde, je mehr er ſich dem Fenſter naͤherte, ſo war es mir unmoͤglich, das Ende, das er ſprach, zu hoͤren. — 202 — Blos daß einige Augenblicke nachher Balthaſars Stimme, der ohnſtreitig ſchnell vom Fenſter zuruͤckgetreten, mir wie⸗ der plötzlich zu Ohren kam, nicht mehr freudig und wie liebevoll, ſondern feſt, ſtreng und faſt unwillig. „Ich glaube es nicht,“ ſagte er zu Robert, „ich will es nicht glauben.“ „Hoͤre, Balthaſar . . .“ „Ich ſage Dir, Robert, daß Du Dich beruhigen ſollſt . . . denn Du biſt einer ſo ſchwarzen That unfaͤhig. Der ſchaͤndlichſte Verath des Fräuleins von Noirlieu wuͤrde Dich nicht deßhalb entſchuldigen.“ „Warum ſollte ich nicht das Aeußerſte, zu dem man mich getrieben hätte, thun?“ rief Robert. „Vergiſſeſt Du. meine Lage?“ „Ich vergeſſe ſie ſo wenig, Robert, daß dieſe Lage allein in mir Bedenken erſticken kann, die ich Dir nicht ſagen will. Und das iſt ſchon viel .. aber weiter hinausgehen? Nie! Trotz meiner alten Freundſchaft fuͤr Dich, trotz meiner Ergebenheit, an der Du nicht Urſache zu zweifeln haſt... wuͤrde ich Dich in meinem Leben nicht wiederſehen. wenn. .. . Hier unterbrach Robert den Dichter durch den Aus⸗ druck eines gezwungenen Lachens, das mir ſogar krampf⸗ haft zu ſein ſchien, und ſagte mit einer Luſtigkeit, die ich fuͤr eben ſo verſtellt hielt als jenes: „Wie? unſchuldiger Dichter der Du biſt, allzu naiver Mitarbeiter, erinnerſt Du Dich nicht, daß Du mir eben ſelbſt geſagt haſt: Es iſt der Entwurf eines Luſtſpiels hoheren — 203 — Styls, vielleicht eines Drama, an dem wir arbeiten? Nun denn, ich wollte Dir ganz einfach zeigen, daß ich eben ſo gut wie Du meine kleine dramatiſche Scene erfinden koͤnne .. und Du haſt Dich zum Beſten haben laſſen. . haſt ernſt⸗ lich geglaubt, ich könnte ſchlecht genug ſein, um... Ach geh doch, Balthaſar, ich könnte boͤſe auf Dich werden, wenn wir nicht ſo alte Freunde waͤren.“ Indem er dies ſprach, war Roberts Ton ſo natuͤrlich und uͤberzeugt, daß ich verſucht ward, an die Aufrichtig⸗ keit ſeiner Worte zu glauben. Balthaſar ſelbſt zweifelte auch keinen Augenblick daran, denn er rief halb luſtig, halb boͤſe: „Hol Dich der Henker, Robert, oder mich, denn am Ende bin ichs doch, der dumm genug war, Dich einer ſol⸗ chen Gewaltthaͤtigkeit fur fähig zu halten. .. Du lachſt uber mich, Du haſt Recht. .. Nun gut alſo. Es iſt ſpät ge⸗ worden: unſere Eppoſition iſt vollſtaͤndig entworfen, wir ha⸗ ben unſere Perſon . .. und morgen denn zur Handlung.“ Sonderbar! So ſehr Balthaſar, wenn ſeine ungeheuere Phantaſie ihn einmal mit fortriß, ſich in die tollſten wachen Traͤume verlor, eben ſo gut, edel und verſtändig zeigte er ſich, wenn er den Pfad des praktiſchen Lebens betrat. Dann bot er ſeinem Freunde nicht mehr an, mit ihm dieſes Po⸗ toſi zu theilen, dieſe Goldbäche, dieſe Gallionen und andere phantaſiſche Gewinne, die er von ſeinen Schriften erwartete und auch ſpaͤter erhielt, er bot ihm nur alles das an, worüber er vernuͤnftigerweiſe gebieten konnte, ſeine beſcheidene Woh⸗ nung, ſein Brot und die fruchtbaren Hilfsquellen ſeiner Einbildungskraft. Ich hatte auch mit einiger Zuftie⸗ denheit bemerkt, daß trotz ſeiner herzlichen Freundſchaft fuͤr Robert von Mareuil, der Dichter dennoch ſeiner Ergebenheit ſtrenge Granzen ſetzte, und ich hielt ihn fuͤr um ſo unfähiger, eine unedle Handlung gegen Regina mit begehen zu helfen, als er nicht ohne einige Bedenklichkeiten ſeinen Beiſtand zu den Heirathsplaͤnen Roberts gewährte. Der entſchloſſene und kalte Ton, womit dieſer von ſeinem Vorhaben des Selbſtmords ſprach, hatte mich uͤberzeugt, daß dieſer Entſchluß aufrichtig ſei. Ich geſtehe es, daß, wenn ich eine Art von Mitleid fuͤr dieſen jungen Mann empfand, ſie doch ohne alle eigene Theilnahme, ohne tieferes Gefuͤhl war. Dieſe Unthätig⸗ keit, dieſe feige Entſagung, die den Tod der Arbeit vorzog, ohne dieſe je auch nur verſucht zu haben, dieſes Geſtändniß voll cyniſcher Frechheit, daß das Leben ihm ſelbſt bei 15000 Francs Einkuͤnften unmoͤglich ſein wuͤrde, dieſer eben ſo unverſchaͤmte als ungluͤcklicherweiſe wahrhafte Anſpruch, nur eine Epiſtenz als Millionair annehmen zu koͤnnen, hatte mich anfänglich mit Widerwillen, Verachtung und Ekel gegen dieſen ungluͤcklichen jungen Mann erfuͤllt; indem ich mir aber darauf die Lehren Claude Gerards ins Gedächtniß zu⸗ ruͤckrief, Lehren voll Milde und Weisheit, ſo dachte ich an die Erziehung, welche Robert von Mareuil genoſſen hatte, eine Erziehung, von welcher mir die Scene der Kindheit, die vor⸗ dem in dem Walde von Chantilly vorgefallen, eine Probe — — gegeben hatte. Ich bedachte, was in dem Gedanken, der faſt Allen, die nicht ihrer Arbeit oder ihrem Verſtande, ſondern blos dem Zufalle der Geburt die Guͤter des Gluͤcks verdan⸗ den, allgemein iſt, fuͤr unvermeidlich Unſeliges liegt, in dem Gedanken: Ich bin nicht zum Arbeiten gemacht; mein Vater iſt reich, ich werde reich werden, und meinen Rang behaupten. Ich dachte endlich an jene unheilbare Peſt des Muͤſ⸗ ſigganges, an jene Gewoͤhnung an Lurus, an die Noth⸗ wendigkeiten des Ueberfluͤſſigen, die ſo zu ſagen unſere Na⸗ tur belaſten, indem ſie uns, wie es ſcheint, faſt neue Sinne, neue Organe, eben ſo gebieteriſch wie die uͤbrigen ſchaffen. Dann kam ich dahin, Robert von Mareuil auftichtig zu beklagen, nicht weil er das war, was er iſt, ſondern daß er durch eine der unſeligſten Folgen von Erbſchaften, eine muͤſſige Jugend, bis zu dieſem Grade der Feigheit, Ohnmacht und Entartung gebracht worden.