—— Leihbibliothek 1 deutſcher, engliſcher und franzöſiſcher Literatur von Ednard Oitmann in Gießen, Schloßgaſſe Lit. A. Nr. 256. eih- und eſebedingungen. 1. Oflensein der Bibliothek. Die Bibliothek ſteht zur Em⸗ pfangnahme und Rückgabe der Bücher jeden Tag von Morgens 7 Uhr bis Abends 8 Uhr offen. 2. Lesepreis. Bei Fuchube eines geliehenen Buches wird von jedem Tag 5 Pf bezahlt. Die Zeit eines Tages iſt zu 24 Stun⸗ den angenommen. 3. Caution. Unbekannte Perſonen müſſen, bei Entgegennahme eines Buches, eine dem Werthe deſſelben entſprechende Summe binterlegen, welche bei deſſen Zurückgabe von mir zurückerſtattet wird. 5 . Abonnement. Daſſelbe muß voraus bezahlt werden und eträgt: für wchentlich 2 Bücher: 4 Bücher: 6 Bücher: auf 1 Monat: 1 Mk. — Pf. 1 Mt. 50 Pf. 2 W — Pf. „ „ „ 5. Auswärtige Abonnenten haben für Hin⸗ und Zurückſendung der Bücher auf ihre eigenen Koſten und Gefahr ſeibſt zu ſorgen. 6. Schadenersatz. Für beſchmutzte, iee verlorene und defeete Bücher (namentlich bei ſolchen mit upfern ꝛc.) muß der Ladenpreis erſetzt werden. — Iſt das zerriſſene, beſchmutzte, ver⸗ orene oder deferte Buch ein Theil eines größeren Werkes, ſo iſt der Leſer zum Erſatz des Ganzen verpflichtét! 7. Ausleihezeit. Dieſelbe iſt auf 14 Tage feſtgeſetzt und wird beſonders darauf aufmerkſam gemacht, daß das Weiterverleihen der Bücher nicht ſtattfinden darf, indem Diejenigen, welche die⸗ ſelben von mir geliehen, auch dafür zu ſtehen haben. 3. Martin, das Findelkind, oder Erlebniſſe eines Kammerdieners. Von Eugene Sue. In's Deutſche uͤbertragen von Theodor Hell. Erſter Band. Neue Ausgabe nach dem Texte des Conſtitutionell. Grimma, Druck und Verlag des Verlags⸗Comptoirs. Einleitung. E⸗ iſt etwas Großes um den Namen eines Schrift⸗ ſtellers, welcher der Welt angchoͤrt, eines Schriftſtellers, deſſen Werke bei allen Nationen heimiſch ſind, die in Palläſten und Huͤtten, ſoweit die Civiliſation nur irgend vorgedrungen iſt, mit jenem Heißhunger geleſen werden, der unſtreitig die beſte Kri⸗ tik eines Vuches iſt. Die Mode, die große Tyrannin unſerer Zeit, kann zwar hin und wieder auch den Namen eines minder begabten, vielleicht kaum mittelmäßigen Schriftſtellers zum alleinherrſchenden in den Salons, zur Parole jener faden Con⸗ verſation des geſelligen Lebens machen und den Erzeugniſſen eines unbedeutenden Talents gewiſſermaßen ein Privilegium ertheilen, ohne daß ein wirklicher innerer Werth dem Werke . ein Anrecht dazu giebt; aber ein Erfolg, wie Sue's neueſte Romane, ſeine „Geheimniſſe v. Paris“ und ſein „Ewiger Jude“ gehart haben, ein Erfolg, wie er bis jetzt noch vereinzelt ſteht in der Literatur aller Völker, ein ſolcher Erfolg kann wohl nicht 1 * — bloßes Erzeugniß der Mode ſein, ein ſolcher muß vielmehr tief begruͤndet in dem Zeitleben und dem Zeitbewußtſein des Volkes ſelbſt ſein, das durch das Werk des Dichters treu geſchildert und von ihm in ſeinen feinſten Beziehungen beruͤhrt worden iſt. Nicht ausſchließlich dem Talente Sue's kann der außerordentliche Erfolg ſeiner Romane zugeſchrieben werden, denn ſein Talent iſt kein ſo gar weit uͤber das andrer Schriftſteller hervorragendes, aber wiederum muß man geſtehen, daß nur ein Talent, wie gerade das Sue's, mit ſeiner eigenthuͤm⸗ lichen Entwickelung, mit ſeiner in einem vielfach bewegten Leben erlangten praktiſchen Reife dazu gehorte, Schoͤpfungen hervorzubringen, die eine Welt begeiſtern. Sue hatte den Muth, und es erfordert einen großen Muth, mit entſetzlicher Wahrheit die Sittenverderbniß der im Elend untergehenden Volksklaſſen zu ſchildern; er hatte den Muth, die Verderbtheit der hoͤhern Stande zu offenbaren und ſie als um ſo ſtrgfbarer darzuſtellen, da dem Proletarier Mangel an Erziehung, ſſes Beiſpiel von Jugend auf, Unwiſſenheit, Noth und Elend, das nur durch Verbrechen fuͤr Augenblicke verſcheucht werden mag, endlich Hunger und all der Jammer, der ſeine Wiege umgiebt, faſt keinen andern Weg als den des Laſters freilaſſen. Dieſe Schaͤden unſerer Geſellſchaft hat Sue mit einer Wahrheit aufgedeckt, wie vor ihm noch 5 kein anderer Schriftſteller es wagte, und das iſt eben ſein größtes Verdienſt, das ihm Geltung fuͤr alle Zeiten verſchafft. Die Gährung einer kuͤnftigen geſellſchaftlichen Umgeſtaltung ſchildert er den Leſern mit ſo entſetzlicher Wahrheit, daß man, obwohl davon beängſtet und beklommen, ſich gleichwohl nicht davon weg⸗ wenden kann, ſondern immer von Neuem zu dieſen Bildern zuruͤckkehrt, uber ſie nachdenkt und Mittel zu finden ſucht, ſie von der Geſellſchaft abzuleiten. Er hat die Welt aufgeklaͤrt uber jene ſociale Krankheit, die alle unſere Verhaͤltniſſe be⸗ fallenz vielleicht, daß es ihm gelungen, zu klug vorbeugenden Mitteln zu veranlaſſen, um jene furchtbare Kataſtrophe zu ver⸗ huͤten, an deren Vorabend wir, wie er uns zeigt, bereits ſtehen. Und was den Werken Sue's eine bei Weitem größere Wirkung, eine viel nachhaltigere Kraft giebt, als ſo vielen gelehrten und ungelehrten nationalokonomiſchen volumino⸗ ſen Buͤchern, iſt der practiſche, auf eigenes Anſchauen und eigenes tiefes Eindringen in die Wahrheit ſeines Stoffes ſich ſtutzende Inhalt ſeiner Schriften. Sue lernte das Volk und ſeine Leiden nicht aus Theaterſtuͤcken, nichtch ge⸗ färbte Gläſer kennen, er miſchte ſich ſelbſt mit unter daſſelbe und theilte ſeine Leiden und ſeine Freuden; er wurde ſelbſt zum Proletarier, wenn auch nur auf wenige Stunden. Er riß den Schleier weg, in den ſich die verſchämte Armuth 6 gleicherweiſe wie das Verbrechen huͤllt; er ſchlich ſich ein in die Huͤtten der Elenden und belauſchte ihre Gebete und ihre Seufzer, ihre Verwuͤnſchungen und ihre Verbrechen, — aber er betrat auch die Salons der Vornehmen und Reichen, und drang tief ein in die Intriguen und in die gewaltige Sittenverderbniß, die auch dort wie uͤberall unter Menſchen wohnt. Daher die uͤberzeugende Kraft ſeiner Philoſophie, daher die feſſelnde Gewalt ſeiner Darſtellung. Es iſt die Wahr⸗ heit, die ihren Stempel allen Worten Sue's aufdruͤckt, es iſt die lebendige Treue ſeiner Schilderungen, die ſie unver⸗ gänglich macht, die ihnen ſolche große Wirkungen verſchafft, und die ihren Verfaſſer zu einem Autor der Welt erhoben haben. Eugen Snue wurde zu Paris am 10. December 1804 geboren. Die Kaiſerin Joſephine und der Prinz Eugen Beauhar⸗ nais waren ſeine Taufpathen. Die Familie Sue iſt ſehr alt und ſeit Jahrhunderten zu Lacolme, nahe bei Cannes in der Provence, anſaͤſſig; dort lebt auch noch der Onkel Eugen's, ein hoͤherer, in Ruheſtand verſetzter Officier, welcher das Haupt der Familie iſt. Der Urgroßvater Eugen's, Peter, ſowie ſein Groß⸗ vater Jo ſeph und ſein Vater Johann Joſeph waren ſaͤmmtlich bedeutende Chirurgen und Mediciner. Joſeph Sue hat mehre groͤßere Werke uͤber Anatomie hinterlaſſen, und er war es zunächſt, dem die franzöſiſche mediciniſche Schule die Einfuͤhrung der Pathologie des Gaubius, welche jener Boerhave's folgte, verdankte. Jo ſeph ſowohl, als Jo⸗ hann Joſeph hatten auf der Univerſitaͤt zu Edinburgh promovirt und machten in Frankreich durch zahlreiche Ueber⸗ ſetzungen die Arbeiten der ſchottiſchen mediciniſchen Schule bekannt. Der Vater Eugen's hat außerdem noch viele Originalwerke geſchrieben und intereſſante Studien uͤber die Hinrichtung durch das Schwert oder Fallbeil und uͤber die Wirkung des Galvanismus auf den abgeſchlagenen Kopf gemacht. Er war Arzt en chek in der kaiſerlichen Garde während des ruſſiſchen Feldzugs, und während der Reſtauration wurde er Leibarzt des Koͤnigs. Er lebte in näherer Freund⸗ ſchaft mit der Kaiſerin Joſephine, mit Franklin, Maſſena, Moreau und beinahe allen hervorragenden Perſonen der Zeit des erſten Conſuls. Der Academie der ſchoͤnen Kuͤnſte hinter⸗ ließ er ein großartiges Geſchenk; ſeine bedeutende Sammlung anatomiſcher Präparate und naturhiſtoriſcher Gegenſtände, eine Sammlung, die in ſeiner Familie durch vier Generationen hindurch von ihm und ſeinen Voreltern geſammelt worden war, und dieſes Muſeum, das noch jetzt von großem Werthe iſt, bildet gegenwaͤrtig eine beſondere Gallerie im Palais der ſchoͤnen Kuͤnſte. Eugen Sue ſelbſt, der gefeierte Schriftſteller unſter Tage, der nicht mehr allein Frankreich, ſondern der Welt angehört, war urſpruͤnglich durchaus nicht zu dem ungewiſſen Berufe eines belletriſtiſchen Schriftſtellers beſtimmt. Sein Vater, ſtolz auf den Ruf, den ſeine Familie ſich durch vier Generationen 9 hindurch in den mediziniſchen Wiſſenſchaften erworben und ge⸗ ſichert hatte, wuͤnſchte, daß Eugen auch der Erbe und Träger dieſes Ruhmes ſein möchte. So wenig aber auch dem lebhaften Geiſte Eugen's das trockene Studium der Wiſſenſchaften be⸗ hagte, ſo wenig er ſelbſt auch Neigung und Beruf in ſich fuͤhlen mochte, ſein Lehen am Krankenbette und in den Kliniken und Spitälern zuzubringen, ſo folgte er doch dem Wunſche ſeines Vaters und betrat fruhzeitig ſchon die mediziniſche Carriere, in derer mit Leichtigkeit die theoretiſchen Schwierigkeiten uberwand. Kaum 16 Jahre alt, wurde er als Chirurg im koͤniglichen Militair-Krankenhauſe angeſtellt, und im Jahre 1823 be⸗ gleitete er als Chirurg des Generalſtabes die Armee nach Spanien, wo er, um dem Kriegsſchauplatze naͤher und zugleich ſelbſt im Felde mit thätig ſein zu können, nach eini⸗ ger Zeit ſich zum 7. Artillerieregiment verſetzen ließ. Das bewegte Leben im Felde gefiel dem beweglichen, thätigen Eu⸗ gen beſſer, als das trockne Studium am Studirtiſche, und ſo treffen wir ihn auf faſt allen Punkten, wo die franzoͤſiſche Armee focht. Er war bei der Belagerung von Cadir, ſo wie bei der Einnahme vom Trocadero und vor Teneriffa; aber ſeine Phantaſie, ſein lebhafter, alle Eindruͤcke ſchnell auffaſſender Geiſt war wohl noch thäͤtiger, als ſeine geſchickte chirurgiſche Hand. Allein der Dienſt in dem Krieg zu Lande verlor bald den — — Reiz fuͤr ihn, und mit Freuden ergriff er eine Gelegenheit, in den Seedienſt uͤberzutreten. Auch hier trieb es ihn von Ort zu Ort: bald war er in Suͤdamerica, bald durchſchiffte er die Antillen, kehrte zuruͤck in's Mittellaͤndiſche Meer, be⸗ ſuchte Griechenland, wo er laͤngere Zeit verweilte, und wohnte zuletzt auf dem Kriegsſchiffe Breslau der beruͤhmten See⸗ ſchlacht von Navarin bei. Dieſe aber war der Wendepunkt ſeines Lebens. Auch der Kriegsdienſt verlor fortan fuͤr ihn allen Reiz, den er der Medizin nie abgewonnen hatte, und ſo entſagte er, da auch ſein Vater indeß geſtorben war, Beidem, und kehrte nach Paris zuruͤck, wo er im Beſitz eines bedeutenden Vermoͤgens, das er von ſeinem Vater erbte, ein heiteres und glaͤnzendes Leben begann. Noch ſo jung an Jahren, aber ſo reich an Erlebniſſen und Erinnerungen, ging ihm, der zeither faſt nur im Felde und auf dem Meere, in Schlachten und an dem Krankenbette gelebt hatte, in Paris eine neue Welt auf. Er lebte ganz ſeinem Vergnuͤgen und der Malerei, in der er von ſeinem Freunde und Reiſegefaͤhrten Gudin un⸗ terrichtet wurde. Vorzuͤglich gern malte er Thiere, und noch jetzt ſchmuͤcken die Wande ſeines Zimmers, die Bilder ſeiner Lieblings⸗Hunde und Pferde, die er ſelbſt mit gluͤcklichem Erfolge portraitirte. — — Seint Stellung und ſein Vermoͤgen oͤffneten ihm bald die vornehmſten Häͤuſer der Weltſtadt, ſein Geiſt, ſeine Erfah⸗ rung und ſeine Erlebniſſe machten ihn zum Freunde aller hervorſtechenden Talente Frankreichs, und ſeine geſelligen Eigen⸗ ſchaften zum Liebling der Salons. Er liebte die maͤnnlichen Vergnuͤgungen, vor Allem die Jagd, und Tage und Wochen lang ſah man ihn auf faſt allen Jagdpartieen der großen Welt, vald in den Gehegen um Paris, bald vordringend bis an den Fuß der Pyrenäen. Allein bei allen Vergnugungen die ihn umrauſchten, zeichnete Sue ſich doch vor allen andern Dan⸗ dy's von Paris durch ſeine wahre Liebe zu den ſchönen Kuͤn⸗ ſten, ſeine Neigung zu ernſten ſtillen Studien, ſowie durch die ſchaffende Kraft ſeiner Phantaſie aus, und die ihn naher kannten, erfreuten ſich dieſer Vorzuge mehr, als ſeiner ge⸗ ſelligen Tugenden. . So lebte er bis 1830; da ſagte in traulichem Geſpräche eines Tages einer ſeiner alten Cameraden von der Artillerie zu ihm, daß nachdem Cooper durch ſeinen Roman den Ocean in die Mode gebracht habe, er doch auch ſeinerſeits die Erinnerungen aus ſeinem Seeleben ſchreiben und dadurch den franzöſiſchen Seeroman begruͤnden ſolle. Dieſe hingeworfene Ider fuͤhrte Sue's lebhafter Geiſt bald mit Energie aus — er warf den Malerpinſel, der ihn in ſeinen ſtillen Stunden unterhielt, bei Seite, zog ſich von der Ge⸗ ſellſchaft mehr zuruͤck und griff zur Feder. Und ſchon nach kurzer Zeit war der Seeroman „Kernock der Pirat“ voll⸗ endet, der, wenn auch durchaus nichts Ungewöhnliches dar⸗ ſtellend, doch von der reichen Phantaſie des lebhaften und fruchtbaren Geiſtes Sue's zeigte. Sue fand die Sache an⸗ ziehend, und angefeuert durch den gluͤcklichen Erfolg ſeines erſten Werkes, fuhr er fort zu ſchreiben, und ward bald einer der fruchtbarſten und beliebteſten Belletriſtiker Frankreichs. Das erſte Werk Eugen Sue's ſchon verkuͤndete einen Geiſt frei von Vorurtheilen aller Art, eine Natur uͤbereinſtim⸗ mend in allen ihren einzelnen Richtungen, gluͤhend und ent⸗ flammt fuͤr alles Große und Schoͤne. Mitten in der Phantaſie des Erzaͤhlens, oft ſelbſt den Eindruck der Erzählung ſtörend, erkennt man doch immer den reichbegabten Beobachter, der um ſich herum das Boͤſe, wenn es ſich auch noch ſo ſchlau hinter dem Scheine der Tugend verbirgt, erkennt und den Triumph des Laſters und der Gewaltthätigkeit uns zeigt, das oͤfters als jene die Welt beherrſcht. So muß man denn oft die Kraft und Wahrheit Sue's bewundern, ohne ſich immer ihrer erfreuen zu koͤnnen, weil ſeine Phantaſie nur gar zu gern und allzu haͤufig mit dem Gräßlichen und Fuͤrchterlichen ſpielt, wodurch ſeine Darſtellungen oft uͤbertrieben ſcheinen. — 243 — In ſeiner Welt ſind nicht Tugend und Laſter gleichmaͤßig vertheilt, ſondern das Laſter herrſcht faſt uͤberall vor, das Laſter ſiegt meiſt allenthalben. Seine Philoſophie in ſeinen erſten Romanen iſt, daß das boͤſe Princip hier auf Erden uberall triumphire und die Tugend verderbe, ein Paradoxon, das, ſo unhaltbar es iſt, denn doch ſeinen Romanen gewiſſer⸗ maßen den Stempel der höchſten Moralität aufdruͤckt. — Wie es ſich demnach auch mit Sue's erſtem Romane verhalten mag, ſoviel wird ihm Niemand abſprechen, daß er trotz der grellen Situationen, die ſeine Phantaſie hervorzaubert, trotz jener paradoren Philoſophie, die ſich geſpenſterartig durch alle ſeine Romane durchzieht, ein wahrhaft moraliſcher Schriftſteller iſt, der es mit dem Guten aufrichtig und ehrlich meint. Sue war fleißig, ja er iſt der fleißigſte Schriftſteller unſerer Zeit. Raſch auf einander folgten ſeine Romane und Novellen. Sein Atar Gull, ſein Salamander, ſein Wartthurm von Koat⸗Ven, und ſein Plick und Plock oder der Zigeuner und der Seerauber hatten einen gro⸗ ßen Erfolg, und ſo ſehr in ihnen die Erzählung der Ereig⸗ niſſe in den Vordergrund tritt, ſo ſollten doch ſchon ſie meht als gewöhnliche Romane, ſie ſollten ſein Weltanſchauung, ſie ſollten die Prineipien enthullen, von denen er glaubte, daß ſie die Welt regieren. Bedeutender noch war ſein Latréau⸗ mont, ſeine Kunſt zu gefallen, ſeine Thereſe Du⸗ noyerz er wurde hier beſtimmter in der Auffaſſung und Schilderung der Charactere ſeiner Helden; ſo manche Aus⸗ ſchweifungen der Phantaſie hatten ſich abgeſchliffen und das Character⸗Gemälde, das Sue uns an ihnen zeigt, nahm eine naturlichere, in dem Weſen des Menſchen begruͤndetere Geſtalt an. Viel mochten Sue's ernſte hiſtoriſche Studien, die in dieſe Zeit fallen, zu der beſſern und geſälligern Abrundung ſeiner Werke beitragen, und die unmittelbaren Fruͤchte davon: der Reli⸗ gionskrieg in den Cevennen oder die Fanatiker, die Abenteuer des Hercules Kuͤhne oder Guyana im Jahre 1772, und der Obriſt Suͤrville, hiſtoriſcher Roman aus dem Kaiſerreich, 1810, fuͤhren dem Leſer inter⸗ eſſante Abſchnitte aus der Weltgeſchichte mit uͤberraſchender Wahrheit und belebender Wärme geſchildert vor. Ungemeines Aufſehen erregte Latriaumont, dem ebenfalls hiſtoriſche Thatſachen zu Grunde liegen, die den Beweis lieferten, daß Sue nicht allein ein vortrefflicher Geſchichtsſchreiber, ſondern ein eben ſo gluͤcklicher Geſchichtsforſcher iſt. Er wußte in der königlichen Bibliothek aus den vorhandenen Manuſeripten uͤber die Verſchwoͤrung des Chevalier de Rohan, der 1674 auf dem Baſtillen⸗Platze enthauptet wurde, merkwuͤrdige und — —— intereſſante Thatſachen zu ſchöpfen, die, wenn auch den Ge⸗ ſchichtsforſchern zum Theil bekannt, doch bis dahin in Ma⸗ nuſcripten vergraben lagen und nur theilweiſe in den Me⸗ moiren des Marquis von Lafare, die kein Menſch jetzt mehr kennt, beſprochen worden waren. Di ſe Enthuͤllungen aus den Zeiten Ludwig XIV., jener intereſſanten Epoche der franzöſiſchen Geſchichte, bilden den Stoff des Latreaumont. Faſt zu gleicher Zeit vollendete Sue ſein großes hiſto⸗ riſches Buch: Geſchichte der franzöſiſchen Marine im Zeitalter Ludwig XlV., ein Werk das in jeder Be⸗ ziehung intereſſant und fuͤr den nur einigermaßen Kundigen ein höchſt lehrreiches Buch iſt. Es iſt keine trockene Ge⸗ ſchichte wie wir in Deutſchland faſt nur die Geſchichte ken⸗ nen, und wodurch ſie dem gewöhnlichen Leſer, der weder Zeit noch Kraft hat die Lecture zu ſtudiren, leider nur zu oft verleidet wird; Sue taucht ſeine Feder, auch wenn er Ge⸗ ſchichte ſchreibt, in den reichen Born ſeiner Phantaſie, ohne die Wahrheit, ohne den Ernſt der Geſchichte zu entſtellen oder zu verhuͤllen. Er hatte den Zweck, mit dieſer Schrift zugleich ſeine Landsleute zu begeiſtern fuͤr die Marine, und, ſelbſt als Seemann Jahre lang in allen Richtungen und Welttheilen das Meer befahrend, tätte er ſeine Abſicht in England oder bei jedem andern im Seeleben groß geworde⸗ nen Volke eher erreicht, — aber in Frankreich blieben ſeine Bemuͤhungen eitel und fruchtlos, — denn Frankreich iſt keine Seemacht und wird nie eine werden, und das franzöſiſche Volk iſt zu elegant fuͤr den rauhen Dienſt zur See. Eine neue Phaſe im Autorleben Sue's trat ein mit ſeinem Ro⸗ man Arthur. Das war der Menſch wie wir ihm in un⸗ ſerer Zeit der Widerſpruͤche des inneren Lebens mit dem äu⸗ ßern, ſo oft begegnen, mit dem Sinne und der Sehnſucht nach den hoͤchſten Guͤtern, unterdruckt, zerdruͤckt durch die Umſtände. Ein Seitenſtuͤck zu Arthur, jenem ſchoͤnen, obwohl hier und da bizarren Seelengemaͤlde, iſt: Mathilde. Die Memoiren einer jungen Frau, die hier niedergelegt ſind, athmen ein tiefes, inniges Verſtändniß des weiblichen Hor⸗ zens, und der Charakter Mathildens, wie oft mag er im Leben ſich wiederfinden, nur daß unſer Auge nicht fein ge⸗ nug ſieht, den Schleier zu durchblicken, den die Frau uͤber die Leiden ihrer Seele deckt. Durch Mathilde gewann Sue, wenn er bisher nur die große Leſewelt feſſelte, die Sympathieen der edlen Frauen, denn ſo Manche ſah ihr eig⸗ nes Bild in dieſem Seelenſpiegel; Mathilde ward nicht nur der Liebling des Boudoirs, ſondern alle ſtillen, ſchönen, aber gedruͤckten Seelen nahmen ſie mit in ihre einſame Zuruͤck⸗ gezogenheit und durchblätterten mit dieſem Buche die Falten = = ihres Herzens. Da trat in Sue's ſchriftſtelleriſchem Schaf⸗ fen eine gewichtige Pauſe ein; — man geſtand ſich ſelbſt, daß faſt alle Seiten des Seelebens in ſeinen Romanen er⸗ ſchoͤpft ſeien, er mußte etwas Neues erfinden, um nicht einen gewoͤhnlichen Roman, eine vergängliche Novelle zu ſchreiben, ſondern etwas Neues zu ſchaffen. Nur wenige kleinere Er⸗ zählungen, die ohne weitere Bedeutung fuͤr uns ſind, fuͤllten den Raum dieſer Periode aus. Die Zeit ſelbſt aber eilte ihm ſehr bald zu Hilfe, ſie ſelbſt ſchuf Neues, Großes, und das Auge des Denkers ſah plotzlich einen Abgrund vor ſich auf⸗ gethan, an dem es ein Leben lang träumend und ohne Ah⸗ nung dageſtanden hatte. Nur wenige Maͤnner, an ihrer Spitze Fourier, hatten ſeit langen Jahren es ſich zur Auf⸗ gabe ihres Lebens gemacht, die ungeheure Kluft, die zwiſchen⸗ hindurch durch die menſchliche Geſellſchaft wie ein unheil⸗ ſchwangerer Hodes ſich zieht, auszufuͤllen oder doch zu uͤber⸗ bruͤcken. Da mit einem Male war das Maaß voll gewor⸗ den, und das Schreckbild des Proletariats trat in ſeiner ganzen Furchtbarkeit als rieſiges Geſpenſt vor die Menſchen. Wer ein Herz im Buſen hatte, fuͤhlte ſich mächtig angezo⸗ gen von dem nackten Elend, das ſich vor ſeinen Blicken ent⸗ huͤllte, und ein wahrer Mann weinte ihm nicht blos eine Crocodillthräne des Mitleids, ſondern Jeder wollte ſchaffen Martin. l. 2 und wirken nach ſeinen Kräften, um dem Elende zu begeg⸗ nen, das ſich zu einem fuͤrchterlichen Kriege gegen die Gluͤck⸗ lichen, gegen die Menſchheit ruͤſtete. Da war es Sue, der ſtill in ſeinem Zimmer ſaß und arbeitete; in einfacher Tracht, im Gewande des Proletariats ging er mitten hinein in die Maſſen der Unglucklichen, die nichts auf der Welt ihr eigen nennen, als das Elend und die Verzweiflung, die mit ihnen geboren werden. Allein und ungekannt lebte er mit den Ver⸗ brechern, die von dem Raub und Mord der Nacht ihr elen⸗ des Leben friſteten, weil die Geſellſchaft, vielleicht des Fehl⸗ tritts ihrer Jugend wegen, zu dem der Hunger und die Ver⸗ zweiflung ſie verfuͤhrt, ihnen das Recht genommen, ehrliche Menſchen zu ſein; er ſchlich ſich ein in die Haͤuſer und in die Höhlen, in die das Elend und das Verbrechen ſich fluchten; er ſah maͤnnliche Kraft zuſammenbrechen unter den fuͤrchter⸗ lichen Schlaͤgen des eiſernen Arms des Schickſals; er ſah edle Weiblichkeit mit Verzweiflung ringen gegen die Noth, gegen den Hunger, — er ſah ſie unterliegen. Und wenn er dann den beſtaubten Kittel von ſich warf und zuruckkehrte in die Umgebungen, in welche ein guͤnſtiges Schickſal ihn ſtelltes wenn er da glaubte, die Tugend ſtark zu finden, die dort er unterliegen ſah, weil das Geſchick ſie bekämpfte: ſo fand er doch auch hier uͤberall das Laſter, und zwar um ſo ſchreck⸗ — licher in den hoͤhern Kreiſen des Lebens, weil man hier dem Laſter oft nur um des Laſters willen frohnte. Und kam er dann nach Hauſe, und ſtaͤrkte ſeinen Geiſt an den Buͤchern Fouriers und andrer Denker, ſo hatte er in eigner An⸗ ſchauung Beſtaͤtigung deſſen gefunden, was ihm fruͤher als Unwahrſcheinlichkeit erſchienen war, und ſo reifte denn in ihm der Entſchluß zur Ausfuͤhrung, jenes Elend das ihn ſchreckte, den Augen der Menſchheit in lebenstreuem Bilde zu zeigen. So entſtanden die „Geheimniſſe von Pa⸗ ris,“ die, man mag es verſuchen wie man will zu wider⸗ ſtreiten, ein nur zu treues Bild der ſittlichen Zuſtaͤnde der Jetztwelt liefern. Soll von den Erfolgen dieſes Lebensbil⸗ des — denn es iſt kein Roman — die Rede ſein? Schet um Euch, Ihr findet ſie uberall! Nicht jene Wohlthaͤtigkeits⸗ vereine ſind es, die das Buch hervorrief, nicht jenes mächtige, aber unthätige Mitgefuͤhl, das zarte Seelen dem Elende ihrer Bruͤder und Schweſtern widmen, aber das Intereſſe fuͤr die Luſtände der Geſellſchaft, das ſeit jenen Tagen Alle, die nur irgendwie auf die Geſtaltung unſrer Zuſtaͤnde Einfluß haben, daran nehmen, die Forſchungen denkender Köpfe, dem Un⸗ gluck gruͤndlich abzuhelfen, die zwar langſam, aber ſicher fort⸗ ſchreitende Reform unſrer geſelligen Verhaͤltniſſe endlich, das ſind die großen Folgen auch von Sue's Werke. 