Martin, das Findelkind, oder Erlebniſſe eines Kammerdieners. Von Eugene Sue. In's Deutſche uͤbertragen von Throdor Hell. Vierter Band. Grimma, Druck und Verlag des Verlags⸗Comptoirs. Martin, das Sindelkind, don Eugöne sue. Vierter Theil. Martins Memoiren. Zweiter Theil. Martin. 1v. Erſtes Rapitel. Große Vorſtellung. E⸗ war gegen Ende Septembers. Seit acht Monaten ohngefähr war Basquine Mitglied der Truppe. Unſere verſchiedenen Wanderungen hatten uns nach Senlis ge⸗ bracht. Zu unſerm erſten Auftritt war eine große Vorſtellung beſtimmt. Seit dem Abend vorher konnte man einen in der ganzen Stadt angeſchlagenen Rieſenzettel in folgenden Ausdruͤcken leſen: Große vorſtellung zu Fröffnung der Darſtellungen der akrobati⸗ ſchen Geſellſchaft des beruͤhmten Joſeph Bonin genannt la Levraſſe. I. Theil. Komiſche Scenen zwiſchen Hanstwurſt und ſeinem Herrn. Heitere Geſaͤnge der kleinen Basquine, 9 Jahr alt, und ihres Freundes Hanswurſt. 1 6 5 * II. Theil. Die große Menſchen⸗Pyramide durch den weiblichen Herkules, Martin, Bamboche und Basquine dargeſtellt. Das aͤlteſte dieſer drei Kinder iſt erſt 13 Jahr alt. Dann wird man ſehen: Den beruͤhmten Fiſchmenſchen, in den Gewäſſern des Fluſſes Nil durch einen Liebhaber gefangen. Die Na⸗ tur hat die fehlenden Arme dieſes unglaublichen Phaͤnomens durch koſtbare Floßfedern erſetzt. Er lebt, ſchlaͤft, ißt und liegt im Waſſer und naͤhrt ſich nur von lebenden Fiſchen, die er roh und ſelbſt vor der geehrten Verſammlung eſſen wird. Dieſes große Phaͤnomen iſt ſo ſanft, liebkoſend und gezähmt, daß er vier Sprachen ſpricht, fr anzoͤſiſch, la⸗ teiniſch, griechiſch und ägyptiſch vom Nil, ſeinem Geburtslande. Diejenigen hieſigen Herren, welche den Fiſch⸗ menſchen mit ihrem Beſuche beehren wollen, koͤnnen ihn nach Belieben in einer dieſer vier Sprachen anreden und er wird ihnen augenblicklich antworten. Die Vorſtellung wird durch einen Waffenkampf zwiſchen der beruͤhmten herkuliſchen Frau und einem Zoͤglinge der Fechtakademieen von Moskau, Conſtantino⸗ pel, Petersburg, Caudebec u. ſ. w. beſchloſſen. Nachdem la Levraſſe einen paſſenden Platz ohnweit der letzten Haͤuſer der Stadt nach Paris zu erlangt, hatten wir unſer Lager dort aufgeſchlagen. Ein großes bedecktes Zelt war zu den Vorſtellungen beſtimmt. Der Eingang fuͤr's v— v— Publikum oöffnete ſich am Fuße ziemlich hoher Geſtelle, uͤber welchen ſich verſchiedene Gemaͤlde befanden, deren groͤßtes den Fiſchmenſchen vorſtellte. Unſer Nomadenwagen, in welchem wir Alle wohnten, ſtand hinter dem Zelte, das dort verlaͤngert und durch eine Leinwand vom Schauplatze getrennt war. Es diente uns zugleich zum Stalle und Futterboden fuͤr unſere drei Pferde und den großen, ſchwarzen Eſel Luzifer. Wir hatten Tags zuvor eine Generalprobe in Fami⸗ lie gehalten. Alle Uebungen waren mit bewundernswerther Praciſion ausgefuͤhrt worden. Seit den 5 Monaten, welche unſere akrobatiſche Reiſe gedauert, war nie eine Vorſtellung unter gluͤcklichern Auſpizien angekuͤndigt worden. Die Macht der Gewohnheit iſt ſo groß, daß ich mit Ausnahme der unter faſt immerwaͤhrenden Martern zuge⸗ brachten Lehrſtunden mein Loos recht heiter ertrug. Stand ich einmal vor'm Publiko, ſo that ich auch das Moͤglichſte in meinen Arbeiten, und meine Eitelkeit fand ſich außer⸗ ordentlich gekitzelt, wenn ich meinen Theil an Beifallsbe⸗ zeugungen erntete. Ich wuͤrde mich ohnſtreitig dazu ent⸗ ſchloſſen haben, fuͤr die Zukunft ernſtlich die halsbrechende Profeſſion eines Akrobaten zu ergreifen, wäre nicht die Hoffnung in mir wach geweſen, mit Bamboche und Bas⸗ quine, das vortreffliche Zigeuner- und Vagabondenleben zu fuͤhren, das jeden Tag der Gegenſtand unſerer Traͤume war. — Fragte ich Bamboche, wenn wir die Truppe verlaſſen wuͤrden, ſo antwortete er mir ſtets nur mit geheimnißvollem Weſen: „Noch nicht. Ich habe noch viel mehr Luſt wie Du, mit Basquine zu emflichen, wir muͤſſen aber die Gelegen⸗ heit abwarten.“ „Koͤnnen wir denn nicht jede Nacht la Levraſſe ver⸗ laſſen?“ entgegnete ich dann; „man ſchließt uns ja nicht mehr ein.“ „Das weiß ich nichts waͤre leichter als das.“ „Nun denn!“ „Es iſt noch nicht Zeit.“ „Weßhalb? „Fuͤt's Erſte weil ich bis jetzt das noch nicht gefunden habe, was ich ſuche. Und dann,“ ſetzte Bamboche mit dem Ausdrucke innigen Ingrimms hinzu, „will ich auch nicht la Levraſſe, Mutter Major und den Hanswurſt verlaſſen, ohne ihnen das zu bezahlen, was ich ihnen ſchuldig bin. Ich muß auch einmal an die Reihe kommen!“ „Wenn Du ſageſt, Du habeſt noch nicht gefunden, was Du ſucheſt,“ fragte ich weiter, „was bedeutet denn das?“ — „Das iſt mein Geheimniß,“ antwortete Bamboche mit verdoppelter wichtiger Miene, „weder Du noch Bas⸗ quine darf das wiſſen. Aber ſei ruhig, es betrifft mich nicht — — 4 —— allein, es intereſſirt uns alle Drei, dieſes Geheimniß, und ſobald ſich das bewirken laͤßt, ziehen wir ab.“ Ich wartete alſo geduldig auf den von Bamboche zu unſerer Flucht beſtimmten Augenblick, als ich plözlich er⸗ fuhr, daß die Stunde unſerer Befreiung ſchlage. Wenn der Schauplatz unſerer Vorſtellungen mitten in der Stadt war, wohnten wir im Gaſthofe, hatten wir uns aber außerhalb eines Ortes eingerichtet, ſo lagen wir unter einander im Packwagen und dem nomadiſchen Fuhr⸗ work, das zum Theil wie eine Schiffscajüte eingetheilt war. Dadurch wurden dann die geheimen nächtlichen Unterhal⸗ tungen faſt unmoͤglich. Wahrend des Abendeſſens im Freien, das auf unſte Generalprobe folgte, hatte mir Bamboche mehre Zeichen ge⸗ macht, deren Sinn ich vollkommen verſtand, und daher ſuchte ich mich ihm in der kurzen Zwiſchenzeit, welche das Ende des Mahls von unſerm Schlafengehen trennt, zu nähern. „Dieſes Mal, Martin,“ ſagte Bamboche mit leiſer, und ohnſtreitig durch die Wichtigkeit der Nachricht, die er mit ankuͤndigte, bewegter Stimme, „dieſes Mal habe ich endlich, was ich wollte.“ Und dabei legte er ein beſonderes Gewicht auf dieſe Worte. „Morgen alſo,“ fuhr er fort, .. „in der Nacht . entwiſchen wir mit meinem Frauchen.“ „Wahrhaftig!“ rief ich aus, ohne meine Freude ver⸗ bergen zu koͤnnen. ſer Nacht?“ „Unmoͤglich!.. ich will Dir ſchon ſagen weßhalb.. .. Aber nimm Dich nur in Acht, morgen Abend nicht einzu⸗ ſchlafen. Wenn wir Alle in der Kajuͤte liegen, ſo mache die Augen zu, aber ſchlafe nicht.“ Dann begann Bamboche wieder mit dem Ausdruck des triumphirendſten, innerſten Gluͤckes: „Endlich.. morgen in der Nacht frei wie die Vö⸗ „Warum denn aber nicht ſchon in die⸗ gel.. und gerächt. o, und wie geraͤcht. denn. ſchon ſeit lange ſuche ich ein tuͤchtiges Mittel dazu . und nun habe ichs.“ Die derbe Stimme der Mutter Major unterbrach mein ſchnelles Geſpräch mit Bamboche. „So legt Euch doch endlich einmal zu Bett, alle Donnerwetter!“ rief der weibliche Alcid und nahm den Hanswurſt beim Arme. „Nun, nun . wir gehen ſchon . . . dicke Tonne,“ ent⸗ gegnete Basquine, indem ſie ihr Kinderſtimmchen ſo tief ſtimmte als moͤglich. Dann lachte ſie uͤberlaut und hing ſich an Bamboche's Hals, waͤhrend la Levraſſe am Tiſche ſitzen blieb, und auf die beiden Kinder, die einander umarmend fortgingen, einen duͤſtern, hoͤhniſchen und brennenden Blick warf. Nicht lange, ſo legte die Nacht ihre Schatten uͤber den Wagen, in welchem wir uͤber einander geſchichtet ſchliefen. Was ich noch zur Erklärung der ſchmerzlichen Umge⸗ ſtaltung Basquinens, des armen, bis dahin ſo unbefange⸗ nen und reinen Kindes, zu ſagen habe, Alles was ſich auf dieſe furchbare Veraͤnderung bezieht, verſengt mir, ſo zu reden, die Lippen. Jetzt, wo ich einen verſtändigen und gepruͤften Blick auf das Vergangene werfe, weiß ich nicht, ob der Ekel, der Unwille oder das Schrecken uͤberwiegt. Aber es liegt mir daran, die Aufgabe, die ich mir geſtellt habe, zu vollbrin⸗ gen, und ich preiſe mich gluͤcklich, dies in dieſen Blättern thun zu koͤnnen. Ich fuͤhle, daß etwas Heilſames fuͤr mich darin liegt, meine Blicke auf dieſe haͤßliche Vergangenheit zuruͤckzuwen⸗ den. Die Bewegungen der Empörung und des Abſcheus, die ſie immer mehr und mehr in mir erregt, beweiſen mir, daß ich mich mit jedem Tage auch immer mehr auf dem Wege zum Guten befeſtige. Die peinliche Aufregung, die Art von Beben, die mich bei dem Gedanken ergreift, von Neuem dieſen Abgrund von Entartung, Schlechtigkeit und Infamie zu durchſchreiten, ſagt mir laut, daß es nicht ge⸗ nuͤge, Abneigung gegen das Boͤſe zu fuͤhlen, ſondern daß ich auch, trotz der Unbedeutendheit meiner Lage, alle moͤg⸗ liche Anſtrengung in meiner niedrigen Sphaͤre anwenden muͤſſe, um das Uebel, das mir dieſen Haß, dieſes heilſame Schrecken einflößt, zu verhindern oder zu heilen. Ja, was ich hier mitzutheilen habe, um die Umwand⸗ lung Basquinens zu erklären, verſengt mir die Lippen. — 40 — Und doch werde ich weit davon entfernt ſein. . . Alles zu ſa⸗ gen.. denn es giebt Enthuͤllungen, vor denen meine Feder wider meinen Willen mir entfallen wuͤrde. Dieſes ungluͤckliche Kind hatte ſeinen Vater verlaſſen, unſchuldig und rein, wie es in ſeinem Alter und bei ſeiner Erziehung im Schooße einer rechtlichen und arbeitſamen Familie ſein mußte. Nach acht Monaten .. . was ſage ich? nach zwei bis drei Monaten Aufenthalts in unſter Truppe, unabläſſig die ſchmutzigen oder unanſtändigen Scherze des Hanswurſtes und die Fluͤche, Gotteslaͤſterungen und cyniſchen Ausdrücke Aller anhoͤrend, fing Basquine an, uͤber dieſe Unanſtändig⸗ keiten, dieſe Schmutzereien zu lachen, die bald ihren acht Jahren verſtaͤndlich wurden, und endete damit, zu fluchen und zu laͤſtern wie wir Alle, . . . denn brauche ich es erſt zu ſagen? ſo wie ſie, und vor ihr war ich auch dieſem verderb⸗ lichen Einfluſſe erlegen. Basquine, die nun gaͤnzlich von ihrer Krankheit wieder hergeſtellt war, fuͤhlte ſich, ob ſie gleich noch oft nach ihrem Vater verlangte, nach und nach durch unſte derbe Heiter⸗ keit von ihrem Schmerze zerſtreut. Bamboche und ich gaben uns die größte Muͤhe, durch tauſend Mittel der Ruͤck⸗ kehr der Traurigkeit entgegen zu wirken, die ſie manchmal befiel, wenn ſie an die Ihrigen dachte. Basquine fand auch nach und nach außerordentlichen Geſchmack an dem Unter⸗ richte im Tanz und Geſang (oder vielmehr in leichtfertigen Liedern), welche Mutter Major, la Levraſſe und der Hans⸗ ——— — —— ——— —— ——— — wurſt ihr gaben. Von Natur mit unglaublicher Geſchmei; digkeit und Anmuth begabt, tanzte ſie bald einige Charac⸗ ter⸗Tänze zum Entzuͤcken. Ihre kindliche und reine, mit einem unbeſchreiblichen Reize ausgeſtattete Stimme ſtach ſeltſam gegen die ſchluͤpfrigen Worte der Geſänge ab, die man ſie lehrte. Das erſte Mal, als Basquine in einer unſerer Vor⸗ ſtellungen öffentlich erſchien, erntete ſie außerordentlichen Beifall, und die Einnahme war ungeheuer. Von dieſem Augenblicke an empfand das Kind einen ungluͤcklichen Hang zu unſerm Handwerke, und welches Geſchoͤpf, waͤre es noch ſo verſtändig geweſen, hätte auch wohl der Verlockung die⸗ ſer ſtets ſo ſchmeichelhaften, ſo berauſchenden Huldigungen widerſtehen koͤnnen, wurden ſie auch nur von dem unwiſ⸗ ſenden und rohen Publico dargebracht, das ſich um unſre Bretter drängte, als zu dem einzigen ſeiner Armuth zu⸗ gänglichen Schauſpiele? Nach unſern Vorſtellungen, das heißt, nach jedem Triumphe, denn ſie machte, wie man zu ſagen pflegt, kurore, ſtrahlte das reizende kleine Geſichtchen Basquinens von Gluͤck und Stolz, und ſie gewöhnte ſich ſo an dieſes Zigeunerleben, dieſe erregenden Gefuͤhle, dieſe bedenklichen Reiſen und groben Vergnuͤguugen, daß ſie nach ſechs Mo⸗ naten mit nachdenklicher Miene zu mir ſagte: „Ich glaube ich muͤßte vor Langerweile ſterben, wenn ich jetzt genöthigt ware, wie ſonſt, zu Hauſe zu leben .. und doch, wenn ich Kummer habe, iſt's nur deshalb, weil ich an meinen guten Vater, meine arme Mutter, meine Schweſtern denke.“ Basquine dachte in der That anfangs oft an die Ihren, dann aber wurden dieſe Erinnerungen ſeltener. Ich uͤber⸗ raſchte nur ſehr ſparſam Thraͤnen des Bedauerns in ihren großen ſchwarzen Augen, wenn ſie ploͤtzlich traurig und nachdenkend geworden waren. Einmal auch ſah ich Basquinen eine Art unwillkur⸗ lichen und unerklaͤrlichen Schreckens ergreifen. Sie hatte, wie immer, mit der außerordentlichſten Grazie bei einer unſerer Paraden getanzt. Man rief ſie mit großem Geſchrei vor, aber ſie war verſchwunden. Man ſuchte ſie uͤberall. Ich fand ſie unter unſern Wagen ge⸗ kauert, mitten unter Heubuͤndeln. Sie weinte heiße Thraä⸗ nen, und ihr Geſichtchen war ganz bleich und verſtoͤrt. „Was iſt Dir denn, Schweſterchen?“ fragte ich ſie. „Das weiß ich nicht,“ antwortete ſie mit aͤngſtlicher Stimme. „Ich furchtete mich.“ „Und wovor denn?“ „Vor der Menge Menſchen, die mich riefen.“ „Aber man rief Dich ja, um Dich zu erfreuen. Sie waren alle vor Entzuͤcken wie außer ſich, ſo allerliebſt fan⸗ den ſie Dich.“ „Nun ja! aber ich hatte eben ſo große Furcht, als rie⸗ fen ſie mich, um mir Leides anzuthun, und ich ſagte bei mit ſelbſt, wie Mutter mich ſonſt zu Hauſe beten ließ: — ————— Gute, heilige Jungfrau, Mutter unſers lieben Herrn Got⸗ tes, erbarme Dich mein!“ War es Inſtinkt? war es Vorgefuͤhl von Allem, was Unſeliges in dieſer Laufbahn liegen mußte, in welche ſie ein⸗ getreten? Ich weiß es nicht, ob ich gleich noch ein Kind war, ſo befremdete mich dieſe Eigenthuͤmlichkeit Basquinens doch ſehr. „Wovor konnteſt Du Dich denn fuͤrchten?“ fragte ich ſie, „und weßhalb denn die heilige Jungfrau bitten, ſich Deiner zu erbarmen? Du hatteſt ja nie beſſer flambirt*)?“ „Das iſt wahr,“ antwortete Basquine, ihre Thränen trocknend, „aber doch fuͤrchtete ich mich.. . Es iſt das erſte Mal, daß mir ſo etwas widerfahren.“ Dann ſetzte ſie mit furchtſamem Tone hinzu: „Aber ſage Bamboche nichts davon... er wuͤrde mich ſchlagen, zur Strafe, daß ich ſo furchtſam geweſen .. und dann wuͤrde er ſich wieder abmartern, was mit ſo ſehr leid thut.“ In der That brachte Bamboche die unwuͤrdigen Grund⸗ ſätze des Kruͤppels, uber die Kunſt ſich Liebe zu erwer⸗ ben, in Ausuͤbung, indem er Basquinen manchmal ſchlug, dann aber verurſachte er ſich gleich nachher in der ſonderba⸗ ren Idee einer Wiedervergeltung, phyſiſche zehnmal heftigere ) Nie war es Dir beſſer gegluckt, in der Sprache dieſer Acrobaten. — 141 — Schmerzen als Basquine zu ertragen gehabt, und ſagte, waährend er dieſe Martern mit Heldenmuth ertrug, zu ihr: „Ich habe Dich geſchlagen, um Dir zu zeigen, daß ich Dein Herr bin, aber nicht aus Luſt Dir wehe zu thun, weil ich mir es ſelbſt noch zehnmal mehr als Dir thue.“ Unter andern Beweiſen fuͤr dieſe unverſtaͤndige An⸗ ſicht, von welcher er nicht abging, habe ich oft geſehen, wie Bamboche ſich fuͤnf bis ſechs Linien tief eine Stecknadel zwiſchen Nagel und Fleiſch ſtieß. Trotz des Gefuͤhls des heftigſten Schmerzes verrieth ſein Geſicht nicht das geringſte Leiden, und er ſagte mit der Aufregung einer wilden Zaͤrt⸗ lichkeit: „Ich habe Dich geſchlagen, Basquine, aber ich bete Dich an.“ Da warf ſich dann Basquine ihm um den Hals, und bat ihn, ſo zu ſagen, um Verzeihung, daß er ſie geſchlagen habe. Ungluͤcklicherweiſe beſchränkte ſich Bamboche's Einfluß auf Basquinen nicht darauf, ſie durch dieſe Art wilden Stoicismus die Rohheiten vergeſſen zu machen, zu welchen er ſich manchmal gegen ſie hinreißen ließ. Das Gift böſer Beiſpiele iſt ſo fein, theilt ſich mit ſo ſchauderhafter Schnel⸗ ligkeit mit und verbreitet ſich, daß die Anſteckung der gräß⸗ lichen Grundſaͤtze des Kruͤppels, des vagabundirenden Bert⸗ lers, ſchon drei Schlachtopfer, zuerſt Bamboche, dann mich und zuletzt Basquine verunreinigt hatte. Da ſie taͤglich Bamboche ſagen hörte, daß arbeitſame und redliche Leute alberne Maͤrtyrer ihrer Arbeitſamkeit und Rechtlichkeit ſeien, (Bamboche hatte nicht ermangelt, ihr das Beiſpiel ihres Vaters anzufuͤhren), da ſie die Hinterliſt, den Betrug, und im ſchlimmſten Falle den Diebſtahl als Mittel, und als Zweck ein fröhliches, muͤſſiges und herumſchweifendes Leben ruͤhmen hörte, da ſie wiederholt hörte, daß man bei den Reichen nur Verachtung und Grau⸗ ſamkeit gegen die Verlaßnen finde, und dieſe die Reichen als Feinde anſehen muͤßten, da ſie endlich (und das war das Wichtigſte) nach und nach dahin gebracht worden war, Böſes, was man anthun könne, nur als gerechte Wieder⸗ vergeitung zu betrachten, ſo verfiel Basquine, zur Verderbt⸗ heit uͤbrigens ſchon durch die Umgebung, in welcher wir lebten, beſtimmt, gleich mir in die unſeligen Irrthuͤmer Bamboche's. Der Einfluß, den er uͤber ſie ausuͤbte, wurde nun doppelt mächtig, und das arme kleine Geſchöpf gelangte dahin, dieſen Knaben thörigt zu lieben, fuͤr ihn eine aus Zaͤrtlichkeit und Furcht gemiſchte Zuneigung zu empfinden, da das Gefuͤhl der ſchlechten Behandlung, uͤber welche ſie ſich manchmal zu beklagen hatte, ſtets einer tiefen Bewun⸗ derung der unbezähmbaren Energie und ſeltenen Unerſchro⸗ ckenheit ſeines Charakters wich. Alles dies freilich nur in kindiſchen, aber vollſtandigen Verhältniſſen. Ein großer Denker hat, glaube ich, geſagt: Kinder wären kleine Menſchen. Das, wovon ich Zeuge war, beweiſ't mir die Wahrheit dieſes Axioms, beſon⸗ ders wenn der Sauetteig einer vorzeitigen Verderbniß dem — 16 — Verſtande eine zu ſchnelle Entwickelung gegeben, und bei Kindern allzufruͤh die gluhenden Leidenſchaften der ſpätern Reife ſich hat entfalten laſſen. Nur noch einige Worte, und dieſen Schmutz blos oberflaͤchlich beruͤhrend. Die leidenſchaftliche Liebe Bamboche's zu Basquinen war zuerſt nur der Gegenſtand zweideutiger Neckereien, dann aber teufliſcher Anreizungen der Truppe und vorzuͤglich von Seiten la Levraſſe's geweſen. Ich habe ſeitdem die ſchaͤndliche Berechnung dieſes Menſchen kennen gelernt, ge⸗ gen den Bamboche eine inſtinktmäßige Eiferſucht nährte. Eines Tages ging man bei einer gottesläſterlichen Poſſenreißerei ſo weit, eine Heirath zwiſchen Bamboche und Basquinen zu improviſiren. La Levraſſe ſtellte den Vater des Braͤutigams, Muttu Major die Mutter der Braut vor. Der Hanswurſt gab den ehelichen Segen in burlesken und zweideutigen Ausdruͤcken, zur größten Ergötzlichkeit der Anweſenden. Doch ich irre mich; ein Einziger proteſtirte durch eine verſtohlne Thraͤne, gegen dieſe unter einem komiſchen An⸗ ſtriche verborgenen Graͤßlichkeiten. Zufuaͤllig warf ich die Augen auf Leonidas Hayfiſch, den Fiſchmenſchen, welcher in ſeinem Fiſchbehaͤlter der Cere⸗ monie beiwohnte. Sein Geſicht druͤckte einen ſchmerzlichen Unwillen aus, und zwei Thraͤnen rollten uͤber ſeine Wan⸗ gen, welche er durch Vorbeugen der Stirn verbarg. — 1 — Dieſe widrige Scene hatte zu Troyes ſtatt, am Abende nach einer unſter Vorſtellungen und in Gegenwart der Dienſtleute des Gaſthofs, wo wir wohnten. Dieſe Leute ſahen und konnten in dieſer Parodie nur einen Scherz ſehen, der faſt nicht einmal unpaſſend war, indem er hinreichend durch das Beiſpiel der haͤufigen Be⸗ nennungen von Maͤnnchen und Frauchen gerechtfertigt ward, welche ſelbſt von den bedenklichſten Eltern zwiſchen Kindern fuͤr erlaubt gehalten werden. Tags darauf ließ ſich Bamboche folgende Worte in unausloͤſchlichen Zuͤgen auf die Bruſt taͤtowiren: Basquine fuͤr das ganze Leben. Ihre Liebe oder den Tod. So ſtanden Basquine und Bamboche am Abende der großen Vorſtellung, die wir zu Senlis geben ſollten, und im Verfolg deren Basquine, ich und Bamboche, der, wie er ſagte, endlich das hatte, was erwollte, die Flucht ergreifen ſollten. Rartin. IW. 2 Bweites Kapitel. Luſtige Geſänge. Nie habe ich noch einen reizenderen Herbſttag erlebt, als den, der unſten großen Vorſtellungen zu Senlis leuchten ſollte. Die Sonne war ſtrahlend emporgeſtiegen; gegen vier Uhr Abends fuͤllte ſich der Eingang zu unſerm Theater im Freien mit Zuſchauern, welche uͤberlaut die Spaͤße unſers Honswurſtes und ſeines Herrn la Levraſſe beklatſchten, welche öffentlich paradirten, um die Menge anzuziehen und zu ſam⸗ meln. Dieſe Lazzi waren, wie gewöhnlich, von verſchwen⸗ deriſchen Ohrfeigen und fabelhaften Fußſtoßen begleitet, welche ſämmtlich la Levraſſe mit groteskem Ernſte applizirte, und der Hanswurſt mit den gewohnten Schimpfreden, Verdre⸗ hungen und Ausrufungen annahm. Nach dieſer Parade kam der luſtige Auftritt, wel⸗ chen der Hanswurſt und Basquine ſangen. Als dieſe auf dem Geruͤſte erſchien, wurde, da ihr ſchon der Ruf vorausgegangen war, Alles plotzlich ſtill, und —— — —— — 16 — 5 dann kreiſ'te ein dumpfes Gemurmel der Bewunderung in der Menge. „Wie reizend ſie iſt!“ „Sie iſt allerliebſt angezogen!“ „Man ſollte ſie fur ein kleines Frauchen halten.“ „Was fuͤr ſchöne Haare!“ „Sieht ſie keck aus! Ei!“ „Und welches huͤbſche Geſichtchen!“ „Ich wuͤnſchte nur, daß ſie fuͤnf bis ſechs Jahr aͤlter wäre... Bei dieſem Geſichte.. und meiner Seel! dann..“ „Und welcher Wuchs!. er iſt köſtlich!“ „Und das Bein dazu. das Bein! ſeht nur das zarte Knoͤchelchen!“ „Und das Gruͤbchen im Nacken!“ „Und die kleine boshafte Miene!“ „Wenn ſie luſtige Lieder ſigt, ſoll ſie zum Auffreſſen ſein!“ „Gott ſei Dank daß ſie welche ſingen wird.... Die Scene mit dem Hanswurſt ſoll teufliſch ſchluͤpfrig ſein.“ „Wie herrlich!“ „Kleines reizendes Teufelchen das!“ „Es iſt wahr, ſie ſieht wie ein kleiner Dämon aus!“ „Man ſollte ſie Teufelchen nennen, ſtatt Basquine.