eihbtiochet * — deutſcher, engliſcher und franzöſiſcher Literatur von 6 Ednard Ottmann in Gießen, Schloßgaſſe Lit. A. Nr. 256. eih- und geſebedingungen. 1. Oflensein der Bibliothek. Die Bibliothek ſteht zur Em⸗ pfangnahme und Rückgabe der Bücher jeden Tag von Morgens 7 Uhr bis Abends 8 Uhr offen. 2. Lesepreis. Bei Rückgabe eines geliehenen Buches wird von jedem Tag 5 Pf. bezahlt. Die Zeit eines Tages iſt zu 24 Stun⸗ den angenommen. . 3. Caution. Unbekannte Perſonen müſſen, bei Entgegennahme eines Buches, eine dem Werthe deſſelben entſprchende Summe hinterlegen, welche bei deſſen Zurückgabe von mir zurückerſtattet wird. S 4. Abonnement. Daſſelbe muß voraus bezahlt werden und eträgt: für ehentlich 2 Bücher: 4 Bücher: 6 Bücher: ——— — —— auf 1 Monat: 1 Mr. — Pf. 1 Mr. 50 Pf. 2 . — Pf. 3 Suswärtige Abonnenten haben für Hin⸗ und Zurückſendung der Bücher auf ihre eigenen Koſten und Gefahr ſekbſt zu ſorgen. 6. Schadenersatz. Für beſchmutzte, zerriſſene, verlörene und defecte Bücher (namentlich bei ſolchen mit Kupfern ꝛc.) muß der Ladenpreis erſetzt werden. — Iſt das zerriſſene, beſchmutzte, ver⸗ lorene oder defecte Buch ein Theil eines größeren Werkes, ſo iſt der Leſer ic Erſatz des Ganzen verpflichtet. 7. Ausleihezeit. Dieſelbe iſt auf 14 Tage feſgeſeht und wird beſonders darauf aufmerkſam gemacht, daß das 2 eiterverleihen der Bücher nicht ſtattfinden varf, indem Diejenigen, welche vie⸗ ſelben von mir geliehen, auch dafür zu ſtehen häben. 40 ⁰ 9 Die Rinder der Liebe von Eugene Sue. Aus dem Frauzöſiſchen von Dr. Auguſt Zoller. Fünf Bändchen. Stuttgart. Verlag der Franckh'ſchen Buchhandlung. 1850. — Prolog. . In den erſten Tagen des Monats April 1816, an einem ſchönen, ſonnigen Frühlingstage, war das Bou⸗ levard de Gand, damals in Paris ſehr in der Mode, überſtrömt von Spaziergängern, welche zwiſchen den zwei Reihen ſitzender Perſonen umherſchweiften; da und dort bemerkte man in der Menge fremde Uniformen, da das verbündete Heer Frankreich noch beſetzt hielt. Unter den Perſonen, welche an der Ecke des Boulevard und der Rue Taitbout ſaßen, wo Café Tortoni, damals der gewöhnliche Sammel platz der ehemaligen königlichen Freiwilligen und vieler preußiſcher und öſterreichiſcher Officiere von höherem Grad, befanden ſich auf nahe beiſammen ſte⸗ henden Stühlen zwei Frauen mit ihren Gatten; ſie kannten ſich nicht; die Eine hatte an ihrer Seite ihren Sohn, ein Kind von vier Jahren von reizendem Ant⸗ litz. Dieſe blonde, merkwürdig hübſche junge Frau hieß Madame Delmare, ſie war, wie man damals ſagte, à l'anglaise friſirt und außerordentlich elegant gekleidet. Herr Delmare, ihr Gatte, ein Mann von reiferem Die Kinder der Liebe. 2 9 Alter und ſtarkem Körperbau, trug eine goldene Brille an einem Band; ſeine ſanften, gutmüthigen Züge boten einen Ausdruck vollkommener Ruhe und Glückſeligkeit; er hatte das erwähnte Kind auf ſeinen Schooß genom⸗ men, verſchlang es mit den Augen und ſchien in Anbe⸗ tung vor ihm zu ſein; der kleine Knabe hielt in jeder 1 Hand eine von den Fahnen von weißem Papier, worauf Lilien, wie man ſie damals auf den Boulevards ver⸗ kaufte, während man auf einem nahen Stuhl mehrere andere für ihn auf dem Spaziergang gekaufte Spiel⸗ zeuge ſah: ſeine geringſten Launen waren Befehle für ſeinen Vater, Herrn Delmare. Plötzlich neigte ſich dieſer zu ſeiner Fran und mit leiſer Stimme und mit einer entzückten Miene zu ihr: „Anna Anna haſt Du gehört?“ „Was, mein Freund?“ „Dieſe Dame . neben uns links „Die Dame mit dem blauen Hut?“ verſetzte Ma⸗ dame Delmare ein wenig vorrückend, um ihre Nach⸗ barin anzuſchauen; „ſie iſt hübſch wie ein Engel, ob⸗ gleich ein wenig bleich ich hatte ſie ſchon bemerkt.“ „Nun denn! meine liebe Anna, die Dame mit dem blauen Hut iſt ebenſo geiſtreich, als ſie hübſch iſt.“ „Woher weißt Du das, mein Freund?“ „Sie hat ſo eben, auf unſern kleinen Adalbert deu⸗ tend, zu ihrem Mann geſagt: „„Mein Gott ſehen Sie doch das köſtliche Kind mit ſeinen blonden Haaren!““ „Ich begreife, mein Freund, daß Du das ſehr geiſt⸗ reich findeſt,“ erwiederte lächelnd Madame Delmare; „doch ohne im Erguß meiner Dankbarkeit ſo weit zu gehen, wie Du, ſage ich, daß die Dame im blauen Hut, wenn ſie unſern Adalbert hübſch findet „ einen Beweis von ſehr gutem Geſchmack gibt.