hbibliothek deutſcher, engliſcher un franzöſiſcher Literatur 6duard Otlmann in Gießen, Schloßgaſſe Lit. A. Nr. 256. ceih und Keſebedingungen. 1. Oflensein der Bibliothek. Die Bibliothek ſteht zur Em⸗ pfangnahme und Rückgabe der Bücher jeden Tag von Morgens 7 Uhr bis Abends 8 Uhr offen. 2. Lesepreis. Bei Rückgabe eines geliehenen Buches wird von ijedem Tag 5 Pf bezahlt. Die Zeit eines Tages iſt zu 24 Stun⸗ den angenommen. 3 3. Caution. Unbekannte Perſonen müſſen, bei Entgegennahme eines Buches, eine dem Werthe deſſelben entſprechende Summe kgen welche bei deſſen Zurückgabe von mir zurückerſtattet wird. 4. Abonnement. Daſſelbe muß voraus bezahlt werden und beträgt: für wöchentlich 2 Bücher: 4 Bücher: 6 Pücher: auf 1 Monat: 1 Mk. — Pf. 1 Mt. 50 Pf. 2 Mt. — Pf. 6 v — „ 5. Auswärtige Abonnenten haben für Hin⸗ und Zurückſendung der Bücher auf ihre eigenen Koſten und Gefahr ſelbſt zu ſorgen. 6. Schadenersatz. Für beſchmutzte, zerriſſene, verlorene und deſecte Bücher (namentlich bei ſolchen mit Kupfern ꝛc.) muß der Ladenpreis erſetzt werden. — Iſt das zerriſſene, beſchmutzte, ver⸗ lorene oder defecte Buch ein Theil eines größeren Werkes, ſo iſt der Leſer zum Erſatz des Ganzen verpflichtet. 7. Ausleiheneit. Dieſelbe iſt auf 14 Tage feſtgeſetzt und wird beſonders darauf aufmerkſam gemacht, daß das Weiterverleihen Fſ der Bücher nicht ſtattfinden darf, indem Diejenigen, welche die⸗ ſelben von mir geliehen, auch dafür zu ſtehen haben. — K Roman von Eugen Sue. 6 Ueberſett ſ von Friedrich Funck. 16 — Achter Band. Frankfurt a. M. Verlag von Auguſt Oſerriekh 1845. Erſter Theil. Die Cholera. Erſtes Kapitel. Der Liebfrauenplat. Acht Tage ſind verfloſſen, ſeitdem Rodin von der Cholerg vefallen worden, deren Verwüſtungen immer ſchrecklicher werden. Ein Trauerſchleier iſt über Paris ausgebreitet. Und doch hat nie der Himmel ein reineres, unwandelbareres Blau gezeigt, und nie hat die Sonne heller geſchienen. Dieſe unveränder⸗ liche Heiterkeit der Natur während der Verwüſtungen der tödlichen Plage, bildete einen ſeltſamen, geheimnißvollen Gegen⸗ ſatz. Das höhnende Licht einer blendenden Sonne machte die durch tauſendfache Angſt bewirkte Verſtörung der Mienen noch ſichtbarer. Jeder zitterte, der Eine für ſich, der Andere für geliebte Weſen. Auf den Geſichtern las man fieberhafte Un⸗ ruhe und Betäubung. Die Schritte der Vorübergehenden waren raſch, als ob man bei ſchnellem Gehen Ausſicht gehabt hätte, der Gefahr zu entrinnen, oder vielmehr, weil man eilte nach Hauſe zu kommen, wo man oft Leben, Geſundheit und Glück zurückgelaſſen hatte und zwei Stunden ſpäter den Todeskampf, den Tod und die Verzweiflung antraf. Jeden Augenblick ſah das Auge neue, unheimliche Dinge⸗ Oft fuhren durch die Straßen Karren mit ebenmäßig aufge⸗ vr. 1 — ſchichteten Särgen. Sie hielten vor jeder Wohnung an, an deren Thür grau und ſchwarz gekleidete Männer warteten und die Arme ausſtreckten. Den Einen reichte man einen Sarg hin, Andern zwei, oft drei und vier an einem und demſelben Haus, ſo daß zuweilen der Vorrath ſchnell erſchöpft war, und der voll angekommene Karren leer wieder abging, und viele Todte in der Straße unbedient blieben. Faſt in allen Häuſern hörte man von oben bis unten ein betäubendes Klopfen. Es wurden Särge zugenagelt, und ſo viele, daß zuweilen die Arbeiter ermüdet inne hielten. Dann erſchollen alle Arten von Schmerzensſchreien, von klagendem Geſeufze und von verzweiflungsvollen Flüchen. Sie kamen von Denen, welchen die grauen und ſchwarzen Männer jemand genommen hatten, um die Särge zu füllen. Unab⸗ läſſig wurden die Särge gefüllt und Tag und Nacht wurden ſie zugenagelt, mehr bei Tag als bei Nacht. Mit einbrechen⸗ der Dämmerung erſchien in Ermangelung einer hinreichenden Zahl von Leichenwagen eine lange Reihe von ſonſtigen Fuhr⸗ werken, welche dieſen Dienſt verſehen mußten: Sturzkarren, Möbelwagen, Rollwagen, Miethkutſchen. Wie die obenge— nannten Karren beladen kamen und leer abgingen, ſo kamen dieſe Fuhrwerke leer an und gingen beladen ab. Unterdeſſen ward es hell hinter den Fenſtern und oft brannten die Lichter bis zum Tag. Die Zeit der Bälle war vorüber; aber dieſe Helle glich ziemlich der in den tollen Faſchingsnächten, nur daß geweihte Kerzen anſtatt der ge⸗ wöhnlichen Wachslichter brannten, und der einförmige Todten⸗ geſang ſich anſtatt des luſtigen Geſummes der Tänze hören ließ. Und in den Straßen wiegten ſich anſtatt der poſſen⸗ haften Transparente der Ausleiher von Maskenkleidern hin und wieder blutrothe Laternen, auf welchen in ſchwarzen Vuchſtaben zu leſen war: Hülfe für die Cholerakranken. Wo es hoch herging in der Nacht, das war auf den Kirch⸗ höfen. Sie hatten ihre gute Zeit. Sie, ſonſt immer ſo düſter, ſo ſtumm in dieſen ſtillen nächtlichen Stuünden, wo man das leichte Zittern der vom Lufthauch bewegten Cypreſſen vernimmt, ſie, die ſonſt nur ein wenig heiterer wurden in den auf dem Marmor der Grabmäler ſpielenden bleichen Strahlen des Mondes, ſie, ſonſt ſo einſam, daß kein menſch⸗ * — 5 — —— — 3 — licher Tritt in der Nacht ihre ſchauerliche Stille zu ſtören wagte — ſie waren plötzlich belebt, geräuſchvoll, lärmend geworden und hell erleuchtet. Beim Scheine dampfender Fackeln, die eine röthliche Helle auf die ſchwarzen Tannen und die weißen Leichenſteine warfen, ſchaufelten zahlreiche Todtengräber, munter ihre Liedchen ſummend. Dies gefähr⸗ liche und ſchwere Geſchäft ward damals faſt mit Gold bezahlt. Man brauchte dieſe guten Leute ſo nöthig, daß man ihnen etwas hingehen laſſen mußte. Sie tranken oft und viel, ſie ſangen ſtets und laut, und zwar um ſich bei Kraft und guter Laune zu erhalten, die bei einer ſolchen Arbeit ſehr zu ſtatten kommen. Wenn etwa einer oder der andere ſein angefangenes Grab nicht fertig brachte, dann machten gefällige Kameraden dasſelbe für ihn fertig und legten ihn freundſchaftlich hinein. Den fröhlichen Liedern der Todtengräber antwortete anderer Singſang aus der Ferne. In der Umgebung der Kirchhöfe waren in der Geſchwindigkeit Wirthshäuſer entſtanden, wo die Todtenkutſcher, bereichert durch einen außerordentlichen Lohn, ſobald ſie ihre Kunden am Oyt ihrer Beſtim⸗ mung abgeſetzt hatten, (wie ſie witzig ſagten,) wie große Herren ſchmauſten und ſich die Gingel ſchwenkten. Oft wur⸗ . den ſie von der Morgenröthe überraſcht mit dem Glas in der Hand. Wunderlich genug war unter dieſen ſorgern, die ſo recht in der Seuche drin lebten, die Sterb⸗ lichkeit für nichts zu rechnen. In den düſteren, ſchmutzigen Quartieren, wo in einer un⸗ geſunden Luft tauſende von beſitzloſen Menſchen, bereits durch die härteſten Entbehrungen erſchöpft, und wie man damals mit einem Kraftausdruck ſagte: ganz der Cholera vorgekaut, wohnten, wurden nicht Einzele, ſondern ganze Familien in Lauf weniger Stunden weggeholt. Zuweilen blieben ein paar Kinder, durch Gottes Gnade verſchont, in dem kalten ver⸗ fallenen Zimmer übrig, nachdem Eltern und Geſchwiſter im Sarg fortgetragen worden waren. Mehre von dieſen Häuſern, dieſen Bienenkörben teißiger Arbeiter, wurden ge⸗ ſchloſſen, da ſie vom Keller, wo kleine Schornſteinftger auf dem Stroh zu ſchlafen pflegten, bis zu den D Dachteei wo hakt⸗ nackte, bleiche Unglückliche Arbeit und Brod ſtarr auf dein kalten ſteinernen Fußboden kagen, völlig aus waren — Qr — —— Unter allen Quartieren von Paris bot jedoch in der Cholera⸗ zeit wol keins einen ſchrecklicheren Anblick dar, als das der Altſtadt (Cité). In dieſer Altſtadt war der Platz vor der Liebfrauenkirche faſt täglich der Schauplatz grauſiger Auf⸗ tritte, da die meiſten Kranken, welche aus den benachbarten Straßen ins Hötel Dieu gebracht wurden, auf dieſem Platz zuſammenſtrömten. Die Cholera hatte tauſenderlei Geſtalten. Acht Tage nach⸗ dem Rodin von ihr befallen worden war, ſah man auf dem Liebfrauenplatz Dinge, bei welchen das Grauſige dem Selt⸗ ſamen den Rang ſtreitig machte. Statt der Arcolaſtraße, welche heutzutag geradeswegs auf dieſen Platz führt, gelangte man damals von einer Seite auf denſelben durch ein, gleich allen Gaſſen der Altſtadt, ſchmutziges Gäßchen, deſſen Ende durch einen dunkeln niedri⸗ gen Bogen gebildet war. Trat man aus dieſem auf den Platz, ſo hatte man zur Linken das Portal der gewaltigen Hauptkirche und gerade vor ſich die Gebäude des Hötel Dieu. Etwas weiter ſah man durch eine Lücke zwiſchen den Ge⸗ bäuden das Geländer des Liebfrauenkais. An der ſchwarzen, riſſigen Mauer war folgende kürzlich angeheftete Inſchrift in Buchſtaben von getriebenem Kupfer zu leſen ¹): Rache! Rache! Die armen Leute, welche ſich in die Spitäler bringen laſſen, werden dort vergiftet, weil man die Zahl der Kranken zu Froß findet. Jede Nacht fahren mit Leichen beladene Schiffe die Seine hinab. Rache und Tod über die Mörder des Volks! Zwei in Mäntel gehüllte Männer horchten, halb in dem Dunkel des Bogens verſteckt, auf ein Getöſe, welches ſich ) Bekanntlich wurden während der Cholera ſolche Maueranſchläge in Menge zu Paris gemacht und verſchiedenen Parteien zugeſchrie⸗ ben — unter andern der Pfaffenpartei, da mehre Biſchöfe in ihren Hirtenbriefen geſagt oder in den Kirchen ihrer Sprengel hatten ſagen laſſen, der liebe Gott habe die Cholera geſchickt, um Frank⸗ reich für die Vertreibung ſeiner rechtmäßigen Herrſcher zu ſtrafen und dafür, daß es den katholiſchen Cultus den andern gleichge⸗ ſtellt habe. * ¹ 3 immer drohender aus einer Zuſammenrottung am Eingang des Hötel Dieu erhob. Bald drang bis zu ihnen der Ruf: Schlagt die Aerzte todt! Rache! „Die Anſchläge thun ihre Wirkung,“ ſagte der Eine. „Das Pulver fängt. Iſt einmal der Pöbel toll, dann treibt man ihn gegen wen man will.“ „Da ſteh einmal!“ — ſagte der Andere, — „dort den Hercules, der mit ſeiner Rieſengeſtalt über all das Geſindel hinausragt! War das nicht einer der wüthendſten Treiber bei der Zerſtörung der Fabrik Hardys?“ „Weiß Gott, ja! Ich erkenne ihn. Wo ein bösartiger Streich zu machen iſt, da findet man dieſe Schufte.“ „Jetzt wollen wir aber nicht länger unter dem Bogen ſtehen bleiben,“ ſagte der Zweite. „Es geht hier ein eis⸗ kalter Wind, und obwohl ich in Flanell eingewikelt bin . . .“ „Du haſt Recht,“ unterbrach der Erſte. „Die Cholera iſt grob wie der Teufel. Auf dieſer Seite kommt Alles in Gang, und obendrein heißt es, der republikaniſche Aufruhr würde die ganze Antonsvorſtadt auf die Beine bringen. Friſch zu! Das paßt in unſern Kram. Die heilige Sache der Religion wird triumphiren über die revolutionäre Gottloſigkeit. Komm, zurück zum Pater Aigrigny.“ „Wo ſollen wir ihn finden?“ „Hier in der Rähe. Komm!“ Die beiden Männer verſchwanden. Die ſinkende Sonne warf ihre goldnen Strahlen auf die ſchwarze Bildhauerarbeit des Portals der Liebfrauenkirche und auf die gewaltige Maſſe ihrer beiden Thürme, die ſich in einen vollkommen blauen, durch den trocken kalten Nordoſtwind von jedem Wölkchen gereinigten Himmel erhoben. Seitwärts von ihnen drängte ſich eine Menſchenmaſſe an die Gitter vor dem Säulengang des Hötel Dieu und ſchrie immer drohender: Schlagt die Aerzte todt! Hinter dem Gitter ſtand ein Piket Fußvolk. Die Leute, welche ſo ſchrien, gehörten der Hefe von Paris an, einem verderbten ſich müſſig herumtreibenden Pöbel. Die armen Kranken, welche durch dieſen widerwärtigen Haufen getragen werden mußten, kamen ſo unter unheilverkündendem Geſchrei in das Hoſpital. Jeden Augenblick kamen bedeckte und offene Bahren mit neuen Opfern der Krankheit. Die erſteren hatten meiſt Vorhänge von Zwilch und verbargen völlig die Kranken. Auf den offenen Bahren ſchoben oft die krampfhaften Bewegungen eines Kranken ſeine Decke weg und ließen ein Leichengeſicht ſehen. Ein ſolcher Anblick, an⸗ ſtatt das Geſindel vor dem Krankenhaus zu erſchrecken, ward für dasſelbe Anlaß zu Kannibalenſpäßen oder zu gräulichen Prophezeiungen über das Schickſal der Kranken, wenn ſie in die Hände der Arzte fielen. Der Steinbrecher und die Lange Zwiebel nebſt Gefolge befanden ſich unter dem Geſindel. Erſterer war in Folge der Zerſtörung von Hardys Fabrik förmlich von den Wölfen aus der Zunft ausgeſtoßen worden, hatte ſich völlig auf's Saufen gelegt und ſich gegen Bezahlung zum gefälligen Vertheidiger der Langen Zwiebel und ihres Gelichters aufge⸗ worfen. Mit Ausnahme einiger, durch die Neugier auf den Liebfrauenplatz geführten Vorübergehenden beſtand die Zu⸗ ſammenrottung aus dem Abſchaum der Bevölkerung von Paris. Dieſe Elenden waren nicht minder zu beklagen, wie zu tadeln. Elend, Hülfloſigkeit und Unwiſſenheit erzeugen nothwendig Verbrechen und Laſter. Dieſe Wilden der Civiliſation fühl⸗ ten weder Mitleid noch Entſetzen bei dieſen Schreckbildern. Gleichgültig gegen ein Leben, welches ſie täglich dem Hunger oder den Verſuchungen zum Verbrechen ſtreitig machten, trotz⸗ ten ſie der Plage mit hölliſcher Verwegenheit oder unterlagen ihr unter Läſterworten. Ueber den Haufen hervorragend, mit rothen Augen und flammendem Geſicht, brüllte der Steinbrecher: „Schlagt die Haſenfüße todt! Sie vergiften das Volk!“ „Das iſt leichter, als es zu füttern!“ rief die Lange Zwiebel. Sie wandte ſich zu einem ſterbenden Greis, den zwei Männer mit Mühe auf einem Stuhl durch das Gedräng ſchleppten, und ſagte: „Gehe nicht dort hinein. Verrecke hier in der freien Luft, anſtatt in der Höhle, wo du wie eine alte Ratte vergiftet wirſt.“ 3 „Ja,“ fügte der Steinbrecher hinzu. „Nachher wirſt du ins Waſſer geworfen zum Futter für die Weißfiſche, die du nicht mehr zu ſchmecken kriegſt.“ Bei dieſen gräßlichen Späßen verdrehte der Greis die Augen und ließ dumpfe Seufzer hören. Die Lange Zwiebel ² wollte die Träger aufhalten, welche ſich nur mit Mühe von ihr losmachen konnten. Mit jeder Minute ward die Zahl der in das Hoſpital gebrachten Cholerakranken größer, und da die Bahren nicht mehr ausreichten, trug man ſie auf den Armen herbei. Einzele ſchreckliche Auftritte bewieſen die Schnelligkeit, mit welcher die Krankheit ihre Opfer nieder⸗ ſtreckte. Zwei Männer trugen eine mit einem blutbefleckten Tuch bedeckte Bahre. Plötzlicht bleibt der eine Träger ſtehen, und läßt die Bahre los. Er wird bleich, taumelt, fällt rück⸗ lings auf den Kranken und wird ſo grüngelb wie dieſer. Der andere Träger geräth außer ſich, entflieht und läßt ſeinen Kameraden bei dem Todten liegen. Einige im Haufen wichen entſetzt zurück, andere ſchlugen ein wildes Gelächter auf. „Das Geſpann iſt ſcheu geworden,“ rief der Steinbrecher. „Es hat den Karren ſtecken laſſen.“ „Hülfe!“ jammerte der Sterbende. „Tragt mich um Gotteswillen ins Krankenhaus!“ „Im Parterre iſt kein Platz mehr,“ ſagte eine ſpottende Stimme.“ „Und deine Beine langen nicht aus, um hinauf ins Paradies zu kommen,“ ſagte eine andere. Der Kranke ſtrengte ſich an um aufzuſtehen. Aber ſeine Kräfte verließen ihn. Erſchöpft fiel er auf die Matratze zurück Plötzlich gab es ein Gedränge. Die Bahre ward umgeworfen, der Träger und der Greis wurden unter die Füße getreten, und ihr Seufzen ward übertönt von dem Ruf: „Schlagt die Haſenfüße todt!“ Das Geheul erhob ſich mit neuer Wuth. Die wilde Bunde, welche in in ihrem Wahnſinn nichts mehr achtete, wich je⸗ doch auseinander vor den kräftigen Armen einiger Arbeiter, welche zwei andern den Weg bahnten. Letztere trugen auf ihren verſchlungenen Armen einen jungen Handwerker, deſſen Kopf mit bereits grüngelber Geſichtsfarbe ſchwer auf der Schulter eines der Träger ruhte. Ein kleines Kind, welches ſich an dem Kittel eines der Arbeiter hielt, lief ſchluchzend nach. Seit einigen Augenblicken hörte man aus der Ferne in den krummen Gaſſen der Altſtadt das Rühren der Trom⸗ meln. Es ward Rappel geſchlagen, weil der Aufruhr in der Antonsvorſtadt gährte. Die Trommler kamen durch den Bo⸗ gen heraus und zogen über den Liebfrauenplatz. Einer von ihnen, ein alter Graubart, ſchlug plötzlich langſamer und blieb einen Schritt zurück. Seine Gefährten ſahen ſich ver⸗ wundert um. Sein Geſicht war grün. Seine Beine beug⸗ ten ſich, er ſtammelte einige unverſtändliche Worte und ſtürzte auf das Pflaſter, ehe die Trommler im erſten Glied aufge⸗ hört hatten zu ſchlagen. Die blitzähnliche Wirkung dieſes Krankheitsanfalls erſchreckte einen Augenblick ſelbſt die ganz Verhärteten. Die plötzliche Unterbrechung des Trommelns zog den neu— gierigen Theil des Haufens zu den Trommlern hin. ½ Wäh⸗ rend zwei von dieſen ihren ſterbenden Kameraden in den Ar⸗ men hielten, ſagte zu den übrigen einer von den beiden Men⸗ ſchen, welche unter dem Bogen den Anfang der Bewegung zugeſehen hatten: „Euer Kamerad hat vielleicht unterwegs an einem Brunnen getrunken?“ „Ja,“ antwortete einer der Trommler. „Er hatte Durſt zum Umfallen und trank auf dem Chaͤteletplatz zwei Schluck Waſſer.“ „Dann iſt er vergiftet,“ ſagte der Unbekannte. „Vergiftet?“ riefen mehre Stimmen. „Da iſt nichts zu verwundern,“ verſicherte der Unbekannte mit geheimnißvoller Miene. „In die öffentlichen Brunnen iſt Gift geworfen worden. Dieſen Morgen iſt in der Beau⸗ bourgergaſſe ein Kerl maſſacrirt worden, den man erwiſcht hatte, wie er ein Päckchen Arſenik in den Krug eines Wein⸗ wirths ausleerte.“ ²) Nach dieſen Worten verſchwand der Unbekannte in der Menge. Dies Gerücht, eben ſo dumm wie das über die Vergiftung der Kranken im Hötel Dieu, fand Glauben und veranlaßte lautes Geſchrei des Unwilles. Ein halbes Dutzend zerlumpte Kerle, wahre Banditen, packten den ſterbenden Trommler auf, trotz dem Widerſtand ſeiner Kameraden, und trugen ihn wie im Triumph auf dem Platz herum. Der Steinbrecher und die Lange Zwiebel gingen voran und riefen: „Platz für die Leiche! Seht, wie das Volk vergiftet wird!“ ¹) Bekanntlich ſind damals mehre Menſchen umgebracht worden unter der fälſchlichen Anſchuldigung der Giftmiſcherei. * Eine neue Bewegung ward in der Menge veranlaßt durch das Erſcheinen einer vierſpännigen Poſtberline. Dies Fuhr⸗ werk hatte ſeinen Weg nicht fortſetzen können über den Na⸗ poleonskai, der zum Theil entpflaſtert war, und hatte ſich in die krummen Gaſſen der Altſtadt gewagt, um über den Lieb⸗ frauenplatz auf das andere Ufer der Seine zu kommen. Die Leute, welche darin ſaßen, flohen wie viele Andere aus Pa⸗ ris, um der Plage zu entrinnen. Ein Bedienter und ein Kammermädchen auf dem Hinterſitz wechſelten im Vorüber⸗ fahren am Hötel Dieu einen Blick des Entſetzens. Ein junger Mann auf dem Vorderſitz im Innern des Wagens ließ das Kutſchfenſter herunter und rief den Poſtknechten zu, ſie ſoll⸗ ten im Schritt fahren, um in dem Gedräng kein Unglück anzurichten. Dieſer junge Mann war der Marquis von Mérinval. Auf dem Rückſitz ſaß ſeine Frau mit ihrem Oheim, dem Grafen von Montbron. Die Bläſſe und die verſtörten Züge der jungen Frau verriethen ihre Angſt. Auch der Herr von Montbron ſchien trotz ſeiner ſonſtigen Feſtig⸗ keit ſehr unruhig zu ſein und roch zuweilen, wie ſeine Nichte, an einem Fläſchchen mit Kampher. Seit einigen Minuten fuhr die Kutſche langſam. Die Poſtknechte führten ihre Pferde mit Vorſicht. Ein fernes dumpfes Getöſe in der Menge kam immer näher und ward immer ſtärker, je deutlicher man das Raſſeln der Ketten und des Eiſenwerks an einem Geſchützwagen hörte, welcher vom Liebfrauenkai herkam und der Berline entgegenfuhr. Das Gedräng war dicht, und der Geſchützwagen fuhr ſchnell. Er wurde nicht aufgehalten, denn wie durch einen Zauberſchlag wich die Menge vor ihm auseinander unter dem von Mund zu Mund ſich fortpflanzenden Ruf: „Der Todtenpulverwagen! Der Todtenpulverwagen!“ Da die Begräbnißanſtalt nicht mehr genug Transportmittel für die Leichen liefern konnte, ſo war eine Anzahl Pulverwagen zur Wegführung der gefüllten Särge aufgeboten worden. Ein großer Theil der Menſchen auf dem Platz betrachtete das unheimliche Fuhrwerk mit Ent⸗ ſetzen. Für den Steinbrecher und ſeine Bande gab ſein Fr ſcheinen Anlaß zu neuen abſeeulichen Späßen. „Platz für den Omnibus der Verſchiedenen!“ rief die Lange Zwiebel. „In dem Omnibus da braucht man keine Angſt zu haben, daß einem Jemand auf den Fuß tritt,“ fügte der Steinbre⸗ cher hinzu. „Das ſind bequeme Paſſagiere.“ „Wenigſtens verlangen ſie nie auszuſteigen.“ „Sieh einmal, es ſitzt nur ein Troßknecht als Poſtillon auf den Pferden.“ „Wahrhaftig, die vorgehängten Pferde werden von einem Kerl im Kittel geführt.“ „Der andere Troßknecht wird müde geworden ſein, der Racker! Er wird eingeſtiegen ſein zu den Andern, die nur am großen Loch ausſteigen.“ „Und zwar mit dem Kopf voran.“ „Sie fahren mit dem Kopf in ein Kalkbett.“ „Und legen den Nachkommenden ein Brett hin.“ „Hol's der Teufel! Der Todtenkutſche könnte man mit verbundenen Augen nachgehen. Das iſt ärger wie auf dem Schindanger.“ „Wahrhaftig, das riecht nach einem Todten, der nicht mehr friſch iſt,“ ſagte der Steinbrecher. „Das iſt nicht übel!“ rief die Lange Zwiebel. „Gebt Acht, der Todtenomnibus wird an der ſchönen Kutſche dort hängen bleiben. Deſto beſſer; die Reichen darin dürfen auch ein Bischen den Tod riechen.“ Der Pulverwagen befand ſich jetzt gerade vor der Berline, an welcher er vorbei kommen ſollte. Ein Menſch im Kittel und in Holzſchuhen führte die vorgehängten Pferde, und hinten auf dem Sattelpferd ſaß ein Troßknecht. Die Särge waren in dem Wagen in ſolcher Menge aufgeſchichtet, daß ſein gewölbter Deckel nur halb ſchloß, und daß man bei je⸗ dem Stoß des Wagens auf dem holperigen Pflaſter die Särge widereinander fahren ſah. An den ſprühenden Blicken und dem rothen Geſicht des Menſchen im Kittel ſah man, daß er halb betrunken war. Er trieb ſeine Pferde mit der Stimme, mit der Peitſche und mit Fußtritten an, trotz al⸗ lem Zureden des Troßknechts, der vergebens ſeine Thiere zurückzuhalten ſuchte und der Bewegung folgen mußte, welche der Kärrner den vorderen Pferden gab. Der Trunkenbold verlor die gerade Richtung und fuhr wider die Berline. — † Bei dieſem Zuſammenſtoß fuhr der Deckel des Pulverwa⸗ gens völlig auf und einer der Särge fiel wider den Schlag der Berline, den er beſchädigte, und aufs Pflaſter. Die leicht zuſammengenagelten Tannenbretter gingen auseinander, und auf das Pflaſter rollte ein bläulicher Leichnam halb in ein Leichentuch eingewickelt. Frau von Mérinval hatte unwill⸗ kürlich den Kopf zum Schlag herausgeſtreckt. Bei dieſem Anblick ſtieß ſie einen lauten Schrei aus und ward ohn⸗ mächtig. . Die Menge wich entſetzt zurück. Die Poſtknechte, gleich⸗ falls erſchreckt, benutzten den, durch den Pulverwagen vor ihnen gemachten Raum und trieben ihre Pferde im Trab nach dem Kai. In dem Augenblick, wo die Berline hinter den Gebäuden des Hötel Dieu verſchwand, ließen ſich aus der Ferne die Klänge einer luſtigen Muſik vernehmen. Die Klänge kamen näher, und mit ihnen vermiſchte ſich der wiederholte Ruf: Der Mummenſchanz der Cholera! Dieſe Worte kün⸗ digten eine der halb poſſenhaften, halb ſchrecklichen Epiſoden an, welche die Zeit der zunehmenden Cholera auszeichneten. Stimmten nicht die Ausſagen des noch lebenden Augenzeugen mit den Zeitungsberichten überein, ſo müßte man glauben, in dieſen die Erdichtung eines wahnwitzigen Gehirns, ſtatt einer wahren Thatſache zu leſen. 8 9— — Ztweites Kapitel. Der Mummenſchanz der Cholera¹). Ein der Maskerade voranziehender Volkshaufe drang plötz⸗ lich mit Geſchrei aus dem Bogen hervor auf den Liebfrauen⸗ platz. Kinder blieſen auf Wurſthörnern, andere ſchrien, an— dere pfiffen. Angezogen durch das neue Schauſpiel drängten ſich der Steinbrecher, die Lange Zwiebel und ihre Bande nach dem Bogen hin. Statt der zwei Speiſewirthe, welche jetzt auf beiden Sei⸗ ten der Arcolaſtraße zu finden ſind, war damals nur einer vorhanden, links vom Bogen, in der luſtigen Studentenwelt bekannt wegen ſeiner trefflichen Weine und ſeiner provenga⸗ liſchen Küche. Bei den erſten Trompetenſtößen der in Livrée gekleideten Vorreiter der Maskerade öffneten ſich die Fenſter des großen Speiſeſaals, und mehre Kellner, mit der Serviette unter dem Arm, lehnten ſich heraus, um die ſonderbaren Gäſte, welche ſie erwarteten, ankommen zu ſehen. Endlich erſchien der abenteuerliche Zug, begleitet mit ungeheurem Geſchrei. Er beſtand aus einem Viergeſpann, umgeben von Reitern und Reiterinnen in reicher und zierli⸗ cher Fantaſiekleidung. Die meiſten dieſer Masken gehörten der mittleren und der wohlhabenden Klaſſe an. Es war kund geworden, daß eine Maskerade im Werk ſei, um die Cholera zu verhöhnen und durch dieſen luſtigen Streich ) Im Conſtitutionnel vom Samſtag 31. März 1832 liest man: „Die Pariſer leben ganz demjenigen Theil der Anweiſungen für das Volk über die Cholera nach welcher unter andern vorbeugen⸗ den Recepten vorſchreibt, ſich nicht vor der Krankheit zu fürchten, ſich zu zerſtreuen u. ſ. w. Cholera ſelber iſt der Gegenſtand einer wandelnden Caricatur geweſen. u Die Beluſtigungen der Mitfaſten ſind ſo glänzend und toll geweſen, wie die des Faſchings. Lange hat man um dieſe Zeit des Jahres nicht ſo viele Bälle geſehen Die C* den geſunkenen Muth des Volks wieder zu heben. So⸗ fort hatten Künſtler, junge Weltleute, Studenten, Hand⸗ lungsdiener u. ſ. w. ſich zuſammen gethan, ohne ſich vorher zu kennen. Mehre brachten, um den Spaß vollſtändig zu machen, ihre Geliebten mit. — Die Koſten waren durch eine Subſcription gedeckt. Nachdem ſie am Vormittag ein köſtli⸗ ches Frühſtück am andern Ende von Paris eingenommen, hatte ſich der luſtige Trupp herzhaft in Marſch geſetzt; um den Tag mit einer Mahlzeit auf dem Liebfrauenplatz zu be⸗ ſchließen. Wir ſagen herzhaft; denn es gehörte eine ei⸗ gene Feſtigkeit des Sinnes dazu, um ſo die in Beſtürzung und Entſetzen verſunkene große Stadt zu durchziehen und ohne Beben faſt bei jedem Schritt an Bahren mit Sterben⸗ den und an Wagen mit Leichen vorüberzukommen, kurz, um mit dem ſonderbarſten Scherz die Plage, welche Paris zehn⸗ tete, anzugreifen. Nur in Paris und nur in einer gewiſſen Klaſſe konnte ein ſolcher Gedanke entſtehen und zur Aus⸗ führung kommen. Zwei grotesk als Todtenwagenführer verkleidete Männer, geziert mit furchtbaren falſchen Naſen, mit Trauerbinden von roſenrothem Flor an den Hüten und mit großen Roſenſträu⸗ ßen und Flortroddeln am Knopfloch lenkten reitend die Roſſe des Vierſpanns. Oben auf dem antiken Wagen ſtanden vier allegdriſche Perſonen: Der Wein, die Narrheit, die Liebe, das Spiel. Dieſe ſymboliſchen Weſen hatten den gottgegebenen Beruf, mit Witzeleien, Sticheleien, Spötteleien dem Herrn Cholera morbus das Leben weidlich ſauer zu machen. Die Nutzanwendung dabei war die: Um ſicher der Seuche zu trotzen, muß man trinken, lachen, ſpielen und liebeln. Der Wein hatte zum Repräſentanten einen dickwanſtigen, vierſchrötigen gehörnten Silen, mit einem Epheukranz um's Haupt, einem Pantherfell um die Schultern und einer großen goldenen, blumenbekränzten Trinkſchale in der Hand. Nie⸗ mand anders, als Nini Moulin, der religiöſe und moraliſche Schriftſteller, hätte den erſtaunten und entzückten Zuſchauern ein ſo ſcharlachrothes Ohr, einen ſo majeſtätiſchen Wanſt, ein ſo triumphirendes und geröthetes Pausbackengeſicht zei⸗ gen können. Jeden Augenblick that er, als leerte er ſeine . — 1 — Schale, und lachte dann frech dem Herrn Cholera morbus ins Geſicht. Herr Cholera morbus war halb in ein Leichentuch ge⸗ wickelt. Seine grüne Larve mit rothen Augen machte die poſſtrlichſte Todtengrimaſſe unter einer gebührlich gepuderten Zipfelperücke und einer großen baumwollenen Schlafmütze. Sein Hals und einer von ſeinen Armen ſahen zeiſiggrün aus dem Leichentuch hervor. Seine fleiſchloſe Hand, faſt ſtets von einem (nicht erkünſtelten) Fieberſchauer bewegt, ſtützte ſich auf einen Hakenſtock. Wie der Göronte in der Comödie trug er rothe Strümpfe mit geſchi nallten Bändern und hohe ſchwarze Caſtorpantoffeln. Dieſer abentenerliche ieptiſeirunt der Cholera war Liegganz nackt. Trotz einem gefährlichen, ſchleichenden Fieber, in Folge des Brantweins und der Lüderlichkeit, war Jakob durch Morok dazu gebracht worden, bei dieſer Mummerei mitzuwirken. Der Thierbändiger, als Eckſteinkönig verkleidet, ſtellte das Spiel vor. Mit einer Krone von Goldpapier auf dem Haupt, das gleichgültige, farbloſe Geſicht von einem gelben Bart umgeben, der lang auf ſeinen bunten Rock herabfiel, paßte Morok ganz zu ſeiner Rolle. Von Zeit zu Zeit ſchwang er, mit ſpöttiſch ernſter Miene, einen mit klirrenden Rechen⸗ pfennigen gefüllten Sack, welcher mit allen Arten von Spiel⸗ karten bemalt war. Eine gewiſſe Unbeholfenheit in der Be— wegung ſeines Arms verrieth, daß der Thierbändiger noch ein wenig die Wunde ſpürte, welche der ſchwarze Pan⸗ ther ihm beigebracht, ehe Dſchalma demſelben den Bauch aufriß. Die Narrheit, welche ihre Schellenkappe vor den Oh⸗ ren des Herrn Cholera morbus ſchüttelte, war ein hübſches, munteres, flinkes Mädchen mit einer ſcharlachrothen phrygi⸗ ſchen Mütze auf ihrem ſchwarzen Haar. Sie vertrat bei Liegganznackt die Stelle der armen Königin Bacchanal, welche vor nicht langer Zeit die Hauptperſon in einer zwar weni⸗ ger philoſophiſchen, aber eben ſo beluſtigenden⸗ Munmerei geſpielt hatte und auch hier nicht gefehlt haben wir, wenn die Verhältniſſe die alten geblieben wären. Ein anderes hübſches Geſchöpf, Fräulein Modeſta Boni⸗ chour, Fe einem berühmten Maler (einem der Reiter im ½— Zug) als Modell diente, ſtellte ganz vortrefflich die Liebe vor. Ein reizenderes Geſicht und anmuthigere Formen konnte man dieſer nicht verleihen. Sie war in eine blaue Tunica mit Goldflittern gekleidet. Um ihre kaſtanienbraunen Haare trug ſie eine blaue und ſilberne Binde. An ihre weißen Schul⸗ tern waren zwei durchſichtige Flügelchen befeſtigt. Dieſe lieb⸗ liche Geſtalt hatte den rechten Zeigefinger auf den linken gelegt und ſchabte von Zeit zu Zeit dem Herrn Cholera morbus ein Rübchen. Um die Hauptgruppe her ſchwenkten andere mehr oder minder abenteuerliche Masken verſchiedene Fahnen, auf wel⸗ chen man folgende, unter den obwaltenden Umſtänden ſehr anakreontiſche Inſchriften las: Begrabt die Cholera' kurz und gut! Lachen muß man, immer lachen. Spaß vertreibt der Cholera den Spaß. Hoch lebe die Liebe! Hoch lebe der Wein! Komm nur, du ſchlechte Peſt! Es war eine ſolche vernegene Luſtigkeit in dieſer Mum⸗ merei, daß der größte Theil der Zuſchauer in den Augen⸗ blick, wo ſie über den Platz zog nach dem Haus des Speiſe⸗ wirths, mehrmals Beifall klatſchte. Dieſe Bewunderung, welche der Muth immer einflößt, mag er auch toll und blind ſein, erſchien einer kleinen Zahl anderer Zuſchauer als eine Herausforderung des göttlichen Zorns, und ſie empfingen den Zug mit Murren. Dies außerordentliche Schauſpiel und die entgegengeſetzten Eindrücke, welche es machte, lagen zu ſehr außer dem Kreis der gewöhnlichen Erſcheinungen, als daß man es richtig hätte beurtheilen können. Man weiß wirklich nicht, ob ſolcher Trotz Lob oder Tadel verdient. Die Erſcheinung dieſer Pla⸗ gen, welche nach Zwiſchenräumen von Jahrhunderten die Be⸗ völkerungen zehnten, iſt faſt immer von einer Art geiſtiger Ueberreizung begleitet geweſen, welcher Niemand entging, der von der Anſteckung verſchont blieb, — von einem fieber⸗ haften Sihwindel, welcher bald die dümmſten Vorurtheile, dis wildeſten Leidenſchaften ins Spiel bringt, bald zu den herrlichſten Aufopferungen, zu den muthigſten Handlungen 15 begeiſtert, welcher bei den Einen die Todesfurcht zum wahn⸗ ſinnigſten Schrecken ſteigert, und bei andern die Lebensver⸗ achtung ſich in dem keckſten Trotz äußern läßt. Unbekümmert um das Lob oder den Tadel, welchen er verdienen könnte, kam der Mummenſchanz an das Thor des Gaſtwirths und zog unter allgemeinem Zuruf durch daſſelbe ein. Alles ſchien ſich zu vereinigen, um dieſen wunderlichen Einfall durch die ſonderbarſten Gegenſätze recht wunderlich zu machen. Das Wirthshaus, wo das Gelag ſtattfinden ſollte, lag ganz in der Nähe der uralten Hauptkirche und des un⸗ heimlichen Hoſpitals. Die geiſtlichen Geſänge aus dem Gottes⸗ haus, die Schreie der Sterbenden und die Trinklieder derZechen⸗ den ſollten mit einander abwechſeln und einander übertönen. Die Masken ſtiegen ab und verfügten ſich zu dem bereit ſtehenden Mahl. Die Theilnehmer an dem Maskenzug tafeln in einem großen Saal des Speiſehauſes. Sie ſind luſtig und lärmend, aber ihre Luſtigkeit hat ein eignes Gepräge. Zuweilen erinnern ſich die Entſchloſſenſten, daß ſie bei dieſem tollkühnen Kampf gegen die Plage ihr Leben aufs Spiel ſetzen. Dieſer un⸗ heimliche Gedanke durchzuckt ſie nur einen Augenblick, wie ein flüchtiger Fieberſchauer, und kaum ſecundenlang dauert das plötzliche Schweigen, welcher ihn verräth. Er wird ver⸗ geſſen in dem neuen Ausbruch fröhlichen Lärms, indem jeder ſich ſagt: Keine Schwäche! mein Freund, meine Freundin ſag ſehen mich. — Und jeder lacht und zecht, daß es eine Art hat, duzt ſeinen Nachbar und trinkt vorzugsweiſe aus dem Glas ſeiner Nachbarin. Liegganznackt hatte die Maske und die Perüke des Cholera morbus abgelegt. Die Magerkeit ſeiner bleifarbigen Züge und das düſtere Feuer ſeiner hohlen Augen verriethen den ſteten Fortſchritt der langſamen Krankheit, welche den Un⸗ glücklichen verzehrte. Durch ſeine Ausſchweifungen völlig er⸗ ſchöpft, fühlte er ein langſam glimmendes Feuer in ſeinen Eeingeweiden. Aber er verbarg ſeine Schmerzen unter einem erkünſtelten krampfhaften Lächeln. Links von Jakob ſaß Morok, deſſen verderbliche Herrſchaft über ihn immer größer wurde, und rechts von ihm das als Narrheit gekleidete Mädchen Namens Mariette. Neben dieſer machte Nini Myulin ſich breit, wie ein Prälat, mit ſeinem majeſtätiſchen Wanſt und that oft, als ſuchte er ſeine Serviette unter dem Tiſch, um ſeiner andern Nachbarin, Mamſell Modeſta, welche die Liebe vorſtellte, die Knie zu drücken. Die Meiſten unter den Gäſten hatten ihre Plätze nach ihrem Wohlgefallen eingenommen, Jeder bei ſeiner Jedes⸗ maligen, und die Ledigen, wo ſie konnten. Man war beim zweiten Gericht. Die Vortrefflichkeit der Weine, die Vorzüglichkeit der Speiſen, die Späße und die Seltſamkeit der Lage hatte die Gemüther ungewöhnlich aufgeregt, wie der folgende Auftritt zeigt. Drittes Kapitel. Der Zweika mn p fi 6 Zwei oder drei Mal war einer der Kellner gekommen und hatte unbemerkt von den Gäſten leiſe mit ſeinen Kameraden geſprochen, indem er mit ausdrucksvoller Gebärde nach der Decke des Speiſeſaals deutete. Die andern Kellner hatten ſeine Bemerkungen nicht berückſichtigt, vermuthlich um nicht die Gäſte zu ſtören, deren Luſtigkeit immer mehr zuzu⸗ nehmen ſchien. „Wer mag jetzt noch zweifeln an der Vortrefflichkeit unſerer Weiſe, die unverſchämte Cholera zu behandeln?“ rief ein prächtiger türkiſcher Seiltänzer, einer der Fahnenträger bei der Mummerei. „Hat ſie gewagt, unſere heilige Schaar anzugreifen?“ „Das iſt das ganze Geheimniß,“ ſagte ein Anderer. „Lacht ihr ins Geſicht, und ſie kehrt euch den Rücken.“ „Sie ſieht wohl, daß ſie ein einfältiges Ding iſt,“ ſagte eine hübſche kleine Pierrette, ihr Glas hinunterſtürzend. „Du haſt Recht, Chouchour,“ ſagte der Pierrot der Pier⸗ rette, „ein erzdummes Ding iſt ſie. Man genießt das Leben, VIII. 2 1½ 3 und plötzlich nach einer grauſigen Fratze ſtirbt man. Was iſt nun dabei? Was will das ſagen?“ „Das will ſagen,“ ſprach ein als Römer aus der Schule Davids verkleideter berühmter romantiſcher Maler Idaß die Pholera eine erbärmliche Coloriſtin iſt, denn ihe Silette hat nur einen Ton, einen bösartigen grünlichen. Sicher hat ſie bei dem langweiligen Jacobus ſtudirt, dem König der klaſſiſchen Maler, einer Peſt anderer Art.“ „Indeß, Meiſter,“ bemerkte ehrerbietig ein Schüler des großen Malers, „ich habe Cholerakranke geſehen, deren Krämpfe Tournure hatten, und deren Todeskampfe es nicht an Schick fehlte.“ S 62 „Meine Herren,“ rief ein ruhmgekrönter Bildhauer, „faſſen wir die Lehre zuſammen. Die Cholera iſt eine abſcheuliche Colvriſtin, aber eine kapitale Zeichnerin. Sie ſtelkt euch das Knochengerüſt hin, daß neben ihr Michel Angelo nur ein Schüler iſt.“ 5 „Zugegeben!“ rief es im Chor. „Die Cholera geringe Coloriſtin, aber eine kapitale Zeichnerin.“ „Uebrigens, meine Herren,“ nahm Nini Moulin mit komiſcher Gravität das Wort, „in dieſer Plage liegt eine ver⸗ teufelte Lehre von Oben, wie der große Boſſuet ſagen würde.“ „Die Lehre! die Lehre!“ „Meine Herren, es iſt mir, als vernähme ich eine Stimme aus der Höhe, die uns zuriefe: Trinkt vom Beßten. Leert euren Beutel und küßt das Weib eures Nächſten. Denn eure Stunden ſind vielleicht gezählt — — ihr Unglücklichen!“ Nach dieſen Worten benutzte der orthodore Silen einen Augenblick der Zerſtreuung bei ſeiner Nachbarin Mamſell Modeſta, um auf die blühende Wange der Liebe einen tüchtigen Schmatz zu drücken. Das Beiſpiel ſteckte an, und der helle Laut der Küſſe miſchte ſich unter das Gelächter. „Schockſchwernoth!“ ſchrie der große Maler ſcherzhaft den Schriftſteller an. „Dankt Gott, daß vielleicht morgen die Welt untergeht, ſonſt würd' ich Euch etwas erzählen dafür, daß ihr die Liebe geküßt habt, welche mein Liebchen iſt.“ „Und das beweiſt Euch, o Rubens, o Rafael, der Ihr ſeid, 6 weſentlich geſellig und liebkoſend.“ die tauſenderlei Vorzüge der Cholera. Ich erkläre ſie für —— — — — * ——— — — —— % — — „Iſt ſie nicht auch menſchenfreundlich?“ ſagte ein Anderer. „Sie macht, daß die Gläubiger für die Geſundheit ihrer Schuldner ſorgen. Dieſen Morgen hat ein Wucherer, dem ganz er viel an meinem Daſein gelegen iſt, mir alle mög icheanticholeriſchen Specereien gebracht und mich dringend gebeten, ſelbige zu gebrauchen.“ „Und mich,“ rief der Schüler des großen Malers, „mich wollte mein Schneider zwingen, eine Flanellbinde auf dem bloßen Leib zu tragen, weil ich ihm tauſend Thaler ſchuldig bin. Worauf ich ihm erwidert habe: O Schneider! guittire mir, und ich flanelle mich ein, um dir meine Kundſchaft zu erhalten, da dir ſo ſehr viel daran liegt.“ „O Chölera!“ begann Nini Muulin wieder im Kanzelton, „ich trinke auf dein Wohlſein. Du biſt nicht die Verzweif⸗ lung; nein! das Sinnbild der Hoffnung biſt du. Wie viele Gatten, wie viele Gattinnen zählten nur auf eine, ach! ſo ungewiſſe Nummer in der Lotterie der Wittwenſchaft! Da erſcheinſt du, und ſie leben wieder auf. Durch dich, gefällige Plage, ſehen ſie ihre Ausſichten auf Freiheit vertauſendfacht!“ „Und die Erben? Welche Dankbarkeit! Eine Erkältung, eine Kleinigkeit, ein Nichts — und krach! in einer Stunde geht ein Onkel, ein Seitenverwandter in den Zuſtand des verehrten Wohlthäters über.“ „Und die Leute, welche es auf die Stellen Anderer ge⸗ packt haben! Welch nützlichen Gevatter finden ſie an der Cholera!“ „Und wie wahr wird ſie ſo viele Schwüre der Treue machen!“ ſagte gefühlvoll Fräulein Modeſta. „Wie viele ſchofele Patrone haben einem ſanften ſchwachen Weib ge⸗ ſchworen, es ihr Lebenlang zu lieben, und ſie ließen ſich nicht träumen, die Wichte! daß ſie ihrem Wort ſo treu ſein würden.“ „Meine Herren,“ rief Nini Moulin, „ſintemal wir viel⸗ leicht am Vorabend des Weltendes ſtehen, wie dieſer be⸗ rühmte Maler ſagt, ſo ſchlage ich vor, die verkehrte Welt zu ſpielen. Ich ſchlage vor, daß die Damen uns necken, reizen, plagen, uns Küſſe rauben und ſich alle Freiheiten gegen uns herausnehmen. Beim Licht beſehen ſtirbt man nicht davon, und beim Licht beſehen verlang ich, daß ſie uns beleidigen. Ja, ich erkläre, ich laſſe mich beleidigen, ich 3 2 — fordere auf, mich zu beleidigen. Alſo, Liebe, Sie können mir die gröbſte Beleidigung angedeihen laſſen, welche man einem tugendhaften, züchtigen Junggeſellen zufügen kann,“ ſchloß der religiöſe Schriftſteller, ſich zu Mamſell Modeſta hinneigend, welche wie toll lachte und ihn zurücſtieß. Nini Muulin's verrückter Vorſchlag ward mit allgemeinem Jubel aufgenommen, und neue Luſt erfüllte die Zecher. In dem betäubenden Lärm kam der Kellner, der ſchon mehrmals erſchienen war, um ſeinen Kameraden etwas zuzu⸗ flüſtern, von neuem in den Sagl. Mit bleichem, verſtörtem Geſicht trat er zu dem Oberkellner und ſagte ihm ins Ohr: „Eben ſind ſie gekominen.