beſonders darauf aufmerkſam von Eduard Oltmann in Gießen, Schloßgaſſe Lit. A. Nr. 256. Seih- und Seſebebingungen. 1. Oflensein der Bibliothek. Die Bibliothek ſteht zur Em⸗ pfangnahme und Rückgabe der Bücher jeden Tag von Morgens 7 Uhr bis Abends 8 Uhr offen. 2. Lesepreis. Bei Rückgabe eines geliehenen Buches wird von jedem Tag 5 Pf. bezahlt. Die Zeit eines Tages iſt zu 24 Stun⸗ den angenommen. 3. Qaution. Unbekannte Perſonen müſſen, bei Entgegennahme eines Buches, eine dem Werthe deſſelben entſprechende Summe hinterlegen, welche bei veſſen Zurückgabe von mir zurückerſtatter wird. 4 Ahonnement. Daſſelbe muß voraus bezahlt werden und beträgt für wöchentlich 2 Bücher: 4 Bücher: 6 Bücher: auf 1 Monat: 1 W W 1W 2 — Pf. 5. Auswärtige Abonnenten haben für Hin⸗ und Zurückſendung der Bücher auf ihre eigenen Koſten und Gefahr ſeibſt zu ſorgen. 6. Schadenersatz. Für beſchmutzte, zerriſſene, verlörene und defecte Bücher (namentlich bei ſolchen mit Kupfern ꝛc.) muß der Ladenpreis erſetzt werden. — Iſt das zerriſſene, beſchmutzte, ver⸗ lorene oder defecte Buch ein Theil eines größeren Werkes, ſo iſt der Leſer zum Erſatz des Ganzen verpflichtet! 7. Ausleihezeit. Dieſelbe iſt auf 14 Tage feſtgeſetzt und wird f gemacht, daß das Weiterverleihen der Bücher nicht ſtattfinden darf, indem Diejenigen, welche die⸗ ſelben von mir geliehen, auch dafür zu ſtehen haben. Leihbiblivrhet deutſcher, engliſcher und franzöſiſcher Literatur Martin, dus Findelkind, oder Erlebniſſe eines Kammerdieners. Von Eugene Suec. In's Deutſche uͤbertragen bon 3 Theodor Helt. Dritter Band. —— Grimma, Druck und Verlag des Verlags⸗Comptoirs. Martin's Memoiren. Martin. IM. 1 —— Erſtes Rapitel. — Limonſin und ſein Hund. Won den Begebenheiten, die meinem achten oder neunten Lebensjahre vorausgingen, habe ich nur eine wirte und unvollſtaͤndige Idee behalten. Doch iſt mir von dieſer unklaren und ſchon ſo fernen Vergangenheit noch das An⸗ denken an eine ſchoͤne junge Frau geblieben, deren bewegliche Finger faſt ſtets die Spindeln eines Spitzenkiſſens, das ganz mit glänzenden Kupfernadeln bedeckt war, raſcheln ließen. Dieſes helle Getön machte mir Freude, und es iſt mir als hörte ich es noch; des Abends aber verwandelte ſich dieſe Freude in Bewunderung. In meinem Bettchen liegend, ſah ich dieſelbe junge Frau, dieſe une rmuͤdliche Arbeiterin (iel⸗ leicht meine Mutter) beim Scheine eines Lichtes arbeiten, deſſen heller Schimmer ſich noch dadurch verdoppelte, daß er durch klares, in einer glaͤſernen Kugel befindliches Waſſer fiel. Der Anblick dieſes Lichtmeeres verurſachte mir eine 1* Art von Blendung und Aufregung, denen nur der Schlaf ein Ende machte. Von da an iſt eine große Lücke in meinen Erinnerun⸗ gen, wie ich glaube, durch eine Krankheit verurſacht. Doch von meinem eilften Jahre ohngefaͤhr an, erwa⸗ chen meine Erinnerungen nun beſtimmt, lebendig, unun⸗ terbrochen, und was Perſonen betrifft, mit unglaublicher Treue. Im Alter von 10 oder 11 Jahren diente ich nach mei⸗ nen Kraͤften einem Maurer, der Limouſin hieß oder be⸗ nannt ward, als Gehilfe und Kalkrichter. Ich verließ ihn ſo wenig wie ſein Schatten, und ging ſtets demuͤthig und eifrig hinter ſeiner Ferſe her. Auch ſagte man gewöhnlich, wenn wir voruberkamen; da geht Limbuſin und ſein Hund. Nach dortiger Landesſitte trug ich auf meinen Schul⸗ tern dicht am Halſe den kleinen Trog, in welchem ich den Moörtel einruͤhrte, den ich nachher meinem Meiſter brachte. Dieſe Laſt war fuͤr mein Alter beſonders dann, wenn man bis zum Giebel der Gebaͤnde hinaufſteigen mußte, ſo ſchwer, daß ich lange Zeit hindurch mir es angewöhnt hatte, mit ge⸗ kruͤmmtem Ruͤcken und vorgebeugtem Kopfe zu gehen, wo⸗ durch ſelbſt mein Wuchs ſchief zu werden anfing, der jedoch ſpäter durch ſonderbare Mittel wieder gerade ward. In jeder Jahreszeit ging ich im bloßen Kopfe und barfuß. Kaum daß ich einige Lumpen, die Limouſin vor⸗ her getragen, auf meinem Leibe hatte Noch erinnere ich 5 mich beſonders gewiſſer alter Pantalons von gelblichem Zeuge, an zwanzig Orten mit verſchiedener Farbe geflickt⸗ Ich hatte ſie erhalten, nachdem ich zwei Feldzuͤge lang Limouſin gedient, und er ſelbſt hatte ſie aus der fuͤnften oder ſechſten Hand erhalten. Bei der Kleinheit meines Wuchſes wurden mir dieſe Pantalons, die an den Knieen ab⸗ geriſſen, mittels eines ſtarken in dem Guͤrtel angebrachten Bindfadens, ſo zu ſagen um den Hals geſchlungen, wäh⸗ rend die durchſchnittenen Hoſentaſchen meinen Armen den Durchgang frei ließen. Mit gehaͤrtetem Kalk uͤberzogen und durchdrungen, den noch dazu eine Kruſte von langer Zeit her befeſtigte, hatte dieſer ſonderbare Anzug mehr et⸗ was Maueraͤhnliches als daß er einem andern Stoffe gleich ſah. Er zerriß nicht, er ſpaltete ſich, und Limouſin half verſtandigerweiſe dieſen kleinen Zerfallenheiten mittelſt eines Anwurfs feinen, im Waſſer aufgeloͤſeten Gipſes nach, wor⸗ auf er dann die völlige Wiederherſtellung mit ſeiner ſchönen Kupferkelle mit ebenholzenem Handgriffe bewerkſtelligte. Meine Nahrung beſtand unveraͤnderlich aus einem Stuͤcke harten, ſchwarzen Brotes, um 9 und 3 Uhr von dem Kopfe und Schwanze eines Poͤcklings begleitet, die noch durch die Mittel⸗Graͤte an einander hingen. Limouſin behielt ſich den uͤbrigen Theil des Fiſches vor. Ich fand den Schwanz unendlich geſchmackvoller als den Kopf. Abends richtete mein Meiſter, wenn wir von der Ar⸗ beit kamen, zweimal in der Woche Fleiſcbruͤhſuppe an welche wir an den uͤbrigen Tagen kalt aßen, worauf wir, uns auf einem Strohſacke zur Ruhe legten, den wir zur Winterszeit mit einer Art winziger, mit Heu F Matratze bedeckten. Gegen die faſt allgemeine Gewohnheit meiner Lands⸗ leute ging mein Meiſter nicht am Ende des Herbſtes in ſein Land zuruͤck. Nicht weit von einem ziemlich großen Flecken, deſſen Namen ich vergeſſen, hatte er Erlaubniß erhalten, ſich auf einem ſteinigten und unbebauten Felde eine elende Huͤtte zu bauen, in welcher wir wohnten. Wäͤhrend der Zeit der Baulichkeiten ward Limouſin faſt ſtets von dem Maurermeiſter des Fleckens beſchaͤftigt. Blieb dann ſpäter trotz des gezwungenen Feierns noch eine dringende Maurerarbeit uͤbrig, ſo uͤbernahm ſie Limouſin. Außerdem beſchaͤftigte er ſich als Erdarbeiter, während ich den Pferdeabfall auf den Straßen ſammelte, den Limouſin aufhaͤufte, und Tragkoͤrbeweiſe an den einen Gärtner des Fleckens verkaufte. Mit der Sonne legten wir uns nieder und ſtanden mit der Sonne wieder auf, ohne jemals Licht zu brennen. Waͤhrend großer Froſte brachten wir unſte langen Winter⸗ naͤchte und manchmal auch unſre Tage, wenn es an Arbeit fehlte, in einer Art eingefrorner Dumpfheit hin, die große Aehnlichkeit mit der lethargiſchen Erſtarrung haben mußte, in welche gewiſſe Thiere waͤhrend des Winters verſenkt ſind. Es war weder Wachen noch Schlafen, ſondern eine —Art momentanen Aufhörens des Lebens und ſeiner Beduͤrf⸗ niſſe. Ich entſinne mich, daß ich, wenn vieler Schnee ge⸗ 6 5 fallen, manchmal ein oder zwei Tage ohne zu eſſen blieb, aber auch keinen Hunger fuͤhlte. Uebrigens war dieſer Zuſtand keineswegs ſehr ſchmerzlich. Ich fuͤhlte wie mein Blut nach und nach erſtarrte und das Mark meiner Kno⸗ chen gerann. Auf dieſe allerdings ſchmerzliche Empfindung folgte eine ertraͤgliche Dumpfheit, ſo lange ich unbeweglich und in mich ſelbſt verſunken blieb. Aber die geringſte Be⸗ wegung brachte Schmerzen. Vier⸗ oder fuͤnfmal des Monats, das heißt jeden Sonntag bekam dieſes arbeitſame, maͤßige und monotone Leben einen Aufſchwung der ſonderbarſten Art. Limouſin war ein großer, magerer, knochiger, kraͤfti⸗ ger Mann von etwa 50 Jahren; er ſah aus, wie ſeine Geſellen ſagten, als denke er ſtets uͤber etwas nach. Sein Charakter war von vollkommener Sanftmuth und Gleich⸗ heit. Ars fleißiger, unermuͤdlicher und geſchickter Arbeiter erheiterte er ſein Tagewerk nie auch durch den kleinſten Ge⸗ ſang. Immer ſchweigſam, ſprach er nur wie ungern, und wenn wir des Abends in unſte Huͤtte gekommen waren, richtete er oft bis zum andern Morgen kein Wort an mich. Aber Sonntags war Limouſin ein ganz Anderer. So wie der Tag des Herrn anbrach, erſchien eine Magd aus der Schenke des Fleckens mit einem Eſel, der auf ſei⸗ nem Packſattel einen Korb trug, in welchem ſich ein Stuͤck geſalzenen Specks, einige harte Eier, die Hälfte eines Weißbrotes und ein kleines Tönnchen befanden, das unge⸗ fähr ein Dutzend Bouteillen Landweins enthielt. So wie — — die Magd fort war, wurde unſere Thuͤr verrammelt. Li⸗ mouſin ſtellte das Tönnchen an unſern Strohſack, auf wel⸗ chen er den Speck und die Eier legte. Nun fing er bis zum volligen Verluſt ſeiner Vernunft zu trinken an. Ich werde es nie vergeſſen, wie mir eines Tages Limou⸗ ſin, nachdem er 2 bis 3 Flaſchen Weins getrunken und noch einigen Zuſammenhang in ſeinen Ideen behalten hatte, fol⸗ gende ſonderbare Theorie der Trunkenheit entwickelte: „Siehſt Du, Martin,“ ſagte er, „der Sonntag ge⸗ hoͤrt mein. Wenn ich mich nicht an dieſem Tage um den Verſtand tränke, wurde ich die ganze Woche über ein Trun⸗ kenbold und noch dazu traͤg, neidiſch, zänkiſch und eines Tages ein Spitzbube oder vielleicht gar noch etwas Schlim⸗ meres werden.“ „Ich fuͤhle wohl, daß das fuͤr mich zu viel Arbeit und Elend ſein wuͤrde, wenn es ſo ohne Ende und Unterlaß fortginge, wie die langen Straßen, Schwanzbaͤnder von 4 und 5 Stunden Laͤnge, die, wenn man ſo darauf geht, und nichts ſieht als ſie, immer ganz gerade in's Unabſehliche hin, die Beine knicken machen.“ „Ich dagegen ſehe alle Sonntage, ſtatt des unendli⸗ chen Schwanzbandes voll Noth . . einer Expiſtenz voll brennenden Sandes und ſpitziger Kieſel . .. Waſſerfaͤlle von Felſenbaͤchen, Blumenberge, Zauberpallaͤſte, kurz, mein Kind, ein Erdbeben von Entzuͤckungen. Datum ſehe ich auch nachher die ſchoͤnen Schlöſſer wo ich arbeite, fuͤr — ———————— —— — 6 — Schweinekoben, und ihre Parks fuͤr Mammohaufen an. 7 „Montags, wenn ich von dieſen Spaziergäͤngen zuruck⸗ komme, was verſchlagen mir dann ſechs Tage wie ein Hund mich fortzuſchleppen! Sehe ich nicht am Ende derſelben meinen Sonntag vor mir?“ „Ich trinke nie in der Schenke; dort haen ſich die Trunkenheit in Zorn, Geſchrei, Beleidigungen, Schlaͤgereien aus. Dort verdirbt ſie ſich, verliert ihre Wuͤrde. Ich trinke nie um mich zu ſtreiten, nie des Weingeſchmackes we⸗ gen ſchlechte Arznei .. eben ſo gern wuͤrde ich Brannt⸗ wein trinken, wenn das nicht ungeſund waͤre ich trinke und ich habe das Recht zu trinken, um 4 bis 5 Mal des Monats von hier fortzukommen ... wohin, weiß ich nicht! Iſt das nicht viel beſſer, als das Leben in Wuth zu vertreiben?“ „Die wahren Porenſtenen machens eben ſo, nur wer⸗ den ſie nicht ſelbſt aus ſich klug.“ „Jean Pierre trinkt, um zu vergeſſen, daß er die ganze Woche hindurch ſeine Kinder öͤher Hunger und ſeine Fuu über Elend hat ſchreien hören; er trinkt auch, um vorzuglich zu vergeſſen, daß er ſie auch noch die nächſte eben ſo hoͤren wird.“ „Simon trinkt, um zu vergeſſen, daß er ſeine aite kranke Mutter von Montag bis zum Sonnabend ſtohnen hoͤren und hoͤren wird.“ — „Andere endlich trinken, um ſich von der Arbeit auszu⸗ ſpannen, die ſie erdruͤckt.“ „Ich weiß wohl, daß die jungen Herrchen, die weder Elend noch Anſtrengung zu vergeſſen haben, die mit ihrem Gelde ſich alle Arten von Vergnugungen und anſtaͤndigen Erholungen verſchaffen koͤnnen, und ſich doch wie die Eng⸗ länder aus Liebe zum guten Weine antrinken, wenn ſie uns betrunken ſehen, ausrufen: „Oh! uͤber die Canaillen, die Schweine, ſie muͤſſen doch ſchmutzige und wuthende Trunken⸗ bolde ſein, um ein ſo häßliches Getraͤnk zu ſaufen, wenn ſie in ihren ſtinkenden Kneipen ſitzen?“ „Aber, ihr guten Leutchen, wo ſollten wir denn nach einer Woche voll Noth, Arbeit und Kummer anſtaͤndige Zerſtreuungen und Verg nuͤgungen finden, die mit unſerm Geldbeutel und der Unwiſſenheit, in der man uns leben läßt, im Einklange waͤren? Wo ſollten wir beſonders die Vergeſ⸗ ſenheit von dem finden, was uns zur Verzweiflung bringt?“ . Limouſin zeigte ſich ſtreng getreu und conſequent in dieſer Art, die Trunkenheit ins Auge zu faſſen. War er ein⸗ mal wieder an die Arbeit gegangen, und dies geſchah unab⸗ aͤnderlich jeden Montag, ſo konnte man keinen fleißigeren, maͤßigeren und ehrlicheren Handwerksmann ſehen. Eeines Tages fragte ich ihn, warum er ſich nicht jeden Abend betrinke, da doch die Trunkenheit ſo ſüͤß ſei, und er antwortete mir ſtreng: ¹5 „Entweder muͤßte ich ſtehlen, wenn ich Geld ſchaffen —½ — —— —— —— wollte, um mich ohne zu arbeiten zu betrinken, ſtehlen will ich aber nicht, oder ich verdiente durch Arbeit ſo viel, daß ich mich alle Tage betrinken könnte, dann wuͤrde ein ſolcher Verdienſt hinreichen, ich glucklich ſein und nicht meh Wh haben zu trinken, um zu vergeſſen.“ Jetzt begreife ich den wahren Sinn dieſer Worte mei⸗ nes Meiſters und ich bin von ihrer Richtigkeit betroffen. Ich habe als ein verlaſſenes Kind zu lange unter Mangel und Noth aller Art gelebt, um nicht zu wiſſen, daß bei den Perſonen aus den untern Volksklaſſen die Trunkenheit faſt immer aus dem Beduͤrfniſſe entſteht, ſich uͤber ungluͤck und ſchmerzliche Entbehrungen zu betäuben. In den ungewiſſeſten, elendeſten und furchtbarſten Verhaͤlt⸗ niſſen entwickelt ſich die Trunkenheit vor Allem auf erſchreck⸗ liche Weiſe. Sie mindert ſich aber und wird um ſo ſeltner, je mehr ſich die Verhältniſſe durch einigen Wohlſtand ver⸗ beſſern oder der Verſtand ſich durch Unterricht entfaltet. Ohnſtreitig giebt es Ausnahmen. So unter Anderm wurde ich mehre Jahre ſpaͤter als ich Limouſin verlaſſen, Kammerdiener eines vornehmen Herrn, von dem ich ſpaͤter ſprechen werde. Er war noch jung, und beſaß ein uner⸗ meßliches Vermoͤgen. Seine Gemahlin war tugendhaft und reizend, .. und doch mußte ich oft insgeheim dieſen vor⸗ nehmen Herrn in den uͤbelberuͤchtigtſten Schenkhaͤuſern des Hallenviertels in Paris aufſuchen, wo er ſich die ganze Nacht in der ſchmutzigſten Geſellſchaft betrank. Am fruͤhſten Morgen brachte ich ihn gaͤnzlich betrunken, durch eine Ne⸗ — — benthur in das alte und prachtvolle Hotel, in deſſen Beſitze ſeine Familie ſeit zwei Jahrhunderten war, und das ſein Vater ihm hinterlaſſen ſollte, denn er hatte auch einen. Der faſt unermeßliche Mißbrauch eines ohne Arbeit er⸗ worbenen Reichthums, die Abneigung vor hoͤhern Vergnu⸗ gungen, Sättigung und Ekel vor allen Genuͤſſen, fuͤhrten dieſen reichen, vornehmen Herrn auf denſelben Punkt hin, wo Limouſin, der arme, allen Entbehrungen preisgegebene Maurer ſtand. So ſuchte denn der Reiche in lärmender und hmui⸗ ger Trunkenheit das Vergeſſen ſeines Ueberfluſſes, wie der Arme und in dieſer Hinſicht wenigſtens auf wuͤrdigere Art das Vergeſſen ſeines Ungluͤcks in einſamer Trunkenheit. An jedem Sonntage wohnte ich alſo Tags uͤber mit Limouſin in unſrer einſamen Huͤtte eingeſchloſſen, nuͤchtern dieſen Ausſchweifungen und Abweichungen, womit der Wein meinen Meiſter begeiſterte, in einem dummen, mit Furcht gemiſchten Staunen bei. Manchmal mußte ich auch auf deſſen Geheiß in den ſonderbaren Auftritten, welche ſeine Schwärmerei veranlaßte, eine Rolle mitſpielen. Seine uͤbrigens ſtets unbekraͤnken⸗ de Trunkenheit zeigte ſich bald in einer Biharrerie, die bis zum Grotesken ging, bald in einer Traurigkeit, welche Thranen erweckte, nie aber floßte ſie ihm Gefuhle des Haſſes oder der Bitterkeit ein. Manchmal erzählte er auch ganz laut und ſtuͤckweiſe die wunderbaren Viſionen, die ihn ent⸗ zuckten, oder unterhielt ſich leis mit eingebildeten Weſen. — — — — Eine dieſer haͤufigen meinem Meiſter theuern Flluſio⸗ nen war die, ſich fuͤr den einzigen Inhaber aller Regen⸗ ſchieme Frankreichs zu halten. War er bei Verſtande, ſo traͤumte er ſtets von dem Beſitze eines jener rieſenhaften Regenſchirme von blauem oder rothem baumwollnem Zeuge, welche nur Mauter beſitzen, aber dazu hätte er ſeinen Sonn⸗ tagswein beſchraͤnken moſſen, und zu dieſem Opfer konnte er ſich nicht entſchließen. Statt aber alsdann im Rauſche darauf bedacht zu ſein, dieſe Geraͤthe ſich anzueignen, muß ich es meinem Meiſter zum Ruhme nachſagen, daß er ſie großmuͤthig an Jeden vertheilte, dem es daran fehlte, ausge⸗ nommen davon aber waren bei dieſer Freigebigkeit ſtets die Leute, die in Wagen fuhren. Unerbittlich in dieſem Punkte, gab es fuͤr ihn nicht kraftvolle Ausdrucke genug, um die Habgier dieſer Egoiſten zu brandmarken, die, ohne deren zu beduͤrfen, mit den Regenſchirmen der armen Leute ſich ſtopften. Bei dieſen einſamen Luſtſpielen ſtellte ich die Menge dar, an welche mein Meiſter Tauſende von Regen⸗ ſchirmen in der Geſtalt ſeines Stocks von Stechpalme ver⸗ theilte. Dann nahm Limouſins Ehrgeiz einen höhern Auf⸗ ſchwung und er ſah ſich als Regimentstambour gekleidet, mit dem Federſtutze an der Stirn, dem Stocke in der Hand, auf einem Wagen von ſechs weißen Pferden gezogen, mit Scharlach angeſchirrt. Was Zahl, Farbe und Geſchirr dieſes Zugs betraf, war er unerbittlich. Wahrſcheinlich war in Limouſins Augen die Unifbrm eines Regimentstambours⸗ — — das Ideal von Pracht ſeines Coſtuͤms. Auf einen hinken⸗ den Schimmel ſteigend⸗ mit der linken Fauſt auf der Huͤfte, die rechte Hand auf ſeinen Maaßſtab geſtutzt, ſpendete mein Meiſter etwas ſchwankend rechts und links Kopfnicke voll Wohlwollen, waͤhrend ich den Auftrag hatte, aus Leibeskraͤf⸗ ten in meiner Qualität als maͤnnliches Volk zu ſchreien: „Es lebe Limouſin, der gute Junge!“ Gleich darauf aber ſtellte ich das weibliche Volk vor und rief mit meiner feinſten Stimme: „Es lebe der ſchoͤne Lim ouſin!“ Dieſe doppelt ſchmeichelhaften Aeußerungen nahm mein Meiſter mit einem Lächeln voll Anmuth und Koketterie an. So viel ich mich noch der unzuſammenhaͤngenden Worte Limouſins bei dieſer Art von Hellſeherei erinnern kann, hielt er ſich fur den allgemein und einſtimmig aus⸗ erwaͤhlten ſchoͤnſten und beſten Jungen unter allen Mau⸗ rern auf der Erde. Auch empfing er alsdann ſeine Waͤhler und bewirthete ſie bruͤderlich und prachtvoll in dem Tempel Salomons. Nun folgte eine wunderbare Beſchreibung dieſes Orts, die mich mit Bewunderung erfullte. Darauf vernahm ich ſeufzend, weil faſt ſtets ſehr hungrig, denn ich wagte nicht die Ueberbleibſel meines Meiſters zu beruͤhren, die Aufzählung des ungeheuren Mahles, das Limouſin ſeinen Bruͤdern von der Kelle gab, wobei die zwolf Apoſtel als Wilde gekleidet (ohnſtreitig miſchten ſich in dieſe Phan⸗ taſieen einige Erinnerungen an die Gebräuche bei den Ge⸗ ſellen) aufwarteten. Das Mahl ſchien mir koͤſtlich, aber — 15 — monoton zu ſein, denn es beſtand ganz aus Wuͤrſtchen und Eſſiggurken. Auf dieſe laͤcherlichen Träͤumereien folgten oft melancho⸗ liſche Viſionen, die meinen Meiſter bis zu Thraͤnen ruͤhrten. Ich erinnere mich noch, daß er eines Tages die gemein⸗ ſchaftliche Mutter aller kleinen Kinder, die wie ich vom zarteſten Alter an, zu peinlicher Arbeit verdammt waren und oft aus Noth, Erſchöpfung und Krankheit vorzeitig ſtarben, zu ſehen glaubte. Dieſe Mutter wartete auf die Ruͤckkehr ihrer zahl⸗ reichen Kinder mit einer zugleich freudigen und beſorgten ungeduld, freudig, weil ſie ſie bald wiederzuſehen hoffte, und beſorgt, weil ſie ſo lange ausblieben. um ihre Angſt zu täuſchen, bereitete die gute Mutter, ſo gut ſie nur konnte, eine unzählige Menge kleiner Betten, aber die Kinder kamen doch nicht. Da ging die Mutter bald da⸗ bald dorthin, horchte, ſah in die Ferne .. nichts zeigte ſich ... und die Nacht brach herein. Die Nacht war gekommen .. Arme Mutter! .. ſagte Limouſin, der ihrer muͤtterlichen Angſt beizuſtehen ſchien, und ſie mit von Thränen erſtickter Stimme erzählte. Endlich hoͤrte die Mutter aus der Ferne ein zugleich leiſes und tumultartiges Geraͤuſch, das immer näher und naͤher kam. „Das ſind meine Kinder!“ rief ſie Freudeweinend aus. Und da der Mond ſehr hell ſchien, hielt die Mutter die Hand uͤber ihre Augen, um nicht geblendet zu werden, waͤhrend ſie voll Gluͤckes in der Ferne die Schaar ihrer Kin⸗ der zu entdecken ſuchte. „Doch ſonderbar! der Larmen ward immer ſter. kam immer naͤher „ und die Mutter ſah doch nichts.“ „Ich kann mir's denken, arme gute Mutter, daß Du nichts ſiehſt,“ ſagte Limoufin mit geruͤhrter, weintrunkner Stimme. Er hatte dieſe Viſion erzaͤhlt, indem er ſich von Zeit zu Zeit durch lange Pauſen unterbrach: „Ich kann mir's denken, daß Du nichts ſiehſt, es iſt nicht das Ge⸗ trappel von einer Menge Kinder was Du hoͤrſt, es iſt wie ein großer Flug von Tauſenden von kleinen Voͤgeln, das G raͤuſch iſt uͤber unſern Häuptern da! dal da ſind ſie! der Mond wird durch ſie verdunkelt. Es ſind Deine Kinder ſieh!. ſie ſind alle bleich und beflugelt . . da ſind ſie . . es ſind deren hundert, es ſind deren tauſend, und abertauſend . . Hoͤrſt Du ſie? . wie ſie zwitſchern, indem ſie mit ihren Fluͤgeln an Dich ſtrei⸗ fen. . und mit ihren kleinen ſuͤßen Stimmen rufen .. Lebe wohl, Mutter. wirlleiden nicht mehr .. wir ſind befreit Oh! ſieh, arme gute Mutter wie ihr Flug aufſteigt. . ſteigt und wieder ſteigt .. da ſind ſie in den Wolken und ſo hoch, ſo hoch, daß man ſie nur noch als kleine weiße Punkte in Mitte der Sterne ſieht. .. Auf, Du gute Mutter . . ſei muthig ſie leiden nicht mehr .. . Oh! Weh!! ſie an wortet nicht. . die Mutter! . . ſie ſchwankt ſie fallt . ſie iſt todt! . .. Wahrhaftig, ſie iſt todt! .. Halt! was iſt denn das fuͤr ein weißer Schein, der ſo hoch ſich hinauf hebt, dahin wo die kleinen gefluͤgelten Kinder hingeſtiegen? Gut da geht der Mond hinter einer großen ſchwarzen Wolke unter . Ich will es machen wie der Mond. Gute Nacht, ihr Leute!“ Und damit fiel Limouſin erſchoͤpft, und durch die dop⸗ prelte Trunkenheit, an welche die Phantaſie eben ſo vielen Antheil hatte als der Wein, betaͤubt, auf unſern Strohſack. Jeden Sonntag brachte ich, durch die Mittheilungen oder die ſeltſamſten Selbſtgeſpraͤche bald erheitert, bald ge⸗ ruͤhrt oder erſchreckt, in einer fieberhaften Unruhe zu. Nachts ſchienen bizarre Traͤume die Phantaſieen meines Meiſters fuͤr mich fortzuſetzen. Montag fruͤh weckte mich Limouſin wie gewöhnlich. Sein Geſicht, ſeine Bewegungen, ſein Ton, die Tags zu⸗ vor ſo belebt, waren nun wieder ruhig und kalt geworden. Auf die Ueberſchwenglichkeit der Worte von geſtern folgte ein ſchweigſames Phlegma. Dann nahm mein Meiſter ſeine taͤgliche Arbeit mit gewohntem Eifer wieder vor, immer der Erſte und Letzte da⸗ bei, aber die Woche uͤber richtete er kaum zwanzig Mal ein Wort an mich. Ehe ich fortfahre, muß ich noch von einer Perſon ſpre⸗ chen, die eine große Rolle in meinem Berichte ſpielt. Martin. III. 2 Bweites Rapitel. La Levraſſe. Die Perſon, von welcher ich ſprechen will, war ein in der Gegend wohlbekannter Colporteur, zugenannt la Le⸗ vraſſe. Er ſchien ſchon ſeit langer Zeit mit Limouſin ver⸗ traut zu ſein. Gegen die Gewohnheiten unſers einſamen Lebens, war der Colporteur zu uns des Abends gekommen und hatte ſich lange und leis mit meinem Meiſter unterhal⸗ ten. Einige Geſten, einige Worte, einige unter ſich ge⸗ wechſelte Blicke ließen mich glauben, daß ſie von mir ſpra⸗ chen, aber nie habe ich den Gegenſtand dieſer geheimnißvollen Uuterhaltungen erfahren. Blos deſſen erinnere ich mich, daß eines Tages Limouſin in Folge eines dieſer Geſpraͤche verlangte, das was er meine Reliquie nannte, naͤher zu betrachten. Es war dies ein alter verſilberter und mit einem Wappen verſehener Knopf, den ich an einem Bindfaden am Halſe trug. Ich habe nie erfahren, wie, noch ſeit wann ich dieſes Ding trug, auf das ich uͤbrigens keinen Werth legte, und das ich nur aus Gewohnheit behielt. Nachdem Li⸗ mouſin ſie einige Augenblicke nachdenkend betrachtet, gab er mir meine Reliquie zuruͤck, und ſeitdem ſprach er nur⸗ noch einmal mit mir davon, wie ich gleich erzaͤhlen werde. La Levraſſe bediente ſich ſeines Handwerks als Colpor⸗ teur zu einem Mantel, um alle Arten gewagter Geſchäfte darunter zu verbergen. Dem Anſcheine nach verkaufte er Lieder, Kalender und Heiligenbilder auf dem Lande, in der That aber uͤbte er das Hexenmeiſterhandwerk aus, beſprach Thiere oder befreite ſie von dergleichen, ließ verlorne Gegen⸗ ſtände wiederfinden, heilte Krankheiten, die er, wie er ſagte, in ſeinem myſterioͤſen Sacke, verſteht ſich Alles gegen Be⸗ zahlung, mit fortnahm. Auch verkaufte er heimlich magiſche Buͤcher, wie den großen und kleinen Albertus und beſonders obſcoͤne Schriften und Kupferſtiche. Dieſe und andere Eigenheiten lernte ich ſpaͤter kennen. Da der Colporteur und Hexenmeiſter mehre Gegen⸗ den Frankreichs durchreiſ'te, und ſogar, wie er ſagte, bis nach Paris ging, ſo ließ er ſich niemals waͤhrend der ſchö⸗ nen Jahreszeit im Flecken oder deſſen Umgegend ſehen, in⸗ dem er in dieſer das Handwerk eines Seiltaͤnzers trieb⸗ Nur im Winter und auch nur in langen Zwiſchenraͤumen verkaufte er bei uns. Niemand kannte ſeine Wohnung. Er gab ſeine Audienzen oder Conſultationen bei den Kunden, die ihn verlangten, und ſchlug Jedermann es ab, ihn bei ſich ſelbſt zu ſehen. Dieſer noch junge Mann hatte ein nicht leicht zu ver⸗ 2* geſſendes Geficht. Ganz bartlos und ſogar ohne Augen⸗ braunen, beſaß er doch einen Haarwuchs ſchwarz wie Dinte und lang wie bei Frauen. Er trug ſein Haar zuruͤckge⸗ ſchlagen à la Chinoise, und ſein dicker Chignon wurde durch einen kupfernen Kamm uͤber ſeinem bleifarbigen, erdfahlen, faſt ſtets verzerrten Geſichte aufwaͤrts gehalten. Durch ſeine Lazzi, Grimaſſen und die Sonderbarkeit ſeiner Klei⸗ dung zog er zuerſt die ſchauluſtige Menge an ſich. Ungeachtet ſo vieler grotesker Außenſeiten war doch der Ausdruck ſeines Geſichts mehr finſter als laͤcherlich. Seine beiden gelben, runden und durchbohrenden Augen wie die eines Raubvogels, und ſeine eingezogenen, unmerk⸗ lichen Lippen kuͤndeten Verſchlagenheit und Bosheit an. Sein unbaͤrtiges Kinn, ſein ſonderbarer Anzug, der aus einer runden mit Pelz beſetzten Jacke unter einer Art von rochlichem Rocke, den er uͤber den Pantalons trug, be⸗ ſtand, hatten ihm den weiblichen Spottnamen la Levraſſe verſchafft, weil er, wie man ſagte, Tag und Nacht, durch Berg und Thal wie eine Häͤſin, die man in dortiger Ge⸗ gend Levraſſe nannte, herumlief. Sein großer ſchwarzer Eſel, Namens Luzifer, mit Buͤchern und Bilderballen des Colporteur-Hexenmeiſter⸗ Seiltaͤnzers beladen, hatte auch eine ganz eigene Phyſio⸗ gnomie. An ſeinen durchbohrten Ohren bammelten zwei rieſengroße kupferne Ohrgehaͤnge. Durch das Gewicht die⸗ ſer Kleinode ſtreckten ſich Luzifers Ohren, ſtatt gerade zu ſte⸗ hen horizontal. Ein breiter kupferner Ring, in welchem ſymboliſche Zeichen eingegraben, und der mit ſieben Gloͤckchen verziert war, ging durch des Eſels Naſe und vervollſtändigte ſo im Einklang mit dem bizarren Anſehen ſeines Herrn den cabbaliſtiſchen Schmuck. Luzifers Verſtand war im Lande eben ſo bekannt als ſeine Bosheit, wenn er die Stunde zeigte, indem er mit dem Hufe auf den Boden ſchlug, wenn er vor dem verlieb⸗ teſten jungen Maͤdchen in der Geſellſchaft ſtehen blieb, waͤhrend la Levraſſe ſeine Kalender vertheilte. Oft hatte Luzifer ſich ſogar, von einer Art von Wahnſinn erfaßt, auf die Zuſchauer geſturzt und ſie mit den Zaͤhnen zu zerreißen geſucht. Dieſer Eſel flößte mir eben ſo große Furcht ein als ſein Herr, und in der That hatte dieſe auch bei drei bis vier myſteriöſen Beſuchen, die er Abends bei Limouſin abge⸗ ſtattet, mir fieberhafte Schlafloſigkeit verurſacht. Bei dieſem letzten Beſuche hatte der hexenmeiſteriſche Colporteur, nachdem er mich ſehr aufmerkſam betrachtet, mich zu ſich gezogen und zu meinem großen Schmerze mir die Gelenke an Armen und Beinen knacken laſſen. Darauf ſagte er, dem Anſcheine nach ſehr zufrieden, mit leiſer Stimme einige Worte zu Limouſin, der heftig und erzuͤrnt antwortete: „Er? . niemals . . . niemals.“ Seitdem ſah mein Meiſter den Colporteur, der ihn mit aufgebrachter Miene und Fluͤche murmelnd verließ, nie wieder. c In Folge dieſer Unterredung geſchah es, daß mein Meiſter mir befähl, meine Reliquie ſorgfaͤltig aufzubewah⸗ ren, ohne ſich weiter daruͤber zu erklaͤren. Oft fuͤhlte ich Anfälle unwillkuͤrlicher Ruͤhrung. Mein Herz ſchwoll und ſchlug heftiger, meine Augen badeten ſich in Thraͤnen und ein unwiderſtehliches Sehnen nach Theil⸗ nahme, das mich um ſo eifriger in meiner Pflichterfuͤllung machte, trieb mich zu Aeußerungen der Anhaͤnglichkeit, die ſtets mit Gleichgiltigkeit oder Spott von Denen aufgenom⸗ men wurde, an welche ich ſie richtete. So geſchah es mehre Male, daß, wenn ich in unſere Huͤtte zuruͤckkehrte, ganz glücklich, mein ſchweres Tagewerk getreu erfullt zu haben und im Vertrauen, ich wußte frei⸗ lich nicht warum, auf dem kalten Geſichte meines einen Ausdruck ermuthigender Güte fi ſeiner Hand bemächtigte und in Thränen zerfließend ſie mit Innigkeit kuͤßte. Limouſin, der mich bei dieſem Gefuͤhle unſtreitig nicht begriff, ſah mich dann verwundert an, zuckte die Achſeln, zog ſeine Hand zuruͤck und ſagte zu mir: „Es iſt gut, Martin .. lege Dich nieder, mein Junge!“ Gerade als ob von einem Hunde die Rede geweſen wäre, deſſen Liebkoſungen läſtig geworden. Dann brach mir das Herz bei ſo großem Leiden, ich warf mich auf unſer Strohla ger, erſtickte meine Seufzer, und verbarg meine Thraͤnen aus Furcht, zudringlich zu wer⸗ e . 1 * 3 den oder meinem Meiſter Stoff zum Lachen zu geben, und ſchlief jammernd ein. Nachdem ich vergebens verſucht hatte, Liebe von mei⸗ nem Meiſter zu gewinnen und ein Zeichen meiner kindiſchen Anhaͤnglichkeit ſtets mit volliger Theilnahmloſigkeit, wo nicht mit Ungeduld aufgenommen ſah, verfiel ich in tiefe Entmu⸗ thigung. Erfahrener begreife ich nun die Faͤlte Limouſins beſſer und entſchuldige ſie. Er lebte durch ſeine Gewohnheiten und die Art ſeiner Trunkenheit ſo zu ſagen nicht in dieſer Welt. Alles was Theilnehmendes, Fuͤhlendes in ihm lag, fand in den Illuſionen, denen er ſich uberließ, ſeine Entfal⸗ tung. Dieſer gewoͤhnlich ſo kalte, traurige und ſchweig⸗ ſame Menſch vergoß ſobald er nur einmal unter der Herr⸗ ſchaft ſeiner Vorſpiegelungen ſich befand, ſuße Thränen der Ruͤhrung, druͤckte die ergreifendſten Gefuͤhle aus, oder uberließ ſich der tollſten Fröhlichkeit. Das Anerbieten mei⸗ ner Zuneigung mußte ihm daher vollkommen gleichgiltig ſein. Von ihm zuruͤckgeſtoßen, verſuchte ich eine andere Freundſchaft aufzuſuchen. In dieſem Jahre hatten wir den Herbſt hindurch in einem Landhauſe gearbeitet, deſſen Beſitzer abweſend waren: die Gaͤrtnerin, ein derbes ſtarkes Maͤdchen von 20 Jahren, hatte mir einigen Antheil zu zeigen geſchienen. Bald hatte ſie mir geholfen, wenn ſie an unſern Baulichkeiten voruber⸗ kam, einen ſchweren Trog auf die Schultern zu nehmen, manchmal hatte ſie mir zur Mahlzeit eine Frucht gegeben, oder mich bei ſich eintreten laſſen, um mich zu wärmen, wenn ich bei einem feinen und kalten Regen ganze Stunden lang meinen Meiſter bedient hatte, der ſich ſehr wenig um die Ungunſt der Witterung bekuͤmmerte. In meinem Herzen war eine tiefe Dankbarkeit fuͤr Ka⸗ tharinens Gutthaten zuruͤckgeblieben; indem ich alſo glaubte ihr am Beſten dieſe bezeugen zu koͤnnen, wenn ich von der Zuneigung ſpraͤche, welche dieſer Dank mir einfloͤßte, und dabei vorzuglich jenem gebieteriſchen Beduͤrfniſſe der Anhaͤnglichkeit und Mittheilung folgte, das die Gleichgil⸗ tigkeit meines Meiſters durch Zuruͤckdraͤngen nur verdoppelt hatte, ſagte ich ſchuchtern zu dieſem Maͤdchen, die Augen von Thränen feucht und das Herz geſchwellt von Hoffnung und Zärtlichkeit: „Mamſell Katharine . wollen Sie ſich wohl von mir lieben laſſen? Sie ſind ſo gut gegen mich!“ Das derbe Maͤdchen ſah mich mit ihren großen, run⸗ den Augen an, in denen ſich zuerſt Verwunderung aus⸗ druͤckte. Dann aber brach ſie in ein lautes Gelaͤchter aus, wovon das ganze Haus ſchuͤtterte und rief aus: „Du biſt gar zu klein!“ Dann fing ſie wieder an, indem ſie mich nochmals anſah und ihr Gelaͤchter verdoppelte: „Hat man je ſo eine kleine Krote geſehen? .. In ſeinem Alter?“ Nachdem ſie nun endlich noch einige derbe fuͤr mich damals unverſtaͤndliche Worte hinzugefuͤgt hatte, gab ſie mir als Scherz oder Lehre einen tuͤchtigen Stoß mit ihrem Holzſchuh. Wenn ich dieſem Maͤdchen, deſſen gemeine Verdor⸗ benheit in mir eine cyniſche Vorzeitigkeit vorausſetzte, nicht geſagt hatte: „Laſſen Sie mich Sie lieben wie ich meine Mutter geliebt haben wuͤrde, ich der ich keine Mutter habes“ ſo geſchah es, weil die Worte mir fehlten, um dieſe reine und unbeſtimmte Sehnſucht nach muͤtterlicher Liebe auszudrucken, die ich nie gekannt hatte, und deren unaus⸗ ſprechliche Suͤßigkeit ich doch mir ſelbſt unerklaͤrlich ahnte. So miſchte ſich denn trotz meiner Reinheit ein in⸗ ſtinktmäͤßiges Gefuͤhl von Ekel in meine ſchmerzliche Taͤu⸗ ſchung, als ich mein zaͤrtliches Anerbieten von Katharinen ſo aufgenommen ſah. Dieſe neue Taͤuſchung heilte mich nicht von meinem unuͤberwindlichen Beduͤrfniſſe nach Anhaͤnglichkeit, aber ſie flößte mir eine neue und bittere Entmuthigung ein. Ich fluchtete mich nun in die unbeſtimmte Erinnerung an jene ſchöne junge Frau, die ich an meiner Wiege hatte arbeiten ſehen, wie ſie ihre Klöpfel unter ihren gewandten Fingetn beim Schimmer einer gläͤnzenden Kugel, deren Helle die Be⸗ wunderung und Freude meiner Kindheit ausgemacht, hatte fliegen und rauſchen laſſen. Von jetzt an erſchien mir dieſe ſuße Geſtalt wie die ſchutzende Fee meiner fruheſten Jahre. —— — Aber dieſe ſo entfernten, ſo wirren Erinnerungen konnten dem Durſte nach Zärtlichkeit, der mich quälte, nicht ge⸗ nuͤgen. Kurze Zeit nachdem ich von Katharinen ſo grauſam zuruͤckgewieſen worden war, hatte ich noch den Muth, es zu verſuchen, mir einen Freund zu erwerben. Ich hatte die Augen auf einen jungen Zimmermann gerichtet, mit wel⸗ chem wir an den Ausbeſſerungen des Landhauſes arbeiteten, von welchem ich ſprach. Bei einem ſanften und theilneh⸗ menden Charakter hatte er manchmal ein freundliches Wort an mich gerichtet. Eines Tages ſaß ich verlegen und unru⸗ hig uͤber die Art, wie ich mich an ihn wenden ſollte, trau⸗ rig zur Mittagszeit auf einem Steine. Ich ſah den jun⸗ gen Zimmermann, den man le Beauceron nannte, kom⸗ men; Katharine begleitete ihn; mein Stuͤck Brot und meine Haͤringgraͤte war mir vor die Fuͤße gefallen. „Du iſſeſt ja nicht, Burſche?“ ſagte le Beauceronund ſchlug mich vertraulich auf die Achſel. „Wenn er nicht ißt,“ verſetzte Katharine in Lachen ausbrechend, „ſo geſchiehts weil er Kummer hat.“ „Warum?“ fragte le Beauceron. „Weil neulich dieſes Buͤbchen da .. und damit brach Katharine von Neuem in ein lautes Gelaͤchter aus: . 1 „mein . . . Liebhaber werden wollte!“ (Katharinens Ausdrucke ſelbſt waren jedoch weit ausdrucksvoller.) „Er!“ rief le Beauceron, Katharinens Luſtigkeit thei⸗ — lend: „in ſeinem Alter! . . . das nenne ich mir einen Fiſch, der es gar zeitig anfaͤngt.“ Ich wurde purpurroth vor Schaam und Schmerz. Ich wollte antworten, aber meine zitternde Stimme blieb im Gaumen ſtecken. „Ha, ha, ha!“ begann le Beauceron wieder mit ver⸗ doppelten Lachausbruͤchen . . . „er! . . der junge Köter⸗ chen. . . . dem noch nicht einmal der Wurm genom⸗ men iſt!“ Auf Scham und Schmerz folgte nun in mir ein Ge⸗ fuhl von Zorn, als ich mich ſo gemein verſpottet ſah. „Nennen Sie mich keinen Hund!“ ſagte ich entſchloſ⸗ ſen zu le Beauceron;“ ich bin kein Hund.“ „Du!“ entgegnete dieſer, „Du, der weder Vater noch Mutter hat ... Du biſt weniger als ein Hund, Du biſt der Sohn einer . . Ich konnte die beleidigende Bedeutung des letzten Wor⸗ tes, das le Beauceron ſprach, nicht verſtehen, aber an dem Aufklopfen meines Herzens, an dem Aufwallen meines Blu⸗ tes ahnte ich die Rohheit dieſer Beleidigung. Obgleich noch ein Kind, lernte ich doch zum erſten Male ein Gefuͤhl des Haſſes und der blinden Wuth kennen. Ich wollte mich auf le Beauceron losſtuͤrzen, ohne an ſeine Staͤrke zu denken, als die Erinnerung an die Worte: Du haſt weder Vater noch Mutter, welche die Beleidigung, die mich ſo heftig ſchmerzte, herbeigefüßrt hatten, mir wieder beifiel. Nun verwandelte ſich mein Zorn in ein unbeſchreibliches Herz⸗ brechen, meine Kraͤfte ſchwanden, ich ſank wieder ſchluchzend auf den Stein wo ich geſeſſen, und verbarg mein Geſicht in den Haͤnden. „Laß doch ſehen, mein Liebchen,“ ſagte Katharine, mir das Kinn aufhebend, „komm mit nach Hauſe, ich will Dir einen Löffel Bohnenſuppe geben, das wird Deine Thraä⸗ nen trocknen.“ „ S Ob ich gleich Katharinen fuͤr ihre milde xpeinahme Dank wußte, nahm ich doch ihr Anerbieten nicht an. Es ſchlug 10 Uhr und ich kehrte an meine Arbeit zuruͤck, auch dieſes Mal der Hoffnung entſagend, in le Beauceron einen Freund zu finden. Nun begann ich, niedergeſchlagen, bekummert und ent⸗ muthigt, daruͤber nachzudenken, daß mein Herr jeden Sonn⸗ tag mit Hilfe ſeiner Trunkenheit der traurigſten Wirklich⸗ keit durch die wundervollſten Täuſchungen entging. Limouſin ſchwärmte jeden Sonntag ganz laut in mei⸗ ner Gegenwart und ich ſpielte oft eine paſſive Rolle bei dieſen grotesken oder ruͤhrenden Scenen welche ſeine in Wahnſinn gerathene Phantaſie hervorbrachte. Wenn ich die ſonderbaren Monologen, die wundervollen Beſchreibungen von Zauberlaͤndern gehört, welche mein Meiſter durchwanderte, war nicht ſelten eine mit Furcht gemiſchte Neugier in mir erwacht. E.s ſcheint vielleicht ſeltſam, daß die Luſt, mich nach Li⸗ mouſins Beiſpiele zu betrinken, nicht gleich am erſten Tage — — in mir erwachte, wo ich ihn ſeinen Blendwerken hingege⸗ ben ſah, und er mir ſeine Theorie der Trunkenheit entwickelt hatte, einer Trunkenheit, in welcher er jede Woche das Ver⸗ geſſen des Vergangenen, des Gegenwaͤrtigen und einer nicht minder elenden Zukunft fand. Ich war lange Zeit von je⸗ dem boͤſen Gedanken durch die Hoffnung zuruͤckgehalten worden, die Zuneigung meines Meiſters zu verdienen. Nach den ſchmerzlichen und vergeblichen Verſuchen aber, wo Al⸗ les was Mittheilendes in mir lag, hart zuruͤckgewieſen wor⸗ den, hielt ich mich fur berechtigt, ebenfalls in der Trun⸗ kenheit das Vergeſſen der Vergangenheit, Gegenwart und Zukunft zu ſuchen. Die Furcht, Limouſin zu betruͤben, konnte mich nicht davon zuruͤckhalten. Ich fuͤhlte, wie man wohl denken kann, fuͤr ihn weder Zuneigung noch Entfernung. Ohne mich mit Haͤrte zu behandeln, ſagte er mir auch nie ein liebevol⸗ les Wort. Waren wir an der Arbeit, ſo redete er nie mit mir als wenn er mir mit rauher Stimme das eingefuͤhrte Worte Apporti!! zurief, und ich apportirte dann meinen Trog mit Mörtel, den ich bald wieder von Neuem fuͤllen mußte. Abends wenn wir wieder in unſere Huͤtte kamen, aßen wir ohne ein Wort zu wechſeln. Auch gewann ich alſo durch meine Arbeit das Brot, das er mir gab. Kein Band der Zaͤrtlichkeit, der Dankbarkeit oder der Verehrung konnte mich alſo zuruͤckhalten. Doch widerſtand ich trotz dieſer Veranlaſſungen zu ſtraucheln, einige Zeit der — — Verſuchung, ein wenig aus Tugend, ein wenig wegen der Schwierigkeit, meinem Meiſter Wein zu entfremden und viel⸗ leicht aus unbeſtimmter Furcht, die ich ungeachtet meiner brennenden Neugier bei dem bloßen Gedanken empfand, mich gleich jenem in dieſe Sphaͤre außerordentlicher Viſio⸗ nen und geheimnißvoller Bezauberungen zu ſchwingen. Endlich hoͤrte meine Unentſchloſſenheit auf und ich uͤberwand meine Bedenklichkeiten. Fuͤrs Erſte mußte ich mir Wein verſchaffen. Das war ſchwer. Mein Meiſter verließ faſt nie mit den Augen das magiſche Toͤnnchen und er beſaß eine ſolche Gewoͤhnung, ſich den Inhalt deſſelben einzutrichtern, daß er nie einſchlief, ohne es bis zum Boden trocken gelegt zu haben. Ich dachte lange uͤber mein Angriffsmittel nach⸗ Endlich erwar⸗ tete ich, des Gelingens ziemlich ſicher, die Gelegenheit. Sie blieb nicht aus. Ich hatte Donnerſtag meinen Plan vollendet und konnte ihn am nächſtfolgenden Sonntage in Ausuͤbung bringen⸗ Ich werde deſſen nie vergeſſen. Es war der letzte Sonntag im November. Große Kaͤlte war eingetreten. Reichlicher Schnee bedeckte die Erde. Ich hatte die Nacht in Aufregung ſchlaflos zugebracht. Am Morgen brachte die Magd aus dem Gaſthofe des Fleckens, wie gewoͤhnlich, auf dem Packſattel ihres Eſels das Toͤnnchen Wein und die Mundvorraͤthe in unſere Huͤtte. Als ſie fort war, ver⸗ ſperete mein Meiſter die Thuͤr und ſtellte das mit einem — — Hahne verſehene Toͤnnchen an das obere Ende unſeres Strohſackes. Nun bewaffnete ſich Limouſin ſchweigſam wie immer mit einem alten blechernen Becher, ſetzte ſich auf unſer Lager, und fing an, Zug vor Zug zu trinken, ohne ein Wort vorzubringen. Gewoͤhnlich ſchwieg er ſo bis die Weinduͤnſte auf ſein Gehirn eingewirkt hatten. Während dieſer Vorbereitungen kauerte ich abſichtlich in dem dunkelſten Winkel unſerer Huͤtte und verließ mit ſchielendem Blicke Limouſin nicht mehr. Mochte nun die ſtrenge Kaͤlte, mochte eine zufaͤllige Stimmung die Aufregung durch den Wein ſtoren und ver⸗ zoͤgern, kurz, mein Meiſter blieb diesmal ſehr lange und ge⸗ gen ſeine Art und Weiſe ſitzen, ohne die gewoͤhnlichen Symptome der Trunkenheit zu ſpuͤren. Endlich ſah ich nach und nach die eiſige Maske ſchmelzen, welche die Woche uber ſeine Zuͤge zu verſteinern ſchien. Sein bleiches Geſicht farbte ſich, ſeine erloſchenen Augen glänzten. Er richtete ſich kräftig auf ſeinem Sitze in die Höhe und fing an, mit ſchallender Stimme ein Trinklied zu ſingen. Dann nah⸗ men die Fortſchritte der Trunkenheit ihren Lauf. Er fing an laut zu ſprechen. An dieſem Tage waren die Viſionen oder Eindrucke meines Meiſters ſehr heiter. Von Zeit zu Zeit lachte er laut auf und applaudirte mächtig, als ſei er Zuſchauer einer froͤhlichen Scene. Mit mir ſelbſt zu ſehr beſchaͤftigt, um genau auf ſeine Ausſchweifungen zu mer⸗ ken, vernahm ich ſie doch, ohne ſie deutlich zu hoͤren. In die Dunkelheit gekauert, dem Anſcheine nach unbeweglich, eingeſchlafen, die gefalteten Hände auf meinen Knieen und die Stirn auf meine Haͤnde geſtutzt, machte ich langſam und höchſtens alle Viertelſtunden, indem ich längs der Wand hinſchlich, eine unmerkliche Bewegung, die mich dem Toͤnnchen naͤherte. In zwei Stunden hatte ich vielleicht nur 5 bis 6 Zoll Terrain gewonnen. Der Tag neigte ſich immer mehr und mehr. Der Schnee fing wieder an in großen Flocken zu fallen. Unſere Stube war nur durch zwei kleine ſchmutzige Scheiben uͤber der Thuͤr erhellt und daher faſt in Dunkelheit verſenkt. Mit Hilfe dieſes Halbdunkels brauchte ich weniger Lang⸗ ſamkeit und Vorſicht in den Bewegungen, die mich dem Toͤnnchen naͤher brachten. Plotzlich rief mich mein Meiſter und lachte aus Her⸗ zenskraͤften. Ich blieb unbeweglich und beſchleunigte nur mein lautes Athemholen, damit er mich fur ſchlafend halten ſollte. „Er ſchlaͤft,“ ſagte Limouſin. „Bah! . . ſo gehe ich allein zur Hochzeit.