“ Halb verſteckt unter einer Leinwand, mit welcher unfre Gerüſte ſeitwärts behangen waren, vernahm ich dieſe Aus⸗ rufungen der Menge. Jetzt, wo Erfahrung zu meinen Erinnerungen tritt, bin ich mir vollkommen des Ein⸗ 2 — 20 — drucks bewußt, den dieſes Kind auf unſer Publikum machte. War Basquine moraliſch umgewandelt, ſo hatte ſie auch phyſiſch faſt ein neues Anſehn bekommen. Ihre im⸗ mer reizenden Zuͤge hatten den milden Ausdruck kindlicher Unſchuld verloren, und ihre Wangen zeigten, wenn man ſo ſagen darf, nicht mehr ihre fruͤhere Friſche und ſchuldloſe Rundung. Ihr Teint war, obgleich von einer Klarheit und Durchſichtigkeit, welche Kraft und Geſundheit verrieth, doch nicht mehr ſo milchweiß roſig, wie die der Kindheit eigne Faͤrbung. Ihre großen ſammtig ſchwarzen Augen, ſonſt ſchuͤchtern und faſt furchtſam, jetzt leicht umkreiſ't, ſenkten ſich lebhaft, frei und ſicher auf die Menge umher, waͤhrend ein ſchalkhaftes Lacheln auf ihren bisher ſo unbe⸗ fangenen Roſenlippen ſpielte. Die Kleidung, welche man mit kecker Eigenthuͤmlich⸗ keit Basquinen angelegt, gefiel unſerm Publico außeror⸗ dentlich, ſtatt es zu verletzen. Basquine trug auf ihrem ſchönen, blonden, in zwei faſt bis zur Erde reichenden Flechten geſammelten Haare, keck auf die Seite geſetzt, ein kleines griechiſches, ſcharlach⸗ rothes, mit Silberflittern geſticktes Muͤtzchen. Ihr unmaͤ⸗ ßig ausgeſchnittnes Leibchen, auch roth mit Silber, bezeich⸗ nete ihre ſchlanke Taille, und hielt mittelſt ganz kleiner Streifchen von Lahn, welche Hals, Bruſt, Schultern und Arme, weiß, feſt und glatt wie Elfenbein, unbedeckt ließen, ihr Röckchen oben. Dieſes, aus blaßblauer Seide mit — Silberſtickerei, reichte nur bis uͤbers Knie „ und ließ ein fleiſchbarbenes, an den feinen Umriſſen enganliegendes Tri⸗ cot ſehen. Das ganz kleine Fuͤßchen verſteckte ſich in Stie⸗ felchen von rothem Marokin mit falſchem Hermelin beſetzt. Seitdem habe ich die gottliche Marmorſtatue des an⸗ tiken Amors geſehen und bewundern können. Die jugendlichen, ſchlanken und reinen Formen dieſes Meiſter⸗ werks erinnerten mich ganz an Basquine. Dies war ihr Koſtuͤm, wenn ſie auf unſerm Geruͤſte erſchien, um eine Scene mit dem Hanswurſt zu ſingen. Der Hanswurſt hatte ein Geſicht, das nicht gerade haͤßlich, aber von ganz unedlem Ausdrucke war. Er trug die Kleidung ſeiner Rolle, eine Jacke und Pantalons von Matroſenleinwand, ſpitzen Hut und rothe Perruͤcke. Das tiefſte Stillſchweigen trat ploͤtzlich unter den Zu⸗ ſchauern ein. Die komiſche Scene begann mit einer Art von geſungenem Rezitativ, mit untermiſchten Couplets, Trivialitaͤten, welche an den Straßenecken ſchon laͤngſt volks⸗ thuͤmlich unter dem Titel: Hanswurſts Liebſchaft. Hanswurſt trat hinkend auf, und ſchlug mit dem Beine hinten aus, um Basquine zu gruͤßen. Dann ſang er Folgendes, im Rezitativ mit ſeiner Gefaͤhrtin abwechſelnd: Hanswurſt. Mamſell, ich bins, der Ihnen ſeine Lieb' bekennt! Basquine. (mit verächtlicher Miene.) Du, Deine Liebe?.. Armer Hanswurſt, Du! Hanswurſt. (ſucht Basquinen zu umfaſſen, die ſich aber dagegen wehrt.) Ich bins, Mamſell, der heiß in Gluthen brennt Und nun . ⸗ ⸗ ⸗ Basquine. (giebt ihm eine Ohrfeige) Das nimm fuͤr Dich, Du Schuft!... Du biſt ein Dummkopf, Du! ₰ Hanswurſt. (weint, heult, ſetzt ſich beide Fauſte in die Augen, und ſingt mit weinerlich burlesker Stimme nach einer bekannten Melodic) Hi, hi, hi, hi, mein Madchen, Ich kenn' Ihr Liebesfädchen, Sie lieben Harlekin, Den Taugenichts, ja, ihnz Ich hab' Sie wohl geſehn Ganz zärtlich bei ihm ſtehn, Er faßte Sie ums Leibchen Basquine. (unterbricht ihn mit lautem Gelächter, und fragt ihn mit kecker Bosheit) Das glaubſt Du?... So ging dieſe Scene unter lautem Ausbruche allge⸗ meinen Gelaͤchters weiter fort. Dieſe unanſtaͤndigen, kaum gereimten Zweideutigkeiten, — dieſe elenden Spaͤßchen waren dazu beſtimmt, als Rahmen und Vorwand fuͤr das Spiel ſelbſt, fuͤr die ſchmutzigen Geſten des Hanswurſt zu dienen, und als Gegenſatz die kindliche und neckende Anmuth ſeiner Gefaͤhrtin ſehen zu laſſen. Nie war mir die unreine Beredtſamkeit des Hanswur⸗ ſtes unanſtaͤndiger erſchienen, als an dieſem Tage, das kecke Einherſchreiten, die obſcoͤnen Bewegungen, die fun⸗ kelnden Augen. Zwei⸗ bis dreimal war er, wenn er ſich Basquinen genaͤhert hatte, um ſie zu umfaſſen, in ſeiner cyniſchen Pantomime ſo weit gegangen, daß einige Zu⸗ ſchauer ihn ausziſchten, aber der groͤßte Theil klatſchte Bei⸗ fall mit ſchallendem Gelachter. Unſichtbar wohnte ich mittelſt eines Lochs, das ich in die Leinwand der Umgebung gemacht, dieſer Scene bei, als ich Mutter Major einige Schritte vor mir erblickte. Sie konnte mich nicht bemerken. Ich erſchrack vor dem Aus⸗ drucke des Zornes und faſt wilden Haſſes, den ich auf ih⸗ rem Geſichte entdeckte, das mit einer Decke rother Schminke belegt war, denn ſie war im Koſtuͤm einer Wilden. Ihre Augen gluͤhten in duͤſterm Feuer, ihre dicken, von einem Schnurbärtchen beſchatteten Lippen zuckten krampfhaft, zwei⸗ oder dreimal ſteifte ſie ihre Arme, indem ſie ihre unge⸗ heuern Fäuſte ballte, als ob ſie Jemand drohe. Im erſten Augenblicke fiel es mir gar nicht ein, daß dieſe rachſuͤchtige Megaͤre, deren Liebhaber der Hanswurſt war, auf dieſen Elenden eiferſuͤchtig ſein könne, deſſen un⸗ — 24 — edle Pantomime in der Scene mit Basquine aber allerdings die Eiferſucht des weiblichen Alciden bis zur Wuth ent⸗ flammt hatte. Ich dachte nicht daran, di Urſache des Zorns der Mutter Major nachzuſpuͤren, die uͤbrigens nach der Scene des Hanswurſt und Basquinens auf einer innern Treppe ſchnell verſchwand. Indem ich nun einen Theil der Leinwand uͤber dem Geruͤſte aufhob, naͤherte ich mich Basquinen, um ihr Gluͤck zu dem Beifalle zu wuͤnſchen, der unermeßlich geweſen, ob⸗ gleich nichts zugleich ſchmerzlicher und empörender ſein konnte, als die reine Silberſtimme dieſes Kindes ſich mit den Unanſtändigkeiten der Straßenecken beſchmutzen zu hoͤren. Und doch waren der Reiz, die Melodie, die Geſchmei⸗ digkeit der Stimme Basquinens, die Heiterkeit, die Anmuth und die neckende Lieblichkeit ihres Spiels ſo groß, daß die obſtoßende Gemeinheit jener Scene verſchwand. Wahnſin⸗ niger Beifall begleitete ſie, und der Enthuſiasmus ſtieg ſo hoch, daß eine große Menge Sous und ſelbſt weißer Muͤnze von allen Seiten auf das Geruͤſte fiel, eine Frei⸗ gebigkeit, die um ſo unaufgeforderter war, als dieſe Scene, die nur dazu dienen ſollte, das Publikum in das Innere unſerer Vorrichtung zu locken, im Freien vor ſich ging, als Gratisvorſtellung galt, und keine Einſammlung zur Folge haben ſollte. Auch erſcholl nach diſet volksthuͤmlichen Großmuth — 25 — ſogleich wuͤthendes Geſchrei. No ch einmal, no ch n einmal! Immer noch halb hinter der Leinwand verborgen, hatte ich mich Basquinen genähert, freudig und ſtolz ihr Gluͤck wuͤnſchen zu koͤnnen, denn was mich jetzt betrubt, erfreute mich damals. „Nun, das nenne ich mir doch einen Triumph!“ ſagte ich ganz leis zu Basquine, die Leinwand aufhebend. „Sprich mir nicht davon,“ antwortete mir das Kind, ganz erregt, ganz ſtrahlend, die Wangen gluͤhend, den Blick funkelnd; „ich bin ganz entzuckt.. wie amüſunt das iſt!“ In dieſem Augenblicke erſcholl das bis!“ Rufen ſtaͤrker noch als zuvor. Basquine, deren Erregung ein wenig ſich gemindert hatte, zuckte faſt unmerkbar die Achſeln, zeigte mit höhni⸗ ſchem Blicke auf das Publikum, und ſagte mit noch von des Triumphes Anreizung zitternder Stimme: „Siehſt Du die Fettgans*)! wie ſie warm wird!... Das iſt noch gar nichts. .. Bei der Wiederholung wil ich ſie erſt recht ins Feuer bringen.“ „Und ich.. ich erwuͤrge Dich.. wenn Du es bis machſt!. .. Ich will durchaus, daß Dich der Hanswurſt nicht mehr ſo beruͤhrt und anſieht, wie ers gethan hat,“ murrte hinter mir eine dumpfe, zornige Stimme. Das Publikum heißt im acrobatiſchen Sprachge⸗ brauche die Fettgansz es giebt eine magere Fettgans, (ein wenig zahlreiches Publikum) und eine fette (ein zahlreiches). * Ich drehte mich um. Es war Bamboche, bleich, das Geſicht von Zorn und Eiferſucht verzerrt. „Mein Gott.. ich kann ja nichts dafuͤr. . es iſt ſo in der Rolle,“ ſagte Basquine ganz bebend und ſich nach der Leinwand wendend, hinter der Bamboche ſich verbarg. „Bis! .. bis! .. die Scene des Hanswurſtes mit Bas⸗ quine!“ ſchrie die ungeduldige Menge. „Ich verbiete Dir es, bis zu machen,“ verſetzte Bam⸗ boche wieder, indem er die Leinwand halb aufhob, um einen furchtbaren Blick auf Basquine zu werfen.. . . Du verſtehſt mich?“ * Damit verſchwand er. „Ich werde die Scene nicht wiederholen,“ ſagte das arme Geſchöpf, deſſen Augen ſich mit Thraͤnen fuͤllten, ganz leis zu mir, und ſetzte dann hinzu: „Sage es ihm, daß er nicht boſe ſein ſoll.“ Bei dem wiederholtem Geſchrei der Menge, kletterte la Levraſſe, uͤber den Erfolg ſeines göglings entzuckt, auf das Geruͤſte, und ſagte, ſich Basquinen naͤhernd, leis zu dieſer: „Die Fettgans gluͤht!... Vorwaͤrts!... woran denkſt Du denn?. Geſchwind die Scenel Die Scene noch einmal!“ „Nein,“ antwortete Basquine feſt. Damit trat ſie zuruͤck, um ſich hinter die Leinwand, unſre einzigen Couliſſen, zu ziehen. Das Geſchrei währte fort. La Levraſſe grußte dreimal * das Publikum mit grotesker Grimaſſe, und gab durch Zei⸗ chen zu verſtehen, daß er ſich bei Basquine verwenden wolle, um von ihr die verlangte Wiederholung zu erhalten, aber ohnerachtet ſeiner heitern und komiſchen Miene, ſagte er mit zorniger Stimme ganz leis zu ſeiner Penſionairin: „Kleines Bettelkind, Du wirſt die Fettgans boͤſe machen, und wir werden eine ungeheure Einnahme ver⸗ lieren.“ „Das iſt mir einerlei,“ ſagte Basquine mit ſo ent⸗ ſchloſſenem und hartem Tone, daß la Levraſſe, da er nicht hoffen durfte, ihren Widerſtand zu beſiegen, ganz leis hin⸗ zuſetzte: „Das ſollſt Du mir bezahlen!“ Dann nahm er ſeine grimaſſirende Maske wieder vor, wendete ſich an das Publikum, das jetzt ſchwieg, und begann unter neuen Verbeugungen: „Ich muß mir die Freiheit nehmen, der verehrten Ge⸗ ſellſchaft zu ſagen, daß das Kind... das unnachahmliche Kind, da es ſo eben noch in andern Tanz? und Geſangs⸗ uͤbungen auftreten ſoll, Gefahr liefe, ſich noch mehr zu er⸗ müden, wenn es das Stuͤck zum Vergnugen der geehrten Geſellſchaft wiederholte.“ Da nun ein wuͤthendes Geſchrei des Mißvergnugens auf dieſe Worte erſcholl, ſetzte la Levraſſe mit ſeiner den Tumult übertönenden, gellenden Stimme hinzu: „Die verehrte Geſellſchaft kann ganz ruhig ſein! ſie — 28 — wird nichts dabei verlieren . . die Uebungen werden mit Wiederholung dieſes famoſen Stuͤcks ſchließen, welches das Gluͤck gehabt hat, der geehrten Geſellſchaft zu gefallen.“ Und da dieſes Verſprechen, ſtatt die Menge zu beru⸗ higen, welche begierig war, Basquine noch einmal zu hören, mit neuem Geſchrei aufgenommen wurde, ſo gab la Levraſſe, der ſich ſchon als großen Politicus zeigte, Basquinen ein Zeichen zu verſchwinden, und rief der großen Trommel, den drei Klarinetten und vier Trompeten, aus denen unſer Orcheſter beſtand, zu: „Vorwaͤrts die Muſik .. und tuͤchtig!. .. betaubt die Fettgans!“ Auf dieſen Befehl brach das hoͤlliſche Orcheſter los, und der Hanswurſt verband als gewandter Mann das Ge⸗ läute einer ungeheuern Glocke mit deſſen betaͤubendem Lar⸗ men, der bald das Getoͤs der Menge uͤbertönte, waͤhrend la Levraſſe und der Hanswurſt, uͤber die Bruſtwehr unſers Geruͤſtes gelehnt, aus vollem Halſe riefen: „Herein, meine Herren ... herein... die Kleinigkeit an der Thuͤr iſt nichts gegen das, was Sie ſehen werden.. . Herein, meine Herren, herein!“ Ohnerachtet la Levraſſe's geſchickten Mandeuvers ſturz⸗ ten doch eine Menge erbitterter Zuſchauer auf das Geruͤſt. Es erfolgte ein furchtbarer Tumult, der nur mit Muͤhe von einigen Gensdarmen, den nothwendigen Beiſtänden unſrer Vorſtellungen, geſtillt ward. Doch behielt das Ge⸗ ſetz den Sieg. Einige zu feurige Liebhaber fuͤr Basquinens — 2 — Talent wurden verhaftet, und die innere Vorſtellung konnte endlich, vor einem unglaublichen Zufluſſe des Publikums, anfangen, denn dieſer Vorfall hatte natuͤrlich die allgemeine Neugier verdoppelt. Ich hatte das Geruͤſt eher verlaſſen als Basquine, um zu Bamboche zu eilen, und ſeine Eiferſucht zu be⸗ ſchwichtigen. Im Augenblicke, wo ich langs der Leinwandumhuͤllung voruͤberging, welche uns als Foyer diente, hörte ich die derbe Stimme von Mutter Major. Ob ſie gleich leis ſpre⸗ chen wollte, und ſich Muͤhe gab, ſich zuruͤckzuhalten, gelang⸗ ten ihre Worte doch bis zu mir. Ich blieb ſogleich ſtehen. „Ich ſage Dir, daß ich Dich erdroſſele, Boͤſewicht, und ſie umbringe. .. dieſe kleine Otter...“ grollte die Me⸗ gaͤre, „ſchon lange ſpuͤre ich Dir nach!“ „Du wirſt ſie nicht umbringen, Dicke! .. dazu biſt Du zu feig,“ antwortete die unedle, rauhe Stimme des Hanswurſt. „Ich ſie nicht umbringen? ... O nein, nein, wenn ich huſte.. .“ entgegnete Mutter Major, und betonte die letzten Worte auf eine ganz eigenthuͤmliche Art. Dann vollendete ſie ohne Zweifel die Bedeutung dieſer Worte durch eine ausdruͤckliche Pantomime, denn nach einer Secunde des Schweigens begann der Hanswurſt, und dieſes Mal ſehr ernſtlich, wieder: „Ah! beim Huſten.. .. Ja, das iſt moͤglich. .. — 6 — aber ich ſage Dir doch.. das wirſt Du nicht wagen .. vor aller Welt!“ p Auf eine Bewegung hinter der Leinwand, wo die bei⸗ den Perſonen, die ich horte, ſtanden, entwiſchte ich ſchnell. Nun begriff ich die Urſache des Wuthanfalls der Mut⸗ ter Major, und erſchrack doppelt wegen Basquine. Mehr als einmal hatte dieſe mich zu Hilfe gerufen, um ſie gegen die Rohheiten des Hanswurſt zu ſchuͤtzen, indem ſie mich bat, aus Furcht vor Ungluͤck, dieſe Verſuche Bamboche zu verbergen, deſſen Eiferſucht hoͤchſt reizbar war. Das arme Kind hatte alſo ſowohl die Eiferſucht der Mutter Major, als den Haß des Hanswurſt zu fuͤrchten. Ich ſtand auf dem Punkte, Bamboche Alles zu ent⸗ decken. Wenn ich aber bedachte, daß wir, nach ſeiner Mit⸗ theilung, noch in dieſer Nacht die Truppe verlaſſen wuͤrden, und in den Worten der Mutter Major nur eine entfernt liegende Drohung vermuthete, ob dieſe gleich mir damals ganz unverſtaͤndlich waren, da ſie behauptete, durch ein Huſten Basquine tödten zu können, ſo hielt ich es fur klug, zu ſchweigen, da mir die Gefahr nicht ſo unmittelbar ſchien. u6 hi So kam ich denn faſt mit Basquine zugleich zu Bamboche. Die arme Kleine nahte ſich ihm mit gefalteten Haͤn⸗ den, feuchten, flehenden Augen, im Geſicht ein unbeſchreib⸗ liches Gemiſch von Hingebung, Angſt, Demuth und Zärt⸗ lichkeit. — — „Sag' ein Wort... und ich trete heute Abend gar nicht wieder auf,“ fluͤſterte ſie mit bewegter Stimme. Dann ſetzte ſie mit entſchloſſenem Tone hinzu: „Nein, ſiehſt Du. und wenn la Levraſſe mich in Stuͤcken reißen ſollte, ich trete heut Abend nicht wieder auf, wenn Du mir es verbieteſt.“ „Jetzt iſt mirs einerlei... Du haſt nur noch mit mir, Martin oder Mutter Major zu arbeiten,“ antwortete Bam⸗ boche mit roher Stimme, deren Ton er noch haͤrter zu machen ſich bemuͤhte, aber ſein Blick, ſein Geſicht ver⸗ riethen die Erſchuͤtterung, welche die Hingebung wie die energiſche Entſchloſſenheit Basquinens in ihm hervor⸗ brachte. Da er nun ſeine Ruͤhrung verbergen wollte, wandte er ſich mit den Worten ab: „Man ruft mich!“ Er verließ uns ſchnell, aber ich hatte ſeine Augen ſich mit Thraͤnen fuͤllen ſehen. „Mein Gott!... was hat er denn nur noch?“ fragte mich Basquine, die Bamboche's Ruͤhrung nicht ſo wie ich hatte bemerken können. „Er weint... und will es uns nicht ſehen laſſen,“ ſagte ich Basquinen. „Er weint und warum?“ fragte ſie wieder. — — „Weil er geruͤhrt iſt uͤber das, was Du ihm eben verſprochen haſt: lieber Alles aufs Spiel zu ſtellen, als dieſen Abend wieder aufzutreten, wenn er es nicht will.“ „O! ſiehſt Du?. . ſiehſt Du? trotz Allem . wie iſt er doch ſo gut!“ rief Basquine tief geruͤhrt aus. Yrittes Rapitel. Die Menſchen⸗Pyramide. Auf einmal trat Mutter Major ins Foyer. Sie war als Wilde gekleidet, um die Stirn trug ſie eine Krone von rothen und ſchwarzen Federn, dazu einen Ueberwurf von getiegertem Stoffe, der ein Pantherfell vorſtellen ſollte. Die⸗ ſes Kleidungsſtuͤck verbarg keineswegs ihre knotigen Kniee, auf denen ein fleiſchfarbenes Tricot ruhte. Sie war blaß unter der dicken Decke von Schminke auf ihrem Geſichte. Ihre großen ſchwarzen Aegwtsunen ſchienen ſich wider ih⸗ ren Willen zuſammenzuziehen. Ihr Blick hatte etwas Un⸗ heimliches. Dieſes Aeußere fiel mir um ſo mehr auf, als ſie uns mit ungewoͤhnlicher Sanftmuth anredete: „Geſchwind, geſchwind, Kinderchen“ — ſagte ſie herz⸗ lich, „wir haben nur noch Zeit, unſer Auftreten in der Menſchenpyramide vorzubereiten, deren Obelisk Du biſt, mein kleiner Engel,“ wendete ſie ſich ſcherzend zu Bas⸗ Martin. 1V. 3 quinen, dieſe am Kinn ergreifend, und deren Stirn kuͤſ⸗ ſend. Ich mufßte zittern bei dieſer heuchleriſchen Liebkoſung. Ohnfehlbar lag die Gefahr, die ich fuͤr Basquinen furchtete, aber fuͤr entfernt hielt, ſehr nahe. .. Aber worin beſtand dieſe Gefahr? „Und wo iſt denn der närriſche Kerl, der Bamboche?“ ſetzte Mutter Maior hinzu, „er wird unſer Auftreten ſtören!“ „Bamboche!“ rief ich. „Da bin ich da bin ich!“ rief mein Gefährte, herbeieilend. Bamboche und ich gehoͤrten auch mit zur Menſchen⸗ pyramide. Wir waren nach der reinſten Tradition der Seiltänzer gekleidet, lachsfarbene Tricots bedeckten unſern gan⸗ zen Leib, dazu rothe, bauſchige und geſtickte Hoſen und ro⸗ the Stiefelchen, mit Katzenfell verbrämt. „Allons, Basquine . hinaufgekrochen!“ ſagte Mut⸗ ter Major, ſtreckte den Ruͤcken aus und ſtemmte ihre Haͤnde auf ihre Kniee. Und in einer Sekunde war Basquine leichtfuͤßig laͤngs des ungeheuern Ruͤckgrats, das man ihr darbot, hinaufge⸗ krochen, und dann die Achſeln erreichend, eine wahre Platt⸗ form, ſtand das Kind dort aufrecht mit untergeſchlagenen Armen, einen Fuß rechts, den andern links. Dann nahm Mutter Major uns Beide, Bamboche und mich, an die Haͤnde. Ein Theil des Zeltes oͤffnete ſich und wir traten ſo in den kleinen Circus, wo unſre Vorſtellungen ſtatt fanden. Nicht lange, ſo bemerkte ich, daß Mutter Major, die mich an der Hand hielt, zuweilen zitterte, als ob ſie eine heftige innere Erregung fuͤhlte. Meine Beſorgniß fuͤr Basquinen verdoppelte ſich und ich ſah ſchnell zu der Me⸗ gäre hinauf. Ihre ungeheure Bruſt klopfte ſo gewaltig zwei bis drei Mal unter dem Pantherfelle, daß ſich die ſe Bewegung ihren Schultern mittheilte, dem einzigen Stuͤtz⸗ punkte fur Basquinens Fuͤßchen, ſo daß das Kind geno⸗ thigt war, ein oder zwei faſt unmerkliche Bewegungen zu machen, um das vollkommene Gleichgewicht wiederherzuſtel⸗ len und zu erhalten. Plötzlich ficlen mir des Hanswurſtes Worte: „Du kannſt ſie mit dem Huſten umbringen,“ wieder ein. Ich begriff Alles. Damit das Kunſtſtuͤck der Menſchenpyramide vollſtän⸗ dig ſei, mußten wir Beide, Bamboche und ich, Basquinens Stelle auf den Schultern der Mutter Major einnehmen⸗ damit das Kind dann auf unſte Schultern klettern, und dort mit gekreuzten Armen aufrecht ſtehen könne. Eine plötzliche Bewegung der Mutter Major, die uns alle Drei trug, reichte dann hin, um das Zuſammenſtuͤrzen der Menſchenpyramide und Basquinens Fall zu bewirken, ein Fall von einer Höhe von 9 bis 10 Fuß herab, der viel⸗ leicht tödtlich werden konnte, unausbleiblich aber die gefaͤhr⸗ üchſten Folgen fuͤr ein Kind von ſo zartem Alter haben 3* — 6 — mußte. Eine ſolche unerwarttete Bewegung der Mutter Major konnte aber vollſtändig und ſtraflos erfolgen, wenn ſie einen ſtarken Anfall von Huſten vorgab, der, indem er plötzlich ihre maſſive Perſon erſchutterte, uns alle Drei ein ohnedies ſo ſchwer zu erhaltendes Gleichgewicht verlieren ließ. Mit Blitzesſchnelle flogen mir dieſe Gedanken durch den Sinn, in demſelben Augenblicke, wo Mutter Major in Mitten des Circus ſtehen blieb und Basquine auf die Erde glitt, um zuerſt unſte Stelle auf den Schultern dieſes weib⸗ lichen Coloſſes einnehmen zu laſſen. Unmoͤglich war es, Basquinen meine Befurchtungen mitzutheilen. Wir waren noch durch den ungeheuern Um⸗ fang der Mutter Major getrennt. Ich hätte mich geradezu weigern muͤſſen, an dem Kunſtſtuͤcke Theil zu nehmen, da⸗ mit die Menſchenpyramide unmoglich und dadurch das ungluck, das ich befuͤrchtete, verhindert werde, aber mitten in meiner Unruhe und Angſt kam mir dieſe Idee nicht in die Gedanken, und einer maſchinenartigen Gewohnheit fol⸗ gend, denn wir hatten dies Kunſtſtuck ſehr oft eingeuͤbt und wiederholt . . . glitt ich auf der einen Seite auf die rechte Schulter des weiblichen Alciden, waͤhrend es Bamboche auf die linke that. Mutter Maſor blieb, den Ruͤcken leicht gekruͤmmt, die Hände in die Weichen geſtemmt, unbeweglich wie eine ſtei⸗ nerne Caryatide, unerſchuͤtterlich unter unſerer Schwere. — — — — — Kaum fuͤhlte ſie, daß wir im Gleichgewichte ſtanden, als ſie ganz leis zu Basquinen ſagte: „Nun Du! . . geſchwind!“ Alles dieſes in unglaublicher Schnelle vor ſich, da dieſe ſehr angreifenden und gefaͤhrlichen Kunſtſtuͤcke nur einige Augenblicke dauerten. Kaum auf Mutter Majors Schultern angelangt, be⸗ ſchäftigte ich mich, ehe ich daran dachte, Bamboche von meinen Beſorgniſſen Kunde zu geben, gezwungenerweiſe zu⸗ erſt damit, ſo wie er das Gleichgewicht zu ſuchen. Dann umſchlang ich mit meinem linken Arme die Weichen meines Gefährten, waͤhrend er mich auf dieſelbe Weiſe umfaßte. Dieſen Augenblick, der kaum eine Seeunde waͤhrte⸗ ergriff ich, um ſchnell und leis Bamboche zuzufluͤſtern: „Sei auf der Hut wegen Basquinen.“ „Sei ruhig deshalb,“ antwortete Bamboche, da er glaubte, ich gaͤbe ihm einen beſtimmten Rath, vorſichtig zu ſein. „Nein, nein,“ fluͤſterte ich ſchnell . .. „Traue der Mutter Major nicht . ſei auf der Hut!“ Bamboche hoͤrte mich nicht. Basquine, welche ſich mit der Tunika, ja ſelbſt mit dem Chignon des weiblichen Herkules geholfen hatte, bis auf die Schultern deſſelben zu klettern, wo ſie einen Augenblick lang hinter uns blieb, ſetzte, eben in dem Augenblicke, wo ich Bamboche warnte, ihr kleines Fuͤßchen in die hohle Hand unſers Gefährten, welche er in der Höhe ſeiner Huͤfte wie ein Fußbänkchen — hielt. Mit leichtem und abermaligem Aufſchwunge errelchte nun Basquine Bamboche's Schulter, auf welche ſie ihren rechten Fuß ſtuͤtzte, waͤhrend ſie ihren linken auf die meinige ſtellte. Dann kreuzte ſie die Arme und gruͤßte das Publi⸗ kum mit einer höchſt anmuthigen Kopfbeugung. Auf dieſes durch Gewandtheit, Anmuth und Unerſchro⸗ ckenheit ſich auszeichnende Kunſtſtuͤck brach unter den Zu⸗ ſchauern ein wahnſinniger Beifall los. Mloͤtzlich fuͤhlte ich, wenn man ſo ſagen kann, an einem langſamen und fortſchreitenden Aufbauſchen der Schul⸗ tern der Mutter Major, daß ſie ſich vorbereite, heftig zu huſten . .. und in dieſem Augenblicke ſelbſt ſtellte ſich, durch den Beifall geſpornt, Basquine als Ruhm, indem ſie ihr linkes Fuͤßchen, das ſich auf Bamboche ſtuͤtzte, hinwegzog und langſam das Bein zuruͤckbog, ſo daß das arme Kind nur die eine Fußſpitze, welche auf meiner Achſel ruhte, zur Stuͤtze hatte. Einem inſtinktmaͤßigen Gefuͤhle gehorchend, denn die Wichtigkeit deſſelben zu berechnen, mangelte mir die Zeit, warf ich mich ploͤtzlich zuruͤck und ſtreckte die Arme in dem Augenblicke aus, wo Mutter Major heftig huſtete. Bas⸗ quine, deren einziger Stuͤtzpunkt ich war, und die ſich eben ein wenig nach vorn gebogen hatte, fiel vor mir hetab. Ich hatte das ungeheure Gluͤck, bei unſerm gemeinſamen Falle ſie in der Höhe der Schultern der Mutter Major in meine Arme reißen zu koͤnnen, und unten auf die Fuͤße zu kommen, Basquinen noch umarmt haltend. — — — — Bei dieſen unerwarteten Bewegungen verlor Bamboche das Gleichgewicht, aber fuͤr ihn wie fuͤr mich hatte dieſer Sprung nichts Gefaͤhrliches. Er half ſich gewandt auf die Fuͤße. So waren wir denn alle Drei nur auf dieſe gefallen. Das Publikum glaubte, dies muͤſſe das Ende unſers Kunſt⸗ ſtucks ſein und applaudirte furchtbar, während ich in meinen Armen die ganz beſturzte Basquine hielt und leis zu Bam⸗ boche ſagte: „Komm! . komm!