Roman von Eugen Fue. ee ſe von Friedrich Funck. „ Sechster Band. Frankfurt a. R. Verlag von Auguſt Oſterrieth. 1845. Erſter Theil. Der Beſſchützer⸗ Erſtes Kapitel. W n h Das Fräulein von Cardoville eilte der Mayeur entgegen, ſtreckte die Arme nach ihr aus und ſagte mit Rührung: „Kommen Sie, kommen Sie! Jetzt trennt uns kein Gitter mehr!“ Bei dieſer Anſpielung, welche ſie erinnerte, daß ihre arme arbeitſame Hand kürzlich von dieſem ſchönen, reichen Fräu⸗ lein achtungsvoll geküßt worden war, regte ſich in der Nä⸗ therin Dankbarkeit und ein wohlthuendes Selbſtgefühl. Da ſie die herzliche Anſprache zu erwidern zögerte, umarmte Adriana ſie mit freudiger Rührung. Die Mayeur, umſchlungen von den ſchönen Armen des Fräuleins und den ſchweſterlichen Druck ihrer blühenden Lippen auf ihren blaſſen eingefallenen Wangen fühlend, brach in Thränen aus und konnte kein Wort hervorbringen. Rodin hatte ſich in eine Ecke des Zimmers zurückgezogen und ſah dieſem Auftritt mit heimlichem Mißbehagen zu. Er hatte erfahren, wie würdevoll die Mayeur die falſchen Lockungen der Oberin des Marienkloſters zurückgewieſen. Er kannte ihre Ergebenheit für Agricola, er wußte, daß ſie dieſelbe ſeit einigen Tagen auf das Fräulein von Cardoville erſtreckt hatte, und hatte keine Luſt, dieſe Zuneigung noch ſeinerſeits zu ſteigern. Dabei bedachte er, daß man nie einen Feind oder einen Freund verachten darf, ſo gering er auch ſeyn möge. Sein Feind aber war, wer ſich dem Dienſte Adrianens von Cardoville widmete. Wir wiſſen, daß Rodin mit einer ſeltenen Willenskraft gewiſſe abergläubige Schwächen ver⸗ band. Er fühlte ſich beunruhigt durch ein dunkles Gefühl von Beſorgniß, welche die Mayeur ihm einflößte und beſchloß, ſich dieſe Ahnung oder dieß Vorgefühl zu merken. Zartfühlende Seelen äußern manchmal mit an ſich ganz unbedeutenden Dingen ihre angeborne Anmuth und Güte. Nachdem die Mayeur viele Thränen des Dankes vergoſſen hatte, nahm Adriana ein reich geſticktes Schnupftuch und wiſchte die Thränen von dem ſchwermüthigen Geſicht des armen Mädchens ab. Dieß erſparte der Mayeur eine De⸗ müthigung. Demüthigung und Schmerz ſind die beiden Ab⸗ gründe, neben welchen das Unglück ſtets einhergeht. Darum iſt zarte Zuvorkommenheit ſelbſt in Kleinigkeiten für das Unglück faſt immer eine doppelte Wohlthat. Man belächelt vielleicht dieſe ins Kleine gehende Schilderung als kindiſch. Nichts deſto weniger iſt es wahr, daß die arme Mayeur, welche nicht wagte, ihr kleines zerriſſenes Schnupftuch herauszu⸗ ziehen, lange vor Thränen nicht hätte aus den Augen ſehen Fönnen, wenn Adriana ſie nicht abgetrocknet hätte. „Sie ſind gütig, — v, Sie beweiſen eine edle Barmherzig⸗ keit!“ das war Alles, was die Mayeur ſagen konnte, vielleicht tiefer gerührt über dieſe kleine Aufmerkſamkeit, als ſie es über einen geleiſteten Dienſt geweſen ſeyn würde. „Betrachten Sie dies Mädchen,“ ſagte Adriana zu Rodin, der auf dieß Wort ſchnell näher kam. „Das iſt ein Schatz, den ich entdeckt habe,“ fügte ſie mit Stolz hinzu. „Be⸗ trachten Sie dieß Mädchen und lieben Sie es, wie ich es liebe, ehren Sie es, wie ich es ehre. Das iſt eins der Her⸗ zen, wie wir es ſuchen.“ „Und wie wir ſie, Gott ſei Dank, finden, werthes Fräu⸗ lein,“ erwiderte Rodin mit einer Verbeugung gegen die Rätherin. Die Mayeur erhob langſam die Augen zu dem Jeſuiten. Beim Anblick dieſes wohlwollend lächelnden Leichengeſichts erbebte ſie. Sie hatte dieſen Menſchen noch nie geſehen, und doch empfand ſie auf der Stelle faſt dieſelbe ängſtliche Abneigung gegen ihn, welche er gegen ſie inſten hatte. In der Regel ſcheu und verwirrt, konnte ſie ihren Blick nicht von dem Blick Rodins abwenden. Ihr Herz klopfte heftig wie bei der Nähe einer großen Gefahr, und da ſie nur für die zu fürchten pflegte, welche ſie liebte, ſo näherte ſie ſich unwillkürlich dem Fräulein, ſtets ihre Augen auf Rodin heftend. Rodin wußte zu gut im Geſicht des Menſchen zu leſen, als daß er nicht den gefährlichen Eindruck hätte bemerken ſollen, den er machte. Statt die Augen vor ihr niederzu ſchlagen, bettachtete er ſie mit ſo anhaltender Aufmerſamkeit, daß Adriana darüber in Erſtaunen gerieth. „Verzeihen Sie, liebes Kind,“ ſagte er, indem er that, als beſänne er ſich auf Etwas. „Sind Sie nicht vor einigen Tagen im Marien⸗ kloſter hier neben geweſen?“ „Ja,“ antwortete die Mayeur. „Nun habe ich Gewißheit!“ rief Rodin. „Sie ſind es. Wo hatte ich nur meinen Kopf? Sie ſind es. Ich hätte das früher errathen ſollen.“ „Was meinen Sie denn?“ fragte Adriana. „O, Sie haben Recht, werthes Fräulein,“ erwiderte Ro⸗ din, auf die Mayeur deutend. „Vas iſt ein edles Herz, ein Herz, wie wir es ſuchen. O wenn Sie wüßten, mit welcher Würde, mit welchem Muth dieß arme Mädchen, während es ohne Arbeit war — und keine Arbeit haben, heißt für ſie von Allem entblößt ſeyn, — wenn Sie wüßten, ſage ich, mit welcher Würde ſie den ſchimpflichen Lohn zurückgewieſen hat, den die Oberin ſchändlicher Weiſe ihr anbot, um ſie zu vermögen, eine Familie, bei der ſie in Dienſt ireten auzukundſchaften·⸗ —- „O, das iſt ſchändlich!“ rief Adriana mit Abſcheu. Einen ſolchen Vorſchlag dem armen Kind zu machen — — ihr!“ „Fräulein,“ ſagte mit Schmerz die Mayeur. „Ich hatte keine Arbeit. Ich bin arm. Man kannte mich nicht. Man glaubte, mir Alles zumuthen zu können.“ „Und ich,“ fuhr Rodin fort, „ich behaupte, es war doppelt ſchändlich von der Oberin, die Armuth in Verſuchung zu führen, und es iſt doppelt ſchön von Ihnen, daß Sie die Zu⸗ muthung zurückgewieſen haben.“ „Werther Herr — — —“ ſagte die Mayeur verlegen. „O! o! ich laſſe mich nicht einſchüchtern,“ erwiderte Ro⸗ din. „Ich ſage rund weg, was ich auf dem Herzen habe, Lob oder Tadel. Fragen Sie das Fräulein.“ Hier blickte er auf Adrianen. „Ich ſage Ihnen laut, daß ich eben ſo gut von Ihnen denke, wie das Fräulein von Cardoville.“ lauben Sie mir, liebes Kind,“ nahm Adriana das es gibt Lobſprüche, die ehren, belohnen und ermu— zu ſolchen gehören die Lobſprüche des Herrn Rodin. n es; ja, ich weiß es!“ „uebrigens, “ bemerkte der Jeſuit, „müſſen Sie, werthes Fräulein, nicht die ganze Ehre dieſes Urtheils mir zuer⸗ kennen.“ „Wie ſo?“ fragte Adriana. „Iſt dieß Mädchen nicht die Adoptivſchweſter von Agricola Baudoin, dem wackeren Arbeiter, dem kräftigen Volksdichter? Und iſt nicht die Zuneigung eines ſolchen Mannes die beßte Bürgſchaft, welche erlaubt, ſo zu ſagen, auf die Etikette hin zu urtheilen?“ erwiderte Rodin lächelnd. „Sie haben Recht,“ ſagte Adriana. „Ohne dieß liebe Kind zu kennen, habe ich ſchon angefangen, lebhaften Antheil an ihrem Schickſal zu nehmen, von dem Tag an, wo ihr Adoptivbruder mir von ihr geſprochen hat Er drückte ſich mit ſolcher Wärme und Entſchiedenheit aus, daß ich ſogleich das Mädchen achten mußte, welches fähig war, eine ſo edle Zu⸗ neigung einzuflößen. Dieſe Worte Adrianens brachten die Mayeur ſo in Ver⸗ wirrung, daß ſie feuerroth ward. Wir wiſſen, die Unglückliche hegte gegen Agricola eine Liebe, die eben ſo leidenſchaftlich, wie ſchmerzvoll und verborgen war. Jede auch noch ſo ent⸗ fernte Anſpielung auf dieſe unglückliche Neigung brachte ſie in die peinlichſte Verlegenheit. In dem Augenblick, wo das Fräulein von der Zuneigung Agricvlas für ſie ſprach, begeg⸗ neten ihre Augen Rodins Blicken, die beobachtend und durch⸗ dringend auf ſie geheftet waren. Wäre ſie mit Adrianen allein geweſen, ſo hätte ſie ſich nur vorübergehend beengt ge⸗ fühlt bei der Srwähnung olas Hier aber war es ihr, als leſe der Menſch, welcher ihr ſchon von vorn herein eine unerklärliche Beſorgniß eingeflößt, in ihrem Herzen das Ge⸗ heimniß ihrer unglücklichen Liebe. Daher ihr Erröthen, ihre ſo ſichtliche ſchmgliche Verlegenheit, daß ſie dem Fräulein auffiel. — Ein Beobag von ſo ſcharfem Blick wie Rodin ſucht bei der geringſte tung ſogleich die Urſache. Der Jeſuit ver⸗ gegenwärtig alle hier in Betracht kommenden Umſtände. Auf der eißen Seite ſah er ein verwachſenes aber ſehr ver⸗ ſtändiges uid leidenſchaftlicher Hingebung fähiges Mädchen, auf der andern einen ſchönen, jungen, herzhaften, aufgeweckten und offenherzigen Handwerker. „Sie ſind zuſammen aufge⸗ wachſen,“ dachte er. „Ihre Gemüther ſtimmen in vielen Beziehungen zuſammen, ſie müſſen ſich wie Geſchwiſter lieben. Aber über Geſchwiſterliebe erröthet man nicht. Die Mayeur iſt bei meinem Blick roth und verwirrt geworden. Sollte ſie in Agricola verliebt ſeyn?“ Rodin auf dem Weg zu dieſer Entdeckung wollte die Spur bis zum Ziel verfolgen. Die Ueberraſchung, welche die Ver⸗ legenheit der Mayeur dem Fräulein von Cardoville verur⸗ ſachte, war ihm nicht entgangen. Er wandte ſich zu Adrianen, deutete lächelnd auf die Mayeur und ſagte: „Hm! ſehen Sie, liebes Fräulein, wie ſie erröthet, die arme Kleine, wenn man von der warmen Zuneigung des braven Arbeiters für ſie ſpricht!“ Die Mayeur ſenkte den Kopf und gla verſinken zu müſſen. Rodin ſchwieg einen Au Pfeil noch tiefer ins Herz der Unglücklichen dringen zu laſſen und fuhr dann fort: „Sehn Sie nur, wie das gute Kind verwirrt iſt!“ Der Jeſuit ſchwieg abermals. Er ſah, wie die Purpur⸗ röthe der Mayeur ſich in Leichenbläſſe verwandelte und wie ſie an allen Gliedern zitterte. Er glaubte zu weit gegangen zu ſeyn, als Adriana theilnehmend fragte: „Ei, liebes Kind, warum gerathen Sie denn ſo in Verwirrung?“ „Das iſt ganz einfach,“ antwortete Rodin für die Gefragte. Er wußte, was er zu wiſſen wünſchte, und wollte das Anſehn haben, als merke er nichts. „Das iſt ganz einfach. Das liebe Kind hat die Beſcheidenheit einer guten, zärtlichen Schweſter für ihren Bruder. Sie liebt ihn ſo ſehr, ſie denkt ſich ſo ganz als Eins mit ihm, daß, wenn er gelobt wird, es ihr vorkommt, als würde ſie ſelber gelobt.“ „Und,“ fügte Adriana hinzu, die Hände der Mayeur er⸗ greifend, „das geringſte Lob, ſey es für ſie, ſey es für ihren Adoptivbruder, bringt ſie ſo in Verwirrung, wie wir jetzt ſehen. Das iſt eine wahre Kinderei, für welche ich ſtie tüchtig ausſchelten will.“ Das Fräulein von Cardoville meinte es ganz ernſt mit der Zuſtimmung zu der Erklärung Rodins, die ſo ganz na⸗ türlich ſchien. Alle Menſchen, welche ſtets in Angſt ſchweben, ihr ſchmerz⸗ volles Geheimniß möchte entdeckt werden, beruhi en ſich eben ſo ſchnell, wie ſie erſchrecken. Die Mayeur überredete ſich — und ſie mußte es, um nicht vor Scham zu ſterben, — daß die letzten Worte Rodins aufrichtig gemeint ſeyen, und daß er ihre geheime Liebe zu Agricvla nicht ahnte. Ihre Angſt ließ nach und ſie fand einige Worte der Erwiderung an das Fräulein von Cardoville. „Entſchuldigen Sie mich, Fräulein,“ ſagte ſie ſchüchtern. „Ich bin ſo wenig an ein Wohlwollen gewöhnt, wie das, womit Sie mich überhäufen, daß mein Benehmen Ihrer Güte gegen mich wenig entſpricht.“ „Meiner Güte?“ entgegnete Adriana. „Armes Kind! ich „ — — — — habe ja noch nichts für Sie gethan. Aber Gott ſey Dank! von heut an werd' ich mein Verſprechen erfüllen können und im Stande ſeyn, Ihre Hingebung für mich zu belohnen, Ihre muthige Selbſtverleugnung, Ihre Liebe zur Arbeit und Ihre ehrenhafte Geſinnung, von welcher Sie unter den größ⸗ ten Kümmerniſſen ſo viele Beweiſe abgelegt haben. Mit einem Wort: von heut an werden wir uns nicht mehr tren⸗ nen, wofern Sie es zufrieden ſind.“ „Fräulein, das iſt zu viel Güte!“ erwiderte die Mayeur mit bebender Stimme. „Aber ich — —“ „Beruhigen Sie ſich,“ unterbrach Adriana, die errieth, was ſte ſagen wollte. „Wenn Sie meinen Vorſchlag annehmen, werde ich den etwas egoiſtiſchen Wunſch, Sie in meiner Nähe zu ſehen, zu vereinigen niſer et Unabhängigkeit Ihres Sinnes, mit Ihrer Gewohnheit zu arbeiten, mit Ihrer Vor⸗ liebe für Zurückgezogenheit und mit Ihrem Bedürfniß, ſich alles deſſen anzunehmen, was Mitleid verdient. Ich ver⸗ hehle es nicht: beſonders dadurch, daß ich Ihnen die Mittel gebe, dieß edelmüthigen Beſtreben zu bethätigen, hoff ich, Sie zu verführen, daß Sie bei mir Shren Wohnſitz auf⸗ ſchlagen.“ „Was hab' ich denn gethan, Fräulein,“ fragte die Mayeur unbefangen, „um ſo viel Dank bei Ihnen zu verdienen? Haben Sie nicht vielmehr zuerſt ſich edelmüthig gezeigt gegen mei⸗ nen Adoptivbruder?“ „Ich ſpreche Ihnen ja nicht von Dank,“ erwiderte Adriana. „Wir ſind quitt. Ich ſpreche Ihnen von Zuneigung, von aufrichtiger Freundſchaft, die ich Ihnen anbiete.“ „Von Freundſchaft? — gegen mich? Fräulein? „Ei, ei!“ rief Adriana mit lieblichem Lächeln, „ſpielen Sie nicht die Hochmüthige, weil Sie im Vortheil ſind. Ich habe mir einmal in den Kopf geſetzt, daß Sie meine Freun⸗ din ſeyn ſollen, und Sie werden ſehen, das geſchieht. — Doch — jetzt erſt fällt mir ein, welch' guter Geiſt führt Sie denn hieher?“ „Dieſen Morgen,“ antwortete die Mayeur, „hat der ältere — Herr Baudoin, der ſich gewöhnlich Dagobert nennen läßt, einen Brief erhalten, in welchem ſtand, er möchte ſich hieher begeben; hier würde er gute Nachricht erhalten über das, was ihm am meiſten am Herzen läge. In der Meinung, daß darunter die Fräulein Simon verſtanden ſeyen, ſagte er zu mir: „Mayeur, Sie haben ſo großen Antheil an dieſen lieben Kindern genommen, daß Sie mit mir kommen müſſen. Sie ſollen meine Freude ſehen, wenn ich die Kinder wieder⸗ finde; das ſoll Ihr Lohn ſeyn.“ Adriana blickte ihren Befreier an. Rodin nickte und ſagte: „Ja, werthes Fräulein. Ich habe an dieſen braven Sol⸗ daten geſchrieben, aber ohne meinen Namen zu unterzeich⸗ nen und ohne mich näher zu erklären. Warum, das ſollen Sie ſpäter erfahren.“ „Wie kommt es nun, daß Sie allein hier erſcheinen?“ fragte Adriana das Mädchen. „Ach!“ antwortete die Nätherin, „Ihr Empfang hat mich ſo ergriffen, daß ich gar nicht dazu kommen konnte, Ihnen meine Noth zu klagen.“ „Welche Noth?“ fragte Rodin. „Da ich wußte, daß Sie hier ſind, Fräulein, ſo dachte ich, Sie hätten dieſen Brief dem Herrn Baudoin zukommen laſſen. Ich ſagte es ihm, und er war gleichfalls dieſer Meinung. Wir kamen hieher, und ſeine Ungeduld war ſo groß, daß er gleich an der Thüre fragte, ob die Waiſen hier wären. Er beſchrieb ſie, und man antwortete ihm: Nein. Und nun „ half kein Bitten von meiner Seite. Er lief nach dem Klo⸗ ſter, um ſie zu erfragen.“ „Welche Unbeſonnenheit!“ rief Adriana. „Nach dem was vorgeſtern Nacht geſchehen iſt!“ fügte Rodin achſelzuckend hinzu. „Vergebens,“ fuhr die Mayeur fort, „vergebens habe ich 4. ————— — „ ihn aufmerkſam darauf gemacht, daß der Brief keineswegs beſagte, man würde ihm die Waiſen zurückgeben, ſondern nur anzudeuten ſchiene, man würde ihm Auskunft über ſie ertheilen. Er wollte mich nicht anhören und ſagte: Wenn 1 † ich nichts erfahre, ſo komm ich wieder hieher zu Ihnen. Vor⸗ * geſtern waren die Kinder im Kloſter; jetzt, wo Alles entdeckt iſt, kann man mir ſie nicht verweigern.“ „Ein ſolcher Starrkopf läßt nicht mit ſich reden!“ bemertte Rodin lächelnd. „Wenn er nur nicht erkannt wird!“ ſagte Adriana, ſich der Drohungen Baleiniers erinnernd. „Das iſt nicht anzunehmen,“ erwiderte Rodin. „Man wird ihn nicht einlaſſen. Das wird hoffentlich das Unan⸗ genehmſte ſeyn, was ihm bevorſteht. Uebrigens muß auch der Richter bald mit den Kindern kommen. — Ich bin hier nicht weiter nöthig. Andere Geſchäfte rufen mich anderwärts hin. Ich muß mich nach dem Prinzen Dſchalma erkundigen. Sagen Sie mir gefälligſt, werthes Fräulein, wann und wo ich Sie treffen kann, um Ihnen von Zeit zu Zeit die Er⸗ gebniſſe meiner Nachforſchungen mitzutheilen und mit Ihnen in Betreff des Prinzen Abſprache zu nehmen, wenn, wie ich hoffe, meine Nachforſchungen guten Erfolg haben.“ „Sie werden mich in meiner neuen Wohnung antreffen, in welche ich mich von hier aus verfüge, in der Anjouſtraße, im ehemaligen Hötel Breulieu.“ Adriana beſann ſich einen Augenbick und fuhr dann fort: „Da fällt mir ein, ich halte es aus mehren Gründen weder für paſſend noch für klug, dem Prinzen Dſchalma den bisher von mir bewohnten Pa⸗ villon im Hotel St. Dizier zum Aufenthalt anzuweiſen. Kürzlich habe ich ein herrliches Häuschen geſehen, welches ieden Augenblick bezogen werden kann. Einige Verſchöne⸗ rungen, die ſich in vierundzwanzig Stunden anbringen laſſen, werden daraus eine ſehr hübſche Wohnung machen.“ Sie ſchwieg abermals und ſchloß dann: „Ja, das iſt viel, viel beſſer. Auf dieſe Weiſe kann ich das ſtrengſte Incognito be⸗ wahren.“ „Wie?“ rief Rodin, durch deſſen Plane dieſer Entſchluß des Fräuleins einen großen Strich machte. „Sie daß er nicht wiſſen ſoll — — — „Ich will,“ antwortete Adriang, „daß der Prinz ſchlechte —————— dings nicht wiſſen ſoll, wer der unbekannte Freund iſt, der ihm zu Hülfe kommt. Ich wünſche, daß mein Name, vor ihm nicht ausgeſprochen wird und daß er nicht einmal etwas von meinem Daſeyn erfährt — wenigſtens für jetzt nicht. Später, in einem Monat etwa, werd' ich ſehen. Die Um⸗ ſtände werden mich beſtimmen.“ „Aber wird dieß Incognitv nicht ſchwer zu bewahren ſeyn?“ wandte Rodin ein, ſeinen Verdruß verbergend. „Allerdings wäre es ſchwer geweſen, wenn der Prinz meinen Pavillon zur Wohnung erhalten hätte. Die Nach⸗ barſchaft meiner Tante hätte ihn auf meine Spur bringen können, und eben darum habe ich auf meinen urſprüng⸗ lichen Plan verzichtet. Aber jetzt ſoll der Prinz in einem entfernten Stadttheil wohnen, in der Blancheſtraße. Wer wird ihm verrathen, was ihm verborgen bleiben ſoll? Einer meiner alten Freunde, Herr Norval, Sie, geehrter Herr, und dieß gute Kind hier, auf deſſen Verſchwiegenheit ich rechnen kann, wie auf die Ihrige, Sie allein kennen mein Geheimniß. Es wird alſo ſorgfältig bewahrt bleiben. Uebrigens wollen wir morgen weiter darüber ſprechen. Vor allen Dingen müſſen Sie den armen Prinzen ausfindig machen.“ Rodin war wüthend über den plötzlichen Entſchluß Adria⸗ nens in Betreff Dſchalmas. Aber er verbiß ſeinen Grimm und ſagte: „Ihrem Wunſch ſoll genau nachgelebt werden, theures Fräulein. Morgen, wenn Sie es erlauben, werd' ich Ihnen Bericht erſtatten über mein Geſchäft, welches, wie Sie vorhin die Güte hatten zu ſagen, mir von der Vor⸗ ſehung zugewieſen iſt.“ „Alſo morgen; ich erwarte Sie mit Ungeduld,“ erwiderte Adriana liebreich. „Erlauben Sie mir, ſtets auf Sie zu zöhlen, gleichwie Sie von heut an ſtets auf mich rechnen können. Sie müſſen Geduld mit mir haben, denn ich ſehe voraus, ich werde noch vielfach Ihre Rathſchläge und Ihre Dienſte in Anſpruch zu nehmen haben, — ich, die ich Ihnen ſchon ſo viel verdanke.“ — — 95 — „Sie werden mir nie genug verdanken, werthes Fräulein,“ verſicherte Rodin, indem er ſich verbeugte, und ging behut⸗ ſamen Schrittes nach der Thür. In dem Augenblick, wo er hinausgehn wollte, ſtand ihm Dagobert gegenüber. „Ah!“ rief der Soldat; „endlich hab' ich Einen!“ und faßte den Jeſuiten derb am Kragen. — Zweites Kapitel. Die Entſchuldigungen. Als das Fräulein von Cardoville ſah, wie der alte Kriegs⸗ mann den Herrn Rodin ſo derb am Kragen faßte, rief ſie erſchrocken: „Um Gotteswillen! Was machen Sie?“ „Was ich mache!“ verſetzte der Soldat trotzig, ohne den Jeſuiten loszulaſſen, und wandte den Kopf nach Adrianen, die er nicht kannte „Ich benutze die Gelegenheit, um einem der Schufte von der Bande des Renegaten ſo lange die Kehle zuzudrücken, bis er mir ſagt, wo meine armen Kinder ſind!“ „Sie — — erwürgen — — mich!“ ſtotterte Rodin mit erſtickter Stimme. „Wo ſind die Waiſen?“ rief Dagobert mit einer Donner⸗ ſtimme. „Hier ſind ſie nicht, und im Kloſter hat man mir die Thür vor der Naſe zugeſchlagen.“ „Hülfe!“ murmelte Rodin. „Ach! das iſt entſetzlich!“ rief Adriana. Und blaß, zitternd und händeringend bat ſie: „Haben Sie Erbarmen, lieber Mann! Hören Sie mich an!“ Die Mayeur ſprang hinzu, fiel mit ihren ſchwachen Hän⸗ den dem alten Grenadier in den Arm, deutete auf Adriana und rief: „Das iſt das Fräulein von Cardoville. Wie mögen Sie ſich vor ihr ſolche Gewaltthätigkeit erlauben? Und zu⸗ dem ſind Sie im Irrthum.“ „ Bei Nennung des Fräuleins von Cardoville, der Wohl⸗ thäterin ſeines Sohnes, drehte Dagobert ſich raſch um und ließ Rodin los. Dieſer, karmoſinroth vor Zorn und durch⸗ das Würgen, beeilte ſich, Kragen und Halsbinde wieder in * *2 . —— ———— — Ordnung zu bringen. Dagobert ging auf Adrianen zu und ſagte: „Verzeihen Sie, Fräulein. Ich wußte nicht, wer Sie ſind. Die erſte Aufwallung hat mich fortgeriſſen.“ „Aber um Gotteswillen, was haben Sie denn gegen den Herrn? Hätten Sie mich angehört, ſo würden Sie — —“ „Entſchuldigen Sie, daß ich Sie unterbreche,“ ſagte Dago⸗ bert mit gepreßter Stimme. Hierauf wandte er ſich zu Rodin, der ſeine Kaltblütigkeit wieder gewonnen hatte und rief: „Bedanken Sie ſich bei dem Fräulein und machen Sie, daß Sie fortkommen, ſonſt kann ich nicht für mich ſtehen!“ „Nur ein Wort, lieber Mann,“ ſagte Rodin, „Ich — —“ „Ich ſage Ihnen, daß ich nicht für mich ſtehe, wenn Sie hier bleiben!“ rief Dagobert, mit dem Fuß auf den Boden ſtampfend. „Aber ums Himmelswillen!“ bat Adriana, „ſagen Sie doch wenigſtens die Urſache dieſes Zorns. Und vor allen Dingen, laſſen Sie ſich nicht durch den Schein täuſchen. Beruhigen Sie ſich und hören Sie uns an.“ „Ich ſoil mich beruhigen?“ rief Dagobert in Verzweiflung. „Ich denke nur an Eins, Fräulein, an die Ankunft des Mar⸗ ſchalls Simon. Heut oder morgen kommt er nach Paris.“ „Iſts möglich?“ rief Adriana. Rodin machte eine Gebärde freudiger Ueberraſchung. „Geſtern Abend,“ fuhr Dagobert fort, „habe ich einen Brief von dem Marſchall empfangen. Er iſt in Havre ge⸗ landet. Seit drei Tagen habe ich Schritte über Schritte ge⸗ than, um zu bewirken, daß die Waiſen mir zurückgegeben werden, nachdem die Ränke dieſer Schurken“ (hier deutete er mit zorniger Gebärde auf Rodin) „zu nichte geworden ſind. Aber nein — ſie brüten wieder über einer neuen Schurkerei! Ich bin auf Alles gefaßt.“ Rodin trat näher und ſagte: „Lieber Mann, erlauben Sie, — —“ „Hinaus!“ ſchrie Dagobert, deſſen Zorn und Angſt ſich ſteigerte bei dem Gedanken, daß jeden Augenblick der Mar⸗ — — 102 ſchall zu Paris ankommen könnte. „Hinaus!“ rief er, „denn wäre das Fräulein nicht hier, ſo würde ich wenigſtens an Einem meine Rache gekühlt haben.“ Rodin gab dem Fräulein einen Wink des Einverſtänd⸗ niſſes, näherte ſich ihr behutſam, deutete auf Dagobert mit einer Gebärde rührenden Mitleids und ſagte: „Ich will denn hinausgehen, lieber Mann, um ſo williger, da ich eben im Begriff war, wegzugehen, als Sie hereinkamen.“ Dann trat er ganz nahe zu Adriana und flüſterte ihr zu „Der arme Soldat! Der Schmerz verwirrt ſeinen Verſtand. Er wäre unfähig mich anzuhören. Erklären Sie ihm Alles, werthes Fräulein, und dann wird er ſchön aufſitzen,“ fügte er mit ſchlauer Miene hinzu. Er ſuchte in ſeiner Rocktaſche, zog ein Päckchen heraus und reichte es dem Fräulein mit den Worten: „Einſtweilen geben Sie ihm das, werthes Fräulein. Das iſt meine Rache; ſie wird gut ſeyn.“ Adriana nahm das Päckchen und ſah den Jeſuiten mit Erſtaunen an. Dieſer legte den Zeigefinger auf ſeine Lippe, als wollte er dem Fräulein Stillſchweigen anempfehlen, ſchlich auf den Zehen rückwärts nach der Thür und deutete im Hinausgehen mitleidig auf Dagobert. WDagobert ſtand mit verſchränkten Armen und geſenktem Haupte da und blieb ſtumm bei dem Zuſpruch der Mayeur. Nachdem Rodin hinausgegangen war, trat Adriana zu ihm und ſagte ihm mit ihrer ſanften Stimme im Ton tiefer Theilnahme: „Ihr ſo plötzliches Eintreten hat mich verhin⸗ dert, Ihnen eine Frage zu ſtellen, an deren Beantwortung mir viel gelegen iſt. Wie ſtehts mit Ihrer Wunde?“ „Ich dänke Ihnen, Fräulein,“ erwiderte Dagobert, ſich ſeinen peinlichen Gedanken entreißend. „Sie iſt unbedeutend, und ich habe keine Zeit, daran zu denken. Es iſt mir leid, daß ich in Ihrer Gegenwart ſo unartig geweſen bin und dieſen Schurken hinausgejagt habe. Aber beim Anblick dieſer Menſchen übermannt mich der Zorn und das Eingeweide dreht ſich in meinem Leib herum.“ „Sie haben zu übereilt den Mann beurthei hinausgegangen iſt.“ lt, der ſo eben „ — „Zu übereilt? Fräulein, nicht erſt ſeit heute kenſ ich ihn. Ich habe ihn mit dem Renegaten Aigrigny zuſammen ge⸗ ſehen.“ „Das glaub ich gerne; aber das hindert ihn nicht, ein ehrlicher, vortrefflicher Mann zu ſeyn.“ „Er?“ rief Dagobert. „Allerdings. Und in dieſem Augenblick iſt er mit nichts Anderem beſchäftigt, als Ihnen Ihre lieben Kinder wieder zu verſchaffen.“ „Er?“ wiederholte Dagobert und ſah das Fräulein an, als traute er ſeinen Ohren nicht. „Er ſoll mir meine Kin⸗ der wieder geben?“ „Ja, wie ſehr Sie auch daran zweifeln mögen.“ „Fräulein,“ erwiderte nach einigem Beſinnen Dagobert, f hintergehr Sie. Dieſer alte Schuft führt Sie hinters Licht. . „Nein,“ ſagte Adriana, indem ſie lächelnd den Kopf ſchüttelte. „Ich habe Beweiſe ſeiner Aufrichtigkeit. Erſtlich iſt er es, der mir den Austritt aus dieſem Hauſe verſchafft.“ „Iſt das wirklich wahr?“ fragte Dagobert beſchämt. „Sehr wahr. Ferner iſt hier etwas, was Sie vielleicht mit ihm ausſöhnen wird.“ So ſprechend überreichte Adriana dem alten Soldaten das Pickchen, welches Rodin vor einigen Augenblicken, ehe er wegging, ihr gegeben hatte. „Er hat Sie micht länger durch ſeine Anweſenheit reizen wollen und mir dieß eingehändigt mit den Worten: „Geben Sie das dem braven Soldaten; das ſoll meine Rache ſeyn.“ Dagobert ſah das Fräulein betroffen an, während er maſchie⸗ nenmäßig das Päckchen aufmachte. Als es geöffnet war, warf er einen Blick hinein. Er erkannte ſein Kreuz von ſchwarz gewordenem Silber mit dem verſchoſſenen rothen Band, welches man ihm in der Herberge zu Weißen Fal⸗ ken ſammt ſeinen Papieren geſtohlen hatte. Mit klopfendem Herzen ſtammelte er: „Mein Kreuz! — mein Kreuz! — Das iſt mein Kreuz!“ Und im Uebermaß der Freude vrückte er das ſilberne Sternchen an ſeinen grauen Schnurrbart. 3 — 104 — Adriana und die Mayeur waren tief ergriffen von der Rührung des alten Kriegers. Dagobert wandte ſich nach der Thür und ſagte: „Nächſt einem Dienſt, den man dem Mar⸗ ſchall Simon, meiner Frau oder meinem Sohn leiſtete, hätte man nichts thun können, das mir angenehmer wäre. Und Sie, Fräulein, bürgen für dieſen Mann? Und ich habe ihn vor Ihren Augen geſchmäht und mißhandelt? Er hat ein Recht auf Genngthuung; er ſoll ſie haben!“ Nach dieſen Worten eilte Dagobert zur Thüre hinaus, lief durch zwei anſtoßende Zimmer und die Treppe hinab und holte Rodin auf der unterſten Stufe ein. Er faßte ihn beim Arm und ſagte mit Rührung: „Herr, Sie müſſen gleich wieder mit herauftommen.“ „Lieber Mann,“ erwiderte Rodin in gutmüthigem Ton, „Sie ſollten doch entſchiedener ſeyn. Vor einer Minute haben Sie mich fortgehen heißen, und jetzt ſoll ich wieder⸗ kommen. Was gilt denn?“ „Vorhin, lieber Herr, hatte ich Unrecht, und wenn ich ein Unrecht begangen habe, ſo mache ich es wieder gut. Ich habe Sie vor Zeugen beſchimpft und mißhandelt, und vor Zeugen muß ich mich gegen Sie entſchuldigen.“ „Lieber Mann — ich danke Ihnen. Aber ich habe Eile.“ „Eile hin, Eile her! Ich ſage Ihnen, Sie müſſen wieder mit hinauf, oder —“ Dagobert ergriff die Hand des Jeſuiten und drückte ſie mit Rührung und Herzlichkeit — „oder die Freude, welche Sie mir durch die Wiederverſchaffung meines Kreuzes gemacht haben, bleibt unvollſtändig.“ * „Meinetwegen, ich will Ihre Freude vollſtändig mache und gehe mit.“ „Sie haben mir nicht nur mein Kreuz wiedergegeben, um welches ich — — ja, ja! geweint habe ich darum, ohne es einem Menſchen zu ſagen, — ſondern das Fräulein verſichert mich auch, daß durch Sie die armen Kinder — — Iſt es wirklich wahr? Keine falſche Freude! Iſt es wirklich wahr?“ „Sieh da, die Neugier!“ erwiderte Rodin ſchlau lächelnd „ „Seyn Sie ruhig. Man wird Ihnen Ihre beiden Engel wiedergeben, Sie vierfacher Teufel.“ „Man wird mir ſie wiedergeben?“ rief Dagobert und hielt den Jeſuiten, der einen Schritt hinauf machte, am Aermel feft. Sagen Sie einmal,“ fragte Rodin, „bleiben wir ſtehen? oder gehn wir hinauf? oder gehn wir hinunter? Ich will Ihnen keinen Vorwurf machen, aber Sie treiben mich herum wie einen Brummkreiſel.“ „Sie haben recht,“ ſagte Dagobert. „Oben können wir uns beſſer ausſprechen. Kommen Sie geſchwind!“ Und er faßte ihn unter dem Arm und führte ihn mit ſchnellen Schri'ten hinauf und triumphirend in das Zimmer, in wel⸗ chem Adriana und die Mayeur geblieben waren, beide ſehr überraſcht durch ſein plötzliches Weglaufen. „Hier haben wir ihn!“ rief er. „Ich hab' ihn noch glücklich unten an der Treppe erwiſcht.“ 5 „Und Sie haben mich in einem tüchtigen Schritt herauf⸗ geführt,“ fügte Rodin halb athemlos hinzu. Dagobert nahm einen ernſten Ton an und ſprach: „Jetzt, werther Herr, erkläre ich vor dem Fräulein, daß ich Unrecht gehabt habe, den Flegel gegen Sie zu ſpielen und Sie zu ſchimpfen. Ich bitte deßhalb um Entſchuldigung und erkenne mit Freuden an, — — daß ich Ihnen viel ſchuldig bin — ia ſehr viel! Und wenn ich etwas ſchuldig bin, dann bezahl' ich auch.“ Bei dieſen Worten reichte der alte Kriegsmann dem Je⸗ ſuiten treuherzig die Hand. Rodin drückte ſie freundſchaftlich und ſagte: „Ei du mein Gott, was wollen Sie denn? Von welchem großen Dienſt ſprechen Sie denn?“ „Und das!“ rief Dagobert, ſein Kreuzchen vor die Au⸗ gen Rodins haltend. „Sie wiſſen nicht, was dieß Kreuz für mich iſt.“ „Ich vermuthete, daß Ihnen viel daran gelegen ſeyn müßte, und rechnete auf das Vergnügen, ſelber es Ihnen zu über⸗ reichen. Ich hatte es deßwegen mitgebracht. Aber, — un⸗ V. „ — 106 — ter uns geſagt — Sie haben mich gleich bei Ihrem Ein⸗ treten ſo vertraulich begrüßt, daß ich keine Zeit hatte — —“ „Werther Herr,“ ſagte Dagobert beſchämt, „ſeyn Sie ver⸗ ſichert, ich bereue bitter, was ich gethan habe.“ „Ich weiß es, lieber Mann. Sprechen wir nicht weiter davon. Alſo wirklich war Ihnen ſehr viel an dem Kreuze gelegen?“ „Ob mir daran gelegen war!“ rief Dagobert. „Dieß Kreuz“ (er küßte es) „dieß Kreuz iſt meine aparte Reliquie. Der, von welchem ich es habe, war mein Heiliger, mein Gott, und er hatte es berührt!“ „Wie?“ rief Rodin, und that, als betrachte er das Kreuz mit eben ſo viel Neugier als ehrfurchtsvoller Bewunderung. „Wie? Napoleon, der große Napoleon hatte mit ſeiner eignen Hand, mit ſeiner ſiegreichen Hand, dieſen glanzvollen Stern der Ehre berührt?“ „Ja, werther Herr, mit ſeiner Hand. Er hat es hier be⸗ feſtigt, auf meiner blutenden Bruſt als Verband für meine fünfte Wunde. Sehn Sie, ich glaube, wenn ich im Fall geweſen wäre, Hungers zu erepiren, und wenn man mir die Wahl gelaſſen hätte zwiſchen Brod und meinem Kreuz, ich hütte das Kreuz genommen, um es im Sterben auf der Biſt zu haben. — — Aber genug — genug davon! Laſſen Sie uns von etwas Anderm ſprechen. — — So ein alter Soldat iſt doch ein rechter Schafskopf, nicht wahr?“ Er fuhr mit der Hand über die Augen und ſagte dann wei⸗ ter, als ſchämte er ſich, ſeine Gefühle zu verleugnen, während eine Thräne über ſeine Wange rann; „Nun ja! ich weine vor Freude, daß ich mein Kreuz wiedergefunden habe — mein Kreuz, welches der Kaiſer mir gegeben hat — mit ſeiner ſiegreichen Hand, wie dieſer brave Mann ſagt.“ „Geſegnet ſey darum meine ſchwache alte Hand, daß ſie Ihnen dieſen ruhmvollen Schatz wiedergegeben hat,“ ſagte Rodin im Ton der Rührung. — „Nun, wahrhaftig, der Tag wird gut werden für Alle. Ich habe es Ihnen dieſen Morgen in meinem Brief angekündigt. — — 107 — Sieſer Brief — ohne Unterſchrift — — war von Ihnen?“ fragte der Soldat mit wachſendem Erſtauuen. „Ich bin es, der an Sie geſchrieben hat. Ich wollte mich nicht deutlicher darin ausſprechen, weil ich eine neue Schlinge des Abbé Algrigny fürchtete. Sie verſtehen mich.“ ₰ Alſo meine Waiſen — ich ſoll ſie wiederſehen?“ 8 Rodin nickte mit gutmüthiger Miene. Adriana nahm das Wort und ſagte lächelnd: „Ja, bald; vielleicht im nächſten Augenblick. Nicht wahr, ich hatte Recht, als ich Ihnen . ſagte, Sie hätten den Herrn falſch beurtheilt?“ „Warum hat er es mir nicht gleich geſagt, als ich herein⸗ tam?“ erwiderte Dagobert freudetrunken. „Es war ein kleines Hinderniß im Weg, lieber Mann,“ antwortete Rodin „So wie Sie hereinkamen, haben Sie ſich bemüht, mir die Kehle zuzuſchnüren.“ „Es iſt wahr. Ich bin zu raſch geweſen. Nochmals: Ver⸗ zeihung! Aber was ſoll ich Ihnen ſagen? Ich hatte Sie ſtets gegen uns geſehen mit dem Abbé Aigrigny, und im erſten Augenblick — — —* „Das Fräulein,“ ſagte Rodin, ſich gegen Adriana verbeu⸗ gend, „das Fräulein wird die Güte haben, Ihnen zu erklä⸗ klären, daß ich, ohne es zu wiſſen, der Mitſchuldige vieler Schlechtigkeiten geweſen bin. Aber ſo wie es mir möglich war, in dieſer Finſterniß klar zu ſehen, habe ich den ſchlech⸗ ten Weg verlaſſen, auf welchem ich mich ohne mein Wiſſen und Willen befand, um den Weg des Rechts, der Gerechtigkeit und der Ehre einzuſchlagen.“ Dagobert ſah Adriana mit einem fragenden Blick an und dieſe antwortete mit bejahendem Nicken. „Wenn ich den Brief nicht unterzeichnet habe, den ich an Sie geſchrieben,“ fuhr Rodin fort, „ſo iſt es geſchehen aus Furcht, mein Name möchte Ihnen Argwohn einflößen. Wenn ich Sie gebeten habe, hieher zu kommen, anſtatt ins Kloſter, ſo war die Urſache, weil ich, eben ſo wie das Fräulein, fürchtete, Sie möchten von dem Hausmeiſter oder von den 8 — 108 — Gärtner erkannt werden, und dieß Wiedererkennen möchte durch Ihren Streich von vorgeſtriger Nacht gefährlich werden.“ „Ach!“ rief Adriana ängſtlich, „da füällt mir ein, der Doctor Baleinier weiß Alles. Er hat mir gedroht, den Herrn Baudoin und ſeinen Sohn anzuzeigen, wenn ich klagte.“ „Seyn Sie unbeſorgt,“ erwiderte Rodin. „An Ihnen iſt es jetzt, Bedingungen vorzuſchreiben. Verlaſſen Sie ſich anf mich. — Was Sie betrifft, lieber Mann,“ ſagte er zu Dago- bert, „Ihre Qualen haben jetzt ein Ende.“ . „Ja,“ bekräftigte Adriana. „Ein Gerichtsbeamter voll Rechtlichkeit uud Wohlwollen iſt in das Kloſter gegangen, um die Töchter des Marſchalls Simon abzuholen. Er wird ſie bald hieher bringen. Aber wie ich hat er gemeint, es ſey beſſer, die Kinder wohnten bei mir. Ich kann dieß in⸗ deſſen nicht verfügen ohne Ihre Zuſtimmung, denn Ihnen ſind die Waiſen von Ihrer Mutter anvertraut worden.“ „Sie, Fräulein,“ antwortete Dagobert, „wollen ihnen dieſe Mutter erſetzen. Ich kann Ihnen dafür nur herzlich danken in meinem Namen und im Namen der Kinder. Nur muß ich darauf beſtehen, daß ich Tag und Nacht die Thür ihres Zimmers nicht verlaſſe, denn ich habe theures Lehrgeld be⸗ zahlt. Wenn Sie mit ihnen ausgehen, werden Sie mir er⸗ lauben, daß ich einige Schritt hinter Ihnen hergehe, ohne ſie aus den Augen zu verlieren, gerade wie Freudenſtörer thun würde, welcher ſich als beſſerer Wächter bewährt hat, denn ich. Iſt einmal der Marſchall angekommen — und das kann jeden Tag geſchehen, dann wird die Conſigne aufge⸗ hoben. Gott gebe, daß er bald komme!“ „Ja,“ ſagte Rodin mit feſter Stimme, „Gott gebe, daß er bald komme. Er wird von dem Abbé Aigrigny ſchreckliche Rechenſchaft zu fordern haben für die Verfolgung ſeiner Töchter. Und zudem weiß der Herr Marſchall noch nicht Alles.“ * „Zittern Sie nicht für den Renegaten? “ fragte Dagobert . 3 f 3 Ihnen etwas davon geſagt?“ — 105 — „bei dem Gedanken, daß bald vielleicht der Marquis den Mar⸗ ſchall perſönlich ſich gegenüber ſehen wird.“ „Ich zittere weder für die Feigen noch für die Verräther,“ erwiderte Rodin. „Wenn der Herr Marſchall zurückkommt — —“ Er ſchwieg einige Augenblicke und fuhr dann fort: „Der Herr Marſchall erzeige mir die Ehre, mich zu ver⸗ nehmen, und er ſoll vollkommenen Aufſchluß erhalten über das Thun des Abbé Aigrigny. Der Herr Marſchall ſoll er⸗ fahren, daß ſeine beſten Freunde eben ſo wohl, wie er ſelber die Zielſcheibe des Haſſes dieſes gefährlichen Menſchen ſind.“ „Wie ſo?“ fragte Dagobert. „Ei, Sie ſelber ſind ja ein Beweis für meine Behaup⸗ tung,“ erwiderte Rodin. — „Ich?“ . — „Meinen Sie, der bloße Zufall habe den Auftritt in der Herberge zum Weißen Falken herbeigeführt?“ Dagobert ſah den Jeſuiten verdutzt an und rief: „Wer hat Rodin, ohne nuf dieſe Frage zu achten, fuhr fort: „Ent⸗ weder mußten Sie die Herausforderung Morok's annehmen — und dann wären Sie in einen Hinterhalt gefallen — oder Sie mußten dieſelbe zurückweiſen — und dann war dar⸗ auf gerechnet, daß Sie wegen mangelnder Papiere verhaftet würden. Der letztere Fall iſt eingetreten. Sie ſind als Landſtreicher mit den armen Waiſen ins Gefängniß geworfen worden. Wiſſen Sie jetzt, was der Zweck dieſer Gewaltthat war? Sie zu hindern, am 13. Februar hier zu ſeyn.“ „Nein!“ rief Adriana, „je länger ich Ihnen zuhöre, deſto mehr erſchrecke ich über die Verwegenheit des Abbé Aigrigny und über den Umfang der ihm zu Gebote ſtehenden Mittel. Wahrhaftig, wenn Ihre Worte nicht vollen Glauben ver⸗ dienten — —“ „So würden Sie daran zweifeln,“ ergänzte Dagobert. „Es geht Ihnen wie mir. Ich kann nicht glauben, daß dieſer Renegat, ſo ſchlecht er anch iſt, im Einverſtändniß ſeyn * 3 — ſoll mit einem Kerl, der in Sachſen wilde Thiere ſehen läßt. Und dann — wie hätte er wiſſen ſollen, daß ich mit den Kindern durch Leipzig kam? iſt unmöglich, lieber Mann.“ „Wirklich,“ ſagte Adriana, „ich fürchte, Ihr gerechter Un⸗ wille über den Abbé Aigrigny leitet Sie irre, und Sie ſchreiben ihm eine Macht und Verbindungen zu, die faſt fabelhaft ſind.“ Einen Augenblick herrſchte tiefe Stille. Rodin betrachtete das Fräulein und Dagobert mit einer Miene des Bedauerns und fuhr dann fort, indem er an den Soldaten die Frage richtete: „Wie ſoll denn der Abbé Aigrigny Ihr Kreuz in die Hände bekommen haben, wenn er in keiner Verbindung mit Morok ſteht?“ „In der That,“ erwiderte Dagobert, „die Freude macht mich unfähig nachzudenken. Aber wie iſt mein Kreuz in Ihre Hände gekommen?“ „Eben dadurch, daß der Abbé Aigrigny zu Leipzig Ver⸗ bindungen hatte, an welchen Sie und das Fräulein zu zwei⸗ feln ſcheinen.“ „Aber wie iſt mein Kreuz Ihnen in Paris zugekommen?“ „Sagen Sie mir, ſind Sie bei Leipzig verhaftet worden, weil Sie keinen Paß hatten? Ja oder nein?“ „Ja. Aber ich habe nie begreifen können, wie meine Pa⸗ piere und mein Geld aus meinem Torniſter perſchwunden ſind. Ich glaubte, ich hätte ſie verloren.“ Rodin zuckte die Achſeln und fuhr fort: „Sie ſind Ihnen in der Herberge zum Weißen Falken geſtohlen worden durch Goliath, einen der Helfershelfer Morok's, und dieſer Letztere hat die Papiere und das Kreuz an den Abbé Aigrigny nach Paris geſchickt, um ihm zu beweiſen, daß es ihm gelungen ſey, die Befehle zu vollziehen, welche die Waiſen und Sie betrafen. Vorgeſtern habe ich den Schlüſſel zu dieſem fin⸗ ſteren Getreibe gefunden. Das Kreuz und die Papiere lagen in den Archiven des Abbé Aigrigny. Die Papiere bilden einen zu großen Pack. Ihre Wegnahme würde bemerkr N. — — — — 111 worden ſeyn. Mit dem Kreuzchen war es eine andere Sache. Wie ich Ihnen geſchrieben habe, hoffte ich, Sie heut zu ſehen; uns da ich wußte, wie viel ein Soldat des Kaiſer⸗ reichs auf ſein Kreuz hält, als auf eine heilige Reliquie, wie Sie ſagen, ſo habe ich es unbedenklich in die Taſche ge⸗ ſteckt und gedacht: Das iſt am Ende doch nichts weiter, als eine Wiedererſtattung. Mein Zartgefühl ſchlägt vielleicht dieſen Mißbrauch des Vertrauens zu hoch an. „Sie hätten nichts beſſeres thun können,“ ſagte Adriana. „Ich meines Theils bin Ihnen perſönlich dafür verbunden in dem Maß wie ich Theilnahme für Herrn Baudoin em⸗ pfinde.“ Sie ſchwieg einen Augenblick und fuhr dann in ängſtlichem Tone fort: „Aber wie ſchrecklich muß die Macht ſeyn, über welche der Abbé Aigrigny verfügt, wenn er im Ausland ſo ausgedehnte und gefährliche Verbindungen hat?“ „Still!“ rief Rodin mit gedämpfter Stimme, und ſah ſich ängſtlich um. „Still! Fragen Sie mich ums Himmelswillen darüber nicht!“ Drittes Kapitel. Die Offenbarungen. Adriana von Cardoville ſtaunte über den Schrecken, welchen Rodin äußerte, als ſie ihn um Auskunft über die ausge⸗ dehnte Macht des Abbé Aigrigny bat. „Was iſt denn ſonderbares an der Frage, die ich Ihnen geſtellt habe?“ ſagte ſie. Rodin blickte ſcheu umher und flüſterte: „Nochmals, Fräu⸗ lein, fragen Sie mich nicht über eine ſo gefährliche Sache. Die Wände dieſes Hauſes haben Ohren, wie das Sprich⸗ wort ſagt.“ Adriana und Dagobert ſahen ſich einander an und wußten nicht, was ſie dazu denken ſollten. Die Mayeur empfand fortwährend ein unüberwindliches Mißtrauen gegen Rodin. Zuweilen ſah ſie ihn verſtohlen an und ſuchte die Maske dieſes Menſchen zu lüften, vor dem ihr graute. Finmal be⸗ gegnete Rodin dem hartnäckig auf ihn gerichteten Blick der Buckeligen. Sofort nickte er ihr überaus freundlich zu, und die Mayeur, erſchreckt darüber, daß ſie bemerkt war, wandte ſchaudernd die Augen ab. Als Rodin bemerkte, daß ſeine Worte und ſein abermaliges Schweigen das Erſtaunen Adrianens nur ſteigerten, ſeufzte er und ſprach „Nein, nein, werthes Fräulein. Fragen Sie mich nicht über die Macht des Abbé Aigrigny.“ „Aber was fürchten Sie denn? Warum zögern Sie denn⸗ meine Frage zu beantworten?“ „Ach, werthes Fräulein! Dieſe Menſchen ſind ſo mächtig! „ ————————— . — Ihr Grimm iſt ſo furchtbar!“ Bei dieſen Worten ſchauderte Rodin. „Beruhigen Sie ſich, lieber Herr. Ich verdanke Ihnen zu viel, als daß meine Unterſtützung Ihnen je fehlen ſollte.“ „O, werthes Fräulein,“ rief Rodin faſt beleidigt, „denken Sie beſſer von mir. Meinen Sie, um meinetwillen wäre ich in Angſt? Nein, nein. Ich bin zu unbedeutend, zu wenig gefährlich. Aber Sie, der Marſchall Simon und die übrigen Mitglieder Ihrer Familie haben Alles zu fürchten. Noch⸗ mals, werthes Fräulrin, fragen Sie mich nicht. Es gibt Geheimniſſe, die unheilbringend ſind für ihre Beſitzer.“ „Aber iſt es nicht beſſer, die Gefahren zu kennen, von denen man bedroht iſt?“ fragte Adriana. Und Dagobert ſeinerſeits meinte „Wenn man das Manöver ſeines Feindes kennt, dann kann man ſich wenigſtens vertheidigen. Beſſer ein Angriff am hellen Tag, als ein Hinterhalt.“ „Ich verſichere Sie,“ fuhr Adriana fort, „die wenigen Worte, welche Sie mir geſagt haben, flößen mir eine unbe⸗ ſtimmte Angſt ein.“ Der Jeſuit ſtellte ſich, als thäte er ſich Gewalt an: „Nun denn! wenn es nicht anders iſt, — wenn Sie eine bloße Andeutung nicht verſtehen, ſo muß ich mich näher erklären. Aber,“ fügte er in ernſtem Tone hinzu, „vergeſſen Sie nicht, daß Ihr Drängen mich nöthigt, etwas zu ſagen, was Sie vielleicht beſſer thäten, nicht wiſſen zu wollen.“ „Sprechen Sie, ich bitte Sie darum,“ ſagte Adriana. Rodin ſtellte ſich in die Mitte zwiſchen Adriana, Dagobert und die Mayeur und flüſterte mit geheimnißvoller Miene: „Haben Sie denn nie von einer mächtigen Verbindung reden hören, welche ihr Netz über die ganze Erde erſtreckt und Af⸗ fillirte, Seiden und fanatiſche Anhänger in allen Klaſſen der Geſellſchaft zählt? welchen die Könige und die Großen ehe⸗ dem ein geneigtes Ohr liehen und jetzt noch oft leihen? — von jener allmächtigen Verbindung, welche mit einem Wort ihre Creaturen zu den höchſten Stellen erhebt und mit einem — 114 — Wort ſie in das Nichts zurückwirft, aus welchem ſie allein dieſelben zu ziehen vermochte!?“ „Um Gotteswillen!“ ſagte Adriana. „Was iſt denn das . für eine furchtbare Verbindung? Noch nie habe ich von ihr ßü ſprechen hören.“ „Ich glaube es,“ erwiderte Rodin. „Und doch, werthes Fräulein, bin ich höchlich erſtaunt über Ihre Unwiſſenheit in dieſer Beziehung.“ „Und woher dieß Erſtaunen?“ fragte Adriana. „Weil Sie lange mit Ihrer Tante zuſammen gelebt und oft den Abbé Aigrigny geſehen haben.“ „Ich habe bei meiner Tante gewohnt, aber ich habe nicht mit ihr zuſammen gelebt,“ erwiderte Adriana. „In allen möglichen Beziehungen hat ſie mir einen gerechten Wider⸗ willen eingeflößt.“ „Es iſt wahr, meine Bemerkung war nicht richtig. Gerade in ihrem Hauſe und zumal vor Ihnen mußte man mehr als irgendwo anders über dieſe Verbindung ſchweigen. Aber mittels dieſer Verbindung hat die Fürſtin unter der vorigen „ Regierung einen ſo furchtbaren Einfluß geübt. Und die Mitwirkung dieſer Verbindung iſt es, welche den Abbé Aigrigny zu einém ſo gefährlichen Menſchen macht. Durch ſie konnte er die verſchiedenen Glieder Ihrer Familie im Auge behalten, verfolgen und erreichen — die in Sibirien, wie die in Hin⸗ terindien und die in den Gebirgen von Amerika. Wie ich Ihnen vorhin geſagt habe, durch Zufall bin ich vorgeſtern, als ich die Papiere des Abbé Aigrigny durchſah, auf die Spur gebracht und endlich überzeugt worden von ſeiner Be⸗ theiligung bei dieſer Geſellſchaft, deren gefährlichſtes und fähigſtes Haupt er iſt.“ „Aber der Name, der Name dieſer Geſellſchaft?“ ſagte Adriana. „Ihr Name — —“ begann Rodin und hielt inne. „Ihr Name?“ widerholte Adriana, eben ſo geſpannt wie Dagobert und die Mayeux. daß der Herr dieſes Hauſes einer der ergebenſten Laien⸗ — 15 Rodin drehte den Kopf links und rechts, winkte ſeine Zu⸗ hörer noch näher zu ſich und flüſterte langſam: „Es iſt — — die Geſellſchaft Jeſu.“ Rodin ſchauderte, indem er dieſe Worte ſprach. Adriana von Cardoville lachte laut auf und rief: „Die Jeſuiten!“! Nach den Unſchweifen welche Rodin gemacht hatte, war ſie auf eine Offenbarung gefaßt geweſen, die ihrer Meinung nach viel ſchrecklicher ſeyn müßte. „Die Jeſuiten!“ widerholte ſie lachend. „Ei, die eriſtiren ja bloß in den Büchern. Das ſind, wie ich glaube, ſehr erſchreckliche, hiſto riſche Perſonen. Aber warum ſollte man der Frau von St. Dizier und dem Herrn von Aigrigny die Vermummung von Jeſuiten leihen? Rechtfertigen ſie nicht ſchon ſo, wie ſie ſind, hinlänglich meinen Widerwillen und meine Ver⸗ achtung?“ Rodin ließ das Fräulein ausreden und fuhr dann im Ton des Ernſtes und tiefer Ueberzeugüng fort: „Ihres Verblendung erſchreckt mich. Die Vergangenheit ſollte Sie beſorgt wegen der Zukunft machen, denn Sie haben mehr als irgend jemand die unheilvolle Thätigkeit dieſer Geſellſchaft empfunden, deren Daſeyn Sie als einen Traum betrachten.“ „Ich?“ fragte Adriana lächelnd, wiewohl ein wenig überraſcht. „Ja, Sie.“ „Bei welcher Gelegenheit?“ „Sie fragen mich das? Und Sie ſind hier als wahnſinnig eingeſperrt worden? Können Sie nicht daraus entnehmen, brüder dieſer Geſellſchaft iſt, und als ſolcher das blinde Werk⸗ zeng des Abbé Aigrigny?“ „Alſo — — Doctor Baleinier — —?“ ſagte Adriana, dieß Mal ohne zu lächeln. „Dem Abbé Aigrigny, dem gefihrlichſten Oberhaupt dieſer gefährlichen Geſellſchaft gehorſam, wendet er ſeine Geiſtes⸗ kräfte zum Vöſen an. Aber man muß geſtehen, er iſt ein Mann von großem Verſtand. Darum müſſen Sie, ſobald Sie einmal aus dieſem Hauſe ſind, und es müſſen die Ihrigen alle ihre Aufmerkſamkeit, all ihren Argwohn auf ihn richten. Glauben Sie mir, ich kenne ihn. Er gibt das Spiel noch nicht verloren. Sie müſſen ſich auf neue Angriffe gefaßt machen. Dieſe Angriffe werden von anderer Art, aber eben deßhalb nur um ſo gefährlicher ſeyn.“ „Es iſt gut, daß Sie uns aufmerkſam machen, braver Mann,“ ſagte Dagobert. „Sie werden mit uns zuſammen⸗ halten.“ „Ich vermag wenig, lieber Freund,“ erwiderte Rodin. „Aber dieß Wenige iſt dem Dienſt der ehrlichen Leute ge⸗ widmet.“ Adriana fühlte ſich durch den Ernſt, mit dem Rodin ſprach, vollkommen überzeugt. „Jetzt,“ ſagte ſie mit nachdenklicher Miene, „jetzt erkläre ich mir vollkommen den mir ſonſt un⸗ begreiflichen Einfluß, welchen meine Tante in der höheren Geſellſchaft ausgeübt hat. Ich hatte denſelben ihren Ver⸗ bindungen mit hochſtehenden Perſonen zugeſchrieben. Ich glaubte auch, daß ſie ſowohl wie der Abbé Aigrigny bei fin⸗ ſteren Ränken betheiligt wäre, denen die Religion zum Deck— mantel dienen müßte. Aber was Sie mir da ſagen, war ich weit entfernt zu glauben.“ „Und wie Vieles wiſſen Sie noch nicht!“ fuhr Rodin fort. „O, werthes Fräulein, wenn Sie wüßten, wie dieſe Leute, ohne daß Sie es merken, mit ihren Helfershelfern Sie um⸗ geben! Wenn ihnen daran gelegen iſt, etwas zu wiſſen, dann entgeht ihnen keiner Ihrer Schritte. Sie gehen langſam, behutſam und im Dunkeln zu Werke. Sie wirken mit allen möglichen Mitteln auf Sie, mit Schmeichelei wie mit Ein⸗ ſchüchterung. Sie berücken oder erſchrecken Sie, um Sie dann zu beherrſchen, ohne daß Sie merken, daß Sie in ihren Händen ſind. Das iſt ihr Zweck, und man muß geſtehen, ſie erreichen ihn oft mit einer fluchwürdigen Geſchicklichkeit.