* Martin, das Findelkind, oder Erlebniſſe eines Kammerdieners. In's Deutſche ubertragen von Chrodor Hell. Erſten Bandes zweiter Theil. ————— Grimma, Druck und Verlag des Verlags⸗Comptoirs. ————— — Erſtes Rapitel. — Bruyere. der Meierei war Bruyeère den Leuten be⸗ gegnet, die zu ihr gekommen waren, um ſie um Rath zu fragen, wie la Robin ſagte. Da nun das junge Maͤdchen erſt ſeine Pflicht erfuͤllen wollte, ſo hatte es die ländlichen Kunden gebeten, einige Augenblicke außerhalb zu warten. Als Bruyore in den Hof der Meierei trat, war der daͤmmernde Himmel, tiefblau in ſeinem Zenith, wo ſchon einige Sterne funkelten, noch im Abend durchſichtig hell geblieben, im letzten Widerſchein der untergegangenen Sonne, die den ſchoͤnen Herbſtabenden einen ſo ſchwermu⸗ thigen Zauber verleiht. Auf dieſem blaßpurpurnen Hinter⸗ Von kleinem, em Wuchſe, trug ſie eine Art meln, aus grobem Stoffe von braunen Streifen, in der Taille Guͤrtel von wie Seide feinen den Bruydre mit bewundernswerther Ge⸗ grunde zeichnete ſich Bruyere's Geſtalt ab. aber vollkommen regelmaͤßig Kittel mit halblangen Aer weißer Wolle mit breiten durch einen ſchmiegſamen Binſen gehalten ſchicklichkeit geflochten hatte. Durch ſeine Weite und die Staͤrke des Gewebes drappirte ſich dieſes von den Schul⸗ tern bis auf die halben Beine herabhaͤngende Gewand in Falten von anmuthiger Einfachheit. Seine geringe Länge verurſachte, daß es vom Kothe der Moräſte nie beſchmutzt wurde, und die weiten, nur bis an den Ellbogen ge⸗ henden Aermel ließen die runden und ziemlich verbrannten Arme des jungen Maͤdchens blos. An ihren Kinderfuͤßchen hatte ſie kleine im Feuer geſchwärzte Schuhe aus Birken⸗ holz. Das Waſſer eines hellen Baches, in welchem eben Bruydre eine Abſpuͤlung fur den Abend vorgenommen, hatte ihnen einen Glanz wie Ebenholz verliehen. Durch Armuth genothigt barfuß zu gehen, hatte ſich Bruyere mit der induſtrieuſen Geſchicklichkeit der Wilden auch von Binſen eine Art Stiefelchen bereitet, die unterm Knie angingen und bis auf den Knoͤchel reichten, wo der Holzſchuh begann. Nichts Huͤbſcheres, nichts Netteres als dieſes ſchmiegſame und glänzende Gewebe, das ſich eng an die rundlichen Umriſſe eines allerliebſten Beines anſchloß und es ſo vor der Röthe und vor dem Aufreißen ſchuͤtzte, die faſt ſtets aus der Beruͤhrung des Schlammes entſtehen. Durch eine ſonderbare Gewohnheit trug das junge Madchen trotz des Froſtes, Regens oder der Hundstagsgluth nie etwas auf dem bloßen Kopfe. Nur manchmal ſteckte ſie, wenn die Haide bluhte, einige dieſer ſchmiegſamen Aeſtchen ins Haar, ohnſtreitig zu Ehren des Namens, mit dem man ſie belegte, als man ſie ganz klein und verlaſſen, mitten in 7 einem Buſche roſiger Haide verlaſſen fand. Seitdem blieb ihre Herkunft auch mit dem gleichen geheimnißvollen Schleier umhuͤllt. Ihre kaſtanienbraunen, ungemein vollen, natuͤr⸗ lich gelockten und in Straͤhne getheilten Haare hatten eine ſo harmoniſche eigenthuͤmliche Färbung, daß ſie in dem leichten Schatten, den die Starke derſelben uͤber ihre Stirn ergoß, auf der eben noch einige Blaͤtter der roſigen Haide zitterten, verſchmolz. Feine Augenbraunen, gleich den außerordentlich langen und uͤberbogenen Wimpern braun, wölbten ſich uͤber Bruyeres Augen. Dieſe ſehr großen Augen hatten eine bizarre Farbe: meergruͤn. Je nach den Eindrucken des Augenblicks wurden ſie bald hell, und glänz⸗ ten bald dunkelgruͤn und feucht, wie des Meeres, trotz ihrer Tiefe immer durchſichtige Wellen. Dieſe ſonderbare und wechſelnde Farbe verlieh dem Blicke Bruyere's etwas Außer⸗ gewöhnliches, da dieſer Blick überdies ſchon beſonders nach⸗ denkend und oft auch eben ſo ſehr beweglich als ſtrahlend war. Dieſe Zuͤge zeichneten ſich auch noch durch ihre koſt⸗ bare Vollendung aus, denn es herrſchte eine wundervolle Harmonie in dem Ganzen dieſes reizenden, niedlichen Ge⸗ ſchoͤpfs. Ihre ſeltne Schoͤnheit, durch eine originelle Tracht etwas fremdartig, ihre wilde Anmuth, ihre unglaubliche Geſchicklichkeit in tauſend kleinen von ihr erfundenen Ar⸗ beiten, ihr zum Staunen lebhaft und auf verſchiedene Art durchbrechender Verſtand, der uͤberraſchende und zaͤrtliche Gehorſam der Thiere, welche ſie huͤtete, die Art von Divi⸗ nation oder vielmehr faſt unfehlbare Vorausſicht, mit der ſie uͤber laͤndliche Angelegenheiten begabt zu ſein ſchien, alle dieſe ſchuldloſen Außerordentlichkeiten ließen Bruyere in den Augen der naiven Bewohner dieſer einſamen Gegend fuͤr ein be⸗ hertes Weſen anſehen, das heißt, fuͤr ein Weſen, das un⸗ ter dem Einfluſſe eines Looſes oder Zaubers ſteht, das ſchon bei ihrer Geburt uͤber ſie geworfen worden. Ganz gegen die gewohnliche Art gemeinen Aberglaubens jedoch floßte Bruytre, ſtatt Furcht oder Entfernung zu veranlaſſen, Gefuͤhle des innigſten Dankes oder der aufrichtigſten Theil⸗ nahme ein, denn der etwas uͤbernatuͤrliche Einfluß, den man ihr zugeſtand, zeigte ſich nur durch geleiſtete Dienſte. Die arme kleine Truthuͤhnerhirtin fand in ihrer niedrigen Lage dennoch Mittel, Vielen dienſtlich und zuvorkommend fur Alle zu ſein. Bei ihrem Eintritt in den Hof der Meierei war Brupere nicht gefolgt, noch vorausgeeilt, ſondern gaͤnzlich umgeben von ihrer zahlreichen Heerde mit ſchwarzem, glaͤn⸗ zendem Gefieder und ſcharlachrothem Kopfe. Zwei unge⸗ heure kalekutſche Hähne, Felche ſtolz Kamm und Unter⸗ lappen von glaͤnzendem Purpur, mit hellem Azurblau verſetzt, trugen, blieſen ſich in furchtbarem Stolze auf und ſchlugen ein Rad, indem ſie ihre Federn ſteiften und den Schweif verlaͤngerten, ſo daß ein koſtbarer Fächer von Ebenholz mit Dunkelgruͤn gemiſcht ſich zeigte. Beide verließen keine Mi⸗ nute, der eine rechts, der andere links, Bruyèren. Bald ſahen ſie ſie mit ihren rothen, kuhnen Augen an, bald 9 gluckſten ſie mit ſo triumphirender, ſo herausfordernder und kecker Stimme, daß ſie Thiere und Menſchen zu bedrohen ſchienen, ſich ohne ihre Erlaubniß nicht ihrer Gebieterin zu nahen. Beim Anblicke dieſer beiden ungeheuern Voͤgel von 3 Fuß Höhe und 5 Fuß im umfange, mit kräftigem Flü⸗ gelſchlage, ſcharfem Schnabel und ſpitzen Sporen, begriff man leicht, wie Herr Beaucadet trotz ſeiner Tapferkeit doch etwas in Verlegenheit gerathen ſein konnte, ſich mit der Saͤbelſcheide gegen ſo rohe Angreifende zu vertheidigen. Auf ein Zeichen von Bruyere hielt dieſes ganze Ge⸗ flugel, voll Freude gluckſend, vor der Thuͤre zu dem Huͤh⸗ nerſtalle ſtill, deſſen enges Pfoͤrtchen nun das junge Mäd⸗ chen oͤffnete, um ihre Heerde zaͤhlen zu koͤnnen. So ging denn eins nach dem andern voruͤber nach Rang und Wuchs, die juͤngſten zuerſt, Alles jedoch ohne ſich zu draͤngen, mit bewundernswuͤrdiger Disziplin, waͤhrend die beiden großen kalekutſchen Haͤhne, die vermoͤge Alters und Ergebenheit einige beſondere Privilegien genoſſen, ihre Gefaͤhrten ma⸗ jeſtaͤtiſch vor ſich vorbeidefiliren ließen, indem ſie ſogar durch einige unparteiiſch vertheilte Schnabelhiebe die Lang⸗ ſamkeit der Ruͤckbleibenden oder ſeitwaͤrts Schweifenden an⸗ feuerten. Als nun mit Ausnahme dieſer beiden wichtigen Perſonnagen die Heerde ihr Lager erreicht, oͤffnete Bruyere die Thuͤre des Stalles. Obgleich in dieſem Augenblicke das Geſicht des jungen Mädchens eine tiefe Schwermuth zeigte, ſo umſpielte doch ein ſanftes Lächeln der Zufriedenheit deſſen — Lippen beim Anblicke der wirklich bewundernswerthen Ord⸗ nung, die in dieſem Schuppen herrſchte. Das gefiederte Volkchen war ſchon ſymmetriſch darin nach Maaßgabe des Wuchſes untergebracht. Die Kleinſten aus der Heerde, die zuerſt eingetreten, hatten ſich nach der ihnen von Bruyere beigebrachten Gewohnheit, auf die oberſte der drei einfachen hoͤlzernen Stangen geſetzt, die eine uber die andre zuruͤcktte⸗ tend angebracht waren. Der Beobachtungsinſtinkt und die Intelligenz des jungen Mädchens hatte, die unbegreif⸗ liche Gelehrigkeit mit der älle Thiere begabt find, errathend, in ihrer niedern Sphaͤre durch Geduld und Sanftmuth dieſe Wunder bewirkt. Noch ganz klein hatte Bruyere in einem fruͤhen Ge⸗ fuhle von Schamhaftigkeit und Selbſtachtung, eines der hervorſtechendſten Zuge ihres Charakters, einen unbeſieg⸗ baren Widerwillen empfunden, die gemeinſame Streu zu theilen, wo in dieſer Meierei, wie in allen andern, Maͤgde und Knechte im Hintergrunde irgend eines Stalles ohne Unterſchied von Alter und Geſchlecht untereinander ſchliefen. Bruydre hatte vom Pachter die Erlaubniß erhalten ſich uber dem Huͤhnerſtalle, im Zimmerwerke, gleichſam wie ein Schwalbenneſt einen kleinen Schlupfwinkel vorzubehalten, zu dem ſie mit der Gewandtheit einer Katze auf den Stie⸗ gen, wo die Huͤhner ſaßen, kletterte. Das Kind fand we⸗ nigſtens in dieſer Art von Neſte, austapezirt mit Moos und getrocknetem Farnkraut mit wohlduftenden Kraͤutern untermiſcht, ein geſundes Lager und die fuͤr ihr Alter und Geſchlecht ſich eignende Abſonderung. Nicht lange, ſo be⸗ ſaß ſie auch in ihrer Heerde wachſame Waͤchter, denn das komiſche Abenteuer Beaucadets war nicht das einzige in die⸗ ſer Art geweſen. Im Jahre vorher als ein Pachtknecht in der Keckheit ſeiner rohen Liebe waͤhrend der Nacht in den Schlupfwinkel Bruperen's hatte dringen wollen, hatte das gefiederte Völkchen ein ſolches Gluckſen verfuͤhrt und ſich von allen Winkeln der Heerde her, mit ſolcher Wuth auf den verwegenen Liebhaber geſturzt, daß dieſer vom Lar⸗ men betaͤubt und durch die unerwarteten Angriffe erſchreckt ſich eiligſt auf die Flucht begeben. Nachdem Bruyere ihr allabendliches Geſchaͤft vollendet hatte, verſchloß ſie die Thuͤr des Huͤhnerſtalles, legte ſorg⸗ ſam in eine Ecke deſſelben ein kleines mit friſchen Blaͤt⸗ tern bedecktes Päcktchen, das ſie in der Hand gehalten und verließ den Hof der Meierei, um den Perſonen, die ſie um Rath zu fragen gekommen waren, Audienz zu ertheilen. Dieſe erwarteten ſie außerhalb des Gehoftes auf einem umge⸗ fallnen Baumſtamme ſitzend, ohnweit des ungeheuern Wach⸗ holderbaums, welcher der Pachtung ihren Namen gab. Man wundre ſich nicht, die niedrige Truthuͤhnerhirtin in der nachſtehenden Unterhaltung eine Sprache reden zu hören, die eine gewiſſe Erziehung, eine ſelten vorkommende Erhebung des Geiſtes und nicht allein ſehr mannigfache, ſon⸗ dern auch auf laͤndliche Gegenſtände vortrefflich angewendete Kenntniſſe zeigt. Der durchdringendſte Verſtand, die gluͤck⸗ lichſten Anlagen wurden nie ein Kind ihres Alters mit die⸗ ſem praktiſchen Wiſſen ausgeſtattet haben, welches blos eine lange Gewoͤhnung an laͤndliche Arbeiten und unermuͤdliches Studium der Geſetze und Erſcheinungen der Natur gewaͤh⸗ ren koͤnnen, denn die verſtaͤndige Beobachtung des Vergan⸗ genen dient faſt unfehlbar dazu, die Zukunft vorauszu⸗ ſehen. Ohnſtreitig hatte ſich Bruyore mit ſeltenem Gluͤcke die Lehren und Fruͤchte einer andern Erfahrung als der ſelbſt angeeignet. So erklaͤrt ſich das, was in dem Wiſſen Bruyirrs, in der Sicherheit ihrer Vorausſagungen, in der naiven Weis⸗ heit ihres Raths Außerordentliches lag. Einfache und un⸗ wiſſende Leute, deren Orakel Bruyere geworden war, muß⸗ ten alſo in ihr ein einigermaßen uͤbernatuͤrliches, oder wie ſie es nannten, behextes Geſchoͤpf erblicken. Die neuen Kunden des jungen Maͤdchens beſtanden aus zwei Maͤnnern, von denen der Eine in reiferm Alter, der Andre ein Greis mit weißen Haaren, und aus einer noch jun⸗ gen Frau, die ein Kind von 5 bis 6 Jahren auf ihren Knieen hielt, ſaͤmmtlich uͤbrigens aͤrmlich gekleidet. „Was will Sie denn von mir, meine liebe Frau?“ fragte Bruyere mit theilnehmender, ſanfter Stimme die Frau, die das Kind auf den Knieen hatte. Auf dieſe Frage entfernten ſich die beiden⸗ MWaͤnner einige Schritte weit, aus löblichem Gefuhle der Pr heit, von ihrer Gefaͤhrtin. „Ach Du mein Gott, liebes Kind!“ antwortete die — Frau traurig: „ich bin aus Saint⸗Rubin. Man ſagt im Thale, daß Sie Worte gegen Krankheiten wiſſe und da wollte ich Sie bitten, gegen die Krankheit meines armen Kindes hier zu ſprechen.“ Damit zeigte ſie auf ihr mit Lumpen bedecktes Kind. Es war bleich und furchtbar hager. Seine geſchwollnen Augen druͤckte unbeſiegbare Schlafſucht. Bruyere ſchuͤttelte traurig das Haupt. „Man hat Sie getauſcht, liebe Frau. . . ich weiß keine Worte gegen Kinderkrankheiten.“ „Man ſagt aber doch im Thale, daß Sie verwichnen Fruͤhling gegen die Krankheit einer ganzen Schaͤferei von Lämmern geſprochen, und faſt Alles davon gekommen iſt. Thue Sie doch fuͤr dus kleine kranke Kind, das was Sie fuͤr die Lämmer gethan hat, liebes Maͤdchen,“ ſagte ganz naiv die arme Frau mit flehendem Tone. „Ich will Ihr ſagen, wie es zugegangen iſt. Dieſer Kleine hier iſt, ſieht Sie, immer ſchwaͤchlicher geweſen als meine beiden Aelteſten .. . aber er hat ſich doch ſo hingeſchleppt. . . . Der Winter war, wie Sie weiß, ſehr hart. Im Herbſte hatte mein armer Mann die Fieber bekommen, als er Stoͤcke aus einem uberſchwemmten Boden gerodet. Dieſe Fieber haben ihm Arme und Beine gelähmt. Er arbeitet auf Tagelohn. Nun da ging's wie es gehen konnte. Aber unſer Brotkorb blieb gar ſehr oft leer. Ohne einige Handkorbe ausgekeimter Erdaͤpfel, die ein guter Nachbar uns gab, waͤren wir völlig Hungers ge⸗ ſtorben, und dann hat auch noch das letzte große Ungewitter — 44 — im Februar faſt das ganze Stroh von unſerm Dache mit weggenommen, ſo daß es faſt an nichts mehr zuſammen⸗ hing. Mein armer Mann ging in den Wald nach dieſer Seite des Thales zu, und ſchnitt Ginſter ab, um es wenig⸗ ſtens ein wenig wieder zu bedecken und Weidenabfall *), um uns zu waͤrmen, aber die Feldwaͤchter des Herrn Grafen verboten ihm, etwas mit zu nehmen. Ach Gott, dann hat es in unſter Stube eben ſo ſehr geregnet wie draußen, und beſonders bei Nacht, da war es ſo kalt .. kalt wie Eis. Seit der Zeit iſt mein armer Kleiner blaß geworden, und hat gehuſtet und gezittert. . . und dann am Ende iſt er verfallen, wie Sie ſieht . . .“ ſetzte das arme Weib mit Thraͤnen hinzu. . . . „Ach meine Gute, Liebe .. meine ganze Hoffnung ſteht nür noch auf Ihr Sie zann wenn Sie will. . . . Sie braucht ja nur .. ein paar Worte zu ſprechen. Befreie Sie es doch von ſei⸗ nem Leiden, ſei Sie ſo gut, wie Sie ſo vielen Läm⸗ mern geholfen hat.“ Mehre Male ſchon war Bruykre bei dieſer naiven und traurigen Conſultation im Begriff geweſen, die arme Frau zu unterbrechen, hatte aber nicht Muth genug dazu gehabt. Nachdem ſie nun das Kind genau betrachtet und ſeine bei⸗ ²) Der abgeſtorbene Theil der Weidenblätter, welche jähr⸗ lich abfallen und eine Art ſchlechter Streu bilden, die man auch im Nothfalle zur Heizung brauchen kann. den kleinen, blauen und kalten Haͤnde in die ihre genom⸗ men, ſagte ſie ſeufzend zu der Mutter: „Ja ſieht Sie, den Lämmern fehlte es weder an der Milch ihrer Mutter, ſie zu ernähren, noch an Wolle, um ſie warm zu halten, ihr einziges Uebel war das, Tag und Nacht in einem niedrigen Stalle ohne Luft und voll Duͤn⸗ ger eingeſperrt zu ſein. Da drin erſtickten die Laͤmmer und viele ſtarben *). Da ſagte ich zu dem Pachter: Fuͤr Eure Fruͤhlingslaͤmmer freie Luft, Gruͤne und Sonne; Nachts offnen und friſchen Stall. Die Lämmer muͤſſen reine Luft einathmen und unter dem Schirme ihrer Muͤt⸗ ter werden ſie nie frieren. Die kleinen Boͤckchen in den Waldern wachſen groß und werden ſtark ohne einen andern Schutz als die Bruſt ihrer Mutter und das Eichengebuͤſch wo ſie gewobfen worden ſind. Aber die Kleinen des Armen,“ ſetzte Bruydre mit Thranen in den Augen hinzu, „ſind mehr zu beklagen als die Kleinen der Schafe im Stalle oder des Rehs im Walde: ihre Mutter kann ſie nicht mit ihrem er⸗ frornen Buſen wärmen, und wenn ihre Milch eintrocknet, finden ſie ihre Nahrung nicht auf den Wieſen oder im Walde. Ihr Kind, liebe arme Mutter, hat Kaͤlte und *) In mehren Pachthoͤfen werden die Schafe und andres Vieh aus unſeligem Vorurtheile und um die Duͤngermaſſe zu ver⸗ mehren, Tag und Nacht in ungeſunden Ställen auf's Strengſte eingeſperrt gehalten, wo es gaͤnzlich an athmenbarer Luft fehlt. Daher häufige Krankheiten der Organe des Athemholens, und oft Erſtickungstod mit allen ihn begleitenden Symptomen. Hunger erlitten . . . das iſt ſeine Krankheit, und gegen dieſe, ach! habe ich keine Worte.“ „So muß es denn ſterben, weil Sie keine Worte ge⸗ gen ſeine Krankheit hat?“ ſagte die Mutter ſchluchzend. „Hat den Kleinen ein Arzt geſehen?“ „Es kommt nie einer zu uns . . es iſt zu weit, und dann koͤnnten wir ihn ja nie bezahlen . . nicht ein⸗ mal die Arzneien! Ungluckliche Leute wie wir, können keine Aerzte haben.“ Bruyeère betrachtet das Kind mit ſtiller Ruͤhrung. Ihr Herz blutet bei dem Gedanken, dieſe arme Mutter ohne ein Wort der Hoffnung fortzuſchicken. „Und doch beduͤrfte es vielleicht nur ſehr wenig, um das armſelige, kleine Geſchoͤpf zu retten!“ begann Bruyere wieder mit nachdenkender Miene: .. „ein recht warmes Kleid .. ein recht trocknes Bett . . . und jeden Tag reine, laue Milch.“ „Guten Abend, kleine Bruydre,“ rief plotzlich eine ſtarke frohliche Stimme. Das junge Maͤdchen ſah wieder empor und einen gro⸗ ßen, magern und ſchwarzbraunen Mann mit einem breiten, runden, Sologniſchen Hute, weißer Blouſe und weißen Ga⸗ maſchen, mit ausgeſtreckten Haͤnden und freudeſtrahlendem Geſichte auf ſich zukommen. i „Behuͤte Dich Gott,“ ſetzte er hinzu „als er Bruyere naͤher war, und das recht lange fur alle brave Leute, denn nach meinen Gedanken bis Du ſo ein klein wenig verwandt mit dem guten Gotte. —— Wenn Du nur willſt, ſo haͤlt kein Ungluͤck Stich.“ „Was giebt's Neues, Herr Chouart?“ fragte Bruyeère. „Was es Neues giebt? Dieſen Abend iſt nun meine Ernte eingefahren, mein Weizen gedroſchen. Ich rechnete ſo auf ein hundert Scheffel Korn, das war ſchon etwas werth, aber ich habe deren 122 bekommen . Da iſt Deine Hexerei und . Bruyore, die eine Zeitlang nachdenkend geſtanden, un⸗ terbrach hier ſchnell den Mann im großen Hute. „So ſind Sie mit Ihrer Ernte alſo zufrieden, Herr Chouart?“ „Ob ich's bin? Bei jeder Metze mehr die maaß, ſagte ich ganz leis: „Schoͤnen Dank, kleine Bruyere .. ſchoͤnen Dank, kleine Bruyndre. . . als ob ich zum lieben Gott gebeten haͤtte . eben ſo. Bruydre unterbrach ihn wieder. „Da Sie zufrieden ſind, Herr Chouart, ſo muͤſſen Sie mich auch zufrieden machen.“ „Deßhalb komme ich ja eben her, und da man ſagt⸗ Du wolleſt nie Geld annehmen fuͤr Deine Worte ſo Neue Unterbrechung Seiten Bruydres, die nun dem⸗ Mann im großen Hute die arme Frau zeigte, deren flehen⸗ der Blick dem jungen Maͤdchen zu ſagen ſchien: — „Du, die Alles kann . rette doch mein Kind!“ „Das iſt eine brave Frau aus dem Thale ihr kleines Kind iſt ſehr krank: . es könnte ſicherlich gerettet Martin. II. 2 — werden, wenn es ein kleines warmes Bettchen, ein gutes Fleidchen, und ein oder zwei Monate jeden Tag ein wenig Milch haͤtte. . .. Nun denn! ſo bitte ich Sie, Herr Chou⸗ art, geben Sie der armen Mutter einen Arm voll Wolle. von Ihrer letzten Schafſchur, in einem halben Leinwand⸗ ſacke, das giebt dann eine Matratze. Ihre Haushaͤlterin wird wohl auch noch in irgend einem Schranke eine bar— chentne Jupe finden, woraus man zwei fuͤr das Kind ma⸗ chen kann, da haben wir das Kleidchen . . . Alle Tage ſetzen Sie einen Topf mit Milch bei Seite fuͤr den armen Kleinen . . . ſeine Mutter wird ihn bei Ihnen abholen .. . Thun Sie das, lieber Herr Chouart . .„ ſetzte Bruyore mit ſanfter, an's Herz gehender Stimme hinzu . . . „thun Sie das . . und ich bin dann Ihre Schuldnerin.“ 3 „Ja, ja . . gut! . . das will ich fuͤr dieſe brave Frau thun,“ rief der Mann mit dem großen Hute .. . „und das vom Herzen gern, aber fuͤr Dich, kleine Bruytre, aber fuͤr Dich?“ „Eines Tags will ich Ihnen ſchon ſagen, was ich wuͤnſche fuͤr eine andre arme Frau,“ ſagte Bruyère mit ſchwermuͤthigem Laͤcheln. „Haha, ich verſtehe,“ erwiderte Herr Chouart mit feiner Miene, „Du . . das heißt ſo viel als die Andern. . Ja, ja, man hat ganz Recht, kleine Bruysre, Du biſt behept!“ „Oh! mein liebes Kind!