—— Leihbibliothek deutſcher, engliſcher und franzöſiſcher Literatur Eduard Oltmann in Gießen, Schloßgaſſe Lit. A. Nr. 256. Leih- und geſebedingungen. 1. Offensein der Bibliothek. Die Bibliothek ſteht zur Em⸗ pfangnahme und Rückgabe der Bücher jeden Tag von Morgens 7 Uhr bis Abends 8 Uhr offen. 6 2. Lesepreis. Bei Rückgabe eines geliehenen Buches wird von jedem Tag 5 Pf bezahlt. Die Zeit eines Tages iſt zu 24 Stun⸗ den angenommen. . 3. Caution. Unbekannte Perſonen müſſen, bei Entgegennahme eines Buches, eine dem Werthe deſſelben entſprechende Summe ei welche bei deſſen Zurückgabe von mir zurückerſtattet wird. 4. Abonnement. Daſſelbe muß voraus bezahlt werden und beträgt 5 für wöchentlich 2 Bücher: 4 Bücher: 6 Bücher: — —.— —— auf 1 Monat: 1 Mk. — Pf. 1 Mk. 50 Pf. 2 Mr. — Pf. — —— — . „ 5 Auswörtige Abonnenten haben für Hin⸗ und Zurückſendung der Bücher auf ihre eigenen Koſten und Gefahr ſelbſt zu ſorgen. 6. Schadenersatz. Für beſchmutzte, zerriſſene, verlorene und defeete Bücher (namentlich bei ſolchen mit Kupfern ꝛe.) muß der Ladenpreis erſetzt werden. — Iſt das zerriſſene, beſchmutzte, ver⸗ lorene oder defecte Buch ein Theil eines größeren Werkes, ſo iſt der Leſer zum Erſatz des Ganzen verpflichtet. 6 7. Ausleihezeit. Dieſelbe iſt auf 14 Tage fefigeſehr und wird beſonders darauf aufmerkſam gemacht, daß das Weiterverleihen der Bücher nicht ſtattfinden darf, indem Diejenigen, welche die⸗ ſelben von mir geliehen, auch dafür zu ſtehen haben. * Marquiſe Cornelia dAlfi oder der Annecy⸗See und ſeine Umgebungen. Von Eugéne Sue. Aus dem Franzöſiſchen von Dr. Auguſt Joller. z Stuttgart. Franckh'ſche Verlagshandlung. 1853. Widmung. An Madame Mart Caillard. „Meine liebe Schweſter, „Ich erfülle ein Verſprechen, das für mich ſehr ſüß zu halten iſt; ich will Dich mit dem ſchönen Lande, welches ich bewohne, bekannt machen, mit dieſem Lande, in das mich der Zufall der Revolutionen geführt hat. „Ich gedachte Anfangs Dir Briefe über Sa⸗ voyen zu ſchreiben, als ich aber bei der Arbeit war, ſchien es mir, es müſſe, ſo genau ſie auch ſein möchte, die Beſchreibung einer bewunderungswürdigen Landſchaft, welche keine wirkliche oder eingebildete Perſon belebe, für eine große Anzahl von Leſern langweilig werden, und darum verzichtete ich auf meinen erſten Plan. „Ein romantiſch⸗tragiſches Abenteuer, das ſich vor ein paar Jahren am Annecy⸗See zugetragen haben ſoll, iſt mir kürzlich mitgetheilt worden; es hat mir als Eut⸗ wurf für die Erzählung gedient, die Du leſen ſollſt. „Wie Dir bekannt iſt, liebe Schweſter, ſchrieb ich dieſes Buch und widme ich es Dir in der Idee, Dich mit meinen Gefühlen unveränderlicher Dankbarkeit für den herzlichen, rührenden Empfang zu verbinden, der mir in Savoyen zu Theil wird; nie werde ich vergeſſen, Cornelia d'Alfi. 1 2 daß ich der wohlwollenden und ehrenvollen Vermittelung von Herrn dAzeglio, dem Conſeil⸗Präſidenten des Kö⸗ nigs von Sardinien, die edelmüthige Gaſtfreundſchaft verdanke, die ich hier genieße. „Du weißt nichts von der Politik, liebe Schweſter, ich werde Dir alſo nichts von der Freiheit ſagen, welche in den ſardiniſchen Staaten herrſcht, ich werde auch nicht von Herrn d'Azeglio als Staatsmann ſprechen, doch es wird Dich eine tiefe Sympathie für ihn ergrei⸗ fen, wenn ich mit Dir von dem Adel des Charakters des Privatmannes, von dem Muthe des Soldaten rede, deſſen Blut für die heilige Sache der Unabhängigkeit des Vaterlands gefloſſen iſt, wenn ich endlich vom Zau⸗ ber ſeines Geiſtes und von ſeinem doppelten Talente als Dichter und als Maler ſpreche! Der Staatsmann zieht, vom Gange der Ereigniſſe fortgeriſſen, vorüber, aber der großherzige Mann, der gleich merkwürdig als Künſt⸗ ler wie als Schriftſteller, überlebt die Ereigniſſe. „Ich komme zum Gegenſtande und zum Zwecke dieſes Werkes. „Der Annech⸗See und ſeine Umgebungen ſind mei⸗ ner Anſicht nach nicht ſo bekannt, als ſie es zu ſein ver⸗ dienen. Meine Wünſche wären erfüllt, wenn das Leſen des Werkes, das ich veröffentliche, einige Touriſten, ei⸗ nige ihre Kunſt liebende Maler, einige Perſonen, die den Geſchmack für den Feldbau beſitzen, veranlaſſen könnte, die Herrlichkeiten dieſer Gegend zu beſuchen, welche mit der Größe und der reichen Abwechſelung der Alpenlandſchaft eine wunderbare Fruchtbarkeit und eine ſehr weit vorgeſchrittene Landwirthſchaft verbindet. „Ich habe Lente in der großen Welt gekannt, Künſtler, welche mit Recht für die Schweiz, die Sa⸗ voyen ſo nahe liegt, begeiſtert waren und nichtsdeſtoweniger gewiſſe Schönheiten des letzteren Landes bewunderten, deren Ruf europäiſch iſt: wie Chamounir, der Montblanc, der Bourget⸗Seez nie aber hat einer 3 von dieſen Reiſenden ſeine Ausflüge bis zum Annech⸗ See fortgeſetzt. Kürzlich erſt, als ich mich bei Herrn Loppé, einem jungen franzöſiſchen Maler befand, der ſich hier niedergelaſſen hat und mit einem tiefen Gefühle für die Natur ein Talent verbindet, das ihm eine ſchöne Zukunft verheißt, hatte ich das Glück, einen unſerer aus⸗ gezeichnetſten Kupferſtecher zu treffen. Er kam vom Lago Maggiore und hatte die bewunderungswürdigſten Cantone der Schweiz beſucht, und dennoch, als er an den Ufern des Annecy⸗Sees und in ſeiner Umgebung umherwanderte, ging er von einem Erſtannen zum an⸗ dern, von einer Bezauberung zur andern über, und er fragte ſich, wie ich, wie es komme, daß dieſe Gegend, welche unerforſchte Schätze enthält, den Künſtlern beinahe völlig unbekannt ſei. „Ich habe mich alſo bemüht, einige von den Ge⸗ genden, wo ſich die Hauptſcenen meiner Erzählung er⸗ eignen, ſorgfältig zu ſchildern: aber meine liebe Schwe⸗ ſter, ich nehme zum Voraus Deine Nachſicht und die des Leſers in Anſpruch, in Betreff der vielleicht zu gewiſſen⸗ haften Treue der Einzelheiten, ohne welche es jedoch ſehr ſchwierig iſt, genau den Charakter und den Anblick einer Landſchaft wiederzugeben; die Art, wie ich die äußeren Gegenſtände auffaſſe, kann allein dieſe bis zur Aengſt⸗ lichkeit, vielleicht ſogar bis zum Uebermaß getriebene Treue der Reproduction entſchuldigen: beim erſten An⸗ ſchauen eines großen Gemäldes der Natur bin ich ge⸗ blendet; die Einzelheiten verlieren ſich in der Majeſtät des Ganzen; das Gefühl des Schönen iſt dann bei mir mehr inſtinctartig, als durch die Vernunft begründet; meine verworrene Bewunderung weiß, ſo zu ſagen, nicht, woran ſie ſich halten ſoll, indem ſie von einer dieſer Herrlichkeiten zur andern übergeht, und erſt, nachdem ich öfter dieſelben Orte beſucht und mich, wenn ich mich ſo ausdrücken darf, in ihrer Anſchauung geübt habe, um⸗ faſſe ich mit einem ſichern und entzückten Blicke zugleich 4 die Einzelheiten und das Ganze; die beinahe topogra⸗ phiſche Genauigkeit der Beſchreibungen, die Du in die⸗ ſem Buche treffen ſollſt, liebe Schweſter, wird alſo, wenn nicht vom Talente des Malers, doch wenigſtens von ſeiner Wahrhaftigkeit zengen. „Savoyen ſcheint mir, wie geſagt, nicht nur würdig des lebhafteſten Intereſſes der für ihr Vergnügen reiſen⸗ den Touriſten, der für ihre Kunſt glühenden Künſtler, ſondern es muß auch aus dem Geſichtspunkte der Be⸗ wirthſchaftung und der unglaublichen Fruchtbarkeit ſeines Bodens derjenige Theil des Landes, welchen ich bewohne, die Aufmerkſamkeit des Landwirthes ahiehi „Meine liebe Schweſter, Du wirſt mir dieſe lange, zu lange agronomiſche Abſchweifung verzeihen; es war, wie geſagt, mein Zweck, nicht nur die Anfmerkſamkeit der Touriſten und der Künſtler, ſondern auch die der Landwirthe auf Savoyen hinzulenken, das für mich ein zweites Vaterland geworden durch die liebevolle Auf⸗ nahme, mit der man mich in dieſem Lande von ſo mil⸗ den, von ſo herzlichen, von ſo offenen, von ſo edel gaſt⸗ freundlichen Sitten beehrt hat. „Schließlich bemerke ich, daß die große Induſtrie eben ſo würdig in Annech und der Umgegend durch mehrere Etabliſſements vertreten iſt, wie die Hammer⸗ werke und die Papiermühle von Cran und die herrliche Spinnerei von Herrn Läuffer, in der mehr als zweitau⸗ *) Hier folgt eine längere Abhandlung über die Vor⸗ züge des landwirthſchaftlichen Betriebs in Savoyen, die wir, ſo ſtrenge wir ſonſt dem Originale zu fol⸗ gen pflegen, für die Leſer des Belletriſtiſchen Auslands nicht wiedergeben zu ſollen glaubten, denn Sue entſchuldigt ſichſelbſt über ſeine Abſchweifung, wie man aus dem ohen nach unſeren Punkten Fol⸗ genden erſieht. Der Uueberſetzer⸗ 5 ſend Arbeiter, welche er mit einer väterlichen Fürſorge behandelt, beſchäftigt ſind. Es beſteht auch in Fa⸗ verges eine bedeutende Fabrik von Seidenzeugen, die meiſtens nach Amerika ausgeführt werden. „Und nun, liebe Schweſter, gehe das Geſchick die⸗ ſes Buches, für welches ich Deine ſchweſterliche Zunei⸗ gung angerufen habe, in Erfüllung. „Wie ſtolz und glücklich wäre ich, wenn einige meiner Leſer ſich durch ſich ſelbſt von der Wirklichkeit der Gemälde, die ich zu entwerfen verſuche, verſichern und ſo die Bewunderung, die ſie mir einflößten, theilen wollten. „Noch ein Wort: Die Heldin des Abenteuers, das man mirmitgetheilt hat, ſoll eine Venetianerin geweſen ſein. Ich habe dieſe Angabe in meiner Erzählung verfolgt, brauche aber nicht beizufügen, daß ich es bitter bedauern würde, wenn man je bezweifeln könnte, die bizarre, häufig verabſchenenswerthe, aber wenigſtens renmüthige Individualität, welche ich hervorzuheben bemüht war, ſei in meinem Geiſte durchaus nur eine Ausnahme und nicht der Typus der Venetianerin. Du weißt, Ve⸗ i und ſeine Bewohner ſind mir ſtets heilig ge⸗ weſen. „Nun lebe wohl, liebe, zärtliche Schweſter; in ei⸗ nem Deiner letzten Briefe erwiederteſt Du mir: „„wenn ich trotz der wohlwollenden Gaſffreundſchaft, die ich in Savoyen genieße, zuweilen das Peimweh habe, ſo habeſt Du das Bruderweh.““ Dieſes rührende, be⸗ zaubernde Wort bezeichnet Deinen Geiſt und Dein Herz, es iſt das Lob von uns Beiden, und Du wirſt mir er⸗ lauben, hier deſſelben zu erwähnen. Eugone Sue. Savoyen, Annecy le Vienx, im Auguſt 1852. Prolog. Die nachfolgende Srene ereignet ſich in unſeren Tagen in einem vereinzelten Landhauſe in der Gegend von Won.) Im Hintergrunde eines glänzend erleuchteten Salon ſieht manfeinen mit einem rothen Sammetteppich bedeckten Tiſch; ein Crncifir iſt zwiſchen zwei vergoldeten Candelabern auf⸗ geſtellt; unfern von dieſem improviſirten Altare ſtehen zwei Lehnſtühle, zu deren Füßen zwei Kiſſen liegen. Fauſtine, die Kammerfrau, kommt aus einem Zimmer, deſſen Thüre in den Salon geht.) F Fauſtine, heiter. Ich kann kaum erwarten, bis es Mitternacht ſchlägt! Welche Komödie! ah! ich werde lange lachen! Wir wollen ſehen, ob nichts fehlt. Nein, hier find die zwei Stühle für die Brautleute .. (Sie lacht.) Ha! ha! das Kiſſen, auf das ſie niederknieen vor.. Gie lacht ſtärker) vor dem hochwürdigſten Herrn Patriarchen von Indien! Mein Gott! wie beluſtigend iſt das! Pietro, der Kammerdiener, tritt ſchwarz gekleidet ein; er bringt zwei Blumenvaſen und ſtellt ſie zwiſchen das Crueifir und die zwei Candelaber.) Fauſtine, lachend. Du biſt Sacriſtan des Teufels geworden. Pietro ernſt. Reſpect vor dem Sacriſtun des Sennor Don Cam⸗ 7 brelli, Patriarchen von Indien und Oheims der Frau Marquiſe (aut lachend); nein, Du kannſt Dir das Ge⸗ ſicht von Ambroſiv, mit ſeiner rothen Robe mit dem Mäntelchen und ſeinem falſchen weißen Barte, der ihm bis auf die Bruſt herabfällt, nicht vorſtellen! Fauſtine. Ambroſio hat raſch ſeinen Weg gemacht: geſtern Intendant der gnädigen Frau, heute ihr Oheim und Prälat! Er konnte nicht ſchicklicher von Venedig ankom⸗ men! .. Ah! und der junge Mann, haſt Du ihn ge⸗ ſehen? Pietr o, ein ſchallendes Gelächter aufſchlagend. Der Herr Graf präſidirt bei der Toilette dieſes armen Jungen, der ſo verwandelt unbezahlbar iſt! Trotz ſeiner achtzehn Jahre und ſeines reizenden Geſichtes ſieht er aus wie eine Faſchingsmaske: Hoſe von weißem At⸗ laß, ſcharlachrother, goldgeſtickter Leibrock, und auf der Schulter der kleine gelbe, ſilbergeſtickte Mantel. Füge dieſem eine Toque mit weißen Federn bei, und Du haſt das Portrait des Jünglings. Fauſtine. Welch ein Dummkopf! er iſt ſo einfältig, daß er verdient, was ihm widerfährt! Er bemerkt nicht, daß er ſeit ſechs Wochen das Spielzeug, der Zeitvertreib der Frau Marquiſe wie des Herrn Grafen iſt! Glauben, dieſer ſei der Bruder unſerer Gebieterin! das iſt doch zu albern! Pietro. Was willſt Du, dieſer kleine Julian war ohne Zwei⸗ fel ſchon von Natur ſehr dumm! Nun verliebt er ſich vollends wahnſinnig in die Frau Marquiſe. Hieraus folgt, daß er ſich ganz und gar zum Blödſinn verkehrt haben muß . Trotz ſeiner Einfalt, iſt er indeſſen 8 muthig wie ein Löwe. Erinnerſt Du Dich ſeines Duells mit dem Officier? Fauſtine. Wohl! Die Frau Marquiſe war gegenwärtig. Die⸗ ſer armſelige Pinſel wollte den Herzhaften ſpielen! Pietro. Du drückſt Dich ſehr vertraulich aus, meine Liebe! Wie kannſt Du einen Pinſel den durchlauchtigſten Herrn Herzog della Torre Alba, Ritter vom goldenen Vließe, nennen? Fauſtine. Ich wollte ſchwören, daß dieſer unglückliche Notars⸗ ſchreiber ſeine Rolle im Ernſte nimmt, und daß er gern ſeinen elenden Namen Julian gegen die entlehnten Namen und Titel vertauſchen würde, womit ihn der Herr Graf, um dem Spaſſe die Krone aufzuſetzen, be⸗ kleidet hat. Pietro. andelt es ſich darum, Jemand zu myſtificiren, ſo iſt der Herr Graf in ſeinem Elemente. Fauſtine. Seitdem ein glücklicher Zufall dieſen dummen Ju⸗ lian der Frau Margquiſe zu ihrer kleinen Beluſtigung zugeſandt hat, ſchläft auch der Herr Graf erſt nach dem Mittageſſen ein. Pietro. Er bringt ſeine Stunden nicht mehr damit zu, daß er zu ſeiner Zerſtreuung den armen Love, das ſpani⸗ ſche Hündchen der gnädigen Frau, am Schweife und an den Ohren zieht. Fauſtine. Der Herr Graf iſt allerdings der ſchönſte, der ele⸗ ganteſte, der vollendetſte Edelmann, doch wenn er unter 8 vier Augen mit der Frau Marquiſe iſt, hat er nicht mehr Converſation als ſein Pferd! Pietro. Und dennoch läßt ſich das die gnädige Frau gefal⸗ len, — ſie, die ſo viel Geiſt hat! Fauſtine. Nun wohl! wenn ſie mit dem Grafen allein iſt, hat ſie Geiſt für zwei; ſie kann ſich dieſe Ausgabe er⸗ lauben; überdies iſt ſie noch in den Herrn Grafen ver⸗ liebt, und wenn ſie in Jemand verliebt iſt, ſo iſt dieſer Jemand für ſie ein Phönir; ſie würde ihm die ganze Welt opfern, wohlverſtanden nur ſich ſelbſt nicht! Pietro. Welch eine Frau! ich glaube manchmal, es iſt der Satan in Perſon. Fauſtine. Nimmt Satan oft eine ſolche Geſtalt an, ſo muß er viele Seelen in die Verdammniß führen . . . Ah! weißt Du, daß der Scherz heute Abend ein wenig ruch⸗ los iſt? Pietro. Ein wenig? . . . Ei! ſage viel! Doch das geht die gnädige Frau und den Herrn Grafen an. Ah! ich bedenke; ſie werden nun ihren Zeitvertreib, ihren Schmerzensdulder verlieren; denn nach der Ceremonie, welche in einem Angenblick ſtattfinden ſoll, wird es der unglückliche Julian ohne Zweifel nicht mehr wagen, einen Fuß hierher zu ſetzen. Fauſtine. Was liegt der Frau Marquiſe daran? Soll ſie nicht übermorgen nach Paris abreiſen? Pietro. Das iſt richtig. Doch ſage, Du, die Du in das Geheimniß unſerer Gebieterin eingeweiht biſt, wie wird das endigen? denn ſogleich nach der Trauung . . . 64 Fauſtine, hört eine Uhr ſchlagen. Ritternacht! geſchwinde, geſchwinde, ich kehre zu meiner Dame zurück; ſie erwartet mich, ich ſoll ihr ihre Marguiſenkrone auf das Haupt ſetzen .. . Mein Gott! wie ſchön iſt ſie in ihrem großen Hofgewande! ich war geblendet! Ich geſtehe auch, man darf ſich nicht wundern, daß dieſer einfältige Rotarsſchreiber von ihr bezaubert worden iſt! Pietro. Nie durfte Venedig, die Vaterſtadt unſerer Gebie⸗ terin, auf ein ſo bewunderungswürdiges Geſchöpf ſtolz ſein! . . . Ich, ich ſchaue die Frau Marquiſe ſo gern an, nur um das Vergnügen zu haben, ſie anzu⸗ ſchauen! Fauſtine. Verlaſſen wir dieſen Salon, Pietro; die Livreedie⸗ nerſchaft iſt unter einem Vorwande nach Lyon geſchickt worden; Ambroſio, Du und ich ſind allein in das Ge⸗ heimniß der Komödie eingeweibt, und der Herr Graf iſt der einzige Zeuge der Vermählung von Herrn Julian. .. was ſage ich? des Herrn Herzogs della Torre Alba. (Sie lacht.) 2 Pietro. Der Ritter vom goldenen Vließe mit einem gelben Mantel! ha! ha! ha! GPietro und Fanſtine gehen lachend durch zwei verſchie⸗ dene Thüren ab; wenige Augewſicte nachher treten Julian und der Graf Chriſtian ein: dieſer iſt groß, ſein Wuchs iſt geſchmeidig und elegant; doch ſein vollkommen ſchönes Geſicht hat keinen andern Ausdruck, als den einer frechen Geckenhaf⸗ tigkeit; er trägt mit einer cavalieren Leichtigkeit ein reiches Hofkleid. Inlian iſt achtzehn Jahr alt; 11 ſeine reizenden, zarten, mädchenhaft unſchuldigen Züge zeugen von einer engeliſchen Sanftmuth; er iſt glänzend, aber lächerlich aufgeputzt, mit einer weißen Atlaßhoſe mit Puffen, mit einem Leibrocke von hochrothem, goldgeſticktem Sammet und einem kurzen, gelben, ſilbergeſtickten Mantel; die Inſig⸗ nien des Ordeus vom goldenen Vließe glänzen auf ſeiner Bruſt; er hält in der Hand ſeine ſammtene Toque und ſcheint eben ſo linkiſch, als verlegen in ſeinem theatraliſchen Anzuge.) Der Graf Chriſtian, ernſt. Endlich, mein lieber Julian, iſt der ſchöne Tag ge⸗ kommen, an dem Ihnen diejenige, welche ich meine Schweſter nenne, ihre Hand reichen wird. Julian, in einer Art von Extaſe. Herr Graf, iſt es ein Traum, bin ich wirklich wach? ich der Gatte der Frau Marquiſe? Der Graf Chriſtian. Bei Gott! (auf eine der nach dem Salon gebenden Thüren deutend) Und nach dem Segen das Hochzeitgemach! Julian erröthet, ſchlägt die Augen nieder, ſtützt ſich auf einen der Stühle und legt ſeine andere Hand an ſeine Bruſt. Mein Herz bricht! Mein Gott! das Glück er⸗ drückt alſo auch unter ſeiner Größe! Mir ſcheint, ich fühle einen Gewiſſensbiß, daß ich ſo gläcklich bin! Was habe ich denn gethan, um eine ſolche Glückſeligkeit zu verdienen! Der Graf Chriſtian. Was Sie gethan haben, mein Theurer? Sie haben eine bezaubernde Frau geliebt. Julian, die Augen von Tbränen und die Hände mit Exaltation faltend. Oh!ja, geliebt mit Trunkenheit.. geliebt mit Ver⸗ götterung! oh! geliebt beſonders mit der unausſprechli⸗ 12 chen Dankbarkeit eines dunklen, verdienſtloſen Geſchö⸗ pfes, das nichts auf der Welt beſitzt, als ein einfaches, redliches, ergebenes Herz, und zu ſich eine Frau wie die Marquiſe herabſteigen ſieht! Der Graf Chriſtian, in ſpöttiſchem Fone. Was Ihnen beweiſt, mein Freund, daß eine aufrichtige, reine Liebe immer belohnt wird. Julian, verlegen. Herr Graf, nur Eines iſt mir peinlich: ich habe dieſe reichen Kleider angezogen, ich nehme einen Titel an, der mir nicht gehört, einen Namen⸗ der nicht der meinige iſt, — das heißt lügen. Und in einem ſo ern⸗ ſten Augenblicke lügen, — lügen im Angeſichte des Himmels! Der Graf Chriſtian. Abermals Bedenklichkeiten? Welch ein Kiud ſind Sie! Begreifen Sie denn nicht, daß in Rückſicht auf den ariſtokratiſchen Stolz ihres Oheims, des hochwürdi⸗ gen Herrn Patriarchen von Indien, (er Graf unterdrückt nur mit Mühe ſeine Lachluſt) die Marguiſe ſchicklicher Weiſe nicht konnte . . . Doch ſtille . . . Hier iſt ſie! (Man ſieht Cornelia Marguiſe dAlfi ihrem Intendanten Ambroſio die Hand reichend eintreten; dieſer wirft ſich in die Bruſt unter einer langen rothen Robe mit dem Biſchofsmäntelchen. Die Marguiſe, eine Dame von blendender Schönheit, iſt mit Diamanten bedeckt; ihr langer Hofmantel ſchleppt hinter ihren Schritten; auf dem Kopfe trägt ſie eine kleine he⸗ raldiſche Krone mit fünf goldenen Blumen, in welche Diamanten eingefügt ſind. Der Intendant Ambroſio, der die Rolle des Patriarchen von In⸗ dien ſpielt, wendet ſich nach dem als Altar dienen⸗ den Tiſch. Die Margquiſe wirft Inlian einen be⸗ zaubernden Blick zu und bezeichnet ihm durch eine Geberde den neben dem ihrigen ſtehenden Stuhl. 13 Der Graf Chriſtian ſchiebt ſachte zu dem Stuhle Zulian, deſſen Verlegenheit ſich verdoppelt, und ſagt leiſe zu ihm: Seien Sie ruhig, mein Lieber, die Ceremonie wird nur ein paar Minuten dauern; die Patriarchen von Indien trauen nach einem beſondern, die Sache ſehr beſchleunigenden, Ritus. (Julian nähert ſich zitternd dem Lehnſtuhle, der neben dem der Marquiſe ſteht, und fniet wie ſie auf eines der Kiſſen nieder. Dieſe gotteslä⸗ ſterliche Parodie währt kaum einige Minuten, welche Ambroſio zu falſchen Gebeten anwendet, wonach er vor die Marquiſe und Julian rritt und mit feierlichem Tone zu ihnen ſpricht ) Cornelia Giovani, verwitwete Gemahlin des Mar⸗ quis dAlfi, wollen Sie gegenwärtigen Herrn Herzog della Torre Alba, Ritter des goldenen Vließes, zum Gatten nehmen? Die Marquiſe, mit Entzücken. Ja, ich will. Ambroſio zu Zulian, Herzog della Torre Alba, wollen Sie gegenwär⸗ tige Cornelia Giovani, Marquiſe d'Alfi, zur Gattin nehmen? Julian, mit einer vor Erſchütterung bebenden Stimme. Oh! ja, ich will. Ambroſio. Cornelia Giovani, ſchwören Sie vor Gott, getreu Ihre ehelichen Pflichten gegen Ihren neuen Gatten zu erfüllen ? Die Marquiſe, mit feſter Stimme. Ich ſchwöre. Ambroſiv. erzog della Torre Alba ſchwören Sie, Ihr gan⸗ 14 zes Leben dem Glücke derjenigen zu weihen, welche Sie zum Gatten annimmt? Julian, mit Eraltation und ohne daß er ſeine Thränen zurückhalten kann. Ich ſchwöre! Oh! ſie iſt meine Seele, mein Leben! Ambroſiv. Der Himmel höre Eure Schwüre und nehme ſie an. Seid verbunden. (Ambroſio ergreift die Hand von Julian und legt ſie in die der Marquiſe. Die Gemüthsbewegung des Jüng⸗ lings iſt ſo tief, daß er einer Ohnmacht nahe zu ſein ſcheint. Ambroſio ſpricht abermals ein Schein⸗ gebet und geht dann ernſt durch eine der Thüren des Salon ab. — Die Marquiſe ſteht auf; doch Julian bleibt mit gefalteten Händen und die An⸗ betung in ſeinen treuherzigen Zügen vor ihr knieen; die Aufregung erſtickt ſeine Stimme, er kann kein Wort ausſprechen.) Die Marquiſe, mit einem berauſchenden Tone. Stehen Sie auf, mein Kind ich habe Ihnen ſo viel Glück zu verdanken . . . daß es ſich für mich ge⸗ ziemte, vor Ihnen niederzuknieen. (Der Graf Chriſtian öffnet die zwei Flügel der Thüre ei⸗ nes anſtoßenden Zimmers und kommt mit einer ironiſch feierlichen Miene zu Julian zurück; dieſer hat beide Hände der Margquiſe ergriffen und ſtützt ſeine Stirne darauf.) Der Graf Chriſtian. Mein lieber Julian, ſtehen Sie auf und folgen Sie uns, keuſcher junger Gatte. Der Graf gibt der Marquiſe den Arm und führt ſie in das anſtoßende Gemach. Julian folgt ihnen trun⸗ ken vor Glück und Liebe; doch der Graf wendet ſich um, ſobald die Marquiſe in das Innere eingetreten 15 iſt, und heißt den Jüngling durch einen Wink auf der Schwelle bleiben; er gehorcht; der Graf macht einen der Thürflügel zu, bricht dann in ein ſchal⸗ lendes Gelächter aus und ſagt zu dem Jüngling) Gute Nacht, lieber Herzog della Torre Alba . . gute Nacht, edler Ritter vom goldenen Vließe die Marquiſe iſt durchaus nicht meine Schweſter, ſeit langer Zeit lieben wir uns auf das Zärtlichſte. Die Moral des Abenteuers aber iſt: wie ſich die Nachtſchmetterlinge am Lichte verbrennen, ſo werden die Notarsſchreiber, welche die Unverſchämtheit haben, Marquiſen zu lieben, mit Recht gefoppt und ſchimpflich behandelt; die Lection wird Ihnen ohne Zweifel heilſam ſein, und hienach gute Nacht, lieber Herzog della Torre Alba. Die Stimme der Marquiſe. Gute Nacht, ſchöner Ritter vom goldenen Vließe.⸗ gute Nacht! Die Thüre ſchließt ſich wieder, und man hört die Marquiſe d'Alfi und den Grafen ihr Gelächter verdoppeln. Völlig niedergeſchmettert, erbleicht Julian, wankt und fällt ohnmächtig zu Boden, nachdem er mit verſcheidender Stimme die Worte gemurmelt ) Oh! mein Vater den Tod . den Tod! Mehrere Monate nach dieſem Abend trugen ſich die Ereigniſſe, die wir zu erzählen im Begriffe ſind, in der Gegend des Annecy⸗Sees zu; doch ehe wir unſere Er⸗ zählung fortſetzen, wollen wir es verſuchen, dem Leſer ein Gemälde von den Oertlichkeiten zu bieten, welche als Rahmen und Schauplatz für die verſchiedenen Vor⸗ fälle dieſer Geſchichte dienen ſollen. Man ſieht noch in Annech einige Spuren von dem Hauſe, wo Frau von Warens zum erſten Male Jean Jacques Ronſſeau eine Zufluchtsſtätte bot, als er, ein Jüngling, Genf verließ. — „Dieſes alte Haus,“ ſagt er in ſeinen Bekenntniſſen, „hinter welchem ſich ein Durchgang zwiſchen einem Bache rechter Hand, der es vom Garten trennte, und der Mauer des Hofes links fand, welcher nach dem Franziscanerkloſter durch eine blinde Thüre führte.“ Dieſes Haus iſt verſchwunden, doch es bleiben noch der Bach mit ſeinem klaren Waſſer, die Strebemauer des Gartens und der Gang, der nach der Kirche der Fran⸗ ciscaner führt. Die Bewunderer von Rouſſeau betrachten mit Rüh⸗ rung dieſe letzten Spuren vom Wohngebäude, wo dieſes große Genie, die Ehre der Menſchheit, lebte; ſie gefallen ſich darin, an dieſem Orte das lachende blonde Geſicht von Frau von Warens, wie es Jean Jacques bei ihrer erſten Zuſammenkunft ſchildert, heraufzubeſchwören. Man weiß: verführt durch die Unterhaltung, durch den guten Empfang und auch, er geſteht es offenherzig, durch das vortreffliche Mittagsmahl eines gewiſſen Geiſtlichen hatte der Jüngling beſchloſſen, dem Proteſtantismus zu ent⸗ ſagen; er brachte einen Brief zu Frau von Warens, die ihm die Mittel, in den Schvoß der katholiſchen Kirche einzutreten, erleichtern ſollte. 17 „Ich hatte mir,“ ſagt er, „eine alte, ſehr grämliche Frömmlerin vorgeſtellt, ich ſehe ein von Grazien geſchaf⸗ fenes Geſicht, ſchöne blaue Angen voll Milde, einen blen⸗ denden Teint, den Umriß eines bezaubernden Halſes; nichts entging dem raſchen Blicke des jungen Proſelyten, denn ich wurde auf der Stelle der ihrige, feſt überzengt, eine von ſolchen Miſſionären gepredigte Religion müſſe unfehlbar ins Paradies führen. Sie nimmt lächelnd den Brief, den ich ihr mit zitternder Hand reiche, öffnet ihn, wirft einen Blick auf den, welchen mir Herr von Pont⸗ verre gegeben hatte, kommt auf den meinigen zurück, den ſie ganz lieſt und wohl noch einmal geleſen haben würde, hätte ihr nicht ihr Lackei gemeldet, es ſei Zeit, einzutreten. „„Ei! mein Kind,““ ſpricht ſie zu mir mit einem Tone, der mich beben machte, „„wir laufen ſehr jung im Lande herum! Das iſt wahrhaftig Schade!““ Ohne meine Ant⸗ wort abzuwarten, fügte ſie dann bei: „ Erwarten Sie mich in meiner Wohnung; ſagen Sie, man ſoll Ihnen Frühſtück geben; nach der Meſſe werde ich mit Ihnen ſprechen.““ Der erſte Aufenthalt von Rouſſeau bei Frau von Warens in Annech war, wie man ſich erinnert, von kur⸗ zer Dauer; er reiſte nach Turin ab, wo er den Prote⸗ ſtantismus abſchwören und ſich zum Katholicismus be⸗ kennen ſollte. Der Jünaling bewahrte keine ſehr erbauliche Erinnerung an ſeine Bekehrung, wenn man nach meh⸗ reren Epiſoden ſeines Noviciats in dem Kloſter, wo er eingeſchloſſen wurde, urtheilt. „Eines Tags,“ ſagt er, „öffnete man eine andere eiſerne Thüre, welche in zwei Theile einen großen, den Hof beherrſchenden Balcon theilte. Durch dieſe Thüre traten unſere Schweſtern, die Katechumenen, ein, welche ſich, wie ich, nicht durch die Taufe, ſondern durch eine feierliche Abſchwörung regeneriren ſollten; das waren die größten und die gemeinſten Straßenläuferinnen, Cornelia d'Afi. 2 15 welche je den Schafſtall des Herrn mit ihrem Geſtanke erfüllt hatten.“ Wir werden hier, und zwar aus Grün⸗ den, das ſeltſame Abenteuer mit dem Mohren, einem andern abſcheulichen Katechumenen, nicht mittheilen, der dem armen Jean Jacques Rouſſeau eine ſo große Angſt einflößte, trotz der Erklärungen des Abbé, der Director des Hauſes war. Dieſer fromme Mann, dem eine lange Erfahrung in Betreff deſſen, was Royſſeau erſchreckte, zur Seite ſtand, verſuchte es, den Neubekehrten zu trö⸗ ſten, indem er ihn verſicherte, er erſchrecke wahrhaftig über eine Kleinigkeit. Nach ſeinem Abfalle kam Jean Jacques zu Fran von Warens zurück. Führen wir noch ein paar Zeilen von ſeinem nnſterblichen Werke an: wir werden darin die Phyſiognomie des kleinen Hauſes in Annech und die ſei⸗ ner Bewohner finden. „„Armer Kleiner, Du biſt nun alſo wieder hier,““ ſprach Frau von Warens, als ſie mich erblickte; „ich wußte wohl, Du ſeiſt zu jung für dieſe Reiſe.“ Dann wandte ſie ſich an ihre Kammerfrau und ſagte zu ihr: „„Man mag reden, was man will, da ihn mir die Vor⸗ ſehung wieder ſchickt, ſo bin ich entſchloſſen, ihn nicht zu verlaſſen „. Nun warſich alſo bei ihr einquartiert; ſie bewohnte ein altes Haus, das groß genug, um eine ſchöne Reſerveſtube zu haben, aus der ſie ihr Prunkzimmer machte, und die man nun mir einräumte. Dieſes Zimmer lag an dem von mir erwähnten Gange, wo un⸗ ſer erſtes Zuſammentreffen ſtattfand. Jenſeits des Baches und der Gärten erblickte man das Länd Schon am erſten Tage bildete ſich die ſüßeſte Vertraulichkeit unter uns; Kleiner war mein Name, Mama der ihrige. Ich brachte meine Zeit auf das Allerangenehmſte zu, wäh⸗ rend ich mich mit Dingen beſchäftigte, die mir durchaus nicht gefielen. Ich hatte Denkwürdigkeiten ins Reine zu bringen, Entwürfe zu redigiren, Recepte abzuſchreiben, Kräuter auszuleſen, Drognen zu zerſtoßen, Deſtillirkolben * 19 zu überwachen. Mitten durch Alles dies kamen Beſuche aller Art; man mußte zugleich einen Soldaten, einen Apotheker, einen Canonicus, eine ſchöne Dame, einen Laienbruder unterhalten . Frau von Warens ließ mich die abſcheulichſten Arzneimittel koſten; ich mochte immer⸗ hin fliehen oder mich vertheidigen wollen, trotz meines Widerſtandes und meiner entſetzlichen Grimaſſen, trotz meiner Zähne öffnete ich, wenn ich ihre beſchmierten Hände ſich meinem Geſichte nähern ſah, meinen Mund und ſchluckte; war ihre ganze kleine Haushaltung in demſelben Zimmer verſammelt und man hörte uns unter ſchallendem Gelächter umherlaufen und ſchreien, ſo hätte man glauben ſollen, man ſpiele irgend eine Poſſe und mache nicht Opiat oder Elixir.“ Unſere Leſer werden uns dieſe Abſchweifung verzei⸗ hen, wenn ſie unſere religiöſe Bewunderung für Rouſſean theilen und wie wir an ſich die fromme Sammlung des Gemüthes erfahren haben, welche der Anblick der durch das Genie vergöttlichten Orte zur Folge hat. Wenn Jean Jacques Annech verließ, um die Herrlich⸗ keiten der Alpennatur zu betrachten, die er anbetete, wandte er ſich vorzugsweiſe, nach der loralen Chronik, nach einem Orte, wo ſich ein in Trümmern liegendes Haus findet, das man noch heute das Haus von Ron ſ⸗ ſeau nennt. Dieſe Trümmer werden der Schauplatz von einigen Scenen unſerer Erzählung ſein. Die Landſchaft, in der dieſes Haus erbaut war, mußte Jean Jacgues in der That bezaubern; völlig vereinzelt, erhebt es ſich auf einem Bergabhange eine ſtarke Stunde von Annechy und in einer ungefähr gleichen Entfernung von den Dörfern Chavoire und Veyrier. Von dem Felſen herab, auf dem dieſes Gebäude liegt, genießt man einen magiſchen, auf der Welt einzigen An⸗ blick; man umfaßt mit dem Auge den Annecy⸗See, einen Zauberſee, deſſen wechſelreiche Anſichten von der Natnr mit einem Glücke, das die Ideale der Kunſt in die 20 Schranken fordert, gruppirt und proportionirt ſind. Es iſt nicht die Unermeßlichkeit des kleinen Meeres von Genf, welches zu ſehr ausgedehnt, als daß man ſeine beiden Ufer zugleich erblicken könnte; es iſt nicht der ſchroffe, wilde Anblick des in ſeine unfruchtbaren Felsmauern ein⸗ gezwängten Bourget⸗Sees, der dem Geſichte beinahe kein Streiflicht läßt; nein, das entzückte Auge verweilt ab⸗ wechſelnd auf den bald lachenden, bald melancholiſchen, bald freundlichen, bald großartigen Ufern des Annechy⸗ Sees und taucht in die entfernten Horizonte, die man durch die Senkung der Abhänge von einigen Bergen ent⸗ deckt, von denen er eingerahmt iſt. II. Suchen wir, wenn es möglich iſt, einen Begriff von dieſen Wundern zu geben, indem wir annehmen, der Leſer habe ſeinen Standpunkt auf der zerfallenen Terraſſe des Hauſes von Rouſſe au. Dem Ufer gegenüber, wo es erbaut iſt, und jenſeits des Sees, erhebt ſich die Stadt Annech, beherrſcht durch die viereckigen Thürme des alten Schloſſes der ehemaligen Grafen von Genevvis, welche oft eine große Rolle in der Geſchichte ſpielten. Jenſeits dieſer Stadt dehnt ſich ein ungeheures Baſſin zus, das ebenſo fruchtbar, ebenſo geſchickt angebaut iſt, als die fetteſten Landgüter der Normandie oder von Flan⸗ dern. Auf dieſem Baſſin gewahrt man auch Gruppen von Nußbäumen von einer rieſigen Vegetation; die reichen Fluren erſtrecken ſich in einer ſanften Wogung von kleinen Thälern und Hügeln ins Unabſehbare, und am äußerſten Ende des Horizonts erblickt man die Kette des Jura: Frankreich? neber der Stadt Annech runden ſich die mit Wald bewachſenen Berggipfel, die das Sainte⸗Catherine⸗Thal, einen köſtlichen, zwei Meilen langen engliſchen Park, be⸗ 21 herrſchen. Es ſind hier nur Wiesgründe, Culturen, hun⸗ dertjährige Schatten, von Fels zu Fels ſpringende Bäche; die Geſichtspunkte vermehren ſich ins Unendliche, je wei⸗ ter man die ſanften Krümmungen einer breiten Straße hinaufſteigt, welche ſo ſorgfältig unterhalten iſt, daß man im Wagen bis auf das oberſte Plateau gelangen kann; dann hat man unter ſich die Tiefe dieſes Thales, eines wahren Oceans von Grün, und es entrollt ſich in der Ferne ein herrliches Panorama. Ueber dem letzten Plateau des Sainte⸗Catherine⸗ Thales fangen die Abhänge vom Semenoz, einem der Culminationspunkte der Alpenkette, an; ein Tannenwald bedeckt beinahe gänzlich ſeine Seiten, und den Sommer hindurch weiden mehr als tanſend Stücke Rindvieh auf den ungeheuren Prairien, auf welche die Alpenflora ihr duftendes, buntſcheckiges Körbchen ausgeſchüttet hat. Die Abhänge des Semenoz und der mit ihm ver⸗ bundenen Berge, welche zu dem, nicht minder als der Golf von Neapel durchſichtigen und blauen, See hinab⸗ laufen, ſind mit einem Hochwalde von Kaſtanienbäumen bepflanzt, der eine Länge von mehr als zwei Meilen hat (er erſtreckt ſich von der Puya bis jenſeits Sevrier); dieſe ſammetartige Wieſen beſchattenden, rieſigen Kaſtanien⸗ bäume würden dem Maler eine Menge von Modellen von einer mächtigen und kühnen Originalität bieten; die einen haben einen ſolchen Umfang, daß vier Männer nicht ihren geborſtenen, unterſetzten Stamm mit den bizarr geformten Stümpfen umfaſſen würden, aus welchen Stüm⸗ pfen wie rieſige Kerzen Schößlinge hervorwachſen, deren glänzende, atlaßartige Rinde und zartes Blätterwerk ſelt⸗ ſam mit der ſchwarzen knorrigen Hülle des alten, oft wie ein Tau gedrehten Stammes contraſtiren; andere Stämme, welche bis zur Hälfte ihrer ungeheuren, mit Moos be⸗ deckten und ſo, daß man, wenn man ſich bückte, durchgehen könnte, in Gewölben ſich erhebenden Wurzeln von Erde ent⸗ blößt ſind, gleichen Felſen, dergeſtalt haben ſie ſich mit Beu⸗ 22 len, Knoten, Wülſten und Holzauswüchſen überzogen; von dieſen, zuweilen durch die Zeit bis auf den Splind zer⸗ freſſenen und ſo in Grotten von Rinde verwandelten, co⸗ loſſalen Stämmen ragen oft voll Saft und Kraft bis zu einer Höhe von dreißig Fuß die kräſtigen, üppigen Sprößlinge des dreimal hundertjährigen Baumes empor. Um das Maleriſche auf den höchſten Grad zu ſteigern, heben ſich die Stämme und Lauben dieſes Kaſtanienwal⸗ des, den ſich die poetiſche Phantaſie des Künſtlers nie geträumt hätte, von dem Azur des Sees, welchen er be⸗ herrſcht, ab, von einem ſo glänzenden, ſo durchſichtigen Azur, daß man durch eine ſeltſame Luftſpiegelung von der Höhe der durch den Wald beraſten Abhänge herab durch das Blätterwerk unter ſich . . . das Blau des Himmels glän⸗ zen zu ſehen glaubt. Der öſtliche Abhang des Semenoz ſenkt ſich unmerk⸗ lich und entblößt den Eingang des Thales der Bauges, welches ſo fruchtbar an Kräuterwerk iſt, daß man in Be⸗ treff der unerhörten Macht ſeiner Vegetation ſagt: „Steckt am Abend einen Stab in die Wieſe, und am andern Morgen werdet ibr ihn nicht mehr ſehen, ſo ſehr wird in einer Nacht das Gras gewachſen ſein.“ Die Zugänge dieſes Thales, das beinahe auf dem Niveau des Sees liegt, bieten dem Auge den Anblick eines Schachbretts, auf dem ſich das Gold des Waizeus! und des Roggens mit dem Hochroth des Klees, mit dem Blaßblan der Leinpflanzen, mit dem lebhaften Roſa der Eſparcette und dem wechſelreichen Grün der Weinrebe, des türkiſchen Korns und des Hanfes vermählt. II. Bis hieher läßt ſich nichts Fruchtbareres denken, als dieſe Jauberufer, doch jenſeits des Eingangs vom Thale der Bauges nund gegen den Hintergrund des Sees ver⸗ 23 ändert ſich die Scene. Die Alpengröße entwickelt ſich in ihrer ganzen Majeſtät; es iſt eine titaniſche Aufthürmung von Bergen auf Berge; ihre Kämme ragen zum Himmel empor wie rieſige, während des Sturmes verſteinerte Wellen; die impoſante Strenge dieſes Gemäldes wird ge⸗ mildert durch die Nuancen der Vegetation, mit der dieſe drei⸗ bis viertanſend Fuß hohen Berge völlig bekleidet ſind: Felder, Weinländer, Wälder, Weiden ſchließen ſich von der Baſis bis zum Gipfel dieſer vulkaniſchen Maſſen an einander an, — ein unermeßliches Amphitheater von wech⸗ ſelreichen Culturen, buſchigen Gehölzen und Prairien, die ſich bis zu den Wolken erheben und im Spiegel der Waſ⸗ ſer des Sees wiederſcheinen. Im Winter nimmt dieſe Landſchaft einen ſeltſamen Charakter an; man ſollte ſich in die Eisregionen des Pols verſetzt glauben. Die mit Schnee bedeckten Berge verlieren ſich in den Tiefen des Himmels, der in der untergehenden Sonne beinahe veil⸗ chenblau wird; dann färbt ſich ibr blendend weißer Gipfel mit einem lebhaften Roſa; dieſe Nuance erbleicht nach und nach und verſchwindet; die Abenddämmerung iſt auf den Tag und die Nacht auf die Abenddämmerung gefolgt; doch wenn der Mond glänzend und rein aufgeht, iſt das Schan⸗ ſpiel zauberhaft . . es ſind ſilberne Berge, die ſich von einem azurblauen, mit goldenen Sternen beſäten Grunde abheben. IV. Am Ende der Bucht, wenn man zu dem Ufer zurück⸗ kehrt, auf welchem das Haus von Rouſſeau gebaut iſt, wechſelt die Scene abermals; Kalkſchichten von einem⸗ dunkeln, mit weißen Fäden durchſtreiften Gran, ein Stein, der die Glätte des Marmors erlangt, überragen den See beinahe ſenkrecht und laſſen zu ihren Füßen nur noch eine ſchmale Chauſſee. Dieſe unfruchtbare, wilde Eindämmung 24 tontraſtrirt durch ihre Härte ſonderbar mit dem Reich⸗ thume der Vegetation der andern Gegenden; — ein ergrei⸗ fender Widerſpruch, denn dieſes finſtere Gemälde, das würdig wäre, das Genie eines Salvator Roſa zu inſpi⸗ riren, wird bald vergeſſen durch eine der bezauberndſten Landſchaften, die man in Arcadien träumen kann! Das iſt das Baſſin der alten Abtei Talloires. Man denke ſich ein erſtaunlich fruchtbares Ufer, ein⸗ gefaßt von ungeheuren Bäumen, deren untere Zweige im See hängen. Dieſes gelobte Land mit ſeinem Ueberfluſſe an Culturen aller Art, gegen Süden dem Winde ausge⸗ ſetzt, aber vor dem Nordoſt durch den Roc de Chovre, ein grünes Vorgebirge, geſchützt, welches der pittoresken Halbinſel Duingt, deren ſchönes Schloß von einem hun⸗ dertjährigen Hochwalde umgeben iſt, gegenüber liegt; dieſes gelobte Land, ſagen wir, erfreut ſich beinahe in allen Jahreszeiten einer ſo milden Temperatur als Nizza, Hyores oder Florenz. Die Kühle der Schatten, das Dunkelblau der Waſſer, die frühzeitige Entwickelung der Blüthen erinnern an die beglückteſten ſüdlichen Ge⸗ genden. Die maleriſch gruppirten Ruinen des alten Kloſters liegen in der Nähe des Fleckens, wo der gelehrte Ber⸗ thollet, der berühmte Gründer des ägyptiſchen Inſtituts, geboren wurde; die funkelnde Kuppel des Kirchthurmes von Talloires ſpiegelt, bedeckt mit blechernen Schuppen nach dem Gebrauche des Landes, über den brannen Ziegel⸗ dächern; die Berge, von denen dieſer Theil der Bucht umgeben iſt, bieten abermals dem Auge Amphitheater von ſammetartigen Wieſen, welche von großen Fichten⸗ wäldern durchſchnitten werden, die ſich bis zu den Wolken aufthürmen; jenſeits der erſten Abhänge ſieht man durch die Nußbäume, die Eichen und die Buchen den kleinen Thurm der Kirche von St. Germain funkeln, was auf dem Wege nach Montmin, einer der waldbewachſenen Spitzen⸗ 25 liegt, welche die Tournette, dieſer Rieſe der Alpen, be⸗ herrſcht. Allein unter allen dieſen hohen Bergen, die gegen ſie wie Hügel erſcheinen, verbirgt die achttauſend Fuß hohe Tournette beinahe immer in den Wolken ihre kahle. ſchroffe Stirne; kein Grashalm, keine Movospflanze, keine Flechte vegetiren in einer ſolchen Höhe; die lauen Früh⸗ lingslüfte oder die erſten Hitzen des Sommers haben den Schnee der andern Gipfel geſchmolzen; die Tournette bleibt immer ſchneebedeckt. Hat die Abenddämmerung allmälig ſich der Höhen dieſer Alpenketten bemächtigt, ſind alle in den Schatten getaucht, ſo reflectirt doch die Stirne der Tournette allein, funkelnd wie ein Leucht⸗ thurm, die letzten Feuer der ſeit langer Zeit am Horizont verſchwundenen Sonne. Jenſeits des Baſſin von Talloires, wenn man die Wanderung um den See fortſetzt, bewundert man noch die herrlichen Schatten des Dorfes Menthon, wo die Römer, welche ſtets die ſchönen Landſchaften liebten, Bä⸗ der gebaut hatten. Dann kommt der Eingang des Tha⸗ les, das ſich unter dem alten Schloſſe Menthon mit ſei⸗ nem fendalen, kriegeriſchen Ausſehen entrollt. Endlich, dem Ufer gegenüber, das der Semenoz be⸗ herrſcht, erheben ſich die Spitzen des Veyrier⸗Berges, der auf ſeinem Gipfel mit Wald, an ſeiner Seite mit Cul⸗ turen und Weinländern bedeckt iſt, während man zu ſei⸗ nen Füßen, halb verborgen in den Gebüſchen ibrer Gärten, die den See beherrſchen, einige lachende Villas erblickt, von wo aus man, wie vom Hauſe von Rouſſeau, das wunderbare Panorama umfaßt, von welchem wir eine unvollkommene Skizze zu geben verſucht haben. V. um die Mitte des Frühlings in einem der letzten Jahre ſahen einige Bauern von Chavoire (einem 26 unfern vom Hauſe von Rouſſeau liegenden Dorfe) in der Abenddämmerung einen Mann von ſtarkem Körperbau, noch in der Kraft des Alters, obgleich ſein Bart und ſeine Haupthaare ſchon grau waren, vorübergehen; ſein bleiches, vom Kummer tief durchfurchtes Geſicht hatte einen merkwürdigen Ausdruck von Energie; einfach ge⸗ kleidet, einen Ranzen auf dem Rücken, der ſein beſcheide⸗ nes Gepäcke enthielt, durchſchritt dieſer Fremde das Dorf Chavoire; dann, nach einem Marſche von einer Viertelſtunde, als er die Ruinen des Hauſes von Rouſſeau, ſeine ein⸗ ſame Lage, ſeine abſchüſſigen Zugänge gewahrte, hielt er an, und blieb, auf einen Reiſeſtock geſtützt, die Angen auf das einſame Gemäuer geheftet, lange nachdenkend. Ein Bauer fand ſich auf dem Wege, und der Fremde fragte ihn: „Mein Freund, was für ein verfallenes Haus ſehe ich dort auf dem Berge?