“ Rodin hatte mit ſolcher Aufrichtigkeit geſprochen, daß Adriang erbebte. Bald aber machte ſie ſich ihre Angſt wie⸗ der zuhe Vorwurf und entgegnete: „Aber — nein! ich kann an eine ſo hölliſche Macht nicht glauben. Nochmals; die — m — Gewalt dieſer ehrgeizigen Pfaffen gehört einem andern Zeit⸗ alter an. Sie ſind, Gottlob! für immer verſchwunden.“ „Freilich ſind ſie verſchwunden,“ verſetzte Rodin verſtehn es, unter gewiſſen Umſtände unſichtbar zu machen. Aber gerade dann ſind ſte am gefähr⸗ lichſten. Denn das Mißtrauen, welches ſie früher eingeflößt hatten, verliert ſich, und ſie ihrerſeits ſind ſtets im Dunkeln wach O, werthes Fräulein, wenn Sie nur ihre erſchreckliche Gewandtheit kennten! In meinem Haß gegen Alles, was Unterdrückung, Feigheit und Heuchelei heißt, hatte ich die Geſchichte dieſer furchtbaren Geſellſchaft ſtudirt, ehe ich wußte, daß der Abbé Aigrigny zu ihr gehörte. O, das iſt zum Entſetzen! Wenn Sie nur wüßten, welche Mittel dieſe Menſchen anwenden. Mit ihrer teufliſchen Liſt verbergen ſie unter dem Schein der reinſten Abſichten, der größten Er⸗ gebenheit oft die fürchterlichſten Fallſtricke.“ — Rodin ließ hier ſeinen Blick ſcheinbar zufällig auf der Mayeur weilen. Da er aber bemerkte, daß Adriana dieſe Andeutung nicht verſtand, ſo fuhr er fort: „Mit einem Wort: ſobald Sie Gegenſtand der Verfolgung dieſer Menſchen ſind, ſobald den⸗ ſelben daran gelegen iſt, Sie zu berücken, dann müſſen Sie Mißtrauen hegen gegen Alles, was Sie umgibt, Argwohn gegen die edelſte Anhänglichkeit, gegen die reinſte Zuneigung. Denn dieſen Ungeheuern gelingt es oft, Ihre beſten Freunde zu beſtechen und aus denſelben Helfershelfer zu machen, die um ſo furchtbarer ſind, je blinder Ihr Vertrauen iſt.“ „„denn ſie n ſich zu zerſtreuen und „Nein, das iſt unmöglich!“ rief Adriana empört. „Sie übertreiben. Nein! die Hölle hätte nichts abſcheulicheres träumen können, als ſolche Verräthereien!“ „Werthes Fräulein!“ fuhr Rodin fort, „einer Ihrer Ver⸗ wandten, Herr Hardy, ein Mann von dem redlichſten, edel⸗ ſten Herzen, iſt auf dieſe Weiſe ſchändlich verrathen worden. — Und dann, wiſſen Sie, was wir aus dem Teſtament Ihres Vorfahren erſehen haben? Daß derſelbe umgekommen iſt als Opfer dieſer Menſchen, und daß jetzt noch, nach hun⸗ dertundfünfzig Jahren ſeine Nachkommen fortwährend die Zielſcheibe des Haſſes dieſer unzerſtörbaren Geſellſchaft ſind“ — „ „Das iſt ja entſetzlich!“ rief Adriana von einem unheim⸗ lichen Gefühl überwältigt. „Gibt es denn keine Waffen wider ſolche Angriffe?“ „Behutſamkeit, werthes Fräulein, die aufmerkſamſte Zurück⸗ haltung, das größte Mißtrauen und die ſchärfſte Beobachtung alles deſſen, was Ihnen nahe kommt.“ „Aber ein ſolches Leben wäre ja entſetzlich! Das wäre ja eine lebenslängliche Folter, ſo von ſtetem Argwohn, Zweifel und Angſt gedrückt zu ſeyn!“ „Freilich! Die Elenden wiſſen das wohl. Eben darauf be⸗ ruht ihre Stärke. Oft triumphiren ſie gerade durch das Uebermaß von Vorſichtsmaßregeln, die man gegen ſie ergreift. Alſo, werthes Fräulein, und Sie, wackerer Krieger, bei Allem, was Ihnen theuer iſt, ſeyn Sie mißtrauiſch und ſchenken Sie nicht leichtſinnig Ihr Vertrauen. Seyn Sie auf Ihrer Hut. Wenig hätte gefehlt, ſo wären Sie die Opfer dieſer Men⸗ ſchen geworden. Sie werden dieſelben ſtets zu unverſöhn⸗ lichen Feinden haben. Und auch Sie, armes Kind,“ ſagte er zur Mayenx, „folgen auch Sie meinem Rath. Fürchten Sie jene Menſchen und ſchläfen Sie nur mit einem Auge, wie das Sprichwort ſagt.“ „Ich?“ fragte die Mayeur. „Was hab' ich gethan? Was hab' ich zu fürchten?“ „Was Sie gethan haben? Ei du mein Gott! Lieben Sie nicht zärtlich dieß Fräulein, Ihre Beſchützerin? Haben Sie nicht den Verſuch gemacht, ihr zu helfen? Sind Sie nicht die Adoptivſchweſter des braven Agricola, des Sohnes dieſes unerſchrockenen Soldaten? Armes Kind? Sind das nicht Anſprüche genug auf ihren Haß, trotzdem daß Sie eine ge⸗ ringe Perſon ſind? — Werthes Fräulein, glauben Sie nicht, daß ich übertreibe. Denken Sie nach, denken Sie nach! Er⸗ wägen Sie, was ich vorhin dem wackeren Waffengefährten des Marſchalls Simon geſagt habe in Betreff ſeiner Ver⸗ haftung zu Leipzig. Erwägen Sie, was Ihnen ſelber be⸗ gegnet iſt, wie man ſich unterſtanden hat, Sie dem Geſetz und dem Recht zum Hohn hierher zu führen. Und dann wird Ihnen klar werden, daß meine Schilderung von der „ — —— — verborgenen Macht dieſer Geſellſchaft keine Uebertreibung ent⸗ hält. Seyn ſie ſtets auf Ihrer Hut, theures Fräulein, und in zweifelhaften Fällen nehmen Sie keinen Anſtand, ſich an mich zu wenden. In drei Tagen habe ich aus eigner Er⸗ fahrung das Treiben jener Menſchen hinlänglich kennen lernen, um Ihnen einen Fallſtrick, eine Liſt, eine Gefahr an⸗ zeigen und Sie davor bewahren zu können.“ „Wenn nicht die Dankbarkeit ſchon, ſo müßte mein eigner WVortheil in einem ſolchen Fall Sie als meinen beſten Rath⸗ geber bezeichnen.“ Zur Taktik der Söhne Loyola's gehört es, bald ihr Da⸗ ſeyn zu läugnen und durch feile Schriftſteller von Jeſuiten⸗ riecherei und blinder Jeſuitenfurcht reden zu laſſen, um den Schlägen ihrer Gegner auszuweichen, — bald wieder keck die unverwüſtliche Lebenskraft ihres Ordens auszupoſaunen, um die Schwachen einzuſchüchtern. Dem Verwalter zu Cardoville hatte Rodin ins Geſicht gelacht, als dieſer vom Daſeyn der Jeſuiten ſprach. Und ietzt ſchilderte er genau ihr Treiben, um in die Seele Adrianens einige Keime der Angſt zu wer⸗ fen, welche ſich unter dem Einfluß näherer Erwägung ent⸗ wickeln und ſpäter ſeinen heilloſen Anſchlägen dienen ſollten. Die Mayeur fühlte fortwährend große Angſt vor Rodin. Indeß ſeitdem der Jeſuit die unheilvolle Gewalt des Ordens geſchildert, fühlte ſie ſich ihrer innerſten Neigung zuwider zum Dank gegen ihn verpflichtet für die wichtigen Rathſchläge, welche er dem Fräulein gegeben. Sie war weit entfernt zu argwohnen, daß der Jeſuit die Keckheit habe, ſo von einer Geſellſchaft zu reden, zu welcher er ſelber gehörte. Der neue verſtohlene Blick, den ſie auf ihn warf, drückte Staunen und Dankbarkeit aus. Rodin, welcher ſie nie aus dem Auge ließ, erlauerte dieſen Blick Aus demſelben errieth er den Ein⸗ druck, welchen er hervorgebracht. Er beſchloß denſelben zu verſtärken, den Abſcheu der Buckeligen zu überwinden und hauptſächlich einer Entdeckung, welche früher oder ſpäter hätte gemacht werden müſſen, zuvorzukommen. Mit einer Wiene, als hätte er etwas wichtiges vergeſſen, ſchlug er ſich vor die —.—.— — 120 — Stirn und rief: „Wo hatte ich nur meine Gedanken! — Wiſſen Sie, liebes Kind, wo Ihre Schweſter iſt?“ Verwirrt und beſchämt durch dieſe unerwartete Frage, er⸗ röthete die Mayeur. Sie erinnerte ſich ihrer letzten Zuſam⸗ menkunft mit der glanzvollen Königin Bacchanal und er⸗ widerte: „Seit mehren Tagen habe ich meine Schweſter nicht geſehen.“ „Liebes Kind,“ ſagte Rodin, „es geht ihr übel. Ich habe einer ihrer Freundinnen verſprochen, ihr eine kleine Unter⸗ ſtützung zu ſchicken. Ich habe mich an eine mitleidige Per⸗ ſon gewandt und dieß für ſie erhalten.“ Er zog eine ver⸗ ſiegelte Geldrolle aus der Taſche und überreichte ſie der Mayeur, welche eben ſo überraſcht wie gerührt war. „Sie haben eine unglückliche Schweſter und ich weiß nichts davon?“ rief Adriana lebhaft. „O, mein Kind, das iſt nicht recht!“ „Tadeln Sie das Mädchen nicht,“ bat Rodin. „Erſtlich wußte ſie nicht, daß es ihrer Schweſter übel geht, und dann konnte ſie Ihnen nicht zumuthen, etwas für dieſelbe zu thun.“ Erſtaunt ſah Adriana den Jeſuiten an. Dieſer fragte die Mayeur: „Iſt es nicht ſo, liebes Kind?“ Die Mayeur erröthete von Neuem und antwortete, die Augen niederſchlagend: „Ja.“ Sodann fragte ſie ängſtlich „Wo haben Sie denn meine Schweſter geſehen? Wo iſt ſie? In wiefern geht es ihr übel?“ „Liebes Kind, dieß wäre zu weitläufig, Ihnen zu ſagen. Gehen Sie ſo bald wie möglich in die Clovisſtraße in das Haus der Gemüſehändlerin und ſagen Sie, Sie wollten mit Ihrer Schweſter ſprechen im Auftrag des Herrn Charlemagne oder des Herrn Rodin, — wie Sie wollen, denn ich bin in dieſem meinem Abſteigquartier eben ſo bekannt unter meinem Taufnamen wie unter meinem Familiennamen. Dann wer⸗ den Sie das Uebrige erfahren. Ihrer Schweſter ſagen Sie, wenn ſie ordentlich iſt, wenn ſie bei ihren guten Entſchließungen beharrt, ſo wird man ſich auch ferner um ſie bekümmern.“ — Staunend hatte die Mayeur dem Jeſuiten zugehört. Sie wollte ihm eben antworten, als die Thür aufging und Herr von Gernande eintrat. Die Miene des Gerichtsbeamten war ernſt und traurig. „Nun? die Töchter des Marſchalls Simon?“ rief Adriana ihm entgegen. „Leider bring' ich ſie Ihnen nicht mit,“ antwortete der Richter Dagobert war bei dieſer Vernichtung ſeiner Hoffnungen wie vom Donner gerührt. „Wo ſind ſie?“ fragte er lebhaft den Richter. „Was iſt mit ihnen angefangen worden? Vor⸗ geſtern waren ſie noch im Kloſter!“ Während die übrigen Anweſenden ſich um den Richter herumdrängten, und Dagobert dieſen in ungeduldiger Erwar⸗ tung einer Antwort anſah, ſchlich Rodin rückwärts nach der Thür und ſchlüpfte unbemerkt hinaus. „Aber um Gotteswillen!“ fragte Adriana, „was hat Ihnen denn die Oberin des Kloſters zur Antwort gegeben, als Sie nach den Kindern fragten?“ „Fräulein,“ antwortete der Richter, „die Oberin hat ſich geweigert, mir Auskunft zu geben. Sie ſagte zu mir: Sie behaupten, daß die Mädchen, von denen Sie ſprechen, wider ihren Willen hier zurückgehalten werden. Das Geſetz gibt Inen in dieſem Fall das Recht, in dieß Haus einzudringen. Durchſuchen Sie es. — Geehrte Frau, erwiderte ich, antwor⸗ ten Sie mir bündig. Verſichern Sie, daß Sie der Einſper⸗ rung der Mädchen, welche ich zurückfordere, völlig fremd ſind! — Darauf habe ich Ihnen nichts zu ſagen — verſetzte ſie. Sie ſagen, Sie hätten Vollmacht, Nachſuchungen anzuſtellen; thun Sie es. — Da ich keine andere Erklärung erlangen konnte, bin ich in dem ganzen Kloſter herumgegangen und habe mir alle Zimmer öffnen laſſen. Leider aber habe ich keine Spur von den Mädchen gefunden.“ „Sie werden die Kinder anders wohin geſteckt haben!“ rief Dagobert. „Wer weiß — ſie ſind vielleicht recht krank. Sie v. 5 werden ſie umbringen! — Herr! Gott! Sie werden ſie um⸗ bringen!“ „Himmliſcher Gott!“ rief Adriana, „was iſt nach einer ſolchen Weigerung zu machen? Welcher Weg iſt da einzu⸗ ſchlagen? — O, Sie, unſer Schutz und Rather! geben Sie uns Licht. Was wäre Ihr — —“ . Adriana hatte ſich herumgewandt nach Rodin, den ſte hinter ſich ſtehend wähnte. Sie verſtummte als ſie ihn nicht fand, und wandte ſich ängſtlich an die Mayeur mit der Frage: „Ei wo iſt denn Herr Rodin?“ Die Mayeur ſah umher und antwortete: „Ich weiß es nicht. Er iſt nicht mehr da.“ „Das iſt ſonderbar!“ ſagte Adriana. „So plötzlich zu ver⸗ ſchwinden!“ „Habe ich Ihnen nicht geſagt, er wäre ein Verräther?“ ſchrie Dagobert, vor Wuth auf den Boden ſtampfend. „Sie verſtehen ſich alle mit einander.“ „Nein, nein, glauben Sie das nicht,“ ſagte Adriana. „In⸗ deß die Abweſenheit des Herrn Rodin iſt eben doch ſehr zu bedauern, denn unter dieſen ſchwierigen Umſtänden hätte er vielleicht nützliche Aufſchlüſſe geben können in Folge der Stellung, die er bei dem Abbé Algrigny inne gehabt hat.“ „Ich geſtehe Ihnen, Fräulein,“ ſagte Herr von Gernande, „ich hatte feſt darauf gerechnet. Ich bin hieher zurückge⸗ kommen, nicht nur, um Ihnen den ſchlechten Erfolg meiner Nachforſchungen zu melden, ſondern hauptſächlich auch, um dieſen wackeren Mann, der ſo muthig haſſenswerthe Ränke enthüllt hat, zu bitten, er möge uns hier mit ſeinem Rath zu Hülfe kommen.“ Der Richter fügte noch die Verſicherung bei, daß er keine Mühe ſparen würde, um der Wahrheit in Betreff des Ver⸗ ſchwindens der Waiſen auf den Grund zu kommen, und ging ſodann weg. Dagobert hörte nicht die letzten für ihn ſo wichtigen Worte des Richters, und bemerkte eben ſo wenig ſein Weggehen. Er ſtand in tiefes Sinnen verſunken da. In dem Zimmer bitten, er möge mit blick ließen eine klangvolle Ungeduld: ihr ſich vor der Bei dieſer Stimme fuhr D empor. Er ſtieß einen Schrei Die Thür ging nach Haus fa Thür raſch Mannesſtimme rief „Wo iſt er? wo iſt er?“ auf und der Marſchall Simon erſchien. 123 — Adriana gab der Ma⸗ agobert zu, um ihn zu hren. In dieſem Augen⸗ e Tritte vernehmen und mit dem Ausdruck der agobert wie aus einem Traume aus und ſtürzte nach der Thür. — S— — 124 — Viertes Kapitel. Weter S nn Der Marſchall Peter Simon, Herzog von Ligny, war ein Mann von hohem Wuchs, einfach gekleidet in einen bis oben zugeknöpften blauen Ueberrock, in deſſen oberſtem Knopfloch ein Stück rothes Bändchen befeſtigt war. Man konnte kein offeneres, ehrlicheres, ritterlicheres Geſicht ſehen als das des Marſchalls. Seine Stirne war breit, ſeine Naſe gebogen, ſein Kinn ſtark ausgeprägt. Seine Haut war von der indi⸗ ſchen Sonne gebräunt. Seine kurz geſchnittenen Haare waren an den Schläfen ergraut, aber ſeine Augenbrauen wuren noch ſo ſchwarz wie ſein ſtarker herabfallender Schnurrbart. Sein freier kühner Gang und ſeine entſchiedenen Bewegungen verriethen die Heftigkeit eines Kriegsmannes. Die warme Herzlichkeit ſeines Wortes fand unſchwer Anklang in dem Gemüth eines jeden, mit welchem er zu thun hatte. Ein⸗ ſichtsvoll und unerſchrocken, edelmüthig und aufrichtig, zeigte er einen männlichen plebejiſchen Stolz. Wie Andere ſich etwas auf ihre hohe Geburt einbilden, ſo that er ſich etwas darauf zu gut, von niedrigen Herkunft zu ſeyn, weil dieſelbe geadelt war durch den ſtreng republikaniſchen Sinn ſeines Vaters, eines verſtändigen und arbeitſamen Handwerkers, der ſeit vierzig Jahren die Ehre, der Stolz und das Muſter der Arbeiter war. Indem er dankbar den ariſtokratiſchen Titel annahm, mit welchem der Kaiſer ihn geſchmückt, hatte er ge⸗ handelt wie zartfühlende Leute, welche von Freundeshand ein völlig nutzloſes Geſchenk mit Dank hinnehmen um der Hand willen, die es darbietet. 6 6 — — Die religiöſe Verehrung Peter Simons gegen den Kaiſer war nie Plind geweſen. Wenn ſeine Hingebung und ſeine glühende Lebe für ſeinen Abgott einem von der Natur ihm eingepflanzten unwiderſtehlichen Triebe glich, ſo war ſeine ewunderung beſonnen und beruhte auf Gründen. Ungleich den Eiſenfreſſern, welche den Kampf um des Kampfes willen lieben, bewunderte der Marſchall Simon ſeinen Helden nicht bloß als den erſten Feldherrn der Welt, ſondern vornehmlich, weil er wußte, Pz er Kaiſer den Krieg nur in der Hoff⸗ nung geführt hatßz inſt der Welt den Frieden aufzulegen. Denn wenn der vodem Ruhm und der Stärke eingegangene Friede groß, fruchtbringend und herrlich iſt, ſo iſt der von der chwäche und Feigheit eingegangene Friede verderblich und entehrend. *) Als Sohn eines Handwerksmannes bewunderte 4 ferner noch ſeinen Helden, weil dieſer kaiſerliche E ling ſtets verſtanden hatte, die Volksfiber vibriren zu laſſen, und weil er, des Volks welchem er hervorgegangen war, daſſelbe b laden hatte, allen Glanz der Ariſtokratie und zu genießen. **) eter Simon mporkömm⸗ auf edle Weiſe gedenkend, aus rüderlich einge⸗ des Königthums Als der Marſchall Simon in das Zimmer trat, waren ſeine Züge verſtört. Beim Anblick Dagoberts verklärte ein Strahl der Freude ſein Geſicht. Er eilte mit ausgebreiteten * Mit andern Worten: wenn die ganze Welt erobert geweſen wäre, ſo würde der Friede ſich von ſelbſt gemacht haben. Wenn Bonaparte kein Friedensfürſt wurde, ſo lag die Schuld an der bö⸗ ſen Welt, die ſich nicht gutwillig erobern laſſen wollte. Sue will hier dem Miniſterium Guizot einen Hieb geben; aber der Hieb trifft nicht. Anmerk. des Ueberſetzers. **) Ein keiner Irrthum! Der Schwager Jvachim und die Brü⸗ der Hieronymus, Joſeph und Ludwig waren noch keineswegs das olk. Vom Volk ſagte der große Mann: Es iſt eine Beſtie, die geknebelt werden muß. — Bonaparte war ein Soldatenfreund aber kein Volksfreund Der Sthl in jenem Satz iſt eben ſo monſtrös wie der Inhal. Anmerk, des Ueberſetzers. Armen auf den Soldaten zu und riefs „ Freund!! alter Freund!! Dagobert drückte ihn mit ſprachloſer Rührung an ſein Herz. Der Marſchall machte ſich von ihm los, betrachtete ihn mit thränenfeuchten Augen und fragte ihn mit bebender Stimme und zitternden Lippen: „Nun? Du biſt noch zu rechter Zeit gekommen, um am 13. Februar hier zu ſeyn?“ „Ja, Herr General,“ antwortete Dagobert. „Aber Alles iſt auf vier Monat hinausgeſchoben.“ „Und meine Frau? — Und mein Kind!“ i dieſer Frage erbebte Dagobert, ſenkte das Haupt und ſchwieg.“ „Sie ſind alſo nicht hier?“ fragte der Marſchall mehr überraſcht als beunruhigt. „In Deiner Wohnung iſt mir ge⸗ ſagt worden, weder meine Frau noch mein Kind ſeyen dort, Dich aber würde ich hier finden. Ich bin hieher geeilt⸗ Sie ſtnd alſo nicht da? Dagobert ward leichenblaß und ſtammelte „Herr General Gener Er konnte nichts weiter her⸗ vorbringen und wiſchte ſich den kalten Schweiß von der Stirn ab. „Du machſt mir — Angſt!“ rief der Marſchall und ward bleich wie der Soldat, indem er ihn beim Arm faßte. Adriana trat vor mit der Miene ſchmerzlicher Rührung, um dem alten Dagobert in ſeiner peinlichen Verlegenheit zu Hülfe zu kommen. Mit ſanfter Stimme ſagte ſie zu Simon: „Herr Marſchall, ich bin das Fräulein von Cardoville — — eine Verwandte Ihrer Kinder.“ Der Marſchall wandte ſich ſchnell um. Eben ſo überraſcht durch die ſeltene Schönheit wie durch die Worte Adrianens, ſtammelte er: „Sie, Fräulein? — — Verwandte — — mei⸗ ner Kinder?“ Auf die letzten Worte legte er großen Nach⸗ druck und ſah Dagobert betroffen an. „Ja, Herr Marſchall, Ihrer Kinder,“ beeilte ſich Adriana zu erwidern. „Und die Liebe dieſer beiden Zwillingsſchwe⸗ — „Zwillingsſchweſtern?“ unterbrach Simon mit unausſprech⸗ licher Freude. — „O, wie glücklich muß ihre Mutter ſeyn! — Verzeihen Sie, Fräulein, daß ich ſo wenig höflich bin und Ihnen ſo ſchlecht für Ihre Nachricht danke. — — Aber Sie begreifen — — Seit ſiebzehn Jahren habe ich meine Frau nicht geſehen. Ich komme an — — und ſtatt zwei theuren Weſen — — finde ich drei. — — Erlauben Sie, Fräulein; ich wünſchte den vollen Umfang des Dankes zu kennen, wel⸗ chen ich Ihnen ſchuldig bin . Sie ſind unſere Ver⸗ wandte. Ich bin ohne Zweifel hier in Ihrer Wohnung. Meine Frau und meine Kinder ſind hier, nicht wahr? — Sie fürchten, mein plötzliches Erſcheinen möchte dieſelben zu ſehr angreifen? — Gut! ich werde warten. Doch — Fräu⸗ lein, ich bin überzeugt, Sie ſind eben ſo gut wie ſchön. Haben Sie Mitleid mit meiner Ungeduld. Bereiten Sie baldigſt alle Drei vor — — mich zu empfangen.“ Dagobert wich den Blicken des Marſchalls aus und zitterte wie ein Eſpenlaub; Adriana ſchlug die Augen nieder. Das Herz wollte ihr brechen bei dem Gedanken, welch ein fürch⸗ terlicher Schlag die Entdeckung der Wahrheit für den Mar⸗ ſchall ſeyn müßte. Betroffen über das herrſchende Schweigen ſah Simon das Fräulein und Dagobert an. Seine Unruhe ſteigerte ſich zur Angſt und er rief: „Dagobert! — — Du verheimlichſt mir etwas.“ „Herr General,“ ſtammelte der Soldat; — — „ich — — ich — — „Fräulein,“ ſagte der Marſchall, „ich beſchwöre Sie, ſpre⸗ chen Sie offen zu mir. Meine Angſt iſt entſetzlich. Meine erſten Beſorgniſſe erneuern ſich. Wie iſt es? Meine Frau — — nmeine Töchter — — ſind krank? — — Sind ſie in Gefahr? O, reden Sie! Reden Sie!“ „Herr Marſchall,“ erwiderte Adriana, „Ihre Töchter ſind von der langen Reiſe ein wenig angegriffen, allein ihr Zu⸗ ſtand iſt nicht Beſorgniß erregend. „Alſo meine Frau! Meine Frau iſt in Gefahr!“ „Faſſen Sie Muth,“ ſagte das Fräulein traurig. „Leider müſſen Sie Ihren Troſt ſuchen in der Liebe der zwei Engel, die Ihnen bleiben.“ „Herr General,“ ſagte Dagobert mit feſter Stimme, „ich komme aus Sibirien — — allein mit Ihren Töchtern.“ „Und ihre Mutter? ihre Mutter?“ rief der Marſchall. „An dem Tag nach ihrem Tod habe ich mich mit den beiden Waiſen auf den Weg gemacht.“ „Todt! todt!“ rieſ Simon. Er ſchwankte, hielt ſich an der Lehne eines Stuhls und ſank auf denſelben, ſein Geſicht in den Händen verbergend. Einige Minuten lang hörte man nur erſticktes Schluchzen. Peter Simon liebte ſeine Frau leidenſchaftlich aus den Grün⸗ den, welche wir aus dem Anfang dieſer Erzählung wiſſen. Wie alle weichen Herzen war er Fataliſt und glaubte mit dem Schickſal abgerechnet zu haben und für ſo viele Jahre harter Prüfungen endlich auf Glück zählen zu dürfen. Er hatte keinen Augenblick daran gezweifelt, daß er Weib und Kind wieder finden würde, als einen zwiefachen Troſt, den ihm nach ſo großen Widerwärtigkeiten das Schickſal ſchuldig wäre. J Gegenſatz zu den vielen Menſchen, welche die Ge⸗ wöhnung an Unglück genügſamer macht, hatte er auf ein Glück gerechnet, welches eben ſo groß wäre, wie ſein Miß⸗ geſchick. Sein Weib und ſein Kind, dieß waren die uner⸗ läßlichen Bedingungen des zufriedenen Lebens, auf welches er rechnete. Seine Frau würde ihm, wenn ſie ſeine Töchter überlebt hätte, dieſe nicht haben erſetzen können; und ſeine Kinder konnten ihm ihre Mutter nicht erſetzen. Man mag das Schwäche oder Unerſättlichkeit nennen; aber es war ein— mal ſo. Der hieraus für den M karſchall erwachſende Kum- mer wird einen großen Einfluß auf ſeine Zukunft ausüben. Adriana und Dagobert beobachteten bei dem Schmerz des Marſchalls ein ehrfurchtsvolles Schweigen Nachdem der Un⸗ glückliche ſeinen Thränen freien Lauf gelaſſen, erhob er ſein männliches Geſicht, welches jetzt marmorblaß war, fuhr mit der Hand über die verweinten Augen, ſtand auf und ſagte zu Adriana: „Verzeihen Sie, Fräulein. Ich habe mein Ge⸗ fühl nicht bemeiſtern können. — — Erlauben Sie, daß ich mich entferne. Ich habe ſchmerzliche Kunde einzuziehen von dem wackeren Freund, welcher meine Frau bis zu ihrer Todes⸗ ſtunde nicht verlaſſen hat. — — Haben Sie die Güte, mich zu meinen Kindern, zu meinen armen Waiſen führen zu laſſen!“ „Herr Marſchall,“ erwiderte Adriana, „vorhin noch hatten wir Ihre Kinder erwartet. Leider iſt unſere Hoffnung ge⸗ täuſcht worden.“ Peter Simon ſah das Fräulein an, als ob er nicht gehört oder nicht verſtanden hätte, was ſie ſagte. „Indeß beruhigen Sie ſich,“ fuhr Adriana fort; „wir dür⸗ fen noch nich: verzweifeln.“ „Verzweifeln?“ wiederholte der Marſchall. „Verzweifeln? Woran denn?“ „Ihre Kinder wiederzufinden. Ihre Anweſenheit, die An⸗ weſenheit des Vaters wird den Nachforſchungen größeren Nachdruck geben.“ „Den Nachforſchungen?“ wiederholte Simon. „Sind denn meine Kinder nicht hier?“ „Nein, Herr Marſchall,“ antwortete Adriana. „Dieſer wackere Mann hatte ſie aus Sibirien hierher gebracht, und man hat ſie ihm entführt und in ein Kloſter gebracht.“ „Unglücksmenſch!“ rief der Marſchall, mit drohender Ge⸗ bärde auf Dagobert zugehend. „Du ſollſt mir für Alles einſtehen!“ . „Herr! machen Sie ihm keinen Vorwurf!“ rief Adriana. „Herr General,“ ſagte Dagobert mit feſter Stimme und mit dem Ausdruck ſchmerzlicher Ergebung, „ich verdiene Ihren Zorn. Genöthigt von Paris abzureiſen, habe ich die Kinder meiner Frau anvertraut. Meine Frau hat ſich von ihrem er auf den Marſcha 130 — Beichtvater den Kopf verdrehen und ſich weiß machen laſſen, die Kinder wären in einem Kloſter beſſer aufgehoben als bei uns. Sie hat zugegeben, daß ſie in das Kloſter gebracht wurden. Und jetzt heißt es im Kloſter, man wiſſe nicht, wo ſie ſeyen. Nun wiſſen Sie die Wahrheit. Machen Sie mit mir, was Sie wollen. Ich kann nur ſchweigen und dulden.“ „Das iſt ja niederträchtig!“ rief der Marſchall, mit ver⸗ zweifeltem Unwillen auf Dagobert deutend. „Wem ſoll man noch trauen, wenn Dieſer mich hintergangen hat!“ „Machen Sie ihm keine Vorwürfe;“ wiederholte Adriana mit Nachdruck. „Glauben Sie ihm nicht. Er hat ſein Leben darat gewagt und ſeine Ehre, um Ihre Kinder aus dem Kloſter herauszureißen. Und er iſt nicht der Einzige, dem dieſer Verſuch mißlungen iſt. Eben noch hat ein Richter un⸗ geachtet ſeiner Amtsgewalt eben ſo wenig ausgerichtet. Die entſchiedene Sprache, welche er gegen die Oberin geführt, und die Nachforſchungen, die er im Kloſter angeſtellt hat, ſind erfolglos geweſen. Die Kinder haben ſich bis jetzt noch nicht gefunden.“ „Wo iſt denn dieß Kloſter?“ rief der Marſchall, mit bleichem und verſtörtem Antlitz ſich aufrichtend. „Wo iſt dieß Kloſter? Wiſſen denn dieſe Menſchen nicht, was das heißt ein Vater, dem man ſeine Kinder entführt?“ In dem Augenblick, wo der Marſchall, gegen Dagobert gewendet, dieſe Worte ausſprach, erſchien in der offen geblie⸗ benen Thür Rodin mit Roſa und Blanca an der Hand. Er bebte vor Ueberraſchung, als er den Ausruf des Generals hörte, und alsbald ſtrahlte hölliſche Freude auf ſeinem Sa⸗ tansangeſicht. So in dem paſſendſten Augenblick den Mar⸗ ſchall Simon anzutreffen, das ging über ſeine Erwartung. Adriane war die Erſte, welche das Erſcheinen des Jeſuiten gewahr wurde. Sie eilte auf ihn zu und rief: „O, ich habe mich nicht geirrt? Unſer Schutzgeiſt! — immer! — immer! „Liebe Kinder,“ flüſterte Rodin den Mädchen zu, indem ll deutete, „das iſt Ihr Vater.“ ſeines Glücks.“ ſanft von Dagobert losmachend. — Die Kinder eilten auf ihren Vater zu. Adriana folgte ihnen und rief: „Herr Marſchall, hier ſind Ihre Kinder!“ Peter Simon wandte ſich tzſch um, und ſeine Töchter ſtürzten in ſeine Arme. Ein tiefes Schweigen erfolgte, unter⸗ brochen durch Schluchzen, Küſſe h er F Rodin war auf der Schwelle ſtehh den Thürpfoſten gelehnt, dieſen W zu betrachten. Adriana trocknete ₰ um nach dem Jeſuiten und ſagte: und haben Sie Ihre Freude an dei bracht haben!“ Dagobert war anfangs wie betäuß mit den Kindern erſcheinen ſah. Dießs ten ihn aus dieſer Betäubung auf. riſſen, warf er ſich vor Rodin auf die wie zum Gebet und ſtammelte: „Herr! St rettet, indem Sie dieſe Kinder Die Mayeur, ebenfalls hingeriſſen, rief „Gottes Segyy ⁵ über Sie!“ „Liebe Freunde, das iſt zu viel für mich,“ ſagte Ro in, indem er ſich ſtellte, als ob die Rührung für ihn zu ſtark ſey. „Das iſt wirklich zu viel für mich. Entſchuldigen Sie mich bei dem Herrn Marſchall — — und ſagen Sie ihm, daß ich mich hinlänglich belohnt fühle durch den Anblick „Lieber Herr!“ bat Adriana; „der Herr Marſchall muß Sie doch kennen lernen, Sie doch wenigſtens ſehen.“ „O, bleiben Sie da! Sie haben ja uns alle gerettet!“ rief Dagobert. Rodin erwiderte mit gutmüthig ſchlauer Miene: „Der Schutzgeiſt kümmert ſich nicht um das Gute, was ſchon ge⸗ than iſt, ſondern um das Gute, was noch zu thun übrig iſt. Muß ich nicht jetzt an den Prinzen Dſchalma denken? Mein Tagwerk iſt noch nicht vollendet und die Augenblicke ſind koſtbar. — Laſſen Sie mich gehen,“ fügte er hinzu, ſich „Der Tag iſt ſo gut ge⸗ 3 „ 6 1 — „ — 432 — weſen, wie ich gehofft hatte. Der Abbé Aigrign iſt entlarvt worden, — Sie, werthes Fräulein, ſind frei, — Sie, wackerer Kriegsmann, haben Ihr Kreuz wiedergefunden, — der Ma⸗ veur iſt eine Beſchützerin geſichert, — und der Herr Mar⸗ ſchall umarmt ſeine Kinder. Ich habe einigen Antheil an all dieſen Freuden, und dieſer Antheil iſt ſchön. Mein Herz iſt zufrieden Auf' Wiederſehen, liebe Freunde.“ Bei winkte Rodin Adrianen, der Mayeur — dem Sol ten freundlich zu, deutete mit einem Blick des * Entzückens auf blieb Allen, w 8 A den Marſchall und verſchwand. Peter Simon um ihn her vorging fremd, während er da ſaß und ſeine Ichthr, die er in ſeine Arme geſchloſſen hatte, mit Thränen unh üſſin bedeckte. Eine Stunde ſach dieſem Auftritt hatten Adriana und die Mayeur, det Matſchall Simon mit ſeinen Töchtern und Da⸗ gobert das Haus des Doctor Baleinier verlaſſen. Zdu ieſer Epiſode noch zwei Worte Nutzan⸗ wendung in Bezug auf Irren häuſer und Klöſter. 7 Wir haben geſagt und wir wiederholen es die Geſetzge⸗ bung in Betreff der Irrenhäuſer ſcheint uns ungenügend. Thatſachen, die kürzlich vor Gericht angebracht worden ſind, und andere bedenkliche Thatſachen, die man uns mitgetheilt hat, ſcheinen uns dieſe Unvollſtändigkeit augenſcheinlich zu beweiſen. Allerdings iſt den Gerichtsperſonen völlig freie Hand ge⸗ laſſen, die Irrenhäuſer zu beſuchen. Dieſer Beſuch iſt ihnen ſogar anempfohlen. Aber wir wiſſen aus guter Qu ele, daß die vielen und ſteten Beſchäftigungen dieſer Männer, deren Perſonenſtand oft in keinem Verhältniß ſteht mit den ihnen obliegenden Arbeiten, dieſe Beſuche ſelten und ſomit den Erfolg derſelben nichtig machen. Darum ſcheint es uns nützlich, wenigſtens halbmonatliche Inſpectionen eigends zur Beaufſichtigung der Irrenhäuſer zu begründen. Dieſe In⸗ ſpectionen könnten beſtehen aus einem Arzt und einer Ge⸗ richtsperſon. Etwaige Beſchwerden könnten dann einer Prü⸗ fung unterworfen werden, bei welcher beide Theile gehört würden. Allerdings läßt es die Juſtiz nicht an ſich fehlen, wenn ihr eine Sache gehörig klar gemacht iſt. Aber wie viele Förmlichkeiten und Schwierigkeiten ſtehen im Weg, wenn dieß geſchehen ſoll, zumal wenn der Unglückliche, welcher die Hülfe der Juſtiz bedarf, verdächtig und abgeſperrt iſt und in der Welt keinen Freund hat, welcher ſeine Vertheidigung über⸗ nimmt und in ſeinem Namen bei der Behörde klagt! Iſt es darum nicht Sache der bürgerlichen Obrigkeit, dieſen Klagen durch eine wohleingerichtete regelmäßig wiederkehrende Nach⸗ forſchung entgegen zu kommen? Was wir von den Irrenhäuſern ſagen, gilt vielleicht noch mehr von den Frauenklöſtern, von den Seminarien und von den Häuſern der Congregationen. Neuerlich vorgekommene unwiderſprechliche Thatſachen, die in ganz Frankreich Gegenſtand des Geſprächs geworden ſind, haben leider bewieſen, daß Gewaltthätigkeit, Einſperrungen, Mißhandlungen, Entführung von Minderjährigen, wider⸗ geſetzliche Einkerkerungen verbunden mit Qualen, wenn nicht häufige, doch mögliche Erſcheinungen in den geiſtlichen Anſtalten ſind. Es hat ſonderbarer Jufülle, es hat frecher und roher Miß⸗ handlungen bedurft, ehe dieſe abſcheulichen Handlungen zur Kenntniß des Publikum kamen. Wie viele andere Opfer ſind begraben geweſen und ſind vielleicht noch begraben in dieſen großen ſtillen Häuſern, in welche kein profaner Blick dringt, und welche kraft der Freiheiten des Clerus der Auf⸗ ſicht der bürgerlichen Obrigkeit entgehen! Iſt es nicht zu be⸗ klagen, daß dieſe Häuſer nicht ebenfalls einer regelmäßig wiederkehrenden Aufſicht unterworfen ſind, welche, wenn man will, von einem Almoſenier und von einem Gerichtsbe⸗ amten oder einem Abgeordneten der Gemeindeverwaltung geübt werden könnte? Wenn in dieſen Anſtalten, welche den Charakter und ſomit — die ganze Verantwortlichteit öffentlicher Anſtalten haben, nichts anders geſchieht, als was erlaubt ſchli er chriſt⸗ lichen Liebe gemäß iſt, warum denn dieſe Empörung, dieſer grimmige Unwille der ſi ie Rede da⸗ von iſt, an Freiheiten nennt? as höher ſteht als die zu Rom beſchloſ⸗ gemachten Conſtitutionen — das franzöſiſche Geſetz, das allgemeine Recht, welches Allen ſeinen Schutz be⸗ willigt, dafür aber auch von Allen Achtung und Gehorſam verlangt. das zu rühren, was ſie ihre e Ve⸗ hen 6 zu⸗ ch wie⸗ hnen n 1 1 —— — 139 Gleichgültigkeit, indem er ſeine halb geſchloſſenen Augen auf die Decke des Zimmers heftete: „Mich verfolgt ein Gedanke. Ich will mich zerſtreuen. Sprich mit mir.“ Faringhea warf einen durchdringenden Blick auf den Königs⸗ ſohn und bemerkte eine leichte Röthe auf ſeinem Geſicht. „Gnädiger Herr,“ ſagte er, „ich errathe Ihren Gedanken.“ Dſchalma ſchüttelte den Kopf, ohne den Würger anzuſehen. Faringhea fuhr fort: „Sie denken an die Frauen von Paris.“ „Schweig, Sklave!“ rief der Königsſohn und wandte ſich um auf dem Sofa, als ob ihm eine Wunde ſchmerzlich be⸗ rührt worden wäre. Faringhea ſchwieg. Nach einigen Angen⸗ blicken warf Dſchalma ſein Pfeifenrohr weg, bedeckte ſein Geſicht mit beiden Händen und ſagte ungeduldig: „Deine Worte ſind eben doch noch beſſer als dieß Schweigen. — — Verflucht ſeyen meine Gedanken! Verflucht ſey mein Geiſt, der mir dieſe Trugbilder vorgaukelt!“ „Warum wollen Sie dieſe Gedanken fliehen?“ ſagte der Würger. „Sie ſind neunzehn Jahr alt. Ihre erſte Jugend haben Sie ausſchließlich im Krieg und im Gefängniß zuge⸗ bracht, und bis auf dieſen Tagſind Sie ſo keuſch geblieben, wie unſer Reiſegefährte Gabriel, der junge chriſtliche Prieſter. Obwohl Faringhea dieſe Worte im ehrfurchtsvollen Ton 8 ſprach, ſo bemerkte Dſchalma doch einen leichten Spott bei dem Worte keuſch. Stolz und ſtreng erwiderte er: „Ich will bei den Civiliſirten nicht für einen Barbaren gelten, und darum thue ich mir etwas darauf zu gut, daß ich keuſch bi „Ich verſtehe Sie nicht,“ fagte der Würger. „Vielleicht,“ fuhr Dſchalma fort, „würde ich ein 2 lieben, welches rein wäre, wie meine Mutter war, als ſie meinen Vater heirathete. Und wenn man hier von einem Weibe Reinheit verlangt, ſo muß man keuſch ſeyn wie ſie.“ Faringhea konnte ein höhniſches Lächeln bei dieſer ſeltſamen Behauptung nicht unterdrücken. „Worüber lachſt Du, Sklave?“ herrſchte der Königsſohn ihm zu. pi . 10* — 140 — „Gnädiger Herr,“ antwortete der Würger, „bei den Civi⸗ liſirten würde der Mann, welcher ſich in der Blüthe ſeiner Unſchuld verheirathete, durch die Lächerlichkeit tödlich ver⸗ . wundet werden.“ *) ₰ „Du lügſt, Sklave! Lächerlich wäre er nur, wenn er ein Mädchen heirathete, das nicht rein wäre wie er.“ „Alsdann würde er durch die Lächerlichkeit nicht verwundet, ſondern getödtet werden, denn man würde ihn doppelt un⸗ barmherzig verhöhnen.“ „Du lügſt! — Du lügſt! — Oder wenn Du die Wahrheit ſagſt, woher weißt Du es?“ „Auf Iole de France und zu Pondichéry habe ich Pariſe⸗ rinnen geſehen. Auch auf unſerer Ueberfahrt hab' ich man⸗ ches gelernt. Ich pflegte mit einem jungen Officier zu ſpre⸗ chen, während Sie mit dem jungen Prieſter ſprachen.“ „Alſo verlangen die Civiliſtrten, wie unſere Sultane in ihren Harems, von den Weibern eine Unſchuld, die ſie ſelber nicht haben?“ „Sie verlangen dieſelbe um ſo mehr ſelbe haben.“ „Wer verlangt, was er nicht gewährt, der handelt wie ein Herr gegenüber einem Sklaven. Und mit welchem Recht könnte das hier geſchehen?“ „Mit dem Recht, welches man ſich nimmt. Es iſt wie bei uns, gnädiger Herr.“ „Und was thun die Weiber?“ „Sie verhindern ihre Bräutigame, vor der Welt allzu lächerlich zu werden, wenn dieſe ſich verheirathen.“ „Und ein Weib, welches hintergeht, das tödtet man hier?“ fragte Dſchalma, ſich raſch aufrichtend und den Würger mit funkelndem Blicke anſehend. je weniger ſie die⸗ *) In Frankreich erzählt man ſich als ein Wunder, daß es in Deutſchland Männer gibt, welche als keuſche Junggeſellen ſi verehelichen. Anmerk. des Ue erſetzers. — E — —— 4 —— n — „Man tödtet es, wie bei uns. Die Ertappte iſt des Todes.“ 3 „Wenn aber die Civiliſirten Despoten ſind wie wir, warum fperren ſie ihre Weiber nicht ein wie wir, um ſie zu einer Treue zu zwingen, die ſie ſelbſt nicht bewahren?“ „Weil ſie civiliſirt ſind wie Barbaren, und Barbaren wie Civiliſirte „Das i ſt traurig, wenn Du wahr ſprichſt,“ erwiderte Dſchalma mit nachdenklicher Miene. — „Ja, Sklave, das, was du mir ſagſt, betrübt mich. Zwei Tropfen himmliſchen Thaues, die in einem Blumenkelch in einander fließen, ſind zwei Herzen, die ſich in reiner jungfräulicher Liebe verſchmelzen, — zwei Feuerſtrahlen, zu einer unauslöſchlichen Flamme vereint, ſind die Seligkeiten zweier Liebenden, die zu Gatten werden.“ Dſchalma war bezaubernd, lindem er von der reinen Luſt des Herzens ſprach. Als er ſich ein minder ideales Glück auszumalen begann, funkelten ſeine Augen, er erbebte, ſeine Naslächer dehnten ſich aus, die blaſſe Goldfarbe ſeiner Haut ging in Roth über, und er verſank wieder in tiefe Träu⸗ merei. Faringhea bemerkte dieſen Wechſel und nahm von neuem das Wort. „Und wenn Sie nun wie der ſtolze Königs⸗ vogel“) unſeres Heimathlandes, wie der Sultan unſerer Wälder, der auf einen einzigen Gegenſtand beſchränkten Liebe wechſelnde und mannichfaltige Luſt vorzögen? Wenn Sie ſchön, jung und reich, wie Sie ſind, dieſe verführeriſchen Pa riſerinnen aufſuchten, dieſe wollüſtigen Traumbilder Ihrer Nächte, dieſe reizenden Quälgeiſter Ihrer Träume? Wenn Sie auf dieſelben kühn herausfordernde Blicke würfen, oder Blicke flehend wie im Gebet, oder glühend wie die Begierde, glau⸗ ben Sie, es würden nicht viele halb niedergeſchlagene Blicke ſich am Feuer Ihrer Augen entzünden? Und dann wären es nicht mehr die einförmigen Genüſſe einer einzigen Liebe, die wie eine ſchwere Kette auf unſerem Leben laſtet, dann wären es die tauſend Vergnügen des Harems, und zwar eines *) Eine Art Paradiesvogel, ſehr verliebter Natur. — 142 — Sarems, bevölkert mit freien und ſtolzen Frauen, welche die glückliche Liebe zu Ihren Sklavinnen machte. Sie ſind bis⸗ her rein und enthaltſam geweſen. Für Sie der Welt, und es wird für Sie nur glühend tende Blicke geben.“ Dſchalma hörte dem Würger mit Beg erde zu druck ſeiner Züge hatte ſich völlig verändert. rn mehr der ſchwermüthige träumeriſche Jüngling, wel heilige Andenken an ſeine Mutter und welcher nur im Thau des Himmels u Blumen entſprechende Bilder d Liebe fand. Es war auch nicht ehr der junge Mann, wel⸗ cher in züchtiger Gluth erröthete bei der Vorſtellung erlaubter Luſt einer ehelichen Verbindung. Die Lockungen Faringhea's hatten plötzlich ein verborgenes Feuer zum Ausbruch gebracht. Dſchalma's Geſicht glühte. Seine bald trüben bald funkeln⸗ den Augen und das hörbare Athemholen in ſeiner Bruſt verriethen das Wallen ſeines Blutes und die Gluth ſeiner Leidenſchaften, die um ſo gewaltiger tobten, je mehr ſie bis⸗ her im Zaum gehalten worden waren. Er ſprang auf von dem Divan wie ein junger Tiger, faßte den Würger an der ehle und rief: „Deine Worte ſind ein brennendes Gift!“ Faringhea regte ſich nicht und ſagte gelaſſen: „Gnädiger err, Ihr Sklave iſt Ihr Sklave!“ Dieſe Demuth beſänftigte den Königsſohn. „Mein Leben gehört Ihnen,“ fuhr der Meſtize fort. Dſchalma ſtieß ihn zurück und rief: „Ich gehöre Dir als Sklave! Eben habe ich an Deinen Lippen gehangen und Deine gefährlichen Lügen verſchlungen!“ „Lügen, gnädiger Herr? Erſche dieſen Frauen ſtätigen.“ ele ſchwebte, und im Kelch der von ihm gedachten keuſchen inen Sie nur Worte gibt es kein , er glühende, herrliche Sohn unſeres Vater⸗ iebe, der Stolz, der Abgott dieſer Frauen werden, welche verführeriſcher ſind, als alle andern in und ſchmach⸗ chem das . „ einmal vop— — und Ihre Blicke werden meine — 3 „Dieſe Frauen ſollten mich lieben? — mich, der ich nur im Krieg und auf der Jagd gelebt habe?“ 2 „Angebetet werden Sie von dieſen Frauen werden, wenn dieſelben denken, daß Sie, ſo jung, ſchon Menſchen und Tiger gejagt haben.“ „Du lügſt!“ „Ich ſage Ihnen, wenn die Frauen dieſe Hand ſehen, welche ſo niedlich iſt wie die ihrigen, und welche ſich ſo oft in Feindesblut gebadet hat, dann werden ſie dieſe Hand küſſen wollen, und nochmals küſſen bei dem Gedanken, daß Sie in unſern Wäldern mit geſpannter Büchſe und mit dem Dolch zwiſchen den Zähnen gelächelt haben zum Brüllen des Löwen und des Panthers, den Sie erwarteten.“ „Aber ich bin ein Wilder, ein Barbar.“ „Gerade deßhalb werden ſie ſich Ihnen zu Füßen legen, Sie werden ſich zugleich erſchreckt und angezogen fühlen bei dem Gedanken an die Gewaltſamkeit, an die Wuth, an das Toben der Eiferſucht und der Liebe, deren ein Mann von Ihrem Blut, von Ihrer Jugend und von Ihrem Feuer fähig iſt. Heute ſanft und zärtlich, morgen mißtrauiſch und ſcheu, ſpäter wieder glühend und leidenſchaftlich — ſo werden Sie ſeyn, ünd ſo muß mun ſehn, um dieſe Weiber hinzureißen. Ein Wuthſchrei entſchlüpfe Ihnen zwiſchen zwei Küſſen, ein Dolch blinke zwiſchen zwei Liebkoſungen, und dieſe Weiber werden überwältigt, bebend vor Wonne, Liebe und Schrecken niederſinken, und Sie werden für dieſelben nicht mehr ein Mann, ſondern ein Gott ſeyn.“ „Du glaubſt — —2“ rief Dſchalma, hingeriſſen von der Beredtſamkeit des Würgers. „Sie wiſſen — Sie fühlen, daß ich die Wahrheit rede,“ antwortete Faringhea. „Ja! ja!“ rief Dſchalma mit funkelndem Blick und durch⸗ lief ſchnaubend, faſt in Sprüngen, das Gemach. „Ich weiß nicht, ob ich bei Sinnen oder trunken bin. Aber mich, dünkt, Du ſprichſt die Wahrheit. Ja, ich fühle es, man wird mich bis zum Wahnſinn, bis zur Raſerei lieben. Man wird ſchaudern vor Luſt und Angſt, weil ich ſelber — — bei dem Gedanken daran vor Luſt und Schrecken ſchaudere. Sklave, Du ſagſt die Wahrheit. Dieſe Liebe muß etwas Berauſchendes und ſchreckliches ſeyn!“ Seiner ſtürmiſchen Sinnlichkeit. Es war etwas Seltnes und Schönes, ein Menſch, der rein und enthaltſam das Lebensalter erreicht hatte, in welches die von Gott eingepflanzten Triebe der Liebe ſich in aller Kraft entwickeln ſollen — Triebe, die irre geleitet, die Vernunft verwirren oder auf die Abwege rafender Ausſchweifungen und ſchauderhafter Verbrechen ge⸗ rathen können, die aber zu einer edlen Leidenſchaft erblühend gerade durch ihre Heftigkeit den Menſchen bis zum Ideal zärtlicher Hingebung erheben können und ſollen. „O! dieß Weib!“ rief Dſchalma, „dieß Weib! vor welchem ich zittern werde, und das vor mir zittern wird! — wo iſt es? Werd' ich es je finden?“ „Ein Weib?“ erwiderte Faringhea mit ſeiner höhniſchen Kälte. „Wer ein Weib ſucht, der findet es hier zu Land ſelten. Wer Weiber ſucht, dem thut die Wahl weh.“ In dem Augenblick, wo der Meſtize dem Prinzen dieſe naſeweiſe Bemerkung machte, hielt an der kleinen Thür des Gartens bei dieſem Häuschen in einem einſamen Gäßchen ein ußerſt netter Coupé⸗Wagen an. Der Kaſten deſſelben war laſurblau, das Geſtell weiß mit blauen Streifen. Die Be⸗ ſpannung entſprach dem Wagen: zwei ſchöne Vollblutpferde, Goldfüchſe mit ſchwarzen Mähnen und Schweifen. Das Ge⸗ ſchirr war mit ſilbernen Wappen geziert. Von Silber waren auch die Knöpfe auf der Livree (hellblau mit weißem Kragen) des Kutſchers und des Bedienten. An der blauen weißbor⸗ förmige Wappenſchilde ohne Helmzier und Krone, wie das bei Fräulein üblich iſt. In der Kutſche befanden ſich zwei Perſonen: Adriana von Cardoville und Florine. Indem Dſchalma ſo ſprach, war er prächtig anzuſehen in „ dirten Bockdecke und an den Kutſchenſchlägen ſah man rauten⸗ 5 60 Haus. zu halten wie eine junge Wittwe, oder wie ein groß Sechstes Kapitel. Das Erwaſcheen. Um das Erſcheinen des Fräuleins von Cardoville an der Thür des Gartens bei dem von Dſchalma bewohnten Hauſe zu erklären, müſſen wir einen Rückblick auf bereits geſchehene Dinge werfen. Als Adriana das Haus des Doctor Baleinier verließ, bezog ſie ihr Hötel in der Anjouſtraße. Während der letzten Mo⸗ nate ihres Aufenthalts bei ihrer Tante hatte ſie heimlich dieſe ſchöne Wohnung in Stand ſetzen laſſen, deren Pracht und Bequemlichkeit nun neuerdings noch durch alle Herrlichkeiten des Hötels St. Dizier erhöht ward. Die Welt fand es gar ſeltſam, daß ein Mädchen von dem Alter und dem Stand des Fräuleins von Cardoville, den Entſchluß gefaßt hatte, ganz allein und frei zu wohnen und jähriger Junggeſell oder wie ein mündig geſprochener Min⸗ derjähriger. Die Welt that, als wüßte ſie nicht, daß Adriana beſaß, was nicht alle großjährigen Männer beſitzen: einen feſten Character, einen erhabenen Sinn, ein edles Herz und eiñ ſehr richtiges Gefühl. — In der Ueberzeugung, daß ſie zur Leitung ihres Haus⸗ weſens und zur Aufſicht in demfelben zuverläſſiger Leute be⸗ durfte, hatte Adriana dem Verwalter des Gutes Cardoville geſchrieben, er ſolle augenblicklich mit ſeiner Frau nach Paris kommen. Dupont ſollte die Stelle des Haushofmeiſters ver⸗ ſehen und ſeine Frau die Stelle der Haushälterin. Ein alter Freund des Vaters Adrianens, der Graf von Montbron, ein — 146 — ſehr geiſtreicher Greis, ſeiner Zeit in der großen Wolt ſehr gern geſehen und noch immer ein großer Kenner in Allem, was zum guten Ton gehört, hatte ihr gerathen, als Für⸗ ſtentochter einen Stallmeiſter und Edelknecht anzunehmen, und ihr dazu einen Mann von guter Erziehung und mehr als reifem Alter empfohlen, dar in England ſein Vermögen 1 zu Newmarket und bei Tattersall (dem berühmten Pferde⸗ und zu London) zugeſetzt hatte und, wie das zuweilen bei Gentlemen ſo geht, ſich hatte bequemen müſſen, als Roſſelenker auf den Bock eines Eilwagens Befriedigung für ſeinen Hunger und für ſeine Pferdeliebhaberei zu ſuchen. Dieſer Schützling des Grafen von Montbron hieß Herr von VBonneville. Sein Alter und ſeine feine Lebensart machten ihn geeignet, das Fräulein von Cardoville zu Pferd zu be⸗ gleiten, und vermöge ſeiner hippognomiſchen Kenntniſſe konnte er beſſer als irgend jemand für die Pferde und für das Fuhr⸗ werk ſorgen. Er nahm mit Dank dieſe Stelle an, und ſeine einſichtsvolle Sorgfalt machte, daß das Fuhrwerk des Fräu⸗ leins von Cardoville ſich mit den Zierlichſten meſſen konnte, was Paris in dieſem Stück anfzuweiſen hatte. Adriana hatte ferner ihre Kammermädchen Hebe, Georgette und Florine wieder zu ſich genommen. Die Letztere war in der Zwiſchenzeit bei der Fürſtin von St. Dizier eingetreten, um hier ihre Rolle als Beobachterin zum Beßten des Ma⸗ rienkloſters zu ſpielen. Aber nach der neuen Wendung, welche Rodin der Rennepontſchen Angelegenheit gegeben, war be⸗ ſchloſſen worden, daß Florine wo möglich ihren Dienſt bei Adrianen wieder übernehmen ſollte, wo ſie genöthigt war, den Leuten, die ſie in ihrer Gewalt hatten, ihre Gebieterin zu verrathen. Die Möglichkeit zur Wiedereinſchiebung dieſer Unglücklichen in die Dienerſchaft des Fräuleins war gegeben. In einem Augenblick der Reue hatte Florine am Tag nach der Einſperrung Adrianens der Mayeur den für das Fräulein ſehr nützlichen Rath gegeben, den Agricvla zu vermögen, aß er die von ihm im Verſteck des Pavillon gefundenen nicht in die Hände der Fürſtin von St Dizier lie⸗ hatte Adriana durch die Mayeur erfahren, und ferte. Dieß deßhalb ſchenkte ſie Florinen doppeltes Zutrauen. Sie nahm dieſelbe faſt mit Dank wieder in ihren Dienſt und gab ihr ſofort einen Auftrag, zu welchem ſie eine durchaus vertrau Perſon bedurfte, nämlich die Aufſicht bei der Einrichtung des für Dſchalma gemietheten Hauſes zu führen. Die Mayeur hatte gefunden, (von ihr werden wir ſpäter reden) nichts mehr nützen konnte, und darum gern den Aufforderungen des Fräuleins von Car⸗ doville nachgegeben, im Hötel in der Anjouſtraße zu wohnen. Adriana gebrauchte ſie als Schreil erin und hatte ihr zugleich das Departement der Unterſtützungen und milden G tragen. Anfangs hatte ſie im Sinn gehabt, die Nätherin bloß als Freundin bei ſich zu behalten und damit in ihr die ehrliche Arbeitſamkeit, die Ergebung im Schmerz und den Verſtand in der Armuth zu ehren. Aber bei dem Gedanken an das Selbſtgefühl des Mädchens fürchtete ſie mit Recht, daß die Mayeur in dieſer ſo zart dargebotenen ſchweſterlichen Gaſtfreundſchaft nur ein bemänteltes Almoſen ſehen möchte. Adriana fand daher für beſſer, ihr ein Geſchäft zu geben, ohne ſie darum weniger als Freundin zu behandeln. Auf dieſe Weiſe verdiente die Mayeur ihr Brod, anſtatt es ſich ſchenken zu laſſen, indem ſie einen Dienſt verſah, der ſo ganz 8 den Neigungen ihres gefühlvollen Her zens entſprach. Zu die⸗ ſem Dienſt war ſte mehr als irgend jemand geeignet; denn außer ihrer Herzensgüte gab ihre Reg ſamkeit, ihr tiefer Blick in die Geheimniſſe des Elends, ihre genaue Kenntniß der dürftigen Arbeiterklaſſe die beſte Bürgſchaft dafür, daß ſie die edlen Abſichten des Fräuleins verwirklichen würde. Wir wollen nun ſehen, was der Cardoville an der Thür des Garten der Blancheſtraße unmittelbar vorher Gegen zehn Uhr des Vormittags waren die Läden von 1 Adrianens Schlafgemuch noch feſt verſchloſſen, ſo daß kein Strahl des Tageslichts hineindrang. 