“ rief die Mutter, ergriff Bruyeres Haͤnde und kuͤßte ſie wiederholt voll Dankbar⸗ — — — keit. „Wie wohl thut man zu Ihr zu gehen! Mein Kind iſt halb gerettet. . . . Aber,“ ſetzte ſie furchtſam und zoͤgernd hinzu: „das iſt noch nicht Alles; wenn Sie nur noch ein paar Worte gegen ſeine Krankheit ſagen wollte, wuͤrde mein armes Kind ganz gerettet ſein.“ Bruyere glaubte ſehr verſtaͤndig, daß ihr Rath an An⸗ ſehen gewinnen und noch genauer befolgt werden wuͤrde, wenn ſich zu ihm irgend eine geheimnißvolle Eigenthuͤmlich⸗ keit geſellte; ſo loſete ſie denn langſam, indem ſie uͤber die Bitte der Mutter nachzudenken ſchien, einen der Zweige von Haidekraut aus ihren braunen Haaren, brachte ihn an ihre roſigen Lippen, die myſteriöſe Worte zu murmeln ſchienen, und ſteckte dann mit feierlicher Miene, die mit ihrem kleinen Wuchſe und kindlichem Geſichte contraſtirte, dieſes grüne und rothe Aeſtchen der armen Frau mit den Worten zu: „Nehmt dieſen Haidezweig.“ „Schoͤnen Dank, mein liebes Tochterchen,“ ſagte die arme Frau und nahm ihn mit einer Art ehrfurchtsvoller Vorſicht. „Sobald Ihr die Matratze bekommt, welche Herr Chouart Euch fuͤr Euer Kind geben wird,“ fuhr das junge Mädchen fort, „ſo ſchneidet dieſen Zweig in 7 Stuͤcke .. nicht mehr, nicht weniger. . . daran iſt viel gelegen.“ „In 7 Stuͤcke?“ wiederholte die Frau und hörte dem jungen Madchen mit tiefer Andacht zu. „Aber Ihr muͤßt, bis Ihr es thut, den Untergang der 2 Sonne abwarten,“ ſetzte Bruyore hinzu und legte ihren Zei⸗ gefinger an ihre Lippen, um dadurch dieſer Empfehlung noch mehr Gewicht zu geben. „O, gewiß, gewiß, ich werde bis Sonnenuntergang warten,“ verſetzte die Mutter. „Dann,“ fuhr die Magierin fort, „legt Ihr die ſieben Stuͤcken in die Wolle der Matratze und naͤht dieſe wie⸗ der zu.“ „Und wohin ſoll ich ſie denn in der Matratze legen, liebes Kind?“ „Drei Stuͤckchen an das Eine und vier an das andre Ende.“ „Drei Stuͤckchen an das Eine und vier an das Andre,“ wiederholte die Mutter noch immer mit derſelben ehrfurchts⸗ vollen Sammlung. „Nur daß Ihr etwas mehr Wolle auf die Seite brin⸗ gen muͤßt, wo die vier Stuͤcken liegen, und auf dieſe Seite muß auch der Kopf Eures Kindes gelegt werden.“ „Ich werde es nicht vergeſſen, liebes Töchterchen.“ „Aber gebt wohl Acht,“ ſetzte Bruydre mit ernſter Miene hinzu: „damit die Stuͤckchen des Aſt's ihre Wir⸗ kung behalten, muͤßt Ihr alle vierzehn Tage die Matratze auftrennen, und die Leinwand bei Sonnenaufgang waſchen.“ „Gut, mein Kind.“ „Und dann muß die Leinwand ſieben Stunden lang in freier Luft liegen.“ „Alle vierzehn Tage ſieben Stunden. ja, mein liebes Töchterchen, das ſoll gewiß geſchehen.“ „Und nach einem Monate kommt Ihr wieder zu mir,“ ſetzte majeſtatiſch Bruyère hinzu. „O, ich werde kommen . . . werde kommen . . . um Ihr zu ſagen, daß mein Kind gerettet iſt,“ antwortete die Frau und druͤckte ihren Knaben mit dem Entzuͤcken der Hoffnung an die Bruſt. Dieſe halbcabbaliſtiſche Unterredung ſchien Herrn Chouart mit einer tiefen Ehrfurcht zu durchdringen, zu der ſich eine unſchuldige Eiferſucht geſellte, denn die vortrefflichen An⸗ weiſungen, die er von Bruyere erhalten hatte, waren von dieſen magiſchen Formeln begleitet geweſen. Ohnſtreitig wollte er der kleinen Zaubrerin ſein Bedauern daruͤber aus⸗ druͤcken, als die beiden andern Kunden, der Greis und der Mann in reifern Jahren, ſich nun ihrerſeits näͤherten. Bweites Rapitel. Der gute Rath. Der aͤlteſte der beiden neuen Kunden Bruyeres ſchien kraurig zu ſein. Auch ſein Sohn, der ihn begleitete, ein Mann von etwa 40 Jahren, zeigte ſchwere Sorge. Die arme Frau ließ ſie alle Beide bei Bruyeren, von der ſie, ſo wie Herr Chouart, der gluͤckliche Pachter und Beſitzer einer ſo reichen Ernte, die er den guten Lehren Bruyeres verdankte, ſich einige Schritte entfernte. „Was wollen Sie von mir, lieber alter Vater?“ fragte ſie den Greis mit wohlwollender und ſanfter Stimme. „Meine kleine liebe Heilige,“ rief der Greis, und ſuchte durch dieſe Benennung die Art von Ehrfurcht und Vertrauen auszudruͤcken, welche ihm der Ruf Bruyeres einfloßte: „meine liebe kleine Heilige, ich komme Sie zu bit⸗ ten, Worte gegen unſer Ackerland auf der andern Seite des Thals auszuſprechen. Seit bald zehn Jahren, wo ich es von meinem Oheim ererbt habe, wird die Ernte immer — ſchlechter, ſo daß es ein Jammer iſt. Man ſollte glauben, ein Jahr verſchlimmre das andre . die letzten waren ſchon ſehr ſchlecht, aber das vorige und jetzige ſind noch elender. Auf 20 Ackern Weizen . . was ernte ich denn ein? Kaum 20 Scheffel. Heißt das eine Ernte? .. Halbe Aehren und ſo durchſichtig und mager! Hat's doch kaum wieder den Samen zur neuen Ausſaat getragen! — Oh, verwuͤnſcht ſeieſt Du, undankbarer Boden!“ rief der Greis und ſtampfte voll Verzweiflung mit dem Fuße. „Ha, der Vater hat ganz Recht,“ ſagte der Sohn, „Alles geht immer ſchlechter. Verwuͤnſcht ſei der Boden, der gegen den armen Bebauer ſo undankbar iſt! Verwuͤnſcht dieſer boͤsartige, harte Boden!“ Als Bruydre dieſe Verwuͤnſchungen gegen den böſen Willen des Bodens hoͤrte, nahm das reizende Geſichtchen Bruydres plotzlich den Ausdruck der Trauer und Betruͤb⸗ niß an, als ob ſie Jemand, der ihr theuer und heilig, habe ungerecht beleidigen gehoͤrt. Sie wendete ſich alſo an den Greis mit dem Ausdrucke ſanften Vorwurfs und einer Art von Aufregung, die ihrer Schoͤnheit einen eigenthuͤmlichen Charakter der Hoheit verlieh. „Oh! achtet, liebt, ſegnet die Erde des guten Gottes! die freigebige, unermuͤdliche Mutter! Giebt ſie nicht fuͤr ein Koͤrnchen zehn Aehren? fur eine Eichel einen Wald von Eichen? Immer geoͤffnet, iſt ihr Buſen bereit Alles zu be⸗ fruchten, vom Koͤrnchen an, das der Wind ausſaet, vom Kerne der Frucht an, der aus dem Schnabel des Vogels faͤllt, bis zu dem Samen, den Ihr in Eure Furchen ſtreut. O nein, nein! Nie iſt die Erde undankbar! Wenn ſie auf die Laͤnge hin aͤrmer wird, wenn ſie ſich erſchöpft, die arme Ernaͤhrerin, ſo geſchieht es, weil ſie als verſchwenderiſche Mutter ſtets uͤber ihre Kraͤfte giebt, weil man ſtets ohne Raſt und Ruhe von ihr fordert . . . O Erde! heilige, ſegensreiche Erde! wann wirſt Du Dich nach dem Geheiß des guten Gottes uͤberall und ohne Muͤhe mit Wald, Ern⸗ ten und Blumen bedecken? Wann wirſt Du alle Deine ar⸗ beitſamen Kinder in Ueberfluß und Freude leben ſehen?“ Unmöglich wäre es, die Stellung und Phyſiognomie Bruyeres, mit denen ſie dieſe Worte ſprach, wiederzugeben. Ihre großen meergruͤnen zum Himmel erhobenen Augen glänzten ſo leuchtend wie die Sterne, welche am Zenith zu funkeln begannen. Die ketzte roſige Helle der Daͤmmerung breitete geheimnißvolle Reflexe uͤber das hinreißende Geſicht des jungen Madchens, ſtrahlend von Glauben und Hoff⸗ nung auf die väterliche Guͤte des Schoͤpfers. Die Frau und das Kind, der Greis und ſein Sohn, wie der andre Paͤchter hoͤrten Bruyore ſchweigend zu und etrachteten ſie mit ehrfurchtsvoller Bewunderung. Fuͤr dieſe einfachen und unwiſſenden Leute war dieſe etwas dich⸗ teriſche Sprache, die ſie vernahmen, eine Art magiſcher Be⸗ ſchwoͤrung, welche den Zauber, mit dem das junge Mad⸗ chen umgeben, noch vermehrte. Nachdem dieſe einen Augenblick lang ſich unwillkur⸗ lich ſo hatte hinteißen laſſen, fuͤhlte ſie, daß hier Thatſachen den Worten untergelegt werden muͤſſen und wendete ſich nach einem kurzen Schweigen an den Greis: „Nein, nein, ich ſage es Ihnen, guter Vater, der Boden verweigert ſeine Gaben nie, wenn er nicht zu lange und zu viel ſchon gegeben hat.“ „Zu viel gegeben!“ rief der Greis mit zorniger Bitter⸗ keit. „Zu viel gegeben! Der Elende! Was habe ich denn ſeit zehn Jahren von ihm verlangt? Ein Jahr wie das an⸗ dere ſeine Weizenernte, wenn er freigebig geweſen iſt .. das war aber nur das erſte Mal der Fall aber nach⸗ her. von Jahr zu Jahr, immer geiziger!.. Vielleicht wenn Sie gegen dieſen verwuͤnſchten Boden einige Worte ſpraͤchen, liebe kleine Heilige, aͤnderte ſich das Böſe wieder zum Guten, denn mein ganzes Vertrauen beruht auf Ihnen.“ „Hoͤren Sie, lieber alter Vater!“ begann Bruyere mit Sanfmuth; „weſſen beduͤrfen Sie, um nach einem Tage angeſtrengter Arbeit Ihre erſchöpften Kraͤfte wieder herzu⸗ ſtellen? Nahrung und Ruhe, nicht wahr?“ „Das zum Wenigſten, liebe kleine Heilige.“ „Ja, das zum Wenigſten, und mit Recht aber lieber Vater, dieſer arme Boden, den Sie ſo verwuͤnſchen, haben Sie ihm denn auch nach jeder Ernte Nahrung und Ruhe gegeben, daß heißt Ueberwinterung und Duͤngung?“ „Düngung? etwas Ueberwinterung. . . nein, niemals .. Das fehlte noch,“ rief der Greis, „bei dem Wenigen was der giebt, er Elende!! er giebt doch wenigſtens, und das iſt beſſer als gar Nichts.“ „Ja, guter Vater, Wenig iſt beſſer als Nichts, aber waͤre nicht Viel beſſer als Wenig? ... Und die Erde wuͤrde Ihnen Viel geben, die freigebige Mutter, wenn ſie hinrei⸗ chende Nahrung und Ruhe erhielte . und noch dazu nicht einmal vollſtaͤndige Ruhe, nein, denn der gütige Gott iſt ſo gnaͤdig, daß er gewollt hat, es ſolle fuͤr den Boden Ver⸗ änderung der Cultur eben ſo viel bewirken als Ruhe.“ „Wie das, liebe kleine Heilige?“ fragte der Greis immer verwunderter. „Seit zehn Jahren geben Sie dieſem armen Boden nur ein ganz klein wenig Nahrung und verlangen von ihm Korn und wieder Korn, und immer wieder Korn, nichts als Korn . . . Bedenken Sie nur, guter Vater! am Ende leidet die naͤhrende Kraft deſſelben darunter, erſchopft ſich und kann nichts mehr hervorbringen.“ Der Greis und ſein Sohn ſahen ſich unentſchloſſen und erſtaunt an. Sie waren Ackersleute, welche blindlings den Gebraͤuchen einer unwiſſenden Routine folgten, ſelten und nur wenig duͤngten und keinen Begriff von der ver⸗ ſtändig abwechſelnden und verſchiedenen Bodencultur hatten, welche ſo maͤchtig auf die Production einwirkt. „Statt den Boden zu erſchoͤpfen, indem man ſtets dieſclbe Sache von ihm verlangt,“ fuhr Bruyere fort, „fol⸗ gen Sie meinem Rathe, guter Vater, und Sie werden bald Scheuern und Beutel gefuͤllt ſehen.“ „Ach, liebe kleine Heilige, thun Sie das, Sie, die Alles kann!“ „Nicht wahr, Sie beſitzen 40 Acker Landes? Unter dieſen 40 Ackern giebt es gutes und weniger gutes, ſo wie ſchlechtes ?“ . „Ich habe 8 Acker, die bei dem Wenigen, was ſie her⸗ vorbringen, doch ſo viel geben als die 32 andern,“ ſagte der Greis. „Nun denn! Wenn Sie nun dieſen S die ganze Nah⸗ rung, ſo mager ſie auch ſei, gäben, welche Sie allen 40 geben?“ „O, damit wären ſie geduͤngt . . geduͤngt wie Gar⸗ tenerde.“ „Und dann, lieber Vater, wuͤrden dieſe 8 Acker in Einem Jahre, bei weit geringeren Koſten und Muͤhen vier Mal mehr einbringen, als Ihre vierzig 40 Acker es jetzt thun, beſonders wenn Sie, nachdem Sie in dem einen Jahre Weizen von ihnen gefordert haͤtten, im folgenden Erdaͤpfel verlangten, und das naͤchſte Jahr wieder Roggen . . . dann Klee und nach dem Klee wieder Weizen, indem Sie ſo ſtets von einer Cultur zur andern uͤbergingen . . . denn ſehen Sie, guter Vater .. was den armen naͤhrenden Boden erſchoͤpft. iſt nicht das, immer und unausgeſetzt her⸗ vorzubringen.. er verlangt nichts weiter als zu geben aber was ihn erſchöpft, iſt, immer dieſelbe Sache her⸗ vorzubringen. Sie wenden dann nur Eine ſeiner Faͤhigkei⸗ ten an und er hat deren tauſend. Glauben Sie mir alſo: Ihre Scheune wird bei 8 gut bebauten Ackern voll werden 3 faſt leer bei 40 ſchlecht bebauten.“ un meine andern 32 Acker?“ fragte der Greis nach⸗ denkend. „Auf die weniger ſchlechten ſäen Sie Esparſette. Da⸗ mit werden Sie einiges Vieh ernaͤhren koͤnnen, das Vieh wird Ihnen Duͤnger geben, und ohne Duͤngung kein Korn.“ „Und mein ſchlechteſter Boden?“ „Saͤen Sie Tannen hinein . . . das iſt der Baum unſerer armen Sologne . . . das iſt der Baum des guten Gottes. Sein Holz dient dazu unſre Häuſer zu bauen, ſein Blatt heizt den Backofen, ſeine Zapfen brennen auf dem Heerde, ſein Saft rinnt als Harz. Der ſchlechteſte Boden iſt gut fuͤr ihn, er waͤchſt ohne Sorgfalt und Muͤhe und bringt ſchon mit 6 Jahren Geld ein.“ Dieſe eben ſo einfachen als verſtändigen Rathſchläge, auf das Studium und die Erfahrung der verſchiedenen Eigenthuͤmlichkeiten des Bodens begruͤndet, waren zu klar, zu logiſch und beſonders zu praktiſch, um den Verſtand des Greiſes nicht anzuregen; aber die Gewohnheit, dieſe unſe⸗ lige Schickung in laͤndlichen Beziehungen kaͤmpfte noch hef⸗ tig gegen den guten Inſtinkt des Greiſes, der ihm zurief, ſich dieſen Lehren Bruyeres zu fuͤgen. Dieſe errieth die urſache ſeines Zoͤgerns, rief daher Herrn Chouart hinzu und ſagte zu dieſem: „Herr Chouart, was gab ich Ihnen ver gangnes 2wr fuͤr einen Rath?“ — „Ach, liebes Maͤdchen,“ rief der Pachter, „einen bezau⸗ berten Rath! Das muß ich in Wahrheit ſagen! Ich baute eine Menge Boden mit vielen Koſten und ſchlecht. Da ſagteſt Du mir: bauen Sie wenig und gut. Dieſes Jahr habe ich nun zwei Mal weniger Aufwand und vier Mal mehr Ernte. Aber was das Stärkſte iſt: es fehlte mir an Duͤnger und der Duͤnger iſt, wie Du mir ſagteſt, das Brot der Erde. Alſo, es fehlte mir an Duͤnger und ich konnte mir keinen kaufen, denn ich haͤtte vielleicht 70 Francs fuͤr den Acker gebraucht. Was ſagteſt Du mir da mit Deiner ſuͤßen, lieblichen Stimme? Scen Sie im Auguſt Kratzdiſteln, Herr Chouart, ſie werden im October bluͤhen, ackern Sie ſie unter, Stengel, Bluͤthen und Blätter, Alles, es giebt keinen beſſern und wohlfeilern Duͤnger. Saͤen Sie dann auf dieſen ſo genährten Boden, und Sie werden die ſchönſte Ernte erhalten . Ich habe auf Dich gehört, habe meine bluͤhenden Kratzdiſteln untergraben, was auch faſt nichts gekoſtet hat, habe nachher meine Ausſaat gemacht, und im Fruͤhjahre wuchs mein Weizen voll und gedraͤngt wie eine Wieſe „ich habe eben eingefahren und gedro⸗ ſchen . . . mehr als 10 Scheffel auf den Acker ich ſage Dir, daß das mehr iſt als ſie ſelbſt in Beauce be⸗ kommen!“ „Zehn Scheffel auf den Acker!“ rief der Greis mit einem Gemiſch von Zweifel und Bewunderung. In dieſem Augenbliche gewahrte Bruydre den kleinen Kuhhirten, der aus dem Pachthofe kam und auf ſie zueilte. „Vater Jacques ruft nach Dir . . ruft, daß es ein Jammer iſt,“ ſagte das Kind zu dem jungen Mädchen. „Wir im Stalle koönnen nicht ſchlafen, ſo ſtöhnt er.“ „Eile zu ihm und ſage, daß ich komme,“ antwortete Bruyere, deren Geſicht ſich ſchnell verduͤſterte; dann wen⸗ dete ſie ſich wieder an den Greis: „Guter Vater, Herr Chouart wird Ihnen ſagen was er gethan hat . . Sie werden ſich wohl dabei befinden, und nicht wieder verlangen, daß ich gegen die gute Mutter Erde ſprechen ſoll. Aber ich werde Ihnen einige Worte ſagen, die Ihren erſchoͤpften Boden in fruchtbaren umwandeln koͤnnen: Hier ſind ſie, guter Vater; behalten Sie ſie wohl: Bearbeiten Sie Weniges, aber gut. Neues Jahr, neue Bearbeitung. Oeftre Duͤngung, fruchtbarer Boden. Säen Sie Wieſen an ſäen Sie Wieſen. Ohne Wieſe kein Viehſtand. Ohne Viehſtand kein Duͤnger⸗ Ohne Duͤnger kein Korn. „Ueben Sie dieſe Vorſchriften fleißig aus, guter Va⸗ ter,“ ſetzte Bruyre mit ſanfter und ergreifender Stimme hinzu, „und Sie werden die Erde des guten Gottes nicht mehr verwuͤnſchen, ſondern ſegnen.“ Nachdem ſie dies geſprochen, kuͤßte ſie das kleine in den Armen ſeiner Mutter entſchlummerte Kind auf die — —— Stirn, druckte herzlich mit ihrer kleinen Hand die ſchwie⸗ lige des Herrn Chouart, machte dem Greiſe eine hoͤchſt anmuthige und ehrfurchtsvolle Abſchiebsbewegung, eilte ſchnell in die Meierei zuruͤck und verſchwand leicht und reizend wie eine Fee. ———— Prittes Fapitel. Vater Jacques. Ehe Bruyere in den Stall eintrat, aus deſſen Hinter⸗ grunde Vater Jacques ſie ſtoͤhnend rief, nahm ſie das kleine Koͤrbchen, das ſie vom Felde mitgebracht, da wieder auf, wohin ſie es in dem Augenblicke, wo die Kunden ihr be⸗ gegnet, geſetzt hatte. In dieſem Koͤrbchen befanden ſich köſtliche violettrothe Maulbeeren. Einige Tropfen ihres Saf⸗ tes hatten die friſchen Blaͤtter wilden Weins, mit denen es innerlich belegt war, mit Purpur gefaͤrbt. Bruyere ſchluͤpfte durch einen der zahlreichen brlte 3 Riſſe der Waͤnde in den Stall. Der Mond ging voll und glaͤnzend auf. Einer ſeiner durch das eingeſtuͤrzte Dach dringenden Strahlen erhellte ſchwach die Tiefe dieſes in Truͤmmern zerfallenen Stalles. Hier blieb Bruysre ſtehen, denn von da erſcholl von geit zu Zeit das ſchmerzliche Geſtöhn, das mehre Male während ihres Abendeſſens die Aufmerkſamkeit der Dienſt⸗ leute der Pachtung auf ſich gezogen hatte. Das junge — — Mäbchen richtete traurig ihr Auge auf ein für ſie nicht neues Bild, das ſie aber dennoch ſtets mit neuem Schmerze durchdrang. Eine Streu von Roggenſtroh bedeckte den von Schnee und Regen feuchten Boden, kaum durch einige Buͤndel auf Stangen gelegtes Geniſte geſchuͤtzt, welches hier die Dachung erſetzte, deren durchbrochenes und zerbrockeltes Zim⸗ merwerk gegen den blauen Himmel des Firmaments, an dem der Mond eben glaͤnzte, ſchwarz abſtach. Auf dieſer ſchmutzigen und faulen Streu, ſchmutziger und fauler als die des Viehs im Stalle, bewegte ſich ſchwach eine menſchliche Geſtalt, halb in einige Lumpen einer Decke gehuͤllt. Es war das ſchrecklichſte und herzzerreißendſte Bild, das Alter, Elend und unheilbare Krankheiten darbieten konnten. Man ſtelle ſich einen Greis von 80 Jahren vor, ſo ſeltſam und ſchauderhaft gelähmt, daß man hätte ſagen mögen, eine unbarmherzige Gewalt hätte in dem Augen⸗ blicke, wo er eine Furche mit herabgebeugter Stirn umgrub, ihn durch ſchnelle Erſtarrung lähmend, dieſen Ungluͤcklichen dazu verurtheilen wollen, ſtets mit Leib und Geſicht zur Erde gewendet fortzuleben. Und es war nicht eine jener eben ſo ſeltnen als ſchmerz⸗ lichen Erſcheinungen, wie ſie hie und da die Wiſſenſchaft aufgezeichnet hat. Wer iſt nicht allzuoft auf dem Lande Greiſen, Maͤnnern und Frauen begegnet, die ſich, dem Wort⸗ verſtande nach, zur Haͤlfte umgebogen mittelſt eines Stocks Murtin. I. 3 fortſchleppen, ſo daß ihr vorwaͤrtsgeneigter Koͤrper faſt einen rechten Winkel mit ihren untern Gliedmaßen bildet und in dieſe Stellung geloͤthet zu ſein ſcheint? Nichts Haͤufigeres als dieſe Abweichungen des Wuchſes bei Weſen, die mit ununterbrochner, uͤber ihre Kraͤfte gehender Arbeit belaſtet ſind. Dieſe ſchon an ſich ſchwachen und täͤglich durch ungenuͤgende Nahrung noch mehr geſchwächten Körper, verlieren allen Halt, alle Kraft und behalten ſo nach und nach die Richtung, die Lage, welche fuͤr ſie die gewohnliche iſt. Unaufhoͤrlich nach dem Boden zu gebuckt, roſten ihre Gelenke, ein und ihre ſchwachen, der Kaͤlte und Feuchtigkeit ausgeſetzten Gliedmaßen werden gelaͤhmt, das Alter kommt und eines Tages vermehren dieſe unglcklichen die Zahl der Maͤrtyrer der Arbeit. Gewiß, wenn man in einer Legende laͤſe, daß ein ra⸗ chender Gott, der einen Moͤrder beſtraͤfen wollte, ihn in dem Augenblicke, wo er uͤber ſein Schlachtopfer gebeugt, mit er⸗ hobener Fauſt ſich anſchickte, es zu toͤdten, zu dem Mör⸗ der, um den Menſchen ein furchtbares Beiſpiel aufzuſtellen, geſagt hätte: „Du ſollſt leben, aber Dein verfluchter Leib ſoll in der Lage bleiben, die Du hatteſt, als Du Dein Schlacht⸗ opfer tödteteſt,“ ſo wuͤrde dieſe, obſchon bizarre Legende doch nicht ohne moraliſchen Zweck ſein. Aber wenn man an die grauſamen Parodorieen gewiſſer muͤſſiger und gluͤck⸗ licher Weltmenſchen denkt, die noch dazu durch falſche Prie⸗ ſter und gelehrte Oekonomiſten darin beſtaͤrkt werden, welche — 35 — den unerbittlichſten Egoismus legitimiren, indem ſie predigen, daß der Menſch nach dem Willen Gottes auf dieſer Erde für immer zu Thranen, Elend und Verzweiflung beſtimmt ſei, ſo wuͤrde man ſich nicht wundern, wenn einer dieſer frommen Glaͤubigen an die Schickſalsmacht des Boͤſen, bei Gelegenheit einer ſolchen Legende ausrief: „Proletarier auf dem Lande! Eure verfluchte Race wird immerdar die Stirn zu der duͤrren Erde niedergebeugt tragen, die Ihr mit Eue⸗ rem Schweiße befeuchtet, das iſt Eure Beſtimmung! Unſer Gott verurtheilt Euch durch unſern Mund zur ewigen Ar⸗ beit, Elend und Leiden, und damit es vor Aller Augen um ſo gewiſſer ſei, daß dieſes unſelige Loos das Eure, ſo wer⸗ den eine Menge von Euch durch den goͤttlichen Willen in dem Augenblicke mit Unbeweglichkeit getroffen, wo ſie ihre Beſtimmung erfuͤllend, muͤhſam die Erde graben, fuͤr immer in dieſer Stellung bleiben, um lebende Symbole des un⸗ beugſamen Schickſals Eurer verfluchten und enterbten Race zu ſein.