“ Und dabei fing er an mit ſteigender Luſtigkeit und Er⸗ regung zu ſprechen und zu geſtikuliren. Mein erſter gluͤcklicher Erfolg machte mich kuͤhn. Zwei Stunden nachher war ich beim Toͤnnchen angelangt, das zwiſchen der Wand und dem Kopfende unſers Lagers ſich befand; den Augenblick benutzend, wo mein Meiſter den Kopf weggewendet hatte, klemmte ich mich ſchnell in den „Zwiſchenraum, der zwiſchen der Wand und dem Toͤnnchen geblieben. Ich ſpielte um Leben und Sterben, denn in demſelben Augenblicke rief mich Limouſin mit immer ſchwan⸗ kenderer, weintrunknerer Stimme. Ich blieb von Neuem ſchweigend, unbeweglich. Mein Meiſter ließ ſich ſchwerfällig auf unſer Lager zuruͤckſinken, dann ſtutzte er ſich auf den Ellbogen und nahm das Toͤnn⸗ chen zum Kopfkiſſen. Er ſtemmte das Kinn in die linke Hand, waͤhrend er in der rechten ſeinen Becher hielt, um ihn noch einmal zu fuͤllen, denn das Tönnchen war noch nicht leer. Ich ſah meinen Meiſter im Profil. Er war kaum mit einem Hemde und zerfetzten und uͤberall durchloͤcherten Pantalons bekleidet. Die ungewiſſe Helle, die durch die Scheiben uͤber der Thuͤr drang, concentrirte ſich auf ſeinem ſtrahlenden, freudenvollen Geſichte. Limouſin traͤllerte ein luſtiges Lied. Dieſes mit un⸗ ausſprechlicher Heiterkeit und Schonheit geſchmuͤckte Ge⸗ ſicht, zeichnete ſich, von Licht und Seligkeit ſtrahlend, auf dem Dunkel unſerer elenden Huͤtte ab, waͤhrend außerhalb der Sturm blies und den Schnee durch die einſame Ebene⸗ trieb. Im Augenblicke, wo ich im Begriffe ſtand den Wein zu entfremden, der meinem Meiſter gehorte, ſtieg ein letztes Bedenken in mir auf, aber beim Anblick des idealen Gluͤcks, deſſen er zu genießen ſchien in Mitten unſers traurigen Elends, zoͤgerte ich nicht laͤnger. Ein großer Nagel, deſſen Ende ich geſchärft und das Martin. III. 3 Rohr der Pfeife eines unſerer Geſellen, das ich wie durch Zufall bei unſerm Mittagseſſen zerbrochen hatte, waren die Inſtrumente mit denen ich mich verſehen. Mit Hiffe derſelben vollfuͤhrte ich meinen Raub. Nachdem der Bo⸗ den des Tönnchens ohne Muͤhe durchbohrt, ſteckte ich mein Pfeifenrohr in die Oeffnung und fing an den Wein in langen Zuͤgen zu ſchluͤrfen, mit furchtbarer Angſt und Herzklopfen. Anfangs widerſtand mir der ſcharfe Geſchmack dieſes ſchweren und zu Kopfe ſteigenden Weines gar ſehr, ich überwand aber dieſen Widerwillen, und nicht lange, ſo kreiſ'te eine noch nicht gekannte Waͤrme in meinen Adern. Die Arterien meiner Schlaͤfe klopften zum Zerberſten. Meine Augen wurden unſtat. Auf leuchtende Blendung folgte ein ſo heftiger Schwindel, daß ich mich mit beiden Haͤndchen an das Tönnchen klammerte, als ob mir der Boden unter meinen Fuͤßen durch die Bewegung pfeilſchneller Umdrehung entzogen wurde, und in meiner Verwirrung rief ich: „Meiſter!. zu Hilfe!“ Von dieſem Augenblicke an ging mir die Erinnerung faſt ganz verloren. Nur ſo viel kommt mir vor, als habe ich Limouſin auf der andern Seite des Toͤnnchens ſich aufrichten ſehen und dann wieder, da er das Gleichgewicht verlor, mit einem gewaltigen Ausbruch von Lachen auf unſer Lager zu⸗ ruͤckfallen. Als ich wieder zu mir ſelbſt kam, fuhlte ich mich von heftigen Froſte erſtarrt. Ich oͤffnete die Augen. Ich lag mitten in einem Walde auf dem Schnee und der Tag wollte eben ſchwinden. Ich empfand heftigen Kopfſchmerz. Noch immer wirr im Kopfe blickte ich mit einem Gemiſch von Furcht und Neugier um mich. Wie war ich in dieſen Wald gekommen, den ich nicht kannte? Was war zwiſchen mir und Limouſin vorgegangen? War ich weit von unſerer Huͤtte? Hatte man mich fortge⸗ jagt? Befand ich mich unter der Gewalt einer der meinem Meiſter ſo vertrauten Viſionen? Dieſe unzuſammenhaͤngen⸗ den Gedanken draͤngten und kreuzten ſich in meinem Kopfe, als ein entferntes, aber mir wohlbekanntes Geraͤuſch mich durchſchauerte. Es war das Geklingel ſonorer Glockchen, hie und da durch eine helle, durchdringende Stimme un⸗ terbrochen, welche das alte Gaſſenlied ſang: Die ſchoͤne Bourbonnaiſerin, Neigt euch gefällig zu ihr hin, Ihr Herz mit heißer Gluth darin u. ſ. w. Es war la Levraſſes, des Colporteurs Stimme, in Be⸗ gleitung ſeines Eſels Luzifer, der ſeine Glockchen klingen ließ. Prittes Kapitel. Die Begegnung. Bei la Levraſſes Annäherung wollte ich entfliehen, hatte aber nicht die Kraft dazu. Meine Beine knickten unter mir, ich ſank am Stamme des Baumes nieder. Nun ſah ich bald darauf durch das weit offne Gehau den Colporteur und ſeinen Eſel kommen. Trotz der Strenge der Jahreszeit war la Levraſſe nach gewohnter Art baar⸗ häuptig, und das Haar chineſiſch geordnet. Seine Jacke von grobem braunem Tuche, ſtach von dem alten dunkelro⸗ then Rocke ab. Sein Eſel, ſtets nicht minder ſonderbar aufgeputzt wie ſein Herr, verſchwand faſt ganz unter einer ungeheuern ſchwarzen, loſen Wachsleinwand, welche uͤber die Ballen des Colporteurs gebreitet war. Man haͤtte es fur eine Trauerdecke halten Ihnnen. Sein dicker, haariger Kopf mit langen Ohren, an denen cabbaliſtiſche Zierrathen von Kupfer hingen, ſchien furchtbarer als je. Meine Angſt wuchs mit jedem Schritte des Colpor⸗ teurs. Ich wollte nochmals fliehen, aber von Schrecken verſteinert, war es mir unmoͤglich, eine Bewegung zu — — machen. Nur Eine Hoffnung blieb mir noch. Die Daͤm⸗ merung war ſchon eingetreten, einige Schneeflocken fielen von dem in ein durkles Grau gehuͤllten Himmel, vielleicht konnte ich hinter dem ungeheuer ſtarhn Baumſtamme, wo ich mich moͤglichſt verbarg, unentdeckt bleiben. La Levraſſe war nur noch einige Schritte von mir, und ſang mit immer lauter werdender Stimme, um die Langeweile des Marſches zu vertreiben, dieſelben Worte, die ich nie vergeſſen werde: „Die ſchoͤne Bourbonnaiſerin, Neigt euch gefällig zu ihr hin, Ihr Herz mit heißer Gluth darin.“ Dann ſtieß als Refrain der Colporteur ein ſcharfes Lachen aus, und wiederholte die Worte: „Ha, ha, ha, ha, ha!“ Indem er dies ſagte, grimaſſirte er, ohnſtreitig als Studium, alle Arten grotesken und abſcheulichen Lachens mit ſolchen Verzerrungen, daß auch nicht Eine Muskel ſeines Geſichts in Ruhe blieb. Bald hob er die Augen ſo gewaltig zum Himmel, daß der Stern derſelben ganz und gar unter den Wimpern verſchwand, bald zogen ſich dieſe zuſammen, und ihr Inneres zeigte ſich blutig und geröthet, bald ſchien ſein furchtbar gesffneter Mund ſich bis an die Ohren zu ſpalten. Der Anfall oder vielmehr der Krampf einſamer Luſtig⸗ keit dieſes Mannes, und ſein ſonderbares Gllaͤchter brach⸗ ten mein Schrecken aufs Aeußerſte, ſtatt es zu mindern. — — Auf einmal unterbrach la Levraſſe ſeine Grimaſſen und Lieder. Er ward mich gewahr. Er blieb vor mir ſtehen. Sein Eſel that deßgleichen. Von Schrecken ggriffen, hatte ich noch ſo viel Kraft, auf die Kniee zu fallel, die Haͤnde zu falten, und faſt ohne zu wiſſen, was ich ſagte, auszurufen: „Gnade!“ Dann ſank ich wieder, an allen Gliedern zitternd, in mich ſelbſt zuſammen. Bei meinem Anblicke ließ der Colporteur ab mit ſeinen Grimaſſen, ſah mich verwundert an, und naͤherte ſich mir immer mehr, waͤhrend ſein ſchwarzer Eſel, der zugleich mit ihm ſtehen geblieben, ſeinen dicken Kopf bis zu dem meinen ſtreckte, und mich ungeduldig beſchnoperte. „Was machſt Du da? ſo weit von Deinem Meiſter?“ fragte la Levraſſe. Ich wagte nicht zu antworten. „Iſt Limouſin nicht hier?“ Daſſelbe Schweigen meinerſeits. „Wirſt Du antworten!“ rief der Colporteur mit zor⸗ niger Stimme, indem er ſich zu mir herabbeugte, und mich am Arme ſchuͤttelte. Voll Schrecken nahm ich meine Zuflucht zu einer Luge. „Mein Meiſter hat mich fortgejagt,“ ſagte ich mit zitternder Stimme. „Warum?“ „Weil . . weil . weil ich faul war.“ Der Colporteur verließ mich nicht mit Einem Blicke. Ohnſtreitig vermuthete er, daß ich gelogen, denn er begann mit zweifelnder Miene wieder: „Limouſin haͤtte Dich fortgejagt, weil Du faul warſt? Das iſt ſonderbar: er hat gegen mich nie uͤber Faulheit an Dir geklagt... Uebrigens habe ich Deinen Meiſter ſeit fuͤnf bis ſechs Monaten nicht geſehen,“ ſetzte er uͤberlegend hinzu, und begann dann wieder: „Du biſt alſo ein ſchlech⸗ tes Subjekt, ein Faullenzer geworden?“ „Ach nein!“ rief ich. „Warum hat Dich denn Dein Meiſter fortgejagt?“ Ich wußte nichts zu antworten. Nach einem ziemlich langen Schweigen, waͤhrend deſſen der Colporteur mich aufmerkſam betrachtet hatte, fing er wieder an: „ „Was ſoll nun aus Dir werden?“ „Ich weiß es nicht.“ „Deine Eltern .. .“ „Ich habe weder Vater noch Mutter.“ „Wo warſt Du denn, ehe Du zu Limouſin kamſt?“ „Ich weiß es nicht.“ „Wer hat Dich zu ihm gebracht?“ „Ich weiß es nicht.“ „Nimmt ſich denn Niemand Deiner an?“ „Niemand.“ S La Levraſſe ſchwieg v trat noch naͤher an mich, % als wollte er mich noch beſſer betrachten, da die Nacht ſchon vorſchritt; da er jedoch ſeine Pruͤfung ohnſtreitig nicht fuͤr vollſtändig hielt, rief er mir zu: „Auf!“ Die Furcht hinderte mich, ihm zu gehorchen. Da er⸗ griff er mich mit einer Kraft, die ich nie in ihm vermuthet haͤtte, am Kragen meines Kittels, hob mich mit eiſerner Fauſt in die Hoͤhe, und ſtellte mich aufrecht auf die Beine. Jetzt befuͤhlte er mit ſeinen harten und knochigen Fingern mich am ganzen Koͤrper, und ſagte halbleis, ſo wie er in ſeinen Unterſuchungen fortſchritt: „Gute Bruſt... gute Glieder.. gut gebaut. er iſt nicht abgekommen, und gute Nahrung wird das Uebrige thun. Kraft und Geſchmeidigkeit werden ſich finden .. zwei Jahre weniger waͤre freilich beſſer . . . aber er hat doch noch das Alter.“ . Als dieſe Unterſuchung, die mein Schrecken verdoppelte, beendet war, ſagte la Levraſſe zu mir: „Du willſt nicht wieder zu Deinem Meiſter zuruͤck⸗ kehren?“ „O nein, nein, ich fuͤrchte mich zu ſehr.“ „Du haſt Recht; .. er wuͤrde Dich mit den Ohren an ſeine Thuͤr nageln, oder noch Schlimmeres mit Dir vor⸗ nehmen.“ I„ch ſchauderte. „Wo wirſt Du dieſe Nacht ſchlafen?“ „Ich weiß es nicht.“ 8 — „Und die folgenden?“ „Ich weiß es nicht.“ „In dieſem Walde wirſt Du vor Kälte umkommen, oder von den Woͤlfen gefreſſen werden.“ Ich fing an bitterlich zu weinen. „Nun, nun, laß ſehen! weine nicht!. .. Du nennſt Dich Martin?“ „Ja, mein Herr.“ „Nun denn! Martin, fuͤr dieſe Nacht will ich Dich logiren... nachher wollen wir ſehen... . Steige auf meinen Eſel.“ Trotz der verzweiflungsvollen Lage, in welcher ich mich befand, ſtieß ich doch, ſtatt den gaſtfreundlichen Vorſchlag von la Levraſſe anzunehmen, einen Schreckensſchrei aus, ſprang ſchnell auf, und fluͤchtete mich mit Entſetzen, la Levraſſe holte mich aber in zwei Spruͤngen mit außerordent⸗ licher Gelenkigkeit ein, und rief: „Ah!... Du fuͤrchteſt Dich vor mir?“ „Ja.“ „Du weigerſt Dich?“ „Ich will lieber in dieſem Walde umkommen, oder von Wölfen gefreſſen werden, als mit Ihnen gehen,“ rief ich mit gefalteten Haͤnden ihm zu Fuͤßen fallend ars. „Und weßhalb fuͤrchteſt Du Dich denn vor mir? mein kleiner Martin,“ ſagte mit ſuͤßlichem Tone la Levraſſe zu mir, welcher, ſtatt meine Furcht zu mindern, ſie nur noch ſteigerte: „furchte nichts, ich will Dein Beſchutzer ſein.“ — — „Da will ich doch lieber wieder zu meinem Meiſter zuruͤck.“ „Dazu iſts zu ſpaͤt.. Du wirſt ihn nie wieder ſehen,“ verſetzte der Colporteür. Und nun umſchlang er mich mit ſeinen knotigen Ar⸗ men, uͤberwand leicht meinen Widerſtand, zog einen Strick aus ſeiner Taſche, band mir damit die Haͤnde auf dem Ruͤcken feſt, hob mich wie eine Feder in die Hoͤhe, trug mich zu ſeinem Eſel, zog die Decke auf demſelben hinweg, legte mich quer uͤber die Waarenballen, und bedeckte mich wieder mit der Wachsleinwand, indem er hoͤhniſch zu mir ſagte: „Gute Nacht, kleiner Martin, gute Nacht.“ Dann wandte er ſich mit den Worten zu ſeinem Eſel: „Vorwaͤrts, Luzifer!“ Und Luzifer ſetzte ſich in Marſch. Es war des Tags uͤber eine Menge Schnee gefallen. Das Geraͤuſch der Tritte von la Levraſſe und ſeinem Eſel verſchwand gaͤnzlich. Von Schrecken ergriffen, meinen Leichnam den Bewegungen des Ganges des Eſels uͤber⸗ laſſend, hoͤrte ich nur von Zeit zu Zeit mitten in dem tie⸗ fen Schweigen der ſehr bald eingebrochenen Nacht, die helle und durchdringende Stimme von la Levraſſe in ſeinem eintönigen, von Grimaſſen begleiteten Liede „Die ſchöne Bourbonnaiſerin, Neigt euch gefällig zu ihr hin, Ihr Herz mit heißer Gluth darin, Ha, ha, ha, hi, hi!“ Ich weiß nicht, wie lange wir ſo im Walde fortzogen, nur daß ich zweimal ein Geraͤuſch der Tritte im Waſſer bemerkte, daß der Eſel durch eine Furth ging, waͤhrend la Levraſſe ohnſtreitig uͤber einen Steg ſchritt, weil alsdann ſeine Stimme ſich zu entfernen ſchien. Nachdem wir nun ſo etwa zwei bis drei Stunden fort⸗ gegangen, blieb der Eſel ploͤtzlich ſtehen. Ich hörte den Ton einer plotzlich angezogenen Klingel, und nach einigen Augenblicken fragte eine derbe, maͤnnliche und heiſere Stimme mit barſchem Tone: „Wer iſt da? wer klingelt denn jetzt noch?“ „Ich Mutter Major,“ antwortete la Levraſſe, denn die ſtarke und furchtbare Stimme, welcher er antwor⸗ tete, gehoͤrte einer Frau an. „Ja, ich bins, Alte!“ wiederholte la Levraſſe. „Wer denn, Du?“ „Nun ich, ich, Dein Mann,“ rief zornig la Levraſſe, „kennſt Du mich denn nicht?“ „Donner und Wetter! Du biſtst Wer zum Teufel konnte Dich denn bei einem ſolchen Wetter erwarten? .. . Du und Luzifer, Ihr ſeht ja alle Beide aus wie ein paar Schneeklumpen... Nun, ich komme hinunter, mein Sohn ich komme.“ Nicht lange, ſo hoͤrte man eine ſchwere Thuͤr ſich lang⸗ ſam und kreiſchend öffnen. Der Eſel ging vorſichtig weiter vor, denn wir ſtiegen einen ſteilen Abhang hinab, dann blieb er ſtehen. — — La Levraſſe erhob wieder ſeine Stimme: „Bring' ein Licht in die Haarſtube.“ „Warum denn das? Deine Stube iſt antwortete die grobe Stimme. „Bring' es nur.“ „Nun gut, ich gehe ſchon,“ erwiderte dieſelbe. „Kann man darin ſchlafen?“ fragte wieder Levraſſe. „Ich denke wohl: es liegt eine Decke darin auf einem Strohſacke von ganz friſchem Mais.“ „Bringe auch Brot, Bier und ein Stuͤck Speck,“ ſetzte la Levraſſe hinzu. „In die Haarſtube?“ erwiderte die grobe Stimme mit immer mehr verwundertem Ausdrucke. „Ja,“ ſagte la Levraſſe. Einige Minuten nach dieſem Zwiegeſpraͤche fuͤhlte ich, wie die Wachsleinwand, mit der ich noch immer bedeckt war, aufgehoben wurde. Die kalte, friſche Luft wehte mir ins Geſicht. „Willſt Du gehen, oder ſoll ich Dich tragen, kleiner Martin?“ fragte la Levraſſe mit immer noch ſuͤßlichem Tone. Und indem er mir nun half von den Ballen herabzu⸗ ſteigen, knuͤpfte er den Strick los, der mir die Haͤnde band. „Ich kann gehen,“ ſagte ich zu ihm, von unausſprech⸗ lichem Schrecken ergriffen. Nachdem ich mehre Male im Hinabſteigen auf einigen ſchluͤpfrigen Stufen ausgeglitten, trat ich hinter la Levraſſe — — her, in eine kleine gewoͤlbte Stube. Ein gutes Feuer von Pappelbundeln fuͤllte den Kamin, und erfuͤllte dieſen Aufenthalt mit Waͤrme und freundlicher Helle. „Da iſt Dein Unterkommen, Dein Abendeſſen und Dein Nachtlager,“ ſagte la Levraſſe zu mir, und zeigte mit dem Finger auf einen Kaſten mit Maisſtroh und einen Schemmel, auf dem ein Stuͤck Brot und Speck und ein Krug Bier ſich befanden. „Jetzt,“ ſetzte er hinzu, mich mit vaͤterlicher Miene ins Ohr kneipend, „guten Appetit und gute Nacht, kleiner Martin.“ Dann ging er aus der Stube, und verſchloß zweimal die Thuͤr. Als ich allein geblieben, und durch das Kaminfeuer erwärmt war, fing ich an, meine Beſinnung wieder zu ſam⸗ meln, denn bis dahin hatte ich zu traͤumen geglaubt. Nicht lange, ſo blickte ich mit einem Gemiſch von Furcht und Neugier um mich her. Die Pappelbuͤndel mit Weinreben untermengt, kniſterten im Kamin in tauſend Funken blaͤulich und weiß, und verbreiteten ſtoßweiſe ihren aromatiſchen und geſunden Geruch. Dieſes heitere Licht war hinreichend, die nackten, weißen Waͤnde der Stube zu erhellen. Als ich zufaͤllig die Augen an die Decke richtete, be⸗ merkte ich blos, daß von dem vortretenden Balken, ſorgfaͤl⸗ tig ausgebreitet, gekaͤmmt und gezeichnet, eine große Menge get Haartouren, von allen Farben, blonde, braune, kaſta⸗ — — nienfarbige, und ſelbſt rothe herabhingen. Es gab deren ſo dicke, ſo glaͤnzende, daß man ſie fuͤr ungeheure Gebinde von Seide haͤtte halten koͤnnen. Dieſer ſonderbare Anblick erfuͤllte mich mit neuem Schrecken. Ich bildete mir ein, dieſe Haare hätten Leich⸗ namen gehoͤrt. In meiner Verblendung kam es mir vor, als ob an mehren darunter noch Blut klebe. So lief ich denn, immer mehr und mehr in Schrecken gejagt, an die Thuͤr. Sie war feſt verſchloſſen. Da ich nicht entfliehen konnte, ſo entſchloß ich mich, die Augen nicht mehr zu die⸗ ſer ſchaudervollen Decke aufzuheben. Der Anblick der andern Gegenſtaͤnde, die mich umga⸗ ben, verlieh meiner Furcht eine freudige Ableitung. Der große hölzerne, als Bett dienende Kaſten war mit völlig trocknen Maisblaͤttern angefullt, auf denen ich, halb entfal⸗ tet, eine dicke wollene Decke erblickte. Der Speck, den man mir vorgeſetzt hatte, erſchien mir ſehr ſchmackhaft, das Brot war weiß, das Bier ohnſtreitig friſch gezogen, und mit dichtem Schaume den Rand des ſteingutnen Krugs be⸗ deckend. In meinem Leben hatte ich noch nie ein ſo gutes Unterkommen, ein ſo gutes Bett, ein ſo gutes Mahl zu meiner Dispoſition gehabt, und doch war es mir unmög⸗ lich, dieſes Abendeſſen zu beruͤhren. Ich wagte es ſelbſt ohnerachtet meiner Muͤdigkeit nicht, mich auf das Maislager zu ſtrecken. Ich ſetzte mich zitternd auf die Steine des Bodens an das Feuer, deſſen Gluth meine erfrornen Glie⸗ der erwaͤrmte. — S Indem ich mich an einem unbekannten Orte, in der Gewalt des Colporteurs ſah, ſchien es mir, als habe ich meinen Meiſter ſeit langer Zeit verlaſſen, und befinde mich in ungeheurer Entfernung von unſter Huͤtte, die ich doch nur ſeit einigen Stunden verlaſſen. Manchmal glaubte ich noch der Trunkenheit heimgefallen zu ſein; dann kamen mir die Begebenheiten, deren Mitſpieler und Zeuge ich war, wie Täuſchungen, wie Träume vor, aus denen ich fruͤher oder ſpaͤter unter dem Dache unſter armen Huͤtte erwachen wuͤrde. Sonderbar, daß ich, ſobald ich dieſe Vorausſetzung als wahr annahm, weit entfernt, durch meinen erſten Ausflug in das geheimnißvolle Gebiet der Trunkenheit abgeſchreckt zu ſein, eine Art von Reiz in dieſen Beaͤngſtigungen fand, und an meine Freude dachte, wenn ich, zur Vernunft zu⸗ ruͤckgekehrt, mich wieder in unſter traurigen und friedlichen Wohnung faͤnde. Wenn ich aber zu denken anfing, daß ich in der That in der Gewalt des Colporteurs ſei, und nie meinen, aller⸗ dings kalten, ſchweigſamen und theilnahmloſen Meiſter wie⸗ derſehen wuͤrde, der aber doch ſtets gegen mich weder hart noch bös geweſen, ſo fuͤhlte ich bittres Bedauern und furchtbare Beklemmung, ſo daß ich meine unſelige Neugier verwuͤnſchte. Die aus dieſen Gedanken entſpringende Geiſtesanſpan⸗ nung, verbunden mit Ermuͤdung und Kälte, brachten mich * nach kurzer Zeit in eine Art von Erſchlaffung, auf welche ein eben ſo ſchwerer als unruhiger Schlaf folgte. Ich weiß nicht, wie lange Zeit ich geſchlafen hatte, als ich durch herzzerreißendes Geſchrei und Flehen eines Kin⸗ des ploͤtzlich erweckt ward. Es war kaum Tag. Ein ſchwaches, durch die Daͤm⸗ merung oder den Wiederſchein des Schnees hervorgebrach⸗ tes Licht ſchien durch ein kleines Fenſter, dem Heerde, an welchem ich eingeſchlafen war, gegenuͤber. Das Kindergeſchrei, das mich aufgeweckt hatte, hörte einen Augenblick lang auf. Dann hoͤrte und erkannte ich die grobe Stimme der Frau, welche la Levraſſe bei deſſen Ankunft geoͤffnet, und die er Mutter Major genannt hatte. „Du willſt nicht als Faßreif kriechen?“ ſagte die Frau mit zornigem Tone. „Ich kann nicht.. ich habe nicht mehr die Kraft dazu!“ antwortete eine jammernde Stimme. „Du willſt alſo wirklich nicht?“ „Aber wenn ich Euch ſage, daß wenn ich lange ſo mit dem Kopf meine Fuͤße beruͤhre. .. ich erſticke“ antwortete das Kind. „Ich will Dich lehren, zu erſticken,“ erwiderte die Frau mit donnernder Stimme. und nun hoͤrte ich durch den Verſchlag hindurch derbe und ſchnelle Schlaͤge, die von Verdopplung des Geſchreis des Kindes begleitet waren, das, vor Schmerz und Zorn wuͤthend, fuͤrchterlich ſchwur und fluchte. — „Nun? wirſt Du nun kriechen?“ begann die grobe Frauenſtimme wieder. „Ihr ſchlagt mich ſo ſchrecklich. . . daß ichs noch ein⸗ mal verſuchen will. . antwortete das Kind mit Zaͤhne⸗ klappern. „Fort! keine Redensarten! Kriech!“ verſetzte die Frau mit drohendem Tone. Jetzt trat ein Augenblick des Schweigens ein. Nicht lange, ſo ſchrie die Frau mit triumphirendem Tone. „Siehſt Du, nichtsnützige Puppe (Bamboche)! es war blos Faulheit, woran Du erſtickteſt.“ In demſelben Augenblicke, wo die Frau ſo ſprach, be⸗ kam das Kind einen heftigen Anfall von unterdruͤcktem Krampfhuſten, manchmal von einem Pfeifen, wie beim Er⸗ wuͤrgen unterbrochen. Man mußte es dem Erſticken nahe glauben. „Ah, Du thuſt, als ob Du erſtickteſt!“ ſagte die grobe Stimme: „warte, warte! ich will Dich ſo laut ſingen laſ⸗ ſen, daß Dir die Kehle wieder weit werden ſoll.“ Und von Neuem erſchollen die lauten, ſchnellen Schlaͤge Dieſes Mal ſchrie das Kind nicht, die Frau nur rief fluchend und ſchimpfend: „Schurke von Bamboche. . er hat mich bis auf's Blut gebiſſen!... Dieſer Lump iſt boshafter und hinterli⸗ ſtiger als eine wilde Katze. ... Ah, Du beißeſt mich, Kröte! Komm nur, komm!... Ich will Dich taͤglich dafuͤr Martin. III. 4 auszahlen. aber im Keller. .. denn hier koͤnnte mir Dein Geſchrei den neuen Kleinen aufwecken.“ und nach dem Laͤrmen eines ſchwachen Kampfes, von Gemurmel und unterdruͤcktem Geſchrei begleitet, das ſich nach und nach entfernte, ward Alles wieder ſtill. Ich ſchauderte am ganzen Leibe. Der neue Kleine war ohnſtreitig ich! Was ließ man denn dieſes Kind machen, als man ihm befohlen, als Faßreif zu kriechen? Was bedeuteten dieſe ſonderbaren Worte? Es mußte doch etwas ſehr Schmerzliches ſein, weil ich den ungluͤcklichen Kleinen faſt daran erſticken gehoͤrt? Erwartete mich ein gleiches Schickſal? Nun erinnerte ich mich, daß geſtern la Levraſſe mir ſonderbar und aufmerkſam die Glieder befuͤhlt, und mit unverſtandlichen Worten die Bruſt unterſucht habe. Mein Schrecken wurde dadurch noch vermehrt, daß hier die Rede von unbekannten, geheimnißvollen Dingen war. Endlich dieſes einſame Haus, dieſe an der Decke aufgehangenen Haare von allen Farben, dieſes Kind, das man ohnſtreitig in einem Keller marterte, damit ſein Geſchrei nicht bis zu mir gelange, alle dieſe Umſtände verdoppelten meine Angſt ſo ſehr, daß ich, meine geſtrigen vergeblichen Verſuche ver⸗ geſſend, wieder nach der Thuͤr ſtuͤrzte. Da ich ſie doppelt verſchloſſen fand, lief ich ans Fenſter, durch welches der Tag anzubrechen begann. Es war von außen vergittert. Nun warf ich, von unſaͤglicher Verzweiflung ergriffen, — mich auf das Maislager, und rief mit von Schluchzen un⸗ terbrochner Stimme aus: „Wer wird Mitleid mit mir haben? ... Niemand! ... Niemand!. . ich habe weder Vater noch Mutter!“ Plötzlich oͤffnete ſich die Thuͤr, und la Levraſſe trat ein. 4* Viertes Rapitel. Mutter Major. „Guten Morgen, kleiner Martin,“ ſagte Levraſſe zu mir mit ſeiner ſuͤßlichen Stimme, indem er ſich meinem Bette näherte, in dem er mich ohne Zweifel eingeſchlafen glaubte, denn ich hatte mich auf den Bauch gelegt und das Geſicht in den Haͤnden verborgen. Dann ſetzte er hinzu „Wir ſchlafen ja wie eine kleine Ratze!“ Und nun ſchuͤttelte er mich ſanft. Ich richtete mich mit von Thränen uͤberſtrömtem Geſichte auf und rief mit gefalteten Haͤnden: „Laſſen Sie mich von hier fort und zu meinem Mei⸗ ſter zuruͤckkehren!“ Wie wie? zuruͤckkehren? Du, kleiner Martin?“ ſagte la Levraſſe mit bitterſuͤßer Stimme. „Ich will nicht hier bleiben!“ La Levraſſe brach in ein lautes Gelaͤchter aus. „Ha, ha, ha! Du willſt zu Limouſin zuruͤck, damit er Dir die Ohren an die Thuͤr nagle, nicht wahr?“ „Lieber bei meinem Meiſter ſterben als hier!“ Und damit ſprang ich aus dem Bette, wo ich flehend geknieet hatte, und eilte an die geoͤffnete Thuͤr. Dieſer chorigte Verſuch zur Flucht war vergebens. La Levraſſe ertappte mich auf der Schwelle und fuͤhrte mich mit den Worten zum Bett zuruͤck: „Sei doch vernuͤnftig, kleiner Martin .. . Du willſt davon laufen . . um zu Deinem Meiſter zu gehn? Du viſt ein Narr . . . wer ſoll Dir denn den Weg zeigen? Niemand; in dem Walde, durch den wir gekommen ſind, giebts gar kein Haus, Du wuͤrdeſt alſo heut Abend wieder ſo ſein, wie ich Dich geſtern gefunden habe, aus Kalte halb todt, oder von den Woͤlfen gefreſſen. Und dann,“ ſetzte la Levraſſe mit drohendem Tone hinzu, „dann will ich nicht, daß Du von hier fortgehſt. Sei ruhig, die Thore ſind gut und die Mauern hoch; wenn ich fortgehe, ſo gehſt Du mit mir, und . . . ſprach er noch, indem er wieder ſeine ſuͤß⸗ liche Stimme uhit, „Du wirſt nicht daruͤber ſein, kleiner Martin.“ Da ich ſah, daß ich mich unbedingt in der Gewalt von la Levraſſe befand, ſo verſuchte ich weder, ihn uͤber mein Schickſal zu erweichen, noch ſeinen Entſchluß zu ändern, ſondern ſank auf mein Lager zuruͤck und ſtieß die Klage aus, die ſtets den äußerſten Ausdruck meiner Verzweiflung aus⸗ machte: „Ich habe weder Vater noch Mutter; Niemand wird ſich meiner erbarmen!“ * — „Was ſagſt Du da nur! daß Du weder Vater noch Mutter haſt, kleiner Martin? Nun gut, ſo werde ich Dein Vater ſein, ich, und Dir auch eine Mutter geben,“ ver⸗ ſetzte la Levraſſe mit einem hoͤhniſchen Laͤcheln. „Oh! eine Mutter, wie Du niemals eine gehabt haben wuͤrdeſt, davon bin ich uͤberzeugt.“ und nun rief la Levraſſe mit ſeiner hellen und gellen⸗ den Stimme, indem er einige Schritte nach der Thuͤr zu machte: „He, Mutter Major!“ „Ich wiege eben Bamboche ein,“ antwortete eine donnernde Stimme, die aus dem Eingeweide der Erde zu kommen ſchien, und ohnſtreitig aus dem Keller kam, wohin dieſe Frau das Kind gebracht hatte. Ich begriff den Sinn der Worte: „ich wiege Bam⸗ boche ein.“ La Levraſſe ſetzte hinzu: „Oh, uͤber die gute Mutter! Hoͤrſt Du, wie ſie ihre kleinen, lieben Kinder einwiegt? So ſollſt Du auch eingewiegt werden, kleiner Martin!“ „Oh, ja ja! ich glaube es!“ murmelte ich ſchaudernd. „Komm doch, Alte! Mach' geſchwind!“ wiederholte la Levraſſe. „Nur einen Augenblick noch! Alle Donnerwetter! Da bin ich,“ antwortete Mutter Major mit einer Stimme, daß die Fenſterſcheiben bebten. Einige Augenblicke darauf trat ſie in die Stube. — Es war eine Frau von etwa 36 Jahren, faſt 6 Fuß groß. Ihr ungeheurer Umfang und Embonpoint, ihre mit einem wahren ſchwarzen Schnauzbarte uͤberſchattete Ober⸗ lippe, ihre dicken Augenbraunen, ihr breites, rothes Geſicht, ihre mannhafte Haltung, ihre rauhe und maͤnnliche Stimme, ihre harte und kecke Phyſiognomie, kurz, ihr ganz maͤnnli⸗ ches Anſehen bildete den ſonderbarſten Contraſt zu la Le⸗ vraſſe's Aeußern. Ich habe nachher bemerkt, wie der Zufall, der dieſem Manne das unbaͤrtige Geſicht und die klare Frauenſtimme, dieſer Frau aber den Schnurrbart und die Stimme eines Mannes verliehen hatte, von Beiden zum Vortheil des Grotesken ihrer Leiſtungen ausgebeutet ward. Unter ſeine verſchiedenen, mehr oder weniger gewagten Handwerke zaͤhlte la Levraſſe auch das eines nomadiſchen Seil⸗ tänzers. Es war dies ſein Lieblingsgeſchaͤft. Gab er es größtentheils den Winter uͤber auf gegen das eines Colpor⸗ teurs und wandernden Hexenmeiſters, ſo geſchah es zuerſt, weil die Vorſtellungen im Freien nur waͤhrend der ſchoͤnen Jahreszeit eintraͤglich und moͤglich ſind, und dann weil das Perſonal der Truppe von la Levraſſe ſich oft desorganiſirte. Wenn ich von den verſchiedenen Handwerken des la Levraſſe ſpreche, muß ich auch das eines Kaufers ab⸗ geſchnittener Haare erwaͤhnen, was uͤbrigens die Fuͤlle der Haar⸗Ausbeuten erklaͤrlich macht, die an der Decke mei⸗ ner Stube hingen. Ja, la Levraſſe gehoͤrte auch unter die Gewerbtreiben⸗ — den, die in der Zeit des Jahres, wo die Kaͤlte am Stärkſten, der Lohn am Seltenſten und Geringſten und die Noth am Un⸗ erträglichſten iſt, in den aͤrmſten Provinzen Frankreichs um⸗ herziehen, und durch ein Anerbieten von 15 bis 20 Sous arme junge Maͤdchen zu verlocken ſuchen, ihnen dafuͤr ihren ſchoͤnen, ſeidenen Haarwuchs, den einzigen Schmuck dieſer Ungluͤcklichen, zu verkaufen. La Levraſſe's Gefaͤhrtin, die rieſige Mutter Major, wie man ſie wegen ihrer Geſtalt und ihrer Aehnlichkeit mit einem Tambourmajor benannt hatte, ſtellte bei oͤffentlichem Auftreten die ſtarke Frau oder die Rieſenfrau dar, die, als wahrer weiblicher Herkules, auf Haͤnden und Fuͤßen ſich im Bogen mit dem Kopfe nach hinten zuruͤcklehnend, drei der robuſteſten Maͤnner unter der angeſehenen Geſell⸗ ſchaft ſich auswaͤhlte, um ihr das Vergnuͤgen zu machen, ihr auf den Leib zu trampeln, was ſie heldenmuͤthig aus⸗ hielt, ohne nur einen Augenblick mit den Huͤften zu zu⸗ cken, worauf ſie dann, zu andern Uebungen uͤbergehend, ſich dazu anerbot, Fechtkuͤnſte mit den erſten Meiſtern un⸗ ter der Garniſon vorzunehmen, ungeheure Laſten mit den Zaͤhnen aufzuheben, u. ſ. w. Als Mutter Major in meine Stube trat, war ſie im Arbeitscoſtuͤm, denn indem ſie Bamboche befahl, als Faß⸗ reif zu kriechen, d. h. ſtehend ſich ſo weit zuruͤckzubeugen, daß der Kopf faſt wieder die Ferſen beruͤhrt, machte ſie eine Uebung mit dem Kinde. Das Coſtuͤm der Rieſin beſtand in einem an zwanzig — Stellen geflickten und verzerrten, ehemals lachsfarbenen Tri⸗ cot. Dieſes Kleidungsſtuck zeichnete ihre herkuliſchen Beine und knorrigen Kniee wie Eichenſtämmme deutlich ab. Eine Art kurzer Tunika, aus dem Reſte eines ſchwaͤrzlichen, fet⸗ tigen Rockes gemacht, guͤrtete ihre Huͤften, waͤhrend ein al⸗ ter, rother, uͤber ihre monſtröſe Bruſt gekreuzter Shawl hinter ihrem Ruͤcken zuſammengeknuͤpft war. Um ihr maͤnn⸗ liches Anſehn zu vollenden, waren ihre ſchwarzen, dichten und maͤhnenſtarken Haare à la Titus abgeſchnitten. So war Mutter Major, als ſie mir zum erſten Male erſchien, eine furchtbare Peitſche mit mehren Riemen in der Hand haltend. „So komm doch, Mutter Major!“ ſagte la Levraſſe zu der Rieſin, „da iſt der kleine Martin, der keine Mama hat, und nach einer verlangt. Nicht wahr, Du wirſt die ſeine werden?“ „Ein wenig,“ antwortete Mutter Major mit ihrer groben Stimme. Und nun ſich mir nähernd, nahm ſie mich untern Arm, wie ein Wickelkind, und ſtellte mich an's Fenſter, um mich bequem zu unterſuchen. „Man muß ihn doch ordentlich ſehen, den kleinen Neuen,“ ſagte ſie. „Komm, mein Sohn! halte die Naſe hoch, daß man Dich betrachten kann! . . . Er iſt recht ar⸗ tig, wenn das einmal zugeſtutzt iſt, wird es gewandt wer⸗ den wie ein Eichhornchen. und die Arme .. und die Beine laßt doch ſehen. . ob das geſchmeidig? . . . Gut, ———— — gut, das wird aus den Knochen gehen . . . aus den Gelen⸗ ken!“ Bei dieſen Worten hatte Mutter Major mir Arme und Beine nach allen Richtungen gedreht, und ſie in allen Richtungen knacken laſſen, was mir einen ſo furchtbaren Schmerz verurſachte, daß ich unter gewaltigem Schreien mich loszumachen ſuchte. „So halt' doch ſtill und Dein Maul! Thuſt Du nicht, als ob ich Dich erwuͤrgte!“ rief die gräßliche Frau. Und dann ihr Examen fortſetzend, ſagte ſie weiter, indem ſie mir an die Nieren griff: „und das kleine Ruͤckenſtuͤckchen!. . . Seht doch! das iſt ja ganz zart, das braucht blos ausgerenkt zu werden. Aber Donner und Wetter! ſo ſchweige doch, oder ich pruͤgle Dich durch.“ „ k Und dabei ſchwang ſie die Peitſche. 6 Ohnerachtet dieſer Drohung und energiſchen Empfeh⸗ lung Seitens der Mutter Major, die in dieſem Augenblicke mir ihr ungeheures Knie mitten auf den Ruͤcken geſetzt hatte und mit einer Hand, indem ſie mich an den Schultern pack⸗ te, ſo gewaltſam ruͤckwaͤrts zog, daß ich glaubte, das Ruͤck⸗ grat muͤſſe mir brechen, ſtieß ich doch ein neues Schmerz⸗ geſchrei aus. „Kleiner Martin, kleiner Martin, wenn wir nicht artig ſind, werden wir boͤſe werden,“ ſagte la Levraſſe zu mir, mich von der Seite anſehend. — 59 — „Gnade! . habt Erbarmen mit mir!“ rief ich wei⸗ nend Mutter Major zu. „Gnade . .. Gnade .. ſie haben nicht anders als das in allen Ritornellen zu ſingen! Man lehrt ſie bei guter Zeit arbeiten, man giebt ihnen gratis eine Stellung, und man ſollte glauben, ſie wuͤrden ausgeweidet!“ rief Mutter Major mit zornigem Unwillen. Dann wendete ſie ſich wie⸗ der an mich. „Hoͤre! Du glaubſt doch wohl nicht, man werde Dich um Gottes Barmherzigkeit willen logiren, fuͤttern und klei⸗ den? Du mußt Dein Brot verdienen .. . und Du ſollſt es auch, alle Donnerwetter! Du ſollſt es verdienen. Du biſt gut gewachſen, Du biſt jung, biſt klein, Du wirſt ſo gut wie ein Andrer, und beſſer als ein Andrer, klettern; „ ehe zwei Monate vergehen, ſtehe ich Dir dafuͤr, daß Du die tuͤrkiſche Promenade und den Kaninchenſprung machen wirſt wie ein Abgott, abgerechnet noch, daß Du auf den Haͤnden gehen ſollſt, Kopf unten und Fuͤße oben, als ob Du Zeitlebens ſo ſeit Deiner Geburt mit dem Stocke in der Hand herumgegangen waͤrſt.“ „Da wirſt Du Deine Schuhe ſchonen, da Du keine Handſchuhe tragſt, kleiner Martin,“ ſetzte ſentenziss la Le⸗ vraſſe hinzu. Ich begriff nicht, was man aus mir machen wollte. So viel ſchien mir nur gewiß, daß man mich nicht umbrin⸗ gen wolle, weil man mir von gewiſſen Uebungen vorredete, denen ich mich zwei Monate hingeben ſollte. Ich ward alſo etwas ruhiger. Uebrigens flößte mir Mutter Major, trotz ihrer groben Stimme, ihres Schnurrbarts, ihres ungeheuern umfangs, ihrer Derbheit und Peitſche, vielleicht noch weni⸗ ger Schrecken ein, als der Taſchenſpieler, und glucklicher Weiſe ſollte dieſe meine Erziehung uͤbernehmen. „Komm, mein Sohn,“ ſagte Mutter Major, „kuͤſſe Mama die Hand; ſei artig, morgen bekommſt Du die erſte Lection, heut beurlaube ich Dich, damit Du Zeit haſt, mit Bamboche Bekanntſchaft zu machen, einem Burſchen von Deinem Alter. In einigen Tagen ſollt Ihr ein Frauen⸗ zimmer bekommen. Ja, Ihr Spitzbuben, ein kleines Mäd⸗ chen von Eurem Alter: dann ſollt Ihr erſt merkwuͤrdige Sachen machen .. Ihr Brut!“ Darauf gab Mutter Major mir ein Zeichen, ihr zu folgen, blieb vor einer gewoͤlbten Treppe ſtehen, die ohn⸗ ſtreitig in den Keller fuhrte und rief: „Bamboche! komm herauf! . .. ich laß Dir Gnade widerfahren und Du kannſt mit dem neuen Kleinen zuſammen ſein . . Ihr könnt Euch heute im Hofe amuͤſiren . aber morgen kriechen und klettern wir wieder tuͤchtig. — Nun, wirſt Du herauf kommen, Bamboche?“ Das Kind kam nicht herauf. „Nun, ſo bleibe im Kuͤhlen, wenn's Dir Spaß macht! . und Du, kleiner Martin, Du wirſt allein ſpielen ... aber traue Bamboche nicht, . er iſt boshaft und tuckiſch wie ein Teufel . . . Aber ſieh doch, ich vergaß ganz . um Dir Luſt zu machen, muß ich Dir die ſchönen Kleider zei⸗ — 65 — gen, die Du erhalten wirſt, wenn Du gut arbeiteſt. Komm mit. Und nun fuͤhrte Mutter Major mich in ein Gemach, in welchem ein ungeheures Felleiſen ſich befand, das ſie oͤff⸗ nete und aus dem ſie eine alte tuͤrkiſche Jacke von abgetra⸗ genem rothem Sammt, mit verblichenen Stickereien zog. „Zieh' das an, kleiner Martin. Gut! Sieh nur, wie ſchoͤn Du ausſiehſt!“ Die Jacke, welche dreimal zu lang fuͤr meinen Wuchs war, machte an mir einen Oberrock aus. Trotz meiner Angſt mußte ich aber geſtehen, daß mir dieſes Kleidungs⸗ ſtuͤck hoͤchſt koſtbar und blendend vorkam, und daß ohnerach⸗ tet alles Schreckens, doch die Hoffnung, dereinſt einen ſo prachtvollen Anzug zu haben, mir eine gewiſſe Beruhigung verurſachte. „Wenn Du nun noch dazu ein Tricot von Fleiſchfarbe wirſt haben, Unterkleider mit Flittern und gruͤne Stiefelchen mit Katzenfell beſetzt, ſo wirſt Du wie ein wahrer Cherubim ausſehen,“ ſetzte Mutter Major hinzu. „Jetzt kannſt Du, wenn Du willſt, Bamboche in ſeinem Keller aufſuchen, oder im Hofe ſpielen . . . Ich rufe Dich dann, um die Nudeln zu knabbern.“ Mutter Major ging wieder zu Levraſſe. Ich blieb allein in einem ziemlich großen Hofe, der mit hohen verfal⸗ lenen Mauern umgeben, aber durch eine tuͤchtige Thuͤr ver⸗ ſchloſſen war. Auf dieſen Hof gingen die Fenſter des ziem⸗ lich ſchlecht ausſehenden Hauſes. Unter einem Schuppen — 6 ſtand ein großer, langer Wagen, der ohnſtreitig bei den Wanderungen la Levraſſe's und ſeiner Truppe, wenn ſie vollſtändig war, Dienſte leiſtete. Die Höhe der Mauer hinderte mich zu ſehen, ob dieſes Haus zu einem Flecken, einem Dorfe oder andern Wohnungen gehoͤre. Meinen Betrachtungen hingegeben, dachte ich nur an das Kind, von dem Mutter Major eben mit mir geſprochen und deſſen Geſchrei ich gehört hatte. So peinlich auch meine neue Exiſtenz ſein ſollte, konnte ſie doch nicht haͤrter, nicht elender, als meine vorige ſein, und theilte ich ſie denn nun nicht mit einem Knaben meines Alters? Bei dieſem bloßen Gedanken ſchon, einen Gefaͤhrten, einen Freund zu finden, ſchien mir ſelbſt die haͤrteſte Lage erträglich. Ich war bis dahin in meinen Zuneigungsverſuchen ſo ungluͤcklich geweſen, daß Bamboche's Begegnung unter den umſtänden, wo ſie ſich mir darſtellte, doppelten Werth in meinen Augen gewann. Mein bis dahin ſo ſchmerzlich un⸗ terdruͤcktes Herz erweiterte ſich. Auf meine Angſt folgten unbeſtimmte Hoffnungen. Ich vergaß in dieſem Augen⸗ plicke den Schrecken, in welchen mich die Erwartung dieſer myſteriöſen Uebungen verſetzt hatte, zu denen auch ich verur⸗ cheilt war, und die in voriger Nacht Bamboche ſo durch⸗ dringendes Geſchrei entriſſen hatten. Ich dachte nur daran, dieſes ungluckliche Kind zu finden. Es itt, es war beſtraft; ſo glaubte ich denn ein Zeichen von Vertraulichkeit dadurch N — 63 — zu geben, indem ich zu ihm ging und mir ſeine Liebe ſo zu erwerben. Mutter Major hatte mir die Thuͤr des Kellers gezeigt, wo er eingeſchloſſen. Ich eilte dahin. Die gewölbte Treppe ging in den Hof. Ich ſtieg einige noch mit Schnee bedeckte Stufen hinab und kam in eine Art von Vorplatz, wo die eigentliche Kellerthuͤr ſich be⸗ fand. Als meine Augen mit dem Dunkel, das nur ſchwach ein heller Lichtſtrahl durch eine enge Luke erleuchtete, ver⸗ traut waren, konnte ich Bamboche erkennen, welcher in einem Winkel des Kellers kauerte. Er hatte die Ellnbogen auf die Kniee geſtuͤtzt und ſein Kinn ruhte in beiden hohlen Haͤnden. Ich ward Anfangs durch den wilden Glanz der großen grauen Augen dieſes Knaben betroffen. Sie ſchienen mir um ſo ungeheurer, je magrer ſein bleiches Geſicht war. Er ſchien 12 bis 13 Jahre alt zu ſein. Sein Wuchs war viel größer als der meine; ſeine hohlen Wangen ließen ſehr her⸗ vortretende Backenknochen bemerken. Sein Mund mit faſt unmerklichen, an den Seiten herab ſich ſenkenden Lippen gab ihm ein hoͤhniſches, boshaftes Anſehn. Seine ſchwarzen, ſtarren, wie eine Buͤrſte geſchnittenen Haare, gingen ſehr tief in's Geſicht, ſo daß, nachdem ſie es oben eingeſchloſ⸗ ſen, ſie wieder ſpitz nach den Schlaͤfen zu aufſtiegen, ſo daß ſie dieſe ganz frei ließen. Die ſchwarze Wurzel dieſes Haa⸗ res zeichnete ſich ſo ſonderbar auf der matten Bläſſe ſeiner Stirne ab, daß er im Dunkeln zwei weiße Hörner zu haben ſchien. Bamboche trug eine ſchlechte, durchloͤcherte Blouſe. ſeine nackten Fuße ruhten auf der feuchten Erde des Kellers. Als er mich ſah, blieb er ſtumm und warf mir nur einen verwunderten, wilden Blick zu. „Es muß Dich ſehr frieren und Du mußt viel Lange⸗ weile in dieſem Keller haben,“ ſagte ich ſanft zu ihm, als ich mich ihm näherte: „willſt Du mit hinauf kommen?“ „Laß mich ungeſchoren, ich kenne Dich nicht,“ ant⸗ wortete er grob. „Ich kenne Dich auch nicht, aber ich ſoll wie Du bei la Levraſſe bleiben. Dieſe Nacht, als Du geſchlagen wurdeſt, habe ich Dich ſchreien hoͤren . das hat mir ſehr wehe gethan.“ Bamboche fing an zu lachen und antwortete: „Iſt er nicht weich wie Speck, dieſer kleine Wetter⸗ burſche! . . es thut ihm weh, wenn man Andre ſchlaͤgt!“ So ſprach dieſer Knabe von 12 Jahren .. ſo war er waͤhrend unſerer Unterredung, deren Schwuͤre und Fluͤche, die jede Phraſe begleiteten, ich hier nicht wiederhole. ueber Bamboche's Antwort eben ſo erſtaunt als be⸗ truͤbt, begann ich wieder ſanft: „Es machte mir Kummer, als ich hoͤrte, wie Du ge⸗ ſchlagen wurdeſt: wenn man mich ſchluge .. wuͤrde das Dir nicht auch leid thun?“ 1 — „Das wuͤrde mir Spaß machen . da wär⸗ ich doch nicht allein geſchlagen!“ „Warum wuͤnſcheſt Du mir Boöͤſes? Ich habe Dir ja nichts zu Leide gethan.“ „Das iſt mir einerlei.“ „Du biſt alſo ein böſer Menſch?“ „Geh zum Henker!“ „Ich bitte Dich. hoͤre mich „ „Nun ſo warte! Da Durs ſo willſt , dal haſt Du es!“ Und damit ſprang Bamboche, von dem ich mir gar nichts Uebles verſah, mit der Gewandtheit einer Katze auf mich los. Staͤrker als ich, warf er mich nieder, nahm mich mit der einen Hand hei der Gurgel, ohnſtreitig, um mein Geſchrei zu erſticken, und ſchlug mich mit der andern auf Geſicht, Bruſt und wohin er nur konnte. Anfangs war ich durch dieſen unerwarteten Anfall be⸗ ſturzt und verſuchte es nicht, mich zu vertheidigen; nicht lange aber, ſo machte ich mich, von Schmerz und Zorn, den mir eine ſo boshafte Handlung einflößte, gereizt, aus Bam⸗ boche's Haͤnden los, rang mit ihm, gab ihm Schlag um Schlag wieder und gelangte ſelbſt dahin, meinen Gegner zu Boden zu werfen. Als ich ihn ſo ohnerachtet aller ſeiner Anſtrengungen unbeweglich unter meinem Knie hatte, wollte ich meinen Sieg nicht mißbrauchen, ſondern ſagte, von der wilden Art, mein freundſchaftliches Entgegenkom⸗ men aufzunehmen, mehr betruͤbt als erbittert, zu ihm: Martin. 1I. 5 —— — Warum prügeln wir uns denn? Iſt's nicht beſſer, wenn wir Freunde werden?“ und nun gab ich den Vortheil meiner Lage auf und ließ Bamboche die Freiheit ſeiner Bewegungen. Er benutzte ſie ſogleich, ſturzte wieder mit ſteigender Wuth auf mich und biß mich ſo gewaltig in die Backen, daß mir das Blut am Geſicht herunter lief. Beim Anblick des Blutes verwandelte ſich Bamboche's Zorn in Raſerei. Seine Augen gluͤhten vor Wuth. Er ſchlug mich nicht mehr, aber er legte ſich uͤber mich hin und zerriß meinen Kittel, um mich in die Bruſt zu beißen. Ich glaubte, er wurde mich umbringen . Ich lei⸗ ſtete keinen Widerſtand mehr. Weder Furcht noch Feigheit hemmten meine Krafte. Es war eine tiefe Verzweiflung, durch die unverſchuldete Bosheit dieſes Knaben meines Al⸗ ters, fur den ich eine plotzliche Zuneigung gefaßt hatte, ver⸗ urſacht. Ich leiſtete keinen Widerſtand mehr. Mein morali⸗ ſcher Schmetz war ſo tief, daß ich kaum die ſcharfen Biſſe von Bamboche fuhlte. Ich beklagte mich nicht, ich weinte im Stillen. Heftige, rachſuͤchtige Charaktere regen ſich ſtets im Kampfe noch mehr auf. Dieſe Aufregung macht ſie be⸗ rauſcht. Wenn ſie nicht vorhanden, ſo werden ſie oft beim Mangel an Widerſtand wieder beruhigt. So war es auch mit meinem Gegner. Er ſtand auf, die Lippen mit meinem Blute getraͤnkt, und hielt mich fuͤr ohnmaͤchtig. — — Die Luke im Keller gab Licht genug, ſo daß Bam⸗ boche meine Zuͤge deutlich erkennen konnte, als er mich von Neuem unter ſich gebracht hatte. Ich ſah ihn ſtarr und ohne Zorn an. .. Er hat mir nachher geſagt, daß das, was ihn am Meiſten betroffen habe, der Ausdruck ſanfter und trauriger Ergebung geweſen ſei, der auf meinem Geſichte ſich gezeigt. Er fand dort weder Haß, noch Zorn, noch Furcht, aber einen tiefen Kummer. „Du haſt die Augen offen .. Du wehrſt Dich nicht! und Du weinſt! .. . rief er aus. „ Warte . Du Fuchs!