2 „ — — Beleuchtete Sue in ſeinen „Geheimniſſen“ den Abgrund des menſchlichen Elends, ſo ſtellte er ſich in ſeinem „Ewigen Juden“ die Aufgabe, die lichtſcheuen geheimen Beſtrebungen einer großen, uͤber die Welt verbreiteten Geſell⸗ ſchaft zur Unterdruͤckung des neuerwachenden Geiſteslebens, zu enthuͤllen. Sein neuer Kampf galt dem Jeſuitismus, der ein geiſtiges Proletariat zu ſchaffen und zu erhal⸗ ten ſucht. Moͤge ſeine Feder auch fernerhin das kraͤftige Schwert ſein, das der Luge, dem moraliſchen Elend und der Heuchelei einen unverſoͤhnlichen Krieg bereitet! Mag immerhin die große Menge der Schwaͤchlinge ſich mit Angſt von Sue abwenden und ihn als einen unmoraliſchen Schriftſteller dar⸗ ſtellen, weil er die Unmoralität der Geſellſchaft vor Aller Augen enthuͤllt: uns erſcheint er als ein durchaus moraliſcher Schriftſteller; denn, will man eine Wunde heilen, ſo muß man den Verband erſt abnehmen und ſie unterſuchen, und es kann daher auch nicht als Unmoralitaͤt gelten, wenn man die Wahrheit enthuͤllt und die Luge blosſtellt! Und wie er als Schriftſteller erſcheint, ſo auch tritt er uns als Menſch im alltaͤglichen Leben entgegen. Denn Eugen Sue's Character iſt durchaus wohlwollend und acht⸗ bar, ſeine ganze Erſcheinung, ſeine Art und Weiſe im geſel⸗ — 21 — ligen Leben hoͤchſt anziehend und feſſelnd. Er iſt einfach und beſcheiden in ſeinen Anſpruͤchen, ſo im geſelligen wie im lite⸗ rariſchen Leben, heutzutage gewiß ſeltene Tugenden eines ausgezeichneten Schriftſtellers. Er zeichnet ſich aus, eben ſo durch ſeine Freimuͤthigkeit wie durch ſeine Feinheit, durch ſeine Leutſeligkeit wie durch ſein richtiges Gefuͤhl und ſeinen Takt. Er iſt ein Weltmann, liebenswuͤrdig und geſucht, geiſt⸗ reich und heiter. Sein galanter Humor, ſeine liebenswuͤrdige Behendigkeit mögen ihn, den Reiſenden und Abenteurer, wohl oft auch genoͤthigt haben, die Sprache der Liebe bei faſt allen Voͤlkern und in allen menſchlichen Sprachen zu reden, — daher ſeine aͤchte Galanterie im Umgange mit Frauen, ſeine genaue Kenntniß des weiblichen Herzens. Sein Aeußeres verräth die Eigenſchaften ſeiner Seele, und wie dieſe bei aller Liebenswuͤrdigkeit doch oft bizarr ſich zeigt, ſo auch Sue's außere Erſcheinung. Sein Auge iſt das eines Creolen, ſo feurig und ſo leb⸗ haft, und bald wieder fuͤr Augenblicke melancholiſch umſchleiert; ſein Blick iſt der durchdringende eines Beobachters, der nicht blos die aͤußere Schaale, ſondern auch die Seele, die in ihr wohnt, erkennen will. Seine Augenbraunen, ſchwarz und dicht, beſchreiben einen ausdruckvollen Bogen. Seine mittel⸗ hohe Stirn verraͤth das Organ der Verſtandesſchärfe und der — — leichten Auffaſſung, verbunden mit allen andern vorzuͤglichen Eigenſchaften des bewunderten Schriftſtellers. Die Naſe iſt fein, die Lippen ſind ſcharf gezeichnet und wohlgeformt; ihre muntere Röthe und fleiſchige Wölbung verraͤth die Leiden⸗ ſchaftlichkeit, die Sue nicht ftemd iſt. Sein Haarwuchs iſt ſtark und kräftig, ſeine Geſichtsfarbe iſt von der Sonne und von ſeinen Reiſen ſtark gebräunt. Sein Wuchs iſt ſchlank, und nur ein wenig zu vollkommen; ſein Gang und ſeine ganze Erſcheinung drucken eine gewiſſe Weichheit, ver⸗ eint mit großer Kraft und Lebhaftigkeit aus, man konnte ihn den herkuliſchen Creolen nennen! Wir ſind bis auf die Detnils in der Schilderung der Perſoͤnlichkeit Suees eingegangen, weil wir glauben, daß es von Intereſſe ſein wird, ein deutliches Bild von dem Manne ſich zu ſchaffen, der die Geiſter ſo ſehr beſchaͤftigt. Verſuchen wir nun auch, ſeine Umgebung und ſein Leben im Hauſe zu ſchildern. Wie ſeine Schriften den edlen Geiſt und feingebildeten Geſchmack des Autors bezeichnen, ſo auch ſeine Wohnung. Er bewohnt in dem Faubourg St. Honoré ein kleines Haus, bedeckt und verhuͤllt von Lianen und Blumen, die an dem Periſtyle in Bogen hinlaufen. Sein Garten iſt lieblich eingerichtet, geſchmuͤckt mit den ſchoͤnſten und wohlriechendſten — — Blumen, zwiſchen denen ein Waſſerfall mitten aus kuͤnſt⸗ lich arrangirten Felſen und Steinen hervorbricht. Eine lange, geſchloſſene Gallerie mit Blumen und Sculpturen geſchmuͤckt, fuhrt zu einer kleinen, von kuͤnſtlichen Felſen verdeckten Thuͤr. Seine Wohnung ſelbſt beſteht aus drei kleinen Zimmern, die verdunkelt von den Lianen und Schlingpflanzen an den Fen⸗ ſtern, faſt etwas gedruͤckt erſcheinen. Sein Ameublement hat rothen, mit Gold durchwirkten Stoffz ſein kleines Schlaf⸗ zimmer iſt luftiger, heller und himmelblau decorirt. Die große Menge der in den kleinen Stuben neben vielen Sticke⸗ reien zuſammengedrängten Meubles gehört faſt allen Stylen an; im Fond ſteht ein ſchoͤner Secretair in reicher gothiſcher Form; dort ſind die Sopha's, Stuͤhle und Divans in den bequemen Formen der Renaiſſance; der Schreibtiſch, auf dem ſo manches Manuſcript zu den Werken, die heute die Welt, erfreuen, gefertigt wurde, iſt der eignen Phantaſie des Dich⸗ ters entſprungen, waͤhrend jene Schraͤnke mit Buͤchern, und andere mit Gewehren, den bunten franzoͤſiſchen Styl zur Schau tragen. Sein Salon iſt ganz im Renaiſſanceſtyl ge⸗ ſchmuͤckt. Die Waͤnde ſind bedeckt mit allerlei Gegenſtaͤnden der Kunſt, verſchiedenen Curioſitaͤten, Gemaälden und Sculp⸗ turen, Familienbildern, Werken der alten Kunſt und moder⸗ ner Kuͤnſtler, ſeiner Freunde. Präͤchtige Vaſen, davon eine ein Geſchenk von koͤniglicher Hand iſt, bedecken die Conſolen, und von allen Seiten glänzen Werke beruͤhmter Namen, als eines Delacroix, Gudin, der Sue's Lehrer in der Ma⸗ lerkunſt war, Iſabey und Horaz Vernet. In dieſem Rahmen iſt ein koſtbares Portrait von Madame Lamar⸗ tine, ihm gegenuͤber das des beruͤhmten Dichters, ihres Gemahls. Ein Bild nimmt einen ausgezeichneten Platz auf der Staffelei, umgeben von allen moglichen Coquetterieen des Salons, ein, es iſt der Einſiedler, von Iſabey, ein Bild voll des ergreifendſten Effectes, voll des pikanteſten Con⸗ traſtes mitten in dieſem kleinen Tempel der Wolluſt. Ueber alles Dies weht ein ſanfter ſchöner Parfüm. Die Pferde und Hunde, die einſt die Lieblinge Eugens waren, ſind, theils von ihm ſelbſt, theils von Alfted Dedreux gemalt und be⸗ wahren ſich ein freunbliches Andenken. Im Veſtibule, mitten unter Trophäen und Attributen der Jagd ſtehen ſcheinbar lebend, ſo gut ſind ſie conſervirt, ein Wolf und ein Raub⸗ vogel, die beide gezaͤhmt, Lieblinge Eugens waren und von denen er ſich nicht trennen mag. — Im Hintergrunde des Gartens haben zwei große Haa⸗ ſen, ein Geſchenk vom Lord Cheſterfield, ihre Wohnungz Goldfaſane und Waldtauben promeniren auf dem Raſen des Gartens und kommen jeden Abend, ſich unter den Blumen⸗ — — kaſten des Fenſters und unter dem Perron zu lagern, als geflugelte Wächter der Schwelle, als elegante und zarte Freunde des Hauſes. So oft ich auch dieſe reizende Wohnung durchſchritt, traten darin die Einzelnheiten von Sue's Charakter uͤberall vor Augen. Hier die Leidenſchaft fuͤr Lurus und glänzende Vergnu⸗ gungen, die oft mit ſtillem Nachdenken wechſeln, dort ein feingebildeter Geſchmack fuͤr ſchoͤne Kuͤnſte und eine innige Liebe fuͤr Pflanzen und Thiere. Ein alter Diener, mit Na⸗ men Laurent, iſt der einzige treue Huͤter dieſer Wohnung, er war ſeit 15 Jahren ununterbrochen in Sue's Dienſten, gewiß ein großes Lob eben ſowohl fuͤr die Eigenſchaften des Dieners, als fur die Humanität des Herrn, dem er dient. Es treten zwei Abſchnitte in Eugen Sue's Leben deut⸗ lich hervor; der erſte iſt vollendet und der zweite beginnt, aber er beginnt mit Ehren. In ihm waren zwei verſchiedene Menſchen thätig; der eine, begierig nach Abenteuern, ſorglos, ſelbſt in ſeinen Schriften, immer von gutem Humor, immer nur darauf ſinnend, wie er das Leben genieße, ausſchließlich der Welt und ihrem Glanze ergebenz der andere dagegen ar⸗ — — beitſam und fleißig nachdenkend, ganz beſchaͤftigt mit neuen Ideen, ergeben dem Volke, den leidenden Seelen und der Humanitaͤt. Dieſe Umwandlung, die ſich in den Werken des Schriftſtellers zeigt, ſcheint auch mit einer ehrenwerthen Veraͤnderung in dem Gefuͤhle und den Gewohnheiten des Menſchen uͤbereinzuſtimmen. Wir finden den Beweis dafuͤr in dem Fragmente eines Briefes, den Sue einem auswaͤrti⸗ gen Freunde ſchrieb. Man moͤge in Ruͤckſicht des Intereſſes an ihm, uns die Indiscretion verzeihen, die wir begehen, wenn wir jene gewiß nicht fuͤr die Oeffentlichkeit beſtimmten Zeilen hier unſern Leſern mittheilen. „Sie werden ſich,“ ſo ſchreibt er, „uber meine literari⸗ ſche Umgeſtaltung wundern, aber es iſt auch eine bemer⸗ kenswerthe Erſcheinung. — Ich liebte, wie Sie wohl wiſ⸗ ſen, leidenſchaftlich die Pferde, Waffen⸗ und Schwimm⸗ uͤbungen, die Fechtkunſt und den Fauſtkampf, ich war faſt 4 oder 5 Jahre lang einer der eifrigſten Jagdge⸗ noſſen des Fuͤrſten von Wagram, der die ſchönſte und beſte Meute in ganz Frankreich hat; dies Alles hinderte mich aber nicht, taglich die Oper und das Schauſpielhaus zu beſuchen, bis fruͤh um 3 und 4 Uhr täglich in Geſell⸗ 6 ſchaften zu ſein, und doch noch Zeit zu finden zum Schrei⸗ ben. Doch ſeit einigen Jahren wurde dieſe Gewohnheit = 3 = eines geräuſchvollen und herzloſen Lebens durch einen un⸗ widerſtehlichen Hang zur Zuruͤckgezogenheit, durch ein ge⸗ bieteriſches Beduͤrfniß zur Arbeit und zum Nachdenken in init viidrůntn innso i znn Dieſe Umwandlung, dies muͤſſen wir wiht neeten iſt nicht eine gewöhnliche Gegenwirkung, nicht eine Ueber⸗ ſättigung; der gluͤckliche Weltmenſch zerſtört das nicht wofuͤr er gluͤhte, er eifert nicht gegen eine Welt deren Luͤſte er ge⸗ koſtet hat, er empfiehlt vielmehr taͤglich die mannigfaltigen Freuden und die glaͤnzenden Feſte des Lebens. Aber ein hoheres Licht ſcheint mit Einem Male ſeine Seele getroffen zu haben: er hat erkannt, wie viele, ja unzaͤh⸗ lige Weſen aller der Guͤter beraubt ſind, deren nur eine kleine Anzahl ſich freut, und nachdem er ſeinen Theil der Luſt und des Vergnuͤgens genoſſen hat, will er auch ſeinen Antheil an dem Schmerze der Welt; er will ihm wenigſtens Sympathie und Mitgefuͤhl ſchenken, und ehrfurchtsvoll neigt er ſich zu den zerriſſenen Seelen, die unterdruckt von Leiden und gebro⸗ chen von Schmerz ſind, um ihre Leiden zu unterſuchen und ihnen ein wirkſameres Heilmittel zu bereiten als leere Troͤſtun⸗ gen ſind. Als Sue, der edle Menſch und große Dichter, ſeine Seele und ſein Leben in ſo edler Weiſe umgeſtaltete, da las und ſtudirte er die Werke Fouriers, der jetzt ſein Freund iſt. So allein duͤrfen wir die Umwandlung Sue's verſte⸗ hen, ſo allein können wir ſie begreifen; das ſind die Bekeh⸗ rungen wie Gott ſie in unſerer Zeit will und fördert. Und nun, da wir dem Leſer unſern Autor geſchildert⸗ laſſen wir ihn in ſeinem neueſten Werke ſelbſt reden. Martin, das Findelkind. Von Eugèéne Sue⸗ Erſter Band⸗ An Herrn Alfred d'Orſay. Empfangen Sie dieſes Werk, mein theurer Alfred, als ein unterpfand meiner langjährigen Freundſchaft und innigen Liebe fur Sie, den Maler und Freund Byrons, der eins ſeiner unſterb⸗ lichen Blätter dazu gewidmet hat, den Adel Ihres Herzens und die Hoheit Ihres Geiſtes zu feinern, Ihres Herzens und Gei⸗ ſtes, deſſen gewaltiger und ernſter Meiſel die hohe Geſtalt Napo⸗ leons in Marmor gehauen, deſſen ſeltne Großmuth unſer Natio⸗ nalmuſeum mit einem der merkwürdigſten Produkte der indiſchen Kunſt bereichert hat, der endlich der Begruͤnder des barmherzigen Aſyls war, worin jeder arme und von ſeinem Vaterlande ferne Franzoſe wenigſtens Brot und Obdach findet. Leben Sie wohl, mein theurer Alfred. Bleiben Sie ſtets überzeugt von meiner aufrichtigſten Zuneigung. Aur Bordes, 20. Juni 1846. Eugene Sue. Erſtes Rapitel. Die Doppeljagd. Do Theil der Sologne, wo die Nord⸗ und Suͤdgren⸗ zen der Departements Loiret und Loir⸗et⸗Cher ſich beruͤhren, und deſſen einer Theil das bildet, was man das Flußgebiet der Sauldre nennt, bietet einen ganz eigenthuͤmlichen Anblick dar. Im Allgemeinen ſind es ungeheure Fichtenwaͤlder, hier und da durch große Ebenen Haidelandes oder durch Torfſtre⸗ cken unterbrochen, welche faſt immer durch das Austreten der Fluͤſſe und Bäche uberſchwemmt werden. Große Teiche fin⸗ det man dort, in denen Iris und bluͤh hendes Schilfrohr waͤchſt, und deren ſtille Waſſer nur zuweilen durch den kreis⸗ foͤrmigen Flug des Brachvogels, des Taucherkoͤnigs oder des Weihers bewegt werden. Dann und wann nur unterbrechen einige Thaͤler mit Wieſen, in welchen Eichengruppen ſtehen, den einfoͤrmigen Anblick dieſer in flachen und ruhigen Linien ausgebreiteten Landſchaft. Mertin. I. 3 — Es waͤre unmöglich die melancholiſche Ruhe dieſes Lan⸗ des mit weiten, durch immer grune Maſſen von Tannenwal⸗ dern gebildeten Horizonten zu beſchreiben, dieſe tiefe Einſam⸗ keit, wo nur ſelten der ſchallende Ton der Holzhauerart wie⸗ derhallt, und aus denen beim Wehen des Windes ſich ein dumpfes, langes, ernſtes Getöſe erhebt, gleich dem fernen Brauſen des Meeres, ein Getöſe, das durch die Bewegung und Reibung der Aeſte der gruͤnenden Bäume hervorgebracht wird. Auch iſt es ein Anblick nicht ohne Majeſtät, wenn die Sonne ſich langſam hinter dieſe Ebenen ſenkt, unermeß⸗ lich und eben wie ein See, und mit roſiger Haide und gold⸗ gelben Binſen bedeckt, welche der Abendhauch ſanfte Wellen werfen laͤßt, wie ein Teppich von Gruͤn und Blumen. Die Raubvöget, welche die großen unbeſuchten Wälder zu ihrem Aufenthalte wählen, die Adler der Sologne, Falken und Geier ſind eben ſo haufig in dieſen Einſamkeiten zu fin⸗ den, als Sumpfvogel aller Art. Beſonders anziehend iſt im Winter der Anblick der dunkeln, immergruͤnen Fichtenwälder, hier und da mit Bu⸗ chen und Eichen gemiſcht, unter deren Schutz der Wolf, der Fuchs und das Eichhörnchen leben, und in die ſich haͤufig die Hirſche und Eber der nachbarlichen Waͤlder verlaufen. Kein Wunder alſo, daß dieſe Gegenden das gelobte Land der Jaͤger und folglich auch der Wildſchutzen ſind, denn Haſen, Faſane und Rebhuͤhner giebt es dort in Menge, und das Kaninchen gedeiht in ſolchem Grade, daß der reiche —— heuchleriſchen, verſchmitzten Dorfſchulzen gaben. Mit einem Worte, man werfe das Kleid eines Commiſſairs der alten Comodie uͤber die Uniform eines alten Haudegens und man wird das vollendete Bild des Herrn Beaucadet erhalten, eines koͤſtlichen Muſters richterlicher Albernheit und Selbſtgenuͤg⸗ ſamkeit. Die Gensd'armen und Jaͤger mußten, da ſie von zwei einander entgegengeſetzten Wegen herkamen, ſich an einem Kreuzwege treffen, der nach der Ebene zu offen, nach dem Walde hin aber durch ein ſehr dichtes Buſchwerk geſchloſ⸗ ſen war. „Ah! da iſt Herr Beaucadet,“ ſagte mit einer Art Un⸗ ruhe der alte Jäger zu ſeinen Hundewaͤrtern, indem er ſein Pferd an einem Kreuze, das mitten am Wege ſtand, anhielt, „man muß dieſem wuͤrdigen Gensd'armen hoͤflichſt guten Tag ſagen, denn ſeht Ihr, meine Jungen, den Gensd'armen muß man immer gruͤßen, maaßen er des Sonntags die Po⸗ lizei in den Schaͤnken vertritt, und da er nicht ſelbſt trinken darf, ihn das unduldſam gegen das Trinken der Andern macht.“ Nicht lange, ſo traf Herr Beaucadet mit den Jägern zuſammen, hielt ſein Pferd bei dem alten Berittenen an und ſagte dieſem mit ſchnarrender Stimme und in einem ſpottiſchen, halb duͤnkelhaften Tone: „Nun, Vater Latrace, Ihr ſchickt Euch wohl an durch Dick und Duͤnn die wilden Thiere dieſes Waldes zu jagen?“ „Ihr ſeid zu gutig, Herr Beaucadet,“ erwiderte der Angeredete und legte die Hand gruͤßend an den Schirm ſei⸗ ner Muͤtze; „das Thier, das wir jagen wollen, iſt mehr liſtig als wild; es iſt eine einfache Kanaille von einem Fuchſe, und ich denke wohl, wir werden ihn auf die Fuͤße gebracht haben, ehe der Herr Graf, ſein Sohn und die uͤbrige Geſellſchaft angekommen ſind.“ „Ah! das iſt wohl hier das Jagdrendezvous?“ „Ja, Herr Beaucadet, und da es heißt, Sie liebten das ſchöne Geſchlecht, ſo will ich Ihnen ſagen, daß es in der Geſellſchaft, die mit dem Herrn Grafen und ſeinem Sohne kommt, feines und reizendes Wild giebt!“ „Ich bin ein Mann, und als ſolcher wird Niemand fuͤr unbekannt erachtet mit dem Geſetze der Liebe,“ antwortete Herr Beaucadet ſich raͤuspernd, ſehr zufrieden mit dieſer Variante eines juriſtiſchen Sprichwortes, deſſen er ſich haͤufig bediente. „Aber was iſt das fuͤr ein ſchoͤnes Wild, von dem Ihr ſpracht, Vater Latrace?“ „Gutsnachbarinnen des Herren Grafen, Madame Wil⸗ ſon und ihre Tochter.“ „Ach ja! die Amerikanerinnen, die Schweſter und Nichte des großen Mannes, der ausſieht wie ein Faß; die kuͤrzlich erſt in's Land gekommen ſind .. Man ſagt, ſie waͤren vornehm, nun, man wird das bald erfahren,“ ſagte Herr Beaucadet, druckte ſich den Dreieck feſter auf den Kopf und gab ihm eine Richtung von 45 Graden Windbeutelei. „Ich werde meinen Rapportzettel von den Amerikanerinnen — — viſiren laſſen und ſie dabei ein wenig, ſo mit halbem Auge, auskoſten.“ „Und Ihr wolltet auf ſolche Weiſe die arme kleine Bruydre verlaſſen?“ ſagte der Jaͤger mit pfiffigem Lacheln⸗ „Was ſoll's mit Bruysre?“ fragte Beaucadet verächt⸗ lich; „Bruyere? die Truthuͤhnerhuͤterin an der Meierei von Grand⸗Genevrier ... Das kleine Maͤdchen, das kaum ſo hoch als meine Stiefel iſt, die ausſieht wie eine Verruͤckte, mit ihren großen, ſtieren Augen und ihren Blätterkraͤnzen in den Haaren, und die die Narren von Sologne fuͤr eine kleine Hexe oder ſo etwas halten? Wahrhaftig, Vater Latrace, Ihr muͤßt glauben, ich ſei im Stande, ſelbſt ein Mitglied der Heerde dieſer Truthuͤhnerhirtin zu werden, um mir derglei⸗ chen zuzumuthen!“ „Ach, geht doch, Herr Beaucadet,“ erwiderte der Jäger mit ironiſcher Ruhe, „geht doch, Ihr ſeid viel zu ſehr Ken⸗ ner und Liebhaber. Ich habe Euch wohl zwanzig Mal ſagen hören, daß es zehn Meilen in der Runde kein huͤbſcheres Madchen gaäbe, als Beuydre, trotz ihrer Kleinheit.“ „Ich ſcherzte nur mit Eurer ehemaligen Jugend, Vater Latrace.“ „Ei ſeht doch! Die Leute in der Gegend ſagen, ſie haͤtten Euch manchmal in der Haide laufen ſehen, mit Euren großen Stiefeln, das Pferd am Zuͤgel fuͤhrend, um der klei⸗ nen Bruyere ihre entlaufenen Truthuͤhner wieder zuſammen⸗ ſuchen zu helfen?“ „Mich!“ . — „Ja, Herr Beaucadet, und man ſagt ſogar, daß eines Tages, als Ihr mit der kleinen Bruyere habt ſchaͤkern wol⸗ len, ihre beiden großen Truthuͤhner, von denen man glaubt, daß ſie ſie behert hat, und die ſo böſe ſind, daß ſie ſie wie Hunde gegen Jedermann vertheidigen wurden, Euch auf den Hals geſprungen ſind; ja, daß ſogar die Haͤhne Euch in die Naſe gehackt haben, trotz dem daß Ihr Euch mit Hieben mit der Säbelſcheide gegen ſie wehrtet, indeß die kleine Bruyere im vollen Lachen davon lief.“ Herr Beaucadet zog die Augenbrauen in die Höhe, ſtreckte ſeine Stulpnaſe ſtolz in die Luft, und erwiderte mit ſeiner Protokollſtimme, vergebens ein ironiſches Laͤcheln er⸗ zwingend: „Immer beſſer! Ich, der ich die Macht des Geſetzes in Fleiſch und Bein repräſentire, ſollte mich mit Truthuh⸗ nern herumſchlagen, und mich von ihnen haben zerhacken laſſen, weil ich mit der Hexe, ihrer Huͤterin, geſcherzt! Ich ſollte das geweſen ſein? — Doch genug mit dem Geſpoͤtte uͤber die Obrigkeit, alter Narrz laßt uns von etwas Anderem ſprechen. Der Herr Graf 8 alſo zuruͤck? Wie lange wird er hier bleiben?“ „Meiner Treu, das weiß ich nicht, der Herr Graf ſpricht nicht viel; wenn er geſagt hat: Thut das, ſo iſt das genugz er iſt ſo ſtreng und hart.“ „Der Herr Graf! ja das glaube ich wohl!“ rief Herr Beaucadet mit einem Gefuͤhle der Verwunderung aus. — „Der iſt das Muſter eines Gutsbeſitzers! Er iſt gewiß eben ſo empfindlich fuͤr ein Ja und fuͤr ein Aber, fuͤr ein Ach! und fuͤr ein Mein Gott! als es eine Kanonenkugel ſein wuͤrde. Er beruft ſich ſtets nur auf das Geſetz, ſein Recht und ſein Eigenthum. Das nenne ich mir noch einen Mann, der kein Federleſen macht. Mehr als zwanzig Mal hat er die Anmuthigkeit fuͤr mich gehabt, mich abzuſchicken, um einige dieſe Holzſchlepper von Sologneſen einzukaſten, weil ſie abgeſtorbenes Holz in ſeinen Wäldern aufgeleſen hatten. Das iſt ein wurdiger Mann! nicht um des abgeſtorbenen Holzes willen, ſondern wegen des Reſpects fuͤr die Sache. Ja, ich ſchätze Dich! grimmiger Eigenthumer der Du biſt!“ ſetzte Herr Beaucadet, mit einer Art ſcherzhaften Ausrufs hinzu .. „Und wenn er will, was fur ein Geſicht kann er machen! Es giebt koͤnigliche Procuratoren und Yolizeikommiſſare, die das Ver⸗ gnuͤgen eines ſolchen Geſichtes aus ihrer Taſche bezahlen wuͤrden, nur um die Miſſethäter zu fuͤrchten zu machen. — Geſtehen muͤßt Ihr auch, Varr Latrace, daß neben dem Grafen, der Vicomte, ſein Sohn, wie ein Juͤngferchen ausſieht.“ „Das kommt daher, weil de Graf durchaus nicht das iſt, was man zart nennt. Aber er iſt gerecht. Wenn er Euch nichts durchläßt, zankt er Gich auch nie mit Unrecht aus. Ueberdies ſagt man, daß der Graf ehemals ein recht gutmuthiges Kind geweſen iſt, und Niemand zuvorkommen⸗ der gegen Jedermann war, als er.“ „Der Herr Graf ein gutmuͤthigs Kind .. Ihr miß⸗ braucht meine Treuherzigkeit, Vater Larace.“ — — „Er war ſo gut, daß man ihn ſchwach nennen konnte.“ „Der Herr Graf — ſchwach . . . Ihr meine Beſcheidenheit, Vater Latrace.“ „Aber ganz ploͤtzlich iſt aus dem Lamm ein Wolf ge⸗ worden.“ „Man wird es zu ſehr geſchoren haben?“ „Wohl moͤglich; uͤbrigens liebt er leidenſchaftlich die Jagd, und dieſe Eigenſchaft erſetzt mir alle anderen,“ ſagte laͤchelnd Latrace. „Ungerechnet, daß jeder Gegner gegen die Wildſchutzen, dieſes ſchädliche Geſchmeiß, ſehr erbittert iſt. Beweis davon dieſer Bettelkerl von Beéte⸗Puante“), wie er mit vollem Rechte „ heißt. Er mag ſich immerhin damit bruͤſten mir ſtets zu entwiſchen, fruͤher oder ſpaͤter, das glaubt dem Beaucadet, erwiſche ich ihn doch.“ „Daran werdet Ihr wohl thun,“ ſagte der alte Jaͤger, deſſen Geſicht etwas Aengtlichkeit ausdruͤckte; „ſehr wohl; dem Herrn Grafen wird dis ſehr lieb ſein, denn er liebt die Jagd mit wahrer Raſerei.“ „Potz tauſend? vorzeſtern iſt er erſt angekommen, und heute jagt er ſchon?“ „Nun, Herr Bencadet, es ſind auch acht Monate her, daß weder er noch ſei Sohn eine Flinte abgeſchoſſen noch *) Bete⸗Puante, (Stinkthier), nennt man in der Jäger⸗ ſprache Fuͤchſe, Wieſel, Marder und andere vier füßige Thiere, die dem Wilde Schaden tun. — — ein Jagdhorn gehört haben, da ſie im Maͤtz, am Schluſſe der Jagd von hier fortgingen .. . und Ihr wuͤrdet Euch ge⸗ wiß einen Prozeß nicht entgehen laſſen, wenn man nach dem 12. Maͤrz noch jagte.“ „Und ich ſetze meinen Ruhm und meinen Stolz dar— auf, Ehre dem Geſetz, deſſen Abbild ich bin! Am 12. März iſt Jagdſchluß, Jedermann muß das wiſſen — denn bei Nie⸗ mand ſetzt man voraus, daß er das Geſetz nicht wiſſe, hat der Legislator geſagt . ein alter Practikus!“ ſetzte Herr Beau⸗ cadet hinzu. — „Das wiederhole ich auch alle Tage dieſen dummen Sologneſer Bauern, wenn ſie mir mit naſeweiſem Tone ſagen: Aber, Herr Beaucadet, das wußte ich ja nicht, daß es verboten iſt. Ich kann das Geſetz nicht kennen, da man es mir nie vorgeleſen hat, und ich nicht leſen gelernt habe.“ „In der That, wenn man nicht leſen kann?“ ſagte der alte Jaͤger kopfſchuͤttelnd, „und Niemand das Geſetz vorgele⸗ ſen hat, wie ſoll man es kennen?“ Einer der Gensd'armen der Eskorte, ein alter Soldat mit einem derben, offenen Geſicht, mit einer großen Narbe auf der Stirn und einem rothen Bande im Knopfloche, hatte ſchon mehre Male waͤhrend des Geſpraͤchs ſeines Vorgeſetz⸗ ten und des Jägers mit merklicher Ungeduld die Schultern gezuckt. Endlich fagte er, Gebrauch von der Freiheit machend, die man ihm in Anerkennung ſeines Alters und ſeiner langen Dienſte ließ, barſch zu ſeinem Chef: — — „Dabei geht aber die Zeit verloren, und wir werden un⸗ ſere Treibjagd verfehlen.“ „Ruhe in den Gliedern!“ ſagte befehleriſch e Beau⸗ cadet, und ſah den Sprecher uͤber die Achſel an. „Da verlohnte ſichs wohl der Muͤhe, uns die Karabi⸗ ner und die Piſtolen laden zu laſſen?“ murmelte der alte Soldat verdrießlich. „Eine Treibjagd? .. Geladene Gewehre?“ ſagte der Jäger erſtaunt. — „Ah, ich verſtehe — Ihr ſucht irgend einen Ausreißer . irgend einen Wildſchuͤtz vielleicht den Beéte⸗puante?“ Und abermals verrieth das Geſicht des Jägers einige Aengſtlichkeit. „Einen Ausreißer? einen Wildſchuͤtz?“ ſagte verächtlich der Unteroffizier. „Warum nicht gar! .. . Das Wild, was ich jagen will, verhält ſich zu einem Ausreißer oder Wild⸗ ſchuͤtz, wie ein Eber oder Wolf zu dem Fuchs, dem Ihr auf der Spur ſeid, Vater Latrace. — Aber ich beeile mich nicht mit meinem Treibjagen, und das aus guten Gruͤnden.“ Ehe wir weiter in dieſer Erzählung fortſchreiten, wollen wir noch einmal erwahnen, daß dieſe Scene ſich auf einem Wege ereignete, der laͤngs eines Eichenwaldes ſich hinzog, uber dem ſich ein Gehau von ungeheuer hohen Fichten erhob. „Ihr verfolgt alſo wohl einen großen Verbrecher?“ fragte der Jäger. Anſtatt zu antworten ſagte Herr Beaucadet, wie von einem ploͤtzlichen Gedanken ergriffen, zu dem Jäger: „In welchem Theile des Waldes jagt Ihr?“ „unſer Fuchs iſt wieder in das zweite Gehege des alten Gehaͤus von PAubépin (Hagedorn) zuruͤckgegangen.“ „Giebt es nicht in dieſem Gehau große Felſen, und dich⸗ tes Gebuͤſch?“ fragte der Unteroffizier ſehr angelegentlich. „Ja, Herr Beaucadet, ein wahrer Eberſtand! . .. Euch zu dienen; ein ſo dichter Wald, daß meine Hunde Noth haben werden, durchzukommen.“ Nach einigem Nachdenken rief der Unteroffizier: „Mein Entſprungener muß eher dort als anderswo zu finden ſein. Dieſen Morgen, bei Tagesanbruch, hat ein Koͤhler einen Mann in Lumpen gekullt, in jenes Gehaͤu ein⸗ dringen ſehen, deſſen Signalement mit dem meines Raͤubers zuſammentrifft, und da mein Raͤuber des Tages uͤber nicht aus dem Walde wieder herauszukommen ſich getrauen darf, ſo hoffe ich ihn eben ſo ſicher zu erwiſchen, als Ihr, Vater Latrace, Euren Fuchs.“ „Aber, was wartet Ihr denn dann ſo lange, Herr Beau⸗ eadet, ehe Ihr Euer Nachſpuͤren anfangt?“ „Ich warte auf einen von meinen Leuten, der mir melden wird, wann das Treiben angefangen hat; dann wird mein Raͤuber von drei Seiten bedraͤngt werden, .. und man wird ihn auf dieſen Waldrand treiben, den ich und meine Gensd'armen beſetzt halten.“ „Aber ſeit wann giebt es denn einen Räuber in der hieſigen Gegend?“ — „Ihr ſeid wohl ſeit zwei Tagen nicht nach Salbris ge⸗ kommen?“ „Nein. . „Dann habt Ihr auch nicht das Signalement meines Miſſethäters geleſen, das an dem Rathhauſe angeſchlagen iſt?“ „Nein, Herr Beaucadet.“ „So will ich es Euch leſen. Wenn Ihr ihm begegnet, ſo könnt Ihr ihn dann mit Hilfe Eurer Hundewärter feſt⸗ halten. Hort wohl zu, Vater Latrace, und Ihr da auch,“ ſetzte Herr Beaucadet zu den Treibern, die ſich näherten, ge⸗ wendet, hinzu. Der Unteroffizier zog ein Papier aus einer ſeiner Ta⸗ ſchen, und las, wie folgt: „Signalement des Mannes: Bamboche (der Dickling) genannt.“ „Ein ſpaßhafter Name, das muß ich ſagen,“ meinte Latrace. „Man kennt ihn unter keinem anderen, deßhalb muß das Gericht ſich erniedrigen, ihn bei dieſem zu nennenz“ ſagte Herr Beaucadet, und fuhr fort: „Dieſem Gefangenen, deſſen wahrer Name und deſſen Eltern unbekannt ſind, iſt es gelungen, in der Nacht vom 12. zum 13. October aus dem Gefaͤngniſſe von Bourges zu entkommen, in das man ihn wegen eines doppelten Mordes gebracht hatte; man glaubt fuͤr gewiß annehmen zu duͤrfen, daß er, nachdem er im Walde von Romorantin beinahe gefan⸗ gen genommen wurde, ſich in die Walder und einſamen Hai⸗ — den gefluͤchtet habe, die ſich in der Umgegend von Vierzon, Salbris und Laferté⸗Saint⸗Aubin hinziehen. „Der Obengenannte beſitzt eine herkuliſche Kraft, und eine außerorbentliche Kuͤhnheit. Er iſt ungefähr dreißig Jahr alt. Koͤrperlaͤnge: fuͤnf Fuß, ſieben Zoll, zwei Linien; Haare: faſt grau, trotz ſeiner Jugendz Augenbrauen: braun; Bart: braunz Stirn: breit, offen und ein wenig kahl; Augen: grau und rund; Naſet gebogen; Mund: gewöhnlich; Kinn: eckig; Geſicht: lang; Backenknochen: vorſtehend; Geſichtsfarbe: belebt.“ „Beſondere Kennzeichen: „Dieſer Entwichene hat auf der linken Bruſt eine blau und rothe Tättowirung, zwei Herzen mit einem Pfeil durch⸗ bohrt vorſtellend, uͤber denen ein Todtenkopf ſich befindet; unter dieſen Herzen ſieht man zwei gekreuzte Haͤnde, um die ein ſchwarzes Vand geſchlungen iſt, auf dem in rother Schrift die Worte ſtehen: Basquine fuͤr das ganze Leben, Ihre Liebe oder den Tod! 15. Februar 1826.“ „Basquine? das iſt ein komiſcher Name,“ ſagte der Jaͤger. „Ein wuͤrdiger Name, um auf die Bruſt eines Uebel⸗ thäters geſchrieben zu werden, der ſich Bamboche nennt,“ ſagte der Gensd'arm; „Basquine! Ein ſolcher Name?“ „Sagt einmal,“ erwiderte der Jäger, „wenn er Fräu⸗ lein Basquine 1826 fuͤr das ganze Leben Liebe geſchworen — 3 — hat, ſo muß Herr Bamboche ſehr zeitig ſich verliebt haben, denn wenn er jetzt ungefaͤhr dreißig Jahr alt iſt, ſo hat er dieſe ewige Liebe in ſeinem zehnten oder zwolften Jahre ge⸗ ſchworen.“ „Der Boͤſewicht iſt vorſchnell in der Liebe, ſowie die Vorſchnellen in der Liebe Böſewichte ſind,“ ſagte belehrend Herr Beaucadet, und fuhr fort, die beſonderen Kennzeichen vorzuleſen, die das Signalement noch angab: „Auf der rechten Bruſt befindet ſich ebenfalls eine roth und ſchwarze Taͤttowirung, zwei engverſchlungene Hände dar⸗ ſtellend, und darunter folgende Worte: „Bruͤderliche Liebe fur das ganze Leben fuͤr Martin. 10. December 1825.“ „Alle Teufel, Bamboche iſt noch vorſchneller mit der Freundſchaft als mit der Liebe geweſen,“ ſagte Latrace. „Es wird wohl ein Bandit von ſeiner Art ſein, der bei irgend einem alten Räuber mit ihm aufgefuͤttert worden iſt. Er wird ſie wohl mit dem Saugkaͤnnchen auferzogen haben .. zum Verbrechen! .. und die Rangen haben ganz gut profitirt!“ fuhr der Unteroffizier fort, und las das Sig⸗ nalement weiter: „Unter dieſen Worten befindet ſich eine merkwuͤrdige Figur, die man mit nichts Anderem beſſer, als mit dem Kerb⸗ holze eines Bäckers vergleichen koͤnnte; auf dieſem Schnorkel, der eine doppelte blaue Linie bildet, ſind fuͤnf ungleiche rothe Querſtriche eingepraͤgt, die ungefaͤhr das Viertel der Laͤnge — 49 — des Schnoͤrkels einnehmen. Ein wenig unter dem fuͤnften Querſtrich, rechts auf der Bruſt, bemerkt man beim Fluͤcht⸗ ling eine Narbe, die von einer Feuerwaffe herruͤhrt, waͤh⸗ rend der rechte Arm zweimal mit zwei Narben gezeichnet iſt, die von ſchneidenden Inſtrumenten verurſacht wurden. Das letzte Mal, als der Entflohene in dem Walde von Romorantin geſehen wurde, trug er eine blaue zerlumpte Jacke, alte rothe Beinkleider, aͤhnlich denen, welche die Infanterie⸗Soldaten tragen; einer ſeiner Fuͤße war nackend, indeß der andere mit Lappen umwickelt war; in der einen Hand trug er ein Packet in ein gewuͤrfeltes Tuch gewickelt, und mit der andern ſtuͤtzte er ſich auf einen ungeheuren Knotenſtock. Nachdem er das Signalement geleſen hatte, ſteckte es Herr Beaucadet wieder in ſeine Piſtolenholfter, und ſagte zum Jäger, der ſeit einigen Minuten ſehr nachdenkend ge⸗ worden war: „Ich hoffe, man kann meinen Raͤuber bequem erken⸗ nen; man wird ſchwerlich Euer Wild fuͤr das meine halten können, Vater Latrace; aber, zum Teufel, an was denkt Ihr denn?“ „Ich denke,“ ſagte langſam mit naivem Erſtaunen der alte Jäger, „daß es ein ſonderbarer Zufall iſt!“ „Welcher Zufall?