“ „Mein Herr, es iſt das Haus von Rouſſeau.“ „Von Jean Jaques Rouſſeau?“ „Ja, mein Herr; man ſagt, er ſei ſeiner Zeit hier geweſen, und hievon hat das Hans wohl ſeinen Namen behalten.“ „Dieſer Ort,“ fragte der Fremde, plötzlich von einem Gedanken ergriffen, „dieſer Ort wird alſo von Niemand bewohnt?“ „Nein, mein Herr, es ſind nur noch die vier Mauern und das Dach übrig.“ „Ich danke für Eure Auskunft, mein Freund,“ ſprach der Reiſende; und nachdem er noch eine Zeit lang am Ufer des Sees der Straße gefolgt war, welche von Chavvire nach Veyrier führt, vrientirte er ſich, ſo gut er konnte, zum Hauſe von Rouſſeau, trat in den unten am Verge gelegenen Weingarten ein, erkletterte ſodann einen jäben Abhang und kam zum Fuße einer zerfallenen, mit Epheu und Brombeerſtanden bedeckten, von großen, mit Moos überwachſenen, Steinblöcken erbauten Mauer; er 27 erkletterte ſie und befand ſich auf der Oberfläche eines Erdwalles. Rechts erhob ſich das Haus von Rouſſeau, beſchattet von einer Gruppe von Eichen, welche zwiſchen den gemalten grauen Felſen ſo eingewurzelt waren, daß ſie auf dieſer Seite die Umfriedung eines verlaſſenen Gartens zu ſein ſchienen; durch eine Oeffnung in einer ungepflegten Hecke erblickte der Fremde einen gekrümmten, abſchüſſigen Fußpfad, der gegen ein mit Pappeln, Nuß⸗ bäumen und Buchen bepflanztes Thälchen ausmündete; ein lebendiger, vom Berge herabkommender und von Cas⸗ cade zu Cascade fallender Bach lief mit einem ſanften Gemurmel auf einem Bette von Kieſelſteinen. Der Reiſende ſtieg, nachdem er eine Zeit lang dieſes ländliche Schauſpiel betrachtet hatte, die getrennten Stu⸗ fen einer halb unter Reſſeln, Mauerkraut und wilden Erdbeerpflanzen verborgenen Treppe hinauf und trat in das Haus ein, wo er weder Thüren, noch Fenſter ſah; das erſte Gelaß hatte einſt als Küche dienen müſſen, wie dies die Trümmer eines großen, geſchwärzten, verkohlten Kaminmantels andeuteten; die ſtellenweiſe geborſtene und eingeſtürzte Decke ließ das Zimmerwerk des Daches und durch eine Spalte des zerriſſenen Giebels das Blau des Himmels und das eben entſtehende Grün der Eichen er⸗ ſchauen; ein aus dem Felſen ausgehanenes Kellerchen war an einer der Ecken dieſer Küche angebracht, welche von einem anſtoßenden Zimmer eine wurnſtichige Thüre, die einzige, die noch beſtand, trennte. Der Fremde ſtieß ſie auf und drang in einen ziemlich großen Saal ein. An einigen Stellen blieben nur noch die Querbalken ſei⸗ nes halb zerſtörten Bodens, unter denen man die ſchwarze Tiefe eines unterirdiſchen Raumes ſah; durch ihren un⸗ verſehrten Plafond jedoch konnte die obere Stube, in welche der Reiſende eingetreten war, einen Schutz gegen den Regen bieten; man las auf den durch die Zeit be⸗ ſchädigten Wänden die Namen einer großen Anzahl von neugierigen Beſuchern des Hauſes von Rouſſeau; vier —— 28 Fenſter ohne Scheiben und Rahmen erleuchteten dieſes Zimmer, von wo aus man mit dem Blicke den Annecy⸗ See und ſeine Ufer umfaßte. Der Reiſende dachte ziemlich lang nach, nachdem er dieſe Ruinen, in denen er die Nacht zuzubringen ſich ent⸗ ſchloß, unterſucht hatte; er legte ſeinen Ranzen neben ſich, zog ein Stück Brod daraus, machte eine Kürbisflaſche los, die an ſeinem Halſe hing, ſetzte ſich auf den Rand von einem der Fenſter und begann ſein frugales Mahl, wäh⸗ rend er die bewunderungswürdige Landſchaft, die wir zu ſchildern verſucht, betrachtete. Es kam die Nacht, der Mond ging ſtrahlend hinter dem Gipfel des Veyrier⸗Berges auf und warf eine leuch⸗ tende Furche auf den dunkeln Spiegel des Sees, wo ſich die Sterne wie Tauſende von Goldflittern reflectirten; es ſchlug in der Ferne zwölf Uhr in der Pfarrkirche von Annech, und der Fremde, der noch auf dem Rande des Fenſters ſaß, blieb in ſeine Gedanken verſunken; aber. bebend bei dem ſchwermüthigen, gedehnten Klange der Uhr, ſeufzte er, ſtand auf, legte beſchienen vom Monde, der ſein Licht nun durch die Fenſter der zuvor von Finſterniß er⸗ füllten Stube warf, ſeinen Ranzen an die Wand, ſtreckte ſich auf dem Boden aus, wie der Soldat im Bivonac, ſtützte ſeinen Kopf auf ſeinen Reiſeſack, ſchloß in der Hoff⸗ nung, den Schlaf zu finden, die Augen und murmelte mit erſtickter Stimme: Oh! mein Sohn . . mein Julian! mein armes Kind!“ VE Drei Monate waren vergangen, ſeitdem der Reiſende zum erſten Male die Nacht im Hauſe von Rouſſeau, das nun, trotz ſeiner Zerfallenheit, ſein regelmäßiges Aſyl ge⸗ worden, zugebracht hatte. * * 25 Die Gebräuche ſind in Savoyen noch von eiuer Ureinfachheit; die Bewohner des benachbarten Dorfes bekümmerten ſich kaum um die ſeltſame Exiſtenz des Fremden; dieſer richtete ſich indeſſen von ſelbſt nach den Porſchriften. Am Tage nach ſeiner Ankunft erſchien er beim Syndicus (Schultheißen) und wies ihm ſeinen in guter Form ausgeſtellten Paß vor; dann erkundigte er ſich nach dem Namen des Eigenthümers des verlaſſenen Hauſes, ſchrieb ihm und bat ihn im Namen der Menſch⸗ heit um Erlaubniß, dieſe Ruinen bewohnen zu dürfen; der Eigenthümer nahm dieſe Bitte auf das Allerfreund⸗ lichſte auf. Der Fremde, den wir Robert nennen werden, be⸗ auftragte einen Bauern von Chavoire, ihm nach der Sfitte des Landes eine Matratze von dürren Maisblättern zu verfertigen und ihm in Annecy eine wollene Decke zu kaufen; derſelbe Bauer brachte jede Woche nach dem Hauſe von Rouſſeau einen von jenen großen zwölfpfün⸗ digen Laiben Brod, die ſich, halb Roggen, halb Waizen, bis zum letzten Stücke friſch erhalten. Der kleine Bach des Thales lieferte dem Einſiedler ein klares Waſſer, mit dem er jeden Tag ſeine Kürbisflaſche füllte; er wuſch ſelbſt, und zwar durch ein ſehr einfaches Verfahren, das Wenige von Wäſche, was er beſaß, indem er dieſe, feſt⸗ gehalten durch ein paar große Steine, in das Bett des Baches legte, der in der Nähe ſeines Hauſes floß; durch den raſchen Lauf dieſes beſtändig ſich erneuernden Waſſers wurde die Wäſche ſo gewaſchen, und Robert ſetzte ſie ſodann auf einer Hecke den Sonnenſtrahlen aus. Die Einwohner von Chavoire und Veyrier, nachdem ſie ſich ein wenig mit ihrem Nachbar beſchäftigt hatten, vergaßen ihn bald; ſie ſahen ihn übrigens ſelten; ſchon in der Morgendämmerung verließ er ſeine Wohnung, um die Berge zu erklettern, und er kehrte erſt nach Sonnen⸗ untergang zu ſeinem Lager zurück; zuweilen erblickte man auch Robert auf der Höhe von ſo gefährlichen Abſtürzen⸗ 30 daß ſelbſt die unerſchrockenſten Adlerneſterausnehmer es kaum wagten, ihm mit dem Auge zu folgen. Trafen ihn zufällig die Holzhaner im Walde, ſo richtete er einen herzlichen Gruß an ſie oder half ihnen ihre ſchwere Laſt aufladen; doch dieſes Zuſammentreffen war ſelten; der Fremde ſchien beſonders die von Präcipiſſen umgebenen Gipfel und wilde Einſamkeiten zu lieben, wohin kein Menſch vor ihm den Fuß zu ſetzen gewagt hatte. VII. Eines Tags kehrte Robert in der Abenddämmerung nach dem Hauſe von Rouſſeau zurück. Er ging an einer von den tiefen Schluchten hin, von welchen der Veyrier⸗ Berg durchſchnitten iſt, als er durch die oberen Felſen herab eine junge weibliche Perſon kommen ſah, die auf ihrem Kopfe ein großes Bündel Gras trug, das ſie mit ihren beiden emporgehobenen Armen feſthielt; ihr friſches Geſicht erſchien noch anmuthiger ſo umrahmt von den langen Gräſern, deren Blumen ſich mit ihren blonden Haaren vermiſchten oder ihren Hals und ihre Schultern liebkoſten. Sie hatte ſo eben einen Bach durchſchritten ihre noch feuchten bloßen Beine und Füße boten die Weiße des benetzten Marmors; ihr kurzer Rock von einer groben, röthlich grauen Leinwand ſchmiegte ſich an einen ziemlich weit ausgeſchnittenen, vorne am Anfang des Buſens geſchnürten Leib von demſelben Stoffe an; dieſes Kleid ohne Aermel ließ die des Hemdes ſehen, das halb die gerundeten, durch die Sonne gebräunten Arme des Mäd⸗ chens entblößte. Eine Ziege und ihre zwei Zickelchen folgten dieſem hübſchen Mädchen, als es ſich auf einen ſchmalen, ab⸗ ſchüſſigen Pfad, beſät mit rollenden Kieſelſteinen, wagte die das Rinnen der Waſſer herbeiführte, welche bei Sturmregen, nachdem ſie ſich dieſes Bett gegraben, in 31 eine tiefe Schlucht floſſen und von da in Cascaden von einer Höhe von zweihundert Fuß hinabfielen. Der beinahe ſenkrechte Abſturz fand ſich nur ein paar Schritte unter dem Bette, wo das Mädchen ging; ſtatt fortwährend auf dieſem erſchrecklich jähen Abhange niederzuſteigen und ſich ſo zu dem Präcipiß zu wenden, hemmte ſie auch ihren Gang, um zu ihrer Rechten den querlaufenden Fußpfad, auf welchem Robert ſtehen ge⸗ blieben, einzuſchlagen. Plötzlich ſpringen die Zickelchen munter hinter der jungen Perſon, wollen ihr voraneilen, ſtoßen ſie heftig und verwickeln ſich in ihren Beinen; ſie verliert das Gleichgewicht, die Kieſelſteine rollen unter ihren Füßen, ein falſcher Tritt treibt ſie vorwärts, ſie läßt ihr Bündel los und dieſes fällt in die Schlucht, in die ſie ſich, außer Stande, auf dem beinahe ſenkrechten Abhange anzuhalten, ſelbſt gezogen fühlt. Robert, der das arme Kind für verloren hält, gibt einen Schreckensſchrei von ſich, eilt von dem Fußpfade, auf welchem er ſteht, vor, klammert ſich an einem Fels⸗ vorſprunge an und wirft ſich in der Schlucht auf die Kniee, in der Hoffnung, ſo ein Hinderniß gegen den Sturz des durch eine unwiderſtehliche Gewalt fortge⸗ riſſenen Mädchens zu bilden. Es gelingt Robert; ſein zwiſchen das Präcipiß und ſie geſtellter Körper hält die junge Perſon plötzlich auf; ſie ſtolpert, erhebt ſich wieder und ſteigt mit Hülfe einiger Zweige des Gebüſches, wel⸗ ches das Bett begränzt, hinauf und erreicht den quer⸗ lanfenden Fußpfad; hier ſteht ſie nun mit pochendem Buſen, richtet unter dem Kamme ihre blonden Flech⸗ ten zurecht, an denen noch einige Blumen hingen, und ſagt naiv zu Robert: „Ich danke! ich danke! Zum Glück werde ich mein Bündel unten am Felſen wieder finden.“ Dann, ohne daß ihr regelmäßiges, ſanftes, leicht durch die Aufregung geröthetes Geſicht die Angſt vor dem Tode verrieth, den 32 ſie von ſo nahe geſehen, fügte ſie, indem ſie ſich an Robert wandte, bei: „Nicht wahr, Sie wohnen im Hauſe von Rouſſeau?“ „Ja, mein Kind.“ „Ich heiße Fanchette und bin von der Nähe von Chavoire; noch einmal danke ich Ihnen ſehr. Ich will mein Bündel holen.“ Fanchette rief ihre Ziege und die zwei Zickelchen, deren Ungeſtüm ſie beinahe um das Leben gebracht hätte, und die nun friedlich die Blätter einer jungen Buche abfraßen, und ſagte mit einem Tone freundſchaftlichen Vorwurfs zu den launenhaften Thieren, indem ſie ſie mit der Hand ſtreichelte: „Oh! die kleinen Narren! die klei⸗ nen Narren!“ Dann ließ ſie dieſelben vor ſich hergehen und ſtieg mit leichtem und ſicherem Fuße den ſich drehen⸗ den Pfad hinab. Robert ſah noch mehre Male den hübſchen blonden Kopf von Fanchette durch die dichten Gebüſche erſcheinen und hörte dann ihre, jedoch durch die Entfernung geſchwächte, Stimme von Zeit zu Zeit ihren Zickelchen wiederholen: „Oh! die kleinen Narren! die kleinen Narren!“ — VIII. Als Robert am andern Abend, nachdem er Fanchette das Leben gerettet, in ſeine Wohnung zurückkam, fand er auf dem Geſimſe von einem ſeiner Fenſter einen ſchönen mit Kirſchen beladenen Zweig und ein Binſenkörb⸗ chen voll von Walderdbeeren; an dieſen beſcheidenen Ge⸗ ſchenken errieth er die Dankbarkeit des Mädchens; noch mehrere Male, obgleich er Fanchette ſeit dem Abenteuer der Schlucht nicht wiedergeſehen, gab ſie ihm neue Be⸗ weiſe des Andenkens; bald war es eine Honigſcheibe, bald ein Ziegenkäſe in Blätter von Weinreben gewickelt, bald Früchte, wie ſie die Jahreszeit bot. Eines Abends 35 endlich fand er in dem klaren Bache in der Nähe ſeiner Wohnung nicht mehr die Wäſche, die er, durch ein paar ſchwere Steine feſtgehalten, zurückgelaſſen hatte; doch er ſah ſie, als er in das Haus hineinging, auf der Fenſter⸗ lehne liegen, und zwar garz ſorgfältig gebügelt. Dieſe be⸗ harrlichen Aufmerkſamkeiten, welche von einem naiven Zartgefühle und einer innigen Dankbarkeit zeugten, rühr⸗ ten Rohert oft bis zu Thränen und milderken die Bitter⸗ keit ſeines Kummers. „O mein Sohn!“ ſagte er zu ſich ſelbſt, „o mein Julian! Du hätteſt nicht im Tode eine Zuflucht gegen die Schande, gegen die Qualen, gegen die Verzweiflung geſucht, in welche Dich dieſe entſetzliche Frau, dieſes Un⸗ geheuer der Treuloſigkeit und der Grauſamkeit geſtürzt hat, würdeſt Du bei Deinem Eintritte in das Leben, als ein armer achtzehnjähriger Knabe, eine Seele rein und unſchuldig wie die dieſes ſanften Weſens, deſſen Dank⸗ barkeit ein vortreffliches Herz errathen läßt, gefunden haben! O Jean Jacques, Du, der Du vielleicht in die⸗ ſer Einſamkeit wandelteſt, wo ich heute die Ausbrüche, die Klagen, die endloſen Schmerzen Deiner großen, bis auf den Tod durch die Ungerechtigkeit, den Uündank und die Bosheit der Menſchen verletzten Seele ſehe! Jean Jacques! männlicher, erhabener Erzieher der Jugend; Du haſt den Emil geſchrieben, um die Väter vor den Gefahren einer ſcheinbaren, lügenhaften und die unvergäng⸗ lichen Geſetze der Natur umſtürzenden Erziehung zu be⸗ wahren! Bieſes Buch habe ich geleſen als ein Meiſterwerk von Kunſt und Beredtſamkeit, doch nicht als ein Meiſterwerk von praktiſcher Vernunft! Deine ſo zar⸗ ten, ſo weiſen, ſo tief geſuchten, ſtudirten und gerade in der Weſenheit der Beziehungen, welche zwiſchen dem Vater und dem Sohne beſtehen müſſen, gefundenen Lehren, habe ich vernachläſſigt. „Wehe auch mir! es iſt gekommen der Tag, wo mein Cornelia d'Aufi. 3 —— Sohn gerettet war, hätte er mich geliebt, ſtatt mich zu ſcheuen! hätte er Vertrauen zu meiner Nachſicht gehabt, ſtatt meine Strenge zu fürchten! hätte er mir ſein Herz geöffnet, ſtatt ſich einer geheimen Verzweiflung hinzu⸗ geben! Doch nein, ich glaubte bis zu einer anſcheinenden Unbengſamkeit den Kummer, den mir ſein Fehler verur⸗ ſachte, übertreiben zu müſſen! Ich wollte ihm einen Schrecken einjagen bei ſeinem erſten Schritte auf einem ſchlimmen Wege; ich ſchoß über das Ziel hinaus! „Wehe mir! mein Sohn hat von der väterlichen Gewalt nur die herbe Strenge kennen gelernt; das un⸗ glückliche Kind vertraute auch ſeine Reue nur dem Tode und einem herzzerreißenden Briefe an, in welchem er mir die Urſachen ſernes Selbſtmordes angab. „Und in dieſer Stunde iſt Dein Leib ohne Grab, o mein Julian! Vergebens bin ich auf einer gräßlichen, oh! für einen Vater gräßlichen Pilgerfahrt an den Ufern der Rhone von Lyon bis Genf hinaufgeſtiegen, wo Du Dich in den Fluß geſtürzt hatteſt; vergebens habe ich auf meinem Wege die Uferbewohner befragt, in der Hoff⸗ nung, wenigſtens Deine Ueberreſte wieder aufzufinden! Dieſer letzte Troſt war mir verſagt . . Deinen Körper hat die Tiefe eines Abgrundes verſchlungen. „Unglückliche Pilgerfahrt! ſie hat mich in die Gegend dieſer Landſchaft geführt; als ich ſie, betroffen vom An⸗ blicke dieſer durch Jean Jacques unſterblich gemachten Einſamkeit, durchwanderte, ſagte ich zu mir: „„Ich habe die Lehren von einem der größten Geiſter, welche der Welt zur Ehre gereichten, verachtet; in ſeiner glühenden Liebe für die Menſchheit hatte Jean Jacques den Emil, das Evangelium der Väter und der Mütter, geſchrieben; ſeine Geſetze befolgend, hätte ich das Glück meines Sohnes geſichert, er wäre der Stolz meines Lebens geworden!!! Aber ach! ich habe Deine Vorſchriften miß⸗ kannt, o Ronſſeau! der Tod meines Kindes beſtraft mich, 35 und ich werde meine unſelige Verblendung an denſelben Orten büßen, wo Du vielleicht über den Emil nachſannſt.““ „Und daun, ob ich hier oder anderswo wohne, mir gleichviel! Ich ſchleppe nun auf den Zufall mein zweck⸗ loſes Daſein fort; der Aufenthalt in Lyon wäre mir un⸗ erträglich. Es liegt alſo irgend ein verhängnißvoller Zauber in einem unheilbaren Schmerze, da ich mich in das Leben füge? . .. Leben! mein Gott! heißt das leben? jeden Tag einen fieberhaften Schlaf von der Müdigkeit verlangen, die mich lähmt! die Tiefe der Abgründe erforſchen, um im Schwindel die vorübergehende Betäubung meiner Leiden zu finden, glücklich, wenn ſie zuweilen gemildert werden, wie dies durch die Dankbar⸗ keit des Kindes, das ich vom Tode errettet, geſchehen iſt! Oh! ja, warum hat mein Julian bei ſeinem Auftreten im Leben nicht eines von den einfachen, reinen Herzen gefunden, welche nur edle Gedanken, nur edle Handlungen einflößen? Er hätte ſich nicht getödtet, er hätte mir nicht den herz⸗ zerreißenden Brief geſchrieben, den ich alle Tage wieder leſe, um meine unerbittliche Strenge zu beſtrafen, um die entſetzliche Frau zu verfluchen, die mein Kind zum Selbſtmorde getrieben hat!“ Und Robert las wieder und wieder die letzten von der Hand ſeines Sohnes geſchriebenen, halb unter den väterlichen Thränen verwiſchten Zeilen. IX. Robert erwartete mit Ungeduld die Rückkehr des Winters; es drängte ihn, die gelben Blätter unter einem kalten Nebel von den Aeſten fallen zu ſehen Es drängte ihn, die finſtern Wolken durch den Nordwind gejagt den Himmel verdunkeln und den Schnee auf die . und auf die Berge ſein weißes Leichentuch werfen zu ſehen. Der Anblick der todten Natur gefällt den troſtloſen Herzen; die Herrlichkeiten einer üppigen, durch die Strahlen der Sommerſonne vergoldeten, von einem azurblauen Himmel bekränzten Natur reizen den Schmerz wie eine Herausforderung. Eine ewige Trauer erfüllte die Seele dieſes verzweifelnden Vaters, und um ihn her war Alles Freude, Grün, Lieder, Wohlgerüche und Licht . . Die Zeit der Heuernte war gekommen. Eines Abends kehrte Robert in ſein Haus zurück; nach ſeiner Gewohnheit die einſamen und abchlüſſigen Orte aufſuchend, war er über den Gipfel des Veyrier⸗ Berges gegangen, als er, nachdem er die in die Spalten des Felsgeſteins eingewurzelten Tannen⸗ und Buchengehölze durchwandert hatte, zu ſeinem Erſtaunen vor ſeinen Augen weite Prairien, ſtellenweiſe beſchattet von Eichen, ſich ent⸗ rollen ſah, — eine wahre, zwiſchen zwei Kegeln verbor⸗ gene Haſe, deren Daſein in einer ſolchen Höhe man un⸗ möglich ahnen kann, wenn man am Fuße dieſes Berges der Straße nach Thones folgt; von dieſen Weiden herab erblickt man einen unermeßlichen Horizont und unter ſich in einer ungeheuren Tiefe ſieht man den See, glänzend wie ein Saphir, eingefaßt von ſeinen ſammetartigen grü⸗ nen Ufern. In dem Augenblick, wo Robert zu dieſer Oaſe kam, mähte man ihre von tauſend Alpenblumen mit den wechſelreichen Farben duftenden Wieſen: Purpurroth, Weiß, Orangegelb, Blau, Lila vermengten ihre Nuancen; die ſcharfen Gerüche dieſer Heuernte erfüllten mit ihrem Balſam die reine Luft, die man auf dem Gipfel der⸗ Berge einathmet; die Kühle wurde köſtlich; große, bläu⸗ liche Schatten überzogen allmälig dieſe durch die Reflexe der untergehenden Sonne goldglaſirten Prairien; Frauen, junge Mädchen mit breiten Strohhüten auf dem Kopfe, mit nackten Armen und Füßen häuſten behende, geräuſch⸗ voll, munter das Heu in kleinen Schobern auf oder zogen es mit Rechen zuſammen; plötzlich ertönte unfern von — 37 den munteren Heumacherinnen der Erntegeſang, ein im Chore durch weibliche Stimmen wiederholtes Lied von einer ländlichen Melodie. Robert ſah nun bei der Biegnng einer Baumgruppe einen vierräderigen Wagen, gezogen von zwei ſchönen, ſilberweißen Kühen, erſcheinen; die Milch ſchwoll ihre roſenfarbigen Euter an; mehrere grüne Buchenzweige beſchatteten den Kopf, die Bruſt und die breiten Seiten dieſer zwei friedlichen Thiere und beſchützten ſie vor den Stichen der Bremſen; dieſes Blätterwerk gab dem bäu⸗ riſchen Wagen ein feſtliches Ausſehen; einige blühende Ranken von wilder Waldrebe, die man ſo häufig in die⸗ ſem Lande trifft, ſchaukelten ſich auf dem Kopfe der zwei Kühe, hatten ſich durch einen anmuthigen Zufall um ihre Hörner gerollt, verſchleierten halb ihr verſtändiges, ſanftes Auge und ließen ihre Blüthenbüſchel mit dem wohlriechenden Schnee niederfallen; ein Mann in der Kraft des Alters ſchritt dem Wagen voran und lenkte, zuweilen rückwärts gehend, mit der Stimme und mit der Geberde das Geſpann, das er von Zeit zu Zeit mit ei⸗ nem Stabe ohne Treibſtachel berührte; mehrere junge Mädchen, worunter Fanchette, ſtanden um den leeren Wagen gruppirt, welcher eine neue Ladung Heu mit⸗ nehmen ſollte, und ſangen im Chore das Erntelied. Fanchette erkannte Robert, lächelte und rief ihm von ferne zu: „Ich danke ſehr für jenen Abend am Rande der Schlucht . . Sie wiſſen? Ich danke ſehn immer . . .“ Und ſie vereinigte wieder ihre Stimme mit der ihrer Gefährtinnen. Dieſes friedliche, lachende Gemälde contraſtirte ſo grauſam mit dem Schmerze von Robert, daß er unge⸗ ſtüm die Wieſe verließ und aus den Augen der Mäd⸗ chen verſchwand, deren Geſänge im Gebirge ertönten. Robert hatte ſeit dem Abenteuer bei der Schlucht nur einmal Fanchette auf den hohen Weiden der Vernet⸗ Wieſen wieder getroffen. Als er eines Abends durch das Dorf Chavoire bei Einbruch der Nacht ging, ſah er ſie abermals; das dürftige Haus, das ſie mit ihrer Mutter, welche eine Witwe, und mit drei Waiſen, die eine nahe Verwandte hinterlaſſen hatte, bewohnte, lag unfern vom Dorfe, beſchattet durch einen rieſigen Nußbaum; eine Weinrebe bedeckte mit ihrem Grün die verfallenen Wände und kroch bis zu den moosbedeckten Ziegeln hin⸗ auf; ein wie die Piroguen der indianiſchen Völker aus⸗ gehöhlter Baumſtamm diente, vor der Thüre ſtehend, als Behälter für kryſtallhelles Waſſer; Fanchette kam vom Gebirge und löſchte ſich den Durſt nach der länd⸗ lichen Sitte aus dem Troge mittelſt einer langen, halb unter der Erde verborgenen hölzernen Rinne. Fanchette ſetzte ſodann neben den hohlen Banm⸗ ſtamm eine große weiße Bütte, und hier badete ſie unter ſchallendem Gelächter und fröhlichen Scherzen in einer durchſichtigen Welle, erwärmt dnrch die ſich darin bre⸗ chende Sonne, die drei Kinder ihrer verſtorbenen Ver⸗ wandten, alle ſo hübſch, ſo weiß, ſo roſig, daß es rei⸗ zend war, ſie im klaren Waſſer ſpielen und plätſchern zu ſehen, während Fanchette heiter wie zu ihrem Zickel⸗ chen, die ein paar Schritte entfernt von ihr hüpften und ſprangen, zu ihnen ſagte: „Ah! die kleinen Narren . . . . die kleinen Nar⸗ ven Gerührt von der mütterlichen Fürſorge, welche das Mädchen ſeinen Kindern angedeihen ließ, blieb Robert ſtehen und ſagte zu ihr: 39 „Fanchette, ich danke Euch für die Früchte und Blumen, die Ihr jeden Abend auf meine Fenſter legt.“ „Es iſt doch das Wenigſte, daß ich mich Ihrer erinnere, da ich ohne Sie todt wäre.“ „Ihr liebt wohl ſehr dieſe Kinder?“ „Ich liebe ſie ſo ſehr, als ich die meinigen lieben werde, wenn ich habe.“ „Ihr gedenkt Euch alſo auch zu verheirathen, Fan⸗ chette?“ „Gewiß, und das Allerheiligenfeſt wird mein Hoch⸗ zeittag ſein.“ „Ihr heirathet Einen aus der Gegend?“ „Nein, mein Verlobter iſt nicht von hier; er kam durch Chavoire am Anfange des Winters, er war ſehr arm und bat um Arbeit; meine Mutter wies ihn an unſere Nachbarn, welche im Steinbruche dort bei der Pierre⸗mal⸗Tournöe arbeiten; er war auch den ganzen Winter beſchäftigt; am Abend kam er mit uns in den Stall, wo man ſich zur Unterhaltung verſammelt; er zeigte ſich ſo gut, ſo ſanft, ſo fleißig, ſo zuvorkommend gegen Jedermann, daß ihn Alle liebten; ich . . . . ich machte es wie die Andern, und an Allerheiligen werden wir uns heirathen.“ „Und wo iſt Euer Bräutigam zu dieſer Stunde?“ „Ein Mann von Peſay, der dieſes Frühjahr hier durchkam, hat ihn angeworben, um in den Bergwerken zu arbeiten, wo er das Doppelte von dem verdient, was er im Steinbruche verdiente; wenn Allerheiligen kommt, wird er auch erſpart haben, was wir brauchen, um un⸗ ſere Haushaltung einzurichten.“ „Dieſe Trennung mußte Euch ſehr betrüben?“ „Oh ja, ich habe Anfangs viel geweint, dann be⸗ mühte ich mich, vernünftig zu ſein, und ſagte zu mir: „„Geduld . . . . er wird wieder kommen;““ überdies habe ich, wie Sie ſehen, kaum Zeit, mit gekreuzten Ar⸗ men dazuſtehen und meiner Betrübniß nachzuhängen, und 40 dann iſt die Arbeit gleichſam ein JZauber, der uns trö⸗ ſtet; zum Glück iſt viel zu thun im Hauſe und aus⸗ wärts, ohne dieſe drei lieben Teufelchen zu rechnen, die mich ſo viel laufen machen, als meine kleinen Ziegen .. Fühle ich aber, daß mir unwillkürlich das Herz zu ſchwer wird, ſo küſſe ich meine Mutter, und mein Kum⸗ mer verſchwindet.“ „Euer Bräutigam iſt von Eurem Alter?“ „Ich bin ſiebenzehn Jahre . „ er iſt bald neun⸗ zehn; meine Mutter ſagt, man müſſe jung heirathen, um frühzeitig große Kinder zu haben, welche einem wacker auf dem Felde helfen; ich finde, meine Mutter hat Recht.“ „Neunzehn Jahre!“ ſprach Robert mit Bitterkeit zu ſich ſelbſt; „mein Julian hätte auch bald dieſes Alter.“ Und die Augen voller Thränen entfernte er ſich ha⸗ ſtig von Fanchette, welche, die Heiterkeit der kleinen Kin⸗ der theilend, wie ſie über ihre tollen Scherze lachte. XI. . Robert bewohnte das Haus von Rouſſeau ſeit eini⸗ gen Monaten, als ein aus Frankreich kommendes, ele⸗ gantes Reiſecvupé, dem ein Fourgon folgte, durch die Stadt Annechy fuhr und vor der Thüre des Hotel de Ge⸗ nove anhielt. Eine junge Frau ſtieg aus dem Coupé, hinter welchem eine Kammerfrau und ein Kammerdiener ſaßen; andere Dienſtboten hatten ihren Platz in dem nachfolgenden Fourgon. Der reich galonirte Courier der Fremden war, be⸗ auftragt, Poſtpferde auf dem Wege zu beſtellen, eine halbe Stunde vorher im Gaſthauſe angekommen und hatte einige Zimmer für ſeine Gebieterin, die Marquiſe d'Alfi, in Bereitſchaft ſetzen laſſen. Der Paß dieſer Dame enthielt folgendes Signalement: 41 Namen und Vornamen: Cornelia Giovani, Marquiſe d'Alfi. Geburtsort: Venedig. Alter: ſechsundzwanzig Jahre. Größe: fünf Fuß, zwei Zoll. Augen: blau. Haare und Augenbrauen: ſchwarz. Stirne: hoch. Naſe: gebogen. Mund: klein. Kinn: rund. Geſicht: oval. Geſichtsfarbe: weiß. Beſondere Merkmale: ein ſchwarzes Fleckchen am Mundwinkel. Die Marquiſe ließ den Herrn des Gaſthofes rufen und fragte ihn, ob er ihr nicht ein meublirtes und am Ufer des Sees liegendes Haus in der Umgegend von Annech nennen könne; der Wirth antwortete, er werde ſich erkundigen; ein paar Tage nachher war die Mar⸗ quiſe d'Alfi in einem Landhaufe, das zum Dorfe Veyrier gehörte, eingerichtet. Nach der beinahe allgemeinen Gewohnheit des Lan⸗ des lief eine Gallerie an der ganzen Fagade des erſten Stockes hin und ſtand mit der Wohnung durch die Glas⸗ thüre des Salon in Verbindung. Emporrankende Ro⸗ ſenſtöcke ſchmückten die Pfeiler dieſer Gallerie, welche an einem ihrer Ende ein grünes Cabinet durch Gitterwerk bildete, das völlig unter den blätterreichen Schößlingen einer Weinrebe verborgen war: von dieſem kühlen, für die Sonnenſtrahlen undurchdringlichen Winkel aus er⸗ blickte man die Ufer des Sees und die benachbarten erge. Eines Abends, kurz vor Sonnenuntergang, lag die Margquiſe d Alfi, welche eine große Vorliebe für die 42 vrientaliſchen Gebräuche hatte, halb auf mehreren Kiſſen im Hintergrunde des grünen Cabinets. Die Frau Marquiſe d Alfi war, wie man nach dem in ihrem Paſſe eingetragenen Signalement hat bemerken können, jung, von einer merkwürdigen Schönheit und von hohem Wuchſe; doch dieſem unvollſtändigen Signa⸗ lement fügen wir bei: ſchlanker, vollendeter Wuchs, breite Schultern, Füße eines Kindes, Hände würdig einer Madonna von Raphael, gebieteriſche Haltung des Kopfes, roſige, bei der geringſten Anfregung bebende Naſenflügel, ſpöttiſche rothe Lippen, ſchwarze Augenbrauen, gebogen über großen Augen von jenem Azur, der oft die Farbe des Stahls iſt . . ergreifende Phyſiognomie, voll Kühn⸗ heit und Spott, voll Hochmuth und Ironie. Cornelia, wenn ſie nicht ausging, gefiel ſich aus Laune darin, in ihren Kleidern an die orientaliſche Mode zu erinnern; ſie trug an dieſem Abend natürliche Blu⸗ men von Jasmin und Granatbaum in ihren ſchönen, auf griechiſche Weiſe um ihre kühne Stirne gerollten Haar⸗ flechten; ihre, mit weißer Seide geſtickte, albaneſiſche Oberweſte von orangefarbigem Taffet mit kurzen weiten Aermeln fiel bis auf die Hüften herab und entblößte den Leib von indiſcher Monſſeline, verziert mit ſilbernen Streifen, welche in den Stoff eingewoben waren. Faſt ganz auf ihren Kiſſen liegend, einen von ihren Armen unter ihren Kopf zurückgebogen, die Augen halb geſchloſſen, am Ende ihres reizend geformten Fußes ihren türkiſchen Pantoffel von ſilbergeſticktem rothem Sammet ſchaukelnd, betrachtete die Marquiſe d'Alfi die leichten bläulichen Wolken einer Cigarette von Smyrner Tabak⸗ die ſie langſam rauchte. Fauſtine, die Kammerfrau und Vertraute von Cor⸗ nelia, ſtickte einige Schritte von ihrer Gebieterin ſitzend, welche ſchweigſam und tief in Gedanken verſunken fort⸗ während das Aroma des türkiſchen Tabaks einathmete; doch nach einigen Angenblicken hob ein langer Seufzer 43 ihren Buſen; ſie richtete ſich auf, warf ungeſtüm ihre brennende Cigarette von ſich, ſetzte einen von ihren El⸗ lenbogen auf ihr Knie, ſtützte ihr Kinn auf die flache Hand und ſchaute den See und die Berge mit ſtarrem, beinahe finſterem Auge an. Fauſtine, als ſie den Seufzer ihrer Gebieterin hörte, ſah empor und ſagte: „Sie ſeufzen, gnädige Frau? Ich wußte wohl, Sie würden Ihre ſchnelle Abreiſe von Paris, wo man Ihnen ſo ſehr huldigte, wo man Sie ſo ſehr bewunderte, be⸗ reuen.“ Die Marquiſe zuckte die Achſeln und blieb ſtumm. „Wenn Sie es nicht berenen, Paris verlaſſen zu haben, ſo beklagen Sie es alſo, daß Ihnen der Herr Graf Chriſtian noch nicht hieher nachgefolgt iſt?“ Immer ſchweigend zuckte die Marquiſe abermals und auf eine noch mehr bezeichnende Art die Achſeln. „Eutſchuldigen Sie, gnädige Frau,“ fuhr Fauſtine fort, „ich bin nur eine alberne Perſon. In der That, wenn Sie ſich nach Paris ſehnten, würden Sie nicht auf der Stelle dahin zurückkenren? Wenn Sie die Ab⸗ weſenheit des Herrn Grafen beklagten, würden Sie ihn nicht in Florenz aufſuchen? Woher kommt dann aber Ihre Betrübniß? Sie langweilen ſich in dieſem Lande, das Sie jedoch, als Sie im vorigen Jahre durch daſſelbe reiſten, ſo ſehr verführte, daß Sie vor acht Tagen bei Ihrer Rückkehr nach Frankreich den Entſchluß faßten, einige Zeit hier zu verweilen? Hat ſich Ihr Geſchmack geändert? Wer hindert Sie denn, nach Italien zurück⸗ zukehren? Ihre Paläſte in Florenz oder Venedig er⸗ warten Sie. Gott ſei Dank, wie Sie oft ſagen, gnä⸗ dige Frau, „ſeitdem Sie das Alter der Vernuuft haben, iſt Ihr Wille, welcher er auch ſein mag, immer ge⸗ ſchehen!““ Weder Mann, noch Frau, noch Gott, noch Teufel können, wenn Sie etwas wollen, was Menſchen möglich iſt, verhindern, daß dies in Erfüllung geht! . 44 Sie ſind jung, reich, ſchön, und bei Allem dem Witwe, das heißt frei! Die Welt liegt zu Ibren Füßen! Sobald Sie in einen Salon eintreten, verlaſſen alle Frauen mit dem Blicke ihre Anbeter und ſogar . . ihre Männer nicht mehr! Es gibt keinen Mann, den Sie nicht wahn⸗ ſinnig verliebt machen können, und wenn er dies iſt, ſo behandeln Sie ihn als Königin dem Sklaven gegenüber! Dieſer arme Herr Graf ſoll die Prinzeſſin Drſino tyranniſirt haben, und vor Ihnen zittert er, de⸗ müthig, furchtſam, daß man Mitleid bekommt, er, der immer ſo anmaßend, ſo hoffärtig! er, bei dem die rei⸗ zendſten, vornehmſten Damen nach einem Blicke haſchten! Sie haben ihn bezaubert; wenn er hier wäre, würden Sie ihn, glaube ich, mit einer Geberde an das Ende der Welt ſchicken! Sprechen Sie ein Wort, und Sie werden ihn, trotz der ernſten Intereſſen, die ihn noch in Florenz zurückhalten, herbeieilen ſehen! Kurz, gnädige Frau, worüber betrüben Sie ſich, da es kein Hinderniß für Ihren Willen gibt?“ „Du täuſcheſt Dich . . . es gibt eines,“ erwiederte abermals ſeufzend Cornelia, welche mit einer zerſtreuten Miene ihrer Kammerfrau zugehört hatte. „Es gibt ei⸗ nes an dem ſich mein Wille bricht.“ „Und welches iſt dieſes Hinderniß, gnädige Frau?“ „Ein Grab!“ „Wie 7 ein Grab . . .“ verſetzte Fauſtine er⸗ ſtaunt. „Ich bitte, erklären Sie ſich, gnädige Frau.“ „Schweige doch! es iſt genug,“ ſagte ungeſtüm die Marquiſe. Und ſie verſank wieder in ihre Träume⸗ reien, welche die Kammerfrau nicht zu unterbrechen wagte. Die Marquiſe ſaß lange nachdenkend, mit geſenk⸗ tem Kopfe da; plötzlich richtete ſie ſich auf und ſprach: „Ich werde wahnſinnig, wenn ich ſo ganze Tage in der Trägheit mit dieſem Gedanken bleibe, der mich ver⸗ M ¹⁵ zehrt und beherrſcht.“ Dann fragte ſle ihre Kammer⸗ frau: „Ich habe meine Männerkleider hier?“ 1 „Ja, gnädige Frau.“ „Hole mir den Gärtner.“ Fauſtine ſtand auf, ging hinaus und kam bald mit dem Gärtner zurück. XII. Clande, der Gärtner des von der Marquiſe gemie⸗ theten Hauſes, erſchien auf der Gallerie mit einem ziem⸗ lich verlegenen Weſen und machte, ſeinen breiten Strohhut mit beiden Händen haltend, ſeinen Bückling, ſo gut er konnte. „Claude,“ ſagte Cornelia zu ihm, „ich möchte gern auf den Bergen der Gegend umherlaufen.“ „Frau Marquiſe, das iſt ſehr ſchwierig; die Wege ſind ſo ſchlecht, daß man darauf beinahe nicht fortkom⸗ men kann. Man muß immer am Rande der Schluch⸗ ten hingehen, und oft gelangt man zu jähen Abſtürzen. Ahl wenn die Fran Marquiſe wüßte, was für Abſtürze das find!“ „Ich will es wiſſen. Sage mir, wie heißt der Berg, deſſen Spitze immer in den Wolken ſteckt . . . und auf den kürzlich Schnee gefallen iſt, obgleich wir kaum im September ſind!“ „Dieſer Berg, gnädige Frau, heißt die Tournette.“ „Dorthin will ich hauptſächlich gehen.“ „Ah! mein Gott!“ rief der Gärtner, der ganz er⸗ ſchrocken die Hände faltete, „iſt es möglich!“ „Was habt Ihr, Claude?“ „Die Tournette beſteigen, gnädige Frau!“ ſagte der gute Mann, während er abermals die Hände fal⸗ tete. „Ah! die Tournette!“ „Allerdings.“ 46 „Aber Frau Marguiſe, es find im Dorfe keine zehn Männer, welche den Muth gehabt haben, zur Spitze der Tournette hinaufzuſteigen, und es pflegen doch beinahe alle Leute von Veyrier an den gefährlichſten Orten ins Holz zu gehen. Doch bei der Tournette da ſind Abſtürze über Abſtürze; man muß ſogar in dieſer Jah⸗ reszeit auf Abhängen gehen, welche mit Schnee und Eis bedeckt ſind, und läßt einen der Kopf oder der Fuß einen Angenblick im Stiche, ſo iſt man verloren.“ „Oh! oh! das entzückt mich „. . Claude, wo werde ich einen Führer finden?“ „Wie, Frau Marquiſe, Sie wollen?“ „Claude, wo werde ich einen Führer finden?“ „Wünſcht die gnädige Frau durchaus auf den Bergen umherzulaufen, ſo könnte ſie keinen beſſern Füh⸗ rer haben, als den Maun vom Hauſe von Rouſſeau, vor⸗ ausgeſetzt, daß er einwilligt . ℳ „Er wird einwilligen . . . Wer iſt dieſer Mann?“ „Ein armer Teufel mit grauem Barte, den man aus Barmherzigkeit in dem alten Gemäuer wohnen läßt; er läuft vom Morgen bis zum Abend im Gebirge umher und geht oft zu Stellen, wohin ſich die Kühn⸗ ſten vor ihm nicht gewagt haben.“ „Das iſt der Führer, den ich brauche. Benachrich⸗ tige ihn heute Abend, damit er morgen früh meine Be⸗ fehle hier einholt; ich werde ihm ſo viel bezahlen, als er haben will.“ „Das Schwierige, gnädige Frau, iſt, ihn aufzufin⸗ den; er geht vor Tagesanbruch aus und kommt meiſtens erſt ſehr ſpät zurück; doch ich werde morgen früh zwi⸗ ſchen zwei und drei Uhr nach dem Hauſe von Rouſſeau gehen, und wenn ich unſern Mann diesmal nicht treffe, ſo kehre ich morgen Abend zu ihm zurück. Nur ſteigen Sie um Gotteswillen nicht auf die Tournette, Frau Marquiſe; es gibt noch viele andere Berge, die man be⸗ ſuchen kann, ohne dieſen.“ 47 „Ich will durchaus, daß der Führer morgen früh ier iſt.“ . „Gnädige Frau, ich werde mir alle mögliche Mühe geben,“ erwiederte Claude. Und er ging ab. „Frau Marguiſe, ich weiß wohl, daß es unnütz iſt, ſich die leichteſte Bemerkung zu erlauben, wenn Sie et⸗ was beſchloſſen haben,“ ſprach Fauſtine mit einem Aus⸗ drucke des Erſtannens und der Beſorgniß, nach dem Ab⸗ gange des Gärtners; „ich kann mich jedoch der Angſt nicht erwehren, wenn ich an die Gefahren denke, de⸗ un Sie ſich ausſetzen wollen, und ich bitte Sie inſtän⸗ i Zünde mir eine Cigarre an,“ erwiederte die Mar⸗ guiſe, während ſie ſich auf ihre Kiſſen zurücklegte, „und ſorge dafür, daß meine Männerkleider morgen früh bereit ſind.“ XIII. Clande begab ſich nach dem Auftrage der Marquiſe d'Alfi vor Tagesanbruch zum Hauſe von Rouſſequ; er fand hier Robert bereit, ſeine gewöhnlichen Wanderun⸗ gen wieder anzutreten. „Mein Braver,“ ſagte Clande zu ihm, „wollt Ihr ein paar gute Tagelöhne verdienen?“ „Wer ſeid Ihr, mein Freund?“ „Ich bin der Gärtner des in Veyrier von der Frau Marquiſe Cornelia dAlfi, welche mich zu Euch ſchickt, gemietheten Hauſes.“ Bei dieſen Worten entfiel der lange Reiſeſtock, den Robert ſchon ergriffen hatte, ſeinen Händen: er wurde leichenbleich, zitterte an allen Gliedern und war genö⸗ thigt, ſich auf den Sturz der Thüre, auf deren Schwelle er ſtand, zu ſtützen; die kaum anbrechende Morgendäm⸗ merung hatte die Finſterniß der Nacht noch nicht zer⸗ ——— ——— — — 4⁸ ſtreut; Claude bemerkte nicht die plößliche Veränderung der Züge des Bewohners vom Hauſe von Ronſſeau und fügte bei: „Ihr antwortet mir nicht, mein braver Mann? Ich biete Euch doch eine ſchöne Gelegenheit, ein paar Tagelöhne zu verdienen! Dieſe Dame iſt ſehr freigebig, ſie möchte gern unſer Gebirge durchwandern und hat ei⸗ nen Führer von mir verlangt . . . da dachte ich an Euch, der Ihr Eure Zeit damit zubringt, daß Ihr im Lande umherlauft, wie eine wahre Gemſe.“ „Mein Gott!“ murmelte Robert, während er ſich in ſein noch von der Dunkelheit erfülltes Zimmer zurück⸗ n ſein bleiches Geſicht in ſeinen Händen verbarg, „ſie! ſie!“ „Ihr erholt Euch nicht von Eurem Erſtaunen, mein braver Mann, ich auch nicht, denn das iſt nicht zu glauben! Eine ſchöne Dame, eine Marquiſe, will auf den Bergen umherklettern, wie unſere Weiber, die ins Holz oder ins Gras gehen; doch was wollt Ihr? das iſt ihre Idee . . . Ich habe ſie indeſſen darauf auf⸗ merkſam gemacht, daß ſolche Wanderungen, wenn man nicht daran gewöhnt iſt, ſehr gefährlich ſind, denn man läuft am Ende Gefahr, in einen Abgrund zu fallen und ſeine Knochen dort zu laſſen . .. Aber. „ Claude wurde unterbrochen durch einen plötzlichen Ausruf von Robert, deſſen Ton ſo ſeltſam war, daß der einen Augenblick ſchwieg; dann aber fuhr dieſer ort: „Ihr habt mir bange gemacht. Was für einen Schrei ſtießet Ihr da aus? Was habt Ihr denn, mein Braver? Ah! ich verſtehe, Ihr bebt, weil Ihr bedenkt, welchen Gefahren ſich dieſe Frau ausſetzt, wenn ſie hals⸗ ſtarrig bei ihrem Willen, das Gebirge zu durchlaufen, beharrt? Es iſt wohl Grund vorhanden, zu zittern! Hat ſie ſich nicht einfallen laſſen, auf die Tournette gehen zu wollen? Iſt das glaublich? Muß man hiezu nicht den 49 Teufel im Leibe haben? Uebrigens wird ſie Euch eher glauben als mir, Euch, der Ihr ihr Führer ſein wer⸗ det, und Ihr werdet es vielleicht dahin bringen, daß ſie auf eine ſolche Tollheit verzichtet! Doch der Tag bricht an . Wollt Ihr mit mir kommen? Die Frau Marquiſe hat mit geſagt, ich ſoll Euch zurückbringen.“ Der Tag brach in der That an; die hohen Gipfel des Semenoz hoben unbeſtimmt ihre ſchwarzen Maſſen von der Durchſichtigkeit des dämmernden Himmels ab; der bis dahin in den großen Schatten, welche die Berge auf die Ebene warfen, beinahe verlorene See erſchien wie eine blänliche Fläche; ein kühler Wind, der Vorläufer des Sonnenaufgangs, bewegte ſchwach die vom nächtlichen Thau benetzten Bäume und führte die durchdringenden Gerüche des noch auf den Wieſen auf⸗ gehäuften Heus herbei. Es gelang Robert, ſeine bitteren Empfindungen zu beherrſchen, während der Gärtner ſprach, und als die⸗ ſer bei der erſten Helle der Morgendämmerung ſeine Geſichtszüge unterſcheiden konnte, bemerkte er darin we⸗ der Aufregung, noch Unruhe, und er ſagte: 6 „Nun, werdet Ihr mich zu der Frau Marquiſe begleiten? Sie will heute ſchon ihre Wanderungen be⸗ ginnen.