“ Und damit ſchlug er mich wieder. „Bring' mich um . ich bin Dir deßhalb nicht boͤs.“ „Du warſt mir nicht boͤs?“ „Nein . . . und doch haͤtten wir, wenn Du gewollt, wie zwei Bruͤder leben können!“ „Iſt der Burſche denn verruͤckt? Dieſer Kleine da!“ rief Bamboche, durch meine Ergebung, die wider ſeinen Willen einen Eindruck auf ihn machte, außer Faſſung ge⸗ bracht „Je mehr man ihm Leids zufugt, deſto ſanfter ſpricht er!“ „Ich werde ſanft, weil ich Dich beklage.“ „Mich beklagen . .. Du, den ich ſo durchgepruͤgelt und gebiſſen!.. Du biſt ja doch zu beklagen!“ „Du auch, daß Du meine Freundſchaft ausſchlaͤgſt.“ „Höre einmal!“ ſagte plötzlich Bamboche, der uͤber 5* meine Ergebung immer mehr erſtaunte, „geh! Du biſt ja wie meine Huͤndin Mica!“ „Und dieſe Huͤndin?“ „Hatte ich gefunden und nahm ſie mit zur Nahrung auf meine Ration . um Jemand zu haben, den ich wie⸗ der ſchlagen konnte, wenn man mich geſchlagen hatte. Aber ich mochte ihr Leids zufuͤgen, ſo viel ich immer wollte, ſie raͤchte ſich nie. . . Wenn ich ihr ſo recht weh gethan hatte wagte ſie es nicht einmal zu ſchreien . . ſie klapperte nur mit den Zaͤhnen vor Schmerz . . . und dann nachher... da kam ſie und leckte mir die Haͤnde und legte ſich mir zu Fuͤßen.“ „Und endlich? . .“ ſagte ich, von dieſen Worten ge⸗ ruͤhrt, „und endlich. . . haſt Du es geliebt, das arme Thier?“ „Endlich, als ich ſah, daß nichts mit ihm anzufangen war, habe ich ſie in's Waſſer geſchmiſſen mit einem Stein am Halſe.“ „Das war immer beſſer, als ſie quälen.“ „Und ich bin wohl auch noch mehr zu beklagen als ſie; nicht wahr?“ fragte mich Bamboche mit hohniſchem Laͤcheln. „Du biſt mehr zu beklagen als ſie . . . denn Du haſt ſie umgebracht das iſt Alles, und jetzt biſt Du allein⸗ ſtatt daß Du ein armes, treues und ergebenes Thier immer Dir zur Seite hatteſt, das Dir uͤberallhin folgte und das Dich vielleicht vertheidigt haͤtte.“ „Und das ich geſchlagen hätte wie Lehm.“ — — „Du hatteſt ſie geſchlagen, wie Du gewollt, aber ſie waͤre doch wieder gekommen und hätte Dir die Haͤnde ge⸗ leckt und ſich Dir zu Fuͤßen gelegt.“ „Die feige Memme die, ſie haͤtte es gemacht wie Du.“ „Siehſt Du, wie Du mich gebiſſen haſt . ſiehſt Du, wie ich blute! Habe ich geſchrieen? Habe ich mich beklagt? Eine Memme iſt der, welcher ſchreit und klagt.“ Bamboche war durch dieſe Antwort geruͤhrt, aber er ſuchte mir ſeine Bewegung zu verbergen. „Warum haſt Du Dich nicht das zweite Mal gewehrt wie zu Anfange?“ fragte er. „Ob Du gleich kleiner biſt als ich, biſt Du doch ſo ſtark wie ich . . . das habe ich wohl gefuͤhlt.“ „Weil ich das erſte Mal zornig war . . das zweite Mal aber war ich traurig, weil Du immer mir ein Leid zufuͤgen wollteſt.“ Bamboche's Zuͤge ſpannten ſich ab. Auf eine blinde Bosheit folgte bei ihm, wenn auch nicht Sympathie, doch wenigſtens eine lebhafte Neugier. Er ſagte mir ungeduldig, als ſuche er gegen die beſſern in ihm erwachenden Gefuͤhle anzukämpfen: „Da Du mich nicht kannteſt. . . warum wollteſt Du denn Freund mit mir ſein?“ „Das habe ich Dir ſchon geſagt, weil ich Dich dieſe Nacht hatte ſchreien hören, weil Du gleichen Alters mit — mir warſt, weil Du ungluͤcklich warſt wie ich . . . und viel⸗ leicht auch wie ich . . . ohne Vater und Mutter.“ Bei dieſen Worten verfinſterte ſich das Geſicht meines Gefaͤhrten und ward betruͤbt. Er ließ den Kopf ſinken und ſtieß einen tiefen Seufzer aus. günftes Rapitel. Der reiſende Holzhacker. Bamboche fuhr in ſeinem Schweigen fort und ich wiederholte meine Frage: „Du haſt vielleicht ſo wie ich weder Vater noch Mutter?“ „Ich habe meine Mutter nicht gekannt,“ antwortete er barſch, aber in einem minder hoͤhniſchen und bittern Tone als zuvor. „Und Dein Vater?“ „War ein reiſender Holzhacker.“ „Ein reiſender Holzhacker?“ „Ja, er reiſ'te und hielt an, wenn er an Orte kam, wo man Holz ſchlug. Dann errichteten wir uns eine Huͤtte im Walde, aus Erde und Reisbuͤndeln, und blieben waͤhrend der Zeit des Holzſchlags darin.“ „Du arbeiteteſt alſo ſchon mit Deinem Vater?“ — „Ich half ihm ſo gut ich konnte, ich legte das Holz das er gehauen.“ „Und wo iſt Dein Vater jetzt?“ „Im Walde,“ antwortete mir Bamboche mit finſterm Laͤcheln. „Im Walde?“ „Ja. Eines Tages hat er ſich faſt das Bein mit einem gewaltigen Axthiebe abgehauen. Da iſt er zu Boden geſtuͤrzt. . . das Blut floß aus der Wunde wie aus einem Roͤhrchen und ſprang zehn Fuß weit.“ „Oh, mein Gott!“ „Ich hatte Angſt, ich weinte, ich ſchrie,“ ſagte Bam⸗ boche mit geruͤhrtem Tone, „ich rief aus allen Kräften nach Hilfe.“ „Ach! das glaube ich wohl.“ „Mein Vater druͤckte das Bein mit beiden Händen zuſammen, um den Blutſtrom zu hemmen, aber das Blut floß ihm doch zwiſchen den Fingern durch und da ſagte er zu mir: Kleiner, reiße Moos aus und bringe mir's geſchwind, geſchwind! . . . Ich riß aus ſo viel ich nur konnte und brachte es meinem Vater, der es feſt auf ſeine Wunde druͤckte . . . aber das Moos ward faſt auf der Stelle roth.“ „Das Blut war nicht zu ſtillen?“ „Nein, „da ſagte mein Vater zu mir: Kleiner, hole Erde feuchte Erde die wird vielleicht das Blut beſſer zuruckhalten als das Moos.“ 3 „Nun?“ „Die Erde wurde eben ſo geſchwind roth als das Moos, und dann fing die Stimme meines Vaters an ſchwaͤcher zu werden.“ „War denn nirgends Hilfe zu finden?“ „Hilfe? . .. und dabei zuckte Bamboche die Achſeln. „Mein Vater ſagte: Kleiner, lauf auf den großen Kreuz⸗ weg, den man gerodet hat, da wirſt Du einen Arbeiter fin⸗ den, der mit dem Pfluge umſturzt, ich habe ihn noch dieſen Morgen geſehen; bitte ihn mir zu Hilfe zu kommen. .. Ich lief. .. Mein Vater, ſagte ich zu dem Arbeiter, hat ſich eben des halbe Bein abgehauen und bittet um Hilfe . iſt das Dorf noch weit von hier? .. Ach Du mein Gott, mein Kleiner, giebts denn Chirurgen in den Doͤrfern?. man iſt zu arm dazu, das iſt wohl fuͤr große Flecken gut. und der nächſte iſt vier Stunden von hier. . .. Aber ſo kommt doch Ihr wenigſtens und helft meinem Va⸗ ter! Ich verſtehe nichts von Bleſſuren . und bin kein Hirte . ich . antwortete der Arbeiter; und dann kann ich nicht von meinen Pferden gehen, ſie wuͤrden ein⸗ ander beißen, Alles zerbrechen und mein Herr wuͤrde mich fortjagen... Endlich bat ich aber doch den Arbeiter ſo dringend, daß er mit mir ging; er war aber kaum zehn Schritte mit mir gegangen, als ſeine Pferde anfingen ſich zu beißen und zu ſchlagen. . . Da ſiehſt Du, ſagte er, daß ich nicht mit Dir gehen kann. Und darauf lief er zu Etn Pferden, ich aber kehrte zu meinem Vater zuruͤck.“ — — „Welches Ungluͤck!“ „Als ich zu ihm kam, lag er noch immer an derſelben Stelle, zuſammen gebogen und mit beiden Haͤnden ſein Bein haltend, mitten in einem Strome von Blut. Als er mich ſah, richtete er ſich auf. Schweiß ſtand ihm auf der Stirn, ſein Geſicht war todtenbleich, die Lippen blau.“ „Es giebt keine Hilfe als im Flecken, und der iſt vier Stunden von hier, ſagte ich zu ihm. Der Arbeiter kam ſchon, aber da ſchlugen ſich ſeine Pferde und er mußte wie⸗ der zu ihnen. Was nun thun, Vater? was anfangen? . Was ich jetzt thue, Kleiner, all mein Blut verlieren, ant⸗ wortete er mit einer Stimme, die ſo leis, ſo leis war, daß ich ſie kaum verſtehen konnte.. .. Chirurg. . Hilfe. . das iſt gut fuͤr die Leute in den Staͤdten:. . . fuͤr uns Andern . . da ſieh, Kleiner .. . das ſind die, die uns zu Hilfe kommen, wenn wir ſterben. Und damit zeigte er auf einen Flug Raben, die uͤber uns aus dem Walde flogen. Dann ſtrengte er ſich an, um ſich auf ſeinem Sitze aufzurich⸗ ten und nahm die Haͤnde von dem Beine weg. Ach! ſie wa⸗ ren ganz roth! Er ſtreckte die Arme nach mir aus und ſagte: Umarme mich, armer Kleiner! Du arbeiteteſt jetzt ſchon uͤber Deine Kraͤfte.. .. Was ſoll aus Dir werden, o mein Gott! . . . was ſoll aus Dir werden? Und dann wollte er mir noch etwas ſagen, aber das Schlucken überkam ihn . . . er ſank auf den Ruͤcken zurück und war todt.“ ℳ — ——— — — — Bei dieſen letzten Worten druͤckte Bamboche beide Haͤnde vor die Augen und weinte. Ich weinte wie er. Er flößte mir ein tiefes Mitleid ein. Ich fand ihn weit beklagenswerther als mich. Er hatte ſeinen Vater ſterben ſehen, ohne ihm die kleinſte Hilfe leiſten zu koͤnnen. „Nun, und was iſt dann aus Dir geworden?“ fragte ich Bamboche nach einem Augenblicke des Schweigens. „Ich bin bei dem Leichname meines Vaters geblieben und habe geweint, und dann iſt die Nacht gekommen; da bin ich vor Ermuͤdung eingeſchlafen. Als der Tag anbrach, fror mich ſehr. Der Koͤrper meines Vaters war ſchon ganz ſteif in ſeiner weißen, mit Blut befleckten Blouſe. Ich ging wieder auf den Kreuzweg im Walde, um den Arbeiter von geſtern dort zu treffen und ihm zu ſagen, daß mein Vater todt ſei, und man ihn begraben moͤchte. Der Arbei⸗ ter war nicht da: nur ſein Pflug ſtand dort. Da er nicht kam, ging ich in unſre Huͤtte zuruck, weit weg vom Kreuz⸗ wege. Ich nahm ein Stuͤck Brot, denn ich hatte Hunger, und ging wieder zum Leichname meines Vaters. Die Ra⸗ ben hatten ſich ſchon auf ihn und zerhackten ſein Geſicht.“ „Ach Du mein Gott!“ rief ich ſchaudernd. „Ich verjagte ſie mit einer langen Stange, aber ſie flogen nicht weit und blieben immer um die Stelle, flogen uͤber dem Koͤrper ſich durchkreuzend und ſetzten ſich ganz nahe auf die Aeſte. Als ich dies ſah, nahm ich die Axt — — meines Vaters, die ich kaum bewältigen konnte. Mit ihr fing ich an ein Loch zu graben, um den Leichnam zu beer⸗ digen. Ich vermochte es aber nicht, es war Alles voll Steine und Wurzeln. Ich ging nun weiter hin, wo der Boden weniger hart. Aber ich hatte nicht Kraft genug, ich kam nicht vorwaͤrts, und waͤhrend ich an der Arbeit war, fingen die Raben, als ſie mich entfernt ſahen, wieder an, ſich auf meinen Vater herabzulaſſen und ihn zu behacken. So kam die Nacht. Da ſchleppte ich zwei Reisbuͤndel längs jeder Seite des Leichnams und andre wieder quer uͤber, und befeſtigte ſie noch mit den ſtaͤrkſten Baumzweigen, die ich herbeiſchaffen konnte. Endlich legte ich noch Steine daruͤber, und dann nahm ich die Muͤtze und den Schnapp⸗ ſack meines Vaters, ſo wie auch ſein Meſſer. Die Apt war zu ſchwer, ſeine Holzſchuhe zu groß, ich ließ ſie alſo liegen. Dann ging ich wieder in unſte Huͤtte, um das Brot, das wir noch beſaßen, mitzunehmen, und wanderte dann fort und immer fort, bis ich auf eine Straße kam.“ „Und als Du Jemand begegneteſt, ſagteſt Du ihm da nicht, daß Dein Vater geſtorben ſei und man ihn beer⸗ digen muͤſſe, damit er nicht von den Raben verzehrt werde?“ Bamboche brach in ein wildes Gelächter aus und rief: „Man bekummerte ſich ſehr wenig darum, daß mein Vater, der wie ein Thier ohne Beiſtand im Walde krepirt, von den Raben gefreſſen werde man thut einander nicht eben etwas zu Liebe, und wie mir der Kruͤppel ohne — ——— — Beine ſagte, ein Bettelmann, mit dem ich betteln ging, ſo ſind's nur die Wolfe, die nicht gefreſſen werden. Man muß ein junges Woͤlfchen ſein, mein Burſche, bis man ein tuͤchtiger Wolf wird.“ „Und Dein Vater hatte Dich wohl recht lieb?“ fragte ich Bamboche, in der Hoffnuns, i ihn zu fanftern Ideen zu⸗ ruckzufuͤhren. „Ja,“ antwortete er und ward wieder traurig, ſtatt ſich hoͤhniſch zu zeigen: „ja .. er hätte mich nicht geſchla⸗ gen. er ließ mich im Walde nur arbeiten ſo viel es meine Kraͤfte erlaubten, die nicht weit her waren, denn ich war erſt 8 Jahr alt. Regnete es, ſo breitete er ſein Schurzfell uͤber meinen Ruͤcken oder machte mir mit Rei⸗ ſigbuͤndeln ein Obdach. Wenn des Sonnabends das Brot bei uns knapp wurde, ſo hatte er nie Hunger. Sonntags, wenn es ſchoͤn war, ſuchte er Neſter fuͤr mich im Walde auf, oder wir jagten Eichhoͤrnchen. Regnete es, ſo blieben wir in unſrer Huͤtte, und er ſchnitt mir mit ſeinem Meſſer zu meiner Unterhaltung kleine Waͤgelchen. Ein andres Mal ſang er mir auch Lieder. Wenn ich an die Zeit denke .. . ſiehſt Du. . . ſo thut mir's weh.“ „Weil Du die Zeit beklagſt wo Dich Jemand liebte,“ rief ich tief geruͤhrt. „Da ſiehſt Du wohl, daß es gut iſt, geliebt zu werden . . . in Ermangelung eines Vaters . . eines Bruders . . . laß mich dieſer Bruder ſein.“ Bamboche ſe ſchwieg. Ich wagte es ſeine Hand zu er⸗ greißt Er zog ſie zuerſt nicht zuruͤck, dann aber machte er 7 * eine raſche Bewegung, um ſich von mir zu entfernen und ſagte zu mir: „Ach! ... Das ſind Albernheiten .. Die Woͤlfe haben keine Freunde: ich will ein Wolf werden wie es der Kruͤppel geſagt hat.“ Da ich dieſes Mal nicht länger darauf zu beharren wagte, aus Furcht, Bamboche von Neuem aufzuregen, be⸗ gann ich wieder: „Und als Du auf die Landſtraße nach dem Tode Deines Vaters kamſt was wurde da aus Dir?“ „Als mein Brot, das ich im Schnappſacke hatte, auf⸗ gezehrt war, bin ich in ein ſchönes Haus am Wege gegan⸗ gen, um mir wieder welches zu erbitten, indem ich ſagte, daß mein Vater im Walde geſtorben ſei. Da ſagte ein dicker Herr, der ein Tuch auf dem Kopfe hatte und unter einer Laube mit vielen Roſen fruͤhſtuͤckte, mit harter Stimme zu mir: . . Ich gebe nie Allmoſen an Landſtrei⸗ cher: geh' und arheite, Faulpelz! . . . Mein Vater iſt todt, und ich habe keine Arbeit. . .. Bin ich etwa ver⸗ pflichtet, Dir welche zu verſchaffen? . Arbeit, ich? Geh! Deine Lumpen ſtinken, daß einem uͤbel wird. Mein guter Herr. . Hierher, Caſtor! ſagte der dicke Mann, einen großen Hund rufend, der auch aus dem Hintergrunde des Gartens herbeiſprang: ... Beiß! . .. Beiß! beiß ihn! . . Zuvörderſt lief ich davon und dann kam ich wieder und verbarg mich unter einer Hecke nicht weit von — dem ſchoͤnen Hauſe. Da habe ich Steine aufgehoben und zwei Fenſter eingeworfen. . . . An den Kopf hätte ich ſie ihm werfen ſollen . . . dieſem Schurken, der, ſtatt mir ein Stuͤck Brot zu geben, mich von ſeinem Hunde beißen laſſen wollte,“ ſagte Bamboche, der noch einen gehaͤſſigen Zorn empfand. „Oh! ich werde das nie vergeſſen! . . . Es iſt gut es iſt gut!“ ſetzte er mit verbißnem Grimme hinzu. „Was haͤtte es ihm denn geſchadet, dieſem Herrn, Dir ein Paar Biſſen Brot zu geben? Er war alſo wohl ein ſehr boͤſer Menſch?“ „Die Reichen . . . ſind alle Schurken: ſie geben nur was man ihnen nimmt;“ ſagte Napeboden, „und er hatte Recht,“ verſetzt Bamboche. „Wie haſt Du es denn da angefangen, wenn Du kein Brot mehr hatteſt und man Dir auch keins gab?“ „Es war Herbſt, es hingen Aepfel an den Baͤumen, und ich habe deren heruntergeſchlagen und gegeſſen, ſo lange ich konnte.“ „Und der alte Bettler von dem Du ſprachſt?“ „Eines Tags ſchlief ich in einer Schlucht an einer Hecke nicht weit von der Straße, da hoͤrte ich Laͤrmen; ich ſprang auf und ſah durch die Hecke. Es war ein Kruͤppel ohne Beine. Er ging auf den Haͤnden, die er in Holzſchuhe als waren's Handſchuhe geſteckt hatte. Er ſetzt ſich als er mir naͤher gekommen, ſtreift die Halfter ab, die ihm die Beine um den Hals befoſtigt hatten, ſtreckt ſie aus, ſetzt ſich drauf und faͤngt an zu ſtrampeln, zu ſpringen und zu tanzen, um — ſich wieder gelenk zu machen. Er war eben ſo wenig ein ſolcher Kruͤppel als ich.“ „Warum that er denn aber als ob er's waͤre?“ „Um die Leute anzufuͤhren und Almoſen zu bekommen. Als er ſo an der Hecke hingegangen war, hatte er mich ge⸗ ſehen. Da wurde er zornig, daß ich ihn ertappt, drohte mir mit einem ſeiner Holzſchuhe in der Hand durch die Hecke und rief mir zu: Wenn Du Dir es einfallen läſſeſt zu fa⸗ gen, daß Du mich geſehen haſt, und daß ich kein Kruͤppel bin, ſo finde ich Dich und ſchlage Dir den Kopf mit mei⸗ nen Holzſchuhen ein. . . . Ich furchtete mich und weinte, denn damals war ich weichherzig wie Du. Ich weinte „ Wem ſollte ich ſagen, daß Ihr kein Kruͤppel waͤrt? antwor⸗ tete ich dem Manne. .. . Deinen Aeltern, wenn Du von hier biſt. — Ich bin nicht von hier und habe keine Aeltern. Wie lebſt Du?“ „Sieh doch,“ unterbrach ich Bamboche, „das iſt ohnge⸗ faͤhr eben ſo wie ich la Levraſſe begegnete.“ „Da haſt Du einen guten Fund gethan, damals!“ entgegnete Bamboche und fuhr fort: „Wie lebſt Du? fragte mich der Bettler. Ich ſchlafe im freien Felde und eſſe Aepfel und Trauben, wenn ich welche finde. .. Willſt Du mit mir betteln gehen? Ich habe es ſatt Kruͤppel zu ſein, das macht mir Kraͤmpfe in den Beinen und Huͤhner⸗ augen an den Händen. Zur Veraͤnderung will ich ein Blinder werden, Du ſollſt mein Sohn ſein und mich fuͤh⸗ ren, wir werden viel einnehmen und Du wirſt gut einſchla⸗ —— * untergeduckt zu werden.“ gen. . . . Da willigte ich denn ein mit dem Kruppel zu gehen, wir warteten bis zur Nacht und wanderten dann weiter, um aus der Gegend zu kommen, wo er als Kruͤppel gegolten hatte. Am folgenden Tage fingen wir an zu bet⸗ teln, er als Blinder und ich als ſein Sohn.“ „Und er war garſtig gegen Dich?“ „Wenn keine Almoſen eingingen, ſagte er, ich ſei daran Schuld und pruͤgelte mich an ſolchen Abenden furchtbar.“ „Und Du verließeſt einen ſo boͤſen Herrn nicht?“ „Ich haßte ihn, aber ich verließ ihn nicht. Wo ſollte ich denn hingehen? Bei ihm war ich doch wenigſtens ziem⸗ lich ſicher, zu eſſen zu haben, und dann 5 er mich auch Dinge. .. Dinge „Was denn?“ „Er lehrte mich wie man es muß, um nicht Ich ſah Bamboche an, da ich ihn nicht begriff. „Iſt der dumm, der Kleine da!“ ſagte er mich mit Verachtung anſehend. Dann ſetzte er wie aus Herablaſſung fur meine Nai⸗ vetät hinzu: „Der Kruͤppel lehrte mich, daß nur die Wölfe nicht gefteſſen werden, und daß man ein Wolf ſein muß; daß wenn ein Staͤrkerer als Du biſt, Dir Schaden zugefugt, Du Dich dafuͤr an einem Schwächern raͤchen mußt; daß ſich Niemand um Dich bekuͤmmert, Du Dich alſo auch um Niemand zu bekummern haſt; daß man Alles thun kann, Martin. IIM. 6 wenn man ſich nur nicht dabei fangen laͤßt; daß die Albernen nur arbeiten und dafuͤr mit Hungerleiden be⸗ lohnt ſind.“ „Dein Vater glaubte das nicht . .. ſagte Dir das nicht! nicht wahr?“ „Mein Vater arbeitete wie ein Pferd und ſtarb, weil er keine Hilfe erhalten konnte, halb von den Raben gefreſ⸗ ſen. Ich verlangte nur ein Stuͤck Brot und Arbeit . und man jagte mich mit Hunden fort, antwortete mir mit einem Ausbruche bittern Gelächters. Der Kruͤppel that weiter nichts als ſpazieren gehen und alle Welt betruͤgen, und es fehlte ihm an nichts. .. Wir hielten manchmal famoſe Abendeſſen mit dem Almoſen des Tages uͤber. Du ſiehſt, der Kruͤppel hatte Recht.“ Da ich nun meinerſeits ſehr verlegen war, Bamboche zu antworten, ſo ſchwieg ich. Er fuhr darauf fort als gefalle er ſich in ſeinen Erin⸗ nerungen: „Und dann erzählte er mir von Frauen!“ ſagte Bam⸗ boche, deſſen Augen von vorzeitiger Gluth funkelten. „Von Frauen?“ fragte ich mit naiver Neugier. „Nun ja, von ſeinen Maitreſſen, die er ſchlug und die ihm Geld gaben.“ Das begriff ich nicht, und aus Furcht, mir einen Spott Seiten meines Gefährten zuzuziehen, ſagte ich zu ihm: „Und endlich haſt Du ihn verlaſſen . den Bettler?“ „Man hat uns alle Beide feſtgenommen.“ „Wer denn?“ „Die Gensd'armen.“ „Und weßhalb?“ „Das hat man dem Kruͤppel geſagt, aber nicht mir. Man hat uns in eine Scheune eingeſperrt. Am andern Morgen wollte man uns in die Stadt bringen. Als ich des Nachts aufwachte, ſah ich, wie der Kruͤppel die Mauer durchbrach, um ſich ohne mich zu retten. Da ſagte ich ihm, daß wenn er mich nicht mitnaͤhme, ich ſchreien wuͤrde. Er hatte Furcht, ich half ihm und wir entflohen. . Als wir nun ziemlich weit weg waren, ſagte er zu mir: Hoͤre, Du genirſt mich, man wird mich durch Dich erkennen . und damit gab er mir einen tüchtigen Schlag mit ſeinem Stocke auf den Kopf. Ich fiel bewußtlos hin und glaubte, es ſei mein Tod, aber mein Hirnſchädel iſt hart und ich kam wie⸗ der zur Beſinnung. Als ich allein war, habe ich nun fer⸗ ner auf den Landſtraßen und an den Poſthaͤuſern gebettelt. Ich ſchlug Raäder vor den Wagen her, erwiſchte manchen Sou und verbrachte doch nie mehr als einen Tag, ohne ge⸗ geſſen zu haben. Vor einem Jahre begegnete ich la Levraſſe mit ſeinen Leuten und Packwagen. Ich ſchlug ein Rad vor ihm, um einen Sou zu erhalten. Er fand, daß ich gewandt ſei, und fragte mich, ob ich Aeltern habe?“ „Gerade wie bei mir.“ 6* — 84 — „Ich ſagte nein, daß ich keine Aeltern hätte und bettelte. Da erwiderte er, daß, wenn ich wollte, er mich ein gutes Geſchaͤft lehren, mir ſchone Kleider, gut zu eſſen, und einige Sous fuͤr mich geben wolle, ich auch ſtatt zu Fuß zu gehen, gefahren werden ſollte. Ich nahm es an. Er ließ mich in ſeinen Wagen ſteigen und ſagte mir, daß ich Bam⸗ boche ſtatt Pierre heißen werde. Seitdem bin ich bei ihm geblieben. .. und werde bleiben, bis . . .“ Bamboche unterbrach ſich hier. „Bis wie lange wirſt Du bei ihm bleiben?“ „Das geht mich an,“ antwortete Bamboche finſter und nachdenkend. „Aber das Geſchäft, das la Levraſſe Dich lehren wollte?“ 6 „Seit einem Jahre lerne ich daran. . . . Du wirſt's auch lernen; .. Du wirſt ſchon ſehen was es iſt.“ „Was hat man denn dabei zu thun?“ „Kunſtſtuͤcke machen, um die Leute zu beluſtigen.“ „Um die Leute zu beluſtigen?“ „Ja, auf den Maͤrkten.“ Ich ſah Bamboche verwundert an. „Nun ja! ich habe ſchon oͤffentlich gearbeitet. Mutter Major hielt mich bei den Beinen mit dem Kopfe nach un⸗ ten, ich kreuzte die Arme und hob ein Geldſtuͤck von 2 Sous mit den Zaͤhnen auf. Sie band mir auch ein Bein an den Hals und ich ſpazierte auf dem andern umher . . . und noch andre Kunſtſtuͤckchen“ „Das ſoll ich auch lernen!“ rief ich erſchrocken aus. „Ja, und das zeigt man uns mit tuͤchtigen Peitſchen⸗ hieben und Knochenverrenkungen. Dein Geſchrei wird mich mehr als ein Mal aufwecken, wie das meine Dich heut Nacht,“ ſagte Bamboche mit grauſamem Lächeln. „Ach Du mein Gott! was Du haſt leiden muͤſſen!“ „Anfangs nicht gar zu viel, denn Mutter Major lehrte mich das Geſchaͤft, aber ſehr ſanft und ohne mich zu ſchla⸗ gen. Sie zog mich ſchoͤn an und gab mir Leckerbiſſen, ohne daß es la Levraſſe wußte. Und wenn wir oͤffentlich arbeite⸗ ten, ſo half ſie mir und ließ mich die leichteſten Kunſtſtuͤcke machen, aber jetzt laͤßt mich die alte S . . . in Lumpen gehen, ſetzt mich auf Waſſer und Brot viel oͤfterer als bil⸗ lig und zerpruͤgelt mich um nichts. Ich muß in acht Ta⸗ gen die ſchwerſten Sachen lernen, und ſchlägt mich halb todt, weil, wenn ich den Kopf ſehr lange unten habe .. das Blut mich erſticken will.“ „Und warum iſt denn Mutter Major, die ſonſt ſo gut gegen Dich war, jetzt ſo bös geworden?“ „Siehſt Du, weil ich ſonſt ihr Liebhaber war, und es jetzt nicht mehr ſein will,“ antwortete mir Bamboche mit veraͤchtlicher Fadheit. Zum dritten Male begriff ich Bamboche nicht und ſagte in meiner ſtaunenden Reinheit zu ihm: „Wie denn? Ihr Liebhaber? Was iſt denn das?“ Mein neuer Freund — in ein keutes Gelächter aus und antwortete: == — „Du weißt nicht was das iſt, der Liebhaber einer Frau zu ſein? .. . Biſt Du ein Gimpel .. in Deinem Alter!“ (Ich war ohngefähr 11 Jahr alt und Bamboche etwa ein bis 2 Jahre aͤlter.) „Nein,“ ſagte ich, uͤber meine Unwiſſenheit ganz be⸗ treten. Nun hellte Bamboche mit einer unglaublichen Zuver⸗ ſicht und einem Tone ſcherzenden Uebergewichts, ohne Scho⸗ nung und Bedenken, meine kindiſche Unſchuld auf und er⸗ zaͤhlte mir, wie Mutter Major ihn verfuͤhrt. Damals noch faſt ohne Begriff vom Guten oder Boͤ⸗ ſen, war ich von dem was Abſtoßendes, Fuͤrchterliches in der monſtroſen Herabwuͤrdigung dieſer Megaͤre lag, nicht betrof⸗ fen und konnte es nicht ſein. So verſetzte denn die cyni⸗ ſche Enthuͤllung Bamboche's mich nur in großes Staunen, von der Art Schaam begleitet, welche die Furcht vor Sich⸗ tächerlich machen verurſacht, denn ich erröthete ſehr daruͤber, ſo lange unwiſſend geweſen zu ſein. „Und warum willſt Du denn jetzt nicht mehr der Lieb⸗ haber der Mutter Major ſein?“ fragte ich ihn, noch ganz verwirrt uber dieſe unerwarteten Entdeckungen. Bamboche antwortete nicht gleich. Er ſchwieg einige Momente ſtill, dann gehorchte er dem Beduͤrfniſſe der Mittheilung, das Verliebten von allen Altern eigen iſt, und zum erſten Male bedenkend, wie er mir nachher eingeſtanden, daß ein Freund nothwendig ein — Vertrauter wird, zugleich auch einem eben ſo unerklaͤrlichen als unwillkuͤrlichen Gefuͤhle der Sympathie, welche ich ihm plötzlich eingefloßt, nachgebend, ſagte er mit eben ſo vieler Erregung als Aufrichtigkeit zu mir: „Siehſt Du . . als Du hieher kamſt, machte es mir Vergnuͤgen Dir weh zu thun, weil man mir lange Zeit ſo gethan hatte . . . Du haſt Dich brav vertheidigt . . Du haſt mich unter Deine Kniee gebracht, das hat mich noch erbitterter gemacht. . . . In dieſem Augenblicke, ſiehſt Du, haͤtte ich Dich erwuͤrgt! Aber nachher, als ich Dich, ohne Dich zu vertheidigen, weinen ſah, nicht wegen der Schlaͤge, die ich Dir gab, .. ſondern weil ich nicht Dein Freund ſein wollte . alle Wetter, das hat einen ganz ſonderbaren . einen recht tiefen Eindruck auf mich gemacht. . . . Ich habe gefuͤhlt, wie mir das Herz ſchwoll, wie es mir ſeit dem Tode meines Vaters nicht ſo geſchehen und ich weiß nicht, wie mir ſogleich die Luſt gekommen iſt, von ihm mit Dir zu reden, und Dir meine Geſchichte zu erzählen die ich noch Niemandem erzählt hahs „Auch jetzt, wenn Du mir Freund ſein willſt. . Und da ich in einer S unausſprechlicher Freude mich an Bamboche's Hals werfen wollte, hielt er mein Ent⸗ zuͤcken zuruck und ſagte: „Noch einen Augenblick! Wenn wir Freunde werden bleib ich doch Herr.“ „Du ſollſt der Herr ſein.“ „Du wirſt Alles thun was ich will?“ — 88 — „Alles was Du willſt.“ . „Thut man mir nur ein Leid an, ſo wirſt Du mich raͤchen?“ shrh „Sei unbeſorgt, ich habe Muth.“ „Du wirſt mir Alles mittheilen, was Mutter Major und la Levraſſe ſagen werden?“ ng „Alles.“ „Du wirſt mir keinen Deiner Gedanken verbergen?“ „Nein!. . . Du aber auch mir nicht?“ „Was ich will das Du fuͤr mich thuſt, das werde ich auch fuͤr Dich thun,“ rief feurig Bamboche; „nur daß ich darauf halte der Herr zu ſein, weil dies meine Art iſt. Ich werde Dir Alles ſagen, Du wirſt mir Alles ſagen, ich werde Dich rächen, wie Du mich raͤchen wirſt, und wir werden immer zuſammen complottiren. Iſt's ſo recht?“ „Vollkommen ... und von ganzem Herzen,“ rief ich, völlig gluͤcklich, völlig ſtolz darauf, endlich nach vieler Muͤhe zu meinem Ziele gekomnken zu ſein und einen Freund zu beſitzen. „Jetzt,“ begann Bamboche wieder mit einer Eile, die bewies, wie erfteut er ſei, einen Vertrauten gefunden zu haben: „jetzt muß ich Dir ſagen, in wen ich verliebt bin.“ „Alſo nicht mehr in die Mutter Major?“ frug ich mit neuem Staunen. Bamboche zuckte die Achſeln. „Willſt Du denn immer ein Gimpel ſein?“ ſagte er. . — 89 — Dann ſetzte er mit einem Tone liebevoller Theilnahme hinzu: „Ich ſehe, daß es mir viele Muͤhe koſten wird, Dich aufzuklaͤren . . . aber ich will das fuͤr Dich ſein, was der Kruͤppel fuͤr mich war.“ „Dank, Bamboche, Dank!“ ſagte ich zu ihm von Dank⸗ barkeit durchdrungen. „Aber in wen biſt Du denn verliebt, wenn Du es nicht mehr in Mutter Major biſt?“ „Das will ich Dir gleich ſagen,“ antwortete Bam⸗ boche. Ich erwartete dieſe Mittheilung mit lebhafter Neugier. Sechſtes Rapitel. Bamboche's Liebe. Bamboche's große, graue Augen funkelten, als er die⸗ ſes ſagte, von ſtrahlender Gluth. Seine bleiche Farbe ge⸗ wann eine leichte Röthe, ſein Geſicht, das bisher nur hoͤh⸗ niſch geſchienen, nahm den Ausdruck leidenſchaftlicher Milde an. Er ward faſt ſchoͤn. „Als ich bei der Truppe ankam,“ erzaͤhlte er mir, „be⸗ ſtand ſie aus einem Bajazzo, einem Albino, der Säbel⸗ klingen verſchluckte und einem kleinen Maͤdchen von 10 Jahren, das ſehr häßlich, mager wie ein Nagel, und ſchwarz wie eine Kröte war, das tanzte, die Guitarre ſpielte und in ſeinen Kunſtſtuͤcken nicht uͤbel mit Mutter Major arbeitete. Da aber die Kleine bei ihren Uebungen ſtets Hals, Arme und Fuße nackt trug und ſchwaͤchlicher Ge⸗ ſundheit war, ſo klapperte ſie ſtets und hatte einen trocknen Huſten. Man ließ ſie viel zu viel ſingen und ſich winden. Alter und Geſundheit hielten das nicht aus und ſo verging ſie nach und nach. Uebrigens war ſie ein wahres Lamm an Sanftheit, und dienſtfertig, wo ſie nur konnte. Wenn ihre Uebungen voruͤber waren, ſetzte ſie ſich in einen Win⸗ kel, ſprach faſt kein Wort mehr und lachte nie. Sie hatte kleine blaue, ſanfte und traurige Augen, und man ſah ſie trotz ihrer Haͤßlichkeit gern an. Mutter Major, die, wie ich glaube, meinetwegen auf ſie eiferſuchtig geworden war, verdoppelte, ſeit ich in die Truppe eingetreten, ihre Bosheit gegen ſie ſo ſehr, daß die Kleine voͤllig krank wurde und auf einem unſrer Zuͤge ſtarb. Ich weiß nicht, woher ſie kam, noch wie Levraſſe ſie der Truppe zugefuͤhrt hatte.“ „Armes kleines Maͤdchen!“ ſagte ich zu Bamboche. „Ich glaube, ſie wäre es, in die Du verliebt geweſen.“ „Nein, nein, Du wirſt ſchon ſehen. La Levraſſe hatte ihr den Mamen Basquine beigelegt, wie er mir den Namen Bamboche gegeben. Als ſie todt, ſagte er zu Mutter Major: Wir muͤſſen eine andre Basquine fin⸗ den, aber eine huͤſchere. Ein Maͤdchen von dem Alter iſt ſtets fuͤr eine Truppe gut, beſonders wenn die Kleine huͤbſch iſt und ſpaßhafte Lieder ſingt, um die Gimpel ins Feuer zu bringen. .. Haſt Recht, antwortete Mutter Major, wir muͤſſen eine andre Basquine ſuchen.... Zwei Monate ſind's etwa her, da war die Truppe am Schluſſe unſrer Uebungen ganz auseinander. Der Albino hatte eine Sä⸗ belklinge in die Quer geſchluckt und war ins Hospital ge⸗ kommen, und unſer Bajazzo hatte uns verlaſſen, um ins Seminar zu treten.“ „Ins Seminar?“ — — „Ja, ein Haus, in dem man Geiſtlicher zu werden lernt. Es war Schade, denn es gab keinen naͤrriſchern Kerl als Giroflée (Levkoje).“ „Wie denn Giroflée?“ „Nun, unſer Bajazzo, unſer Hanswurſt. Dabei von Natur ganz dunkelrothe Haare, was die Perruͤcke mit dem rothen Schwanz erſparte. Blos Mutter Major, ich und la Levraſſe waren noch bei der Truppe geblieben. Da kam die ſchlechte Zeit und es war dies Jahr mit den Uebungen aus. Wir zogen hierher, wo la Levraſſe den Winter über zubrachte. Eines Abends blieben wir nach einem Marſche des Tages uͤber in einem Flecken halten, weil etwas am Wagen herzuſtellen war. La Levraſſe brachte ihn zu einem Wagner und kam mit ganz fröhlicher Miene ins Wirths⸗ haus zuruͤck. — Ich habe was wir brauchen, ſagte er zu Mutter Major; ich habe eine Basquine gefunden. . . Bah! wo denn? . Bei dem Wagner. Er hat 11 Kin⸗ der, worunter ſechs Maͤdchen. Das aͤlteſte aus dieſem Schwarme iſt ein Knabe von vierzehn Jahren. Alles das kommt vor Hunger um, eine wahre Hungersnoth, ohne noch zu erwähnen, daß die Mutter kränklich iſt. Aber weißt Du was ich in Mitten dieſes Topfs voll Kinder geſehen habe? Ein kleines Maͤdchen von zehn Jahren, einen wah⸗ ren Engel! einen Schatz!... Blonde, koſtliche und ganz lockige Haare, ſchwarze Augen, lang wie mein Finger, ein Maädchen wie eine Kirſche, eine kleine, ſchmale und gerade Taille wie ein Röhrchen, und dabei eine kleine ſchlaue — — Miene und Niedlichkeit . . Niedlichkeit zum Auffeeſſen. Sie iſt zwar etwas blaͤßlich, weil ſie vor Hunger faſt um⸗ kommt, wie der uͤbrige Theil der Familie, aber mit Milch und Fleiſch wird ſie roth und weiß werden. Ich ſehe ſie ſchon in dem rothen Röckchen mit Silberflittern von der Menſchenpyramide herunter ihre Mätzchen machen, oder mit ihrer allerliebſten kleinen Kinderſtimme Späßchen ſin⸗ gen, wie: Mein Freund Vincent, oder Mutter Ar⸗ ſouille.“) Das wird uns eben ſo viele Weißlinge ein⸗ bringen als die andere Basquine mit ihrer mohrenhaf⸗ ten und kraͤnklichen Fratze uns Zeitlebens nur dicke Sous gebracht.... Aber wie bekommen wir die Kleine? fragte Mutter Major.. .. Warte nur. Ich habe dem Wagner geſagt: Mein braver, lieber Mann, Sie und Ihre Familie kommen vor Hunger, Durſt und Kaͤite um. . . Das iſt die Wahrheit, hat mir der Schafszippel mit wimmerndem Tone geantwortet; elf kleine kleine Kinder und eine kranke Frau, das iſt mehr als ein Menſch ertragen kannz ich habe nur zwei Arme und zwoͤlf Maͤuler zu ſtopfen. . . . Wollen Sie blos noch elf zu ſtopfen haben, braver Mann? .. Der Einfaltspinſel ſah mich ganz verbluͤfft an. . . . Ja, ich nehme Ihr älteſtes Töchterchen mit mir, das Blond⸗ koͤpfchen, das uns mit ſeinen großen Augen anſieht. Ich nehme ſie mit. Sie uͤberlaſſen ſie mir bis zu ihrem acht⸗ Die unſittlichkeit dieſer Geſänge iſt zu bekannt, um dar⸗ über noch weiter ſich zu verbreiten. — zehnten Jahre und ich lehre ſie ein gutes Geſchäft. „ Jeannette, rief der Schafskopf mit Thraͤnen in den Augen, mein kleiner Schatz, ſie ſollte ich verlaſſen? ich habe ja keine andere Freude als ſie! Nein, nie! .. Gehen Sie doch, Lieber, ſeien Sie doch vernuͤnftig! Sie haben ja dann einen Mund weniger zu ſtopfen. . .. Ich weiß nicht, ob ich Ihnen nicht ein andres von meinen Kindern uͤberließe .. das wuͤrde nur mit vielem Kummer geſchehen „aber Jeannette! Jeannette! Nein, die nicht!... Aber ein andres von den Kindern als das Blondinchen zu nehmen, gehor⸗ ſamer Diener! ſagte Levraſſe zu Mutter Major;z da dankte ich dafuͤr. Stelle Dir ein Neſt von kleinen Nachteulen vor. Ich weiß zum Teufel nicht, wie das kleine hubſche Grasmuͤckchen in dem häßlichen Neſte hat auskriechen kön⸗ nen. Alſo ſagte ich auch zum Wagner: Jeannette, oder keine Andere. Nun, wackrer Mann, ich gebe Ihnen noch baar 100 Franks in blanken Thalern, aber dann laſſen Sie mir Jeannette bis ſie zwanzig Jahr iſt.. .. Hundert Franks, begann der Schafskopf von Wagner wieder, hun⸗ dert Franks! ... Und er konnte das gar nicht vergeſſen⸗ Fuͤr ſein Elend war es ein Schatz. Nach ſeinem dummen, ver⸗ ſtörten Geſichte erwartete ich nun, daß er mir Jeannette uͤberlaſſen wurde, denn er rief ſie, nahm ſie in ſeine Arme, kußte und kußte das Blondkopfchen wieder, aß ſie mit ſei⸗ nen Liebkoſungen bald auf und weinte wie ein Fab aber bah! ſagte mir das Thier nicht ſchluchzend: .. Gehen Sie, mein Herr, machen Sie ſich fort! ich behalte Jean⸗ netten . ſterben wir vor Hunger, nun, ſo ſterben wir vor Hunger, aber ſie wird mich nicht verlaſſen. .. Alſo haſt Du die kleine Basquine nicht? ſagte zu la Levraſſe Mutter Major, die aus Eiferſucht nicht eben ſehr boͤſe daruͤber war (ſo ſetzte Bamboche als Einſchiebſel hinzu). . .. Warte nur erſt das Ende ab, entgegnete Jener; ich ſagte zum Wagner: „Höͤren Sie, lieber Mann, ich will Ihre Lage nicht mißbrauchen. Ueberlegen Sie ſichs bis morgen Mit⸗ tag. Ich biete Ihnen nicht mehr 100, ſondern 300 Fran⸗ ken fuͤr Jeannette. Sie finden mich bis morgen Mittag im Gaſthofe zum großen Hirſche, und wenn Sie ſich ſpäter noch beſinnen ſollten, können Sie an mich unter der Adreſſe ſchreiben, die ich Ihnen hier laſſe. Damit ging ich vom Wagner fort, und bin ſicher, daß er morgen fruͤh beim er⸗ ſten Hahngeſchrei mit ſeinem Blondinchen kommen wird.“ „Nun, und iſt er denn gekommen?“ fragte ich Bam⸗ boche. „Nein, aber ich, der ich that, als ob ich ſchliefe, hatte Alles das, was ich Dir erzählt, la Levraſſe mit Mutter Major ſprechen hören. Nun war ich hochſt neugierig, die neue Basquine zu ſehen. Ich ſtand alſo ſehr fruͤh auf, ging aus dem Gaſthofe, erkundigte n nach der Whnung des Wagners, lief dahin, und . Hier wurde Bamboche's Euhlung durch die derbe Stimme der Mutter Major unterbrochen, welche eben aus der Thuͤr der Kellertreppe rief: — — „He da! Martin .. Bamboche zum Eſſen!“ „Man ruft uns,“ ſagte ſchnell mein neuer Freund zu mir; „ich will Dir das Uebrige ein ander Mal ſagen; aber als ich zum Wagner kam, machte mich das, was ich von Jeannetten geſehen und gehört, ſo verliebt in ſie . ſo verliebt, daß ich ſeit dem Tage an nichts Andres denken konnte. Ihr Vater wollte ſie diesmal nicht geben, aber acht Tage darauf horte ich la Levraſſe der Mutter Major ſagen, daß ihm der Wagner geſchrieben habe . . . und daß, ſobald ein Fiſchmen ſch, den er erwarte, hier angekommen ſei, wir abreiſen und durch den Flecken, wo der Wagner wohnt, kommen wuͤrden, um Jeannette, die neue Basquine, mit uns zu nehmen.“ „Aber alle Donnerwetter! ... ſeid Ihr denn taub?“ rief abermals Mutter Major. „Soll ich herunterkommen, Ihr Kroͤten?“ „Da ſind wir, Madame, da ſind wir ſchon!“ rief ich. Dann warf ich mich an Bamboche's Hals und ſagte mit Herzenserguß: „Wir ſind Freunde nicht wahr? und für immer?“ „Ja, Freunde!“ antwortete mir Bamboche, indem er mich gleich herzlich umarmte; . „allerdings Freunde . und fuͤr immer.“ und von daher ſchreibt ſich meine Freundſchaft mit Bamboche. — Einige Wochen ſpaͤter lernte ich Basquine kennen. Sonderbare Perſonen, faſt unerklärliche, die ich ſtets eben ſo ſehr geliebt habe, wie ſie mich, und denen ich wäh⸗ rend meines nicht minder abenteuerlichen Lebenslaufes als es der ihre war, ſo oft und unter ſo verſchiedenen Verhaͤlt⸗ niſſen begegnen ſollte. Mertin. 1 Siebentes Rapitel. — Martin an einen König.. Bei dieſer Stelle des Manuſtripts war eine Bemer⸗ kung am Rande von Martin an den Koͤnig, von dem wir ſprachen, folgendermaßen abgefaßt und gerichtet. September 1845. So kindiſch Ihnen, Sire, auch vielleicht die Geſchichte dieſer fruͤheſten Jahre eines armen verlaſſenen Kindes vor⸗ kommt, ſo geruhen Sie doch, daruͤber nachzudenken, und Sie werden finden, daß dieſe Erzählung wohl die ernſteſten ſozialen Fragen beruͤhrt. Der Maurer, deſſen Gehilfe ich noch ganz klein war, berauſchte ſich. Warum berauſchte er ſich? um von Zeit zu Zeit durch die Trunkenheit den gegen⸗ wärtigen und kuͤnftigen Gedanken an ein zu peinliches Le⸗ ben zu entgehen. Als eine ganz eigenthuͤmliche Ausnahme poetiſirte dieſer Mann ein haͤßliches Laſter. . Ja, ſehr häßlich, aber nicht häßlicher als die Urſachen, die es gebaͤhren und oft unver⸗ meidlich machen. ſn) n n Unter den zahlreichen und verſchiedenen Urſachen dieſes Laſters ſind beſonders zwei ſehr maͤchtig: 6 6 Ein Leben voll Enthehrungen und immer⸗ waͤhrender Anſtrengungen manchmal zu ver⸗ geſſen. eß Sich gegen die ſtets neuentſtehenden Leiden und Beduͤrfniſſe einer kraͤnklichen Familie, welche der unzureichende Lohn des Proletariers zu erhalten außer Stande, zu betauben. Allerdings giebt es unter den Proletarieen mehr als einen Mann, der ſtark und muthig und entſchloſſen genug iſt, ohne je die Augen zu ſchließen, dieſe unendliche und duͤſtre Ausſicht auf Lage, Monate, Jahre zu betrachten, worin er ſich bei Arbeiten und ohne Unterlaß arbeitend er⸗ blickt, an aller Ruhe, allem Wohlſtande fur ſeine ſpätern Jahre verzweifelnd und einen elenden Tod, das elende Ende eines elenden Lebens erwartend! Allerdings giebt es unter den Proletariern noch die ſoiſchſten Männer. Da kehrt einer nach 12 Stunden er⸗ drückender Arbeit jeden Abend in ſeine Wohnung zuruͤck, in ſeine duͤſtre, erſtickende, ubelriechende Wohnung. Er hat mit ſeinem unzureichenden Lohne ein unzureichendes Brot fuͤr ſeine ausgehungerte Familie erkauft. Auch er iſt nach der täͤglichen Anſtrengung hungrig, ſeine Frau iſt es 3 — 100 — durch das mühſelige Stillen ihres jüngſten Kindes, dem ſie eine ausgetrocknete Bruſt reichte, aber die unzureichende Nahrung wird faſt ganz den blaſſen, fleiſchloſen Kindern uberlaſſen. Und doch werden Vater und Mutter ſie während ihrer Schlafloſigkeit noch ſchreien hören, daß ihr Hunger nicht geſtillt. So ſteht denn jeder Tag dieſer Mann vor Sonnen⸗ aufgang auf, eilt an die Arbeit und vollendet ſie. „trotz der Beſturmung des verzweiflungsvollen Gedankens: „So hart auch meine Arbeit ſein mag, ſo unermuͤd⸗ lich mein Eifer .. noch heut Abend .. und alle folgende Abende auch, werde ich nicht genug erworben haben, um den Hunger der Meinen zu ſtillen .. und dieſe Nacht noch und die folgenden Naͤchte auch, werden mich ihre Kla⸗ gen ſchmerzlich bis zum Morgen wach erhalten .. wo die Stunde zur Arbeit ſchlägt.. . . Und ſo werde ich mein Le⸗ ben erſchöpfen, mich ohne Hoffnung in dieſem unſeligen Kreiſe zu drehen.