“ „Daß Euer Spitzbube auf der Bruſt taͤtovirt hat: Bruͤderliche Liebe fuͤr Martin.“ „Was wundert Euch denn dabei, Vater Latrace?“ Wartin. I. 4 „Alle Wetter.. weil der neue Kammerdiener, den der Herr Graf mit hergebracht hat, Martin heißt!“ „Teufel,“ ſagte Herr Beaucadet, und hob ſich in ſei⸗ nen Buͤgeln. Nach einem Augenblicke des Erſtaunens und Schwei⸗ gens, frug der Gensdarm den Jäger: „Alſo der neue Kammerdiener des Grafen heißt Martin?“ „Ja.“ „Seit wann ſteht er bei dem Herrn Se in Dienſten?“ „Erſt ſeit ſehr kurzer Zeit, wie ich glaube.“ „Haben Sie ihn geſehen?“ „Geſtern Abend, er gab meine Anweiſungen.“ „Wie ſieht er aus? Iſt er groß? klein? dick? mager?“ „Es iſt ein großer, ſchoͤner Burſche.“ „Sein Alter?“ „Er kann hoͤchſtens dreißig Jahr alt ſein.“ „Seine Augen? ſeine Stirn? ſein Mund? ſein Kinn?“ frug haſtig der Unteroffizier. „Meiner Treu, Herr Beaucadet, das weiß ich nicht; ich habe ihn nicht genug betrachtet, um Euch ſein genaues Signalement geben zu können. Es war geſtern ſchon Nacht, als er in den Hof des Hundeſtalls kam, und ich habe ihn nur beim Lichte meiner Laterne geſehn.“ „Und Ihr ſagt, er ſei erſt kurze Zeit im Dienſte Eures Herrn?“ — — „Gewiß! denn als ich heute Morgen zu dem Stall⸗ aufſeher, beim Satteln meines Pferdes, ſagte: der Herr Graf hat alſo einen neuen Kammerdiener? antwortete er mir: Ja, einen ganz Neuen.“ „Vielleicht kann ich der Juſtiz einen wichtigen Dienſt leiſten,“ ſagte Herr Beaucadet nachdenkend, „man weiß nichts Naͤheres von den Lebensumſtaͤnden meines Raͤubers; ich werde, in Guͤte oder mit Gewalt, dieſen Martin zum Sprechen bringen, deſſen Namen mein Entflohener mitFreund⸗ ſchaft geſchrieben, auf ſeiner ſchuftigen Bruſt traͤgt, und. . „Erlaubt, Herr Beaucadet,“ ſagte der Jäger, den Unteroffizier unterbrechend, „erinnert Euch an das beruͤhmte Sprichwort: Es giebt mehr als einen Eſel auf dem Markte, der ſich Martin nennt. Warum ſollte ſich nun das, was auf die Eſel paßt, nicht auch (mit Reſpekt zu ſagen) auf die Kammerdiener anwenden laſſen? Und dann . .“ „Und dann?“ . „Bedenkt, daß der Herr Graf, der ſo ſtreng iſt, und ſoviel von ſeinen Dienſtleuten fordert, nie Jemand in Dienſt nimmt, ohne ganz genaue Erkundigungen eingezogen zu haben.“ „Nun, und... Vater Latrace?“ „Glaubt Ihr, daß ein ehrlicher Mann, wie es Herr Martin ſein muß, weil er in Dienſten des Herrn Grafen ſteht, der Freund des Raͤubers, den Ihr ſucht, geweſen ſein kann, oder noch iſt?“ 4* „Das Treiben hat angefangen,“ rief Herr venne den Jaͤger unterbrechend, „da iſt Ramageau!“ „Ein Leithund?“ ſagte Latrace. „Ja, ein Leithund mit großen Stiefeln und zu Pferde, . erwiderte Beaucadet, in die Ferne auf einen Gensdarm zeigend, der ſo ſchnell daher kam, als ſein Pferd laufen konnte. „Gluͤckliche Jagl Herr Beaucadet,“ ſagte der Jaͤger. „Hoͤrt, ich rechne auf Euch; unter Jaͤgern muß man ſich einander helfen. Greift zu, wenn Ihr meinem Raͤu⸗ ber begegnet.“ „Das verſteht ſich, Herr Beaucadet, und wenn mein Fuchs ſich nach Euch wendet, da Ihr doch am Saume des Waldes bleibt, ſo ſchreit nur ſo viel Ihr koͤnnt, damit er in die Ebene laͤuft .. .“ „Seid unbeſorgt, ich hoffe eine gute Jagd zu machen, ja vielleicht einen doppelten Schlag, indem ich zu gleicher Zeit den Schuft, den Wildſchuͤtz, den lumpigen Böéte⸗puante erwiſche, der mir bis jetzt entgangen iſt.“ Bei dieſer den Wildſchuͤtz betreffenden Drohung, konnte der Jäger abermals ſich einer kleinen Verlegenheit nicht et⸗ wehren; ſie entging jedoch dem Unteroffizier, der aufmerk⸗ ſam den heranſprengenden Gensdarmen betrachtete. Nach einem Augenblicke des Stillſchweigens der Jäger wieder;“ „Seht/ Herr Beaucadet, bei der Jagd muß man nie ein anderes Thier jagen, als das, worauf man es — hat.. wie wir gemeinen Leute ſagen. Heute begnuͤgt Euch den Wolf zu jagen, morgen könnt Ihr die wilde Katze auf's Korn nehmen.“ „Warum nicht gar! Vater Latrace; Ihr alter Prak⸗ tikus werdet doch wiſſen, daß man auf Alles, was Einem auf der Jagd zur Schußweite kommt, ſchießt, ſei es nun ein Kaninchen oder ein Hirſch. Läuft Béte⸗puante mir nur in den Weg, ſo ſoll er gewiß meine Kugeln koſten. Ich weiß wohl, daß man dem Schuft hier im Lande Vor⸗ ſchub leiſtet, und daß dieſe Holzdiebe von Sologneſen ihn immer ſich verſtecken helfen und nie angeben, weil er ge⸗ heime Mittel beſitzen ſoll, um ihnen das Fieber zu vertrei⸗ ben, dieſen Hungerleidern! Aber dieſer ſaubere Vogel hat lange genug herumgeflattert, es iſt Zeit, daß er in den Faͤfig kommt.“ In dieſem Augenblicke entſtieg dem Dickicht, das ſich längs des Waldrandes hinzog, das ſcharfe, lange, durchdrin⸗ gende Gekreiſch eines Vogels. Der alte Jäger ward purpurroth und zitterte. Erſchreckt von dem ploͤtzlichen Larm ſprang der Unter⸗ offizier hoch im Sattel in die Höh, und richtete ſeine Augen neugierig auf die dichten grünen Kronen der Fichten. Dieſe heftige Bewegung verhinderte ihn die Unruhe des Jägers, und eine leichte Bewegung des Laubwerks nahe am Kreuzwege, zu bemerken, obgleich auch nicht der mindeſte Wind zu ſpuͤren war. „Das iſt ein haͤßliches Vogelgekreiſch,“ ſagte Beau⸗ cadet. „Erkennt Ihr denn nicht das Geſchrei des ſologneſi⸗ ſchen Adlers?“ ſagte Latrace ruhig. „Seht, da unten fliegt er ſeinem Neſte zu, uͤber das Eichengehau hinweg. Was fuͤr ein Fluͤgelſchlag!“ „Wo denn, Vater Latrace? Wo denn?“ „Da unten, ſeht Ihr ihn denn nicht, links, bei dem krummen Tannenbaume? Da ſteigt er noch einmal auf. Seht. Seht. „Mir iſt nur Feuer vor den Augen, ich habe nicht Jaͤgeraugen wie Ihr. . .. Wenn es mein Raͤuber oder der Schuft von Beéte⸗puante waͤre, ſo wuͤrde ich ihn gewiß auf hundert Schritt Entfernung erkennen. Aber da iſt Rama⸗ geau, nun werden wir Nachricht uͤber das Treiben be⸗ kommen.“ In der That erreichte ſo eben der Gensdarm, den man ſeit einigen Minuten auf der Ebene bemerkt hatte, die Gruppe, und hielt an. Sein Pferd dampfte und war ganz mit Schaum bedeckt. „Nun, was giebts, Ramageau?“ fragte der Unter⸗ offizier. „Herr Beaucadet, das Treiben beginnt. Die Bauern, die man angeworben hatte um des Raͤubers habhaft zu wer⸗ den, haben den Wald von Aubeſpine von allen Seiten um⸗ zingelt, und ruͤcken nach dieſem Waldrande vor.“ „Gensdarmen!“ rief Herr Beaucadet mit dem Tone N eines Generals, der ſeine Soldaten vor der Schlacht haran⸗ guirt: „Gensdarmen! Jetzt wird es losgehn; ich rechne auf Euch! Ladet Eure Piſtolen; den Saͤbel in die Hand. Marſch. .. und Herr Beaucadet, nachdem er ſich in die Bruſt geworfen, gruͤßte gnaͤdig mit der Hand den Jaͤger, der am Kreuzwege blieb, und entfernte ſich an der Spitze ſeiner fuͤnf Mann, die er als Vedette laͤngs des Waldrandes auf⸗ ſtellte. Waͤhrend dieſes ſtrategiſchen Manoeuvrirens, erblickte man in der Ferne einen offenen Wagen, in welchem zwei Damen ſaßen, von mehren Cavalieren in rothen Jagd⸗ roͤcken begleitet. Viele Diener folgten und fuͤhrten in Decken eingehullte Pferde am Zuͤgel. „Drauf und dran, meine Jungen,“ ſagte der alte Jaͤger zu ſeinen Begleitern, „haltet die Meute zuſammen, daß die Hunde huͤbſch beiſammen bleiben; da iſt der Herr Graf und ſeine Geſellſchaft.“ Bei dieſen Worten ſtieg Latrace vom Pferde und uͤbergab die Zuͤgel einem der Treiber, damit er in gehoͤrig ehrfurchtsvoller Weiſe dem Grafen Duriveau, ſeinem Ge⸗ bieter, entgegen gehen konnte. Bweites Rapitel. — Das Gehäu. Lange ſchon hat die Jagd begonnen. Die Sonne, ihrem Untergange nahe, wirft ihre warmen Reflexe uͤber den Himmel. Die Gruppen von Eichen und hohen Staͤmme der Tannen ſcheinen von einem kupferfarbnen Hintergrunde ſich hervorzuheben. Miltten in einer dichten, durch die wuchernde Vegetation von Ginſter, Brombeeren, Farn⸗ kraut und Hagebutten undurchdringlich gewordenen Wald⸗ ſtrecke, kurz in der innerſten Tiefe des Gehoͤlzes, in welchem man eben jagte, befand ſich ein kleiner lichter Fleck, hie und da mit Blocken von grauem, moſigem Geſtein beſaet, die faſt gaͤnzlich unter einer unauswirrbaren Verwicklung von wildem Epheu, Winden und Geisblatt verſteckt waren. Das tiefe Schweigen dieſes einſamen Orts, wurde nur ſelten durch das dumpfe Brauſen der von wilden Wind⸗ ſtoßen bewegten Tannenäſte oder ganz entfernten Hoöͤrner⸗ tönen unterbrochen. Ein ſchnelles Gekrach in dem Geholze, mit dem dieſe Lichtung umgeben war, läßt ſich vernehmen. Die Zweige der jungen Eichengebuſche mit ſchon gelb werdenden Blät⸗ tern ſchwanken, geben Raum. Ein Mann tritt aus dem Buſche. Er geht halb gebuckt, faſt kriechend. Dieſer Mann, deſſen Signalement der Leſer ſcho kennt, iſt Bamboche, der fluchtiggewordene Gefangene aus Bourges, zweier Mordthaten beſchuldigt. Seine ſchlechte blaue Blouſe, das einzige Kleidungſtuͤck, das er trug, von Brombeeren zerriſſen, laßt an verſchiedenen Stellen ſeine behaarte Bruſt und ſeine Athletenarme erblicken. Seine ehemals rothen Beinkleider von Tuch, mit Koth befleckt, von Riſſen zerfetzt und ausgezackt bis an die Kniee. Die Haut ſeiner Fuße und Haͤnde iſt blutig geritzt, er iſt athem⸗ los, Schweiß uberſtroͤmt ſein Geſicht. Einen Augenblick bleibt er ſtehen und horcht auf das leiſeſte Geraͤuſch. Er ſtutzt ſich an einen Baum, um Athem zu ſchoͤpfen, reißt eine Hand voll Blaͤtter ab, bringt ſie gierig an ſeine brennenden Lippen und kaut ſie, um ſeinen verzehrenden Durſt zu ſtillen. Die Augen dieſes Mannes gluͤhen von einem wilden Feuer; ſeine grau gemiſchten, auf ſeiner ſchon kahlen Stirn ſich ſträubenden Haare, abſtechend von ſeinem braunen Barte und der Jugendlichkeit ſeines kräftigen Geſichts, geben ihm ein ſeltſames Anſehen. Durch Mangel, durch Angſt bleich, druckt ſeine Phyſiogno⸗ mie Schmerz und Schrecken aus. Plötzlich ruft eine laute Stimme, die ſo zu ſagen un⸗ ter den Fuͤßen des Fluchtlings ertönt: „Bamboche!“ Bei dieſem Namen ſpringt dieſer Mann uͤberraſcht — — auf, ſieht voll Schrecken ſich um, und weiß nicht, ſoll er fliehen oder bleiben. Dann beugt er ſich ſchnell, und er⸗ greift zwei große Steine, die in ſeinen Haͤnden zu furcht⸗ baren Waffen werden können. Alles war wieder in tiefes, finſtres Schweigen verſunken. Bamboche blickte mit ſteigender Angſt um ſich. Auf einmal erhebt ſich, als ſei er der Erde entſtiegen, drei Schritte von ihm ein Mann in ſonderbarer Kleidung. Dieſer mittelgroße Mann trug eine weite Jacke und Pantalons von Wolfshaut. Ein feines und dichtes Reh⸗ fell bildete den undurchdringlichen Grund ſeiner mit einem Dachsfellſtreifen geſchmuͤckten Muͤtze. Seine durch die Un⸗ gunſt der Jahreszeiten abgemagerten und ausgegerbten Zuͤge verſchwanden faſt ganz unter einem fahlen grauen Barte. Seine braunen, beweglichen und durchbohrenden Augen ſchienen von innen durch eine ausdehnbare, phosphores⸗ zirende Pupille erleuchtet, als ob die Gewohnheit, Tages uͤber zu ſchlafen und in der Nacht umherzuſtreifen, ihn nachtſichtig gemacht habe, wie es faſt alle Raubthiere ſind. Deſſenohnerachtet hatte das Antlitz dieſes Mannes durchaus keinen thieriſchen zuruͤckſtoßenden Ausdruck. Auf ſeinem verſtaͤndigen und kuͤhnen, oft durch ein Lacheln bittrer Iro⸗ nie zuſammengezogenen Geſichte zeigte ſich das Gepraͤge jener unerklaͤrbaren Groͤße, welche die Gewohnheit, in Ge⸗ fahr, Einſamkeit und Empoͤrung zu leben, ſtets der Stirne des Verbannten aufdruͤckt. . Man hat ohnſtreitig ſchon den Wildſchuͤtzen mit dem Zunamen Böte⸗puante wiedererkannt. In dem Gehau ohn⸗ weit der Wegeſcheide am Kreuze verborgen, hatte er unge⸗ ſehen der Unterredung des Jaͤgers mit Herrn Beaucadet beigewohnt. Bis zu dem Momente, wo er ſich plötzlich den Augen von Bamboche gezeigt, hatte ſich der Wildſchuͤtz in dem was man nach Wildſchuͤtzenſprache einen Anſtand nennt, gekauert und verborgen. Es iſt dies eine Art Loch von funf bis ſechs Fuß Tiefe, mit Buͤſcheln von Farnkraut und Ginſter bedeckt, welche eine Woͤlbung bilden, durch welche der Wildſchuͤtz, der ſo ganze Stunden unbeweglich auf ſeine Beute lauert, ganz in der Naͤhe auf dieſe ſchießen kann. Bei dem Anblicke von Beéte⸗puante trat Bamboche, ohnerachtet ſeiner Keckheit, doch von Schrecken betroffen, einen Schritt zuruͤck. Die Steine, die er zu ſeiner Ver⸗ theidigung aufgerafft hatte, entfielen ſeinen Haͤnden, ſei's nun, daß der Fluͤchtling beim Erblicken eines kurzen doppel⸗ laͤufigen Carabiners, mit dem der Wildſchütz bewehrt war, einſah, daß ein Kampf mit ihm zu ungleich ſein wuͤrde, ſei's, daß eine Ahnung ihm ſagte, es muͤſſe eine ſympathe⸗ tiſche Verwandtſchaft zwiſchen ſeiner Lage als Fluͤchtling und der abenteuerlichen des Waldmenſchen, dem er begeg⸗ nete, vorhanden ſein. Doch fuhr er noch mehr zuruͤcktretend fort, auf den Wildſchuͤtz eine Blick wilder Beſorgniß zu werfen. — „Du nennſt Dich Bamboche, Du biſt aus dem Ge⸗ faͤngniſſe von Bourges entflohen.. . wie ein wildes Thier — — gehetzt koͤnnteſt Du nicht entfliehn . .. ich komme Dir zu Hilfe. im Namen .. Martin's.“ Bei dem Namen Martin geſtaltete ſich die rohe Phy⸗ ſiognomie Bamboche's um. Eine ruͤhrende Erregung ſpannte die bis dahin harten und zuſammengezogenen Zuͤge ab. Eine Thraͤne verhuͤllte das wilde Gluͤhen ſeines Blicks. Mit gefalteten Haͤnden, halbgeoffneten Lippen, klopfendem Herzen und ſchlagender Bruſt konnte er nur mit von Ruͤh⸗ rung erſtickter Stimme ausrufen: „Martin!!“ Als aber nach dieſem Ausbruche inniger Gefuͤhle der Wildſchuͤtz wieder auf dem Geſichte des Fluͤchtlings den Zweifel ſich zeigen ſah, beeilte er ſich hinzuzufugen: „Ja, Martin. . Basquine.. La Levraſſe — Bamboche unterbrach den Wildſchutzen, als ob dieſe bizarren Namen, die er ausgeſprochen, die Identität Mar⸗ tins hinreichend bewieſen, und rief freudeſtrahlend: „Er iſt es!. ja, er iſt es!“ Und ſo vergaß der Fluͤchtling die heftige Verfolgung, der er eben nur durch ein Wunder entgangen war, und deren Opfer er noch in jedem Augenblicke werden konnte. Dem durchdringenden Blicke von Beéte⸗puante entging keiner dieſer Eindruͤcke auf Bamboche. Er bildete jetzt ploͤtz⸗ lich mit ſeiner Hand eine Art Schallrohr, naͤherte ſie deſſen Ohre und ſagte, obgleich das tiefſte Schweigen wie bisher — — in dieſer Einode herrſchte, mit leiſer Stimme, nachdem er noch einen Augenblick umhergehorcht: „Es kommt Jemand. . . Du biſt verloren.“ „Ihr kennt Martin? . er iſt alſo aus der Fremde wiedergekommen?“ fragte der Fluͤchtling, ſtets die Gefahr vergeſſend. Die Verlaͤugnung ſeiner ſelbſt in einem ſo furchtbaren Augenblicke ergriff den Wildſchutzen, und er fuhr fort: „Martin iſt hier. .. er verdankt Dir viel, das weiß ich; in ſeinem Namen rette ich Dich auch, gleichviel ob ſchuldig oder nicht.“ Der Fluͤchtling ſchauderte. „Aber verſprich mir bei der bruͤderlichen Freundſchaft, die Du Martin gelobt haſt, daß, wenn er es befiehlt, Du Dich ſelbſt dem Gerichte ausliefern willſt.“ „So bald mir Martin ſagt, liefre Dich aus. . ſo thue ichs.“ „Ich darf Dir glauben.. das weiß ich .. Du biſt gerettet.“ Nun ging der Wildſchutz einige Schritte weiter in ein dichtes Gehau, links von dem Anſtande, in dem er ſich ver⸗ borgen gehalten, und enchuͤllte muͤhſam den engen Eingang zu einer Art von Höhle. Die bewegliche Fallthuͤre, welche dieſe verſchloß, beſtand aus dichten Tannenreisbuͤndeln, und war mit mooſigen Steinen bedeckt und uͤber dieſe Erde geſtreut, auf welcher Brombeerſträuche W zeln geſchlagen hatten. — — Der Fluͤchtling wollte in dieſen unerwarteten Zufluchts⸗ ort hinabgleiten, als der Wildſchutz mit dem Ausdruck feierli⸗ cher Trauer ihm zurief: „Reſpect und Mitleid .. bei dem was Du ſehen wirſt wo nicht, ſo waͤrſt Du ein nGutteslůſteter und der — Shn unwerth.“ Als noch der Fluͤchtling einen Blick des euiſis und der Unruhe auf den Wildſchutz warf, näherte ſich der bis da⸗ hin noch wirte Läͤrmen von Hörnern immer mehr. Da ſtieß Bete⸗puante ſchnell Bamboche an der Schulter fort und ſagte, nachdem er abermals und aufmerkſam gehorcht hatte, leiſe zu ihm: „Ich höre Pferdegalopp.. Geſchwind .. geſchwind verbirg Dich!“ Dann ließ, während Bamboche durch die enge Oeffnung verſchwand, der Wildſchuͤtz, wie von einer plötzlichen Idee ergriffen, den Eingang offen, ſtuͤrzte mit Einem Sprunge ins Gehau, legte ſich mitten in der Lichtung platt auf die Erde, das Ohr an dieſelbe und hemerkte nun deutlicher im dichteſten Geholze das entfernteſte Geräuſch. Nicht lange, ſo ſnd er auf und rief mit verzweiflungs⸗ voller Stimme: „Verdammt! .. der Fuchs .. er bringt die Jagd auf dieſe Seite!“ Doppelt beunruhigt eilte nun der Wilſchuͤtz zum Gehau, um den Eingang zu dem Schlupfwinkel wieder zu ſchließen. Aber ſchon trat der Fluchtling todtenbleich und mit verſtörten Zuͤgen daraus hervor, indem er mit bebender Stimme rief: „Eher gefangen .. getodtet!! als in dieſer Höhle blei⸗ ben! Oh! .. was habe ich geſehen! .. dort! .. wenn Ihr wuͤßtet welcher unglucktiche Zufall! dieſer Name!!. Bruyere! .. . Es iſt um toll zu werden!“ Plötzlich naͤherte ſich das bis dahin noch entfernte Ge⸗ bell der Meute und hallte bald darauf in furchtbaren Klängen durch den ſtillen Hochwald wieder. In demſelben Augen⸗ blicke brachte ein Windſtoß einen wirren Lärmen von Ge⸗ ſchrei und Stimmen herbei, die von mehren Seiten zugleich ſich näherten. Es war das Geſchrei der Leute, die den Fluͤcht⸗ ling verfolgten. Alles Beides war in kuͤrzerer Zeit geſchehen als man hier zum Leſen braucht, und in dem Augenblicke wo Bam⸗ boche aus der Höhle des Wildſchützen ſprang, rief er mit vor Schrecken ſtammelnder Stimme was wir eben bemerkten: „Du biſt des Todes!“ ſchrie der Wildſchuͤtz mit furcht⸗ barem Ausdrucke, indem er ſeinen Carabiner mit beiden Hän⸗ den wie eine Keule ſchwang; „ich bringe Dich um . .. wenn man Dich hier findet .. ehe ich dieſen Zufluchtsort habe verſchließen koͤnnen.“ Kaum hatte der Wildſchutz dieſe Drohung ausgeſprochen, als die Zweige des Unterholzes von dem die Lichtung umgeben war, ſich lebhaft bewegten, als ob ſie vor eilig Nahenden ſich auseinander boͤgen. Der Fluͤchtling ſchauderte und ſtuͤrzte ſich, entweder weil er dem verzweiflungsvollen Befehle des Wildſchuͤtzen gehorchte, oder weil der Trieb der Selbſterhaltung ſeinen Schrecken uͤberwand, in das Souterrain. Beéte⸗puante legte die ſchwere Fallthure daruͤber, verwiſchte auf dem Erd⸗ boden die Spuren Bamboche's und hatte nur noch Zeit ſich in die Tiefe des Anſtands zu neh wo er ſich bereits He⸗ borgen hatte. Prittes Rapitel. — Die verlorne Fährte. Der Wildſchuͤtz war in ſeinem Anſtande verſchwunden. Plötzlich folgte auf das Knackern der Aeſte das Geraͤuſch eines fluͤchtigen Galopps, und ein ungeheurer Fuchs mit rothfahlem Pelze und ſchwarzen Läufen und Ohren ſprang eiligſt in die Lichtung. Er triefte von Waſſer, denn er war durch einen Teich geſchwommen, um die Hunde von der Faährte abzubringen. Seine Liſt war ihm gelungen, denn als die Meute ſich einen Augenblick dieſer Gegend des Wal⸗ des genähert, hatte ſie ſich doch wieder davon entfernt, wie das immer mehr verſchwindende Bellen andeutete. Der Fuchs kraͤchzte athemlos. Seine rothe und trockne Zunge hing aus dem offnen Rachen. Seine gruͤnlichen Augen flammten, wahrend ſeine hintergelegten Ohren, ſein ſchleppender Schwanz, ſeine zitternden Weichen die Schnel⸗ ligkeit ſeines Laufs und die Erſchöpfung ſeiner Kraͤfte be⸗ zeugten. Einen Augenblick lang blicb er ſtehen, ſuchte den Martin. I. 5 . — 6 Wind zu gewinnen, indem er ſeine ſchwarze Schnauze nach allen Seiten wendete, dann aber ſchien er mit eben ſo viel Aufmerkſamkeit als Angſt einige Minuten lang nach Abend hin zu horchen. . . . Er hoͤrte nichts. Da der Anſtand des Wildſchuͤtzen ſich einige Schritte vor dem Fuchſe und unterhalb des Windes befand, ſo konnte dieſer dieſe Nachbarſchaft nicht ſpuͤren. . . Das Laͤrmen vom Gebell der jetzt gänzlich von ihrer Fährte abgekomme⸗ nen Hunde hatte aufgehoͤrt. Da ſonach das gejagte Thier einige Minuten Vorſprung vor den auf ſeine Verfolgung erpichten Hunden hatte, ſo ſchoͤpfte es wieder Athem und ſank in ſich zuſammen, die Pfoten ausſtreckend, den Kopf platt auf den Boden tegend und mit offnem Rachen, ſo daß man es ohne die fortdauernde, faſt krampfhafte Biwegung ſeines ſtets zur Auffaſſung des leiſeſten Schalls bereiteten Ohres für todt hätte halten können. Plotzlich richtete ſich der Fuchs auf ſeinen vier Pfoten auf, als ob eine Springfeder unter ihm wäre, hielt den keuchenden Athem an, deſſen geräuſchvolles Ausſtoßen die zatte feine Auffaſſung ſeines Gehöts hinderte⸗ und horchte. . Die Jagd näherte ſich in ihren eigenſinnigen Bewe⸗ gungen und ploͤtlich fortreißenden Ruͤckgangen von Neuem der Lichtung. Dieſes Mal begleiteten die Fanfaren der Waldhorner das Geheul der Meute. In dieſem äußerſten Augenblicke verſucht das erſchöpfte Thier, ſich ſeinem Ende nahe fuhlend, die letzte Anſtren⸗ —,— —— gung, die letzte Liſt, die Meute noch einmal von der Faͤhrte abzubringen und ihr zu entfliehen. Es durchlaͤuft die Lich⸗ tung nach allen Richtungen, ſo daß es zwei bis drei Mal auf ſeine Spur zuruͤckkommt und dadurch ein ſo unaufwirr⸗ bares Netz bildet, daß es den Hunden unmöglich werden mußte, ſich herauszufinden. Dann nimmt es ſich zuſam⸗ men und mit einem ungeheuern Sprunge fliegt es aus der Lichtung in das Gehau und fällt inmitten der Felsſtuͤcke faſt auf die mit Steinen und Brombeeren bedeckte Fallthuͤre zu dem Eingange in das Souterrain. Dann ſpringt es, kaum ſeine Pfoten auf das Moos des Steinwerks ſetzend, — mit einer zweiten verzweiflungsvollen Anſtrengung, wenig⸗ ſtens ſechs Fuß weit, erreicht das dichteſte Gebuͤſch, macht noch dort drei bis vier ungeheure Spruͤnge und beginnt nun mit aller Schnelligkeit ſeiner durch Anſtrengung und durch das kalte, friſche Bad derſelben ſteifen Glieder zu entfliehen. Mittels eines merkwuͤrdigen Inſtinkts der Selbſterhal⸗ tung, der allen gejagten Thieren eigen, unterbrach der Fuchs durch dieſe ungeheuern und fortgeſetzten Spruͤnge in einem Umkreiſe von dreißig bis vierzig Schritten die Faͤhrte, den ſcharfen und warmen Geruch, den hinter ihm nebſt ihrer Spur der Geruch ſeiner Pfoten auf dem Boden hinterlaͤßt, ſtarke Ausduͤnſtungen, durchdringende Duͤnſte, welche den feinen Geruch der Hunde erregen und ſie ganz allein bei ihrer Verfolgung leiten. Als der Fuchs verſchwunden, kommt der Wildſchuͤtz = ſchnell aus ſeinem Anſtande hervor, eilt in die Lichtung, beugt ſich zur Erde, unterſucht ſie auf's Genauſte und er⸗ kennt die friſchen Eindruͤcke der Pfoten des Fuchſes, die er ſich nun beeilt, ſorgfältig, wo ſie ſich nur finden, unter ſei⸗ nen Füßen zu verwiſchen, indem er ſo durch die Tritte auf den Boden nicht allein die Fußſpuren, ſondern auch die Fährte, welche das Voruͤberlaufen des Thieres zuruckgelaſ⸗ ſen, vernichtet und auf dieſe Art die Flucht und Liſt des Fuchſes unterſtutt, ob ihm gleich vor Allem daran gelegen, die Hunde und folglich auch die Jaͤger von dieſem n Schlupfwinkel ſo nahen Orte zu entfernen. Das Geheul der Meute, die Fanfaren der Jagbhörner erſchollen immer naͤher und lauter. Von Zeit zu Zeit miſchte ſich das Geſchrei und Zurufen darein, das dem Haufen zum Signale diente, der von drei Seiten her im Aufſuchen des fluͤchtigen Bamboche vorwaͤrts drang. Mehr und mehr uͤber dieſe drohenden Annaͤherungen erſchreckt, drang der Wildſchutz in das Gehaͤu, durch wel⸗ ches der Fuchs auf die Lichtung gekommen war, und erkannte dort natuͤrlich auch die Fährten des Thieres. Hier alſo auch, wie er es ſchon gethan, verwiſcht er mit ſeinen Fuͤßen ohn⸗ gefaͤhr auf zweihundert Schritt und bis zu einem ungeheu⸗ ren, umgeſtuͤrzten Baumſtamm, den der Fuchs ohne Zwei⸗ fel uberklettert hatte, dieſe Eindrucke. Ueberzeugt nunmehr, daß dieſe ſo ausgedehnte Unte⸗ brechung des Fortgangs der warmen und geruchverbreitenden — — Faͤhrte, welche der Fuchs nach ſich läßt, und die allein, wie geſagt, die Meute bei deſſen Verfolgung leiten kann, die Jagd unmöglich machen und ſie von ſeinem Schlupfwinkel entfernen muͤſſe, ſtuͤrzte ſich der Wildſchutz in den tiefſten Wald. Boͤte⸗puante's Vorausſehung ward anfangs nicht ge⸗ taͤuſcht. Seit einiger Zeit war er verſchwunden. Die Meute ſchrie aus vollem Halſe. Plötzlich hörte dieſes ſo lauttönende, ſo wiederhallende Geheul und Bellen wie durch einen Zau⸗ berſchlag auf. Die Hunde waren am Ende der Faͤhrte, das heißt, nachdem ſie uͤber den ungeheuern Baumſtamm ge⸗ ſprungen, jenſeits deſſen der Wildſchuͤtz durch ſeine Fuß⸗ tritte die Eindroͤcke und den Geruch von dem daruͤber gehen⸗ den Laufe des Fuchſes vertilgt hatte, ſchwieg die Meute, da ſie nichts mehr fand, was ſie leitete, und da ſie nie bellt, als wenn ſie auf voller Faͤhrte eines Thieres iſt, auf der Stelle. Kommend und gehend, unruhig und verwirrt wegen dieſer ſchnellen Unterbrechung dieſer bis dahin auf ihren Geruch ſo gewaltig einwirkenden Faͤhrte, ſuchten und ſpuͤr⸗ ten die Hunde vergebens nach allen Seiten hin, mit den Naſen am Boden. Sie waren etwa zweihundert Schritte von der Höhle des Wildſchuͤtzen nach der Jaͤgerſprache in Verfall gerathen. Der alte Jaͤger, dem das plötzliche Schweigen der Meute von dieſem Zufalle Kenntniß gab, beeilte ſich, wie⸗ der zu ihr zu kommen, um ihr zu helfen, als er aber den umgeſtuͤrzten Baum erblickte, der ihn von den Hunden trennte und deſſen mit Aeſten beſetzter Stamm eines der gefaͤhrlichſten Hinderniſſe zeigte, um daruͤber zu ſetzen, hielt er ſchnell an. Meiſter Latrace war trotz ſeines Muthes und der Ruͤſtigkeit ſeines Pferdes ein zu erfahrner Jäger, um durch eine nutzloſe Keckheit einen vielleicht fuͤr ihn oder ſein Pferd toͤdtlichen Sprung zu wagen. Da er nun auf jeder Seite des Baumſtammes den Weg durch ein undurchdring⸗ liches Buſchwerk verrammelt ſah, machte er einen weiten Umweg, um wieder zu ſeinen Hunden zu gelangen. Ploͤtzlich kamen zwei Frauen in Reitkleidern, wenige Schritte hinter einander her reitend, durch den Wald, dem umgeſtuͤrzten Baume gegenuͤber an, vor dem der alte Jaͤger weislich zuruͤckgebebt war. Faſt in demſelben Augenblicke erreichten ſie auch zwei Reiter, die beim Anblicke dieſes furchtbaren Hinderniſſes mit erſchrockner Stimme zugleich ausriefen: „Miſtreß Wilſon, halten Sie Ihr Pferd an.“ „Miſtreß nehmen Sie ſich in Acht.“ Ohnerachtet dieſer Warnungen und Bitten gab dieje⸗ nige der beiden Frauen, welche zuerſt erſchienen, entweder weil ſie ihr raſches Pferd nicht aufhalten konnte, oder weil es ihr aus Verwegenheit Spaß machte, der Gefahr zu trotzen, dieſem einen kräftigen Hieb mit der Reitgerte und ließ es mit eben ſo viel Kuͤhnheit als Anmuth uͤber den Baumſtamm ſpringen, nur daß die Heftigkeit des Sprun⸗ ges und die Bewegung der Luft den langen Reitrock dieſer unerſchrockenen Frau etwas aufhoben und man den zarten Umriß eines niedlichen Beines mit weißſeidenem Strumpfe bekleidet, ſo wie feſt auf den Steigbuͤgel geſtellt, einen allerliebſten Fuß ſah, deſſen ſchwarzes Stiefelchen mit einem kleinen Silberſporn bewaffnet war. Die beiden Jaͤger hatten, uber dieſe Verwegenheit er⸗ ſtaunend, einen Ausruf des Schreckens nicht zuruͤckhalten können. Beide wendeten ſich nun an die zweite Jaägerin, die entſchloſſen ſchien, ihrer Gefährtin nachzuahmen, und riefen: „Miß, um des Himmels willen, halten Sie ein!