“ „Mein Freund, wie alt iſt dieſe Dame?“ „Das iſt bei meiner Treue eine drollige Frage!“ verſetzte Claude lachend. „Habt Ihr bange, die Frau Marquiſe könnte Euch im Gebirge wider Euren Willen umarmen wollen?“ Ich frage nach dem Alter dieſer Dame, um zu wiſſen, ob ſie im Stande iſt, lange Wanderungen zu unternehmen und den Strapazen zu trotzen.“ „Oh! was das betrifft, ſeid unbe orgt; ihr Alter wird ſie nicht verhindern, gut zu marſchiren; ſie muß höchſtens fünfundzwanzig bis ſechsundzwanzig Jahre zäh⸗ Cornelia dAlfi. 4 50 len; für eine Frau iſt ſie ſehr groß, und gewachſen iſt ſie, daß man ihren Leib in den zehn Fingern halten kann, und dabei ſchön! ſchön zum Blenden! Ihre Angen ſind blau und ihre Haare ſchwarz! Das iſt ſelten!“ „Kein Zweifel . . ſie iſt es . . .“ ſprach Robert. Dann fügte er laut bei: „Und dieſe Dame iſt allein in Veyrier?“ „Ja, für den Angenblick.“ „Sie erwartet alſo Jemand?“ „Ich habe die Dienſtboten ſagen hören, der Herr Graf Chriſtian, ein Freund der Marquiſe, müſſe bald zu ihr kommen.“ „Er auch!“ dachte Robert. Und er ſagte: . „Ich mache dieſe Fragen an Euch, mein Freund, weil es mir ziemlich ſeltſam dünkt, daß ſich eine junge Dame einem Führer anvertrant, den ſie nicht kennt.“ „Sie kennt Euch inſofern, als ich ihr geſagt habe, Ihr ſeyd ein wackerer Mann und Ihr habet einen grauen Bart. Ah! ſprecht, iſt das entſchieden? ja oder nein? folgt Ihr mir?“ „Heute nicht.“ „Warum nicht.“ „Weil es mir unmöglich iſt . . „ Doch morgen früh werde ich in Veyrier ſein, bereit, dieſe Dame zu führen, wohin ſie will.“ „Ich hoffe, nicht auf die Tournette!“ „Ihr mögt Euch hierüber beruhigen.“ könnt alſo heute nicht mit mir kommen?“ „Nein.“ „Das iſt Schade, morgen iſt vielleicht die Laune der Frau Marquiſe vergangen und Ihr habt einen gu⸗ ten Gewinn verloren. Morgen alſo, darauf kann ich mich verlaſſen?“ „Ja,“ 51 „Ihr braucht im Dorfe nur nach dem von der Marquiſe gemietheten Hauſe zu fragen, und Jedermann wird es Euch zeigen. Es ſind auf dem Dache vier blecherne Wetterfahnen, die Ihr von der Straße aus ſehen könnt.“ „Ich werde das Haus wohl erkennen . . . Ich danke Euch, mein Freund, daß Ihr an mich gedacht habt. Morgen früh bin ich in Veyrier zu den Befehlen dieſer Dame.“ „Morgen alſo,“ verſetzte Clande, und er verließ das Haus von Rouſſeau. XIV. Robert ſchien nach dem Abgange des Gärtners von einem Schwindel befallen zu werden. Das Licht des Tages, das immer heller ſtrahlte, wurde ihm unerträg⸗ lich; er ſprang in den kleinen Keller, der an der Ecke des erſten Zimmers gegraben war, und hier legte er ſich mit dem platten Bauche auf den Felſen, mitten un⸗ ter Schutt, ſchloß die Angen, preßte ſeine ungepflegten Haare in ſeinen Händen, gab ein krampfhaftes Schluch⸗ zen von ſich und rief mit einer ſtockenden Stimme: „Mein Sohn! mein Julian! ſie iſt hier! Mein armes Kind! ſie iſt hier, dieſe Frau, dieſes Ungeheuer, das Deinen Tod verurſacht hat! Oh! meine Wunden brechen wieder auf und mein Vaterherz blutet aufs Neue! Sie iſt hier! ſie erwartet ihren Mitſchuldigen! den anderen Henker! Mein Gott! . wie ſoll ich mich beherrſchen, wenn ich dieſes Geſchöpf ſehe! Ich werde das nicht im Stande ſein, ſie wird ſogleich errathen, daß ich der Vater ihres Opfers bin! Sie kennt mich nicht, und ich bin dennoch feſt überzengt, erſchrocken bei meinem Anblick ruft ſie: „Zu Hülfe! .. „Soll ich ſie mit Meſſerſtichen tödten? Ich werde es nie wa⸗ 52 gen! Das Blut! oh! das Blut! . Und ſie haben doch Dich getödtet, mein armes Kind; und den Mör⸗ der, der nur einmal getödtet hat, tödtet man auch . . . Und ſie haben Dich tauſend Tode erdulden laſſen! Das Geſetz beſtraft dieſe lachenden, eitlen, wohlriechenden Mörder nicht! Ich werde ſie beſtrafen, dieſe Henker! Gott wirft Euch auf meinen Weg . . . und nun werde ich Euer Henker ſein! Doch bis dahin ſoll ich mich verſtellen! ich ſoll den Abſchen überwinden, den mir die⸗ ſes Ungeheuer einflößt? . . . Das iſt unmöglich! un⸗ möglich? Oh! elender Vater! feiger Vater! Du weinſt! . Du kannſt nur weinen und Deinen Schmerz . . . betäubſt Du noch, indem Du den Schwin⸗ del an den Abgründen ſuchſt, oder indem Du Dich ab⸗ matteſt, um die Vergeſſenheit im Schlafe zu finden. Doch Dein Sohn? Dein Sohn? ſein Leib liegt unbe⸗ graben in irgend einem Schlunde der Rhone! Dieſer Mann und dieſe Frau, die den Unglücklichen zum Selbſt⸗ morde angetrieben haben, Gott ſchickt ſie Dir und das Blut macht Dir bange . . . Wohl denn! nein, kein Blut! Warum Blut? Haben Sie nicht mein Kind ge⸗ tödtet, ohne es bluten zu laſſen? Ruhe . . wir wol⸗ len vernünftig überlegen . . . Dieſe Frau iſt hier . .. unter meiner Hand! Sie erwartet ihren Mitſchuldigen! Sie kennen mich nicht: ſie werden mir nicht mißtrauen; ſie wollen im Gebirge umherwandern . ich werde ſie führen . . . oh! ich weiß wohl, wohin . . Ich werde ſie führen! . . . Dort werde ich allein mit Beiden zwi⸗ ſchen dem Himmel und dem Abgrunde ſein!! Eine Be⸗ wegung .. . und vom Felſen herab ſehe ich ihre zwei Körper im Raume kreiſeln . . Ha! ha! ha!“ fügte Robert mit einem krampfhaften, wahnſinnigen Gelächter bei; „er iſt ſo tief, dieſer Abgrund, den ich kenne, daß, ehe ſie ſich darin zerſchmettern, ihre ins Unabſehbare ge⸗ ſchleuderten Leiber mir kaum von der Größe eines neu⸗ geborenen Kindes zu ſein ſcheinen werden. Ja, ja, ſo 53 raſch auch ihr Sturz ſein mag, der Abgrund iſt von einer Tiefe, daß ſie Zeit genug haben, um ſich fallen zu ſehen! Entſetzliche Strafe! . . . Und dann werde ich ihnen nachfolgen!! Doch dieſe Rache, um ſie zu ſichern, muß ich ein paar Tage, einen Monat vielleicht warten, mich verſtellen! Mein Gott! mein Gott! Iſt das möglich? Ich ſoll dieſer Frau ins Geſicht ſchauen, ich ſoll ihre Stimme hören und mir ſagen: Dieſe Au⸗ gen, dieſe Stimme haben mein Kind bezaubert! Auf dieſem verhängnißvoll ſchönen Geſichte hat es ſein To⸗ desurtheil geleſen! Dies mir ſagen und ruhig bleiben vor dem Ungeheuer! Es nicht erwürgen mit meinen Händen! es nicht zertreten unter meinen Füßen wie eine Schlange! Werde ich mich zurückhalten können? Und ich ſage, das Blut mache mir bange! Das iſt nicht wahr! das iſt nicht wahr! . . In dieſem Augenblick, wenn ſie da wäre, würde ich ihr Blut mit einer wilden Freude fließen ſehen . . . Doch . . . dieſe Frau tödten das iſt für mich das Schaffot! Nun wohl! ja, das Schaffot! Aber ein ſchwaches, wehrloſes Ge⸗ ſchöpf erwürgen, nein, nie! . . . Die andere Rache alſo! Sie zuerſt . und ich hernach. Und wenn ich das Entſetzen, das mir der Anblick dieſer Frau einflößt, nicht überwinden kann? Was dann thun? Oh! der Kopf wird mir toll . . . ich werde wahnſinnig . . . . Meine Stirne zerſpringt! Licht! Luft! Raum!“ Und von einem wüthenden Schwindel erfaßt, ſtürzte dieſer Unglückliche aus dem Keller, verließ das Haus von Rouſſeau mit irrem Ange, leichenbleichem, erſchreck⸗ lichem Geſichte, ſtieg keuchend einen jähen Fußpfad durch den Wald von Veyrier hinauf, kam auf das Hochplateau, von wo aus man ein herrliches Panorama genießt, ſchritt über daſſelbe hin, erreichte einen ſchmalen, mit Kieſelſtei⸗ nen beſäten, ſich an den Flanken des Berges hinſchlän⸗ gelnden, gefahrvollen Weg, gelangte, von Fels zu Fels kletternd, zu den Vernet⸗Wieſen, ließ dieſe köſtliche grüne 54 Daſe hinter ſich, verfolgte ſeinen tollen Lauf immer weiter hinauf und betrat einen Pfad, auf dem kaum fortzukommen war, mitten unter Felſen und Gehölzen, welche den Veyrier⸗Berg jenſeits des Sees bekränzend, die Straße nach Thones und das reizende Thal von Naves beherr⸗ ſchen, wo der Fier, ein brauſender Gebirgsſtrom, ſein Bett gegraben hat. Robert, indem er ſich zu dieſen Regionen erhob, fühlte ſeine Lunge ſich erweitern, die Pulsadern ſeiner Schläfe ſchlagen, um zu berſten, ſeine Ohren dumpf ſummen. . . Einer Art von Trunkenheit preisgegeben, glaubte er den unermeßlichen Horizont, den er umfaßte, Wieſen, Wälder, Brachfelder, Dörfer, Ströme, Hügel und Thäler, ſich zu ſeinen Füßen im leeren Raume drehen zu ſehen: die Berge, die er unter ſich erblickte, ſchienen einzufinken und entblößten vor ſeinen Augen andere Gipfel, welche, ebenfalls ſich abplattend, nene Anhöhen enthüllten, dann wieder andere und immer ſo fort, je höher er hinaufſtieg; als er hernach auf den Kamm des Veyrier⸗Berges kam, wo die Vegetation in einem Chaos von grauen, von Spalten und natürlichen Schachten durchſchnittenen, Felſen verſchwindet, fiel Robert gelähmt, vernichtet nieder, athmete aber durch alle Poren die ſcharfe, dünne, durch den Nordwind, welcher mit aller Gewalt wehte, beinahe eiſig gewordene Luft ein. Der Eindruck der Kälte beſänftigte die Entzündung ſeines Blutes, die ungeordneten Schläge ſeines Herzens regelten ſich, und auf die Entfeſſelung ſeiner Lebensgeiſter folgte allmählig eine Art von Ruhe. Robert erhob ſich nun von der Stelle, wo er erſchöpft niedergeſunken war, und trat mit feſtem Schritte auf den Rand des hohen Berges vor, der beinahe ſenkrecht auf der Seite des Sees iſt, welchen der Blick von dieſem Orte aus in ſeiner ganzen Ansdehnung von Annech bis Tal⸗ loires umfaßt. Faſt an der Baſe des Veyrier⸗Berges erſchien endlich das Dorf Veyrier in einer ungehenren 55 Tiefe; das von der Marquife d'Alfi bewohnte Haus zeichnete ſich durch ſeine vier blechernen Wetterfahnen aus, welche in der Ferne wie funkelnde Flittern glänzten. Robert erkannte es, und auf dem Gipfel dieſes zwei bis dreitauſend Fuß hohen Felſens ſtehend, betrachtete er lange die Wohnung von Cornelia; dann nach, einer Ge⸗ berde des Fluchs, zog er eine Brieftaſche aus ſeinem Buſen und las den letzten Brief ſeines Sohnes, einen Brief, den er hundertmal geleſen und hundertmal mit väterlichen Thränen benetzt hatte: „Genf, um 7 Uhr Abends. „Mein Vater, „Verzeihen Sie mir den Kummer, den ich Ihnen bereiten muß: Sie werden meinen Tod weniger bekla⸗ gen, als meine Schande. „Erfahren Sie die Urſache meiner Schande, erfahren Sie die Urſache meines Todes. „Nachdem Sie mich nach Genf berufen, von wo Sie heute Morgen abgereiſt find, befehlen Sie mir, Ihnen nach Lyon zu folgen, wo Sie mich erwarten. — Mein Vater, ich wäre nicht im Stande, Ihnen zu folgen; mein Blut verwandelt ſich in Eis nur bei dem Gedan⸗ ken an den furchtbaren, gerechten Empfang, der mir vorbehalten iſt. „Wenn Sie dieſen Brief geleſen haben, werden Sie mich vielleicht beklagen, ſtatt mich zu verfluchen! „Sie wiſſen die Wahrheit nur halb „ vernehmen Sie dieſelbe ganz . Sie haben einſt oft meine Auf⸗ richtigkeit gerühmt, warnm ſollte ich in meiner letzten Stunde lügen?“ „Vor ungefähr ſechs Wochen, wenige Tage nach Ihrer Abreiſe nach Genf, wurde ich von meinem Patron zu einer von ſeinen Kundinnen, der Frau Marquiſe d'Alfi, geſchickt. Als ich zum erſten Male zu dieſer Dame 56 kam, empfing ſie mich auf das Freundlichſte, trotz meines niedrigen Standes; ich war ebenſo erſtaunt über ihre Güte, als gerührt von ihrem Wohlwollen. Sie wohnte mit einem von ihren Freunden, dem Herrn Grafen Chriſtian, einem Bruder für ſie, wie mir Beide ſpäter ſagten, zuſammen; er zeigte ſich auch gleich von Anfang an gegen mich von einer beinahe liebevollen Herzlichkeit; auf die Verwunderung, die bei mir dieſer unerwartete Empfang zur Folge hatte, antwortete der Herr Graf, er gebe immer ſeinen ſympathiſchen oder antipathiſchen Eindrücken nach, und obgleich er mich nicht kenne, fühle er doch ein Intereſſe für mich; ich glaubte ihm; in wel⸗ cher Abſicht hätte er mich täuſchen ſollen? „Die außerordentliche Schönheit der Frau Marquiſe d'Alfi brachte, ich muß es geſtehen, mein Vater, einen tiefen Eindruck auf mich hervor; in meiner Unruhe hörte ich nichts, ſah ich nichts, konnte ich kaum ein paar Worte ſtammeln; die Frau Marquiſe hatte Mitleid mit meiner Verlegenheit, und ihre Nachſicht, die Sanftheit ihrer Stimme und ihres Blickes verdoppelten meine Verwir⸗ rung; die Dringlichkeit, mit der ſie und der Herr Graf Chriſtiun mich aufforderten, ſie häufig zu beſuchen, damit wir uns von den Intereſſen uuterhalten könn⸗ ten, mit denen mich mein Patron beauſtragen würde, verdrehten mir vollends den Kopf, als ich, vom Herrn Grafen bis auf die Freitreppe begleitet, wegging und in den Wagen ſtieg, der mich auf Befehl dieſer Dame nach Lyon zurückführen ſollte, hielt ich mich auch für das Spielzeng eines Traumes; ich fragte mich, unter welchem Titel ein armer Notarsſchreiber eine ſolche Auszeichnung erhalten habe. „Am Abend, da ich mit Ihnen ſpeiſte, mein Vater, war ich befangen, und zugleich glücklich und gepeinigt; mein Herz ſchnürte ſich zuſammen, mein Abenteuer am Morgen ſchten mir unerklärlich, beinahe beunruhigend; ich hatte Luſt, zu weinen und gab mir noch nicht Rechenſchaft von 57 meinen Gefühlen für die Marquiſe dAlfi; ich ahnete in⸗ deſſen unbeſtimmt eine Gefahr. Mitten unter meinen Verlegenheiten kam mir der Gedanke „ Ihnen Al⸗ les anzuvertrauen; doch ich hatte eine ſolche Ehrfurcht gegen Sie, daß ich zauderte; ich war vielleicht im Be⸗ griffe, meiner guten Eingebung zu folgen, als eine ſtrenge Bemerkung von Ihrer Seite über meine Zerſtrentheit, die Ihnen nicht entgehen konnte, mein Geſtändniß auf meinen Lippen zurückhielt. „An dieſem Abend ſetzten Sie mich von Ihrer nahe bevorſtehenden Abreiſe nach Genf in Kenntniß. Ihre Abweſenheit unter dieſen Umſtänden, das ſchwöre ich Ihnen, mein Vater, erſchreckte mich Anfangs. . . Ich ſah mich allein, ohne Rath, ohne Stütze, in dem Augen⸗ blick, wo ich es ohne Zweifel nöthig hätte, durch die Wach⸗ ſamkeit Ihrer väterlichen Gewalt beſchirmt zu werden; auf dieſe erſte Bewegung, ich verberge es Ihnen nicht, folgte die Freude, daß ich nicht mehr vor Ihnen zu er⸗ röthen, zu zittern, zu ſchweigen hatte, in Betreff eines Geheimniſſes, das mein Mangel an Offenherzigkeit oder an Muth Ihnen zu enthüllen mich verhinderte. „Am Tage Ihrer Abreiſe riefen Sie mich in Ihr Zimmer; Ihre Ermahunngen über meine Pflichten wäh⸗ rend Ihrer Abweſenheit waren ernſt, ſtreng, wie Ihr Abſchied; bis zu dieſem Augenblicke hatte ich Sie nie verlaſſen: ich warf mich in Thränen zerfließend in Ihre Arme, ich konnte mich nicht von Ihnen losmachen; meine Gemüthsbewegung ergriff auch Sie, Sie preßten mich ſtark an Ihre Bruſt und ſagten mit einem Tone voll von Zärtlichkeit und Hingebung, den ich nie in Ihrer Stimme bemerkt hatte: „Liebes. liebes Kind hetrübe Dich nicht „O mein Vater! dieſe Wörte, ihr Ausdruck, die Thränen, die Ihre Augen füllten, Ihre Umarmung, dieſes Duzen, welches Sie das erſte Mal in meinem 58 Leben mir gönnten, erſchütterten mich bis in die Tiefe meines Herzens; ich fühlte mich gerettet!! Siiſ „ Ihnen mein Geheimniß anzuvertrauen, rief ich: „„Ich flehe Dich an . . reiſe nicht ab . . .. „Bei dieſem vertraulichen Duzen, dem einzigen, das ich mir je gegen Sie erlaubt habe, mein Vater, bei dieſem durch das Ihrige hervorgerufene Duzen wur⸗ den Ihre Züge wieder trübe, unzufrieden; ich ſah ein, daß ich die Achtung gegen Sie verletzt hatte, wagte es nicht mehr, Sie anzuſchauen, wich abermals vor einem Geſtändniſſe zurück, und als Sie mich verließen, ſagten Sie zu mir: „„Julian, vergeßt meine Ermahnungen und meine Befehle nicht; Euer Benehmen, ich bezweifle es nicht, wird während meiner Abweſenheit ſo ſein, wie es ſein ſoll; ich hoffe, ich werde bei meiner Rückkehr nicht zu ſtrafen haben. Lebet wohl, mein Sohn!““ „Sie ſind abgereiſt und ich bin allein geblieben; glauben Sie nicht, ich habe Sie der Unempfindlichkeit, der Härte beſchuldigt; oh! nein, gerade in meinem In⸗ tereſſe glaubten Sie den Erguß Ihrer Zärtlichkeit zu⸗ rückdrängen und unter einem Ehrfurcht gebietenden Aeußern verſchleiern zu müſſen, um unter uns eine in Ihren Augen gefährliche Vertraulichkeit zu vermeiden. End⸗ lich und hier machen die Scham und die Gewiſ⸗ ſensbiſſe meine Hand zittern, endlich, im Augenblicke Ihrer Abreiſe, gaben Sie mir einen Beweis von Werth⸗ ſchätzung und Vertrauen, indem Sie mich beauftragten, für Sie eine Summe Geldes zu erheben „. XV. „Ich werde die Grenzen der Achtung, die ich Ihnen ſchul⸗ dig bin, mein Vater, nicht dadurch verletzen, daß ichinlange * 59 Einzelnheiten über meine unſelige Liebe eingehe; erlauben Sie mir jedoch, Sie von den Thatſachen zu unterrichten, welche meine Schande verurſacht haben und meinen Tod verurſachen werden. „Herr meiner Abende nach Ihrer Abreiſe, ging ich oft zu der Marquiſe dAlfi; ich verliebte mich in ſie, ohne daß ich es ihr zu ſagen wagte; ihre Freund⸗ lichkeit gegen mich ſchien jeden Tag zuzunehmen; es ge⸗ lang ihr, meine Schüchternheit zu überwinden und mich immer zutraulicher zu machen. Ach! konnte es anders ſein? Sie befragte mich mit einer ſo rührenden Theil⸗ nahme über meine erſte Ingend, über Sie, mein Va⸗ ter, über meine Mutter, die ich immer grauſam beklagte, über meine Pläne für die Zukunft! Da erzählte ich ihr von meinem Leben, welches demüthig, arbeitſam und einfach, wie es meine Zukunft ſein ſollte; ich fand einen großen Reiz darin, mich ſo ergießen zu dürfen. Die Marquiſe ſchüchterte mich nicht mehr in einem Grade ein, daß eine unüberwindliche Unruhe ſich meines Geiſtes bemächtigt hielt; ich wunderte mich, daß ich zu⸗ weilen lange Stunden mit ihr plaudern konnte; wenn Sie übrigens wüßten, wie anziehend ihre Converſation war! Sie beſaß eine, ich glaube bei einer Fran, ſel⸗ tene Bildung; ſie ſtellte oft Fragen der hohen Moral an mich, ich antwortete nach Ihren Lehren, mein Vater, und die Marquiſe lobte mich über meine Antworten mit ſo viel Zartgefühl, daß ſie mir nicht den Stolz, ſondern den Wunſch, ihre Lobeserhebungen beſſer zu verdienen, eingab. Ein ander Mal machte ſie Muſik. Das We⸗ nige, was ich hievon weiß, erlaubte mir doch das aus⸗ gezeichnete Talent, die bewunderungswürdige Stimme der Marquiſe dAlfi anzuſtaunen; obgleich Venetianerin, zog ſie die deutſche Muſik vor, Mozart beſonders, und wenn ſie Mozart ſang . Verzeihen Sie, mein Vater, ärgern Sie ſich nicht über dieſe Details . Ach! ich bin wahnſinnig gewor⸗ — 60 den, und ich muß Ihnen mittheilen, was dieſe Tollheit verurſacht hat . . . Was ſoll ich Ihnen ſagen? Rach ſolchen Abenden, wo die Marquiſe mich abwechſelnd durch ihre Schönheit geblendet, durch ihren Geiſt und ihre Ta⸗ lente bezaubert hatte, ging ich berauſchter als je weg; ſo groß war meine Verblendung, daß ich mich am Ende überredete, gerührt von meiner Jugend, intereſſire ſich die Marquiſe aufrichtig für mich; dieſes Intereſſe wollte ich nicht durch das Geſtändniß einer Liebe, welche nicht min⸗ der närriſch, als lächerlich war, gefährden, und dann fühlte ich mich ſo glücklich. Wie ſehr war ich erſtaunt, daß ich dieſe ſüßen Beziehungen, welche mich beſſer zu machen, in mir das Gefühl des Schönen, des Gerechten, des Gu⸗ ten zu verdoppeln ſchienen, gefürchtet hatte! „Oh! glauben Sie mir, mein Vater, ich hatte da⸗ mals noch nicht einen einzigen Gedanken, der Ihnen an⸗ vertraut zu werden unwürdig geweſen wäre! Dies war meine Lage bei der Frau Marquiſe d Alfi, als eines Tags der Graf Chriſtian zu mir ſagte: „„Mein lieber Julian, Sie kennen meine Offen⸗ herzigkeit, ich appellire an die Ihrige. Meine Schweſter (er nannte ſo die Margquiſe), meine Schweſter liebt Sie, lieben Sie auch meine Schweſter? Und wenn Sie ſie lieben, fühlen Sie ſich fähig, ihr Glück zu machen?““ „Ich blieb ſtumm und verſteinert, denn ich konute nicht an das, was ich hörte, glauben. In dieſem Angenblick trat die Marquiſe ein, und der Graf ſprach zu ihr: „„Cornelia, ich habe ſo eben Julian eröffnet, daß Sie ihn lieben . . . Er kann oder will mir nicht glauben, und er antwortet mir nicht, wenn ich ihn frage, ob er Sie ebenfalls liebe.““ „„Chriſtian,“ erwiederte lächelnd die Margquiſe, „„Sie ſind indiscret, und überdies, ſelbſt wenn ich Julian lieben würde, iſt das ein Grund, daß er mein Gefühl theilt? Wüßte er nicht, wenn dem ſo wäre, mir ſeine 61 Zuneigung zu beweiſen? Es gibt ſo viele Arten, ſeine Liebe zu bezeigen!““ „Nach dieſen Worten ging die Marquiſe raſch hin⸗ aus, und ich ſah ſie an demſelben Abend nicht wieder. XVI. „Von dem Augenblick an, wo das Wort Liebe zwi⸗ ſchen mir und der Marguiſe d'Alfi ausgeſprochen war, kannte ich nur Abwechſelungen von himmliſcher Frende und entſetzlichem Schmerz; bald ſagte ſie mir, zärtlicher, bezaubernder als je, ſie liebe mich, und dann hatte ich den Himmel in der Seele; bald im Gegentheil höhniſch und hoffärtig, fragte ſie mich, ob ich ſo einfältig und frech ſei, daß ich glaube, eine Frau wie ſie könne bis zu mir herabſteigen . .. Der Verzweiflung preisgegeben, unfähig, mein Schluchzen zu erſticken, wollte ich mich dann entfernen! doch ein Wort, ein Blick der Marquiſe führte mich wieder zu ihren Füßen zurück; es gelang ihr, mich zu überreden, ihr ungeſtümes Weſen, ihre Gering⸗ ſchätzung, ihre Launen haben keine andere Urſache, als die Heftigkeit einer Liebe, die ſie beherrſche, und gegen welche ſie oft ſich empöre, befürchtend, in mir nicht alle Garantien eines wünſchenswerthen Glückes zu finden; ſo zwiſchen der Hoffnung und der Verzweiflung ſchwebend, empfand ich jeden Tag neue Freuden oder neue Qualen, mit ſolcher Natürlichkeit wußte die Marquiſe dieſe ſo hef⸗ tig entgegengeſetzten Eindrücke zu ſpielen, welche, wie ſie ſagte, ihr Leben zerrütteten. Oft behauptete ſie, ich liebe ſie nicht; dann ſagte der Graf Chriſtian, ſie täuſche ſich, ich ſei im Stande, meine Liebe zu beweiſen, und er ſchlug mir vor, dies durch die bizarrſten Proben von Zuneigung darzuthun, denen ich mich mit wahrer Wonne unterwarf, genug verblendet, um die bittere Lächerlichkeit, mit der ich mich bedeckte, nicht wahrzunehmen; nein, in * 62 — dieſen oft grotesken Proben ſah ich nur einen Anlaß der Marquiſe, meine Ergebenheit für ſie zu zeigen, und dieſen Anlaß ergriff ich mit Entzücken. „Verzeihen Sie, mein Vater, daß ich in einem ſo ernſten Augenblicke bei Kindereien verweile; ſie werden Sie vor Mitleid lächeln machen. Doch, ach! dieſe Ein⸗ zelnheiten können Ihnen allein die Tiefe meiner Verblen⸗ dung und auch die Tiefe meiner Verzweiflung, als ſich meine Augen öffneten, erklären. „So ſprach der Herr Graf zu ſeiner Schweſter (er nannte die Marquiſe in meiner Gegenwart nie anders): „„Sie ſagen mir, Julian liebe Sie nicht? . . . Befeh⸗ len Sie ihm, aus Liebe für Sie vom Feuer des Kamins eine glühende Kohle zu nehmen und ſie in ſeiner Hand zu halten, Sie ſollen ſehen, daß er ſich beeifern wird, Ihnen zu gehorchen . . . Sie ſagen, Julian liebe Sie nicht? Befehlen Sie ihm bei dem abſcheulichen Wetter, das heute Abend herrſcht, aus Liebe für Sie nach dem eine Meile von hier entfernt liegenden Dorfe Monteil zu gehen, eine weiße Taube für Sie zu holen und ſie Ihnen lebendig zurückzubringen!““ „Genug hievon, mein Vater, ich werde nicht länger bei dieſen Einzelnheiten verweilen; ſie ſind, ich wieder⸗ hole es, bitter lächerlich. Branche ich beizufügen, daß ich die glühende Kohle in meine Hand nahm! Sie hätten daran die Narbe von einem friſchen Brande ſehen können. Ich ging auch nach dem Dorfe in einer ſtürmiſchen Nacht, auf abſcheulichen Wegen, auf denen ich zwanzigmal zu Boden fiel, kaum im Stande, mich in der Finſterniß zu⸗ recht zu finden; aber triefend von Waſſer, bedeckt mit Koth, brachte ich triumphirend in den Salon . . die weiße Taube! „Ein Lächeln, ein Blick der Marquiſe ließ mich meinen Schmerz oder meine Strapaze vergeſſen, und ich war entzückt, wenn ſie mit bewegter Stimme nach einer von dieſen grotesken Proben zu mir ſagte: 63 „„Sie haben Recht, Chriſtian, ich glaube, daß mich Herr Julian wahrhaft liebt.““ O mein Vater! die einzigen Worte: aus Liebe für die Marquiſe d'»Alfi', hätten mich dem Tode trotzen laſſen, und einmal habe ich ihm getrotzt . . . „Wir beſuchten an dieſem Tage ein Landhaus bei Lyon und waren zu Fuße, der Wagen der Marquiſe folgte uns; der Graf gab ihr den Arm, zwei Officiere von einem Reiterregimente, das in der Stadt in Gar⸗ niſon lag, begegneten uns. „„Meine theure Cornelia,““ ſprach der Graf, „„Sie zweifeln immer an der Liebe von Julian; ich wette, daß er Sie genug liebt, um als ein beherzter Cavalier dieſe zwei Ofſiciere zur Ehre ſeiner Dame dreiſt herauszufor⸗ dern? „„Sie ſind ein Narr, Chriſtian,““ erwiederte ſie, die Achſeln zuckend. „„Herr Julian hat immer nur die Fe⸗ der in ſeiner Notarsſtube gehandhabt, und Sie glauben, er werde dieſen zwei Kriegskeuten die Stirne bieten?““ „Die Marguiſe hatte dieſe Worte nicht vollendet, da ſtürze ich den Officieren entgegen, kreuze die Arme, ver⸗ ſperre ihnen den Weg und meſſe ſie mit einer heraus⸗ fordernden Miene; einer von ihnen ſtößt mich heftig zu⸗ rück; ich nehme ihn beim Kragen, und es entſpinnt ſich ein Sreit; der Graf läuft herbei und trennt uns. Ein Duell wird auf der Stelle verabredet; mein Gegner, dem der Graf, mein Zeuge, meine völlige Unerfahrenheit in den Waffen auseinanderſetzt, willigt ein, ſich auf fünf Schritte mit einem Paare Piſtolen zu ſchlagen, von denen die eine mit einer Kugel geladen, die andere nicht ge⸗ laden ſein ſollte; die Kaſerne lag an den Thoren der Stadt, die Officiere holten ihre Waffen und wir beſchieden uns in einen Wald in der Rähe der Landſtraße. Alles dies war ſehr raſch vor ſich gegangen, und wir holten bald die Marquiſe dAlfi ein; der Graf ſprach zu ihr: „„Julian ging als Notarsſchreiber weg, ich bringe 64 ihn als Paladin zurück. . . Er ſchlägt ſich in einer Stunde aus Liebe für Ihre ſchönen Augen, meine theure Cornelia.““ „Bei dieſen Worten konnte ſie einen Schrei der Ver⸗ wunderung nicht zurückhalten, und ſie reichte mir lebhaft die Hand; es war das erſte Mal, daß ſie die meinige drückte; dann fügte ſie bei, indem ſie mir einen Blick zuwarf, der mich berauſchte: „„Oh! nun glaube ich es! ja, Sie lieben mich, Ju⸗ lian! . . „Die Zeit der Proben iſt beendigt.““ „In dieſem Falle, und wenn Ihr Cavalier als Sie⸗ ger aus den Schranken zurückkehrt, meine liebe Cor⸗ nelia,““ verſetzte der Graf, „„verſprechen Sie, ihn in acht Tagen zu heirathen?““ „ Ich willige ein,““ antwortete ſie. Und ſie wandte ſich mit einem bezaubernden Lächeln an mich und fragte: „„Und Sie, Julian, willigen Sie auch ein?““ „Oh! mein Vater, wie ſoll ich Ihnen mein Entzücken ſchildern, als ich dieſe Worte hörte 2 Die Marquiſe d Alfi heirathen oder für ſie ſterben? ... Was auch der Ausgang des Tages ſein mochte, er war für mich ſtrahlend. „Bis zum Ende dieſe Ritterthumsſcene parodirend, ſagte der Graf: „ Meine theure Cornelia, Sie müſſen dieſem artigen Paladin Ihre Schärpe als Pfand Ihrer Liebe geben.““ „Und während die Marquiſe ihre Schärpe losmachte, ließ mich der Graf auf den Fußtritt des Wagens knieen, und er fügte bei: „„Sie werden ſodann Ihrem Cavalier einen ſchönen Kuß auf die Stirne bewilligen: das iſt der Brauch.““ „Die Marquiſe bückte ſich, um ihre Schärpe um meinen Hals zu rollen, ihre Lippen berührten meine Stirne; meine Erſchütterung war ſo lebhaft, daß ich bei⸗ nahe in Ohnmacht geſunken wäre. „Eine halbe Stunde nachher fand das Duell ſtatt; das Schickſal begünſtigte mich . . oder es war vielmehr gegen mich! Wäre ich damals geſtorben, ſo hätte ich 65 weder die Schmach einer entehrenden Handlung, noch die entſetzliche Qugl, die mir vorbehalten war, kennen gelernt, — Schmach und Qual, gegen die ich beute keine andere Zuflucht habe, als den Tod! — Der Zufall hatte mir bei dieſem Duell die mit der Kugel geladene Piſtole ge⸗ geben, der Officier ſchoß zuerſt gegen mich; ſtatt dies zu erwiedern, warf ich die Piſtole auf die Erde und bat meinen Gegner um Verzeihung, daß ich ihn gröblich be⸗ leidigt habe. „„Victoria! Ich bringe Ihnen Ihren Paladin mit Lorbeeren bedeckt zurſck,““ ſpräch der Graf zur Marquiſe dAlfi, als wir wieder zu ihr kamen. „„Ihre Hand, liebe Cornelia, ſoll der Preis ſeiner Tapferkeit ſeiß In acht Tagen von hente an die Hochzeit!““ „„Ich werde mein Wort halten,““ ſagte ſie, „„ich muß eine ſo muthige Handlung belohnen.““ „Acht Tage nach dieſem Duell ſollte ich die Marquiſe dAlfi heirathen, — ich glaubte es wenigſtens. XVII. „Das letzte Geſtändniß, das ich Ihnen noch zu ma⸗ chen habe, mein Vater, iſt ein Geſtändniß, deſſen Schmach mich zu Boden drückt. „Am Morgen nach dem Tage, wo die Marguiſe mir ihre Hand verſprochen hatte, ſuchte ich den Grafen Chri⸗ ſtian auf. Ich konnte an das Glück, das meiner harrte, nicht glauben und befürchtete, nachdem ſie einer erſten Bewegung des Edelmuths nachgegeben, habe die Marquiſe dAlfi ihren Entſchluß geändert. Der Graf beruhigte mich völlig; ich kann Ihnen ſeine eigenen Worte wiederholen, mein Vater. Ach! in dieſem Augenblick find mir meine Erinnerungen grauſam gegenwärtig. „„Ja, mein lieber Iulian,““ ſagte der Graf zu mir, Cornelia d'Afi. 1. 5 66 „diejenige, welche ich meine Schweſter nenne, iſt ent⸗ ſchloſſen, Sie zu heirathen, doch unter zwei Bedin⸗ gungen.““ „Unter welchen? fragte ich zitternd. „„Die erſte iſt, daß bis zu ihrem Vollzuge dieſe Hei⸗ rath geheim gehalten werde; Sie werden Niemand ein Wort davon ſagen, nicht einmal Ihrem Vater.““ „„Wie! nicht einmal meinem Vater?““ „„Ihm weniger als irgend Jemand.““ „„Bedarf ich nicht ſeiner Einwilligung?““ Mein lieber Julian, glauben Sie denn, Ihr Vater werde nicht entzückt ſein, wenn er erfährt, Sie haben die Frau Margquiſe d Alfi, eine der vornehmſten Damen von Venedig, geheirathet, und, was nie zu verachten iſt, eine Dame, welche eine Rente von fünfzigtauſend Thalern be⸗ ſitzt? Sie können, wie Sie ſehen, ohne den geringſten Nachtheil dieſe Heirath bis zu ihrem Vollzuge vor Ihrem Vater verbergen. Das iſt noch nicht Alles, und hier, mein lleber Julian, muß ich einen ſehr zarten Punkt be⸗ rühren: die Marquiſe als vornehme Dame hat Kaſten⸗ vorurtheile, aber nach allen Beweiſen von Liebe, die Sie Cornelia gegeben, kann ich nicht glauben, daß Sie ſich Ihrem Wunſche, ſo ſeltſam er Ihnen vielleicht auch ſchei⸗ nen mag, widerſetzen werden.““ „Wovon iſt die Rede, Herr Graf?““ „Ich glaube Sie in keiner Hinſicht zu verletzen, wenn ich Ihnen ſage, daß Sie nicht das ſind, was man einen vornehmen Herrn nennt.““ „Ich bin nur ein armer Notarsſchreiber und ſchäme mich meines Standes nicht.““ „„Die Frau Marguiſe ſchämt ſich deſſelben auch nicht, da ſie Sie heirathet; doch ſie gehört einer berühm⸗ ten venetianiſchen Familie an; der Name ihrer Ahnen iſt im goldenen Buche aufgezeichnet, und ſie will ihre Ver⸗ bindung durch einen ihrer Oheime, den Sennor Dom 67 Cambrelli, Patriarchen von Indien, der ſich gegenwärtig auf der Durchreiſe in Gennd befindet, einſegnen laſſen; ſie hat ihm geſtern Abend, unmittelbar nachdem ſie Ihnen ihr Wort gegeben, in dieſer Beziehung geſchrieben.““ „„Nun, Herr Graf?““ „„Nun, Cornelia will nicht in den Augen ihres Oheims, des Patriarchen von Indien, Herrn Julian den Notarsſchreiber heirathen . . .3 „Das iſt aber mein Name und mein Stand, die Frau Margquiſe weiß es.““ „„Allerdings; allein was ſie weiß, ſoll ihr Oheim nicht wiſſen; er wird auch glanben, er vermähle ſie mit dem jungen Herzog della Torre Alba, Ritter vom gol⸗ denen Vließe . begreifen Sie 2““ „„Nein, Herr Graf.“ „Wie, Sie begreifen nicht, daß Sie nur während der Viertelſtunde, welche die Trauung dauern wird, in den Augen des Oheims der Marquiſe der Herzog della Torre Alba ſein ſollen?““ „„Einen Namen, einen Titel annehmen, die nicht die meinigen ſind! Ah! Herr Graf „das iſt ein ſchlimme Handlung.““ „„Oh! Sie Kind! Niemand wird dieſe unbedentende Lüge erfahren. Die Trauung findet um Ritternacht hier in dieſem Hauſe ſtattz wir allein, die Marquiſe, Sie, ich und der Patriarch werden dabei ſe „Aber dieſe Lüge . . ich werde ſie wiſſen, Herr Graf.““ „„Gewiß, dieſes Bedenken ehrt ſie, nur iſt es Ihre Sache, zu überlegen, ob es Ihnen zuſagt, Ihre Vebe Ihrem Bedenken zu opfern. Ich kenne Cornelia, ſie wird bei dieſer Bedingung unerſchütterlich ſein; ſie hat mich be⸗ auftragt, Sie hievon zu unterrichten, und im Falle einer Weigerung von Ihrer Seite muß ich Ihnen erklären, daß ſie Sie nicht mehr ſehen wird.““ „„Oh! mein Gott!““ 68 „„Die Arme wird vielleicht vor Kummer ſterben, denn ſie liebt Sie wahnſinnig; doch ich habe Ihnen ihren Willen mitgetheilt.““ „„Hert Graf, dieſe Verbindung kann alſo nicht durch einen andern Prieſter eingeſegnet werden?““ „Um keinen Preis würde ſich die Marquiſe hiezu bewegen laſſen; ſie iſt ganz Fataliſtin und überzeugt, der Segen ihres Oheims werde Ihnen Beiden Glück bringen. Ich wiederhole, mein lieber Julian, Sie erſchrecken vor ziner Kinderei. Hier vollzogen, wird dieſe Verbindung ſodann durch das bürgerliche Geſetz geordnet werden; Sie können hernach die Einwilligung von Ihrem Vater verlangen, und er wird ſie Ihnen nicht verweigern; da aber in den Augen von Cornelia, welche, ohne ihre De⸗ votion zur Schau zu tragen, im Grunde ſehr fromm iſt, nur die religiöſe Trauung als gültig betrachtet werden kann, ſo ſollen Sie durch den Patriarchen von Indien ſo vermählt werden, daß Sie vom Altar unmittelbar in das Hoch⸗ zeitgemach eintreten, mein lieber Julian . . „Ach! mein lieber Vater, ſo unvernünftig dieſe plumpe Fabel klang, ſo war doch meine Verblendung ſo groß, daß ich ſie glanbte, und ich erwiederte dem Grafen: „„Ich werde thun, was die Frau Marquiſe wünſcht, obgleich es mich Ueberwindung koſtet, eine lügneriſche Rolle auch nur eine Viertelſtunde zu ſpielen.““ „Das muß Sie Ueberwindung koſten, Cornelia weiß es, Sie kennt Ihr Zartgefühl, doch ſie wird tief gerührt ſein von Ihrer Nachgiebigkeit gegen ihre Wünſche: nachdem wir hinſichtlich dieſes Hauptpunktes übereinge⸗ kommen ſind, bleibt nur noch eine Nebenſache, das Co⸗ ſtume, zu beſprechen.“ „„Was wollen Sie damit ſagen, Herr Graf?““ „„Die Venetianer halten ſehr viel auf die Formen⸗ ſie ſind äußerſt prunkhaft, und nach meinem Sinne haben ſie Recht, wenn es ſich darum handelt, mit einem gewiſſen 69 Pompe das feierlichſte Verſprechen des Lebens zu umge⸗ ben: bei ihrer Hochzeitfeier begnügen ſie ſich nicht, wie wir Franzoſen, damit, daß ſie den ärmlichen ſchwarzen Frack anziehen, nein; und überdies wird Ihnen Cornelia das Beiſpiel geben, Sie werden ſie an den Altar im Hofmantel und ihre von Diamanten funkelnde Marquiſen⸗ krone auf dem Haupte kommen ſehen. Ich frage Sie nun, welche Figur Sie, mein armer Julian, neben der Marquiſe dAlfi mit Ihrem ſchwarzen Fracke ſpielen müßten?““ „„Wie ſoll ich denn gekleidet ſein, Herr Graf?““ „„Iſt der Herzog della Torre Alba nicht Ritter vom goldenen Vließe? Es iſt alſo ſehr natürlich, daß Sie während der Trauung das Ceremonienkleid der Ritter vom goldenen Vließe tragen.““ „„Aber, Herr Graf?““ „„Gewiß; ich will Ihnen eine ausführliche Notiz über das Rittercoſtume geben. Die Sticker ſind in Lyon ſehr fleißig, ſehr verſtändig, und wenn man ſie ein we⸗ nig zur Eile antreibt, ſo haben Sie Ihren Anzug, ehe acht Tage vergehen; er iſt glänzend, trotz einer gewiſſen Seltſamkeit, die aus ſeinem Alterthume hervorgeht; doch er wird Ihnen vortrefflich ſtehen. Cornelia macht ſich im Voraus eine Freude daraus, Sie in Ihren Gewändern als vornehmer Herr zu bewundern; glücklicher Julian!! Die Marquiſe wird mit ihren ſchönen Händen von Ihren Schultern Ihren geſtickten Mantel löſen, wenn ich als Bruder hinter Ihnen Beiden die Thüre des Hochzeitge⸗ maches geſchloſſen habe.““ XVIII. „Oh! mein Vater, es wird Ihnen übel werden vor Ekel und Entrüſtung! Sie können nicht glauben, ich ſei ſo eitel geweſen, daß ich zu dieſer lächerlichen, verächt⸗ 70 lichen Komödie eingewilligt! ſo albern, daß ich nicht am Ende bemerkt habe, man treibe ein ſchändliches Spiel mit mir. Ach! die Liebe verblendete mich. Und dann, konnte ich annehmen, eine Dame und ein Herr von ſo hohem Range beluſtigen ſich damit, daß ſie mich auf eine ſchimpfliche Weiſe behandeln, mich, der ich in keiner Hin⸗ ſicht dieſe Schmach verdient hatte, mich, der ich nur dem wiederholten Zudringen der Marquiſe und des Grafen nachgegeben, welche mich aufforderten, Verhältniſſe anzu⸗ knüpfen, die ſo außer meinem Stande! mich, der ich meine Liebe in der Tiefe meines Herzens bis zu dem Tage, wo der Graf mein Geheimniß verrieth, verborgen hatte! mich endlich, deſſen einziges Unrecht darin beſtand, daß ich leidenſchaftlich die Marquiſe d'Alfi liebte und ſ Zuneigung für ſie bis zur tollſten Exaltation trieb. „Ach! der Gedanke dieſes kalt granſamen Spieles konnte nie in meinen Geiſt kommen; mein Vertrauen, meine Leichtgläubigkeit haben mich in's Verderben geſtürzt. Ich willigte ein, einen Namen, einen Titel anzunehmen, die mir nicht gehörten! Ich ſtieg bis zur Schande, bis zum Diebſtahl hinab. „Der Graf Chriſtian händigte mir die ausführliche Notiz über die vorgebliche Tracht der Ritter vom goldenen Vließe ein! Ein Sticker von Lyon verlangte von mir viertauſend Franken, um die reichen Gewänder in weni⸗ gen Tagen zu machen; dieſe Summe war ungefähr der Belang derjenigen, welche Sie, mein Vater, für Sie zu erheben mich beauftragt hatten; ich gab die Summe; eine Schändlichkeit durch eine andere entſchuldigend, und auf das Vermögen der Marquiſe ſpeculirend, ſagte ich mir, nach meiner Verheirathung mit ihr werde ich Ihnen die⸗ ſes Geld zurückerſtatten . .. „Während der acht Tage, die der für unſere Trauung feſtgeſetzten Stunde vorhergingen, ſah ich die Marquiſe jeden Abend. Sie zeigte ſich verführeriſcher, 71 zärtlicher als je; ihre Zuneigung nuancirte ſich mit einem gewiſſen ſanften Ernſte der Ueberlegung; ſie ſprach mit mir von unſrer Zukunft, ſie ſprach mit mir von Ihnen, mein Vater, indem ſie mich verſicherte, Sie wer⸗ den an ihr eine ergebene Tochter haben. Sie bedauerte auch, daß ich nicht mehr meine Mutter hatte, ſie würde ſie ſo ſehr geliebt haben. „Die Marquiſe bat mich um Entſchuldigung wegen der Lüge, welche ſie mir auferlegte, um, wie ſie ſagte, die ariſtokratiſchen Vorurtheile ihres Oheims nicht zu verle⸗ tzen; ſie wußte mir unendlichen Dank für mein Nachge⸗ ben, da es ihr wohl bekannt, welche Ueberwindung es meiner Aufrichtigkeit koſte. Sie entrüſtete ſich gegen ſich ſelbſt, daß ſie ihre Schwäche in dieſer Hinſicht nicht beſiegen könne und es nicht wage, ihrem Verwandten zu geſtehen, ſie liebe einen jungen Mann von niedriger Herkunft, der aber durch ſeinen Herzensadel ſeinen Man⸗ gel an Geſchlechtsadel mehr als ausgleiche; dann ſprach ſie mit einer beinahe kindiſchen Freude von dem glän⸗ inae das ich an unſerem Hochzeittage tra⸗ gen ſollte. Was ſoll ich Ihnen ſagen, mein Vater? Die Binde, welche meine Augen bedeckte, wurde immer dichter, je nä⸗ her wir dem verhängnißvollen Tage kamen! „Er erſchien endlich, und an demſelben Tage erhielt ich Ihren Brief, der mich zu Ihnen nach Genf rief. XIX. „Meine Trauung mit der Marquiſe d'Alſi ſollte um Witternacht in ihrem Hauſe durch ihren Oheim, der zur Einſegnung von Genna angekommen, ſtattfinden. Ich begab mich am Abend zur Marquiſe und brachte in ei⸗ nem Miethwagen mein lächerliches, glänzendes Coſtume mit. Der Graf Chriſtian führte mich in ſein Zimmer; ⸗ 2 72 er wollte ſelbſt meine Toilette leiten; ich gab mich mit meiner gewöhnlichen Leichtgläubigkeit zu dieſer traurigen Poſſe her. Ich geſtehe ſelbſt, mit Hülfe meiner erbärm⸗ lichen Eitelkeit gewöhnte ich mich endlich an die ſpöttiſchen Lobeserhebungen des Grafen über den eleganten Reichthum meiner Gewänder; er ſelbſt zog ein zierliches Hofkleid an, und ich bewunderte die Grazie, mit der er es trug. Gegen Mitternacht führte mich der Graf in den Salon; ein Altar war improviſirt worden. Bald trat die Mar⸗ quiſe prachtvoll geſchmückt ein: die Diamanten rieſelten an ihrem Halſe, an ihrem Leibe, an ihren Armen, doch ihre Schönheit ſtrahlte noch viel mehr . . . Sie wurde geführt von ihrem Oheim, dem vorgeblichen Patriarchen von Indien, der eine lange, purpurrothe ſeidene Robe trug und das Geſicht beinahe ganz unter einem dichten weißen Barte verborgen hatte. Nachdem die ruchloſe Ce⸗ remonie beendigt war, blieben wir, die Marquiſe, der Graf und ich, allein. Er öffnete beide Flügel des Zim⸗ mers der Marquiſe, kehrte wieder zurück, nahm ſie bei der Hand und hieß mich ihm folgen. Als er aber auf die Schwelle der Thüre gekommen war, ſchloß er einen von den Flügeln, brach in ein ſchallendes Gelächter aus und ſagte zu mir: „„Gute Nacht, mein lieber Herzog della Torre Alba, aute Nacht, edler Ritter vom goldenen Vließe .. Cornelia iſt durchaus nicht meine Schweſter, ſeit langer Zeit lieben wir uns auf das Zärtlichſte . . . Die Moral des Abenteners aber iſt: wie ſich die Nachtſchmetterlinge am Lichte verbrennen, ſo werden die Notarsſchreiber, welche die Unverſchämtheit haben, Marquiſen zu lieben, mit Recht gefoppt und ſchimpflich behandelt; die Lection wird Ihnen ohne Zweifel heilſam ſein, und hienach gute Nacht, mein lieber Herzog della Torre Alba.