“ „Wer?“ fragte der Oberkellner. „Sie wiſſen es ja — — da oben.“ „Ah!“ ſagte der Oberkellner grämlich. „Wo ſindſie denn?“ „Eben ſind ſie hinaufgegangen — ſie ſind oben,“ ant⸗ wortete der Kellner kopfſchüttelnd. „Was meint der Herr vom Hauſe?“ „Er iſt in der größten Verlegenheit — — wegen — — Der Kellner ließ ſeinen Blick über die Gäſte ſchweifen und fuhr fort: „Er weiß nicht, was er machen ſoll, und ſchickt mich zu Ihnen.“ „Was zum Teufel ſoll denn ich machen?“ entgegnete der Oberkellner. „Man mußte darauf gefaßt ſein; es läßt ſich da nicht ausweichen.“ „Ich bleibe nicht da. Das Ding fängt an.“ „Du haſt auch Recht. Mit deinem verſtörten Geſicht er⸗ regſt du ſchon Aufſehen. Gehe hin und ſage dem Herrn, man müſſe das Ding abwarten.“ Dieſer Zwiſchenfall blieb faſt unbemerkt unter dem wach⸗ ſenden Lärm des Gelages. Ein einziger unter den Gäſten lachte nicht und trank nicht. Dieſer Gaſt war Liegganznackt. Düſteren Blicks ſtarrte er in den leeren Raum. Unbekümmert um Alles, was um ihn her vorging, dachte der Unglückliche an die Königin Bacchanal, welche bei ſolchen Saturnalien ſo glanzvoll und munter ge⸗ weſen ſein würde. Die Erinnerung an dies Geſchöpf, welches er immer noch maßlos liebte, war der einzige Gedanke, wel⸗ cher ihn zuweilen aus ſeinem Stumpfſinn erweckte. Nur 7 deswegen hatte er ſich zur Theilnahme an dieſer Mummerei hergegeben, weil dieſelbe ihn an den letzten mit Cephiſen verlebten luſtigen Tag erinnerte, an den Morgenſchmaus, bei welchem die Königin Bacchanal ahnungsvoll den Trink⸗ ſpruch ausgebracht hatte: „Die Cholera! Möge ſie die Lebens⸗ luſtigen verſchonen und zuſammen diejenigen ſterben laſſen, welche ſich nicht trennen wollen!“ An dieſe traurigen Worte dachte Jakob, als Morok ſeinen Trübſinn bemerkte und ihm zurief: „Ei was iſt denn das? Du trinkſt ja nicht mehr, Jakob. Haſt du den Wein ſatt? Willſt du Brandwein? Ich will beſtellen?“ „Ich will weder Wein noch Brandwein,“ verſetzte Jakob und verſank wieder in ſein düſteres Sinnen. „Im Grund haſt du Recht,“ ſagte Morok in ſpöttiſchem Ton und mit immer lauterer Stimme. „Du thuſt wohl, daß du dich ſchonſt. Ich war ein Narr, daß ich dir von Brandwein ſprach. Bei den jetzigen Zeitläuften wäre es eben ſo verwegen, ſich vor eine Flaſche Schnaps zu ſetzen, wie ſich vor die Mündung einer geladenen Piſtole zu ſtellen.“ Als Liegganznackt ſo ſeinen Zechermuch in Zweifel ſtellen hörte, ſah er den Thierbändiger grimmig an und rief, aus ſeinem Stumpfſinn erwachend, um ſeine vermeintliche Ehre zu vertheidigen: „Alſo meinſt du, aus Feigheit weigerte ich mich zu trinken?“ 5 „Nur nicht in Eifer gerathen!“ ſagte einer der Gäſte zu Jakob. „Wir alle wie wir hier ſind, haben heut unſere Probe beſtanden, zumal Ihr. Obwohl ein wenig krank, habt Ihr das Herz gehabt, die Rolle des Cholera morbus zu übernehmen.“ Als Morok ſah, daß die allgemeine Aufmerkſamkeit auf ihn und auf Liegganznackt gerichtet war, rief er: „Meine Herren, ich habe geſpaßt. Wenn dieſer Geſell es gewagt hätte, mein Anerbieten anzunehmen, ſo würde er nicht uner⸗ ſchrocken, ſondern verrückt geweſen ſein. Glücklicher Weiſe hat er Verſtand genug, auf eine ſolche, in dieſem Augenblick ſo gefährliche Gaukelei zu verzichten, und ich — — 2 „Kellner!“ unterbrach Liegganznackt mit zorniger Ungeduld. „Zwei Flaſchen Brandwein und zwei Gläſer!“ „Was haſt du denn vor?“ fragte Morok mit erheuchelter Ueberraſchung. „Wozu dieſe zwei Flaſchen Brandwein?“ „Zu einem Zweikampf,“ antwortete Jakob kalt und ent⸗ ſchloſſen. „Ein Zweikampf?“ wiederholten die Gäſte überraſcht. „Ja, ein Zweikampf auf Cognac,“ erwiderte Jakob. — „Du ſagſt, es wäre ſo viel Gefahr, ſich vor eine Flaſche Schnaps zu ſetzen, wie, ſich vor die Mündung einer geladenen Piſtole zu ſtellen. Nehme jeder von uns beiden eine volle Flaſche; wir wollen ſehen, wer zurückweicht.“ Dieſer ſeltſame Vorſchlag Liegganznackts ward von Einigen mit Freudengeſchrei aufgenommen, von Andern mit ernſtlicher Unruhe. Die erſteren riefen: „Bravo, die Kämpfer von der Flaſche!“ — „Nein, nein!“ entgegneten die andern, „bei einem ſolchen Kampf wäre die Gefahr zu groß.“ — Einer äußerte: „Dieſer Zweikampf iſt in jetziger Zeit eben ſo ernſt⸗ haft, wie ein Zweikampf auf Leben und Tod.“ „Hörſt du?“ ſagte Morok mit teufliſchem Lächeln. „Jetzt beſinne dich, ob du vor der Gefahr zurückweichen willſt.“ Bei dieſen Worten und der durch ſie erweckten Erinnerung an die Gefahr, welcher er ſich auszuſetzen im Begriff ſtand, erbebte Jakob. Dann, als ob ihm ein plötzlicher Gedanke gekommen ſei, richtete er ſtolz den Kopf empor. Seine Wangen waren ſchwach geröthet. Sein mattes Auge erglänzte von einer gewiſſen Freude, bei der es dem Zuſchauer unheimlich ward, und mit feſter Stimme rief er: „Zum Teufel, Kellner! biſt du taub? Hab' ich nicht zwei Flaſchen Brandwein beſtellt?“ „Den Augenblick,“ ſagte der Kellner und ging hinaus, faſt erſchrocken über den bevorſtehenden bacchiſchen Kampf. Die Mehrheit der Gäſte gab dem tollkühnen Entſchluß Jakobs Beifall. Nini Muulin wiegte ſich auf ſeinem Stuhl, trappelte mit den Füßen, und ſchrie aus Leibeskräften: „Bacchus und mein Durſt! Mein Glas und meine Flaſche! Die Kehlen ſind offen! Cognac um die Wette! Nicht ge⸗ knauſert!“ Und wie ein wahrer Turnierritter küßte er Fräulein Modeſta und ſagte zur Entſchuldigung der genommenen Freiheit: Liebe, Ihr ſollt die Königin der Schönheit ſein. Ich erlaube mir, das Glück des Siegers zu ſchmecken.“ „Cognac um die Wette!“ hallte es nach im Chor. „Nicht geknauſert!“ — — „Meine Herren,“ fuhr Nini Moulin begeiſtert fort, „ſollen wir fühllos bleiben bei dem edlen Beiſpiel, welches Herr Cholera morbus uns gibt. Er hat ſtolz geſagt: Cognac! antworten wir ihm mit Glanz: Punſch! „Ja! ja! Punſch!“ „Punſch um die Wette!“ „Kellner!“ ſchrie der religiöſe Schriftſteller mit einer Sen⸗ torſtimme, „Kellner! Haben Sie hier ein Becken, einen Keſſel, eine Bütte, irgend eine Unermeßlichkeit, um darin einen Monſterpunſch zu brauen?“ „Einen babyloniſchen Punſch!“ „Einen Punſchſee!“ „Einen Punſchocean!“ Auf dies hochtrabende Crescendo, welches dem Vorſchlag Nini Moulins folgte, antwortete der Kellner mit triumphiren⸗ der Miene: „Verehrter Herr, wir haben gerade einen friſch verzinnten kupfernen Fleiſchtopf, der noch nicht gebraucht worden iſt. Er hält wenigſtens dreißig Flaſchen.“ „Bringt den Fleiſchtopf!“ ſagte Nini Moulin majeſtätiſch. „Es lebe der Fleiſchtopf!“ rief man im Chor. „Thut hinein zwanzi] Flaſchen Kirſchengeiſt, ſechs Zucker⸗ hüte, zwölf Citronen, ein Pfund Zimmet und Feuer — — Feuer ringsum! — — Feuer!“ gebot der religiöſe Schrift⸗ ſteller mit unmenſchlichem Geſchrei. „Ja! ja! Feuer ringsum!“ wiederholte der Chor. Der Vorſchlag Nini Moulins gab der allgemeinen Fröhlich⸗ keit einen neuen Anſtoß. Die tollſten Reden wurden gewechſelt und vermiſchten ſich mit dem ſanften Geräuſch der Küſſe, welche geraubt und gegeben wurden unter dem Vorwand, daß man vielleicht kein Morgen zu hoffen habe, daß man ſich darein ergeben müſſe u. ſ. w. u. ſ. w. In einem der ſtillen Augenblicke, welche zuweilen beim größten Lärm eintreten, vernahm man plötzlich mehre dumpfe abgemeſſene Schläge über dem Feſtſaal. Jedermann ſchwieg und horchte. Viertes Kapitel. Cognac um die Wette. Nach einigen Augenblicken ließ das Klopfen, welches die Gäſte ſo ſehr überraſcht hatte, ſich von neuem und zwar ſtärker und anhaltender vernehmen. „Kellner!“ rief einer der Gäſte, „was zum Teufel iſt das für ein Lärm?“ Der Kellner wechſelte mit ſeinen Kameraden unruhige und ängſtliche Blicke und ſtammelte: „Liebſter Herr — — das iſt — — das iſt — —“ „He!“ rief Nini Moulin, „das iſt ein ſauertöpfiſcher Miethsmann, ein freudenhaſſendes Thier, welches auf ſeinen Fußboden ſtampft, um uns zu ſagen, wir ſollten weniger laut ſingen.“ „Alsdann,“ ſprach belehrend der Schüler des großen Malers, „alsdann iſt die Generalregel: Verlangt ein Hauseigenthümer: oder Miethsmann Stille, ſo gebietet die Tradition, ihm augen⸗ blicklich mit einem hölliſchen Charivari zu antworten, beſtimmt, den Beſchwerdeführer wo möglich auf der Stelle taub zu machen. Wenigſtens,“ fügte der Junker Reibſtein beſcheiden hinzu, „wenigſtens ſind das diejenigen auswärtigen Beziehun⸗ gen, welche ich ſtets in Uebung geſehen habe zwiſchen deck⸗ nachbarlichen Mächten.“ Dieſe etwas gewagte Sprachneuerung ward mit allgemeinem Lachen und Bravo aufgenommen. Während dieſes Lärms befragte Morok einen der Kellner und nachdem er ſeine Antwort empfangen, rief er mit durch⸗ dringender Stimme, welche den Lärm übertönte: „Ich bitte ums Wort.“ „Bewilligt!“ rief die luſtige Geſellſchaft. Während des Schweigens, welches der Anrede Morok's folgte, ließ das Klopfen ſich von neuem und ſchneller hören. Morok lächelte unheimlich und ſagte: „Der Miethsmann iſt unſchuldig. Er iſt unfähig, ſich im Geringſten den Ausbrüchen unſerer Freude zu widerſetzen.“ — „Nun warum klopft er denn da oben wie ein Tauber?“ fragte Nini Moulin, ſein Glas leerend. „Wie ein Tauber, der ſeinen Stock verloren hat,“ fügte der Junker Reibſtein hinzu. „Der Miethsmann klopft nicht,“ ſagte Morok in kurzem Ton. „Sein Sarg wird zugenagelt.“ Ein plötzliches düſteres Schweigen folgte auf dieſe Worte. „Sein Sarg —“ fuhr Morok fort, „nein, ihr Sarg muß ich ſagen. Da die Zeit drängt, ſo hat man Mutter und Kind zuſammen in den Sarg gelegt.“ „Eine Frau?“ rief die Narrheit, den Kellner fragend. „Eine Frau iſt da oben geſtorben?“ „Ja,“ antwortete traurig der Kellner, „eine arme junge Frau von zwanzig Jahren. Ihr Töchterchen, welches ſie ſäugte, iſt kurz nach ihr geſtorben. — Alles in weniger als zwei Stunden. Dem Wirth iſt es ſehr leid, daß Ihr Mahl dadurch geſtört werden kann. Aber er hat das Unglück nicht vorausſehen können. Geſtern Morgen war dieſe Frau noch friſch und geſund, ſang aus vol⸗ ler Kehle und war ſo luſtig, als ein Menſch nur ſein kann.“ Bei diefen Worten war es, als ob ein Trauerflor ſich plötzlich über der eben noch ſo luſtigen Geſellſchaft ausbreitete. Alle dieſe rothen und aufgeblühten Geſichter wurden plötzlich betrübt. Niemand hatte den Muth, über dieſe Mutter und ihr Kind zu ſcherzen, welche zuſammen in ihrem Sarg einge⸗ nagelt wurden. Es trat eine ſolche Todtenſtille ein, daß man tiefes Athemholen aus mancher vom Schrecken beengter Bruſt hören konnte. Die letzten Hammerſchläge ſchienen ſchmerzlich widerzuhallen in allen Herzen. Es war, als ob tauſend traurige und peinliche Gefühle, die bisher niederge⸗ halten waren, an die Stelle dieſer mehr erkünſtelten als natürlichen Lebendigkeit und Heiterkeit treten wollten. Der Augenblick war entſcheidend. Ein großer Schlag mußte ge⸗ ſchehen, wenn die Gemüther der Gäſte nicht völlig niederge⸗ ſchlagen werden ſollten. Schon erbleichten mehre hübſche roſige Geſichter, ſchon wurden verſchiedene ſcharlachrothe Ohren weiß, unter andern die von Nini Muulin. Bei Liegganznackt hingegen ſteigerte ſich die Verwegenheit. Seine durch Erſchöpfung gekrümmte Geſtalt aufrichtend, rief er mit leicht geröthetem Geſicht: „Kellner, wo bleibt der ⸗ Brandwein? und der Punſch? Ins Dreiteufels Namen! kommt es den Todten zu, die Lebenden zittern zu machen?“ „Er hat Recht,“ riefen mehre Gäſte, welche das Bedürf⸗ niß fühlten, ſich Muth einzuſprechen. „Weg mit dem Trüb⸗ ſinn! her mit dem Punſch K4 „Punſch vor!“ „Hohn dem Harm!“ „Hoch lebe die Luſt!“ Ein Kellner öffnete die Thür und rief. „Meine Herren, da iſt der Punſch.“ Beim Anblick des flammenden Gebräus, welches den ge⸗ ſunkenen Muth wieder aufrichten ſollte, ließ wahnſinniges Bravo ſich vernehmen. Die Sonne war eben untergegangen. Der Saal für hundert Gedecke, wo das Mahl ſtattfand, war tief; die wenigen Fenſter waren ſchmal und halb durch Vorhänge von rothem Baum⸗ wollenzeug verdeckt. Obwohl es noch nicht Nacht war, ſo lag doch der hintere Theil dieſes großen Saals bereits im Dunkeln Zwei Kellner trugen den Monſterpunſch an einer Eiſenſtange herein, die ſie durch das Henkel eines mächtig großen Gefäſſes von goldglänzendem Kupfer gezogen hatten. Eine Krone von Flammen in wechſelnden Farben brannte über dem Rand. Das brennende Getränk ward u Tafel geſetzt zur großen Freude der Gäſte, welche begannen hren Schrecken zu vergeſſen. „Jetzt,“ rief Liegganznackt in herausforderndem Ton dem Thierbändiger zu, „während der Punſch abbrennt, ſoll unſere Paukerei losgehen. „Er zeigte ſeinem Gegner die zwei von dem Kellner gebrachten Flaſchen Brandwein und fuhr fort: „Wähle die Waffen!“ . „Wähle du ſelbſt,“ entgegnete Morok. „Gut! Hier iſt dein Fläſchchen und dein Glas. Nini Moulin ſoll Unparteiiſcher ſein.“ „Ich ſchlage das Amt des Kampfrichters nicht aus,“ er⸗ klärte der religiöſe Schriftſteller. „Nur muß ich Euch auf⸗ merkſam machen, daß Ihr hoch ſpielt, Kamerad, und daß in den jetzigen Zeitläuften, wie einer dieſer Herren geſagt hat, es vielleicht gefährlicher iſt, den Hals einer Flaſche Brand⸗ wein zwiſchen die Zähne zu nehmen, als ſich den Lauf einer geladenen Piſtole dazwiſchen zu appliciren und — —“ — * „Commandirt, Alter!“ unterbrach Jakob, „oder ich com⸗ mandire ſelber.“ „Gemach, meine Herren!“ erwiderte Nini Moulin. „Wir wollen unſer Amt verſehen; erſt aber wollen wir unterſuchen, ob die Waffen gleich ſind. Vor allen Dingen Gleichheit der Waffen!“ Während dieſer Vorbereitungen herrſchte tiefes Schweigen im Saal. Der Muth der meiſten Anweſenden, einen Augen⸗ blick aufgerichtet durch die Ankunft des Punſches, ſank wieder unter der Laſt trauriger Vorgefühle. Man ahnte die Gefahr der von Morok an Jakob ergangenen Herausforderung. Dieſer Eindruck verbunden mit den traurigen Gedanken, welche das Geſpräch von dem Sarg erweckt hatte, verdüſterte mehr oder weniger die Mienen. Einige der Gäſte hielten ſich noch gut, aber ihre Heiterkeit ſah erzwungen aus. Unter gewiſſen Umſtänden bringen oft die kleinſten Dinge große Wirkungen hervor. Wir haben geſagt, daß es nach Sonnenuntergang in einem Theil dieſes großen Saales dunkel geworden war. Die am hinteren Ende desſelben ſitzenden Gäſte empfingen ihr Licht jetzt bloß noch von dem flammen⸗ den Punſch. Dieſe Spiritusflamme wirft bekanntlich auf die Geſichter einen bleichen bläulichen Schein. Es war ſonach ein ſeltſamer, faſt erſchreckender Anblick, die von den Fenſtern entfernt ſitzenden Gäſte von dieſem phantaſtiſchen Schein er⸗ hellt zu ſehen. Dem Maler fiel am meiſten dieſer Licht⸗ effeet auf. Er rief: „Betrachten wir uns doch einmal ein⸗ ander. Iſt es nicht als zechten wir unter uns Cholerabrü⸗ dern, ſo grünlich und bläulich ſitzen wir da?“ Dieſer Witz fand keinen ſonderlichen Anklang. Die tö⸗ nende Stimme Nini Moulins zerſtreute einen Augenblick die trübe Stimmung. Mit mehr Unruhe und Angſt, als er merken ließ, rief der religiöſe Schriftſteller: „Der Kampf geht los! — Seid ihr bereit, wackere Kämpen?“ „Wir ſind bereit,“ antwortete Morok und Jakob. „Stoßt an! — Setzt an! — Los!“ rief Nini Moulin, in die Hände klatſchend. Die beiden Trinker leerten in einem Zug ein gewöhnli- ches Glas voll Brandwein. Morok verzog keine Miene ſeines ſtarren Geſichts. Mit feſter Hand ſtieß er ſein Glas auf 12 8 den Tiſch. Jakob konnte beim Niederſetzen des ſeinigen ein leichtes krampfhaftes Zittern, als Aeußerung eines innerli⸗ chen Schmerzes nicht unterdrücken. „Brav getrunken!“ rief Nini Moulin. „In einem Zug einen halben Schoppen Brandwein hinunterſtürzen, das geht ins Große. Niemand hier könnte euch das Kunſtſtück nach⸗ machen. Folgt mir, wackere Kämpen, und bleibt dabei ſtehen.“ „Commandire!“ entgegnete unerſchrocken Jakob und er⸗ griff mit ſeiner fieberhaft zitternden Hand die Flaſche. Aber anſtatt ſich einzuſchenken, ſagte er plötzlich zu Morok: „Kein Glas mehr! Aus der Flaſche! Das iſt flotter. Haſt du das Herz? Statt aller Antwort ſetzte Morok achſelzuckend die Flaſche an die Lippen. Jakob beeilte ſich, es ihm nachzuthun. Das gelbe, dünne, durchſichtige Glas der Flaſchen verſtattete, die allmählige Abnahme der Flüſſigkeit in ihnen zu beobachten. Das verſteinerte Geſicht Moroks und das blaſſe magere Ge⸗ ſicht Jakobs, letzteres bereits von dicken Tropfen kalten Schweißes benetzt, waren wie die Geſichter der andern Gäſte von der bläulichen Flamme ded Punſches beleuchtet. Auf Mo⸗ rok und Jakob waren alle Augen geheftet mit der unmenſch⸗ lichen Neugier, welche man bei gräßlichen Schauſpielen un⸗ willkürlich empfindet. Ligganznackt trank, indem er die Flaſche mit der linken Hand hielt. Plötzlich ſchloß er krampfhaft die Finger der rechten Hand. Seine Haare klebten auf ſeiner eiskalten Stirn. Einen Augenblick verrieth ſeine Miene einen ſtechen⸗ den Schmerz. Indeß trank er fort. Ohne die Flaſche ab⸗ zuſetzen, ſenkte er ſie doch einmal um Athem zu holen. In dieſem Augenblick begegnete er dem ſpöttiſchen Blick Moroks, welcher mit ſeiner gewöhnlichen Ruhe forttrank. Er glaubte darin den Ausdruck des Hohns zu leſen, hob raſch den El⸗ lenbogen in die Höhe und trank gierig noch einige Züge. Jetzt waren ſeine Kräfte erſchöpft. Ein unauslöſchliches Feuer verzehrte ſeine Bruſt. Der Schmerz war zu gräßlich. Er konnte ihn nicht überwinden. Sein Kopf fiel zurück. Ein ſeine Kinnladen zuſammen, ſo daß der Hals der Krampf zog ſ Flaſche zwiſchen ſeinen Zähnen zerbrach. Sein Nacken ward ſteif. Alle ſeine Glieder wurden von ſtoßweiſen Zuckungen zuſammengekrümmt. Er verlor faſt die Beſinnung. „Jakob! — mein Junge! — das hat nichts zu bedeuten,“ rief Morok mit teufliſcher Freude im Blick. Er ſetzte die Flaſche auf den Tiſch und ſtand auf, um dem Nini Moulin zu helfen, der ſich vergebens bemühte, den Unglücklichen feſtzuhalten. Dieſe plötzlichen Krämpfe ließen keineswegs auf die Cho⸗ lera ſchließen. Dennoch kam ein plötzlicher Schrecken über die Anweſenden. Eins der Mädchen bekam einen heftigen Nervenanfall, und eine andere fiel unter durchdringendem Geſchrei in Ohnmacht. Nini Muulin ließ Jakob in den Händen Morok's und lief nach der Thür, um Hülfe zu holen. Plötzlich ging die Thür auf. Verblüfft trat der religiöſe Schriftſteller zurück beim Anblick der unerwarteten Perſon, die herein kam. Fünftes Kapitel. Eri i ün Die Perſon, vor welcher Nini Moulin mit ſo großem Er— ſtaunen ſtehen blieb, war die Königin Bacchanal. Mit matter, bleicher Farbe, unordentlichem Haar, hohlen Wangen, eingeſunkenen Augen, faſt in Lumpen gehüllt, war dieſe einſtmalige glanzvolle, fröhliche Heldin ſo vieler tollen Gelage nur noch ein Schatten von ihrem früheren Selbſt. Elend und Schmerz hatten alle Blüthen von dieſem einſt ſo reizenden Weſen abgeſtreift. Kaum war ſie in den Saal eingetreten, ſo blieb ſie ſtehen. Ihr düſterer, unruhiger Blick ſuchte das Halbdunkel des Sag⸗ les zu durchdringen, um den zu finden, nach welchem ſie ſpähte. Plötzlich erbebte ſie und ſtieß einen lauten Schrei aus. Sie hatte auf der andern Seite der langen Tafel im bläulichen Schein des Punſches ihren Jakob bemerkt, deſſen 2 4 3 krampfhafte Bewegungen Morok und ein anderer Gaſt kaum bemeiſtern konnten. Bei dieſem Anblick that Cephiſe in einer erſten Regung des Entſetzens, von ihrer Liebe hingeriſſen, was ſie ſonſt vft in der Trunkenheit der Wonne gethan hatte. Anſtatt mit einem langen Umweg eine koſtbare Zeit zu verlieren, ſprang ſie behend auf den Tiſch, bewegte ſich ſicheren Schrittes zwi⸗ ſchen den Flaſchen und Tellern hindurch und war in einem Satz neben Liegganznackt. Ohne den Thierbändiger zu be⸗ merken, fiel ſie ihrem Geliebten um den Hals und rief: „Jakob! Jakob! — Ich bin es, Cephiſe.“ Liegganznackt ſchien dieſen aus der Seele hervordringenden Schrei der bekannten Stimme zu vernehmen. Er drehte den Kopf nach der Königin Bacchanal hin, ohne die Augen zu öffnen, und ſtieß einen tiefen Seufzer aus. Allmählig wur⸗ den ſeine ſtarren Glieder biegſamer, ein leichtes Zittern trat an die Stelle der Zuckungen, und nach einigen Augenblicken hoben ſich ſeine ſchweren Augenlieder mit Mühe in die Höhe und ließen ſeinen matten, irren Blick ſehen. Stumm und überraſcht empfanden die Zuſchauer dieſes Auftritts eine unruhige Neugier. Cephiſe kniete vor ihrem Geliebten, bedeckte ſeine Hand mit Küſſen und Thränen und rief mit einer von Schluchzen unterbrochenen Stimme: „Jakob! ich bin's — Cephiſe. — Ich habe dich wieder gefunden. — Es iſt nicht meine Schuld, wenn ich dich verlaſſen habe. — Verzeihe mir.“ „Unglücksweib!“ rief Morok, aufgebracht über das Er⸗ ſcheinen Cephiſens, welches vielleicht ſeine Anſchläge verder⸗ ben konnte. „Wollen Sie ihn denn umbringen? In dieſem Zuſtand kann eine ſolche Gemüthsbewegung ſeinen Tod her⸗ beiführen. Gehn Sie weg.“ Und er packte das Mädchen am Arm, während Jakob, wie aus einem böſen Traum er⸗ wachend, anfing zu erkennen, was um ihn her vorging. 32 Erſt, da ſie ihn ſprechen hörte, erkannte Cephiſe den Thier⸗ bändiger wieder. „Sie ſind es?“ rief ſie betreten. „Sie, der mich von Jakob getrennt hat? — —“ Sie unterbrach ihre Anrede, da ſie bemerkte, wie der um⸗ wölkte Blick Jakobs, indem er auf ihr ruhte, ſich zu beleben ſchien, und da ſie ihn murmeln hörte: „Du biſt's, Ce⸗ — 31 — phiſe?“ — „Ja ich,“ entgegnete ſie mit tiefer Rührung. „Ich komme Dir zu ſagen. — —“ Sie konnte nicht fort⸗ fahren. Sie rang die Hände, und auf ihrem bleichen, be⸗ trübten und von Thränen überſtrömten Geſicht konnte man das verzweifelte Erſtaunen leſen, welches die todverkündende Entſtellung der Züge Jakobs ihr verurſachte. Er begriff den Grund dieſer Ueberraſchung. Seinerſeits das abgemagerte Geſicht Cephiſens betrachtend, ſagte er: „Armes Mädchen! Du haſt alſo auch viel Kummer — — viel Elend ausgeſtanden? — Ich erkenne Dich kaum — — wieder.“ „Ja,“ antwortete Cephiſe, „viel Kummer und Elend — —. Und Schlimmeres, als Elend!“ fügte ſie bebend und errö⸗ thend hinzu. „Schlimmeres, als Elend?“ fragte Jakob erſtaunt. „Aber Du — — Du haſt gelitten!“ fuhr Cephiſe haſtig fort, ohne ihrem Geliebten zu antworten. „Ich — — ich war eben auf dem Weg zum Ende. — — Du haſt mir zugerufen — — und ich bin noch einmal für einen Augenblick umgekehrt. — — Das hier — —“ (er deutete auf ſeine Bruſt) „was ich hier fühle, das gibt keine Gnade. Aber — — es iſt einerlei. — — Jetzt hab' ich Dich geſehen — — und ich ſterbe zufrieden.“ „Du ſollſt nicht ſterben, Jakob! — — Ich bin da.“ „Höre mich an — — Mädchen. Wenn ich hier — — im Magen — — einen Scheffel glühende Kohlen hätte — — könnt' es nicht ärger brennen. — — Seit länger als einem Monat — — brate ich an einem langſamen Feuer. — — Der Herr da — —“ (er deutete mit einer Bewegung des Kopfs auf Morok),“ dieſer werthe Freund hat ſich ſtets die Mühe genommen, das Feuer anzuſchüren. — — Am Ende liegt mir aber nichts am Leben. Ich habe die Gewohnheit zu arbeiten abgelegt und die — — des Saufens angenvm⸗ men. Ich würde am Ende ein ſchlechter Kerl werden, und da will ich doch lieber meinem Freunde den Spaß laſſen, mir ein Feuer in der Bruſt anzuzünden. — — Seitdem ich vorhin getrunken habe, bin ich gewiß, es flammt in mir, wie der Punſch da.“ „Du biſt ein Narr, ein undankbarer Geſell“ ſagte Morok achſelzuckend. „Du haſt mir Dein Glas hingehalten und ich habe eingeſchenkt. — — Bei Gott, wir wollen noch lange und oft mit einander zechen. Mit ſchwacher Stimme erwiderte Jakob, während Cephiſe den Thierbändiger unverwandt anſah: „Ich ſage: Seit lan⸗ ger Zeit bläſt Du das Feuer an, an dem ich mir den Pelz verbrenne, damit es nicht heißt, ich ſterbe an der Cholera. — Man könnte glauben, ich hätte Angſt vor meiner Rolle ge⸗ habt. Es iſt alſo kein Vorwurf, den ich Dir mache, mein treuer Freund“ (fügte er mit ſpöttiſchem Lächeln hinzu). „Du haſt luſtig meine Grube gegraben. — — Manchmal freilich — — wenn ich das große ſchwarze Loch ſah, in das ich fallen ſollte, bin ich einen Schritt zurückgewichen. Du aber, treuer Freund, haſt mich herzhaft nach dem Abhang geſtoßen und geſagt: Vorwärts Spaßvogel! vorwärts! Und ich bin vorwärts gegangen, und da bin ich nun.“ Bei diefen Worten brach Jakob in ein gellendes Gelächter aus, daß es die Zuhörer eiskalt überlief, nachdem ſie ſchon lebhaft von dieſem Auftritt ergriffen waren. „Höre mich an, mein Junge,“ ſagte Morok kalt. „Folge meinem Rath und — — —“ „Ich danke dafür. Ich kenne Deine Rathſchläge. Statt auf ſie zu hören, will ich lieber mit meiner armen Cephiſe ſprechen. Ehe ich zu den Maulwürfen hinabfahre, will ich ihr ſagen, was ich auf dem Herzen habe.“ „Jakob!“ rief Cephiſe, „ſchweig! Du weißt nicht, wie weh Du mir thuſt. Ich ſage Dir, Du wirſt nicht ſterben.“ „Nun dann, brave Cephiſe, würd' ich Dir meine Rettung verdanken,“ ſagte Jakob in einem ernſten, innigen Ton, der die Zuhörer ſehr überraſchte. „Als ich wieder zu mir kam, und dich ſo ärmlich gekleidet ſah, da iſt es mir wohl ums Herz geworden. Weißt Du, warum? — Ich habe gedacht: Das arme Mädchen hat mir redlich Wort gehalten. Es hat lieber arbeiten, dulden, entbehren wollen, als einen andern Liebhaber nehmen, der ihr gegeben hätte — — was ich ihr gegeben habe — — ſo lange ich konnte. — Dieſer Gedanke, Cephiſe, hat mir die Seele erfriſcht — — und ich bedurfte es — — denn ich brannte — — und ich brenne noch.“ (Hier ballten ſich ſeine Fäuſte vor Schmerz.) „Kurz ich bin — 33 — glücklich geweſen, — es hat mir wohlgethan, und dafür danke ich Dir, brave, gute Cephiſe: — — Ja, Du biſt gut und brav geweſen, und Du haſt Recht gehabt. Ich habe nur Dich auf der Welt geliebt. Wenn ich in meiner Erniedri⸗ gung je einen Gedanken gehabt habe, der mich ein wenig aus dem Schlamm zog, der mich bedauern ließ, daß ich nicht beſſer wäre, ſo war es der Gedanke an Dich. Habe alſo Dank arme Freundin. Wenn ich ſterbe, dann ſterbe ich zu⸗ 5 frieden, und bleibe ich am Leben, ſo lebe ich glücklich. Deine Hand, brave Cephiſe. Du haſt als ehrliches Geſchöpf ge⸗ handelt.“ Thränen waren in die glühenden, trockenen Augen Jakobs getreten, als er dem Mädchen ſeine bereits kalte Hand hin⸗ reichte. Anſtatt die dargebotene Hand zu ergreifen, ſenkte die noch immer kniende Cephiſe das Haupt und wagte nicht aufzuſehen. 5 „Du antworteſt mir nicht?“ ſagte Jakob. „Du nimmſt meine Hand nicht? Warum das?“ * Das unglückliche Geſchöpf antwortete nur durch unterdrück⸗ tes Schluchzen. Von Scham niedergedrückt, berührte ſie mit ihrer Stirn die Füße ihres Geliebten. Jakob, betroffen über das Schweigen und die Haltung der Königin Bacchanal, be⸗ trachtete ſie mit wachſendem Erſtaunen. Plötzlich begann er mit verzerrtem Geſicht und zitternden Lippen zu ſtammeln: „Cephiſe, — — ich kenne Dich — — Wenn Du nicht meine Hand nimmſt — — ſo iſt's — — weil — —.“ Die Stimme verſagte ihm. Nach einem Augenblick des Schweigens fuhr er fort: „Als ich vor ſechs Wochen ins Gefängniß geführt wurde, haſt Du mir geſagt: Jakob ich, ſchwöre Dir bei meinem Leben, ich will arbeiten. Ich will im Nothfall im äußerſten Elend leben — aber ehrlich.— — Das haſt Du mir verſprochen. Jetzt — ich weiß, Du haſt nie gelogen — jetzt ſage mir, ob Du Wort gehalten haſt, und ich will es glauben.“ Cephiſe antwortete nur mit einem herzzerreißenden Schluch⸗ zen, indem ſie die Knie Jakobs an ihre keuchende Bruſt drückte. Dieſer Menſch, welcher ſeit ſeinem Austritt aus dem Gefängniß, allen mörderiſchen Lockungen Moroks nach⸗ gebend, aus einem Rauſch in den andern, aus einer Aus⸗ Viu. 8 32 ſchweifung in die andere gerathen und faſt zum Thier her⸗ abgeſunken war, er fühlte es, wie einen Stich im Herzen, als das ſtumme Bekenntniß Cephiſens ihm die Untreue die⸗ ſes Geſchöpfes verrieth, welches ihm nie ſeine Entehrung verhehlt hatte. Dieſer Widerſpruch iſt ſonderbar genug, kommt aber häufiger vor, als man glaubt. Trotz ſeiner Schwäche richtete er ſich empor mit Wuth und Verzweiflung im Geſicht, ergriff ein Meſſer und zückte es gegen Cephiſen. Aber in dem Augenblick, wo er zuſtoßen wollte, bebte er vor dem Gedanken eines Mordes zurück, warf das Meſſer weg und ſank, ſein Geſicht in beiden Händen verbergend, auf den Stuhl nieder. Nini Muulin ſtieß einen Schrei des Entſetzens aus und wollte eben dem Raſenden das Meſſer entreißen, als dieſer es wegwarf. Bei jenem Schrei ſah Cephiſe auf. Als ſie die ſchmerzvolle Niedergeſchlagenheit Jakobs bemerkte, ſprang ſie auf, fiel ihm, trotz ſeinem Widerſtreben, um den Hals und rief: „Jakob! wenn Du wüßteſt . . o Gott! — — wenn Du wüßteſt. Höre mich an! Verdamme mich nicht ungehört. Ich will Dir Alles ſagen — ſo wahr Gott lebt, Alles ohne zu lügen. Dieſer Menſch“ (ſie deutete auf Mo⸗ rok) „wird ſich nicht unterſtehen es zu leugnen . er iſt zu mir gekommen und hat geſagt: „Haben Sie das Herz . .. „Ich mache Dir keine Vorwürfe,“ ſagte Jakob mit ſchwa⸗ cher Stimme, indem er Cephiſen zurückdrängte. „Ich habe nicht das Recht dazu. Laß mich in Ruhe ſterben. Mehr verlang' ich nicht. .. Glücklicher Weiſe hab' ich mein Theil,“ fügte er bitter lächelnd hinzu. „Ich wußte wohl — — was ich that — — als ich den Zweikampf — — auf Cognae — — annahm.“ „Nein! Du ſollſt nicht ſterben, Du ſollſt mich anhören!“ rief Cephiſe mit wehmüthiger Miene. „Und alle Leute hier ſollen mich anhören. Sie ſollen ſehen, ob ich ſchuldig bin. Nicht wahr, meine Herren, wenn ich Mitleid verdiene, dann bitten Sie Jakob, daß er mir verzeiht. Wenn ich keine Arbeit finden konnte und von Elend getrieben, mich verkauft habe, nicht der Ueppigkeit zu Gefallen — Sie ſehen meine Lumpen —, ſondern um mir Brod und meiner todtkranken Schweſter, die noch elender iſt, ein Obdach zu —— —— verſchaffen: dann iſt wohl Grund mich zu bedauern. Sonſt heißt es, man verkauft ſich zu ſeinem Vergnügen.“ Sie be⸗ gleitete dieſe Worte mit einem gräßlichen Lachen und fuhr dann ſchaudernd mit leiſer Stimme fort: „Jakob, wenn Du wüßteſt, wie ſchändlich, wie abſcheulich es iſt, ſich ſo zu ver⸗ kaufen! Lieber wollt' ich ſterben, als es nochmals thun. Eben wollte ich mich umbringen, als ich erfuhr, daß Du hier wäreſt.“ Jakob ſchüttelte traurig den Kopf und ſank immer mehr zuſammen, obwohl Nini Moulin ihn aufrecht zu halten ſuchte. Cephiſe ſtreckte die gefalteten Hände gegen ihn aus und flehte; „Jakob, ein Wort — nur ein Wort des Erbar⸗ mens — der Verzeihung!“ „Meine Herren,“ rief Morok, „ſchaffen Sie doch dies Weib weg. Ihr Anblick erregt meinem Freund ein zu ſchmerz⸗ liches Gefühl“ „Kommen Sie, liebes Kind,“ ſagten mehre mitleidige Gäſte, indem ſie ſich bemühten, Cephiſen fortzuführen. „Kommen Sie mit uns. Es hat keine Gefahr mit ihm.“ „Ach, meine Herren! rief das elende Geſchöpf, die Hände faltend. „Hören Sie mich an — — laſſen Sie mich Ihnen ſagen — — — ich will ja Alles thun, was Sie wollen — — — ich will weggehen. Aber um Gotteswillen ſchicken Sie nach Hülfe, laſſen Sie ihn nicht ſo ſterben. — Sehen Sie nur! — Gott! — er leidet hölliſche Schmerzen! — — ſeine Zuckungen ſind gräßlich!“ „Sie hat Recht, man ſollte einen Arzt holen,“ ſagte ei⸗ ner der Gäſte und ging nach der Thür. „Wo iſt denn jetzt ein Arzt zu finden?“ bemerkte ein An⸗ derer. „Sie ſind viel zu ſehr beſchäftigt.“ „Wir wollen etwas beſſeres thun,“ ſagte ein Dritter. „Dort gegenüber iſt das Hötel Dieu. Dahin wollen wir den armen Jungen bringen, damit ihm der erſte ärztliche Bei⸗ ſtand geleiſtet wird. Wir legen ihn auf einen Tiſchanſatz und decken ihn mit einem Tiſchtuch zu.“ „Ja, ja, richtig!“ riefen mehre Stimmen. „Wir wollen ihn hinübertragen und das Haus verlaſſen.“ Jakob, deſſen Eingeweide von dem Getränk zerfreſſen wur⸗ den und deſſen Gemüth durch die Worte Cephiſens aufs hef⸗ geſchrei von der Liebfrauenkirche her, wo, wie es hieß, ein — tigſte erſchüttert war, lag in einem neuen heftigen Nerven⸗ anfall. Das war ſein Todeskampf. Man mußte ihn mit den Zipfeln des Tiſchtuchs feſt anbinden, damit er nicht von dem Brett herabſtürzte. Zwei Gäſte trugen ihn fort. Ce⸗ phiſe erlangte als letzte Gnade, daß ſie ihren Geliebten bis ans Hoſpital begleiten durfte. Als dieſer traurige Zug den großen Saal des Speiſewirths verließ, begann eine allgemeine Flucht unter den Gäſten. Männer und Weiber wickelten ſich in ihre Mäntel, unter de⸗ nen ſie ihre Maskenkleider verbargen. Glücklicherweiſe wa⸗ ren die zur Heimfahrt beſtellten Kutſchen ſchon angekommen, ſo daß die Geſellſchaft, nachdem ſie den angekündigten kecken Spaß durchgeführt, mit den Kriegsehren abziehen konnte. In dem Augenblick, wo ein Theil der Gäſte ſchon außer dem Saal, und ein Theil noch darin war, erhob ſich auf dem Liebfrauenplatz ein wüthendes Geſchrei, welches immer nä⸗ her kam. Jakob war bis an die Hausthür des Wirthshauſes ge⸗ bracht worden. Morok und Nini Moulin gingen voraus, um den Trägern einen Weg durch das Gedräng zu bahnen. Sie waren noch nicht weit gekommen, als ein Menſchenſtrom ſie nöthigte ſtill zu ſtehen. Wildes Geſchrei tönte mit verdop⸗ pelter Heftigkeit von der andern Seite des Platzes, an der Ecke der Kirche, herüber. Einen Menſchen mit gemeinem Ge⸗ ſicht, der vor ihm her ſprang, fragte Nini Moulin „Was gibts denn? Was bedeutet denn dies Geſchrei?“ — „Ein Giftmiſcher wird gepfeffert, wie ſchon einer, der eben ins Waſ⸗ ſer geworfen iſt,“ antwortete der Kerl. „Wollen Sie den Spaß genießen, ſo machen Sie es wie ich, und brauchen Sie Ihre Ellenbogen, ſonſt kommen wir zu ſpät.“ Kaum hatte der Menſch dieſe Worte geſprochen, ſo erſcholl ein entſetzlicher Schrei in dem Geſumme der Volksmenge, durch welche die Träger Liegganznackts ſich durcharbeiteten. Cephiſe hatte dieſen Schrei ausgeſtoßen. Jakob, einer der ſieben Erben der Familie Rennepont, war in ihren Armen verſchieden. In demſelben Augenblick, wo der verzweiflungsvolle Aus⸗ ruf Cephiſens den Tod Jakobs verkündete, erſcholl ein Noth⸗ Giftmiſcher umgebracht wurde. Morok, der geſchickte Meuch⸗ ler, welcher Trunkenheit und Ausſchweifungen als Waffen gebraucht hatte, fühlte ſich in der Freude über ſein gelunge⸗ ues Werk geſtört. „Höll' und Teufel!“ rief er. „Das iſt die Stimme des Abbé Aigrigny, der maſſacrirt wird!“ Sechstes Kapitel. Die Auftritte, welche wir zu beſchreiben haben, ſind ſcheuß⸗ lich. Dürften wir irgend hoffen, daß die Schilderung der⸗ ſelben eine Wirkung hervorbrächte, ſo wäre ihr Zweck, durch den Abſcheu, den ſie vielleicht einflößt, ſolche jeweilige Aus⸗ brüche der Unmenſchlichkeit bei einer unwiſſenden, von viehi⸗ ſchen Anführern irre geleiteten Menge zu verhüten. Die abgeſchmackteſten beunruhigenden Gerüchte waren zu Paris in Umlauf. Man ſprach nicht nur von Vergiftung der Kranken und der öffentlichen Brunnen, ſondern man er⸗ zählte auch, es ſeien Kerle ertappt worden, welche Gift in die Krüge auf den Zähltiſchen der Weinwirthe geworfen hätten. Morok hatte den Goliath auf den Platz am Biſchofshof geſchickt, eine Botſchaft an den Pater Aigrigny auszurichten und ihn angewieſen, nachher wieder zu ihm zu kommen. Un⸗ terwegs kehrte der Rieſe in einem Weinhaus in der Mang⸗ gaſſe ein, ließ ſich zwei Gläſer Wein geben und bezahlte ſie, nachdem er ſie getrunken. Während die Wirthin das Geld zuſammenſuchte, welches ſie ihm herauszugeben hatte, legte Goliath, ohne dabei an etwas zu denken, ſeine Hand auf die Oeffnung eines Krugs. Seine ungewöhnlich große Ge⸗ ſtalt und ſein abſtoßendes Geſicht hatte ſchon die Wirthin beunruhigt, welche von den Giftmiſchern gehört hatte. Als ſie nun gar den Rieſen ſeine Hand auf die Oeffnung eines ihrer Krüge legen ſah, rief ſie: „Um Gotteswillen! Sie ha⸗ ben etwas in meinen Krug geworfen. Bei dieſem Ausruf ſprangen einige der Güſte auf und lie⸗ fen an den Zähltiſch. Einer von ihnen rief unbeſonnener Weiſe: „Das iſt ein Vergifter!“ Goliath, dem die umlaufenden Gerüchte nicht zu Ohren gekommen waren, begriff den Sinn dieſer Anſchuldigung nicht. Die Gäſte ſchrien ihn immer lauter an. Im Gefühl ſeiner Kraft zuckte er höhniſch die Achſeln und verlangte barſch von der Wirthin ſein Geld, welches dieſe in ihrer Verwirrung vergaß ihm herauszugeben. „Spitzbube! du ſollſt dein Geld haben, wenn du ſagſt, was du in den Krug geworfen haſt!“ ſchrie einer der Gäſte ſo laut, daß mehre Vorübergehende ſtehen blieben. „Was?“ fragte einer von dieſen. „Er hat etwas in den Krug geworfen?“ „Das iſt vielleicht ein Vergifter!“ ſagte ein anderer. „Dann muß man ihn feſtnehmen,“ meinte ein dritter. „Ja! ja! riefen die Gäſte, welche vielleicht ganz ordent⸗ liche Leute, aber von dem allgemeinen Schrecken ergriffen waren. „Man muß ihn feſtnehmen Er iſt darüber ertappt wie er Gift in einen der Krüge auf dem Zähltiſch warf.“ Die Worte: Das iſt ein Vergifter! gingen von Mund zu Mund in der Gruppe an der Thür des Weinwirths, welche anfangs nur aus drei Perſonen beſtand und ſich jeden Augenblick vergrößerte. Drohendes Gemurnel erhob ſich. Der Gaſt, welcher zuerſt die Anklage erhoben hatte, ſah ſeine Beſorgniſſe getheilt und damit faſt gerechtfertigt. Er glaubte die Pflicht eines guten, beherzten Bürgers zu erfüllen, in⸗ dem er Goliath am Kragen packte und rief: „Komm, Spitz⸗ bube und verantworte dich auf der Wache!“ Der Rieſe, ſchon ſehr aufgebracht über die ihm unbegreif⸗ lichen Schmähworte, gerieth in Zorn über dieſen plötzlichen Angriff, warf ſeinen Gegner auf den Zähltiſch und ſchlug mit der Fauſt auf ihn los. Indem er ihn niederwarf, zer⸗ brach er einige Flaſchen und Fenſterſcheiben. Die Wirthin ſchrie in ihrer Angſt: „Hülfe! Wache! Ein Vergifter! Ein Mörder!“ Dieſer Ruf und das Klirren des zerbrechenden Glaſes zog den Haufen der Vorübergehenden, von denen Viele an die Vergifter glaubten, in die Wirthsſtube. Sie wollten den Gäſten helfen, ſich des vermeintlichen Verbrechers zu bemäch⸗ tigen. Nach einem Kampf von wenigen Augenblicken hatte Goliath von ſieben bis acht Angreifern die zwei wüthendſten zu Boden geſchleudert, die übrigen auf die Seite geworfen und ſtürzte ſich mit geſenktem Kopf, wie ein gehetzter Stier auf die Menge, welche den Ausgang verſperrte. Mit Kopf, Schultern und Armen brach er ſich Bahn und lief, was er laufen konnte, mit zerriſſenen Kleidern und vor Zorn blei⸗ chem Geſicht nach dem Liebfrauenplatz zu. Ein großer Theil des Haufens rannte ihm nach und ſchrie: „Halt! halt den Vergifter feſt!“ Ein Metzgerknecht, dermit einem großen leeren Korb auf dem Kopf daher kam, nahm dieſen Korb und warf ihn dem ver⸗ meintlichen Verbrecher zwiſchen die Beine. Goliath ſtrau⸗ chelte und fiel zu Boden. Der Metzgerknecht, in der Mei⸗ nung, eine eben ſo große Heldenthat zu thun, wie wenn er ſich auf einen tollen Hund ſtürzte, warf ſich auf Goliath und wälzte ſich mit ihm auf dem Pflaſter unter dem Ruf: „Zu Hülfe! Ein Vergifter!