“ Und wenn ſo barbariſche Worte nicht ausgeſprochen werden, ſo gehen doch täglich noch viel barbariſchere Hand⸗ lungen vor. Vereinzelung, Verlaſſenheit, ein elendes Ende, ein oft mit Martern erfuͤllter Todeskampf nach Jahren einer er⸗ druͤckenden Arbeit, das iſt das Loos, das in unſern geſelli⸗ gen Verhaͤltniſſen die Invaliden des Ackerbaus erwartet. Keine ſchirmende Vorſicht, keine Sorge fur dieſe un⸗ eimuͤdlichen Werkzeuge des Grundreichthums des Landes. — — und doch bauen dieſe das Getraide „ und eſſen nie den Waizen! Dieſe ſäen die gruͤnen Weiden an, mäſten die zahlrei⸗ chen Heerden „und eſſen nie Fleiſch. Dieſe laſſen den Weinſtock tragen und trinken nie Wein. Dieſe ſammeln die warme Wolle der Schaafe und klappern vor Froſt unter ſchmutzigen Lumpen. Dieſe hauen das Holz, mit dem das Kamin ſich füllt, von dem das Haus gebaut wird und ſterben ohne Feuer und Obdach. Und fuͤr dieſe unerbittliche Vernachläſſigung, men⸗ ſchenmörderiſche Verachtung, noch ein Gluͤck, wenn ſie wie der gelähmte Greis, den Bruyere beſchuͤtzt, die Streu eines verlaſſen ſtehenden Stalles finden, um dort mitten unter herben Schmerzen zu ſterben. Beim Anblicke Bruytres unterbrach der gelähmte, auf der Streu ſich herumwaͤlzende Greis ſein ſchmerzliches Stöhnen und wendete muͤhſam den Kopf zu dem jungen Maͤdchen. Das Geſicht dieſes Greiſes war blaugelb und ſchauer⸗ haft mager. Nur die Gluth des Fiebers belebte feine hoh⸗ len und halberloſchenen Augen. Auf der Seite liegend be⸗ ruhrten ſeine knochigen Kniee ſeine fleiſchloſe Bruſt. Seit faſt zwei Jahren waren ſeine Glieder gleichſam in dieſe Lage zuſammengeſchweißt geblieben, nur ſeine rechte Hand hatte einige freie Bewegung behalten. Dieſer Greis verdankte dem Mitleide des ſelbſt ſehr armen Pachters dieſen Winkel und das Wenige grober Nahrung, das er mit den Dienſtleuten theilte. Lange Jahre hindurch hatte Vater Jacques, ſo hieß der Greis, in dieſer Pachtung gearbeitet, anfangs beim Ausroden, als aber dieſe ſchwere, mitten in moraſtigen Ebnen vorzunehmende Arbeit bei ihm die erſten Kennzeichen ſeiner ſchrecklichen Krankheit entwickelt, hatte der Pachter, der ſich auf ſei⸗ nen Eifer und ſeine Redlichkeit verlaſſen konnte, ihm ſeine Heerde anvertraut. Die Geſchaͤfte eines Hirten verlangen, obgleich Thaͤtigkeit, doch nicht wie Handarbeit und Aus⸗ rodung eine Anwendung tuͤchtiger Kraͤfte. So behielt Va⸗ ter Jacques die Huͤtung der Heerde bis zu dem Tage wo er gaͤnzlich gelähmt und geradezu in zwei Theile gebogen, kraft⸗ los auf die Streu fiel, von der er nicht wieder aufſtehen konnte. Die Vereinſamung, in welcher man ihn in der Tiefe dieſes Stalles ließ, die Pein ſeiner unheilbaren Schmerzen, das Bewußtſein, nur durch den Tod befreit werden zu können, hatten den Greis in eine tiefe Apathie geſturzt, die ſich beſonders durch eine hartnaͤckige Schweig⸗ ſamkeit auszeichnete. Die einzige beguͤnſtigte Perſon, bei welcher er ſein gaͤnzliches Schweigen brach, war Bruydre. Manche, von der Natur eben ſo eigenthuͤmlich als be⸗ wufndernswurdig begabt, werden als Geometer, Aſtronomen, Maler, Muſiker u. ſ. w. geboren. Durch welche ge⸗ heimnißvolle Erſcheinung erreichen und uͤberſchreiten ſolche be orzugte Organiſationen ſehr oft ohne Muhe und auf den — erſten Anlauf die Grenze gewiſſer Kenntniſſe? Das weiß Niemand aber es iſt eine eben ſo offenbare als uner⸗ klärliche Thatſache. Vater Jacques war eine dieſer bevorzugten Organiſa⸗ tionen. Geborner Ackerbauer, hatte er ſeit langer Zeit ſchon nicht nur die Verbeſſerungen, ſondern auch die Revolutio⸗ nen vorausgefuͤhlt, welche die Wiſſenſchaft, welche das Studium des Acketbaues in deſſen Cultur hervorbringen muͤßten, Studium und Wiſſenſchaft, die unglücklicher⸗ weiſe wegen der erſchreckenden Unwiſſenheit, in welcher man die Landbewohner noch hartnaͤckig verdumpfen läßt, nur noch wenig angewendet werden. Zahlreiche, auf ein Paar Fuß breit Boden erprobte Erfahrungen hatten Vater Jacques von dem vollen Werthe ſeiner Ideen uͤberzeugt. An die Geologie durch die Kenntniß der Wirkung der ver⸗ ſchiedenen Kalkduͤngungen verglichen mit den verſchiedenen Eigenſchaften des Bodens, an die Naturwiſſenſchaft durch merkwuͤrdige Erfahrungen uͤber Geſundheitslehre und Phy⸗ ſielogie des Zuchtviehes, an die Botanik endlich durch eine ſehr verſtaͤndige Claſſifizirung und Aneignung der verſchie⸗ denen vegetabiliſchen Duͤngungen ſtreifend, war Vater Jac⸗ ques ein Schatz von praktiſchen Kenntniſſen . und dieſen Schatz hatte er lange vergraben gehalten und Niemand hptie v Daſein geahnet. Die Urſache dieſer Verheimlichung war weber Egismus⸗ noch jene Art herber Eiferſucht die manchmal Gelehrte dahin bringt, ihre Entdeckungen mit eben ſo vieler Sorgfalt zu verbergen, wie der Geizige ſein Gold. Nein, eine tiefgewurzelte, unheilbare Sorgloſigkeie allein hatte Vater Jacques gehindert, ſein Wiſſen zu zeigen und anzuwenden. Welches Intereſſe, welche Zuneigung konnte ihn denn auch uͤbrigens dazu veranlaſſen und ermu⸗ thigen? Ob die Felder ſeines Herrn viel oder wenig oder nichts trugen, was verſchlug es ihm? Sein unzureichender Lohn und ſeine harte Arbeit*) blieben dieſelben. In ſeiner naiven Unkenntniß ſelbſt, konnte der alte Arbeitsmann nicht durch die Eitelkeit, fuͤr einen Neuerer zu gelten, angetrieben werden, da er aber bei alledem ein wackerer Mann war, und die unheilbringenden Nachbetungen der Routine ihn emporten, ſo wagte er es mehre Male, einigen Rath zu geben, der ſowohl theoretiſch als praktiſch betrachtet, wahr⸗ haft bewundernswerth. Man wandte ihm jedoch den Ruͤcken und behandelte ihn als einen Thoren. Das war ²) Man ſollte nicht glauben, wie viele wichtige Entdeckungen und vortreffliche Verbeſſerungen in der Art zu fabriziren oder zu produziren, auf dieſe Art aus Mangel an Anweiſung, Intereſſe oder Gelegenheit verloren gegangen ſind. Wir haben in einem andern Werke (dem ewigen Juden) von den unglaublich ſcheinen⸗ den Reſultaten geſprochen, die einer unſerer beſten Freunde, Herr Camille Pleyel erlangte, der zuerſt die Arbeiter ſeiner Fabriken zur Theilnahme an den vortheilhaften Ergebniſſen, wie zu einer Theilnahme in ſeinen Arbeiten zuließ. Neue und ausgezeichnete Einrichtungen haben ſich ihm daraus ergeben. genug fuͤr ihn. Von da an begnugte er ſich als Ackerbauer, nicht mehr, noch weniger vernuͤnftig die Sache anzufangen wie ſeine Mitgenoſſen, bis endlich der Tag kam, wo er an allen Gliedern gelaͤhmt, auf die Streu ſank, von der er nicht wieder aufſtehen ſollte. Von dieſem Augenblicke an ſchien er ein ganzliches Schweigen behaupten zu wollen. Doch nach einigen Monaten dieſes traurigen Daſeins, aller Zerſtreuung durch aͤußere Gegenſtaͤnde beraubt, herben Schmerzen preisgegeben und mit ſeinen Gedanken allein, fhlte das Schlachtopfer gleichſam Gewiſſensbiſſe, ſo lange die bewundernswerthe Geſchicklichkeit, die ihm Gott verliehen, unfruchtbar gelaſſen zu haben, da ſie ſo frucht⸗ reich hätte werden koͤnnen. Bruydre war damals 14 Jahre alt. Sie widmete dem Greiſe die zaͤrtlichſte Sorgfalt, und war ihm in mehr als einer Hinſicht theuer. Die Anmuth wie die Intelligenz die⸗ ſes Mädchens waren außerordentlich. Ihr natuͤrlicher Ver⸗ ſtand hatte ſich durch Erziehung ganz eigenthuͤmlich ent⸗ wickelt, eine Erziehung, die der ſeltſamſte Lehrer von der Welt, Béte⸗puante, der Wildſchuͤtz, ihr faſt jeden Tag, mitten in der Einſamkeit der Haiden oder des Waldes gab. Denn nachdem dieſer Menſch ein niedriges und ungekann⸗ tes, aber ganz verſtaͤndiges Leben gegen ein herumſchweifen⸗ des vertauſcht hatte, machte es ihm Vergnugen, das was Edles, Sanftes und Erhabenes in Geiſt und Herzen des jungen Mädchens lag, mit Liebe auszubilden. Vater Jacques, immer mehr von den ſeltnen Eigen⸗ ſchaften Bruytres betroffen, entſchloß ſich, ſich ihrer zu be⸗ dienen, um den Schatz von Kenntniſſen, die er geſammelt hatte, und welche ſo lange vergraben zu haben er ſich vor⸗ warf, zu verbreiten und mitzutheilen. Mit Bruyèren .. und nur mit ihr allein .. ſprach er ſeitdem und ſein Wiſ⸗ ſen in kurze einfache und klare Säͤtze zuſammenfaſſend, unterrichtete er das junge Maͤdchen, deſſen durchdringender Verſtand ſich dieſe vortrefflichen Aufgaben bald aneignete, mit vieler Geduld. Da Vater Jacques ſo zu ſagen die aberglaͤubiſchen Beduͤrfniſſe der Bewohner dieſes einſamen Landes kannte, ſo hatte er ſich von Bruyere feierlich verſprechen laſſen, nie die Quelle ihres Wiſſens zu entdecken, indem ſeine Rath⸗ ſchläge um ſo größeres Gewicht haben mußten, je ſonder⸗ barer und geheimnißvoller ſie ſchienen. Die Art von Zauber, mit dem das junge Maͤdchen durch Schoͤnheit, Anmuth und angeborne Originalitaͤt ſchon umgeben war, ſtand Vater Jacques nach Wunſche darin bei. Den Rath des achtzig⸗ jährigen gelaͤhmten Greiſes haͤtte man verſpottet, in dem Munde Bruytres wurde er mit einer faſt aberglaͤubiſchen Verwunderung aufgenommen und galt fuͤr ein Orakel, wenn man ihn faſt unfehlbar vom gluͤcklichſten Ausgange begleitet ſah. Dies war das Geheimniß von Bruyeres Wiſſenſchaft. Ungluͤcklicherweiſe ſchwächten ſpaterhin Schmerzen und Alter den Geiſt des Greiſes, ſein Gedächtniß ging faſt gänzlich verloren und wenn noch manchmal die Vergangen⸗ — 42 — heit ſeinem Geiſte wieder vorſchwebte, hielt er dieſe ſeltnen und unbeſtimmten Ruͤckerinnerungen für neuere Träume Beſonders ſeit einigen Monaten konnte ihn ſelbſt Bruyt⸗ res Anweſenheit nur mit Muͤhe aus ſeiner duͤſtern Apathie reißen. Zweimal jedoch war Vater Jacques aus ſeiner Dumpf⸗ heit erwacht und hatte mit Andern als mit dem jungen Maͤdchen geſprochen. Das erſte Mal hatte er dringend verlangt, mit dem Grafen Duriveau, dem Eigenthuͤmer des Pachthofs zu ſpre⸗ chen, als der Graf aber dieſe Bitte mit höhniſcher Verach⸗ tung aufgenommen, blos geantwortet: „Er hat Unrecht! er hat Unrecht!“ Dann hatte der arme Gelahmte wieder gebeten, daß man den Wildſchuͤtzen Bete⸗puante zu ihm bringen möchte. Dieſer kam auch. Nach einer langen und geheimen Unterredung mit dem alten Schäfer, einer Unterredung, in welcher der Name Martin oft vorkam, ging der Wildſchuͤtz bleich und ver⸗ ſtört aus dem Stalle fort. Und der Vater Jacques verfiel wieder in ſein hart⸗ naͤckiges Schweigen. Vergebens ſuchte der Wildſchuͤtz, als er am andern Tage wiederkam, dem Vater Jacques einige Worte zu ent⸗ reißen, dieſer blieb ſtumm. Ein andres Mal hatte Vater Jacques, in Folge des Beſuchs eines Unbekannten, der wie ein Bauer ausſah, den — — man aber in der Pachtung nicht wieder erblickte, von Neuem den Wilbſchuͤz holen laſſen und ſich wieder lange mit ihm unterhalten. Einen Monat ohngefaͤhr darauf .. wenigſtens nicht ſehr lange wurde eine der heiden ver⸗ fallenen Stuben, welche der Pachter bewohnte, durch einen Gang von deſſen Wohnung getrennt und durch, wenn auch einfache, doch bequeme Meublen, die man aus Vierzon, als der naͤchſten Stadt herbeigebracht, obwohl nicht bequem, doch wenigſtens bewohnbar eingerichtet. Nach einigen Ta⸗ gen fuhr ein kleiner, mit leinwandnen Vorhaͤngen verſehe⸗ ner Wagen waͤhrend der Nacht in den Pachthof von Grand Genevrier ein. Eine in einen Baͤuerinnenmantel gehuͤllte Frau ſtieg aus demſelben und bewohnte ſeitdem die eben gedachte Stube, eine Stube, die ſie nie verließ und wo ſie ſo völlig einſam lebte, daß, den Pachter, der ſie auf⸗ genommen, und Bruyère, die ſie alle Tage ſah, ausge⸗ nommen, die Leute in der Meierei dieſe Unbekannte kaum bemerkt hatten. Ohnerachtet dieſer Ereigniſſe, welchen Vater Jacques nicht fremd war und die er durch den Wildſchuͤtz erfahren hatte, ſah jener doch dieſe Frau nie, und blieb bei ſeinem gewoͤhnlichen Schweigen, nur daß der Greis ſeit dem Mor⸗ gen des Tages, wo jene Begebenheiten, die wir Eingangs erzählt, vorgefallen, einer außerordentlichen Aufregung preis⸗ gegeben zu ſein ſchien. „Da ſind Eure Maulbeeren, Vater Jacques,“ ſagte Brupere, an ſeine Streu knieend. „Nehmt es nicht ubet, — — wenn ich Euch warten ließ aber arme Leute aus dem Thale waren da, mich um Rath zu fragen ... und ich habe ihnen das geſagt, was Ihr mich gelehrt.. . Sie dankten mir und ſegneten mich,“ ſetzte Bruyère mit geruhrter und durchdrungener Stimme hinzu. „Ach! wie viel koſtet's mich doch, ihnen nicht ſagen zu können: der Vater Jacques iſt's, dem Ihr danken, den Ihr ſegnen muͤßt.“ Man hatte ſagen mögen, der Greis habe das Ge⸗ daͤchtniß, das ihm fur einen Augenblick zuruͤckgekehrt, wie⸗ der verloren, und ſchon vergeſſen, weßhalb er wahrend eines Theils des Tages ſo ungeduldig nach Bruyeren gerufen, da er ſie kaum zu verſtehen und wieder zu erkennen ſchien, und nur einen duͤſtern Blick auf ſie warf. „Ihr habt mich gerufen,“ ſagte Bruyere traurig zu ihm. . . . „Ihr wolltet mit mir ſprechen, Vater Jacques?“ „Der Vater Jacques ſpricht mit Niemand,“ antwor⸗ tete der Greis mit faſt irrer Miene nach einem augenblick⸗ lichen Schweigen; ... „und Niemand ſpricht mit ihm warum ſollte er auch ſprechen? .. Als Sauvageon, der große alte ſchwarze Stier mit fahlem Kopfe vor Anſtren⸗ gung verſchlagen und geſtorben, ſprach er denn da? ſprach man mit ihm?“ 1 Bei dieſen Worten, welche die Geiſtesſchwaͤche des Greiſes nur zu ſehr bewieſen, ſeufzte Bruyere und ſagte dann, um ihn ſeinen finſtern Gedanken zu entreißen: /— waret, Vater Jacques, es gab zu ſeiner Zeit keinen beſſern Denkt doch an das was Ihr ſeid, und was Ihr Urbarmacher als Ihr. Man ſpricht noch von Euerer Kraft bei der Arbeit. Man ſagt in dem Thale, daß Ihr mit der Hacke bis zu einem Viertel Acker in Einem Tage um⸗ gearbeitet habt.“ „Ja,“ ſagte der Greis mit einer Art Stolz, indem er ſeine Erinnerungen zuſammenzufaſſen ſchien, „ja, ich hatte eine Hacke, die zweimal groͤßer und ſchwerer war als die der Andern, und von Sonnenaufgang bis Abend handhabte ich ſie ſo tuͤchtig und ſo nahe am Boden, daß ich den Him⸗ mel nur alle Stunden einmal zu ſehen bekam. Aber bah!“ fuhr er mit Abſpannung und Bitterkeit fort, „warum daran denken? Sauvageon war ein braver Arbeitsſtier er hatte nicht ſeines Gleichen bei der Umarbeitung von Bo⸗ denſtrecken mit Stöcken und Wurzeln und riß gleichſam ganz allein den Pflug heraus aber er iſt auch verſchla⸗ gen, wie ich, iſt vor Arbeit krepirt in dieſem Stalle, da unten, rechts im Winkel. Sauvageon oder ich, das iſt einerlei. Nur daß er todt iſt, und ehe er geſtorben, hat er ſich nicht an ſeine Jugend und Kraft erinnert. Iſt's denn da nicht beſſer, das Gedächtniß zu verlieren und ſtumm zu bleiben, als ganz laut Sauvageon zu beneiden?“ „Aber Vater Jacques, Ihr wart nicht allein ein ſtar⸗ ker und tuͤchtiger Arbeiter, denkt doch auch an Alles, was Ihr mich gelehrt habt, an die Vorſchriften, den unftuchtba⸗ ren Boden in fruchtbaren zu verwandeln,“ begann Bruyere mit bewegter Stimme wieder; .. „das iſt doch etwas Scho⸗ nes, das ſich ſagen zu koͤnnen, daß man mit den Sa⸗ chen, die man weiß, ſo viel Gutes geſtiftet.“ i Ein neuer Blitz des Stolzes glaͤnzte einen Augenblick in den erloſchenen Augen des Greiſes und er antwortete: „Das iſt wahr zu meiner Zeit wußte ich gar viele Dinge . wenn ich geſprochen haͤtte wenn man auf mich gehort das S waͤre Reichthum, das Un⸗ gluͤck Gluͤck geworden.. Dann ſich ploͤtzlich begann de immer mehr und mehr niedergedruͤckte Greis mit bitterer JFronie wieder: „Nein, ich war nicht blos ein ſtarker Arbeitsſtier wie Sauvageon es fehlte mir auch nicht an Intelligenz. . Die fehlte aber auch Capitaine, meinem letzten Hunde nicht auf ein Zeichen leitete, trieb und ſtellte er die Heerde, wohin ich wollte und vertheidigte ſie ganz allein beſſer als eine Plaiſſe*) den Rand eines Gehoͤlzes oder Feldes. Nun denn, ſo ein verſtaͤndiger und braver Hund er auch war, ſo iſt er hier zwiſchen meinen Knieen, blind, zahnlos und durch einen Wolf, den er erwuͤrgt hatte, faſt verſtuͤmmelt, geſtorben. Capitaine, ich oder Sauvageon, das iſt daſſelbe. Geht doch! die Boͤſen ſagen: ſie werden nicht krepiren dieſe Tage⸗ ) Eine Art von Hecke, aus jungen abgehauenen und in ein⸗ ander geſchlungenen Zweigen gemacht, womit man in der So⸗ logne die Gehoͤlze und Felder einfriedet, damit das Vieh nicht hinein kann. — — diebe, dieſe Taugenichtſe; die Guten dagegen: Armer Sau⸗ vageon! Armer Vater Jacques! Armer Capitaine! Zu ihrer Zeit was fur ein Stier! was fuͤr ein Arbeiter! was fur ein Hund! Da liegen ſie jetzt nun alle Drei auf dem Strohe, indem ſie ihre Pflicht thaten, verſtümmelt, und zu nichts rauglich, als zu krepiren, ſobald als moͤglich.“ Thränen rollten aus Bruytres Augen. Nie hatte ſich der Greis mit ſo vieler Bitterkeit uber ſein Schickſal beklagt. „Vater Jacques,“ ſagte ſie mit geruͤhrter Stimme, ſich zu dem Greiſe neigend, „Ihr erkennt mich alſo nicht wieder? Ich bins ja, Bruyère, die Euch ſo liebt... Eben jeßt erſt rieft Ihr nach mir, wie man mir ſagte was wolltet Ihr von mir? O ſprecht .. Eure Tochter wird Euch gehorchen.“ Bei dieſen Worten Bruyeres glänzte ein Blitz der Erinnerung und Beſinnung in des Greiſes Augen, er fuhr mit der Hand uͤber die Stirn und antwortete mit ſchwacher Stimme: „Ja es iſt wahr . liebe Kleine, ich habe den ganzen Tag nach Dir gerufen. . .. Warum denn aber? . ich weiß es nicht mehr.... Vielleicht um mit Dir von dem Traume zu ſprechen, den ich gehabt habe?... Aber warum ſo ſpät?“ ſetzte der Greis hinzu, mit ſich ſelbſt ſprechend, warum iſt dieſer Traum ſo ſpät gekommen?“ Welcher Traum, Jacques?“ „Ein Traum wie ich ſchon. ich glaube zweimal, gchabt habe. es iſt ſchon lange her ſehr lange,“ ſagte der Greis und ſuchte ſein Gedächtniß zu ſammeln „Ein⸗ mal nach dieſem Traume ... wollte ich den Herrn Grafen ſprechen . ja, ja, ich irre mich nicht . es war der Herr Graf.. Er iſt nicht gekommen er that Unrecht daran. Warum? das weiß ich nicht mehr aber an ſei⸗ ner Statt kam der Wildſchuͤtz . und dann „nach dem andern Traume dem andern Traume das weiß ich nicht mehr. . „Da rieft Ihr mich, Vater Jacques, um mit mir von Eurem Traume zu ſprechen?“ ſagte Bruytre ſanft, um den Greis nicht zu ſtören. „Nun denn! ſo erzählt ihn mir, ich hoͤre zu, aber dann muͤßt Ihr die Maulbeere da eſſen, die Ihr liebt, und die auch geſund ſind.“ Der Greis legte die Hand wieder an die Stirn und druͤckte dieſe krampfhaft, als wolle er Vernunft und Erin⸗ nerung zuruckhalten, die, wie er fuͤhlte, im Begriff ſtanden, ihm zu entfliehen. Mit eiliger Stimme fing er dann wie⸗ der an: „Ja, ja, das iſt's.. . Ich rief Dich den ganzen Tag von dem Traume wollte ich mit Dir ſprechen... Siehſt Du, ich träͤumte .. man habe Dich mir noch ganz klein uͤbergeben, und ich habe Dich da unten hin gebracht . in die Kiebitzhaide .. nicht weit von der Eichelmaſt .. und Dich dort mitten in einen Buſch Haidekraut gelegt .. Du warſt da etwa 5 Jahr alt ... und dann gethan, als ob ich Dich zufaͤllig gefunden. .. 2 i9 „Ihr! .. Ihr!.. rief das junge Mädchen⸗ nicht * —— — wiſſend, ob der Greis im Wahnſinn ſpreche, oder ſich einer vor langer Zeit vorgefallenen Thatſache erinnere. Sie wie⸗ derholte daher voll Staunen: „Ihr!“ „Ich weiß es nicht es iſt moͤglich. weil ich das jetzt traͤume.“ . „Aber dieſe Träume, Vater Jacques,“ ſagte Bruyere, durch dieſe unerwartete Mittheilung ganz verſtort; „aber dieſe Träume .. vielleicht iſt es die Erinnerung, die Euch ſo nach und nach wieder zuruͤckkehrt. Wer hatte mich denn aber in Eure Haͤnde ubergeben?“ „Warte! warte! . das war eine Perſon .. . ich weiß es nicht mehr; .. es war aber doch etwas dabei, was mir aufgefallen war. .. Wos war es nur?