““ „„Gute Nacht, ſchöner Ritter vom goldenen Vließe,“ lügte die ſpöttiſche Stimme der Marquiſe dAlfi bei. „„Gute Nacht!““ 73 „Und die Thüre ſchloß ſich unter dem ſchallenden Gelächter von Beiden. 5 glaubte, ich müſſe ſterben, und fiel in Ohn⸗ acht. „Ich weiß nicht, wie lange ich des Gefühles beraubt blieb. Als ich aus meiner Ohnmacht erwachte, erhellten noch die Kerzen den verödeten Salon; mit dem Bewußt⸗ ſein kehrte bei mir die Erinnerung an die Wirklichkeit zurück . . . „Von einer Art von Schwindel ergriffen, ſtürzte ich aus dem Hauſe der Marquiſe. Die Racht war finſter, es regnete in Strömen; die Morgenröthe ſollte bald er⸗ ſcheinen; mehr ein Gewohnheitsinſtinet, als mein Wille führte mich zu den Thoren von Lyon zurück; als ich hier aukam, war es heller Tag; das Gelächter, das Geſchrei der Leute der Vorſtadt, durch die ich ging, entzogen mich den verzweiflungsvollen Betrachtungen, in die ich verſunken war; meine reichen, aber lächerlichen, von Waſſer triefen⸗ den, mit Koth bedeckten Gewänder erregten das Erſtaunen und die Heiterkeit der Vorübergehenden; ſie ziſchten mich aus, wie man eine trunkene, verſpätete Maske ausgeziſcht hätte; mir ſchien, als ich mich unſerer Wohnung näherte, ich erkenne den Oberſchreiber meines Patrons; doch ich war nicht bei Sinnen. Roſalie, unſere gute alte Dienerin, da ſie mich ſo aufgeputzt, bleich, entſtellt, gelähmt ſah, wollte mich be⸗ fragen und bot mir ihre Pflege an; ich ſtieß ſie zurück, lief nach meinem Zimmer und ſchloß mich ein; in einem Anfalle von Wnth zerriß ich hier in Fetzen dieſe Kleider, die Zengen meiner Schande, die Urſache meines Dieb⸗ ſtahls.. Und dann ſagte ich zu mir: „„Was nun thun?““ XX. „Vernehmen Sie, mein Vater, das Reſultat der langen Stunden der Ueberlegung. 74 „Die Geringſchätzung, die Beleidigungen der Mar⸗ quiſe dAlfi, die ſchwarze Bosheit ihrer Seele ſchwächten in keiner Hinſicht meine Liebe für ſie. Meine Feigheit, meine Ehrloſigkeit rechtfertigten ſo die niederſchmetternde Verachtung, deren Opfer ich war; doch ich ſage Ihnen die Wahrheit, mein Vater. „Ich liebte alſo noch mit einer Art von Wuth dieſe ſo ſchöne, ſo verführeriſche und ſo grauſame Frau. „Die Zukunft ſollte für mich eine endloſe Marter ſein, da ich immer der Marquiſe dAlfi mit einer wahn⸗ ſinnigen, hoffnungsloſen Liebe zugethan blieb. „Dieſer Gegenwart, dieſer Zukunft gegenüber war mein erſter Gedanke, mir das Leben zu nehmen; der zweite der Kummer, den Ihnen mein Tod verurſachen würde. „Weint mein Vater über meinen Tod, ſagte ich zu mir, indem ich mich einer unbeſtimmten Hoffnung hin⸗ gab, — beklagt er mich, ſo iſt dies ſo, weil er mich liebt; wie ſollte ich an ſeiner Zärtlichkeit zweifeln? Seine Gemüthsbewegung, als er mich vor ſechs Wochen verließ, ſein Duzen, das damals ſeiner Zuneigung ent⸗ ſchlüpfte, ja, Alles beweiſt es mir: trotz ſeiner ſchein⸗ baren Strenge liebt mich mein Vater zärtlich. Warum ſollte er in dieſem Falle, nicht mit meinen Fehlern, nicht mit meiner Schmach, ſondern mit meinen Leiden, mit meiner Verzweiflung, — mit den Gewiſſensbiſſen Mit⸗ leid haben, die mir dieſe Fehler und dieſe Schmach ver⸗ urſachen? Wenn ich meinem Vater Alles geſtünde? wenn ich vor ihm niederfiele und mein Urtheil in einer demüthigen Reue erwartete, wer weiß, ob er mir nicht verzeihen würde? Seine Rathſchläge, ſeine ſtrenge Weis⸗ heit würden mir dann dieſe ſchmähliche, tolle Liebe, die Zeit vielleicht auslöſchen wird, überwinden helfen. „Zeigt ſich mein Vater unerbittlich, ſo bleibt mir der Tod als letzte Zuflucht, und ich werde es wenigſtens 75 verſucht haben, durch volle Geſtändniſſe die väterliche Milde zu verdienen. „Dieſer Entſchluß beſänftigte nicht meine Leiden und die Bangigkeiten, die mich bei dem Gedanken, Ihrer ge⸗ rechten Entrüſtung, mein Vater, zu trotzen, quälten; doch ich hatte wenigſtens das Bewußtſein, daß ich einer redlichen Eingebung folgte. „Der Wagen, der von Lyon nach Genf fuhr, ging erſt am andern Morgen ab; nach einer Nacht der Schlafloſigkeit, der Thränen, bitterer Betrachtungen ſtieg ich, feſt entſchloſſen zu den aufrichtigſten Bekenntniſſen, in die Diligence; während ich der Stadt, wo Sie mich erwarteten, mein Vater, und wo Sie über mein Schick⸗ ſal entſcheiden ſollten, immer näher kam, entſchwand ab⸗ wechſelnd mein Muth und belebte er ſich wieder. End⸗ lich gewann mein guter Entſchluß die Oberhand; bei meiner Ankunft am Abend in Genf ging ich nach dem Gaſthofe, deſſen Adreſſe Sie mir gegeben hatten. Wie groß war mein Erſtaunen! Sie waren am Morgen deſ⸗ ſelben Tages wieder nach Lyon abgereiſt; wir hatten uns auf der Straße gekreuzt. Dies vorausſehend, hatten Sie für mich beim Wirthe ein Billet folgenden Inhalts zurückgelaſſen: „„Mein Herr, „„Ein beſonderer Bote, der heute Abend von Lyon angekommen iſt, belehrt mich von Ihren Ausſchweifungen; ich wäre nicht Herr über mich, würde ich Sie heute Abend hier in Genf ſehen; ich kehre nach Lyon zurück, folgen Sie mir dahin. Die herzzerreißende Ent⸗ rüſtung des Vaters ſoll beſchwichtigt werden, Sie wer⸗ den in mir nur noch die kalte Unbeugſamkeit des Rich⸗ ters finden, der das Urtheil über einen Dieb zu fällen hat. „ R.“ „Nachdem ich dieſen Brief geleſen, fühlte ich, daß Alles für mich zu Ende war. 76 „Ich verlangte vom Wirthe ein Zimmer, eine Fe⸗ der, Tinte, Papier und ſchrieb Ihnen, mein Vater, was Sie hier geleſen haben. „Ich wiederhole, ich fühle, daß Alles für mich zu Ende iſt. „Es blieb mir die einzige Hoffnung, mich Ihnen zu Füßen zu werfen, Ihnen volle Geſtändniſſe zu machen. Vielleicht hätten Sie meine Rene, meine Thränen, meine Aufrichtigkeit gerührt . . . „Ich verliere ſogar die Wohlthat der Offenherzig⸗ keit! Sie ſind ſchon von meinen Ausſchweifungen unter⸗ richtet, und wenn ich bei Ihnen ankomme, werden Sie in Ihr Herz das Mitleid des Vaters zurückgedrängt ha⸗ benz ich werde in Ihnen nur noch einen kalten, unbeug⸗ ſamen Richter finden, der ſein Urtheil über einen . . Dieb zu fällen hat! „Es iſt wahr, mein Vater, ich habe Sie beſtohlen, — ſchändlicher beſtohlen, als wenn ich einen Fremden beſtohlen hätte. Ein Fremder verwahrt wenigſtens ſein Geld unter Schloß und Riegel, und Sie . Sie hatten Ihr Geld der Ehrlichkeit Ihres Sohnes anver⸗ traut. „Gott befohlen, mein Vater, ich will ſterben. „Ich werde nicht mehr vor Ihnen zu erröthen ha⸗ ben, Sie werden nicht mehr über mich zu erröthen haben. „Ich werde ein paar Zeilen an die Marquiſe d'Alfi ſchreiben. Sie ſoll erfahren, daß die entſetzliche Myſti⸗ fication, deren Opfer ich bin, mich zum Diebſtahl, zum Selbſtmord geführt hat! Das wird meine einzige Rache ein. „Ich habe in meinem Zimmer die kleine Uhr zu⸗ rückgekaſſen, die meiner Mutter gehörte; erlauben Sie mir, über dieſe Uhr zu Gunſten unſerer lieben alten No⸗ ſalie, die mich aufgezogen, zu verfügen. Sagen Sie 77 ihr, ich bedaure, daß ich ihr vorgeſtern, als ich nach Hauſe kam, hart begegnet ſei. „Noch einmal, Gott befohlen, mein Vater, mein armer, guter Vater!“ „Ich verlaſſe das Leben, indem ich mich der Worte erinnere, die Du mit Thränen in den Angen, als wir von einander ſchieden, als Du mich zärtlich an Deine Bruſt drückteſt, ausſprachſt: „„Liebes, liebes Kind, betrübe Dich nicht ſo ſehr!““ „O Vater! ich liebte Dich doch! „Julian.“ Mehr als einmal unterbrachen die Thränen, die Seufzer von Robert das Leſen dieſes qualvollen Briefes; er trocknete ſich die Angen und ſagte unter Schluchzen: „Und der unglückliche Knabe hat Wort gehalten! Und ich bin für meine unbarmherzige Strenge beſtraft worden. Ach! ſie war nur ſcheinbar, eben ſo wie meine Kälte gegen ihn. Schmerzlich ergriffen von dem Fehler von Jultan, dem erſten, den er begangen und deſſen Urſache ich nicht wußte, wollte ich ihm eine große Lection geben, ihn durch den Schrecken bei ſeinem erſten Schritte auf einem unheilvollen Wege zurückhalten; ich kannte ſein Herz! ich begriff die Hinreißungen der Jugend; ich zählte auf ſeine Reue, ſie hätte mir die Nachſicht ge⸗ ſtattet. Doch nein! ich nannte ihn Dieb, und dieſes Wort hat ihn getödtet; ich habe ſeinen Brief und die Beſtätigung ſeines Todes erhalten. Der Wirth, erſchrocken über das bleiche, verſtörte Geſicht meines Sohnes, als er ihn weggehen ſah, nachdem er den Preis für ſein Zimmer bezahlt hatte, folgte ihm, und, obgleich es Nacht geworden, ſah er ihn zwei Briefe auf die Poſt bringen, ſich ſachte nach der Brücke wenden, unter der die Rhone ließt, dann lange unbeweglich ſtille ſtehen und den Strom betrachten. Schon glaubte ſich der Wirth in ſeinen düſteren Ahnungen getäuſcht zu haben, als er 78 plötzlich ſah, wie ſich Julian in den Fluß ſtürzte und verſchwand; er ſchrie um Hülfe! Ach! es war zu ſpät! Die Nacht war finſter; vergebens ſuchten die Schiffer den Körper meines armen Sohnes. Fortgeriſſen durch das Ungeſtüm des Waſſers, war er nur zu gewiß eine Beute des Todes geworden. Wahnſinnig vor Verzweif⸗ lung bei dieſer gräßlichen Kunde, lief ich zu der Mar⸗ quiſe dAlfi, ich wollte dieſes Ungehener tödten. Sie hatte im Verlaufe des Tages Lyon verlaſſen. Es blieb mir nur eine letzte Hoffnung: den Leib meines Sohnes, der ohne Zweifel auf das Ufer des Fluſſes geworfen wor⸗ den, aufzufinden und zu beerdigen. Da begann die ent⸗ ſetzliche Pilgerfahrt, in deren Folge ich in dieſes Land gekommen bin: meine Nachforſchungen waren fruchtlos, der Leib meines Sohnes liegt unbegraben in der Tiefe eines Abgrundes!“ Hienach ſtand Robert auf, in ſeinen Zügen war das Gepräge eines erſchrecklichen Haſſes wahrzunehmen, und er fügte bei, indem er in der Ferne und unter ſeinen Füßen das Haus der Margquiſe dAlfi bezeichnete: „H rächende Vorſehung! ich konnte die geliebten Ueberreſte des Opfers nicht auffinden, doch Du ſchickſt mir ſeine Henker! . . Sie ſollen ihr Verbrechen büßen!“ XXI. Am Tage nach der Zuſammenkunft von Clande, dem Gärtner, mit Robert ſtand die Marquiſe dAlfi nach einer langen, ſchlafloſen Nacht bei Tagesanbruch auf, klingelte ihrer Kammerfrau, hüllte ſich in ein Morgengewand, —,— öffnete ihr Schreibeneceſſaire und fing an folgenden Brief an den Grafen Chriſtian zu ſchreiben: Den 9. September um 6 Uhr Morgens. „Kommen Sie nicht zu mir nach Annech, mein wertheſter Chriſtian. 79 „Ich liebe Sie nicht mehr. „Sie kennen mich zu gut, Sie ſind zu ſehr Welt⸗ maun, um meine Offenherzigkeit durch Vorwürfe zu er⸗ wiedern, oder um es zu verſuchen, mich von meinem Ent⸗ ſchluſſe abzubringen; ich bekümmere mich wenig um Vor⸗ würfe, und mein Wille iſt, wie Sie wiſſen, ein eiſerner. „Sie haben mir gefallen, Sie gefallen mir nicht mehr, ſo geht es mit der Liebe. „Ich liebe nun einen Todten. „Ich will mich erklären. „Bei meiner erſten Reiſe in Frankreich verweilte ich, wie Sie ſich erinnern, in Lyon, verführt durch die Schönheit der Ufer der Rhone; ich miethete in einer reizenden Lage vor den Thoren der Stadt, nahe beim Fluſſe, ein hübſches Haus, wo ich Ihnen, meinem Reiſe⸗ gefährten, Gafffreundſchaft bot. „Eines Tages ſchickte mir der Notar, mit welchem ich in Betreff der Miethe dieſes Hauſes in Verbindung ge⸗ treten war, einen von ſeinen Schreibern, der mir einen Schein für die von mir bezahlte Summe zu bringen hatte; dieſer ſcheinbar unbedeutende Umſtand iſt doch ſehr wichtig für das Verſtändniß meines Benehmens ge⸗ gen Sie; ich werde alſo in einige Details eingehen. „Wir befanden uns, Sie und ich, in dem kleinen blauen Salon, der nach dem Garten ging; Sie ver⸗ folgten mit allem Ernſte eine äußerſt intereſſante Unter⸗ redung mit Love, meinem King⸗Charles⸗Liebling; Sie machten die Fragen und die Antworten; ich ſtickte und dachte, wenn wir unter vier Angen ſeien, plaudern Sie ſelten ſo lange mit mir, als mit Love, und ich war doch im Gegenſatze zu dieſem reizenden Hündchen im Stande, Ihnen zu antworten und Ihnen die Hälfte der Koſten der Unterhaltung zu erſparen; mein Kammerdie⸗ ner trat ein und meldete mir den Schreiber von Herrn K. (Ich erinnere mich des Namens dieſes Notars nicht mehr.) 30⁰ 0 will dieſer Herr von mir?““ ſagte ich zu ietro. 3 „Er will der Frau Marquiſe einen Schein bringen.““ „Ei! er ſoll den Schein Ihnen geben; was brauche ich dieſen Schreiber zu ſehen?““ „Pietro entfernte ſich, als Sie plötzlich Ihr Ge⸗ ſpräch mit Love unterbrachen und ausriefen: „Madame, erlauben Sie! erlauben Sie! ich bin nicht ſo gleichgültig wie Sie in Betreff des Studiums der Naturelle dieſer wilden Gegend. Ein Notarsſchrei⸗ ber vom Gebiete von Lyon! Das muß eine für die Be⸗ obachtung ſehr intereſſante Gattung ſein Dieſe Varie⸗ tät des Geſchlechts kann Ihnen äußerſt anziehende Be⸗ merkungen zum Aufzeichnen in Ihrem Reiſebuche lie⸗ fern.“ Und zu Pietro ſagten Sie: „„Laſſen Sie den Herrn eintreten.““ „Glücklicher als ich, hatte dieſer Notarsſchreiber wie Love die Macht, Ihnen die Neigung für das Geſpräch zu verleihen und die angenehmen Scherze einzugeben, an die ich Sie ſo eben erinnert habe, mein lieber Chriſtian; ich wurde auch nicht weniger eiferſüchtig auf dieſen Schreiber, als auf mein Hündchen. 1 „Pietro kam bald zurück, öffnete die Thüre und mel⸗ dete ſo feierlich, als ob er in meinem Salon einen Bot⸗ ſchafter oder einen Feldmarſchall eingeführt hätte: „„Der Herr Notarsſchreiber.““ XXII. „Mein lieber Chriſtian, ich glaube noch in den blauen Salon zu ſein, ſo ſehr ſind mir meine Erinne⸗ rungen gegenwärtig⸗ bei mir einen Jüngling von höchſtens achtzehn Jahren ſo linkiſch, ſo verlegen eintreten, daß er 81 ein paar Schritte von der Thürſchwelle ſtehen blieb: er war lächerlich in einen gelblichen Oberrock gekleidet, der, zweimal zu weit für ihn, bis auf ſeine plumpen Schnür⸗ ſchuhe hinabfiel; an ſeinen Händen trug er grüne Hand⸗ ſchuhe! ah! welch ein Grün! Ich hatte nie eine ſolche Farbe geſehen. Er drehte irgend eine Kopfbedeckung, eine Mütze, eine Kappe, in allen Richtungen hin und her. „Ich war indeſſen, trotz und gerade wegen ſeines lächerlichen Anzugs, lebhaft betroffen von der ausgezeich⸗ neten Schönheit dieſes Knaben: ſeine langen aſchblonden Haare umrahmten ſein vollkommen regelmäßiges Geſicht, ein köſtliches Erzengelsgeſicht! Seine Haut, welche ſo rein und weiß wie die eines Mädchens, erröthete und er⸗ bleichte abwechſelnd, ſo tief war der plötzliche Eindruck, den Sie „ Love, oder ich, mein lieber Chri⸗ ſtian, auf ihn hervorbrachten . . . Seine Brauen, welche noch dunkler blond als ſein Haupthaar, und ſo lang, ſo ſeiden, daß ſie einen Schatten auf eine Wangen war⸗ fen (beurtheilen Sie, ob mir meine Erinnerungen ge⸗ genwärtig ſind!) verſchleierten halb ſeine großen braunen Augen; man konnte nichts Sanfteres, Reizenderes, Treuherzigeres ſehen als ſeinen Blick, den er nur ein einziges Mal ſchüchtern zu mir aufzuſchlagen wagte, denn offenbar brachten weder Sie, noch Love einen ſo leb⸗ haften Eindruck auf dieſen kleinen Notarsſchreiber her⸗ vor; er ſtand unbeweglich mitten im Salon, konnte keinen Schritt machen, war unfähig, ein Wort auszu⸗ ſprechen, und hatte wohl das Bewußtſein ſeines linki⸗ ſchen Weſens; der Schweiß perlte auf ſeiner Stirne, ſeine Züge drückten eine ſchmerzliche Verlegenheit aus; endlich, nach einer heftigen Anſtrengung gegen ſich ſelbſt, ſteckt er die Hand in eine von den Taſchen ſeines end⸗ loſen Oberrocks, ohne Zweifel, um daraus den Schein zu nehmen, den er mir bringen wollte, und da er ihn nicht hier findet, ſo ſtört er anderswo; vergebliche Ver⸗ Cornelia d'Alfi, 6 82 ſuche! er ſchiebt daun ſeine Mütze, die ihm hinderlich war, unter ſeinen Arm, greift haſtig in allen ſeinen Ta⸗ ſchen umher, und zwar, ich muß geſtehen, mit einem ſo verlegenen, ſo beſtürzten Geſichte, daß Sie, ſo wohl er⸗ zogen Sie ſein müßten, mein lieber Chriſtian, ein ſchal⸗ lendes Gelächter aufſchlugen! . . . Der arme Knabe wendet nun mit einer ſchmerzlichen Miene gegen mich ſeine ſchönen Augen, in denen ich eine Thräne rollen ſehe, dann ſchlägt er ſie wieder nieder und ſtammelt mit beben⸗ ſe indeß er fortwährend ſeine Taſchen durch⸗ wühlt: „„Verzeihen Sie, Frau Marquiſe, ich . . ich .. finde nicht .4 Doch plötzlich gibt er einen Ausruf der Erleichterung von ſich und ſagt, ohne die Augen aufzuſchlagen, indem er mir, obgleich er zehn Schritte von mir entfernt iſt, den Schein darreicht, welchen er endlich aus einer von ſeinen Taſchen hervorgezogen haite: „„Verzeihen Sie, Frau Marquiſe .. hier iſt. hier iſt. das Recipiſſe.““ „Dieſes von einer halb erſtickten Stimme ausgeſpro⸗ chene, ſeltſam klingende Wort, die Haltung des jungen Menſchen, der mich, ſehr fern von mir ſtehend, ohne daß er mich anzuſchauen wagte, mit einer wie Eſpen⸗ laub zitternden Hand aufforderte, das Stück Papier zu nehmen, das er mir bot, verdoppelten Ihre Heiter⸗ keit, mein lieber Chriſtian! Sie hielten gerade Love auf Ihrem Schooße, und ich ſagte zu Ihnen, da ich Mitleid mit dem Notarsſchreiber bekam, der Ihnen den Rücken zuwandte: „„Ich bitte, mein lieber Graf, ſetzen Sie für den Augenblick den Poſſen von Love, welche das glückliche Privilegium haben, Sie ſo ſehr zu erheitern, ein Ziel und erlauben Sie mir, von Geſchäften mit dem Herrn zu reden, der ſich die Mühe genommen hat, von Lyon hieher zu kommen.““ „Mochte der Jüngling glauben, er ſei es wirklich 85 nicht, ſondern das Hündchen, was Ihr Gelächter errege, mochte er in meinen Worten eine höfliche Art, Ihre Inpertinenz zu entſchuldigen, ſehen, er beruhigte ſich ein wenig, wagte es zum zweiten Male, mir ins Ge⸗ ſicht zu ſchauen, um mir ſeine Dankbarkeit zu bezeigen, begegnete meinen Angen, ſchlug die ſeinigen raſch nie⸗ der, erröthete bis an die Wurzel ſeiner Haare, bebte, machte ein paar unſichere Schritte, um ſich mir zu nähern, übergab mir den Schein und ſagte: „„Hier, Frau Marquiſe, iſt das Recipiſſe, das Ihnen mein Patron ſchickt.“ „Wonach er, immer mehr verwirrt, ein paar höchſt linkiſche Bücklinge an mich richtete, die er mit den Wor⸗ ten begleitete: „Ich habe die Ehre, zu ſein verzeihen Sie, Frau Marquiſe, bemühen Sie ſich nicht . . . „Doch jedes Wort verſchied auf ſeinen Lippen, und er drehte ſich ungeſtüm, um ſo raſch als möglich die Thüre zu erreichen. „Dieſer ſchnelle Rückzug entſprach nicht Ihrem Wunſche, den Ungläcklichen zu foppen, mein lieber Chriſtian; nicht weniger hellſehend als ich, waren Sie betroffen von dem tiefen und plötzlichen Eindruck, den das, was Sie meine Schönheit naunten, auf ihn übte; Sie liefen ihm auch nach, hielten ihn vertraulich am Arme zurück und ſagten zu ihm mit einem vollkom⸗ en höflichen Tone: „„Mein Herr! ah! mein Herr, die Frau Marquiſe wird nicht dulden, daß Sie wieder nach Lyon zurück⸗ gehen, ohne ein wenig ausgeruht zu haben; wollen Sie fich gefälligſt ſetzen.““ „„Sie ſind zu gütig, Herr Graf,““ erwiederte der Jüngling, der, während er ſich immer mehr gegen die Thüre zog, abermals einen Bückling um den andern achte, „ich könnte nicht bleiben . . . mein Patron .. . mein Patron hat mir befohlen, ſogleich zurückzukommen.““ 84 „„Aber, mein Herr,““ ſagte ich zu dem Kinde (und von dieſem Augenblicke an wurde ich Ihre Mitſchuldige, Chriſtian), werden Sie nicht, wenn ich Ihrem Patron ein Wort zu ſchreiben wünſche, die Güte haben, ein paar Miuuten hier zu warten?““ „Mit dieſen Worten, die ich mit meiner ſüßeſten Stimme fprach, verband ich einen Blick, ſo daß der Jüngling mit einer doppelten Gemüthsbewegung ant⸗ wortete: „„Frau Marquiſe, gewiß werde ich . . Ihre Be⸗ fehle erwarten.““ „Und er blieb mit niedergeſchlagenen Augen unbe⸗ weglich bei dem Lehnſtuhle ſtehen, den Sie ihm anbo⸗ ten. Ich klingelte und ſagte zu Pietro, der ſogleich eintrat: „Bringen Sie Madeira, Eiswaſſer, Früchte und Backwerk.““ „Und als Pietro ſich entfernte, fügte ich bei: „„Laſ⸗ ſen Sie meinen Wagen anſpannen, man wird den Herrn nach Lyon zurückfahren.““ „Dann ſtand ich auf, ging an meinen Schreibtiſch, iht dem Notarsſchreiber freundlich zu und ſprach u ihm: „„Ich mißbrauche, wie Sie ſehen, Ihre liebens⸗ würdige Gefälligkeit; nicht wahr, Sie erlauben mir, ein paar Zeilen an Ihren Herrn Notar zu ſchreiben? und Sie werden die Güte haben, ihm dieſelben zu übergeben?““ „Ganz erſtaunt über einen ſolchen Empfang, erwie⸗ derte mir das Kind völlig in Verwirrung, es ſei zu meinen Befehlen. Ich ſchrieb dann. Pietro brachte eine mit Erfriſchungen beladene Platte; unſeren drin⸗ genden Bitten nachgebend, nahm unſer Opfer nur mit großer Mühe ein wenig mit Hrangeſyrup gemiſchtes Eiswaſſer an, und Sie keiſteten ihm wacker Geſellſchaſt⸗ mein lieber Ehriſtian, indem Sie eine Flaſche Madeira 85 tranken und ein halbes Dutzend kleine Kuchen aßen, getren dem philoſophiſchen und gefälligen Appetit, der Sie in den ernſteſten Umſtänden Ihres Lebens nie ver⸗ laſſen hat und, wie ich hoffe, nie verlaſſen wird. XXIII. „Ich war mit dem Schreiben an den Notar be⸗ ſchäftigt, mein lieber Chriſtian, ohne je och deshalb aus dem Blicke unſer Opfer zu verlieren, zu dem Sie mit einer vortrefflich geſpielten Leutſeligkeit ſagten: „„Nun, mein lieber Herr, ich bitte . wie heißen Sie7 „„Julian Robert.““ „Wohl, mein lieber Herr Julian Robert, wie unterhalten wir uns in Lyon?““ „„Herr Graf „„Sprechen wir voffenherzig . . . Ihre Phyſiogno⸗ mie behagt mir ungemein . Sie ſehen, ich benehme mich ſogleich ganz vertraulich gegen Sie . . was Teu⸗ fels! ahmen Sie mir nach!““ „„Herr Graf. ich bin wahrhaftig verlegen “. „Ich wette,“ fügten Sie bei, indem Sie die Stimme dämpften, als wollten Sie mich dem Geſtänd⸗ niſſe, das Sie verlangten, ftemd laſſen, „ich wette, wir haben ein artiges Liebſchäftchen? . Wie?“⸗ „„Ah! Herr Graf,““ verſetzte der Jüngling, der vor Verwirrung purpurroth geworden war; und ich er⸗ haſchte ſcheue Blicke, die er unwillkürlich gegen mich richtete, während er hinzuſetzte: „„Herr Graf, können Sie denken! ich „„Bei Gott! ein hübſcher Junge wie Sie muß alle Köpfe verdrehen. Auf! erzählen Sie mir von Ihrem Liebſchäfichen. Iſt die Holde blond? iſt ſie braun ?““ 86 „„Ich bitte Sie flehentlich,““ verſetzte Julian, deſ⸗ ſen Verlegenheit immer mehr zunahm; „„wenn die Frau Marquiſe hörte . .“ „„Beruhigen Sie ſich, ſie hört nicht; überdies iſt die Frau Marquiſe keine von den mürriſchen Sprö⸗ den, welche nicht begreifen können, daß ſich die Jugend beluſtigen muß. Sie iſt eine ſehr gute Frau, ohne einen Schatten von Hochmuth, obgleich ſie in jeder Hinſicht ſtolz ſein könnte, wie Sie zugeſtehen werden.““ „„Gewiß,““ ſtammelte Julian abermals erröthend, „„gewiß, die Frau Marquiſe . . .“ „„Iſt ſie nicht entzückend?““ „„Ich würde mir nie erlauben, ſie 4 „ Sie reizend zu finden? .. Warum nicht? Sie können offenherzig mit mir ſprechen, ich bin ihr Bruder.““ „Sie, Herr Graf!““ rief der Jüngling mit einem Ausdrucke des Erſtaunens, woraus eine Art von unbe⸗ ſtimmter, unwillkürlicher Freude vordrang; „„Sie, Herr Graf, der Bruder der Frau Marquiſe?““ „„Ihr Milchbruder; wir ſind von gleichem Alter; dieſelbe Bruſt hat uns genährt, eine wahre Geſchwiſter⸗ ſchüft wäre auch nicht anders als die unſere; ſeitdem ſie Witwe geworden iſt, verlaſſe ich die Marquiſe d'Alfi nicht mehr. . . Sie begreifen, mein lieber Ju⸗ lian, daß eine ſchöne und junge Frau, wenn ſie ver⸗ einzelt im Leben ſteht, vielen Widerwärtigkeiten ausge⸗ ſetzt iſt. Mit einem Worte, ich bin für die Marquiſe ein guter, wachſamer, treuer, ergebener Hund.““ Ah! Herr Graf, wie glücklich muß ſie ſein, daß — ſie einen Bruder wie Sie gefunden hat!““ ſagte nai⸗ ver Weiſe Julian, der ſich durch den Reiz einer ſchein⸗ baren Gutmüthigkeit beſtechen ließ, mein lieber Chri⸗ ſtian, und allmälig zutraulich wurde: „„wie müſſen Sie auch die Frau Marquiſe lieben, ſie ſieht ſo gut aus!““ 87 „„Wahrhaftig!. . Sie finden?““ „Dieſe Frage fing wieder an den jungen Maun zu beunruhigen; die Augen niederſchlagend, erwie⸗ derte er: „„Ich beurtheile die Güte dieſer Dame nach dem Empfange, den ſie mir hat zu Theil werden laſſen, denn ich habe kein Recht auf einen ſolchen Empfang.““ „„Kein Recht? gehen Sie doch, mein Lieber, Sie ſind ein charmanter junger Mann!““ „„Herr Graf, ich verdiene nicht . . .“ „„Sie verdienen im Gegentheil viel, und dann ſehen Sie, unter uns geſagt, ich gehöre zu den Leuten, welche beim erſten Blicke Sympathien oder unüberwind⸗ liche Antipathien empfinden; Sie aber, mein lieber Ju⸗ lian, gefallen mir ungemein; warum dies? der Tenfel ſoll mich holen, wenn ich es weiß, da dies das erſte Mal iſt, daß ich Sie ſehe. Wir haben noch keine zwan⸗ zig Worte gewechſelt, wir ſind nicht von gleichem Alter, und dennoch fühle ich eine lebhafte Sympathie für Sie; das iſt nun einmal ſo! Was ſoll ich machen? Wenn Ihnen das unangenehm iſt, richten Sie es ein, wie Sie wollen.““ „Dieſe Worte, mein lieber Chriſtian, wurden mit ſo viel Entſchiedenheit, mit einem ſolchen Anſchein von Aufrichtigkeit betont, daß Julian, Anfangs erſtaunt, dann gerührt, mit bewegter Stimme erwiederte: „„Herr Graf, ich kann nicht an das, was ich höre, glauben . . . Sie behandeln mich mit einer ſolchen Güte nich . einen armen Notarsſchreiber . . . Wahrhaftig, ich begreife nicht ... „Begreifen Sie oder begreifen Sie nicht, das iſt Ihre Sache; nur müſſen Sie, wie ich glaube, überzengt ſein, daß meine Zuvorkommenheiten keinen eigennützigen Zweck haben.““ „Ich glaube es wohl . Mein Gott, was bin ich denn?“ 88 „„Sie ſind, deſſen bin ich ſicher, lieber Herr Julian, ein gutes Kind in der vollen Bedentung des Wortes; ich aber liebe die guten Kinder ungemein. Dieſe Sym⸗ pathie ſetzt Sie in Erſtaunen? Ei! warum ſollte die Freundſchaft nicht auch ſo ſchnell ſich bilden als die Liebe? Geſchieht es nicht täglich, daß ſich beim erſten Anblick, ohne ſie gekannt, ohne ſie je geſprochen zu ha⸗ ben, ein Mann plötzlich und unwillkürlich in eine Frau verliebt, mag ſie nun Kammerjungfer oder vornehme Dame ſein?““ Julian, um ſeine tödtliche Verlegenheit zu verber⸗ gen und ſich eine Haltung zu geben, nahm von der Platte ſein halbvolles Glas und ſagte, ehe er es an die Lippen ſetzte: „„Herr Graf, ich vermöchte Ihnen nicht zu antworten . Ich weiß nicht . . . ob die Liebe . „„Ah! beſter Herr Julian, Sie ſind nicht aufrich⸗ tig Sie erröthen bis unter die Angen und . . mehr noch, ſtatt zu trinken, haben Sie dieſes Glas ein wenig neben den Tiſch geſetzt, ſo daß es nun zerbrochen iſt . Darüber brauchen Sie nicht zu wehklagen! den Teufel! es finden ſich noch andere Gläſer im Hauſe; gebeh Sie ſich auch nicht die Mühe, die Scherben auf dem Boden zuſammenzuleſen, ſonſt leſe ich, auf Ehre! mit Ihnen zuſammen!““ „Sie gingen viel zu raſch und zu weit, mein lieber Chriſtian; ich ſiegelte eiligſt meinen Brief und ſtand auf, um Ihren Unbeſonnenheiten ein Ziel zu ſetzen und Julian zu beruhigen, der troſtlos darüber, daß er in Folge der Unruhe, in welche ihn Ihre unkluge Anſpie⸗ lung auf den lebhaften, plötzlichen Eindruck, den ich auf ihn hervorbrachte, ein Glas zerbrochen hatte. „„Hier, mein Herr,““ ſagte ich zu ihm, indem ich auf ihn zutrat; „„hier iſt mein Brief für Ihren Herrn Notar; Sie ſollen mit zwei Worten erfahren, um was es ſich handelt; ich könnte, falls ſich eine Beſitzung 89 fände, die mir mehr zuſagen würde als dieſe, mich ent⸗ ſchließen, ſie zu kaufen; ich bitte Ihren Herrn Rotar, wohlverſtanden, indem ich ihn für ſeine Bemühungen entſchädige, nach den Landhäuſern zu fragen, welche in der Umgegend von Lyon, an den Ufern der Rhone, zu verkaufen wären; ich wünſchte durchaus, daß Sie, wenn dies möglich iſt, mit dieſem Auftrage betraut würden; Sie würden die Güte haben, eine ausführliche Notiz über den Umfang des Gartens, über die Lage und die Beſchaffenheit des Hauſes abzufaſſen, und mir dieſe Notiz zu bringen; Sie würden dieſelbe mündlich vervoll⸗ ſtändigen, wodurch mir die Mühe erſpart wäre, eine große Anzahl von Beſitzungen zu beſuchen, da ich mich, nach⸗ dem ich mit Ihnen geſprochen hätte, mein Herr, auf die Anſchauung derjenigen, welche mir zuſagen dürften, beſchränken würde. Sie entſchuldigen, mein Herr, daß ich ein wenig despotiſch über Sie verfüge, aber es macht mir, ich weiß nicht warum, Vergnügen, auf Ihre Ge⸗ fälligkeit und Ihre Höflichkeit zu zählen . . Noch ein Wort: meine Tage ſind gewöhnlich durch Spazierfahr⸗ ten eingenommen, und ſo würde ich es, iſt Ihnen das gleichgültig, vorziehen, wenn Sie die Gewogen⸗ heit hätten, mir am Abend die Nachrichten zu bringen, die ich von Ihrer Güte erwarte.““ „„Dann, Frau Marquiſe,““ fügten Sie bei, „„dann komme Herr Julian, wenn er mit Ihnen über dieſe Angelegenheit zu ſprechen hat, um ſieben Uhr zum Mittageſſen.““ „„Das iſt ein vortrefflicher Gedanke, lieber Graf; nur wäre es unbeſcheiden, verlangten wir von dem Herrn, daß er uns ſeinen ganzen Abend opfere.““ „Betänbt, verwirrt, hielt fich der unglückliche Knabe für das Spielzeug eines Traumes; er fand kein Wort zu erwiedern; ich las in ſeinem unſchulbigen Geſichte die Verwunderung, die bei ihm dieſe unerwartete Einkadung verurſachte, die Freude, die er bei dem Gedanken an 90 die fortwährenden Beziehungen, welche ſich zwiſchen uns anknüpfen ſollten, empfand, den Schmerz, auf ein ſo ſchmeichelhaftes Anerbieten nur durch ein albernes Still⸗ ſchweigen antworten zu können; es verrieth ſich endlich bei ihm beſonders ſein unſägliches Erſtaunen darüber, daß er, ein armer Notarsſchreiber, ſich mit ſo viel Auszeichnung und Freundlichkeit empfangen, mit ſo viel Beharrlichkeit von Leuten einer gewiſſen Geſellſchaft be⸗ vorzugt ſah. „Pietro kam, ohne es zu wiſſen, Julian zu Hülfe, indem er eintrat und den Wagen meldete. „Mein Herr,““ ſagte ich zu dem Jüngling, „ ich will nicht länger Ihre Augenblicke mißbrauchen; mein Wagen ſteht zu Ihren Befehlen. Es bleibt unter uns verabredet, daß Sie die Güte haben, zu uns zum Mit⸗ tagbrode zu kommen, ſo oft Sie mir eine Rachricht ge⸗ ben wollen. Nun leben Sie wohl, mein Herr; ich zähle auf einen ſehr baldigen Beſuch von Ihnen, denn ich bin ungeduldig, zu erfahren, ob ich eine Gelegenheit finden werde, mich hier niederzulaſſen, oder nicht; das wird ein wenig von Ihrer freundlichen Thätigkeit abhängen, mein Herr; ich werde auch glücklich ſein bei dem Gevan⸗ ken, daß Sie einiger Maßen Theil an der Wahl meines Wohnortes gehabt haben.““ „„Dann, mein lieber Herr Julian, nehme ich für mich die Rechte einer guten Nachbarſchaft und eines häu⸗ figen Umgangs in Anſpruch,““ fügten Sie bei, mein lie⸗ ber Chriſtian. „„Frau Marquiſe . . . Herr Graf „ Sie er⸗ weiſen mir zu viel Ehre,““ ſtammelte Julian von einer Art von Schwindel erfaßt; da er einem Geſpräche ent⸗ gehen wollte, das ihn auf eine köſtliche Art marterte, ſo verbeugte er ſich auch vor uns und wandte ſich, völlig den Kopf verlierend, gegen eines der Fenſter des nach dem Garten geöffneten Erdgeſchoſſes, und er wäre blind⸗ * 91 lings hinausgefallen, hätten Sie ihn nicht am Arme ge⸗ faßt und heiter zu ihm geſagt⸗ „„Ah! kommen Sie doch, lieber Herr Julian, ich will Sie lootſen und in den Wagen bringen.““ Als Sie hierauf bald wieder zurückkamen, fingen Sie damit an, daß Sie ſich in einen Lehnſtuhl warfen und zum Berſten lachten; nachdem dieſer Anfall von Heiter⸗ keit vorüber war, riefen Sie: „Der Notarsſchreiber iſt bezanbert; er glaubt einen Traum von Tauſend und eine Nacht zu machen. Er iſt wahnſinnig in Sie verliebt, Marquiſe; er wird oft kommen, und da Sie Niemand hier empfangen wol⸗ len, ſo werden wir durch dieſen Dummkopf die lnſtigſten Abende der Welt haben. Man kann unmöglich naiver, einfältiger tölpelhafter ſein, als dieſer Burſche. Wir werden ihn die närriſchſten Dinge machen laſſen. Acht⸗ zehn Jahre alt und von einer ſolchen Leidenſchaft gepackt, wird dieſer Unſchuldige zu den groteskeſten Tollheiten fähig ſein. Ich ſterbe zum Voraus vor Lachen! Ha! ha! ha! meine Liebe, was für luſtige Abende werden wir haben.““ Cornelia war ſo weit mit ihrem Briefe, als Fau⸗ ſtine eintrat und zu ihr ſagte: „Wie, gnädige Frau, ſchon aufgeſtanden, ohne mir geklingelt zu haben? „Was wollen Sie 2“ „Gnädige Frau, der Führer, den Sie verlangt ha⸗ ben, iſt da.“ „Er warte! Halten Sie meine Männerkleider bereit und vergeſſen Sie meine Cigarrenbüchſe nicht.“ Während Fauſtine die Befehle von Cornelia vollzog, fügte dieſe folgende Worte ihrem an den Grafen gerich⸗ teten Briefe bei: „ Ich unterbreche meinen Brief, mein lieber Chriſtian, um einen Ausflug ins Gebirge zu machen; 92 bei meiner Rückkehr werde ich dieſes Schreiben been⸗ digen.“ XXIV. Unterſtützt durch ihre Kammerfrau, zog die Mar⸗ quiſe ihre Männerkleider an; ihre geſchmeidige, ſchlanke Taille umſchloß an ihren Hüften der Gürtel einer Nan⸗ kinhoſe; ſie knüpfte um ihren Hals eine weiße Cravate mit breiten, hellblauen Streifen von einem Stoffe dem ihres Hemdes ähnlich; ſie bekleidete ſich ſodannnoch mit einer Weſte von Bazin, einem leichten Paletot von goldbrau⸗ ner Popeline und reichte ihr zierliches Füßchen Fauſtine, welche raſch die Stiefelchen ihrer Gebieterin ſchnürte. „Vielleicht,“ ſprach Cornelia mit einer düſtern Miene, „vielleicht werden mich dieſe Wanderungen im Gebirge ſo ſehr ermüden, daß ſie mir den Schlaf wiedergeben.“ Es iſt dies ein großes Bedürfniß für die gnädige Frau! Auch heute Nacht hörte ich ſie wieder im Zim⸗ mer auf⸗ und abgehen.“ „Gegen Mitternacht entſchlief ich . . . Ich hatte einen Traum, einen eutſetzlichen Traum!“ „Was für einen Traum, gnädige Frau?“ „Ich ſah Julian in den Wellen der Rhone, die ihn fortriſſen, ſich zerarbeiten; meine Augen konnten ſich nicht von den ſeinigen losmachen, und ſein Blick . in dieſem äußerſten Moment . . . oh! . . ſein Blick ich ſchaudere noch . . und dann war ſein blei⸗ ches, ſanftes Geſicht noch ſo ſchön, trotz des Todes⸗ kampfes.“ „Wahrhaftig, gnädige Frau ich kann kaum glauben, was Sie ſagen!“ verſetzte Fauſtine, indem fie das Stiefel⸗ chen der Marquiſe zu ſchnüren aufhörte; „Ihre Einbil⸗ dungskraft muß ſehr angegriffen ſein, daß Sie ſolche Träume machen!“ 93 „Das iſt wahr; immer denke ich an dieſes unglück⸗ liche Kind, bald mit Wonne, bald mit Bitterkeit!“ „Aber das wird ja eine Leidenſchaft jenſeits des Grabes!“ rief die Kammerfrau. „Ja,“ erwiederte die Marquiſe d'Alfi, ganz in Ge⸗ danken verſunken, „ja, ich glaube, das iſt eine Leiden⸗ ſchaft jenſeits des Grabes.“ „Ei! gnädige Fran, warum haben Sie dann, Sie und der Herr Graf, dieſen armen Teufel ſo ſchmählich behandelt, daß er ſich aus Verzweiflung . „Nicht wahr, er war ſchön?“ fragte träumeriſch die Marquiſe ihre Kammerfrau Fauſtine, auf die ſie nicht hörte, „ſchön . . wie ein Engel?“ Wie ein Engel . der grüne Handſchuhe und Schnürſchuhe getragen hätte, denn gnädige Frau, dieſer iunge Mann „ „Und welch eine anbetungswürdige Unſchuld!“ fügte Cornelia bei, die ſich immer mehr exaltirte und aber⸗ mals ihre Kammerfran unterbrach, „welch ein Gemüth! welche Liebe! welcher Glaube! welche Aufrichtigkeit! welche grenzenloſe Ergebenheit! welcher Muth Hat er nicht dem Tode in einem ungleichen Duelle getrotzt! Oh! armer Knabe, wie ſehr erregen gegen Dich dieſe Salonpuppen mein Mitleid! Anmaßend oder dumm, im⸗ mer falſch und ſelbſtſüchtig, freche Despoten, wenun ſie eine Frau beherrſchen, feige Sklaven, wenn dieſe ſie un⸗ terjocht; man kann ſie in ihrem Hochmuthe verletzen, nie im Herzen .. ſie haben keines! Doch Du, liebens⸗ würdiges, ſanftes Geſchöpf, Du, der Du nur durch das Herz lebteſt, ich habe Dich . .. durch ein granſames Spiel im Herzen getroffen! Ja, eines Tags habe ich Dich ſpielend unter meiner ſpöttiſchen Verachtung zerdrückt, wie man in der Zerſtreuung einen jener kleinen, harmlo⸗ ſen Nachtſchmetterlinge zerdrückt, welche ein trügeriſches, tödtliches Licht aus ihrer Dunkelheit hervorzog . „Ach! 94 beſſer als die Reue rächt Dich meine unmächtige verzwei⸗ felnde Sehnſucht, unglückliches Kind!“ „Wie, Frau Marquiſe .. Sie weinen?“ rief Fau⸗ ſtine, als ſie Thränen in den Angen ihrer Gebieterin rollen ſah, „Sie weinen? und mit trockenem Ange haben Sie den Brief geleſen, in welchem vor zwei Jahren der Herzog Balbi, der Ihretwegen im Duell getödtet wurde, von ſeinem Sterbebette aus einen herzzerreißenden Ab⸗ ſchied an Sie richtete! Sie weinen? . Das iſt das erſte Mal, daß ich Sie Thränen ſeit dem Tode von Fio⸗ retta, dem kleinen blauen Papageiweibchen, das Sie anbeteten, vergießen ſehe! Wahrhaftig, ich bin ganz verwirrt, Sie haben in Paris, als Sie den Tod dieſes Jünglings erfuhren, nicht im Geringſten das Geſicht ver⸗ ändert.“ „Und jetzt liebe ich ihn,“ rief die Margquiſe mit ei⸗ nem krampfhaften Schluchzen; „das iſt wahnſinnig, doch ich liebe ihn!“ „Einen Todten lieben! das iſt, wie Sie ſelbſt ſa⸗ gen, Frau Marquiſe, wahnſinnig .. Das heißt das Unmögliche wollen .„ „Ei! . eben darum,“ erwiederte Cornelia, indem ſie wüthend mit dem Fuße auf den Boden ſtampfte „Die Unmöglichkeit zieht mich an, gerade wie der leere Raum anzieht, wenn man in die Tiefe eines Abgrundes ſchaut.“ 6 Ein zweimaliges leiſes Klopfen an die Thüre un⸗ terbrach dieſes Geſpräch. Fauſtine ging einen Augenblick hinaus, kehrte dann wieder zurück und meldete: „Frau Marquiſe . . es iſt der Führer, den Sie verlangt haben.“ XXV. Als die Marquiſe dAlfi aus ihrer Wohnung zu dem Führer hinabging, hatte ſie ihre ſchwarzen Haare 95 unter einem breiten Strohhute verborgen, und ihre Män⸗ nerkleider gaben ihr den Anſchein eines Jünglings von vollendeter Schönheit; nachdem ihre Thränen getrocknet waren, hatten ihre Züge wieder ihren gewöhnlichen Aus⸗ druck höhniſchen Stolzes angenommen und offenbarten in keiner Hinſicht den verzweiftungsvollen Kummer, deſſen Geheimniß Fauſtine allein beſaß. Als er dieſe Frau erblickte, die er des Todes ſeines Sohnes bezüchtigte, erbleichte Robert leicht, trotz ſeiner Selbſtbeherrſchung, und aus Furcht, ſeine Empfindungen zu verrathen, wagte er es nicht, ſeine Augen zu Corne⸗ lia aufzuſchlagen; dieſe ſprach mit einem Tone gebieteri⸗ ſchen Vorwurfs zu ihm: „Warum ſeid Ihr geſtern nicht gekommen, wie ich es befohlen hatte?“ „Ich konnte nicht, Madame.“ „Ich ſagte doch dem Gärtner, ich werde Euch bezah⸗ len, ſo viel Ihr wolltet.“ „Ich begnüge mich mit dem, was Sie mir geben.“ „Erinnert Euch, daß ich es nicht liebe, wenn man mir widerſpricht; dann werdet Ihr Euch nur zu meiner Freigebigkeit Glück zu wünſchen haben.“ „Ich werde mich bemühen, Sie zufrieden zu ſtellen, Madame.“ „Ihr kennt alſo die Gegend genau?“ „Ja, Madame.“ „Köunt Ihr mir als Führer im Gebirge dienen?“ „Ja, Madame.“ „Ich wünſche beſonders den Gipfel der Tournette zu beſteigen: können wir heute dieſen Gang unter⸗ nehmen?“ „Oh! nein, Madame; um die Tournette zu beſtei⸗ gen, muß man bei Nacht abgehen, und man kann kaum am Abend deſſelben Tages zurück ſein; überdies hat es heute Morgen viel gregnet, der Himmel iſt finſter, die Wolken hängen niedrig, und auf der Hälfte des Berges 96 angekommen, befänden wir uns mitten unter dichten Ne⸗ beln, die uns alle Anſichten verbergen würden; um dieſe zu genießen, muß man ein helles Wetter abwarten; dann ſieht man von der Höhe der Tournette aus ſehr weit.“ „Wohin werden wir alſo heute gehen?“ „Madame, ſind Sie ſchon auf der Straße nach Thones zur Brücke von Saint⸗Clair gegangen?“ „Nein . . Iſt die Gegend ſchön?“ „Ich verſtehe mich nicht hierauf; ich weiß nur, daß der Strom am Fuße großer Felſen hinrollt, von denen mehrere Cascaden herabfallen.“ „Gut, wenden wir uns nach dieſer Seite; iſt es weit dahin?“ Von hier aus, Madame, braucht man zwei Stun⸗ den, um ſich zur Brücke von Saint-Clair zu begeben, und ebenſo viel braucht man zur Rückkehr.“ „Es iſt erſt eilf Uhr . .. Vorwärts!