1 Ankunft Adriana's von s bei dem Häuschen in gegangen war. durch die Flamme einer kugelförmi L 6 gen Lampe von orientaliſchem labaſter, welche an prei langen ſilber 5 Decke herabhing. Die Decke war hochgewölbt. Das ganze daß ſie der Frau Dagoberts aben über⸗ — 148 — immer hatte die Geſtalt eines achtſeitigen Zeltes. Vom Lewölb bis zum Boden herab war es mit weißer Seide aus⸗ geſchlagen, und über der Seide hingen lange Draperien von weißem goldgeſticktem Muslin, die durch Goldbänder an gro⸗ ßen elfenbeinernen in der Wand befeſtigten Opferſchalen zu⸗ fammengehalten wurden. An zwei Seiten dieſes zeltförmigen Gemachs führten elfen⸗ beinerne mit Perlmutter ausgelegte Thüren, die eine in den Badeſaal, die andere in das Ankleidezimmer. Letzteres, ein dem Dienſt der Schönheit geweihter Tempel, war ausgeſtattet wie der entſprechende im Pavillon des Hätels St. Dizier. Zwei andere Seiten des Schlafgemachs nahmen Fenſter ein, die völlig von Draperien verdeckt waren. Dem Bett gegen⸗ ſah man ein Kamin von penteliſchem Marmor, mit Feuerböcken von ciſelirtem Silber. In dem Marmor, der kryſtalliſirtem Schnee glich, waren zwei herrliche Karyatiden ausgehauen und ein Fries, welches Vögel und Blumen vor ſtellte. Ueber dem Fries bildete der Marmor einen ovalen Korb, welcher die Stelle der Kaminplatte vertrat und mit Roſen⸗Camelien beſetzt war. Das blaſſe Karminroth dieſer Camelien und das lebhafte Grün ihrer Blätter waren die einzigen Farben, welche ſich von dem harmoniſchen Weiß dieſes jungfräulichen Gemachs abhoben. Halb umgeben von den Wellen weißen Muslins, welche wie leichte Wolken von dem Gewölb herabhingen, ruhte ein niedriges Bett auf kunſtreich geſchnitzten elfenbeinernen Füßen, und dieſe Füße ſtanden auf einem den Boden bedeckenden Hermelinteppich. Mit Ausnahme eines elfenbeinernen mit Schnitzwerk verzierten und mit Perlmutter ausgelegten Ran⸗ des, war dieß Bett durchaus mit wattirtem weißen Satin überzogen. Die mit valencienner Spitzen beſetzten Betttücher von Battiſt hatten ſich ein wenig verſchoben und ließen die Ecke einer mit weißem Taffet überzogenen Matratze und den Zipfel einer leichten Mohrdecke ſehen In dem Gemach herrſchte ſtets eine gleichmäßige laue Temperatur, wie an einem ſchö⸗ . nen Frühlingstage. Mit derſelben Gewiſſenhaftigkeit, wie Adriana auf ein mehr hervortraten. Ihre feuchten, ro — 149 — Meiſterſtück von Goldarbeiterei den Namen des Verfertigers und nicht des Verkäufers hatte ſetzen laſſen, wollte ſie auch, Dinge von den geſchickteſten, fleißigſten und redlichſten Arbeitern zu deren größtem Vortheil gemacht würden. Sie hatte ihnen die Rohſtoffe geliefert und fügte zu ihrem Arbeitslohn dasjenige hinzu, was ſonſt die auf ihre Arbeit ſpeculirenden Mittelsperſonen gezogen hätten. Dieſe . ge hatte hundert armen Familien wohlge han, und die Segnungen dieſer Familien gaben der prachtliebenden Adriana nach ihrer Meinung das Recht, ſich ihres Lurus als einer gerechten und guten That zu freuen. Das Fräulein von Cardoville war eben aufgewacht. Sie ruhte zwiſchen den Wellen von Muslin Spitzen und von weißer Seide in nachläſſi Lage.“ Des Nachts pflegte ſie nie ihre Haare zu verhüllen, (was nach der Meinung der Griechen daz in ihrer ganzen Schönheit zu erhalten). Abends flochten ihre Dienerinnen ihre Goldlocken vorn in mehre flache Zöpfe und legten dieſe in zwei das Ohr bis auf das roſige Läpp⸗ chen bedeckenden Streifen um die Seiten des Kopfs, beide Enden an der großen Flechte des Hinterhaupts befeſtigend. Dieſer, den Griechinnen des Alterthums entlehnte Kopfputz paßte vortrefflich zu den regelmäßigen feinen Zügen des Fräuleins und ſchien ſie ſo zu verjüngen, daß man ſie für kaum fünfzehn ſtatt für achtzehn Jahr alt hätte halten mögen. So zuſammengeſchlungen und feſt an den Schläfen anliegend verlor ihr Haar ſeine helle glänzende Farbe und hätte faſt für braun gehalten werden müſſen ohne den Goldſchimmer, inien der Flech⸗ der ſich hin und wieder auf den Schlangenl ten zeigte. Verſunken in die morgendli Betäubung, welche weichliche Träumereien begünſtigt, ſiz den Arm auf ihr Kopf⸗ kiſſen, das Haupt ein wenig geſenkt, ſo daß die idealiſchen Formen ihres Halſes und ihrer entblößten Schultern um ſo then lächelnden Lippen und ihre Wangen waren ſo kalt, als ob ſte dieſelben in Eis- waſſer gebadet hätte. Ihre weißen Augenlieder bedeckten zu dient, ſie lange — halb ihre großen ſchwarzbraunen Augen, welche bald ſchmach⸗ tend in den leeren Raum ſahen, bald mit Wohlgefallen auf den roſenrothen Camelien mit grünen Blättern in dem Mar⸗ morkorb ruhten. Wer könnte die unausſprechlich Adrianens ſchildern — das Erwachen einer ſo ſchönen und uſchen Seele in einem ſo keuſchen und ſchönen Körper! — Das Erwachen eines Herzens, welches ſo rein war, wie der friſche balſamiſche Athem der Jugend, welcher ſanft dieſen jungfräulichen Buſen hob, dieſen Buſen, ſo jungfräulich und weiß, wie der unbefleckte Schnee! Welcher Glaube, welches Dogma, welche Formel, welch religiöſes Symbol, o väter⸗ licher, o himmliſcher Schöpfer kann je ein lieblicheres Bild von deiner harmoniſchen und unausſprechlichen Macht geben, als eine Jungfrau, welche ſo in der ganzen Blüthe ihrer Schönheit, in der ganzen Anmuth der Scham, die du ihr verliehen haſt, erwacht und in ihrer träumenden Unſchuld das Geheimniß des himmliſchen Triebes der Liebe ſucht, welchen du ihr eingepflanzt haſt, wie allen Geſchöpfen, du, der du die ewige Liebe, die unendliche Güte biſt! *) Die verwirrten Gedanken, welche Adrianen ſeit ihrem Er⸗ wachen ſanft aufzuregen ſchienen, nahmen ſie immer mehr in Anſpruch. Ihr Haupt neigte ſich auf ihre Bruſt, ihr ſchöner Arm ſank auf ihr Lager, und ihre Züge nahmen einen Ausdruck zwar nicht von Traurigkeit aber von rührender Schwermuth an. Ihr lebhafteſter Wunſch war erfüllt. Sie ſollte von nun an für ſich und unabhängig leben. Aber dieß liebevolle, zarte, hingebende und wunderbar vollkommene Weſen fühlte, daß Gott ihm die reichſten Schätze nicht dazu verliehen hatte, um ſie in kalter ſelbſtſüchtiger Einſamkeit zu vergraben. Sie fühlte, welche herrliche ſchöne Geſü le die Liebe ihr einflößen konnte und Dem, welcher ihrer würdig wäre. Vertrauend e Heiterkeit des Erwachens 8 Goit! Wie wohl muß es thun, nach parole eine geſün Parvie zu leſen! eufzer des neberſetzers. Stoßſ ſolchen cacatissime — 151 — auf den Adel ihrer Geſinnung, ſtolz darauf, den andern Frauen ein Beiſpiel zu geben, und überzeugt, daß alle Augen mit Neid auf ihr ruhen würden, fühlte ſie ſich ihrer ſelbſt nur allzu ſicher. Weit entfernt von der Beſorgniß, übel zu wählen, fürchtete ſie nur, ſie möchte keine Auswahl finden für ihren geläuterten Geſchmack. Und hatte ſie auch ihr Ideal gefunden, ſo war ihre Anſicht über die Unabhängigkeit und Würde, welche das Weib dem Mann gegenüber zu be⸗ wahren habe, ſo eigen und doch ſo richtig, ſo außergewöhnlich und doch ſo vernünftig, und ſie war ſo feſt entſchloſſen, in dieſem Punkt nicht nachzugeben, daß ſie ſich die Frage auf⸗ warf, ob wohl je der Mann ihrer Wahl ſich die unerhörten Bedingungen, welche ſie ihm z ſtellen gedachte, gefallen laſſen würde. Indem ſie ſich der möglichen Freier erinnerte, welche ſie bisher in der vornehmen Welt geſehen, fiel ihr die leider nur allzu wahre Schilderung ein, welche Rodin mit beißendem Spott von den Heirathscandidaten gemacht hatte. Nicht ohne eine gewiſſe Selbſtgefälligkeit gedachte ſie der Aufmunterungen, welche dieſer Menſch ihr gegeben, ohne ihr zu ſchmeicheln, bloß rathend ein wirklich großes, edles, ſchönes Vorhaben ins Werk zu ſetzen. Der Verlauf ihrer Gedanken führte ſie bald auf Dſchalma. Obwohl ſie ſich ein Vergnügen daraus machte, gegen dieſen Verwandten von königlichem Geblüt die Pflichten einer königlichen Gaſtfreundſchaft zu erfüllen, ſo war ſie doch weit entfernt, aus dem Prinzen den Helden ihrer Zukunft zu machen. Erſtlich ſagte ſie ſich nicht ohne Grund, daß dieſer halb wilde Jüngling mit ungebändigten, wo nicht unbändigen, Leidenſchaften plötzlich in eine Welt verfeinerter Civiliſativn verſetzt, zu ſchweren Prüfungen, zu raſchen Umwandlungen beſtimmt ſey. Sie hatte in ihrem Weſen nichts männliches, nichts gebieteriſches, und ſie fühlte ſich nicht aufgelegt, dieſen jungen Wilden zu civiliſiren. Trotz der Theilnahme — oder vielmehr gerade in Folge der Theilnahme, welche ſie für den jungen Indier hegte, war ſie feſt entſchloſſen, ſich ihm vor zwei bis drei Monaten nicht zu erkennen zu geben. Und ferner war ſie entſchloſſen, den Prinzen nicht zu empfangen, wenn der Zufall ihn auf die Entdeckung brächte, daß ſie ſeine 7 6 — 152 — Verwandte ſey. Sie wünſchte ihn, wenn nicht zu prüfen, doch ihm völlige Freiheit zu laſſen, das erſte Feuer ſeiner guten oder ſchlechten Leidenſchaften herauszuſprühen. Doch wollte ſie ihn nicht ſchutzlos allen Gefahren des Pariſer Lebens preisgeben; und darum hatte ſie den Grafen von Montbron gebeten, den Prinzen in der beſten Geſellſchaft von Paris einzuführen, und ihm mit den Rathſchlägen ſeiner langen Erfahrung zur Hand zu gehen. Der Graf war dieſer Bitte des Fräuleins entgegenkommen mit der Verſicherung, daß er ſich ein Vergnügen daraus machen würde, ihren jungen Königstiger in die Salons loszulaſſen auf die Blüthe der ſchönen Herren und der zierlichen Damen von Paris, und ſich erboten, Alles was man wollte, für ſeinen wilden Mün⸗ del zu wetten. Adriana hakte darauf mit ihrer gewohnten Offenheit erwidert: „Was mich betrifft, ſo iſt mein Entſchluß unerſchütterlich. Sie ſelber haben mir geſagt, welchen Ein⸗ druck in der großen Welt die Erſcheinung des Prinzen Dſchalma machen würde, eines neunzehnjährigen Indiers von auffallen⸗ der Schönheit, ſtolz und wild wie ein junger Löwe, der aus ſeinem Wald kommt. Das iſt etwas neues, etwas außerge⸗ wöhnliches, meinen Sie. Und ich glaube, die civiliſtrenden Koketterien werden ihn mit einer Ergebenheit verfolgen, welche mich für ihn zittern laſſen. Nun kann es mir aber, ernſtlich geſprochen, nicht einfallen, mich zur Nebenbuhlerin ſo vieler ſchönen Damen aufzuwerfen, welche ſich unerſchrocken den Krallen Ihres jungen Tigers ausſetzen wollen. Ich nehme lebhaften Antheil an ihm, an Allem, was ihn betrifft, weil er mein Vetter, weil er ſchön, weil er tareer und vornehmlich, weil er nicht nach der ſcheußlichen europäiſchen Mode gekleidet iſt. Das ſind gewiß ſeltene Eigenſchaften, aber bis jetzt genügen ſie noch nicht, um mich zur Aenderung meines Entſchluſſes zu beſtimmen. Und dann hat der gute alte Philoſoph, mein neuer Freund, mir in Betreff des jungen Indiers einen Rath gegeben, den Sie, lieber Graf, obwohl Sie nicht Philoſoph ſind, gebilligt haben: nämlich ich ſoll eine Zeitlang Beſuche empfangen, aber keine machen. Dieß mird mir ſicher die uUnbeuemlichkeit erſparen, mit meinem königlichen Vetter zu⸗ ſammenzutreffen, und dann wird es mir verſtatten, eine ſtrenge X N 1 die eine Wange auf das Kopfkiſſen gedrückt, wie uiederge⸗ Stirn und klingelte ihren Mädchen. Auf den erſten Silber⸗ 138 — Auswahl zu treffen, ſelbſt unter meiner gewöhnlichen Geſell⸗ ſchaft. Da mein Haus zufriedenſtellend, meine Stellung ori⸗ ginell ſeyn wird, und da man vermuthen wird, daß alle mög⸗ lichen ſchlimmen Geheimniſſe bei mir auszuſpähen ſind, ſo wird es mir an rugetiſ Beſuchern und Beſucherinnen nicht fehlen, und dieß wird mir in der That viel Spaß machen.“ — Auf die Frage des Herrn von Montbron, ob die Verbannung des armen jungen indiſchen Tigers lange dauern würde, hatte Adriana geantwortet: „Indem ich faſt alle Perſonen des Kreiſes empfange, in welchen Sie ihn ein⸗ zuführen gedenken, werde ich es ſehr anziehend finden, über ihn verſchiedene Urtheile zu hören. Wenn gewiſſe Männer von ihm viel Gutes, gewiſſe Frauen viel Böſes ſagen, dann werd' ich gute Hoffnung faſſen. Mit einem Wort, die Mei⸗ nung, welche ich, das Wahre vom Falſchen ſcheidend, mir bilden werde, (und auf meinen Scharfblick dabei können Sie ſich verlaſſen) wird, je nachdem ſie ausfällt, das, was Sie die Verbannung meines königlichen Vetters nennen, verlän⸗ gern oder verkürzen. So waren noch die Abſichten Adriana's in Betreff Dſchal⸗ ma's an dieſem Tage, Sie war feſt entſchloſſen, ſich ihm vor einigen Monaten nicht zu erkennen zu geben. Nachdem das Fräulein von Cardoville an dieſem Morgen lange über die Möglichkeiten nachgedacht hatte, welche die Zukunft den Bedürfniſſen ihres Herzens bieten konnte, verfiel ſie von Neuem in eine tiefe Träumerei. Sie, dieß reizende, lebensvolle, jugendkräftige Geſchöpf, ſtieß einen leichten Seuf⸗ zer aus, ſtreckte ihre beiden Arme über ihren Kopf und blieb, ſchlagen liegen. Unbeweglich unter den weißen Geweben, die ſie umhüllten, glich ſie einem unter einer leichten Schneedecke halb ſichtbaren Marmorbild. Plöglich ſetzte ſie ſich auf, fuhr mit der Hand über die klang des Glöckchens öffneten ſich die beiden elfenbeinernen V. . 2 e Thüren. Auf der Schwelle des Ankleidezimmers erſchien Georgette, und hinter ihr ſchlüpfte mit freudigem Bellen die ſchwarz und roth gefleckte Lutine hervor. Auf der Schwelle des Badezimmers erſchien Hebe. 4 Im Hintergrund des Badezimmers, welches ſein Licht von oben empfing, gewahrte man auf einer Decke von grünem Corduan mit goldnen Röſen eine kryſtallene Badewanne in Form einer länglichen Muſchel. Die drei einzigen Näthe dieſes kühnen Meiſterwerks von Glasarbeit verſchwanden unter der zierlichen Krümmung mehrer großen ſilbernen Schilfrohre, die von dem breiten ſilbernen Fuß der Wanne emporſtiegen. Die Silberarbeit an dieſem Fuß ſtellte Kinder und Delphine vor, die zwiſchen Korallenäſten und blauen Muſcheln ſpielten. Die Wirkung, welche die rothen Aeſte und die ultramarin⸗ farbigen Muſcheln auf dem matten Grund des ciſelirten Silbers hervorbrachten, war vortrefflich. Aus der Kryſtall⸗ muſchel, die mit lauem; klarem, wohlriechendem Waſſer ge⸗ füllt war, erhob ſich ein balſamiſcher Dunſt und drang wie ein leichter Nebel in das Schlafgemach. Hebe trat zu ihrer Gebieterin mit einem langen Puder mantel auf dem einen ihrer nackten Arme. Adriana fragte ſie „Wo iſt denn Florine?“ „Fräulein,“ antwortete Hebe, „vor zwei Stunden iſt ſie hinunter gegangen. Sie iſt wegen einer ſehr dringenden Sache gerufen worden.“ „Und wer hat ſie gerufen?“ „Das Mädchen, welches für Sie ſchreibt. Es war dieſen Morgen früh ausgegangen, und bei ihrer Rückkunft rief ſie Florinen. Dieſe iſt ſeitdem nicht wieder gekommen.“ „Dieſe Abweſenheit hat ohne Zweifel ihren Grund in einem wichtigen Geſchäft meines engelguten Miniſters der Unterſtützung und milden Gaben,“ ſagte Adriana lächelnd und winkte ihrer Dienerin, an ihr Bett zu kommen. „Etwa zwei Stunden nach ihrem Aufſtehen und nachdem ſie ſich wie gewoͤhnlich mit ſeltener Zierlichkeit hatte ankleiden — — 155 — laſſen, ſchickte Adriana ihre Kammermädchen weg und ließ die Mayeur kommen, welche von ihr mit ausgezeichneter Hoch⸗ achtung behandelt und ſtets allein empfangen wurde. Die Nätherin trat eilenden Schrittes in das Zimmer. Ihr Ge⸗ ſicht war bleich und trug das Gepräge großer Aufregung. Mit zitternder Stimme rief ſie: „ eine Ahnung hat mich nicht betrogen! Sie ſind verrathen „Von welchen Ahnungen ſprechen Sie denn, liebes Kind?“ fragte Adriana verwundert. „Wer verräth mich?“ „Herr Rodin,“ antwortete die Mayeux. Siebentes Kapitel. Als das Fräulein von Cardoville die gegen Rodin erho⸗ bene Anklage hörte, ſah ſie die Mayeux mit neuem Erſtau⸗ nen an. Beor wir dieſen Auftritt weiter ſchildern, müſſen wir ſagen, daß die Mayeur ihre ärmlichen alten Kleider abgelegt hatte und ein ſchwarzes eben ſo einfaches als geſchmackvolles Ge⸗ wand trug. Dieſe düſtere Farbe ſchien zu beſagen, daß ſie auf alle Eitelkeit der Welt verzichtet hatte, daß ihr Herz ſtets trauerte, und daß ſie ſich dem ſchweren Dienſt der Unter⸗ ſtützung der Unglücklichen gewidmet hatte. Auf dieſem ſchwar⸗ zen Kleid trug ſie einen breiten Umlegkragen. Ein weißes Gazehäubchen mit grauen Bändern, unter welchem zwei Lagen ihrer braunen Haare hervortraten, umfaßte ihr blaſſes ſchwermüthiges Geſicht mit den ſanften blauen Augen. Ihre langen mageren Hände, welche durch Handſchuhe vor der Kälte geſchütt wurden, waren nicht mehr wie ſonſt roth und blau marmorirt, ſondern faſt durchſichtig weiß. Die verſtörten Züge der Mayeur drückten lebhafte Unruhe aus. Argna, aufs Aeußerſte überraſcht, rief: „Was ſa⸗ gen Sie 2 „Fräuleir räth Sie.“ „Er? — Das iſt unmöglich!“ „O Fräulein! meine Ahnungen hatten mich nicht getäuſcht.“ hre Ahnungen?“ ℳ antwortete die Mayeur, „Herr Rodin ver⸗ — 137 — „Das erſte Mal, als ich mich in der Nähe des Herrn Rodin befand, ward ich von einer unwiderſtehlichen Scheu ergriffen. Es war mir, als würde mir die Bruſt zuſam⸗ mengeſchnürt, und ich gerieth in Angſt — — für Sie, Fräulein.“ „Für mich?“ fragte Adriana. „Und warum ſind Sie für mich in Angſt gerathen, liebe Freundin?“ „Ich weiß es nicht, Fräulein. Aber dieß war mein erſtes Gefühl, und meine Angſt war ſo unüberwindlich, daß er trotz der Theilnahme, welche er für meine Schweſter bewies, mir immer Abſcheu eiuflößte.“ „Das iſt ſonderbar,“ ſagte Adriana. „Ich begreife ſo gut wie irgend jemand den faſt unwiderſtehlichen Einfluß von Sympathie und Antipathie; aber in dieſem Fall — — —. Doch laſſen wir dieſe Frage auf ſich beruhen. Wie hat ſich heut Ihr Argwohn in Gewißheit verwandelt?“ „Geſtern ging ich zu meiner Schweſter Cephiſe, um ihr die Unterſtützung zu bringen, welche mir Rodin für ſie im Namen einer mildthätigen Perſon gegeben. Ich traf meine Schweſter nicht bei ihrer Freundin, die ihr Unterkunft gewährt hat, und bat die Hüterin des Hauſes, ihr zu ſagen, ich würde dieſen Morgen wiederkommen. Dieſen Morgen bin ich hin⸗ gegangen. — Verzeihen Sie, Fräulein, daß ich Ihnen Dinge erwähne, von denen ich gern ſchwiege, wenn ſie nicht zur Sache gehörten.“ „Sprechen Sie, ſprechen Sie, liebe Freundin.“ „Das Mädchen, welches meiner Schweſter Unterkunft ge⸗ geben,“ fuhr die Mayeur verlegen erröthend und mit nieder⸗ geſchlagenen Augen fort, „dieß Mädchen führt nicht eben — — den regelmäßigſten Lebenswandel. Ein Mann Namens Dumoulin, mit dem ſie Luſtpartieen macht, hat ihr den wahren Namen des Herrn Rodin geſagt, der ſich in jenem Haus, wo er ein Abſteigquartier hat, Herr Charlemagne nennen ließ.“ 2 „Das hat er uns ja bei Doctor Baleinier geſagt,“ be⸗ merkte Adriana. „Vorgeſtern iſt er wieder auf mſtand — zurückgekommen und hat mir auseinandergeſetzt, aus welchen Gründen er in jenem abgelegenen Quartier jene beſcheidene Wohnung habe. Ich kann ſeine Gründe nur billigen.“ „Was ſagen Sie aber dazu, Fräulein, daß Herr Rodin geſtern den Herrn Abbé Aigrigny bei ſich empfangen hat?“ „Den Abbé Aigrigny?“ wiederholte Adriana. „Ja, Fräulein. Er iſt zwei Stunden mit ihm eingeſchloſſen geblieben.“ „Liebes Kind, man hat Sie getäuſcht.“ „Hören Sie, Fräulein, was ich erfahren habe. Der Abbé Aigrigny war am Morgen gekommen, um den Herrn Rodin zu beſuchen. Er traf ihn nicht und ließ der Haushüterin ein Zettelchen zurück, auf welchem ſein Name ſtand und die Worte In zwei Stunden komm' ich wieder Das Mädchen, welches ich Ihnen erwähnt habe, hat den Zettel geſehen. Da Alles bei dem Herrn Rodin ſehr geheimnißvoll zu ſeyn ſcheint, ſo fühlte ſich jenes Mädchen durch die Neu⸗ gier getrieben, bei der Haushüterin zu warten, um den Abbé kommen zu ſehen. Und wirklich iſt er zwei Stunden nachher gekommen und hat den Herrn Rodin zu Hauſe getroffen.“ „Nein! nein!“ rief Adriana bebend. „Das iſt unmöglich. Hier muß ein Irrthum obwalten.“ „Ich glaube es nicht, Fräulein. Da ich wußte, wie be⸗ deutſam dieſe Entdeckuug war, ſo bat ich das Mädchen, mir den Abbé zu beſchreiben.“ „Nun?“ „Der Abbé Aigrigny, ſagte ſie mir, iſt ein Mann von etwa vierzig Jahren, hoch und ſchlank gewachſen, einfach aber ſorgfältig gekleidet. Seine Augen ſind grau, groß und haben einen durchdringenden Blick; ſeine Brauen ſind ſtark, ſeine Haare kaſtanienbraun, ſein Geſicht iſt vollſtändig raſirt und ſeine Haltung drückt Entſchiedenheit aus.“ „Die Beſchreibung trifft zu.“ „Richtig,“ ſagte Adriana, kaum ihren 6* ———,,, Üů·˙ ů“ Ü˖FÜ%⅓ܾ — 159 — 1 „Da es mir darum zu thun war, ſo viel wie möglich zu erfahren, ſo fragte ich die Haushüterin, ob ihr Herr Rodin und der Abbé Aigrigny auf einander erzürnt zu ſeyn ge⸗ * ſchienen hätten, als ſie dieſelben zum Hauſe hinaus habe gehen ſehen. Sie antwortete, nein. Der Abbé habe an der Hausthür im Weggehn zu Herrn Rodin geſagt: „Alſo es bleibt dabei, morgen ſchreib' ich Ihnen.“ „Träum' ich denn?“ ſagte Adriana, mit beiden Händen wie betäubt über die Stirn fahrend. „An Ihren Worten, armes Kind, kann ich nicht zweifeln; und doch hat Herr Ro⸗ din ſelber Sie in dieß Haus geſchickt, um Ihrer Schweſter eine Unterſtützung zu bringen. Er hätte ſich demnach der Unbequemlichkeit ausgeſetzt, ſeine geheimen Zuſammenkünfte mit dem Abbé Aigrigny von Ihnen endeckt zu ſehen. Von einem Verräther wäre das ſehr ungeſchickt.“ „Ich habe denſelben Gedanken gehabt. Und doch iſt mir das Zuſammentreffen dieſer beiden Menſchen ſo bedrohlich für Sie vorgekommen, daß ich voll Schrecken hierher zurückge⸗ kommen bin.“ 3 Redliche Gemüther verſtehen ſich ungern dazu, an Verrath zu glauben. Je ſchändlicher ein Verrath iſt, deſto mehr zwei⸗ feln ſie daran. Zu dieſen Gemüthern gehörte Adriana. Ihr Gradſinn ließ ſie leicht unverfängliche Erklärungen für be⸗ denkliche Dinge finden. „Liebe Freundin,“ ſagte ſie, „wir müſſen nicht ohne Noth erſchrecken, wir dürfen nicht übereilt an Böſes glauben. Wir müſſen beide ſuchen, durch vernünf⸗ tiges Nachdenken uns Licht zu verſchaffen. Erinnern wir uns deſſen, was vorgefallen iſt. Herr Rodin hat mir die Thüreu des Hauſes von Doctor Baleinier geöffnet. In meiner Ge⸗ genwart hat er eine Klage gegen den Abbé Aigrigny erhoben. Durch ſeine Drohungen hat er die Oberin des Kloſters ge⸗ nöthigt, ihm die Töchter des Marſchalls Simon herauszu⸗ geben. Es iſt ihm gelungen, zu entdecken, wo der Prinz Dſchalma verſteckt war. In Betreff dieſes meines Verwandten hat er treulich meine Abſichten erfüllt. Geſtern noch hat er mir die nützlichſen Rathſchläge gegeben. Das Alles iſt doch wohl kein Trätm?“ 7 — — „Gewiß nicht, Fräulein.“ „Wir wollen nun das Schlimmſte denken und dem Herrn Rodin eine heimliche Abſicht zuſchreiben, die Hoffnung, reich⸗ lich von uns belohnt zu werden. Aber bis jetzt iſt ſein Ver⸗ fahren völlig uneigennützig geweſen. „Auch das iſt wahr,“ erwiderte die arme Mayeur, welche augenſcheinliche Thatſachen nicht umſtoßen konnte. „Prüfen wir nun die Möglichkeit eines Verrathes,“ fuhr Adriana fort. „Rodin ſollte ſich mit Aigrigny verbinden, um mich zu verrathen? Mich zu verrathen! Wo? Wie? In welcher Beziehung? Was habe ich zu fürchten? Sind nicht im Gegentheil der Abbé Aigrigny und die Fürſtin von St. Dizier in der ſchlimmen Lage, vor Gericht Rechenſchaft en zu müſſen für die mir zugefügte Unbill?“ „Aber, Fräulein, wie ſoll man ſich denn das Zufammen⸗ treffen der zwei Menſchen erklären, die ſo viele Gründe haben, ſich einander aus dem Weg zu gehen? Sollte dahinter nicht ein unheilvoller Plan verborgen ſeyn? Und dann denke ich nicht allein ſo.“ „Wie ſo?“ fragte Adriana. „Als ich dieſen Morgen zurückkam, ſah ich ſo angegriffen aus, daß Florine mich fragte, was mir fehle. Ich weiß, Fräulein, welche Anhänglichkeit das Mädchen für Sie hat —“ „Es iſt unmöglich, größere Ergebenheit zu denken, als ſie für mich hegt,“ bemerkte Adriana. „Erſt kürzlich noch haben Sie ſelbſt mir berichtet, welchen ausgezeichneten Dienſt ſie mir während meiner Einſperrung im Hauſe des Doctor Ba⸗ leinier geleiſtet hat.“ „Alſo dieſen Morgen, Fräulein, als ich zurückgekommen war, hielt ich es für nöthig, Sie ſo ſchnell wie möglich be⸗ nachrichtigen zu laſſen, und erzählte Florinen die ganze Sache. Wie ich, vielleicht noch mehr als ich, war ſie über die An⸗ näherung zwiſchen Rodin und Aigrigny erſchrocken. Sie be⸗ ſann ſich einen Augenblick und ſagte: Ich glaube, wir brau⸗ chen das Fräulein nicht zu wecken. Ob ſie dieſen Verrath ———— — 161 zwei oder drei Stunden früher oder ſpäter erfährt, iſt einer⸗ lei. Während dieſen drei Stunden kann ich vielleicht etwas entdecken. Ich habe einen Gedanken, den ich für gut halte. Entſchuldigen Sie mich bei dem Fräulein, ich komme bald wieder. Hierauf hat ſie einen Wagen genommen, und iſt weggefahren.“ „Florine iſt ein treffliches Mädchen,“ ſagte Adriana lächelnd und völlig beruhigt; „aber ich glaube, in dieſem Fall hat ihr Eifer und ihr gutes Herz ſie irre geführt, wie Sie, liebe Freundin. Wir beide hier ſind wirklich rechte Närrinnen, daß wir nicht an eine Sache gedacht haben, welche uns auf der Stelle beruhigt haben würde.“ . „Was meinen Sie, Fräulein?“ „Der Abbé Aigrigny fürchtet gegenwärtig ſehr den Herrn Rodin. Er wird ihn in ſeinem Abſteigquartier aufgeſucht haben, um ihn um Gnade zu bitten. Finden Sie nicht, daß dieſe Erklärung genügend oder vielmehr die einzig vernünf⸗ tige iſt?“ Die Mayeur beſann ſich einen Augenblick und antwortete „Vielleicht. — — — Ja, es iſt wahrſcheinlich.“ Si be⸗ ſann ſich abermals, und als ob ſie einer Ueberzeugung folgte, über welche kein Gegengrund etwas vermochte, ſagte ſie leb⸗ haft „Und doch, — nein! Glauben Sie mir, Fräulein, Sie ſind betrogen, ich fühle es. Der Schein ſpricht wider meine Behauptung; aber meine Ahnungen ſind zu lebhaft, als daß ſie nicht wahr ſeyn ſollten. Sie errathen zu gut die geheim⸗ ſten Neigungen meines Herzens, als daß ich nicht meinerſeits die Gefahren errathen ſollte, welche Sie bedrohen.“ „Was heißt das?“ fragte Adriana, ergriffen von dem Ton der Ueberzeugung und Beſorgniß, in welchem die Mayeur ſprach: „Was habe ich errathen?“ „Fräulein,“ fuhr die ehemalige Nätherin fort, „Sie haben die ſcheue Empfindlichkeit eines unglücklichen Geſchöpfs er⸗ rathen, welchem das Schickſal ein ganz beſonderes Leben be⸗ ſchieden hat. Wenn ich bis jetzt geſchwiegen habe, ſo iſt es nicht etwa geſchehen, weil ich nicht gewußt hätte, was ich Ihnen ſchuldig bin. Wer, Fräulein, hat Ihnen geſagt, daß das einzige Mittel, mich zur Annahme Ihrer Wohlthaten zu beſtimmen, darin beſtünde, an dieſelben Dienſtleiſtungen zu knüpfen, welche mich fähig machten, das Unglück, welches ich ſo lange getheilt habe, lindern zu helfen? Als Sie mich an Ihren Tiſch nehmen wollten in der Eigenſchaft Ihrer Freundin, mich, die arme Nätherin, um in mir den Fleiß, die Ergebung und die Rechtſchaffenheit zu verherrlichen, und als ich Ihnen mit Thränen des Danks und mit einer Wei⸗ gerung antwortete; wer hat Ihnen da geſagt, daß der Grund dieſer Weigerung nicht eine falſche Beſcheidenheit war, ſon⸗ dern das Bewußtſeyn meiner Mißgeſtalt? Wer hat Ihnen geſagt, daß ich außerdem mit Selbſtgefühl Ihr Erbieten an⸗ genommen haben würde im Namen meiner Schweſtern ge⸗ ringen Standes? Daß Sie es wußten, beweiſt Ihre rührende Antwort: Ich begreife Ihre Weigerung, liebe Freundin. Dieſelbe geht nicht aus einer falſchen Beſcheidenheit hervor, ſondern aus einer Selbſt⸗ achtung, die ich liebe und werthſchätze. — Wer hat Ihnen ferner geſagt, daß ich mich überglücklich ſchätzen würde, in dieſer Prachtwohnung, deren Glanz mich blendet, ein ein⸗ ſames Ruheplätzchen zu finden? Wer hat Ihnen das geſagt, daß Sie die Güte gehabt haben, für mich die viel zu ſchöne Wohnung auszuſuchen, welche Sie mir angewieſen haben? Wer hat Ihnen geſagt, daß ich ohne Neid über die Schön⸗ heit Ihrer Dienerinnen, die ich vielmehr liebe, weil dieſelben Sie lieben, mich doch in ihrer Gegenwart verlegen und be⸗ ſchämt fühlen würde? Wer hat Ihnen das geſagt, daß Sie ſtets bedacht geweſen ſind, dieſelben zu entfernen, wenn Sie mich zu ſich rufen? Kurz, wer hat Ihnen die ganze peinliche geheime Empfindlichkeit einer ſo außergewöhnlichen Lage, wie die meinige iſt, offenbart? Ohne Zweifel Gott, der in ſeiner Unendlichkeit für die Schöpfung von Welten ſorgt und ſich zugleich väterlich um das kleine Inſekt im Gras bekümmert. Soll nicht die Dankbarkeit eines Herzens, welches Sie ſo gut errathen, ſich ihrerſeits erheben zum Errathen deſſen, was Ihnen ſchaden kann? Nein, Fräulein Die Elnen haben den Trieb der Selbſterhaltung; Andere, Glücklichere, haber 6 den Trieb der Erhaltung Derer, welche ſie lieben. Dieſen Trieb hat Gott mir gegeben. Ich ſage Ihnen: Sie ſind ver⸗ rathen!“ Die Augen der Mayeux funkelten und ihre Wangen waren leicht geröthet. Sie ſprach die letzten Worte mit ſolchem Nachdruck und begleitete ſie mit einer ſo entſchiedenen Ge⸗ bärde, daß Adriana, ſchon wankend gemacht durch ihre be⸗ geiſterten Worte, ihre Beſorgniſſe zu theilen anfing. Früher ſchon hatte ſie Gelegenheit gehabt, den Verſtand des armen Mädchens kennen zu lernen; aber mit ſolcher Beredtſamkeit hatte ſie es noch nie ſprechen hören. Dieſe rührende, dem Herzen entſtrömende Beredtſamkeit verſtärkte den Eindruck, den die zuverſichtliche Behauptung der Mayeur auf das Fräu⸗ lein machte. In dem Augenblick wo Adriana ihrer treuen Freundin ant⸗ worten wollte, klopfte es an der Thür des Gemachs, in wel⸗ chem ſich beide befanden Florine trat ein mit dem Ausdruck der Beſorgniß auf dem Geſicht. „Nun, Florine?“ fragte das Fräulein. „Was gibts Neues? Wo kommſt Du her?“ „Aus dem Hotel St. Dizier.“ „Was haſt Du dort zu thun gehabt?“ fragte Pdriana verwundert. „Dieſen Morgen; antwortete Florine, auf die Mayeur deutend, „hat die Mamſell mir ihren Argwohn und ihre Un⸗ ruhe offenbart. Ich habe gleichfalls Argwohn und Unruhe empfunden. Der Beſuch des Herrn Abbé Aigrigny bei dem Herrn Rodin kam mir ſchon bedeutſam vor, und nun dachte ich, wenn Herr Rodin ſich in den letzten Tagen im Hotel St. Dizier hätte ſehen laſſen, dann könnte an ſeiner Ver⸗ rätherei nicht ferner gezweifelt werden.“ „Du haſt Recht,“ ſagte Adriana. „Nun weiter?“ „Ich habe von Ihnen den Auftrag gehabt, bei dem Aus zug aus dem Pavillon die Aufſicht zu führen. Es ſind noch einige Sachen dort. Ich hatte alſo einen Vorwand hinzu⸗ gehen, und da nur Frau Grivvis mir aufmachen konnte, ſo war es natürlich, daß ich in das große Hotel ging.“ Florine hielt einen Augenblick inne. „Weiter, Florine! weiter!“ ſagte Adriana ungeduldig. „Ich bemühte mich,“ fuhr die Kammerjungfer fort, „die Frau Grivois dahin zu bringen, daß ſie von Herrn Rodin ſpräche; aber vergebens.“ „Sie traut Ihnen nicht,“ unterbrach die Mayeux. „Das war zu erwarten.“ „Ich fragte ſie,“ fuhr Florine fort, „ob Herr Rodin ſich ſeit einiger Zeit im Hotel habe ſehen laſſen. Sie antwortete ausweichend. Ich gab die Hoffnung auf, etwas zu erfahren und ging von der Frau Grivois weg. Damit mein Beſuch keinen Argwohn erregte, nahm ich meinen Weg nach dem Pavillon. Beim Umbiegen um das Ende eines Baumgangs erblickte ich einige Schritte vor mir in der Richtung nach der kleinen Gartenthür — — Herrn Rodin, welcher ohne Zweifel glaubte, auf dieſem Weg ungeſehen hinausgehen zu können.“ „Hören Sie, Fräulein?“ ſagte die Mayeur, mit bittender Miene die Hände zuſammenſchlagend. Er bei der Fürſtin von St. Dizier?“ rief Adriana, und ihr“ ſonſt ſo ſanfter Blick glühte plötzlich vor Unwillen. „Weiter, Florine,“ ſagte ſie mit bewegter Stimme. Florine fuhr fort: „Beim Anblick des Herrn Rodin blieb ich ſtehen, wich zurück, ſchlich unbemerkt nach dem Povillon und ſchlüpfte in die kleine Vorhalle nach der Straße zu, deren Fenſter dicht neben der Gartenthür ſind. Ich ſah durch eins derſelben, ohne den Jalouſieladen zu öffnen, und bemerkte eine Droſchke. Einige Augenblicke ſpäter ſtieg Herr Rodin in dieſe Droſchke und ſagte zu dem Kutſcher: Blan⸗ cheſtraße Nro. 39.“ „Da wohnt der Prinz!“ rief Abriana. —.————— — 165 — „Ja, Fräulein,“ ſagte Florine. Adriana beſann ſich einen Augenblick und ſagte: „In der That, es war abgeſprochen, daß Herr Rodin ihn heut beſuchen ſollte.“ „Wenn er Sie verräth, Fräulein,“ bemerkte Florine, „ſo iſt nicht zu zweifeln, daß er auch den Prinzen verräth. Und dieſer wird viel leichter als Sie ſeine Beute werden.“ „Schändlich! ſchändlich! ſchändlich!“ rief Adriana mit dem Ausdruck des Schmerzes und Zorns auf dem Geſicht. „Ein ſolcher Verrath! — — Da müßte man an Allem zweifeln — — — — Da müßte man an ſich ſelber zweifeln!“ „Nicht wahr, Fräulein, das iſt entſetzlich?“ ſagte die Mayeur ſchaudernd. „Aber warum hat er mich gerettet? — und die Meinigen? Warum hat er den Abbé Aigrigny verklagt? Es iſt um den Verſtand zu verlieren! O, der Zweifel iſt etwas Entſetz⸗ liches!“ Florine warf einen Blick der Rührung und Ergebenheit auf das Fräulein und fuhr fort: „Auſ dem Rückweg hierher habe ich über ein Mittel nachgedacht, welches Ihnen möglich machte, ſich Gewißheit zu verſchaffen. Aber es wäre dann keine Minute zu verlieren.“ „Was meinſt Du?“ fragte Adriana geſpannt. „Herr Rodin wird bald mit dem Prinzen allein ſn“ „Ohne Zweifel.“ „Der Prinz hält ſich immer in dem kleinen Saal auf, der mit dem Gewächshaus in Verbindung ſteht. Dort wird er den Herrn Rodin empfangen.“ „Weiter?“ „Dieß Gewächshaus, welches ich nach Ihren Befehlen habe einrichten laſſen, hat ſeinen einzigen Ausgang durch eine auf ein Gäßchen gehende kleine Thür. Dort geht jeden Morgen der Gärtner hinein, um nicht den Weg durch die Gemächer — — 166 — zu nehmen; und wenn er ſein Geſchäft verrichtet hat, kommt er den ganzen Tag nicht wieder.“ „Was willſt Du denn damit ſagen?“ fragte Adriana mit zunehmender Verwunderung. „Die Gewächſe,“ fuhr Florine fort, „ſind ſo gruppirt, daß ich glaube, man könnte, ſelbſt wenn der Vorhang hinter dem Spiegelglas aufgezogen iſt, ungeſehen ſo nahe hinzukommen, daß man hörte, was in dem Saal geſprochen wird. In die⸗ ſen Tagen, als ich die Anordnung beaufſichtigte, bin ich im⸗ mer durch die Thür des Gewächshauſes hineingegangen. Der Gärtner hat einen Schlüſſel, und ich habe auch einen. Glück⸗ licher Weiſe habe ich ihm den meinigen noch nicht übergeben. Ehe eine Stunde vergeht, können Sie wiſſen, woran Sie mit Rodin ſind; denn wenn er den Prinzen verräth, ſo verräth er auch Sie.“ 3 „Was meinſt Du?“ rief Adriana. „Sie fahren augenblicklich mit mir hin. Kommen wir an die Thür in dem Gäßchen, dann gehe ich vorſichtig in das Gewächshaus, und wenn ich die Gelegenheit günſtig finde, komm ich zurück — —“ „Spioniren?“ unterbrach das Fräulein in wegwerfendem Ton. „Wo denkſt Du hin?“ Florine ſchlug verwirrt und betrübt die Augen nieder und ſahtg „Verzeihen Sie, Fräulein. Sie haben Verdacht. Ihn e oder zu beſeitigen ſchien mir dieß das einzige Mittel.“ „Sich zum Belauſchen eines Geſprächs zu erniedrigen! Niemals!“ Die Mayeur, welche ſeit einiger Zeit ſtill zugehört und überlegt hatte, nahm jetzt das Wort. „Fräulein, erlauben Sie mir zu ſagen, Florine hat Recht. Das Mittel iſt wider⸗ wärtig, aber es iſt das einzige, um Ihnen vielleicht für immer eine feſte Meinung über Herrn Rodin zu geben. Trotz den klar vorliegenden Thatſachen, trotz der Beſtimmtheit, mit welcher meine Ahnungen ſich mir aufdrängen, kann doch der 6 Schein täuſchen. Ich habe zuerſt Herrn Rodin bei Ihnen angeklagt. In weinem Leben würde ich es mir nicht ver⸗ zeihen, ihn mit Unrecht angeklagt zu haben. Ohne Zweifel iſt es, wie Sie ſagen, widerwärtig, zu ſpähen, ein Geſpräch zu belauſchen — — —.“ Thränen der Scham traten ihr in die Augen und mit Anſtrengung fuhr ſie nach einer Pauſe fort: „Indeß, da es hier gilt, Sie zu retten — denn wenn ein Verrath im Spiel iſt, droht die Zukunft Gefahr — ſo will ich, wenn Sie es erlauben — — an Ihrer Stelle hin⸗ gehen, — — um — — —“ „Kein Wort weiter!“ unterbrach Adriana. „Ich ſollte Sie, arme Freundin, bloß für mich etwas thun laſſen, was mir erniedrigend ſcheint? Nein! — Florine, gehe hin und bitte Herrn Bonneville, er möge augenblicklich meinen Wagen an⸗ ſpannen laſſen.“ „Sie wollen es alſo?“ rief Florine, freudig die Hände zuſammenſchlagend, während ihr Thränen in die Augen traten. „Ja, ich will es,“ erwiderte Adriana mit bewegter Stimme. „Wenn das ein Krieg, ein erbitterter Krieg iſt, den man gegen mich führen will, ſo muß ich darauf vorbereitet ſeyn. Es wäre Schwäche und Dummheit, nicht auf ſeiner Hut zu ſeyn. Dieſer Schritt iſt mir zuwider und koſtet mich Ueberwindung. Aber er iſt das einzige Mittel, um des Argwohns los zu werden, welcher für mich eine ewige Qual ſeyn würde. Un zugleich iſt er vielleicht das Mittel, großem Unheil vorzt beugen. Zudem kann das Geſpräch zwiſchen Herrn Rodin und Dſchalmasfür mich doppelt entſcheidend werden, um mich zu beſtimmen, dem Herrn Rodin entweder mein Vertrauen oder meinen unverſöhnlichen Haß zuzuwenden. Alſo ge⸗ ſchwind, Florine! Einen Mantel, einen Hut und meinen Wagen. Du begleiteſt mich Sie, liebe Freundin, erwarten mich hier.“ Eine halbe Stunde nach dieſem Geſpräch hielt, wie früher geſagt worden iſt, die Kutſche des Fräuleins von Cardovi — 168 — an der kleinen Thür des Gartens hinter dem Haus in der Blancheſtraße. Florine trat in das Gewächshaus. Nach einigen Augen⸗ blicken kam ſie zurück und ſagte: „Fräulein, der Vorhang iſt heruntergelaſſen. Eben iſt Herr Rodin in das Gemach des Prinzen eingetreten.“ Adriana ſtieg aus, ging in das Gewächshaus und war un⸗ geſehen Zeuge des Geſprächs zwiſchen Rodin und Dſchalma. ———,— — 169 — Achtes Kapitel. B Etliche Augenblicke zuvor, als Adriana in das Gewächs⸗ haus trat, war Rodin von Faringhea bei Dſchalma einge⸗ führt worden. Der Prinz befand ſich noch in der leiden⸗ ſchaftlichen Aufregung, in welche ihn die Worte des Meſtizen verſetzt hatten, und ſchien die Ankunft des Jeſuiten nicht zu bemerken. Rodin, überraſcht durch die auf Dſchalma's Geſicht bemerk⸗ bare Aufregung, welche ihm faſt das Anſehen eines Raſenden gab, ſah den Meſtizen mit einem fragenden Blicke an. Fa⸗ ringhea gab verſtohlener Weiſe folgende ſtumme Antwort. Er legte den Zeigefinger auf ſein Herz, dann auf ſeine Stirn und deutete endlich auf das Feuer im Kamin. Dieß ſollte beſagen: Kopf und Herz Dſchalma's glühen. Ein kaum merkliches Lächeln der Zufriedenheit auf ſeinen farbloſen Lippen verrieth, daß Rodin die Zeichenſprache ve ſtanden hatte. Er ſagte laut zu Faringhea; „Ich winſche mit dem Prinzen allein zu ſeyn. Laſſen Sie den Vorhang herunter und ſorgen Sie, daß wir nicht geſtört werden.“ Der Meſtize verbeugte ſich und berührte eine Springfeder neben dem Spiegelglas. Dieß ſchob ſich in die Wand, und zugleich fiel der Vorhang. Faringhea verbeugte ſich von Neuem und verließ das Gemach. Unmittelbar nach ſeiner Entfernung traten Adriana und Florine in das Gewächs⸗ haus. Dieß war demnach von dem Zimmer Dſchalmas nur noch durch den Vorhang von weißer Seide mit eingeſtickten 5 bunten Vögeln getrennt. * v. 42 — — 20 Das Geräuſch, welches Faringhea machte, indem er zur Thür hinausging und dieſe verſchloß, ſchien den Prinzen aus ſeiner Träumerei aufzuwecken. Seine Züge waren noch ein wenig belebt, hatten jedoch ihren gewöhnlichen Ausdruck von Ruhe und Sanftheit wieder angenommen. Er fuhr zuſam⸗ men, ſtrich mit der Hand über die Stirn und ſah umher, als ob er aus einem Traum erwachte. Dann ging er mit achtungs⸗ voller und etwas beſchämter Miene auf Rodin zu und ſagte: „Verzeihen Sie, Vater.“ Der Sitte ſeines Landes gemäß nannte er den bejahrten Rodin Vater, und mit der von dieſer Sitte gebotenen Ehrerbietung gegen alte Leute, ergriff er die Hand Rodin's und wollte ſie küſſen. Der Jeſuit zog ſeine Hand zu⸗ rück und fragte: „Weßhalb bitten Sie mich um Ver⸗ zeihung?“ „Als Sie hereinkamen, träumte ich,“ antwortete der junge Mann. „Ich bin nicht ſogleich Ihnen entgegen gegangen. Nochmals, verzeihen Sie.“ „Ich verzeihe Ihnen nochmals,“ ſagte Rodin. „Aber wir wollen plaudern, wenn es Ihnen gefällt. Setzen Sie ſich wieder auf das Sofa und nehmen Sie, wenn Sie Luſt haben, Ihre Pfeife wieder zur Hand.“ Anſtatt der Aufforderung Rodin's zu folgen und ſich auf den Divan auszuſtrecken, ſetzte ſich Dſchalma auf einen Seſſel trotz dem Zureden des alten Mannes mit dem guten Herzen. „Es iſt mir recht leid, daß Sie ſolche Umſtände machen,“ ſagte Rodin. „Sie ſind hier zu Hanſe, in Indien; wenigſtens wünſchen wir, daß Sie ſich einbilden, dort zu ſeyn.“ „Viele Dinge erinnern mich hier an meine Heimath,“ er⸗ widerte Dſchalma mit ſanfter, ernſter Stimme. Ihre Güte erinnert mich an meinen Vater und an den, welcher Vaters⸗ ſtelle bei mir vertreten hat.“ Unter letzterem verſtand der junge Mann den Marſchall Simon, deſſen Ankunft man aus guten Gründen vor ihm geheim hielt. Er ſchwieg einen —— — — Augenblick, reichte dem Jeſuiten die Hand und ſagte im herz⸗ lichen Ton: „Sie ſind hier. Ich bin glücklich.“ „Ich begreife Ihre Freude, werther Prinz. Ich komme, Sie Ihrer Haft zu entlaſſen, Ihren Käfig zu öffnen. Ich hatte Sie gebeten, ſich dieſer kleinen Einſperrung zu Ihrem eignen Beſten zu unterwerfen.“ „Alſo morgen kann ich ausgehen?“ „Heute ſchon, lieber Prinz.“ Der junge Mann überlegte einen Augenblick und ſagte: „Ich habe Freunde, denn ich bin hier in dieſem Palaſt, der nicht mir gehört.“ „Allerdings,“ antwortete Rodin. „Sie haben Freunde, vortreffliche Freunde.“ Bei dieſen Worten ſchien ſich das Geſicht Dſchalma's noch zu verſchönern. Die edelſten Empfindungen malten ſich auf feinen beweglichen Zügen. Seine großen ſchwarzen Augen wurden ein wenig feucht. Nach einer Pauſe ſtand er auf und ſagte mit bewegter Stimme zu Rodin „Kommen Sie!“ „Wohin, lieber Prinz?“ fragte der Jeſuit verwundert. „Meinen Freunden danken. Ich habe drei Tage damit ge⸗ wartet. Das iſt lange.“ „Erlauben Sie, lieber Prinz, erlauben Sie. In dieſer Beziehung habe ich Ihnen allerlei mitzutheilen. Nehmen Sie gefälligſt wieder Platz.“ „Dſchalma ſetzte ſich gehorſam wieder auf ſeinen Seſſel, und Rodin fuhr fört: „Es iſt wahr, Sie haben Freunde, oder vielmehr Sie haben einen Freund. Die Freunde ſind ſelten.“ 3 „Und Sie?“ fragte Dſchalma. „Allerdings. Sie haben alſo zwei Freunde, werther Prinz mich, den Sie kennen, und einen andern, welchen Sie nicht kennen, und welcher Ihnen unbekannt zu bleiben wünſcht.“ „Warum?“ fragte Dſchalma. 12 „Warum?“ wiederholte Rodin verlegen. „Weil das Glück, welches er empfindet, indem er Ihnen Beweiſe ſeiner Freund⸗ ſchaft gibt, und weil ſeine eigne Ruhe — — nur mit dieſem Geheimniß bewahrt werden können.“ „Warum ſoll man ſich verbergen, wenn man Gutes thut?“ „Zuweilen, um das Gute zu verbergen, welches man thut.“ „Ich mache Gebrauch von dieſer Freundſchaft. Warum verbirgt man ſich vor mir?“ Die wiederholten Warum des Indiers ſchienen den Je⸗ ſuiten aus der Faſſung zu bringen. Nach einer Pauſe ant⸗ wortete er: „Ich habe es Ihnen ja geſagt, Ihr geheimer Freund würde vielleicht ſeine Ruhe in Gefahr ſehen, wenn er bekannt wäre.“ „Wenn er als mein Freund bekannt wäre?“ 1 „Allerdings.“ Die Züge Dſchalma's nahmen einen Ausdruck von Würde und Schmerz an. Er erhob ſtolz den Kopf und ſagte in ſtrengem Ton: „Wenn dieſer Freund ſich verbirgt, ſo muß er ſich meiner oder ich muß mich ſeiner ſchämen. Ich nehme Gaſtfreundſchaft nur von Leuten an, deren ich würdig bin und die meiner würdig ſind. Ich verlaſſe dieß Haus.“ Mit dieſen Worten ſtand er entſchloſſen auf. „Hören Sie mich doch an, lieber Prinz!“ rief Rodin. „Nehmen Sie mir es nicht übel. Sie ſind über alle Maßen eigenwillig und empfindlich. Wir haben uns zwar bemüht, 6 Sie in Gedanken in Ihr ſchönes Vaterland zu verſetzen; nichts deſto weniger ſind wir hier in Europa, in Frankreich, in Paris. Der Gedanke hieran muß Ihre Weiſe, die Dinge zu betrachten, ein wenig ändern. Ich beſchwöre Sie, hören Sie mich an.“ Obwohl Dſchalma von gewiſſen Gewohnheiten der Schick⸗ lichkeit durchaus nichts wußte, ſo hatte er doch zu viel geſun⸗ den Verſtand und geraden Sinn, um nicht auf Gründe zu hören, wenn ſie ihm vernünftig ſchienen. Die Worte Rodins beruhigten ihn. Mit der Beſcheidenheit, welche kräftigen, edlen Naturen faſt immer eigen iſt, erwiderte er ſanft: „Vater, Sie haben Recht. Ich bin nicht mehr in meiner Heimath. Die Gewohnheiten ſind hier anders. Ich will mir die Sache überlegen.“ Trotz ſeiner Liſt und Gewandtheit ſah ſich Rodin zuweilen in ſeinem wohlberechneten Gang geſtört durch die wilden Sprünge und die unerwarteten Einfälle des Indiers. Er war nicht wenig überraſcht, als Dſchalma nach einigem Beſinnen in ruhigem, feſten Tone fortfuhr: „Ich habe Ihnen gehorcht, Vater. Ich habe mir die Sache überlegt.“ „Nun, werther Prinz?“ fragte Rodin geſpannt. „In keinem Lande der Welt, unter keinem Vorwand darf ein Ehrenmann, der Freundſchaft für einen andern Ehren⸗ mann hegt, aus derſelben ein Geheimniß machen.“ „Aber wenn die Offenbarung dieſer Freundſchaft für ihn gefährlich wäre?“ wandte Rodin ein, beunruhigt durch die Wendung, welche das Geſpräch nahm.“ Dſchalma betrachtete den Jeſuiten mit verachtendem Stau⸗ nen und antwortete nicht. „Ich begreife Ihr Schweigen,“ fuhr Rodin fort. „Ein beherzter Mann muß der Gefahr trotzen. Gut. Aber wenn die Gefahr Sie bedrohte, im Fall daß dieſe Freundſchaft entdeckt würde, wäre dann der Ehrenmann nicht zu entſchul⸗ digen und ſelbſt zu loben dafür, daß er unbekannt bleiben will?“ „Ich nehme nichts von einem Freund an, der mich fähig hält, ihn feig zu verleugnen.“ „Lieber Prinz! hören Sie mich an!“ „Leben Sie wohl, Vater.“ „Ueberlegen Sie!“ „Was ich geſagt habe, hab' ich geſagt,“ erwiderte Dſchalma kurz, faſt im Herrſcherton, und ging nach der Thür. Rodin fürchtete ernſtlich, Dſchalma möchte das Haus ver⸗ laſſen und ſo völlig den Plan, welchen er angelegt hatte, — 174 umſtoßen. Er eilte auf ihn zu und rief: „Um Gottes willen! wenn nun die Rede von einer Frau wäre?“ Dſchalma blieb plötzlich ſtehen, ward feuerroth und ſagte: „Von einer Frau? Von einer Frau iſt die Rede?“ „Ja, wenn von einer Frau die Rede wäre, würden Sie dann ihre Zurückhaltung begreifen und die Heimlichkeit, mit welcher ſie die Beweiſe ihrer Zuneigung umhüllen muß?“ „Eine Frau?“ wiederholte Dſchalma mit zitternder Stimme, die Hände zuſammenſchlagend und mit einer Miene, welche verrieth, wie tief er ergriffen war. „Eine Frau? Eine Pa⸗ riſerin?“ „Ja, werther Prinz, da Sie mich dazu nöthigen, mein Geheimniß zu verrathen, ſo muß ich es Ihnen denn geſtehen es iſt die Rede von einer — — ehrwürdigen Pariſerin, von einer würdigen Matrone — — voller Tugenden, und deren — — hohes Alter Ihre ganze Achtung verdient.“ „Sie iſt alt?“ rief Dſchalma, deſſen ſchöner Traum plötz⸗ lich verſchwand. „Sie mag etliche Jahre älter ſeyn, als ich,“ antwortete Rodin mit ſpöttiſchem Lächeln. Er erwartete, Dſchalma würde einen komiſchen Verdruß oder Unmuth an den Tag legen. Das geſchah aber nicht. Dem Anflug von Liebes⸗ ſchwärmerei folgte ein Ausdruck der Hochachtung. Dſchalma ſah den Jeſuiten an und ſagte gerührt: „Dieſe Frau iſt alſo für mich — — eine Mutter?“ Er ſprach das letzte Wort mit einem auffallenden Ton von Schwermuth und kindlicher Liebe. „Ganz recht, mein lieber Prinz. Dieſe achtbare Dame will eine Mutter für Sie ſeyn — — Aber ich darf Ihnen nicht die Urſache der Zuneigung ſagen, welche ſie für Sie hegt. — — — Verlaſſen Sie ſich jedoch darauf, dieſe Zuneigung it aufrichtig, die Urſache derſelben iſt ehrenhaft, und wenn ich Ihnen das Geheimniß derſelben nicht ſage, ſo geſchieht es, weil bei uns die Geheimniſſe der Frauen, der jungen wie der alten, heilig ſind.“ * „Das iſt in der Ordnung. Ihr Geheimniß ſoll mir heilig ſeyn. Ohne ſie zu ſehen, werd' ich ſie achten und lieben. Auch Gott liebt man, ohne ihn zu ſehen.“ „Jetzt, werther Prinz, laſſen Sie mich Ihnen ſagen, wel⸗ ₰ ches die Abſichten Ihrer mütterlichen Freundin ſind. Dieß Haus bleibt ſte's zu Ihrer Verfügung, wofern es Ihnen — darin gefüllt. Franzöſiſche Bedienten, eine Kutſche und Pfere ſtehen zu Ihrem Befehl. Die Rechnungen Ihres Hausweſens werden beſorgt. Und da ein Königsſohn königlich leben muß, ſo habe ich in dem Nebenzimmer ein Käſtchen mit fünfhun⸗ dert Louisd'or gelaſſen. Jeden Monat wird Ihnen eine gleiche Summe ausgezahlt werden. Reicht dieſelbe für Ihre kleinen Bedürfniſſe nicht hin, ſo ſagen Sie mir's, und die Summe wird erhöht.“ ſchalma ſchien eine Einwendung machen zu wollen. Rodin beeilte ſich, hinzufügen. „Ich muß Ihnen dabei ſagen, daß Ihr Zartgefühl in dieſer Beziehung völlig beruhigt ſeyn darf. Erſtlich, von einer Mutter nimmt man Alles an. Ferner kommen Sie nach drei Monaten in den Beſitz einer unermeßlichen Erbſchaft, und dann könnnen Sie, falls dieſe Verbindlichkeit Sie drückte, die Vorſchüſſe zurückzahlen, welche ſich höchſtens auf vier- bis fünftauſend Louisd'or belaufen werden. Sparen Sie alſo nichts; laſſen Sie allen Ihren Neigungen freien Lauf. Man wünſcht, daß Sie in der vor⸗ nehmſten Welt von Paris erſcheinen, wie der Sohn eines Königs, der den Beinamen Vater des Hochherzigen führte, erſcheinen muß. Alſo nochmals, laſſen Sie ſich nicht durch ein falſches Zurtgefühl zurückhalten. Falls dieſe Summe Ihnen nicht genügt ——“ „So verlange ich mehr,“ ergänzte Dſchalma. „Meine Mutter hat Recht. Ein Königsſohn muß wie ein König leben.