“ Dies geſchah nicht weit von der Liebfrauenkirche, aber ziemlich weit von der Menge, welche ſich am Eingang des Hötel Dieu drängte, und von dem Speiſehaus, wo der Mum⸗ menſchanz der Cholera eingezogen war. Auf das durchdrin⸗ gende Geſchrei des Metzgers hefen einige Gruppen mit der Lan⸗ gen Zwiebel und dem Steinbrecher an der Spitze nach dem Kampfplatz, während die Leute, welche den vermeintlichen Vergifter von der Manggaſſe her verfolgten, ihrerſeits nach dem Liebfrauenplatz kamen Beim Anblick dieſer drohenden Haufen merkte Goliath, daß er verloren wäre, wenn er ſich nicht vor allen Dingen des Metzgers entledigte, der auf ihm lag und hartnäckig, wie eine Bullgdogge mit ihm kämpfte. Mit einem gewaltigen Fauſtſchlag zerbrach er ihm die Kinnlade, rang ſich von ihm los, ſprang auf und machte noch betäubt einige Schritte vorwärts. Plötzlich blieb er ſtehen. Er ſah ſich umringt. Hinter ihm erhoben ſich die Mauern der Hauptkirche; links, rechts * und von vorn lief eine feindſelige Menge auf ihn zu. Das Jammergeſchrei des Fleiſchers, der blutend aufſtand, vermehrte noch den Zorn des Volks. Dies war ein ſchrecklicher Angen⸗ blick für Goliath, als er in einem mit jeder Secunde enger werdenden Raum von allen Seiten grimmige Feinde unter Mordgeſchrei auf ſich eindringen ſah. Wie ein umſtellter Eber ſich erſt ein paarmal um ſich ſelbſt herumdreht, bevor er ſich entſchließt, der Meute die Spitze zu bieten, ſo machte Goliath, von Schrecken betäubt, erſt einige ungewiſſe Schritte da⸗ und dorthin. Endlich ſagte ihm ein dunkles Gefühl, daß er bei Unmöglichkeit der Flucht von einer blind wüthenden Menge kein Erbarmen zu hoffen habe, und er beſchloß ſein Leben ſo theuer wie möglich zu verkaufen. Er ſuchte ſein Meſſer in ſeiner Taſche. Da er es nicht fand, ſtemmte er ſich in der Auslage eines Fechters auf ſein linkes Bein, ſtreckte ſeine ſtrammen, eiſenfeſten Arme halbgebogen vor und er⸗ wartete den Anlauf. Die erſte Perſon, welche bei Goliath ankam, war die Lange Zwiebel. Anſtatt ſich auf ihn zu ſtürzen, blieb die Herxe athemlos ſtehen, bückte ſich, ergriff einen ihrer ſchweren Holzſchuhe und ſchleuderte ihn dem Rieſen mit ſolcher Kraft und Geſchicklichkeit an den Kopf, daß ſie ihn gerade ins Auge traf, und daß dies blutend halb aus ſeiner Höhle her⸗ vordrang. Goliath ſtieß einen gräßlichen Schrei des Schmer⸗ zens aus und fuhr mit beiden Händen nach ſeinem Geſicht. Die Lange Zwiebel ſchlug ein Gelächter auf und rief: „Ich habe ihn zum Schielen gebracht.“ Raſend vor Schmerz wartete Goliath nicht länger den Angriff der noch ängſtlich zögernden Menge ab und ſtürzte ſich auf die nächſte Gruppe. Der Steinbrecher, ſein würdiger Gegner, war im Gedräng zurückgeſchoben worden. Die Ver⸗ zweiflung verdoppelte die Kraft des Rieſen. Bald ward er völlig unſichtbar in dem Schwarm der Angreifer, bald ſah man einen ſeiner Rieſenarme in die Höhe fahren und wie einen Hammer auf Schädel und Geſichter niederfallen, bald bog ſich ſein Kopf mit dem braun und blau geſchlagenen blutigen Geſicht rückwärts, indem einer der Angreifenden ſich an ſein krauſes Haar anklammerte. Die ſtoßweiſen, wellen⸗ förmigen Bewegungen in der Menſchenmaſſe bezeugten die — unglaubliche Kraft, mit welcher Goliath ſich wehrte. Endlich gelang es dem Steinbrecher, an ihn zu kommen und ihn niederzuwerfen. Ein langer Ausruf wilder Freude kündigte dieſen Sturz an. Unter ſolchen Umſtänden iſt fallen ſo gut wie todt ſein. Tauſend keuchende Stimmen riefen zornig: „Schlagt ihn todt, den Vergifter!“ Nun begann eine Marter, wie man ſie nur von Wilden erwarten kann. Solche Scheußlichkeiten ſollte man kaum für möglich halten und um ſo weniger, wenn man hört, daß dabei als unthätige Zeugen oder wol gar als mitwirkende — Leute zugegen ſind, welche ſonſt als wackere und ſelbſt als menſchliche Leute erſcheinen, die aber durch dumme Meinungen oder Vorurtheile irregeleitet ſich zu allen Barbareien hin⸗ reißen laſſen, welche ſie für eine Handlung unerbittlicher Ge⸗ rechtigkeit halten. Das Blut, welches in Strömen aus Goliaths Wunden floß, berauſchte die Angreifer und ver⸗ doppelte ihre Wuth. Sie trampelten auf ihm herum, zer⸗ traten ihm das Geſicht, zerſtießen ihm die Rippen. Dumpfe Schläge, auf welche erſtickte Seufzer folgten, vernahm man zwiſchen dem Geſchrei: „Schlagt ihn todt! Auf ihn!“ Jeder wollte ein Stück von ſeinem Leib reißen. Sogar Weiber — ſelbſt Mütter fielen wüthend über den zerfetzten Körper her. Endlich glaubten die Wüthenden, ihm den Reſt gegeben zu haben und ließen ermüdet von ihm ab. Wie oft bei Sterbenden die letzte Kraft ſich in einer gewaltigen krampf⸗ haften Bewegung äußert, ſo war es bei Goliath. Er ſprang plötzlich auf die Füße und ohne zu ſehen ſchlenkerte er die Arme hin und her, als wollte er Schläge abwehren. Das Blut ſtrömte aus ſeinem Mund und er murmelte: „Gnade — — ich habe nicht vergiftet .. Gnade!“ Es war als ob ein Todter aus dem Grab aufſtünde. Ent⸗ ſetzt wich die Menge zurück. Das Geſchrei hörte auf. In einigen Herzen regte ſich ſelbſt Mitleid. Da trat der Stein⸗ brecher in den Raum, welchen die weichende Menge frei ge⸗ laſſen hatte, und rief mit grauſigem Scherz dem Herumtaſten⸗ den wie beim Blindekuhſpiel zu: „Brich 's Genick!“ Und mit einem Tritt auf den Leib ſtürzte er den Unglücklichen aber⸗ mals nieder, deſſen Kopf zweimal auf dem Pflaſter aufſchlug — In dem Augenblick, wo der Rieſe ſtürzte, rief eine Stimme aus dem Haufen: „Das iſt Goliath! — — Haltet inne! — Der Unglückliche iſt ſchuldlos!“ Es war der Pater Aigrigny, welcher ſo rief. Einem Ge⸗ fühl menſchlicher Theilnahme folgend, drängte er ſich mit aller Kraft in die vorderſte Reihe der Raſenden und bleich ſchrie er mit dem Ausdruck drohenden Unwillens: „Ihr ſeid elende Mörder! Dieſer Menſch iſt unſchuldig. Ich kenne ihn. Ihr haftet für ſein Leben!“ Ein lautes drohendes Gemurmel erhob ſich auf dieſe hefti⸗ gen Worte. Der Steinbrecher faßte den Jeſuiten beim Kragen und rief: „Du kennſt dieſen Vergifter? Du biſt wol auch einer.“ „Elender!“ rief Aigrigny, indem er ſich loszureißen ſuchte. „Du unterſtehſt dich, Hand an mich zu legen?“ „Ja, ich unterſtehe mich,“ antwortete der Steinbrecher. „Er kennt ihn! er iſt ein Vergifter wie der Andere!“ ſchrien Mehre aus dem Haufen, welcher ſich an die Beiden herandrängte, während Goliath, der ſich in ſeinem Sturz die Hirnſchale aufgeſprengt hatte, ein Todesröcheln hören ließ. Aigrigny riß ſich mit einer raſchen Wendung von dem Stein⸗ brecher los. Bei dieſer Bewegung fiel eine Flaſche von dicken Kryſtall von eigenthümlicher Form, angefüllt mit einer grünlichen Flüſſigkeit aus ſeiner Taſche neben Goliath auf den Boden. „Das iſt Gift!“ riefen mehre Stimmen. „Seht, er hat Gift bei ſich!“ Das Geſchrei verdoppelte ſich, und die Menge drängte ſich näher an den Abbé. „Rühret mich nicht an!“ rief er. „Bleibt mir vom Leib!“ „Wenn er ein Vergifter iſt, dann ſo wenig Gnade ſi ihn, wie für den Andern!“ rief eine Stimme. „Ich ein Vergifter?“ rief Aigrigny betroffen. Die Lange Lwiebel hatte die Flaſche aufzerafft. Der Stein⸗ brecher nahm ſie ihr aus der Hand, machte den Stöpſel her⸗ unter, reichte ſie dem Jeſuiten und ſagte: „Was iſt denn das ? „Das iſt kein Gift,“ antwortete Aigrigny. „Dann ninksh ſagte der Steinbrecher. „Ja, ja! er ſoll's trinken!“ rief die Menge. „Nein!“ erwiderte Aigrigny, entſetzt die Flaſche zurüc weiſend. — „Da ſeht!“ ſchrie die Menge Es iſt Gift. Er wills nicht trinken.“ Von allen Seiten gedrängt, ſtrauchelte Aigrigny über den Körper Goliaths. Er befand ſich in einer ſchrecklichen Lage, denn ſeine Flaſche enthielt zwar nicht Gift, aber ein ſtarkes Salz, welches, obwohl gerade beſtimmt, durch Riechen daran vor der Krankheit zu bewahren, zu trinken eben ſo gefährlich war wie Gift. „Liebe Freunde,“ rief er, „ihr ſeid im Irr⸗ thum. Im Namen des Herrn ſchwör' ich euch — — „Wenn es kein Gift iſt, ſo ſauf's!“ unterbrach der Stein⸗ brecher, ihm abermals die Flaſche hinreichend. „Säufſt dus nicht, ſo biſt du des Todes, wie dein Kamerad, denn du ver⸗ gifteſt die Leute wie er.“ „Ja! todt! todt!“ ſchrie die Menge. Das Entſetzen ſträubte dem Marquis die Haare empor. „Unglückſelige!“ rief er, „wollt ihr mich denn umbringen?“ „Und die Leute, die du und dein Geſell vergiftet habt?“ „Es iſt nicht wahr! — — “ „So ſauf'“ wiederholte der unbeugſame Steinbrecher. „Zum letzten Mal: entſchließ dich!“ „Trinken? — — das? — — das iſt tödlich!“ rief Agrigny. „Da ſeht den Spitzbuben!“ ſchrie die Menge, ſich dichter zuſummendrängend. „Er geſteht! — — Er geſteht! — — Er hat ſich verrathen! — — Er hat geſagt, das wäre tödt⸗ lich zu trinken!“ „So hört mich doch an!“ flehte der Abbé. „Dieſe Flaſche eth Wüthendes Geſchrei unterbrach ihn. „Lange Zwiebel!“ rief der Steinbrecher, dem Rieſen einen Stoß mit dem Fuß gebend, „mache den da fertig, ich will den hier anfangen.“ Und er packte den Abbé an der Kehle. Es bildeten ſich zwei Gruppen. Die eine, angeführt von der Langen Zwiebel, gab dem Rieſen den Reſt mit Fuß⸗ tritten, Steinen und Holzſchuhen, ſo daß ſein Köper bald nur noch ein zuſammengekneteter Klumpen von Koth und zerquetſchtem Fleiſch war. Die Here gab ihren Tartan her. Dieſer ward an einen ſeiner Füße geknüpft, und ſo ſchleiften die Raſenden den Leichnam nach dem Geländer des Kais. Dert warfen ſie ihn unter wildem Jubel in den Fluß. Wer ſchaudert nun nicht bei dem Gedanken, daß in einer Zeit der Aufregung ein einziges von einem vielleicht redlichen Menſchen ohne Haß ausgeſprochenes unüberlegtes Wort eine ſo gräßliche Mordthat veranlaſſen kann! Der Gaſt in dem Wirthshaus in der Manggaſſe hatte geſagt: Das iſt viel⸗ leicht ein Vergifter! Und darauf hin war Goliath ohne Barmherzigkeit ermordet worden. Wie dringend nöthig iſt es alſo, Unterricht und Aufklärung in die unterſten Schichten der Maſſen dringen zu laſſen und damit viele arme Menſchen in Stand zu ſetzen, ſich dummer Vorurtheile, und verderb⸗ lichen Aberglaubens, die leicht zu unverſöhnlicher Wuth führen, zu erwehren! Wie kann man ruhige Ueberlegung, Selbſtbeherrſchung und Sinn für Gerechtigkeit erwarten von Menſchen, die man ſich ſelbſt überläßt, ſo daß ſie durch Un⸗ wiſſenheit thieriſch, durch Elend ſchlecht, durch Leiden grimmig werden, und um welche die Geſellſchaft ſich erſt bekümmert, wenn ſie auf die Galeeren geſchmiedet oder für den Sarf⸗ richter geknebelt werden ſollen? Der Angſtſchrei, durch welchen Morok erſchreckt wurde, war von Aigrigny iuseſoßen als der Steinbrecher Hand an ihn legte und rief: „Lange Zwiebel, mache den da fertig; ich will ven hier anfangen!“ Siebentes Kapitel. e Es war faſt völlig Nacht, als die verſtümmelte Leiche Go⸗ iaths in die Seine geworfen wurde. Die fluthende, Bewe⸗ gung der Volksmenge hatte die von dem Steinbrecher ange⸗ führte Gruppe bis in die Gaſſe längs der linken Seite der Kirche gedrängt. Aigrigny hatte ſich abermals von dem Steinbrecher losgearbeitet, konnte aber darum doch nicht ent⸗ fliehen, weil die Menge, welche ſich unter dem Ruf: Schlägt den Vergifter todt! an ihn herandrängte, ihn von allen Seiten einſchloß. Er wich Schritt für Schritt zurück und ſuchte die Schläge, welche man gegen ihn führte, abzuweh⸗ ren. In dieſem gefahrvollen Augenblick fand er die Eigen⸗ ſchaften des Kriegsmanns in ſich wieder. Mit Geiſtesgegen⸗ wart, Gewandtheit und Muth erhielt er ſich auf den Füßen. An dem Beiſpiel Goliaths hatte er geſehen, daß fallen hier ſo gut war, wie todt ſein. Obwohl er kaum hoffen konnte, von einem Helfer gehört zu werden, rief er doch aus Lei⸗ beskräften um Hülfe. Zurückweichend, manöverirte er ſo, daß er ſich einer der Seitenmauern der Kirche näherte. End⸗ lich gelang es ihm, ſich mit beiden Schultern an die Schen⸗ kel eines Winkels anzulehnen, welchen ein Pfeiler dicht ne⸗ ben einem Pförtchen mit der Wand bildete In dieſer Stel⸗ lung war er vor einem Theil der gegen ihn gerichteten An⸗ griffe gedeckt. Der Steinbrecher wollte ihm das letzte Ret⸗ tungsmittel rauben. Er ſtürzte ſich auf ihn, um ihn zu packen und in die Mitte des Kreiſes zu ziehen, wo er todt getreten worden wäre. Die Todesangſt verlieh dem Zeſuiten eine ungewöhnliche Kraft. Er ſtieß den Steinbrecher nach⸗ drücklich zurück und blieb, wie eingekeilt, in ſeiner Ecke ſtehen. Der Widerſtand des Schlachtopfers verdoppelte die Wuth der Angreifer. Das Mordgeſchrei erſcholl mit neuer Hef- tigkeit. Abermals warf ſich der Steinbrecher auf ihn unter dem Ruf: „Herbei, Freunde! Das dauert zu lang! Wir müſſen ihn fertig machen!“ Aigrigny hielt ſich für verloren. Erſchöpft, fühlte er ſich einer Ohnmacht nahe. Es wurde ihm ſchwarz vor den Augen, und er hörte nur halb das Ge⸗ heul der Wüthenden. Die Wirkung mehrer heftigen Schläge, die er auf den Kopf und auf die Bruſt empfangen hatte, zeigte ſich in einem blutigen Schaum, der mehrmals auf ſeine Lippen trat. „Unter den Schlägen dieſer Beſtien ſterben, nachdem ich im Krieg ſo oft dem Tod entgangen bin!“ dachte der ehemalige Huſarenoberſt, als der Steinbrecher wieder auf ihn los ſtürzte. In dem Augenblick, wo der Abbé zum letzten Mal jam⸗ mernd um Hülfe rief. ging plötzlich das Pförtchen neben ihm auf. Eine Hand faßte ihn und zog ihn in die Kirche. Der — Steinbrecher, welcher ſeinen Anlauf genommen hatte, fuhr wider die Perſon, welche ſich, ſo zu ſagen, an die Stelle des Schlachtopfers geſtellt hatte. Er blieb ſtehen und wich dann zwei Schritt zurück. Er und ſeine Begleiter waren verblüfft von dieſer plötzlichen Erſcheinung. Ein dunkles Gefühl ehr⸗ furchtsvoller Bewunderung bemächtigte ſich ihrer, als ſie Den⸗ jenigen ſahen, welcher dem Verfolgten ſo wunderbar zu Hülfe gekommen war. Dieſer Helfer war Gabriel. Er blieb auf der Schwelle des Pförtchens ſtehen. Sein langes ſchwarzes Prieſterkleid trat wie ein Schattenriß aus der halberleuchteten Tiefe des Doms hervor. Sein liebliches Engelsgeſicht von langen, blonden Haaren umgeben, bleich, mit dem Ausdruck des Schmerzes und des Mitleids, war von dem letzten Schimmer der Dämmerung ſanft erhellt. Das in göttlicher Schönheit ſtrahlende Geſicht drückte ein ſo rührendes Mitleid aus, daß die Menge gerührt ward, als Gabriel mit Thränen in ſei⸗ nen großen, blauen Augen, mit gefalteten Händen und heller, zitternder Stimme bat: „Gnade, meine Brüder! Seid menſch⸗ lich! ſeid gerecht!“ Der Steinbrecher erholte ſich indeß bald von ſeiner erſten Ueberraſchung und von der unwillkürlichen Rührung. Er trat einen Schritt vor und rief: „Keine Gnade für den Vergif⸗ ter! Wir müſſen ihn haben. Heraus damit, oder wir holen ihn!“ „Wo denkt ihr hin, liebe Brüder?“ erwiderte Gabriel. „Aus dieſer Kirche? von der geweihten Stätte? aus der Zu⸗ fluchtsſtätte für Alles, was verfolgt iſt?“ „Wir packen unſeren Vergifter, und wäre es auf dem Al⸗ tar!“ erwiderte trotzig der Steinbrecher. „Alſo heraus mit ihm!“ „ „Brüder, hört mich an,“ ſagte Gabriel, die Arme gegen den Schreier erhebend. „Weg mit dem Pfaffen!“ rief der Steinbrecher. „Der Ver⸗ gifter verſteckt ſich in der Kirche. Vorwärts in die Kirche!“ „Ja, ja!“ rief die Menge, fortgeriſſen von der Wuth ihres Anführers. „Weg mit dem Pfaffen!“ „Sie verſtehen ſich unter einander!“ „Weg mit den Pfaffen!“ — „Hinein, wie in den Biſchofshof!“ „Wie in St. German von Auxerre!“ „Was machen wir uns aus einer Kirche!“ „Wenn die Pfaffen die Vergifter vertheidigen, dann ins Waſſer mit ihnen!“ „Ja, ja!“ „Und ich will euch den Weg weiſen!“ rief der Steinbre⸗ cher. Und mit der Langen Zwiebel und einer Anzahl ent⸗ ſchloſſener Menſchen hinter ſich, ſetzte er ſich gegen Gabriel in Bewegung. ⸗ Der Miſſionär, welcher ſeit einigen Augenblicken den Zorn der Menge wieder auflodern ſah, ſprang in die Kirche zu⸗ rück, warf die Thür zu und ſperrte ſie ſo gut wie möglich mit einer Stange, die er mit dem einen Ende auf die Plat⸗ ten des Fußbodens, und mit dem andern unter ein Querſtück der Thür ſtemmte. Dabei rief er dem Abbé zu: „Fliehen Sie, ehrwürdiger Vater, — durch die Sacriſtei! die andern Ausgänge ſind verſchloſſen!“ Der Jeſuit, mit Beulen bedeckt, von kaltem Schweiß be⸗ netzt, war erſchöpft und halb ohnmächtig auf einen Stuhl niedergeſunken. Er hatte ſich für gerettet gehalten. Auf den Zuruf Gabriels raffte er ſich wieder auf und ſuchte, ſo ſchnell er konnte, mit wankenden Schritten den Chor zu erreichen, der durch ein Gitter von der übrigen Kirche getrennt war. „Geſchwind, ehrwürdiger Vater!“ rief Gabriel, der mit Anſtrengung aller Kräfte die Thür zuzuhalten ſuchte. „Eilen Sie! — — In einigen Minuten — — iſt es zu ſpät!“ Und in Verzweiflung ſagte er für ſich: Gott! ſo allein zu ſein, — — um den Andrang dieſer Wahnſinnigen abzu⸗ wehren!“ Er war allein, denn auf den erſten Lärm hatten vier Sa⸗ eriſtane und andere Kirchendiener, eingedenk der Verwüſtung des Biſchofshofs und der Kirche zu St. German von Auxerre ſofort die Flucht ergriffen, theils auf die Orgel, theils durch die Sacriſtei, deren Thüren ſie verſchloſſen, ſomit den beiden Geiſtlichen jede Rettung abſchneidend. Aigrigny, durch ſeine Schmerzen niedergedrückt, hielt ſich an den Stühlen, an welchen er vorbei kam. Aber verge⸗ bens bemühte er ſich, das Gitter des Thors zu erreichen. . Nach einigen Schritten ward er von Schrecken und Schmer⸗ zen ſo völlig übermannt, daß er taumelte, niederſank und be⸗ ſinnungslos auf die Platten des Fußbodens fiel. In dieſem Augenblick fühlte Gabriel, der eine unglaubliche Kraft entwickelte, um die Thür zuzuhalten, wie dieſe endlich, durch einen furchtbaren Stoß erſchüttert, nachzugeben anfing. Er wandte den Kopf zurück, um zu ſehen, ob Aigrigny die Kirche verlaſſen habe. Zu ſeinem Entſetzen ſah er ihn einige Schritt vom Chor regungslos da liegen. Blitzſchnell ſprang er von der Thür weg nach dem Chor hin, hob den Jeſuiten auf und ſchleifte ihn in den Chor. Er verſchloß das Gitter in dem Augenblick, wo der Steinbrecher und ſeine Bande durch die eingeſtoßene Thür in die Kirche draugen. Die Arme, auf der Bruſt gekreuzt, erwartete Gabriel ruhig und unerſchrocken vor dem Gitter des Chors, die durch den unerwarteten Wi⸗ derſtand noch mehr gereizte Menge. Als der Haufe in die Kirche ſtürmte, erhellten nur einige ſilberne Lampen ſchwach das Heiligthum, deſſen Abſeiten in völligem Dunkel lagen. Die Düſterheit, die Einſamkeit und die tiefe Stille in dieſem gewaltigen Bau machten einen ganz unerwarteten Eindruck auf die Raſenden. Das Geſchrei und die Drohungen erſtarben auf ihren Lippen. Es war, als fürchteten ſie, das Echo dieſer ſchwarzen Gewölbe wachzuru⸗ fen, von welchen eine eiskalte Feuchtigkeit eiskalt und blei⸗ ſchwer auf ihre Stirnen und Schultern herabſiel. Ueberlie⸗ ferung, Gewohnheit und Jugenderinnerungen thaten ihre Wir⸗ kung. Einige von den Genoſſen des Steinbrechers entblöß⸗ ten, ſo wie ſie eingetreten waren, ihre Häupter, ſenkten ſie, traten leiſe auf, um kein Geräuſch zu machen, und flüſterten ſich ſcheu einige Worte einander zu. Andere ſahen ſcheu zu dem Gewölb hinauf nach den höchſten Bogen des rieſenhaf⸗ ten Schiffs, und erſchraken faſt, als ſie ſich ſo klein ſahen in dieſer finſtern Unermeßlichkeit. Indeß das erſte Scherzwort, mit welchem der Steinbrecher das ehrfurchtsvolle Schweigen brach, zerſtreute dieſe Gefühle. „Tauſend Donnerwetter!“ rief er. „Schöpfen wir denn Athem, um die Vesper zu ſingen? Ja, wenn Wein im Weihkeſſel wäre, da ließ ich mir's gefallen“, Wildes Gelächter von Einzelen ſwar die auf —— dieſe Worte. Einer ſagte: „Unterdeſſen entwiſcht uns der Spitzbub!“ — „Und prellt uns,“ fügte die Lange Zwiebel hinzu. „Man meint, hier wären Haſen, die ſich vor Glöcknern fürchten,“ ſagte der Steinbrecher. „Nein! nein!“ rief der Haufe. Wir fürchten uns vor Niemand.“ „Vorwärts!“ „Ja! ja! vorwärts! hallte es nach. Die einen Augenblick geſtillte Wuth entflammte ſich von neuem. Die Eingedrungenen, deren Augen ſich mittlerweile an das Halbdunkel gewöhnt hatten, gewahrten beim blaſſen Schein einer ſilbernen Lampe die ehrfurchtgebietende Geſtalt Gabriels vor dem Gitter des Chors. „Hier in einem Win⸗ kel iſt der Spitzbub verſteckt!“ rief der Steinbrecher. „Wir müſſen den Pfarrer zwingen, uns den Vergifter heraus⸗ zugeben.“ „Er haftet für ihn!“ „Er hat ihn in die Kirche ſchlüpfen laſſen.“ „Er muß für alle beide herhalten, wenn wir den andern nicht finden!“ Je mehr ſich der erſte Eindruck unwillkürlicher Ehrfurcht in dem Haufen verwiſchte, deſto lauter wurden die Stimmen, deſto wilder und drohender wurden die Geſichter. Jeder ſchämte ſich, daß er einen Augenblick ſchwach geweſen war und ge⸗ ſchwankt hatte. „Ja, ja! riefen mehre vor Zorn zitternde Stimmen.“ Das Leben des Einen oder des Andern!“ „Oder beider!“ „Warum will uns der Pfaff hindern, unſern Vergifter zu pfeffern?“ „Schlagt ihn todt!“ Bei dieſem Ausbruch wilden Geſchreis, welches grauſig von den hohen Gewölben des Doms widerhallte, ſtürzte die raſende Menge nach dem Chorgitter, vor deſſen Thür Gabriel ſtand. Der junge Miſſionär, welcher, von den Wilden des Felſengebirges ans Kreuz geſchlagen, noch zum Herrn um Vergebung für ſeine Henker gebetet, hatte zu viel Muth und chriſtliche Liebe, um nicht tauſendmal ſein Leben zu wagen vI. * zur Rettung desſelben Aigrigny, welcher ihn mit ſo ſchänd⸗ licher Heuchelei getäuſcht hatte. Achtes Kapitel. Die Blutoegieß e Der Steinbrecher lief mit ſeiner Bande auf Gabriel zu, welcher ihnen einige Schritte vom Gitter entgegen gegangen war. Mit Wuth im Blick rief er: „Wo iſt der Vergifter? Wir müſſen ihn haben?“ „Liebe Brüder,“ ſagte Gabriel mit ſeiner klangvollen Stimme, „wer hat euch geſagt, daß er ein Vergifter wäre? Wo ſind die Beweiſe? die Zeugen? die Vergifteten? „Halt's Maul!“ rief der Steinbrecher. „Wir ſind hier nicht im Beichtſtuhl. Gebt uns unſern Mann heraus. Er muß daran glauben. Wo nicht, ſo haltet Ihr für ihn her.“ „Ja, ja!“ riefen mehre Stimmen. „Sie verſtehn ſich mit einander!“ „Einen oder den Andern!“ „Hier bin ich,“ ſagte Gabriel, das Haupt erhebend und mit ergebungsvoller majeſtätiſcher Ruhe vortretend. „Ich oder er, das iſt euch einerlei. Ihr wollt Blut. Nehmt das meinige, und ich vergebe euch, denn ein unglückſeliger Wahnſinn ver⸗ wirrt euren Geiſt.“ Dieſe Worte Gabriels, ſein Muth, ſeine edle Haltung. die Schönheit ſeines Geſichts machten Eindruck auf einen Theil der Angreifer. Plötzlich rief eine Stimme: „He! da iſt ja der Vergifter! Hinter dem Gitter!“ „Wo? wo?“ „Seht, dort! da liegt er auf dem Boden.“ Auf dieſe Worte liefen die Menſchen, welche bisher in dem mittleren Gang der Kirche zwiſchen den Stühlen einen dichten Knäuel gebildet hatten, auseinander nach dem Chorgitter, hinter welchem Aigrigny lag. Der Steinbrecher, die Lange Zwiebel und einige Andere gingen gerade auf Gabriel zu und riefen frohlockend: „Jetzt haben wir ihn. Sterben muß er!“ Gabriel würde ſich an der Thür des Gitters haben um⸗ bringen laſſen, wenn er damit den Jeſuiten hätte retten können. Aber einige Schritt von der Thür konnte das kaum vier Schuh hohe Gitter niedergeworfen oder überſtiegen werden. Er verlor alle Hoffnung, den Abbé einem ſchrecklichen Tod zu entreißen. Dennoch warf er ſich der Menge entgegen und rief: „Haltet inne, ihr armen Unſinnigen!“ Sein Ruf, ſeine Gebärde, ſeine Miene hatten einen ſo gebietenden und doch ſo liebevollen, brüderlichen Ausdruck, daß die Menge einen Augenblick ſchwankte. Aber bald er⸗ ſcholl wieder der Ruf! „Schlagt ihn todt! todt!“ „Ihr wollt ſeinen Tod?“ fragte Gabriel, noch mehr er⸗ bleichend. Ja ja“ „Nun, ſo laßt ihn ſterben, den Augenblick.“ Die Menge ward von dieſen Worten des jungen Prieſters verblüfft. Stumm, unbeweglich und wie gelähmt, ſtarrten ſie Gabriel an. „Dieſer Menſch iſt ſchuldig, ſagt ihr, „fuhr der Miſſionär mit zitternder Stimme fort. „Ihr habt ihn gerichtet ohne Beweiſe, ohne Zeugen. Einerlei. Er ſoll ſterben. Ihr werft ihm vor, er ſei ein Vergifter. Und wo ſind die von ihm Vergifteten. Ihr wißt es nicht. Einerlei. Er iſt verurtheilt. Seine Vertheidigung, das heilige Recht jedes Angeſchuldigten, ihr weigert euch, ſie anzuhören. Einerlei. Sein Urtheil iſt geſprochen. Ihr ſeid zugleich Ankläger, Richter und Scharf⸗ richter. Es ſoll ſein. Ihr habt nie dieſen Unglücklichen ge⸗ ſehen, er hat euch nie etwas zu Leid gethan, ihr wißt nicht, ob er ſonſt jemand etwas zu Leid gethan hat. Und vor den Menſchen nehmt ihr die Verantwortlichkeit für ſeinen Tod auf euch — hört ihr? — für ſeinen Tod. Es ſei denn. Euer Gewiſſen wird euch freiſprechen. Ich will es glauben. Der Verurtheilte wird ſterben. Die Heiligkeit des Gottes⸗ hauſes wird ihn nicht retten.“ „Nein! nein!“ riefen mehre tobende Stimmen. „Nein,“ fuhr Gabriel mit ſteigender Wärme fort. „Nein, ihr wollt But vergießen, und ihr wollt es vergießen ſogar . 45 in dem Tempel des Herrn. Ihr ſagt, es iſt euer Recht, ihr übtet ſchreckliche Gerechtigkeit. Aber warum ſo viele ſtarke Arme, um dieſem Sterbenden den Reſt zu geben? Warum dies Geſchrei, dieſe Wuth, dieſe Gewaltthätigkeit? Wird ſo das Gericht des Volks gehegt, des ſtarken und billigen Volks? Nein. Wenn es, ſeines Rechts gewiß, auf ſeinen Feind ſchlägt, ſo geſchieht es mit der Ruhe des Rich⸗ ters, welcher gewiſſenhaft ſeinen Ausſpruch thut. Nein, das gerechte und ſtarke Volk ſchlägt nicht blind und wüthend zu unter raſendem Geſchrei, als wollte es das Bewußtſein eines abſcheulichen Mordes übertänben. Nein, ſo darf nicht das ſchreckliche Recht geübt werden, welches ihr jetzt üben wollt. Denn ihr wollt es.“ „Ja, wir wollen es!“ riefen der Steinbrecher, die Lange Zwiebel und mehre der Hartherzigſten, während eine große Zahl ſtumm blieb; betroffen von den Worten Gabriels, der ihnen lebhaft die Abſcheulichkeit ihres Beginnens geſchildert hatte. „Ja!“ wiederholte der Steinbrecher; „es iſt unſer Recht; wir wollen den Vergifter todtſchlagen.“ Und mit blitzenden Angen und glühendem Geſicht ging er an der Spitze eines entſchloſſenen Trupps vor und ſtreckte den Arm aus, als wollte er den Miſſionär bei Seite ſchieben. Gabriel ging ihm zwei Schritt entgegen, faßte ſeinen Arm und ſagte mit feſter Stimme: „Kommt!“ Und er zog den Erſtaunten mit ſich fort, während die Uebrigen wie betäubt ſtehen blieben. Mit ſchnellen Schritten führte er ihn an das Gitter, öffnete die Thür, führte ihn zu dem am Boden liegenden Abbé und ſagte „Hier iſt das Opfer. Es iſt verurtheilt. Schlagt darauf!“ „Ich?“ ſagte der Steinbrecher zögernd, — — ich? — — allein?“ „Es iſt keine Gefahr dabei,“ bemerkte Gabriel bitter. „Ihr könnt ihm leicht den Reſt geben. Seht, er iſt durch ſein Leiden ſo weit gebracht, daß kaum noch ein Funke von Leben in ihm iſt. Er wird ſich nicht wehren. Fürchtet nichts!“ Der Steinbrecher blieb regungslos ſtehen, während der Haufen, auf welchen dieſer Auftritt einen ſonderbaren Ein⸗ druck machte, ſich dem Gitter näherte, ohne zu wagen, dar⸗ über hinaus zu gehen. 1. † „So ſchlagt denn zu!“ fuhr Gabriel fort. Hier,“ ſagte er, indem er dem Steinbrecher auf den Haufen deutete, „hier ſind die Richter und Ihr ſeid der Scharfrichter. „Nein, ich bin nicht der Scharfrichter!“ ſagte der Stein⸗ brecher zurückweichend und die Augen abwendend. Der Haufe blieb ſtumm. Einige Augenblicke ſtörte kein Laut die Stille des hohen Domes. In einem verzweifelten Fall hatte Gabriel mit tiefer Kenntniß des menſchlichen Her— zens gehandelt. Wenn die Menge, von blinder Wuth irre⸗ geleitet, auf ein Opfer mit wildem Geſchrei eindringt, wenn jeder ſeinen Schlag führt, ſo ſcheint dieſer gemeinſchaftliche Mord Allen weniger abſcheulich, weil Alle die Verant⸗ wortlichkeit unter ſich theilen, und weil das Geſchrei, der Anblick des Bluts, der verzweifelte Widerſtand des Schlacht⸗ opfers am Ende eine Art wilder Trunkenheit hervorbringen. Aber man nehme von den Raſenden, die an dem Todtſchlag Theil genommen, einen Einzelen, ſtelle ihn allein einem wehr⸗ loſen Opfer gegenüber und ſage ihm: Schlag zu! — faſt nie wird er das Herz dazu haben. So war es mit dem Stein⸗ brecher. Er zitterte bei dem Gedanken an einen Mord, den er allein kaltblütig begehen ſollte. Unter Denjenigen, welche dem Gitter am nächſten ſtanden, begriffen einige nicht den Eindruck, welchen ſie nicht weniger als der Steinbrecher empfunden haben würden, wenn zu jedem insbeſondere geſagt worden wäre: Verſieh das Amt des Scharfrichters! Sie murrten über die Schwäche ihres An⸗ führers. „Er wagt es nicht, dem Vergifter den Reſt zu geben,“ ſagte Einer. „Der Haſe! — Er hat Angſt! — Er ſchiebt ſich davon!“ riefen Andere. Der Steinbrecher ging an das Gitter, ſperrte die Thür weit auf und rief, auf Aigrigny deutend: „Wer herzhafter iſt als ich, der gebe ihm den Reſt und mache den Scharf⸗ richter. Wir wollen ſehen.“ Das Murren hörte auf. Abermals herrſchte tiefe Stille im Dom. Die eben noch ſo zornigen Mienen wurden düſter, verwirrt, faſt ängſtlich. Der irregeleitete Haufe begann, die Schändlichkeit ſeines Beginnens zu fühlen. Keiner hätte mehr gewagt, für ſich allein auf den Sterbenden zu ſchlagen. Plötzlich ließ Aigrigny ein Röcheln, wie das eines Sterben⸗ — den hören. Sein Kopf und ſein einer Arm erhoben ſich mit einer krampfhaften Bewegung und ſielen ſogleich wieder auf die Platten nieder, als ob er geſtorben ſei. Gabriel ſtieß einen Angſtſchrei aus, warf ſich neben dem Abbé auf die Knie und rief: „Großer Gott! er iſt todt!“ Bei dem durchdringenden Schrei Gabriels fühlten die Men⸗ ſchen, welche eben noch brüllend den Tod des vermeintlichen Vergifters verlangt hatten, beinahe Mitleid. So leicht iſt die Menge zum Guten wie zum Böſen zu ſtimmen! Die Worte „Er iſt todt“ gingen leiſe und nicht ohne einen ge⸗ wiſſen Schauder von Mund zu Mund. Gabriel hob mit einer Hand den ſchweren Kopf Aigrigny's in die Höhe und mit der andern fühlte er ihm den Puls. Der Steinbrecher bückte ſich zu ihm hin und fragte: „Herrf Parrer, iſt wirklich keine Rettung mehr?“ Die Antwort Gabriels wurde in ängſtlichem Schweigen erwartet. Kaum wagte Einer dem Andern ein Wort zuzu⸗ flüſtern. Plötzlich rief Gabriel: „Gott ſei gelobt! Sein Herz ſchlägt.“ „Sein Hetz ſchlägt,“ ſprach der Steinbrecher zur Menge gewandt nach. — „Sein Herz ſchlägt,“ wiederholte leiſe die Menge. „Es iſt Hoffnung da,“ fuhr Gabriel mit unausſprechlicher Freude fort. „Wir können ihn retten.“ — „Wir können ihn retten,“ ſprach der Steinbrecher nach. „Er kann gerettet werden,“ murmelte die Menge. „Geſchwind! geſchwind!“ rief Gabriel dem Steinbrecher zu. „Helft mir, Bruder, ihn in ein benachbartes Haus bringen, wo ihm die nöthige Pflege werden kann.“ Der Steinbrecher gehorchte. Während Gabriel den Jeſuiten unter den Armen ergriff, hob er ihn an den Beinen in die Höhe, und beide trugen ihn aus dem Chor. Als die Menge den furchtbaren Steinbrecher gemeinſchaftlich mit dem jungen Prieſter demſelben Menſchen Beiſtand leiſten ſah, welchen ſie vor wenigen Minuten noch mit Mordgeſchrei verfolgt hatte, empfand ſie plötzlich Mitleid. Gabriels Worte und Beiſpiel hatten eine ſolche Wirkung hervorgebracht, daß jeder wett⸗ auf einem Stuhl, den man trüge,“ bemerkte die Lange Zwiebel. eifernd ſeine Dienſte anbot. „Herr Pfarrer, er ſäße beſſer 3 — „Soll ich im Hotel Dien eine Bahre holen?“ fragte ein Anderer. — „Herr Pfarrer, ich will an Ihre Stelle treten; der Mann iſt zu ſchwer für ſie,“ ſagte ein Dritter. Ein kräftiger Mann trat ehrerbietig zu Gabriel und ſprach: „Be⸗ mühen Sie ſich nicht; laſſen Sie mich ihn tragen.“ Ein abſcheulicher Gaſſenjunge zog ſeine griechiſche Mütze ab und fragte: „Wie, wenn ich einen Wagen holte, Herr Pfarrer?“ — „Du haſt Recht; lauf!“ erwiderte der Steinbrecher. „Nein,“ rief die Lange Zwiebel, „erſt frage den Herrn Pfarrer, ob er will.“ — „Ganz recht,“ ſagte ein Mann. „Wir ſind hier in der Kirche, und da hat der Herr Pfarrer zu be⸗ fehlen.“ — „Ja, ja, eile mein Kind,“ ſprach Gabriel. Während der gefüllige Gaſſenjunge ſich durch den Haufen durchdrängte, rief eine Stimme: „Ich habe eine Feldflaſche mit Brandwein; kann das dienen?“ „Gewiß,“ antwortete Gabriel. „Gebt her. Wir wollen dem Schwachen die Schläfe damit reiben und ihn daran riechen laſſen.“ „Schickt die Flaſche und ſteckt nicht die Naſe hinein!“ rief die Lange Zwiebel. Das Fläſchchen ging behutſam von Hand zu Hand und gelangte unverſehrt zu Gabriel. Aigrigny war auf einen Stuhl geſetzt und ward von einigen Männern gehalten. Gabriel hielt ihm die Faſche unter die Naſe. Nach etlichen Minuten machte der Ohnmächtige einige leichte Bewegungen. und holte einen Seufzer aus tiefer Bruſt: „Er iſt gerettet! er wird am Leben bleiben!“ rief Gabriel frohlockend. „Das iſt gut!“ ſagten mehre Stimmen. „Ja, es iſt gut, Brüder,“ fuhr Gabriel fort. „Anſtatt von Gewiſſensbiſſen über ein Verbrechen beunruhigt zu werden, könnt ihr nun die Erinnerung an eine gute That mitnehmen. Laßt uns Gott danken, daß er eure blinde Wuth in Mitleid verwandelt hat. Laßt uns ihn anrufen, daß ihr und die, ſo ihr liebt, nie in die ſchreckliche Gefahr gerathen, welcher dieſer Unglückliche ſo eben entgangen iſt. Liebe Brüder, laßt uns nie vergeſſen, daß Der“ (er deutete auf den Chriſtus) „welcher am Kreuz geſtorben iſt in Vertheidigung der Unter⸗ drückten und der geringen Leute, gleich uns, daß er uns ge⸗ ſagt hat: Liebet euch unter einander! Brüder, laßt uns dieſe Worte nie vergeſſen. Wir wollen uns einander lieben, einander helfen und wir werden damit glücklicher und beſſer und gerechter werden. Wir wollen uns einander lieben und niederfallen vor Chriſtus, dieſem Gott aller Unterdrück⸗ ten, Schwachen und Leidenden in dieſer Welt!“ Gabriel kniete nieder und Alle, von ſeinen Worten hinge⸗ riſſen, folgten ſeinem Beiſpiel. Leiſe Klänge, gleich einem harmoniſchen Seufzer, wurden durch den weiten Tempel ge⸗ haucht und drangen lieblich, wie Weihrauchduft, zu den wi⸗ derhallenden Gewölben empor. Dieſe ſanften Accorde ver⸗ wandelten ſich allmählig in eine heilige Melodie eines Liedes der Liebe und Dankbarkeit. Sie waren anfangs ſo ſchwach geweſen, daß die kniende Menge, ohne Ueberraſchung, ſich nach und nach den unwiderſtehlichen Einfluß dieſer bezau⸗ bernden Harmonie hingegeben hatte. Manches Auge, welches kurz vorher noch wilde Blicke geſprüht hatte, wurde von Thränen benetzt, manches verhärtete Herz ſchlug ſanfter bei der Erinnerung an die Worte Gabriels: Laſſet uns ein⸗ ander lieben. Dieſe wundervolle Wirkung war von einem jungen Mann hervorgebracht, welcher mit Unterhaltung der Orgel beauf⸗ tragt, beim Einbruch des Haufens ſich mit Andern auf die Orgel hinaufgeflüchtet hatte, und als Zeuge des vorherigen Auftrittes von der plötzlichen Wendung der Sache ſo ergrif— fen worden war, daß er begeiſtert in die Taſten gegriffen hatte. Aigrigny kam wieder zu ſich und ſchlug die Augen auf. Er glaubte zu träumen. Er hatte die Beſinnung verloren bei dem Anblick eines raſenden Pöbels, welcher, Schmäh⸗ worte und Flüche auf den Lippen, ihn unter Mordgeſchrei in den Tempel verfolgte. Und als er die Augen wieder öffnete, ſah er beim blaſſen Schimmer der Lampe des Heiligthums dieſen, vorhin noch ſo drohenden, ſo unerbittlichen Haufen unter den heiligen Klängen der Orgel andachtsvoll knien und das Haupt vor der Heiligkeit des Ortes beugen. Einige Minuten ſpäter ward Gabriel faſt im Triumph zur Kirche hinaus getragen und ſtieg in die Kutſche, auf deren Rückſitz der wieder völlig zur Beſinnung gekommene Aigrigny — — ſaß. Der Weiſung des Jeſuiten gemäß fuhr der Wagen in die Vaugirard⸗Straße. Bei dem bezeichneten Hauſe ange⸗ langt, ſtieg Aigrigny aus und ging hinein, ohne Gabriel mitzunehmen. Neuntes Kapitel. Der Spaziergang. Am Ende der Vaugirard-Straße ſah man zu der Zeit, wo die erzählten Begebenheiten ſtattfanden, eine hohe Mauer, in deren ganzen Länge nur eine einzige kleine Thür mit einem Schalter zu bemerken war. Durch dieſe Thür kam man in einen Hof. Der Hof war durch ein Gitter begränzt, und hin⸗ ter dem Gitter waren Sommerläden angebracht, ſo daß man zwiſchen den Eiſenſtäben nicht hindurch ſehen konnte. Hinter dem Gitter lag ein großer, ſchön angepflanzter Garten, und am Ende des Gartens erhob ſich ein zweiſtöckiges, prunklo⸗ ſes Haus, deſſen wohlhäbige Einfachheit verrieth, daß der Eigenthümer reich war, aber ſeinen Reichthum nicht gern zur Schau trug. Einige Tage nachdem Gabriel den Abbé Aigrigny ſo mu⸗ thig der Volkswuth entriſſen hatte, gingen in dem Garten bei dieſem Haus drei Geiſtliche in ſchwarzen Gewändern, weißen Krägen und viereckigen Mützen langſamen und ge⸗ meſſenen Schrittes ſpazieren. Der jüngſte von ihnen ſchien dreißig Jahr alt zu ſein. Sein bleiches, hohles Geſicht trug das Gepräge aſcetiſcher Strenge. Seine beiden Gefährten, welche 50 bis 60 Jahre zählten, hatten eine ſchlau⸗fromme Miene; ihre runden, rothen Wangen glänzten in der Sonne und ihre dreifachen Kinne ſenkten ſich in ſänft gerundeten Abſätzen auf den feinen Batiſt ihrer Krägen herab. Der Regel ihres Ordens gemäß (ſie gehörten zur Geſellſchaft⸗ Jeſu), wichen dieſe drei geiſtlichen Herren keinen Augenblick von einander. Zu zweien zuſammen zu gehen wäre ein ſchwe⸗ rer Verſtoß geweſen. „Ich fürchte,“ ſagte der eine Aeltliche, „die ſtete Aufre⸗ gung des E. V., ſeitdem er von der Cholera befallen wor⸗ den iſt, möchte ſeine Kräfte aufgerieben und den gefährlichen Rückfall veranlaßt haben, welcher heut für ſein Leben fürch⸗ ten läßt.“ „Eine ſolche Unruhe und Angſt, wie an ihm, habe ich noch an keinem Menſchen geſehen,“ fügt der andere alte Herr hinzu. Der junge Prieſter nahm das Wort und ſagte: „Es iſt ein peinlicher Gedanke, daß der E. V. Rodin vorgeſtern ſolches Aergerniß gegeben hat mit ſeiner hartnäckigen Wei⸗ gerung öffentlich zu beichten, als ſein Zuſtand ſo verzweifelt ſchien, daß man ihm in dem lichten Augenblick zwiſchen zwei Anfüllen ſeiner Geiſtesverwirrung die heil. Wegzehrung an⸗ bieten zu müſſen glaubte.“ „Se. Ehrwürden,“ ergänzte der eine ältliche Pater, „hat behauptet, er ſei nicht ſo krank, wie man glaubte, und er würde ſeine letzten Pflichten erfüllen, wenn er die Nothwen⸗ digkeit davon fühlte.“ „Seit zehn Tagen, wo man ihn hierher gebracht hat, iſt ſein Leben nur ein langer, ſchmerzlicher Todeskampf, und doch lebt er noch.“ „Ich,“ ſagte der junge Pater, „ich habe in den drei er⸗ ſten Tagen ſeiner Krankheit mit Herrn Rouſſelet, dem Zög⸗ ling des Doctor Baleinier bei ihm gewacht. Er iſt faſt nie bei Sinnen geweſen, und wenn der Herr ihm einige lichte Augenblicke ſchenkte, hat er läſterlich getobt über das Schick⸗ ſal, welches ihn an ſein Lager feſſelte.“ „Man verſichert,“ ſagte einer der Alten, „der Cardinal Malipieri habe ihm zugeredet, bei ſeinem Tod ein gutes Bei⸗ ſpiel zu geben, würdig eines Sohnes unſeres heiligen Stif⸗ ters Loyola“ (hier verneigten ſich alle drei Jeſuiten gleich⸗ zeitig); aber der E. V. Rodin habe geantwortet: „Ich brauche nicht öffentlich zu beichten. Ich will am Leben bleiben und ich werde am Leben bleiben.“ 3 „Deſſen bin ich nicht Zeuge geweſen,“ ſagte der iunge Prieſter. „Aber wenn der Pater gewagt hat, ſolche Worte auszuſprechen, ſo iſt das ein — —.“ Er hielt inne, warf einen Blick auf ſeine beiden Begleiter, die ruhig zuhörten, und fuhr fort: „— ſo iſt das ein großes Unglück für ſeine Seele. Aber ich bin überzeugt, Se. Ehrwürden iſt verleumdet worden.