“ Auch dieſes Mal wieder fand ich beſtaͤtigt: oft verthiert, erniedrigt der Mißbrauch des Reichthums eben ſo wie das tiefſte Elend, und man iſt dieſen Opfern des Ueberfluſſes zwar ohne Zweifel nicht jenes herzliche Erbarmen, jene ge⸗ heiligte Theilnahme ſchuldig, welche ſtets die Märtyrer der ſchwerſten Entbehrungen einfloͤßen, aber doch auch jene Art ſchmerzlichen Mitleids, welche, wie mir Claude Gerard ſagte, das Loos der elenden Kranken fordert, deren Blut durch ir⸗ gend ein Erbuͤbel verdorben iſt. Ich überließ mich um ſo mehr dieſen Gefuhlen billi⸗ ger Theilnahme, als ich befurchtete, ohne es ſelbſt zu wiſſen, — 206 — dem Einfluſſe eines eiferſuͤchtigen Widerwillens gegen Ro⸗ bert unterworfen zu ſein, denn er war von Regina geliebt worden .. . ward es vielleicht noch! Geliebt von dieſem jungen Mädchen, deren ſeltne Tu⸗ genden ich nach der Unterredung, die ich belauſcht hatte, noch mehr bewunderte!.. Er, geliebt von Regina! Und dieſe Verbindung war möglich!. .. Regina, treu den Schwuͤren einer erſten Liebe, verblendet durch ihr Vertrauen zu einem Manne, den ſie ihrer wuͤrdig glaubte, mißhandelt vielleicht im väterlichen Hauſe, darauf rechnend, in Robert eine edle und hingebende Mitwirkung zu finden, die ihr beiſtände, die Wiederherſtellung des Andenkens ihrer Mutter zu verfolgen und zu erlangen, mußte vielleicht Roberts von Mareuil Abſichten erfuͤllen. Ein einziger Umſtand war gegen dieſen gn hatte ihm noch nicht geſagt: Kommen Siel War dies Seiten des jungen Mädchens nöthiges 35⸗ gern? war es Vergeſſenheit? Mangel an Wort? neuere Kenntniß von Roberts Charakter? oder Unterwerfung unter den Willen ihres Vaters, der, wie man ſagte, ſie mit dem Grafen Duriveau zu vermaͤhlen wuͤnſchte? war es 2 Liebe zum Fuͤrſten von Montbar? Mitten unter dieſen Verwicklungen wechſelten meine Beſorgniſſe den Gegenſtand, ohne deßhalb minder lebhaft zu ſein. Mein Gott, welche Wahl auch fuͤr zwiſchen dieſen drei Maͤnnern: dem Grafen Duriveau, — Robert von Mareuil, oder dem Fuͤrſten von Montbar, wenn dieſer, wie ich vermuthete, der Unbekannte aus der Schünke der 3 Ton⸗ nen war! ₰ Doch taͤuſchte ich mich vielleicht in Betreff des geten. Dieſer Irrthum war die einzige gluͤckliche Möglichkeit, die Regina übrig blieb, und ich wünſchte ſie ihr, wie ich zu Gott ſchworen kann, vom Grunde meiner Seele . Sie gluck⸗ lich und von einem ihrer wuͤrdigen Gemahl geliebt zu wiſſen, wäre fuͤr mich, der ich fuͤr meine eig'ne Liebe nichts hoffte, der größte Troſt geweſen. Von Muͤdigkeit erſchoͤpft, durch die vielfachen und ſonderbaren Ereigniſſe dieſes Tages ermatteten Geiſtes, ahmte ich meinen Herren nach. Mehre heftige Klingelzuge erweckten mich. Es war lichter Tag. Ich oͤffnete einem Schneider, der ein großes Packt ſchon fertige Kleider brachte. Robert von Mareuil hatte ſie ohnſtreitig geſtern beſtellt. Trauri⸗ ges Hilfsmittel fuͤr einem jungen Mann, der an alle Klei⸗ nigkeiten und Erforderniſſe einer ausgeſuchten Toilette ge⸗ woöhnt, aber die Zeit draͤngte, Roberts jetzige Kleider waren — ſo abgetragen und ſchlecht, daß es doch beſſer fuͤr ihn war, ſich heute doch werigſten anſtaͤndig gekleidet Regina vor⸗ zuſtellen. Uebrigens war das ausgezeichnete Aeußere Roberts, ſeine Anmuth und natuͤrliche Eleganz ſo überwiegend, — 208 — daß trotz der ohnſtreitig etwas veralteten Mode dieſer Kleider, er nach dem beſten Geſchmacke gekleidet ſchien. Zu meinem großen Staunen ſah ich, daß meine Herren mich nicht ver⸗ geſſen hatten. Der Schneider zog aus ſeinem Sacke einen Livreeüberrock mit rothem Kragen und ſilbernen Knöpfen, ein rothes Gilet, und blaue Bein⸗Kleider und nußbraune Gamaſchen. Ich mußte meine beſcheidenen Arbeitskleider aus und dieſe Livree, die mir ſo zierlich paßte, anziehen. Ich empfand eine furchtbare Herzbeklemmung, als ich zum erſten Male dieſe Kennzeichen des Dieners anzog. Einen Augenblick lang zauderte ich ſogar; als ich aber an die Dienſte dachte, die ich Regina in dieſer demuͤthigen Stel⸗ lung leiſten könnte und mich an Claude Gerards Mapime, aus der ich bisher ſo viel Muth, ſo viel Entſagung geſchöpft hatte, erinnerte, daß es keine Stellung giebt, in welcher der redliche Menſch nicht ſeine Wuͤrde behaupten könnte, auch mir noch ſagte, daß mein Widerſtreben oder Bedenken wegen der Livree im Geiſte meiner Herren leicht Verdacht er⸗ wecken koͤnnte, wollte ich nicht, indem ich mich einer Ent⸗ laſſung ihrerſeits ausſetzte, riskiren den einzigen und ſchwa⸗ chen Faden zu zerreißen, der mich ſo zu ſagen mit Regina in Verbindung brachte. „Da biſt Du nun ſo ohngefähr anzuſehn,“ ſagte Ro⸗ bert zu mir, mich von Kopf bis zu Fuß muſternd. „Sieh nicht ſo verdutzt aus, blicke frei umher! Laß die Arme nicht ſo lang herunter am Leibe kleben, ſonſt machſt Du uns Schande. Vor Allem aber hebe Deine Kleider als Com⸗ — 209 — miſſionair auf; ſie koͤnnten Dir leicht bei gewiſſen Ge⸗ legenheiten, wobei Deine Livree zuſehr auffiele, nutzliche Dienſte leiſten.