“ Er ſchien nicht im Geringſten über dieſe großartigen Anerbietungen erſtaunt. Was man für ihn that, würde er ſelber vorkommenden Falls für einen Andern gethan haben Die verſchwenderiſche Pracht und die glänzende Gaſtfreund⸗ ſchaft der indiſchen Fürſten iſt bekannt. Dſchalma war von lebhaftem Dank ergriffen, als er erfuhr, daß eine Frau ihm 176 eine mütterliche Zuneigung geſchenkt hatte. Dagegen den Lurus, mit dem ſie ihn umgeben wollte, nahm er ohne Be⸗ denken und ohne Erſtaunen an. Dieß war ein Strich durch ² . die Rechnung Rodin's, welcher verſchiedene treffliche Gründe —— in Bereitſchaft hatte, um den Indier zur Annahme zu über⸗ reden. „Alſo darüber ſind wir einig,“ fuhr der Jeſuit fort. „Nun müſſen Sie aber auch die Welt ſehen und durch die beſte Thür in dieſelbe eintreten. Einer der Freunde Ihrer mütter⸗ lichen Beſchützerin, der Herr Graf von Montbron, ein erfah⸗ rungsreicher Greis, welcher der höchſten Geſellſchaſt angehört, 6 wird Sie in den beſten Häuſern von Paris einführen.“ „Warum führen Sie mich nicht ein, Vater?“ „O, theurer Prinz! Sehen Sie mich doch nur an nd ſagen Sie, ob ich zu einem ſolchen Geſchäft paſſe. Nein, ich lebe allein und zurückgezogen. — — — Und dann,“ fuhr Rodin nach einer Pauſe mit einem durchdringenden neu⸗ gierigen Blicke fort, als wollte er den jungen Mann mit den folgenden Worten einer Prüfung unterwerfen, — „und dann wird der Herr von Montbron beſſer als ich im Stande ſeyn, Sie in der Geſellſchaft auf die Fallſtricke aufmerkſam zu machen, die Ihnen etwa gelegt werden könnten. Denn wenn Sie Freunde haben, ſo haben Sie auch, wie Sie wiſſen, Feinde, niederträchtige Feinde, die auf ſchändliche Weiſe Ihr Vertrauen mißbraucht und ihren Spott mit Ihnen getrieben „haben. Und da leider ihre Macht ihrer Bosheit gleichkommt, ſo wäre es vielleicht klüger, ſie zu meiden, — ſie zu fliehen, als ihnen ins Angeſicht zu trotzen.“ ℳ, . Bei der Erinnerung an ſeine Feinde und bei dem Gedanken, vor ihnen zu fliehen, zitterte Dſchalma vor Wuth. Sein Ge⸗ ſicht ward bleich, ſeine weit aufgeriſſenen Augen ſprühten ein düſteres Feuer. Verachtung, Haß und Rachedurſt malten ſich auf ſeinem Antlitz in furchtbarer Weiſe. Seine blutrothe Oberlippe ließ ſeine kleinen, weißen dichtſtehenden Zähne ſehen, indem ſie ſich hob und zuckte und ſeinem vorhin noch ſo lieblichen Geſicht einen Ausdruck ſo thieriſcher Wuth gab 4 . — — — daß Rodin von ſeinem Seſſel aufſprang und rief: „Was iſt Ihnen, Prinz? Sie erſchrecken mich!“ Dſchalma antwortete nicht. Seitwärts gebeugt auf ſeinem Stuhl ſchien er mit krampfhaft gebogenen Fingern ſich an einem Arm des Seſſels, zu halten, um nicht von ſeiner Wuth fortgeriſſen zu werden. Zufällig befand ſich die Bernſtein⸗ ſpitze ſeiner Pfeife unter ſeinem Fuß, und die krampfhafte Spannung ſeiner Muskeln war ſo ſtark, daß er die außer⸗ ordentlich harte Spitze zu Staub zerdrückte. „So will ich meine Feinde zermalmen!“ rief er, als Rodin ihn von neuem fragte: „Um's Himmels willen! was iſt Ihnen denn?“ Als ob ſeine eignen Worte ſeinen Grimm auf's Höchſte geſteigert hätten, ſprang er auf und lief mit verſtörtem Blick in dem Zimmer hin und her, wie wenn er ein Gewehr ſuchte, und ſtieß von Zeit zu Zeit einen heiſeren Schrei aus, den er zu erſticken ſuchte, indem er beide Fäuſte vor den Mund hielt. Seine Kinnladen bewegten ſich zuckend, wie bei einem blutgierigen Raubthier. „ Der junge Indier erſchien hier in einer wilden großartigen Schönheit. Man fühlte, daß ſeine in dieſem Augenblick durch Abſcheu vor Verrath und Feigheit überſpannte Kampfluft und blinde Unerſchrockenheit, ſobald ſie im Krieg oder in den die Schlachten an Gefährlichkeit übertreffenden rieſigen Jag⸗ den Indiens ihre Anwendung fänden, aus Dſchalma einen Helden machen mußten. Rodin bewunderte mit heimlicher Schadenfreude die Gluth der Leidenſchaften des Prinzen, welche unter gewiſſen Um⸗ ſtänden ſich in furchtbaren Ausbrüchen zu äußern verſprach. Plötzlich legte ſich dieſer Sturm zum großen Erſtaunen des Jeſuiten. Dſchalma beſann ſich, daß ſein Grimm in dieſem Augenblick keinen Gegenſtand habe Er ſchämte ſich ſeiner kindiſchen Aufwallung und ſchlug die Augen nieder. Sein Geſicht blieb bleich und düſter. Mit einer kalten Ruhe, die noch ſchrecklicher war, als der Ausbruch ſeiner Wuth, ſagte er zu Rodin: „Vater, Sie führen mich heute zu meinen Feinden.“ . „Die Niederträchtigen todtſchlagen.“ * „Todtſchlagen?! Wo denken Sie hin?“ „Faringhea wird mir helfen.“ „Liebſter Prinz, ich gebe Ihnen nochmals zu bedenken, daß wir hier nicht am Ufer des Ganges ſind, wo man ſeinen Feind umbringt, wie man einen Tiger auf der Jagd erlegt.“ „Mit einem ehrlichen Feind ſchlägt man ſich, aber einen Verräther ſchlägt man todt, wie einen tollen Hund,“ erwiderte Dſchalma ruhig. „Prinz!“ ſprach Rodin in feierlichem Ton, „Sohn des Königs, welcher Vater des Hochherzigen hieß! welche Freude könnten Sie daran finden, ſich an eben ſo feigen als bos⸗ haften Geſchöpfen zu vergreifen?“ „Es iſt Pflicht zu vertilgen, was gefährlich iſt.“ „Alſo — — Prinz — — Rache?“ „Ich räche mich nicht an einer Natter,“ erwiderte Dſchalma ſtolz; „ich zertrete ſie.“ „Aber, mein lieber Prinz, hier zu Land entledigt man ſich nicht auf dieſe Weiſe ſeiner Feinde. Wenn man ſich zu be⸗ klagen hat — — —“ „Weiber und Kinder beklagen ſich,“ unterbrach Dſchalma. „Männer ſchlagen drauf.“ „Allerdings, an den Ufern des Ganges, aber nicht hier, werther Prinz. Hier nimmt die Geſellſchaft Ihre Sache in die Hand, prüft ſie, beurtheilt ſie und im erforderlichen Fall verhängt ſie Strafe.“ „Wo ich beleidigt bin, bin ich Richter und Scharfrichter.“ „Hören Sie mich doch an. Sie ſind den äbſcheulichen Schlingen Ihrer Feinde entgangen; nicht wahr? Nehmen Sie nun an, dieß ſey Ihnen nur möglich geweſen durch die auf⸗ opfernde Fürſorge der ehrwürdigen Frau, welche für Sie die Zärtlichkeit einer Mutter hat. Wenn dieſe Frau nun, der Sie Ihre Rettung verdanken, Sie um Gnade bäte, was wür⸗ den Sie thun?“ 8 „Weßhalb, mein lieber Prinz? Was wollen Sie?“ 8 ——— — 179 — Dſchalma ſenkte das Haupt und blieb die Antwort ſchul⸗ dig. Rodin benutzte ſeine unſchlüſſigkeit und fuhr fort: „Ich könnte Ihnen ſagen: Prinz ich kenne Ihre Feinde; aber aus Beſorgniß, Sie eine ſchreckliche Unbeſonnenheit begehen zu ſehen, werde ich Ihnen ewig ihre Namen verſchweigen. — Aber nein! ich ſchwöre Ihuen, wenn die verehrungswürdige Perſon, welche Sie wie einen Sohn liebt, es recht und nütz⸗ lich findet, daß ich Ihnen dieſe Namen nenne, ſo erfahren Sie dieſelben. Aber bis ſie ihren Ausſpruch gethan hat, werd' ich ſchweigen.“ Dſchalma ſah den Jeſuiten mit finſterer, zorniger Miene an. In dieſem Augenblick trat Faringhea ein und ſagte zu Rodin: „Ein Mann, der einen Brief für Sie hat, iſt in Ihrer Wohnung geweſen; man hat ihm geſagt, Sie wären hier, und er iſt hierher gekommen. Soll der Brief abge nommen werden? Er ſagt, er ſey vom Herrn Abbé Aigrigny.“ „Gewiß,“ ſagte Rodin, — — wenn der Prinz es erlaubt.“ Dſchalma nickte und Faringhea ging hinaus. „Verzeihen Sie,“ ſagte Rodin. „Ich habe dieſen Morgen einen ſehr wichtigen Brief erwartet. Da derſelbe ausblieb, und ich nicht verfehlen wollte, Sie zu beſuchen, ſo habe ich zu Hauſe hinterlaſſen, man ſolle den Brief hierher ſchicken“ Einige Augenblicke nachher kam Faringhea zurück, brachte dem Jeſuiten einen Brief und ging wieder hinaus. — Neuntes Kapitel. Adriana und Dſchalma. Als Faringhea hinausgegangen war, begann Rodin, der in der einen Hand den Brief Aigrigny's hielt, mit der andern Hand erſt in der Seitentaſche, dann in den hinteren Taſchen ſeines Rocks und endlich in ſeinen Hoſentaſchen zu ſuchen. Als er nichts gefunden, legte er den Brief auf das geflickte Knie ſeiner ſchwarzen Hoſen und befühlte ſich mit der Miene des Bedauerns am ganzen Leib. Endlich rief er: „Ei du mein Gott! Das iſt doch zum Verzweifeln!“ „Was fehlt Ihnen?“ fragte Dſchalma, ſein finſteres Schwei⸗ gen brechend. „Ach, theurer Prinz!“ antwortete Rodin, „es iſt mir da etwas an ſich höchſt unbedeutendes paſſirt, was aber nichts⸗ deſtoweniger für mich äußerſt unangenehm iſt. Ich habe meine Brille vergeſſen oder verloren, und bei dem hier herrſchenden Halbdunkel und mehr noch bei meinem durch Arbeit und Alter geſchwächten Geſicht iſt es mir ſchlechterdings unmöglich, dieſen höchſt wichtigen Brief zu leſen, auf welchen ich augenblicklich eine entſcheidende Antwort, ja oder nein, zu geben habe. — — Die Zeit drängt. Es iſt zum Verzweifeln! Wenn ich nur in dem Augenblick Jemand hätte, der mir den Brief leſen könnte!“ Rodin ſprach die letzten Worte, ohne Dſchalma anzuſehen, aber ſo, daß dieſer ſie hören mußte. „Vater,“ ſagte der Prinz, „ſoll ich für Sie leſen? Wenn ich fertig leſen bin, werd' ich das Geleſene vergeſſen haben.“ „Sie?“ rief Rodin im Ton der Ueberraſchung und ängſt⸗ licher Scheu. „Unmöglich, Prinz! Sie — — dieſen Brief leſen?“ . 5 ————— — „Entſchuldigen Sie mein Erbieten,“ ſagte Dſchalma ſanft. „Rodin beſann ſich einen Augenblick und ſagte für ſich: „Indeß — — im Grund — — warum nicht?“ Dann wandte er ſich an Dſchalma mit der Frage: „Wollten Sie wirklich dieſe Gefälligkeit haben, verehrter Prinz? Ich würde nicht gewagt haben, Ihnen dieſen Dienſt zuzumuthen.“ Er überreichte den Brief dem Königsſohn und dieſer las * laut: „Nach dem, was mir berichtet worden, muß Ihr Er⸗ ſcheinen im Hotel St. Dizier dieſen Morgen als ein neuer Angriff von Ihrer Seite betrachtet werden. Hier iſt der letzte Vorſchlag, der Ihnen angekündigt worden iſt. Vielleicht iſt er eben ſo nutzlos, wie der Ver⸗ ſuch, zu welchem ich mich geſtern herbeigelaſſen habe, in⸗ dem ich mich in die Clovisſtraße begab. Nach der langen, peinlichen Erörterung, die ich dort mit Ihnen gehabt, habe ich Ihnen geſagt, ich würde Ihnen ſchreiben. Ich halte mein Wort und ſchicke Ihnen mein Ultimatum. — Zuvor aber mache ich Sie auf etwas aufmerkſam. Wenn Sie hartnäckig darauf beſtehen, einen ungleichen Kampf fortzuſetzen, ſo werden Sie ſich dem Haſſe ſelbſt derjenigen ausſetzen, die Sie thörichter Weiſe beſchützen wollen Man hat tauſend Mittel, Sie in der Meinung dieſer Leute zu Grund zu richten, indem man dieſelben über Ihre Ab⸗ ſichten aufklärt. Man wird den Leuten beweiſen, daß Sie mitgewirkt haben bei dem Complott, welches Sie jetzt enthuͤllen wollen und zwar nicht aus Edelmuth, ſondern aus Habſucht.“ 4 Obwohl dem Prinzen ſein Zartgefühl ſagte, daß die ge⸗ ringſte Frage an Rodin über dieſen Gegenſtand unſchicklich wäre, konnte er doch nicht umhin, nach Leſung dieſer Stelle innezuhalten und den Jeſuiten betroffen anzuſehen. „Ja, verehrter Prinz,“ ſagte Rodin, „von mir iſt hier die Rede, von mir. Wie Sie mich hier ſehen, (er warf einen Blick auf ſeine ſchuftige Kleidung), werde ich der Habgier angeklagt.“ „Und wer ſind die Leute, welche Sie beſchützen?“ fragte Dſchalma. 42 Rodin zauderte mit der Antwort, als ob er verlegen wäre, wie er ſie geben ſollte, und ſagte dann: „Meine Schützlinge? — — SHm Hm! — — Ich will es Ihnen ſagen. — Es ſind — — arme Teufel — — hülfloſe Menſchen, aber brave Leute, die nichts haben, als ihr gutes Recht — — in einem Proceß, den ſie führen! Sie ſind bedroht, unterdrückt zu werden von mächtigen, ſehr mächtigen Leuten. Glücklicher Weiſe kenne ich dieſe Mächtigen hinlänglich, um ſie zum Beſten meiner Schützlinge entlarven zu können. Ich bin arm und ſchwach und ſtelle mich natürlich auf die Seite der Armen und Schwachen. — Aber leſen Sie gefälligſt weiter.“ Dſchalma las weiter: „Sie haben ſonach Alles zu fürchten, wenn Sie fort⸗ fahren, uns entgegen zu ſeyn, und Sie haben nichts dabei zu gewinnen, indem Sie die Partei derer nehmen, welche Sie Ihre Freunde nennen, und die richtiger die von Ihnen Betrogenen genannt werden könnten. Denn Ihre Uneigennützigkeit würde unbegreiflich ſeyn, wenn ſie aufrichtig wäre. Es ſtecken nothwendig Gedanken der Hab⸗ ſucht dahinter. Nun, eben in dieſer Beziehung kann man Ihnen eine reichliche Entſchädigung anbieten. Der Unterſchied dabei iſt, daß Ihre Hoffnungen jetzt einzig auf der vermuth⸗ lichen Dankbarkeit Ihrer Schützlinge beruhen, — und dieſe Dankbarkeit iſt ſehr zweifelhaft —; wogegen unſere Verſprechungen auf der Stelle erfüllt werden. Hören Sie alſo in bündigen Worten, was man von Ihnen verlangt. Dieſen Abend, ſpäteſtens vor Mitternacht, verlaſſen Sie Paris und verpflichten ſich, vor ſechs Monaten nicht zu⸗ rückzukommen.“ 4 Dſchalma ſah abermals den Jeſuiten mit einem Blick der Verwunderung an. „Das iſt ganz einfach,“ erwiderte Rodin auf dieſe ſtumme Frage. „Der Proceß meiner armen Schützlinge wird im Lauf 7 der nächſten ſechs Monate entſchieden. Indem man mich ent⸗ fernt, hindert man mich, über ſie zu wachen. Sie begreifen dieſe Schändlichkeit, verehrter Prinz. Leſen Sie gefälligſt weiter und entſchuldigen Sie meine Unterbrechung. — — Aber eine ſolche Schamloſigkeit empört mich!“ Dſchalma las weiter? « „Damit wir auch ſicher ſind, daß Sie von Paris ent— fernt bleiben, werden Sie ſich zu einem unſerer Freunde in Deutſchland begeben Sie werden bei ihm eine an⸗ ſtändige Aufnahme finden, aber Sie werden bei ihm blei⸗ ben bis zum Ablauf der Friſt.“ „Ja, eine freiwillige Gefangenſchaft!“ bemerkte Rodin. „Unter dieſer Bedingung empfangen Sie vom Tag Ihrer Abreiſe von Paris an eine monatliche Penſion von tau⸗ ſend Franken, ferner zehntauſend Franken auf die Hand und zwanzigtauſend Franken nach Ablauf der ſechs Monate. 7 Das alles wird Ihnen hinlänglich verbürgt. Endlich wird man Ihnen nach Ablauf der ſechs Monate eine eben ſo ehrenvolle als unabhängige Stellung verſchaffen.“ Dſchalma konnte vor Unwillen nicht weiter leſen. Rodin ſagte zu ihm: „Verehrter Prinz, ich bitte Sie, fahren Sie fort. Sie müſſen bis zu Ende leſen. Das wird Ihnen einen Begriff geben von dem, was in unſerer civiliſirten Welt vor⸗ gehen kann.“ Dſchalma fuhr fort: „Sie kennen den Gang der Dinge und das, was wir ſind, zu gut, um nicht zu wiſſen, daß wir, indem wir Sie entfernen, uns nur eines Feindes entledigen wollen, der nicht eben ſehr gefährlich, aber läſtig iſt. Laſſen Sie ſich nicht durch Ihren erſten Erfolg verblenden. Die Folgen Ihrer Angeberei werden zu nichte gemacht werden, weil dieſe verleumderiſch iſt. Der Richter, welcher ihr Gehör 8 . bereuen. Sie können von dieſem Brief beliebigen Ge⸗ brauch machen. Wir wiſſen, was und wie wir ſchreiben und an wen wir ſchreiben. Sie werden dieſen Brief um drei Uhr empfangen. Wenn wir nicht um vier Uhr dieſen Brief wieder haben mit der von Ihrer Hand dar⸗ unter geſchriebenen unbedingten Zuſtimmung, dann fängt der Kampf von Neuem an — nicht morgen, ſondern die⸗ ſen Abend.“ Der Brief war zu Ende. Dſchalma ſah den Jeſuiten an. Rodin ſagte: „Erlauben Sie mir, daß ich Faringhea kommen laſſe,“ und ſchlug mit dem Finger an eine Glocke. Der Meſtize erſchien. Rodin ließ ſich von Dſchalma den Brief geben, zerriß ihn in zwei Stücke, ballte dieſe zuſammen und reichte das Papierkügelchen dem Meſtizen mit den Wor⸗ ten: „Geben Sie dieſen Wiſch der Perſon wieder, die darauf wartet, und ſagen Sie ihr, das ſey meine Antwort auf dieſen unverſchämten Schandbrief, — verſtehen Sie auf dieſen un⸗ verſchämten Schandbrief.“ „Ich verſtehe,“ ſagte Faringhea und ging hinaus. „Das iſt vielleicht ein gefährlicher Kampf für Sie, Vater,“ ſagte Dſchalma theilnehmend. „Ja, verehrter Prinz, vielleicht gefährlich. Aber ich mache es nicht wie Sie. Ich will meine Feinde nicht todtſchlagen, weil ſie feig und boshaft ſind. Ich bekämpfe ſie unter der Aegide des Geſetzes. Ahmen Sie mir nach.“ Die Züge Dſchalma's verdüſterten ſich bei dieſen Worten. Rodin beeilte ſich hinzuzufügen „Ich habe Unrecht. Ich will Ihnen nichts mehr in dieſer Beziehung rathen. Nur laſſen Sie uns dieſe Frage der Entſcheidung Ihrer mütter⸗ lichen Beſchützerin anheimſtellen. Morgen werd' ich ſie ſehen. Wenn ſie es zufrieden iſt, dann ſag' ich Ihnen den Namen Ihrer Feinde. Wo nicht, nicht.“ „Iſt denn dieſe Frau, dieſe zweite Mutter, eine Perſon, deren Urtheil ich mich füglich unterwerfen kann?“ fragte Dſchalma. geſchenkt hat, wird ſeine abſcheuliche Parteilichkeit bitter — 185 — Rodin ſchlug die Hände zuſammen und rief wie begeiſtert: „Sie? Sie? O, es gibt kein edleres Weſen auf der Erde! Sie? Ihre Beſchützerin? — Sie dürften ihr leiblicher Sohn ſeyn, den ſie mit der ganzen Gluth mütterlicher Zärtlichkeit liebte, es dürfte ſich für Sie, Prinz, um die Wahl zwiſchen einer Schlechtigkeit und dem Tod handeln, und ſie würde zu Ihnen ſagen: Stirb! ich will mit Dir ſterben.“ „O, edle Frau!“ rief Dſchalma hingeriſſen. „So war meine Mutter.“ „Sie!“ fuhr Rodin mit ſteigender Wärme fort, indem er ſich dem Vorhang näherte und nach ihm hinſchielte, „Ihre Beſchützerin! Stellen Sie ſich den Muth, den Geradſinn, die Redlichkeit perſonificirt vor! Ja, vornehmlich redlich iſt ſie! — — In ihr iſt die ritterliche Offenheit des hochherzigen Mannes vereint mit der ſtolzen Würde einer Frau, die in ihrem Leben, verſtehen Sie, in ihrem Leben nicht nur nie gelogen, ſondern auch nie einen ihrer Gedanken verhehlt hat, die eher ſterben würde, als einer Verſuchung zu Liſt oder Verſtellung nachgeben, wie ſie bei gewöhnlichen Frauen durch ihre Stellung faſt zur Nothwendigkeit werden.“ Die höchſte Bewunderung malte ſich auf dem Geſihte Dſchalma's, als er dieſe Schilderung Rodins anhörte. Sein Auge ſtrahlte, ſeine Wangen rötheten ſich, ſein Herz klopfte vor Begeiſterung. Rodin wandte ſich an ihn, indem er von neuem dem Vorhang näher rückte: „Edelmüthiger Prinz! mit Freude ſehe ich Ihre ſchöne Seele ſich auf Ihren ſchönen Zügen abſpiegeln, indem Sie mich ſo von Ihrer unbekannten Beſchützerin ſprechen hören. O, ſie iſt der heiligen Ver⸗ ehrung würdig, welche edler, hoher Sinn einflößt!“ „Ich glaube Ihnen,“ rief Dſchalma. „Mein Herz iſt von Bewunderung erfüllt und zugleich von Staunen Meine Mutter lebt nicht mehr, und ſie lebt!“ 3 Ja, ſie lebt zum Troſt der Betrübten, ſie lebt, als der Stolz ihres Geſchlechts, ſie lebt, um der Wahrheit Verehrung, um der Lüge Verabſcheuung zu verſchaffen. Die Lüge, die Verſtellung haben nie ihre Redlichkeit getrübt, die hell ſtrahlt vV. 13 wie das Heldenſchwert eines Ritters. Vor einigen Tagen hat dieſe edle Frau mir bewunderungswürdige Worte geſagt, welche ich in meinem Leben nicht vergeſſen werde. Sie ſagte: So wie ich einen Verdacht gegen Jemand habe, den ich liebe oder ſchätze — —.“ Ein heftiges Geräuſch hinter dem Vorhang unterbrach Rodins Worte. Der Vorhang, deſſen Feder durch ein gewalt⸗ ſames Reißen daran zerbrochen ward, rauſchte in die Höhe, und das Fräulein von Cardoville erſchien auf der Schwelle des Gewächshauſes. Ihr Hut und ihr Mantel waren ihr bei der heftigen Bewegung, mit der ſie nach dem Vorhang geſtürzt war, von Kopf und Schultern gefallen, und ſie ſtand in der maleriſchen Kleidung da, welche ſie oft zu Hauſe trug und die ſie bei ihrer eilfertigen Abfahrt nicht gewechſelt hatte. Zwiſchen dem Laub und den Blumen ſtand ſie in ſo ſtrahlen⸗ der Schönheit da, daß Dſchalma, aufs höchſte überraſcht, ein Traumbild vor ſich zu haben glaubte. Mit weit geöffneten Augen, vorwärts gebeugtem Körper und gefalteten Händen ſtand er wie anbetend da. Adriana blieb mit dem Ausdruck der Rührung in ihrem leicht gerötheten Geſicht auf der Schwelle ſtehen. Rodin ſpielte den Ueberraſchten und rief: „Sie hier? Fräulein!“ „Ja, verehrter Herr,“ erwiderte Adriana mit bebender Stimme. „Ich komme, den Satz zu beendigen, den Sie an⸗ gefangen haben. Ich habe Ihnen geſagt, wenn mir ein Arg⸗ wohn aufſtiege, ſo ſagte ich ihn laut der Perſon, welche mir ihn einflößte. Und nun geſtehe ich, dieſer Offenheit bin ich untreu geworden. Ich war gekommen, um Sie zu belauſchen, in dem Augenblick, wo Ihre Antwort an den Abbé Aigrigny mir eine neue Bürgſchaft für Ihre aufrichtige Ergebenheit lieferte. Ich hatte an Ihrer Geradheit gezweifelt in dem Augenblick, wo Sie von meiner Offenheit Zeugniß gaben. Zum erſten Mal in meinem Leben habe ich mich zur Liſt erniedrigt. Dieſe Schwäche verdietzt eine Strafe, und ich leide ſie; ſie erheiſcht Entſchuldigung“ und Genugthuung, und ich biete ſie Ihnen an.“ Hierauf wandte ſie ſich an Dſchalma und ſagte: „Prinz, — das Gebeimniß läßt ſich nun nicht länger bewahren. Ich bin Ihre Verwandte, das Fräulein von Eardoville Ich hoffe, Sie werden von einer Schweſter die Gaſtfreundſchaft anneh men, die Sie ſich von einer Mutter gefallen ließen.“ Dſchalma antwortete nicht. In entzückte Betrachtung ver⸗ ſunken vor der plötzlichen Erſcheinung, welche die kühnſten und glänzendſten Bilder ſeiner Träume übertraf, war er wie trunken. Sein Denkvermögen ſchien gelähmt, und alle Kräfte ſeines Weſens ſchienen in ſeinem Auge zuſammengedrängt zu ſeyn. Wie der Verſchmachtende über das Waſſer herfällt, ſo ſog der glühende Blick des Indiers mit raſender Gier den Anblick der ſeltenen Schönheit dieſes Mädchens ein. Nie hatten zwei göttlichere Urbilder einander gegenüber geſtanden. Adrjana und Dſchalma waren Ideale männlicher und weiblicher“ Schönheit. Es war, als ob das Schickſal, die Vorſehung, dieſe beiden jungen, lebensvollen, edlen, leiden⸗ ſchaftlichen, heldenmüthigen und ſtolzen Weſen zuſammenge⸗ . führt hätte, welche, ehe ſie ſich geſehen hatten, ſchon ihren ganzen beiderſeitigen inneren Werth kannten. Denn während Dſchalma bei den Worten Rodins eine eben ſo plötzliche als lebhafte und nachhaltige Bewunderung empfunden hatte für die trefflichen Eigenſchaften der unbekannten Wohlthäterin, die ſich ihm nun als Fräulein von Cardoville offenbarte, ſo war letztere ergriffen, gerührt und erſchreckt worden durch das Geſpräch zwiſchen Rodin und Dſchalma, welches ſie belauſchte, — je nachdem der Prinz bald Edelſinn, bald Herzensgüte, bald ſeine furchtbare Heftigkeit an den Tag legte. Beim Anblick der überraſchenden Schönheit des Prinzen konnte ſie einen Ausdruck bewundernden Erſtaunens nicht bergen, und gleich darauf erſchütterte ein ſeltſames ſchmerzliches Gefühl wie ein electriſcher Schlag ihr ganzes Weſen, als ihre Augen den Augen Dſchalma's begegneten. Verwirrt und ihre Verwirrung verwünſchend hatte ſie die⸗ ſen Eindruck zu verbergen geſucht, während ſie ſich an Rodin wandte, um ſich wegen ihres Argwohns zu entſchuldigen. 2 Das beharrliche Schweigen des Indiers verdoppelte ihre pein⸗ liche Verlegenheit. Sie ſah ihn an, um ihn zu einer Ant⸗ . 13 — 188 — wort auf ihr ſchweſterliches Anerbieten zu veranlaſſen. Aber⸗ mals begegnete ſie ſeinem ſtieren glühenden Blick. Sie ſchlug die Augen nieder mit einer Miſchung von Schrecken, Trau⸗ rigkeit und verletztem Stolz, und wünſchte ſich Glück, daß ſie die harte Nothwendigkeit vorausgeſehen, den Prinzen, deſſen glühende Heftigkeit ihr Angſt einjagte, von ſich entfernt zu halten. Um der peinlichen Lage ein Ende zu machen, ſagte ſie mit leiſer zitternder Stimme zu Rodin: „Sprechen Sie gütigſt mit dem Prinzen und wiederholen Sie ihm meine Anerbietungen. Ich kann nicht länger hier bleiben.“ Hier⸗ auf wandte ſie ſich um in der Abſicht, zu Florinen zurückzu⸗ kehren, welche ihr in die Mitte des Zimmers gefolgt war. Beim erſten Schritt, den ſie zurück machte, ſprang Dſchalma auf ſie zu, wie ein Tiger auf die Beute, welche man ihm rauben will. Adriana fuhr erſchrocken zurück und ſtieß einen lauten Schrei aus. Dieſer Schrei brachte den jungen Indier zur Beſinnung⸗ Bleich vor Aerger und Scham, zitternd, mit Thränen in den Augen und mit dem Ausdruck rührender Verzweiflung fiel er dem Fräulein zu Füßen, erhob bittend die Hände und ſagte mit ſanfter, ängſtlich bittender Stimme: „O bleiben Sie! bleiben Sie! Verlaſſen Sie mich nicht! — — So lange ſchon — — erwart' ich Sie.“ Auf dieſe mit der Scheu eines Kindes vorgebrachte Bitte, die in ſo grellem Gegenſatze ſtand zu der wilden Heftigkeit, mit welcher er ſo eben das Fräulein erſchreckt hatte, ant⸗ wortete Adriana, indem ſie Florinen einen Wink gab, ſich zum Abgang bereit zu machen: „Prinz, ich kann unmöglich länger hier bleiben.“ „Aber Sie kommen doch wieder? Ich werde Sie doch wieder ſehen?“ fragte Dſchalma, ſeine Thränen zurückhaltend. „O nein, nie!“ antwortete Adriana mit ſchwacher Stimme und verſchwund hinter den Gewächſen des Treibhauſes. Florine eilte ihr nach. Als ſie an Rodin vorüber kam, flüſterte die⸗ ſer ihr ſchnell zu: „Morgen müſſen wir mit der Mayeur fertig werden.“ Florine zitterte am ganzen Leib und ent⸗ fernte ſich, ohne etwas zu erwidern. — 189 — Dſchalma lag noch auf den Knieen. Sein Haupt war auf die Bruſt geſenkt. Auf ſeinem Geſicht war weder Zorn noch Heftigkeit, ſondern betäubender Schmerz zu leſen. Er weinte im Stillen. Als er Rodin auf ſich zukommen ſah, ſtand er auf, ſchleppte ſich mühſam nach dem Divan, ſank auf dem⸗ 4 ſelben nieder und bedeckte ſein Geſicht mit beiden Händen. Rodin trat zu ihm und ſagte in ſüßlichem Ton: „Ach, das hatte ich gefürchtet! Ich wollte Sie mit Ihrer Wohlthäterin nicht bekannt machen; ich habe Ihnen ſogar geſagt, ſie wäre alt; wiſſen Sie warum?“ Dſchalma ließ die Hände auf ſeine Knie ſinken und wandte ſchweigend ſein von Thränen benetztes Geſicht gegen Rodin. Dieſer fuhr fort: „Ich wußte, daß das Fräulein von Cardo⸗ ville reizend iſt. Ich wußte auch, daß man ſich in Ihrem Alter leicht verliebt. Dieß Unheil wollte ich Ihnen erſparen, denn Ihre ſchöne Beſchützerin iſt ſterblich verliebt in einen ſchönen jungen Mann in hieſiger Stadt.“ Dſchalma fuhr mit beiden Händen nach ſeinem Herzen, als ob er einen Stich in daſſelbe empfangen hätte, und ſtieß einen entſetzlichen Schrei aus. Sein Kopf fiel zurück, und er ſank . ohnmächtig auf den Divan. Rodin betrachtete ihn kaltblütig einige Augenblicke und ging dann weg, indem er mit dem Ellenbogen ſeinen alten Hut abwiſchte und ſagte: „Hm! das beißt! — das beißt!“ 5 ſah ſie ſich um und horchte von Pe Sie Zehntes Kapitel. Die Rathſchläge. Es war Nacht. Eben hatte es neun Uhr geſchlagen. Flo⸗ rine trat blaß, angegriffen und zitternd, mit einem Wachslicht in der Hand in das einfach aber bequem eingerichtete Schlaf⸗ zimmer der Mayeur. Es befand ſich zu ebener Erde, wie . die übrige Wohnung, welche der Mahyeur angewieſen war. Dieſe Wohnung beſtand aus Schlafzimmer, Sprechzimmer und Vorzimmer und hatte einen Ausgang nach dem Garten und einen Eingang im Hof. Durch letzteren pflegten die Hülfsbedürftigen zu kommen und zuerſt in das Vorzimmer „ einzutreten, aus welchem ſie dann in das Sprechzimmer ge⸗ wieſen wurden, um ihre Anliegen vorzubringen. Kaum den Boden mit ihren Satinſchuhen berührend, ſchlüpfte Florine mit Friger Miene über den Teppich hin⸗ weg, indem ſie der Athem anhielt und auf das geringſte Geräuſch horchte. Sie ſtellte ihren Leuchter auf das Kamin, ſah ſich im Zimmer um und trat an einen Secretär von 3 Mahagonh, auf welchem eine hübſche Bücherſammlung ſtand. In den Schubladen ſteckten die Schlüſſel. Florine unterſuchte ſie alle drei. Sie fand darin ſchriftliche Unterſtützungsge⸗ ſuche und einige Bemerkungen von der Hand der Mayeur. Das war es nicht, was ſie ſuchte. Zwiſchen der Tafel des Secretärs und zwiſchen dem Bücherbrett befand ſich ein Fach mit drei Papierſchachteln. Florine durchfuchte die Schachteln und fand nicht, was ſie brauchte. Mit einer Gebärde des —— —— — Wagen fuhr ab. Einen Augenblick ſpäter ſehe ich hinter einer Ecke eine Droſchke hervorkommen und bemerke neben dem Kutſcher einen Mann, der dieſem ein Zeichen gibt, dem Miethwagen nachzufahren.“ „Die arme junge Dame wurde eorat bemerkte die Mayeur ängſtlich. „Ohne Zweifel. Ich lief dem Miethwagen nach, holte ihn ein und rief, neben her laufend, zum Schlag hinein: Ma⸗ dame, ſeyn Sie auf Ihrer Hut; eine Droſchke fährt Ihnen nach!“ „Das war recht, Agricola! 1 Und was hat ſie geantwortet?“ „Ich habe ſie in Verzweiflung ausrufen hören: Großer Gott! Der Nieihrisen rollte weiter. Bald kam die Droſchke an mir vorbei und ich bemerkte wie der große, dicke Mann othem Geſicht neben dem Kutſcher mich mit unruhiger ne anſah, vermuthlich, weil er mich dem Miethwagen en ſehen und etwas merkte.“ „Wann kommt Herr Hardy zurick? 2“ fragte die Mayeur. „Morgen oder übermorgen. Fetzt, gute Mayeur, ſchaffe mir Rath. Dieſe junge Dame liebt den Herrn Hardy; das iſt augenſcheinlich. Sie iſt ohne Zweifel verheirathet, denn ſie hat ſehr verlegen ausgeſehen, während ſie mit mir ſprach, und ſie hat einen Schrei des Entſetzens ausgeſtoßen, als ich ihr ſagte, ſie würde verfolgt. Was ſoll ich nun thun? Ich hatte anfangs Luſt, den alten Herrn Simon zu fragen; aber er iſt gewaltig ſtreng, und in ſeinem Alter darf man ihm nicht mit einem Liebeshandel kommen. Du aber, gute Mayeur, biſt ſo gefühlvoll, daß Du die Sache begreifen wirſt.“ Das Mädchen erbebte und lächelte ſchmerzlich. Agricola merkte es nicht und fuhr fort: „Ich dachte alſo: Nur die Mayeur kann mir rathen. Angenommen, Herr Hardy kommt morgen wieder, ſoll ich ihm den Vorfall mittheilen oder — —2“ „Wart einmal!“ unterbrach die Mayeur, indem ſie ſich auf etwas zu beſinnen ſchien. „Als ich in dem Marienkloſter — 196 — war, um Arbeit zu ſuchen, hat mir die Oberin angetragen, mich als Taglöhnerin in ein Haus zu bringen, wo ich acht⸗ „ geben — oder deutlich geſprochen: ſpioniren ſollte.“ „Das niederträchtige Geſchöpf!“ rief Agricola. „Und weißt Du,“ fuhr die Mayeur fort, „bei wem ich in Arbeit kommen ſollte, um dies ſchändliche Gewerb zu trei⸗ ben? Bei einer Frau von — Fremont oder Bremont — genau erinnere ich mich des Namens nicht. Es hieß, dieſe Frau ſey überaus religiös, aber ihre Tochter, eine junge ver⸗ heirathete Dame, die ich beſonders ausſpähen ſollte, empfinge allzu häufige Beſuche von einem Fabrikanten.“ „Iſt's migliche rief Agricola. „Und der Fabrikant hieße?“ 5 „Herr Hardy. Ich hatte gute Gründe, dieſen Namen nicht zu vergeſſen. Aber bisher habe ich keine Zeit gehabt, von dieſer Sache zu ſprechen, weil zu viele andere wichtige Dine dazwiſchen gekommen ſind. Demnach iſt es wahrſ daß Deine junge Dame dieſelbe iſt, von der man Kloſter geſprochen hat.“ „Was konnte denn wohl die Oberin des Kloſters men, die Dame ausſpioniren zu laſſen?“ fragte Agrirvls „Ich weiß es nicht. Aber Du ſiehſt, die junge Dame iſt wirklich ausſpionirt worden, und vielleicht iſt ſie jetzt ange⸗ zeigt, entehrt. O, das iſt entſetzlich!“ Agricola erbebte. „Was iſt Dir denn?“ fragte die Mayeur. „Und warum nicht?“ ſagte Agricola, ein eben angefangenes Selbſtgeſpräch uuf fortſetzend. „Könnte das nicht Alles von einer und derſelben Hand kommen? Die Oberin eines Klo⸗ ſters kann ſich ja recht gut mit einem Abbé verſtehen. Aber zu welchem Zweck — —2“ „Was meinſt Du denn 2¹ ſragte die Mayeur. „Und Deine Hierunter ſcheint Agricola das ſechste Gebot nicht zu be⸗ greifen. Anmerk. des Ueberſetzers. „ —= * 1. — Wunde? ſage mir doch, wie Du ſie empfangen haſt, und be⸗ ruhige mich.“ „Eben von meiner Wunde muß ich Dir ſprechen. Je mehr ich nachdenke, deſto mehr ſcheint mir das Abenteuer dieſer jungen Dame mit andern Dingen zuſammenzuhängen.“ „Ich verſtehe dich immer weniger,“ bemerkte die Mayeur. „Du mußt wiſſen, daß ſeit einigen Tagen ſeltſame Dinge in der Nähe unſerer Fabrik vorgehen. Wir ſind in der Faſtenzeit. Ein Abbé von Paris, ein großer ſchöner Mann, wie es heißt, iſt in das kleine Dorf Villiers, eine Viertel⸗ ſtunde von unſerer Fabrik, gekommen und hat dort gepredigt. Dieſer Abbé hat ſeine Predigt ſo einzurichten gewußt, daß Herr Hardy darin verleumdet wurde.“ „Wie hat er das angefangen?“ fragte die Mayeux. „Herr Hardy hat eine Art von Hausordnung drucken laſſen, in welcher unſere Arbeit und die uns von ihm bewilligten Gewinnſtantheile geregelt ſind. Am Schluß dieſer Hausord⸗ nung befinden ſich treffliche Lebensregeln und Lehren der Bruderliebe, die Jedermann verſtehen kann, aus verſchiedenen Religionen und aus den Schriften verſchiedener Philoſophen. Weil nun Herr Hardy das Reinſte aus den verſchiedenen Religionsvorſchriften ausgewählt hat, ſo hat der Herr Abbé den Schluß gezogen, daß Herr Hardy gar keine Religion habe, und dgrauf fußend hat er nicht nur ihn auf der Kan⸗ zel angegriffen, ſondern hat auch unſere Fabrik als einen Sitz der Verderbniß und der Verdammniß bezeichnet, weil unſere Leute am Sonntag, ſtatt in ſeine Predigt oder ins Wirths⸗ haus zu gehen, mit ihren Weibern und Kindern ihre Gärt⸗ chen bauen, Bücher leſen und in unſerem Gemeinſchaftshaus miteinander ſingen oder tanzen. Der Abbé iſt ſo weit ge⸗ gangen, daß er geſagt hat, die Nachbarſchaft eines ſolchen Haufens von Atheiſten (ſo nannte er uns) könnte den Zorn Gottes auf eine Gegend bringen. Man höre ſchon viel von der herannahenden Cholera, und es wäre möglich, daß wegen der Nähe ſolcher Gottloſen die ganze Umgegend von dieſer Strafruthe Gottes heimgeſucht würde.“ ⸗ * — 198 — „Wenn man unwiſſenden Leuten ſolche Dinge ſagt, ſo kann man ſie zu ſchlimmen Handlungen bringen,“ bemerkte die Mayeux. „Eben das will der Abbé.“ „Iſt's möglich?“ „Die Bewohner der Umgegend, vermuthlich noch durch andere Hetzer aufgereizt, zeigen ſich feindſelig gegen unſere Fabrikarbeiter. Man hat, wenn nicht ihren Haß, doch ihren Neid zu benutzen gewußt. Sie ſehen uns in guten wohlge⸗ heizten Wohnungen, gut genährt und gekleidet, munter, fröh⸗ lich und arbeitſam, und ihre Scheelſucht wird nun noch weiter aufgeſtachelt durch die Predigten des Abbé und durch das heimliche Hetzen einiger ſchlechten Geſellen, die, wie ich ge⸗ funden habe, die untauglichſten Arbeiter aus der Fabrik un⸗ ſeres Concurrenten, des Herrn Baron Tripeaud ſind. Alle dieſe Aufreizungen fangen an, ihre Früchte zu tragen. Schon etliche Male iſt es zu Streit zwiſchen uns und Bewohnern der Umgegend gekommen, und in einer dieſer Raufereien habe ich einen Steinwurf an den Kopf erhalten.“ „Er iſt doch nicht gefährlich?“ fragte die Mayeur beſorgt. „Durchaus nicht. Aber die Feinde des Herrn Hardy be⸗ gnügen ſich nicht mit Predigen. Sie haben noch etwas Ge⸗ fährlicheres in's Werk geſetzt.“ „Ei was denn?“ 8 „Ich und meine Kameraden haben im ʒult Apfer mitge⸗ ſchoſſen. Aber jetzt haben wir unſere Gründe, nicht wieder zu den Waffen zu greifen. Andere Leute ſind nicht unſerer Meinung. Wir nehmen das Niemand übel; aber wir folgen unſerem Kopf, und der alte Herr Simon, der beherzt iſt, wie ſein Sohn, und ſo patriotiſch, wie irgend einer, gibt uns Recht und leitet uns. Nun denke Dir, ſeit einigen Tagen findet man um unſere Fabrik herum, im Garten und in den Höfen gedruckte Zettel, in welchen uns geſagt wird: Ihr ſeyd feige Memmen, ihr ſeyd Egoiſten. Weil der Zu⸗ fall euch einen guten Meiſter gegeben hat, ſo bleibt ihr gleichgültig gegen das eurer e — Brüder und gegen die Mittel, ſie aus der Knecht⸗ ſchaft zu befreien. Das materielle Wohlſeyn entnervt euch.“ „Das iſt aber doch eine ſchauderhafte Beharrlichkeit in der Bosheit!“ „Und leider,“ fuhr Agricola fort, „haben dieſe Hetzereien einigen Einfluß auf einige unſerer jüngſten Kameraden zu äußern angefangen. Sie haben Anklang gefunden, weil man eben edle und ſtolze Gefühle berührt hat. Schon ſind Keime des Zwieſpalts in unſeren bisher ſo friedlichen Werkſtätten zum Vorſchein gekommen. Man merkt, es herrſcht darin eine dumpfe Gährung. Kaltes Mißtrauen iſt bei Einigen an die Stelle der brüderlichen Herzlichkeit getreten. Wenn ich Dir nun ſage: ich bin faſt gewiß, daß dieſe über die Mauern der Fabrik geworfenen Zettel, die bei uns Gährung hervotgebracht haben, von den Ausſendlingen des predigenden Abbé ver⸗ breitet worden ſind, — findeſt Du da nicht, daß dieß Alles, zuſammengenommen mit dem, was dieſen Morgen der jungen Dame begegnet iſt, beweiſt, daß ſeit kurzem Herr Hardy viele Feinde hat?“ „Wie Du, find' ich das beängſtigend,“ antwortete die Mayeur. „Und ich finde es ſo bedenklich, daß ich glaube, nur Herr Hardy ſelber kann in dieſer Sache einen Entſchluß faſſen. Was den Vorfall mit der jungen Dame betrifft, ſo dünkt mich, Du mußt, ſobald Herr Hardy zurückkommt, mit ihm ſprechen und, ſo kitzlich auch eine ſolche Eröffnung ſeyn mag, ihm ſagen, was vorgefallen iſt.“ „Eben das bringt mich in Verlegenheit. Meinſt Du nicht, das ſähe aus, als wollte ich in ſeine Geheimniſſe eindringen?“ „Wenn die junge Dame nicht verfolgt worden wäre, ſo würde ich Deine Bedenklichkeiten getheilt haben. Aber ſie iſt ausgeſpäht worden und ſchwebt in Gefahr. Nach meiner Meinung iſt es Deine Pflicht, Herrn Hardy zu benachrich⸗ zigen. Angenommen, was wahrſcheinlich iſt, dieſe Dame iſt verheirathet, iſt es nicht aus tauſend Gründen beſſer, Herr Hardy erfährt die Sache?“ . — 200 — „Du haſt Recht, gute Mayeur. Ich will Deinem Rathe folgen. Nun, nachdem wir von Andern geſprochen haben, will ich von mir ſprecheu. Es handelt ſich um etwas, wo⸗ von das Glück meines Lebens abhängen kann.“ Agricvla ſchwieg einen Augenblick, ſah die Mayeur an, welche über den ernſten Ton ſeiner letzten Worte betroffen war, und fuhr fort: „Du weißt, daß ich Dir von Kind auf nie etwas verhehlt, daß ich Dir Alles geſagt habe.“ „Ich weiß es, Agricvla,“ erwiderte die Mayeur, ihre weiße ſchwache Hand dem Schmied reichend, der ſie herzlich drückte. „Doch nein,“ ſagte er. „Ich habe Dir nicht Alles geſagt. Ich habe Dir immer meine kleinen Liebſchaften verborgen. Denn wenn man auch ſo ziemlich Alles einer Schweſter ſa⸗ gen kann, ſo gibt es doch Dinge, von welchen man mit einem ordentlichen Mädchen, wie Du, nicht ſprechen darf.“ „Ich danke Dir, Agricola; ich habe — — dieſe Zurück⸗ haltung von Deiner Seite bemerkt,“ erwiderte die Mayeur, indem ſie die Augen niederſchlug und mit Anſtrengung ihren Schmerz unterdrückte. „Aber,“ fuhr der junge Menſch fort, „eben darum, weil ich mir zum Geſetz gemacht hatte, Dir nie etwas von mei⸗ nen Liebeleien zu ſagen, hatte ich mir vorgenommen: wenn mir einmal etwas Ernſtes vorkommt, eine Liebe, die mich ans Heirathen denken läßt, dann muß meine gute Maheur es zuerſt erfahren, gleichwie man erſt ſeiner Schweſter an⸗ vertraut, was man nachher ſeinem Vater und ſeiner Mutter zur Genehmigung vorlegt.“ „Du biſt recht freundſchaftlich, Agricola...“ „Nun das Ernſte iſt mir vorgekommen. Ich bin verliebt wie ein Narr und denke ans Heirathen.“ Bei dieſen Worten war es der armen Mayeux, als ob der Schlag ſie gerührt hätte, als ob ihr das Blut in den Adern zu Eis gefröre. Einige Seecunden lang vermeinte ſie, ſie müßte ſterben. Ihr Herz hörte auf zu ſchlagen; ſie hatte ein Gefühl, nicht als bräche, ſondern als zerflöſſe ihr Herz ———— —— — in Nichts. Nachdem dieſe vernichtende Empfindung vorüber war, ſchöpfte ſie (wie die Märtyrer in der Ueberreizung des Schmerzes inmitten der Qualen lächelten) aus' der Furcht, das Geheimniß ihrer lächerlichen, unglückſeligen Liebe durch⸗ ſchimmern zu laſſen, eine übermenſchliche Kraft. Sie ſah auf, blickte ihren Pflegbruder mit Ruhe, faſt mit Heiterkeit an und ſagte mit feſter Stimme: „Ach! Du liebſt Jemand — — — ernſtlich?“ „Mit andern Worten, liebe Mayeux, ſeit 2 Tagen lebe ich nicht mehr, oder vielmehr lebe ich bloß von dieſer Liebe.“ „Erſt — — ſeit vier Tagen — — — biſt Du verliebt?“ „Nicht länger. Aber die Zeit thut nichts zur Sache.“ „Und — — ſie iſt hübſch?“ „Braun, ſchlank wie eine Nymphe i. wie eine Lilie, blaue Augen, — — ſo groß, und ſö ſt ſo gut wie die is 1 „Du ſchmeichelſt mit, Agricola.“ „Nein, nein; der Angela ſchmeichle ich. Iſt das nicht ein hübſcher Name, gute Mayeur?“ „Ein allerliebſter Name,“ antwortete das arme Mädchen, indem ſie mit bitterem Schmerz den Gegenſatz zwiſchen dieſem lieblichen Namen und dem Ekelnamen Mayeur erwog, den der gute Agricola ihr gab, ohne etwas Arges dabei zu denken. Mit Ruhe fuhr ſie fort: „Ja — — Angela iſt ein aller⸗ liebſter Name.“ „Nun denke Dir, dieſer Name ſcheint nicht nur das Bild ihres Geſichts, ſondern auch ihres Herzens zu ſeyn. Mit einem Wort, ſie hat ein Herz, (wenigſtens glaub' ich 2 welches faſt dem Deinigen gleich kommt.“ „Sie hat meine Augen, ſie hat mein Herz? Es iſt net⸗ würdig, wie wir uns gleichen.“ Agricola bemerkte nicht die verzweifelte Ironie, welche in dieſen Worten lag, und fuhr mit aufrichtiger Rührung fort: „Meinſt Du, gute Mayeur, ich würde mich von einer ernſt⸗ lichen Liebe haben beſtricken laſſen, wenn die Seele ½ Vern V. 3 — — Deinigen hätte?“ kennen lernen?“ eines meiner Mitarbeiter, Namens Bertin. Du geſprochen haſt.“ 1 welche mir dieſelbe einflößt, nicht viel Aehnlichkeit mit der „Geh, Agricola,“ ſagte die Unglückliche lächelnd: „Heut biſt Du zur Galanterie aufgelegt. Wo haſt Du das hübſche Kind „Sie iſt nicht mehr und nicht weniger als die Schweſter Ihre Mutter iſt die Vorſteherin der Anſtalt, in welcher unſer Weißzeug ver⸗ fertigt wird. Dieß Jahr hat ſie gefunden, daß ſie einer Ge⸗ hülfin bedarf, und da nach dem Gebrauch in unſerer Geſell⸗ ſchaft die Verwandten der Mitglieder den Vorzug haben, ſo hat Frau Bertin ihre Tochter von Lille kommen laſſen, wo ſie bei einer Tante war, und ſeit fünf Tagen hat ſie nun unſer Weißzeug unter Händen. Am erſten Abend, wo ich ſie geſehen, habe ich drei Stunden in der Abendgeſellſchaft zuge⸗ bracht, und mit ihr, ihrer Mutter und ihrem Bruder ge⸗ laudert. Ich fühlte mich im tieſſten Herzen ergriffen. Am weiten und dritten Tag ward dieß Gefühl ſtärker und immer ſtärker. Und jetzt bin ich ganz toll und entſchloſſen, zu hei⸗ rathen — — — wenn Du deine Zuſtimmung gibſt. In⸗ deß — — freilich — — das wundert Dich; — — aber Alles hängt von Dir ab. Ich werde die Genehmigung mei⸗ nes Vaters und meiner Mutter nicht eher nachſuchen, als bis „Ich begreife Dich nicht, Agricola,“ ſagte die Mayeux. „Du weißt, welches Vertrauen ich in Dein richtiges Ge⸗ fühl ſetze. Wie oft haſt Du mir geſagt: Agricola, mißtraue Dieſem, liebe Jenen, traue dieſem Andern; — und niemals haſt Du dich geirrt. Jetzt mußt Du mir denſelben Dienſt leiſten. Bitte das Fräulein um die Erlaubniß, ausgehen zu dürfen. Ich führe Dich in die Fabrik, wo ich ſchon mit Frau Bertin und ihrer Tochter von Dir als meiner lieben Schweſter geſprochen habe; und je nach dem Eindruck, den Angela auf Dich macht, werde ich mich erklären oder es unterlaſſen. Es iſt, wenn Du willſt, eine Kinderei glaube von mir; aber ich bin nun einmal ſo.“ § — „Es ſey,“ antwortete die Mayeur. „Ich will Angela ſehen, und Dir ſagen, was ich von ihr denke — aufrichtig; verſtehſt Du?“ „Ich weiß es. Und wann willſt Du kommen?“ „Ich muß das Fräulein von Cardoville fragen, wann ſie meiner nicht bedarf. Ich werde Dich's wiſſen kaſſen.“ „Herz zlichen Dank, gute Mayeur!“ ſagte Agricola, und lächelnd fügte er hinzu: „Nimm Dein beſtes Urtheil mit, Dein Sonntagsurtheil.“ „Scherze nicht,“ erwiderte die hn in ſanftem, trau⸗ rigem Ton. „Die Sache iſt ernſt. Es handelt ſich um das S Deines ganzen Lebens. 4 agte „Das Fräulein laßt Sie zu il 1e Li⸗ nicht beſchäftigt ſind.“ Die n ſtand auf und ſagte zu Agricg einen Augenblick warten? Ich will das welchen Tag ich frei haben kann, und will Dir Antwort bringen.“ Die Mayeur ging weg. Florine blieb bei Agricola. Dieſer ſagte: „Ich hätte gern mich heut bei dem Fräulein bedankt, aber ich habe gefürchtet, zu ſtören.“ „Das Fräulein iſt nicht ganz wohl,“ erwiderte Florine. „Sie hat Niemand empfangen; aber ich zweifle nicht, ſobald ſie beſſer iſt, wird ſie ſich ein Vergnügen daraus machen, Sie zu empfangen.“ Die Mayeur kam zurück und ſagte zu Agricola: „Wenn Du mich morgen abholen willſt, um drei Uhr, damit Du nicht den ganzen Tag verlierſt, dann wollen wir zuſammen in die Fabrik gehen, und am Abend bringſt Du mich zurück.“ „Alſo morgen um drei Uhr, liebe Mayeur.“ „Morgen um drei Uhr, Agricola.“ „ — 204 — Am Abend dieſes Tages, als Alles im Hotel ruhig war, kam die Mayeur, welche bis um zehn Uhr bei dem Fräulein von Cardoville geblieben war, in ihr Schlafzimmer zurück und verſchloß ihre Thür. Als ſie ſich frei fand und ſich kei⸗— nen Zwang aufzulegen brauchte, warf ſie ſich vor einem Lehn⸗ ſtuhl auf die Knie und brach in Thränen aus. Sie weinte lange. Als ihre Thränen verſiegt waren, wiſchte ſie ihre Augen ab, ging an ihren Sekretär, zog eine Schachtel aus dem Fach und holte das darhinter verborgene Heft hervor, in welchem Florine den Abend zuvor geblättert hatte. Darauf ſetzte ſie ſich nieder und ſchrieb einen großen Theil der Nacht hindurch in das Heft. Elftes Kapitel. Das Tagebuch der Mayeur. Das Heft, welches Florine an dem Abend vor der Erklä⸗ rung Agricolas entdeckt und durchleſen hatte, war von ihr nicht entwendet worden, weil ſie erſt die Perſonen, auf deren Befehl ſie handelte, von dem Inhalt desſelben unterrichten und deren letzte Befehle darüber einholen wollte. Der Urſprung dieſes Hefts war folgender. An dem Tag, wo die Mayeur ſich ihrer Liebe für Agricola bewußt gewor⸗ den war, hatte ſie das erſte Wort in dies Buch geſchrieben. Von Natur mittheilend, und auf der andern Seite von Mit⸗ theilungen abgeſchreckt durch die Angſt, ſich lächerlich zu ma⸗ chen — eine Angſt, deren Uebertreibung ihre einzige Schwäche war — wem anders hätte die Arme das Geheimniß ihrer unglückſeligen Leidenſchaft anvertrauen können, als dem Pa⸗ pier, dieſem ſtummen Vertrauten ſcheuer oder verwundeter Seelen, dieſem geduldigen, ſchweigſamen, kalten Freund, wel⸗ cher, wenn er auf herzzerreißende Klagen nicht antwortet, ſie wenigſtens immer geduldig anhört und ſie nicht vergißt! Wenn ihr Herz von bald ſüßen, bald bittern Gefühlen über⸗ ſtrömte, dann fand die arme Nätherin eine ſchwermüthige Luſt, in dieſen ſtummen, einſamen Mittheilungen, welche bald in eine einfache, rührende poetiſche Form gekleidet, bald in kunſtloſer Proſa geſchrieben waren. Allmählig hatte ſie ſich gewöhnt, dieſe Gefühlsäußerungen nicht auf das zu beſchrän⸗ — 06 ken, was Agricvla betraf. Allein ſein Bild war der Hinter⸗ grund aller ihrer Gedanken, und die Betrachtungen, welche der Anblick der Schönheit, der glücklichen Liebe, der Mutter⸗ liebe, des Reichthums und der Armuth in ihr erweckte, tru⸗ gen zu ſehr das Gepräge ihrer ſo unglücklichen Perſönlichkeit als daß ſie hätte wagen ſollen, ſie auch nur ihrem brüder⸗ lichen Freund Agricola mitzutheilen. So war das Tagebuch dieſes armen, ſchwächlichen, mißge⸗ ſtalteten Mädchens, welches eine Engelſeele und einen durch Leſen und einſames Nachdenken gebildeten Verſtand beſaß, — unbekannte Blätter, welche ergreifende und tiefe Beobachtun⸗ gen über Menſchen und Dinge enthielten, aufgefaßt von dem eeigenthümlichen Standpunkt aus, auf welchen das Schickſal die Unglückliche geſtellt hatte. Folgende Zeilen, hie und da unterbrochen oder befleckt durch Thränen in Folge der Gefühle, welche die Mayeur am vorhergegangenen Tag bei der Offenbarung der Liebe Agri⸗ colas zu Angela empfunden hatte, bildeten die letzten Seiten dieſes Tagebuchs. Freitag, 3. März 1832. „Die Nacht war von keinem ängſtlichen Traum ge⸗ ſtört worden. Dieſen Morgen bin ich aufgewacht, ohne eine traurige Ahnung. Ich war ruhig, als Agricola kam. Er ſchien mir nicht aufgeregt zu ſeyn. Er war, wie immer, einfach und liebreich. Er hat mir erſt von einer Begebenheit in Betreff des Herrn Hardy geſprochen und iſt dann plötzlich und ohne Zögerung auf folgende Mit⸗ theilung übergegangen: Seit vier Tagen bin ich ſterblich verliebt... Dieß Gefühl iſt ſo ernſtlich, daß ich daran denke, mich zu verheirathen. ... Ich komme, Dich um Rath zu fragen. So iſt dieſe für mich ſo niederſchlagende Mittheilung gemacht worden — — natürlich, herzlich, ich auf der —.— ————— einen Seite des Kamins, Agricola auf der anderen, Herzens ihm zuräth als ob wir von gleichgültigen Dingen ſprächen. Und doch iſt nicht mehr erforderlich, um einem das Herz zu brechen. Jemand kommt herein, umarmt Dich brüderlich, ſetzt ſich, ſpricht mit dir,— — und dann — — O Gott! Gott! ich verliere den Verſtand. Ich fühle mich ruhiger. Muth gefaßt, armes Herz! Muth gefaßt“Wenn eines Tags das Unglück mich von, neuem zu Boden drückt, dann will ich dieſe Zeilen wie⸗ der leſen, die unter dem Eindruck des herbſten Schmer⸗ zes geſchrieben ſind, und will mir ſagen: Was iſt der gegenwärtige Kummer im Vergleich zu dem ver⸗ gangenen! Bitter iſt mein Schmerz. Er iſt ungerecht, lächerlich, ſchimpflich. Ich dürfte nicht wagen, ihn zu geſtehen, ſelbſt der zärtlichſten, nachſichtigſten Mutter nicht. Ach! es gibt entſetzliche Pein, über die man mit Recht bedauernd oder verachtend die Achſeln zuckt. Ach, es gibt verbotenes Unglück! * Agricvla hat mich gebeten, morgen das Mädchen zu ſehen, für welches er leidenſchaftlich eingenommen iſt, und welches er heirathen will, wenn das Gefühl meines zu dieſer Heirath.. Dieſer Gedanke iſt der ſchmerzlichſte von allen, die mich gequält haben, ſeitdem er mir ſo unbarmherzig ſeine Liebe an⸗ gekündigt hat. Unbarmherzig! — — Nein, Agricola! — — nein, Bruder! Vergib dieſen ungerechten Ausrufmeines Schmer⸗ zes! Weißt Du, kannſt Du ahnen, daß ich Dich inniger liebe, als Du dieß reizende Geſchöpf liebſt und je lie⸗ ben kannſt? Braun, ſchlank, wie eine Nymphe, weiß, wie eine Lilie, blane Augen — — ſo lang — und faſt ſo ſauft, wie die deinigen. 