“ Ja, dieſer Mann iſt ſtoiſch und ehrwuͤrdig, denn er koͤnnte, wie ſo viele Andre, fuͤr einige Sous, die er von ſeinem Lohne wegnaͤhme, im Wirthshauſe einen ganzen Tag lang . hören Sie, Sire, einen ganzen Tag lang .. Vergeſſenheit der immer neu entſtehenden Sorgen finden, die ihn aufreiben. und weil dieſe muthigen Männer der Verehrung wuͤr⸗ dig ſind, weil ſie dem Zuge eines in ihrer furchterlichen ——— —= hM — Lage faſt unvermeidlichen Laſters widerſtehen, weil ſie ent⸗ ſagend, unbekränkend dulden, iſt es gerecht . iſt es klug, ſie ſteis dieſem Todeskampfe zu uͤberlaſſen? Weil der Un⸗ gluͤckliche der Tortur widerſtand, muß man ſeine Todesſtrafe verlaͤngern? in Aber ungluͤcklicherweiſe ſind nicht alle Proletarier mit dieſer ſtoiſchen Energie begabt, können es nicht ſein. Es giebt auch deren viele, welche die Unwiſſenheit ab⸗ ſtumpft, welche das Elend herabwuͤrdigt, welche Hoffnungs⸗ loſigkeit betäubt und verirrt; dieſe geben den unſeligen Be⸗ zauberungen der Trunkenheit, in denen ſie das Vergeſſen ihrer Leiden finden, nach. Andre, noch herabgeſunkener, und leider die Mehrzahl, lieben die Trunkenheit um dieſer ſelbſt willen. Dieſe ſind tadelnswerth. Aber jene ſind es doppelt, welche mitleidslos dieſe Ungluͤcklichen zu dieſer Unwiſſenheit, dieſer Entbloͤßung, dieſer Hoffnungsloſigkeit verurtheilten, dieſen erſten und unſeligen Urſachen zu dem beklagenswer⸗ then Laſter, worin ſie Verthierung, Krankheit, Tod finden. Noch andere, minder ſchreckliche, aber nichts weniger. unſelige Urſachen treiben gleichfalls die Schlachtopfer des Pauperismus zur Trunkenheit. Offenbar empfindet der Menſch nach einer Woche voll harter Arbeit das gebieteriſche Bedürfniß nach Ruhe, nach Echolung, nach Vergnugen. Es giebt unter den Proletariern Manner, welche von der Gewohnheit ſtrenger Verzichtleiſtung gebrochen oder — — durch Entbehrungen geſchwächt, in einer apathiſchen Ruhe des Körpers und der Gedanken, worin ſie des Sonntags uber hinſchlummern, eine hinreichende Vergeltung fur die harten Arbeiten der Woche finden. Andre ſind mit gewiſſen Kenntniſſen, mit einer Zart⸗ heit der Gedanken, einer Feinheit der Fertigkeiten begabt, welche die druͤckende Laſt der Handarbeiten nicht hat ver⸗ nichten koͤnnen. 6 unter dieſen ſuchen einige des Sonntags eine Abſpan⸗ nung und ein Vergnuͤgen im Leſen von Dichtern oder Denkern. Andre ergötzen und erholen ſich in verſtaͤndigen Betrachtungen von oͤffentlich ausgeſtellten Meiſterwerken der Kunſt. Wieder Andere finden Vergnuͤgen an der dank⸗ baren Bewunderung der Schonheiten der Natur, und ver⸗ ſtehen es, ſie anbetenswerth und glanzvoll ſowohl in ihrer Unermeßlichkeit als in ihren kleinſten Schoͤpfungen zu fin⸗ den. Sie bleiben durch den Anblick der blendenden Pracht eines ſtrahlenden Sonnenuntergangs, durch das Flimmern von Welten in einer ſchönen Sommernacht, wie durch die ſorgſame Unterſuchung eines kleinen Haufens von Feldblu⸗ men oder eines Inſekts mit goldner und ſchmaragdner Fluͤ⸗ geldecke und Flügeln von Gaze, gleich entzuͤckt und religiös angeregt. Aber nothwendigerweiſe ſind die, welche ohnerachtet der Sorgen und Anſtrengungen einer ſtets arbeitenden, ſchweren und ungewiſſen, oft ſogar beklagenswerthen und verdummenden Lage dieſe Feinheit der Auffaſſung, dieſe — 103 — Erhabenheit der Gedanken erwerben oder erhalten können, die zu geiſtigen Genüſſen unentbehrlich, nicht ſehr zahlreich. Unter den Proletariern ſind viele, obgleich arbeitſam und redlich, doch in Unwiſſenheit und Gemeinheit aufge⸗ wachſen, jener liberalen Erziehung beraubt, die allein er⸗ hebt, den Inſtinkt verfeinert und Geſchmack an gewählten Erholungen und zarten Vergnuͤgungen gewährt. Was geſchieht nun? Nach einer Woche voll Zwang, Entbehrungen und Arbeit geben ſie einem natuͤrlichen und unwiderſtehlichen Hange nach Vergnuͤgen nach. Durch das Feuer der Jugend, durch eine Art fieber⸗ haften Sichgehenlaſſens hingeriſſen, ſtuͤrzen ſie mit ſtuͤrmi⸗ ſcher Ungeduld in die einzigen Vergnuͤgungsorte, die ihrer Armuth offen ſtehen. Dann fuͤllen ſich die fuͤrchterlichen Schaͤnkhaͤuſer, wo man vergiftete Weine, ungeſunde Speiſen und angeſteckte Maͤdchen verkauft, mit einer ſchaͤumenden Menge; um jene laͤrmenden Tavernen her erheben ſich von allen Seiten Marktſchreier und Taſchenſpielerbuhnen, wo mitten unter niedrigen, herabwuͤrdigenden Scenen Alles was es Wuͤr⸗ diges, Achtbares am Menſchen giebt, in der Sprache der Hallen verſpottet und beſchimpft wird. Weiterhin befinden ſich Sänger, und unter ihnen Greiſe, Weiber und Kinder, wo Jeder an Schaamloſigkeit und ſchlüpfrigen Geſängen wetteifert, um die thieriſche Luſt der tafelnden Trinker zu erregen. S non 15 F Alle dieſe aufgeregten und entfeſſelten Leidenſchaften — — bruͤllen bald darauf wie ein Sturm, welchen kaum das Schmettern der Trompete der Seiltaͤnzer, das Wirbeln ihrer Trommeln und das Geklingel ihrer Glocken, womit ſie die Zuſchauer herbeirufen, uͤbertönt. Ein erſtickender und ſchmutziger Staub wirbelt und verbreitet eine Art von Ne⸗ bel uͤber dieſe große Orgie des Pauperismus. Die Nacht bricht herein. Rothe Lichter beleuchten dieſe weintrunkenenen gluͤhenden Geſichter. Nun verdop⸗ pelt ſich das Geſchrei, die cyniſchen Geſaͤnge, die viehiſche Freude. Die Trunkenheit raſete ſchon ſeit iehn Zeit dumpf, jetzt bricht ſie endlich aus! Auf die Tone roher Luſtigkeit folgen Beleidigungen, Drohungen, dann Gemeinheiten, Gewaltthaten. Oft fließt Blut. Dieſe ſo eben noch froͤhlichen und durch die Trun⸗ kenheit pepurpurten Geſichter werden bleich, hier zerriſſen, dort blutend oder mit Koth beſchmutzt. Es ſind keine Menſchen mehr, es ſind keine wilden Thiere mehr, es ſind wuͤthende Wahnſinnige. Die furchtbare Wirkung des ver⸗ gifteten Weines, den man ihnen verkauft, ſtuͤrzt dieſe Un⸗ gluͤcklichen in ſolchen Wahnſinn. ... Manchmal ſind ihre Frauen, ihre Kinder, zitternd und verweint die Zeugen die⸗ ſer graͤßlichen Auftritte. Frauen und junge Maͤdchen erblicken, nachdem ſie den ganzen Tag uͤber Geſicht und Augen durch die Geſten und Geſaͤnge der Taſchenſpieler ver⸗ letzt gehabt, nun einen Gatten, einen Vater oder Bruder, als Opfer eines erbitterten Streits zu ihren Fuͤßen ſich im Blute waͤlzen. Seine beſcheidenen Sonntagskleider ſind — — in Stuͤcke geriſſen, mit Koth beſchmutzt. Er ſteht taumelnd wieder auf, und in ſeiner Trunkenheit kennt er ſo theure Weſen nicht mehr und uberſchuͤttet ſie mit Beleidigungen und Drohungen. Aber es wird ſpaͤt, die Lichter verloͤſchen, die Unruhe legt ſich. Dieſe bis jetzt ſo lauten Stimmen ſtammeln, ſtottern oder ſeufzen; die noch vor Kurzem noch ſo energi⸗ ſchen, ſo heftigen Maͤnner, ſinken in ſich ſelbſt zuſammen. Ein duͤſtres Schweigen, nur hier und da durch einige ferne Schreier unterbrochen, folgt auf dieſen ſchreckensvollen Tumult. Vielen iſt die Vernunft zuruͤckgekehrt und ſchaamvoll, abgeſpannt, reuig kehren Alle zu ihren Woh⸗ nungen zuruͤck und werfen ſich traurig auf ihre Strohlager, indem ſie ſchon an die Arbeit des folgenden Tages denken. Ja, das iſt häßlich; ja, das iſt ſchrecklich; ja, der Ge⸗ danke empoͤrt ſich; ja, das Herz blutet, dieſe Geſchöpfe Gottes zu ſehen, begabt mit einer unſterblichen Seele und in ſich tragend alle Keime des Schoͤnen und Guten, wie ſie darin ſich gefallen, ſich herabzuwuͤrdigen, ſich in ſolchen Vergnuͤgungen zu ſchänden. Aber wo ſind, wenn man ſie tadeln will, unſte edlen, zarten, erhabenen Vergnugungen, welche dieſen Unglucklichen zum Tauſch fuͤr ihre thieriſchen Freuden erreichbar? Welche Beweiſe von Vorſorge giebt man dieſen ent⸗ erbten Maſſen? Man hat wohl an ſie als Inſtrumente zur Arbeit gedacht, um ihre Stärke, ihre Einſichten, ihr Leben — 106 — auszubeuten. Aber welche Rückſicht hat man je auf ihre Vergnuͤgungen genommen? Ja, auf ihre Vergnuͤgungen, und weßhalb nichtt Hat man jemals daran gedacht, daß die ſe vor allen bei ihrer harten Lage das Beduͤrfniß der Zerſtreuung, der Erholung nach langen Tagen voll ſchwerer Arbeit haben? Hat man geſucht, ihre Erholungen zu veredeln, zu erheben? Hat man ihnen, die das Land im Frieden bereichern und im Kriege vertheidigen, im Namen des Landes jede Woche geraͤumige Orte anſtaͤndigen Vergnugens eroͤffnet, wo Jeder ſanfte und reine Erholungen genießen kann, die ihn erfreuen, ihn troͤſten und belehren? Nein, nein! .. und mit welchem Rechte will man nun dieſe Ungluͤcklichen tadeln, wenn ſie ſich in gemeine Vergnuͤgungen ſtuͤrzen, die einzigen, welche ihrem Elende und ihrem Verſtande, den keine Erziehung ausgebildet hat, erreichbar ſind? MNoch einige Worte, Sire. In dieſem auftichtigen Berichte über verſchiedene Be⸗ gebenheiten meines Lebens werden Sie oft zwei Gefährten meiner erſten Kindheit erſcheinen ſehen. Bamboche, der Sohn des Holzhackers, dieſes verlaſſene Kind, vas, nachdem es ſeinen Vater ohne Hilfe, mitten im Walde ſterben ſehen, mit einer ſo harten Verächtung, als es zum erſten Male einen reichen Mann um Arbeit und Brot bittet, zuruͤckgewieſen wird. Dieſes zuerſt in die Hände eines abſcheulichen Vage⸗ — 107 — bunden gefallene Kind, der ihn Hinterliſt und Betrug lehrt, dann durch die Zufaͤlligkeiten der Entblößung unter die Seiltaͤnzer gerathene Kind, wo es an deren Verderbtheit Laſter und Haß erlernt. Basquine . die Tochter eines ungluͤcklichen Hand⸗ werkers, der durch gräßliches Elend aufs Aeußerſte getrie⸗ ben, auf dem Punkte ſteht, dieſes Kind an Taſchen ſpieler zu verkaufen, die ſich vorbereiten, auf ſchaͤndliche Art die⸗ ſen unſchuldigen Schatz von Schoͤnheit, Anmuth und Reinheit auszubeuten. Wie auch das kuͤnftige Schickſal dieſer beiden Ge⸗ ſchöpfe ausfalle, Sire, geruhen Sie, ehe Sie uͤber dieſelben ein unerbittliches Urtheil faͤllen, ſich an das zu erinnern, wie ihre Kindheit beſchaffen war . .. und der Tadel wird vielleicht dem Mitleid weichen dem tiefſten, dem ſchmerzlichſten Mitleid. . .. Und dies ſind keine Ausnahmen, Sire. Unter allen denen, die ungluͤckſeligerweiſe in die bodenloſen Abgruͤnde der Verkehrtheit und Schande fallen, giebt es ſehr Wenige „ſehr Wenige, die nicht ehrlich und gut geworden waͤren, wenn ihr Leben nicht in Verlaſſenſein, in Elend oder mik⸗ ten unter verdorbenen und verderbenden Menſchen begon⸗ nen haͤtte. Achtes Kapitel. Die Erziehung. La Levraſſe und Mutter Major furchteten ohnſtreitig, ich moͤchte zu entfliehen ſuchen, und uͤberwachten mich da⸗ her ſehr; die Vorkehrungen waren jedoch unnuͤtz. „Ja, wir werden Freunde ſein . . wahre Freunde .. und fuͤr immer,“ hatte mir Bamboche, in Folge unſter erſten Unterrdung, geſagt, die mit einem Streite begonnen, und mit einer herzlichen Umarmung geendet hatte. So wie ich, zeigte auch Bamboche ſich dieſem Verſpre⸗ chen gegenſeitiger Zuneigung treu. Durch einen ſonderba⸗ ren Kontraſt bezeugte mir dieſer Knabe von unbezähmbarem Character, vorzeitiger Verderbtheit, heimtuckiſcher Bosheit, und manchmal ſelbſt kalter Wildheit, von da an die zaͤrt⸗ lichſte und ergebenſte Anhaͤnglichkeit. Ich geſtehe es aber auch, daß ich ohne die Verwirklichung dieſer bruͤderlichen Freundſchaft, die ich mir ſeit ſo lange getraͤumt, ohne die Zuneigung, die mich ſchnell und eng mit meinem Unglucksge⸗ fährten verband, verſucht haben wuͤrde, mich durch die Flucht — ,— — a — der ſchrecklichen Lehrzeit meines neuen Handwerks zu ent⸗ ziehen: Alle Zeit, die nicht fuͤr meinen Unterricht verwendet wurde, brachte ich bei Bamboche zu. Ich hörte ihn von Basquine ſprechen, mit einer Gluth, einer Aufrichtigkeit der Leidenſchaft, die, wenn ich jetzt daruͤber nachdenke, mir fuͤr ein Kind ſeines Alters außerordentlich vorkommen. Bald zerfloß er in Thraͤnen, wenn er an das harte Schick⸗ ſal dachte, daß dieſes arme Kind erwarte, denn er erinnerte ſich an das traurige Leben und traurige Ende der erſten Basquine; bald huͤpfte er vor Freude, wenn er ſich vor⸗ ſtellte, daß die Tochter des Wagners in wenigen Tagen unſre Gefaͤhrtin ſein werde; bald endlich brach er in wuͤ⸗ thende Drohungen gegen la Levraſſe und Mutter Major aus, bei dem bloßen Gedanken, daß Basquine Schlaͤge be⸗ kommen werde wie wir. Da ich meinen Gefährten ſtets mit einer ſo leiden⸗ ſchaftlichen Bewunderung von unſter kuͤnftigen Gefaͤhrtin ſprechen hoͤrte, war auch ich, eben ſowohl aus Liebe fuͤr Bamboche, als aus einem Gefuͤhle angeregter Neugier, da⸗ hin gekommen, Basquine's Ankunft ebenfalls leidenſchaft⸗ lich zu wuͤnſchen. WMochte nun Mutter Major mich nicht fuͤr wuͤrdig hal⸗ ten, in ihrer Zuneigung der Nachfolger des ungetreuen Bamboche zu werden, oder ſie ihre Plaͤne verheimlichen, aus Furcht, mich zu erſchrecken, (und darin betrog ſie ſich nicht) kurz, ſie ſagte mir kein Wort von Liebe, und zeigte ſich gegen mich außerordentlich heiter. nis Ohnerachtet der guͤnſtigen Vorausſagungen, daß ich vor Monatsfriſt auf ſehr befriedigende Art den Kaninchen⸗ ſprung und andre uebungen machen ſollte, hatte ſich doch gleich Anfangs mehr meine Leibesbeſchaffenheit als mein guter Wille gegen den Unterricht meiner Lehrerin rebelliſch gezeigt. Mein erſtes Geſchäft als Handlanger hatte mich daran gewöhnt, mit gekrummtem Ruͤcken unter der Laſt eines fuͤr meine Kräfte allzu ſchweren Troges zu gehen, waͤhrend Mutter Major im Gegentheile von mir verlangte, nicht nur meine Schultern gerade zu halten, ſondern mich ſogar oft mit dem ganzen Korper ruckwaͤrts zu beugen. Mein erſter Fortſchritt war der, gerade zu gehen, ſtatt nach meiner Gewohnheit krumm. So wurde mein Wuchs, der außerdem wahrſcheinlich ſich verſchoben, mit Gewalt wieder⸗ hergeſtellt. Das iſt aber auch faſt das Einzige, worauf ſich meine Dankbarkeit gegen Mutter Major beſchraͤnken muß. Sie legte mir täglich eine Art Tortur auf, indem ſie zu dem vorſchritt, was man in der Sprache ihres Hand⸗ werks, mich entknochen, nannte. Folgendermaßen ver⸗ fuhr ſie in dieſen unerläßlichen Elementarbegriffen meiner Kunſi. Jeden Morgen hing ſie mir abwechſelnd an jedes Fauſtgelenk ein Gewicht von drei bis vier Pfund, und nö⸗ — chigte mich dann, bei Strafe ſtrenger Rüge, mit meinem Arme längs meines Körpers eine radförmige Bewegung zu machen, anfangs ſehr langſam, dann immer geſchwinder, ſo daß die Schulter gleichſam der Zapfenpunkt davon war. Fortgezogen durch das an meinem Fauſtgelenk ange⸗ bundene Gewicht, welches die Schnelligkeit meiner Bewe⸗ gungen verhundertfachte, fuͤhlte ich, wie meine Gelenke ſich mit ſchmerzlichem Ziehen ausdehnten, und es ſchien mir, Eein ſonderbares und ſehr peinigendes Gefuͤhl) als ob mein Arm ſich verlangere, über alles Maaß ſich verlaͤngere, je ſchneller dieſe Schleuder⸗Bewegung wurde. Aus unerklaͤrlicher Kinderei machte ich manchmal, rrotz meiner heftigen Schmerzen, die Augen zu, damit die WTaͤuſchung fuͤr mich vollkommen werde, und in der That hätte ich dann darauf geſchworen, daß mein Arm, ſo wie er dieſe Kreiſe beſchrieb, eine Länge von acht bis zehn Fuß erreiche. In unſern Unterredungen nannten Bamboche und ich dies lange Arme machen. Dann wurden meine Beine einer ähnlichen Uebung, ſtets mittelſt abwechſelnd an den Knöchel gebundener Ge⸗ wichte, unterworfen. Hier handelte es ſich nicht mehr um eine radformige Bewegung, ſondern um eine pendulartige, deren Schwerpunkt die Huͤfte war, und wo der mit einem ſchweren Gewichte belaſtete Fuß den Balancier ader die Un⸗ ruhe machte. Dieſelben Schmerzen erneuerten ſich hier, und vielleicht noch heftiger, an dem Schenkel, dem Knie und — 112 — Fuße, und es war auch derſelbe Fall mit der ſonderbaren Taͤuſchung, die mich glauben ließ, daß meine Glieder ſich merkwuͤrdig verlaͤngerten, ſo wie die Uebung, der man mich unterwarf, ſich immer mehr und mehr beſchleunigte. Die Lection endigte mit dem, was Mutter Wirr die Halsdrehung (Torticolmuche) nannte. Bamboche hatte mir geſagt, daß er bei ſeinen erſten Einweihungen in dieſe neue Marter nahe daran geweſen ſei, verruͤckt zu werden. Dies ſchien mir anfangs übertrie⸗ ben, aber durch die Erfahrung belehrt, erkannte ich die Wahrheit der Worte meines Gefaährten. Mutter Major nahm meinen Kopf in der Gegend Ohren, die ſie mit Daum und Zeigefinger hielt, und bis aufs Blut bei dem geringſten Widerſtande meinerſeits knipp. Nachdem ſie ſo den Kopf zwiſchen ihren beiden derben und wie eine Schraube kraͤftigen Haͤnden eingepreßt hatte, zog ſie ihn heftig nach hinten, nach links und nach rechts, und gab dieſen ununterbrochen regelmaͤßig fortgehenden Bewe⸗ gungen eine ſolche Schnelligkeit, daß mir, ſo zu ſagen, der Hals verdreht wurde. Nicht lange, ſo ergriff mich ein Schwindel mit heftigem Stechen verbunden, es war mir, als ob meine Augen aus dem Kopfe treten wollten, und mein Gehirn in ſeiner Knochenſchaale hinuͤber und her⸗ uͤber ſchwanke. Jeder ſolcher Stoß mir den un⸗ beſchreiblichſten Schmetz. Eine Art voruͤbergehender Verdumpfung folgte faſt ſtets bei mir auf dieſe Uebung, welche die Lection ſchloß. — 113 — Uebrigens muß ich geſtehen, daß das Entknochen ſeine Fruͤchte trug. Ich gewann nach und nach, freilich auf Koſten furchtbarer Schmerzen, eine außerordentliche Geſchmeidigkeit. Gewiſſe Stellungen, gewiſſe Verſchlin⸗ gungen der Glieder, die mir phyſiſch unmoͤglich geweſen waͤren, fingen an, mir vertraut zu werden, aber meine furchtbare Lehrerin blieb dabei nicht ſtehen. Als ſie mich ohne Zweifel entknocht genug fand, wollte ſie mich auch gründlich den tuͤrkiſchen Spaziergang arbeiten leh⸗ ren. Warum tuͤrkiſch? Das weiß ich nicht. Die Sache wurde aber ſo angeſtellt. Mutter Major ließ mich auf die Erde auf ein Stroh⸗ lager ſetzen, und band mir die rechte Hand an den rechten und die linke Hand an den linken Fuß. Dann rollte ſie mich ſo gerade aus, in einer Reihe von Purzelbaumen, deren geringſter Uebelſtand der war, mir die Rippen zu bre⸗ chen, und mir faſt bei jeder Sitzung eine Art von Blut⸗ ſchlag zuzuziehen, den meine Lehrerin mittelſt eines Eimers voll Brunnenwaſſer, den ſie uͤber mich goß, ſogleich wieder heilte. Dieſer unerwartete Waſſerfall brachte mich zu ſich ſelbſt, und wir gingen zu einer andern Uebung uͤber. Vor dem Publiko mußte der tuͤrkiſche Spazier⸗ gang frei gemacht werden, das heißt, ſtatt die Haͤnde an die Fuͤße angebunden zu haben, und einen fremden Impuls zu erhalten, mußte man ſich bei den Fußzehen faſſen, und ſo die Purzelbaͤume aus eigner Bewegung machen. Martin. 1M. 8 — — So vergingen mehre Wochen, während deren la Levraſſe abweſend war. Verſchiedene Male brachte er Haar⸗ touren von allen Farben mit, denn er ſetzte ſeinen Handel fort, die Haare nothleidender Maͤdchen an ſich zu bringen⸗ Meine Zuneigung zu Bamboche wuchs taͤglich noch dadurch, daß er, der boshaft und grob gegen Jedermann war, ſich gegen mich gut und liebevoll zeigte. Nach ſeiner Art freilich. Er war Zeuge der Leiden geweſen, welche mir beſonders der turkiſche Spaziergang verurſacht hatte, aber zu meiner großen Verwunderung hatte er mich weder getroͤſtet noch beklagt. Mehre Tage lang ſchien er mir zerſtreut und nachdenkend. Ich ſah ihn oft in einen unbeſuchten Schup⸗ pen gehen, wo er lange blieb. Er verbarg mir ein Ge⸗ heimniß. Aus Stolz wollte ich ſeinem Vertrauen nicht zuvorkommen. Eines Tages kam ich abgeſtumpft und zerſchlagen aus meinem Unterrichte. Der tuͤrkiſche Spaziergang hatte ſich ſehr verlaͤngert, ich litt furchtbar an einer Geſchwulſt am Fauſtgelenk, denn ich war einmal unrecht gefallen, und Mutter Major hatte mich wegen meiner Ungeſchicklichkeit gezuchtigt. Da ſah ich Bamboche freudeſtrahlend. Als er jedoch mein doppeltes Mißgeſchick erfuhr, verduͤſterte ſich ſein Geſicht. Er brach in Verwuͤnſchungen gegen Mutter Major aus, unterſuchte meine Hand mit bruͤderlicher Sorg⸗ falt, und ſagte dann mit geruhrter Stimme, indem er mich traurig betrachtete: — 115 — „Gluͤcklicherweiſe iſt es das letzte Mal, daß Du ge⸗ ſchlagen worden biſt.“ „Das letzte Mal?“ fragte ich ganz erſtaunt. „Morgen wirſt Du nicht mehr hier ſein,“ antwortete er mir nach einem augenblicklichen Schweigen. „Ich werde nicht mehr hier ſein?“ rief ich aus. „Hoͤre! Geſtern habe ich la Levraſſe mit Mutter Major ſprechen hoͤren: morgen kommt der Fiſchmenſch. Ich kenne den Kutſcher, der ihn bringt. Es iſt ein braver Mann. Ich habe in dem Schuppen einen großen Strick genommen, habe Knoten hineingeknuͤpft, und ihn wohl ver⸗ borgen. Es giebt ein Luftloch das aufs Feld geht, da kannſt Du hinauskriechen, weil ich, der ich groͤßer bin als Du, es verſucht habe, und durch kann.“ „Ich hinauskriechen? und weshalb?“ „So warte doch! Ich befeſtige dort vorher den Strick, und habe ausdrucklich einen Pfahl dazu genommen. So⸗ bald der Wagen, der den Fiſchmenſch gebracht hat, von hier wieder fortfaͤhrt, entfliehſt Du durch das Luftloch und bit⸗ teſt den Kutſcher, Dich mit ſich zu nehmen, und ſo lange zu verſtecken, bis Du drei bis vier Stunden von hier ent⸗ fernt. Biſt Du einmal aus la Levraſſe's Krallen, wirſt Du ja irgend wo einen Maurer finden, der Dich annimmt, oder unterdeß betteln.“ Bei dieſem Vorſchlage brach mir das Herz. Meine Thränen antworteten Bamboche. „Was haſt Du denn?“ fragte er heftig. 8 — 116 — „Du liebſt mich nicht!“ ſagte ich traurig. „Ich!“ rief er im Tone zornigen Vorwurfs aus.... „Seit vierzehn Tagen denke ich ſchon daran. Ich ſprach nnur nicht davon, um Dir keine vergebliche Freude zu ma⸗ chen; und ſo nimmſt Du es auf!“ „Ja,“ erwiderte ich bitter; „es iſt Dir ganz gleichgil— tig, daß ich gehe... Du hängſt nicht an mir.“ Bei dieſen Worten fiel Bamboche mit derben Fauſt⸗ ſchlaͤgen uͤber mich her. Ob ich gleich an das ſonderbare Benehmen meines Freundes gewoͤhnt war, ſo reizte mich doch dieſer ſonderbare Angriff, deſſen Bedeutung ich damals nicht begriff, gewal⸗ tig auf. Auf meine Ruͤhrung folgte Zorn, und ich gab meinem Gefaͤhrten Schlag vor Schlag wieder. „Und ich, der mich Deiner beraube . ich, der ich mir beinahe die Rippen zerbrochen haͤtte, als ich den Strick ver⸗ ſuchte, um zu ſehen, ob er lang genug ſei!“ rief Bamboche, uͤber meinen Undank wuͤthend . „da. . . komm nur!“ und er begleitete dieſen zaͤrtlichen Vorwurf mit einem gewaltigen Fauſtſchlage. „Und Du, der mir geſagt hatte, wir wuͤrden uns nie verlaſſen!“ antwortete ich, nicht weniger erzuͤrnt; „da da haſt Du!“ und ich entgegnete mit einem Fußſtoße. „O, ich weiß recht gut, was Du hier zu erdulden haſt... Du Lump!“ erwiderte Bamboche, und ſetzte dieſe ruͤhrende Kampfſcene fort, „da der fuͤr Dich!“ „Aber Du weißt doch auch, daß, wenn wir nur bei⸗ * — u — ſammen ſind, es mir gleichgiltig, wie Lehmen geſchlagen zu werden!“ und nun wieder ein Schlag von mir. „Nun alſo!“ ſagte Bamboche, ſich nach und nach be⸗ ruhigend. „Ich bleibe, um Basquine zu erwarten.. hätte ich denn nicht ohne dies dieſe Baracke ſchon lange in Brand Leſteckt, um la Levraſſe und Mutter Major darin zu roͤſten, und uns dann aus dem Staube zu machen? Da ich aber hier zuruͤckgehalten bin, ſo thue es allein.“ „Nein, nie! denn wenn eine Basquine hier iſt, und Du Dich mit ihr retten willſt, ſo bedurft Ihr meiner.“ Damit wurde der Kampf einen Augenblick lang un⸗ terbrochen. Bamboche, in ſeiner Freundſchaft, wie in ſeinem Haſſe immer heftig, machte eine Bewegung, um von Neuem auf mich loszuſtuͤrzen. Ungewiß, was er beabſichtigte, ſetzte ich mich fuͤr jeden Fall in Vertheidigungsſtand. Da druckte mich dieſer ſonderbare Knabe mit Inbrunſt an ſeine Bruſt, und ſagte mir mit geruͤhrter Stimme: „Martin, das vergeſſe ich Dir nie.“ „Und auch ich nicht, Bamboche.“ Und ich gab ihm ſeine freundſchaftliche Umarmung eben ſo von Herzen zuruͤck, als ichs mit ſeinen Fauſtſchlaͤ⸗ gen gethan. „Alle Donner und Wetter, was habe ich nur fuͤr Dich?“ ſagte er zu mir, nach einem kurzen Schweigen. „Ich mag mich hinfaſſen, wohin ich will, ich begreife es nicht.“ — „Und ich eben ſo wenig, Bamboche! Du biſt fur alle Welt ein eingefleiſchter Teufel, während Du fuͤr mich. .. im Gegentheil. .. und daruͤber wundere ich mich eben.“ Nach einem abermaligen Augenblicke nachdenkenden 3 Schweigens, begann Bamboche wieder mit einer halb lachen⸗ den halb traurigen Miene, die ihm nicht natuͤrlich war: „Ich weiß nicht, wie es gekommen iſt, daß ich mit Dir von meinem Vater geſprochen habe... vor Dir .. hatte ich mit Niemand davon geſprochen. .. aber das wird mir auf der Stelle ein Stuͤckchen Herz geruͤhrt haben.. . . Du wirſt Dich in dieſes aufgeweichte Herz eingeniſtet ha⸗ ben, und ſeitdem darin geblieben ſein, wie die incruſtirte Eidechſe in dem Steine, den la Levraſſe vorzeigt, wenn er ſeine Kunſtſtuͤcke macht. Und Du biſt um ſo mehr wie die kleine Eidechſe in dem Steine, weil Dich mein Ver⸗ liebtſein in meine kleine Basquine nicht herausgetrieben hat. Und dann, ſiehſt Du? dann ſcheint es mir, als ob es mich, ſeitdem ich Dein Freund bin, noch mehr beluſtigte, gegen die Andern boshaft zu ſein .. und ich ein Recht dazu hätte.“ „Nun denn alſo, ſo werde ich Deine Eidechſe ſein, Bamboche, und immer in meinem Winkelchen ſitzen bleiben. Aber rede mir nun auch nicht mehr davon, mich zu retten ohne Dich!“ „Nein . . aber ſobald nur Basquine erſt bei uns iſt, in einigen Tagen, wenn ſich eine gute Gelegenheit findet, entſchluͤpfen wir alle Drei.“ „Und wohin gehen wir?“ „Gerade der Naſe nach.“ „Und wovon leben wir?“ „Wir betteln, wir ſagen, daß wir Bruder und Schwe⸗ ſter, und daß unſte Eltern geſtorben ſind. Die Gimpel von Voruͤbergehenden werden ſchon Mitleid mit uns haben, und wir, wie der Kruͤppel ſagt, werden ihr Geld einſtecken. So werden wir luſtig und vergnuͤgt ſein, ohne alle andere Muͤhe, als zu betteln.“ „Und wenn man uns nichts giebt?“ „Man hat gegen Kinder keinen Verdacht .. ſo ſteh⸗ len wir.“ „Hm!. . ſtehlen!“ verſetzte ich mit bedenklicher Miene, indem ich an Limouſin, meinen ehemaligen Meiſter, dachte, der ſolchen Abſcheu vorm Stehlen hatte. Auch ſetzte ich hinzu: „Es ware doch beſſer nicht zu ſtehlen.“ „Warum?“ „Weil es unrecht iſt.“ „Unrecht?. .. weßhalb?“ „Das weiß ich nicht,. aber Limouſin ſagte, es ſei ſchlecht.“ „Und ich ſage, daß es nicht ſchlecht iſt. Willſt Du Limouſin mehr glauben, als mir?“ „Er ſagte, man muͤſſe ſein Leben durch Arbeit friſten.“ — — „Mein Vater arbeitete. .. und er hat ſich nur den Tod dadurch geholt,“ antwortete Bamboche mit finſtrer Miene. „Der Kruͤppel bettelte, und ſtahl, wenn er konnte und dennoch haben weder mein Vater noch ich jemals eine ſo reichliche Mahlzeit gehabt, als die ſchlechteſte des Kruͤppels war. . . Auch ich habe, ehe ich bettelte, um Ar⸗ beit, als mein Vater todt war, bei dep Leuten gebeten. Ich hatte noch guten Muth.. .. Hat man ſie mir denn ge⸗ geben, die Arbeit? Nein. Wer hat ſich um mich bekuͤm⸗ mert? Niemand. .. Arbeiten denn die Woͤlfe? Wenn der Wolf Hunger hat, ſo frißt er. ... Arbeiten! ach ja, ja! .. La Levraſſe und Mutter Major arbeiten nicht, ſie ſtehlen Kinder unſers Alters, ſie renken uns die Glieder aus, ſie pruͤgeln uns durch und durch, und laſſen uns oͤffentlich tanzen, wie die gelehrten Hunde, und bei dieſem Hand⸗ werke eſſen ſie ſich alle Tage fett, und fuͤllen ihre Spar⸗ buͤchſe.. Und wenn ich jemals ihre Sparbuͤchſe finde, ſo ſei ruhig, dann wollen wir lachen. Mach Dir alſo keine Sorgen. Wenn ich nicht auf Basquine wartete.. .“ und dabei funkelten Bamboche's Augen, und ſeine kraͤftige breite Bruſt ſchwoll beim Ausſprechen dieſes Namens, „ſo waͤren wir ſchon lange weit weg. Aber nur ein wenig Ge⸗ duld, und Du ſollſt ſehen, was fuͤr ein herrliches Leben wir alle Drei mit ihr fuhren, frei und fröhlich wie die WVogel, und Alles anpickend, wie ſie. Fragen denn die nach der Erlaubniß, das zu nehmen, was ſie zum Leben und em Wohlleben brauchen, wo ſie's finden? Hes Was — — wuͤrde denn Dein alter Gimpel von Limouſin darauf geant⸗ wortet haben?“ „Alle Wetter; aber Bamboche, wir ſind doch keine Voͤgel?“ „Sind wir mehr oder weniger? Haͤltſt Du Dich fur mehr als einen Vogel?“ fragte mich Bamboche mit dem Tone ſtolzer Wuͤrde. „Ich halte mich fuͤr mehr als einem Vogel,“ ant⸗ wortete ich mit Ueberzeugung, durch meinen Freund uͤber meinen individuellen Werth aufgeklaͤrt. „Nun alſo,“ entgegnete Bamboche, im Voraus über das Dilemma triumphirend, das er mir vorlegen wollte, „wir ſind mehr als die Voͤgel, und ſollten das Recht nicht haben, das zu thun, was dieſe thun? Wir ſollten nicht wie ſie, das Recht haben, aufzupicken, um zu leben?“ Ich geſtehe, daß dieſes Dilemma mich ſehr in Verle⸗ genheit ſetzte, und ich nichts darauf antworten konnte. Ich hatte überdies, wie ſo viele andre verlaßne Kin⸗ der, keinen Begriff vom Guten und Böſen, vom Recht und Unrecht. Doch ich irre mich, ich hatte wenigſtens einige ſtrenge Worte meines Meiſters Limouſin gegen den Diebſtahl gemerkt, aber dieſe einfach verſichernden Worte, konnten keine tiefen Spuren in meinem Geiſte zuruͤck⸗ laſſen, und vorzuglich nicht gegen die verfuhreriſchen Pa⸗ radoxen meines Gefaͤhrten ankaͤmpfen, denn ich bekenne — 122 — es, daß dieſes kaninchenartige und befluͤgelte mit Bamboche und Basquinen, dieſes freie und abenteuerliche, von den Almoſen guter Menſchen, und im ſchlimmſten Falle von gewagten Mitteln unterhalten, mir als das Ideal des Gluͤcks erſchien. Ueuntes Rapitel. — Der Fiſchmenſch. An dem Abende des Tages, wo ich es abgeſchlagen, mich der Mittel zum Entfliehen zu bedienen, welche Bam⸗ boche fuͤr mich vorbereitet hatte, gab mir la Levraſſe mit dem Finger ein Zeichen, ihn in ſein Gemach mit den Haa⸗ ren zu folgen. Dieſer Mann mit ſeinen krampfhaften Grimaſſen, ſeinem kalten Blute, ſeinem falſchen und ſchlauen Laͤcheln, ſeiner ſpitzen Stimme und ſeinen höhniſchen, eingekniffenen Lippen, floßte mir noch mehr Furcht ein, als Mutter Ma⸗ jor. Dieſe unterbrach doch manchmal, trotz ihrer derben Fäͤuſte und groben Stimme, wenn ſie mich vor Ermuͤdung halb todt, mit Schweiß bedeckt, die Augen mit Blut unter⸗ laufen und vom Schwindel befallen ſah, meine acrobatiſchen Lectionen durch einige Augenblicke der Ruhe, aber wenn la Levraſſe dieſen Uebungen beiwohnte, zeigte dieſer ſich uner⸗ bittlich. „Vorwaͤrts, vorwaͤrts, kleiner Martin,“ ſagte er dann ————— — 124 — mit ſeinem ſanften, hoͤhniſchen Tone; „Dir iſt warm, er⸗ kalte Dich nicht. . . das iſt ungeſund ... Wenn Du ein⸗ haltſt, werde ich genoͤthigt ſein, Dir mit tuͤchtigen Peit⸗ ſchenhieben das Maaß zu einem Gilet von Geſundheitsfla⸗ nell zu nehmen . . . aber Du darfſt es dann erſt mit 61 Jahren tragen.“ Und dabei machte er mir eine groteske Grimaſſe. Ich war daher ſehr erſchrocken, mich mit la Levraſſe in dem Haarzimmer allein zu ſehen. Nachdem er die Thuͤr verſchloſſen, begann er: „leiner Martin, ich bin ſehr zuftieden mit Dir, und will Dir einen Beweis meines Vertrauens geben.“ Ich machte die Augen voll Staunen weit auf. „Leonidas Requin (Haifiſch) kommt morgen fruͤh.“ „Leonidas Requin, lieber Buͤrger? (pourgeois).“ — Wir nannten la Levraſſe unſern Bourgeois. Das war die officielle Formel. „Ja,“ entgegnete la Levraſſe, „es iſt der Fiſchmenſch, und da Du der Neueſte hier biſt, ſo kommen die Frohndienſte Dir zu, kleiner Martin.“ „Welche Frohndienſte, lieber Bourgeois?“ „Ein Vertrauens⸗Frohndienſt, verſtehſt Du, denn der Schurke Bamboche wäre im Stande, ihn zu erwuͤrgen und ohne Waſſer zu laſſen.“ „Und mein Dienſt, Bourgeois, worin ſoll er be⸗ ſtehen?“ „Du wirſt dem Fiſchmenſchen zu eſſen geben, da er — 125 — nur Floſſen hat . . . der arme Kauz, was ihm ſehr unbe⸗ quem iſt, um Gabel und Meſſer zu handhaben.“ „Ich ſoll ihm zu eſſen geben, dem Fiſchmenſchen, Bourgeois?“ „Und alle Tage neues, friſches Waſſer, kleiner Mar⸗ tin; denn er lebt als Fiſch von ſuͤßem Waſſer in einem gro⸗ ßen Pokale.“ „Ihm friſches Waſſer geben!“ rief ich, uͤber dieſe neuen Functionen immer beſturzter. „Du mußt ihm uͤberdies noch täglich zweimal Nilwaſ⸗ ſer zu trinken geben, von dem er ſich einen Vorrath ver⸗ ſchafft hat, denn er kann nur dieſes trinken. Dies iſt Waſſer aus dem Fluſſe, wo er geboren. Aber nimm Deine Finger dabei in Acht, denn er beißt . . . da er von großvaͤ⸗ terlicher Seite von der koniglichen Familie der egyptiſchen Krokodille und von ſeinen Ahnen her von den heiligen Kai⸗ mans abſtammt, welche dieſes dumme Volk anbetet und verehrt.“ Dieſe mit dem Tone eines Taſchenſpielers, der mit dem Stäbchen in der Hand ein Phaͤnomen beweiſ't, geſprochenen Worte wurden von der plötzlichen Ankunft der Mutter Ma⸗ jor unterbrochen. Sie ſtuͤrzte wie ein Sturm in die Haar⸗ ſtube. Mit wuͤthender und drohender Miene hielt dieſer weib⸗ liche Alcide einen großen, ſorgfaͤltig gewaſchenen und von Punkt zu Punkt mit Knoten verſehenen Strick in der Hand. Mir ſagte eine Ahnung, daß dies der Strick ſei, von * — 126 — dem Bamboche mit mir geſprochen hatte, und der mir bei meiner Flucht helfen ſollte. „Er wollte entwiſchen, der Schurke von Bamboche,“ rief Mutter Major, „ich vermuthete es, ich ſah ihn in den Schuppen ſchleichen, dort beim Taubenſchlage, und ging ihm nach, ohne daß er mich bemerkte. Da habe ich ihn denn mit dieſem Stricke unterm Arme erwiſcht.“ „Ha, ha!“ ſagte la Levraſſe mit einer ſpaßhaften Gri⸗ maſſe, die mich ſchaudern ließ. „Noch mehr, er hatte eine Art von Haken an dem Gitter des Luftlochs angebracht, um den Strick daran zu haͤngen und dann hinaus zu entwiſchen.“ „Aha!“ ſagte la Levraſſe mit einer zweiten, noch groteskeren Grimaſſe, als die erſte war. „Ich habe ihn im Keller angebunden, den Boͤſewicht! Ja, gebt nur eine Erziehung! lehrt doch dieſen Schuften ein Geſchaͤft, damit ſie ſich erhalten koͤnnen, wenn ſie im Stande ſind, zu arbeiten!“ rief Mutter Major . . „Aber ich will gleich . . .“ La Levraſſe hielt ſie zuruͤck. „Halt, halt! Mutter! Er gewoͤhnt ſich am Ende an dieſe Suͤßigkeiten; Du machſt mehr Lärmen als Scha⸗ den, Mutter! . . . Ich mache nicht mehr Laͤrmen als ein Maulwurf in ſeinem Loche . . . man hoͤrt nichts . . und meine kleinen, guten Rathſchlaͤge dringen 8 tiefer in die Haut als Deine großen Se Er iſt im Kel⸗ ler, der kleine Bamboche?“ — 127 — „Ja, und feſt angebunden .. . ob er mir gleich die Haͤnde abbeißen wollte.“ „Nun, ſo wollen wir ihm einen kleinen Beſuch machen,“ ſagte la Levraſſe mit ſeiner ſußlichen Stimme und ging nun vorſichtig und leis an die Thuͤr des Kellers, wie eine wilde Katze, die ſich in den Hinterhalt legt, um auf ihre Beute zu lauern. Nie noch ſeit meiner Ankunft im Hauſe hatte la Le⸗ vraſſe ſelbſt an Bamboche eine Strafe vollzogen. So ver⸗ eiſeten mich denn die Drohungen und das Fortgehen unſers Bourgeois vor Beſorgniß fuͤr meinen Gefaͤhrten. Mutter Major brachte dald darauf meine Furcht auf den höchſten Gipfel, indem ſie la Levraſſe beim Arme nahm und halbleis zu ihm ſagte: „Geh' aber auch nicht zu weit!“ „Sei doch ruhig, wir brauchen ihn ja erſt in 14 Tagen,“ antwortete la Levraſſe, „läß Dich's nicht ſtoͤ⸗ ren.. Du wirſt nichts hoͤren ... ich mache keinen Laͤr⸗ men. gar keinen Lärmen . . ganz und gar nicht.“ Und ſo ging er fort unter Wiederholung dieſer Worte, die er mit einer ſonderbaren Grimaſſe begleitete. „Einerlei,“ ſagte Mutter Major, mit ohnerachtet ihrer Haͤrte doch ſichtlich beſorgter Miene, und meine Gegenwart ohnſtreitig vergeſſend, „einerlei, ich gehe auch hin .. das iſt kluͤger . . la Levraſſe hat dieſen Abend etwas Boͤſes im Auge.“, Sie warf nun das Packt Stricke, das ſie unterm „— — Arme hielt, hin, ging nach der Thuͤr und ließ mich in Ver⸗ zweiflung zurück, denn um meinetwillen, weil er mein Ent⸗ kommen hatte erleichtern wollen, ſollte Bamboche eine Strafe erhalten, die mir um ſo furchtbarer ſchien, je geheimnißvol⸗ ler ſie war. Da ergriff ich Mutter Major am Arme. „Ich bin's, der ſich retten wollte,“ rief ich aus; „um meinetwillen hatte Bamboche den Strick vorbereitet .. ich hatte ihn darum gebeten. ich bin's alſo, der beſtraft werden muß.“ „Ah, Du wollteſt entwiſchen ... Du! das iſt gut, daß man's weiß!“ ſagte Mutter Major, mich aufmerkſam prufend, „und dieſer Spitzbube von Bamboche half Dir da⸗ bei. .. Ihr ſeid Einer ſo viel werth als der Andre. Ihr wollt uns um das Geſchaͤft betruͤgen, das wir Euch lehren aber wartet nur, ich bin auch noch da.“ Mit dieſen Worten ließ mich Mutter Major in der Haarſtube und verſchloß zweimal die Thuͤr. In meiner Verzweiflung warf ich mich auf den Bo⸗ den und brach in Thraͤnen aus, denn ich warf mir es vor, die willenloſe Urſache von Bamboche's Beſtrafung zu ſein. Als dieſe erſte Kriſis des Schmerzes voruͤber war, horchte ich, ob ich nicht das Schreien meines Gefaͤhrten vernaͤhme. Alles blieb ins tiefſte Schweigen verſenkt. Ich kletterte bis an das kleine, mit zwei kreuzweiſ' gelegten Eiſenſtaben vergitterte Fenſter, ſah aber nichts. — — 129 — Die Nacht brach herein. Zur Stunde des Schlafen⸗ gehens hörte ich an meiner Thuͤr tappen und bald darauf la Levraſſe's Stimme. „Kleiner Martin ... Du ſollſt Dich ohne Abendeſſen niederlegen, das wird Deine Aufregung beruhigen. Mor⸗ gen wird der Fiſchmenſch, Deine neue Bekanntſchaft, Dich troͤſten.“ Ich verbrachte eine furchtbare Nacht, hundertmal pein⸗ licher als die, welche ich bei meiner Ankunft hier in derſel⸗ ben Stube verlebt hatte. Gegen Mitternacht fiel ich, von Ermuͤdung und Kum⸗ mer erſchoͤpft, in einen von ſchweren Traͤumen beunruhigten Schlaf. Ich ſah Bamboche den ſchrecklichſten Martern unterworfen, ich hörte ihn zu mir ſagen: Martin, Martin, das iſt Deine Schuld! . . . Mitten in dieſen furchtbaren Traͤumen erſchien mir die monſtröſe Geſtalt des Fiſchmen⸗ ſchen: ſie verfolgte mich und ich konnte ihren grauſamen Biſſen nicht entfliehen. Zwei ſtarke und laute Schlaͤge an meine Thuͤr erweck⸗ ten mich mitten in dieſen Traͤumen ſchnell. Es war Tag. Ich horchte. Es war la Levraſſe's Stimme. „Geſchwind, geſchwind, kleiner Martin! Der Fiſch⸗ mann iſt gekommen. Er wartet auf ſeinen kleinen Diener.“ Damit offnete ſich die Thůr. Die Wirklichkeit ſetzte ſo zu ſagen meinen Traum fort. Erſchrocken ſah ich mit ſtierem Blicke la Levraſſe an. Dann Martin. III. 9 — — ſagte ich, mich an die e Vorgänge des geſtrigen Tages erinnernd: „Und Bamboche?“ „Bamboche? Er iſt als Du er ruht im Freien aus . . er hat Urlaub. . . auf einige Tage.“ * Dann ſetzte er nach einem augenbl cklichen Schweigen hinzu: „Ah, Du wollteſt Dich fluͤchten, kleiner Martin! So verlaͤßt man nicht Papa und Mama ... das iſt nicht artig.“ „Wo iſt Bamboche? Ich will ihn ſehen,“ rief ich. „Was haben Sie geſtern mit ihm angefangen?“ Und da la Levraſſe mir mit einer hohniſchen Grimaſſe antwortete, indem er mir die Thuͤr zeigte, ſchwieg ich, an die Nutzloſigkeit meiner Fragen denkend, aber anch feſt ent⸗ ſchloſſen, die Freiheit, die man mir laſſen wuͤrde, zu benu⸗ tzen, um mich meinem Gefährten zu nähern. Als ich mit la Levraſſe in den Hof kam, fand ich Mutter Major ihre herkuliſche Kraft entfalten, indem ſie dem Fuhrmann half, laͤngs der Seiten einer jener langen Schleifen, deren ſich die Weinkaͤrner bedienen, eine ziem⸗ lich ſchwere und ſonderbar geformte Kiſte herabgleiten zu laſſen, in welcher ſich der Fiſchmenſch befand, wie eine un⸗ geheure Inſchrift mit rothen Buchſtaben auf weißem Grunde in den Worten verkuͤndete: — 131 — Zer Fiſch-Menſch, Penſivnair des Herrn la Levraſſe, acrobatiſchen Künſtlers. Ueber dieſer länglichen Kiſte, welche einer viereckigen abgeſtumpften Badewanne glich, befand ſich ein Leinwand⸗ Ueberzug. Zwei runde, mit mattem Glaſe verſehene Oeff⸗ nungen erhellten das Innere derſelben, während vorn auf dem Ueberzuge man mehre Luftlöcher bemerkte, durch die aber neugierige und indiscrete Blicke nicht dringen konnten. Ueber dem Ueberzuge noch, nach dem hintern Theile der Kiſte zu, war ein großer Trichter angebracht, um, wie es ſchien, das Waſſer aufzunehmen, mit dem die Kiſte ange⸗ fullt ward, und welches man, wenn man es erneuern wollte, nach Belieben durch einen Hahn ablaſſen konnte, der am unterſten Ende der Kiſte ſich befand. Als dieſelbe längs der Schleife herabgeglitten war, ſagte der Fuhrmann, ein Mann von ehrlichem und naivem Ausſehen, der ſeine La⸗ dung mit einer Art von Furcht und Neugier zu betrachten ſchien, zu la Levraſſe: „Ich hoffe, Bourgeois, daß Sie mit der Fuhre zu⸗ frieden ſind. Ich bin geſtern fortgefahren und ſchon da. Die Nacht war ſo mild, daß ich nur einmal anhielt, um mein Pferd zu futtern. So habe ich, wie Sie ſehen, meine 22 Stunden in 15 gemacht, und ..“ La Levraſſe unterbrach ihn: „Sie haben doch wohl geſtern Abends meinem Fiſch⸗ — — menſchen friſches Waſſer gegeben, wie ichs Ihnen empfoh⸗ len hatte?“ „Ich, Herr la Levraſſe? Davon hat mir Niemand etwas geſagt.“ „Ach du mein Himmel!“ rief la Levraſſe, und ſchien in der furchtbarſten Angſt, „welche Vergeſſenheit!!“ „Aber Herr Boulingrin, bei dem ich den Fiſch . nein den Fiſchmenſchen auflud, hat mir ganz und gar nichts geſagt.“ „Er hat Ihnen nichts geſagt?“ „Nein, Herr la Levraſſe, er hat mir blos geſagt: WVater Lefevre, hier iſt eine Kiſte, worin ein Fiſchmenſch, er bedarf nichts. Ich habe ihm zwei Karpfen und einen Aal zur Mahlzeit hineingelegt, und .. Ohne weiter auf die Rechtfertiguug des Fuhrmanns zu hoͤren, ſturzte la Levraſſe zur Kiſte und hielt den Mund an eins der drei Loͤcher, die zum Luftdurchzuge angebracht waren. „Leonidas . lieber Mann ... wie geht es Dir?“ Eine jammernde Stimme antwortete zuerſt einige Worte in einer unbekannten Sprache, wobei der Fuhrmann und ich die Ohren groß aufſperrten. (Nachher erfuhr ich, daß es ein Citat aus Seneca in lateiniſcher Sprache war.) Nicht lange, ſo ſetzte die Stimme auf Franzoͤſiſch hinzu: „Friſches Waſſer geben ... friſches Waſſer . . .“ „Haben Sie gehoͤrt, Vater Lefevre,“ ſagte la Le⸗ vraſſe zum Fuhrmann mit gelehrter Miene, „r hatte erſt — — 133 — ſolch Verlangen nach friſchem Waſſer, daß er es auf Egyp⸗ tiſch ſagte.“ „Das war alſo Egyptiſch?“ „Das reinſte Egyptiſch vom Nil! . . . Er wollte alſo friſches Waſſer! Ja, das wußte ich wohl,“ fuhr la Levraſſe beſorgt fort, „denn er haͤlt auf friſches Waſſer ſo viel wie ein Blutegel. Ach, Vater Lefevre,“ ſetzte er mit dem Tone feierlichen Vorwurfs hinzu, „Sie ſind vielleicht Schuld an einem großen Ungluͤcke!“ Dann ſich wieder zu Mutter Major wendend: „Geſchwind! geſchwind! Eimer mit ftiſchem Waſſer! . . er iſt capabel abzuſtehen!“ Und während Mutter Major und ich gingen, um Eimer mit Waſſer an der Plumpe zu fuͤllen, offnete la Levraſſe den untern Hahn der Kiſte, und das Waſſer floß ſehr reich⸗ lich ab. Nun nahm la Levraſſe einen Eimer, den ich brachte, und leerte ihn auf zwei bis drei Mal in den Trichter. „Ah, das thut gut!“ ſagte die Stimme mit dem Aus⸗ druck der außerordentlichſten Seligkeit und ohne den minde⸗ ſten fremden Accent, „das thut gut!“ Einige lateiniſche Worte folgten nach dieſem Ausrufe. Der Fuhrmann ſchien es ſehr zu bedauern, daß er ſo, ohne es zu wollen, die koſtbare Exiſtenz des egyptiſchen Fiſch⸗ menſchen, der ſo gut Franzöſich ſprach, gefaͤhrdet habe. „Und ich, der ich ſo lange am Fluſſe hingefahren bin!“ rief der Fuhrmann mit einem Ausdrucke ſchmerzlichen Be⸗ — — dauerns, „und daß es mir, da ich doch wußte, daß ich einen Fiſchmenſchen geladen hatte, nicht in den Sinn gekommen iſt, meinen Karren in den Fluß zu fahren bis uͤber die Kiſte hinaus, und ſie ſo ein gutes Stuͤndchen im Strome zu laſſen, um dieſen wurdigen Menſchen, nein, dieſen wuͤr⸗ digen Fiſch, nein, dieſen wurdigen Fiſchmenſchen zu erfri⸗ ſchen! . . . Dummkopf, der ich bin!“ Kaum hatte er dieſe zu ſpäte Reue ausgedruͤckt, als der Bewohner der Kiſte ſich heftig zu bewegen begann, als erſchrecke er noch nachtraͤglich uͤber die hydrauliſche Combi⸗ nation ſeines Fuhrmanns. „Ungluckſeliger!“ rief ſeinerſeits la Levraſſe, indem er ſich an den querkoͤpfigen Fuhrmann wendete, „da haͤtten Sie einen ſchoͤnen Streich gemacht!“ Hierauf neigte er ſich wieder zu den Oeffnungen der Kiſte und ſetzte hinzu: „Leonidas . . . mein Miezchen .. geht es jetzt beſſer?“ „Beſſer beſſer . . ſagte die Stimme, „aber der Fluß. nie nie! oh! ſagen Sie es ja dem Fuhr⸗ manne.“ „Dieſer Spitzbube iſt durch das Beſuchen des Nils verdorben worden,“ ſagte la Levraſſe mit kluger Miene, „er kann keinen andern Fluß leiden. . .. Geh, Du Ariſtokrat!“ ſetzte er nach der Kiſte gewendet hinzu. „Ah, Herr la Levraſſe,“ ſagte der Fuhrmann, den Kopf ſchuͤttelnd, „was fur gewaltige Einnahmen werden Sie auf dem ganzen Wege machen! In jedem Dorfe, in jedem — Flecken, in jeder Stadt lief mir eine ganze Schaar von Menſchen nach .. Ah! ein Fiſchmenſch! ein Fiſchmenſch! das muß luſtig, das muß merkwuͤrdig ſein! ſo ſagte Jeder, der Ihre Aufſchrift las. Ich meinerſeits antwortete: Ja, lieben Freunde, ich bringe ihn zu Herrn la Levraſſe, dem er gehört, und da er mit ſeiner Truppe hier wieder durch⸗ kommen wird, ſo werdet ihr den Fiſchmenſchen ſehen.“ La Levraſſe unterbrach den Fuhrmann. „Du kamſt durch Saint-Genet?“ fragte er. „Ja, Bourgeois.“ „Und mein Auftrag?“ „Ich habe Ihren Brief abgegeben. Ah, Bourgeois, das iſt herzzerreißend, der Wagner iſt faſt ſterbend.“ Bei dieſen Worten verdoppelte ſich meine Aufmerkſam⸗ keit. Bamboche hatte ſeine Vertraulichkeiten vervollſtaͤn⸗ digt, indem er mir den Namen des Dorfs genannt, wo der arme Wagner, der Vater der kleinen Jeannette, der kuͤnfti⸗ gen Basquine der Truppe, wohnte. „Alſo iſt's wirklich wahr, daß der Wagner ſo krank iſt!