“ „Nicht uͤbel,“ ſagte Balthaſar, mich ebenfalls betrach⸗ tend. „Ich haͤtte freilich einen dreieckigen Hut, einen reh⸗ farbenen Rock, franzoͤſiſch geſchnitten, Gilet und Hoſe hell⸗ blau, ſilberne Knieeguͤrtel, weißſeidene Struͤmpfe, Schnallen⸗ ſchuhe und gepudertes Haar vorgezogen. Das wäre doch noch etwas Ausgeſuchtes geweſen, aber fuͤr Dich, mein braver Junge, doch allzu Frontin. Dieſe beſcheidene buͤrgerliche Haltung wird die Treuherzigkeit friſch erhalten, die ich ſo ſehr zu ſchätzen weiß, mein Martin!.. Uebrigens iſt die Livree Rehfarben die meine, ich will das Erſte davon mir vorbehal⸗ ten. ich hatte ein hundert Stuck ſolcher Anzuge fuͤr meine Leute bei der Einweihung meines Palais in der Vorſtadt St. Antoine beſtellt.. aber dieſer verwuͤnſchte Freitagsvor⸗ abend hat Alles veraͤndert. . es iſt aufgeſchoben.“ Ein beſcheidener, furchtſamer Klingelzug unter⸗ brach Balthaſar. Der Schneider war fort, ich hatte die Thuͤr zu meiner Herren, Zimmer wieder geſchloſſen und oͤffnete. 2 Es war la Levraſſe. „Herr Graf von Mareuil?“ fragte er mit ſußlicher Stimme und ſchien einen raſchen und forſchenden Blick auf das Gemach zu werfen, in welchem wir uns befanden. „Iſt zu Hauſe, mein Herr,“ antwortete ich; „und wenn Martin. VI. 14 — 210 — Sie warten wollen, will ich den Herrn Grafen in Kenntniß ſetzen.“ Somit ließ ich la Levraſſe allein und trat in's nächſte Zimmer. „Der Händler mit Kinderſpielzeuge,“ ſagte ich zu mei⸗ nen Herren. „Er hat Wort gehalten.. gute Vorbedeutung, vor⸗ treffliche Vorbedeutung,“ ſagte der Dichter mit leiſer Stimme. Anſtatt die freudige Hoffnung zr theilen, welche la Le⸗ vraſſe's Ankunft dem Dichter einflößte, ſagte Robert, nach⸗ dinklich und unruhig ſcheinend, zu großem Erſtaunen Bal⸗ thaſars mit gepreßtem Tone zu dieſem: „Lieber Freund, laß mich mit bieſem Manne allein.“ „Allein mit dem Spielzeughandler?“ ergegnete Balthaſar. a. „Das iſt ſonderbar... Du hatteſt mir nicht geſagt, daß. „Licber Freund, wenn ich Dich bitte Dich zu entfer⸗ nen,“ verſetzte Robert, „ſo geſchieht es, weil ich durchaus ein Geheimniß daraus machen muß... Entſchuldige mich des⸗ halb.“ „Meinetwegen auch, Robert, meinetwegen,“ ſagte der vetroffene Dichter .. „Ein wenig Geheimnißvolles ſchadet uberdies der Wirkung des Drama nicht .. alſo Geheimniß!“ „Haben wir hier Geräth zum Schreiben?“ fragte Ro⸗ bert. „Du willſt ſagen zum Unterſchreiben,“ erwiderte der Dichter laͤchelnd. „O ja! hier iſt ein Dintenfaß und Feder. MNun komm, Martin.“ Wir gingen. La Levraſſe trat an unſere Stelle bei Robert ein. Ich ſchloß die Thuͤr hinter dieſem zu. „Warum mag mich nur Robert fort ſchicken?“ ſagte der Dichter mit ſich ſelbſt ſprechend, ſobald wir in in dem Ge⸗ mach, das als Vorzimmer diente, allein waren. Dann ging Balthaſar ſchweigend hin und her, wäh⸗ rend ich, der nicht weniger neugierig wie er war, um das was im andern Zimmer vorging zu erfahren, mich damit be⸗ ſchaͤftigte, einiges Geräth zu ordnen, um Haltung zu gewinnen. Ein Tiſch, den ich abſichtlich vor den akuſtiſchen Leiter ſtellte, bedeckte dieſen vollkommen, ſo daß man von der Unterredung Roberts mit la Levraſſe nichts hören konnte. Deſſen ohngeachtet hatte ſich Balthaſar im Hin⸗ und Hergehen mehre Male der Zimmerthuͤr genähert, und ſchien einer haſtigen Regung von Neugier unterworfen. Plötzlich wurde das tiefe Schweigen, das bisher ge⸗ herrſcht hatte, durch folgendes von Robert ausgeſprochene Wort unterbrochen: „Elender!!“ Bei dieſem Ausrufe, nach welchem Alles wieder ſtil ward, legte Balthaſar die Hand ans Thuͤrſchloß. Ohnſtrei⸗ tig wollte er eintreten, hielt jedoch, das Gebot ſeines Freun⸗ 14* — — des bedenkend, inne, und fing dann wieder an umherzuge⸗ hen, indem er halb leis ſagte: „Hml... Das wird bös.. Robert glaubte aber doch, es werde gleichſam von ſelbſt gehen .. Dieſer Teufelskerl ſcheint mir ein häßliches Geſicht zu haben.“ Dann wendete er ſich zu mir: „Nicht wahr, lieber Junge, er hat ein verwuͤnſchtes Geſicht? Du haſt ihn Dir jn geſtern ganz mit Ruhe be⸗ trachten koͤnnen.“. „Wen?“ „Den Kinderſpielzeughaͤndler.“ „Den? den habe ich nicht genau angeſehen.“ Ploͤtzlich oͤffnete ſich die Thuͤr, Robert ſteckte den Kopf heraus und rief: „Balthaſar ... Du kannſt wieder hereinkommen.“ Der Dichter trat ein. Ich blieb allein, betroffen über die Blaͤſſe von Roberts Geſicht und den finſtern Ausdruck ſeiner Phyſiognomie, ſah aber bald wieder Balthaſar mit leuchtenden Zuͤgen und Freudefunkelnden Augen herauskommen. Er gab mir mehre Silberſtuͤcke in die Hand und ſagte: „Geh ſogleich in den Tabakladen in dieſer Straße, und laß Dir vom Verkaͤufer fuͤnf Stempelbogen, behalt es wohl, fuͤnf Stempelbogen, jeden fuͤr 10,000 Francs ge⸗ hen, das macht 50,000 Francs. Verſtehſt Du?“ „o, mein Su 6 furdre fuͤnf Stempelbogen zu * — — 10,000 Francs jeden, was zuſammen 50,000 Francs be⸗ trägt,“ ſagte ich mit Staunen, denn ich kannte damals durch⸗ aus noch nicht das Daſein des Stempelpapiers und ſeines verhältnißmaͤßigen Werthes, ſo daß ich glaubte, ich ſolle wirklich 50,000 Francs zuruͤckbringen. „Alſo haſt Du wohl verſtanden,“ erwiderte Baltha⸗ ſar, „Du bringſt mir die fuͤnf zu 10,000 Franes jeden, und wirſt ſie bezahlen.“ „Und womit, lieber Herr?“ rief ich ganz verbluͤfft. „Wie? womit? nun mit dem Gelde, das ich Dir eben gegeben habe.“ „Mit dem?“ verſetzte ich: „50,000 Franecs bezahlen?“ „Nun ja, Du Unſchuld aus dem goldnen Zeitalter. Antike Einfalt!“ rief Balthaſar. „Oh Martin! waͤren die jetigen Verhältniſſe nicht ſo ernſt, ſo trg ich Dich ſelbſt im Triumphe um dieſes Zimmer unter Lobgeſängen auf Dich im vollen Chore! Aber es fehlt an Zeit. alſo lauf in das Tabak-Bureau, fordre die fuͤnf Stempel zu 10,000 Francs jeden, bezahle und komme ſchnell zuruͤck.