5 So hat er zu mir geſprochen, indem er ſie mir ſchilderte. Der arme Agricola! Wie würde er gelitten haben, wenn er gewußt hätte, daß jedes ſeiner Worte mir das Herz zerriß! Nie habe ich mehr als in dieſem Augenblick das tiefe Mitleid empfunden, welches ein liebevolles, gutes Weſen einflößt, wenn es, ohne etwas Arges zu denken, ſeinen 3 Nichſten tödtlich verwundet und ihrdabei anlächelt! . Darum tadelt man auch ein ſolches Weſen nicht. Man zittert vielmehr bei dem Gedanken an den Schmerz, 8 welchen es empfinden würde, wenn es das Leid entdeckte, 5 welches es uns zufügt. Seltſam! Noch nie war mir Agricola ſo ſchön vor⸗ gekommen, wie dieſen Morgen . . . . Welch ſanfte Regung war auf ſeinem männlichen Geſicht ausgedrückt, als er mir von den Beſorgniſſen der ſchönen jungen Dame ſprach! Als ich ihn die Angſt eines Weibes ſchil⸗ dern hörte, welches Alles aufs Spiel ſetzt für einen ge⸗ 3 liebten Mann, fühlte ich mein Herz heftig ſchlagen, meine Hände brennen und ein ſanftes Schmachten mich erfüllen — — Lächerlichkeit! Habe ich das Recht zu ſolchen Empfindungen? — — Ich erinnere mich, während er ſprach, habe ich einen flüchtigen Blick in den Spiegel geworfen. Ich war ſtolz darauf, ſo gut gekleidet zu ſeyn. Er hat es nicht ein⸗ mal bemerkt. Aber es liegt nichts daran. Mir ſchien es, als ſtünde meine Haube mir gut, als glänzten wei Haare und als wäre mein Blick ſanft. Ich fand Agricola ſo ſchön, daß ich mich ſelbſt weni⸗ ger häßlich fand, als gewöhnlich, — — ohne Zweifel, um mich vor mis ſelber zu entſchuldigen, daß ich wagte, 1 ihn zu lieben. 3 — Am Ende hätte eben, was heute geſchehen iſt, früher oder ſpäter doch kommen müſſen. Das iſt tröſtend, wie für die Lebensluſtigen der Ge⸗ danke, daß der Tod nicht zu fürchten iſt, weil er früher oder ſpäter jedenfalls kommen muß. Was mich ſtets vor dem Selbſtmord bewahrt hat, vor dieſem letzten Schritt des Unglücklichen, der lieber zu Gott *) gehen will als unter ſeinen Geſchöpfen bleiben — iſt das Pflichtgefühl. Man darf nicht bloß an ſich denken. Und dann ſagte ich mir: Gott iſt gü⸗ tig; denn auch die am ſpärlichſten bedachten Weſen finden noch einen Gegenſtand, den ſie lieben, für den ſie ſich aufopfern können. Mir, die ich ſo ſchwach und niedrig bin, war es immer gegeben, Jemanden helfen oder nützen zu können. Heute habe ich mich ſehr verſucht gefühlt, meinem Leben ein Ende zu machen. Weder Agricola noch ſeine Mutter bedürfen ferner mein. — — Aber die Armen, zu deren Schutzengel das Fräulein von Cardoville mich gemacht hat? Und meine Wohlthäterin ſelber? Obwohl ſie mich freundſchaftlich ausgeſcholten hat über die Zähig⸗ keit meines Argwohns gegen jeden Menſchen. — — Mehr als je fürcht ich für ſie; mehr als je, halt ich ſie für bedroht, mehr als je glaube ich an die Nützlich⸗ keit meiner Anweſenheit bei ihr. Ich muß alſo leben. Leben — um morgen das Mädchen zu ſehen, welches Agricola glühend liebt. *) Moraliſirende Leſer werden hierin eine Apologie des Selbſt⸗ mordes finden. Um den Verfaſſer einigermaßen gegen dieſen Vor⸗ wurf zu ſchützen, mag bemerkt werden, daß am 2. September 1792 ein Royaliſt in einem Gefängniß zu Paris ſich erſtach unter dem Ausruf: Mon Pieu! je vais à vous! FGott, ich gehe zu dir!) Wenigſtens kann alſo Sue nicht als Erfinder dieſer Beſchönigung des Selbſtmords gelten. Anmerkung des Ueherſetzers. EE — 210 — Gott! warum hab' ich immer nur den Schmerz ge⸗ kannt und nie den Haß! Es muß ein bitterer Genuß in dem Haß liegen. So viele Menſchen haſſen! — — Vielleicht werd ich ſie haſſen — dieß Mädchen — — Angela, wie er ſie genannt hat, indem er mir ſagte: Nicht wahr, Mayeur, ein hübſcher Name: Angela? Dieſen Namen, der eine Vorſtellung von Anmuth erweckt, zuſammenzuſtellen mit dem Ekelnamen, welcher meine Mißgeſtalt bezeichnet! Armer Agricola! — Die Gutherzigkeit iſt doch manch⸗ mal eben ſo gefühllos blind wie die Bosheit! Ich ſollte das Mädchen haſſen? Und warum? Hat ſie mir die Schönheit entwendet, welche den Agricola ver⸗ führt? Kann ich ihr darum grollen, weil ſie ſchön iſt? Als ich noch nicht an die Folgen meiner Häßlichkeit gewöhnt war, fragte ich mich mit Ungeduld, warum der Schöpfer ſeine Geſchöpfe ſo ungleich begabt habe —— Die Gewöhnung an gewiſſe Schmerzen hat mir ver⸗ ſtattet, mit Ruhe darüber nachzudenken. Am Ende habe ich die Ueberzeugung gewonnen, daß mit der Häßlichkeit und mit der Schönheit die beiden edelſten Gefühle der Seele verknüpft ſind: die Bewunderung und das Mit⸗ leid. Die, welche ſind, wie ich, bewundern die Schönen, wie Angela, wie Agricola; und die Schönen empfinden dagegen rührendes Mitleid für die, welche mir gleichen. Man faßt manchmal unwillkürlich recht unſinnige Hoffnungen. Daraus, daß Agricola aus Schicklichkeits⸗ gefühl mir nie etwas von ſeinen Liebeleien ſagte, hatte ich zuweilen geſchloſſen, daß er keine hätte — — daß er mich liebte — — — aber daß für ihn, wie für mich, die Lächerlichkeit jedem Geſtändniß im Weg ſtehe. Ich habe ſogar Verſe darüber gemacht. Sie ſind, glaube ich, die am wenigſten ſchlechten unter allen. 1. A 5 3 — — 4₰ — . Wie ſeltſam iſt doch meine Lage. Wenn ich liebe, bin ich lächerlich. Wenn mich Jemand liebt, ſo iſt er noch lächerlicher. Wie habe ich das ſo ganz vergeſſen können? — — ſo daß ich leiden mußte und leiden muß wie jetzt? — Aber geſegnet ſei dieß Leid, daß es nicht Haß erzeugt. Nein, ich werde dies Mädchen nicht haſſen. Ich will meine Pflicht als Schweſter bis zum Ende erfüllen. Ich will auf mein Herz hören. Ich habe den Trieb, Andere zu erhalten. Dies Gefühl ſoll mich leiten und er⸗ leuchten. Meine einzige Beſorgniß iſt, daß ich in Thränen aus⸗ breche beim Anblick dieſes Mädchens, daß ich meiner Empfindung nicht Herr werden kann. Gott! welche Offenbarung wäre für Agricvla mein Weinen! Ihm die thörichte Liebe entdecken, die er mir einflößt? Nein! der Tag, wo er es wüßte, wäre der letzte meines Lebens. Stärker als die Pflicht würde dann die Begierde ſeyn, einem Schimpf zu entgehen, einem unheilbaren Schimpf, den ich ſtets empfinden würde, wie das Brennen eines glühenden Eiſens. Nein, ich will ruhig ſeyn. — — Habe ich denn nicht vor wenigen Stunden eine furchtbare Probe vor ihm beſtanden? Ich will ruhig ſeyn. Meine perſönliche Rei⸗ gung darf nicht mein inneres Auge verdüſtern, welches ſo klar ſieht für die, welche ich liebe. O peinliche, peinliche Aufgabe! denn auf der andern Seite darf auch nicht die übertriebene Scheu, unwillkür⸗ lich einem böſen Gefühl zu folgen, mich allzu nachſichtig für dieß Mädchen machen. Auf dieſe Weiſe könnte ich die Zukunft Agricola's gefährden, da, wie er ſagt, meine Entſcheidung allein ihn leiten ſoll. Ich armes Geſchöpf! Wie täuſch ich mich! Agricola will meinen Rath hören, weil er glaubt, ich würde nicht wagen, ſeiner Leidenſchaft entgegenzutreten, — oder er ſagt: Gleichviel, ich liebe und ich trotze der Zukunft. 10 — 10 Aber wenn meine Rathſchläge, wenn das Gefühl meines Herzens ihn nicht leiten ſollen, wenn ſein Ent⸗ ſchluß zum Voraus gefaßt iſt, warum verlangt er mei⸗ nen Rath? Wozu morgen dieſer für mich ſo peinliche Auftrag? Wozu? Um ihm zu gehorchen? Er hat mir geſagt: Komme! Wie oft habe ich bei dem Gedanken an meine Er⸗ gebenheit für ihn mich im Innerſten meines Herzens gefrag“, ob es ihm wohl je in den Sinn gekommen ſey, mich anders zu lieben, als wie eine Schweſter! ob er ſich jemals geſagt hat, welche ergebene Frau er an mir haben würde! Und warum hätte er ſich das ſagen ſollen? So lange er es gewollt hat und ſo lange er es will, werd' ich ihm eben ſo ergeben ſeyn, wie wenn ich ſeine Frau, ſeine Schweſter oder ſeine Mutter wäre. Warum ſollte ihm jener Gedanke gekommen ſeyn? Denkt man je daran, zu wünſchen, was man beſitzt? Ich mit ihm verheirathet? Gott! — — — dieſer eben ſo unſinnige, wie liebliche Traum, dieſer Gedanke von himmliſcher Süßigkeit, welcher alle Gefühle, von der Liebe bis zur Mutterliebe umfaßt, — ſind dieſe Träume, Gedanken und Gefühle mir nicht unterſagt, bei Strafe ſo lächerlich zu werden, wie wenn ich Kleider und Schmuck trüge, die meine Mißgeſtalt und Häßlichkeit mir ver⸗ bieten? Ich möchte wiſſen, ob ich, wenn ich noch in der bit⸗ terſten Armuth ſchmachtete, mehr gelitten haben würde 4. bei der Nachricht von Agricola's Verheirathung, als jetzt. Würden Hunger, Kälte und Blöße mich gegen dieſen entſetzlichen Schmerz abgeſtumpft haben? oder dieſer Schmerz gegen Hunger, Kälte und Blöße? Nein, nein! Dieſe Ironie iſt zu bitter. Mir kommt es nicht zu, ſo zu ſprechen. Woher dieſer tiefe Schmerz? 2 — 213 — Wo zeigt ſich die Zuneigung und Achtung Agricola's gegen mich verändert? — — Ich beklage mich. — — Wie wäre es erſt, wenn ich liebevoll, ergeben und zu⸗ gleich ſchön wäre, und wenn er mir eine weniger ſchöne, weniger ergebene, weniger liebevolle Frau vorgezogen hätte, wie man das leider nur zu oft ſieht! Wäre ich dann nicht noch tauſendmal unglücklicher? Denn alsdann könnte und dürfte ich ihn tadeln, während ich ihm jetzt nicht grollen kann, daß er nie an eine Verbindung ge⸗ dacht hat, die wegen ihrer Lächerlichkeit unmöglich iſt. Und wenn er ſie gewollt hätte, würde ich je ſelbſt⸗ ſüchtig genug geweſen ſeyn, einzuwilligen? Viele Seiten dieſes Buches habe ich angefangen zu ſchreiben, wie dieſe; das Herz voll bitteren Kummers, und faſt immer hat meine Seele ſich beruhigt, während ich dem Papier anvertraute, was ich nicht gewagt hätte, einem Menſchen zu ſagen. Und nach der Beruhigung kam die Ergebung — die Ergebung, meine Heilige, welche lächelt mit Thränen in den Augen, duldet, liebt und niemals hofft!“ Dieſe Worte waren die letzten des Tagebuchs. An den häufigen Spuren von Thränen ſah man, daß die Unglückliche oft bitter geweint hatte. k.— Ermattet von ſo vielen Gemüthsbewegungen hatte die Mayeur gegen Morgen das Heft wieder hinter die Papp⸗ ſchachtel gelegt, wo ſie dasſelbe nicht etwa mehr in Sihe heit glaubte als anderwärts (einen Mißbrauch des Ver⸗0 trauens konnte ſie nicht ahnen), ſondern nur weniger ſicht⸗ bar, als in einer der Schubladen ihres Schreibtiſches, den ſie, oft vor den Augen Anderer öffnete. Treu ihrem Entſchluß, wollte ſie ihre Aufgabe vollſtändig löſen und ging mit Agricola, der ſie zur feſtgeſetzten Zeit abholte, in die Fabrik Hardys. Florine erfuhr, daß die Mayeur ausging. Ihr Dienſt hielt, ſie den größten Theil des Tages in die Nähe des Fräuleins, gebannt, und zudem wollte ſie die Nacht abwarten zur Voll⸗ ziehung der Befehle, welche ſie durch einen, den Inhalt des von ihr entdeckten Heftes bezeichnenden, Brief eingeholt hatte. Als es dunkel geworden war, ſchlich ſie wieder in das Schlaf⸗ gemach der Mayeur, öffnete den Secretär, nahm die Papp⸗ ſchachtel aus dem Fach und griff in ihre Taſche. In dieſem Augenblick erzitterte ſie ſo heftig, daß ſie ſich an dem Tiſch halten mußte. Wir haben geſagt, daß nicht jedes beſſere Gefühl im Her⸗ zen dieſer Perſon erloſchen war. Sie gehorchte den Befeh⸗ len, welche ſie empfing, mie einer unwiderſtehlichen Nothwen⸗ digkeit und empfand ſchmerzlich die ganze Abſcheulichkeit und Ehrloſigkeit ihres Thuns. Wenn es ſich bloß um ſie gehan⸗ delt hätte, würde ſie wohl den Muth gehabt haben, es lieber aufs Aeußerſte ankommen zu laſſen, als ſich einem verhaßten Joch zu unterwerfen. Aber das Unglück, in welches die Menſchen, in deren Hand ſie war, ſie hätten ſtürzen könnea, würde eine andere Perſon zur Verzweiftung gebracht haben, die ſie mehr liebte, als ihr Leben. Darum gab ſie ſich, wie⸗ wohl nicht ohne peinliche Seelenangſt, zu ſchändlichem Ver⸗ rath her. Obwohl ſie in den meiſten Fällen nicht wußte, zu welchem Zweck man ſie hundeln ließ, undnamentlich nicht, warum ſie das Tagebuch der Maheur entwenden ſollte, ſo ahnte ſie doch, daß die Folgen davon für die Eigenthümerin verderblich ſeyn ſollten, denn ſie erinnerte ſich der Worte, die ihr Rodin bei Dſchalma zugeraunt hatte: Morgen müſſen wir mit der Mayeux fertig werden. — Was meinte er mit dieſen Worten? Er hatte ihr einen verſiegelten Brief zukom⸗ men laſſen mit dem Befehl, denſelben an die Stelle des ge⸗ ſtohlenen Tagebuchs zu legen. In wie fern konnte dieſer Brief zu dem von ihm mit jenen Worten angedeuteten Zwecke mitwirken? Sie wußte es nicht, aber ſie merkte, daß die mit Scharfblick verbundene Ergebenheit der Mayeur für Adriana von Cardoville den Feinden des Fräuleins gerechte Beſorgniß einflößte, und daß ſie, Florine, ſelber in Gefahr ſchwebte, früher oder ſpäter ihre Treuloſigkeit durch die Nätherin ent⸗ deckt zu ſehen. Dieſe letzte Beſorgniß machte ihrer Unſchlüſſigkeit ein Ende. Sie zog den Brief aus der Taſche, legte ihn an die Stelle des Schreibbuchs, nahm dieß unter ihre Schürze und ſchlich damit aus dem Zimmer der Mayeur. Zwölftes Kapitel. Bruchſtücke aus dem Tagbuch der Mayeur. Florine verſteckte das im Schlafgemach der Mayeur ent⸗ wendete Heft in ihrem eignen Zimmer und ging den Ge⸗ ſchäften ihres Dienſtes nach. Nach einigen Stunden, als ſie frei war, trieb ſie die Neugier, ſich mit dem Inhalt näher bekannt zu machen. Sie las darin, und je mehr ſie las, deſto mehr ward ihre Theilnahme rege, deſto mehr ward ſie durch die geheimen Gedankenäußerungen des armen Mädchens gerührt. Zwiſchen Verſen voll leidenſchaftlicher Liebe für Agricola, deren aufrichtige Gluth die unberufene Leſerin die lächerliche Mißgeſtalt der Mayeur vergeſſen ließ, fanden ſich Betrach⸗ tungen und Bruchſtücke von Erzählungen verſchiedener Vor⸗ fälle. Wir theilen einige derſelben mit, um den tiefen Ein⸗ druck zu erklären, welche das Leſen in dem Tagebuch auf Florinen hervorbrachte. „Heute war mein Namenstag. Bis zum Abend habe ich eine thörichte Hoffnung genährt. Geſtern war ich hinuntergegangen zur Frau Baudoin, um eine leichte Wunde zu verbinden, die ſie am Bein hatte. Als ich hinein kam, war Agricola da. Er muß mit ſeiner Mutter von mir geſprochen haben, denn plötz⸗ lich verſtummten ſie und lächelten ſich einander zu. Als ich nachher an der Commode vorbeiging, bemerkte ich auf derſelben eine hübſche Pappſchachtel mit einem Nadel⸗ kiſſen auf dem Deckel. Ich erröthete vor Freude. Ich glaubte, dieß kleine Geſchenk ſey für mich beſtimmt, und that, als hätte ich nichts geſehen. Während ich vor ſeiner Mutter kniete, ging Agricola hinaus und nahm die hübſche Schachtel mit. Nie hat Frau Baudoin mir mehr mütterliche Zärtlichkeit bewieſen, als dieſen Abend. Es kam mir vor, als ginge ſie früher, wie gewöhnlich, zu Bett. Das geſchieht, um 3 mich früher fortzuſchicken, dacht' ich, damit ich um ſo früher die mir von Agricola bereitete Ueberraſchung ge⸗ nieße. Wie klopfte mein Herz, als ich ſchnellen Schrittes auf meine Kammer hinaufging! Ich blieb einen Augenblick vor der Thür ſtehen, um die freudige Hoffnung länger dauern zu laſſen. Endlich ging ich hinein mit Freudenthränen in den Augen. Ich ſah auf meinen Tiſch, auf meinen Stuhl, auf mein Bett. Nirgends etwas. Die Schachtel war nicht da. Es ward mir weh ums Herz. Dann dachte ich Morgen; denn heut iſt ja erſt der Vorabend mei⸗ nes Namenstags. Der Tag iſt vergangen, der Abend iſt gekommen. Nichts iſt da. Die ſchöne Schachtel war nicht für mich. Auf dem Deckel war ein Nadelkiſſen. Das konnte nur für ein Frauenzimmer ſeyn. — — — Wem hat Agri⸗ cola ſie gegeben? In dieſem Augenblick bin ich recht veribt Kl⸗ . Der Gedanke, den ich an die Erwartung knüpfte, daß Agricola mir etwas zum Namenstag gäbe, iſt kindiſch. Ich ſchäme mich, ihn zu geſtehen. Es würde bewieſen haben, daß er meinen wahren Namen nicht vergeſſen hätte über dem Namen Mayeur, mit dem ich ſtets ge⸗ nannt werde. Meine Empfindlichkeit in dieſer Beziehung iſt ſo hart⸗ . — näckig, daß ich jedes Mal Scham und Verdruß fühle, ſo oft ich mich Mayeur nennen höre. Und doch hab' ich von Kind auf keinen andern Namen geführt. Darum wäre ich ſehr glücklich geweſen, wenn Agri⸗ cola die Gelegenheit meines Namenstags benutzt hätte, um mich ein Mal wenigſtens mit meinem beſcheidenen Namen Magdalene zu nennen. Glücklicher Weiſe wird er nie dieſen Wunſch und dieß Bedauern erfahren.“ Gerührt von dem Schmerz, der ſich in dieſen einfachen Zeilen ausſprach, ſchlug Florine einige Blätter um und las weiter: „Eben habe ich der Beerdigung unſerer Nachbarin, der armen kleinen Vietoria Herbin beigewohnt. Ihr Vater iſt Tapeziergeſell und arbeitet weit von Paris. Sie iſt in ihrem neunzehnten Jahr geſtorben, ohne daß eine verwandte Seele an ihrem Todbett geſtanden hätte. Ihr Todeskampf iſt nicht ſchmerzlich geweſen. Die brave Frau, welche bei ihr gewacht hat bis zum letzten Augen⸗ blick, hat mir geſagt, ſie hätte kein anderes Wort ge⸗ ſprochen, als: Endlich, — — — endlich. Und, be⸗ merkte die Frau, es war, als ob ſie es mit Zu⸗ friedenheit ſagte. Das liebe Kind! Sie war recht hinfällig geworden. c3 ihrem fünfzehnten Jahr war ſie wie eine Roſen⸗ ospe, ſo hübſch, ſo friſch — blondes Haar, weich wie Seide. Aber allmählig iſt ſie verkommen. Ihr Geſchäft als Matratzenkardätſcherin hat ſie umgebracht. Sie iſt gleichſam mit der Länge der Zeit vergiftet worden durch die Ausvünſtungen der Wolle. ¹) Ihre Beſchüftigung 3 war um ſo ungeſunder, da ſie für arme Haushaltungen — „ ¹) Siehe die Anmerkungen am Schluß des Bandes. arbeitete, deren Bettwerk immer von dem ſchlechteſten Zeug gemacht wird. Sie hatte den Muth eines Löwen und die Ergebung eines Engels. Sie ſagte mir immer mit ihrer ſchwachen ſanften Stimme, die durch häufigen trockenen Huſten unterbrochen ward: Ich habe nicht mehr lange Vitriol⸗ ſtaub und Kalk einzuathmen. Ich ſpeie Blut und habe manchmal Magenkrämpfe, daß ich ohnmächtig werde. So ergreife ein anderes Geſchäft, ſagte ich ihr. Wo ſoll ich die Zeit hernehmen, es zu lernen? er⸗ widerte ſie. Jetzt iſt es zu ſpät. Ich bin einmal ange⸗ bunden. Meine Schuld iſt es nicht. Ich habe mir dieß Geſchäft nicht gewählt, ſondern mein Vater. Glück⸗ licher Weiſe bedarf er meiner nicht. Iſt man einmal todt, dann braucht man ſich um nichts mehr zu beküm⸗ mern und fürchtet ſich nicht mehr vor Arbeitsloſigkeit. Victoria ſprach dieſen nicht ſehr tiefſinnigen aber traurigen Satz mit Aufrichtigkeit und mit einer gewiſſen Zufriedenheit aus. Und mit demſelben Gefühl ſagte ſie im Sterben: Endlich — — — endlich — — — Es iſt doch ein peinlicher Gedanke, daß die Arbeit, durch welche der Arme ſein Brod ſuchen muß, oſt ein langſamer Selbſtmord wird. Ich habe das neulich dem Agricola geſagt. Er hat mir geantwortet, es gäbe noch viele andere tödtliche Geſchäfte. Die Arbeiter in Scheidewaſſer, in Bleiweiß, in Mennig, ziehen ſich vorauszuſehende unheilbare Kränk⸗ heiten zu, an welchen ſie ſterben. Weißt Du, fügte er hinzu, was ſie ſagen, wenn ſie in die mörderiſchen Werk⸗ ſtätten gehen? Sie ſagen: Wir gehen ins Schlacht⸗ haus. — Bei dieſem Wort, welches eine ſchreckliche Wahrheit enthält, ſchauderte ich. Und das geſchieht in unſeren Tagen? erwiderte ich mit bekümmertem Herzen. Und man weiß es? Und unter ſo vielen einflußreichen 6 Leuten denkt keiner an dieſe Sterblichkeit, die ſeine Mit⸗ brüder zehntet, indem ſie ſo genöthigt ſind, ein Giftbrod zu eſſen? — Liebe Mayeur, antwortete er, wenn es gilt, die armen Leute in die Regimenter zu ſtecken, um ſie im Krieg todtſchlagen zu laſſen, dann bekümmert man ſich nur allzuſehr um ſie. Gilt es aber, ſie zum Leben zu organiſiren, dann denkt Niemand daran, außer Herr Hardy, mein Meiſter. Da heißt es Bah! Was liegt am Hunger, an der Noth und dem Elend der Arbeiten⸗ den? Das iſt keine Politik — — — Gehorſamer Diener, ſagte Agricola. Das iſt mehr als Politik! — — — — —— — Da Victoria nichts hinterlaſſen hatte, um einen Trauergottesdienſt in der Kirche zu bezahlen, ſo iſt ihre Leiche nicht einmal an die Kirchenthür geſtellt, und es iſt nicht einmal eine einfache Seelenmeſſe für die Arme geleſen worden. Und da dem Pfarrer keine achtzehn Franken gegeben werden konnten, ſo hat auch kein Geiſtlicher die Armenleiche zum Grabe begleitet. Wenn die ſo beſchränkte und beſchnittene Leichenfeier vom religiöſen Geſichtspunkt aus genügt, wozu dann überhaupt vollſtändigere? Etwa aus Habgier? Iſt ſie aber ungenügend, warum ſoll der Dürftige allein unter dieſem Mangel leiden? Doch wozu ſich Sorgen machen um dieſen Pomp, dieſen Weihrauch, dieſe Geſänge, mit denen man ſich mehr oder weniger geizig oder verſchwenderiſch zeigt? Wozu? Das ſind eitle, irdiſche Dinge, um welche die Seele ſich nicht kümmert, wenn ſie freudig zum Schöpfer zurückkehrt. Geſtern hat mich Agricola einen Artikel in einer Zei⸗ tung leſen laſſen, in welchem bald heftiger Tadel, bald bitterer verachtender Spott ausgeſprochen war über die verderbliche Richtung mancher geringen Leute, etwas lernen zu wollen, — über ihre Sucht, zu ſchreiben, —— Dichter zu leſen und zuweilen gar ſelber Verſe zu machen. Die ſinnlichen Genüſſe ſind der Armuth verſagt. Iſt es menſchenfreundlich, uns zum Vorwurf zu machen, daß wir geiſtige Genüſſe ſuchen? Welche Uebel können dar⸗ aus entſtehen, daß jeden Abend nach einem unter Arbeit hingebrachten Tag, ich, der jedes ſonſtige Vergnügen, jede gewöhnliche Erholung verſagt iſt, mir die Freude mache, ohne Jemandes Wiſſen einige Verſe zuſammenzu⸗ ſtellen, oder in dieß Tagebuch die guten oder ſchlimmen Eindrückr, welche ich gehabt habe, niederzuſchreiben? Iſt Agricola ein weniger guter Arbeiter, weil er bei?ſeiner Mutter zu Hauſe ſeinen Sonntag dazu anwendet, Volks⸗ lieder zu dichten, welche die nährende Arbeit des Hand⸗ werkers verherrlichen und zu Allen ſagen: Hoffnung und Bruderſinn!* *) Wendet er auf dieſe Weiſe nicht ſeine Zeit beſſer an, als wenn er ſie im Wirthshaus zu⸗ brächte? Die, welche uns tadeln über dieſe unſchuldigen und edlen Erholungen nach unſeren ſchweren Arbeiten, ſind im Irrthum, wenn ſie glauben, daß in dem Maße, wie der Verſtand gebildet wird, Noth und Entbehrungen weniger geduldig ertragen werden, und daß der Unwille über die Glücklichen in der Welt zunimmt. Angenommen, eswäre der Fall (und es iſt nicht der Fall) wäre es nicht beſſer, einen gebildeten, aufgeklärten Feind zu haben, zu deſſen Verſtand und Herzen man reden kann, als einen thieriſch dummen, wilden und unverſöhnlichen? Aber in *) Gott wolle uns in Gnaden vor dieſer Gattung von Pveſie bewahren, und wenn ſie einmal kommen ſoll, ſie nur denen zu ge⸗ nießen geben, welche ſich über die politiſche Poeſie ſo ungebärdig ſtellen. Anmer. des ueberſetzers. ———— —— Wahrheit verliert ſich die Feindſchaft immer mehr, je mehr der Geiſt entwickelt und der Geſichtskreis des Mitgefühls erweitert wird. Man kommt dazu, Seelen⸗ ſchmerz zu begreifen, und man erkennt, daß oft auch die Reichen ſchreckliche Leiden haben. *) Die Gemeinſchaft des Unglücks aber erweckt ein Gefühl brüderlicher Theil⸗ nahme. Ach! auch die Reichen verlieren und beweinen bitter⸗ lich theure Kinder, angebetete Geliebte, gute Mütter. Auch bei ipen, beſonders unter den Frauen, gibt es, in⸗ mitten des Glanzes und der Größe, viele gebrochene Herzen, viele leidende Seelen, viele insgeheim geweinte Thränen! Sie irn alſo nicht zu erſchrecken. Indem der Arme aufgeklärt und ichen an Verſtand gleich wird, lernt er die Reichen bedauern, wenn ſie unglücklich und gut ſind, und ſie noch mehr beklagen, wenn ſie glücklich und böſe ſind. — — — — Welches Glück! Welch ſchöner Tag! Ich weiß mich vor Freude nicht zu faſſen. Ja, der Menſch iſt gut und voll Mitgefühl. Ja, der Schöpfer hat edle Triebe in ihn gelegt, und wofern er nicht eine myraliſche Mißgeburt iſt, thut er nie vorſätzlich Böſes. Ich warte nicht den Abend ab, um niederzuſchreiben, was ich eben geſehen habe; es möchte ſonſt gewiſſer⸗ maßen in meinem Herzen kalt werden. Ich war ausgegangen, um eine Arbeit, welche Eile hatte, abzuliefern. Ich ging über den Tempelplatz Einige Schritt vor mir führte ein Knabe von höchſtens zwölf Jahren, barfuß und ohne Kopfbedeckung, mit ein paar Hoſen und einem zertiſſenen wollenen Wams be⸗ kleidet, am Zügel einen angeſchirrten Karrengaul. Von Zeit zu Zeit blieb das Pferd ſtehen und wollte nicht weiter. Der Knabe, welcher keine Peitſche hatte, zerrte vergebens am Zügel; das Pferd blieb unbeweglich. Gott! rief das Kind weinend, und ſah ſich um nach Hülfe von Seiten eines Vorübergehenden. Sein gut⸗ müthiges Geſicht trug den Ausdruck ſo tiefen Schmerzes, daß ich, ohne zu überlegen, etwas unternahm, worüber ich jetzt nicht umhin kann, zu lächeln, denn ich mußte gar poſſirlich dabei ausſehen. Ich habe fürchterliche Angſt vor Pferden und noch größere Angſt, mich vor den Leuten ſehen zu laſſen. Ich nahm meinen Muth zuſammen, ging mit meinem Regenſchirm auf das Pferd los, wie eine Ameiſe, welche einen dicken Stein mit einem Stückchen Spreu in Be⸗ wegung ſetzen will, und gab dem widerſpänſtigen Thiere aus Leibeskräften einen Hieb auf den Rücken. Ach, ich danke Ihnen, gute Frau! rief der Knabe, ſeine Thränen abwiſchend. Geben Sie ihm noch einen Hieb, vielleicht geht er vorwärts. — Ich ſchlug von neuem herzhaft darauf los. Aber das Pferd, ſey es Bosheit, ſey es Trägheit, legte ſich nieder und wälzte ſich auf dem Pflaſter. Es verwickelte ſich in ſeinem Geſchirr, zerriß daſſelbe und zerbrach ſein Kummet. Ich war wegge⸗ ſprungen, aus Furcht einen Huftritt zu erhalten. Bei dieſem neuen Unglück warf das Kind ſich mitten auf dem Pflaſter auf die Knie, faltete ſchluchzend die Hände und rief: Hülfe! Hülfe! Mehre Vorübergehende blieben ſtehen und das hals⸗ ſtarrige Pferd erhielt eine wirkſamere Züchtigung, als ich ihm hatte geben können. Es ſtand auf, aber ohne Geſchirr. Der Knabe ſchluchzte noch heftiger als vorher und ſchrie: Ich bekomme Schläge von meinem Herrn und werde fortgejagt. Ach, Gott! Ich habe keinen Vater und keine Mutter mehr! Unter den Umſtehenden war eine Hökerin vom Tempel. Gerührt ſagte ſie: Du haſt keinen Vater und keine Mutter mehr? Weine nicht, armes Kind. Beim Tem⸗ pel kann Dir geholfen werden. Dein Geſchirr ſoll wie⸗ der hergerichtet werden, und wenn meine Nachbarinnen ſind, wie ich, ſo ſollſt Du auch nicht vuiſl un im bloßen Kopf fortgehen. Dieſer Vorſchlag ward mit lautem Beifall aufgenom⸗ meu. Das Kind und das Pferd mußten mitgehen. Ein Theil übernahm es, das Geſchirr wieder in Ordnung bringen zu laſſen. Eine Hökerin ſchaffte eine Mütze herbei, eine andere ein Paar Strümpfe, eine dritte Schuhe, eine vierte eine gute Jacke. In einer Viertel⸗ ſtunde war das Kind warm angezogen und das Geſchirr ausgebeſſert. Ein großer Burſch von achtzehn Jahren knallte mit einer Peitſche dem Pferd um die Ohren und ſagte zu dem Knaben, der wie im Traume bald ſeine guten Kleider, bald die Hökerinnen anſah: Wo wohnt Dein Herr? — Auf dem Kai des Sanct Mar⸗ tinskanals, antwortete das Kind mit einer von freudiger Rührung zitternden Stimme. — Gut, ſagte der junge Menſch. Ich will Dir helfen, Dein Pferd nach Haus führen und will Deinem Herrn ſagen, daß Deine Ver⸗ ſpätung ſeine Schuld iſt. Man gibt ein ſtätiges Pferd nicht einem Kind zu führen. Ehe der Kleine wegging, zog er ſeine Mütze ab und ſagte ſchüchtern zu der Hökerin: Erlauben Sie, daß ich Sie küſſe? Und Thränen des Dankes rannen aus ſei⸗ nen Augen, als die gute Frau ihn umarmte. Dieſe rungen der Barmherzigkeit von Seiten inger tten mich mit freudiger Rührung er⸗ füllt. gte, ſo weit ich konnte, mit den Augen dem Burſchen, welcher das Pferd ſo in Gang zu brin⸗ gen wußte, daß der Kleine kaum nachkommen konnte. Mit frohem Selbſtgefühl behaupte ich, der Menſch iſt von Natur gut und geneigt zu helfen. Die Aeuße⸗ rungen des Mitleids und der Barmherzigkeit in dieſem Haufen kamen ſo ganz von ſelbſt, als der arme Kleine rief: Was ſoll aus mir werden? Ich habe keinen Vater und keine Mutter mehr! — 223 — Das arme Kind! dachte ich. Es hat keinen Vater und keine Mutter mehr. Es iſt in den Händen eines rohen Herrn, der es kaum mit einigen Lumpen bekleidet, und es hat ſicherlich ſeine Schlafſtätte in einer Ecke des Pferdeſtalls. Und trotz der Noth und dem Elend, welche leicht die Gefühle abſtumpfen, iſt es noch ſanft und gut. Ich habe deutlich geſehen, daß ſein Dank über das ihm erwieſene Gute größer war als ſeine Freude. Aber wenn dieſe gute Natur verlaſſen, ohne Stütze, Rath und Hülfe bleibt und durch ſchlechte Behandlung verſtimmt wird, kann ſie leicht verſauern. Und dann kommen die Jahre der Leidenſchaft und die böſen Beiſpiele. . . . . O, bei dem Armen, den das Glück enterbt hat, iſt die Tugend doppelt zu ehren. Dieſen Morgen hat mich Frau Baudvin, wie gewöhn⸗ lich, ſanft ausgeſcholten, daß ich nicht in die Meſſe gehe. Dabei hat ſie mir etwas geſagt, was im Munde dieſer einfältig gläubigen Frau überaus rührend iſt: Es iſt ein Glück, daß ich mehr für dich als für mich bete, arme Mayeur. Der liebe Gott wird mich erhören, und Du wirſt hoffentlich nicht weiter als ins Feg⸗ feuer kommen. Die Engelsſeele hat mir dieſe Worte in ſo ſanftem und zugleich ſo ernſtem Ton geſagt, mit einem ſo feſten Glanben an den glücklichen Erfolg ihrer frommen Fürbitte, daß mir die Thränen in die Augen traten, und daß ich ihr mit einer Dankbarkeit um den Hals ſiel, die nicht hätte aufrichtiger ſeyn können, wenn ich ſteif und feft ans Fegfeuer glaubte. Heute war für mich ein Glückstag. Ich habe hoffentlich Arbeit gefunden, und ich verdanke dieß Glück einem herzensguten Mädchen. Sie will mich morgen ins Marienkloſter führen, wo ſie glaubt, daß ich Be⸗ ſchaftigung erhalten werde.“ — 226 — * Florine, ſchon tief gerührt durch das Leſen dieſes Tage⸗ buchs, ſchanderte bei dieſer Stelle, wo die Mayeur von ihr ſprach. Sie las weiter: . „Nie werd' ich vergeſſen, mit welch' herzlicher Theil⸗ nahme, mit welch' zartem Wohlwollen dieß ſchöne Mäd⸗ chen mich aufgenommen hat, mich, das arme unglückliche Geſchöpf. Das wundert mich übrigens nicht. Sie war ja bei dem Fräulein von Cardoville geweſen. Sie mußte wohl würdig ſeyn, der Wohlthäterin Agricola's nahe zu kommen. Die Erinnerung an ihren Namen wird mir ſtets theuer ſeyn. Er iſt anmuthig und hübſch, wie ihr Geſicht. Sie heißt Florine. Ich bin nichts und ich habe nichts. Aber wenn die glühenden Wünſche eines dankerfüllten Herzens Erhörung finden könnten, müßte Jungfer Florine glücklich, ſehr glücklich werden. Leider bin ich darauf beſchränkt, Wünſche für ſie aus⸗ zuſprechen — — bloße Wünſche. Ich vermag nichts weiter, als ihrer zu gedenken und ſie zu lieben.“ Dieſe Zeilen, in welchen ſich ſo einfach die aufrichtige Dankbarkeit des armen Mädchens ausſprach, gaben der Un⸗ ſchlüſſigkeit Florinens den letzten Stoß. Sie konnte nicht länger der Verſuchung zum Guten widerſtehen. Ihre Achtung für die Mayeur hatte immer mehr zugenommen, je weiter ſie in ihrem Tagebuch geleſen. Mehr als je fühlte ſie die ganze Schändlichkeit ihrer Verrätherei, wenn ſie daran dachte, daß ſie die geheimſten Gedanken dieſer Unglücklichen vielleicht dem Hohn und Spott überliefern ſollte. Glücklicher Weiſe ſind gute Beiſpiele oft eben ſo anſteckend wie böſe. Florine fühlte ſich hingeriſſen durch die Wärme, den Seelenadel und die Erhabenheit, welche in dem Inhalt der von ihr geleſenen Blätter lagen. Ihre ſchwache Tugend zog neue Stärke aus dieſer reinen belebenden Quelle. Sie gab endlich einer der guten Regungen nach, welche ſie bis⸗ weilen fortriſſen, nahm das Heft und verließ ihr Zimmer mit — 2— dem feſten Entſchluß, das Entwendete wieder an ſeinen Platz zu legen, und dem Herrn Rodin zu ſagen, daß ſie das zweite Mal vergebens nach dem Tagebuch geſucht habe, da die Mayeur ohne Zweifel den erſten Verſuch der Entwendung gemerkt habe. Sie ſetzte dabei voraus, daß die Mayeur noch nicht zurückgekommen wäre. Dreizehntes Kapitel. Die GEntdecung. Kurz vorher, ehe Florine ſich entſchloſſen hatte, ihren ſchändlichen Mißbraukh des Vertrauens wieder gut zu machen, war die Mayeur aus der Fabrik Hardy's zurückgekommen⸗ Sie hatte dort ſtandhaft eine ſchmerzliche Pflicht erfüllt. In einer langen Unterredung mit Angela hatte ſie ſich eben ſo ſehr wie Agricola von der ungezierten Anmuth, von der Züch- tigkeit und Gutherzigkeit hingeriſſen gefühlt, welche ſie an dieſem Mädchen fand, uns hatte mit frichtigkeit ihren⸗ Freund zur Heirath mit ihr gerathen. 4 1 Es war zehn Uhr Abends. Florine las nochN dem Tal buch und hatte noch nicht den löblichen Entſchluß gefaßt, wieder an ſeiuen Ort hinzulegen. Die Mayeur trat in ih Schlafgemach und warf ſich, ermattet von ſo vielen Gemüths⸗ bewegungen in einen Lehnſtuhl. Die tiefſte Stille herrſchte in dem großen Hauſe. Sie ward nur zuweilen unterbrochen durch das Sauſen des Windes in den Bäumen des Gartens. Ein einziges Wachslicht erhellte das dunkelgrün tapezirte Zimmer. Die düſtere Farbe dei Wände und die ſchwarze Kleidung der Bewohnerin ließen die Bläſſe dieſer um ſo größer erſcheinen. Auf dem Lehnſtuhl neben dem Kamin ſitzend, das Haupt auf die Bruſt geſenkt, die Hände auf den Knien gefaltet, ſah das arme Mädchen ſchwermüthig und ergebungsvoll aus — 229 — Man las auf ihrem Geſichte die, wenn nicht heitere, doch ruhige Zufriedenheit, welche das Bewußtſeyn erfüllter Pflicht gewährt. Wie alle diejenigen, welche in der harten Schule des Un⸗ glücks erzogen worden ſind, ihrem Kummer nicht übermäßig Raum geben, weil er ein allzu gewöhnlicher und bekannter Gaſt iſt, ſo konnte auch die Mayeur ſich nicht lange eitlem Bedauern überlaſſen und verzweifelten Wünſchen, um eine geſchehene Sache ungeſchehen zu machen. Der Schlag, wel⸗ cher ſie plötzlich getroffen, war hart und er mußte ſchmerz⸗ liche Nachwehen hinterlaſſen in ihrer Seele. Aber wenn er in den erſten Augenblicken einer acuten Krankheit geglichen hatte, mußte er bald die Geſtalt eines chroniſchen Leidens annehmen, welches gleich der Gewohnheit zur andern Natur wird. Das edle Geſchöpf wußte ſich mit dem Schickſal zu ver⸗ ſöhnen und Troſt für ſeinen bitteren Schmerz zu finden Sie war lebhaft gerührt von den Beweiſen der Zuneigung, welche Angela, die Braut Agricola's, ihr gegeben, und ſie hatte einen gewiſſen Stolz empfunden, als ſie ſah, mit welchem blinden Vertrauen, mit welcher unausſprechlichen Freude ihr Pfleg⸗ bruder die günſtigen Vorgefühle aufnahm, welche ſein Glück noch feſter zu beſiegeln ſchienen. Sie ſagte ſich Wenigſtens werde ich nicht mehr wider meinen Willen durch Hoffnungen oder vielmehr Vorausſetzungen aufgeregt werden, welche eben ſo lächerlich wie unſinnig ſind. Die Heirath Agricola's macht allen elenden Träumen meines ſchwachen Kopfes ein Ende. Den hauptſüchlichſten Troſt aber fand ſie in der Gewißheit, daß es ihr gekungen war, die ſchreckliche Probe zu beſtehen und dem Agricola die Liebe zu verbergen, welche ſie für ihn hegte. Denn furchtbar war für die Arme der Gedanke an den Schimpf und Hohn, welchen ſie als nothwendige Folge der Entdeckung ihrer thörichten Leidenſchaft betrachtete. Rachdem ſie eine Zeitlang in Gedanken verſunken dage⸗ ſeſſen, ſtand ſie auf und ging langſamen Schrittes nach ihrem Secretär. Sie ſetzte ihr Schreibzeug in Bereitſchaft und —½0 — ſagte: „Mein einziger Lohn ſoll ſeyn, daß ich dem traurigen ſtummen Zeugen meines Kummers dieſen neuen Schmerz anvertraue. Ich habe wenigſtens das Verſprechen gehalten, welches ich mir ſelber gegeben. Ich glaube im Grund mei⸗ ner Seele, daß dieß Mädchen fähig iſt, meinen Freund Agri⸗ cola glücklich zu machen; und ich habe es ihm ehrlich geſagt. Einſt, nach langer Zeit, wenn ich dieſe Zeilen wiederleſe werde ich darin vielleicht Erſatz für das finden, was ich leide.“ Nach den letzten Worten zog die Mayeur die Schachtel aus dem Fach. Sie fand ihr Heft nicht und ſtieß einen Schrei der Ueberraſchung aus. Dieſe Ueberraſchung verwandelte ſich in Schrecken, als ſie an der Stelle ihres Tagebuchs einen Brief fand, der laut der Aufſchrift für ſie beſtimmt war. Sie ward leichenblaß. Ihre Knie zitterten. Sie fühlte ſich einer Ohnmacht nahe. Bald aber gab die Angſt, welche einer tödtlichen Ungewißheit zu entgehen ſuchte, ihr neue Kraft. Sdie erbrach den Brief. Aus demſelben fiel ein Blättchen auf den Tiſch. Sie betrachtete daſſelbe und fand, daß es ein Bankzettel im Werth von 500 Franken war. Mit wachſen⸗ dem Erſtaunen las ſie den Brief. Er lautete folgendermaßen: „Verehrteſte! — Es iſt etwas ſo Originelles und Hübſches, in Ihren Menmviren die Geſchichte Ihrer Liebe zu Agricvla zu leſen, daß man nicht umhin kann, ihn mit dieſer groß⸗ artigen Leidenſchaft bekannt zu machen, von welcher er vielleicht nicht einmal eine Ahnung hat und in Bezug auf welche er nicht verfehlen kann, an den Tag zu legen, wie ſehr er ſie zu ſchätzen weiß. Man wird dieſe Gelegenheit benutzen, um einer Menge anderer Perſonen, das Vergnügen, deſſen ſie ſonſt leider beraubt geweſen wären, zu verſchaffen, Ihr höchſt an⸗ ziehendes Tagebuch zu leſen. Wenn Auszüge und Ab⸗ ſchriften nicht genügen, wird man es drucken laſſen. So ſchöne Sachen kann man nicht genug verbreiten. Die — Einen werden weinen, die Andern werden lachen. Was dem Einen ſüperb erſcheinen wird, darüber werden die Andern ſich vor unbändiger Luſt wälzen. Die Welt iſt halt einmal nicht anders. So viel iſt gewiß, Ihr Tag⸗ buch wird Eeclat machen; das kann man Ihnen ga⸗ rantiren. Da Sie im Stand ſind, ſich Ihrem Triumph entziehen zu wollen, und da Sie ſich nur im Beſitz von Lumpen befanden, als Sie aus Barmherzigkeit in dieß Haus kamen, wo Sie die Herrſchaft ſpielen wollen, was aus verſchiedentlichen Gründen nicht zu Ihrem Klei⸗ derleib paßt, ſo erhalten Sie beifolgend 500 Franken zum Erſatz für Ihr Papier und dazu, daß Sie nicht ganz ohne Mittel ſind, falls Ihre Beſcheidenheit Sie die Glückwünſche fürchten läßt, die auf Sie regnen werden. Denn in gegenwärtigem Augenblick iſt Ihr Tagbuch be⸗ reits in Circulation. Einer Ihrer Mitbrüder, ein echter Mayeur. Der Ton plumpen Spottes und Hohnes, in welchem dieſer Brief gehalten war, konnte auf die Vermuthung führen, daß er von einem auf die Stellung des unglücklichen Geſchöpfs in dem Haus eiferſüchtigen Lakaien herrührte. Er war mit hölliſcher Geſchicklichkeit berechnet und mußte unfehlbar den gehofften Erfolg haben. „O Gott!“ Dieß waren die einzigen Worte, welche die Unglückliche in ihrem Entſetzen hervorbringen konnte. Wenn man ſich erinnert, in welchen leidenſchaftlichen Aus⸗ drücken die Liebe des armen Geſchöpfs zu ſeinem Pflegbruder geäußert war, wenn man an mehren Stellen bemerkt hat, wie ſie die ſchmerzlichen Verletzungen offenbarte, welche Agri⸗ cola ihr oft, ohne es zu wiſſen, zugefügt hatte, und wenn man erwägt, welche ſchreckliche Angſt ſie hatte, lächerlich zu werden, ſo wird man die wahnſinnige Verzweiflung begreifen, welche ſich ihrer bemächtigte nach Leſung dieſes ſchändlichen — — — — . Dieſer neue Schlag war betäubend. Einige Minuten laig blieb ſie regungslos, wie vernichtet ſtehen. Mit dem Nach⸗ denken kam ihr plötzlich das Bewußtſeyn einer ſchrecklichen Nothwendigkeit. Dieß gaſtliche Haus, wo ſie nach ſo vielem Unglück eine ſichere Zuflucht gefunden hatte, mußte ſie auf ewig verlaſſen. Ihre ängſtliche Scheu, ihr reizbares Zartgefühl erlaubte ihr nicht, eine Minute länger in dieſer Behauſung zu bleiben, — wo die geheimſten Falten ihres Herzens aufgedeckt, entweiht und vorausſichtlich dem Spott und Hohn preisgegeben waren. Es ſiel ihr nicht ein, Recht und Genugthuung bei dem Fräulein von Cardoville zu ſuchen. In dem Augenblick, wo 6 ſie dieß Haus verlaſſen wollte, in daſſelbe den Samen der Verwirrung und der Unzufriedenheit zu werfen, erſchien ihr als Undank gegen ihre Wohlthäterin. Sie ſuchte nicht den Urheber oder den Grund eines ſo ſchändlichen Diebſtahls und eines ſo höhniſchen Briefs zu errathen. Wozu dieſe Mühe? Sie war ja entſchloſſen, den Demüthigungen zu entfliehen, mit welchen man ſie bedrohte. Sie hatte ein dunkles Gefühl (und auf dieſe Selbſttäuſchung 3 war gerechnet), daß dieſe Schändlichkeit das Werk unterge⸗ ordneter Diener ſey, welche ſcheel ſähen zu der von dem 6 Fräulein von Eardoville ihr bewieſenen Liebe und Achtung. Dieſe geheimen Blätter, welche ſie der zärtlichſten, nachſich⸗ tigſten Mutter nicht gewagt hätte anzuvertrauen, weil ſie ſo zu ſagen mit dem Blut ihres wunden Herzens geſchrieben waden, weil ſie mit allzugroßer Treue jene tauſend geheimen Wunden ihrer ſchmerzenreichen Seele abſpiegelten, . . . dieſe Blätter ſollten dienen, . dienten vielleicht in dieſem Au genblick zum Lachſtoff für das Hausgeſinde. 5 Das Geld, welches dem Brief beigelegt war und die höh⸗ niſche Weiſe, in welcher man es ihr anbot, beſtärkten noch beſen Argwohn *). Man wollte, daß die Furcht vor déem Elend ihren Austritt aus dem Haus nicht hinderte. Die Mayeur faßte ihren Entſchluß mit ihrer gewohnten ruhigen entſchloſſenen Ergebung. Sie ſtand auf. Ihre etwas ſtier blickenden Augen glänz⸗ ten. Keine Thräne trübte dieſelben; feit dem vorigen Tage hatte ſie zu viel geweint. Mit zitternder eiskalter Hand ſchrieb ſie folgende Worte: „Das Fräulein von Cardoville ſey geſegnet für das Gute, welches ſie mir erwieſen hat. Sie ver⸗ zeihe mir, daß ich ihr Haus verlaſſen habe, in welchem ich nicht mehr bleiben kann.“ Das Papier, welches dieſe Zielen enthielt, ließ ſie neben dem Bankzettel liegen. Hierauf warf ſie den ſchändlichen Brief, welcher ihr in den Händen zu brennen ſchien, ins Feuer. Noch einmal ließ ſie ihren Blick auf dem faſt ver⸗ ſchwenderiſch ausgeſtatteten Zimmer ruhen und ſchauderte unwillkürlich bei dem Gedanken an das Elend, welches von neuem ihrer wartete und welches entſetzlicher war, als das frühere, da die Mutter Agricola's mit Gabriel abgereiſt war, und da deren faſt mütterliche Liebe fortan 6 4 mehr in ihrer Noth tröſten konnte. Allein zu leben — ganz allein . . . mit dem Gedanken, daß ihre unglückſelige Leidenſchaft für Agricola zum Geſpöti für alle Welt — vielleicht ſelbſt für ihn werden würde! Das war die Zukunft der Mayeur! . „ * Vorausgeſetzt, daß die Mayeur in vieſen Augenblic verrückt war. Denn das gehörte 533 um zu glauben, ein Bedienter würde 500 Franken an das Vergnügen wenden, über ſie lacheu zu können oder ſie zu vertreiben. Anmerkung des Ueberſetzers. v. 16 Vor dieſer Zukunft, vor dieſem Abgrund ſchauderte ihr. Ein Ausdruck bitterer Freude zeigte ſich mit krampfhaftem Lächeln auf ihrem Geſicht. „ Entſchloſſen wegzugehen, machte ſie einige Schrittz nach der Thür. Als ſie am Kamin vorüberging, fiel ihr Blick zufüllig in den Spiegel. Sie ſah ihr Geſicht todtenbleich und ihren Leib in ſchwarze Kleidung gehüllt. Da fiel ihr ein, daß ſie ein Gewand trug, das nicht ihr gehörte, und er⸗ innerte ſich der Stelle des Briefs, wo man ihr die Lumpen vorhielt, welche ſie getragen, ehe ſie in dieß Haus kam. „Richtig!“ ſagte ſie, mit ſchmerzlichem Lächeln auf ihr ſchwar⸗ zes Kleid blickend. „Sie würde mich eine Diebin nennen.“ Sie nahm das Licht, ging in die Kammer, holte aus dem SSchrank die ärmliche Hülle, welche ſie bloß als ein frommes Andenken hatte aufbewahren wollen, und zog ſie wieder an. Jetzt erſt floſſen ihre Thränen wieder. Sie weinte nicht vor Wehmuth, daß ſie wieder die Tracht der Armuth anlegen ſollte, ſondern ſie vergaß Zähren der Dankbarkeit. Die be⸗ hagliche Umgebung, welcher ſie ein ewiges Lebewohl ſagte, erinnerte ſie bei jedem Schritt an das zarte Wohlwollen des Fräuleins von Cardoville. Unwiderſtehlich hingeriſſen, kniete ſie in ihrer ärmlichen Tracht nieder und ſprach, indem ſie ſich ihre Wohlthäterin vergegenwärtigte, die von heftigem Schluchzen unterbrochenen Worte: „Leben Sie wohl! Leben Sie auf ewig wohl, Sie, die mich Ihre Freundin, Ihre Schweſter nannten!“ Plötzlich ſprang ſie erſchrocken auf. Sie hatte leiſe Tritte gehört in dem vom Garten zu der einen Thür ihres Schlaf⸗ zimmers führenden Gang. Erſchreckt durch dieſe Tritte (ſie konnte nicht ahnen, daß Florine es war, die, leider zu ſpät! das Tagebuch zurückbringen wollte), wähnend, ſie ſei bereits das Geſpött des Hauſes, ſtürzte ſie durch die andere Thür in das Sprechzimmer, lief durch daſſelbe und durch das Vor⸗ zimmer in den Hof und klopfte an das Fenſter des Thür⸗ Mayeur hatte das Hotel Cardoville verlaſſen. hüters. Die Thür ging auf und ſchlug hinter ihr zu. Die — —————— ee ——— — So hatte Adriane eine treu ergebene Wächterin verloren; und Rodin hatte ſich einer thätigen, ſcharfblickenden Gegnerin entledigt, die er immer gefürchtet hatte. Der Jeſuit hatte, wie wir früher geſehen, die Liebe der Mayeur zu Agricola errathen. Er wußte ferner, daß ſie Verſe machte. Daraus ſchloß er richtig, daß ſie Gedichte niedergeſchrieben haben müßte, in welcher dieſe verborgene unglückliche Leidenſchaft ſich ausſpräche. Darauf hin war 2 Florinen die Weiſung zugekommen, ſie ſolle ſich bemühen, ſchriftliche Beweiſe dieſer Liebe aufzuſpüren; und als ſie ge⸗ funden waren, wurde der wohlberechnete Brief geſchrieben, deſſen Inhalt Florine nicht kannte. Die Diebin hatte ihn empfangen, nachdem ſie den beim erſten flüchtigen Leſen am Abend vor der Entwendung erforſchten Hauptinhalt ver⸗ rathen. . . . . . . . . . . . . . . * Die Reue war bei Florinen zu ſpät gekommen. Sie näherte ſich dem Zimmer der Mayeur in dem Augenblick, wo dieſe entſetzt das Haus verließ. Die Kammerjungfer bemerkte Licht in der Kleiderkammer. Sie ging hinein und ſah auf einem Stuhl die ſchwarze Kleidung, welche die Mayeux ſo 1 eben abgelegt, und einige Schritte davon das Kofferchen, in welchem ihre Lumpen bisher gelegen hatten, offen und leer „ daſtehen. Das Herz wollte ihr brechen bei dieſem Anblick. Sie lief zu dem Schreibtiſch. Die Unordnung, in welcher die Schachteln daſtanden, der Bankzettel und daneben die Paar Zeilen an das Fräulein von Cardoville bewieſen ihr, daß ihr Gehorſam gegen Rodins Befehle verderbliche Früchte getra⸗ gen, und daß die Mayeur das Haus für immer verlaſſen hatte. Als ſie auf dieſe Weiſe fand, daß ihr zu ſpät gefaßter Entſchluß nichts helfen konnte, ergab ſie ſich ſeufzend darein, § dem Herrn Rodin das geſtohlene Heft in die Hände zu lie⸗ fern. Die elende Lage, in welcher ſie ſich befand, nöthigte ſie, ſich mit dem Unheil über das Unheil zu tröſten. Sie 15* ſagte ſich, durch den Abgang der Mayeur ſey die Gefährlich⸗ keit ihres Verräthergeſchäftes für ſie ſelber vermindert. * Zwei Tage nach dieſer Begebenheit empfing Adriana von Rodin als Antwort auf einem Brief, in welchem ſie ihn von dem unerklärlichen Abgang der Mayeur benachrichtigte, fol⸗ gendes Schreiben: „Werthes Fräulein! Genöthigt, mich dieſen Morgen in die Fabrik des wackeren Herrn Hardy zu begeben, wohin mich ein ſehr wichtiges Geſchäft ruft, befinde ich mich in der Unmög- lichkeit, Ihnen meine Aufwartung zu machen. Sie fra⸗ gen mich: Was ſoll man von dem Verſchwinden des armen Mädchens denken? — Ich weiß es wahrlich nicht... Die Zukunft wird Alles zu ihrem Vortheil erklären, . ich bezweifle es nicht. .. Nur erinnern Sie ſich, was ich Ihnen im Hauſe des Doctor Baleinier ge⸗ ſagt habe über eine gewiſſe Geſellſchaft und über die heimlichen Helfershelfer, mit welchen ſie hinterliſtiger Weiſe die von ihr anszuſpähenden Perſonen zu umge⸗ ben weiß. Ich ſpreche gegen niemand eine Anſchuldigung aus. Aber erinnern wir uns einfach deſſen, was als geſchehen vorliegt. Das arme Mädchen hat mich angeklagt .. . und ich bin, wie Sie wiſſen, der treueſte Ihrer Diener. Sie hatte nichts, als Sie zu Ihnen kam, und man hat 500 Franken in Ihrem Schreibtiſch gefunden. Sie, Fräulein, haben dieß Mädchen mit Wohlthaten überhäuft; und ſie verläßt Ihr Haus, ohne zu wagen, die Urſache ihrer räthſelhaften Flucht zu erklären. Ich ziehe keinen Schluß, werthes Fräulein .. Es geht mir immer wider die Seele, eine Anklage ohne B ——————— —— ——— — 237 — weis auszuſprechen. .. Aber überlegen Sie und ſeyn Sie auf Ihrer Hut. Sie ſind vielleicht einer großen Gefahr entgangen. Verdoppeln Sie Ihre Vorſicht und Ihr Mißtrauen. Dies iſt der unmaßgebliche Rath Ihres gehorſamſten, ergebenſten Dieners Rodin.