“ „Ich will meiner Mutter nach,“ antwortete das junge Mädchen mit ſanfter Stimme, indem ſie auf die andere Dame zeigte. Dieſe, welche mit ihrem Pferde jenſeit jenes furcht- baren Hinderniſſes hielt, wendete den Zuſchauern dieſer Scene ein lächelndes und durch die ſtolze Erregung der be⸗ ſiegten Gefahr leicht gerothetes Geſicht zu, als ſie aber ſah, daß ihre Tochter ſich anſchicke, ihr nachzuahmen, erblich ſie auf's Heftigſte und rief: „Räphaele! ich beſchwöre Dich Es war aber nicht mehr Zeit. Das junge Maͤdchen ſetzte nicht minder kuͤhn als ihre Mutter uͤber den Baum⸗ ſtamm und hielt zugleich in einer ſchamhaft anmuthigen Bewegung mit dem Ende ihrer Reitgerte, die ſie in der linken Hand hielt, die langen Falten ihres Reitrockes an, damit dieſer ſich nicht, wie es bei ihrer Mutter der Fall ge⸗ weſen war, indiscret aufſchlage. Piertes Rapitel. — Die jungen Väter. Die beiden Reiter, welche nun Miſtreß Wilſon und ihre Tochter (ſo nannten ſich die beiden kecken Jaͤgerinnen) erreicht hatten, waren der Graf Duriveau und ſein Sohn. Der Vater des ältern Grafen, welchem die eben in der Jagd begriffene Meute angehörte, war ein Gaſtwirth in Clermont⸗Ferrand geweſen. Dieſer Gaſtwirth, ein Mann von wilder Habſucht, hatte, nachdem er in den Beſitz eines unermeßlichen Vermoͤgens gekommen, das durch Wucher be⸗ gruͤndet, durch Armeelieferungen waͤhrend des Directoriums vervollſtaͤndigt worden war, daſſelbe durch alle Arten von Betruͤgereien, geſetzliche Diebespractiken und den ſchmutzigſten Geiz verdoppelt, ja vervierfacht. Bei dem Tode ſeines Vaters ſah ſich Adolf Duriveau, damals noch keinesweges Graf, im Beſitze von 300,000 Li⸗ vres jaͤhrlicher Einkuͤnfte aus liegenden Guͤtern. Aus dem Zuſtande der Erniedrigung und des Mangels, in welchem ſein Vater ihn mit beiſpielloſer Haͤrte gehalten hatte, her⸗ austretend und einem redlichen Vormunde uͤbergeben, neigte 5 * ſich Adolf Duriveau trotz ſeiner abſcheulichen Erziehung doch ſogleich zum Guten, und fuͤhlte einen gewiſſen Aufſchwung zu hoͤhern Ideen. So zeigte er ſich denn, indem er ſich einer glaͤnzenden und froͤhlichen Lebensweiſe wie allen den Freuden hingab, die ihm bis dahin gänzlich verſagt geweſen waren, großmuͤthig und gut, darin dem Zuge ſeines Her⸗ zens und einer Art von Rauſche nachgebend, den oft das Uebermaaß einer plötzlichen vorher ganz ungekannten Gluͤck⸗ ſeligkeit hervorbringt. Die Großmuthsäußerungen Adolf Duriveau's wurden nicht ſelten mit Undank belohnt; mit Undank ... dieſer Ca⸗ pelle, auf welcher die wahrhaft edeln und beharrlichen Ge⸗ muther erprobt werden. Er jedoch beſtand dieſe harte Probe nicht. Er fing an ſich zu betruͤben, dann zu erbittern, dann aufzuregen, endlich zu verhärten. Sein Herz verſtei⸗ nerte ſich zuletzt. So nahm denn Duriveau wie ſo viele Andere auf das wenige Gute, das er zu bewirken geſucht hatte, fußend, die Undankbarkeit der Menſchen als Grund⸗ ſatz und Herzenshärte, wenn man nicht der Narr von Un⸗ dankbaren werden wollte, als Pflicht an. So wurde er denn nur zu leicht vom Guten abgewendet, weil es ſeiner noch unerfahrenen und voreiligen Großmuth an Geduld, Uneigen⸗ nuͤtzigkeit, Scharfſichtigkeit, Entſagung und beſonders an Geheimniß und, wenn man ſo ſagen darf, Schamhaf⸗ tigkeit mangelte, und glaubte nicht im Geringſten, daß es ihm an Kenntniß der Uebel gefehlt habe, die er lindern zu koͤnnen glaubte, und manchmal nur noch erhöhte, weil * . — er ungeduldig, roh und unzart war, und die Beruhigung gewiſſer ſchuchterner und verdachtſchoͤpfender Ungluͤcksfälle den Takt außerordentlicher Sanftmuth und Zartgefuhls er⸗ fordert. : Dieſer lobliche aber ungluckliche Verſuch in Ausuͤbung großmuͤthiger Ideen mußte naturlich auf Adolf Duriveau's Gemuͤth eine unſelige Ruͤckwirkung haben, und ſo wurde fuͤr ihn eine ſyſtematiſche Unempfindlichkeit zur Menſchen⸗ kenntniß, Mitleid zur Schwäche, Selbſtſucht zur ge⸗ ſunden Vernunft, Habgier zur Vorſicht, die tiefſte Verachtung gegen Andere zum Bewußtſein eigenen Werthes, das Unglüͤck Anderer zur gerechten Strafe fuͤr Unregelmaͤßigkeiten in den geſelligen Schick⸗ ſalen, Folge der Erbſuͤnde, Wille der Vorſe⸗ hungu. ſ. w. Mit Einem Worte, Adolf Duriveau zeigte ſich als wuͤthender Katholik in Betreff der gotteslaͤſterlichen Luge: „Daß ein väterlicher Gott den Menſchen zum Ungluͤck erſchaffen habe.“ Dieſer vortreffliche Grundſatz legitimirte die Haͤrte die⸗ ſes unverſoͤhnlichen Egoiſten. Er zog daraus ſeine Beſchuldigungsgruͤnde, er trium⸗ phirte daruͤber. „Die Menſchen ſind zum Ungluͤck geboren,“ ſagte er mit hämiſcher Ironie; „Gott hat es ſo gewollt. Den Willen Gottes muß man achten! Man darf ihm nie ent⸗ gegenhandeln! Begnuͤgen wir uns alſo damit, glaͤnzend, fröhlich und als gluͤckliche Ausnahme zu leben .. welche die Regel beſtätigt.“ Von ſeinem Geſichtspunkte aus konnte dieſer Menſch alſo ſagen und ſagte es auch: „Ich bin gut, großmuͤthig, menſchenfreundlich geweſen . ich habe nur Betrug und Undankbarkeit dafuͤr begegnet; jeder Ungluͤckliche verdient ſein trauriges Loos; . ein Thor iſt, wer Mitleid damit hat.“ Man muß geſtehen, daß Duriveau, der ſehr vielen na⸗ tuͤrlichen Verſtand, eine große Willenskraft und ſeltene Cha⸗ rakterſtäͤrke beſaß, auch dieſen furchtbaren Trugſchluſſen durch Keckheit und einen gewiſſen Cynismus etwas Anſpre⸗ chendes zu geben wußte und in den Kreiſen, in welchen er lebte, nur zu oft Billigung und Mitgenoſſen fand. Der Beſuch gewiſſer Geſellſchaftskreiſe, welche auf Reichthum oder neuerworbene Titel in beleidigendem Stolze ſchwelgten, die Peſt des Muͤſſigganges und der faſt unver⸗ meidliche und verderbliche Einfluß eines ohne Muͤhe erwor⸗ benen unermeßlichen Vermögens erſtickten ſchnell die fruͤhe⸗ ren Tendenzen Duriveau's. Er blieb prunkſuͤchtig, aber er wurde habgierig. Dann genuͤgte es ihm nicht mehr reich zu ſein, er wollte adlig werden .. wie ſo viele Andere. Seine Vermählung mit der Tochter eines Herzogs des Kaiſerreichs, der mit der Reſtauration ſich verſtaͤndigt, ſtattete ihn mit dem Titel eines Grafen aus, und Adolf Duriveau, der Sohn des Vater Duriveau, des wucheriſchen Gaſtwirths, des ſchändlichen Diebsgenoſſen, hielt ſich fuͤr einen Grafen, und nannte ſich auch ſehr ernſtlich Graf Duriveau. — Seine ſehr fruh verſtorbene Frau hinterließ ihm einen Sohn Namens Scipio, Vicomte Duriveau, wenn's beliebt. Das Gluck oder vielmehr der Stolz von Adolf Duri⸗ veau hatte ſich in zwei ſchoͤnen Gegenſtaͤnden concentrirt, naͤmlich: einer der großen Grundeigenthuͤmer Frankreichs zu werden und ſich von ſeinen Bedienten, Lieferanten und Päͤchtern mein Herr Graf nennen zu laſſen. Später trat noch ein Anflug politiſchen Ehrgeizes zu dieſen Eitelkei⸗ ten, deſſen Urſache wir ſpäter erklaͤren werden. Als Erzmillionair und Graf träumte er auch von kei⸗ ner andern Zukunft, keiner andern möglichen Gluckſeligkeit fuͤr ſeinen Sohn und erblickte, vielleicht noch ſtolzer als habſuͤchtiger, in dieſem Kinde ein neues Mittel, ſeinen Reichthum zur Schau zu tragen und beneiden zu laſſen. Mit 15 Jahren wurde Scipio Duriveau, der ein reizendes Aeußere und ſeinen Jahren voreilenden Verſtand beſaß, auch — was Alles ſagen will — von einem Lehrer aus vornehmem Hauſe erzogen ward, ein neuer Stoff fuͤr den Hochmuth ſeines Vaters, der ſich's zum hoͤchſten Ruhme rechnete, dieſen Schatz von Artigkeit und Ungezogenheit zu produziren. Es exiſtirte damals in der feinſten Pariſer Geſell⸗ ſchaft das, was man junge Väter nannte. Es waren dies mehr oder minder junge Witwer, Maͤnner von Geiſt und Lebensluſt, tuͤchtige Spieler, Le⸗ bemänner, welche ſich faſt alle mit den beruͤhmteſten der unterhaltenen Maͤdchen in Paris duzten. Dieſe jungen Väter gingen von dem an ſich vortrefflichen Grundſatze aus, daß es nichts Abſcheulicheres, nichts Unſeligeres in ſeinen Folgen giebt als die väterliche Engherzigkeit und Tyrannei, welche indem ſie den Kindern jedes Vergnuͤgen, jede Frei⸗ heit entzieht, um daraus wo möglich kleine Heilige zu ma⸗ chen, nur ſchlechte Teufel dadurch erzieht, und gaben ſich daher Muͤhe die unbeſchränkteſte Toleranz, ja oft noch et⸗ was mehr als dieſe, in Uebung treten zu laſſen. So fuͤhrte hier ein Vater von zwei allerliebſten 6 bis 7 Jahr alten Toͤchtern dieſe ins Theater, wohin ihn zaͤrtliche Verbindungen taͤglich zogen, und die Anmuth und das kin⸗ diſche Geſchwatz der kleinen Engel machten das Entzuͤcken und die Bewunderung der Schauſpielerinnen aus. Ein anderer junger Vater hielt es ſeinem Erziehungs⸗ plane fuͤr angemeſſen, die erſten Wechſel ſeines Sohnes zu beſitzen. (Er nannte das; die Jungfraulichkeit der Accepte). Um dies nun zu koͤnnen, erleichterte er ihm unter der Hand die dem Anſcheine nach wucheriſcheſten Anlehen, von denen er, der Vater, wohl verſtanden nie Vortheil zog, weil er behauptete, ein junger Vater ſei der geborne Caſſier ſeines Sohnes. Jener Andere ſuchte, pruͤfte, wuͤrdigte und wählte mi voller Ueberlegung und gediegenſter Erfahrungsweiſe, in ſeiner väterlichen Sorgfalt die erſte Maitreſſe ſeines Sohnes. WVNoch ein Anderer hatte ſich's zum unerſchuͤtterlichen Grundſatze gemacht, zuerſt ſeinen geliebten Sohn mit dem — abſcheulichſten Wein trunken zu machen, um ihm, wie er ſagte, recht zeitig einen tiefen, unbeſieglichen und heilſamen Abſcheu gegen ſchlechten Wein einzuflößen. Zwei bis Drei dieſer jungen Väter, Männer aus der beſten und vornehmſten Welt, waren des Grafen Duriveau Freunde. Schon uͤber die Annehmlichkeiten ſeines Sohnes hocherfteut, erſchien es ihm in ſeiner Manie, dem Adel nachzuahmen, ſehr vornehm, ſo wie jeder Andere auch unter die jungen Väter zu gehören. Das roch Meilen weit nach Regentſchaft, denn der junge Marſchall von Richelieu hatte ſich in den Verhältniſſen zu ſeinem Sohne, Herrn von Fronſal eben ſo gezeigt. So wurde denn der Graf von Duriveau bald unter den luſtigſten jungen Vätern von Paris mitgenannt. Er ſetzte ſeinen Stolz — immer Stolz! — darein, Scipio die Soͤhne der andern jungen Väter uͤberſtrahlen zu ſehen, ſo daß Scipio mit dem 17. Jahre bereits monatlich 100 Louis⸗ dor zu ſeinen kleinen Ausgaben, eine von dem vaͤterlichen Hotel getrennte Wohnung, 6 Pferde im Stalle und ſeinen Platz neben jenem in der Loge in der großen Oper erhielt, welche das Recht ertheilt, hinter die Couliſſen ſich zu be⸗ geben. Wir brauchen nicht erſt zu ſagen, wie ſehr Scipio bei ſeinem reizenden Aeußern und 17 Jahren in dieſem wollu⸗ ſtigen Göttinnenſize geſchmeichelt wurde, in welchem ſein Vater ihn feierlich vorgeſtellt hatte. Einige Monate ſpater aͤhlte der Jüngling ſchon die Zahl ſeiner gefälligen Gelieb⸗ ten; mit 18 Jahren hatte er ganz leichthin ſeinen Mann im Duell getödtet, wobei ſein Vater ihm ſecundirte, und mehr als einmal uͤberraſchte mit Tagesanbruch der Graf ſeinen Sohn in Mitten einer tollen und laͤrmvollen Orgie, welche durch die beruͤhmteſten Hetären belebt wurde. So ſeltſam dieſes Erziehungsſyſtem auch ſcheinen mag, ſo iſt man doch, wenn man die Welt auch nur ein wenig kennt, genöthigt, ſich einzugeſtehen: Deß, angenommen, die geſellſchaftlichen Verhältniſſe und das Vermögen des Vicoimte Scipio Duriveau, von 100 jungen, reichen und unbeſchaͤftigten Leuten, wenigſtens 90 fruͤher oder ſpäter, weniger oder mehr, eben ſo leben werden wie Scipio, nur daß ſie dies, Dank ſei es der wu⸗ cheriſchen Beihilfe, hinter dem Ruͤcken, oder ohnerachtet — der ſtrengen und ernſten Vorſtellungen ihrer Familien thun werden, deren Erbtheil ſie mit einer Ungeduld zu erhalten ſuchen . die doch etwas vatermörderiſch ausſehen durfte. Dieſes als wahr vorausgeſetzt, muß man bekennen, daß es den jungen Vätern doch nicht an einem gewiſſen prak⸗ tiſchen Menſchenverſtand fehlte, wenn ſie die Ausſchweifun⸗ gen der Jugend, die ſie nicht zuruͤckdrängen konnten, wenig⸗ ſtens ſelbſt zuweilen nur zu lenken ſuchten. Ohnſtreitig iſt in den Augen Denkender das Gegen⸗ mittel eben ſo ſchlimm, als das Uebel ſelbſt; ohnſtreitig iſt es bewundernswerth, auf dieſe Art ungeheure Summen verſchwendet zu ſehen; ohnſtreitig iſt es ſchmerzlich, wenn dadurch ſo viele edle und gute Eigenſchaften, welche die Jugend ſchmücken, in der erſten Blüthe zerſtört werden, wenn in dieſer laſterhaften Atmoſphaͤre die koſtbarſten Ver⸗ ſtandeskraͤfte hinwelken und untergehen; aber alle dieſe und noch ſo viele andere Uebel ſind unvermeidliche Folgen des Zuſtandes der Dinge, welcher bei dem Hausſtand, dem Eigenthum und beſonders bei jener großen Unbillig⸗ keit, dem Erbweſen, vorwaltet. Man kann leicht denken, daß bei dieſem mehre Jahre fortgeſetzten Leben als junger Vater, die väterliche Wuͤrde des Grafen und die kindliche Achtung des Vi⸗ comte ſich ganz eigenthuͤmlich modeln und ſehr mindern mußte, aber dieſer Abſturz iſt ſo ſchnell, dieſer Strom zu reißend, um dagegen ankaͤmpfen zu laſſen. Vielmals wurde der hochmuͤthige Charakter und der energiſche Wille Du⸗ riveau's durch das ſpottiſche und unartige Phlegma ſeines Sohnes beherrſcht, mehre Male, und beſonders ſeit einiger Zeit, und ohnerachtet vergeblicher und allzuſpaͤter Reue ſpielte der Graf, nach dem Beiſpiele der Ehemänner der vornehmen Welt, welche ſich ſcheuen, Eiferſucht ſpuren zu laſſen und Thraͤnen und Schande verſchlucken, aus Furcht vor dem Lächeln einer Gerontokratie * ſeine Rolle als jun⸗ ger Vater mit dem Lächeln auf der Lippe und Wuth und Verzweiflung im Herzen, aber er mußte ſich zu dieſer Rolle bequemen. Schon ſeit langer Zeit behandelte ihn ſein Sohn mit einer ungezwungenen Vertraulichkeit, die er NBerrſchaft über den Sohn nach Art des Moliere'ſchen Grronte. Der Findling. I. 6 inmitten lder Gemeinſchaft an unwuͤrdigen Vergnuͤgungen ſich angeneignet hatte, einer Vertraulichkeit, über welche freilich anfangs der Graf und ſeine Freunde gewaltig gelacht. So mußte denn jedes Gefuͤhl von Nachgiebigkeit und kindlicher Achtung in der Bruſt dieſes Juͤnglings fuͤr immer erſtickt ſein. Obgleich der Graf Duriveau faſt 50 Jahre zaͤhlte, ſo ſchien er doch erſt 40 Jahre alt zu ſein, ſo viele Jugend⸗ kraft und Ruͤſtigkeit zeigten ſeine hohe Geſtalt, ſein ge⸗ wandtes Benehmen und ſein maͤnnliches Einhergehen. Er hatte eine ſehr braune Geſichtsfarbe, blendend weiße Zaͤhne, etwas ſtarkes Kinn und Naſe, ſehr große und dunkelblaue Augen, Augenbraunen, Bart und Haare faſt noch trotz ſeines Alters ſchwarz wie Ebenholz. Man konnte einneh⸗ mendere, regelmaͤßigere Zuͤge finden, als die des Grafen, aber unmöglich eine ausdrucksvollere, geiſtreichere und kuͤh⸗ ner entſchloſſene Phyſiognomie, die eine noch unbeſiegbarere Willenskraft verrieth; auch floͤßte der Graf faſt immer jene Zuruͤckhaltung, jene Nachgiebigkeit, jene Furcht ein, welche ſtolze und in ſich abgeſchloſſene Charaktere gebieten. Weit ſeltener empfand man fuͤr ihn Zuneigung oder Sympathie. Und doch zeigte ſich dieſer ſo energiſche Mann voll der erſchreckendſten Schwäche fuͤr ſeinen Sohn und fing an zu erbleichen und an allen Gliedern zu zittern, als er Miſtreß Wilſon einer wirklichen Gefahr ſo unerſchrocken trotzen ſah. In dieſem Augenblicke, und während der ganzen Jagd war der Graf den kleinſten Bewegungen der reizenden Witwe mit einer Aengſtlichkeit voll Beſorgniß und zaͤrt⸗ licher Theilnahme gefolgt. Faſt nie hatte ſein unruhiger, — 63 — gluhend leidenſchaftlicher Blick dieſes bezaubernde Weib ver⸗ laſſen, und man ſah wohl, daß nur Lebensart und Anſtand ihn verhinderten, noch offner die unwiderſtehliche Herrſchaft, welche ſie uͤber ihn ausubte, kund zu geben. Der Graf und ſein Sohn trugen Käppchen von ſchwar⸗ zem Sammt, ſcharlachrothe kurze Ueberroͤcke mit ſilbernen Knoöpfen, hirſchlederne weiße Beinkleider und Stulpen⸗ ſtiefeln. Das Aeußere des Vicomte zeigte den auffallendſten Kon⸗ traſt gegen das ſeines Vaters. Das maͤnnliche Geſicht des Grafen, ſeine kraͤftigen und raſchen Bewegungen verriethen eine unglaubliche Fuͤlle von Leben „Leidenſchaft und Stärke, dagegen aber ſchienen die faſt weibiſch zarten und regelmä⸗ ßigen Zuͤge des Vicomte ſchon durch fruhzeitige Ausſchwei⸗ fungen hingewelkt. Kaum zählte er 20 Jahre und doch war ſein Geſicht, umſchattet von einem ſeidenen blonden Backenbart wie auch ſeine Haare und ſein keimender Schnauz⸗ bart ſie zeigten, abgemagert und eingefallen. Seit langer Zeit ſchon vertrat die Blaͤſſe der Erſchöpfung auf dieſem fei⸗ nen Geſichte die Stelle der friſchen Jugendfarbe. Seine Augen, die ſehr groß, ſehr ſchoͤn und ſammtbraun, aber tief liegend waren, zeigten ſchon an den leichtgerötheten Augen⸗ liedern die ſcharfe Erhitzung der Nachtwachen und Orgien, denn der Graf Scipio hatte erſt ſeit einigen Tagen Paris verlaſſen, und in Paris galt dieſer ungluͤckſelige Jungling, von dem Grafen und den andern jungen Vätern und Freunden des Letztern angefeuert, mit vollem Rechte fur 6* — 231 — einen der Coryphaͤen dieſes muͤſſigen, verſchwenderiſchen und zerſtoͤrenden Lebens, deſſen Augenblicke unterhaltene Maͤd⸗ chen, Spiel, Clubb, Stall, Tafel und der Ball Mabille ausfuͤllen. Im verbotenen Tanze hatte Scipio nur zwei Nebenbuhler, einen Pair von Frankreich, einen ſehr geiſtrei⸗ chen Diplomaten und den Neſtor des Cancans, den gro⸗ ßen Chicard. Doch ruͤhmte Vicomte Scipio ſich ſchon, wie er fagte, über alle dieſe Vergnuͤgungen blaſirt zu ſein. In der That hatte er auch ſchon ſo oft ohne Durſt die ausgeſuchte⸗ ſten Weine hinuntergeſchluͤrft, daß er ſie jetzt fad und un⸗ ſchmackhaft fand und ihnen oft Branntwein vorzog, und noch dazu gepfefferten Branntwein, den Branntwein der Winkelſchönke. Er hatte ſich ſo an die ungebildtee, entar⸗ tete Geſellſchaft der Dirnen gewohnt, die ihn in die Liebe eingeweiht hatten, und aus denen ſeine Maitreſſen gewor⸗ den waren, daß die Bevorzugteſte fuͤr ihn die war, die am Meiſten trank, am Meiſten rauchte, am Meiſten fluchte, und die vorzuͤglich am Meiſten verachten konnte. Sie gab ihm ſeine Beleidigungen und Verachtung in der Sprache der Halle zuruͤck, die er auch bei Gelegenheit ſehr geläufig ſprach, und an alledem beluſtigte er ſich gewaltig, aber ſtets mit einem eiſigen Ernſte, einem unartigen Phlegma. Bla⸗ ſirte Menſchen lachen nie. Seine Sinne hatten fruͤhere Ausſchweifungenen und die entnervende Wirkung des Wei⸗ nes und der Spirituoſen faſt ganz getödtet. Es blieben dem Vicomte Seipio nur noch die fiebethaften Aufregungen ¹ — 2 — — des Hazardſpiels, der Preis beim Wettrennen, oder gewiſſer furchtbarer Liebesverhältniſſe uͤbrig, von denen ſpäter die Rede ſein wird. Dieſer junge Mann war noch nicht 21 Jahr alt. Seine Zuͤge, obgleich matt geworden und gewelkt und trotz ihres unartigen und gelangweilten Ausdrucks — denn Vicomte Seipio hatte die Praͤtenſion nicht mehr jung ge⸗ nug und zu blafirt zu ſein, um an der Jagd Geſchmack zu finden — waren doch noch immer ſehr angenehm. Man konnte keinen feinern und elegantern Wuchs finden, als den ſeinen, kein verfuͤhreriſcheres Tanzen. So dachte wenigſtens im Stillen die Tochter der Miſtreß Wilſon, Miß Raphaele. Miſtreß (Melcy Wilſon, (franzöſiſcher Geburt, aber Witwe des Herrn Stephan Wilſon, eines amerikaniſchen Banquiers) und Miß Raphaele Wilſon, welche Herr Al⸗ eide Dumolard, (der aber jetzt eben nicht zugegen), Bruder der einen, und Oheim der andern dieſer beiden Frauen be⸗ vaterte, jagte, wie wir ſchon erzaͤhlten, mit dem Herrn Grafen Duriveau und deſſen Sohne. Hätte man den mythologiſchen Vergleich von Juno und Hebe nicht ſo oft gemißbraucht, ſo wuͤrden wir ihn auf die Damen Wilſon anwenden. Nicht als ob Miſtreß Wilſon in ihren Zuͤgen oder ihrer Haltung etwas beſeſſen, das auch nur im Geringſten an die ſtrenge Majeſtät der Koͤnigin des Olymps erinnert hätte, nichts war im Gegentheil pikanter, ja wir mochten ſelbſt ſagen herausfordernder, als das allerliebſte Geſicht derſelben, ob⸗ gleich dieſe verfuͤhreriſche Frau mit azurblauen Augen und Seidenhaut damals ſchon im 32. Jahre ſtand. Wenn wir von Juno und von Hebe ſprachen, wollten wir blos die Verſchieden⸗ heit ſchildern, welche zwiſchen der Schoͤnheit in der Entfaltung ihrer Reife und der Schönheit in ihrer erſten und zarteſten Bluͤthe ſtatt findet; denn Raphaele, der Miſtreß Wilſon Tochter zählte, da ſich ihre Mutter ſehr jung verheirathet hatte, nur hoͤchſtens 16 Jahre. Eben ſo lebhaft beweglich und auftegend wie die Phy⸗ ſiognomie der Mutter war, eben ſo ſanft und ſchwermuͤthig war die der Tochter. Nie kamen die duftigen engliſchen Vignetten, nie der ariſtokratiſche Pinſel von Lawrence die⸗ ſem reizenden Ideale nach. Welches Colorit hatte auch die durchſichtige Blaͤſſe dieſes ſo zartroſigen Teints, das Blau dieſer großen Augen, die zugleich lebhaft und ſanft wie die eines Veilchens waren, die glänzende Weiße dieſer koͤſtlichen Stirn malen, mit ſo weichen, feinen und natuͤrlich wellen⸗ förmigen, kaſtanienbraunen Haaren umgeben können „daß Raphaele's Kopfſchmuck nicht die ob auch nur leichte Unord⸗ nung zeigt, welche natuͤrlicherweiſe die Bewegung eines langen Rittes mit ſich bringt? Die elaſtiſchen Locken ih⸗ res Haares wogten um ihr reizendes Geſicht ſo leicht, wie ihr kleiner Schleier von gruͤner Seide, der auf der einen Seite uͤber den ſchwarzen Filz ihres Maͤnnerhutes zuruckge⸗ ſchlagen. Unter dem eleganten Schnuͤrleibe ihres ſchwarztuchenen Reitkleides, welches Mutter und Tochter gleich trugen, zeich⸗ ————— nete ſich der Wuchs einer jeden in verſchiedenem Reize zum Entzuͤcken ab, ſchlanker, hoͤher, man koͤnnte ſagen keuſcher bei Raphaele, voller, wolluſtiger ausgepraͤgt bei ihrer Mutter. Der Schnitt ihres Kleides machte dieſe Verſchiedenheit noch ſichtlicher. So ließ Raphaeles Kleid, das bis an den Hals herauf ging und geſchloſſen war, nur ein kleines ge⸗ fälteltes Halskrägelchen ſehen, das von einem enganliegenden ſeidenen Halstuche, himmelblau wie der Azur der Augen des jungen Maͤdchens, feſtgehalten ward, waͤhrend das Kleid der Miſtreß Wilſon, vorn wie eine Weſte offenſtehend, ob⸗ gleich eng der Taille ſich anſchmiegend, ein kleines ſehr hell⸗ gelbes Gilet mit goldenen Knoͤpfen erblicken ließ, das et⸗ was geoͤffnet, nun wieder ein battiſtenes Hemdchen ent⸗ hullte, das zwei Rubine ſchloſſen. So fiel denn auch, um dieſe eben ſo leichten, als bedeutſamen Einzelnheiten zu ver⸗ vollſtaͤndigen, der Männerhalskragen, den Miſtreß Wilſon trug, halb uͤber ein Halstuch von Purpurſeide, von einem Purpur weniger ſammtartig, weniger voll und weniger glu⸗ hend als der ihrer lachenden, herausfordernden Lippen. Nachdem ſie das gefahrvolle Hinderniß, von welchem wir ſprachen, uͤberſprungen, waren die Phyſiognomieen der Mutter und Tochter im Ausdrucke verſchieden. Miſtreß Wilſon, welche anfangs uͤber die Gefahr, welche ihrer Toch⸗ ter gedroht, erſchrocken war, betrachtete dieſe nun, als ſie ſie in Sicherheit wußte, mit der ganzen Freude, dem ganzen Stolze der muͤtterlichen Liebe, waͤhrend Raphaele gegen die 3 88 uͤberſtandene Gefahr gleichgiltig, den zerſtreuten Blick Scipio's hartnaäckig verfolgte. Wir brauchen nicht erſt zu bemerken, daß Graf Du⸗ riveau und ſein Sohn ſich weniger entſchloſſen zeigten als die Damen Wilſon. Beide ſprangen in geringer Entfer⸗ nung von einander uͤber den Baumſtamm, der Vater mit der ungeſtuͤmen Gluth ſeines Charakters, der Sohn mit einer Art wegwerfender Unbefangenheit, die nicht ohne An⸗ muth war, da er ganz vortrefflich ritt. Er trieb ſogar die Halsbrecher ei ſo weit, daß er den ſchnellen Augenblick, wo ſein von ihm mit der linken Hand gelenktes Pferd uͤber dem Gefahr drohenden Gegenſtande ſchwebte, benutzte, um mit der rechten Hand die Eigarre aus dem Munde zu nehmen und gleichgiltig einen Aushauch bläulichen Rauchs in der Luft wirbeln zu laſſen. Dieſe Tollkuhnheit würde, wenn ſie durch die Gegen⸗ wart der beiden reizenden Frauen veranlaßt und mit der lu⸗ ſtigen Petulanz der Jugend ausgefuͤhrt worden waͤre, den unausbleiblichen Reiz von alle dem gehabt haben, was glaͤn⸗ zend, augenblicklich, verliebt und kuhn iſt, aber Scipio ſetzte als blaſirter Mann ſeinen Stolz darein, in allen Dingen und vor allen Dingen kaltes Blut und Mißachtung zu zeigen, und ſo blieben auch ſeine Zuͤge untheilnehmend, waͤhrend Miſtreß Wilſon und beſonders ihre Tochter ihm zu einer ſo muthigen Geiſtesgegenwart, Gluͤck wuͤnſchten. Ueber die Stellung ſeines Sohnes betroffen, benutzte der Graf einen Augenblick, wo er von den Damen Wilſon . — * nicht geſehen noch gehört werden konnte, um ganz leiſe und mit einem, dem Anſcheine nach herzlichen und vertraulichen Ausdrucke, der aber eine lebhafte, kaum durch die Gegen⸗ wart der beiden Frauen und der gewohnten Toleranz des jungen Vaters zuruͤckgehaltene Unzufriedenheit verbarg, ſei⸗ nem Sohne zu ſagen: „Woran denkſt Du, Scipio? Du biſt nicht einmal hoͤflich gegen Miß Wilſon und doch. „Aha! Aber weißt Du auch, daß Du ein komiſches Handwerk treibſt?“ antwortete Scipio, ſeinen Vater unter⸗ brechend, und ſeine zweite Cigarre anzuͤndend: „allerdings geſchieht es in guter Abſicht . . . aber eben dies macht auch Deine Sache ganz unverzeihlich, ungluckſeliger Urheber meines Lebens, Du!“ Und damit warf Scipio unbefangen das Endchen ſei⸗ ner ausgelöſchten Cigarre weg. So gewöhnt auch Duriveau der Vater an dieſen kalten, unglucklicherweiſe von ihm ſelbſt aufgemunterten Spott war, ſo konnte er ſich doch noch in dieſem Augenblicke und aus wichtigen Gruͤnden, des Zornes nicht erwehren, in welchen ihn dieſe Antwort verſetzte und ſagte daher ſeinem Sohne immer noch leis, aber mit feſtem und kurzem Tone: „Keinen Scherz! ich ſpreche ſehr ernſt mit Ihnen. Ihr Benehmen iſt Snntrt⸗ dieſen Abend ſchwatzen wir daruͤber noch und. „Hören Sie . Miſtreß Wilſon!“ rief der Vicomte, — von Neuem ſeinen Vater unterbrechend, und ohne die Ci⸗ garere aus dem Munde zu nehmen. „Was denn, Scipio?“ fragte die junge Witwe, ſich zu großer Beaͤngſtigung des Grafen nach ihm umwendend. „Wenn Sie Papa in ſeinem ſchoͤnſten Luſtre ſehen wollen, ſo bitten Sie ihn doch, Ihnen eine Rolle als erſter zaͤrtlicher Vater zu ſpielen . . . er iſt köſtlich darin.“ Steigender Verdruß und Zorn verzogen das Geſicht des Grafen, aber beim erſten Blicke der Miſtreß Wilſon wurde es wieder gezwungen laͤchelnd, als dieſe dem Vicomte fröhlich antwortete: „Und Sie, lieber Scipio, ſpielen die Rollen junger thörigter Leute ganz natuͤrlich und entzuͤckend .. . Doch da kommt unſer Ehrenhuͤter; er wird Sie nthigenfalt an die Achtung erinnern, die Sie einer Dame meines Al⸗ ters ſchuldig ſind, Tollkopf, der Sie ſind.“ Und dann zu dem Ebenangekommenen ſich wendend, ſetzte Miſtreß Wilſon hinzu: „Kommen Sie doch, kommen Sie doch, lieber Bruder!“ Die beiden Pien und die beiden Jäger befanden ſich, wie wir geſagt haben, an der andern Seite des Baumſtam⸗ mes von Hunden umgeben, welche immer mehr die Spur verloren hatten, als Herr Alcid Dumolard, der Bruder der Miſtreß Wilſon, jenſeit deſſelben ſichtbar ward. Herr Alcid Dumolard, ein Witwer und die ſen Stand ſehr heiter ertragend, zählte 40 Jahre. Er hatte ein bart⸗ X.