Leihbibliothek eutſcher, engliſcher und franzöſiſcher Literatur von . Eduard Ottmann in Gießen, Schloßgaſſe Lit. A. Nr. 256. Seih- und Seſebedingungen. 11. Offensein der Bibliothek. Die Bibliothek ſteht zur Em⸗ pfangnahme und Rückgabe ver Bücher jeden Tag von 2 korgens 7 Uhr bis Abends 8 Uhr pffen. 2. Lesepreis. Bei Rückgabe eines geliehenen Buches wird von jedem Tag 5 Pf bezahlt. Die Zeit eines Tages iſt zu 24 Stun⸗ den angenommen. 3. CQaution. Unbekannte Perſonen müſſen, bei Entgegennahme eines Puches, eine dem Werthe deſſelben entſprechende Summe tinteriegen⸗ welche bei deſſen Zurückgabe von mir zurückerſtattet wird. „ 5 Abonnement. Daſſelbe muß voraus bezahlt werden und für nchentlich 2 Bücher: 4 Bücher: 6 Bücher: ——— auf Monat: W 1N 2 — — 5 Auswäntige Abonnenten haben für Hin⸗ und Zurückſendung 6 der Bücher auf ihre eigenen Koſten und Gefahr ſelbſt zu ſorgen. 3 2 6. Schadenersatz. Für beſchmutzte, zerriſſene, verlörene und 3 defecte Bücher (namentlich bei ſolchen mit Kupfern ꝛc.) muß der Ladenpreis erſetzt werden. — Iſt das zerriſſene, beſchmutzte, ver⸗ lorene oder defeete Buch ein Theil eines größeren Werkes, ſo iſt . der Leſer zum Erſatz des Ganzen verpſflichtet. . Ausleihezeit. Dieſelbe iſt auf 14 Tage feſtgeſetzt und wird beſonders darauf aufmerkſam gemacht, daß das Weiterverleihen der Bücher nicht ſtattfinden darf, indem Diejenigen, welche die⸗ ſelben von mir geliehen, auch dafür zu ſtehen ha en. — 4 — K 8 — — 1 — Martin, das Findelkind, oder Erlebniſſe eines Kammerdieners. Von Eugene Sue. In's Deutſche uͤbertragen von Theodor Hell. Fuͤnfter Band. —— —— e Grimma, Druck und Verlag des Verlags⸗Comptoirs. Behntes Rapitel. Freiheit. Die vollkommene Sanftmuth, die ruhige Entſagung von Claude Gerard machte einen ſonderbaren Eindruck auf mich. Ich fuhlte mich geruͤhrt. Es war mir als hätte ich Reue daruͤber, daß ich an einem Diebſtahle Theil genommen, der dieſem Manne ſo vielen Schmerz zu verurſachen ſchien. Es war faſt Nacht geworden, als Dame Honorine ſich entfernte. Claude Gerard ging nun nach dem Stalle plotzlich aber ſchien er ſich auf mich zu beſinnen, kehrte daher um, kam zu meiner Niſche, öffnete ſie und ſagte: „Komm mit!“ Vor ihm her gehend begleitete ich ihn nun in das, was er ſeine Kammer nannte. Eine Umſchließung mit den Huͤrden, deren man ſich zum Einfrieden der Heerden bediente, trennte den Raum, in welchem Claude Gerard wohnte, von dem Stalle. Beim ſchwachen Schimmer eines Lichtes, das e⸗ anzuͤndete, ſah ich Martin 1v. 10 uͤber dem Bette des Lehrers einige Breter mit Buͤchern. In 3 einer Ecke lehnte an der Mauer eine ſchwarzangeſtrichene Tafil, auf welcher man noch Kreidezahlen er lickte, während auf einem lahmen Tiſche ein großer Haufe Schreibehefte⸗ 4 aufgeſtapelt lag. Ich blickte unruhvoll auf Claude, nicht wiſſend, was er mit mir beginnen werde. Ohnſtreitig, dachte ich, wird er dich zwingen wollen, ihm deine Mitgenoſſen zu nennen, und dich alsdann den Gensd'armen uͤbergeben, die dich in's Gefängniß bringen werden, wo du bis zum achtzehnten Jahre bleiben wirſt. Aber eher ſterben als Basquine und Bamboche verrathen, ſagte ich heldenmuͤtl ig zu mir ſelbſt, indem ich mit ſchm rz⸗ . licher Angſt an unſere vielleicht lange, vielleicht wige Tren⸗ nung dachte. Wie meine Gefährten wiederfinden? wie ent⸗ kommen, um ſie bei dem Stelldichein zu treffen, das wir uns im Falle einer Verfolgung gegeben hatten? Wuͤrde es nicht ſchon zu ſpät ſein? Claude Gerard nahm, ohne ein Wort an mich zu richten, von einem Brete ein Stuͤck faſt ganz ſchwarzen Brot s und einen Sack mit Nuͤſſen, den er in der Mitte des kleinen Tiſch.s neben einen tönernen Krug mit Waſſer ſtellte. Dann ſchnitt er ein Stuͤck Brot ab, legte einige Nuͤſſe dazu und ſagte in ſanftem Tone zu mir: „Wenn Du Hunger haſt, ſo iß.“ Trotz meiner Unrube und Kummers empfand ich einen verzehrenden Hunger. Seit dem fruͤheſten Morgen waren 2 — — — 2 — wir nuͤchtern herumgelaufen. Ich war daher doppelt dank⸗ bar fur das gaſtfreundliche Anerbieten dieſes Mannes, der ſo ſchwer uͤber mich zu klagen hatte. Während ich in ein Stuck ſchr harten Brotes biß, und mit Hilfe eines auf dem Tiſche liegenden Meſſers die Nuͤſſe öffnete, ſchien Claude, der auf ſeinem Bette ſaß, mich mit Aufmerkſamkeit zu betrachten. Nach einigen Augenblicken ſagte er mit leiſer Stimme, als ſpreche er mit ſich ſelbſt: „Es liegt doch in diſer Phyſiognomie Milde und Verſtand!“ Jett öffnete ſich plötzlich die Stallthuͤr, die nur einge⸗ klinkt war, und eine derbe Stimme rief: „Hollah, he! Claude Gerard!“ „Was giebt's denn?“ fragte Claude. „Immer herein!“ „Schönen Dank,“ ſagte Bijou; „ich griff mich zwi⸗ ſchen den Kuͤhen hercin ... ich hatte Euch etwas zu ſagen .. bin preſſirt.“ 6 „Nun denn, ſo ſprecht.“ „Der Herr Maire läßt Euch ſagen, Ihr ſollt morgen fruͤh mit Tagesanbruch mit Eurer Glocke kommen, um etwas auszuläuten, das er Euch ſagen wird .. damit das Geläute zu Ende iſt, ehe alle Welt auf's Feld geht ... verſteht Ihr?“ „Mein Junge, antworte nur dem Herrn Maire, daß mir das unmöglich ſein wird, da mir der Herr Pfarrer an⸗ befehlen laſſen, morgen mit Tagesanbruch ein Grab zur 10* Beetdigung einer jungen Dame zu graben. Das kann nicht aufgeſchoben werden.“ „Alle Wetter! .. ja ... das weiß ich nicht .. Der Hert Maire hat mir's geſagt, und ich ſage es Euch ... Ach ja, und dann ſind auch noch die Waſchweiber gekommen und haben ſich uͤber Euch beklagt, daß der Waſchtrog beſorgt werden muͤßte, denn die Waͤſche werde ganz ſchwarz darin und ſtinke, ſo viel Schlamm befinde ſich dort. Der Herr Maire hat auch geſagt, daß Ihr morgen nach dem Laͤuten den Waſchtrog beſorgen muͤßtet.“ „Mein Junge,“ erwiderte Claude Gerard mit vollkom⸗ mener Ruhe, durch welche jedoch eine kleine Ironie ſchim⸗ merte; „ſage dem Herrn Maire, daß der Herr Pfarrer mir ſeinerſeits befohlen habe, ſeinen Taubenſchlag unverweilt zu reinigen, ich mich in großer Verlegenheit zwiſchen dem Waſchtroge und Taubenſchlage befände, doch aber, da der erſtere die Commun noch mehr intereſſire, mich mit dieſem beſchaͤftigen wuͤrde, ſobald ich nur das Grab gegraben. Dann werde ich läuten, wenn die Leute vom Felde wiederkommen.“ „Ich will's ihm ſagen, aber er wird wuͤthend werden gegen Euch, denn er iſt ein Teufelskerl .. . wie es ſeines Gleichen nicht mehr giebt.“ „Gute Nacht, mein Junge,“ ſagte der Lehrer, der ohn⸗ ſtreitig die Unterredung beenden wollte. „Gute Nacht, Claude Gerard,“ entgegnete der Schwei⸗ nehirt; „ich werde es alſo dem Herrn Maire ſagen, daß Ihr morgen fruh nicht laͤuten wollt.“ — 149 — Und die Thuͤre ſchloß ſich hinter dem Abgeſandten des Herrn Maire. Ich konnte damals keine rechten beſtimmten Begriffe von dem Umfange und der Mannigfaltigkeit der Funktionen eines Schulmeiſters haben, und doch hatte ich mit großer Verwunderung gehoͤrt, wie Dame Honorine Seiten des Herrn Pfarrers Claude Gerard aufgetragen, ein Grab zu graben, die Sakriſtei zu kehren und den Taubenſchlag der Pfarrwohnung zu reinigen. Mein Staunen mehrte ſich aber noch beträchtlicher, als Bijou, der Schweinehirt des Herrn Maire, ſeinerſeits im Auftrage des Herrn Maire, Claude Gerard anbefahl zu läuten und den öffentlichen Waſchtrog zu beſorgen. Auch fiel mir die ſanftmuͤthige Reſignation ſehr auf, womit Claude Gerard die Menge von Funktionen anzuneh⸗ men ſchien, und ſo verſchiedene Befehle zu vollfuͤhren ver⸗ ſprach. Nachdem der Schweinehirt fort war, blieb Claude Ge⸗ rard einen Augenblick lang ſtumm, dann aber ſagte er zu mir, indem er mich aufmerkſam betrachtete: „Hoͤre! . . das Geld, das man mir geſtohlen hat, ge⸗ hoͤrte nicht mir .. . man hatte mir es anvertraut .. Deine Mitgenoſſen ſind entwiſcht ... das Geld für mich verlo⸗ ren .. Wenn man es von mir abverlangt, wie es wiederer⸗ ſtatten? .. Es waren 120 Franks . ich bin zu arm und verdiene zu wenig, um jemals eine ſolche Summe erſparen zu koͤnnen ... Nur ein Mittel habe ich, um zu beweiſen, — — daß man mich beſtohlen hat .. . dies waͤre, wenn ich Dich feſtnehmen ließe .. Dich .. den Mitgenoſſen des Dieb⸗ ſtahls.“ Hier ſchwieg Claude Gerard einige Secunden, ohne mich mit ſeinen Blicken zu verlaſſen. Seine Drohung, die, wie ich ſpäter erfuhr, nur eine Pruͤfung war, machte mich erbeben. „Du fuͤrchteſt Dich, feſtgenommen zu werden?“ fragte er. „Allein feſtgenommen zu werden, ja! .. weil im Ge⸗ fängniſſe ich fuͤr immer von meinen Kameraden getrennt ſein wurde, und lieber erſchoſſen werden möchte, als ſie nie wieder zu ſehen.“ „Deine Kameraden, das ſind die mich beſtohlen haben? Du liebſt ſie alſo woll ſehr?“ „Ja, oh ja! ich li.be ſie ſehr!“ antwortete ich, mit Thraͤnen in den Augen. „Ich glaube daß Du die Wahrheit ſagſt ... und das zeigt bei Dir ein gutes Herz an ... Wie kannſt Du aber Spitzbuben lieben, elende Menſchen, die ohnſtreitig Deine Kindheit gemißbraucht haben, um Dich zu ihrem Mit⸗ genoſſen zu machen?“ Ich antwortete nicht. Ich hielt es fuͤr klug und ge⸗ wandt zu verbergen, daß meine Mitgenoſſen in meinem Al⸗ ter ſtuͤnden, keine nähere Auskunft uͤber Basquine und Bamboche zu geben und Claude Gerard im Irrthum zu laſſen. — — Als mein Schweigen länger dauerke, begann der Lehrer wieder: „Wer ſind Deine Eltern? Wie haben ſie Dich noch ſo jung Dir ſelbſt uͤberlaſſen können?“ „Ich habe keine Eltern.“ „Du haſt keine Eltern?“ „Nein, ich bin ein Findling.“ „Al! jetzt begreife ich's,“ rief Claude Gerard mit einem Seufzer des Mitgefuͤhls. „Das iſt ja .. . zuerſt verlaſſen .. dann laſterhaftes Beiſpiel ... dann das Laſter ſelbſt! Armes ungluͤckliches Geſchöpf .. . ich habe keine Kraft mehr, Dich anzuklagen!“ Das ſchwermuͤthige Geſicht des Schulmeiſters druckte jetzt ein ſo zärtliches Mitleid aus, daß ich davon tief ge⸗ ruͤhrt ward. Nach einigen Augenblicken der Ueberlegung ſctzte Claude Gerard hinzu: „In Deinem Alter .. . iſt die Ruͤckkehr zum Guten faſt noch immer möglich .. alſo . . . ſei offen ... geſtehe mir Alles .. und vielleicht .. „Ich habe nichts zu geſtehen,“ erwiderte ich keck; „ich will Niemand denunciren, laſſen Sie mich in's Gefängniß werfen, wenn Sie wollen.“ Statt durch dieſe Antwort erbittert zu werden, begann Claude Gerard wieder achſ lzuckend und ſagte: „In's Gefängniß? . als ich Dich uͤberraſchte, als ich ſah, daß man man mich beſtohlen hatte .. . hätte ich Dich — — 152 — da nicht können feſtnehmen laſſen . nicht den Diebſtahl anzeigen . wenn ich nicht vor dem Gedanken zuruͤckge⸗ bebt. Dich in's Gefangniß zu ſchicken. ... Warſt Du ein Mann, ſo wuͤrde ich nicht zögern: der Diebſtahl iſt ein ſchaͤndliches Verbrechen, und Gerechtigkeit muß gehandhabt weden. . .. Aber in Deinem Alter . ungluͤckliches Kind .. iſt noch nicht an Allem zu verzweifeln . jede Hoffnung aber wäre verloren, wenn man Dich in's Gefaͤngniß brachte. Du wuͤrdeſt bis zum achtzehnten Jahre darin bleiben und als verhärteter, unheilbarer Verbrecher wieder heraus⸗ kommen.“ „Nun denn, mein guter Herr, ſo laſſen Sie mich gehen,“ flehte ich mit gefalteten Haͤnden, da ich einen Hoff⸗ nungsſtrahl leuchten ſah. ... „Oh! ich bitte Sie dringend, laſſen Sie mich noch dieſen Abend fort.“ „Und wohin willſt Du?“ „Ich werde ſuchen, wieder mit meinen Gefaährten zu⸗ ſammen zu kommen.“ „Und wenn Dir das gelingt, was dann?“ „Dann werde ich bei ihnen bleiben.“ „Um wieder zu ſtehlen?“ „Oh nein, nein . . nicht immer.“ „Wie denn, nicht immer?“ „Wir ſtehlen nur, wenn wir nicht anders können.“ „Du begreifſt alſo . . daß es beſſer geweſen wäre, nicht zu ſtehlen?“ —— „Ja wohl! Man laͤuft nicht Gefahr, feſtgenommen zu werden . und dann . „Nun, und dann?“ „Man ſagt auch, es ſei nicht recht, zu ſtehlen aber wenn man Hunger hat muß man doch eſſen.“ „Da Ihr nicht immer ſtahlt, wie lebtet Ihr denn die uͤbrige Zeit?“ „Wir bettelten Almoſen . . . und andere Male ſang Basquine Lieder in den Schaͤnken,“ antwortete ich un⸗ uberlegt. „Basquine?“ fragte Claude Gerard, indem er mich uberraſcht anſah. Ich antwortete nicht, bedauernd, daß jenes Wort mir entfahren. Einige Augenblicke lang ſah Claude mich von Neuem ſchweigend an. Endlich ſetzte er, ohne zu thun, als habe er mein plötzliches Zuruͤckhalten bemerkt, hinzu: „Warum liegt Dir ſo viel daran, wieder zu Deinen Gefährten zu kommen?“ „Weil wir uns geſchworen haben, uns nie zu trennen,“ rief ich. „Gewöhnlich verbindet ſich ein Kind Deines Alters nicht durch ſolche Schwuͤre mit Erwachſenen,“ ſagte Claude Gerard. „Meine Gefährten ſind keine erwachſenen Perſonen,“ rief ich wieder. Als Claude ſah, daß mir dieſes zweite unfreiwillige Ge⸗ ſtändniß leid that, ſetzte er hinzu: — 454 — „Nun, nun, ſei nur nicht boſe daruͤber, daß Du die Wahrheit geſagt haſt ... es wird vielleicht gut fuͤr Dich ſein . und fuͤr Deine Gefährten . ja auch fur Deine Gefährten.“ Ich ſah den Schulmeiſter mit eben ſo viel Verwunde⸗ rung als Mißtrauen an. Er errieth mich, denn er fuhr mit freimuͤthigem und gut. vollem Tone fort: „Du trauſt mir nicht; ſeh' ich denn wie ein böſer Menſch aus? habe ich Dich denn in dem erſten Augenblicke, wo ich den Diebſtahl entdſckte, gemißhandelt? ſpreche ich denn hart mit Dir? zeige ich Dir denn nicht vielmehr Mit⸗ leid, als Zorn, trotz Deiner ſchlechten Handlung? Und weißt Du, weshalb das, mein armes Kind? Weiil ich glaube, es tiegt noch Gutes in Dir, weil ich ͤberzeugt kin, daß Du Dich nur verirrt haſt, ſowie vielleicht auch Deine Gefährten. Laß ſehen ... wie alt ſind ſie.“ „Basquine iſt zwei Jahre juͤnger als ich und Bam⸗ voche zwei Jahr aͤlter,“ antwortete ich, da ich dem durchdrin⸗ genden Einfluſſe Claude Gerards nicht widerſtehen konnte. „Ein kleines Mädchen .. von dieſem Alter .. und ſchon Diebsgenoſſin! . und dieſer Diebſtahl von einem an⸗ dern Kinde begangen!! Oh! dos iſt ſchrecklich!“ rief Claude Gerard. „ungluͤckliche Geſchöpfe! Aber durch welche ſon⸗ derbare Umſtaͤnde habt Ihr Euch denn alle Drei ſo zuſammen gefunden? Deine Gefährten haben alſo auch keine Eltern?“ „Nein, mein Herr .. 5 „Und ſeit langer Zeit ſchweift Ihr vielleicht ſo umher und bettelt auf den Straßen?“ „Ja, mein Herr .. ſeit mehren Monaten.“ „Du ſchienſt mir eben jetzt die Hoffnung zu hegen, Deine Gefährten wiederzufinden, wenn ich Dich frei ließe .. Ohnſtreitig habt Ihr ein Stelldichein verabredet?“ „Das habe ich nicht geſagt.“ „Nein, es iſt aber faſt gewiß .. . Deine Gefährten, die ich nicht erwiſchen konnte, warten ohne Zweifel auf Dich irgendwo ums Dorf her?“ „Ich ſchwöre Ihnen zu, nein, mein Herr!“ rief ich aus durch Claude Gerards Forſcherblick erſchreckt. „Und uͤbri⸗ gens wuͤrde ich, wenn ich wuͤßte, wo ſie waͤren mich lieber umbringen, als zwingen laſſen, ſie zu verrathen.“ Dann ſetzte ich verſtohlen und gewaltig ſtolz darauf, nun auch meinerſeits meine Scharfſichtigkeit zu zeigen, hinzu: „Alles das ſagen Sie nur, um meine Kameraden ver⸗ haften zu laſſen und Ihr Geld wiederzuhaben .. Sie wol⸗ len mich verlocken.“ Claude Gerard lächelte traurig. „Ein ſolcher heimlicher Gedanke, wo ich mich gegen Dich ſo nachſichtig zeige . das iſt bös! ... Aber, du mein Himmel, wie koͤnnte es anders ſein, bei dem Leben, das Du gefuͤhrt haſt! .. Ich beklage Dich: geh armes Kind . ich bin Dir deshalb nicht böſe.“ „Wenn ich dieſe Art von Leben gefuͤhrt habe . ſo — 156 — war es nicht meine Schuld,“ ſagte ich, von Claude Gerards Milde geruͤhrt. „Wir haben zu zwei verſchiedenen Malen . wieder ehrlich werden wollen .. . man hat uns aber wie Hunde behandelt. . Nun denn! Deſto ſchlimmer . . dann bleiben wir wie wir ſind.“ „Alſo habt Ihr, Du und Deine Gefährten .. oft Ge⸗ wiſſensbiſſe .. . Reue uͤber das ſchlechte Leben gehabt, das Ihr fuͤhrtet?“ „O ja ... allerdings .. . mehr als ein Mal ... und wie eines Tages Bamboche mit Thraͤnen ſagte .. wir waren dennoch nicht böſe.“ Dieſe letzten Worte machten Claude Gerard betroffen. Er ging einige Augenblicke ſchweigend in der Kammer auf und ab, und trat dann wieder zu mir: „Höre, ich halte Dich fur fähig, wieder zum Guten zu⸗ ruͤckzukehren . . . wenn ein redlicher Menſch ſich Deiner an⸗ nähme. Willſt Du ... ſo magſt Du hier bleiben . aber das ſage ich Dir im Voraus, daß Deine Lage hart und ſchwer ſein wird. Das ſchwarze Brot, das Du heut Abend gegeſ⸗ ſen haſt, iſt meine taͤgliche Nahrung. Gleich mir mußt Du in dieſem Stalle ſchlafen. Du mußt mit mir meine muͤh⸗ ſamen Arbeiten theilen .. . aber ich werde Dich einem Leben entreißen, das Dich zum Verbrechen fuͤhrt. Ich werde das, was Gutes in Dir iſt, entwickeln . . . Dich unterrichten ... Dich in den Stand ſetzen, einmal auf ehrliche Weiſe Dein Brot zu verdienen .. . und Dein ganzes Leben uͤber ein red⸗ licher Menſch zu bleiben. .. . Ich fuͤhle fuͤr Dich ein eigen⸗ — — 157 — thumliches Intereſſe . .. und es wuͤrde mich wundern, mein armes Kind, wenn ich nicht an den Umſtand dächte, der es entſtehen ließ, denn jetzt iſt der entſcheidende Augenblick Dei⸗ nes Lebens. Jetzt mußt Du zwiſchen Gutem und Boͤſem waͤhlen.“ „Mein Herr ... „Hoͤre weiter .. Ich wuͤnſche Dich bei mir zu behal⸗ ten, aber zwingen kann ich Dich nicht dazu. Nimmſt Du es an, ſo muß es freiwillig .. ungezwungen geſchehen ... denn Du kannſt jeden Augenblick dieſes Haus wieder verlaſ⸗ ſen. Alſo uͤberlege und entſchließe Dich.“ Dieſe traurige und arbeitsvolle Zukunft erſchreckte mich Ich antwortete nicht und fuͤhlte mich doch durch Claude Gerard's Guͤte tief geruͤhrt. Dieſer begann wieder: „Hoͤre auch was ich Dir fuͤr Deinen Kameraden und das arme Maͤdchen, das ihn begleitet, vorſchlage.“ Mit Staunen ſah ich den Schulmeiſter an. „Es iſt noch ziemlich zeitig . die Nacht iſt hell. das Fenſter hier iſt niedrig .. weißt Du Deine Gefaͤhrten wiederzufinden, ſo geh und ſuche ſie auf.“ Und damit oͤffnete Claude Gerard das Fenſter. Der Mond ſchien glaͤnzend, ich erblickte von Weitem das Feld und am außerſten Horizonte die ziemlich hohen Hu⸗ gel, welche die Heerſtraße durchſchnitten, und wo Basquine, Bamboche und ich uns ein Stelldichein bei einem ſteinernen Kreuze gegeben hatten. — 3 — Da ich Claude Gerard's Abſichten nicht begriff, blicb ich ſtaunend ſtehen. Er fuhr fort: „Wenn Deine Gefährten noch das Verlangen empfin⸗ den, zu einer beſſern Lebensweiſe zurüͤckzukehren, ſo ſage ihnen, daß ich hier zwei Perſonen finden werde, die daſſelbe fuͤr ſie thun werden, was ich Dir jetzt fuͤr Dich anbiete, aber daß, ſo wie die Deine, auch die ſie erwartende Lage arm und ſchwer ſein wird. Sage ihnen auch, daß das Geld, das ſie mir entftemdet haben, nicht mir gehört . . . daß di. ſer Diet ſtahl mir vielen Kummer verurſachen kann. Haben Deine Gefälrten noch etwas Gutes im Herzen, ſo werden ſie hierher zuruͤckkehren ... mit Dir .. werden mir das Geld zuruͤckbringen, das ſie doch bald auf tkörigte Weiſe verthun wuͤrden ... und lier ein Aſyl, Brot und gute Leh⸗ ren finden .. und Ihr nie mehr getrennt ſein.“ „Wir werden nie mehr getrennt ſein?“ rief ich aus. „Nein .. . Deine Kameraden werden, wie ich hoffe, in di ſem Dorfe wohnen, und Ihr könnt dann in der Schule hier Eure Tage zuſammen zubringen. .. . Wenn dagegen Deine Gefaͤhrten im Uebel beharren ... ſo laſſe ſie. . . . Wenn Du ſelbſt von minem Anerbieten nicht geruͤhrt biſt ſo folge ihnen . . kemm nicht wieder bierher. . .. Aber furchtbare Reue wird Dich einſt dafür beſtrafen, Du armes Kind!“ Ich blieb unbeweglich ſtehen, den Blick auf Claude — 159 — Gerard ſtarr gerichtet, zwiſchen Ruͤhrung durch ſeine Worte und die Furcht, in einen Fallſtrick zu gerathen, getheilt. Ueber meine Beſturzung erſtaunend, begann Claude Gerard wieder: „Nun, ſo geh doch! was warteſt Du noch?“ „Ich wage es nicht ... Sie wollen mich vielleicht hin⸗ tergehen.“ Claude Gerard zuckte die Achſeln und ſagte wit engel⸗ gleicher Langmuth zu mir: „Dich hintergelen? ... Wie könnte ich das? ... Sieh, ich halte Dich fur entſch'oſſen genug, meinen Drolungen zu widerſtehen, wenn ich Dich zwingen wollte, mir das Stell⸗ dichein zu verrathen, wo Deine Gefährt n auf Dich warten.“ „Oh, was das betrifft, ja, da könnten Sie mich eher umbringen.“ „Nun denn! . ich laſſe Dich allein gehen.“ „Und wenn Sie mir nun von Weitem folgen?“ „Es iſt Mondenſchein, die Gegend iſt offen, .. wenn Du ſiehſt, daß ich Dir folge .. . ſo bleibſt Du ſte en.“ Da mein hartnäckiges Mißtrauen auf dieſe Einwuͤrfe nichts zu erwidern wußte, blieb ich ſtumm. „Nun fort, ..“ ſagte Claude Gerard zu mir: „eile!. .. es ſind nun drei bis vier Stunden verfloſſen, ſeit der Dieb⸗ ſtahl vorfiel; ſchen Dich Deine Gefahrten nicht wiederkom⸗ men, ſo könnten ſie muͤde werden, auf Dich zu warten . alſo ſchnell . . . ſchnell!“ Ich geſtehe, daß ich, oboleich von den Beweiſen des — 160 — Mitleids und der Theilnahme, welche Claude Gerard mir gab, durchdrungen, doch nur an die Hoffnung dachte, Bas⸗ quine und Bamboche wiederzufinden, und mit ihnen unſer Vagabundenleben fortzuſetzen, wenn ſie das Anerbieten aus⸗ ſchlugen, das ich ihnen mitbrachte. Ich eilte zum Fenſter. Im Augenblicke, wo ich hinausſtieg, hielt mich Claude Gerard zuruͤck und ſagte mit geruͤhrter Stimme und die Arme zu mir ausſtreckend: „Umarme mich, mein armes Kind. ... Moͤge Gott Dich berathen und zuruͤckfuͤhren . . ob allein, ob mit Deinen Grefaͤhrten.“ Ich warf mich Claude Gerard in die Arme, ohne meine Thränen zuruͤckhalten zu koͤnnen, denn ſchon mehre Male waͤhrend dieſer Unterredung hatte ich gefuͤhlt, wie meine Augen vor Ruͤhrung feucht wurden. Mußte ich denn auch nicht durch die unausſprechliche Milde, die vaͤterliche Guͤte, mit der dieſer Mann mich behandelte, geruͤhrt werden; mich, den Mitgenoſſen einer boͤſen That, die fuͤr ihn ſo un⸗ gluͤckliche Folgen haben konnte? Auch waren bei ſeiner Stimme die heilſamen Regungen der Reue wieder erwacht, deren Einfluͤſſe meine Gefährten und ich ſchon mehre Male empfunden. Und ſo wuͤrde ich denn vielleicht, ohne meine blinde Zuneigung zu Basquine und Bamboche, den groß⸗ muͤthigen Antrag von Claude Gerard angenommen haben, aber dennoch riß ich mich jetzt aus ſeinen Armen und ſchwang mich auf's Fenſter. — 161 — Und dennoch! In dem Augenblicke, wo ich den Fuß außerhalb ſetzte, zauderte ich eine Secunde lang, das ſorgende Aſyl zu verlaſſen, das mir angeboten worden. Mein Herz zog ſich ſchmerzlich zuſammen; es war mir, als entſage ich dem Guten fuͤr immer; aber das Andenken an die Freunde meiner Kindheit trug den Sieg davon, und ich ſprang vom Fenſter. Zuerſt lief ich einige Schritte geradaus, dann aber, als ich die Undankbarkeit bedachte, ſo ohne ein Wort des Dankes fur Claude⸗Gerard mich von ihm zu entfernen, blieb ich ſte⸗ hen . und kehrte mich um. Beim hellen Mondenſchein ſah ich den Schulmeiſter auf dem Fenſterbrete ſitzen, und mir mit einem Blicke voll Trauer folgen. „Leben Sie wohl, lieber Herr,“ rief ich ihm mit ge⸗ preßtem Herzen zu; „ich danke Ihnen tauſendmal, daß Sie ſo gut gegen mich waren und mich nicht gefangen nehmen ließen.“ „Ich kann mich nicht dazu entſchließen, Dir Lebewohl zu ſagen, mein armes liebes Kind,“ antwortete er mit ruͤh⸗ render Stimme: „laß mich immer noch hoffen, daß Du wie⸗ derkommen wirſt. Es iſt ja unmöglich, daß Du gefühllos bei dem bleiben kannſt, was ich Dir geſagt, was ich Dir angeboten habe oder ſonſt .. .“ ſetzte er mit erſchuͤttern⸗ der Trauer hinzu; „ſonſt iſt keine Hoffnung mehr von Dir zu erwarten! ... So moͤge denn Dein Schickſal ſich erfullen!“ Martin. W. 11 — 162 — „Ich glaube, lieber Herr, daß ich nicht wiederkommen werde,“ ſagte ich, den Kopf ſchoͤttelnd: . . „dies iſt ein Lebe⸗ wohl .. fuͤr immer . ja, ja!“ Und damit entfernte ich mich ſchnell nach der Richtung der Landſtraße, wo wir uns im Falle einer Verfolgung das Stelldichein gegeben hatten. Die Gewohnheit des Vagabondirens hatte mir ein gro⸗ ßes Ortsgedaͤchtniß gegeben, ich fand alſo mitten durch ein Gewirr von Fußſteigen, welche die Felder durchſchnitten, mei⸗ nen Weg ſehr leicht. Nach einer Viertelſtunde Laufens hielt ich auf einer Anhöhe ſtill, von welcher aus ich das kleine Fenſter des Schulmeiſters erblicken konnte. Es glaͤnzte, ſchwach erleuch⸗ tet, vom Weiten. Auf dieſer bleichen Helle zeichnete ſich der Schattenriß von Claude Gerard ab, der immer noch auf dem Brete ſeines Fenſters ſaß und mir ohnſtreitig mit ſeinen Blicken folgte. Ich ſtieg nun auf der entgegengeſetzten Seite der Höhe herab, das Haus entſchwand meinen Augen, und ich ſetzte meinen Lauf eiligſt fort. Je mehr ich mich von dieſer Art von Leuchtthurm mei⸗ nes Heils entfernte, je ſchwaͤcher wurden meine guten Ent⸗ ſchluſſe. Ich bedachte, zu welcher Haͤrte und elenden Lage ich mich wuͤrde beſtimmt haben, wenn ich Claude Gerard's Vor⸗ ſchlage angenommen, und nicht lange, ſo begriff ich, wenn ich mit der Zukunft, die er mir vorſchlug, jenes muͤſſige, — 163 — fröhliche und abenteuerliche Leben voll Wechſelfälle, deren aufregenden Zauberreiz ich ſchon genoſſen hatte, verglich, je⸗ nes Leben beſonders, das ich mit meinen beiden Kindheits⸗ freunden theilen konnte, begriff ich mein voriges Zögern nicht mehr, und ſchalt mich ſelbſt wegen meiner Schwaͤche. Nach einer Stunde gelangte ich auf die Landſtraße. Ich erblickte von weitem auf der Spitze des Huͤgels das ſtei⸗ nerne Kreuz, bei dem wir uns im Falle einer Verfolgung wiederfinden wollten. Die einſame, ſtille Straße wurde hell vom Monde be⸗ ſchienen. Ich war uͤberzeugt, meine Gefaͤhrten wieder anzutreffen. Sie hatten gefahrlos entfliehen koͤnnen, aber ſie mußten doch meinetwegen ſehr beſorgt ſein. Ich hielt ſie fuͤr unfaͤhig, dieſe Gegend zu verlaſſen, ohne wenigſtens einen Verſuch zu machen, ſich mir zu nähern. um ſie nun ſo bald als mog⸗ lich von meiner Ruͤckkehr zu benachrichtigen, blieb ich, ob⸗ gleich noch in ziemlich weiter Entfernung von dem Orte des Stelldichein, ſtehen und ſtieß einen, Bamboche und Basquine bekannten, Schrei aus. Beſchreiben kann ich nicht, mit welcher Angſt, welchem Herzklopfen ich auf die Antwort auf dieſes Signal wartete. Vergebens aber wartete ich. Nichts antwortete mir. Sie ſind noch zu weit entfernt .. Sie koͤnnen Dich noch nicht hören, ſagte ich zu mir ſelbſt, und eilte dem ſtei⸗ nernen Kreuze zu, deſſen Arme im Mondenſchein glaͤnzten 11* deſſen maſſives Piedeſtal aber in dichter Finſterniß ver⸗ ſchwand. Bei der Schnelligkeit meines Laufes langte ich trotz der Steilheit des Huͤgels in einigen Minuten am Fuße des Kreuzes an. Meine Gefaͤhrten waren nicht dort. Vergebens blickte ich in die Weite, denn der hohe Standpunkt, auf welchem ich mich befand, beherrſchte die beiden entgegengeſetzten Aufſteigungen der Straße. Ich er⸗ blickte Niemand. Mit gebrochenem Herzen rief ich, ſchrie ich. Keine Stimme antwortete meinem Rufen, meinem Schreien. Nun warf ich mich, von Muͤdigkeit erſchoͤpft, athemlos und verzweifelnd am Fuße des Kreuzes nieder und zerfloß in Thränen . . . tauſendfachen Tod durch dieſes abſcheuliche Verlaſſen meiner Gefährten leidend. Plötzlich fuhlte ich, daß meine Haͤnde, welche den Boden beruͤhrten, ganz naß waren. Ich blickte neben mich und gewahrte eine Art brei⸗ ten, ſchwaͤrzlichen Tumpels, in deſſen Mitte ich ein ziemlich großes Stuͤck weißlichen Stoffes bemerkte. Dies ergriff ich, und drei Fuͤnffrankenſtuͤcke, die es enthielt, glänzten im Mondenſchein. Aber wie groß war mein Schrecken, als ich in dem Stuͤck Stoffes den ſchlechten kleinen Shawl erkannte, wel⸗ chen Basquine an dieſem Tage trug! .. Dieſer kleine Shawl war blutig .. denn die ſchwärzliche Feuchtigkeit, welche meine Hände genäͤßt hatte, war ein Tümpel Blutes! — 165 Dieſer Shawl, dieſe drei Fuͤnffrankenſtuͤcke, die hier zufaͤllig heruntergefallen oder vergeſſen worden waren, bewie⸗ ſen mir hinreichend, daß Basquine und Bamboche, ihrem Verſprechen treu, ſich nach dem Diebſtahl hierher begeben hatten, um mich zu erwarten. Aber was war ihnen nachher begegnet? War dies Basquine's Blut? War es das Blut von Bamboche, das die Erde befeuchtete? In Folge wel⸗ cher geheimnißvollen Ereigniſſe war dieſes Blut vergoſſen worden? Alle dieſe furchtbaren Gedanken drängten ſich mit einem Male in meinem Geiſte. Ich fuhlte, wie meine Ideen ſich verwirrten, ich bekam eine Art von Schwindel, und fiel be⸗ wußtlos am Fuße des Kreuzes hin, immer noch den kleinen Shawl Basquine's in den Händen haltend. Eilftes Sapitel. Die Zögerung. Ich weiß nicht, wie lange ich in dieſe Art von Ver⸗ nichtung verſenkt blieb, wo ich nichts mehr dachte, nichts mehr ſah; als ich aber wieder zu mir ſelbſt kam, war es finſtre Nacht, und der Mond untergegangen. Ich ſam⸗ melte meine Erinnerungen. Die drei Geldſtuͤcke und der kleine blutige Shawl, die ich wieder neben mir fand, riefen mir die Wirklichkeit zuruͤck. Was nun thun? wozu mich entſchließen? Den Tag erwarten, um Basquine und Bamboche auf⸗ zuſuchen? Wie konnte ich hoffen, ſie zu finden? Nach welcher Seite hin mich dabei wenden? Und dieſes friſchver⸗ goßne Blut... war es Basquinens, war es Bamboche's Blut? Wenn eins davon ſchwer verwundet, vielleicht ſogar getödtet worden, wohin hatte ſich das andere gefluͤchtet? In welches Aſpl war der Verwundete gebracht worden? Wo hatte man den Leichnam verborgen? — Mitten unter dieſer peinigenden Ungewißheit verirrten ſich meine Gedanken. Kein möglicher und ausfuͤhrbarer Entſchluß ſtellte ſich mir dar. Muͤde einen Ausweg aus dieſem Gewirr zu ſuchen, dachte ich an Claude Gerard und ſeine großmuͤthigen Aner⸗ bietungen. Wenig lockte mich allerdings der Gedanke, dieſes aben⸗ teuerliche Vagabundenleben, das mich um deßwillen nur ſo gereizt hatte, weil ich es mit Basquine und Bamboche theilte, allein fortzuſetzen. Auf der andern Seite hatte mir Claude Gerard offen geſagt, daß ich, wenn ich ſein Anerbieten annaͤhme, mich auf ein Leben voll Entbehrungen und voll Arbeit gefaßt machen muͤſſe; nun aber hatte die Gewöhnung an Nichts⸗ thun und Unabhaͤngigkeit ſchon ſolche Wurzeln in mir ge⸗ ſchlagen, daß ich nicht ohne Schaudern auf die lange Reihe von Tagen ohne Freude und voll arbeitſamer Beſchaͤftigung blickte, die bei dem Schulmeiſter auf mich warteten. Den⸗ noch aber fand ich bei ihm wenigſtens eine zwar ſchwere und armſelige, aber doch geſicherte Exiſtenz. Uebrigens wuͤrde mir auch vielleicht, obgleich zwiſchen ihm und mir ein ſo großer Unterſchied der Jahre, doch ſeine Zuneigung den Verluſt oder die Entfernung der Freunde meiner Kindheit ertragen helfen. Dieſes bei mir ſo natuͤrliche und lebhafte Gefuhl der Zuneigung und Mittheilung hatte ſich, ſtatt ſchwächer zu werden, durch die Ausuͤbung aller der Hingebung, welche — 168 — mir die zaͤrtliche Freundſchaft fuͤr meine Gefaͤhrten einge⸗ floßt, nur noch mehr entwickelt, und ſo kam es mir denn grauſam vor, mich zu entſchließen, fortan einſam zu leben, indem ich ja auch aus Erfahrung wußte, wie ſchwer es mir geworden, einen Freund zu finden. Dieſe Betrachtungen ließen die Waage ſich immer mehr zu Claude Gerard's Gunſten ſenken, ob ich gleich fuhlte, daß zwiſchen ihm und mir nie Vertraulichkeit, In⸗ nigkeit, Kameradſchaft ſtattfinden könne. Er hatte großes Uebergewicht uͤber mich, und ich kannte mich bereits genug ſelbſt, um vorauszuſehen, daß dieſer Eindruck der Dankbar⸗ keit mit Reſpect gemiſcht, ſich nie in eine zaͤrtliche Ver⸗ traulichkeit umwandeln koͤnne. Ich weiß nicht, wie lange dieſes fuͤr mich nicht eben ehrenhafte Zögern gedauert haben wuͤrde, wenn mir nicht plöslich ein ſonderbarer Gedanke eingefallen wäre. Nie hatte ich noch mein Zuſammentreffen mit dem kleinen allerliebſten Mädchen, Namens Regine, vergeſſen, das ich aus dem Walde von Chantilly entfuͤhrt hatte, eine Entfuͤhrung, die freilich, trotz der ſchlechten Rathſchlaͤge Bamboche's, ſehr unſchuldig geblieben war, denn meine Verwegenheiten beſchraͤnkten ſich blos auf einen Kuß, den ich der bleichen und kalten Stirn dieſes ungluͤcklichen Kin⸗ des geraubt hatte, das ich ohnmaͤchtig in meinen Armen trug, bis zu dem Augenblicke, wo Bamboche und ich, durch die Annaͤherung einer Patrouille Jagdgensd'armen erſchreckt, — 169 — unſre beiden Gefangenen, den Vicomte Scipio und Regine, freiließen. Durch das Beiſpiel der vorzeitigen Liebſchaft zwiſchen Bamboche und Basquine fortgeriſſen, das ohnſtreitig in mir eine allzufruͤhe Senſibilitaͤt erweckt hatte, hatte ich mich ſogleich leidenſchaftlich in Regine verliebt, und war es geblieben, da mir die Erinnernng an ſie immer vorſchwebte. Meine Freunde hatten ſich anfangs uͤber mich luſtig gemacht, nachher aber meine Liebe ſehr ernſt genommen. Oft hatten mitten in unſten dem Zufalle uͤberlaſſenen Wanderungen unſre Unterredungen nur dieſen Gegenſtand. Was die Mittel betraf, mich Reginen zu naͤhern, und, wenn ich groß geworden, ihre Liebe zu erwerben, Mittel, welche tauſendmal unter uns beſprochen wurden, ſo muß ich Verzicht darauf leiſten, ihre Ausſchweifungen oder ſelbſt Rohheiten mitzutheilen. Ein einziges nur war etwas weniger unſinnig, etwas weniger derb als die andern. Wenn wir das gehörige Alter erreicht, ſollten wir, Bamboche und ich, uns als Soldaten anwerben laſſen, Basquine aber als Marketenderin. (Wir konnten uns nicht gegenſeitig verlaſſen, und unſern Geden⸗ ken nach gab es keine Soldaten ohne Krieg.) Durch mei⸗ nen Muth wurde ich ſo etwas wie Hauptmann oder Gene⸗ ral, dann heirathete oder entfuͤhrte ich Reginen, aber dies⸗ mal von Rechtswegen. So albern dieſer kindiſche Roman auch war, ſo war ich doch dahin gelangt, ihn mit unbeſtimmter Hoffnung zu — 170 — liebkoſen. und ſonderbar genug, ohne daß ich davon je ein Wörtchen mit meinen Freunden ſprach, fuhlte ich oft, wenn ich an Regine dachte, eine Art von Reue uͤber das gottloſe Leben, das wir fuhrten, und trotz Bamboche's Bei⸗ ſpiel ſagte mir ein unerklaͤrlicher Inſtinkt, daß etwas Red⸗ liches, Reines und Erhabenes in der Liebe liege. Mitten in der Unruhe und dem Schmerze, worein mich die Beſorgniſſe verſenkt, welche mir das Schickſal mei⸗ ner verſchwundenen Freunde einflößte, war mir die Erin⸗ nerung an Reginen nicht ſogleich in den Sinn gekommen, aber mitten in meiner Unentſchloſſenheit hinſichtlich des Anerbietens von Claude Gerard dachte ich an ſie und ſagte zu mir ſelbſt: „Um nichts in der Welt wuͤrde ich mich von meinen Freunden getrennt haben, aber da das Ungluͤck nun einmal geſchehen, ſo kommt es mir vor, als nähere ich mich Reginen, wenn ich Claude Gerard's Rath befolge, und als werde mir dieſer Gedanke die Lage die mich erwartet minder hart und peinlich machen. Jetzt, wo ich, ach! aus ſo vielen Gruͤnden nach den kleinſten Ruͤckerinnerungen in Bezug auf Reginen ſorgſam forſche, erinnere ich mich deutlich, daß, ſo ſonderbar es mir auch jetzt vorkommen möge, doch der entſcheidende Grund war, der mich in das Haus des Schulmeiſters zuruͤckfuͤhrte, der Gedanke war, mich Reginen wieder zu naͤhern, indem ich beſſer wurde. „ ⸗ „ — — So nahm ich denn Basquinens blutigen Shawl und die drei Silberſtuͤcke an mich, und kehrte ins Dorf zuruck. Als ich auf der kleinen Höhe anlangte, von wo aus man das Haus des Schulmeiſters ſah, ... bemerkte ich, daß das Fenſter immer noch erleuchtet war. „Er wartet auf mich!