“ So verſchwanden wir denn alle Drei hinter dem Lein⸗ wandſtuͤcke und ließen Mutter Major in Mitten ihres ver⸗ ſtellten Huſtens zuruͤck, von dieſem Zufalle, der ihren ab⸗ ſcheulichen Plan zu nichte machte, ſo betroffen, daß ſie einige Minuten lang, mit offnem Munde in der Poſitur einer Caryatide ganz verſteinert blieb, wobei das Publicum allerdings etwas pfiff und ziſchte. um ihren Verdruß zu verwollſtändigen, ſagte ich auf der Stelle zu dem Vorfechter der Akademieen von St. Pe⸗ tersburg, Caudebec u. ſ. w., der auf den Augenblick wartete, ſeinen Kampf mit dem weiblichen Herkules zu beginnen: „Die Reihenfolge der Vorſtellung iſt abgeaͤndert, Sie ſind an der Reihe. Geſchwind denn, Mutter Major war⸗ tet auf Sie zum Kampfe.“ Wie ich mirs berechnet hatte, ſo eilte jetzt der Vor⸗ fechter auf den Kampfplatz, wo er ſich ſogleich ehrerbietig vor Mutter Major ſpaltete, (d. h. ausſpreizte) um ihr — 40 — auf galante Art vorzuſchlagen, auf die Mauer zu ſto⸗ hen, (d. h. auf einander los zu gehn.) Dieſer Vorfechter war ein kleiner, ausgetrockneter und magerer Graukopf, leicht und gewandt, kokett gekleidet in ein Fechtwamms und Pantalons von weißem Tricöt, von dem wundervoll ſeine ſchoͤnen Sandalen von rothem Maro⸗ zuin abſtachen. Ohnſtreitig konnte ſich dieſer wuͤrdige Mann nicht ruͤhmen, den beruͤhmten Bertrand zum Lehrer gehabt zu haben, ihn, der, wie einer meiner Lehrer mir ſagte, es verſtand, die Anmuth und Wuͤrde der klaſſiſchen Akademik mit Dem zu vereinigen, was es in den Phanta⸗ ſieen der Fechtkunſt nur Gewaltſames giebt, ihn, der, wie man ſehr ſelten findet, dem Stahle eine neue Gewalt ver⸗ leiht. indem er ihm die des Studiums, der Berechnung, des Gedankens aufpragt. Deſſenungeachtet hatte ſich der Vorfechter nicht ohne Anmuth und Feſtigkeit gezeigt, als er vor Mutter Major ſich in Garde geſetzt, aber jetzt ergriff die Megaͤre, wuͤthend, daß Basquine ihrem Haſſe entflohen war, und erfreut, ihren Zorn an Jemand auslaſſen zu kön⸗ nen, die Maske, den Handſchuh, die Bruſtwehr und das Rapier, welche Inſtrumente auf einem Tiſche lagen, und nun ihrerſeits ausfallend, griff ſie den armen Vorfechter mit der Wuth eines Orkans an, ihre Stoͤße wiederholend, ohne den Gegenſtoß abzuwarten, und ſo gewaltig auf ihn losſto⸗ ßend, daß, nachdem ſie ihr Rapier auf der Bruſt des klei⸗ nen Vorfechters zerbrochen hatte, dieſer weibliche Alcide doch in blinder Wuth noch fortfuhr, mit ihren ungeheuern Faͤu⸗ ſten zu fechten, ſo daß die Fechtuͤbung in einem Fauſt⸗ kampfe endete. Nur mit großer Muͤhe und unter dem lauten Gelaͤch⸗ ter des Publikums konnte man den kleinen zerblaͤuten und zerpruͤgelten Vorfechter aus den ſchrecklichen Haͤnden der Mutter Major retten, die Vorſtellung wurde ohne weitre Unterbrechung fortgeſetzt und endete mit der Vorzeigung des Fiſchmenſchen. Leonidas Haifiſch machte ſeine Sachen vortrefflich. Er aß einen ſchoͤnen lebendigen Aal, einen Hecht von zwei Pfund und ein Dutzend noch zappelnder Gruͤndlinge, nach⸗ dem er in der Wanne Wunder gethan mit ſeinen ſchoͤnen blauen, beweglichen Floßfedern, die kuͤnſtlich an einen Schup⸗ penpanzer von Blech geloͤthet, bei dem rauchenden Lichte unſrer Lampen betrachtet, eine hinreichende Taͤuſchung her⸗ vorbrachten. Ueberdies hatte Leonidas noch eine Kopfbede⸗ ckung von enganliegendem und gummirtem blaͤulichen Taffet, an deren Seiten Ohren von Wachsleinwand geſchickter Weiſe angebracht worden, wodurch er die ſonderbarſte Phy⸗ ſiognomie von der Welt erhielt. Doch haͤtte beinah ein einziger Zufall dieſe gluͤckliche Taͤuſchung vernichtet, aber zum Gluͤcke war der Fiſchmenſch ſeit einem aͤhnlichen fruͤhern Vorgange auf ſeiner Hut und vorbereitet. Leenidas Haifiſch hatte eben unter allgemeinem Bei⸗ fall ſeinen letzten rohen Gruͤndling verzehrt und ſchien ſeine Freude, ſo ſehr nach ſeinem Geſchmacke gefuͤttert worden zu ſein, dadurch zu bezeugen, daß er in ſeiner Wanne froͤh⸗ lich herumzappelte und mit den Floßfedern wie ein Vogel mit den Fluͤgeln ſchlug, als ein eben ſo unbeſcheidener als ſceptiſcher Zuſchauer aufſtand und laut ausrief: „Ich zahle 10 Sous, um die Floßfedern des Herrn in der Nähe zu unterſuchen.“ Dieſe gefahrvolle Aeußerung des Unglaubens fand un⸗ glüͤcklicher Weiſe ein Echo, und eine ziemliche Anzahl Zu⸗ ſchauer ſetzten aufſtehend hinzu: „Wir auch . . . wir auch. . wir geben auch 10 Sous, wenn wir der Wanne näher treten können.“ „Und die Floßfedern des Fiſchmenſchen angreifen,“ fugte der eingefleiſchte Skeptiker an. La Levraſſe, welcher einen Einbruch indiscreter Neu⸗ gieriger befuͤrchtete, gab jetzt zwei Gensd'armen, welche die Vorſtellung uͤberwachten, ein Zeichen und ſagte dann, ihrer Unterſtuͤtzung ſicher, zum Publiko: „Ich fange an, den Fiſchmenſchen unter den Schutz der bewaffneten Macht und des Geſetzes zu ſtellen, denn in meinen Ankuͤndigungen iſt es keineswegs kund gemacht, daß man ſich dem Fiſchmenſchen nähere, noch weniger aber, daß * man die Hand an ſeine Floßfedern legen duͤrfe.“ Da nun hoͤhniſches Gelaͤchter dieſe Proteſtation beant⸗ wortete, ſetzte la Levraſſe majeſtaͤtiſch hinzu: „Dennoch . . . um der geehrten Geſellſchaft zu zeigen⸗ daß mein Phaͤnomen die genaueſte Unterſuchung, die klein⸗ lichſte Pruͤfung, nicht zu ſcheuen braucht . . nehme ich den Antrag der geehrten Zuſchauer an, aber unter Einer Be⸗ dingung . . .“ „Aha. . ſehen Sie! . . er macht Bedingungen!“ riefen die Skeptiker. „Ja, meine Herren, ich mache eine Bedingung,“ ent⸗ gegnete la Levraſſe, „aber eine ſehr einfache Bedingung .. naͤmlich die, daß hoͤchſtens vier Perſonen, nach eigner Aus⸗ wahl der geehrten Geſellſchaft, ſich dem Fiſchmenſchen naͤ⸗ hern.“ „Warum denn nur vier Perſonen?“ rief man. La Levraſſe ſenkte beſcheiden die Augen und antwortete: „Meine Herren, in ſeiner Qualität als Fiſchmenſch exiſtirt mein Phaͤnomen natuͤrlicherweiſe im Waſſer, ohne den Schatten einer Bekleidung . . . aber dieſe Gewohnheit hindert nicht . . . daß der Fiſchmenſch . . . ganz außerordent⸗ lich ſchamhaft iſt. Eine lobenswerthe und ihn ehrende, aber ſo ſchuͤchterne Schamhaftigkeit, daß ich nicht dafuͤr ſtehen kann, ob nicht die bloße Gegenwart dieſer vier geehrten Zu⸗ ſchauer, die ſo zu ſagen mein Phaͤnomen in ſeiner Wanne bis auf den Grund erforſchen wollen, dieſe Schamhaftigkeit, welche ich an ihm ruͤhme, ſehr empfindlich verletzen wuͤrde.“ Ein klägliches Stöhnen des Fiſchmenſchen ſchien dieſe Worte la Levraſſe's zu beſtaͤtigen; dieſer aber wendete ſich nun zu Leonidas Haifiſch, und ſagte mit ernſtem und ge⸗ ruͤhrtem Tone zu ihm, als wolle er ihn auf ein ſchmerzli⸗ ches Opfer vorbereiten: „Es hilft nichts, mein Junge, was es uns auch ko⸗ ſten möge, wir muͤſſen uns der Unterſuchung des Publi⸗ kums unterwerfen. Unſre Wanne muͤßte von Glas ſein, damit Ihre phänomenale Rechtlichkeit nicht in Zweifel gezogen werde.. .. Geben Sie ſich alſo darein, mein Freund! laſſen Sie Ihre Schamhaftigkeit ſich noch einmal aufopfern.“ Auf dieſe Worte folgte abermaliges ſchmerzliches Ge⸗ ſtohn des Fiſchmenſchen, der, bis uͤber die Ohren in ſeiner Wanne untertauchend, gänzlich verſchwand. „Seien Sie ruhig, meine Herren,“ ſagte la Levraſſe mit verſtaͤndiger Miene zu dem Publikum, das ſich zu be⸗ unruhigen begann, „er wird wieder auf die Oberflaͤche des Waſſers kommen, um gleich den Cachelots und andern Walfiſchen reine Luft zu athmen.“ Dann ſich zu den Gensd'armen wendend: „Gensd'armen, laſſen Sie vier Perſonen herantreten. Aber ich ſage voraus, daß ich die gegebene Erlaubniß zuruck⸗ nehme, ſobald dieſe geehrten Perſonen darauf beſtehen, zehn Sous zu bezahlen fuͤr ein Recht .. das ich die Ehre habe ihnen unentgeltlich anzubieten.“ Man konnte ſich unmöglich großmuͤthiger zeigen, als la Levraſſe. In dem Augenblicke, wo der Fiſchmenſch wieder auf der Oberflaͤche des Waſſers erſchien, ſprangen die vier Er⸗ wählten auf und ruͤſteten ſich, mit forſchendem Auge die ge⸗ heimnißvollen Tiefen der Wanne zu pruͤfen, als la Levraſſe mit feierlicher Geſtikulation ihnen ſagte: „Erinnern Sie ſich wohl daran, meine Herren, daß ich Ihnen im Voraus geſagt habe, der Fiſchmenſch ſei von außerordentlicher Verſchaͤmtheit.“ „Was ſchadet uns das?“ begann einer der Neugierigen. „Ich kann Ihnen weiter nichts ſagen,“ antwortete la Levraſſe in ſentenzioͤſem Tone. „Jetzt, meine Herren, ſind Sie gewarnt, ſtillen Sie Ihre Neugier .. weil Sie es einmal ſo wollen.“ „Als dieſe vier Dummkoͤpfe von Neugierigen ſich mei⸗ ner Wanne naͤherten, (ſagte mir der Fiſchmenſch bei ſeiner Erzaͤhlung dieſes Auftritts) nahm ich das Anſehn verletzter Schamhaftigkeit an. Ich plätſcherte in meinem Behaͤlter nicht mehr und nicht weniger wie eine in einem Fluſſe be⸗ lauſchte Najade. Aber in dem Augenblicke, wo meine vier Neugierigen, ſich auf den Rand der Wanne ſtuͤtzend, ihre Augen weit aufriſſen, um beſſer ſehen zu konnen, machte ich eine leichte Bewegung . . . und krack. . . wurde das bis da⸗ hin ganz klare Waſſer plotzlich ſchwarz wie Dinte, und was noch mehr, es entſtroͤmte ihm ein ſo peſtilenzialiſcher Schwe⸗ felgeruch, daß dieſe vier Herren halb erſtickt zuruͤckprallten, ſich die Naſen zuhielten, eiligſt davon gingen und einander anſahen, waͤhrend la Levraſſe ausrief: „Das iſt die Schamhaftigkeit, meine Herren! ich hatte es Ihnen wohl geſagt. Es iſt die unverletzbare Scham! Denn gleichwie der Sepiafiſch, der vor dem Haifiſche flieht, die Gabe beſitzt, ſich in eine ſchwarze Fluͤſſigkeit zu huͤllen, die das Waſſer truͤbt und der Verfolgung ſeines Feindes Schranken ſetzt, ſo beſitzt auch der Fiſchmenſch die Gabe, um Blicken, welche ſeine Schamhaftigkeit zu ſehr verletzen, zu entfliehen, ſich in eine Wolke zu huͤllen, die . „La Levraſſe hatte nicht Gelegenheit, ſich uber die Ei⸗ genſchaften meiner Wolke weiter zu verbreiten, denn der Geruch von zwanzig Baͤdern von Barge wuͤrde Roſen- und Jasminenduft gegen den geweſen ſein, den meine Wanne aushauchte. Ich erſtickte faſt ſelbſt daran, aber ich hatte doch die Freude, die ganze Maſſe der Zuſchauer nach der Thuͤr ſtuͤrzen zu ſehen, ohne nach dem Uebrigen zu verlan⸗ gen, und tuͤchtig dafur beſtraft, daß ſie meine Floßfedern durch die Augen ihrer vier albernen Bevollmächtigten hatten näher unterſuchen wollen. Ich brauche Ihnen nicht erſt zu ſagen, lieber Martin, daß, wenn der verzweiflungsvolle Fall eintrat, wo ich mich genöthigt ſah, mich in meine Wolke zu huͤllen, um einer gefährlichen Neugier zu entge⸗ hen, ich mittelſt eines Nagels ſogleich eine große, in der Tiefe meiner Wanne verborgene Blaſe durchſtach, die mit in Waſſer aufgelöſ'tem Ruß und einer ſtarken Doſis von Allem angefullt war, was es nur Feines unter den uͤbelrie⸗ chendſten Praͤparaten von Schwefel⸗Waſſerſtoff und andern gräßlichen Geruͤchen gab. Die ſiegreiche Erfindung dieſer Blaſe mit vergiftendem Gewölk kam mir in Folge einer Verlegenheit in den Sinn, in welcher ich mich einmal einem Meugierigen von derſelben Gattung wie die heutigen vier Dummköpfe, gegenuͤber befunden hatte. Um mich deſſen zu entledigen, hatte ich mit Händen und Fuͤßen ſo gewaltig im — 47 — ⸗ Waſſer gearbeitet, daß jedes Mal, wenn der Neugierige an die Wanne trat, er blind gemacht und eingeweicht wurde. So entledigte ich mich deſſelben, aber die Blaſe iſt viel vor⸗ zuglicher, ohne noch zu berechnen, daß ſie ſchnell alle Zu⸗ ſchauer forttreibt, und daß es nach der Vorſtellung dann keine Nachzugler mehr giebt, die um meine Wanne herum⸗ ſchnuͤffeln und nach mir ſchielen.“ Um 9 Uhr Abends, als die letzten Lampen unſeres Etabliſſements ausgelöſcht worden, bereiteten wir uns zum Abendeſſen vor. Bamboche, der ohnſtreitig es abſichtlich vermieden hatte, ſich mir zu nähern, fluͤſterte mir in's Ohr: „Alles geht gut!. Alles iſt bereit! .. noch dieſe Nacht entwiſchen wir.“ Viertes Kapitel. Das Abendeſſen. Der Platz, der uns zu unſern Kunſtſtuͤcken uͤberlaſſen worden war, lag ziemlich weit von den letzten Haͤuſern zu Senlis und wir wohnten daher in unſerm Nomadenwagen. Ob die Einnahme gleich ſehr bedeutend geweſen, war doch das Abendeſſen, das auf die Vorſtellung folgte, traurig und gezwungen. Die Nacht war koſtlich und ſo ſoupirten wir denn unter unſerm Zelte. Mutter Major, innerlich ohne Zweifel daruͤber ergrimmt, daß ihr die Gelegenheit ent⸗ gangen war, Basquine umzubringen, oder doch tödtlich zu verwunden, indem ſie dieſelbe von der Spitze der Pyramide herabſtuͤrzen ließ, blieb ſchweigſam und warf nur dann und wann einen wilden Blick auf den Hanswurſt. Dieſer trank gewaltig, aber ſeine gewoͤhnliche ſchmutzige und unanſtaͤndige Beredtſamkeit war an dieſem Abend ganz erloſchen. Der Fiſchmenſch, ſchuͤchtern wie immer, ſpeiſ'te ſehr wenig, machte ſich klein, um Niemand zu geniren, und ſuchte die — 49 — „ Aufmerkſamkeit nicht auf ſich zu ziehen, um den gewohnten Grobheiten des Hanswurſtes zu entgehen. La Levraſſe ſchien tief nachzudenken. Ob er gleich im Allgemeinen ſehr mäßig war, trank er doch heut hinter einan⸗ der mehre große Gläſer Wein. Man haͤtte meinen ſollen, er ſuche ſich zu betaͤuben. Mehre Male uͤberraſchte ich den gluͤhenden und leuchtenden Blick, den er auf Basquine mit einem Ausdrucke warf, der mich beunruhigte und ſchaudern ließ, waͤhrend unſre kleine Gefährtin, ohnſtreitig den gehei⸗ men Vorſchriften Bamboche's gehorchend, ſich anſtrengte, ſich von der heiterſten Luſtigkeit zu zeigen; doch folgte auf dieſe Ausbruche des Frohſinns haͤufiger Stillſtand, denn dieſe Aufregungen verſtellter Luſtigkeit verbargen die Beaͤngſtigun⸗ gen, die ich ſelbſt empfand, wenn ich bedachte, daß wir waͤh⸗ rend dieſer Nacht die Truppe fuͤr immer verlaſſen ſollten. Bamboche dagegen affectirte eine außerordentliche Ab⸗ ſpannung. Er ſprach waͤhrend der ganzen Mahlzeit wenig, gähnte, dehnte ſich, behauptete muͤde zu ſein, ſtand aber dann in einem Augenblicke, wo er ſich unbeachtet glaubte, vom Tiſche auf, indem er mir einen bedeutungsvollen Blick zuwarf. In demſelben Augenblicke jedoch, wo er hinter dem Stuhle von la Levraſſe wegging, hielt ihn dieſer, der nicht gethan hatte, als merke er auf ihn, plotzlich auf und ſagte: „Wo gehſt Du hin?“ „Zu Bett! ich kann nicht mehr!“ Martin. IV. 4 — „Man legt ſich nicht ohne die Andern nieder,“ ſetzte la Levraſſe mit ſardoniſchem Tone hinzu. „Bleib!“ „Mir iſt's einerlei,“ ſagte Bamboche, „ſo lege ich mich an die Erde, ich werde auch da gut ſchlafen. Man kann mich wecken, wenn das Abendeſſen vorbei.“ Damit ſtreckte er ſich laͤngs eines Fluͤgels der Lein⸗ wand unſers Zeltes hin, der es von einer Abtheilung trennte, die zum Stalle fuͤr den ſchwarzen Eſel Luzifer diente. „Aufgepaßt, Lucifer! und gieb mir keine Fußſtoöße durch die Leinwand,“ ſagte Bamboche, ſich ſtellend, als unterliege er der Schlaͤfrigkeit, und ſtreckte ſich, ſo gut er konnte, auf die Erde, um zu ſchlafen. Basquine warf mir verſtohlen einen verzweiflungsvol⸗ len Blick zu. Bamboche hatte uns geſagt, daß er unter dem Vorwande, ſich ſchlafen zu legen, die Tafel mitten im Eſſen verlaſſen wolle, um einige zu unſter Flucht unent⸗ behrliche Vorbereitungen zu treffen, und hatte uns empfoh⸗ len, wegen ſeiner Entfernung uns nicht zu beunruhigen. Als wir aber ſahen, wie la Levraſſe ihn unterwegs aufhielt und zu bleiben befahl, hielten wir Alles fur verloren. Ich bildete mir ein, unſer Herr habe unſte Plaͤne uͤberraſcht oder errathen, und unſer warte irgend ein boshafter Fallſtrick. Meine Furcht wurde bald verdoppelt, denn nach einem Augenblicke zog la Levraſſe ein Taſchenbuch hervor, ſchrieb einige Worte mit Bleiſtift hinein, rieß das Blatt heraus und gab es uͤber den Kopf des Fiſchmenſchen der Mutter Major. — Mutter Major nahm das Blatt, ohne es zu leſen, und ſah la Levraſſe mit ſtaunender Miene an. „Die Kinder können dieſe Farcen da nicht hören,“ ſagte er und warf einen ſeltſamen Blick auf Basquine. Mutter Major las, und ſogleich zeigte ſich der Aus⸗ druck teufliſcher Freude in ihren Zuͤgen, und ſie rief aus: „Das geht.“ Dann gab ſie dem Hanswurſt das Papier und ſagte mit dem Tone rohen Mißtrauens zu ihm: „Und Du? Iſt Dir's auch recht?“ „Ei, das will ich meinen,“ verſetzte dieſer, nachdem er geleſen, mit unedlem Lächeln. . . . „Wenn es keins mehr giebt . giebt es noch eins.“ „Ja,“ rief Mutter Major mit zornentbrannter Stimme. . . . „Aber ich bin da!“ „Kurz . . . geht es?“ fragte wieder la Levraſſe, ohne zu ſcheinen, als bekuͤmmere er ſich um die Ausrufungen der Megaͤre. „Ja . es geht. . .“ entgegnete dieſe. * „Es geht,“ ſagte der Hanswurſt. Und darauf das Papier an la Levraſſe zuruckgebend, traͤllerte er mit ſeiner heiſern Stimme den Volksrefrain: „Das Kindlein ſchla . . ., das Kindlein ſchlä . . . das Kindlein ſchläft nun bald.“ Dann brach er in ein lautes Gelaͤchter aus, während la Levraſſe das Papier an der Flamme einer Lampe ver⸗ brannte. 4* ℳ Ich wechſelte mit Basquine einen Blick; ich ſah, daß ſie gleich mir befuͤrchtete, die geheimnißvollen Worte, die wir hoͤrten, moͤchten eine neue Gefahr fuͤr uns verbergen und Bezug auf die Entdeckung unſers Fluchtplans haben. Maſchinenmaͤßig warf ich die Augen auf die Stelle, wo Bamboche geſchlafen hatte . . . er war verſchwunden, ohnſtreitig, indem er fortkriechend die Leinwand aufgehoben hatte, die uns von dem Stalle Lucifers, des großen, ſchwar⸗ zen Eſels, trennte. Hatte ſich Bamboche auf dieſe Art vor oder nach dem Leſen des von la Levraſſe ſeinen Vertrauten zugeſendeten Blattes entfernt? Ich wußte es nicht, aber meine Angſt wuchs. Plötzlich goß ſich la Levraſſe ein großes Glas Wein ein und gab Mutter Major und dem Hanswurſt ein Zei⸗ chen, ihm nachzuahmen. Dann, als die Gläſer gefuͤllt, ſagte er mit einem beſondern, mir unheimlich ſcheinendem Ausdrucke: „Auf die Geſundheit des Kaͤtzchens!“ Dieſer Toaſt wurde mit Ausbruͤchen von furchtbarem Lachen Seiten des Hanswurſtes und der Mutter Major aufgenommen, Ausbruche, die mir verſtellt und unheimlich ſchienen. Mutter Major ſtand dann vom Tiſche auf und ſagte mit ihrer derben, rauhen Stimme: „Vorwaͤrts, Bamboche, Basquine und Martin, geht ſchlafen . . . ihr Vettelgeſindel!“ —— — „Biſt Du taub, Du?“ ſagte la Levraſſe, ſich zu der Stelle herabbeugend, wo er kurz zuvor Bamboche ſich hatte hinlegen ſehen. „Seht doch . er iſt entwiſcht!“ rief la Levraſſe ver⸗ wundert, „Bamboche iſt nicht mehr da!“ „Gut! . . um ſo beſſer!“ ſagte Mutter Major, wie von einem plotzlichen Gedanken ergriffen; „wenn er in den Wagen gegangen iſt, ſo wirft man ihn heraus, und zur Lehre kann er unter freiem Himmel ſchlafen.“ „Ja, ja,“ ſagte la Levraſſe, einen Blick des Einver⸗ ſtaͤndniſſes mit Mutter Major wechſelnd. „So iſt's! der Schurke mag draußen ſchlafen.“ „Und ſoll keinen gezuckerten Wein bekommen, wie Bas⸗ quine und Martin, ehe er einnickt,“ ſetzte Mutter Major hinzu. „Ich habe in alle drei Abtheilungen des Wagens ge⸗ ſehen,“ ſagte der Hanswurſt, nach einer Entfernung von einigen Minuten zuruͤckkehrend, „Bamboche iſt nicht darin.“ Bei dieſen Worten ſchien es mir, als lege der Hans⸗ wurſt ein kleines Päcktchen in Mutter Majors Haͤnde. „Ganz recht; da Bamboche einen Spaß macht,“ ſagte la Levraſſe, „ſo muß er gut ſein und die ganze Nacht dauern.“ In jedem Augenblicke erwartete ich, unſern Gefährten erſcheinen zu ſehen. Er kam nicht. Unmöglich konnte ich glauben, daß er uns verlaſſen und allein entfliehen koͤnne. Er hatte uns allerdings geſagt, daß wir noch in dieſer Nacht davon gehen ſollten, was aber die Hilfsmittel hierzu betraf, ſo wußten wir dieſe durchaus nicht und erwarteten ſie von ihm im Augenblicke unſter Flucht zu vernehmen. Wir waren Alle vom Tiſche in dem Augenblicke auf⸗ geſtanden, wo Mutter Major geſagt hatte, wir ſollten zu Bette gehen. Nachdem la Levraſſe ſich einige Augenblicke allein und leis mit der Megaͤre, die am Eingange unſers Zeltes ſtand, unterhalten hatte, rief er den Hanswurſt und ſagte ihm etwas ins Ohr. Da dieſe drei Perſonen im Schatten ſtanden, konnte ich ihre Bewegungen nicht ſehen, blos das Anſtoßen zweier Flaſchen an einander glaubte ich zu vernehmen. Waͤhrend dieſer Zeit ging und kam und beſchaͤftigte ſich der Fiſchmenſch, der bis dahin Allem, was vorfiel, fremd geblieben zu ſein ſchien, nach ſeiner Gewohnheit damit, un⸗ ſere eiſernen Beſtecke, Becher und zinnernen Teller zuſam⸗ men zu ſuchen. Basquine naͤherte ſich mir und ſagte ganz leis mit be⸗ wegter Stimme zu mir: „Bamboche kommt nicht wieder . . . wo iſt er was nun thun?“ „Ich weiß es nicht,“ antwortete ich betroffen. „Trinkt nicht vom gezuckerten Weine . . und nehmt Euch dieſe Nacht uͤber in Acht,“ fluͤſterte uns ſchnell und ganz leis der Fiſchmenſch zu, als er mit einem Haufen Uten⸗ ſilien bei uns voruͤber ging. „Allons . . ihr Kinder . . in euern Stall!“ rief Mutter Major, ſich zu uns wendend. „Um ſo ſchlimmer fuͤr den Schurken, den Bamboche, er mag bei Lucifer ſchlafen, wenn's ihm Spaß macht.