“ Und von Neuem legte der Greis die zitternde Hand an die Stirn. Obgleich immer mehr beunruhigt und bewegt, hielt Bruyere doch ihre brennende Neugier zuruͤck und ſchwieg, um den ſo ſchwachen und loſen Faden, der die vagen Ge⸗ danken des Greiſes zuſammenhielt, nicht zu zerreißen. „Du weißt ja wohl,“ fing er nach einigen Minuten des Schweigens wieder an, waͤhrend deren er ſein Gedaͤcht⸗ niß zu ſammeln ſuchte; „Du weißt wohl, die Truͤmmer des Backhauſes . am Rande des Teichs hinter der Meierei.“ „Ach!“ fluͤſterte Bruyoͤre bei dieſen Worten, deren anſcheinende Zuſammenhangsloſigkeit die nur zu leicht ge⸗ Martin. ll. 4 nöhrten, zu ſchnell gefaßten Hoffnungen wieder zu vernich⸗ ten ſchien. „Ja,“ fuhr der Greis fort; .. „ſo war es in meinem Traume. ... In der Tiefe dieſes verlaſſenen Backhauſes ſtand ein Backofen, deſſen Eingang damals verſtopft war warte nur, ich erinnere mich deſſen noch.. .. Ja, ja, ſo iſt's. ich nahm einen Ziegelſtein heraus und verbarg in dieſem verlaſſenen Backofen das . was ſie mir uͤber⸗ geben hatte .. die Perſon .. und mir dabei geſagt: . um dem Kinde .. das Ihr ... Bruyere nennen ſollt .. ros da zu geben ... muͤßt Ihr warten, bis es . Ihr mußt warten .. und deßhalb .. habe ich bisher . Dir nichts davon geſagt .. und heute ſpreche ich nun .. ſpreche Ach, Du mein Gott! ... ich weiß nicht mehr .. ich erinnere mich nicht mehr;...“ murmelte der Greis, deſſen anfangs deutliche Stimme immer unvernehmlicher ward. In dieſer Mittheilung des Greiſes lag eine ſo be⸗ ſtimmte Thatſache, daß Bruyere ausrief: „Dieſer Ort, von dem Ihr ſpracht . dieſe Truͤmmer des Backhauſes .. ich kenne ſie .. darf ich denn dahin gehen und das ſuchen, was Ihr dort verborgen habt? Be⸗ zieht es ſich auf meine Herkunft? Ol! um des Himmels willen, Vater Jacques! ſtrengt Euch noch einmal an .. antwortet mir.“ „Oh! der Kopf dreht ſich mir .. . ſagte der Greis vie Augen ſchließend, und wie erſchoͤpft durch die Gedaͤchtniß⸗ anſtrengung, die er gemacht, um Bruytren das zu erzaͤhlen, was er fur einen Traum hielt, und was doch nur eine ſei⸗ ner ſeltnen Wiederetinnerungen war. „Vater Jacques,“ rief Bruysre, uͤber die Streu des Greiſes gebeugt, „ich beſchwoͤre Euch, nur noch eine Anſtren⸗ gung! . Dieſe Perſon war ſie meine Mutter? .. mein Vater? .. wißt Ihr ob ſie noch leben?“ „Ich weiß nichts mehr .. .“ murmelte der Greis mit ſterbender Stimme. „Meine Mutter? . nur noch Ein Wort; und meine Mutter?“ Vater Jacques bewegte maſchinenmaͤßig ſeine Lippen; einige unartikulirte Töne entflohen ihnen noch, dann ſchloß er die Augen und ſtieß von Zeit zu Zeit ſchmerzliches Ge⸗ ſtöhn aus, als ob die Unterhaltung mit dem jungen Maͤd⸗ chen ihn einen Augenblick ſeine Schmerzen vergeſſen laſſen, und ſie nun mit erneuter Heftigkeit zuruͤckkehrten. Bruyere, die ſich nun nach neuen Verſuchen uͤberzeugt hatte, daß alles Drängen von ihr vergebens ſei, lockerte nun, von ihrem Unvermögen, die Leiden des Greiſes zu lindern, ſchmerzlich durchdrungen, das Stroh, das ihm zum Kopfkiſſen diente, ein wenig auf, ſtellte nahe zu ihm das Koͤrbchen mit den wilden Maulbeeren hin und verließ dann zitternd, ergriffen, bewegt und an die ſonderbare Mittheilung des Vaters Jacques denkend, den Stall. So brennend auch ihre Neugier in Bezug auf den geheimnißvollen Verſteck war, den der Greis angedeutet 4* hatte, ſo beſiegte das junge Maͤbchen doch ſeine Ungeduld. Man erblickte noch einen ſchwachen Lichtſchimmer in der Stube des Pachters, und Bruyere wartete, ehe ſie ſich zu den Truͤmmern des Backhauſes begab, bis alle Welt im Schlummer liegen wuͤrde. Und uͤberdies begab ſich Bruyere ja auch alle Morgen und Abende zu der unbekannten Frau, die naͤchtlich in der Pachtung angekommen war und nun ſchon ziemlich lange dort wohnte. Als daher das junge Mädchen laͤngs den Gebäuden hingegangen, mit denen der Hof eingefaßt war, trat ſie aus dieſer Art von Einhegung und klopfte an eine kleine Thuͤre, die ſich hinter dem Hauſe öffnete und nach dem Ufer des ſehr großen moraſtigen Teiches zu ging, von dem bereits geſprochen worden Snh deſſen Waſſer damals gerade ſehr hoch ſtand. In dieſem Augenblicke nahte ſch Beaucadet, den Gang ſeines Roſſes und ſeiner Begleitung beeilend, immer mehr der Meierei von Grand-Genevrier, wo er Bruyren, die des Kindermords, angeklagt oder vielmehr verdaͤchtigt worden war, verhaften wollte. — ————— — Viertes Rapitel. Das Portrait. 3 Che man in die Stube gelangte, in welche Bruyere eingetreten war, mußte man längs der äußern Waͤnde der Meierei am Ufer des Teiches hin uͤber einen kleinen dunk⸗ len Vorplatz gehen. Dieſe, obgleich ſehr beſcheiden ausſehende Stube war doch im Vergleich zu den verfallnen Gebäuden der Meierei faſt luxuriös. Eine neue Tapete uͤberzog die erſt neuerlich gegipſ'ten Lehmwaͤnde. Das hohe Kamin mit hoͤlzernem Geſimſe war mit einem Behaͤnge von gruͤner Serge ge⸗ ſchmuͤckt, nach alter Mode in Feſtons aufgezogen und gelb galonnirt, waͤhrend ein großer vor demſelben ausgebreiteter Teppich theilweiſe die glänzende Täfelung des Bodens ver⸗ barg. Ein gutes Bett, einige einfache, aber reinliche Mo⸗ bein machten das Geräth der Stube aus, welche am Tage blos durch ein altes kleines Fenſter erhellt wurde, deſſen gruͤnliche, achteckige Glasſtuͤcken in Blei eingelaſſen waren. Eine jener auf dem Lande üͤblichen Beleuchtungsarten, ein Licht naͤmlich, deſſen Helle dadurch verdoppelt ward, daß es durch eine mit reinem Waſſer angefuͤllte Glaskugel ſchien, beleuchtete die Stube und warf einen hellen Schein auf eine an der Ecke des Kamins in einem Lehnſtuhle ſitzende Frau. Sie ſchien ſo in Gedanken verſenkt, daß ſie Bruyores Eintreten nicht bemerkte, welche ſtumm und unbeweglich an der Thuͤr ſtehen blieb. Ohnweit dieſer Frau befand ſich ein kleines Arbeitskiſe ſen mit gruͤnem Tuch bekleidet, auf welchem ſich, an tau⸗ ſend kupferne Nadeln befeſtigt, weiße, feine Faͤden kreuzten, an deren Enden kleine Spindeln von Eichenholz hingen. Die auf dieſem Kiſſen angefangene Spitze war von bewun⸗ dernswerther Schoönheit. Man erkannte daran die Hand einer vortrefflichen Arbeiterin. Madame Perrine, ſo nannte ſich dieſe Frau, ſchien etwa 45 Jahr alt. Sie mußte außerordentlich ſchön ge⸗ weſen ſein. Zwei Straͤhne ſchwarzen Haares, durch das weiße Bauernhaͤubchen gehalten, ſchloſſen ihre gleich ihrer uͤbrigen Geſichtsfarbe ſehr braune Stirn ein. Ihre ſchwar⸗ zen, ſehr offnen feurigen und von feingebogenen Brauen uͤberſchatteten Augen irrten bald im Weiten umher, bald ruhten ſie abwechſelnd auf den Gegenſtaͤnden, von denen wir gleich ſprechen werden. Der ſehr braune Teint Perri⸗ nens war bleich und etwas kraͤnklich. Die Magerkeit ihres Geſichts ließ dieſes laͤnger erſcheinen und die Adlernaſe trat daraus um ſo ſcharfer hervor. Auf ihrem anmuthig ge⸗ — ſchnittenen Munde irrte ein ſchwermuͤthiges Lächeln und ihre Stirn ruhte eben jetzt nachdenkend in der Hand. Ma⸗ 5 dame Perrine trug ein ſehr reinliches Bauerncoſtuͤm, deſſen ſchwarzer Stoff die Weiße ihrer Haube wie ihres — Halstuches noch mehr hervortreten ließ. Manchmal erſchutterte ein faſt eiiere Beben ihre Lippen und ſchwarzen Augenbrauen, ein fieberiſches Zucken als Folge einer ſchweren Krankheit. Madame Perrine war viele Jahre lang geiſtesirr ge⸗ weſen. Die Tobſucht, der ſie anfangs verfallen, hatte nach und nach ihren Charakter veraͤndert. Eine ſchmerzliche, aber un⸗ ſchaͤdliche Schwermuth war dem Wahnſinne gefolgt. Zeit und ſorgfaltige Abwartung hatten eine faſt vollſtaͤndige Hei⸗ lung bewirkt und die tiefe Ruhe, deren Mad. Perrine ſeit ihrem Einzuge in die Meierei von Grand⸗Genevrier genoß, hatte dieſe Heilung vollends gekraͤftigt. Nach einer aufmerkſamen Beobachtung des Charakters dieſer Ungluͤcklichen und vor allen der verdachtvollen Em⸗ pfindlichkeit, die ihr in Folge ihres Leidens geblieben, hatte der Arzt ihr gegen alle gewoͤhnlichen Vorſchriften anempfoh⸗ len, beſonders waͤhrend der erſten Zeit wo ſie in der Meie⸗ rei ſein werde, ſich durchaus zuruͤckgezogen zu halten. Sie empfand auch in der That eine ſolche Demuͤthigung, eine ſo peinliche Scham uͤber ihre Vergangenheit, daß die Ge⸗ genwart ſelbſt wohlgeſinnter Perſonen ihr ein unbeſchreibli⸗ ches Mißbehagen und Leiden verurſacht haben wurde. Ohne — — Zweifel, hatte der Arzt hinzugeſetzt, wird ſich dieſe Em⸗ pfindlichkeit nach und nach verlieren, aber bei Gefahr eines dann vielleicht unheilbaren Ruͤckfalls ſollte Madame Perrine in Einſamkeit leben. Die Bedingungen ihrer Heilung ſtan⸗ den uͤbrigens ſo völlig in Einklang mit den Neigungen die⸗ ſer Frau, daß ſie ſich gluͤcklich fuhlte, ſie zu befolgen. So ging ſie denn des Tages uͤber nie aus, nur wenn die Nacht kam und beſonders wenn der Mond ſehr hell ſchien, machte ſie oft ſehr lange Spaziergaͤnge am Ufer des Teiches. Nur Bruyere, welche jeden Tages Zutritt zu ihr hatte, leiſtete ihr tauſend kleine Dienſte. Erſt mit mißtrauiſcher Zuruͤckhaltung aufgenommen, welche peinliche und ver⸗ vachtvolle Scham verſtecken ſollte, wußte das junge Mad⸗ chen nach und nach durch ihren natuͤrlichen Zauber wie durch ihre Zuvorkommenheiten die Beſorgniſſe von Mad. Perrine zu beruhigen. Nicht lange, ſo fuhlte dieſe die zärt⸗ lichſte Theilnahme fuͤr Bruyere, ein wohlthaͤtiges Gefuͤhl, das noch dazu beitrug, die Heilung der armen Irren zu ſichern, zu befeſtigen. Bruydre war, wie wir ſagten, bei ihrem Eintritte in die Stube von Madame Perrine, bei dem Nachdenken, in welches dieſe verſunken, von ihr unbemerkt geblieben. Die Gegenſtände, auf die dieſe unbeweglich und ſchweigend ab⸗ wechſelnd ihren Blick richtete, waren zwei Portraits und zwei Briefe. — — Das eine dieſer Portraits, ein Miniaturgemalde, lag auf ihren Knieen in einem geoffneten Käſtchen. Das andre, bei weitem groͤßere, ohngefaͤhr drei Ellen hohe und zwei Ellen breite Gemaͤlde hing in der Tiefe einer Art von Aufſatz, welcher den obern Theil eines Nußbaum⸗ geräthes bildete, deſſen Untertheil als Commode diente. Die Miniatur ſtellte einen jungen Mann von 30 Jah⸗ ren ohngefaͤhr, mit braunem Teint, lebhaften Augen, ſchwarzgelocktem Haare, etwas langem Geſichte und geiſt⸗ reichen wie kuͤhnen Geſichtszuͤgen dar. Dieſe Zuͤge zeigten, Alter und Ausdruck abgerechnet, außerordentliche Aehnlichkeit mit denen der Mad. Perrine, eine Aehnlichkeit, die ſich ubri⸗ gens aus den um den Rand des Medaillons eingegrabenen Worten: Martin ſeiner guten Mutter, erklärte. Das andre Portrait, oder vielmehr das andre Gemälde, denn die Nebenſachen gaben ihm eine gewiſſe Wichtigkeit, trug den Datum 1845. Sein köſtlicher Rahmen von vergolde⸗ ter und ciſelirter Bronze, mit koniglichen Inſignien daruber, ſtach ſonderbar mit der Armſeligkeit dieſer Wohnung b. Dieſer koſtbare Rahmen enthielt das lebensgroße Bild eines Konigs, eines uber ein Reich im Norden Europa's herrſchenden Koͤnigs. Dieſer Furſt trug, mit buͤrgerlicher Einfachheit gekleidet, ein blaues Kleid, weißes Gilet und ſchwarze Halsbinde. Die Phyſiognomie dieſes noch jungen Fuͤrſten druͤckte ein ſeltſames Gemiſch hohen Verſtandes, feſten Entſchluſſes und milder Guͤte aus. Sein Laͤcheln war ſanft, obgleich etwas traurig, als ob eine vorzeitige Kenntniß der Men⸗ ſchen ſein Herz ſchmerzlich beruͤhrt haͤtte, ohne ſeine angebo⸗ rene Guͤte zu veraͤndern. Sein Blick ſchien zugleich nachden⸗ kend und durchdringend. Uebrigens fehlte es ſeinen Zugen an Regelmaͤßigkeit, ſeine Lippen waren dick, die Naſe lang, das Geſicht breit, nur die Augen allein köſtlich und von einem Laſurblau das bewundernswerth mit ſeinem ſehr kurzen und glatten blonden Haare und einem dichten Schnur⸗ barte von gleicher Art harmonirte. Stellung wie Charakter der Zuͤge dieſes Fuͤrſten gaben eine außerordentliche Einfachheit kund, und wir wuͤrden ſa⸗ gen eine eben ſo große Gutmuͤthigkeit, wenn man nicht an⸗ naͤhme, daß dieſe mit Energie unvereinbar ſei. Seine kräf⸗ tige, hohe Geſtalt, ſeine breite, gewoͤlbte Bruſt, ſeine brei⸗ ten Schultern, ſein fleiſchiger Hals, ſeine muskuloͤſen Haͤnde verriethen einen mehr plebejiſchen als ariſtokratiſchen Typus und kuͤndigten Kraft und Geſundheit an. Wir ſprachen bereits von den Nebenſachen dieſes Ge⸗ maͤldes, ſie waren zahlreich und ſonderbar. Mitten auf dem duͤſtern und ſaftigen Hintergrunde des Portraits zeichneten auf zwei Altaͤren, ohne Zweifel als Zeichen frommer Anbetung ſtehend, zwei Buͤſten ihr ſtren⸗ ges Profil von weißem Marmor, das der Kuͤnſtler in my⸗ ſteriöſem Halbſchatten gemalt hatte. Die Eine dieſer Buͤſten ſtelle Brutus dar. — — Die Andre war die des Marc Aurel. Die phrygiſche Muͤtze, mit der man das unbeugſame Geſicht des Brutus bekleidet hatte, war ſcharlachroth und mit einem Lichtſcheine umgeben, der in dem Halbdunkel, in dem der Kuͤnſtler ohne Zweifel dieſe Buͤſte, wie die des Marc Aurel gehalten hatte, ſtrahlend vorleuchtete. Die nachdenkende Stirn des letztern ſchien gleichfalls von göttli⸗ cher Klarheit zu glaͤnzen. Es war unmoͤglich, in dieſer Verherrlichung nicht einen deutlichen Beweis der Verehrung dieſes Koͤnigs fur dieſen großen Kaiſer und dieſen großen Tribun zu erblicken. Wenn man die heilige Bewunderung eines Fuͤrſten für Marc Aurel begreift, eines der Gottesmänner, der anbetens⸗ werthen und drei Mal heiligen Seelen, die unmittelbar aus der Gottheit hervorzugehen ſcheinen, ſo wird man es viel⸗ leicht weniger begreiflich finden, daß ein abſoluter Regent, wie es die Koͤnige des Nordens ſind, dieſem unbeugſamen Tribun, in welchem die maͤnnliche Tugend und ſtolze Unab⸗ haͤngigkeit wahrhaft republikaniſcher Seelen verkoͤrpert zu ſein ſchienen, eine religioſe Bewunderung, eine wahre Ver⸗ götterung gewidmet habe. Dies waren die beiden Portraits, welche Madame Perrine, die geheimnißvolle Bewohnerin der Meierei von Grand⸗Geneverier ſo tief traumeriſch betrachtete und nur wanchmal ihren Blick davon abwendete, um einige Stellen, der heiden auf ihren Knieen liegenden Briefe leſen. Einer der Briefe enthielt Folgendes: „Paris am 20. Oetober 1845. „Meine gute, geliebte Mutter. „In wenigen Tagen werde ich Dich wiederſehen; bis dahin Geduld, Muth und Hoffnung. Vor Allem fuͤrchte Dich vor nichts. Claude wacht uͤber Dir, er ſteht fuͤr die Discretion des Pachters. Du gehſt nie während des Tages aus, der Graf Duriveau beſucht nie ſeine Meiereien und wenn Dich der Zufall ſelbſt ihm gegenuber brächte, ſo haſt Du doch nichts zu befuͤrchten. Der Graf hat Dich ſeit mehr als 30 Jahren nicht geſehen, und Du haſt ſo viel gelitten, arme Mutter, biſt ſo veraͤndert, daß er Dich un⸗ möglich wiedererkennen koͤnnte. „Bald ſollſt Du meinen Plan erfahren, ſollſt erfahren, warum ich bei der Ruͤckkehr von meiner Reiſe in den Nor⸗ den, als mich die verſpaͤtigte Mittheilung von Claude nach Frankreich zuruͤckrief, nicht ohne Muͤhe und nur durch die vortrefflichen Empfehlungen eines meiner ehemaligen Herren dazu gelangt bin, als Kammerdiener von dem Gra⸗ fen Duriveau angenommen zu werden. „In dieſer Hinſicht, theure, geliebte Mutter, ſage ich Dir nochmals, fuͤrchte nichts, die Probe hat ſtatt gefunden. . . Ich bin mit mir zufrieden. . . . Ich blieb ruhig, un⸗ durchdringlich in Gegenwart des Grafen, und ſagte mir doch ſelbſt waͤhrend dieſes bizarren Zuſammentreffens, um mich noch beſſer zu pruͤfen: Dieſer Mann, der mich jetzt mit einer ſo ſtolzen Verachtung befragt und era⸗ — 61 — minirt dieſer Mann iſt mein Vater . er weiß nicht, daß ich ſein Sohn bin . . . der Sohn jenes armen ſechszehnjaͤhrigen Kindes „das vordem mit wilder Grauſamkeit . . er .. „Doch genug, genug, meine gute Mutter! wozu dieſe ſchrecklichen Erinnerungen zuruͤckrufen? Urtheile aber nach der Ruhe, die ich bei dieſer Zuſammenkunft gezeigt, von meiner Herrſchaft uber mich ſelbſt, . . und ſo wiederhole ich Dir, ſei unbeſorgt. Während meiner Unterredung mit dem Grafen, und ohnerachtet der Gedanken und Erregungen aller Art die in mir gaͤhrten, hat ſich meine Gleichmuͤthig⸗ keit nie verlaͤugnet, und ich habe mit ſo viel Faſſung und kaltem Blute auf die hochmuͤthigen Fragen des Grafen ge⸗ antwortet, daß ich auf der Stelle von ihm angenommen worden bin. „Wundre Dich uͤbrigens nicht zu ſehr uͤber dieſe ge⸗ waltige Herrſchaft, die ich uber mich ſelbſt beſitze, denn ſiehſt Du, liebe Mutter, das Leben im Dienſte Andrer, dem ich zwar zuletzt entſagt, das ich aber dennoch waͤhrend ſo langer Zeit vorher ertragen hatte, hat mich ſo ſehr daran gewoͤhnt, die Eindruͤcke, welche etwas auf mich macht, in die innerſte Tiefe meiner Seele zuruͤckzudraͤngen, daß eine anſcheinende Unempfindlichkeit fuͤr mich zur zweiten Natur gewor⸗ den iſt.“ „Daher beſchwöre ich Dich, geliebte Mutter, und wie⸗ derhole es Dir nochmals, furchte deßhalb nichts. Meine — Sache iſt heilig und gerecht meine Pläne werden glücken. „Du haſt mich gefragt, wie das Portrait, das ich Dir geſchickt habe, da ich es nicht für angemeſſen hielt, es hier zu behalten, in meine Hände gekommen ſei. Der beilie⸗ gende Brief, dieſer einfache, wuͤrdevolle und ruͤhrende Brief wird Dir es ſagen. Indem ich Dir ihn ſende, indem ich daran denke, daß Du ihn leſen und verſtehen wirſt, Du edle und große, ſo furchtbar gepruͤfte Seele, habe ich viel⸗ leicht zum erſten Male in meinem Leben gefuhlt, welch ein Stolz darin liegt, daß ich mir ſagen kann, Du ſelbſt wirſt ſtolz auf Deinen Sohn ſein. Und dann pries ich auch in mir das Kind der armen, niedertraͤchtig verfuͤhrten, unedel verlaſſenen Nähterin, das Kind des Volkes, das nach dem clendeſten, abenteuerlichſten, gedemuͤthigtſten Leben bis dahin gelangt iſt. . . Aber verzeihe, verzeihe, theure Mutter, ich bemerke, daß weil dieſes Gefuͤhl des Stolzes vielleicht das Erſte iſt, es eben um ſo lebhafter ſich zeigt. . .. Mir ziemt es nicht mich zu erheben . Du, Du mußt ſtolz auf Dei⸗ nen Sohn ſein, wenn ſein Benehmen Dir wuͤrdig und gut ſcheint. „Lebe wohl, theure Mutter, auf baldiges Wiederſehen. Vielleicht in drei bis vier Tagen geſchieht dies, denn mein Herr reiſ't, wie ich hoffe, uͤbermorgen nach der Sologne ab, und die Klugheit wird mir nicht erlauben Dich an dem meiner Ankunft ſelbſt zu umarmen. — 638 — „Nochmals lebe wohl, lebe innig wohl, angebetetſte aller Muͤtter. Ich kuͤſſe fromm Deine Stirn und Haͤnde. Dein ehrfurchtsvoller Sohn Martin.