“ ————————— ——, N — Jwifur Ch eil, F-e B ie 4 „ 5. 4 * — „„ . — „ — ², X 5 * „ — . . ₰ — „ 3 Verzepntes vite. 6 „ + — Die der Bfe 2 *— * — . Ja an e ven Siydoville den ſc Brief Rodins in SMae auf das Ver der Maheur erhalten ha tte, wär ein Sonntag Am en dieſes Sonn⸗ tags ſaßen in einem S de ens Villibds in di ihe der Fakzit Hardy's zwei nen einem Tiſch und plauderten mit binen — — Das Donf Zheenr war neiſt won⸗ St tei brechern und Steinmetzen bewohnt, welchè in ven mahen einbrüchen Be⸗ — igung fanden. Ihre Arbeit war eine der härteſten und „ zugle eich eine eer am ſchlechteſten bezahlten Sie ſſtellten, wie Agricola der Mayeur geſagt hatte, Vergleichungen an zwi⸗ ſchen ihret elenden Lage und dem ungewöhnlichen Wohlſeyn, Ddie Arbeiteri in der Fabrik Hardy's genoſſen theils in olge der ei Geſchäftsleitung dieſes Mannes, theils in Folge d n und Sieſſutet r von ihm nbin Grundſätze der — — Unwiſſenheit verbunden mit Noth trägt immer bittere Früchte. Die Noth macht den Menſchen übellaunig, und die Unwiſſenheit ſchafft vft böſen Rathſchlägen leichten Eingang. Lange Zeit waren die Arbeiter Hardy's um ihr Glück benei⸗ det, aber nicht mit den Augen ſcheelſüchtigen Haſſes angeſe⸗ hen worden. Der ruhige Stand der Dinge änderte ſich von dem Augenblick an, wo die im Dunkeln ſchleichenden Feinde des Fabrikanten in Verbindung mit ſeinem Nebenbuhler Tri⸗ peaud die Aenderung ihrem Vortheil gemäß fanden. Mit teufliſcher Geſchicklichkeit und Beharrlichkeit gelang es, die ſchlechteſten Leidenſchaften zu entflammen. Ausgewählte Sendlinge gingen zu einigen Steinbrechern und Steinmetzen, welche durch Lüderlichkeit ihre üble Lage noch verſchlimmert hatten. Bekannt durch ihren unruhigen Sinn, durch ihre Keckheit und Kraft, konnten dieſe Menſchen einen gefähr⸗ lichen Einfluß auf ihre ruhigen Kameraden üben, die fleißig und ordentlich, aber leicht einzuſchüchtern waren. Dieſen un⸗ ruhigen Hetzern, welche ſchon durch ihre Noth bitter geſtimmt waren, wurden übertriebene Schilderungen von dem Glück der Arbeiter Hardy's gemacht, und ſo gelang es, einen ſcheel⸗ ſüchtigen Haß in ihnen zu erwecken. Nun ging man weiter. Die aufreizenden Kanzelvorträge eines der Congregation an⸗ gehörigen Abbé, der eigends von Paris gekommen war, um während der Faſtenzeit gegen Herrn Hardy zu predigen, wirkten mächtig auf die Weiber dieſer Steinarbeiter. Wäh⸗ rend die Männer das Wirthshaus beſuchten, drängten ſich die Weiber zur Predigt. Man benutzte die zunehmende Angſt, welche die Annäherung der Cholera damals erregte, um die ſchwachen leichtgläubigen Köpfe dieſer Weiber zu verdrehen. Man deutete ihnen auf die Fabrik Hardy's als einen Sitz der Verderbniß und Verdammniß, welche im Stande ſey, den Zorn des Himmels und ſomit die gefürchtete Landplage über den Bezirk zu bringen. Den ſchon durch den Neid gereizten Männern lagen nun ihre Weiber unabläſſig in den Ohren mit Verwünſchungen über den Haufen der Atheiſten, welche der Gegend ſo viel Unglück zuziehen könnten. Einige ſchlechte Geſellen aus den Werkſtätten des Baron Tripeaud wurden von dieſem Todfeind Hardy's dafür bezahlt, * daß ſie die vorhandene Aufregung noch vermehrten. Sie machten das Maß voll durch Anſchürung eines Geſellenzunft⸗ ſtreites, wie ſie leider noch zuweilen Urſache von Blutver⸗ gießen werden. Viele von den Arbeitern Hardy's waren, ehe ſie bei ihm in Arbeit traten, Mitglieder der Geſellenzunft der Freſſer geweſen. Mehre Steinbrecher und Steinhauer der Umgegend gehörten zu der Zunft der Wölfe. Seit undenklichen Zeiten nun waren die Freſſer und die Wölfe Nebenbuhler geweſen, und mehr als einmal hatten ſie mörderiſche Kämpfe mitein⸗ ander beſtanden. Die Geſellenzünfte ſind an und für ſich etwas gutes, inſofern ſie auf dem wohlthätigen Grundſatz der Verbrüderung beruhen. Leider aber verknüpfen ſie nicht die Geſammtheit der Handwerksgeſellen zu einer einzigen brüder⸗ lichen Gemeinſchaft, ſondern ſie ſpalten ſie in eine Menge Geſellſchaften, die, anſtatt mit und für einander zu ſeyn, vft wider einander ſind, und deren Nebenbuhlerſchaft oft zu blu⸗ tigem Streit führt. ²) Seit acht Tagen lauerten die ſo von allen Seiten gehetzten Wölfe auf eine Gelegenheit und einen Vorwand, mit den Freſſern handgemein zu werden. Da die letzteren aber keine Wirthshäuſer beſuchten und in der Woche faſt nie aus der Fabrik kamen, ſo war das Zuſammentreffen bis jetzt un⸗ möglich geweſen und die Wölfe in ihrer Ungeduld hatten ſich genöthigt geſehen, den Sonntag abzuwarten. Zudem hatte eine große Zahl ruhiger, arbeitſamer Steinbrecher und Stein⸗ metzen, obgleich ſie zur Wolfszunft gehörten, ſich geweigert, an den Feindſeligkeiten gegen die Freſſer in der Fabrik Hardy's Theil zu nehmen. Die Hetzer waren genöthigt, ihre Reihen mit Strolchen und Tagdieben an den Thoren von Paris zu verſtärken, — Menſchen, welche die Luſt an Lärm und Unfug leicht unter die Fahne der ſtreitluſtigen Wölfe brachte. — Dieß war Grund und Weſen der dumpfen Gährung, welche *) Siehe die Anmerkungen am Schluß des Bandes. — 241 — im Dörfchen Villiers herrſchte, während die im Anfang dieſes Abſchnitts erwähnten zwei Männer in einem Wirthshaus am Tich ſaßen. Sie hatten ſich ein eignes Zimmer geben laſſen, um allein zu ſeyn. Der eine von ihnen war noch jung und ziemlich gut gekleidet. Aber ſeine entblößte Bruſt, ſeine loſe Hals⸗ binde, ſein mit Wein beflecktes Hemd, ſein verwirrtes Haar, die Abſpannung ſeiner Geſichtsmuskeln, ſeine bleiche Farbe und ſeine rothen Angen verriethen eine durchſchwärmte Nacht. Aus ſeinen heftigen und ſchwerfälligen Gebärden, aus ſeiner heiſeren Stimme und aus ſeinem bald glänzenden, bald ſtum⸗ pfen Blick ließ ſich entnehmen, daß ſich mit den Nachwirkun⸗ gen der Betrunkenheit vom vorigen Tag der Anfang eines neuen Rauſches verband. Der Geſellſchafter dieſes Menſchen ſtieß mit ihm an und ſagte: „Auf Eure Geſundheit, lieber Junge!“ „Geſundheit!“ erwiderte der junge Menſch, „obwohl Ihr mir vorkommt, als wäret Ihr der Teufel.“ . „Jh ſel „Und warum?“ „Woher kennt Ihr mich?“ „Reut es Euch, meine Bekanntſchaft gemacht zu haben?“ „Wer hat Euch geſagt, daß ich in Sainte Pélagie gefan⸗ gen ſaß?“ „Habe ich Euch aus dem Gefängniß gezogen?“ „Warum habt Ihr mich herausgezogen?“ „Weil ich ein gutes Herz habe.“ „Ihr habt mich vielleicht gern. wie der Metzger den Ochſen gern hat, den er zur Schlachtbank führt.“ „Seyd Ihr verrückt?“ — „Man bezahlt nicht 10,000 Franken für einen ohne Grund.“ „Ich habe einen Grund.“ „Welchen? Was wollt Ihr aus mir machen?“ „Einen luſtigen Geſellen, der brav Geld verzehrt, ohne etwas zu arbeiten, und der alle Nächte zubringt, wie die ver⸗ gangene. Guter Wein, gutes Eſſen, hübſche Mädchen und frohe Lieder — — — iſt das ein ſchlechtes Handwerk?“ Der junge Menſch ſchwieg einen Augenblick und fuhr dann mit düſterer Miene fort: „Warum habt Ihr mir am Tag vor meiner Entlaſſung aus dem Gefängniß zur Bedingung gemacht, daß ich an meine Geliebte ſchriebe, ich wollte ſie nicht mehr ſehen? Warum habt Ihr verlangt, daß ich Euch dieſen Brief gäbe?“ „O weh! Ein Seufzer! Denkt Ihr noch daran?“ „Immerfort.“ „Ihr habt Unrecht. Eure Geliebte iſt in dieſem Augen⸗ blick weit von Paris. Ich habe ſie in den Eilwagen ſteigen ſehen, ehe ich nach Sainte Pélagie zurückkam, um Euch aus dem Gefüngniß zu holen.“ „Freilich! In dem Gefängniß war es mir, als müßt' ich erſticken. Ich würde meine Seele dem Teufel verſchrieben haben, um herauszukommen. Ihr hattet es vermuthlich ge⸗ merkt und ſeyd gekommen. Nur habt ihr ſtatt meiner Seele Cephiſen genommen. . . . Die arme Königin Bacchanal! Und warum? Tauſend Donnerwetter! Wollt Ihr mir's endlich ein⸗ mal ſagen?“ „Ein Mann mit einer Geliebten, die ihm am Herzen liegt, wie Euch die Enrige, iſt kein Mann mehr. Wenn's gilt zu handeln, iſt er kraftlos.“ „Wo gilt's?“ „Trinkt!“ 243 „Ihr laßt mich zu viel Brandwein trinken.“ „Bah!... Seht einmal mich an.“ „Eben das erſchreckt mich und kommt mir teufelmäßig vor.. .. Ihr trinkt eine Flaſche Brandwein, ohne eine Miene zu verzucken. Ihr müßt ine Bruſt von Eiſen und einen Kopf von Stein haben.“ „Ich bin lange in Rußland gereiſt. Dort trinkt wan, um ſich zu wärmen.“ „Und hier, um ſich zu erhitzen.. . . Gut! wir wollen trin⸗ ken, aber Wein.“ „Geht mir mit Eurem Wein! Wein iſt für Kinder; Schnaps iſt für Männer wie wir.“ „Meinetwegen denn Schnaps. Das brennt; aber der Kopf glüht, und man ſieht dann alle Flammen der Hölle!“ „Schwerenoth! ſo gefallt Ihr mir!“ „Vorhin habt Ihr geſagt, ich ſei in meine Geliebte ſo ver⸗ ſchoſſen, daß ich keine Kraft hätte, zu handeln, wenns gälte Welche Gelegenheit zum Handeln habt Ihr dabei im Sinn gehabt?“ „Trinkt!“ „Erſt noch ein Wort, Kamerad. Ich bin nicht dümmer als ein Anderer. Aus Euren halben Worten hab' ich etwas errathen.“ „Laßt hören.“ „Ihr wißt, daß ich Handwerksgeſell geweſen bin und viele Kameraden kenne, daß ich ein guter Kerl bin und daß ſie mich gern haben. Ihr wollt mich als Köder gebrauchen, um Andere anzulocken., „Weiter!“ * „Ihr müßt ein Empörungsmakler ſeyn, ein Commiſſtonshänd⸗ ler in Aufruhr.“ „Weiter im Tert!“ „Und Ihr reiſt für eine anonyme Geſellſchaft, die Schuß⸗ geſchäfte macht.“ „Seyd Ihr feige?“ ₰ „Ich?. . Ich habe im verbrannt — und das ferm!“ „Würdet Ihr auch ferner noch einiges verbrennen?“ „Das Feuerwerk wäre mir eben ſo lieb wie ein anderes. Die Revolutionen haben mehr angenehmes als nützliches. Von den Barricaden in den drei Tagen hab ich zum Exem⸗ pel nichts weiter davon getragen, als ein Loch in meinen Hoſen, und mein Wams hab' ich dabei verloren. Da ſeht Ihr, was das Volk in meiner Perſon gewonnen hat. Alſo en avant, marchons!! Was ſoll's geben?“ „Ihr kennt mehre Arbeiter bei Hardy?“ „Ah! darum habt ihr mich hierher geführt?“ „Freilich. Ihr ſollt mit mehren Arbeitern aus ſeiner Fabrik zuſammenkommen.“ „Kameraden, die bei Hardy ſind und anbeißen, wenn's heißt Empörung? — Ihr ſeyd auf dem Holzweg, denen geht es zu gut.“ „Ihr ſollt ſie gleich ſehen.“ „Sie? Sind ſie nicht glücklich? Worüber haben ſie ſich zu beſchweren?“ „Und ihre Brüder, die keinen guten Meiſter haben und halb verhungern? Dieſe rufen ſie zu ſich, daß ſie ſich mit ihnen verbinden. Glaubt ihr, ſie werden taub auf ihren Ruf bleiben? Hardy iſt eine Ausnahme. Das Volk muß einen tüchtigen Ruck thun, daß die Ausnahme zur Regel wird, und dann kann jeder ₰ * 5 „Es liegt etwas Wahres in dem, was Ihr ſagt. Das müßte aber ein putziger Ruck ſeyn, um meinen ſchofelen Patron, den Baron Tripeaud, in die Ordnung zu bringen. Er hat aus mir gemacht, was ich bin — einen lüderlichen Hund.“ „Die Arbeiter von Hardy werden kommen. Ihr ſeyd ihr Kamerad, Ihr habt keinen Vortheil dabei, ſie zu täuſchen. Sie werden Euch glauben. Vereinigt Euch mit mir, um ſie zum Entſchluß zu bringen.“ „Zu welchem Entſchluß?“ „Die Fabrik zu verlaſſen, in welcher ſie verweichlichen und in Selbſtſucht verſauern, ohne an ihre Brüder zu denken.“ „Aber wovon ſollen ſie leben, wenn ſie die Fabrik ver⸗ laſſen?“ „Dafür wird geſorgt werden bis zum großen Tag.“ „Und was ſollen ſie bis dahin treiben?“ „Was ihr dieſe Nacht getrieben habt: trinken, lachen und ſingen. Und ſtatt aller Arbeit ſollen ſie auf dem Zimmer mit dem Gewehr umgehen lernen.“ „Und wer läßt ſie hierher kommen?“ „Es hat ſchon jemand mit ihnen geſprochen. Gedruckte Zettel ſind ihnen in die Hände geſpielt worden, worin in ihre Gleichgültigkeit gegen ihre Brüder vorgeworfen wird. Nun? wollt ihr mich unterſtützen?“ „Ich will Euch unterſtützen, um ſo lieber, da ich kaum — — mich ſelber aufrecht halten kann. Nichts hatte mich an die Welt geknüpft, als Cephiſe. Ich ſpüre, ich bin auf einem ſchlimmen Abhang, und Ihr ſtoßt mich auch noch. . .. Purzle Buckel! — — Ob ich auf die oder die Art zum Teufel gehe, gilt mir gleich. Laßt uns trinken!“ „Wir wollen auf die nächſte luſtige Nacht trinken. Die. vorige war eine Anfängernacht.“ „Aus welchem Holz ſeyd Ihr denn eigentlich geſchnitzt? Ich habe Euch betrachtet, und nicht einen Augenblick hab ich Euch lachen oder roth werden, oder in Feuer gerathen ſehen, Ihr habt da geſeſſen wie ein ſteinerner Gaſt.“ „Ich bin über mein fünfzehntes Jahr hinaus. Um mich zum Lachenzu bringen, dazu gehört etwas. Aber dieſe Nacht will ich lachen.“ „Ich weiß micht, ob das Brandwein iſt. Aber der Teufel ſoll mich holen, wenn mir nicht Angſt wird bei Eurer Ver⸗ ſicherung, daß Ihr dieſe Nacht lachen wollt.“ Mit dieſen Worten ſtand der junge Menſch auf. Er tau⸗ melte. Ein neuer Rauſch fing bei ihm an. In dieſem Au⸗ genblick ward angeklopft. „Herein!“ ſagte Morok. Der Wirth erſchien. „Was gibt's?“ fragte der Vertraute Aigrigny's. „Unten iſt ein junger Menſch,“ antwortete der Wirth. „Er ſagt, er hieße Olivier und fragt nach Herrn Morok.“ „Der bin ich, ſagte der Thierbändiger. „Laſſen Sie ihn heraufkommen.“ Der Wirth ging hinaus. „Das iſt Einer von unſeren Leuten,“ ſagte Morok. Und mit verdrießlicher Miene fügte er hinzn; „Aber er kommt allein — allein! Das wundert mich. — Kennt Ihr ihn?“ „Ich denke, ja. Iſt er nicht blond?“ „Wir werden gleich ſehen. Da iſt er.“ Ein junger Menſch mit offenem, verſtändigem Geſicht und beherzter Miene trat ein. „Sieh da! Liegganznackt?“ rief er beim Anblick des Gaſtes von Morok. —.—— — — — — — „In eigner Perſon,“ erwiderte dieſer. „Man hat Dich ja in einer Ewigkeit nicht geſehen, Olivier.“ „Sehr natürlich, lieber Junge. Wir arbeiten nicht an einem Ort.“ „Aber Ihr kommt ja allein,“ nahm Morok das Wort. Er deutete auf Liegganznackt und ſagte weiter: „Vor ihm können wir ſprechen; er gehört zu den Unſeren. — Warum kommt Ihr denn allein?“ „Ich komme allein,“ antwortete Olivier; „aber ich komme im Namen meiner Kameraden.“ „Ah!“ ſeufzte Morok zufrieden. „Sie ſagen zu?“ „Sie ſagen nein,“ entgegnete der junge Menſch. „Und ich ebenfalls.“ „Was? Schwerenoth!“ rief Morok zähneknirſchend. „Sie ſagen nein? Sie haben demnach nicht mehr Verſtand, als Weiber?“ „Hört mich an,“ ſagte Olivier kaltblütig.“ „Wir haben Eure Briefe empfangen und Euren Geſchäftsträger geſehen. Wir haben den Beweis erhalten, daß er zu einer der ge⸗ heimen Geſellſchaften gehört, in welcher wir mehre Leute kennen.“ „Alſo warum zögert ihr denn?“ „Erſtlich haben wir keinen Beweis, daß die Geſellſchaften zu einer Bewegung bereit ſind.“ „Ich ſage Euch, ſie ſind es.“ „E — — e — er ſagt's,“ ſtammelte Liegganznackt. „Und ich — be — beſtätige es. En avant, marchons!“ 4 „Das iſt nicht genug,“ erwiderte Olivier. „Uebrigens haben wir uns die Sache überlegt. Seit acht Tagen war die Fabrikmannſchaft zwieſpältig. Geſtern noch ward hitzig geſtritten. Dieſen Morgen hat der alte Simon uns kommen kaſſen. Vor ihm iſt es zu Erklärungen gekommen. Er hat uns überzeugt. Wir werden die Geſchichte abwarten. Wenn eine Bewegung ausbricht, dann werden wir ſehen.“ „Iſt das euer letztes Wort?“ „Das iſt unſer letztes Wort.“ „Still!“ rief plötzlich Liegganznackt. Auf ſeinen ſchwachen Beinen ſchwankend horchte er. „Man meint — — der Lärm eines Haufens Menſchen käme aus der Ferne.“ Wirklich vernahm man ein dumpfes Getöſe, welches mit jedem Augenblick deutlicher wurde und ſich zu einem furcht⸗ baren Lärm ſteigerte. „Was iſt das?“ fragte Olivier betroffen. „Morok entgegnete mit falſchem Lächeln: „Jetzt erinnere ich mich, daß der Wirth mir vorhin geſagt hat, es herrſche in dem Dorf eine gewaltige Gährung wider die Fabrik. Wenn Ihr und Eure Kameraden Euch von den andern Ar⸗ beitern Hardy's getrennt hättet, wie ich erwartet hatte, ſo würden dieſe Leute, welche anfangen zu brüllen, für euch ge⸗ weſen ſeyn anſtatt wider euch.“ 8 „Ah!“ rief Olivier. „Dieſe Zuſammenkunft war alſo abgekartet, um die Arbeiter des Herrn Hardy wider einander zu bewaffnen? Ihr habt gehofft, wir würden gemeinſchaftliche Sache machen mit den Leuten, welche gegen die Fabrik auf⸗ gehetzt werden, und — —“ Der junge Menſch konnte nicht weiter ſprechen. Ein furchtbares Gebrüll vermiſcht mit Pfeifen und Heulen machte das Wirthshaus erzittern. In demſelben Augenblick fuhr die Thür auf. Der Wirth kam bleich und zitternd in das Zimmer geſtürzt und rief: „Meine Herren! Iſt unter Ihnen Einer aus der Fabrik des Herrn Hardy?“ „Ich,“ ſagte Hlivier. † „Dann ſind Sie verloren! Eben kommen die Wölfe in hellen Haufen angerückt und rufen, es ſeyen hier Freſſer aus Hardy's Fabrik. Sie wollen Streit, wofern nicht die Freſſer die Fabrik verleugnen und ſich zu ihnen ſchlagen.“ „Nun iſt's handgreiflich, daß wir in einem Hinterhalt ge⸗ lockt wurden!“ rief Olivier, ſich mit drohender Miene gegen Morok und Liegganznackt wendend. „Es war darauf gereche net, uns zwiſchen zwei Feuer zu bringen, wenn meine Ka⸗ meraden gekommen wären.“ „In einen Hinterhalt?“ ſtammelte Liegganznackt. — „Ich? — Niemals!“ „Krieg mit den Freſſern! Oder ſie müſſen mit den Wöl⸗ fen gehen!“ ſchrie der Haufe, welcher in das Haus einzu⸗ dringen ſchien. „Kommen Sie!“ rief der Wirth, faßte Olivier, ohne ihm Zeit zur Antwort zu laſſen bei der Hand und öffnete ein Fen⸗ ſter, welches auf das Dach eines niedrigen Schuppens ging. 1 „Retten Sie ſich durch dieß Fenſter! Rutſchen Sie hinunter und laufen Sie querfeldein. Es iſt hohe Zeit!“ Der junge Handwerker zögerte. Entſetzt redete der Wirth ihm zu: „Sie ſind Einer gegen Zweihundert. Was wollen Sie machen? Bleiben Sie eine Minute länger, ſo ſind Sie verloren. Hören Sie den Haufen? Er iſt in den Hof ge⸗ drungen und komit herauf!“ — S Das Brüllen, Pfeifen und Schreien verdoppelte ſich. Die hölzerne Trbppe, welche zum erſten Stockwerk führte, erzitterte unter den ſchnellen Tritten vieler Menſchen, und durchdrin⸗ gend erſcholl aus der Nähe der Ruf: „Krieg den Freſ⸗ ſ „Rette Dich, Olivier!“ rief Liegganznackt, den die Gefahr faſt nüchtern machte. . v. 17 — 250 Kaum hatte er dieſe Worte geſprochen, als die Thür des Saales vor dieſem Zimmer mit entſetzlichem Krachen aufflo Olivier ſtand mit einem Bein auf der Fenſterbrüſtung und zögerte noch. „Da ſind ſie!“ rief der Wirth händeringend, lief auf Olivier zu und drängte in zum Fenſter hinaus. Morok begab ſich mit Liegganznackt an die in den Saal führende Thür. Der Wirth, nachdem er das Fenſter zuge⸗ macht, folgte ihnen. Acht oder zehn Kerle von Wein und Zorn erhitzt, meiſt mit langen Stöcken bewaffnet, waren in den Saal gedrungen, 3 während der große Haufe im Hof und auf der Treppe brüllte. Es waren die Anführer der Wölfe. Ein Stein⸗ brecher vom Wuchs und von der Kraft eines Hercules, den Kopf mit einem rothen Schnupftuch umwickelt, deſſen Fetzen auf ſeine Schultern herabhingen, bekleidet mit einem abge⸗ tragenen Koller von Hirſchleder, ſchien die Bewegung zu lei⸗ ten. Er hatte eine ſchwere Brechſtange in der Fauſt. Grim⸗ mig aus ſeinen mit Blut unterlaufenen Augen blickend, ging er nach dem kleinen Zimmer und rief mit einer Donnerſtimme, indem er Miene machte, den Morok unſanft bei Seite zu ſchieben: „Wo ſind die Freſſer? die Wölfe wollen ſie ver⸗ zehren!“ Der Wirth öffnete eilig die Thür des Zimmers und ſagte: „Liebe Freunde, es iſt kein Menſch drinnen. Seht ſelber nach.“ Der Steinbrecher warf einen Blick in das kleine Zimmer und ſagte überraſcht: „Es iſt wahr. Wo ſind ſie denn? Es war uns doch geſagt worden, daß über ein Dutzend wären. Entweder hätten ſie mit uns gegen die Fabrik mar⸗ ſchiren müſſen, oder es hätte Streit gegeben, und die 4 hätten angebiſſen.“ „Wenn ſie nicht gekommen ſind, ſo werden ſie noch kom⸗ men,“ ſagte ein Anderer. „Wir wollen auf ſie warte Ja, ja, wir wollen auf ſie warten,“ rief ein Dritter. „Wir werden uns in der Nähe ſehen,“ bemerkte ein Vierter. Morok nahm das Wort und ſagte: „Wenn die Wölfe Freſſer ſehen wollen, warum gehen ſie nicht hin und heulen vor der Fabaik dieſer Ungläubigen, dieſer Atheiſten? Beim erſten Geheul der Wölfe würden ſie hervorkommen, und es gäbe Streit . . „Es gäbe Streit,“ wiederholte Liegganznackt gedankenlos. „Es müßte denn ſeyn, daß die Wölfe ſich vor den Freſſern fürchteten,“ ſetzte Morok hinzu. „Du ſprichſt von Furcht?“ ſchrie der gewaltige Steinbre⸗ e zugehend. „Du ſollſt mit uns ziehen und uns ſtreiten ſehen. Nun nahmen faſt alle übrigen Wölfe im Saal nachein⸗ ander das Wort. „Die Wölfe ſich vor den Freſſern fürchten!“ „Das wäre das erſte Mal!“ „Streit! Streit! Das Ding muß ein Ende haben!“ „Es iſt nicht zum Aushalten. Wir im Elend und ſie im Wohlſtand!“ „Sie haben geſagt, die Steinbrecher wären dummes Vieh, gut genug, um in die Räder des Steinbruchs zu ſteigen, wie die Hunde in den Bratenwender,“ ſagte ein Sendling des Baron Tripeaud. 5 „Und ſie, die Freſſer, wollten ſich Kappen machen gus den Häuten der Wölfe,“ fügte ein Anderer hinzu. Sie und ihre Weiber gehen nie in die Meſſe. Das ſind Heiden, wahre Hunde!“ rief ein Helfershelfer des predigen⸗ den Abbe. — 252 — „Sie ſelber mögen den Sonntag nach ihrer Weiſe halten. Aber daß ihre Weiber nicht in die Meſſe gehen, das iſt ſchändlich!“ „Der Pfarrer hat geſagt, die Fabrik mit ihren Gräueln könnte die Cholera ins Land bringen.“ „Es iſt wahr. Er hat's in der Predigt geſagt.“ „Unſere Weiber haben's gehört!“ „Ja! ja! Zum Teufel mit den Freſſern! Sie wollen die Pholera ins Land bringen!“ „Streit! Streit!“ ſchrie der ganze Haufe. „Vorwärts alſo, brave Wölfe!“ rief Morok, mit einer Stentorſtimme. „Auf die Fabrik!“ „Ja, auf die Fabrik! auf die Fabrik!“ wiederholte der Haufe und ſtampfte wüthend auf den Boden. Allmählig hatten ſich ſo Viele, als der Saal faſſen konnte, hereinge⸗ drängt, und Andere ſtanden in dichter Maſſe auf der Treppe. Das wüthende Geſchrei brachte den berauſchten Liegganz⸗ nackt zur Beſinnung. Er flüſterte dem Morok zu: „Ihr wollt alſo Mord und Todtſchlag! Dabei bin ich nicht.“ „Wir werden Zeit haben, vor ihnen in die Fabrik zu kommen,“ erwiderte der Thierbändiger. „Wir gehen unter⸗ wegs von ihnen.“ Hierauf rief er dem erſchrockenen Wirthe zu: „Brandwein! damit wir auf die Geſundheit der braven Wölfe trinken können. Ich bezahle!“ F Er warf dem Wirthe Geld hin. Dieſer ging hinaus und kam alsbald zurück mit einigen Flaſchen und Gläſern. „Weg mit den Gläſern!“ rief Morok. „Trinken raden, wie wir, aus Gläſern?“ Er riß den Propf aus einer Flaſche, ſetzte ſie an den Hals, that einen Zug und reichte ſie dem rieſigen Steinbrecher. „Gut!“ ſagte dieſer. „Aufs Wohlſeyn des Bezahlers. Ein Lump, wer zurück tritt! — Das ſoll die Zähne der Wölfe ſchärfen!“ „Das iſt für euch, Kameraden,“ ſagte Morok, die Fla⸗ ſchen austheilend. „Am Ende vom Lied gibt's Blutvergießen,“ murmelte Lieg⸗ ganznackt, der trotz ſeiner Betrunkenheit die ganze Gefahr dieſer heilloſen Aufreizungen erkannte. Nachdem die Flaſchen geleert waren, verließ der Haufe das Wirthshaus, um gegen die Fabrik Hardy's zu ziehen. Die Mehrzahl der Dorfbewohner blieb unſichtbar, während der Schwarm durch die Hauptgaſſe zog. Aber viele Weiber, in welchen die Predigten des Abbé die Glaubenswuth er⸗ weckt hatten, feuerten durch ihr Geſchrei den ſtreitbaren Hau⸗ fen an. An der Spitze zog der ſe⸗ Steinbrecher einher, ſeine gefährliche Brechſtange ſchwingend. Die hinter ihnen Kommenden waren theils mit Knütteln, theils mit Steinen bewaffnet. Der eben genoſſene Brandwein hatte ihre Auf⸗ regung noch geſteigert. Die Geſichter glühten, die Blicke wa⸗ ren wild. Arm in Arm, vier Mann hoch vorrückend, feuerten ſie ſich durch ihren Schlaͤchtgeſang an, deſſen letzter Vers ſo lautete: „Friſch auf mit unverzagtem Muth! Laßt ſehn was unſer Arm vermag! 3 Sie wollen reizen unſre Wuth; Hier ſind wir — und nun Schlag auf Schlag (Bis) Des großen Königs *) Kinder, wir Siehe die Anmerkungen am Schluß des Bandes. — — 254 — Ziehn unerſchrocken aus zum Streit. Sieg oder Tod! ſo heißt es heut, Sieg oder Tod und kein Quartier! Wir Salomo's Kinder, groß und klein, . Wir ſetzen alle Kräfte dran; Der Sieg muß unſer ſeyn!⸗ . . Wüährend der Haufe ſich aus dem Wirthshauſe drängte, um nach der Fabrik zu ſtürmen, hatten Morok und Liegganz⸗ nackt ſich unſichtbar gemacht. — Fünfzehntes Kapitel. Das Gem einſchaftshaus. Während die Wölfe einen grimmigen Angriff auf die Freſſer im Schild führten, hatte die Fabrik Hardy's ein feſttägliches Anſehen, welches zu der Heiterkeit des Himmels und zu der reinen Nordluft des ſchönen Märztags ſtimmte. Auf der Uhr des Gemeinſchaftshauſes der Arbeiter hatte es neun geſchlagen. Die Morgenſonne beſtrahlte dieſe anſehn⸗ liche Maſſe von Gebäuden, welche ſich eine Stunde von Paris in einer freundlichen und geſunden Lage befanden mit der Ausſicht auf die von dieſer Seite die große Stadt beherr⸗ ſchenden maleriſchen bewaldeten Anhöhen. Das Gemeinſchaftshaus der Fabrikarbeiter Hardy's hatte ein überaus einfaches und freundliches Anſehen. Ein breiter mit Bäumen bepflanzter Weg trennte es von den Werkſtätten. Sein rothes Ziegeldach trat wie bei einer Sennhütte weit hervor über die weißen Außenwände, deren Einförmigkeit durch breite Backſteinpfeiler und durch die grüne Farbe der Sommerläden des erſten und zweiten Stockwerks auf angenehme Weiſe unterbrochen war. Die Fenſter der Wohnungen befanden ſich auf der Mittags⸗ und Morgenſeite. Vor ihnen breitete ſich ein 2u von zehn Morgen Flächen⸗ inhalt aus, theils mit kreuzförmigen Baumgruppen bepflanzt, theils zu Obſt- und Gemüsgärtchen eingetheilt. 4 — 256 — Bevor wir in dieſer Beſchreibung fortfahren, die vielleicht ein wenig feenhaft erſcheinen wird, müſſen wir vorausſchicken, daß die Wunder, welche wir ſchildern, nicht als utopiſche Träume zu betrachten ſind. Was dieſer Behauptung in un⸗ ſeren Tagen beſonderen Glauben verſchaffen wird, iſt der Um⸗ ſtand, daß jene Wunder das Ergebniß einer vortrefflichen Speculation waren, bei welcher das angelegte Kapi⸗ tal ſich gut und ſicher verzinſte. Eine große, ſchöne und nützliche Sache unternehmen, einer bedeutenden Anzahl von Menſchen ein Wohlſeyn verſchaffen, welches idealiſch erſcheint im Vergleich mit der jämmerlichen, faſt mörderiſchen Lage der großen Mehrheit, ſie unterrichten und in ihren eignen Augen erheben, ſie dahin bringen, daß ſie den groben Genüſſen des Wirthshauſes (oder vielmehr der verderblichen Uebertäubung des Bewußtſeyns ihres Elendes) geiſtige Genüſſe und Erholungen im Gebiet der Künſte vor⸗ ziehen, ſie durch das Glück verſittlichen und durch Aufſtellung eines leicht nachzuahmenden Beiſpiels einen Platz unter den Wohlthätern der Menſchheit einnehmen, — und doch dabei nothwendig ein gutes Geſchäft machen: das ſcheint fabelhaft. Und doch war es in Wirklichkeit der Fall bei den Wundern, von welchen wir ſprechen. Treten wir in das Innere der Fabrik. Algricola, der noch nichts von dem betrübenden Verſchwin⸗ den der Mayeur wußte, ſchwelgte in Seligkeit bei dem Ge⸗ danken an ſeine Angela und putzte ſich mit einer gewiſſen Gefallſucht heraus, um vor ſeiner Braut recht ſtattlich zu er⸗ ſcheinen. Die Wohnung des jungen Mannes in dem Gemeinſchafts⸗ haus koſtete jährlich nicht mehr als fünfundſiebenzig Franken (35 fl. rh., nicht ganz 20 Thlr.). Dieß war der gleichmä⸗ ßige Preis für alle Woh en der Unverheiratheten. Sie befand ſich im zweiten Stokwerk auf der Mittagsſeite und beſtand aus einer Stube und einer Kammer mit der Ausſicht auf den Garten. Der gedielte Fußboden war völlig weiß. — — 257 — 5 Das eiſerne Bett enthielt einen mit Maisblättern ſtatt mit Stroh gefüllten Sack, eine vortreffliche Matratze und weiche Decken. Eine Gasröhre und die Oeffnung einer Luftheizung verbreiteten erforderlichen Falles Licht und eine ſanfte Wärme in dem Zimmer, welches mit einer zitzartig gemuſterten Pa⸗ piertapete bekleidet war und entſprechende Fenſtervorhänge hatte. Eine Kommode, ein Tiſch und einige Stühle von Nuß⸗ baum und eine kleine Bücherſammlung bildeten die ührige Ausſtattung dieſes Zimmers. In der großen, hellen Kümmer befand ſich ein Kleiderſchrank, ein Nachttiſch und eine große Zinkwanne unter einem Hahn, der nach Bedürfniß Waſſer gab. Vergleicht man dieſe freundliche, geſunde, bequeme Woh⸗ nung mit der dunkeln, kalten, armſeligen Stube in der Briſe⸗ Niche⸗Gaſſe, für welche er neunzig Franken jährlich bezahlte und von und nach welcher er täglich drei Stunden zu gehen hatte, ſo begreift man, welches Opfer Agricola der Zuneigung zu ſeiner guten Mutter gebracht hatte. Nachdem er ſeinen Schnurrbart und ſeinen Kinnbart aus⸗ gekämmt und einen zufriedenen Blick in den Spiegel ge⸗ . worfen, verließ er ſein Zimmer, um ſich nach dem Wäſchhaus zu Angela zu begeben. Der Weg führte ihn zunächſt durch einen breiten gedielten 3 Gang, der ſehr ſauber gehalten war und ſein Licht von oben empfing. Trotz dem Samen der Zwietracht, der ſeit Kurzem von den Feinden Hardy's unter der bisher ſo brüderlich ver⸗ 1. einten Gemeinſchaft der Arbeiter ausgeſtreut war, hörte man in faſt allen Zimmern zu beiden Seiten dieſes Gangs fröh⸗ liche Geſänge. Im Vorbeigehen an mehren offenen Thüren wechſelte Agricvla einen freundlichen Morgengruß mit ſeinen Kameraden. Er eilte die Treppe hinab und ging durch den Hof, welcher einen mit Bäumen beſetzten Raſenplatz und in der Mitte der Bäume einen Springbrunnen hatte, hinüber nach dem andern Flüges des Gebäudes. In dieſem Flügel befand ſich die Werkſtätte, wo ein Theil der nicht in der Fabrik beſchäftigten Weiber und Töchter der Arbeiter das Weißzeug verfertigten. Dieß Weißzeug kam um ſo wohlfeiler zu ſtehen, da die Gemeinſchaft ihren Bedarf an Leinwand im — 258 — Großen unmittelbar in den Fabriken ankaufte. Agricola ging durch jene Werkſtätte, einen im Sommer wohl gelüfteten *), im Winter gut gewärmten Saal mit der Ausſicht auf den Garten und klopfte an der Thür der Mutter Angela's. Einige Worte über dieſe im erſten Stockwerk auf der Oſt⸗ ſeite gelegene Wohnung mit der Ausſicht auf den Garten werden einer Vorſtellung von den Familienwohnungen in der Gemeinſchaft geben, deren Miethe nicht mehr als 125 Fran⸗ ken jährlich koſtete. Vom Gang kam man in ein kleines Vorgemach und aus dieſem in ein großes Zimmer. Auf jeder Seite neben letzterem befand ſich ein kleineres Zimmer, beſtimmt zu Schlafgemächern für die erwachſenen Kinder. Die jüngeren Knaben und Mädchen waren des Nachts in zwei Schlafſälen vereinigt, wie es in Erziehungsanſtalten der Fall iſt, und jede Nacht führten zwei Familienväter und zwei Familienmütter die Aufſicht in dieſen Schlafſälen. Die Woh⸗ nung der Familie Bertin hatte ſo wenig wie die der übrigen eine Küche und was dazu gehört. Die Bereitung der Spei⸗ ſen fand im Großen und gemeinſchaftlich ſtatt in einem ab⸗ geſonderten Theil des Ghäudes. Dadurch ward es leicht, die Wohnungen überaus ſauber zu halten. Ein ziemlich großer Teppich, ein guter Seſſel, hübſches Porcelan auf einem Geſtell von gebohntem weißen Holz, mehre Kupferſtiche an den Wänden, eine Stutzuhr von vergoldetem Meſſing, endlich ein Bett, eine Kommode und ein Schreibtiſch von Mahagony bezeugten, daß die Miethsleute etwas mehr als das Noth⸗ dürftige hatten. Angela, welche man jetzt die Braut Agricola's nennen konnte, rechtfertigte in allen Stücken die einnehmende Schil⸗ derung, welche der junge Schmied in ſeinem Geſpräch mit der Mayeur von ihr gemacht hatte. Sie war höchſtens ſieb⸗ zehn Jahr alt. In einfacher netter Kleidung ſaß ſie neben ihrer Mutter. Beim Eintritt Agricola's erröthete ſie ein wenig. 9 Siehe die Anmerkungen am Schluß des Bandes. „Jungfer Angela,“ ſagte der Freier, „ich komme mein Verſprechen zu erfüllen, wofern Ihre Mutter es zufrie⸗ den iſt.“ „Gewiß bin ich's zufrieden,“ entgegnete mit Herzlichkeit die Mutter. „Sie hat das Gemeinſchaftshaus und was dazu gehört, bis jetzt noch weder mit ihrem Vater, noch mit ihrem Bruder, noch mit mir beſuchen wollen, weil ſie ſich das Ver⸗ gnügen verſprach, es heut am Sonntag in Ihrer Geſellſchaft zu betrachten. Sie wiſſen ſo gut das Wort zu führen, daß es Ihnen wohl zuſteht, dieſer Neuangekommenen gegenüber den Hauswirth zu machen. Schon ſeit einer Stunde wartet ſie auf den jungen Herrn mit Ungeduld.“ „Entſchuldigen Sie mich,“ ſagte Agricola heiter zu Angela. „Ueber dem Gedanken an das Vergnügen, Sie zu ſehen, habe ich die Stunde vergeſſen. Das iſt meine einzige Ent⸗ ſchuldigung.“ „Mutter, was ſagſt Du für Sachen!“ flüſterte das errö⸗ thende Mädchen im Ton ſanften Vorwurfs. „Iſt es vielleicht nicht wahr? h ſage ja nicht, daß es Unrecht von Dir wäre. Gehe mit ihm, liebes Kind. Agri⸗ cola wird Dir beſſer als ich erklären können, was alle Ar⸗ beiter der Fabrik dem Herrn Hardy verdanken.“ Angela ſetzte ihr Häubchen auf und ſagte, indem ſie die Bänder knüpfte: „Es iſt recht Schade, daß Ihre gute Pfleg⸗ ſchweſter nicht bei uns iſt.“ „Die Mayeur?“ erwiderte Agricola. „Sie haben Recht. Aber aufgeſchoben iſt nicht aufgehoben. Der Beſuch, den ſie uns vorgeſtern gemacht hat, wird nicht der letzte geweſen ſeyn.“ Angela küßte ihre Mutter und ging Arm in Arm mit Agricvla hinaus. „Sie können ſich nicht verſtellen,“ ſagte ſte, „wie ich überraſcht war, als ich in dieſes ſchöne Haus trat. Ich war gewohnt, nur Elend zu ſehen bei den armen Arbei⸗ tern in unſerer Provinz, und ich ſelber habe dieß Elend em⸗ pfunden. Hier ſieht man Jedem das Glück und die Zufrie⸗ denheit an. Es iſt wie ein Feenmährchen, und ich meine immer noch, ich träumte. Frage ich meine Mutter um die Auflöſung dieſes Räthſels, ſo antwortet ſie mir: Arievla wird dir die Sache erklären.“ „Ich bin doppelt glücklich, daß mir dieſe angenehme Auf⸗ gabe zu Theil geworden iſt,“ erwiderte Agricola in ernſtem und zugleich zärtlichem Ton. „Wiſſen Sie, warum? Weil ſie mir nicht gelegener hätte kommen können. 4 „Wie ſo?“ fragte das Mädchen. „Wenn ich Ihnen dieß Haus zeige, wenn ich Sie mit allen Hülfsmitteln unſerer Gemeinſchaft bekannt mache, ſo kann ich Ihnen ſagen: hier iſt der Arbeitsmann der Gegen⸗ wart und der Zukunft ſicher; hier iſt er nicht, wie ſo viele ſeiner armen Brüder, genöthigt, ſich das ſüßeſte Bedürfniß des Herzens zu verſigen, den Wunſch, ſich eine Lebensge⸗ fährtin zu wählen, weil er beſorgen müßte, ein Elend mit einem andern zu verknüpfen.“ Angela ſchlug erröthend die Augen nieder. „Hier,“ fuhr Agrie der Hoffnung auf die füße Luſt des Familienlebens über⸗ laſſen, denn er hat die gewiſſe Ausſicht, daß ihm nicht die harten Entbehrungen ſeiner Lieben das Herz zerreißen wer⸗ den. Ordnung, Arbeit und weiſe Venutzung der Kräfte eines Jeden machen hier, daß Männer, Weiber und Kinder zufrie⸗ den leben. Mit einem Wort, . fügte er zärtlich lächelnd hinzu, „wenn ich Ihnen das Alles erkläre, ſo beweiſe ich Ihnen damit, daß man hier nichts Vernünftigeres thun kann, als einander lieben, und nichts Geſcheideres, als heirathen. 4 Angela erröthete noch mehr und ſagte mit ſanft bewegter Stimme. „Ich dächte, wir könnten jetzt unſeren Gang be⸗ ginnen.“ „Den Augenblick,“ erwiderte Agricola, hoch erfreut über die Verwirrung, die er in dieſer naturkindlichen Seele erregt hatte. „Da ſind wir ganz in der Nähe des Schlafſaals der kleinen Mädchen. Dieſe zwitſchernden Vögel haben längſt ihre Neſter verlaſſen. Wir wollen hineingehen.“ ) rt, „kann der Arbeiter ſich getroſt. ————— — überall ſehr nützlich beſchäftigt un 6 Beide traten in einen geräumigen Saal, welcher dem Schlafſaal eines guten Erziehungshauſes glich. Die kleinen eiſernen Betten waren ſymmetriſch geordnet. An den beiden Enden ſtanden die Betten der zwei Familienmütter, welche, wenn die Reihe ſie traf, das Geſchäft der Aufſeherinnen verſahen. Der Schlafſaal iſt ſchön geordnet,“ bemerkte Angela. „Und wie rein geheuten Wer beſorgt denn das ſo gut?“ „Die Kinder ſelber. Hier gibt es kein Geſinde. Ein un⸗ glaublicher Wetteifer herrſcht unter dieſen kleinen Putzeln, wer ſein Bettchen am beßten gemacht hat; und ihr Vergnü⸗ gen dabei iſt wenigſtens eben ſo groß, als wenn ſie das Bettchen ihrer Puppe machten. Sie wiſſen, wie gern die kleinen Mädchen Haushaltung ſpielen. Hier treiben ſie das Spiel im Großen, und die Haushaltung wird dabei trefflich beſorgt.“ „Ach! ich verſtehe. Man benutzt ihre Neigung zu ſolchen Unterhaltungen.“ „Das iſt das ganze Geheimniß. Sie werden die Kinder n glücklich finden in der Wichtigkeit, welche dieſe Geſchäfte ihnen geben.“ „Ach!“ ſagte Angela ſchüchtern, „wenn man dieſe ſchönen, geſunden, warmen Schlafſäle mit den elenden Dachkammern vergleicht, wo die Kinder vor Kälte ſchlotternd auf ſchlechteu Strohſücken zuſammengeſchichtet ſind, wie in unſerer Ge⸗ gend — —! „Und zu Paris, liebes Kind! Da iſt es vielleicht noch ſchtimmer⸗ 4 „Wie gütig, wie edelmüthig und wie reich S Herr Hardy ſeyn, daß er ſo viel Geld ausgibt um Gutes zu thun!“ Lächelnd erwiderte Agricvla: „Was ich Ihnen darauf ſage, wird Sie dermaßen wunbern, daß Sie mir vielleicht nicht glauben.“ „Wie ſoz — 262 — „Gewiß gibt es in der Welt keinen Menſchen, der ein beſſeres Herz hat, als Herr Hardy. Er thut das Gute um des Guten willen ohne Eigennutz. Denken Sie ſich aber, er wäre der eigennützigſte, habſüchtigſte Menſch, ſo würde er immer noch den größten Vortheil dabei finden, daß er uns in Stand ſetzt, ſo glücklich zu ſeyn, wie wir ſind.“ „Iſt's möglich? Aber Sie ſagen es, und ich muß es glau⸗ ben. Indeß, wenn es ſo leicht und ſo vortheilhaft iſt, Gu⸗ tes zu thun, warum geſchieht es nicht häufiger?“ „Es gehören dazu drei Stücke, welche ſich ſelten bei dem⸗ ſelben Menſchen finden: Wiſſen, Können, Wollen.“ „Leider ja! Die, welche wiſſen, können nicht.“ „Und Die, welche können, wiſſen oder wollen nicht.“ „Aber wie kann Herr Hardy ſo viel Vortheil finden bei dem Glück, welches er ſeine Leute genießen läßt?“ „Das will ich Ihnen bald erklärt haben.“ „Ach! wie riecht es hier ſo gut nach Oöſt!“ rief plötzlich Angela. „Der Geruch kommt aus der nahen Obſtkammer. Treten Sie mit mir hinein. Ich denke, wir werden darin einige on den kleinen Vögeln aus dem Schlafſaal beſchäftigt finden. nicht zu naſchen, ſondern zu arbeiten.“ Agricola öffnete eine Thür und führte Angela in einen großen Saal mit Bänkein ringsum, auf welchen Winterobſt in ſchönſter Ordnung aufgeſpeichert war. Eine Anzahl gut und warm gekleidete Kinder in blühender Geſundheit waren heiteren Sinnes beſchäftigt, unter Anleitung einer Frau die ſchadhaften Früchte auszuleſen. „Sie ſehen,“ ſagte Agricola, „überall ſuchen wir die Kin⸗ der nach Möglichkeit nützlich zu verwenden. Dieſe Beſchäfti⸗ gungen ſind für ſie ein Vergnügen. Sie entſprechen ihrem kindlichen Bedürfniß nach Thätigkeit, und indem man das zu benutzen weiß, braucht man von den erwachſenen Mädchen und von den Frauen nicht eine Zeit in Anſpruch zu nehmen, welche ſie beſſer anwenden können.“ „Das alles iſt wirklich ganz vortrefflich eingerichtet.“ „Sie müſſen erſt die Kleinen in der Küche ſehen! Unter Anleitung von ein Paar Frauen verrichten ſie die Arbeit von acht bis zehn Mägden.“ „Freilich!“ bemerkte Angela lächelnd. „In dieſem Alter ſpielt man gar zu gern mit der Puppenküche. Das muß eine Freude für ſie ſeyn.“ „Ganz gewiß. Eben ſo läßt man ſie Gärtchens ſpielen, und ſie hacken die Erde um, ſammeln das Obſt und das Gemüſe ein, begießen die Blumen, rechen die Gänge u. ſ. w. Mit einem Wort: dieß Heer kleiner Arbeiter, welches ander⸗ wärts bis zum elften oder zwölften Jahr nichts leiſtet, macht ſich hier ſehr nützlich. Vom ſechsten oder ſiebenten Jahre an haben ſie drei Schulſtunden, welche für ſie hinreichen, und ihre übrige Zeit dient zu nutzbringender Erholung. Dieſe lieben Kinder erſparen ſo viele große Arme, daß ſie weit mehr verdienen, als ſie koſten. Und dann, Angela, finden Sie nicht, daß die Gegenwart der ſo bei allen Arbeiten be⸗ theiligten Kinder etwas liebliches, reines, faſt heiliges hat, was den Aelteren in ihrem Thun und Reden eine heilſame Zurückhaltung auflegt? Der rohſte Menſch nimmt Rückſicht auf Kinder.“ „Es iſt zum Bewundern!“ ſagte Angela., „Je mehr man die Sache überlegt, deſto mehr findet man daß hier Alles auf das Glück Aller berechnet iſt.“ „Und doch hat es Mühe gekoſtet, die Leute zu dieſem Glück zu gewöhnen, Vorurtheile und Schlendrian mußten überwunden werden. — — Nun ſehn Sie, hier iſt die Küche. Iſt ſie nicht ſo großartig, wie die Küche einer Kaſerne oder einer großen Erziehungsanſtalt?“ — 264 — Die Kochanſtalt des Hauſes nahm einen großen Raum ein. Alle Geräthe waren ſo ſauber gehalten, daß ſie blink⸗ ten. Die neueren Erfindungen, welche für die Armen vom größten Nutzen ſeyn würden, leider aber nicht von ihnen be⸗ nutzt werden können, weil ſte in einem großen Maßſtab angewandt werden müſſen, dieſe Erfindungen machten es hier möglich, den Heerd und die Oefen mit der Hälfte des Brenn⸗ ſtoffes zu heitzen, den die Gäſte des Gemeinſchaftshauſes, in einzelne Haushaltungen geſondert, gebraucht haben würden. Und dabei blieb noch ſo viel Hitze übrig, daß dieſelbe in Röhren weiter geleitet, in allen Zimmern des Gemeinſchafts⸗ hauſes eine gleichmäßige Wärme verbreitete. Auch hier leiſteten Kinder unter Anleitung von zwei Haus⸗ hälterinnen vielfache Dienſte. Nichts war komiſcher, als der Ernſt, mit welchem ſie ihre Küchengeſchäfte verrichteten. Nicht minder weſentlich war ihre Hülfe in der Bäckerei, wo aus dem im Großen angekauften Mehl ein treffliches Haushal⸗ tungsbrod gebacken wurde. Dieß Brod, aus reinem Waizen und aus Roggen gemiſcht, war weit geſünder und nahrhafter, als das Stadtbrod, welches ſeine Weiße und Leichtigkeit oft durch Beimiſchung ſchädlicher Stoffe erhält. „Guten Tag, Frau Bertrand!“ ſagte Agricola zu einer ehrbaren Frau, die ernſthaft die langſamen Bewegungen mehrer Bratſpieße beobachtete. Beſagte Bratſpieße würden der Hochzeit des Gamacho im Don Quirote keine Schande gemacht haben, denn ſie waren mit mächtigen Stücken Rind⸗, Kalb⸗ und Hammelfleiſch beladen, welche eine höchſt einla⸗ dende goldbraune Farbe zu gewinnen anfingen. Der junge Mann blieb in der Thür ſtehen und fuhr fort: „Der Hausordnung gemäß überſchreit' ich nicht die Schwelle der Küche. Ich will ſie bloß von dieſer Jungfer bewundern laſſen, welche kürzlich angekommen 4 „Bewundern Sie nach Herzensluſt,“ erwiderte die Köchin. „Und vornehmlich ſehen Sie, wie das Küchengeſindlein geſchickt und eiis iſt.“ Dabei deutete ſie mit ihrem großem Fett⸗ löffel auf ein Dutzend Knaben und Mädchen, die um einen 42 * — 265 — Tiſch herumſitzend andächtig Kartoffeln ſchülten und Gewür⸗ zel belaſen. „Ich merke, Frau Bertrand, wir bekommen heut ein Gaſt⸗ mahl, wie weiland König Belſazar anrichtete,“ bemerkte Agri⸗ cola lächelnd. „Gerade wie alle Tage,“ erwiderte die Köchin. „Heut gibt's Fleiſchbrühſuppe mit Bohnen, Rindöbraten mit Kar⸗ toffeln, Salat, Obſt, Käſe und als Sonntagsbeilage Trau⸗ benmustorten aus der Bäckerei der Frau Denis, deren Ofen eben geheizt iſt.“ „Sie machen mir einen unmenſchlichen Appetit,“ ſagte Agricola. „Man merkt es immer, wenn Sie die Reihe trifft zu kochen.“ „Sie Spottvogel!“ erwiderte die Köchin. Das Pärchen ging weiter. „Was mich beſonders ſtau⸗ nen läßt,“ ſagte Angela, „das iſt der Vergleich zwiſchen der unzureichenden, ungeſunden Nahrung der Arbeiter in meiner Heimath mit der hieſigen.“ „Wir bezahlen täglich 25 Sous,“ erwiderte Agricola, „und dafür erhalten wir eine beſſere Koſt als in Paris für 1 drei Franken.“ „Wie iſt denn das möglich?“ fragte das Mädchen erſtaunt. „Der Zauberſtab des Herrn Hardy macht es möglich. Ich will es Ihnen gleich erklären.“ „Ich bin ganz ungeduldig, den Mann zu ſehen.“ „Sie werden ihn bald ſehen, vielleicht noch heute, denn . er iſt von einem Augenblick zum andern erwartet. — Hier ſehen Sie den Speiſeſaal. Sie kennen ihn nicht, weil Ihre ½ Eltern ſich das Eſſen auf's Zimmer bringen laſſen. Iſt das nicht ein hübſches, freundliches Zimmer? Und welche ſchöne Ausſicht auf den Garten, dem Springbrunnen gegenüber!“ Es war ein großer Saal, mehr lang als Peit, mit zehn Fenſtern, welche die Ausſicht auf einen Gartt hatten. An vI. 15 — 266 — den Wänden ſtanden mit glänzendem Wachstuch überzogene Tiſche. Im Winter nach Feierabend diente dieß Gemach als Geſellſchaftsſaal für diejenigen Arbeiter, welche den Abend nicht allein oder im Kreis ihrer Familie zubringen wollten. Es war dann mit Gas beleuchtet und gut geheizt. Die Einen laſen, die Andern ſpielten Karte, wieder Andere plau⸗ derten oder machten kleine Arbeiten. „Das iſt noch nicht Alles,“ ſagte Agricola zu ſeiner Ge⸗ liebten, während er mit ihr die Treppe hinab in den Hof ging. „Sie werden jenes Zimmer gewiß noch hübſcher finden, wenn es am Donnerstag und am Sonntag in einen Tanzſaal verwandelt iſt, und am Dienstag und Samstag Abend in einen Concertſaal.“ „Nicht möglich!“ „Ganz gewiß. Wir haben unter uns Muſikanten, die recht gut zum Tanz aufſpielgn. Ferner ſingen wir faſt Alle, Männer, Weiber und Kindek *) zwei Mal in der Woche im Chor. Leider haben in den letzten Tagen Zwiſtigkeiten in der Fabrik unſere Concerte verhindert.“ „So viele Stimmen! Das muß prächtig ſeyn.“ „Gewiß iſt es ſchön. Herr Hardy hat uns immer aufge⸗ muntert zu dieſer Art von Unterhaltung. Er ſagt mit Recht, ſie habe einen großen Einfluß auf das Gemüth und auf die Sitten. Einmal im Winter hat er auf ſeine Koſten zwei Schüler des berühmten Herrn Wilhem hierher kommen laſſen, und ſeitdem hat unſere Schule große Fortſchritte gemacht. Ohne uns zu ſchmeicheln, darf ich ſagen es iſt ergreifend, ſo zweihundert Stimmen ein Loblied auf die Arbeit oder auf die Freiheit ſingen zu hören. Sie ſollen dem Geſang bei⸗ wohnen und Sie werden gewiß finden, daß in dem brüder⸗ lichen Einklang dieſer Stimmen etwas Großes und Herzerhe⸗ bendes liegt. *) Siehe vieſpmerfungen am Schluß des Bandes. — —— —— haus von dem Garten trennte. Ein Windſtoß tru Ferne den Klang von Trompeten und von — 267 — Ich glaube es gern. Wer hier wohnt, iſt glücklich zu preiſen. Hier iſt nichts als Luſt; denn die Arbeit, ſo mit Erholung gewürzt, wird zur Luſt.“ „Leider gibt es auch hier Thränen und Schmerzen, be⸗ merkte Agricola. „Sehen Sie dort den abgeſonderten ſon⸗ nigen Bau?“ „Ja. Was iſt das?“ „Das iſt unſer Krankenſaal. Glücklicher Weiſe macht un⸗ ſere geſunde Lebensweiſe, daß er ſekten ganz beſetzt iſt. Mit einem kleinen jährlichen Beitrag halten wir einen guten Arzt, und aus einer Hülfskaſſe empfängt jeder Kranke zwei Drittel ſeines Taglohns.“ „Alles ganz vortrefflich. — Und dort unten auf der an⸗ dern Seite des Raſenplatzes 2 „Das iſt das Waſchhaus und das Spülhaus dem Waſſer, kalt und warm. Unter dieſem Dach iſt der Trockenplatz. Dort weiter hinten ſind die Ställe und Heu⸗ böden für die in der Fabrik verwendeten Pferde.“ „Aber Sie vergeſſen ja, mir das Geheimniß aller dieſer mit fließen⸗ Wunderwerke zu verrathen.“ „In zehn Minuten werden Sie es begriffen haben. Die Neugier Angela's konnte für jetzt nicht befriedigt wer⸗ den. Als Agricola die letzten Worte ſprach, befand er ſich mit dem Mädchen an einer Lattenverzäunung, welche den Baumgang zwiſchen den Werkſtätten und dem Gemeinſchafts⸗ gaus der Kriegsmuſik herbei. Man vernahm den raſchen Bufſchlag von zwei Pferden, die herangeſprengt kamen, und bald erblickten unſere beiden jun⸗ gen Leute auf einem ſchönen Rappen mit langem Schweif und mit karmeſinrother Schabracke einen General in blauer goldgeſtickter Uniform, weißen Hoſen und Steiſſtiefeln. Er trug Epauletten mit vier ſilbernen Sternen⸗ und über der rechten Schulter das groß rothe Vand Ehrenlegion. — 268 — Sein goldbordirter Hut hatte einen weißen Federſaum, die Auszeichnung der Marſchälle von Frankreich. Seine Hal⸗ tung war die eines ritterlichen Kriegsmannes. Er kam zum Hof herein, und in dem Augenblick, wo er ſich vor den bei⸗ den jungen Leuten befand, hielt er ſein Pferd an und warf die goldnen Zügel ſeinem Reitknecht zu. Dieſer fragte: „Wo ſoll ich auf den Herrn Herzog warten?“ „Am Ende der Allee,“ erwiderte der Marſchall, zog den Hut vor Jemand ab, den Agricola und Angela nicht ſahen, und ging raſch auf denſelben zu. Bald erſchien an der Biegung des Baumgangs ein alter Mann, deſſen Geſicht das Gepräge der Willenskraft und des Verſtandes trug. Er hatte einen ſehr ſaubern Kittel an. Sein weißes Haar war mit einer Tuchmütze bedeckt. Die Hände in den Taſchen verborgen, rauchte er ruhig einen alten Meerſchaumkopf. „Guten Tag, lieber Vater!