“ ſagte ich. und ich weiß nicht weßhalb, aber ich empfand dabei eine Art feindlichen Gefuhls gegen ihn. Die Sicherheit des Vorausſehens, die ich an ihm vorausſetzte, demuͤthigte mich tief. Trotz meiner letzten guten Entſchluͤſſe, hatte ich ſogar Luſt, wieder umzukehren. Ich beſaß 15 Francs, die Ueberreſte des Diebſtahls davon ließ ſich mehre Tage leben. wenn ich aber bedachte, daß dieſe Geldſtuͤcke mit Basquinens und Bamboche's Blut benetzt ſeien, fuhlte ich Schauder vor dieſem Hilfsmittel. Sonderbares Bedenken, das ich bei dem Gedanken, mir meinen Theil von dem dem Schulmeiſter geraubten Gelde anzueignen, nicht gehabt hatte.. .. Ich ging alſo weiter. Als ich ohnweit des Hauſes von Claude Gerard ange⸗ langt war, blieb ich in einiger Entferung im Dunkeln ſtehen, und beobachtete dann durch das offen gebliebene Fen⸗ ſter dieſen ſehr aufmerkſam. Von dieſem Studio, daß ich an mir ſelbſt, Aug' in Auge mit meinem Gewiſſen vollzog, will ich nichts vergeſ⸗ ſen, beſonders wenn es ſich um ſchlechte Gefuͤhle handelt, die ich ſeitdem, wenn auch nicht beſiegt, doch wenigſtens kraͤftig bekaͤmpft habe. — — 172 — Ich beobachtete Claude Gerard nicht. . ich ſpionirte auf ihn mit einer gewiſſen Bitterkeit. Er ſollte nunmehr, ſo zu ſagen, mein Herr werden, und waͤhrend er ſich allein glaubte, wollte ich ſuchen, in ſeinen Geſichtszuͤgen zu ergruͤnden, ob er anders denke, als er ſich mir gezeigt hatte. Er ſaß an einem kleinen Tiſche, auf den er ſich mit dem Ellbogen ſtuͤtzte, und hatte die Stirn in die linke Hand gelegt, waͤhrend er mit der rechten langſam ſchrieb. Nach einigen Augenblicken ſchien die Feder ſeinen Fin⸗ gern zu entſinken. Dann warf er den Kopf zuruͤck, und blieb ſo unbeweglich, beide Haͤnde geballt und heftig an die Schlaͤfe gedruͤckt. Zu meiner großen Verwunderung ſah ich ſein Geſicht von Thraͤnen uͤberſtrömt. Er wendete mit herzzerreißendem Ausdrucke die Augen zum Himmel. Nicht lange jedoch, ſo trocknete er mit der umgekehrten Hand die Thraͤnen, ſtand auf, und ging eilig auf und ab. Ich folgte unruhig und neugierig ſeinen Bewegungen. Rachdem er ſo in ſeinem Zimmer umhergegangen war, naͤ⸗ herte er ſich dem offnen Fenſter, und ſagte nach einem von einigen tiefen Seufzern unterbrochenen Schweigen: „Ja, ja das arme Kind wird nicht wiederkommen es iſt verloren . . . ich hatte mich betrogen!“ Und damit ſchloß er das kleine Fenſter. Mein Mißtrauen, meine finſtern Nebengedanken ver⸗ ſchwanden noch einmal vor der ſanften und ſtrengen An⸗ ziehungskraft, die Claude Gerard uͤber mich uͤbte. Um mein — 173 — Spioniren nicht merken zu laſſen, wartete ich einige Augen⸗ blicke, ehe ich an die Scheiben klopfte. Kaum hatte ich furchtſam angeklopft, als das Fenſter ſich offnete. Ich glaube noch den Ausruf der Ueberraſchung, der Freude zu hören, welcher meine Ankunft begrußte. Mit einem Satze war ich in der Kammer. Claude Gerard druͤckte mich mit unausſprechlicher Gluͤckſeligkeit an ſein Herz. „Gott ſei gelobt!“ ſagte er, „nein ... nein .. ich hatte mich nicht betrogen! .. . Armes Kind.. ich hatte Dich richtig beurtheilt.“ Dann ſetzte er uͤberlegend hinzu: „Und Deine Gefährten? Konnte Dein Beiſpiel ſie nicht beſtimmen?“ Ich erzählte Claude Gerard das Nutzloſe meiner Nach⸗ forſchungen, und zeigte ihm ſchaudernd den blutigen Shawl Basquinens und die drei Geldſtuͤcke. „Ein Verbrechen iſt hier vielleicht begangen worden,“ ſagte er ernſt und nachdenkend. „Morgen werde ich, ohne Dich als Mitgenoß des Diebſtahls zu compromittiren, Mit⸗ tel aufſuchen, dieſes Geheimniß aufzuklären. Beruhige Dich, mein Kind, und vor Allem ruhe aus von den ſchmerzlichen Erregungen dieſes Tages.. .. Lege Dich auf mein Bett.. Du haſt es dort beſſer. . . ich will gehn, und im Stalle ſchlafen. .. . Gieb Dir Muͤhe, auszuſchlafen . . morgen ſollſt Du mir von der Vergangenheit erzaͤhlen, und dann wollen wir von der Zukunft ſprechen. ... Nun denn, gute Nacht!.. Du heißeſt. wie?“ „Martin, lieber Herr.“ „Martin?“ rief Claude Gerard erbleichend. „Martin!“ wiederholte er mit unbeſchreiblichem Ausdrucke. . „Und Du kennſt weder Vater noch Mutter?“ „Nein, lieber Herr.. .. So lange ich mich zuruck⸗ erinnern kann, diente ich als Gehilfe bei einem Maurer, und ward dann von Seiltaͤnzern aufgenommen, die ich vor einigen Monaten mit meinen Gefährten verließ, um zu betteln.“ „Ich war ein Thor!“ ſagte Claude Gerard, mit ſich ſelbſt ſprechend.... „Welche Idee! . es iſt ja unmöglich! Aber dieſer Name aber dieſer beſondere Antheil, den ich an dieſem Kinde nehme!. .. Je nun, dieſen Antheil haͤtte ich auch fur jedes andere ungluͤckliche Geſchoͤpf empfun⸗ den, das im Begriff geſtanden, in den Abgrund zu ſtuͤr⸗ zen.... Aber dieſer Name.. dieſer Name.. mir iſt's als mußte ich dieſes Kind deßhalb noch lieber haben.“ Dann ſich zu mir wendend: „Erinnerſt Du Dich keines Umſtandes uͤber .. doch nein . ſchlaf, ſchlaf. .. mein Kind, morgen wird es Zeit ſein zu ſchwaten.“ „Ich habe nicht Luſt zu ſchlafen, lieber Herr, ich bin zu traurig.“ „Nun denn, ſo erzaͤhle mir, ſo gut Du kannſt, mit wenigen Worten, aber recht vffenherzig, Dein Leben bis heut.“ — 175 — Und ich erzahlte ihm Alles, faſt Alles. Nur meine Liebe zu Reginen verſchwieg ich ihm. Meine naive, aufrichtige Erzählung ruͤhrte und erregte abwechſelnd meinen neuen Herrn. Er bezeugte mir den Abſcheu, den la Levraſſe, Mutter Major u. ſ. w. ihm ein⸗ flößten, und Basquinens Schickſal ergriff ihn. Wenn er auch Bamboche beſchuldigte, ſo beklagte er ihn auch. Waͤh⸗ rend meiner Mittheilungen ſagte er mir mehre Male, wie ſehr er das Verſchwinden meiner Gefaͤhrten bedaure, denn nach dem, was er von ihnen hoöͤre, zweifle er an ihrer Ruͤck⸗ kehr zu beſſern Geſinnungen nicht. Als ich zur Erzaͤhlung unſers letzten Verſuchs kam, um die Unterſtuͤtzung der kleinen Reichen zu erlangen, denen wir im Walde von Chantilly begegnet, nannte ich den Vicomte Scipio Duriveau, Namen und Titel, welche ich und meine Gefaͤhrten uns oft zuruͤckgerufen hatten, ent⸗ weder um uns uͤber dieſen einem Kinde beigelegten Titel luſtig zu machen, oder uns an die vorzeitige Inſolenz und Bosheit dieſes kleinen Reichen zu erinnern. Kaum hatte ich den Namen Duriveau ausgeſprochen, als Claude Gerard von ſeinem Stuhle aufſprang. Seine Zuͤge gaben einen ſo ſchneidenden, ſo ploͤtzlichen Schmerz kund, als ob er ins Herz getroffen worden waͤre. Nach langer und ſchweigſamer Niedergeſchlagenheit ſagte er mit bitterem Tone zu mir: „Du auch .. auch Du ſprichſt mit Schmerz und Widerwillen den Namen Duriveau aus!.. . nicht wahr?“ — 176 — „Alle Wetter,“ ſagte ich betroffen bei dieſer Frage, „dieſer kleine Vicomte, wie ihn ſeine Bedienten nannten, war gegen uns ſo boshaft, ſo verachtend.. . . „Nun denn,“ rief er aus, „auch ich nenne dieſen Namen ... mit Schmerz. .. mit Widerwillen. Das wird ein Band mehr zwiſchen uns ſein.“ „Sie kennen alſo den kleinen Vicomte auch, lieber Herr?“ fragte ich, „er iſt gegen Sie auch boshaft und ver⸗ achtend geweſen?“ „Das nicht.. aber ſein Vater o, ſein Vater! .. nie werde ich. .. Dann fuhr Claude Gerard, ſich unterbrechend, mit der Hand uͤber die Stirn und ſagte achſelzuckend fuͤr ſich: „Wahrhaftig, der Schmerz macht mich irre!.. Was wollte ich dieſem Kinde erzählen!. .. O, meine Erinnerun⸗ gen... meine Erinnerungen!“ Nach einem tiefen Seufzer wendete er ſich nun zu mir: „Fahre fort, mein Freund.“ Ich beendigte meine Bekenntniſſe mit der Erzaͤhlung was uns begegnet, ſeit wir mit den kleinen Reichen zuſam⸗ mengetroffen: Umherſchweifen, Diebſtahl, ich verbarg ihm nichts. Nachdem Claude Gerard mir mit Theilnahme zuge⸗ hoͤrt hatte, umarmte er mich und ſagte: „Ich preiſe mich, wenn es möglich waͤre, noch gluͤck⸗ licher, mein Kind, daß ich zu Dir gekommen bin. .. Haͤt⸗ teſt Du nur noch einige Zeit in dieſem Vagabundiren zu⸗ gebracht, ſo wuͤrde Deine Heilung, wenn nicht unmöglich, doch ſehr ſchwer geworden ſein... Was Dich aufrecht ge⸗ halten, was Dich halb gerettet hat, ſiehſt Du, das war die Freundſchaft, war die hingebende, innige Zuneigung, die Du fuͤr Deine Freunde hatteſt, und ſie fuͤr Dich. Es ge⸗ nuͤgte die Anweſenheit eines einzigen guten und edlen Ge⸗ fuhls in ihren Herzen und in dem Deinen, um Eure Seele vor vollkommnem Verderben zu bewahren.... Ja, weil Ihr geliebt habt, ſeid Ihr beſſer als ſo viele Andere an Eurer Stelle geblieben!. O, geſegnet ſei die Liebe,“ rief Claude Gerard mit unausſprechlichem Ausdrucke: „ſie kann den Menſchen retten, wie die ganze Menſchheit.“ Ich weiß nicht, weßhalb mich dieſe Worte ſchmerzlicher als ich noch je empfunden, an den Verluſt meiner Gefaͤhr⸗ ten erinnerten, aber ich zerfloß in Thränen. „Was iſt Dir denn?“ fragte er guͤtig. „Nichts lieber Herr,“ ſagte ich, und ſuchte meine Thraͤnen zuruͤckzuhalten, da ich fürchtete, ihn durch meinen Schmerz zu kränken. „Sieh, liebes Kind,“ ſagte Claude Gerard mit jener eindringenden und ſanften Stimme zu mir, deren Ein⸗ fluſſe ich nicht widerſtehen konnte, „ſieh! gewöhne Dich, mir Alles zu ſagen. .. Haſt Du unrecht gedacht. haſt Du unrecht gehandelt ſo werde ich Dich nicht tadeln . aber ich werde Dir das Unrecht zeigen und die Urſache des Unrechts.“ Martin. 1V. 12 — 178 — „Nun denn, lieber Herr. .. als ich dieſe Nacht den Shawl und die Geldſtuͤcke inmitten des Bluttämpels fand als mir, nachdem ich meine Gefährten gerufen hatte, nichts antwortete... da fuhlte ich ſehr großen Kum⸗ mer; es war als ob mich der Schmerz betaͤubte, aber jetzt jetzt iſt mein Gefuͤhl noch ſchmerzlicher.“ „Und das muß ſein, mein Kind, darauf mußt Du gefaßt ſein. Dieſer Schmerz wird noch groͤßer werden. . .. Nicht heute, nicht morgen nur wirſt Du aufs Tiefſte die Abweſenheit Deiner Gefaͤhrten empfinden. Die Veraͤnde⸗ rung des Daſeins, Deine neuen Beſchaͤftigungen werden Dich anfangs zerſtreuen, aber in einiger Zeit, und beſon⸗ ders an Tagen der Traurigkeit, der Entmuthigung wirſt Du bitterlich Deine Freunde vermiſſen. Freundſchaften, die wie die Deine in der Kindheit, mitten im Ungluͤck, und unter gemeinſchaftlich erduldeten Gefahren entſtanden ſind, ſchlagen unzerſtörbare Wunden in den Herzen, bilden in dem Geiſte unauslöſchliche Erinnerungen. Nach zehn, nach zwanzig Jahren, mein Kind, wirſt Du vielleicht dieſen Ge⸗ faͤhrten Deiner Kinderjahre wieder begegnen, und Deine Zuneigung fuͤr ſie wird eben ſo lebendig ſein als jetzt.“ Ich ſah Claude Gerard unruhig an, und er fuhr fort: „Mit einem Andern, als Du, wuͤrde ich anders ſpre⸗ chen, aber nach der Kunde Deiner fruͤhſten Jahre, nach der Kenntniß, die ich jetzt von Deinem Character erlangt zu haben glaube, bin ich uͤberzeugt, daß Du genug Muth, guten Willen und Einſicht haſt, um die Wahrheit ohne — 179 — Umſchweife zu hoͤren. Ja, Du biſt ſtark genug, daß ich Dir gewiſſe unvermeidliche Entmuthigungen vertrauen kann, die Dich ſchmerzen, aber wenigſtens nun nicht uͤber⸗ raſchen werden. . .. Noch ein Wort, Martin, verſprich mir Deine Zweifel, Deine Leiden, Deine böſen Gedanken .. wenn Du deren haben ſollteſt, mir anzuvertrauen. Ver⸗ ſprich mir vor Allem, wenn die Lage, die ich Dir an⸗ biete, Dir zu traurig, zu elend erſcheinen ſollte, es mir offenherzig zu ſagen, ſtatt heimlich von hier fortzulaufen..⸗ neil ich außerdem ſuchen werde, Dich auf eine Art unter⸗ zübringen, die Deinem Geſchmacke, Deinen Neigungen, die ich erſt ſtudiren will, angemeſſener waͤre. . .. Nun jetzt genug, mein Kind! Der Tag wird bald anbrechen. . Suche ein wenig zu ruhen; ich ſelbſt bedarf des Schlafs. Gute Nacht, Martin.“ Und damit blies Claude Gerard, nachdem er mich auf ſein Bett legen laſſen, das Licht aus. Nicht lange, ſo hoͤrte ich ihn im Stalle auf der Streu ſich ausſtrecken. Vergebens ſuchte ich den Schlaf, deſſen Beduͤrfniß ich fuͤhlte. Ich war zu aufgeregt. So dachte ich denn uͤber Clande Gerards Worte nach. Sonderbar genug! eben dadurch vielleicht, daß er mir die Zukunft mit düſtern Farben malte, hatte er ſich nicht geſchert, ſich an meinen Muth, an meinen guten Willen, an meine Einſicht zu wenden, ich fuͤhlte mich alſo ermu⸗ thigt, in meinen eignen Augen gehoben, und geneigt, die⸗ ſer Zukunft, deren Schwere er mir nicht verbarg, tapfer 12* — 180 — entgegen zu treten. Auch war meine Neugier lebhaft durch die Art und Weiſe aufgeregt, wie Claude Gerard die wilden Grundſaͤtze des Kruppels aufgenommen hatte, mit denen ich ihn fluchtig unterhalten hatte, und deſſen Apoſtel ich ein we⸗ nig geworden war. Er erzuͤrnte ſich daruͤber nicht, begnuͤgte ſich blos mit einem ſchmerzlichen Laͤcheln. Ich ſuchte mir dieſe anſcheinende Toleranz dadurch zu erklaͤren, daß ich mir ſagte, Claude Gerards Eyiſtenz ſei ohnſtreitig ein Beweis mehr fur die Theorie des Kruͤppels, denn ob ich gleich meinen Beſchuͤtzer nur noch ſehr wenig kannte, ſo gaben mir doch ſeine Großmuth fuͤr mich ſo wie die Rechtlichkeit und das Evle ſeiner Geſinnungen deutlich die Güte und hohe Rich⸗ tung ſeines Characters kund, waͤhrend Alles, was ihn um⸗ gab, das Elend und die Entbehrung bezeugte, unter denen er litt. Von Ermuͤdung beſiegt, ſchlief ich endlich mitten un⸗ ter dieſen Betrachtungen ein, aber mit einem fluchtigen, unruhigen Schlummer, denn nach ungefaͤhr zwei Stunden erwachte ich von dem Geraͤuſche, das Claude Gerard machte, als er wieder in die Kammer kam, und doch hatte er die Aufmerkſamkeit gehabt, mit größter Vorſicht einzutreten. Ich erhob mich ſogleich zum Sitzen. Die beiden Ruheſtunden hatten mein Blut ermuthigt und erfriſcht. „Ich wollte Dich nicht wecken,“ ſagte Claude Gerard vedauernd zu mir, „aber da es einmal geſchehen, ſo ſuche wieder einzuſchlafen.“ „Vielen Dank, lieber Herr, aber ich habe fuͤr heut — 181 — genug geſchlafen; ... haben Sie mir etwas zu befehlen, da bin ich . .. vollkommen bereit.“ Und damit ſtand ich auf. „Nein, mein Kind, fuͤr jetzt will ich ein trauriges Ge⸗ ſchäft beſorgen.“ „Das Grab fuͤr die junge Dame graben?“ fragte ich. „Wer hat Dir denn das geſagt?“ fragte er ver⸗ wundert. „Geſtern,“ antwortete ich mit niedergeſchlagenen Augen, „als Sie mich in das kleine Behältniß eingeſchloſſen hatten, waährend Sie ausgingen, meine Gefaͤhrten aufzuſuchen, ſah ich, wie eine dicke Dame kam, und nach Ihnen frug, und hörte ſie, bei Ihrer Rückkehr, mit Ihnen ſprechen.“ „Ha!. . . jetzt begreife ichs. .. . Nun denn, ja, mein Kind, ich will ein⸗Grab graben.“ „Nehmen Sie mich doch mit, lieber Herr... ich werde Ihnen helfen.. und dann gehe ich lieber mit Ihnen, als daß ich hier allein bleibe.“ „Gut!“ ſagte Claude Gerard mit gutmuͤthigem Lä⸗ cheln. „Deſto beſſer, da Du wenigſtens einige Zeit meine Lebensart theilen ſollſt. Dieſer ſo reich als moͤglich beſchäf⸗ tigte Tag wird fuͤr Dich eine Pruͤfung, eine Einweihung ſein. .. So komm denn!“ Ich folgte Claude mit den Augen. Er nahm aus dem Kuhſtalle eine Hacke und ein Grabſcheit. „Soll ich dieſe Werkzeuge tragen, lieber Herr?“ — 182 — „Nimm die Schaufel, ſie wird weniger ſchwer ſein, mein Kind.“ Ich nahm ſie, mein Herr that einige Schritte, und begegnete an der Stallthuͤre dem Kuhhirten, der vertraulich und mit herzlichem Lachen zu ihm ſagte: „Ihr werdet heute eine praͤchtige Schule halten, Claude Gerard.“ „Wie ſo, mein Junge?“ „Ihr werdet mehr Schuͤler heute haben als geſtern.“ „Erklaͤre Dich. Was wirds denn fuͤr neue Schuͤler geben?“ „Ha, ha, ha. meine Kuͤhe.“ „Deine Kühe? aber ſeit mehren Tagen ſind ſie ja in der Zeit, wo ich Schule halte, auf der Weide.“ „Das wohl, aber mein Herr hat mir geſagt: Bei der geringen Weide, die meine Thiere im Winter in drei bis vier Stunden auf den Feldern finden, geht mir der beſte Duͤnger verloren. Sie ſollen alſo die ganze ſchlechte Jah⸗ reszeit uͤber im Stalle bleiben, ohne herauszukommen.“ „Nun denn, mein Junge!“ ſagte Claude Gerard, „ſo läßt Du Deine Kuͤhe im Stalle, und ich werde ſuchen, daß meine Schuͤler durch die Nachbarſchaft nicht allzuſehr zerſtreut werden,“ ſetzte er laͤchelnd hinzu, und dann ſich zu mir wendend: „Komm, Martin, komm, mein Kind!“ Ich trug die Schaufel auf meiner Schulter, und folgte dem Schulmeiſter, der die Hacke unterm Arme trug. — 183 — Dieſer Schulmeiſter als Todtengraͤber, dieſe Schule im Kuhſtalle gehalten, Alles dies ſchien, trotz meiner Un⸗ kenntniß der Dinge, doch ſehr ſonderbar. Zwei⸗ bis drei⸗ mal ſtand ich auf dem Punkte, mein Staunen Claude Gerard zu erkennen zu geben, aber ich wagte es nicht, und kam bald mit ihm auf dem Kirchhofe des Dorfes an. Zwölftes Rapitel. — Der Brief. Ehe ich dieſen eigenthuͤmlichen Tag ſchildere, der in mei⸗ nem Gedächtniſſe unauslöſchliche Erinnerungen und einen tiefen und heilſamen Eindruck in meinem Herzen zuruͤckließ, iſt es noͤthig hier einige Bruchſtuͤcke aus einem Briefwechſel zu geben, den ein ſonderbares Ereigniß ſpaͤter in meinen Be⸗ ſitz brachte. Dieſe Ueberbleibſel eines zerriſſenen, kurze Zeit vor mei⸗ nem Zuſammentreffen mit Claude Gerard geſchriebenen Brie⸗ fes, erklaͤren vollkommen, wie dieſer Mann ſich zu den ver⸗ ſchiedenſten, zuruͤckſtoßendſten und ſchwerſten Beſchäftigun⸗ gen hergab, ſo wie die gehaͤſſige Erregung, welche dieſe Reſig⸗ nation ſeinen Feinden einfloßte. Dieſen an eine mir unbekannt gebliebene Perſon gerich⸗ teten Brief hatte der Abbé Bonnet, Pfarrer der Gemeinde, in welcher Claude Gerard Schulmeiſter war, geſchrieben. „.. Mit Einem Worte, es iſt unerträglich .. — 185 — „Es iſt unmoͤglich dieſem Claude Gerard etwas anzu⸗ haben. Er nimmt Alles an, er reſignirt ſich zu Allem mit einer Geduld, einer Unterwerfung, die bei einem Manne von ſeinen Fähigkeiten (denn ungluͤcklicherweiſe ſind dieſe unbeſtreit⸗ bar) nur der Gipfel der Geringſchätzung Andrer ſein kann.“ „Claude Gerard hält ſich ohnſtreitig fuͤr geiſtig zu erha⸗ ben, ſeiner Natur nach zu hochſtehend, um ſich durch irgend etwas gedemuͤthigt zu fuͤhlen. Er vollzieht die niedrigſten, die gemeinſten Geſchäfte mit einer Heiterkeit, die mich ver⸗ wirrt. Nicht nur daß er ſich ſtreng allen Laſten unterwirft, die man als verbunden mit ſeiner Function als Schulmeiſter ihm auferlegt, er findet auch noch Mittel, den Forderungen von meiner Seite zu genuͤgen, von denen ich hoffte, daß er ſie ablehnen werde, wie er dies auch, genau genommen, konnte, um mich wenigſtens mit einem Vorwande gegen ihn zu be⸗ waffnen. Aber dazu iſt er zu fein, und mit ſeiner teufli⸗ ſchen und herabwuͤrdigenden Unterwuͤrfigkeit zwingt er mich, anzuerkennen, daß ich ihm Verbindlichkeiten ſchulde... doch mache ich S vielleicht muͤde. . . wir es we⸗ nigſtens. . „Men muͤßte uſt vor allen Dingen unteni ihm die Achtung der Leute zu rauben. Das iſt ſehr ſchwer, denn er verſteht die Kunſt, ſelbſt die erniedrigendſten Arbeiten, die man ihm auferlegt, durch die Art ruhiger Wuͤrde, mit der er ſie vor den Augen Aller vollzieht, zu adeln. Dies iſt ein Band mehr, durch das er ſich dieſen ganzen Poͤbel verbindet, der gezwungener Weiſe grobe Arbeit verrichten muß. Er laͤßt — 1856 — vor Allem in den Augen dieſer Leute die Nuͤtzlichkeit ſolcher Dinge ſich kund machen. Dadurch ehrt er ſich und läßt ſich ehren, indem er ſich den abſtoßendſten Beſchäftigungen uberlaßt. Machen Sie einmal einen ſolchen Menſchen ver⸗ ächtlich!“ „Was ſoll ich Ihnen ſagen? Dieſer Ungluckſelige bringt mich mit ſeiner unerſchutterlichen Sanftmuth, ſeinem Ge⸗ horſam, ſeinen Lumpen, ſeinen Holzſchuhen, ſeiner Stra⸗ paze, ſeinem ſchwarzen Brote und klaren Waſſer zur Ver⸗ zweiflung; er genirt mich, er lauert mir auf, er kritiſirt mich auf die gröbſte, haͤrteſte Weiſe, „nicht daß ich wuͤßte, er habe ſich jemals unterfangen ein Wort des Tadels uber mich auszuſprechen . aber dieſe Strenge, dieſe Reſignation die er affectirt, verbunden mit ſeinen Kenntniſſen und ausgezeich⸗ neten Verſtande, ſind eben ſo viele allaugenblickliche Proteſta⸗ tionen gegen meine Art und Weiſe zu leben, gegen einen ge⸗ wiſſen Wohlſtand, in welchem ich mich, Dank ſei es dieſem vortrefflichen Grafen von Bouchetout, dem Juwel meiner Kirchkinder, befinde, aber ich fuͤrchte“ . „Man muͤßte dringendere Gruͤnde haben, um Claude Gerard aus dieſer Gemeinde zu entfernen, an der er mit tauſend unſichtbaren, aber um ſo ſtäͤrkern Banden hängt. Er ubt uͤber Jedermann eine Art Einfluß aus, und diejenigen, auf welche er am Meiſten wirkt, ſind die welche es am Wenigſten ahnen, weil dieſe Dummkoöpfe ihn ganz vertraulich behandeln. Sie wiſſen es gar nicht, daß er mit ihnen macht was er will⸗ Sie haben keine Idee von den Streitigkeiten, die er ſchlichtet, von den Keimen zu Prozeſſen, die er erſtickt; er giebt den klei⸗ nen Paͤchtern gegen ihre Eigenthuͤmer die treuloſeſten Rath⸗ ſchlaͤge, denn er beſitzt die teufliſche Kunſt, nie die Legalitaͤt zu uͤberſchreiten, vor welcher er den großten Reſpect heuchelt.“ „Alles dies kommt auf meine Rede zuruͤck: dieſer Menſch genießt einer außerordentlichen Popularität. Dieſe muß man zuvorderſt vernichten; darin liegt die ganze Auf⸗ gabe.“ „Ich hatte gehofft, etwas Nachtheiliges in Bezug auf die haͤufigen Entfernungen unſers Mannes zu entdecken, Ent⸗ fernungen, die einen Theil der Nacht hindurch dauerten, denn um keine ſeiner Pflichten zu vernachlaͤſſigen, ſpart er ſich von ſeinem Schlafe die zu dieſen Ausfluͤgen nöthige Zeit ab.“ „Jetzt habe ich die Auflöſung des Räͤthſels erfahren. Er begab ſich, wie man mir geſagt hat, wöchentlich in das Irrenhaus unſrer Stadt. Ich habe bei dem Director dieſes Letztern Erkundigungen einziehen laſſen. In der That kommt Claude Gerard faſt regelmäßig einmal in der Woche dahin, hat aber den Director ſo behert, daß fuͤr ihn die Regel des Inſtituts aufgehoben wird, und man ihm noch ſpät in der Nacht dort den Eintritt verſtattet.“ „Die Perſon, die er daſelbſt ſo unausgeſetzt beſucht, iſt eine Frau von 26 bis 27 Jahren und, wie man ſagt, von ausgezeichneter Schoͤnheit. Ob ſie gleich Claude Gerard nicht zu erkennen ſcheint, ſo bewirkt doch ſein Anblick bei dieſer Ungluͤcklichen einen heilſamen Eindruck. Sie wird nach ſei⸗ — 188 — nen Beſuchen viel ruhiger. Daher genehmigt der Arzt nur ſeine Beſuche, ſondern wuͤnſcht ſie ſogar.“ „Da dieſe Frau aus Mitleid dort aufgenommen worden, entbehrt ſie vieler kleiner Erleichterungen, doch findet Claude Gerard von Zeit zu Zeit, ohnſtreitig durch die Entbehrungen, die er ſich auferlegt, Mittel, einiges Geld fuͤr ſie dort zu laſſen, frei⸗ lich nur wenig, um den Phantaſieen dieſer Irren dadurch Ge⸗ nuͤge zu leiſten.“ „Was alſo gegen Claude Gerard daraus Arges ſchipfene Nichts als dem Anſcheine nach Achtenswerthes. So viel aber geht daraus hervor, daß ihm nur deßwegen ſo viel daran liegt, in unſerer Commun zu bleiben, weil ſie ſo nahe an der Stadt liegt, wo dieſe Irre ſich befindet.“ „Man hat mir auch geſagt, aber ungluͤcklicherweiſe iſt es nicht von Wichtigkeit gegen ihn, daß er, ehe dieſe Frau wahnſinnig geworden, ſterblich in ſie verliebt geweſen ſei, ſie habe ihn aber um eines Andern willen verlaſſen, und aus Liebe zu dieſem Andern den Verſtand verloren.“ „Ohnſtreitig iſt dieſe Täuſchung mit ein Grund zu der tiefen Schwermuth, von welcher Claude Gerard offenbar troß ſeiner anſcheinenden Heiterkeit verzehrt wird.“ „Ich habe Ihnen von dem Einfluſſe Claude Gerards auf den Pöbel erzaählt, jetzt muß ich Sie auch von dem Ein⸗ fluſſe unterrichten, den er auf Menſchen höheren Ranges aus⸗ ubt. Dies wird mich dann natuͤrlich dahin fuͤhren, Ihnen zu erklaͤren, wie und weßhalb ich fuͤrchte, er moͤchte mir trefflichen Bouchetout verfuͤhren.“ „Sie wiſſen, daß ſchon ſeit langer Zeit die reichen Eigen⸗ thuͤmer dieſer Gegend gegen die Gruͤndung einer Primaͤrſchule in dieſer Commun angekämpft haben. Sie hatten Recht, ſie ſahen die Gefahr ein, die darin liegt, das Volk aufzuklä⸗ ren. Dies heißt ihm die Mittel in die Haͤnde geben, ſich zu zählen, zu verſtändigen, zu vereinen, und beſonders ſich zu beleben und durch das Leſen abſcheulicher Buͤcher und Zeitſchrif⸗ ten, wie ſie heut zu Tage gedruckt werden, zu erheben. Mei⸗ ner Anſicht und der weiſer und vorſichtiger Grundbeſitzer nach, ſollte die Erziehung des Volks ſich blos auf den muͤndlichen Unterricht im Katechismus durch den Pfarrer erſtrecken. Alles Andere iſt unnuͤtz*).“ Herr Lorrain druͤckt ſich in ſeinem ſchon angefuͤhrten vortrefflichen offiziellen Werke, in dem er über eine gewiſſe ſyſte⸗ matiſche und unverſtändige Widerſetzlichkeit gegen die Entwicke⸗ kung des Volksunterrichts klagt, folgendermaßen aus: „Aber oft hoͤrt man von Perſonen, die der Regierung wahr⸗ haft ergeben ſind, Einwuͤrfe gegen das Geſetz. Bald ſchopfen ſie dieſe aus den Intereſſen des Ackerbaues. Sie ſagen dann: wenn alle Dorfkinder leſen und ſchreiben können, wo ſollen wir denn dann Arme hernehmen? Wir bedurfen der Winzer und keiner Leſenden, ſagt ein Grundbeſitzer in Medoc. Statt ihre Zeit in der Schule zu verlieren, moͤgen ſie lieber Graben machen lernen, ſagt ein Bürger in Gers. Bald emport aber auch eine alberne Ei⸗ genliebe die etwas wohlhabenden Pächter gegen die Idee, ihre Kinder in der Schule auf derſelben Bank mit den Beduͤrftigen ſitzen zu laſſen. Leſen, Schreiben und Rechnen iſt für ſie ein Zeichen der Wohlhabenheit, ſowie auf einem Klepper zu Markte reiten zu koͤnnen, wöhrend der Arme zu Fuße neben ihnen her⸗ = — „ungluͤcklicherweiſe hat die Gewalt der Umſtände anders entſchieden. Die Regierung iſt durch unbedachtes Gerede geht, und ſo auch in einer beſondern Kapelle in der Meſſe zu ſitzen, ſtatt auf dem allgemeinen Pflaſter niederzuknieen.“ Nun folgen Notizen aus Rapports der General⸗Inſpectoren. „Es giebt eine andere Urſache, welche dem Fortſchritte des unterrichts nachtheilig iſt, das iſt der Einfluß, den auf dem Lande gewiſſe durch ihr Vermögen ausgezeichnete Perſonen ausüben. Dieſe Perſonen behaupten, es ſei unnuͤtz, Bauern leſen zu lehren, die ihr Brot im Schweiße ihres Angeſichts verdienen muſſen. (Urdennen). Canton von Mezieres. Die wohlhabenden Grund⸗ veſitzer ſagen, ſie wurden ſich wohl huͤten, die armen Kinder ihrer Commune unterrichten zu laſſen. Wenn dies geſchähe, ſagen ſie, ſo wuͤrde man Niemand mehr finden, der das Land bauen wolle. (Gironde.) „Uungluͤcklicherweiſe hat die Gewalt der umſtände anders entſchieden, die Regierung iſt durch unbedachtſames Gerede auf andere Meinung gebracht worden, und wir ſind genoͤthigt gewe⸗ ſen die Primärſchule zu dulden.“ „Wir wollen die Kinder der Armen nicht unterrichten laſſen,“ ſagen die Grundbeſitzer, „weil die Cultur unſerer Ländereien ver⸗ laſſen werden wuͤrde und dieſe Kinder dann Handwerke lern⸗ ten.“ (Gers.) (Dordogne.) „Die Einwohner einer beſſern Klaſſe ſind im Allgemeinen der Ausdehnung des Primär⸗unterrichts nicht gunſtig, da ſie uͤberzeugt, daß der Landmann, der einen gewiſſen Crad von Kenntniſſen uͤberſchreitet, ein unnützer Menſch wird.“ (Drome.) „Die reichen Familien ſind weit davon entfernt, den Primär⸗unterricht zu ermuthigen, und ſprechen laut aus, daß ſie die Verbreitung von Kenntniſſen unter den ärmeren Klaſ⸗ ſen fuͤrchten.“ — 11 — auf andere Meinung gebracht worden und wir ſind genöthigt geweſen, die Primärſchule zu dulden.“ „Sie können leicht denken, daß Alles angewendet wor⸗ den iſt, um ſehr lange Zeit dieſe Maaßregel vollkommen illu⸗ ſoriſch zu machen. Endlich aber haben wir, in unſere letzten Verſchanzungen gedrängt, die Schule in einen angeſteckten, ungeſunden Stall verlegt, und die Taxe der Einnahme von jedem Kinde, das zahlbar, iſt monatlich auf einen Sou feſtge⸗ ſetzt worden. Daraus folgt fuͤr den Lehrer eine jährliche Einnahme von 40 bis 50 Francs ungefähr. Ueberdies wurde beſagter Lehrer zu allen Arten von ſchweren und erniedrigenden Dienſtleiſtungen verpflichtet. Claude Gerards Vorgaͤnger hat nach drei Monaten bereits gekundigt und ſo iſt die Schule bereits (Cher.) „Viele Grundbeſitzer, welche der Regierung durchaus nicht abgeneigt ſind, aber vor allen Dingen Ordnung und Frie⸗ den licben, ſehen nicht ohne Beſorgniß ſich den Elementar⸗Unter⸗ richt in Zeiten verbreiten, wo es von Journalen wimmelt. Sie fuͤrchten die Dorfadvocaten, wie ſie dieſe nennen. Die Grundbe⸗ ſitzer begreifen noch nicht recht, daß die Dorfadvocaten (ſo ſetzt der Inſpector ſehr verſtändig in ſeinem Berichte hinzu) ihren ſchäd⸗ lichen Einfluß nur dem Monopole des Leſens und Schreibens zu verdanken haben, und daß, wenn dieſe Hilfsmittel im allgemeinen Gebrauch ſein werden, ſie aufhören nur Einzelnen gegen die grö⸗ ßere Anzahl zu dienen.“ Charente.) „Es iſt im Allgemeinen nur allzuwahr, daß die reichen und wohlhabenden Grundbeſitzer ohne Erziehung es nicht gern ſähen, wenn die Armen denſelben unterricht erhiel⸗ ten wie ihre eignen Kinder.“ — zwei Tage lang geſchloſſen worden. Ein Claude Gerard mußte kommen, um ſo vielem Elende, Ekel und Widrigkeiten mit inſolenter Verzichtleiſtung zu trotzen.“ „Unter den reichen Grundbeſitzern dieſer Gegend befand ſich ein ganz guter Mann, dem ich leicht die ganze Gefahr hatte begreiflich machen können, welche die Erziehung des Volkes nach ſich zieht. Ich hegte gar kein Mißtrauen gegen ihn, als er durch weiß der Himmel welchen Ungluͤcksſtern eines Tages Claude Gerard begegnet.“ „Wiſſen Sie was geſchieht? Nach zweiſtundiger unter⸗ redung war mein Mann durch die teufliſche Verſchmitztheit des Lehrers vollkommen umgewandelt.“ „Hören Sie nur was mir der dumme Teufel noch an demſelben Abende ſagte.“ „Nun, Herr Pfarrer, ich bin dem armen Claude Gerard begegnet. Wiſſen Sie auch, daß er wundervoll ſpricht, und die vortrefflichſten Gruͤnde fuͤr den Volksunterricht an⸗ fuͤhrt?“ „Sie hegen entweder, hat er mir geſagt, eine brüder⸗ liche Theilnahme fuͤr das Volk, und dann muͤſſen Sie dahin ſtreben, daß es einen eben ſo guten Unterricht erhalte als es bei Ihnen der Fall war, weil Unterricht moraliſch beſſert, denn unter 100 Verbrechern giebt es ſtets 95, die weder leſen noch ſchreiben können. Oder Sie ſehen das Volk im Ge⸗ gentheile, ich will nicht ſagen als Ihren Feind, aber doch als Ihren Gegner an, deſſen Intereſſen den Ihrigen entgegenge⸗ ſetzt ſind. Nun denn! auch dann geben Sie ihm unterricht; denn ſtatt eienn Feind zu furchten zu haben, den Elend und Unwiſſenheit wild, dumm, roh und grob machen koͤnne werden Sie einen Gegner erhalten, an deſſen Geſinnungen, Geiſt, Herz und Verſtand Sie ſich mit Vortheil wenden kon⸗ nen, weil er ein aufgeklaͤrter Mann ſein wird.“ „Nun denn, Herr Pfarrer,“ fuhr der Mann fort, den der Schulmeiſter beſchwatzt hatte, „dieſe Rede hat Eindruck auf mich gemacht, einen ſolchen Eindruck, daß ich vor Schaam und Mitleid ganz roth geworden bin, wie ich einen unterrich⸗ teten, ſanften, ergebenen, arbeitſamen Mann wie Claude Gerard als ein Bettler gekleidet, mit Holzſchhuhen an den Fuͤßen ſah. Roth bin ich auch geworden vor Schaam und Mitleid, wenn ich an den Stall dachte, in dem der Lehrer ſeine Stunden giebt. So bin ich denn alſo feſt entſchloſſen, auf meine Koſten fur die Commun ein angemeſſeneres Lokal her⸗ zugeben und den Gehalt Claude Gerards auf eine Summe zu erhoͤhen, die ihm verſtattet wenigſtens auf anſtandige Art zu leben.““ „Ich ſah den getäuſchten Mann mit einer Beſtuͤrzung an, die Sie ſich leicht denken können.“ „Das iſt nicht Ihr Ernſt,“ ſagte ich zu dem Ver⸗ lockten. „So ſehr mein Ernſt, lieber Herr Pfarrer, daß ich ſchon meine Abſicht auf ein Haus gerichtet habe, das mir an⸗ gemeſſen zu ſein ſcheint.“ „Gluͤcklicherweiſe kam mir die Vorſehung zu Hilfe. Der fuſt plözliche Tod eines Oheims dieſes armen Betroge⸗ Martin. 