“ Ganz verdreht eilte ich die Treppe hinab und zu dem Bureauinhaber. Es war ein alter kleiner Mann mit fei⸗ nem, durchdringendem Auge und ſchelmiſchem Lächeln. „Mein Herr,“ ſagte ich zu ihm, „ich wuͤnſchte fünf Sinpel zu 10,000 Francs jeden zu haben.“ „Ho ho!“ ergegnete der Bureaumann, und ſuchte in einem ſchlechten Carton ein Paquet dieſer Papiere, die mir ſo werthvoll zu ſein ſchienen. „Ho, ho!“ fuhr er fort; „es ſcheint mir, als haͤtten wir mit großen Capitaliſten zu thun?... Das ſind Bur⸗ ſchen, die nichts in die todte Hand wollen kommen laſſen!.. 50,000 Francs!. ſie machen Papiere, als obs gleichen regnete .. Aber bah!“ ſetzte er mit väterlichem Tone hinzu; „das bringt ihr Alter ſo mit ſich.“ Dann ſagte er, indem er meine neue Livree betrachtete, ſcherzend zu mir: „Ich wette darauf, daß Ihr Herr jung iſt.“ „Ja, mein Herr.“ „Das wußte ich gewiß, denn gewöhnlich lernen die jun⸗ gen Leute auf dieſem Papiere den commerziellen Styl. ... Sie machen ſo viele kleine Schreibebuͤcher daraus. Ah!... was für verlornes Papier!“ ſetzte der Buraliſt hinzu, in⸗ dem er mir kleines Geld wiedergab. Ich begriff damals dieſes allerdings treffende nicht, und kehrte eiligſt zu meinem Herrn zuruͤck. Ich fand Balthaſar auf der Mitte der Treppe. „Die Stempelbogen! die Stempelbogen!“ rief er. „Da ſind ſie.“ „Gut! jetzt lauf in die Straße Gee Bateliere, dort wohnt ein Lohnkutſcher, Du beſtellſt bei ihm fuͤr Mit⸗ tag das ſchönſte engliſche Coupé, das er habe. Stoß Dich nicht ans Geld.. Der Wagen muß Mittag vor unſerm Hauſe ſein. . Verſtehſt Du?“ „Ja, mein Herr.“ Und ſo lief ich wieder fort. Meine Livree flößte dem „ *„ — — 215 — Lohnkutſcher Vertrauen ein, er ſchlug mir einen ſchönen Wagen vor. Ich nahm ihn und eilte zu meinen Herren zuruͤck. La Levraſſe war fort, Balthaſar immer ſeliger, aber Robert ſchien mir nachdenklich. „Giebts einen Wechsler in dieſer Straße?“ fragte mich Balthaſar. „Ja, mein Herr,“ antwortete ich, „ein Uhrmacher giebt ſich damit ab.“ „So lauf und ſetze dieſes Bankbillet von 1000 Francs in 50 Louisdor um und das Agio bezahlſt Du,“ ſagte der Dichter. „Balthaſar!“ rief Robert, ſeinen Freund in dem Au⸗ genblicke zuruͤckhaltend, wo dieſer mir die Banknote geben wollte. Dann ziſchelte er etwas in deſſen Ohr. Robert mochte meine Redlichkeit in Zweifel ziehen, denn ſein Freund, der mehr Vertrauen in mich ſetzte, ſagte laut: „Ich ſtehe fuͤr ihn!. er iſt dumm, aber ehrlich, ich kenne die Menſchen.“ „Halte das fein feſt in der Hand, feſt zugedruͤckt, und bringe das Gold in einer Rolle. Mach geſchwind, denn ehe eine Stunde vergeht, mſſen wir im Louvre ſein.“ Ich wechſelte das Billet, brachte die Goldrolle Baltha⸗ ſarn, der ſie aufbrach, die Stücke zählte, einen Angenblick lang ſie wohlgefaͤllig in der Hand blinken und klimpern ließ, und ſie dann Robert gab, der zu ihm ſagte: „Nun ſo nimm doch!“ „Was?“ „Alle Wetter! was Du von dieſen 50 Louisdoren willſt.“ „Ich danke, Robert.“ „Zum Henker, biſt Du denn toll? haben wir denn nicht noch da... „Nein, braver Robert,“ ſagte der Dichter mit ſanfter Feſtigkeit. „Alles ſoll unter uns gemeinſchaftlich ſein . nur nicht das Geld, das von jenem Manne kommt.“ „Welcher ſonderbarer Eigenſinn!“ „Hinweg von mir, hinweg!“ rief Balthaſar, dies Mal nicht mehr ernſt, ſondern wieder im Laufe ſeiner tollen Phantaſieen. „Brauche ich denn etwa Dein Geld? Werde ich nicht morgen oder uͤbermorgen, oder dann ſpaͤter. da⸗ mit uͤberhaͤuft, geſtopft, geſättigt ſein? Schicken mir meine Boͤſewichter von Buchhaͤndlern nicht das Honorar fuͤr meine Werke in Koffern von Sandelholz, von Negern getragen?“ „In den Wagen! geſchwind in den Wagen Du mußt voraus laufen, und vor Regina im Louvre ſein.“ „So willſt Du mich nicht begleiten?“ verſetzte Robert. „Alles wohl uͤberlegt, nein! es iſt beſſer, Du kommſt allein ich koͤnnte Regina's Aufmerkſamkeit zerſtreuen... Du findeſt mich dann wieder hier ich gehe nicht von der — 217 — Stelle. Komm bald wieder... und vergiß nicht, daß Du mich auf einem gluͤhenden Roſte zuruͤcklaͤſſeſt .. auf dem Roſte der Neugier.. Alſo lebe wohl.. und viel Gluͤck!“ „Auf baldiges Wiederſehen!“ ſagte Robert. Und als ich ihm die Thuͤr zum vortgehen öffnete, ſagte Balthaſar zu mir: „Nun? . ſo nimm doch Deinen Hut!“ „Ich?. warum denn?“ „Ei zum Henker, glaubſt Du denn, daß Du im blo⸗ ßen Kopfe hinten auf den Wagen ſteigen kannſt?.. Man ſollte glauben, Du habeſt ein Geluͤbde gethan?“ „Hinten auf den Wagen ſteigen!“ ſagte ich ſehr betre⸗ ten uͤber dieſe neue Folge dieſer improviſirten Dienſtboten⸗ ſchaft. „Wenn Du Dich nicht lieber mit hineinſetzen willſt?“ ſagte Robert achſelzuckend zu mir. „Vorwärts! hole Dei⸗ nen Hut und folge mir.“ Ich gehorchte. Ich öffnete den Wagenſchlag und ſtieg hinten auf. Wir fuhren eiligſt nach dem Louvre zu. Pierzehntes Rapitel. Der Perron des Muſeums. Eine große Menge Wagen drängten ſich ſchon auf den Zugaͤngen zum Louvre, als mein Herr am großen Thore des Muſeums ausſtieg. „Du gehſt mit dem Wagen, und giebſt wohl Acht, wo der Kutſcher haͤlt,“ ſagte Robert von Mareuil, „und dann warteſt Du hier an dieſer Thuͤr auf mich.