“ Einige Minuten nachher waren unſte Lampen ausge⸗ loͤſcht und ſo wie unſer Geſchirr in eine große Kiſte ver⸗ ſchloſſen. Es blieb nichts außer derſelben ſtehen als unſer Zelt, einige Stuͤhle, unſer Geruͤſte und Lucifer, der zwei bis drei Mal heftig zu bloͤken begann. Wir zogen uns nun Alle in den Wagen zuruͤck, wo wir die Nacht wie gewohnlich zubringen ſollten. Dieſer ungeheure, ſehr feſt gebaute Wagen, ein wah⸗ res fahrendes Haus, war in drei Abtheilungen geſondert; vorn das Magazin, durch eine Thuͤr von dem Ankleidezim⸗ mer getrennt, das ſich in der Mitte befand. Eine andre Thuͤr ſchied dieſes von der Cajuͤte. Dieſe hatte nur eine Eingangsthuͤr am hintern Theile. Kleine vergitterte Luken verliehen dem Innern Luft und Licht. Dieſe Eingangsthuͤr wurde von la Levraſſe ſorgfaͤltig verriegelt, und dieſer ſagte dann zu mir und Basquinen, indem er uns in die mittlere Abtheilung, das Ankleidegemach, fuͤhrte: „Da Ihr heute ſehr gearbeitet habt, meine kleinen Liebchen, und alſo einer guten Nachtruhe beduͤrft, ſollt Ihr, ſtatt mit uns in der Cajuͤte, allein ſchlafen, aber Jedes be⸗ ſonders, um Euch nicht zu geniren, Du, kleiner Martin, im Magazin, und Du, Basquine, hier, im Ankleidezimmer. Und da Ihr ſehr artig geweſen, ſo ſollt Ihr noch uͤberdies, ehe Ihr einnickt, gezuckerten Wein trinken, Jedes ein recht großes Glas . .. und mit Zimmt. Darauf werdet Ihr ſchlafen wie die kleinen Siebenſchlaͤfer und das wird Euch Huͤften und Beine ſuͤr die morgende Vorſtellung ſtärken. Seht doch einmal, die Leckermaͤuler, ſie lecken ſich ſchon die Lippen. . . Dann wendete er ſich nach der Cajute: „Nun, Mutter Major, iſt der Wein mit Zucker fertig?“ „Sogleich, mein lieber Mann, ich laſſe nur den Zucker zergehn.“ „Nun, ſo geh' ins Magazin, kleiner Martin, ich werde Dir Deinen Zuckerwein gleich bringen.“ So ſagte la Levraſſe zu mir, indem er mir die Thuͤr der vordern Abtheilung oͤffnete. „Es liegt eine Matratze am Boden ... Du kannſt Dich darauf ſtrecken und wirſt ſchlafen wie ein König.“ Es war mir rein unmoglich, dieſen Befehl zu um⸗ gehen oder die Ausfuͤhrung zu verweigern. Maſchinenmaͤ⸗ ßig gehorchte ich und warf Basquinen einen beſturzten Blick zu, worauf ich in das ſogenannte Magazin treten wollte. Ploͤtzich oͤffnete aber Mutter Major die Thuͤr der Cajuͤte und ſagte lebhaft zu la Levraſſe: „So komm doch, lieber Mann! Poireau hat eine fa⸗ moſe Idee.“ La Levraſſe ließ uns allein, und ſchloß, als er in die Cajuͤte ging, die Thuͤr des Ankleidegemachs hinter ſich zu. 1 — — „Wir werden dieſen Zuckerwein nicht trinken und Du wirſt mich nicht verlaſſen . dieſe Nacht,“ rief Basquine. Und bleich, zitternd, mit verſtörtem Geſichte, warf ſie ſich mir mit den Worten in die Arme: „Oh! ich furchte mich!“ Ohne Basquine zu antworten, ſchob ich den Riegel vor die Thuͤr, durch welche la Levraſſe eben gegangen war. Noch hatte ich die Hand am Riegel, als la Levraſſe, der wieder in das Ankleidegemach, in demwir uns befanden, gehen wollte, voll Zorn und Verwunderung rief: „Wie? Ihr ſchließt Euch ein?“ Athemlos, voll Schrecken, antworteten wir nicht. „Ei, ſeht doch,“ ſagte la Levraſſe mit ſanfterer und ge⸗ mäßigter Stimme; „öffnet doch, Ihr kleinen Spaßma⸗ cher. Was das fuͤr ein Tag heute iſt! Bamboche verbirgt ſich und Ihr Beide ſchließt Euch ein! Das iſt recht ſpaß⸗ haft, recht amuͤſant, das gebe ich zu, aber gar zu lange muß es doch nicht dauern. Nun denn! ſo macht auf! Hier iſt Euer Zuckerwein!“ „Wir machen nicht auf,“ ſagte Basquine zu mir, im⸗ mer angſtvoller, denn das ungluͤckliche Kind verſtand, was ich in meiner Unbefangenheit nicht begriff. „Moͤgen ſie die Thuͤr einbrechen .. wenn ſie wollen . mogen ſie mich tödten, ſo iſt doch glücklicherweiſe Bam⸗ boche gerettet,“ rief ſie mit Aufregung. „Martin! . . . Basquine! ſo macht doch endlich auf! „. rief la Levraſſe, an der Thuͤr ruttelnd. — 56 — WPlotzlich ertönten einige dumpfe Schlaͤge von außen und an der Seite der Eingangsthuͤr zum Wagen. Nun vernahm ich in der Cajuͤte Mutter Major zu la Levraſſe ſagen: „Höre doch! . . . man klopft an die Eingangsthuͤr.“ „Das iſt der Bettrljunge⸗ der Bamboche, der anklopft, um hereingelaſſen zu werden,“ ſagte die Stimme des Hans⸗ wurſtes, „oͤffnet ihm nicht!“ „Bamboche iſt da! ... wir ſind gerettet! .. . rief Basquine entzuckt, indem ſie mir beide Hände druͤckte. „Werdet Ihr endlich aufmachen?“ ſchrie la Levraſſe voll Wuth. „Sollen wir die Thuͤr ſprengen?“ „Bamboche iſt da . . . laß uns Zeit gewinnen,“ ſagte ich, etwas ruhiger, zu Basquinen leis. Basquine gab mir mit der Hand ein Zeichen, ſtill zu ſein, und antwortete, indem ſie ihre Aufregung zu verbergen ſuchte. „Wer klopft?“ „Wie denn, wer klopft? Je nun, ich, la Levraſſe.“ „Ich werde bald aufmachen,“ ſagte Basquine. „Warum nicht gleich?“ „Ach, wei „Nun . weil?“ 5 „Weil ich Sie . . . etwas zum Beſten haben will,“ antwortete Basquine, inpem ſie verſuchte, ihrer Stimme einen Anſtrich von Luſtigkeit zu geben. „Ah, das dachte ich mir. Es war ein Spaͤßchen,“ antwortete die beruhigtere Stimme von la Levraſſe. „Aber, liebe Kleine, der Scherz wird ermuͤdend, mach' alſo auf.“ „Aber werden wir gewiß auch Zuckerwein bekommen?“ entgegnete Basquine. „Verſteht ſich, ich habe ja hier zwei große Glaͤſer, eins fuͤr Dich und das andere fuͤr Martin, Du garſtige kleine Hexe.“ Waͤhrend dieſer Unterredung ſuchte ich, indem ich zu einer Luke des Wagens kletterte, hinaus zu ſehen, oder Bamboche zu hoͤren. Zu meiner großen Verwunderung bemerkte ich ruckweiſe einen ſtarken Schwefelgeruch und ſah mitten in der Finſterniß darnach etwas Helles, Anfangs nur ſchwach, dann aber plotzlich groͤßer werdend und einen blaͤu⸗ lichen Widerſchein auf die weiße Leinwand unſers Zeltes werfend. Mit einem Sprunge war ich von dem Stuhle hinun⸗ ter, auf den ich geſtiegen war, und ſagte Basquinen, was ich draußen bemerkt hatte, als auf einmal, faſt unter un⸗ ſern Fuͤßen ſich ein Stuͤck des Fußbodens des Ankleidezim⸗ mers, in dem wir uns befanden, loͤſete, als ſei es im Vor⸗ aus durchſaͤgt und bis dahin nur durch eine aͤußere Stuͤtze gehalten worden. Dann ſahen wir aus dieſer Oeffnung von 18 Zoll ins Gevierte plotzlich Schultern und Kopf von Bamboche hervorkommen. „Geſchwind. . rief er uns zu, „kommt!“ Und dann verſchwand er, um uns Platz zu machen. „Steig' zuerſt hinaus,“ ſagte ich zu Basquine. — Und nach einer Minute war ſie durch dieſe Art von Fallthuͤr verſchwunden. In dem Augenblicke, wo ich Basquinen folgte, wurde die Thuͤr unter la Levraſſe's Anſtrengungen heftig erſchuttert, und faſt in demſelben Augenblick hoͤrte ich Mutter Majors Stimme voll Schrecken rufen: „Feuer!. . . Feuer!“ Als ich, nachdem ich mich gebuͤckt aus der Mitte meh⸗ rer Strohbuͤndel gewunden, die fuͤr Lucifers Lagerſtroh be⸗ ſtimmt, faſt zu gleicher Zeit mit Basquinen unter dem Wa⸗ gen hervorkam, wurde ich durch eine große Flamme geblen⸗ det, die mir zur Linken brannte und weithin die Umgegend erhellte. Vor mir ſah ich Bamboche, der eine große angezuͤn⸗ dete Strohfackel in der Hand hielt. Mich am Arme mit der noch freien Hand ergreifen, heftig zur Seite ſchieben, und ſeinen flammenden Brand mitten in das Stroh unter den Wagen werfen, das wir eben verlaſſen hatten, war fuͤr Bamboche das Werk einer Secunde. Das Feuer, welches noch durch den Luftzug mit⸗ telſt des Lochs, das uns zum Durchgange gedient, angefacht wurde, verbreitete ſich mit unglaublicher Schnelligkeit. Nicht lange, ſo ſtand der Wagen innerlich und aͤußerlich in Flam⸗ men, denn Bamboche hatte ſchon vorher mehre Strohbuͤn⸗ del laͤngs der Eingangsthuͤre aufgehaͤuft, dem einzigen Aus⸗ wege, der den in dem Wagen eingeſchloſſenen Perſonen uͤbrig blieb. „Feuer!“ rief ich, als ich zu ſprechen im Stande war, denn alles Dies war mit Blitzesſchnelle vorgegangen. „Ja! Feuer!“ ſagte Bamboche zu mir, bleich, mit durch den Ausdruck wilder Freude verzerrten Zuͤgen. . . . „Ja, Feuer! ſie werden in dieſer Kohlenpfanne braten wie die Teufel, die ſie ſind, denn ſie ſind in der Cajuͤte eingeſperrt. Die Thuͤr zum Ankleidezimmer iſt verſchloſſen und die Ein⸗ gangsthuͤr habe ich von außen vernagelt.“ „Oh! wie ſie ſchreien .. hoͤrt Ihr?“ ſagte Basquine, ſo erſchrocken wie ich uͤber das Geheul, das aus dem Wa⸗ gen erſcholl, deſſen Fußboden brannte. „Sie werden bald nicht mehr ſchreien,“ ſagte Bamboche. Dann ſebte er mit eiliger Stimme hinzu: „Jetzt zu Pferde auf Lucifer . . . in zwei Stunden ſind wir im Walde . ich kenne den Weg.“ „Zu Pferde. wir Drei auf Lucifer!“ rief ich aus, „das iſt ja unmöglich! Steige Du nur mit Basquinen auf, ich will ſchon ſuchen, auch nachzukommen.“ „Wirſt Du hören!“ rief Bamboche mit furchtbarer Stimme. Darauf drehte er mich um und warf mich ſo zu ſagen auf Lucifer in den Sattel. Der Eſel war gezäumt und an⸗ geſchirrt, ſchnaubte vor Schreck bei der Gluth des Brandes, ſenkte die Ohren, ſtampfte mit dem Fuße und ſuchte die Halfter zu zerreißen, die ihn an einem Pfahle feſthielt. — „Du biſt leichter als ich,“ ſagte Bamboche zu mirz „bleibe alſo; Basquine nimmſt Du vor Dich, die haͤlt ſich an Dir mit beiden Armen feſt, und ich ſteige auf die Kruppe! Aber geſchwind! geſchwind!“ Basquine ſaß leicht wie ein Vogel mit Einem Sprunge vor mir. Das Geſchrei der im Wagen eingeſperrten Schlacht⸗ opfer wurde furchtbar. Bamboche ſchnitt mit ſeinem Meſſer die Leine durch, welche Lucifer feſſelte. Das erſchrockene Thier machte einen Satz, ſprang wie ein Pfeil fort und in demſelben Augen⸗ blicke Bamboche auf die Kruppe hinter mir, wo er rief: „Laß Lucifer nur gehen. Er wendet dem Feuer den Ruͤcken. Er iſt auf gutem Wege.“ Unſre Laſt war unbedeutend fuͤr dieſen großen, unge⸗ wöhnlich ſtarken Eſel. Aber wenn wir auch drei Mal mehr gewogen haͤtten, wuͤrde er bei dem Schrecken, den ihm die Feuersbrunſt verurſachte, mit derſelben Schnelligkeit davon gerannt ſein. Bamboche hielt Lucifers Kruppe feſt zwiſchen beiden Beinen, ſpornte ihn tuͤchtig und wendete ſich dann um, einen letzten Ausruf des Haſſes, der Rache und Verwuͤn⸗ ſchung uͤber den ſchon weit von uns entfernten brennenden Wagen zu ſchleudern. Die geballte Fauſt nach dieſer Rich⸗ tung hin ausſtreckend, rief er: „Ihr Schurken, lange habe ich gewartet . . aber nun kam endlich auch an mich die Reihe!“ So ritten wir denn immer gerade aus vor uns hin durch die finſtere Nacht, nur hier und da durch die Funken der unter dem wuͤthenden Galopp unſres Thieres getroffenen Kieſel erleuchtet, eines wuͤthenden Thieres, das Bamboche noch mehr forttrieb, indem er mit der Spitze ſeines Meſſers es in die Seiten ſtieß. Fünftes Kapitel. Die Oaſe. Den brennenden Wagen hinter uns laſſend, waren wir faſt die ganze Nacht hindurch galoppirt. Kurz vor Tagesanbruch war Lucifer gaͤnzlich erſchöpft, und völlig verſchlagen niedergeſunken. Vergebens war es, ihn zum Aufſtehen zu noͤthigen. Mitten im Walde, in welchem wir uns ſeit einigen Stunden befanden, erwarteten wir alſo den Tag. Unſte Freude war ausgelaſſen. Der Eindruck von Schrecken mit Mitleid gemiſcht, den auf Basquinen und mich Bamboche's furchtbare Rache gemacht hatte, verſchwand bald vor der Erinnerung an die ſchlechte Behandlung und die Grauſamkeiten, deren Opfer wir gewe⸗ ſen, und jenen gräßlichen Repreſſalien, deren Mitgenoſſen wir uͤberdies nicht waren, ſchienen uns verdient. In der Trunkenheit uͤber unſrte Befreiung machten wir tauſend Plaͤne, immer einen toller als den andern. Wir wollten nun alle Freuden, alle Suͤßigkeiten eines freien, muͤſſigen und begluͤckten Lehens genießen, denn wir — — waren reich, ungeheuer reich, wie Bamboche uns verſicherte. Wir huͤteten uns wohl ihm zu widerſprechen. Uebrigens ſollte er uns ja auch mit Tagesanbruch unſern Schatz zeigen. Dieſer unerwartete Reichthum uͤberraſchte, entzuckte uns, aber ich und Basquine waren noch erfreuter uͤber das Gluͤck, unumſchraͤnkte Herren unſers Willens zu ſein, und uͤber die Tage zu gebieten, die wir zuſammen aufs Frohlichſte von der Welt zubringen wollten. Bamboche, der in ſeinen Wuͤnſchen poſitiv und be⸗ ſtimmt war, konnte nicht genug von den ſchönen Kleidern ſagen, welche Basquine haben ſollte, von den Luſtbarkeiten ohne Ende, denen wir uns uͤberlaſſen wollten. Er erzählte mir auch von einer koſtlichen goldnen Uhr, die er mir kaufen werde. Ich mochte das Geſchenk ablehnen, ſo viel ich wollte, er blieb feſt dabei. Dieſes ſchöne Juwel ſollte von einer goldnen Kette nebſt Breloks von amerikaniſchen Fruͤch⸗ ten begleitet ſein, und auf dem Deckel der Uhr die In⸗ ſchrift ſtehen: Geſchenk von Bamboche und Basquine für ihren Bruder Martin. Dieſem letzten Zuge konnte ich nicht widerſtehen. Es handelte ſich jetzt nur noch darum, ſie zu kaufen. Bamboche gefiel ſich auch in der Beſchreibung ſeines und folglich auch meines Koſtuͤms, denn wir wollten ſtets gleich gekleidet gehen, wie zwei Bruͤder. Mein Freund nahm ſich vor, uns kornblumenblaue Roͤcke machen zu laſ⸗ ſen, ſcharlachrothe Gilets, enganliegende Chamois⸗ Beintlei⸗ Martin. W. 5 „ — — der und ausgeſchnittene Stiefeln mit Troddeln. Es frug ſich nur, ob letztere ſchwarz oder golden ſein ſollten, und wir ſtritten lange daruͤber. Basquine entſchied endlich mit fruͤhreifem guten Geſchmacke, daß ſie einfach ſchwarz ſein muͤßten. Dieſes Koſtuͤm ſollte mit einer koſtbaren Polacke, gruͤn, mit ſchwarzen Litzen und Pelzkragen abwechſeln, einem etwas militairiſchen Anzuge, deſſen heroiſchen Character graue Pantalons mit breitem ſcharlachnem Beſatze vervoll⸗ ſtandigen wuͤrden. Was Basquinens Anzuͤge betraf, ſo war nur von Federn, Seide, Sammt und Edelſteinen die Rede. Verſteht ſich, daß wir auch Equipage haben wollten. Mitten in dieſen ſchoͤnen Traͤumen uͤberraſchte uns der Tag. Am Tage hatte Bamboche verſprochen, uns unſern rieſengroßen Reichthum zu beweiſen. Wir ſaßen am Fuße eines großen Baumes mitten im Walde. Einige Schritte von uns lag der lebloſe Leichnam Luzifers. Bamboche trat zu ihm, und knuͤpfte vom Pack⸗ ſattel, wo ſie ſicher befeſtigt, zwei ſchwere Säcke ab, die ich in der Eile und Angſt unſter Flucht nicht bemerkt hatte. Er brachte uns dieſe beiden Ledertaſchen mit feierlicher Miene. Wir erwarteten den Anblick deſſen, was ſie ent⸗ hielten, mit brennender Ungeduld. Bamboche oͤffnete die Art von Deckel, der den erſten Sack ſchloß, und zog zu unſerm etwas getaͤuſchten Erſtau⸗ nen ein paar Piſtolen, die man gewoͤhnlich Fauſtpiſtolen nennt, und ein Pulverhorn heraus. ni — „Das iſt Alles!“ rief Basquine verwundert, „das iſt unſer ganzer Reichthum?“ „Damit haͤtten wir uns heut Nacht vertheidigt, wenn dieſer Schurke von la Levraſſe ſeiner Bratpfanne entkom⸗ men waͤre, um uns zu verfolgen.“ „Ah! gut!“ verſetzte Basquine. „Jetzt zu unſern Reichthuͤmern. Laß doch ſehen.. geſchwind.“ „Da ſind ſie,“ rief Bamboche triumphirend, und zog aus der Taſche einen ledernen Sack, wie ein Frauen⸗Reti⸗ cuͤl, der mit einem ſilbernen, von Alter geſchwaͤrzten Be⸗ ſchlaͤge verſchloſſen war. „Wiege das einmal, Basquine,“ ſagte Bamboche, „wiege es einmal, Martin.“ Basquine und ich wogen den Sack. Er war ſehr ſchwer. „Wie? und der Sack iſt voll Silber?“ rief Basquine. „Silber?“ ſagte Bamboche, veraͤchtlich die Achſeln zuckend. „Silber? Das waͤr' was Schoͤnes!“ Nun nahm er einen kleinen Schluͤſſel aus ſeiner Taſche, gab mir ihn (denn ich hatte damals den Sack in den Haͤnden) und ſagte: „Bruder. ſchließ auf!“ Ich ſteckte den Schluͤſſel in das kleine Schloß des Be⸗ ſchlaͤgs. Der Sack oͤffnete ſich weit. „Nimm eine Rolle,“ ſagte Bamboche. Ich nahm aufs Gerathewohl eine der zwei bis drei Rollen, die ſich mir zeigten, eine Rolle drei Zoll lang, ſorg⸗ 5 * fältig in Papier gewickelt und an einem Ende geſiegelt, an dem andern aber nur umgebogen. „Sieh doch einmal in die Rolle,“ ſagte mir Bam⸗ boche. Ich entfaltete das Papier und rief: „Gold!“ „Gold!“ rief Basquine ihrerſeits. „Alles das Gold!“ „Nimm eine andere,“ ſagte Bamboche zu mir, mit immer mehr triumphirender Befriedigung. Ich gab Basquinen die erſte Rolle und nahm eine zweite heraus. „Auch Gold!“ ſagte ich. „Immer Gold!“ rief Bamboche freudeſtrahlend, „nichts als Gold!. So wirds bis morgen gehn!.. Dieſe Rollen ſind ganz voll davon. Ich habe nicht Zeit gehabt, ſie zu zaͤhlen, aber es kann ie 15 bis 20,000 Francs ſein!!“ „Fuͤnfzehn bis ei Francs!“ wiederholte ich mit Staunen. Plotzlich fing Basquine ſo gewaltig an zu lachen, in⸗ dem ſie die Rolle, die ihr in der Hand geblieben war, be⸗ trachtete, daß Bamboche und ich ausriefen: „Was giebts denn zu lachen?“ „Nun das iſt ein Spaß!“ entgegnete Basquine mit verdoppeltem Gllaͤchter. .. „Weißt Du auch, was Dein Gold iſt, Bamboche? . Blei iſt's! Da ſieh nur her!“ Und damit ſtreckte ſie ihr offnes Haͤndchen hin, und — 69 — zeigte uns eine Hand voll Bleiplatten, von der Größe eines Goldſtuͤcks zu 20 Sous. Mitten unter denſelben bemerkte man den hellglänzen⸗ den Louisdor, der, als ich die Rolle geoͤffnet, ſich meinen Blicken zuerſt dargeboten hatte. Bamboche wurde bleich, und blieb einen Augenblick verſteint, dann ergriff er den Sack am Boden und ſchuͤttete den Inhalt ins Gras. Etwa 15 Rollen fielen heraus. Bamboche knieete nieder, und zerbrach ſie alle in der Mitte. Ach! ſie enthielten alle nichts als Bleiplatten, wie die erſte, nur daß in 4 bis 5 derſelben, dieſe ſonderbare Muͤnze unter einem Goldſtuͤck verſteckt war. Als Bamboche ſich vergewiſſert hatte, daß unſer Rie⸗ ſenvermoͤgen ſich auf 3 bis 4 Louisdor beſchraͤnkte, ward er wuͤthend. „Spitzbube von la Levraſſe!“ rief er aus. „Wie?“ fragte ich. „Nun ja,“ antwortete er, und ſtampfte voll Wuth mit dem Fuße. „Ich wußte, daß er irgendwo vieles Geld verberge. Seit 6 Monaten belauerte ich ihn ... denn ich wollte den Schurken nicht verlaſſen, ohne mich zu raͤchen, und ihm abzunehmen, wovon wir uns amuͤſiren konnten. Endlich vorgeſtern entdeckte ich dieſes Verſteck.. Ich richte nun Alles ein, um la Levraſſe zu braten.., während ich — 0 — ſeinen Schatz abholte. und dieſer Schatz... iſt Blei, bis auf ein hundert Francs!. .. Doppelſpitzbube der!!“ Nach dem erſten Schrecken, den unſte Entdeckung uns verurſacht, beſtrebten wir uns vergebens zu begreifen⸗ in welcher Abſicht la Levraſſe dieſes Blendwerk vorgerichtet habe. Jetzt beſſer erfahren, bin ich uͤberzeugt, daß la Levraſſe mit ſeinen uͤbrigen gefaͤhrlichen Handwerken auch das ver⸗ ſtand, bei Gelegenheit Theilnehmer an jenem ſeitdem ſo be⸗ kannten Diebſtahl zu ſein, der aber damals faſt immer gluͤck⸗ lich und ungeſtraft veruͤbt wurde, ich meine naͤmlich den Dieb⸗ ſtahl den man à laméricaine nennt. Dieſer Sack war ohn⸗ ſtreitig von ihm ſchon ſeit langer Zeit vorbereitet worden, um, wenn ſich Gelegenheit dazu darboͤte, Jemand anzu⸗ fuͤhren. Einige Minuten blieben wir beſtuͤrzt, unſre ſchoͤnen Plaͤne ſo ſchnell in Rauch aufgehen zu ſehen. Basquine unterbrach zuerſt das Schweigen, und rief heiter aus: „Bah! was verſchläͤgt das? wir ſind frei wie die Voͤ⸗ gel! Das Wetter iſt köſtlich, dieſe Waͤlder ſind allerliebſt, mit 4 bis 5 Louisdor werden wir nicht Hungers ſterben... Gehen wir ſpazieren, amuͤſiren wir uns. . .. Wir wollen Milch in einem Dorfe trinken ... und Du, Bamboche, ſei nicht bös!“ ſetzte ſie hinzu, indem ſie ſich unſerm Gefaͤhrten um den Hals ſchlang. Dieſer aber ſtieß ſie hart zuruͤck, und rief aus — „Laß mich in Ruhe, ich habe nicht Luſt zu lachen“ Basquinens Zuͤge wurden plotzlich trauriger, ſie ſah Bamboche furchtſam und betruͤbt an, und ſagte ſanft zu ihm „Sei nicht böſe.“ „Uns fuͤr reich gehalten zu haben!“ erwiderte er mit Bitterkeit und Zorn. „Hore, Bamboche,“ ſagte ich ihm, „wenn Du um Deinetwillen dieſe Schaͤtze bedauerſt.. meinetwegen ärgere Dich dann daruͤber, ſo viel Du nur willſt;. .. geſchieht es aber meinetwegen, ſo thue es ja nicht. Es iſt ja ſchon genug, daß wir frei ſind .. . und alle Drei bei einander.“ „Martin hat Recht, ſiehſt Du, Bamboche!“ ſagte ſchuͤchtern Basquine. „Wir ſind bei einander, Schade aufs Geld... ich bedauere es wahrhaftig nicht. Und dann“ ſetzte ſie mit einer Art furchtſamen Zoͤgerns hinzu. .. „wer⸗ den wir wenigſtens .. auf dieſe Art. .. nicht geſtohlen ha⸗ ben .. und das iſt doch beſſer ... nicht wahr, Bamboche, nichts geſtohlen zu haben?“ „Das iſt wahr,“ ſetzte ich hinzu. „Was die Louisd'ors betrifft, die bei dem Blei ſich befinden, ſo haben wir die wahrhaftig und redlich verdient .. denn la Levraſſe hat uns, ſeit wir fuͤr ihn arbeiten, nie einen Sou gegeben und doch gar gewaltige Einnahmen gehabt.“ „Was mache ich mir daraus zu ſtehlen?“ entgegnete Bamboche roh. „Und wie der Kruͤppel ſagte, da man mir nichts giebts, ſo nehme ich wo ichs finde... So machens — die Wolfe. man giebt ihnen nichts... aber ſie nehmens wo ſie koͤnnen... Uebrigens heißt Diebe beſtehlen, ſtehlen. . La geaſſe war ein Dieb.“ „Kurz, da es ſich zeigt, daß wir nur das genommen haben, was man uns ſchuldig war, ſo hat Basquine Recht, es iſt beſſer ſo,“ ſagte ich zu Bamboche. „Was den Schatz betrifft, ſo iſt es uns einerlei, nicht mehr reich zu ſein. Machteſt Du Dir denn ſo viel daraus?“ „Donnerwitter!. . ja, ich machte mir etwas fuͤr Euch und fuͤr mich!“ rief Bamboche. „Aber uns iſt es einerlei. .. uns!“ „Mir aber nicht, ſiehſt Du!“ antwortete trozig Bam⸗ boche. „Alſo ſind Piti und ich Dir nichts? und Du denkſt nur an das verlorne Geld?“ ſagte ich unſerm Ge⸗ fahrten. „O, Du biſt nicht billig gegen uns.“ Dieſer Vorwurf war Bamboche empfindlich, denn mit einem gewaltigen Fußſtoße ſchob er den leeren Sack und die Taſchen weit von ſich weg, und entgegnete heiter: „Ah, bah! um ſo ſchlimmer .. daß Ihr Recht habt, Ihr Beiden... Wenn ich mich nun auch eine Stunde lang bis aufs Blut quaͤle. was hilft mirs denn? wir bleiben beſtohlen.. Nun denn, ſo wollen wir es bleiben. .Umarme mich, Martin.kuͤſſe mich, Basquine! Wir wollen unſre Gelder aufleſen, und dann lebe die Freude! und vorwaͤrts wie die Buſchkaninchen!“ Wir umarmten uns alle Drei in einer halb ernſthaf⸗ ten, halb komiſchen Umhalſung, welche ganz der aͤhnlich war, die am Ufer des großen See's die drei Befreier der Schweiz vereinte, und riefen nochmals: „Es lebe die Freude, und vorwaͤrts wie die Buſch⸗ kaninchen!“ Dann unterſuchten wir ſorgfaͤltig die Bleiplatten, fan⸗ den aber nur im Ganzen 4 Louisd'or, welche Bamboche mit den Worten in die Taſche ſteckte: „Das iſt ein kalter Tropfen auf einen heißen Stein! Und wenn ſie nur auch aͤcht ſind.