“ „Ich habe es auch nur als ein verleumderiſches Gerücht erwähnt,“ bemerkte der eine Alte, einen Blick mit dem an⸗ dern wechfelnd. Auf dies Geſpräch folgte ein langes Schweigen. Die drei Ordensbrüder waren aus einem langen Baumgang an eine Baumgruppe gekommen, in welcher verſchiedene Alleen zu⸗ ſammenliefen. In der Mitte derſelben ſtand ein großer ſtei⸗ nerner Tiſch. Auf dieſem Tiſche kniete ein Mann in geiſt⸗ lichem Gewand, welcher auf der Bruſt und auf dem Rücken zwei Täfelchen hängen hatte. Auf dem einen ſtand mit gro⸗ ßen Buchſtaben geſchrieben: Ungehorſam, auf dem an⸗ dern: Fleiſchlich. Der E. V., welcher der Regel gemäß zur Stunde des Spazierganges dieſe alberne, erniedrigende Schülerſtrafe erlitt, war ein vierzigjähriger Mann, breitſchul⸗ — terig wie ein Hercules, mit einem Stiernacken, krauſem, ſchwarzem Haar und braunem Geſicht. Obwohl er dem Ge⸗ brauch gemäß ſtets die Augen demüthig ſenkte, ſo ſah man doch an dem häufigen Zucken ſeiner dicken Brauen, daß ſein innerlicher Grimm wenig zu ſeiner äußerlichen Ergebung ſtimmte, zumal wenn er die E. E. V. V. ein ſeine Nähe kommen ſah, welche entweder einzeln oder zu dreien in den * von dem Punkt, wo er ausgeſtellt war, auslaufenden Al⸗ leen ſich ergingen. Als die drei Patres vor dieſem handfeſten Büßer vorüber⸗ kamen, erhoben ſie gleichzeitig mit der Pünktlichkeit wohl⸗ eingeübter Soldaten die Augen gen Himmel, als wollten ſie um Vergebung bitten für den Gräuel und den Jammer, welchen einer der Ihrigen verſchuldet hatte. Einen zweiten eben ſo gleichzeitigen Blick ſchoſſen ſie auf den armen Teufel mit den Schandtäfelchen, welchem die Natur alle möglichen Rechte verliehen zu haben ſchien, ungehorſam und fleiſchlich zu ſein. Und zum dritten ſtießen ſie, wie ein Mann, drei völlig gleichklingende Seufzer heiligen Unwillens aus. Wor⸗ auf die E. E. V. B. ihr Wandeln durch den Garten mit automatiſcher Gleichförmigkeit von neuem anfingen . Unter den übrigen E. E. Vätern, welche in dem Garten luſtwandelten, bemerkte man hin und wieder verſchiedene Laien. Das hing ſo zuſammen. Die E. E. V. V. beſaßen in der Nachbarſchaft ein Haus, welches von dem ihrigen nur durch eine Hecke getrennt war. 7. Z In dieſem Haus wohnten ſich Betbrüder als Koſtgänger ein, ſℳ um ihre Retraiten zu machen, wie ſie es in ihrem Roth⸗ ℳ.. wälſch nennen. Das Ding war nicht übel. Sie fanden die Annehmlichkeit einer fetten Küche vereinigt mit der Annehm⸗ lichteit eines allerliebſten Kapellchens. Beichtſtuhl und mö⸗ blirte Wohnung, Table d'höte und Predigt waren da hübſch eiſammen. In dieſem heiligen Wirthshauſe war die leib⸗ liche und die geiſtliche Koſt eben ſo appetitlich, wie fein ge⸗ wählt und ſervirt. Man reſtaurirte ſich Leib und Seele für ſo und ſo viel per Kopf. Am Freitag konnte man mit dem ruhigſten Gewiſſen fett ſpeiſen, vermittelſt einer Dispen⸗ ſation von Rom, welche gleich nach dem Kaffee und dem ſchickiichkeit der E. E. V. V., muß man ſagen, an Kund⸗ ſchaft fehlte es nicht. S Wie hätte es daran fehlen ſollen? Das Wildpret hatte 2. einen ſolchen Hochgeſchmack, der Weg zum Paradies war ſo leicht, die Seefiſche waren ſo friſch, der rauhe Pfad des Heils war ſo gut von Dornen geſäubert und ſo artig mit ro⸗ ſenrothem Sand beſtreut, der Neurath war in ſolcher 1 — Fülle und die Bußen waren ſo leicht, zu geſchweigen die köſtlichen italiäniſchen Würſtel und die Indulgenzen des h. Vaters, welche direct von Rom kamen aus der erſten Hand⸗ und zur erſten Auswahl, wem's gefällig iſt Welche Wirthstafeln hätten eine ſolche Coneurrenz aus⸗ halten können? Fand man doch in dieſer ruhigen, fetten, wohlhäbigen Zurückgezogenheit ſo gutes Abkommen mit dem * S)— Himmel! Für eine große Zahl veicher, frömmelnder, ängſtli⸗ —cher und weichlicher Leute, die bei entſetzlicher Furcht vor den — Hörnern des Teufels, doch einer Menge kleiner, gar ergötzli⸗ t. cher Sünden nicht entſagen können, war die gefällige Gez Liqueur aufgekreidet wurde. Und zum Lob der Finanzge⸗ — „ wiſſensleitung und die biegſame Moral der E. C. V W 1— unſchätzbar. ½ . Welche tiefe Dankbarkeit mußte nicht ein ſittenloſer, eis genütziger und feiger Alter fühlen gegen dieſe Prieſter, welche ihn gegen die Ofengabel Beelzebubs veraſſecurirten und ihm die ewige Seligkeit garantirten, und zwar ohne von ihm das Opfer einer einzigen laſterhaften Neigung, eines einzigen bö⸗ ſen Gelüſtes und ſeiner abſcheulichen Selbſtſucht zu fordern, woraus er ſich eine ſüße Gewohnheit gemacht hatte! Wie ließen ſich ſo ohne Engherzigkeit nachſichtige Beichtväter, ſo ohne Grämlichkeit gefällige geiſtliche Führer belohnen? Ganz gottſelig durch das Vermächtniß artiger liegender Gründe und blanker Thaler zum Nachtheil naher, oft armer e arbeitſamer Erben, welche frommer Weiſe von den E. E. V. ausgezogen wurden. Einer der erwähnten beiden alten Ordensgeiſtlichen ſagte, um das läſtig werdende Schweigen zu brechen, zu dem jun⸗ gen Jeſuiten von düſterem, fanatiſchem Ausſehen: „Der vor⸗ letzte Penſionär, welcher verwundet in unſer Retraite⸗Haus gebracht worden iſt, ſcheint noch immer menſchenſcheu zu ſein, denn ich ſehe ihn nicht bei unſern andern Penſtonären. „Vielleicht,“ meinte der zweite Alte, „zieht er es vor, allein in dem Garten des neuen Hauſes ſpazieren zu gehen.“ „Nein,“ ſagte der junge Pater. „Ich glaube nicht, daß dieſer Mann, ſeitdem er in unſerm Retraite⸗-Hauſe wohnt, auch nur auf das Gartenplätzchen vor dem von ihm bewohnten einſamen Pavillon gekommen iſt. Der Pater Aigrigny, wel⸗ cher allein mit ihm verkehrt, hat ſich neulich über die düſtere Unempfindlichkeit dieſes Penſionärs beklagt — —, den man noch nicht ein einziges Mal in der Kapelle geſehen hat,“ fügte der junge Pater in ſtrengem Ton hinzu. „Vielleicht iſt er nicht im Stand hinzugehen,“ äußerte ei⸗ ner der beiden Alten. „Gewiß,“ fügte der andere hinzu. „Ich habe den Doctor Baleinier ſagen hören, Leibesbewegung würde ihm ſehr zu⸗ träglich ſein, da er erſt noch auf dem Weg der Geneſung iſt, aber er weigere ſich hartnäckig, ſein Zimmer zu verlaſſen.“ „Man kann ſich immer in die Kapelle tragen laſſen,“ be⸗ merkte der junge Prieſter in rauhem Ton und übeyließ von nun an ſeinen beiden Begleitern die Fortſetzung des Geſprächs. „Wiſſen Sie nicht, wie dieſer Penſionär heißt?“ fragte er Eine. „In den vierzehn Tagen, ſeitdem er meines Wiſſens hier iſt, habe ich ihn nie anders nennen hören, als den Herrn im Pavillon.“ „Einer unſerer Diener, der ihm beigegeben iſt und ihn nicht anders nennt, hat mir geſagt, er ſei ein überaus ſanf⸗ ter Menſch, der einen tiefen Kummer zu haben ſcheine. Er ſpreche faſt nie. Oft ſitze er ſtundenlang da, den Kopf zwi⸗ ſchen beiden Händen haltend. Uebrigens ſcheine es ihm in dem Haus zu gefallen. Sonderbarer Weiſe ſei ihm ein Halb⸗ dunkel lieber als Tageslicht, und nicht minder ſeltſamer Weiſe errege ihm der Anblick brennenden Feuers ſolche Uebelkeit, daß er trotz der Kälte in den letzten Märztagen in ſeinem Zimmer nicht habe einheizen laſſen.“ „Er iſt vielleicht wahnſinnig.“ „Nein. Der Diener verſichert mich, er ſei vollkommen bei Verſtand, vermuthlich aber erwecke der Schein des Feuers in ihm eine ſchmerzliche Erinnerung.“ „Der Pater Aigrigny muß beſſer, als irgend Jemand wiſ⸗ ſen, was es mit den Herrn im Pavillon auf ſich hat, denn er hat faſt jeden Tag lange Unterredungen mit ihm.“ „Dieſe Unterredungen müſſen indeß ſeit drei Tagen unter⸗ brochen ſein, denn ſeit dem Abend, wo er ſehr unwohl, wie es heißt, in einem Miethwagen hierher gebracht worden iſt, hat der Pater Aigrigny ſein Zimmer nicht verlaſſen.“ „Das iſt wahr; aber ich komme auf das zurück, was vor⸗ hin unſer lieber Bruder geſagt hat.“ Der Redner ſah nach dem jungen Pater hin, welcher geſenkten Blicks nebenher ging und die Sandkörner zu zählen ſchien. „Es iſt ſonder⸗ bar, daß dieſer, in der Geneſung begriffene, Unbekannte noch nicht in der Kapelle erſchienen iſt. Unſere andern Penſionäre kommen hauptſächlich deswegen hierher, um in der Zurück⸗ gezogenheit verdoppelten Religionseifer zu beweiſen. Warum theilt der Herr im Pavillon nicht dieſen Eifer?“ „Und wenn er ihn nicht theilt, warum hat er unſer Haus gewählt und nicht ein anderes.“ „Vielleicht iſt er ein zu Bekehrender. Vielleicht will er ſich hier in unſerer Religion unterrichten.“ Unter dieſem Geſpräch ging der Spaziergang fort. Bei. Anhörung dieſes leeren, kindiſchen Klatſches über dritte Per⸗ ſonen hätte man dieſe E. E. V. V. für ganz mittelmäßige oder gewöhnliche Menſchen halten ſollen. Das waren ſie aber keineswegs. Jeder von ihnen beſaß je nach der Rolle, die er in der heiligen Truppe zu ſpielen hatte, irgend eine ſeltene vorzügliche Eigenſchaft, immer begleitet von dieſem verwegenen, einſchmeichelnden, hartnäckigen und verſchmitzten, biegſamen und verſtellten Weſen, wie es der Mehrzahl der Mitglieder der Geſellſchaft eigen iſt. Aber in Folge der Jedem auferlegten Pflicht des wechſelſeitigen Ausſpähens und des davon unzertrennlichen Mißtrauens und Widerwillens drehten ſich ihre Geſpräche immer nur um abgedroſchenes Zeug, welches keinen Stoff zur Angeberei bieten konnte. Alle Fähigkeiten ihres Geiſtes wurden aufgeſpart zur Vollziehung der Befehle des Oberhauptes, wobei ſie den unbedingteſten blinden Gehorſam in Betreff des Weſens mit der erfindungs⸗ reichſten, teufliſchen Gewandtheit in Betreff der Form ver⸗ einigten. Es wäre ſchwer, die reichen Erbſchaften und Geſchenke zu zählen, welche die zwei Patres mit den gutmüthigen, blühen⸗ den Geſichtern in den ſtets offenen Sack der Congregation hatten fließen laſſen, indem ſie zur Ausführung dieſer wun⸗ derbaren Taſchenſpielerſtreiche bei Schwachköpfen, Kranken und Sterbenden bald die ſcheinheilige Verführung, die liſtige Süßlichkeit, das Verſprechen guter Plätzchen im Paradies u. ſ. w. bald Verleumdungen, Drohungen und Schrecken anwandten. Der jüngſte unter den drei E. E. V. V., trefflich begabt mit einem blaſſen hageren Geſicht, mit einem finſteren, fana⸗ tiſchen Blick, mit einem herben, unduldſamen Ton, war eine Art aſeetiſcher Proſpectus, ein Stück lebendige Muſter⸗ karte, welche die Geſellſchaft unter gewiſſen Umſtänden vor⸗ ſchob, wenn es galt, die Einfältigen weiß zu machen, daß es nichts ſtrengeres gäbe, als die Söhne Loyala's, die durch Enthaltſamkeit und Abtödtung des Fleiſches durchſichtige Kno⸗ chengerüſte würden, wie die Einſtedler. Einen ſolchen Glauben hätten die Patres mit dicken Wänſten und Pausbacken nicht wohl verbreiten können. Kurz, wie in jeder alten Komödian⸗ tentruppe ſuchte man jeder Rolle die entſprechende Leibes⸗ geſtalt zuzuweiſen. In der berichteten Weiſe plaudernd waren die E. E. V. V. . an ein mit der Hauptwohnung zuſammenhängendes Gebäude gekommen, deſſen Eingang auf dieſer Seite durch eine hohe ℳ Mauer verdeckt war. Durch ein vffen ſtehendes vergittertes n Fenſter vernahm man den anhaltenden Metallklang von Thalern, die durch die Hände gingen. Bald raſſelten ſie, wie wenn ſie aus einem Sack auf einen Tiſch geſchüttet würden, bald gaben ſie den kurzen Klang von aufgeſetzten Häufchen. In dieſem Gebäude befand ſich die Geſchäftskaſſe, in welche die Einnahmen floſſen für die von der Congregation „ fabricirten und durch die ſchmähliche Mitwirkung der Kirche in Frankreich maſſenweiſe verbreiteten Bücher, Bilder, Roſen⸗ kränze u. ſ. w. Dieſe Bücher ſind faſt durchgängig dumm, frech und ſchamlos ¹) oder lügenhaft — Schandwerke, in welchen Alles Schöne, Große und Herrliche in der erhabenen Geſchichte unſerer unvergänglichen Religion in der Sprache der Marktweiber traveſtirt oder verhöhnt wird. Die Bilder, welche Wunder der neuſten Zeit vorſtellen, tragen Aufſchriften, deren lächerliche Unverſchämtheit die tollſten Anſchlagzettel der Marktſchreier übertrifft. Mit Wohlgefallen auf den Klang der Thaler horchend ſagte einer der E. E. V. V. lächelnd; „Heute iſt bloß ein . Tag kleiner Einnahme. Kürzlich hat der Pater Schaffner geſagt, der Gewinn im letzten Vierteljahr habe 83,000 Fr. betragen. „Wenigſtens,“ ſagte finſter der junge Pater, „ſind das Mittel, Unheil zu ſtiften, die man der Gottloſigkeit nimmt.“ „Die Gottloſen mögen ſich immerhin auflehnen,“ ſprach einer der Alten. Die religiöſen Leute ſind für uns. Man ſehe nur, wie trotz der Eingenommenheit der Gemüther wegen der Cholera die Lvoſe unſerer frommen Lotterie reißend abgehen. Jeder Tag bringt uns neue zu Gewinnſten beſtimmte Geſchenke. Geſtern iſt die Ernte gut geweſen: erſtlich eine Venus Cal⸗ lipyge von weißem Marmor (ein anderes Geſchenk wäre an⸗ „ ſtändiger geweſen, aber der Zweck heiligt die Mittel), —/ ) Um nur Eins anzuführen; ein im Marienmonat verkauftes Buch enthält die empörendſten Einzelheiten über die Niederkunft der Jungfrau, Dies Buch iſt für die Mädchen beſtimmt. —— zweitens ein Stück von dem Strick, mit welchem der infame Robespierre auf dem Schaffot geknebelt worden iſt, und an welchem man noch ein wenig von ſeinem verfluchten Blut ſieht, — drittens ein Hundszahn von St. Fructuoſus in ein kleines goldenes Reliquarium gefaßt, — viertens eine Schmink⸗ büchſe, aus der Zeit der Regentſchaft, von prächtigem Lack von Coromandel mit feinen Perlen verziert.“ „Dieſen Morgen,“ ergänzte der andere Dickbauch, „iſt ein bewunderungswürdiges Stück gebracht worden. Stellen Sie ſich vor, liebe Patres, ein prächtiger Dolch mit vergoldetem Griff. Die breite Klinge iſt hohl und durch einen wirklich wunderbaren Mechanismus läßt, ſobald die Klinge in den Leib geſtoßen iſt, die bloße Kraft des Stoßes mehre kleine ſpitze Querklingen herausfahren, welche in das Fleiſch ein⸗ dringen und es unmöglich machen, die Mutterklinge, wenn ich mich ſo ausdrücken darf, herauszuziehen. Ich glaube nicht, daß ſich eine mörderiſchere Waffe erfinden läßt. Die Scheide iſt von Sammet und prächtig verziert mit Plättchen von eiſelirtem vergoldetem Silber.“ „Ah!“ rief der andere Dicke, „das iſt ein Gewinnſt, der viele Liebhaber finden wird.“ „Das will ich meinen,“ erwiderte der erſte. „Darum kommt er auch mit der Venus und mit der Schminkbüchſe unter die großen Looſe der Ziehung durch die hl. Jungfrau.“ „Wie?“ fragte der Andere erſtaunt. „Was meinen Sie mit der Ziehung durch die hl. Jungfrau?“ „Das wiſſen Sie nicht?“ „Durchaus nicht.“ 5 „Das iſt eine allerliebſte Erfindung der Mutter Sancta Perpetua. Stellen Sie ſich vor, liebſter Pater, die großen Lvoſe werden gezogen durch ein kleines Marienbild, unter deſſen Rock eine Feder angebracht iſt. Die Feder wird mit einem Uhrſchlüſſel aufgezogen, und nun dreht ſich die Figur einige Augenblicke im Kreis herum. Die Nummer, bei wel⸗ *cher die Mutter Gottes ſtehen bleibt, gewinnt.“ ¹) ¹) Dieſe ſinnreiche Parodie des Verfahrens beim Puet, und beim Biribi iſt zu Anfang Aprils d. J bei einer religiöſen Lotte⸗ rie in einem Frauenkloſter zur Anwendung zn Für die VIi. 5 5 2. 66 „Nein, das iſt wirklich allerliebſt!“ rief der andere Alte. Der Gedanke iſt glücklich. Ich wußte nichts davon. Wiſſen Sie, wie viel die Monſtranz koſten ſoll, für welche der Er⸗ trag dieſer Lotterie beſtimmt iſt?“ „Der Pater Pfleger hat mir geſagt, mit den Edelſteinen werde ſie auf 35,000 Fr. kommen, wobei noch gar nicht die dafür hingegebene und meines Wiſſens nur zum Goldwerth von 9000 Fr. angenommene alte Monſtranz mitgerechnet iſt.“ „Das können wir aufbringen. Die Lotterie ſoll 40,000 Fr. eintragen. Wenigſtens wird nun unſere Kapelle nicht ver⸗ dunkelt durch den kecken Prunk der Herren Lazariſten.“ „Jetzt iſt an ihnen die Reihe, uns zu beneiden. Ihre ſchöne Monſtranz von gediegenem Gold, auf welche ſie ſo ſtolz ſind, iſt nicht halb ſo viel werth, wie die, welche unſere Lotterie uns verſchafft. Die unſerige iſt nicht blos größer, ſondern auch mit Edelſteinen beſetzt.“ Dies anziehende Geſpräch ward leider unterbrochen. Es war gar zu rührend! Dieſe Prieſter einer Religion der Ar⸗ muth, Demuth, Beſcheidenheit, Menſchenliebe nehmen ihre Zuflucht zu den vom Geſetz verbotenen Glücksſpielen und halten dem Publikum die Hand hin, um ihre Altäre mit ei⸗ nem empörenden Luxus aufzuputzen, während Tauſende ihrer Mitmenſchen vor Hunger und Elend umkommen an der Thür ihrer prangenden Kapellen. Gemeiner Neid entzündet in ihnen einen erbärmlichen Wetteifer, nicht, wer mehr den Ar⸗ men zu Hülfe kommt, ſondern wer mehr Reichthümer auf dem Tiſch deierrn zur Schau legt *). Gläubigen muß das eine Schändung des Heiligen ſein, für die Gleichgültigen eine bedauerliche Lächerlichkeit, denn unter allen Ueberlieferungen iſt die von Maria eine der rührendſten und ehr⸗ würdigſten. ¹) Die eben (Mai 1845) im Gang ſeiende Lotterie für eine neue Orgel in der Euſtachskirche ſoll 250,000 Fr. einbringen. Dieſe Summe in Staatsrenten, angelegt würde jährlich an 10,000 Fr. Zinſen abwerfen, mit welchen 20 bis 30 unglückliche Familien eine ſehr wirkſame Unterſtützung erhalten könnten. Es heißt der Erz⸗ biſchof von Paris ſei geneigt, durch den Pfarrer zu St. Euſtach die vilnehmerzg der Lotterie zu dieſer Verwendung der Summe „ k — Eine der Thüren des Gitters zing auf und eine neue Per⸗ ſon trat ein „Ah!“ ſagte einer der beiden alten Patres, „da kommt Se. Eminenz, der Cardinal Malipieri, den Pater Rodin zu beſuchen.“ „Möge dieſer Beſuch Sr. Eminenz dem P. Rodin nützli⸗ cher ſein, als der vorige,“ ſagte der junge Pater mit ſtolzer Miene. Zehntes Kapitel. D em aen e Der Cardinal Malipieri, den wir dem kleinen Concilium bei der Fürſtin von St. Dizier haben beiwohnen ſehen, kam durch den hinteren Theil des Gartens, um ſich zu Rodin zu begeben. Er war bürgerlich gekleidet und in ein weites wattirtes Ueberkleid von braunem Satin gewickelt, welches ſtark nach Kampher roch und vermuthen ließ, daß S. Emi⸗ nenz ſich mit allen Mitteln zur Bewahrung vor der Cholera umgeben hatte. Er ging in das Haus und ſtieg zwei Trep⸗ ven hinauf. Oben angelangt, klopfte er an eine graue Thür. Da Niemand Antwort gab, ging er hinein, durchſchritt, als mit der Hertlichkeit bekannt, ein Vorzimmer und trat in ein Gemach, wo ein Feldbett ſtand und ein ſchwarzer Tiſch mit einem Fachwerk und mit verſchiedenen leeren Arzneigläſern. Die Miene des Prälaten war mürriſch und unbehaglich. Sein Geſicht war wie immer gelblich und gallſüchtig; die braunen Ringe um ſeine ſchwarzen Augen erſchienen dunkler als gewöhnlich. Er blieb einen Augenblick ſtehen und ſah ſich faſt ängſtlich um. Mehrmals roch er an einem Glas mit einer Eſſenz gegen die Cholera. Da er ſich allein ſah, ſtimmen zu laſſen. Die Dankſagungen ſo vieler Familien in jener äberaus armen Pfarrei würden ein Goitt wohlgefälligeres Concert ſein, als die Klänge eines koloffalen Pfeifenſyffems. 5¹ — — trat er vor den Spiegel über dem Kamin, betrachtete einige Minuten lang aufmerkſam ſeine Zunge, und nachdem er die Farbe derſelben erträglich gefunden, nahm er aus einer gol⸗ denen Büchſe einige Kügelchen und ließ ſie im Mund zer⸗ gehen, während er mit andächtiger Miene die Augen ſchloß. Nachdem er dieſe Maßregeln zur Bewahrung ſeiner Ge⸗ ſundheit getroffen, hielt er nochmals ſein Fläſchchen an die Naſe und wollte eben in das anſtoßende Zimmer treten, als er durch den dünnen Verſchlag, welcher ihn davon trennte, ein Gepolter hörte. Er horchte und vernahm deutlich fol⸗ gendes Geſpräch. „Jetzt bin ich verbunden und jetzt will ich aufſtehen,“ ſagte eine ſchwache aber gebieteriſche Stimme. „Wo denken Sie hin, Ehrwürdiger Vater?“ erwiederte eine ſtärkere Stimme. „Es iſt unmöglich.“ „Sie ſollen ſehen, ob es unmöglich iſt.“ „Ehrwürdiger Vater, Sie werden ſich den Tod zuziehen. Sie ſind außer Stand aufzuſtehen. Sie würden ſich einem tövlichen Rückfall ausſetzen. Ich darf es nicht zugeben.“ Auf dieſe Worte folgte wieder ein Gepolter, als ob die beiden Sprechenden mit einander rängen, und dazwiſchen einige mehr zornige als klagende Seufzer. „Nein, nein!“ ließ ſich die ſtärkere Stimme vernehmen. Zu größerer Sicherheit will ich Ihre Kleider wegnehmen. Fs iſt bald Zeit, daß Sie Ihren Trank einnehmen. Ich will ihn bereiten.“ Die Thür ging auf, und in das Zimmer, wo ſich der Prä⸗ lat befand, trat ein Mann von etwa fünfundzwanzig Jahren mit einem olivenfarbenem alten Ueberrock und einem Paar ſchwarzen geflickten Hoſen unter dem Arm, die er beide auf einen Stuhl warf. Dieſer junge Mann war Herr Angelus Modeſtus Rouſſelet, erſter Zögling des Doctor Baleinier. Seine Miene war demüthig, ſüßlich und zurückhaltend. Seine Haare, vorn kurz geſchoren, fielen lang über ſeinen Nacken hinab. Beim Anblick des Cardinals verrieth er einige Ueber⸗ raſchung und machte zwei tiefe Verbengungen, ohne dabei die Augen zu ihm zu erheben. „Vor allen Dingen,“ begann der Cardinal mit ſeiner ita⸗ liäniſchen Ausſprache, indem er ſein Kampherfläſchchen un⸗ ter die Naſe hielt, „haben ſich die Symptome der Cholera wieder eingeſtellt?“ „Nein Hochwürdigſter Gnädiger Herr. Das bösartige Fie⸗ ber, welches dem Choleraanfall gefolgt iſt, hat ſeinen Verlauf.“ „Schön. Aber der E. V. will keine Vernunft annehmen? Was war das für ein Gepolter?“ „Se. Ehrwürden wollte ſchlechterdings aufſtehen und ſich ankleiden. Aber ſeine Schwäche iſt ſo groß, daß er keine zwei Schritt außer ſeinem Bett machen könnte. Er wird von der Ungeduld verzehrt. Man fürchtet, dieſe übermäßige Aufregung möchte einen tödlichen Rückfall verurſachen.“ „Iſt der Doctor Baleinier dieſen Morgen da geweſen?“ „So eben iſt er weggegangen.“ „Was meint er zu dem Kranken?“ „Er findet ihn in einem höchſt beunruhigenden Zuſtand, Gnädiger Herr. Die Nacht iſt ſo ſchlimm geweſen, daß Herr Baleinier dieſen Morgen in großer Angſt war. Der E. V. Rodin befindet ſich in einem der bedenklichen Zuſtände, wo eine Kriſis in wenigen Stunden über Leben oder Tod des Kranken entſcheiden kann. Herr Baleinier iſt weggegangen, um das Erforderliche zu holen zu einer ſchmerzhaften Operation, die er mit dem Kranken vornehmen will.“ „Iſt der Pater Aigrigny benachrichtigt?“ „Der Pater Aigrigny iſt, wie Ew. Emienz weiß, ſelber ſehr leidend. Seit den drei Tagen hat er noch nicht ſein Bett verlaſſen könpen.“ „Im Heraufgehen habe ich mich nach ihm erkundigt und gleich nachher will ich ihn beſuchen. Aber auf den Pater Rodin zurückzukommen — iſt ſein Beichtvater benachrichtigt, da ſein Zuſtand fäſt verzweifelt iſt, und da er eine ſo be⸗ deutende Operation aushalten ſoll?“ 2 „Herr Baleinier hat darüber und über die h. Sterbſacra⸗ mente zwei Worte vor ihm fallen laſſen. Aber der Pater Rodin hat ärgerlich ausgerufen, man laſſe ihm keinen Augen⸗ blick Ruhe, man hetze ihn ohne Unterlaß; ihm liege ſo ſehr, wie irgend jemanden an dem Heil ſeiner Seele, und — —“ „Per Bacco!“ unterbrach der Cardinal mit einem heidni⸗ ſchen Ausruf, ſeine gellende Stimme noch lauter erhebend, 1* — es handelt ſich nicht um ihn ſondern um das Beßte ſeines — 3 — 7 Ordens. Der E. V. muß ſchlechterdings die Sacramente mit der größten Feierlichkeit empfangen, er muß nicht blos ein chriſtliches Ende nehmen, ſondern auch ein Ende, welches eine weithin ſchallende Wirkung thut. Alle Leute dieſes Hauſes und ſeliſ Fremde müſſen zu dieſem Schauſpiel eingeladen werden, damit ſein erbaulicher Tod ein wohlthätiges Auf⸗ ſehn mache.“ „Das haben ſchon die E. E. V. V. Griſon und Brunet Sr. Ehrwürden ans Herz legen wollen. Aber Ew. Eminenz weiß, mit welcher Ungeduld der Pater Rodin dieſe Rath⸗ ſchläge aufgenommen hat. Doctor Baleinier hat aus Furcht, eine gefährliche, vielleicht tödliche Kriſis hervorzurufen, nicht gewagt, darauf zu beſtehen.“ „Ich aber werde es wagen,“ ſprach der Cardinal. „In dieſer Zeit revolutionärer Gottloſigkeit wird ein feierlich chriſt⸗ liches Ende eine ſehr heilſame Wirkung auf das Publikum hervorbringen. Es wäre ſogar ſehr paſſend, für den Fall des Todes Vorbereitungen zu treffen, daß der E. V. einbal⸗ ſamirt würde, und ſo einige Tage auf einem erleuchteten Trauergerüſt nach römiſchem Brauch ausgeſtellt bliebe. Ver⸗ möge ſeiner Stellung in dem Orden hat der Pater Rodin Anſpruch auf Entfaltung des größten Prunkes. Er muß wenigſtens 600 Kerzen haben, und über ſeinem Leichnam etwa ein Dutzend Weingeiſtlampen, um ihn von oben zu er⸗ hellen. Das macht eine wundervolle Wirkung. Sodann könnte »man Schriftchen über das fromme aſeetiſche Leben des E. V. unter das Volk vertheilen und — — “ ℳ, auf die Erde geſchleudert würde, ließ ſich aus dem Kranken⸗ zimmer vernehmen und unterbrach den Prälaten. „Wenn nur der Pater Rodin Sie nicht von ſeiner Ein⸗ balſamirung hat reden hören, Hochwürdigſter Herr,“ flüſterte 13 Angelus Modeſtus Rouſſelet. „Sein Bett ſteht dicht an dem Verſchlag, ſo daß er Alles hören kann, was hier geſprochen wird.“ Der Cardinal ging ans andere Ende des Zimmers und ſprach leiſer: „Wenn der Pater Rodin mich gehört hat, ſo dient mir das zur Anknüpfung des Geſprächs mit ihm. Jedenfalls glaube ich, die Einbalſamirung und die Ausſtellung Ein kurzes Gepolter, als ob ein Gegenſtand von Metall 7 6 würden gut ſein, um eine ſchlagende Wirkung hervorzubringen. Das Volk iſt bereits ſehr durch die Cholera in Angſt gejagt, und eine ſolche Todtenfeier würde eine große Wirkung auf ſeine Einbildungskraft hervorbringen.“ „Ich erlaube mir, Ewr. Eminenz, bemerklich zu machen, daß hier zu Land die Geſetze eine ſolche Ausſtellung ver⸗ wehren, und daß — — “ „Die Geſetze! unterbrach der Cardinal zornig, „immer die Geſetze! hat Rom nicht auch ſeine Geſetze? Iſt nicht jeder Prieſter ein Unterthan von Rom? Iſt es nicht Zeit — —2 Doch davon ſpäter. Sagen Sie mir, hat der E. V. ſeit meinem letzten Beſuch neue Anfälle von Geiſtesverwirrung gehabt?“ „Ja, Hochwürdigſter Herr. Dieſe Nacht hat er wenigſtens dritthalb Stunden irre geredet.“ „Haben Sie, wie Ihnen anempfohlen worden, fortwährend genau alle Worte aufgemerkt, welche dem Kranken während dieſes neuen Anfalls entſchlüpft ſind?“ „Ja, Hochwürdigſter Herr,“ antwortete Rouſſelet. Er nahm aus einem Fach auf dem ſchwarzen Tiſch ein Blatt Papier und überreichte es dem Cardinal mit den Worten: „Hier iſt, was ich, Ihrem Befehl gemäß, aufgezeichnet habe.“ Neugierig nahm der Cardinal das Papier. Als es durch⸗ leſen, knitterte er es zuſammen und ſagte voll Verdruß: „Immer unzuſammenhängendes Zeug! Keine zwei Worte, aus welchen ſich ein vernünftiger Schluß ziehen ließe. Man ſollte meinen, dieſer Menſch hätte die Gabe der Selbſtbe⸗ herrſchung ſogar in ſeinem Wahnſinn und faſele nur über unbedeutende Dinge. — Sind Sie auch gewiß, daß Sie Alles aufgemerkt haben, was ihm während ſeines Wahnſinns entſchlüpft iſt?“ „Mit Ausnahme von Redensarten, die er hundertmal wie⸗ derholt hat und die ich nur ein Mal geſchrieben, habe ich kein Wörtchen ausgelaſſen, ſo verrückt es mir auch ſcheinen mochte. Darauf kann Ewr. Eminenz ſich verlaſſen.“ Nach einem Augenblick des Stillſchweigens ſagte der Car⸗ dinal: „Führen Sie mich zum Pater Rodin.“ „Hochwürdigſter Herr,“ entgegnete der junge Arzt zögernd, — — ſein letzter Fieberanfall iſt erſt ſeit einer Sthe vorüber und jetzt iſt er noch ſehr ſchwach.“ „Ein Grund mehr,“ erwiderte unbedachtſam der Cardinal, beſann ſich aber ſchnell und fügte hinzu: „— ein Grund mehr. Er wird dann um ſo beſſer die Lröſtungen zu ſchätzen wiſſen, die ich ihm bringe. Wenn er eingeſchlafen iſt, ſo wecken Sie ihn und kündigen Sie ihm meinen Beſuch an.“ „Ich habe nur Befehle von Ewr. Eminenz zu empfangen,“ erwiderte Rouſſelet, ſich verbeugend, und ging in das an⸗ ſtoßende Zimmer. Als der Cardinal ſich allein ſah, ſprach er für ſich mit nachdenklicher Miene: „Ich komme immer wieder darauf zurück: bei ſeinem plötzlichen Choleraanfall hat der Pater Rodin ſich eingebildet, er ſei auf Befehl des h. Stuhls vergiftet. Um einen ſo ſchändlichen Argwohn zu faſſen, mußte er etwas ſehr gefährliches gegen Rom im Schild führen. Sollten alſo unſere Befürchtungen gegründet ſein? Sollte er unſichtbarer Weiſe mächtig auf einen bedeutenden Theil des h. Collegium wirken? Aber zu welchem Zweck? Das hat ſich noch immer nicht ergründen laſſen, weil ſein Geheimniß von ſeinen Hel— fershelfern treulich bewahrt wird. . . . . Ich hatte gehofft, während ſeines Phantaſtrens würde ihm ein Wort entſchlüpfen, welches uns auf die Spur von dem bringen könnte, was wir ſo gern wiſſen möchten. Denn die Geiſtesverwirrung iſt faſt immer, und beſonders bei Menſchen von ſo unruhigem, regſamem Geiſt, die Ueberſpannung eines herrſchenden Ge⸗ dankens. Aber hier habe ich ſo zu ſagen den ſtenographiſchen Bericht über fünf Anfülle — und ſiehe da! nichts als leere unzuſammenhängende Redensarten!“ Die Rückkehr Rouſſelet machte den Betrachtungen des Car⸗ dinals ein Ende. „Ich bedaure unendlich,“ ſagte der junge Arzt, „Ewr. Eminenz ſagen zu müſſen, daß der E. V. ſich hartnäckig weigert, irgend jemand vorzulaſſen. Er behauptet, er bedürfe einer völlig ungeſtörten Ruhe. Obwohl er ſehr ſchwach iſt, ſieht er doch finſter und zornig aus. Es ſollte mich nicht Wunder nehmen, wenn er Ewe. Eminenz von ſeiner Einbalſamirung hätte ſprechen hören — und — — “ „Alſo der Pater Rodin hat ſeinen letzten Anfall von Geiſtes⸗ verwirrung dieſe Nacht gehabt,“ unterbrach der Cardinal. Ja, hochwürdigſter Herr, von drei bis halb ſechs Uhr dieſen Morgen.“ „— — ———— 2 „Von drei bis halb ſechs Uhr dieſen MWorgen,“ wiederholte der Cardinal, als wollte er ſich dieſe Angabe recht einprägen. „Und dieſer Anfall hat keine beſondere Erſcheinung dargeboten?“ „Durchaus keine, wie Ewr. Eminenz aus dieſer Note er⸗ ſehen kann. Nichts als Worte ohne Zuſammenhang.“ Während Ruuſſelet antwortete, ſchritt der Cardinal der Thür des Krankenzimmers zu. — „Aber Hochwürdigſter Herr,“ ſagte der junge Arzt, „der E. V. will ſchlechterdings niemand vorlaſſen. Er bedarf der vollſtändigſten Ruhe vor der Opera⸗ tion, die mit ihm vorgenommen werden ſoll. Es wäre viel⸗ leicht gefährlich — —“ . Ohne auf dieſe Bemerkung zu achten, trat der Cardinal in das Zimmer Rodins. Dies ziemlich geräumige durch zwei Fenſter erhellte Ge⸗ mach war einfach aber bequem möblirt. Im Kamin, wo zwei Stücke Holz brannten, ſtand eine Kaffeekanne, ein Topf von Fayence und eine kleine Pfanne, in welcher ein dicker Brei von Senfmehl knotterte. Auf dem Kamin lagen ver⸗ ſchiedene Stücke Wäſche und leinene Binden. Es herrſchte in dieſem Gemach der in Krankenzimmern gewöhnliche Arznei⸗ geruch, verbunden mit einem ſo ſcharfen, widerwärtigen Ge⸗ ſtank, daß der Cardinal einen Augenblick an der Thür ſtehen blieb, ohne weiter hineinzugehen. Rodin lebte wirklich nur, weil er, wie von den Patres auf dem Spaziergang erzählt worden war, ſich geſagt hatte: Ich muß am Leben bleiben und ich werde am Le⸗ ben bleiben. Wie Schwachköpfe und Feiglinge oft dem bloßen Schrecken vor einem Uebel erliegen, ſo vermag oft, wie tauſend Beiſpiele beweiſen, die geiſtige Kraft hartnäckig wider das Uebel zu kämpfen und eine verzweifelte Lage zu über⸗ winden. So war es bei Rodin. Die unerſchütterliche Fe⸗ ſtigkeit ſeines Sinnes, die furchtbare Zähigkeit ſeines Willens (venn der Wille erlangt oft eine geheimnißvolle Macht, vor der man erſchrickt) verbunden mit der geſchickten ärztlichen Pflege Baleiniers hatten ihn der Krankheit, von welcher er vlötzlich befallen worden war, entriſſen. Aber als Folge der augenblicklichen Zerrüttung ſeines Körperzuſtandes war ein Fieber eingetreten, welches ſein Leben in die äußerſte Gefahr brachte. Dieſe Gefahr hatte den Pater Aigrigny in die leb⸗ 4 — hafteſte Unruhe verſetzt, denn trotz ſeiner Eiferſucht ſagte er ſich, daß auf dem Punkt, zu welchem die Sachen gediehen waren, nur Rodin das Gewebe, deſſen Fäden er in den Händen hatte, fortſpinnen und zum glücklichen Ende führen könnte. Da die Vorhänge des Krankenzimmers halb zugezogen waren, ſo fiel nur ein zweifelhaftes Licht auf das Bett Rodin's. Das Geſicht des Jeſuiten hatte die grünliche Cholerafarbe verloren und dafür die Farbe einer Leiche angenommen. Er war ſo abgemagert, daß ſeine trockne, runzelige Haut über jedem, auch dem kleinſten Knochenvorſprung wie aufgeleimt feſtlag. Die Sehnen und Adern ſeines langen dürren Geier⸗ halſes glichen einem Netz von Stricken. Sein Kopf, mit einer ſchwarzſeidenen fuchſigen, ſchmierigen Mütze bedeckt, aus welcher einige mattgraue Haarbüſchel hervorſahen, ruhte auf einem ſchmutzigen Kopfkiſſen. Rodin wollte ſchlechterdings nicht dulden, daß man ſeine Wäſche wechſelte. Sein dünner weißlicher Bart, der lange nicht geſchoren war, ſtarrte hie und da wie die Borſten einer Bürſte aus ſeiner erdfarbigen Haut hervor. Ueber dem Hemd trug er eis altes, löcheriges wollenes Wams. Einen ſeiner Arme hatte er außer dem Bett, und in ſeiner knochigen, mit Härchen bedeckten Hand hielt er ein Schnupftuch, deſſen Farbe ſich nicht bezeichnen ließ. WMan würde ihn für einen Leichnam gehalten haben, wenn nicht in dem Schatten ſeiner tiefen Augenhöhlen zwei glühende Punkte gefunkelt hätten. Dieſer Blick, in welchen ſich alles Leben, alle noch übrige Kraft bei dieſem Menſchen geflüchtet zu haben ſchien, verrieth eine verzehrende Unruhe. Bald drückte ſich in ſeinen Zügen ein ſtechender Schmerz aus, bald ließ ſein plötzliches Zuſammenſchaudern und das Ballen ſeiner Fäuſte ſeine Verzweiflung darüber ermeſſen, daß er an ſein Schmerzenslager geſeſſelt war, während das von ihm übernommene hochwichtige Geſchäft ſeine ganze Thãä⸗ tigkeit erheiſchte. Sein auf dieſe Weiſe ſtets angeſpanntes Denkvermögen ward wie in Folge einer Ueberreizung oft ſchwach. Die Gedanken verſchwammen; er ward geiſtesab⸗ weſend und hatte Anfälle von Wahnſinn, aus welchen er wie aus einem böſen Traum mit Schrecken erwachte. Der Doctor Baleinier fand ihn außer Stand ſich mit wichtigen Dingen zu beſchäftigen, und ſeinem weiſen Rathe gemäß hatte der Pater Aigrigny bisher vermieden, auf Ro⸗ din's Fragen über den Gang der Rennepont'ſchen Sache zu antworten. Das Schweigen Aigrigny's über dieſe für ihn doppelt wichtige Angelegenheit, die er in Gefahr oder ver⸗ loren zu ſehen zitterte, und ſeine eigne völlige Unwiſſenheit über alles während ſeiner Krankheit Geſchehene vermehrten noch ſeine Gereiztheit. So war der leibliche und geiſtige Zuſtand Rodin's, als wider ſeinen Willen der Cardinal Malipieri in ſein Zim⸗ mer trat. Elftes Kapitel. D — Um die Qualen Rodin's und die Wichtigkeit von Mali⸗ pieri's Beſuch zu begreifen, müſſen wir uns der verwegenen Abſichten Rodin's erinnern, welcher Sirtus den Fünften ſich zum Vorbild genommen hatte Sie beſtanden darin, durch den glücklichen Ausgang der Rennepontſchen Angelegenheit zur Würde des Generals ſeines Ordens zu gelangen, ſich dann im Fall einer vorausſichtlichen Abdankung durch groß⸗ artige Beſtechung die Mehrheit im h. Collegium zu ſichern, um Papſt zu werden, und als Papſt durch eine Aenderung in den Statuten des Jeſuitenordens dieſe mächtige Geſell⸗ ſchaft zu einem Lehen des h. Stuhls zu machen, anſtatt ſie in ihrer Unabhängigkeit der päpſtlichen Gewalt gleich oder überlegen bleiben zu laſſen. Die Ausführbarkeit dieſer An⸗ ſchläge war durch Beiſpiele erwieſen. Mehr als ein Mönch und Prieſter von niedrigem Rang war ſchon zur päpſtlichen Würde erhoben worden. Zu entſchuldigen und ſogar zu rechtfertigen waren die Anſprüche Rodin's, wenn man die Erhebung der Borgia, Julius des Zweiten und anderer wun⸗ derlichen Statthalter Chriſti betrachtete, neben welchen Rodin ein verehrungswürdiger Heiliger war. Obwohl das Ziel von Rodin's verdecktem Treiben bisher zu Rom ein Geheimniß geblieben war, ſo war man doch aufmerkſam geworden auf ſeine heimlichen Einverſtändniſſe mit vielen Mitgliedern des h. Collegiums. Ein Theil der Cardinäle, an deſſen Spitze Malipieri ſtand, fühlte ſich darüber beunruhigt, und Malipieri benutzte ſeine Reiſe nach Frankreich, um wo möglich die in Dunkel gehüllten Plane des Jeſuiten zu ergründen. Seine Hartnäckigkeit in dem Vorſatz, mit Rodin trotz deſſen Weigerung zu ſprechen, hatte ihren Grund in der Hoffnung, ihm ein bisher allzugut be⸗ wahrtes Geheimniß abzulocken. Nachdem der Cardinal einige Augenblicke unbeweglich an der Thür ſtehen geblieben war, näherte er ſich langſam dem Bett Rodin's, fortwährend ſein Fläſchchen unter die Naſe haltend. Rodin, erzürnt über dieſe Zudringlichkeit und ent⸗ ſchloſſen, einem ihm aus vielen Gründen verhaßten Geſpräch auszuweichen, wandte raſch den Kopf nach der Wand und that, als ſchliefe er. Der Prälat ließ ſich dadurch nicht irre machen. Entſchloſſen, den Zuſtand der Schwäche zu benutzen, in welchem er Rodin wußte, nahm er einen Stuhl und ſetzte ſich, ſeinen Ekel überwindend, zu Häupten des Jeſuiten. Und mit honigſüßer Stimme, welcher ſeine italieniſche Aus⸗ ſprache einen noch heuchleriſcheren Klang gab, fragte er: „Vielgeliebter Ehrwürdiger Vater, wie befinden Sie ſich?“ Rodin ſtellte ſich taub, athmete laut und antwortete nicht. Der Cardinal ergriff — nicht ohne Ekel, obwohl er Hand⸗ ſchuhe anhatte, die Hand des Jeſuiten, ſchüttelte ſie ein we⸗ nig und wiederholte: „Vielgeliebter Ehrwürdiger Vater, ant⸗ worten Sie mir, ich beſchwöre Sie.“ Rodin konnte eine Bewegung zorniger Ungeduld nicht unterdrücken, aber er blieb ſtumm. Der Cardinal war nicht der Mann dazu, ſich ſo geſchwind abſchrecken zu laſſen. Er ſchüttelte den Jeſuiten von neuem und etwas ſtärker beim Arm und wiederholte mit einer phlegmatiſchen Zähigkeit, welche den geduldigſten Menſchen von der Welt aus dem Häuschen hätte bringen können: „Lieber Ehrwürdiger Vater, da Sie nicht ſchlafen, ſo hören Sie mich doch gütigſt an. —— — Durch den Schmerz gereizt und durch die Hartnäckigkeit des Prälaten erbittert, drehte Rodin raſch den Kopf um, heftete auf den Römer ſeine hohlen, in düſterem Feuer glühenden Augen und ſagte mit bitterem Lächeln auf dem verzerrten Mund: „Sie wollen mich alſo ſchlechterdings ein⸗ balſamirt ſehen, Hochwürdigſter Herr, — — wie Sie vorhin geſagt haben, — — und auf einem Trauergerüſt ausgeſtellt, — — daß Sie ſo kommen, mich in meinem Todeskampf zu quälen und mein Ende zu beſchleunigen?“ „Ich, geliebter Pater? Großer Gott! was ſagen Sie da!“ ſprach der Cardinal und erhob die Hände zum Himmel, als wollte er Gott zum Zeugen ſeiner zärtlichen Theilnahme für den Jeſuiten anrufen. Mit verdoppelter Bitterkeit antwortete Rodin: „Ich ſage Ewr. Eminenz, was ich vorhin gehört habe. Dieſer Verſchlag iſt ſehr dünn.“ „Wenn Sie damit ſagen wollen, daß ich Ihnen von ganzer Seele ein chriſtliches und eremplariſches Ende gewünſcht habe und noch wünſche, v dann ſind Sie nicht im Irrthum, mein vielgelieb⸗ ter Pater! dann haben Sie mich vollkommen verſtanden. Recht herzlich wünſchte ich, Sie nach einem ſo wohl vollbrachten Leben als einen Gegenſtand der Verehrung für die Gläubigen zu ſehen.“ „Und ich ſage Ihnen, Hochwürdigſter Gnädiger Herr, daß es unmenſchlich iſt, ſolche Wünſche in Gegenwart eines Kran⸗ ken auszuſprechen, deſſen Zuſtand verzweifelt iſt!“ Er ſprach dieſe Worte kurz abgeſtoßen mit ſchwacher Stimme und fuhr dann mit einer im Gegenſatz zu ſeiner Mattigkeit ſteigenden Heftigkeit fort: „Nehmen Sie ſich in Acht! — — Hören Sie — — Wenn man mir keine Ruhe läßt, wenn man mich ohne Unterlaß guält, — — wenn man mich nicht meinen Todeskampf in Ruhe ausröcheln läßt, — — ſo wird man mich nöthigen, auf eine wenig chriſtliche Weiſe zu ſterben, — — merken Sie ſich das, — — und wenn man auf ein erbauliches Schauſpiel rechnet, um Nutzen daraus zu ziehen, ſo hat man Unrecht.“ Dieſer Anfall von Zorn hatte den Kranken ſchmerzlich an⸗ gegriffen. Er ließ ſeinen Kopf auf das Kiſſen ſinken und wiſchte ſeine aufgeſprungenen blutenden Lippen mit ſeinem ſchmutzigen Schnupftuch ab. — — 7 ——— * — *8 — „Kommen Sie, beruhigen Sie ſich, vielgeliebter Pater,“ ſagte der Cardinal mit väterlicher Miene. „Hegen Sie doch nicht ſolche ungluͤckliche Gedanken. Ohne Zweifel hat die 2. Vorſehung große Abſichten mit Ihnen, denn ſie hat Ew. Ehrwürden ſchon aus einer großen Gefahr gerettet. Laſſen Sie uns hoffen, daß ſie Ew. Ehrwürden auch aus derjeni⸗ gen retten wird, von welcher Sie gegenwärtig bedroht ſind.“ Rodin drehte ſich unter einem heiſeren Gemurmel nach „ der Wand. Der Prälat, welcher ſich durch nichts irre machen „ ließ, fuhr fort: „Die Abſichten der Vorſehung beſchränken — ſich nicht auf Ihre Rettung, vielgeliebter Pater. Auch auf andere Weiſe hat ſie ihre Macht bewieſen. Was ich Ihnen ſagen will, iſt von der höchſten Wichtigkeit. Hören Sie mich alſo aufmerkſam an.“ Rodin erwiderte, ohne ſich umzudrehen, in einem zornigen Ton, deſſen Bitterkeit einen tiefen Schmerz verrieth: „Dieſe Menſchen wollen mein Ende. — — Meine Bruſt brennt, mein Kopf iſt zerſchlagen — — und ſie ſind erbarmungslos! O, ich leide wie ein Verdammter!“ S „Schon?“ flüſterte der Cardinal mit boshaftem Lächeln und fuhr dann laut fort: „Erlauben Sie mir, vielgeliebter „ Pater, daß ich nicht abſtehe. Machen Sie eine kleine An⸗ „ ſtrengung, um mich anzuhören. Sie werden es nicht be⸗ reuen.“ Der Kranke, ausgeſtreckt auf ſeinem Bett liegend, erhob, 1 ohne ein Wort zu ſagen, mit verzweiflungsvoller Gebärde die feſt zuſammengefalteten Hände, zwiſchen welchen er das Schnupftuch hielt, und ließ dann ſeine ermatteten Arme längs ſeinem Körper herabfallen. Der Cardinal zuckte ein wenig die Achſeln und ſprach langſam und deutlich, ſo daß Rodin kein Wort verlieren „ konnte „Lieber Pater, die Vorſehung hat gewollt, daß Sie in einem Anfall von Geiſtesverwirrung unbewußt nie Dffenbarungen gemacht haben.