“ „Ja, mein Herr,“ antwortete ich. Nachdem ich den Wagenſchlag wieder geſchloſſen, voll⸗ zog ich Roberts Befehle, und ſtellte mich an die Thuͤr des Muſeums, mitten unter eine große Menge anderer Bedienten. Dieſer erſte öffentliche Beweis meiner Stellung, wenn man ſo ſagen kann, war fuͤr mich anfangs ſehr ſchmerzlich. Roberts Art und Weiſe war hart und veraͤcht⸗ lich. Bald aber fand ich eine Art von Troſt in dem Ge⸗ danken, daß ich fuͤrs Erſte dieſe demuͤthigende Stellung nur blos in der Hoffnung angenommen hatte, Regina nutzlich — —— . —— —— — — zu werden, und fuͤrs Zweite im Vergleich mit meinem Herrn, Robert von Mareuil, moraliſch höher ſtehe. Ich ſagte mir das ohne Stolz, ich fuͤhlte in mir Ge⸗ ſinnungen der Rechtlichkeit, Ehre und des Zartgefuͤhls, denen Robert von Mareuil ſtets fremd geblieben war, wenn ich wenigſtens das bedachte, was ich von ſeiner Auffuͤhrung wußte. Ich hatte Leiden erduldet, Proben widerſtanden, bei deren bloßem Gedanken Robert von Mareuil wuͤrde zu⸗ ruͤckgeſchaudert ſein. In einer Lage, wie die meinige oft geweſen, wuͤrde er ſich entweder ſelbſt getoͤdtet haben, oder Verbrecher geworden ſein. Nachdem ich dieſes mein Uebergewicht uͤber ihn durch eine beſondere Vergleichung feſtgeſtellt hatte, demuͤthigte mich meine dienende Lage nicht mehr. Ich kann das, was ich empfand, nicht beſſer ausdruͤcken, als wenn ich mich mit einem herzhaften Manne, voll großer phyſiſcher Kraft und regem Muthe, vergleiche, der, um eine heilige Pflicht zu erfuͤllen, die Verachtung oder die Drohungen eines armſeli⸗ gen, feigen und gebrechlichen Weſens ertraͤgt, das er mit einem Athemzuge vernichten koͤnnte. Mit Einem Worte: unſte Rollen ſchienen mir ganz umgetauſcht. Ich betrachtete meine Unterordnung unter Robert von Mareuil wie eine Sonderbarkeit: ich nahm meine Lage als etwas ganz Eigenthuͤmliches, Geheimnißvolles an, das nicht nur mich in den Stand ſetzen konnte, eine großmuͤthige Handlung zu vollbringen, ſondern mir auch fuͤr meine Beobachtungen und Neugier ein weites Feld darbot. Unter eine große Menge von Bedienten, die an der Thuͤr des Muſeums ſtanden, gemiſcht, hörte und ſah ich aufmerkſam zu. Ich verdankte ſchon meiner dienenden Stellung zu viele koſtbare Mittheilungen, um nicht ſicher darauf zu hoffen, auch noch mehre zu erhalten. Indem ich mich hier und da in die Gruppen der Be⸗ dienten miſchte, bemerkte ich, daß ſie ſich, nach dem Bei⸗ ſpiele ihrer Herrſchaften, in die ariſtokratiſche und in die burgerliche Klaſſe trennten. Die Bedienten großer Häuſer, an ihrem hohen Wuchſe, den Wappenknöpfen ihrer Livreen und der leichten Puderlage auf den Haaren kenntlich, bil⸗ deten eine vollig abgeſonderte Gruppe von den Lakaien der Buͤrgerlichen, mit welchen ſie nie ſprachen, vielleicht nicht aus Stolz, ſondern nur in Folge ihrer geſelligen Ver⸗ haͤltniſſe. Die Herren lebten in derſelben Welt, und ſo fanden ſich auch die Diener alle Abende in einer kleinen An⸗ zahl von Haͤuſern wieder, die, wie ich ſpäter erfuhr, im Vereine mit gewiſſen Geſandtſchaften die Empfangsorte des feinſten Dufts der hohen Pariſer Ariſtokratie bildeten⸗ Die Verhaͤltniſſe der Buͤrgerlichen waren dagegen unendlich vertheilt, und da die Bedienten ſich nicht in denſelben Krei⸗ ſen des Zuſammenſeins antrafen, ſo bildeten ſie auch keine geſchloſſenen Gruppen, wie die der Lakaien der vorneh⸗ men Herren. Nach dieſer letztern Gruppe wendete ich mich in der — 221 — Hoffnung, vielleicht etwas uber den Unbekannten aus der Schaͤnke der 3 Tonnen zu erfahren, den ich fuͤr den . von Montbar hielt. Nach einer Viertelſtunde Zuhoͤrens (denn meine Kameraden waren weit entfernt, leiſe zu ſprechen) er⸗ ſchrack ich faſt vor dem, was ich uͤber die Pariſer große Welt erfuhr. Liebes⸗Intriguen, Familiengeheimniſſe, Ver⸗ mögensverhaͤltniſſe, nichts ſchien vor meinen ariſtokratiſchen Kameraden verborgen, und noch dazu fuͤhrte die Art und Weiſe ihrer Dienſtleiſtungen, die ſie ins Vorzimmer oder hinten auf den Wagen verbannte, ſie nicht einmal, wie es mit den Kammerdienern der Fall iſt, in das unaufhoͤrliche und vollſtaͤndige Vertrautſein des Innern der Haͤuſer ein. Dieſe ſtuͤckweiſe Unterhaltung, die ich vernahm, wie die Thatſachen, welche ſie mir enthuͤllte, ergriffen mich aus verſchiedenen Gruͤnden ſo ſehr, daß ſie mir faſt vollſtändig im Gedaͤchtniſſe zuruckgeblieben iſt. „Da biſt Du ja auch im Muſeum,“ hatte ein ariſto⸗ kratiſcher Bedienter zu einem ſeiner Kameraden geſagt, „geſtern in der italieniſchen Oper hatteſt Du mir ja ge⸗ ſagt, daß Ihr zum Wettrennen im Waͤldchen von Bou⸗ logne gingt?“ „Ja, aber die Marſchroute iſt vintet worden. Wir waren nach den Italienern noch bei der Sardiniſchen Geſandtſchaft, und da iſt man andrer Meinung geworden, und hat ſich hier Rendezvous gegeben.“ „Er war alſo geſtern Abends bei dem Geſandten?“ — — „Alle Wetter!... Da wir dort waren .. war ers auch! Aber er ging fort, faſt ſowie wir angekommen wa⸗ ren.. Ich glaube, daß wir anfangen, nicht eben zum Beſten mit ihm zu ſtehen. . . . Freilich verſchießt die gnä⸗ dige Frau teufelmaͤßig!“ „Ich habe ſie vorgeſtern bei der Herzogin von Beau⸗ preau geſehen.. Deine gnädige Frau iſt eine ausgezeichnete Frau, mein Lieber!“ „Ach geh doch!.. die Blondinen... und dann der Gram, denn ſie ſieht aus, als hinge ſie mit Leib und Le⸗ ben an ihm. und Er nicht im Geringſten mehr. ... Sonſt kam er uͤberall eher an als ſie, und ging zugleich mit ihr fort, gab ihr den Mantel um, ließ ihre Leute rufen, wenn ſie allein kam. .. Aber jetzt!. je nun, ja! er kommt zu⸗ letzt, und geht zuerſt wieder fort. . .. Und dann, fruͤher gabs Beſuche von zwei bis drei Stunden des Morgens jetzt ſinds fuͤnf Tage, und er hat keinen Fuß ins Hotel geſetzt.