1V. 13 — 194 — nen noͤthigte ihn unſere Gegend zu verlaſſen, und wichtige Geſchaͤfte hielten ihn lange in Paris zuruͤck und endlich dort ganz feſt. So iſt denn alſo auch dieſer Claude Gerard Jo⸗ hann ohne Land geblieben wie zuvor, der ſeine Stunden in einem angeſteckten, ungeſunden Stall giebt .. den die Kinder wie die Peſt fliehen ſollten. . . und doch iſt die Schule, ob die Kinder gleich wegen der ſchlechten Luft, die man in ihr einathmet, nicht ſelten krank werden, ſtets gedraͤngt voll! .. .“ Preizehntes Rapitel. — Das Grab. Die Sonne ging in dem Augenblicke auf, wo ich, nachdem ich auf Claude Gerard ganz kurze Zeit am Sterbe⸗ hauſe gewartet hatte, mit ihm in den Kirchhof eintrat. Ein armlicher Kirchhof, wie nur irgend einer, wo man nichts als niedrige, halb im hohen Graſe verſteckte Kreuze erblickte. Hie und da erhoben ſich einige Cypreſſen. In der Mitte auf einer kleinen Erhoͤhung war ein ziemlich weiter Raum. Dahin ging Claude Gerard, und ſagte zu mir: „An die Arbeit, liebes Kind! Gluͤcklicherweiſe iſt der Boden aufgethaut. Ich werde graben, und Du wirſt die Erde mit der Schaufel wegraͤumen. Wir muͤſſen eilen, denn der Sarg wird bald kommen.“ Dann ſetzte er, als ſpräche er mit ſich ſelbſt, hinzu: „Geſtern geſtorben... dieſen Morgen begraben!.. Gluͤcklicherweiſe bin ich ſicher wegen dieſer unſeligen Ueber⸗ eilung, die manchmal ſo Preckiches i 5 — 196 — „Was fuͤr Ungluͤck, lieber Herr?“ „Ach, mein liebes Kind.. es ſind Menſchen ſo leben⸗ dig begraben worden.“ „Lebendig!“ rief ich mit Schrecken. „Ja.. die blos in einer tiefen Lethargie lagen .. dann kam der Augenblick des Erwachens,“ ſagte Claude Gerard ſchaudernd,. „ja ... des Erwachens in einem engen Sarge auf dem ſechs Fuß Erde laſteten.“ „O das iſt furchtbar!“ rief ich aus, „und Sie fuͤrch⸗ ten, daß dieſes Mal... „Sei unbeſorgt, mein Kind, wenn ich ſo etwas furch⸗ tete, wuͤrde ich dieſes Grab nicht zuſchuͤtten, ſondern dabei wachen! .. Aber ſo eben bin ich im Sterbehauſe geweſen, und habe mich von den traurigen Umſtaͤnden dieſes Todes unterrichtet.. Der Arzt aus der benachbarten Stadt, ein ſehr e Mann, hat den Sterbefall beſtätigt. und die Erklaͤrung eines ſolchen Mannes kann keinen Zwet fel ubrig laſſen... Die arme Frau, ſie hat, wie man mir ſagte, in einem ſehr ſchönen Kleide, das ſie ſonſt getragen, begraben ſein wollen ohnſtreitig weil ſich an dieſen letzten Wunſch irgend eine Erinnerung knuͤpfte. Nun denn, mein Kind, an die Arbeit.“ Und damit warf der Schulmeiſter ſeinen Strohhut von ſich, ſtreifte die Aermel ſeiner Blouſe auf, und fing tapfer an den Boden mit einer Geſchicklichkeit auszugraben, welche lange Erfahrung in Handarbeiten bewies. Ich half ihm ſo viel ichs nach meinen Kraͤften konnte. —,— — — „Das iſt das Grab einer Maͤrtyrerin.. das wir hier graben, mein Kind,“ ſagte nach einigen Augenblicken Claude Gerard zu mir, und wiſchte ſich mit dem Ruͤcken der Hand den Schweiß ab, der ſeine Stirn uͤberſtroͤmte. „Das Grab einer Maͤrtyrerin?“ ſagte ich. „Ja, einer Frau, die, wie man ſagt, faſt jeden Tag ihres Lebens nach Thranen gezählt hat, ſo eine vornehme Dame ſie auch war. Ach, mein Kind, nicht blos unter Lumpen wohnt das Elend.“ „Und was hat ihr ſo viele Leiden verurſacht, dieſer ar⸗ men Dame?“ Mochte nun Claude Gerard meine Frage nicht gehört haben, oder mir nicht antworten wollen, er ſenkte den Kopf und begann wieder kräftig die Erde auszugraben. Nicht lange, ſo fing er wieder mit einem Seufzer an: „Gebe der Himmel, daß ihre Tochter gluͤcklicher ſei als ſie!“ „Sie hat eine Tochter?“ „Ohngefahr von Deinem Alter. Vor einigen Tagen iſt ſie hier angekommen. Man hatte ſie ſeit langer Zeit von ihrer Mutter getrennt, die ſie vergotterte, aber als die un⸗ gluͤckliche Frau dem Tode nahe war, hatte ſie ihr Kind ſo flehendlich wieder begehrt, daß man es ihr wieder zuruͤckgab. Ach, ſie hat deſſen Gegenwart nicht lange genoſſen!. . Arme Mutter! arme Mutter!... und ihre Tochter. wel⸗ ches Muthes bedarf dieſe!“ „Warum bedarf ſie denn ſo vieles Muthes?“ — 198 — Um dem Sarge ihrer Mutter bis hierher zu folgen.“ „Ach ja!“ ſhe ich bebend, „da muß ſie recht ſein.“ „Du biſt ſehr ungluͤcklich geweſen,“ ſagte Elaude Gerard zu mir, „Deiner wartet ein ſchweres, arbeitsvolles Loos. aber ſiehſt Du, Dein Loos wird doch noch dem dieſes armen Kindes vorzuziehen ſein, das hier die ſeiner Mutter begleiten wird. .. und iſt es reich wird nie Entbehrung kennen lernen. „Ach, Du mein Gott! wenn die e Hieichen nicht gluͤck⸗ lich ſind, wer iſt es denn dann?“ „Diejenigen, die ſich ſagen koͤnnen: ich habe ein nütz⸗ liches Tagewerk vollendet, ſo gering es auch ſei, ich habe einem Schwaͤchern oder Ungluͤcklichern, als ich bin, die Hand gereicht, ich habe Niemand Leid zugefuͤgt, und was man mir Uebles that, verziehen.“ Dieſe Grundſaͤtze waren ſo ganz das Gegentheil von denen des Kruͤppels, die meinem Geiſte ſchon leider ſo ver⸗ traut geworden, daß ſie mich mehr in Staunen ſetzten, als uͤberzeugten. Ohne Zweifel errieth dies Claude Gerard, denn er fuhr mit großer Sanftmuth fort: „Eines Tages wirſt Du, hoffe ich, meine Worte be⸗ greifen .. und heute Abend nach dieſem Tage, dem erſten, den Du zubrachteſt, ohne das Beiſpiel des Boͤſen und Laſterhaften vor Augen zu haben, wirſt Du mir ſagen was Du denkſt und was Du empfindeſt. ... Und wer weiß, — 199 — wielleicht fuͤhlſt Du Dich weniger beklagenswerth, obgleich Deine Entbehrungen dieſelben ſind.“ Waährend wir ſo ſchwatzten, war das Grab vollendet, und Claude Gerard ſtieg aus deſſen Tiefe, als wir von Weitem einen Grabgeſang hoͤrten, begleitet von den duſtern Flaͤngen des Serpents. „Da kommt die Leiche ſchon,“ ſagte Claude Gerard, „wir ſind eben zur rechten Zeit fertig geworden.“ Ohnweit des Grabes ſtand eine große, dichtverzweigte und krupplige Cypreſſe, neben welche ich auf Befehl mei⸗ nes Herrn Hacke und Schaufel legte. Von dieſer etwas hohern Stelle aus ſah ich den Leichenzug. Er beſtand aus dem Prieſter im Chorhemd, dem Gloͤckner, einem Chor⸗ knaben und dem Serpentblaͤſer. Vier Bauern in Blouſen trugen die Bahre mittelſt zweier Querhoͤlzer, von denen Jeder ein Ende hielt. Nur zwei Perſonen folgten dem Sarge. eine ſchwarz⸗ gekleidete Frau, die ein auch in Trauer gekleidetes Kind an der Hand hatte. Von der Entfernung aus, wo ich ſtand, konnte ich ihre Zuge nicht unterſcheiden. Claude Gerard war auf das aufgeſchuttete Erdreich geſtiegen, und ſah mit tiefer Trauer den Zug ſich nahen. „Armes Weſen,“ ſagte er, „verfolgt und gedemuͤthigt bis ans Ende!... Ohne ihr Kind und dieſe alte Dienerin folgte Niemand, Niemand ihrem Sarge!“ Die wenigen Worte, welche mir Claude Gerard in Bezug auf den Tod dieſer Frau geſagt hatte, preßten mir das Herz. Es war mir, als ſei ich dieſem Begräbniſſe nicht ganz fremd, und habe, ſo zu ſagen, ein Recht, daran theilzunehmen. Einige Minuten lang verſchwand der Zug hinter der Hecke, von der der Kirchhof umgeben, aber nicht lange, ſo kam der Geſang naͤher, und der Sarg erſchien innerhalb. Jetzt verbargen mir anfangs der Prieſter und die Träger die beiden Perſonen, die allein ihm folgten, als ſie aber aus dem Mittelgange traten, erkannte ich Regine. ... Eine be⸗ jahrte Frau begleitete ſie. Ohne den Baum, an deſſen Stamm ich mich ſtutzte, wuͤrde ich vor Staunen und Schrecken vielleicht hingefallen ſein. Gluͤcklicherweiſe konnte Claude Gerard meine Unruhe nicht bemerken. Er war am Rande des Grabes ſtehen ge⸗ blieben, das er, ſobald er den Leichnam einſenken helfen, wieder zufuͤllen ſollte. Vor Furcht zitternd, von Regine geſehen und erkannt zu werden, warf ich mich hinter dem belaubten Stamme des Baumes an die Erde, und knieete dort nieder, kaum es wagend Athem zu holen. Reginens Geſicht war weiß und unbeweglich wie Marmor. Ihre drei ſchwarzen Zeichen gaben ihren bleichen, verſteinerten Zuͤgen einen ſeltſamen Ausdruck. Sie weinte nicht. Ihr trockner und ſtarrer Blick heftete ſich ſo un⸗ verwandt auf den Sarg, daß, ſo oft der ungleiche Schritt der Traͤger ihn rechts oder links ſchwanken ließ, ein leiſes — m — Wiegen von Reginens Köpfchen anzeigte, daß ihre Augen derſelben Richtung folgten. Selbſt die kleinſten Bewegungen dieſes Kindes trugen den Stempel einer Art automatiſcher Starrheit. Sie ſchritt, ſo zu ſagen, in Abſaͤtzen einher, und als ob ihr ganzes Weſen einer nervöſen Zuckung unterliege. Wenn ich an die Rohheit dachte, mit der ich Regine im Walde von Chantilly entfuͤhrt hatte, erinnerte ich mich auch zugleich an ihre Schoͤnheit, und wenn ich ſie nun jetzt ſo grauſam verändert erblickte, brach mir das Herz, und ich mußte die Hand auf den Mund druͤcken, um mein Schluchzen zu erſticken. Die bejahrte Frau, welche Regine an der Hand hatte, weinte ſehr. Ihre Geſichtszuͤge waren ſanft und gut. Mir war es, als ſpreche det Pfarrer die letzten Gebete uber dieſe Leiche haſtig und zerſtreut. Als nun der Sarg in die Tiefe des Grabes verſenkt werden ſollte, ſchien Regine zu ſchwanken und gleichſam in ſich ſelbſt zuſammen zu brechen. Die alte Dienerin mußte ſie auftecht halten, und ſie unter die Arme faſſen. Sonderbar! das Kind vergoß keine Thräne. Der Blick blieb ſtier, die Zuͤge unbeweglich. Kaum daß manchmal ihre ſchmalen Lippen zuckten und an einander preßten. Endlich war der Sarg ins Grab verſenkt. Da ſchien Regine mit Gewalt ſich zu zwingen. Sie machte ſich aus den Armen der Dienerin los und knieete am Rande des offnen Grabes nieder, waͤhrend Claude Gerard anfing, einige Schaufeln Erde darein zu werfen, die dumpf wiederhallten. Bei jeder Schaufel Erde ſendete Regine, ſo zu ſagen, einen Abſchiedsgruß zu dem Sarge, mit dem Ausdruck dumpfer, eiſiger Verzweiflung .. herzzerreißender als lauter Ausbruch des Schluchzens. Lange zuvor, ehe das Grab wieder gefullt, entfernten ſich der Pfarrer und Glockner ſchnell. Der Chorknabe nahm das Kreuz auf die Schulter, der Serpentblaͤſer ſein Inſtrument um den Hals, und ſo gingen ſie untereinander vom Kirchhof. Nur Regine und die Dienerin blieben am Grabe, das Claude Gerard vollends fuͤllte, das Kind immer unbe⸗ weglich knieend wie eine Bildſäule. Meine Aufmerkſamkeit auf dieſes ſchmerzliche Schau⸗ ſpiel wurde durch einen kindiſchen Umſtand geſtoͤrt. Ich bemerkte einen ſcharfen und ſtarken Tabaksgeruch. Als ich die Augen nach der Seite hin richtete, woher er kam, ge⸗ wahrte ich uͤber der Umfaſſungshecke des Gottesackers den Kopf eines Mannes mit widrigem Geſichte. Er rauchte ungeſtört ſeine Pfeife. Sein Teint war ziegelfarben, und ſeine etwas grauen Haare kaum mit einer ſchlechten Muͤtze bedeckt. Trotz des ſchmerzlichen Schauſpiels unter ſeinen Augen, drückten die abſtoßenden Zuge dieſes Mannes eine ſo cyniſche Gleichgiltigkeit aus, daß ich, von Widerwillen und Ekel ergriffen, mein Geſicht abwendete, da ohnedies der Antheil, —— — 203 — den ich an Reginen nahm, mich wieder zu dieſer zuruͤck⸗ rief. Claude Gerard war mit Ausfuͤllen des Grabes zu Ende, und betrachtete, gleich mir, das knieende Kind ſchweigend. Die alte Dienerin ſagte Letzterem einige Worte ganz leiſe, Regine aber gab ihr ein gleichſam bittendes Zeichen mit der Hand, und fiel dann wieder in ihre Unbeweglichkeit. Ich blickte wider Willen nach der Seite hin, wo ich den Mann mit dem widrigen Geſichte geſehen hatte. Er war verſchwunden. Plötzlich vernahm ich von Weitem das Klingeln der Schellen eines Poſtgeſpanns und das Gerauſch eines ſchnell ſich naͤhernden Wagens. Bei dieſem Laͤrmen, den Regine nicht zu hoͤren ſchien, ſchauderte die alte Dienerin, warf einen ſchmerzlichen Blick auf das Kind, und fluͤſterte ihm von Neuem etwas ins Ohr, aber eben ſo nutzlos als das erſte Mal. Der Wagen hatte an der Thuͤr des Friedhofs gehalten. Nicht lange, ſo ſchritt ein bejahrter Mulatte, ſchwarz gekleidet und mit einem kleinen Mantel und Kinderhute auf dem Arme, vor. Er naäherte ſich der Dienerin, und ſagte trocken zu ihr: „Allons, Gertrude, die Ceremonie iſt voruͤber, Sie kennen die Befehle des Barons!“ Gertrude zeigte mit flehendem Blicke auf die noch im⸗ mer knieende Regine. „Sie wird doch nicht den ganzen Tag dableiben wol⸗ len?“ ſagte der Mulatte. „Eine Viertelſtunde fruͤher oder ſpaͤter machen nichts aus, und Sie wiſſen, daß die — des Herrn Barons ſtreng ſind.“ „Regine,“ ſagte nun die alte Dienerin mit von Schluchzen erſtickter Stimme, „wir muͤſſen fort... Sie werden ſich krank machen. . . Kommen Sie!“ Das Kind machte mit dem Kopfe ein verneinendes Zeichen, und blieb unbeweglich. . „Man kann ſie doch auch nicht vom Grabe ihrer Mut⸗ ter wegreißen!“ ſagte Gertrud zum Mulatten. „Was ſoll ich denn da thun?“ Der Mulatte zuckte die Achſeln, und ſagte zu dem Kinde tretend: „Fraͤulein, ich habe Befehl, Sie ſogleich wieder zuruͤck⸗ zubringen, ſobald Alles hier zu Ende... Der Herr Baron, Ihr Herr Vater, will es ſo... haben Sie die Guͤte, mir zu folgen.“ Regine veränderte ihre Stellung nicht. „Fraͤulein,“ begann der Mulatte wieder, „ich bitte Sie recht ſehr.. .. Kommen Sie . man muͤßte Sie ſonſt mit Gewalt fortbringen.“ Das Kind ruͤhrte ſich nicht. „Es muß doch ein Ende haben!“ ſagte t Mulatte. Damit trat er zu Reginen, ohnſtreitig um ſie in Arme zu nehmen. Ich erwartete Thraͤnen und ſchmerzliches Striuben. — — Es war aber nicht der Fall. Regine ließ ſich ohne Wider⸗ ſtand, ohne auch nur ein Wort zu ſprechen, forttragen. Blos das Geſicht wendete ſie, als ſie ſich in des Mu⸗ latten Armen befand, nach dem Grabe. .. auf welches ſie einen ſtieren Blick heftete, unverwandt wie der, mit dem ſie dem Sarge gefolgt war. So lange ſie die friſchaufgeſchuͤt⸗ tete Erde ſehen konnte, verließ das Kind dieſe mit ſeinen Augen nicht mehr, und hauchte manchmal einen letzten Ab⸗ ſchiedsſeufzer aus. Nicht lange, ſo kamen Gertrude und der Mulatte, der Reginen trug, um die Hecke, und ich verlor ſie aus den Augen. Einige Minuten ſpaͤter fuhren die Pferde im Galopp mit dem Wagen davon. Dieſe ſo ſonderbare und unerwartete Scene traf mich wie eine Erſcheinung, wie ein Traum. Claude Gerard mußte mich zweimal anreden, um mich aus meiner Verſunkenheit zu reißen. Auch er ſchien übri⸗ gens ſo tief bewegt zu ſein wie ich. In unſrer gemein⸗ ſchaftlichen Zerſtreuung vergaßen wir, nicht weit vom Grabe am Fuße der Cypreſſe, das Grabſcheit und die Hacke, deren wir uns bedient hatten, und gingen wieder ins Dorf. Vierzehntes Rapitel. Die Schule. „Reginens Mutter iſt todt, und ſo ungluͤcklich auch Dein Loos ſein mag, iſt es dies doch vielleicht weniger als das, welches dieſem armen Kinde vorbehalten,“ hatte Claude Gerard mir geſagt. An dieſen Gedanken mahnte mich des traurige Schauſpiel, dem ich beigewohnt hatte. 8 Und dennoch konnte ich, zu großer Zufriedenheit meines Herrn, dem hartnaͤckigen Aufdringen dieſes Gedankens ent⸗ fliehen, und den Antheil der Arbeit verrichten, den er mir fur dieſen Tag beſtimmte, indem ich mir fuͤr die nächtliche Einſamkeit und Ruhe das traurige Gluͤck vorbehielt, nach Ge⸗ fallen mich mit dieſen bittern Erinnerungen und Gedanken aller Art zu beſchaͤftigen, welche die Scene, deren ich Beue geweſen war, in mir hatte entſtehen laſſen. Uebrigens wuͤrden aber auch, glaube ich, die Mannigſul⸗ tigkeit der Beſchaͤftigungen waͤhrend des uͤbrigens Theils des Tages und die Ueberraſchung, welche mehre Eigenthuͤmlich⸗ keiten in Claude Gerards Lage mir verurſachten, hingereicht haben, mich von meinen Gedanken in Betreff Reginens zu — 207 — zerſtreuen. So erfuhr ich auch bereits an dieſem Morgen, daß ſie nie wieder in das Dorf zuruͤckkehren werde, da das Haus, das ihre Mutter bis zum Tode bewohnte, verkauft werden ſollte. Folgendes war aber die Tagesaufgabe für Claude Gerard, den Communal⸗Lehrer. Einige kleine Abweichungen in der Handarbeit abgerechnet, war ſie im Allgemeinen ſtets dieſelbe. Nach der Beerdigung gingen wir nach Hauſe. Claude Gerard bewaffnete ſich mit einer Art langer hölzerner Scharre mit einem noch laͤngern Stiele. Mir gab er einen Eimer und eine hohle Schaufel zu tragen, wie ſich etwa deren die Schiffer zum Ausſchöpfen des Waſſers aus den Kaͤhnen be⸗ dienen. So gingen wir wieder fort, ich ſehr neugierig zu erfahren was wir vornehmen wuͤrden, und Claude Gerard ruhig und ernſt wie gewoͤhnlich. Nach einigen Minuten ka⸗ men wir auf eine an das Dorf graͤnzende kleine Wieſe, an deren Ende eine unterirdiſche Quelle den oͤffentlichen Waſch⸗ trog ſpeiſ'te, das Behaͤltniß fuͤr ein damals ſchwaͤrzliches und ſchlammiges Waſſer, mit Steinplatten kunſtlos ummauert, welche einen breiten Rand bildeten. Trotz der Kaͤlte zog Claude Gerard ſeine derben Holz⸗ ſchuhe aus, ſtreifte ſeine Pantalons bis an die Kniee auf, ſchurzte ſeine Blouſe uͤber den Huͤften mit einem Stricke und ſagte zu mir: „Mein Sohn, wir wollen dieſen Waſchtrog reinigen. Fur Dich waͤr es ungeſund in's Waſſer zu ſteigen, alſo will ich es thun und den Schlamm mit dieſer Kratze an mich zie⸗ — 208 — hen, Du thuſt ihn dann in dirſen Eimer und gießt ihn an die großen Pappeln dort breit aus.“ WMit der größten Einfachheit hatte der Schulmeiſter mir dieſe Befehle gegeben und ſeinerſeits erklaͤrt was er ſelbſt bei dieſer ſchweren und widrigen Arbeit vornehmen werde. Ohnerachtet meiner Unkenntniß von Menſchen und Sachen ſchien es mir unmäßig, daß ein Communallehrer nicht allein Todtengraͤber, ſondern auch Reiniger des Waſchtrogs ſein ſolle. Ich ſah Claude Gerard ſtaunend an. Er errieth meine Gedanken, ſah mich ſanft an und ſagte: „Es wundert Dich ſehr, mein Kind, nicht wahr, daß Du einen Schullehrer, einen Gelehrten, wie man mich nennt, dieſe Arbeit verrichten ſiehſt 2“ 3 „Alletdings wundert es mich, lieber Herr.“ „Und es ſcheint Dir erniedrigend fur mich, nicht wahr?“ „Ei freilich, lieber Herr.“ „Warum aber?“ „Ei nun lieber Herr, gelehrt wie Sie ſind, in den Schlamm treten und ihn mit der Scharre zuſammenkratzen, das ſcheint mir doch ſehr erniedrigend.“ „Hoͤre, mein Sohn. . . Die armen Frauen, welche ihre Waͤſche in dieſem Waſſer voll Schlamm waſchen, bringen ſie dann ſtets eben ſo ſchmutzig wieder nach Hauſe, als ſie ſie herbrachten, dazu behaͤlt ſie noch einen häßlichen Geruch von Schlamm, ſo daß auch oft die kleinen Kinder, die ſie in die⸗ ſes feuchte und ungeſunde Linnen wickeln, krank werden und S — bösartige Fieber bekommen. Iſt aber der Waſchtrog gerei⸗ nigt, der Schlamm herausgeſchafft ... ſo geſchieht alles die⸗ ſes ueble nicht.“ „Das wohl, lieber Herr, aber es giebt doch noch viele andere Perſonen, die ſtatt Ihrer ſich damit beſchaͤftigen könn⸗ ten, denn dieſe können dagegen wieder nicht ..“ „Mich anderswo erſetzen, nicht wahr?“ „Ja, ja, das wollte ich ſagen.“ „Du haſt Recht, aber es iſt hier die Rede von einer Pflicht, die zu erfuͤllen ich verſprach, und mein Wort muß ich halten. Was die Erniedrigung betrifft, worin liegt denn die? Beſaͤße ich Stolz, ſo koͤnnte ich ja im Gegentheile zu mir ſagen, ich thue zu gleicher Zeit was alle Welt thun, und was ſie nicht thun kann ſomit bin ich doppelt im Vor⸗ theil. Aber ohne ſolche S eingrunde gnuͤgt es mir, mein Sohn, zu ſagen, daß es niemals Erniedrigung iſt, ein fuͤr Alle nuͤtzliches und vortheilhaftes Geſchaͤft zu vollziehen.“ Ich konnte darauf nichts antworten. „Beſteht denn die Erniedrigung etwa darin, mit nackten Beinen in den Schmutz zu ſteigen? Dann, mein Sohn, er⸗ niedrigen ſich alle die ſchoͤnen, reichen und adeligen Herrn, welche alle Winter in den Suͤmpfen jagen, eben ſo tief als ich, denn ſie gehen bis an den Bauch in den Schlamm, um des Vergnugens willen einige arme Vögel zu toͤdten. Darum mein Sohn, nur Muth und Zufriedenheit im Herzen, unſre Arbeit wird fuͤr Alle nuͤtzlich ſein. . Jetzt vor⸗ Martin. Iw. 14 wärts! zu Mittage müſſen wir wieder zu Hauſe ſein, um die Schule vorzubereiten.. ..“ 2 Somit ging Claude Gerard tapfer an die Arbeit, und kratzte mit gewaltigen Zugen ſeiner Scharre den dicken Schlamm an den Rand des Waſſertroges, worauf ich meinen Eimer damit fullte und dieſen längs einer großen Pappelwand aus⸗ goß. Ich geſtehe, daß Beiſpiel und Rede Claude Gerards, in⸗ dem ſie die Arbeit, an welcher ich theilnahm⸗ höher ſtellten, mir ſie minder beſchwerlich, minder abſtoßend machten. Nach einer Stunde ſagte mein neuer Herr zu mir, ohn⸗ ſtreitig um mich zu ermuthigen: „Kuͤnftigen Fruhling, mein Sohn, wollen wir dieſe Pap⸗ peln wieder beſuchen. Durch den Schlamm, den Du an ihnen ausgegoſſen haſt, wirſt Du ſehen, wie gruͤn und ſtark ſie werden, denn dieſer im Waſchtroge ſo ſchaͤdliche Schlamm wird fur dieſe ſchoͤnen Baͤume, deren Wurzeln er naͤhrt, ein vortrefflicher Duͤnger. Nun denn, mein Sohn, ſo ſage ein⸗ mal, wurdeſt Du Dich denn erniedrigt fuͤhlen, dazu beige⸗ tragen zu haben, daß dieſe großen Bäume noch ſchoͤner, noch kraͤftiger werden als zuvor, wenn Du einige Eimer Schlamm an ihnen ausgegoſſen?“ „O nein, nein, lieber Herr, ich wuͤrde ſie im Gegen⸗ cheile mit Vergnuͤgen beſchauen,“ rief ich aus, immer mehr durch Claude Gerards Betrachtungen bezaubert. Denn es liegt im Charakter der Kinder, daß ich nie ohne eine gewiſſe beftiedigte Eigenliebe ein Geſchaͤft zu . — 211 — Ende brachte, ob ich es auch nur mit Widerwillen angefan⸗ gen hatte. Wenn ich ſo einige von Claude Gerards praktiſchen Unterweiſungen ausfuͤhrlicher ſchildere, ſo geſchieht es, weil ſie eine entſcheidende, faſt unaufhörliche Einwirkung auf mein Leben äußerten. Auch müß ich zu meinem, oder vielleicht mehr noch zu Claude Gerards Ruhme ſagen, daß ſeine ein⸗ fachen, deutlichen und logiſchen Lehren faſt unmittelbar und recht tief in meinen Geiſt und mein Herz drangen, waͤhrend ich die abſcheulichen Grundſätze des Kruͤppels, die Bamboche mir ſonſt gepredigt, nur mit einem gewiſſen moraliſchen Un⸗ wohlſein und inſtinktmäͤßigen Widerwillen aufgenommen hatte. 2 Nachdem wir nun ſo die Reinigung des Waſchtroges beendigt, gingen wir dann eilig nach Hauſe. Ein Stuͤck ſchwarzen Brotes und einige Nuͤſſe machten unſer Fruͤh⸗ ſtuͤck aus, dann half ich Claude Gerard in dem Stalle die Vorbereitungen zur Schule machen, ganz eigenthuͤmliche Veranſtaltungen, die neues Staunen zu dem hinzufugten, das ſchon an dieſem Tage mich ergriffen. Die Kuͤhe wurden während des ſchlechten Winterwet⸗ ters nur ſelten ausgetrieben und ihre ſtete Gegenwart in der gegenwaͤrtigen Jahreszeit verengte den Raum, der Claude Gerards Schuͤlern uͤbrig gelaſſen worden, gewaltig. Uebri⸗ gens habe ich es nie recht begreifen koͤnnen, ob man ſagen ſollte, die Zöglinge wären im Stalle, oder die Kuͤhe in der 14* — 212 — Schulſtube, da das Local ſich zwiſchen der Menſchengattung und der Rindviehgattung faſt gleich vertheilt befand. So ſah man denn rechter Hand die Raufen, Krippen und zwei bis drei Monate alten Duͤngerlager, die einen unertraͤglichen Geſtank aushauchten, während ich Claude Gerard half, an der linken Wand hin einige hinkende Böcke zu ſtellen, auf welche wir Breter legten. Vor dieſe trag⸗ haren Tiſche ordneten wir mehre Baͤnke auf einem ſchlam⸗ migen, uͤbelriechenden Fußboden, denn da der Stall nach dieſer Seite zu abſchuͤſſig war, ſo ſchoß dahin der Abgang aller Unreinlichkeiten des Viehes. Dieſe Vorrichtungen machten wir faſt gänzlich im Finſtern, denn nichts war dunkler, als dieſes ohngefaͤhr zwanzig Schritte lange Local, das blos von der einen Seite durch die Eingangsthuͤre und von der andern durch das kleine Fenſter des mit Huͤrden umgebenen Verſchlags, der zur Kammer fuͤr den Schulmeiſter diente, erleuchtet ward. Die ſehr niedrige Decke, aus einer bloßen Balkenlage beſte⸗ hend, welche mit dichten Spinneweben tapezirt war, ließ in das Heu und Stroh des obern Bodens blicken. Wenn es fror, machte man die Thuͤre zu, und dann fanden ſich drei Viertheile des Stalles in tiefes Dunkel gehuͤllt, ſo daß von 30 Kindern nur 5 bis 6 bei dem Tageslichte arbeiten konnten, das ſich zu dem kleinen Fenſter Claude Gerards hinein ſtahl. Der Schulmeiſter half uͤbrigens, ſo gut er nut konnte, dieſem Uebelſtande ab, indem er der Reihe nach jedes der in die finſterſte Ecke des Stalls verwieſenen Kin⸗ — 213 — der zu ſich rief, und etwa eine Viertelſtunde in ſeiner Kammer und unter ſeinen Augen arbeiten ließ. Kaum hatten wir die Böcke und Bänke vorgerichtet, als die Kinder nach und nach eintraten. Der am Morgen ziemlich helle Himmel hatte ſich getruͤbt, und es war kalter geworden. Nicht lange, ſo fiel gewaltiger Schnee. Man mußte alſo die Thur dieſes mit Menſchen und Vieh uͤber⸗ fullten Stalles ſchließen. Nun wurde es faſt Nacht darin. In eine Ecke gekauert, wohnte ich mit lebhafter Neu⸗ gier dem erſten Unterrichte bei, den ich geben ſah. Die laͤndlichen Schuͤler des Lehrers waren ſtatt lärmend, tobend und unfolgſam zu ſein, und meiſtentheils die Unterrichts⸗ ſtunden nur als eine langweilige oder gleichgiltige Arbeit anzuſehen, vielmehr ruhig, folgſam und aufmerkſam. Sie ſchienen mir, wenn ich ſo ſagen ſoll, ſich nicht allein fuͤr Claude Gerards Unterricht zu intereſſiren, ſondern Wohlge⸗ fallen, Unterhaltung darin zu finden, und fuͤr ihn eine faſt kindliche Zuneigung zu haben. Später, als ich ſelbſt davon die Erfahrung machte, begriff ich es, wie Claude Gerard durch eine zugleich geiſt⸗ reiche und doch einfache Methode des Unterrichts, in der die drei mächtigſten Hebel fur die Jugend, Neugier, Eigen⸗ liebe und Nachahmungsgeiſt ſich mit einander verbanden, zu eben ſo ſchnellen als genuͤgenden Reſultaten gelangte. Immer gut, ruhig, nachſichtig, geduldig, von der Heilig⸗ keit des Gottesdienſtes, den er uͤbte, durchdrungen, und vor Allem durch ſeine innige Liebe zu Kindern geleitet, geſtuͤtzt — 2 — und ermuthigt, ſtudierte er ihre Charactere, ihre Inſtinkte, ihre Leidenſchaften, und wußte dieſen verſchiedenen natuͤrli⸗ chen Triebfedern, die, wenn gedruckt, verfaͤlſcht und falſch geleitet, zu Laſtern und ſchlechten Leidenſchaften ausgear⸗ tet waͤren, faſt immer eine Richtung zum Guten zu geben. Schon waͤhrte der Unterricht etwa eine halbe Stunde, als die Wärme des Stalles und der Geruch des Duͤngers, der noch durch dieſe Anhaͤufung von Kindern vermehrt ward, ſich ſo erſtickend und betaͤubend zeigten, daß ich ſo⸗ wohl als einige Schuͤler Schwindel und eine Art Er⸗ ſtickung fuͤhlten, von heftigen Kopfſchmerzen begleitet. Der Schweiß rann mir von der Stirn. Man mußte endlich die Thuͤr des Stalles öffnen, deſſen Atmoſphaͤre nicht mehr zu athmen war. Ein kalter, heftiger Luftzug folgte ploͤtzlich auf eine erſtickende Hitze. Ich ſchauderte. Eiſiger Schweiß bedeckte meine Stirn. Nach einigen Augenblicken ſchloß man die Thuͤre wieder, aber dann klapperte ich ſo wie die andern armen, faſt ſaͤmmt⸗ lich elend gekleideten Kinder vor Froſt. Spaͤter ſagte mir Claude Gerard, daß dieſe plotzlichen Abwechslungen von Hitze und Kaͤlte, daß dieſe verpeſtete, ſchlechte Luft, in der dieſe armen Geſchoͤpfe leben muͤßten, ihnen oft ſchwere, manchmal toͤdtliche Krankheiten zuzögen, und ein Schuͤler es ſelten laͤnger als 14 Tage hintereinander in der Schule aushalte. Was auf den Unterricht folgte .. es war Sonnabend — 2 ½5 — Abends.. werde ich nie in Folge nachſtehenden Umſtands vergeſſen. Claude Gerard nahm einen großen in zwei Theile ge⸗ theilten Sack, gab mir einen Korb, und ſagte: „Komm, mein Sohn! folge mir.“ Darauf ſetzte er lchelnd hinzu: „Dieſes Mal wirſt Du Dich wieder uͤher die Ernie⸗ drigung wundern, der ich mich unterwerfe.“ „Wie ſo, lieber Herr?“ „Wir erbitten uns jetzt von Thuͤr zu Thuͤr im Dorfe unſre Nahrung fuͤr die naͤchſte Woche, mein Sohn.“ Dieſe Worte verurſachten mir neues Staunen. „Der Gehalt, den man mir bewilligt, um meine Functionen als Schulmeiſter zu vollziehen und die Arbeiten zu verrichten, die Du getheilt haſt, mein Sohn, iſt ſo un⸗ zureichend, daß ich, wie meine Mitbruͤder in andern Com⸗ munen, genöthigt bin, zu der öffentlichen Milde meine Zu⸗ flucht zu nehmen, um ohngefaͤhr mein tägliches Brot ſicher geſtellt zu haben. Da nun aber der groͤßte Theil meiner Schuͤler ſehr arm iſt, ſo ziehen es ihre Eltern vor, mir ihren kleinen Beitrag in Naturalien zu entrichten.... Nun, ſo ſprich offen, mein Sohn, iſt das nicht fuͤr mich der Gipfel der Erniedrigung?“ „Ich, der ich gewohnt war, zu betteln,“ antwortete ich Claude Gerard, „finde darin nichts Erniedrigendes, aber Sie, lieber Herr, Sie, der ſo gelehrt iſt, und dem Dorfe ſo viele Dienſte leiſtet — — „Gerade deßhalb, mein Sohn, weil ich mir bewußt bin, Allen einige Dienſte zu leiſten, finde ich keine Ernie⸗ drigung darin, von Jedem das anzunehmen, was er mir geben kann, um mir leben zu helfen, da ich ſonſt keine Hilfsmittel beſize. Waͤre ich im Gegentheil muͤſſig, nutz⸗ los oder faul, ſo würde ich eine erniedrigende Erbärmlich⸗ keit begehen, wenn ich von armen Leuten ein Stuͤck Brot annaͤhme. Nun ſo komm denn, mein Sohn, vielleicht wird Dein Abendeſſen heute minder frugal ſein, als es geſtern war, denn meine kleinen Vorraͤthe waren erſchöpft.“ So gab mir, ſo zu ſagen, Claude Gerard in jedem Augenblicke ein neues Beiſpiel ſeiner dennoch im Gefuͤhle ſeiner ſelbſt glänzenden Reſignation. Ich folgte ihm bei ſeinem Umgange. Wenn ich ſpäter dieſes neuen Ereigniſſes jenes Tages mich erinnere, und daruͤber nachdenke, finde ich den rechten Maßſtab des Anſehens, in welchem unter ihren Gemeinden dieſe Lehrer ſtehen muͤßten, die, wenn ihnen die materiellen Hilfsmittel dazu gegeben waͤren, in zwanzig Jahren blos durch Erziehung die Außenſeite einer Gegend umändern und eine neue Generation ſchaffen könnten. Aber ohnſtrei⸗ tig giebt es politiſche Gruͤnde, welche ſich dieſer großen ſo⸗ zialen Wiedergeburt entgegenſtellen. Claude Gerard wurde allgemein geliebt, ja ſelbſt hoch⸗ geachtet. Aber dennoch ſtellte man ihn wegen ſeines elenden Lebens und der Nebenbeſchaͤftigungen, die er verrichtete, — 217 — einem guten Schafhirten oder einem ehrlichen und verſtaͤn⸗ digen Fuhrknechte gleich. Vorzuglich waren es die Armen, die ihn liebten. Mit bruͤderlicher Herzlichkeit boten dieſe ihm ihre kleinen Gaben dar, der Eine ein Maͤßchen trockner Zugemuͤſe, der Andre einige Fruͤchte, dort ein wenig Korn, hier ein Maaß Erd⸗ aͤpfel, kurz, wir wurden verhaͤltnißmaͤßig von den Einwoh⸗ nern des Dorfes, die etwas mehr Wohlſtand beſaßen, viel ſchlechter behandelt, denn dieſe empfanden gegen den Lehrer eine Art mit Verachtung gemiſchten Neides, der ſich durch mehrfache Verſuche ihn zu demuͤthigen verrieth. Aber das that man Claude Gerard nicht ſo leicht. Einige kleine, zu der Partei des Pfarrers gehörende Eigenthumer, betrachteten uͤbrigens die Schule mit ſcheelem Auge. Sie fanden es unnuͤtz, unangemeſſen und gefaͤhrlich, Unterricht unter dem Poͤbel zu verbreiten. „Wenn Jeder⸗ mann leſen könnte,“ ſagten ſie ungeſcheut,“ wie wollte man denn da das Kind eines Mannes, der etwas bedeutet, von dem eines Mannes, der nichts hat, unterſcheiden?“ Dieſe Eitlen trugen daher auch mit allen ihren Munizipalkraͤften dazu bei, die Schule Claude Gerards faſt unmoglich zu machen, indem ſie ſie in einen ſtinkenden, ungeſunden Stall verbannten, und den Leuten, die in irgend einer Abhän⸗ gigkeit von ihnen ſtanden, verboten, ihre Kinder in die Stunden zu ſchicken. Bei dieſen ſtolzen Perſonen war unſere Collecte ſehr gering, und faſt ſtets mit Grobheiten gegeben. Ein halbes Brot von Felſenharte, ein Stuck ran⸗ zigen Specks oder ein verſchimmelter Käſe war ohngefaͤhr un⸗ ſere ganze Einnahme bei mehren Notablen des Dorfes *). *) Dieſes traurige Gemälde der Erziehungsmittel, die man den ackerbauenden Klaſſen darbietet, iſt keinesweges uͤbertrieben, ſondern noch weit unter der furchtbaren Wahrheit. Wir fahren fort das offizielle Werk des Herrn Lorrain zu citiren. „Der unterricht wird faſt ſtets in unreinlichen Ställen, wo man nur eine ſtinkende Luft athmet, gegeben. „Im Allgemeinen ſind dieſe Schulſtuben eng und ungeſund. Ich habe Kinder in einem Stalle, neben den Pferden, verſammelt geſehen. „Oft wird die Schule in Ställen, feuchten Schuppen, Un⸗ terſtuben, ja in Kellern gehalten, in welche man hinabkriechen muß, oder in einem Locale von unglaublicher Enge, wovon wir ein Beiſpiel anfuͤhren wollen. Die Schule zu P... enthaͤlt nur 12 Quadratfuß. In dieſem Locale befinden ſich im ſtrengſten Winter 80 Schuͤler, wo denn dieſe Maſſe von Kindern kein andres Hilfsmittel friſche Luft zu athmen hat, als ein Fenſter von der Große einer Scheibe. um wie viel nachtheiliger fuͤr die Geſund⸗ heit muß nun dieſe Luftberaubung auf die Geſundheit ſolcher jun⸗ gen Landleute werden, die der freien Luft des Feldes entnommen und in dieſe erſtickenden Kerker geſperrt werden, in dieſe engen, ſtinkenden, ungeſunden Kloaken, in welche das Tageslicht kaum dringen kann, und die den nackten Fuͤßen der Kinder einen feuch⸗ ten Fußboden ohne Dielen darbieten!“ „Ich berufe mich auf den gleichlautenden Bericht einer gro⸗ ßen Zahl von Inſpectoren, die kein Bedenken tragen, in dieſen Heerden der Anſteckung die Urſache von einer Menge ſchwerer, epidemiſcher und manchmal jährlich wiederkehrender Krankheiten zu finden, welche die Schuljugend befallen.“ „Es giebt einen Mißbrauch, den wir auf dem Lande bemerit — — 3wei⸗ oder dreimal jedoch fuhlte ich mitten unter dieſen harten Pruͤfungen, ſo ein elendes, verlaßnes, vagabundiren⸗ haben, er beſteht in der Abweſenheit aller geſundheitlichen Mit⸗ tel, die Luft durch Fenſter oder durch Ventilatoren zu erneuen. So hat es uns denn nicht verwundert, zu vernehmen, daß nach einer Anweſenheit von 14 Tagen, die meiſten Kinder krank wer⸗ den und aus der Schule bleiben.