“ ſagte der Marſchall und um⸗ armte den alten Handwerker, der ihn ſeinerſeits mit Innig⸗ keit an ſein Herz drückte. „Setz doch Deinen Hut auf,“ ſagte der Greis. „Du biſt ja gewaltig geputzt.“ „Ich habe eben einer Muſterung hier in der Nähe beige⸗ wohnt und die Gelegenheit benutzt, um früher bei Ihnen zu ſeyn.“ „Ah! das wird mich hindern; meinen Enkelinnen den ge⸗ wöhnlichen Sonntagskuß zu geben.“ „Nicht doch, Vater. Sie kommen mit Dagobert heraus⸗ 8 gefahren.“ „Was fehlt Dir denn? Du ſiehſt ja ſorgenvoll aus.“ 3 „Allerdings,“ erwiderte der Marſchall mit düſterer Miene. „Ich habe Ihnen ernſte Dinge mitzutheilen.“ „Komme niz auf mein Zimmer,“ ſagte der Greis beunruhigt. — 269 — Der Marſchall und ſein Vater verſchwanden hinter der Biegung der Allee. Angela war ſtarr vor Verwunderung daruber, daß der prächtige General, welcher Herr Herzog an⸗ geredet wurde, einen alten Handwerker im Kittel zum Vater hatte. „Was bedeutet denn das ?“ fragte ſie ihren Begleiter. „Dieſer alte Mann — — —?“ „Iſt der Vater des Marſchalls Simon, Herzogs von Ligny⸗ und,“ fügte er mit freudiger Rührung hinzu, „der Marſchall iſt der Freund meines Vaters, der zwanzig Jahr lang unter ihm gefochten hat.“ „Der Marſchall muß ein vortreffliches Herz haben, daß er in ſeiner hohen Stellung ſeinem Vater ſo viel Achtung und kindliche Liebe beweiſt. Aber warum läßt er ſeinen Vater beim Handwerk?“ „Weil der alte Simon um keinen Preis das Handwerk und die Fabrik verlaſſen würde. Er iſt zum Arbeiter geboren und will als Arbeiter ſterben, obwohl er einen Herzog und Marſchall von Frankreich zum Sohn hat.“ Sechzehntes Kapitel. Das Se h ebn n . — Als das ganz natürliche Erſtaunen, welches die Ankunft des Marſchalls Simon in Angela erweckt hatte, vorüber war, ſagte Agricola lächelnd zu ihr: „Ich will dieſen Umſtand nicht mißbrauchen, um die Erfüllung meines Verſprechens zu umgehen. Sie ſollen das Geheimniß aller Wunder unſeres Gemeinſchaftshauſes kennen lernen.“ 5 „O! ich hätte Ihr Verſprechen nicht vergeſſen,“ erwiderte Angela. „Was Sie mir bisher geſagt haben, hat mich viel zu neugierig gemacht.“ „Alſo hören Sie zu, werthe Freundin. Herr Hardy hat drei Zauberworte geſprochen: Verein, Gem einſchaft, Brüderſchaft. Wir haben den Sinn dieſer Worte ver⸗ ſtanden, und die Wunder, welche Sie ſehen, ſind geſchaffen worden zum größten Vortheil für uns nicht nur, ſondern auch für Herrn Hardy.“ „Das Letztere begreif ich immer noch nicht,“ ſagte Angela. „Denken Sie, Herr Hardy wäre ſtatt deſſen, was er wirk⸗ lich iſt, ein Speculant ohne Herz geweſen, der nur ſeinen Vortheil kennt. Er hätte ſich ſagen müſſen Was brauch ich, damit meine Fabrik mir viel einbringt? Antwort: gute Arbeit, Erſparniß an Rohſtoff, gute Anwendung der Zeit der Arbeiter — mit einem Wort, wohlfeile Erzeugung, um wohl⸗ feiles Erzeugniß zu liefern, gutes Erzeugniß um gut zu ver⸗ kaufen.“ „Das begreif' ich.“ „Was mußte nun Herr Sardh als guter Speculant thun, um alles das zu erreichen? Er mußte ſich weiter ſagen: Wenn meine Arbeiter fern von meiner Fabrik wohnen, ſo müſſen ſie früher aufſtehen, um zu rechter Zeit an Ort und Stelle zu ſeyn. Sie können alſo weniger ſchlafen. Der Schlaf iſt eine Stärkung. Verkürzung desſelben beeinträch⸗ tigt ihre Kräfte, und das ſpürt man an der Arbeit. Iſt das Wetter ſchlecht, ſo kommt der Arbeiter durchnäßt und froſtig, alſo doppelt geſchwächt zur Arbeit, und die Arheit wird noch ſchlechter.“ „Das weiß ich aus Erfahrung,“ bemerkte Angela. „Wenn ich zu Lille von einem kalten Regen durchnäßt in die Fabrik kam, zitterte ich manchmal den ganzen Tag an meinem Webſtuhl.“ „Alſo, ſagt der Speculant, laſſe ich meine Arbeiter vor der Thür meiner Fabrik wohnen, ſo begegne ich dieſem Miß⸗ ſtand. Ich will einmal rechnen. Der verheirathete Arbeiter zahlt in Paris durchſchnittlich 250 Franken Miethe *) für eine oder zwei ſchlechte Stuben und eine Kammer, dunkle, enge, ungeſunde Höhlen in einer rußigen, ſtinkenden Gaſſe. Darin lebt er mit ſeiner Familie zuſammengepfercht und iſt ſtets mit Schwäche und Fieber behaftet. Welche Arbeit läßt ſich von einem ſchwächlichen, fieberkranken Menſchen erwar⸗ ten? — Ein unverheiratheter Arbeiter bezahlt für eins weni⸗ ger große und eben ſo ungeſunde Wohnung etwa 150 Fran⸗ ken. Ich beſchäftige 146 verheirathete Arbeiter, die im Gan⸗ zen für ihre abſcheulichen Löcher 36,500 Franken jüährlich bezahlen, und 115 unverheirathete, wlche jährlich 17,280 * Siehe die Anmerkungen am Schluß des Bandes. Franken Miethe zu entrichten haben. Das macht zuſammen über 50,000 Franken: die Zinſen von einer Million.“ „Bei Gott! ich hätte nicht gedacht, daß ſo unbedeutende Miethen zuſammen eine ſolche Summe geben könnten. „Alſo fünfzigtauſend Franken jährlich, ſo viel wie nur der Beſitzer mehrer Millionen verwohnen kann. Nun ſpricht unſer Speculant weiter: Um meine Arbeiter dahin zu brin⸗ gen, daß ſie von Paris wegziehen, will ich ihnen große Vor⸗ theile anbieten. Sie ſollen die Hälfte ihrer bisherigen Mie⸗ the zahlen, und ſtatt ungeſunder Wohnungen ſollen ſie ge⸗ räumige, luftige, ſonnige, leicht zu heizende und wohlfeil be⸗ leuchtete Zimmer haben. Bezahlen mir 146 Haushaltungen jede 125, und 115 Unverheirathete jeder 75 Franken, ſo ziehe ich im Ganzen jährlich über 26,000 Franken. Ein Gebäude zur Unterbringung dieſer Leute koſtet mich höchſtens 500,000 Franken. ¹) Vermiethe ich es an ſie, ſo trägt mir das Ka⸗ pital fünf Procent, und dieſe Zinſen ſind mir durch den Ar⸗ beitslohn, den ich in Händen habe, geſichert.“ „Ah! jetzt ſehe ich wie zuweilen ein Geldvortheil dabei ſeyn kann, etwas Gutes zu thun.“ „Und ich bin überzeugt, daß mit Ehrlichkeit betriebene Ge⸗ ſchäfte am Ende faſt immer gut ſind. Aber um wieder auf unſeren Speculanten zurückzukommen — er ſagt: Nun hab' ich meine Arbeiter vor der Thür der Fabrit. Sie haben gute, warme Wohnungen und kommen immer kräftig in die Werkſtätte. — Nun weiter. Der engliſche Arbeiter, welcher gutes Rindfleich ißt und kräftiges Bier trinkt, arbeitet zwei⸗ mal ſo viel als der franzöſiſche, welcher eine mehr ſchwä⸗ chende als ſtärkende Nahrung aus vergifteten Speiſen zieht. ⁵) Meine Arbeiter würden alſo viel mehr leiſten, wenn ſie beſſer genährt wären. Wie iſt das aber anzuſtellen, ohne daß ich das Meinige dabei zuſetze? — Halt! In den Kaſernen, in — *, ²) Siehe die Anmerkungen am Schluß des Bandes. den Erziehungsanſtalten und ſelbſt in Gefängniſſen wird zu⸗ — — ſammengelegt und jeder erhält mehr und beſſeres, als wenn er ſeine Einlage außer den Gemeinſchaft verzehrte. Wenn nun meine 260 Arbeiter, anſtatt 260 elende Küchen zu haben, zuſammenträten, um nur eine, in Folge von Er⸗ ſparungen aller Art ſehr gute Küche zu haben, ſo wäre der Vortheil groß für mich und groß für ſte. Zwei oder vrei Haushälterinnen täglich, denen Kinder zur Hand gingen, würden hinreichen zur Bereitung der Mahlzeiten. Anſtatt Holz und Kohlen im Kleinen zu kaufen und zum doppelten Preis ſeines Werthes, ⁵) würden meine Arbeiter unter mei— ner Bürgſchaft (wogegen ich durch ihren Arbeitslohn gedeckt wäre) große Anſchaffungen von Holz und Kohleu machen. Eben ſo würden ſie Mehl, Butter, Oel, Wein u. ſ. w. im Großen aus der erſten Hand kaufen. Eine Flaſche unver⸗ fälſchten Weines würde ſie ſo auf drei bis vier Sous zu ſtehen kommen, während ſie jetzt für ein giftiges Gebräu zwölf bis fünfzehn Sous bezahlen. Jede Woche könnten die Arbeiter einen lebendigen Ochſen und einige Hämmel kaufen. Die Haushälterinnen könnten das Brod backen, wie es auf dem Land geſchieht. Kurz, mit Ordnung und Sparſamkeit könz⸗ ten auf dieſe Weiſe meine Arbeiter für 20 — 25 Sous täglich eine geſunde, ſchmackhafte und reichliche Nahrung haben.“ „Jetzt begreif ich Alles!“ ſagte Angela. „Laſſen wir den herzloſen Speeculanten weiter reden. Meine Arbeiter wären alſo in guten, warmen Wohnungen unterge⸗ bracht und würden gut geſpeiſt. Haben ſie dabei auch noch eine warme Kleidung, ſo iſt aufs Beßte für ihre Geſundheit geſorgt, und von der Geſundheit hängt die Arbeit ab. Zu dem Ende ſoll die Gemeinſchaft im Großen zum Fabrikpreis tüchtiges Tuch und gute ſtarke Leinwand kaufen. Ein Theil von den Weibern der Arbeiter kann die Kleider ſo gut machen wie Schneider. Ihre Schuhe und Kopfbedeckungen können ſie — * Siehe die Anmerkungen am Schluß des Bandes. 8 auch im Ganzen und Großen kaufen und ſomit bedeutend wohlfeiler. Bei allen ſolchen Einkäufen ſage ich gut für ſte, und ich kann es unbedenklich, weil ich ihren Lohn in Hän⸗ den habe. — Nun, Angela was ſagen Sie zu unſerm Spe⸗ culanten?“ „Ich ſage, es iſt beim erſten Anblick unglaublich, und bei näherer Betrachtung erſcheint es ganz natürlich.“ „Gewiß iſt nichts natürlicher als das Schöne und Gute, nur bedenkt man es gewöhnlich nicht. Vergeſſen Sie nicht, daß unſer Mann bloß vom Standpunkt ſeines eignen Vor⸗ theils aus die Sache berechnet. Die Gewohnheit brüderlichen hülfreichen Zuſammenhaltens, der Gedanke: Einer für Alle und Alle für Einen — wie ſie aus dem Zuſammenleben erwachſen, die Verſittlichung des Menſchen hierdurch und die Milderung ſeiner Sinnesart durch das Wohlſeyn, die Pflicht des Starken, den Schwachen Stütze und Lehrer zu ſeyn, das Recht des ehr⸗ lichen und fleißigen Menſchen, von der Geſellſchaft Arbeit und einen ſeinen Bedürfniſſen angemeſſenen Lohn zu verlangen: alle dieſe wichtigen Dinge ſind hier ganz außer Betracht ge⸗ laſſen. Unſer Speculant denkt bloß an ſeinen Gewinnſt, und Sie ſehen, er legt ſeiu Geld zu fünf Procent in Häuſern an und findet außerdem noch ſeine Rechnung bei dem leiblichen Wohlſeyn ſeiner Arbeiter.“ 5 „Sie haben vollkommen Recht.“ „Und was ſagen Sie nun dazu, daß ich Ihnen beweiſen will, unſer Speculant findet ſeine Rechnung dabei, wenn er ſeinen Arbeitern außer ihrem gewöhnlichem Lohn einen Antheil an ſeinem Gewinn gibt?“ „Das ſcheint mir ſchwieriger.“ „Hören Sie mich noch einige Minuten an und Sie werden überzeugt ſeyn.“ In dieſem Augenblick waren Agricola und Angela langſa⸗ men Schrittes bei der Thür des Gartens des Gemeinſchafts⸗ hauſes angekommen. Eine ältliche, einfach aber mit Sorgfalt = — — 9 gekleidete Frau trat zu Agricvla und ſagte „Iſt Herr Hardy in die Fabrik zurückgekommen?“ „Noch nicht,“ antwortete Agricola; „aber er wird jeden Augenblick erwartet.“ „Vielleicht noch heute?“ „Heut oder morgen.“ „Weiß man nicht, um welche Stunde er zurück ſeyn wird?“ „Ich glaube nicht. Vielleicht kann es Ihnen der Portier in der Fabrik ſagen.“ „Ich danke Ihnen.“ „Ihr Diener.“ Die Frau ging weg. Angela ſagte zu ihrem Begleiter: „Iſt es Ihnen nicht vorgekommen, als wäre dieſe Frau ſehr blaß und angegriffen?“ „Allerdings, und ich meine, ich hätte eine Thräne in ih⸗ rem Auge bemerkt.“ „Mir erſchien es, als hätte ſie ſehr geweint, Die arme Frau will vielleicht den Herrn Hardy um eine Unterſtützung anſpre⸗ chen. — Aber was iſt Ihnen denn? Sie ſehen ja ganz nach⸗ denklich aus 2“ Siebzehntes Kapitel. Das kleine und das große Geheimniß. Agricola ahnte, daß der Beſuch der ältlichen Frau mit der traurigen Miene im Zuſammenhang ſtehn möchte mit dem Abenteuer der ſchönen jungen blonden Dame, welche drei Tage zuvor ſo angegriffen in die Fabrik gekommen war und unter Thränen nach Herrn Hardy gefragt hatte. Der junge Schmied fürchtete von neuem, die ſchöne Unbekannte möchte zu ſpät erfahren haben, daß ſie belauert und verfolgt war. „Ver⸗ zeihen Sie,“ ſagte er zu Angela, „das Erſcheinen dieſer Frau hat mich an etwas erinnert, wovon ich nicht mit Ihnen ſprechen kann, weil es ein Geheimniß iſt, welches ich für mich bewahren muß.“ Lächelnd erwiderte Angela: „Ich bin nicht neugierig auf dieß Geheimniß. Es kann in keinem Fall ſo bedeutend ſeyn, wie das große Geheimniß, auf deſſen vollſtändige Offenbarung ich geſpannt bin.“ „Wenige Worte noch und Ihr Wunſch wird erfüllt ſeyn. Wir laſſen immer noch den eigennützigen Speculanten ſpre⸗ chen. Er ſagt ſich: Meine Arbeiter ſind jetzt in der erwünſch⸗ teſten Lage, um viel arbeiten zu können. Wie habe ich es nun weiter anzuſtellen, um an ihrer Arbeit viel zu gewinnen? Ich muß wohlfeil fabriciren und theuer verkaufen. — Wie fabrieire ich wohlfeil? Wenn ich am Rohſtoff erſpare, wenn — das Verfahren bei der Arbeit vervollkommt und wenn ſchnell gearbeitet wird. — Wie kann ich meine Arbeiter hindern, Material zu verſchwenden? Neine Aufſicht reicht dazu nicht hin. — Wie kann ich ſie dahin bringen, daß jeder in ſeinem Fach nach einem einfacheren und leichteren Verfahren ſucht?“ „Dieſe Fragen möchten ſchwer zu beantworten ſeyn,“ meinte Angela. „Ferner ſagt unſer Mann: um meine Waaren zu guten Preiſen abſetzen zu können, muß ich ſie tadellos liefern kön⸗ nen. Meine Leute arbeiten nicht übel; aber das iſt nicht ge⸗ nug. Sie müſſen Meiſterſtücke liefern.“ „Das heißt viel von den Leuten verlangen. Das würde ſie große Mühe koſten; und was hätten ſie davon?“ „Sie haben das rechte Wort geſprochen: Was hätten ſie davon? Unſer Speculant ſagt: Meinen Arbeitern muß etwas daran liegen, Rohſtoff zu erſparen, ihre Zeit gut an⸗ zuwenden, ein beſſeres Verfahren bei der Arbeit zu erfinden und Meiſterſtücke zu liefern. Um ſie dahin zu bringen, gebe ich ihnen einen Antheil an den Vortheilen, welche ihre Sparſamkeit, ihr Fleiß, ihr Eifer, ihre Geſchicklichkeit bringt. Je beſſer ſie arbeiten, deſto beſſer verkauf ich, deſto beſſer wird ihr Antheil und deſto beſſer der meinige.“ „Jetzt iſt mir Alles klar,“ ſagte Angela. „Nicht wahr, unſer Speculant hat gut ſpeculirt? Ehe der Arbeiter betheiligt war, dachte er: Warum ſollte ich mich angreifen, um mehr und beſſer zu ärbeiten? Was hab' ich davon? Nichts. Karger Lohn, karge Arbeit. Jetzt aber ſagt er Mein Eifer und meine Sparſamkeit tragen mir etwas ein. Alſo verdopple ich meine Thätigkeit und treibe die Andern an. Iſt ein Kamerad träg, verurſacht er der Fabrik einen Scha⸗ den, ſo darf ich ihm ſagen: Bruder, wir alle leiden unter deiner Faulheit und unter dem Nachtheil, den du der gemein⸗ ſamen Sache bringſt.“ „Da muß freilich mit Luſt und Liebe und Hoffnung gear⸗ beitet werden.“ — 275 „Und darauf rechnet unſer Speculant. Ferner ſagt er ſich: In den Werkſtätten bleiben oft Schätze von Erfahrung und praktiſchen Wiſſen vergraben, weil es an Anlaß, an gutem Willen und an Aufmunterung fehlt, ſie zu heben. Treffliche Arbeiter folgen gleichgültig dem Schlendrian, anſtatt, wie ſie könnten, das Verfahren zu vervollkommen. Ein verſtändiger Menſch, der ſich ſein ganzes Leben mit einer beſondern Ar⸗ beit beſchäftigt, muß mit der Zeit tauſenderlei Mittel ſinden, ſie beſſer oder ſchneller zu verrichten. Ich will alſo einen berathenden Ausſchuß gründen und in denſelben meine Werk⸗ führer und die geſchickteſten meiner Arbeiter berufen. Aus dieſem Brennpunkt praktiſchen Wiſſens muß ſtarkes Licht aus⸗ ſtrahlen. Der Speculant verrechnet ſich nicht. Tauſenderlei Arten von neuem, ſinnreichem Verfahren, von ſogenannten Vortheilen werden durch die Arbeiter offenbart. — Warum habt ihr mir denn das nicht früher geſagt, wenn ihr es wußtet? fragt er ſie. Was mich ſeit zehn Jahren hundert Franken zu fabriciren koſtet, das hätte mich nur fünfzig ge⸗ koſtet, nicht zu gedenken der erſparten Zeit! — Meiſter, ant⸗ wortet der Geſell, welcher nicht auf den Kopf gefallen iſt, was konnte mir daran liegen, daß Sie bei dieſem oder jenem 50 Procent erſparten? Nichts. Jetzt ſteht die Sache anders. Sie geben mir einen Antheil an Ihrem Gewinn, Sie erheben mich in meinen eignen Augen, indem Sie mich um Rath fragen. Anſtatt mich als ein Weſen niederer Art zu be⸗ trachten, treten Sie in Gemeinſchaft mit mir. Es iſt mein Vortheil und meine Pflicht, Ihnen Alles zu ſagen, was ich weiß, und noch weiter zu forſchen. — Sehen Sie, Angela, auf dieſe Weiſe organiſirt der Speculant ſeine Werkſtätten, daß ſeine Nebenbuhler ihn beneiden und ſich vor ihm ſchämen müſſen. Nun denken Sie ſich an die Stelle eines herzloſen Rechners einen Menſchen, der, mit der Rechenkunſt Mitge⸗ fühl und edlen Sinn verbindend, ſeine Sorgfalt nicht bloß auf das leibliche Wohlſeyn, ſondern auch auf die ſittliche Hebung ſeiner Arbeiter erſtreckt, der durch alle möglichen Mittel ihren Verſtand zu entwickeln, ihr Herz zu veredeln ſucht, der weiß, daß ein Menſch, von welchem Glück und Un⸗ glück von dreihundert ſeiner Nebenmenſchen abhängen, Re⸗ — 279 — „ chenſchaft zu geben hat pon ihren Seelen, und der in dieſem Bewußtſeyn ſeine Arbeiter oder vielmehr ſeine Brüder, wie er ſie nennt, in Allem auf den beſten Weg führt, in ihnen Luſt an Kenntniß und Kunſt erweckt, der endlich macht, daß ſie ſich glücklich und ſtolz fühlen in einem Lebens⸗ verhältniß, welches für Andere eine Quelle des Jammers und der Verzweiflung iſt, — denken Sie ſich, Angela, einen ſolchen Menſchen und Sie haben das Bild des — — Bei Gott! da ſehen Sie ihn! Er hätte in keinem glücklicheren Augenblick kommen können, als jetzt, wo ich einen Segen über ihn ſpreche. Das iſt Herr Hardy.“ „Mit dankbar gefalteten Händen ſollte man ihn empfan⸗ gen,“ ſagte Angela, Thränen der Rührung abwiſchend. Eine Poſtkutſche fuhr in den Hof, und darin ſaß Herr Hardy an der Seite eines Freundes. Nun noch einige Worte über die von Agricola beſprochene 3 Frage der Organiſation der Arbeit, auf die wir vor dem Schluß dieſes Buches nochmals zurückkommen werden. Trotz den mehr oder minder officiellen Reden mehr oder minder ernſter*) Leute über das zunehmende Gedei⸗ hen des Landes ſteht es feſt, daß die arbeitenden Klaſſen 1 der Geſellſchaft noch nie in einem jämmerlicheren Zuſtand geweſen ſind, weil noch nie der Lohn weniger im Verhält⸗ . niß geſtanden hat zu den mehr als beſcheidenen Bedürfniſſen der Arbeiter. Ein unwiderſprechlicher Beweis dieſer Behauptung iſt das nicht genug zu lobende wachſende Streben der reicheren Klaſſen, den ſo ſchwer Bedrängten zu Hülfe zu kommen. Die Zufluchtshäuſer für arme Kinder und andere milden Stiftungen beweiſen, daß die Glücklichen dieſer Welt, unge⸗ achtet der officiellen Zuſicherungen über das allgemeine Ge⸗ *) Mit dieſem Wort ſcheint einiger Mißbrauch getrieben zu werden. — 280 — deihen die drohenden Uebel ahnen, welche auf dem Grund der Geſellſchaft gähren. Aber ſo löblich auch dieſe verein⸗ zelten Verſuche Einzelner ſeyn mögen, ſie ſind unzureichend und können nicht anders als unzureichend ſeyn. Nur die Regirenden könnten einen wirkſamen Schritt thun; aber ſie laſſen es bleiben. Die ernſten Leute erörtern ernſthaft die Wichtigkeit unſerer diplomatiſchen Beziehungen zu Monomotapa oder irgend eine andere eben ſo ernſthafte Sache, und ſie über⸗ laſſen dem Zufall des Privatmitleids und der guten oder üblen Willen der Kapitaliſten und Fabrikanten das immer kläglicher werdende Loos eines zahlloſen, verſtändigen, arbeit⸗ ſamen Volks, welches immer mehr Einſicht von ſei⸗ nen Rechten und von ſeiner Kraft gewinnt, welches aber in Folge einer ſchrecklichen Coneurrenz oft vergebens die Pybeit ſucht, von welcher es kaum ſein Leben friſten kann. Die ernſten Leute geruhen nicht, an dieß ſchreckliche Elend zu denken. Die Staatsmänner lächeln mitleidig zu dem Gedanken, ihren Namen an einen Schritt zu knüp⸗ fen, der ihnen die wohlthuende Liebe des Volks ſichern würde. Alle wollen lieber den Augenblick erwarten, wo die ſociale Frage wie das Gewitter einſchlagen wird. Nun dann, bei dieſer ſchrecklichen, welterſchütternden Bewegung wird man ſehen, was aus den ernſten Männern und aus den ernſten Fragen dieſer Zeit werden wird. Um dieſe unheilſchwangere Zukunft zu beſchwören oder wenigſtens vielleicht weiter hinauszurücken, muß man ſich alſo noch an das Mitgefühl der Nichtgebietenden im Namen des Glücks und der Ruhe Aller wenden. Vor langer Zeit haben wir geſagt: Wenn die Reichen wüßten! Und jetzt ſagen wir zur Ehre der Menſchheit: Wenn die Reichen es wiſſen, thun ſie oft das Gute mit Verſtand und Edelſinn. Wir wollen ſuchen, ihnen und auch denen, von welchen das Schickſal vieler Arbeiter abhängt, zu beweiſen, daß ſie Segen und Verehrung gewinnen können, ohne in die Taſche zu greifen. — — 28 Wir haben von den Gemeinſchaftshäuſern geſpro⸗ chen, wo die Arbeiter zu geringem Preis geſunde, warme Wohnungen fänden. Dieſe treffliche Einrichtung war im Jahr 1829 nahe daran, ins Leben zu treten. Das Fräulein Amalia von Vitrolles hatte dieſe menſchenfreundliche Abſicht. (Man ſehe Démocratie pacifique vom 19. Oectober 1844.) Gegenwärtig hat ſich in England Lord Aſhley an die Spitze einer Geſellſchaft geſtellt, welche denſelben Zweck hat und ihren Actionären wenigſtens vier Procent Zinſen gewährleiſtet. Das Inſtitut gibt jedes Jahr den jungen Architekten Preis⸗ aufgaben über Riſſe von Paläſten, Kirchen, Schauſpielhäu⸗ ſern u. dgl. Warum ſollte es nicht auch zuweilnn den Riß eines großen zur Unterbringung von Arbeitern beſtimm⸗ ten Gebäudes verlangen, welches allen Anforderungen der Sparſamkeit und der Geſundheit entſpräche? Warum ſa e nicht der Gemeinderath von Paris, deſſen Wohlwollen und väterliche Sorgfalt für die Leidenden ſich ſo oft bewährt hat, in den volkreichen Bezirken Muſterhäuſer errichten, in welchen Verſuche mit dem gemeinſchaftlichen Leben ge⸗ macht würden? Der Wunſch, in dieſe Anſtalten aufgenom⸗ men zu werden, würde für die Arbeiter ein mächtiger Hebel des Wetteifers und der Verſittlichung und zugleich eine trö⸗ ſtende Hoffnung ſeyn. Die Hoffnung iſt ſchon etwas werth. Die Stadt Paris würde auf dieſe Weiſe ein Kapital gut anlegen und dabei etwas Gutes ſtiften, und ihr Beiſpiel würde vielleicht die Regirenden aus ihrer fühlloſen Gleich⸗ gültigkeit aufrütteln. Warum ſollten endlich die Kapitaliſten, welche Fabriken gründen, dieſe Lehre nicht benutzen, um mit ihren Werkſtät⸗ ten Gemeinſchaftshäuſer zu verbinden? Für die Fabrikanten ſelber würde daraus ein bedeutender Vortheil entſpringen in dieſer Zeit verzweifelter Concurrenz. Die Sache iſt die. Die Herabſetzung des Arbeitslohns iſt für den Arbeiter darum unerträglich, weil ſie ihn oft nöthigt, ſich die dringendſten Be⸗ dürfniſſe zu verſagen. Allein lebend kommt er kaum mit drei Franken täglich aus. Macht es ihm aber der Fabrikant durch die Gemeinſchaft möglich, mit 30 Sous täglich zu leben, ſo vI. 19 — 282 — kann in einem Augenblick der Geſchäftsſtockung der Lohn auf die Hälfte herabgeſetzt werden, ohne daß der Arbeiter ſehr darunter leidet. Dieſer halbe Lohn iſt doch immer beſſer für ihn als das Feiern, und der Fabrikant iſt nicht genöthigt, ſeine Arbeiten einzuſtellen. Wir hoffen hiermit, die Rützlichkeit und Leichtigkeit der Gründung von Gemeinſchaftshäuſern für die Arbeiter darge⸗ than zu haben. Wir ſtellen nun weiter den Satz auf nicht nur erheiſcht die Billigkeit, daß der Arbeiter einen Antheil an dem Ge⸗ winn erhält, welcher die Frucht ſeiner Arbeit und ſeines Verſtandes iſt, ſondern es gereicht auch dieſe billige Ver⸗ theilung dem Fabrikanten ſelber zum Nutzen Wir ſprechen nicht von Vorausſetzungen, von Plänen, deren Verwirklichung möglich ſey, ſondern von Dingen, die wir verwirklicht geſe⸗ hen haben. Einer unſer beßten Freunde, ein großer Gewerbsmann, deſſen Herz ſo gut iſt wie ſein Verſtand, hat einen berathen⸗ den Ausſchuß von ſeinen Arbeitern gegründet und läßt ſeinen Arbeitern außer ihrem Lohn auch noch einen verhältnißmäßi⸗ gen Antheil, an dem Gewinn bei ſeinem Geſchäft zukommen. Um die Nachahmung dieſes ſchönen Beiſpiels zu erleichtern, wollen wir in einer Anmerkung die Grundlagen dieſer Ein⸗ richtung mittheilen. ¹⁵) Wir bemerken nur, daß die jetzige Lage des Gewerbweſens und andre Rückſichten nicht verſtattet haben, gleich von vorn herein alle Arbeiter dieſen ihnen von freien Stücken bewillig⸗ ten Vortheil genießen zu laſſen, daß es aber ſpäterhin ge⸗ ſchehen ſoll. Schon in der vierten Sitzung ſeines berathenden Ausſchuſſes hatte für den Geſchäftsmann, von dem wir ſprechen, der Auf⸗ ruf an die praktiſchen Kenntniſſe ſeiner Arbeiter den Erfolg, daß er den aus Erſparniß und aus vervollkommter Fabrikation entſpringenden Nutzen auf 30,000 Franken jährlich anſchlagen konnte. 10) Siehe die Anmerkungen am Schluß des Bandes. Unſere Gedanken kurz zuſammengefaßt wären die: Bei je⸗ der Induſtrie ſind drei wirkende Kräfte, deren Rechte gleich ſehr zu achten ſind. Der Kapitaliſt, welcher das Geld lie⸗ fert, der kundige Mann, welcher das Geſchäft leitet, und der Arbeiter, welcher ausführt. Bis jetzt hat der Arbeiter nur einen unbedeutenden, für ſeine Bedürfniſſe unzureichenden Antheil erhalten. Wäre es nicht gerecht und menſchlich, ihn beſſer zu belohnen? direct oder indirect, ſey es, indem man ihm zum Wohlſeyn mittels der Gemeinſchaft verhilft, ſey es, indem man ihm Antheil an dem aus ſeiner Arbeit erwach⸗ ſenden Nutzen gewährt. Geſetzt den ſchlimmſten Fall, daß in Folge der anarchi⸗ ſchen Coneurrenz dieſe Vermehrung des Lohns der Arbeiter, den Antheil des Kapitaliſten und des Geſchäftsmannes ein wenig ſchmälerte, ſo würden dieſe immer noch nicht bloß eine Handlung des Edelmuthes und der Billigkeit verrichten, ſon⸗ dern auch inſofern etwas zu ihrem Vortheil thun, als ſie ihren Arbeitern jeden Vorwand zu Unruhen und Klagen nähmen. Wer ſeine Habe gegen Feuersgefahr verſichert, ſcheint uns klug zu handeln. Achtzehntes Kapitel. Offenbarungen. Der Freund, an deſſen Seite Herr Hardy in ſeine Fabrik zurückkehrte, war der unwürdige Herr von Bleſſac, welcher ihn auf ſo ſchändliche Weiſe verrieth. Kurz nach Hardy's Eintreffen ſah man von Paris her eine beſcheidene kleine Miethkutſche nach der Fabrik zu fahren. In dieſer Mieth⸗ kutſche ſaß Rodin. Hardy war von mittlerem Wuchs, zierlich gebaut und ſchmächtig. Sein Anſehen ließ auf eine nervöſe leicht zu er⸗ regende Natur ſchließen. Seine Stirn war breit, ſeine Farbe plaß, ſeine Augen ſchwarz, ſanft und doch zugleich durch⸗ dringend. Sein Geſicht war offen, geiſtreich und einnehmend. Die Sinnesart Hardy's läßt ſich mit einem Wort ſchil⸗ dern ſeine Mutter nannte ihn die Sinnpflanze. Sein gan⸗ zes Weſen war von einer ausnehmenden Zartheit, offen, lieb reich und edelmüthig, aber ſo empfindlich, daß es bei der ge⸗ ringſten verletzenden Berührung ſich verſchloß. Mit dieſem gefühlvollen Weſen verband ſich eine leidenſchaftliche Liebe für die Künſte, ein ausgezeichneter Verſtand und ein ver⸗ feinerter Geſchmack. Bedenkt man nun die tauſenderlei Täu⸗ ſchungen und Betrügereien, welche er im Geſchäftsleben er⸗ fahren mußte, ſo wird man ſich wundern, daß dieß zarte Herz in dem Kampf mit rückſichtsloſem Eigennutz ausdauern konnte. welchem zu Zeiten eine ſchwermüthige Süßigkeit liegt. — 285 — In der That hatte er viel gelitten Er war genöthigt ge⸗ weſen, ſich in die induſtrielle Laufbahn zu werfen, um die Ehre ſeines Vaters aufrecht zu erhalten, der ein Muſter von Rechtlichkeit geweſen, deſſen Geſchäft aber durch die Begeben⸗ heiten von 1815 in's Stocken gerathen war. Durch Arbeit⸗ ſamkeit und Tüchtigkeit war es ihm gelungen, eine der ehren⸗ vollſten Stellungen in der Induſtrie einzunehmen. Aber bis er dieß Ziel erreichte, hatte er manche niedrige Quälereien zu erleiden, manche unredliche Concurrenz zu bekämpfen, manchen gehäſſigen Nebenbuhler zu ermüden. Bei ſeiner Empfänglichkeit für jeden Eindruck würde Hardy tauſendmal dem ſchmetrzlichen Uhwillen über Niederträchtigkeit und Unredlichkeit unterlegen ſeyn ohne den verſtändigen Zu⸗ ſpruch ſeiner Mutter. Wenn er nach einem Tage peinlichen Kampfes oder widerwärtiger Täuſchungen zu ihr zurückkehrte, ſo fühlte er ſich wie in eine reine, heitere Luftregion verſetzt und vergaß faſt augenblicklich die ſchmählichen Dinge, welche ihn den Tag über verletzt hatten. Der Sturm in ſeiner Seele beruhigte ſich bei der Berührung mit dem trefflichen Gemüth ſeiner Mutter. Er vergötterte faſt dieſe Mutter. Als er ſie verlor, empfand er jenen ſtillen, tiefen Kummer, der nie endet, der gewiſſermaßen zur andern Natur wird, und in Bald nach dieſem ſchweren Unglück näherte ſich Hardy mehr ſeinen Arbeitern. Gegen ſte war er ſtets gerecht und gütig geweſen. Obwohl die Stelle, welche ſeine Mutter in ſeinem Herzen eingenommen hatte, ewig leer bleiben mußte, ſo empfand er doch um ſo mehr das Bedürfniß, glückliche Menſchen um ſich zu ſehen, je mehr er ſelber litt. Die wun⸗ derbaren Verbeſſerungen des leiblichen und geiſtigen Zuſtan⸗ des ſeiner Umgebungen tilgten zwar nicht ſeinen Schmerz, aber ſie ließen ihn weniger fühlbar werden. Allmählig zog er ſich von der Welt zurück und lebte nur für drei Gefühle: eine zärtliche, hingebende Freundſchaft, welche der Inbegriff aller früheren Freundſchaften zu ſeyn ſchien, — eine Liebe, glühend und aufrichtig wie eine letzte Liebe — und eine väterliche Zuneigung zu ſeinen Arbeitern. Seine Tage ver⸗ — 286 — floſſen ſonach in dieſer kleinen Welt, die von Dank und Ach tung gegen ihn erfüllt war, und welche er ſo zu ſagen nach ſeinem Bild geſchaffen hatte, um in derſelben eine Zuflucht vor den verabſcheuten Wirklichkeiten der übrigen Welt zu finden und nur von guten, verſtändigen, glücklichen Weſen umgeben zu ſeyn, die fähig wären, den, ſein innnerſtes Leben ausmachenden edlen Gedanken zu entſprechen. Somit hatte Herr Hardy nach manchem Kummer im rei⸗ fen Mannesalter, im Beſitz eines vertrauten Freundes, einer theuren Geliebten und der begeiſterten Anhänglichkeit ſeiner Arbeiter, zu der Zeit unſerer Erzählung alles Glück erlangt, auf welches er nach dem Tod ſeiner Mutter Anſpruch machen konnte. Jener Buſenfreund, Herr von Bleſſac, war lange der Prüderlichen Zuneigung Hardy's würdig geweſen. Wir wiſſen, durch welches teufliſche Mittel die Jeſuiten Aigrigny und Rodin ihn aus einem aufrichtigen Freund in ein Wertzeug ihrer Ränke verwandelt hatten. Hardy und ſein Begleiter waren ausgeſtiegen und hatten ſich in das Geſellſchaftszimmer des Herrſchaftshauſes neben der Fabrik begeben. Etwas erkältet von der ſcharfen Nord⸗ luft wärmten ſie ſich an dem im Kamin lodernden Feuer. „Lieber Marcell,“ ſagte Hardy lächelnd zu Bleſſac, „ich fange wirklich an, alt zu werden. Ich fühle immer mehr das Bedürfniß zu Hauſe zu ſeyn. Es wird mir peinlich, aus meiner Gewohnheit herauszukommen, und ich verwünſche Alles, was mich nöthigt, aus dieſem Winkel der Erde herauszugehen.“ Eine leichte Röthe ſtieg im Geſicht Bleſſac's auf. „Lieber Freund,“ erwiderte er, „wenn ich bedenke, daß Sie vor eini⸗ ger Zeit die lange Reiſe um meinetwillen gemacht haben — —!“ „Ei, lieber Marcell,“ erwiderte Hardy, „dafür haben Sie mich auch auf einem Ausflug begleitet, der ohne Sie eben ſo langweilig geweſen ſeyn würde, wie er in der That an⸗ genehm geweſen iſt.“ — — ² — 287 — „Welch ein Unterſchied! Ich habe eine Schuld an Sie, die ich nie werde abtragen können.“ „Ei was! Gibt es bei uns einen Unterſchied von Mein und Dein? Bei Freundſchaftsdienſten iſt doch Leiſten eben ſo angenehm wie Empfangen.“ „O edles Herz!“ „Sagen Sie glückliches Herz. Es ſind ſelige Empfindun⸗ gen, die es hegt.“ „Wer ſollte hienieden Glück verdienen, wenn Sie nicht?“ „Wem verdank' ich es? Den Gefühlen, die ich hier ge⸗ funden habe, und die mich aufrecht hielten, als ich, der Stütze meiner Mutter beraubt, in meiner Schwachheit mich faſt un⸗ fühig fühlte, das Mißgeſchick zu ertragen.“ „Sie nennen ſich ſchwach? Und doch habe ich Sie ſo ent⸗ ſchloſſen und ausdauernd geſehen in Vollbringung eines guten Werks! Ich habe Sie mit Muth und Kraft kämpfen ſehen, um den Sieg der Billigkeit zu erringen.“ . „Aber je weiter ich in meiner Laufbahn komme, deſto größeren Widerwillen flößen mir häßliche und ſchimpfliche Dinge ein, und deſto weniger Kraft fühle ich, ihnen zu trotzen.“ „Im Nothfall würden Sie mehr Muth haben, als ich.“ Lieber Marcell,“ erwiderte Hardy mit ſanfter Rührung, „ich habe Ihnen oft geſagt, mein Muth war meine Mutter. Sehn Sie, wenn ich zu ihr kam mit einem durch ſchändlichen Undank zerriſſenen oder durch eine ſchmutzige Schurkerei en pörten Herzen, und ſie nahm meine Hände in die ihrigen un ſprach Liebes Kind, ein zerriſſenes Herz gebührt den Ur dankbaren und Schurken; wir wollen ſie beklagen, wollen das Böſe vergeſſen und nur an das Gute denken — dann, Freund, ging mein gepreßtes Herz wieder auf. Und jeden Tag fand ich bei ihr die nöthige Kraft, um von neuem den harten Kampf wider die traurigen Nothwendigkeiten meiner Lage zu beſtehen. Glücklicher Weiſe hat Gott es gefügt, daß ich nach dem Verluſt dieſer geliebten Mutter mein Leben an Gefühle knüpfen konnte, ohne welche ich mich ſchwach und wehrlos fühlen würde. Sie glauben nicht, Marcell, welche Stütze und Kraft ich in Ihrer Freundſchaft ſinde.“ „Laſſen Sie uns nicht von mir reden,“ jerwiderte Bleſſac, ſeine Verlegenheit verbergend. „Wir wollen von einem andern Gefühl reden, welches faſt eben ſo zärtlich iſt wie das der Mutter⸗ und der Kindesliebe.“ „Ich verſtehe, lieber Marcell. Ihnen konnte ich es nicht verbeimlichen, da ich unter ſchwierigen Umſtänden Ihren lich, jeden Tag wächſt meine Liebe zu dieſer Frau — dem einzigen Weib, für welches ich je eine leidenſchaftliche Zu⸗ neigung empfunden habe, dem einzigen, welches ich je lieben werde. Und Ihnen darf ich wohl ſagen, was dieſe Liebe faſt heilig für mich macht. Meine Mutter, welche nicht wußte, was Magarete mir war, hat mir oft mit Lob von ihr geſprochen.“ „Dazu kommt die auffallende Aehnlichkeit der Gemüthsart der Frau von Noiſy mit der Ihrigen, beſonders ihre Liebe zu ihrer Mutter.“ „Allerdings, Marcell. Dieſe Selbſtverleugnung iſt oft Gegenſtand meiner Bewunderung und zugleich meine Qual geweſen. Mehr als einmal hat ſie mir mit ihrer gewohnten Offenheit geſagt: Ich habe Ihnen Alles geopfert, aber ich würde Sie meiner Mutter opfern.“ „Gott ſey Dank, Sie werden nie die Frau von Noiſy die⸗ ſem hartem Kampf ausgeſetzt ſehen. Wie Sie mir geſagt haben, hat ihre Mutter ſeit langer Zeit darauf verzichtet, nach Amerika zurückzukehren, wo Herr von Noiſy, unbe⸗ Durch die Verſchwiegenheit dieſer trefflichen Frau, welche Margareten erzogen hat, iſt Ihre Liebe mit dem dichteſten Schleier des Geheimniſſes verhüllt. Wer könnte dieſe jetzt ſtören?“ „O gewiß nichts! Ich habe faſt Bürgſchaft für ihre Dauer.“ Freundesrath in Anſpruch nehmen mußte. Ich glaube wirk⸗ kümmert um ſeine Frau, für immer bleiben zu wollen ſcheint. 5 ₰— — S „Wie meinen Sie das? „Ich weiß nicht, ob ich es Ihnen mittheilen darf.“ „Bin ich ungeziemend neugierig geweſen?“ „Lieber Marecell, wie können Sie eine ſolche Frage ſtellen!“ entgegnete Hardy im Tone freundſchaftlichen Vorwurfs. „Nein. Ich erzähle Ihnen nur gern mein Glück erſt, wenn es vollſtändig iſt; und gegenwärtig fehlt noch etwas zur Ge⸗ wißheit einer lieblichen Ausſicht.“ In dieſem Augenblick trat ein Diener ein und ſagte: „Herr Hardy, ein ältlicher Mann wünſcht Sie in einer drin⸗ genden Angelegenheit zu ſprechen.“ „Schon wieder Geſchäfte!“ ſagte Hardy etwas ungedul⸗ dig. — „Sie müſſen mich entſchuldigen, Marcell.“ Der Herr von Bleſſac machte Miene, ſich in ein anſtoßen⸗ des Zimmer zurückzuziehen. „Nein,“ ſagte Hardy lächelnd, „bleiben Sie da. Ihre Anweſenheit wird die Unterredung ſchneller zu Ende bringen.“ „Aber ſie betrifft ja Geſchäfte,“ bemerkte Bleſſac. „Sie wiſſen, meine Geſchäfte ſind keine Geheimniſſe,“ erwiderte Hardy. Und zu dem Diener ſagte er: „Laſſen Sie den Herrn hereinkommen.“ „Der Poſtknecht fragt, ob er wegfahren kann,“ ſagte der Diener. „Nein, er ſoll warten und den Herrn von Bleſſac nach Paris zurückbringen.“ Der Diener ging hinaus. Im nächſten Augenblick kam er zurück und führte Rodin ein. Bleſſac kannte dieſen Jeſuiten nicht. Die Unterhandlung in Betreff ſeines Verraths war durch einen andern Mittelsmann geführt worden. 3 Herr Hardy?“ ſagte Rodin, ſich ehrerbietig verbeugend, mit einem fragenden Blick auf Hardy und auf Bleſſae. „Ich bin es,“ antwortete Hardy. Und freundlich fragte er: „Was wünſchen Sie?“ Beim Anblick des alten, demü⸗ thigen, ſchlechtgekleideten Männchens war er auf ein U ſtützungsgeſuch gefaßt. . „Herr. .. Franz Hardy?“ wiederholte Rodin, als wollte er völlige Gewißheit haben, daß er die geſuchte Perſon wirk⸗ lich gefunden. „Ich habe ſo eben die Ehre gehabt, Ihnen zu ſagen, daß ich es bin,“ erwiderte Hardy. . „Herr Hardy, ich hätte Ihnen eine vertrauliche Mittheilung zu machen.“ „Sprechen Sie nur. Dieſer Herr hier iſt mein Freund.“ „Herr Hardy,“ ſagte Rodin, „ich wünſchte mit Ihnen allein zu ſprechen.“ Herr von Bleſſac wollte ſich entfernen. Hardy bedeutete ihm mit einem Blick, daß er vorläufig bleiben möge, bis ſich herausgeſtellt hätte, ob der Unbekannte eine milde Gabe an⸗ ſprechen wollte, ſo daß die Anweſenheit eines Dritten ihn verletzen könnte. Zu dem Ende ſagte er zu Rodin: „Er⸗ lauben Sie mir die Frage, ob Sie die Heimlichkeit dieſer Unterredung für ſich oder für mich wünſchen?“ „Lediglich für Sie,“ antwortete der Jeſuit. „Nun dann können Sie ſprechen,“ erwiderte Hardy erſtaunt. „Für dieſen Herrn habe ich keine Geheimniſſe.“ Nach einem Augenblick des Schweigens begann Rodin: „Herr Hardy, ich weiß, Sie verdienen den Ruhm, welchen Sie genießen, und Sie ſind der Theilnahme jedes Ehrenman⸗ nes würdig.“ „Ich glaube es.“ „Als Ehrenmann will ich Ihnen einen Dienſt leiſten.“ „Und der wäre?“ „Ich will Ihnen einen ſchändlichen Verrath offenbaren, der an Ihnen verübt worden iſt.“ „Ich glaube, Sie irren ſich.“ „Ich habe die Beweiſe in Händen.“ „Die Beweiſe?“ Die ſchriftlichen Beweiſe des Verrathes, den ich enthüllen will. Hier hab' ich ſie. Mit einem Wort: ein Menſch, — 291 — den Sie für Ihren Freund gehalten, hat Sie ſchmählich betrogen.“ „Und der Name dieſes Menſchen?“ „Iſt Herr Marcell von Bleſſac.“ Bei dieſen Worten fuhr Bleſſac zuſammen und ward lei⸗ chenblaß. Mit Mühe ſtammelte er: „Herr! — — —“ Hardy, ohne ſeinen Freund anzuſehen und ohne ſeine Vi wirrung zu bemerken, faßte ihn bei der Hand und ſagte leb⸗ haft: „Still, lieber Freund!“ Sein Auge, funkelnd vor Un⸗ willen, war auf Rodin gerichtet, und mit der Miene tiefſter Verachtung rief er: „Ha! Sie klagen den Herrn von Bleſſac an?“ „Ich klage ihn an,“ wiederholte Rodin feſt. „Kennen Sie ihn?“ „Ich hab' ihn nie geſehen.“ „Und was werfen Sie ihm vor? Und wie können Sie ſich unterſtehen, zu ſagen, daß er mich verrathen hat?“ „Herr Hardy, zwei Worte,“ ſagte Rodin in einem Ton, als könne er ſein Gefühl kaum bemeiſtern. „Wenn ein Ehrenmann einen andern Ehrenmann im Begriff ſieht, von einem Böſewicht umgebracht zu werden, ſoll er dann Mord! rufen oder nicht?“ „Jn.. Aber welche Beziehung. .7“ 6 „Herr Hardy, in meinen Augen ſind gewiſſe Verräthereien eben ſo verbrecheriſch wie Mord. Ich werfe mich hier zwiſchen den Mörder und ſein Opfer.“ „Den Mörder? — — das Opfer?“ wiederholte Hardy er⸗† ſtaunt. 4 „Sie kennen ohne Zweifel die Handſchrift des Herrn von Bleſſac?“ „Ja Rodin zog einen Brief aus der Taſche, überreichte ihn d Fabrikanten und ſagte: „Leſen Sie dieß.“ Hardy warf jetzt erſt wieder einen Blick auf Bleſſac. ſetzt fuhr er zurück, als er dieſen Menſchen leichen — 292 — vor Scham wie verſteinert daſtehen fah. Die Frechheit des Verräthers fehlte dem Elenden gänzlich. Mit verſtörter Miene rief Hardy: „Marecell! Sie ſind ja ganz blaß! Warum ant⸗ worten Sie denn nicht?“ „Marcell?“ wiederholte Rodin mit der Miene ſchmerzlicher Ueberraſchung. „Sie ſind der Herr von Bleſſac? O, wenn ich das gewußt hätte — —“ „Hören Sie denn dieſen Menſchen nicht, der behauptet, Sie hätten mich ſchändlich verrathen?“ rief Hardy und er⸗ griff die Hand Bleſſacs. Die Hand war eiskalt. Voll Ab⸗ ſcheu fuhr der Fabrikant zurück und ſagte: „Gott! Gott! — Er antwortet nichts — gar nichts!“ „Da ich mich dem Herrn von Bleſſae gegenüber befinde,“ fuhr Rodin fort, „ſo muß ich ihn fragen, ob er es wagt, zu leugnen, daß er verſchiedene Briefe unter der Adreſſe von Herrn Rodin in die Straße Milieu⸗des rſue zu Paris geſchickt hat.“ Bleſſac blieb ſtumm. 8 Hardy wollte noch immer nicht glauben, was er ſah und örte. Mit krampfhafter Haſt riß er den Brief auf und las einige Zeilen darin. Seine ſchmerzliche Ueberraſchung verrieth ſich durch ſeine Ausrufungen. Er brauchte den Brief nicht bis zu Ende zu leſen, um ſich von der abſcheulichen Verri⸗ therei Bleſſac's zu überzeugen. Er taumelte, denn bei dem Blicke in dieſen Abgrund der Niederträchtigkeit ſchwindelte ihm. Der Brief entfiel ſeinen zitternden Händen. Bald aber te dieſer Betäubung Unwille, Zorn und Verachtung. Bleich d mit grimmiger Gebärde ſtürzte er auf Bleſſac los unter m Ausruf: „Elender Menſch!“ Rodin trat vor, um ſich zwiſchen Beide zu werfen. Hardy die Hand ſinken, welche er zum Schlagen aufgehoben te, und ſagte mit einer Ruhe, die etwas Unheimliches hatte: Anſtatt einen Schuft zu ohrfeigen, will ich die Hand eines nmannes drücken. Sie haben den Muth gehabt, einen ederträchtigen Verräther zu entlarven.“ „Herr Hardy!“ rief Bleſſac außer ſich vor Scham. „Ich — e zu Befehl — — — „Sein Stammeln ward unter⸗ — 298 brochen durch einen Lärm vor der Thür. Die Thür fuhr auf, und eine ältliche Frau drängte ſich herein, indem ſie einen Bedienten zurückſtieß und rief: „Ich muß augenblicklich mit ihm ſprechen!“ Die Stimme und der Anblick dieſer bleichen, verweinten Frau ließ den Fabrikanten Rodin, den Herrn von Bleſſac und den Verrath vergeſſen. Er fuhr zurück und rief: „Frau Dupare! Sie hier? Was iſt vorgefallen?“ „Ach! ein großes Unglück!“ „Margarete?“ rief Hardy entſetzt. „Sie iſt abgereiſt.“ „Abgereiſt!“ Der Fabrikant ſtand da, als ob der Blitz vor ſeinen Füßen eingeſchlagen hätte. „Alles iſt entdeckt?“ ſeufzte die Frau. „Vor drei Tagen hat Ihre Mutter ſie mitgenommen.“ „Abgereiſt? Margarete? — — Es iſt nicht wahr!“ Und ohne weiter zu hören, lief er zum Hauſe hinaus in die Re⸗ miſe, ſprang in ſeinen Wagen, der mit Poſtpferden beſpannt für den Herrn von Bleſſac bereit ſtand und rief dem Poſt⸗ knecht zu: „Nach Paris im geſtreckten Galopp!“ Neunzehutes Kapitel. Der Angriff. Während der Veh mit Blitzesſchnelle auf der Straße nach Paris dahin rollte, trieb der Wind aus der Ferne den Schall des Kriegsgeſangs der Wölfe herbei, die auf die Fabrik losſtürmten. Unterwegs ſtieß eine ziemliche Anzahl on Saufbrüdern zu ihnen. Nach der plötzlichen Abfahrt Hardy's verließ Rodin, wel⸗ cher darauf nicht gerade gefaßt war, das Haus und kehrte angſam zu ſeinem Miethwagen zurück. Plötzlich blieb er tehen und ſchrack vor freudiger Ueberraſchung zuſammen. 3 3 Er ſah in einiger Entfernung den Marſchall Simon mit ſeinem Vater nach einem Flügel des Gemeinſchaftshauſes ehen, nachdem ein Zufall bisher die Unterredung beider ver- indert hatte. „Sehr gut! immer beſſer!“ murmelte Rodin. Jetzt muß nur noch mein Mann, die kleine Roſe Pompon, usheben und gewinnen!“ Während Rodin mit ſchnelleren Schritten auf ſeinen Wa⸗ gen zuging, trieb ein Windſtoß den Schall des Kriegsgeſangs der Wölfe bis zu ſeinen Ohren. Den Fuß auf dem Kut⸗ ſchentritt, horchte er einige Augenblicke, ſtieg dann ein und ſagte, indem er ſich niederſetzte: „Der wackere Joſua von ael auf Java läßt ſich nicht träumen, daß ſeine Schuld⸗ rderungen an den Baron Tripeaud in dieſem Augenblick uf dem beſten Weg ſind, ſ ſehr gut zu werden.“ . * — 5 — Sein Wagen ſchlug den Rückweg nach Paris ein. Der Grund der Verzögerung der Unterredung zwiſchen dem Marſchall Simon und ſeinem Vater lag darin, daß einige Arbeiter, welche eben nach Paris gehen wollten, um Ant⸗ worten auf Vorſchläge der geheimen Geſellſchaften zu brin⸗ gen, zuvor mit dem alten Simon allein ſprechen mußten. Nach Abfertigung dieſer Leute trat der alte Handwerksmann im Kittel mit dem Marſchall in Staatsuniform in eins ſei⸗ ner beiden Zimmer. Dieſe Zimmer befanden ſich im Eitgeſchoß i am Ende eines der Flügel des Gemeinſchaftshauſes. Vor den Fenſtern der⸗ ſelben dehnte ſich ein Gärtchen von etwa vierzig Ruthen aus, welches der alte Werkführer in ſeinen Erholungsſtunden bebaute. Die aus dem Gärtchen in das eine Zimmer füh⸗ rende Glasthür ſtand offen und ließ die ſchon warmen Strah⸗ len der Märzſonne in das Gemach dringen, worin Vater und Sohn beiſammen ſaßen. Der Marſchall ergriff mit plötzlich verdüſterter Miene die Hände des Greiſes und ſagte mit bewegter Stimme: „Vater, ich bin ſehr unglücklich.“ „Du, unglücklich?“ fragte der alte Mann erſtaunt. „Ich will Ihnen Alles ſagen,“ fuhr der Marſchall fort. „Ich bedarf des Rathes Ihres unbeugſamen Gradſinns.“ „Wo es ſich von Ehre und Rechtlichkeit handelt, Du bei Niemand Rath zu ſuchen.“ „Doch, Vatet. Sie allein können mich aus einer quiti den Ungewißheit reißen.“ „Nun, ſo erkläre Dich.“ „Seit einigen ſcheinen meine Töchter ſich unbehag⸗ lich zu fühlen. Während der erſten Augenblicke unſeres Zu⸗ ſammentreffens waren ſie wie närriſch vor Freude. Plötzlich hat ſich das geändert; ſie werden immer trauriger. Geſtern wieder habe ich Thränen in ihren Augen bemerkt. Ich habe ſie voll Rührung an mein Herz gedrückt und ſie beſchworen, mir zu ſagen, was ihnen fehlt. Statt zu antworten, h * ſte meinen Hals umſchlungen und mein Geſicht mit ihren Thränen bedeckt.“ „Das iſt ſonderbar. Welcher Urſache ſoll man dieſe Ver⸗ änderung zuſchreiben?“ „Zuweilen fürcht' ich, ich möchte ihnen nicht genug mei⸗ nen Schmerz über den Tod ihrer Mutter verhehlt haben, und die armen Kinder kränkt es vielleicht, zu ſehen, daß ſie zu meinem Glück nicht genügen. Und doch ſcheinen ſie mei⸗ nen Schmerz nicht nur zu begreifen, ſondern auch zu thei⸗ len. Geſtern noch ſagte mir Blanca: Wie viel glücklicher würden wir Alle ſeyn, wenn unſere Mutter noch bei uns wäre!“ „Theilen ſie Deinen Schmerz, ſo können ſie Dir den⸗ ſelben nicht zum Vorwurf machen. Die Urſache muß in etwas anderem liegen.“ „Das denk ich auch. Aber welches iſt die Urſache? Ver⸗ gebens zerbrech' ich mir darüber den Kopf. Manchmal bild' ich mir ein, ein böſer Geiſt habe ſich zwiſchen mich und meine Kinder geſchlichen. Ich weiß, das iſt ein alberner Gedanke. Aber wenn vernünftige Gründe fehlen, macht man die tollſten Vorausſetzungen.“ „Wer kann ſich zwiſchen Dich und Deine Töchter ſtellen wollen?“ „Niemand; das weiß ich.“ „Ich will Dir was ſagen, Peter. Habe Geduld und beob⸗ achte die Kinder mit väterlicher Sorgfalt. Am Ende wirſt Du ein unſchuldiges Geheimniß entdecken.“ Der Marſchall ſah ſeinen Vater ſcharf an und erwiderte: „Ja. Aber um hinter das Geheimniß zu kommen, darf ich ſie nicht verlaſſen.“ „Warum ſollteſt Du ſie verlaſſen?“ fragte der alte Mann, betroffen über das düſtere Ausſehen ſeines Sohnes. „Biſt Du jetzt nicht für immer bei ihnen und bei mir?“ „Wer weiß!“ antwortete der Marſchall mit einem Seußzer. „Wie?“ fragte der Greis erſtaunt. — 297 — „Vater, erſt will ich Ihnen die Pflichten bezeichnen, die mich hier zurückhalten, und dann diejenigen, welche mich von Ihnen, von meinen Kindern und von meinem andern Kind entfernen könnten.“ „Von welchem andern Kind?“ „Von dem Sohn meines alten Freundes, des indiſchen Fürſten.“ „Du meinſt Dſchalma. Wie geht's ihm?“ „Er macht mir Angſt.“ „Er?“ Ein Windſtoß ließ einen furchtbaren Lärm aus der Ferne vernehmen. Der Schall war ſo gewaltig, daß der Marſchall ſich veranlaßt fühlte, ſeinen Vater zu fragen: „Was iſt das?“ „Der alte Mann horchte auf das dumpfe Geſchrei, welches ſich mit dem Windſtoß verlor, und antwortete: „Betrunkene Gäſte aus den Wirthshäuſern vor den Thoren, die im Feld herumſtreichen.“ „Es klang wie das Schreien einer großen Menge Men⸗ ſchen,“ äußerte der Marſchall. Vater und Sohn horchten weiter. Das Geräuſch hatte aufgehört. Der Greis fragte: „Du haſt mir geſagt, Dſchalma mache Dir Angſt. Warum?“ „Ich habe Ihnen von ſeiner unglücklichen tollen Leiden⸗ ſchaft für das Fräulein von Cardoville geſprochen.“ Der Alte ſah ſeinen Sohn verwundert an und ſagte: „Das macht Dir Angſt? Dſchalma iſt achtzehn Jahre alt. Bei einem ſo jungen Menſchen vertreibt eine Liebe die andere.“ „Ja, wenn es gemeine Liebſchaften ſind. Aber Sie wiſ— ſen doch, daß das Fräulein von Cardoville mit blendender Schönheit das edelſte Herz verbindet und daß eine Verkettung unglücklicher Umſtände es dem Prinzen möglich gemacht hat, dieſe ſchöne Seele ſchützen zu können.