“ „Deine gnädige Frau iſt aufgegeben, mein Lieber!“ „So ſieht mir's auch aus. Hoͤre nur, erſt noch heute. Sie glaubte ihn hier zu finden. ich ſehe nir⸗ gends ſein Cabriolet, und ſeine prächtigen Grauſchimmel. Aber ſieh! Da geht ſie ja ſchon wieder fort! Hole nun geſchwind Deinen Wagen.“ „Es iſt wahr. er iſt nicht gekommen . ſie hat das Warten ſatt gehabt und geht nun. ... Adieu, Pierre!“ „Adieu, Alter!“ Darauf ſetzte der Bediente, ſich zu einigen andern Kameraden, die bei dieſem Geſpräche zugegen — wen⸗ dend, hinzu: „Seht nur einmal den Ehemann an! Sieht er nicht wie ein Truthahn aus?“ „Poſſenreißer, Du!“ „Was fuͤr eine Hopfenſtange!“ „Einerlei, ſie iſt doch noch immer recht huͤbſch.“ „Macht ſie ein Geſicht!“ „Sie ſieht allerdings ſehr verdruͤßlich aus.“ Ich ſah nach dem Punkte hin, den meine Nachbarn, deren Reden ich verſchleiere und abkuͤrze, mit ihren Blicken bezeichneten, und erblickte auf dem ziemlich hohen Austritte (Perron), vor der großen Thuͤre des Muſeums, eine junge blonde Frau, mit etwas matten Zuͤgen, aber noch ſehr huͤbſch. Sie ſchien außerordentlich traurig und niederge⸗ ſchlagen. Ihr Anzug war eben ſo geſchmackvoll als ele⸗ gant. Manchmal blickte ſie ſchmerzlich uͤber den freien Platz hin. Ohnſtreitig kam der nicht, den ſie erwartete. Ein langer junger Mann, mit fadem, albernem Geſichte, ohnſtreitig der Ehemann, gab der jungen Frau mit lang⸗ weiliger, unachtſamer Miene den Arm. Waͤhrend einiger Minuten, in denen ſie auf ihren Wagen warten mußten, wechſelten Mann und Frau kein Wort. Ich hatte beim Anblicke dieſer jungen und huͤbſchen Frau, die von den ſchmutzigen und ſchlechten Redensarten, welche ihr Erſcheinen veranlaßt hatte, nichts wußte, und — 224 — auf dem Perron, der fuͤr ſie zum Pranger geworden war, nachdenkend und niedergeſchlagen daſtand, eine ſchmerzliche Empfindung, dann aber uͤberfiel mich eine Art von Schau⸗ der, wenn ich bedachte, daß das, wovon ich glaubte, es müſſe in ein undurchdringliches Dunkel gehuͤllt bleiben, das Geheimniß eines weiblichen Herzens, ſo leicht durchſchaut, und den groben Spaͤßen des Vorzimmers preisgegeben werde. Ich konnte nicht begreifen, daß das Echo dieſer unartigen Scherze nie zu den Ohren der Frau, des Mannes oder des Geliebten gelange, und wunderte mich beſonders uber dieſes eigenthuͤmliche Gemiſch unver⸗ ſchaͤmten Spottes und tiefen Verſchwiegenſeins. Plötzlich fuhr ich uͤberraſcht zuſammen. Ein ſehr ſchönes gruͤnes Coupt, mit grun und orange Livree, hielt am Fuße des Perrons. Aus dieſem Wagen ſah ich ge⸗ wandt den Unbekannten der Schaͤnke zu den 3 Tonnen ſtei⸗ gen. Ich konnte mich ſeiner Identität um ſo mehr ver⸗ gewiſſern, da er zu der jungen blonden Frau, die er ohn⸗ ſtreitig kannte, trat, ihr und ihrem Manne die Hand vertraulich druͤckte, und einige Augenblicke mit Beiden ſprach. Wenn die Haltung und ſeltne Schönheit dieſes Unbe⸗ kannten mir ſchon aufgefallen waren, als ich ihn in be⸗ ſchmutzten Kleidern ſich in einer Kneipe mit Branntwein hatte betrinken ſehn, ſo ſchienen mir jetzt dieſe Haltung, dieſe Schönheit noch auffallender, jetzt, wo ich ihn mit Ele⸗ ganz und Sorgfalt gekleidet erblickte. Seine Phyſiognomie war, während er mit dieſer armen blonden Frau ſprach, voll Anmuth, Feinheit und Reiz. Ich bewunderte, mit welcher ausgeſuchten Höflichkeit er die traurige Verlaßne zu ihrem unter den Perron vorgefahrnen Wagen fuͤhrte. Dann ſtieg er ſchnell die Stufen hinauf und trat eilig ins Muſeum. So ſollte ich denn endlich den Namen dieſes jungen Mannes erfahren. Ich hatte mir die Farbe der Livree ſeiner Leute gemerkt, und ſah nicht lange nachher den Bedienten, der hinter ſeinem Wagen geſtanden hatte, neben mich treten. „Gehoͤrt der ſchöne gruͤne Wagen, hinter dem Sie ſtanden,“ ſagte ich zu dem Burſchen, der eine Figur wie ein Regimentstambour hatte, „dem Herrn Fuͤrſten von Montbar?“ „ Schafkoyf!⸗ antwortete mir der Coloß, nachdem er verächtlich meine buͤrgerliche Livree gemeſſen hatte, und ſchien von meiner Vertrautheit gewaltig verletzt. Ueber die Mittheilung, die ich erhalten hatte, zu ſehr zufrieden, um mich viel wegen des wenig ſchmeichelhaften Beiworts, mit dem ich begruͤßt worden, zu kuͤmmern, ent⸗ fernte ich mich von dieſem ſtolzen Mitbruder. Kein Zweifel mehr, der Unbekannte aus der Schaͤnke der 3 Tonnen war der Fuͤrſt von Montbar, und kam ohn⸗ ſtreitig auch in der Hoffnung, Regina zu ſehen, ins Mu⸗ ſeum. Dieſe war gewiß ſchon angekommen, denn nach einigen Nachforſchungen entdeckte ich unter den Bedienten Martin. VI. 15 N die Livree des Grafen von Duriveau, der Regina und ihren Vater ins Muſeum gebracht hatte. Da ich mich ſo viel als moglich ſicher ſtellen wollte, näherte ich mich der Gruppe, in welcher ich zwei Bediente in brauner, blau aufgeſchlagener Livree mit Silber galonnirt, erblickte. Die Unterhaltung ſchien dort ſehr lebhaft zu ſein. „Seht, bei uns kommt man immer tiefer hinein,“ ſagte ein Lakai mit blauer, gelb aufgeſchlagener Livree. „Noch geſtern erſt haben, trotz des Befehls ſie nicht anzu⸗ nehmen, doch der Schneider und Fleiſcher, der ſeit faſt einem Jahre, wo er mit den Lieferungen ans Haus aufge⸗ hoͤrt, nichts erhalten hatte, den Eintritt erzwungen, und dem Herrn auf der Haupttreppe begegnet. Da haben ſie ihm es geſagt.. habens ihm geſagt .. daß wir ſie unten zan⸗ ken hoͤrten.