“ „Der Schulſaal iſt ſehr ungeſund. Ich habe gefunden, daß es gefährlich iſt, ſich darin aufzuhalten. Der Lehrer hat mir er⸗ klärt, daß die Kinder oft krank ſind.“ (Ober⸗Marn „Das Lokal der Schulen iſt faſt uͤberall ungeſund, luftlos, ſchlecht beleuchtet. Ich bin uͤberzeugt, daß drei Viertheile der Kinderkrankheiten von dem Aufenthalte in ungeſunden Schulſtu⸗ ben herrühren. In den Lokalen vieler dieſer Schulen befinden ſich Materialien, unter denen nicht ſelten Reptilien gefunden wer⸗ den durften.“ (Calvado 8.) „Sie finden hier an den Kindern nur bleiche und niederge⸗ drüͤckte Geſichter, nur Mattigkeit in den Bewegungen. Die Eltern nehmen, durch ſchlimme Erfahrungen gewarnt, die Kin⸗ der nach und nach aus der Schule.“ (Vaucluſe.) „Die Communſchule iſt ſo klein, ſo ungeſund, daß alle Winter eine Epidemie entſteht, welche eine große Menge Kin⸗ der, die die Schule beſuchen, wegrafft.“ (Somme.) „Wir ſagen alſo, daß der Lehrer oft in der Commun auf dieſelbe Art angeſehen war, wie ein Bettler; daß die Maires, wenn ſie dem Lehrer einen Beweis von Freundlichkeit geben woll⸗ ten, ihn in der Küche eſſen ließenz daß ſie an mehren Orten nicht in Gelde bezahlt wurden, ſondern jede Familie das bei Seite ſtellte, was am Schlechteſten bei der Ernte ausgefallen war, um es dem Lehrer zu geben, wenn er an jede Thuͤre mit dem Schnappſacke auf dem Rücken betteln kame. Wir ſagen, daß — 220 — des und bettelndes Kind ich auch bisher geweſen, mein Herz ſich empoͤren, meine Stirn ſich vor Zorn roͤthen, wenn ich harte und veraͤchtliche Worte das wegwerfende Almoſen be⸗ gleiten hörte, das man uns gab. Zu meiner großten Ver⸗ wundrung aber verlaͤugnete ſich die unverwuͤſtliche Heiterkeit Claude Gerards nie, und ſeiner Stellung, ſeiner Haltung, ſeiner Phyſiognomie nach, ſchien er nicht auch nur einen Au⸗ genblick lang zu vermuthen, daß man daran denken koͤnne, ihn zu demuͤthigen. Iſt dieſes Bewußtſein, immer uͤber der Beleidigung zu ſtehen, nicht manchmal der Gipfel aller Wuͤrde? der Lehrer nicht uͤberall wohl aufgenommen wurde, wenn er in einer Haushaltung ſeinen kleinen Antheil an den Erdäpfeln ſich erbat, weil dadurch die Schweine beeinträchtigt wuͤrden.“ „Man kann beobachten, daß in den 4 erſten Communen die⸗ ſes Cantons gar keine Rede von Geldverguͤtungen iſt. Die Lehrer leben von dem was die Eltern ihnen nach jeder Ernte geben wollen.“ „Die Lehrer begnugen ſich mit einer gewiſſen Einſammlung, welche ſie bei Einem und dem Andern vornehmen. Stelle man ſich nun vor, wie der Herr Lehrer zur Weinleſezeit, mit einem Gefäße von Thuͤr zu Thuͤr geht, und ſich einige Kannen Wein erbettelt, die ihm oft noch dazu ſehr unfreundlich gegeben werden.“ (Seine und Hiſe. — Etampes.) „In mehren Gegenden giebt es eine Art von Geſchenken, die etwas ſehr Erniedrigendes fuͤr den Lehrer haben, indem ſie ihn gewiſſermaßen denjenigen gleich ſtellen, welche die Hand aus⸗ ſtrecken, um einen Lohn fuͤr ihre Muͤhe zu erhalten. . und welch' ein Lohn! Nuſſe!“ 6 — 22 — Wir kehrten in die Schule zuruͤck. Mein Korb unb Claude Gerards Sack waren faſt voll. Der Tag neigte ſich zum Ende. Der Schnee fuhr fort haͤufig zu fallen und hatte ſich während unſrer Abweſenheit vor der Stallthuͤre gehaͤuft. Claude Gerard ſuchte alſo die Schaufel, welche wir ſo wie die Hacke auf dem Kirchhofe ver⸗ geſſen hatten, nachdem wir das Grab fuͤr Reginens Mut⸗ ter gegraben und wieder zugeſchuͤttet, um den Eingang frei zu machen. „Die Schaufel iſt bei dem gruͤnen Baume auf dem Kirchhofe geblieben,“ ſagte ich ihm; „ich will ſie holen, lie⸗ ber Herr.“ „Meinetwegen, mein Sohn,“ erwiderte er, „denn wenn ſich der Schnee vor dem Stalle noch mehr haͤuft, ſo werden wir beim kleinſten Aufthauen uberſchwemmt. Wirſt Du aber auch den Weg finden?“ „O ja, ja, lieber Herr! ſtien Sie ganz ruhig.“ und damit ging ich ſchnell nach dem Kirchhofe. Fünfzehntes Kapitel. Der Schnee. Otgleich der Mond dicke graue Schnerwolken zu durch⸗ 5 dringen hatte, welche von einem heftigen Winde gepeitſcht wurden, ſo reichte doch deſſen Schein hin, mich zu leiten, und ich konnte die Gegenſtände vollkommen unterſcheiden. Ich naͤherte mich dem Kirchhofe mit einer Art ſchwer⸗ muͤthiger Freude. Waͤhrend des ganzen Tages durch Ge⸗ danken zerſtreut, deren Gegenſtand Regine war, überließ ich mich voͤllig dieſen Erinnerungen, und fuͤhlte mich be⸗ gluͤckt, daß ich fortan unfern der letzten Wohnung von Reginens Mutter leben ſollte, einer Mutter, die ſie ſo ſchmerzlich zu betrauern ſchien. Es war fuͤr mich zugleich ein Troſt und ein Band mehr, das mich an dieſes Kind feſſelte. Ich verſprach mir ſelbſt, mit frommer Sorgfalt über dieſem Grabe zu wachen, vor dem ich ſie knieen geſe⸗ hen, es gegen das Eindringen von Wucherpflanzen zu ſchutzen, und nahm mir vor, im Fruͤhling einige Wieſen⸗ blumen darauf zu pflanzen, in der thörigten Hoffnung, daß, = — wenn Regine je wiederkaͤme, ſie wenigſtens dieſes Grab mit einer Vorſorge unterhalten faͤnde, die ſie ruͤhren wuͤrde, deren Quelle ſie aber nie erfahren ſollte. Ich erblickte endlich der Himmel weiß welchen ſonder⸗ baren Zuſammenhang zwiſchen der unerwarteten Erſcheinung Reginens und dem guten Entſchluſſe, den ich gefaßt, auf den rechten Weg zuruͤckzukehren. Dieſer ſonderbare Um⸗ ſtund war fuͤr mich eine Art von Heiligung dieſes Gedan⸗ kens, daß alle meine guten Strebungen mich Regine naͤhern wuͤrden. Mich ihr nähern? . nein.. das iſt nicht das rechte Wort, denn ich konnte nicht hoffen, ſie wiederzuſehen, noch weniger aber, mich ihr jemals zu naähern. Aber indem ich das Ausſchweifende dieſer unausfuͤhrbaren kindiſchen Nei⸗ gung vollkommen erkannte, ſchien es mir, daß jemehr ich ein rechtlicher Mann wuͤrde, deſto mehr wuͤrde ich auch das Recht haben, an Regine zu denken, ein fuͤßer und geheimer Gedanke, den fuͤr immer in mein tiefſtes Herz zu verber⸗ gen, ich mir zuſchwor. Jetzt durch Jahre gereift, kann ich mir kaum erklären, wie dieſe bizarren Gedanken, faſt mochte ich ſagen, dieſe Gedanken voll raffinirter Sentimentalitat, in einem Kinde meines Alters hätten entſtehen können, aber ich begreife ſie, wenn ich die Vorſchnelle der Gefuͤhle bedenke, welche das Beiſpiel der Liebe Basquinens und Bamboche's in mir erweckt und entwickelt hatte. „ 5 . . „ „ —— — 224 — Indem ich mich dieſen Betrachtungen hingab, ging ich langſam dem Kirchhofe zu. Der an Heftigkeit zunehmende Wind hatte einen Theil der Wolken verjagt, die bisher den Mond verdunkelten, und er glaͤnzte bald im hellſten Lichte. Der Schneefall hörte auf, aber die weiße Decke lag wie ein Leichentuch auf dem Friedhofe. Das tiefe, feierliche Schweigen wurde nur von dem ſcharfen Pfeifen des Nordwindes durch einige graue Baͤume unterbrochen. Ich war nie furchtſam geweſen, auch hatte mein um⸗ herirrendes Leben mich ſchon lange mit allen Arten naͤcht⸗ licher Vorfallenheiten bekannt gemacht. Der Schnee be⸗ deckte die Erde ſo hoch, daß ich mich⸗ ſo zu ſagen, kaum gehen hoͤrte. Plötzlich blieb ich ſtehen, von Staunen und Schrecken ergriffen. Statt einige Schritte vor mir das Grab ſo zugeſchuͤt⸗ tet zu erblicken, wie wir es am Morgen zuruͤckgelaſſen, nur wie alles Uebrige mit Schnee bedeckt, ſtand es offen!. .. Und ohnſtreitig war es erſt ſeit Kurzem geoffnet worden, denn zwei ſchwarze, ſich an beiden Seiten der breiten Oeff⸗ nung erhebende Erdhuͤgel, ſtachen gegen die Weh des Schnees rings umher ab. Haͤtte dieſe gottesläſterliche Verletzung nicht das Grab von Reginens Mutter betroffen, ſo wuͤrde ich vielleicht vor dem Gedanken zuruͤckgebebt ſein, in dieſes finſtre Geheim⸗ — 5 — niß einzudringen, aber Unwille und Zorn verdoppelten mei⸗ nen Muth. Da ich jedoch die Nothwendigkeit fuͤhlte, ver⸗ ſtaͤndig zu Werke zu gehen, ſo ſchritt ich mit außerordent⸗ licher Vorſicht weiter, und gelangte ſo an den gruͤnen Baum, hinter den ich mich am Morgen verſteckt hatte, wo ich denn auch unſre ſchwere Schaufel wiederfand. Die Hacke war verſchwunden. Bis jetzt hatte ich kein Geraͤuſch gehört und horchte ſorgfaͤltig, als ich auf einmal einen ſtarken Tabaksgeruch bemerkte, der aus dem offnen Grabe kam. Ein Vorgefuͤhl ſagte mir, daß der Mann, deſſen finſtres Geſicht mir des Morgens aufgefallen war, und der ſeine Pfeife unbekuͤmmert rauchte, indem er auf die Beer⸗ digung blickte, in dieſem Augenblicke das Grab entweihe. Nicht lange, ſo vernahm ich ein Getrampel, dem mehre Schlaͤge folgten, dumpfe Schlaͤge, die aus den Eingeweiden der Erde zu kommen ſchienen. Plötzlich warf eine unſicht⸗ bare Hand die Schaufel auf den Rand des Grabes, und dann ſah ich einen Kopf herauskommen, und nun den Obertheil eines Mannes. „Er half ſich mit den Haͤnden, um aus der gaͤhnenden Oeffnung zu ſteigen, und hatte ohn⸗ ſtreitig eben ſeine Pfeife weggelegt, denn er trug zwiſchen den Zähnen ein dem Anſcheine nach ziemlich ſchweres Paͤcktchen. Ich erkannte den Mann wieder, den ich heute fruͤh geſehen. Da ich hinter dem Cypreſſenſtamme ſtand, und deſſen Martin. IW. * 15 — — Schatten mich verbarg, ſo konnte mich dieſer Elende nicht erblicken. n Ich blieb unbeweglich, denn ich wußte nicht, was ich thun ſollte, da ich furchtete, entdeckt zu werden, und erwar⸗ tete das Weitere nut von den Ereigniſſen. Als dieſer Mann, den ich von nun an den Kruͤp⸗ pel nennen werde, (ogleich werde ich angeben, wie ich zur Ueberzeugung kam, daß er es wirklich ſei), dieſer ſchaͤndliche Lehrer Bamboche's, ganz aus dem Grabe geſtiegen war, richtete er ſich einen Augenblick in ſeinem ganzen hohen und kraͤftigen Wuchſe auf, da er ohnſtreitig es muͤde war, ſo lange gebuͤckt zu ſein. Nun nahm er das Packet, das ich geſehen hatte, in die Hand, ſah ſich ringsum, bemerkte die Cypreſſe, hinter der ich mich verharg, und ging darauf zu. Ich hielt den Athem an, ſank in mich ſelbſt zuſam⸗ men, und machte mich ſo klein als moͤglich, um im Schat⸗ ten und hinter dem Baum, der mich verbarg, ungeſehen zu Der Krüppel kam immer naͤher. Ich glaubte, es ſei mein Tod. u 659 1 Glücklicherweiſe ſetzte er ſich, ſtatt einige Schritte wei⸗ ter zu gehen, auf der Spitze einer kleinen Erhoͤhung nieder, und wendete mir ſo vollſtandig den Ruͤcken zu, waͤhrend er vas Packet, das er zwiſchen den Zaͤhnen gehabt, um beſſer aus dem Grabe zu kommen, aufzuknüpfen begann. Es war ein ſchlochtes Schnupftuch, in welches er wahrſcheinlich w— — mehre Gegenſtaͤnde, die er aus dem Sarge geraubt, unter einander gemengt hatte. mnh Der Kruͤppel nahm das Packet zwiſchen die Beine, und beſchaftigte ſich damit, ſeine Beute beim Mondſchein aufmerkſam zu unterſuchen, ohnſtreitig nicht befurchtend, daß er zu dieſer Stunde Nachts überraſcht werden könne. Jetzt trat die Beſtimmung, die ich von den Umſtaͤnden erwartete, ploͤtzlich ein. Durch eine unfreiwillige Bewegung war mir der Stiel der ſchweren Schaufel, deren ich mich am Morgen bedient hatte, in die Hand gekommen, ſo ſtand ich denn auf, ohne das leiſeſte Geräuſch zu machen, indem auch außerdem noch der Sturm, der die Zweige der Cypreſſe gewaltſam durchtobte, den Kruͤppel gehindert ha⸗ ben wuͤrde, mich zu hören. Ich faßte die Schaufel mit beiden Haͤnden, und hob ſie wie eine Keule empor. als ich mit einem letzten Blicke berechnend, wie weit meine Waffe reiche, gewahrte, daß ich, um den Kruͤppel ſicher zu erreichen, und ihm aus allen Kraͤften einen Schlag auf den Schaͤdel beibringen zu dönnzg⸗ mich ihm um zwei Schritte nähern, und alſo ganz aus meinem Schlupfwinkel heraus⸗ treten muſſe. 6 2 nlet Einen Augenblick zögerte ich.. meine Entſchloſſenheit ſchwand. Das geringſte Gerauſch, die kleinſte Zogerung bei meinem Angriffe konnten mich ins Verderben ſtürzen. denn dieſer Mann haͤtte vor einem Morde nicht zuruͤck⸗ gebebt. n Da kam mir die Erinnerung an Reginen zu Hilft⸗ 15* — 36 — Ich rief ſie in Gedanken an, wie man ſeinen guten Engel anruft. Mit Einem Sprunge trat ich vorwärts. Die Schaufel fiel auf den vorgebeugten Kopf des Kruͤppels mit Blitzesſchnelle. .. Der Schlag war ſo heftig, daß die Schaufel entzwei ſprang. Der Krüppel erhob einen Augenblick lang die Arme, wie um ſie vor die Stirn zu halten, dann ſchwanden ihm aber die Kräͤfte und er fiel regungslos hin. In der Furcht, ihn blos betaͤubt zu haben, gab ich ihm mit wilder Wuth noch einige Schläge, und nicht lange ſo rothete Blut den Schnee um uns her. n6 Der Anblick dieſes Blutes erregte mir Schauder. Ich warf die Schaufel weit von mir weg, vor Schrecken zit⸗ ternd, als habe ich ein Verbrechen begangen⸗ Doch uͤber⸗ wand ich dieſes Gefuhl, indem ich mir ſelbſt ſagte, daß ich in jedem Fall doch dieſen Grabesſchaͤnder mit Recht getroß⸗ fen habe. Ich trat nun zu dem Kruͤppel, um die aus dem Sarge geraubten Gegenſtaͤnde ihm zu entnehmen. Ich erblickte ein offnes Käſichen, aus dem eine ſtarke goldne Kette und ein Medaillon von gleichem Metall hing. Dann mehre Ringe mit köſtlichen blizenden Steinen, ohn⸗ ſtreitig den Haͤnden des Leichnams geraubt, endlich ein Taſchenbuch, welches der Kruͤppel eben hatte offnen wollen, denn eine große Menge Briefe, die es enthalten hatte, la⸗ gen hie und da verſtreut. Aus einem derſelben kam zin Haarband, an welchem ein kleines Kreuz von bronzirtem „ — 229 — Stahl und ein Medaillen hing, von der Groͤße eines zehn Sousſtuͤcks. Mein erſter Gedanke war, dieſe Gegenſtaͤnde zuſam⸗ men zu leſen und ſie ſogleich Claude Gerard zu bringen, und ihm dabei zu ſagen, was vorgefallen. Als ich aber bedachte, daß der Kruͤppel vielleicht ſchon einige Kleinodien in ſeine Taſchen hatte ſtecken koͤnnen, ent⸗ ſchloß ich mich, trotz einer mit Furcht gemiſchten Abneigung ihn zu durchſuchen. Seine Hand, die ich beruͤhrte, war eiſig.. das gab mir Muth. .. Er hatte eine ſchlechte Jacke und Tuchbeinkleider an. Als ich die Taſchen ſeiner Jacke unterſuchte, öffnete ich zufaͤllig ſein faſt gaͤnzlich zer⸗ lumptes Hemd. Da erblickte ich im Mondſchein, der voll guf dieſen Menſchen ſiel, wie ihm auf die Haut ein Todten⸗ kopf von Naturgröße tätowirt war, der faſt die ganze Bruſt des Elenden einnahm. Die Augenhoͤhlen dieſes Kopfes waren mit zwei rothen Augen ausgefullt, und er hielt eine Roſe zwiſchen den Zähnen. „Der Kruͤppel!“ rief 3 aus. Denn Bamboche hatte mir oft von der ſchauerlichen Tätowirung erzählt, welche dieſer Raͤuber auf der Bruſt trug, einer ſo eigenthuͤmlichen Tätowirung, daß ich keinen Zweifel mehr wegen der Iden⸗ tität dieſer Perſon hegen konnte. „Der Krüppel!“ wiederholte ich, immer noch neben dieſem Manne knieend. „O, um ſo beſſer! . um ſo beſſer!“ rief ich mit wilder Freude, „es freut mich, ihn ge⸗ tsdtet zu haben hat er doch Bamboche ſo viel Leb zu⸗ gefuͤgt. 7 . So fuhr ich denn fort, den Boͤſewicht zu durchſu⸗ chen. Ich fand in den Taſchen ſeiner Jacke nichts als ein Feuerzeug, eine Blaſe mit Rauchtabak und ein dolchartiges Meſſer, aber wie groß war mein Staunen und bald auch mein Schmetz, als ich in den Taſchen ſeiner Beinkleider die beiden kleinen Piſtolen fand, die noch geſtern Abend in Bamboche's Beſit geweſen waren. Durch welchen ſonderbaren Zufall mußte dieſer Menſch noch einmal mit Bamboche zuſammengetroffen ſein, deſſen Verderben er verſchuldet hatte? Wenn ich an den Blut⸗ tuͤmpel dachte, aus welchem ich vergangene Nacht den klei⸗ nen Shawl Basguinens die drei Silberſtücke aufge⸗ hoben, konnte ich nicht mehr an der Theilnahme des Kruͤp⸗ pels, bei dieſem neuen Verbrechen, zweifeln, weil er die bei⸗ den Piſtolen Bamboche's bei ſich hatte, aber ich befragte mich ſelbſt wegen des beſonderen Antheils, den dieſer Elende an jenem tragiſchen das immer noch fuͤr mich geheimnißvoll blieb, da ich noch nicht wußte, ob Bas⸗ quine oder Bamboche deſſen Opfer geworden, oder ob ſie Beide unterlegen. 3. Dagegen fand ich bei dem Kruͤppel kein Geld. Was war denn alſo aus der Summe geworden, die Bamboche Claude Gerard entfremdet, eine Summe, die allein die vermeinten Mörder meiner Gefährten hätte anzeigen koͤnnen? Alle dieſe Gedanken ſtellten ſich meinem Geiſte zugleich dar, und ließen darin Unruhe und Ungewißheit zuruͤck. Einige Augenblicke bedauerte ich es, dieſen Banditen getoͤd⸗ tet zu haben, der vielleicht allein mich uͤber das Schickſal meiner Gefäͤhrten würde haben aufklären können, wenn ich aber an ſein Leben, ſeine Verbrechen dachte, wuͤnſchte ich mir Gluck zu meiner That. So nahm ich denn in eine Ecke meiner Blouſe die goldne Kette, das Medaillon, die Ringe und das Taſchen⸗ buch, in welches ich wieder die Briefe ſowie die Haarſchnur hineinthat, an der das kleine bronzene Kreuz und die bleierne Denkmuͤnze hing, zuſammen, ließ den Kruͤppel nicht weit von Grabe am Boden liegen, und verließ ſchnell den Kirch⸗ hof, um Claude Gerard dieſes Ereigniß mitzutheilen. Ich mußte ein peinliches Geſtndniß ablegen. Es handelte ſich um ſchlechte Abſichten und eine be⸗ ſchämende That, eine That, wegen deren die Reue mich bis zu dem Tage verfolgte, wo ich, weit entfernt, das zu be⸗ reuen, was ich gethan .. noch. Doch ach! Alles hat ſeine gute Seite! Wie auch die Folgen ſein mochten, welche durch Zu⸗ fall einer an ſich unwurdige That vorbehalten waren, ſo konnte ich ſie doch zu wo ich ſie beging, nicht vor⸗ ausſehen, ihre Unwürdigkeit wird alſo andurch nicht im Mindeſten verringert. Ich eilte alſo zu Claude Gerards Wohnung, indem ich im Gehen dann und wann die Juwelen betrachtete, die — ich des Kruͤppels Händen entriſſen hatte. Sie ſchienen von ungeheurem Werthe. „O! wenn ich Basquinen und Bamboche begegnete, welche Freude!“ fagte ich zu mir ſelbſt: „wie könnten wir ſo lange zuſammen leben von dieſem Gelde, das...“ Hier blieb mein Gedanke halten .. . und ohnerachtet dieſer Ruͤckkehr zu der gefahrvollen Richtung der Vergan⸗ genheit begriff ich, daß ein ſolcher Gedanke mich zum Mit⸗ genoſſen des Kruͤppels, zum Mitgenoſſen der Beraubung des Grabes von Reginens Mutter machte. Ich wies alſo dieſe Verſuchung mit Abſcheu zuruͤck. Dann aber ergriff mich wider Willen eine eben ſo kindiſche als ſchlechte Idee. „Nein, nein,“ ſagte i zu mir ſelbſt, „ich werde dieſe Kleinodien achten, aber dieſes Taſchenbuch enthalt Briefe, ohnſtreitig ohne Werth, weil die Feuchtigkeit des Grabes ſie bald vernichten wird... auch kann Niemand jetzt ihr Vorhandenſein vermuthen, und es wird ſie Niemand per⸗ miſſen. . . . Wenn ich ſie hinter Claude Gerards Ruͤcken behalte, ſo thue ich Niemand Unrecht dadurch. fuͤr mich aber wär' es ein großes Gluͤck, ſie zu beſitzen und dann wuͤrde auch fuͤr mich der Wunſch, zu wiſſen, was ſie enthielten, eine ſehr gro rmuthigung werden, Leſen und Schreiben zu lernen.“ Wenn ich jetzt mit kaltem Blute daruͤber nachdenke, ſo ſcheint mir dieſer Grund, oder vielmehr dieſe Entſchul⸗ digung, die ich einem ſtrafbaren Streben unterlegte, eine — 233 — alberne und unbegreifliche Kinderei, aber dennoch iſt nichts wahrer als ſie. So viel iſt wenigſtens gewiß, daß ich vom folgenden Tage an begann, Leſen und Schreiben zu lernen, und dies mit einem Eifer, einer Nachhaltigkeit, einer hartnaͤckigen Hingebung, üͤber welche Claude Gerard gewaltig ſtaunte. Mein einziger Zweck war das Leſen dieſer Briefe, da ich mir einbildete, das was ſie mich lehren wuͤrden, ſollte viel⸗ leicht ein geiſtiges Band werden, welches mich mit Regine, ohne dieſer und aller Andern Wiſſen, vereine. Ich verſuche es nicht, dieſe Handlung zu beſchoͤnigen, es liegt mir nur daran, mir alle die albernen aber wirk⸗ lichen Gruͤnde zuruͤckzurufen, die mich zu einer doppelt ſtrafbaren Handlung trieben. Denn ich nahm aus dem Taſchenbuche weder das Haarband noch das kleine Stahl⸗ kreuz und die bleierne Medaille, welche bei den Briefen lagen, und ſuchte ein Recht auf dieſe Gegenſtaͤnde theils in ihrem geringen Werthe, theils in dem Gedanken, daß ſie ohnedies fur Jedermann verloren ſein wuͤrden. lich lag noch ein andrer Grund dieſes Diebſtahls in d bunſche, etwas zu beſitzen, das der Mutter Regi⸗ nens angehort hatte, weil ich nichts beſitzen konnte, was dieſer eigen geweſen. So entſchloß ich mich denn zu dieſem Raube, und verbarg vorlaͤufig, ehe ich mich wieder zu Claude Gerard begab, das Taſchenbuch unter einen Heuhaufen, in der an unſern Stall ſtoßenden Scheune. S — 234 — Als ich bei Claude Gerard eintrat, ſtand dieſer, uber mein langes Außenbleiben ſehr beſorgt, eben im Begriff, mir entgegen zu gehen. Als ich ihm aber die Beraubung des Grabes und den Tod des Kruͤppels erzaͤhlt, auch die Geſchmeide und das Schmuckkaͤſtchen eingehaͤndigt hatte, umarmte er mich zärtlich, noch ganz uͤber die Gefahr, der ich ausgeſetzt geweſen, erſchrocken, lobte gar ſehr meinen Muth, ſagte mir aber dennoch: 4 „Obgleich der Tod ... ſelbſt eines Verbprechers uns ſtets mit einer großen Verantwortlichkeit belaſtet, mein ar⸗ mes Kind, denn der Tod iſt unfruchtbar . er verhindert die bereits begangenen Verbrechen nicht mehr, und macht die Reue oder die heilſame Verbuͤßung unmoglich ſo legitimirt doch der Anblick einer ſolchen Entweihung und die Furcht, entdeckt und von dieſem Böſewichte getödtet zu werden, dieſen Mord. Ich muß nun ſogleich zu dem Herrn Maire, um Anzeige wegen dieſes Ereigniſſes zu ma⸗ chen, dann aber werde ich das ſo abſcheulich profanirte Grab wieder zufuͤllen. Was mich betrifft, mein Sohn, ſo bleibſ Du hier und waͤrmſt Dich im Stalle aus, den biſt ja ganz erſtarrt... Wenn ich wiederkomme, Abend.“ Claude Gerard ging. Ich hatte nicht den Mut zu begleiten. Ich fühlte mich von den Anſtrengungen Erregungen dieſes Tages zerſchlagen. . 4 Sobald ſich der Schulmeiſter entfernt hatte, wa mein erſter Gedanke, das Taſchenbuch, das ich entfrem 8 — * S — 235 — an einem geheimen Orte in Sicherheit zu bringen. Nach⸗ dem ich lange auf Mittel geſonnen, meinen Raub ſicher zu verbergen, entdeckte ich unter einer Krippe des Stalles einen zerſprungenen Topf von Steingut, wie man ſich deren in dieſer Gegend zu Aufbewahrung der Milch bedient. Obgleich das Taſchenbuch ziemlich dick war, ſo ging es doch recht gut in dieſes Gefäß. Ich legte es alſo ſorgfaͤltig in daſſelbe. Dann grub ich unter der Krippe ein ziemlich tiefes Loch nahe an der Stallwand. Hierauf verſtopfte ich die Heffnung des Topfes mit Heu, und verbarg ihn in jenem Loche, das ich mit Erde fuͤllte und feſttrat. Als dieſes Werk beendet, ſetzte ich mich auf eine Bank, gab der Müdigkeit nach, und entſchlief bald in einem fieber⸗ haften Schlummer, von bizarren, unzuſammenhaͤngenden Traumen geſtört. In einem dieſer Traͤume ſchien es mir, da ohnſtreitig meine Phantaſie von dem ergriffen worden, was mir Claude Gerard von Perſonen erzählt hatte, die in tiefe Lethargie verfallen, lebendig begraben worden, als ob ich inens Mutter aus ihrem Sarge ſchoͤn, glänzend und geſchmückt ſich erheben, mich mit unausſprechliche 1 anblicken und mir ein Zeichen geben ſahe, ihr zu i Mitten in dieſem Traume wurde ich plötzlich von Claude Gerard geweckt, der mich am Atme ſchuͤttelte. Ich oͤffnete die Augen. Seine Blouſe war mit Schnee bedeckt. In der einen Hand hielt er eine Laterne, und in der andern — 236 — eine Hacke. Sein Geſicht war außerordentlich 6 Zuge ſchienen mir verſtört. „Der Böͤſewicht iſt entwiſcht,“ ſagte er zu mir, in⸗ dem er ſeine Laterne auf den Tiſch ſetzte. „Dein Schlag muß ihn nur betaͤubt haben.“ „Wer denn?“ fragte ich beſtuͤrzt. „Der Kruͤppel.“ „Er iſt nicht todt?“ rief ich aus. „Als ich von Dir ging,“ erzählte Claude Gerard, „begab ich mich zum Maire. Er nahm zwei Maͤnner mit, und ſo kamen wir auf den Kirchhof. Wir fanden dort noch das Grab offen, und neben der Eypreſſe den Schnee blu⸗ tigroth. Der Boͤſewicht muß, ob er gleich ohne Zweifel betäubt und ftark verwundet geweſen, doch durch die Kit der Nacht wieder zu ſich gekommen ſein. Wir haben ver⸗ ſucht, der Spur ſeiner Schritte im Schnee nachzugehen, und haben dabei auch bald bemerkt, daß ſie langſam und unſicher geweſen. Dieſe Spur hat uns aus dem Kirchhofe uf eine Wieſe gefuͤhrt. Aber dort wurden nun Sdtrecke von etwa 20 Toiſen dieſe Spuren imm ₰ und weniger ſichtbar, und endlich verſchwanden einer neuen Schneedecke, denn es ſchneite ſeit einer Stunde abermals und ſehr ſtark. . . . Nicht lange, ſo ging auch der Mond unter.. .. Da ſch nun ſehr dichtes Gehölz nicht weit von dem Drte wo wir die Spur des Böſewichts verloren, befindet, und die Nacht ſehr finſter war, haben wir eine weitre nutzloſe Verfolgung aufgegeben. Morgen wird man der Gensdarmerie die Sache melden, damit ſie ſich auf den Weg mache. So bin ich denn allein auf den Kirchhof zuruͤckgekehrt.. .. Die werthvollen Gegenſtande ſind wieder in den Sarg gelegt worden, und ich habe .. das Grab wieder zugeſchuttet,“ ſette Claude Gerard mit einer, wie es mir ſchien, tiefbewegten Stimme hinzu. Dann ward ſeine Ruͤhrung ſo groß, daß er innehielt, und ſich mit der Hand uͤber ſeine ſchweißgebadete Stirn fuhr. „O, lieber Herr,“ ſagte ich zu ihm, „wenn Sie wuͤß⸗ ten, welchen Traum ich hatte, als Sie mich weckten!“ „Welchen Traum?“ „Es war mir, als ſähe ich.. dieſe Perſon. die wir heut Morgen begraben. .. aus ihrem Sarge ſteigen.. und „Du haſt das geträumt!“ rief Claude Gerard mit Schaudern. „Du haſt das getraͤumt!“ begann er wieder. Und nun heftete er einen nicht zu beſchreibenden Blick auf mich. „Ja, lieber Hert,“ ſagte ich, ganz verwundert über die Wichtigkeit, die er einem ſolchen Traume beizulegen ſchien .. „dieſen Morgen haben Sie mit mir von Perſo⸗ nen geſprochen, die . . „Ach ſo!“ erwiderte Claude Gerard, und ſchien mit einer Art von Haſt dieſe Erklaͤrung meines Traumes auf⸗ zunehmen, „das iſt es, ja, ja, das iſt es. . Deine erregte Phantaſie.... Aber ſieh, es iſt doch ein ſonderbarer Traum . recht ſonberbar...“ ſetzte er ruhiger hinzu, „und Gott ſei Dank, daß es nur ein Traum iſt, denn.. das Grab iſt wieder zugefullt... und es bleibt nur die Erinnerung an dieſen ſchaͤndlichen Traum zuruͤck. Nun denn, mein Kind⸗ ſo laß uns hoffen, daß der Elende, der dies verbrochen, der Gerechtigkeit nicht entgehe. Aber jetzt ruhe aus, mein Sohn⸗ Auch ich bin ganz erſchoͤpft.“ und damit warf er ſich auf ſein S6 Sechzehntes Rapitel. Die Jahrestage. Während der erſten Tage, die auf die Beerdigung der Mutter Reginens folgten, waren durch einige alte Frauen aus dem Dorfe abgeſchmackte Geruͤchte verbreitet worden, in Bezug auf die Erſcheinungen, die in dem kleinen iſolirten Hauſe ſtattgefunden haben ſollten, in dem die arme junge Frau bis zu ihrem Tode gewohnt, aber nicht lange nachher ſchwieg dieſes Gerede, Dank ſei es den Bemuͤhungen Claude Gerards, dem, wie es ſchien, dieſe aberglaͤubiſche Leichtgläubig⸗ keit und die Aufmerkſamkeit, welche ſie auf das Haus zog, beſonders unangenehm zu ſein ſchien. Letzteres wurde uͤber⸗ dies 2 bis 3 Monate nachher verkauft.. Von dem Tage an wo ich Reginen dem Begräbniſſe ihrer Mutter hatte beiwohnen ſehen, und der auch der erſte wat, den ich bei Claude Gerard verlebte, begann ſo zu ſagen der Anfang meiter Wiederherſtellung, und es machte mir — 240 — Vergnugen, mit einer mehr ſußen als ſchmerzlichen Trauer Beider Jahrestage in meinem Gedaͤchtniſſe zu verſchmelzen. Ich hatte uͤbrigens das Verſprechen, das ich mir ſelbſt gegeben, das Grab von Reginens Mutter mit ftommer Ehr⸗ furcht im Stande zu erhalten, ſorgfaͤltig erfuͤllt. Es war ein beſcheidenes Grab, auf dem man blos den Namen Sophie, den Taufnamen dieſer jungen Frau las. Eine letzte Demu⸗ thigung fuͤr das Andenken an ſie, da man nicht verſtattete, daß dieſer Grabſtein den Namen ihrer Familie oder ihres Gemahls trage. Tief geruͤhrt von dem traurigen Ende dieſer Ungluͤckli⸗ chen, hatte Claude Gerard meinen Wunſch, dieſes Grab vor naher Zerſtörung zu bewahren, gern gebilligt. Ich umgab es daher mit einer ländlichen Umzäunung, die von beiden Seiten in der Runde ſich an die große Cypreſſe ſchloß, hin⸗ ter welcher ich mich verborgen, als ich Reginen erblickte. Dann legte ich um den Grabſtein friſchen gruͤnen Raſen und be⸗ ſtreute mit ſchoͤnem gelben Sande den ſchmalen Gang um dieſe kleine Grasflaͤche her. Fuͤr die beſſere Jahreszeit der Wald⸗ und Wieſenblumen hatte ich auch eine Rabatte in Form eines Körbchens am Raſenrande angebracht. Mehre Male in der Woche brachte ich einen Theil der Erholungsſtunden, die mir Claude Gerard bewilligte, in die⸗ ſem melancholiſchen Gärtchen zu. Der Winter zerſtoͤrte die letzten Blumen, die ich wiherb des Herbſtes, der dem erſten Jahrestage jener Beerdigung vorausging, gepflanzt hatte, aber gegen die Mitte des Februars begannen die Schneegloͤckchen und wilden Himmelsſchlüſſel, mit denen unſere Wieſen bedeckt waren, zu bluͤhen, und am 27. Februar früh, dem letzten Tage im alten Jahre, hatte ich die Rabatte des ſchon völlig gruͤnen Raſenfleckchens in ein wahres Körbchen weißer und lilla ländlicher Blumen ver⸗ wandelt, ſanfte, melancholiſche Farben von reizender Friſche. Als dies geſchehen und der Sand auf dem Zugange wohl geglättet war, hatte ich mich einen Augenblick lang auf einer hoͤlzernen Bank, die ich unter der Cypreſſe angebracht, zur Ruhe geſetzt. WMich meinen Erinnerungen überlaſſend, dachte ich eben daruͤber nach, daß ein Jahr zuvor an derſelben Stelle ich Reginen zum erſten Male ſeit ihrer Entfuͤhrung im Walde von Chantilly wieder geſehen, als auf einmal das Getöſe eines Wagens mit Poſtpferden erſt fern, dann immer naͤher ſich vernehmen ließ. Eine geheime Ahnung durchſchauerte mich, mein Herz bebte aufs Heftigſte. Nicht lange, ſo hielt der Wagen, und einige Augenblicke nachher ſah ich Reginen, ſchwarz gekleidet wie das Jahr zuvor, ſich nähern. Die alte Dienerin gab ihr die Hand, der Mulatte mit finſterem Geſichte ging einige Schritte hinter ihnen. Einen Augenblick lang blieb ich unbeweglich, zugleich entzuckt und hingeriſſen, aber doch auch wieder von Staunen betroffen. Als ich aber Reginen immer näher kommen ſah, entfloh ich eben ſo erſchrocken als ob ich mich irgend einer ſchlechten Hanblung ſchuldig gemacht hätte. Mit einem Märtin. W. 16 —= — Sttze ſprang ich uber die Gärtenvermachung und lief durchs freie Feld, nicht aber ohne noch einen Ausruf der Ueberra⸗ ſchung und Freude zu hören, den ohne Zweifel der Anblick der Blumen, die ſie ſo ganz und gar nicht auf dem Grabe ihrer Mutter erwarten konnte, Reginen entlockte. Ich kam eilig zu Claude Gerard. „Mein Freund,“ rief ich hereintretend ihm zu, denn er hatte verlangt, daß ich ihn ſo nennen ſolle.. „mein Freund, wenn man Sie fragt, wer fuͤr das Grab jener armen jungen Dame geſorgt hat, ſo beſchwöre ich Sie, S zu ſagen, daß ich es war.“ Meine Unruhe, mein Schiikln mein heißer Wunſch, der gerechten Dankbarkeit zu entgehen, welche meine uneigen⸗ nuͤtzige Sorgfalt verdiente, ſetzten Claude Gerard in Stau⸗ nen. Er errieth, daß ich ihm nicht Alles ſagte. Seit einem Jahre war ſein Einfluß auf mich ſehr gewachſen, und ſo be⸗ ſaß ich, als er mich mit Fragen beſturmte, nicht die Kraft, ihm mein Geheimniß zu verſchweigen, das meine Kin⸗ derliebe fuͤr Reginen. Doch verheimlichte ich ihm die Entfremdung des Ta⸗ ſchenbuchs und kleinen Kreuzes. Schaam hinderte mich daran, ihm dies Geſtaͤndniß zu machen. Ich erwartete ihn aufgebracht gegen mich zu ſchen, er war es nicht, ſondern ſagte mir bloß: „In einigen Jahren, mein Sohn, werde ich Dich an das Geſtaͤndniß, das Du mir eben abgelegt haſt, wieder erin⸗ nern; bis dahin fahre fort dieſes Grab mit Verehrung zu — 213 — pflegen. Fragt man, ſo werde ich ſagen, ich ſelbſt ſei es, der dieſe Pflicht erfullt, oder vielmehr, Du habeſt es auf mein Geheiß gethan.“ 1 Regine wollte in der That wiſſen, wer ſo füͤr das Grah ihrer Mutter geſorgt habe. Ehe ſie das Dorf verließ, begab ſich der Mulatte, ein vertrauter Diener, in die Pfarrei, um ſich davon zu unterrichten. Der Pfarrer war abweſend und der Diener fand nur Dame Honorine, die mit merkwuͤrdiger kaufmänniſcher Geiſtesgegenwart antwottete: „Es iſt auf Befehl des Herrn Pfarrers geſchehen, daß unſer Todtengraͤber das Grab ſo gepflegt hat. Der Mann wird dafuͤr bezallt, Sie brauchen ihm alſo nichts zu geben. Ihre Gabe gehört aber von Rechtswegen dem Pfarramte, und wenn Sie es wuͤnſchen, wird man fuͤr dieſelbe Entſchädi⸗ gung wieder fortfahren.