— loſes Geſicht von unfoͤrmlicher Dicke. Man kann ſich kei⸗ nen andern Begriff machen von dieſem breiten Antlitze mit herabhaͤngenden Backen, dieſen von Fett umdraͤngten und erloſchenen Augen, dieſem ſchmalen Schaͤdel, als wenn man jenen Mandarin betrachtet, mit bleichen Bausbacken, und platten und verwiſchten Zuͤgen, wie man ſie auf chine⸗ ſiſchen Vaſen ſieht. Der ungeheure Bauch und die fuͤrch⸗ terlichen Lenden des Herrn Dumolard, der einen eben ſo breiten Ruͤcken und Unterleib hatte, drohten jeden Augen⸗ blick die Knopfloͤcher ſeines kurzen ſcharlachrothen Jagduber⸗ rocks zu zerſprengen, und nichts war grotesker als dieſes fette, breite Geſicht, das von allen Seiten uͤber eine kleine ſchwarz⸗ ſammtne Jagdkappe hervortrat, die hoch oben auf dem Schaͤdel ſaß. Herr Dumolard ritt weislich einen gewalti⸗ gen rothbraunen Hengſt von herkuliſcher Stäͤrke, mit Glie⸗ dern wie ein Bauernpferd, denn dies waren weſentliche Eigenſchaften, wenn es ſich fuͤr einen armen Vierfußler darum handelte, von einer Art von Maſtodonten geritten zu werden. Wir brauchen nicht erſt zu ſagen, daß Herr Dumolard folgerecht und beſcheidentlich vor dem umgeſtuͤrzten Baum⸗ ſtamme anhielt. Hier ſagte Vicomte Scipio mit ungezoge⸗ nem Phlegma hingeworfen zu ihm: „Nur vorwaͤrts, Dumolard; ſo ſpringen Sie doch, Dickbauch! Fürchten Sie ſich nicht, Sie fallen ja doch ſtets auf ein fanftes und quabbliges Kiſſen.“ „Springen! hier? Ach ſeh'n Sie doch, das — ſind Spiele, die man nicht mehr treibt, wenn man 50,000 Thaler Renten beſitzt,“ antwortete der dicke Mann, und blies ſeine Backen mit wichtiger Miene noch mehr auf, mit den Augen einen minder gefährlichen Uebergang ſuchend. „Wodurch ſollten denn Ihre 50,000 Thaler Renten Sie am Springen hindern?“ verſetzte Scipio kalt hohnlaͤ⸗ chelnd. „Ihr Reichthum muͤßte Sie denn ſo ſchwer und aufgeblaſen machen . . . . Sie ſind alſo wohl mit Barren ausgeſtopft und mit Bankbillets ausgefuͤttert?“ „Aber ſo ſeien Sie doch ſtill!“ rief der dicke Mann mit beunruhigter Miene. „Das iſt ein ſehr ſchlechter Spaß, das! Mitten in dieſem Walde, dieſem Lande voll Wölfe und Hungerleider auszuſchreien, daß ich mit Bankbillets ausgefuͤttert bin! Wenn Sie Jemand hoͤrte es könnte mir ja den Hals koſten.“ Dann wendete er ſich zu dem Pikeur, der von der an⸗ dern Seite des Baums wieder zu ſeinen Hunden gekommen war, und rief ihm zu: 6 „Guter Mann! Giebts da nicht einen andern Weg fuͤr mich? Ich mache nicht ſolche halsbrecheriſche Sachen, 5 „Reiten Sie nur am Walde links hin, mein Herr,“ antwortete der Jäger; „fuͤnfzig Schritte von hier, finden Sie einen ſchmalen Fußſteig, der Sie hieher fuͤhrt.“ „Einen ſchmalen Fußſteig,“ ſagte Scipio; „da ſind Sie verloren, da kommen Sie nicht durch, mein Lieber! Sie können nur Chauſſeen ſich erlauben.“ Herr Dumolard zuckte die Achſeln, wendete ſein Pferd um, und folgte der Anweiſung des Pikeurs. Erzaͤhlen wir aber jetzt was aus der Fährte der Meute wurde, welche dieſe etwa 200 Schritte von der Hoͤhle des Wilddiebes Béte-puante verloren. Fünftes Rapitel. — Lumineau. Noch immer durchrannten die ſtummen, von der Spur abgekommenen Hunde kreuz und quer den Theil des Ge⸗ hölzes, wo der Wildſchutz dieſelbe unterbrochen hatte und der alte Jäger wieder zu ihnen kam. Durch die Gegenwart ſeines Herrn und der ihn begleitenden Perſonen angeregt, durcheilte der Jaͤger, vom Pferde ſich lehnend und den Kopf auf den Boden herabbiegend, aufmerkſam die Umzaunung, indem er Fußſtapfen des Fuchſes zu ſehen ſich muͤhte und immer ſeine Hunde mit den Waidworten ermuthigte: „Sucht, ſucht! kleine Buͤrſchchen, ſucht! .. Immer geſucht, Schaͤtzchen!“ Graf Duriveau, der ſelbſt ein guter Jaͤger war und bei allen Vergnuͤgungen die Wärme und Lebendigkeit be⸗ hielt, die ihm eigen, fuͤhlte jetzt namentlich ſich gluͤcklich die Aufregung verbergen zu können „in welche ihn das Beneh⸗ men Scipio's verſetzt hatte, entfernte ſich daher von den — — Damen und unterſtuͤtzte den Jaͤger, indem er den Hunden mit lauter Anſtrengung zurief. Während der Graf dieſe fieberhafte Thätigkeit, die in ſeinem Character lag, entwickelte „beluſtigte ſich Scipio, nachläſſig im Sattel lehnend und das linke Bein balancirend, damit, daß er ſeinen ſtählernen Sporn auf dem ſtaͤhlernen Steigbuͤgel, den er bis uͤber das Fußblatt heraufgezogen, wiederklingen ließ und den leichten Rauchwoͤlkchen ſeiner Ci⸗ garre in der Luft folgte, ohne ein Wort, weder mit Miſtreß Wilſon noch ihrer Tochter zu ſprechen, neben denen er hielt. — Raphaele benutzte jetzt den Augenblick, wo ihre Mutter, an den Wechſelfaͤllen der Jagd theilnehmend, den Kopf ab⸗ wendete, brachte ihr Pferd näher an das von Scipio und ſagre mit ſchmerzlicher Miene und leiſer, zitternder Stimme zu dieſem: „Scipio, was haben Sie gegen mich?“ „Nichts,“ antwortete der Vicomte, ohne aufzuhören den leichten Ringen des blaulichen Rauches ſeiner Cigarre in der Luft zu folgen. „Scipio,“ begann das junge Mädchen wieder mit be⸗ wegter bittender Stimme, indem ſie kaum die Thraͤnen, die ihr in die Augen traten, zuruͤckhalten konnte. „Scipio, warum dieſe Kaͤlte .. dieſe Härte? Was habe ich Dir ge⸗ than?“ „Nichts,“ antwortete der Vicomte mit demſelben ver⸗ ächtlichen Phlegma. „Lies dies .. und vielleicht haſt Du Mitleid!“ ſagte das junge Maͤdchen und ließ ſchnell in Scipio's Hand ein kleines Briefchen gleiten, das ſie vor einigen Augenblicken aus ihrem Handſchuh gezogen hatte. Der Vicomte ſteckte das Briefchen nachlaͤſſig in die Taſche ſeines Gilets, und als er ſah, daß Raphaele noch weiter mit ihm ſprechen wollte, erhob er die Stimme, und ſich an Miſtreß Wilſon wendend, die eben mit aufmerkſa⸗ mer Neugier dem Treiben der Hunde zuſchaute, rief er ihr zu: „Hören Sie, Miſtr. Wilſon, finden Sie denn das ſehr unterhaltend, ſo eine Jagd? Geſtehen Sie nur, daß es ein bloßes conventionelles Vergnuͤgen iſt, wie in der Oper und bei Heirathen aus Liebe.“ Kaum hatte Scipio dieſe Worte ausgeſprochen, as Raphaele ſchnell, aber wie zufaͤllig den kleinen gruͤnen Schleier an ihrem Männerhute uber ihr Geſicht fallen ließ, ſo daß, als Miſtr. Wilſon ſich wendete, um dem Vicomte zu antworten, ſie die Thraͤnen nicht ſehen konnte, die uͤber die Wangen ihrer Tochter ſtroͤmten. Miſtr. Wilſon hatte ohnerachtet ihrer anſcheinenden Heiterkeit und Belebtheit dennoch während der Jagd Scipio oft aufmerkſam verſtohlen beobachtet, und nicht ſelten hat⸗ ten Verwunderung und ſelbſt eine gewiſſe unerklaͤrliche Un⸗ ruhe das Geſicht der jungen Witwe verduͤſtert, betroffen wie ſie war von der ungezogenen Zerſtreutheit, mit der der Vi⸗ comte Raphaelen behandelte. Dann ecrhellte ſich wieder, — . — ohnſtreitig in Folge einiger Ueberlegung der Miſtr. Wilſon Stirn und ſie hoͤrte die obige ſonderbare Frage des Vicomte mit einem Laͤcheln voll feinen Spottes an, indem ſie darauf ſcherzend erwiderte: „Ich wette darauf, lieber Scipio, daß Sie, als Sie 12 Jahre alt waren, ſtatt mit einem jener allerliebſt rund ab⸗ geſchnittenen Jäckchen zufrieden zu ſein, die Kinder ſo gut kleiden, einep abſcheulichen Shawl haben wollten, um wie ein kleiner Herr auszuſehen.“ Dieſe Antwort auf ſeine anmaaßende Frage brachte doch Scipio trotz ſeines kalten Blutes ein wenig in Verle⸗ genheit, er erwiderte aber mit ſeinem gewohnten Phlegma: „Ich verſtehe Sie nicht, liebe Miſtr. Wilſon.“ „Mein Gott, das iſt ja aber ganz klar, lieber Scipio, das erwaͤhnte Kind, das mit 12 Jahren wie ein kleiner Herr ausſehen will, will mit 20 Jahren fuͤr einen bla⸗ ſirten Mann ſchon gelten.“ Das hieß Scipio's Praͤtenſion beim Leben faſſen eine Praͤtenſion, die ungluͤcklicherweiſe bei ihm durch die Gewohnheit, ſie zur Schau zu tragen und durch den Miß⸗ brauch herabwuͤrdigender Vergnuͤgungen gerechtfertigt wurde, denn am Ende gelangt das Geſicht dahin, wirklich die Spu⸗ ren einer zu lang getragenen Maske anzunehmen. Der Vicomte entgegnete, ſeinen Verdruß verbergend und Unbefangenheit wie kaltes Blut verdoppelnd: „Aha!.. Beah! ... Ich ſpiele alſo die Rolle eines bla⸗ ſirten Maͤnnchen?“ Martin. I. — — „Ja, und fuͤr Kenner ſehr ſchlecht, mein armer Sci⸗ pio, aber ungluͤcklicherweiſe .. . nur zu gut .. für die ar⸗ men redlichen Zuſchauer.“ Nachdem Miſtr. Wilſon dabei einen ruͤhrenden Blick auf ihre Tochter geworfen hatte, begann ſie in der Zuverſicht, Raphaele, deren Traurigkeit ſie mehr als einmal bemerkt hatte, bald zu beruhigen, mit Heiterkeit wieder: „Gehen Sie, gehen Sie, lieber Seipio, bilden Sie ſich nicht ein, ſich fuͤr alt ausgeben zu können, da Sie noch jung ſind. Dieſe Eindrucke betreffen blos die Oberhaut. Sie tragen das Coſtuͤm nach der Mode ... weiter nichts .. Sie ſonderbar ... ſo . bah! eine alte Frau kann Alles ſagen .. . ſo lächerlich es auch ſein mag, es gelingt ihm nie Sie zu entſtellen ... Sie haben gut ſagen, die Jagd ſei ein conventionelles Vergnuͤgen, denn Sie wagen es doch ſich hinter ihr her den Hals zu brechen. Eine Heirath aus Liebe ſei ein conventionelles Vergnuͤgen .. . doch nein, Ra⸗ phaele . darauf wollen wir ihm gar nicht antworten Und damit wendete Miſtr. Wilſon ſich froͤhlich zu ihrer Toch⸗ ter, deren reizendes Geſicht bei den Worten ihrer Mutter ſchon wieder ſich erheitert hatte .. „Nein, nein, wir ant⸗ worten ihm nicht, wir zeigten uns ſonſt gar zu ſehr in un⸗ ſerm Glanze .. Die Oper, ein conventionelles Vergnuͤgen, und ſobald Madame Stolz ſingt, Mademoiſelle Carlotta tanzt, Mademoiſelle Basquine zugleich ſingt und tanzt, ſind Ihre Proſceniums⸗Logen in Aufruhr, in Brand .. in Ihren Entzuͤckungen krampfhafter Bewunderung fuͤr „ gnuͤgungen, fur alle truͤgeriſchen Freuden. Auch glaube ich * — — dieſe zwei Weltwunder an Talent und Anmuth . und beſonders fuͤr Mademoiſ. Basquine, zugleich Gazelle und Nachtigall, hat man Glacthandſchuhe platzen, die Falten mehr als einer Cravatfe in Unordnung gerathen ſehen!. .. Und Sie nennen ſich blaſirt!“ Als Miſtr. Wilſon den Namen Mademoiſ. Basquine ausgeſprochen hatte, belebte ein boruͤbergehender Ausdruck Scipio's Zuge auf kurze Zeit. Es war ein Gemiſch von Ironie, zuruͤckgehaltenem Scolze und kecket Herausfor⸗ derung. * Auf Miſtr. Wilſon einen durchbohrenden Blick wer⸗ fend, ſagte Scipio zu ihr mit gleichem unſtörbärem Phlegma wie zuvor, und ohne ſeine ewige Cigarte aufzu⸗ geben: „Warum glauben Sie nicht, daß ich in Mademoiſelle Basquine verliebt ſei?“ „Koͤnnen denn blaſirte Menſchen verliebt ſein? Sehen Sie, wie ſchlecht Sie Ihre Rolle ſpilen,“ entgegnete la⸗ chend Miſtr. Wilſon. Dann begann ſie wieder mit ſanftem Ernſte in den Zuͤgen und theilnehmender, uͤberzeugender Stimme: „Sprechen wir ernſtlich diesmal, lieber Scipio. Ja, ich halte Sie fur blaſirt... und es entzückt mich. Ja ich halte Sie fuͤr blaſitt, aber blaſirt fuͤr alle falſchen Ver⸗ und weiß es, daß Alles was gut, anfrichtig, großmuͤthig, zart und erhaben iſt, fuͤr Sie im Guten und Wahren den un⸗ widerſtehlichen, den hinreißenden Reiz haben muß, der Sie C — 100 — fuͤr immer nur an Gegenſtände ketten wird, die eines Man⸗ nes von Geiſt und Herz, wie Sie ſind, allein wuͤrdig. — Aber da kommt Ihr Vater,“ fuhr heiter Miſtr. Wilſon fort. „Sagen Sie ihm ja nicht, Sie ruͤckſichtsloſer Menſch, daß ich meinerſeits als edle Mutter mit Ihnen geſprochen habe.“ Darauf ſich an den ſich nähernden Duriveau wendend, rief ſie ihm zu: „Nun, beſter Graf, wie ſteht's mit der Jagd?“ „Ich habe mich blos bei Ihnen zu entſchuldigen, Mi⸗ ſtreß, daß ich Sie zu einem Vergnuͤgen mit veranlaßt habe, das ſo uͤbel endet.“ „Wie denn ſo?“ „Wir muſſen darauf Verzicht leiſten, unſern Fuchs zu fangen.“ „Und warum denn?“ „Weil die Hunde ungluͤcklicherweiſe die Spur verloren haben und dieſe ſich nicht wieder auffinden laͤßt.“ „So iſt alſo die Jagd verungluckt?“ „Ja, Miſtreß. Die Meute hat den Fuchs auf dieſer Seite des Baumſtammes da verloren; .. . wir haben glles Mögliche von der Welt gethan, um die Spur wieder aufzu⸗ finden . aber vergebens. Wir haben ſelbſt die Umgegend hier von dieſem Baume durchſucht, in der Hoffnung, viel⸗ leicht den Eingang eines Baues aufzuſpuͤren . aber Alles umſonſt. Es iſt unbegreiflich.“ „Troͤſten Sie ſich, lieber Duriveau,“ ſagte artig Mi⸗ — 101 — ſtreß Wilſon, es bleibt uns ja doch das Vergnuͤgen, das wir ſchon genoſſen haben.“ „Und wenigſtens die Hoffnung, den Tag vollends mit Ihnen zu verleben, denn Sie kommen doch, nicht wahr, und ſpeiſen mit Miß Raphaele und Dumolard in Ge⸗ ſellſchaft einiger unſerer Nachbarsleute zu Tremblay?“ „Welche Nachbarn unter den einflußreichſten Waͤhlern der Gegend ausgeſucht ſind, darauf wollte ich wetten,“ ver⸗ ſette Miſtreß Wilſon lächelnd, „denn ich kenne Ihre ehrgei⸗ zigen Pläne. Nun gut, ich werde mich bei Ihnen in Un⸗ koſten ſchlagen, um Ihnen alle dieſe Stimmen anzuwerben. Setzen Sie mich nur neben die hartköpfigſten und Sie ſol⸗ len ſehen „Ich zweifle nicht im Geringſten an Ihrer Allmacht,“ antwortete der Graf ebenfalls lächelnd: „wenn Sie meine Sache fuͤhren, ſo iſt ſie gewonnen. Nun denn, ſo ſagen wir der Jagd Lebewohl und haben blos an das Kreuz am Quetwege zuruͤckzureiten, wo Ihr Wagen auf Sie war⸗ tet ... Vorwaͤrts, Latrace, kupfe die Hunde wieder an.“ „Liebes Kind, wir geben die Jagd auf,“ ſagte Miſtreß Wilſon, an Raphaele ſich wendend, zu der ſie näher ritt und ſich einen Augenblick leis mit ihr unterhielt, worauf das Geſicht des jungen Maͤdchens ſich ſogleich laͤchelnd und gluͤcklich zeigte. In dieſem Augenblicke gelangte Aleid Dumolard, der ſehr verſtaͤndigerweiſe den Lauf ſeines Pferdes gewaltig ge⸗ maͤßigt und üͤberdies einen langen Umweg gemacht hatte, in 1 — die Umzaͤunung und ſagte mit geheimnißvoller Miene dem Grafen Durſveau: „Was will denn der Haufe mit Heugabeln und Stö⸗ cken bewaffneter Leute, die hierher kommen und von Zeit zu Zeit ein Geſchrei wie ein Signal ausſtoßen?“ „Davon weiß ich gar nichts, lieber Dumolard,“ ant⸗ wortete ziemlich uͤberraſcht der Graf. Der alte Jaͤger wagte es, ſeinem Herrn, der ihn mit einem Blicke zu fragen ſchien, ſchuͤchtern zu ſagen: „Es ſind Leute aus dem Flecken, Herr Graf; ſie lei⸗ ſten dem Herrn Beaucadet und ſeinen Gensd'armen Bei⸗ ſtand.“ „Beiſtand? Und weßhalb denn?“ fragte immer verwun⸗ derter der Graf. „Um einen ſehr gefaͤhrlichen Moͤrder zu fangen, der aus dem Gefängniſſe von Bourges entflohen iſt, und ſcit geſtern in dieſem Gehoͤlze ſich verbirgt.“ „Ein Moͤrder! in dem Gehoͤlze hier whergen rief Dumolard. „Ja, mein Herr,“ verſetzte der Jaͤger. „Dieſen Morgen noch haben ihn die Holzhauer von weitem geſehen, und Aber der Jaͤger ſtockte hier plotzlich und ſchien auf ein entferntes Geraͤuſch zu horchen, wobei er ſich einige Schritte entfernte. „Wie? ein gefaͤhrlicher Morder?“ rief abermals Aleid 1 ——,—————————————————————— ————— Dumolard immer mehr vor Furcht zitternd, wenn er an das Letztvergangene dachte. „Und ich, der ich eben ganz allein war, ich konnte ihm ja begegnen! Und dieſer Scipio, der ganz laut ausſchreit, daß ich mit Bankbillets aufgepolſtert bin! das iſt doch ein abſcheulicher Spaß!“ „So ſeien Sie doch ſtill, mein Lieber,“ ſagte der Graf die Achſeln zuckend, „es iſt ja nicht die mindeſte Gefahr vorhanden, und Sie könnten Ihre Frau Schweſter erſchre⸗ cken, die gluͤcklicherweiſe mit ihrer Tochter ſpricht und nichts gehoͤrt hat.“ „Herr Graf,“ rief auf einmal Latrace, nachdem er lang und aufmerkſam gehorcht: „Herr Graf, es iſt noch nichts verloren.“ „Was ſagſt Du?“ „Lumineau hat angeſchlagen.“ „Ich höre nichts .. Weißt Du es auch gewiß?“ „Oh, ganz gewiß! Das iſt der Koͤnig aller Hunde. Er wird gewiß immer eine Viertelſtunde voraus geſpuͤrt ha⸗ ben . Da, Herr Graf! Hoͤren Sie?“ „In der That,“ ſagte der Graf und horchte ebenfalls „ja! ich höre! .. . aber von welcher Seite her „Nicht zweihundert Schritte von hier, von der Seite der kleinen Lichtung ohnweit der Felſen.“ „Wahrhaftig, meine Damen „rief der Graf ſich den Damen nähernd: „das iſt ein ganz beſonderer Gluͤcksfall. — 104 — Eben gaben wir noch Alles auf und jetzt haben wir gute Hoffnung. Wenn wir unſern Fuchs noch bekaͤmen, wäre es ein wahres Wunder und der Zauberer waͤre der vortreff⸗ liche Lumineau.“ „Er treibt's nie anders,“ ſagte Her alte Jäger und galoppirte nun durch's Gehoͤlz nach der Seite der Lichtung zu, ohnweit deren der Schlupfwinkel des Wildſchutzen ſich befand. * „Es giebt nichts Anmuthigeres, als ſolche Hoffnungen, die ploͤtzlich auf Verzweiflung folgen,“ ſagte Miſtr. Wilſon fröhlich und warf einen Blick des Einverſtaͤndniſſes auf ihre Tochter. „Nun denn, lieber Graf, ſo laſſen Sie uns ſehen, ob dieſer wundervolle Lumineau, wie man ihn nennt, das Wunder, das man von ihm verlangt, hervorge⸗ bracht hat.“ Damit flogen nun die Reiter, nachdem Miſtr. Wilſon ihr Pferd in Galopp geſetzt hatte, ſchnell dahin und folgten durch einen weit ausgehauenen Hochwald der vom Pikeur genommenen Richtung. Nur Herr Dumolard blieb zuruͤck, denn man mußte ein Pferd gut fuͤhren können, um in Schlangenlinien durch einen Wald von gewaltigen Fichten hindurchzukommen, die ſchachbretfoͤrmig gepflanzt waren. Herr Dumolard verlangte von ſeinem Roſſe dieſe Probe ſchlangengleicher Geſchmeidig⸗ keit nicht und begnuͤgte ſich, den Uebrigen bald im Schritte, bald im kurzen Trabe zu folgen. Da er aber ſah, daß er trotz aller Anſtrengungen immer weiter von ſeinen Gefaähr⸗ —— — 105 — ten zuruͤckblieb, fuͤhlte er ſich plotzlich von einer gewaltigen Furcht ergriffen, denn der Gedanke an den gefaͤhrlichen Moͤrder, den man in dieſem Walde und gerade in dieſer Gegend deſſelben jagte, kam ihm immer wieder in den Sinn. „In einem Augenblicke der Verzweiflung iſt ein ſol⸗ cher Boſewicht zu Allem fählg! Ein Ungluͤck iſt ſo leicht geſchehen! Dieſe Wälder ſind ſo einſam!“ murmelte der dicke Mann und trottirte dabei durch die Baͤume ſo viel es ihm ſeine Vorſicht erlaubte .. . „Und dieſer Duriveau, der das weiß und davon reitet, davon reitet, ohne ſich um mich zu bekuͤmmern! .. . Es giebt doch Menſchen mit einem Egoismus! .. Und ſein Sohn, der ausſchreit, ich ſei mit Bankbillets gepolſtert! . . . Gluͤcklicherweiſe ſehe ich noch . hier unten .. . zwiſchen den Baͤumen . . . meine Leute .. Dieſe rothen Roͤcke leuchten ſo ſehr, daß man ſich darnach richten kann.“ Mit dieſen Worten benutzte Herr Dumolard, von Furcht und von Hoffnung getrieben, die andern Reiter zu erreichen, eine fuͤr ihn guͤnſtigere Baumſtellung und ſetzte ſein Pferd in Galopp. „Ah! da komme ich ihnen ſchon naͤher .. endlich!“ ſagte er vor Anſtrengung ſchnaubend .. „Ich werde rufen, daß ſie auf mich warten ſollen.“ Und ſo rief er denn immer fortgaloppirend, um nicht wieder zuruͤckzubleiben: „Liebe Schweſter .. Melcy ſo warte doch!“ — 106 — Ohnſtreitig vernahm Miſtr. Wilſon die ſchnaubende Stimme ihres Bruders nicht, denn ſie verſchwand hinter ihrer Tochter, die vor ihr ritt, im Augenblicke, wo dieſer Zuruf erſcholl, auf einem Seitenwege, da auf den Hochwald ein ſehr dichtes und gefolgt war. — „Durivequ! .. . ſo warten Sie zum Henker!“ rief Dumolard mit aller Kraft ſeiner Lunge. Der Graf Duriveau verſchwand und ſein Sohn nach ihm. — „So eine Sorgloſigkeit iſt doch graͤßlich,“ rief Putit lard mit eben ſo viel Bitterkeit als Angſt: „aber Gott ſei Dank, ich ſehe hier den Weg, den ſ genommen haben. Sie haben ſich links gewendet und. Herr Dumolard konnte nicht ortſchren. Sein im kurzen Galopp ausſchreitendes Pferd ſtellte ſich plötzlich auf den Häckſen feſt. Die Ruͤckwirkung davon war ſo heftig, daß Dumolard auf den Sattelbogen geruͤckt, faſt uͤber den Kopf deſſelben herabgeſtuͤrzt waͤre. Er ſetzte ſich fluchend im Sattel wieder zurecht und bemerkte nun den Gegenſtand, der den Galopp ſeines Pfer⸗ des ſo plötzlich unterbrochen hatte. Es war ein großer ſehr gut angelegter Abzugsgraben, von 8 Fuß Breite mit hoch aufgeſchuͤtteten Raͤndern und 6 Fuß Tiefe. Er durchſchnitt das Gehaͤu ſeiner ganzen Laͤnge nach. Beim Anblick dieſer breiten gaͤhnenden Oeffnung, wel⸗ che ſein Fortreiten hemmte, bemächtigte ſich Verzweiflung — —,— —— —— ——,——— — — 107 — des armen Dumolard. Er ſah an den Abhaͤngen der Auf⸗ ſchuͤttungen die Fußſtapfen der Pferde der andern Reiter, welche uͤber dieſes Hinderniß geſetzt. Herr Dumolard konnte nicht mehr hoffen ſie zu erreichen. Ehe haͤtte er den Tod erduldet, als dieſen furchtbaren Sprung uͤber den Graben zu verſuchen. Wieder zuruͤckreiten hieß ſich noch weiter von den Jaͤgern entfernen und ſchon neigte ſich die Sonne ge⸗ waltig zum Untergehen. Man befand ſich in den kurzen Tagen des Aequinoctiums, wo die Nacht dem Tage faſt ohne Uebergang folgt. „Das iſt doch wahrhaftig darauf angelegt, mich von dieſem Banditen erdroſſeln zu laſſen,“ rief Herr Dumolard ſtohnend. „Und dabei ſind dieſe verwuͤnſchten rothen Klei⸗ der ſo weit zu ſehen! ... Eine Stunde weit ſieht er mich! Aber das iſt ja gräßlich! ... Um Hilfe rufen .. . das zieht den Spitzbuben nur noch mehr heran, wenn er hier in der Umgegend iſt. Ich will den Graben entlang, reiten .. et kann doch wohl am Ende an einen Fußſteig ſtoßen.“ So folgte denn Herr Dumolard dem Graben bis an einen Punct, wo dieſer einen Winkel bildete und ſich in ein undurchdringliches Eichengehau verlaͤngerte. Sich in dieſes duͤſtere Gewirr von in einander verſchlungenen Aeſten einzu⸗ laſſen, wo kein einziger gebahnter Weg zu finden, ſchien unſerm Dumolard faſt eben ſo ſchrecklich als uͤber den unge⸗ heueren Graben zu ſpringen, denn um durch ein ſolches Dickigt zu dringen, muß man ſich ganz dem Inſtinkt und der Geſchicklichkeit ſeines Pferdes preisgeben, den Kopf beu⸗ — — gen, ihn mit dem Ellbogen ſchuͤtzen und blind darauf los⸗ reiten. 6 Trotz der Furcht, welche ihm dieſes Auskunftsmittel verurfachte, waͤhlte doch Herr Dumolard, als er die Nacht herannahen ſah und bedachte, daß, wenn er ſo in dem offnen Schlage bliebe, ſein rother verwuͤnſchter Rock ihn von Wei⸗ tem ſchon erblicken laſſen und den Raͤuber auf ſeine Spur bringen werde, aus zwei Uebeln das geringſte und verſuchte einen Durchgang in dem Gehölze zu bewirken, in der Hoff⸗ nung, die Jaͤger wieder zu erreichen. Nicht lange, ſo horte man aber dort ein ſo furchtbares Zerbrechen von Aeſten, als ob ein Eber durch dieſes dichte Gebuͤſch braͤche. Ueberlaſſen wir jetzt Heren Dumolard den Zufaͤlligkei⸗ ten ſeines Verſuchs und erklaͤren wir mit wenigen Worten das Wunder, das man von dieſem beruͤhmten Hunde erwartete, auf deſſen Anſchlagen die Jäger ſich nach der Höhle des Wildſchutzen zu gerichtet hatten. Nachdem der edle Lumineau ſo wie die uͤbrigen Hunde der Koppel nach allen Seiten zu vergebens die Spur des Fuchſes aufgeſucht, hatte er ſich, der Erfahrung folgend und von ſeinem außerordentlichen Inſtinkt unterſtuͤtzt, folgender logiſchen Ueberlegung uͤberlaſſen, naͤmlich: da der Fuchs oft verſchlagen genug iſt, ungeheure Spruͤnge zu machen, um ſo ſeine Spur zu unterbrechen und ehrliche Hunde in Ver⸗ legenheit zu ſetzen, die nur um der Ehre willen jagen, da ihr Ehrgeiz darin beſteht, den Fuchs zu packen und zu ——— — 109 — erdroſſeln, ſein Fleiſch ihnen aber einen unbeſiegbaren Ab⸗ ſcheu einfloͤßt, ſo muͤſſen dieſe braven Hunde, um die Spur des Verraͤthers wieder zu finden, der doch nicht in der Luft geblieben ſein kann, ſich nach und nach von dem Orte ent⸗ fernen, wo ſie dieſe verloren; und immer größere Kreiſe bilden, wodurch ſie gewiß wieder darauf kommen werden. Allerdings mußte der Fuchs trotz der Große der 2 bis 3 ungeheueren Spruͤnge, wodurch er ſeine Fährte unterbrach, alsdann ſeinen gewoͤhnlichen Gang wieder annehmen und ſeinen Weg fortſetzen, gleichviel ob rechts oder links, dies⸗ oder jenſeits des Ortes, wo er ihn unterbrochen. So mußte denn auch das kreisfoͤrmige und fortſchreitende Spu⸗ ren der Hunde, indem es einen immer mehr ſich ausdeh⸗ nenden Umkreis einnahm, jedenfalls an einem gegebenen Orte einen Durchſchnittspunkt durch die Fährte des Thieres finden. Dieſes Manoveuvre nennt man in der Jägerſprache die großen Vorſprunge und die Ruͤckgaͤnge. Lumineau wendete dieſe vortreffliche Theorie nun ſo⸗ gleich an, verließ die gemeine Meute, die vergebens an einer und derſelben Stelle ſpuͤrte und ſchnoperte, und den Boden mit der Spitze ſeiner Naſe unterſuchend, fing er an im Galopp immer mehr ſich ausdehnende Kreiſe zu beſchrei⸗ ben, ſo daß er endlich bis auf den Holzſchlag kam, den er durchkreuzte, bis an den Felſen, unter dem ſich die mit Steinen und Wurzeln bedeckte Fallthüre zu der Hoͤhle be⸗ fand, in welche ſich Bamboche gefluchtet hatte. — — Wie man ſich erinnern wird, hatte der Fuchs nur kaum eine Secunde auf dieſen Steinen geruht, um von Neuem fortzueilen, aber bei dem feinen Geruche Lumi⸗ neau's reizte die ſcharfe Ausdunſtung ſogleich deſſen Ge⸗ ruchsnerven. Nun ertönte ſein langes triumphirendes Ge⸗ bell und zog die eben alle Hoffnung aufgebenden Jäger zu ihm hin. Nach dieſem erſten gluͤcklichen Erfolge haͤtte nun Lu⸗ mineau, der in Folge dieſer Steine eine neue Unterbrechung ſeiner Spur fand, ſogleich auch wieder ſein kreisförmiges Spuͤren anfangen ſollen, denn 30 Schritte weiter waͤre er auf die volle ununterbrochene Faͤhrte des Fuchſes gekommen, aber da er bei dem doch ſo gut verſteckten Eingange der Höhle des Wildſchuͤtzen das Hohle unter ſeinen Pfoten widerhallen fuhlte, ſo glaubte er — und ſehr begreiflich — der Fuchs habe ſein Lager ganz nahe dabei und mit den Pfoten kratzend verdoppelte der brave Hund nunmehr ſein Bellen, indeß er unter den Wurzeln und der aufgeſchutteten Erde einen Theil der Fallthuͤre zu dem Schlupfwinkel los⸗ fegte. Waͤhrend der Zeit kamen der Jaͤger, dann der Graf, ſein Sohn, Miſtr. Wilſon und Raphaele, eins nach dem andern in dem Holzſchlage an. „Der Fuchs iſt unſer, er hat ſich eingegraben!“ rief der Jäger, als er ſeinen Hund wuͤthend in der Erde wuͤh⸗ len ſah. Er ſprang ſonach vom Pferde, eilte herbei, und half — 111 — mit dem Griffe ſeiner Peitſche Lumineau das Loch zu er⸗ weitern. Auch Graf Duriveau, dem Jagdenthuſiasmus und der Freude an einem kurze Zeit lang ſo ungewiſſen Gelingen nachgebend, ſprang vom Pferde und kniete ungenirt neben ſeinen Jäger, um dieſem zu helfen, ſo ſchnell als moöglich den Eingang zu der Hoͤhle zu oͤffnen, welche er fuͤr die des Fuchſes hielt. Sechſts Kapitel. Die Höhle. Nach einigen Minuten hatten der Graf Duriveau und ſein Jäger die mit Wurzeln und Erde feſtgeſtampften Steine, welche die Fallthuͤre der Hoͤhle des Wildſchuͤtzen, jenen un⸗ verhofften Zufluchtsort worin Bamboche bht ver⸗ bargen, weggeraͤumt. Miſtreß Wilſon und ihre Fochten erwarteten mit Un⸗ geduld den Ausgang dieſer neuen Wendung der Jagd, in⸗ dem ſie ſich uͤber die Haͤlſe ihrer Pferde lehnten, und ſelbſt Stipio theilte ohnerachtet ſeiner nichtsachtenden Gleichgiltig⸗ keit die allgemeine Neugierde. „Aber das iſt keine Fuchshoͤhle!“ rief auf einmal Graf Duriveau, als das Zimmerwerk der Fallthuͤre von den Kei⸗ men und Wurzeln gereinigt war, die es verbargen. Als er darauf durch dieſe Verſchraͤnkung ſtarker Holz⸗ ſtamme in die Dunkelheit des Verſtecks blickte, ſetzte er noch verwunderter hinzu: 1 —— — 113 — „Man ſollte es fuͤr den Eingang in eine unterirdiſche Wohnung halten.“ „Ein Souterrain,“ rief lachend Miſtreß Wilſon. „Ei das iſt ja hoͤchſt romantiſch. Das ſieht nicht Jedermann. Jetzt ſind die Souterrains etwas Rares.“ „Souterrain oder nicht,“ rief der alte Jaͤger, unſer Fuchs muß da drin ſtecken!“ und damit hob er vollends die Fallthuͤre auf, welche in ihren Weidenangeln ſich oͤffnend, einen engen und ſteilen Abfall ſehen ließ. „Es iſt doch ſonderbar,“ ſagte der Graf nachdenkend, „daß ein ſolches Souterrain in meinen Waͤldern exiſtirt, ohne daß ich jemals etwas davon gehort habe. Du wußteſt auch nichts davon, nicht wahr, Latrace?“ fragte er den Jäger. „Niemals, niemals, Herr Graf.