“ „Den Schneider nicht zu bezahlen.. das geht noch an wenn mans genau nimmt,“ ſagte ein Anderer mit vieler Weisheit, „aber den Fleiſcher nicht zu bezahlen . das iſt ekelhaft... das geht nur bei Leuten an, mit denen es zu Ende geht!. . Du mußt nicht dort bleiben, lieber Junge.“ „Nicht zu gedenken, daß der Herr Marquis, Hubert, dem Kutſcher, Verſchreibungen wegen Pferdefutters gegeben hatte, und das iſt nun die Dritte, die er nicht bezahlt hat. . Vorgeſtern war es die Naͤhterin, die einen gewaltigen Auftritt machte, indem ſie ein Ballkleid wieder mitnahm und es der gnädigen Frau nur gegen baares Geld laſſen = * — wollte.... So gehts alle Tage . o!. man hält uns fuͤr ſo reich.. . . Wer ſollte auch bei unſerm großen Aufwande an ſo etwas denken?“ „Es geht bei Euch wie bei uns,“ ſagte der Jager, den ich geſtern in la Levraſſe's Gewoͤlbe geſehen zu haben mich erinnerte. „Der Herr Herzog hat Alles verthan... und wird den Degen und die diamantnen Ordenszeichen ſeines Vaters bei einem Wucherer verſetzen.“ „Packt Euch dort fort, Kinder, packt Euch fort!“ „Aber mein Lohn!“ ſagte der Eine, „man iſt mir fuͤnf Monate ſchuldig!“ „So bleib noch einen Monat, dann machts ſechs Mo⸗ nate was Du verlierſt. Sieh, da kommen gerade die Be⸗ dienten vom Grafen Duriveau; wenn Du da ankommen könnteſt. .. das iſt ein Haus, ſo ſolid wie der Pont neuf.“ Dann ging er einige Schritte auf einen Bedienten des Grafen Duriveau zu, und ſagte zu ihm: „Guten Morgen, Auguſt.“ „Guten Morgen, Alter.“ „Sag einmal, iſt nicht eine Bedientenſtelle bei Euch fuͤr einen meiner Freunde zu haben?“ „Bei uns? nein . aber ich glaube, es giebt eine Stelle im Vorzimmer des Herrn Vicomte.“ „Dem Sohne Deines Herrn?“ „Ja. „Ein Thunichtgut von Alter, und ſchon ein Vorzimmer?“ — — — 228 — „Sprich mir nicht davon, das macht boͤſes Blut, aber es iſt nun einmal ſo. Er hat eine vollſtaͤndige Wohnung, und zu ſeinem Dienſte einen Kammerdiener, zwei Bediente und einen Wagen. Er geht aus wenn er will, mit ſeinem Kammerdiener und dem Hofmeiſter... dem großten Poſſen⸗ reißer den es geben kann. . .. Beweis davon, daß er heut Abend den Vicomte mit in die Funambulen nimmt. Jac⸗ ques hat die Loge miethen muͤſſen. Es iſt uͤbrigens leicht möglich, daß der Herr Graf auch hingeht.. .. Der kleine Vicomte iſt in guter Schule .. der!! Schon zwei bis drei Mal iſt er betrunken nach Hauſe gekommen.“ „Das faͤngt gut an!“ „Und boshaft und grob dazu! ... Einerlei, ich werde den Tanz nicht vergeſſen, den er vor mehren Jahren im Walde von Chantilly hat mitmachen muͤſſen. Es waren kleine Bettelkinder, die er durch Grobheiten gereizt hatte, und die ſich allerliebſt geraͤcht haben; ſie haben ihn mit in den Wald genommen, und ohne eine Runde von Gensdar⸗ men weiß man nicht, was aus ihm geworden wäre.“ „Das war gut!“ „Denke nur einmal: Fraͤulein von Noirlieu, die wir heut mit dem Herrn Grafen ins Muſeum gebracht haben, war auch dabei, ſie war auch von den kleinen Bandi⸗ ten entfuͤhrt worden. Damals war ſie acht bis neun Jahr alt. Ich werde das nie vergeſſen. Es gab einen drolligen Auftritt.“ —— — Regina war im Muſeum, und ich fuhr fort zuzuhoͤ⸗ ren, in der Hoffnung, noch Mehr zu erfahren. „Hm,“ ſagte der von den beiden Lakaien, der einen Platz fuͤr ſeinen Kameraden ſuchte, „bei einem ſolchen Thunichtgut muß es ein ſchwerer Dienſt ſein!“ „Bah! man gewoͤhnt ſich daran; und dann iſt auch nicht gar viel zu thun; es ſind ihrer zwei fuͤr das Vor⸗ zimmer.“ „Nun, wenn er ſo boshaft iſt, wie man ſagt, wird man ſich nicht ſehr darnach draͤngen.“ „Er iſt nicht ſo ſehr boͤsartig als er hochmuͤthig iſt. .. Sieh einmal, vor zwei Jahren war er mit drei von ſeinen Kameraden und ſeinem großen Hanswurſt von Hofmeiſter zu Sceaup, zum Mittagseſſen bei einem Reſtaurateur. Der Hofmeiſter, den dies gar nicht amuͤſirte, und der Sceaux ausdrucklich gewählt hatte, laͤßt ſeine vier Thunicht⸗ guts am Tiſche ſitzen, nimmt den Wagen, und faͤhrt zu einer Frau, die in Chatillon wohnte.“ „Aha, das laſſe ich mir gefallen! Das iſt doch noch ein Hofmeiſter!“ „Als wir wieder kamen, hatten die jungen Buͤrſchchen eine kleine Saͤngerin von 13 bis 14 Jahren, welche die Guitarre ſpielte, von der Gaſſe heraufgerufen, und ihr ſo viele Tollheiten vorgemacht, und ſie ſo gemißhandelt, beſon⸗ ders der kleine Vicomte, daß vor dem Reſtaurant ein foͤrm⸗ licher Auflauf war. Man wollte dem kleinen Vicomte und ſeinen Freunden ein boͤſes Spiel machen. Aber...“ ſagte plötzlich der Lakai zu ſeinem Kameraden, „ich erzaͤhle Dir das ein ander Mal. .. . Da kommt mein Herr... wenn ich Dich wiederſehe, ſprechen wir von der Stelle.