“ Herr Delmare preßte nun den blonden Kopf des Knaben zwiſchen ſeinen beiden Händen, küßte ihn zärt⸗ lich und ſagte leiſe zu ihm: 3 3 „Haſt Du die ſchöne Dame gehört, welche neben uns ſitzt? ſie findet Dich reizend.“ „Mein Freund,“ ſprach die junge Frau zu ihrem Mann mit einem Ausdruck ſanften Vorwurfs, „Du verdirbſt wahrhaftig Adalbert zu ſehr.“ „Ihn verderben!“ entgegnete Herr Delmare, „Ah! ja wohl nie werde ich ihn genug verderben, für das Glück, das er mir gewährt ein Glück, verdop⸗ pelt durch die Angſt, die mir ſeine Geburt verurſacht hat armes Schätzchen!. Weißt Du, Anna, daß von hundert Kindern, die, wie er, zu frühe auf die Welt kommen, die lieben kleinen Ungeduldigen, nicht zehn am Leben hleiben, während er, das frage ich Dich, wie? iſt er ſtark! iſt er friſchroth! iſt er ſchön!“ Und in ſeiner väterlichen Begeiſterung bedeckte Herr Delmare ſeinen Sohn abermals mit Liebkoſungen und bemerkte die augenblickliche Röthe und Verlegenheit ſeiner Frau nicht; mit einem Ausdruck unausſprechlichen Glücks fuhr er fort! „Was ſoll ich Dir ſagen, Annal Wohl denn! ja, ich bin närriſch mit meinem Sohn, ich vergöttere ihn, Du mußt das ſo hinnehmen.. Und dann .. fügte Herr Delmare bei, indem er ſeine Frau mit einem ſo zärtlichen, ſo milden, ſo liebevollen Ausdruck anſchaute, daß dieſer ſeiner bis dahin unbedeutenden Phyſiognomie einen gewiſſen Reiz verlieh, „Du haſt ein vortreffliches Mittel, mich davon abzuhalten, daß ich nur daran denke, dieſes liebe Kind zu verderben.“ „Das ſcheint mir ſchwierig,“ erwiederte lächelnd die junge Frau, „doch, mein Freund, laß Dein Mittel hören.“ Herr Delmare neigte ſich an das Ohr ſeiner Frau und ſagte leiſe und mit dem Tone leidenſchaftlicher Liebe zu ihr: „Schenke mir ein anderes Engelchen und Adal⸗ bert wird nicht mehr das einzige ſein, das ich verderbe. ich theile dann meine Abgöiterei.“ 4 Madame Delmare ſchlug die Augen nieder, errö⸗ thete abermals und blieb ein paar Minuten ſtillſchwei⸗ gend, während ſie ihr Mann mit einer Eroberersmiene anſchaute. Indeß ſich dieſe kleine Scene ehelicher Vertraulich⸗ keit ereignete, war die Dame mit dem blauen Hut, nach⸗ 5 dem ſie ihr Entzücken über das köſtliche Geſicht des Kindes von Madame Delmare ausgeſprochen, wieder in eine Art von trauriger Träumerei verſunken, der ſie die eifrigen, merkbaren Bemühungen von Herrn von Bourgueil, ihrem Gatten, nicht zu entziehen vermochten; dieſer war ein junger Mann von unge⸗ fähr fünf und zwanzig Jahren mit braunen Haaren, groß, von ausgezeichnetem Aeußeren und angenehmer Geſichtsbildung, obgleich ſeine dünnen, gekniffenen Lip⸗ pen und ſein ein wenig bedecktes Auge ſeinem Blick und ſeinem Lächeln etwas Falſches, Gezwungenes gaben. Seine Frau war, wie geſagt, von einer merkwür⸗ digen Schönheit; dichte Bänder kaſtanienbrauner Haare umrahmten ihr bleiches, ſanftes, engeliſch reines Antlitz; nachdenkend und ſchwermüthig, antwortete ſie ihrem Mann nur zerſtreut und einſylbig; nachdem ſie ziemlich lange ſtille geſchwiegen, hatte ſie das hübſche Geſicht des Kindes von Madame Delmare bemerkt und zu Herrn von Bourgueil geſagt: „Sehen Sie doch das köſtliche Kind mit ſeinen blonden Haaren!“ „Es iſt in der That reizend, und ſein Vater ver⸗ zehrt es mit Liebkoſungen,“ hatte Herr von Bourgueil erwiedert. Und bald unfähig, einen peinlichen Seufzer zu unterdrücken, ſuchte er den Blick ſeiner Frau und fügte leiſe bei: „Er bedeckt einen Sohn mit Liebkoſungen „ Dieſer Mann iſt ſehr glücklich!“ Doch wieder in ihre Träumerei verſunken, ant⸗ wortete Frau von Bourgueil weder auf den Blick, wch 2 3 5 auf die Worte ihres Mannes; dieſer ſagte in ſeinem Aerger, indem er leiſe ihren Ellbogen berührte, mit halber Stimme zu ihr: „Aber, Julie, ich ſpreche mit Ihnen.“ „Verzeihen Sie, mein Freund,“ verſetzte die junge Frau, beinahe auffahrend, „was ſagten Sie mir?“ „Wahrhaftig, Sie werden von einer unbegreiflichen Schweigſamkeit und Zerſtreutheit. In der Voraus⸗ ſetzung, Ihnen angenehm zu ſein, habe ich Ihnen dieſen Spaziergang vorgeſchlagen, und kaum kann ich zwei Worte aus Ihnen herausbringen.“ „Sie müſſen mich entſchuldigen, mein Freund; ich bin, wie Sie wiſſen, ſeit einiger Zeit leidend; verzeihen Sie mir alſo, daß ich Ihnen nicht geantwortet habe „ Sie ſagten mir, glaube ich „ „Ich ſagte Ihnen, dieſer Herr, deſſen Knaben Sie ſo hübſch finden, ſei ein glücklicher Vater.