“ Mit ungeduldiger Neugier erwartete er das Ergebniß des frommen Fallſtricks, welchen er dem geſchwächten Jeſuiten legte. Dieſer blieb mit dem Geſicht gegen die Wand gekehrt, that, als hätte er ihn nicht verſtanden und verharrte in ſei⸗ nem Schweigen. Der Cardinal fuhr fort: „Ohne Zweifel * denken Sie über meine Worte nach, geliebter Pater. Sie haben Recht, denn es handelt ſich um eine ſehr bedeutende Sache. Ich wiederhole Ihnen, die Vorſehung hat zugelaſſen, daß in Ihrer Geiſtesverwirrung Ihre Worte Ihre geheim⸗ ſten Gedanken verrathen und — glücklicher Weiſe mir allein — Dinge offenbart haben, welche Sie auf eine bedenkliche Weiſe bloßſtellen. Kurz, während des Anfalls von Geiſtesverwirrung in vergangener Nacht, welcher über zwei Stunden gedauert hat, haben Sie den geheimen Zweck Ihrer zu Rom mit mehren Mit⸗ gliedern des heiligen Collegiums angeſponenen Ränke enthüllt.“ Der Cardinal ſtand ſachte auf und wollte ſich über das Bett des Kranken beugen, um den Ausdruck auf ſeinem Ge⸗ ſicht zu erſpähen. Rodin ließ ihm nicht Zeit dazu. Wie ein mit der Voltaiſchen Säule in Verbindung gebrachter Leichnam aufzuckt, ſo fuhr Rodin in ſeinem Bett in die Höhe, drehte ſich um und ſetzte ſich gerade auf. „Er hat ſich verrathen!“ flüſterte der Cardinal auf Ita⸗ liäniſch, ſetzte ſich raſch nieder und heftete ſeine, vor Freude funkelnden Augen auf den Jeſuiten. Obwohl Rodin ſo wenig dieſen Blick Malipieri's bemerkte, wie er ſeinen leiſen Ausruf gehört hatte, ſo ſah er doch trotz ſeiner Abſpannung ein, daß er ſich höchſt unbeſonnener Weiſe zu einer allzu ausdrucksvollen Gebärde hatte hinreißen laſſen. Er fuhr langſam mit der Hand über die Stirn, als ob er ſich von einem Schwindel ergriffen fühlte, warf dann verwirrte, irre Blicke um ſich her, hielt an ſeine zitternden Lippen ſein altes Schnupftuch und biß einige Secunden lang hinein. Der Cardinal jubelte innerlich über das Gelingen ſeiner Liſt, welche ihn auf den Punkt gebracht hatte, ein ſo wichtiges Geheimniß zu durchdringen, und fuhr fort: „Ihre lebhafte Bewegung, Ihr Entſetzen beſtätigen leider die traurige Ent⸗ deckung, welche ich gemacht habe. Alſo, vielgeliebter Pater, werden Sie begreifen, daß Ihr dringendſtes Anliegen ſein muß, Ihre Plane und Ihre Helfershelfer zu Rom aufs Ge naueſte anzugeben. So, mein lieber Pater, können Sie auf die Nachſicht des heil. Stuhls rechnen, beſonders wenn Ihre Geſtändniſſe ſo ausführlich ſind, daß ſie einige, bei einer, in der Fieberhitze gemachten Offenbarung unvermeivliche Lücken ausfüllen können.“ Rodin hatte ſich von ſeiner anfänglichen Erregung erholt und bemerkte zu ſpät, daß er ſich hatte anführen laſſen und daß er ſich bloßgeſtellt hatte, nicht durch ſeine Worte, ſon⸗ dern durch eine allzu ausdrucksvolle Gebärde der Ueberra⸗ ſchung und des Schreckens. Im erſten Augenblick, als er ſich geheimer Ränke mit Rom beſchuldigen hörte, hatte er geglaubt, er habe ſich, während er irre geredet, verrathen. Allein, trotz ſeiner Abſpannung hatte er noch Geiſteskraft genug, um ſich nach einigen Minuten zu ſagen: „Wenn die⸗ ſer verſchmitzte Römer mein Geheimniß wüßte, würde er ſich wohl hüten, es mir zu ſagen. Er hat alſo bloß einen Arg⸗ wohn, in welchem er beſtärkt wird durch die unwillkürliche Gebärde, zu welcher ich mich habe fortreißen laſſen.“ Und er wiſchte den kalten Schweiß ab, der über ſeine glühende Stirn rann. Die Aufregung der letzten Augenblicke vermehrte ſeine Schmerzen und verſchlimmerte ſeinen Zuſtand, der ſchon ſo beunruhigend war. Die Erſchöpfung erlaubte ihm nicht länger, aufrecht ſitzen zu bleiben. Er ſank auf ſein Kiſſen zurück. „Per Bacco!“ flüſterte der Cardinal für ſich, erſchrocken über den Ausdruck im Geſicht Rodin's. „Wenn er jetzt ſtürbe, ohne etwas geſagt zu haben, und meiner geſchickt ge⸗ ſtellten Falle entginge!“ Er neigte ſich zu Rodin und fragte: „Was iſt Ihnen denn, lieber Pater?“ „Ich fühle mich ſchwach, Hochwürdigſter Herr. Was ich leide — — läßt ſich nicht beſchreiben.“ „Vielgeliebter Pater, wir wollen hoffen, daß dieſe Kriſis nicht bösartig iſt. Allein, da doch das Gegentheil möglich wäre, ſo erfordert das Heil Ihrer Seele, daß Sie mir au⸗ genblicklich das vollſtändigſte Bekenntniß ablegen, ſollte das⸗ ſelbe auch Ihre Kräfte erſchöpfen. Das ewige Leben iſt mehr werth, als dies vergängliche Leben.“ „Was für ein Bekenntniß meinen Sie denn?“ fragte Ro⸗ din mit ſchwacher Stimme in ſpöttiſchem Ton. „Wie?“ rief der Cardinal verblüfft. „Sie fragen, was für ein Bekenntniß? Das Geſtändniß über die gefährlichen Ränke, die Sie in Rom angeſponnen haben.“ „Welche Ränke?“ fragte Rodin. „Ei die Ränke, welche Sie in Ihrem Delirium vie haben,“ erwiderte der Cardingl mit ärgerlicher Ungeduld. — „Sind Ihre Geſtändniſſe nicht ausführlich genug geweſen? Wozu jetzt dieſe ſtrafbare Zögerung, ſte zu vervollſtändigen?“ „Meine — Geſtändniſſe — ſind — ausführlich geweſen — verſichern Sie?“ entgegnete Rodin, faſt nach jedem Wort vor Schwäche inne haltend, ohne daß dabei die Kraft ſeines Willens und ſeine Geiſtesgegenwart ihn verlaſſen hätten.“ „Ja, wie geſagt, abgerechnet einige Lücken, ſind Ihre Ge⸗ ſtändniſſe ganz ausführlich geweſen.“ „Wozu — alſo — ſie wiederholen?“ fragte Rodin mit demſelben ſpöttiſchen Lächeln auf ſeinen blauen Lippen.“ „Wozu?“ rief der Cardinal erzürnt. „Um Vergebung zu erwerben. Denn, wenn dem reuigen Sünder, welcher ſeine Fehltritte geſteht, Verzeihung und Ablaß gewährt wird, ſo wird dem verhärteten Sünder nur Fluch und Bann zu Theil.“ „O, welche Qual! — — Das heißt, an langſamem Feuer verbrannt werden,“ murmelte Rodin unhörbar, und lauter fuhr er fort: „Da ich Alles geſagt habe, ſo habe ich Ihnen nichts mehr zu berichten. — — Sie wiſſen ja Alles.“ „Freilich weiß ich Alles!“ ſchrie der Cardinal. „Aber wie hab' ich's erfahren? Durch Geſtändniſſe, die Sie gemacht ha⸗ ben, ohne zu wiſſen, was Sie thaten. Meinen Sie, das könnte Ihnen angerechnet werden? Nein! Glauben Sie mir, der Augenblick iſt ernſt. Der Tod bedroht Sie — der Tod! Zittern Sie vor dem Gedanken, eine gottesläſterliche Lüge zu ſagen!“ Und er ſchüttelte den Kranken beim Arm. „Zittern Sie vor den hölliſchen Flammen, wenn Sie wagen zu leug⸗ nen, was Sie als Wahrheit wiſſen! Leugnen Sie es?“ „Ich — will — nichts — leugnen. — — Aber — laſ⸗ ſen — Sie mich — in Ruhe.“ „Endlich!“ ſagte der Cardinal mit einem Seufzer der Zu⸗ friedenheit, daß er endlich am Ziel ſei. „Der Herr erleuchtet Sie. Hören Sie auf die Stimme des Herrn, und Sie wer⸗ den auf ſicherem Pfad geleitet werden, lieber Pater. Alſo, Sie leugnen nichts.“ „Ich hatte — das Delirium. — Ich — kann — alſo — nicht — (o! wie ich — leide!) — die Tollheiten — leug⸗ nen, — die — ich — im — Delirium — geſagt haben — maß. vn. 6 — 8 — „Aber wenn dieſe angeblichen Tollheiten mit der Wirk⸗ lichkeit übereinſtimmen?“ rief der Prälat, wüthend, daß er abermals in ſeiner Erwartung getäuſcht war. Wenn das Delirium eine unwillkürliche, von der Vorſehung gemachte Offenbarung iſt?“ „Cardinal Malipieri,“ ſagte Rodin mit matter Stimme, „Ihre Liſt — — iſt nicht einmal — — gut genug — — in meinem Todeskampf — — zu wirken. — — Der Be⸗ weis — — daß ich — mein Geheimniß — — nicht geſagt habe, — — wenn ich eins — habe, — — iſt, — — daß Sie mich — — dazu bringen möchten, — — es zu ſagen.“ Und trotz ſeinen Schmerzen und ſeiner zunehmenden Schwäche ſetzte er ſich halb in ſeinem Bette auf, ſah dem Cardinal feſt ins Geſicht und verhöhnte ihn mit einem Lächeln teufli⸗ ſchen Spottes. Dann ſank er auf ſein Kiſſen zurück, fuhr mit den geballten Fäuſten an ſeine Bruſt und ſtieß einen langen Seufzer der Beklemmung aus. „Fluch über den hölliſchen Jeſuiten!“ dachte der Cardinal, auf den Boden ſtampfend. „Er hat mich errathen. Er hat bemerkt, daß ſeine erſte Bewegung ihn verrathen hat, und jetzt iſt er auf ſeiner Hut. Ich werde nichts aus ihm her⸗ ausbringen — wenn ich nicht ſeine jetzige Schwäche benutze und mit Drängen, Drohen und Schrecken — — “ Plötzlich fuhr die Thür auf. Aigrigny trat ein und rief mit dem Ausdruck unausſprechlicher Freude: „Gute Botſchaft!“ Zwölftes Kapitel. Die gute Botſchaft. An den entſtellten Zügen des Pater Aigrigny, an ſeiner Bläſſe und an ſeinem ſchwankenden Gang ſah man, daß der auf dem Liebfrauenplatz ſeine Geſundheit heftig erſchi ttert hatte. Nichtsdeſtoweniger ſtrahlte ſein Ge⸗ ſicht vor Freude als er bei Rodin eintrat mit dem Ruf: „Gute Botſchaft!“ Bei dieſen Worten fuhr Rodin zuſammen. Trotz ſeiner Mattigkeit hob er raſch den Kopf in die Höhe. Seine Augen glänzten und hefteten ſich neugierig, unruhig, durchdringend auf den Eintretenden. Mit ſeiner abgemagerten Hand winkte er den Marquis zu ſich und ſagte mit kaum hörbarer Stimme: „Ich fühle mich — — ſehr ſchlecht. — — Der Cardinal — hat mir — faſt — den Reſt gegeben. — — Aber — — wenn dieſe gute Nachricht — — Bezug hätte — — auf die — Rennepont ſche Sache, — — deren Erwägung — — mich verzehrt, — — und von der — — man mir nichts ſagt, — — ſo glaub' ich — — ich wäre gerettet.“ „Nun ſo ſein Sie gerettet!“ rief Aigrigny, vergeſſend, daß Baleinier anempfohlen hatte, mit dem Kranken nicht von wichtigen Dingen zu ſprechen. „Ja, ſein Sie gerettet. Leſen Sie und ſein Sie ſtolz. Was Sie angekündigt haben, be⸗ ginnt in Erfüllung zu gehen.“ Bei dieſen Worten zog er ein Papier aus ſeiner Taſche und überreichte es dem Kranken. Rodin ergriff es begierig mit zitternder Hand. Einige Augenblicke zuvor wäre er wirklich außer Stand geweſen, die Unterredung mit dem Cardinal fortzuſetzen, ſelbſt wenn die Klugheit es ihm erlaubt hätte. Eben ſo wenig wäre er im Stand geweſen, auch nur eine Zeile zu leſen, ſo ſehr verſchwamm Alles vor ſeinen Augen. Aber auf die Worte Aigrigny's fühlte er einen ſolchen innerlichen Aufſchwung, eine ſolche Hoffnung, daß er mit einer Alles überwindenden Anſtrengung ſich aufſetzte und mit klarem Geiſt und verſtän⸗ digem belebtem Blick das Papier raſch durchlas, welches der Abbé ihm übergeben. Der Cardinal war verblüfft über dieſe plötzliche Verwand⸗ lung und fragte ſich, ob er wirklich denſelben Menſchen vor ſich ſähe, den er einige Augenblicke zuvor faſt beſinnungs⸗ los auf ſein Bett hatte ſinken ſehen. Kaum war Rodin fertig leſen, ſo ſtieß er einen erſtickten Freudenſchrei aus und ſagte ſanft zurückſinkend in einem Ton, der ſich nicht beſchreiben läßt: „Einer! — — Es fängt an! — — es geht!“ In einer Art von Entzückung ſchloß er die Augen. Ein Lächeln ſtolzer Siegesfreude erheiterte 6* — ſeine Züge und machte ſie noch häßlicher, indem es ſeine gelben an der Wurzel entblößten Zähne ſehen ließ. Seine Erregung war ſo lebhaft, daß das Papier ſeiner zitternden Hand entfiel. „Er verliert das Bewußtſein!“ rief Aigrigny ſich beſorgt zu Rodin hin beugend. „Es iſt meine Schuld. Ich hatte vergeſſen, daß der Doetor mir verboten hatte, von ernſten Dingen mit ihm zu reden.“ „Nein — nein, — — werfen Sie ſich nichts vor,“ ſagte Rodin leiſe und ſetzte ſich halb auf, um den E. V. zu be⸗ ruhigen. „Dieſe ſo unerwartete Freude wird vielleicht — meine Geneſung — — herbeiführen. — Sehen Sie meine Wangen an. Mir iſt es, als ob ſie — ſeitdem ich an dies Jammerlager gefeſſelt bin, zum erſten Mal wieder — ein wenig roth würden. — Ich fühle faſt Wärme darin.“ Er hatte Recht. Eine leichte feuchte Röthe verbreitete ſich plötz⸗ lich über dieſe erdfahlen eiskalten Wangen. Selbſt ſeine Stimme, obwohl noch immer ſchwach, wurde weniger meckernd. Aigrigny und der Cardinal erbebten faſt bei dem begeiſterten Ton, in welchem er fortfuhr: „Dieſer erſte Erfolg bürgt für die andern. Ich leſe in der Zukunft. — — Ja! Ja! Unſere Sache wird triumphiren. Alle Mitglieder der fluchwürdigen Familie Rennepont werden zerſchmettert werden und das binnen Kurzem. Ihr werdet es ſehen — ihr — — — Er ſank abermals auf ſein Kiſſen und flüſterte „Die Freude erſtickt mich. Die Stimme geht mir aus“ „Wovon iſt denn die Rede?“ fragte der Cardinal. Aigrigny antwortete im Ton erheuchelter Innigkeit. „Einer der Erben der Familie Rennepont, ein elender Handwerker, iſt, von Ausſchweifungen aufgerieben, vor drei Tagen geſtor⸗ ben in Folge eines ſchändlichen Saufgelages, bei welchem der Cholera mit himmelſchreiender Gottloſigkeit Trotz geboten würde. Meine Unpäßlichkeit, die mich zu Haus hält, und ein anderer Umſtand ſind Schuld, daß ich erſt heut den be⸗ glaubigten Todesſchein dieſes Opfers der Unmäßigkeit und der Irreligioſität empfangen habe. Uebrigens wiederhole ich aut zum Lob des Pater Rodin deſſen Worte Die ſchlimmſten Feinde, welche die Nachkommen dieſes ſchandbaren Renuega⸗ ten haben können, ſind ihre böſen Leidenſchaften. Mögen ⸗ ſie denn unſere Bundesgenoſſen wider dieſe gottloſe Art ſein! — An Jakob Rennepont ſind dieſe Worte in Erfüllung ge⸗ gangen.“ „Sie ſehen,“ ſagte Rodin mit ſo ſchwacher Stimme, daß dieſelbe bald faſt unvernehmlich wurde, „die Strafe nimmt ſchon ihren Anfang. Schon iſt — einer — — der Renne⸗ ponts — — todt, — — und dieſer Todtenſchein — — bedenken Sie — wird eines Tags — der Geſellſchaft Jeſu — — 40 Millionen eintragen — — und zwar — — weil ich — Ihnen — Die Lippen des Jeſuiten bewegten ſich noch, während ſeine allmählig unhörbar werdende Stimme ihm völlig ausging, und ſein durch eine heftige innere Bewegung zuſammenge⸗ zogener Kehlkopf keinen Laut mehr durchließ. Rodin, anſtatt ſich darüber zu beunruhigen, vollendete ſeinen Satz durch ein Gebärdenſpiel. Den Kopf ſtolz emporgerichtet und mit Selbſt⸗ bewußtſein im Blick klopfte er ein paarmal mit der Spitze ſeines Zeigefingers an die Stirn, um auszudrücken, daß man ſeinem Verſtand, ſeiner Leitung dies erſte glückliche Ergebniß verdanke. Bald aber ſank er erſchöpft und ſchnaufend auf ſein Kiſſen zurück, indem er ſein Schnupftuch an ſeine Lippen hielt. Dieſe glückliche Nachricht, wie Aigrigny ſie nannte, hatte den kranken Jeſuiten nicht geheilt, ſondern ſie hatte ihn nur einige Augenblicke ſeine Schmerzen vergeſſen laſſen. Die leichte Röthe, welche ſeine Wangen gefärbt hatte, ver⸗ ſchwand, und ſein Geſicht ward wieder erdfahl. Seine einen Augenblick geſtillten Schmerzen kehrten mit ſolcher Heftigkeit wieder, daß er ſi.h krampfhaft unter der Decke krümmte, ſein Geſicht in das Kiſſen drückte und ſeine gekrümmten Arme ſtarr wie Eiſen über ſeinen Kopf hinaus ſtreckte. Die heftige Kriſis, in welcher Aigrigny und der Cardinal ſich bemühten, ihm zu Hülfe zu kommen, ging ſchnell vorüber. Das Geſicht mit kaltem Schweiß bedeckt, gab ihnen Rodin durch ein Zeichen zu verſtehen, daß er weniger litte, und deutete nach einem Trank, der auf dem Nachttiſch ſtand. Aigrigny holte ihn und gab ihm einige Löffel voll davon ein, während der Cardinal mit unverhehltem Ekel den Kranken auftecht hielt. Die Wirkung war ſehr beruhigend. Rodin 2 legte ſich wieder nieder, und Aigrigny fragte ihn: „Soll ich Herrn Rouſſelet rufen?“ Der Kranke ſchüttelte den Kopf, erhob mit Anſtrengung ſeine linke Hand, hielt ſte flach vor ſein Geſicht und bewegte auf der inneren Seite derſelben die zwei vorderen Glieder des rechten Zeigefingers, indem er nach einem in der Ecke des Zimmers ſtehenden Schreibtiſch hinſah. Damit gab er zu verſtehen: da er nicht ſprechen könne, wolle er ſchreiben. „Ich verſtehe Ew. Ehrwürden,“ ſagte Aigrigny; „aber vor allen Dingen werden Sie erſt etwas ruhiger. Dann will ich Ihnen Schreibzeug geben.“ Ein zweimaliges ſtarkes Anklopfen an der äußeren Thür des anſtoßenden Zimmers unterbrach dieſen Auftritt. Aigrigny hatte, um ſein Geſpräch mit Rodin von niemand als dem Cardinal hören zu laſſen, den jungen Arzt in das erſte der drei Zimmer abtreten laſſen. Er ging durch das zweite Zimmer und öffnete die Thür des dritten. Hier ſtand Rouſ⸗ ſelet und überreichte ihm ein dickes Paket mit den Worten „Ich bitte um Verzeihung E. V., wenn ich Sie geſtört habe. Es iſt mir geſagt worden, ich ſollte Ihnen dieſe Papiere den Augenblick übergeben.“ „Ich danke Ihnen, Herr Ruuſſelet,“ erwiderte Aigrigny. „Wiſſen Sie, wann Herr Baleinier zurückkommen ſoll?“ „Er kann nicht mehr lange ausbleiben, denn er will noch vor Nacht die ſchmerzhafte Operation vornehmen, welche eine entſcheidende Wirkung auf den Zuſtand des Pater Rodin haben muß. Ich mache das dazu Erforderliche eben zurecht.“ Bei dieſen Worten deutete Rouſſelet auf eine gefährlich aus⸗ ſehende Vorrichtung. Aigrigny betrachtete dieſe Vorrichtung mit einer Art von Ent⸗ ſetzen und ſagte: „Ich weiß nicht, ob dies Symptom bedenklich iſt: dem Pater Rodin iſt plötzlich die Stimme ausgegangen.“ „Das iſt nun das dritte Mal ſeit acht Tagen,“ erwiderte der jünge Arzt. „Die Operation des Doctor Baleinier ſoll auf den Kehlkopf wirken und auf die Lungen.“ „Iſt dieſe Operation ſchmerzhaft?“ fragte Aligrigny. „Ich glaube nicht, daß es eine ſchmerzhaftere gibt,“ ant⸗ wortete Rouſſelet. „Deswegen verhehlt auch Hr. Baleinier dem Pater Rodin die Bedenklichkeit derſelben.“ ⁰ — —— — 487 „Warten Sie hier noch ferner auf den Herrn Doctor und ſchicken Sie ihn zu uns, ſobald er kommt.“ Nach dieſen Worten kehrte Aigrigny in das Krankenzimmer zurück, ſetzte ſich neben Rodin's Bett, zeigte ihm das Packet und ſagte: „Hier ſind mehre Berichte von verſchiedenen Sei⸗ ten über mehre Perſonen der Familie Rennepont, die mir eine beſondere Beaufſichtigung zu verdienen ſcheinen. Mein Unwohlſein hat mich in den letzten Tagen verhindert, irgend etwas mit eignen Augen zu ſehen. Heute bin ich zum erſten Mal wieder aufgeſtanden. Aber ich weiß nicht, ehrwürdiger Vater, ob Ihr Zuſtand erlaubt — —“ Rodin machte eine ſo verzweifelte flehende Geberde, daß Aigrigny ſah, es ſei wenigſtens eben ſo viel Gefahr dabei, dem Kranken ſeinen Wunſch abzuſchlagen, als ihn zu erfüllen. Er wandte ſich gegen den Cardinal, welcher fortwährend un⸗ tröſtlich war, daß er das Geheimniß des Jeſuiten nicht hatte herauslocken können, und fragte: „Erlaubt Ew. Eminenz?“ Der Cardinal nickte und ſprach: „Ihre Angelegenheiten ſind auch die unſrigen, mein lieber Pater, und die Kirche muß ſich ſtets freuen über das, was Ihre ruhmreiche Geſell⸗ ſchaft erfreut.“ Aigrigny entſiegelte den Unſchlag, nahm einen der Zettel und las ihn durch. Plötzlich verdüſterte ſich ſeine Miene und er ſagte mit ernſter, aus der Seele kommender Stimme: „Das iſt ein Unglück, — — ein großes Unglück“ — Rodin wandte ſchnell den Kopf nach ihm hin und ſah ihn mit unruhiger Miene fragend an. Aigrigny fuhr fort: „Florine iſt an der Cholera geſtorben. Und was das Schlimmſte iſt, dies elende Geſchöpf hat vor ſeinem Tode dem Fräulein von Cardoville geſtanden, daß ſie bei ihr den Spion für Ew. Ehrwürden machte.“ Bei dieſen Worten zerknitterte er das Papier. Florinens Tod und ihre Geſtändniſſe mußten wohl hem⸗ mend in Rodins Plane eingreifen, denn er murmelte etwas und ſeine Züge verriethen trotz ihrer Erſchlaffung einen großen Aerger. Aigrigny nahm ein zweites Papier, las es und ſagte: „Dieſer Bericht, den Marſchall Simon betreffend, iſt nicht gerade ſchlimm, aber auch keineswegs beruhigend. Im Weſentlichen meldet er eine Verbeſſerung ſeines Zu⸗ 68 ſtandes. Uebrigens wollen wir durch Vergleichung mit einer Nachricht aus anderer Quelle ſehen, ob dieſer Bericht vollen Glauben verdient.“ Rodin gab dem Marquis durch eine Gebärde der Unge⸗ duld zu verſtehen, er ſolle ohne Verzug leſen. Aigrigny las Folgendes vor: „Man verſichert, ſeit einigen Tagen ſehe der Marſchall weniger kummervoll und beunruhigt aus. Kürzlich hat er zwei Stunden bei ſeinen Töchtern zugebracht, was ſeit lan⸗ ger Zeit nicht der Fall geweſen war. Das finſtere Geſicht ſeines Soldaten Dagobert entrunzelt ſich immer mehr. Dies kann man als ſicheren Beweis einer fühlbaren Beſ⸗ ſerung im Zuſtand des Marſchalls betrachten. — Die letzten anonymen Briefe ſind an ihrer Handſchrift erkannt und vom Soldaten Dagobert uneröffnet dem Briefträger zurückgegeben worden. Man wird auf Mittel ſinnen, ſie dem Marſchall auf eine andere Weiſe zukommen zu laſſen.“ Aigrigny ſah den Kranken an und ſprach: „Ew. Ehrwür— den ſind mit mir der Meinung, daß dieſer Bericht befriedi⸗ gender ſein könnte.“ Rodin ließ den Kopf hängen. Auf ſeinen verzerrten Zü⸗ gen las man, wie ſehr es ihn quälte, daß er nicht ſprechen konnte. Zwei Mal fühlte er an ſeine Kehle, indem er den Marquis mit Angſt anſah. Aigrigny las einen dritten Be⸗ richt und rief dann grimmig aus: „Ha! für einen Glücks⸗ »fall bringt uns dieſer Tag viele Unfälle!“ Der Kranke kehrte ſich abermals raſch gegen Aigrigny, ſtreckte ſeine zitternde Hände nach ihm aus und fragte ihn mit Blicken und Ge⸗ bärden. Der Cardinal theilte Rodin's Unruhe und fragte den Marquis; „Was ſagt Ihnen denn dieſer Bericht, lieber Pater?“ Aigrigny antwortete: „Wir hatten geglaubt, kein Menſch draußen wüßte von dem Aufenthalt Hardy's in unſerem Baus, und jetzt wird befürchtet, Agricola Baudoin habe den Wohnort ſeines ehemaligen Herrn ausfindig gemacht und ihm durch einen der Leute hier im Haus einen Brief zukommen laſſen. — Demnach,“ fuhr er mit Ingrimm fort, „müßte in den drei Tagen, wo ich äußer Stand war, den Herrn —— —— — ——— — —. — 89 — Hardy zu beſuchen, einer der ihm zugetheilten Diener ſich haben beſtechen laſſen. Es iſt unter ihnen ein Einäugiger, dem ich nie getraut habe. Der Schuft! — — Doch nein, ich will nicht an dieſen Verrath glauben. Seine Folgen würden zu beklagenswerth ſein. Ich weiß beſſer als irgend jemand, wie weit die Sachen gediehen ſtnd, und ich erkläre, eine ſolche Correſpondenz könnte Alles verderben, indem ſie bei Hardy Erinnerungen und Gedanken erweckte, die mit großer Mühe eingeſchläfert ſind; ſie könnte vielleicht in einem Tag Alles zu nichte machen, was ich gewirkt habe, ſeitdem er in unſerm Retraite-Hauſe wohnt. Glücklicher Weiſe enthält aber dieſer Brief bloß Zweifel und Befürchtungen, und ich hoffe, die andern Meldungen, welche ich für zuver⸗ läſſiger halte, werden ſie nicht beſtätigen.“ „Mein lieber Pater,“ ſagte der Cardinal, „wir dürfen noch nicht verzweifeln. Die gute Sache wird ſtets von dem Herrn unterſtützt.“ Dieſe Verſicherung ſchien den lieben Pater nicht ſonderlich zu beruhigen. Er ſaß gedankenvoll und niedergeſchlagen da, während Rodin auf ſeinem Schmerzenslager ausgeſtreckt in einem Anfall ſtummen Ingrimms krampfhaft zuſammenſchau⸗ derte bei dem Gedanken an dieſen neuen Stoß, welchen ſein Werk des Trugs erlitte. Nach einigen Augenblicken ſchwei⸗ genden Nachſinnens nahm Aigrigny wieder das Wort und ſagte: „Wir wollen ſehen, was dieſer letzte Bericht enthält. In die Perſon, welche mir ihn ſendet, ſetze ich ſolches Ver⸗* trauen, daß ich an der Zuverläſſigkeit ſeines Inhalts nicht zweifle. Möchte er die andern widerlegen!“ Dreizehntes Kapitel. Der geheime Beich Um nicht den Zuſammenhang der Thatſachen, welche in dem letzten unter den von Aigrigny empfangenen Berichten enthalten waren, zu unterbrechen, laſſen wir den Leſer die Ausrufungen der Ueberraſchung, der Wuth, des Haſſes, der Beſorgniß von Seiten Aigrigny's ergänzen und ebenſo das gräuliche Gebärdenſpiel Rodin's. Aigrigny las Folgendes vor: „Vor drei Tagen iſt der Abbé Gabriel v. Rennepont, welcher nie zuvor das Fräulein von Cardoville beſucht hatte, um halb zwei Uhr Nachmittags ins Hötel derſelben ge⸗ kommen und iſt bis beinahe fünf Uhr darin geblieben. „Faſt augenblicklich nach dem Abgang des Abbé ſind zwei Bediente aus dem Hötel gekommen. Der eine hat ſich zum Marſchall Simon begeben, der andere zum Schmied⸗ geſellen Agricola Baudoin und von da zum Prinzen Dſchalma. — „Geſtern gegen Mittag iſt der Marſchall Simon mit ſeinen Töchtern zum Fräulein von Cardoville gekommen. Bald nachher hat ſich auch der Abbé Gabriel, begleitet von Agricola Baudvin, dort eingefunden. „Eine lange Beſprechung hat ſtattgefunden zwiſchen die⸗ ſen verſchiedenen Perſonen und dem Fräulein von Cardoville. Sie ſind bis um halb vier Uhr beiſammen geblieben. „Der Marſchall Simon, welcher zu Wagen gekommen war, iſt mit ſeinen Töchtern zu Fuß weggegangen. Alle drei ſchienen ſehr zufrieden zu ſein. In einem der abge⸗ legenen Baumgänge der Elyſeiſchen Felder hat man den Marſchall ſeine Kinder zärtlich und freudig umarmen ſehen. „Der Abbé Gabriel v. Rennepont und Agricola Baudoin ſind zuletzt weggegangen. „Der Abbé Gabriel iſt nach Haus gegangen, wie man ſpäter erfahren hat. Der Schmied, den zu beobachten man manche Gründe hatte, iſt bei einem Weinwirth in der Harfenſtraße eingekehrt. Man iſt hinter ihm hinein⸗ gegangen. Er hat ſich eine Flaſche Wein geben laſſen und hat ſich in einen entfernten Winkel des Hinterſtübchens linker Hand geſetzt. Er trank nicht. Es ſchien ihm etwas im Kopf herum zu gehen. Man vermuthet, daß er jemand erwartete. „Wirklich iſt nach einer halben Stunde ein etwa dreißigjähriger Mann von hohem Wuchs, brauner Ge⸗ ſichtsfarbe, auf dem linken Auge blind, bekleidet mit einem kaſtanienbraunen Ueberrock und ſchwarzen Hoſen an⸗ * — 91 — gekommen. Er trug keine Kopfbedeckung und ſchien von einem Ort in der Nähe zu kommen. Dieſer Menſch hat ſich zu dem Schmied an den Tiſch geſetzt, und beide haben ein lebhaftes Geſpräch mit einander geführt. Leider hat man nichts davon verſtehen können. Rach einer halben Stunde hat Agricola Baudoin dem Einäugigen ein kleines Päckchen in die Hand gelegt, welches Gold zu enthalten ſchien, da es einen ſo geringen Umfang hatte, und da der Einäugige eine Miene tiefer Dankbarkeit annahm. Sodann hat Agricola Baudoin dieſem Menſchen einen Brief gege⸗ ben und wie es ſchien, dringend empfohlen. Der Einäu⸗ Bige hat den Brief mit großer Bereitwilligkeit genommen und ſorgfältig in ſeine Taſche geſteckt. Beide ſind hierauf in verſchiedenen Richtungen weggegangen und beim Ab⸗ ſchied hat der Schmied geſagt: Alſo morgen. „Man hat nun für beſonders nöthig gehalten, dem Ein⸗ äugigen nachzugehen. Aus der Harfenſtraße hat er ſeinen Weg durch das Lurembourg genommen und iſt in das Re⸗ traite⸗Haus in der Vaugirardſtraße gegangen. „Da man die Stunde nicht wußte, welche dem Einäugi⸗ gen von Agricola zur Zuſammenkunft beſtimmt war, ſo hat man ſich am folgenden Tag bei Zeit in der Nähe des Weinhauſes in der Harfenſtraße eingefunden. Nachdem man anderthalb Stunden gewartet, iſt der Schmied ge⸗ kommen. „Da man ſich aus Beſorgniß, bemerkt zu werden, faſt unkenntlich gemacht hatte, ſo hat man, wie Tags zuvor, in das Wirthshaus gehen und ſich ziemlich nahe zu ihm ſetzen können, ohne ihm Verdacht zu erwecken. Bald dar⸗ auf iſt der Einäugige gekommen und hat ihm einen ſchwarz geſiegelten Brief übergeben. „Beim Anblick dieſes Briefes ſchien Agricola ſo ergrif⸗ fen zu ſein, daß man deutlich eine Thräne in ſeinen Bart fallen ſah, noch ehe er ihn geleſen hatte. „Der Brief war ſehr kurz, denn der Schmied hat keine zwei Minuten gebraucht, um ihn zu leſen. Dennoch ſchien er ſo froh darüber zu ſein, daß er von ſeiner Bank auf⸗ geſprungen iſt und dem Einäugigen herzlich die Hand ge⸗ drückt hat. Nachher ſchien er dringend von dem Einäugi⸗ gen etwas zu verlangen, was dieſer verweigerte. Endlich ſchien der Einäugige nachzugeben und beide ſind aus dem Weinhaus fortgegangen. „Man iſt ihnen von weitem nachgegangen. Wie geſtern iſt der Einäugige in das bezeichnete Haus in der Vau⸗ girardſtraße eingetreten. Agricola, der ihn bis an die Thür begleitet hatte, iſt lange Zeit um die Mauern her⸗ umgeſchlichen, wie um ſich mit der Oertlichkeit recht be⸗ kannt zu machen. Von Zeit zu Zeit hat er einige Worte in ein Notizbuch geſchrieben. „Hierauf iſt der Schmied nach dem Odeonplatz geeilt und hat dort ein Cabriolet genommen. Man hat ein Gleiches gethan und iſt ihm nachgefahren in die Anjou⸗ ſtraße zur Wohnung des Fräuleins von Cardoville. „Ein glücklicher Zufall wollte, daß in dem Augenblick, wo man Agricola in das Hötel treten ſah, ein Wagen mit Kutſcher und Bedienten in der Livrée des Fräuleins von Cardoville heraus fuhr. In demſelben ſaß der Stallmei⸗ ſter des Fräuleins von Cardoville mit einem elend geklei⸗ deten, ſehr blaſſen Menſchen von bösartigem Ausſehen. Da dieſer außerordentliche Umſtand einige Aufmerkſamkeit verdiente, ſo hat man dieſen Wagen nicht aus dem Auge verloren. Er iſt geradeswegs nach der Polizeipräfeetur gefahren. „Der Stallmeiſter des Fräuleins von Cardoville iſt mit dem Menſchen von bösartigem Ausſehen ausgeſtiegen und beide ſind in das Sicherheitspolizei-Bureau eingetreten. Nach einer halben Stunde iſt der Stallmeiſter allein her⸗ ausgekommen, iſt wieder eingeſtiegen und in den Juſtiz⸗ palaſt gefahren. Dort iſt er auf die Amtsſtube des könig⸗ lichen Procurators gegangen, und nachdem er daſelbſt etwa eine halbe Stunde geblieben, iſt er nach der Anjouſtraße zurück ins Hoͤtel Cardoville gefahren. „Aus zuverläſſiger Quelle hat man erfahren, daß an demſelben Tag, gegen acht Uhr Abends, die ausgezeichne⸗ ten Advocaten Ormeſſon und Valbelle, ſo wie der Unter⸗ ſuchungsrichter, bei welchem die Klage des Fräuleins von Cardoville wegen Gefangenhaltung bei Doctor Baleinier angebracht worden iſt, mit dieſem Fräulein im Hötel Car⸗ doville eine Beſprechung gehabt haben, welche bis faſt um Mitternacht gedauert hat, und welcher Agridola Bau⸗ doin nebſt zwei andern Arbeitern aus der Fabrik Hardy's beigewohnt haben. „Heute hat ſich der Prinz Dſchalma zum Marſchall Simon begeben und iſt vierthalb Stunden bei ihm ge⸗ blieben. Hierauf ſind beide in die Anjouſtraße gefahren und vermuthlich zum Fräulein von Cardoville gegangen, denn ihr Wagen hat an der Thür ihrer Wohnung gehal⸗ ten. Ein unvorhergeſehener Zufall hat die vollſtändige Beobachtung des letzteren Umſtandes verhindert. „So eben erfährt man, daß ein Vorführungsbefehl er⸗ laſſen worden iſt gegen einen gewiſſen Léonard, ehemaliges Factotum des Baron Tripeaud. Dieſer Léonard ſteht im Verdacht, den Brand der Fabrik Hardy's angeſtiftet zu ha⸗ ben. Agricola Baudvin und zwei ſeiner Kameraden haben einen Menſchen bezeichnet, deſſen Beſchreibung ganz auf Léonard paßt. „Aus all dieſem geht augenſcheinlich hervor, daß ſeit einigen Tagen das Hötel Cardoville der Mittelpunkt iſt, von welchem die raſcheſten, mannigfaltigſten Schritte aus⸗ gehen, um auf den Marſchall Simon, auf deſſen Töchter und auf Franz Hardy zu wirken. Die unermüdlichſten und, wie man fürchtet, gefährlichſten Urheber dieſer Schritte ſind das Fräulein von Cardoville, der Abbé Gabriel und Agricola Baudoin.“ Die Zuſammenſtellung dieſes Berichts mit den andern und mit früheren Thatſachen ergab für die E. E. V. V. höchſt bedenkliche Entdeckungen. Gabriel hatte häufige Beſprechun⸗ gen gehabt mit Adriana von Cardoville, welche ihm bis da⸗ hin unbekannt geweſen war. Agricola Baudvin hatte ſich in Verbindung geſetzt mit Hardy. Die Juſtiz war auf der Spur der Anſtifter des Aufruhrs, welcher die Zerſtörung der Fa⸗ brik von Tripeaud's Concurrenten herbeigeführt hatte. Es ſchien faſt gewiß, daß Adriana eine Zuſammenkunft mit Dſchalma gehabt hatte. Das alles zuſammengenommen be⸗ wies, daß Adriana ihre gegen Rodin bei Entdeckung ſeiner zwiefachen Falſchheit ausgeſprochene Drohung verwirklichte und ſich emſig damit beſchäftigte, die zerſtreuten Mit⸗ glieder ihrer Familie um ſich zu vereinigen und mit ihnen einen Bund zu ſtiften gegen den gefährlichen Feind, deſſen Anſchläge, ſo enthüllt und bekämpft, zu Schanden werden mußten. Man wird nun begreifen, welche niederſchmetternde Wir⸗ kung dieſer Bericht hervorbringen mußte auf Aigrigny und beſonders auf Rodin, welcher, mit dem Tod kämpfend, ans Krankenbett gefeſſelt und unfähig war zu handeln, während er ſeinen mühſam aufgeführten Lügenbau Stück für Stück in Trümmer fallen ſah. Vierzehntes Kapitel. O eien Wir haben darauf verzichtet, Mienen, Gebärden und Hal⸗ tung Rodin's während Vorleſung des Berichtes, welcher ſeine lange gehegten Hoffnungen zu zerſtören ſchien, dem Leſer zu beſchreiben. Alles auf ein Mal wollte ihm verſagen, und zwar in dem Augenblick, wo ein faſt übermenſchliches Vertrauen auf den Erfolg ſeiner Ränke ihm noch Kraft gab, die Krankheit zu bemeiſtern. Nachdem er kaum einen ſchmerz⸗ haften Todeskampf überſtanden, hatte ein einziger unveränder⸗ licher, verzehrender Gedanke ihn bis zum Wahnſinn erregt: „Welchen Fort⸗ oder Rückſchritt hat die Rennepont'ſche Sache während meiner Krankheit gemacht?“ — Zuerſt hatte man ihm eine glückliche Kunde gebracht, die Kunde vom Tode Ja⸗ kobs. Aber bald war der aus dieſem Todesfall entſpringende Vortheil — die Verringerung der Zahl der Erben von ſie⸗ ben auf ſechs — aufgehoben worden. Wozu half dieſer To⸗ desfall, wenn die zerſtreute und bisher im Einzelnen mit ſo hölliſcher Beharrlichkeit geſchlagene Familie endlich die Feinde, von welchen die im Dunkeln geführten Streiche ausgegangen — waren, erkannt hatte und ſich wider ſie vereinigte. Wenn alle dieſe geſchlagenen, verwundeten, gebrochenen Herzen ſich einander näherten, ſich wechſelſeitig tröſteten, aufklärten und aufrichteten, ſo war ihre Sache gewonnen und die ungeheure Erbſchaft entging den E. E. V. V. Was war zu thun? Rodin bewies, was der menſchliche Wille vermag. Mit einem Fuß im Grab ſtehend und ſtumm, weiß er immer noch Auswege zu finden und verzweifelt nicht. Ein Wunder darf ihm heut die Geſundheit wieder geben, und ſein unerſchütterliches Vertrauen auf das Gelingen ſeiner Anſchläge, welches ihm ſchon die Kraft gegeben hat, einer Krankheit zu widerſtehen, der ſo viele andere unterlegen ha⸗ ben würden, dies Vertrauen ſagt ihm, daß er noch Alles wieder gut machen könnte. Aber Geſundheit, Leben bedarf er dazu. Und ſein Arzt weiß nicht, ob er ſo viele Erſchütterungen überleben, ob er eine ſchreckliche Operation aushalten können wird! Und eben noch hat Rodin von ſeinem feierlichen Leichenbegängniß ſpre⸗ chen hören! — Geſundheit und Leben — ich werde beides erlangen! ſagt er ſich. Er hat bis dahin leben wollen, und er hat gelebt. Warum ſollte er nicht noch länger leben? Er will es, alſo wird er leben. Alles das hatte Rodin in einer Secunde gedacht. Seine, durch dieſen Sturm in ſeinem Inneren verſtörten Züge hat⸗ ten einen Ausdruck, daß Aigrigny und der Cardinal ihn wie verſteinert anſahen. Und als der Entſchluß, zu leben für den verzweifelten Kampf wider die Familie Rennepont, ihn zum Handeln brachte, glaubten beide ein Traumgeſicht zu haben. Mit einer Willensanſtrengung von unerhörter Kraft fuhr Rodin, wie durch eine Springfeder bewegt, aus ſeinem Bett heraus, ein Bettlaken, wie ein Leichentuch hinter ſeinem gel⸗ ben, fleiſchloſen Körper nachſchleifend, und ſchritk ſchweißbe⸗ deckt durch das kalte Zimmer, auf deſſen ſteinernem Fußboden ſeine nackten Füße ihre feuchte Spur zurückließen. Aigrigny ſtürzte auf ihn los, unter dem Ausruf: „Unglückſeliger! Sie bringen ſich um!“ — und wollte ihn in das Bett zurück⸗ nöthigen. Aber Rodin ſtreckte ſeinen dürren Arm aus und ſtieß den Marquis mit einer, bei ſeiner Erſchöpfung unbe⸗ greiflichen Kraft weit zurück, ſo daß derſelbe nur mit Mühe ſich auf den Füßen erhielt und zu dem Cardinal ſagte. „Er hat die Stärke eines Epileptiſchen“ Langſam ging er an den Tiſch, wo Baleinier ſeine Recepte zu ſchreiben pflegte, ſetzte ſich nieder, nahm Papier, Dinte und Feder und begann mit feſter Hand zu ſchreiben. Seine ruhigen, langſamen und ſicheren Bewegungen hatten etwas von der Gemeſſenheit, welche man bei Nachtwandlern bemerkt. Der Cardinal und Aigrigny ſtanden mit aufgeſperrtem Munde da. Sie wußten nicht, ob ſie wachten oder träum- ten, als ſie den halbnackten Rodin mit der größten Kaltblü⸗ tigkeit ſchreiben ſahen. Endlich trat Aigrigny zu ihm und ſagte „Pater, das iſt unſinnig“ Rodin zuckte die Achſeln, drehte den Kopf nach ihm um und winkte ihm herbeizukom⸗ men und zu leſen, was er geſchrieben hatte. In der Er⸗ wartung, die tollen Einfälle eines wahnſinnigen Gehirns zu leſen, nahm Algrigny das Papier, während Rodin eine an⸗ dere Notiz anfing, und überblickte es. „Hochwürdigſter Herr!“ rief er plötzlich, dem Cardinal das Papier überreichend, e⸗ ſen Sie!“ Der Cardinal las das Blatt, gab es dem Abbé zurück und ſagte: „Das iſt voll Verſtand und Geſchicklichkeit. Auf dieſe Weiſe wird das gefährliche Einverſtändniß zwiſchen dem Abbé Gabriel und dem Fräulein von Cardoville, den Haupt⸗ treibern dieſer Verbindung wirkungslos gemacht.“ „Es iſt wahrhaft wunderbar!“ ſagte Aigrigny. „Ach! lieber Pater,“ flüſterte der Cardinal, mit Bedauern den Kopf ſchüttelnd, „wie Schade iſt es, daß wir allein Zeugen dieſes Vorgangs ſind! Welch herrliches Wunder ließe ſich daraus machen! Ein mit dem Tode ringender Menſch ſo plötzlich verwandelt! Gehörig dargeſtellt — — würde das faſt ſo viel werth ſein wie der Lazarus“ „Ein herrlicher Gedanke!“ flüſterte Aigrigny. „Wir dürfen nicht darauf verzichten. Er iſt ſehr anſprechend!“ Dies unſchuldige kleine thaumaturgiſche Complott ward durch Rodin geſtört, welcher den Kopf umwandte, den Mar⸗ quis zu ſich winkte und ihm ein anderes Blatt überreichte nebſt einem Zettelchen, auf welchem ſtand: Vor Ablaußf einer Stunde auszuführen. 5 Aigrigny las ſchnell die neue Notiz und ſagte: „Richtig! Daran hatte ich nicht gedacht. Auf dieſe Weiſe kann die Correſpondenz zwiſchen Agricola und Hardy, anſtatt verderb⸗ lich zu werden, die beßten Wirkungen hervorbringen!“ Er trat näher zu dem Cardinal und ſagte, während Rodin wei⸗ ter ſchrieb, leiſe zu dem Kirchenfürſten: „Wahrhaftig, ich bin beſchämt. Ich ſehe, ich leſe, und ich kann kaum meinen Augen trauen. Eben noch wie zerſchlagen und ſterbend, ſitzt er jetzt da mit ſo hellem und durchdringendem Geiſt wie nur je. Haben wir denn hier eine Erſcheinung des Somnam⸗ bulismus vor Augen, wo die Seele allein thätig iſt und den Leib beherrſcht?“ Plötzlich ging die Thür auf und Baleinier kam mit ſchnel⸗ len Schritten herein. Beim Anblick des halbnackt mit den Füßen auf den Steinen am Schreibtiſch ſitzenden Rodin rief er im Ton des Vorwurfs und des Entſetzens: „Hochwür⸗ digſter Herr! — — ehrwürdiger Vater! — — das iſt ein Mord, dieſen Unglücklichen ſo daſitzen zu laſſen. Hat er einen Anfall von hitzigem Fieber, ſo muß man ihn in ſeinem Bett feſtbinden und ihm die Zwangsjacke anlegen.“ Mit dieſen Worten eilte er auf Rodin zu und faßte ihn beim Arm. Er war gefaßt, die Haut trocken und eiskalt zu finden, und ſiehe da, ſie war geſchmeidig und faſt feucht. Im höchſten Erſtaunen wollte er ihm den Puls an der linken Hand fühlen. Rodin überließ ihm dieſelbe und fuhr fort mit der rechten zu ſchreiben. „Welches Wunder!“ rief Baleinier, die Pulsſchläge zäh⸗ lend. „Seit acht Tagen und noch dieſen Morgen war der Puls ſtoßweis, ausſetzend und faſt unmerklich, — und ſiehe da! er hebt und regelt ſich. Hier verlieren ſich meine Ge⸗ danken. Was iſt denn geſchehen? Ich traue meinen Augen nicht,“ ſagte er, den Pater Aigrigny und den Cardinal an⸗ ſehend. Aigrigny antwortete: „Der E. V. hat erſt die Sprache verloren und dann einen ſo heftigen Anfall von Verzweiflung in Folge ſchlimmer Nachrichten gehabt, daß wir einen Au⸗ genblick für ſein Leben fürchteten. Und während wir ſo in Angſt waren, hat der E. V. in ſich die Kraft gefunden, bis an dieſen Tiſch zu gehen, wo er ſeit zehn Minuten mit vin. 7 — 98 — einer Klarheit des Gedankens und einer Beſtimmtheit des Ausdrucks ſchreibt, daß der Herr Cardinal und ich, wie Sie ſehen, ganz außer uns darüber ſind.“ „Nun,“ rief der Doctor, „iſt kein Zweifel mehr, die hef⸗ tige Gemüthsbewegung hat ſein Inneres in Aufruhr gebracht und dieſe Erregung iſt eine treffliche Vorbereitung der reae— tiven Kriſis, die ich jetzt faſt ſicher bin durch die Operation zu bewirken.“ „Beharren Sie alſo darauf, ſie zu machen?