“ Mit dieſen Worten eilte der Bediente des Grafen Duriveau ſchnell zu dem Perron, dem ich mich auch näherte, in der Vorausſetzung, daß mein Herr, Robert von Ma⸗ reuil, nicht lange nach Reginen kommen werde. Ich ſah ſie auf dem Perron ſtehen bleiben. Sie gab einem Manne von etwa 50 Jahren den Arm, welches, wie ich ſpäter er⸗ fuhr, ihr Vater, der Baron von Noirlieu, war. Sein Wuchs war duͤnn und ſchon gebeugt, er hatte graue Haare und hohle, brennende Augen in tiefen Höhlen. Die Ma⸗ gerkeit ſeines Geſichts, das bittre, verzerrte, faſt ſtereotype Lächein auf ſeinen Lippen, verliehen ſeinen Zuͤgen einen Ausdruck krankhafter, faſt finſterer Traurigkeit. Regina war mit ſtrenger Einfachheit gekleidet. Sie trug eine ſchwarze Robe, und einen Hut von weißem Krepp, minder weiß als ihr bleiches Geſicht mit ſchwarzen Haaren eingerahmt. Ihre Phyſiognomie zeigte eiſigen Ernſt. Der Fuͤrſt von Montbar und der Graf Duriveau umdraͤngten ſie Der Graf wandte ſich lächelnd und dienſtfertig bald an den Baron, der ihm mit zerſtreuter Miene kurz ant⸗ wortete, bald an Regina, die ihn mit der außerſten Kälte anzuhören ſchien. Der Fuͤrſt von Montbar beobachtete dagegen eine ohnſtreitig berechnete Zuruͤckhaltung gegen Re⸗ gina, denn ſie kam mir ein wenig affectirt vor. Er be⸗ ſchaͤftigte ſich unbefangen und heiter, beſonders mit dem — — Baron, der in Bezug auf ihn etwas von ſeiner finſtern Schweigſamkeit nachzulaſſen ſchien. Zwei oder drei Mal richtete der Fuͤrſt jedoch einige Worte an Regina, und ſie antwortete ihm, nicht mit dem Anſtriche hochmuͤthiger Kaͤlte, wie dem Grafen Duriveau, ſondern mit niedergeſchlagenen Augen, als fuhlte ſie ſich beaͤngſtigt, verlegen. Endlich, einige Schritte hinter dieſer Hauptgruppe, zu der er nicht gehoͤrte, bemerkte ich Robert von Mareuil, Freude ſtrahlte in ſeinem Geſichte. Die Dienerſchaft des Grafen Duriveau kam. Regina, ihr Vater und er nahmen Platz in einer koſtlichen braunen Berline, und die beiden Bedienten ſtiegen hinten auf. In dem Augenblicke, wo Regina ſich entfernte, hob ſich ihr Blick, und verweilte ſo beſtimmt und ſo lange auf Robert von Mareuil, daß der Fuͤrſt von Montbar, der einen Mo⸗ ment auf der letzten Stufe des Perron ſtehen geblieben war, ſich ſchnell und verwundert umdrehte, um zu ſehen, wem dieſer ausdrucksvolle und lange Blick des Fraͤuleins von Noirlieu gelte; ſei's aber nun der Zufall geweſen oder Be⸗ rechnung, kurz, Robert von Mareuil hatte Mittel gefunden, ſich ſogleich hinter zwei oder drei Perſonen zu verbergen, die eben aus dem Muſeum traten. So ſtieg der Fuͤrſt ziemlich verlegen in ſeinen Wagen, der ſchnell ſich entfernte. Jetzt bemerkte mich Robert von Mareuil, und gab mir mit dem Finger ein Zeichen, den Wagen zu holen. Ich brachte ihn. Im Augenblicke, wo ich den Schlag zumachte, ſagte mein Herr zu mir, ohne ſeine Freude zu verbergen: „Nach Hauſe mein Junge. und ſchnell!“ In unſter Wohnung angekommen, ging ich hinter Robert her. Balthaſar empfing uns, der ohnſtreitig unſre Ruͤckkehr ausgeforſcht hatte, und uͤber das Treppengelaͤnder gebeugt, uns erwartete. 2 Robert von Mareuil konnte ſich nicht zuruͤckhalten, und rief ſchon von Weitem, ſo wie er den Dichter erblickte: „Sie iſt mein!!““ „Sie iſt unſer.. Victoria!“ rief der Dichter. Und als ſich die Thuͤr des Zimmers hinter ihnen ge⸗ ſchloſſen hatte, uͤberließ ſich Balthaſar dem tollſten Aus⸗ bruche der Freude. Robert von Mareuil, der wenigſtens es haͤtte fuhlen ſollen, wie viel Ernſtes in ſeinem Triumphe lag, theilte deſſen ohnerachtet die freudigen Tollheiten des Dichters, welche bei dieſem zu entſchuldigen, aber bei Ro⸗ bert empörend waren. Ohnſtreitig nicht an meine Gegen⸗ wart denkend, nahmen ſich die beiden Freunde bei der Hand, und fingen an zu huͤpfen, zu ſpringen und vor Freude zu tanzen, indem ſie ausriefen: „Victoria!. . . es lebe Regina!“ Als dieſe erſte Tollheit voruͤber war, ſagte der Dichter: „Robert, laß uns dankbar gegen die Vorſehung ſein laß uns dieſen ſchönen Tag wuͤrdig feiern.... Seit Wochen lebe ich nun von der abſcheulichen Kuͤche des Su⸗ delkochs in der Straße Saint Nicolas.. Gieb mir dieſer Abend ein Diner im Rocher de Cancale.“ „Abgemacht!“ — 233 — „Und dann gehen wir ins Theater. . .. Ich brauche Dir nicht erſt zu ſagen, wohin ich brenne. Zu den Fu⸗ nambulen!! um dort endlich dieſen verborgnen Edelſtein zu ſehen! Dieſes unbekannte Wunder! Dieſe Basquine, von der mir Duparc erzaͤhlt hat!“ „Abgemacht! zu den Funambulen!“ ſ Robert, „das wird doppelte Luſt geben, denn dieſes kleine Theater iſt auch das Stelldichein aller Lebeleute, die ſo ein wenig ange⸗ ſtochen ſind.“ „Martin, fahre mit dem Wagen fort und beſtelle um 6 Uhr ein Diner, zu 50 Francs das Couvert .. . ohne den Wein. und miethe eine Loge im erſten Range der Fu⸗ nambulen, wenn eine zu haben,“ ſagte Balthaſar. „Wohl geſprochen!“ ſetzte Robert hinzu. „Vorwaͤrts, Martin, Du wirſt unſere Herrlichkeiten theilen,“ rief Balthaſar, „man wird Dir in einem Winkel⸗ chen des Rocher de Cancale aufdecken, und Du gehſt ins Parterre bei den Funambulen.“ „Hier,“ ſagte Robert von Mareuil, mir Gold in die Hand legend, „Du zahlſt 100 Francs im Rocher auf Rech⸗ nung des Mittagseſſens... und die Loge, das Uebrige iſt fuͤr Dich.“ 5 „Aber, lieber Herr, ich weiß nicht wo der Rocher de Cancale iſt!“ „Steige auf den Bock zu dem Kutſcher, und dieſer fuͤhrt Dich dahin, Du kluger Martin,“ verſetzte Balthaſar, „ſage ihm blos die beiden geweihten Worte: Roger und ₰ Funambules, und er wird Dich auf den Fluͤgeln ſeiner vierfuͤßigen Zephirs dahin bringen.“ „Jetzt,“ rief Robert ſeinem Freunde in dem Augen⸗ blicke zu, wo ich das Zimmer verließ, „muß ich Dir auch . erzaͤhlen, wie Alles zugegangen iſt. Sie iſt nun ganz mein, ſage ich Dir.“ 3 In dem Augenblicke, wo ich die Thuͤr zumachte, horte ich noch Balthaſar ausrufen: „Vivat Regina!“ Ende des ſechſten Bandrs. ,—