“ Und zum erſten Male ſeit der Entdeckung des Schlupf⸗ winkels ſchien der alte Mann, ohnſtreitig des Nachdenkens halber, verlegen. „Ich will dies Souterrain ſelbſt unterſuchen, und ſe⸗ hen, wohin es fuͤhrt,“ ſagte der Graf. „Der Herr Graf brauchen gar nicht erſt hinuntetzu⸗ ſteigen,“ ſagte Latrace, „wenn wir Lumineau hinunterſchick⸗ ten, wurden wir gleich ſehen, ob der Fuchs darin iſt .. Hinein da, kleiner Lumineau, ſuch! ſuch!“ ſetzte der Jaͤger hinzu, dem Hunde den Eingang zur Höhle zeigend. Der Hund ſprang hinein. Ohne auf die Antwort ſeines Jägers zu achten, ſchickte ſich der Graf an, Lumineau zu folgen, nachdem er ſein Pferd Martin. 1. 8 einem Hundewarter üͤbergeben, als Miſtreß Wilſon ſich mit den Worten zu ihm wendete: „Aber, lieber Graf, nehmen Sie ſich doch in Acht. Es iſt vielleicht nicht gerathen, ſich ſo Preis zu geben.“ „Kindereien, Miſtreß,“ antwortete der Graf laͤchelnd, „Sie glauben doch nicht, daß aus dieſer Hoͤhle ein Loͤwe oder Tiger ſpringen wird? Oh, dieſe Waͤlder ſind zu beſchei⸗ den, um einen ſolchen königlichen Gaſt zu verbergen. Er⸗ lauben Sie mir alſo Sie fuͤr einen Augenblick zu verlaſſen, denn meine Neugier iſt, wie ich geſtehen muß, außerordent⸗ lich gereizt.“ „Beruhigen Sie ſich, Miſtreß,“ ſetzte Scipio gähnend hinzu, „ich werde die ritterlichen Gefahren meines Vaters theilen.“ . Damit ſtieg auch er vom Pferde und trat zu dem Grafen. „Das iſt doch ſonderbar,“ ſagte dieſer, indem er auf einer der Stufen, die in der Erde ausgearbeitet waren, ſte⸗ hen blieb und ſeine Blicke durch das Dunkel der Hoͤhle richtete: es iſt mir, als ob ich ein Licht ſchimmern ſaͤhe.“ Wir gerathen in's Phantaſtiſche,“ entgegnete Scipio, und klemmte ſeine Lorgnette von ſchwarzem Schildkrot zwi⸗ ſchen die Augenlider. Der Graf wollte weiter eindringen, als ein Geraͤuſch von einer Menge eiliger Fußtritte, die ſich von verſchiedenen Seiten naͤherten, ſeine und der andern Theilnehmer an die⸗ ſem Auftritte Aufmerkſamkeit erregte. Der Graf allein blieb — mit einem Fuße auf der erſten Stufe in die Hoͤhle und mit dem andern außerhalb derſelben unbeweglich ſtehen, als er durch das Gehaͤu von verſchiedenen Seiten her, mehr als 30 ſchlecht gekleidete und bald mit Dreſchflegeln, bald mit Heugabeln, bald mit geradeſtehenden Senſen, ja einige mit Knotenſtöcken bewaffnete Bauern ankommen ſah. Als dieſe verſchiedenen Gruppen einander begegneten, wechſelten diejenigen, die deren Marſch geleitet zu haben ſchienen, ſo weit ſie ſich nur gewahr werden konnten, fol⸗ gende Worte mit einander: „Nun?“ „Nichts! . und ihr?“ „Auch nichts, und doch haben: wir keinen Strauch un⸗ unterſucht gelaſſen.“ „Und wir keinen Baum, ohne in die Zweige zu ſehen, als ob's eine Eichhoͤrnchen⸗Jagd wäre.“ „Und wir nicht einen Graben, ohne hineinzuſteigen.“ „Und doch nichts . gar nichts.“ „Vielleicht hat Vater Lancelot, der gerade mit n Beaucadet zuſammengetroffen, etwas Beſſeres getroffen als wir und den Spitzbuben erwiſcht.“ „Wos iſt denn das fuͤr ein Haufen ſonderbarer Leute, der ſo durch meine Wälder laͤuft?“ fragte der Graf ſeinen Jäger mit gerunzelter Stirn. „Das iſt das Aufgebot, das den Wald durchſucht, um auf die Spur des Räubers zu kommen, von dem 6 eben mit dem Herrn Grafen ſprach.“ 8* „Ein Raͤuber! was fuͤr ein Raͤuber?“ rief Miſtreß Wilſon und naͤherte ſich mit ihrer Tochter dem Grafen. „Beunruhigen Sie ſich deßhalb nicht, meine Damen,“ ſagte dieſer lächelnd. „Ich hatte Ihnen dieſen Zufall ver⸗ heimlicht, der verbunden mit der Entdeckung des Souter⸗ rains einen ſehr romantiſchen Tag macht. Mit Einem Worte, man behauptet, ein Bandit, der aus dem Gefaͤng⸗ niſſe zu Bourges entſprungen, habe ſich in dieſen Wald ge⸗ fluchtet.“ „und dieſes Souterrain, in das Sie ſich wagen wollen,“ rief Miſtreß Wilſon voll Schrecken; „bedenken Sie doch, daß dieſer Mann ſich darin verborgen haben kann!“ „Das iſt wahr,“ ſagte der Graf und trat wieder ſchnell zum Eingange der Höhle, von der er ſich im Geſpraͤche mit der jungen Witwe einen Augenblick entfernt hatte., „Es iſt immer moͤglich, daß der Bandit da drin ſteckt, und ich will mich davon uͤberzeugen.“ „Um des Himmels willen, halten Sie ein,“ rief Mi⸗ ſtreß Wilſon und glitt leicht von ihrem Pferde herab, dann ſich ſchnell dem Grafen nähernd, ſagte ſie zu ihm: „Wenn dieſer Mann dort verſteckt iſt, wird er ſich wie ein Ver⸗ zweifelnder vertheidigen. Ich beſchwöre Sie, keine thö⸗ rigte Verwegenheit!“ „Meine ſuͤße, furchtſame Freundin,“ antwortete der Graf lachend; „nicht gar lange, ſo habe auch ich, als ich Sie uͤber den hoͤchſt gefährlichen Baumſtamm ſpringen ſah, — — 117 — Ihnen zugerufen: „keine thoͤrigte Verwegenheit!“ Erlauben Sie mir nun, meine Revanche zu nehmen.“ Nachdem Scipio Raphaelen geholfen hatte, vom Pferde abzuſteigen, ſagte er dem jungen Mädchen ein paar leiſe Worte und fuͤhrte ſie dann zu ihrer Mutter, die ſich nun an den Vicomte wendete: „Scipio, helfen Sie mir, Ihren Vater von einer ſo gefährlichen Unbeſonnenheit abzuhalten, ganz allein dieſen Raͤuber feſtnehmen zu wollen, der ſich vielleicht in dieſer Hohle verborgen hat.“ „Ganz gewiß,“ ſagte Scipio zu ſeinem Vater, kalt⸗ bluͤtig gähnend, „Deine Aufopferung iſt ſublim, heroiſch, aber nur ein wenig zu Gensdarmenartig. Laß ſehen! Keine Eiferſucht! Nimm das liebe Brot . . . nein, den Boͤſewicht dieſen braven Haltunsfeſten nicht vor der Naſe weg. Da es hier in der Nähe Gensdarmen giebt, ſo laß Latrace wieder zu Pferde ſteigen, und ſie aufſuchen.“ „Bei aller Albernheit hat doch Scipio Recht,“ ſagte Miſtreß Wilſon zum Grafen: „ich beſchwore Sie, miſchen Sie ſich nicht in dieſe Gefangennehmung.“ „Scipio hat Unrecht, Miſtreß,“ antwortete der Graf mit Feſtigkeit, „die Pflicht jedes rechtſchaffenen Mannes iſt, einen Verbrecher feſtzunehmen, beſonders wenn Gefahr da⸗ bei iſt.“ „So ſei doch ſtill . . . Du erniedrigſt mich .. Du ſprichſt wie ein Polizeicommiſſair in Verlegenheit,“ ſagte Scipio zu ſeinem Vater, ihn mit dem Ellbogen anſtoßend. Der unartige und kalte Spott Scipio's verletzte von Neuem und zwiefach den Grafen, der aus Furcht, einen viel⸗ leicht noch unangenehmern Auftritt zu veranlaſſen, ſich ge⸗ nothigt ſah, die Sarkasmen ſeines Sohnes in Gegenwart einer Frau anzuhoͤren, die er vergoͤtterte und durch dieſen Beweis ubrigens unbeſtrittenen Muthes zu rühren hoffte, aber zum Stillſchweigen genöthigt, faßte er ſich dennoch, zuckte die Achſeln und ſchritt entſchloſſen auf den Ein der Hoͤhle los. „Liebe Freunde,“ ſagte darauf Miſtreß Wilſon zu ben Landleuten, „verlaßt den Herrn Grafen nicht ... vertheidigt ihn wo noͤthig.“ Der Graf Duriveau war in der umgegend gefurchtet. Man kannte ſeine Haͤrte gegen ſeine Pächter, die unbeugſame Strenge, mit welcher er die Beſtrafung jeder Verletzung der geringſten Rechte als Eigenthuͤmer verfolgte. Ueberdies flößten ſeine herriſchen Worte, ſein ſtolzes Benehmen, ſeine ſtrenge Phyſiognomie Allen Entfernung, oder Schrecken ein. Statt alſo auf die Bitte der Miſtreß Wilſon zu hoͤren und ſich in dem Augenblicke wo der Graf ſich anſchickte in die Hoͤhle einzudringen, um ihn zu ſchaaren, ſagte einer von 5 Landleuten ganz leis: „Wenn der Herr Graf allein den Räuber ſeſhm will, ſo mag er es thun . . . wir ſind nicht verſeſ⸗ ſen, wir Andern.“ „Das weiß ich wohl, ihr Mnet antwortete ver⸗ aͤchtlich der Graf. 5 — 119 — „Memmen .. . alle Wetter!“ ſagte ein armer Teufel mit bleichen Lippen und von den ſchrecklichen Fiebern dieſer Gegend verſtörten Zuͤgen . . . „Alle Wetter . . Memmen! daß mir der Raͤuber ein Leids anthaͤte, das hätte ich davon: Frau und Kinder muͤßten's mitausbaden . ſie haben Niemand als nur mich.“ „Oh, uͤber die feige, verdumpfte Race!“ rief der Graf mit bitterer Verachtung. „In alle dem haben ſie nur eine gute Gelegenheit geſehen, im Haufen zu bruͤllen, meine Waͤlder zu verwuͤſten, mein Wild zu erſchrecken, oder ein Stuͤck davon zu ſtehlen, wenn ſie's im Stande waͤren . .. So ein Tag voll Nichtsthun und Unordnung, das iſt ihnen gerade recht.“ „Um unſers Vergnuͤgens willen, ſind wir nicht hierher gekommen, Herr Graf,“ ſagte ſchuͤchtern ein Bauer. „Der Herr Maire hat uns im Namen des Geſetzes dazu aufge⸗ fordert. . . und fuͤr armes Volk wie wir . iſt ein Tag ohne Arbeit ein Tag ohne Brot.“ „Wahrhaftig? Alſo deßhalb ſind Eure Schaͤnken Sonn⸗ tags ſo voll gepfropft mit Betrunkenen,“ antwortete der Graf mit verdoppelter Jronie der Verachtung. „Wenn aus Mangel an Arbeit der Sonntag ein Tag ohne Brot iſt, ſo iſt er wenigſtens fur Euch nicht ein Tag ohne Wein, denn Ihr beſauft Euch, wie die unvernunftigen Thiere. Geht doch! ſonſt war ich albern genug mich von Euerm erbaͤrmli⸗ chen Jammern betrugen zu laſſen, jetzt aber kenne ich Euch.“ „So iſt's beſſer,“ ſagte Scipio zu ſeinem Vater; „Du — 120 — ſteigſt wieder in meiner Achtung. Aber ſo eben neigteſt Du Dich zum Friedensrichter Henry Moniers. . . Du wurdeſt ſo ziemlich zum Filzſchuhe.“ Dieſe ruhigen und friedfertigen Landleute, deren Kraft uͤbrigens durch eine Menge Demuͤthigungen, durch Elend, durch eine gezwungene Nachgiebigkeit gegen die, welche ſie ausbeu⸗ teten, ſo wie durch den Mangel eigner Wuͤrde, eine un⸗ vermeidliche Folge der Knechtung und Unwiſſenheit, gebro⸗ chen war, dieſe Landleute hörten traurig, aber ohne zu zuͤr⸗ nen, die harten Vorwuͤrfe des Grafen an, bis einer von ih⸗ nen, ein Greis mit weißem Haar, furchtſam im Bezug auf das Nichtsthun des Sonntags antwortete: „Der liebe Gott ruhte einen Tag von ſieben, die ar⸗ men Leute koͤnnen das auch wohl . . . „Genug,“ ſagte Herr Duriveau ſtolz. „Ich werde thun, was keiner von Euch zu thun wagt, das iſt ganz einfach und natuͤrlich.“ Und damit ſtieg der Graf eben ſowohl aus wahrem Muthe, als um ſein Uebergewicht an Tapferkeit uͤber dieſe Leute, die er in der That fuͤr eine Gattung anſah, die nie⸗ driger als die ſeine, ohnerachtet der Bitten der Miſtreß Wilſon, welche ihre Stimme mit der ihrer Mutter verband, entſchloſſen und waffenlos in das Souterrain, nachdem er durch einen gebieteriſchen Wink Latrace verboten hatte, ihm zu folgen. Mochte nun Duriveau nicht daran gedacht haben, ſei⸗ nem Sohne zu empfehlen, außerhalb zu bleiben, oder er auf, — — — — 121 — deſſen Beihilfe rechnen, Scipio folgte ihm, nur nahm er ſich erſt Zeit, eine dritte Cigarre anzuzuͤnden und trat dann in die Fuß ſtapfen ſeines Vaters mit dem hoͤhniſchen Phlegma, das ihn charakteriſirte, nachdem er noch zu Miſtreß Wilſon geſagt: „Ach hoͤren Sie! . . beten Sie fuͤr uns .. ſehen Sie doch einmal, etwa ſo ein Chor . . . in der Art wie das Gebet im Moſes.“ Nun ſchlug er maſchinenmaͤßig mit dem Ende der Reitpeitſche an ſeine ſtaubigen Stiefeln, und folgte, ohne weiter etwas zu denken, ſeinem Vater. Nachdem ſie 8 bis 10 in die Erde gegrabene unregel⸗ mäßige Stufen hinabgeſtiegen waren, befanden ſich Vater und Sohn in einer ziemlich geräumigen Grotte, die natuͤr⸗ lich in Mitten der Felſen ausgehöhlt war, deren oberer Theil ſich in ſteilen Maſſen aus der Mitte des Gehaues erhob. Unter dieſen äußern Steinmaſſen war durch Zufall oder Men⸗ ſchenhand eine halb durch Schlingkraut und Strauchwerk verſteckte Oeffnung entſtanden. Sie hing mit der Hoͤhle zuſammen, und gab ihr hinreichend Luft und Licht. Die⸗ ſer helle Strahl, verbunden mit dem bleichen Schein eines kleinen Harzlichtes, verbreitete eine ſonderbare, grabesartige Helle, bei welcher Graf Duriveau einen Anblick hatte, bei dem er bebte und einen Schritt zuruͤcktrat. Auch Bamboche hatte, ergriffen vom Anblick deſſelben Gemaldes, gezitter:, aber bei dem Fluͤchtlinge hatte ſich mit — 122 — dieſer Erſchuͤtterung eine Erinnerung verknuͤpft, die ihn mit Schmerz und Schrecken erfullte. In der Tiefe der Grotte erblickte man naͤmlich auf einer Art von oben platter Erhoͤhung aus aufgehaͤuften Steinen, eine aus Rohr geflochtene Wiege und in der Wiege mit friſchem hellrothem Haidekraute beſtreut, ein kleines eben verſtorbenes Kind. Seine Lage war ſo ruhig, ſeine Farbe ſo weiß und friſch, daß man es fuͤr ſchlafend haͤtte halten ſollen. Es konnte etwa einen Monat alt ſein. Am Fuße der Wiege leuchtete, ohnſtreitig als Grabeslicht, das Harzlicht. Das Halbdunkel dieſer Hoͤhle verſtattete in einem Win⸗ kel eine holzerne Kiſte zu entdecken, die zum Bette diente und mit getrocknetem Farrenkraut gefullt war. Neben die⸗ ſem ländlichen Lager ſah man eine enge Oeffnung, wie die des Gangs einer Mine, ſo daß ein Mann hindurchkrie⸗ chen konnte. Dieſer lange Gang ſtieg vom Boden der Hoͤhle aus, bis zur Höhe des äußeren Terrains, wo er ſein Ende hatte, wie ein ſchwacher blaͤulicher Schimmer be⸗ zeugte, der von dem Tageslicht bewirkt wurde, das ſich zwiſchen den Blättern durchſtahl. Die doppelten, offen ge⸗ laſſenen Ausgaͤnge aus dieſer Höhle erklaͤrten Bamboche's Verſchwinden. Der Vicomte kam in dem Augenblicke zu ſeinem Vo⸗ ter, wo dieſer beim Anblicke dieſer armſeligen und geheim⸗ nißvollen Begraͤbnißfeier des kleinen todten Kindes in der Wiege mit friſchem Haidekraute zuruͤckbebte. Wi auch der — 123 — Vicomte voruͤbergehend durch den Anblick dieſes einfachen, ruͤhrenden und ſchmerzlichen Gemaͤldes geruͤhrt geweſen, ſo haͤtte ihn doch ſein Ruf als blaſirter Mann und Wuͤſtling dazu genoͤthigt, dieſen Eindruck zu verheimlichen, aber die Herzenstrockenheit dieſes in der furchtbaren Atmoſphaͤre, in welcher er ſeit ſeinem 15. Jahre gelebt hatte, ſchnell und jung abgewelkten Juͤnglings war Wirklichkeit. Er affee⸗ tirte ſie nicht, wie man verſucht ſein ſollte zu glauben, er gab ſie keck zur Schau. Daher auch, als ſein Vater, der wider Willen dennoch einem unwillkurlichen Gefuͤhle der Theilnahme und des Mitleids nachgab, ihm, allen Ver⸗ druß den er wegen Raphaele gegen ihn fuͤhlte und ihm vor⸗ werfen wollte, vergeſſend, mit einiger Bewegung im Tone zurief: „Scipio. . . ſieh doch . . . das arme todte Kind!“ antwortete ihm dieſer, die Lorgnette in's Auge einkneipend: „Zum Henker! . . . wahrhaftig! ein unterdruͤckter Ne⸗ benſprößling — ein verſtorbener Fehltritt irgend einer ländli⸗ chen Tugend eine Epiſode irgend eines Roſenmaͤd⸗ chens! . Dann ſetzte er um ſich blickend, und ſeinem Vater den Eingang zu dem zweiten Fortkommen aus der Höhle mit der Spitze der Reitpeitſche zeigend hinzu: „Wenn das was dieſe Dummkoͤpfe von Bauern den Spitzbuben nennen, ſich wirklich hier verborgen hielt, ſo iſt er durch dieſes Loch entſchluͤpft. . . eben ſo wie der Spitzbube von Fuchs . . beide Jagden verungluͤckt! .. Höre einmal! es iſt doch etwas Schönes um dieſe laͤndliche Unſchuld! ... — — Nach ſo etwas ſoll man nun noch an Rahm und friſche Eier der Landleute glauben!“ Da drehte ſich der Vicomte um und ſchickte ſich an, die Hoͤhle zu verlaſſen. Trotz der Haͤrte ſeines Charakters hatte der Graf Du⸗ riveau ſich durch die harte Gleichgiltigkeit Scipio's erſt verletzt, dann vielleicht gedemuͤthigt gefuͤhlt, indem er vor demſelben ſeine Ruͤhrung hatte durchblicken laſſen, da aber dieſe letz⸗ tern Worte die Lieblingsidee des Grafen ausſprachen und ſo zu ſagen, einen Beweis zur Unterſtuͤtzung ſeiner unheil⸗ baren Verachtung gegen gewiſſe Racen lieferten, ſo ſagte er zu ihm: „Ich weiß das ſchon ſeit langer Zeit, das gemeine Volk auf dem Lande iſt eben ſo verdorben, als das in den Staͤdten. . der Miſthaufen des Dorfs hat eben den Ge⸗ ruch wie in der Stadt.“ Doch nun, wie immer dem xrite ne erſten Erre⸗ gung folgend, ergriff der Graf zu großer Verwunderung ſeines Sohnes die Wiege, ſtieg mit dieſer traurigen Laſt ſchnell herauf und rief, indem er ſich an die uͤber das was in der Höhle vorgegangen ſei neugierigen Landleute mit Donnerſtimme: „Da, Ihr intereſſanten Landbewohner, unglücliche und vor allen tugendhafte Sterbliche! ſeht da, was Eure Toch⸗ ter mit ihren Kindern machen . . . wenn ſie ſie genieren.“ Und damit ſtellte er die Wiege auf ein Felsſtuͤck. Waͤhrend dem augenblicklichen Verſchwinden des Gra⸗ — 125 — fen war Latrace auf dringendes Bitten der Miſtreß Wilſon fortgeritten, um Herrn Beaucadet und einige Gensdarmen zu holen. Der Unteroffizier kam auch mit zwei Mann und ſtieg in dem Augenblicke vom Pferde, wo der Graf an die verſammelten Bauern ſeine ſchreckliche Anrede richtete. „Ein kleines todtes Kind!“ riefen die Bauern und tra⸗ ten erſchrocken zuruͤck, nachdem ſie einen Blick auf die Wiege geworfen hatten. „Oh, Mutter, Mutter! .. . das iſt ſchrecklich!“ flü⸗ ſterte Raphaele und warf ſich in die Arme ihrer Mutter. „Ach! Herr Graf. . . meine Tochter!“ rief Miſtreß Wilſon und wendete ſich mit dem Tone ſchmerzlichen Vor⸗ wurfs an dieſen. Duriveau fuͤhlte zu ſpaͤt die grauſame Unſchicklichkeit ſeiner Handlungsweiſe. „Ein Kin — der — mord,“ ſtotterte Herr Beaucadet, wie er es mit den Wörten bei gewiſſen wichtigen Gelegen⸗ heiten zu thun pflegte. „Ein Kin — der — mord „ wieder⸗ holte er und durchdrang den Kreis der Bauern, um an die Wiege zu gelangen, deren er ſich bemächtigte. — „Aha!... Das kenne ich ... Das iſt meines Amtes.“ Dann betrachtete er ſorgſam den Leichnam des Kindes und bemerkte daran einen Gegenſtand, den der Graf im Halbdunkel der Höhle nicht hatte unterſcheiden koͤnnen. Laut rief er: „Ein Papier! . . . Das unſchuldige Schlachtopfer hat ein Papier am Halſe haͤngen! Aufgepaßt!“ Alle Zuſchauer dieſer Scene, Miſtr. Wilſon ausgenom⸗ men, welche ihre zitternde Tochter im Arme hielt, naͤherten ſich ängſtlich Herrn Beaucadet und der Wiege, unter ein⸗ ander leis fluͤſternd: — „Das Kind hat ein Papier am Halſe.“ In der That hing an einer kleinen ſchwarzen Schnur am Halſe des Kindes ein Papier, das Beaucadet ſchnell ent⸗ faltete und in ſeiner ſprudelnden Wichtigkeit geſchwind las, ohne es im Voraus mit einem Blicke uͤberſehen zu haben. Dieſer Zettel enthielt folgende, von dem nffiee laut ausgeſprochene Worte: „Ich wuͤnſche, daß mein Sohn Scipio Duriveau genanntwird, wie ſein Vater.“ „Das iſt doch drollig!“ ſagte Scipio und zundete ſeine vierte Cigarre mit unerſchutterlichem Phlegma an. Raphaele Wilſon zeigte Heldenmuth. Bei dieſer Entdeckung empfand ſie einen wilden, brennenden Schmerz am Herzen. Einen Augenblick lang verließen ſie ihre Kräfte und ſie war genothigt, mit der einen Hand den Arm ihrer Mutter zu ergreifen, um nicht an den Boden zu glei⸗ ten, dann aber kraͤftigte ſie ſich gegen dieſen eben ſo uner⸗ warteten, als furchtbaren Schlag, und fand die noͤthige Energie, um nicht zu erliegen. Eine Secunde nachher wech⸗ ſelte ſie mit Miſtr. Wilſon einen langen, e Blick. — — ——— Siebentes Rapitel. — Geheimniſſe. „Ich wuͤnſche, daß mein Sohn Scipio Du⸗ riveau genannt wird, wie ſein Vater.“ Das alſo war der Inhalt des an dem Halſe des klei⸗ nen todten Kindes hängenden Zettels. „Das iſt doch drollig!“ hatte der Vicomte geſagt und ſeine Cigarre angezuͤndet. Das Vorleſen dieſes Zettels, die ſchreckliche Fuͤhlloſig⸗ keit und das kalte Blut des Vicomte hatte alle Zuſchauer in Staunen geſetzt. Der Graf blickte unbeweglich und ſtumm mit zornigem Erſtaunen auf ſeinen Sohn, indem er an die unſeligen Folgen dachte, welche dieſe Entdeckung auf Raphaelens Gemüth haben mußte. Dieſe preßte krampfhaft die Hand ihrer Mutter, auf welche ſie ihre großen, blauen, in Thrä⸗ nen ſchwimmenden Augen richtete. Die Landleute, welche durch die phlegmatiſche Theilnahmloſigkeit Scipio's erbittert wurden, fingen trotz ihres ſanften und furchtſamen Natu⸗ — 128 — rells an, ein dumpfes Murren des Unwillens vernehmen zu laſſen. Herr Beaucadet befand ſich aus Verlegenheit uber ſein Ungeſchick (er uͤbte die ehrfurchtsvollſte Unterwuͤr⸗ figkeit gegen Herrn Duriveau, das Muſter eines Gutsbe⸗ ſitzers aus) in der jaͤmmerlichſten Lage und betrachtete ma⸗ ſchinenmaͤßig den unſeligen Zettel, waͤhrend das Ungewitter immer ſtaͤrker drohte. Mloͤtzlich hoffte er, an die Unterſchrift des Zettels denkend, den er bis jetzt in der erſten Großmuths⸗ aufregung verſchwiegen hatte, dadurch, daß er den Namen des Schlachtopfers veroͤffentlichte, den ſteigenden Unwillen, deſſen Ausbruch zu befuͤrchten war, von dem Verfuͤhrer ab⸗ zulenken. So begann denn alſo der Unteroffizier mit wich⸗ tigem Tone wieder: „Der Zettel iſt von der Ungluͤcklichen unterzeichnet, die von der Armen, die kurz „Ihr K nichts 66 zu wiſſen; er iſt unterzeichnet.“ „Der Zettel iſt unterzeichnet!“ fluſterte man mit leiſer Stimme. „Ja die Kindesmörderin hat die verbrecheriſche Frevlerin hat unterzeichnet,“ ſagte Beaucadet mit hoͤchſt feierlicher Miene; „ſie hat unterzeichnet . und es iſt Eine Art Gemurmels der Unruhe und Angſt ging durch die Landleute, welche ſo zu ſagen an Beaucadets Lip⸗ pen hingen. „Es iſt . die kleine Bruydre das Huͤhnermaͤd⸗ chen in der Paͤchterwohnung von Grand⸗Genevrier.“ — — Bei dieſen Worten bebte trotz ſeiner unverwuͤſtlichen Zuverſicht Scipio doch zuſammen, das Blut ſtieg ihm ins Geſicht, fur einen Augenblick faͤrbte ſich das bleiche; aber nur Raphaele, die ihn mit ihren Blicken nicht verließ, bemerkte die voruͤbergehende Erregung, deren er nicht hatte Herr werden koͤnnen. Als die Landleute vernahmen, daß Schlachtopfer und Verbrecherin die Bruydre ſei, ein ganz junges Mädchen von 16 Jahren, der man einen gewiſſen uͤbernatuͤrlichen Einfluß zuſchrieb, und deren eigenthuͤmliche Schönheit wie reizende Seltſamkeit in dieſer armen, abergläubigen und unwiſ⸗ ſenden Gegend zum Sprichworte geworden waren, fuͤhlten ſie ihren Zorn und Unwillen gegen den Vicomte ſich noch ſteigern. Beaucadet wurde es aber zu ſpät gewahr, daß er Scipio's Lage noch verſchlimmert habe. Das erſt nur dumpfe Gemurmel brach plötzlich in Klagen und Verwuͤn⸗ ſchungen aus. „Bruytre! die arme Kleine!“ „Der gute Genius unſeres Landes!“ „Und ſo ſanft! . ſo gut!“ „Es iſt eine abſcheuliche Bosheit, ſie verfuͤhrt zu haben!“ „Ja die Vornehmen die erlauben ſich Alles gegen die armen Leute!“ „Und die ſollte ihr Kind umgebracht haben?“ „Sie? nein, nie, nie!“ Martin. I. 9 — 430 — „Und uns nennt man dumme Thiere, Memmen!“ „Wenn wir Thiere ſind, ſo raͤchen ſich am Ende auch die Thiere!“ „Ja, Sie haben gut uns den Dampf in die Augen zu blaſen, mit einer Miene, als hielten Sie ſich uͤber uns auf, junger Herr!“ ſagte Einer, ſich an Scipio wendend. „Vor Ihnen furchten wir uns nicht.“ „Und wenn die arme Bruyere meine Schweſter wäre,“ ſetzte ein Andrer, einen Dreſchflegel ſchwingend, hinzu, „ſo ſollte wohl Ihr Blut an dieſem Dinge da kleben.“ „Die liebe kleine Bruydre,“ fuhr eine bewegte Stimme fort, „ſie iſt gleichſam unſere Schweſter, denn obgleich Hexerei bei ihr war, ſo hat ſie doch ein Jeder von uns ſo lieb gehabt, als ob er ihr Bruder waͤre, weil ſie doch dieſe Heperei nur zum Beſten unſrer Aller anwendete.“ Dieſe Steigerung von Verwuͤnſchungen wurde beun⸗ ruhigend. Zu der durch die beleidigende Keckheit Scipio's entſtandenen Anfregung geſellte ſich noch die Abneigung, die ſein Vater ſich allgemein durch ſeine Haͤrte und offen kundgegebene gehäſſige Verachtung zugezogen hatte, eine Abneigung, die lange durch die Gewohnheit der Ergebung und durch den allmächtigen Zauber, mit dem der Reichthum in dieſen faſt wuͤſten Gegenden immer noch umgeben iſt, in Schranken gehalten worden war. Dieſe noch eben ſo demuͤthigen Geſichter wurden dro⸗ hend. Miſtr. Wilſon und ihre Tochter naͤherten ſich in immer ſteigender Angſt dem Grafen und Scipio, waͤhrend ——,——— ———————————— — — — Beaucadet, die Hand an den Säbel legend, zu ſeiner Mann⸗ ſchaft ſagte: „Aufgepaßt!“ Dann wendete er ſich an die aufſäſſigen Bauern, de⸗ ren Kreis ſich dem Vicomte und ſeinem Vater immer mehr naäherte und ſetzte mit der gebietendſten Stimme hinzu: „Zuſam — menrot — tung! Im Namen des Geſetzes, das Jedermann kennen muß; Zuſam — menrottung! Aus⸗ einander! Jeder wieder nach Hauſe!“ Beaucadet's Stimme wurde nicht geachtet. Geſchrei und Vorwuͤrfe verdoppelten ſich heftiger und nahmen durch die herausfordernde Stellung des Vicomte an Grimm nur noch zu. Denn während dieſer neuen und ſchnellen Um⸗ aͤnderung hatte ſich Scipio nicht verläugnet. Da er ſein Dpernrepertoir genau im Gedaͤchtniß hatte, ſo erinnerte er ſich ohne Zweifel an das Finale des Maskenballs im Don Juan, wo nach dem häßlichen Verſuch gegen Zerline, Le⸗ porello's Herr mit Schimpfreden, Beleidigungen und Dro⸗ hungen uͤberhäuft, kuͤhn ſeine verachtungsvolle Stimme er⸗ hebt, und allein gegen Alle dem zuſammengerotteten Hau⸗ fen trotzt. So mit Scipio. Erhobenen Hauptes, feſten Fußes, ſtolzer Miene, mit der linken Hand nachläſſig in der Taſche ſeines wildledernen Beinkleides, mit der Spitze der Reit⸗ peitſche in der rechten unbeſorgt auf ſeine ſtaubigen Stiefeln klopfend, trotzte der Juͤngling mit merkwuͤrdiger Kuͤhnheit dieſem landlichen Auftuhre. Verachtung, Zorn, Widerwille 9* gaben ſeinen ſchönen, aber gewoͤhnlich weibiſchen Zügen einen Charakter uͤberraſchender Entſchloſſenheit. Seine Augen glänzten hell und kühn, ſeine Wangen rötheten ſich leis und unter dem kleinen blonden und ſeidnen Schnauzbarte ließen ſeine durch ein beleidigendes Lächeln zuſammengezo⸗ genen Lippen in etwas eiligen Abſaͤtzen den Rauch ſeiner Cigarre hervordampfen. In dieſem Augenblicke warf Raphaele, die ſich immer ängſtlicher an ihre Mutter draͤngte, einen langen Blick voll Schmerz und Vorwurf auf Scipio. Ach! nie war er ihr ſchoͤner vorgekommen. Selbſt der Graf Duriveau konnte ſich trotz der gehei⸗ men Gruͤnde, welche fuͤr ihn dieſen Auftritt hoͤchſt unan⸗ genehm machten, nicht enthalten, beim Anblicke der uner⸗ ſchrocknen Stellung ſeines Sohnes eine Art Stolz zu em⸗ pfinden. Doch ſagte er, um einen Verſuch zu machen, die Aufregung der Bauern zu beruhigen und wider Willen doch der almächtigen Obergewalt gewiſſer Gefuͤhle der Moralität huldigend, welche der freidenkendſte, entartetſte Vater den⸗ noch nie verletzen wurde, wenn er in Gegenwart Andrer mit ſeinem Sohne ſpraͤche, mit lauter und feſter Stimme zu ihm: 107 „Die Beſchuldigung, die auf Dir laſtet, mein Sohn, iſt ſchwer, doch hoffe ich, daß ſie troß alles Anſcheins dage⸗ gen, ungegründet ſei. Nicht als ob ich mehr als Du und fur Dich ſolche alberne Drohungen furchtete, ſondern weil — — ich wuͤnſchte, daß Du auch nicht einmal einen Vorwand gegeben, ſie an Dich zu richten.“ Bei den erſten Worten des Grafen war auf den Tu⸗ mult ein tiefes Schweigen gefolgt. Jeder wartete auf Scipio's Antwort, welche die allgemeine Aufregung be⸗ ſchwichtigen oder vermehren ſollte. Der ſchmerzlich flehende Blick Raphaelens ſchien den Vicomte zu beſchwören, dieſer peinlichen Scene ein Ende zu machen. „Antworte, Scipio . antworte!“ rief der Graf. „Ich erklaͤre,“ ſagte der Vicomte mit einer eben ſo ruhigen als ſpottenden Stimme, indem er ſeine Lorgnette auf der drohenden Menge herumſpazieren ließ; „ich erklaͤre, daß ich's anfangs drollig gefunden hatte, daß ein Huͤhner⸗ maͤdchen ſich den Spaß gemacht, meinen Namen mit der Frucht ihrer ländlichen, etwas freien Muße zu zieren nun aber in Gegenwart der unfreien Drohungen dieſer nicht eben ſehr achtbaren Ritter des Huͤhnermädchens, die mir ſo ſchmutzig wie die Krammetsvoͤgel vorkommen, finde ich es nun ſpaßhaft zu erklaͤren — daß das Kind von mir iſt.