“ „Er muß es ſein mit einem ſolchen Kinde.“ „Und das iſt ein Glück, welches kennen zu lernen ich wahrſcheinlich nie berufen ſein werde!“ ſprach Herr von Bourgueil voll Bitterkeit. „Seit einem Jahre flöße ich Ihnen .. ſo viel Abneigung ein.“ „Mein Herr, ich bitte,“ erwiederte Frau vor Bour⸗ gueil leiſe und verlegen, denn ſie befürchtete, ihre Nach⸗ barn könnten dieſes Geſpräch hören. „Ich bitte, nicht ein Wort mehr „ „Iſt es meine Schuld,“ ſagte Herr von Bourgueil mit leiſer Stimme, aber mit verdoppelter Bitterkeit, „iſt es meine Schuld, wenn der Anblick eines Glücks, um das ich beneide, das ich vielleicht nie werde kennen lernen meinem Herzen eine unwillkührliche Klage entreißt?“ Frau von Bourgueil flehte abermals mit dem Blick ihren Gatten an, um ihn zu bewegen, dieſem Geſpräch, das ſie ſchmerzlich anzugreifen ſchien, ein Ziel zu ſetzen, als der Knabe von Herrn Delmare, von dieſem unter⸗ richtet, die Dame mit dem blauen Hut finde ihn reiz⸗ zend, den Schooß ſeines Vaters, nachdem er einige 6 Augenblicke nachgedacht, verließ, ſich Frau von Bour⸗ gueil näherte und zu dieſer ſprach: „Madame, Papa hat mir ſo eben geſagt, Sie finden mich reizend. Das hat mir viel Vergnügen gemacht, und ich will Ihnen auch eine von meinen Fahnen ge⸗ ben. Mehmen Sie,“ fügte das Kind bei, indem es der jungen Frau ſeine zwei kleinen Fahnen reichte, „wählen Sie die ſchönſte, Madame ... Herr Delmare hatte mit dem Auge und mit dem Ohr den Schritt ſeines Sohnes verfolgt; er wandte ſich auch gegen ſeine Frau mit einer zugleich erſtaunten und triumphirenden Miene um und rief: „Anna. hörſt Du ihn? in ſeinem Alter! mit vier Jahren! das von ſelbſt finden! das iſt „das iſt unerhört das iſt bewunderungswürdig . „Madame,“ ſprach Madame Delmare ſogleich von ihrem Stuhle aufſtehend und ſich Frau von Bourgueil nähernd, welche gerührt von der Artigkeit des Kindes dieſes auf ihren Schooß genommen hatte, um es zu küſſen, „ich bitte Sie tauſendmal um Verzeihung wegen der Unbeſcheidenheit meines Sohnes.“ „Ich bin im Gegentheil ſehr glücklich, daß er mich gehört hat, Madame,“ erwiederte liebreich Frau von Bourgueil, „und Sie ſehen, ich werde dafür belohnt, daß ich mich ſo aufrichtig gezeigt habe . . ich gewinne dabei dieſe hübſche Fahne.“ Herr Delmare wandte ſogleich ſeinen Stuhl gegen Frau von Bourgueil um und ſagte mit einer höchſt treuherzigen Gutmüthigkeit: „Bei meiner Treue, Madame, ich bin nicht ſo be⸗ ſcheiden, als meine Frau, und ich nehme mit Freuden, mit Dank Alles an, was Sie Liebenswürdiges über meinen kleinen Adalbert ſagen wollen.“ Der Name Adalbert iſt keiner von den gewöhn⸗ lichen Namen, die man ſo beſtändig verſchwendet, daß ſie nicht auffallen, wenn man ſie ausſprechen hört; Frau von Bourgueil konnte ſich auch eines unmerklichen 5 5 7 Bebens bei dem Namen Adalbert nicht erwehren; eine ſchwache Röthe färbte einen Augenblick ihr bleiches Geſicht; dieſe flüchtige Aufregung ging indeſſen unbe⸗ merkt vorüber, und Frau von Bourgueil fuhr fort, in⸗ dem ſie ſich an Herrn Delmare, deſſen Sohn ſie immer noch auf ihrem Schooße hielt, wandte: „Sie haben Recht, mein Herr, wenn Sie nicht be⸗ ſcheiden ſind; ein ſo liebenswürdiges Kind gibt das Recht, ſtolz zu ſein.“ Nun miſchte ſich Herr von Bourgueil auch in das Geſpräch und ſagte zu Madame Delmare, die durch ihre Anmuth, durch ihre ausgezeichneten Manieren eine Dame von guter Geſellſchaft verrieth und ſich auf einen leeren Stuhl in der Nähe von dem von Frau von Bourgueil geſetzt hatte: „Madame, ich erlaube mir, Ihnen zu geſtehen, daß ich ſehr eiferſüchtig auf das Geſchenk bin, das dieſes hübſche Kind meiner Frau gemacht hat. Ich habe ge⸗ dacht wie ſie, ich verdiene ſo viel wie ſie.“ „Dann, mein Herr,“ ſprach ernſthaft der kleine Adalbert, der nichts von dieſen Worten verloren hatte, „dann ſchenke ich Ihnen meine andere Fahne.