“ Der zweite Brief, auf welchen Madame Perrine oft mit Stolz ihre Augen richtete, war von dem Koͤnige *), deſ⸗ t wir gegeben haben, an Martin gerichtet. *) Wir haben es immer fuͤr nothwendig erachtet, die an⸗ ſcheinend ſonderbarſten Dichtungen durch faſt analoge Thatſa⸗ chen gleichſam zu legitimiren, welche auf dieſe Art zwar nicht die Wirklichkeit, aber wenigſtens die Moöglichkeit einer ohne dieſe Vorſicht vielleicht fuͤr unwahrſcheinlich gehaltenen Auf⸗ ſtellung beweiſen. Hier alſo folgende Thatſache. Ein Weib von großem Verſtande und gleichem Herzen, Madame Bettina von Arnim, welche nie auch nur in der min⸗ deſten perſonlichen Beziehung zu Friedrich Wilhelm Konig von Preußen ſtand, ſagt in der Vorrede zu einem Buche un⸗ ter dem Titel: dies Buch gehoͤrt dem Koͤnige, daß ſie dieſen Titel nur nach der ihr vom Koͤnige feierlich gegebenen Zuſage, dieſes Buch zu leſen und ganz zu leſen, gewählt habe. Dieſes Buch nun behandelt das fuͤrch⸗ terliche Elend der arbeitenden Klaſſe, und ſtellt mit edlem Muthe die bedenklichſten ſozialen Fragen auf. Wir glauben aus ſicherer Hand zu wiſſen, daß ſich nach dem Leſen dieſes Bu⸗ ches zwiſchen Friedrich Wilhelm und dieſer trefflichen Frau, welche der Sache der enterbten Klaſſen ſo tapfer ſich annahm, und die Aufmerkſamkeit eines Allmächtigen auf die furcht⸗ baren Fragen, die in ganz Europa gähren, zu richten wußtt, eine fortgeſetzte Correſpondenz entſponnen hat. „Am 3. Auguſt 1845. „Ich danke Ihnen das Leben, Martin . Ich danke Ihnen mehr als das Leben. .. Nehmen Sie dieſes Por⸗ trait als Unterpfand meiner Dankbarkeit und meiner inni⸗ gen Hochachtung. „Ich erinnere mich ſehr gern, vor Allem aber Sie ſelbſt an die Urſache dieſer Dankbarkeit, an den Grund dieſer in⸗ nigen Hochachtung. „Es iſt nun ein Jahr her als ein ſonderbares Aben⸗ teuer Sie mir naͤher brachte. Sie konnten nicht errathen wer ich war, Dank ſei's dem Incognito das ich beobachtete. Da retteten Sie mich aus Todesgefahr. „Ich wollte wiſſen, wem ich mein Leben verdankte. Ihre Geſchichte war einfach. Sie waren im Gefolge eines Herrn in das Land gekommen, waren dann, muͤde ſolchen Dienens, Handwerker geworden und ſo zu der erſten Be⸗ ſchaͤftigung Ihrer Kindheit zuruͤckgekehrt, um das Geld zu verdienen, deſſen Sie zur Ruͤckreiſe nach S be⸗ durften. „Ein Dritter kam dazu, er kannte und nannte mich. Zu meiner großen Verwunderung, wie ich geſtehen muß, zeigten Sie in meiner allerhoͤchſten Gegenwart (wie man am Hofe zu ſagen pflegt) weder Beſturzung, noch ſchmeichleriſche Unterthanigkeit, und zu meiner noch groͤ⸗ ßern, lag in Ihrer Haltung eben ſo wenig Prahleriſches. Sie war wuͤrdig und einfach. Lebhaft davon ergriffen, ſo viel Takt und Maaß bei einem Handwerket zu finden, und — — 65 — ein lebhaftes Gefuͤhl der Dankbarkeit gegen Sie empfin⸗ dend, wuͤnſchte ich mit Ihnen allein zu bleiben. Da fragte ich Sie, wie ich den Dienſt vergelten koͤnnte, den Sie mir geleiſtet hatten und werde nie Ihre Antwort vergeſſen. „Sire, ſagten Sie, Sie können nichts fuͤr mich thun . ich bin jung und kräftig, ich habe keine Familie; noch einige Tage Arbeit und ich werde ſo viel erworben haben, als ich bedarf, um nach Frankreich zuruͤckzukehren. Aber hier auch in dieſem Lande .. ſind viele Handwerks⸗ leute nicht gleich mir jung, ruͤſtig und ohne Sorge fuͤr die Zukunft. Es giebt deren, die bei ſtarker Familie, ob auch ehrlich und arbeitſam, doch grauſame Entbehrungen dul⸗ den. Denken Sie an das unverdiente Schickſal dieſer, unſrer Bruͤder, Sire, bewirken Sie, daß dieſe weniger leiden und ich werde Gott ſegnen, daß er mich auserſehen hat, Ihr Leben zu retten.“ „Dieſe von Ihnen mit Gefuͤhl und Feſtigkeit geſpro⸗ chenen Worte verurſachten mir neues Staunen. Zum erſten Male (ich habe es Ihnen ſeitdem geſtanden) richteten ſich meine Gedanken auf Elend, das ich bis dahin immer fur unvermeibliche Beſtimmung und unheilbar gehalten hatte. Das ſonderbare Verhaͤngniß, das uns einander naͤ⸗ herte, verlieh Ihrer edelmuͤthigen Bitte einen eigenthümli⸗ chen Charakter. Immer mehr und mehr von einer Un⸗ eigennuͤtzigkeit, einer Seelenerhebung betroffen, die ich fuͤr ſo ſelten unter Leuten Ihres Gleichen hielt, ſprach ich lange mit Ihnen und wollte alle Einzelnheiten Ihres Lebens wiſſen. Martin. II. 5 — 65 — Ohnſtreitig glaubten Sie, eitle Neugier habe großen An⸗ theil an dieſem meinen Wunſche, und Sie lehrten mich, daß Vertrauen ſich wohl gewinnen, aber nicht befehlen laſſe. Ich ſprach dann mit Ihnen von dem Elende der Perſonen, welche Sie Ihre Bruder nannten. Das ging Sie nicht blos ſpeciell an, das galt der Sache der Ihren, die Sie ver⸗ theidigten: da wurden Sie mehr als beredt, Sie waren ein⸗ fach, ruͤhrend und wahr. Sie haben mir Thatſachen, un⸗ widerlegliche Zahlen angefuͤhrt, Sie haben mir mit wenigen Worten das Gemaͤlde einer unerbittlichen Wirkſamkeit auf⸗ gerollt, Sie haben mir furchtbare, mir bis dahin unbe⸗ kannte Dinge entdeckt, und wenn Sie auch nicht ſchon in dieſer erſten Unterredung Vorurtheile, Anſichten und zu hart⸗ naͤckige Ueberzeugungen erſchuͤtterten, haben Sie mich doch nachdenkend und damit beſchäftigt zurückgelaſſen. „Ich geſtehe Ihnen meinen Verdacht mit um ſo we⸗ niger Bedenken, da Sie ihn vernichtet haben. Einen Augenblick lang glaubte ich, daß, indem Sie ſich ſelbſt die Wichtigkeit der Aufmerkſamkeit, die ich Ihnen gewidmet hatte, üͤbertrieben, Ihr Stolz, ja vielleicht auch Ihr Ehr⸗ geiz erwachen, und Sie ſich bald Muͤhe geben wuͤrden, ſich in mein Gedächtniß zuruͤckzurufen. Ohne daß Sie es wuß⸗ ten, erfuhr ich, daß Sie am Tage nach unſerer Unterredung wieder Ihr Handwerkszeug vorgenommen und ſo fortgear⸗ beitet haͤtten, im unverbruͤchlichen Schweigen über unſer Zuſammentreffen. „Seitdem wuͤnſchte ich Sie wiederzi ſchen. Unſre Un⸗ — — terredungen, Allen verborgen, wurden haͤufig. Ich habe immer mehr und mehr die Geradheit, die geſunde Vernunft und die Geiſteserhebung zu wuͤrdigen gewußt, welche Sie aus⸗ zeichnen. Ich habe Sie nicht gefragt, durch welchen Zu⸗ ſammenfluß außerordentlicher Ereigniſſe, Sie, der Sie mir durch Herz und Geiſt uͤber den groͤßten Theil der Menſchen erhaben ſchienen, zum Dienen genöthigt geweſen. Ich habe Ihre Geheimniſſe geehrt. „Nicht ohne Nutzen habe ich auf Sie gehört. Auf meine Bitte und indem Sie bei ſehr verletzlichem Zartge⸗ fuͤhle nur von mir eine Handarbeit annahmen, die Sie mit der genaueſten Sorgfalt ausfuͤhrten, haben Sie darein ge⸗ willigt einige Zeit in meinem Lande zu bleiben. Unſte ſtets ungekannt gebliebenen Beziehungen waren mir koſtbar. Als ein Findling hatten Sie alle Verhältniſſe, alles Elend des Lebens der niedern Stände erfahren. Später hatte Ihr abenteuerliches Daſein und Ihre dienende Stellung Sie in Beruͤhrung mit allen Klaſſen der Geſellſchaft, den hoͤchſten wie den unterſten gebracht. Nachdenkend und beobachtend von Kindheit an, mit geradem und durchdringendem Geiſte begabt, hatten Sie uͤber Alles was Sie geſehen, tiefer nach⸗ gedacht und die Urſachen wenigſtens eben ſo als die Wir⸗ kungen davon ſtudiert. Bei Ihrer eigenſinnigſten Recht⸗ lichkeit haben Sie, und davon iſt mir die vollſte Ueberzeu⸗ gung zu Theil geworden, nie das, was es Gutes und Schlech⸗ les bei dem Volke gab, dem anzugehören Sie ſich zur Ehre rechneten, uͤbertrieben oder verringert. Nun von 5* — 68 — Ihrer Aufrichtigkeit vergewiſſert, dachte ich lange uͤber die Lehren nach, die ich Ihnen verdankte, wahre, mannigfache, aus dem Leben geſchoͤpfte Lehren, die mir bis dahin unmoͤglich hatten zu Theil werden können, da nichts ſeltner iſt als die Verbindung eines Schickſals wie des Ihrigen mit einem Charakter und Geiſte wie die Ihrigen. „Da fingen ſich vor mir, als ich durch reifliche, aus Ihrer Unterhaltung entſprungene Ueberlegungen nun ein⸗ mal auf einen neuen Weg gefuͤhrt worden war, deſſen Zu⸗ tritt ſchwer, ja vielleicht ſogar gefährlich iſt, nach und nach, obgleich freilich langſam, neue Horizonte zu eröffnen an .. ungemein große Wahrheiten erhellten meinen Geiſt. „Sie wiſſen es, ich ſtrebte nicht undankbar gegen Sie zu ſein ... indem ich es verſuchte, Ihnen ſchon meine Dank⸗ parkeit nach dem Wunſche Ihres Herzens zu beweiſen.. „Sie reiſ'ten ſchnell nach Frankreich ab; eine heilige Pflicht rief Sie dahin, ſo ſagten Sie mir.. . WMit Schmerz und Bedauern habe ich Sie auf lange Zeit ſich entfernen ſehen . . vielleicht auf immer. „Sie ſind mir, ſo ſcheint es mir, eine Ausgleichung dafur ſchuldig. . . Denken Sie auch ſo, ſo bewilligen Sie mit eine Bitte, die jetzt, wie ich glaube, nicht indiscret iſt. Erinnern Sie ſich, daß ich einmal nicht Ihre Auf⸗ richtigkeit, ſondern die Genauigkeit Ihrer Erinnerungen vei Gelegenheit eines ſonderbaren Vorfalles, deſſen Zeuge Sie waten, in Zweifel zog. Dabei ſagten Sie mir, es ſei — — — faſt unmoͤglich, daß Ihr Gedächtniß Sie im Stiche laſſe, denn ſeit vielen Jahren hielten Sie faſt Tag fuͤr Tag ein Notizenbuch uͤber Ihr Leben. „Dieſes Leben muß ſo ſeltſame Anſichten, ſo verſchie⸗ dene Verhältniſſe von Ihrer Kindheit an bis jetzt gehabt haben, daß dieſe Aufzeichnung, einfach und aufrichtig wie ſie iſt, ganz gewiß einen weitlaͤufigen Text fur ernſte Be⸗ trachtungen darbieten muß. . Einige Ihrer Worte in Bezug darauf, ergriffen mich ebenfalls. Sie ſagten, das Dienen habe, indem es Ihnen das des Hau⸗ ſes geoffnet, Sie in den Stand geſetzt, Geheimniſſe kennen zu lernen, die ſelbſt dem Arzte, ſelbſt dem Richter, ja ſelbſt dem Prieſter, dieſen drei Beichtvaͤtern des Koͤrpers und der Seele, undurchdringlich, und die fehlerhafte Einrich⸗ tung des Familienlebens von dieſem ſo vertrauten Standpunkte aus angeſehen, gebe, ſetzten Sie hinzu, die ſonderbarſten, ernſteſten Lehren. „Vertrauen Sie mir dieſe Memoiren Ihres Lebens an. Es iſt keine leere Neugier, die mich veranlaßt dieſe Bitte an Sie zu richten. Die Menſchheit iſt uͤberall die⸗ ſelbe. Was in Frankreich wahr iſt, iſt auch hier wahr, und fur Diejenigen, welche dazu berufen ſind, bedeutend auf die Menſchen einzuwirken, iſt das Studium des Menſchen von mächtigem und ſtetem Interreſſe. Soll ich Ihnen auch noch ſagen, daß mir das Leſen dieſer Memoiren um deß⸗ willen ſo erwuͤnſcht iſt, weil darin vielleicht auch von mir, von meinen Handlungen die Rede iſt, und dieſe Memoiren — nicht fuͤr mich geſchrieben worden ſind, denn ich kenne Sie und weiß, daß keine Ruͤckſicht in dem was mich betrifft, die Unabhaͤngigkeit Ihrer Ueberzeugungen hat aͤndern koͤnnen. „Ich dringe nicht noch mehr in Sie, Sie werden die Gruͤnde meiner Zuruͤckhaltung verſtehen. Schlagen Sie mir es ab, ſo werde ich uberzeugt ſein, daß irgend eine, ge⸗ wiß ehrenwerthe und von mir ohne ſie zu wiſſen dafuͤr im voraus anerkannte Urſache, der einzige Bewegungsgrund Ihrer Weigerung geweſen ſein muß. „Leben Sie wohl, glauben Sie ſtets an die innige und Dankbarkeit Ihres Ihnen wohlwollenden XX* „Ich habe Ihren Brief Nr. 2. erhalten. Ich danke Ihnen für die Notiz uͤber die Einrichtung der Kinderwie⸗ gen. Sie iſt bewundernswerth. Der Name des großen Mannes, deſſen wohlwollender Genius auf dieſe Art das Leben Tauſender von Kindern erhalten wird, war bisher hier noch unbekannt, waͤhrend beim geringſten Kanonenſchuſſe der Name und Titel des duͤmmſten unſrer Menſchentoͤdter, wenn er nur recht viel geſchlachtet, recht viel verwüſtet hat, in acht Tagen von einem Ende Europa's zum andern ertoͤnt.“ — Fünftes Kapitel. Die Unterredung. Madame Perrine, immer noch in das Leſen der Briefe und Anſchauen der beiden Portraits, von denen wir ſpra⸗ chen, verſenkt, ward Bruyere's Gegenwart nicht gewahr. Seit der unvollſtaͤndigen Mittheilung des Vater Jac⸗ ques, einer Mittheilung, die fur das junge Maͤdchen ſo in⸗ tereſſant ward, weil ſie ihm die unbeſtimmte Hoffnung ver⸗ lieh mittelſt gewiſſer, wie der Greis ſagte, in einem ver⸗ laſſenen Backhauſe ſeit langer Zeit verſteckter Gegenſtaͤnde in das Geheimniß ſeiner Herkunft zu dringen, empfand daſſelbe eine mit Angſt vermiſchte Ungeduld. Ohnerachtet dieſes Bruydren nun ſehr beſchaͤftigte, konnte ſie ſich doch nicht erwehren, als ſie zu Mad. Perrine eintrat, von dem Anblicke des königlichen Bildes, deſſen glänzend vergoldeter Rahmen zuerſt ihre Aufmerkſamkeit auf ſich zog, lebhaft betroffen zu werden. Nachdem ſie faſt unwillkuͤrlich einen ſchnellen Blick darauf geworfen hatte, wendete ſie die Augen wieder ab, indem ſie es ihrer unwuͤrdig fand, laͤnger dieſes Portrait zu betrachten, deſſen Daſein ihr eine Art von ueberraſchung entdeckte, denn nie bis dahin hatte Madame Pertine Bruyèren den obern Theil des Schranks geoffnet, der dieſes Gemaͤlde enthielt und verbarg. um nun dieſer ſie in Verlegenheit ſetzenden Lage ein Ende zu machen und die Aufmerkſamkeit von Mad. Per⸗ rine auf ſich zu ziehen, huſtete das junge Maͤdchen ein wenig, dann ſtaͤrker, und endlich ſtieß ſie lärmend an einen Stuhl, da Mad. Perrine immer nachdenkend in ihre Traͤu⸗ mereien verſenkt blieb. Bei dieſem ploͤtzlichen Lärmen bebte dieſe zuſammen, ſtand lebhaft auf und verſchloß ſchnell die beiden Schrankthuͤren, um das Portrait zu verbergen, waͤh⸗ rend ſie eben ſo geſchwind die beiden Briefe und das Mi⸗ niaturgemaͤlde Martins in die Taſche ſteckte. Dann wen⸗ dete ſie ſich zu Bruykre und ſagte ſanft, doch etwas verlegen zu ihr: „Guten Abend ... mein Kind ich hatte Dich nicht geſehen.“ „Ich war eingetreten, ohne daß Sie mich gehoͤrt hatten, Frau Perrine,“ antwortete Bruytre, wegen der Indiscretion, die ſie, ohne es zu wollen, begangen hatte, beſtuͤrzt; „ich machte ein wenig Laͤrmen, damit Sie bemerkten, ich ſei da. Entſchuldigen Sie.“ Mad. Perrine ſtreckte dem jungen Maͤdchen liebevoll die Hand entgegen, welche dieſe an die Lippen drückte. „Da die Stunde, wo Du gewoͤhnlich zu kommen pflegſt, voruber war,“ fuhr Mad. Perrine fort, „ſo erwartete ich Dich nicht mehr, mein Kind.“ — 6 — Bruydre erblickte in dieſen Worten eine gute Gelegen⸗ heit, ohne Umſchweife zu der Unterredung zu gelangen, welche ſie mit Mad. Perrine zu haben ſich vorgenommen, und antwortete daher mit geruͤhrter Stimme: „Das kam daher, weil Vater Jacques ſo lange mit mir ſprach.“ „Vater Jacques? Der arme kranke Schaͤfer, von dem Du mir manchmal etwas erzählt haſt? Sagteſt Du mir denn nicht, daß er ſeit laͤngerer Zeit faſt ganz das Gedacht⸗ niß verloren habe und mit Niemand ſpreche?“ „Das iſt wahr, Frau Perrine auch war ich ganz erſtaunt um ſo mehr ... als das was er mir geſagt hat. . Bruydre endete nicht. Unruhe und Furcht malten ſich auf ihrem Geſichte. Mad. Perrine begann nun wie⸗ der, uͤber das Schweigen und die Erregung des jungen Maͤdchens ſtaunend: „Du biſt ja ganz blaß . Du zitterſt ganz, liebes Kind! Du ſagſt nichts mehr! Was iſt Dir denn? . Was iſt denn vorgefallen?“ Nach einem langen Zogern fing das junge Maͤdchen zitternd an: „Frau Perrine .. . ich ſtehe allein in der Welt ... in dieſem Augenblicke habe ich Niemand, bei dem ich mir Raths erholen kann ... ſelbſt zu handeln wage ich nicht, und komme daher zu Ihnen „Sprich, o ſprich,“ antwortete Mad. Perrine mit lie⸗ — 74 — bevollem Eifer. „Ich bin zwar nicht ſehr untertichtet .. aber ich liebe Dich, das wird mit gute Gedanken einfloͤßen ja, gewiß!“ „O, nicht wahr, Sie lieben mich, Frau Perrine?“ ſagte Bruyere ſchnell. „Ob ich Dich liebe . gutes Kind! ich liebe Dich, wie ich eine Tochter lieben wuͤrde, wenn der Himmel mir eine gegeben hätte; aber er hat mir das mutterliche Glüͤck karg zugemeſſen. . .. Ich habe ſtets nur Ein Kind gehabt einen Sohn . den beſten, den edelſten aller Söhne,“ ſetzte ſie mit Stolz hinzu. Dann wandte ſie ſich wieder zartlich zu Bruyere und ſagte: „Aber Du ſiehſt ja, daß ich kein Recht habe, mich zu beklagen, ich habe einen Sohn, auf den ich ſtolz bin, und Du liebſt mich faſt eben ſo wie Du Deine Mutter lieben wuͤrdeſt, nicht wahr, mein Kind?“ „O, ja, ja, wie ſch meine Mutter lieben wuͤrde. .. Dann beſann ſich das junge Maͤdchen und ſeste halb⸗ leis hinzu: „Ach! nein!. . einer Mutter ſagt man Alles.“ und nun ſchwieg ſie von Neuem und trocknete ſich die thränenfeuchten Augen. „Höre, mein Kind, ſeit einigen Wochen machſt Du mir Sorge,“ ſagte Madame Petrine, indem ſie Bruyere zu ſich zog und traulich ihre Hand ergriff. „Ja, ja, ſeit eini⸗ ger Zeit finde ich Dich ganz blaß ... und leidend . und — — nachdenkend beſonders ſeit einigen Monaten .. Du weißt, als Du mich drei Tage lang nicht beſucht hatteſt „habe ich Dich ſo veraͤndert gefunden.“ „Ich war krank geweſen,“ antwortete Bruyere ſchnell, mit verſtoͤrter Stimme; „ſehr krank, Frau —— ich verſichere es Ihnen.“ „Ich habe es nur zu ſehr geſehen. s ich Dich zu⸗ erſt wiederſah, warſt Du gar nicht mehr zu erkennen.“ „Ich bitte ſehr,“ rief das junge Maͤdchen mit faſt flehender Stimme, „ſprechen wir nicht davon.“ Mein Gott, Bruyere, was iſt Dir? Warum dieſe Heimlichkeit, dieſe Unruhe, dieſe Thränen?“ „Es iſt nichts, Frau Perrine,“ verſetzte Bruyere und ſuchte mehr Ruhe zu zeigen. „Das was mir der Vater Jacques geſagt hat ... die Hoffnungen, die er mir machte, haben mir, glaube ich, den Kopf ſo verſtoͤrt ... verzeihen Sie, Frau Perrine.“ „Gut, gut, armes Kind!“ ſagte Mad. Perrine und kußte ſie auf die Stirn. „Beruhige Dich .. ſchwatzen wir ein wenig. .. Du wollteſt mich ja eben wegen Deiner Un⸗ terredung mit dem alten Schaͤfer um Rath fragen?“ „Ja, Frau Perrine, denn nach dem was mir Vater Jacques geſagt hat, könnte ich vielleicht einmal meine Eltern kennen lernen.“ „Und wie?“ „Hoͤren Sie nur, Frau Perrine, ich bin ein ausge ſettes Kind. Vielleicht ſind mein Vater und meine Mutter durchaus genoͤthigt geweſen, mich ſo zu verlaſſen.“ „Wenn man ein Kind ſeiner Mutter nicht mit Ge⸗ walt wegnimmt oder waͤhrend ſie ſchlaͤft iſt ein Weib, das ſein Kind freiwillig vexlaͤßt, ein Ungeheuer!“ rief Madame Perrine mit ganz außerordentlicher Aufregung, und zum erſten Male ſeit ihrer Unterhaltung mit Bruydre rothete ſich ihr blaſſes Geſicht lebhaft und ihre Augen fun⸗ kelten. Kaum hatte Martins Mutter dieſe Worte ausgeſpro⸗ chen, als Bruydre einen herzzerreißenden Schrei ausſtieß, ihr Geſicht mit beiden Händen bedeckte und ihr zu Fuͤßen ſiel. . „Gnade! Gnade!!“ rief ſie. „Bruytre .. was iſt Dir? . warum bitteſt Du mich um Gnade?“ fragte Mad. Perrine, als ſie Schrecken, Schmerz, Verzweiflung ſich in den Zügen des jungen Maͤdchens malen ſah. Dann aber begann ſie plotzlich wieder, indem ſie die urſache dieſer Aufregung zu errathen glaubte, mit ſchmerz⸗ licher Stimme, nun ſelbſt zu bitten: „Bruyère! . verzeihe mir! ich, ich muß Dich um Gnade bitten, denn ohne es zu wollen „hingeriſſen durch die erſte Aufregung, habe ich vielleicht Deine Mutter be⸗ leidigt! Verzeihe mir! arme Kleine! . ich hatte Unrecht, ſo zu ſprechen, wie ich that.. Ach Du mein Gott! wie oft ... hat ein junges, ungluͤckliches.. verlaſſenes .. verrathenes Maͤdchen nicht mehr ihren vollen Verſtand! die Furcht die Schande .. . „Ach ja, ja, nicht wahr, Frau Perrine,“ rief Bruyere ſchaudernd; „die Schande .. das iſt ſo etwas Graͤßliches, die Schande .. und dann die Spoͤttereien .. die Verach⸗ tung. wenn man nicht an ſo etwas gewoͤhnt iſt. O! die Schande ſehen Sie ich ſtuͤrbe daruͤber.“ Und als Bruyère bemerkte, daß Mad. Perrine bei dieſen letzten Worten zuſammenbebte und ſie mit Staunen und unruhiger Neugier anſah, eilte ſie, hinzuzufuͤgen: „Auch hatte ich, Frau Perrine „ als vorhin Vater Jacques mir ſagte, daß ich vielleicht meine Mutter kennen lernen koͤnnte .. anfangs eine Freude . ach ſo groß .. aber bald darauf ſagte ich mir: wenn ich nun auch meine Mutter entdeckte .. . wenn ich zu ihr ginge .. wuͤrde ich ihr vielleicht große Schande bereiten .. durch meine Gegenwart und ich ich ihre Tochter . waͤre es dann geweſen, die dieſen Fehltritt, dieſe Schande .. wieder hätte aufleben laſſen! ... Und doch .. ſeine Mut⸗ ter kennen lernen . ſie ſehen o, Frau Perrine .. was ſoll ich thun? ... Großer Gott, was ſoll ich thun? Sie ſehen ſelbſt, daß Sie mir einen guten Rath geben muͤſſen. .. Aber was iſt Ihnen? Sie werden ſo blaß . Ihre Haͤnde zittern.“ „Es iſt nichts, mein Kind,“ antwortete Mad. Perrine mit verſtorter Stimme, mit der Hand uͤber ihre gluͤhende Stirn ſtreifend „Deine Aufregung ſteckt mich an und dann . . wenn Du wuͤßteſt fruͤhere Erinnerungen! .. Doch von mir ſoll nicht mehr die Rede ſein . nur von Dir.. .. Dein Stocken ich begreife es es zeigt von Deinem trefflichen Herzen. ... Sage mir nur blos wie hat Dir Vater Jacques die Hoffnung geben koͤnnen, Deine Eltern kennen zu lernen.“ „Er ſagte, es faͤnden ſich mehre Dinge, welche mir helfen könnten, das Geheimniß meiner Herkunft zu ergrun⸗ den, in den Truͤmmern des Backhauſes dort .. am ufer des Teiches verborgen.“ 6 „Wie aber hat Vater Jacques dies erfahren?“ „Im Traume!“ „Ein Traum ... armes Kind und dem Traume eines durch Leiden geſchwichten armen Greiſes miſſeſt Du Glauben bei?“ „Was er einen Traum Frau Perrine iſt eine Růcktehr ſeines Gedächtniſſes, wie er deren manchmal hat . „Aber hat er Dir keine andern Aufklaͤrungen ge⸗ ghen⸗ „Nein, Frau Perrine. Nach dieſer Mittheilung iſt er, ohnſtreitig aus Erſchoͤpfung, wieder in ſein iſn Stillſchweigen verfallen.“ „Wer hat aber jene Lunime verſteckt?“ Er. 7 „Und wie ſind ſie in ſeinen Beſitz gtenmenz⸗ „Eine unbekannte Perſon hat ſie ihm uͤbergeben; .. . mehr habe ich nicht erfahren koͤnnen, denn ach, in dem Augenblicke verließ ihn ſein Gedächtniß.“ „Das iſt ſonderbar,“ ſagte Mad. Perrine nachdenkend. „Uebrigens iſt aber nichts leichter als ſich uͤber die Wahrheit dieſer Mittheilung zu vergewiſſern.... Wo iſt der verborgne Ort, den er Dir bezeichnet hat?“ „Nur zwei Schritte von hier.“ „Ein Haufen Ziegelſteine, ganz mit Moos und Epheu bedeckt? Dort, am Teiche?“ „Ganz recht, Frau Perrine; es war das ehemalige Backhaus der Meierei. Man hat ein andres naͤher am Hauſe gebaut.