“ Hienach verließ die Marquiſe d'Alfi ihre Woh⸗ nung und folgte ihrem Führer, der ein paar Schritte vor ihr ging. Vier Hauptwege führten vom Dorfe Veyrier zur Brücke von Saint⸗-Clair; alle vier ſind bewunderungswür⸗ dig pittoresk. Robert wählte denjenigen, welcher, immer breit, eben und fahrbar, ſich um die Ufer des Sees gegen das Dorf Barat⸗ tes hinzieht und ſich dann beim Dörfchen Vignöre der Land⸗ ſtraße nach Thones onſchließt, die ſo wechſelreich in ihren verſchiedenen Anſichten: man urtheile ſelbſt. Rechts und ſo hoch das Auge reichen kann, iſt der nördliche Abhang des von ſeiner Baſe bis zu ſeinem Gipfel mit einer üppigen Vegetation bedeckten Veyrier⸗Berges; die Pap⸗ veln, die Buchen, die Tannen, an denen der Epheu und die Waldreben mit ihren wohlriechenden Blumen hinauf⸗ rauken, vermiſchen die Nuancen ihres Blätterwerks; da und dort erblickt man auf der halben Höhe des Berges 97 große mit Raſen bewachſene Lichtungen, welche die Natur, zwiſchendurch Baumgruppen ſtreuend, wie einen Park hieher geworfen hat. Links von der Straße, wenn man nach Thones geht, hebt ſich vom Horizont die fünf⸗ bis ſechstauſend Fuß hohe Keite des Parmelan ab; man kann ſich nichts Originelleres, nichts Eindrucks⸗ volleres denken, als dieſen Gipfel; man ſollte glauben, es wären die Trümmer eines durch die Titanen aus dem Felsgeſteine ausgehauenen Schloſſes! Seine Thürme, ſeine Baſtionen, ſeine gezinnten Mauern mit ihrer be⸗ wunderungswürdigen Färbung entwickeln ſich auf der Firſte der Prairien ſitzend, welche dieſe Berge mit ihrem Teppiche ſchmücken, auf einer Strecke von meh⸗ reren Meilen und beherrſchen die Landſchaft; darunter umſchließt der Abhang des Naves⸗Berges das gleich⸗ namige Thal, das der Weg nach Thones bis zur Brücke von Saint⸗Clair überragt. Köſtliches Thal! die Futterpflanzen, die Gerſte, der Hafer, die Weinrebe, die Obſtbäume ſind im Ueberfluſſe auf dem maleriſchen Terrain vorhanden: hier tapezirt der Klee mit hochrothen Blüthen die Ränder einer zweihundert Fuß tiefen Schlucht, von deren Höhe eine Cascade brauſend herabfällt; Weinreben mit ſaftigen, dunkelrothen Trauben beladen brüſten ſich frendig im Süden, gegen den Nordwind durch eine ſchwarze, kahle Kalkbank geſchützt; anderswo wogen die Maisſtengel, aus welchen Kolben von goldgelbem Korn hervorkom⸗ men, am Rande der Abſtürze; an der Seite einer Ab⸗ dachung hängende Kürbispflanzen breiten ihre mächtigen Blätter und ihre orangefarbig und weiß gerippten un⸗ geheuren Früchte aus, während an der Senkung einer Schlucht Schminkbohnen mit ſcharlachrothen Blumen⸗ blättern in anmuthigen Pyramiden an langen Stangen hinaufkriechen; einige durch die Zeit untergrabene und vom Gipfel des Berges gelöſte Felsblöcke ſind in das Fornelia d'Alfi. 98 Thal hinabgerollt; ihre mit Schnee bedeckten Maſſen werden von einem blühenden Erbſenfelde umgeben; halb in Gruppen von Nußbäumen und Lerchen verborgene Häu⸗ ſer ſtehen mitten auf den beinahe ſenkrechten Bergab⸗ hängen, und vom Rande der Straße aus ſieht man unter ſich den bläulichen Rauch der Kamine wirbeln. Anderswo hat der donnernde, ſchäumende, ſpringende Strom zu Ufern fette Weiden und Obſtgärten beladen mit purpurroth geſprenkelten Aepfeln und gelben Birnen, deren ſüßer Wohlgeruch ſich mit dem der veilchenblanen Pflaumen vermiſcht; im Hintergrunde dieſes Thales endlich, deſſen lachende Fruchtbarkeit auf eine ſo origi⸗ nelle und reizende Art mit den Alpenhöhen, die es um⸗ rahmen, contraſtirt, fließt der launenhafte Fier; hier raſch, aber ſo friedlich, ſo rein, daß man durch ſeine klare, wie Meergras grüne Welle die Kieſelſteine zäh⸗ len kann, auf denen er mit einem ſanften Gemurmel hingleitet, nimmt ſein tiefes Waſſer anderswo unter dem Gewölbe von einigen durch den Strom ausgewühlten Felstheilen unglanblich lebhafte Tinten, Reflexe, Durch⸗ ſichtigkeiten an: bald iſt es das dunkelſte Ultramarin, bald die glänzende Härte des Grünſpans, ſchillernde Nuancen, häufig mit Gold geſtreift von ein paar Sonnenſtrahlen, welche durch die Zweige der Bäume aller Art dringen, mit denen die Abdachungen am Strome beinahe überall bepflanzt ſind; an auderen Orten ſchäumt und toſt der Fier in einem eng geſchloſ⸗ ſenen Bette, in deſſen Tiefe Felsſtücke gerollt ſind. Die Zeit und die Thätigkeit des Gewäſſers haben die Ecken dieſer halb unter Waſſer ſtehenden Felsblöcke abgenutzt, gerundet und geglättet, und ſie bieten oft dem Auge die bizarrſten Formen; zuweilen glaubt man ungeheure Maſtodonte unbeweglich mitten im Strome zu ſehen, der fortwährend ihre Flanken und ihre ſchwärzlichen Kretze peitſcht, von denen ein ſilberner Schaum herab⸗ rieſelt. — — 99 Wechſelnd in den Anſichten, die er bietet, wie das Meer, heute ruhig und ſtumm, morgen fiuſter und durch den Sturm aufgewühlt, toſte der Fier durch die Regen der Nacht, durch den Zufluß der Bäche und der Waſſer⸗ fälle angeſchwollen, an dieſem Tage, ſchlammig, furchtbar. Ungefähr dreihundert Fuß über der beinahe ſenkrecht laufenden Straße nach Thones, an der Stelle, wo ſich gerade die Marquiſe d'Alfi und ihr Führer befanden, verdunkelte dickes, graues Gewölk den Himmel, wäh⸗ rend da und dort beinahe matt weiße Wetterwolken ſich an der halben Höhe der höchſten Berge hinſchleppten und deren mit Raſen bewachſene und von ſchwarzen Tannen bekränzte Gipfel entzwei ſchnitten; anderswo entrollten ſich Rauchwogen ähnlich dieſe Dünſte langſam in der Tiefe einer abſchüſſigen Schlucht, oder ſie ent⸗ blößten wohl auch, in den Raum hinaufſteigend und ſich wie Gazeſchleier zuſammenfaltend, dem Auge durch ihre Oeffnungen ferne Horizonte. XXVI. Robert und Cornelia waren lange gegangen: ſie befänden ſich in einer nur geringen Entfernung von der Brücke von Saint⸗Clair. Die Anfangs ebenſo lachende als wechſelreiche Landſchaft wurde wild, finſter und ma⸗ jeſtätiſch; die Straße verengte ſich zwiſchen dem Strome, den ſie überragte, und ungeheuren gelblichen, ſchwarzge⸗ ſtreiſten Felswänden; an ihrem Kamme durch einen rieſigen Riß getrennt, ſchienen ſie ſich an ihrer Baſe wieder verbinden und die Straße bei ihrer erſten Bie⸗ gung durchſchneiden zu müſſen. Durch den zwiſchen beinahe ſenkrechten Felswänden gelaſſenen Ausſchnitt ſah man in der Ferne am Horizont den ungeheuren Kegel des Aler⸗Berges, halb in den Wolken verborgen⸗ ſich erheben. 100 Nie träumte Salvator Roſa von einem Gemälde von ſo düſterer Größe! . . . Von dieſer Schlucht aus ſah man zu ſeinen Füßen den Strom, über ſich den Himmel und auf einige Schritte Cascaden, welche, durch den Strom angewachſen, von den Felſen hinab⸗ ſchäumten und auf der Straße einen feuchten Staub verbreiteten . . Ihr Rauſchen, das Toſen des Fier, deſſen Waſſer voll Wuth unter den einzigen Bogen der Brücke von Saint⸗Clair ſtürzten, das Pfeifen des Win⸗ des, der Anblick dieſer einſamen, durch einen Dom von niedrigen, gedrängten Wolken verdüſterten Orte, er⸗ griffen Cornelia mächtig. Die Straße war öde; ſo weit das Ange ihren Krümmungen folgen konnte, ſah man Niemand. „Madame,“ ſagte Robert zu ihr, wenn Sie nicht Angſt haben, ſo ſchreiten wir über die Brücke, gehen dann links auf dem Wege weiter, den man die alte Römerſtraße nennt, und von jenem Felſen herab, welchen Sie dort ſenkrecht über dem Strome emporragen ſehen, werden Sie einen herrlichen Anblick genießen; doch man muß im Kopfe feſt ſein, um . . .“ „Vorwärts,“ unterbrach die Marquiſe ihren Führer, „ich fürchte nichts.“ XXVII. Gefolgt von Cornelia, verließ Robert die Straße nach Thones, welche rechtwinkelig von der Saint Clair⸗ Brücke durchſchnitten wird, ſchritt über dieſelbe, wandte ſich links und fing an eine Art von Treppe zu erſteigen, welche die Römer aus dem Geſteine ausgehauen hatten; dann, nach einem Marſche von ein paar Minuten, verließ er dieſen Weg, ſtieg auf einen Felsblock, winkte Cornelia voranzugehen und ſagte zu ihr: „Sehen Sie.“ 101 Die Marquiſe d'Alfi ſtellte ſich nach der Andeutung ihres Führers auf eine kaum vier bis fünf Schritte breite Plattform; von hier aus war das Schauſpiel erſchrecklich: zu den Füßen der Marquiſe und in einer ungeheuren Tiefe donnerte der ſchlammige Strom unter den Felſen, die ſein Bett verſperren; es war ein Bru⸗ deln, ein Wirbeln von einer Schnelligkeit, um ſchwindeln zu machen, ein Lärmen, um taub zu machen! Ange⸗ ſchwollen, zuſammengepreßt, zurückgedrängt durch die Hinderniſſe, drehten ſich die Wellen, ſprangen ſie, höhlten ſie ſich aus, kehrten ſie um und krämmten ſie ſich in heftig einander widerſtrebenden Strömungen, mitten unter gelblichen Schaumwogen, die ſich an den halb unter Waſſer ſtehenden Felsblöcken brachen; in dieſem Schlunde, unter wüthende, die ungeheuren Steine peit⸗ ſchende, erſchütternde Wellen geſtürzt, wäre ein menſch⸗ liches Geſchöpf nicht ertrunken, ſondern zermalmt, in Fetzen von Fleiſch und Knochen zerriſſen worden. Dieſer Gedanke kam unſeliger Weiſe der Marquiſe, welche der Anziehungskraft des leeren Raumes, dem Blendwerke der Gefahr unterlag; den Blick getrübt durch die ſchwindelhafte Schnelligkeit des Fier, das Ohr betäubt durch das gewaltige Rauſchen des Windes, des Stioms und der Waſſerfälle, bebend, unbeweglich, wohl fühlend, daß einen Schritt vorwärts gehen in den Ab⸗ grund fallen hieß, aber zugleich ohne Kraft, einen Schritt rückwärts zu machen, ſtand Cornelia verſteinert da. Robert, der ſich hinter der Marquiſe, unbemerkt von ihr, befand, konnte in dieſem Angenblick die Maske der Gleichgültigkeit, die er angenommen, abwerfen .. Der Abſchen, den ihm dieſe Frau einflößte, brach plötz⸗ lich in ſeinen vor Haß und Verzweiflung erſchrecklichen Zügen hervor; der Anblick dieſes Stromes erinnerte ihn an die Wellen der Rhone, in die ſich Julian, hinge⸗ trieben zum Selbſtmorde durch dieſes Geſchöpf, geſtürzt hatte, und ſie war da . zum Abgrunde vorgeneigt. 102 Robert ſtreifte zweimal mit ſeinen vor Wuth krampfhaft zuſammengezogenen Händen die Schultern von Cornelia, bereit, ſie in den Strom zu ſchleudern, doch zweimal fielen ſeine Arme wieder zurück, und er ſagte zu ſich ſelbſt: „Nein, noch nicht . . erwarten wir ihren Mit⸗ ſchuldigen . . . den anderen Henker!“ Immer unbeweglich, geblendet durch die Gefahr, ſchauerte die Marquiſe plötzlich. Sie erinnerte ſich ihres Traumes in der vergange⸗ nen Nacht, wo ſie Julian mit dem Tode ringend, fort⸗ geriſſen durch das ungeſtüme, brauſende Gewäſſer der Rhone geſehen hatte! . . . Bald zeigte ihr die Luft⸗ ſpiegelung ihres verwirrten Geiſtes mitten unter einem Schaumwirbel das leichenbleiche Geſicht des Jünglings, der ſeine erloſchenen Augen auf ſie heftete. Unfähig, eine Bewegung zu machen, fühlte die Marquiſe, wie ihre Kniee zitterten, wie ihr Körper ſich gegen den Schlund neigte; ſie ſtürzte darein, wäre ſie nicht zurückgehalten worden durch Robert, der ſie kräftig an ſich zog und ihr zurief: „Nehmen Sie ſich doch in Acht, Madame, Sie werden fallen!“ Anfangs vernichtet durch den Schrecken, blieb Cor⸗ nelia einen Augenblick beinahe träge in den Armen ihres Führers; dann aber ſammelte ſie wieder ihre Lebens⸗ geiſter und rief, über ihre Schwäche erröthend: „Schmach und Schande, ich habe Angſt gehabt!!“ Raſch machte ſie ſich von den Armen von Robert los, ſtürzte nach dem Felſen, von dem ſie beinahe in den Schlund hinabgerollt wäre, kreuzte ihre Arme auf ihrem wogenden Buſen, trat bis an die äußerſte Grenze der ſchmalen Plattform vor, beugte ſich, ſo weit ſie konnte, hinaus, ohne das Gleichgewicht zu verlieren, und betrachtete diesmal den Strom, ohne daß ſie er⸗ vleichte. Nach einigen Augenblicken zog ſie aus der 103 Taſche ihres Paletot eine mit Cigarren gefüllte Büchſe, zündete eine an, wandte ſich gegen Robert um und ſagte zu ihm, während ſie den bläulichen Ranch des türkiſchen Tabaks wirbeln machte: „Der Abgrund iſt wahrhaftig ſchön!“ In dem Augenblicke, da Cornelia dieſe letzten Worte ſpricht, ſtrahlt plötzlich die lange durch dunkle Wolken, welche allmälig der Hauch des Windes zerſtreut hat, verdunkelte Sonne in vollem Glanze, und dieſes bis jetzt düſter großartige Gemälde verändert wie mit einem Schlage ſeinen Anblick. Zuvor von einem finſtern, unfreundlichen Tone, färben ſich die Felſen mit warmen Tönen, welche ihre Vorſprünge und Kämme ſchärfer in das Auge treten laſſen; das Moos vom Bette der Cascadeu, in welchem ſie ſich hier in langen ſilbernen Bändern, dort in weißen Flächen hinſchlängeln, bekommt eine goldglaſirte grüne Farbe; an tauſend Stellen ſpiegeln ihre Waſſer, brillan⸗ tiren ſie ſich; der feuchte Nebel, der ſich nach ihrem Falle verbreitet, erſcheint in den wechſelnden Feuern des Regenbogens; eindringend in die Oeffnung mehrerer Grotten, aus deren Hintergrund die Cascaden hervor⸗ ſpringen, ſpielen die Sontenſtrahlen darin auf dem Grün und dem Mauerkraut, mit dem dieſe geheimniß⸗ vollen, kühlen Höhlen tapezirt ſind, in denen nach naiven Legenden die kleinen Feen der Waſſer, wenn es Nacht geworden iſt, beim Mondſcheine ihre zierlichen, roſigen Körper in der Kryſtallwelle baden. Beſtändig toſend, ſchäumend und ſpringend, aber immer weniger getrübt durch den Zufluß der Waſſer des Regens, der am Morgen zu fallen aufgehört hatte, fängt der Strom an blan zu werden; ſein Schaum beperlmuttert ſich; die glänzende, glatte Oberfläche der von den Wellen gepeitſchten Felſen reflectirt auch die funkelnden Sonnenſtrahlen; durch den Ausſchnitt der zwei Kalkwände, die ſich über der Brücke von Saint⸗ 104 Clair erheben und, in den Schatten getaucht, eine kräftige Gegenſtellung bildeten, erſcheinen in der Ferne die zauberhaften Zugänge der Thäler von Thones, Dingh und Menthon, übergoſſen von einem blendenden Lichte. Eine Veränderung der Decoration, in der Oper aus⸗ geführt, würde allein, ſo weit die ärmlichen, ſcheinbaren Schönheiten ſich der unvergleichlichen Majeſtät der Ef⸗ fecte der Natur nähern können, würde allein, ſagen wir, einen Begriff von dieſer raſchen, durch das plötz⸗ liche Strahlen der Sonne bewerkſtelligten Verwandlung geben. Betroffen von der wunderbaren Landſchaft, die ſie durch den Ausſchnitt der Felſen bei der Brücke von Saint⸗ Clair erſchaute, fühlte ſich die Marquiſe dAlfi in dem Augenblick, wo ſie ſich umwandte, um das Wort an ihren Führer zu richten, von einer ſo gewaltigen Ge⸗ müthsbewegung, von einem ſolchen Aufſchwunge der Be⸗ geiſterung ergriffen, daß ſie, nachdem ſie ausgerufen: „Das iſt wahrlich erhaben!“ raſch die alte Römerſtraße hinablief, über die Brücke eilte, der Straße nach Tho⸗ nes folgte, welche jenſeits des Bogens von Saint⸗Clair ſich fortwährend längs dem Strome hinzieht, und erſt anhielt, als ſie mit einem Blicke das zauberhafte Ge⸗ mälde zu ihrem Entzücken umfaſſen konnte. XXVIII. Keuchend von ihrem haſtigen Laufe, kam Cornelia endlich zu dem Brückchen, das ſich in geringer Entfer⸗ nung von der Glashütte von Alex findet. Von dieſem Orte, dem Durchſchnittspunkte der vier in dieſem Theile der Alpenkette eingeſchloſſenen Thäler, iſt der Anblick feenhaft; man hat vor ſich das Thal von Thones, welches 105 auf das von Naves folgt, rechts das Thal von Men⸗ thon und links das von Dingy. Ebenſo lachend, ebenſo fruchtbar, ebenſo verſchie⸗ denartig angebaut als das Thal von Naves, wie die⸗ ſes umgeben von Bergen, welche grün von ihrer Baſe bis zu ihrem Gipfel, wie dieſes beſpült von zahlloſen Bächen, wie dieſes bewachſen mit Bäumen von allen Arten und von einer üppigen Vegetation, bieten doch die zuletzt genannten drei Thäler jedes ihren eigen⸗ thümlichen Anblick, ihren beſonderen Charakter. Die Weiden von Dingy ſteigen beinahe ſenkrecht bis zu den erſten Schichten vom Kamme des Parmelan, dieſes bizarren Berges hinauf, deſſen felſiger Gipfel einer von den Titanen gebauten Feſte gleicht. Nichts kann einen Begriff von den drei bis vier tauſend Fuß hohen, mit ſammetartigen Prairien bedeckten, mit einer Menge von Alpenblumen beſprenkelten Abhängen geben, von dieſen Abhängen, welche ſo jäh, daß bei der Heu⸗ ernte die Mäher dieſer beinahe ſenkrechten Wieſen ſich nur mittelſt eiſerner an ihren Schuhen befeſtigter Kram⸗ pen aufrecht halten können; ſind die Wieſen gemäht, ſo häuft man das Futter in ungeheuren Schobern auf und läßt ſie in die Tiefe des Thales wie Lawinen von blühendem Grün rollen; auf der Mitte des Berges ſind es buſchreiche Gehölze, mit Liebe angebaute Felder, welche ein paar Hütten oder ein auf dem Abhange ge⸗ bautes Dörſchen umgeben; dann folgen das Baſſin von Dingy, ſeine ſchönen Bäume, ſeine reichen Fluren, ſeine Getreidemühlen, ſeine Sägemühle, deren mäch⸗ tige Räder durch den Bach, welcher ſich in den Fier ergießt, getrieben werden; endlich iſt es der Flecken maleriſch gruppirt im Schatten der herrlichen Nuß⸗ bäume, welche der mit Blech beſchuppte Kirchthurm be⸗ herrſcht. Das Thal von Menthon erſtreckt ſich bis an das Ufer des Annech-Sees und ſeine ſanft wellenförmigen 106 Abhänge ſind nnerſchöpflich an reizenden Einzelnheiten lebendige Quellen, die ſich zwiſchen den entblößten Wur⸗ zeln eines hundertjährigen Baumes Bahn brechen, mur⸗ meln im hohen Graſe; Gehölze von Lerchenbänmen und Tannen erheben ſich amphitheatraliſch auf einem Boden, den ein mehr als fußdickes Mooslager bedeckt, ein fri⸗ ſcher Teppich, geſtickt mit kleinen roſenfarbigen, wohl⸗ riechenden Schweinsbroden, der weich und wollicht unter den Tritten nachgibt; die, auch von einem grünen Man⸗ tel bekleideten, Berge, in welche dieſes Thal eingeſchloſ⸗ ſen iſt, ſind merkwuͤrdig durch den Wechſel ihrer Linien⸗ die überall eine wunderbare Originalität entwickeln; unter Anderem der ungeheure Kegel von Alex, eine Py⸗ ramide von Prairien und Wäldern, überragt von einer Mauerkrone, welche die Auszackung der Felſen bildet; am Ende des Thales erheben ſich die Thürme des alten, wie ein Adlerhorſt auf die Firſte ſeines Felſen geſetzten, Schloſſes Menthon; als äußerſten Geſichtspunkt hat man endlich die blänliche Aufhänfung der Berge deren Kämme, Gipfel und Spitzen über dem Baſſin von Tal⸗ loires emporragen. Das Thal von Thones bietet einen ganz verſchie⸗ denartigen Anblick; es iſt ſchon das, was man das große Gebirge nennt; in der That, es vergrößert ſich Alles noch, und im Norden beſonders gewinnt die Natur an Majeſtät das, was ſie an Anmuth verlieren kann; ungeheure Verhältniſſe erreichend, thürmen ſich die Tannenwälder zu Höhen auf, welche der Blick nicht zu meſſen vermöchte, denn ihr dunkelgrüner Gipfel verbirgt ſich beinahe immer in den Wolken; doch auf dem öſtli⸗ chen Abhange findet man wieder das Wogen der reifen Aehren, das wechſelreiche Colorit der künſtlichen Wieſen, die friſchen, üppigen Weiden; die Hänſer der Dörſchen, welche beinahe äile als Chalets mit langen, abhängigen Dächern gebaut ſind, vervollſtändigen die Landſchaſt. Weiter entfernt, wenn man ſich der Stadt Thones nähert, 107 fallen bewunderungswürdige Cascaden, wie die von Morette, von einer Höhe von dreihundert Fuß herab, oder kommen brauſend aus unterirdiſchen Gewölben her⸗ vor, deren Tiefe man nicht kennt, verbreiten ihre kry⸗ ſtallenen Wellen mitten unter den Felſen und theilen ſich in tauſend die Wieſen durchlaufende Bäche. Was aber zu ſchildern man unterlaſſen muß, das ſind die zanberhaften Effecte von durchſichtigem Schat⸗ ten und blendendem Licht, dieſe friſchrothen Dünſte, dieſe goldenen Glaſuren, welche die im Sinken begriffene Soune auf alle in den vier ungeheuren Thälern aufgehäufte Wunder der Vegetation warf, die Cornelia, mitten auf der Brücke von Alex ſtehend, nach und nach mit einem entzückten Auge umfaßte; ſie blieb ſtumm, ſchanernd, von einem neuen Schwindel erfaßt, doch die⸗ ſer, der ſüßeſte der Schwindel, grenzt an das religiöſe Gefühl durch die Bewunderung, die uns die Macht und die unermeßlichen Schätze der Schöpfung einflößen. Die Marquiſe d'Alfi, dieſe ſtolze, überſättigte, eherne Frau faltete die Hände, ihre Angen befeuchteten ſich und ſie rief aus: „Vie ſchön iſt das . mein Gott, wie ſchön iſt das!“ Dieſe Worte wurden von der Marquiſe mit einem Ausdrucke unausſprechlicher Dankbarkeit gegen die unbe⸗ kannte Allmacht betont, welche, ohne Ende und ohne Anfang, von Ewigkeit erzeugt hat, erzengt und erzeugen wird die ſichtbaren oder unſichtbaren, neuen oder alten Welten, die im Raume gravitirten, gravitiren und gra⸗ vitiren werden. Cornelia fühlte ihr verhärtetes Herz in einer anbe⸗ tungswürdigen Extaſe ſchmelzen und athmete die Natur durch alle Poren, durch alle Sinne ein; ſie empfand jene frommen Genüſſe, welche weder der Ruhm, noch die Liebe, noch die Wolluſt, noch der Reichthum je zu geben vermögen! So die Wunder der Schöpfung anſtaunend, 108 ſchätzend, erhob ſich Cornelia bis zu der himmliſchen Sphäre, wo unſere Seele, unſterblich wie die Gottheit, ſich mit dieſer vermiſcht. XXIX. Schweigſam und düſter, betrachtete Robert die Marquiſe dAlfi; betroffen von der Gemüthsbewegung, welche ſie beim Anblicke der Natur zu ergreifen ſchien, ſagte er zu ſich ſelbſt voll Bitterkeit: „Dieſes Ungeheuer iſt gerührt beim Anblicke der Thäler und der Berge . . . und ſeine hölliſche Grauſam⸗ keit hat meinen Sohn zum Selbſtmorde angetrieben! Dieſes Weib hat ihn kalt gemartert, hingeſchlachtet. und ſie vergießt Thränen in Bewunderung einer Landſchaft! Die gute Seele! oh! ich empfinde eine wilde Freude bei dem Gedanken, daß ich bis zur Ankunft des Mitſchuldi⸗ gen dieſer Frau ihr Leben ſchwebend an einem Faden uber Abgründen halten werde, zu denen ſie mir ohne Mißtrauen folgen wird, da ich ihr heute das Leben ge⸗ rettet habe.“ „Mir ſcheint, ich mache einen blendenden Traum,“ ſagte Cornelia, in Bewunderung verſunken, während ſie ſich auf einen der vier Weichſteine ſetzte, welche am Ende der kleinen Brücke angebracht waren. „Was ich fühle, iſt nen und ſeltſam. Oh! ſeltſam! Iſt es eine Offenba⸗ rung?“ fügte ſie mit nachdenkender Miene bei; daun, nachdem ſie einige Augenblicke gezögert, wandte ſie ſich an ihren Führer, der, auf ſeinen langen Stab geſtützt, ein paar Schritte von ihr ſtehen geblieben war, und ſprach mit einem Ansdruck von Güte, der ihrem gewöhnlich herben, hochmüthigen Tone eine außerordentliche Milde verlieh: „Ohne Euch wäre ich vorhin in den Strom ge⸗ 109 fallen; ich werde den Dienſt, den Ihr mir geleiſtet, nicht vergeſſen.“ Robert verbeugte ſich, und die Marquiſe fuhr fort: „Seid Ihr verheirathet? habt Ihr Kinder?“ „Ich habe ich habe kein Kind mehr.“ „Ihr hattet eines?“ „Ich hatte einen Sohn . . .“ „Und dieſer Sohn? . .. „Er iſt todt.“ „Armer Mann! . . . Ihr wendet den Kopf ab, Eure Stimme bebt . . Ihr beklagt alſo ſehr den Ver⸗ luſt dieſes Sohnes?“ „Genug, Madame!“ murmelte Robert, indem er ſein Geſicht in ſeinen Händen verbarg; ſeine Verſtellungs⸗ kraft war erſchöpft, und er befürchtete, ſich zu verrathen. „Oh! genug! „ „Ich werde kein Wort mehr beifügen, denn ich achte Euern Schmerz und wollte ihn nicht wiederbeleben. „Die Theilnahme allein flößte mir meine Worte ein. Ich möchte gern erkenntlich ſein für den Dienſt, den Ihr mir geleiſtet. Was kann ich für Euch thun?“ „Nichts.“ „Wie! nichts? „ „Sie werden mir meinen Tagelohn bezahlen, wenn ich Ihnen als Führer diene, das iſt Alles, was ich verlange.“ „Gut, und ich gedenke Euch oft zu verwenden, denn der heutige Spaziergang . ..“ Hier unterbrach ſich Cornelia; nachdem ſie aber einige Augenblicke geſchwie⸗ gen, fragte ſie: „Ihr habt alſo keine Familie hier?“ „Nein,“ antwortete Robert mit einer kaum bewäl⸗ tigten Ungeduld, „ich lebe allein in einem vereinzelten Gemäuer, das man mir zu bewohnen erlaubt hat.“ Das gezwungene Weſen und das Barſche der Ant⸗ worten ihres Führers wahrnehmend, dachte die Marguiſe dAlfi, dieſer Mann, welcher wohl wenig zu reden pflege, 11⁰ und von mürriſchem Charakter ſei, wolle das Geſpräch raſch endigen, und ſo ſtand ſie von dem Steine auf, auf den ſie ſich geſetzt hatte, und fragte: welchem Wege kehren wir nach Veyrier zu⸗ rück?“ „Wenn Sie durch das Thal von Naves zurückkehren wollen, Madame, ſtatt wieder der Straße von Thones zu folgen, ſo werden Sie neue Anſichten genießen, da Sie dieſe lieben.“ „Vorwärts,“ ſprach Cornelia, indem ſie einen Blick des Bedauerns auf die Thäler warf, die ſie hinter ſich ließ. „Geht, ich folge Euch.“ Robert ſchritt in Begleitung der Margquiſe über die Brücke von Saint⸗Clair hin, welche nach der alten Rö⸗ merſtraße führt; er ließ zu ſeiner Rechten die Trümmer einer ehemaligen Abtei, und ſchlug den ſchattigen Weg nach dem halb unter ſeinen Gruppen von Nußbänmen verborge⸗ nen reizenden Dorfe Naves ein; dann erreichten die Mar⸗ quiſe d Alfi und ihr Führer eine über den Fier gebaute höl⸗ zerne Brücke, gelangten zur Landſtraße von Thones, gingen nach der Paſſage von Annech⸗le⸗Vieur am Ufer des Sees hin und kamen in der Abenddämmerung im Dorfe Veyrier an. XXX. An dem auf ihren Spaziergang nach der Brücke von Saint⸗Clair folgenden Tage ſetzte die Marquiſe d'Alfi ihren an den Grafen Chriſtian gerichteten Brief fort. „Mein lieber Chriſtian, ich habe Sie geſtern in dem Angenblick verlaſſen, wo ich zu einem Ausfluge ins Ge⸗ birge abging; ich bin nun zurückgekehrt; wir wollen, jedoch abgekürzt, dieſe Prüfung der Vergangenheit ver⸗ — ——— 11¹ folgen, die Ihnen für das Verſtändniß der Gegenwart ſehr nothwendig iſt. „Ich war alſo Ihre Genoſſin bei dem feigen, grau⸗ ſamen Spiele, deſſen nnſchuldiges Opfer Julian ſein ſollte. Durch einen Zufall, der uns nach Wünſchen be⸗ diente, trat ſein Vater eine ziemlich lange Reiſe an; mein vorgebliches Verlangen, eine mir zuſagende Be⸗ ſitzung in der Gegend von Lyon zu finden, die Freige⸗ bigkeit, mit der ich dem Notar das bezahlte, was er die Gebühren ſeines Schreibers nannte, boten die⸗ ſem häufig Gelegenheit, mich zu ſehen; immer mehr angezogen, bezaubert, geblendet durch meine Coquetterie, widmete uns dieſer ungkückliche Knabe alle ſeine Abende: er wurde Ihr Luſtigmacher und mein Märtyrer. „Lange fragte ich mich, wie eine Frau, wie ich, und ſogar ein Mann, wie Sie, müßig, boshaft genug haben ſein können, um ein Geſchöpf von einer engeliſchen Sanftmuth und einer rührenden Trenherzigkeit zu foppen und zu guälen; doch ſeitdem ich Sie kalt beurtheilen kann, mein lieber Chriſtian, und ſeitdem ich über mich nachgedacht habe, erkläre ich mir dieſe Sache. „Fangen wir mit Ihnen an: „Sie ſind ſehr ſchön, Sie ſind ſehr elegant, Sie ſind ein Mann von außerordentlich gutem Tone; die erkünſtelte Geſellſchaft, in der wir unſer Leben zuge⸗ bracht haben, iſt Ihr natürliches Element; Sie ſchei⸗ nen darin vortrefflich; Sie beſitzen beſſer als irgend Jemand den Jargon der Salons, Sie ſchwatzen köſtlich die Verleumdungen des Tages, Sie zeichnen ſich aus im Hinſchlendern von jenen Worten, von jenen Nichtſen, welche ſo ſchillernd, ſo leer als Seifenblaſen; Sie ſind endlich Meiſter in jenen eitlen Dingen, aus denen ein betäubendes Geſpräch beſteht, an welchem fünfundzwan⸗ zig bis dreißig Perſonen Theil nehmen, die mit Präten⸗ ſionen Sturm laufen und weniger reden, um begriffen, als um gehört zu werden; Sie haben nicht Ihres Glei⸗ — 112 chen, mein lieber Chriſtian, um eine Frau zu nöthigen, durch eine Wendung, die ſie ihnen geben, gewiſſe Scherze zu dulden, über deren Rohheit Lackeien erröthen müßten. „Wos ſoll ich Ihnen noch ſagen? Am Schlage meines Wagens bei einer Spazierfahrt auf dem Corſo reitend, hinter mir in meiner Loge in der Oper oder auch auf dem Balle ſtehend, hingeriſſen durch einen Wal⸗ zer in zwei Tempi, waren Sie wirklich bemerkenswerth... zu bemerkenswerth, denn, wie ich Ihnen oft gemerkt habe, Ihre Schönheit compromittirt die Frau, mit der Sie ſich beſchäftigen, wenn ſie ein wenig das Geheimniß liebt; Sie ſind mit einem Wotte zu auffallend. „Aber, mein lieber Chriſtian, ich muß es Ihnen wohl ſagen: Sie haben nichts im Gemüthe, nichts im Geiſte; Sie ſind allerdings ein ſehr glänzender Mann, denn Sie reflectiren die Spiegelung der Welt auf eine blendende Art; da Sie jedoch mit keiner Art von Werth eigenthümlich begabt ſind, ſo geht hieraus hervor, daß Sie, getrennt von dem, was Ihren entlehnten Glanz erzengt, beklagenswerth, verdrießlich und matt werden. Sie bieten nicht das geringſte Mittel der Unterhaltung, wenn man mit Ihnen unter vier Augen iſt; Sie ſind außer Stand, ein Geſpräch eine Stunde lang zu be⸗ haupten; ich muß geſtehen, das berührte mich ziemlich wenig bei der erſten Glut unſerer Verbindung; als ich aber ſpäter und ſchon vor meiner Ankunft in Lyon der ruhigen Genüſſe der Einſamkeit theilhaftig werden und es verſuchen wollte, mit Ihnen die Reize einer vertrau⸗ lichen Planderei zu koſten, wobei ſich der Geiſt und das Herz ergießen, da war es mir unmöglich, unſere Con⸗ verſation über zehn Minuten auszudehnen; ich wollte es mit der Muſik und der Lecture verſuchen, doch die Muſik und die Lecture ſchläferten Sie ein; zärtlicher Weiſe machten Sie mir dann den Vorſchlag Schach zu ſpie⸗ len!! Einmal habe ich einen Widerwillen gegen jede 113 Art von Spiel, und dann kam mir der Gedanke, uns verliebt unter vier Angen über Evolutionen des Kö⸗ nigs, des Springers und des Thurmes nachſin⸗ nen zu ſehen, ſo unglaublich lächerlich vor, daß ich, um Ihnen das Gewicht unſeres vertraulichen Verhält⸗ niſſes zu erleichtern, meine Thüre einigen Freunden öffnete. Oh! da fanden Sie plötzlich wieder Ihr Ge⸗ ſchwatze, welches nicht minder unverſiegbar als das mei⸗ nes Papageiweibchens Fiorella, dieſes zierlichen, phan⸗ taſtiſchen Thierchens. Sobald die Kronleuchter ange⸗ zündet waren, ſobald dieſer Vogel ſein glänzendes Ge⸗ fieder in den Spiegeln reflectirt ſah, ging er aus ſeiner verdrießlichen Schweigſamkeit heraus und ſchwatzte und ſchwatzte und ſchwatzte, doch ſo hübſch und beſonders ſo unaufhörlich, daß es ein Zaunber war . wenn es nicht unerträglich wurde. XXXI. „Während meines Aufenthaltes in Lyon, mein lieber Chriſtian, war ich, da ich mich in einem fremden Lande befand, wo ich Riemand kannte und Niemand kennen lernen wollte, nicht im Stande, Ihnen wie in Venedig oder Florenz die ſchwere Bürde unſeres Alleinſeins zu erleich⸗ tern; ich hatte noch Neigung, viel Neigung für Sie; der Tag ſchleppte ſich hin; doch endlich ging er vorüber; Ihre Morgentvilette beſchäftigte ſie zwei bis drei Stun⸗ den, wonach Sie langſam, mit Bewußtſein und Ueber⸗ legung frühſtückten; es kam hernach die Sieſta; dann der Imbiß (in dieſer Hinſicht kann man ſich keine Vor⸗ ſtellung machen, wie ſehr Ihr unſtörbarer Appetit oft für Sie ein gefälliger, angenehmer und nützlicher Ge⸗ ſellſchafter geweſen iſt ¹) es war eine andere Toilette für die Promenade zu machen und bei der Rickkehr eine Cornelia d'Aſfi. 8 114 dritte für das Mittageſſen; doch nach dieſem Mittag⸗ eſſen, ſo ſehr man es ausdehnte, kamen für uns end⸗ loſe Abende! In die Mattigkeit einer glücklichen Ver⸗ dauung verſunken, zuweilen indeſſen aus Ihrer Schläf⸗ rigkeit hervorgehend, um Love an den Ohren zu ziehen oder auf Ihre Weiſe ein paar Worte mit ihm zu wechſeln, erwarteten Sie geduldig das Ende dieſer un⸗ erbittlichen Stunden, welches ſich in einem Kammerdie⸗ ner perſonificirte, der den Thee, die Muphins und die Sandwichs brachte! Das genügte wenigſtens, um Ihre Unterhaltung den letzten Theil des Abends hindurch zu nähren. „Wir ſchmachteten in dieſem Zuſtande der Verein⸗ zelung hin, mein lieber Chriſtian, als wir durch den Zufall die Bekanntſchaft von Julian machten; dies iſt es, wie und warum er das Spielzeug und der Märtyrer un⸗ ſeres müſſigen Lebens werden ſoltte. Hier muß ich Ihnen mein ganzes Herz öffnen: ich behielt keine Illuſionen mehr in Beziehung auf Sie, und deſſen ungeachtet, es iſt ſchmählich zu geſtehen . . geſie⸗ len Sie mir noch außerordentlich, trotz Ihres Mangels an Gemüth, trotz der Trockenheit Ihres Herzens, trotz Ihrer feigen Rachgiebigkeit gegen meine ungereimteſten Launen, trotz der völligen Einfalt Ihres Geiſtes, wenn wir uns allein befanden. Als aber die Verlegenheit, die Schüchternheit von Julian und ſein Mißtrauen gegen ſich ſelbſt allmälig den geſchickten Manveuvres meiner Coquetterie gewichen waren, erſchloß er mir endlich ſein Gemüth; welches Gemüth! es war edel und rein wie die Schönheit der Züge dieſes Kindes. Ich hätte ihn hundertmal Ihnen vorziehen müſſen, mein lieber Chri⸗ ſtian, und gleichwohl zog ich Sie ihm vor; bei dieſer verächtlichen Verirrung des Geſchmacks empörte ich mich gegen mich, gegen Sie . . . ſogar gegen ihn, den Unglücklichen! Hievon kam meine Mitſchuld an den granſamen Spielen her, deren Opfer er werden ſollte; — — — — 11⁵ nur ſah ich da, wo Sie eine plumpe Mhſtification ſahen, den Gegenſtand eines intereſſanten, wechſelreichen, an⸗ ziehenden Studiums. „Ja, für meine kalten, grauſamen Beobachtungen war dieſes engeliſche Geſchöpf das, was für den Gelehr⸗ ten die armen Thiere ſind, welche er auf eine wiſſenſchaft⸗ liche Art martert, um jedes Beben ihrer Fibern, die er zerſchneidet, jedes Schlagen ihrer Herzen, die er aus ihren Eingeweiden reißt, zu erlanern und zu zählen! XXXII. „Bis dahin, mein lieber Chriſtian, hatte ich die Macht meiner Reize, wie man zu ſagen pflegt, nur über Männer der gebildeten Geſellſchaft geübt, de⸗ ren vollendetes Modell Sie ſind; überdrüſſig der Kämpfe der Coquetterie gegen die Eitelkeit und Geckenhaftigkeit, fand ich hierin weder etwas Piquantes, noch etwas Neues, noch etwas Unvorhergeſehenes mehr; das war immer oder ungefähr immer das Schachſpiel, das Sie mir mit einer ſo zärtlichen Ergebenheit als Liebes⸗ zeitwertreib vorſchlugen, mit anderen Worten, eine Reihe von Combinationen, von vorhergeſehenen Berechnungen, in deren Folge mein Anbeter nach meinem Belieben die Partie verlor oder gewann. „Nicht ſo verhielt es ſich bei Julian; ſeine Sprache, ſeine Unſchuld,ſein linkiſches Weſen ſogar, Alles war ganznen für mich, Alles intereſſirte mich: dieſe jungfräuliche, ver⸗ trauensvolle, ſchüchterne und dennoch muthige, ergebene Natur, ergeben bis zum Tode, dem er für mich in ei⸗ nem ungleichen Duell trotzte, dieſes Kind, das mein Blick erbleichen, meine Stimme zittern machte, bot mir, wie geſagt, ein höchſt anziehendes, intereſſantes Stu⸗ dium. Ich entdeckte in ihm Schätze von Gefühl, rei⸗ zende natürliche Anlagen des Geiſtes, ein aufrichtiges, 116 edles Herz. Ah! wie groß war meine Macht über ihn! Ein Wort, ein Blick von mir, und Alles vibrirte, Alles ſang, Alles dehnte ſich aus, Alles ſtrahlte in dieſer jungen, friſchen, von Glauben, Liebe und Hoffnung über⸗ ſtrömenden Seele! Doch auch ein Wort, ein Blick von mir, und Alles verdüſterte ſich, Alles litt, Alles weinte, Alles blutete in dieſer armen Seele! „Gräßliche Spiele! unbarmherzige Spiele! Aber ich liebte ihn nicht, oder vielmehr, ich glaubte ihn da⸗ mals nicht zu lieben, dieſen Knaben! Es kam endlich der Tag, wo ich, nicht minder Ihrem Zudringen als einer grauſamen Laune nachgebend, zu dieſer Scheinhei⸗ rath einwilligte .. . Julian hielt Sie für meinen Freund, meinen Bruder . . . Die niederſchmetternde Offenbarung, die dieſen Unglücklichen über die Wirklichkeit meiner Ge⸗ fühle für ihn aufklärte . . hat ihn getödtet. „Bei Gott ſchwöre ich es! ich hatte nicht einen Angenblick die möglichen Folgen dieſes granſamen Scherzes erſchaut, und dennoch mußten ſie für ihn tödt⸗ lich ſein. „Am andern Tage nach dieſer Scheinheirath reiſte ich allein nach Paris ab; Sie wurden nach Florenz durch die Krankheit Ihres Vaters zurückberufen: fortan nur mir ſelbſt gegenüber und nicht zerſtrent durch Ihre Gegenwart, die mich indeſſen ſehr wenig zerſtreute, — konnte ich reiflich mein Herz befragen; ich fand eine er⸗ ſchreckliche Leere, und Ihre Abweſenheit verurſachte dieſe Leere nicht. Hing es nicht von mir ab, Ihnen nach Italien nachzufolgen? Es war alſo für mich kein Zwei⸗ ſel möglich: dieſe Leere wurde durch den Tod von Ju⸗ lian verurſacht! „Das ſchien mir Anfangs ſo ſeltſam, ſo wahnſin⸗ nig, daß ich dieſe unbegreiflichen Empfindungen der völ⸗ ligen Einſamkeit zuſchrieb, in der ich in Lyon gelebt hatte. Bei meiner Ankunft in Paris ſtürzte ich mich in den Strudel der Welt; die Frau Geſandtin von Neapel⸗ —— * —— . 117 meine Verwandte, überhäufte mich mit Zuvorkommenhei⸗ ten und theilnehmenden Freundlichkeiten; ihre Geſellſchaft wurde die meinige; ich hatte viel Succeß, ich war ſehr in der Mode, die Blüthe der eleganten Männerwelt be⸗ ſchäftigte ſich ſehr emſig und beharrlich mit mir; ich flößte ſogar, wie man mir ſagte, eine große Leiden⸗ ſchaft dem . . . ich weiß nicht mehr wem ein. Dieſe Huldigungen fanden mich unempfindlich; lange, mein lieber Chriſtian, glaubte ich Ihnen tren zu ſein ein Irrthum, ich war der Erinnerung an dieſen Un⸗ glücklichen treu; ja, dieſe Erinnerung verfolgte mich mitten unter den Feſten, bald zerreißend wie ein Ge⸗ wiſſensbiß, bald ſüß wie ein Liebesgedanke, bald ver⸗ zweiflungsvoll wie das Unmögliche. „Ich las indeſſen noch nicht klar in meinem Her⸗ zen: ich fühlte mich immer mehr befangen, gelangweilt, vereinzelt unter dieſer geſchäftigen Menge. Auf die erſte Betäubung der Feten, deren Königin ich geweſen war, folgte bei mir bald ein tiefer Ekel; die Geſellſchaft wurde mir zur Laſt, ich verließ Paris ſo entmuthigt, ſo unſicher meiner eigenen Gefühle, ſo müde der Andern und meiner ſelbſt, daß ich in dieſem Zuſtande moraliſchen Ueberdruſſes die unfaßliche Idee hatte, Sie hieher zu rufen, überzeugt, wenigſtens bei Ihnen die flache Ruhe eines alten Verhältniſſes, mit einem Worte die aus der Gewohuheit entſpringende Mattigkeit, jenen Halbſchlaf zu finden, von dem man ſich in der Hoffnung irgend eines Erwachens überwältigen läßt. „Bei meiner erſten Reiſe von Venedig nach Lyon hatte ich vorübergebend die köſtliche Umgegend des Au⸗ nech⸗Sees bemerkt; ich änderte meinen Plan, und ſtatt nach Italien zurückzukehren, zog ich es vor, einige Zeit in Savoyen zuzubringen. „In einer völligen Einſamkeit, nur mir ſelbſt gegen⸗ über lebend, die geringſten Athemzüge meiner Seele belauſchend, befragend, gelangte ich zu der Gewißheit, 118 die Ihnen an die Monomanie, an den Wahnſinn zu grenzen ſcheinen wird: daß ich leidenſchaftlich den unglücklichen Knaben liebe, der ſich aus Ver⸗ zweiflung getödtet hat. XRRII. „Mein lieber Chriſtian, wären Sie das, was Sie nie ſein werden, ein ſcharfſinniger Mann; hätten Sie, ſtatt daß Sie ſich an die Oberfläche meines Charakters hielten, ſeine Tiefen ergründen können, ſo würden Sie das begreifen, was Ihnen in dieſem Augenblick uner⸗ klärlich, wahnſinnig ſcheint, ja, Sie würden meine Liebe für einen Todten begreifen. „Ich ſagte es Ihnen oft: mag es Zufall oder Glück ſein, ſeitdem ich das Alter der Vernunft erreicht habe, iſt mein Wille immer geſchehen. „Die Umſtände ſind meine Diener geweſen. „Mein Vermögen war mehr als genügend für die Befriedigung aller meiner Neigungen: frübzeitig Waiſe, kannte ich den Kummer nicht, den der Verluſt einer Mutter oder eines Vaters in uns hinterläßt. Mit ſechzehn Jahren verheirathet, verlor ich meinen Gatten durch einen Unfall auf der Jagd in dem Augenblick, wo ſein lange verhehltes abſcheuliches Naturell in mir große Zweifel über die Dauer unſerer ehelichen Zukunft er⸗ regte; mit achtzehn Jahren war ich Herrin meiner ſelbſt und Wollen und Können iſt für mich bis jetzt daſ⸗ ſelbe geweſen; es folgt hieraus, daß zum erſten Male in meinem Leben mein Wille ſich an einem Hinderniſſe ſtößt Dieſes Hinderniß iſt ein Grab . und dieſes Grab habe ich unwillkürlich ſelbſt gegraben. „Das iſt noch nicht Alles; ich glaube, ich bin über⸗ ſättigt. „Was die Ingend, die Schönheit, der Reichthum, 119 der Geiſt, die Geburt, die Liebe, die Wolluſt, das freie Schalten der Lanne geben können, habe ich gekoſtet, ge⸗ noſſen, erſchöpft, bis auf die Hefe geleert. „Die Gemüthsbewegung gleitet an meinem ehernen Herzen ab, die Verachtung erhebt mich über den gemei⸗ nen Haufen; man vermag nichts über mich, ich vermag Alles über die Anderen. „Zu dieſer Stunde beſchützt mich der Ekel oder die Kälte vor der einzigen Schwäche, welche zuweilen das Weib der Willkür des Mannes anheimgibt; ſo und da⸗ rum, mein theurer Chriſtian, bin ich dazu gekommen, einen Todten zu lieben. „Andere müßten vor dem, was ſie das Unmög⸗ liche nennen würden, zurückweichen, ich trotze dem Un⸗ möglichen; dieſer Kampf exaltirt, verdoppelt, reizt über⸗ mäßig meine Fähigkeiten, vergrößert meine Seele, erhebt ſie und! Gott verzeihe mir! läutert ſie vielleicht ſogar. „Die Begeiſterung, welche bei mir die bewunderungs⸗ würdigen Gemälde der Natur erregen, in deren Mitte ich ſeit einiger Zeit lebe, verſetzt mich in irgend ein für mich neues Ideal; verſunken in contemplative Entzückun⸗ gen, welche au die Extaſe grenzen, fühle ich, ſo zu ſa⸗ gen, meinen Körper nicht mehr, und dieſe völlige Ver⸗ nichtung der Materie prädisponirt mich wunderbar zu der rückwärtsſchauenden platoniſchen Liebe, welche heute mein Leben erfüllt. „So ſiege ich über das Unmögliche. „Wo iſt übrigens die Unmöglichkeit? Ohne Hoff⸗ nung einen Abweſenden oder einen Todten lieben, iſt das nicht daſſelbe? Und wie oft ſieht man doch eine tiefe hoffnungsloſe Liebe! „Bin ich nicht zu dieſer Stunde für Sie todt, mein theurer Chriſtian? Und dennoch lieben Sie mich, werden Sie mich noch lange lieben, und wäre es nur durch je⸗ nes der Menſchheit inwohnende Gefühl hartnäckigen Wi⸗ 120 derſpruchs, ein Gefühl, deſſen Allmacht ich nie erfahre, indem ich Julian . . . jenſeits des Grabes liebe. „Sie ſehen, mein Beſter, auch diesmal iſt für mich Wollen Können! ja, ich wollte dieſes Geſchöpf lieben, das nicht mehr iſt, und ich liebe es . . . Ja . ich liebe wahnſinnig dieſes anbetungswürdige Kind, und un⸗ abläſſig erſcheint vor meinen Angen bald finſter, bald rei⸗ zend ſein Bild mitten unter den abwechſelnd wilden oder lachenden Landſchaften, die ich berauſcht von ihrem Anblick durchwandere. „Hören Sie: auf einem Felſen ſtehend, ſah ich ge⸗ ſtern zu meinen Füßen einen wüthenden Strom hinbrau⸗ ſen: der Schwindel erfaßte mich, ohne meinen Führer fiel ich in den Schlund; ich wollte den Schwindel über⸗ wältigen und ich überwältigte, ihn: mit feſtem Ange be⸗ trachtete ich den zu meinen Füßen geöffneten Abgrund; das war erhaben! Doch während der paar Minuten, wo ich mich unwillkürlich der Anziehungskraft des leeren Raumes unterliegen fühlte und das Bewußtſein von ei⸗ nem nahen bevorſtehenden, gräßlichen Tode hatte, habe ich mehr gelebt, mehr gefühlt, als während der Tage, der Monate, der ſchönſten Zeit unſerer Liebe, mein beſter Chriſtian . . . Seltſamer, bizarrer, unglanblicher Wi⸗ derſpruch! ich empfand doch auch bei Ihnen die unbe⸗ greifliche Anziehungskraft der Leere . .. Schade nur, daß Ihre Liebe nichts von dem herrlichen Ungeſtüm eines Stromes hatte, der Kopf wirbelte mir durchaus nicht, und ich beurtheilte Sie kalt. XXXIV. „Wie lange wird nun der ſeltſame moraliſche und phyſiſche Zuſtand dauern, in welchem ich mich befinde? „Ich weiß es nicht.