“ fragte Aigrigny leiſe den Arzt, während Rodin fortfuhr zu ſchreiben. „Dieſen Morgen hätte ich ſchwanken können,“ antwortete Baleinier. „Aber wie ich ihn jetzt finde, muß ich augen⸗ blicklich dieſe Ueberreizung benutzen, auf welche vorausſichtlich eine große Niedergeſchlagenheit folgen wird.“ „Alſo — — ohne die Operation fragte der Cardinal. „Kommt dieſe unverhoffte glückliche Kriſis nicht zum ge⸗ deihlichen Ende und die Nachwirkung kann ihn tödten,“ ant⸗ wortete der Arzt. „Haben Sie ihn von der Bedeutſamkeit der Operation benachrichtigt?“ „Halb und halb, hochwürdigſter Herr.“ „Aber es wäre Zeit, ihn zum Entſchluß zu bringen.“ „Das will ich eben thun, Herr Cardinal.“ Baleinier trat zu Rodin, der fortwährend geſchrieben und nachgedacht und von dem leiſe geführten Geſpräch nichts ver⸗ nommen hatte. „Ehrwürdiger Vater“, ſagte er, „wollen Sie in acht Tagen auf den Füßen ſein?“ Rodin machte eine Gebärde der Zuverſicht, welche ſagte: „Ich bin ja auf den Füßen.“ „Täuſchen Sie ſich nicht,“ ſagte der Arzt. „Dieſe Kriſis iſt vortrefflich, aber ſie wird nur kurze Zeit dauern, und wenn wir ſie nicht benutzen — augenblicklich —, um zu der Operation zu ſchreiten, von der ich Ihnen andeutend geſpro⸗ chen habe, ſo ſage ich Ihnen rund heraus: ich ſtehe nach einer ſolchen Erſchütterung für nichts.“ Dieſe Worte machten um ſo größeren Eindruck auf Rodin, da er eine halbe Stunde vorher die kurze Dauer des durch Aigrigny's gute Botſchaft bewirkten Beſſerbefindens erfahren F — hatte, und da er anfing, eine verdoppelte Beklemmung auf der Bruſt zu empfinden. Baleinier meinte, er ſei unſchlüſſig, und fügte hinzu: „Mit einem Wort, E. V., wollen Sie leben oder nicht?“ Rodin ſchrieb raſch folgende Worte, welche er dem Arzt zu leſen gab: Um zu keben, würd' ich mir Hände und Füße abhauen laſſen. Ich bin zu Allem bereit. Und er machte eine Bewegung um aufzuſtehen. Baleinier ſagte weiter: „Nicht um Sie ſchwankend zu machen, ſondern damit Ihr Muth auf Alles gefaßt ſei, muß ich Ihnen erklären, daß dieſe Operation entſetzlich ſchmerz⸗ haft iſt. Der Kranke zuckte die Achſeln und ſchrieb mit feſter Hand: Laſſen Sie mir den Kopf und nehmen Sie das Uebrige. . Der Doctor las dieſe Worte laut vor. Der Cardinal und Aigrigny ſahen ſich erſtaunt über dieſen unbeugſamen Muth einander an. „Ehrwürdiger Vater,“ ſagte Baleinier, „Sie müſſen ſich wieder zu Bett legen.“ Rodin ſchrieb: Machen Sie ſich fertig. Ich habe ſehr dringende Befehle zu ſchreiben. Wenn der Augenblick gekommen iſt, dann ſagen Sie mir's. Sodann fatzte er ein Papier zuſammen, ſiegelte es mit einer Oblate und winkte dem Pater Aigrigny, folgende Worte zu leſen, welche er auf einen Zettel ſchrieb: Schicken Sie augenblicklich dieſe Notiz an den Agenten, welcher dem Marſchall Simon die anonymen Briefe zu⸗ geſandt hat. „Den Augenblick, E. V.,“ ſagte Aigrigny. „Ich werde es durch eine zuverläſſige Perſon beſorgen laſſen.“ „Ehrwürdiger Vater,“ nahm der Arzt das Wort, „da Sie ſchlechterdings ſchreiben wollen, ſo ſchreiben Sie in Ihrem Bett, während wir unſere kleinen Vorbereitungen treffen.“ Rodin nickte und ſtand auf. Aber ſchon ging die Voraus⸗ ſagung des Arztes in Erfüllung. Der Jeſuit konnte ſich kaum eine Secunde auf den Füßen halten und ſank wieder auf ſeinen Stuhl. Aengſtlich ſah er den Arzt an, während das Athmen ihm immer ſchwerer wurde. „Beunruhigen Sie ſich 5 . 0 nicht,“ ſagte der Doctor. „Aber wir müſſen eilen. Stützen Sie ſich auf mich und auf den Pater Aigrigny.“ Von den Beiden unterſtützt kam Rodin wieder in ſein Bett. Er blieb aufrecht darin ſitzen, und ließ ſich das Schreib⸗ zeug bringen. Ein Buch Löſchpapier, auf ſeine Knie gelegt, diente ihm ſtatt des Tiſches. Von Zeit zu Zeit hielt er inne, um mit großer Mühe Athem zu ſchöpfen, als ob er am Er⸗ ſticken ſei, aber ohne auf das zu achten, was um ihn her vorging. Vater,“ fragte Baleinier den Marquis, „ſind Sie im Stand, mir als Gehülfe zu dienen bei der Operation, welche ich vorhabe? Beſitzen Sie dieſe Art von Muth?“ „Nein,“ antwortete der ehemalige Huſarenoberſt. „Beim Heer habe ich in meinem Leben keiner Amputation bei- wohnen können. Der Anblick des ſo vergoſſenen Blutes macht mich ſchwach.“ „Es gibt kein Blut,“ ſagte Baleinier; “ aber es iſt noch ſchlimmer. Schicken Sie mir gefälligſt drei von unſern E. E. V. V., die mir beiſtehen können, und zugleich haben Sie die Güte, den Herrn Ruuſſelet mit ſeinem Apparat hereinkommen zu laſſen.“ Aligrigny ging weg. Der Cardinal trat zu Baleinier und fragte ihn leiſe: „Iſt er außer Gefahr?“ „Wenn er die Operation aushält, — ja.“ „Und glauben Sie, er wird ſie aushalten?“ „Ihm würd' ich ſagen: ja. Ewr. Eminenz ſage ich: Man muß es hoffen.“ „Und wenn er unterliegt, wird man dann noch Zeit haben, ihm die Sacramente öffentlich zu reichen mit einem gewiſſen Pomp, der immer Aufenthalt macht?“ „Vermuthlich würde ſein Todeskampf wenigſtens — — eine Viertelſtunde dauern.“ „Das iſt kurz,“ ſagte der Cardinal. „Aber man müßte ſich eben damit begnügen.“ Und er trat an ein Fenſter und trommelte harmlos auf den Scheiben, indem er an den Lichteffect auf dem Katafalk dachte, den er ſo ſehr für Rodin aufgeſchlagen zu ſehen wünſchte.“ In dieſem Augenblick kam Rouſſellet mit einem Käſtchen in das Krankenzimmer und legte ſeine Vorrichtungen auf der Marmorplatte einer Commode zurecht. 6 5 „Wie viel haben Sie bereit gemacht?“ fragte Baleinier. „Sechs,“ antwortete Roufſelet. „Vier würden genug ſein; aber es iſt gut, ſich vorzuſehen. Die Baumwolle iſt doch nicht zu ſehr verarbeitet?“ „Sehen Sie.“ „Sehr gut.“ „Wie geht's dem E. V.?“ fragte der Zögling. „Hm, hm,“ erwiderte Baleinier ganz leiſe. „Die Bruſt iſt entſetzlich beklemmt, das Athmen pfeifend, die Stimme man⸗ gelnd. Aber eine Möglichkeit bleibt eben doch.“ „Ich fürchte nur, der E. V. möchte den entſetzlichen Schmerz nicht aushalten können. 4 „Das iſt auch möglich; aber in einer ſolchen Lage muß man Alles wagen. Kommen Sie, lieber Freund; zünden Sie ein Licht an; ich höre unſere Gehülfen kommen.“ Bald darauf erſchienen, eingeführt von Aigrigny, die drei geiſtlichen Herren, welche einige Stunden zuvor in dem Gar⸗ ten des Hauſes ſpazieren gegangen waren und das früher mitgetheilte Geſpräch geführt hatten. Sie kamen in ihrer beſchriebenen gewöhnlichen Tracht und ſchienen, die beiden Alten mit rothen, blühenden Geſichtern ſowohl wie der junge mit dem aſcetiſchen Ausſehen, völlig bereit, dem Doctor Baleinier bei der gefährlichen Operation zur Hand zu gehen. Fünfzehntes Kapitel. Di e J o „Ehrwürdige Väter,“ ſagte freundlich der Dortor Baleinier zu den drei Ordensgeiſtlichen, „ich danke Ihnen für den Beiſtand, welchen Sie zu leiſten bereit ſind. Was Sie zu thun haben werden, iſt ſehr einfach, und mit dem Beiſtund des Herrn wird dieſe Operation unſern vielgeliebten Pater Rod inretten.“ Die drei Schwarzröcke erhoben die Augen andüchtig gen Himmel und verbeugten ſich wie ein Mann. Gleichgültig gegen das, was um ihn her vorging, hatte Rodin fortwährend nachgedacht und geſchrieben. Von Zeit zu Zeit kam aus ſeiner Kehle ein ſchwaches Pfeifen, ſo daß Baleinier ſich mehrmals erſchrocken nach ihm umgeſehen hatte. Jetzt gab der Doetor ſeinem Schüler énen Wink, trat zu Rodin und ſprach: „Ehrwürdiger Vater, der große Augen⸗ blick iſt da. Muth gefaßt!“ Kein Zeichen von Schrecken war auf dem Geſicht des Jeſuiten zu ſehen. Es blieb unveränderlich wie das einer Leiche. Nur ſeine kleinen Schlangenaugen glänzten noch ſtärker in ihren dunkeln Höhlen. Einen Augenblick ließ er einen zuverſichtlichen Blick über die Anweſenden ſchweifen. Dann nahm er die Feder zwiſchen die Zähne, falzte und ſiegelte das zuletzt geſchriebene Billet und legte es auf den Nachttiſch. Und nun machte er gegen Baleinier ein Zeichen, welches zu ſagen ſchien: Ich bin bereit. Vor allen Dingen ließ der Doctor das Bett des Kranken in die Mitte des Zimmers rollen. Sodann ſagte er zu Ro⸗ din: „Sie müſſen Ihr Wams und Ihr Hemd ausziehen, Ehrwürdiger Vater.“ Sei es Schamhaftigkeit oder Wider⸗ wille, ſeinen elenden Leib ſehen zu laſſen, — Rodin ſchwankte einen Augenblick, aber nur einen Augenblick. Kaum hatte Baleinier hinzugefügt: „Es iſt nothwendig, Ehrwürdiger Vater,“ ſo zog er mit Hülfe des Arztes Wams und Hemd aus. Zur Beſchwichtigung ſeines empörten Schamgefühls ſagte der Doetor: „Wir müſſen ſchlechterdings Ihre Bruſt haben, Ehrwürdiger Vater, die linke und die rechte Seite.“ Rodin lag, den Kopf mit der ſchmierigen ſchwarzſeidenen Mütze bedeckt, auf dem Rücken und ließ den vorderen Theil eines ſchwarzgelben Rumpfes ſehen, zwiſchen deſſen Rippen der Schatten über der eingeſunkenen Haut ſchwarze Reife bildete. Die Arme ſahen aus wie mit Stricken bewickelte und mit Pergament überzogene Knochen. „Herr Rouſſelet, jetzt den Apparat her,“ ſagte Baleinier zu ſeinem Schüler. Und zu den drei Geiſtlichen ſprach er: „Meine Herren, kommen Sie. Was Sie zu n haben, iſt ſehr einfach, wie Sie ſehen werden.“ Nach dieſen Worten gab er ſeinem Schüler und jedem der drei Jeſuiten in die linke Hand einen kleinen ſtählernen Drei⸗ — ——— . — 1 fuß von zwei Zoll Durchmeſſer und drei Zoll Höhe, deſſen Ring mit gezupfter Baumwolle ausgefüllt wurde und woran ſich ein hölzerner Handgriff befand. In die Rechte gab er jedem ein blechernes Trompetchen von 18 Zoll Länge, deſſen Becher gerade den Ring des Dreifußes bedeckte. Alles das ſah nicht ſehr gefährlich aus. Aigrigny und der Cardinal, die von weitem zuſchauten, wunderten ſich, wie dieſe Opera⸗ tion ſo ſchmerzhaft ſein ſollte. Bald aber begriffen ſie es. Baleinier ſtellte zwei ſeiner Gehülfen auf die rechte, zwei auf die linke Seite, hielt ihnen das Licht hin und ſagte: „Jetzt, meine Herren, zünden Sie die Baumwolle unter dem Dreifuß an, ſetzen dieſen auf die Haut Sr. Ehrwürden, be⸗ decken den Dreifuß mit dem Becher Ihrer Röhren und blaſen das Feuer durch das Mundſtück an. Sie ſehen, es iſt ſehr einfach.“ Es war in der That über die Maßen einfach. Vier bren⸗ nende, aber nur langſam brennende Wieken wurden links und rechts auf Rodin's Bruſt geſetzt. Man nennt das Mora. Die Sache iſt abgethan, wenn die ganze Haut langſam durch⸗ gebrannt iſt. Das dauert ſieben bis acht Minuten. Man behauptet, eine Amputation ſei nichts dagegen. Rodin hatte mit unerſchrockener Neugier den Vorbereitun⸗ gen zugeſehen. Aber bei der erſten Berührung dieſer vier verzehrenden Gluthen fuhr er empor und krümmte ſich wie eine Schlange. Und dabei konnte er ſich nicht einmal durch Ausſtoßung eines Schreis erleichtern. Durch ſeine plötzliche Bewegung waren die Dreifüße verrückt worden, und es mußte wieder von vorn angefangen werden; „Muth, lieber Pater,“ ſagte Baleinier in ſcheinheiligem Ton. „Bringen Sie dieſe Leiden dem Herrn als ein Opfer dar. Ich habe es Ihnen vorausgeſagt, dieſe Operation iſt ſehr ſchmerzhaft, aber eben ſo heilſam wie ſchmerzhaft. Damit iſt Alles geſagt. Sie haben bisher ſo viel Entſchloſſenheit bewieſen; laſſen Sie dieſelbe nicht im entſcheidenden Augen⸗ blicke fehlen.“ In der erſten Ueberraſchung des Schmerzes hatte Rodin die Augen geſchloſſen. Jetzt öffnete er ſie wieder und ſah den Doctor an, faſt beſchämt, daß er ſich ſo ſchwach gezeigt hätte. Indeß bemerkte man bereits auf ſeiner Bruſt vier blutrothe Brandmale. In dem Augenblick, wo er ſich wieder niederlegen wollte, deutete er auf das Dintefaß und gab zu verſtehen, daß er ſchreiben wolle. Dieſen Einfall konnte man ihm hingehen laſſen. Baleinier reichte ihm das Schreibzeug, und Rodin ſchrieb: Es iſt beſſer, keine Zeit zu verlieren. Tripeaud ſofort von dem ge⸗ gen Léonard erlaſſenen Vorführungsbefehl zu benachrichtigen, damit er Vorſorge trifft. Den Zettel mit dieſen Worten überreichte er dem Doctor und be⸗ deutete ihm, denſelben dem Pater Aigrigny zu geben. Der Marquis, gleich dem Arzt und dem Cardinal erſtaunt über eine ſolche Geiſtesgegenwart, blieb einen Augenblick wie betäubt ſtehen. Rodin heftete ſeine Blicke mit dem Ausdruck der Ungeduld auf ihn. Baleinier errieth ſeine Gedanken und ſagte dem Marquis ein Wort, auf welches hin dieſer hinausging. „Nun, Ehrwürdiger Vater,“ ſagte der Arzt, „wir müſſen wieder von vorn anfangen. Dies Mal rühren Sie ſich nicht. Sie kennen die Sache.“ Rodin faltete die Hände über dem Kopf, hielt ſeine Bruſt dar und machte die Augen zu. Es war ein ſeltſamer, ſchauer⸗ licher, faſt phantaſtiſcher Anblick. Die drei Prieſter in ihren langen ſchwarzen Gewändern über dieſen leichenähnlichen Körper gebeugt, die Lippen auf die Röhren und die Röhren auf die Bruſt des Kranken gedrückt, ſchienen ſein Blut aus⸗ zuſaugen oder ihn mit einem Zauber zu beſtricken. Ein wi⸗ derwärtiger Geruch von verbrannter Haut verbreitete ſich in dem ſtillen Gemach. Jeder Gehülfe hörte unter ſeinem rauchenden Dreifuß ein Kniſtern. Das war die Haut Rodin's, die an vier verſchiedenen Stellen ſeiner Bruſt platzte. Der Schweiß rieſelte über ſein erdfahles Geſicht, daß es glänzte. An ſeinen Schläfen klebten einige Büſchel ſtarrer grauer Haare. Zuweilen waren ſeine Krämpfe ſo heftig, daß auf ſeinen ſtarren Armen die Adern ſchwollen und ſich wie Stricke, die zerreißen wollen. Der Kranke erduldete dieſe entſetzliche Qual mit derſelben unerſchrockenen Ergebung wie der Wilde, deſſen Ruhm darin beſteht, den Schmerz zu verachten. Rodin ſchöpfte Muth und Kraft aus der für ihn als Gewißheit daſtehenden Hoff⸗ 6 — nung, am Leben zu bleiben. So unbezwinglich war ſein Sinn, ſo gewaltig die Kraft ſeines Geiſtes, daß unter un⸗ ausſprechlichen Qualen ſein unveränderlicher Gedanke ihn nicht verließ. Wenn zuweilen der Schmerz nur ein wenig nachließ, ſann er über die Rennepont'ſche Angelegenheit nach, berechnete die Möglichkeiten und erſann die raſcheſten Maß⸗ regeln, wohl wiſſend, daß keine Minute zu verlieren war. Baleinier wandte ſeinen Blick nicht von ihm ab und er⸗ ſpähte mit Aufmerkſamkeit die Aeußerungen des Schmerzes und die heilſame Wirkung dieſes Schmerzes auf den Kranken, der bereits anfing etwas leichter zu athmen. Auf ein Mal fuhr Rodin mit der Hand an die Stirn, als ob ihm plötzlich ein Gedanke gekommen ſei, ſah raſch nach dem Arzte hin und bat ihn mit einer Gebärde, die Operation einen Augen⸗ blick zu hemmen. Beleinier ſagte ihm: „Ich muß Sie auf⸗ merkſam machen, daß die Operation ſchon mehr als halb vollendet iſt, und daß das Wiederanfangen nach einer Unter⸗ brechung vergrößerte Schmerzen macht.“ Rodin gab zu ver⸗ ſtehen, daß ihm nichts daran liege; er wolle ſchreiben. „Meine Herren,“ ſagte Baleinier, „halten Sie einen Augen⸗ blick inne. Nehmen Sie nicht die Mora weg, aber blaſen Sie auch nicht das Feuer an.“ Demnach ſollte das Feuer auf der Haut des Patienten ſachte anſtatt raſch brennen. Der Schmerz war weniger hef⸗ tig, aber immer noch bedeutend. Trotz demſelben begann Rodin zu ſchreiben. Da er auf dem Rücken liegen blieb, mußte er das Löſchpapier in die linke Hand nehmen, es über die Augen halten und ſo ſchreiben, wie ein Maler eine Decke malt. Auf ein erſtes Blatt ſchrieb er einige Zeichen in einer Chifferſchrift, die er für ſich allein zum Aufmerken geheimer Dinge erdacht hatte. Einige Angenblicke zuvor war ihm mitten in ſeiner Qual ein lichter Gedanke gekommen, und um ihn nicht über den Schmerzen zu vergeſſen, merkte er ihn auf. Einige Male mußte er innehalten; denn wenn ſeine Haut auch nur bei langſamem Feuer verbrannte, ſo verbrannte ſie eben doch. Auf ein anderes Blatt ſchrieb er ſodann folgende Worte: Augenblicklich B. zu Faringhea zu ſchicken, um von dieſem den Bericht über das mit Dſchalma in den letzten Tagen Vorgegangene zu — 106 — empfangen. B. ſoll ſofort mit dieſem Bericht hie⸗ her kommen. Dies Blatt wurde auf einen Wink Rodin's dem inzwiſchen wiedergekommenen Aigrigny gegeben, und der Marquis eilte ſogleich wieder hinaus, um dieſen neuen Be⸗ fehl ergehen zu laſſen. Der Cardinal näherte ſich ein wenig dem Schauplatz der Operation, denn trotz dem üblen Geruch in dieſem Zimmer fand er großen Gefallen, den Jeſuiten, gegen welchen er den Haß eines italiäniſchen Pfaffen hegte, theilweiſe braten zu ſehen. Baleinier ſagte zu dem Kranken: „Nun, Ehr⸗ würdiger Vater, beweiſen Sie auch noch ferner Ihren wunderbaren Muth. Sie haben noch einen harten Augenblick zu überſtehen, und dann — gute Hoffnung.“ Der Patient legte ſich wieder zurecht. Aigrigny kam wie⸗ der herein und beantwortete eine fragende Gebärde Rodin's mit einem Zeichen der Bejahung. Auf ein Zeichen des Arztes ſetzten die Gehülfen wieder den Mund an die Röhren und blieſen raſch das Feuer an. Die Steigerung des Schmerzes war ſo arg, daß Rodin trotz ſeiner Selbſtbeherrſchung die Zähne zuſammenbiß, als ſollten ſie zerbrechen, und ſich krampfhaft in die Höhe warf. Seine unter dem Brand bebende Bruſt blies ſich ſo heftig auf, daß endlich aus ſeiner Lunge ein furchtbarer Schrei des Schmerzes hervordrang. Aber dieſer Schrei war volltönend. „Die Bruſt iſt frei!“ jubelte Baleinier. „Er iſt gerettet! Die Lunge arbeitet — die Stimme iſt wieder da. Blaſen Sie, meine Herren, blaſen Sie! Und Sie, Ehrwürdiger Vater, wenn Sie können, ſo ſchreien Sie, heulen Sie. Scheuen Sie ſich nicht. Ich werde entzückt ſein, Sie zu hören, und es wird Sie erleichtern⸗ Muth! Jetzt ſtehe ich für Sie. Das iſt eine Wunderkur. Ich werde ſie öffentlich bekannt machen, austrompeten!“ Aigrigny trat haſtig zu dem Arzt und flüſterte ihm ins Ohr: „Der Herr Cardinal iſt Zeuge, daß ich mir die Be⸗ kanntmachung dieſer Sache vorbehalten habe, welche für ein Wunder gelten wird, wie ſie es ohne Zweifel kann.“ — „Gut, es wird eine Wunderkur ſein,“ antwortete trocken Baleinier, der etwas auf ſeine Werke hielt. Als Rodin hörte, er ſei gerettet, obwohl ietzt, wo die „ * —— unterſte Haut brannte, ſeine Schmerzen vielleicht am heftigſten waren, erſchien er wirklich ſchön, d. h. ſchön, wie ein Teufel es ſein kann. Durch die ſchmerzliche Verzerrung ſeiner Züge leuchtete der Stolz wilder Siegesfreude hindurch. Man ſah, wie dies Ungeheuer ſich wieder ſtark und mächtig werden fühlte und daß er wußte, welch ſchreckliches Unheil ſeine Auferſtehung anrichten könnte. Unter dem verzehrenden Brand ſich krümmend ſprach er die erſten aus ſeiner immer freier werdenden Bruſt hervordringenden Worte: „Ich habe es ge⸗ ſagt, ich würde leben bleiben.“ „Und Sie haben wahr geſprochen,“ rief Baleinier, dem Kranken den Puls fühlend. „Sehen Sie, jetzt iſt Ihr Puls voll, feſt und regelmäßig und die Lunge iſt frei. Die Wir⸗ kung iſt vollſtändig: Sie ſind gerettet.“ Jetzt waren die letzten Faſern der Baumwolle abgebrannt. Die Dreifüße wurden weggenommen. Auf der fleiſchloſen Bruſt Rodin's erblickte man vier große Ringe verbrannter Haut, welche noch rauchte, und in denſelben das rothe, rohe Fleiſch. Einer der Ringe war doppelt, weil bei einer der heftigen Zuckungen Rodin's ein Dreifuß ſich verſchoben hatte. Rodin ſenkte den Blick auf dieſe Wunden, betrachtete ſie ſchweigend einige Secunden lang, warf dann dem Pater Aigrigny einen unbeſchreiblichen Blick des Einverſtändniſſes zu und ſagte, langſam mit dem Finger die Wunden zählend: „Pater Aigrigny, welche Vorbedeutung! Sehen Sie? Ein Rennepont . . zwei Rennepont . . . drei Rennepont . . . vier Rennepont. . Wo iſt denn der fünfte?. Ah, hier. Dieſe Wunde zählt für zwei: ſie iſt ein Zwilling.“ Und da⸗ bei kicherte er. Er meinte Dſchalma, Adriana, Hardy, Roſa und Blanca. Den todten Jakob Rennepont und Gabriel, welcher die Erb⸗ ſchaft weggeſchenkt hatte, rechnete er nicht mehr. Nur Aigrigny, der Cardinal und Baleinier verſtanden den Sinn dieſer geheimnißvollen unheilverkündenden Worte. Rodin ergänzte ſie, indem er mit prophetiſcher Stimme ausrief: „Ich ſage, das Geſchlecht des Gottloſen wird zu Staub wer⸗ den, gleichwie die Stücke meines Fleiſches zu Aſche geworden ſind. Ich ſage es. Es wird geſchehen. Denn ich habe leben wollen, und ich lebe.“ Sechszehntes Kapitel. Laſter und Tugend. Zwei Tage ſind vergangen, ſeitdem Rodin durch ein Wun⸗ der ins Leben zurückgerufen worden. Der Leſer hat wohl nicht das Haus in der Clovisſtraße vergeſſen, wo der E. V. ein Abſteigquartier hatte, und wo ſich auch die von Roſe Pompon innegehabte Wohnung Philemon's befand. Es iſt etwa drei Uhr Nachmittags. Ein heller Sonnenſtrahl fällt durch ein rundes Loch in der Thür des halb unterirdiſchen Ladens der Kohl- und Kohlenhändlerin Arſene und bildet einen ſtarken Gegenſatz zu der Dunkelheit dieſes Kellers. Das Licht fällt unmittelbar auf einen unheimlichen Gegen⸗ ſtand. Mitten unter den Wellen, den welken Gemüſen und neben einem Kohlenhaufen ſteht ein ſchlechtes Bett, und unter einem darüber liegenden Tuch bemerkt man die ſtarren, eckigen Formen einer Leiche. Es iſt die Leiche der, zwei Tage zuvor an der Cholera geſtorbenen Arſene. Sie iſt bei der übergroßen Menge der zu beſorgenden Beerdigungen noch nicht abgeholt worden. Die Clovisſtraße iſt in dieſem Augenblick faſt öde. Die Stille auf derſelben wird oft durch das ſcharfe Sauſen des Nordoſtwindes unterbrochen. In der Zwiſchenzeit, wenn der Wind ſich nicht vernehmen läßt, hört man oft ein Raſcheln und ſieht große Ratten auf dem Kohlenhaufen herumlaufen. Ein plötzliches Geräuſch an der Seitenthür ſcheucht dieſe un⸗ reinen Thiere in ihre Löcher. Das Geräuſch iſt Folge des Bemühens, die in den dunkeln Gang führende Thür zu er⸗ brechen. Das ſchlechte Schloß gibt bald nach; die Thür ſpringt auf, und ein weibliches Weſen tritt ein. Dies Weib bleibt einen Augenblick zögernd im dunkeln Theil des kalten feuchten Kellers ſtehen. Dann nähert ſie ſich langſam dem Todbett, und der Sonnenſtrahl beleuchtet die Geſtalt der Königin Bacchanal. Ihre Geſichtszüge ſind noch mehr entſtellt, als ſie es beim Tode Jakobs waren. — Sie iſt entſetzlich blaß. Ihre ſchönen ſchwarzen Haare ſind verwirrt, ihre Arme und Beine nackt. Ihre Kleidung beſteht aus einem geflickten Rock und einem zerriſſenen Halstuch. Als ſie an das Bett kam, warf ſie auf daſſelbe einen Blick faſt wilder Unerſchrockenheit. Plötzlich fuhr ſte mit einem Angſtſchrei zurück. Sie bemerkte eine raſche wellen⸗ förmige Bewegung unter dem Tuch von den Füßen bis zum Kopf der Leiche. Ihr Schrecken legte ſich, als ſie aus dem Tuch eine Ratte hervorkommen und über das wurnmſtichige Kopfbrett davonlaufen ſah. Wieder beruhigt, begann ſie ver⸗ ſchiedene Dinge zuſammenzuſuchen mit ſolcher Haſt, als fürch⸗ tete ſie ertappt zu werden. Erſt nahm ſie einen Korb und füllte ihn mit Kohlen. Nachdem ſie ſich noch links und rechts umgeſehen, gewahrte ſie in einer Ecke eine irdene Kohlenpfanne. Sie ergriff die⸗ ſelbe mit der Miene unheimlicher Freude. „Das iſt noch nicht Alles — — das iſt noch nicht Alles,“ ſagte ſie und blickte von neuem unruhig umher. Endlich gewahrte ſie ne⸗ ben dem Ofen eine blecherne Büchſe mit Feuerzeug. Sie legte dieſelbe auf die Kohlen in ihren Korb, nahm dieſen in die eine und die Kohlenpfanne in die andere Hand und ging nach der Thür. Als ſie an der Leiche vorbeikam, ſagte ſie mit einem eignen Lächeln: „Ich beſtehle Euch, arme alte Arſene; aber mein unrecht Gut wird mir ſchlecht gedeihen.“ Nachdem Cephiſe hinausgegangen war, brachte ſie die Thür, ſo gut es ging, wieder in Ordnung und ſchritt durch den Gang und durch das Böſchen, welches das Vorderhaus vom Hinterhaus trennte. Mit Ausnahme der Fenſter im Zimmer Philemons, auf deſſen Brüſtung Roſe Pompon ſo oft wie ein Vogel geſeſen und ihren Bérenger gezwitſ ſchert hatte, ſtanden alle ihligen Fenſter des Hauſes offen. Im erſten und im zweiten Stockwerk lagen Todte, die gleich vielen an⸗ dern auf den Karren warteten. Die Königin Bacchanal ging die Treppe hinauf, welche zu den früher von Rodin inne gehabten Zimmern führte, und weiter hinauf eine kleine ſteile, baufällige, leiterartige Treppe, neben welcher ein altes Seil als Geländer diente, bis zu einer halbfaulen Thür, durch welche ſie in eine Dachkammer trat. — 110 — Dies jämmerliche Gemach war zehn Fuß lang und breit. Die ſchräge Decke deſſelben hatte an mehren Stellen Löcher, ſo daß der Regen eindringen konnte. Die durch das einzige Fenſter einfallenden Sonnenſtrahlen beleuchteten als einzige Geräthe an einer verfallenen Wand einen alten Strohſack, aus deſſen Riſſen Strohhalme hervorſahen, und daneben eine Kaffeekanne von Fayence mit abgebrochener Mündung, etwas Waſſer enthaltend. Auf dem Rand des Strohſacks ſaß in Lumpen gehüllt die Mayeur, die Ellenbogen auf den Knien, das Geſicht zwiſchen ihren weißen mageren Händen. Beim Eintritt ihrer Schweſter blickte ſie auf. Ihr ſanftes blaſſes Geſicht ſah in Folge von Kummer und Elend noch hohler und magerer aus als ge⸗ wöhnlich. Ihre rothgeweinten eingeſunkenen Augen hefteten ſich mit einem Ausdruck ſchwermüthiger Zärtlichkeit auf ihre eintretende Schweſter. Dieſe ſagte mit dumpfer Stimme: „Hier hab' ich, was wir brauchen. In dieſem Korb iſt das Ende unſerer Leiden. Zum erſten Mal in meinem Leben hab' ich — — — geſtohlen. Ich fühle Scham und Angſt darüber. Ich bin gewiß nicht dazu geſchaffen, eine Diebin oder etwas ſchlimmeres zu ſein.“ Bei dieſen Worten lächelte ſie mit Bitterkeit. Nach einem Augenblick des Schweigens erwiderte die Mayeur: „Gute Cephiſe, du willſt alſo durchaus ſterben?“ „Wie kann ich zaudern?“ entgegnete Cephiſe. „Wenn du willſt, gehe ich nochmals die Rechnung meines Lebens durch. Selbſt wenn ich meine Schande und die Verachtung des ſter⸗ benden Jakob vergeſſen könnte, was bliebe mir dann noch? Zwei Auswege. Erſtlich: wieder ordentlich werden und ar⸗ beiten. Aber du weißt, beim beßten Willen wird es mir oft an Arbeit fehlen, wie es uns jetzt ſeit einigen Tagen fehlt. Und wenn es mir nicht daran fehlt, dann muß ich mit vier bis fünf Franken die Woche leben d. h. langſam unter Ent⸗ behrungen ſterben. Ich kenne das und ziehe vor, mit einem Mal zu ſterben. — Der zweite Ausweg wäre: zur Friſtung meines Lebens das ſchndliche Handwerk fortzuſetzen, welches ich ein Mal verſucht habe. Und das will ich nicht; — es iſt mir zu ſtark. Zwiſchen entſetzlichem Elend, Schande und Tod — kann da die Wahl zweifelhaft ſein? Antworte. — — En 7 77 % Doch wozu das Hin- und Herreden? Ich bin entſchloſſen und nichts in der Welt wird mich hindern, dem Ding ein Ende zu machen, da ſelbſt du von mir nichts weiter erlangt haſt als einen Aufſchub von einigen Tagen in der Hoffnung, die Cholera würde uns die Mühe erſparen. Dir zu Gefallen hab' ich eingewilligt. Die Cholera iſt gekommen, hat Alles im Hauſe umgebracht und uns übrig gelaſſen. Du ſiehſt, es iſt beſſer, man verrichtet ſeine Geſchäfte ſelber. Und was du auch ſagen magſt, du haſt eben ſo große Luſt, wie ich — — abzuſcheiden — — aus dem Leben.“ „Das iſt wahr,“ antwortete die Bucklige niedergeſchlagen. „Aber allein iſt man nur für ſich verantwortlich. Sterbe ich dagegen mit dir, ſo iſt es mir als wir ich mit an deinem Tode ſchuld.“ „Wäre es dir lieber, wenn ich für mich ſtürbe, und du für dich? — So iſt es luſtig,“ ſagte Cephiſe mit jener ver⸗ zweifelten Ironie, welche bei Todesgedanken häufiger iſt, als man glaubt. „Ach, nein! nein!“ antwortete die Mayeur erſchrocken, „nicht allein. Ich will nicht allein ſterben.“ „Du ſiehſt alſo, wir thun wohl, uns nicht zu trennen. — — Und doch will mir zuweilen das Herz brechen bei dem Ge⸗ danken, daß du ſterben willſt, wie ich.“ „Eigenützige!“ erwiderte die Mayeur mit ſchmerzlichem Lächeln. „Welche Gründe habe ich, mehr als du das Leben zu lieben? Welche leere Stelle laß ich zurück?“ „Du biſt ein armer Märtyrer,“ ſagte Cephiſe. „Die Prie⸗ ſter ſprechen von Heiligen! Gibt es einen, der dir gleichkommt? 8 willſt du ſterben wie ich — wie ich, die ich ſtets üſ g, keichtſinnig und ſtrüflich gelebt habe, wie du arbeit⸗ iſt und aufopfernd für Alles, was litt. Was ſoll h ſu n Du ein Engel auf Erden, ſollſt ſo verzweif⸗ lungsvoll ſterben wie ich, die ich jetzt ſo tief herabgeſinten bin, wie ein Weib nur ſinken kann.“ „Sonderbar!“ ſagte die Buckelige nachſinnend. „Wir ſind von demſelben Punkt ausgegangen, habe entgegengeſetzte Wege verfolgt und ſind jetzt bei einem und demſelben Ziele ange⸗ langt. Für dich, arme Schweſter, die du noch vor wenigen Tagen ſo ſchön warſt, ſo blühend in Lebenskraft und toller ju⸗ 5 fehlt oder der Lohn nicht ausreicht, und der M gendlicher Lebensluſt, für dich iſt jetzt das Leben eine nicht weniger ſchwere Bürde als für mich, das jämmerliche Geſchöpf. Uebrigens,“ ſetzte ſie ſanft hinzu, „habe ich bis zum Ende erfüllt, was für mich Pflicht war. Agricola bedarf meiner nicht mehr. Er iſt verheirathet, liebt und wird geliebt. Sein Glück iſt gewiß. Dem Fräulein von Cardoville bleibt nichts zu wünſchen. Sie iſt ſchön, reich und glücklich. Für ſie hab' ich gethan, was ein armes Geſchöpf von meinem Schlag thun konnte. Die, welche mir gut waren ſind glücklich. Was macht es nun aus, wenn ich mich zur Ruhe begebe, da ich ſo müde bin?“ „Arme Schweſter!“ erwiderte Cephiſe mit einer Rührung, bei welcher die verzerrgnde Spannung ihrer Züge verſchwand, „wenn ich daran denke, wie du, ohne mir ein Wort zu ſagen, trotz deinem Entſchluß, nie mehr zu deiner edelmüthigen Be⸗ ſchützerin zurückzukehren, dich zum Tode matt und ausgehun⸗ gert nach ihrer Wohnung geſchleppt haſt, um ſie für mich an⸗ zuſprechen, und wie dir auf den Elyſeyſchen Feldern die Kraft ausgegangen iſt — —!“ „Als es mir endlich gelang, zu ihrer Wohung zu kommen, war ſie leider abweſend — leider!“ ſagte widerholend die Mayeur mit einem ſchmerzlichen Blick auf Cephiſen; „denn Tages darauf, als du dieſen letzten Schritt fehlſchlagen ſahſt und, mehr an mich als an dich denkend, uns um jeden Preis Brod verſchaffen wollteſt — — —“ Sie konnte nicht ausſprechen und verbarg ſchaudernd ihr Geſicht in ihren änden. ephiſe ergänzte: „Nun da hab' ich mich verkauft wie ſo viele andere Unglückliche ſich verkaufen, wenn die Arbeit ihnen nzu laut bellt. Der Unterſchied iſt nur: während me 6 Schande leben, ſterb' ich daran.“ ₰ 8 „Ah!“ rief die Mayeur, „dieſe ſchreckliche Schande, an der du ſtirbſt, weil du ein Herz haſt, — du würdeſt ſie nicht kennen gelernt haben, wenn ich das Fräulein angetroffen, oder wenn ſie meinen Brief, den ich bei ihrem Hausmeiſter ge⸗ ſchrieben, beantwortet hätte. Ihr Schweigen beweiſt mir, daß ſie mit Recht durch mein plötzliches Weglaufen von ihr verletzt iſt. Ich begreife, wie ſte es ſchwarzem Undank von meiner Seite zuſchreiben mußte. Tief mußte ſie verletzt ſein, daß ſie mich keiner Antwort gewürdigt hat. Darum habe ich auch nicht das Herz gehabt, ihr nochmals zu ſchreiben, was gewiß nutzlos geweſen wäre. So gütig und billig ſie iſt, ſo uner⸗ bittlich iſt ſie in ihrer Weigerung, wenn ſie dieſelbe für ver⸗ dient hält. Nutzlos wäre es auch geweſen, weil zu ſpät, weil du entſchloſſen warſt, zu enden.“ „Feſt entſchloſſen! Meine Schande nagte an meinem Her⸗ zen, und Jakob war in meinen Armen geſtorben, indem er mich verachtete. Und ich habe ihn geliebt — wie man nur ein Mal im Leben liebt!“ „Möge denn unſer Schickſal in Erfüllung gehen,“ ſagte die Mayeur nachdenkend. „Was war denn die Urſache deines Weggehens aus dem Hauſe des Fräuleins?“ fragte Cephiſe. „Du haſt mir ſie noch nicht geſagt.“ „Dies Geheimniß werd' ich mit mir ins Grab nehmen,“ antwortete die Buckelige, die Angen niederſchlagend. Und mit bitterer Freude dachte ſie, daß ſie nun bald von dieſer Angſt erlöſt ſein würde, welche die letzten Tage ihres trauri⸗ gen Daſeins vergiftet hatte — von der Angſt, je wieder ihrem Jugendgeſpielen Agricola vor die Augen zu kommen, nachdem derſelbe ihre unſelige lächerliche Liebe zu ihm er⸗ fahren hätte. Dieſe hoffnungsloſe Liebe, war einer der Gründe, welche ſie zum Selbſtmord beſtimmten. Seit dem Ver⸗ ſchwinden ihres Tagbuchs glaubte ſie, Agricola wiſſe das Geheimniß jener Blätter, und obwohl ſie nicht an ſeiner Herzensgüte zweifelte, ſo ſchämte ſie ſich doch ſo ſehr dieſer, obwohl reinen und edlen Leidenſchaft, daß ſie ſelbſt in der äußerſten Noth, worin ſie ſich mit ihrer Schweſter befand, durch nichts in der Welt dazu hätte gebracht werden können, vor Agricola hinzutreten un ihn um Hülfe anzuſprechen. Gewiß würde ſie die Sache anders angeſehen haben, wäre ſie nicht von dem Schwindel ergriffen geweſen, der oft die größte Seelenſtärke überwältigt, wenn das Unglück alle Grän⸗ zen überſchreitet. Hunger, Elend, der gewiſſermaßen anſtek⸗ kende Einfluß der Selbſtmordgedanken Cephiſens und der Ueberdruß an einem Leben voll Schmerz und Demü⸗ thigung gaben dem Verſtand der Armen den t Stoß. vVn. Nachdem ſie lange gegen den Entſchluß ihrer Schweſter an⸗ gekämpft, kam ſie endlich ſelber zu dem gleichen Entſchluß, den Tod als das Ende ſo vieler Uebel betrachtend. „Woran denkſt Du?“ fragte Cephiſe, verwundert über das lange Schweigen ihrer Schweſter. Die Mayeux fuhr zuſam⸗ men und antwortete: „Ich denke an die Urſache meines plötz⸗ lichen Abganges aus dem Hauſe des Fräuleins von Cardo⸗ ville, in Folge deſſen ich in ihren Augen als undankbar er⸗ ſcheine. Möchte nur die unglückliche Fügung, welche mich von ihr vertrieben hat, nicht auch noch Andere, außer uns, Verderben gebracht haben! Möchte die unſcheinbare geringe Hingebung, welche ich ihr geweiht habe, nie derjenigen feh⸗ len, welche ihre edle Hand der armen Arbeiterin gereicht und ſie Schweſter genannt hat! Möchte ſie glücklich ſein — für immer glücklich!“ „Ein ſolcher Wunſch iſt ſchön in einem ſolchen Augenblick,“ ſagte Cephiſe. „O, Schweſter,“ fuhr die Maheur fort, „wie ehrfurchtsvoll habe ich dies Wunder von Geiſt und Herz und Schönheit geliebt und angeſtaunt! Nie hat ſich Gottes Macht in einem herrlicheren, reineren Werk offenbaret. Wenigſtens ſoll einer meiner letzten Gedanken für ſie geweſen ſein.“ „Ja, bis zum letzten Augenblick liebſt und achteſt Du Deine Wohlthäterin.“ „Du haſt Recht,“ ſagte die Mayeur nach kurzem Schwei⸗ gen, „bis zum letzten Augenblick. In einem Augenblick wird alles vorüber ſein. Sieh einmal, mit welcher Ruhe wir von dem ſprechen, was Andere ſo ſehr erſchreckt.“ „Wir ſind ruhig, weil wir entſchloſſen ſind.“ „Feſt entſchloſſen?“ fragte die Mayeur mit einem durch⸗ dringenden Blick. „Ja wohl. Möchteſt Du es nur eben ſo ſein, wie ich!“ „Sei unbeſorgt. Wenn ich von Tag zu Tag den Augen⸗ blick des Endes hinausgeſchoben habe, ſo geſchah es, weil ich dir Zeit zum Ueberlegen laſſen wollte, denn ich meiner⸗ ſeits — —“ Die Mayeur ergänzte ihre Worte durch eine Gebärde hoffnungsloſer Traurigkeit. „Wohlan denn! Einen Kuß zum Abſchied und Muth!“ Die Mayeur ſtand auf und fiel ihrer Schweſter um den Hals. Sie hielten ſich lange einander umſchlungen. Das feierliche Schweigen ward nur durch das Schluchzen beider Schweſtern unterbrochen. Endlich rief Cephiſe: „O Gott! ſich ſo zu lieben und für immer zu ſcheiden! Es iſt doch hart!“ „Zu ſcheiden?“ wiederholte die Mayeur, während ihr von Thränen bedecktes Geſicht von himmliſcher Hoffnung erglänzte. „Zu ſcheiden? Nein! Was mich ſo ruhig macht, das iſt das deutliche Gefühl einer tiefen Sehnſucht nach einer beſſern Welt, wo ein beſſeres Leben unſerer wartet. Der große, gütige Gott hat nicht gewollt, daß ſeine Geſchöpfe für im⸗ mer unglücklich ſein ſollen. Nur einige eigennützige Men⸗ ſchen verderben ſein Werk und bringen ihre Brüder in Elend und Verzweiflung. Wir wollen ſie bedauern und verlaſſen. Auf denn, Schweſter! dorthin, wo Gott allein regiert und die Menſchen nichts ſind, dort oben befinden wir uns beſſer. Laß uns eilen, denn es iſt ſpät.“ Bei den letzten Worten deutete Mayeur auf die Abendſonne, welche ſich an den Fenſtern abzuſpiegeln begann. Cephiſe ward hingeriſſen durch die Begeiſterung ihrer Schweſter, de⸗ ren Züge, durch die Hoffnung einer baldigen Erlöſung ver⸗ klärt, von der Abendröthe ſanft gefärbt wurden. Sie ergriff ihre beiden Hände, ſah ſie zärtlich an und rief: „Magdalene, wie ſchön biſt Du ſo!“ Mit traurigem Lächeln erwiderte die Mayeux: „Die Schön⸗ heit ſtellt ſich etwas ſpät bei mir ein.“ „Ich meine, Du ſiehſt ſo froh aus, daß meine letzten Be⸗ denklichkeiten deinetwegen ſchwinden.“ „Raſch denn! ſagte die Mayeur, auf die Kohlenpfanne deutend. „Sei ruhig,“ erwiderte Cephiſe; „es wird nicht lange dauern.“ Und ſie füllte die in einem Winkel ſtehende Pfanne mit Kohlen und trug ſie in die Mitte der Kammer. Die Mayeur trat hinzu und fragte: „Weißt Du denn auch, wie das gemacht wird?“ „Lieber Gott!“ antwortete Cephiſe, „das iſt gar einfach. Man macht Thür und Fenſter zu und zündet die Kohlen an.“ „Gut. Aber ich meine, ich hätte gehört, man müſſe ſorg⸗ fültig alle Oeffnungen verſtopfen, damit keine Luft zutreten kann.“ 8 — 116 — „Du haſt Recht. Und ich ſehe, dieſe Thür ſchließt nicht gut.“ „Und das Dach. Sieh einmal dieſe Ritzen.“ „Was iſt da zu machen?“ Die Mayeur beſann ſich und ſagte: „Ei, wir können ſie ja mit dem Stroh aus unſerem Strohſack verſtopfen.“ „Richtig,“ ſagte Cephiſe. „Etwas behalten wir zurück, um unſer Feuer anzumachen und aus dem Uebrigen drehen wir Wiſche für die Löcher im Dach und Seilchen für die Thür- und Fenſterritzen“ Und lächelnd fügte ſie hinzu: „Da, ſieh einmal an, wie verzärtelt wir ſind! Strohſeilchen an Fenſter und Thür, um die Luft abzuhalten!