“ „Hoͤre, liebes Kind . wie mir's ſcheint, mußt Du Dich erſt von der Wirklichkeit deſſen, was Dir Jacques ge⸗ ſagt hat, vergewiſſern. Die Entdeckungen, die Du machen wirſt, werden Dein Benehmen vorſchreiben. .. . Iſt das nicht Deine Meinung?“ „Ja, Frau Perrine.“ „Dieſe Stunde iſt ganz paſſend dazu. Alle Welt ſchlupft in die Meierei .. . warum beſuchſt Du nicht gleich jenen Ort?“ „Frau Perrine ... manchmal gehen Sie Abends aus; wollen Sie mich begleiten?“ „Recht gern, liebes Kind.“ Im Augenblicke, als Madame Perrine ſich anſchickte, fortzugehen, nahm Bruyore ſie lebhaft bei der Hand und — ihre Lippen offneten ſich, als wollte ſie ſprechen. Dann aber ließ ſie, ohnſtreitig der Ueberlegung folgend, ihr Köpf⸗ chen matt ſinken, die Hand ihrer Beſchutzerin fahren, ſtieß einen Seufzer aus und fluſterte: „Nein ich habe nicht die Kraft dazu ich wage es nicht.“ „Was wagſt Du nicht, liebes Kind?“ „Ihnen Alles zu ſagen. .. Und doch muß es geſche⸗ hen denn, ſehen Sie, Frau Perrine, es iſt nicht um meinetwillen . .. daß ich gern meine Eltern moͤchte kennen lernen „Nicht um Deinetwillen allein?“ „Kommen Sie kommen Sie, Frau Perrine,“ ſagte Bruysre ſchnäll, als fuͤrchte ſie ſich, einem Antriebe unwill⸗ kurlichen Vertrauens nachzugeben; . „kommen Sie; was wir dort finden werden . wird mich beſtimmen, zu ſchweigen oder Ihnen Alles zu ſagen.“ Die beiden Frauen gingen aus der Stube, uͤber den kleinen Vorplatz und befanden ſich außerhalb der Wohnung. Der Himmel war bewundernswuͤrdig heiter. Der Vollmond leuchtete in voller Klarheit uͤber dem ſchwarzen Vorhange der Tannen, der ſich unabſehlich hinzog. Auf der Oberflaͤche der ſtehenden Gewaͤſſer des Teiches wehte ein weislicher Dunſt, aber dieſe mephitiſchen Ausduͤnſtungen zerſtreuten ſich ſo wie langſam der Mond mehr heraufſtieg, deſſen glaͤnzender Widerſchein den Teich in ein unermeßliche Decke ſilbernen Lichtes verwandelte. — 81 Tiefes Schweigen herrſchte. Der Abendhauch, der das durch den Herbſt vertrock⸗ nete Rohr bewegte, ließ dieſes in Abſätzen raſcheln, aber wenn von Zeit zu Zeit dieſes leichte Saͤuſeln mit dem eigen⸗ ſinnigen Hauche des Windes aufhörte, hätte ein aufmerkſa⸗ mes Ohr weit ſehr weit „das dumpfe und regel⸗ mäßige Geraͤuſch einiger Pferde hören können, die galop⸗ pirend nach und nach näher kamen. Mad. Perrine und Brupère waren zu ſehr beſchaͤftigt, um dieſen Umſtand zu bemerken. Wartin. . 6 — Sechſtes Rapitel. Entdeckung. Nicht lange, ſo kamen ſie an die Truͤmmer des ehe⸗ maligen Backhauſes. Es war davon nichts mehr uͤbrig als wie halb eingefallene Waͤnde, welche einen rechten Winkel bildeten. In Mitten einer derſelben ſah man den Eingang eines Ofens, der mit Ziegelſteinen und Erde ungeregelt ver⸗ ſtopft war. Durch dieſe Vorrichtung konnte allerdings dieſe Höhlung nicht zum Zufluchtsorte oder Hinterhalte von Mardern, Iltiſſen, Fuͤchſen oder andern unverſohnlichen Fein⸗ den der Huͤhnerhofe dienen. Epheu und Brombeere bedeck⸗ ten dieſes Mauerwerk und ließen bei dem hellleuchtenden Monde nur die halbe Woͤlbung von Ziegelſteinen bemerken, die ehemals durch die Flammen, die aus der Oeffnung des Ofens herausſchlugen, geſchwaͤrzt und calcinirt worden waren. Einige Schritte von dieſen Truͤmmern, die auf der Höhe des Ufers lagen, erhob das Rohr, mit welchem der Teich eingefaßt, ſeine ſchon welken Stengel. In ihrer Mitte ſah man uͤber der Fläche des Waſſers den oberen Theil der Thuͤr einer Schleuſe, welche dazu beſtimmt, die Gewäſſer des Teiches, wenn man ihn des Fiſchens wegen trocken legte, in einen breiten mit Binſen bedeckten Canal zu leiten. Die innere Erregung Perrinen's vermehrte ſich mit jedem Augenblicke. Die verſchiedenen Vorgaͤnge dieſes Ta⸗ ges, die Erinnerungen, von denen ſie geſchwiegen hatte, die aber dennoch lauten Wiederklang in ihrem Herzen fanden, und die Unruhe Bruntre's verurſachten ihr eine außeror⸗ dentliche Erſchuͤtterung, denn ſeit ihrer Heilung war ihr Leben in Ruhe und der vollkommenſten Vereinzelung da⸗ hingefloſſen. Sie ſchrieb daher den ſonderbaren Ver⸗ hältniſſen dieſes Abends die Art fieberiſcher Betaͤubung zu, die ſie ſeit einigen Augenblicken empfand. „Da iſt es!“ ſagte Bruyeère zu ihr und blieb in dem Winkel ſtehen, den die beiden Mauerwände des Backhauſes bildeten, die OHeffnung des Ofens Madame Perrine zei⸗ Lend. Dieſe verſetzte: „Der Ort iſt wenigſtens zum Verſteck gut gewaͤhlt: man könnte tauſendmal vorbeikommen ... ohne etwas da⸗ von zu ahnen.“ „Oh, Frau Perrine, wie das Herz mir ſchlaͤgt!“ ſagte Brupore zitternd. „Hier iſt es ja!“ „Glaube mir, liebes Kind taͤuſche Dich nicht durch zu lebhafte Hoffnung. Doch wir wollen eilen Ich weiß 6 — 5 — nicht, iſt es die Friſche der Nacht,“ ſetzte Mad. Perrine mit abgebrochener Stimme bebend hinzu „aber es ſchaudert mich durch den ganzen Koͤrper.“ Kaum hatte ſie dieſe Worte geſprochen, als Bruyere mit der Energie und Gewandtheit eines Landmädchens ſich mit dem ueberreſte eines Balkens bewaffnete, uͤber die Truͤmmer kletterte, zu der Oeffnung des Ofens gelangte, das Epheu und die Brombeeren beſeitigte und ohne Muͤhe ein Loch in das Mauerwerk von Ziegelſteinen und Erde machte. Plotzlich ertönte von fern. . . und als ob dieſes Geraͤuſch von dem aͤußerſten Nordende des Teiches herkomme . der Schrei des Adlers der Sologne in der Luft, aber die Ent⸗ fernung milderte ihn ſo, daß er kaum vernehmbar war. Doch traf er das Ohr Bruydre's: ſie horchte aufmerk⸗ ſam und unruhvoll. „Was haſt Du?“ fragte Mad. Perrine, die nichts gehoͤrt hatte. „Was iſt Dir denn begegnet?“ Bruytdre machte immer noch ſtumm und unbeweglich der Mad. Perrine ein flehendes Zeichen mit der Hand, neigte den Kopf und horchte aͤngſtlich von Neuem. Sie hörte nichts mehr ... ſei es nun weil der Schrei ſich nicht wiederholte, oder weil er durch einen jener leichten Windſtöße abwärts getrieben wurde, die von Zeit zu Zeit in einer gerade entgegengeſetzten Richtung wehend, vorhin ſchon, und jetzt wieder das immer naͤher kommende Ge⸗ raͤuſch mehrer galoppirender Pferde herangebracht hatten. i „Mein Kind,“ ſagte Mad. Perrine mit einer Stimme, welche Angſt und Leiden verrieth, „ich bitte Dich, eilen wir, ich fuhle mich nicht wohl.“ Dieſe Worte brachten Bruyere wieder zu ſich. In wenigen Augenblicken hatte ſie eine Oeffnung gemacht, welche hinreichte, um in die dunkle Höhle zu dringen. Da aber ergriff ſie Mad. Perrine beim Kleide und rief: „Kind! nimm Dich in Acht! es giebt hier giftige Schlangen .. . wenn ſolches Gewuͤrm in dieſem Loche ver⸗ borgen waͤre . . „Juͤrchten Sie nichts, Frau Perrine; es iſt jetzt noch nicht die Zeit, wo die Schlangen ſich verkriechen, um in den Winterſchlaf zu fallen.“ Bei dieſen Worten machte ſich Bruysre mit leiſer Be⸗ wegung von Mad. Perrinen's Hand los, und das Herz der Letzteren zog ſich krampfhaft zuſammen, als ſie das junge Maͤdchen in Mitten der Finſterniß, welche die Wolbung des Ofens verurſachte, verſchwinden ſah. In dieſem Augenblicke, aber ohne daß Bruyere es noch hoͤren konnte, ertönte von Neuem, aber dieſes Mal durchdringend, deutlich und naͤher der Schrei des Adlers der Sologne. „Ein Raubvogel ... das iſt eine traurige böſe Vor⸗ bedeutung“ . ſagte ganz leis Mad. Perrine zitternd. Dann, als ob dieſer Gedanke ihre Beſorgniſſe wegen des jungen Maädchens verdoppelt hätte, neigte ſie ſich zu der ſchwarzen Oeffnung des Ofens und rief: „Bruyère ... mein Kind ... ſprich doch!“ „Ich ſuche laͤngs des Gewölbes und uͤberall, Frau Perrine, und finde nichts,“ antwortete traurig das junge Maͤdchen. „Das wußte ich wohl ... armes Kind!“ entgegnete Mad. Perrine. Dann horchte ſie nach der Seite hin, woher der Wind kam und ſetzte halb leis hinzu: „Es iſt doch ſonderbar .. . man ſollte e es ſei der Galopp mehrer ſich nähernder Pferde.“ Von Neuem horchte ſie und begann wieder! „Es ſind Huͤhner aus einer der Meiereien in der Nähe, welche waͤhrend der Nacht auf den Wieſen bleiben und beim Mondſchein ſich herumtreiben.“ Ploͤtzlich ſtieß das junge Maͤdchen einen durchdringen⸗ den Schrei aus. „Was iſt's denn?“ fragte Mad. Perrine erſchrocken. „Bruysre, um des Himmels willen, antworte!“ „Ein kleines Kaͤſtchen, Frau Perrine.“ Und faſt in demſelben Augenblicke erſchien das junge Madchen, ganz athemlos von unverhoffter Freude, wieder an der Oeffnung des Gewölbes. Ein Maler haͤtte aus dieſer Scene ein Gemälde voll reizender Originalität machen koͤnnen. Der helle Mondſchein beleuchtete Bruyère vollkommen, welche am Eingange des Gewolbes knieete und das Käſtchen in ihren Armen hielt. Die gruͤnen Blätter des Epheu, die 6* „ 897 — 0 Ranken der vom Herbſt bepurpurten Brombeerſträuche um⸗ gaben mit ihren geſchmeidigen Gewinden den dunklen Halb⸗ bogen, in deſſen Mitte, von bleichem Lichte umfloſſen, das Geſicht des jungen Mädchens leuchtete, das unbeweglich knieete und die in Thränen ſchwimmenden Augen mit dem Ausdrucke unbeſchreiblicher Hoffnung zun Himmel tich⸗ tete. — Mad. Perrine blieb ohnerachtet ihrer Erregung, Un⸗ ruhe und der mit Beſorgniß gemiſchten Neugier, welche ihr Bruytre's Eroberung einflößte, einen Augenblick lang bei dem Anblicke dieſes koſtlichen Gemäldes verſtummt ſtehen „Dank Dir, guter Gott! Vater Jacques hatte mich nicht getaͤuſcht.. vielleicht werde ich noch meine Mutter kennen lernen!“ So ſtammelte Bruytre mit tief bewegter Stimme, dann aber ſtand ſie mit einem Sprunge neben Mad. Per⸗ rine und rief: ² 5 „Hier iſt das Käſtchen!“ Dieſes Käſtchen hatte nichts Bemerkenswerthes als ſeine ſonderbare Form. Es war rund, mit flachem Boden und gewölbtem Deckel. An einigen Fetzen Stoffes, welche die Zeit und Feuchtigkeit verſchont hatten, ſah man noch, daß es ehemals mit gruͤnem Serge bedeckt geweſen, der mit kleinen kupfernen Zwecken, die jetzt vom Roſt zerfteſſen, am Holze angenagelt. Dieſes Käſtchen hatte zum Futteral für eine Vorrichtüng zum Spitzenmachen gedient, ohngefähr 50 6 88 — * „ſo wie die, welche in der Stube der Mad. Perrine ohnweit ihres Seſſels ſich fand. 33 5i Die Kopfe der Zwegen, mit welchen der Serge befeſti⸗ get, ſtellten erſt einige einfache Arabesken auf dem Deckel vor und rundeten ſich dann zu Curſivſchrift, welche den Namen Perrine Martin bildte . . Bei dem Anblicke dieſes Kaͤſichens war Mad. Perrine ſogleich von Staunen betroffen geweſen, als ob ſie ihre Er⸗ innerungen zu ſammeln geſucht haͤtte, bald aber, als ſie beim hellen Mondlichte dieſen ihren Namen geleſen, ſtieß ſie einen heftigen Schrei aus. . „O! mein Gott!. .. Frau Perrine. was iſt Ihnen?“ fragte Bruytre. „ Mad. Perrine nahm, öhne ihr zu antworten, das Käͤſtchen, um es naͤher zu unterſuchen, und mit zitternden Händen und ſtieren Augen rief ſie ſtammelnd, ohne an Bruyores Gegenwart zu denken: „Dieſes Futteral .. . gehört mir; . wie kommt's hierher? ich hatte es mitgenommen in jenes Haus .. ich erinnere mich deſſen .. ja .. in jenes Haus wo⸗ hin man mich brachte, als ich noch nicht ... ganz irr war „Irr? Sie ... irr?“ rief Bruykre voll Schrecken⸗ „In jenes Haus,“ fuhr Mad. Prrrine immer mehr verſtört fort; ... „in jenes Haus, wo man mich ſo lange — 6 — bewachte „ und als ich wieder herauskam geheilt war ich erinnere mich deſſen wohl ... da bat ich dieſes Futteral .. und noch andere Sachen . die mir werth waren . oh, an denen ich ſo ſehr hing und man antwortete mir daß man nicht wiſſe .. was ich wolle.“ „Dieſes Käſtchen gehoͤrt Ihnen!“ rief Bruysre und einen Augenblick lang durchleuchtete eine thörigte Foffnung ihre Gedanken: — wenn Frau Perrine ihre M wäre; — aber ſie beſann ſich bald, daß wenige Zeit vorher dieſe ihren Schmerz daruͤber ausgedruckt hatte, nie eine Fuh gehabt zu haben. Da nun Bruyere nicht zu ſprechen wagte, erwartete ſie mit unausſprechlicher Angſt die Aufklaͤrung dieſes Ge⸗ heimniſſes. Mad. Perrine hatte das Kaͤſtchen auf die Truͤmmer geſetzt. Sie ließ wegen des Roſtes nicht ohne Schwierigkeit einen kleinen faſt unmerklichen Druͤcker, welcher das Kaͤſtchen verſchloß, wirken, es öffnete ſich und dann nahm ſie daraus zuerſt ein altes Spielzeug von Weidenholz mit Schellen beſetzt, wie es manchmal kleine Kinder armer Leute haben. „Sein Spielzeug!“ rief Mad. Perrine: „das Spiel⸗ seug meines Sohnes! Ich hielt es fuͤr verloren .. Wel⸗ ches Gluͤck da iſt es ja!“ und nachdem ſie daſſelbe mit Freudenkuſſen bedeckt hatte, legte ſie es wieder in das Käſt⸗ chen. Dann kam ein kleines Portefeuille in Marokin an die Reihe, das mit von der Zeit geſchwaͤrzten Silberzierra⸗ hen beſetzt war, unter denen ſich eine — aus⸗ zeichnete. „Das Portefeuille . das ſein Vater . einmal hatte liegen laſſen,“ rief Mad. Perrine, „und das ſeine Briefe enthielt.. dieſe unſeligen Briefe .. . Und dann hier dieſe beiden kleinen Spindeln in Holz geſchnitzt . . . fuͤr mich, von dem armen Claude, dem beſten, dem unglucklichſten aller Menſchen .. O welch ein Gluͤck! meine geliebten Schätze, heilig eliquien, die ich ſo lange beweinte .. ich finde euch endlich wieder . Und damit bedeckte Mad. Perrine dieſe Gegenſtände mit Thraͤnen und Kuͤſſen und einer fieberhaften, unſeligen Erregung, denn bald einten ſich krampfhafte Bewegungen mit ihrem Schluchzen. „Dieſes hier . das kenne ich nicht „ das hat mir nicht angehoͤrt,“ ſagte ploͤtzlich Mad. Perrine. Und damit ergriff ſie eine ziemlich ſchwere lederne Boͤrſe, welche, ohnſtreitig von der Feuchtigkeit verzehrt, un⸗ ter dem Gewicht ihres Inhalts zerriß. Eine große Wense Goldſtuͤcke fielen heraus. „Gold!“ rief Mad. Perrine mit nůchſeein Staunen. Dann ſetzte ſie hinzu: „Was iſt das fuͤr ein Pergament?“ In der That war an der Börſe ein vergelbtes und vom Deckel eines alten Buches abgeriſſenes — be⸗ 6 — „Da ſteht etwas darauf geſchrieben!“ rief Madame Perrine. „Leſen Sie, o leſen Sie!“ fluͤſterte Bruyste, deren Gedanken ſich im Andrang ſo vieler unerwarteter zu verwirren anfingen. Bei der blendenden Helle des Mondes konnte Mad. Perrine Folgendes leſen: „Dieſes Kaͤſtchen und was es enthält, ſoll der Mutter meiner jetzt fuͤnffjaͤhrigen Tochter angehören ... Ich bin ge⸗ nöthigt auszuwandern und ſie zu verlaſſen .. Ich vertraue ſie einem treuen Menſchen ... Dieſe Gegenſtände werden meiner Tochter dazu behilflich ſein, ſich eines Tages, wenn ich es fuͤr an der Zeit erachte, von ihrer Mutter anerkennen zu laſſen; ſpaͤter werde ich andere Verhaltungsmaßregeln ercheilen. ... Da ich aber bald getoͤdtet werden koͤnnte, ſo mögen tuſ Worte als mein Teſtament gelten .. . und in dieſem Teſtamente will ich ein Geſtändniß niederlegen, das mich druͤckt. ... Ich, der ich bis hierher Allem getrotzt, Alles gewagt ztn ich empfinde in dieſem Augenblicke Reue. Ich habe ein furchterliches Verbrechen begangen das ütße Namen hat: .. ich muß es zu ſühnen, indem ich es derjenigen entdecke, die dies. leſen ſoll. und die . Hier hatte die Feuchtigkeit das Blatt beſchmutzt und war durch das Pergament gedrungen. Viele Worte waren faſt unleſerlich, andere völlig verloͤſcht, ſo die Zeilen unverſtändlich wurden. ⁴ — „ — Wad. Perrine jedoch, ace durch die c einer brennenden Neugier immer verſtoͤrter und hingeriſſener wurde, fuhr fort dieſe unzuſammenhaͤngenden Worte zu leſen, als ob ſie einen vollſtaͤndigen Sinn dargeboten haͤtten. Es mußte aber hhl entſchloſſen .. die Nacht . ich hatte mich ſnſchihin⸗ am irr aber ſo ſchoͤn .. und ... woll .. durch ... Abſcheu vor mir mit Tegesnprih dann mitgenommen Kaͤſtchen naͤml. . . verfolgte mich uͤberall, bis .. „Ruͤckgekehrt . gelingen .. meine Tochter ... die noch immer irre Mutter, die nicht wußte habe ich . genommen .. man wird es ihr nicht ſ und dnß, wenn ſie. aus Ruͤckſichten fuͤr .. und uns den Women Bruyere meiner Tochter ... und der .. mein. Das it den Haͤnden der Leſenden. Dieſer neue und furchtbare Stoß gab einen Augenblick lang ſo zu ſagen ihrem Geiſte das Gleichgewicht wieder, ſo wie ein Monument, das durch eine tiefe Schwankung von ſeiner Baſis verruͤckt worden, durch eine entgegengeſetzte wieder auf ſeine Stelle geruͤckt werden kann, bis eine letzte Erſchutterung es mit Krachen zuſammenſtuͤrzen läßt. So unvollſtaͤndig auch der Sinn dieſer halb verloſchten Worte war, begriff Perrine Martin doch ſchnell ihre Bedeu⸗ tung. Ein ſchändlicher Menſch hatte alſo, von der Schön⸗ heit dieſer Unglucklichen ergriffen, den Zuſtand der Geiſtes⸗ abweſenheit, in welche ſie verſenkt war, gemißbraucht. Bruydre war die Frucht dieſes abſcheulichen Verbrechens, und Perrine Martin war Mutter, ohne Bewußtſein und Erinnerung daran behalten zu haben. Bei dieſer ſchauderhaften Entdeckung fuhlte das Mut⸗ terherz dieſer Ungluͤcklichen nur Eins „ eine unermeßliche Freude, eine göttliche; . . eine Tochter war ihr geboren dieſe Tochter ... ſie konnte ſie an ihr Herz druͤcken. Auch rief ſie, ihre Arme Bruyere entgegenſtreckend, aus: „Jetzt eben glaube ich wieder wahnſinnig zu werden .. aber nun fuͤrchte ich nichts mehr. . . . Komm denn, meine Tochter . . . Du giebſt mir die Vernunft zuruͤck.“ Und ſie ſagte die Wahrheit. Es giebt Lagen, wo eine Mutter nicht wahnſinnig werden will und es auch nicht wird. Sie! ... meine Mutter!“ rief Bruydre voll Stau⸗ nen, denn ſie war zu unſchuldig, um in den unſeligen Sinn der halben Worte einzudringen, welche ihre Mutter in ge⸗ waltſamer Aufregung geleſen hatte. „Ja, Deine Mutter! . . . ich bin Deine Mutter!“ rief Mad. Perrine ſchluchzend und bedeckte Bruyeère mit Thränen und Liebkoſungen .. . „was geht uns alles Andere anz.. ſiehſt Du? Du biſt meine Tochter .. was brau⸗ chen wir mehr? O mein Gott! ... und ich, die ſo eben ſagte: wie gluͤcklich wäre ich geweſen, zugleich eine Tochter .. und einen Sohn zum Anbeten zu haben! . Einen Sohn hatte ich ſchon .. Oh, einen edlen Sohn! „ Oh⸗ wie Du ihn lieben wirſt, Deinen Bruder!“ „Eine Mutter! einen Bruder!“ fluſterte Bruytre, indem ſie ihrer Mutter Thränen für Thränen, Liebkoſungen für Liebkoſungen, Gluͤck fur Gluͤck wieder⸗ gab. — Auf einmal ſchauderte Perrine Martin und ſagte ganz leis zu Bruyeren, die ſie an ihren Buſen gepreßt hielt: „Man ruft Dich!“ „Mich, liebe Mutter?“ „Jal hore! In der That erklang mitten durch ein Geraͤuſch ge⸗ ſchleppter Saͤbel, Pferdegetrabe, großer eiſenbeſchlagener Stiefeln und durch wirres Geſchrei, einen anwachſenden Tu⸗ mult, welchen die Aufregung Perrine Martins und ihrer Tochter ſie bis jetzt nicht hatte hören laſſen, die durchdrin⸗ gende und gewichtige Stimme des Herrn Beaucadet. „Wir muͤſſen Bruyère haben,“ ſagte der Unteroffizier der Gensdarmerie, „im Namen des Geſetzes, das Jeder⸗ mann zu wiſſen verpflichtet, wo iſt Bruyere, ich will ſie verhaften Wer möchte das Umſchlingen wilden Muttergefuͤhls beſchreiben köͤnnen, womit Perrine Martin, als dieſe Worte ihr Ohr trafen, ihre Tochter an ihren Buſen druͤckte, indem ſie ſich in dem Winkel niederkauerte, den die beiden Mauern des Backhauſes bildeten, die dort einen dichten Schatten ver⸗ breiteten. „Verhaften .. Bruyere!“ rief die mannhafte und wackere Robin „Sind Sie toll, Herr Beaucadet? . die arme Kleine verhaften? Die Vorſehung der ganzen Gegend!“ „Das iſt wahr,“ ſtimmte der Knecht der Pachtung ein, „die arme Kleine verhaften .. und weshalb?“ „Weil ſie beſchuldigt iſt des In — fanti — cidiums,“ antwortete Beaucadet mit entſcheidendem Tone, indem er die Worte nach ſeiner Gewohnheit zerſetzte. „Was reden Sie denn da fuͤr Zeug?“ entgegnete la Robin. „Sie ſprechen Ihr Kauderwelſch.“ „Mit andern Worten, unwiſſendes Weſen das Du biſt,“ verſetzte veraͤchtlich Beaucadet: „Bruyere iſt angeklagt, ihr Kind umgebracht zu haben.