“ 121 „Ich bin, wie Ihnen bekannt iſt, ſehr ſkeptiſch in Betreff der Daner der Dinge. „Vielleicht werde ich bald der unmöglichen Liebe müde ſein, wie ich der möglichen Liebe müde ge⸗ worden bin. „Vielleicht werde ich der Berge, der Abgründe, der Ströme und der Größen der Natur überdrüſſig werden, wie ich der Plattheiten der Welt, der Oper, der Spazierfahrten auf dem Corſo und des Walzers in zwei Tempi überdrüſſig geworden bin. „Vielleicht iſt das, was ich für Sättigung halte, nur eine augenblickliche Wirkung der Unmäßigkeit; ich halte mich für überſättigt und bin nur unbeſchäftigt. „Vielleicht werde ich aus der idealen Sphäre, in der ich nur von Extaſe und Aether lebe, herabſteigen, um zu den ſubſtanziellen Wirklichkeiten zurückzukehren. Vielkeicht werde ich im Gegentheil mein Leben in den ſtrengen Regeln eines Kloſters beſchließen. „Vielleicht wird auch das Alter aus mir eine von jenen betagten Marquiſen machen, welche mit ſechszig Jahren Schminke und Schönpfläſterchen anflegen, ihre Haare färben, weit ausgeſchnittene Kleider tragen, ſich für einen Abenteurer, deſſen Verachtung ſie erdul⸗ den, zu Grunde richten und ihre Nacht am Spieltiſche hinbringen . .. wo ſie betrügen. „Vielleicht, und warum nicht? vielleicht verheirathe ich mich noch jung, werde eine zärtliche Mutter, eine trene Gattin, lebe noch lange Jahre und ſterbe als Großmutter, geſegnet von meinem Manne, meinen Kindern und meinen Enkeln. „Wie liebe ich es, mich ihnen hinzngeben, den Zufällen dieſes Vielleicht 11! dieſer einzigen Gewißheit des Lebens. Hiemit ſage ich Ihnen, mein lieber Chriſtian, daß ich ebenſo unwiſſend hinſichtlich deſſen bin, was ſein wird, als ich gewiß bei dem bin, was heute iſt. 122 „Ich weiß, ich fühle aber, daß ich heute wahnſinnig dieſes anbetungswürdige Kind liebe, deſſen Tod wir verurſacht haben. Ich weiß, ich fühle, daß heute die Betrachtung der bewunderungswürdigen Gemälde der Na⸗ tur, unter denen ich das ſanfte, bleiche Bild dieſes En⸗ gels heraufbeſchwöre, mich bis zu Thränen bewegt! Und nun leben Sie wohl, mein lieber Chriſtian; dieſer Brief wird Ihnen äußerſt peinlich ſein, er wird Ihren Stolz, den einzigen Ort, wo ich Sie ſicher treffen kann, verletzen; ich gehöre zu den Frauen, deren Verluſt man beklagt, ſelbſt wenn man ſie verläßt; wie iſt es aber erſt, wenn ſolche Frauen Sie auf eine ſo geringſchätzende Art verlaſſen, wie ich es thue! Sie werden grauſam durch dieſen Verluſt leiden, der eine ſchwache, zu ſchwache Sühne für die Qualen unſeres Opfers iſt. „Verſuchen Sie es nicht, hieher zu kommen in der Hoffnung, mich von meinem Eutſchluſſe abzubringen . . . Sie wiſſen, was für eine Frau ich bin oder vielmehr kommen Sie . . ah ja, kommen Sie. „Es wäre mir ſo ſüß, Ihnen Alles zu wiederholen, was ſich in dieſem Briefe Bitteres, Verächtliches für Sie findet; es wäre mir ſo ſüß, Sie dadurch in Ver⸗ zweiflung zu bringen, daß ich lange von der ſeltſamen Liebe ſpräche, von der ich beſeſſen bin; es wäre mir ſo ſüß, Ihnen hundertmal den geliebten Namen von Julian zu wiederholen und Sie bei dieſem Namen vor Schmerz, Eiferſucht und Wuth aufſpringen zu ſehen „Kommen Sie doch, mein lieber Chriſtian . . . kommen Sie doch! Spnuten Sie ſich, ich erwarte Si „Cornelia.“ Zwei Tage, nachdem dieſer ſo granſame Trennungs⸗ brief, der in jedem Worte einen Schlag enthielt, an den Grafen Chriſtian von der Marquiſe dAlfi geſchrie⸗ hen worden war, wartete Robert, auf einer Bank im ———,— — — 123 Garten ſitzend, auf die Befehle, die ſie ihm für ihren Ausflug geben ſollte. Der Sitz, auf dem er ſich befand, lehnte ſich an eine grüne Laube unmittelbar beim Hauſe an. Das Fenſter eines unteren Zimmers in der Nähe dieſer Laube war offen, und Robert hörte in dem Augen⸗ blicke, wo er ſich auf die Bank ſetzte, das Ende von folgendem Geſpräche von Fauſtine, der Kammerfrau, und Pietro, dem Kammerdiener. „Sie iſt toll,“ rief Pietro, „erztoll!“ „Ich widerſpreche nicht, mein Lieber, doch die Folge dieſer Tollheit iſt, daß der Herr Graf ſeinen Abſchied erhalten hat.“ „Iſt das möglich! er! ein ſo ſchöner, galanter Herr!“ „Weggeſchickt wie ein Lackei, ſage ich Dir, ohne Dich beleidigen zu wollen.“ „Aber man erwartete ihn doch am Ende des Monats hier?“ „Ja, aber der Herr Graf wird, bevor er ſich auf den Weg begeben, den Brief der gnädigen Gräfin er⸗ halten haben. Und was für ein Brief! ehe ſie ihn ſiegelte, ließ ihn meine Gebieterin offen auf dem Tiſche liegen, und ich konnte einen Blick auf das Ende der Epiſtel werfen. Ah! wenn ich ein Mann wäre, ich wollte lieber einen Dolchſtich erhalten, als einen ſolchen Brief! Jedes Wort brennt wie ein glühendes Eiſen!“ „Bah! der Graf wird deſſen ungeachtet kommen; er wird ſich nie darein fügen, daß man ihn ſchmählich abweiſt.“ „Er werde ſich nicht darein fügen, ſagſt Du? Er muß ſich wohl fügen. Kennt er nicht den Charakter der Frau Marquiſe. Weiß er nicht, daß wenn ſie Nein ſagt, weder Menſch, noch Gott, noch Teufel ſie bewegen würden, Ja zu ſagen?“ Es iſt wahr! Man würde eher eine eiſerne Stange 124 biegen, als die gnädige Fran veranlaſſen, ihren Willen zu ändern. Der Herr Graf iſt alſo unn geopfert, und wem, frage ich Dich, Fauſtine? Wem? . . Iſt das glaublich?“ „Ich geſtehe, für den Grafen iſt es die äußerſte Demüthigung, einer ſolchen Liebe gevpfert zu werden.“ „Dieſe ſchändliche Creatur iſt alſo ein Ungeheuer der Verdorbenheit!“ ſagte Robert mit verdoppeltem Ekel und Abſchen zu ſich ſelbſt, denn da er nur das Ende des Geſpräches hörte, ſo wußte er nicht, daß Fauſtine auf die ſeltſame Liebe der Marquiſe für Julian anſpielte. „Sie jagt dieſen Meuſchen . . den anderen Henker meines Sohnes fort, um ſich einer neuen Liebe hinzugeben . . einer Liebe, welche ſo ſchändlich, daß die Bedienten darüber erröthen! Oh! kounte ich einen Augenblick zaudern, dieſes Ungeheuer zu beſtrafen . . . ſo hören nun meine Bedenklichkeiten auf! Nein, nein, die Hoffnung, den Grafen zugleich mit meiner Rache zu treffen, hat dieſe bis jetzt verzögert. Er entgeht mir ſeine Mitſchuldige bleibt mir, die Stunde hat ge⸗ ſchlagen.“ „Ich kann es kaum glauben,“ fuhr Pietrv fort. „Wie? Das, was Du mir vorhin von dieſer undenk⸗ baren Leidenſchaft ſaateſt . . .“ „Iſt die reine Wahrheit, die gnädige Frau ſchläft nicht, denkt nur hieran, träumt nur hievon, und ſie verbirgt ſich ſo wenig, daß ſie dieſes ſchöne Geſtändniß ganz ausführlich dem Herrn Grafen gemacht hat .. Beuriheile ein wenig, ob er noch das Herz haben wird, hieher zu kommen, trotz des Verbotes der gnädi⸗ gen Frau. Er müßte der letzte Menſch ſein, er müßte kein Blut in den Adern haben!“ „Im Ganzen widerfährt dem Herrn Grafen, was dem Herzog Balbi widerfahren war, deſſen Platz er im Herzen unferer Gebieterin eingenommen hat.“ 125 „Ja, nach dem Tode des Herzogs, der im Duell in Venedig durch den Chevalier Moutenegro erſchoſſen wurde, gegen welchen die gnädige Frau die Coquette ſpielte, obgleich ſie im Grunde ſeiner ſpottete, denn ſie lachte ihm ins Geſicht nach dem Tode des Herzogs.“ „Dieſer war auch ein vollendeter Edelmann . Eine ſchöne Behauptung . . . die gnädige Frau, als ſie den Brief erhielt, den er ihr von ſeinem Sterbe⸗ bette aus ſchrieb, vergoß nicht einmal eine Thräne.“ „Welch eine Teufelsfran . . . nicht eine Thräne!“ „Oh! ich werde Dich Thränen vergießen machen, blutige Thränen, und zwar ſchon morgen,“ ſagte Robert zu ſich ſelbſt; „ich werde den Tod meines Sohnes und den der Anderen rächen!“ „Man muß übrigens gerecht ſein,“ ſprach Fauſtine. „Abgeſehen von einigen Zornanfällen, wenn man nicht raſch genug ihrem Willen gehorcht, iſt die Frau Mar⸗ quiſe eine vortreffliche Gebieterin gegen ihre Leute. Er⸗ innerſt Du Dich, daß ſie in Venedig bei ihrer Amme, der armen, alten Paula, gewacht hat, wie eine Tochter bei ihrer Mutter wachen würde?“ „Es fand ein Verbrechen zwiſchen dieſen zwei Frauen ſtgit,“ dachte Robert, „Ergebenheit eines Mitſchuldigen für einen Mitſchuldigen.“ „Es läßt ſich nicht leugnen, verſetzte Pietro, „wenn es der Frau Marquiſe einfällt, gut zu ſein, kann man nicht beſſer ſein.“ „Was ſie verdorben hat, ſiehſt Du, das iſt die Ge⸗ wohnheit, alle Welt zu ihren Füßen zu ſehen.“ „Ganz begreiflich! ſo ſchön, ſo jung, ſo reich!“ „Und Geiſt wie ein Dämon!“ „Und was für eine Tonkünſtlerin! welche Stimme! welches Talent! Ich höre immer noch in Venedig den Siguor Borelli, den Impreſſario ſagen, wäre die Frau Marquiſe nicht eine ſo vornehme Dame geweſen, ſo hätte 126 ſie auf dem Theater auſtreten und die ausgezeichnetſten Sängerinnen Italiens verdunkeln können.“ „Das wundert mich nicht. Erinnerſt Du Dich, als ſie in den Concerten ſang, die ſie in ihrem Palaſte in Florenz gab? Das war ein Beifallsſturm, eine Begei⸗ ſterung, wie man es nie geſehen hat.“ „Die Böſen ſagten, ſie lege nie mehr Ausdruck in ihren Geſang, als bei ihren Duetten mit dem Tenori⸗ ſten Celio!“ „Er hatte ein großes Talent; die Generalin Lands⸗ berg, die dicke Oeſterreicherin mit den grünen Angen und den rothen Haaren, verſiegte nicht über das Ver⸗ dienſt dieſes ſchönen Tenors . . . und eines Tags ſoll zum Unglück für den Herrn General ſeine Frau . . .“ „Ich ſpreche nicht von der Generalin, ſondern von unſrer Gebieterin . . . Iſt . . Celio 7 . wie, Fan⸗ ſtine? .. Nun, Du mußt das wiſſen? „Ich weiß von den Abenteuern der Frau Marquiſe immer nur das, was die ganze Welt weiß.“ „Oh! wenn Du ſchweigen willſt, wird Dich keine menſchliche Macht bewegen, zu reden: Du biſt ganz wie die gnädige Frau!“ „Der Himmel höre Dich! Wie glücklich wäre mein Loos! Ich wäre ſchön zum Blenden, reich, eine vor⸗ nehme Dame, angebetet, ich könnte Alles, was ich wollte; oh! Pietro, welch' ein reizendes Leben iſt doch das der Frau Marquiſe! Sie zählt erſt ſechsundzwanzig Jahre! Wie viel ſchöne Jahre hat ſie noch vor ſich!“ „Nein, das verhängnißvolle Ziel dieſer ſchönen Jahre iſt geſteckt, ſagte Robert mit einer finſteren Freude zu ſich ſelbſt. „Oh! von heute an ſind die Tage dieſes Ungeheners gezählt! Die Stunde iſt gekommen.“ Das Klingeln eines Glöckchens unterbrach das Ge⸗ ſpräch von Fauſtine und Pietro. . „Die gnädige Frau klingelt,“ ſagte die Kammerfrau, 127 „ohne Zweifel wili ſie wiſſen, ob der Führer angekom⸗ men iſt.“ „Mir ſcheint, ich habe ihn in den Garten eintreten ſehen.“ „Verſichere Dich hierüber; iſt er angekommen, ſo ſage ihm, er ſoll die Befehle der Fran Marguiſe entge⸗ gennehmen.“ XXXVI. Unter der Gallerie ihres Hauſes ſitzend, hatte die Marquiſe dAlſi den Befehl gegeben, Robert zu ihr zn führen; er kam, und ſie ſagte zu ihm: „Ich will heute einen längeren Ausflug machen . .. Wohin führt Ihr mich?“ „Schade, Madame, daß der Tag ſchon ziemlich weit vorgerückt iſt!“ „Warum?“ Der Wind weht von Norden, das Wetter iſt ſehr hell, man könnte keinen ſchönern Tag wählen, um die Tournette, den höchſten Berg der Gegend, zu beſteigen.“ „Seit meinem Aufenthalte hier wünſchte ich dieſen Ausflug zu machen; wir wollen gehen.“ Ich habe Ihnen geſagt, gnädige Fran, der Tag iſt zu weit vorgerückt.“ „Was iſt daran gelegen?“ „Wir werden erſt bei Nacht auf den Gipfel der Tournette kommen, und Sie können dann nicht mehr den Anblick genießen, den man von dieſem Orte aus hat; man ſieht von dort den Mont⸗Blant, die Alpen, die Seen der Schweiz, und auf der Seite von Frank⸗ reich kann man den Lauf der Rhone von Genf bis Lyon unterſcheiden.“ „Lyon .. Rhone . Genf?“ wiederholte Corne⸗ lia ſchauernd bei dem Gedanken, daß ſie in Lyon Jylian 128 getroffen, und daß er den Tod in Genf in den Wellen der Rhone geſucht. „Wie,“ verſetzte ſie, „von der Höhe dieſes Berges hat man eine ſo weite Ausſicht?“ „Weit genug, um Lyon und den Lauf der Rhone vom Genfer See an zu unterſcheiden,“ wiederholte Robert unempfindlich. Doch ich ſage Ihnen, Madame, um dieſe Ausſicht zu genießen, muß man frühe am Morgen auf die Tournette kommen, und der Himmel muß wol⸗ kenlos ſeyn, wie er heute iſt und wie er beinahe ſicher morgen ſeyn wird „ Der Wind weht von Norden und gewöhulich hält dieſer Wind mehrere Tage an . .. Wünſchen Sie durchaus dieſen Ausflug zu machen, ſo würde ich Sie auffordern, das ſchöne Wetter zu benützen und ihn auf morgen zu verſchieben.“ Gereizt, daß man ſich ihrem Wunſche widerſetzte, ſtampfte die Marquiſe ungeduldig mit dem Fuße; dann wollte ſie ſich wenigſtens damit tröſten, daß ſie dieſen Berg betrachtete, von deſſen Gipfel aus man Lyon „. die Rhone . . . Genf . . erblickte, Orte, welche in ihr die zugleich finſteren und leidenſchaftlichen Erinnerungen erweckten, in die ſie ſich ſo gern verſenkte. Die Marquiſe ſtieg alſo von ihrer Gallerie hinab, verließ den vom Waſſer des Sees beſpülten Garten und folgte dem ſchattigen Ufer bis zu einem ziemlich weit vorgerückten Punkte, von wo aus man das Gauze der Tournette er⸗ blickte. Dieſer Berg erhob ſich am Horizont über einer Aufhäufung von anderen großen, abſchüſſigen, mit Grün bedeckten Bergen, wie er auch ſelbſt bis zu zwei Dritteln ſeiner Höhe (ungefähr fünftauſend Fuß) mit Grün be⸗ deckt war; doch darüber hörte alle Vegetativn auf; es waren nur noch granue, unfruchtbare, vuikaniſche Maſſen⸗ die ihre ſcharſen Kämme, ihre ſchroffen Spitzen vom Azur des Himmels eben mit einer vollkommenen Reinheit abhoben; die Tournette bildete an ihrem Gipfel ein halbkreisförmiges Felſenplateau, über dem ein ungehen⸗ 129 ter vereinzelter Block gleichſam eingeflanzt ſtand, den wegen ſeiner unermeßlichen Höhe durch einen leichter Nebel verſchleiert zu ſein ſchien, obgleich die Atmosphäre außerordentlich durchſichtig war. Unbeweglich, mit einem ſtarren, glühenden Blicke den Culminationspunkt der Tournette meſſend, empfand Cornelia jene Art von ſchwindelartiger Blendung, welche die Unermeßlichkeit der Höhen nicht weniger empfinden macht, als die Unermeßlichkeit der Tiefen; nachdem ſie lange ſchweigſam und nachdenkend geblieben war, deu⸗ tete ſie mit dem Finger auf den Alpenrieſen und ſagte zu Robert: „Ueber jenem letzten Felſengürtel, der den Berg bekränzt, ſehe ich einen vereinzelten Felſen.“ „Ja, Madame, dieſer Fels iſt ungefähr hundert Fuß hoch und hundertfünfzig breit . . . Das iſt das, was man den Lehnſtuhl der Tournette nennt. Man nennt ihn ſo, weil er als Ruheort . nach dem Beſtei⸗ gen des Berges dient.“ „Kann man bis zu dieſem äußerſten Gipfel ge⸗ langen?“ „Madame, nur ſehr kühne Leute wagen es, bis zum Lehnſtuhl hinauf zu ſteigen.“ „Ich werde gehen!“ rief Cornelia, deren Naſen⸗ ſt anſchwollen, deren Auge funkelte, „ich will dahin gehen . . . „Madame! hören Sie mich an . . .. „Ich werde gehen!“ „Frau Marquiſe, es handelt ſich hier nicht um ein Kinderſpiel. Vor Allem ſteigt man zur Tournette durch Präcipiſſe, durch Abgründe hinauf.“ „Ich liebe den Abgrund .. „Sind dieſe Gefahren vermieden, ſo muß man, um ſich dem Fuße des Lehnſtuhls zu nähern, auf dem Schnee über einen ſehr hohen Gletſcher hinſchreiten, den Sie von hier aus nicht erblicken können, und dann . . .0 Cornelia d'Aufi. 9 130 „Hat Jemand dieſen Gletſcher überſchritten?“ „Ich habe es gethan.“ „Nun, und dann?“ „Das iſt noch nicht Alles, Frau Marguiſe; der aufallen Seiten ſenkrechte Lehnſtuhl bietet ſich als eine Fel⸗ ſenwand von einer Höhe von ungefähr hundert Fuß 5 „Machen wir ein Ende,“ verſetzte Cornelia, mit dem Fuße ſtampfend. „Hat Jemand dieſen Lehnſtuhl be⸗ ſtiegen?“ „Ich habe ihn beſtiegen.“ „Sprecht alſo nicht mehr von Unmöglichkeiten, Schwierigkeiten, ich will dahin gehen, ich werde ehen!“ „Frau Marguiſe, es iſt meine Pflicht, Sie hinſicht⸗ lich der Gefahren dieſes Aufſteigens nicht zu hintergehenz der erſte, der beſte Bewohner der Gegend würde ſie Ih⸗ nen bezeichnen, und Sie würden mir zum Vorwurf ma⸗ chen, daß ich Ihnen die Wahrheit nicht geſagt habe; Sie nehmen mich zum Führer . ich ſtehe für Sie . und wenn Ihnen ein Unglück begegnete . . .“ „Es begegnet mir nie Unglück“ erwiedert die Mar⸗ quiſe mit einem ſpöttiſchen Lächeln, „der gute Gott be⸗ ſchützt mich.“ „Es mag ſein .. Frau Marquiſe, Sie haben ebenſo viel guten Willen, ebenſo viel Muth als ich, doch könnten Sie, wie ich, ein Gewicht von zweihundert Pfund aufheben?“ „Was ſprecht Ihr vom Aufheben von Gewichten? Es handelt ſich um das Steigen.“ „Ja, Frau Marquiſe, doch man muß längs einer hundert Fuß hohen Wand hinanſteigen, ohne irgend ei⸗ nen andern Stützpunkt als ein paar Felsvorſprünge, welche höchſtens genügen, um das Ende des Fußes dar⸗ auf zu ſetzen; man muß ſich mit den Händen anklam⸗ mern und ſeine Finger in die zwiſchen den Felſen 181 ausgehöhlten Löcher einpreſſen, in die ſie kaum hineinſchlüp⸗ fen können: es iſt alſo bald die Spitze eines einzigen Fußes, bald die Hand, was das ganze Gewicht des Körpers über den Abſtürzen trägt, von denen auf allen Seiten die Baſe des Lehnſtuhls umgeben iſt . . . Es iſt nicht der Muth, es iſt die Stärke, was Ihnen fehlen wird.“ „Was ich will, kann ich . . .“ erwiederte die Mar⸗ quiſe, gereizt durch die Schwierigkeiten und Gefahren des Unternehmens. „Ich will dahin gehen, ich werde gehen.“ „In dieſem Falle, Frau Marquiſe, gibt es uur ein Mittel, Sie bis zur Firſte der Tournette gelangen zu laſſen; doch eine vornehme Dame wie Sie würde vielleicht nicht einwilligen, zu . . .“ „Sprecht . . ſprecht . . . Ich werfe, wann es mir beliebt, meine Vornehmheit weg.“ „Um bis zum Lehnſtuhle zugelangen, muß man zu⸗ erſt durch eine enge Spalte hinaufſteigen, welche ſenkrecht in das Felsgeſtein durch das Waſſer der Regen und das Schmelzen des Schnees gegraben worden iſt; man kann ſich in dieſer Spalte nur mit Hülfe der Hände, der Ellen⸗ bogen, der Kniee, der Füße emporarbeiten, wie es die Schornſteinfeger in einem Kamine machen; man nennt dieſe Paſſage auch den Kamin; das Hinabſteigen iſt noch ſchwieriger, denn beim Hinaufſteigen ſieht man doch wenigſtens die Höhle, an der man ſich mit den Fingern anklammert, den Vorſprung, wo man ſeinen Fuß auf⸗ ſetzt. Beim Hinabſteigen iſt es nicht mehr ſo, man muß, das Geſicht beinahe an die Wand angeklebt, blindlings ſuchend umhertappen, und man hat unter ſich . . den Abgrund; da Sie nicht hieran gewöhnt ſind, ſo könnten Sie ſo weder hinauf⸗ noch herabſteigen; hören Sie, was zu thun wäre: ich würde zuerſt hinanfſteigen, ver⸗ ſehen mit einem ſtarken Seile, das ich . doch nein, Fran Marquiſe, Sie würden nie .. .“ 132 „Vollendet doch!“ Ich ſagte, Frau Marquiſe, verſehen mit einem lan⸗ gen Seile, das ich unter Ihren Armen feſtgebunden hätte, würde ich zuerſt vorrücken, und auf einem Felſen ange⸗ langt, der ſich am Ende des Kamins findet, würde ich Sie mittelſt des Seiles halten, und mit Muth und Ge⸗ ſchicklichkeit könnten Sie ſo hinaufſteigen; vielleicht wäre es ſogar möglich, ſich einer Strickleiter zu bedienen; ich würde ſie bis heute Abend verfertigen laſſen.“ „Mir gleichviel! der Muth, die Gewandtheit und die Kaltblütigkeit laſſen mich nie im Stiche.“ „Dann iſt es gut, gnädige Frau, denn ich ſage Ihnen zum Voraus, Sie werden ſo über entſetzlichen Abſtürzen ſchweben.“ „Auf der Brücke von Saint Clair betrachtete ich den 1 Abgrund, ohne zu erbleichen. Doch haben wir einmal den Stein erreicht, von dem Ihr ſprecht, werden wir dann auf der Firſte der Tournette ſein?“ „Oh! nein, Frau Marquiſe, es bleibt noch das Schwierigſte.“ „Was iſt das?“ „Der Kamin mündet gegen ein Felsſtück, das, wie eine Brücke über einen Ausſchnitt geworfen iſt, der den Gipfel des Lehnſtuhls trennt; über dieſen ſehr ſchmalen Stein kann man nur aufrecht hinſchreiten, oder man muß, wenn man im Kopfe nicht ganz feſt iſt, auf den Knieen und den Händen hinüberkriechen; in dieſer Lage aber ſchaut man nothwendig unter ſich, und da ſieht man, daß man auf einem ſchmalen Steine, in einer Höhe von acht⸗ bis neuntanſend Fuß hinkriecht.,“ „Kriechen!“ rief die Marguiſe mit einer Geberde ſtolzer Verachtung gegen die Gefahr, „in einer ſolchen Höhe kriecht man nicht . . . man ſchwebt.“ Die Marguiſe dAlfi ſprach dieſe Worte mit einem ſolchen Ausdruck von Begeiſterung und unbezähmbarer Entſchloſſenheit, daß Robert, betroffen von der Kühnheit 133 Geſchöpfes, einen Angenblick ſchwieg; dann aber agte er: „Hat man dieſe Brücke überſchritten, ſo gelangt man zum Lehnſtuhle, dem Orte der Ruhe.“ „Und von da,“ fragte die Marguiſe beinahe be⸗ bend, „erblickt man Lyon . . die Rhone Snf „Ja,“ erwiederte Robert, der ein leichtes Zittern ſeiner Stimme nicht bemeiſtern konnte, „von da werden wir Lyon . die Rhone . . . Genf . . . ſehen.“ Die Marquiſe, welche das unwillkürliche, düſtere Zuſammenziehen des Geſichtes ihres Führers nicht be⸗ merkte, warf auf die Tournette einen Blick ſiegreicher Herausforderung und ſagte zu ſich ſelbſt: „Ein Atom gegen dich, ſtolzer Berg, drückſt du mich heute mit deiner Unermeßlichkeit zu Boden! Doch morgen, durch die Kraft meines Willens, morgen auf deiner Firſte ſtehend, werde ich deinen hoffärtigen Gipfel unter meinen Stiefel niedertreten! Mein heute beſchränkter Blick wird morgen ins Unendliche tauchen; morgen wird für mich die Entfernung verſchwin⸗ den, die Berge werden ſich ebnen, und ich werde Lyon und die Rhone zu meinen Füßen ſehen, Lyon . . wo Du, ehe Du mich kennen lernteſt, armer Julian, glück⸗ lich lebteſt! die Rhone . . . dieſen Fluß . . in wel⸗ chem Du, nachdem Du mich kennen gelernt, das Ende Deiner Qualen geſucht haſt! Oh! welche Gedanken „ welche Gedanken werden in meiner Seele erwachen, wenn ich, über dieſem unbegrenzten Horizonte ſchwebend, in der Ferne die Orte entdecke, welche Zeugen Deiner Liebe und Deines Todes waren! Und ich vermöchte doch Dein Lvos nicht zu beklagen, anbetungswürdiges Kind! Nie konnte mir ein Lebender eine Thräne ent⸗ reißen . . und beim Andenken an Dich, habe ich ge⸗ weint, weine ich, mein Julian!“ Und die Gegenwart ihres Führers vergeſſend, ließ 134 die Marquiſe dAlfi, die Augen immer auf den Gipfel der Tournette geheftet, ihre Thränen fließen! Robert betrachtete die Marquiſe mit einem neuen Erſtaunen: zum zweiten Male ſah er ſie weinen, ohne ſich die Urſache dieſer Thränen erklären zu können; doch ſo groß war ſein Haß gegen Cornelia, ſo groß war der Abſcheu, den ſie ihm einflößte, ein Abſcheu vermehrt noch durch verſchiedene Einzelnheiten des Geſpräches, deſſen unwillkürlicher Znhörer er geweſen war, daß er dieſe Thränen einem heuchleriſchen oder ſchändlichen Ge⸗ fühle zuſchrieb. Nachdem ſie einige Augenblicke geſchwiegen, ſagte die Marquiſe dAlfi, welche dem Ufer des Sees folgend nach ihrer Wobnung zurückkehrte, zu Robert: „Um welche Stunde werden wir morgen auf⸗ brechen?“ „Um nicht zu müde zu werden, Madame, mäſſen Sie bis in die Gegend der Kapelle von Saint-Ger⸗ main fahren. Der Mond wird gegen Mitternacht auf⸗ gehen; fahren Sie von Veyrier um elf Uhr Abends ab, ſo können Sie auf dem Gipfel der Tournette frühe am Morgen ankommen und die Sonne hinter dem Mont⸗ Blanc aufgehen ſehen. Ich werde Sie auf der Straße bei der Kapelle von Saint Germain erwarten; denn un⸗ gefähr eine Meile weiter müſſen Sie Ihren Wagen ver⸗ laſſen.“ „Gut,“ verſetzte die Marquiſe, nachdem ſie einen Augenblick überlegt hatte; ich werde am Abend, vor Mitternacht, von hier wegfahren und Euch an dem verabre⸗ deten Orte treffen.“ „Endlich hat ſie geſchlagen . . , die Stunde der Sühne,“ ſagte Robert zu ſich ſelbſt, als er Cor⸗ nelia verließ, „D mein Sohn, morgen wirſt Du gerächt ſein 135 XXXVII. Gegen das Ende des Tages, an welchem in der darauf Nacht Robert nach ſeiner Verabredung mit der Margquiſe dieſe auf die Tournette führen ſollte, begab er ſich in das Haus von Fanchette, wohl wiſſend, er würde ſie nur bei der Rückkehr von ihren ländlichen Arbeiten in ihrer Wohnung treffen; er hörte ſie von fern mit einem Ausdrucke ſingen, von dem er betroffen war. Der Ton, die Stimme des Mädchens kündigten mehr und etwas Beſſeres als Heiterkeit an: man ahnete die Ausdehnung eines Herzens, das die Seligkeit über⸗ ſtrömen macht, und ſie ergoß ſich in dieſem Geſange, in welchem das Glück mächtig vibrirte. Fanchette neigte ſich, während ſie ſang, gegen den Waſſerbehälter und wuſch Wurzeln für das Abendmahl; die drei Kinder, die ſie wie eine Mutter liebte, ſpielten unfern von ihr auf einem Raſen mit den Bickelchen; das Mädchen betäubte ſich dergeſtalt bei den ſanften Klängen ihrer friſchen, reinen Stimme, daß ſie die An⸗ kunft von Robert erſt wahrnahm, als er ganz nahe bei ihr ſtand und zu ihr ſagte: „Ihr ſeid heute Abend ſehr heiter, Fanchette?“ „Ich glaube es wohl, mein Herz iſt voll Freude.“ „Woher rührt dieſe große Freude?“ „Ihr wißt es nicht? Er kommt morgen an.“ „Euer Bräutigam?“ „Mein Gott, ja . er hat mir dieſe gute Kunde durch Einen von Peſay, der hier durchkam, überbringen laſſen . . . Meine Mutter iſt wie ich glücklich! unglaub⸗ lich glücklich: „„Nun kommt mein Sohn an!“ ſagte ſie vor Freude weinend, „„nun iſt meine Fauchon zufrie⸗ den . .ℳ Meine Mutter hat Recht, mein Herz iſt ſo ſelig. daß ich ſicherlich heute Nacht nicht ſchlafen werde!“ „Eure Hochzeit wird alſo früher ſtattfinden?“ „Gewiß, mein Bräutigam hat ſo viel, ſo viel ge arbeitet daß er in vier Monaten verdient, was er in ſechs hätte verdienen ſollen, und darum werden wir zwei Monate früher heirathen.“ „Höre, Fanchette,“ ſprach Robert, während er ihr einen goldenen Ring darreichte, in welchen ein kleiner gravirter Carneol gefaßt war, „nehmt hier Euren Trau⸗ ring.“ Das Mädchen ſchaute den Ring ganz verwundert an, ohne daß ſie ihn zu nehmen wagte. „Mir! dieſen Ring?“ verſetzte ſie, „und warum gebt Ihr mir ihn?“ „Damit Ibr ein Andenken an mich bewahren mö⸗ get. wenn Ihr mich nicht mehr ſehen werdet.“ „Ah! mein Gott!“ rief Fanchette mit einem Ausdrucke ſchmerzlichen Erſtannens, das plötzlich ihr lachendes, ſanftes Geſicht trübte, Ihr wollt dieſe Ge⸗ gend verlaſſen?“ „Ja.“ „Und wann dies?“ „Heute Nacht.“ „Auf lange?“ „Auf immer.“ „Auf immer!“ rief Fanchette. Und ohne an den Ring zu denken, den ihr Robert bot, ſtützte ſie eine von ihren Händen auf den Rand des Behälters und ſeufzte; eine Thräne rollte in ihren ſchö⸗ nen blauen Augen. „Wie? Ihr reiſt ab? Iſt das möglich!“ „Meine Abreiſe betrübt Euch?“ „Oh! ſehr . Ihr habt mich vom Tode errettet; und dann ſeid Ihr, obgleich traurig, doch äußerſt gut; ich ſah Euch ſelten, doch ich wußte, daß Ihr da oben im Hauſe von Rouſſeau wohntet, und es war für mich wie ein Feſt, wenn ich Euch in Eurer Abweſenheit irgend 137 etwas brachte, was ihr am Abend bei Eurer Rückkehr finden ſolltet; und dann „. ich weiß nicht was, ſagt mir, um ſo allein zu leben, müſſet Ihr einen Kum⸗ mer haben, und man wird anhänglich an diejenigen, welche Kummer haben, weil ſie zu beklagen ſind.“ „Ihr irrt Euch nicht, Fanchette, ich habe einen grau⸗ ſamen Kümmer!“ „Werdet Ihr anderswo weniger darunter leiden, als hier ? . . Warum geht Ihr denn?“ „Ich hoffe, daß ich dort . . . wohin ich gehe .. den Kummer nicht mehr kennen werde.“ „Das iſt etwas Anderes; dann habt Ihr Recht, wenn Ihr abreiſt . .. doch es iſt ſehr Schade . . Ihr braucht nicht hier in der Nähe zu ſein, um mich daran zu mahnen, daß ich ohne Euch todt wäre: aber ich werde Euch nicht mehr zeigen können, daß ich mich der Hülfe, die Ihr mir geleiſtet, erinnere, und das machte mich immer ſo zuftieden. Bedenkt doch! wenn ich geſtor⸗ ben wäre, was wäre aus meiner Mutter geworden, die beinahe nicht mehr auf das Feld gehen kann? und aus dieſen lieben kleinen Waiſen? und aus ihm, der ſo viel gearbeitet hat, damit wir uns früher heirathen können? Seht, wie viel Leute in Gram und Noth verſetzt wor⸗ den wären, hättet Ibr es nicht verhindert, daß ich auf dem Wege nach Chavoire umkam! Und nun reiſt Ihr ab Ah! das iſt traurig! Rein, das iſt nicht traurig, weil Ihr da, wohin Ihr geht, wie Ihr ſagt, keinen Kummer mehr haben werdet; mir aber wird immer das Herz ſchwer werden, wenn ich, auf die Felder gehend, da oben das Haus von Rouſſean ſehe.“ Und mit der umgekehrten Hand wiſchte ſich Fan⸗ chette die Thränen ab, welche auf ihre runden, ſonnge⸗ bräunten Wangen rollten. „Es gibt wenig Herzen, welche beſſer als das Eu⸗ rige, mein Kind,“ erwiederte Robert gerührt; „ich ver⸗ danke Euch die einzigen Tröſtungen, die meinen Kum⸗ 138 mer gemildert haben. Ich bitte alſo, behaltet dieſen Ring als Andenken von mir.“ Und er nahm die Hand von Fanchette und ſteckte ihr an den Finger den Ring, den ſie in ihrer Traurigkeit anzuſchauen vergaß; dann fügte er bei, indem er aus ſeiner Taſche ein ziemlich ſchweres, ſorgfältig in Papier gewickeltes Päckchen zog: „Ich bitte Euch, mein Kind, auch dieſes als Andenken von mir zu behalten und bis übermorgen früh zu warten, um das Papier zu öffnen; Ihr werdet darin ein paar Zeilen von meiner Hand finden, die Euch von dem unterrichten, was ich mir von Euch erbitte.“ Fanchette, die ſich wenig darum bekümmerte, den Inhalt des Päckchens kennen zu lernen, nahm es ma⸗ ſchinenmäßig in ihre Hand und ſagte dann weinend zu Robert: „Heute Nacht wollt Ihr abreiſen? Das iſt das letzte Mal, daß ich Euch ſehe, mit Euch ſpreche?“ „Ich reiſe heute Nacht, ehe der Mond aufgeht, ab; lebet wohl, Fanchette! Hätte ich einen Sohn gehabt, ſo wäre es mein Wunſch geweſen, er hätte im Leben eine Gefährtin wie Euch gefunden; Gott befohlen, mein Kind; laßt mich Euch auf die Stirne küſſen, ehe wir uns für immer trennen.“ Fanchette neigte ihren Kopf auf ihren Buſen, auf den ihre Thränen rollten, und bot voll Unſchuld ihre Stirne Robert; er drückte einen väterlichen Kuß darauf, während das Mädchen mit erſtickter Stimme zu ihm ſagte: „Auf denn, da es ſein muß . . . Gott befohlen! lebet wohl!“ Tief erſchüttert, entfernte ſich Robert raſch, doch nach einigen Schritten wandte er ſich um, um Fanchette ein letztes Lebewohl zuzuwinken; er ſah, wie ſie, ihm mit dem Blicke folgend, daſtand, mitten unter den drei klei⸗ nen Kindern, welche um ſie gruppirt ihr die Hände küß⸗ ten und ſie nach der Urſache ihrer Thränen zu fragen ſchienen. 139 XXXVIII. Die Marquiſe hatte, nach dem Rathe von Robert, einen Wagen genommen, der ſie bis nach Saint⸗Ger⸗ main führen mußte, wo ſie, den Weg nach Montmin rechts laſſend, die Erſteigung der Tournette beginnen ſollte. Erſchrocken über die Strapazen und die Gefahren, denen ſich ihre Gebieterin in Geſellſchaft eines Unbekann⸗ ten prrisgab, bat ſie Fauſtine inſtändig, Pietro zu erlau⸗ ben, ſich auf den Bock neben den Kutſcher zu ſetzen und ſodann an dem Ansfluge Theil zu nehmen. Lächelnd über die Befürchtungen ihrer Kammerfrau, zündete Cor⸗ nelia eine Cigarette von türkiſchem Tabak an und brach allein in ihren Männerkleidern auf. Sie verließ lange vor Mitternacht das Dorf Veyrier und fuhr in einem Seitenwagen, wie man in dieſem Lande die kleinen, ſehr niedrigen, ſehr leichten Wagen nennt, in denen man ſeitwärts ſitzt, und die, vollkommen für ſolche Ausflüge geeignet, dem Blicke jede Weite laſſen. Von Veyrier bis zu der Steige, über der ſich die Kapelle von Saint⸗Germain, wohin Robert beſchieden worden, erhebt, ſchwamm die Marquiſe in einem beſtän⸗ digen Entzücken. Die Nacht war lau, der Himmel wunderbar rein; der jetzt in ſeiner Abnahme begriffene Mond warf, ſpät aufgehend und erſt in der Morgendämmerung verſchwin⸗ dend, ſeine ſanften Lichtwogen auf die Landſchaft, welche ſo glänzend erleuchtet war als am hellen Tage; der Wagen, nachdem er durch das Dorf Menthon gefahren, wandte ſich nach der Kapelle von Saint⸗Germain auf einer aus dem Felsgeſteine gehauenen, ſehr ſchwer zugänglichen Steige; das an den Seitenwagen geſpannte Pferd ging langſam und mit Anſtrengung; die Marquiſe ſtieg aus, um das Gemälde, das ſich ihren Angen bot, beſſer zu 140 genießen; ſo wie ſie immer höher auf der Steige hinauf kam, ſah ſie zu ihren Füßen das köſtliche Baſſin von Talloires, und da ihr Blick nicht mehr durch den Roe⸗ de⸗Chevres, den ſie beherrſchte, gehemmt war, ſo um⸗ faßte ſie den See in ſeiner ganzen Ausdehnung von Annecy bis zu der Aufthürmung der Berge im Hinter⸗ grunde der Bucht. Dieſe ſo durch den Mond beleuchte⸗ ten Landſchaften nahmen in den Angen von Cornelia ein beinahe phantaſtiſches Ausſehen an: die Fluren, die Wieſen, die Gehölze, welche die Berge des erſten Plans bedeckten, vermengten ſich in einer ein⸗ förmigen Tinte, als wäre der Wiſcher über ihre am Tage ſo lebhaften, ſo wechſelreichen Farben hingefahren; die mehr entfernten bläulichen Gipfel nahmen, am Hori⸗ zont ſich verlierend, Nuancen von Opal und Perlmutter an, während ſich die ſchwarze Silhouette der in der Finſterniß gebliebenen Berge vom Azur des mit Ster⸗ nen brillantirten Himmels und von der ſilbernen Fläche des Sees abhob. „O Julian,“ dachte Cornelia, „ich liebe es, hier Dein engeliſches Bild bleich und verſchleiert heraufzube⸗ ſchwören, wie es zu dieſer Stunde die, ſonſt in den Feuern der Sonne ſo belebte, Natur iſt. Arme Seele, theurer Schatten . . ſehe ich Dich nicht dort unter je⸗ nen Dünſten der Nacht ſchweben?“ Am Rande des Kamins ſtehend, gab ſich die Mar⸗ quiſe dAlfi dieſen Träumen, dieſen Viſionen hin, mit denen ſie ihre ſeltſame Liebe nährte; plötzlich bebte ſie, als ſie die Stimme von Robert vernahm, der ihr ent⸗ gegen kam und zu ihr ſagte: „Madame, Sie müſſen ſich nicht im Voraus ſo müde machen.“ „Was wollt Ihr von mir?“ verſetzte ungeduldig die Marquiſe, welche kaum die Worte ihres Führers gehört atte. „Madame, ich erwartete Sie bei der Kapelle von 141 Saint⸗Germain, da hörte ich von fern das Geräuſch der Schellen des Pferdes, und ich ging Ihnen entgegen. Entſchuldigen Sie .. ich ſagte, Sie müſſen ſich, da Sie einen langen Weg zu machen haben, nicht zum Voraus ermüden; glauben Sie mir, bleiben Sie in Ihrem Wagen, ſo weit er fahren kann.“ Mochte die Marquiſe das Richtige der Bemerkungen ihres Führers fühlen, wollte ſie ſich völlig abſondern, um ſich ihren Gedanken überlaſſen zu können, ſie ſtieg wieder in den Seitenwagen, der durch Saint⸗Germain paſſirte, die Straße nach Montmin rechts ließ, durch ein Thälchen fuhr und ſodann auf einen ſehr ſchmalen, felſigen Weg gelangte. Robert folgte ſchweigſam dem Wagen; er ſtützte ſich auf einen langen Stock, der auf der einen Seite in einer eiſernen Spitze, auf der andern in einem Gemſenhorn endigte; er trug auf ſeinen Schul⸗ tern befeſtigt eine mit leichten Querhölzern und zwei ei⸗ ſernen Haken verſehene Strickleiter, ein Aufſteigungswerk⸗ zeug, das er am Tage hatte verfertigen laſſen. Nachdem man einige Zeit marſchirt war, wurde der Weg, der ein Gehölze von Haſelſtanden, Weißdorn und Cornelkirſchbäumen durchſchnitt, welche ſtellenweiſe durch grünes Terrain von einander getrennt waren, ſo enge geſchloſſen, ſo ſteinig, daß das Pferd des Wagens ſtolperte, mehrere Male beinahe zu Boden fiel und der Kutſcher erklärte, er könne ohne Gefahr nicht weiter gehen. Cornelia ſtieg behende aus, und Robert ſagte zu ihr: „Madame, Sie werden ohne Zweifel bei der Rück⸗ kehr ſehr müde ſein; ich würde Ihnen rathen, dem Kut⸗ ſcher zu befehlen, Sie in einer der Meiereien in der Nähe der Kapelle von Saint-Germain zu erwarten.“ „Gut,“ ſagte die Marquiſe d'Alfi, „gehen wir vrrwärts.“ Der Seitenwagen kehrte um: lange noch hörte man bei der tiefen Stille der Nacht in der Ferne den Klang 142 der Schellen des Pferdes. Endlich wurde das Geräuſch immer ſchwächer und erloſch dann ganz. „Nun ſind wir allein,“ ſagte Robert zu ſich ſelbſt, „allein!“ Und er ſchritt ziemlich lange vor der Marquiſe d'Alfi her, dem abſchüſſigen Wege folgend, den die Herden wählen, um in der ſchönen Jahreszeit zu den Waiden der höheren Plateaux hinaufzuſteigen; nach dem Gehölze kam ein Tannenwald in amphitheatraliſcher Stellung; einen glänzend vom Monde beleuchteten Durchgang ver⸗ laſſend, um in den dunklen Wald einzutreten, fühlte Cor⸗ nelia Anfangs jene Art von Blendung, welche die Folge des heftigen Contraſtes von Licht und Finſterniß iſt; ſie ſah nicht auf zwei Schritte weit vor ſich und zögerte, weiter zu gehen. Gewohnt der nächtlichen Ausflüge und mit der Straße vertraut, konnte ſie Robert führen; er ſagte auch zu der Marquiſe, indem er ihr in die Hand ſein Gemſenhorn gab, das an einem der Enden ſeines langen Stockes befeſtigt war: „Nehmen Sie dies, Madame, ich werde das andere Ende des Stockes halten, und Sie folgen mir ſo, bis ſich Ihre Angen allmälig an die Nacht dieſer Wälder gewöhnt haben.“ Das Geſicht von Cornelia war in der That bald an die ſtellenweiſe durch einen Mondſtrahl, ver ſeine bleiche Helle durch die Zweige der Tannen eindringen ließ, ſchwach zerſtreute Finſterniß gewöhnt, und ſie konnte die Krümmungen des Weges, den ſie erkletterte, und in einer kleinen Entfernung von ſich die ſchwarze Silhouette ihres Führers unterſcheiden. Jede Andere als die Marquiſe würde, indem ſie ſich zu einer ſolchen Stunde an dieſe öden, verlaſſenen Orte gewagt hätte, von einem unbeſtimmten Gefühle von Furcht ergriffen worden ſein.. Es läßtſich nichts ſo Majeſtätiſches denken als dieſer Wald von hundert Fuß hohen Tannen, welcher da und dort mit Waldglöckchen und rund⸗ 143 blättrigen Steinbrechen beſäte Moosteppiche bedeckte; dieſe hundertjährigen Bäume waren ſo eng mit zahlloſen Zweigen bewachſen, daß man nur ſelten durch den Zwi⸗ ſchenraum ihrer Pfeile eine Ecke des beſternten Himmels erblickte; ziemlich große Lichtungen unterbrachen von Zeit zu Zeit dieſen Hochwald, und auf ihren Raſen, auf dem der Mond ſeine ſilbernen Wellen verbreitete, fielen die großen Schatten der Tannen; bei den Zugängen der Lichtung zeichneten ſich die minder gedrängt beiſammen ſtehenden Stämme und Aeſte in einem bläulichen, wie ein Dämmerſchein durchſichtigen Halbſchatten; das Brau⸗ ſen des in der Tiefe der Schlucht, welche den Wald durchſchneidet, hinrollenden Waſſers, das dumpfe Rau⸗ ſchen der von den Winden bewegten Zweige, ähnlich dem Gemurmel des am Ufer brandenden Meeres, der Flug eines durch das Herannahen der Tritte des Men⸗ ſchen plötzlich aufgeweckten Nachtvogels ſtörten zuweilen die impoſante Stille dieſer geheimnißvollen, finſtern Ein⸗ öden, wo Cornelia, in ihrer Begierde nach fieberhaften Aufregungen, das, nicht mehr ſchwermüthige und ſanfte, ſondern leichenbleiche, wie der Todeskampf erſchreckliche Bild von Julian heraufbeſchwor! „Madame,“ ſagte Robert ſtille ſtehend, „Sie müſſen doch anfangen müde zu werden?“ XXXIX. Der durch dieſen Wald gebahnte Weg wurde immer abſchüſſiger; eine friſchere, ſchärfere Luft kündigte die Hochplateaur der Tonrnette an; die minder kräftigen, dünner geſäten Bäume ſtanden verkrümmt da; die mit Raſen bewachſenen Lichtungen dehnten ſich mehr aus; die zunehmende Höhe dieſer Regionen war ſo, daß ſelbſt die Tannen uur ſchwer vegetirten; bald verſchwanden ſie ganz, und Cornelia ſah vor ſich emporragen die beinahe 144 ſenkrechten Abhänge, große Weiden beſtehend aus Kräu⸗ tern von einer außerordentlichen Feinheit, gewürzt durch einen ſanften Vanillegeruch, den zahlreiche Orchideen, halb verborgen im Graſe, ausſtrömten. „Nein, ſprach die Marquiſe, „ich habe nicht Zeit gehabt, an die Müdigkeit zu denken; der Weg von Saint⸗ Germain an iſt bewunderungswürdig.“ „Wenn Sie mir glauben wollen, Madame, ruhen wir hier ein paar Augenblicke aus.“ „Haben wir noch weit zu gehen?“ „Ja, noch ſehr weit; ſind wir über dieſe jähen, ſchlüpfrigen Wieſen hingegangen, ſo befinden wir uns bei der Hütte vom Kreuze; dann hahben wir höchſtens zwei Drittel der Höhe der Tournette erreicht.“ „Und werden wir zum Lehnſtuhle vor Sonnenauf⸗ gang kommen?“ „Ich hoffe es, Madame, denn von der Hütte aus haben wir nur noch einige Felſenbänke zu erklettern, um den Gletſcher zu erreichen, der den Fuß des Lehnſtuhls umgibt . Wir müſſen alſo noch zwei Stunden mar⸗ ſchiren. Dieſer Marſch wird ſchwierig, gefährlich ſein . .. Ich rathe Ihnen auch, ein wenig Athem zu ſchöpfen.“ „Ich fühle durchaus keine Müdigkeit.“ „Madame, ich verſichere Sie, Sie müſſen Ihre Kräfte ſparen,“ erwiederte Robert; „ſonſt würden Sie erſchöpft bei den Zugängen des Lehnſtuhls ankommen; es wäre Ihnen, trotz meiner Unterſtützung, unmöglich, auf ſeine Spitze zu gelangen, und Sie würden den ſchönſten Anblick von Ihrer Erſteigung der Tournette verlieren. Wir wollen erſt in einer halben Stunde weiter gehen. . Entſchuldigen Sie, Madame, daß Ih⸗ nen ein armer Mann meiner Art widerſpricht, doch ich bin Ihr Führer und kenne die Schwierigkeiten des Weges.“ 6 Nachdem er dies geſagt, ſetzte ſich Robert auf das ras. 145⁵ „Ruhen wir alſo aus!“ verſetzte ungeduldig Corne⸗ lia, „obſchon ich der Ruhe durchaus nicht bedarf.