“ „Jetzt dürfen wir es uns wohl ein bischen bequem machen,“ erwiderte die Mayeur, indem ſie gleich ihrer Schweſter zu ſcherzen ſuchte. Mit der größten Kaltblütigkeit begannen nun beide Schwe⸗ ſtern, Strohhalmen zu dünnen Seilchen zu drehen, um die Ritzen zwiſchen Thür und Fußboden auszufüllen, und dann aus dem übrigen Stroh dicke Wiſche zur Verſtopfung der Dachritzen zu machen. So lange dies unheimliche Geſchäft dauerte, verleugnete ſich die düſtere Ergebung dieſer beiden Unglücklichen nicht. Siebzehntes Kapitel. Selbſtmord. Cephiſe und die Mayeur ſetzten ruhig die Vorbereitungen zu ihrem Tode fort. Wie viele arme Mädchen ſind gleich dieſen beiden Schwe⸗ ſtern getrieben worden und werden noch getrieben werden, im Selbſtmord Rettung vor Verzweiflung — vor Schande oder vor allzugroßem Elend zu ſuchen! Es iſt ſo, und auf der Geſellſchaft laſtet die ſchwere Verantwortlichkeit für ſolche Todesfälle aus Verzweiflung, ſo lange Tauſende von menſch⸗ lichen Geſchöpfen, ſchlechterdings außer Stand, von dem ih⸗ 3 — nen als Lohn bewilligten Spottgeld zu leben, gezwungen ſind, zwiſchen drei Abgründen von Noth und Schande zu wählen: zwiſchen einem Leben entkräftender Arbeit und mörderiſcher Entbehrungen, die einen vorzeitigen Tod herbeiführen, — zwi⸗ ſchen der Proſtitution, welche gleichfalls, aber langſam tödtet durch Verachtung, Mißhandlung und ſcheußliche Krankheiten — und zwiſchen dem Selbſtmord, der ſchnell tödtet. Cephiſe und die Mayeur ſtellen die zwei Abtheilungen der weiblichen arbeitenden Klaſſe vor. Gleich der Mayeur ſind die Einen ordentlich, fleißig, un⸗ ermüdlich, kämpfen mit Kraft und Beharrlichkeit wider die Verſuchungen, wider die Ermattung, in Folge einer, ihre Kräfte überſteigenden Anſtrengung und wider ein entſetzliches Elend. Demüthig, ſanft und ergeben gehen die guten Ge⸗ ſchöpfe mit, ſo lange ſie gehen können, obwohl ſchwächlich und gebrechlich und ſchmerzenreich. Faſt immer haben ſie Hunger und Froſt, faſt nie Ruhe, Luft und Sonne. Sie gehen wacker mit bis zum Ende, bis ſie durch übertriebene Arbeit und töptliche Armuth alle Kraft verloren haben. Dann ſterben die meiſten unter Schmerzen im Spital an der Aus⸗ zehrung und verſorgen mit ihren Leichen die Anatomie, im Tod wie im Leben benutzt für die Lebenden Arme Weiber! Heilige Märtyrer! Die weniger Geduldigen zünden einige Kohlen an und gehen, müde, wie die Mayeur ſagt, herzlich müde dieſes ſchalen, düſtern, freudeloſen Lebens ohne Erin⸗ nerung und Hoffnung, endlich zur Ruhe und verſinken in den ewigen Schlaf, ohne einer Welt zu fluchen, die ihnen nur die Wahl des Selbſtmordes läßt — die Wahl des Selbſt⸗ mordes; denn abgeſehen von Beſchäftigungen, deren Ungeſund⸗ heit die arbeitende Klaſſe zehntet, führt das Elend, nach Ablauf einer gewiſſen Zeit, den Tod herbei, wie das Erſticken es thut. Andere Weiber, gleich Cephiſen, voll Lebenskraft und Feuer, mit heißem Blut und heftigen Begierden können ſich nicht darein finden, von einem Lohn zu leben, der ihnen nicht einmal verſtattet, ſich ſatt zu eſſen, geſchweige ſich eine, wenn auch noch ſo beſcheidene Erholung zu gönnen, oder ſich reinliche Kleider anzuſchaffen — zwei Bedürfniſſe, welche für die meiſten eben ſo dringend ſind, wie das liebe Brod. Nun erſcheint ein Liebhaber. Er ſpricht von Feſten, Bällen, 3 — 118 — Spaziergängen zu einem armen Mädchen, in welchem alle Faſern von jugendlicher Lebenskraft zucken, und welches acht⸗ zehn Stunden täglich auf ſeinen Stuhl gefeſſelt iſt in einem düſteren, verpeſteten Loch. Der Verführer ſpricht von Putz, während das Kleid, welches ſie am Leibe hat, ſie nicht ein⸗ mal vor der Kälte ſchüzt. Der Verführer ſpricht von Lek⸗ kereien, während das Brod, welches ſie verſchlingt, nicht ein⸗ mal den Hunger der Siebenzehnjährigen ſtillt. Da folgt ſie den für ſie unwiderſtehlichen Lockungen. Bald aber wird der Liebhaber ihrer müde und läßt ſie ſitzen. Nun hat ſie ſich an Müßiggang gewöhnt, und die Furcht vor dem Elend iſt gewachſen, ſeitdem das Leben etwas weniger ärmlich ge⸗ weſen iſt. Zur Beſtreitung der jetzt zur Gewohnheit gewor⸗ denen Ausgaben würde ſelbſt eine unabläſſige Arbeit nicht hinreichen. Schwäche, Furcht, Leichtſinn läßt ſie eine Stufe tiefer ſinken, bis ſie in den Abgrund der Schande fallen, wo, wie Cephiſe ſagte, die Einen von der Schande leben, die An⸗ dern an ihr ſterben. Sterben ſie, wie Cephiſe, ſo muß man ſte mehr beklagen, als tadeln. Verliert nicht die Geſellſchaft das Recht des Tadels, inſolange als ein urſprünglich fleißiges und ehrenhaftes Geſchöpf zum Lohn für ſeine ſtete Arbeit nicht eine geſunde Wohnung, warme Kleidung, einige Ruhetage und die Möglichkeit, ſich zu unterrichten gefunden hat — letztere, inſofern geiſtige Nahrung dem ehrlichen Arbeiter eben ſo wohl gebührt, wie leibliche? Eine ſelbſüchtige ſtiefmütterliche Geſellſchaft iſt verantwortlich für ſo viele Laſter und Uebel⸗ thaten, deren erſte Urſache nichts anders iſt, als die Unmög⸗ lichkeit zu leben, ohne Unrecht zu thun. Denn wir wieder⸗ holen: eine erſchrecklich große Zahl von Weibern hat nur die Wahl zwiſchen mörderiſchem Elend, Proſtitution und Selbſtmord, weil (wir ſagen es nochmals, und man wird uns vielleicht hören) ihr Lohn unzureichend und ein Spott iſt. Nicht als ob ihre Arbeitgeber im Allgemeinen hart oder ungerecht wären. Dieſe ſelber leiden unter den Wirkungen einer anarchiſchen Coneurrenz, und erdrückt durch das Ge⸗ wicht der induſtriellen Feudalität (eines von der Trägheit, dem Eigennutz oder böſen Willen der Regirenden gehegten Unweſens) ſind ſie genöthigt, den Lohn immer mehr herab⸗ zuſetzen, um dem völligen Untergang zu entgehen. — Und wird dieſer Jammer etwa gelindert durch eine ferne Ausſicht auf eine beſſere Zukunft? Leider wagt man es nicht zu glauben. Angenommen, ein aufrichtiger Mann ohne Lei⸗ denſchaft, Bitterkeit und Heftigkeit, aber tief betrübt über ſo viel Elend käme und ſpräche zu unſern Geſetzgebern: „Es iſt erwieſen, daß zu Paris Tauſende von Frauensperſonen mit höchſtens fünf Franken die Woche leben müſſen, — mit fünf Franken für Wohnung, Kleidung, Heizung und Nah⸗ rung. Und viele unter dieſen Perſonen ſind Wittwen und haben kleine Kinder. Ich will euch keine Redensarten daher machen; ich beſchwöre euch nur, an eure Töchter, an eure Schweſtern, an eure Weiber, an eure Mütter zu denken. Gleich dieſen ſind Tauſende von armen Geſchöpfen Mütter, Töchter, Schweſtern, Gattinnen und dabei einem ſchrecklichen, nothwendig entſittlichenden Schickſal unterworfen. Ich frage euch im Namen der Menſchenliebe und des geſunden Men⸗ ſchenverſtandes, im Namen des allgemeinen Beſten und der Menſchenwürdet iſt ein ſolcher Zuſtand zu ertragen? Iſt es möglich — Werdet ihr ihn dulden, wenn ihr an die ſchrecklichen Uebel, an die zahlloſen Laſter denkt, welche ein ſolcher Jam⸗ mer erzeugt?“ — Was würden dann unſere Geſetzgeber thun? Sicher würden ſie antworten im ſchmerzlichen Bewußt⸗ ſein ihrer Ohnmacht: „Ach, das iſt betrübend! Wir ſeufzen über ſo großen Jammer, aber wir vermögen nichts!“ Der Schluß daraus iſt leicht zu ziehen und leicht zu ver⸗ ſtehen, zumal von den Leidenden. Dieſe Unzähligen ziehen oft Schlüſſe in ihrer Weiſe — und warten. Vielleicht wird ein Tag kommen, wo die Geſellſchaft ihre beklagenswerthe Sorgloſigkeit bitter bereuen wird. Dann werden die Glücklichen dieſer Welt ſchreckliche Rechenſchaft zu fordern haben von den Leuten, die uns jetzt regieren, als welche ohne gewaltſame Erſchütterungen das Wohlſein des Arbeiters und die Ruhe des Reichen hätten ſichern können. Bis aber dieſe ſchmerzlichen Fragen, welche die Zukunft der Geſellſchaft, vielleicht der Welt angehen, ihre Löſung finden, werden viele arme Geſchöpfe, wie die Mayeur und wie Ce⸗ phiſe an Elend und Verzweiflung ſterben. Nach einigen Minuten hatten beide Schweſtern die Stroh⸗ n . — 120 — ſeilchen und die Strohwiſche fertig, mit welchen ſie den Zu⸗ tritt der Luft abhalten wollten, um die Erſtickung ſchneller und ſicherer zu bewirken. Jetzt ſagte die Mayeur: „Cephiſe, Du biſt die Große und übernimmſt die Decke; ich nehme die Thür und das Fenſter.“ „Ich werde eher fertig ſein, als Du,“ erwibderte Cephiſe. Beide begannen, ſorgfältig alle Oeffnungen zu verſtopfen, durch welche bisher der Luftzug in die verfallene Kammer eingedrungen war. Die hochgewachſene Cephiſe reichte an die Dachritzen und verſtopfte ſie luftdicht, während die Mayeur Aehnliches an Thür und Fenſter that. Rach Vollendung dieſes traurigen Geſchäfts näherten ſich beide Schweſtern ein⸗ ander und ſahen ſich ſchweigend an. Der verhängnißvolle Augenblick nahte. Ihre, im Ganzen ruhigen Mienen zeigten eine Spur der bei Doppelſelbſtmord gewöhnlichen Aufregung. „Jetzt geſchwind die Kohlenpfanne!“ ſagte die Mayeur und kniete vor derſelben nieder. Cephiſe faßte ſie unter den Ar men, hob ſie auf und ſagte: „Laß mich das Feuer anma⸗ chen; das iſt meine Sache.“ „Aber Cephiſe . . .“ „Du weißt ja, daß der Kohlendunſt dir Kopfweh macht.“ Die Mayeur lächelte zu dieſer harmloſen Bemerkung. Ce⸗ phiſe lächelte gleichfalls und ſagte: „Einerlei! Warum ſollte ich dir einen Schmerz mehr oder früher zukommen laſſen. Lege dich dort auf den Strohſack. Wenn die Kohlen bren⸗ nen, dann komm' ich und ſetze mich zu Dir.“ „Mache nicht lange, Cephiſe.“ „In fünf Minuten iſt's gethan.“ Das Vorderhaus ragte ſo weit über den Hinterbau hin⸗ aus, in welchem ſich die Dachkammer der beiden Schweſtern befand, daß dieſe Kammer, ſo wie die Sonne hinter den Dachgiebeln verſchwunden war, faſt düſter wurde. Die Fen⸗ ſterſcheiben waren ſo ſchmutzig, daß durch ſie nur ein ſehr ſchwaches Licht auf den blau und weiß gewürfelten Strohſack fiel, auf welchem die Mayeur in einem zerriſſenen Kleid halb ſaß, halb lag. Auf den linken Ellenbogen geſtützt, das Kinn in der Hand, ſah ſie traurig ihrer Schweſter zu Cbphiſe kniete vor der Kohlenpfanne, über welcher ſchon hier und da eine bläuliche Flamme tanzte und blies die Glut aus allen — Kräften an. Ihr Blaſen und dann und wann das Kniſtern der angehenden Kohlen waren die einzigen Laute, welche die Stille unterbrachen. Als Cephiſe die Kohlen völlig in Brand ſah, ſtand ſie auf, ging, ſich ſchon ein wenig betäubt füh⸗ lend, zu ihrer Schweſter und ſagte: „Es iſt gethan.“ Die Mayeur kniete auf den Strohſack und fragte: „Cephiſe, wie ſollen wir uns anſtellen? Ich möchte bis zum letzten Augenblick ganz nahe bei dir ſein.“ „Gib Acht,“ antwortete Cephiſe. „Ich ſetze mich hier auf das Kopfende des Strohſacks, mit dem Rücken wider die Wand. So. Jetzt leg du dich dahin. — — Gut. — — Stütze deinen Kopf auf meine Knie — — und gib mir deine Hand. Sitzeſt du ſo gut?“ „Ja, aber ich kann dich nicht ſehen.“ „Eben das iſt gut. Ich glaube, einen Augenblick leidet man große Schmerzen. Da iſt es beſſer, wir ſehen uns nicht einander leiden.“ „Du haſt Recht, Cephiſe.“ „Laß mich noch einmal Dein ſchönes Haar küſſen,“ ſagte Cephiſe, den ſeidenweichen Haarwuchs der Mayeur an ihre Lippen drückend. Und nun wollen wir uns ruhig verhalten.“ „Erſt noch einmal deine Hand — zum letzten Mal, und dann wollen wir uns nicht mehr rühren. Ich glaube, wir werden nicht lange zu warten brauchen, denn ich fühle mich ſchon etwas betäubt. Und du?“ „Vorhin beim Anblaſen ein wenig, jetzt aber nicht. Jetzt ſpür' ich blos den Kohlengeruch.“ Nach einem Augenblick des Schweigens fragte die Mayeur: „Auf welchen Kirchhof meinſt du werden wir gebracht werden?“ „Wie kann ich das wiſſen? Und warum fragſt Du das?“ „Weil ich den Pére Lachaiſe vorziehen würde. Ich bin ein Mal dort geweſen mit Agricola und ſeiner Mutter. — — Ein herrlicher Anblick! Ueberall Bäume — — — Blumen — — — Marmor. — — — Die Todten wohnen — — beſſer, — — als die — — Lebendigen — — und — —“ Was iſt dir?“ fragte Cephiſe, als ihre Schweſter ſtockte. „Ich habe — — wie Schwindel. — — Es ſummt mir — — in den Schläfen. — — Wie iſt dir's?“ — „Mir iſt erſt der Kopf ein wenig eingenommen. Bei mir kommt die Wirkung ſpäter als bei dir.“ „Das kommt daher, — — weil ich immer — — ſo früh⸗ reif geweſen bin. — — Erinnere dich — — in der Schule der Schweſtern — — hieß es immer, — — ich wäre weiter — — als die Andern. — — Das iſt jetzt wieder — — der Fall.“ „Aber ich hoffe Dich bald einzuholen,“ ſagte Cephiſe, die, obwohl von Kummer und Elend geſchwächt, doch von Natur kräftiger als die ſchwächliche Mayeux, weniger ſchnell als dieſe die Wirkung des erſtickenden Dampfes fühlen mußte. Nach einer Pauſe legte ſie die Hand auf die Stirn ihrer Schweſter, deren Kopf auf ihren Knien ruhte und ſagte: „Du ſprichſt ja nicht mehr. Nicht wahr du fühlſt Schmerzen?“ „Nein,“ antwortete die Buckelige mit ſchwacher Stimme. „Meine Augenlieder ſind ſchwer wie Blei. — — Ich erſtarre. — — Ich merke — — daß ich langſamer ſpreche; — — aber ich empfinde — — noch keinen heftigen Schmerz. — — Und du?“ „Eben habe ich einen Schwindel gefühlt. Jetzt klopft es mir heftig in den Schläfen.“ „Wie vorhin mir. — — Man ſollte glauben — — das Sterben — — wäre ſchwerer — — und ſchmerzhafter. — — — — Glaubſt du — — Agricola wird mich bedauern — und lange an mich denken?“ „Kannſt du das fragen?“ erwiderte Cephiſe im Ton des Vorwurfs. „Du haſt Recht,“ ſagte die Mayeur ſanft. „In dieſem Zweifel liegt etwas bösartiges. — — — Aber wenn du wüßteſt?“ „Was?“ Nach einigem Zögern antwortete die Mayeur: „Nichts .. . Glücklicher Weiſe ſterbe ich in der feſten Ueberzeugung, daß er nie meiner bedürfen wird. . . . Er iſt mit einer hübſchen jungen Frau verheirathet . Sie lieben einander . . . . Ich bin überzeugt, ſie wird ihn glücklich machen.“ Bei den letzten Worten war ihre Stimme immer ſchwächer geworden. Plötzlich fuhr ſie zuſammen und ſagte mit zittern⸗ der, faſt ängſtlicher Stimme: „Schließe mich — — feſt — e — 3 — in deine Arme. — — Es wird mir Angſt. — — Ich ſehe — — Alles — — dunkelblau. — — Alles wirbelt. . .. um mich herum.“ Und ſie erhob ſich ein wenig und barg ihr Geſicht an der Bruſt ihrer aufrecht ſitzenden Schweſter und ſchlaug ihre matten Arme um ſie. „Muth!“ rief Cephiſe mit ſchwächer werdender Stimme, und drückte ſie an ihre Bruſt. Bald wird es am Ende ſein. — — Warum,“ fügte ſie für ſich hinzu, „wird meine Schweſter ſo ſchnell ohnmächtig? Ich bin noch ganz bei Sinnen und leide weniger als ſie. Aber es wird nicht lange dauern. Dürfte ich denken, ſie würde vor mir ſterben, ſo würde ich das Geſicht über die Kohlen halten. Ja . . . ich gehe hin.“ Sie wollte aufſtehen, aber die Mayeur hielt ſie mit einem leiſen Drucke zurück. „Du haſt Schmerzen, arme Kleine? fragte ſie zitternd.“ „Ja .. jetzt. große Schmerzen. . . . Verlaß mich nicht.“ „Und ich ſpüre noch nichts — — faſt noch nichts,“ ſagte Cephiſe mit einem wilden Blick auf die Kohlenpfanne. „— — Doch — —“ fügte ſie mit unheimlicher Freude hinzu, „ich fange an zu erſticken. — — Es iſt mir — als wollte mir — — der Kopf zerſpringen.“ Das tödliche Gas erfüllte jetzt die Kammer, nachdem es allmählig alle Lebensluft verdrängt hatte. Das Tageslicht ſchwand immer mehr und die Kammer war faſt nur noch von der Kohlengluth erhellt, die einen röthlichen Schein auf die umſchlungenen Schweſtern warf. Plötzlich machte die Mayeur einige leichte krampfhafte Bewegungen und ſagte mit matter Stimme: „Agricola . . . . Fräulein von Cardoville . . . Leb wohl. . . Agricola . . . ich . .“ Sie murmelte noch einige unverſtändliche Worte. Dann hörten ihre krampfhaf⸗ ten Bewegungen auf, und ihre um Cephiſen geſchlungenen Arme fielen kraftlos auf den Strohſack. „Magdalene!“ rief Cephiſe erſchrocken, hob mit beiden Händen den Kopf ihrer Schweſter in die Höhe und ſah ihr ins Geſicht. „Du biſt ſchon „ 42 Aber ich?“ Das ſanfte Geſicht der Mayeur war nicht bläſſer als ge⸗ wöhnlich. Aber ihre halb geſchloſſenen Augen hatten keinen Blick mehr. Einen Augenblick noch ſchwebte ein halbes Lächeln — — 124 — der Traurigkeit und Gutmüthigkeit auf ihren blauen Lippen. Dann ward ihr Mund unbeweglich. Auf ihrem Geſicht lag heitere Ruhe. „Du ſollt aber nicht vor mir ſterben!“ rief Cephiſe, indem ſie ſich neben den Strohſack kniete und die Wangen ihrer Schweſter küßte, welche unter ihren Lippen kalt wurden. „Magdalena! Warte! wart' auf mich!“ Die Mayeux antwortete nicht. Ihr Kopf, den Cephiſe einen Augenblick losließ, fiel auf den Strohſack. „Gott!“ rief Cephiſe. „Meine Schuld iſt es nicht, wenn wir nicht zuſammen ſterben. — Todt! Sie iſt todt! — — vor mir. Vielleicht weil ich ſtärker bin. — — Doch — — jetzt fang' ich an — — wie vorhin ſie — — Alles dunkelblau zu ſehen — welcher Schmerz! — — welches Glück! — — Der Athem geht mir aus. — — Magdalena! Ich komme!“ Sie ſchlang die Arme um den Hals der Mayeur und ſank auf ſie nieder. Obwohl halb bewußtlos, war ſie doch noch ſo weit bei Sinnen, daß ſie Tritte und Stimmen vernahm, welche ſich plötzlich auf der Treppe hören ließen. Sie richtete den Kopf empor. Die Tritte kamen näher, und eine Stimme rief: „Gott! welch ein Kohlengeruch!“ Eine kräftige Hand rüttelte an der Thür und eine zweite Stimme rief: „Macht auf!“ Cephiſe dachte: „Da kommen Leute mich zu retten; und meine Schweſter iſt todt. Nein, ich will ſie nicht überleben.“ Und alle ihre Kraft zuſammennehmend lief ſie ans Fenſter, riß es auf und ſtürzte ſich drei Stockwerk hinab in den Hof. In demſelben Augenblick fuhr die erbrochene Thür auf, und Adriana und Agricola erſchienen auf der Schwelle. Trotz dem erſtickenden Kohlendampf ſtürzte Adriana in die Kammer. Sie erblickte die Kohlenpfanne und rief: „Die Unglückliche hat ſich erſtickt!“ „Nein!“ rief Agricola, „ſie iſt zum Fenſter hinaus ge⸗ ſprungen; ich hab' es geſehen.“ Und er lief ans Fenſter, ſah hinaus und ſchrie: „Hu! Entſetzlich!“ und hielt, den Kopf zurückwendend, die Hände vor die Augen. 6 Adriana hielt das Entſetzen Agricvla's für Folge eines Irrthums. Sie hatte im Dunkeln die Mayeur bemerkt und — 125 — ſagte: „Da iſt ſie ja.“ Sie kniete neben dem Strohſack nieder und ergriff die Hände der Armen. Die Hände waren kalt, uud das Herz, nach welchem ſie fühlte, ſchlug nicht mehr. Nach einigen Augenblicken als durch Thür und Fen⸗ ſter friſche Luft eingeſtrömt war, glaubte ſie eine faſt un⸗ merkliche Bewegung des Herzens zu ſpüren und rief: „Ihr Herz ſchlägt! Geſchwind! Hülfe! Laufen Sie, Herr Baudvin. . Glücklicher Weiſe hab' ich mein Fläſchchen.“ „Ja,“ ſagte Agricola; Hülfe für ſie und für die Andere — wenn's noch Zeit iſt,“ und ſprang in Verzweiflung nach der Treppe. Achtzehntes Kapitel. Die Geſtändniſſe. Während des beſchriebenen peinlichen Auftrittes hatte die heftige Aufregung einige Röthe über das Antlitz des Fräu⸗ leins von Cardoville verbreitet. Vor Kummer war ſie bleich geworden. Ihre ſonſt ſo ſchön grundeten Wangen waren etwas hohl. Bläuliche Ringe umſchloſſen ihre großen ſchwar⸗ zen Augen, die nicht mehr wie ſonſt lebendig funkelten. Nur ihre Lippen, obwohl von Schmerz zuſammengepreßt, hatten ihr feuchtes Sammetroth behalten. Um leichter der Mayeux helfen zu konnen, hatte ſie ihren Hut weggeworfen. Ihre goldenen Locken derhüllten faſt. ihr Geſicht, indem ſie ſich kniend über den Strohfack beugte. Wenige Minuten reichten hin, um unter Einwirkung der fri⸗ ſchen Luft und der in Adrianens Fläſchchen enthaltenen Stär⸗ kungsmittel die Mayeur ins Leben zurückzurufen. Ihr Schein⸗ tod war mehr Folge von und Schwäche, als des Kohlendampfs geweſen, welcher länger hätte witten müſſen, um ein tödliches Erſticken herbeizuführen. Bevor wir dieſen Auftritt zwiſchen der Nätherin und dem Fräulein weiter ſchildern, müſſen wir einen Rückblick 6 ie Vergangenheit thun. Seit dem ſonderbaren Abenteuer im Theater an der Mar⸗ tinspforte, wo Dſchalma ſich vor den Augen Adriana's auf den ſchwarzen Panther geſtürzt hatte, war das Mädchen von verſchiedenen Gefühlen tief bewegt. Einen Augenblick hatte ſie, von der ritterlichen Heldenthat des Jünglings geblendet, ihre Eiferſucht vergeſſen und die Demüthigung, welche darin lag, daß er ſich vor aller Welt an der Seite eines Geſchöpfs zeigte, welches ſeiner unwürdig ſchien. Sie hatte ſich geſagt: „Ungeachtet des ſchlimmſten Anſcheins liebt mich Dſchalma doch ſo ſehr, daß er dem Tod getrotzt hat, um meinen Strauß aufzuheben.“ Aber dieſer Troſt erſchien bald wieder ihrer zarten edlen Seele und ihrem geſunden Verſtand als nichtig und unpepmögend, die ſchmerzliche Verletzung ihrer Liebe und Rhres Selbſtgefühls zu heilen. „Wie oft,“ dachte ſie, „hat „ et auf der Jagd aus bloßer Laune und ohne Grund ſich einer — benſplhen Gefahr ausgeſetzt, wie er ſie beſtanden hat, um neinen Strauß aufzuheben! Und wer ſagt mir, ob er es nicht Bhthan hat, um ihn dem Weib, welches ihn begleitete, varzubrihgen?“ Ihr Begriff von Liebe — vielleicht wunder⸗ lich in den Augen der Welt, aber richtig in den Augen Gottes — verbunden mit ihrem gerechten Stolz machten ihr 3 ſchlechterdings den Gedanken unmöglich, die Nachfolgerin des Weibes zu werden, mit welcher der Prinz öffentlich als ſeiner Buhlerin erſchienen war. Und doch wagte ſie kaum, ſich dieſe Unmöglichkeit zu geſtehen. Sie empfand eine um ſo peinlichere, demüthigendere Eiferſucht gegen ihre Neben⸗ buhlerin, je weniger dieſe würdig ſchien, mit ihr verglichen zu werden. Zuweilen jedoch hinderte ihr Selbſtbewußtſein ſte nicht, bei der Erinnerung an die hübſchen Züge Roſe Pompon's ſich die Frage zu ſtellen, ob die Geſchmackloſigkeit 5 und die frechen Manieren dieſes niedlichen Geſchöpfs Folge einer frühzeitigen Entäußerung aller Scham, oder ob ſie Folge völliger Unbekanntſchaft mit der hergebrachten Sitte ſeien. War das Letztere der Fall, war dieſe Unbekanntſchaft mit einem naturkindlichen argloſen Weſen verbunden, ſo konnte ſie einen großen Reiz haben. Und verband ſich mit dieſem Reiz und einer unbeſtreitbaren Schönheit eine auf⸗ richtige Liebe und eine reine Seele, ſo konnte ſie trotz ihrer niedrigen Geburt und ihrer ſchlechten Erziehung dem jungen Königsſohn eine tiefe Liebe einflößen. Trotz dem ſchlimmſten Schein nahm Adriana oft Anſtand, in Roſe Pompon ein verworfenes Geſchöpf zu erblicken, weil ſie ſich deſſen erin⸗ nerte, was ſo viele Reiſende von der Seelengröße Dſchalma's berichteten, und beſonders weil ſie das von ihr behorchte Ge⸗ ſpräch zwiſchen ihm und Rovdin nicht vergeſſen hatte. Sie wollte nicht glauben, daß ein junger Mann von ſo ausge⸗ zeichnetem Verſtand, ſo gefühlvollem Herzen und ſo ſchwär⸗ meriſcher Seele fähig wäre, ein verworfenes Geſchöpf zu lieben und ſich kecklich mit ihr an einem öffentlichen Ort ſehen zu laſſen. Aber das wahre Verhältniß? Das war ein Ge⸗ heimniß, welches Adriana vergebens zu ergründen ſuchte. Dieſe quälenden Zweifel, dieſe peinliche Neugier gaben der unglücklichen Liebe des Fräuleins neue Nahrung. Man wird ihre Verzweiflung begreifen, wenn man bedenkt, daß die ſcheinbare Gleichgültigkeit, ja Verachtung Dſchalma's ihre Liebe nicht verlöſchen konnte, welche vielmehr gkühender und leidenſchaftlicher wurde. Bald träumte ſie von einem Zug des Herzens, der des Schickſals Stimme ſei, und ſagte ſich, ſie müſſe dieſe Liebe empfinden, Dſchalma verdiene ſie, und eines Tags werde ſich das Unbegreifliche in ſeinem Benehmen zu ſeinem Vortheil aufklären. Bald ſchämte ſie ſich wieder, daß ſie ihn entſchuldigte, und quälte ſich mit dem Vorwurf, daß ſie ſich einer verächtlichen Schwäche ſchuldig machte. So zwiſchen Hoffnung, Furcht und Scham lebend, lebte ſie in tiefer Einſamkeit. Da brach die Cholera aus. Zu unglücklich, um die Seuche zu fürchten, ward Adriana nur durch das Unglück der Andern ergriffen. Sie war eine der Erſten, welche reichlich zur Linderung der Noth beiſteuerten. Florine ward von der Krankheit ergriffen. Der Gefahr trotzend ging Adriana zu ihr, um ihren Muth aufzurichten. Ueberwältigt durch dieſen neuen Beweis von Güte, konnte Florine nicht länger ihre bisherige Verrätherei verheimlichen, zumal da ſie ſah, der Tod würde ſie von dem verhaßten Joch der Menſchen, in deren Hand ſie war, befreien. So erfuhr Adriana, wie ſie ſtets von Florinen ausgekundſchaftet worden, und warum die Mayeur ſo plötzlich von ihr weggegangen war. Dieſe Offen⸗ barungen ſteigerten die Zuneigung und das Mitleid des Fräu⸗ — 5 — leins für die arme Nätherin. Sie ließ die ſorgfältigſten Nachforſchungen nach ihr anſtellen. Eine noch wichtigere Folge der Geſtändniſſe Florinens war, daß Adriana nach dieſem Beweis von den Ränken Rodin's ſich der Entſchlüſſe erinnerte, welche ſie gefaßt hatte, als ſie im feſten Glauben an Dſchalma's Liebe, die den Königsſohn und die andern Mitglieder der Familie Rennepont bedrohenden Gefahren geahnt hatte. Abermals nahm ſie ſich vor, ihre Verwandten wider den gemeinſamen Feind zu vereinigen. In dem Kampf wider ſo gefährliche und mächtige Gegner wie Rodin, Aigrigny und die Fürſtin von St. Dizier ſah ſie nicht nur eine Pflicht, eine rühmliche Aufgabe, die Heuchelei und Habgier zu ent⸗ larven, ſondern auch einen Troſt oder wenigſtens eine würdige Ablenkung ihres Gemüths von bitterem Kummer. Von nun an trat eine fieberhafte Regſamkeit an die Stelle ihres bisherigen düſteren Hinbrütens. Sie berief alle Mit⸗ glieder ihrer Familie, welche ſie auffinden konnte, zu ſich, und bald ward ihre Wohnung der Punkt, von welchem aus die größte Thätigkeit entfaltet ward, und wo in Familien⸗ zuſammenkünften über Mittel zur Abwehr und zum Angriff berathen wurde — wie in dem bei Aigrigny eingelaufenen Vericht geſagt war. Dieſer ſonſt ganz genaue Bericht ent⸗ hielt auch die Vermuthung, Adriana habe eine Zuſammen⸗ kunft mit Dſchalma gehabt. Die Vermuthung war falſch. Worauf ſie beruhte, werden wir ſpäter ſehen. Die Wahrheit iſt, daß Adriana in der Beſchäftigung mit wichtigen Fami⸗ lienangelegenheiten einigermaßen von den Gedanken an ihre unglückliche Liebe abgezogen wurde. Nach langem Forſchen hatte ſie endlich die Wohnung der Mayeux erfahren. Agricola befand ſich eben bei ihr, um wegen Hardy mit ihr zu ſprechen. Er bat ſie um Erlaubniß, ſie in die Clovisſtraße begleiten zu dürfen, und trug dazu bei, ſeine Jugendfreundin wie durch ein Wunder vom Tod zu retten. Abermals erneuerte ſich das rührende Schauſpiel, daß in der Perſon Adriana's und der Mayeur die beiden äußerſten Enden der geſellſchaftlichen Kette ſich berührten und in herz⸗ erhebender Gleichheit verſchlangen. Die Arbeiterin und das adelige Fräulein waren einander werth an Geiſt und Herz — dieſe ein Muſter von Reichthum, Anmuth und Schönheit, jene ein Muſter von Hingebung und unverdientem Unglück welches mit Muth und Würde ertragen, wohl auch ſeinen Heiligenſchein hat. Die Mayeur war ſo ſchwach, daß Adriana auch wenn Agricola nicht bei der ſterbenden Cephiſe aufgehalten worden wäre, noch einige Zeit gewartet haben würde mit der Auf⸗ forderung aufzuſtehen und mit ihr zu gehen. Adriana hatte Geiſtesgegenwart genug, die Unglückliche mit der täuſchenden Verſicherung zu tröſten, ihre Schweſter ſei in ein nahes Spital gebracht, wo für ihr Aufkommen geſorgt werde. Die Mayeur, nur langſam aus ihrer Betäubung erwachend, ſetzte keinen Zweifel in dieſe Angabe und ſagte gerührt: „Alſo Ihnen, Fräulein, verdanken Cephiſe und ich das Leben? Und Sie knien in dieſer Dachkammer, neben dieſem Jammer⸗ lager, wo ich und meine Schweſter ſterben wollten! Alſo Cephiſe hat, wie ich, noch zeitig Hülfe gefunden?“ „Ja,“ antwortete Adriana. „Eben iſt mir gemeldet worden, ſie ſei wieder zur Beſinnung gekommen.“ „Man hat ihr doch geſagt, daſi ich lebe? Nicht wahr, Fräulein? Denn ſonſt würde ſie vielleicht bedauern, daß ſie mich überlebt hätte.“ „Sein Sie ruhig, liebes Kind,“ ſagte Adriana, die Hände der Mayeur drückend und ihre thränenfeuchten Augen auf ſie heftend. „Man hat ihr Alles geſagt, was zu ſagen war. Beunruhigen Sie ſich nicht. Denken Sie nur daran, wieder völlig lebendig zu werden — und glücklich, was Sie bisher ſo wenig geweſen ſind.“ „Welche Güte, Fräulein, nach meiner Flucht aus Ihrem Haus, in Folge deren Sie mich für ſo undankbar halten müſſen!“ „Sobald Sie etwas mehr zu Kräften gekommen ſind, werde ich Ihnen eine Menge Dinge ſagen, welche Sie jetzt vielleicht zu ſehr ermüden würden. — Wie fühlen Sie ſich?“ „Beſſer, Fräulein. Die Luft — und der Gedanke, daß Sie hier ſind, daß alſo meine arme Schweſter nicht mehr zu verzweifeln braucht — — Auch ich will Ihnen Alles ſagen, und ich bin gewiß, Sie werden Mitleid mit Cephiſen haben; nicht wahr, Fräulein?“ ſn vII. 9 — — „Rechnen Sie ſtets auf mich, liebes Kind,“ antwortete Adriana, ihre peinliche Verlegenheit verbergend. „Sie wiſ⸗ ſen, ich nehme Antheil an Allem, woran Sie Antheil neh⸗ men. Aber ſagen Sie mir doch — nicht wahr, ehe Sie dieſen verzweifelten Entſchluß faßten, hatten Sie mir ge⸗ ſchrieben ?“ „Ja, Fräulein.“ „Ach, wie vergeßlich, wie undankbar muß ich Ihnen vor⸗ gekommen ſein, da Sie keine Antwort von mir erhielten!“ „Nie habe ich Sie angeſchuldigt, Fräulein. Meine arme Schweſter kann es Ihnen bezeugen. Dankbar bin ich gegen Sie geweſen bis zum letzten Augenblick.“ „Ich glaube es. Ich kenne Ihr Herz. Aber wie konnten Sie ſich mein Schweigen erklären?“ „Ich habe geglaubt, Sie fühlten ſich durch meinen plötz⸗ lichen Weggang verletzt.“ „Verletzt! — Leider habe ich Ihren Brief nicht erhalten.“ „Und doch wiſſen Sie, daß ich Ihnen geſchrieben habe?“ „Ja, arme Freundin. Ich weiß auch, daß Sie ihn bei meinem Portier geſchrieben haben. Leider hat dieſer Mann Ihren Brief meinem Kammermädchen Florine gegeben und geſagt, er käme von Ihnen.“ „Florinen? Dieſer jungen Perſon, die ſo gütig gegen mich geweſen iſt?“ „Florine hat mich ſchmählich betrogen. Sie war an meine Feinde verkauft und hat denſelben als Kundſchafterin gedient.“ „Sie? Um Gotteswillen! Iſt's möglich?“ „Ja, ſie. Indeß muß man ſie eben ſo ſehr beklagen als tadeln. Sie gehorchte einer ſchrecklichen Nothwendigkeit, und ihre reuigen Geſtändniſſe haben ihr meine Verzeihung vor ihrem Tod verſchafft.“ „Auch ſie iſt geſtorben? das ſchöne, junge Mädchen?“ „So großes Unrecht ſie auch gethan hatte, bin ich doch von ihrem Ende tief gerührt worden. Mit bitterer Reue hat ſie ihre Fehler geſtanden. Unter andern hat ſte mir geſagt, ſie habe einen Brief unterſchlagen, in welchem Sie mich um eine Unterredung baten, welche Ihrer Schweſter das Leben retten könnte.“ — „Das habe ich geſchrieben, Fräulein. Aber welchen Grund hatte man, es Ihnen zu verheimlichen?“ „Man fürchtete, Sie zu mir zurückkommen zu ſehen, weil Sie mein Schutzengel waren. Meine Feinde fürchteten Ihre treue Zuneigung und Ihr bewunderungswürdiges Ahnungsvermögen. Nie werd'ich vergeſſen, wie ſehr Sie Recht hatten, einen Elenden zu verabſcheuen, den ich gegen Ihren Argwohn vertheidigte.“ „Den Herrn Rodin?“ fragte die Mayeur ſchaudernd. „Ja. Aber laſſen Sie uns jetzt nicht weiter von dieſen Leuten ſprechen. Die Erinnerung an ſie würde die Freude verderben, die ich empfinde, indem ich Sie wiederaufleben ſehe. Ihre Stimme wird ſtärker, Ihre Wangen färben ſich ein wenig. Gott ſei gelobt! Ich bin glücklich, daß ich Sie wiedergefunden habe. O, wenn Sie wüßten, was ich alles von unſerer Wiedervereinigung hoffe! Denn wir werden uns doch nicht mehr trennen? — Verſprechen Sie mir es im Namen unſerer Freundſchaft.“ Die Mayeur ſchlug ſchüchtern die Augen nieder und ſagte: „Ich? — — Fräulein — — wäre Ihre Freundin?“ „Kurz vor Ihrem Weggang habe ich Sie Freundin und Schweſter genannt. Was hat ſich ſeitdem geündert? Nichts — außer daß unſere beiderſeitige Lage gleicher, und Ihre Freundſchaft mir werther geworden iſt. Nicht wahr, ich be⸗ ſitze Ihre Freundſchaft? Verweigern Sie mir dieſelbe nicht. Ich bedarf ſo ſehr einer Freundin!“ „Sie, Fräulein, ſollten die Freundſchaft eines ſo armen Geſchöpfs wie ich bedürfen?“ „Ja,“ antwortete Adriana mit einem ſchmerzvollen Blick. „Noch mehr. Sie ſind vielleicht die einzige Perſon, der ich — — bitteren Kummer anzuvertrauen wagen könnte.“ Ueberraſcht von dieſen Worten und von dem plötzlichen Erröthen des Fräuleins, fragte die Mayeur: „Und was er⸗ wirbt mir ein ſolches Vertrauen?“ „Ihr Zartgefühl — — Ihre Zuverläſſigkeit. — — Sie ſind Weib. Gewiß werden Sie beſſer, als irgend Jemand begreifen, was ich leide, und mich bedauern.“ „Sie bedauern?“ fragte die Mayeur mit wachſendem Erſtau⸗ nen. „Ich geringe Perſon, wie könnte ich eine ſo beneidete Dame bedauern?“ 6 9* Adriana ſchwieg einige Augenblicke und fragte dann: „Arme Freundin, ſind nicht die bitterſten Schmerzen diejenigen, welche man Niemanden zu geſtehen wagt, aus Furcht vor Spott oder Verachtung? Wie kann man wagen, Theilnahme oder Mit⸗ leid anzuſprechen für Schmerzen, die man ſich ſelber nicht zu geſtehen wagt, weil man ihretwegen vor ſich ſelber erröthet?“ Die Mayeur traute kaum ihren Ohren. Hätte ihre Wohl⸗ thäterin, wie ſie, eine unglückliche Liebe gefühlt, ſo würde ſie keine andere Sprache haben führen können. Aber dies anzu⸗ nehmen, kam ihr unmöglich vor. Sie ſchrieb alſo den Kum⸗ mer des Fräuleins einer andern unbekannten Urſache zu und erwiderte, an ihre unſelige Liebe zu Agricola denkend, in traurigem Ton: „Ja, Fräulein, ein Schmerz, deſſen man ſich ſchämt, muß ſchrecklich ſein!“ „Aber,“ ſagte Adriana, „welches Glück muß es auch ſein, ein Herz zu finden, welches nicht nur edel genug iſt, um Zu⸗ trauen einzuflößen, ſondern welches auch, durch vielfachen Kummer geprüft, fähig iſt, Mitleid, Troſt und Rath zu bie⸗ ten! Sagen Sie mir, liebes Kind, wenn Sie von einem Schmerz niedergedrückt wären, über den man erröthet, wür⸗ den Sie nicht glücklich ſein, eine verſchwiſterte Seele zu ſin⸗ den, in welche Sie ihren Kummer ausſchütten, und bei wel⸗ cher Sie Ihr Herz durch volles, verdientes Vertrauen erleich⸗ tern könnten?“ Zum erſten Mal in ihrem Leben ſah die Mayeur das Fräulein mistrauiſch und unbehaglich an. Aus den letzten Worten Adrianens ſchloß ſie: „Sie kennt gewiß mein Ge⸗ heimniß. Gewiß iſt ihr mein Tagbuch in die Hände gefallen. Sie kennt oder vermuthet meine Liebe zu Agricola. Was ſie mir geſagt hat, bezweckt, von mir Gewißheit zu erhalten ob ſte wohl unterrichtet iſt.“ Dieſe Gedanken waren mit keinem Gefühl der Erbitterung oder des Undanks gegen ihre Wohlthäterin verbunden. Aber das Herz der Unglücklichen hatte eine ſo krankhafte Reizbarkeit in Betreff ihrer unſeli⸗ gen Liebe, daß ſie trotz ihrer zärtlichen Zuneigung zu dem Fräulein den empfindlichſten Schmerz fühlte bei dem Gedan⸗ ken: Sie weiß mein Geheimniß. Neunzehntes Kapitel. Weitere Geſtändniſſe. Der anfangs ſo peinliche Gedanke, daß das Fräulein um ihre Liebe wiſſe, verwandeite ſich bald in dem trefflichen Her⸗ zen der Mayeur in einen ihrer Anhänglichkeit und Vereh⸗ rung für Adriana entſprechenden, ſanfteren Schmerz. Sie dachte: „Hätte ich nicht meiner gütigen Wohlthäterin ein Geſtändniß mächen können, welches ich vorhin ins Grab mit⸗ zunehmen glaubte? Dies wäre wenigſtens ein Beweis mei⸗ ner Dankbarkeit gegen ſie geweſen. Aber leider bin ich des traurigen Glücks beraubt, meiner Wohlthäterin das einzige Geheimniß meines Lebens anzuvertrauen. So edel ihr Mitleid mit mir ſein mag, ſo verſtändig ihre Zuneigung — ihr, der bewunderten Schönheit, iſt es nicht gegeben, je die entſetzliche Lage eines Geſchöpfs, wie ich, zu begreifen, welches im tiefſten Herzen eine ſo hoffnungsloſe wie lächerliche Liebe verbirgt. Trotz ihrer zarten Zuneigung, trotz dem, daß ſie mich bedauert, würde meine Wohlthäterin unbewußt mich verletzen. Nur verbrüderte Schmerzen können einander tröſten. Ach! warum hat ſie mich nicht ſterben laſſen?“ Dieſe Betrachtungen waren im Flug vor dem Geiſt der Mayeur vorübergegangen. Adriana, welche ſie aufmerkſam beobachtete, hatte geſehen, wie ihre Miene ſich verdüſterte und eine ſchmerzliche Demüthigung verrieth. Erſchreckt über dieſe Niedergeſchlagenheit, welche vielleicht der Anfang eines Rückfalls in ihren todtenähnlichen Zuſtand ſein konnte, ſagte ſie: „Liebe Freundin, meinen Sie nicht, daß der bitterſte, demüthigendſte Kummer erleichtert wird, wenn man ihn in „ ein treues Herz ausſchütten kann?“ „Ja, Fräulein. Aber das Herz, welches im Stillen leidet, ſollte allein entſcheiden, wann der Augenblick zu einem ſo peinlichen Geſtändniß gekommen iſt. Bis dahin möchte es menſchlicher ſein, das ſchmerzliche Geheimniß zu achten, wenn man dahinter gekommen iſt.“ ——— — 134 — „Sie haben Recht, liebes Kind,“ erwiderte Adriana. „Wenn ich einen faſt feierlichen Augenblick wähle, um Ihnen eine peinliche Mittheilung zu machen, ſo geſchieht es in der Ueber— zengung, daß Sie nach Anhörung derſelben ſich um ſo inniger an mich anſchließen werden, je mehr Sie ſehen, wie ſehr ich Ihres Mitgefühls — — Ihres Troſtes — — Ih⸗ res Mitleids bedarf.“ Die Mayeur richtete ſich mit Anſtrengung ein wenig auf und blickte, auf ihr Lager geſtützt, das Fräulein verwundert an. Sie traute ihren Ohren nicht. Ihre Wohlthäterin, weit entfernt, ihr Geheimniß ihr abzulocken, wollte ihr ein peinliches Geſtändniß machen, ſie, die Mayeut, um Troſt und Mitleid bitten. „Wie?“ ſtammelte ſie. „Sie, Fräulein — — wollen — —2“ „Ich will Ihnen ſagen: Ich — — leide — — und ſchäme mich meines Leidens. Das peinlichſte Geſtändniß will ich Ihnen machen. — — Ich liebe, — — und ich erröthe — — über meine Liebe.“ „Wie, ich!“ rief die Mayeur unwillkürlich, die Hände zu⸗ ſammenſchlagend „Ich liebe“ fuhr Adriana in einem Ausbruch lange ver— haltenen Schmerzes fort. „Ich liebe und werde nicht geliebt. Meine Liebe iſt jämmerlich — — unmöglich. Sie verzehrt — tödtet mich. Und ich wage nicht — irgend Jemanden dies unſelige Geheimniß anzuvertrauen.“ „Wie ich!“ wiederholte die Mayeur mit ſtarrem Blick. „Sie, Königin an Schönheit, Rang, Reichthum, Geiſt — ſie leidet wie ich! — Wie ich, das arme unglückliche Geſchöpf, liebt ſie — und wird nicht geliebt!“ „Ja, wie Sie, liebe ich, und werde nicht geliebt!“ rief das Fräulein. „Hatte ich Unrecht, wenn ich Ihnen ſagte, nur Ihnen könnte ich mich anvertrauen, weil Sie gleiches Leid gelitten haben und allein Mitleid mit mir haben können?“ Die Mayeur hatte ſich unterdeſſen von ihrer Ueberraſchung erholt. Sie ſchlug die Augen nieder und ſagte: „Alſo, Fräu⸗ lein, Sie wußten — — —2“ „Ich wußte Alles.“ unterbrach Adriana. „Aber nie würde ich mit Ihnen von Ihrem Geheimniß geſprochen haben, wenn ich nicht Ihnen ein noch peinlicheres anzuvertrauen gehabt 135 hätte. Das Ihrige iſt ſchmerzlich, das meinige iſt demüthi⸗ gend. Schweſter, Sie ſehen, das Unglück hebt auf, was man Abſtand nennt. Oft fallen die vielbeneideten Glücklichen die⸗ ſer Welt viel tiefer, als die Geringſten und Aermſten, ſo daß ſie dieſe um Mitleid und Troſt anſprechen müſſen.“ Sie trocknete ihre reichlich fließenden Thränen und fuhr fort: „Muth gefaßt, Schweſter, wir wollen einander lieben und aufrecht halten. Möge dies traurige, geheimnißvolle Band uns für immer vereinigen.“ Die Mayeur konnte noch immer ihre Verwirrung nicht überwinden und ſagte: „Verzeihen Sie, Fräulein. Jetzt, wo Sie das Geheimniß meines Lebens wiſſen, meine ich, ich könnte Sie nicht mehr ohne Verwirrung anſehen.“ „Warum?“ fragte Adriana. „Weil Sie den jungen Bau⸗ doin leidenſchaftlich lieben? Nun, dann muß ich vor Ihren Augen vor Scham vergehen, denn weniger beherzt als Sie, habe ich nicht die Kraft gehabt, zu dulden, mich in mein Schickſal zu ergeben und meine Liebe im tieſſten Herzen zu verbergen. Der, den ich liebe — mit einer jetzt unmöglichen Liebe — er hat von dieſer Liebe gewußt und ſie verſchmäht und mir ein Weib vorgezogen, deſſen Wahl an ſich ſchon für mich eine neue tiefe Schmach iſt, — wofern der Schein mich nicht über ſie täuſcht. Und zuweilen hoffe ich, der Schein möge mich getäuſcht haben. — Jetzt ſagen Sie, iſt es an Ihnen die Augen niederzuſchlagen?“ „Sie wären verſchmäht um eines Weibes Willen, das nicht werth iſt, mit Ihnen verglichen zu werden?“ rief die Mayeur. „Fräulein, ich kann es nicht glauben.“ „Auch ich kann es manchmal nicht glauben, ohne Ueber⸗ muth, aber im Bewufßtſein deſſen, was ich bin. Dann ſag' ich mir: NRein, die, welche mir vorgezogen wird, hat ohne Zweifel etwas, das Geiſt und Herz desjenigen rührt, welcher mich um ihretwillen verſchmäht.“ „Fräulein,“ ſagte die Mayeur, „wofern nicht Alles, was ich höre, ein Traum iſt, wenn nicht trügeriſcher Schein Sie irre führt dan muß Ihr Schmerz groß ſein.“ „Ja, arme Freundin, er iſt 3ß Aber ich hoffe, dieſe unglückſelige Leidenſchaft wird jetzt, wo ich Sie wieder ge⸗ funden habe, ſchwächer werden. Vielleicht finde ich die Kraft, — 365 ſie zu beſiegen. Denn, wenn Sie Alles wiſſen, werde ich nicht vor Ihnen erröthen wollen, vor Ihnen, dem Weib von ſo edlem Herzen, deſſen Muth und Ergebung für mich ſtets ein Muſter ſein ſoll.“ „O, Fräulein, ſprechen Sie nicht von meinem Muth, wäh⸗ rend ich ſo ſehr über meine Schwäche erröthen muß!“ „Erröthen! Immer dieſe Furcht! Gibt es denn etwas rührenderes, hingebenderes als Ihre Liebe? Sie ſollten errö⸗ then? Warum? Weil Sie die reinſte Zuneigung gegen den wackeren Mann gezeigt hahen, den Sie von Kind auf lieben gelernt? Weil Sie für ſeine Mutter die zärtlichſte Tochter geweſen ſind? Weil Sie ohne Klage tauſendfache Leiden er⸗ duldet haben, um ſo ſchmerzlichere Leiden, da Die, welche ſie Ihnen zufügten, nicht wußten, was ſie thaten? Kein Menſch dachte daran, Sie zu beleidigen, wenn man Ihnen, ſtatt Sie Magdalene zu nennen, immer einen Ekelnamen gab, der doch ſo demüthigend war.“ „Fräulein, wer konnte Ihnen ſagen — —2“ „Was Sie nur Ihrem Tagbuch anvertraut hatten — nicht wahr? Erfahren Sie denn Alles. Florine hat ſter⸗ bend mir ihre Uebelthaten bekannt. So weiß ich nun, ſie hat die Schändlichkeit begangen, Ihnen Ihre Papiere zu ſteh⸗ len. Sie wor dazu gezwungen durch die Leute, welche ſie in der Hand hatten. Sie hat das Tagbuch geleſen. Und da nicht jedes gute Gefühl in ihr erſtorben war, ſo hat das Leſen dieſes Buchs, in welchem Ihre Ergebung, Ihre kum⸗ mervolle, fromme Liebe ſich offenbart, ſie ſo tief ergriffen, daß ſie mir auf ihrem Todbett einige Stellen daraus anführen und damit Ihr plötzliches Verſchwinden erklä⸗ ren konnte. Sie war überzeugt, die Angſt, Ihre Liebe zu Agricola bekannt gemacht zu ſehen, habe Ihre Flucht veranlaßt.“ „Es iſt leider nur zu wahr, Fräulein!