“ rief la Levraſſe, ohne ſeine Freude verheimlichen zu koͤnnen. „Seine Frau hatte mich in ihrem Briefe nicht be⸗ trogen. Und ſie, haſt Du ſie geſehen, die Frau?“ „Ja, immer noch ſchwach und bettlagerig. Ach, Bour⸗ geois, das Herz möchte Einem brechen, den kranken Vater und die kranke Mutter von dieſer Heerde von Kindern in Lumpen gehuͤllt und vor Hunger ſterbend zu ſehen.“ „Da ſiehſt Du's! der Wagner liegt im Sterben,“ wiederholte la Levraſſe, mit nachdenkender Miene Mutter Maſor anſehend. „Das beweiſ't Dir,“ antwortete dieſe, „daß wir uns beeilen muͤſſen, von hier fortzukommen.“ „Ja, ja, je eher, je lieber!“ erwiederte la Levraſſe. Dieſer Entſchluß von la Levraſſe verurſachte mir eine außerordentliche Freude. Bamboche wuͤrde ſo gluͤcklich ſein, zu erfahren, daß er Basquine bald ſehen ſolle! Von da an war mein einziger Gedanke, ein Mittel zu ſuchen, zu mei⸗ nem Gefaͤhrten zu gelangen, um ihm eine ſo frohliche Nach⸗ richt mitzutheilen. La Levraſſe wendete ſich nun an den Fuhrmann, druͤckte ihm Geld in die Hand und ſagte: „Da, nimm! das iſt für Dich. Deine Pferde haben geruht. Geh nun!“ „Oho! ich gehe nicht ſo ohne zwei Vin von hier fort,“ erwiderte der Fuhrmann. „Und die ſind?“ „Juͤr's Erſte, Bourgeois, mochte ich den kleinen Bam⸗ voche ſehen, dieſen durchtriebenen, boshaften Affen. Er iſt bösartig wie der Teufel, aber ich habe meine Luſt daran, ihn zu ſehen.“ „Bamboche ſchlaft,“ ſagte barſch la Levraſſe. . „Um ſo ſchlimmer, Bourgevis, um ſo ſchlimmer; die zweite Sache betrifft ein Trinkgeld.“ „Ich habe es meiner Großmutter zugeſchworen, nie ein ————— — 1 — Trinkgeld zu geben,“ ſagte la Levraſſe mit grotesker Feier⸗ lichkeit. „Warten Sie doch nur, Bourgevis! Das Trinkgeld, um das ich Sie bitte, beſteht darin, mich nur einen einzi⸗ gen Blick auf den Fiſchmenſchen werfen zu laſſen. Ich habe in der Nacht verſucht, durch die Löcher zu blicken, aber Nichts geſehen.“ „Wenn wir in Deine Stadt Apremont kommen wer⸗ den, ſollſt Du einen Freiplatz nach der letzten Vorſtellung haben.“ „Aber, Bourgeois . . . „Ei, ei! Du willſt wohl Deinen Spott mit mir trei⸗ ben? Wenn Du zuruͤckfährſt, willſt Du wohl auf dem ganzen Wege erzählen, daß Du den Fiſchmenſchen geſehen haſt, und da es Schufte giebt, die ſich damit begnuͤgen, durch die Augen eines Andern zu ſehen, mir meine Ein⸗ nahme wegfiſchen!“ „Bourgeois, ich ſchwöre —“ „Genug geſchwatzt davon!“ verſetzte la Levraſſe. „Haſt Du an den Orten, wo Du angehalten, es geſagt, daß ich bei meinem Durchkommen Haare kaufen will?“ „Ja, ja,“ antwortete der Fuhrmann, einen Seufzer betrogener Neugier unterdruͤckend. „Ich habe geſagt, daß Sie Ihre Ernte halten wuͤrden, Haarabmaͤher, der Sie ſind, und Sie werden die Haare wohlfeil haben, denn das Brot iſt dieſes Jahr theuer.“ — — „Nun ſo geh', und gluͤckliche Reiſe!“ ſagte la Levraſſe, indem er dem Fuhrmann durch einen Geſt die Thuͤr wies. „Sie wollen alſo nicht, Bourgevis?“ „Wirſt Du gehen?“ erwiderte la Levraſſe, und ſtampfte vor Ungeduld mit dem Fuße. Einige Augenblicke nachher verſchloſſen ſich die ſchwe⸗ ren Thore des Hofes hinter dem Fuhrmanne und ſeinem Wagen, und wir blieben allein, ich, la Levraſſe und Mutter Major, der myſteriöſen Kiſte gegenuͤber, in welcher der Fiſch⸗ menſch eingeſchloſſen war. Ich geſtehe, daß ich, trotz meiner lebhaften Unruhe wegen Bamboche's Schickſal, und trotz des Nachdenkens, welches mir mein Verlangen, bis zu ihm zu gelangen, um ihm Basquinens nahe Ankunft zu hinterbringen, verurſachte, doch eine mit Furcht vermiſchte Neugier in Bezug auf die⸗ ſe ſeltſame Perſonnage fühlte, der ich, nach la Levraſſe's Be⸗ fehlen, die eifrigſten Dienſte leiſten ſollte. —— —— Behntes Bapitel. Ein zweiter Ehrenpreis. Da der Fiſchmenſch ohnſtreitig die Hofthuͤren wieber ſich ſchließen gehoͤrt, ſo ſagte er durch die Locher ſeiner Kiſte mit ſchuͤchterner Stimme: „Kann ich jetzt heraus?“ „Warte nur noch,“ antwortete la Levraſſe, „dieſer Lump von einem Fuhrmann iſt ſo neugierig, daß er im Stande iſt, auf ſeinen Wagen zu klettern, um uͤber die Thuͤr zu ſehen, oder ſein Auge ans Schluͤſſelloch zu Keben. Mutter Major, ſteige hinauf, und ſieh, ob er fort faͤhrt.“ Der weibliche Alcide eilte zu gehorchen, verſchwand durch eine Thuͤr, erſchien bald wieder an einem Dachfen⸗ ſter des Schuppens, und ſagte, ſcheinbar mit dem Blicke den ſich entfernenden Wagen verfolgend: „Es iſt keine Gefahr mehr... Vater Lefevre iſt ſchon fort. da fahrt er um die Mauer des Gaͤßchens.“ „Dann kannſt Du friſche Luft ſchoͤpfen, Leonidas,“ ſagte la Levraſſe zu dem Fiſchmenſchen, und öffnete die Kiſte. — 140 — In dieſem Augenblicke klopfte mein Herz vor Furcht und Neugier. Ich ſollte endlich dieſes geheimnißvolle Phaͤnomen ſehen! Der Deckel der Kiſte ging auf. Ein kleiner Mann ſtieg langſam und muͤhſelig heraus, als ſeien ſeine Gliedmaßen durch langen Nichtgebrauch ſteif geworden. Zuerſt befremdete es mich, ihn voͤllig trocken in einer Art langen Rockes ohne Aermel, oder Sackes, worein er gehullt, zu erblicken, ſo daß ſeine Arme nicht ſichtbar waren. Ich hatte geglaubt, ihn im Gegentheil wie ein Strom traͤufeln zu ſehen, wenn ich an die zwei bis drei Eimer Waſſers dachte, welche la Levraſſe in den Trichter gegoſſen, der mit der Kiſte zuſammenhing. Leonidas Requin (Haifiſch), denn ſo hieß er wirk⸗ lich in einer wahren Vorausbeſtimmung, ſchien fuͤnfund⸗ zwanzig Jahr alt zu ſein. Seine unregelmaͤßigen und grotesken Zuͤge wuͤrden, wenn man ſie getreu abgezeichnet haͤtte, einer Skizze geglichen haben, die eine unerfahrne ½ Hand auf Papier hingeworfen. So zum Beiſpiel ſtand das rechte Auge, deſſen oberes Lid, in Folge natuͤrlicher Schwaͤche ſtets zur Hälfte herabgeſenkt war, viel hoͤher als das linke, das ſtets ſehr offen. Daraus entſtand der ſon⸗ derbarſte Blick von der Welt. Das Ende von Leonidas langer Naſe war, ſtatt perpendikular auf ſeiner Wurzel zu ſiten, betraͤchtlich nach dem linken Backen geneigt, durch welche Unregelmäßigkeit ſein Mund lächerlich ward, ob er gleich ſo ziemlich an Ort und Stelle ſich befand, und von — 141 — zwei dicken Lippen bezeichnet wurde, unter denen das Kinn plötzlich zuruͤcktrat. Der Schaͤdel war breit, des Haupt⸗ haars, von blaſſem, glanzloſem Braun, wenig. Ein Buͤ⸗ ſchel Barts, derſelben Faͤrbung, drang ſeit mehren Tagen durch eine bleiche, gewaltig von Blattern gefurchte Haut. Dieſes Geſicht, von beſonders laͤcherlicher Haͤßlichkeit, trug doch ſo ſehr den Stempel der Gutmuͤthigkeit und Furchtſamkeit, daß ich, ſtatt Luſt zu bekommen, beim An⸗ blicke unſers neuen Tiſchgenoſſen zu lachen, ihn mit einer Art von Theilnahme betrachtete. Ego et animal sum et homo, non tamen duos esse nos dices *). (Ich bin zugleich Thier und Menſch, und doch wird man nicht ſagen können, wir ſeien ihrer Zwei.) Das war das lateiniſche Citat, mit dem der Fiſchmenſch Leonidas Requin, uns, als er aus ſeinem vermeinten Fiſch⸗ behalter ſtieg, begruͤßte. Ich brauche wohl nicht erſt zu ſagen, daß ich damals die von Leonidas geſprochenen Worte nicht einmal unterſchiedz ich vernahm blos fuͤr mich unverſtandliche Laute. Da ich aber ſpaͤter im Fortgange meiner abenteuerlichen Laufbahn hie und da Leonidas Requin begegnete, der ſtets in eben ſo verſchiedenen als ſonderbaren Verhaͤltniſſen ſich zeigte, ſo erinnerten wir uns dabei ſo oft unſers erſten Zuſammen⸗ treffens bei la Levraſſe, daß ich erfuhr, was dieſes dem Seneca's Briefe. Brief (XIII. Frage: Ob die Tu⸗ genden Thiere ſind? Abgeſchmackte Frage! — 12 — Seneca entlehnte Citat bedeutete, denn Seneca war der Lieblingsautor des Fiſchmenſchen, der mehr als irgend Jemand die ſtoiſche Philoſophie ſeines Lehrers ausuͤben mußte. unter meinen Papieren finde ich ein Bruchſtuͤck eines Briefes, den Leonidas mir fuͤnfzehn Jahre ſpaͤter ſchrieb. Trotz der niedrigen Stellung, in welcher ich mich damals befand, hatte ich die Hoffnung gehabt, meinem ehemaligen Gefaͤhrten eine gluͤcklichere und angemeſſenere Lage verſchaf⸗ fen zu konnen. In dieſem, zur Mittheilung an einen Dritten be⸗ ſtimmten Briefe ſtellt Lronidas mit unbefangener Offenheit die Urſache auf, die ihn dazu bewogen, ſeine Rolle als Fiſchmenſch anzunehmen und durchzuſpielen. Hier iſt dieſes Fragment. Man wird daraus dieſe Perſoͤnlichkeit, der man mehr als einmal im Laufe dieſer Erzaͤhlung begegnen duͤrfte, kennen, und vielleicht lieben lernen. Eilftes Kapitel. Bruchſtück eines Briefes von Leonidas Requin aiſiſch). „Ich war zum Schneider geboren. Alles ſagt mir, daß ich ein guter Schneider geworden waͤre. Mein ehrgeiziger Vater hat es nicht gewollt. Sein Andenken bleibe in Ehren... denn er war in der That das redlichſte Herz, aber auch der verkehrteſte Verſtand, den ich jemals gekannt, mein wackrer Martin. „Er war Portier bei Herrn Raymond, der einer Pen⸗ ſion auf dem Boulevard Mont Parnaſſe, wo man ſich noch darnach erkundigen koͤnnte, vorſtand. Mein Oheim, ein armer kleiner Stubenſchneider, wohnte neben der Pen⸗ ſion. Er flickte die alten Kleider der Eleven. Wenn ich ihm nun ſo einige dergleichen Stuͤcke zum Ausbeſſern brachte, und ihn ſo geſchickt die Nadel handhaben ſah, mit gekreuzten Beinen auf ſeinem Nähtiſche, in ſeiner im Win⸗ ter durch einen Ofen von Eiſenguß gut geheizten, und im Sommer durch die Friſche der Boulevards wohlgeluͤfteten Stube ſitzend, ſo konnte ich mir keine gluͤcklichere Lage denken. Das Geräuſch ſeiner großen ſtaͤhlernen Scheeren, welche in das glänzende Tuch aus dem Vollen ſchnitten, der Anblick ſeiner Strähne, Faͤden in allen Farben, entzuͤckten mich freudig, aber meine Bewunderung fuͤr meinen Oheim wurde zur Verehrung, ja faſt zum Aberglauben, wenn er mir, dem Anſcheine nach jungfraͤulich rein von allem Unge⸗ Klaſſe (und das will Alles ſagen!) uͤbergab, die ich ihm, in welchem Zuſtande, großer Gott! zuvor uͤberbracht hatte. „Ich muß auch bekennen, daß die korperliche Unbe⸗ weglichkeit, welcher dieſes ſchone Handwerk, das alte Klei⸗ dungsſtucke ſo wunderbar umwandelt, uns unterwirft, mich gewaltig verfuͤhrte, denn, ſchwaͤchlich und furchtſam, verab⸗ ſcheue ich die Bewegung. Auch ſagte mir eine geheime Ahnung, daß, da ich moraliſch ſehr ſchuchtern, und phyſiſch ſehr haͤßlich ſei, von einer laͤcherlichen und dummen Haͤß⸗ lichkeit, mit einem hoch oben und einem tief unten ſtehen⸗ den Auge, ohne meine lange ſchiefe Naſe noch hinzuzurech⸗ nen, dieſe Mißſtaͤnde meinem Stande als Schneider nicht nachtheilig ſein, und dem Vertrauen meiner Kunden keinen Eintrag thun wuͤrden. „Ohnerachtet dieſer glucklichen Anlagen wurde meine Zukunft durch die thorigte Eitelkeit meines Vaters zerſtört. Pi Rent et facta ista sunt! (Dies wird geſchehen, und iſt geſchehen) wie der göttliche Seneca ſagt. buͤhr, ein Paar Beinkleider eines Schuͤlers der ſechſten „Es war am Abende der Preisvertheilung. Mein Vater hatte vor ſeiner Loge ſo viele mit Eichenlaub gekroͤnte und die ſchoͤn eingebundnen Buͤcher unterm Arme tragende Schuͤler geſehen, er war durch die Fanfaren der Muſik, die nach Nennung jedes Gekrönten losbrachen, ſo aufgeregt, und endlich durch die Worte des Herrn Miniſters des offentlichen Unterrichts, der den Actus mit ſeiner Gegenwart zu beehren ſich herabließ, und die Namen der jungen Zoͤglinge, den kuͤnfti⸗ gen Ruhm Frankreichs, ſelbſt proklamirt hatte, ſo ge⸗ ruͤhrt worden, daß er noch an demſelben Abende Herrn Ray⸗ mond dringend flehte, mich aus Barmherzigkeit bei ſich auf⸗ zunehmen, und die nöthigen Studien machen zu laſſen, um das kommende Jahr in die ſiebente Klaſſe einzurücken, ohn⸗ erachtet alles meines Bedauerns und meiner Blicke, die unablaͤſſig nach der kleinen Werkſtatt meines Oheims, des Schneiders, gerichtet waren. Herr Raymond, der ubrigens mit meinem Vater ſehr zufrieden war, uͤbergab mich einem Studienmeiſter und meine gelehrte Erziehung begann. „Unglucklicherweiſe wurde ich, in Folge meines laͤcher⸗ lichen Geſichts, meiner Schuͤchternheit, meiner Feigheit und meiner ſocialen Stellung, als Sohn des Portiers in weni⸗ gen Jahren, achl ein guter, ein vortrefflicher, ein ſtau⸗ nenswerther Zoͤgling. 5 „Moge Ihnen, lieber Martin, dieſes nicht paradoxr vorkommen. Von allen meinen Kameraden, deren Spiel⸗ ball ich geworden war, geſchmaͤht, verſpottet, verfolgt, ſtrengte ich mich außerordentlich an, große Fortſchritte zu Martin iu. 10 machen, um von den Lehrern etwas beſchütt zu werden, und ſuchte recht oft der Erſte zu ſein, um mich ſo auf's Möglichſte von den untern Bänken zu entfernen, wo ge⸗ wöhnlich die reichen Kleinen, meine erbitterten Verfol⸗ get, in ihret Qualität als Krabben und Poſſenreißer Hätte ich auch nur den windeſten Stolz beſeſſen, ſo würden mich dieſe bald von meiner Höhe heruntergeriſſen haben, denn ſie ließen mich gewöhnlich auf die Naſe ſtuͤrzen, indem ſie, ſo oft als ich zu meinem Throne am erſten Platze ging, mich uber ihre Beine ſtolpern machten. „Einer dieſer Ungluͤckstage meines Lebens war der, wo in der ſechſten Klaſſe mein Name zuerſt unter dem in Mitten des Hofes des Colloge Pouis le Grand aufgeſchlage⸗ nen Zettel bei der Preisvertheilung ertönte. „Leonidas Requin!““ (Hayfiſch) rief mit Sten⸗ torſtimme der Cenſor, der die Gekrönten nannte. „Bei dieſem ſonderbaren Namen allgemeines Geläͤch⸗ ter, und die Muſik, die wie toll: „Allerliebſte Gabriele“ ch ſaß mit den übrigen Eleven der Penſion auf meiner Bank. Als ich mich nennen hörte, blieb ich ſitzen, von Furcht und Schrecken bei dem bloßen Gedanken er⸗ griffen, durch dieſe glänzende Menſchenmenge hindurch zu ) So nennt man in der Schälerſprache die ſchlechten 359⸗ gehen, auf eine Erhöhung, unter Begleitung von Fanfaren, zu ſteigen, und. man haͤtte mich eher in Stuͤcken ſchnei⸗ den können, als von meiner Bank aufbringen. — „„Leonidas Haifiſch!““ wiederholte der Cenſor, mit noch lauter toͤnender Stimme. „ „Neues Gelaͤchter, von der Muſik begleitet, die eres- cendo ſpielte. „Da verlor ich ganz den Kopf, und ſturzte, in dem Augenblicke, wo die Muſis ſich plötzlich unterbrach, auf allen Vieren unter meine Bank. „„Dort iſt Hapfiſch. unter der Bank ver⸗ ſteckt!““ „So rief mit ſeiner duͤnnen Stimme einer meiner Kameraden, eine wahre Krabbe, Sie können mir's glauben. „Bei dieſen Worten, die durch das plötzliche Schwei⸗ gen, das entſtanden war, platzten, wendeten ſich alle Zuſchauer zu mir hin. Ich hoͤrte eine gewaltige Bewegung um mich her, man lachte, man wieherte, man rief Leonidas Hayfiſch in den luſtigſten Toͤnen, mit den tollſten Beinamen. Zwei meiner Kameraden zogen mich an den Fuͤßen, ich verthei⸗ digte mich wie ein Löwe, und ſtieß ein furchterliches Ge⸗ ſchrei aus. Das Gelächter verdoppelte ſich, die Sache wurde wahrhaft zum Scandal. um Ruhe zu erlangen, erklaͤrte der erzuͤrnte Cenſor mich als abweſend. Die Vertheilung wurde fortgeſetzt, nur brach neues Gelaͤchter aus, als ich noch zweimal genannt wurde, denn ich hatte zwei erſte und einen zweiten Preis davongetragen. 10* „Dies Alles iſt blos lächerlich, lieber Martin, nun kommt aber das Bittere. „Als ich von der Preisvertheilung zuruͤckkam, neß der Fnhater der Penſion, Herr Raymond, mich in ſein Kabi⸗ net kommen, und ſagte, nach einer Vorſtellung voll Wohl⸗ wollen, in Betreff meiner unbeſiegbaren Schuchternheit, zu mir: „ Hayfiſch, Sie ſollen und werden die Zierde meiner Penſion ſein. Von heut an betrachte ich Sie nicht mehr als meinen Zögling, ſondern als meinen Sohn. Ich werde ſelbſt Ihr Repetitor ſein, Sie ſpeiſen an meinem Tiſche.““ „Mein andrer Vater, der Vater Hayfiſch, der beim Nachhauſekommen mich tuͤchtig durchgeprugelt hatte, der brave Mann, um mich zu lehren, ein andres Mal ſeinem väterlichen Stolze nicht ſolche Ohrfeigen zu geben, glaubte vor Freude ſterben zu muͤſſen, als er Herrn Raymond's Guͤte fuͤr mich erfuhr. Ich ſagte Ihnen, lieber Martin, daß dieſe Guͤte bitter geweſen ſei, und Sie moͤgen ſelbſt urtheilen. „Von dem Tage an, wo ich der Lieblingszögling Herrn Raymond's wurde, wurde ich auch fuͤr ihn eine An⸗ zeige, ein Aushaͤngeſchild und eine lebende Ankuͤndigung, die dazu beſtimmt war, ſein Inſtitut durch den Ruf mei⸗ ner außerordentlichen Fortſchritte, die natuͤrlich der vortreff⸗ lichen Erziehung, die man bei Herrn Raymond echalten konnte, zuzuſchreiben, in Kundſchaft zu bringen. „Ich hatte ſtets die Erholungen geflohen, welche — 149 — trotz der ſchuͤtzenden Wachſamkeit der Lehrer, fuͤr mich nur Stunden von Quaͤlereien aller Art waren. Ich brachte alſo die Zeit der Erholungen in der väterlichen Portierloge, einem unverletzten Zufluchtsorte, zu, wo ich denn, nicht wiſſend, was ſonſt anzufangen, ſtudirte. Als ich nun aber Herrn Raymond's Eleve geworden, fuhr ich nicht nur fort, waͤhrend der Erholungsſtunden zu arbeiten, ſondern ich ar⸗ beitete auch Sonntags und Feſttags, ging um Mitternacht zu Bett, ſtand um fuͤnf Uhr auf, und es gab ſogar keine Vacanzen fuͤr mich. Ich arbeitete ohne Ruhe und Unter⸗ laß. In Folge dieſer unausgeſetzten geiſtigen Anſpannung war ich faſt ſtets den fuͤrchterlichſten Kopfſchmerzen unter⸗ worfen, wagte aber nie dieſelben einzugeſtehen, ſondern uͤberwand ſie, und fuhr fort, bis zum Uebermaß zu ackerf. „Mit Einem Worte, der wuͤrdige Herr Raymond ſtellte mich, ſo zu ſagen, in ein Treibhaus, um durch gewaltſame Arbeit Alles von mir zu erlangen, was mein Verſtand an fruͤhreifen Fruͤchten gewaͤhren konnte. Dieſer theure Mann glaubte ohnſtreitig, daß nach einem oder zwei Sommern die Pflanze, von dieſer zu eiligen Productivitat erſchoͤpft, ver⸗ welken werde, aber es verſchlug ihm wenig, wenn nur die Wirkung aufs Publikum hervorgebracht wurde. Wie ich, ſchwächlich und gebrechlich wie ich war, dieſe uͤberſpannten Arheiten, dieſe faſt fortwährenden phyſiſchen Leiden aus⸗ hielt, weiß ich ſelbſt nicht, aber ich fuhr fort, in jedem Schulſommer zu bluͤhen, und alljährlich unter der Laſt der gelehrten Palmen mich zu beugen. — „Herr Raymond triumphirte. Jedes Jahr konnte man in den — folgende triumphirende — leſen: „Der Eleve, Lepnidns hahſiſch⸗ der ulutni drei Preiſe im großen Preisbewerben und fuͤnf dergleichen beim College Louis le Grand da⸗ vongetragen hat, gehoͤrt dem beruͤhmten Inſtitute Raymond an, Boulevard Mont Parnaſſe. Wir brauchen nicht erſt dieſe vortreffliche Erziehungs⸗ anſtalt der Aufmerkſamkeit von Eltern u. ſ. w. zu „Sie koͤnnen leicht denken, lieber Martin, vaß ich ſel⸗ ten Zeit hatte, daruͤber nachzudenken, was man mit mir mache, aber wenn es mir dennoch manchmal zufaͤllig begeg⸗ nete, ſo geſchah es, um mit Schmerzen an den Arbeitstiſch meines Oheims, des armen kleinen Schneiders, zu denken, denn das, was man meine Erfolge nannte, war weit davon entfernt, mir den Kopf zu verdrehen. Ich ſpiele hier nicht den Beſcheidenen, ich hatte mir ſelbſt verſprochen, und bis dahin hartnaͤckig Wort gehalten, nie den Triumph einer oͤffentlichen Kroͤnung zu feiern. Bei der Ver⸗ theilung der Preiſe wurde ich daher ſtets als abweſend ge⸗ meldet, und entſagte ſo dem einzigen Lohne, der mir einen ehrgeizigen Schwindel haͤtte verurſachen koͤnnen. Meine ſonach von allem Zauber entblößten und auf ihren einfach⸗ ſten Ausdruck beſchraͤnkten Erfolge, trugen mir nichts als Puͤffe, Rippenſtoͤße, Neckereien und andere Zeichen des eiferfuͤchtigen Verdruſſes meiner Kameraden ein, die ohner⸗ achtet des Schutzes, mit welchem man mich umgab, doch Mittel fanden, mich zu erreichen. Und uͤberdies noch hielt man mich, da meine Schuͤchternheit, Linkiſchheit, Feigheit, und das Bewußtſein meiner läͤcherlichen Haͤßlichkeit, mich ſehr wild und fluchtergreifend machten, fuͤr ſtolz auf meine Vorzuͤge, und ſogregneten die Schimpfworte bei der klein⸗ ſten Gelegenheit auf mich herab. „Und doch fand ich mich, lieber Martin, (und dies hat mir ſtets einige Achtung fuͤr meine Vernunft gewaͤhrt) trotz meiner Dutzende von Kraͤnzen, und mich ſelbſt als einen trefflichen Humaniſten anerkennend, in der Wirklichkeit ſehr dumm.... Der letzte dieſer Krabben hatte in der Unter⸗ haltung mehr Geiſt, Anknuͤpfung und Hilfsmittel als ich⸗ „Einmal außerhalb meiner Ueberſetzung aus dem La⸗ teiniſchen ins Franzöſiſche, oder aus dem Franzoͤſiſchen ins Lateiniſche oder Griechiſche geſetzt, eine monotone und un⸗ fruchtbare Uebung, in Allem der muͤſſigen und peinlichen Bewegung des Eichhoͤrnchens im Kaͤfig aͤhnlich, einmal alſo außerhalb dieſer nutzloſen und laſtenden Arbeiten, welche waͤhrend ſieben bis acht Jahren fortgeſetzt, oft Alles, was es Lebendiges, Durchdringendes, Neugieriges und Lebhaftes in dem Verſtand der Kinder und Juͤnglinge giebt, lähmt oder gar toͤdtet, war ich wahrhaft albern. „Zwei⸗ bis dreimal hatte Herr Raymond die ungluck⸗ ſelige Idee, mich, ſein Phänomen, in kleinen freund⸗ ſchaftlichen Vereinen produciren zu wollen. Ich war abge⸗ „ — M — ſtumpft, war unfaͤhig, an irgend einer Unterredung Theil zu nehmen, wenn es nicht griechiſche oder lateiniſche Auto⸗ ren, und die beſſere oder ſchlechtere Anwendung der franzö⸗ ſiſchen Sprache zur treuen Wiedergabe des Textes betraf, und auch da ſtotterte ich, und konnte es nicht dazu bringen, meine Gedanken klar zu machen. Außerhalb deſſen wurde ich wieder ein ſo gaͤnzlicher Idiot, daß Herr Raymond ſehr bald die Luſt an dieſen Schauſtellungen meiner klaſſiſchen Perſon verlor. „Ich war entzuͤckt uͤber ſolche ueſhleßuien, und wenn ich je dadurch haͤtte gekraͤnkt werden koͤnnen, wuͤrde ich mich in meiner albernen Furchtſamkeit getroſtet haben, indem ich mit dem goͤttlichen Seneca ausgerufen: Sed semel hunc vidimus in bello fortem, in foro timidum. (Man ſieht oft den Menſchen tapfer im Kriege m furcht⸗ ſam in den Kaͤmpfen des Forum.) „Wie viele Beiſpiele meiner Unfaͤhigkeit könnte ich Ihnen, lieber Martin, anfuͤhren! Doch halt!.. einen un⸗ ter Tauſenden. „Ich liebte meinen Vater ſchr. Er brachte einige Tage in der Normandie zu. Ich wollte ihm ſchreiben. Ich machte zwanzig Brouillons, immer einen alberner und un⸗ geſchickter als den andern. Ich war ſo ſehr daran gewöhnt, nur in Worten, in Phraſen, in den Gedanken Andrer zu leben, daß ich es aufgeben mußte, meine eignen Gefuͤhle mit eignen Worten, mit eignen Phraſen auszudruͤcken. „Es war ein ganz ſonderbarer Contraſt, daß ich an — 153 — demſelben Tage, wo ich Verzicht darauf geleiſtet hatte, mei⸗ nem Vater zu ſchreiben, einen Brief von einer Krabbe aus der Penſion erhielt. „In dieſer Zuſchrift that mir die Krabbe zu wiſſen, daß ich in meiner Qualitaͤt als Duckmaͤuſer, Schmeichler.. (Duckmaͤuſer, ach ja! aber Schmeichler. das haͤtte ich nie gewagt!) und ſehr gelehrter Schuͤler, ihm hoͤchſt unan⸗ genehm ins Auge fiele, daß ich ihm ganz beſonders die Ner⸗ ven reizte, mit Einem Worte, daß ich ihn dumm machte, und daß, wenn ich mich in Zukunft nicht darauf einrichtete, manchmal der Letzte zu ſein, wie alle Welt (ſetzte die Krabbe hinzu) ich trotz meiner Beſchuͤtzer darauf rechnen könne, eine tuͤchtige Tracht Pruͤgel zu bekommen, und die vollſtaͤndigſte Raspelung zu genießen, die je uͤber den krum⸗ men Ruͤcken eines zu guten Eleven ſich ergoſſen habe. „Ich theile Ihnen hier blos das Weſentlichſte dieſes Briefes mit, lieber Martin, aber er ſpruͤhte von Witz. Ich haͤtte in meinem Leben keinen ſolchen Brief ſchreiben koͤnnen. „Die Krabbe ſchloß damit, daß man mir vorſchlug, wenn ich Herz genug haͤtte, meine Stellung zu mißbrau⸗ chen, darum zu wetten, wer die meiſten Barbaris⸗ men bei dem naͤchſten Preisaufſatze machen werde, als das einzige Mittel... wie die Krabbe ſagte .. die Waf⸗ fen zwiſchen uns auszugleichen. „Dieſe kecke und eyniſche Verachtung der Preisauf⸗ ſätze, des Geheiligtſten, was es in der Schulreligion giebt, ſchien mir wahrhaft monſtrös. Dieſe Krabbe machte die Wirkung eines Gotteslaͤſtrers auf mich, und ich traumte ſchon davon, wie man ihn nach Art eines Autodafé auf einem aus allen ſeinen Penſums beſtehenden Haufen, von denen es einen Berg gab, verbrannte. Ich erwachte, in⸗ dem ich um Gnade fuͤr ihn bat, und daß man ihn ſeinen raͤchenden Gewiſſensbiſſen uͤberlaſſen mochte, den Un⸗ gluͤcklichen. „Es giebt aber unbezaͤhmbare Naturen. Dieſe Krabbe ſollte ihre Unthaten aufs Aeußerſte treiben, indem ſie Anis aus einer Pfeife rauchte, und (was gar nicht zu glauben) dem Herrn Cenſor, der ihm gedachte Pfeife zwiſchen den gaͤhnen zerbrach, einen grandiſſimen Fußſtoß auf den Bauch beibrachte. „Die Krabbe wurde feierlich aus dem Inſtitute fort⸗ geiagt, und nach den furchterlichen Verwuͤnſchungen und erſchrecklichen Prophezeihungen, mit denen er, als er die Claſſe verließ, beehrt wurde, hielt ich ihn der unſeligen Beſtimmung geweiht, auf dem Schaffot zu enden. „Spaͤter las ich den Namen der Krabbe, (Sie ken⸗ nen dieſe Perſonnage, lieber Martin, weil Sie ſein Bedien⸗ ter geweſen ſind) in rothen Buchſtaben von Fußes Länge, hinter den Glasfenſtern aller Leſecabinets glaͤnzen. Er iſt einer unſcer beruͤhmteſten Dichter geworden... Und ich, eheu miser! (ach, ich Elender!) in welchem Se. Ex⸗ eellenz der Herr Miniſter des oͤffentlichen Unterrichts eine der zukunftigen Glorien Frankreichs erblickte, ich habe mich — 155 — eines Tages genöthigt geſehen, meiner Wuͤrde zu entſagen, um Fiſchmenſch zu werden! „Aber einmal ſo außerhalb des Lebens der Menſch⸗ heiten, habe ich in dem Menſchenleben erperimentirend, ſo ohngefaͤhr meine Ideen auszudruͤcken gelernt, und kann gegenwaͤrtig Ihnen einen Brief wie dieſen ſchreiben, lieber Martin, Etwas, das mir abſolut unmöglich in der Zeit mei⸗ ner ſchönſten Schultriumphe wuͤrde geweſen ſein. „Nur noch einige Worte, um bis zu unſter erſten Zu⸗ ſammenkunft. es mogen etwa funfzehn Jahre her ſein. bei dieſem verworfenen Seiltänzer, la Levraſſe genannt, zu gelangen, wo ich Sie noch ganz als Kind fand. Fügen Sie dieſes ein, ſo haben Sie dann meine ganze Biographie.“ Bwölftes Rapitel. des Briefes von Leonidas Reauin (Paßiſchh. „Wie ich Ihnen ſchon geſagt tieber Nurnn, triumphirte Raymond in mir, und machte Geſchaͤfte. Die Eleven ſtröͤmten ihm zu, meine erlangten Erfolge hatten einigen Theil an dieſem Zuſtrömen; aber doch waren ſeine Triumphe mit einigen Beſorgniſſen gemiſcht. „Ich endete jetzt meine Rhetorik. Seit dem unſeli⸗ gen Tage, wo ich mich unter meiner Bank auf allen Vieren verborgen, um meiner Krönung zu entwiſchen, hatten weder mein Vater, noch meine Profeſſoren, noch Herr Raymond, noch der Herr Proviſor ſelbſt meine Hartnäckig⸗ keit und negative Entſchloſſenheit in Bezug auf eine öffent⸗ liche Ovation mit Begleitung von Fanfaren, und miniſte⸗ riellen, biſchöflichen, municipaliſchen und anderen Umarmun⸗ gen uͤberwinden können. „Einerſeits gefiel meine verſtockte Beſcheidenheit Herrn Raymond, denn wenn ich wegen meiner Fortſchritte der ge⸗ feiertſte Repraͤſentant ſeines Inſtituts war, ſo wuͤrde ich, phyſiſch genommen, der ſteifſte und groteskeſte geweſen ſein, und in jeder Beziehung iſt das Laͤcherliche ſtets gefaͤhrlich. „Das fuͤhlte Herr Raymond als gewandter Ma recht wohl. Dies war das Roſenblatt, das dieſen wuͤrdißen Sybariten hinderte, ganz wolluͤſtig auf meinen Erfolg ruhen. Waͤre es moͤglich geweſen, ſtatt meiner auf der Eſtrade der Sorbonne irgend eine nette, reiche, zierliche, huͤbſche Krabbe, wie ſie es faſt alle ſind dieſe Ungluͤgklichen, erſcheinen zu laſſen, ſo wuͤrde ſein Triumph vollſtaͤ weſen ſein. Aber ein ſolches Unterſchieben einer ſandern Perſon war gar zu gefährlich; man durfte nichth daran denken. „Unter dieſen Verhaͤltniſſen wurde gegen das Ende Schuljahres mein armer Vater an der Auszehrung kthnk. Ich weiß nicht, warum und wie ich auf den ungluͤcklichen Gedanken kam, mir es als Gnade auszubitten, daß er per ſoͤnlich den Anblick meines nächſten Triumphes genießen? ſolle, denn man zweifelte nicht daran. Fuͤr mich hieß ſchon ſeit langer Zeit einen Aufſatz ſchreiben, auch den Preis ge⸗ winnen, und es handelte ſich um den Ehrenpreis. „Meinem Vater nach mußte die Erregung, die er fuͤh⸗ len wuͤrde, wenn er mich in meiner Glorie einherge⸗ hen ſaͤhe, ganz ſicher eine gluͤckliche Revolution in der Krankheit, an der er litt, hervorbringen. Dieſe Idee, ſo un⸗ verſtandig ſie auch wat, wurde doch ſehr bald zu einer fixen, — 18 — zur Monomanie. Schlug ich es ihm ab, ſo weinte er ſo herzbrechend, und ſchien dagegen ſo gluͤcklich, ja ich möchte ſagen ſo geheilt bei der kleinſten Hoffnung, die ich ihm manchmal, von ſeinem Schmerze beſiegt, gab, daß ich trotz meines Schreckens vor einer oͤffentlichen Ovation „ doch endlich mich reſignirte und verſprach. „Bei dieſem Verſprechen ſprang mein Vater aus ſei⸗ nem Bette, das er ſeit zwei Monaten nicht viſen hot und rief: „Du giebſt mir das Leben wieder, Leunidas⸗ „Im Augenblicke der Fertigung meines Aufſatzes kam mir ein monſtroͤſer Gedanke in den Sinn. Ich erinnerte mich an den gotteslaͤſterlichen Vorſchlag der Krabbe, in Barbarismen zu wetteifern; ja, Martin, ich dachte einen Angenblick lang daran, einen ſo abſcheulichen lateiniſchen Aufſatz zu ſchreiben, daß alle Ausſicht auf Erfolg mir ver⸗ loren gehe. Dann entging ich ja auch der ſo gefuͤrchteten Ovation. Aber ich bebte doch vor dieſer Schlechtigkeit zuruͤck. g nse „Der ungluͤckliche Lag brach an. Omnia patienter kerenda, (man muß Alles geduldig — ſagte ich zu mir ſelbſt, indem ich den einzigen Rock meines Vaters, das kornblumenblaue Kleid der Feſttage anzog. Mein armer Oheim, der kleine Schneider, war todt, was wuͤrde er mir ſonſt fur ein Kleid aus ſeinem ſchoͤnſten Elboeuf geſchnitten haben! Dieſer fuͤr mich zu kleine Rock, deſſen Aermel mir kaum bis ans Handgelenk gingen, ließ meine Hände — 159 — zweimal groͤßer und röther ausſehen als natürlich. Um den Hals trug ich eine Eravatte mit geſtickten Zipfeln, wie ein Strick gerollt, ein geſtreiftes Gilet von problematiſcher Farbe, aus irgend einem Rocke einer verſtorbenen Mutter zugerichtet, ganz enge Pantalons von weißlichem Nankin, die mir bis an die Knoͤchel gingen, ſchwarzwollene Strumpfe und Schuhe von Bettelmönchen, gegen welche die der Frachtfuhrleute wahte Escarpins ſind. Stellen Sie nun auf dieſen Anzug das furchtſame und verlegene Geſicht von mir, das Sie kennen, lieber Martin, und erblicken Sie mich in Begleitung des Herrn Raymond und meines Vaters, der, wie er ſagte, wieder fuͤnfzehnjahrige Beine bekommen hatte, in meinen Fiakre ſteigen, um mich zur Schlachtbank, d. h. in die Sorbonne zu begeben, wo die Preiſe des großen Preisbewerbens vertheilt wurden. „Ich habe das Recht, Zeit meines Lebens eine große Memme geweſen zu ſein und es noch zu ſein, denn ich habe an dieſem Tage einen Heldenmuth ohne Gleichen gezeigt. „Leonidas, ſagte mein Vater zu mir, indem er mir in dem Augenblicke wo ich ihn verließ, um meinen Platz auf den fuͤr die Zöglinge Baͤnken einzunehmen, die Hand druͤckte, wirſt Dich doch nicht furchten? „Nicht mehr als endt bei eri lieber Va⸗ ter, antwortete ich kuͤhn. „Und damit ſetzte ich mich auf e e „Mein Vater hatte die Anſpielung nicht verſtanden, aber meine Plſingnemie: ihm Vertrauen einge⸗ floßt. „Der erſte hrenyriis mne einem gewiſſen andr aus dem Colleg Carls des Großen zugeſprochen. Ich bin uͤberzeugt, daß ich ihn ohne die Befangenheit, in welche mich das meinem Vater gegebene unglückſelige Verſprechen geſetzt, auch erworben haͤtte. Der zweite Ehrenpreis wurde mir zuerkannt und nach der Sbninien S rief die ſchick⸗ ſalsvolle Stimme: „Leonidas Hayfiſch! „Und die Muſik ſpielte den Marſch aus echiunn Cortes zu meinem Defiliren. „Ein dumpfes Gemurmel der Neugier bei meinem Namen. Große Neuigkeiten pflanzen ſich ſtets mit elektriſcher Schnelligkeit fort. Man wußte ſchon, (woher wußte man es denn ²) daß der beruͤhmte Eleve aus der Raymond'ſchen Penſion, der in Folge uͤbertriebener Beſchei⸗ denheit ſich bis jetzt den ſo ſchmeichelhaften Triumphen entzo⸗ gen hatte, ſich endlich werde offentlich kroͤnen laſſen. „Beim erſten Rufe meines Namens, von wiederſchal⸗ lenden Fanfaren begleitet, zog ſich eine Wolke vor meine Augen und ich bekam furchtbares Ohrenklingen, aber ich ſagte zu mir ſelbſt: Mein Vater blickt auf mich, Much! „So ſtand ich denn auf und ging muthig nach links. Nach rechts hatte ich aber gehen ſollen. Eine mitleidige — 161 — Hand wendete mich ganz um und man rief mir zu: Jetzt geh' gerade aus! „Ich folgte der Reihe der Baͤnke. „Jetzt links! rief dieſelbe mitleidige Seele. „Ich wendete mich links und befand mich in dem weiten Raume, der den Saal in zwei Theile ſondernd zu der Eſtrade fuͤhrte. Auf dieſes Ziel hin richtete ich mich nun auch feſten Auges, ohne weder unter mich noch rechts oder links zu ſehen, gerade ſo als ob ich mit einem Brete ginge, das uͤber einen Abgrund gelegt worden. Zum einzigen Ge⸗ ſichtspunkte hatte ich die prachtvolle Simarre (weiter Amts⸗ rock) Sr. Extellenz des Großmeiſters der Univerſitaͤt ge⸗ nommen. „Von dieſer Art von Polarſtern geleitet, kam ich end⸗ lich auf den erſten Stufen der Erhohung an, ſtieg aber ſo eilig oder vielmehr ſo ungeſchickt hinauf, daß ich mich mit den Fuͤßen im Teppiche verwickelte, und mitten auf den Stufen hinfiel. Meine beſturzten Geſichtszuge, meine laͤcherliche Kleidung, die Zuſammenſtellung der ſonderbaren Namen, auf welche ich antwortete, hatten die Zuhörer ſchon vortrefflich zur Heiterkeit geſtimmt, und mein Fall war das Signal zum Ausbruche allgemeinen Gelachters. „Ich war heldenmuͤthig. An die Angſt, welche dieſer groteske Zufall meinem armen Vater verurſachen muͤßte, denkend, ſtand ich tapfer mitten unter dem Gelaͤchter auf. Endlich erreichte ich den obern Boden der Eſtrade und ſtuͤrzte mich blindlings in die Arme des Großmeiſters, der weit Martin. III. 11 — — entfernt an eine ſolche plotzliche Umarmung in denken, ſich anſchickte, den Kranz des Laureats auf meine Stirn zu ſetzen. Er gelangte auch dahin, obgleich nicht wenig durch meine unzeitige und krampfhafte umhalſung gehindert, aber o ungluͤck! . . der Kranz war zu weit und fiel mir auf die Augen, die er faſt ganz mit ſeiner Blaͤtterfülle be⸗ deckte. Statt mich des Kranzes zu entledigen, verlor ich ganz und gar den Kopf, ſtreckte die Haͤnde maſchinenmaͤ⸗ ßig nach vorn und der ubrige Theil der Ovation wurde fuͤr mich eine Art Blindekuhſpiel. Der Ruf: Angebrannt! ertönte in Mitten unauslöſchlichen Gelaͤchters. Endlich hatte ich das Gluck, mitten in meinem wirren Umhertappen ſo heftig mit dem Kopfe nach vorn von der Eſtrade her⸗ unter zu purzeln, daß ich unten vom Falle betaͤubt liegen blieb. „Dieſer Fall war wirklich ein Gluͤck fuͤr mich, lieber Martin, denn die etwas ernſte Entwicklung dieſes laͤcherli⸗ chen Auftritts erweckte wenigſtens Mitleid fuͤr mich⸗ Da meine Beſinnungsloſigkeit bald wieder verſchwand, ſo hatte ich die koſtliche Idee, mich zu ſtellen, als dauere ſie fort und mich mit aus einer unbedeutenden Wunde blutendem Ge⸗ ſichte aus dem Saale tragen zu laſſen. So erntete ich auf meinem Voruberkommen alle Arten theilnehmender oder gerührter Worte ein. „— Der arme Teufel! ſagte der Eine: fuͤr einen Eh⸗ renpreis ſah er dumm aus wie eine Gans. „ aber doch iſt's Schade, daß er ſo geſtuͤrzt iſt. — — — — 163 — „— Ich, ſagte ein Anderer, ich bedaure blos, daß die Blindekuh nicht laͤnger dauerte: ich ſah es ſchon kom⸗ men, daß er den Biſchof beim Kopfe nehmen wuͤrde. „ — Ha, ha! das iſt wahr, verſetzte ein Dritter, ich werde noch lange daruͤber lachen muͤſſen, u. ſ. w. u. ſ. w. „Ruͤhrende Beweiſe der theilnehmenden Beſorgniß, die mich bis zum Austritte aus dem Saale begleiteten. „Acht Tage nach dieſem Triumphe verlor ich mei⸗ nen armen Vater. Der Schmerz, mich anfangs ſo ver⸗ ſpottet zu ſehen, und dann der Schrecken, als er mich ganz blutig forttragen ſah, verurſachten eine ſolche Revolution in ihm, daß er nach einigen Tagen unterlag. „Herr Raymond hatte als gewandter Mann ſein Er⸗ ziehungshaus in dem Augenblicke verkauft, wo es den Punkt der Gunſt erreicht hatte, von dem es nur wieder herabſtei⸗ gen konnte. Während ich meinem Vater in ſeinem letzten Todeskampfe beiſtand, war Herr Raymond, nachdem er ſeinen Nachfolger an ſeine Stelle geſetzt, in die Touraine gereiſ't, wo er von ſeinen Arbeiten auszuruhen beſchloſſen. Ich hatte bloß von ihm nur noch die paar Worte ſchriftlich erhalten, in denen er mir ſagte, daß, da er fuͤrchte, mich den ſchmerzlichen Beſchaͤftigungen zu entziehen, die mich bei meinem Vater zuruͤckhielten, er es herzlich bedaure ab⸗ reiſen zu muͤſſen, ohne mich noch zu ſehen, er mich aber ſeinem Nachfolger ganz beſonders empfohlen habe. „Kurz, ich war Herrn Raymond zu nichts mehr 145 — 164 — gut, und er entzuͤckt, bei dieſer Gelegenheit mich los zu werden. „Meine Verbindung mit ſeinem Nachfolger war ſehr kurz und einfach. Er war ein kalter, vollkommen geſchmei⸗ diger Mann, der aber, wie mir ſchien, es verabſcheute Illu⸗ ſionen zu ermuthigen und gerade auf die Sache losging. „So etwa ſprach er mit mir: „— Lieber Herr Hayfiſch, Sie ſind der beſte Schuͤ⸗ ler in der Penſion Raymond geweſen. Ihre glaͤnzenden Studien ſind geendet, der Tod Ihres Vaters laͤßt Sie ganz Ihr eigener Herr ſein. Sollten Sie deſſen ungeachtet nicht geſonnen ſein, ſogleich dieſes Haus, deſſen Stolz Sie wa⸗ ren, zu verlaſſen, ſo wuͤrde ich mich glucklich ſchaͤtzen, Ih⸗ nen die Achtung zu bezeugen, die ich fuͤr Sie hege, als einen der gefeiertſten Eleven der Univerſitaͤt, indem ich Ih⸗ nen einen Platz in den Schlaf- und Speiſeſaͤlen auf vier⸗ zehn Tage anbiete. Nachher, Herr Hayfiſch, ſeien Sie uͤberzeugt, daß meine Wuͤnſche Sie ſtets auf der Laufbahn begleiten werden, welche einzuſchlagen Sie fuͤr gut finden. „Bei den Worten „eine Laufbahn einzuſchlagen“ blieb ich beſtuͤrzt, verlegen, verſteint. „Was ſollte ich fuͤr eine Laufbahn einſchlagen? Daran hatte ich in meinem Leben nicht gedacht, und Herr Rap⸗ mond, der blos von meiner Gegenwart Nutzen zog, hatte ſich nicht im Mindeſten mit meiner Zukunft beſchaͤf⸗ tigt. Wozu war ich gut, wozu geeignet, mit meinem Ge⸗ paͤck von einem Dreißig verwelkter Kraͤnze, mit meinen 150 — — 165 — Preisbuͤchern in prachtvollen Einbänden, ohne meine Qua⸗ litäten als vortrefflicher Humaniſt zu rechnen? Jetzt fuͤhlte ich, wie vollkommen Recht ich gehabt hatte mich, trotz meiner Erfolge fuͤr dumm zu halten, und bedauerte bittrer als je den Werktiſch meines armen Oheims, des Schneiders. „Der Nachfolger des Herrn Raymond errieth meine Verlegenheit und ſagte: „— Lieber Herr Hayfiſch, nach Ihren glänzenden Studien muͤſſen Sie nothwendig, wenn ſie von Vor⸗ theil fuͤr Sie ſein ſollen, ſich vor Allem als Baccalaureus der Wiſſenſchaften aufnehmen laſſen, dann den Curſus der mediziniſchen Schule, der Rechtsſchule, oder der Normalſchule machen, um Arzt, Advocat, Notar, Avouc oder Profeſſor zu werden. Uum aber dieſen Curſus zu machen, muß man etwas haben, um zu leben und die Inſcriptionen zu be⸗ zahlen. Haben Sie etwas zu leben? Haben Sie ſo viel, um die Inſcriptionen zu bezahlen? „Ich habe durchaus nichts als meine Kraͤnze, meine „Buͤcher und das Mobiliar meines Vaters, ein Bett, eine Commode, einen Tiſch und zwei Stuͤhle. „— Das reicht nicht aus, antwortete mir der Nach⸗ folger des Herrn Raymond mit ſeiner kalten, methodiſchen Miene. Ich wuͤrde Ihnen vorgeſchlagen haben, hier Un⸗ terricht zu ertheilen, aber ein Profeſſor, der der Kamerad faſt aller meiner Zoͤglinge geweſen iſt, kann nicht die noͤ⸗ thige Autoritaͤt haben, um ſie zu beherrſchen, vorzuͤglich wenn ſeine naturliche Schuͤchternheit und .. und ich erlaube — 166 — mir ſelbſt zu ſagen .. . ſein Phyſiſches ungluͤcklicherweiſe nicht dazu geeignet iſt, den Reſpect zu befehlen, ohne wel⸗ chen keine Subordination möglich. „Ich habe kein Geld, um als Arzt, Advokat oder Notar zu ſtudieren, das iſt wahr, rief ich immer bekaͤub⸗ ter werdend aus; meine Eleven, wenn ich deren haͤtte, wuͤr⸗ den mir in's Geſicht lachen, das iſt klar, ich wurde nie den erforderlichen Muth und Feſtigkeit haben, ihnen zu im⸗ poniten, das verſteht ſich von ſelbſt, aber was ſoll ich denn ſonſt anfangen? „— Das iſt eine Frage, auf welche ich unmöglich ant⸗ worten kann, lieber Herr Hayſiſch; ich habe das Problem Ihrer Zukunft nicht geloͤſet, ſondern es nur deutlich vor Ihnen aufgeſtellt. Die kuͤnftige Loͤſung deſſelben iſt Ihre Sache, und wie ich die Ehre hatte, Ihnen beim Beginn dieſer Unterredung zu ſagen, meine Wuͤnſche werden Sie ſtets begleiten, welche Laufbahn Sie auch einſchlagen moͤgen. „Aber, mein Herr, da mir alle die ich einſchla⸗ gen könnte, verſchloſſen ſind, weil ich arm bin, wozu hat man mir denn die Erziehung gegeben, die ich erhielt? Was ſoll denn aus mir werden? * „— Ich habe ſchon die Ehre gehabt Ihnen bemerklich zu machen, mein lieber Herr Hayfiſch, daß ich das Problem Ihrer Zukunft aufſtellte, ohne es aufzuloͤſen. Dieſes ſteht Ihnen allein zu .. .. Damit ſeien Sie uͤberzeugt u. ſ. w. „Unmoͤglich war mir es, mehr aus ihm heraus zu bekommen. . 