“ Bei dieſen Worten vernahm man zwei furchtbare Ausſchreie hinter dem Winkel, den die beiden Waͤnde des verfallenen Backhauſes bildeten. Im Augenblicke, wo Beaucadet mit ſeinen Gensd'ar⸗ men hinter ſich in dieſer Richtung hinzueilte, riß ſich Bruyère mit Blitzesſchnelle aus der krampfhaften Umſchlingung ihrer Mutter, ſprang mit Einem Satze uͤber die Truͤmmer des Backhauſes und ſtuͤrzte ſich von dieſer Höhe in den Teich⸗ Alles dies ging vor ſich, als wir es hier nieder⸗ ſchreiben. Als Beaucadet mit ſeinen Soldaten und den Leuten S— — aus der Pachtung in dem Winkel der beiden Seitenwände ankam, deren Hohe ihm die ungluͤckſelige That Bruyrens verborgen hatte, fanden ſie nur noch Perrine Martin. Die arme Mutter befand ſich in einem furchtbaren Nervenparorysmus. Ihre Arme waren ſteif, ihre Haͤnde geballt, ihre Augen ſtarr und halb geſchloſſen und die Zähn⸗ feſt zuſammengedruͤckt. „Frau Perrine,“ rief la Robin und warf ſich neben ſie auf die Kniee, um ihr Beiſtand zu leiſten, während die Gens⸗ d'armen ſie umringten. „La Robin! zu Hilfe!“ rief ploͤtzich eine Stimme an der andern Seite der Truͤmmer des Backhauſes. Es war ein Knecht aus der Pachtung, der, als er das Geräuſch des in das Waſſer ſturzenden Korpers Bruysre's gehört, an das Ufer des Teiches gelaufen war, waͤhrend die uͤbrigen Theilnehmer an dieſem Auftritte nach den Truͤmmern zu eilten. „La Robin!“ rief er von Neuem. „Bruydre hat ſich in den Teich geſtuͤrzt . . da iſt einer ihrer kleinen Holz⸗ ſchuhe in den Binſen ... geſchwind . zu Hilfe! „ kette den Kahn los .. man kann ſie vielleicht noch retten!“ Waͤhrend Perrine Martin völlig beſinnungslos in die Meierei getragen wurde, kettete man den Kahn los und die Robin, die Knechte und Gensd'armen, durchfuhren und ſon⸗ dirten den Teich nach allen Richtungen. Den Koͤrper Bruytre's fand man nicht. — Die Robin nahm, in Schluchzen ausbrechend, wie eine koſtbare Reliquie den kleinen Schuh des jungen Mädchens mit . .. dann aber ſich plotzlich beſinnend, ſagte ſie zu dem Fuhrknechte: „Sind wir nicht albern ſo zu weinen ... ein behex⸗ tes Geſchöpf, wie Bruyore es war, ſtirbt nicht.. Wir wer⸗ den ſie wiederſehen.“ Nachdem Herr Beaucadet ein Protocoll uber den Selbſt⸗ mord aufgenommen hatte, ſetzte er ſich wieder zu Pferde und ritt eiligſt dem Schloſſe des Grafen Duriveau zu, um dieſe traurige Nachricht dahin zu bringen. Nachdem ſie kurze Zeit geritten, wendete ſich der alte Soldat, der an dieſem Tage mehre Male die Ungeduld ge⸗ zeigt hatte, die ihm die lächerliche Wichtigkeit einfloͤßte, wel⸗ che ſich Beaucadet gab, zu ſeinem Kameraden, zeigte auf den Wachtmeiſter und ſagte halbleis: „Ich habe es wohl ſo eben geſehen, er weinte als er auf's Pferd ſtieg: deſto beſſer! .. Ich habe ihn immer fuͤr mehr dumm als boͤs gehalten.“ Martin. . Siebentes Kapitel⸗ Mutter und Tochter. Waͤhrend vorſtehende Ereigniſſe ſich in der Meierei von Grand⸗Genevrier begaben, fanden andere Auftritte in der Hutte der Sabloniere, der Wohnung von Miſtreß Wilſon ſtatt. Nachdem ſie mit ihrer Tochter traurig und niederge⸗ ſchlagen von dieſem unglucklichen Jagdtage nach Hauſe ge⸗ kommen war, hatten ſie ſich auf ihr Zimmer begeben, ohne an das Mittagseſſen zu denken. Herr Alcid Dumo⸗ lard jedoch, der ſich kaum von dem Schrecken erholt hatte, den ihm der kecke Angriff Bamboche's zugezogen hatte, theilte die Sorgloſigkeit ſeiner Schweſter und Nichte hinſichtlich des Mittagsmahls keinesweges. Weich ausgeſtreckt in einem Seſſel, vor einem vortrefflichen Feuer, ließ er ſich ein reich⸗ iches Diner ſerviren, da er behauptete, daß ſo viele verſchie⸗ dene Gemuͤthsbewegungen und beſonders der Schmerz, den ihm der Verluſt ſeiner Börſe verurſache, ihm den Magen ganz außerordentlich ausgehöhlt haͤtten. 3 — — — Raphaele hatte den Bitten ihrer Mutter nachgegeben und ſich zu Bette gelegt. An dem Kopfende deſſelben ſaß ihre Kammerfrau, Mademoiſelle Iſabeau, ein Maͤdchen von höchſtens 30 Jahren, nicht huͤbſch, aber mit einem zarten, ausdrucksvollen und verſtändigen Geſicht, köſtlichen Haaren und feurigen Augen. Ihre Hand war ſchlank, der Fuß klein, die Taille elegant, und dieſe wurde noch durch ein ſchwarzes, ſehr einfaches, aber im Schnitte vortrefflich gear⸗ beitetes Gewand gehoben. Mlle. Iſabeau ſchien eben ſo verwundert als betruͤbt uͤber das leidende, abgeſpannte Aeu⸗ ßere ihrer beiden Herrinnen. Auf ein Zeichen der Miſtreß Wilſon verließ ſie das Zimmer. Mutter und Tochter blieben allein. Die Schlafkammer Raphaelens graͤnzte an die ihrer Mutter und war mit perſiſchem Stoff tapeziert, deſſen Grund weiß mit großen blauen Kornblumen beſaͤ't. Ein durch eine matt durchſichtige Kryſtallkugel halb verhuͤlltes Licht erhellte nur ſchwach das Gemach. Miſtr. Wilſon hatte ihr Reitkleid mit einem Schlaf⸗ rocke von linnengrauem Cachemir vertauſcht, der mit blaß⸗ rother Poſamenterie beſetzt war; ein feines und ſchmieg⸗ ſames Gewebe, das die Umriſſe ihrer allerliebſten Geſtalt leicht erkennen ließ. Am Bette ihrer Tochter ſitzend hielt ſie mit unruhiger Sorgfalt eine Hand derſelben in der ihren. Raphaelens reizendes und gewoͤhnlich ſanftgeroͤthetes Geſicht war jetzt ſo verſtört, daß ohne den fieberiſchen Glanz blauen — 100 — Augen und das dunkle Kaſtanienbraun ihrer Haarflechten die Bläſſe deſſelben mit der ſchneeigen Weiße der Spitzen und des Battiſtes ihres kleinen Nachthaͤubchens ſich ver⸗ miſcht haͤtte. Dieſes ganz junge Maͤdchen und dieſe junge Mutter ober vielmehr dieſe beiden ſo gruppirten Schweſtern bildeten ein hinreißendes Gemälde. Ein ſanftes Licht warf ſeinen Daͤmmerſchein in dieſes mit bluͤthenbeſaͤten Stoffen tapezierte und ganz von den mil⸗ den Wohlgeruͤchen durchduftete Gemach, welche die Umge⸗ bungen eleganter und ſorgſam waltender Frauen aushau⸗ he. . Zum erſten Male befanden ſich Miſtr. Wilſon und ihre Tochter ſeit ihrer Ruͤckkehr von der Jagd allein. „Armer Engel .. . Du leideſt wohl ſehr?“ fragte Miſtr. Wilſon Raphaelen. Das junge Maͤdchen antwortete durch einen ſchmerz⸗ lichen Senfzer, von einem thränenvollen Blicke begleitet. Miſtr. Wilſon nahm das Kopfchen ihrer Tochter, das auf ihrer Schulter ruhte, in ihre beiden Haͤndchen und ſie mehre Male auf die Stirn kuͤſſend, ſagte ſie: „Du leidend .. mein guter Engel .. Du! oh, ich habe bisher ... nie Haß gefuhlt .. aber wer Dir den geringſten Kummer verurſachte, wuͤrde von mir verfolgt werden .. mit furchterlicher, unverſoͤhnlicher Haͤrte.“ Indem Miſtr. Wilſon von dem Haſſe ſprach, den ſie empfinden wurde, verwandelte ſich ihre lebhafte und heraus⸗ — 101 — fordernde Phyſiognomie. Ihre immer ſo heitern und frohen Augen glaͤnzten in finſterer Gluth, ihr ſtets ſo lachender Mund verzog ſich, die Adern ihrer Stirn ſchwollen auf, kurz, der Ausdruck ihres Geſichts erſchien einen Augenblick lang Raphaelen ſo drohend, daß ſie erſchrocken ausrief: „Mama haſſe ihn nicht . . . ich liebe ihn ſo ſehr.“ Bei dieſen Worten Raphaelens, welche ihre unheilbare Leidenſchaft fuͤr den Vicomte Scipio Duriveau ausſprachen, verbarg Miſtr. Wilſon mit ploͤtzlicher Umwandlung ihr Ge⸗ ſicht in die Haͤnde und brach in Thraͤnen aus. „Mutter .. theure Mutter . ich thue Dir ſo weh!“ rief das junge Madchen an Miſtr. Wilſons Hals ſich ſtuͤr⸗ zend: „oh! wie ſchlecht bin ich . . . und wie ungluͤcklich! .. Er liebt mich vielleicht nicht mehr .. . und Dir breche ich das Herz!“ „Er liebt Dich nicht mehr!“ rief Miſtr. Wilſon und trocknete ſchnell mit der Hand die Thränen, die auf ihre Wangen herabrollten: . . . „er liebt Dich nicht mehr .. — und dabei wurden ihre blaſſen Wangen purpurn vor Unwillen. — „Dich ... Dich . .. ſolche Verachtung fuͤhlen laſſen. Dich, ſchöner als alle ... Dich, oh ſo ſchon wie ein verwirklichtes Ideal!“ rief ſie, von thorigtem Stolze der Mutterliebe fortgeriſſen. „Dich nicht mehr lieben!! er!“ fuhr ſie nach einem augenblicklichen Schweigen fort. „Du weißt alſo noch nicht Alles, was es mir gekoſtet hat .. ./ Miſtr. Wilſon unterbrach ſich hier: von ihrer erſten — 102 — Aufwallung fortgeriſſen, ſtand ſie im Begriff, ihrer Tochter ein Geheimniß zu enthuͤllen, das ſie ihr verſchweigen wollen. Sie faßte ſich alſo und ſetzte hinzu: „Nein, Du weißt es nicht, welche Unruhe mir dieſe Liebe gekoſtet hat .. Beruhige Dich, faſſe doch wieder Muth, meine angebetete Tochter.“ „Ach! liebe Mutter, ſeit unſerer Abreiſe aus Paris ſind wir verlobt. . . . Und während des geſtrigen Tages ſahſt Du ſelbſt .. . nichts ... als einige allgemeine Höflichkeiten. Er beſchaͤftigte ſich kaum mit mir .. . ſtets zerſtreut, unauf⸗ merkſam; und nun wieder dieſe Gleichgiltigkeit bei der furcht⸗ baren Scene ... wo er, wie immer, ſo viel Muth und ſo viel Verachtung zeigte! .. . Oh, dieſes Mädchen dieſes Landmädchen er liebt es. Darum liebt er mich nicht mehr. .. . Er liebt es .. . und dies Weib hat ihr Kind ge⸗ toͤdtet!“ rief Raphaele mit einem unbeſchreiblichen Gemiſche von Haß, Eiferſucht und Verzweiflung. Dann warf ſie ſich in Thraͤnen zerfließend an den Hals ihrer Mutter und verbarg ihr Geſicht in deren Buſen. „Oh, beklage mich . .. verachte mich ...“ fing ſie wie⸗ der an. „Trotz alles Deſſen liebe ich Scipio noch. liebe ihn noch immer .. . ich liebe ihn vielleicht deſto mehr, denn nie iſt er mir ſchoͤner vorgekommen, als wie er allein, noch ſo jung, ſo ſchwach, aber ſo unerſchrocken der Wuth der Bauern entgegentrat, die ihm drohten.. Ja, verfluche mich, Mutter .. . ſetzte Raphaele hinzu, 1t „ wendete ihr mit Thränen iburſchwemme Geſicht dieſer zu, —— — 103 — indem ſie flehend die Haͤnde nach ihr ausſtreckte und wie⸗ derholte: „Verfluche mich .. denn Du weißt noch nicht Alles 8 Miſtr. Wilſon richtete ſich plötzlich in ihrem Seſſel empor und fragte mit einem beunruhigten, durchdringenden Blicke ihre Tochter. „Ich habe Deine blinde Zärtlichkeit fuͤr mich Dein gränzenloſes Vertrauen gemißbraucht,“ begann Ra⸗ phaele wieder mit tiefer Abſpannung. Bei dieſen Worten beſtand Miſtr. Wilſons erſte Be⸗ wegung darin, zu ſchaudern, im Seſſel zuruͤckzuſinken und die Hände Raphaelens, die ſie in den ihren hielt, zuruckzu⸗ ſtoßen. Dann aber, daruͤber erröthend, daß ſie einen Augen⸗ blick an ihrer Tochter habe zweifeln koͤnnen, ob auch dieſe ſich ſelbſt anklage, ſagte ſie ihr: „Du? mein Vertrauen mißbrauchen? Ich glaube Dir nicht . armer Engel.“ Dieſe Worte wurden mit einem Lächeln voll ſolcher Heiterkeit geſprochen, daß Raphaele von Staunen betroffen ſtumm und erſchuͤttert blieb. „Nein, Du haſt meine Zärtlichkeit nicht mißbrauchen können, mein geliebtes Kind,“ begann die Mutter wieder. „Nach Deiner Gewohnheit uͤbertreibt Dein reines und gu⸗ tes Herz irgend eine Kinderei .. ſo wie Du die Kälte Scipio's uͤbertreibſt. .. Uebrigens, garſtiges Kind,“ ſetzte Miſtr. Wilſon lächelnd hinzu, indem ſie durch eine höchſt anmuthige Bewegung ihr reizendes Geſicht zu dem ihrer Tochter herabneigte, „Du wirſt mich am Ende noch ängſt⸗ lich wie Du ſelbſt biſt, denn eben jetzt, als Du aus⸗ riefſt, Du böſes, kleines, blindes Madchen, er liebt mich nicht mehr! habe auch ich einen Augenblick lang gezittert! Mich ſo an Dir zweifeln zu laſſen! . . . an der Allmacht Deiner Schönheit, dem anbetungswuͤrdigen Einfluſſe Dei⸗ nes Geiſtes und Herzens .. . das kann ich Dir gar nicht verzeihen! ... So kommen Sie denn, Miß, und laſſen Sie mich dieſe ſchoͤnen Augen durch lange Kuͤſſe ſchließen, weil dieſe ſchoͤnen Angen ſo ſchlecht ſehen, ſo ſchlecht uͤber Sei⸗ pio's Liebe urtheilen.“ Und damit druͤckte ſie ihre roſigen Lippen auf die wei⸗ ßen Augenlider Raphaelens. Zum erſten Male in ihrem Leben fuhlte ſich Raphaele durch dieſe Sprache ihrer Mutter ſchmerzlich betroffen. Das Vertrauen, die Ruhe von Miſtr. Wilſon nach den Vorgaͤngen dieſes Tages, fuͤr das Herz des jungen Maädchens ſo ſchmerzlichen Vorgängen, erfullten dieſes mit Staunen und Unruhe. „Verzeihe mir, liebe Mutter,“ ſagte ſie verlegen, „wenn ich mich wundere, Dich ſo wenig Wichtigkeit auf das Alles legen zu ſehen, was heut geſchehen iſt .. . d Miſtr. Wilſon unterbrach ihre Tochter und ſagte mit dem Ausdrucke ernſter Zaͤrtlichkeit zu ihr: „Hoͤre, meine Geliebte, wir ſind zwei Schweſtern . .. ich will als verheirathete Frau mit Dir ſprechen .. mit Dir, die Du bald die Frau des Mannes ſein wirſt, den Du anbeteſt. Man muß, ſiechſt Du, mein Kind, die Welt nehmen wie ſie nun einmal iſt .. die Dinge wie ſie ſind. Du erſchreckſt Dich .. . Du leideſt von dem was Du Untheilnahme, Kaͤlte Scipio's nennſt. Warum denn? — Das liegt ſo in ſeinem Jahrhunderte .. . in ſeiner Zeit. Obgleich noch ſehr jung, affectirt er doch .. . und das habe ich ihm in Deiner Gegenwart vorgeworfen . . . wie die mei⸗ ſten Männer ſeines Alters, ein Losgekettetſein, eine verach⸗ tende Gleichgiltigkeit fur alle zärtlichen Gefuhle. Er wuͤrde die eiftige Art und Weiſe eines Verlobten fuͤr vollkommen lächerlich halten, er wuͤrde die Rolle eines Bräutigams aus der Provinz zu ſpielen glauben, wenn er Dich mit Aufmerk⸗ ſamkeiten und Zuvorkommenheit uͤberhäufte. .. . Und was ſind denn auch am Ende alle dieſe angenommenen Aeußer⸗ lichkeiten? Eben nur Aeußerlichkeiten . . Vorſpiegelungen „ die die wahre und tiefe Zuneigung, welche er fuͤr Dich fuhlt, nicht im Geringſten aͤndern. . . . Ja .. . denn er liebt Dich mehr als Du glaubſt .. . Und am Ende ſteht es mir zu, mir, die weiß was Du biſt, und werth biſt . . . Dich gegen Deine unſeligen Zweifel zu vertheidigen armer angebeteter Engel .. . Du haſt Scipio gewählt .. . Du liebſt ihn ſo ſehr, daß Du faſt daruber geſtorben wäreſt. — Er hat durch ſeinen Vater um Deine Hand gebeten .. . Deine beſcheidene Mitgift hat ihn nicht dazu reizen können; was mir an Vermogen uͤbrig geblieben, iſt ſehr wenig und Alles was Dein Onkel beſitzt, ſteht auf Leibrenten.“ — 106 — „Liebe Mutter . „Mein Gott, alle dieſe Grunde, die Du mich zwingſt, Dir anzufuͤhren, um Dich zu beruhigen, Dich zu uͤberzeu⸗ gen, ſind erbärmlich, ſind haͤßlich, geliebter Engel, aber weil es Dir an dem rechten Vertrauen zu Dir ſelbſt fehlt, muß ich wohl in ſolche Details eingehen, ſo abſtoßend ſie auch ſein moͤgen.“ „Ach, gute Mutter, heut, an dieſem traurigen Tage iſt es nicht blos der Mangel an Zuvorkommenheit Scipio's, der mir Schmerz verurſacht.“ „Ich begreife Dich: Du denkſt an jene grauſame Ent⸗ deckung . an das ungluͤckliche kleine Kind. . . . Auch hier, mein Engel, muß ich als Schweſter mit Dir ſprechen .. als Freundin .. oder vielmehr als Mutter, die alle falſche Zuruͤckhaltung bei Seite ſetzt, alle luͤgenhafte falſche Scham, weil es ſich darum handelt, Dich aufzuklaͤren, nicht aber Dich zu betruͤgen. Höre alſo .. Im vergangenen Jahre war Scipio mit ſeinem Vater hier allein: er kannte Dich nicht . . In dem Muͤſſiggange des Landlebens begegnet ihm dieſes junge Maͤdchen und er macht ihr den Hof. Sie wird ihn angehört haben .. und das Uebrige weißt Du. Nun iſt dies allerdings, aus dem moraliſchen Geſichts⸗ punkte angeſehen, ſchlecht, ſehr ſchlecht; . aber ich muß Dir es leider ſagen, nach dem Geſichtspunkte der Welt . dieſer Welt, in der Du und ich leben, iſt Scipio's Hand⸗ lung das, was man .. eine Jugendkinderei nennt. Wenn morgen ganz Paris erfuͤhre, daß der Vicomte Scipio Duri⸗ ——— — — veau eine kleine Bäuerin zur Maitreſſe gehabt und dieſe Liebe die tragiſche Entwickelung genommen hat, deren Zeu⸗ gen wir waren, wenn morgen ganz Paris dies wuͤßte ... ſo wuͤrde kein Salon ſich vor Scipio verſchließen und kein Mann und keine Frau von irgend einem Anſehen in der Welt die Aufnahme, welche ſie gewöhnt Scipio angedeihen zu laſſen, deßhalb abaͤndern ... ja, was noch mehr iſt, mein Kind, keine Mutter, kein Vater ihm deßhalb ſeine Tochter als Gattin verweigern. Alles dies, ich ſehe es wohl, ſetzt Dich ein Wenig in Verwunderung, meine Theure, aber in⸗ dem ich jetzt eine Sprache mit Dir ſpreche, die Du, einmal verheirathet, nach 14 Tagen auch hören wuͤrdeſt, kurz, in⸗ dem ich Dir das Wahre der Dinge mittheile, beruhige, tröſt, ich Dich und laſſe endlich einer fuͤr Deine Ruhe unſeligen Idee ihr Recht widerfahren.“ „Alſo, liebe Mutter,“ ſagte Raphaele mit verſtörter⸗ Stimme, erbleichend und an allen Gliedern zitternd, „alſo hat man in der Welt .. . kein Mitleid mit einem jungen Mädchen das verfuͤhrt ... und verlaſſen worden iſt ... alſo giebt es in der Welt fuͤr den Verfuͤhrer keinen Vor⸗ wurf keine Zuruͤckweiſung; Alles ſtreckt ihm die Hand wie gewöhnlich entgegen, waͤhrend für das Schlachtopfer ... es nur Gleichgiltigkeit .. Verachtung giebt?“ „Mein armes angebetetes Kind, das iſt allerdings ſehr grauſam .. ſehr ungerecht . . und beweinenswerth, aber was iſt zu thun? die Welt iſt nun einmal ſo, man muß ſie nehmen wie ſie iſt. Jene peinliche Scene von Ohnlaͤng ſt — hat alſo, wie Du begreifen kannſt, von dieſem Geſichtspunkte aus nicht die unangenehme Wichtigkeit, die Du ihr beimiſ⸗ ſeſt. .. . Handelt es ſich um Dein kunftiges Gluͤck, ſo iſt dieſe Wichtigkeit noch geringer . . . denn vor einem Jahre kannte Scipio Dich ja noch nicht . . und ich wieder⸗ hole es Dir .. . er hat allerdings Unrecht daran gethan, die⸗ ſes Madchen zu verfuͤhren .. . aber endlich ... warum iſt ſie ſo ſchwach geweſen? .. warum hat ſie nicht Tugend, nicht Muth genug gehabt, ihm zu widerſtehen? Es iſt eine gerechte Strafe fuͤr ... „Oh! .. . das iſt zu viel!“ rief Raphaele, ihre Mutter unterbrechend. „Auch ich bin zu ſchlecht!! ... Dies hören und ſchweigen .. . das iſt infam.“ Darauf ſagte ſie, ſich an Miſtr. Wilſon mit faſt irrer Miene wendend, mit tief verſtörter Stimme zu dieſer: „Mutter! Du mußt nicht mit ſolcher Härte von verfuͤhrten Mädchen ſprechen .. .“ „Raphaele .. . mein Engel .. Waos iſt Dir? .. Wie Du zitterſt, wie Du mich anſiehſt!“ „Ich ſage Dir, Mutter .. . man muß nachſichtig ſein und Mitleid mit verfuͤhrten Maͤdchen haben.“ „Du wirſt immer blaͤſſer .. Du erſchreckſt mich!“ „Habe Mitleid . . o großes Mitleid mit der Ungluͤck⸗ lichen, die weder ſo viel Tugend ... noch ſo viel Muth hatte, um zu widerſtehen ... ihm .. . Scipio .. verſtehſt Du, Mutter?“ — 6 — Und Schluchzen unterbrach die Stimme des jungen Maͤdchens. „Raphaele . komm zu Dir. beruhige Dich.“ „Gott ſtraft Dich, liebe Mutter.“ „Gott ſtraft mich?“ „Das ungluckliche Kind, das Scipio verfuͤhrte .. war arm, ohne Stuͤtze .. .“ begann Raphaele wieder mit einem Lächeln voll der furchtbarſten Ironie ... „auch Du ſagteſt, wie die Welt ſagen wird .. was verſchlaͤgt das! . Verachtung fuͤr das Opfer .. Ruhm dem Verfuͤhrer!“ „Raphaele!!“ „Ihr Kind iſt todt . . ſie wird vielleicht auch ſterben was verſchlaͤgt das . . . ſolch eine Creatur? . eine Ju⸗ gendkinderei des Vicomte Scipio . das haſt Du geſagt .. und Gott ſtraft Dich dafuͤr, Mutter.“ „Oh mein Gott! mein Gott!“ „Du haſt als Echo einer egoiſtiſchen und grauſamen Welt kein Mitleid fuͤr das arme Bauernmadchen gehabt... Ich ſage Dir, daß Gott Dich in Deinem Kinde ſtraft, Mut⸗ „Was ſagſt Du?“ „Ich ſage, daß auch ich ſtrafbar geworden bin .. ſtrafbarer noch als jenes ungluckliche Geſchopf, denn ich bin nicht allein und verlaſſen wie ſie! ... ich habe eine zaͤrtliche und angebetete Mutter . . . die ich ſeit meiner Kindheit nicht verlaſſen habe .. Nun denn! dieſe Mutter .. dieſe zart⸗ liche Mutter habe ich hintergangen.“ — 110 — „Oh, ſchweig!“ „Ich habe ihr Vertrauen auf's Schaͤndlichſte gemiß⸗ braucht.“ „Du weißt nicht was Du ſagſt ... Du biſt irr .. † Raphaele, komm zu Dir!“ „Nein, nein, ich bin nicht irr,“ rief das junge Maͤd⸗ chen faſt im Wahnſinne: „aber ich werde es werden . wenn ich nicht vor Schande ſterbe.“ . „Vor Schande!“ „Auch ich, ich habe Scipio nicht widerſtehen können.“ „Ungluͤckſelige!“ „Was verſchlägt das? .. Jugendkinderei des Vicomte Scipio .. . wird die Welt ſagen, nicht wahr, liebe Mutter?