“ Der Mulatte ließ alſo ſein Geſchenk im Pfarramte, ſchloß den Handel für die folgenden Jahre ab und reiſ'te am Abende wieder mit Reginen ab, die von nun an ſtets glaubte, daß die Sorgfalt für das Grab ihrer Mutter bis dahin bezahlt wären und es ferner wuͤrde. Von dieſem Tage an war jeder Jahrestag des Ablebens von Reginens Mutter fuͤr mich die Quelle unerklärlicher Er⸗ regungen. So ging das Jahr bei der Ungeduld, bei der mit Hoffuung und Furcht gemiſchten Angſt, mit der ich dieſen einzigen Tag unter allen Tagen erwartete, der Reginen wie⸗ der in unſer Dorf führte, faſt reißend vorüber. S Vom dritten Jahrestage an hatte ich, da ich hinter einer 16* * — 244 — Hecke gekauert bemerkt, daß Regine bis in die Nacht am Grabe ihrer Mutter bleibe, die Witterung mochte noch ſo unguͤnſtig ſein, mittelſt einer auf Pfaͤhle geſtellten Strohdecke eine Art von Dach uͤber der Bank unter der Cypreſſe impro⸗ viſirt, und fuhlte mich um ſo gluͤcklicher uͤber dieſe Vorſorge, als waͤhrend des ganzen Tages faſt ununterbrochen Schnee So ſah ich denn von Jahr zu Jahr Reginen größer und aus einem Kinde Jungfrau werden. Dieſe nur jaͤhrigen und unvermittelten Begegnungen machten mir die Entwickelung der Grazien ihrer Perſon und Schönheit, welche blendend ward, nur noch auffallender. Als Regine ein Alter von ohngefaͤhr 16 Jahren erreicht hatte, waren die Vollendung ihres hohen Wuchſes, die Regel⸗ maͤßigkeit ihrer Zuge, der elegante und ſtolze Reiz ihrer Hal⸗ tung und kleinſten Bewegungen wahrhaft unvergleichlich. Ihre drei kleinen Maale, dunkelſchwarz wie ihre Haare, hoben die durchſichtige Friſche ihres Teints und den Purpur 1 Lippen noch glaͤnzender hervor. An jedem Jahrestage druͤckte ihre Phyſiognomie nicht mehr einen brennenden Schmerz, ſondern eine ernſte und entſagende Schwermuth, eine tiefe Sammlung aus. . Manchmal blieb ſie eine ganze Stunde lang ſitzen, unbeweg⸗ lich, die Stirn in der Hand, als ſuche ſie unausgeſetzt den Schluͤſſel irgend eines Geheimniſſes. Oft ſchien ſie in ſchmerz⸗ licher Ungeduld zu zittern. Eines Tages ſah ich aus der ———— — 215 — Verborgenheit der Hecke, hinter welcher ich gewöhnlich kauerte, wie nach einer dieſer langen Betrachtungen ein ſchmerzlicher Unwille ihre Zuge verſtörte, Thränen ihren Augen entſanken und ich hörte ſie ausrufen: „Oh, meine Mutter! meine Mutter! .. ich werde Dein Andenken vichen Als Kind war ich zu Claude Gerard gekommen, ein Juͤngling war ich bei ihm geworden. Dank ſeinen Bemuͤ⸗ hungen und ächt väterlichen Sorgfalt hatte ich in wenigen Jahren eine gewiſſe Bildung erhalten. Uebrigens ſtaune ich, je mehr ich daruber nachdenke, immer mehr uͤber die Macht des Willens, mit dem Claude Gerard ausgeruͤſtet war. Trotz der Schwierigkeiten und Hinderniſſe aller Art, von der faſt tödtlichen Unſauberkeit ſeiner Schule an, dem Mangel an den noͤthigſten Elementarbuͤchern, welche die allzuarmen Aeltern ihren Kindern nicht geben und er ihnen noch weniger ver⸗ ſchaffen konnte, ob er gleich zum Theil dieſem Mangel durch Handſchriften, die das Gedruckte nachahmten und ihm einen Theil ſeiner Nächte koſteten, abzuhelfen ſuchte, bis zu der unglucklichen und ſtrafbaren Sorgloſigkeit der Familien und dem böſen Willen der Autoritaͤten der Commun, errang Claude Gerard im Allgemeinen unglaubliche Reſultate. Weit entfernt, die Erziehung ſeiner Schuͤler auf Leſen und Schreiben zu beſchranken, gab er ihnen ſo viel wie mög⸗ lich einen für ihre Lage nuͤtzlichen und praktiſchen Unterricht. = — So beruhrten und beantworteten denn ſeine einfachen, klaren und mannigfaltigen Unterweiſungen alle Grundfragen des Ackerbaues, der Bebauung der Gegend, die er bewohnte, angemeſſen, und ſchuͤtzten ſomit eine ganze junge Generation gegen Vorurtheile und Schlendrian. ueberdies fuͤhrte Claude Gerard zweimal in der Woche ſeine Schuͤler zu einer kleinen Anzahl Handwerker in der Commun. Da lernte Jeder nach eignem Geſchmacke wenig⸗ ſtens die erſten Anfangsgrunde einer dieſer Handarbeiten, die ſo zu ſagen dem in ſeiner von Doͤrfern weit entlegenen Pach⸗ tung iſolirten Landmanne unentbehrlich ſind. So konnten denn Claude Gerards Schuͤler, indem ſie ein wenig Zimmer⸗ leute, Schloſſer und Maurer wurden, da nothig ein ver⸗ fallenes Dach wieder vorrichten, einen Wagen beſchlagen, oder einen Riß in einer Mauer ausbeſſern. Um aber von dieſen Handwerkern praktiſchen Unterricht fur ſeine Schuͤler zu er⸗ halten, die uͤbrigens zweimal in der Woche ihnen ſelbſt als Lehrlinge dienten und ihnen bei ihren Arbeiten halfen, brachte Glaude Gerard dieſen Handwerkern ſelbſt gewiſſe Begriffe von Geometrie und Elementarmechanik bei, wie ſie zu ihrer Pro⸗ feſſion paßten, und dem Zimmermanne fuͤr das Behauen und Zuſammenſetzen der Hoͤlzer, dem Maurer fuͤr das Zuſpitzen der Steine und die Bauten, dem Schloſſer fur die Berech⸗ nung der Federn, Gewichte und Hebel ſehr nothwendig wa⸗ ren. Sonntags ſuchte man Kraͤuter und lernte dabei eine Menge laͤndlicher, mit heilſamen Kraͤften begabter Pflanzen — — * kennen und anwenden. Dienſtags lehrte Glaude Gerard Singen nach einer Methode von bewundernswuͤrdiger Ein⸗ fachheit und Deutlichkeit, bei welcher die ſo furchthar unles⸗ baren Zeichen der Muſilſchrift durch gewöhnliche Zahlen 1 2 3 4 u. ſ. w., welche die Kinder kannten und laſen, erſetzt waren*). Claude Gerard ſchrieb ſelbſt dieſe einfachen und bequemen Partituren, welche ſeine Schuͤler dann abſchrieben, ſo daß jeder auf dieſe Art ein kleines Buch, eine Art muſi⸗ kaliſcher Bibliothek beſaß. Der Einfluß der Muſik auf die Sitten iſt eine ſo offenbare Thatſache, daß ich dabei nicht verweilen werde. Die Wirkung dieſer Stimmen von Kin⸗ dern und Erwachſenen des Sonntags in der Kirche war au⸗ ßerordentlich reizend. Oft verſammelte man ſich auch an ſchönen Sommerabenden, um unter dem Laubdache der hohen Baͤume zu fingen. Claude Gerard vervollſtändigte die Erziehung ſeiner Schuͤler durch eine ſummariſche und deutliche Erklärung der hauptſaͤchlichſten Naturerſcheinungen und einige Elementar⸗ *) Wir werden auf dieſe wundervolle Entdeckung Galins zurücksommen, der eine koͤſtliche Idee Rouſſeaus aufs Vortrefflichſte weiter ausgefuͤhrt und aus der Vokalmuſik eine ganz neue und Aellen zugängliche Wiſſenſchaft gemacht hat, eine Wiſſenſchaft, welche C. D. Emil Cheve und Aime Paris, zwei der eifrigſten Anhänger Galins, mit eben ſo viel Aufſehen als Gluck und Un⸗ eigennutzigkeit dem Volke vertraut gemacht haben, und jeden Tag faſt unglaubliche Erfolge erkangen. — 26 — notizen der Hygienie, welche fuͤr die Geſundheit der armen Leute ſo unentbehrlich ſind. nohtiie Einige Notizen in Betreff der Geſetze (die Niemand unbekannt ſein ſollen und von denen doch die unermeßliche Mehrzahl nicht das Mindeſte weiß) hinſichtlich der vorzuͤglich⸗ ſten Rechte und Pflichten der Staatsburger und eine ge⸗ draͤngte Zuſammenſtellung der wichtigſten und ruhmwuͤrdig⸗ ſten Begebenheiten unſter Geſchichte, beendeten die Erziehung der Erwachſeneren. Bei dieſen letten, ſchnellen und unvoll⸗ ſtändigen, aber ſtets von Patriotismüs durchſtrömten Unter⸗ weiſungen, lehrte Claude Gerard, wenn man ſo ſagen kann, zugleich die Liebe zu Frankreich. „Meine Kinder,“ ſagte er ſtets, „ihr habt zwei Muͤtter, denen ihr Liebe, Zärtlichkeit und Ehrfurcht ſchuldet, denen ihr euer Blut, euer Leben verdankt, nämlich eure Mutter, nämlich Frankreich. ... Gegen beide walten gleiche Bande, leiche Pflichten vor. Die eine uͤber euch erröthen laſſen, heißt es auch die andere thun .. die eine ſtolz ſein auf euch, heißt auch die andere es ſein. Vor Allem pflegt alſo die Ver⸗ ehrung fuͤr Frankreich, ſeid ſtolz darauf, dieſer guten, alten Mutter anzugehoren, ihr zu dienen, ſie zu vertheidigen, ſie zu rächen.“ Dieſer glühende und kindliche Glaube an ein Vernunft⸗ weſen, das ſich Frankreich nennt, dieſer heilige Enthuſias⸗ mus, der die unermeßlichen Wunder des revolutionairen Frank⸗ reich hervorgebracht hat, wird vielleicht manchen ſtarken Gei⸗ ſtern der Jetztzeit läͤcherlich dunken. Aber der laͤndliche, — 249 — gerabe, kräftige und wohlwollende Verſtand, der aus dem Unterrichte Claude Gerards ſich herausgebildet hatte, beſaß noch die Reinheit, ſich mit ſchöner Liebe fuͤr das Vaterland zu entflammen, er wußte noch nicht, daß der patriotiſche Aufſchwung unſrer glorreichen Voreltern von 1793 ans Lächerliche und den Chauvinismus*) ſtreife, eine Belei⸗ digung, die man erfunden, um die unbefangene und rohe Hin⸗ gebung an das Vaterland zu brandmarken, wie jene, nach Claude Gerards Bezeichnung in der Feigheit ſtarken Geiſter ſagen. So empfanden denn auch Claude Gerards Schuͤler ſpaͤ⸗ terhin, wenn ſie Männer geworden, einen gewiſſen Stolz, Frankreich zu dienen. Kam die Stunde der Rekrutirung, ſo zahlten ſie frei und freudig die Abgabe ihres Blutes, ſtatt ihr zu entgehen zu ſuchen, indem ſie in die Wälder eilten, um dort ein Leben der Empörung und des Herumtreibens zu fuͤhren. So geſtanden denn auch ſelbſt die dem Schul⸗ meiſter feindlichſten Perſonen ein, daß ſeit zehn Jahren, wo er auf die Erziehung der Kinder wirkte, dieſe ſonſt in der Gegend ſo haͤufigen Ausreißer immer ſeltner wuͤrden. Ein neuer und ſchlagender Beweis noch von dem Ein⸗ fluſſe der allerdings unvollſtändigen, aber wenn man ſo ſa⸗ gen darf ehrenhaften Erziehung, welche Claude Gerard ſeinen Schülern durch Wunder der Einſicht, der Aufopfe⸗ rung und des guten Willens zu geben verſtanden hatte. —— *) ciunene an das Kahlköpfige. — 250 — Folgendes iſt die merkwürdige Thatſache: Die Julirevolution brach aus. In vielen Provinzen⸗ unter welche auch die unſte gehörte, gab es einige Hinneigung zu Unruhen, die aber bald unterdruckt wurden. Einige kecke Anfuͤhrer ſuchten gewiſſe Erinnerungen an die Revolution auszubeuten. Ungluͤckliche, in Elend und Unwiſſenheit verſun⸗ kene Landleute, gehaͤſſig und eiferſuͤchtig, weil ſie eben elend und gepluͤndert waren, ließen ſich zu Gedanken an Gewalt⸗ thaͤtigkeiten verleiten. Ein Theil der Einwohner der beiden an die unſrige gränzenden Communen hatte ſich auf das Feldgeſchrei; Krieg den Schlöſſern! erhoben, und kamen zu uns, um junge Leute anzuwerben und mit dieſen auf ein prächtiges Schloß loszugehen, das in einiger Entfernung von unſerm Dorfe gelegen war und von einem Eigenthuͤmer be⸗ wohnt ward, der ein beträchtliches Vermögen beſaß. Nie werde ich dieſen Tag vergeſſen, deſſen unerwarte⸗ tes Reſultat einen Augenblick lang einen ſo großen Einfluß auf mein Schickſal haben ſollte. Die mit Flinten, Senſen und Heugabeln bewaffnete Bauernbande, mit einem Tambour und ſonderbar genug dem Serpentbläſer einer der Parochieen an der Spite, bot einen unheilvollen und furchtbaren Anblick dar. Sie hielt auf dem großen Platze in unſerm Dorfe. Mit einem Trommelwirbel riefen die Anfuͤhrer alle guten Kinder auf, im Schloß Staint Etienne das Oberſte zu unterſt zu kehren. Als Claude Gerard ſchnell von dieſem Auftritte Kunde erhielt, verließ er ſogleich ſeine Wohnung und beſprach ſich lange mit den Anfuͤhrern dieſer Bande, während der Maire und Pfarrer voll Schrecken entflohen waren. Nach dieſem Geſpräche verſprach ihnen der Schulmeiſter einige zwanzig entſchloßne Burſchen auszuheben, und an ihrer Spitze gegen das Schloß zu ziehen. In der That vereinigten ſich auch nach einer halben Stunde 25 junge Leute aus unſrer Parochie, nach Moͤglich⸗ keit bewaffnet und unter Anfuͤhrung von Claude Gerard, der ſich erboten hatte die Vorhut zu bilden, mit jener erſtern Bande. Während des Zugs vom Dorfe zum Schloſſe feuerten ſich die, deren Hilfstruppen wir waren, durch Geſchrei und Geſänge immer wilder an, ſtuͤrzten ſich auf ein einzeln ſtehen⸗ des Haus, ſtießen einigen Weinfaͤſſern den Boden aus und Trunkenheit geſellte ſich zu ſo vielen andern ſchlechten An⸗ reizungen. Unſere Schaar, weit entfernt an jener Orgie Theil zu nehmen, benutzte dieſe Unordnung und Verzoͤgerung, um ſchnell nach dem Schloſſe zu marſchiren, ohne daß der uͤbrige Theil der Colonne ſich im Mindeſten darum kuͤmmerte. Wir tha⸗ ten ja nur unſere Pflicht als Avantgarde. So kamen wir vor dem Schloſſe Saint Etienne an. Claude Gerard zeigte mir von weitem den Eigenthuͤmer dieſes köſtlichen Aufenthaltes. Dieſer Mann, welcher die Gefahr, die ihm drohte, keinesweges ahnete, ging im Vorplatze mit Frau, Kindern und einigen Damen ſpazieren. Wir mußten, um zum Schloſſe zu gelangen, uͤber eine Brucke uͤber einen Canal, — 252 — der den Park umgab. Claude Gerard befahl uns dieſe Bruͤcke zu beſetzen, und was auch daraus folgen möchte, den Uebergang dem Hauptcorps, vor dem wir 5 bis 600 Schritte Vorſprung hatten, zu verwehren. Jetzt ging Claude Gerard gerade auf den Herrn des Schloſſes zu, der uͤber dieſe bewaffnete Menge ſich zu beun⸗ ruhigen begann, und ſagte zu ihm: „Mein Herr, furchten Sie nichts; einige fuͤnfzig von Elend oder ſchlechten Rathgebern verleitete Menſchen, haben den Entſchluß gefaßt, Ihr Haus anzugreifen. Sie ſind in un⸗ ſer Dorf gekommen und haben Beiſtand von uns begehrt. Nach einer viertelſtundigen Unterhaltung mit ihnen, ſah ich, daß es unmöglich ſein wurde, ſie von ihrem Vorhaben abzu⸗ bringen, und entſchloß mich daher mit ihnen zu ziehen, um Sie im Nothfalle zu beſchutzen.. . Mein Herr, ich habe dieſe praven Burſchen, welche Sie hier unten die Bruͤcke beſetzen ſehen, zuſammen gebracht. Noch hoffe ich immer jene un⸗ glucklichen Verirrten zu beſänftigen, deren Genoſſen wir wur⸗ den, um ſie im Zaume zu halten. Gelingt mir aber dies nicht, ſo werden dieſe jungen Leute, die ich mitgebracht habe und ich Sie vertheidigen. Danken Sie mir deshalb nicht, mein Herr,“ ſagte Claude Gerard zu dem ſtaunenden Eigenthuͤmer; „ich kenne Sie nicht, aber indem wir uns ſelbſt mit Gefahr unſers Lebens einer Gewaltthätigkeit entgegenſtellen, zu wel⸗ cher nichts berechtigt, und die nicht einmal den Vorwand einer entſchuldbaren Rache darbietet, vertheidigen wir die Sache, die Ehre des Volkes, dem ich und dieſe jungen Leute ange⸗ ————— — 253 — hoͤren. Beruhigen Sie ſich alſo, mein Herr. Alles was dieſe beherzten Leute menſchlicher Weiſe thun können, werden wir thun, um Ihre Perſon und Ihr Eigenthum reſpectiren zu laſſen.“ Darauf kehrte Claude Gerard zu uns zuruͤck, empfahl uns von Neuem die Bewachung der Bruͤcke, verbot, daß irgend einer ihn begleite, um jede Colliſion zu vermeiden, und ging allein zu der halb trunkenen Bande, die ſich nur noch einige Schritte von uns befand. Es bedurfte des kalten Blutes, der Entſchloſſenheit, des unglaublichen Uebergewichts, das Claude Gerard von Natur beſaß, um die Wuth jener Bande zu zu⸗ geln, als er ihr die Unredlichkeit und Schlechtigkeit der Hand⸗ lung, die ſie vollbringen wollte, begreiflich zu machen ſuchte. Der eine dieſer Elenden ſchlug in ſeiner Aufregung mit einem Dreſchflegel auf Claude Gerard los, dieſer aber, obgleich verwundet, warf mit eben ſo viel Kraft als Muth ſeinen Geg⸗ ner zu Boden, entwaffnete ihn und fuhr fort auf die edlern Gefuͤhle ſeiner Widerſacher ſich zu berufen. Die größte An⸗ zahl derſelben blieb taub fuͤr ſeine Ermahnungen und mar⸗ ſchirte tumultuariſch nach der Bruͤcke zu, aber eine kleinere, doch nicht unbetraͤchtliche Anzahl gab dem Einfluſſe Glaude Gerards nach und ordnete ſich auf ſeine Seite. Was ſoll ich weiter ſagen? Nach einem kurzen und glucklicherweiſe nicht moͤrderiſchen Kampfe, zerſtoben unſere Angreifer voll Furcht vor einem zweiten Zuſammentreffen in Un⸗ ordnung. Wir brachten die Nacht unter den Bäumen des Parkes zu und am folgenden Tage mit Sonnenaufgang kehrten wir, feſt überzeugt, daß fuͤr das Schloß keine Ge⸗ fahr mehr vorhanden, in unſer Dorf zuruck 30 Nach der Ruͤckkehr von dieſem Zuge ſagte Claude Gerard folgende Worte zu mir, die ich nie vergeſſen werde: „Weißt Du, mein Sohn, wer die Lehrer in den bei⸗ den Communen ſind, deren junge Burſchen ſolche Gewalt⸗ thätigkeiten begehen wollten? Weißt Du, in welche Hände die Behörden den heiligen Beruf, die Kinder dieſer beiden Dörfer zu erziehen und rechtliche Männer aus ihnen zu machen, haben herabfinken laſſen? Der eine dieſer Lehrer iſt ein Schaͤnkwirth, der den Wucherer macht, wenn er nicht betrun⸗ ken iſt. Der andere iſt ein freigewordener Galcerenſclave *). Ach! wie die Lehrer, ſo die Schüler!“ *) Wir wiederholen nochmals, daß wir nichts ubertreiben. Dieſe unſere letzten Citate aus Lorrains offiziellem Werke werden zeigen, in welche Hände die berechnete Sorgloſigkeit der Behör⸗ den die Erziehung des Volkes oft hat verſinken laſſen⸗ Aude, Arrondiſſement von Carcaſſonne. Ein gewiſſer V. ... lehrt hier ohne Berechtigung. Er fuhrt ein ſcandaloſes Leben. Er behauptet, er komme aus dem Bagno. — Rievre, Arrondiſſement von Chateau⸗Chinon. .. In dieſer Commun habe ich nur einen ehemaligen Galeerenſclaven gefunden, der heimlich unterrichtet. — Gers, Prrondiſſement von Lectoure. .. Hier iſt keine andere Schule als die von N. einem verworfe⸗ nen Menſchen, der wegen Wucher verurtheilt ward und etwas trinkt. .. . Gers, Arrond. von Mirande. . Der Schulmei⸗ ſter hat einen ſchlechten Ruf: man beſchuldigt ihn des Wuchers. — — 255 — „Es iſt unmoglich!“ rief ich. „Es gäbe ja gar keine Ausbruͤcke, eine ſo ſtrafbare Verachtung alles deſſen zu brand⸗ Puh de Dome, Arrond. von Thiers.. „Es iſt dringend nöthig die Schulmeiſterſtelle anders zu beſetzen; der jetige hat epilep⸗ tiſche Anfälle. untere Pyrenden. . Der Schul⸗ meiſter in Aros iſt epileptiſch. — Herault, Arrond. von Saint Pons. Zur ſchoͤnen Jahreszeit, wo ihre Schule verlaſſen, vermiethen ſich mehre Lehrer als Bediente oder Schäfer. — Vude. Der Lehrer iſt Gewuͤrzkrämer. Es giebt dort nur die Herren N. und V. als Lehrer, welche vor und nach den Stun⸗ den das Geſchäft als Barbier treiben. — Eure, Canton von Vernon. Ich fand unter dieſen ſchlechten Lehrern einen Barbier, einen Schneider und einen Schaffner. — Nube, Arrond. von Limour. Der Lehrer, der ſehr alt und ſchwach, leidet an erblicher Taubheit. — Eure und Loire. O. „ der Leh⸗ rer, ein ehemaliger Stallknecht, flößt den Eltern kein Ver⸗ trauen ein. — Meurthe. Der Lehrer Tramont⸗Caſſier iſt taub. — Saone und Loire. Man fuͤhlt eine ſchmerzliche Empfindung, wenn man erfährt, daß der Lehrer epileptiſchen Zufällen unterworfen iſt. Untre Pyrenäen. unter den ſchlechten Lehrern bemerkte ich wenigſtens ein Drittheil die ge⸗ lähmt, hinkend, einarmig, mit hoͤlzernen Beinen u. ſ. w. waren, und fuͤr welche korperliche Gebrechlichkeit der einzige Beruf zu dieſem Stande geworden. Wir verweilen hier bei dieſen ſchmerzlichen Citaten, deren Zahl ungeheuer iſt und die uns zu weit fuͤhren wuͤrden. Wir enden damit, daß wir zur Bekräftigung deſſen was wir ſagten, die bewundernswerthen Worte des Herrn Michelet anfüͤhren. Sie enthalten eine große Lehre fuͤr Jeden, der zu verglei⸗ chen, zu warten und zu hoffen weiß. „In ihrem furchtbaren Elende,“ ſagt Michelet, „wollte die — 256 — marken, was das Heiligſte auf der Welt iſt, die Erzie⸗ hung der Kinder!“ 2 Claude Gerard lachte bitter und ſagte zu mir: „Ich ſchuldige nie mit Unrecht an, mein Sohn. Was ich Dir ſage iſt wahr. Allerdings haben die Behörden nicht ganz beſonders einen beſoffenen Wucherer oder einen losge⸗ laſſenen Galeerenſclaven zu Verbreitern der Volkserziehung ausgeſucht, aber ſie verſtehen in ihrem teufliſchen Macchia⸗ vellismus die Functionen eines Lehrers ſo unſicher, erbärmlich, entwurdigend und unerträglich zu machen, daß nur Perſonen ſie annehmen können, die entweder wie ich ſich aus Ueber⸗ zeugung dieſem harten Prieſteramte widmen, oder Ignoran⸗ ten, Geiſtes⸗ und Körperſchwache, rohe Menſchen oder ſolche ſind, welche die Gerechtigkeit ſchon brandmarkte.“ Convention 54 Millionen fur den Primärunterricht verwenden. Sonderbare Zeit! wo die Menſchen ſich Materialiſten nannten, und die doch in der That die Apotheoſe des Gedankens, die Herr⸗ ſchaft des Geiſtes war. . Ich verhehle es nicht, unter allem Elende unſrer Zeit liegt keines ſchwerer auf mir. Der verdienſt⸗ vollſte Mann in Frankreich, der elendeſte und vergeſſenſte, iſt der Schulmeiſter. Der Staat überläßt ihn den Feinden des Staates. . Ihr behauptet, die Fratres lehrten beſſer. .. Ich läugne das. . Und waͤre es wahr, was verſchlägt es mir? Der Schulmeiſter, das iſt Frankreich, der Frater, das iſt Rom. Er iſt ein Fremder, iſt ein Feind. Leſet doch nur ihre Buͤcher, folgt ihren Gewohnheiten und Verhältniſſen. Schmeichler für die Univerſität und Alle Jeſuiten im Herzen, Ce Peuple, par Michelet.) — ₰ „Aber in welcher Abſicht,“ entgegnete ich Claude Gerard, „wuͤrdigt man denn dieſe Function ſo herab, die doch ſo hoch geehrt werden ſollte?“ „In welcher Abſicht, lieber Sohn?“ antwortete Claude Gerard mit ſeinem traurigen und ſanften Laͤcheln: „weil es dieſen Behoͤrden daran liegt, uͤber Weſen zu herrſchen, die durch Unwiſſenheit, Elend oder abergläubiſche Leichtgläubig⸗ keit verthiert ſind, .. weil dieſe Behoͤrden die aufgeklaͤrten Einwohner, denen die Erziehung das Bewußtſein ihrer Rechte und ihrer Kraft verliehen hat, furchten. . .. Man thut daher alles nur Mögliche, um durch die Schulen der Fratres unſte Schu⸗ len zu uͤberfluthen und zu erſetzen. .. . Die Fratres bilden die Jugend zu der Entſagung aller Menſchenwuͤrde und einer herabwurdigenden Knechtſchaft. ... Du haſt ihre Buͤcher geleſen. die des Pater Gobinet unter andern .. und Du ſiehſt, welche Generationen dieſe geheimnißvollen Moͤnche, deren Regel Niemand kennt, und deren Oberhaupt in Rom iſt, Frankreich vorbereiten.“ „Aber dieſe Berechnung iſt ja furchtbar,“ rief ich aus, „und noch uͤberdies ganz albern. Geſtern erſt haben wir ge⸗ ſehen, welchen Ausſchweifungen ſich ſolche durch böſe Bei⸗ ſpiele verlockte elende Menſchen uͤberlaſſen koͤnnen.“ 1 „Mein armes Kind, die Behoͤrde fuͤrchtet ſich nicht ſehr vor der Gewalt . ſie erſtickt ſie im Blute .. . aber ſie fuͤrch⸗ tet ſich vor den Ideen, welche Eiſen und Blei nicht erreicht Und unglucklicherweiſe hat die Behoͤrde, wie man geſtehen muß, nicht ſelten die Aeltern jener Kinder zu erzwungenen Martin. 1v. 17 — 268 — Bundesgenoſſen bei ihrem niederdrückenden Tendenzen. .. . Wenn nun aber ein Vater geſetzlich vor der Geſellſchaft fuͤr die Fehler verantwortlich iſt, welche ſein Kind bis zu einem gewiſſen Alter begehen kann, warum ſollte dieſer Vater nicht auch moraliſch und geſetzlich für die Unwiſ⸗ ſenheit ſeines Kindes verantwortlich ſein? Fuͤr die Unwiſſenheit .. eine Quelle des Böſen . eben ſo wie das Elend.“ ich zu Claude Gerard. „Ach, mein armes Kind, ſo viele Dinge ſind ge⸗ recht und billig, und wer beſchäftigt ſich damit, ſie geltend zu machen? In gewiſſen Gegenden wird allerdings der Vater, der ſeine Kinder nicht in die Schule ſchickt, mit einer Strafe belegt. Es liegt etwas Gutes in dieſer Maaß⸗ regel, denn oft muß man das Gute ernſtlich anbefehlen. .. Und dennoch ... wuͤrde eine ſolche Strafe hier anwendbar ſein? Blicke um Dich; di ſe Einwohner hier ſind ſo arm, daß dieſe armen Leute die Dienſte nicht entbehren können, welche ihre Kinder ihnen leiſten, indem ſie den ganzen Tag über ent⸗ weder die Heerden huͤten, oder trotz der Schwaͤche ihres Al⸗ ters den Boden bearbeiten. Nun alſo was iſt da zu thun? Genöthigt mit harter Arbeit durch ihre Kinder das Brot ver⸗ dienen zu laſſen, das ſie ihnen geben, können ſie dieſe nicht in die Schule ſchicken, und man hat die Kraft nicht, dieſe ungluͤck ichen Aeltern zu tadeln. . Oh! Elend! . „Das wäre in der That ſo gerecht als billig,“ ſagte — — Elend! .. .“ ſetzte Claude Gerard mit ſchmerzlicher Nieder⸗ geſchlagenheit hinzu: .. . „Elend! wirſt Du denn ſtets die Quelle alles Uebels auf der Erde ſein! Wird denn nie der Tag der geſetzlichen und des Gluͤckes Aller an⸗ brechen!“. 17* Siebzehntes Bapitel. Das Lebewohl. Nach der Entweihung des Grabes von Reginens Mut⸗ ter durch den Kruͤppel hatte ich ein Taſchenbuch entwendet, welches eine große Menge von Briefen, ein kleines bronzir⸗ tes eiſernes Kreuz und eine bleierne Medaille enthielt. um meine ſchmaͤhliche Handlung in meinen Augen zu mindern, hatte ich einen ſonderbaren Vergleich mit mir ſelbſt geſchloſſen und geſchworen, dieſe Briefe nicht eher als an dem Tage zu leſen, wo Claude Gerard wieder mit mir uber meine Geſtaͤndniſſe in Bezug auf Regine ſprechen wuͤrde. Kurze Zeit nach einem der letzten Jchtebtage, dem ich nach meiner Gewohnheit ungeſehen beigewohnt hatte, ſagte Claude Gerard zu mir: „Mein Sohn, Du mußt jetzt 16 oder 17 Jahre alt ſein. Vor einigen Jahren haſt Du mir das Geſtaͤndniß Deiner vorzeitigen Liebe zu Mademoiſelle Regine abgelegt. — Dieſe Leidenſchaft, obgleich erklärlich durch die boͤſen Bei⸗ ſpiele, die Du in Deiner erſten Kindheit vor den Augen ge⸗ habt hatteſt, war ſo wenig im Einklang mit Deinem Alter⸗ daß ich weder mit Dir daruͤber ſprechen, noch Dich deßhalb tadeln wollte. . . . Dieſes Kinderſpiel konnte nach und nach in Deinem Herzen verloͤſchen, warum Dich daher daran erinnern? Sollte aber im Gegentheile dieſe Liebe blei⸗ bend ſein, ſo konnte ich Dich auch nicht tadeln. Ich habe Dich daher aufmerkſam beobachtet, und bin nun von dem trefflichen Einfluſſe uͤberzeugt, den dieſe Liebe auf Dich gehabt hat, und wie ich glaube, noch lange haben wird. .. Eine ſolche Liebe, ob auch ohne Hoffnung, und vielleicht eben deßhalb, iſt fuͤr ein Herz wie das Deine die beſte Schutzwehr gegen die Verlockungen Deines Alters. Aber man muß ſich auch eingeſtehen, mein lieber Sohn, daß dieſe Liebe fuͤr Dich ohne Hoffnung iſt. Täuſche Dich nicht felbſt; Regine iſt blendend ſchon, ihre fromme Ehrfurcht fuͤr das Andenken ihrer Mutter kuͤndet eine edle und liebe⸗ volle Seele an, ihr Charakter iſt ohnſtreitig außerordentlich feſt, ihr Wille ungemein kraͤftig, denn ſie muß große Schwierigkeiten zu uͤberwinden gehabt haben, um von ihrem Vater die Erlaubniß zu orhalten, alle Jahre eine Reiſe von 10 5 Meilen zu machen, um einen Tag lang am Grabe ihrer Mutter zu beten. Ich habe erfahren, daß Reginens Vater, wenn er auch kein uͤberaus großes Vermogen beſitzt, den noch ein reicher Mann iſt und dem äaͤlteſten Adel angehoͤrt. Seine Tochter ſcheint ſtolz auf ihre Geburt zu ſein, weil — 262 — vor einigen Jahren eine emaillirte Platte mit ihrem Fami⸗ ienagevon ihr hierhergebracht, mitten auf dem unanſehn⸗ lichen und leeren Grabſtein befeſtigt worden iſt, unter welchem die Aſche ihrer Mutter ruht. Dieſen Stolz der Abſtam⸗ mung tadle ich bei dem jungen Maͤdchen keinesweges; auch hat ſie dadurch ohnſtreitig gegen die Schmach proteſtiren wollen, mit der man das Andenken ihrer Mutter verfolgen zu wollen das Anſehen hatte.“ Claude Gerard hielt inne, nachdem er dieſe Worte geſprochen. Er ſchien bewegt und ſchwieg einige Augen⸗ blicke. Ich ſah ihn vlewundert und aufmerkſam an. Er ſchien nachzudenken. Dann traten ihm einige Worte auf die Lippen, aber ich weiß nicht, welcher Gedanke ſie zuruͤck⸗ hielt. Bald darauf ſagte er ernſt und durchdrungen zu mir: „Was auch geſchehe, und was Du vielleicht eines Ta⸗ ges durch Zufall erfahren ſollteſt, vergiß nie, mein theurer Sohn, daß es noch etwas Hoͤheres giebt als die Zuneigung, naͤmlich die Ehrfurcht, die man einem gegebenen Verſpre⸗ chen ſchuldet.“ „Ich verſtehe Sie nicht,“ entgegnete ich immer mehr geruͤhrt. „Alles was ich von Dir verlange,“ fuhr er fort, „iſt, das nicht zu vergeſſen, was ich Dir von Reginens Mutter geſagt habe. Es iſt möglich, daß die Zukunft Dir den Sinn dieſer jetzt Dir unwerſtändlichen Worte erklaͤrt. Doch — 263 — auf Regine wieder zuruͤckzukommen, lieber Sohn. Dieſes junge Madchen iſt alſo außerordentlich ſchön und reich. ... ſie iſt auf ihre hohe Geburt ſtolz, und ihr Charakter eben ſo entſchloſſen als ihr Herz edel. Nun ſind aber dieſe ng⸗ tüͤrlichen Eigenſchaften, dieſe Vorzuͤge des Ranges und Ver⸗ mögens eben ſo viele unüberſteigliche Hinderniſſe, die ſich zwiſchen Dir und Reginen aufthuͤrmen. Liebe Sie alſo wie Du ſie bisher geliebt haſt, ungeſehen und ungekannt fuͤr ſie. Denke immer an die unermeßliche Kluft, die Dich von dieſem jungen Mudchen erennt. Möge ſie der leuchtende Stern ſein, der Dein Leben auf dem Wege des Rechten leitet! Fuͤhlſt Du irgend eine böſe Verſuchung, ſo rufe in Gedanken das ſtolze und ſchoͤne Geſicht Regi⸗ nens Dir zuruͤck und Du wirſt uͤber Deine unedlen Ten⸗ denzen erröthen. Man betet Gott an .. man verehrt ihn . . man fuͤhlt ſich von ihm geſtuͤtzt . . . im Guten . man fuͤrchtet ihn beim Boͤſen, und doch erſcheint er unſern Blicken nicht . . tritt er nicht in Gemeinſchaft mit uns. Eben ſo ſei es mit dem Einfluſſe Reginens auf Dich.“ Am Abende des Tages, wo ich dieſe Unterredung mit Claude Gerard gehabt hatte, benutzte ich eine einſame Stunde, grub den ſteinernen Topf, den ich oft beſucht hatte, aus und nahm daraus das Taſchenbuch mit einem Herzklo“ pfen und Erroͤthen bis uͤber die Stirn, als ob ich mich eines unedlen Mißbrauches des Vertrauens ſchuldig mache. * — 264 — Wie groß aber war meine Ueberraſchung, meine Ent⸗ tauſchung, als ich die Briefe aus dem Taſchenbuche zog! Auf den Adreſſen der Briefe ſtanden nur die Anfangs⸗ buchſtaben, und die Schrift ſelbſt war fuͤr mich nicht zu entziffern. Spaͤter erfuhr ich, daß die Briefe deutſch ge⸗ ſchrieben waren, und deßhalb lernte ich deutſch. Deſſen ohnerachtet entfaltete ich ſorgfältig einen nach dem andern und hoffte wenigſtens Einen franzöſiſchen zu finden. Ver⸗ gebens! Es war für mich unmöglich auch nur Einen zu leſen. Doch fand ich wenigſtens unter dieſen Briefen einen beſondern Gegenſtand. Es war dies eine kleine Krone, (wie ich ſpaͤter erfuhr eine Königskrone) von eigenthuͤmlicher Form, die aus einem ſehr kleinen Goldplättchen ausgeſchnit⸗ ten war. Dieſe mit zwei gelb- und blauſeidnen Faͤden mit⸗ ten in einem ziemlich ſtarken Pergamentviereck befeſtigte Krone war mit ſonderbaren ſymboliſchen Zuͤgen, und den in einander verſchlungenen Buchſtaben S. und W. umgeben. Unter der Krone las man Folgendes in franzöſiſcher Sprache: Am 28. Dezember 1815. Straße Faubourg de Roule, Nr. 107. Halbzwöͤlf Uhr fruͤh. Unter dieſem Datum befanden ſich dann fuͤnf Zeilen in deutſcher Sprache von ungleicher Laͤnge und verſchiedener Schreibart. Die erſte, dritte und fuͤnfte waren von einer —— —— — — 265 — feſten Hand geſchrieben, während die zweite und vierte fei⸗ ner und minder ſicher. Dieſer ſeltſame Gegenſtand uͤberraſchte mich ſehr. Ver⸗ gebens ſuchte ich in den Sinn der ſymboliſchen Zeichen ein⸗ zudringen, die ihn zum Theil bedeckten. Die goldne Krone, welche ſich uͤber jenem Datum befand, reizte meine Neugier außerordentlich, ich vermochte aber nicht ſie zu befriedigen. So legte ich denn Pergament, Kreuz, Medaille und Briefe wieder in das Taſchenbuch und zerſann mich, ein Mittel zu entdecken, um ohne Claude Gerards Verdacht zu erwecken, zu erfahren, in welcher Sprache dieſe Briefe geſchrieben wären. Ein unerwarteter Umſtand unterbrach leider mein Nach⸗ ſinnen deßhalb. Ich mußte Claude Gerard verlaſſen. Ich war als Kind zu ihm gekommen, als Mann ging ich fort, weniger an Jahren, denn ich zählte deren ohnge⸗ fahr 18, als an Verſtand und fruhzeitiger Erfahrung, die ich in einer ſchweren Schule etworben. Waͤhrend dieſer bei einem kenntnißreichen, mit den ſeltenſten Eigenſchaften und der höchſten praktiſchen Philo⸗ ſophie begabten Manne zugebr ichten Jahre, entwickelte ſich mein Verſtand, bildete ſich mein Geiſt, gewann mein Cha⸗ rakter einen kräftigen Anſtrich und ich erlernte endlich ein Handwerk, das eines Zimmermanns, welches mir gegen böſe Tage ein Hilfsmittel werden konnte. Dieſe Reſultate wurden nicht plötzlich gewonnen. Sft — 265 — hatte ich gegen bittre und tiefe Entmuthigungen zu kämpfen, welche mir das armſelige, harte, zukunftsloſe Leben verur⸗ ſachte, an welches ich mich angekettet fand. Ich hatte An⸗ fälle verzweifelnder Traurigkeit zu uͤberſtehen bei dem Gedan⸗ ken an die beiden Gefährten meiner Kindheit, deren ferneres Schickſal mir durchaus unbekannt blieb und die ich in der Erinnerung noch eben ſo zärtlich liebte als am Tage unſter Trennung. Endlich auch mußte ich meine heftigſten Aufregungen ge⸗ gen die unwürdigen Feinde Claude Gerards zuruͤckhalten. Denn nie ermoͤdete ſeine bewunderungswuͤrdige Reſignation, nie verlaͤugnete ſich ſeine eben ſo edle als ſtoiſche Ruhe, waͤh⸗ rend die Böswilligkeit ſeiner Feinde ſtatt ſich zu beruhigen, ſich bis zur Wuth ſteigerte. Und ſo mußte er denn auch nach einem durch Demuth, Verläugnung und Entſagung erhabe⸗ nen Widerſtande, endlich unterliegen, denn ſonderbar genug fand Claude Gerard lange Zeit in blinder Unterwerfung unter die roheſten Forderungen und ſchreiendſten Ungerechtig⸗ keiten ſeiner Feinde das Mittel, ſie zur Ohnmacht zu bringen, um die beſcheidene Stellung zu behaupten, die ihm in dieſem Dorfe zu Theil geworden. Eudlich aber brach der Tag des Triumphes ſeines er⸗ bittertſten und unermuͤblichſten Feindes, des Pfarrers der Commun an. Dieſem ſchänblichen Prieſter gelang es durch Intri⸗ guen, Verlaͤumdungen und abſcheuliche Kunſtgriffe, zwiſchen dieſem Lehrer und den armen Leuten, die er ſich ſeit ſo lan⸗ — 267 — ger Zeit zugethan gemacht, Mißtrauen und Kaͤlte zu ſaͤen. Als er nun aber dieſen ſeit Jahren verfolgten Zweck einmal erreicht, wurde es ihm leicht dahin zu kommen, daß Claude Gerard gezwungen war die Gemeinde zu verlaſſen. Die letzten Augenblicke, die ich bei dem Schulmeiſter zubrachte, werden meiner Erinnerung ſtets gegenwärtig bleiben. Gegen Ende Dezembers 1832 befanden er und ich uns in dem Verſchlage bei einander, der von dem Stalle durch die Schafhuͤrden geſchieden war. Ein truͤber, regnigter Tag drang durch das kleine Fen⸗ ſter, wo ich acht Jahre zuvor zuerſt zu dem Schulmeiſter gekommen, um ihn in Begleitung von Bamboche und Basquine zu berauben. (Ich muß hier, um dieſe ſchmach⸗ volle Handlung in etwas zu beſchoͤnigen, erwäͤhnen, daß ich durch meine Arbeit als Zimmermannsgehilfe in zwei Jah⸗ ren es dahin gebracht hatte, Claude Gerard jene Summe wieder zu erſetzen, die er nun dem Eigner des Unterpfan⸗ des, das man ihm anvertraut hatte, zuruͤckerſtatten konnte.) An dieſem Morgen alſo, beim blaſſen Lichte eines Wintertages ging Claude Gerard ſtumm und geſenkten Hauptes in ſeiner Kammer umher. Auf dem ſchlechten Bette ſitzend, auf dem ich die erſte Nacht nach meinem Eintritte in dieſe aͤrmliche Wohnung zugebracht, ſtuͤtzte ich maſchinenmaͤßig die eine Hand auf einen kleinen neben mir liegenden Reiſeſack. — — Claude Gerard, der wie gewoͤhnlich eine ſchlechte Blouſe und an den nackten Fuͤßen Holzſchuhe trug, hatte ſehr geal⸗ tert. Zahlreiche Runzeln furchten ſein Geſicht. Seine Haare begannen ſchon an den Schlaͤfen grau zu werden. Aber der ernſte und ſanft melancholiſche Ausdruck ſeiner Zuͤge war noch derſelbe. Nur daß in dieſem Augenblicke ſein Geſicht durch eine heftige Aufregung, die er zu unter⸗ druͤcken ſuchte, etwas verzogen war. Endlich gelang es ihm, ſie zu uͤberwinden, und er ſagte mit ruhiger Stimme, die Hand nach dem Fenſter ausſtreckend, zu mir: „Durch dieſes Fenſter, mein Sohn . . . kamſt Du vor acht Jahren in dieſe Wohnung. . . . Verlaſſenſein, Elend, böſes Beiſpiel, Unwiſſenheit hatten Dich zum Dieb⸗ ſtahle getrieben . . jetzt biſt Du 18 Jahre alt, und gehſt von hier fort . . . als ein rechtlicher Mann, der ſich ſelbſt genuͤgen kann.