3 . — 161 — „Waͤhrend der vierzehn Tage der Gnade, die mir der Nachfolger des Herrn Raymond ſo großmuͤthig zugeſtanden hatte, blieb ich vollkommen muͤſſig, abgeſpannt, ſtumpf und unfaͤhig einen Entſchluß zu faſſen, aus dem vortrefflichen Grunde, weil ich keinen ſah, den ich faſſen konnte. Gleich den Leuten die nicht die Kraft beſitzen eine entſcheidende Parthie zu ergreifen, indem ſie doch immer daran denken, daß ein ungluͤckliches Ereigniß herannahe, ſagte ich mir ſelbſt, daß der Nachfolger des Herrn Raymond mir unſtreitig noch vierzehn Tage bewilligen werde. Ich muß auch geſtehen, daß, wenn er ſie mir bewilligt haͤtte, ich in zwei Monaten, ja in dreien nicht weiter gekommen ſein wuͤrde. Nun machte alſo dieſer brave Mann voll Vernunft und Einſicht ohnſtrei⸗ tig ſtatt meiner dieſe Betrachtung, denn am vierzehnten Tage, ſo wie es Mittag ſchlug, trat er in die leere und einſame Claſſe ein, wo ich mich gewöhnlich aufhielt, da alle Eleven damals Ferien hatten, ſtreckte mir die Hand mit zugleich formlichem und geruͤhrtem Weſen entgegen und ſagte: „— Ich komme um Abſchied von Ihnen zu nehmen, lieber Herr Hayfiſch. . . ſehr lieber Herr Hayfiſch. „Ich begriff, daß nun keine Vermittelung moglich ſei, und antwortete mit einem Seufzer der Reſignation: „Ja, ja, mein Herr, ich werde gehen. Ich bitte Sie blos noch um ſo viel Zeit, daß ich einen Commiſſionär holen kann, der die Meublen meines verſtorbenen Vaters, meine Preisbuͤcher und Kränze forttraͤgt. — 168 — „— So haben Sie alſo ſchon eine Wohnung? „Nein, mein Herr. „— Aber die Meublen .. die Buͤcher wo ſoll er ſie denn hin tragen? „Das weiß ich nicht. „ — Ich nehme in der That großen Antheil an Ih⸗ nen, ſagte Herrn Raymonds Nachfolger, und ob ich es mir gleich zum Geſetz gemacht habe, Niemand zu etwas zu ra⸗ then, weil man zu große Verantwortlichkeit auf ſich ladet, ſo ſchlage ich Ihnen doch etwas vor. Ihre Preisbuͤcher und Kraͤnze wuͤrden als Beweiſe und ehrenvolle Andenken Ihrer Erfolge in der Bibliothek der Penſion die vortrefflichſte Stelle finden. Ueberlaſſen Sie alſo mir dieſelben. Ich werde mich auch mit dem Mobiliar Ihres Vaters einrich⸗ ten. Der an ſeine Stelle eintretende Portier mag es be⸗ nutzen und Sie werden, glauben Sie mir, beſſer im Cham⸗ bre garnie wohnen. Fuͤr einen jungen Mann iſt das viel bequemer. So will ich denn Ihre Buͤcher das Stuͤck mit 5 Franes bezahlen, welches viel mehr iſt, als Sie bei einem Antiquar erhalten wuͤrden, und ein Tapezier in der Naͤhe ſoll das Mobiliar tariren. Auf dieſen Betrag werde ich innebehalten was die Beerdigungskoſten Ihres Herrn Vaters betragen, wovon hier die quittirte Rechnung, und den Ueberreſt ſtelle ich zu Ihrer Dispoſition. „Zwei Stunden nachher verließ ich den Nachfolger des Herrn Raymond mit einem Buͤndel unterm Arme und 66 Livres in der Taſche. Dreizehutes Rapitel. Ende des Briefes von Leonidas Requin Mayfiſch). „Einer der groͤßten Uebelſtaͤnde der Erziehung, die ich wie ſo viele Andere erhalten hatte, war der, daß ich von den erſten Anfangsgruͤnden des praktiſchen Lebens, des wirk⸗ lichen Lebens nicht das Geringſte wußte, und dies in einer nur allzuhaͤufig vorkommenden Lage eines Menſchen, der durch⸗ aus nur ſeinen eigenen Hilfsmitteln uͤberlaſſen iſt, die in ſeinen Kenntniſſen als tuͤchtiger Humaniſt beſtehen. „Wohl ſagte ich mit meinem goͤttlichen Seneca: Bonis externis non conſitendum. (Man muß nicht auf äußere Guͤter bauen.. Das war ſehr leicht anzuwenden. Man hatte mich auch gelehrt, mich nie ſchwelgeriſch durch Reichthuͤ⸗ mer ſchwaͤchen zu laſſen. Das waͤre ſehr gut geweſen, wenn man mich zugleich das Mittel gelehrt haͤtte, jene zu er⸗ werben. — 170 — „Als meine 720 Franes verzehrt waren, fuͤhlte ich mich unfaͤhig, ſelbſt das Nothduͤrftigſte zu erwerben. Schwach und an eine gewiſſe rein mechaniſche Arbeit gewoͤhnt, wäre Niemand unfaͤhiger als ich zu den Arbeiten eines Laſttra⸗ gers geweſen, und dies waͤre doch mein einziger Ausweg geworden, geſetzt, ich haͤtte etwas zu tragen gefunden, und waͤre ſtark genug geweſen, etwas zu tragen. „Man muß es nochmals ſagen: eine der Folgen einer ſolchen Erziehung iſt die, den, der ſie erhalten hat, zu Hand⸗ arbeit unfaͤhig zu machen, ſei es nun, daß ihn ein thoͤrig⸗ ter Stolz davon zuruͤckhalte, ſei es, daß phyſiſches Un⸗ vermoͤgen ihn daran hindere, ſei es endlich, daß ein ſolcher Gedanke von Handarbeit ihm nie in den Sinn kommen konne, ſo ausſchweifend, ſo gänzlich außerhalb der gewohn⸗ ten Lebensſphaͤre iſt er. „Sie fuͤhlen wohl, lieber Martin, daß ich durch meine Kenntniß der Welt nicht eben glaͤnzte. Ich hatte nie die Loge meines Vaters oder die Claſſe des Herrn Raymond anders verlaſſen, als um in's Colleg zu gehen, und wäh⸗ rend des Ganges aus der Penſion nach Louis le Grand, ſah ich kaum um mich, ſtets mit meinen Lectionen von ge⸗ ſtern oder morgen beſchaͤftigt und ſehr wenig neugierig auf das was auf der Straße vorging. Eben ſo unerfahren in dem Leben und den Sitten von Paris, wie der eingefleiſchteſte Provinzbewohner, konnen Sie ſich von meiner Verlegenheit einen Begriff machen, als ich mich allein im lateiniſchen — Viertel und genöthigt ſah ein Quartier zu ſuchen, un füͤr meine Beduͤrfniſſe zu ſorgen. „Ein gefäͤlliger Gewürzkrämer, an welchen ich mich wendete, zeigte mir ein beſcheidenes Hotel garni in der Straße de la Harpe, wo ich mich einrichtete. Da ich nicht wußte, wohin ich meinen Schatz von 720 Francs verbergen ſollte, damit ſie mir nicht geſtohlen wuͤrden, hatte ich den gluͤckli⸗ chen Gedanken, ſie in die Haͤnde des Hoteliers zu legen, der dieſes Unterpfand gern uͤbernahm. „Geruͤhrt von dieſem Akt der Herablaſſung ſeiner⸗ ſeits, fuͤhlte ich mich ſogleich zu einem außerordentlichen Vertrauen in ihn getrieben und fragte ihn, wo ich Beſchäf⸗ tigung finden koͤnne. „Seine erſte Frage (und ſie wiederholte ſich oft an mich) war die: — Was haben Sie gelernt? Wozu eignen Sie ſich? Meine, ebenfalls ſehr oft wiederholte Antwort war: „— Ich habe den zweiten Ehrenpreis erhalten, und verſtehe ſehr gut Griechiſch und Latein. „— Nun ſo lehren Sie Griechiſch und Latein, ant⸗ wortete der Hotelier mir ſehr verſtaͤndig. „— Aber wen? „„— Lieber junger Mann, das weiß ich nicht. Su⸗ chen Sie . ich beſchaͤftige mich bloß mit meinen Logis, nicht aber mit Aufſuchen von Eleven. „Aufſuchen . . das war leicht geſagt; aber wo? Konnte ich mit meinem gänzlichen Mangel an Kenntniß — 172 — der Welt und der Leute ſuchen und vorzuͤglich finden. Der Rath ſah einem ſchlechten Spaße aͤhnlich; ich konnte doch den erſten Beſten nicht fragen, ob er meiner Dienſte beduͤrfe. „Doch machte ich einige Verſuche und wendete mich unter Anderm an zwei mir nahe wohnende Studenten. Der Eine gab mir ſein heiligſtes Ehrenwort, daß er mich dabei anſtellen werde, den erſten Jungen den er von ſeiner Stu⸗ dentin erhalten werde, Griechiſch zu lehren; der Andere antwortete mir, daß, was die alten Sprachen betreffe, er nur den Stiefel und Schlammſack der Pfeifen zu ſchaͤtzen wiſſe. „Beſchämt und furchtſam, beſaß ich nicht den Muth mich neuen Spaͤßchen auszuſetzen, neuen Taͤuſchungen, und verfiel wieder in eine Abſpannung gleich der, in welche ich waͤhrend der vierzehn Gnadentage bei dem Nachfolger des Herrn Raymond vegetirt hatte. „Dieſe vierzehn Tage hatten mir nie zu enden geſchie⸗ nen. An dieſelbe Ewigkeit glaubte ich bei meinen 720 Francs. Eine Taͤuſchung, die ungluͤcklicherweiſe durch die Vorſicht genaͤhrt ward, welche ich angewendet, indem ich den Beſitzer meiner Wohnung gebeten, ſich fuͤr Nahrung und Logis von der Summe, die er in Verwahrung hatte, bezahlt zu machen. Dieſe Unbefangenheit, welche im lateiniſchen Viertel nicht eben haͤufig, ruͤhrte den guten Mann ſo ſehr, daß er auf meine Koſten und Gefahr mich gar zu reichlich leben ließ. „Die Zeit verſtrich. Ich ging wenig aus, verſenkt in mein muͤſſiges Bruͤten. Ich hatte nur Einen Zweck; die — 173 — Zukunft, die meiner wartete, wenn mein kleiner Schatz er⸗ ſchoͤpft ſein wuͤrde, aus dem Gedaͤchtniſſe zu verbannen. Oft taͤuſchten mich auch unbeſtimmte und thoͤrigte Hoff⸗ nungen. „Es iſt unmöglich, ſagte ich zu mir ſelbſt, daß ein Mann mit dem zweiten Ehrenpreiſe, der mehr als dreißig Mal bekraͤnzt worden, in Hunger und Elend umkommen kann. Wie ſollte ich aber auch nur aus dieſer Klemme, in welche mich das Schickſal getrieben hat, herauskommen? Ich weiß es nicht: aber eine geheime Ahnung fluͤſterte mir zu, daß ich herauskommen wuͤrde. „Manchmal verſuchte ich es jedoch, mich gegen dieſe apathiſche Abſpannung zu verhaͤrten, und rief meine claſſi⸗ ſchen Erinnerungen zu Hilfe. „Vana optare, vana timere remedium a philosophia petendum, ſagte ich mit Seneca. (Nur die Philoſophie kann uns Hilfsmittel gegen vergebliche Wuͤnſche und eitle Furcht ſein.) Und ich erſchoͤpfte die Tiefe meiner Philoſophie. „— Verachte den Reichthum. „— Dulde mit Entſagung. „Ich hatte nichts, um den Reichthum zu verachten, aber ich duldete mit Entſagung nach der beſtimmten Em⸗ pfehlung der Philoſophie. Bei alledem ſchritt aber die prak⸗ tiſche Entſcheidung der Frage über meine Zukunft in keiner Art vorwaͤrts. „Eines Tages kam mein Wirth zu mir. Er ſtrahlte vor Freude. mk „Ich habe einen Eleven fuͤr Sie gefunden, ſagte er, Sie können monatlich 30 Francs verdienen, einen Franc fur die Stunde. Es iſt ein wackerer Junge, der nicht recht viel gelernt hat, und doch gern in den Stand geſetzt ſein mochte, durch ſein Examen als Baccalaureus der Wiſſen⸗ ſchaften zu kommen. „Ich hielt mich fuͤr gerettet, ungeachtet einiges unan⸗ genehmen Mißtrauens in Bezug auf meine moraliſche und phyſiſche Autorität, denn ich wußte, daß ich nicht impo⸗ nirend war. Dennoch rechnete ich darauf, wenn ich mit einem Eleven allein mich befaͤnde, meine Furchtſamkeit zu uͤberwinden. „Der Eleve ward mir vorgeſtellt. Er war eben ſo furchtſam, eben ſo haͤßlich und faſt eben ſo lächerlich wie ich. Er ſchien mir das beſte Geſchoͤpf von der Welt zu ſein, und zeigte gleich zu Anfange die ehrfurchtsvollſte Ruͤck⸗ ſicht gegen mich. Ich hielt mich fuͤr gerettet und gab ihm die erſte Stunde. „Da ſtieß ich auf eine furchtbare Klippe, von der ich keine Ahnung gehabt hatte. Von dieſem Tage an begriff ich erſt, daß man wirklich ſehr unterrichtet ſein und viel wiſ⸗ ſen und dennoch völlig und durchaus unfaͤhig ſein könne, Andere zu lehren. Ich hatte die größte Muͤhe, mich aus⸗ zudruͤcken; der geringſte Einwurf ſetzte mich außer Faſſung und dann fuͤhlte ich, daß ich, damit mein Unterricht einigen Nutzen habe, gelaͤufig und laut uͤberſetzen und dieſe Ueber⸗ ſetzung mit Bemerkungen verbinden muͤßte, welche dazu be⸗ — ſtimmt, dieſe und jene Schonheit hervortreten zu laſſen, die⸗ ſen und jenen Ausdruck zu wuͤrdigen, die Fehler meines Eleven zu verbeſſern und ihm die Urſachen dieſer Verbeſſe⸗ rungen namhaft zu machen. Ah! dieſe Leichtigkeit der Ar⸗ beit, dieſe Art gewandter Beredtſamkeit hatte ich nie beſeſ⸗ ſen⸗ Ich war ſtets das geweſen, was man einen hartnaͤcki⸗ gen, unverdroſſenen Umgraber nennt, und keine andere Bezeichnung konnte das, was Peinliches, Langſames und Schwerfaͤlliges in einer Art zu arbeiten lag, beſſer aus⸗ druͤcken. „Dennoch verzweifelte ich nicht. Ich bedachte, daß ich mich ſchon daran gewoͤhnen und in den folgenden Stunden mit meinem Eleven vertrauter werden wuͤrde. Es war aber nicht ſo, und da ich vor allen Dingen ein redlicher Menſch war, geſtand ich meinem Eleven nach acht Tagen frei, daß ich ihm ſein Geld ſtehlen wuͤrde, wenn ich verſuchte ihn noch 9 zu unterrichten. — In der That, antwortete er mir naiv, bemerkte ich te daß ich heut noch nicht weiter gekommen war, als nach der erſten Stunde. „Dann gab er mir acht Francs, den Betrag meiner acht Marken, und wir trennten uns, von gegenſeitiger tiefer Achtung durchdrungen. „Dieſer letzte Schlag war bend: er zeigte mir das Nichtige des einzigen Hilfsmittels, i meine Erziehung darbot, und ſo ſturzte ich denn wieder in die apathiſche Verdumpfung zuruͤck, meine Lieblingsſtelle wiederholend: omnia patienter ferenda (man muß Alles ge⸗ duldig ertragen.) „Ungefaͤhr vier Monate verfloſſen auf dieſe Weiſe, da trat eines Morgens mein Wirth bei mir ein. „— Es bleiben uns nur noch 20 Francs uͤbrig, wenn die letzten vierzehn Tage berichtigt ſind, Herr Hayfiſch, ſagte er. Ich bin gekommen, Sie davon in Kenntniß zu ſetzen, nicht als ob ich beſorgt waͤre, großer Gott im Him⸗ mel. Sie ſind mir ja nichts ſchuldig, im Gegentheil aber es liegt mir daran, Sie von Ihren in Kenntniß zu ſetzen. „Ich war verſteint. „Mit meinen 720 Francs glaubte ich ein bis zwei Jahre, was weiß ichs, leben zu können. Der Wirth ſetzte unſtreitig voraus, daß beleidigender Verdacht gegen ſeine Redlichkeit meine Beſtuͤrzung verurſache, kam einige Mi⸗ nuten nachher mit einem ungeheuern Bogen zuruͤck, auf dem mein taͤgliches Mittagseſſen ganz genau aufgeze ichnet war. Unſelige Mittagseſſen, viel zu koſtbar fuͤr meine Boͤrſe, die ich in der vollſtaͤndigſten Zerſtreuung hinuntergeſchluckt hatte. „Der Wirth ſagte mir wuͤrdevoll, indem er mir meine Rechnung und meine 20 Francs einhaͤndigte: „— Da ſind Ihre 20 Francs, Herr Hayfiſch, bin nicht gewohnt in Verdacht gezogen zu werden. Es blei⸗ ben Ihnen noch eilf Tage Wohnung bei mir uͤbrig, da Sie in Voraus bezahlt haben, aber nach dieſen 11 waͤre mir ein Anderer eben ſo lieb. „ „Als er fortging, ließ er die zwanzig Franks auf mei⸗ ner Commode zuruͤck. „Der Kreis des Ungluͤcks, der mich einſchloß, verengte ſich immer mehr und dieſelbe Unfaähigkeit laͤhmte meine Kraͤfte. „Am Abende des Tages, wo mein Wirth mir anzeigte, daß, da meine vierzehn Tage voruͤber, ich ihm entweder eine anderweite Friſt bezahlen, oder ſein Haus verlaſſen muͤſſe, verzehrte ich meinen letzten Sou. Ich ging. „Seit langer Zeit uͤbte ich die philoſophiſchſte Nicht⸗ achtung in Bezug auf meinen Anzug. Meine Kleider zerfielen in Lumpen, meine Schuhe waren uͤberall durchſichtig, mein Hut war ein Gegenſtand ohne Form und Namen geworden. Seit dem Abende fuͤhlte ich die verzehrende Qual eines Wolfshungers, und wußte nicht, wo ich mein Haupt hin⸗ legen ſollte, da ich keinen Heller in der Taſche hatte. „Als ich ſo auf's Gerathewohl wanderte, gelangte ich durch die Straße Dauphine auf den Pont neuf und ging maſchinenmäßig die Quais hin und her, indem ich, an Allem verzweifelnd, alle meine Maximen klaſſiſcher Philoſophie die Revue paſſiren ließ. Dabei fielen mir mehre unter andern ein, bei denen ich manchmal verweilt war. Sie fanden jetzt praktiſche und unmittelbare Anwendung. Es waren folgende: Nam ut quandoque moriaris, etiam invito poritum est; ut quum voles in tua manu est — quid in mora est? Nemo te tenet, evade qua visum est! Elige quamlibet rerum natu- Martin. MI. 12 rae partem, quam tibi praebere exitum jubeas! Haec nempe sunt et elementa, quibus hic mundus administratur, aqua, terra, spiritus! Omnia ista, tam causae vivendi sunt, quam viae mortis, etc. (Eines Tages zu ſterben, wenn Du es auch nicht wollteſt, das iſt Dir vorherbeſtimmt; zu ſterben, ſobald Du es willſt, liegt in Deiner Hand. Warum zögerſt Du? Niemand halt Dich zuruͤck! Geh aus der Welt, auf welche Art es Dir am Beſten duͤnkt. Waͤhle irgend einen Grund⸗ beſtandtheil der Natur, den Du fuͤr Deinen Ausgang be⸗ ſtimmſt. Dies aber ſind die Elemente, aus denen dieſe Welt beſteht, Waſſer, Erde, Luft. Alles dies, wie es Urſache des Lebens, iſt auch Weg zum Tode u. ſ. w.) „Dieſe weite, bequeme und freimuͤthige Doctrin des Selbſtmords hatte mir nie weiſer geſchienen als in dieſem Augenblicke. Ich betrachtete den Strom, der mir zur Lin⸗ ken floß. Er war ruhig und klar und ſpiegelte in der Sonne auf's Koketteſte von der Welt. . .. Das war verfuhreriſch! . . Dennoch ſetzte ich meinen Weg zu den Eliſaͤſſchen Fel⸗ dern fort. „Nicht lange, ſo hörte ich von Weitem das Glockenge⸗ läut einer Kirche. Ich war nie fromm geweſen, aber dieſer ſchwermuͤthige Ton zeigte mir, indem er mir Alles in's Gedaͤchtniß zurucktief, was ich von der chriſtlichen Moral wußte, auch deren Eitelkeit in Bezug auf meine gegenwär⸗ tige Lage. — 179 — „Dieſe Moral predigte gleich der der Weiſen des Alter⸗ thums das Verachten des Reichthums, die Entſagung und die Hoffnung eines beſſern Lebens, verherrlichte und empfahl allerdings auch die menſchliche Bruderliebe, indem ſie uns zurief: Seid Bruͤder liebt Euch unter einander! .. Ah! ich verlangte ja nur, von irgend einem als ein Bruder angeſehen und geliebt zu werden, der zu mir ſagte: Du haſt kein Unterkommen? ſieh, hier iſt eins! Du haſt Hunger? ſieh, hier iß! Aber wo ihn finden, dieſen Bruder in Jeſu Chriſto? Die Barmherzigkeit häͤngt von dem ab, der ſie uͤbt und nicht von dem, der ſie erfleht. Es iſt dies ſtets die beruͤchtigte Maxime vom Haſenſchwarzz; man muß erſt einen Haſen haben! „Darin wenigſtens kam mir die Lehre vom Selbſt⸗ morde vorzuͤglicher vor; ſie war unmittelbar practiſch, war leicht und Jedermann zugaͤnglich. Es fanden ſich hier keine Principien, deren Verwirklichung durchaus vom guten Wil⸗ len oder dem Mitleid eines Dritten abhing, Euere Befreiung haͤngt einzig und voͤllig von Euch ab. . . . Es galt nur einen vorubergehenden Moment ... und dann ein andres Leben. Und wahrhaftig! wie dies auch ſei, es konnte nicht elender ſein als das, welches ich verlaſſen wollte. So war ich denn moraliſch uͤberzeugt. Nichtsdeſtoweniger ging ich aber immer weiter fort. Da ich zu meiner Linken meine gute liebe Seine hatte, ganz bereit, ſtets bereit. dort .. zu mei⸗ ner Dispoſition, fuͤhlte ich eine Art von Ruhe, die nur dann 12* und wann durch die Gluthen und Ermattungen eines Hun⸗ gers gleich einem Schakal unterbrochen wurde. „So wat ich in die Eliſaiſchen Felder gekommen, als ein Larmen von Trompeten und Cymbeln wider Willen meine Aufmerkſamkeit auf ſich zog. Ich ſah mich um und erblickte mehre Schaubuͤhnen von Taſchenſpielern unter freiem Himmel.“ „Auf der erhoͤhten Eſtrade eines dieſer Theater para⸗ dirten ein Hanswurſt und ſein Herr, welche die Menge ein⸗ luden, in die Leinwandbude einzutreten, an welcher ein Bild hing, welches einen Rieſen vorſtellte, der ein ungeheures Maul offnete, in welches zwei mit langen Gabeln, gleich Heugabeln bewehrte Maͤnner eine Unendlichkeit von gebrate⸗ nen Truthuͤhnern, Wuͤrſten und Paſteten warfen. „Ueber dieſem Bilde las man mit großen Buchſtaben: Der lebendige Ogre. Er ißt vor der hochgeehrten Geſellſchaft zehn Pfund Fleiſch, eine Paſtete von fünf Pfund, einen hollän⸗ diſchen Käſe und ein Brot von fünf Pfund. „Die öffentliche Neugier war außerordentlich gereizt, die Menge draͤngte ſich um das Geruͤſt und man kuͤndigte die Schauſtellung des Ogre an. Die beiden andern Theater blieben verlaſſen, und die rivaliſtrenden Taſchenſpieler be⸗ trachteten mit Augen voll Neid und Traurigkeit das gute Gluͤck ihres Nachbar Ogre. „Welcher ſchöne Stand! . und wie leicht und be⸗ — — quem ... und nahrhaft .. .iſt doch dieſes Geſchaͤft als Ogre! ſagte ich traurig lächelnd. Das iſt doch ein auser⸗ korener Menſch! . . . Ach! ... wenn die Ehrenpreiſe nur wenigſtens eine ſo ſchoͤne Zukunft ſicherſtellten! „Und weiter ging ich, die Taſchenſpieler, den lebendigen Ogre und die fernen Fanfaren hinter mir laſſend, welche mir noch die mit ſchwermuͤthigem Stolze gemiſchte Betrachtung erweckten: „Auch fuͤr mich hat man Fanfaren geblaſen! „Die Nacht brach herein. Eine milde, laue Nacht, trotz der vorgeruͤckten Jahreszeit. Die Spaziergaͤnger wur⸗ den ſeltener, und nicht lange, ſo war ich allein. Ueber meine ſchöne Theorie vom antiken Selbſtmorde nachdenkend, hatte ich mich dem Ufer des Fluſſes, das an dieſem Orte ziemlich hoch war, genähert. „Plotzlich wurde der Eindruck des Hungers furchtbar ſchneidend, und eine Art Schwindel bemaͤchtigte ſich meiner. So entſchloß ich mich denn, es mit dem Leben zu Ende zu bringen, kehrte dem Fluſſe den Ruͤcken zu . und ließ mich ſo ruͤckwaͤrts hineinfallen. „Ohnſtreitig erweckte die Kaͤlte des Waſſers meinen Inſtinkt der Lebenserhaltung wieder. Maſchinenmaͤßig be⸗ wegte ich mich. Zu meiner großen Verwunderung bemerkte ich da, daß ſtatt unterzuſinken, ich durch einen unſichtbaren Gegenſtand auf der Oberflaͤche des Waſſers gehalten wurde. Bei einer abermaligen Bewegung, die ich machte, tauchte ich aber Kopfuͤber ein, und fuͤhlte, trotz oder auch wegen mei⸗ — — ner verzweiflungsvollen Anſtrengungen, mich immer mehr in die Maſchen eines großen Netzes verwickelt. In demſelben Augenblicke ſog ich zwei bis drei Schluck Waſſer ein, die mich erſtickten, und ich verlor faſt ganz das Bewußtſein. „Was geſchah unterdeſſen? Ich weiß es nicht. Mochte der Strom das durch meinen Sturz von den Pfloͤcken los⸗ geriſſene Netz mit fortgefuͤhrt, oder meine heftigen Bewe⸗ gungen mich, ohne daß ich es wußte, wieder dem Ufer ge⸗ naͤhert haben, als ich wieder zu mir kam, gab es den hellſten Mondſchein und ich lag ganz weich gebettet an dem, auf dieſer Stelle mit Raſen bewachſenen Flußufer. Mein Leib war außerhalb des Waſſers und nur meine Beine noch darin, ich war aber in die Maſchen des Netzes ſo verſtrickt, als nur jemals Gulliver es geweſen ſein konnte. Als ich mich davon loszumachen ſuchte, fuͤhlte ich hier und da um mich her verſchiedene feuchte und glatte Koͤrper ſich bewegen, die ich, als ich meiner Sinne vollkommen wieder mächtig, fur ſehr ſchoͤne Fiſche erkannte. „Nach einer Viertelſtunde ſaß ich am Ufer, bis auf die Knochen naß, aber vom Netze befreit und uͤber die merk⸗ wuͤrdigen Spruͤnge von einem Dutzend Karpfen und Bar⸗ ben lachend, die auf dem Graſe mir zur Seite lagen. „Ich geſtehe es Ihnen, lieber Martin, mein erſter Gedanke war ein Gedanke der Freude, daß ich dem Tode entgangen, und der zweite Eindruck, der mich vollſtändig daran erinnerte, daß ich der Menſchheit angehoͤre, war ein verzehrender Hunger. . . . Das iſt unzart, iſt materiell, aber — 183 — es iſt ſo . Auch nahm ich, als ich im Mondſchein den glaͤnzenden und ſilbernen Bauch einer Barbe bemerkte, dieſe und . furchtbar! nachdem ich ſie betaͤubt, indem ich ſie heftig mit dem Kopfe auf den Boden ſchlug, ver⸗ zehrte ich ſie noch zuckend... Nun denn! . dieſes friſche, fette Fleiſch erweckte mir keinen Ekel im Gegentheil .. ein Karpfen vom ſchoͤnſten Aeußern hatte noch daſſelbe Schickſal, nur daß ich als blaſirter, ſatter und wähliger Menſch, beim Verzehren des dritten Opfers, mit der feinen Kennerſchaft eines Feinſchmeckers mir die beſten Stuͤcken aus⸗ ſuchte. „Die Mahlzeit eines Ichthyophagen ſtärkte mich, aber ich bebte nun vor Froſt. Da gewahrte ich in der Ferne ein Licht am ufer. Ich ſchuͤttelte mich ab, nahm in einem Theile des Netzes das mit, was noch an Fiſchen uͤbrig war⸗ (freilich ein Diebſtahll) und ging der naͤchtlichen Helle nach. Es waren Schiffer, die, um morgen mit dem Fruͤhſten ab⸗ fahren zu können, Pech kochten, womit ſie einige Theile ihres Bootes kalfaterten. „Mit einer Macht der Erfindung, über die ich mich ſelbſt wunderte und von der ich in meinen franzoͤſiſchen oder lateiniſchen Ausfuͤhrungen nie Gebrauch gemacht hatte, gab ich mich fur einen leidenſchaftlichen Liebhaber des Fiſchfangs aus und verſicherte, daß, indem ich meine Netze hätte heben wollen, ich mit dem Kopfe zuerſt ins Waſſer gefallen ſei. Die Naͤſſe, von der meine Kleider tropften, und die Fiſche⸗ — — die ich mitbrachte, zeugten hinreichend fuͤr meine Wahrhaf⸗ tigkeit. „Dieſe braven Schiffer nahmen mich herzlich auf, lie⸗ ßen mich meine Kleider am Feuer trocknen, und wenn es mit gefallig, auf der Matratze in ihrer Kajüte den Tag er⸗ warten. Sie trieben ſelbſt die Gaſtfreundſchaft ſo weit, mit den Mitgebrauch eines Schlauchs voll Branntwein an⸗ zubieten. Ich nahm die Matratze an, benutzte maͤßig den Schlauch und ſtreckte mich wohlgetrocknet in der Kajuͤte aus, den Kopf vom Branntwein und der Erinnerung an die ſeltſamen Begebenheiten dieſes Tages gewaltig aufgeregt, dieſes Tages, den ich damit beſchloſſen hatte, daß ich ſo zu ſagen mich ſelbſt gefiſcht und rohe Barben und Karpfen ge⸗ geſſen. „Ich weiß nicht, wie das Andenken an den Ogre bei den Taſchenſpielern mir ins Gedaͤchtniß kam, aber in dem Zuſtande der Gehirnaufregung, in welchem ich mich damals befand, ließ ich einen zugleich lächerlichen, ironiſchen und ernſthaften Gedanken in mir entſtehen. „Warum mich wegen der Zukunft beunruhigen? ſagte ich zu mir ſelbſt. Ich habe ja da ein Geſchaͤft, ein ganz vortreffliches Geſchaͤft bei der Hand. Dieſe Taſchen⸗ ſpieler zeigen ihres Ogre's Talent . . . und ein ſehr mittel⸗ mäßiges Talent. . . (ich beurtheilte den Ogre ſchon als ri⸗ valiſirenden Kuͤnſtler), deſſen mehr als mittelmaͤßiges Talent ſich auf nichts Andres erſtreckte, als eine ungeheure Menge von Lebensmitteln zu verzehren. Er iſt alſo nach einem großen Maßſtabe ein Menſch, der vielen Hunger hat und ißt . . . weiter nichts. Das iſt gar nichts Neues, iſt ſehr gewoͤhnlich, ja, ich moͤchte ſogar ſagen, iſt etwas Wi⸗ derliches zu ſehen, wie dieſer Klopffechter, dieſer Vielfraß (ich war ſchon dahin gekommen, den armen Ogre zu ſchim⸗ pfen) ſich ſeiner emporenden Gefräßigkeit uͤberläßt. Waͤre es nicht viel neuer, viel merkwuͤrdiger, und in weit beſſerm Geſchmacke, (da ſehen Sie, wohin mich meine Eiferſucht auf den Ogre trieb) einen Juͤngling zu zeigen, vertraut mit der ſchönen Literatur der Alten, einen Inhaber des zweiten Ehrenpreiſes der Univerſität, einen dreißig Mal Belorbeerten, der ſich durch einen glucklichen Kontraſt der intereſſanten uebung hingiebt, lebende Fiſche zu eſſen? (Ich fuͤhlte den Muth in mir, ſie lebend zu verſpeiſen, um mich auf den Truͤmmern des Rufes des Ogre zu erheben.) „Warum ſollte ich alſo ſchon morgen nicht meine klei⸗ nen Dienſte einem der beiden Taſchenſpieler anbieten, deren Breter geſtern die Menge verlaſſen, um ſich zu dem Thea⸗ ter dieſes albernen Ogre, dieſes gefraßigen Intrigants, zu draͤngen? (Ich war nun dahin gekommen, meinen Neben⸗ buhler im vollen Ernſte zu verwuͤnſchen.) „Euer Nachbar zeigt einen Ogre, wollte ich zu dem Taſchenſpieler ſagen: er nimmt Euch Euer Publikum weg. Bringt es wieder, dieſes unbeſtändige, fluchtige Publikum, indem Ihr ihm, zwar keinen Ogre, aber ein Phänomen zeigt, das von rohen Fiſchen lebt. Mehr noch als das! rief ich aus, indem ich fuͤhlte, wie meine Phantaſie ſich aufregte — 186 — und meine erſte Idee durch neue und geiſtreiche Vervollkomm⸗ nungen ſich vervollſtändigte: ja, beſſer als das, zeigt ihm einen Fiſchmenſchen . . . der im Waſſer lebt und der ſtatt der Arme . . . Floßfedern hat.. .. Seht, welch' ein Effect, Ihr Herren! welches Gemaͤlde dem Gemaͤlde Eures Rivals gegenuͤber! Ein Menſch mit Floſſen ſtatt der Arme, in einer ungeheuern Wanne, und alle Arten von Fi⸗ ſchen eſſend! Aufrichtig geſagt, Ihr Herren, was iſt, um die Menge anzuziehen, ein Ogre gegen einen Fiſchmenſchen? „Ich war von meinem Projekte, von der ruhigen, ſichern Zukunft, die es mir gewaͤhren konnte, ganz verblendet. In meiner Hitze machte mich keine Schwierigkeit verlegen. Im Waſſer waͤhrend meiner Leiſtungen zu bleiben, was war denn das weiter? Ein verlängertes Bad! ... Was die Floſſen betraf, ſo konnte ich mir freilich deshalb durchaus keine Illuſion machen, denn ich beſaß fie nicht. Aber bei laͤngerm Nachdenken ſchien es mir, als ob mittelſt Schei⸗ den von Pergament, wie Floſſen von ſchoͤnem Azurblau ge⸗ formt und gemalt, in welche ich meine Arme ſtecken wollte, und die man durch eine Art von Schuppenpanzer aus Blech an meine Schultern befeſtigte, man mit Beihilfe des Halb⸗ dunkels einige Taͤuſchung hervorbringen könne. Ohnſtrei⸗ tig war dieſes Projekt noch ungeſtaltet und erſt noch ſkizzen⸗ haft, aber wenn die Taſchenſpieler, doch in ſolchen Umgeſtal⸗ tungen ſehr erfahren, die geringſte Einſicht hatten, mußten ſie dieſe Idee ausbeuten und ſie noch fruchtreicher machen. „So ſchlief ich denn mitten unter dieſen ſonderbaren — — Ausarbeitungen ein. Mit Tagesanbruch weckten mich die Schiffer. Nochdem ich von dieſen braven Leuten Abſchied genommen hatte, verließ ich ſie und nahm meinen Ueberreſt von Fiſchen mit. Statt mir toll und abgeſchmackt zu er⸗ ſcheinen, kamen mir meine Ideen von geſtern in Bezug auf meinen Plan einer Concurrenz gegen den Ogre vollkommen praktiſch, verſtaͤndig und moͤglich vor. „So uͤberwand ich denn meine Schuͤchternheit und ging zu der Art von nomadiſchem Karren, der den Taſchenſpie⸗ lern in der Nachbarſchaft des Ogre zur Wohnung diente. „Denken Sie ſich meine Freude, meine Trunkenheit, lieber Martin, als ich nach einer Unterredung von einer Stunde mit Vater Boulingrin, dem Herkuleskuͤnſt⸗ ler, und Profeſſor der Borkunſt, wie er ſich titulirte, die⸗ ſen mit Enthuſiasmus mein Project annehmen ſah. „Nachdem er mich einen Karpfen und eine Barbe, Beide roh, hatte eſſen ſehen, ſchlug mir der ſchaͤtzbare Akrobat fol⸗ gendes fahhafte Engagement vor: „Taͤglich 25 Sous. „Nahrung und Wohnung. „Unterhalt der Floßfedern. „Acht Tage nachher, während welcher Zeit Vater Bou⸗ lngrin mir erfinderiſcher Weiſe Floßfedern machen ließ, ſtellte man uͤber der Thuͤr unſrer Leinwandumzaͤunung ein prachtvolles Gemälde auf, auf dem ich dargeſtellt war, mit halbem Leibe aus einem großen Teiche ragend, die Floßfedern ausbreitend und zwiſchen meinen Zähnen einen Fiſch von phantaſtiſcher Geſtalt haltend. Unter dem Gemaͤlde las man die pomhafte Anzeige, bei deren Abfaſſung ich in ſcien⸗ tifiſcher, geographiſcher und hiſtoriſcher Hinſicht eingewirkt hatte Der Fiſchmeuſch. Lebendes und ſübernatirliches Phänomen, aufgefiſcht durch die Mameluken des Paſcha von Egypten im Fluſſe Nil, gelegen im Lande der Pharaonen und Pyramiden. Dies Phänomen kann nur im Waſſer leben und naͤhrt ſich blos von lebenden Fiſchen. Statt der Arme hat es Floßfedern, die man aber Militairs und Damen, dieſe bevorzugten Weſen Frankreichs, beruͤhren laͤßt. (Die Ehre dieſes an das ſchoͤne Geſchlecht und den Ruhm des Landes gerichteten Zugs gebuͤhrte dem Vater Boulingrin, wie ich demuͤthig eingeſtehe.) „Dieſes unglaubliche Phaͤnomen kann in vier Sprachen auf die Fragen antworten, welche die hochgeehrte Geſellſchaft ihm vor⸗ legen wird. Dieſe vier Sprachen ſind: La⸗ tein, Griechiſch, Franzoͤſiſch und Egyptiſch vom Nil.“ „Ich war mit dem Vater Boulingrin dahin uͤberein gekommen, daß in der zweifelhaften Vorausſetzung: wenn ein Mitglied der hochgeehrten Geſellſchaft mich auf Egyp⸗ — 189 — tiſch fruge, ich ihm in einer Sprache eigner Erfindung ant⸗ worten ſollte, wodurch der unvorſichtige Frager bald in den ſtarken Verdacht kommen müßte und uͤberfuͤhrt werden, daß er das wahre Egyptiſch vom Nil nicht verſtehe. „Die Wirkung unſers Gemaldes war zauberhaft. Der Ogre wurde gegen den Fiſchmenſchen auf's Kränkendſte ver⸗ laſſen, (ich machte mir eine Art von Vorwurf ob dieſes Triumphes) und unſere erſte Einnahme erreichte den unge⸗ heuern Betrag von 32 Franks 50 Centimen. Seitdem habe ich die Stellung als Fiſchmenſch ertraͤg⸗ lich gefunden. Ich habe in dieſer Qualitaͤt Vater Boulin⸗ grin auf ſeinen Wanderungen begleitet, bis zu dem Tage, wo er mir, als er ſein Nomadenleben gegen eine andre, we⸗ niger gewagte Exiſtenz aufgab, vorſchlug, ein Engagement mit la Levraſſe unter denſelben Bedingungen, wie bei ihm, einzugehen. Dies habe ich angenommen, und gleich bei der Ankunft bei meinem neuen Patron Sie zum erſten Male geſehen, ber Martin. Damals waren Sie noch ein Kind. „Seit dieſer Epoche kennen Sie mein Leben. Jetzt überſchauen Sie es durch dieſe ruͤckblickenden Details, welche ich Ihnen ſende, ganz.“ Dies waren die Vorgänge des Lebens von Leonidas Requin (Haifiſch), des Fiſchmenſchen, der das Perſonal der Truppe von la Levraſſe nun vermehrte. Pierzehntes Rapitel. Die Abreiſe. Dies war die Veranlaſſung, welche Leonidas Hayfiſch in die abenteuerliche Laufbahn lebender Wbnrnin ge⸗ trieben. „Nun denn! Bourgeois,“ ſagte er zu la Levraſſe, als Mutter Major ſich von der Abfahrt des Fuhrmanns verge⸗ wiſſert, „wir ſind in Familie .. ich will die Arme be⸗ wegen.“ Mein Staunen war außerordentlich. Ich hatte bis dahin auftichtig geglaubt, daß das lange aͤrmelloſe Kleid des Fiſchmenſchen, deſſen Floßfedern verberge. La Levraſſe gab, durch die Indiscretion ſeines neuen Tiſchgenoſſen offen⸗ bar unangenehm beruͤhrt, ihm ein ausdrucksvolles Zeichen, damit er ihn nicht Lugen ſtrafe, und ſagte dann: „Wenn Du den Namen Arme Deinen loßjedern geben willſt, um das Anſehen eines Menſchen wie die An⸗ dern zu haben meinetwegen, mein Junge. Aber — 191 — haft geſprochen, ſiehſt Du hier einen Thunichtgut vor Dir, der Dir in Allem beiſtehen ſoll, und deſſen zwei Arme die Deinen erſetzen ſollen.“ Leonidas ſah la Levraſſe mit Verwunderung an und begann wieder: „Vater Boulingrin hatte mir bei ſeinem Engagement nichts von dieſer Bedingung geſagt. Wie? ich ſollte mich meiner Arme auch nicht in Familie bedienen können? Und man ſollte mich fuͤttern wie einen Kranken? Ach gehen Sie doch, Bourgeois! Iſt's doch ſchon genug, während der ganzen Reiſe unbeweglich in meinem Fiſchbehalter geblieben zu ſein! Ich ſpiele meine Rolle, ſo gut ich nur kann vorm Publikum ... aber ſobald ich ins Privatleben zuruͤckgetreten bin, nehme ich auch den Gebrauch meiner natuͤrlichen Rechte und unter andern dieſen hier in Anſpruch.“ Indem der Fiſchmenſch dies ſagte, ſtreckte er durch die Seitenſpalten ſeines Gewandes ſeine beiden magern Arme, die in das Tricot eines wollenen Gilets gepreßt, und be⸗ wegte und ſtreckte ſie, um ſich von einem langen Nichtge⸗ brauch zu erholen. „So hoͤre denn, ungeſchickter Menſch,“ rief la Le⸗ vraſſe, „daß, damit das Publikum ins Spiel eingeht, wir das Anſehn haben muͤſſen, als glaubten wir ſelbſt daran. Die Geſchwaͤtzigkeit eines Thunichtguts wie dieſer da ...“ und damit zeigte er auf mich ... „kann Alles verderben. Waͤre es daher nicht beſſer, wenn er ein wirklicher Mituͤberzeugter wäre? Uebrigens ſage ich Dir, Leonidas . daß von dem — 192 — Tage an, wo man nicht mehr an Deine Floßfedern glaubt, Du geliefert biſt, Burſche.“ „Das iſt eine große philoſophiſche Wahrheit,“ — tete der Fiſchmenſch mit komiſchem Ernſte; „die ganze Wiſſenſchaft des Lebens beſteht darin: an ſeine Floßfe⸗ dern Sathet i m 4 Die Antunt des Sicſcn nich nur augen⸗ blicklich von meiner Unruhe uͤber Bamboche's Schickſal ab⸗ gezogen, dieſes Opfer ſeiner Anhänglichkeit an mich⸗ Mehre Tage hindurch waren alle Anſtrengungen, mich mei⸗ nem Freunde zu nähern, vergeblich. Jeden Morgen ſah ich Mutter Major in den Keller hinabſteigen, um ihn aufzu⸗ ſuchen und ihm ſeine Lection zu geben, aber ſie kam voll Zorn wieder und ſchrie, daß er hartnäckig ſich weigere, auch nur. den geringſten Krampf zu arbeiten. Dann nahm la Levraſſe, ganz ſtill am Boden gleich einer wilden Katze fortſchleichend, ſeine Richtung nach dem Keller zu, in dem er höchſtens eine Viertelſtunde blieb. Darauf erſchien er wieder, ohne daß man den mindeſten Larmen oder leiſeſten Schrei gehoͤrt, und wenn ich nach meinem Gefäͤhrten fragte, antwortete er mir durch eine groteske Grimaſſe. Leonidas Hayfiſch, zutrautich gegen Alle, von Natur apathiſch und ſchuͤchtern, verlangte nur Eins Ruhe. Er *) Die kleinſte acrobatiſche uebung zu machen. — 193 — ſchien uͤbrigens vollkommen zufrieden mit ſeinem Looſe, hoͤrte mit ſtoiſchem Gleichmuthe die Verderbtheiten der Mut⸗ ter Major oder die tuͤckiſch boshaften Reden la Levraſſes an, aß gut, ſchlief bis zum ſpaͤtſten Morgen und ſuchte den kleinſten Sonnenſtrahl auf, um ſich darin auszuſtrecken. Da philoſophirte er ohnſtreitig nach Herzensluſt, und las ſei⸗ nen goͤttlichen Seneca und las ihn wieder. Nur nahm er von Zeit zu Zeit ſeine Stellung an und ließ ſeine nachgemachten Floßfedern ſpielen, worauf er einen rohen Fiſch aß, um die Hand leicht zu erhalten, wie la Levraſſe ſagte. Spaͤter geſtand mir Leonidas, daß er nicht gleich An⸗ fangs meine Lage bedauernswerth gefunden, und daß ver⸗ gleichsweiſe meine acrobatiſche Erziehung, welche meine Kraft, Gelenkigkeit und Gewandtheit entfaltete, ohne mich zu andern Beſchaͤftigungen ungeeignet zu machen, ihm der unfruchtbaren gelehrten Erziehung, die er erhalten, ſehr vorzuziehen ſcheine. Eines Tages ſchlug er mir vor, mich leſen zu lehren. Trotz meines lebhaften Wunſches, mich zu unterrichten, ſchlug ichs ihm doch ab, da ich fuͤrchtete, der Liebe Bam⸗ boche's mich unwuͤrdig zu machen, wenn ich der freund⸗ ſchaftlichen Zuvorkommenheit dieſes neuen Gefaͤhrten ent⸗ gegen kame und zu vertraut mit ihm wuͤrde. Der falſche Fiſchmenſch gab mir auch viel zu denken. Er war fuͤr mich ein neuer Beweis fuͤr die ſchlechten Grund⸗ ſaͤtze Bamboche's, denn eines Tages ſagte Leonidas Hay⸗ fiſch, als er ſich mit ſeinem theuern Seneca auf den Knieen Martin. III. 13 — nach einem derben Fruͤhſtuͤcke auf dem Raſen im Hofe ausgeſtreckt, an der Sonne ergotzte, zu mir: „So verdanke ich doch eigentlich den rohen Fiſchen, die ich eſſe, und meinen falſchen Floßfedern die ſelige Ruhe, deren ich genieße. Ich hatte gut gelehrt ſein, ich hatte gut den regſten Wunſch empfinden, zu arbeiten, um mein Brot redlich zu verdienen, ich verhungerte dennoch. Jetzt betrüge ich die guten Leute mit meinen Floßfedern und laſſe mirs wohl ſein wie ein Paſcha.“ „Bamboche hat alſo Recht,“ ſagte ich zu mir, „wieder ein Menſch, der erſt Gluͤck hat, ſeit er betruͤgt und luͤgt.“ Da ich mit meinen Hilfsmitteln mich dieſem Freunde zu nähern zu Ende, beſchloß ich ihm nachzuahmen, in der Meinung, daß man mich vielleicht mit ihm einſperten werde. Eines Morgens weigerte ich mich nun meinerſeits, meine Uebungen zu machen. „Kleiner Martin,“ ſagte la Levraſſe mit ſeiner ſuͤßli⸗ chen Stimme zu mir, „ich werde Dir nicht einmal einen Maſenſtuͤber geben, da Du aber nicht arbeiten willſt, ſo werde ich die Doſis Deines Freundes Bamboche verdoppeln nach Deiner Abſicht.“ Dieſe Drohung brachte mich außer Faſſung. Ich wußte, daß la Levraſſe im Stande ſei, ſie zur Ausfuͤhrung zu bringen, verſuchte alſo ein anderes Mittel. „Zeigen Sie mir das ſchwierigſte und gefährlichſte Stuͤck, ich will es lernen und wenn ich den Hals dabei — 195 — brechen ſollte, aber unter der Bedingung, daß, wenn ich es kann, Sie Bamboche wollen Gnade widerfahren laſſen.“ „Gut,“ erwiderte la Levraſſe mit ſpöttiſchem und bos⸗ haftem Lächeln. „Wenn Du den Kaninchenſprung wirſt können, ſoll Dein Freund Bamboche begnadigt ſein.“ Nichts Peinigenderes und Gefaährlicheres als dieſes Stuͤck. Es beſtand darin, von der Hoͤhe einer Art von 6 Fuß hohen Eſtrade herabzuſpringen, ſich einmal um ſich ſelbſt zu drehen und unten wieder auf die Beine zu kom⸗ men. Die geringſte Ungeſchicklichkeit, durch welche man falſch unten auffiel, konnte mir ein Glied brechen oder den Hals verrenken, was ſtets tödtlich wurde. Die Hoffnung, Bamboche's Begnadigung zu erlangen, verlieh mir einen ſolchen Eifer, daß ich ſeibſt die robuſte Thätigkeit der Mut⸗ ter Major ermudete. Meine Kraͤfte waren erſchoͤpft und doch beharrte ich ſtets darauf. Endlich ergriff mich in Mit⸗ ten meiner Evolutionen Schwindel und Kraftloſigkeit, und ich ſiel ſo ungluͤcklich, daß ich den linken Arm brach. Dieſes Mal bewilligte mir Levraſſe, den ein Gefuhl des Mitleids uͤberkam, die Begnadigung meines Freundes. Leonidas und Mutter Major brachten mich auf mein Bett, als Bamboche eintrat. Ich habe nie erfahren, weshalb und aus welcher Abſicht la Levraſſe ihm die Urſache meines Un⸗ glucksfalles mitgetheilt hatte, aber dieſer unbezaͤhmbare Knabe, dem die grauſamſte Behandlung nie eine Klage, ein Zugeſtaͤndniß oder eine Thraͤne entriß, warf ſich, in Thränen zerfließend, auf mein Bett und rief: 13* — — „Fur mich . . um meiner Begnadigung willen haſt Du Dir den Am gebrochen!“ „Biſt Du denn nicht auch um meinetwillen ſeit acht Tagen beſtraft worden?“ ſagte ich ihm, indem ich ihn mit unſaͤglicher Freude an mich druͤckte. „Oh! wie ruͤhrend iſt das! wie herzzerbrechend! wie beweglich! Hi, hi, hi!“ ſagte la Levraſſe grimaſſirend und, indem er auf groteske Art ſich ſtellte, als weine er, wäh⸗ rend der Fiſchmenſch wahrhaft bewegt, als er ſah, daß man ſeiner nicht mehr beduͤrfe, fortging, wie er ſagte, um den beruͤhmten Traktat de Amicitia zu leſen. Wenn ich einen Werth auf dieſe gegenſeitigen Beweiſe knabenhafter Hingebung lege, welche Bamboche und ich uns waͤhrend unſter Kindheit gaben, ſo geſchieht es, weil ſie den Grund zu der Zuneigung legten, welche ſpäter, trotz der verſchiedenſten Verhaͤltniſſe und der einander entgegen⸗ geſetzteſten moraliſchen Anſichten, nie erſchuͤttert ward und uns beiderſeits die groͤßten Opfer auferlegte, welche ſtets mit religioſer Freudigkeit gebracht wurden. Als ich allein mit Bamboche war, betrachtete ich ihn aufmerkſam. Ich erſchrak uͤber die duſtre Veränderung ſeiner Zuͤge. Er war noch bleicher als gewöhnlich. Er mußte unſaͤglich gelitten haben. „Man hat Dich wohl ſehr hart behandelt?“ fragte ich ihn. „O! ja!“ antwottete er mit finſterem Laͤcheln und dem „ — m — Ausdrucke wilder Freude; „o ja! .. ſehr hart, Gott ſei Dank!“ „Gott ſei Dank?“ „Ja, ich werde eines Tages es la Levraſſe zu vergel⸗ ten haben.“ „Er ließ Dich alſo wohl ſehr leiden?“ „Et ließ mich meinen Großvater ſehen,“ ant⸗ wortete Bamboche und mit wildem Ausbruche. „Was willſt Du damit ſagen?“ „Er band mir eins der eiſernen Gewichte, die zu un⸗ ſern Uebungen gebraucht werden, an die Fuͤße, nahm mich dann bei den Ohren und hob mich einige Minuten uͤber den Boden, was er drei bis vier Mal wiederholte.“ „Nun wundere ich mich nicht mehr. Er ſagte, ſein Beſſerungsmittel mache keinen Laͤrmen.“ „Jemand, den man erwuͤrgt, kann nicht ſchmerzlicher leiden,“ ſagte Bamboche mit dumpfer Stimme. „Manch⸗ mal war es mir, als ob mein Kopf vom Halſe abgeriſſen wurde, blaue Flammen zuckten mir vor den Augen und mir wurde uͤbel. Dann verſuchte ich nicht mich gegen la Levraſſe zu wehren, denn er war zu ſtark. Es wuͤrde mir zu nichts geholfen haben. Aber doch gab ich nicht nach und ſagte zu mir ſelbſt: Geh nur, geh und verurſache mir Qualen ... Du haͤufſt ſie doch nur auf Dich ſelbſt. . Warte bis Basquine hier iſt .. dann ſollſt Du ſehen, wie ich Dir alle dieſe rothe Münze wiederbezahlen will.