“ fluſterte die Ungluͤckliche, deren Kraͤfte erſchoͤpft waren. Und ihr Geſicht in ihren Händen verbergend, ſank ſie bewegungslos auf ihr Lager zuruck. Achtes Rapitel. Mutterliebe. Seit dem fuͤrchterlichen Geſtändniſſe Raphaelens an ihre Mutter, vollſtaͤndiges Geſtaͤndniß durch eine Erklärung, die das junge Maͤdchen mit ſterbender Stimme ſtöhnte, ſind einige Augenblicke verfloſſen. Ein Wort uͤber Miſtreß Wilſon, ehe wir in unſerer Erzaͤhlung fortfahren. Dieſe Frau vergötterte ihre Tochter. Die Beweiſe dieſer Vergötterung, dieſer blinden, leidenſchaftlichen, wir möchten faſt fagen, heldenmuͤthigen Hingebung... werden ſich gleich in reichem Maaße zeigen. Perſonen, welche das kennen was man die Welt nennt, und ſie ſo geſehen haben wie ſie iſt, ſo wie die Fol⸗ gen, ſo wie die Beduͤrfniſſe der ſozialen Verhältniſſe ſie ge⸗ ſchaffen haben, werden die Redeweiſe der Miſtreß Wilſon, in Vezug auf Scipio's Verfuͤhrung Bruyre's vielleicht in dem Munde einer Mutter, die mit ihrer Tochter ſpricht, nicht an rechter Stelle finden, aber an ſich ſelbſt iſt dieſe — 112 — Redeweiſe den Ideen, den Sitten, den Gewohnheiten, den Traditionen dieſer Welt völlig angemeſſen. Indem Miſtreß Wilſon ihrer Tochter die Geſellſchaft mit ſo rohen Farben malte, hatte ſie ihre Urſachen dazu, und dieſe Urſachen waren von ihrem Standpunkte aus vor⸗ trefflich. Die Leidenſchaft, welche Scipio Duriveau Raphaelen eingeflößt hatte, war während einer Reiſe entſtanden und zu ihrer groͤßten Höhe gediehen, die Miſtreß Wilſon wegen einiger Schulden, die ihr Mann, der als amerikaniſcher Bankier im Bankerott verſtorben war, hinterlaſſen, nach England hatte unternehmen muͤſſen. Sie hatte alſo ihre Tochter gegen eine ſo thörigte, ſo aufs Aeußerſte getriebene Leidenſchaft nicht ſchutzen können, daß ſie bei ihrer Ruͤckkehr Raphaelen daran ſterbenskrank wiederfand. Damals hatte fuͤr Miſtreß Wilſon nicht mehr die Rede davon ſein können, zu unterſuchen, zu berathen, ob der Gegenſtand dieſer ſinnloſen Liebe deren wuͤrdig war. Sie hatte vor Allem das Leben ihrer Tochter durch eine Ver⸗ heirathung mit dem Vicomte Duriveau retten wollen⸗ Dieſer Verbindung ſtanden aber unglaubliche Schwierigkei⸗ ten entgegen. Sie zu uͤberwinden, erforderte es alle Ge⸗ wandtheit, alle Willenskraft der Miſtreß Wilſon, erforderte es beſonders, daß ſie ſich zu einem bewundernswuͤrdigen Opfer entſchloß. Endlich war auch Miſtreß Wilſon zu ſtolz auf die außerordentliche Schoͤnheit ihrer Tochter, zu uͤberzeugt von — 113 — ihren ſeltnen Eigenſchaften, um nicht von ihnen einen un⸗ widerſtehlichen Einfluß zu erwarten und zu glauben, daß Scipio eine wahre Liebe unter dem Anſcheine berechneter Kälte verberge. Ueberdies liebte ja auch Raphaele bis zum Sterben, ihre Mutter mußte alſo um jeden Preis die Be⸗ ſorgniſſe der Tochter beruhigen und ihr uͤber die Zukunft einer Liebe, die ihr ganzes Leben ausmachte, Sicherheit einfloͤßen. Dieſes war die Linie des Benehmens von Miſtreß Wilſon in Bezug auf ihre Tochter bis zu dem Augenblicke geweſen, wo dieſe ihr ein ſo ſchmerzliches Geſtaͤndniß ge⸗ macht hatte, ein Geſtaͤndniß, das durch nachfolgende Mit⸗ theilungen vervollſtaͤndigt wurde. Einige Tage ehe Raphaele mit ihrer Mutter von Pa⸗ ris nach der Sologne abgereiſt war, hatte ſie, einen Augen⸗ blick der Freiheit benutzend, dem leidenſchaftlichen Dringen Scipio's nachgegeben, und war zu dem Rendezvous gegan⸗ gen, um das er ſie gebeten. Ein ziemlich langer Zeitraum war nach dieſem trauri⸗ gen Geſtändniß verſtrichen. Raphaele und ihre Mutter blieben ſchweigend, duͤſter, niedergedruͤckt. Miſtreß Wilſon, auf die Seitenlehne eines Sopha's geſtutzt, ſchien die Beute tiefen Schmerzes zu ſein. Sie heftete einen Blick voll Traurigkeit, Mitleid, Liebe und Vergebung auf ihre Tochter. 3 Mortin. H. 8 — 114 — Raphaele, bleich, geſenkten Hauptes, ſtieren Auges, die Haͤnde üͤber ihre Kniee gefaltet, ſchien abgeſpannt, em⸗ yfindungslos. Von Zeit zu Zeit rollten große Thraͤnen ſchweigend uber ihre blaſſen und marmorkalten Wangen. „Raphaele,“ ſagte plötzlich Miſtreß Wilſon, „hoͤre mich mein armes Kind.“ Bei dieſen Worten, welche die unendliche Nachſicht und Zaͤrtlichkeit ihrer Mutter kund gaben, erbebte das junge Maͤdchen, und bedeckte die Haͤnde der Miſtreß Wilſon mit Thraͤnen und Kuͤſſen. „Richte Dich auf. .. beruhige Dich.. mein Engel.. ich habe ſelbſt große Muͤhe, meine Erregung zu bemeiſtern. Laß uns alſo Muth haben .. uns von Dir . von uns ſprechen.“ „Ich höre Dir zu, tiebt Mutte ſagte Raphaele, und ſuchte ihre Thraͤnen zuruckzuhalten. „Wir ſind, ſiehſt Du, zwei Frauen, vereinzelt und allein, wir können nur Rath aus uns ſelbſt ſchoͤpfen. Du weißt, was wir von Deinem Onkel uns erwarten koͤnnen. Alſo uns Beiden allein kommt es zu, meine Geliebte, einen Entſchluß fuͤr die Zukunft zu faſſen. ... Du haſt recht geſagt... Gott hat mich fuͤr die Haͤrte beſtraft, mit welcher ich von dieſem armen Landmaͤdchen ſprach. . Gott hat mich beſtraft.. .. Aber wenn er nur mich teſtraft, ſo will ich ihn dafuͤr lobpreiſen.. .. Vor einem Augenblicke ſchie⸗ nen mir Deine Zweifel i Scipio wenig begrundtz.. ktzt ſcheinen ſie mir thoͤrigt, denn die ai — — Seipio's. legte er ſich in Euerm beiderſeitigen Intereſſe ſelbſt auf.“ „O, meine Mutter,“ antwortete Raphaele niederge⸗ ſchlagen, „bei dem Anblicke des armen kleinen Kindes, das doch das ſeine war, blieb Scipio's Blick trocken und hoch⸗ muthig... Das erſchreckt mich.... Das läßt mich an ſeinem Herzen zweifeln, und doch fuͤhle ich, daß ich ihn immer noch liebe, ihn, der jetzt der alleinige Herr meines Gluͤcks wie meines Herzens iſt. O! der Gedanke iſt graͤß⸗ lich.. Wenn er jetzt ſein Wort nicht hielte. wenn Ver⸗ achtung.. Verlaſſen .. „Fuͤr Dich? Verachtung... Verlaſſen... dann muͤßte ich ſelbſt ja todt ſein!“ rief Miſtreß Wilſon mit unglaub⸗ licher Kraft. „O nein, nein, ſei ruhig, mein Kind. Scipio wird ſein Verſprechen halten .. er wird es halten, weil er Dich liebt.. er wird es halten, weil er es halten muß.. weil es keine ernſtliche Macht giebt, die ſich jetzt dieſer Hei⸗ rath widerſetzen koͤnnte.“ „Ach, meine Mutter, wenn Du die Unbeugſamkeit von Scipio's Character kennteſt!... O, wenn er mich nicht liebt, wird ihn nichts davon abhalten mich zu verlaſ⸗ ſen,“ fluͤſterte das junge Maͤdchen mit ſchmerzlicher Ab⸗ ſtannung. Raphaelens Beaͤngſtigungen, die ſteigende Verſtörung ihrer Zuge zerriſſen ihrer Mutter Herz. Dieſe kannte die außerordentliche Reizbarkeit ihrer Tochter, welche dieſe Liebe ſchon faſt getödtet hatte. Immer mehr und mehr uͤber die 8* — 116 — Ermattung dieſer Armen erſchrocken, und da ſie ihr um jeden Preis Vertrauen auf die Zukunft einfloͤßen wollte, in⸗ dem ſie ihr die Vergangenheit enthuͤllte, entſchloß ſie ſich zu einer Mittheilung, welche ſie bis dahin aus Beſcheidenheit ihrer muͤtterlichen Hingebung verborgen gehalten hatte. Nach einem augenblicklichen Zögern wendete ſie ſich da⸗ her an Raphaele: „Antworte mir, mein armer Engel. Wenn man Dir nun vor dem Tage, wo Du außer Dir ſelbſt und wahnſin⸗ nig zu Scipio gingſt, geſagt haͤtte: Entſage dieſer Liebe?“ „So waͤre ich geſtorben.“ „und wenn man Dir heute ſagte: Du mußt dieſer Liebe, dieſer Heirath entſagen?“ „So ſtuͤrbe ich zugleich aus Liebe und aus Schande.“ „Ja... das glaube, das weiß ich: Du ſtuͤrbeſt aus Liebe und aus Schande .. aber ich will, Du ſollſt nicht ſterben, und damit Du lebeſt, muß ich Dir Zuverſicht ein⸗ flößen, und um dies zu können, muß ich Dir beweiſen, daß nichts in der Welt Deiner Heirath ſich entgegen ſtellen kann .. ſelbſt nicht Scipio's eigener Wille .. hoͤrſt Du wohl? Ich muß Dir beweiſen, daß, wenn ich um dieſe Verbindung ſicher zu ſtellen, wie ich Dir ſagen kann, das Unmogliche gethan habe .. „Du, liebe Mutter?“ „Ja... nun dann ſiehſt Du alſo, daß das Mögliche jett nur Spielwerk fuͤr mich ſein wird. ... Das ſetzt Dich — — in Staunen, armes Kind, und darum muß ich Dir Alles ſagen, ſogleich und ungern, denn Du ſollteſt es nie erfahren.“ Dann fuhr Miſtreß Wilſon nach einer Pauſe nicht ohne Stolz fort: „Und warum ſollte ich auch daruͤber errothen, Dir zu geſtehen... zu welcher großmuͤthigen Handlung mich Mut⸗ terliebe begeiſterte?... So hoͤre denn. Ich hatte, wie Du weißt, Paris in der Hoffnung verlaſſen, in England For⸗ derungen einzuziehen, welche in Folge des Todes und der ungluͤcklichen Geſchaͤfte Deines Vaters beſtritten wurden. Die Summe, die ich reclamirte, war ſehr bedeutend. Wenn ich ſie erhielt, ſo war Dir dadurch eine ſehr anſehnliche Mitgift geſichert, und in unſern Zeiten der Habſucht mußte dies, meiner Anſicht nach, fuͤr Dein kuͤnftiges Gluͤck von großem Einfluſſe ſein. Bei meiner Ankunft in England brachte mich der Zufall mit Sir Francis Dadley in Ver⸗ bindung, der bei den Forderungen, die ich realiſiren wollte, mit betheiligt war. Ritterliche Rechtlichkeit, ausgezeichne⸗ tes Zartgefuͤhl, edles Herz, anmuthigen Geiſt und großen Character, alles dies vereinte Sir Francis, um Achtung und Zuneigung fordern zu können. Ich mußte ihn oft ſehen, um Intereſſen bei ihm zu beanſpruchen, welche die Deini⸗ gen waren. Was ſoll ich Dir noch mehr ſagen, mein Kind. Unſern anfangs nur ſehr ernſten Beziehungen folgte innige Freundſchaft.. und dann ein zaͤrtlicheres Gefuhl, das mich glͤcklich und ſtolz machte, denn ich theilte es und fuͤhlte mich des Mannes werth, der es mir einfloͤßte. Sir Fran⸗ — 118 — cis Dadley war frei... ich war es auch. ich ſage Dir nicht all den Antheil, den auch Deine Zukunft an unſern Heirathsplaͤnen hatte.... Aber wozu jetzt dieſe Erinnerun⸗ gen?“ ſetzte Miſtreß Wiſon mit ſchwermuͤthigem Laͤcheln hinzu „alles dies iſt nichts mehr als ein eitler, aber gluͤck⸗ licher Traum!“ „Und warum ſprichſt Du, liebe Mutter, von dieſer Vergangenheit wie von einem Traume?“ ſagte Raphaele, von dieſem Geſtäͤndniſſe eben ſo uͤberraſcht als geruhrt. Miſtreß Wilſon ſchuttelte traurig den Kopf, und als habe ſie dieſen ſchmerzlichen Erinnerungen entfliehen wollen, ſetzte ſie, ihre Tochter umarmend, hinzu: „Laß uns von Dir ſprechen, Geliebte!... Während dieſer Reiſe erhielt ich, wie Du weißt, jeden Tag einen Brief von Dir. Plotzlich blieben dieſe Briefe aus! . Deine Tante ſchrieb mir. Durch ſie traf mich die Nach⸗ richt von Deiner Krankheit wie ein Bliß. . .. Ich reiſe ab ich komme an.. ich finde Dich ſterbend.“ „O, meine Mutter!... Du liebteſt. und Du kamſt doch; . jetzt begreife ich das Opfer, das Du m gebracht.“ „Wenn ich mich fuͤr Dich aufgeopfert mein Kind, ſo kennſt Du noch nicht die ganze Groͤße dieſes Opfers... Ich komme an... ich finde Dich ſterbend.. Du geſtehſt mir Deine thrigte Leidenſchaft.. . Auße mir, Dein Leben um jeden Preis erkaufen wollend, ver⸗ ſpreche ich Dir, Dich mit Scipio zu verbindenz. die — u9 — „ Hoffnung auf dieſes Gluͤck, Dein blindes Vertrauen in mein Wort, verurſachen Dir eine heilſame Kriſis: Du wirſt beſſer, lebſt wieder auf, biſt gerettet!... aber dieſes Verſprechen, das ich Dir im Wahnſinne des Schmerzes gab, mußte ich nun auch halten: ich mußte Dich mit Sci⸗ pio vereinen, oder Du fielſt zuruͤck in dieſen Abgrund des Schmerzes und des Todes, aus dem ich Dich wundervoll durch ein verwegenes Verſprechen geriſſen hatte. Acht . armer Engel, ich wußte nicht, wozu ich mich verpflichtet!“ „Wie?. meine Vermaͤhlung?“ „Höre!... Eine meiner Freundinnen kannte Scipio's Vater, den Grafen Duriveau genau. Nach einer langen Unterredung mit ihr, verließ ich ſie voll Verzweiflung. Deine Heirath war unmöglich, Herr Duriveau wollte da⸗ mals ſeinen Sohn mit einer Erbin von drei Millionen Vermogen und hoher Herkunft vermählen, und da ich mei⸗ ner Freundin bemerklich gemacht, daß wenigſtens Scipio's Einwilligung nothwendig.. . „Weiter! liebe Mutter!“ rief Raphaele. „Antwortete man mir, daß wenn ich Herrn Duriveau kennte, ich wiſſen wurde, daß fuͤr einen Mann von dieſem eiſernen Character etwas, das er gewollt, auch ſo gut wie ausgefuͤhrt ſei.“ „Alſo willigte doch Scipio in dieſe Vermählung,“ rief ſchmerzlich Raphaele. „Er hinterging damals ſchon!“ „Nein, nein, er hinterging Dich nicht; er wollte nur — 120 — ohnſtreitig damals nicht dem Willen ſeines Vaters entgegen⸗ treten.“ „Und Du hatteſt mir alles Das verſchwiegen, theure Mutter?“ „Wozu Dir es denn ſagen? Ich hatte Dir durch das Verſprechen Deiner Verheirathung mit Scipio das Leben wiedergeſchenkt. Dieſe Beaͤngſtigungen, dieſe Zwei⸗ fel, dieſe Befuͤrchtungen wuͤrden Dich getödtet haben. Ich mußte Dir Deinen blinden Glauben an mein Wort, an mein Verſprechen laſſen.“ „O, meine Mutter! meine Mutter!“ ſchluchzte das junge Mädchen, wie erdruckt unter den Beweiſen dieſer Liebe ihrer Mutter. „Ich wollte den Grafen Duriveau perſoͤnlich kennen lernen,“ begann Miſtreß Wilſon wieder; „ich wollte durch mich ſelbſt dieſen furchtbaren Mann beurtheilen, der, ohne es zu wiſſen, das Leben meiner Tochter in ſeinen Haͤnden hatte. Dieſe Freundin, von der ich ſprach, verſchaffte mir eine Begegnung mit ihm.“ „Und dann .. liebe Mutter?“ „Drei Monate nach dieſem Zuſammentreffen,“ ſagte Miſtreß Wilſon, ohne es zu verſuchen, dieſes Mal den Stolz ihrer muͤtterlichen Freude zu verbergen, „fragte der Graf Duriveau, nachdem er ploͤtzlich die ſchon ſichre Ver⸗ bindung, welche ſeiner Eitelkeit ſo ſehr ſchmeichelte, abge⸗ brochen hatte, in meiner Gegenwart, ob Du Scipio zum Gemchl annehmen wollteſt.“ — — „Und die plötzliche Veraͤnderung?. woher kam ſie?“ „Weil ich es verſtand, den Grafen Duriveau zur Liebe zu mir zu bewegen,“ ſagte ganz einfach Miſtreß Wilſon. „Dich zu lieben. der Graf!“ rief Raphaele. „Mich zu lieben... und grenzenlos.. denn nach zwei Monaten einer unausgeſetzten Huldigung.. beſchwor er mich, ſeine Hand und ſein Vermoͤgen anzunehmen .. . und ich nahm ſie an.“ „Du?“ ſagte Raphaele voll Beſturzung. „Aber unter Einer Bedingung... der naͤmlich, daß Deine Heirath mit Scipio zugleich mit meiner Heirath mit dem Grafen Statt finden ſolle.“ Nach einer neuen Bewegung eines ſo außerordentli⸗ chen Staunens, daß das junge Maͤdchen ganz ſtumm blieb, warf es ſich an Miſtreß Wilſons Hals und rief: „O, meine Mutter, jetzt begreife ich Alles. jetzt be⸗ greife ich das ſchmerzliche, unermeßliche Opfer, das Du mir gebracht haſt.... Du haſt. .. um meine Verbindung ſicher zu ſtellen . . auf jede Liebe Verzicht geleiſtet.. deren Du Dich mit ſo viel Wonne und Stolz erinnerteſt!.. Du willſt einen Mann heirathen, den Du nicht ſchatzeſt. den Du vielleicht haſſeſt... und das fuͤr mich!“ „Nein, nein, mein Engel . enttäuſche Dich. ent⸗ tauſche Dich entgegnete Miſtreß Wilſon, um die Be⸗ denklichkeiten ihrer Tochter zu beſchwichtigen: „beruhige Dich! Ich bin Herrn Duriveau aufrichtig ergeben: hat er nicht Dein Gluͤck geſichert? iſt das nicht meines Dankes ge⸗ — 122 — gen ihn werth? ... Und dann,“ ſetzte ſie mit einer leichten Verlegenheit hinzu, denn Luͤge war dieſer redlichen Seele zuwider, . „ich geſtehe Dir, daß ich mit Freuden geſehen habe, wie heilſam mein Einfluß auf den Grafen geweſen iſt; was in ſeinem Character Scharfes und Hartes lag, hat ſich nach und nach verwiſcht. In ſeinem Alter, ſiehſt Du, und beſonders mit der gluͤhenden Energie ſeines Cha⸗ racters und ſeiner Leidenſchaften wirkt die Liebe wahrhafte Wunder.... Beruhige Dich alſo uͤber mein Schickſal, lie⸗ bes Kind.. Was jetzo Dich betrifft,“ ſetzte ſie hinzu, indem ſie ihre Tochter in der Ueberzeugung, daß ſie ſie voll⸗ kommen beruhigt und ſicher gemacht habe, voll Entzuͤcken umarmte: „glaubſt Du nun hinreichende Buͤrgſchaft fuͤr die Sicherheit Deiner Zukunft in meinem Willen, in dem des Grafen, und vorzüglich in der aufrichtigen Liebe, welche Scipio fur Dich fuhlt, zu finden, einer Liebe, die jetzt un⸗ zerſtörbar und geheiligt iſt, denn von dieſer Liebe haͤngt die Ehre eines Weibes und die Ehre eines Mannes ab? Glaubſt Du endlich, armer Engel, daß wenn ich, wie ich Dir zu Anfang dieſer Untertedung ſagte, das Unmögliche gekonnt habe, indem ich den Grafen Duriveau dahin brachte, mich um Deine Hand fuͤr ſeinen Sohn zu bitten, es mir nun jetzt nicht auch leicht ſein wird. . „Ja, ich glaube Dir, geliebte Mutter,“ rief Raphaele, Niſtreß Wilſon untetbrechend. — mit dem Geſi chte von deeet um — Glͤck ſtrahlend, warf ſich das junge Maͤdchen an den Hals ihrer Mutter. „Ja, ich glaube Dir, ich glaube Dir ſo gern!“ fuhr Raphaele fort. „Ja, Deine milden Worte haben Frieden, Vertrauen und Gluͤck in meine Seele gegoſſen, und dann bin ich ſo gluͤcklich, o tauſend Mal gluͤcklich, da ich höre, daß ich Dir ſo viel verdanke, da ich die neuen Opfer erfah⸗ ren, die Du mir gebracht haſt. Das legt mir ſo viele Ver⸗ pflichtungen auf, an Zaͤrtlichkeit und ..“ Ein beſcheidenes Klopfen an die Thuͤr des Zimmers der Miſtreß Wilſon, das vor dem ihrer Tochter lag, unter⸗ brach dieſes Geſpräch. „Wer iſt da?“ fragte Miſtreß Wilſon, aus Raphaelens Schlafzimmer tretend. „Ich, gnädige Frau,“ antwortete hinter der Thuͤr die Stimme der Mademoiſelle Iſabeau. „Was wollen Sie, Iſabeau?“ „Gnaädige Frau, hier iſt ein Brief vom Herrn Grafen Duriveau. Es iſt ſehr dringend. Man wartet auf Ant⸗ wort.“ „Geben Sie,“ ſagte Miſtreß Wilſon, und öffnete ih⸗ rer Kammerfrau die Thuͤr; „ſehen Sie nach, ob nicht meine Tochter Ihrer bedarf.“ Waͤhrend ſich nun Mademoiſelle Iſcbenu zu Raphae⸗ len begab, entſiegelte Miſtreß Wilſon den Brief des Grafen. „Das wußte ich voraus,“ ſagte ſie, waͤhrend e ihn — 4 — las. Er iſt in der größten Angſt.. .. Welche Liebe! . . welche Leidenſchaft!. .. In ſeinem Alter dieſe Wärme des Herzens noch erhalten zu haben!.. Wie geht es nur zu, daß außet dieſer Liebe, die ihn beherrſcht, bei dem Grafen nur Egoismus, Habgier, Stolz und kecke Verachtung alles deſſen, was nicht reich, adlig oder maͤchtig iſt, vorhanden? und dieſer Mann iſt gut geweſen; er hat, wie man ſagt, in ſeiner Jugend den edelſten Gefuhlen ſich hingege⸗ ben! .. . Die Zeiten haben ſich ſehr geaͤndert: das Alter hat dieſes ſonſt ſo zarte, liebevolle Gemuth verhartet, vererzt.“ Dann ſetzte Miſtreß Wilſon, im Leſen fortfahrend, langſam und mit nachdenklicher Miene hinzu: „Ich erwartete das. Er fuͤrchtet, die furchtbare Scene von vorhin habe Raphaelens Abſichten und die meinen geändert;.. er beſchwört mich im Namen ſeiner Liebe, allen meinen Einfluß auf meine Tochter anzuwenden, um ſie dazu zu vermoͤgen; Scipio zu verzeihen. Denn, ſetzt der Graf hinzu, das Gluͤck ſeines Lebens.. meine Ver⸗ mählung mit ihm, hange von der Verbindung meiner Toch⸗ ter mit Scipio ab.“ Und nach einer Pauſe begann Miſtreß Wilſon wieder, eine fluͤchtige Thraͤne trocknend: „O! meine ſchoͤnen goldnen Traume ... ſuͤße und theure Erinnerungen, die jetzt wieder neu belebt . Doch ſich unterbrechend ſetzte ſie hinzu: „Keine Schwaͤchen, keine feige Reue! es iſt ja nicht — 125 — von mir die Rede... . Muth! .. Der Graf iſt ubrigens dringender als je. Er beſchwoͤrt mich, den 15. kuͤnftigen Monats als den Zeitpunkt unſrer Vermaͤhlung zu beſtim⸗ men. . Es muß ſein.. Geſtern.. haͤtte ich gezaudert.. dieſen unſeligen Zeitpunkt feſt zu ſeten, der fuͤr mich nur ſtets zu fruͤh kommt, . aber heute .. .“ und ſie erroͤthete, als ob es ihre eigene Schande betroffen hätte.. . „heute.. die Lage dieſes ungluͤcklichen Kindes . befiehlt mir dieſe Doppelheirath zu beeilen.“ Dann, immer noch im Leſen fortfahrend: „Auf welches traurige, heut Abend noch vorgefallene Ereigniß ſpielt der Graf an?... Er will mir nichts dar⸗ uͤber ſagen . aus Furcht, mich zu ſehr zu erſchuͤttern. .. aber morgen. . . wird er mir Alles mittheilen... wenn ich wie gewoͤhnlich ihn annehmen kann... So will ich ihm denn antworten.“ Und damit verließ Miſtreß Wilſon ihr Schlafgemach, und ging in einen kleinen Salon, wo ſie immer zu ſchreiben pflegte. Miſtreß Wilſon beendigte ihren Brief an den Grafen, als plötzlich Raphaele bleich, halbentkleidet und außer ſich in den Salon trat. 8 „O, es iſt ſchrecklich!“ rief das junge Maͤdchen, und warf ſich in die Arme ihrer Mutter. „Todt!“ „Mein Gott!... Was iſt denn?... Raphaele! ... von wem ſprichſt Du denn?“ „Das junge Maͤdchen! .. die Mutter des kleinen — — Kindes, das man dieſen Morgen fand... Das Mädchen iſt todt!“ . 16n „Was ſagſt Du?“ 3 eln dinto „Sie hat ſich ertraͤnkt! . man wollte ſie eben ver⸗ haften!“ in „Aber woher weißt Du?“ „So eben.. einer der Leute des Grafen hu . Fſ⸗ beau erzählt.“ „Kein Zweifel denn!“ rief ſchmerzlich Miſtreß Vilſon, „dies iſt das Ereigniß, auf das der Graf anſpielt.“ , meine Mutter!.. Gott ſtraft uns!.. Dieſer Tod. iſt eine Vorbedeutung!“ fluͤſterte das junge Mädchen. damit ien ſr in die Arme ihrer Ende des erſten Bandes.