“ Wir ließen nun den Leichnam Luzifers hinter uns, und gingen aufs Gerathewohl weiter, mitten in dem herr⸗ lichſten Walde von der Welt, (es war der von Chantilly) an einem milden und ſchoͤnen Herbſtmorgen. Nachdem wir zwei bis drei Stunden gegangen waren, und manchmal vor ungeheuern Straͤuchern wilder Maul⸗ beeren mit großen, zuckerſuͤßen, ſaftigen, dunkelpurpurnen Fruͤchten Halt gemacht hatten, fuͤhrte uns der Zufall zu dem Rande eines Fluͤßchens, das mit Waſſerpflanzen bedeckt war, uͤber welchem Myriaden von Inſekten aller Arten, unter andern prachtvolle Libellen mit Gazefluͤgeln, ſchma⸗ ragdnen Leibern und Rubinenaugen, ſchwirrten, ſummten und ſchwebten. Wir amuͤſirten uns damit, die glaͤnzenden Inſekten in der Luſt unſers kindlichen Alters zu jagen. Bamboche zeigte ſich zu meiner großen Verwunderung eben ſo hitzig bei der Jagd, als Basquine und ich. Nie hätte ich ihn —= 651 — fuͤt faͤhig gehalten, an einem 6 Zeitvertreibe ſo viele Freude zu finden. Wi Staunen vermehrte ſch, als ich ſeine gewöhn⸗ lich ſo verzogenen und harten Geſichtszuͤge, welche das Ge⸗ praͤge einer vorreifen Maͤnnlichkeit trugen, nach und nach ſich abſpannen, und jenen ſarkaſtiſchen und boshaften Aus⸗ druck verlieren ſah, der ſeinem Alter nicht angemeſſen, ſo daß ſie oft bei einem gluͤcklichen Erfolge jener Jagd eine naive und kindliche Freude erblicken ließen. Man hätte ſagen ſollen, ſeine zeitige und unnatuͤrliche Verkehrtheit fange an, ſich in der reinen Luft der Einſamkeit und Freiheit zu ver⸗ lieten. „Es iſt doch ſonderbar,“ ſagte er zu mir innehaltend, und Basquine einige Schritte vor ſich ſpielen laſſend, .. „der Anblick dieſes Waldes und dieſer ſchoͤne Sonnenſchein dieſes tiefe Schweigen erinnern mich an meine gute Zeit von ehedem . als ich, noch ganz klein mit meinem armen Vater in der Tiefe des Waldes holzhackerte.“ Als Bamboche ſo mit mir ſprach, war er ſichtbar ge⸗ ruͤhrt; wie er jedoch eine koͤſtliche Libelle auf der Spitze eines Schilfrohrs vor ſich ſitzen ſah, rief er aus: „Die muß ich haben!“ Und ſo eilte er fort, ſie zu verfolgen. Was Basquine betrifft, ſo erinnerte mich der Aus⸗ druck ihres reizenden Geſichts, das auch faſt ganz umgeſtal⸗ tet worden, wieder an ihre ſchuldloſe Phyſiognomie von jener Zeit, wo ſie noch im Beſitz der Unſchuld und Rein⸗ — 6 — heit eines Engels, mir in ihrer Krankheit von ihrem unbe⸗ fangenen Glauben an die gute heilige Jungfrau, die Mut⸗ ter des lieben Gottes erzaͤhlte. So verfolgten wir denn mit dieſer Jagd aufwaͤrts den Lauf des Fluͤßchens, bis zu einer Stelle, wo er ſich theilte, um eipe Inſel zu bilden, die kaum einen Acker Landes im umfange zu haben ſchien. Sie war ſehr ſchroff, ſehr ſteil, und ungeheure Baͤume traten aus den Maſſen grauer Brombeerſtraͤuche hervor, deren Fuß die Fluth benetzte. Beim Anblicke einer ſo maleriſchen Stelle blieben wir von Bewunderung und ungeduldiger Neugier ergriffen, ſtehen. „O, uͤber die ſchoͤne kleine Inſel,“ rief Basquine, die Haͤnde faltend, „wie das ſchoͤn darauf ſein muß!“ „Wir muͤſſen hin,“ ſagte Bamboche entſchloſſen. „Und den Tag dort zubringen,“ ſetzte ich hinzu. „Es muͤſſen dort Maulbeeren ſein, wie im Walde .. die eſſen wir zu Mittag.“ „Und die Kaſtanien noch zu rechnen,“ ergaͤnzte Bam⸗ boche, auf ungeheure Kaſtanienbaͤume zeigend, die aus den Felſen der Inſel hervorwuchſen. „Wir eſſen dann Kaſta⸗ nien in Aſche gebraten,... wie köſtlich!. . Fort auf die Inſel!“ rief er im Tone eines Eroberers... „Folgt mir!. . auf die Inſel. auf die Inſel!“ „Und das Feuer, um unſte Kaſtanien zu braten?“ fragte Basquine. „Habe ich nicht mein Feuerzeug bei mir? Wir — 6 — werden ſchon abgeſtorbene Zweige finden. das Uebrige be⸗ ſorge ich,“ ſetzte er mit uͤberzeugtem Tone hinzu. „Ich kenne das Waldleben; als ich mit meinem Vater holz⸗ hackerte, zuͤndete ich ſtets das Feuer an. . Nun, fort denn!. auf die Inſel!“ „Meinetwegen alſo,“ ſagte ich. „Wie fangen wirs aber an, um uͤber den Fluß zu kommen, der vielleicht tief ſein kann?. . Und Basquine?“ „Seid ganz ruhig,“ verſetzte Bamboche. „Ich kann ſchwimmen... und will den Uebergang unterſuchen. .. . Gehts zu Fuß, ſo nehmen wir Basquinen auf unſte Arme. Gehts nicht, ſo habe ich Kraͤfte genug, um Euch, eins nach dem andern, daruͤber zu bringen... Es iſt ja gar nicht breit.“ Dies ſagend, warf er ſeine Blouſe und Hemd ab, ſtreifte die Pantalons bis ans Knie auf, und zog die Schuhe aus. „Nimm Dich in Acht,“ ſagte Basquine beſorgt zu ihm. „Sei ruhig,“ antwortete Bamboche, und ſchnitt ſich einen langen Weidenſtock ab. „Fuͤrchte Dich nicht,“ ſagte ich Basquinen. „Ich habe ihn ſchwimmen ſehen . er ſchwimmt ſehr gut.“ Bamboche ſtieg beherzt ins Waſſer, deſſen Tiefe er, ſowie er weiter kam, mit ſeinem Stabe unterſuchte. Unbeſchreiblich war unſre Freude, als wir ihn am ufer der Inſel ankommen ſahen, wobei ihm das Waſſer kaum bis an den Guͤrtel gegangen. „Es iſt Alles ganz feiner Sand,“ rief er uns zu, „wartet nur, ich komme gleich wieder heruͤber. Dann neh⸗ men Martin und ich Dich auf die Arme, Basquine. Fuͤrchte Dich nicht.“ Wie geſagt, ſo geſchehen. Dieſes Fluͤßchen war kaum 15 Fuß breit. Freudig betraten wir bald die Inſel, kletter⸗ ten auf die Felsſtuͤcke, die ſie faſt ganz bedeckten, und aus deren Mitte rieſenhafte Eichen, Fichten und Kaſtanien ſich erhoben. Einen kleinen, kaum betretenen Fußſteig ausgenom⸗ men, den wir nach einigen Augenblicken fanden, und der ſich durch Sandſteinbloͤcke ſchlaͤngelte, war kein gebahnter Weg vorhanden. Hohes Gras und wilde Kraͤuter wuchſen reichlich in einigen Partieen guten Erdbodens. Nach zehn Minuten fuͤhrte uns unſer Fußſteig vor eine unbewohnte Huͤtte, ohne Thuͤren und Fenſter, und dennoch erſt, allem Anſcheine nach, ſeit Kurzem verlaſſen, denn ſie war auf der Seite, wo wir zu ihr kamen, mit einigen eingezaͤunten Beeten umgeben, auf denen Erdäpfel und Küchengewächſe ſtanden. Einige alte Birnbaͤume mit einer ungeheuern Menge von Fruͤchten beladen, waren hie und da in dem klei⸗ nen Kuͤchengarten zerſtreut, während ein köſtliches Spalier mit purpurvioletten Trauben bedeckt, eine der Huͤttenwaͤnde völlig bedeckte. Da wir Niemand hoͤrten und ſahen, traten wir in — die Huͤtte. Sie beſtand aus zwei von allen Meublen ent⸗ blößten Abtheilungen. In der einen war ein hoher durch Feuer beſchaͤdigter Kamin. Ohnſtreitig hatte vorher ein Forſtbeamter, dem die Aufſicht uber dieſe Inſel anvertraut, dieſe Huͤtte bewohnt, denn zahlreiche Rudel von Hirſchen und Rehen des benachbarten Waldes traͤnkten und badeten ſich in dieſem kleinen Fluſſe, und ſtreiften auch manchmal durch dieſe einſame Inſel *). Entzuͤckt uͤber unſere Entdeckung, gingen wir um die Huͤtte. Ihre zweite Fagade ging auf einen gruͤnen, mehr langen als breiten Raſenplatz, von grauen Felſen eingefaßt, und ſo ſchoͤnen Kaſtanienbaͤumen umkraͤnzt, daß dieſe hun⸗ dertjaͤhrigen Baͤume faſt eine Laube bildeten, indem ſie von beiden Seiten uͤber den Raſen ihre Zweige verſchlangen. Einige Schritte von dieſer Huͤtte brach eine kleine Quelle aus einer Felſenſpalte hervor, deren Waſſer mit ſanftem Gemurmel in ein natuͤrliches mit wilder Kreſſe bewachſenes Becken fiel, von wo ſie ſich ohne Zweifel nachher in eine unterirdiſche Senkung verlor. *) Ich bin wieder in dieſe Gegend gekommen, welche aus ſo vielen urſachen unausloͤſchliche Erinnerungen in mir zuruͤckge⸗ laſſen hatte, und habe damals erfahren, daß dieſe kleine links der Wuͤſte (einer unermeßlichen, unangebauten und felſigen Ebene, welche die Wälder von Ermenonville und Chantilly trennt) gelegene Inſel, die Inſel Molton genannt wird. Die Huͤtte lag zu der Zeit vollkommen in Truͤmmern. (Note Martin's.) — — „Wenn wir Niemand auf der Inſel erblicken,“ rief Bamboche, „ſo ſchlage ich vor, hier einen bis zwei Tage zu bleiben. Es giebt hier Waſſer, Erdaͤpfel, Kaſtanien, Trau⸗ ben, Birnen. wir werden wie die Goͤtter leben.“ „Ich ſchlage vor, acht Tage zu bleiben,“ rief Bas⸗ quine voll Entzuͤcken. „Bleiben wir ſo lange es uns gefällt,“ ſetzte ich hinz. „Bewilligt,“ ſagte Bamboche, „aber vor allen Dingen, muͤſſen wir uns ſicher wiſſen, daß uns Niemand von hier fortjagt.“ Ach freilich, ja, ... man koͤnnte uns fortjagen,“ ent⸗ gegnete Basquine traurig. „Wie waͤre das Schade!“ „Bekuͤmmern wir uns deshalb nicht im Voraus,“ er⸗ widerte ich ihr, „wir wollen die Inſel fuͤrs Erſte genau unterſuchen, was nicht lange dauern wird.“ Es dauerte auch in der That nicht lange. Nach einer Stunde hatten wir uns vergewiſſert, daß Niemand als wir in dem zugegen waͤren, was wir von da an poſitiv unſere Inſel nannten. Des Abends wuſch Basquine kurz vor Sonnenunter⸗ gang an einem kleinen Baſſin kuhlen, reinfließenden Waſſers am Fuße eines Felſen knieend, koſtliche gelbe Erdaͤpfel, wahrend Bamboche, neben ihr ſitzend, Kaſtanien abſchalte, und ich vor dem Heerde der Huͤtte fuͤr ein Feuer von trock⸗ nem Holze ſorgte, in deſſen Aſche die Erdäpfel und Kaſta⸗ nien gekocht werden ſollten, die unſer Abendeſſen zu ver⸗ — 80 — vollſtaͤndigen beſtimmt, das bereits aus koſtlichen Trauben und einem Dutzend Birnen von herrlichem Goldgrau beſtand. So war der erſte Tag, den wir auf unſrer Inſel zubrachten. Sechſtes Rapitel. Das Lied. Zwei Tage kaum waren in der Ruhe und Einſamkeit unſerer Inſel verfloſſen, als die Kennzeichen der mora⸗ liſchen Beſſerung, die ich bereits an meinen beiden Gefähr⸗ ten bemerkt und an mir ſelbſt empfunden hatte, immer mehr und mehr hervortraten. War dies, wenn man ſo ſagen darf, die Folge der Luft⸗ veränderung? Ich weiß es nicht, aber man hätte ſagen koͤnnen, ſeit wir la Levraſſe's Truppe und die verdorbene Atmoſphäre, in welcher wir bisher gelebt, verlaſſen, wäre unſer Athemholen beſſer und mit jedem Tage gereinigter geworden. Nur verbargen wir anfangs Eins vor dem Andern ſorg⸗ faltig dieſe heilſamen und ſchönen Gefuͤhle, denn ach! wir waren verderbt genug, um Schaam vor dem Guten zu em⸗ pfinden. Unter die Zahl der mir gegenwärtigſten Erinnerungen gehoͤren die naͤhern Umſtände des zweiten auf der Inſel ver⸗ lebten Abends. . Martin. W. 6 uns Ruhe gegoͤnnt hatten. Glocke. mend. — ſagte ploͤtzlich Basquine. Wir hatten den ganzen Tag uͤber thaͤtig und freudig uns angeſtrengt, unſere Erdaͤpfel und Kuͤchengewaͤchſe, welche ſchon von Unkraut uͤberwuchert wurden, zu jaͤten, wir hat⸗ ten trocknes Holz zu unſerm Feuer geleſen und in meiner Eigenſchaft als ehemaliger Maurer hatte ich einige Ziegel auf der Dachung befeſtigt, waͤhrend Bamboche und Bas⸗ quine Fruͤchte ſammelten. Der Reiz dieſer Arbeiten war fuͤr uns ſo groß geweſen, daß wir nicht zwei Stunden lang Nachdem wir in der Aſche gekochte Ervtimen und ſaf⸗ tige Fruͤchte in heiterer Luſt gegeſſen, begaben wir uns alle Drei auf den Raſen, der ſich vor der Huͤtte hinſtreckt. Die Sonne war ſchon ſeit einiger Zeit verſchwunden. Der Abend war koſtlich mild und obgleich der Mond noch nicht ſchien, funkelten die Sterne hinreichend, um die Dun⸗ kelheit der Nacht matt zu erhellen. Es regte ſich kein Luͤft⸗ chen. Die Luft war ſo rein, ſo ruhig, ſo ſonor, daß wir mitten unter dem Rauſchen der Quelle, die zwiſchen den Felſen herabfloß, tauſendfaches anderes Geraͤuſch unterſchei⸗ den konnten, bald murmelnd und verſchleiert wie Klage, bald hell und ſilbern wie das Anſchlagen einer kriſtalnen Gegen unſre blieben wir ſtill und träu⸗ „Wie das huͤbſch iſt das Rauſchen dieſer Quelle!“ — — „Ja,“ antwortete Bamboche, „ich dachte eben daran. Das iſt doch beſſer als die Muſik bei unſern Kunſiſtuͤcken.“ „O! das iſt gewiß wahr!“ ſagte ich mit einem Seufzer. Und wir ſchwiegen wieder alle Drei. Nicht lange, ſo begann von weitem zu lich lang unterbrochenen Malen der Geſang eines Vogels . ein klagender, monotoner, aber unendlich ſanfter Geſang. Dann war der Vogel ſtill. Wir vernahmen nichts weiter als das Murmeln der kleinen Quelle. Dieſer traurige, verſchleierte, einſame Geſang ruͤhrte mich unausſprechlich. „Hoͤrt!. . . der Vogel ſchweigt . ſagte Bamboche mit dem Ausdrucke des Bedauerns.. „Das iſt Schade! Nicht wahr, Basquine?“ Unſere Gefaͤhrtin antwortete nicht ſogleich. „Basquine! . . ſchlaͤfſt Du?“ fragte ſie Bamboche. „Nein,“ anſi ſie ſanft, „ich weine.“ „Weshalb denn?“ „Das weiß ich nicht.. .. Ich leide an nichts. ich fuhle mich ſo gluͤcklich hier . . . mit Euch Beiden. . Aber ich denke an meinen Vater . an meine Mutter .. an meine Schweſtern; dann habe ich geweint, ohne es faſt ſelbſt zu merken, und das thut mir wohl.“ Ich erwartete, daß Bamboche uͤber ſie ſpotten oder ſie ſchelten werde, aber das geſchah nicht; er ſagte mit geruͤhr⸗ ter Stimme zu ihr: 6* „Weine, weine nur . . . das iſt manchmal beſſer als lachen und dann . . ſiehſt Du? . .. Bamboche endete ſeine Rede nicht, geſchah es nun weil er zu geruͤhrt war oder weil er uns dieſe Ruͤhrung ver⸗ bergen wollte. Während einiger Zeit beobachteten wir wieder ein tiefes Schweigen. Bamboche unterbrach es zuerſt mit den Worten: „Basquine wenn Du nicht mehr weinſt . ſo ſinge uns doch etwas da der Vogel nicht mehr ſingt.“ „Recht gern,“ verſetzte Basquine, „aber was?“ „Was Du willſt.“ Das arme Kind hatte nur die Wahl zwiſchen einigen unanſtaͤndigen oder ſchmutzigen Geſaͤngen. Keine andern konnte ſie. Sie fing alſo mit ihrem Kinderſtimmchen von engel⸗ gleicher Reinheit an: Guten Morgen, Freund Johann, Du kommſt wieder aus dem Dorfe, Gaͤbſt Du mir wohl, wenn's ſein kann, Eine „Nein keine Worte!“ rief Bamboche, ſie unter⸗ brechend, aus: „blos eine Melodie . . . welche Du willſt aber ohne Worte.“ „Das iſt mir auch lieber,“ entgegnete Basquine, „ich weiß nicht, warum, aber ich bemerke heut Abend, doß die Worte mich geniren.“ Wie Bamboche war auch ich zum erſten Male tief verletzt, als ich dieſe Engelsſtimme, deren ſchwermuͤthiger und ſuͤßer Ausdruck mir nie bezaubernder erſchienen war, die erſten Worte eines unanſtändigen Liedes ſingen hoͤrte. Bas⸗ quine hatte daſſelbe Gefuͤhl von Widerwillen und Schaam gehabt, indem das arme Geſchoͤpf geſagt, daß an dieſem Abende die Worte, ohne zu wiſſen weßhalb, ſie genirten. Durch welches Phaͤnomen empfanden wir alle Drei die⸗ ſes ploͤtzliche Zartgefuͤhl, da doch Basquine gewohnt war, Uunanſtaͤndigkeiten keck heraus zu ſingen und wir, ſie anzu⸗ hören? Ich konnte mir damals von dieſer Sonderbarkeit keine Rechenſchaft geben, aber jetzt, wo ich erfahrner bin, glaube ich in der Kundmachung dieſes ſchnellen Zartgefuͤhls, ſowie in der Beſſerung unſerer Empfindungen, die wir ohnſtreitig dem heilſamen Einfluſſe der Einſamkeit und anziehender Arbeit verdankten, einen neuen Beweis dafuͤr zu finden, daß die eingewurzeltſte oder fruͤhzeitigſte Verderbniß nie un⸗ heilbar iſt. Nein! nein! ſie weicht unter gewiſſen Verhält⸗ niſſen der unwillkurlichen Hinneigung zum Guten, zum Rechten, zum Schoͤnen, goͤttliche Momente, wo die gefal⸗ lene Seele zu der Sphäre wieder aufwaͤrts ſtrebt, von wel⸗ cher ſie herabgeſunken, koſtbare Momente .. . aber ach! auch fluͤchtige, wo jede Wiederherſtellung noch moglich. So fing denn Basquine nach Bamboche's Wunſche fogleich an, ohne Worte die Melodie zu dem obenerwaͤhn⸗ ten Liede zu ſingen, ſang ſie aber in einem langſamen und — traurigen Tactmaaße, das den allgemeinen Charakter dieſer Art von Burlesken ganz abaͤnderte und ihnen einen eigen⸗ thuͤmlich melancholiſchen Ausdruck verlieh. Dann aber, wie ein Vogel ſich zum Himmel empor⸗ ſchwingt, nachdem er eine Zeitlang die Erde ſtreifte, ſo be⸗ lebte Basquine ſich mehr und mehr und es gelang ihr durch Uebergaͤnge einer ebenſo inſtinktmaͤßigen als wundervollen Kunſt, das erſte Thema in eine durch ſanfte Schwermuth hinreißende Improviſation zu verſchmelzen. Es war etwas Naives, Trauriges, Zaͤrtliches, Unaus⸗ ſprechliches .. Befluͤgeltes, wenn man ſo ſagen kann, das ein Dichter vielleicht mit dem Geſange eines kleinen Sera⸗ phins verglichen haͤtte, der mit ſeiner kindlichen Stimme um Gnade fuͤr einen Suͤnder fleht. Dieſer Vergleich faͤllt mir ein, weil Basquine ſitzend angefangen hatte, zu ſingen, ſo wie ſie aber nach und nach anfing, einer gewiſſen geheimnißvollen Begeiſterung ſich hin⸗ zugeben, mit faſt unmerklicher Bewegung niedergekniet war und zu ſingen fortfuhr, die Haͤnde gefaltet und ihr anbetens⸗ werthes Geſicht zum funkelnden Sternenhimmel gerichtet. Bamboche und ich hoͤrten Basquinen mit einer Art andachtsvoller Extaſe zu. Nie hatte ſie noch bisher ſo ge⸗ ſungen! Wir waren naͤher an einander geruͤckt und unwill⸗ kuͤrlich gleich ihr niedergeknieet. Nicht lange, ſo fuͤhlte ich Bamboche's Stirn auf meiner Schulter und ſeine Thraͤnen fielen auf meine Hand. — 87 — Noch nie hatte ich Bamboche weinen ſehen. Ich kann daher meine Ruͤhrung nicht beſchreiben, als ich ſo mitten in der Dunkelheit ſeine Thraͤnen auf meine Hand fallen fuͤhlte. Ich ſchlang beide Arme um den Nacken meines Grfaͤhrten; ich wollte mit ihm ſprechen, als er mir mit leiſer, unter brochener Stimme ſagte: „Laß ſie ſingen . . . das thut mir ſo wohl. Es iſt mir, als bitte ſie um Vergebung fuͤr mich. . Arme Kleine ſie dachte an nichts Boͤſes.. . Ich auch ehemals nicht ich dachte auch an nichts Boͤſes! .. Aber man hat mich verdorben . . und ich habe auch .. ſie verdorben.“ So ungewöhnlich mir auch dieſe ſpaͤte Reue Bam⸗ boche's ſcheinen mußte, ſetzte ſie mich doch nicht in Verwun⸗ derung. Basquinen's Gefang verſenkte auch mich in eine herzzerteißende Erregung. Viele Jahre nach dieſem Auftritte und als die ganze Groͤße von Basquinens Genius ſchon die beruͤhmteſten Kuͤnſtler uͤberragte, geſtand ſie mir, daß von dieſem Tage an, wo ihr Herz von unendlicher Traurigkeit angeſchwollen, indem ſie an ihren Vater, ihre Mutter, an die erſten Glau⸗ benslehren ihrer Kindheit und zuletzt an die duͤſtere Zukunft, welche ihre ſo fruͤhe Brandmarkung ihr bereite, gedacht, wo ſie, ſo zu ſagen, ohne es ſelbſt zu wiſſen, dieſe verzweif⸗ lungsvolle Klage inmitten unſerer einſamen Inſel improviſirt, daß von dieſem Tage an die Kunſt, mit Allem was in ihr — 66 — nur Naives, Ideelles und doch Menſchliches liege, ſich ihrem jugendlichen Verſtande unbeſtimmt geoffenbart habe. „Worte wuͤrden kraftlos ſein, das auszudruͤcken, was ich an dieſem Abende zugleich Liebevolles und Herzzerreißen⸗ des empfand,“ ſagte mir damals Basquine. „Es war mir, als hore ich eine klagende Stimme, die in mir ſinge .. und ich wiederholte dieſen Geſang faſt ohne es ſelbſt gewahr zu werden und ganz natuͤrlich, ſo treu druͤckte er meine Empfindungen aus. Dieſes Geſanges habe ich mich ſtets mit Ruͤhrung erinnert und noch jetzt,“ ſetzte ſie mit trauri⸗ gem Laͤcheln hinzu, „kann ich ihn nicht wiederholen, ohne in Thraͤnen zu zerfließen.“ Nach einigen Minuten wurde die ſchallende Stimme Basquinens, die wir in ſchweigender Sammlung hoͤrten, umſchleierter, matter und nach und nach ſtarb der Geſang auf den Lippen wie eine harmoniſche Klage, die in der Weite verhallt. Dann ſenkte das Kind ſein Haupt auf die Bruſt und blieb ſo einige Augenblicke ſchweigend. Als uns Basquine aber nicht ſprechen hoͤrte, wendete ſie ſich bald darauf zu uns um und ſah, wie Bamboche und ich uns bruͤderlich umarmt hielten. „Was iſt Euch denn?“ wiederholte Basquine vor uns knieend und meine und Bamboche's Hand druͤckend. „Ihr weint ja!“ 1 — — „Ja, wir weinen . . . wie Du ſelbſt eben wein⸗ teſt, antwortete Bamboche, „und dieſe Thraͤnen thun wohl!“ Dann zog er uns Beide an ſeine breite Bruſt und rief mit einem Tone, den ich nie vergeſſen werde: „Wir ſind nicht boͤſe . . . nein!!“ Nein, o nein! Nie werde ich es vergeſſen, mit welchem Ausdrucke Bamboche dieſe Worte ſprach, in denen ſich zu⸗ gleich Reue uͤber das Böſe, das er gethan, ſchmerzliches Auf⸗ lehnen gegen ſein unſeliges Geſchick, das ihn zum Boͤſen getrieben und aufrichtiges Streben, auf den Weg zum Guten zuruͤckzukehren, ausprägte. Wir hatten uns zwei Nachtlager aus Haidegras und Moos gemacht, das eine fur mich in der erſten Abtheilung der Huͤtte, das andere fuͤr Basquine und Bamboche in der zweiten. Dieſe Nacht theilte Bamboche mein Lager, nachdem er Basquinen auf die Stirn gekuͤßt und ihr geſagt hatte: „Gute Nacht, liebe Schweſter.“ Bamboche ſchlief wenig. Ich fuͤhlte, wie er die ganze Nacht ſich herumwarf. Mehre Male ſeufzte er tief. Beim erſten Tagesgrauen weckte er mich. Seine Phyſiognomie war nachdenkend, ſanft und ernſt. Wir traten in das Gemach, wo Basquine noch ſchlief. Als ſie uns hoͤrte, ſchlug ſie ihre großen Augen auf und ſah uns laͤchelnd und erſtaunt an. — Wir gingen alle Drei fort. Noch funkelten einige Sterne. Der Oſten fing an ſich in Purpur zu kleiden. Die Luft war koͤſtlich kuͤhl. Die vom Thau gebadeten Kraͤuter hauchten tauſendfache Wohlgeruͤche aus. Der Morgen kuͤndigte ſich wuͤrdig des geſtrigen Abends an. . „Hoͤre, Basquine . hoͤre, Martin,“ ſagte Vamboche zu uns und ließ uns neben ſich auf einen der Steinbloͤcke ſetzen, welche um den Raſenplatz her ſich befanden: „wir muͤſſen offen mit einander ſprechen, jeder nach ſeiner Mei⸗ nung ohne Scheu reden wir ſind ja nur unſer Drei. Basquine und ich ſahen uns uͤber den ernſthaften Ton Bamboche's erſtaunend und ſchweigend an, dann fuhr er fort: „Um es Euch leicht zu machen . . will ich anfangen . Ihr könnt Euch dann uͤber mich luſtig machen, wenn Ihr wollt . aber ich werde offen ſprechen.“ „Uns uͤber Dich luſtig machen und warum?“ entgegnete ich. „Weil ich zu Kreuz krieche . . weil ich den Krup⸗ pel ablaͤugne, von dem ich Cuch ſo oft erzählt habe . weil ich mich ſelbſt ablaͤugne. . . . Das iſt aber einerlei .. man muß offen ſprechen . . Dann ſich an mich wendend: „Bruder! Du wirſt Dich noch erinnern wie unſere Freundſchaft entſtanden iſt. Zuerſt habe ich Dich durchge⸗ pruͤgelt, habe Dich als einen Verräther behandelt, Du haſt — Dir gefallen laſſen, das hat mich betroffen gemacht ich habe mit Dir von Deinem Vater geſprochen „Das iſt wahr.“ „Dann hat mich das geruͤhrt . . . Du biſt mit in die⸗ ſe Ruͤhrung eingegangen und ſeitdem ſind wir Bruͤder geworden.“ „Ja und werden es immer ſein.“ „Mehr ais je denn ich fuͤhle mich beſſer als ich war und das iſt wieder „indem ich an meinen armen Vater dachte . daß mir das begegnet was mir begegnet iſt.“ „Was iſt Dir Sn begegnet?“ fragte Basquine. „Da ich einmal meine Partie in Betreff des Sacks mit Blei ſtatt des erwarteten Goldes ergriffen,“ erwiderte Bamboche, „haben wir angefangen, durch den Wald zu „Und das erinnerte Dich an Deinen Vater und die Zeit, wo Du noch ganz klein mit ihm holzhacker⸗ deſt,“ ſagte ich zu Bamboche. „Das haſt Du mir ge⸗ ſtanden.