“ — 198 Ich ſchauderte bei dem Ausdrucke, mit dem Bamboche dieſe letzte Drohung ausſprach. Die Sorge, welche meine Verwundung verurſachte, die ſo ziemlich gut von Mutter Major verbunden ward, welche an dieſe Art von Zufaͤllen gewoͤhnt, ſo wie ein Brief, den la Levraſſe in Bezug auf die neue Basquine er⸗ hielt, die wir unterwegs mitnehmen ſollten, beſchleunigten unſte Abreiſe. Der Sitte faſt aller dieſer Seiltänzer gemäß, beſaß auch unſer Bourgevis eine Art nomadiſchen Wagen, der auf Reiſen und bei den Vorſtellungen auf fremden Maͤrkten, der Truppe zur Wohnung diente. Dieſer ungefähr 15 Fuß lange und 10 Fuß hohe Wagen war in 3 von außen durch Katzenloͤcher erhellte und innerlich durch kleine Thuͤren mit einander zuſammenhaͤn⸗ gende Abtheilungen geſonder⸗. Die vordere Abtheilung diente zum Magazin, die mittlere zur Kuͤche und die hintere zur gemeinſchaftlichen Wohnung. Dieſe Art von ziemlich geraͤumiger Kammer war wie die Kajuͤte eines Schiffs aus⸗ geruͤſtet. Acht Betten in Form von Kiſten, 7 Fuß lang und 3 Fuß breit, befanden ſich in 2 Reihen uͤber einander. Eine vergitterte, in der Imperiale angebrachte Oeffnung gab hinreichend Licht und Helle. Drei von Stadt zu Stadt für 1 oder 2 Tage gemiethete Pferde reichten hin, dieſe Art rollenden Hauſes fortzuſchleppen, das in einem doppelten Boden die Bretter und Leinwand enthielt, — die zur Errichtung unſers Theaters im Freien benothigt. Der gelehrte Eſel Luzifer, ſo ſtark wie ein Pferd, wurde vor einen kleinen Aushilfewagen geſpannt, den abwechſelnd la Levraſſe und Mutter Major einnahmen und ſo außer⸗ halb deſſelben das Fortkommen des großen Wagens bewach⸗ ten. Endlich wurde der Fuhrmann, der die Kiſte mit dem Fiſchmenſchen gebracht hatte, mit ſeinem Karren hinzube⸗ ſchieden, und ſo verließ unſte Caravane eines Morgens das bis dahin fur la Levraſſe gemiethete Haus. Ich hatte nicht das Geringſte von meinem ehemaligen Meiſter Limouſin erfahren. Auf alle meine deßfallſigen Fragen hatte la Levraſſe mit Schweigen oder einer Gri⸗ maſſe geantwortet. Ich widmete alſo Limouſin, bei dem ich wenigſtens nie ſchlecht behandelt worden war, den letzten Abſchiedsgedanken und wurde in eins der Betten im Wa⸗ gen neben Bamboche gelegt. Er ſchenkte mir tauſendfache Sorgfalt mit bruͤderlicher Aufmerkſamkeit, und von Zeit zu Zeit ſchien er von einer wahnſinnigen Freude beſeſſen, wenn erdaran dachte, daß wir nun bald Jeannette wieder⸗ finden wuͤrden. Le Levraſſe beſtimmte, daß wir unſern erſten Halt in dem benachbarten Flecken machen ſollten. Dort ſollte ein Chirurg ſich finden, der mir einen neuen Verband anlegen wuͤrde. Auch ſollten wir dort mehre junge Maͤdchen an⸗ treffen, die, ſchon im Voraus davon unterrichtet, auf la Levraſſe's Durchfahrt warteten, um ihre Haare zu verkau⸗ fen, die er ſtets auf der Stelle abmaäͤhte, wie er ſagte, wenn er von dieſen Haar-Ernten ſprach. Am folgenden Morgen ſollten wir dann in dem Dorfe ankommen, wo der Wagner, der Vater Jeannette's, der neuen Basquine der Truppe, wohnte. Fünfzehntes Rapitel. Die Haare. Nie werde ich das ſonderbare und traurige Schauſpiel vergeſſen, dem ich in dem Flecken Folleville beiwohnte, wo wir anhielten, um Haare zu kaufen, und meinen Arm ver⸗ binden zu laſſen. Der Bruch war einfach, ſagte der Chirurg. Der erſte Verband war von Mutter Major ge⸗ ſchickt angelegt worden, und ſo ſollte meine Heilung raſch vorwaͤrts gehen. Die Einwohner des Fleckens waren zahlreich, und da ſie durch das fruhere Durchkommen des Fiſchmenſchen luſtern geworden waren, ſo willigte la Levraſſe darein, ihnen das zu geben, was er eine kleine Vorſtellung nannte. Sie beſtand aus der Schauſtellung des Phaͤnomens, welcher einige Krafttouren vorausgingen, von Mutter Major und Bamboche ausgefuͤhrt. Um der Muͤhe zu entgehen, unſer Leinwandtheater aufzuſchlagen, beſtimmte la Levraſſe, daß die Vorſtellung in einer Scheune ſtattfinden, und Mutter Major an der Kaſſe bleiben ſolle, während er ſeine Haare einſammle. — 2 — Meine Verwundung hinderte mich nicht, mich ſehen zu laſſen und bei den Uebungen zugegen zu ſein. Der Chirurg hatte mich in einem untern Saale des Gaſthofs verbunden. Da ſah ich zum erſten Male bei la Levraſſe eine ſeiner ſon⸗ derbaren Handelarten ausüben. Auf einem Stuhle ſitzend, hielt ich meinen Arm in der Binde, als ich zehn bis zwölf Frauen, faſt alle noch jung, eintreten ſah. Zwei bis drei waren recht hubſch, aber die ſchmutzige Armuth ihrer Lumpen zeigte das groͤßte Elend an. Ihre Geſichter druͤckten Trauer uud beſonders Verle⸗ genheit aus, als ob ſie eine Art Schande darin faͤnden, der Noth und dem Elende dieſes letzte Opfer zu bringen. Viele Jahre ſind ſeitdem vergangen, und doch iſt mir dieſer Auftritt in ſeinen kleinſten Details noch gegenwärtig. Ein duͤſtres Licht, das mit Muͤhe durch die gruͤnlichen Scheiben der beiden Fenſter à Guillotine, welche uberdies mit Spinnweben uͤberzogen waren, drang, erhellte muͤhſam dieſen großen Gaſthofsſaal mit ſeiner niedern Decke von ge⸗ ſchwaͤrzten Balken und ehemals mit Kalk weiß angeſtriche⸗ nen Waͤnden. Zwei Braͤnde rauchten auf dem Heerde in Mitten eines Aſchenhaufens. Die Pratiken von la Levraſſe, wie er ſie nannte, warteten, theils auf einer Bank ſitzend, theils an den Sei⸗ ten des langen Tiſches oder auf Schemmeln. Eines dieſer armen Geſchöpfe hielt ſich ſeitab, halb verborgen in dem Schatten, den der Vorſprung des Kamins verbreitete. In der Dunkelheit konnte ich kaum ihre weiße Haube, ein — 203 — Stuckchen zerfetzten Rocks und ihre nackten Fuͤße unter⸗ ſcheiden. gin Alle dieſe Frauen ſchienen unruhig, zu erfahren, ob ihr Haar la Levraſſe anſtehen werde, und aus einigen ihrer Wechſelreden begriff ich, daß ſie ſich auch ſehr ſchaͤmten, die Einzigen im Flecken zu ſein, die aus dringender Noth ſich zu dieſem Verkauf verſtaͤnden. Einige unter ihnen ſchienen jedoch ſorglos und ent⸗ ſchloſſen. Eine ſaß auf einem Tiſche und trällerte leis, indem ſie den monotonen Takt mit ihren Holzſchuhen ſchlug, die ſie an einander klappte. Eine andere biß gierig in ein Stuͤck harten und ſchwarzen Brotes. Die Thür ging auf. La Levraſſe trat ein⸗ Er hatte ſein halb maͤnnliches halb weibliches Koſtüm angelegt. Röth⸗ liche Pantalons, dunkelgruͤnen Weiberrock, kurzen anliegen⸗ den Ueberrock mit großen Puffen von ſchwarzem Coton, das Haar à la Chinoiſe aufwärts geſtrichen. Als die Frauen ihn erblickten, ſtanden ſie alle mit jener demuͤthigen und eigennutzigen Hoͤflichkeit auf, welche der Verkaͤufer, wenn er in Noth iſt, ſtets dem Kaͤufer zeigt. Mein Bourgeois hatte eine zugleich ſpöttiſche und luſtige Miene. Er begruͤßte ſie auf eine groteske Art, in⸗ dem er einen Rundblick auf ſeine Pratiken warf. „Ich gruͤße die ganze Geſellſchaft,“ ſagte er mit ſeiner dunnen Stimme, „der Markt ſcheint mir recht gut ver⸗ ſorgt. Aha, meine Puttchen, beeilen wir uns, ich kann nicht warten. Geſchwind, geſchwind, die Hauben herunter, — und die Chignons aufgelöſ't! Aber die Haare müſſen teu⸗ felmäßig ſchön ſein, wenn ich ſie kaufen ſoll, das ſage ich Ihnen im Voraus, denn man bietet ſie mir von allen Sei⸗ ten faſt umſonſt, da das Brot theuer iſt.“ Bei dieſen Worten malte ſich große Angſt auf alen Geſichtern. Als la Levraſſe mich ſah, ſagte er zu mir: „Kleiner Martin, Dein einer Arm iſt gut, hilf mir dieſe Bank ſo nah als moͤglich ans Fenſter tragen, ich kaufe die Katze nicht im Sacke. Ich will klar ſehen in mn 3 Geſchaͤften.“ Ich half meinem Bourgeois die Bank ans Fenſte 3 bringen, indem wir ſie in einen rechten Winkel gegen ſie ſtellten. So ſtrich das Tageslicht uͤber die Haare, und ließ ihre Glätte beſſer erkennen. „Nun, meine Puttchen, allons,“ ſagte la Levraſſe, „der Markt iſt geoffnet.“ Alle dieſe armen Geſchoͤpfe drängten ſich nun perbeh um ſich auf die Bank zu ſetzen, diejenige ausgenommen, die immer im Schatten des Kamins halb verborgen blieb, und von der ich nur die weiße Haube und nackten Fuͤße ſah. „Nun. Sie dort hinten!“ rief la Levraſſe ihr zu, „der Markt iſt offen!“ 3 „Gleich, mein Herr,“ antwortete eine ſanfte, furcht⸗ ſame Stimme, welche Thränen zu verbergen ſchien. „Gut, gut,“ ſagte la Levraſſe, „die Letzten die Beſten, nicht wahr? Sie wollen ſich begehren laſſen. . . ganz nach „ 3 — . — 205 — Belieben, meine Tochter, die Bindfädchen kennen wir und Sie werden dadurch keinen Pfennig mehr er⸗ halten.“ Dann wendete er ſich wieder zu den Frauen auf der Bank, und ſetzte hinzu: „Vorwärts, meine Puttchen .. Hauben herunter!“ Einige Secunden lang ſchien ein Gefuͤhl von Reue, von Schande, faſt von Schaam, dieſe Frauen zu feſſeln. Endlich nahm eine von denen, welche die entſchloſſenſten zu ſein ſchienen, ſchnell ihre Haube von ſchlechtem baumwollnem 1 3 ab. Dies war wie ein Signal. Alle aufgelöſete Haare ſielen auf Stirn und Schultern dieſer Frauen. Blonde, braune, kaſtanienfarbne, helle oder dunkle. Hier wenig aber ſeiden, dort ſtarke und rauhe, weiterhin dicke und lockige, anderswo endlich mit einigen weißen Haaren gemiſcht, die ſoviel als möglich verborgen wurden, denn ach! es war deut⸗ lich zu ſehen, daß jede dieſer Frauen ſo viel als moglich ihre Waare aufgeputzt hatte, wie la Levraſſe ſich aus⸗ druͤckte. Eine traurige und ſchmerzliche Koketterie! „Hm, hm! Man macht mich nicht blind, mich nicht!“ ſigte la Levraſſe, und ging vor der Bank auf und ab, uͤber⸗ blickend, befuͤhlend, wiegend, und jeden Haarwuchs mit dem Zollſtabe meſſend, um uͤber Laͤnge, Weichheit, Gewicht und Farbe urtheilen zu können. „Nein, nein, man bindet mir keinen Zopf an, mir.. und hier muß man ſagen,“ ſetzte er hoͤhniſch laͤchelnd hinzu, „wir kennen die Mienen, * meine Puttchen! Wir wiſſen, was man durch Kohlenpul⸗ ver, Oel und Schweineſchmalz bewirken kann, und wie man einen wahren Grindkopf doch ſo ziemlich praͤſentabel machen kann.“ Dann als er die Waare nochmals unterſucht hatte, ſetzte er hinzu: „Meiner Treu, ich habe Ungluͤck!... Bei meinen Um⸗ zugen dieſes Jahr .. . finde ich nichts, das mir anſteht. .. weder hier noch irgendwo. ... Wahrhaftig,“ ſetzte er mit verächtlicher und unzufriedener Miene hinzu, nachdem er auf die von den Haarflechten, die uͤber die Stirn fielen, ver⸗ deckten Koͤpfe einen letzten Ueberblick geworfen hatte, „wahr⸗ haftig, nichts von Allem hier.. ſteht mir an... Das iſt Brack. wahrer Pafel.“ Ein Seufzer ſchmerzlicher Täuſchung drängte ſich aus allen dieſen bis dahin durch die Angſt der Erwartung ge⸗ preßten Herzen, dann beugte eine maſchinenmäßige, faſt gleichzeitige Bewegung dieſe Köpfe mit aufgelöſ'ten Haaren noch tiefer. „Was zum Teufel ſoll ich denn mit dem machen, was Ihr mir da anbietet? Ich handle nicht mit Borſten und Bindfaden,“ ſetzte mein Bourgeois mit der brutalen Roh⸗ heit des Händlers hinzu, der vor allen Dingen das herab⸗ wuͤrdigen will, was er zu kaufen wünſcht. 4 „Geht, meine Puttchen,“ begann er, „ſetzt Eure Hauben wieder auf. Es giebt hier nichts fuͤr mich zu — 3 — thun.. Es verlohnte ſich wohl der Muͤhe, meine Zeit zu verlieren!“ Während dieſes Auftritts, deſſen ganze herabwuͤrdi⸗ gende Grauſamkeit ich damals noch nicht fuͤhlte, der mir aber doch das Herz zuſammenſchnurte, hatte ich das weib⸗ liche Weſen, mit dem weißen Haͤubchen, die bis jetzt noch im Dunkel des hohen Kamins geſtanden, aus dieſem Ver⸗ ſteck hervortreten, und mit längſamen Schritten ſich der Thuͤr naͤhern, die Hand auf die Klinke legen, dann aber plötzlich ſtil ſtehen und ihr Koͤpfchen matt ſinken laſſen ſechen, als zögere ſie fortzugehen. Selten habe ich regelmaͤßigere und ſanftere Zuge er⸗ blickt, als die dieſes jungen Maͤdchens. Es ſchien höchſtens ſiebzehn Jahre alt. Ein ſchlechtes rothkattunenes Tuch ver⸗ barg kaum ihren Hals und ihre Schultern. Ihr an zwan⸗ zig Stellen mit Stuͤcken von verſchiedener Farbe geflickter Rock wurde durch Steifen von Sahlleiſten oben gehalten. Ihre Schönheit mußte ſehr groß ſein, um trot der außer⸗ ordentlichen Magerkeit ihres blaſſen Geſichts, auf dem man noch die Spuren friſcher Thraͤnen erblickte, ſo bemerklich zu werden. Nachdem ſie einige Secunden an der Thuͤr, die Hand immer an der Klinke, geſtanden hatte, ſchien ſie ſich ge⸗ waltſam aufzuraffen, hob ihre ſchoͤnen blauen Augen zum Himmel empor, und nahm langſam wieder ihre Stelle im Schatten des Kamins ein. In dieſem Augenblicke ſagte la Levraſſe noch: — 208 — „Vorwaͤrts! ſetzt Eure Hauben wieder auf, es giebt hier nichts fuͤt mich. Es verlohnte ſich wohl der Muͤhe, meine Zeit zu verlieren.“ Dann ſetzte er noch, einige Schritte nach der Thuͤr thuend, hinzu: „Gute Nacht, zuſammen!“ Jetzt trat nun eine Scene von Handelsjuͤdelei ein, die zugleich unedel und ſchmerzlich war. Schmerzlich, weil es mitleiderregend war, dieſe Un⸗ gluͤcktichen zu ſehen, die nur zu gut, nach la Levraſſes Ausſpruch, wußten, wie theuer das Brot ſei, wie ſie dieſen Mann jetzt baten und anflehten, einige ſogar mit Thraͤnen, ihre Haare, die geringe und letzte Zuflucht, auf welche ſie gerechnet hatten, um jeden Preis zu kaufen. Unedel, weil la Levraſſe mit unwuͤrdiger Habgier, das Elend dieſer Armen benutzend, bis aufs Blut Sou vor Sou handelte, indem er ſtets wiederholte, daß der Erwerb ihm nicht anſtehe, und ihn unbarmherzig herabſetzte. Endlich unterwarfen ſich, des Kampfes muͤde, dieſe Ungluͤcklichen den Anerbietungen des Kaͤufers. Sie ver⸗ langten 3 bis 4 Francs fuͤr ihren Haarſchmuck, la Levraſſe willigte mit großer Muͤhe ein, ihnen 20 Sous dafuͤr zu geben. Die 20 Sous wurden angenommen. Es war wenig⸗ ſtens fuͤr 3 bis 4 Tage. Noch gab es einen andern Augenblick, der einen eh ſamen Eindruck auf mich machte, dies war der, alle dieſe — 209 — mit wallenden Haaren ſoeben bedeckten Köpfe, welche la Le⸗ vraſſe mit ſeiner ungeheuren Scheere abmaͤhte, ſo zu ſagen, barbiert zu ſehen. Jenen Haarſchmuck ließ dann la Levraſſe durch mich mit rothem Zwirnband ſorgfältig in Straähne flechten. Der Handel war ohnſtreitig höchſt vortheilhaft, denn das ſardoniſche Geſicht von la Levraſſe ſtrahlte vor Freude, und ſeine boshaften Scherze verſiegten nicht. „Statt traurig zu ſein, ſolltet Ihr Euch freuen, meine Puttchen,“ ſagte er, indem er die Scheere auf diefen ge⸗ beugten Köpfen, die er glatt ſchor, kreiſchen ließ. „Dieſe Haare, die Euch zu gar nichts nuͤtzen, werden die Ehre ha⸗ ben, die Zierde der Häupter vornehmer Damen von gewiſ⸗ ſem Alter zu ſein, die Touren oder Peruͤcken tragen. Sie werden mit Turbans von Gold- und Silberſtoff, mit koſt⸗ baren Juwelen, köſtlichen Diamanten geſchmuͤckt werden, Eure Haare, während ſie auf Euern Köpfen ſtets unter Euern ſchmutzigen Hauben geſteckt haben. Und dann auch könnt Ihr, die Ihr immer uͤber Elend ſchreit, wenigſtens ſagen, daß ein Theil von Euch zu Wagen zu den ſchönſten Feſten in der Hauptſtadt fahren wird, was doch, wie ich mich deſſen rühme, ſehr ſchmeichelhaft iſt, und dennoch . bezahlt Ihr nichts dafuͤr, im Gegentheil ich bins, der Euch bezahlt. Da ſeht, Puttchen, wie gut ich bin, wie dumm ich bin! Ich erklaͤre es Euch aber auch im Voraus daß ich kuͤnftig nichts mehr zahle: man wird mir ſeine Haare um der Ehre willen ſchenken.“ Martin. MI. 14 = — La Levraſſe's grauſame Lazzi wurden von dem ſchönen jungen Mädchen, von dem ich zuvor ſprach, unterbrochen. Sie ging zum Fenſter, ſetzte ſich ſchuͤchtern auf das Ende der Bank, nahm ihr Haͤubchen ab, und neigte ihr Koͤpfchen, ohne ein Wort zu ſprechen. Bei dem Anblicke dieſes koſtlichen, glaͤnzend ſchwarzen Haares, das ſo lang ſich entrollte, daß es bis an den Boden reichte, wo es ſich um des Mädchens nackte Fußchen ſchlang, und ſo dicht war, daß es die Lumpen deſſelben verbarg, ſo daß man haͤtte ſagen ſollen, es ſei in einen ſchwarzen Man⸗ tel gehullt, konnte la Levraſſe, trotz ſeiner Gewohnheit der Herabwuͤrdigung, ſich doch nicht enthalten, auszurufen: „Das iſt koſtlich!.. außerordentlich!.. noch nie habe ich ſo etwas geſehen!“ Ein Murmeln der Ueberraſchung war des jungen Mädchens Erſcheinen gefolgt. Es war bis dahin von den Gefährtinnen nicht bemerkt worden. Eine derſelben ſagte leis: „Seht doch Joſephinen!.. ſie verkauft auch ihre Haare! ſie will ja heirathen!“ „Juſtin, den ſie ſo ſehr liebt,“ ſagte eine Andere. Und faſt auf allen Geſichtern las man den Ausdruck des Kummers und des Mitleids.. .. Joſephine war ſanft und gut, da ſie ſolches Intereſſe ihren Gefaͤhrtinnen ein⸗ flößte, die ſich ſoeben gleich ihr zu einem ſchmerzlichen Opfer entſchloſſen hatten. „Sie wollen ſich verheirathen, mein ſchoͤnes Kind,“ — 241 — ſagte la Levraſſe, indem er mit Kennerauge den prachtvol⸗ len vor ihm ausgebreiteten Haarwuchs betrachtete, und mit einem freudigen Beben durch die Hände gleiten ließ. „Nun a... da haben Sie Recht, ſich davon loszumachen. . es iſt unnuͤtz in der Haushaltung... eine gute Mitgift iſt beſſer,“ ſetzte la Lebraſſe im ſardoniſchen Tone hinzu. „Und dieſe Mitgift nehme ich auf mich. ... Sehen Sie. da iſt ſie. . eine ſchöne Silbermünze von 40 Sous, ganz neu! ... Ich hoffe, daß ich meine Sachen gut mache, und ohne Aufforderung, denn ich habe fuͤr die Chignons dieſer Damen nur 20 Sous prö Stuck gegeben . aber was fuͤr ein Unterſchied auch!“ „Ich moͤchte .. ich moͤchte.. wohl gern 4 Francs,“ ſtammelte Joſephine mit leiſer, bebender Stimme. „Vier Francs!“ rief la Levraſſe, „vier Francs! .. Aber Sie muͤſſen verruͤckt ſein!... Sie wollen wohl ein wahres Belſazarfeſt zu Ihrer Hochzeit geben?... vier Francs!... Unmoͤglich kann ich ſolche Verſchwendung be⸗ fördern. ... Vier Francs!... Laſſen Sie ſehen, wir wollen 50 Sous machen, und damit aus.“ Bei dieſen Worten ergriff la Levraſſe mit habgieriger und ungeduldiger Hand die langen ſchwarzen Haare des jungen Madchens. „Arme Joſephine!“ ſeufzte eine Gefährtinnen, während die Andern durch ihre trauernden Blicke zeigten⸗ daß ſie dieſes Mitleid theilten. Doch Zoſeßhine machte ſich von den Haͤnden la Le⸗ 14* vraſſe's los, und ſagte mit einem Ausdrucke von Schmerz und Schaam, welcher bewies, wie 5 ſie e bei Siei⸗ tigkeiten litt: „Ich wunſche 4 Francs ich brauche ſ Dann wurde das arme Maͤdchen vor Schaam purpur⸗ roth, und beeilte ſich, als wollte es ſeine Habgier entſchul⸗ digen, hinzuzuſeten: „Es iſt nicht fuͤr mich.. aber ich muß ſie durch⸗ aus haben.“ „Vier Francs!“ ſagte la Levraſſe „vier Francs! .. Gehen Sie doch! das hieße ja mich beſtehlen.“ Joſephine ſtand ſchnell auf. Dieſe Bewegung befreite ihr allerliebſtes Geſicht von den dichten Haaren, die es ver⸗ huͤllten. Die Thranen rannen über ihre Wangen. Bei der entſchloſſenen Bewegung, die ſie machte, um die kleine zu ihren Fußen gefallene Haube aufzuheben, rief la voll Furcht, einen ſolchen Handel ſich entgehen zu ſehen? „Nun denn! wir wollen ſehen, garſtiges Maͤdchen!. Sie ſollen Ihre 4 Francs haben... aber ich buße dabei ein!. Mun da. da ſind noch 2 Francs.“ Joſephine ſetzte ſich wieder auf die Bank, beugte die Stirn, und ſagte ganz leis mit zitternder Stimme: „Ich moͤchte gern.. wenn Sie ſie abgeſchnitten 3 ben eine kleine Flechte behalten. von meinen Haaren.“ „Auch das noch!“ rief la ſ „Aber Sie find unerſättlich, meine Liebe“ — 218 — Dann begann er nach einer n Ueberle⸗ gung wieder: „Wahrhaftig, man koͤnnte ſagen, Sie haͤtten es mir angethan! .. Sie ſollen Ihre kleine Flechte haben . aber einen wahren Rattenſchwanz. . nicht mehr!“ Und er nahte ihr mit ſeiner fürchterlichen Scheere. „Halten Sie ein, mein Herr!“ rief ein junges Mäd⸗ chen, und ergriff la Levraſſe am Arme, „wenn's weiter nichts iſt als 4 Franes .. und wir Alle zuſammenlegen,“ ſetzte es hinzu, mit dem Blicke ihre Se um fragend. „Ja. ja das wir. wir legen zuſammen!“ rie⸗ fen mehre Stimmen. „Nun, das muß ich ſagen! Ihr krepirt vor Hun⸗ ger und ſpielt die Großmuͤthigen,“ ſagte erbittert la Le⸗ vraſſe, indem er ſich von dem Arme des jungen Maͤdchens loszumachen ſuchte, das ihn daran hinderte, ſeine Scheere ſpielen zu laſſen. „Habt Ihr denn vergeſſen, daß dus Brot theuer iſt?“ Ach! auch dieſes Mal veiſtrdtt das Ungluͤck die trſten Regungen, auch dieſes Mal uͤbertäubte und beſchwichtigte die gebieteriſche Stimme des Beduͤrfniſſes den erſten Auf⸗ ſchrei der Großmuth aus voller Seele! Die harten Worte von la Levraſſe erinnerten mip armen Geſchöpfe daran, daß ſie zu ungluͤcklich waren, um — — ſich mitleidig zeigen zu können. Iſt das nicht das ſchreck⸗ lichſte Ungluͤck? pn Ein finſtres Schweigen folgte auf den großmuͤthigen Aufſchwung der Gefaͤhrtinnen Joſephinens, und dieſe, die vielleicht ſich einen Augenblick lang der Hoffnung hingege⸗ ben hatte, ſagte ſchnell zu la Levraſſe: „Eilen Sie, mein Herr, eilen Sie!“ La Levraſſe ließ ſich dieſe Empfehlung nicht wiederho⸗ len. Er tauchte plotzlich ſeine Scheere in dieſen prächtigen Haarſchmuck ein, und ließ ſie darin ſpielen, ſo daß, als er von allen Seiten herabfiel, das ſchoͤne und blaſſe Geſicht Joſephinens von Thraͤnen uͤberſtrömt, mit abgeſchornem Schaͤdel bald ſich wieder zeigte. La Levroſſe uͤbergab nun, ſeinem Verſprechen treu, dem jungen Maͤdchen eine lange Haarflechte, wie ein kleiner Finger ſtark. Joſephine rollte ſie zuſammen, und verbarg ſie in ihrem Buſen. Da war es mir unmöglich, meine Thränen zurückzu⸗ halten, und von dieſem Tage an iſt mir die Erinnerung an dieſen ſchmerzlichen Auftritt treu geblieben. Ohnſtreitig werden poſitive Perſonen alles dieſes mit tiefer Mißachtung leſen, und ſpottend ſagen: Mein Gott!. was fuͤr Phraſen um ein paar — 215 — Haͤnde voll Haare! Was geht es uns denn an, ob dieſe Baͤuerinnen auch geſchoren ſind, wie Chorkinderk Sie ha⸗ ben doch 20 Sous mehr in der Taſche.“ Aber mit dieſer Folge des Elends werdet Ihr Mitleid haben. (Ach, das Elend hat deren ſo vielel) Ja, Ihr wer⸗ det Mitleid damit haben, Ihr jungen Frauen, die Ihr vor Euerm Spiegel lächelnd Euch wohlgefallt Euern ſchoͤnen Haarwuchs mit Blumen und Juwelen zu ſchmuͤcken, oder, in noch großerer Koketterie, ihn ganz nackt und ohne Schmuck zu laſſen. Ihr werdet Mitleid damit haben, Ihr glucklichen Muͤt⸗ ter, die Ihr ſo ſtolz auf die langen Flechten ſeid, welche die Engelſtirne des Kindes krönen, das Ihr jeden Abend ſo zaͤrtlich ans Herz ſchließt. Ihr werdet Mitleid haben, Ihr Liebenden, die Ihr Eure gluͤhenden Lippen auf die feuchten und wohlduftenden Haare Eurer Geliebten druͤckt. Ihr werdet endlich Mitleid haben, Ihr, die Ihr Gott liebt und verehrt in ſeiner Creatur, und die Ihr ſchmerzlich durch das leidet, was ſie zerſtoͤrt, ihres Schmucks beraubt, herabwuͤrdigt. Die kleine Schauſtellung, aus den Uebungen der Mut⸗ ter Major und der Vorzeigung des Fiſchmenſchen beſtehend, war ſehr eintraͤglich geweſen. Am folgenden Morgen fuhren wir mit Tagesanbruch — — ab, um noch Abends in dem Flecken anzukommen, wo wir die neue Basquine der Truppe finden ſollten. Dieſen ganzen Tag über war Bamboche vor Gluͤck, vor Freude und Liebe außer ſich, er ſollte endlich Jean⸗ nette wiederſehen .. und ſie unſre Truppe nicht mehr verlaſſen. „ Sechzehntes Rapitel. Die neue Basquine. Je mehr wir uns dem Flecken näherten, wo wir Jean⸗ nette, die neue Basquine, finden ſollten, deſto ungeduldiger wurde meine Neugier. Mutter Major leitete den Wagen, auf welchem ſich die Badewanne des Fiſchmenſchen befand. La Levraſſe ſaß auf dem bedeckten Sitze unſers großen Fuhr⸗ werks, in deſſen Innerm ich allein mit Bamboche war. Auf die Ausbruͤche toller Freude, die ihm die Hoffnung ver⸗ urſachte, ſich Jeannetten zu nähern, folgten Augenblicke der Furcht, der Abſpannung. Er ſagte mir mit bewegter Stimme: „Wenn nun Jeannettens Vater, der ſie ſo ſehr liebt, la Levraſſe ſie nicht mehr geben wollte, ſiehſt Du, ſo wuͤßte ich nicht, was ich anfinge.“ Und auf der Stirn des 13 jährigen Knaben, auf ſei⸗ nen verzerrten Zuͤgen brach der Stoß eben als vorzeitiger Leidenſchaften hervor. „ — — „Beruhige Dich doch,“ antwortete ich, „will man la Lepraſſe Jeannette nicht geben, je nun, ſo verlaſſen wir ihn und treten als Dienſtboten bei Jeannettens Vater ein.“ Bamboche zuckte die Achſeln bei dieſer naiv romanti⸗ ſchen Phantaſie. „Ihr Vater ſtirbt vor Hunger,“ entgegnete er, „kann er denn da Dienſtboten annehmen? Und wenn er uns auch annaͤhme, waͤre ich denn damit weiter gekommen?“ „Wie ſo?“ „Biſt Du einfaͤltig! Wuͤrden mich ihr Vater, ihre Mutter, ihre Geſchwiſter nicht geniren? Wuͤrden ſie und ich frei ſein, wie wir es bei der Truppe von la Levraſſe ſein werden, bis dahin, wo der guͤnſtige Augenblick uns erlaubt, davon zu laufen?“ „Ach, du mein Gott!“ rief ch vloblich⸗ von einem ſchnellen Gedanken betroffen. „Was iſt Dir denn?“ 5 12 „Du biſt in Jeannette vernarrt. Du willſt Dich mit ihr retten . . aber wenn ſie Dich nun nicht liebte; haſt Du daran gedacht?“ „Manchmal.“ „Nun denn, was machteſt Du da?“ „Ich ſchluge ſie, bis ſie mich liebte.“ „Du ſchlugſt ſie,“ rief ich ausʒ „die arme Kleine! Du ſchlugſt ſie!“ „Es that' mir leid . aber deſto ſchlimmet. 3180 1 „Du ſchlugſt ſie, damit ſie Dich lieben wie⸗ — — derholte ich beſtuͤrzt, . . „aber da wird ſie doch im Gegen⸗ theil Dich verabſcheuen!“ Bamboche lächelte uͤber meine Unſchuld und ſagte mir mit dem Tone roher Energie und unglaublicher Zuverſicht: „Damit uns eine Frau liebt, muß ſie uns fuͤrchten, das hat mir der Kruͤppel hundert Nat geſagt. Er hat Ge⸗ liebten gehabt, die ſich ſeinetwegen mit Meſſern ſtachen, ſie waͤren fur ihn durchs Feuer gelaufen und gaben ihm Alles, was ſie ſich gewannen. Und doch hatten ſie ſoviel Furcht vor ihm, daß ſie ihn den ſchwarzen Tiger nannten und in kaltem Schweiß ſich badeten, wenn ſie nur von ihm ſpra⸗ chen.“ 5 Ich beugte mich vor der Erfahrung des Kruͤppels. „Wenn Du das gewiß weißt auch gut . . . ſagte ich mit gepreßtem Herzen, „aber ſchlage ſie nicht zu ſehr, die arme Kleine.“ „Wenn ſie mich gutwillig liebt, werde ich ſie erſt ſpä⸗ terhin ſchlagen . . . (nicht zu meinem Vergnuͤgen, denn wenn es dieſelbe Wirkung hervorbraͤchte, wollte ich doch lieber ſelbſt hundertmal geſchlagen werden), aber ich ſchlage ſie dann, damit ſie Furcht vor mir bekommt, denn der Kruͤp⸗ pel ſagte: eine Frau, die nicht Furcht vor Dir hat . jagt Dich fort.“ . „Es iſt doch Schade, daß man ſo viel ſchlagen muß,“ ſagte ich mit einem Seufzer zu meinem Freunde. Bamboche blieb einige Augenblicke nachdenkend, nach dieſem Schweigen ſwion er aber wieder duͤſter und in ſich gekehrt: „Nur Eins erſchreckt mich. „Und das waͤre?“ „Daß la Levraſſe auch in Basquine verliebt ſein könnte antwortete Bamboche, vor Zorn und die Zähne uſunminheihend⸗ „Er! in ſeinem Alter?“ entgegnete ich. „Hat die Mutter Major nicht aus mir ihren Liebha⸗ ber gemacht?“ antwortete mir Bamboche roh; „auch dieſe wird wuͤthend gegen Basquine werden. . .. Und dann der Pitre“), den wir erwarten. Iſt er eben ſo eine Canaille, wie der ehemalige Hanswurſt Giroflée, der ins Seminar ge⸗ gangen iſt, ſo iſt er im Stande, ſich auch in Basquine zu verlieben . Ich weiß noch zu gut, wie Giroflie die Kleine ſhit die nun geſtorben.“ Dann rief Bamboche aus, indem er voll Wuth mit dem Fuße ſtampfte, ſeine großen grauen Augen funkelten und die Stirnadern ihm vor Zorn aufſchwollen: „Siehſt Du, Martin .. ich fuͤhle es, daß ich wegen Basquinen ein Ungluͤck könnte.“ Die abſcheuliche, aber mögliche Liebe la Levraſſe's oder unſers kuͤnftigen Hanswurſtes zu dieſem Kinde, der eifer⸗ ſuchtige Haß der Mutter Major, die ſonderbaren Mittel, *) Pitre, in der Taſchenſpieler⸗Sprache: Hanswurſt oder Rothſchwanz. * S — 221 — zu denen Bamboche ſeine Zuflucht nehmen wollte, um ſich geliebt zu machen, erſchienen mir als eine ſo fuͤrchterliche Vetwickelung in Bezug auf Basquinens und Bamboche's Zukunft, daß ich, während mein Gefaͤhrte ſich immer mehr und mehr in ſeine traurigen Gedanken zu verſenken ſchien, ſchwieg. FJetzt erſt, indem ich dieſe Zeilen nach ſo vielen ſeit dieſen Ereigniſſen verfloffenen Jahren niederſchreibe, fuͤhle ich Alles, was ſie Monſtroſes enthalten, und ungluͤcklicher⸗ weiſe hat mir die Erfahrung, eine traurige Erfahrung be⸗ wieſen, daß dieſe Monſtruoſitäten weit entfernt waren, Aus⸗ nahmen zu ſein. Wer nicht gezwungen worden iſt, in ge⸗ wiſſen ſocialen Schmutz aufs Tiefſte einzutauchen, wird nie erfahren, nie glauben, welche Laſter und Schreckniſſe Elend, * unwiſſenheit und Verlaſſenſein erzeugen. In der Zeit, von der ich ſpreche, aber noch ganz Kind, und mit Ausnahme einiger guten Triebe ohne irgend eine Kenntniß von Gut und Vös in Mitten dieſer cyniſchen Entartung geſchleudert, gewohnte ich mich ſchnell daran und lebte bald darin wie in meiner natuͤrlichen Atmoſphäre. Was mich jetzt empoͤrt, ſchien mir damals aus Man⸗ gel einer Vergleichung ganz einfach. Ich klagte nicht die Laſter Andrer, ſondern meine alberne Unwiſſenheit an. Manchmal freilich ſetzten mich gewiſſe Grundſätze, ge⸗ wiſſe übermaͤßige Thatſachen in Staunen, aber nicht in unwillen. Das konnten ſie nicht. In welcher Schule 8 K — 22 — der Moral oder Tugend haͤtte ich denn Riſe Unwillen ler⸗ nen ſollen? Nein, ſowie ein Find, das mit der liebevollſten und doch zugleich ſtrengſten Sorgfalt erzogen wird, un⸗ beſtimmte Zuneigung fuͤr gewiſſe Eigenſchaften, gewiſſe Tu⸗ genden in ſich fuͤhlt, die, wenn man ſo ſagen darf, ſeinem Geiſte, ſeinem Herzen, ſeinem Charakter angeeigneter ſind, ſo fuhlte ich ſeit meinem Aufenthalte bei la Levraſſe unbe⸗ ſtimmte Zuneigungen fuͤr gewiſſe Laſter; Faulheit, Hinter⸗ liſt, Vagabondiren, ſelbſt Diebſtahl als letztes Hilfsmittel, hatten viel Anziehendes fuͤr mich, aber Gewaltthat, Grau⸗ ſamkeit ſtieß mich ab, und trotz der erotiſchen und verliebten Geſtändniſſe von Bamboche, fuͤhlte ich noch nicht das Be⸗ duͤrfniß, zu lieben⸗ Und doch (ein deutlicher Beweis, daß im Augemeinen der Menſch als gut geboren wird, oder wenigſtens als zu allen edelmuͤthigen Empfindungen geeignet) war ich ohner⸗ achtet der abſcheulichen Beiſpiele, mit denen ich umgeben, trotz der beklagenswerthen Tendenzen, die ſich jeden Tag in mir entwickelten, wuͤrdig und faͤhig, alle Pflichten, alle Opfer, welche die Freundſchaft auferlegt, zu erfuͤllen. . . . Und eben ſo war es mit Bamboche. Mehr als einmal ſchon hatte er mir ſeine Ergebenheit bewieſen, obgleich dieſen unglucklichen Knaben gräßliche Lehren ſeit langer Zeit in eine viel tiefere, viel gehaͤſſigere Verderbniß geſturzt uffn als die meine war. Es war faſt ſchon Nacht, als wir in dem Flecken an⸗ kamen. Wir ſtiegen im Gaſthofe zum großen Hirſche ab, wo la Levraſſe gewohnlich verweilte. Als er ausſtieg, fragte er den Wirth, wie es Vater Paillet, dem Wagner, gehe. „Er iſt dem Tode ganz nahe,“ antwortete der Wirth. „Und welches Elend! eilf Kinder . . . eine kraͤnkliche Frau die Mairie giebt ihnen zwei Armenbrote die Woche .. aber was iſt das fuͤr ſo viele Perſonen?“ „Sehr gut,“ rief la Levraſſe, ohne ſeine Zufriedenheit zu verheimlichen. Dann nahm er ſogleich wieder eine mitleidige Miene an und ſagte zum Wirthe: „Sagen Sie mir doch, haben Sie etwas kalte Kuͤche, die ich gleich mitnehmen könnte?“ „O ja, mein Herr, einen vortrefflichen Truthahn, der eben vem Bratſpieße, und eine große Paſtete, die eben aus dem Ofen kommt.“ „Gut denn! wickeln Sie den Truthahn und die Pa⸗ ſtete ein, und legen Sie ſie, nebſt 2 Broten von 4 Pfund und 6 Flaſchen Wein, in einen Korb.“ „Fuͤr dieſe arme Familie?“ rief der Wirth mit Be⸗ wunderung. „Ach, Herr la Levraſſe. . . man kennt Sie noch nicht genug! Wie wohlthätig ſind Sie doch!“ „Gehen Sie, gehen Sie, lieber Freund,“ antwortete mein Herr mit beſcheidenem und zerknirſchtem Tonez thue noch nicht was ich gern thaͤte!“ 7 Waͤhrend der Wirth ſich beeilte, die Eßwaaren zu be⸗ relten⸗ ſagte la Levraſſe zu Mutter Major: „Gieb mir den Sack.“ „Da iſt er.“ „Iſt der Kranz drin?“ „Alles iſt drin.“ „Gut,“ verſetzte la Leoraſſe „jetzt laß 6 Pferden Hafer geben, und wenn ſie gefreſſen haben. Ich konnte nicht verſtehen, was mein der Mut⸗ ter Major weiter ins Ohr ſagte, welche antwortete „Ei, verſtanden; das wird beſſer ſein.“ „Alſo,“ erwiderte la kei „in einer Stunde . da unten.“ „In einer Stunde da W antwortete Mutter Maijor. Dann wendete ſich mein Herr mit in Worten an mich: „Höre, Martin, trage den Sack mit der einen Hand den Korb nimmſt Du an Deinen andern Arm.“ Und ſo gab er mir einen Sack von alter gruͤner Lein⸗ wand, der ſehr leicht, obgleich ſehr aufgebauſcht war. Bamboche war dem Fiſchmenſchen zur Aufſicht ver⸗ traut worden. Ich bedauerte es, mit einer Commiſſion be⸗ auftragt zu ſein, die fuͤr meinen Kameraden ſo erwuͤnſcht geweſen ſein wurde, da ſie ihn ſogleich in Basquinens Naähe brachte. Sobald der Wirth den ſchweren Korb abge⸗ liefert, aus dem ein appetitlicher Dunſt emporſtieg, gingen — 225 — wir fort. Ich nahm dieſe Laſt und folgte meinem Herrn, der gegen ſeine Gewohnheit ſich in ſeinen Mantel huͤllte. Er ſchien unruhig und ging ſchnell vor mir her. So kamen wir in ein ſchmutziges Gaͤßchen, das auf einer Seite an den Flecken, auf der andern an's Feld ſtieß. Einige alte, halbzerbrochene, an die Mauer gelehnte Räder und ein Haufen Späne von Zimmermannsarbeiten, welche die Thuͤr verſperrten, zeigten die Wohnung des Wagners an. — Es war Nacht, als wir in eine Art großen Schuppens eintraten, der zugleich zur Werkſtatt fuͤr den Handwerker, wie auch zur Wohnung fuͤr ſeine ſehr zahlreiche Familie diente. Dieſe Art von weitem, duͤrſterm und feuchtem Schup⸗ pen wurde durch eine an der Thuͤr angebrachte verglaſete Heffnung und den bleichen Schimmer eines kleinen Feuers aus rauchenden Hobelſpaͤnen erhellt, um welches her ſich ein Dutzend Kinder draͤngten, deren älteſtes hoͤchſtens 14 Jahre zaͤhlen mochte, Alle bleich, hager, ſchlotternd und kaum mit ſchmutzigen Lumpen bedeckt. Dieſen Haufen von kleinen Geſchoͤpfen, die ſie umgaben, beherrſchend, erblickte man eine Frau mit truͤbem Blicke, hohlen Augen und krank⸗ hafter Farbe, deren Knochen ſo zu ſagen durch die Haut ſtießen und welche halb der Laͤnge nach auf einer hölzernen Bank mit Kopflehne lag.. Der untere Theil des Korpers dieſer faſt ganz gelaͤhmten Frau verſchwand unter Stuͤcken von einer Decke In dem Augenblicke, als wir eintraten, Martin. UI. 15˙ * jammerten und ſchrieen mehre dieſer kleinen Kinder, und ihre Mutter antwortete mit klagender und erſchoͤpfter Stimme auf ihr Wimmern: „Aber mein Gott! „mein Gott! da kein Brot mehr da iſt. was ſoll ich Euch denn geben? . Mor⸗ gen ſollt Ihr eſſen, weil es der Tag iſt, wo wir das Armen⸗ brot bekommen, aber bis dahin „ muͤßt Ihr warten, Ihr armen Kleinen.“ „Morgen, Mutter, das iſt zu lange,“ ſagten die Kin⸗ der weinend, „wir haben heut Abend noch Hunger.“ In dem entfernteſten Theile des Schuppens erblickte ich ein elendes Bett, auf welchem der Wagner, der Vater dieſer ganzen Familie, ausgeſtreckt lag. Faſt im Todes⸗ kampfe, die Augen bald ſtarr, bald halb verhuͤllt, ſchien er Allem dem, was um ihn vorging, fremd. Er hat einen Arm um ſein geliebteſtes Kind, ſeine kleine Jeannette, (die kuͤnftige Basquine) geſchlungen, die am Rande ſeines La⸗ gers ſaß. Er ſchien inſtinktmäßig ſie beſchutzen zu wollen, indem er ſie in krampfhaften Umarmungen an ſich ſchloß. Er fluͤſterte von Zeit zu Zeit leis und mit dem Ausdrucke des Schreckens: „Der Mann der Mann er wird kommen huͤte Dich.. huͤte Dich ja vor dieſem Manne.“ Ohne Zweifel war der Mann, deſſen Ankunft in ſei⸗ nem Wahnſinn der Wagner furchtete, la Levraſſe. Was Jeannette betraf, ſo hatte ich und habe ſeitdem nichts geſehen, was dem reizenden Geſichte dieſes Kindes von 8 bis 9 Jahren gleichgekommen wäre. Sie trug ſtatt al⸗ ler Kleidung nur ein ſchlechtes Hemd von vergelbter Lein⸗ wand, an vielen Stellen durchloͤchert, ſo daß ihre Arme und Beine, die etwas mager, aber alabaſterweiß waren, unbe⸗ deckt blieben. Ein Wald von blonden, natuͤrlich gelockten, aber ganz verwirrten Haaren fiel ihr bis uͤber ihre großen, ſchwarzen Augen und bedeckte Hals und Schultern. Nichts Reineres, nichts Anmuthigeres, als die Zuge dieſes allerlieb⸗ ſten kleinen Geſichts, ob es gleich vem Elende etwas ausge⸗ hohlt war. Ihre Phyſiognomie war traurig. Zwei bis dreimal ſah ich Jeannetten ihre Lippen auf die fleiſchloſe Hand ihres Vaters druͤcken, dann aber ſtimmte ſie, Dank ſei es der dieſem Alter natuͤrlichen Fluͤchtigkeit der Eindruͤcke, ein kleines ſchwermuͤthiges und ſanftes Liedchen wieder an, deſſen Tact ſie dadurch bezeichnete, daß ſie mit ihren kleinen nackten Füßchen an einander ſchlug. Unſer Eintreten hatte dieſen Geſang nicht unterbrochen, als uns aber Jeannette ihrer Mutter naͤher treten ſah, ſo hoͤrte ſie auf zu fingen. Dann ſtrich ſie mit einer Bewegung voll kindlicher Anmuth die Haare, welche ihre Augen umhuͤllten, hinweg, und beob⸗ achtete uns nun mit ein wenig vorgebeugter Stirn, die kleine Hand immer noch in ihr dichtes Haar verſenkt und den Ellnbogen auf das Knie geſtuͤtzt, mit verwunderter, ſtaunen⸗ der und unruhiger Miene. — Der Wagner, immer noch im Todeskampfe liegend, haete unſer Eintreten nicht bemerkt, nur wiederholte er von 15* — — Zeit zu Zeit, indem er ſein Töchterchen näher an ſich zog⸗ mit ſchwacher und ängſtlicher Stimme: „Der Mann . . der Mann!“ Die Furcht vor la Levraſſe verfolgte Jeannettens Va⸗ ter wie eine fixe Idee in ſeinem Delirio. Des Wagners Frau erkannte meinen Herrn. Bei ſeinem Anblicke hob ſie Hände und Augen zum Himmel mit einem Gemiſch von Angſt und Hoffnung, und rief dann: „Ach! heilige Mutter Gottes! das iſt der Mann!“ Waͤhrend die immer noch zuſammenkauernden Kinder ihre erſtaunten Geſichter zu uns wendeten, ſchloß la Levraſſe leis die Thur, legte den Finger mit geheimnißvoller Miene auf ſeine Lippen, nahm aus meinen Haͤnden den Korb mit Mundvorraͤthen und breitete auf einem Tiſche, den er be⸗ merkte, den gebratenen Truthahn, die Paſtete, das Brot und den Wein ſehr in die Augen fallend aus. Beim Anblicke bieſer Eßwaaren ſturzten die ausgehun⸗ gerten Kinder tumultuariſch zum Tiſche, indem die Großen die Kleinen niederrannten. La Levraſſe hielt ſie mit Blick und Handbewegung zu⸗ ruͤck und ſagte: „Nur noch einen Augenblick! Dieſe guten Sachen gehoren Euch noch nicht ... das haͤngt von Eurer Mutter ab, ſie Euch zu geben.“ „Wie?“ rief die Frau des Wagners. Mein Herr empfahl, ohne zu antworten, abermals — — 229 — durch einen Geſt Schweigen, während die Kinder, ohne Zweifel von einem furchtbaren Hunger gepeinigt, und durch den Anblick dieſes Mahls aufgeregt, deſſen Herrlichkeit noch nie von ihnen geſehen worden, einige Schritte vom Tiſche entfernt, ſo zu ſagen in Haft blieben. Des Wagners Frau ſah ſtumm vor Staunen la Le⸗ vraſſe an. Dieſer nahm nun den gruͤnen Leinwandſack mir aus der Hand, zog ein kleines roſaſeidnes Kleidchen mit ſil⸗ bernem Beſatze, Stiefelchen von gruͤnem Sammt, ebenfalls mit Silberflittern und einen Kranz von kuͤnſtlichen Roſen auf Silberblaͤttern, hervor, naͤherte ſich dann dem Lager des Sterbenden, deſſen entfaͤrbte Lippen ſich noch bewegten, aber keinen verſtaͤndlichen Laut mehr hervorbrachten, und ließ vor Jeannettens Augen dieſe Herrlichkeiten flimmern. Das Kind faltete, geblendet und von Bewunderung beſtuͤrzt, ſeine beiden Haͤndchen, offnete ſeine großen Augen mit aller Gewalt und rief: „Oh, wie ſchoͤn das iſt! . . . wie ſchoͤn!“ „Still, ſtill! es iſt fuͤr Dich,“ ſagte la Levraſſe leiſe zu Jeannette, und machte ihr ein Zeichen, vom Bette des Va⸗ ters aufzuſtehen. „Komm!“ ſetzte er hinzu, „ich will Dir das ſchoͤne Kleidchen anziehen, damit Dein Vater, wenn er aufwacht, Dich recht huͤbſch ſieht . . ſtoͤre ihn ja nicht . . . mach' kein Geraͤuſch.“ Das Kind machte ſich leicht aus der Umarmung ſei⸗ nes Vaters los und im nachſten Augenblicke hatte la Le⸗ — vraſſe der kuͤnftigen Basquine das roſenfarbne Kleid ange⸗ zogen, an die kleinen Fuͤßchen die ſammtnen Stiefelchen ge⸗ ſchnuͤrt und auf die blonden Locken den Kranz von Roſen mit Silberblaͤttern geſetzt. Das Kind ließ ſich mit einem von naiver Freude, ſich ſo ſchoͤn zu ſehen, gemiſchten Er⸗ ſtaunen anziehen, waͤhrend deſſen Mutter zu la Levraſſe ſagte: „Aber, mein Herr, warum ziehen Sie denn da unſte Kleine an?“ La Levraſſe legte von Neuem den Finger auf ſeine Lippen, gebot der Frau des Wagners Schweigen, und ſagte, indem er Jeannette zu ihr fuͤhrte: * „Sehen Sie nur Ihr Töchterchen! . . . iſt ſie nicht ſo zum Kuͤſſen ſchoͤn? Und Ihr,“ ſetzte er hinzu, indem er ſich an die andern Kinder wendete, „ſeht doch nur, wie brav Eure Schweſter iſt, meine kleinen Freunde!“ Unter dieſen hatten Einige ſich nicht in der hungrigen Aufmerkſamkeit ſtören laſſen, die ſie auf das Eſſen gerich⸗ tet, die Andern aber die Umgeſtaltung ihrer Schweſter ſchweigend mit angeſehen, Alle aber riefen auf la Levraſſe's Anrede aus: „Oh, wie ſchoͤn ſie ſo iſt, die Jeannette! wie ſchön ſie iſt!“ „Das iſt ein Kleid, wie eine Heilige!“ ſagte eines. „Wie ein kleines Jeſuskind von Wachs!“ rief ein an⸗ deres. und für einen Augenblick wurde der Hunger über der — — Betrachtung der blendenden Außenſeite Jeannettens ver⸗ geſſen. Jetzt zog mein Herr, ohnſtreitig als letztes Mittel tit Verfuͤhrung, einen Geldſack aus ſeiner Taſche und uberließ ihn einen Augenblick Jeannettens Haͤnden. Das Kind lief ſogleich wieder zu dem Lager ſeines Va⸗ ters, ſtieg hinauf und beugte ſich ganz glucklich und freudig⸗ lächelnd uͤber dieſen, ſein bleiches und kaltes Geſicht mit den Worten kuͤſſend: „Vater! . . . ſieh doch. . . wie ſchoͤn ich bin!. . ſiehſt Du?“ Der Wagner antwortete nicht.. . . Seine Augen blie⸗ ben ſtarr und halb geſchloſſen. Er bewegte ſchwach den Arm und ſeine Lippen ſtammelten einige einzelne Worte. „Vater ſchlaͤft . . . und träumt . . ſagte das Kind zu ſich ſelbſt, indem es ſich vorſichtig auf den Rand des Bettes ſetzte, dann begann es, ſein Erwachen ohnſtreitig erwartend, traͤllernd mit dem Kranze zu ſpielen, den es vom Kopfe nahm und deſſen Silberblätter ſeine Bewunderung beſonders zu erregen ſchienen. Nie in meinem Leben werde ich den ſonderbaren und tiefen Eindruck vergeſſen, den ohnerachtet meines Knaben⸗ alters mir der Anblick dieſes reizenden, in Roſa mit Silbet⸗ ſtickerei gekleideten Kindes machte, wie es in dieſer dunklen Wohnung auf einem elenden Strohlager bei ſeinem faſt ſter⸗ benden Vater ſaß. Waͤhrend der Zeit hatte la Levraſſe, welcher den Geld⸗ ſack am untern Theile hielt, ſich der Frau des Wagners genaͤhert, und auf die Fetzen der Decke, welche uͤber ihren Knieen lag, eine ziemlich große Menge von Silberſtuͤcken zu 100 Sous ausgeſchuͤttet. Dreihundert Franecs, wie ich glaube. . Nun nahm er ein ſchon bereit gehaltenes Papier aus der Taſche und eines jener Schreibzeuge von Horn, deren ſich die Schuͤler bedienen, tauchte eine Stahlfeder darein, bot ſie, ſowie das Blatt, der Wagners⸗Frau dar und ſagte zu ihr: „Unterzeichnen Sie das, meine liebe Frau. Dieſes gute Abendeſſen gehoͤrt Ihren Kindern, dieſes Geld Ihnen das Schickſal der kleinen Jeannette iſt geſichert . ungerechnet, daß . .. Ein lauter Aufſchrei des Wagners unterbrach ihn. Ich hatte Jeannetten mit den Augen nicht verlaſſen, auch keine Bewegung ihres Vaters war mir entgangen. Als der Sterbende das metalliſche Klingen des Geldes hoͤrte, hob er ſich krampfhaft auf ſeinem Lager zum Sitzen empor, wendete ſeine ſtieren Augen um ſich her und rief: „Der Mann mit dem Gelde! . . . es iſt der Mann! . . Er wird mir Jeannette nehmen! . . Zu Hilfe! zu Hilfe!“ Jeannette brach bei dieſem Geſchrei, bei dem Anblicke dieſer todtenbleichen, verzerrten Zuͤge in Thraͤnen aus, warf ſich an den Hals ihres Vaters und klammerte ſich dort feſt, während der Wagner ſein Kind mit allen ſeinen hinſinken⸗ —— — — — den Kraͤften ans Herz druͤckend, mit immer mehr erſchöpfter Stimme fortwährend ausrief: „Der Mann mit dem Gelde!. . . der Mann! ich will nicht .. lieber will ich ſterben .. . und Jean⸗ nette behalten . meine Frau nur . . hat's gewollt .. und hat an den Mann geſchrieben . . . ich . . ich wollte nicht und .. Ein Krampf ergriff hier den Sterbenden, er konnte nicht enden, ſtreckte ſich, fiel zuruͤck und nahm Jeannette mit, die mit herzzerreißendem Geſchrei ihre kleinen Arme um ſeinen Hals ſchlang. „Mein armer Mann! . . . Heilige Mutter Gottes, er⸗ barme Dich doch ſein! . . . Sei doch endlich gerecht! . . . ſo rief das Weib des Wagners mit ſchmerzlicher Bitterkeit. „O du mein Gott! . . . ihn ſo zu ſehen und ihm nicht hel⸗ fen zu können! . . . und dieſe Kinder hier . . . um dieſen Liſch. . Die Ungluͤcklichen!! ſie bekuͤmmern ſich nicht ein⸗ mal um ihren Vater, denken nur an's Eſſen! . . .“ Dann ſetzte ſie hinzu, als mache ſie ſich dieſe Worte zum Vorwurf: „Ach! die armen Kleinen! und ſie haben ſolchen Hunger!“ „Unterzeichnen Sie ſchnell . . . unterzeichnen Sie,“ ſagte la Levraſſe und ergriff ungeduldig die Hand der Frau. „Unterzeichnen Sie all' dieſes Geld gehört Ihnen; Ih⸗ ren Kindern wird es an nichts fehlen, Sie koͤnnen Ihren Mann davon pflegen .. . und ich uͤbernehme es, Jeannet⸗ ten gluͤcklich zu machen.“ Dann wendete er ſich zu den Kindern: — 234 — — „Bittet doch Eure Mutter, zu unterzeichnen, Ihr friert dann nicht mehr, hungert nicht mehr . . . dieſes gute Abendeſſen gehoͤrt Euch, und noch viele andre ebenſo.“ Ohne zu begreifen, um was es ſich handle, gehorchten die armen Kinder maſchinenmaͤßig la Levraſſe und riefen, indem ſie ſich ihrer Mutter zu Fuͤßen warfen: „Unterzeichne, Mutter! . . . unterzeichne!“ „Unterzeichnen . . . ich „. was?