⸗ Und immer aufdem Schooße von Frau von Bourgueil ſitzend, reichte der kleine Knabe ſein anderes Spielzeug dem Gatten der jungen Frau. Dieſe trug am Leibe ihres Fleides eine von jenen kleinen neapolitaniſchen Nadeln von geſchnittenen Korallen, eine geſchloſſene Hand vor⸗ ſtellend, an der nur der Zeigefinger ausgeſtreckt, eine Art von Präſervativ gegen das böſe Geſchick, wie die Italiener ſagen. Abalbert fand dieſes kleine Juwel nach ſeinem Geſchmack und ſagte zu Frau von Bourgueil, als wahres verzogenes Kind: „Madame, ich habe Ihnen meine Fahne gegeben, nicht wahr, Sie werden mir Ihre ſchöne Nadel ſchenken Und ohne abzuwarten, daß man ſeine Bitie bewil⸗ ligte, zog er behende die Nadel aus dem Leibe der jun⸗ gen Frau. 8 In ſeiner väterlichen Eingenommenheit fand Herr Delmare dieſen Zug ſehr drollig und lachte laut auf, während Madame Delmare ſichtbarärgerlich über die Unbe⸗ ſcheidenheit ihres Sohnes zu Frau von Bourgueil ſagte: „Madame, dieſer muthwillige Streich macht mich ganz verwirrt, und ich bitte Sie tauſendmal um Ver⸗ zeihung.“ Und ſich mit einer ſtrengen Miene an ihren Sohn wendend, fügte ſie bei: „Du mußt dieſe Nadel der Dame zurückgeben, mein Kind; was Du gethan haſt, iſt ſehr ſchlimm.“ „Nein, nein, Madame,“ erwiederte lächelnd Frau von Bourgueil, gerührt von der Verlegenheit der jun⸗ gen Frau, „der Tauſch iſt gemacht . .. Ich behalte die Fahne.“ „Dieſe Nadeln ſchützen gegen das böſe Geſchick, wie man ſagt,“ fügte Herr von Bourgueil bei, „das liebe Kind muß ſie im Gegentheil behalten.“ Bewegt durch die vollkommene Anmuth ihrer Nach⸗ barn, wollten Madame Delmare und ihr Gatte nichts⸗ deſtoweniger die Nadel zurückgeben; Adalbert hielt aber das Juwel in ſeiner Hand feſt und ſchrie aus Leibes⸗ kräften, die hübſche Dame habe es ihm geſchenkt und er werde es behalten. Dieſer Streit fing an die Aufmerkſamkeit der auf den benachbarten Stühlen ſitzenden Perſonen zu erregen. Herr Delmare ſagte leiſe zu Herrn von Bourgueil: „Seien Sie ſo gut, mir Ihre Adreſſe zu geben, mein Herr, damit ich morgen die Ehre haben kann, Ihnen die Nadel zurückzubringen und Ihnen meine Ent⸗ ſchuldigungen und die meiner Frau zu wiederholen.“ „Nein, nein, mein Herr,“ erwiederte Herr von Bourgueil, „dieſe Nadel hat keinen Werth; wir fühlen uns ſehr glücklich, daß ſie dem reizenden Kinde gefälit.“ „In jedem Fall erlauben Sie mir, Sie dringend um Ihre Adreſſe zu bitten,“ ſagte Herr Delmare, „da⸗ — — — 9 mit meine Frau und ich Ihnen wenigſtens vanken können.“ Herr von Bourgueil gab dieſem Drängen nach, nahm eine Karte aus ſeiner Taſche, überreichte ſie Herrn Delmare und ſagte artig zu ihm: „Obgleich in der That kein Grund zu einem Dank von Ihrer Seite wegen einer ſolchen Geringfügigkeit vorhanden iſt, mein Herr, werden doch Frau von Bour⸗ gueil und ich ſehr glücklich ſein, wenn ſie die Ehre ha⸗ ben, Sie zu empfangen.“ Herr Delmare ſteckte die Karte in ſeine Weſten⸗ taſche, als er ſeine Frau halblaut zu Frau von Bour⸗ gueil, neben der ſie ſitzen geblieben war, ſagen hörte: „Mein Gott, Madame, ſchauen Sie doch das hübſche Geſchöpf an!“ „Welches charaktervolle Geſicht!“ erwiederte Frau ſan Bourgueil, „ſie muß Italienerin oder Spanierin ein.“ Als Herr Delmare dieſe Worte hörte, ſchlug er die Augen auf und ſah in geringer Entfernung eine große, elend gekleidete junge Frau. Sie trug auf ihrem rechten Arm ein Kind im Wickelzeug, mit Lumpen um⸗ hüllt; in ihrer linken Hand hielt ſie mehrere Veilchen⸗ ſträuße, die ſie den Spaziergängern anbot. 3 Die Sträußchenhändlerin bot, wie Frau von Bour⸗ gueil bemerkt hatte, den vollendeten Typus der ſüdlichen Schönheit; ſie war groß, ſchlank, und unter den ent⸗ ſtellenden Falten ihres linnenen Rockes errieth man einen trefflichen Wuchs; ihr rothes, en marmotte um den Kopf gewickeltes Tuch ließ zwei Bänder blauſchwar⸗ zer, der Farbe nach denen ihrer Brauen ähnlicher Haare erſchauen, ihr durch das Elend abgemagertes, aber wun⸗ derſam ſchönes Geſicht; ſchien vergoldet durch die Strah⸗ len der Sonne des Süden; ihr Mund hatte ein Gepräge ſchmerzlichen Stolzes; ihr bald ſtarrer, bald zerſtreuter Blick gab ihren großen ſchwarzen Augen einen ſelt⸗ ſamen Ausdruck. Sie blieb, ihr Kind auf ihrem Arm 10 haltend, einen Augenblick unbeweglich vor den zwei jungen Frauen; dann bot ſie ihnen ihre Veilchenſträuße an, ohne ein Wort zu ſprechen, als gehorchte ſie einer maſchinenmäßigen Bewegung, während ihr Geiſt an⸗ derswo war. „Arme Frau. . ſie ſieht beinahe wahnfinnig aus,“ ſagte leiſe Madame Delmare zu Frau von Bourgueil. „Der Kummer vielleicht,“ erwiederte dieſe, „ſie ſcheint in großem Elend zu ſein.