“ Und da ein Ausbruch wuͤthenden Geſchreis dieſer Er⸗ klärung Scipio's folgte, ſo trät der Juͤngling mit funkeln⸗ dem Auge, zuckender Lippe und unbeugſamer Stirn zwei Schritte vor, kreuzte die Arme über der Bruſt, und wieder⸗ holte, indem er ſich dem von Allen am Weiteſten vorgetre⸗ tenen Bauer faſt ſo weit naͤherte, um ihn zu beruͤhren, mit kurzer, feſter Stimme: „Ja, das Kind iſt von mir. „ Und nun? . Der Blick, die Bewegung, die Stellung Scipio's zeigten eine ſo unglaubliche Unerſchrockenheit, daß zuerſt einige Bauern unwillkurlich zuruͤcktraten, aber eine furcht⸗ bare Reaction folgte auf dieſen erſten Eindruck. Die Er⸗ bitterung erreichte ihren Gipfel. Einer der Bauern, der ſchon ſeinen Dreſchflegel geſchwungen hatte, griff mit kräf⸗ tiger Hand Scipio an den Schultern an, drehte ihn ſo gleichſam um, und zwang ihn, ſich nach der auf einem Felſenblocke ſtehenden Wiege zuzuwenden, worauf er mit drohender Stimme zu ihm ſagte: „Elender Menſch! Und Sie haben noch den Muth, vor Ihrem todten Kinde Scherz zu treiben! .. . Sehen Sie es doch an wenn Sie es wagen.“ Scipio ſchauderte zum zweiten Male, nicht aus Furcht, aber aus innerer Erregung. Einen Augenblick lang hefte⸗ ten ſich ſeine Augen wider ſeinen Willen auf das bleiche Geſicht des Kindes. „Ha, Schurke! Du wagſt es, Hand an meinen Sohn zu legen!“ rief ungeſtum der Graf und ergriff den Bauer, der Scipio zum Umdrehen gezwungen hatte, am Kragen. „Ja, an ihn, wie an Sie, weil Sie die an mich legen.“ „Der Vater iſt nicht nht werth als der Sr rie⸗ fen mehre Stimmen. Schon ſahen ſich trotz Beaucadets, d Gensdarmen und der Leute des Grafen Anſtrengungen Scipio und ſein Vater gefaͤhrlich umringt, als plötzlich ein immer lautres — 135 — und näher kommendes Geſchrei: „Zu Hilfe! Moͤrder! zu Hilfe!“ durch das Staunen, das es verurſachte, eine gluͤck⸗ liche Diverſion zu Gunſten der letztern verurſachte. Beide ſahen ſich ſchnell wieder frei, waͤhrend ihre Angreifer ſich mit unruhiger Neugier nach der Seite der Holzlichtung wendeten. Ein Mann von ungeheurer Dicke und faſt nackt, denn er war nur mit dem Hemde und von Koth beſchmutzten Unterkleidern angethan, ſtuͤrzte ſich mitten durch die Lich⸗ tung mit durch die Furcht verzerrten Zugen und verdoppel⸗ tem Geſchrei: „Zu Hilfe! Mörder! Helft mir! Rettet mich!“ Trotz des Schreckens dieſes Mannes gaben ihm doch ſein Anzug, ſein ganz kahler Kopf (denn Dumolard, den man ohnſtreitig gleich erkannt hat, verbarg ſeine gänzliche Kahlheit unter einer ſchwarzen Perruͤcke) und ſeine laͤcher⸗ liche Dicke ein ſo groteskes Anſehen, daß der heftige Un⸗ wille, deſſen Opfer der Vicomte und ſein Vater faſt gewor⸗ den wären, ſich in ein unwiderſtehliches Beduͤrfniß zu la⸗ chen verwandelte. Beim Anblick des mit ſeiner Uniform bekleideten Beaucadet ſturzte ſich Dumolard, der in ihm ohnſtreitig die Fleiſch gewordene rächende und ſchuͤtzende Juſtiz erblickte, mit ſolcher Heftigkeit in die Arme des Gensdarmen, daß der Unteroffizier beinahe erſtickt und umgeworfen worden waͤre. — 136 — „Zu ſehr entkleideter Par — ti — cular,“ ſagte Beau⸗ cadet, indem er ſich den krampfhaften Umarmungen Dumo⸗ lards zu entziehen ſuchte, „Sie ſind etwas unanſtaͤndig es giebt hier Frau — Frauen entfernen und verhuͤl⸗ len Sie ſich und ſagen Sie mir dann „Retten Sie mich, Gensdarme! vertheidigen, rächen Sie mich!“ rief aus vollem Halſe Dumolard. „Aber Sie ungluͤckſeliger Ohnehoſe!! ich ſage Ihnen ja, daß hier Frauen zugegen ſind! Sie muͤſſen ja ein dicker Taugenichts ſein, daß Sie in einem ſolchen Anzuge durch den Wald rennen!“ „Er hat mir meinen Rock, mein Gilet, meine Bein⸗ kleider, ja ſelbſt meine Stiefeln genommen,“ rief Dumolard mit ſtoßweiſer, matter Stimme; „Alles, Alles hat er mir genommen!“ „Wer denn?“ fragte Beaucadet. i „Er hat mich gezwungen, mich auszuziehen, und mir ſonſt den Tod angedroht. Dann hat er meine Kleider an⸗ gezogen und ſich noch dazu beſchwert, daß ſie zehnfach zu weit fur ihn waͤren, den Böſewicht! Und bedenken Sie nur, daß ich 53 Louisdor in meiner Boͤrſe hatte und dieſe in der Taſche meiner Beinkleider. Endlich hat mir der Abſcheu⸗ liche ſogar meine Kaͤppchen genommen, ja ſelbſt meine Perruͤcke, um ſich unkenntlich zu machen.“ Wer denn aber?“ rief Beaucadet mit aller ſeiner Kraft; „wer?“ „Dann nahm er mein Pferd beim Zuͤgel, zog es aus der dichten Waldung, in der ich mich verirrt und ihm zu meinem Unglucke begegnet hatte, dem Ungeheuer! Und dann iſt er verſchwunden, ohne daß ichs gewagt habe, ihm nach⸗ zulaufen.“ „Aber wer? wer? wer?“ rief Beaucadet mit einem furchtbaren Crescendo der Aufregung. „Und eben jetzt erſt,“ fuhr der Andre, vom Feuer ſei⸗ ner Erzahlung fortgeriſſen, fort, „eben jetzt erſt, als ich mich hiecher ſchleppte, ſah ich ihn ganz am Ende eines langen Waldweges voruͤberkommen. Er galoppirte mit verhaͤng⸗ tem Zügel und begegnete zwei Gensdarmen, die ihn grußten, die Einfaltspinſel!“ „Sie ſind auch Einer,“ rief Beaucadet, „wenn Sie nicht endlich einmal ſagen, wer das iſt, der Ihnen Ihr Pferd, Ihre Sachen, Ihr Geld, Ihre Stiefeln, ja ſelbſt Ihre Perruͤcke vom Leibe weggenommen hat.“ „Aber wer ſoll es denn ſonſt ſein, als er?“ „Aber wer denn er?“ brullte Beaucadet in Wuth. „Nun Ihrer!“ „Was meiner?“ „Ich ſage es Ihnen ja ſchon ſeit einer Stunde, der Böſewicht, dem Sie nachſpuͤren.“ „Bamboche!!“ rief Beaucadet ſtaunend. „Wie denn Bamboche?“ erwiderte Dumolard zornig. „Sie nehmen meine Ausſage ſo . behandeln Sie als Spielwerk.“*) „Aber Dickwanſt Ohnehoſe! ſo heißt ja der Raͤuber.“ „So zu heißen, wenn man ein ſolches Handwerk treibt, das iſt bitterer Hohn,“ murmelte Dumolard. „Und meine Gensdarmen haben ihn gegruͤßt!“ „Zum Teufel, ſie haben ihn fur einen Jäger gehalten,“ ſetzte Herr Dumolard hinzu: „ſie ſind dumm genug dazu.“ „Oh, Bamboche, Du biſt ein durchtriebener Gauner,“ rief Beaucadet im vollſten Zorne. „So die Sachen, das Pferd und die Perruͤcke dieſes dicken Herrn zu mißbrauchen. Dich von meinen Leuten begruͤßen zu laſſen.... Dich, Du Schuft, Du Auswurf aus den Gefängniſſen von Bourges Dich, Du abſcheulicher Spitbube . ha! das iſt ekelhaft, das ſollſt Du mir bezahlen!“ „Raphaele, mein Kind, was iſt Dir?“ rief Miſtr. Wilſon und hielt ihre Tochter in den Armen, die in Ohn⸗ macht gefallen war. „Mein Gott . ſie iſt ohnmächtig! Hilfe!“ Bei dieſer neuen Wendung der Dinge richtete ſich die bisher an Herrn Alcid Dumolard gefeſſelte Aufmerkſamkeit auf einen andern Gegenſtand. Alle Blicke flogen mit Ueberraſchung und Theilnahme der Miſtr. Wilſon und ihrer Tochter zu. *) Wortſpiel mit dem Worte Bamboche, Eigenname, welches auch eine Marionettenpuppe, Spielpuppe bedeutet. — 139 — So wie ihre Mutter ſehr wenig durch das lächerliche Abenteuer Dumolards zum Mitleid bewegt, unterlag end⸗ lich Raphaele ihren ſchmerzlichen Erregungen, die ſie mu⸗ thig lange Zeit beherrſcht hatte. Ihr ſanftes und ſchoͤnes Geſicht entfaͤrbte ſich nach und nach und wurde weiß wie Alabaſter. An ihren langen, geſchloſſenen Augenwimpern hingen noch einige gluͤhende Thraͤnen. Obwohl ihre Mutter, die ſie nicht zeitig genug aufrecht erhalten konnte, ſie noch möglichſt unterſtuͤtzte, war Raphaele doch auf ihre Kniee geſunken und ihr Haupt ruhte auf ihrer Schulter. Bei dieſem Sinken war ihr Maͤnnerhut auf die Erde gefallen, die wundervollen braunen Haare des jungen Maͤdchens loſe⸗ ten ſich auf, und huͤllten ſie zur Haͤlfte mit ihrem ſeidnen 8 Netze ein, waͤhrend ihre Mutter, welche, um ſie beſſer un⸗ terſtuͤtzen zu können, auch niedergeknieet war, ſie an ihr Herz druͤckte und mit Kuͤſſen und Thränen bedeckte. Der drohende Unwille der Bauern, der ſchon durch die groteske Erſcheinung Dumolard's, wenn auch nicht be⸗ ruhigt, doch abgeleitet worden war, verſchwand ſo zu ſagen unter dieſen Uebergängen von ſo ganz verſchiedenem Cha⸗ rakter, und ſie vergaßen von Neuem ihren heftigen Zorn gegen Scipio bei dem ruͤhrenden Gemalde, das Miſtreß Wilſon darbot, die voll Schmerz ihre regungsloſe Tochter an ihr Herz druͤckte. — — — . Eine Viertelſtunde nach dieſen Vorfaͤllen, im Augen⸗ blicke wo die Sonne an einem ſehr reinen Himmel unter⸗ ging, verließen drei Gruppen von ganz verſchiedenem An⸗ ſehen den Wald, in welchem die Jagd ſtattgefunden hatte. Eine ſchnelle Kaleſche, welcher Bediente mit Handpfer⸗ den folgten, brachte Raphaele aufs Schloß. Ihre Mutter hielt ſie in ihren Armen, waͤhrend Dumolard, dem man einen Gensdarmenmantel geborgt hatte, noch unruhig und betaͤubt auf dem Ruͤckſitze klapperte. An einer Seite dieſes Fuhrwerks ritt der Graf Du⸗ riveau mit duͤſtern Zuͤgen, das Gemuͤth von der tiefſten Angſt bewegt. Treu ſeiner Rolle als ein gegen alle Erre⸗ gung fuͤhlloſer Menſch, galoppirte Vicomte Secipio am an⸗ dern Schlage mit ſtoiſcher Ruhe, obgleich von Zeit zu Zeit eine Wolke uͤber ſeine Stirn zog und eine krampfhafte Bewegung ſeine Augenbraunen zuſammenzog. Der Brigadier des Herrn Beaucadet ritt im langſamen Schritte an der Spitze der zweiten Gruppe, welche nicht weit vom Kreuze am Querwege aus dem Walde kam. Zwei Bauern trugen auf einer ſchnell von Baumzweigen gemachten Bahre die Wiege mit dem todten Kinde darin. Die andern Bauern folgten baarhäuptig, ſtumm, traurig und geſammelt. Der Brigadier begleitete en Befehl des Herrn Beau⸗ cadet dieſen traurigen Zug, der den Leichnam des Kindes der Civilobrigkeit uͤberbrachte. Die Gerichte und Aerzte ſollten mit der Unterſuchung des Leichnams verfahren. Die letzte Gruppe, welche den Wald verließ, beſtand aus Herrn Beaucadet und vier Gensdarmen. Sie ſchlu⸗ gen im vollen Trabe den Weg nach dem Pachthofe von Grand⸗Genevrier ein, um dort die Bruyere, die des Kin⸗ dermords beſchuldigt, feſtzunehmen. In Folge dieſer Gefangennehmung mußte Herr Beau⸗ cadet moͤglichſt dann eilen, den Behoͤrden die Verkleidung anzuzeigen, unter welcher es Bamboche gelungen war, aus dem Walde zu entkommen, in welchem er ohne die Begeg⸗ nung mit Herrn Alcid Dumolard ohnſtreitig arretirt worden waͤre. Eine Perſon, welche ungeſehen den vorhergehenden Auftritten beigewohnt hatte, eilte auch aufs Schnellſte, aber auf einem andern Wege zu dem Pachthofe von Grand⸗ Genevrier. Dieſe Perſon war Béte⸗puante, der Wildſchutz. — Achtes Kapitel. Der Pachthof. Die Sonne wollte ſoeben untergehen, als Beaucadet mit ſeinen Gensdarmen, nun feſt entſchloſſen, die Verhaf⸗ tung der Bruyere zu bewirken, nach dem Pachthofe Grand⸗ Genevrier ſich begab, der dem Grafen Duriveau und zu deſ⸗ ſen Landgute Tremblay gehoͤrte. Es wuͤrde ſchwer ſein, denen, die die meiſten Pacht⸗ höfe dieſes Theils der Sologne nicht geſehen haben, auch nur die kleinſte Idee von dem empoͤrenden Anblicke dieſer ſchmutzigen, verfallenen und ſelbſt fuͤr das Vieh ungeſunden Hoͤhlen zu geben, wo dennoch die Paͤchter, ihr Geſinde und die Tageloͤhner wohnen, freilich immer mager und kraͤnklich, indem fortwaͤhrend ſchreckliche Fieber durch die ungeſunden Ausduͤnſtungen eines ſchlammigen, mit ſtehenden Lachen untermiſchten Bodens dieſe Bevolkerung, die ſchon durch ab⸗ ſcheuliche und unzureichende Nahrung geſchwächt, noch mehr decimirten. — Der Pachthof Grand⸗Genevrier wurde wegen eines rieſigen, wenigſtens zweihundertjaͤhrigen Wachholderbaums (Genevrier) ſo genannt, der ohnweit der Wirthſchaftsge⸗ baͤude und der Wohnung des Pachters ſtand. Alles zuſam⸗ men bildete eine Art laͤnglichen Vierecks von verfallenem und zerkluͤftetem Gemäuer, in Piſe aufgefuͤhrt, einer Art Moörtel aus Erde und Sand, dem man, wenn er in fluſſi⸗ gem Zuſtande iſt, durch Zuthat von gehacktem Heu eine Art Halt giebt. Die an vielen Stellen verfallene Dachung war hier mit zerbrochenen und durch Moos oder Alter verwitterten Ziegeln, dort mit durch Feuchtigkeit halbverfaultem Stroh, weiterhin gar mit Buͤſcheln trocknen Geniſtes auf zerfallenden Latten befeſtigt, bedeckt. Dieſe, die Scheune, den Schaaf⸗, Pferde⸗ und Kuh⸗ Stall, ſo wie die Wohnung des Pachters bildenden Gebaͤude umgaben einen Hof, der zu drei Viertheilen mit einer WMaſſe übelriechenden Duͤngers angefullt war und in einem ziemlich tiefen Teiche von ſchwarzen, ſtinkenden, ſtehenden Feuchtigkeiten ſchwamm, der durch die Jauche und die Aus⸗ ſtrömungen des ſchlammigen Bodens unterhalten ward. Dieſe Maſſe ekelhafter Fluſſigkeit, die mit einem Ueberzuge blaͤulichen Klebſtoffes bedeckt war, nahm ſo ganz den Hof nach der Seite der Pachterwohnung zu ein, daß dieſer ſich genöthigt geſehen hatte, eine Art Damm von Steinwerk auf⸗ zufuͤhren und mit Buͤndeln von ſtachligen Binſen zu bedecken, zu welchen drei bis vier ungleiche, moosbewachſene Stufen führ⸗ — 144 — ten, um ſo zu der einzigen Stube zu gelangen, aus welcher die Wohnung beſtand. Gegen Morgen des Pachthofs, der in einer ſo unge⸗ ſunden Tiefe lag, ſtreckte ſich eine unermeßliche Ebene torf⸗ haltigen Bodens hin, gegen Norden erhob ſich ein Gehoͤlz von hohen Eichen, waͤhrend gegen Abend nur ein ſchmaler Raſenweg dieſe Gebaͤude von einem großen Moraſte trennte, der im Herbſte und Winter ſtets mit einem dicken Nebel bedeckt war, und im Sommer, wenn ſein lehmiger Boden von den Sonnenſtrahlen dampfte, die Luft mit peſtilenziali⸗ ſchen Duͤnſten erfuͤllte. Die Nacht wollte eben einbrechen. Es war um die Stunde, wo das Vieh vom Felde wieder nach Hauſe kam. Nicht lange, ſo kamen auch über die Pfuͤtze unſaubern Ge⸗ wäſſers, um in ihren Stall ſich zu verfuͤgen, einige hagere, knochige Kuͤhe, mit faſt ausgetrockneten Eutern, fahler, und hier und da mit einer dicken Kothkruſte uberzogener Haut. Die unzureichende Huthung auf den Haiden, Wieſen und Binſen, die faſt immer unter Waſſer ſtanden, verurſachte dieſen abgemagerten Zuſtand der Heerde. Sie wurde von einem Knaben gehuͤtet, der 15 Jahr alt war, den man aber kaum fuͤr zehnjährig wuͤrde angeſehen haben. Er hatte nackte, blaͤuliche, und durch das ſtete Wandern auf moraſti⸗ gem Boden, aufgeſprungene Fuͤße. Die einzige Kleidung des Knaben beſtand in einem zerlumpten Beinkleid und auf der Haut (denn bei dieſer enterbten Menſchenrace ſind Hem⸗ den unbekannt,) einen Kittel von grober grauer Leinwand, † * N — 145 — von der durchdringenden Feuchtigkeit des Abends durchnäßt. Seine gelblichen Haare hingen ungekaͤmmt, ſtarr und dick wie eine Maͤhne um den Kopf. Seine hohlen und bleichen Wangen, ſeine ſcorbutiſch blaſſen Lippen, ſein erloſchenes Auge, ſein ſchleppender Gang bezeugten, daß er, wie man es dort nennt, die Fieber hatte. An Heilmittel koͤnnen dieſe Ungluͤcklichen nicht denken Der Arzt wohnt in unge⸗ heurer Entfernung, und uͤberdies wurde ſein Beſuch zu viel koſten. Sie haben alſo die Fieber und behalten ſie, bis dieſe durch ihre periodiſche Wiederkehr ihr Leben aufgezehrt, oder ſie ein Gleiches mit dem Fieber gethan haben, welcher letztere Fall aber ſehr ſelten iſt. Ein fahler, baͤrtiger, ſchmutziger, magerer Hund half die Heerde fuͤhren. Der kleine Kuhhirt gelangte můͤhſam dahin, ſein Vieh in einen kothigen und eiskalten Stall zu bringen, mit an mehren Stellen verfallnem Dache, wel⸗ chem Uebelſtande man dadurch abgeholfen, daß man uͤber die Luͤcken einige Weidenbundel gelegt. Man ſah, wie eine gegenſeitige, auf einen haͤufigen Austauſch von Dienſten und eine völlige Gleichheit der Exi⸗ ſtenz begruͤndete Zuneigung den kleinen Hirten und ſeinen Hund verband. Wie viele lange Stunden des Herbſtes und Winters hatte der arme Knabe verbracht, hinter einen Gin⸗ ſterbuſch gekauert, mitten in den menſchenleeren Haiden, ſein Hund eng an ſeine Bruſt angeſchmiegt, um mit dieſer thie⸗ riſchen Waͤrme ſeine armen erſtarrten Glieder wieder zu be⸗ leben. Martin. I. 10 — So ſah denn der Knabe, nicht mehr denkend als etwa ein Thier, bald ſeine Heerde durch den feuchten und kalten Nebel, der ſie bis zur Hälfte verhuͤllte, weiden, bald folgte er mit maſchinenmaͤßigem Blicke in der Luft der langſamen Fluͤgelbewegung der Kibitze oder wilden Enten, bald hatte er, in eine noch dumpfere Apathie verſenkt, kein hoͤheres Le⸗ ben als das einer Auſter, und blieb ſo ſtundenlang ſitzen, die Stirn in die Hände gelegt und ſeine ſtieren Augen auf die ſtieren Augen ſeines Hundes gerichtet. Und dieſes einſame, thieriſche, verdummende Leben, das den Menſchen zum Thier herabſetzt, war das jeden Tages fuͤr den ungluͤcklichen Knaben. Wie Tauſende von Weſen ſeines Alters und ſeiner Lage lebte er, ganzlich entfernt von auch nur dem mindeſten Unterrichte, in Mitten der wuͤſten Einoden nicht kluger noch duͤmmer als das Vieh, das er hü⸗ tete. Unbekannt mit auch nur den geringſten Begriffen von Böſe, Gerecht oder Unrecht, beſchraͤnkte ſich ſein Inſtinct darauf, ſeine Anſtrengungen mit denen ſeines Hundes zu vereinen, um die Heerde zu hindern, in das Gehau zu gehen, oder die jungen Sprößlinge abzuweiden, des Abends aber ſein Vieh, deſſen Lager er theilte, wieder zuruͤckzufuͤhren. Und eine unzählige Menge Kreaturen werden geboren, leben und ſterben ſo in Unwiſſenheit und Abſtumpfung, ha⸗ ben nur das Anſehen von Menſchen, kennen von der Menſchheit nur ihre Schmerzen, ihr Elend, und wiſſen nicht, daß Gott ſie, wie Alle ausgeſtattet hat, indem er ihnen eine Seele gab, die ſie an die Gottheit knupft, eine — 147 — Vernunft, die, wenn ſie ausgebildet worden, ſie Allen gleichſtellt. — Der kleine Kuhhirt hatte eben ſeine Heerde in den Stall gefuͤhrt, als die Magd des Pachters zuruͤckkehrte, und vom Ufer des nahen Teiches zwei kranke Pferde hereinfuͤhrte, welche ſie dort getränkt hatte. Sie ſaß ohne Sattel ritt⸗ lings auf dem einen, die Röcke bis an's Knie heraufneh⸗ mend, und beſchleunigte den langſamen Gang deſſelben, in⸗ dem ſie mit ihren derben, nackten, rothen Beinen ſeine Wei⸗ chen ſchlug. Glend, zu ſchwere Arbeiten und Verdummung wirken, indem ſie ihre Schlachtopfer einem unerbittlich gleichen Masßſtabe unterwerfen, ſo gewaltig, die verſchiedenen Kenn⸗ zeichen von Erhebung, Kraft und Anmuth, welche Gott ſei⸗ nen Geſchöpfen aufgeprägt hat, zu vertilgen, daß dieſes Mäbchen von einem weiblichen Weſen nur noch den Namen hatte. Die durch die Haͤrte der Witterung grobgewordenen, ausgebeizten und verbrannten Zuͤge, der durch Arbeiten uͤber ihre Kraͤfte entſtellte derbe Wuchs, die zerlumpten und ko⸗ thigen Kleidungsſtucke, die wirren Haare, die kaum noch durch eine Haube von ſchmutzigweißer Leinwand gefeſſelt wurden, die kecke und harte Miene, die rauhe Stimme, die maͤnnlichen Bewegungen dieſer Ungluͤcklichen gehörten den⸗ noch dem Geſchlechte an, das Gott urſpruͤnglich mit ſolcher Zartheit der Formen, ſolcher Feinheit der Fleiſchfaͤrbung, ſolchen ſanften Bewegungen, ſolcher natuͤrlichen Anmuth, 10* — ſolcher ſchuͤchternen Reinheit, ſolchem zugleich anziehendem und keuſchem Zauber begabt hat, welche das Weib characte⸗ riſiren und Erziehung entwickelt wie befruchtet, denn jede dieſer koſtbaren Gaben ſcheint den Keim oder die Verpflich⸗ tung zu einer Anmuth oder Tugend enthalten zu muͤſ⸗ ſen. — Statt deſſen aber war dieſes Pachtermaͤdchen, ohne Er⸗ ziehung, ohne Unterricht, ohne Pflege, wie es der Fall bei ihrer Mutter und unzähligen andern ihres Gleichen ebenfalls war und iſt, noch mehr zu beklagen, als in aͤhnlicher Lage ein Mann. Von allem Gluͤcke enterbt, von aller Freude auf der Welt, hatte es uberdies noch in Folge von Arbeiten, Anſtrengungen und Elend ſelbſt die Phyſiogno⸗ mie, ja faſt die Geſtalt verloren, die ihr der Himmel gege⸗ ben. Und wenn der Anblick der phyſiſchen Entartung bei einem Manne das Gemuͤth ſchmerzt, muß nicht der eines Weibes, gleich dem, deſſen Bild wir oben entworfen haben, ein noch bittreres, peinigenderes Gefuͤhl verurſachen? Nicht lange, ſo kamen auch zwei Ackersknechte wieder in die Pachtung. Jeder derſelben ſtieg von dem Pferde auf dem zr geſeſſen. Das Pferdegeſchirr ward ſorglos da⸗ und dorthin in einen Winkel, auf den Duͤngerhaufen oder in die ſtinkende Lache geworfen, die bis an die Bruſt beſchmutz⸗ ten Pferde aber in dieſem S am andern Ende des Viehſtalls angebunden. Waͤhrend der Zeit ergriff der kleine Kuhhirt eine un⸗ geheure topferne Schuͤſſel und ging nach der Thuͤr der Pach⸗ —— — ——— — , e ——— — 149 — terwohnung zu. Nachdem er einige zerbrochne Stufen hinaufgeſtiegen, ſetzte er ſie auf eine Bank und ſagte mit einer Jammerſtimme: „Das Vieh iſt eingetrieben; da iſt die Suppenſchuͤſ⸗ ſel.“ — Und ſo wartete er denn, auf dem Steine ſitzend, von Ermuͤdung erſchoͤpft, vor Fieber und Froſt zaͤhneklappernd und den Kopf in beide Hände geſtuͤtz. Nach einigen Augenblicken erſchien durch das röthliche Licht, das an der Thuͤr der elenden Huͤtte ſchwankte, ein fleiſchloſer Arm mit einem großen hölzernen Loͤffel, und nicht lange, ſo war die gewaltige Schuͤſſel faſt ganz mit einem Nahrungsgemiſche gefullt, das einer beſondern Erwaͤhnung verdient. Der Grundſtoff dieſer Sache ohne Namen beſtand aus ſaurer Schlappermilch, mit Mehl von Buchweizen und we⸗ nigen Stuͤcken ſchwarzen, harten und klebrigen Roggenbrotes gemiſcht. Der etwas im Waſſer aufgelöſete Mörtel verur⸗ ſacht, wenn er in den Maurertrog faͤllt, keinen, ſo zu ſagen, ſtärkern und gröbern Laärmen, als dieſe, wohl verſtanden, kalt dargebotene ekelhafte Nahrung. Der Pachter und die Seinen hatten uͤbrigens auch keine geſundere und minder widerwärtige Nahrung. Als die Schuſſel voll, hob der kleine Hirt ſie mit Muͤhe auf, ſetzt ſie ſich auf den Kopf und ging wieder in den Stall. Als er dort ankam, goß die Pachterstochter in einige topferne Gefaͤße die wenige warme und ſchaͤumende Milch, die ſie den Eutern der Kuͤhe hatte entlocken können, um die Fertigung der Butter vorzubereiten, die man verkaufte, denn in der Pachtung verzehrte man nur den geronnenen Ueberreſt, der durch den Druck ſauer geworden. Aber dieſe Leute, zufrieden mit der abſcheulichen Nah⸗ rung, die ihrer nach einem höchſt muͤhevollen Tage wartete, dieſe Leute, an das Elend gewöhnt und dadurch gebrochen, empfanden, wenn ſie ſo die warme, geſunde und nahrhafte MWilch zum Verkauf vorbehalten ſahen, kein Gefüͤhl von Neid. Nein, es war mit ihnen, wie mit jenen Lumpenbedeckten Handwerksleuten, die in der Tiefe ihres Dachſtuͤbchens unab⸗ laͤſſig uͤber ihren eiſernen Webſtuhl gebeugt, daran gewoͤhnt ſind, jene friſchen und glaͤnzenden Stoffe von Seide und Gold nicht zu beneiden, deren bluhende, heitere, feſtlich ſtrah⸗ lende Muſter ſie ohne Unterlaß weben. Als der kleine Kuhhirt mit der Schuͤſſel, in welcher die gemeinſchaftliche Portion enthalten, am Stalle ankam, fand er dort ſeine Gefaͤhrten auf dem Duͤngerhaufen ohnweit der Thuͤr ſitzen, um den letzten Tagesſchimmer noch zu benutzen, der allein ihrem Mahle leuchten ſollte, da eine Laterne, au⸗ ßer der, welche in der Pachterwohnung brannte, nothwendig fur einen koſtſpieligen Ueberfluß wuͤrde gegolten haben. In dieſem Augenblicke toͤnte ſchmerzliches Geſtöhn aus dem Hintergrunde des Stalles. „Aha!“ ſagte einer der Knechte, „a fäͤngt Vater Jacques wieder ſeine Muſik an.“ S— —— — — „Es iſt die Stunde jetzt, wo die kleine Bruydre ihn alle Abende beſucht.“ „Armer, guter Mann! Wer's gut mit ihm meint, muß ihm bald den Tod wuͤnſchen.“ „Wie ein Wurm ſich winden .. . und ſtumm bleiben wie ein Fiſch . und das ſchon ſeit zwei Jahren! Das iſt ja ſchlimmer als der Tod.“ „Es iſt immer noch ein Gluͤck fuͤr ihn, daß Herr Cherrin ihm eine Schlafſtelle im Stalle und den Ueberreſt von unſerer geronnenen Milch giebt. Wenn das nicht waͤre, muͤßte Vater Jacques in einem Graben ſterben, wie ein Hund.“ „Und dieſe Mildthätigkeit von unſerm Herrn iſt um ſo ruhmlicher, da er ſelber ſo viel Ungluͤck hat,“ ſagte das Pachtermaͤdchen, la Robin genannt, die, wie wir ſchon be⸗ merkten, von einem weiblichen Weſen nur noch den Namen hatte. — „Man ſagt ja, der Gutsaufſeher des Herrn Gra⸗ fen werde unſern Herrn aus der Pachtung fortſchicken, weil er nicht zahlen kann.“ „Was geht das uns an?“ erwiderte roh einer der Ackerknechte. „Es wird immer einen Pächter in der Pach⸗ tung geben. Ob wir Peter oder Niclas gehorchen . man kann immer in einem Graben verenden. Das iſt mir ganz gleichgiltig, bis ich einmal dahin gekommen, wohin jetzt Vater Jacques es gebracht hat.“ „Und er ſoll doch zu ſeiner Zeit ein ſo geſchickter und — kraͤftiger Arbeiter geweſen ſein“, fuhr der andere Ackerknecht fort. — „Und jetzt aus! . gelaͤhmt an allen Gliedern!“ „Das waren die Erkaͤltungen bei den Moraſt⸗Umbre⸗ chungen, die ihm ſo die Glieder verdreht haben, wie einen Sichel⸗Handgriff.“ „Und dann ſpäter die Thaue in den Herbſtnaͤchten, als er Schäfer geworden war.“ „Und das ſteht uns ebenfalls bevor, wenn wir alt ſein werden, und vielleicht noch fruͤher. . .. Ja, es iſt nicht zum Lachen ich werde die Fieber nicht mehr los.“ „Alle Wetter! Es wird uns nichts Anderes gebraten, als allen Andern,“ ſagte la Robin, das arme, häßliche Ge⸗ ſchoͤpf, der es nicht an der Sorgloſigkeit und Philoſophie der Geringen fehlte. „Je mehr man mit der Hacke arbeitet, ſemehr bekommt ſie Scharten, und wenn ſie endlich nichts mehr nuͤtze iſt, wirft man ſie in's alte Eiſen. Dagegen iſt nichts zu thun.“ „Nichts .. das verſteht ſich das iſt nun einmal ſo das Loos.“ „Aber es iſt doch ein Loos, das fuͤr arme Leute ſehr ſchmerzlich iſt,“ ſagte einer der Stallknechte. „O ja, freilich, und hart, wer es zieht.“ „Ho, ho! man zieht es eben,“ verſetzte la Robin. „Loos iſt Loos!“ „O Du, la Robin, Du,“ verſetzte der Knecht, „Dich koͤnnte man eher in Stucke reißen, als daß Du ſagteſt: ich W5 * W5 — 153 — bitte um Verzeihung! Es thut mir leid! Ich hab's nicht gern gethan!“ „Aber weil es einmal unſer Loos iſt,“ entgegnete die Magd mit dem Tone tiefſter Ueberzeugung, „und der Be⸗ weis davon, daß es ſo ſei, iſt der, daß es das unſtige, daß es das Deine iſt.“ Bei dieſer ſiegreichen Erklärung des Fatalismus ihrer Beſtimmung kratzte ſich der Fuhrknecht, um eine Antlort ziemlich verlegen, hinter den Ohren, und ſchuͤttelte den Kopf. Er war nur halb uͤberzeugt. „Sieh,“ begann la Robin wieder, und nahm nun Thatſachen zur Unterſtuͤtzung ihres Raiſonnements: „ich will Dir das klar beweiſen, wie der Tag. Heute Abend habe ich auf Befehl des Herrn meine Kuͤhe gemolken, die Milch iſt noch ganz warm; dieſen Morgen habe ich auf Be⸗ fehl des Herrn 6 fetten Gänſen den Hals umgedreht, die in der Milchkammer aufgehangen ſind, um morgen nebſt 6 von den Truthuͤhnern der kleinen Bruyere in die Stadt zu Markte gebracht zu werden 20 Pfund Butter, ein. halbes Hundert Eier, zwei Scheffel des ſchoͤnſten Weizen, den der Herr geerntet hat, ein Hecht von wenigſtens 15 Pfund und zwei Karpfen, die zuſammen ſeben ſo viel wiegen, ich habe die ſchönen Fiſche dieſen Morgen in den Netzen gefangen.“ „Nun, und was beweiſ⸗t denn das uͤber das Loos?“ fragte der Fuhrknecht ganz erſtaunt. — „So wartet doch,“ antwortete la Robinz „mit dieſem Weizen könnte man koͤſtliches Brot backen, nicht wahr?“ „Ei freilich.“ „Mit der Butter und den Eiern einen köſtlichen Eierkuchen?“ „Verſteht ſich!“ „Mit der Milch eine gute Suppe bereiten?“ „Mit dem Hecht und den Karpfen in Stuͤcken ge⸗ ſchnitten ein koſtliches Backwerk?“ „Ja, ja, ja doch.“ „Und dieſe gebratenen Gaͤnſe gaäͤben eine herrliche Speiſe?“ „Als ich noch klein war, habe ich deren viele gehuͤtet, aber nie dergleichen genoſſen. Es muß ein merkwuͤrdiges Eſſen ſein.“ „Alſo haben wir,“ fuhr die la Robin mit immer triumphirenderer Miene fort, „hier ganz nahe bei uns etwas, woraus man Weißbrot, Milchſuppe, einen Eierkuchen, einen Gaͤnſe⸗ oder Truthuͤhnerbraten, gebackne Fiſche und ſelbſt nachher einen vortrefflichen Kuchen machen kann, weil wir Mehl, Eier und Butter haben. Das iſt doch ein Abendeſſen, will ich hoffen!“ „Ein wahres Hochzeitsmahl! Man muß ſich verhei⸗ rathen, um einmal in ſeinem Leben ſo etwas zu genießen⸗ Aber das Loos? . . . was beweiſot das unſer Loos?