“ „Das iſt wahr und ſeit den zwei Tagen, wo wir hier ſind . allein und ruhig an dieſem ſchoͤnen Orte, die Erde bearbeitend, Holz leſend, Fruͤchte ſammelnd, wie Bauern lebend, kenne ich mich ſelbſt gar nicht mehr. .. Warum bin ich denn ſo veraͤndert? Ich weiß es nicht aber es iſt ſo. . . . Ich habe die ganze Nacht nicht geſchla⸗ fen ich habe mich uͤberall befuͤhlt und befragt, und mir uͤberall ſelbſt antworten muͤſſen, ſeit dem Tode meines armen Vaters habe ich ein Schurkenleben gefuͤhrt . . . fuͤr mich und die Andern . . das muß ein Ende nehmen . . . ich habe es genug . . ich will nichts mehr davon.“ Und als wir ihn immer verwunderter anſahen: „Das nimmt Euch Wunder? mich auch. Ich ſage Euch ja, daß ich es gar nicht begreife . . . aber ſo viel iſt gewiß, daß, ſeit ich la Levraſſe, Mutter Major, den Hans⸗ wurſt und alles dies Ge . . . Geſindel nicht mehr auf dem Nacken habe, ich frei Athem hole, ob ich gleich hie und da ſo Manches auf dem Herzen fuͤhle .. weil . weil . Und dabei ſah er Basquinen mit einem unbeſchreib⸗ lichen Ausdrucke an, endete aber nicht. Nachdem er einen Seufzer unterdruͤckt, begann er dann wieder: „Aber trotz dieſer Augenblicke, wo mir das Herz ſo ſchwer wird, iſt es doch voll Freude weil ich anfange, mir zu ſagen, daß dieſer Boͤſewicht von einem Kruppel mich wohl betrogen haben kann. Denn in dieſer Nacht ſagte ich zu mir ſelbſt: ſieh doch einmal, dein armer Vater iſt beim Arbeiten geſtorben; er hat ſein ganzes Leben im Elend ver⸗ bracht, ob er gleich ehrlich und fleißig war. . . . Gut, das iſt wahr aber das hindert doch nicht, daß alle braven Leute von ihm mit Hochachtung ſagen werden: armer Teufel! Ich weiß wohl, daß Schurken wie der Kruͤpel ſagen werden: verdammter Dummkopf! Aber Niemand, weder Gute noch Schlechte, werden von meinem Vater ſagen: Schlechter Kerl!“ „O nein, nein!“ rief auch ich ſo wie Basquine. „Nun denn,“ begann Bamboche entſchloſſen wieder, „ich habe dieſe Nacht reiflich daruͤber nachgedacht, daß man auch von mir vielleicht ſagen wird: armer Teufel! ver⸗ aber nie wird man ſagen: ſchlech⸗ ter Kerl!“ Abermal riefen Basquine und ich freudig unſere Zu⸗ ſtimmung. „Als mein Vater geſtorben,“ fuhr Bamboche fort, „war mein erſter Gedanke, und das war ein guter, zu arbeiten. Ich habe bei einem Reichen um Brot und Arbeit gebeten. Er hat mir damit geantwortet, daß er ſeinen Hund auf mich gehetzt hat, das iſt wahr, aber alle Welt iſt nicht ſo niedertraͤchtig.“ „Ganz gewiß,“ rief ich. „Dann bin ich zu meinem Ungluͤcke dem Kruppel und nachher la Levraſſe und der ganzen Bande begegnet und das hat mich in's Verderben geſtuͤrzt. Aber ſtill! da drin⸗ nen ruͤhrt ſich noch etwas,“ und dabei gab er ſich mit der Fauſt einen heftigen Stoß auf die Bruſt. . „uUnd ich kehre wieder zuruͤck. . . . Man ſoll nicht mehr von mir ſa⸗ gen: ſchlechter Kerl! Ich bin es ſchon genug fuͤr mich geweſen und fuͤr Andere.“ Und dabei ſah er abermals Basquine mit einem Aus⸗ — 94 — drucke von Zaͤrtlichkeit und tiefem Mitleiden an, worauf er hinzufuͤgte: „Und ihr verdanke ich auch einen Theil meiner Umaͤn⸗ derung. „Geſtern Abends, während ſie ſang als wolle ſie um Vergebung fuͤr mich bitten, ſchmolz mein Herz, als ich zum Himmel hinauf ſah, und ich ſagte zu mir: man ſpricht vom guten lieben Gott!. . wie gut waͤre er doch, wenn er uns noch lange Zeit in dieſem kleinen Erd⸗ winkel ließe, wo wir Niemand werden Schaden noch Leid zufugen, ſo fort hier zu leben, allein, alle Drei, da wuͤrden wir ja ganz gut werden .. und erſt einmal geheilt von dem Ausſatze des Kruͤppels und feſt entſchloſſen, nicht mehr zu ſtraucheln, wurden wir Ein ungluͤcklich Ereigniß unterbrach Bamboche. Basquine und ich waren ſo mit dem, was er uns ſagte, beſchaͤftigt, daß wir eine gewiſſe Perſon nicht geſehen noch gehoͤrt hatten, die, nachdem ſie um die Huͤtte herumge⸗ gangen war, zu uns trat und mit fuͤrchterlicher Stimme uns zurief; „Im Namen des Geſetzes verhafte ich Euch! ... Ihr folgt mir zum Herrn Maire.“ Siebentes Kapitel. Feldhüter. Bei dieſer drohenden und wiederholten Aufforderung: „Folgt mir zum Herrn Maire!“ blieben wir alle Drei vor Staunen unbeweglich. Die Perſon, welche uns dieſen Schrecken verurſachte, war ein noch junger, hochgewachſener Mann, mit braunem Geſichte und kraͤftigem, entſchloſſenem Anſehn. Er trug uͤber einer blauen Blouſe ſein Amtswehrgehaͤng und in der Hand einen großen Cavallerieſaͤbel in der Scheide. Ein un⸗ geheurer Hund, der von Zeit zu Zeit ſeine rothen, wilden Augen auf ihn erhob, wich ihm nicht von der Ferſe und konnte ihm zum furchtbaren Beiſtande dienen. Mein erſter Gedanke war, man verfolge uns wegen des Anzundens von la Levraſſe's Wagen, und ich warf einen beſtuͤrzten Blick auf meine Gefahrten. „Ich verhafte Euch im Namen des Geſetzes,“ wieder⸗ holte der Feldhuͤter, näher zu uns tretend. „Vorwärts, zu dem Herrn Maire!“ — — „Warum wollen Sie uns denn verhaften, mein Herr, fagte Bamboche, als der Beherzteſte von uns Dreien, „wir thun ja nichts Boͤſes.“ „Ihr ſeid Vagabunden,“ erwiderte der Feldhuter mit drohender Stimme. „Ein Kuhhirt hat Euch vor drei Ta⸗ gen auf die Inſel gehen ſehen.“ „Das iſt wahr, mein Herr, und wir haben ſie ſeitdem nicht verlaſſen,“ verſetzte Bamboche. „Und wovon habt Ihr hier gelebt?“ „Zum Henker .. von den Gemuͤſen und Fruͤchten, die wir hier gefunden ibei, mein Herr,“ antwortete Bam⸗ boche. „Gefunden? wie denn gefunden?“ rief der Feldhuͤter; „das iſt ja geradezu ein Diebſtahl, das, Ihr Schurken. Allerliebſt! Eure Rechnung iſt gemacht.. Vagabunden und Diebe!“ „Ein Diebſtahl? das zu nehmen, was man zum Eſſen braucht?“ ſagte ich zu ihm. „Wir glaubten Niemand damit ein Leid zu thun, mein lieber Herr,“ ſetzte Basquine furchtſam hinzu. „Wahrhaftig? Blondinchen! Glaubteſt Du das?“, entgegnete der Feldhuͤter. „Nun, wir wollen ſehen, ob Eure Eltern auch der Meinung ſind, wenn ſie Euch zurück⸗ fordern werden. . . . Sie werden Euch tuͤchtig durchpruͤgeln und das S gut ſein. . . . In Dorfe woh⸗ nen ⸗ denn?“ — — „Wir haben keine Eltern, mein Herr,“ antwortete Bamboche; „und wir ſind aus keinem Dorfe.“ „Wie? keine Eltern!“ rief der Feldhuͤter. „Wie? aus keinem Dorfe?“ „Nein, mein Herr, ich habe weder Vater noch Mut⸗ ter, Martin hier iſt ein Findling, nur Basquine .. .“ „Aber wo wohntet Ihr denn, ehe Ihr hierher kamt?“ fragte der Feldhuͤter, deſſen Verdacht immer höher ſtieg. Auf dieſe verlegen machende Frage antwortete Bam⸗ boche dreiſt: „Wir kommen ſehr weit her, mein Herr; wenigſtens 100 Stunden von hier . und baten unterweges um Al⸗ moſen.“ „Aha!“ rief der Feldhuͤter; „immer beſſer! Ihr ſeid, das, was man kleine bettelnde Vagabunden nennt, kleine Spitbuben. Ihr habt keine Eltern, die Euch zuruͤckver⸗ langen könnten, nun gut, ſo iſt Eure Rechnung gemacht. . weiter ſage ich Euch nichts.“ „Was wird man uns denn thun, lieber Herr?“ fragte unbefangen Bamboche, indem er kluglich zwei bis drei Schritte zuruck that. Dann ſagte er leis zu mir: „Hole einmal zwei tuͤchtige Hände voll Aſche vom Heerde, ſtelle Dich hinter mich, und aufgepaßt!“ Darauf ſagte er ganz laut zu mir, um des Feldhuͤters Mißtrauen nicht zu erregen: Martin. 1V. 7 — — „Nicht wahr? wir wollen dem guten Herrn Alles ge⸗ ſtehen? Hole unſte Papiere.“ „Sogleich,“ antwortete ich verſchlagen, und ging nach der Huͤtte zu, um Bamboche's Anweiſungen zu befolgen. „Hat man denn Papiere in Euerm Alter?“ ſagte der Feldhuͤter achſelzuckend, „hier gelten keine Papiere. Ich werde Euch den Gensd'armen uͤbergeben, die Euch heut Abend ins Bettlergefaͤngniß bringen ſollen, woraus Ihr dann in ein gutes Zuchthaus bis zum achtzehnten Jahre werdet gebracht werden, meine Schaͤtzchen! . .. Ha, ha, das haͤttet Ihr wohl nicht erwartet?“ „In's Gefängniß bis zum achtzehnten Jahre!“ rief Bamboche, und ſchielte, ob ich wieder zuruͤck ſei. „In's Gefängniß. . . weil wir weder Vater noch Mutter haben,“ ſagte Basquine und faltete die Häͤnde, „ins Gefangniß, weil wir einige hier aufgeleſene Erdäpfel gegeſſen haben.“ „Ja, in's Gefaͤngniß, nicht anders!“ ſagte der Feld⸗ huͤter. „Kurz, jetzt kommt mit zum Maire. Genug des Geſchwaͤtzes, Ihr Landläufer. Vorwärts . .. oder ich nehme zwei bei den Ohren und befehle Mouton (Schoͤps), mir den Dritten zu apportiren. . . . Hier, Mouton,“ ſetzte der Feldhuͤter hinzu, und rief ſeinem furchtbaren Hunde. Plötzlich ſturzte ſich Bamboche, der während des Ge⸗ ſpraͤchs den Feldhuͤter gleichſam umgangen hatte, auf die⸗ ſen, umſchlang ihn von hinten, gab mir ein Zeichen und in demſelben Augenblicke warf ich ihm die Aſche in die Augen. — Ich vollzog Bamboche's Befehl ſehr geſchickt. Der dicke Kopf des Feldhuters verſchwand in Mitten einer dich⸗ ten Aſchenwolke. Der ungluͤckliche, fuͤr den Augenblick blind gewordene Beamte fuhr mit beiden Händen an die Augen, ſtampfte vor Schmerz mit dem Fuße, uͤberhaͤufte uns mit Schimpf⸗ reden und rief ſeinem Hunde zu: „Beiß, Mouton! . .. Apporte!“ Bamboche aber hatte, nachdem er die Haͤnde vom Feldhuter abgezogen, ſogleich damit zwei Ladungen Sand aufgerafft, und warf in dem Augenblicke, wo Mouton bel⸗ lend und ſeinen ungeheuern Rachen aufſperrend, ſich ihm nahte, dieſelben ſo ſchnell in die aufgeſperrte Offnung, daß Mouton, huſtend, ſpuckend, ſchnaubend und halb erſtickend das erbärmlichſte Geheul auszuſtoßen anfing, während ſein Herr, immer noch mit den Händen an den Augen, ſeiner⸗ ſeits ein wuͤthendes Geſchrei erhob und bei jedem Schritte, den er thun wollte, ſtolperte. Ohne einen Augenblick zu verlieren, liefen wir nun durch die Huͤtte und folgten dem Fußſtege, den wir ſchon kannten. So erreichten wir den Fluß. Wir durchwander⸗ ten ihn, indem wir Basquine auf unſern Schultern trugen, eilten ſchnell weiter und erreichten ſo eine der dichteſten Stellen des Waldes. „Mußte das ein boͤſer Menſch ſein, daß er uns auf dieſer Inſel ſo peinigte, wo wir doch Niemand ein Leid tha⸗ . * — 100 — ten,“ ſagte Basquine, als unſer minder eiliger Schritt uns erlaubte, uͤber unſre kritiſche Lage nachzudenken. „Es iſt traurig,“ entgegnete Bamboche uͤberlegend, „man wird uns nun nachſpuͤren .. und wenn man uns erwiſcht, muͤſſen wir in's Gefüngniß. 4 „Wie? wahrhaftig?“ ſagte ich; „weil wir arme, ver⸗ laſſene Kinder ſind . . . in's Gefaͤngniß?“ „Ja, dieſer Mann log nicht. Als ich mit dem Kruͤp⸗ pel verhaftét wurde, ſagten mir die Gensd'armen daſſelbe. Du haſt Niemand, der Dich zuruͤckfordere.. Du haſt keinen Zufluchtsort . . . Alſo in's Gefaͤngniß, Vagabund! und ſo brachte man mich denn hinein .. Aber wir Beide, der Kruͤppel und ich, fanden Mittel, zu entwiſchen.“ „Aber, mein Gott! was ſoll dann aus uns werden?“ fragte ich. „Alle Wetter! brave und ehrliche Jungen zu werden,“ entgegnete Bamboche, ſich im Kopfe kratzend, „ſcheint doch nicht ſo leicht zu ſein, als man denken ſollte . man muß aber doch den Willen dazu haben nun . ſo wollen wir's verſuchen . . . Aber vor Allem müſſen wir von hier fort.“ „Fruher oder ſpäter,“ ſagte ich zu Bamboche, „waͤten wir doch genöthigt geweſen, unſte Inſel zu verlaſſen. Ich weiß wohl, daß wir eine ſchoͤne Zeit verloren haben, wenn wir aber einmal von der Inſel fortgeweſen, was 6 ten wir denn dann angefangen?“ — 101 — „Meine Idee war, zu Basquinens Vater zuruͤckzu⸗ kehren.“ Auf eine furchtſame Bewegung Basquinens verſetzte Bamboche: „Sei ruhig ich weiß, was ich Deinem Vater wuͤrde zu ſagen haben. Er iſt Wagner .. wir treten bei ihm in die Lehre . . . ich und Martin . . . wir werden tuͤch⸗ tige Arbeiter. ... Aber was iſt Dir denn, Basquine?“ fragte Bamboche, „Du weinſt ja!“ „Mein Vater iſt vielleicht todt! ſagte ſie, in Thraͤnen zerfließend. Dann ſetzte ſie mit herzzerreißendem Tone hinzu: „Ach! . . vor einem Jahre .. . da hätten wir zu ihm zuruͤckkehren muͤſſen, wie Ihr es mir Beide verſpracht, um mich zu troͤſten.“ „Das iſt wahr,“ ſagte Bamboche finſter, „wir haben Dich belogen ... Dich betrogen. Aber es iſt nicht mehr Zeit dazu, das zu beklagen. Gehen wir dennoch in Dein Land.“ „Meine Mutter wiederſehen! nein, das werde ich nie!“ ſagte Basquine ſchaudernd. „Oh, nie! nie!“ „Ich begreife Dich,“ antwortete Bamboche, „Du haſt vielleicht Recht . . es iſt meine Schuld.“ Und dabei ſenkte er betruͤbt das Haupt. „Es iſt meine Schuld!“ „Hoͤrt!“ rief ich, von einer plotzlichen Idee ergriffen, „Bamboche ſagte heut fruͤh, daß daraus, weil ihm ein reicher Mann Hilfe und Arbeit nach dem Tode ſeines Vaters ver⸗ weigert habe, noch nicht folge, daß alle Welt boͤſe ſei. .. Nun denn! gehen wir in eine Stadt. Auf 100 Perſonen werden wir doch wenigſtens Eine mitleidige finden, der wir dann Alles ſagen und die Mitleid mit uns haben wird.“ „Martin hat Recht, nicht wahr, Bamboche?“ ſagte Basquine. „Ja, . ſchlaͤgt man es uns irgendwo ab, ſo klopfen wir an eine andere Thuͤr. Wir muͤſſen doch Ein gutes Herz finden!“ „Mit unſern vier Louisd'ors können wir uns auch einige Tage lang helfen,“ entgegnete ich, „und . . .“ „Alle Donnerwetter!“ rief Bamboche und ſtampfte in Verzweiflung mit dem Fuße. „Was iſt Dir denn?“ „Dieſe Goldſtuͤcke . . . hatte ich aus Furcht, ſie zu verlieren, unter einen Stein in einem Winkel der Huͤtte verborgen, wo ſie geblieben ſind.. . . Wir haben alſo kei⸗ nen Sou!“ „Still!“ ſagte ich plotzlich leis. „Hoͤrt Ihr nicht das Geraͤuſch eines Wagens?“ „Ruͤhren wir uns nicht, bis er voruͤber iſt,“ ſagte Bamboche. So blieben wir denn ſtumm und unbeweglich mitten in dem dichten Buſchwerk, wo wir Halt gemacht hatten, um auszuruhen, nachdem wir einige Stunden lang in un⸗ wegſamen Gehaͤuen umher geirrt waren, deren Brombeer⸗ — 103 — ſtraͤuche uns unſte ſchon ſehr abgetragenen Kleider faſt in Stuͤcken geriſſen hatten. Der Laͤrmen, den ich gehoͤrt hatte, näherte ſich immer mehr, denn wir befanden uns, ohne es zu wiſſen, nicht weit von einem der Kreuzwege des Waldes. Eine Oeffnung durch das Blätterwerk, das ſchon an einigen Orten von den erſten Herbſtfroͤſten gelichtet war, verſtattete uus, einen Wagen zu erblicken, der bald darauf an einem Wegweiſer hielt, an deſſen Fuße ſich ein runder Steintiſch befand. Dieſe Equipage, die ſchoͤnſte, die ich je geſehen hatte, beſtand aus einer Kaleſche, von vier ſchoͤnen Pferden gezo⸗ gen, mit zwei kleinen Poſtillons, in dunkelbraunen Jacken mit dunkelblauem Kragen. Zwei Bediente in reicher Livree von gleichen Farben, reich mit Silber beſetzt, befanden ſich auf dem hintern Sitze. Drei Kinder und eine noch junge Frau ſaßen im Wagen. Als die Pferde hielten, ſprang einer der Bedienten vom Hinterſitze und trat mit dem Hute in der Hand an den Wagenſchlag. Ehe er noch ſprach, rief ein kleiner Knabe von fuͤnf bis ſechs Jahren, mit allerliebſtem, von blonden Locken um⸗ walletem Geſichte, gebieteriſch: „Ausſteigen! . . . ich will hier ausſteigen!“ „Fraulein,“ ſagte der Bediente, ſich an die junge Dame wendend, die, wie wir bald erfuhren, die Gouver⸗ — — nante warz „Fraͤulein, der Herr Vicomte verlangt auß⸗ zuſteigen. Soll ich die Thuͤr oͤffnen?“ Die Gouvernante antwortete, als das Kind zornig mit dem Fuße ſtampfend auszuſteigen begehrte: „Da der Herr Vicomte Scipio hier ausſteigen will, ſo machen Sie auf!“ Dies ſagte die Gouvernante mit förmlichem und ge⸗ haltenem Tone. Der Bediente ſtreckte, nachdem er den Fußtritt herab⸗ gelaſſen hatte, die Arme aus, um das kleine Kind, das man den Herrn Vicomte Scipio nannte, darin aufzuneh⸗ men, aber dieſer hob ein Stöckchen, das er in der Hand hielt, ſtieß damit den Bedienten zuruck, und ſagte zu ihm: „Ruͤhre mich nicht an . . ich will allein ausſteigen!“ „Der Herr Vicomte will allein ausſteigen,“ ſagte ernſthaft die Gouvernante und gab dem Bedienten ein Zei⸗ chen, ſich zu entfernen; „laſſen Sie den Herrn Vicomte nur machen.“ Nun ſtieg der Herr Vicomte, ſo gut er konnte, aber geſchickt und zierlich die drei Stufen des Trittes hinab, waͤh⸗ rend die zwei Lakaien, Menſchen von ſechs Fuß Höhe und gepudert, rechts und links, den Hut in der Hand, an der Wagenthuͤr ſtanden. Nachdem Scipio auf dem Boden angekommen war und ſah, daß der andre Knabe ſich auch zum Ausſteigen an⸗ ſchickte, rief er: „Nein. . Du nicht, Robert! Du bleibſt da! Re⸗ — 105 — gine ſoll zuerſt ausſteigen. . . . . Der Wagen gehört mir!“ Robert zuckte die Achſeln mit verdrießlicher Miene, aber entſagte trotz deſſen. Ein allerliebſtes kleines Maͤdchen, etwas groͤßer als Basquine, ſtieg leichtfuͤßig aus dem Wagen, und ihr folg⸗ ten Robert und die Gouvernante. Dieſe wendete ſich nun mit den Worten an den ſechsjaͤhrigen Vicomte: „Seipio, wollen Sie jetzt vespern, oder ſpaͤter?“ „Wir vespern hier, nicht wahr, Regine?“ ſagte das Kind zu dem kleinen Mädchen. „Oh,“ entgegnete dieſe mit neckender Miene, „ich ſage weder Ja noch Nein. Sagte ich Ja, ſo biſt Du ſo widerwillig und eigenſinig, daß Du dann gerade Nein ſagen wuͤrdeſt.“ „Ja, ja, das iſt wohl wahr,“ verſetzte Robert. „Sci⸗ pio iſt der Kleinſte, und doch muß man Alles thun, was er will.“ 9 „Ja . weil ich einen Wagen habe, und Ihr keinen,“ antwortete hochmuͤthig der Vicomte. „Mein Vater hat auch einen Wagen,“ entgegnete Robert, an ſeiner Eigenliebe verletzt. „Ja, aber nur Einen, und den borgt er Dir nie .. . aber mein Vater hat fuͤnf bis ſechs Wagen .. und dieſer hier iſt ganz allein fuͤr mich, daß ich darin ſpazieren fahre.“ „Ich,“ ſagte Regine heiter, „ich bin noch viel mehr — 106 — zu beklagen als Robert .. mein Papa hat nicht einmal einen Wagen.“ „Darum gebe ich Dir einen Platz in dem meinen,“ ſagte der Vicomte mit der Miene eines Eroberers. Waährend dieſes Geſpraͤchs hatten die Bedienten aus dem Wagenkaſten ein trefflich eingerichtetes Flaſchenfutter genommen, deckten Servietten auf den Steintiſch und ſtell⸗ ten eine ſchmackhafte Mahlzeit darauf. Das Silber und Cryſtall funkelte in den Sonnenſtrahlen, welche durch die Zweige der großen Eichen, die den Kreuzweg beſchatteten, halb gebrochen wurden. Bamboche, Basquine und ich betrachteten, in unſerm Gebuͤſche kauernd, dicht an einander gedränkt, unbeweglich und den Athem an uns haltend, dieſen blendenden und fuͤr uns ſo neuen Luxus mit ſtummem Staunen, und gaben uns nur ſo dann und wann bei jeder der köſtlichen Sachen, die wir in dieſen ſilbernen Schuͤſſeln auftragen ſahen, einen bedeutenden Ellnbogenſtoß. Denn ſeit geſtern waren wir noch nuͤchtern und es konnte eben um drei oder vier Uhr ſein. Der Anblick dieſer ſchmackhaften Gerichte reizte un⸗ ſern Hunger noch mehr, waͤhrend dieſe begluͤckten Kinder zu unſrer großen Verwunderung kaum mit der Mundſpitze aßen. galonnirten Bedienten hinter ſich, der ihn mit ehrfurchts⸗ voller Aufmerkſamkeit bediente und, ſo wie die Gouvernante, Der Vicomte Scipio hatte einen der beiden langen, — ————— — 107 — den geringſten Wuͤnſchen des Kindes zuvorzukommen ſich beſtrebte. Der Herr Vicomte koſtete kaum von einem Stuͤckchen, ich weiß nicht welcher Paſtete, die meinen Neid ganz beſon⸗ ders erregte, als er ſein Glas voll Waſſer und Wein nahm und es mit lautem Gelaͤchter in die Paſtete goß. „Aber Scipio, warum denn dieſe Paſtete verderben?“ ſagte die Gouvernante. „Ich mag nichts mehr nch rief der Vicomte. „Aber ich hätte noch gern davon gegeſſen,“ ſagte Robert⸗ „Oh! Du kannſt etwas Anderes eſſen. Es iſt noch genug da. Um ſo mehr . . . da die Paſtete mir gehoͤrte.“ Bamboche machte eine ploͤtzliche Bewegung des Unwil⸗ lens und konnte ſich nicht enthalten, ganz leis zu murmeln: „Schlingel! . . . haͤßlicher Junge . . Du!“ Basquine und ich ſtießen unſern Gefährten mit den Ellnbogen. Er hielt an ſich. Aber hier rief der kleine Vicomte mit ſtaunender und zorniger Miene aus: „Seht doch! iſt denn kein Rahm da?“ „Scipio, Sie wiſſen, daß Rahm Ihnen nicht be⸗ kommt. Darum hat man keinen mitgebracht,“ ſagte die Gouvernante. „Ich will — Rahm „Aber. „Ich ſuge e diß ich ihn haben will! . . Man ſoll ſogleich welchen holen!“ — 108 — Da nun die Gouvernante ſich nnntſhi entſtand Seiten des Herrn Vicomte, der vor Wuth carmoiſinroth geworden war, eine jener Scenen des Zornes verzogner Kinder, deren Paroxismus bald ſo heftig ward, daß er in Kraͤmpfe ausartete. Jetzt ſagte die erſchreckte Gouvernante zu einem der Bedienten: „Dieſer Zornanfall kann dem Herrn Vicomte eine Frankheit zuziehen, fahren Sie geſchwind mit dem Wagen und holen Sie Rahm.“ „Hol' Dich der Teufel mit Deinem Rahm! . . kleine Range!“ murmelte Bamboche wieder, ohnerachtet unſrer Abmahnung. „Aber wo ſollen wir Rahm herbekommen?“ fragte der Laquai die Gouvernante. „Mitten im Walde giebt es ſchwer⸗ lich dergleichen.“ „Fahren Sie bis nach Mortfontaine . . . da finden Sie wahrſcheinlich welchen. Gehen Sie hier nach dieſer Seite, Jacques geht indeß nach der andern. Richten Sie ſich ein, aber geben Sie ſich Muͤhe, Rahm zu bringen, ſonſt verfaͤllt der Herr Vicomte in einen der Krampfanfälle, die ſo nachtheilig fuͤr ihn ſind.“ Ohne Zweifel waren die beiden Bedienten ſeit laͤngerer Zeit daran gewöhnt, der kindiſchen Laune des Herrn Vi⸗ comte zu gehorchen, denn ſie ſtiegen hinten auf den Wagen, und ſagten den Poſtillons, mit der größten Eile 6 Wort⸗ fontaine zu fahren. — 109 — „Ich bin bös daruͤber, Scipio, daß Sie den Wagen ſo fortgeſchickt haben,“ ſagte die Gouvernante einige Augen⸗ blicke darauf, nachdem die Pferde im Galopp fortgeeilt. „Der Himmel trubt ſich, es konnte leicht regnen und ſturmen, ehe die Leute wieder zuruͤck waͤren“ „Was geht das mich an? . . Ich will Rahm!