“ Die Sträußchenhändlerin bot hartnäckig ihre Sträuße an, ohne ein Wort zu ſprechen. Madame Delmare ſtreckte den Arm aus, nahm vier Sträußchen, ſtörte in ihrer Taſche und ſagte zu der Händlerin: „Wie viel koſten dieſe vier Sträußchen?“ Sie ſchien nicht zu hören und ſchaute fortwährend mit beinahe ſtieren Blicken umher. „He! Händlerin,“ ſprach lauter Madame Delmare, indem ſie ihren Arm berührte. „Qué voudrez?e *) antwortete ſie mit einem ſehr marquirten italieniſchen Aecent und ſchaute dabei Herrn Delmare an. Dieſer hatte das qus voudrez der Sträußchen⸗ händlerin nicht begriffen, und fragte ſeine Frau: „Haſt Du verſtanden, liebe Anna?“ „Die Arme Frau will ohne Zweifel ſagen, Du mögeſt ihr geben, was Du wolleſt, mein Freund,“ er⸗ wiederte Madame Delmare; „ſei großmüthig, das arme Geſchöpf ſcheint ſehr unglücklich zu ſein.“ „Du weißt, liebe Anna, daß Alles, was Du wünſchſt, geſchieht,“ ſagte Herr Delmare mit halber Stimme zu ſeiner Frau. Und er zog aus ſeiner Taſche ein Fünf⸗Franken⸗ Stück und war im Begriff, es der Sträußchenhändlerin zu geben; doch er beſann ſich eines Andern: er ſah *) Was ſie wollen. 11 ſeinen Sohn, der ein wenig vor den zwei jungen Frauen ſtand und mit der Neugierde ſeines Alters die Sträuß⸗ chenhändlerin anſchaute, rief dem Knaben und ſagte: „Adalbert!“ Bei dieſem Namen, der ſchon Frau von Bourgueil aufgefallen war, erwachte die Sträußchenhändlerlin aus ihrer Zerſtreutheit und ſchaute mit einer unruhigen Miene umher. Der Knabe antwortete nicht ſogleich auf den Ruf ſeines Vaters, und dieſer wiederholte: o Du mich denn nicht, Adalbert? .. Adal⸗ ert!“ Bei dieſem Schlag auf Schlag wiederholten Namen bebte die Händlerin am ganzen Leib; ihre Züge nah⸗ men einen unbeſchreiblichen Ausdruck von Unruhe und Bangigkeit an; es war, als tönte er in ihrem Innern auf eine herzzerreißende Weiſe wieder. Sie zog ihre ſchwar⸗ zen Brauen zuſammen und rief lebhaft, indem ſie Herrn Delmare mit beinahe irren Augen anſchaute: „Adalbert. Warum Adalbert?“ „Aber, meine arme Frau,“ erwiederte Herr Del⸗ mare ſehr erſtaunt, „Adalbert . . das iſt der Name meines Sohnes, und ich rief ihm, um ihm dieſes Fünf⸗ Franken⸗Stück zu geben, damit er es Ihnen reiche.“ Dann ſich an das Ohr von Frau von Bourgueil neigend, fügte er bei: „Die Unglückliche iſt entſchieden halb verrückt.“ „Ich befürchte es ſehr,“ erwiederte Frau von Bour⸗ gueil mit einem Ausdruck des Mitleids. Der Knabe fügte ſich endlich der Stimme ſeines Vaters, und dieſer gab ihm die fünf Franken, die er ganz ſtolz der Sträußchenhändlerin reichte. Das arme Geſchöpf empfing maſchinenmäßig das Geld und betrachtete einige Augenblicke ſchweigſam und mit einem ſeltſamen, beinahe neidiſchen Blick den kleinen Adalbert. Herr Delmare und Herr von Bourgueil, welche 12 hinter den Stühlen ihrer Frauen ſtanden, konnten die Züge von dieſen nicht unterſcheiden. Gleichzeitig betroffen von der ſchmerzlichen Gemüths⸗ bewegung, welche der Name von Adalbert bei der Sträuß⸗ chenhändlerin zu verurſachen ſchien, hatten Beide erröthend die Augen niedergeſchlagen, den Kopf abgewendet und gegenſeitig ihre Blicke zu vermeiden geſucht, als wollte jede der andern ihre Verlegenheit verbergen. Beide ſuchten indeſſen einen verſtohlenen Blick auf die ſo ſchöne und ſo dürftige Sträußchenhändlerin zu werfen, welche der Name Adalbert ſchmerzlich zu beunruhigen ſchien. In dieſem Augenblick hielten hinter einander drei zierlich beſpannte Wagen vor dem Cafs Tortoniz es entſtand unter den Spaziergängern, von denen das Bou⸗ levard überſtrömt war, eine Art von Tumult, als han⸗ delte es ſich um ein unvorhergeſehenes, außerordentli⸗ ches Schauſpiel. Il. Eine Art von Tumult, vermiſcht mit Ausrufungen und Gelächter, der ſich unter den Spaziergängern des Boulevard de Gand erhob, empfing alſo bei ihrer An⸗ kunft die drei zierlich beſpannten Wagen; dieſe hielten an der Ecke der Rue Taitbout und des Boulevard, vor dem Café Tortoni, unfern von der Stelle, wo Madame Delmare und Frau von Bourgueil ſaßen, an. Die Menge wurde bald ſo gedrängt um die zwei jungen Frauen, dieſe waren in Kurzem mit ihren Män⸗ nern und der Sträußchenhändlerin von allen Seiten ſo eingeſchloſſen, daß ſie ſich glücklich fühlten, gegen die immer mehr anwachſende Woge der Neugierigen durch ihre Stühle geſchützt zu ſein. 13³ Unter dieſen war ein noch junger Mann, von gro⸗ ßem Wuchſe und einem zugleich melancholiſchen und ſtrengem