“ „Das beweiſ't es,“ entgegnete belehrend la Robin, „— —— —— „das beweiſ't es, weil wir ganz in der Nähe von ſolchen ſchoͤnen Sachen unſre Paſtete aus Corabin *) und geronne⸗ ner Milch eſſen werden.“ „Hm!“ brummte der Fuhrknecht und ſah ſeinen Ge⸗ fahrten mit fragender Miene an, . . aber ſein hoͤchſt er⸗ muͤdeter Gefährte war halb eingeſchlafen, ohne ſich um die halbphiloſophiſche Unterhaltung zu kuͤmmern, waͤhrend der kleine Kuhhirt dort in ſich zuruͤckgezogen kauerte und vor Fieber klapperte. Da la Robin aus der Phyſiognomie ihres Mitſprechers ſchloß, daß er ſich noch nicht vollſtaͤndig erbaut finde, ſo ſetzte ſie hinzu: „Sieh'ſt Du, Simon, wenn es unſer Loos waͤre, der⸗ gleichen gute Sachen ſtatt unſrer Paſteten zu eſſen,. ſo wurden wir ſie auch eſſen, aber da wir ſie nicht eſſen, und unſer Herr auch nicht, iſt denn das nicht unſer Loos?“ „Aber, Donner und Blitz,“ rief der Fuhrknecht am Schluſſe dieſes Raiſonnements; „weſſen Loos iſt es denn ſie zu eſſen, dieſe guten Sachen?“ „Das Loos der reichen Leute in den Flecken und Stadten, weil ſie ſie kaufen und ſie eſſen,“ antwortete la Robin. — 36 — und Ochſen zu kaufen, von denen wir auch nichts zu iſſen bekommen *). „Hm!“ „Iſt es wahr?“ begann la Robin wieder voll Triumphs, „wahr oder nicht? eſſen ſie Alles und wir Nichts?“ „Es iſt wahr, daß ſie Alles eſſen,“ ſagte der Knecht nach einem Augenblicke der Ueberlegung wie von der ein⸗ leuchtenden Wahrheit der Schlußfolge der la Robin betrof⸗ fen, „es iſt wahr, daß ſie Alles eſſen und wir Nichts.“ „Sie haben Alle ihr Loos, ſo wie wir das unſere, nur iſt das ihre gut und das unſere ſchlecht. Und nun alſo geſchwind die Loͤffel heraus!“ ſetzte die la Robin hinzu; „eſſen wir die Paſtete, das wird eben ſo gut und eine gute Ent⸗ wicklung ſein.“ Und nun ging Jeder an die Schuſfe, von einem Appe⸗ tit getrieben, der den Ekel maͤßigte. La Robin zwiſchen *) In den Werken von Jacques Bujault, voll ſelten ſo gefundener geſunder Vernunft und bewundernswerthem praktiſchem Verſtande, einem wahren Katechismus fur Ackerbaukunde, lieſ't man: „Die eine Hälfte der Welt weiß nicht wie die andre lebtz man denkt nicht daran, daß es in dem Departement (Bujault ſpricht vom Departement der deus Sévres, das viel weniger arm als das von Sologne, wo unſre Erzählung ſpielt) 270,000 Individuen giebt, die niemals weder Rind— noch Kalb- noch Schöpſenfleiſch genießen, und daß ein Viertel von einem halben Kilogramm Schweinefleiſch wochentlich fur Jeden hinreicht.“ In Sologne giebt es nur eine kleine Zahl der das Land bauen⸗ den Bevolkerung, die ſelbſt darauf Anſpruͤche machen kann. — 157 — den beiden Knechten ſitzend, ſchien ſie mit gleichem Wohl⸗ wollen zu behandeln. Der kleine Kuhhirte ſaß ihr gegen⸗ uͤber. „Das faͤllt euch ſchwer und kalt in den Bauch wie im Schnee frikaſſirte Eisſchollen,“ ſagte der Knecht, indem er langſam ſeinen Löffel wieder in die Schuͤſſel tauchte; „ich war ganz durchfroren als ich kam, und das erkaͤltet mich noch mehr.“ „Nicht einmal die Hunde des Herrn Grafen, der eben im Walde jagte, wuͤrden mit der Paſtete da zufrieden ſein,“ ſetzte der Andre hinzu. „Ja, ja, die haben's vortrefflich, werden gehegt und gepflegt, die Beſtien die,“ begann Simon wieder. „Neulich als ich Heu in's Schloß fuhr, habe ich im Vorbeigehn Meiſter Latrace, den Jäger, ihnen in ihrem Stalle die Suppe zurichten ſehn. Ha! da gab's Schöpſenkopfe, Kal⸗ daunen, Ochſenherzen, eine wahre Hochzeitsſuppe.“ „Oho, jeder Mann kann doch auch nicht ein Jagdhund ſein,“ ſagte la Robin mit einer Art naiver Reſignation und ohne die mindeſte ironiſche Abſicht. Dieſer Wunſch der Pachtmagd ſchien uͤbrigens auch ſo natuͤrlich, daß er zu kei⸗ nem Commentare Veranlaſſung gab. In dieſem Augenblicke ließ ſich das Geſtoöhn aus dem Stalle von Neuem vernehmen, und eine Stimme rief nach der Bruydre mit dem Ausdrucke ſteigender Ungeduld. „Da ruft Vater Jachues nach der Bruydre. Der arme Alte wird ungeduldig,“ ſagte la Robin. — — — 158 — „Es iſt auch in der That ſonderbar. Die Nacht iſt ſchon eingebrochen und die Kleine iſt mit ihren Truthuͤh⸗ nern noch nicht da,“ verſetzte einer der Knechte: „das ſage ich nicht um der Paſtete da willen, von der wird ihr immer noch mehr uͤbrig bleiben als ſie braucht.“ „Ja freilich; das kleine Ding ißt wie ein Zaunkoͤnig, wenn ſie ja einmal ißt . .. weil ſie es gerade will,“ der Andre mit geheinnijpoler Miene: „wenn ſie wollte. ſo aͤße ſie gar nicht.“ „Das will ich nicht in Abrede ſtellen,“ fing la Robin kopfſchuͤttelnd an; „weil ſie bezaubert iſt. Das be⸗ weiſen ihre Truthuͤhner, die ſie kennen, ſie lieben, und mit ihr wie Hunde mit ihrem Herrn umgehen.“ „Nicht gerechnet daß die beiden großen Truthaͤhne, die ſo bos ſind, einen in's Geſicht ſpringen wuͤrden, wenn man einmal das Ungluͤck hätte, Nachts in den Huͤhnerſtall zu kommen, wo Bruyere in dem Neſte das ſie ſich gemacht hat, uͤber ihren Thieren ſitzt, wie ein Sperling. Der dicke Sylvain iſt Zeuge, der vorigen Sommer in den Stall ge⸗ hen wollte, und faſt um die Augen gekommen iſt „Und Herr Beaucadet, der Obergensd'arme, der mit der Bruydre ſchaͤkern wollte, und geſchwind vor den beiden kalekutſchen Haͤhnen, die ganz des Teufels waren, Reißaus nehmen mußte.“ „Das Viehzeug iſt gewiß ih behext und ich möchte nicht davon eſſen, wenn einmal mein Loos waͤre, davon zu eſſen, wie la Robin ſagt.“ F — 159 — Mehre Bauern, ein Greis, ein Mann von reiferm Alter und eine Frau die ein Kind trug, traten jetzt in den Pachthof und gingen auf die Dienſtleute zu. „Aha,“ ſagte die la Robin, „das ſind gewiß Kunden von der Bruykre. Aber die kenne ich noch nicht.“ „Iſt Bruyère zu Hauſe?“ fragte einer der Eintre⸗ tenden. „Wußte ich's doch,“ ſagte die la Robin wie zu ſich ſelbſt, und fuhr dann laut fort: „Ihr wollt euch einen gu⸗ ten Rath von ihr geben laſſen, nicht wahr, gute Leute?“ „Ja, meine liebe Tochter; wir kommen von Val her. Man hat uns von ihr erzählt, und da ſind wir denn nach dem Feierabende fortgegangen.“ „Die Kleine ſollte ſchon wieder da ſein,“ entgegnete la Robin. „Aber ſie wird nicht lange auf ſich warten laſ⸗ ſen. Wenn ihr ſie fruͤher ſehen wollt, ſo geht bis an den Canal, links von der Thuͤr hinaus. Bruyere wird gewiß uͤber den Damm kommen.“ „Schönen Dank, meine Tochter,“ ſagte der aͤlteſte der beiden Bauern. Dann gingen er und ſeine Gefährten aus dem Pacht⸗ hofe wieder fort. Veuntes Rapitel. Bruyére. „Gut!“ ſagte la Robin als ſie die Kunden der Bruydre ſich entfernen ſah: „Die Prozeſſion geht fort; jetzt ſind's Leute aus Val, ihr werdet auch erleben daß noch welche aus Beauce herkommen, um Rath von ihr zu holen.“ * „Beweiſ't um ſo mehr daß ſie behert iſt.“ „Ja, ja, ganz gewiß muß ſie behert ſein,“ erwiderte la Robin, „um ſo niedlich zu bleiben.“ „Und die Haare, glatt wie eine Birteminde!“ „Und der Kranz und die Straͤuße!“ „Und die drolligen Guͤrtel!“ „Und die rohrgeflochtnen Stiefelchen!“ „Und die großen gruͤnen Augen! .. von denen kann man doch ſagen daß es wahre Hexenaugen ſind.“ „und daß ſie das Wetter vorausſagt, Trockenheit und Hagel, Regen und Nebel.“ „Das will ich meinen! Was das betrifft, iſt ein Loire⸗ ſchiffer ein Nichts gegen ſie.“ 7————— ——,—————— — 161 — „Daher kommt man auch von allen Seiten her, um ſich Raths bei ihr zu erholen.“ „Und wie ſie den Erdboden kenntl Sie braucht nur denen, die ſie darum befragen, ein paar Worte zu ſagen und der ſchlechteſte Boden wird gut. Bei ihr giebt's gar keine Sandbloͤſen*). Man muß ſie nur hoͤren.“ „Das Pachtgut hier beweiſt es. Herr Cherrin hat ſie gehoͤrt, vergangnes Jahr; und was fuͤr eine Ernte war das!“ „Ja, das hat ihm wohl auch was Rechtes geholfen? Sein Pacht war eben aus. Der Aufſeher des Herrn Gra⸗ fen hat die ſchoͤne Ernte geſehen und den Pacht um's Drit⸗ tel und ein tuͤchtiges Trinkgeld geſteigert. Herr Cherrin hat unterzeichnet und Alles zugeſtanden. . und dies Jahr, da er nicht bezahlen kann, jagt man ihn fort.“ „Das iſt aber doch nicht die Schuld der Worte der Bruyere.“ „Ach nein, nein, das nicht! Sie truͤgt ſich nie . Und wie ſie die Kraͤuter kennt! . . . denn eine Zeitlang haben die Kraͤuter, die ſie bei dem Vater Jacques brauchte, ihm ſehr gut geche aber das Uebel iſt doch ſchlimmer geworden. es iſt e zu hartnaͤckig.“ Nur bei den Fiebern da wollen ihre Worte nicht anbeißen.“ Durchaus unfruchtvare Striche, wo ſelbſt die Weide und Birke nicht wächſt. Martin. I. 11 F — 162 — „Sie behauptet, die Moraſte und Torfgruben braͤchten ſie hervor,“ rief einer der Knechte mit lautem Lachen. „Was das fuͤr Albernheit iſt!“ „Nein, nein,“ ſagte la Robin, „weil ſie es behauptet, glaub' ich's auch. Wenn ſie fuͤr eine Sache behext iſ, iſt ſie es auch fur die andre.“ „Alle Wetter!“ brummte der Knecht unentſchloſſen, „das iſt vielleicht moͤglich.“ „Man braucht ja nur Acht zu haben,“ fuhr la Robin fort. „Wenn man etwas verloren hat, ſo braucht man ihr nur zu ſagen, in welcher Gegend es geſchehen ſein kannz da laͤuft ſie dann ſchnurſtracks mit ihren Truthuͤhnern fort und zwingt dieſe, die Sache wieder zu finden, wie es mit der ſilbernen Doſe des Aufſehers der Fall war.“ „Und mit der kupfernen Pulverbuͤchſe des Fu⸗ waͤchters *). „Und die kleine Bruyere ſollte nicht behext ſein!“ „Ho, ho!“ „Ohne noch dazu zu rechnen, daß, was das gute Herz betrifft, ſie ihres Gleichen ſucht.“ „Beweis davon, daß als Beéte⸗puante, der Wild⸗ *) Wir ſind zwei Mal Zeugen eines gleichen Falles gewe⸗ ſen, eines allerdings ſehr ſonderbaren Falles, wovon man uns aber folgende nicht unwahrſcheinliche Erklärung gegeben hat, nämlich, daß die Truthuͤhner beim Erblicken eines glänzenden, fur ſie leuchtenden und fremden Gegenſtandes, ſich um verſammeln und aus Leibeskräften glukſen. — ſchuͤz, wie ein Wolf gehetzt ward, ſie uͤber ihn wachte und ihn ſtets warnte.“ „Auch hat man ihn nun, da man ſah, daß man ihm nichts anhaben konnte, in Ruhe gelaſſen.“ „Bei alledem ein braver Menſch, der Bete⸗puante. Man ſagt, wenn er ein Wild ſtiehlt, ſo geſchieht es blos um ein Stuͤck guten Wildprets oder friſchen Fiſches einem armen kranken Teufel zu geben, den ein wenig gute Nah⸗ rung wieder auf die Beine bringen koͤnnte.“ „Das ſagt man, und es iſt leicht moͤglich. Die kleine Bruyere wuͤrde ihn auch nicht ſo lieb haben, wenn er nicht ein guter Menſch ware.“ „Seit einiger Zeit ſieht man ſie oft bei einander.“ „Sie wird gewiß auch den Wildſchuͤtz behext haben, die kleine Hexenmeiſterin.“ „Oh gewiß iſt ſie behext und behert wieder, denn man braucht ſie ja nur neben mir zu ſehen,“ ſagte die arme abſtoßende Robin ganz naiv, „mit ihren zarten Fuͤßchen, zar⸗ ten Beinen, zarten Haͤnden und zartem Wuchſe, ob ſie gleich ſchon 16 Jahr iſt; neben mir . . . und ſie ſieht nach gar nichts aus . ein Beweis daß ſie behert iſt.“ „Und wenn ſie es nicht waͤre, warum hat ſie denn, ſtatt mit uns unter einander im Stalle zu ſchlafen, ſelbſt wie ſie noch ganz klein war, fur ſich allein mit ihren Trut⸗ huͤhnern zuſammen niſten wollen?“ „Das iſt Dir gar nicht recht geweſen, mein Burſche; Du hätteſt auch mit ihr gern dumme Streiche machen wol⸗ 11* len, Du!“ ſagte die Robin uͤberlaut lachend, „ihren rechten Arm ausſtreckend und ihrem Nachbar einen tuͤchtigen Stoß in die Rippen gebend. Dieſer aber beugte ſich, um nicht den letzten zu haben, hinter ſie, und ſtieß den andern Knecht, der ſchon eingeſchlafen war, derb in den Ruͤcken, worauf die⸗ ſer, der Spielregel nach, wieder dem kleinen Hirtenjungen einen derben Fußſtoß gab, der Knabe aber ſuchte, immer⸗ fort zaͤhneklappernd, zu laͤcheln und gab den Fußſtoß Nie⸗ mand wieder. „Du aber, la Robin, Du hätteſt es nicht ſo wie die kleine Bruydre gemacht,“ fing immer lachend der Knecht wieder an, „Du waͤrſt nicht ſo dumm geweſen, unſern Stall bei Nacht zu verlaſſen.“ Und damit umarmte Simon laͤrmend das zuruckſto⸗ ßende Geſchoͤpf und wiederholte: „Du biſt nicht ſo dumm, den Stall bei Nacht zu ver⸗ laſſen!“ „Nein, ſie iſt nicht ſo dumm,“ ſetzte der Nachbar links hinzu und umarmte nun ſeinerſeits und nicht minder vertraulich, nicht minder derb die Robin, ohne dadurch im Geringſten Simons Eiferſucht zu erwecken zu ſcheinen, waͤh⸗ rend der kleine Kuhjunge bei den groben Späßchen, die er vernahm, gleichgiltig blieb, denn wir wollen es nicht unter⸗ nehmen die naiv cyniſche Unterredung zu wiederholen, zu der die ſchallenden Kuͤſſe, welche die beiden Knechte der Magd gaben, das Signal waren, und die ſich, bis die Nacht ziem⸗ lich eingebrochen war, verlaͤngerte. —,—————— ——,————— Nun wurde das was noch von geronnener Milch und Buchwaizen in der Terrine geblieben war, vom kleinen Kuh⸗ hirten außerhalb des Stalles auf einen Trog geſetzt und mit einem Eimer bedeckt. Dies war das Abendeſſen der Bruydre, deren verſpaͤtigtes Erſcheinen die Leute der Pach⸗ tung etwas wunderte, aber nicht beunruhigte. Wie konnte das auch bei einem beherten Geſchoͤpfe anders ſein? Nachdem nun die zerfallnen Thore des Stalles ge⸗ ſchloſſen worden, legten ſich die beiden Knechte, die Magd und der kleine Kuhhirt unter einander, angekleidet wie ſie waren, auf dieſelbe Streu und draͤngten ſich der Waͤrme wegen dicht aneinander, der da ſich mit einem Fetzen der Decke, jener mit einem ſchlechten Kittel bedeckend, denn Betten, Betttuͤcher und Decken ſind den landbauenden Racen im Allgemeinen unbekannte Dinge. Was die unanſtändigen Vorgaͤnge nun betrifft, welche dieſe langen Winternächte oft bedecken, welche ſo in einer ein⸗ ſamen Pachtwohnung zugebracht wurden, oder die heißen Som⸗ mernächte, wenn zur Zeit der Ernte die Scheunen voll Schnitter und Schnitterinnen ſind, wo Frauen, Maͤnner, Mädchen und Kinder unter einander auf dem Strohe lie⸗ gen, wie ſollte man ſich daruͤber wundern — oder vielmehr, was haͤtte man fuͤr ein Recht dazu? So giebt es eine Menge Geſchöpfe, ohne größre Sorg⸗ falt und Pflege auferzogen als die Thiere des Feldes, ohne Unterſchied des Alters und Geſchlechtes unter einander ge⸗ pfercht wie die Thiere, wenn ſie von der Arbeit oder Weide — kommen. Mit welchem Rechte ſollte man nun von ihnen. andre Sitten fordern als von Thieren? Mit welchem Rechte die Bezäͤhmung ihrer gluͤhenden Triebe, die Achtung der Kindheit und die Wuͤrde ſeiner ſelbſt fordern? Wie viele dieſer Ungluͤcklichen leben daher auch, ſich ſelbſt und den unſeligen Traditionen dieſer Exiſtenz von Elend und Verthierung uͤberlaſſen, enterbt von Allem was den Geiſt bildet, das Herz reinigt und die Seele erhebt, ſo hin wie ſie können, und ganz⸗ gezwungener Weiſe in dem Kothe, indem man ſie verfaulen laͤßt. „Aber, werden die Optimiſten und Ueberſaͤttigten, die ſchlimmſte Sorte von Egoiſten ſagen, dieſe verthierte Race nimmt ihr elendes Loos hin, ohne ſich zu beklagen, oft wälzt ſie ſich ſogar im Kothe mit einer Freude, mit einer groben Sinnlichkeit. Man betrachte nur die Proletarier auf dem Lande; ſie begnuͤgen ſich mit einer ungeſunden und abſcheulichen Nahrung, waͤhrend ſie jeden Tag ohne allen Neid die Elemente der geſuͤndeſten und ausgeſuchteſten Nahrung ernten, aufziehn, duͤngen und vorbereiten. Wozu denn bei dieſen Ungluͤcklichen Beduͤrfniſſe und Geluͤſte er⸗ wecken, die ſie bis jetzt nicht haben? Beobachtet ſie nur: kaum geſättigt werfen ſich Männer, Frauen und Kinder auf dieſelbe Streu. Was verſchlagen denn die Thatſachen wilden Vermiſchtſeins, die ſich oft in dieſen Höhlen ereig⸗ nen! Die Nacht iſt gefallig, ihre Dunkel verbergen Alles was verborgen ſein ſoll. Dieſe Race iſt ſeit Jahrhunder⸗ ten ſo; ſie iſt geduldig, ſie iſt an Knechtſchaft gewoͤhnt, ſie — — 167 — verlangt nichts, ſie beſcheidet ſich, ſie arbeitet, ſie leidet ohne zu murren. Nehmt alſo doch nicht noch mehr ihre Partei als ſie es ſelbſt thut. Dieſe Leute, fuͤr ſo ungluͤcklich ihr ſie auch halten mögt, lachen, ſingen und lieben auf ihre Art. Hofft daher nicht Mitleid über ihr Loos zu erwecken.“ Darauf antworten wir: . Eben deßhalb weil dieſe enterbten Racenoft kein Be⸗ wußtſein von dem haben, was Rohes, Wildes, Verthieren⸗ des in dem thieriſchen Leben ſelbſt liegt, in welchem ſie le⸗ ben muͤſſen, verlangen wir im Namen der menſchlichen Wuͤrde und Verbruͤderung fuͤr ſie eine Erziehung, die ihnen Bewußtſein und Abſcheu vor dieſer jammervollen Exiſtenz verleiht. Eine Erziehung, die ihnen nun auch das Maaß ihrer Kräfte, die Kenntniß ihrer Rechte, die Religion ihrer Pflichten gewaͤhrt, erlaubt dieſen enterbten Klaſſen den geſetzlichen Theil an den Guͤtern und Producten zu fordern und zu erhalten, welche durch ihre Mitwirkung Werth er⸗ halten, einen Theil, der billigerweiſe im Vergleich zu der Muͤhe, Arbeit und Intelligenz des Arbeiters ſtehen ſollte. „Aber, — werden noch die Optimiſten und Ueberſaͤt⸗ tigten hinzufugen, die müde der Wintervergnuͤgungen, als kluge Leute den Lenz und Sommer zu ihren laͤndlichen Ausflugen waͤhlen,— was ſpricht man uns nur von feuchten und ungeſunden Höhlen, von einſamen und unbebauten Landſtrecken und peſtilenzialiſchen Moraͤſten vor? Da iſt zum Beiſpiel die Meierei von Grand⸗Genevrier; nun, die iſt ja voͤllig . hinreißend! Cabot und Dupri wuͤrden ein reizendes Gemülde daraus machen.“ Und in der That bedecken ſich auch die unbebauten Haiden im Fruͤhlinge mit roſafarbnen Blumen, an den ſumpfigen Raͤndern und Moraͤſten entwickeln ſich die ſpitzen Blaͤtter der Iris mit goldnen Bluthen, oder die Stämme hohen Rohres mit braunen Buͤſcheln im Buͤndel. Das junge Moos bedeckt mit ſeinem Sammt und ſeinen ſina⸗ ragdnen Reflexen die Breter und das Stroh der halbver⸗ fallenen Wohnungen; die Riſſe des zerſtörten Mauerwerks verſchwinden unter den Schmarotzerpflanzen, unter denen der anmuthige Thyrſus der Winde mit weißen und blauen Glocken ſich ſchlängelt. Endlich zeigen ſich auch noch die wenigen großen Eichen, die gegen Rorden die Meierei be⸗ ſchirmen, in dem ſchwelgeriſchſten Gruͤn. Dann ſchreit beim Anblicke der elenden Huͤtten, vom ſtehenden Gewaͤſſer des Moraſts züruͤckgeſpiegelt und in Mitte roſiger Haiden bluhender Iris und hoher gruͤnender Blaͤtter verborgen, der Optimiſt von Landſchaften! von Gebäuden! von Maleriſchem! und zuckt mitleidig die Achſeln, wenn man mit ihm von der furchtbaren Lage der Leute ſpricht, die dazu verurtheilt ſind, an einem Orte zu leben, der, dem Optimiſten nach, ein ſo vortreffliches Bild abgeben wuͤrde. Wenn aber nur der optimiſtiſche Liebhaber von Farbe und Landſchaft ſeinen Aufenthalt in einer ſo maleriſchen — 1 — Gegend um etwas verlängerte, ſo wurde er bald gewahr werden, daß die Hitze der Sonne die Maſſen feuchten Duͤnger, wovon der Hof voll, zum Dampfen bringt, und dann ein fauler Dunſt daraus ſtroͤmt, der die ohnedies der Luft beraubte Wohnung noch mehr verpeſtet, waͤhrend der Schlamm des Moraſtes von der Gluth der Hundstage er⸗ waͤrmt, nachtheilige Miasmen verbreitet, die eben ſo unge⸗ ſund als die dicken Nebel, mit denen er im Winter und Herbſt bedeckt iſt. Ja, man weiß es nicht, oder vergißt, daß wenn, Dank ſei es der unerſchöpflichen Fuͤlle der Natur, dieſe armſeligen Wohnungen, welche die Heimath fuͤr die ackerbauende Be⸗ völkerung ſind, auch während einer kurzen Jahreszeit außerhalb mit einem beſcheidnen laͤndlichen Schmucke verziert ſind, das Innere derſelben und die Lage derer, die ſie bewoh⸗ nen, zu aller Zeit einen der ſchmerzlichſten Anblicke darbieten, die dem Herzen weh thun koͤnnen. Und wir behaupten, daß das Loos, daß die Geſundheit, daß das Leben von Tauſenden von Geſchoͤpfen Gottes nicht von dem guten oder boͤſen Willen eines guten oder böſen Herzens eines einzigen Menſchen abhaͤngen ſollen, unter dem Vorwande, daß er der Inhaber eines Theils des Bodens eines Landes ſei. So iſt denn auch Herr Duriveau, oder nach ihm ſein Sohn Eigenthümer von zwei bis drei Stunden Gebiets. Aus Sorgloſigkeit, aus Unwiſſenheit, aus Egoismus oder aus Geiz dieſes Mannes, kurz durch ſeine Schuld bleibt — dieſer Theil des Bodens, den er beſitzt, und den eine Menge Familien von Arbeitsleuten bewohnen, der menſchenmörde⸗ riſchen Einwirkung ſtehender Gewäſſer uͤberlaſſen, die geregelt und zu großen Arbeiten fuͤr Luftverbeſſerung benutzt, den Boden befruchten und verbeſſern könnten, den ſie jetzt mit Unfruchtbarkeit belaſten, und fuͤr Alle, die ihn mit ſo vieler Muͤhe bebauen, todtſchaͤdlich machen. Nicht genug aber, daß Herr Duriveau dieſe Heerde der Peſtilenz fort⸗ dauern laßt, zwingt er auch ſeine Pachter, in furchtbaren Wohnungen zu leben, die er ihnen aus Koth und Stroh an den ungeſundeſten Punkten ſeines Bodens auffuͤhrte, feuchte und duͤſtre Höhlen, in denen dieſe elenden laͤndlichen Proletarier gezwungenerweiſe Fieber und Laͤhmung bekom⸗ men, bis ein vorzeitiger Tod ſie zehntet. *) Giebt es irgend eine Behoͤrde, irgend ein Geſetz, das *) Seltne, aber ſehr ehrenvolle Ausnahmen beſtaͤtigen die All⸗ gemeinheit der Thatſachen. Der verſtorbene Herr Vincent Cail⸗ lard hat zuerſt in einem Theile der Sologne nach einem großen Maßſtabe den Anbau der nordiſchen und ſchottiſchen Weiden ein⸗ gefuͤhrt. Dieſe Anpflanzungen haben bis dahin unfruchtbaren und ungeſunden Boden geſunder und tragbarer gemacht. Später hat Herr de Lorges, nicht blos damit zufrieden das ausgebrei⸗ tetſte Mitleid zu zeigen, auch unermeßliche Ausrottungen ausge⸗ fuͤhrt und derſelben Gegend durch den edelmuͤthigen Impuls, den er dem Ackerbau gegeben, ausgezeichnete Dienſte geleiſtet. Herr Menard, ſonſt Notar in Baurench, verſucht auch die verſtändig⸗ ſten Verbeſſerungen des Ackerbaues, indem er ſie auf die frucht⸗ barſten und kuͤnftig wirkſamſten Ideen von Aſſociation und So⸗ ——————— — — 171 — dieſen Mann hindern konnte, das menſchenmoͤrderiſch zu machen, was heilſam, unftuchtbar, was Fruͤchte brin⸗ gend ſein ſollte? Nein, dieſer Mann gebietet nach eigner Willkur uͤber ſeinen Theil des Bodens von Frankreich. Und doch, welche ſonderbare Anomalie! Wenn in der Stadt irgend ein etwas winkliges oder ſchiefes Haus nur mit Einem Fuß breit uͤber eine 30 bis 40 Fuß breite Gaſſe vorſteht, alſobald geraͤth das Geſetz in Bewegung ſein Herz blutet, es wird unwillig, es hegt Mitleid und ruft aus, ja ſchreit im Namen des oͤffentlichen Nutzens Wehe gegen den Eigenthuͤmer. Im Guten oder Boͤſen muß er ſein Haus abtragen. Verletzte es nicht die Anſicht? Genirte es nicht in etwas auf einem gewiſſen Punkte die Circulation? War es nicht dringende Nothwendigkeit? Han⸗ delte es ſich nicht um die Richtigkeit des Alignements? um die Erweiterung des Trottoirs? So werden auch Seiten der Behoͤrde des Wegamts, die vermeintlich unverjährbaren Rechte des Eigenthums ohne Umſtände mit Fuͤßen getreten und man noͤthigt dieſen Mann augenblicklich ſein Haus abzutragen ... ſein vaͤterliches zialismus ſtuͤtzt. Aber dieſe Beiſpiele, ſo ehrenvoll ſie auch ſein mogen, ſind doch nur Ausnahmen und ſchließen ſich an keines der großen Syſteme an, deren Initiative nur durch einen ſozia⸗ len Staat uͤbernommen werden kann, der auf radical-demokrati⸗ ſche Baſen conſtituirt, weil er allein den Repräſentanten der drei Elemente alles Reichthums, Arbeit — Intelligenz — Kapi⸗ tal, vollſtändige und geſetzliche Befriedigung geben koͤnnte. — Haus vielleicht . das Haus vielleicht, worin er ſeine Mutter ſterben ſah! Dieſe Unterordnung des Privatintereſſes unter das all⸗ gemeine geht allerdings von einem an ſich bewundernswer⸗ then Prinzipe aus, das in den Worten enthalten: das oͤf⸗ fentliche Wohl (fuͤr alle Verſtaͤndige liegt eine heilige ſoziale Revolution in der fruchtbaren, weiten und verſtaͤn⸗ digen Ausdehnung dieſes Prinzips der Eppropriation). Aber warum die Folgen dieſes köſtlichen Prinzips der Bruͤ⸗ derlichkeit blos auf die Verſchoͤnerungen der Staͤdte beſchraͤn⸗ ken? Warum bleibt die Geſellſchaft, die doch ſo radical und legitim das Eigenthum, den Individualismus angreift, wenn unter gewiſſen Umſtaͤnden das Eigenthum, der Individua⸗ lismus dem allgemeinen Beſten nachtheilig ſind, warum bleibt die Geſellſchaft muͤſſig und entwaffnet bei weit wich⸗ tigern Fragen als denen des Alignements von Straßen, wenn es ſich um die Fruchtbarkeit, um den Reichthum des Landes und ſogar um das Leben handelt? Ja, um das Leben des groͤßten Theils ſeiner Kinder! Sollte die Geſellſchaft nicht im Namen der beleidigten Menſchheit, im Namen der beleidigten Gottheit, denn es iſt Gotteslaſterung, ſo unwuͤrdig das zu benutzen, was Gott zur Freude Aller geſchaffen hat, ſollte ſie nicht, eben ſo ſtreng gegen Herrn Duriveau, den großen Landbeſitzer, als gegen den, deſſen Haus einen unpaſſenden Vorſprung in Mitten einer Gaſſe machte, ausrufen: „Im Namen des oͤffentlichen Wohls, Eure Laͤndereien geſuͤnder, baut menſchliche Wohnungen — und keine Thierhoͤhlen fuͤr arbeitſame Menſchen, die allein den Boden, deſſen Inhaber Ihr ſeid, bebauen und werth⸗ voll machen, entreißt dieſe Elenden, die doch Eure Bruͤder, Euresgleichen ſind, den Krankheiten, die ſie ſchwaͤchen, töd⸗ ten! und wofuͤr Ihr Gott und den Menſchen verantwort⸗ lich ſeid, weil es von Euch abhaͤngt, die Urſache dieſer Sterblichkeit zu zerſtören! wo nicht, ſo expropriirt Euch die Geſellſchaft, ſo wie ſie es thut, wenn ein Eigenthuͤmer ſich weigert, das Alignement ſich gefallen zu laſſen, oder ein Haus wieder aufzuhauen, deſſen bevorſtehender Sturz die Sicherheit der Voruͤbergehenden bedroht. Vergebens wuͤrde Herr Duriveau dagegen ſagen: „Es fehlt mir an Mitteln, um meine Laͤndereien zu hln oder gefuͤnder zu machen, um geſunde und wohnbare Haͤuſer ſtatt der Hoͤhlen aus Koth und Stroh zu bauen.“ Muͤßte die Geſellſchaft ihm nicht darauf antworten: „Die Geſuͤndermachung, ſeine Befruchtung und uͤber⸗ dies die Geſundheit und das Leben von 50 Familien muͤſſen den Schwankungen Ihrer Caſſe, der Ungenuge Ihrer Mittel oder der Haͤrte Ihres Herzens nicht mit Gewalt unterge⸗ ordnet ſein. Sind Sie zu arm, um ſo reich zu ſein, ſo verkaufen Sie Ihre Ländereien. Die Geſellſchaft wird von dem Kaͤufer die Garantieen fordern, die Sie nicht dar⸗ bieten. Und ſollten die Faͤufer nicht genügen, ſo wird die Geſellſchaft kaufen. Die Erde giebt ſtets und gewiß dop⸗ pelt wieder, was man auf ſie wendet, aber unter der Bedin⸗ gung, daß man ihre Produkte — erwarten kann. Iſt die * Geſellſchaft einmal Eigenthuͤmer geworden, ſo wird ſie ge⸗ ſuͤnder machen, erbauen, ausroden, und bauen im Intereſſe Aller und folglich durch ſich ſelbſt, denn ſie wird die acker⸗ bauenden Arbeiter zur Aſſociation, zur Theilung berufen.“ Und dann wird die Gemeinſchaft den Egoismus und die unfruchtbare Individualitaͤt erſetzt haben, und dann werden ſich dieſe Steppen, bisher moraſtig, einſam und faſt unfruchtbar, wo eine kraͤnkliche und elende Bevoͤlkerung vegetirte, in ein lachendes, fruchtbares Land umwandeln, mit gluͤcklichen Menſchen bevoͤlkert, die nach den Geſetzen der Arbeit und Intelligenz die Guͤter genießen, welche Gott fuͤr Alle geſchaffen hat. Und Gott ſei Dank, die Macht der Dinge iſt ſo groß, daß dieſe Zeiten herannahen.. .. Sorgten nur die Maͤn⸗ ner, welche uͤber Menſchen herrſchen, dafuͤr, daß die Eman⸗ zipation der enterbten Claſſen ſo viel als möglich ohne Er⸗ ſchuͤtterung, ohne Gewalt, ohne Schlachtopfer und zur Zu⸗ friedenheit aller dabei Intereſſirten vor ſich gehe! Die Dienſtleute in der Meierei von Grand⸗Genevrier hatten eben die Thuͤr des Stalles, in welchem ſie ſchliefen, zugeſchloſſen, als Bruyere in den Hof der Pachtwohnung trat. Ende des erſten Theils. 3 —