“ „Ja wohl. Die Menſchen, welche die Unglückliche handeln ließen, wußten recht gut, wo der Schlag traf. Sie ſind keine Anfänger. Sie brachten Sie zur Verzweiflung, zum Selbſt⸗ mord. Warum waren Sie mir auch ſo ergeben? Warum hatten Sie jene Leute durchſchaut? O, dieſe Schwarzröcke ſind unverſöhnlich und ihre Macht iſt groß.“ „Man erſchrickt davor, Fräulein.“ 3 —e—— „Beruhigen Sie ſich, liebes Kind. Sie ſehen, die Waffen der Böſen wenden ſich oft wider ſie ſelber. Von dem Au⸗ genblick an, wo ich Ihre Flucht erfahren hatte, waren Sie mir nur noch werther geworden. Ich habe ſeitdem alles Mögliche gethan, um Sie wieder zu finden. Nach langem Suchen hat endlich heute erſt die damit beauftragte Perſon Ihre Wohnung ausfindig gemacht. Agricola war bei mir und bat mich um Erlaubniß, mich begleiten zu dürfen.“ „Agricola!“ rief die Mayeux, die Hände zuſammenſchlagend. „Er iſt gekommen . . 24 „Ja liebes Kind. Beruhigen Sie ſich. Während ich mich mit Ihnen beſchäftigte, iſt er Ihrer Schweſter beigeſprungen. Sie werden ihn bald ſehen.“ „Ach Fräulein,“ ſagte die Mayeur erſchrocken, „gewiß weiß er 3 „Von Ihrer Liebe? Nein Beruhigen Sie ſich und den⸗ ken Sie nur an das Glück, dieſen lieben Bruder wieder zu finden.“ „Fräulein! möge er nie erfahren, was mir ſolche Scham verurſachte, daß ich deßhalb ſterben wollte. Gott ſei Dank, daß er nichts davon weiß!“ „Er weiß nichts. Alſo weg mit den traurigen Gedanken, liebes Kind. Denken Sie an dieſen trefflichen Bruder, um ſich zu ſagen, er ſei zu rechter Zeit gekommen, um uns ewi⸗ ges Bedauern zu erſparen und Ihnen einen großen Fehler. Ich ſpreche nicht nach den Vorurtheilen in Betreff des Rech⸗ tes der Geſchöpfe, dem Schöpfer ein zu drückend befundenes Leben zurückzugeben. Ich ſage Ihnen blos, Sie hätten nicht ſterben ſollen, weil die, welche Sie lieben und von welchen Sie geliebt werden, Ihrer noch bedurften.“ „Fräulein, ich hatte geglaubt, Sie wären glücklich. Agricola war mit der jungen Frau verheirathet, die er liebt, und die ihn gewiß glücklich machen wird. Wem konnte ich nützlich ſein?“ „Erſtlich mir, wie Sie ſehen. Und dann, wer ſagt Ihnen, daß Agricola nie Ihrer bedürfen wird? Sie wiſſen nicht, ob ſein und der Seinigen Glück ewig dauern, ob er nicht harten Prüfungen unterworfen werden wird. Und geſetzt, die, von welchen Sie geliebt werden, müßten immer glücklich ſein, wäre dann ihr Glück vollſtändig ohne Sie? Hätten nicht —— 1 — 138 — Ihre Freunde ſich Ihren Tod zum Vorwurf machen und ſtets mit Schmerz an denſelben denken müſſen?“ „In der That habe ich Unrecht gehabt. Aber ein Schwin⸗ del der Verzweiflung hatte mich ergriffen. Wir ſchmachteten“ im entſetzlichſten Elend. Seit mehren Tagen hatten wir keine Arbeit finden können und lebten von der Barmherzig⸗ keit einer armen Frau, welche von der Cholera weggerafft worden iſt. Morgen oder übermorgen hätten wir Hungers ſterben müſſen.“ „Hungers ſterben? Und ſie wußten, wo ich wohne?“ „Fräulein, ich hatte Ihnen geſchrieben, und da ich keine Antwort erhielt, glaubte ich, Sie wären durch meinen plötz⸗ lichen Weggang beleidigt.“ „Armes Kind! Sie haben Recht: Sie waren in einem ent⸗ ſetzlichen Schwindel befangen. Darum darf ich Sie auch nicht darüber tadeln, daß Sie einen Augenblick an mir gezweifelt haben. Wie ſollt ich Sie tadeln? Habe ich nicht auch den Gedanken gehabt, mir das Leben zu nehmen?“ „Sie, Fräulein?“ „Ja, ich ging mit dem Gedanken um, als man mir ſagte, die mit dem Tod ringende Florine wollte iit mir ſprechen. Ich hörte ſie an, und ihre Eröffnungen änderten plötzlich meinen Entſchluß. Ein Lichtſtrahl fiel plötzlich in mein un⸗ erträglich düſteres Leben. Das Pflichtgefühl erwachte in mir. Ich fonnte nicht zweifeln, daß Sie im bitterſten Elend ſchmach⸗ teten, und ich erkannte es als Pflicht, Sie aufzuſuchen und zu retten. Florine enthüllte mir neue Ränke der Feinde meiner Familie, deren Glieder durch ſchwere Verluſte und durch Kummer vereinzelt waren; und ich erkannte es als Pflicht, ſie auf Gefahren aufmerkſam zu machen, die ſie viel⸗ leicht nicht kannten, und ſie wider den gemeinſamen Feind zu vereinigen. Mir waren ſchändliche Streiche geſpielt worden. und ich hielt mich verbunden, die Urheber derſelben zu ver⸗ folgen, damit nicht etwa dieſe Schwarzröcke durch Strafloſig⸗ keit ermuthigt, Andern Aehnliches zufügten, Und das Pflicht⸗ gefühl kräftigte mich, ſo daß ich mich aus meiner Erſtarrung erheben konnte. Mit Hülfe Gabriels, des trefflichen Prieſters, des Muſters eines wahren Chriſten, des würdigen Pflegbru⸗ ders von Agricola habe ich den Kampf begonnen. Und die — — 48 — Erfüllung dieſer Pflichten und die ſtete Hoffnung, Sie wieder⸗ zufinden, haben meinen Schmerz einigermaßen gelindert. Ich habe wenn nicht Troſt doch Zerſtreuung gefunden. Ihre Freundſchaft und das Beiſpiel Ihrer Ergebung werden das Uebrige thun. Das glaube ich zuverſichtlich. Ich werde dieſe unglückſelige Liebe vergeſſen.“ In dieſem Augenblick vernahm man raſche Tritte auf der Treppe und eine junge, friſche Stimme welche ſagte: „Ach Gott! die arme Mayeur! Es iſt gut, daß ich gerade komme. Wenn ich ihr nur helfen kann!“ Unmittelbar darauf ſtürzte Roſe Pompon in die Dachkam⸗ mer. Ihr auf dem Fuß folgte Agricola Er deutete dem Fräulein auf das Fenſter und gab durch ein Zeichen zu ver⸗ ſtehen, daß ſte dem Mädchen nichts von dem kläglichen Ende der Königin Bacchanal ſagen dürfte. Adriana bemerkte dieſen Wink nicht. Ihr Herz empörte ſich, als ſie das Mädchen wieder erkannte, welche ſie an der Mar⸗ tinspforte bei Dſchalma geſehen hatte, und welche allein die Urſache ihrer Leiden ſeit dieſem Unglücksabend war. Als ob das Schickſal ihrer ſpottete, mußte in dem Augenblick wo eben Adriana das ſchmerzliche demüthigende Geſtändniß ihrer ver⸗ ſchmähten Liebe gemacht hatte, das Weib erſcheinen, dem ſie ſich aufgevpfert glaubte. War die Ueberraſchung des Fräuleins groß, ſo war die bei Roſe Pompon nicht geringer. Sie erkannte in Adriana die ſchöne Dame mit dem Goldhaar, welche bei dem Aben⸗ teuer mit dem ſchwarzen Panther ihr gegenüber geſeſſen hatte, und das Zuſammentreffen mit ihr war ihr eben ſo erwünſcht wie unverhofft. Sie gab ſich Mühe, dem Fräulein einen Blick unausſprechlicher Schadenfreude zuzuwerfen. Der erſte Gedanke Adrianens war, die Kammer zu verlaſſen. Aber theils konnte ſie ſich nicht von der Mayeur trennen, theils fühlte ſie ſich durch eine ſonderbare Neugierde zurück⸗ gehalten. Sie wollte in der Nähe dieſe Nebenbuhlerin be⸗ trachten, welche faſt ihren Tod verurſacht hatte, — dieſe Nebenbuhlerin, welcher ſie in ihren Seelenkämpfen ſo viele verſchiedene Geſtalten verliehen hatte, um ſich die Liebe Dſchalma's für dies Geſchöpf zu erklären. — — Zwanzigſtes Kapitel. Die Nebenbuhlerinnen. Roſe Pompon war mit der ganzen Geſchmackloſigkeit einer gefallſüchtigen Dirne aufgepußt. Ihr roſenrothes Bibi mit ſehr ſchmalem Schirm ſaß ſo weit vorwärts à la chien, daß es faſt bis auf die Spitze ihres Näschens herabreichte und die Hälfte ihres blonden Hinterkopfs ſehen ließ. Ihr ſchotti⸗ ſches Kleid mit ungeheuren Würfeln war von offen. Ihr nicht gerade hermetiſch verſchloſſenes durchſichtiges Buſentuch ſchien mehr beſtimmt die darunter liegenden runden Formen ſehen zu laſſen, als das zu verhüllen, was der unverſchämt weite Halsaus⸗ ſchnitt frei ließ. Beim Herauflaufen hatte ſie die beiden Zipfel ihres großen blauen mit Palmen durchwirktem Shawls gefaßt, währenddie Mitte deſſelben von ihren Schultern auf die Hüften gefallen war. Dieſe unverſchämte Tracht ihrer vermeintlich glücklichen Nebenbuhlerin verdoppelte den ſchmerzlichen Un⸗ willen und die Scham, welche Adriana beim Anblick derſelbeu empfand. Aber man denke ſich erſt die Ueberraſchung und Verwirrung des Fräuleins, als Mamſell Roſe Pompon ihr in leichtem ungezwungenen Ton ſagte: „Madame, ich bin entzückt, Sie hier zu finden. Wir haben mit einander zu plaudern. Ich will nur erſt die arme Mayeux küſſen, wenn Sie es erlauben, Madame.“ Um ſich eine Vorſtellung von dem Ton zu machen, in welchem das Wort Madame ausgeſprochen wurde, muß man Zeuge von mehr oder minder ſtürmiſchen Erörterungen zwiſchen zwei auf einander eiferſüchtigen Roſe Pompons ge⸗ weſen ſein. Dann begreift man auch, welche erefore Feindſeligkeit in dem bei ſolchen wichtigen Angelegen ausgeſprochenen Wort Madame liegt. Adriana war ſtarr und ſtumm bei dieſer Frechheit t der Mamſell. Agricola bemerkte dieſe Frechheit nicht, weil ſeine Aufmerkſamkeit ganz auf die ihn unverwandt anſehende Mayeur gerichtet war, und weil ihn die Erinnerung an den ſchreck⸗ lichen Auftritt, deſſen Zeuge er eben geweſen war, zerſtreute. Er flüſterte Adrianen zu: „Fräulein, es iſt vorbei! Cephiſe Shat den letzten Seufzer ausgehaucht, ohne wieder zur Beſin— nung gekommen zu ſein.“ „Das arme Mädchen!“ ſagte Adriana gerührt. „Wir müſſen die traurige Nachricht vor der Mayeur ver⸗ heimlichen,“ fuhr Agricola fort. „Erſt ſpäter dürfen wir ſie ihr mittheilen. Zum Glück weiß die kleine Roſe Pompon da“ (er blickte auf die neben der Mayeur hockende Dirne) „nichts davon.“ Adrianens Erſtaunen wuchs, als ſie den Schmied von der geputzten Dirne wie von einer alten Bekannten reden hörte. Ihre Empfindung läßt ſich nicht beſchreiben, als ſie nun Roſe Pompon ſchwatzen hörte. Es war ihr, als ob ihr Schmerz ſich verminderte. „Ach, gute Mayeur!“ ſagte die Kleine mit geläufiger Zunge, gerührtem Herzen und Thränen in den hübſchen blauen Augen, „wie kann man ſo einen dummen Streich machen? Helfen ſich denn nicht arme Leute einander? Hättet ihr euch denn nicht an mich wenden können? Ihr wußtet doch, was mein iſt, gehört auch Andern. Ich hätte einen letzten Raff auf dem Bazar Philemons gemacht, ich hatte ſeine drei Stiefel, ſeine behosten Pfeifen, ſeine Bootsmannstracht, ſein Bett und ſogar ſein Paradeglas verkauft. So wäret ihr doch nicht auf dieſen garſtigen Ausweg getrieben worden. Philemon würde mir deswegen nicht gezürnt haben, denn er iſt ein guter Junge. Und wenn er mir gezürnt härte, wäre mir's einerlei geweſen. Wir ſind, Gott ſei Dank, nicht verheirathet. Ich will damit nur ſagen, ihr hättet an die kleine Roſe Pompon denken ſollen.“ „Ich weiß, daß Sie gefällig und gut ſind,“ erwiderte die Mayeur, welche von ihrer Schweſter gehört hatte, daß Roſe Pompon, wie viele ihres Gleichen, gutherzig war. „Freilich,“ fuhr die Dirne fort, mit der ungewandten Sid eine Thräne von ihrer Naſenſpitze abwiſchend, „ihr eidet ſagen, ihr hättet nicht gewußt, wo ich ſeit einiger Zeit hocke. Das iſt eine ſchnurrige Geſchichte! — Schnur⸗ rig? — Im Gegentheil!“ Roſe Pompon ſtieß einen tiefen Seufzer aus und fuhr fort: „Einerlei! Davon hab' ich nicht mit dir zu ſprechen. So viel iſt gewiß, es geht beſſer mit — — dir. Daß du mir nur nicht mehr ſolche Sachen machſt und Ceph ſe auch nicht! Ich höre, ſie iſt ſchwach, und man darf noch nicht zu ihr; nicht wahr Musje Baudoin?“ „Ja,“ antwortete Agricola verlegen, da die Mayeur kein Auge von ihm abwandte. „Man muß Geduld haben.“ „Aber nicht wahr, Agricola, ich kann ſie heut noch ſehen?“ fragte die Mayeux. „Jetzt beruhige dich. Wir wollen ſpäter davon ſprechen.“ Roſe Pompon nahm wieder das Wort „Agricola hat Recht, liebe Mayeur. Wir müſſen vernünftig ſein und warten. Ich will auch warten und einſtweilen mit der Madame ſpre⸗ chen.“ (Sie warf auf das Fräulein einen Blick wie eine erboste Katze.) „Ja, ja ich will warten, und dann will ich der armen Cephiſe ſagen, daß ſie, wie du, auf mich rechnen kann.“ (Bei dieſen Worten warf ſie ſich in die Bruſt.) „Seid ruhig. Wenn es einem gut geht, müſſen die Freun⸗ dinnen, denen es ſchlecht geht, doch auch ein wenig davon ſchmecken. Das wäre fein, das Glück ſo ganz für ſich zu behalten! Wer Luſt hat, der mag's ausſtopfen und unter eine Glasglocke ſtellen, daß niemand dran kommt — Wenn ich ſage mein Glück, ſo iſt das ſo eine Redensart. Wahr iſt's, auf einer Seite — — ja. Aber auf der andern — da, liebe Mayeur, liegt der Hund begraben. — Ah was! Ich bin erſt ſiebzehn Jahr alt. — Es iſt ſo wie ſo. — Jetzt ſchweig ich ſtill, denn ich könnte ſo bis morgen früh plaudern, und du wärſt gerade ſo klug wie jetzt. Alſo noch einen Kuß, und ſei nicht mehr trübſelig — und Cephiſe auch nicht — verſteht ihr mich? Jetzt bin ich da!“ Und Roſe Pompon, die auf ihren Ferſen hockte, umarmte liebevoll die Mayeux. Was empfand wohl das Fräulein von Cardoville bei dieſem Geſpräch der lockeren Dirne über den verſuchten Selbſtmord der Mayeur? Das wunderliche Kauderwälſch der Mamſell, ihre Freigebigkeit mit dem Bazar Philemons, mit dem glücklicher Weiſe nicht verheirathet zu ſein erklärte, ihre ſich hie und da offenbarende Herzensgüte — dieſe Gegenſätze, dies kecke, poſſenhafte Weſen war für das Fräulein ſo neu und unbegreiflich, daß ſie vor Ueberraſchung ſtarr und ſtumm war. — Alſo das war das Geſchöpf, welchem Dſchalma ſie aufgeopfert hatte? — — War ihre erſte Empfindung beim 8 — 6 Anblick Roſe Pompon's entſetzlich peinlich geweſen, ſo führte das Nachdenken ſie allmählig auf Zweifel, und aus dieſen Zweifeln keimten Hoffnungen auf. Sie erinnerte ſich wieder des Geſprächs zwiſchen Dſchalma und Rodin, welches ſie im Gewächshaus behorcht hatte. Jetzt konnte ſie nicht länger fragen, ob es vernünftiger Weiſe denkbar ſei, daß der Königs⸗ ſohn, deſſen Begriffe von Liebe ſo erhaben, ſo rein, ſo poetiſch zu ſein ſchienen, den mindeſten Gefallen an dem unverſchämt albernen Schnack dieſes Geſchöpfs finden könne. Jetzt waren ihre Zweifel gehoben, nachdem ſie dieſe ſonderbare Neben⸗ buhlerin in der Nähe geſehen, nachdem ſie die Gemeinheit ihrer Manieren und Redensarten beobachtet hatte, welche, ohne gerade ihre hübſchen Züge zu entſtellen, denſelben doch einen nicht eben anziehenden dummen Ausdruck gaben. Eine wahre Liebe des Königsſohns zu einer Roſe Pompon war ihr ſomit völlig unglaublich geworden, und ihr Scharfblick ließ ſie ahnen, daß hinter dieſer ſo unbegreiflichen ſcheinbaren Verbindung ein Geheimniß ſtecken müſſe. Bei dieſen tröſtlichen Gedanken ging ihr gepreßtes Herz wieder auf. Aber durch bittere Erfahrungen gewarnt, ſcheute ſie doch wieder vor dem Gedanken zurück, ſich vorſchnell an⸗ genehmen Täuſchungen hinzugeben. Sie erinnerte ſich der unleugbaren Thatſache, daß Dſchalma ſich öffentlich mit dieſem Mädchen gezeigt hatte. Jetzt, wo ſie dies Geſchöpf würdigen konnte, erſchien ihr das Benehmen Dſchalma's ganz unbe⸗ greiflich. Aber eben weil es räthſelhaft war, fand ſie es bedenklich, einen nachtheiligen Schluß daraus zu ziehen. Eine innere Stimme ſagte ihr, an dem Schmerzenslager der armen Nätherin, welche ſie dem Tod entriſſen hatte, würde ihr durch eine Fügung der Vorſehung eine Aufklärung werden, von welcher das Glück ihres Lebens abhinge. Ihre Gemüthsbewegung war ſo lebhaft, daß ihre Wangen ſich mit hoher Röthe färbten. Ihr Buſen wogte ſtürmiſch, und ihne bisher trüben Augen erglänzten in fanftem Feuer. Mit der höchſten Spannnng ſah ſie dem Geſpräch entgegen, mit welchem die Dirne ſie bedroht hatte, und während ſie kurz vorher geneigt geweſen war, dasſelbe mit gerechtem Stolz von der Hand zu weiſen, hoffte ſie jetzt, in demſelben die Enthüllung eines wichtigen Geheimniſſes zu finden. — Nachdem Roſe Pompon nochmals die Mayeur zärtlich nmarmt hatte, ſtand ſie auf, wandte ſich gegen Adriana, . maß ſie mit dem unbefangenſten Blick und ſagte in keckem Blick und Ton „Jetzt, Madame, haben wir ein Hühnchen mit einander zu pflücken.“ „Ich ſtehe zu Befehl, Mamſell,“ antwortete Adriana mit . großer Sanftmuth. Als Agricola die kecke Miene der Dirne ſah und ihre her⸗ ausfordernde Sprache hörte, ſtand er einen Augenblick wie verſteinert da. Dann trat er zu ihr, zupfte ſie am Aermel und flüſterte: „Sind Sie toll? Wiſſen Sie, wen Sie da 6 vor ſich haben?“ „Nun was iſt da?“ erwiderte Roſe Pompon ganz laut. 1 „Iſt nicht ein hübſches Frauenzimmer ſo gut wie ein anderes? Ich ſag das für die Madame. Ich denke, ich werde nicht gefreſſen werden. Ich hab' mit der Madame zu ſprechen. Sie weiß warum und über was. Wenn ſie' nicht weiß, will ich's ihr ſagen; es dauert nicht lang.“ Adriana fürchtete, die Dirne möchte eine lächerliche Er⸗ klärung in Betreff Dſchalma's herauspoltern. Sie gab ſchnell dem Schmied einen Wink und erwiderte: „Ich bin bereit, Sie . anzuhören, Mamſell; aber nicht hier. Sie begreifen, warum.“ „Sieshaben Recht, Madame. Ich habe meinen Schlüſſel. Wenn Sie wollen, ſo gehen wir in meine Wohnung.“ Dies i meine Wohnung wurde mit ſtolzer Miene geſprochen. „Laſſen Sie uns alſo in Ihre Wohnung gehen, Mamſell, 5 da Sie mir die Ehre erweiſen wollen, mich dort zu empfan⸗ gen,“ erwiderte Adriana mit ihrer ſanften perlenden Stimme und machte dabei eine leichte Verbeugung mit einer Miene ſo ausgeſuchter Höflichkeit, daß Roſe Pompon trotz ihrer unverſchämten Keckheit ganz verdutzt daſtand. Agricola war gleichfalls erſtaunt und ſagte: „Wie, Fräu⸗ lein? Sie wollten ſo gütig ſein — —“ „Herr Baudoin,“ unterbrach Adriana, „bleiben Sie ge⸗ fälligſt bei meiner armen Freundin. Ich komme bald wieder.“ Und zur Mayeur, welche nicht weniger als Agricola ſtaunte, ſagte ſie: „Entſchuldigen Sie, liebe Schweſter, wenn ich Sie einige Augenblicke verlaſſe. Erholen Sie ſich noch ein wenig. Bald komm' ich zurück und hole Sie ab nach unſerer Woh⸗ nung.“ Endlich wandte ſie ſich zu Roſe Pompon mit den Worten: „Wenn Sie wollen, Mamſell, ſo gehen wir hinunter.“ Roſe Pompon's Verwunderung nahm zu, als ſie hörte, wie die vornehme Dame die Mayeur liebe Schweſter nannte. Sie wollte zeigen, daß ſie auch gute Manieren habe und ſchön zu ſprechen wiſſe. Sie drückte die Ellenbogen an den Leib, zwickte die Lippen zuſammen und ſagte: „Ver⸗ zeihen Sie, entſchuldigen Sie, Madame, wenn ich vorangehe, um Ihnen den Weg zu zeigen. In dieſer Barracke kann man Hals und Bein brechen.“ So verließen die beiden Nebenbuhlerinnen die Dachkammer. Glücklicher Weiſe war die blutige Leiche der Königin Bacchanal in den unterirdiſchen Laden der alten Arſene gebracht wor⸗ den, und die Neugierigen drängten ſich nur noch an der äußeren Thür des Ladens, ſo daß Roſe Pompon in dem Höfchen, welches ſie mit Adrianen durchſchritt, niemand an— traf, der ihr das traurige Ende ihrer Freundin hätte melden können. Nach wenigen Augenblicken befand ſie ſich mit dem Fräulein in der Wohnung Philemon's. Dieſe ſonderbare Wohnung war in der maleriſchen Un⸗ ordnung verblieben, in welcher Roſe Pompon ſie verlaſſen hatte, als Nini Muulin ſie abholte, um ſie die Heldin eines geheimnißvollen Abenteuers werden zu laſſen. Adriana, völlig unbekannt mit den wunderlichen Sitten der Studenten und Studentinnen, konnte trotz ihrer Spannung nicht umhin⸗ mit ſtaunender Neugier dies bizarre und groteske Chaos der ungleichartigſten Dinge zu betrachten: Maskenkleider, Todten⸗ köpfe mit Pfeifen im Mund, auf Büchergeſtellen herum⸗ fahrende Stiefel, Rieſengläſer, Weibskleider, behoste Pfei⸗ fen u. ſ. w. Dem Erſtaunen folgte bald eine Empfindung peinlichen Widerwillens. Adriana fühlte ſich unbehaglich in dieſem Wohnſitz nicht der Armuth, ſondern der Unordnung, während die elende Kammer der Mahyeur nichts Abſtoßendes für ſie gehabt hatte. Im Widerſpruch mit ihren kecken Manieren empfand Roſe Pompon eine ungewohnte Gemüthsbewegung, als ſie ſich mit dem Fräulein allein ſah. Die ſeltne Schönheit der Herzogstochter, ihre vornehmen Manieren, die würdevolle und doch leutſelige VI. 10 — — 146 — Weiſe, in welcher ſie auf die kecken Herausforderungen der Dirne geantwortet hatte, — das alles übte auf dieſe eine unwiderſtehliche Gewalt. Und da ſie bei allem Tadelhaften doch ein gutes Herz hatte, ſo war ſie tief gerührt worden, als ſie dieſe hochſtehende Dame die arme Mayeur Schweſter und Freundin nennen hörte. Sie begann ihr keckes Beneh⸗ men halb und halb zu bereuen, und ihre anfangs ſehr feind⸗ ſeligen Abſichten milderten ſich ein wenig. Da ſie indeß ein eigenſinniges Köpfchen hatte und nicht das Anſehen haben wollte, als unterwerfe ſie ſich einem ihr Selbſtgefühl ver⸗ letzenden Einfluß, ſo bemühte ſie ſich, ihre Zuverſicht wieder⸗ zugewinnen. Nachdem ſie die Thür verriegelt, ſagte ſie zu Adrianen: „Machen Sie ſich die Mühe, Platz zu nehmen.“ Dies ſollte ein neuer Beweis ſein, daß ſie ſchön zu ſprechen wüßte. Adriana griff nach einem Stuhl. Roſe Pompon, würdig die uralte Gaſtlichkeit zu üben, nach deren Regeln ſelbſt ein Feind, ſobald er Gaſt iſt, ein unverletzliches Weſen wird, rief ihr zu: „Madame, nehmen Sie dieſen Stuhl nicht! Es fehlt ihm ein Bein.“ Adriana griff nach einem andern Stuhl, und abermals rief Roſe Pompon: „Nehmen Sie auch dieſen nicht. Seine Rücklehne hat keinen Halt.“ Und wirklich blieb die Rücklehne in Leierform in den Händen Adriana's. Das Fräulein ſetzte die Lehne behutſam wieder auf das Untergeſtell und ſagte „Mamſell, ich glaube, wir können eben ſo gut im Stehen ſprechen.“ „Wie Sie wollen,“ erwiderte Roſe Pompon, ſich um ſo mehr in die Bruſt werfend, je mehr ihre Zuverſicht ſie verließ. 1 Ein und zwanzigſtes Kapitel. nte ed unn g⸗ Nach einer Minute des Zögerns ſagte Roſe Pompon zu dem Fräulein, welches mit klopfendem Herzen harrte: „Ma⸗ dame, ich will Ihnen friſchweg ſagen, was ich auf dem Herzen habe. Ich würde Sie nicht aufgeſucht haben; aber da ich Sie gefunden habe, ſo iſt es natürlich, daß ich die Gelegenheit benutze.“ „Aber, Mamſell,“ fragte Adriana ſanft, „könnte ich we⸗ nigſtens den Gegenſtand der Unterredung erfahren, welche wir mit einander haben ſollen?“ „Ja, Madame,“ erwiderte Roſe Pompon mit verdoppelter Keckheit, die jetzt mehr erzwungen als natürlich war. „Erſt⸗ lich müſſen Sie nicht glauben, daß ich mich unglücklich fühle und Ihnen eine Eiferſuchtsſcene ſpielen oder das Geſchrei einer Sitzengelaſſenen ausſtoßen will. Bilden Sie ſich das nicht ein. Gott ſei Dank! ich brauche mich über den Prinz Charmant nicht zu beſchweren (das iſt der Name, den ich ihm gegeben). Im Gegentheil, er hat mich recht glücklich gemacht; und wenn ich ihn verlaſſen habe, ſo iſt es wider ſeinen Willen geſchehen und weil es mir gefallen hat.“ Sie ſtieß einen Seufzer aus, der weder zum Ton noch zum In⸗ halt ihrer Worte ſtimmte, und fuhr fort: „Ja, Madame, ich hab' ihn verlaſſen, weil es mir gefallen hat; denn er war vernarrt in mich. Wenn ich gewollt hätte, würde er mich ſogar geheirathet haben — ja geheirathet, Madame. Ihr Schade iſt's, wenn das, was ich da ſage, Ihnen weh thut. Wenn ich ſage: Ihr Schade, ſo meine ich, ich habe Ihnen weh thun wollen. Ja, das hab' ich gewollt. Aber als ich Sie vorhin ſo gut gegen die arme Mayeur geſehen habe, da habe ich, obwohl ich gewiß Recht hatte, . etwas ge⸗ fühlt . Kurzum . ſo viel iſt gewiß, ich verabſcheue Sie, und Sie verdienen es.“ Dabei ſtampfte ſie mit dem Fuß auf den Boden. Wäre auch Adriana viel weniger ſcharfblickend und viel weniger begierig geweſen, die Wahrheit herauszufinden, ſo hätte ſie aus dieſem Geſchwätz entnehmen müſſen, daß Roſe Pomvon, welche prahlte, der Prinz Charmant ſei in ſie vernarrt und wolle ſie heirathen, eine ungeheure Lüge daher machte, — daß ſie nicht geliebt wurde, und daß ein heftiger Verdruß über verſchmähte Liebe ſie ein Zuſammentreffen mit Adriana wünſchen ließ, um ihren Zorn an ihrer glücklichen Neben⸗ buhlerin auszulaſſen, was ſie aber bei dem Eindruck, den Adriana auf ſie machte, nicht vollſtändig konnte. Adriana . ſpäter ſich ein paar Liebhaber anſchaffen. Adriana fühlte, welche Dirne, doch auf das Ergebniß gefaßt: daß unmöglich der Königsſohn eine ernſtliche Neigung zu dieſem Geſchöpf fühlen könnte. Es überraſchte ſie alſo nicht, aber es freute ſie, aus dem Mund ihrer Nebenbuhlerin die Beſtätigung ihrer Vermuthung zu vernehmen. Aber plötzlich tauchte wieder eine quälende Beſorgniß in ihr auf. Nach den gewöhnlichen Anſichten hätte Adriana durch das Gehörte völlig beruhigt ſein ſollen. Sie war ja ſicher, daß das Herz Dſchalma's ſtets ihr gehört hatte, und es brauchte ihr wenig daran zu liegen, ob der Prinz etwa in jugendlicher Gluth einem vorübergehenden Gelüſt nach dieſem immerhin recht hübſchen und begehrungswerthen Geſchöpf nachgegeben habe oder nicht, da er doch jedenfalls ſich von Roſe Pompon getrennt hatte, alſo den Fehler, wenn er ihn gemacht hatte, bereute. Aber einen ſolchen Fehler hätte Adriana nicht verzeihen können. Die Trennung des Leibes von der Seele, derzu⸗ folge dieſe von der Befleckung jenes nicht berührt werden ſoll, war für ſie ein Unding. Es ging über ihre Begriffe, daß man ſich mit Einer einlaſſen und dabei an eine Andere denken könne. Ihre junge, keuſche, leidenſchaftliche Liebe war ent⸗ ſchieden in ihrem Anſpruch, was in den Augen Gvottes und der Natur eben ſo gerecht, wie in den Augen der Menſchen lächerlich und einfültig iſt. Eben weil ſie die Religion der Sinne hatte, weil ſie die Sinnlichkeit verfeinerte und als eine Kundgebung Gottes betrachtete, hatte ſie in Betreff der Sinne Bedenklichkeiten und Empfindlichkeiten, wie ſie die rauhen Spiritualiſten und die öden Aſceten nicht kennen, welche Ausſchweifungen für nichts achten, weil dieſe blos die verächtliche Materie berühren. Adriana gehörte nicht zu den ſcheuen überzüchtigen Geſchöpfen, welche eher ſterben würden als rund herausſagen: ſte wollten einen jungen, ſchönen, fenrigen und reinen Mann — weshalb ſie denn auch recht häßliche, abgelebte, lüderliche heirathen und ein halbes Jahr reizende Friſche in der gleichen Unſchuld zweier ſchönen Lie⸗ benden läge, und welche Bürgſchaft für die Zukunft in der war, wenn auch nicht auf das ſonderbare Herauspoltern der füßen Erinnerung einer erſten Liebe, welche zugleich die erſte ſinnliche Befriedigung gewährte. Demnach war Adriana nur halb beruhigt, als der Verdruß Roſe Pompon's ihr die Ge⸗ wißheit gab, Dſchalma habe nie eine ernſtliche Neigung zu der Dirne gehabt. Das letzte Wort Roſe Pompon's in ihrer Anrede war ge⸗ weſen: Ich verabſcheue Sie. „Und warum verabſcheuen Sie mich?“ fragte Adriang. Roſe Pompon fiel völlig aus ihrer Siegerrolle und er⸗ widerte mit der ihr natürlichen Aufrichtigkeit: „Sie brauchen auch noch zu thun, als wenn Sie nicht wüßten, warum und weshalb ich Sie verabſcheue! Nicht wahr, man holt Sträußer ſogar aus dem Rachen eines Panthers für Perſonen, die einem ganz gleichgültig ſind? Die Geſchichte mit dem Strauß möchte noch hingehen. Wiewohl ſich das Eingeweid in mei⸗ nem Leib herumgedreht hat, als ich den Prinz Charmant wie ein Geislämmchen aufs Theater ſpringen ſah, würd' ich mir doch geſagt haben: Ah bah! die Indier haben ihre eig⸗ nen Höflichteiten. Hier zu Land, wenn ein Frauenzimmer einen Strauß fallen läßt, hebt ein wohlerzogener Herr ihn auf und gibt ihn ihr wieder. In Indien iſts anders. Da hebt der Herr den Strauß auf, gibt ihn der Dame nicht zurück, ſchlachtet aber vor ihren Augen einen Panther. Das ſcheint feine Lebensart dort zu Lande zu ſein. Aber in kei⸗ nem Land der Welt iſt es feine Lebensart, ein Frauenzimmer zu behandeln, wie ich behandelt worden bin, und das Ihnen zu Gefallen, Madame.“ Hatte Roſe Pompon anfangs ein Mäulchen gemacht, wie ein unartiges Kind, ſo nahm ihr Geſicht, während ſie ſprach, immer mehr den Ausdruck wirklichen Kummers an, welcher freilich manchmal komiſch ausſah. Adriana hütete ſich wohl, ſie auf den ſchneidenden Widerſpruch zwiſchen ihrer erſten und zweiten Rede aufmerkſam zu machen. Sie ſagte, immer in ſanftem Ton: „Ich glaube Sie täuſchen ſich, wenn Sie annehmen, ich ſei irgend ſchuld an Ihrem Kummer. Jeden⸗ falls aber werde ich bedauern, wenn Sie irgend jemand zu Gefallen übel behandelt worden wären.“ „Eh!“ rief Roſe Pompon, „Sie werden doch nicht glau⸗ ben, ich wäre geprügelt worden? Das wär' mir ſchön! Nein, das iſt's nicht. Ich will nur ſagen, wenn Sie nicht — 150 — wären, würde der Prinz Charmant mich am Ende gewiß ein wenig lieb gehabt haben, denn ich bin doch nicht garſtig. Es iſt freilich ein Unterſchied zwiſchen lieb haben und lieb haben. Ich mache keine großen Anſprüche — aber nicht einmal ſo viel!“ (Sie biß in den Nagel ihres Daumens.) „Nini Moulin hatte Recht, als er hieher kam und mir Koſt⸗ barkeiten und Spitzen brachte, um mich mit ſich zu locken, daß er ſagte: er würde mich in keine Geſchichte bringen, bei der nicht Alles in Ehren zuginge.“ „Nini Moulin?“ fragte Adriana. „Wer iſt das?“ „Ein religiöſer Schriftſteller,“ antwortete Roſe Pompon in ſchmollendem Ton, „ein Kerl, der ſich an alte Küſter ver⸗ kauft hat und ihr Geld einſteckt, angeblich um über die Mo⸗ ral und über die Religion zu ſchreiben. Der hat mir eine ſaubere Moral!“ Bei den Worten religiöſer Schriftſteller, Küſter ging dem Fräulein ein neues Licht auf. Sie ſah hier eine neue neue Spur der Ränke von Rodin und Aigrigny gegen ſie und Dſchalma. Sie fragte weiter: „Aber unter welchem Vorwand hat dieſer Menſch Sie von hier weggeholt? „Er hat mir geſagt, ich ſollte mitgehn und nichts für meine Tugend fürchten. Ich Bichee nichts zu thun, als mich recht hübſch zu machen. Da dacht' ich: Philemon iſt zu Hauſe; allein langeweile ich mich; die Geſchichte kommt mir drollig vor; was wag' ich dabei? — Ach! ich wußte nicht, was ich wagte! Nini Moulin nimmt mich mit in einer hüb⸗ ſchen Kutſche. Wir halten auf dem Platz des Palais Royal ſtill, und Nini Moulin ſteigt aus. Ein Menſch mit gelbem, tückiſchem Geſicht ſteigt ein, führt mich zum Prinz Charmant und weiſt mir bei ihm ein Zimmer an. Ich ſah den Prin⸗ zen. Gott! wie ſchön iſt er! — ſo ſchön, daß ich anfangs ganz geblendet war. Und dabei ſah er ſo ſanft und ſo gut aus! Da dacht' ich gleich: Das wäre nicht übel, hier ordent⸗ lich zu bleiben! Ich glaubte nicht, daß ich ſo wahr ſpräche. Ich bin ordentlich geblieben — ach! mehr als ordentlich!“ „Wie? Sie bedauern, daß Sie ſich ſo tugendhaft gezeigt haben?“ „GHm! — ich bedaure, daß ich nicht wenigſtens den Spaß gehabt habe, etwas zu verweigern. Aber verweigern Sie einmal; wenn man nichts von Ihnen verlangt, — gar nichts — wenn man Sie ſo ſehr verachtet, daß man Ihnen nicht einmal ein Wörtchen von Liebe ſagt.“ „Aber erlauben Sie mir zu bemerken, daß die Ihnen be⸗ wieſene Gleichgültigkeit Sie nicht gehindert hat, ziemlich lang in dem Haus, von dem ſie ſprechen, ſich aufzuhalten.“ „Weiß ich, warum der Prinz Charmant mich bei ſich be⸗ hielt? Warum er mit mir ſpazieren fuhr und ins Thea⸗ ter? Am Ende gehört das auch zum guten Ton in ſeinem wilden Land, ein hübſches Mädel bei ſich zu haben und nicht im Geringſten auf es zu achten.“ „Aber warum ſind Sie denn in dem Haus geblieben?“ „Ei du mein Gott!“ rief Roſe Pompon, ärgerlich auf den Boden ſtampfend, „ich bin geblieben, weil ich, ohne zu wiſſen wie, mich in den Prinz Charmant verliebt habe. Und das Drollige dabei iſt, ich bin luſtig wie ein Buchfink und liebte ihn, weil er traurig war. Das iſt doch ein Beweis, daß ich ihn ernſtlich liebte. Eines Tags konnte ich es nicht länger aushalten. Ich dachte: Mag kommen, was da will! Phile⸗ mon macht mir gewiß in ſeiner Heimath auch Streiche, alſo friſch zu! Und ich machte mich eines Morgens in meiner Ma⸗ nier zurecht, ſo hübſch, ſo lockend, daß ich in den Spiegel guckte und ſagte Jetzt wird er aber gewiß nicht widerſtehen. Ich gehe zu ihm, ich verliere das Concept und ſage ihm Alles, was mir im Kopf herum geht. Ich lache, ich weine; endlich ſag' ich ihm, ich bete ihn an. Und was hat er mir geantwortet? — Armes Kind! armes Kind! — Gerade, als wenn ich gekommen wäre, und über Zahnweh geklagt hätte, weil ich einen Weisheitszahn machte. Er war wie ein Mar⸗ morblock, und doch bin ich feſt überzengt, wenn er nicht an⸗ derweitig unglücklich verliebt wäre, würde er Feuer fangen wie Zunder. Aber er iſt ſo traurig, ſo niedergeſchlagen! — — — Ah! — nein, das will ich Ihnen nicht ſagen; es würde Ihnen zu viel Vergnügen machen! — — — Ei was!“ platzte ſie wieder heraus das Fräulein mit Rührung und Ehrerbietung anſehend, „ich ſag's doch! Warum ſollt' ich ſchweigen. Erſt hab' ich die Großs gegen Sie geſpielt und Ihnen geſagt, der Prinz Charmant wollte mich heirathen und am Ende hab ich Ihnen wider Willen geſtanden, daß — — 152 — ich beinahe zur Thür hinaus geworfen worden bin. Ich kann nichts dazu. Wenn ich lügen will, fang' ich mich immer. Ich will Ihnen alſo ganz klaren Wein einſchenken. Als ich Sie bei der armen Mayeur fand, fühlte ich anfangs in mir Zorn gegen Sie, wie ein kleiner welſcher Hahn. Da ich aber ſah, wie Sie, eine ſchöne vornehme Dame, dieſe arme Nätherin als Ihre Schweſter behandelten, da mocht' ich machen, was ich wollte, mein Zorn war weg. Hier hüben hab' ich mich nochmals zuſammengenommen, um ihn wieder zu erwiſchen, aber es ging nicht. Je mehr ich deu Unterſchied zwiſchen uns beiden ſah, deſto mehr ſah ich ein, daß der Prinz Charmant Recht hatte, nur an Sie zu denken. Denn um Ihretwillen iſt er toll, und wie! Ich ſage das nicht bloß wegen der Geſchichte mit dem Tiger, den er an der Martinspforte Ihnen zu Gefallen umgebracht hat. Gott im Himmel, wenn Sie wäßten, welche Narrenſtreiche er ſeit⸗ dem mit Ihrem Strauß gemacht hat! Wiſſen Sie es nicht? Alle Nächte hat er ohne zu ſchlafen und oft weinend in einem Saal zugebracht, wo er, wie mir geſagt worden, Sie zum erſten Mal geſehen hatte — wiſſen Sie? am Gewächs⸗ haus. Und Ihr Portrait, welches er nach ſeiner Landesart aus dem Gedächtniß auf die Glasthür gezeichnet hat! Und ſo viele andere Dinge! Ich liebte ihn und ſah das. Anfangs gerieth ich außer mir, dann aber ward es ſo rührend, daß mir die Thränen in die Augen traten — wie jetzt bei dem bloßen Gedanken an den armen Prinzen.“ Wirklich traten Thränen in ihre ſchönen blauen Augen, und ſie fuhr fort in einem Ton ſo aufrichtiger Theilnahme, daß Adriana ſich tief ergriffen fühlte: „Madame, Sie ſehen ſo ſanft und gut aus. Machen Sie ihn doch nicht unglücklich! Lieben Sie ihn doch ein wenig, den armen Prinzen! Was verſchlägt's Ihnen denn, ihn zu lieben?“ Und vergeſſend, daß Vertrau⸗ lichkeit ihr nicht zieme, ergriff ſie im überſtrömenden Gefühl ihres Herzens die Hand des Fräuleins. Adriana mußte alle ihre Selbſtbeherrſchung aufbieten, um den Ausbruch ihrer Freude zurüzuhalten, um die tauſend Fragen, welche ſie auf dem Herzen hatte, nicht auf ihre Lippen gen, 5 „ kommen zu laſſen, um die unter ihren Wimvern zitternden Wonne⸗ chränen nicht fließen zu laſſen. Anſtatt die Hand der Dirne zurück 153 — zuſtoßen, drückte ſie dieſelbe mit Herzlichkeit und zog ſie unbewußt ans Fenſter, wie um genauer ihre hübſche Geſtalt zu betrachten. Roſe Pompon hatte beim Eintreten ihren Shawl und ihr Bibi aufs Bett geworfen, ſo daß das Fräulein nun die dicken Flechten ihres ſeidenweichen hellblonden Haares und das friſche Geſicht des hübſchen Kindes mit feſten Roſenwangen, kirſchrothem Mund, großen blauen munteren Augen, und ihren reizendem Wuchs bewundern konnte. Adriana war entzückt, ſie noch hübſcher zu finden, als ſie ihr anfangs vorgekommen war. Die ſtoiſche Gleichgültigkeit Dſchalma's gegen dies reizende Geſchöpf bewies beſſer als irgend etwas die aufrichtige Liebe, von welcher er beherrſcht war. Roſe Pompon war verwirrt und überraſcht von der Güte, mit welcher das Fräulein ihre Vertraulichkeit aufgenommen hatte. Bald aber ermuthigt durch dieſe Nachſicht und durch das Stillſchweigen Adrianens, welche ſie faſt mit dankbarem Wohlwollen betrachtete, begann ſie wieder: „Nicht wahr, werthe Dame, Sie werden Mitleid mit dem armen Prinzen haben?“ Wir wiſſen nicht, was Adriana geantwortet haben würde, auf die unziemliche Frage Roſe Pompons, wenn ſich nicht vor der Thür ein lautes Kikeriki! hätte hören laſſen. Adriana fuhr zuſammen. Roſe Pompon dagegen, welche eben noch ſo gerührt ausgeſehen hatte, nahm plötzlich eine luſtige Miene an und rief, in die Hände klatſchend: „Das iſt Philemon!“ „Wie? Philemon?“ fragte Adriana. * „Ja, mein Liebhaber. Der Satan! Er iſt wie ein Fuchs heraufgeſchlichen, um den Hahn zu machen. Das ſieht ihm gleich!“ Einzweites, lauteres Kikeriki ließ ſich dicht vor der Thür hören. „Gott, wie verrückt!“ rief Roſe Pompon. „Immer derſelbe dumme Spaß, und immer wieder muß ich darüber lachen.“ Und ſie wiſchte ihre letzten Thränen mit der umgewandten Hand ab und lachte wie toll über den alten Spaß, der ihr immer wieder neu war 2 „Machen Sie nicht auf!“ flüſterte Adriana in der größten Verlegenheit. „Geben Sie ihm keine Antwort; ich bitte Sie darum.“ „Der Schlüſſel ſteckt,“ erwiderte Rofe Pompon, „und 5 4 — der Riegel iſt vorgeſchoben. Philemon ſieht ja daß jemand hier iſt.“ „Gleichviel.“ „Aber, Madame, das iſt ja ſein Zimmer. Wir ſind ja hier in ſeiner Wohnung.“ Philemon, vermuthlich ungeduldig, daß ſeine beiden Hah⸗ nenſchreie ſo wenig Wirkung thaten, drehte den Schlüſſel herum, und da die Thür nicht aufgehen wollte, rief er durch dieſelbe mit furchtbarer Baßſtimme: „Ei, geliebte Katze mei⸗ nes Herzens, ſind wir denn eingeſchloſſen? Beten wir zu Sanct Lumphard um die Rückkehr von Mon-Mon? (i. e. Philemon.) Adriana wollte die Lächerlichkeit und Verlegenheit dieſer Lage nicht noch dadurch vergrößern, daß ſie dieſelbe verlängerte. Sie ging geradeswegs an die Thür und machte ſie auf. Phi⸗ lemon prallte betroffen zwei Schritte zurück. Adriana, ſo ärgerlich ihr auch die Geſchichte war, konnte nicht umhin zu lächeln beim Anblick von Roſe Pompons Liebhaber und der Dinge, die er bei ſich hatte. Philemon ein ſtattlicher Burſch von friſcher brauner Farbe trug, eben von der Reiſe kommend, ein weißes baskiſches Bar⸗ ret. Sein dichter ſchwarzer Bart fiel auf eine weite hellblaue Weſte à la Robespierre herab. Ein kurzer Rock von vli⸗ venfarbenem Sammet und weite Hoſen mit ungeheuren ſchotti⸗ ſchen Würfeln waren die übrigen Veſtandtheile ſeiner Tracht. Unter dem Arm trug er ein Felleiſen, aus welchem Kopf und Füße einer Gans herausſ ſahen, und in der Hand hielt er einen Käfig, in welchem ein großer weißer Seidenhaſe ſaß. „Ach das liebe weiße Kaninchen! Ach was ſchöne rothe Au⸗ gen!“ rief Roſe Pompon, anſtatt ihren Geliebten zu begrüßen, der doch nach langer Abweſenheit zurückkam. Der Student anſtatt zu zürnen, daß er ſo ganz über ſeinem langohrigen Begleiter vergeſſen wurde, lächelte vergnügt, da er die ſeiner Ge⸗ liebten bereitete Ueberraſchung ſo wohlgefüllig aufgenommen ſah. Dieſer wunderliche Auftritt in der Thür war die Sache eines Augenblicks. Während Roſe Pompon vor dem Käſig niederkauerte und über das weiße Kaninchen jauchzte, griff Philemon, überraſcht durch die ehrfurchtgebietende Miene und Haltung der ihm unbekannten Dame, an ſein Barret, grüßte achtungsvoll und wich aus an die Wand. Adriana erwiderte ſeinen Gruß mit würdevoller Anmuth und ſchlüpfte die Treppe hinab. Philemon geblendet von ihrer Schönheit und betroffen über ihre edle Haltung begriff nicht, wie Roſe Pompon, zu einer ſolchen Bekanntſchaft kam. „Geliebte Katze deines Mon-Mon,“ fragte er, „was iſt das für eine ſchöne Dame?“ „Eine meiner Mitſchülerinnen in der Erziehungsanſtalt großer Sathr, antwortete Roſe Pompon den Seidenhaſen ne⸗ ckend. Zugleich fiel ihr Blick auf einen Kaſten, welchen Phi⸗ lemon neben den Käſig und das Felleiſen geſtellt hatte. Sie ſtand auf und ſagte: „Das iſt gewiß wieder Familienſirop, den du mir da mitbringſt.“ Mon- Mon bringt ſeiner geliebten Katze noch etwas beſ⸗ ſeres mit, als das,“ antwortete der Student und drückte ihr zwei herzhafte Küſſe auf die roſigen Wangen. „Mon-Mon bringt ihr ſein Herz wieder mit.“ „Alter Witz!“ ſagte Roſe Pompon, den Daumen der lin⸗ ken Hand an die Naſenſpitze ſetzend und die übrigen Finger auf und nieder bewegend. Philemon erwiderte dieſe Neckerei damit, daß er Roſe Pom⸗ pon um die Hüfte faßte. Das luſtige Pärchen ſchloß ſich ein. Ende des achten Bandes. iher * —— — e — — —