Geſicht, dem ein langer Schnurrbart und ein Knebelbart einen militäriſchen Charakter verliehen; ein ſchwarzer Kragen, ein langer, blauer, bis an den Hals zugeknöpfter und mit der Roſette eines Officieres der Ehrenlegion geſchmückter Oberrock gaben dieſem Mann ganz das Aeußere eines Officiers auf halbem Sold, eines Räubers von der Loire, wie die Royaliſten damals ſagten. Von der Reiſe ankommend, hatte er einen kleinen Cavalerie⸗Mantelſack von rothem Tuch in der Hand, und er ſchien ärgerlich, daß er auf ſeinem Wege durch dieſe unerwartete Zuſammenſchaarung aufgehalten wurde. Als er aber das Gelächter und die Ausrufungen vor dem Café Tortoni ſich vermehren hörte, theilte der Major Maurice bald die allgemeine Neugierde und blieb nahe bei den zwei Frauen und der Sträußchen⸗ händlerin ſtehen; da nun dieſe von dem ungeſtümen Drücken der Menge heftig bedrängt wurde, ſo bekam der Major Mitleid mit der armen Frau, welche ihr Kind in ihren Armen hielt und es vor den Stößen zu ſchützen ſuchte, und ſagte mit freundlichem Tone zu ihr: „Stehen Sie hieher! . . . vor mich bis ſich dieſe Zuſammenſchaarung zerſtreut hat. Sie werden nicht herumgeſtoßen werden und es ſoll Ihrem Kinde nichts geſchehen.“ Die Sträußchenhändlerin dankte dem Officier mit einem erkenntlichen Blick. Es entſtand eine neue Be⸗ wegung in der Menge, der Major wandte ſich um und ſchaute die Neugierigen, welche ungeduldig, in die erſte Reihe zu ſchlüpfen, ſo ſtreng an, daß die Sträußchen⸗ händlerin und ihr Kind keinen weitern Stößen mehr ausgeſetzt waren. Herr Delmare ſtieg auf die Bitte ſeiner Frau auf einen Stuhl, ſo wie auch Herr von Bourgueil, um über 14 die Menge zu ſchauen und endlich die Urſache dieſes ſo ſeltſamen Tumults zu erfahren. Plötzlich brach Herr Delmare in ein ſchallentes Gelächter aus und rief: „Ho! ho! das iſt ein guter Spaß!“ „Es iſt in der That ſehr komiſch!“ fügte Herr von Bourgueil, die Heiterkeit ſeines Nachbars theilend, bei. „Theilen Sie uns doch wenigſtens mit, was Sie ſehen, meine Herren,“ ſagte Madame Delmare. „Zwei junge Leute, meiner Treue, von ſehr gutem Ausſehen, mit Schnurrbärten, ſind aus einem von den Wagen ausgeſtiegen,“ antwortete Herr Delmare; „ſie ſind gepudert und à l'oiseau royal friſirt, haben bür⸗ gerliche Röcke mit Epaulettes, kurze Hoſen, geflammte Strümpfe, quer hängende Degen und weiße Cocarden ſo groß wie Teller.“ „Ein wahres Emigranten⸗Coſtüme, Voltigeurs von Ludwig XIV., wie man ſagt,“ fügte Herr von Bourgueil ſtärker lachend bei. „Ah! es kommt noch beſſer!“ rief⸗Herr Delmare unter verdoppelter Heiterkeit; ein großer, dicker, wohl ſechs Fuß hoher Mann mit ellenlangem, rothem Schnurr⸗ bart ſteigt aus dem Wagen, gekleidet wie die Andern als Voltigeur von Ludwig XIV. . nur ſtatt des Degens „ Ha! hal ha! „Mein Gottl wie drollig das iſt! er trägt einen Bratſpieß mit einer Degenquaſte. „ „Ah! ah! ſehen Sie doch,“ ſagte Herr von Bour⸗ gueil, „er hat ein großes Kreuz vom Orden des heili⸗ gen Ludwig von Blech hinten zwiſchen die zwei Knöpfe der Taille ſeines Fracks geheftet.“ „Bei meiner Treue, das iſt wahr!“ ſprach Herr Delmare; „ich habe das Kreuz in dem Augenblick ge⸗ ſehen, wo er das Weſen eines Marquis nachahmend eine Pirouette machte Ha! ha! was für ein drol⸗ liger dicker Burſche!. Meine Damen, hören Sie das Gelächter, das Beifallklatſchen 2“ „Aber was bedeutet dieſe Mummerei?“ fragte Ma⸗ 15 Delmare, ebenſo erſtaunt als die andere junge rau. „Der Faſching iſt ſeit langer Zeit zu Ende,“ fügte Frau von Bourgueil bei. „Ich begreife nun Alles,“ rief Herr Delmare, ſich vor die Stirne ſchlagend. „Das Cafs Tortoni iſt der gewöhnliche Verſammlungsort der ehemaligen fönig⸗ lichen Freiwilligen, vieler fremder Officiere .. . „Und dieſe jungen Leute,“ ſprach Herr von Bour⸗ gueil, „in denen man leicht an ihren militäriſchen Ge⸗ ſichtern ehemalige Officiere des Kaiſerreichs erkennen kann, werden zur Verhohnung und zum Trotz die Emi⸗ granten⸗Tracht genommen haben *).“ „Welche Tollheit!“ ſagte Madame Delmare lächelnd. „Zum Unglück könnte dieſe Tollheit einen Streit herbeiführen,“ bemerkte Frau von Bourgueil, „wenn das Café Tortoni, wie die Herren ſagen, der gewöhn⸗ liche der ehemaligen königlichen Freiwilli⸗ gen iſt.