“ „Du haſt Recht. Die Sache iſt ernſter, als ich dachte.“ „Sie können ſich nicht vorſtellen, wie dieſe Leidenſchaft den unbändigen Jüngling zerrüttet. Seiner Niedergeſchlagenheit folgen manchmal Ausbrüche wahrer Raſerei. Geſtern hab' ich ihn überraſcht. Seine Augen waren roth, ſeine Ge⸗ vI. 20 1 ſichtszüge von Wuth verzerrt. In ſeiner Raſerei zerſtach er mit ſeinem Dolch ein rothtuchenes Kiſſen und rief athem los Ah! Blut!. Ich habe ſein Blut! — Was ſoll denn dieſer Unſinn? fragte ich ihn. — Ich bringe den Menſchen um! erwiderte er mit dumpfer Stimme und 2 irrem Blick. meinte damit den Nebenbuhler, den er „8 7 haben glaubt.“ 5 „Das iſt freilich arg,“ bemerkte der Greis. „Zu andern Zeiten,“ fuhr der Marſchall for Wuth gegen das Fräulein von Cardoville aus, und manchmal auch gegen ihn ſelber Ich habe für gut gefunden, ſeine Waf⸗ fen bei Seite zu ſchaffen; denn ein Menſch, der mit ihm von Java gekommen iſt, und der große Anhänglichkeit für ihn zu haben ſcheint, hat mir geſagt, er vermuthe bei ihm Gedan⸗ ken des Selbſtmords.“ „Der arme Junge!“ ſeufzte der alte Handwerker. „Nun, Vater,“ ſagte der Marſchall mit tiefem Schmerz, in dem Augenblick, wo meine Töchter und dieſer Pflegſohn meine ganze Sorgfalt in Anſpruch nehmen, könnte ich mich veranlaßt ſehen, ſie zu verlaſſen.“ 3 „Sie zu verlaſſen 2 „Ja, um einer Pflicht zu genügen, die vielleicht heiliget, iſt, als die Pflicht des Freundes und des Vaters.“ „Was ſollte denn das für eine Pflicht ſeyn?“ Der Marſchall beſann ſich einen Augenblick und erwiderte: „Vater, wer hat mich zu dem gemacht, was ich bin? Wer hat mir den Herzogstitel und den Marſchallſtab gegeben?“ „Napolevn.“ „Für Sie, einen ſtrengen Republikaner, hat er freilich ſeinen ganzen Zauber verloren von dem Augenblick an, wo er ſich aus dem erſten Bürger der Republik zum Kaiſer ge⸗ macht hat.“ „Ich habe ſeine Schwäche verwünſcht. Der Halbgott hat ſich zum Menſchen gemacht.“ . „Aber für mich, der ich Soldat bin und ſtets an ſeiner Seite gefochten habe, für mich, den er von der niedrigſten zur höchſten Stufe im Heer erhoben und mit Wohlthaten überhäuft hat, für mich iſt er mehr als ein Held geweſen. k Ich habe in ihm dankbar einen Freund verehrt und bewun⸗ 1 —— . — dert. Ich habe ihm in die Verbannung folgen wollen. Dieſe Gnade iſt mir verſagt worden, und ich habe eine Verſchwörung geſtiftet, habe das Schwert gezogen wider die, welche ſeinen Sohn der ihm von Frankreich gegebenen Krone beraubt hatten.“ „In Deiner Stellung haſt Du Recht gethan. Ohne Deine Bewunderung zu theilen, habe ich Deine Dankbarkeit begriffen und all Dein Thun, von welchem Du ſprichſt, gebilligt.“ „Nun, das enterbte Kind, für welches ich vor ſiebzehn Jahren eine Verſchwörung angezettelt habe, iſt jetzt im Stand, den Degen ſeines Vaters zu führen.“ Der alte Mann ſah ſeinen Sohn betroffen und ängſtlich an und rief: „Napoleon der Zweite? Der König von Rom?“ „König! — Er iſt nicht mehr König .. .. Napoleon! — Er heißt nicht mehr Napolevn. Sie haben ihm, was weiß ich, für einen öſtreichiſchen Namen gegeben, denn der andere Name machte ihnen Angſt. Alles macht ihnen Angſt. Wiſ⸗ ſen Sie, was ſie mit dem Sohn des Kaiſers anſtellen? Sie martern ihn, ſie tödten ihn langſam!“ „Wer hat Dir das geſagt?“ „Einer, der es weiß und der die Wahrheit ſagt. Ja, der Sohn der Kaiſers kämpft mit allen Kräften wider einen früh⸗ zeitigen Tod. Die Augen nach Frankreich gekehrt, wartet und wartet er, und niemand kommt — kein Menſch. Unter all den Menſchen, welche ſein Vater ſo groß gemacht hat, wie ſie klein geweſen waren, denkt nicht ein einziger an das ge⸗ heiligte Kind, welches erſtickt wird und ſtirbt.“ „Und Du denkſt daran?“ „Allerdings. Um aber daran zu denken, mußte ich das grauſame Schickſal dieſes Kindes kennen, dem ich einen Eid der Treue geleiſtet habe an dem Tag, wo der Kaiſer mir es in der Wiege zeigte und ſprach: Alter Freund, du wirſt dem Sohn ſeyn, was du dem Vater geweſen biſt. Wer uns liebt, liebt unſer Frankreich. — Ich habe meine Nachrichten nicht bloß aus einer Quelle geſchöpft. Wenn ich nun aber weiß, was der Sohn des Kaiſers leidet, wenn ich die augen ſcheinlichſten Beweiſe habe, daß man mich nicht täuſcht, wenn ich einen Brief geleſen habe, in welchem eine hochſtehende Perſon am Wiener Hof einem dem Kaiſer treuen Mann die 20 * 3 — 300 — Mittel anbietet, mit dem König von Rom in Verbindung zu treten und ihn vielleicht ſeinen Henkern zu entführen . . ? „Und wenn nun Napoleon II. frei iſt?“ fragte der Greis, ſeinen Sohn ſcharf anſehend. „Dann!..!“ rief der Marſchall. Und mit gepreßter Stimme fuhr er fort: „Glauben Sie, Vater, Frankreich ſey gleich⸗ gültig gegen die Demüthigungen, welche es erduldet? Hal⸗ ten Sie vas Andenken des Kaiſers für erloſchen? Nein! Ge⸗ rade in dieſen Tagen der Erniedrigung wird ſein geheiligter Name im Stillen asgerufen. Wie wäre es nun, wenn die⸗ ſer ruhmvolle Name, in ſeinem Sohn wieder auflebend, an der Grenze erſchien? Meinen Sie nicht, alle Herzen in Frankreich würden für ihn ſchlagen?“ „Das wäre eine Verſchwörung wider die gegenwärtige Re⸗ gierung mit Napoleon II. als Fahne. Die Sache iſt be⸗ denklich.“ „Vater, ich habe es Ihnen geſagt, ich bin ſehr un⸗ glücklich. Urtheilen Sie. Ich frage mich nicht nnr, ob ich meine Kinder und Sie verlaſſen ſoll, um mich in eine ſo verwegene Unternehmung zu ſtürzen, ſondern ich frage mich auch, ob ich nicht Verpflichtungen gegen die jetzige Regierung habe, welche, indem ſie meinen Titel und Rang anerkannt hat, mir zwar keine Gunſt erwieſen, aber mir doch hat Ge⸗ rechtigkeit widerfahren laſſen? — Was ſoll ich thun? Alles verlaſſen, was ich liebe, oder fühllos bleiben gegen die Qua⸗ len des Sohnes des Kaiſers — des Kaiſers, dem ich Alles verdanke, was ich bin, dem ich Treue geſchworen habe für ihn und ſeinen Sohn? Soll ich dieſe einzige Gelegenheit ver— loren gehen laſſen, ihn vielleicht zu retten, oder ſoll ich eine Verſchwörung zu ſeinen Gnnſten anſtiften? — Sagen Sie mir, ob meine Anſicht von dem, was ich dem Andenken des Kaiſers ſchuldig bin, übertrieben iſt. Entſcheiden Sie, Vater. Während einer ſchlafloſen Nacht habe ich in dieſem Wirrwarr die Linie herauszufinden geſucht, der ich folgen ſoll, und ich bin in Ungewißheit geblieben. Sie allein, Vater, können mich leiten.“ 5 Der alte Mann beſann ſich einige Augenblicke. Er wollte eben antworten, als ein Menſch durch das Gärtchen gerannt kam und zur Thür hereinſtürzte. Es war Olivier, welcher — B aus der Dorfſchenke vor den Wölfen entflohen war. Bleich und athemlos rief er: „Herr Simon, Herr Simon! — — Da ſind ſie! — — Sie kommen! — — Sie wolleu die Fabrik angreifen!“ „Wer?“ fragte der Greis aufſpringend. „Die Wölfe, Steinbrecher und Steinmetzen, zu welchen unterwegs eine Menge Leute aus der Umgegend und Geſindel von den Thoren der Stadt geſtoßen iſt. Hören Sie? Sie rufen: Tod den Freſſern! Wirklich kam das Geſchrei immer näher und ward immer deutlicher. Der Marſchall ſtand ebenfalls auf und ſagte: „Das iſt der Lärm, den ich vorhin gehört habe.“ „Herr Simon,“ fuhr Olivier fort, „es ſind ihrer mehr als zweihundert. Sie ſind mit Knütteln und Steinen be⸗ waffnet, und unglücklicher Weiſe befinden ſich die meiſten Arbeiter der Fabrik zu Paris. Hier ſind unſerer im Ganzen nicht mehr als vierzig. Die Weiber und Kinder fliehen ſchon unter Angſtgeſchrei in die Zimmer. Hören Sie?“ Die Decke ward durch ein ſtarkes Getrappel erſchüttert. „Sollte das ein ernſtlicher Angriff ſeyn?“ fragte der Mar⸗ ſchall ſeinen Vater. „Sehr ernſtlich,“ antwortete der Greis beſorgt. „Es gibt nichts fürchterlicheres als Geſellenſtreit, und obendrein wird ſeit einiger Zeit Alles aufgeboten, um die Leute der Umge⸗ gend gegen die Fabrik aufzuhetzen.“ „Wenn Eure Zahl zu klein iſt,“ bemerkte der Marſchall, „ſo müßt Ihr erſtlich alle gugnge verrammeln und dann — — — Der Marſchall konnte nicht ausreden. Ein fürchterliches Geſchrei ganz aus der Nähe machte die Fenſter erzittern. Der Marſchall, ſein Vater und der junge Arbeiter eilten in das Gärtchen, welche durch eine ziemlich hohe Mauer gegen das Feld abgeſchloſſen war. Das Geſchrei verdoppelte ſich. Ein Hagel von Steinen ſchlug mehre Fenſter des erſten Stockwerks ein, prallte zum Theil von der Mauer ab und fiel um die drei Männer herum in den Garten. Einer dieſer Steine fiel dem alten Simon auf den Kopf. Der Greis ſank zu⸗ ſammen und fiel blutend in die Arme des Marſchalls, wäh⸗ rend außen mit geſteigerter Wuth der Ruf erſcholl: „Krieg und Tod den Freſſern!“ . Zwanzigſtes Kapitel. Die Wölfe und die Freſſer. Die Wölfe hatten ihren Angriff auf denjenigen Flügel des Gemeinſchaftshauſes begonnen, welcher auf das Feld ging, und an welchen ſich die Gartenmauer anſchloß. Die Haſt, mit welcher ſie herbeigeeilt waren, ihr zweimaliges Anhalten in Wirthshäuſern unterwegs und die ungeduldige Kampfluſt hatten dieſe Menſchen aufs Aeußerſte aufgeregt. Nachdem ſie ihre erſte Ladung Steine abgeſchlendert, ſuchten die meiſten von ihnen auf der Erde nach neuen Angriffswerkzeugen. Einige nahmen bei dieſem Geſchäft ihre Stöcke zwiſchen die Zähne, Andere ſtellten ſie an die Mauer. Hin und wieder bildeten ſich Gruppen um die Haupthetzer. Diejenigen in dem Haufen, welche am beſten gekleidet waren, trugen Kittel oder wollene Wämſer. Die Meiſten waren mit Lumpen be⸗ deckt — Geſindel, das ſich in der Nähe der Stadtthore her⸗ umzutreiben pflegte, Menſchen mit Galgengeſichtern. Einige garſtige zerlumpte Weiber, welche bei dieſer Menſchengattung immer mit zum Vorſchein kommen, reizten durch ihr Geſchrei die erhitzten Köpfe noch mehr auf. Eine von ihnen, groß und ſtark mit rothem verſoffenem Geſicht und zahnloſem Mund trug eine Pelzhaube, aus welcher gelbliches ſtruppiges Haar hervorſah, und hatte über ihrem abgeriſſenen Kleid einen auf der Bruſt gekreuzten und hinten verſchlungenen braunen Tartan an. Dieſe Herxe ſchien raſend zu ſeyn. Sie hatte ihre zerriſſenen Aermel heraufgeſtreift. Mit der einen Band ſchwang ſie einen Stock, in der andern hielt ſie einen dicken Stein. Ihre Begleiter nannten ſie die Lange Zwiebel. Dieß Scheuſal rief mit heiſerer Stimme: „Ich will mich mit den Fabrikweibern herumbeißen! Ich will ihnen zur Ader laſſen!“ Dieſe Worte wurden mit Beifall aufgenommen und erwi⸗ dert mit dem Ruf: „Die lange Zwiebel ſoll leben!“ Unter den andern Hetzern war ein kleiner Kerl mit einem Wieſelgeſicht und einem unter dem Kinn herumgehenden 6 — 303 — ſchwarzen Bart. Er trug ein ſcharlachrothes griechiſches Käppchen. Unter ſeinem langen neuen Kittel ſahen ſaubere Tuchhoſen und feine Stiefel hervor. Offenbar gehörte dieſer Menſch einem anderen Stande an als die Uebrigen im Hau⸗ fen. Er vornehmlich ſchrieb den Fabrikarbeitern die belei⸗ digendſten Aeußerungen über die Bewohner der Umgegend zu. Er ſchrie viel, aber er trug weder Stock noch Stein. Ein Mann mit dickem rothem Geſicht, deſſen gewaltige Tenorſtimme einem Kirchenſänger anzugehören ſchien, ſagte zu ihm: „Willſt Du denn nicht mitfenern auf dieſe gottloſen Hunde, die im Stande ſind, die Cholera ins Land zu bringen, wie der HerrPfarrer ſagt?“ „Ich will beſſer feuern als Du,“ antwortete das Wieſel⸗ geſicht mit boshaftem Lächeln. „Womit willſt Du denn feuern?“ „Wahrſcheinlich mit dieſem Stein,“ ſagte der Kleine, einen dicken Kieſel aufhebend. In dem Augenblick, wo er ſich bückte, fiel ein dicker aber ſehr leichter Sack, den er unter ſeinem Kittel angebunden zu haben ſchien, auf die Erde. „He! Du verlierſt ja Deinen Sack mit Deinen Siebenſachen!“ rief der Dicke. „Das Zeug ſcheint nicht ſchwer zu wiegen.“ „Es ſind Wollmuſter,“ erwiderte das Wieſelgeſicht, ſchnell ſeinen Sack aufraffend und wieder unter den Kittel ſteckend. „Achtung! Ich glaube der Steinbrecher ſpricht.“ Der, welcher den größten Einfluß auf den verhetzten Hau⸗ fen ausübte, war der Steinbrecher. Seine Rieſengeſtalt ragte ſo weit hervor, daß man immer ſeinen dicken mit dem rothen Lumpen umwundenen Kopf und ſeine breiten Schul⸗ tern mit dem ledernen Koller über dem ſchwarzen Gewimmel und den einzelnen weißen Hauben der Weiber herausſtehen ſah. Die kleine Zahl irregeleiteter ordentlicher Arbeiter, die ſich unter dem Vorwand eines Geſellenſtreits zum Mitziehen hatten verlocken laſſen, wollten, als ſie die gefährliche Ge⸗ ſtaltung der Dinge ſahen, ſich entfernen; aber ſie konnten nicht, weil ſie in dem Knäuel der Feindſeligſten eingezwängt waren. Aus Furcht, für feig zu gelten oder von der Mehr⸗ zahl mißhandelt zu werden, erwarteten ſie ungeduldig einen günſtigeren Augenblick zum Entwiſchen. Auf das wilde Geſchrei, welches die erſte Lage von Steinen begleitet hatte, war ein tiefes Schweigen gefolgt. ie Wölfe haben geheult,“ rief der Steinbrecher mit ſeiner Sten⸗ torſtimme. „Wir müſſen warten und ſehen, wie die Freſſer antworten und den Streit anheben wollen.“ „Man muß ſie aus ihrer Fabrik herauslocken und die Schlacht anf neutralem Gebiete liefern,“ ſagte der kleine Kerl mit dem Wieſelgeſicht, welcher der Geſetzkundige in dem Haufen zu ſeyn ſchien. Wir würden ja ſonſt einen Einbruch begehen.“ „Einbruch hin, Einbruch her!“ rief die Lange Zwiebel. „Drinnen oder draußen muß ich mich mit den Fabrikratten herumbeißen.“ „Ja! ja!“ ſchrieen andere zerlumpte Weibsbilder. „Die Männer dürfen nicht Alles allein thun!“ „Wir wollen auch draufſchlagen!“ Das Wieſelgeſicht ſchrie dazwiſchen: „Die Fabrikweiber ſagen, alle Weiber in der Umgegend wären Brandweineulen und Gaſſenmenſcher!“ „Wir wollen ſie dafür bezahlen!“ „Da müſſen die Weiber ſich drein legen!“ „Das iſt unſere Sache!“ Die lange Zwiebel erhob abermals ihre Stimme und ſagte: „Sie machen die Sängerinnen in ihrem Gemeinſchaftshaus. Wir wollen ſie ſingen laſſen: Zu Hülfe! zu Hülfe, ſonſt bin ich verloren!“ Jubel und Hohngeſchrei und freudiges Stampfen drückte den Beifall aus, mit welchem dieſer Witz aufgenommen ward. „Still!“ rief der Steinbrecher. „Still! Still!“ rief die Menge. „Hört den Steinbrecher!“ „Jetzt geben wir den Freſſern eine zweite Ladung Steine. Haben ſie dann noch immer nicht das Herz, herauszukommen, ſo brechen wir dort die Thür ein und ſpüren ſie in ihren Löchern auf.“ Das Wieſelgeſicht entgegnete: „Es wäre beſſer, wir lockten ſie zum Streit heraus und es bliebe Keiner in der Fabrik.“ „Man ſchlägt ſich, wo man kann!“ rief der Steinbrecher mit einer Donnerſtimme. „Wenn man ſich nur packen kann, dann iſt Alles eins. Nicht wahr, Wölfe? wir würden uns auf einer Dachfirſt oder auf einer Mauerkappe kampeln!“ „Ja! ja! „ſchrie die ſtreitluſtige Menge. „Wenn ſie nicht herauskommen, ſo brechen wir ein.“ „Wir wollen uns ihren Palaſt beſehen.“ — 9305 — „Sie haben nicht einmal eine Kapelle darin, die Heiden!“ bemerkte der Tenoriſt. „Der Herr Pfarrer hat ſie verflucht.“ „Warum ſollen ſie in einem Palaſt wohnen und wir in Hundeſtällen?“ Das Wieſelgeſicht ſchrie abermals drein: „Die Arbeiter Hardy's behaupten, Hundeſtälle wären noch zu gut für Hundepack wie ihr!“ „Ja! ja, ſie haben's geſagt!“ „Alles wird bei ihnen klein geſchlagen!“ „Das Haus wird zu den Fenſtern herausgeworfen.“ „Die Fabrikratten,“ rief die Lange Zwiebel, „ſpielen die Zieraffen. Erſt ſollen ſie ſingen, dann tanzen, und dazu ſoll ihnen der Takt mit Steinen auf dem Kopfgeſchlagen werden.“ Der Steinbrecher erhob abermals ſeine gebietende Stimme und rief: „Wölfe! noch eine Ladung. Kommen darauf die Freſſer nicht herans, ſo brechen wir die Thür ein.“ Die Streitluſt des Haufens äußerte ſich in wildem Geheul. Die Stimme des Steinbrechers übertönte es mit dem Ruf: „Achtung! — — Wölfe! — — Stein — in Hand! — — auf einen Schlag! — — Fertig?“ „Jol jul⸗ „T an! — Feuer!“ Ein zweiter Steinhagel ſchlug wider die Feldſeite des Gemeinſchaftshauſes. Die noch übrigen Fenſter zerbrachen, und mit dem Klirren derſelben vermiſchte ſich der Ruf: „Krieg und Tod den Freſſern!“ Das Geſchrei ward noch toller, als die Angreifer durch die zerbrochenen Fenſter Weiber bemerkten, die entſetzt hin und her liefen, und von denen einige Kinder flüchteten, an⸗ dere die Hände über dem Kopf zuſammenſchlugen und um Hülfe riefen, während die Muthigſten ſich zu den Fenſtern herauslehnten, um die Läden zu ſchließen. „Aha! die Ameiſen ziehen aus!“ rief die Lange Zwiebel. Sie bückte ſich, hob einen Stein auf und ſagte: „Ich will ihnen helfen.“ Mit ſtarker, ſicherer Hand ſchleuderte ſie den Stein und traf eine Perſon, welche, über die Fenſterſchwelle gebeugt, einen Laden zuzuziehen ſuchte. „Ins Schwarze geſchoſſen!“ rief die ſcheußliche Here. „Zwiebel, Du machſt, daß ihnen die Augen übergehen!“ rief eine Stimme. „Die Lange Zwiebel! Hoch!“ „Heraus, ihr Freſſer, wenn ihr das Herz habt!“ „Hundertmal haben ſie geſagt, die Leute in der Umgegend hätten nicht das Herz, nur die Augen zu ihrem Haus zu er⸗ heben!“ rief das Wieſelgeſicht. „Und jetzt ducken ſie ſich!“ „Sie wollen nicht heraus!“ ſchrie der Steinbrecher. „Wir müſſen ſie ausrauchen.“ „Ja! ja!“ „Schlagt die Thür ein!“ „Wir müſſen ſie finden!“ „Vorwärts! Marſch!“ Der Haufe mit dem Steinbrecher und der Langen Zwiebel an der Spitze ſtürmte gegen ein Thor von ſtarkem Eichen⸗ holz. Statt des bisherigen Schreiens hörte man nur das dumpfe Getöſe der Fußtritte auf dem harten Boden. Ange⸗ langt vor dem Thor, erhob der Steinbrecher einen gewaltigen Steinmetzenhammer gegen einen der Flügel. Ehe er zu⸗ ſchlagen konnte, fuhr dieſer eine Flügel auf. Die Entſchloſ⸗ ſenſten unter den Angreifern wollten ſogleich hineinſtürzen. Der Steinbrecher ſchob ſich und ſeine Hinterleute mit ausge⸗ breiteten Armen zurück. Durch das halb offene Thor gewahrte man einen kleinen Trupp Arbeiter von entſchloſſenem Ausſehen. Sie hatten ſich in der Eile mit Feuergabeln, Kluppen und Prügeln be⸗ waffnet. An ihrer Spitze ſtand Agricola mit ſeinem ſchweren Schmiedhammer in der Hand. Er war bleich. An ſeinem herausfordernden Blick und an ſeiner unerſchrockenen Miene ſah man, daß das Blut Dagoberts in ſeinen Adern rollte, und daß er in einem ſolchen Kampf ein gefährlicher Gegner werden konnte. Er bemeiſterte ſeinen Zorn und fragte mit feſter Stimme den Steinbrecher: „Was wollt ihr?“ „Streit!“ brüllte der Lümmel. „Ja! Ja! Streit!“ brüllte der Haufe nach. Der Steinbrecher wandte ſich um und rief mit ausgeſtreck⸗ ter Hand: „Ruhig, ihr Wölfe!“ Dann ſagte er zu Agricola: „Die Wölfe wollen Streit.“ „Mit wem?“ fragte Agricola. „Mit den Freſſern.“ 1 — 307 — „Hier ſind keine Freſſer. Hier ſind bloß ruhige Arbeiter. Geht nach Hauſe.“ „Hier ſind Wölfe, welche die ruhigen Arbeiter freſſen wollen.“ Agricola ſah den Steinbrecher ſcharf an, der ihm mit dro⸗ hender Miene zu Leibe rückte, und erwiderte „Die Wölfe werden keinen Menſchen freſſen. Die Wölfe kommen nur kleinen Kindern Furcht einjagen.“ „Meinſt Du?“ ſagte der Steinbrecher grinſend und hielt dem Schmied ſeinen Steinhammer faſt unter die Naſe. „Und das?“ „Und das?“ erwiderte Agricola, raſch mit ſeinem Schmied⸗ hammer den Steinhammer wegſchlagend. „Gut! Eiſen gegen Eiſen, Hammer gegen Hammer. Das gefüllt mir,“ ſagte der Steinbrecher. „Was euch gefüällt, iſt gleichgültig,“ erwiderte Agricola, mühſam ſeinen Zorn bemeiſternd. „Ihr habt unſere Fenſter zerbrochen, unſere Weiber erſchreckt und den älteſten Arbeiter in der Fabrik verwundet, ſo daß er jetzt vielleicht ſterbend in den Armen ſeines Sohnes liegt. Ich denke, das iſt genug.“ „Nein!“ rief der Steinbrecher, „die Wölfe haben größeren Hunger. Ihr müßt hier heraus, ihr Haſen! hinaus ins Freie und euch mit uns ſchlagen.“ „Ja! ja! — — Sie müſſen ſich ſchlagen! Sie müſſen heraus!“ ſchrie der Haufe. Und unter Geheul und Pfeifen drängte er ſich näher zum Thor. „Wir wollen keinen Streit und wir gehen nicht hinaus,“ ſagte Agricola. „Aber — — —“ Er warf ſeine Mütze auf die Schwelle und ſetzte den Fuß darauf. „Wenn ihr euch unterſteht, über dieſen Fleck hin aus zugehen, dann greift ihr uns in unſerm Haus an und dann werdet ihr ſehen, was es gibt.“ „In Deinem Haus oder ſonſtwo müſſen wir Streit haben,“ brüllte der Steinbrecher. „Die Wölfe wollen die Freſſer aufzehren. Da haſt Du den Angriff.“ Bei dem letzten Wort erhob der Kerl ſeinen Hammer gegen Agricvla. Dieſer ſprang guft die Seite und hieb ihm mit ſeinem Schmiedhammer auf Hie Bruſt Der Steinbrecher ſtrauchelte, richtete ſich aber ſchnell wieder auf, drängte ſich voll Wuth gegen den Schmied und rief: „Herbei, ihr Wölfe!“ „ ſie hatten ſich einander um den Leib gefaßt und hielten ſich Einundzwanzigſtes Kapitel. Die Rückkehr. Nachdem der Kampf zwiſchen Agricola und dem Stein⸗ brecher begonnen hatte, ward das Handgemeng fürchterlich. Stromweis drangen die Angreifer durch das Thor. Die Heftigſten ſtürzten die Langſameren über den Haufen, erſtick⸗ ten und zertraten ſie. Andere nahmen einen Umweg, zer⸗ brachen ein Holzgitter neben einer Hecke und brachten die Fabrikarbeiter gleichſam zwiſchen zwei Feuer. Ein Theil von dieſen leiſtete muthigen Widerſtand. Andere, welche die Lange Zwiebel mit einigen anderen Hexen und Strolchen die Treppe des Gemeinſchaftshauſes hinaufeilen ſahen, liefen dieſer Bande nach, um die Weiber und Kinder zu ſchützen. Ein Theil der Strolche wandte ſich um, vertheidigte den Zugang zur Treppe und gab der Langen Zwiebel und dem ſie begleitenden Ge⸗ ſindel Zeit, in mehre Zimmer einzudringen, theils um zu plündern, theils um zu zerſtören. Eine verſchloſſene Thur ward erbrochen. Die Lange Zwiebel ſtürzte mit fliegendem Haar, ihren Stock ſchwingend, in das Zimmer. Am Ein⸗ gang eines zweiten Zimmers warf ſich ein ſchönes Mädchen auf die Knie und bat flehentlich: „Thut meiner Mutter nichts zu Leid!“ „Erſt will ich Dir geben und dann Deiner Mutter!“ ſchrie die Here und ſtürzte auf Angela zu, in der Abſicht, ihr das Ge⸗ ſicht zu zerkratzen, während die Strolche mit ihren Prügeln die Uhr und den Spiegel zerſchlugen nud verſchiedene Klei⸗ dungsſtücke zuſammenrafften. Angela ſchrie jämmerlich, in⸗ dem ſie ſich der Langen Zwiebel zu erwehren ſuchte, und be⸗ mühte ſich zugleich, den Eingang des Zimmers zu vertheidi⸗ gen, in welches ihre Mutter geflüchtet war. Dieſe ſah zum Fenſter hinaus und rief Agricola zu Hülfe. Der junge Schmied kämpfte fortwährend mit dem Stein⸗ brecher. Ihre Hämmer konnten ſie nicht gebrauchen, denn — 309 — wie zwei Schlangen umklammert. Einer ſuchte den andern niederzuwerfen. Einen Fußtritt abwehrend hatte Agricola mit ſeinem rechten Arm das linke Bein des Steinbrechers gefaßt; aber der Anführer der Wölfe ſtand auf ſeinem rech⸗ ten Bein feſt wie ein Thurm. Agricola hielt auch ſeine linke Hand wie in einem Schraubſtock feſt; mit der freien rechten Fauſt ſuchte der Rieſe ſeinem Gegner von oben herab die Kinnlade einzuſtoßen, während dieſer ſeine Stirn wider die Höhlung unter der Bruſt des Steinbrechers drückte. „Der Wolf ſoll dem Freſſer die Zähne in den Hals ſchla⸗ gen, daß er nichts mehr frißt,“ ſagte der Steinbrecher. „Du biſt kein echter Wolf,“ erwiderte Agricola. „Die Wölfe ſind brave Geſellen, die nicht Zehn gegen Einen kommen.“ „Echt oder falſch, ich breche Dir den Hals.“ „Und ich Dir das Bein,“ ſagte Agricola und riß mit aller Kraft das Bein des Steinbrechers ſeitwärts, daß dieſer vor Schmerz heulte und in ſeiner Wuth dem Gegner in den Hals biß. Der Schmied zuckte zuſammen und ließ das Bein ſeines Feindes los. Dieſer warf ſich mit ſeinem ganzen Gewicht auf ihn und ſtürzte ihn zu Boden. In dieſem Augenblick rief die Mutter Angela's zum Fenſter hinaus: „Zu Hülfe, Agricola! meine Tochter wird umgebracht!“ „Laß mich los!“ keuchte Agricola. „Auf mein Wort —, ich ſchlage mich morgen mit Dir — — wann Du willſt.“ „Nichts Aufgewärmtes! — — Ich freſſe Warmes! erwi⸗ derte der Steinbrecher, indem er den Schmied an der Kehle faßte und ihm das Knie auf die Bruſt zu ſetzen ſuchte. „Zu Hülfe! Meine Tochter wird umgebracht!“ ſchrie Frau Bertin. „Gnade! Gnade! — — laß mich los!“ ſagte Agricola, indem er ſich ſeinem Gegner zu entwinden ſuchte. „Ich habe zu ſtarken Hunger,“ verſetzte der Wolf. In der Angſt um Angela verdoppelte Agricola ſeine An⸗ ſtrengungen. Plötzlich fühlte der Steinbrecher ſeinen Schen⸗ kel von den ſcharfen Zähnen eines Hundes gepackt und em⸗ pfing auf den Kopf drei derbe Stockſchläge. Er ließ los, fiel betäubt auf ein Knie und auf eine Hand und ſuchte mit 3 — der andern Hand die Streiche abzuwehren, welche aufhörten, ſobald Agricola frei war. Der Schmied ſprang auf und rief! „Vater, Du haſt mich gerettet! Wenn es nur nicht für Angela zu ſpät iſt!“ „Lauf!“ erwiderte Dagobert. „Bekümmere Dich nicht um mich!“ Agricola eilte S dem Gemeinſchaftshaus. Dagobert, begleitet von Freudenſtörer, war mit den Töch⸗ tern des Marſchalls Simon gekommen, um ſie zu ihrem Großvater zu führen. Er war in das Kampfgetümmel hin⸗ eingerathen und hatte einige Arbeiter zuſammengebracht, um den Eingang des Zimmers zu vertheidigen, in welches der ſterbende Vater des Marſchalls gebracht worden war. Von hier aus hatte er die Gefahr Agricolas wahrgenommen und war zu ſeiner Hülfe herbeigeeilt. In dem wogenden Ge⸗ tümmel ward Dagobert bald von dem Steinbrecher getrennt, welcher einige Angenblicke die Beſinnung verloren hatte. Agricola war in zwei Sprüngen in dem Gemeinſchafts⸗ haus. Er warf die Kerle über den Haufen, welche die Treppe verſperrten, und ſtürzte auf den Gang, der zu dem Zimmer der Familie Angela's führte. In dem Augenblick, wo er ankam, ſchützte das unglückliche Mädchen halb be— n mit beiden Händen ſein Geſicht gegen die Nägel des Scheuſals, welches wüthend, wie eine Hyäne auf ihre Beute, es zu zerkratzen ſuchte. Agricola faßte die Hexe bei den Borſten, riß ſie rücklings zu Boden, gab ihr einen Tritt auf die Bruſt und eilte, die halb ohnmächtige Angela aufzu⸗ heben und in das Zimmer ihrer Mutter zu tragen. Die gewann, trotz dem Fußtritt, in ihrer Wuth die ſchnell wieder aufzuſpringen. Aber in dieſem erſchienen die dem Sohn Dagoberts folgenden Ar⸗ beiter und prügelten ſie und das ſie begleitende! Geſindel aus dieſem Theil des Hauſes hinaus. Die eigentlichen Wölfe, ſonſt ordentliche Arbeiter, welche ſich unter Vorſpiegelung eines Geſellenſtreits zu d dem Zug hatten verlocken laſſen, bemerkten jetzt den Unfug, welchen das mitgelaufene Geſindel anſtellte, und traten plötzlich auf die Seite der Freſſer. Einer der Entſchloſſenſten unter ihnen, ſich tüͤchtig mit Olivier herumgehauen hatte, ſagte zu — 3 — dieſem: „Jetzt darf hier kein Unterſchied mehr ſeyn zwiſchen Wölfen und Freſſern, ſondern alle ehrlichen Geſellen müſſen zuſammen auf einen Haufen Spitzbuben ſchlagen, der gekom⸗ men iſt, um hier zu zerſtören und zu plündern.“ „Ja,“ ſagte ein Anderer. „Wider unſern Willen iſt da⸗ mit angefangeu worden, euch die Fenſter einzuwerfen.“ „Der Steinbrecher hat Alles in Bewegung geſetzt!“ rief ein Dritter. „Wir wollen nichts von ihm wiſſen. Er ſoll dafür be⸗ zahlt werden.“ „Wir kampeln uns herzhaft, aber wir ſind beiderſeits ehr⸗ liche Kerle.“ 1¹) Leider war die Zahl dieſer ehrlichen Burſchen unter den Angreifern nur klein. Indeß ihr Uebertritt gab den Fabrik⸗ arbeitern neuen Muth, und die vereinigten Wölfe und Freſſer fielen nun die Ueberzahl der Gauner an, welche den ſchänd⸗ lichſten Unfug zu verüben begonnen hatten. Ein Schwarm dieſes Geſindels war unter Anführung des kleinen Kerls mit dem Wieſelgeſicht (eines Sendlings vom Baron Tripeaud) in die Werkſtätten Hardy's eingedrungen. Von Zerſtörungswuth ergriffen, zerſchlugen ſie Maſchinen vom größten Werth und Vorrichtungen von ausgezeichneter Feinheit, desgleichen viele in der Arbeit begriffene Gegen⸗ ſtände. Es herrſchte ein ſolcher Wetteifer unter den Gau⸗ nern, daß die Werkſtätten, vor wenigen Augenblicken noch ein Muſter von Ordnung und Arbeitserſparung, nur noch Trümmer aufzuweiſen hatten. Eine Menge Gegenſtände wurden unter wildem Geſchrei und Hohnlachen aus den Fen⸗ ſtern in den Hof geworfen. Die Geſchäftsbücher Hardys wurden zerriſſen und die Blätter in den Wind geſtreut. Der ekelhafteſte Theil des Geſindels beiderlei Geſchlechts führte unter gräulichem Geheul auf den Papieren im Hof einen Rundtanz auf. Im Gegenſatz zu dieſem Lärm und Durcheinander fand in dem von einigen Arbeitern bewachten Zimmer des alten Simon ein ſchmetzlicher ſtiller Auftritt ſtatt. Dr Greis lag auf ſeinem Bett, bleich, ſchwach athmend, mit erloſche⸗ ¹) Siehe die Anmerkungen am Schluß des Bandes. —— —————— * — — nem Blick. Sein Kopf war mit einer Binde umwickelt, aus welcher ſeine blutigen weißen Haare hervorſahen. Zu Häup⸗ ten des Bettes ſtand der Marſchall über ſeinen Vater ge⸗ beugt, in Angſt und Verzweiflung das geringſte Zeichen von Bewußtſeyn des Sterbenden erſpähend, deſſen ſchwachen Puls ein Arzt fühlte. Roſa und Blanca knieten weinend mit ge⸗ falteten Händen vor dem Bett. Im Hintergrund des mit der einbrechenden Nacht düſter werdenden Zimmers ſtand Dagobert, die Arme auf der Bruſt verſchränkt, mit dem Aus⸗ druck des Schmerzes auf dem Geſicht. In dem Gemach herrſchte ein feierliches Schweigen, zu— weilen unterbrochen durch das Schluchzen der beiden Mädchen und durch das Röcheln des Greiſes. Die Augen des Mar⸗ ſchalls waren trocken, düſter und glühend. Er wandte ſie nicht von dem Geſicht ſeines Vaters ab, außer um einen fra⸗ genden Blick auf den Arzt zu werfen. Dieſer Arzt war durch eine ſeltſame Fügung der Doctor Baleinier. Sein Kranken⸗ haus befand ſich nicht weit vom nächſten Thor der Stadt, und da er in der Umgegend einen großen Ruf hatte, war er herbeigerufen worden. Plötzlich machte Baleinier eine Be⸗ wegung. Der Marſchall bemerkte ſie und rief: „Hoffnung!“ „Wenigſtens wird der Puls etwas lebhafter.“ „Er iſt gerettet!“ „Keine falſchen Hoffnungen, Herr Herzog,“ erwiderte ernſt der Doctor. „Der Puls belebt ſich wieder in Folge heftiger Mittel, die ich auf die Füße angewandt habe. Aber über den Ausgang der Kriſis kann ich nichts ſagen.“ „Vater! Vater! Hören Sie mich?“ rief der Marſchall, als er den Greis eine leichte Bewegung des Kopfs, begleitet von einer Regung der Wimpern, machen ſah. Bald öffnete der Verwundete die Augen. Sein Blick ver⸗ rieth Bewußtſeyn. „Vater! — — Du lebſt — — Du erkennſt mich!“ rief der Marſchall freude⸗ und hoffnungstrunken. „Peter. biſt Du da?“ ſagte der Greis mit ſchwacher Stimme. Deine Hand — — gib — — —“. Und er machte eine leichte Bewegung. „Hier iſt ſie, Vater!“ rief der Marſchall, die Hand feines Vaters drückend, und ſein Geſicht, ſeine Haare und ſeine Hände 6 . — 313 — mit Küſſen bedeckend. „Er lebt! — Gott! — — Er lebt! iſt ent „In dieſem Augenblick drang das Geſchrei des neuen Kam⸗ pfes zwiſchen den vereinigten Wölfen und Freſſern und zwi⸗ ſchen den Strolchen zu den Ohren des Sterbenden. „Dieſer Lärm — — — ſagte er. „Sie ſchlagen ſich?“ „Ich glaube, es wird bald aufhören,“ erwiderte der Mar⸗ ſchall, um den Kranken zu beruhigen. Peter,“ begann der Greis mit gebrochener Stimme, — — ich habe — — nicht lange — —“ „Vater — —!“ „Mein Sohn — — laß mich reden — Wenn ich — — Dir — — nur Alles — — ſagen kann.“ „Herr Simon,“ nahm Baleinier ſalbungsvoll das Wort „der Himmel thut vielleicht ein Wunder für Sie. Zeigen Sie ſich dankbar und laſſen Sie einen Geiſtlichen — — „Einen Geiſtlichen?“ unterbrach der Greis. „Ich danke. Ich habe hier meinen Sohn — — in deſſen Armen will ich meine ehrliche Seele aushauchen.“ „Du wollteſt ſterben?“ rief der Marſchall. „Nein! nein!“ „Peter — —. Du haſt mich vorhin um Rath gefragt. . in einer bedenklichen Sache... Ich glaube — — vuiſc — — Dir zu ſagen — — was Deine Pflicht iſt — — hat mich — — einen Augenblick — — ins Leben — — zurückgerufen. — — Ich würde — — unglücklich — — ſterben, — — wenn ich Dich auf einem Weg — — wüßte — — Deiner — — und meiner — — unwürdig. — — Höre alſo — — lieber Sohn — — im letzten Augenblick — — täuſcht ein Vater — — ſich nicht. — — Du haſt — — eine große Pflicht — — zu erfüllen. — — Wenn Du — — als Ehrenmann — — handeln, — — meinen letzten Willen — — nicht mißachten — — willſt, — — mußt Du — — ohne Zögern — — —“ Die Stimme des Greiſes war immer ſchwächer geworden. Nach den letzten Worten war ſie ſo unvernehmlich, daß der 3 Marſchall nur mit Mühe noch heraushörte: „Napoleon der Zweite — — Eid Ehrlo⸗ ſigkeit — — Mein Sohn — — VI. * 21 Die Lippen bewegten ſich noch einen Augenblick und der alte Simon verſchied. In dieſem Augenblick erſcholl draußen in der Nacht der Ruf: „Feuer!“ Die Flamme ſchlug aus der Mitte einer der Werkſtätten hervor, in welcher viele brennbare Stoffe lagen. Der kleine Kerl mit dem Wieſelgeſicht war dort hineingeſchlüpft. Gleich⸗ zeitig vernahm man das Rollen der Trommeln an der Spitze einer Abtheilung Truppen, die vom Thor der Stadt heran⸗ gerückt kam. Eine Stunde war ſeit dem Ausbruch des Brandes ver⸗ floſſen, und die Bemühungen, zu löſchen, waren erfolglos. Ein heftiger Nordwind ſauſte durch die kalte ſternhelle Nacht. Durch das Feld kam mit langſamen ungleichen Schritten ein Mann daher. Eine Erhöhung vor ihm verbarg ſeinen Augen die Feuersbrunſt. Dieſer Mann war Hardy. Er kam zu Fuß, in der Hoffnung, daß der Gang im Freien ſein Fieber beruhigen würde, — ein kaltes Fieber gleich dem Fröſteln eines Sterbenden. Seine angebetete Geliebte, das edle Weib, bei welchem er Zuflucht hätte finden können nach der ſchreck⸗ lichen Enttäuſchung an dieſem Tage — ſie hatte Frankreich verlaſſen und war nach Amerika abgereiſt. Ihre Mutter hatte als Buße für ihren Fehltritt von ihr verlangt, daß ſie kein Wort des Abſchieds an den Mann ſchriebe, dem ſie ihre Pflicht als Gattin aufgeopfert. Margarete hatte ge⸗ horcht. Oft hatte ſie ihm ja geſagi: Zwiſchen Ihnen und meiner Mutter würd' ich nicht ſchwanken. Und ſie hatte nicht geſchwankt. Keine Hoffnung mehr! Auch wenn nicht das Weltmeer ihn von Margareten trennte, wäre doch jede Verbindung mit ihr zerriſſen. Dafür bürgte ihre blinde Unterwürfigkeit unter den Willen ihrer Mutter. Auf dieß Herz, ſeine letzte Zuflucht, konnte er nicht mehr rechnen. Die beiden Hauptwurzeln ſeines Lebens waren gleichzeitig ausgeriſſen. „Was bleibt dir,“ ſprach er für ſich, „als Troſt für die verlorne letzte Liebe, für die durch den Verrath in deinem Herzen getödtete Freundſchaft? — — — Es bleibt dir dieſer Winkel der Erde, den du nach deinem Bilde umgeſchaffen, dieſe kleine, friedliche, blühende Colonie, wo durch Dich die Arbeit ihre Freuden und ihren Lohn mit ſich führt. Die wackeren Arbeiter, die du ſo glücklich, ſo gut, ſo dankbar gemacht haſt, — ſie wer⸗ den dir nicht fehlen. Die Liebe zu ihnen iſt auch ein heiliges, erhebendes Gefühl. Sie ſey deine Zuflucht, nachdem dein Glaube an andere Heiligthümer Schiffbruch gelitten. Die Ruhe dieſes ſchönen Plätzchens, der Anblick des unvergleich⸗ lichen Glückes deiner Leute ſoll ein Balſam für dein wundes Herz ſeyn. — Bald biſt du auf dem Gipfel des Hügels. Von ihm aus kannſt du in der Ebene das Paradies der Arbeiter erblicken, deren Gott du biſt.“ Unter dieſen Gedanken war der Fabrikant auf der Spitze des Hügels angekommen. In demſelben Augenblick brach der Brand mit neuer Wuth aus in dem Gemeinſchaftshaus, welches er ergriffen hatte. Ein oben weißlicher, in der Mitte rother, unten braunrother Schimmer erhellte den Geſichts⸗ kreis. Hardy ſah mit ungläubiger, faſt ſtumpfſinniger Be⸗ täubung hinab. Plötzlich brach aus einem Rauchwirbel und einem Geſtöber von Funken eine Flammenſäule zum Himmel empor und warf ihren Gluthſchein über das Gefild bis zu den Füßen Hardy's. Der Nordwind, welcher brauſend die wogenden Flammen niederdrückte und vorwärts jagte, trug zu den Ohren des Gewerbsmannes den Klang der Lärmglocke ſeiner brenneneen Fabrik. Anmerkungen. ¹) In der Ruche Populaire (Bienenkorb des Volkes), einer be⸗ — reits früher erwähnten Sammlung trefflicher Aufſätze, die von 1 Handwerkern geſchrieben werden, lieſt man Folgendes: 46 , * „Matratzenkardätſcherinnen. Der Staub, welcher aus der Wolle aufſteigt, macht aus dem Kardätſchen ein der Geſund⸗ heit nachtheiliges Geſchäft, deſſen Ge noch geſteigert wird durch die im Handel vorkommenden Verlälſchu er Waare BeimSchlach⸗ ten eines Hammels wird die Halswolle mit Blut befleckt. Um ſie ver⸗ kaufen zu können, muß man ſie entfärben. Sie wird mit Kalk gebleicht. Ein Theil des Kalkes bleibt in der Wolle ſitzen. Wird dieſe ver⸗ arbeitet, ſo ſchlägt der Kalkſtaub der Arbeiterin auk die Bruſt und verurſacht ihr gewöhnlich Magenkrämpfe und Erbrechen, wodurch ſie in einen jämmerlichen Zuſtand verſetzt wird. Die meiſten ent⸗ ſagen dieſem Geſchäft. Die dabei bleiben, tragen wenigſtens einen oder einen Aſthma davon, welche nur mit dem Leben auf⸗ ören. Nun kommt das Roßhaar. Selbſt das theuerſte, welches Mu⸗ ſter genannt wird, iſt nicht rein. Man kann leicht denken, wie das geringe ſeyn muß, welches von den Arbeiterinnen Vitriolhaar ge⸗ nannt wird, und kein wahres Roßhaar iſt, ſondern der Ausſchuß von Vockshaar und Wildſchweinborſten. Dieſe werden erſt durch Vitriol, dann durch eine Farbe gezogen, um die fremdartigen Theile wie Stroh, Dornen und ſelbſt Stückchen Haut zu verbrennen oder zu verdecken, anſtatt, was freilich mühſamer wäre, ſie herauszu⸗ nehmen. Man findet dieſe Theike oft noch bei Verarbeitung des Haars. Aus dieſem ſteigt ein Staub auf, welcher nicht weniger Verheerung anrichtet, als die Kalkwolle. Zum Lob der Arbeiter müſſen wir ſagen, daß dieſe blutigen Auftritte um ſo ſeltner werden, je mehr ſich unter den angehenden Handwerkern Aufklärung und Bewußtſeyn ihrer Menſchenwuͤrde ver⸗ — 317 — breitet. Dieſe beſſere Richtung iſt insbeſondere auch dem Einfluß eines trefflichen Buches über das Geſellenzunftweſen zuzuſchreiben, welches der Schreinergeſell Agricola Perdiguier, genannt Avig⸗ nonnais⸗la⸗Vertu, 1841 zu Paris bei Pagnerre in zwei Octodez⸗ bänden herausgegeben hat. In dieſem von tüchtiger Geſchichts⸗ kenntniß zeugenden Buch findet man merkwürdige Einzelheiten über die Geſellenzünfte. Perdiguier ſpricht laut ſeinen Unwillen aus über die Gewaltthätigkeiten, welche nur verderben können, was das Geſellenzunftweſen Nützliches hat. — Das Werk iſt mit ausge⸗ zeichnetem Geradſinn und Verſtand und mit Mäßigung geſchrieben und nicht nur als gute ſchriftſtelleriſche Arbeit zu loben, ſondern auch als ein Beweis von Selbſtverleugnung und Muth. Perdiguier hat lange und ſtandhaft kämpfen müſſen, um ſeine Brüder auf ver⸗ nünftige friedliche Gedanken zu bringen. Ohne Beihülfe hat dieſer Mann in der St. Antonsvorſtadt eine anſpruchloſe Anſtalt ge⸗ gründet, welche für die arbeitende Klaſſe vom größten Nutzen iſt. In dieſem Hauſe, wo muſterhafte Ordnung und Rechtlichkeit wal⸗ tet, beherbergt er 40 — 50 Schreinergeſellen, denen er jeden Abend nach Beendigung der Tagarheit Vorträge über Geometrie und Li⸗ neararchitectur, angewandt auf die Bearbeitung des Holzes, hält. Wir haben einem dieſer Vorträge beigewohnt und gefunden, daß die Deutlichkeit der Auseinanderſetzung und der Verftand, mit wel⸗ chem dieſelbe von den Zubörern aufgefaßt wird, nicht übertroffen wer⸗ den können. Zum Schluß wird gemeinſchaftlich geleſen und um zehn Uhr ziehen ſich alle Gäſte Perdiguiers in ihre beſcheidenen Schlafſtätten zurück. (Der geringe Betrag ihres Lohnes nöthigt ſie, zu Vieren in einem kleinen Zimmer beiſammen zu ſchlafen).— Perdiguier hat uns verſichert, Unterricht und Lernen wirkten ſo vortheilhaft auf die Sittlichkeit, daß er ſeit ſechs Jahren nur einen einzigen ſeiner Miethsleute habe ausweiſen müſſen. Schlechte Menſchen, ſagt er, finden nach zwei bis drei Tagen, daß hier ihr Platz nicht iſt, und gehn von ſelber fort.— Wir ſchätzen uns glücklich, daß wir hiermit öffentlich unſere ach⸗ tungsvolle Anerkennung ausſprechen können in Betreff eines kennt⸗ nißreichen, redlichen Mannes, welcher edelmüthig für die arbeitende Flaſſe wirkt. ²) Die Wölfe und die Gavots führen den Urſprung ihrer Zünfte auf den König Salomo zurück. Obiger Kriegsgeſang iſt aus dem in der vorigen Anmerkung erwähnten Werk von Agricola Perdiguier genommen, in welchem das Nähere über dieſen Gegen⸗ ſtand nachgeleſen werden kann. In ſeinem kürzlich bei Fournier rſchienenen Werkchen über die Luft in Bezug auf Geſundheit verbreitet ſich Herr „Adolf Bobierre über die Nothwendigkeit, zur Erhaltung der Ge⸗ ſundheit die Luft zu erneuern. Wiſſenſchaftliche Erfahrungen er⸗ * . — 318 geben, daß der Menſch, um im naturgemäßen Zuſtand zu bleiben, ſtündlich ſechs bis zehn Kubikmeter (170 — 300 Kubik⸗ fuß) friſche, erneuerte Luft braucht. Erſchrickt man da nicht, wenn man an die dunklen dunſtigen Werkſtätten denkt, wo eine Menge von Arbeitern zuſammengehäuft iſt? Voen den beher⸗ zigenswerthen Schlüſſen, welche der Verfaſſer zieht, führen wir folgenden an, um ihn auch unſererſeits dem Geſundheitsrath zu empfehlen, welcher täglich große Dienſte leiſtet. Sobald eine Werkſtätte mehr als zehn Arbeiter ent⸗ halten ſoll, muß ſie der Aufſicht von Abgeordneten des Geſundheitsraths unterworfen werden, und dieſe haben zu ermitteln, ob ihre Beſchaffenheit nicht die Geſundheit der Arbeiter benachtheiligt. *) Wer die ſchönen Concerte des Orphesn gehört hat, wo über tauſend Arbeiter, Männer, Weiber und Kinder, tadellos zuſammen ſingen, der wird uns verſtehen. *) Dies iſt wirklich der Durchſchnitts preis für eine höchſtens aus zwei Stuben und einer Kammer beſtehende Arbeiterwohnung im dritten oder vierten Stockwerk. *) Dieſe Ziffer iſt vielleicht noch zu hoch gegriffen. Ein ſolches Gebäude, eine Stunde von Paris, in der Gegend von Montrouge, mit allem Zubehör — Küche, Waſch⸗ und Spülhaus, Gasbehälter, Waſſerleitung, Luftheizung u. ſ. w. — und mit einem Garten von zehn Morgen umgeben, würde vor fünfzehn Jahren kaum 300,000 Fr. gekoſtet haben. Ein erfahrner Baumeiſter hat die Gefälligkeit ge⸗ habt, uns einen genauen Koſtenüberſchlag zu machen, und dieſer be⸗ ſtätigt unſere Behauptung. — Man ſieht daraus, man könnte den Arbeitern geſunde Wohnungen zu demſelben Preis herſtellen, welche ſie für ihre ungeſunden bezahlen, und könnte von dem da⸗ bei angelegten Kapital zehn Procent Nutzen ziehen. *) Beim Bau der Eiſenbahn nach Rouen haben franzöſiſche Ar⸗ beiter, welche keine Familien hatten, die Lebensweiſe der engliſchen angenommen und wenigſtens eben ſo viel geleiſtet, wie dieſe. *) Die Fuhre Holz in Wellen kommt den Armen auf neunzig Franken zu ſtehen. Und ſo iſt es bei allen Gegenſtänden des Verbrauchs die im Kleinen gekauft werden. Die Bruchtheile und der Abfall ſind zum Nachtheil des Armen. 10) Die Beſtimmungen über die Geſchäfte des Ausſchuſſes ſind mit folgenden, für den Fabrikanten und für ſeine Arbeiter gleich ehrenvollen Betrachtungen eingeleitet: „Wir erkennen mit Vergnügen an, daß jeder Werkführer und jeder Arbeiter im Bereich ſeiner Thätigkeit beiträgt, den Erzeugniſſen unſerer Manufaktur die ſie empfehlenden Eigenſchaften zu geben. Sie müſſen alſo auch an dem Nutzen Theil nehmen, welchen dieſe 310 — Erzeugniſſe bringen, und müſſen fortwährend auf weitere Verbeſſe⸗ rungen bedacht ſeyn. Aus der Vereinigung der Einſichten und Ge⸗ danken Aller wird ſicher viel Gutes entſpringen. Wir haben deß⸗ halb den Ausſchuß errichtet, deſſen Zuſammenſetzung und Beruf in den unten folgenden Sätzen ausgeſprochen iſt. Bei dieſer Einrichtung iſt außerdem unſer Zweck geweſen, durch einen häufigen Gedankenaustauſch der Arbeiter, welche bisher faſt alle abgeſondert gelebt und gearbeitet haben, die Summe der Kenntniſſe eines jeden zu vermehren und ſie in die allgemeinen Grundſätze einer vernünftigen Verwaltung einzuweihen. Aus die⸗ ſer Vereinigung der lebendigen Kräfte der Werkſtätte um den In⸗ haber der Anſtalt wird der doppelte Vortheil entſpringen, daß der geiſtige und materielle Zuſtand der Arbeiter verbeſſert wird, und daß das Gedeihen der Manufactur zunimmt. Indem wir als billig anerkennen, daß die Bemühungen jedes Einzelnen belohnt werden, haben wir beſtimmt, daß von dem reinen Gewinn des Hauſes, der ſich nach Abzug aller Koſten und Aus⸗ lagen herausſtellt, eine Prämie von fünf Procent genommen und zu gleichen Theilen unter die Mitglieder des Ausſchuſſes — mit Ausnahme des Präſidenten und des Secretärs — am 31. De⸗ cember jedes Jahres vertheilt wird. Dieſe Prämie wird um ein Pro⸗ zent erhöht, ſo oft der Ausſchuß um drei Mitglieder verſtärkt wird. Sittlichkeit, gute Aufführung, Geſchicklichkeit und Anſtelligkeit zu der Arbeit ſind bei der von uns getroffenen Wahl der Aus⸗ ſchußmitglieder maßgebend geweſen. Indem wir dem Ausſchuß das Recht ertheilen, ſich durch neue Mitglieder zu verſtärken, und zwar unter ſteter Berückſichtigung jener Eigenſchaften, wollen wir allen Arbeitern unſerer Werfſtätten ein Ziel vorſtecken, deſſen frühere oder ſpätere Erreichung von ihnen abhängen wird Das Beſtreben, ihre Schuldigkeit zu thun bei der Arbeit und ſich gut aufzuführen außer der Arbeit wird ihnen nach einander die Thür des Ausſchuſſes öffnen, und ſomit werden ſie zum Genuß eines billigen Antheils am den Vortheilen kommen, welche der den Er⸗ zeugniſſen unſerer Manufactur gewordene Beifall bringt. Dieſer Beifall, zu dem ſie dann mitgewirkt haben werden, muß ſich ſtei⸗ gern durch das gute Einverſtändniß und durch den Wetteifer, welcher ohne Zweifel bei den Mitgliedern des Ausſchuſſes herrſchen wird. Auszug aus den Beſtimmungen in Betreff des Aus⸗ ſchuſſes, welcher beſteht aus dem Präſidenten (In⸗ haber der Fabrih), einem Vicepräſidenten, einem Secretär und vierzehn Mitgliedern (darunter vier Werkführer und zehn der in jedem Fach am meiſten ausgezeichneten Arbeiter). Art. 6. Drei Mitglieder vereinigt haben das Recht, die Zu⸗ ziehung eines neuen Mitglieds vorzuſchlagen. Der Name des Vorgeſchlagenen wird aufgeſchrieben, und über ſeine Zulaſſung — 320 — wird in der nächſten Sitzung berathen. Die Zulaſſung wird aus⸗ geſprochen, wenn der Porgeſchlagene in geheimer Abſtimmung zwei Drittel der Stimmen der anweſenden Mitglieder erhält. Art. 7. Der Ausſchuß wird ſich in ſeinen monatlichen Sitzungen beſchäftigen: 1) mit Auffindung der Mittel zur Beſeitigung der Mißſtände, welche täglich bei der Fabrication vorkommen; 2) mit den Vorſchlägen der beßten und am wenigſten koſtſpieli⸗ gen Mittel zur Einrichtung einer Fabrikation, welche eigends für die überſeeiſchen Länder beſtimmt und geeignet wäre, durch die Vorzüglichkeit unſerer Conſtruction die Concurrenz des Auslandes zu bekämpſen; 3) mit den Mitteln zur Erlangung der größten Erſparniß an Material, ohne der Dauerhaftigkeit und dem Werth der Fabrikate Eintrag zu thun; 8 4) mit Ausarbeitung und Erörterung von Vorſchlägen, welche vom Präſidenten oder von Mitgliedern des Ausſchuſſes angeregt werden, und deren Zweck Verbeſſerung und Vervollkommnung der Fabrikation wäre. 5) mit Herſtellung des richtigen Verhältniſſes zwiſchen dem Preis der Handarbeit und dem wahren Werth der gearbeiteten Gegenſtände. Wir unſererſeits fügen hinzu, daß nach den gefälligen Mitthei⸗ lungen des Herrn *** der auf jeden ſeiner Arbeiter fallende An⸗ theil an dem Nutzen (neben ſeinem gewöhnlichen Arbeitslohn) 300 — 350 Franken jährlich betragen wird. Wir bedauern, daß die Beſcheidenheit des wackeren Mannes, welcher dieß edle Bei⸗ ſpiel gegeben hat, uns nicht erlaubt, ſeinen geehrten und ehren⸗ werthen Namen zu nennen. ¹) Der Gang unſerer Geſchichte nöthigt uns, die Wölfe als Angreifer zu ſchildern. Wir wollen dabei auf einen der Mißbräuche des Geſellenzunftweſens hinweiſen, welche Mißbräuche übrigens täglich mehr ſchwinden. Es ſoll aber damit nicht geſagt ſeyn, daß eine Zunft bösartiger wäre, als die andere. Die Wölfe, ihres Geſchäfts Steinhauer, ſind meiſt fleißige, verſtändige Arbeiter, deren Lage um ſo mehr Theilnahme verdient, da ihre, faſt mathematiſche Genauigkeit erfordernde Arbeit nicht nur zu den mübhevollſten ge⸗ hört, ſondern auch faſt vier Monate in jedem Jahr ſtill ſteht, in⸗ dem der Winter ſie zum Feiern nöthigt. Eine große Zahl von Wölfen hört jeden Abend, um ſich in ihrem Geſchäft zu vervoll⸗ kommnen, Vorträge über Elementargeometrie in ihrer Anwendung auf das Behauen der Steine. Dieſe Vorträge ſind ähnlich den⸗ jenigen, welche Agricola Perdiguier für die Schreiner hält. Zu der letzten Gewerbausſtellung hatten ſogar mehre Steinhauerge⸗ ſellen ein architectoniſches Modell in Gyps geliefert. ————