“ ſagte die ungluͤck⸗ liche Frau, die ſchon halb den Kopf verloren hatte, als ſie das Wimmern ihres Mannes im Todeskampfe, das Schmer⸗ zensgeſchrei Jeannettens und die Bitten der andern Kinder hoͤrte. „Unterzeichnen Sie das Engagement Jeannettens bis zum einundzwanzigſten Jahre . . . ich ſtehe Ihnen fuͤr das Gluͤck Ihrer Tochter.“ Die arme Frau unterzeichnete, dem Schrecken, der Erregung, dem Wunſche, dieſem furchtbaren Elende ihrer Kinder ein Ende zu machen, nachgebend, mitten unter Thrä⸗ nen, ja, ſelbſt ohne es zu leſen, Jeannettens Engagement. „Jetzt, Kinder,“ rief la Levraſſe, „zu Tiſche! Eßt!“ Es war, ach! ein wahres Gedraͤnge, die Kinder ſtuͤrz⸗ ten auf das Abendeſſen mit hungrigem Wahnfinne, die Stuͤcke zerreißend und ſich abſtreitend, waͤhrend mein Hert, nachdem er das Engagement in die Taſche geſteckt hatte, an das Lager des Sterbenden eilte, um Jeannette zu helen. Das ungluͤckliche Kind ſtieß herzbrechendes aus und rief mitten unter Schluchzen: — — „Vater! ich will bei Dir bleiben! laßt mich! laßt mich!“ Die Frau des Wagners, welche dieſes grauſame Schau⸗ ſpiel nicht laͤnger ertragen konnte, ließ durch eine verzweif⸗ lungsvolle Bewegung das Geld, das mein Herr auf ihren Knieen zuruͤckgelaſſen, auf die Erde rollen und rief: „Nehmen Sie Ihr Geld wieder . laſſen Sie uns unſer Kind . . . der liebe Gott moͤge es mit uns machen, wie er wolle aber nehmen Sie uns unſer Kind nicht mit fort!“ La Levraſſe antwortete nicht, ſondern zuckte nur die Achſeln und kam leicht damit zu Stande, Jeannette vom Halſe ihres Vaters zu reißen, der jetzt jede Empfindung verloren zu haben ſchien. Dann, ſagte er, das Kind, das ſich vergebens ſtraͤubte, in ſeinen Armen haltend, zu der Frau des Wagners, indem er ſich der Thuͤre naͤherte: „Es iſt zu ſpaͤt, zu widerrufen .. ich habe das En⸗ gagement in der Taſche.“ „Meine Tochter! . . . ich will meine Tochter haben! Er nimmt mir meine Tochter!“ ſo rief die arme Mut⸗ ter, als ſie ſah, wie la Levraſſe Jeannette in ſeinen Man⸗ tel huͤllte. — „Meine Kinder . . . zu Hilfe! . . . laßt ihn nicht fort! . . . werft Euch vor ihm hin! .. . heilige Mut⸗ ter Gottes, ſteh' mir bei! . . man raubt mir meine Toch⸗ ter! mein Mann wird mich umbringen!!“ Die verhungerten Kinder dachten nur daran, ihren verzehrenden Hunger zu ſtillen, gehorchten den Befehlen ihrer — 236 — Mutter nicht, und la Levraſſe, ſeine leichte Laſt in den Ar⸗ men, oͤffnete jetzt die Thuͤr. Ich war unbeweglich und erſchuͤttert mitten in der Stube ſtehen geblieben. Mein Herr mußte, um mich aus meiner Beſtuͤrzung zu reißen, ſich auf der Thuͤrſchwelle um⸗ drehen und mir mit furchtbarer Stimme zurufen: „Wirſt Du kommen?“ Ohne es ſelbſt zu wiſſen, eilte ich zu la Levraſſe, und als er vorſichtig die Thuͤr doppelt verſchloß, hörte ich die. Stimme der Frau des Wagners mit dem Ausdrucke eines gluͤhenden und verzweiflungsvollen Gebetes aufſchreien: „Gute Mutter Maria, erbarme Dich mein! . . . Hei⸗ lige Mutter Gottes, komm mir zu Hilfe! . .. Muß ich denn immer vergebens zu Dir flehen?“ Mein Herr zog mich mit ſeiner Eiſenhand an ſich und nöthigte mich, ihm eiligſt zu folgen. Gegen meine Erwartung gingen wir, ſtatt durch den Flecken zu gehen, aus dem andern Ende des Gaͤßchens auf das Feld. Nachdem wir etwa eine Viertelſtunde durch die Felder gegangen, fanden wir unſte Wagen, die ohnſtreitig nach la Levraſſe's Befehl auf der Landſtraße unſer harrten. Es war völlig Nacht. Wir ließen bald den Flecken weit hinter uns, da la Levraſſe unſre Pferde heftig antrieb, als fuͤrchte er verfolgt zu werden. Jeannette, die ich von nun an n Bnstuine nennen wer⸗ de, ward jetzt von tiefem Schmerze betroffen, und ohne — 237 — Unterlaß Vater, Mutter und Bruͤder beweinend, ernſtlich krank und man verzweifelte faſt an ihrer Geneſung, ihre Jugend jedoch und die unbeſchreibliche Lebensfulle, die in ihr wallte, retteten ſie. Nach einiger Zeit ſchien ſie ſchoͤ⸗ ner und lieblicher als je wieder aufzubluͤhen. Basquinens ſo heiß von Bamboche erſehnte Ankunft brachte auf ihn eine ſonderbare Wirkung hervor. Die Liebe zuerſt und ſpäter die heftige Angſt, die ihn in der Erwar⸗ tung des Ausgangs der Schritte, die la Levraſſe bei dem Wagner that, ergriffen, wirkten ſo heftig auf die kraͤftige Natur dieſes Knaben, daß, als er von mir Basquinens Ankunft erfuhr und ſie ſich mit Mutter Major in dem Packwagen befand, ſein ganzes Blut ihm zum Gehirn ſtrömte. Ein Blutſchlag traf ihn, er fuhlte ſich unwohl und dieſe tiefe Erregung hatte ein hitziges, faſ ſogleich aus⸗ brechendes Fieber zur Folge. Da Basquine, wie gedacht, bei ihrer Ankunft auch vor Kummer erkrankt war, ſah ſich la Levraſſe zu ſei⸗ nem großen Verdruſſe genoͤthigt, waͤhrend faſt einem Mo⸗ nate in einer kleinen Stadt liegen zu bleiben, um ſeinen beiden Penſionairen die benoͤthigte Pflege angedeihen zu laſ⸗ ſen, nicht aus Theilnahme, ſelbſt nicht aus Ruͤckſichten der Menſchlichkeit, ſondern aus Intereſſe fuͤr ſeine Unterneh⸗ mung, denn die kindlichen Kunſtſtuͤcke von Bamboche, mir und Basquinen in Begleitung der Schauſtellung des Fiſch⸗ menſchen, ſicherten ihm in Zukunft reiche Einnahmen. Die Bande der Freundſchaft, die mich mit Bamboche — — vereinten, waren ſchon ſehr ſtark, aber die verſchiedenen Fälle ſeiner und Basquinens Krankheit ſchloſſen ſie noch en⸗ ger und machten ſie unauflöslich. Dies geſchah ſbi La Levraſſe hatte dieſen unerwarteten Aufenthalt be⸗ nutzt, um als Colporteur und Kaͤufer von Haaren die Um⸗ gegend der kleinen Stadt, in welcher wir zu bleiben genö⸗ chigt, zu durchſtreifen, und war mit ſeinem Eſel Lucifer fort⸗ gereiſ't, in der Hoffnung, eine einträgliche Tour zu machen. Der Hanswurſt (oder techniſch geſprochen, der Pitre, der Rothſchwanz der Truppe) war zu uns geſtoßen. Er nannte ſich Poireau, und trat an die Stelle von Giroflée, dem ehemaligen Komiker der Truppe, der ſeitdem aus in⸗ nerem Berufe in's Seminar getreten war, wie mir Bamboche geſagt hatte. Später ſollte ich mich ſelbſt von der Wahrheit dieſer Angabe überzeugen. d Poireau war ein großer, magrer, ſchlottriger Burſche mit ziemlich regelmäßigen, aber durch einen angewöhnten unedlen Ausdruck von Gemeinheit und Bosheit verunſtalte⸗ ten Zuͤgen. In ſeiner gewöhnlichen Unterhaltung ſprach er nicht zwei Worte hintereinander, ohne ſie mit ſchamloſen oder ſchmutzigen Lazzi's von empörender Rohheit zu begleiten. Dieſer Ungluckliche wurde bald der Beguͤnſtigte der Mutter Major, und wenn ſelbſt Bamboche nicht bereits meine Un⸗ ſchuld aufgeklärt haͤtte, wurde der unbefangene Eynismus, mit welchem dieſe Meſſaline vom Kreuzwege und der Hans⸗ wurſt ſich ohne Scheu ihrer unreinen Liebe uͤberließen, mir das enthullt haben, was mein junger Gefaͤhrte mich ge⸗ lehrt mir enthuͤllt haben, was Basquine, dieſes ſo reine und unſchuldige Kind, bald lernen ſollte . . . in Mit⸗ ten der ſchamloſen Entartung, in welcher ſie nun zu leben beſtimmt war das arme kleine Lamm ohne Flecken, faſt von Geburt an in Mitte dieſes Schmutzes geſchleudert. Aber ich will ſchmerzlichen, furchtbaren Enthuͤllungen nicht vorgreifen. Sie werden nur zu bald kommen, und es fordert Muth, mir dieſe Epoche meines Lebens zuruͤckzuru⸗ fen . einen Muth, der um ſo größer iſt, als ich, Dank ſei es meinem unbefangenen Verkehr mit dem Laſter, damals keinen Unwillen gegen das empfand, was mich jetzt em⸗ pört. Als la Levraſſe fort war, Mutter Major und Poireau in ihre Liebe verſunken, Bamboche und Basquine aber bettlägerig, blieben der Fiſchmenſch und ich allein, um die beiden Kranken zu pflegen und fuͤr die Wirthſchaft zu ſorgen. Die häuslichen Geſchaͤfte, wie Kuͤche, Unterhalt und Aufſicht uͤber die Kleider der Truppe, des Materials u. ſ. w. waren dem Fiſchmenſchen auf Befehl Poireau's, der ſich wie ein Dictator benahm, uͤbertragen. Ich weiß nicht, warum Letzterer gleich vom Anfange an eine tiefe Ahneigung gegen Leonidas Hayſiſch gefaßt hatte und ein Vergnuͤgen darin fand, ihn mit hartnäckiger und feiger Bosheit zu plagen, zu belei⸗ digen, ja ſelbſt zu ſchlagen, denn Leonidas war ohnerachtet — 240 — ſeines heroiſchen Namens der unſchaͤdlichſte, furchtſamſte Menſch, aber der wurdige Univerſitäts⸗Laureat duldete, in⸗ dem er die ſtoiſche Philoſophie und die Marimen ſeines gött⸗ lichen Seneca zu Hilfe rief, Alles, und ertrug Alles mit unglaublicher Entſagung. „— Siehſt Du, kleiner Martin,“ ſagte dieſes naive und gute Geſchoͤpf zu mir; „ich habe hier zu eſſen, zu ſchlafen, Wohnung und Kleidung, habe Muße, meinen Seneca zu leſen, während ich den Kochtopf abſchaͤume oder das Ragout der Mutter Major ſchmoren laſſe, und dieſes . (hier ſenkte Leonidas die Stimme und ſah ſich mit Scheu und Furcht nach allen Seiten um, damit ihn Niemand hore) dieſes großen Böſewichts Poireau, der mich aufs Korn genommen hat, wie ſonſt die Krabben in meiner Klaſſe mich wegen meiner Erfolge verabſcheuten aber das iſt mir gleichviel, ich bin daran gewöhnt und ſegne jeden Tag die Gewöhnung, die ich habe ſeit meiner zarteſten Kindheit, alle Arten von Schlägen zu erhalten. Und dann ſiehſt Du, kleiner Martin, Alles iſt nicht Roſe im Leben, und wenn ich mich daran erinnere, daß ich, nachdem ich wie ein Neger ſeit meiner Kindheit und erſten Jugend ver⸗ gebens gearbeitet habe, und zwei Jahre hindurch ohne Brot und Obdach geblieben bin und mich endlich aus Ver⸗ zweiflung ins Waſſer geſtuͤrzt habe, ſo wage ich es nicht, mich uͤber mein Loos zu beklagen. Was aber die Rache anbetrifft,“ ſetzte er mit einem Seufzer des Bedauerns und der Beſchämung hinzu, „ſo bin ich ſchwach wie ein Floh — — 241 — und feig wie ein Haſe. Mutter Major ſchluge mich mit. einem einzigen Schlage ihrer großen Faͤuſte voͤllig platt und Poireau zerbraͤche mich mit ein paar Stoͤßen ſeiner großen Fuͤße. Da aber bei alledem Gerechtigkeit vorwalten “ muß, und es fuͤr die Unterdruͤckten eine raͤchende Vorſe⸗ hung giebt,“ begann Leonidas wieder mit feierlichem und triumphirendem Tone, „da ein Laureat der Univerſität, der hundertmal von Sr. Excellenz dem Herrn Miniſter des oͤffentlichen Unterrichts beim Klange der Fanfaren gekroͤnt und umarmt und von ihm die Hoffnung Frankreichs ge⸗ nannt worden iſt, da ein ſolcher Laureat, ſage ich, doch nicht ausdrucklich dazu beſtimmt iſt, ungeſtraft zum Stich⸗ blatt und Opfer eines unedlen Hanswurſtes und eines dicken Tölpels von herkuliſcher Frau zu dienen, ſo .. (und Leonidas Stimme wurde noch leiſer, furchtſamer und ge⸗ heimnißvoller) ſo .. werfe ich ihnen oft eine gewaltige Hand voll Salz in ihren Kochtopf und ſchleiche mich was freilich noch ſchlimmer und ich vertraue dieſes gefaͤhrliche Geheimniß auch nur Deiner Ehre an, Martin manchmal heimlich im Dunkel wie ein Uebel⸗ thäter in die Kuͤche . und da einſam und ohne daß es Jemand weiß ſpucke ich. ein wenig „nein, keine feige Zuruͤckhaltung gegen Dich, mein lieber Freund ſpucke ich etwas viel in die Ragouts, welche meine Tyrannen mich fur ſie anrichten laſſen. . . . Und ſie eſſen ſie ohne die geringſte Ahnung zu haben! die Ungluͤck⸗ lichen! ſie eſſen ſie! dann halte ich meine Rache fur ge⸗ Martin. I1I. 16 — 242 — ſättigt! .. Aber nein.. ſie wird wieder lebendig, wie eine Hydra, und ich fange wieder an.. .. Wenn das ſo fortgeht, halte ichs nicht aus . ich werde hektiſch!!“ Als mir Leonidas dieſes furchterliche Geheimniß ver⸗ traute, erſtarb die Sprache auf ſeinen Lippen, und er ſah mit Schrecken um ſich, als ob er mir das Geſtaͤndniß der größten Schandthat abgelegt habe. Leonidas, ausſchließlich mit ſeinen haͤuslichen und Kuͤ⸗ chenangelegenheiten beſchaͤftigt, konnte mir alſo nur wenig helfen, und ich blieb faſt allein mit der Pflege Bamboche's und Basquinens beauftragt, die faſt zugleich krank gewor⸗ den waren: dieſe aus Verzweiflung, von ihrem Vater und ihrer Familie, die ſie anbetete, getrennt worden zu ſein, und jener durch die heftige Erregung, welche ihm die Ge⸗ wißheit verurſachte, nun neben dieſem Kinde leben zu koͤnnen, das er mit einer eben ſo tiefen, als fuͤr ſein Alter unglaub⸗ lich vorzeitigen Leidenſchaft liebte. Da ſich Bamboche's hitziges Fieber mit einem an⸗ ſteckenden verbunden, ſo hatte man ihn auf Befehl des Arztes von Basquine getrennt. So theilte ich alſo meine Sorgen zwiſchen meiner neuen Gefaͤhrtin und meinem Freunde. Basquine ward, nachdem ſie Abends angekommen und ganz verweint in unſerm großen Wagen zu Bett war gebracht worden, noch in derſelben Nacht ſehr krank, und konnte daher Bamboche erſt ohngefaͤhr einen Monat nach ihrer Ankunft bei unſrer Truppe ſehen. — 243 — Basquinens Verzweiflung gab ſich ſogleich durch un⸗ aufhörliches, nur von dem Geſchrei: „Vater! Vater! Hilf! Hilf!“ unterbrochenes Schluchzen kund, als ob ihr Vater ſie hätte hoͤren können, dann aber, als das ungluͤckliche Kind nicht mehr Kraft zum Weinen hatte, verfiel ſie einer nervoͤſen Kriſis, auf welche finſtre Abſpannung oder ſchwerer, von finſtren Träͤumen beunruhigter Schlaf folgte. Ich brachte bei ihr alle Zeit zu, welche ich nicht auf Bamboche wendete. Sie ſchien meine Gegenwart kaum zu bemerken. Duͤſter, verſchloſſen, mißtrauiſch, ſprach ſie kein Wort. Ein Arzte beſucht ſie. (Mutter Major hatte ſich ſicher geſtellt, indem ſie das von der Frau des Wagners unterzeichnete Document vorgezeigt, jedoch in unnöthiger Vorſicht, da das Kind hartnaͤckig ſtumm blieb und auf keine Frage antwortete.) Ein Arzt beſuchte ſie alſo, aber ſie wei⸗ gerte ſich, auch nur das Geringſte von dem einzunehmen, was man ihr verſchrieb. Da fiel mir ein, ihr zu verſpre⸗ chen, daß wenn ſie verſtändig wäre, ſie recht bald ihren Vater wiederſehen ſolle. Noch glaube ich Basquine vor mir zu ſehen, wie ſie in einem großen Bette in einer traurigen und elenden Stube lag. Ihr reizendes Geſichtchen, bleich und marmorartig, war in einigen Tagen unglaublich mager geworden. Ihre ſchoͤnen blonden, gewohnlich gelockten Haare, damals aber feucht von kaltem, fieberhaftem Schweiße, fielen in faſt ge⸗ raden Flechten um Geſicht und Schultern. Sie hielt ihre 16* 6 großen trocknen, aufgeſchwollenen und gerotheten Augen feſt an die Decke geheftet, während ihre kleinen Händchen auf ihrer Bruſt gekreuzt ruhten. K Als ich ihr geſagt hatte: „Höre . Basquine . wenn Du huͤbſch verſtändig biſt und das trinkſt was in dieſer Taſſe da iſt „ſo ſollſt Du Deinen Vater bald wiederſehen!“ wendete ſie, zu ſchwach um ſich aufzuſetzen, ſchnell ihr Köpfchen zu mir hin. Ihre Augen wurden feucht. Große Thraͤnen entfielen ihnen dann, ihre Lippen zitterten und ſie ſagte zu mir mit ihrer ſanften und makten Stimme: „Du luͤgſt doch nicht?“ Einen Augenblick lang durch die Unſchuld dieſes Blickes, in welchem zugleich Hoffnung und ſchmerzliches Mißtrauen zu leſen war, verwirrt, zögerte ich, dann aber antwortete ich mit geruͤhrtem Tone: „Nein ich luͤge nicht.“ Basquine bemerkte ohne Zweifel mein Zoͤgern, denn ſie fing, indem ſie mich feſt anblickte, wieder an: „Lüge nicht . ſiehſt Du? die gute heilige Jung⸗ frau wuͤrde weinen daruber.“ Ich hoͤrte zum erſten Male von der guten heiligen Jungfrau ſprechen; nichts deſto weniger antwortete ich un⸗ verzagt: „Nein ich luge nicht.“ „Ich ſoll meinen Vater wiederſehen „ weun ich das 2 6 — trinke?“ fragte Basquine, ohne mich mit den Augen zu verlaſſen. „Ja, gewißlich!“ antwortete ich ihr. „Gieb!“ ſagte das Kind. Und ſie trank mit Einem Zuge, was ich ihr vorhielt. Von dieſem Angenblick an zeigte ſie einiges Vertrauen fuͤr mich und fragte nur immer unablaͤſſig, wenn ſie ihren Vater wiederſehen werde. Der Rath und das Beiſpiel von Bamboche, die Furcht vor ſchlechter Behandlung, die Nothwendigkeit, meine Ver⸗ ſehn vor meinen fuͤrchterlichen Lehrmeiſtern zu verbergen oder zu verſchleiern, hatten mich ſchon mit der Luge ver⸗ traur gemacht. Es war mir leicht, Basquinens Unbefan⸗ Lenheit zu täuſchen, indem ich ſie hoffen und von Tag zu Tage die Ankunft ihres Vaters erwarten ließ, der, wie ich hinzuſetzte, ſie gewiß mit ſich fortnehmen werde. Dieſe Täuſchungen förderten doch mindeſtens ihre Ge⸗ neſung. Von jett an ergab ſie ſich darein, alle Vorſchriften des Arztes zu befolgen, und da die Hoffnung, bald wieder in ihre Familie zuruckzukehren, ſie beruhigte, ſo beſſerte ſich ihre Geſundheit von Tag zu Tag. Es iſt mir von meinen erſten kindiſchen Unterredungen mit Basquine ein unausloͤſchlicher Eindtuck geblieben, und wenn ich in dieſem Augenblicke dieſe mir immer ſo gegen⸗ wärtigen Erinnerungen ſammele, ſo bin ich erſtaunt uͤber alles naturgemäß Rechte, Rechtliche und Loyale, was in — 246 — der Erziehung oder vielmehr in den Beiſpielen lag, die der Wagner ſeinem Kinde gegeben hatte, denn gewöhnlich be⸗ ſchraͤnkt ſich die Erziehung des Armen nur auf das Bei⸗ ſpiel, und faſt immer kann man, wenn man von uns Kindern des Volkes ſpricht, mit abſoluter Gewißheit, ſei's im Boͤſen, ſei's im Guten, ſagen: „Wie die Eltern, ſo auch die Kinder.“ So mußte denn auch, nach Basgquine zu urtheilen, ihr Vater ein arbeitſamer und redlicher Mann von muſter⸗ hafter Auffuͤhrung ſein. Was die Frau des Wagners be⸗ traf, ſo mußte ſie jenen ruhrenden Aberglauben vieler ar⸗ mer, bedraͤngter Muͤtter theilen . einen naiven und reinen Glauben an die Einwirkung der guten heiligen Jungfrau, denn Basquine hatte während ihrer Krankheit oft mit mir von der heiligen guten Jungfrau geſprochen. Armer, theurer, kleiner Engel, den das Schickſal bald ſo wie ich es bereits war, in die ſchamloſe und ſchmutzige Sprache der Koryphäen unſter Truppe einweihen ſollte! Und noch viel Schlimmeres! denn ich habe von meiner ſelt⸗ ſamen Rolle in den vorzeitigen Liebesverhältniſſen zwiſchen Bamboche und Basquine zu ſprechen, einer Rolle, die ich uͤbrigens mit einer unglaublichen Unbefangenheit der Ver⸗ derbniß ſpielte, verblendet, wie ich es damals war, von mei⸗ ner innigen, tiefen und faſt fanatiſchen Zuneigung in Bamboche. Ich erzähle nun, wie und bei welcher g ich zum erſten Male ſeinen Namen vor Basquine ausſprach. — 247 — Als ich mich in den erſten Tagen ihrer Wiedergene⸗ ſung mit ihrem Vater unterhielt, um ſie zufrieden zu ſtel⸗ len, denn ſie ſprach ſtets von ihm, ſagte ich ihr, daß er ſehr viel arbeiten muͤſſe, um ſeine zahlreiche Familie zu er⸗ naͤhren. Basquine antwortete mir: „Oh ja! Vater arbeitete viel . ſelbſt des Sonntags vergoͤnnte er ſich keine Ruhe und oft arbeitete er auch noch des Nachts. Das ſahen wir recht gut . weil wir mit Mutter in dem Schuppen ſchliefen. . Einmal hatte der Vater ſchon drei Naͤchte zugebracht ohne abzulaſſen „ ich war mit meinen kleinen Schweſtern eingeſchlafen da weckte Mutter uns auf . Sie weinte und ſagte zu uns: Kinder, ſeht nur euern Vater! Da ſahen wir denn hin. Vater, der angefangen hatte, mit einem großen Boh⸗ rer“) ein Stuck Holz zu bearbeiten, war niedergekniet, aber ohne Zweifel aus Ermuͤdung eingeſchlafen, da er noch mit beiden Haͤnden die Handhaben des Bohrers hielt, auf welche er ſeine Stirn ſtuͤtte. So blieb er ohne ſich zu ruͤhren. Mama weinte immerfort und ſagte ganz leiſe zu uns, um Vater nicht aufzuwecken: Nur um uns Brot zu verſchaffen, muͤht ſich Euer Vater ſo ab! .. Wir muͤſſen die heilige Jungfrau bitten, daß ſie Erbarmen hat mit uns und ihm es vergilt, denn es giebt auf der Welt keinen *) Ein Zirkelbohrer ohne Zweifel. beſſern Vater als ihn. .. Fallt auf die Kniee, ihr Kinder, und ſprecht mir nach, aber ganz leiſe, um Euern Vater nicht aufzuwecken. Da fielen wir denn Alle auf die Kniee und Mutter ſagte es uns vor, was wir ihr dann nachbete⸗ ten: „Gute, heilige Jungfrau, verlaſſe doch gnädiglich nicht in ſeiner Noth dieſen armen Vater, der ſo viel fuͤr uns arbeitet! Heilige Mutter Gottes, die Du die Muͤtter und kleinen Kinder beſchuͤtzeſt, erhöre eine Mutter und ihre kleinen Kinder und vergelte unſerm Vater gna⸗ diglich ſeine Anſtrengung und Treue.“ Als wir ganz leiſe damit zu Ende waren, erwachte Vater und ſah uns auf den Knieen liegen mit gefalteten Händen. Da fragte er Mutter weßhalb ... und Mutter ſagte es ihm. Da nahm er uns in ſeine Arme und weinte auch recht ſehr, denn wir hatten Alle ganz naſſe Backen waͤhrend er uns kuͤßte.“ Viele Jahre ſind verfloſſen ſeit Basquine mir dieſen einfachen und ruͤhrenden Vorfall erzaͤhlte, viele Ereigniſſe, vieles Ungluck, viele Schmach, deren Urheber oder Zeuge ich war, hätten mein Herz härten und entarten ſollen, und doch werden noch jetzt, bei der bloßen Erinnerung an die Stimme, den Ausdruck, die Phyſiognomie dieſes armen Kindes, als es mir dieſe Epiſode aus dem elenden und arbeitsvollen Leben ſeines Vaters mittheilte, meine Augen feucht, wie ſie es an dem Tage wurden, wo ich Basquine zuhörte. — — Tief geruͤhrt durch eine fuͤr mich ſo neue Sprache und von dem Glauben und der Hoffnung enthuſiasmirt, welche Basquine in die vorſchungsartige Allgewalt dieſer heiligen Mutter des lieben Gottes, dieſer ſanften und liebevollen Patronin der Muͤtter und kleinen Kinder zu ſetzen ſchien, ſagte ich in voller Aufrichtigkeit zu Basquine: „Und die gute heilige Jungfrau hat es Deinem Vater vergolten, nicht wahr?“ „Ach nein,“ antwortete das Kind ganz naſv, indem es traurig ſein allerliebſtes kleines Lockenkoͤpfchen ſchuͤttelte und einen tiefen Seufzer ausſtieß: „ach nein . . nie!“ Als ich mich jetzt des ſchmerzlichen Gemaͤldes erinnerte, deſſen Zeuge ich bei dem Wagner geweſen, als ſein Kind entfuͤhrt wurde, und das ich bei meiner Auftegung ganz vergeſſen hatte, entgegnete ich: „Ja, das iſt wahr, Dein Vazer iſt von der guten heiligen Jungfrau nicht belohnt worden fuͤr ſeine Anſtren⸗ gungen. .. Aber was hilft's denn da zu beten?“ „Ei! das weiß ich nicht. Mutter ſagte uns, wir ſollten mit ihr beten, damit wir weniger ungluͤcklich waͤren und es dem Vater vergolten werde.. Da beteten wir denn auch wie Mutter ſagte.“ Mir kam ein abſcheulicher Gedanke in den Sinn. Ich dachte an den ſchrecklichen Tod von Bamboche's Vater. Auch dieſer hatte mit unermuͤdlichem Eifer gearbeitet. Auch dieſer hatte ſein Kind zaͤrtlich geliebt. Und doch war auch dieſer geſtorben, verlaſſen von der guten heiligen Jungfrau und den Menſchen. Auch der Fiſchmenſch hatte, nachdem er angeſtrengt in ſeiner Kindheit und erſten Jugend gear⸗ beitet, wie er mir geſagt, dem Elende und Hunger dadurch entgehen wollen, daß er ſich ſelbſt umbringe. Bamboche, der Schuͤler des Kruͤppels, hatte alſo Recht, ſtets zu wiederholen: wer arbeitet, iſt ein Dumm⸗ kopf; wer es thut, kommt vor Hunger und Elend um. Die naive Erzählung Basquinens, der ſchmerzliche Auftritt, deſſen Zeuge ich in der Wohnung ihres Vaters geweſen war, gaben ungluͤcklicherweiſe in meinen Augen den unſeligen Maximen Bamboche's ein neues Gewicht. Da ſagte ich denn ganz ſtolz auf meine neue und trau⸗ rige Kenntniß der Menſchen zu Basquine: „Du ſiehſt wohl, Dein Vater plagte ſich mit Ar⸗ beiten und die gute heilige Jungfrau hat weder Erbarmen noch Vergeltung fur ihn gehabt, Bamboche's Vater plagte ſich auch mit Arbeiten, und er iſt in der Tiefe eines Waldes geſtorben und von Raben gefreſſen worden. Siehſt Du, Basquine, es iſt alſo eine Dummheit zu arbeiten, und viel beſſer, ſich zu amuͤſiren, wenn man uͤber die Schwarten lachen kann . und dann . Da mich aber die Anſteckung des Boͤſen und des La⸗ ſters noch nicht völlig verdorben hatte, konnte ich nicht fort⸗ fahren, ſo ergriff mich der zugleich ſtaunende, traurige und neugierige Ausdruck auf Basquine's Geſicht, als ſie mich ſo ſprechen hoͤrte. Was noch Gutes in mir war, empoͤrte ſich bei dem „ — 251 — Gedanken, ſo zu ſagen dieſem unſchuldigen kleinen Ge⸗ ſchoͤpfe den erſten Unterricht der Verzweiflung und Ver⸗ derbniß zu geben, und ich ſagte zu ihr: „Uebrigens wird Dir Bamboche alles Das beſſer er⸗ klaͤren als ich.“ Siebzehntes Kapitrl. Die Entwickelung. Bei dem Namen Bamboche, den Basquine zum erſten Male von mir hoͤrte, ſah ſie mich mit Verwunderung an, und ſagte: „Wer iſt das, Bamboche?“ „Einer meiner Kameraden, ein Kind wie wir.“ „Und wo iſt er?“ „In einem kleinen Stuͤbchen da oben.. er iſt auch ſehr krank.. . . Aber Du kennſt ihn ja?“ ch „Ja... vor einigen Monaten... erinnerſt Du Dich noch, daß la Levraſſe ſchon damals bei Deinem Vater war? er wollte Dich mitnehmen.“ „Ach ja. .. ich erinnere mich... und als er wieder fort war, da porte der Vater Male an dem Tage mit arbeiten auf, um mich zu küͤſſen.. Er weinte, und doch war er ſehr zufrieden.. . O! man n nimmt mir nicht — ohne Weitres meine kleine Jeannette, ſagte er, und aß mich faſt auf mit Liebkoſungen.“ „Und am folgenden Tage?“ „Am folgenden Tage?“ „Erinnerſt Du Dich nicht, daß da ein kleiner Junge kam, um ein Taſchenbuch zu holen, das der Mann verloren haben ſollte .. bei Deinem Vater.“ „Ach ja!. und er bat um Erlaubniß, es in allen Winkeln zu ſuchen. wir halfen ihm .. ich habe lange mit ihm geſucht. er ſah mich immer an . immer. und da ich mich mit ihm gebuͤckt hatte, kuͤßte er mich auf den Hals, ohne daß Vater es ſah.. und da mußte ich lachen daruͤber . „Nun denn! dieſer kleine Burſche. das iſt unſer Gefaͤhrte . iſt Bamboche.. Er hat auch Dich nicht ver⸗ geſſen.. Ach wenn Du wuͤßteſt, wie lieb er Dich hat!“ „Er hat mich lieb? Warum denn?“ „Ei nun,“ erwiderte ich ſehr verlegen, „weil Du huͤbſch biſt. und ſanft und gut: ſeit er Dich geſehen hat. ſpricht er immer von Dir kurz, Du koͤnnteſt ſeine Schweſter ſein, und er koͤnnte Dich nicht lieber haben!“ „Ach Du mein Gott!. mein Gott!“ ſagte Basquine, deren Augen Thraͤnen fullten. „Und das iſt noch nicht Alles. Da er ganz allein ge⸗ weſen, und noch viel kleiner als wir, hat er auf den Land⸗ ſtraßen betteln muͤſſen.“ „Armer Junge!. ohne Vater und Mutter!“ „Großer Gott, freilich! Da 5 ihm denn ein Bett⸗ ler begegnet, ein ſehr böſer Menſch, mit dem er hat bet⸗ teln muͤſſen, und der ihn faſt alle Tage geſchlagen hat.“ „Ohne Vater und Mutter ſein. .. auf den Landſtra⸗ ßen betteln muͤſſen .. geſchlagen werden!“ wiederholte lang⸗ ſam Basquine mit ſteigender Erregung und Verwunderung, welche deutlich ſagten, daß ſie, trotz des Elendes, in dem ſie gelebt, doch nur mit Muͤhe ein ſo grauſames Loos, wie das von Bamboche, begreifen könne. „Und ſpaͤter .. la Levraſſe ihm begegnet, als er auf den Straßen bettelte, und hat ihn mitgenommen .. und iſt auch ſehr boös gegen ihn, ſo boͤs, daß der arme Bamboche ſich retten wollte... und es auch konnte.“ „Und warum hat er es denn nicht gethan?“ „Um Deinetwillen.“ „Um meinetwillen?“ „Ja. .. Seit er Dich geſehen, wie er das Tagebuch geſucht... ſprach er nur immer von Dir, und da la Le⸗ vraſſe ihm geſagt, daß Dein Vater fruher oder ſpäter Dich zu uns werde kommen laſſen, ſo ſagte Bamboche: Nun iſt es mir einerlei, wenn ich geſchlagen werde.. man kann mir Leides anthun, ſo viel man will, ich bleibe .. . weil Bas⸗ quine kommen wird... und dann werde ich ſie nicht mehr verlaſſen.“ Jetzt, wo Erfahrung und Ueberlegung mir beiſtehen, dieſe meinem Gedaͤchtniſſe ſo gegenwaͤrtigen Erinnerungen zu erklären und zu vervollſtändigen, begreife ich ganz das — 255 — Staunen und die Erregung Basquinens, als ſie mich ihr dieſe Beweiſe der Zuneigung, welche ſie Bamboche einge⸗ flößt hatte, erzaͤhlen hörte. Das arme Kind empfand in der Unwiſſenheit ſeines Alters und der Reinheit ſeines Herzens ohnſtreitig außerordentliches Mitleid fur unſern Gefährten, und fuͤhlte ſich geneigt, ihn wie einen Bruder zu lieben, weil er ſie nach meinen Worten wie eine Schweſter liebte, weil er bis dahin ſo ungluͤcklich geweſen war, und ſelbſt der haͤrteſten Behandlung getrotzt hatte, um den Tag zu erwar⸗ ten, wo ſie unſter Truppe angehören ſollte. Durch dieſen letzten Zug etwas romanhafter Zuneigung jedoch für dieſes Alter, ſchien Basquine mehr in Verwunderung geſetzt als geruͤhrt. Das Einzige, was Eindruck auf dieſes naive und unſchuldige Geſchoͤpf machte, war das Ungluͤck, dem Bam⸗ boche von Kindheit an geweiht war, denn nachdem ſie mir mit traͤumeriſchem Schweigen zugehoͤrt, ſagte ſie: „Höre einmal! wenn Vater kommen wird, um mich abzuholen, muß er auch Bamboche mitnehmen, weil man hier ſo garſtig gegen ihn iſt. Bei uns, ſiehſt Du, da hun⸗ gern wir wohl manchmal, aber wir betteln nicht, und Va⸗ ter und Mutter ſchlagen uns nicht, weil wir nie Boͤſes chun.. Wir lügen nicht, wir ſind verſtaͤndig, wir lernen, was Mutter uns zeigt .. denn ſonſt wuͤrde ſie viel Kum⸗ mer haben, und wir bitten die gute heilige Jungfrau fuͤr uns, und fuͤr die, ſo noch unglucklicher ſind als wir. . . . Und da ſiehſt Du,“ begann ſie nach augenblicklicher Ueber⸗ legung und mit reizender Anmuth wieder, „da haͤtte ich — 256 — ja auch die gute und heilige Jungfrau fuͤr Bamboche gebe⸗ ten, ohne es zu wiſſen, und ſie wird ihn beſchutzt haben, weil Vater ihn mit uns fort nimmt.. damit er hier nicht mehr geſchlagen wird.“ Ob mir gleich die Protektion der heiligen Jungfrau auch dieſes Mal ſehr unwirkſam ſchien, ſo wagte ich doch nicht, Basquinens Hoffnungen zu zerſtoͤren, und antwor⸗ tete ihr: „Ganz recht, Dein Vater wird Bamboche mit fort⸗ nehmen.“ „Und Dich auch,“ ſetzte ſie hinzu, indem ſie mich mit unbeſchreiblicher Milde anſah, „Dich auch, denn Du biſt gut gegen mich. Du biſt immer da.“ „O, wäre Bamboche nicht krank, ſo wuͤrde er Dich noch beſſer gepflegt haben, als ich.“ „Glaubſt Du?“ „O, gewiß!“ „Und warum ſollte er noch beſſer gegen mich ſein, als Du?“ Dieſes fuͤrchterliche und Kindern ſo vertraute: Warum? ſetzte mich ſehr in Verlegenheit. Ich umging die Schwie⸗ rigkeit, indem ich ſagte: „Er liebt Dich noch mehr als ich. weil er Dich laͤn⸗ ger kennt als ich.“ Dieſer Grund ſchien Basquine nur zur Haͤlfte zufrie⸗ den zu ſtellen. Sie ſchwieg einige Augenblicke ſtil, und ſagte dann mit dem Accente naiver Neugierde: — 2 — „Wann werde ich denn Bamboche ſehen?“ „Wann er nicht mehr krank ſein wird.“ „Er iſt alſo kraͤnker als ich?“ „Gewiß!. er hat mich noch nicht wieder erkannt.“ „Da ich aufſtehen kann, will ich mit Dir gehen und ihn pflegen,“ ſagte Basquine. „Vergangenes Jahr war meine Schweſter Eliſe krank, da habe ich mit Mutter bei ihr gewacht.“ „Das geht nicht,“ ſagte ich zu ihr, „es wäre Gefahr fur Dich dabei.“ „Aber, da iſt doch auch welche fuͤr Dich?“ „Nein, weil ich nicht eben ſo krank geweſen bin, ſo wie Du.“ Nach einem abermaligen Schweigen ſagte Basquine mit nachdenklicher Miene zu mir: „Mein Gott! wenn doch nur der Vater bald kame, daß er uns mit fortnehmen könnte, Dich, Bamboche und mich!“ WMehre Tage nach dieſer Unterredung, und es war nicht die einzige dieſer Art „worin ich mit ihr in den vor⸗ cheilhafteſten Ausdrucken von meinem Gefaͤhrten ſprach, ſchien mir Basquine nach und nach eine wachſende Zuneigung fur Vamboche zu empfinden. Dieſer befand ſich zum erſten Male ſeit dem Beginne ſeiner Krankheit merklich beſſer. Er bekam ſeine Beſinnung wieder, er erkannte mich, und Rartin. M. 17 — 258 — nachdem er ſeine Erinnerungen zu ſammeln geſchienen, war ſein erſtes Wort: „Wo iſt ſie?“ „Sie iſt hier. .. und war, gleich Dir .. ſehr krank.“ „Sie auch,“ rief er mit tiefer Angſt, „und jetzt?“ ſetzte er hinzu, ſich zitternd zu mir wendend. „Jetzt?.. jetzt iſt ſie gerettet,“ antwortete ich. Bamboche unterbrach dieſes Schweigen zuerſt, indem er mit einem unbeſchreiblichen Ausdrucke des Dankes mir ſagte „Ich hatte faſt keine Beſinnung. aber doch ſah ich Dich manchmal wie im Traume. . gehen und kommen; Tag und Nacht warſt Du da .. das wußte ich. das be⸗ ruhigte mich.. denn ich weiß nicht, weßhalb ich mir ein⸗ bildete, Mutter Major wolle mich vergiften.“ Dann ſich ploͤtzlich unterbrechend: „Und Basquine? .. wer hat ſie denn gewartet?“ „Ich.“ „Du!. aber Du warſt ja immer bei mir?“ „Nicht immer. wenn Du ruhig warſt, und das geſchah vorzüglich in der Nacht. ging ich und pflegte Basquinen.“ Sie auch rief Bamboche, mit einem neuen uche der Dankbarkeit. Dann ſetzte er nach einem augenblictichen Schweigen mit ernſter, aufrichtiger und faſt feierlicher Stimme hinzu: — 259 — „Siehſt Du, Martin, Du haſt nun ein Recht, mir zu ſagen, fuͤr Dich mich ins Feuer zu ſturzen.. ſo thue ichs.“ Dann wiederholte er mit abermaligem Ausdruck inni⸗ gen Dankes: „Sie auch!“ Plöblich aber wurde ſein bleiches Geſicht noch bleicher, ſein Blick verduſterte ſich, wurde wild, und ich bemerkte ein nervöſes Zittern in ſeinen Mundwinkeln, bei ihm ein ſicheres Symptom rachſuͤchtiger Erregung. Er zog ſchnell ſeine Hand aus der meinigen zuruͤck, ſuchte dann bis in der Tiefe meines Herzens zu leſen, indem er ſeine großen, grauen, noch von der Gluth des Fiebers funkelnden Augen auf mich heftete, und ſagte mit dumpfer Stimme zu mir: „Du biſt alſo viele Naͤchte bei ihr geblieben?“ „Ja,“ antwortete ich unbefangen, obgleich von dieſer plötzlichen Veraͤnderung ſeiner Phyſiognomie nicht wenig betroffen. „Ja, ich bin alle Naͤchte und alle Augenblicke bei ihr geblieben, die ich nicht bei Dir zubrachte.“ „Und Du bliebſt allein bei ihr?“ fragte er mit immer mehr gehaltener Stimme. „Ganz allein. Mutter Major war immer bei Poi⸗ reau. Der Fiſchmenſch wachte auch manchmal bei Bas⸗ quinen, aber nicht oft, denn er war ſo muͤde von den Ge⸗ ſchaͤften der Kuche und der Wirthſchaft, daß er ſich dann gleich zu Bett legte.“ „Du bliebſt alſo allein mit ihr?“ wiederholte Bamboche, und ſeine Augen gluͤhten von duſterm Feuer. 17 „Nun ja .. ich blieb allein mit ihr; . .. aber was haſt Du denn nur?... Wie Du mich anſiehſt!“ Bamboche machte eine ſchnelle Bewegung, als wolle er ſich auf mich ſtuͤrzen, ſeine Kräfte verließen ihn aber, und er fiel beinah aus dem Bette, indem er murmelte: „Schurke!.. Du liebſt ſie. ja,“ ſetzte er hinzu, indem er ſich an das Kopfende des Bettes klammerte, denn von Staunen betroffen dachte ich nicht daran, ihm zu hel⸗ fen; „ja .. Du liebſt ſie. . Du haſt Dich von ihr wieder lieben laſſen .. Du haſt ihr Schlechtes von mir geſagt . das weiß ich ich bringe Euch Beide um.“ Dieſe heftige Bewegung erſchoͤpfte ſeine kaum wieder⸗ kehrenden Kraͤfte, und er fiel ohne Bewegung auf ſein Bett zuruͤck. Anfangs hatte ich das Gefuͤhl der Eiferſucht, welches Bamboche gegen mich erregte, nicht begriffen, als er ſich aber deutlicher erklaͤrte, fuͤhlte ich ſchmerzlichen Unwillen. Auf dieſen Unwillen folgte dann im Gegentheil eine Art von milder Freude. Ich hatte die innere Ueberzeugung, daß ich nicht nur die eiferſuͤchtigen Beaͤngſtigungen Bamboche's be⸗ ruhigen, ſondern ihm auch beweiſen koͤnne, wie weit ich meine Ergebenheit fuͤr ihn getrieben habe. Auf dieſen heftigen Ausbruch bei meinem Gefährten folgte eine große Abſpannung. Er blieb unbeweglich in ſeinem Bette ausgeſtreckt. Ich beugte mich zu ihm. Tief durchdrang mich der Ausdruck ſeines Geſichts. Es war nicht mehr Haß, nicht mehr Zorn, es war eine ſchmerzliche, — — 261 — eine durchbohrende Verzweiflung. Seine hohlen Wangen rieſelten von Thränen. Schnell beugte ich mich naͤher. Er ſchloß die Augen, um mich nicht zu ſehen, und ſeine Thränen ſtroͤmten fort. Ich ward von dieſem Schmerze tief, und wenn man ſo ſagen kann, zaͤrtlich geruͤhrt, ward es von dieſer Art von Schwäche, die bei dieſem gewöhnlich ſo außeror⸗ dentlich rohen und heftigen Knaben ſo ſelten war. Welch ein Gluͤck fur mich, dachte ich bei mir ſelbſt, ihn auf der Stelle zu enttäuſchen, ihm zu ſagen, zu beweiſen, wie weit entfernt ich davon geweſen bin, Basquine ihm ab⸗ geneigt zu machen! „Du weinſt,“ ſagte ich zu ihm. „Nun ja, ich weine . es iſt feig. das weiß ich wohl,“ antwortete er mir mit verzweifelnder Stimme; „aber ich kann nicht anders. ... Man hatte mich in Stuͤcken ſchneiden koͤnnen, und wuͤrde mir keinen Laut entriſſen ha⸗ ben. aber jetzt leide ich am Herzen, als ob man mir es umdrehe, und weine wider meinen Willen.“ Dann kehrte er zu der natuͤrlichen Heftigkeit ſeines Charakters zuruͤck, und ſetzte zwiſchen den Zahnen hinzu: „Aber ich werde nicht immer ſo feig ſein!!. geh!.. an Dir und ihr werde ich mich rächen.... Ja, ja, ich werde mich raͤchen.“ „Ich bitte Dich nur um Eins,“ ſagte ich laͤchelnd zu ihm, „begehe keine Unbeſonnenheit, und werde ſo bald als moͤglich wieder geſund.“ — 262 — Bamboche glaubte, ich ſcherzte. Er antwortete mir durch ein dumpfes Stoͤhnen aus Schmerz und Zorn. „Ja,“ fuhr ich fort, „weil, ſobald Du nur aufſtehen kannſt, ich Dich zu Basquinen fuͤhren werde, und Du ſelbſt ſehen ſollſt, ob ſie Dich liebt oder mich.“ Bamboche machte eine ſchnelle Bewegung auf ſeinem Lager, und ſah mich ſtarr an. Ohne Zweifel las er auf meinem Geſicht die Aufrich⸗ tigkeit meiner Worte, denn ſeine Stirn erheiterte ſich, und er rief aus: „Sie liebt mich!“ „Ja, ja . . ſie liebt Dich allerdings ſchon!“ „Aber ſe hat mich ja nie geſehen, als einmal bei ih⸗ rem Vater . „Aber ich, ich habe, ſeit ſie hier iſt, ſo oft mit ihr von Dir geſprochen .. ſobald ſie mich nur verſtehen konnte . ich habe ihr ſo oft geſagt, wie ungluͤcklich Du biſt, und ihr den Tod Deines armen Vaters erzaͤhlt, und all das Elend mit Vih und all die Noth, die Du hier haſt.. daß.. „Du haſt ihr ales Das geſagt?“ rief Bamboche. und er ſchien jedes meiner Worte einzuathmen, als ob ſie ihm Hoffnung, Gluͤck und Leben zuruͤckgeben koͤnnten. Seine Bruſt erweiterte ſich, er ward neu geboren⸗ „Du haſt ihr alles Das von mir geſagt?“ wieder⸗ holte er. „Und noch vieles Andere... Ich habe ihr auch geſagt, — — — daß Du von hier Dich haͤtteſt retten können, wo man Dich mitleidslos quälte, aber daß Du geblieben waͤrſt, um ſie zu erwarten, denn ſeit Du ſie bei ihrem Vater geſehen, träumteſt und dächteſt Du nur an ſie... Da ſie Dich aber liebt, ſo wirſt Du wohl nicht noͤthig haben, ſie zu ſchlagen, nicht wahr?“ Bei dieſen Worten veraͤnderten die ſo beweglichen Zuge Bamboche's nochmals ihren Ausdruck. Es war nicht mehr Dankbarkeit, war nicht mehr Mißtrauen, nicht mehr ge⸗ haͤſſige Verzweiflung, was ich darin las, ſondern eine Ver⸗ legenheit, eine ſchmerzliche Beſchaͤmung, daß er mich ſo grauſam verkannt habe, ein Gemiſch von bittender Zaͤrtlich⸗ keit und Unwillen gegen ſich ſelbſt. Dieſer ſo unbezaͤhm⸗ bare Knabe faltete die Haͤnde, fiel auf ſeinem Lager muͤh⸗ ſam auf die Kniee, ſo ſchwach war er noch, und ſagte mit flehender Stimme zu mir: „Martin — mein Bruder . Verzeihung .. . habe Mitleid mit mir!“ „Still doch. . ſchweige... Du chuſt mir weh,“ ſagte ich, mein Geſicht abwendend, ſo ſehr verriethen Bamboche's Zuͤge wahrhaftes Leiden. „Es verlohnt ſich wohl der Muͤhe, glucklich zu ſein, wenn man Andere ſo qualt,“ ſetzte ich, meine Augen trocknend, hinzu. „Martin... Du mußt mir verzeihen,“ wiederholte Bamboche mit fieberiſcher Angſt; „Du mußt es.“ „Brauche ich Dir denn zu verzeihen?“ rief ich, und warf mich in ſeine Arme, „iſt Dir denn nicht Alles ver⸗ — — ziehen, weil Du jetzt ſo glücklich biſt, und mich Bruder nennſt?“ „Ja, ja, mein Bruder!. .. mein einziger und wahrer Bruder.. fur immer!“ fluͤſterte Bamboche mit einer Stimme, die das Gepräge unausſprechlichen Gluͤckes trug. Seit dieſem Tage ſind Bamboche und ich viel älter geworden, wir ſind uns in verſchiednen, ungluͤcklichen, furch⸗ terlichen Lagen begegnet, aber nie haben wir unſre Thraͤnen zuruͤckhalten können, wenn wir dieſer Scene unſrer Kind⸗ heit gedachten. Einige Tage nach dieſer Unterredung war Bamboche vollkommen wieder hergeſtellt. Eines Morgens, es war finſtres, ſturmiſches Wetter, (ich weiß ſelbſt nicht, weßhalb dieſer Umſtand mir auffiel,) fuͤhrte ich meinen Freund zum erſten Male in Basquinens Kammer. Trotz der aufrichtigen Freude, welche Bamboche's Gluͤck mir verurſachte, zog ſich doch in dem Augenblicke, wo wir in dieſes elende Gemach traten, mein Herz zuſammen, als wollte es brechen. Ohnſtreitig hatte ich inſtinktmaͤßig die Ahnung, daß von dieſem Tage, dieſem Augenblicke an unſeligerweiſe das Schickſal dieſes unglůcklichen Kindes entſchieden ſei, und ich unwillkuͤrlich, unbefangen, eines der Werkzeuge dieſes Schickſals. — — Eben ſowohl aus Beſcheidenheit als aus Furcht, durch meine ploͤtzliche und unwillkuͤrliche Traurigkeit, dieſe erſte Unterredung zu ſtören, entfernte ich mich, nachdem ich zu Basquinen geſagt hatte: „Da iſt mein lieber Bruder, von dem ich Dir ſo viel erzaͤhlt habe.“ „Ach! ja!“ ſagte Basquine naiv, „auch liebe ich ihn ſchon recht ſehr.“ Ohngefähr eine Stunde nachher, als ich unerwartet Mutter Major und Poireau, die wir fuͤr den ganzen Tag abweſend glaubten, welche aber das ſchlechte Wetter nach Hauſe trieb, zurückkommen ſch, trat ich eiligſt wieder in die Kammer ein, worin ich Basquine und Bamboche ge⸗ laſſen hatte. Ich wollte ſie von der Ankunft unſter Ge⸗ bieter in Kenntniß ſetzen, denn wir hatten es unter uns verabredet, daß er und ſie ſich ſo lange als moͤglich fuͤr krank ausgeben ſollten, um den Augenblick des Wiederanfangs unſrer Uebungen zu verſchieben. Ich trat alſo ein. Basquine ſaß auf ihrem Bette, und ſpielte unbefangen mit Bamboche's ſchwarzen Haaren, die während ſeiner Krankheit ſehr gewachſen waren. Er ſaß zu Basquinens Füßen, das Kinn in beide Haͤnde geſtuͤtzt, und betrachtete ſie ſchweigend mit unbeſchreiblicher Zaͤrtlichkeit, in welcher eine Schuͤchternheit zugleich lag, die mir auffiel. — 6 — Meine plötzliche Ruͤckkehr ſchien meine beiden Freunde keineswegs zu überraſchen. Bamboche ſtand auf, ging zu mir und ſagte mir mit bewegter Stimme, indem er auf Basquinen zeigte: „Bruder!. das iſt mein kleines Weiübchen fuͤrs ganze Leben.“ „Ja. und Bamboche wird mein kleines Maͤnnchen ſein. Wir werden mit Vater fortgehen, ſobald er uns von hier abholt. Bamboche wird ihm in der Arbeit helfen, und Du auch, Martin.“ Bamboche machte mir ein Zeichen des Einverſtändniſ⸗ ſes mit Basquinen. „Ja, unſer lieber Bruder Martin wird mit uns gehen.. wir werden ihn nie verlaſſen, nicht wahr, Basquine?“ „O nie, nie!“ ſagte das Kind mit reizender Anmuth, „er iſt unſer Beider Bruder!“ Seitdem erfuhr ich durch Bamboche, daß dieſe erſte Zuſammenkunft unſchuldig und rein geweſen, wie ſie es ſein ſollte. und dennoch machten mir dieſe Worte, kleines Maͤnnchen und kleines Weibchen, obgleich in der un⸗ ſchuldigen Sprache der Kinder geheiligt, einen unerklaͤrlichen und ſchmerzlichen Eindruck. Es ſchien mir, als ob dieſer Eindruck ein ganz andrer wurde geweſen ſein, wenn Bam⸗ boche und Basquine ſich als Bruder und Schweſter be⸗ handelt haͤtten. — — Es lag in dieſer Betrachtung meinerſeits nicht die mindeſte Eiferſucht, denn ohnerachtet der erotiſchen Ver⸗ traulichkeiten Bamboche's hatte mein Herz noch nicht ge⸗ ſprochen, aber ich empfand eine unbeſtimmte Unruhe wegen des kuͤnftigen Schickſals Basquinens, auch erinnerten mich dieſe Worte, Maͤnnchen und Weibchen, unwillkuͤrlich an die Liebesgeſchichten zwiſchen Bamboche und Mutter Major, und ich fuhlte von Neuem und noch heftiger eine Herzbeklemmung, die mich uͤberfallen, als ich Bamboche zu ſeiner erſten Unterredung mit Basquine gefuͤhrt hatte. Ende des dritten Bandes. 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