“ Und ſie zog aus ihrem Paletot ein goldenes Etui, das ihre Cigaretten enthielt, zündete ſich eine an und ſetzte ſich ein paar Schritte von ihrem Führer ebenfalls auf das Gras, obgleich ſie, wie ſie ſagte, durchaus keine Müdigkeit empfand; dieſe energiſche, nervige Organiſa⸗ tion, bei der der Geiſt in dieſem Momente die Materie unterjochte, ſollte erſt ſpäter die nothwendige Reaction des Phyſiſchen auf das Moraliſche fühlen; doch in die⸗ ſem Augenblick aufrecht gehalten durch ihre wachſende Begeiſterung für die großartigen Alpengemälde, hatte ſie nur ein Gefühl, nur einen Willen: unter ihren Füßen den Gipfel der Tournette treten und mit einem Blicke Lyon, Genf und die Rhone unfaſſen. Während Robert, in ſeine geheimen ſchwarzen Ge⸗ danken verſunken, ſeine Stirne in ſeinen Händen ver⸗ bergend, auf dem Graſe ſaß, betrachtete die Marquiſe d'Alfi, dem Winde den leichten Rauch ihrer Cigarre zu⸗ ſendend, den ungeheuren, ſchon vor ihren Augen entblöß⸗ ten Horizont; die Berge, welche die Tournette beherrſcht, erhoben tauſend Fuß unter ihr ihre bläulichen Gipfel, hier halb in den Schatten getaucht, dort das ſilberne Licht des Mondes wiederſcheinend, und zeichneten ſich am Azur des Horizonts; nur der Parmelan und der Semenoz, welche die Höhe der Tournette nicht erdrückte, behielten noch ihre majeſtätiſchen Verhältniſſe. Cornelia ſah auch in einer ungeheuren Tiefe den Annecy-See wie eine Metallplatte funkeln; jenſeits des Abhanges der Weiden häuften ſich endlich ungeheure Stufen von kahlen, gebor⸗ ſtenen Felſen, umgeben von Abſtürzen auf, über denen die auf allen Seiten ſenkrechte Maſſe des Lehnſtuhls emporragte. In zwei Stunden .. werde ich dort ſein,“ ſagte die Margquiſe dAlfi mit einem Ausdrucke des Trium⸗ Fornelia d'Afi. 10 146 phes. Plötzlich machte ſie ein entferntes Geränſch, von dem ſie ſich keine Rechenſchaft geben konnte, beben; es war ein Anfangs leichtes, ſilbernes Klingen, herbeige⸗ führt durch die Nachtluft; darauf bildeten hellere, gedehn⸗ tere Klänge, abwechſelnd ernſt, klar oder ſcharf, die ſich dem erſten Vibriren anſchloßen, ein reizend originelles! Geläute, bald lebhaft ſchallend, bald langſam, unterbro⸗ chen durch lange Stillen, auf welche ſtellenweiſe ein paar vereinzelte Töne folgten . . . Man hätte glauben ſollen, man höre eine Menge von luftigen Glöckchen von ei⸗ ner verſchiedenartigen Tonica klingen oder nach dem launenhaften Hauche des Windes ſchweigen. „Was für ein Geräuſch iſt das?“ fragte die Mar⸗ quiſe lebhaft Robert, indem ſie ſich ihm näherte; „es gibt an dieſem öden Orte weder Kirche, noch Kapelle, und man hört doch in der Ferne den Klang der Glocken.“ „Das ſind die Kühe, welche dort oben aus den Hütten weggehen, weil die Nacht bald endigen wird; beinahe alle tragen am Halſe ein Glöckchen von ver⸗ ſchiedener Größe . Dieſes Geläute kommt bis zu uns, Madame. . . Es muß nun vier Uhr ſein.“ „Wie ſehr liebe ich dieſe ländliche Harmonie,“ ſagte Cornelia, indem ſie abermals auf das entfernte Ge⸗ läute hörte; „nie hat eine Opern⸗ oder Salonmuſik einen ſo ſanften Eindruck auf mich hervorgebracht . . . Und daun der Duft dieſer aromatiſchen Wieſen, die Heiter⸗ keit dieſer ſchönen, wie der Tag glänzenden Nacht . . . Alles entzückt mich! Alles berauſcht mich! . . . Oh! ich will oft hierher zurückkehren . . . „Madame, ich befürchte, haben Sie einmal den Berg erſtiegen, ſo wird es Sie nicht gelüſten, ein zwei⸗ tes Mal anzufangen,“ verſetzte Robert mit einem bittern Lächeln. „Das iſt ſo ermüdend; Sie find noch nicht da oben! der Weg bis hierher iſt, obgleich ſchwierig, eine Gartenallee gegen das, was unſerer harrt, wenn 147 wir dieſe Wieſen überſchritten haben .. Und nun, Madame, laſſen Sie uns weiter gehen.“ XL. Die Marquiſe und ihr Führer, nachdem ſie, den Abhang der Weiden erſteigend und immer mehr ſich ge⸗ gen den Gipfel der Tournette erhebend, ziemlich lange gegangen waren, erblickten in der Ferne die Hütte, aus der beim Herannahen des Tages das Vieh hervorgekom⸗ men; Cornelia blieb abermals ſtehen, um auf die länd⸗ liche Harmonie der Glöckchen zu hören. In dieſem Augenblick fing ein beinahe unmerklicher Schein an gegen Oſten die tiefe Krümmung des Hori⸗ zonts zu bleichen, obgleich der Mond noch glänzte. Bald wird die Morgendämmerung anbrechen,“ ſagte Robert. „Auf, Madame, Muth! Binnen Kurzem haben wir die Firſte der Wieſen der Sennhütte erreicht, und dann beginnen die wahren Gefahren der Aufſteigung, und ſie werden immer mehr zunehmen bis zum Ziele unſerer Wanderung. Sind Sie wirklich feſt entſchloſſen, bis ans Ende zu gehen, den Lehnſtuhl zu beſteigen, von wo aus wir Lyon . . die Rhone . . Genf ſehen werden?“ Dieſe letzten Worte und der Zweifel, den der Füh⸗ rer über den Entſchluß der Marquiſe ausdrückte, mach⸗ ten, daß dieſe auffuhr und ihm zurief: „Wenn ich da oben erſchöpft, mit blutigen Händen, Knieen und Füßen ankommen müßte . . . ich werde an⸗ kommen; vorwärts, ich folge Euch!“ „Nun, Madame, ſo ſeien Sie bereit, ſich auf meine Schulter zu ſtützen, im Nothfalle meine Hand zu nehmen, und ſchauen Sie beſonders nicht zu Ihren Füßen, wenn ich Sie dies zu unterlaſſen ermahne, denn, ſo groß auch Ihr Muth ſein mag, wir gehen an gewal⸗ 148 tigen Abſtürzen hin, und unwillkürlich könnte Ihnen ſchwindelig werden . . . Sehen Sie . wir müſſen zuerſt da oben ankommen,“ ſagte Robert. Und er bezeichnete der Marquiſe d'Alfi durch eine Geberde einen zweiten Berg, der auf die Hauptmaſſe, da, wo die Wieſen aufhörten, gepfropft zu ſein ſchien; das war eine Aufthürmung von über einander geſetzten Felsbänken, welche keine andere Erſteigungsmittel bo⸗ ten, als tiefe Spalten oder ſchmale Steinkränze; kein Fußpfad war gebahnt, keiner ließ ſich bahnen durch die⸗ ſes troſtloſe Chaos; einige braune Morſe, einige bleiche Flechten oder kleine Steinbrechen mit weißen matten Blüthen wuchſen allein zwiſchen den ſteinigen Krümmungen; man mußte dieſe Stufen von Fels zu Fels erſteigen, die Orte wählen, wo man mit Sicherheit den Fuß auf⸗ ſetzen oder ſich mit den Händen anklammern konnte, und oft hingen dieſe gefährlichen Paſſagen über Abgründen von einer unberechenbaren Tiefe. Unerſchrocken ihrem Führer folgend, der ebenſo viel Gewandtheit, Stärke, Klugheit und kaltes Blut als Sorgſamkeit entwickelte, ſchritt die Margqniſe d'Alfi mit ſeiner Hülfe ohne Unfall auf dieſen Abdachungen hin: mußte man längs einem Abſturze gehen, deſſen Leere der Marquiſe einen Schwindel verurſachen konnte, ſo trat Robert auf die Seite, ſtellte ſich wie eine ſteinerne Statue zwiſchen ſie und den Abſturz und bot ſeiner Ge⸗ fährtin den Beiſtand ſeiner kräftigen Fauſt, oder ſeinen Stock an einen Felſen ſtützend, improviſirte er auch eine Art von ſchützendem Geländer; verſperrte eine breite; Spalte den Weg, ſo reichte Robert, in der Stellung des Coloſſes von Rhodus, mit einem Fuß auf jedem der Ränder der gähnenden Oeffnung, ſeine Hand Cornelia, und mit ſeiner Hülfe überſchritt dieſe leicht und geſchmeidig das Hinderniß; wurde der immer jähere und über eine Schlucht vorragende Abhang doppelt gefährlich in Folge der Kieſelſteine, mit denen er beſät war, ſo bot 149 Robert, ſich mit der linken Hand auf ſeinen Stock ſtützend, die rechte der Marquiſe, ging vor ihr her, zog ſie nach ſich und half ihr ſo die mühſame Steige erklet⸗ tern, wobei er indeſſen ganz leiſe zu ſich ſagte: „Steige auf, Weib .. ſteige auf zu Deinem Grabe!“ Und wenn man dieſen Mann mit dem grauen Barte mit ſo viel ängſtlicher Sorgfalt über der Sicherheit die⸗ ſer in Männerkleidern gehenden jungen Frau wachen ſah, hätte man doch glauben ſollen, es ſei ein Vater, der ſeinen jngendlichen Sohn auf ſeinem Pfade leite. „Noch ein paar Schritte, Madame!“ rief Robert, als er wahrnahm, daß, trotz der unglanblichen Energie der Margniſe, die Müdigkeit ihren Gang wankend machte; „bald werden wir am Fuße des Lehnſtuhles ankommen, und dort ruhen wir einen Angenblick aus. .. Der Tag bricht an . . . Sie werden die Sonne hinter dem Mont⸗Blanc aufgehen ſehen, das iſt ein ſchöner Anblick. Muth!“ „Ich habe Muth,“ erwiederte die Marquiſe keu⸗ chend und durch eine verzweifelte Anſtrengung ſich gegen die Erſchöpfung, welche ſich ihrer bemächtigte, anſtem⸗ mend: „nein! . . . mein Körper wird nicht der Mü⸗ digkeit weichen! nein! . . ich werde da hinaufgehen! Ich werde Lyon . . . Genf . die Rhone ſehen.“ In ihrem unzähmbaren Wollen fand die Marquiſe dAlfi einen neuen Auſſchwung, und ſie ſetzte ſich wieder in Marſch, krampfhaft die Hand von Robert preſſend, der ihr voranſchritt und ſie nach ſich zog. So um den Berg hingehend, erreichten ſie den Abhang, der dem entgegengeſetzt, welcher den Annecy See beherrſcht, und ſodann den erſten Schnee des Gletſchers, der ſich abſchüſſig bis zu der Plattform erhebt, auf deren Mitte man den Lehnſtuhl erſchaut. Bei ſeinem Anblick ſtößt die Mar⸗ guiſe, die ſich beinahe am Ziele ihrer Aufſteigung ange⸗ kommen ſieht, einen Frendenſchrei aus, ihre hinſchwin⸗ 150 denden Kräfte ſtählen ſich wieder . .. ſie ſchreitet vor⸗ wärts, beſtändig unterſtüßt durch Robert, der ihr auf dem Abhange des Gletſchers vorangeht, deſſen verhärteter Schnee unter den Füßen kracht. Schon verbreitet ſich im Oſten ein roſiger Schein und zerſchmilzt, allmälig abnehmend, beim Zenith in der azurnen Durchſichtigkeit des Himmels, während der Mond, immer glänzend, gegen Weſten niedergeht. „Die Sonne! die Sonne!“ rief Cornelia; „ſie geht hinter dem Mont Blant auf.“ Plötzlich ſetzt ein ſeltſames, beinahe erſchreckliches Geräuſch die Marquiſe in Erſtaunen. Einige Schritte von ihr erhebt ſich ein Schwarm von Gebirgsraben ſo groß wie Adler und wirbelt über einer Abdachung, die dieſen Thieren bis jetzt als ſchirmender Aufenthaltsort ge⸗ dient hatte; ihr ſchwerfälliger Flug macht ſich ſo plötzlich, ſo geränſchvoll hörbar, daß die Marquiſe bebt, und in dieſer ungeſtümen Bewegung des Erſtaunens ſtrauchelt ſie, ihr Fuß glitſcht aus, ſie fällt und zieht ihren Führer, an deſſen Hand ſie ſich anklammert, nach ſich; vergebens will er ſeine Gefährtin zurückhalten, Beide gleiten auf dem mit glattem Schnee bedeckten Abhange him, welcher gegen unberechenbare Tiefen abläuft, in deren Mitte man verworren die Krümmungen der Thäler von Tho⸗ nes und Serraval erſchaut. Im Augenblicke ſeines Falles hielt Robert ſeinen langen, an ſeinem Ende mit einer eiſernen Spitze be⸗ waffueten Stocke feſt und er verſuchte es durch eine ver⸗ zweifelte Anſtrengung, indem er ſeine Hand beinahe bis an die Dille dieſer Spitze laufen ließ, ſie in den feſt ge⸗ frorenen Schnee einzudrücken . Es gelang ihm .. Indem er ſich dann an ſeinem in das Eis eingedrückten Stock feſthielt, konnte er mittelſt dieſes Anhaltspunktes dem Impulſe widerſtehen, der ihn auf der Abdachung fortriß, und hier unbeweglich ſowohl ſich als Cornelia 15 ½ halten, deren Hand fortwährend krampfhaft die ihres Führers preßte. „Dieſe hölliſche Creatur iſt mit einem ſeltenen Muthe ausgerüſtet,“ dachte Robert, denn dem Tode trotzend, hatte die Marquiſe dAlfi in dieſem äußerſten Augenblick nicht einmal einen Schrei ausgeſtoßen; „ſie wird nicht erbleichen vor meiner Rache!“ Dann fügte er laut bei: „Nun, Madame, kaltblütig, klug, vorſichtig, und wir ſind gerettet.“ 2 „Ich bin ruhig,“ erwiederte die Marquiſe; „was muß ich thun?“ „Vor Allem meine Hand loslaſſen, Sie können dies ohne Furcht thun, wir ſind nun feſt auf dieſem Abhange.“ „Ich fürchte nichts,“ ſagte Cornelia, welche beinahe auf der Seite lag; und ſie ließ die Hand von Robert los, die ſie allein über den um ſie her gähnenden Ab⸗ ſtürzen halten konnte. „Nun ahmen Sie mir nach, Madame; ſuchen Sie langſam auf die Kniee zu kommen, indem Sis ſo wenig als möglich Bewegung machen, um nicht abermals auszuglit⸗ ſchen .. Dann werden Sie mit Hülſe der Hände und der Kniee vorſichtig abermals den Abhang des Gletſchers hin⸗ aufſteigen; um ſich dies zu erleichtern, ergreiſen Sie das Gemſenhorn, das ſich an einem der Ende meines Stockes findet; ich werde das andere Ende halten, und das wird Sie unterſtützen; machen Sie aber beſonders ſe ungeſtümen Bewegungen, ſonſt ſind wir Beide ver⸗ vren „Ich habe den Tod von nahe geſehen . . die Gemüthsbewegung iſt groß und herrlich geweſen ſie genügt mir,“ erwiederte die Marquiſe d'Alfi. Und mit ebenſo viel Gewandtheit als Geiſtesgegenwart be⸗ folgte ſie die Ermahnungen von Robert. „Seid unbe⸗ ſorgt,“ fügte ſie mit ſpöttiſchem Tone bei, „ich ſagte 152 Euch ſo, und Ihr ſeid ſoeben davon Zenge geweſen: der gute Gott. beſchützt mich.“ „Ungeheuer,“ dachte Robert, „Deine Gottesläſterun⸗ gen werden bald beſtraft werden.“ Der Marquiſe, deren Kaltblütigkeit ſich mit der Ge⸗ fahr zu vermehren ſchien, gelang es, wie ihrem Führer, indem ſie ſich auf den Händen und den Knieen fort⸗ ſchleppte, die ſchlüpfrige Abdachung des Gletſchers zu erklettern. Sie erreichten ſeinen ebenen Theil und die Plattform, in denen Mitte ſich wie eine ſenkrechte Auc der Lehnſtuhl, der höchſte Gipfel der Tournette, erhebt. „Nun ſind wir in Sicherheit, Madame,“ ſagte Robert zur Marquiſe; „ehe wir weiter gehen, müſien Sie ausruhen, denn es iſt für Sie ein Bedürfniß, wie⸗ der Kräfte zu ſammeln.“ Cornelia hörte die Worte ihres Führers nicht; ob⸗ gleich keuchend und gelähmt vor Müdigkeit, gab ſie ei⸗ nen Ausruf der Bewunderung beim Anblick der Uner⸗ meßlichkeit von ſich, die ſch vor ihr entrollte, und blieb geblendet, bezaubert . . nie bis dahin hatte ſich vor ihren Augen die Größe der Schöpfung auf eine ein⸗ drucksvollere Weiſe geoffenbart. Der wolkenloſe Himmel dehnte ſein azurnes Ge⸗ wölbe auf einem Horizont von einem Umfang von dreißig bis vierzig Meilen aus, deren Mittelpunkt die Tonrnette bildete; funkelnd von Gold, Purpur und Licht, thürm⸗ ten ſich im Oſten die Schichten des Mont⸗Blanc auf, der noch die Sonne verbarg, die ſich langſam hinter dieſen Maſſen von einem Weiß, das ſo rein als der Schnee, mit dem ſie ewig bedeckt ſind, erhob; ihre Gletſcher ragten empor wie die Thurmſpitzen einer rieſigen ſilber⸗ nen Baſilika; unter der großen Kette der durch den Gipfel des Mont⸗Blane beberrſchten Alpen hoben ſich kräf⸗ tig von der Durchſichtigkeit des Horizonts die Rücken der ſecundären Ketten ab; im Süden die Berge der 153 Tarentaiſe und der Maurienne; gegen Norden die der Schweiz und des Jura; im Weſten die der Iſore und des Dauphiné, dann in den zwiſchen den Gebirgsrücken ausgehöhlten Baſſins die Fluren, die Wälder, die Seen, die Flüſſe, die Städte; — Alles dies erſchien unbeſtimmt durch den Morgennebel; es war nicht mehr die Nacht, es war noch nicht der Tag; doch plötzlich iſt der Tag da! Die Sonnenſcheibe hat ſich langſam über dem letzten Schnee und den letzten Gletſchern des Mont⸗Blanc erhoben; ſeine mattſikernen Pies emailliren ſich, die erſten Feuer des Tages wiederſtrahlend, mit einem lebhaften Roſa; die Gebirge von Savoyen, von Piemont, der Schweiz und von Frankreich bleiben noch im Dunkeln; allmälig färben ſich ihre höchſten Gipfel, und unter ihnen, als einer der erſten, die Tournette; ein Lichtſtrahl hat den Lehnſtuhl und dann die Plattform, auf der die Marquiſe und Robert ſtehen, vergoldet; die anderen Spitzen beleuchten ſich ſtufenweiſe und nach Maßgabe ihrer Höhe; wie die Sonne immer mehr auf⸗ ſteigt, geht die Röthe, welche ſich ſchon der Höhen be⸗ mächtigt hat, bis zur Hälfte der Berge hinab und drängt die Dünſte der Morgendämmerung in die bis jetzt in ein Halbdunkel getauchten Thäler und Ebenen zurück; dann werden auch bald die Spitze einer Kathedrale, die Thürme eines alterthümlichen Schloſſes, die Firſte eines Waldes beleuchtet; einen Augenblick nachher ſind ſogar die Ebenen von einem Lichtſtrome überfluthet, den da und dort große, von den Bergen herabfallende, Schatten unterbrechen; der Lauf der Flüſſe und die Spiegel der Seen glänzen nun wie helles Kryſtall; das weiße Netz der Landſtraßen ſtäubt, kreuzt ſich, ſtreckt ſich ins Unendliche aus . . . und der geblendete Blick verliert ſich in der wechſelreichen Unendlichkeit der Horizonte. Die Marquiſe überließ ſich mit Entzücken ihrer be⸗ ſchauenden Extaſe; ſie war ergriffen von jeuer tiefen Gemüthsbewegung, einer Miſchung von Begeiſterung 154 und Stolz, die man in ſich fühlt, wenn man ſich nach langen Stunden der Anſtrengungen und Gefahren bis zu dieſen Höhen erhoben hat, von wo aus man im Raume ſchwebt. Plötzlich ſagte Cornelia zu ihrem Führer: Und Lyon und Geuf. . und die Rhone?“ Robert ſtreckte langſam ſeinen Arm in weſtlicher Richtung aus und erwiederte: „Sie ſehen jene Waſſerfläche, welche in der Sonne glänzt? Das iſt der Genfer⸗See; jener ſchwarze Punkt, das iſt die Stadt; jener bläuliche, bald zwiſchen ab⸗ ſchüſſigen Ufern eingezwängte, bald durch endloſe Ebenen ſich hinſchlängelnde Faden . . das iſt die Rhone.“ „Armer Julian!“ dachte die Marquiſe d'Alfi, „Du biſt nach Geuf, nach dieſer Stadt gegangen, die ich von hier aus ſehe, und Du haſt den Tod in jenem Fluſſe gefunden, den ich mit dem Blicke verfolge .. Deine theuren Ueberreſte ſind dort, vergeſſen in der Tiefe eines Schlundes!!“ „Der Morgennebel verhindert uns noch, Lyon am äußerſten Horizonte zu unterſcheiden,“ fügte Robert un⸗ empfindlich bei, „Sie werden die Stadt erblicken, wenn wir da oben auf dem Lehnſtuhle ſind.“ So ſprechend, deutete der Führer auf die letzte Höhe, die ſie erreichen mußten, um auf den höchſten Gipfel der Tournette zu gelangen. Die Marquiſe ſchlug die Augen auf und ſah auf zwanzig Schritte von ſich, mitten auf der Plattform, in die er eingepflanzt zu ſein ſchien, emporſtehend einen un⸗ geheuren, an ſeiner Baſe, ſo zu ſagen, erdroſſelten Fel⸗ ſen, deſſen zackiger Kamm in Folge dieſer ſeltſamen Form auf allen Seiten hinausragte; dieſe weißlich graue Kalkmaſſe, welche kein Moos, keine Flechte grün färbte, hatte ungefähr hundert Fuß Höhe und hundert⸗ fünfzig Fuß Oberfläche; etwa in der Mitte ſeiner Breite und von ſeiner Baſe zu ſeinem Gipfel aufſteigend, durch⸗ furchte dieſen Felſen eine längliche Spalte, tief gegraben durch die Waſſer, welche ſeit Jahrhunderten bei großem Regen oder beim Schmelzen des Schnees dieſes enge eingeſchloſſene Bett aushöhlten, in das ſie ſenkrecht hinab fielen. Dieſe beinahe ſchnurgerade ausgehöhlte Kluft nannte man, wie es Robert der Marquiſe geſagt hatte, den Ka⸗ min; ſie bot ſtellenweiſe einige Felſenvorſprünge oder einige Aushöhlungen, mit deren Hülfe man ſich, indem man ſich mit den Füßen und den Händen anklammerte, indem man ſich der Schultern und der Kniee bediente, wie ein Schorn⸗ ſteinfeger, der in einer engen Röhre emporklettert, bis zu einer Höhe von ſechzig Fuß erheben konnte; hier fand ſich die innere Erweiterung eines Ausſchnittes, welcher urſprünglich in zwei unregelmäßige Theile die Firſte des Lehnſtuhls trennte; ſpäter verſperrte ein Fels⸗ block, der ſich von der Hauptmaſſe losmachte und in die Kluft rellte, dieſe halbz da ihn die innere Verengung ihrer Wände in ſeinem Sturze hemmte, ſo bildete er, ſo feſtgehalten, eine Art von ſehr ſchmaler Brücke gegen die Mitte des ſeeren Raumes des Ausſchnittes geworfen, wo⸗ hin der Kamin mündete. Nachdem man dieſe über Ab⸗ gründe geworfene Brücke überſchritten, dieſe Brücke, welche man den Stein nennt, mußte man eine letzte, beinahe ſenkrechte Abdachung erklettern, und man gelangte endlich auf die Spitze des Lehnſtuhls. „Sie ſehen, Madame,“ ſagte Robert, „nicht ohne Mühe können wir die Ruhe verdienen, die wir da oben genießen werden, wenn uns der Muth und die Kräfte nicht im Stiche laſſen.“ „Vorwärts!“ rief unerſchrocken Cornelia; und den Lehnſtuhl mit einem Blicke der Herausforderung meſſend, ſagte ſie zu ſich ſelbſt; „Sogleich, ſtolzer Berg, werde ich, auf deinem Gipfel ſtehend, dich mit meiner Höhe be⸗ herrſchen!“ 156 Robert entrollte nun die mit eiſernen Krampen ver⸗ ſehene Strickleiter, die er bis dahin auf ſeinem Rücken getragen hatte, und ſagte zu Cornelia: „Durch dieſe Strickleiter werden Ihnen viele Ge⸗ fahren und Schwierigkeiten erſpart ſein. Madame; nach⸗ dem Sie den Stein, der als Brücke dient, überſchritten haben, befeſtige ich am Gipfel des Lehnſtuhls dieſe Lei⸗ ter mittelſt ihrer Krampen, die ich an den Spalten des Felſen anhänge; Sie werden ſodann ohne zu große Mühe die letzte Abdachung erklettern; anch können Sie durch daſſelbe Mittel ungefähr bis zur Hälfte des Kamins ge⸗ langen. Bleiben Sie einen Angenblick hier.“ Der Führer ſteckte ſeinen Kopf zwiſchen zwei Quer⸗ hölzern der Leiter durch, ſo daß ſie wie ein Chorrock auf ſeine Bruſt und ſeinen Rücken herabfiel, ſtieg bis unge⸗ fähr zur Hälfte der Höhe des Kamins hinauf, indem er ſich mit Geſchicklichkeit der Vorſprünge und der Vertie⸗ fungen des Felſen bediente, um dieſe gefährliche Auf⸗ ſteigung zu bewerkſtelligen, gelangte ſo zu einer Höhle, welche tief geuug, daß zwei Perſonen ſich darin kauern konnten, blieb an dieſer Stelle ſtehen und befeſtigte zwi⸗ ſchen den Spalten der Steine die Krampen der Leiter, bediente ſich ihrer ſodann, um wieder zu der Marguiſe hinabzuklettern, und ſagte zu ihr: „Madame, ſteigen Sie bis zu jener Höhle binauf, von der ich herabkomme, und warten Sie dann, bis ich die Leiter wieder losgemacht habe, denn es iſt unmöglich, ſich derſelben darüber zu bedienen, um den Kamin vollends zu erklettern; doch wir werden dieſes Seil benützen, mit deſſen Hülfe ich Sie feſthalte; ich will es zum Voraus unter Ihren Armen feſtbinden, und Sie rollen es ſodann um Ihren Gürtel, damit es Ihnen in Ihren Bewegun⸗ gen nicht hinderlich iſt. Eine ſcheinbare Stärke aus ihrer fieberhaften, über⸗ mäßigen Aufregung ſchöpfend und nur ihren Muth zu Rathe ziehend, rollte die Marquiſe um ihren Leib das 157 ſorgfältig durch Robert unter ihren Armen befeſtigte Seil; der Führer faßte kräftig das Ende der Leiter an, um durch dieſe Spannung das Aufſteigen von Cornelia zu erleichtern, und dieſe wandte ſich, behende von Sproſſe zu Sproſſe kletternd, nach der Höhle, während Robert, der ihr mit einem Blicke finſterer Freude folgte, zu ſich ſagte: „Steige auf . . Weib ſteige auf zu Deinem Grabe.“ Die Marguiſe, als ſie endlich die Höhle erreichte, kauerte ſich, und ihr Führer rief ihr zu: „Neigen Sie ſich nur nicht vorwärts und ſchauen Sie beſonders nicht unter ſich . . . ſchließen Sie eher die Angen, ſonſt werden Sie vom Schwindel ergriffen; ſuchen Sie, ohne zu große Bewegungen zu machen, das Seil zu entrollen, das Sie umgibt, und reichen Sie mir das Ende davon, wenn ich Sie eingeholt habe.“ Robert, ehe er abermals im Kamin hinaufkletterte, betrachtete einen Augenblick die Marquiſe; er dachte, ſo geſtellt, zwiſchen dem Himmel und den Abſtürzen, könnte ſie, wenn die Leiter weggenommen wäre, nicht wieder herabſteigen. „Sei ohne Furcht,“ murmelte er, „ich werde Dich nicht dort laſſen!!! Deine Schädelſtätte iſt höher! Die Rache des Himmels gebe, daß Dir kein Unfall vor der Stunde der Sühne widerfährt.“ Dann ſtieg er abermals im Kamin bis zu der Stelle hinauf, wo die Strickleiter befeſtigt war, machte ſie los, hing ſie, wie er vorher geſagt hatte, mit Hülfe von Cor⸗ nelia, wie eine Art von Chorrock auf ſich und ſprach zur Marquiſe: „Muth, Madame, ehe eine Viertelſtunde vergeht, werden wir auf dem Lehnſtuhle ſein; geben Sie mir das Ende des Seiles, das Sie um ſich gerollt haben, ich werde es zwiſchen meine Zähne nehmen, bis ich zum Steine gelangt bin; von dort kann ich Sie mittelſt die⸗ ſes Seiles leiten, unterſtützen und Ihnen ſo die Höhe — 158 des Kamins erreichen helfen . . . Schauen Sie aber, thteth Sie in dieſer Höhle bleiben, nur nicht zu Ihren Füßen.“ Zwiſchen ſeinen Zähnen das Ende des Seiles hal⸗ tend, mit dem die Marquiſe umgürtet war, ſetzte Robert ſeine Aufſteigung fort; Cornelia, obgleich ihr Führer ſie wiederholt nicht zu ihren Füßen zu ſchauen ermahnt hatte, gab noch einmal ihrer vermeſſenen Gewohnheit, den Gefahren eine Herausforderung zuzuſchlendern, nach. Sie machte ſich als eine Feigheit das längere Beob⸗ achten der klugen Einſchärfungen von Robert zum Vor⸗ wurf und ſenkte nnter ſich einen Blick . einen einzi⸗ gen Blick. Die Höhle, in der ſich die Marquiſe dAlfi gekauert hielt, ward von einer Krümmung des Felſen gebildet, und an dieſer Stelle ragte dieſer dergeſtalt über ſeine Baſe hinaus, daß die Plattform, in deren Mitte er ſich erhob aus den Angen von Cornelia verſchwand; ſie erblickte nur noch die in einer ungeheuren Tiefe verlorenen Ab⸗ hänge des Gletſchers, der ſenkrecht über den Thälern von Thones und Serraval emporzuragen ſchien. Beim Anblick dieſer unter ihr gähnenden Unermeß⸗ lichkeit waren der Muth, die Energie, der Wille der Marquiſe einige Secunden lang gelähmt; der entſetzlichen Anziehungskraft des leeren Raumes nachgebend, warf ſie ſich vergebens zurück, ſtemmte ſie ſich mit den Schultern gegen die Wände der Höhle, in der ſie kauerte, klam⸗ merte ſie ſich vergebens mit den Händen und den Nägeln an den Vorſprüngen des Felſen an. Dieſer Fels . ſie glaubte zu fühlen, wie er unter ihr weiche und lang⸗ ſam gegen den Schlund zuſammenlaufe, von dem ſie den Blick nicht mehr abwenden konnte .. Schon einer un⸗ überwindlichen Gewalt, die ſie rief, gehorchend, und als hätte ſie der Abgrund athmend on ſich gezogen, neigte ſie unmerklich ihren Körper vorwärts ihre Finger, die ſie krampfhaft an das Felsgeſtein anpreßte, ſchienen 159 ſchlaff zu werden, ſich zu löſen . . . ihr Blick trübte ſich der Himmel, der Horizont, den ſie nur noch ver⸗ worren erſchaute, drehten ſich vor ihren Augen mit einer ſchwindelhaften Schnelligkeit; ein ſcheinbar kindiſcher, in dieſem Augenblick jedoch furchtbarer Umſtand ſteigerte den Schrecken der Marquiſe auf den höchſten Grad: der Rabenſchwarm, der bei den Zugängen des Gletſchers entflogen war, erhob ſich plötzlich von dem Orte, wo er ſich niedergelaſſen, und ſchwebte, unheimliches Geſchrei ausſtoßend, über ihr . . . Das Herz entſchwand ihr; ſie glitt gegen den Abgrund, ſie ſtürzte hinunter . . . hätte ſie nicht plötzlich das Seil, mit dem ſie umgürtet war, raſch ſich anſpannend, zurückgehalten. Cornelia hörte ſodann die Stimme ihres Führers, der ſchon auf die Firſte des Kamins gelangt war. „Madame,“ rief Robert, „Sie können nun aufſteigen; zu größerer Sicherheit habe ich das Seil an eine Fel⸗ ſenſpitze angebunden, und ich werde Sie nur noch, wäh⸗ rend Sie mir näher kommen, zu leiten haben.“ Nachdem die Gefahr beſchworen war, fand die Mar⸗ quiſe dAlfi ihre Geiſtesgegenwart, ihre Kühnheit wieder, und obgleich noch blaß vor Schrecken, ſagte ſie mit einem ſpöttiſchen Lächeln zu ſich ſelbſt: „Ah! wie bleich ſind die gewöhnlichen Gemüthsbe⸗ wegungen gegen das mächtige Gefühl, das mich ſo eben ergriffen hat . .. Welches Wohlbehagen! welche unſäg⸗ liche Erleichterung folgt auf den Schrecken! mit welcher Wonne athmet man das Leben durch alle Poren ein, nachdem man beinahe verloren geweſen wäre! Findet doch ſolche Gefühle im Spiele, findet ſie in der leiden⸗ ſchaftlichſten Liebe! Nein, ich blasphemire, meine ſelt⸗ ſame Liebe für Dich, o Julian, verdoppelt die berau⸗ ſchende Herbheit dieſer Gemüthsbewegungen. Iſt es, wenn ich an dieſem Tage zweimal den Tod von Ange⸗ ſicht zu Angeſicht erſchaut habe . . . erſchreckliche, er⸗ habene Anſchauung! nicht ſo geweſen, weil ich dieſen 160 Gipfel zu erreichen ſuchte, von wo aus ich Lyon und die Rhone, die Wiege und das Grab Deiner Liebe, ſehen werde!“ „Auf, Madame, noch eine kurze Anſtrengung!“ rief Robert, der auf der Firſte des Kamins kniete. „Von der Stelle aus, wo ich bin, kann ich Sie unterſtützen, kann ich Sie mittelſt des Seiles leiten . . . Seien Sie ohne Furcht, es iſt feſt angebunden.“ „Der Schwindel betänbte mich einen Augenblick, doch dieſe Schwäche iſt vorüber,“ erwiederte die Marquiſe. Und indem ſie mit Aufmerkſamkeit die Paſſage betrach⸗ tete, welche ſie zu erklettern hatte, bemerkte ſie ſtellenweiſe Hervorragungen am Felſen, welche ihr Aufſteigen um ſo mehr erleichtern mußten, als ſie ſich, unterſtützt durch das Seil und ſo beruhigt über jede Gefahr, nur noch zwiſchen den zwei Wänden des Kamins zu erheben hatte, ein allerdings mühſames, ſchwieriges Unternehmen, je⸗ doch ausführbar gemacht durch den Rath und die Anlei⸗ tung von Robert, der über Cornelia knieend und vorge⸗ neigt ihr zurief: „Setzen Sie Ihren Fuß auf dieſen Vor⸗ ſprung links . . . nun in jene Spalte rechts . . halten Sie ſich mit den Händen an dieſem Steine an . Und ſo überwachte er jeden Schritt der Marquiſe, und indeß ſie fortwährend aufſtieg, ſagte er zu ſich ſelbſt, da er die Stunde ſeiner Rache immer näher rücken ſah: „Steige auf, Weib . ſteige auf zu Deinem Grabe.“ Die Marquiſe erreichte ſo eine Art von kleiner Platt⸗ form, welche unter dem Bogen lag, den das Hinüberra⸗ gen des Steins bildete. „Bleiben Sie hier, Madame,“ ſagte Robert, den ſie nun eingeholt hatte; „doch ſchauen Sie nicht durch die Oeffuung, welche auf dieſer Seite den Annecy⸗See zu ſehen erlaubt, der Schwindel würde Sie ſonſt erfaſ⸗ ſeu. Ich will Sie von dieſem Seile befreien, das nun unnütz iſt; dann werde ich über den Stein ſchreiten, um die Leiter auf dem Gipfel des Lehnſtuhls zu befeſtigen. In fünf Minuten ſind wir dort; warten Sie auf mich, ich komme ſogleich zurück.“ Cornelia ſah ihren Führer aufrecht und mit feſtem Fuße über die Brücke gehen, welche der Stein zwiſchen ihr und dem Abgrunde bildete .. Hiernach zwiſchen ſei⸗ nen Knieen und ſeinen Armen einen Vorſprung des an dieſer Stelle völlig ſenkrechten Felſes preſſend, kletterte er an dieſer Hervorragung hinauf, wie man an einem Baume hinaufklettert, gekangte ſo auf den Gipfel des Lehnſtuhls und befeſtigte ſodann daran die Strickleiter, welcher er ſich, um wieder hinabzuſteigen, bediente. Bei dem Gedanken, aufrecht oder kriechend, jedoch ohne irgend eine Stütze über den ſchmalen, ein paar Schritte langen Stein hinzugehen, von wo aus man unter ſich die unermeßlichen Tiefen erſchaut, deren An⸗ blick ihr einen heftigen Schwindel verurſacht hatte, ſchauerte die Marquiſe, nicht aus Feigheit, ſondern in der Erin⸗ nerung an die unüberwindliche Betäubung, welche fie ein paar Minuten zuvor beinahe in den Abgrund geſtürzt hätte, — eine furchtbare Gefahr, deren erſchreckliche Poeſie ſie gekoſtet hatte. „So eben,“ ſagte ſie zu Robert, „ſo eben wollte ich unter mich ſchauen . . . der Kopf wirbelte mir . . . ohne das Seil war ich verloren . . . Mein Entſchluß iſt unerſchütterlich, ich will da hinauf gehen, ich werde gehen. Nur kann es ſein, daß ich abermals vom Schwindel er⸗ griffen werde, wenn ich über dieſen Stein hinſchreite .. wie iſt das zu vermeiden?“ Nichts kann leichter ſein,“ erwiederte Robert, nach⸗ dem er einige Augenblicke nachgedacht hatte. „Der Stein iſt breit genug, daß ſich zwei Perſonen, nicht neben einan⸗ der, ſondern ſeitwärts, indem ſie einander das Geſicht zuwenden, darauf halten können; wir werden uns ſo ſtellen, Madame; ich nehme Ihre Hände in die meinigen⸗ Cornelia dAfi. 11½ 162 wir gehen ſeitwärts, und Sie folgen allen meinen Be⸗ wegungen, indem Sie beſtändig Ihre Augen auf die meinigen geheftet halten . . . So werden Sie den An⸗ blick der Abſtürze vermeiden.“ „Gut,“ verſetzte Cornelia. Robert nahm in ſeine Hände die Hände der Mar⸗ quiſe, die ſich ihm gegenüber ſtellte, und deren Blicke die ſeinigen nicht verließen. So rückte er ſeitwärts gehend mit ihr auf dem Felsblocke, der die Brücke bildete, vor, und Beide überſchritten nach und nach den Stein. Dieſer Uebergang zwiſchen zwei Unermeßlichkeiten, der des Himmels und der des Abgrundes, dauerte kaum ein paar Secunden; doch während dieſer paar Secunden er⸗ ſchien eine ganze ſchmerzliche, verzweiflungsvolle Ver⸗ gangenheit vor dem Geiſte von Robert. Dieſe Fran, die ihm, beinahe um ihn zu berühren, gegenüberſtand, dieſe Frau, deren Hände er in den ſeinigen drückte dieſe Frau, mit der er einen ſtarren Blick wechſelte, dieſe Frau, die er zwiſchen dem Leben und dem Tode ſchwebend hielt, hatte Julian in den Selbſtmord getrieben „ So groß war der Abſcheu, den ſie ihm einflößte, daß er ſich ver⸗ rathen haben würde, hätte er noch ein paar Momente länger die Thätigkeit des Blickes und den Druck der Hand dieſes verhaßten Geſchöpfes ertragen müſſen . Als der Stein überſchritten war, rief er, indem er Cornelia die am letzten Pic, der zu erklettern blieb, befeſtigte Strickleiter zeigte: „Endlich ſind wir an Ort und Stelle, wir berüh⸗ ren das Ziel.“ „Ich ſagte ja, ich werde dahin gehen!“ rief die Marguiſe d'Alfi berauſcht, triumphirend; und ſie eilte auf die Strickleiter zu und ſtieg raſch hinauf, während Robert, ebenfalls trinmphirend, indem er ihr mit einem wilden Auge folgte, murmelte: Noch eine Sproſſe noch eine .. und dieſe .. . und dieſe letzie. . o mein Sohn Du 163 biſt gerächt! Das Ungeheuer iſt nun auf dem Steine ſeines Grabes.“ Nach dieſen Worten ſtieg Robert ebenfalls haſtig die Leiter hinauf erreichte den Gipfel in dem Augenblick, wo die Marquiſe, aufrecht ſtehend, die Arme gekreuzt, den Buſen wogend, die Wange in Flammen, das Auge funkelnd, ausrief: „Endlich trete ich dich unter meinen Füßen, ſtolzer Gipfel!! Dann ſprach ſie zu ihrem Führer, welcher, knieend, ſich beeilte, die Haken der Leiter vom Felſen loszumachen: „Von hier aus „ muß man Lyon, Geuf, die Rhone erblicken .. Ich will „ Sie vollendete nicht. Nit leichenbleichem, entſetzlichem Geſichte richtete ſich Robert in ſeiner ganzen Höhe auf, und ohne Cornelia zu antworten, deutete er auf die Strickleiter, die er in den Raum ſchleuderte. Epilog. Der Gipfel des Lehnſtuhls, auf den Robert und die Marquiſe gelangt ſind, bietet eine Länge von unge⸗ fähr dreißig Fuß, bedeckt mit Bruchſtücken und Trüm⸗ mern, welche ſeit Jahrhunderten durch den Blitz, durch die Thätigkeit des Regens, des Schnees oder des Eiſes von der Hauptmaſſe gebrochen oder gelöſt worden ſind; ein einziger Kalkblock von ziemlich großem Umfang er⸗ hebt ſich über dieſen Trümmern, und man lieſt in die⸗ ſen Stein eingegraben die Namen mehrerer Tonriſten, welche bis zum Lehnſtuhle hinaufgeſtiegen ſind. Nichts 164 vermag den unheimlichen Anblick dieſes ſchmalen, wüſten Gipfels, den der Abgrund auf allen Seiten umgibt, zu ſchildern. Die Marguiſe, da ſie ihren Führer in den Raum die Strickleiter, das einzige Mittel des Hinabſteigens, welches ihnen blieb, ſchleudern ſieht, iſt Anfangs ſtumm vor Erſtaunen, dann ruft ſie: Dieſe Leiter ſollte uns ja zum Hinabſteigen dienen? Robert mit ernſter Stimme. Wir werden nicht wieder hinabſteigen. Die Marquiſe d'Alfi, vor dem Blicke ihres Führers zurückweichend. Was ſagt dieſer Menſch! (indem ſie ſich zu berubi⸗ gen ſucht, fügt ſie boffärtig beit) Was bedeutet das? Iſt das ein unverſchämter Scherz? Robert, nnempfindlich, auf den ungeheuren Horizont deutend, den der Lehnſtuhl beherrſcht. Marquiſe . . . Sie müſſen auf dieſe Welt verzich⸗ ten! Der Lehnſtuhl wird für uns ein Ort ewiger Ruhe ſein. Die Marquiſe d'Alfi. Wehe mir! Ich habe zum Führer einen Narren genommen. Ich bemerkte ſchon etwas Stieres in den Augen dieſes Menſchen! Robert ergreift den Arm der durch das Erſtaunen und den Schrecken gelähmten Marquiſe, läßt ſie ein paar Schritte auf der Plattform des Lehnſtuhls machen und deutet mit dem Zeigefinger gegen Weſten. Sehen Sie dort . . . dort . am Horizont .. . ſo weit das Auge reicht . . . jenen ſchwarzen Punkt, nach dem die glänzende Linie mündet, die ſich, aus jenem See hervorgehend, hinſchlängelt? 165 Die Marquiſe d'Alfi, beinahe maſchinenmäßis. Ja . ich ſehe. Robert. Jener See iſt der Genfer⸗See jene glänzende Linie iſt die Rhone . . jener ſchwarze Punkt iſt Lyon. Die Marquiſe d'Alfi mit einer mit Angſt gemiſchten Ungeduld. Gut Ich habe geſehen, was ich ſehen wollte! laſſen Sie uns gehen ich will, gehorchen Sie. Robert, nit einem finſtern Lächeln. Ah! Sie haben geglaubt, ich führe Sie hierher, um Ihre leichtfertige Reugierde zu befriedigen? Ah! Sie glauben, es ſei genug damit, daß Sie einen zer⸗ ſtreuten Blick auf jene entfernten Orte, auf den Genſer⸗ See . die Rohne .. und Lyon geworfen! (Mueiner dumpfen, dem Ausbruche nahen Wuth.) Sie wiſſen alſo nicht... Die Marquiſe d'Alfi unterbricht plötzlich, von einer beruhigenden Idee ergriffen, ihren Führer. Ich begreife; nein, Sie ſind kein Narr . . Ihre Geiſtes gegenwart bei dieſem Ausfluge, Ihre Worte, Al⸗ les beweiſt es mir. Ich will Ihnen die Wahrheit ſagen: Sie wiſſen, daß ich reich bin, Sie wollen auf meine Angſt ſpeculiren und einen ungeheuren Preis auf Ihre Dienſte ſetzen, weil es mir nun unmöglich iſt, ohne Ihren Beiſtand hinabzuſteigen, gut. (Sie zieht mebrere Diamantringe von ihren Fingern und übergibt ſie Robert.) Ehe ich mich für immer von dieſen Juwelen, welche ſieben bis achttauſend Franken werth ſind, trennen würde, gebe ich das Doppelte dieſer Summe; behalten Sie die Ninge; wenn wir in meine Wohnung kommen, geben Sie mir dieſelben zurück, und Sie empfangen dagegen zwanzigtauſend Franken. (Robert nimmt in ſeiner hohlen Hand die Juwelen auf; dann nähert er ſich langſam dem felſigen Kranze 166 des Lehnſtuhls und läßt, die Marquiſe ſtarr an⸗ ſchauend, die Ringe einen nach dem andern in den Abgrund fallen.) Die Marquiſe d'Alfi, erbleichend. Ich täuſchte mich! Es unterliegt keinem Zweifel mehr er iſt ein Narr. . . Ich bin verloren! Robert, nachdem er die Juwelen in den Abgrund geworfen hat, ſcheint den Horizont aufder weſtlichen Seite, wo Lyon liegt, zu betrachten; er ſtreckt ſeine Hand über ſei⸗ nen Kopf empor, um die Richtung des Windes, tit zu erheben anfängt, beſſer zu fühlen, und agt: Der Wind wechſelt! Von Norden dreht er ſich gegen den ſchon mit Wolken beladenen Weſten; binnen Kurzem wird er uns umhüllen, und der Schnee wird auf den Gipfel fallen, auf dem wir ſind .. Marguiſe, dieſer Schnee wird unſer Leichentuch ſein. Die Marquiſe d'Alfi ſinkt, gelähmt durch die Mävig⸗ . keit und den Schrecken, auf ein Felsſtück. Hier! allein . .. der Willkür dieſes elenden Rarren anheimgegeben! Oh! ich bin verloren! ver⸗ loren! Robert ſetzt ſich zu der Marquiſe. Sie haben geſagt: verloren! Das iſt Schade, nicht wahr? Sterben mit ſechsundzwanzig Jahren, reich und ſchön! ebenſo ſchön als grauſam und verdorben! Beurtheilen Sie! Venus wäre im Vergleiche mit Ihnen häßlich und Meſſalina eine Heilige!! Und dann hatten Sie den Becher der Schande ganz geleert; Sie fühlten ſich ſo behaglich im Verbrechen, daß Ihre eherne Stirne nicht mehr erröthete Doch Ihre Dienſtboten errötheten für Sie (ich ſpreche mit Ihnen in der Vergangenheit und als ob Sie todt wären, weil Sie zu dieſer Stunde todt ſind). Es iſt wahrhaftig Schade, Sie wären in 167 dieſem ſchändlichen Leben alt geworden . . Sie fan⸗ den darin Ihr Glück! Die Thränen, das Blut der Menſchen, welche für Sie ſtarben oder durch Sie das Leben verloren, verkitteten dieſes Glück! Was iſt daran gelegen! Laſter, Frechheit, Strafloſigkeit, dieſe drei Worte faßten bis heute Ihr Leben zuſammen! Stumm iſt das Gefetz vor dieſen eleganten Mördern, wo der Henker, einen Strauß in der Hand, mit dem Blicke foltert und mit dem Gelächter tödtet ... Doch ich ſage Ihnen, der Tag der Sühne iſt gekommen Wir Beide ſind allein hier, ſieben bis achttauſend Fuß über der Wohnſtätte der Menſchen; ſogleich werden wir in den Wolken verloren ſein; ſehen Sie . . ſchon bedeckt ſich der Weſten mit Dünſten; ſie nähern ſich mit der Ge⸗ ſchwindigkeit des Orkans; der Wind wird eiskalt . . . Binnen Kurzem wird uns der Schnee als Leichentuch dienen. . . Weit entfernt, ihren Führer zu unterbrechen, iſt die Marquiſe dAlfi vielmehr mit einer keuchenden Reugierde an ſeinen Lippen hängen geblieben und hat es ver⸗ ſucht, zu ahnen, was der Zweck oder der Ausgang die⸗ ſes furchtbaren Geſpräches ſein könnte; ſchon bemächti⸗ gen ſich große finſtere Wolken, von einem heftigen Winde gejagt, almälig gegen Nordoſten des kaum noch ſo rei⸗ nen Horizonts und ſcheinen ſich bald wie Wellen am Fuße des Lehnſtuhls brechen zu müſſen, denn über die⸗ ſem erhabenen Gipfel iſt der Himmel immer blau, die Sonne immer ſtrahlend. Nach einem ziemlich langen Stillſchweigen fühlt die Marguiſe ihren, einen Augenblick niedergeſchlagenen Muth wiedererwachen; ihr Stolz empört ſich bei dem Gedan⸗ ken, ſie ſcheine der Furcht nachzugeben; ſie ſteht auf und ſpricht, die Stirne hoch erhebend, ein ſpöttiſches Lächeln um die Lippen, zu Robert, der, ſeinen Ellenbogen auf ſeinen Schooß, ſeine Stirne auf ſeine Hand ſtützend, ſitzen bleibt: 168 Mein Herr, Sie ſind allerdings außerordentlich unverſchämt, doch geſtehen Sie, Sie ſind auch ſehr feig! Der Zufall gibt mir zum Führer irgend einen un⸗ bekannten Feind, ich vertraue mich dieſem Menſchen an, ich bin ſeiner Willkür preisgegeben, ich bin Weib . . er wirft mir den Schimpf ins Geſicht und wagt es nicht einmal, mir zu ſagen, wer er iſt, was er will, was er mir vorwirft. Robert ſchlägt, immer ſitzend, die Augen zur Marquiſe auf. Sie fragen mich, wer ich ſei? Die Marguiſe d'Alfi. Ja. Robert. Sie fragen mich, was ich Ihnen vorwerfe? Die Marquiſe d'Alfi. Ja. Robert. Sie fragen, was ich mit Ihnen thun wolle? Die Marquiſe d'Alfi beiſeit. Unwillkürlich macht mir dieſer Menſch bange. Robert ſteht auf, ergreift mit einer krampfhaften Hand den Arm der Margqniſe und bezeichnet ihr nach und nach durch die Geberde am Horizont drei Punkte. Schauen Sie dorthin, jener ſchwarze Punkt, den die Wolke noch nicht überzogen hat, das iſt Lyon . In dieſer Stadt wohnte ich mit meinem Sohne Er lernte Sie kennen! Sechs Wochen nachher begab er ſich nach Genf .. Schauen Sie dorthin, das iſt Genf. Jener Fluß, der aus dem See hervorkommt, iſt die Rhone, in welcher ſich mein Sohn aus Verzweif⸗ lung ertränkt hat . . . (Mit einem furchtbaren Ausbruche) Ich bin der Vater von Julian! 