“ „Sie haben Recht, Madame,“ ſprach die andere junge Frau; „dieſe Freiwilligen könnten den Scherz der Herren Officiere der kaiſerlichen Armee ſehr im Ernſte nehmen.“ „Und um ſo mehr im Ernſte nehmen, meine liebe Anna,“ ſagte Herr Delmare, „als unter den königlichen Erfreiwilligen, welche gewöhnlich bei Tortoni zuſam⸗ menkommen, ein paar ſehr gefürchtete Duellanten ſind. Es könnte alſo dieſe ganze Narrenpoſſe mit einem Tod endigen, und das wäre, ich muß es geſtehen, minder luſtig als der Anfang.“ „Oh!“ rief Frau von Bourgueil, „das wäre gräßlich!“ *) In Jahre 1815 oder 1816 hatten wirklich einige junge Officiere von der kaiſerlichen Armee dieſen Gedanken und gingen ſo ver⸗ kleidet in das Cafs Tortoni. 16 „Hoffen wir, daß die Dinge nicht ſo weit gehen,“ ſprach Madame Delmare. „Ha! ha!“ rief Herr Delmare, der beſtändig auf ſeinem Stuhl ſtand, „hier kommt der letzte Wagen⸗ Den Letzten das Beſte ohne Zweifel.“ „Teufel, das wird ſchlimm!“ ſagte Herr von Bour⸗ gueil. „Schon ſind mehrere fremde Officiere und einige Stammgäſte von Tortoni auf die Freitreppe des Kaffee⸗ hauſes herausgetreten, ohne Zweifel, um die vorgebli⸗ chen Voltigeurs nicht ſehr höflich zu empfangen.“ „Doch dieſe ſcheinen auf ihre Freunde vom letzten Wagen zu warten,“ fügte Herr Delmare bei. „Oh! da kommt der bekannte Loſtange ein ehemaliger königlicher Freiwilliger, auch aus dem Kaffeehaus her⸗ aus. Es iſt einer von den großen Duellanten, von denen ich vorhin ſprach. Man hat ihn mir vor einigen Tagen gezeigt.“ 4 „Wo das? wo iſt er?“ fragte Herr von Bourgueil. „Sehen Sie, der, welcher die erſte Stufe der Frei⸗ treppe herabſteigt . der große Blonde mit einem Stöck⸗ chen in der Hand. Das iſt ein Burſche, dem ich, ich muß es geſtehen, nicht gern zwiſchen die zwei Augen ſehen möchte,“ ſagte Herr Delmare naivz „denn, Teufel! ich bin kein Duellant weit entfernt.“ „Ah! wahrhaftig, das iſt der viel beſprochene Lo⸗ ſtange,“ verſetzte Herr von Bourgueil; „ich kenne ihn dem Rufe nach. Ein trauriger Ruf! Er iſt, wie ich höre, bei ſeinem fünfzehnten Duell und bei ſeiner neun⸗ ten Tödtung .. Mehr als die Hälfte „ das iſt hübſch.“ „Ah! der abſcheuliche Menſch!“ rief Madame Del⸗ mare beinahe erſchrocken. „Sich neun Tödtungen vorwerfen zu müſſen, das iſt gräßlich!“ fügte Frau von Bourgueil bei. Und ſich voll Beſorgniß an Madame Delmare wendend: „Aber, Madame, zwiſchen ſolchen Gegern wird der Scherz vielleicht furchtbare Folgen haben.“ 17 „Ich geſtehe, Madame, daß ſich mein Herz unwill⸗ kührlich zuſammenſchnürt.“ 41 „Ah! mein Gott!“ rief plötzlich Herr von Bour⸗ gueil mit dem Ausdruck der lebhafteſten Verwunderung und Bangigkeit; „er iſt es! er iſt es! Er iſt aus dem letzten Wagen geſtiegen!“ „Von wem ſprechen Sie, mein Freund?“ fragte ihn ſeine Frau. Aber Herr von Bourgueil antwortete nicht und ſchien immer mehr beunruhigt. Er fuhr fort: „Er geht den ſechs als Voltigeurs verfleideten jungen Männern voran . . Er ſteigt die Freitreppe hinauf. Er nird ſogleich dem furchtbaren Loſtange ge⸗ genüberſtehen.“ „Ich frage Sie noch einmal, mein Freund, von wem ſprechen Sie denn?“ ſagte Frau von Bourgueil. „Herr von Bourgueil ſpricht von einem großen jungen Mann mit ſchwarzem Schnurrbart . . . bei mei⸗ ner Treue, ein reizendes Geſicht trotz der grotesken Fri⸗ ſur à l'oiseau royal,“ antwortete Herr Delmare Frau von Bourgueil. „Nun iſt er oben auf der Freitreppe.“ „Loſtange mißt ihn und hält ihn auf!“ rief Herr von Bourgueil voll Angſt. „Sie wechſeln lebhaft ein paar Worte,“ fügte Herr Delmare bei, „während der dicke, große Mann mit dem rothen Schnurrbart ſeine Marquis⸗Pirouette fortſetzt und dabei einem öſterreichiſchen Officier unter die Naſe ſchaut. Hm! . . . hm! das wird offenbar ſchlimm.“ „Ah!“ rief Herr von Bourgueil mit verdoppelter Bangigkeit, „er hat das Stöckchen entzwei gebrochen, mit dem Loſtange impertinent hin und herfuhr, während er mit ihm ſprach. Nun treten ſie Alle in das Kaffee⸗ haus ein. Es unterliegt keinem Zweifel mehr, er wird ſich mit Loſtange ſchlagen . . . Er iſt verloren,“ fügte Herr von Bourgueil bei, während er von ſeinem Stuhle herabſtieg, „er iſt todt.“ Die Kinder der Liebe. 2 * 18 „Aber, mein Herr,“ fragte Herr Delmare, der ebenfalls von ſeinem Stuhle herabſtieg, „wer iſt denn der junge Mann, für den Sie ſich ſo ſehr intereſſiren und für welchen Sie ein ſo beklagenswerthes Schickſal befürchten 2“ „Es iſt einer von meinen Freunden,“ antwortete traurig Herr von Bourgueil, „der Oberſt Rolland.