“ ank⸗ wortete hartnackig der Vicomte, und zum Zeitvertreib warf er Sand, Gras und Erde auf die Ueberreſte des Mahles, das uͤbrigens Robert und Regine nicht anuͤhrten. Auf die hungrige Aufmerkſamkeit, welche der Anblick dieſes ſaftigen Gouters in mir erregte, folgte bald eine min⸗ der materielle Beſchaͤftigung. Es war mir unmoͤglich, die Augen von dem reizenden Geſichtchen Reginens abzuwenden. Bas dahin war das Huͤbſcheſte, was mir vorgekommen war, Basquine geweſen, aber Regine bildete zu der Schoͤn⸗ heit unſerer Gefaͤhrtin einen ſo auffallenden Contraſt, daß die Bewunderung, welche man fuͤr die Eine fuͤhlte, der Be⸗ wunderung fur die Andere nicht im Mindeſten nachtheilig werden konnte. Basquine war blond, aber ihr Anfangs zartroſiger Teint war durch unſer Nomadenleben und die Vorſtellun⸗ gen unter freiem Himmel matt und goldig geworden, wie der Teint einer Bruͤnette, Regine dagegen hatte ſchwarze Haare wie Dinte, und blendenden Teint. Drei Schoͤn⸗ hritspuͤnkichen, drei ſchwarzſammtne Fleckchen, die ſehr ſicht⸗ bar, vielleicht allzu ſichtbar waren; das eine am Winkel des linken Auges, nach den Schläfen hin, das andre etwas — 110 — uͤber der Oberlippe und das dritte tiefer unten am Kinn, ließen den durchſichtigen Glanz ihres Teints und den Pur⸗ pur ihrer Lippen nnch mehr hervortreten. Trotz der kleinen Ebenholzfleckchen, die ihr ſo viel Pi⸗ kantes gaben, ſchien mir Reginens Phyſiognomie fuͤr ihr Alter etwas ernſt. Ihre großen, ſchwarzen Augen waren zugleich eindringend und nachdenkend, waͤhrend ihr kleiner Mund mit ſchmalen Lippen und ihr etwas hervortretendes Kinn ihren Zuͤgen einen ausgeſprochenen Charakter von Ueberlegung und Feſtigkeit verliehen. Ihre langen ſchwar⸗ zen Lockenhaare fielen um ihren zierlichen und ſchlanken Hals gleich dem eines Vogels. Sie trug ein weißes Mouſ⸗ ſelinkleid und mit Spitzen beſetzte Pantalons. Ihre kleinen Fuͤßchen ſteckten in durchbrochenen Struͤmpfen und hohen Schuhen von Mordorée⸗Leder. Ein breites kirſchfarbenes Band bildete ihren Guͤrtel und ſchlang ſich um ihren gro⸗ ßen, runden Strohhut. Aue dieſe Erinnerungen ſind mir nur allzu gegenwaͤr⸗ tig. Ach! wer hätte mir geſagt, daß eines Tages „ doch nein, Jedes zu ſeiner Zeit! Hunger, Basquine, Bamboche und die Schwierigkei⸗ ten unſerer jetzigen Lage vergeſſend, konnte ich meine Augen nicht von Regine abwenden. Zwei bis drei Mal fuͤhlte ich, wie mir Wange und Stirn roth, ja brennend wurden, waͤh⸗ rend mein Herz abwechſelnd ſich zuſammenzog oder heftig — — ſchlug. Ohne den Unterricht durch Bamboche's vorzeitige Liebe wurde die ſeltene Schoͤnheit dieſes Kindes ohnſtreitig nicht dieſe mit Unruhe gemiſchte Bewunderung in mir er⸗ regt haben, die ſich bald zu einer innigen Sympathie ſtei⸗ gerte, denn Regine ſchien mir eben ſo beſcheiden und zuruͤck⸗ haltend, als der Vicomte eigenſinnig und launenhaft war, ja, zwei oder drei Mal widerſtand ſie ihm ſelbſt mit einer Miene voll kindlicher Wuͤrde oder feinen Spottes, die mich entzuͤckte. Der andere Knabe, Robert, war faſt eben ſo groß als Bamboche, aber viel ſchwächlicher, und ſah auch ſehr gut aus Er ſpielte etwas den kleinen jungen Herrn, und ziſchelte oft leis mit Regine zuſammen. Wider Willen verletzte mich dieſe Vertraulichkeit, ſo wie die Zuvorkommenheiten, welche Robert wäͤhrend der Mahlzeit Reginen mit fuͤr ſein Alter merkwuͤrdiger Höflich⸗ keit bezeigt hatte. Er war wie Scipio in eine runde Jacke, helle Pantalons und ein Chemiſet gekleidet, das in einen Faltenkragen ſich endete, um welchen eine kleine ſeidene Cravatte geknuͤpft war. Ich fuhre dieſe Details an, fuͤr's Erſte, weil ſie ſich meinem Gedächtniſſe ſo eingepraͤgt haben, daß ich viele Jahre nachher auf den erſten Blick dieſe Perſonen wieder erkannte, die ich doch ſeit dieſem Auftritte aus meiner erſten Kindheit nicht wieder geſehen, und dann weil die ſo elegante Außen⸗ ſeite dieſer gluͤcklichen Kinder bald darauf einen ſonderbaren Contraſt mit unſern Lumpen bilden ſollte, da die Dornen⸗ — 112 — ſtraͤuche im Walde meine und Bamboche's Blouſe, ſowie das ſchlechte Kleid Basquinens aufs Schrecklichſte entfiedert hatten, denn wenn wir einmal unſre glanzenden akrobati⸗ ſchen Coſtuͤms abgelegt hatten, waren wir gewöhnlich ab⸗ ſcheulich gekleidet. So hatten wir denn ſchweigend und verſteckt dem Mahle der drei Kinder beigewohnt. Seit einiger Zeit ſchon war ihr Wagen fortgefahren. Einzelner, ferner Donner und heftige Windſtöße kuͤndeten ein nahes Ungewitter an. Plötzlich ſtand Bamboche, der bis dahin nachdenkend in ſich verſunken geblieben war, ſchnell auf und ſagte: „Folgt mir!“ Er ſchob nun die Zweige, die uns bisher verſteckt hat⸗ ten, aus einander, und ſo erſchienen wir alle Drei auf dem Kreuzwege, wo ſich die Gouvernante, Regine, Robert und Vicomte Scipio befanden. Achtes Rapitel. Die kleinen Reichen. Bamboche's bleiches und abgemagertes Geſicht, mit einer ſchlechten griechiſchen Muͤtze auf den darunter hervor⸗ tretenden langen wirren Haaren, ſeine zerlumpte Blouſe, ſein kraͤftiger und fuͤr ſein Alter hoher Wuchs, und das Rohe, das in ſeiner entſchloſſenen Phyſtognomie lag, muß⸗ ten unſer Erſcheinen ziemlich Schreckenerregend machen, denn auch ich war eben ſo aͤrmlich wie mein Gefaͤhrte ge⸗ kleidet, und Basquinens Anzug nicht minder zerriſſen als der unſre. Robert und Regine eilten bei unſerm Anblicke inſtinkt⸗ maͤßig zur Gouvernante, und Scipio, von allen obwohl der Kleinſte, doch der Unerſchrockenſte, rief: „Seht doch. .. die kleinen armen Kinder!. . was wollen ſie denn? .. . Sind die haͤßlich und ſchmutzig!“ Bamboche nahm ſeine Muͤtze ab, näherte ſich der Gou⸗ vernante, und ſagte mit ſanfter und bewegter Stimme, die gegen ſein energiſches Geſicht ſonderbar abſtach, zu ihr: Martin. W. 8 — 114 — „Meine liebe Dame... wollen Sie eine gute That vollziehen, die Ihnen Gluͤck bringen wird .. und dieſen kleinen Herren ... und auch dieſer kleinen Mamſell?“ „Aber,“ antwortete die Gouvernante immer verwun⸗ derter, „ich weiß nicht. was Ihr von mir wollt. . . . Warum haltet Ihr Euch denn in dieſem Walde ver⸗ ſteckt?“ „Sehen Sie, meine ſchoͤne Dame,“ erwiderte eifrig Bamboche, „ich will offen mit Ihnen ſprechen, wir haben alle Drei keine Eltern, und ſind ohne alle Hilfsmittel ... wir kommen weit her wir gehoͤrten zu einer Truppe Seiltaͤnzer, haben aber geſehen, daß dieſes Handwerk einen uͤblen Einfluß auf uns hatte... daß wir ſchlechte Subjekte geworden waͤren .. da haben wir uns denn gerettet. Sie ſind reich geben Sie uns die Mittel, ehrliche Leute zu werden „ wir verlangen nichts, als zu arbeiten ... und gut zu thun. .. Wir ſind bis jetzt ſo ungluͤcklich geweſen, ſehen Sie, daß, wenn man ſich auch nur ein klein wenig fuͤr unſer Schickſal intereſſirt, dies ſchon viel fuͤr uns ſein wird. .. Nun denn, meine theure Dame ein Winkel⸗ chen in Ihrem Hauſe, bis Sie uns in irgend einem Hand⸗ werke untergebracht haben, was es auch ſei, es iſt uns einerlei. Alles was wir wuͤnſchen, iſt nur etwas zu ler⸗ nen, womit wir eines Tags unſer Brot ehrlich verdienen koͤnnen. Wir haben Muth, wir ſind im Elende geweſen es wird fuͤr uns kein Handwerk geben, das zu hart waͤre aber vor Allem muͤſſen wir unter redlichen Leuten leben. — 115 — Ja, wahrhaftig, es iſt Zeit . es iſt mehr als rechte Zeit.“ Die Gouvernante blieb ſtumm und betroffen. Die Kinder ſahen eins das andere an, und ſchienen Bamboche's Wort nicht zu begreifen. Er hatte ſich aber mit einer ſo lobenswerthen Emtſchloſſenheit, einer ſo auf⸗ richtigen Ruͤhrung ausgedruͤckt, daß ich zweimal ſeine Augen voll Thraͤnen ſah. Uum ihm zu Hilfe zu kommen begann ich nun: „Ja, meine liebe Dame, wenn dieſer junge Herr (und dabei zeigte ich auf Scipio,) mit Erlaubniß ſeiner Eltern, mich uͤbernimmt, und dieſer andre Herr eben ſo meinen Kameraden, und dieſe ſchoͤne Demoiſelle unſte Ge⸗ faͤhrtin.. ſo ſoll es Ihnen nie gereuen.“ „O. gewiß nicht, Mademviſelle,“ ſagte Basquine, mit bittendem Blicke Reginens Augen ſuchend, welche ich nie aufhoͤrte anzuſehen, denn in der Naͤhe kam mir ihre Schoͤnheit noch blendender vor, und ich fuͤhlte mich bis ins Innerſte der Seele bewegt. „Ach, geht doch,“ verſetzte die Gouvernante mit ver⸗ druͤßlicher und gezwungener Miene die Achſeln zuckend, „in dem, was Ihr da verlangt, iſt ja kein Menſchenverſtand Wir kennen Euch ja gar nicht. . . wir wiſſen durchaus nicht, wer Ihr ſeid. Und Ihr wollt, daß dieſe Herren und das Fraͤulein ihre Eltern bitten ſollen, ſich mit Euch zu belaͤſtigen? iſt denn das moͤglich?“ „Wir ſind aber doch drei ſehr ungluͤckliche Kinder,“ 8* — 116 — ſagte Bamboche mit bebender Stimme, „drei ſehr bekla⸗ genswerthe Kinder, ſehen Sie, . die wahrhaftig Mitleid verdienen. . .. Sie hoͤrtens ja, mein liebe Dame ... Martin ſagte es Ihnen: wenn jedes von Ihren Kindern eins von uns uͤber ſich naͤhme .. ſie ſind ſo reich. . . ſo gluͤcklich .. das kann Ihnen ja gar nichts koſten.. und wird Ihnen Gluͤck bringen; denn Sie werden eines Tages Freunde .. Bruͤder in uns beſitzen .. die ſich fuͤr Sie todtſchlagen ließen.“ „Hoͤrt nur die kleinen Bettler,“ ſagte Scipio mit ver⸗ ächtlicher Miene, . „ſie ſagen, ſie wollten unſre Freunde, nnſre Bruͤder werden? Will ich denn mit ſolchen kleinen Bettelleuten etwas zu thun haben, ich?“ „Mein guter, kleiner Herr,“ ſagte Bamboche mit durchdrungener Stimme zu ihm, indem er ihm naͤher trat, „Sie ſind immer gluͤcklich geweſen... Sie, nicht wahr? Sie haben nie, weder Hunger noch Froſt, noch Noth ge⸗ habt... Sie ſind nie geſchlagen worden.. Nun denn, ſetzen Sie ſich ein wenig an unſere Stelle, die wir alles das erlitten haben . . und Sie werden guͤtig fuͤr uns ſein.“ „Iſt er dumm, dieſer Große da,“ ſagte Scipio, „er fragt mich, ob ich Hunger und Froſt gehabt habe?“ Ich ſah, wie Bamboche's Kinnladenwinkel bebte, et⸗ was, das ihm begegnete, wenn er ſeine natuͤrliche Heftigkeit zuruͤckhielt; aber er blieb ruhig. Nur Regine ſchien geruͤhrt. Zwei⸗ bis dreimal wurde ihr weißes Geſicht purpurroth, und ſie naͤherte ſich Bas⸗ — 117 — quinen mit einer Art von Theilnahme, Zuruͤckhaltung und faſt Furcht. Das zweite Mal ſchien ſie ihr Zögern zu beſiegen, aber ein ſtrenger Blick der Gouvernante, von dem Zuruf: Regine! begleitet, paralyſirte die ruͤhrende Abſicht des Kindes. Der Himmel wurde immer truͤber und truͤber. Einige Blitze hatten ſchon durch die Baͤume des Wal⸗ des geleuchtet. Die Gouvernante fing an, ſich ernſtlich zu beunruhigen, denn ſie konnte ſich nicht enthalten, mit Bit⸗ terkeit Scipio zu ſagen: „Das iſt nun wieder eine von Ihren albernen Launen eines verzogenen Kindes, die Schuld daran, daß der Wagen fort iſt, und das Ungewitter kommt immer naͤher.“ „Was ſchadet mir denn das? Ich will Rahm haben, und ich werde ihn bekommen,“ ſagte Scipio. Die Gouvernannte zuckte die Achſeln, und ſagte, ſich an Bamboche wendend, der demuͤthig, mit geſenkten Augen und in Schweiß gebadeter Stirn ehrerbietig eine Antwort auf ſeine Frage erwartete: „Ich bin die Gouvernante von Herrn Vicomte Scipio, dem Sohne des Herrn Grafen Duriveau. Herr Robert und Mamſell Regine ſind mir von ihren Eltern zum Vesperbrote mit dem Herrn Vicomte anvertraut. Ich kann es ihnen alſo nicht erlauben, ſich mit Euch und Euern Kameraden zu beläſtigen, denn um was Ihr mich jetzt bit⸗ tet, das iſt albern .. abgeſchmackt. Du mein Himmel, wenn man ſich mit all den kleinen Bettlern, die uns begeg⸗ nen, belaͤſtigen wollte!. .. Geht! das iſt ja lächerlich.“ „Meine gute Dame,“ entgegnete Bamboche mit bit⸗ tender Stimme, indem er einen letzten Verſuch machte, dieſe „ Frau zu ruͤhren: „wenn Sie unſere Lage kennten!. . man kann uns jeden Augenblick verhaften .. uns ins Gefaͤngniß werfen. ja, ins Gefaͤngniß . bis zum 18. Jahre und weshalb? weil wir allein ſind und verlaſſen .. und doch, um was bitten wir denn? um etwas Schutz und Mittel zu arbeiten, um Brot und Waſſer und Stroh und einen guten Unterricht um weiter nichts. . Wo iſt der Reiche, der dem Armen nicht dieſen Almoſen ſchenken könnte, wenn er ihn aus Herzensgrunde darum bittet? und mit Thraͤnen im Auge?“ In der That floſſen zwei Thraͤnen uͤber Bamboche's hohle Wangen. Regine wurde es zuerſt gewahr, und ſagte mit zittern⸗ der Stimme leis zur Gouvernante: „Sehen Sie doch, Mademoiſelle, er weint.“ Die Gouvernante ſelbſt ſchien geruͤhrt, und auch Ro⸗ bert ſagte gleich Reginen ſich an ſie wendend: „Ja, es iſt wahr, er weint.“ „Ach, ja!“ verſetzte Seipio ſagt, die Bettler ſaͤhen immer ſo aus, als weinten ſie um uns um unſer Geld zu bringen.“ „Wie ich ihn verabſcheue . dieſen Kleinen da!“ ſagte — 119 — Basquine leis zu mir. „Bamboche wird uͤber ihn herfal⸗ len. . . . Deſto beſſer.“ Aber Bamboche legte zu viel Entſchloſſenheit, zu viel Gemuͤth, zu viel Aufrichtigkeit in ſeine Bitte, um ſich von den Grobheiten des kleinen Vicomte abhalten zu laſſen, ſondern wendete ſich abermals an die Gouvernante, die er geruͤhrt ſah: „Wohlan, meine liebe Dame, geben Sie dieſer guten Erregung nach, haben Sie Mitleid mit uns, nehmen Sie uns mit zu dem Herrn Grafen, von dem Sie ſprachen, er wird Ihnen deshalb nicht zuͤrnen, davon bin ich uͤberzeugt. uebrigens, beruhigen Sie ſich, wir werden ihn ſchon uͤber⸗ reden; nehmen Sie uns nur mit zu ihm .. laſſen Sie uns hinten auf den Wagen ſteigen.“ „In meinem Wagen .. dieſe kleinen Bettler!“ rief der Vicomte ganz erſtaunt. „Nun, das waͤre mir etwas!“ 22 „Wenn Sie den Herrn Grafen Duriveau kennten, mein kleiner Freund,“ antwortete die Gouvernante mit einem Seufzer, „wuͤrden Sie wiſſen, daß Niemand ihn zu einer ſolchen Thorheit uͤberreden wuͤrde. Alles was ich thun kann, iſt. Dann unterbrach ſie ſich, und da ihre Ruͤhrung wahr⸗ haft war, ſo hielt ſie die Gelegenheit fuͤr angemeſſen, ihren Zöglingen eine Lehre des praktiſchen Mitleids zu geben. Sie zog daher ihre Boͤrſe aus der Taſche, nahm drei Geldſtuͤcke von 10 Sous heraus, und nachdem ſie jedem — 120 — der drei reichen Kinder eins gegeben hatte, ſagte ſie mit Herzens⸗Zerknirſchung zu ihnen: „Sie ſehen, lieben Kinder, was fuͤr ein Unterſchied zwiſchen Ihnen und dieſen armen, elenden Kleinen iſt; man muß ein gutes Herz und Mitleid mit ihnen haben, geben Sie ihnen jedes dieſe 10 Sous; außerdem können ſie ſich auch die Ueberbleibſel des Gouter nehmen.“ „Aber,“ ſagte Regine furchtſam, „Scipio hat ja Sand und Erde hineingeworfen.“ „Seien Sie unbeſorgt, Regine,“ erwiderte die Gou⸗ vernante, „wegen ein Bischen Sandes werden ſie nicht die Delikaten ſpielen, ſie werden in ihrem Leben noch nicht ſo etwas gekoſtet haben.“ Dann wendete ſie ſich wieder zu uns: „Man wird Euch einige Sous geben; haltet Eure Blouſen auf, um die Ueberbleibſel des Gouter mitzunehmen.“ „Madame,“ ſagte Bamboche traurig, „einige Sous und dieſe Ueberbleibſel hier werden in unſter Lage nichts ändern. Das iſt nicht das Almoſen, um das wir Sie bit⸗ ten,“ ſetzte er mit flehender Stimme hinzu, und faltete kraͤftig beide Haͤnde, „warum wir Sie bitten, das iſt, uns Gelegenheit zur Arbeit zu verſchaffen . . . uns aus dem ſchlechten Leben, das wir getrieben haben, herauszureißen. .. und dieſes Almoſen giebt man nicht mit der Boͤrſe .. ſon⸗ dern mit dem Herzen.“ Nach ihrer Anſicht mußte die Gouvernante glauben, alles Mögliche und Verſtaͤndige, was ſie menſchlicherweiſe — 121 — thun konnte, fuͤr uns gethan zu haben, ſie ſagte daher auch, durch das Eindringen Bamboche's gereizt, mit Verdruß: „Da Ihr ſo verwoͤhnt, ſo ſchwierig ſeid, ſo geht Eurer Wege, und laßt uns in Frieden. .. Man hat Euch gege⸗ ben was man konnte .. packt Euch alſo fort! Das wird am Ende unertraͤglich!“ „Wären meine Bedienten da, ſo wuͤrden ſie Euch aller⸗ liebſt mit Fußtritten fortjagen,“ ſagte Seipio entſchloſſen. „Wahr iſt's, dieſe armen Kleinen ſind hoͤchſt zudring⸗ lich,“ ſetzte Robert hinzu, und warf uns ſein 10 Sousſtuͤck vor die Fuͤße, mit den Worten: „Nun, ſo geht doch ein⸗ mal!“ Statt uns ſein 10 Sousſtuͤck auch vor die Fuͤße zu werfen, zielte Seipio auf Bamboche's Geſicht, und traf ihn auf die Bruſt. Ich ſah, wie Regine vor Luſt brannte, das ihre Bas⸗ quinen in die Hand zu druͤcken, aber ſie wagte es nicht. „Sie gehen immer noch nicht!“ rief die Gouvernante, und wendete ſich an uns. „Man hat keine Idee von einer ſolchen Hartnaͤckigkeit! Fort! rafft Eure Sous auf, und nehmt dieſe Reſte oder nehmt ſie nicht, aber laßt uns in Ruhe, wo nicht, ſo ſage ich Euch im Voraus, daß, wenn Jemand von den Waͤchtern kommt, wir Euch feſtnehmen laſſen.“ In dieſem Augenblicke ertoͤnte ein heftiger Donner⸗ ſchlag. Faſt zu gleicher Zeit rief Bamboche, bleich vor Wuth, v — — 122 — indem et mit fuͤrchterlichem Blicke auf die Gouvernante losging, aus: „Ah! ſo iſts gemeint! Nun denn . wir mögen Eure Almoſen nicht, verſteht Ihr? Wir moͤgen Eure Ueberbleib⸗ ſel nicht, in welche Eure Gaſſenjungen geſpuckt haben, ver⸗ ſieht Ihrz“ Bamboche war ſchauderhaft, und ich geſtehe, daß ſeine Erbitterung auch mich ergriff. So viele Verachtung, ſo viele Haͤrte beim Almoſen empoͤrte mich eben ſo wie ihn; und dann, ſoll ichs geſtehen? ich fuͤhlte ſchon unbeſtimmt einen eiferſuͤchtigen Haß gegen Robert, der beim erſten Drohworte Bamboche's ſich Regine hatte, als wolle er ſie beſchuͤtzen. Basquine ſchien ſchmerzlich gedemuͤthigt. Sie ſagte mit leiſer Stimme, gehaͤſſigem Tone, und die Augen voll Thraͤnen des Unwillens zu mir: „Ol. dieſe kleinen Reichen!“ Die oneinnnes welche einen Augenblick lang er⸗ ſchrocken, denn der Walb⸗war einſam, und unſtre Phyſio⸗ gnomieen nicht eben Vertrauen einfloͤßend, hatte ſich durch den Gedanken wieder beruhigt, daß ſie am Ende ja doch nur mit Kindern zu thun habe, und begann alſo mit eben ſo viel Verachtung als Zorn wieder: „Hat man je ſolche kleine Barfuͤßler geſehen! Mit ſolchen Grobheiten das Almoſen anzunehmen, deſſen man ſie wuͤrdigt!“ Nach ſeinem erſten Zornausbruche war Bamboche einen — 123 — Augenblick lang ſchweigſam geblieben, und hatte nur duͤſtre Blicke um ſich her geworfen, als bruͤte er uͤber einen fin⸗ ſtern Plan. Plotzlich ſturzte er mit der Gewandtheit einer wilden Katze unvorhergeſehen auf die Gouvernante los, ergriff ſie am Halſe und rief mir zu: „Martin . packe die beiden Gaſſenjungen!... Bas⸗ quine, halte die Kleine feſt!“ „Ich ſtuͤrzte mich auf Robert, der tapfer eine Caraffe ergriff, und ſie mir an den Kopf warf. Ich vermied den Wurf, und packte den Gegner, gewandt und kraͤftig wie ich geworden war, um den Leib, ſo daß ich ihn leicht zu Boden druckte, waͤhrend Scipio, auch beherzt von Natur, ſich mir an die Fuͤße klammerte, und mich zu beißen ſuchte. Ich hatte jedoch ein Knie auf Roberts Bruſt geſetzt, und eine meiner Hände reichte hin, ihn zu halten, ſo daß ich mit der andern Scipio an ſeinen langen Haaren ergriff, und ihn ſo in Reſpekt hielt, waͤhrend Basquine, der Stimme Bamboche's gehorchend, auf Regine zuſprang, ihre beiden Haͤnde feſthielt, und zu ihr ſagte: „Ruͤhren Sie ſich nicht.. ich thue Ihnen kein Leid.“ Alles dies geſchah in der groͤßten Schnelligkeit. Als wir maſchinenmaͤßig auf dieſe Art den Befehlen Bamboche's gehorcht hatten, ſahen wir, wie weit er mit der Gouvernante gekommen. Die arme Frau, leichenblaß vor Schrecken, und von dem ſehr kraͤftigen und fur ſein Alter ſehr großen Bamboche — leicht bewältigt, ließ ſich von ihm mittelſt einer ſeidnen Schaͤrpe, die ſie trug, an einen Baum binden. Nun zog Bamboche unter ſeiner Blouſe die beiden kleinen Piſtolen hervor, die er uns nach Luzifers Verenden gezeigt hatte, ließ ſie der Gouvernante ſehen, und ſagte zu ihr: „Wenn Sie einen Laut von ſich geben... jage ich Ihnen eine Kugel durchs Hirn.“ Der Anblick der Waffen vollendete den Schrecken der Gouvernante. Sie ſchloß die Augen, ſank in ſich wie leb⸗ los zuſammen, und bewegte ſich nur dann und wann mit krampfhaftem Zucken. Jetzt ging Bamboche an den Tiſch, legte ſeine Piſto⸗ len darauf, nahm eine Caraffe mit Maderawein, wie ich glaube, fullte drei Glaͤſer damit, bis an den Rand, und wendete ſich dann zu mir und Basquinen mit den Worten: „Laßt ſie.. die kleinen Canaillen ... ſie werden ſich nicht ruͤhren .. ſonſt. .. Und damit zeigte er ihnen ſeine beiden Piſtolen. Bei dieſer fuchtbaren Drohung blieben Robert und ſelbſt Scipio trotz ſeiner Tapferkeit vor Schrecken unbeweg⸗ lich, waͤhrend Regine aus einem inſtinktmäßigen Gefuhle von Scham und muthigem Mitleid zur Gouvernante ief⸗ und ſie wieder zu beleben verſuchte. Bamboche zeigte mit einem Blicke auf die ſo eben von ihm gefullten Glaͤſer, nahm das ſeine, erhob es, und ſagte mit einer wilden Aufregung, die ich nie vergeſſen werde: — 125 — „Trinken wir dieſen Wein auf den Haß gegen die Reichen!... Erinnern wir uns ſtets daran, daß wir aus tiefſtem Herzensgrunde ehrliche Leute werden wollten, und daß man uns mit Gefaͤngniß gedroht, und uns mit Ver⸗ achtung und Grauſamkeit zuruͤckgeſtoßen hat. Ihr ſeht alſo. der Kruͤppel hatte Recht.... Haß den Reichen!“ Und damit leerte er ſein Glas auf Einen Zug. „Haß den Reichen!“ ſagte Basquine, und leerte das ihre auch. Und zum erſten Male ſah ich in ihrem kindlichen Ge⸗ ſichte einen Zug ſardoniſcher Bosheit, der mich betroffen machte. „Haß den Reichen!“ rief auch ich, und trank mit mei⸗ nen Gefaͤhrten. So kindiſch dieſe Scene auch ſcheinen mag, ſo hat ſie mir doch ſtets eine finſtere Erinnerung zuruͤckgelaſſen. Der Donner rollte mit Getoͤs, der Wind ſtuͤrmte, ein Platzregen fiel in ſchweren Tropfen, und es war unter die⸗ ſem Laubgewoͤlbe faſt ſchon Nacht, denn das Ende des Tages nahte, und ſchwarze Wolken umhuͤllten die Sonne. Das Glas ſtarken Weines, das wir mit Einem Zuge, nuͤchtern, wie wir ſeit geſtern Abend waren, getrunken hat⸗ ten, berauſchte uns zwar nicht, verſetzte uns aber in eine heftige Ueberreizung. „Jetzt,“ ſagte Bamboche, ſich nach Robert und Scipio umwendend, die, da ſie nicht zu entfliehen wagten, ſich unter den Steintiſch verkrochen hatten, wo ſie in Thränen — 126 — gebadet kauerten, jetzt, da die kleinen Reichen ſich uͤber unſer Elend luſtig gemacht haben... wollen wir ihnen auch zeigen, was Elend iſt.“ Nun buͤckte er ſich, nahm Robert beim Kragen, zog ihn, trotz deſſen Widerſtahdes, zu ſich herauf und ſagte ihm: „Vorwaͤrts „Du gehſt mit uns, und bettelſt wie wir . lebſt wie wir. Martin. . nimm den Herrn Vicomte,“ ſetzte er hohniſch hinzu. Aber plötzlich uberlegend, und Robert fahren laſſend, ſtieß ihn Bamboche mit den Worten von ſich: „Bah.. Du.. Du kannſt gehen... Du ſiehſt mir eher dumm als boshaft aus.. . aber der Herr Vicomte . Herr Scipio, eine wahre Brut von einem ſchlechten Rei⸗ chen wird mit uns zu gehen belieben. Du, Martin, nimm die Kleine.. Du haſt keine Frau.. ſie iſt recht artig... Du haſt ſchon ein Auge auf ſie gehabt .. ich ſchenke ſie Dir. . packe ſie an!“ „Ja, ja! . ſo iſts recht!“ rief Basquine, gleich uns, durch den Wein aufgeregt, und eine Art wilder Freude nicht verbergend, „packe ſie an . die kleine Reiche, Mar⸗ tin! . man hat mich auch von meinem Vater geriſſen. .. mich. um ſo ſchlimmer!“ „Vorwaͤrts!. . geſchwind!“ rief Bamboche, und nahm in eine Hand ſeine Piſtolen, mit der andern aber zog er Scipio fort, der mit durchdringendem Geſchrei ſich ſtraͤubte. „Vorwaͤrts, quer durch den Wald .. der Wagen ——— — 127 — koͤnnte wiederkommen. Martin, nimm Deine Frau, und vorwaͤrts!.. Du, wenn Du ſchreieſt, wenn Du Dich ruhrſt, ſo erſchieße ich Dich.