“ „Oh, mein Freund! . . . glauben Sie nicht, daß ich das je vergeſſe, was .. „Hoͤre mich, mein lieber Sohn,“ ſagte Claude Gerard, mich unterbrechend, „ich erinnere mich an den Punkt von wo Du ausgegangen biſt und den Weg den Du bis heut zuruͤckgelegt haſt, nicht etwa, um mich wegen des Guten, das ich an Dir gethan habe, zu ruͤhmen, ſondern damit die⸗ ſer letzte auf Dein vergangenes Leben zuruͤckgeworfene Blick Dir die Kraft verleihe, ruhig in die Zukunft zu ſchauen. Von dem Augenblicke an wo ich Dich aufnahm, habe ich Dein Leben Schritt vor Schritt, Tag vor Tag verfolgt. Ein — 269 — Zeuge der Kämpfe, der Pruͤfungen, aus denen Du mit Ehren gegangen biſt, habe ich erkennen lernen, was Gutes, Edles und kraͤftig Ausdauerndes in Dir liegt, um auf dem guten Wege weiter fortzuwandeln. Mulh alſo, mein Sohn! . . . Ein arbeitsvolles, ſchweres, freudenloſes, ge⸗ nußarmes, und nur an Einem Tage im Jahre durch ein junges Maͤdchen, das Du ſtets, behalte es wohl, hoffnungs⸗ los lieben ſollſt, erhelltes Leben zu fuͤhren, und dieſes Leben voll Entſagung und Verlaͤugnung ohne Bitterkeit, ohne Empoͤrung gegen das Schickſal zu ertragen, das iſt ſchoͤn, das iſt gut, mein Sohn!“ „Ach, mein Freund, auf dieſem rauhen und peinlichen Pfade waren ja, wenn mir manchmal die Krafte fehlten, Sie da, und einige Worte von Ihnen gaben mir ſtets neuen Muth. Aber jetzt bricht mein Herz, wenn ich bedenke, daß ich Sie fuͤr lange verlaſſen muß . vielleicht fuͤr immer!“ „Fuͤr immer? nein, nein, mein Sohn. Man hat es dahin gebracht, mich aus dieſer Commun zu vertreiben .. nachdem ich zehn Jahre dagegen gekaͤmpft! Aber in der Commun, in welche ich mich begebe, werde ich, wie ich hoffe, doch nicht dieſelben Gehaͤſſigkeiten wiederfinden. Nun denn! kommendes Jahr wird vielleicht die Perſon, zu der Du Dich nach Paris begiebſt, Dir einen Urlaub auf einige Tage be⸗ willigen. Dann, armes Kind, dann werden wir eine recht große Freude haben.“ „ „Ach, mein Freund, wenn Sie gewollt haͤtten . — — ich haͤtte Sie nicht verlaſſen. . . ich hätte ferner Ihre Ar⸗ beiten getheilt. . . . „Nein, nein, mein Kind, eine ſolche Zukunft durfte nicht Dir zu Theil werden. . . . Es bietet ſich Dir eine unverhoffte Stellung dar . . ſie nicht anzunehmen waͤre unverſtändig. Du wirſt nie einen wohlwollendern Be⸗ ſchuͤtzer erhalten, als Herrn von Saint Etienne. Er glaubt mir zu großem Danke verbunden zu ſein, weil ich vor zwei Jahren ſein Schloß vor Pluͤnderung rettete.“ „Und vielleicht ſein Leben . . . und dies mit Gefahr des Ihren, mein Freund.“ „Kann ſein . . . aber einige Elementarbuͤcher fuͤr meine Schule ausgenommen, habe ich ſtets jedes Anerbieten ausgeſchlagen, das er mir that, um mir ſeine Dankbarkeit zu bezeigen. So hat er denn endlich geglaubt, dieſes Mit⸗ tel zu ſinden, um ſie mir zu bezeigen. Er ſpielt jetzt eine anſehnliche Rolle in Paris. Da er einen redlichen und ſichern Mann ſucht, um in einen Vertrauenspoſten bei ihm zu treten, ſo hat er mir geſchrieben und vorgeſchlagen, ſein Geheimſekretair zu werden, waͤhrend er im Voraus alle meine Bedingungen annehme. Ich habe das zurückge⸗ wieſen.“ „Sie haben es für ſich zuruͤckgewieſen, aber für mich angenommen, mein Freund?“ „Weil ich darin fur Dich eine ehrenvolle Stellung er⸗ blickte. Ich bin fuͤr Dich eingeſtunden, Herz gegen Herz⸗ Herr von Saint Etienne hat, ich weiß nicht weßhalb, — — ſo viel Vertrauen zu mir, daß er trotz Deiner Jugend Dich als Sekretair angenommen hat . . allerdings nur zum Verſuch, aber dieſen Verſuch fuͤrchte ich bei Dir nicht. . . . Noch einmal, mein Sohn, Du ſiehſt, wie unerwartet dieſe Stellung iſt, und daß man eilen muß ſie anzunehmen.“ „Und um mir dieſes ruhige, gluckliche Loos zu ſichern, entſchließen Sie ſich Ihre qualvolle Laufbahn fortzuſetzen!“ „So gering, ſo elend ſie auch ſein mag, mein Sohn, ſo iſt doch dieſe Laufbahn ſtets heilig fuͤr mich. Ich ſage es Dir ohne Stolz, denn Du haſt es geſehen, wie ich trotz ſo vieler Hinderniſſe doch oft die gluͤcklichſten Reſultate er⸗ rungen habe.. Dieſer Lohn genuͤgt mir. . . . Aus einer Generation armer, unwiſſender, ſchon durch das Elend faſt verthierter Kinder eine Generation verſtaͤndiger, rechtlicher, kenntnißreicher und arbeitſamer Maͤnner heranzubilden, das iſt ſchön . . . das iſt groß! Meinſt Du das nicht auch? Und das lehrt mich alle Unwuͤrdigkeiten, mit denen man mich kränkte, freudig zu verachten und zu bemitleiden. . . . Jetzt iſt hier das Gute geſchehen . . . was kuͤmmert mich alſo ihr Haß.“ Dann ſetzte Claude Gerard mit ſchmerzlicher Erregung hinzu: „Ach! wenn ich keinen andern Kummer hätte als den, mit dem meine Feinde mich zu belaſten ſtreben!“ „Ich verſtehe Sie, mein Freund . . . jene arme Blödſinnige . die Sie jede Woche beſuchen.. . . Jetzt entfernen Sie ſich weit von ihr.“ — 22 — Claude Gerard ſchwieg lange. Seine Zuͤge waren ver⸗ ſtort, er ſchien nachdenkend, bewegt. Endlich war es als raffe er ſich mit Gewalt auf, und er ſagte zu mir: „Ich habe Dir ein Geſtaͤndniß abzulegen.. . . Ich zögerte lange .. aber ſo ſchmerzlich mir auch dieſes Ge⸗ ſtändniß iſt, ſo darf ich Dir es doch nicht verſchweigen, weil wir uns jetzt trennen. . . . Vielleicht handle ich weiſe, viel⸗ leicht unklug bei meiner Offenheit. . .. Die Zukunft wird entſcheiden.“ „Ein ſchmerzliches Geſtändniß, Sie, mein Freund!“ ſagte ich Claude Gerard voll Erſtaunen. —.—— Achtzehntes Kapitel. Das Geheimniß. „Ja,“ ſagte Claude Gerard zu mir, „dieſes Geſtaͤnd⸗ niß wird mir ſchmerzlich ſein, weil es Dir beweiſen wird, daß ich an Dir zweifelte .. und an mir.“ „Und warum?“ „Erinnerſt Du Dich noch Deiner vierzehntaͤgigen Ab⸗ weſenheit vor etwa einem Jahre, nach Deiner Krankheit?“ „O ja, mein Freund, Sie verlangten, daß ich einige Stunden von hier meine Wiederherſtellung abwarten ſollte, da Sie hofften, daß Veränderung der Luft ſie brſthltenish werde.“ „Nun denn, waͤhrend Deiner Abweſenhtit, fuhn Claude Gerard mit unwillkurlicher Verlegenheit fort, „iſt Jemand hierher gekommen... und hat nach Dir „ 40 „Nach mir? . und wer denn?“ „Einer der Grfährten Deiner Findheit.“ „Bamboche!“ rief ich mit einem Gefuͤhle der Freube aus, das ich nicht beſchreiben kann. „Alſo war meine Be⸗ Martin. IW. 18 — 274 — ſorgniß ungegruͤndet. er lebt. er hat mich nicht ver⸗ geſſen?“ Dann, als ich fuͤhlte, wie mir die Thränen in die Augen traten, ſetzte ich hinzu: „Verzeihen Sie, mein Freund!.. aber wenn Sie wuͤßten, was ich empfinde.“ „Ich begreife Dich, mein Sohn, und bin weit ent⸗ fernt, Deine Ruͤhrung zu tadeln. Hoͤre alſo, was waͤh⸗ rend Deiner vorjährigen Abweſenheit vorgefallen iſt. . .. Eines Morgens war ich hier, als ich einen jungen, hoch und kraͤftig gewachſenen Mann, mit ausdrucksvollem Ge⸗ ſichte, und, wie es mir ſchien, mit mehr Luxus als Ge⸗ ſchmack gekleidet, eintreten ſah. ... Mein Herr, ſagte er zu mir, vor etwa 7 Jahren haben Sie ein verlaßnes Kind bei ſich aufgenommen, wie ich wenigſtens aus den Nachrichten vernommen, die ich hier im Dorfe mir verſchafft.. . . Und was fuͤr Intereſſe nehmen Sie an dieſem Kinde, mein Herr? fragte ich ihn, während ich ihn verwundert und neu⸗ gierig muſterte.... Dieſes Kind iſt mein Bruder, ant⸗ wortete er. . . . Ihr Bruder! rief ich, und erinnerte mich nun an Deine Geſtaͤndniſſe und das Bild, das Du mir oft von Bamboche entworfen hatteſt. So fuhr ich denn fort: Aber Sie ſind nicht der Bruder, ſondern der Kame⸗ rad des Knaben Martin, Sie nennen ſich Bamboche. .. Trotz ſeines zuverſichtlichen, ja kuͤhnen Weſens wurde dieſer Mann unruhig, und ſagte mit gerunzelter Stirn zu mir: Das kann Ihnen gleichgiltig ſein, mein Herr, wer ich bin, — — ———————— — — — — — ———————— — — — — 275 — kutz, ich nil Martin ſchen. Mit der größten Mühe bin ich dazu gelangt, ſeine Spur aufzufinden, und ſo ſage ich Ihnen denn, daß ich ihn ſehen werde, ſetzte er mit drohen⸗ dem Tone hinzu.... Ich zuckte die Achſeln, und antwortete ihm kalt: Und ich ſage Ihnen, mein Herr, daß Sie ihn nicht ſehen werden. Seit 14 Tagen iſt Martin aus dieſem Dorfe fort.. . . Und wo iſt er jetzt? rief Bamboche hitzig, ich will es wiſſen!... Das iſt unmoͤglich mein Herr, ant⸗ wortete ich.“ „Mein Sohn, Du kannſt Dir gar keine Idee ma⸗ chen,“ fuhr Claude Gerard fort, „von der hartnaͤckigen Dringlichkeit Bamboche's, um zu erfahren, wo Du ſeiſt. Er wendete alle Tonarten an, von der Drohung, deren Vergeblichkeit er bald einſah, bis zu der demuͤthigſten, und um mehr zu ſein, zu der ruͤhrendſten Bitte. Ich aber blieb unbeugſam. Nun geſtand er mir, in der Hoffnung, mich durch ſeine Offenheit wankend zu machen, den Dieb⸗ ſtahl, den Ihr damals begangen hattet, und wollte mir eine Börſe voll Gold in die Hand druͤcken, um mich zu entſchaͤ⸗ digen. Ich wies ſie zuruͤck und ſagte ihm, daß es Dir ge⸗ lungen ſei, mir dieſe Summe zuruͤckzuzahlen, indem Du drei Tage in der Woche als Zimmermannsgehilfe gearbeitet. Bamboche verſuchte noch das Letzte. Er ſagte mir, daß ſeit kaum 2 Monaten, wo er ſich in einer glänzenden Lage be⸗ finde, er keinen andern Gedanken, kein andres Ziel gehabt habe, als Dich wiederzufinden, und daß er endlich nach un⸗ erhoͤrten Anſtrengungen, um ſich Weg und Gegend, die Ihr 18* ſonſt durchſtrichen, wieder ins Gedaͤchtniß zuruͤckzurufen, hierher gelangt ſei, und nun wolle ich Dich ſeiner Freund⸗ ſchaft vorenthalten! Es lag in den Worten dieſes ſonderba⸗ ren Menſchen ein Gemiſch von Verſchlagenheit und Auf⸗ richtigkeit, von Keckheit und tiefem Gefuͤhle, das wider meinen Willen Eindruck auf mich machte und mich ruͤhrte, aber dieſer Eindruck ſelbſt beſtaͤrkte mich nur immer mehr in meinem Entſchluſſe, Dich Bamboche nicht ſehen zu laſ⸗ ſen. Ich kannte die Menſchen, ich war und bin noch jetzt überzeugt, daß Dein ehemaliger Gefuͤhrte die luxuriöſe Exi⸗ ſtenz, die er mit Dir theilen wollte, nicht auf ehrliche At hatte erlangen koͤnnen. Uebrigens geſtand er mir es auch mit eyniſcher Freimuͤthigkeit, denn er ſagte mir in dieſer Beziehung: Ich habe, zum Henker, mein Geld nicht damit gewonnen, daß ich mich um den Montyonſchen Preis bemuͤht habe, aber bei meiner Ehre, ſelbſt die kitzligſte Ge⸗ rechtigkeit hat kein Recht dazu, mir in die Taſchen zu guken. .. Ich blieb unbeugſam. Drei Tage hintereinan⸗ der kam Bamboche, in der Hoffnung, meinen Widerſtand zu beſiegen, jeden Morgen aus der benachbarten Stadt, wo er Halt gemacht hatte, zu mir. Als er endlich die Nutzloſigkeit ſeiner Anſtrengungen einſah, entſchloß er ſich, wieder abzureiſen. Seine letzten Worte, die ich hart und zornig erwartet hatte, waren im Gegentheile ehrfurchtsvoll und geruͤhrt.. .. Fuͤr einen ſo großen Spitzbuben Sie mich auch halten mögen, ſagte er zu mir, ſo bin ich doch nicht dumm. Ob ich gleich noch jung bin, habe ich es mir doch 8 5 ſchon muͤſſen gewaltig ſauer werden laſſen. Ich kenne meine Leute, und bin uͤberzeugt, daß Sie ein Mann ſind, wie es deren wenige giebt.. .. Darum ſitzen Sie auch, ſetzte er ironiſch hinzu, in einer Stallecke.“ „Immer ſich gleich,“ entgegnete ich. „Ja, ich habe allerdings den Character wieder an ihm gefunden, wie Du mir ihn gezeichnet haſt, verbunden mit einer Art Weltſitte, Gewandtheit der Rede und einem ſpot⸗ tenden Eynismus, den ich gar nicht an ihm erwartet häͤtte. Bei alledem, fuhr er fort, haben Sie aus Martin einen wackern und braven Burſchen ziehen muͤſſen, denn der Stoff dazu lag in ihm. Sie brauchten bei dieſer braven und rechtlichen Natur nur ins Große zu ſchneiden, denn Mar⸗ tin biß nur mit der Mundſpitze in das Schlechte, und nicht, wie ich, mit allen Zaͤhnen.“ „Armer Bamboche!“ rief ich. „Wie Dich,“ antworkete Claude Gerard, „ſo ruͤhrten auch mich dieſe Worte von Bamboche, ich ſagte aber zu ihm: Aber Sie, der Sie an das Gute glauben, und es zu bewundern wiſſen, warum uͤbten Sie es denn nicht?“ „Und was antwortete er Ihnen darauf?“ „Sehen Sie, mein wuͤrdiger Herr, entgegnete mir Bamboche, ich glaube an eine ſchoͤne Marmorſtatue, mit ſtolzer Haltung und ſanftem und ernſtem Geſichte, wie jetzt das von Martin ſein muß, ich bewundere dieſe ſchöne — 278 — Statue, die trotz Regen und Wind, Sturm und Unwet⸗ ter unbeweglich und heiter auf ihrem Piedeſtal geblieben iſt, ja, ich finde das koͤſtlich, ſo wahr ich Bamboche heiße, es iſt ein Schauſpiel, das ich liebe. .. Nur verſuche ich es, da ich von Fleiſch und nicht von Marmor bin, niemals, mich zur Statue zu machen, und ſage zu mir ſelbſt: Geh Du, und laß Dir den Wind unter die Naſe wehen, mein Alter! ſetzte er mit einen derben Spaͤßchen hinzu.“ „Trotz dieſer letzten Derbheit war doch das erſte Bild großartig,“ rief ich aus. „Welche Entwicklung muß doch Bamboche's Geiſt erhalten haben!“ „Ja,“ ſagte Claude Gerard ernſt, „dieſes Bild iſt groß, aber es iſt falſch. Der große Mann, obgleich von Fleiſch und Bein, kann doch zu Marmor werden, um dem Sturme ſchlechter Leidenſchaften zu widerſtehen. Deſſen⸗ ohnerachtet war ich gleich Dir von dieſer eigenthuͤmlichen, bald trivialen und eyniſchen, bald erhabenen Sprache be⸗ troffen. Gleich Dir, fragte ich mich, in welcher Schule dieſes verlorne Kind dieſe Verſchmitztheit der Gedanken, die dann und wann in ſeinen Reden bemerkbar war, erhal⸗ ten habe?. Bamboche jedoch begann nach kurzem Schwei⸗ gen wieder mit geruͤhrter Stimme: Nun denn, mein Herr, leben Sie wohl. Vielleicht iſis beſſer fuͤr Martin, daß ich ihn nicht ſehe .. ich kenne mich. Umarmen Sie ihn alſo in meinem Namen! aber ſo... ſo recht von Herzen. . Ach! Sie ſind recht gluͤcklich, Sie! ſetzte er hinzu, und brachte ſchnell die Hand an die Augen. Sagen Sie ihm, ———— — — daß ich ihn nicht mehr und nicht weniger liebe, als vor acht Jahren .. . und daß ichs gar nicht verſtehen kann. Denn, Donnerwetter! ich war nie zaͤrtlich, aber jetzt bin ich teufliſch harthaͤutig geworden. Doch das thut nichts gegen ihn habe ich mich nicht geaͤndert. Sagen Sie ihm das . und daß, wenn er es will, ich ihm angehoͤre mit Haut und Haar, mit Boͤrſe und Arm. kurz, auf Leben und Tod .. . wie bei la Levraſſe. .. und wenn er jemals nach Paris kommt . da iſt meine Adreſſe. .. Fuͤrchten Sie nichts fuͤr ihn . .. ich kann auch einem rechtſchaffenen Menſchen nuͤtzlich werden.“ „Und dieſe Adreſſe!“ rief ich unwillkuͤrlich, die Augen voll Thraͤnen. „Dieſe Adreſſe!“ ſagte Ctaude Gerard, und trat einen Schritt zu ſeinem kleinen ſchwarzen Tiſche, aus deſſen Schubfache er einen verſiegelten Umſchlag nahm. „Da iſt ſie ich habe ſie hier eingeſchlagen, mein lieber Sohn. Biſt Du einmal in Paris, ſo ſteht es Dir frei, davon Kenntniß zu nehmen.“ Ich ergriff ſchnell den Umſchlag, den ich mit einer Art von Furcht ſchweigend betrachtete. Claude Gerard fuhr fort: „Ich habe lange gezaudert, Dir, mein Sohn, dieſes Geſtändniß abzulegen, und klage mich eben, dieſer Zögerung wegen, jetzt bei Dir an. Ich haͤtte von der Feſtigkeit der Grundſätze, die ich Dir beigebracht, und der Soliditaͤt Dei⸗ nes Characters uͤberzeugter ſein ſollen, als Dir etwas ver⸗ bergen zu wollen. Doch habe ich lange Zeit den oft un⸗ widerſtehlichen Einfluß einer Freundſchaft aus den Kinder⸗ jahren fuͤr Dich gefuͤrchtet. Es verging faſt kein Tag, wo Du mir nicht von Deinen ehemaligen Gefaͤhrten ſprachſt, um ſie zu bedauern, freilich nur, daß ſie nicht ſo wie Du einen ſtrengen und ſichern Fuͤhrer gefunden hätten aber dieſes bewies die Beharrlichkeit Deiner Zuneigung fuͤr Bas⸗ quine und Bamboche.“ „Und Basquine?“ rief ich. „Hat er Ihnen von die⸗ ſer nichts geſagt?“ „Nichts.“ „Arme Kleine! Sie wird ohnſtreitig das Opfer des Verbrechens geworden ſein, von dem W die Spuren Sfun⸗ den habe!“ * „Man muß das Gegentheil hoffen, mein lieber Sabw 3 entgegnete Claude Gerard, und fuhr fort: „Dies waren die Gruͤnde, die mich bewogen, Dir meine Zuſammenkunft mit Bamboche zu verſchweigen. Die Zukunft wird entſcheiden, ob ich nicht beſſer gethan hätte, bei meinem Entſchluſſe zu beharren. Nun nur noch Ein Wort daruͤber. Wenn ich .. was uͤbrigens unmöglich . Dich ohne Hilfsmittel, ohne Stuͤtze, ohne geſicherte Lage nach Paris geſchickt haͤtte, ſo iſt Gott mein Zeuge, daß ich Dich weder von Bamboche's Hierherkommen, noch von den Mitteln unterrichtet haͤtte, ihn vielleicht in Paris wieder zu finden. Du begiebſt Dich aber in dieſe Stadt mit der Gewißheit, gleich bei Deiner Ankunft in einen ehrenvollen — —— 7 — 281 — Poſten bei einem geachteten Manne einzutreten. Ich kann alſo ohne Furcht ſein, und brauche es nicht zu bereuen⸗ Ver⸗ trauen in Dich geſetzt zu haben.“ „Nein, nein, mein Freund, Sie werden dieſes Ver⸗ trauen nie zu bereuen haben,“ rief ich. Und nun nahm ich den Umſchlag, der Bamboche's Adreſſe enthielt, und zerriß ihn. . . zur Hälfte. . . denn ich geſtehe es .. ich weiß nicht, welche unuͤberwindliche Gewalt mich zuruͤckhielt, ich beſaß nicht den Muth, das Zerreißen zu vollenden. Claude Gerard hatte mich nicht mit den Augen ver⸗ laſſen. Er hatte geſehen, daß ich den Umſchlag, in wel⸗ chem Bamboche's Adreſſe lag, nur z. Haͤlfte zerriſſen hatte. Sanft laͤchelte er, und ſagte zu mir: „Ich begreife Dich, mein armes Kind.“ Dann ſetzte er waͤrmer werdend hinzu: „Wohlan, keine Schwäͤche, laß uns ſichrer ſein, Dei⸗ ner und meiner. Warum ſollteſt Du denn auch die Hoff⸗ nung aufgeben, dieſen Deinen ehemaligen Ungluͤcksgefähr⸗ ten wiederzuſehen? Etwa deshalb weil er fortfuhr, auf ſchlechtem Wege zu wandeln? Wer ſagt uns denn, ob der gute Einfluß Deiner Freundſchaft nicht heilſam fur ihn ſein wird? Muͤſſen wir deshalb, weil unſer Freund krank iſt, ihn ohne Hilfe der Krankheit üͤberlaſſen, die an ihm nagt? Nein, nein, mein Sohn, Alles wohl uberlegt, fürchte ich dieſe Zuſammenkunft für Dich nicht mehr. Du — eannſt Nichts dabei verlieren.. und Dein Freund Alles gewinnen.“ Ich theilte bald die großmüthige Ueberzeugung Claude Gerards. Meine Furcht verſchwand, meine ganze Feſtigkeit kehrte wieder. „Jetzt,“ begann Claude Gerard, nach einem ziemlich langen Schweigen, und mit ſchmerzlicher Aufregung wieder, „jetzt ein letztes Wort, mein theurer Sohn, uͤber meine perſönlichen Intereſſen.“ Ich ſah ihn ſtaunend an, und er fuhr fort: „Dein Beſchutzer ſchreibt mir, indem er einwilligt, Dir die Stellung zu uͤbertragen, welche er mir beſtimmt hatte, daß er noch immer glaubt, mein Schuldner zu ſein. Dieſes Mal nehme ich ſein Anerbieten an, und in dieſem Einfuͤhrungsbriefe fuͤr Dich hier, den Du ihm ſogleich nach Deiner Ankunft in Paris ubergeben wirſt, erſuche ich ihn um eine Gefälligkeit. .. eine große Gefaͤlligkeit.“ „Sie, mein Freund?“ „Ja, und ich beſchwoͤre Dich, ihn an dieſe Bitte zu erinnern, damit er ſie mitten in dem Chaos ſeiner Ge⸗ ſchaͤfte nicht vergeſſe!“ „Und dieſe Gefaͤlligkeit?“ „Die Commun, in welche ich mich begeben werde, liegt in der Nähe einer bedeutenden Stadt. Wahrſcheinlich befindet ſich dort auch eine Irrenanſtalt.. . . In dieſem Falle.. „Ich verſtehe... Ihre arme Frre “ — — „Ja, ich wurde es fur eine außerordentliche Gefällig⸗ keit anſehen, wenn ſie dort aufgenommen werden könnte.. Dann koͤnnte ich ſie beſuchen .. faſt eben ſo oft als ich ſi ſie hier ſah. .. und meine Vorſorge iſt ihr jetzt noͤthiger ge⸗ worden als je.“ „Nöthiger als je? Erklaͤren Sie ſich deutlicher, mein Freund.“ Claude Gerard antwortete mir nicht. Seine Zuͤge verriethen eine ſchmerzliche Angſt. Seine Stirn ward roth, als fuͤhle er eine geheime Schaam. „Ich habe Dir dieſen neuen Kummer nicht anver⸗ traut,“ ſagte er, „weil ich an dieſes Ereigniß nicht ohne ein Gemiſch von Schmerz und Schrecken denken kann. Es giebt ſo furchtbare Sachen, daß man ſelbſt eine natuͤrliche Scheu empfindet, ſie auch nur zu erzählen. Aber, indem ich Dich in Kenntniß von dieſem traurigen Geheimniß ſetze, wirſt Du zugleich die Wichtigkeit der Bitte, die ich im Namen jenes ungluͤckſeligen Geſchöpfes thue, noch tiefer empfinden. Ach! ich glaubte, das Elend, die menſchliche Herabwurdigung könne nicht weiter gehen, als bis zum Verluſte der Vernunft, aber ich betrog mich!“ ſetzte 3 Gerard mit einem ſchrecklichen Lächeln hinzu.... c begann er wieder, „das, was dieſer Ungluͤcklichen wnre beweiſet mir, daß ich mich betrog.“ „Was ſagen Sie!“ „Hoͤre, und Du wirſt ſehen, daß alle Schrecken, deren Zeuge Deine Kindheit bei dieſen elenden Seiltaͤnzern war, nichts ſind gegen dieſes Ungeheure. Dies geſchah durch ein unſeliges Zuſammentreffen an dem Tage nachdem ich hier Bamboche zum letzten Male geſehen hatte. Aber,“ ſetzte Claude Gerard ſich unterbrechend hinzu, „um Dich das Gräßliche, das in dieſem geheimnißvollen Ereigniſſe liegt, begreifen zu laſſen, ſind einige naͤhere Mittheilungen uner⸗ laͤßlich. . . . Das Irrenhaus hat einen großen Garten, der auf der einen Seite durch Gebaͤude und auf der andern durch den Hof des angeſehenſten Gaſthauſes der Stadt be⸗ graͤnzt wird. Die arme Frau, von der hier die Rede, be⸗ ſizt noch ohnerachtet des furchtbaren Kummers, der ſie wahnſinnig gemacht hat, eine außerordentliche Schönheit.“ Dabei druckte Claude Gerard ſeine beiden Haͤnde vor ſeine Augen. Ich wagte nicht, ſein ſchmerzliches Schweigen zu unterbrechen, bald begann er aber wieder ſchaudernd; „Ich ſagte Dir, daß ſie noch außerordentlich ſchön war. Ihr Irrſein, das erſt Wahnſinn, iſt nachher ſo harm⸗ los geworden, daß man ihr große Freiheit zugeſtanden hat. So erlaubte man ihr in einem abgeſonderten Theile des Gartens ſpazieren zu gehen, der, wie ich Dir ſagte, ſich an den Zubehörungen zu einem Gaſthofe hinſtreckte. Eines Abends, und ich wiederhole Dir, daß es durch ein ſonder⸗ bares ungluckliches Schickſal der Tag nach dem war, wo mich Bamboche zum letzten Male beſucht hatte, eines Abends alſo befand ſich dieſe Ungloͤckliche, die eine Art von Wohlſein darin fand, wenn man ſie im Mondſchein ſpazie⸗ ren gehen ließ, in dieſem Garten am Irrenhauſe.“ Claude Gerard hielt hier abermals inne, und fuhr dann fort: „Jetzt, und durch ein bisher entelugches Ge⸗ heimniß .. .“ Claude Gerard konnte in ſeiner Erzahlung nicht fort⸗ fahren. Ein kleiner Burſche trat athemlos in unſern Verſchlag, und rief: „Herr Schulmeiſter! Da kommt eben die Kutſche am Ende des Dorfes vorbei, ſie kann nicht mehr als 5 Minu⸗ ten warten ... denn ſie iſt aufgehalten worden, und der Conducteur fuͤrchtet, auf der Station die Diligence nicht mehr zu treffen.“ „Es iſt mir ſo lieber,“ ſagte ſchnell Claude Gerard zu mir, als fuhle er ſich von einer ſchweren Laſt erleichtert. „Ich weiß nicht, ob ich wuͤrde haben — können. Mein Herz bei dieſer — zugleich. . .. Ich ſchreibe Dir.. Dann ſtreckte Claude Gerard die Arme nach mir aus. Dieſe Trennung verurſachte mir einen ſo heftigen Schmerz, wie ich nie heftiger in meinen Leben empfunden habe. — — Und dieſen Schmerz ließ mich ein grauſamer Zufall bis auf die Hefe auskoſten. Der Wagen, der mich bis auf die Station brachte, wo ich die Pariſer Diligence finden ſollte, fuhr in ihrer ganzen Laͤnge durch die Ginſterpflanzung, auf welche das kleine Fenſter Claude Gerards ſah. So kam ich denn bei meiner Entfernung vom Dorfe durch denſelben Weg, durch welchen ich gegangen, um mich bei dem Rendezvous einzuſtellen, wo Bamboche, Basquine und ich nach dem bei Claude Gerard veruͤbten Diebſtahl uns finden ſollten. Von der Bank aus, auf welcher ich ſaß, ſah ich von Weitem den Schulmeiſter am kleinen Fenſter ſtehen, und mir mit der Hand ein letztes Lebewohl zuwinken. Kaum konnte ich mein Schluchzen unterdruͤcken. Der Wagen wendete ſich... Alles verſchwand vor meinen Augen. Dann erreichte er, als letzte Pruͤfung, die Auffahrt, die zu dem ſteinernen Kreuze fuͤhrte, an welchem ich den kleinen Shawl Basquinens in dem Bluttuͤmpel gefunden hatte. Nach einer Stunde kamen wir auf der Station an, und ich nahm meinen Platz in der Pariſer Diligence ein. Der Beſchuͤtzer, den ich der väterlichen Guͤte Claude Gerards verdankte, hatte meine Reiſe bezahlt, und den noͤ⸗ thigen Vorſchuß geſendet, damit ich in Paris angemeſſen ge⸗ kleidet ankaͤme. Dieſer Gedanke, nach Paris zu gehen und dort zu — 287 — bleiben, das Streben ſo vieler Menſchen, welche genöthigt ſind, in der Provinz zu leben, verurſachte mir keine jener freudigen Blendungen, welche ich hätte erwarten ſollen. Im Gegentheil, wenn ich an Claude Gerard und an das Einzelt⸗ ſtehen meines Herzens dachte, zu welchem ich von nun ver⸗ urtheilt ſein ſollte, reiſ'te ich mit einer Traurigkeit, in welche Bedauern und faſt Furcht ſich miſchte, nach der Hauptſtadt. Meunzehntes Bapitel. Nachforſchungen. In Paris angelangt, nahm ich, nachdem ich aus der Diligence geſtiegen, einen Fiaker, brachte mein beſcheidenes Gepaͤck in denſelben und ließ mich zu Herrn von Saint Etienne, meinem kuͤnftigen Beſchuͤtzer, Straße Montblanc, Nr. 9 c. fahren, wie die Adreſſe auf dem Briefe lautete, den mir Claude Gerard zu meiner Einfuͤhrung gegeben hatte. Es war etwa 3 Uhr Nachmittags, als der Fiaker vor einem ſtattlichen Hauſe hielt. Zu meinem großen Erſtaunen erblickte ich unter dem Haupteingange zwei bis drei Gruppen von Perſonen, die 43 ſehr lebhaft unterhielten, während im Hofe Bediente ſehr ſchaͤftig hin und her liefen. Die Loge des Portiers ſuchend ſit ich mich den Grup⸗ pen und hoͤrte folgende Worte wechſeln „Es iſt ein großes Ungluͤck!“ „Und ganz unerwartet!“ — 289 — „Wer hätte das geſtern noch gedacht!“ „Und ſeine Frau und Kinder, die ſeit Mittag ausgegan⸗ ſind, wie man ſagt, und nichts davon wiſſen!“ „Wenn ſie nach Hauſe kommen ... welche Nachricht!“ „Es iſt ſchrecklich!“ n Ob mir gleich dieſe Worte unerklärlich waren, verur⸗ ſachten ſie mir doch eine unbeſtimmte Unruhe. Ich wendete mich zu der Loge des Portiers. Sie war leer. Nachdem ich nun eine Weile gezögert, redete ich einen Bedienten in Livree an, der ſchnell uber den Hof ging und ſragte ihn: „Kann ich Herrn von Saint Etienne ſprechen?“ Dieſer Mann blieb ſtehen, ſah mich an, als ob meine Frage ihn zugleich verwundre und verdrieße, und antwortete dann achſelzuckend und ſeinen Weg fortſetzend fluͤchtig: „Wiſſen Sie denn noch nicht, daß der Herr eben vom Schlage getroffen worden iſt und man die Leiche vor einer Stunde nach Hauſe gebracht hat?“ Unbeweglich vor Schrecken ließ mich der Diener ſtehen. Dieſe traurige Nachricht war vollkommen deutlich, ich konnte und wollte aber nicht daran glauben. Mit jener kin⸗ diſchen Widerſetzlichkeit, die Verzweifelnden, die ſich darauf ſezen, um jeden Preis zu hoffen, ſo gewoͤhnlich iſt, trat ich zu einer der Perſonen, welche eine Gruppe bildeten, und „Es iſt ohnſtreitig nicht wahr, mein Herr, daß Herr von Saint Etienne vom Schlage geruͤhrt worden, wie man das Geruͤcht verbreitet hat.“ Vartin IV. 15 wahrer als dies. Ich war ja dabei, vor einer Stunde, als man den Leichnam des Herrn von Saint Etienne in ſeinem Wagen brachte! Es iſt ein großes Ungluͤck fuͤr ſeine Fa⸗ milie.“ „Oh, ſehr groß!“ rief ich unwillkuͤrlich aus und ſctzte dann hinzu: „aber es iſt doch wohl noch einige Hoff⸗ nung.“ „Keine, „Herr, keine! Der Schlag hat ihn dieſen Morgen um 10 Uhr, im Miniſterio des Innern getroffen, wo Herr von Saint Etienne ſich befand. Man hat ſogleich die erſten Aerzte in Paris holen laſſen .. und . Mein Sprecher unterbrach ſich hier. Eine gewiſſe Be⸗ wegung entſtand plötzlich in den Gruppen, als man einen Bedienten athemlos kommen ſah, der von der Straße herbei⸗ eilend rief, indem er ſich an den ſeiner Kameraden wendete, mit dem ich vorhin geſprochen hatte, und der als Vorpoſten ausgeſtellt zu ſein ſchien: „Da kommt die gnädige Frau! ... Ich habe ihren Wagen geſehen.“ ſun Bei dieſen Worten ſtieg der andere Bediente ſchnell die Stufen eines Perrons hinan, und faſt auf der Stelle trat ein bejahrter Mann mit weißen Haaren aus dem Parterre, trock⸗ nete ſeine thräͤnenvollen Augen und ging zu dem aͤußern Eingange, blieb einen Augenblick auf der Schwelle ſtehen, von wo er ohnſtreitig ein Zeichen gab, den ſich nahenden Wa⸗ egn halten zu laſſen, und eilte dann in die Straße. — 291 — „Dieſer alte Herr gehört zur Familie,“ ſagte Jemand aus den Gruppen, „er will die arme Dame und ihre Kinder nicht hier hereinfahren laſſen, um plötzlich einen ſo unerwar⸗ teten Ungluͤcksfall zu vernehmen.“ „Man wird ſie wahrſcheinlich zu ihren Aeltern bringen,“ ſagte ein Anderer. So unbedeutend auch dieſe Einzelnheiten ſein mögen, ſo habe ich ſie doch nicht vergeſſen, weil jedes dieſer Worte mich heftig traf und die letzten und thörigten Hoffnungen zer⸗ ſtörte, die ich noch bis zuletzt gehegt hatte. Es war vorbei! In wenigen Minuten ſah ich meine Zukunft zertruͤm⸗ mert. Ich befand mich in Paris ohne den mindeſten Schutz, faſt auch ohne Hilfsmittel, denn von der Summe, die mein Beſchuͤtzer großmuͤthig an Claude Gerard geſendet hatte, um meine Reiſe und Kleidung zu bezahlen, waren mir nur noch ahngefaͤhr 10 Franks uͤbrig geblieben. Mein erſter Gedanke war, ſogleich zu Claude Gerard zurückzueilen, aber die Reiſe dahin koſtete 120 Franks, und um ſie zu Fuße zuruͤckzulegen, brauchte ich 14 bis 18 Tage. Ich weiß nicht wie lange ich verdutzt, unthätig, erſchro⸗ cken und zu irgend einem Entſchluſſe unfähig auf dieſe Art unter der Eingangsthuͤre geſtanden habe, während die Grup⸗ pen ſich nach und nach zerſtreut hatten. Der Portier des Hauſes gewahrte mich enblich und ſagte zu mir: . „Mein Herr, was wollen Sie noch hier?“ 19* — — Ich bebte zuſammen und ſah ihn ſtarr an. Er mußte ſeine Frage wiederholen, auf welche ich nichts zu antworten wußte. Endlich faßte ich wieder ein wenig Muth, nahm den Brief Claude Gerards aus der Taſche und ſagte zum Por⸗ tier: „Ach, mein Herr, ich komme 200 Stunden weit von hier mit einem Briefe an Herrn von Saint Etienne, der mein Beſchuͤtzer werden ſollte, und bei meiner Ankunft erfahre ich, daß er todt iſt! .. Ich kenne Niemand in Paris und bin faſt von Allem enthloßt. 4 Ohnſtreitig ruͤhrte meine Niedergeſchlagenheit, die Auf⸗ richtigk it meines Tones und der Anblick des Briefes, den ich ihm zeigte, den Portier, denn er antwortete mir: „Armer junger Mann, das iſt in der That recht un⸗ glucklich! ... Ich beklage Sie, kann Ihnen aber jetzt nicht helfen. . .. Einige Tage muͤſſen Sie warten. Wenn Sie dem ſig Herrn ſo dringend empfohlen waren, p wird die gnaͤ⸗ dige Frau vielleicht etwas fuͤr Sie thun . im Augenblicke aber, das ſehen Sie wohl, kann man von ſo etwas nicht mit ihr ſprechen, da ſie ſo plotzlich einen ſo erſchrecklichen Verluſt erlitten: . man muß ſich einige Zeit gedulden.“ „Gedulden, mein Herr!“ rief ich voll Bitterkeit aus. „Ich ſage Ihnen ja, daß ich Niemand in Paris kenne daß ich keine Hilfsmittel beſitze. . . „Ich kann Ihnen nicht helfen, armer junger Mann; kommen Sie in ein 14 Tagen wieder; vielleicht können Sie dann mit der gnaͤdigen Frau ſprechen,“ antwortete mir der — — Portier und fuͤhrte mich nach und nach an die Thuͤr, die er hinter mir verſchloß. Gaͤnzlich unbekannt mit den Pariſer Sitten und in Gedanken uͤber mein bevorſtehendes Zuſammenkommen mit Herrn von Saint Etienne verſenkt, hatte ich den Fiaker, deſſen ich mich bedient, und in welchem ſich mein kleines Paͤckchen befand, an der Thuͤr des Hotels ſtehen laſſen. „So fahren wir denn alſo nach der Stunde, mein Herr?“ ſagte der Kutſcher, als die Thuͤr des Herrn von Saint Etienne ſich hinter mir geſchloſſen hatte. Gluͤcklicherweiſe hatte ich in den Meſſagerien an meine Uhr geſehen. Es war 2 Uhr 20 Minuten. . . . „Wo fahren wir denn hin?“ Ich begriff dieſe Bedeutung der Worte des Kutſchers nicht. So fahren wir nach der Stunde? Dies waren Worte, die ich fuͤr meine ſchwachen Finanzen nicht fuͤr ſo gefahrdro⸗ hend hielt. ... Uebrigens ſchmetterte mich dieſe Frage, die ſo ganz meinen troſtloſen Zuſtand ſchilderte, zu Boden: Wo fahren wir hin? Wohin denn in der That? Plötzlich fiel mir Bamboche ein. „Welcher Wink der Vorſchung!“ dachte ich; „und wie Recht hatte Claude Gerard mich zu veranlaſſen, ſeine Adreſſe zu behalten!“ Ich öffnete alſo den Umſchlag, der ſie enthielt. Ich fand darin eine zierliche Karte, auf welcher ich, in faſt unkennba⸗ ren Buchſtaben geſtochen, las: Lle Capitaine Heclor Bambochio. 19 Rue de nichelien. — Obgleich dieſer militairiſche Grad und fremde Endigung des Namens meines Freundes aus meiner Kindheit mich in große Verwunderung ſetzten, und mir viel zu denken gaben, befand ich mich doch in einer allzu kritiſchen Lage, und um es ganz offen zu bekennen, fuͤhlte ich ein zu lebhaftes Verlan⸗ gen Bamboche wiederzuſehen, um mich bei dieſen Bedenklich⸗ keiten aufzuhalten. Ich hielt mich fuͤr gerettet aus der un⸗ gluͤcklichen Lage, in welche ich gerathen war, und ſagte dem Kutſcher beim Einſteigen in den Wagen mit einem Freuden⸗ ſeufzer: „Fahren Sie mich Straße Richelien Nummer 19. Iſt denn das weit von hier?