169 Die Marquiſe d Alfi vebt, wirft einen tieſen Blich auf Robert und bleibt ſtumm und nachdenkend. Der Horizont iſt beinahe ganz verdüſtert, ein hefti⸗ ger Sturm rückt heran und treibt dicke Wolken vor ſich her, doch der Lehnſtuhl iſt ſo hoch, daß ſie zu ſeinen Füßen rollen und ſchwimmen, wie ein Meer von ſchwar⸗ zen Dünſten, ſtellenweiſe durchfurcht von Blitzen. Man hört in der Ferne das dumpfe Toſen des Donners, doch über dem Lehnſtuhle glänzt noch an einem azurblanen Himmel die Sonne. Die Marquiſe hat bei den Worten ihres Führers: „Ich bin der Vater von Julian,“ geſchauert. Bald aber er⸗ hebt ſie ihre kühne Stirne wieder, ſchaut Robert feſt an, nähert ſich ihm, ſetzt ſich auf das Felsſtück, von dem ſie aufgeſtanden war, und ſpricht mit einem ſpöt⸗ tiſchen Lächeln und einem eiskalten Phlegma zu ihm: Ah! Sie ſind der Vater von Julian! Nun wohl! mein lieber Herr, laſſen Sie uns plaudern. Robert erhebt beide Fäuſte gegen die Marquiſe. Ungeheuer! Die Marquiſe d'Alfi, immer ſitzend und ihn feſt anſchauend. Gut . und ſodann? Robert außer ſich, packt mit beiden Händen die Marquiſe krampf⸗ haft bei den Schultern. Du ſollſt ſterben. Die Marquiſe d'Alfi. Ich weiß es . . und hernach? Verſteinert durch ſo viel Keckheit, bleibt Robert un⸗ beweglich und betrachtet die Marquiſe dAlfi mit Entſetzen. Die bis jetzt unter der Plattform der Tournette auf⸗ gethürmten Wolken fangen an ſich dieſer allmälig wie eine ſteigende Fluth zu bemächtigen; das Brauſen des herannahenden Gewitters vermiſcht ſich mit dem Krachen 170 des Donners, die ſcharfe Helle der Blitze beleuchtet zu⸗ weilen mit einem feurigen Roth die Wolkenmaſſe, welche auf allen Seiten den Horizont verſchleiert; aber die Wol⸗ ken haben noch nicht die Firſte des Lehnſtuhles umhüllt, über dem der Himmel immer heiter, die Sonne immer blen⸗ dend iſt, während zu den Füßen von Robert und Cor⸗ nelia der Sturm unter Donner, Hagel, Regen, Blitzen und dem Pfeifen des Orkans losbricht .. Doch unem⸗ pfindlich vor den entfeſſelten Elementen, triumphirend wegen des Entſetzens, das ſie Robert einflößt, dem Ge⸗ witter, dem Tode einen letzten Blick der Herausforderung zuſchlendernd, nimmt die Margquiſe aus der Taſche ihres ſeidenen Paletot ihr goldenes Etui, reibt auf dem Deckel ein Zündhölzchen, ſteckt eine Cigarre an, bläſt, den Ellenbogen auf ihren Schvoß ſtützend, den leichten Tabak⸗ rauch in den Wind hinaus und fagt zu Robert: Dieſer herrliche Sturm iſt eine würdige Krone für unſere Aufſteigung! Ja, bis jetzt hatte ich Menſchen, aber nie den Donner zu meinen Füßen murren ſehen; .. dieſes Schauſpiel iſt höchſt intereſſant. Robert zur Marquiſe zurückkehrend. Ihre hölliſche Frechheit hatte mich vorhin auf das Aeußerſte getrieben . . . Zum Glück habe ich dieſer Be⸗ wegung der Wuth nicht nachgegeben; von mir in den Abgrund geſchleudert, wären Sie ohne Todeskampf ge⸗ ſtorben? Die Marguiſe dAlfi. Da Sie wiſſen, daß ich nicht ohne Ihre Hülfe von hier hinabſteigen kann, ſo werden Sie mich alſo auf dieſem Felſen zurücklaſſen, damit ich vor Hunger oder älte ſterbe? Robert. werde bei Ihnen bleiben. Die Marquiſe d'Alfi. Bis zum Ende? 171 Robert. Bis zum Ende . Ihr Loos wird das meinige ſein, wir werden Beide ſterben. Die Marquiſe d'Alfi. Meinen Tod begreife ich . . . Sie rächen Ihren Sohn, mein lieber Herr, doch Sie warum wollen Sie ſterben? Robert. Das iſt meine Sache; ich habe meine Gründe und werde auch ſterben. Die Marquiſe d'Alfi. Verzeihen Sie, ich bin unbeſcheiden geweſen .. Es iſt alſo beſchloſſen, daß dieſer Lehnſtuhl unſer Grab ſein wird; erlauben Sie mir jedoch eine Bemerkung: nehmen wir an, meine Leute, wenn ſie mich nicht zu⸗ rückkehren ſehen und ängſtlich gemacht durch dieſen Sturm, den man von der Ebene gewahren muß, ver⸗ ſammeln Führer und kommen mir zur Hülfe? Robert. Steigt Einer herauf, ſo nehme ich Sie in meine Arme und ſehen Sie . wir werden die Wahl haben zwiſchen dieſen Abſtürzen, welche auf jeder Seite den Lehnſtuhl umgeben. Die Marquiſe d'Alfi raucht fortwährend. Sie ſind ein poſitiver Mann . . . Sie führen die Einwürfe auf. Nichts zurück, das iſt das Wort gut! Ich ziehe dem Zweifel die Gewißheit vor, ich liebe die klaren Stellungen, die meinige iſt es in jeder Hinſicht; ich ver⸗ möchte nicht von hier ohne Ihre Hülfe hinabzuſteigen, die Leiter iſt verloren; die Müdigkeit, gegen welche mein Wille lange gekämpft hat, lähmt mich. Zum Glück ver⸗ ſpürt mein Verſtand noch nichts von der Vernichtung meiner Kräfte; unſere letzte Unterhaltung wird auch in⸗ 172 tereſſant ſein; um den Tod Ihres Sohnes zu rächen, mein lieber Herr, nöthigen Sie mich alſo, mit Ihnen auf dieſem Felſen zu ſterben, oder Sie ſtürzen ſich mit mir in einen Abgrund? Das iſt abgethan. Seltſam! geſtern noch fragte ich mich, auf welche Art und in welchem Alter ich ſterben werde. Wie weit war ich da⸗ von entfernt, dieſes originelle und nahe bevorſtehende Ende vorherzuſehen! Ah! laſſen Sie uns ein wenig von Julian ſprechen . Der Augenblick iſt feierlich, Sie ſpielen die Rolle der rächenden Vorſehung, der Donner brummt unter uns in der Manier eines Baſſo can⸗ tante, ein furchtbares Accopagnement, das ſehr zur rechten Zeit kommt, um Ihre Bannflüche zu verſtärken. Hören Sie, welch ein ſchöner Donnerſchlag! Der Lehn⸗ ſtuhl hat darob gezittert, und meine Cigarette iſt, glaube ich, aus Schrecken erloſchen. Oh! der herrliche Blitz, ganz Feuer und Flamme; ich bin geblendet! Der Sturm umhüllt uns nun, die Wolken ſteigen, kaum vorhin noch zu unſern Füßen, über unſere Häupter empor. Sehen Sie, ſie werden ſogleich dieſe ſtrahlende Sonne, die ich ſo ſehr liebe, verſchleiern .. Es iſt um ſie geſchehen ... Fahre wohl, Sonne, ſchöne Sonne, auf immer fahre wohl!. Wir ſind alſo nun in der Finſterniß der Wolke verloren; ich wiederhole Ihnen, Sie werden nie einen erſchrecklich günſtigeren Angenblick finden, um mit mir von Julian zu ſprechen. . . . Bald ſind Robert und Cornelia von einem undurch⸗ dringlichen Nebel umgeben; kaum können ſie auf zehn Schritte von ſich das Felsgeſtein der Plattform des Lehnſtuhls unterſcheiden; die Donnerſchläge und die Blitze werden minder häufig, doch ein eiskalter Nordwind fängt an zu wehen; man ſieht einige leichte Schneeflocken durch den dicken Nebel wirbeln. Robert hat der Marguiſe ſtillſchweigend zugehört; er erwiedert: Indem ich Ihnen ſagte: Ich bin der Vater von 173 Julian! habe ich Alles geſagt. Sie haben begriffen, Sie haben ſich entfärbt. Sie kennen nun das Lvos, das Ihrer harrt . . . Befehlen Sie Ihre Seele Gott .. hoffen Sie nicht, mich zu erweichen. Die Marquiſe d'Al fi. Ich! Sie zu erweichen ſuchen! Ich! zittern vor Ihnen! Schauen Sie mir doch ins Geſicht Leſen Sie in meinen Zügen eine feige Angſt2 Sollte Ihnen Julian nicht geſagt haben, was für eine Frau ich bin? Robert. Sie ſind ein Ungeheuer der Verderbniß und der Grauſamkeit 1. Die Marquiſe dAlfi. Aus Beſcheidenheit vermöchte ich nicht mit Ihnen hierüber zu ſtreiten; doch mein Charakter, ſehen Sie, iſt ſo feſt geſtählt, ich habe eine ſolche Verachtung der Gefahr, ich gefalle mir ſo ſehr darin, der Drohung und dem Schrecken Trotz zu bieten, daß ich, wäre es mir ein Wort ſprechend, ein einziges Wort, möglich, Ihren Haß zu entwaffnen und in Mitleid zu verwandeln, dieſes Wort nicht ſagen würde . nein, weil es unter ſolchen Umſtänden eine Feigheit wäre. (Die Marquiſe zündet eine an.) Ein ſolches Weib, mein lieber Herr, bin ich. Der Nebel verdoppelt ſeine Intenfität; von allen Seiten in Wolken gehüllt, können Robert und die Mar⸗ quiſe nicht einmal die Umriſſe der ſchmalen Plattform, auf der ſie ſich befinden, erſchauen. Die Windſtöße neh⸗ men an Heftigkeit ab, die Atmoſphäre wird eiskalt, ein dichter Schnee fängt an zu fallen. Robert. Was Sie auch ſagen mögen, ſo weit Sie auch die Hoffart des Laſters, die Prahlerei des Verbrechens treiben, Sie werden in meinen Augen nie etwas An⸗ 174 deres als eine boshafte Creatur der niedrigſten, der ſchändlichſten Art ſein. Die Marquiſe d'Alfi. Ah! mein Herr, Ihr väterlicher Kummer macht Sie, erlauben Sie mir, Ihnen das zu ſagen, vielleicht ungerecht gegen mich. „ Robert. Nein, man findet in Ihrer Verdorbenheit nicht ein⸗ mal jene entſetzliche Größe, welche gewiſſe Verbrecher außer die Menſchheit ſtellt; Sie haben nicht einmal den gräßlichen Muth des Mörders der, die Stirne hoch, ſein Dyfer angreift: Sie berauſchen zuerſt diejenigen, welche Sie ſodann ungeſtrafſt erwürgen . . . Welche Gefahr laufen Sie dabei? Sie ſind reich, Sie kennen weder Scham, noch Schande, noch Reue, noch Gewiſſensbiſſe.. Die Marquiſe d'Alfi. Ho! ho! Reue? . . Gewiſſensbiſſe? ... Robert. Würden Sie es wagen, zu behaupten, Sie bedauern meinen Sohn zum Selbſtmord angetrieben zu haben? Die Marquiſe d'Alfi mit einem bittern Gelächter. Ich! Sie ſollen ſehen, daß ich mich in dieſen Jun⸗ gen verliebt habe nach ſeinem Tode! Eine Liebe jenſeits des Grabes! (ſe nacht lant auf) liebäugeln mit einem Geſpenſte! Ah! mein theuerſter Herr, in der Liebe, glauben Sie mir, brauche ich etwas Beſſeres als einen Schatten! Robert ſchleudert der Marquiſe einen entſetzlichen Blick zu, doch er hält an ſich. Ich werde ruhig bleiben, Sie werden bis zum Ende auf ihren Lippen dieſes Lächeln hölliſchen Spottes haben;ich er⸗ wartete es. Sie! die Reue kennen! Wäre mir ein Zweifel in dieſer Hinſicht gekommen, er würde nun verſchwunden ſein! WMein Gewiſſen iſt anch ruhig. Die Strafe zögert zuwei⸗ len oder weicht vor dem erwachten Gewiſſen zurück, doch ſie trifft unerbittlich den verhärteten Verbrecher! Die Marquiſe d'Alfi. Ich gehöre zu dieſen . Erweiſen Sie mir die Ghre und die Gnade, es zu glauben. Robert. Ich werde Ihnen dieſe Gnade erweiſen, das wird die einzige ſein ... Die Marquiſe d'Alfi. Ich will keine andere. Robert. Ich ſagte Ihnen, es gebe nichts ſo feig Grauſa⸗ mes als Ihre Verdorbenheit. Sie haben zum Selbſtmorde angetrieben, Sie haben getödtet, wen? Ein armes, harmloſes, vertrauensvolles Geſchöpf . . ein Kind .. (Er hält einen Augenblick inne, die Thränen erſticken ſeine Stimme, doch er überwältigt ſeine Gemüthsbewegung.) Sie behielten, als Sie Ihr grauſames Gewebe anzettelten, die ganze Scharf⸗ ſichtigkeit des kalten Laſters; der unglückliche Knabe war berauſcht, geblendet durch die Leidenſchaft Sie ha⸗ ben ſo die ſtolze Kühnheit gehabt, ihn . . . mit einer Binde auf den Augen! zum Abgrunde zu führen und hinabzuſtoßen. Die Marquiſe dAlfi. . Ich werde dies, wenn es Ihnen beliebt, ganz anders anſehen. (Sie unterbricht ſich ſchauernd und ſchüttelt den Schnee ab, mit dem ihre Kleider ſchon bedeckt ſind) Ich bitte um Verzeihung, wiſſen Sie, daß die Kälte ſehr ſcharf zu werden anfängt? Der Schnee fällt in großen Flo⸗ cken, ſehen Sie, er ſteigt ſchon bis an unſere Knöchel. Meine Füße ſind eiskalt ich fühle ſie nicht mehr Das iſt, wie Sie ſich wohl denken können, nicht eine Klage, die ich ausdrücke, mein lieber Herr, 176 es iſt eine einfache . . atmosphäriſche Bemerkung; mir 5 dünkt es ſehr ſeltſam, ſo viel Schnee in der Mitte des Monats October fallen zu ſehen. Robert. Ich ſagte Ihnen, dieſer Schnee werde Ihr Leichen⸗ tuch ſein Die Marquiſe d'Alfi. Es iſt wahr, doch ich dachte, wie alle Führer über⸗ treiben Sie ein wenig die Schönheiten der Gegend, die Sie mich beſuchen laſſen. Robert. Ich übertrieb nichts . . in einer Stunde wird uns der Schnee bis an den Gürtel reichen; heute Abend, wenn der Mond aufgeht, ſind wir darunter begraben. Die Marquiſe dAlfi. Ich will Ihnen nicht die Beleidigung anthun, an Ihren Vorherſagungen zu zweifeln, doch dagegen haben Sie wenigſtens Vertrauen zu den meinigen. Glauben Sie mir alſo, es wird Ihnen nicht gelingen, mich zu ängſti⸗ gen, Sie werden mich mit einer feſten Verachtung ſterben ſehen; Sie werden nicht das Schauſpiel der Weheklagen, der Bangigkeiten, der Gewiſſensbiſſe haben, auf das Sie rechneten, mein lieber Herr. Sie müſſen mich entſchuldi⸗ gen, wahrhaftig, ich vermöchte dieſe klägliche Tragödie nicht zu ſpielen. Robert. Ihr fluchwürdiger Stolz wird ſich demüthigen. Die Marquiſe dAlfi. Vor wem? Robert. Vor dem Tode. Die Marquiſe dAlfi. Gut! Schon zweimal habe ich heute, wie Sie wiſ⸗ 177 ſen, den Tod von ſehr nahe geſehen und ihm ins Geſicht gelacht! Robert. Ja nachdem die Gefahr vorüber war! Die Marquiſe dAlfi. Mein Gott, welch ein Widerſpruchsgeiſt ſind Sie! Beſteht in dieſem Angenblick die Todesgefahr nicht für mich? Sehen Sie mich zittern? Hören Sie mich ſeufzen? Warum zweiſeln Sie hartnäckig an meiner Lebensver⸗ achtung? Seien Sie offenherzig, ich wette, Sie würden viel geben, um den Grund meiner Gedanken zu kennen. Robert. Ich kenne ihn! Die Margquiſe d'Alfi. Das iſt anmaßend. Robert. Sie beklagen es grauſam, daß Sie das Leben verlaſſen müſſen, doch aus Hochmuth verbergen Sie Ihre verzweifelte Wuth. Die Marquiſe d'Alfi. Ihuen ſagen, ich beklage nicht den Verluſt des Le⸗ bens wäre eine Albernheit, doch .. Robert. Mehr will ich nicht, Sie ſind beſtraft, mein Sohn iſt gerächt . . . Die Marquiſe d'Alfi. Sie unterbrechen mich, mein lieber Herr, das iſt nicht artig . Erlanben Sie mir, meinen Gedanken zu vollenden? ich beklage es allerdings, daß ich aus dem Le⸗ ben ſcheiden ſoll, ich fand das Leben ſo beluſtigend, ſo ſchön! . (nit einem ſpötiſchen Lächeln) beſonders ſeit ei⸗ Cornelia d'Affi. 12 178 niger Zeit . . Und nun kommen Sie plötzlich und ver⸗ urtheilen mich zum Sterben; das iſt, Sie werden es zu⸗ geben, ſehr wenig freundlich; doch geſtehen Sie, wenn man die verſchiedenen Todesarten in Betracht zieht, ſo fehlt es der unſren weder an Originalität, noch an Größe? Dieſes in der Wolke verborgene Grab! dieſes Leichen⸗ tuch von unbeflecktem Schnee, von einer Weiße, welche nicht minder keuſch, als die Bahrtücher, mit denen man den Sarg der Jungfrauen ſchmückt. (Sie lacht) Es wird mir nichts fehlen, als der Todtenkranz von Orangenblü⸗ then! . . Im Ernſte geſprochen, dieſer Tod iſt nicht gemein, er iſt poetiſch er iſt groß. er gefällt mir . . . Doch ſagen Sie mir? das iſt ſeltſam .. fühlen Sie auch, wie ich.. je mehr die Kälte zunimmt, eine Art von unüberwindlichem Hang zum Schlafe? . Seit einigen Secunden erſchweren ſich meine Augenlider unwillkührlich. . . Robert. Die Kälte erzeugt auf der Spitze der hohen Berge immer einen lethargiſchen Schlaf .. den Vorläufer des Todes .. Ich fühle allmälig auch meine Augen ſchwer werden . .. Der Schnee fährt fort in großen Flocken unter dem Rebel zu fallen; er ſteigt ſchon bis an die Kniee von Robert und der Marquiſe d'Alfi; Beide ſitzen auf einem Felsblock; die Kälte wird immer eiſiger und eindringen⸗ der, der Wind hat völlig aufgehört. Eine unheimliche Stille herrſcht auf dieſem einſamen Gipfel, der auf allen Seiten in Wolken gehüllt iſt. Die Marquiſe d'Alfi, welche nach und nach ei⸗ nen unüberwindlichen Schlaf ſich ihrer bemächtigen fühlt, ſteht un⸗ geſtüm auf. Nein ich will nicht ſchlafen! ich werde nicht ſchla⸗ fen ich werde bis zum Ende den letzten Schimmer meines Verſtandes bewahren. 5 179 Kaum ſtehend, kann ſich die Marguiſe nicht auf ihren durch die Kälte gelähmten, durch die Müdigkeit erſtarr⸗ ten Beinen halten; ſie wankt und fällt in den Schnee bei dem Felſen, auf welchem ſie ſaß; ſie lehnt an dieſen Stein ihren durch die Kälte blau gewordenen Kopf an; die Flechten ihrer ſchwarzen Haare löſen und entrollen ſich; ihre eiſigen Hände ſinken träge an ihren Seiten herab; ihre großen dunkelblauen, unter ihren beſchwerten Lidern halb geſchloſſenen Angen haben noch nichts von ihrem Glanze verloren. Robert. Ich ſagte, Ihr ſtolzer Wille werde diesmal durch den Schlaf und ſpäter durch den Irrſinn des Todeskam⸗ pfes beſiegt werden. Die Marquiſe d'Alfi mit Bangigkeit. Durch den Irrſinn? . ich will nicht irrſinnig ſein . . . ich werde es nicht ſein . Ich werde völlig Herrin meines Geiſtes bleiben. Robert. Ah! Sie fürchten den Irrſinn? Die Marquiſe dAlfi. Ich fürchte nichts. Robert. Doch! Sie befürchten, vor mir . . . Ihren gehei⸗ men Gedanken . . . Ihre Verzweiflung, daß Sie das Leben verlaſſen ſollen, zu verrathen. Die Marquiſe d'Alfi, mit Anſtrengung. Ich ſage Ihnen, daß ich keinen Irrſinn haben will⸗ keinen haben werde. Robert aufſtehend und ein paar uuſichere Schritte machend. Oh! auch ich werde gegen dieſen lethargiſchen Schlaf kämpfen .. . und wenigſtens die vollſtändige — ⸗ 180 Sühne Deiner Miſſetbaten geſehen haben, Ungeheuer! .. wenn Dein Gedante Dir unwillkürlich entſchlüpft, kaun ich in der Tiefe Deiner hölliſchen Seele leſen. Die Margiſed'Alfi, gegen die Fortſchritte der lethargiſchen Schlafſucht und der Verwirrung kämpfend, die ſich ihres Geiſtes zu bemächtigen anfängt. Ich bin Herrin meiner ſelbſt; ich habe meine ganze Vernunft . ich ich ſehe Sie dort ... ſtehen . . mit Schnee bedeckt . . und weiß wie ein Geſpenſt. Robert. Ja, doch Ihre Stimme wird ſchwach, Ihre Augen ſchließen ſich. Die Marquiſe d'Alfi mit einer neuen Anſtrengung: Was was beweiſt es. daß . daß meine Augen ſich ſchließen. . . daß . . . der Ton meiner Stimme ſchwach wird? . das iſt nicht der Irrſinn . . . das!! ich habe immer noch das Bewußtſein meiner ſeh Robert. Jetzt . doch ſogleich! Die Marquiſe d'Alfi. Nein ich ich ſehe Sie ſtraucheln, auf die Kniee fallen . bei mir iſt das Irrſinn! Ah! „„ich ſehe noch die Raben dort . ganz nahe uns ſchweben . . . Sie halten uns ſchon für Lei⸗ en Robert auf den Knieen bei der Marquiſe und zuſammenſinkend. Die Erſtarrung überwältigt mich und wird unbe⸗ ſiegbar. Die Marquiſe d'Alfi, deren Geiſt almälig ſich verwirrt. Nein . ich bin nicht wahnwißzig . . . ich ſehe . 181 . den Schnee fallen. Warum ſo viel Schnee hier? . .. Ah! ich erinnere mich . . . wir ſind auf. — der Tournette . . . doch . . . (mit einem bölliſchen Gelächter) Du glaubſt meinen Gedanken zu erlauern . . . weil. .. er ſich verwirrt . . ich .. ich . . werde nicht mehr ſprechen . .. Nobert. Du wirſt unwillkürlich ſprechen .. oh! Kräfte! oh! nur die Kraft, um noch einige Minuten die Lethar⸗ ie meinen Geiſt beſchwert, zu be⸗ ſiegen . . . Die Marquiſe iſt Anfangs durch eine äußerſte An⸗ ſtrengung ihres verſcheidenden Willens ſtille geblieben; bald aber dem Irrſinne preisgegeben, gegen welchen ſie lange gekämpft hat, ſchließen ſich ihre Augen, ihre Glieder werden durch krampfhafte Bewegungen geſchüt⸗ telt, ihr Buſen bebt, und mit ſtockender Stimme, mit einem leidenſchaftlichen Ausdruck ſpricht ſie: Julian . . . mein Julian! . .. Robert, der neben ibr knieet, ſchauert. Was ſagt ſie? . Die Marquiſe d'Alfi, irre redend. Da biſt Du nun, armer Engel? Du weißt nichts davon, mein ſüßer Julian 2.. Nach Deinem Tode . .. petete ich Dich an! . Du glaubſt es nicht? Und dennoch iſt es wahr, meine Liebe!. . Das war der Gewiſſensbiß. Robert. Iſt das eine Falle? . . Stellt ſich dieſes Unge⸗ heuer wahnwitzig um, mich zum Mitleid zu bewegen? (Er ſchleppt ſich auf dem Schnee kriechend, mit Hülfe ſeiner Hände und ſeiner Kniee, bis zu der Marquiſe fort; er öffnet ein wenig die Augenlider dieſer mit dem Tode ringenden Frau; ſie hat ein ſtar⸗ res, glaſiges, ſchon halb verſchleiertes Ange.) Nein, ſie ſtirbt bald! Sie lügt nicht! Dh! mein Gott! ſie berent 182 Die Marquiſe d'Alfi, irre redend. Deinem Vater ſagen . . ſeit Deinem Tode .. habe ich . . von der Erinnerung an Dich gelebt. mein armer Julian . und ich habe . . . mein Verbrechen verflucht . Nein .. ich konnte das nicht ſagen .. ich konnte nicht . Dein Vater hätte geglaubt, ich verlange Gnade von ihm! . . . Ich bin böſe aber nicht feig! Robert, niedergeſchlagen. Sie bereute! Ihr Stolz hat mir ihre Gewiſſens⸗ biſſe verborgen! Die Marquiſe d'Alfi, nit verſcheidender Stimme. Julian ich ſterbe . ich ſterbe glücklich!. .. Robert, ganz in Verzweiflung. Sie berent! Ha! ich bin ein Mörder! ... Zu Hülfe! rettet ſie! Sie iſt noch nicht todt . . Sie ſühnte ihr Verbrechen! .. Zu Hülfe! . (Er will der Marquiſe beiſtehen, doch es fehlen ihm die Kräfte, die lethargiſche Erſtarrung vernichtet ihn, und er bleibt, außer Stande, eine Bewegung zu machen, im Schnee ausgeſtreckt.) Wehe mir! Die Marquiſe d'Alfi, krampfbaft ihre Glieder anſtem⸗ mend, dann unbeweglich. Jultan! Juliän Robert, mit matter Stimme. Gott allein mußte ſie beſtrafen .. Ich habe einen Mord begangen . Mein Tod wird vielleicht die Sühne für ſie ſein . . . Die lethargiſche Erſtarrung lähmt völlig den Geiſt und den Körper von Robert; er bleibt wie die Marquiſe d'Alfi ohne Bewegung. Der Lehnſtuhl der Tournette iſt immer noch in die Wolken gehüllt; doch nach einiger Zeit hört der Schnee 183 allmälig auf zu fallen; er hat indeſſen halb den Leib von Robert und den der Marguiſe bedeckt; ſie geben kaum mehr ein Lebenszeichen von ſich; ihre Augenlider ſind geſchloſſen, ihre Geſichter ſind blauroth; von Zeit zu Zeit hebt ein unmerkliches Athmen ihre Bruſt. Die über dem Lehnſtuhle ſchwebenden ungehenren Raben ziehen den Kreis ihres Fluges immer enger, nähern ſich dieſen zwei Leibern und ſtreifen ſie zuweilen, ein ſchrilles Ge⸗ ſchrei ausſtoßend, mit ihren Flügeln. XLl. Plötzlich erhebt ſich der Schwarm der Raben, der über den halb unter dem Schnee begrabenen Leibern von Robert und der Marquiſe dAlfi wirbelt, in die Lüfte und verſchwindet, durch ein entferntes Geräuſch verſchencht. Das Geränſch kommt näher, und man unter⸗ ſcheidet bald die Stimmen von mehreren auf der Platt⸗ form am Fuße des Lehnſtuhls verſammelten Perſonen; doch vom Gipfel, auf den wir den Leſer zu Robert und zur Margquiſe ſtellen, erblickt man keine von den Perſonen; man hört ſie nur alſo ſprechen: Die Stimme von Fanchette. Euer Vater iſt nicht auf der Plattform; habt gute Hoffnung, Julian, wir werden ihn auf dem Lehnſtuhle finden. Die Stimme von Julian, vol Angſt. Zu ſpät. zu ſpät! o mein Gott! unter dem Schude begraben! Mein Vater mein Vater! Die Stimme von Fanchette. Wartet hier auf mich, Inlian, ich bin an die Fel⸗ ſen gewöhnt und werde wohl da hinaufzuſteigen im Stande ſein. 184 Die Stimme von Julian. Ihr wollt Euer Leben wagen nein, es iſt an mir, das meinige zu wagen. Die Stimme eines Führers. Hierher. Herr Pietro . hierher. Und Du, Jo⸗ ſon, richte die Leiter am Fuße des Kamins auf; Ihr Andern rollt die Stricke ab. Die Stimme von Pietro, reucend. Tauſend Franken für Jeden von Euch, meine Freunde, wenn wir zur rechten Zeit ankommen, um die Frau Marquiſe zu retten. Wehe! wehe! ſie wird einer ſolchen Kälte nicht haben widerſtehen können. Die Stimme von Julian. Fanchette! wartet, bis die Litern aufgerichtet ſind. bringt Euer Leben nicht in Gefahr. Die Stimme von Fanchette. Hat er nicht das ſeinige preisgegeben, um mich bei den Schlucht von Chavoires vom Tode zu er⸗ retten! Die Stimme eines Führers. Fanchon „ warte, bis die Leitern angebunden ſind. .. Liebes Mädchen, Du wirſt ſchneller und ohne Gefahr auf den Lehnſtuhl kommen. Die Stimme vonJulian, ſchreit mit aller Gewalt. Mein Vater . . . Muth die Hülfe kommt! Die Stimme von Pietro. Frau Marquiſe! . wir kommen Ihnen zu Hülfe .. Die Stimme von Julian. Mein Vater antwortet nicht.. Mein Gott! keine Hoffnung mehr! 185 Die Stimme eines Führers. Die Leitern ſind angebunden; vergeßt den Korb mit den Decken und dem Branntwein nicht, Ihr Lente; bindet die Reiſigbüſchel an die Stricke an; man wird ſie da hinanf ſchaffen, um Feuer anzuzünden. Die Stimme eines anderen Führers. Aber wie wird es Herr Pietro machen, um über den Stein zu paſſiren? Wir ſind bei den ſchlimmen Stellen genothigt geweſen, ihn aufzuhiſſen. Die Stimme des Führers. Zwei von uns werden ſich an jedes von den Enden des Steines ſtellen; wir halten unſere Stöcke ſo, daß ſie eine Art von Geländer auf jeder Seite des Abſtur⸗ zes bilden. Herr Pietro, Fanchette und Julian können dann ohne Gefahr hinüber gehen . .. Vorwärts . wer ſteigt zuerſt hinauf? Die Stimme von Julian. Die Stimme von Pietro. Ah! Herr Julian, wer uns in Lyon geſagt hätte, es werde eines Tags . Die Stimme von Julian. Schweigen Sie, ich will nur an meinen Vater den⸗ ken . . kommt, kommt, Fanchette! Das verworrene Geräuſch der Stimmen hört einige Augenblicke auf, man vernimmt nur noch zuweilen die Stimmen der Führer, die ſich abwechſelnd an Julian, Fanchette und Pietro wenden, welche den Kamin mittelſt der von Abdachung zu Abdachung angebrachten Leitern erſteigen. Die Wolken umhüllen immer noch den Gipfel, auf dem Robert und die Marquiſe halb begraben unter dem Schnee liegen; ſie geben kein Lebenszeichen von ſich; —— 186 bald erſcheint über dem Felſenkranze des Lehnſtuhls eine Leiter, deren Fuß kräftig feſtgehalten auf dem Ende des Steines ruht; beinahe in demſelben Augenblicke kommen Julian mit bloßem Kopfe und zerriſſenen Kleidern, dann Fanchette, Pietro und mehrere Führer auf die ſchmale Plattform. Julian, da er Robert erblickt, läuft auf ihn zu und ruft: Fanchette, hier iſt er . . . Ob! mein Gott! hier iſt er! Er kniet zu ſeinem Vater nieder, bedeckt ihn ſchluch⸗ zend mit Küſſen und hebt ihn dann mit Hülfe des Mäd⸗ chens auf; ſie lehnen ihn an einen Felſen an, und Beide bemühen ſich, mit ihrem Hauche ſeine eiskalten Hände wieder zu erwärmen; einer von den Führern nimmt aus ſeinem Korbe eine wollene Decke, in die er den Ster⸗ benden wickelt, und verſucht es dann, ihm aus einer Kürbisflaſche ein paar Tropfen Branntwein ein⸗ zuflößen. Der Führer, zu Robert geneigt. Er macht eine Bewegung mit den Lippen .. er iſt, Gott ſei Dank, nicht todt! Reiben Sie ihm die Schläfe und die Hände mit Branntwein ein, das wird ihn wieder erwärmen . . . Wir wollen die Faſchinen heraufſchaffen und das Feuer anzünden. Fanchette und Julian befolgen die Vorſchriften des Führers. Julian, weinend vor Freude. Mein Gott ſei geprieſen! .. . Fanchette. Mein Vater wird leben; ſeine Hände bekommen wieder ein wenig Wärme! Unterſtützt von andern Führern, hat ſich Pietro beeifert, der Marquiſe dAlfi beizuſtehen; nachdem er ihre Hände und ihre Schläfe mit dem Branntwein ein⸗ — — 187 gerieben, von dem er ihr ein paar Tropfen eingeflößt, hat er ſie auch in eine wollene Decke gewickelt: ein Le⸗ bensſchimmer erwacht bei der Marquiſe, die ſich ſchwach gegen den Todeskampf zu ſträuben ſcheint. Einer von den Führern zu Pietro. Wir wollen nun die Reiſigbündel heraufſchaffen und Feuer anzünden. . . Ihr Andern fegt den Schnee ab. (Er wirft ein Seil hinab, deſſen Ende an die Baſe des Lehnſtuhls fällt, und ruft, indem er ſich vorneigt, einem ſeiner Gefährten, welcher auf der Plattform geblieben, zu) Binde das Reiſig an dieſes Seil an .. Pietro, an der Seite der Marguiſe weinend. Gnädige Frau, hören Sie meine Stimme? ich bin es, Pietro.. Muth gefaßt! Man zündet Feuer an, das wird Sie völlig wiedererwärmen, Sie werden bald ins zurückgerufen ſein. Muth . Sie ſind ge⸗ rettet! Die Marquiſe dAlfi macht einige beinahe unmerk⸗ liche Bewegungen, ihre Lippen zucken leicht, als ob ſie ſprechen wollte, doch ſie kann keinen Ton articuliren . . . Kräftiger als die Marguiſe, befindet ſich Robert in einem minder beunruhigenden Zuſtande; er kommt früher als ſie zum Bewußtſein; immer unterſtützt durch ſeinen Sohn und Fanchette, iſt er an einen Felsblock angelehnt, doch ſein verſchleierter Blick unterſcheidet noch nichts um ihn her; die Verwirrung ſeines Geiſtes hat ſich noch nicht ganz zerſtreut; die Führer haben mittelſt eines Seiles die Reisbündel heraufgeſchafft, die ſie von Montmin an auf dem Rücken getragen; ſie zerſchneiden die Holzſtücke mit Hippen, und bald flammt ein glänzendes Feuer auf der Firſte des Lehnſtuhls; Pietro und einer der Führer heben die in eine Decke gewickelte Marguiſe dAlfi auf und tragen ſie zu dieſem Herde, in deſſen Nähe Julian und Fanchette auch Robert gebracht haben. Zum erſten 188 Male ſeit ſeiner Ankunft auf dem Lehnſtuhle fallen die Angen von Julian auf die Marquiſe. Ihr Anblick iſt entſetzlich; die aufgelöſten Flechten ihrer mit Schnee be⸗ deckten ſchwarzen Haare verbergen halb das leichenbleiche Geſicht der mit dem Tode ringenden Frau. Julian, nit einer Miſchung von Abſcheu und Milleid. Ah! ſie iſt nur zu ſehr für das Böſe beſtraft, das ſie mir angethan. Fanchette ſöst einen Frendenſchrei aus. Julian, Euer Vater hat mich erkannt. Robert, deſſen Angen ſich geöffnet haben, iſt allmälig wieder zu ſich gekommen. Er erkennt Fanchette, welche bei ihm kniet, doch er kann noch nicht das Geſicht ſeines Sohnes wahrnehmen, der, auch knieend, ſich einen Augen⸗ blick abgewandt hat, um die Marquiſe dAlfi anzu⸗ ſchauen; bei dem Ausrufe des Mädchens dreht er ſich raſch wieder um und neigt ſich gegen ſeinen Vater . Dieſer, da er Julian erblickt, gibt einen gewaltigen Schrei von ſich, ſetzt ſich raſch auf, und ſeine Züge drücken nach und nach das Erſtaunen, eine Art von ängſtlicher Ungläu⸗ bigkeit und eine unſägliche Freude aus. Vergebens will er ſprechen; die Erſchütterung erſtickt ſeine Stimme; er kann nur ſeine beiden zitternden Hände auf die Schultern von Julian ſtützen, den er an ſich zieht und mit einer verzehrenden Begierde betrachtet; dann bricht er in ein krampfhaftes Schluchzen aus und umſchließt Julian mit Trunkenheit, ohne ein Wort zu ſprechen „ Der Sohn und der Vater überlaſſen ſich ſtillſchweigend dem. Erguſſe ihrer leidenſchaftlichen Zärtlichkeit. Fanchette zerfließt in Thränen, die Führer, die ſich mit dem Anfachen des Feuers beſchäftigen, ſind tief gerührt. Pietro, da er die Marquiſe allmälig wieder zu ſich kommen ſieht, ſagt ängſtlich: Der Anblick dieſes jungen Mannes, den ſie für todt hält, 1³9 und den ſie wahnſinnig liebt, kann der Frau Marquiſe den letzten Schlag verſetzen. Mein Gott! was iſt zu thun? Robert ergreift nach dem erſten Ausbruche ſeines Erſtaunens und ſeiner Freude die Hände von Julian und ruft mit bebender Stimme: Du Du Du biſt es! Julian. Mein Vater, ich habe den Tod nicht in den Wellen der Rhone gefunden. Robert. Gott ſei gelobt! Doch wie .. wie? Julian. Ich glaubte, Alles ſei für mich vorbei, ich hörte das Waſſer über meinem Kopfe wirbeln und verlor das Be⸗ wußtſein . . Als ich wieder zum Leben kam, glänzte der Mond; nur die Hälfte meines Leibes war unterge⸗ taucht, und die Strömung hat mich an das Ufer ge⸗ worfen. Ich ſagte zu mir ſelbſt: der Tod ſtößt mich zurück, ich werde alſo leben. Robert mit herzzerreißendem Tone. Und ich? und ich? . Julian küßt weinend die Hände von Robert. Ach! nach Ihrem Briefe, mein Vater, glaubte ich mich von Ihnen verflucht! Ich fühlte, wie ſehr ich ſtraf⸗ bar war, und dann .. dann habe ich es nicht gewagt, zu Ihnen zurückzukehren „nachdem ich Ihnen meinen Selbſtmord angekündigt. Robert, mit Schmerz die Augen zum Himmel aufſchlagend. Das iſt meine Schuld er hielt mich für uner⸗ bittlich! Der Unglückliche befürchtete, von mir bezüchtigt zu werden, er habe eine ſchändliche Komödie geſpielt, weil der Zufall ihn dem Tode entriß. (Er preßt Julian nit aler Macht an ſeine Bruſt). Du weißt alſo nicht⸗ 190 daß ein Kind wieder finden, welches man verloren .. eine (er ſchluchzt) Mein Gott . . . mein Gott! es gibt keine Worte, um das auszudrücken, was . . . was ich empfinde, iſt eine ſo große . . . große Trunkenheit, daß ſie die Seele kaum faſſen kann . . (6r er⸗ bleicht und bebt, ein eiskalter Schweiß überſrömt ſeine Stirne, ſeine Stimme wird ſchwach). Nein „ das iſt zu viel, das töd⸗ tet mich!!! Julian mit Angſt. Mein Vater . was ſagen Sie? . .. dieſe Bläſſe .. Robert mit Anſtrengung. Beruhige Dich meine Gemüthsbewegung iſt ſo tief. „Dich wiederſehen . . . mein Gott, Dich wiederſehen . . Oh! komm! komm! (Er überläßt ſich aufs Neue den Ergüſſen einer von Julian getheilten leidenſchaft⸗ lichen Zärtichkeit und ſagt zu ſich ſelbſt:) Der Schlag iſt zu heftig . . für meine kaum wieder entſtehenden Kräfte Ich werde . dieſe unverhoffte Freude nicht über⸗ leben. Oh! mein Sohn ſoll nichts von meinen Befürch⸗ tungen wiſſen. (aut) Es iſt nichts, ich ſage Dir noch einmal, liebes Kind, ich fühle mich beſſer . Doch was iſt aus Dir geworden, nachdem Du dem Tode entgangen warſt? Julian. Ich ſagte zu mir: Mein Vater hält mich für todt, er wird nicht mehr über mich zu erröthen haben; ich werde mein Brod von meiner Hände Arbeit fordern. Nachdem ich die Gegend von Genf verlaſſen hatte, kam ich, indem ich mich zu beſchäftigen ſuchte, durch das Dorf Chavoires und wurde hier in einem Steinbruche verwendet; ich lernte Fanchette kennen, liebte ſie und ſchlug ihr eine Verbindung mit mir vor. . Sie hat Ihnen das Uebrige geſagt, mein Vater. 191 Fanchette. Als ich dieſen Morgen Julian bei ſeiner Ankunft den Ring zeigte, den Sie mir als Trauring gegeben hatten, erkannte Julian, daß er Ihnen gehörte, Herr Robert; denken Sie ſich mein Erſtaunen! Hernach öffneten wir das Päckchen, das Sie mir eingehändigt, es enthielt Gold und ein Billet, in dem Sie mir ſchrieben, dieſes Gold ſei meine Mitgift . . . und man werde Ihren Leib auf der Tournette finden. Der erſte Schrei von uns Beiden war, wir wollen auf den Berg gehen, wo es ſchneien müſſe, da das Wetter in der Ebene ſehr ſchlecht; wir beeilten uns, mit Joſon, meinem Vetter, der ſchon öfter auf der Tournette geweſen iſt, abzu⸗ gehen; als wir durch Veyrier kamen, war Lärmen im Dorfe; die Dienſtboten dieſer Dame, welche ebenſo beſorgt um ihre Gebieterin, als wir es um Sie waren, Herr Robert, hatten Führer verſammelt; wir machten ſchleunigſt den Weg mit einander, und Gott ſei Dank, wir ſind zeitig genug angekommen. Robert, deſſen Bläſſe und Schwäche immer mebr zuneh⸗ men, und der ſeine letzte Stunde kommen fühlt, zieht ſeinen Sohn und Fauchette in ſeine Arme. O mein Julian, geſtern ſagte ich zu dieſem ſanften Mädchen: „Fonchette, wenn ich einen Sohn hätte, ſo wünſchte ich zu ſeinem Glücke, er bekäme eine Gefährtin wie Euch;“ meine Wünſche find erhört, kommt . kommt Beide au mein Herz . Julian und Fanchette werfen ſich voll Innigkeit in die Arme von Robert, der immer noch, an ein Felsſtück angelehnt, daſitzt; die Marquiſe d'Alfi iſt durch die Be⸗ mühungen von Pietro ſeit Kurzem wieder völlig zu ſich gekommen; ſie hat Julian erkannt, ſie hat das Geſtänd⸗ niß und die Erzählung ſeiner Liebe für Fanchette gehört, die er bald heirathen ſoll. Bei jeder von dieſen Ent⸗ deckungen, über die ſie ganz beſtürzt iſt, richtet ſie ſich mehr und mehr, ſtumm, leichenbleich, erſchrecklich⸗ auf „ 152 Sie hat durch eine Geberde Pietro zurückgewieſen, det ihr, bei ihr knieend, bis jetzt die Gegenwart von Julian zu entziehen geſucht. Plötzlich und in dem Augenblicke, wo Robert voll Trunkenheit ſeinen Sohn und Fanchette an ſich preßt, ſteht die Marquiſe, trotz der ſtummen Bitten ihres Dieners, der ſeine gefalteten Hände gegen ſie ausſtreckt, völlig auf, als ob ſie einem elektriſchen Schlage gehorchte; ſie gleicht einem Geſpenſte, die Flechten ihrer ſchwarzen Haare entrollen ſich auf der weißen wollenen Decke, welche ſie halb umhüllt, und deren weite Falten wie ein Schweißtuch hinter ihr ſchleppen; ihr Geſicht, in dem ſich ein furchtbarer, erſchreck⸗ licher Schmerz ausgeprägt findet, iſt leichenhaft bleich, ihre Augen, deren Höhlen der Todeskampf ſchon tief ge⸗ graben hat, ſcheinen noch vergrößert und ſchimmern in einem fieberhaften Glanze. Da ſie die Marqniſe langſam der Gruppe von Julian und Fauchette, die ſich in einer Umarmung unſchlingen, ſich nähern ſehen, weichen die Führer erſchrocken zurück. Die Margq uiſe d'Al fi mit herzzerreißendem Tone: Julian! . . Julian! .. Bei dieſem Ausrufe machen ſich Robert, ſein Sohn und Fanchette aus ihrer gemeinſchaftlichen Umarmung los und wenden ſich ungeſtüm um. Fanchette, ſich ihrem Vräutigam mit einer Bewegung der Angſt nähernd. Oh! . . Julian ich habe bange Seht doch dieſe Dame, man ſollte glauben, ſie komme aus ihrem Grabe. Robert, ohne von ſeinem Sohne gebört zu werden. Ich fühle mich ſterben ... Dank Dir, mein Gott, ich werde meinen Sohn glücklich zurücklaſſen. Die Marquiſe d'Alfi, flehend. Julian . alſo Du lebteſt, trieb ich Dich zum 193 Selbſtmorde ich glaubte Dich kodt und betete Dich an! Dieſe Liebe jenſeits des Grabes beweiſt Dir meine Reue . . Vergibſt Du mir? Julian, mit Schrecken. Ja ich vergebe Ihnen. Die Marquiſe d'Alfi zu Fanchette. Mädchen, derjenige, welchen Du liebſt, hat granſam gelitten . Durch Dich ſei ſein Leben ſo ſanft, als es durch mich gemartert war . Julian ein letztes Mal hefte Deine Augen auf die meinigen. (Der juuge Mann bleibt auf den Knieen, ſein Geſicht in ſeinen Händen ver⸗ bergend.) Julian . „flehentlich bitte ich Dich . ſchaue mich . ein letztes Mal an⸗ Julian ſchläst ſeine von Cbränen erfüllten Augen zur Mar⸗ quiſe auf. Ich . habe geſagt ich verzeihe Ihnen. Die Marquiſe d Alfi ſchaut Julian mit einem Blicke voll Leidenſchaft an: ihre Züge drücken abwechſelnd die Ver⸗ zweiflung, die Liebe, die Gewiſſensbiſſe aus; dann wird ſie immer ſchwächer, ſie kaun ſich kaum mehr halten, weicht, beſtändig Julian betrachtend, zurück und näbert ſich ſo dem Rande der Plattform des Lehnſtuhles. Der Ab⸗ ſturz iſt nur noch zwei Schritte hinter ihr; die er⸗ ſchrockenen Führer bemerken nicht, daß Cornelia frei⸗ willig bis zu dieſer äußerſten Grenze gekommen iſt. jenſeits der ſich die unermeßliche Tiefe des Abgrunds öffnet. Die Marquiſe d'Alfi mit einem Ausbruche wahnſinniger Leidenſchaft. Julian „ ohne Dich vermöchte ich nicht zu leben! . ich ſterbe . . Dich anſchauend! . .. Nachdem ſie dieſe letzten Worte geſprochen, ſtürzt ſich die Marguiſe rückwärts und verſchwindet im leeren Ranme. Cornelia d'Alfi. 13 Anfangs gelähmt vor Schrecken, geben die Anwe⸗ ſenden einen furchtbaren Schrei von ſich. Pietro läuft an den Rand der Plattform und legt ſich hier auf den platten Bauch, um, ohne Gefahr, die Tiefen der Abſtürze zu erforſchen; doch er unterſcheidet nichts, nichts . . . als den Nebel der Wolken, in welche der Gipfel der Tournette immer noch gehüllt iſt. Der Diener der Mar⸗ quiſe, da er nicht mehr am Tode ſeiner Gebieterin zweifeln kann, bricht in ein Schluchzen aus; die Führer, Julian und Fanchette ſind von Entſetzen ergriffen; Robert vermag dem letzten Schlage, den ihm der gräßliche Tod der Marquiſe beigebracht, als deren Mörder er ſich betrachtet, nicht zu widerſtehen; ſeine Bläſſe wird leichenartig, ſein Blick trübt ſich, ſeine Angenlider ſchließen ſich halb. Julian, der bei ihm knieen geblieben iſt, bemerkt dieſe traurigen Symptome, fällt Robert um den Hals und ruft mit zitternder Stimme: Mein Vater! mein Vater! was haben Sie? Fauchette, nicht minder beängſtigt. Oh! mein Gott! .. . Julian! . . die Hände Eures Vaters werden eiskalt. Robert, mit immer ſchwächerer Stimme⸗ Ich bin . . ein Mörder . Dieſe unglückliche Frau bereute. Ich habe ſie hieher geführt .. ich habe ihren Tod verurſacht. Pietro wüthend, aber durch die Führer zurückgehalten. Mörder! . . Du hafteſt für den Tod meiner Gebieterin. Robert, mit dem Tode ringend. Ich werde . . . vor Gott . . . dafür verantwortlich ſein! Moöe e dieſer Frau ſühnen . . . Julian ... Fanchette kommt . . kommt . . ich fühle . . daß ich ſterbe. 195 Julian, nit einem verzweiflungsvollen Schluchzen. Sie wiederfinden, um Sie zu verlieren. Rein . .. nein mein Vater . . . Sie werden leben! . . Robert, ſterbend. Seid . . . glücklich, meine Kinder . . . oh! ... ich ich (Er verſcheidet.) Beinahe wahuſinnig vor Schmerz, wirft ſich Julian auf den entſeelten Körper ſeines Vaters; Fanchette, welche dancben kniet, zerfließt in Thränen; Pietro gibt die wilde Freude kund, die bei ihm der Tod von Robert verurſacht; die Führer beobachten, tief bewegt, ein reli⸗ giöſes Stillſchweigen; der ſchon düſtere Nebel der Volken wiid immer düſterer; der Tag neigt ſich zu ſeinem Ende und der Schnee fängt wieder an langſam auf den Gipfel der Tournette zu fallen. Nach unglanblichen Anſtrengungen wurde der Leichnam der Marguiſe d'Alfi am andern Tage in der Tiefe eines Abſturzes gefunden. Der durch ſeinen Fall zermalmte Körper war etwas Namenloſes ... Dieſe traurigen Ueberreſte wurden im Friedhofe von Veyrier unfern vom Grabe von Robert beerdigt. Lange untröſtlich über den Tod ſeines Vaters, hei⸗ rathete Julian ſeine Fanchette; mit ſeinem beſcheidenen Erbe konnte er eine Meierei in der Gegend von Veyrier kaufen; das zärtlich verbundene Chepaar beſuchte oft mit einer frommen Sammlung des Geiſtes das Haus von Rouſſeau. Ende⸗ 8 S1 Snendne