“ So ſetzte er hinzu, indem er Scipio eine ſeiner Piſto⸗ len auf die Stirn ſetzte. Den Kopf von dem Weine, den ich getrunken hatte, erhitzt, den Verſtand benebelt durch die Schoͤnheit Reginens, die mich ſo erregt hatte, eilte ich zu ihr, und ob ſie ſich gleich an die Kleider der Gouvernante klammerte und um Hilfe rief, ſo umſchlang ich ſie doch ungeſcheut mit meinen Armen. Sie war ſo leicht, daß ich ohnerachtet ihrer ver⸗ zweiflungsvollen Gegenwehr ſie ohne Beſchwerde fort⸗ trug. „Basquine, Du gehſt voraus,“ ſagte Bamboche, „und bahnſt uns den Weg im Gebuͤſche. Ehe zehn Mi⸗ nuten vergehen, iſts Nacht, und man hat unſre Spur ver⸗ loren.“ Auf den krampfhaften Widerſtand Reginens folgte eine Art von Ermuͤdung und Erſchlaffung, als ob die Kraͤfte dieſes ungluͤcklichen Kindes erſchoͤpft waͤren. Ich fuhlte, wie ſie in meinen Armen ohnmächtig ward, ihr Koͤpfchen ſank auf meine Schulter, und ihre eiſige Wange beruͤhrte die meine. Wir waren da ſchon einige Zeit mitten durch das Ge⸗ buſch geſchritten. Voll Schrecken rief ich wider meinen Willen aus: — 128 — „Bamboche! die Kleine wird ohnmaͤchtig!“ „Laß gut ſein,“ antwortete Bamboche mit einem Aus⸗ bruche wilden Lachens, Scipio immer nach ſich ziehend, „Du wirſt ſie bald wieder zu ſich bringen.“ Und da die Nacht nun vollends hereingebrochen, ver⸗ ſenkten wir uns immer tiefer in den Wald. „ Ueuntes Fapitel. Clande Gerard, Communal⸗Schulmeiſter⸗ Claude Gerard! Ich kann ihn nicht niederſchreiben dieſen Namen, ohne ein tiefes Gefuͤhl von Bewunderung, Liebe und unauslöſchlicher Dankbarkeitl Ich werde ſogleich erzaͤhlen, wie ich Claude Geurd kennen lernte. Es war einige Zeit verfloſſen, ſeit ich im Walde von Chantilly Regine entfuͤhrt hatte, während Bamboche den Vicomte Scipio fortſchleppte. Nachdem wir im Walde um⸗ hergeirrt waren, fuͤhrte uns der Zufall einer Runde von Jagd⸗ Gensdarmen in den Weg. Scipio ſchrie um Hilfe. . .. Voll Schrecken ließen wir die beiden Kinder los und ergriffen die Flucht. Die Finſterniß der Nacht und der bicht⸗ Wald, ver⸗ punden mit unſrer Gewandtheit, ließen uns den ſchwerbe⸗ rittenen Gensdarmen entkommen. Mit Tagesanbruch wa⸗ ren wir aus dem Forſte, und folgten, Paris den Ruͤcken wendend, dem Wege nach Louvres. Martin. W. 9 In unſern Strebungen zum Guten getäuſcht, waren alle unſere böſen Leidenſchaften nur noch lebhafter, noch bit⸗ terer, noch gehäſſiger als fruͤher wieder aufgewacht. Die Zuruͤckweiſung, die Verachtung, die wir erduldet hatten, recht⸗ fertigten in unſern Augen unſern unſeligen Entſchluß zum Boſen. Wir waren fröhlich, heiter, ungezogen. Unterwegs, gerade aus und nur die großen Städte, wo die Polizei wachſamer iſt, umgehend, bettelten wir in den Dörfern, oder ſangen in den Schenken, hie und da ſtehlend, was wir konnten, bald Wäſche auf den Hecken, wo man ſie trocknete, bald uns an verirrtem Gefluͤgel vergreifend u. ſ. w. und fuͤr einige Sous unſere Beute als gefundene Sachen verkaufend, wobei es uns ſelten an Verkaͤufern auf der Heerſtraße fehlte. Wir ſchliefen manchmal in einem Schuppen oder Stalle, den man uns aus Mitleid öffnete, oder brachten die Nächte im In⸗ nern von Kornſchobern zu, in welchen wir uns einen Zu⸗ fluchtsort bercitet hatten, denn der Winter war ſchon dem Herbſte gefolgt. Nie habe ich die Aufregungen des Spicls gekannt, Bamboche aber, der ſpäteri in durch, wenn nicht ſtrafbare, doch wenigſtens nicht allzugewiſſenhafte Hilfsmittel uber be⸗ trächtliche Summn gebieten konnte, die er im Spiele bald gewann bald verlor, ſagte mir und ich begriff es wohl, daß nichts den Erregungen des Spiels näher komme, als die unaufhörlichen Abwechslungen von Furcht und Freuden, —— ueberfluß und Mangel, welche jeden Tag unſers Vagabun⸗ direns bezeichneten. Wo werden wir heute Nacht ſchlafen? Wird das Almo⸗ ſen reichlich ausfallen? Die Gelegenheit zum Beutemachen guͤnſtige Die Einnahme von Basquinens Geſängen anſehn⸗ lich? Und wenn die Gelegenheit zum Stehlen ſich darbot, werden wir ertappt werden? Auch beim Stehlen ſelbſt, welche Angſt, welcher Schrecken! Und wenn wir nun ungeſtraft ge⸗ ſtohlen, ungeſtraft verkauft, welche Freude, welcher Stolz, und vor Allem welcher Spott uͤber die Beſtohlenen! Wir iſee faſt keinen Tag ohne ſolche fieberhafte Erregungen zu. Der Zufall. .. Das Unvorhergeſe⸗ hene... Dieſe beiden Worte niihün unſer Leben. Seit⸗ dem habe ich nur in ſehr verſchiedenen Vechältniſſen gelebt und erinnere mich nicht, je wenn auch nicht glucklicher, doch ſch neller als in dieſer abenteuerlichen Epoche meines Da⸗ ſeins gelebt zu haben. Kann etwas außer dem Schickſalszwange, dem wir unterlegen, das Schmachvolle und Verhaßte unſers dama⸗ ligen Betragens entſchuldigen, ſo iſt es dies, daß wir mit einer Art kindiſchen Muthwillens handelten, und das, weſſen wir uns ruͤhmten, waren vielleicht weniger die Dieb⸗ ſtähle, als um in der Sprache unſers Alters zu reden, der Schabernack dabei. Wir ſtibitzten und der Gensdarm war fur uns, was der Lehrer fuͤr den unartigen Schuͤler iſt. So waren wir ohnweit eines unbedeutenden Dorfes 9 — 1 — gekommen. Wir hatten es von weitem in einem Thale ent⸗ deckt, als wir einen Huͤgel an der Landſtraße beſtiegen, auf welchem ein ſteinernes Kreuz ſtund. Der Täg neigte ſi ch zum Ende, und wir hofften an dieſem Orte ein Nachtlager zu finden, denn die Kälte wurde heftig. Wir befanden uns im Beginn des Februars. Querfelbein gehend gelangten wir bald darauf an die letzten Haͤuſer des Dorfes. In einem derſelben, das ziemlich allein ſtand und arm und elend ausſah, erblickten wir ein offnes Fenſter nach unſerm Wege zu. Auf der andern Seite des Fußſteigs zog ſich eine dicke, buſchige Ginſterhecke hin. Bamboche ging voraus, dann Basquine, dann ich. Plöblich blieb jener ſtehen, ſah aufmerkſam durch das untere Fenſter der Huͤtte, ſtutzte und wendete ſich ſchnell zu uns mit den Worten: „Geld! . ſo rief er ganz leis: „Vielleicht mehr als 100 Francs!“ Darauf befahl er mit einem Geſt uns Stillſchweigen und gebot uns naͤher zu kommen. Nun ſahen wir durch das Fenſter eine Art von Ver⸗ ſchlag von einem Stalle durch Schafhuͤrden getrennt, zwi⸗ ſchen denen ein ſehr ſchmaler Durchgang war. Bamboche zeigte mit dem Finger auf ein ſchlechtes Bett in einem Win⸗ kel des Verſchlags, auf welchem ein Haufen von der ſchei⸗ denden Sonne beſchienener Fuͤnffraneſtuͤcken glaͤnzte. Das Haus war ſtill. Durch den Stall ſah man von weitem die offne Thür, die auf einen mit Dunger angefuͤllten Hof ging. Nach einer augenblicklichen Ueberlegung ſagte uns Bamboche: „Basquine, ſtehe Schildwacht auf dem Fußſteige, ich und Martin wollen durch dieſes Fenſter in das Haus ſteigen. Martin macht dann die Stallthuͤr innerhalb zu, damit ich nicht uberraſcht werde, während ich die hundert Sousſtucke an mich nehmen will. . . . wozu doch ein wenig Zeit ge⸗ hoͤrt.“ „Das geht,“ ſagte ich⸗ „raffe nur das Geld zuſam⸗ men . ich will die Thuͤr zumachen.“ „Und im Falle wir ertappt wurden,“ ſetzte Bamboche hinzu, „ſo mag jedes nach ſeiner Seite zu davonlaufen, nach 3 bis 4 Stunden kommen wir dann wieder an dem Huͤgel auf der Herſtraße zuſammen, von wo wir bas Dorf geſehen haben. Ihr wißt ja, da, wo das ſteinerne Kreuz ſteht.“ „Ja,“ ſagten ich und Basguine, „den Ort kenne ich, das Kreuz habe ich mir wohl gemerkt.“ Nun gab Bamboche unſrer Gefährtin ein Zeichen, am Ende des Fußſteigs aufzupaſſen, und ſprang mit Einem Satze durch das offene Fenſter in den kleinen Verſchlag. Ich folgte ihm, und während er zum Bette lief, um das Geld an ſich zu nehmen, ſprang ich an die Stallthuͤr. Ich wollte eben dieſe Thuͤr an mich ziehen, als plotzlich ein Mann, der vom Hofe herkam, und den ich nicht hatte be⸗ — — merken koͤnnen, vor mir ſtand, und obſchon etwas verwun⸗ dert, doch ganz ſanft zu mir ſagte: „Was machſt Du da, mein Sohn?“ Statt zu antworten, ſtieß ich einen mit Vamboche ver⸗ abredeten Allarmſchrei aus und warf mich dem Manne zu Fuͤßen, dieſe ſo feſt mit meinen Armen umſchlingend, daß er bei dieſem unerwarteten Angriffe das Gleichgewicht verlor und fiel. Waͤhrend einiger Secunden machte er vergebens Verſuche, wieder aufzuſtehen, ſo feſt klammerte ich mich an ſeine Beine. Nicht lange konnte in dieſem ungleichen Kampfe der Vortheil auf meiner Seite ſein. Der Mann ergriff mich auch bald mit ſeiner kraͤftigen Hand und zog mich aus dem Stalle auf den Hof, ohnſtreitig, um mich beſſer zu beſehen, da er damals noch nicht ahnete, daß er beſtohlen werden ſollte und ich ein Mitgenoſſe bei dem Diebſtahle ſei. Ich folgte dem Manne ohne den mindeſten Widerſtand, denn freudig dachte ich daran, daß Bamboche und Basquine unterdeß wuͤrden Zeit gewonnen haben, zu entfliehen. „Aha,“ ſagte Claude Gerard zu mir. Denn er war es und ſein Ton zeigte mehr Staunen als Zorn. „Was ſolls geben? warum klammerſt Du Dich ſo an meine Beine?“ Darauf ſah er mich noch aufmerkſamer an: „Du biſt ja nicht aus dem e 6 blieb ſtumm. — — — 135 — „Woher biſt Du? Woher kommſt Du?“ Ich fuhr in meinem Schweigen fort, da die Verläͤnge⸗ rung dieſer Befragung immer mehr und mehr der Flucht und Strafloſigkeit meiner Mitgenoſſen zu ſtatten kam. „Sprich doch, mein Kind!“ ſagte Claude Gerard mit väterlicher Milde zu mir. „Erkläre Dich doch! . . das iſt ja gar nicht naturlich . . . Du titterſt.. biſt beſtuͤrzt bleich . . . ſieh mich doch an!“ Zum erſten Male hob ich die Augen zu Claude Gerard empor. 8 Er war damals Schulmeiſter in dieſer Gemeinde, ein Amt, das ſo angeſehen, wie er es that, einem ſchweren Opferdienſte gleichkam. Ich erblickte vor mir einen Mann von etwa 30 Jahren, mittler Größe, kräftigen Anſehens, ärmlich in eine hie und da geflickte Blouſe gekleidet. Seine Fuͤße waren blos und verſchwanden halb in den mit Holz ausgeſtopften Holzſchuhen. Er trug einen alten grauen Filz⸗ hut mit niederem Kopfe und breiten Rändern, wie ihn die Kärner tragen. Seine ſtarken Zuge hatten nichts Regel⸗ maßiges, ergriffen mich aber durch den Ausdruck ſchwer⸗ muͤthiger Milde und Ernſtes. „Du willſt mir alſo nicht antworten, mein Sohn?“ fuhr Claude Gerard mit einer Verwunderung fort, in welche ſich eine leichte Unruhe miſchte. „Jetzt fällt mirs ein,“ begann er plötzlich wieder: „ich war ſchon eine Viertelſtunde im Hofe und hatte Dich doch nicht hineinkommen ſehen. Wie kamſt Du denn in den Sune⸗ Ohnſtreitig kam ihm nun ein ſchneller Gedanke in den Sinn und er rief: „Das Kammerfenſter ſtand offen und das Geld Dann ſetzte er uͤberlegend hinzu: „Nein, das iſt unmöglich . ein Kind!.. aber als er ſich mir zu Fuͤßen türzte ſtieß er einen Schrei aus. vielleicht ein Signal. Waͤhrend Claude Gerard ſo ſprach, hatte er mich wie⸗ der am Arme ergriffen, zog mich durch den Stall und lenkte ſchnell nach dem Orte, den er eine Kammer nannte, trat dort ein, blickte auf das Bett und ſah, daß das Geld ver⸗ ſchwunden war. Nun ſchuͤttelte er mich heftig und rief: „Kleiner Schurke! man hat mich beſtohlen . . Du wußteſt es!“ Ich antwortete nicht. „Wer hat das Geld geſtohlen? ... Wirſt Du antwor⸗ ten?“ rief er mit ſchallender Stimme. Daſſelbe Schweigen meinerſeits. „Oh mein Gott!“ ſagte Claude Gerard und ſchlug ſich mit beiden Haͤnden vor die Stirn: „dieſes Unterpfand .. das man mir eben anvertraut .. geſtohlen .. geſtohlen!“ Ich benutzte dieſe verzweiflungsvolle Bewegung Claude Gerards und entfloh ihm er packte mich aber in dem Augenblicke wieder, wo ich aus dem Fenſter ſpringen wollte. —— — 43 — „Die Raͤuber, deren Genoſſen dieſes ungluckliche Kind iſt, koͤnnen noch nicht weit ſein,“ rief er aus. Mun ſah er mich mit einem Gemiſch von Zorn, Schmerz und Mitleid an und murmelte: „In dieſem Alter! . mein Gott! .. ſchon!!“ Und ohne weiter etwas zu ſagen, zog er mich wieder fort, durch den Stall, durch den Hof und blieb vor einer Mauerblende ſtehen, etwas größer als eine Hundehuͤtte. In dieſes Verſteck ſperrte er mich, trotz alles Widerſtrebens, worauf er die Thuͤr von außen durch einen kleinen eiſernen Riegel, der durch zwei Haspen ging, verwahrte. Als ich mich ſo gefangen ſah, verſuchte ich zu entkom⸗ men, aber die Mauern meiner Niſche waren dick, und ich beſaß kein Inſtrument, um mir einen Durchgang zu bewir⸗ ken. Die Thuͤr war feſt und nur einige Löcher befanden ſich darin, an welche ich das Auge druͤckte, aber nichts ſ nichts hoͤrte. Indem ich die Unmöglichkeit des Entkommens einſah, verfiel ich in ſchmerzliches Nachdenken. Die eigne Gefahr vergeſſend, dachte ich nur an die, welche Bamboche und Basguine drohte, denn wenn Claude Gerard Laͤrmen machte, wenn alle Einwohner des Dorfes ſich auf die Verfolgung begaben, ſo mußten die beiden Diebe feſtgenommen werden. Dieſer Gedanke brachte mich zur Verzweiflung, doch vielleicht minder noch als der der Möglichkeit einer Trennung. „Wenigſtens im Gefaͤngniſſe,“ ſagte ich mit dem Egois⸗ — 138 — mus der Freundſchaft zu mir ſelbſt, „werde ich mit Bam⸗ boche und Basquine wieder zuſammen ſein!“ Nach einer Stunde ſah ich ein Dutzend Kuͤhe in den Hof kommen, und unter Leitung eines Knaben meines Alters nach dem Stalle zugehen. Faſt in demſelben Augenblicke er⸗ ſchien eine ziemlich gutgekleidete Frau auf dem Hofe und rief mit ſcharfer, gebieteriſcher Stimme mehre Male un⸗ geduldig. „Claude Gerard!“ Bei dieſem Rufe kam der kleine Hirt aus dem Stalle und ſagte zu ihr: „Der Schulmeiſter iſt nicht da, Madame Honorine.“ „Wie? nicht da?“ entgegnete ſcharf Honorine: „wo zum Henker iſt er denn?“ „Ich weiß es nicht .. Es iſt Niemand in der Kam⸗ mer, und das Fenſter iſt offen.“ „Da wird man's erleben, daß ich auf den Herrn Schul⸗ meiſter warten muß!“ ſagte Dame Honorine, mit verhalte⸗ nem Grimme zu ſich ſelbſt ſprechend. Und nun ging ſie rechts und links mit ſteigendem Un⸗ willen wenige Schritte vor meinem Verſtecke umher. Es war eine Frau von vielleicht 35 Jahreu, ziemlich klein und voll. Sie hatte dicke, ſchwarze Augenbraunen, runde, hochrothe Wangen und eine kecke, ſtolze Miene. Ihr Anzug beſtand aus einem ſchoͤnen ſeidnen Kleide, einer gol⸗ denen Kette um den Hals und einer Bandhaube, die ſehr glatte ſchwarze Haarflechten ſehen ließ. — — — b — Dame Honorine wetterte ſchon ſeit 10 Minuten zwi⸗ ſchen den Zähnen, als ich Claude Gerard mit verſtörtem Geſichte eintreten ſah. Er kam allein. Das Herz huͤpfte mir vor Freude. Basquine und Bamboche waren gerettet, ſie hatten nicht mehr erreicht wer⸗ den koͤnnen. Als Dame Honorine Claude Gerard erblickte, ging ſie ihm ſchnell entgegen, und rief erbittert, mit von Zorn ge⸗ roͤtheten Backen: „Wiſſen Sie auch, daß ich nun ſchon ſeit 10 Minuten wie ein Kranich hier ſtehe und auf Sie warte? Wo ſtecken Sie denn? So antworten Sie doch! .. Wo waren Sie denn?“ Der Schulmeiſter ſchien kaum auf die Frau zu hören. Er fuhr mit der Hand uͤber ſein verſtörtes, von Schweiß ge⸗ badetes Geſicht, und murmelte gebeugt, mit leiſer Stimme: „Keine Hoffnung mehr! Mein Gott! .. Das Geld iſt verloren!“ Es blieb mir kein Zweifel uͤbrig. Bamboche und Bas⸗ quine hatten nichts mehr zu fuͤrchten. Claude Gerards Niedergeſchlagenheit ſagten mir es deutlich. Dame Honorine rief nun, durch das Schweigen des Lehrers eben ſo erzuͤrnt, als beſtuͤrzt: „Das iſt doch erſchrecklich! ... ich rede mit Herrn Claude Gerard ... und er antwortet mir nicht.“ „Verzeihen Sie, Madame Honorine, verzeihen Sie,“ etwiderte Elaude Suwd mnt verſtörter Stimme, ſich be⸗ ſinnend, „ich ging. „Was geht das — an, wohin Sie gingen? . Seit einer Viertelſtunde warte ich auf Sie.“ Zu meiner großen Verwunderung ſagte Elaude Gerard nicht ein Wort von dem Diebſtahle, deſſen Opfer er gewor⸗ den, ſondern antwortete, ſeine Aufregung beſiegend, mit eben ſo vieler Milde als Höflichkeit: „Es thut mir ſehr leid, daß ich Sie habe warten laſſen, Madame Honorine ich wußte nicht, daß Sie kommen wuͤrden .. Was ſteht denn Ihnen zu Befehl?“ „Fuͤrs Erſte moͤchte ich gern wiſſen, warum Sie die Sakriſtei nicht in Ordnung gebracht und gruͤndlich gekehrt haben, wie ich es heut fruͤh anbefohlen?“ „Ich habe angefangen zu kehren, aber der Anfang der Lehrſtunden uberraſchte mich, und ..“ „Was gehn mich Ihre Lehrſtunden an! Die Sakriſtei geht Ihnen doch wohl vor, ſollt' ich meinen. Bezahlt man Sie nicht, um dieſe rein zu halten?“ „Ganz gewiß, Madame Honorine...“ „Nun, wenn das alſo gewiß iſt, warum ſind Sie ſo ein Muͤſſiggaͤnger? Und der Taubenſchlag? In den haben Sie nun ſeit acht Tagen keinen Fuß geſetzt, er ſieht ganz ekelhaft aus! Der Herr Pfarrer iſt eben hinaufgeſtiegen, und es iſt ihm ganz ſchlimm geworden er iſt wuthend uͤber Sie.“ „Madame. erlauben Sie. * 6 „Män bezahlt Sie nicht, um den Tuubenſchlag zu kei⸗ nigen, wollten Sie ſagen; als ob das nicht erbaͤrmlich waͤre, als ob Sie dem Hertn Pfarrer nicht dieſen kleinen Dienſt erweiſen koͤnnten!“ „Ich leiſte dem Herrn Pfarter ſo viele Dienſte, als ich nur kann, das wiſſen Sie recht gut, Madame Honorine,“ antwortete der Schulmeiſter mit unveraͤnderlicher Ruhe und Mibe. „Sobald ich nur einen freien Augenblick habe, werde ich Taubenſchlag reinigen.“ „Der Augenblick muß ſich finden.“ „Ich werde ihn finden, Madame Honorine.“ „Zum Henker, das will ich hoffen! Aber zu etwas Anderem. Morgen fruͤh muß ein Grab gegraben werden, das laͤßt Ihnen der Herr Pfarrer durch mich ſagen. Aber der Herr Schulmeiſter laͤuft lieber herum „Ein Grab ... ſagte ſchnell Claude Gerard: „ohn⸗ ſtreitig fuͤr die junge Dame? Sie iſt alſo voruͤber?“ „Ja, voruͤber!“ antwortete trocken Mad. Honorine „Der Herr Pfarrer hat ihr, als er vom Tiſche aufgeſtanden⸗ die letzte Oelung gegeben. Ein allerliebſtes ehasse — eaſfs das! . Schoͤnen Dank!“ „Die arme junge Frau,“ ſagte Claude Gerard mit dem Ausdrucke ſchmerzlichen Mitleidens. „In ſo jungen Jahren ſterben . und ſo ſchoͤn!“ „Ich beklage die ſchonen Frauen nicht, die, ſo große und vornehme Damen wie ſie ſind, ihren Mäaͤnnern mit ihren — 142 — Liebhabern pui entgegnete bitter Madame Ho⸗ norine. „Dieſe junge Dame lebte ſeit zwei Jahren, wo ſie im Dorfe wohnte, durchaus ganz allein mit ihrer Dienerin. Was konnte man ihr vorwerfen?“ erwiderte Claude Gerard mit ſtrenger Stimme. „Ach, ſie lebte allein, weil, ehe ſie hierher kam, ihr Liebt aber ſie bier hatte ſitzen laſſen, um wieder auszuſchla⸗ gen, und das iſt auch recht gut gelungen.“ „Welch' ein ſchrecklicher Schmerz fuͤr die arme tiine Tochter dieſer Dame!“ ſagte traurig Claude Gerard. „Sie iſt nur hier angekommen, um ihre Mutter ſterben zu ſehen.“ „Der Ehemann muß ein recht tuͤchtiger Schafkopf gweſen ſein, um ihr noch die Tochter zu ſchicken. „Ach, Madame, ward ſie nicht genug u daß ſie von dieſer getrennt war?“ „Warum hat ſie ſolche Streiche gemacht!“ „So ſtrafbar auch immer eine Frau ſein mag . kann man ihr denn den Anblick ihres Kindes verweigern wenn ſie ſterbend es noch zum letzten Male zu umarmen wuͤnſcht?“ „Ja, ich hätte es ihr verweigert.“ „Sie ſind ſehr ſtreng, Madame Honorine . ſehr ſtreng, Sie haben aber auch das Recht dazu.“ „Allerdings! ... Aber ein Recht, das Sie ſich nicht herausnehmen werden,“ verſetzte Dame Honorine; „das, mich hier wie heute warten zu laſſen .. Nun alſo, daß — 143 — morgen die Salriſtei gekehrt und der Taubenſchlag ge⸗ reinigt iſt *) Obgleich Verhaßtes und Lächerliches in dieſem Gemälde der elenden Stelung eines Dorfſchulmeiſters, dieſes einzigen Vermittlers der Voleserziehung, ſich die Hand bieten, muß man ſich wohl huten, in die en Thatſachen die mindeſte Uebertreibung zu erblicken, und vorzüglich keine Ausnahme. Wir lelen in einem vortrefflichen ofſiziellen und folglich ſehr gemäßigten, aber unter dem Einfluſſe der edelſten Gedanken geſchriebenen Werke: „Wir behaupten al o, daß der Lehrer in der Gemeinde oft auf demſelben Fuße ſteht, wie der Bettler; daß zwiſchen ihm und dem Hirten der Vorzug auf Seiten des ketztern iſtz daß die Mai⸗ res, wenn ſie dem Lehrer einen Beweis von Freundſchaft geben wollen, ihn in der Küche eſten laſſen...“ Und weiterhin: .. „Stets von der Nothwendigktit verſolgt, ſich die ungeheuere Summe von 200 Francs, die man dem Lehrer geben mußte, wieder erſetzt zu ſehen, vereinigten viele Municipalräthe wenigſtens mit dieſem Geſchäfte eine Menge verſchiedener Verpflichtungen, die allein ſchon ſeine ganze Zeit in An pruch nahmen. Er mußte Todten⸗ gräber ſein und Tambour, den öffentlichen Waſchtrog reinigen, die Uhr autziehen, den Vorſänger und Sakriſtan machen, die Hoſtien bezahlen, die Altarwäſche bleichen, die Bel ſen bezahlen“ ꝛc. Nach olgende Notizen, auf welche der Verf. jenes Werkes ſich bezieht, ſind Auszuge aus den Rapports von 490 Inſpecto⸗ ren uͤber die Schulen Frankreichs. „Was die Lehrer betriht, ſo ſinden Sie ſie arm, ſchlecht gekleidet, die Stunden in Holzſchuhen gehend, ohne Struͤmpfe, ohne Weſte oder Halstuch. Trotz der traurigen Ideen, welche ich mir von dem Umerrichte in dieſen Gegenden machte, war ich doch weit davon ent nur zu denken, daß die Lehrer in einem == „Ich werde das Moglichſte thun, Mabame Honorine.“ „Ich rechne darauf,“ ſagte die Haushaͤlterin des Pfar⸗ rers, ſich mit majeſtaͤtiſchem Schritte entfernend. ſo beklagenswerthen Zuſtande wären. Sie beziehen von jedem Schuͤler mit vieler Muhe 30 — 40, und manchmal gar nur 25 Centimen den Monat, ſind verheirathet und haben eine Menge Kinder, was ſoll da aus ihnen werden? R... der von ſeiner Stelle als Lehrer nur hochſtens 100 Franes hrich erhaͤlt, dient als Knecht bei einem Pächter. In den Verhandlungen werden alle Functionen des Schullehrers feſtgeſetzt. Er iſt Sänger, Sakri⸗ ſtan, Todtengräber, unbeſoldeter Sekretair des Maire und Be⸗ dienter des Geiſtlichen. In Saint Antoine war R... der Schul⸗ meiſter, Lohnlakei, Glöckner und Todtengräber abweſend.“ Wir werden Gelegenheit haben, dieſes vortreffliche Werk noch oft anzuflhren. Es hat den Litel: Tableau de l'instruction primaire en France d'aprés des dbcumens autkentitues, d'après les rapports adresses au mi⸗ nistre de pinstruction publiqus par les 490 Inspesteurs chargés de visiter toutes les 6coles de France, par M. Lorrain, prolesscur de rhtorſcue au ecllege Loujs Je Grand. Paris, Hachette. 7 — * —— —— — 5