“ „Nur zwei Schritte, mein Herr.“ Damit fuhr der Fiaker nach der Straße Richelieu. Alles war vergeſſen, die furchtbare Ungewißheit der Zukunft wie die Furcht, welche mir der unheilvolle Einfluß Bamboche's verurſachen konnte. Ich ſollte ihn nach 8 Jahren der Trennung wiederſehen, ihn, der mich immer noch zaͤrtlich liebte, wie ja ſein Benehmen bei Claude Gerard deutlich zeigte. Viel⸗ leicht ſollte ich auch durch Bamboche ſogar Nachricht von Basquine erhalten! Zum erſten Male ſeit langer Zeit empfand ich eine Regung von Gluͤck, eine Regung, die mir um ſo ſuͤ⸗ ßer war, je verzweiflungsvoller ich einen Augenblick zuvor geweſen. Der Fiaker hielt am Eingange jener ſo geraͤuſchvollen, ſo glänzenden Straße, denn es war gegen Ende Dezem⸗ bers, und ob es gleich noch Tag war, ſo fingen doch die — 295 — Gewolbe ſchon an von Lichtern zu funkeln. Ich ward von ſolch hellem Glanze geblendet, von ſolchem Laͤrmen betaͤubt, und unter dem Eindrucke des Gluͤcks, das ich empfand, wenn ich an Bamboche dachte, begann ich zu finden, daß Paris einen wahrhaft feenartigen Anblick darbiete. Der Kutſcher oͤffnete die Wagenthuͤr. Ich trat in ein Haus von prachtvollem Aeußern und fragte den Portier: „Iſt der Capitain Hektor Bambochio zu Hauſe?“ „Der Capitain Hektor Bambochio!“ rief der Portier und ſprach dieſen Namen mit einem Accente voll Bedeutung, Ehrerbietuug und Schmerz aus. „Ach, mein Herr! ſeie ſechs Monaten haben wir ihn verloren!“ im „Er iſt todt?“ rief ich. „Todt! nein, nein, mein Hert, Gott wolle ſo ein Un⸗ gluck verhuͤten,“ antwortete der Porticr. „Der Herr Capi⸗ tain Hector, einer der Befreier von Texas, ein ſo großmuͤthi⸗ ger, ſo herablaſſender, ſo gutmuͤthiger, ſo luſtiger Herr! Nein, nein, es giebt zu Wenige von der Art, als daß er ſter⸗ ben ſollte! Ich will damit bloß ſagen, daß wir den Herrn Capitain ſeit ſechs Monaten als Miethsmann verloren haben.“ Bamboche, Befreier von Texas? Das uͤberraſchte mich anfangs, in meiner naiven Leichtgläubigkeit aber ſchien es mir dann wieder nicht unmoͤglich, daß mein Freund einige Jahre lang in die neue Welt koͤnnte ausgewandert ſein, wo er dann ohne Zweifel den Grad eines Capitains erlangt. Die Tapferkeit und Kraft Bamboche's machten dieſe Voraus⸗ ſetzung glaublich. Gluͤcklich wie ich war, von meinem Freunbe — 2296 — mit ſo vieler Achtung und Theilnahme ſprechen zu hören, wuchs mein Verlangen, ihn wiederzuſehen, noch immer höher, und ich ſagte zum Portier: „Und wo wohnt denn der Capitain jetzt?“ „Straße Saint Germain, Hotel du Midi. Der Herr Capitain hat das köſtliche Appartement, das er in dieſem Hauſe gemiethet und meublirt hatte, verlaſſen, weil dieſes Viertel fuͤr ſeinen Vater, den Herrn Marquis zu geraͤuſchvoll war.“ „Sein Vater . der Marquis?“ ſagte ich maſchinen⸗ mäßig nach, denn Bamboche als Sohn eines Marquis ſetzte mich noch ganz anders in Staunen, als Bamboche als Ca⸗ pitain, Bamboche als Befreier von Texas. Auch wieder⸗ holte ich, ohne daran zu denken, dem Kutſcher meine Ver⸗ wunderung zu verbergen: „Sein Vater, der Marquis?“ „Ja, mein Herr,“ entgegnete der geſpraͤchige Portier. „So wiſſen Sie denn alſo nicht, daß der Signor Marquis Annibal Bamkbochio, Vater des Capitain Hector, nach Pa⸗ ris gekommen iſt, um deſſen Vermählung beizuwohnen?“ „Der Vermählung des Capitains?“ „Verſteht ſich! Eine vortreffliche Heirath,“ erwiderte der Portier vertraulich. „Die Tochter eines Granden von Spanien, von beiden Spanien! ... Das iſt mehr als ein Herzog, hat mir der Capitain geſagt.“ „Die Tochter eines Granden von Spanien?“ — ich mit ſteigender Verbluͤffung. „Nichts mehr, noch weniger, mein Herr; der Capitain hat mir beim Fortgehn geſagt: Mein wackrer Kamerad .. der Capitain nannte alle Welt ſeine Kameraden, ſelbſt ſeine Bedienten, auch wäre man fuͤr ihn durchs Feuer gegangen“ ſetzte der Portier als Parentheſe hinzu und fuhr dann fort: „Mein braver Kamerad ... ſagte alſo der Capitain . wenn ich im Pallaſte meines Schwiegervaters heimiſch ſein werde, in der Hauptſtadt beider Spanien, werde ich Sie als Schwei⸗ zer annehmen und Ihnen eine Hellebarde in die Hand geben. Vielleicht denkt der Capitain nicht mehr an mich,“ endete der Portier mit einem Seufzer; „und da der Herr ihn ken⸗ nen, ſo wären Sie wohl ſo gutig, ihn an mich zu erinnern.“ „Gewiß, gewiß . . . ich kenne den Capitain, und werde Sie ihm empfehlen,“ antwortete ich, ohne lange zu bedenken was ich ſagte. Eine Art moraliſchen Schwindels hatte mich befallen. Bamboche die Tochter eines Granden von Spanien heira⸗ thend!! Trotz meiner hartnäckigen Leichtgläubigkeit ſchien mir dies doch anfangs allzu unmöglich, aber bald wieder von Freundſchaft verblendet, ſagte ich zu mir ſelbſt: „Und warum ſollte das nicht ſein können? Bamboche iſt jung, ſchön, kuͤhn, unternehmend; nach ſeinem Geſpräche mit Claude Gerard zu ſchließen, ſcheint ſich ſein Geiſt entwickelt, gebildet zu haben. Was liegt denn Unmögliches darin, daß er einem jungen Mädchen den Kopf verdreht habe? Er iſt Capitain, die Uniform nivellirt alle Verhaͤltniſſe.“ Ich empfand ſo großes Vergnuͤgen, mit Lobeserhebun⸗ gen von Bamboche ſprechen zu horen, daß trotz meines Ver⸗ langens, ſchnell bei ihm zu ſein, ich mich doch nicht enthalten konnte den Portier mit Ruͤhrung zu fragen: „Alſo .. hatte man ihn wohl ſehr lieb, den Capi⸗ tain?“ „Ob man ihn lieb hatte! Das Gold ſtroͤmte ja aus ſei⸗ nen Haͤnden. Ja, das iſt das rechte Wort es ſtrömte ihm aus den Händen. ... Man hat noch nie einen ſolchen Menſchen geſehen. .. . So zum Beiſpiel, ſehen Sie: er hatte ein koſtbares Meublement gekauft, das er nur ſechs Monate lang behielt, nach deren Verfluß er mit ſeinem Vater, dem Signor Marquis in die Vorſtadt Saint Germain zog. Nun denn, dieſes Meublement hat er wieder an den Tapezier um ein Viertheil ſeines Werths verkauft, ohne zu handeln. Nur das Meublement im Speiſeſaale hat er behalten, und wiſſen Sie weßhalb? um es den Garcons zu ſchenken, mit den Worten, das ſei ihr Trinkgeld, und doch war es vielleicht 2000 Franks werth. Mir, mir hat er, als er fortzog, als Trinkgeld ein Violoncello, mit einem köſtlichen mit Gold aus⸗ gelegten Bogen und einen zahmen Baͤren gegeben, den er in ſeinem Garten hatte. Ich habe das Cello fuͤr 150 Franks und den Bär fuͤr 200 in den Pflanzengarten verkauft .. und einen ſolchen Menſchen ſollte man nicht lieb haben?“ „So war alſo der Capitain ſehr gutmuͤthig?“ fragte ich nach dieſer Aufzählung der Freigebigkeiten Bamboche's. „Das will ich meinen, mein Herr. Et bezahlte Alles ohne zu handeln, nur lebhaft war er wie Pulver. Auf einen — — Fußtritt oder Rippenſtoß mehr oder weniger kam es ihm nicht an. Aber wie haͤtte man ihm deshalb boſe ſein ſollen, da das Ende ſolcher Lebhaftigkeiten allemal ein tuchtiges Trink⸗ geld war.“ Dieſe knechtiſche und intereſſirte Demuth war mir zu⸗ wider. Bis dahin erſchien mir Bamboche nur als thoͤrigt, verſchwenderiſch und gewoͤhnlich roh. Ich kannte den Freund meiner Kindheit zu gut, um mich uͤber dieſe Mittheilungen zu wundern. Ich hoffte jedoch, ehe ich dieſes Haus verließ, noch etwas von Basquine zu erfahren, und ſagte daher ium Por⸗ tier nicht ohne einige Verlegenheit: „Kam nicht manchmal ein junges ... blondes Maͤd⸗ chen ... mit ſchwarzen Augen zum Capitain?“ „Ein junges Maͤdchen? ach, mein Herr, Dutzende von jungen Maädchen! Denn es iſt ein gewaltiger Tauſendſaſa der Herr Capitain! .. und ſeine kleine Grande von Spanien muß die Augen aufmachen .. . wenn ſie nicht lieber alle beide zumacht, was das Beſte waͤre.“ „Dieſes junge Madchen,“ ſagte ich zögernd, „nannte ſie ſich nicht Basquine?“ „Basquine? kenne ſie nicht,“ ſagte der Portier „Da aber nicht alle ihren Namen ſagten, wenn ſie zum Capi⸗ tain gingen ... ſo kann's wohl auch ſein, daß ſie hergekom⸗ men iſt .. wie ſo viele andere.“ §0 weiß nicht warum mein im Anfang ſanft ſich öff⸗ nendes Herz ſich immer mehr zuſammenzog. —. ſagte alſo zum Portier: —————— — 8 — „Wollen Sie wohl ſo gefällig ſein, und mir die Adreſſe des Capitains aufſchreiben?“ „Mit dem größten Vergnuͤgen, mein Herr! Wa thaͤte man nicht fuͤr einen Freund des Capitain Hector Bambochio?“ Und nicht lange, ſo gab er mir ein Blatt, auf dem ge⸗ ſchrieben ſtand: Herr Capitain Hector Bambochio, Straße Seine⸗Saint⸗Germain, Hotel du Midi. Ich haͤndigte die Adreſſe dem Kutſcher ein, und wieder in den Fiaker. Der Portier ſchlug ehrerbietig den Tritt und ſagte: „Vergeſſen Sie nicht, mein Herr, mich in das 6e dächtniß des Capitains, wegen der Stelle als Schweizer in Spanien, zuruͤckzurufen.“ „Ich werde nicht verfehlen,“ antwortete ich ihm. Und der Wagen fuhr nach der Straße Seine⸗Saint⸗ Germain. Die Nacht war jetzt ſchon eingebrochen. Wenn ich nun mit kälterm Blute nachdachte, fuͤhlte ich, trotz meiner gänzlichen Unbekanntſchaft mit Menſchen und Dingen, doch Alles, was Uebertriebenes und Lügenhaf⸗ tes in der Erzählung des Portiers liegen mußte, und wie abenteuerlich und gewagt die Exiſtenz Bamboche's ſeit unſrer Trennung geweſen ſein mußte. Ohnerachtet deſſen aber, und vielleicht eben deßhalb ſtieg noch meine — 301 — Nach einiger Zeit hielt der Fiaker in einer finſtern, und eben jetzt faſt ganz einſamen Gaſſe, deren Anſehen ge⸗ waltig von der belebten und glaͤnzenden Straße abſtach, die ich eben verlaſſen hatte. Der Wagen ward geoͤffnet, und ich ſtieg vor der Thur eines finſtern und engen Ganges aus. „Iſt dies das Hotel du Midi?“ ſragte ich den Kut⸗ ſcher, da ich die Wohnung fuͤr den Signor Marquis Annibale Bambochio, kuͤnftigen Schwiegervater der Tochter eines Granden von Spanien ſehr beſcheiden fand. „Ja, hier iſt es. Sehen Sie nur die Laterne,“ ant⸗ wortete der Kutſcher, indem er auf eine Art laͤnglichen glaͤ⸗ ſernen Kaͤfig zeigte, der von innen erleuchtet war, und auf dem man mit rothen Buchſtaben las: Hotel du Midi. Ich griff mich in den engen Gang, und ſtand vor einem Lichtſcheine, der aus einem Zimmer kam, das mit einer halben Glasthuͤre verſchloſſen. Eine ſchlecht gekleidete Frau ſchlummerte darin auf einem Stuhle, neben dem Ofen. Hinter ihr ſah ich ein numerirtes und mit Nägeln verſehenes Brett, an welchem eine große Menge Schluſſel hing. „Madame,“ ſagte ich, das obere Fenſter der Thuͤr öffnend, zu dieſer Frau, „iſt der Capitain Bambochio zu Hauſe?“ „Wie?“ antwortete die Frau, welche plötzlich erwachte, ſich die Augen rieb und mich verdummt anſah: „Nach wem fragen Sie?“ chn ——————————— — 3 — „Ich frage, Madame, ob der Capitain Bambochio zu Hauſe iſt?“ „Der Capitain!“ rief dieſe Frau, und betonte die⸗ ſes Wort mit einem Accente höhniſchen Zornes. „Der Capitain!!“ und bei dieſem Worte ergrimmten ihre Zuͤge, ihre Stimme wurde immer gellender, und ſie begann wieder mit einer Gelaͤufigkeit, die ich nicht zu unterbrechen wagte: „Der Capitain iſt von hier ausgekratzt, Gott ſei Dank, und ich hoffe, daß er nie wieder einen Fuß in dieſes Haus ſetzen wird!. .. Ungluͤckscapitain .. . der Grobian, der Staͤn⸗ ker, der Trunkenbold, der Raufer!... Mehr als ſechs Miethsleute haben lieber ausziehen, als mit dieſem Schnapp⸗ hahn hier wohnen wollen. .. Er hat zwei Studenten im Duell verwundet, wegen eines Zöfchens, das hierher zu ihm gezogen iſt, und hat meinem Neffen zwei Zähne ein⸗ geſchlagen, weil der arme Junge daruͤber klagte, daß er zu allen Stunden in der Nacht die Thure aufmachen müſſe... Der Eigenthuͤmer hat die Wache holen müſſen, um den Spitzbuben von hier fortzubringen, und er hatte die ſchoͤn⸗ ſten Zimmer im erſten Stock noch dazu inne. Schurke von einem Italiener! warte nur, an Dich werde ich denken.“ Dieſer Kontraſt ſetzte ſich fort. Es lag eben ſo große Verſchiedenheit in den Erinnerungen, welche Bamboche, wie es mir ſchien, in dieſem Hauſe zuruͤckgelaſſen, von de⸗ nen im vorigen, wie in dem Aeußern dieſer beiden Gebäude. Die Illuſion des ſchwiegerväterlichen Granden von Spa — — nien und der reichen Heirath, die mir einen Augenblick lang ſo lieb geworden, verſchwand wie ein Traum. Ich ſchämte mich, daß ich nicht auf der Stelle dieſe unverſchaͤmten Streiche meines Kindheitsgefährten ſo gewuͤrdigt hatte, wie ſie es verdienten. Nicht eben ſehr nach Fortſetzung dieſer Unterredung begierig, ſagte ich dieſer Frau: „Madame, könnten Sie mir wohl ſagen, wo der Capitain jetzt wohnt?“ „Ich bin nicht Ihr Dienſtbote,“ entgegnete die Frau groblichſt, „ſuchen Sie ſich den Spitzbuben auf wo Sie wollen.“ Dieſe Antwort ſetzte mich in Schrecken. Mein ein⸗ ziger, mein letzter Wunſch war das Zuſammentreffen mit Bamboche. Wie auch ſeine Lage ſein möchte, wo ich ihn auch fände, ſo war ich doch meiner ſicher genug, um ſeinen nachtheiligen Einfluß nicht zu furchten, und hatte zugleich ſo viel Vertrauen in ſeine Freundſchaft, ja, ich muß ſagen, in ſeinen Verſtand voll Hilfsmittel, daß ich glauben konnte, er werde mir in der ſchrecklichen Lage, in welcher ich mich befand, ſelbſt auf redliche Art beiſtehen. Ich wollte alſo in dieſe Frau dringen, mir zu ſagen, wo Bamboche wohne, als ſie plotzich ſich anders beſinnend ausrief: „Nun doch, ſo will ich es Ihnen denn ſagen, wo er wohnt, und zwar deßhalb, damit Sie, wenn Sie ihn ſehen, ihm ſagen können, daß man ſich ſeiner hier erinnert, und — 304 — oft von ihm ſpricht. Zugleich werden Sie ihn davon in Kenntniß ſetzen, daß, wenn er ſo ungluͤcklich ſein ſollte, wieder hierher zu kommen, er von der Wache und dem Com⸗ miſſair werde in Empfang genommen werden. Er ſoll nicht glauben, daß wir uns vor ſeinen langen Armen und ſeiner Maſſakriermiene fuͤrchten!“ „Wollten Sie die Guͤte haben, Madame, mir zu ſa⸗ gen, wo der Capitain wohnt?“ entgegnete ich mit Ungeduld. „Nun denn! als er fortging, hat er keck geſagt, daß, wenn man eine Einladung nach Hofe fuͤr ihn erhalte, (nach Hofel da bitte ich Sie! ... ein ſolcher Bandit und nach Hofe gehn,) oder wenn man ihm Saͤcke mit Gold und Silber, oder Kaͤſtchen mit Diamanten zuſenden ſollte, (Saͤcke mit Gold und Silber! Diamanten! bedenken Sie nur!) man ihm die Einladungen und Gelder Barriere de la Chopinette, Impaſſe du Renard Nummer 1 nachſenden möchte.“ „Schönen Dank, Madame,“ ſagte ich, und entfernte mich ſchnell, aus Furcht, ein Wort von dieſer Adreſſe zu vergeſſen, die ich dem Kutſcher gab. „Alle Wetter!“ ſagte dieſer, „das iſt gerade ſo, als ſagte man nach Moskau.. nehmen Sie mir das nicht ubel. .. Aber meinetwegen, es geht nach der Stunde. Alſo vorwaͤrts, nach der Stunde, Barriere de la Chopinette kennt man, aber den Impaſſe du Renard, kenne ihn nicht, und doch iſts gar lange her, daß ich auf Pariſer Sh fahre. Nun gleichviel, ich werde fragen.“ — — Und vorwaͤrts gings im Wagen. Meine Traurigkeit mehrte ſich mit meinen Beſorgniſ⸗ ſen. Ich fing an zu furchten, Bamboche gar nicht wieder⸗ zufinden, und wenn nun, nachdem ich ihm ſo von Wohnung zu Wohnung gefolgt war, meine Nachforſchungen vergeb⸗ lich blieben, was dann anfangen? was ſollte in Paris aus mir werden? Martin. 1V. 20 Jnzigſtes Rapitel. Das Impasse du Benard (Sackgaſſe des Fuchſes.) Nachdem wir lange durch einſame Viertel gefahren waren, kamen wir in eine viel belebtere Straße. Der Wa⸗ gen hielt vor dem Gewölbe eines Weinhändlers, und ich hörte den Kutſcher einige Leute, die auf der Schwelle deſſel⸗ ben ſchwatzten, fragen: „Die Sackgaſſe des Fuchſes? (Pimpasse du renard) wollen Sie ſo gůtig ſein, meine Herren?“ „Wenn Sie die Barriere paſſirt haben, die erſte Gaſſe links und dann wieder rechts, und dann noch einmal rechts, nachher kommen Sie uber ein kleines Stuͤckchen Feld, und Sie ſind da,“ ſagte Einer dieſer Maͤnner. „Schönen Dank!“ entgegnete der Kutſcher. „Sagen Sie mir doch, Alter,“ begann der Andere wieder, „wiſſen Sie denn auch, daß Wagen nicht in die Sackgaſſe fahren durfen? Bleiben Sie alſo an einer Aus⸗ weichung halten, denn Leute mit Wagen koͤnnen in der Regel nicht in dieſe Winkel.“ „Auch haſt Du wahrhaftig,“ ſetzte eine andere Stimme hinzu, „das Ehrenlegionskreuz verdient, Alter, wenn Du bis dahin kommſt. Du wirſt dann der erſte Kutſcher ſein, der bis zur Sackgaſſe des Fuchſes gelangt iſt.“ „Schon gut, ſchon gut, Ihr ſchlechten Speßmacher!⸗ antwortete der Kutſcher, und ich hoͤrte ihn vor Ungeduld zwiſchen den Zähnen fluchen, während er auf ſeine keuchen⸗ den Pferde peitſchte. Nachdem wir nun die Barriere hinter uns gelaſſen hatten, und durch einige total finſtre und einſame, nur durch ſchwachen Laternenſchimmer beleuchtete Straßen ge⸗ kommen waren, fuhr der Fiaker, der jeden Augenblick Ge⸗ fahr lief, in den tiefen Gleiſen umzuwerfen, uber ein Feld, und blieb nach einigen Minuten halten. Jetzt öffnete mir der Kutſcher die Wagenthuͤr, und ſagte, ohne ſeine uͤble Laune zu verbergen: „Alle Teufel! was fuͤr Wege! Sie konnen ſich ruͤh⸗ men, Bekanntſchaften in allen Orten von Vierteln zu ha⸗ ben, von den Hotels in der Chauſſte d'Antin an bis zur Sackgaſſe des Fuchſes. Bei alledem iſt es 8 Uhr vorbei, und ich habe noch nichts gegeſſen, eben ſo wenig wie meine Pferde. Werden Sie lange hier bleiben? Ich lege indeß meinen Thieren ihren Hafer vor.“ „Ich werde ſogleich erfahren, ob die Perſon, die ich ſuche, zu Hauſe iſt,“ ſagte ich zum Kutſcher. „Iſt dies der Fall, ſo kommne ich wieder, und hole mein Päcktchen. 20* — 308 — Jedenfalls werden Sie nicht lange auf mich zu warten brauchen.“ 162 Indem ich mich nun vom Wagen entfernte, trat ich in eine enge, ſchmutzige, ungeſunde, mit ſchwarzen Haͤuſern oder vielmehr Huͤtten beſetzte Gaſſe, von welchen erſtern nur einige innerhalb Licht ſehen ließen. Man hatte mir Nummer 1 als Adreſſe gegeben, die Finſterniß hinderte mich aber, etwas zu erkennen, und ich klopfte an der erſten beſten Hausthüre. Nach langem Schweigen ließen ſich ſchleppende Schritte hinter der Thur hören, und eine Stimme rief „Wer da?“ . „Iſt hier Nummer 1 in der Sackgaſſe des Fuchſes?“ „Gegenuͤber.. Schafskopf! Hier iſt Nummer 2,“ antwortete brummend die Stimme. Ich ging quer uͤber die Gaſſe, und ſtieß an die Thuͤr eines Hauſes, das mir etwas weniger verfallen zu ſein ſchien, als das Erſtere. Die zwei Fenſter des Parterre hatten Laͤ⸗ den, durch deren Spalten ich Licht gewahrte. Ob ich gleich zweimal angeklopft, öffnete man mir doch nicht, es ſchien mir aber, als ob man im Innern des Hauſes ſchnell hin und wieder gehe, und ſelbſt kamen die oft wiederholten Worte mir zu Oheen: „So machen Sie doch, daß Sie fertig werden! . Beeilen Sie ſich doch!“ Voll Ungeduld klopfte ich von Neuem und ſtaͤrker an. Endlich oͤffnete ſich eines der Parterrefenſter hinter den Lä⸗ den, man machte dieſe ein wenig auf, und eine heiſere Stimme fragte mich: „Wer iſt da?“ „Iſt hier Nummer 1 in der Sackgaſſe des Fuchſes?“ Jä. „Iſt der Capitain Hector Bambochio zu Hauſe? 2 „Was ſagten Sie?“ „Der Capitain Bambochio?“ „So etwas giebts hier nicht!“ antwortete die Stimme, und die Fenſterlaͤden wurden wieder zugeworfen. „Das fuͤrchtete ich!“ rief ich verzweiflungsvoll. „Ich habe Bamboche's Spur verloren. Was nun anfangenk Mein Gott, was nun anfangen?“ Die Laͤden waren wieder geſchloſſen worden, aber das Fenſter hinter ihnen offen geblieben. Ich hoͤrte mehre Stimmen im Innern der Wohnung fluͤſtern. Ich wollte mich entfernen, blieb aber einen Augenblick noch, das war wohl gethan. Der Laden oͤffnete ſich von Neuem, und dieſelbe heiſere Stimme fragte mich: „Heda! Mann! ſind Sie noch da?“ „Ja, was ſolls?“ „Es giebt nichts hier von einem Capitain . einem Cayitain.... Wie nannten Sie ihn?“ „Hector Bambochio.“ „Ganz recht.. . den giebt es nicht hier... aber man kennt vielleicht Jemand, Namens Bamboche.“ „Den ſuche ich ja eben,“ rief ich mit wiederbelebter Hoffnung aus, „das iſt ſein wahrer Name, er laͤßt ſich aber Capitain Hector Bambochio nennen, ich wß nicht weshalb.“ „Ach, Sie wiſſen nicht, warum er ſich ſo nennen laßt?“ begann die Stimme wieder mißtrauiſch. und das Geziſchel hinter dein Fenſterladen fing wieder an, dann aber ſetzte die Stimme nach einigen Augenblicken hinzu: „Haben Sie ein — „Ein Paßwort? ... was bedeutet das?“ „Nicht?. nun naß iſt lächerlich!... Gute eet ſagte die Stimme hohnlachend. Und der verhaßte Fenſterladen flog wieder zu. Da ich auf dieſe Art nicht meiner noch einzigen und letzten Hoffnung entſagen wollte, ſo klopfte ich von Neuem an dieſen, und rief: „Mein Herr, ich iſne Sie, hoͤren Sie micht Ich bin ein Freund von Bamboche von den Kinderjahren her. Vor 8 Jahren lebten wir zuſammen. Heute bin ich in Paris angekommen, wo ich noch nie war. Um Ihnen zu beweiſen, daß ich Bamboche ſehr gut kenne, und daß er keinen beſſern Freund hat als mich.. Er trägt folgende Worte auf der Bruſt taͤtowirt: Bruͤderliche Freund⸗ ſchaft fuͤr Martin. Und Martin «bin ich“ Ohnſtreitig zerſtreute die Aufrichtigkeit meines Tones und die Eigenthuͤmlichkeiten, die ich angab, einiger⸗ maßen den Verdacht der Hausbewohner, denn nach einer — — neuen Berathung itu den Senſtern ſogte. n Stimme: „Wiſſen Sie wo die e — — tie „un nen iſt?“ 6 „Ich komme heute in Paris an. . wie ch Spnen ſchon ſagte. Ich kenne die Schaͤnke nicht „An der Barriere de la Chopinette wird man es Ihnen zeigen. .. Die drei Tonnen.. das iſt nicht weit. Von 11 bis Mitternacht finden Sie Bamboche dort. Er geht alle Abende hin.“ „Bamboche wohnt alſo nicht hier?“ „Gute Nacht!“ Und das Fenſter ſchloß ſich von Reuem⸗ aber dieſes Mal um ſich nicht wieder hinter den Laͤden zu oͤffnen, tros alles meines Dringens und meiner Bitten. Bamboche's Wohnung konnte ich alſo nicht erfahren⸗ So unſicher nun auch die Hoffnung war, welche mir blieb, ſo fand ich darin wenigſtens die Gewißheit, daß Bam⸗ boche in Paris ſei, und hatte die Ausſicht, ihn noch an dem⸗ ſelben Abende zu ſehen. Ich bing alſo zu meinem S zuruͤck, und ſagte ihm: „Wiſſen Sie wo die Schaͤnke zu wn drei Tonnen iſtz Man ſagte mir, es ſei nicht weit von hier. Sind wir ein⸗ mal dort, ſo koͤnnen Sie Ihren Ble zu Frn s und ſelbſt eſſen.“ „Die Schaͤnke zu den drei guginß keme das — gut,“ antwortete freudig der Kutſcher. „Sonntag und Montags Abends halte ich oft an der Thuͤr. Nun gut, mein Herr, Sie können mich an ſolchen Orten ſo lange warten laſſen, als Sie nur wollen, meine Thiere und mich, wir werden uns nicht darüber beklagen. In 10 Minuten ſind wir dort.“ und ſo fuhren wir denn nach der Schänke zu den drei Tonnen. Zum erſten Male ſeit dieſen Morgen dachte ich daran, daß die Koſten des Wagens, den ich ſeit meiner Ankunft nicht verlaſſen hatte, im Verhaͤltniß zu meinen geringen Hilfsmitteln bedeutend ſein muͤßten. Da ich jedoch Paris ganz und gar nicht kannte, ſo war mir durch die Natur meiner Nachforſchungen ſelbſt dieſe Ausgabe aufgedrungen worden. Da ich nun dieſe Nachforſchungen ſo ziemlich ihrem Ende ſich nahen ſah, ſo beſchloß ich, vor Allem den Kutſcher zu bezahlen... aber nicht lange, ſo hatte ich, einer tindiſchen und albernen Idee nachgebend, welche aber vielleicht Perſonen begreiflich finden werden, die ſich in einer der meinen ähnlichen Lage befunden haben, nicht mehr den Muth, den Kutſcher fortzuſchicken, bis ich auch gewiß waͤre, Bamboche wiederzufinden. Und warum denn dieſen fuͤr mich ſo koſt⸗ baren und nutzloſen Wagen behalten? Weil es mir ohne alle Bekanntſchaft in dieſer unermeßlichen Stadt vorkam, als ſei dieſer Kutſcher, der mich ſeit Mittag umherfuhr, kein Fremder mehr fuͤr mich. Allerdings ſcheint mir jetzt eine ſolche Idee ſehr albern, wenn ich mich aber des ſchrecklichen und unbeſchreiblichen Ge⸗ — 313 — fühls erinnere, das ich empfand, wenn ich mir ſelbſt ſagte: finde ich Bamboche dieſen Abend nicht.. ſo bin ich allein in dieſer ungeheuern Stadt, ohne Hilfsmittel, ohne einen Menſchen zu kennen! ſo begreife ich es, wie ich dahin ge⸗ langen konnte, dieſen Kutſcher e fuͤr eine Bekanntſchaft anzuſehen. Als daher der Wagen vor der Thuͤr der Schaͤnke zu den drei Tonnen hielt, ſagte ich zum Kutſcher: „Warten Sie auf mich... ich werde hier einige Zeit bleiben.“ „Und Ihr Packet?“ „Laſſen Sie's im Wagen.“ „Damit man es Ihnen ſtehle, nicht wahr? Nein, nein, ſeien Sie unbeſorgt, ich will es in einen meiner Kaͤ⸗ ſten legen. Da mags einmal Jemand ſuchen!“ Dieſe zuvorkommende Vorſicht ſchien mir von guter Vorbedeutung fuͤr den neuen Geſichtspunkt, aus welchem ich den Kutſcher betrachtete. Auch ſchien mir nun das Ge⸗ ſicht dieſes ziemlich bejahrten Mannes gut und offen. Einen Augenblick lang hatte ich Luſt ihm anzubieten, mein Abend⸗ eſſen zu theilen, denn ich war von Ermuͤdung und Hunger erſchoͤpft, und wollte dieſe Gelegenheit benutzen, um meine Kräfte ein wenig wieder herzuſtellen, aber ich wagte es nicht, dieſe Einladung an ihn zu richten, nicht aus Stolz, wie man leicht denken kann, ſondern aus einem ganz ent⸗ gegengeſetzten — 3h furchtete, der Kutſcher miß⸗ traue mir. 50n8 — 3 — Waährend er ſich damit beſchaͤftigte, mein Packet in Sichetheit zu bringen, ging ich in die zu dieſer Zeit faſt ganz einſame Schaͤnke. Doch ſaßen einige Trinker noch an den Tiſchen. An ihrer Kleidung, ihrem Betragen und ihrer Sprache erkannte ich leicht, daß ſie zur Handarbeiter⸗ klaſſe gehoͤrten. Es ſchienen wackere Handwerker zu ſein, die, Dank ſei's einem glücklichen Verdienſte, fröhlich tran⸗ ken. Es gab unter ihnen keine jener zuruͤckſtoßenden, un⸗ wurdigen Geſtalten, wie wir ihnen in unſerm Vagabonden⸗ leben mit Bamboche und Basquine oft in den niedrigen von Muͤſſiggängern und Uebelthätern beſuchten Schaͤnken begegnet waren, Schaͤnken, wo wir ſangen und bettelten. Die Unruhe und der Schrecken, welche mir die ge⸗ heimnißvolle Art zugezogen, mit der man mich in der vor⸗ geblichen Wohnung von Bamboche aufgenommen, verſchwan⸗ den etwas. Ich hielt es fuͤr keine ſchlechte Vorbedeutung fuͤr meinen Kindheitsfreund, daß er eine Schaͤnke be⸗ ſuchte, welche redliche Handwerker zu frequentiten pflegten. So ſitzte ich mich denn in eine iſolirte Ecke, der Thuͤre gegenuͤber, um Bamboche ſogleich zu ſehen, wenn er einträte. Ich verlangte eine kleine Portion Fleiſch, Brot und Waſſer. Als ich an die Uhr in der Schaͤnkſtube ſah, zeigte ſie auf 9 Uhr. Im ſchlimmſten Falle mußte ich alſo noch 2 bis 3 Stunden wartem i ia in So begann ich denn mein frugales Mahl, immer mit unruhigem Blicke auf die Thuͤr der Schaͤnke, ſobald ſie geoffnet ward, alle Eintretenden erſpaͤhend, oder wie man N — 315 — im gemeinen Leben ſagt, durchhechelnd, uͤberzeugt ubrigens, Bamboche wiederzuerkennen, trotz der ſeit unſrer Trennung verfloßnen Jahre, denn ſeine kraͤftigen und ausgeſprochnen Zuͤge waren zu tief in mein Süchtniß ingeprägt um 5 zu verkennen. Während ich ſo meine Ingen auf die Thuͤr gerichtet hatte, ſo oft ſie ſich oͤffnete, ſah ich einen jungen Mann von höchſtens 25 Jahren eintreten. Sein Wuchs war ſchlank. Sein Geſicht fiel mir ſogleich wegen ſeiner Regel⸗ maͤßigkeit und der ſeltnen und maͤnnlichen Schonheit ſeiner etwas abgemagerten Zuge auf. Er war bleich. Sein Ge⸗ ſicht zeigte v um ſo mattere Blaͤſſe, je dunkler ſeine Augenbraunen und langen Backenbärte waren, und der alte ſchwaͤrzliche, bis an den Hals zugeknopfte Paletot, den er trug, weder einen Hemdenhals noch ein Halstuch ſehen ließ. Stiefeln und Panktalons dieſes Mannes waren mit Koth beſpritzt, und er trug eine ganz verfallne Muͤtze. Trotz dieſes elenden Anzugs, oder vielmehr eben wegen des Kontraſtes, den er zu dem ſo ſchoͤnen und namentlich ſo vornehmen Geſichte dieſes Mannes machte, war es un⸗ moglich, nicht von ſeinem Anblicke betroffen zu werden. Er ging einige Schrikte weiter, und näherte ſich dadurch der Stelle wo ich ſaß. Jetzt erſt bemerkte ich, daß er etwas ſchwankte, und ſein Blick manchmal die duͤſtre, dem Be⸗ trunkenen eigenthuͤmliche, Starrheit beſitze. ufaͤllig oder abſichtlich lenkte ſich nach kurzem Zau⸗ dern dieſer Mann auf meine Seite hin, nach einem Theile des — 316 — Saales, wo alle Tiſche leer waren, der, an welchem ich mich befand, ausgenommen, und ſetzte ſich mir rechts. Nachdem er dies gewichtig gethan, ſo als ob ſeine Beine eingeſchlafen wären, blieb er einen Augenblick lang unbeweglich, nahm ſeine Mutze ab, und glaubte, ſie auf die lange Bank zu legen, auf welcher wir Beide ſaßen, die Muͤtze fiel jedoch vor meine Fuͤße nieder. Der Bewegung natuͤrlicher Zuvorkommenheit folgend, die vielleicht noch durch den Eindruck, den der Anblick die⸗ ſes Mannes auf mich machte, geſteigert wurde, buͤckte ich mich, um die Muͤtze aufzuheben, und legte ſie auf die Bank. Mein neuer Nachbar bemerkte es ... und ſagte mit dem Tone großer Sanftmuth und veniitit Hoͤflichkeit, ibei er ſich nach meiner Seite verbeugte: „Ich bitte tauſendmal um Vergebung, daß ich Sie bemühte, mein Herr. Tauſend Dank fuͤr Ihre Guͤte.“ Ich hatte nie in meinem Leben eine Idee von dem ge⸗ habt, was man die vornehme Welt nennt, aber ich weiß nicht, welcher Inſtinkt mir bei dieſen wenigen Worten mei⸗ nes Nachbars ſagte, daß ein Mann aus der vornehmen Welt ſich auch nicht anders wuͤrde ausgedruckt, und keine ausgezeichnetere Hoͤflichkeit in ſeine Verbeugung und Be⸗ wegung gelegt haben. Auch verlor auf die ſonderbarſte Weiſe, waͤhrend der kurzen Zeit, wo dieſer Mann mit mir ſprach, ſeine Phyſio⸗ gnomie die Maske düſtrer Unempfindlichkeit, und wurde — 317 — durch Anmuth und Geſprächigkeit völlig liebenswurdig. Gleich darauf verſteinte ſie ſich aber von Neuem. Der Aufwaͤrter des Weinhaͤndlers trat nun zu dem neuen Ankömmlinge, und ſagte, ohne Umſtaͤnde zu zu ihm: „Was begehren Sie, mein Lieber?“ „Eine Flaſche Branntwein,“ antwortete mein Nachbar langſam, und der faſt rauhe Ton ſeiner Stimme kam mir ganz anders vor, als vorher, wo er mit mir geredet hatte. „Ein Gläschen wollen Sie?“ fragte der Burſche. „Ich verlange eine Flaſche Branntwein, und ich be⸗ zahle ſie,“ antwortete mein Nachbar, immer noch uner⸗ ſchutterlich. Dann ſuchte er in ſeiner Gilettaſche und zog einige Goldſtuͤcke heraus, nahm eins zwiſchen Daumen und Zeigefinger, und warf es auf die Wachsleinwand des Tiſches. Betroffen betrachtete der Aufwärter dieſen Mann; dann nahm er das Goldſtuͤck und unterſuchte es mit Stau⸗ nen und einem Anfluge von Mißtrauen, das ihm ohnſtrei⸗ tig das ärmliche Aeußere des Gaſtes einflößte. „Geh ans Comptoir und laß es klingen,“ ſagte mein Nachbar, immer noch regungslos, und ohne im Mindeſten von dem beleidigenden Verdachte des Burſchen verletzt zu ſein. Dieſer, nicht ſehr an Zartheit gewöhnt, ging denn auch ans Comptoir, der Wirth warf mehre Male das Gold⸗ ſtuck aufs Brett, und der — brachte es dann mit den Worten wieder: „Nun ſo gebt mir eine Flaſche Branntwein,“ ver⸗ ſetzte mein Nachbar mit ſeiner langſamen und rauhen „Eine verſiegelte, mein Herr?“ fragte dieſes Mal der Aufwärter mit einer gewiſſen Höflichkeit, „das Beſte was wir von Branntwein haben.“ nl32 „Im Gegentheil. eine Flaſche von der Art, wie Ihr ſie den Lumpenſammlern vorſetzt, wenn einer kommt. und macht Euch bezahlt.“ 3510 „Das iſt ein Engländer,“ ſagte der Aufwärter halb⸗ leis, und entfernte ſich Noz Immer mehr verwundert, beobachtete ich neugierig dieſen Mann, ohne dabei jedoch die Thuͤr der Schaͤnke, durch welche ich immer Bamboche eintreten zu ſehen hoffte, aus den Augen zu verlieren. fon Der Aufwaͤrter kam wieder, und ſtellte die Flaſche und ein kleines Glas auf den Tiſch, ſowie er auch die uͤbrige Muͤnze von dem Goldſtuͤcke hinlegte. pi „Gebt mir ein großes Glas,“ ſagte mein Nachbar, ſtieß mit dem Finger ein 20 Sousſtuͤck fort und gab dem Aufwärter ein Zeichen, es als Trinkgeld zu nehmen. „Das iſt ein Milord!“ ſagte dieſer halblaut, und eilte, ein großes Glas zu holen, das er auch ſchnell brachte. Mein Nachbar ſteckte das Silbergeld, ohne es zu zäh⸗ ten, in die Taſche, goß ſich ein halbes Glas Branntwein ein, und leerte daſſelbe auf Einen Zug. iu nno Dann lehnte er den Hinterkopf an die Mauer, wo unſte Bank ſtand, blieb unbeweglich ſizen, ſah ins Weite und trommelte mit den Fingerſpitzen auf der S wand, mit der der Tiſch beſchlagen⸗ Ich beobachtete ihn verſtohlen. Seine bis dahin un⸗ beweglichen und duͤſtern Zuͤge belebten ſich mehre Male. Er laͤchelte zwei⸗ bis dreimal mit einer zugleich ſehr ſanften und ſehr feinen Miene, dannczuckte er die Achſeln, traͤllerte zwi⸗ ſchen den Zaͤhnen und ſeine Zuͤge nahmen die wn Unbe⸗ weglichkeit wieder an. Jetzt kam mir mein erſter Herr, — ins Ge⸗ daͤchtniß⸗ Ich weiß nicht, warum ich eine unbeſtimmte Aehnlichkeit zwiſchen den ausſchweifenden Verzuͤckungen, welche der arme Maurer jeden Sonntag in ſeiner Trunken⸗ heit hervorrief, und dem ſtumpfſinnig erſtatiſchen und mit innern Viſionen gemiſchten Zuſtande zu finden glaubte, in welchen dieſer aͤrmlich gekleidete Mann verſunken zu ſein ſchien, det zwar ärmlich gekleidet, aber nach mehren Anzei⸗ chen, nicht das ſein konnte, als was er ſich zeigte. Dieſe ſo fernliegenden Erinnerungen meiner Kindheit beſchaftigen mich einen Augenblick, denn ſie ketteten ſich an Bamboche. Ein ſchwaches Geraͤuſch zog mich aus dieſen Betrachtungen. Ich wandte den Kopf zu meinem Nachbar. Er hatte eben die Hälfte von dem weggegoſſen, was in ſeinem Glaſe war. Nachdem er das Uebrige getrunken, tauchte er, ohnſtreitig aus einer jener kindiſchen Launen, wie ſie die Trunkenheit erzeugt, die Spitze ſeines Zeigefingers in eines der Brannt⸗ — 320 — weinbächelchen, welche ſich auf der Wachsleinwand des Tiſches hinſchlaͤngelten, und fing an darauf hie und dort ſeltſame Figuren zu zeichnen. Ich folgte den Bewegungen dieſes Unbekannten mit um ſo größrer Aufmerkſamkeit als eine neue Bemerkung meinen Verdacht beſtatigte. Die Hand dieſes Mannes war von vollkommner Weiße, mit langen, glatten Nägeln und außerordentlich ſchöͤn. Am kleinen Finger hatte er mehre goldne Ringe von verſchiede⸗ ner Form. Einer derſelben mit einem Steine ſchien ein Wappen zu enthalten. Ich folgte mit maſchinenmaͤßiger Reugier den launen⸗ haften Bewegungen des Zeigefingers meines Nachbars, der die Darſtellung ſonderbarer Figuren aufgegeben hatte, um ungeheure Anfangsbuchſtaben zu zeichnen. Zuerſt fah ich ein B, dann ein E. Die Zuſammenſtellung dieſer beiden Buchſtaben in RE, machte einen unerklaͤrlichen Eindruck auf mich. Es lag etwas Seltſames, Unbeſtimmtes, Beunru⸗ higendes, Ungekanntes, eine Art von Vorahnung darin⸗ Ich konnte meinen Blick nicht von dem Blicke dieſes Mannes ablenken. Ich beeilte, wenn man ſo ſagen kann, mit allen Kraͤften meiner Gedanken die Beendigung des dritten Buchſtabens, den er angefangen hatte, und dies (meine Erinnerungen ſtehen hier klar vor mir) ohne mit von der Urſache meiner Ungeduld Rechenſchaft geben zu konnen. Endlich endete der Umriß dieſes Buchſtabens un⸗ ter dem Finger meines Nachbars.. .. Es war ein G. Plöslich ſtanden dieſe drei Buchſtaben, die drei erſten — 321 — des Wortes Regina vor meinem Geiſte, als ob ſie darin mit feurigen Zuͤgen geſchrieben. Und doch fingen noch viele andere Worte ſich eben ſo an.. Aber ich weiß nicht, welcher Unglucksſtern mir ſagte, daß dieſer branntweintrunkne Menſch mit ſeinem ſchweren Finger dieſen ganzen mir ſo heiligen Namen auf einen Wirthshaustiſch ſchreiben wolle. Ich vergaß Alles, Bamboche, meine verzweiflungsvolle Lage, und die Zukunft, um mit verzehrender Angſt der Bewegung des Fingers des Unbekannten zu folgen. ... Er fuhr fort, einen andern Buchſtaben zu zeichnen.. . aber von Zeit zu Zeit hielt er inne. Sein Kopf wankte bald von der Linken zur Rechten, bald neigte er ſich vorwaͤrts, waͤh⸗ rend ſeine geſchwollnen Augenlider ſich halb ſchloſſen. . Endlich war der Buchſtabe vollendet. . . es war ein I.... Und nicht lange, ſo folgte dieſem ein N und A, und ich konnte auf dem Tiſche mit großen Buchſtaben den Namen Regina leſen. Unmoͤglich waͤre es, zu ſagen, was ich dabei empfand. Es kam mir nicht einen Augenblick in den Sinn, daß die⸗ ſer Name Regina auch andern Perſonen angehören könnte, und ich ſagte zu mir ſeibſt: Regina iſt in Paris, dieſer junge und ſchoͤne, ohnſtreitig auch vornehme und reiche Mann liebt dieſes Maͤdchen... denn der Gedanke an ſie iſt ihm ſo gegenwärtig, daß es ihm ſelbſt in der Ver⸗ dumpfung der Trunkenheit Vergnuͤgen macht, den ihm ſo theuern Namen niederzuſchreiben. Rartin. W. 21 — 36 — Nachdem der Unbekannte dieſen Namen geſchrieben, betrachtete er ihn einige Augenblicke mit einer Art dumpfer Zufriedenheit, waͤhrend die Schwankungen ſeines ſchweren Kopfes immer ſtaͤrker und häufiger wurden. Darauf ließ er eine Art von Kehlenlachen vernehmen, ſtieß einige un⸗ verſtaͤndliche Worte heraus, kreuzte die Arme uͤber dem Tiſche, ließ ſchwerfällig die Stirn darauf fallen und ſchlief ein, oder verſank vielmehr in die apathiſche Schlaͤfrigkeit der Betrunkenheit. Etwas uͤber der Stelle, wo dieſer Mann auf dem Tiſche lag, erblickten meine Augen noch immer den Namen RE6INA. Ich ſtand alſo leis auf, um ihn mit frommer Ehrfurcht in den letzten, ihn entweihenden Zugen zu ver⸗ löſchen. Eben war ich auf meinen vorigen Platz zuruckgekehrt, als die Thuͤr der Schaͤnke allermals aufging. Ich konnte einen Ausruf unwillkuͤrlichen Schreckens nicht zuruͤckhalten. Auf der äußern Finſterniß ſah ich die furchtbare Ge⸗ ſtalt des Kruͤppels ſich abzeichnen. Seit den 8 Jahren, wo ich ihn nicht geſehen, ſchienen ſeine Zuͤge noch dunkelfaͤrbi⸗ ger als damals, und obgleich er noch kräftig und entſchloſ⸗ ſen zu ſein ſchien, waren doch ſeine Haare faſt weiß gewor⸗ den. Seine Kleidung zeigte nicht Armuth an. Er blieb auf der Schwelle der offnen Thuͤr ſtehen, als ob er ſich fürchte, in die Stube einzutreten, denn er ſchien unruhig und aufgeregt zu ſein. Mit dem Kopfe durch die halbgeoff⸗ nete Thuͤr ſchauend, ſagte er mit heiſerer Stimme, welche — 323 — ich als die zu erkennen glaubte, die mir hinter den Fenſter⸗ laͤden des Hauſes im Sackgäßchen Antwort gegeben hatte, zu dem Weinhaͤndler: „Iſt Bamboche dieſen Abend gekommen?“ „Nein,“ antwortete ihm trocken der Wirth, als wolle er ſich ſchnell von dieſem ungelegenen Gaſte befreien. „Wenn er noch heut Abend kommt,“ ſetzte ſchnell der Krüͤppel hinzu, „ſo ſagen Sie ihm, daß er nicht heut Nacht da unten hingehen ſoll, es rauche dort. Er wirds ver⸗ ſtehen.. . Nicht wahr, Sie ſagen es ihm?“ „Schon gut.. ſchon gut!“ entgegnete der Wirth, und ſchloß, ſo zu ſagen, dem Kruͤppel die Thuͤr vor der Naſe zu, indem er noch, zu ſich ſelbſt ſprechend, hinzuſetzte: „Lumpenpack! Geh!“ Einundzwanzigſtes Rapitel. — Die Nacht⸗ Ich konnte nicht daran zweifeln: Der Kruͤppel hatte wieder Bekanntſchaft mit Bamboche angeknuͤpft. Er war es, den es vetraf, als der Schurke, wie er in die Schaͤnke mit beſtuͤrzter Miene getreten war, ausrief: „Wenn er die⸗ ſen Abend kommt, ſagen Sie ihm, daß er heut Nacht nicht da unten hingehe: es rauche dort! .. er wirds verſtehen.“ Ohne den Sinn dieſer geheimnißvollen Worte zu durchdringen, mußte ich annehmen, daß eine Gefahr, die vielleicht ihm und dem Kruͤppel gemeinſchaftlich, Bamboche bedrohe. Der Gedanke einer ſolchen Verbindung der Lebens⸗ verhaͤltniſſe mit dieſem Schurken, ließ mich nicht nur fuͤr Bamboche zittern, ſondern ſie verurſachte mir auch eine todtliche Verlegenheit. Ich wagte nicht mehr, wie ich vor⸗ her beabſichtigte, den Wirth uͤber meinen Freund zu fragen, um zu wiſſen, ob ich ihn auch heut Abend noch gewiß ſehen — 325 — wuͤrde. Die Aufnahme, welche der Kruͤppel bei ihm ge⸗ funden hatte, ermuthigte mich nicht dazu. Da ich jedoch ſah, daß es immer ſpater werde, und an das Aeußerſte dachte, dem ich ausgeſetzt war, ſo uͤberwand ich mein Be⸗ denken, trat an das Comptoir, um meine Zeche zu bezahlen, und bemerkte jetzt erſt, daß alle Trinker nach und nach ver⸗ ſchwunden waren. Es war in der Schaͤnke Niemand ge⸗ blieben, als ich und mein Nachbar, der noch immer ſchlief. Dieſe Einſamkeit ermuthigte mich, und ich wendete mich mit den Worten an den Wirth: „Wie viel bin ich Ihnen ſchuldig?“ „Sechs Sous das Freiſch, zwei Sous das Brot, macht acht Sous.“ Ich legte ein Silberſtuͤck auf das Comptoir und ſagte: „Man verſichert mich, daß ein gewiſſer Bamboche alle Abende hierher komme.“ Bei dem Namen Bamboche runzelte der Wirth mit unzufriedener Miene die Stirn, und antwortete: „Meine Schänke iſt offentlich ich muß wohl alle Arten von Leuten aufnehmen.“ „Glauben Sie, daß Bamboche heut Abend noch kom⸗ men wird?“ fragte ich weiter. „Das weiß ich nicht, aber wenn er kommt,“ antwor⸗ tete mir der Wirth, und ſah an die Wanduhr, „ſo wird er draußen bleiben. Es iſt Mitternacht, und ich ſchließe zu.“ „Und morgen.. glauben Sie, daß Bamboche morgen kommt?“ — 326 — „Was weiß ichs? So viel iſt gewiß, daß ichs eben ſo gern ſähe, er kame ſo wenig als moͤglich hierher. das kann ein rechtſchaffnes Haus in ſchlechten Ruf bringen, ſehen Sie.“ Dann gab er mir auf mein Geld heraus, und ſetzte hinzu: „Es iſt Mitternacht... Gute Nacht, Kunden.“ Als er aber um ſich blickte und meinen Tiſchnachbar immer noch ſchlafend erblickte, ſagte er halbleis: „Ah! da iſt ja noch der Herr mit dem Goldſtuͤcke und der Flaſche.“ Darauf naͤherte der Wirth ſich ehrerbietig dem Schlaͤ⸗ fer, wagte aber nicht ihn aufzuſchutteln, ſondern rief nur einige Male: „Mein Herr! mein Herr!“ Der Unbekannte blieb fur dieſen Zuruf taub. Ich konnte nicht länger hoffen, Bamboche noch an dieſem Abende zu ſehen. Der unſelige Augenblick war da, ich mußte mit dem Kutſcher abrechnen. Hatte ich aber dieſe Schuld bezahlt, was ſollte mir dann noch uͤbrig blei⸗ ben? Wo ſollte ich die Nacht zubringen? Ich verließ die Schaͤnke. Die Nacht war finſter, feucht und kalt. Eine der Laternen des Fiakers war ausgeloͤſcht, die andere dem Aus⸗ löſchen nahe. Der Kutſcher ſchlief auf ſeinem Sitze. Die Straße war verlaſſen. Es kam mir ein unredlicher Gedanke ein. Ich wollte mich entfernen, ohne dieſen Mann zu bezahlen, und ihm zum Erſatz das Wenige von Waͤſche, und was ſonſt mein Reiſepacket enthielt, zuruͤcklaſſen. Aber ich wich dieſer Verſuchung nicht. Da ich ſo ſchnell als möglich und um jeden Preis meiner Angſt entgehen wollte, weckte ich den Kutſcher nicht ohne Muͤhe. „He da!.. was giebts? .. Ah, Sie da!“ ſagte er ſich ſchuͤttelnd, und in ſeinem dicken Carrik frierend. „Es iſt eine kalte Nacht, daß man bis auf die Knochen erſtarrt. Ich war eingeſchlafen... Nun, gehts jetzt fort?“ „Ich bleibe hier,“ ſagte ich ihm, „ſagen Sie mir wie viel ich Ihnen ſchuldig bin.“ Meine Angſt war rieſengroß, als ich dieſe letzten Worte ausſprach. Der Kutſcher zog ſeine Uhr heraus, trat an die La⸗ terne und ſagte: „Sie haben mich um halb drei Uhr genommen, jetzt iſt Mittérnacht voruͤber.. . das macht alſo neun und eine halbe Stunde.. nehmen wir alſo zehn Stunden an mit dem Trinkgelde .. das macht denn 15 Livres 10 Sous, nehmen wir 16, wenns Ihnenz recht iſt, lieber Herr.. .. Ich hole Ihnen Ihr Packet.“ Waͤhrend der Kutſcher mein Packet ſuchte, griff ich in meine Taſche, und zählte das wenige Geld, das mir uͤbrig geblieben. Es betrug 9 Francs und einige Sous. Da allerdings feig albern... kindiſch. da weinte ich. „Hier iſt Ihr Päcktchen,“ ſagte der Kutſcher zu mir. „Lieber Freund,“ erwiderte ich ihm, indem ich alles Geld, das ich noch beſaß, in die Hand nahm, „ich bin noch nie in Paris geweſen, und glaubte ſicher, ſogleich bei meiner Ankunft eine Stelle bei einem Beſchuͤtzer zu finden dieſer Beſchuͤtzer iſt heut fruh geſtorben. ... MNun blieb mir noch ein Freund aus meinen Kinderjahren. Dieſen habe ich den ganzen Tag vergeblich geſucht.. . Ich hoffte ihn dieſen Abend hier zu finden... . Auch dieſe letzte Hoff⸗ nung iſt mir fehlgeſchlagen. . .. Als ich Ihren Wagen mie⸗ thete, kannte ich die Taxe nicht. . . ich beſitze nicht ſo viel, um das Ganze zu bezahlen, was ich Ihnen ſchuldig bin .. es ſind mir nur 9 Franes und einige Sous uͤbrig geblieben. Hier ſind ſie. .. Suchen Sie mich aus, wenn Sie wollen, Sie finden keinen Pfennig mehr.“ „Das geht mich nichts an,“ rief der Kutſcher zornig, wenn man kein Geld hat, um einen Wagen zu bezahlen, geht man zu Fuße.“ „Sie haben Recht, lieber Mann, aber ich kannte Pa⸗ ris nicht, ich rechnete darauf, mich ſogleich zu meinem Be⸗ ſchuͤtzer zu begeben.. aber . „Alles Das geht mich nichts an, ich will mein Geld,“ verſetzte der Kutſcher, „das kann nicht ſo abgehn!“ „Nun denn! ſo behalten Sie dieſes Paͤcktchen noch, lieber Freund, es iſt Alles, was ich noch beſitze . . dann bleiben mir nur die Kleider auf dem Leibe.“ Meine Thraͤnen, die ich erſt muͤhſam zuruckgehalten — — — 329 — hatte, floſſen nun wider meinen Willen von Neuem, ſo viel Schaam und Kummer empfand ich. „Ei, ei, da weinen Sie ja gar!“ ſagte der Kutſcher mit minder grobem Tone . . . „es iſt alſo wahr, was Sie mir da ſagen?“ „Ach, nur zu wahr!“ „Und was wollen Sie denn nun anfangen? Wo wollen Sie denn dieſe Nacht uͤber bleiben?“ „Das weiß ich nicht,“ ſagte ich niedergeſchlagen. Und ſonderbar genug fiel es mir ein, daß ich viele Jahre zuvor la Levraſſe daſſelbe geantwortet hatte, nachdem ich Meiſter Limouſin entflohen war. Der Kutſcher ſchien geruͤhrt und begann wieder: „Nun, nun, mein armer junger Mann, weinen Sie nur nicht. Sehen Sie, meinen Tagelohn kann ich nicht verlieren... denn ich muß mit meinem Herrn abrechnen .. aber ohne einen Sou kann ich Sie doch auch nicht laſſen... und ohne Obdach in einer ſolchen Nacht. Da, nehmen Sie hier 20 Sous zuruͤck. . . und Ihr Packet.. .. Sie werden an der Barriere ein Unterkommen finden eine rothe Laterne... da ſchläft man des Nachts fur 4 Sous. Hier haben Sie die Nummer meines Wagens. (Und damit gab er mir ein KFaͤrtchen.) Wenn Sie mir eines Tages das nachbezahlen können, was Sie mir ſchuldig ſind, ſo ſoll michs freuen. .. denn ich habe Weib und Kinder.“ „O Dank! tauſend Dank! lieber Mann,“ rief ich voll Ruͤhrung. — 330 — In dieſem Augenblicke oͤffnete der Wirth die Haus⸗ thur. Er fuͤhrte unterm Arme den Mann heraus, neben dem ich waͤhrend dieſes Abends geſeſſen hatte. Er ſchien jetzt völlig betrunken zu ſein. „Seht, das trifft ſich gut,“ ſagte der Wirth, als er den Fiaker ſah. „Haben Sie Ladung, mein Lieber?“ fragte er den Kutſcher. „Nein,“ antwortete dieſer. „Nun, da iſt eine Kunde, und eine famoſe,“ verſetzte der Wirth, und zeigte auf den Mann, den er unter dem Arme hatte, und dem er nachher ins Ohr ſchrie: „Mein Herr, da iſt ein Fiaker.“ „Gut.. helfen Sie mir hinein,“ ſtammelte der Un⸗ bekannte. Man ſchob ihn nicht ohne Muͤhe in den Wagen. Als er darin war, fragte ihn der Kutſcher: „Ihre Adreſſe, mein Herr?“ „Am Eingange . der elyſeiſchen Felder... werden Sie einen gelben Fiaker finden... da halten Sie... bei dem.. .“ antwortete abgebrochen der Trunkene, mit der Klarheit, welche Bettunkene oft, trotz ihrer Geiſtesverwir⸗ rung, doch noch fuͤr gewiſſe Dinge behalten. „Da, fuͤr die Fahrt!“ ſetzte er hinzu, und ließ das Silbergeld, das er auf das Goldſtuͤck herausbekommen, halb in die Hand des Kutſchers, halb auf die Straße fallen. Nachdem der Kutſcher das Geld einige Augenblicke lang aufgeſucht hatte, rief er freudig: — 331 — „Siebenzehn Franes! ... welch ein Trinkgeld!.. Ja, ja, nur Englaͤnder ſind ſolche Kunden!“ Dann mochte er doch wohl ſich einiges Bedenken machen, eine ſo betraͤcht⸗ liche Summe anzunehmen, und ſagte daher zu ſeiner frei⸗ gebigen Kundſchaft: „Sie geben mir 17 Francs, mein Herr, wiſſen Sie das auch?. 17 Francs?“ „Ja, . behalte ſie die 17 Francs ... der Weg iſt lang. .. aber.. fahre nicht zu geſchwind.. ich ſchlafe ſehr gern im Fiaker... vergiß die Adreſſe nicht . ein gelber — Fiaker. am Eingange der elyſeiſchen Felder ... es ſitzt ein Mann auf dem Bocke . . neben dem Kutſcher . bei dem Wagen bleibſt Du halten *).“ „Ganz recht, mein Herr,“ antwortete der Kutſcher, und ſtieg luſtig wieder auf ſeinen Sitz, waͤhrend der Wirth ſeine Thuͤre innerhalb mit dicken Eiſenſtangen verſchloß. Wir fuͤhren ſo viel als moͤglich bei Gegenſtänden, welche man verdächtigen koͤnnte, daß ſie nicht in der Wirklichkeit begruͤndet, gern Analogieen an. Vor einigen Monaten erzähl⸗ ten alle Zeitſchriften die Geſchichte der Dame mit dem Beinamen, die ſchoͤne Engländerin, die, obgleich reich und vornehm, doch die niedrigſten Schänken der Hallen beſuchte, um ſich dort im Branntwein zu betrinken. Auch gedenkt man gewiß noch eines Mitglieds der engliſchen Dukery (vornehmſten Adels), der am Afhley⸗Theater total betrunken aufgefunden ward, des Marquis von N. den man unter falſchem Namen arretirte, und der dann von ſeinem Sohne reklamirt wurde. — 332 — Der Kutſcher peitſchte auf ſeine Pferde, und ſagte zu mir ſich entfernend: „Friſch auf, mein Burſche!. .. Sie ſehens ja, Paris iſt die Stadt der guten Kinder.“ und damit verſchwand der Wagen nicht lange darauf im Dunkel. Einen Augenblick lang hatte ich Gedanken der Bitter⸗ keit, des Haſſes und der Empoͤrung gegen die menſchliche Geſeliſchaft, wenn ich an dieſen ohnſtreitig ſehr reichen Mann dachte, der ſo unbeſonnen fur ſchimpfliche und ver⸗ thierende Launen eine Summe verſchwendete, von der ich 14 Tage hätte leben können, und welche mir die Mittel dargeboten hätte, zu Claude Gerard zuruͤckzukehren, aus dieſer unermeflichen Stadt zu fliehen, in deren Mitte ich mich verloren ſah. ... Wird es denn immer ſo ſein? ſagte ich voll Verzweiflung zu mir ſelbſt. Dieſen da ſo viel Ueberfluß, daß Langeweile und Saͤttigung ſie in die ſchmaͤh⸗ lichſten Entartungen ſturzt, und Jenen ſo viele Entbehrun⸗ gen, ſo viel Elend, daß ſie in ihrer Verzweiflung oft nur die Wahl zwiſchen Schande oder Tod haben. Bald aber, wenn ich an die Vergeblichkeit dieſes Auf⸗ lehnens gegen ein unbeugſames Schickſal dachte, und mich an die Lehren Claude Gerards erinnerte, ſo ſagte ich mir: jett iſt die Zeit da, ſie in Ausubung zu bringen, alſo Entſa⸗ gung, Muth, Arbeit und Achtung fur ſich ſelbſt. Mögen dieſe Worte mich auftecht erhalten, und zu den —— — 333 — guten Entſchluͤſſen, zu denen ſie mich begeiſtern, ſich der Einfluß der Erinnerung an Regine geſellen, ein geheiligter Name, den ein ſo trauriger Zufall mir wieder ins Gedacht⸗ niß zuruͤckruft. Reiner und leuchtender Stern, zu dem ich ſtets aus der Tiefe der ſchmutzigſten Lebensgleiſe die Augen erheben muß! Ich konnte nicht laͤnger an der Thuͤr dieſer Schaͤnke bleiben. Die Straße war jetzt einſam, geſchmolzner Schnee fiel als dichter Nebel herab, durchdrang mein Kleid und vereiſete mich bis auf die Knochen. Der Kutſcher hatte mir geſagt, daß ich kurz zuvor, ehe ich an die Barriere kaͤme, ein Haus finden wuͤrde, wo man die Nacht fuͤr 4 Sous wohnen könne. Ich ging alſo beim ſchwankenden Lichte der Laternen, die, den Nebel durchbrechend, in bleichen Streifen auf der ſchwarzen, kothigen Chauſſée weterglünzth die Straße hinunter. Schon war ich ohngefaͤhr 10 Minuten gegangen, als ich einem Lumpenſammler begegnete, der mit ſeiner Butte auf dem Ruͤcken, das Kratzeiſen und die Laterne in der Hand, die Haufen Unreinlichkeiten, welche in den Straßen⸗ winkeln lagen, durchſtoͤberte. Da ich in Furcht war, mich zu verirren, fragte ich ihn, ob er in der Naͤhe ein Haus kenne, wo man des Nachts logire. „Die zweite Straße links, dann die erſte rechts. Sie werden die rothe Laterne ſchon ſehen,“ antwortete mir die⸗ — 334 — ſer Mann, ohne mich anzuſehen, und in der Arbeit inne zu halten. Nach 10 Minuten befand ich mich in einer engen Gaſſe, einem Hauſe ſchmutzigen Anſehens gegenuͤber. Man ſtieg auf einer hölzernen Treppe, einige Stufen uͤber der Straßengleiche, zur Thuͤr deſſelben hinauf. Dieſe Thuͤr war offen. Ich ging einige Schtitte weiter, ward aber durch das wuͤthende Bellen eines großen Hundes aufgehal⸗ ten. Faſt in demſelben Augenblicke ſtand ein unterſetzter Mann zweideutigen Geſichts, mit einem großen Stocke unterm Arme und die Hand vor ein brennendes Licht hal⸗ tend, vor mir, und fragte mich rauh was ich wolles „Die Nacht in dieſem Hauſe zubringen, mein Herr.“ „Ihr Paß?“ „Da iſt er, mein Herr!“ „Das koſtet 4 Sous... Vorausbezahlung,“ ſagte der Mann, nachdem er einen ziemlich gleichgiltigen Blick in meinen Paß geworfen. Ich gab 4 Sous. Der Mann ging vor mir her, durch einen kleinen ſchmutzigen Hof, und oͤffnete mir die Thur zu einer Art von Keller, den eine rauchende Lampe erhellte. Ich wurde faſt durch den häßlichen Geruch, den dieſes Loch ausathmete, erſtickt. Acht bis zehn Betten er⸗ blickte ich darin, einige von Maͤnnern, andere von Frauen beſetzt, aber in jedem Bette lagen zwei Perſonen. Nur Eins war noch vollſtaͤndig leer. Der Herr des Hauſes zeigte es mir durch einen Geſt und ſagte: . — 36 — „Da man hier Betttuͤcher giebt, ſo iſt es nicht er⸗ laubt, ſich in Stiefeln niederzulegen, weil es die Wäſche zerreißt, und man die Beine ſeines Schlafgeſellen kratzt.“ „Sehr gut, mein Herr,“ entgegnete ich. „Und ich ſtehe nur fuͤr das, was man mir auf⸗ zuheben giebt,“ ſagte der Mann noch im Fortgehn, ohne daß ich ungluͤcklicherweiſe mir dieſe Worte erklaͤrte. Das Bett beſtand aus einem Strohſacke, auf drei 6 Zoll uͤber dem Fußboden durch kleine Vöcke erhöhten Bre⸗ tern. Eine durchloͤcherte Decke von Wolle und eine Bett⸗ tuch, von Schmutz und Koth geſchwaͤrzt, lag auf dem Strohſacke. Die unbekleideten Waͤnde ſchwitzten von Feuchtigkeit. Der Boden war blos von geſchlagenem Lehm und ſalpetrig. Ich warf einen Blick auf die andern Mitbewohner dieſes Gemachs. Faſt fuͤrchtete ich mich, als ich ſah, daß die Mehrzahl derſelben die Augen weit auf hatten. Da dieſe Leute ganz unbeweglich blieben, und mich ſtarr an⸗ ſahen, ohne ein Wott zu wechſeln, ſo verurſachten mir dies Schweigen, dieſe auf mich gehefteten Blicke eine ſeltſame Angſt. Der groͤßte Theil meiner Schlafgenoſſen ſchien mir verdächtige Geſichter zu haben. Es gab auch drei Frauen darunter, wovon zwei ziemlich jung, aber mit bleichen, ver⸗ ſtörten Geſichtern, von zuruͤckſtoßendem Ausdrucke. Mein Herz ſtraͤubte ſich vor Ekel, aber zugleich fuhlte ich mich auch todtmuͤde. So legte ich denn mein kleines Packet, in welchem ſich das werthvolle Taſchenbuch befand, — — das ich dem Grabe von Reginens Mutter entnommen, un⸗ ter den Kopf, und meinen Rock auf das Bett, um wärmer zu ſchlafen, denn ich zitterte an allen Gliedern. Lange Zeit ſuchte ich den Schlummer vergebens, und mit ihm das momentane Vergeſſen meiner Lage. Ich em⸗ pfand eine fieberhafte, unruhige Schlaͤfrigkeit. Endlich doch die — 1 und 5 tief ein. ich erwachte, war es Seh Tag. Ich ipet mich ſitzend auf. Ich war allein, meine andern Schlafkamera⸗ den hatten ohnſtreitig ſchon ſehr lange ihr Lager verlaſſen. Als ich meine Augen auf mein Bett warf, ſuchte ich meine Kleider. Sie waren verſchwunden. An ihrer Stelle er⸗ blickte ich ein Paar ſchlechte Beinkleider und eine Jacke von blaͤulicher Leinwand. Der Gedanke, beſtohlen worden zu ſein, fiel mir nicht ſogleich ein. Ich ſuchte alſo unbefam gen am Boden, rechts und links von meinem Lager. Ich fand nichts. Meine Stiefeln, ſelbſt mein Hut waren ge⸗ ſtohlen. In Verzweiflung und Aufregung ſah ch den Verkauf dieſer ganz neuen Kleider als ein letztes Hilfsmittel fur mich an, und rief laut den Herrn dieſer Anſtalt herbei. Heftig klopfte ich an die Wand am Kopfende meines Bet⸗ tes.. Niemand kam. Nachdem ich in dieſer Stille eine Viertelſtunde gewar⸗ tet, war ich genoͤthigt, die Lumpen anzuziehen, die man mir zuruͤckgelaſſen hatte, und barfuß mit meinem Packet, — 27 — das mir gluͤcklicherweiſe als Kopfkiſſen gedient, dieſe Spe⸗ lunke zu verlaſſen. Ich fand den Wirth in einer Stube rechts im kleinen Hofe. Er rauchte ſeine Pfeife und trank ein Reſichen Wein. Mit Unwillen beklagte ich mich bei ihm uͤber den Diebſtahl, deſſen Opfer ich geworden. „Das geht mich nichts an,“ ſagte dieſer Mann, „ich habe es Ihnen geſtern geſagt, ich ſtehe nur fuͤr das, was man mir aufzuheben giebt. Sie mußten mir Ihre Kleider geben, da haͤtten Sie ſie wiedergefunden. Dieſen Morgen habe ich einen fortgehen ſehen, der ſo ge⸗ kleidet war, wie geſtern Sie.. Ich glaubte, Sie wären es Deſto ſchlimmer!... Man muß nur mit Einem Auge ſchlafen.“ Und da ich beharrte und lauter ward, ſagte mir der Mann ganz unhoͤflich: „Ho ho! ſoll ich Sie hinauswerfen? Ich habe das Zeug dazu, wie Sie ſehen!“ ſetzte er hinzu, indem er mir ſeine Bruſt und ſeine kraͤftigen Arme zeigte. „Und ich auch,“ ſagte ich erregt, „auch ich habe das Zeug, Ihnen Widerſtand zu leiſten. Ich gehe nicht von hier fort, wenn Sie mir nicht meine Kleider wiedergeſchafft, oder erſetzt haben Die Wache wird kommen . deſto beſſer . dann erklaͤren wir uns.. ich furchte nichts.“ „So ſtehn die Sachen?“ entgegnete der Wirth. „Ei gut! Statt zu zanken, wollen wir zum Commiſſair gehn⸗ und dann ſehen... Das fehlte mir nur noch!... Fuͤr 4 ſchlechte Sous, die man mir bezahlt⸗. riskiren fuͤr 50 Martin. Ww. 22 bis 60 Francs Kleider zu ſtehen! ... Marſch fort, zum Commiſſair!“ . Die Zuverſicht dieſes Mannes, ſeine Gruͤnde, die, wie ich geſtehen mußte, mir billig ſchienen, vor Allem aber, wenn ich mich an ſeine geſtrigen Worte, „ich ſtehe fuͤr nichts u. ſ. w.“ erinnerte, ja, auch die richtige Ueberlegung⸗ daß ſelbſt wenn der Wirth zum Erſatze der mir geſtohlnen Kleider verurtheilt wurde, dieſe Schadloshaltung mir nur durch Urthel und Recht zu Theil werden könnte, und wer weiß, wie viele Tage und Wochen vorubergehen würden, ehe es dazu kaͤme, endlich aber auch der Gedanke, daß die⸗ ſer Mann durch ſeine ohne Zweifel haͤufige Bekannt⸗ ſchaft mit eben ſo ungluͤcklichen Leuten wie ich, mir nuͤtzlich werden könnte, brachte mich dahin, ihm in meiner bittern Reſignation zu ſagen: „Gut denn, mein Herr, man hat mich bei Ihnen beſtohlen. Sie ſind fur nichts verantwortlich. Das glaube ich zwar nicht, doch willige ich darein, Ihnen einen immer unangenehmen oͤffentlichen Skandal zu erſparen, und will nicht klagen.. . aber unter Einer Bedingung.“ „Ich furchte den Skandal nicht, mein Herr. Ich pin in meinem Rechte. Aber es iſt mir einerlei, nennen Sie nur die Bedingung... Ich ſetze mich in Ihre Lage. Es iſt häßlich, ſo ſichtlich ausgezogen zu werden, wie bei einer Theaterverwandlung. Aber ich hatte es Ihnen geſagt, Sie mußten Ihre Kleider unter den Kopf legen, oder angekleidet ſchlafen. Das iſt eine allgemeine Regel, die — 339 — man beobachtet, wenn man die Geſellſchaft nicht kennt, mit der man niſtet.“ „Der gute Rath kommt zu ſpät, mein Herr, ich werde um andern bitten. ... Ich habe Muth, habe guten Willen, ich kann leſen, ſchreiben und rechnen. Ich kenne das Franzöſiſche gut, dazu etwas Geſchichte und Geographie. uebrigens habe ich auch ein Handwerk gelernt. ich bin ein ziemlich guter Zimmermann. Es muͤſſen Ihnen oft Leute in meiner Lage vorkommen. Wie faͤngt man's an, um in Paris ſein Leben ehrlich zu friſten?“ „Alle Wetter! Wie man hier ehrlich ſein Leben friſten kann? Und.. im Winter! Sie nehmen's nicht ſehr ge⸗ nau, mein Lieber. Sie glauben, man finde ſo Arbeit, wo man nur von der Straße ſie auflieſ't. Fuͤrs Erſte, wird im Winter nicht Zimmermannsarbeit verlangt die feiert. damit iſt nichts zu machen. ... Was Ihr Schreiben, und Leſen und Rechnen anbetrifft, ſo giebts hier Tauſende, die das eben ſo gut wiſſen, wie Sie, und vor Hunger um⸗ kommen.“ „Aber was denn dann anfangen? Sie, mein Herr, der Paris und ſein Elend kennt um des Himmels willen, rathen Sie mir . ich kenne in dieſer ganzen Stadt auch nicht einen einzigen Menſchen .. und bin geſtern ange⸗ kommen .. . 1 „Ganz recht,“ ſagte der Wirth achſelzuckend, „wie. ſo viele Zugvögel, um Ihr Gluck in Paris zu ſuchen, nicht wahr?“ 22* „Mein Herr, welcher Beweggrund mich auch nach Paris moge gebracht haben, Sie kennen meine Lage. Ich bin jung, kräftig, an Arbeit und Muͤhe gewöhnt, habe guten Muth... und verlange nur mein Brot zu ver⸗ dienen.“ „Alle Wetter, tus hoͤre ich ja, es giebt et vun⸗ die das auch verlangen, und doch nicht finden. . Sie koͤnnten es aber doch verſuchen, in den Hafen 6 — vielleicht verdienten Sie da einige Sous, wenn Sie die Schiffe ausladen helfen. Aber halt! da wird's Fauſtſtoͤße geben. Sie ſind ein Neuling, da werden die Alten Sie nicht ans Brot beißen laſſen, ohne Sie etwas zu bearbeiten. Fuͤr Dich! fuͤr mich! So ein Eiſendreſchen!. .. Trumpf auf den Schaͤdel!“ nan „Alſo keine andere Auskunft?“ „Sie koͤnnten auch, wenn die Theater zu Ende, die Thüren an den Fiakers aufmachen, aber auch da mäſſen Sie ſich herumbalgen.. weil es da auch Alte giebt. und dann ſehen Sie, alle dieſe Handwerke, bei denen giebt's eine Menge von Spitbuben, von Davongelaufenen, oder an⸗ derm Geſindel, und das kann fur einen Mann, der Brab ausgehen will, ſchlecht ablaufen.“ „Davor furchte ich mich nicht. .. man kann uͤberall ehrlich ſein.... Schoͤnen Dank wenigſtens fuͤr Ihren Rath. Sagen Si⸗ mir, wo man an den Hafen kommt. Ich will damit anfangen.“ Ohnerachtet ſeiner —— — pirte, welche ehn⸗ ſtreitig die Folge der Gewohnheit, ſo viel haͤßliches Elend zu ſehen, ſchien dieſer Mann doch von meiner Lage geruͤhrt. Er wollte mir nach ſeiner Art nutzlich ſein, und begann alſo nach kurzem Schweigen wieder: „Warten Sie doch, Sie ſcheinen mir ein gutes Kind und ein ehrlicher Burſche zu ſein, wir wollen Ihre Angele⸗ genheiten berathen. ... Laſſen Sie hoͤren, was haben Sie noch im Ganzen . an baarem Gelde?“ „Sechszehn Sous, dieſes Packet, in welchem drei Hemden, zwei Schnupftuͤcher und eine Arbeitsweſte“ „Weiter nichts?“ „Weiter nichts.“ „Wenn Ihre Hemden und Schnupftuͤcher etwas tau⸗ gen, will ich ſie gegen ein Paar Schuhe und eine griechiſche Muͤtze, die man noch aufſetzen kann, vertauſchen. Da ha⸗ ven Sie Kopf⸗ und Fußbekleidung. Ihre Beinkleider lau⸗ fen noch mit. Sie ziehen Ihre Weſte unter die Jacke, und frieren ſo nicht ſo ſehr. Gekleidet ſind Sie alſo auch⸗ Jetzt, was Ihren Lebensunterhalt in den Häfen oder an den Theaterthuͤren betrifft. .. meinetwegen. ſo tuͤchtig Sie auch ſein mögen, ich gebe Ihnen nicht 14 Tage, um ein Schuft zu werden, wie die Andern .. nehmen Sie das nicht ubel... aber das iſt noch das Beſte was geſchehen kann. Das Schlechtere aber iſt, daß Sie auch einen bis zwei Tage lang nicht einen Sou zu verdienen finden da dreht Sie denn am dritten der Hunger zuſammen. Das iſt nichts fur Sie. Was Sie anfangen muͤſſen, das will ich Ihnen ſagen. Hören Sie wohl zu. Gehen Sie in die Stadt. . bleiben Sie vor dem erſten ſchoͤnen Gewoͤlbe, das Sie ſehen werden, ſtehen. Nehmen Sie eine Auſterſchale, und werfen Sie eine Scheibe ein.. Warten Sie doch, junger Burſche, was ich Ihnen da ſage, iſt ganz ernſthaft. Hätten Sie lieber Luſt, dem erſten Stadtſergent, der Ihnen begegnet, einen Fußtritt auf den Bauch zu geben .. auch gut! . .. alles Das iſt nicht entehrend, nicht wahr? Aber nun kommt das Gute von der Sache. Thun Sie deß etwas, ſo packt man Sie, ſperrt Sie ein, und Sie bleiben wenigſtens zwei bis drei Monate in einem guten Gefaͤngniſſe, gut gewaͤrmt, gut gebettet, gut genaͤhrt.. .. So bringen Sie es bis zum Ende des Winters. und in der ſchonen Jahreszeit .. nun, da ſehen Sie weiter. Da faͤngt das Zimmern an, und Sie finden wohl Arbeit. Und im Sommer iſts uͤberhaupt nicht ſo ſchlimm. Jeden⸗ falls ſind Sie dann wieder eben da, wo Sie ſich jetzt befin⸗ den, und haben vier bis fuͤnf Monate gelebt. Und, alle Wetter, wiſſen Sie, daß das etwas ſagen will? Lieber Junge, ich ſpreche mit Ihnen, als ob Sie mein Sohn wären. ... Sie glauben, ich ſpaße? . aber wenn Sie acht Tage in Paris gelebt haben, werden Sie ſehen, daß ich Recht hatte, und es bedauern, mir nicht gefolgt zu haben.“ „Es kann etwas Wahres in dem ſein, was Sie mir da ſagen, mein Herr, ob es freilich ſehr traurig iſt, dies zu denken. .. aber doch werde ich es verſuchen, Arbeit zu finden, denn vorm Gefaͤngniß habe ich einen Abſcheu. Ich nehme —— — 343 — Ihr Anerbieten wegen der Kleidungsſtuͤcke an, denn ich kann doch nicht baarfuß und ohne Kopfbedeckung gehen. Können Sie mir jetzt Schreibegeraͤth geben?“ „Da. dort iſt mein Tiſch, mein Regiſter „ und ein Bogen Papier, den ich Ihnen ſchenke. Während der Zeit will ich Ihr Packet unterſuchen .. und wenn es mir ſich dazu geeignet findet.. Schuhe und Muͤtze holen.“ Ich ſchrieb an Claude Gerard, und ſchilderte ihm mit kurzen Worten meine jämmerliche Lage, indem ich ihn bat, mir mit der naͤchſten Poſt nach Paris poste restanie zu antworten. Etwas Troſt fand ich in dieſer fluͤchtigen Ausſtroͤmung ſo vielen Kummers, ſo vieler Ungluͤcksfaͤlle. Ich ſiegelte eben den Brief, als der Wirth mit einem Paare leidlicher Schuhe und einer ehemals rothen grie⸗ chiſchen Muͤtze eintrat. Ich zog meine Weſte an, die Jacke daruͤber, verbarg das Taſchenbuch ſammt den wenigen Sous, die mir noch uͤbrig, in meiner Taſche, und verließ den Wirth, der mir noch nachrief: „Glauben Sie mir, guter Junge, ſtoßen Sie den er⸗ ſten beſten Stadtſergenten, oder zerbrechen Sie das erſte beſte Gewoͤlbefenſter, und Sie erhalten Herberge fuͤr den ganzen Winter.“ Ich verließ dieſen ſonderbaren Mentor mit gebroch⸗ nem Herzen. Einer letzten, unbeſtimmten Hoffnung mich hingebend, wollte ich noch einmal in die Sackgaſſe des Fuchſes gehen. Vielleicht konnte ich glücklicher als geſtern ſein und Bamboche finden. Indem ich den Weg abfragte, wurde es mir leicht, die Sackgaſſe zu finden. Kaum kam ich auf das kleine Feld, das dieſes Gäßchen ohne Ausgang von den Haͤuſern der Vorſtadt trennt, ſo ſah ich einen großen Zuſammenlauf von Menſchen, und weiterhin uͤber den Köpfen der Menge gläniten Bajonnette von Soldaten. Ich eilte naher und erkundigte mich. Man ſagte mir: 6 14 „Es iſt ein Neſt von Schleichhaͤndlern, das man in Nummer 1 des Sackgaßchens (Bamboche's Haus) entdeckt hat. Die Polizei iſt aber zu ſpät gekommen, man hat die Waaren und andre verdächtige Sachen gefunden, die Schleichhändler ſind aber entwiſcht. Sie ſollen geſtern Wind von der Sache bekommen haben, und ſind jetzt ſchon weit weg.“ mn het Nun erklärte ich mir das Erſcheinen des Kruͤppels geſtern Abends in der Schänke der drei Tonnen, und das verſtörte Anſehn dieſes Mannes. Ohnſtreitig wollte er Bamboche davon benachrichtigen, nicht in jenes Haus zu⸗ ruͤckzukehren. 1 1thn dn b Mdün Bamboche mußte alſo, da er in dieſe gefährliche Sache mit verwickelt, Paris ſogleich verlaſſen haben, oder ſich dort verborgen halten. Jede Hoffnung, ihn aufzufinden, war daher fuͤr mich verloren. S Ich reſignirte mich alſo, und nahm meine Lage voll und ganz auf mich. 323t 4 Dies war der erſte Tag, die erſte Nacht, die ich in Paris zubrachte. 1 S. Ende des zweiten Theils von Martins Memoiren. — ————