“ „Wie,“ rief Herr Delmare, „der große junge Mann, den wir dort geſehen es iſt der berühmte Oberſt Roland, der, wie man ſich erzählt, bei Waterloo Wunder des Heldermuths an der Spitze ſeines Huſaren⸗ Regiments vollbracht hat?“ „Er ſelbſt iſt es!“ erwiederte Herr von Bourgueil mit wachſender Bangigkeit; „ja, es iſt der Oberſt Ro⸗ land, einer der letzten und jüngſten Glorien des Kaiſer⸗ reichs, einer der liebenswürdigſten und geiſtreichſten Menſchen, die ich kenne, und dieſen Abend wird er viel⸗ leicht von Loſtange getödtet werden; denn Niemand ſoll auf den Stich von der Stärke dieſes Raufers ſein.“ Wie früher Madame Delmare, Frau von Bourgueil und die Sträußchenfrau lebhaft bei dem Namen Adalbert ergriffen geweſen zu ſein ſchienen, ſo brachte der Name des Oberſten Roland und beſonders die Verkündigung der Gefahr, der er preisgegeben ſein ſollte, einen gleich⸗ zeitigen, jedoch verſchiedenartigen Eindruck nicht nur auf die drei jungen Frauen, ſondern auch auf den Major Maurice hervor. Er hatte ſich nicht von der Sträuß⸗ chenhändlerin, die er beſtändig beſchützte, entfernt und, ſo wie ſie, die Erzählung von dem, was auf der Treppe des Cafs Tortoni vorgefallen, angehört. Madame Delmare war beim Namen des Oberſten Roland, bei dem Worte Duell erbleicht, hatte ihren Schleier über ihr Geſicht niedergelaſſen, um ihre Un⸗ ruhe zu verbergen, und ihr Kind mit einer beinahe krampfhaften Bewegung an ſich gedrückt. In einem erſten Anfall wahnſinnigen Schreckens hatte ſich Frau von Bourgueil ungeſtüm halb erhoben, 19 als hätte ſie die Gefahr zu beſchwören vermocht, von der der Oberſt Roland bedroht war; dann war ſie nach kurzem Nachdenken, von einem ſo heftigen Nervenzittern ergriffen, daß ihre Zähne an einander ſchlugen, wieder niedergeſunken, und um dieſen Krampf zu unterdrücken, der ſie verrathen haben würde, ſah ſie ſich genöthigt, den Kopf gegen ihre Bruſt ſenkend, auf ihr Schnupſtuch zu beißen. Die Sträußchenhändlerin, ſobald ſie begriffen, der Oberſt ſchwehe in Todesgefahr, wurde beinahe furcht⸗ bar vor Schmerz, Zorn und Kühnheit; ihre großen ſchwarzen Augen funkelten, und ſie wandte ſich an den Major Maurice, der ſie bis dahin beſchützt hatte, reichte ihm ihr Kind und ſagte: „Sie ſind gut . . . Behalten Sie es. .. Ich gehe dorthin.“ und mit einer Bewegung des Kopfes deutete ſie auf das Café Tortoni. Der Major Maurice ſchickte ſich in dieſem Augen⸗ blick ſelbſt an, energiſch durch die Menge zu dringen; denn auf ſeinem traurigen, männlichen Geſicht war auch ein Ausdruck der Bangigkeit hervorgetreten, als er den Namen des Oberſten Roland nennen und die verſchie⸗ denen Erſcheinungen bei der Ankunft der vorgeblichen Voltigeurs von Ludwig KIV. im Café Tortoni erzäh⸗ len hörte. Der Major war alſo ſehr erſtaunt über die Bitte der Sträußerfrau, die er für verrückt hielt; ſo ſeltſam waren ihre Phyſiognomie und ihre Aufregung; er erwiederte ihr auch die Achſeln zuckend: „Bleiben Sie da. . . Ich kann mich nicht mit Ihrem Kinde befaſſen.“ Und er machte ein paar Schritte vorwärts, um die Menge zu durchſchneiden und zu ſeinen Waffenbrüdern im Café Tortoni zu eilen, wodurch er ſich von den Damen Delmare und Bourgueil entfernte, welche in⸗ deſſen zu grauſam von ihrer Angſt in Anſpruch genom⸗ 20 men waren, um zu bemerken, was zwiſchen dem Major Maurice und der Sträußerfrau vorgegangen. Doch dieſe folgte dem Major auf der Ferſe nach, holte ihn ein, klammerte ſich an ſeinem Arm an und ſagte mit keuchender Stimme und mit ihrem italieniſchen Accent: „Man will ihn umbringen . . . Behalten Sie mein Kind . . Ich vertheidige, ich vertheidige . Aber dieſes willenskräftige, leidenſchaftliche Ge⸗ ſchöpf, das der Heftigkeit ſeiner Gemüthsbewegungen nicht zu widerſtehen vermochte, ſtammelte noch ein paar Worke in italieniſcher Sprache mit irrer Miene; dann verſchied ihre Stimme auf ihren Lippen und ſie ſließ einen erſtickten Schrei aus. Der Major Maurice fühlte ſeinen Arm gepreßt wie in einem Schraubſtock; er drehte ſich raſch und zeitig genug, um die Sträußerfrau auf⸗ zuhalten, welche das Bewußtſein verlor und auf ſich ſelbſt zuſammenſank. Der Major Maurice war menſchenfreundlich, er hatte ſchon Mitleid mit dieſer unglücklichen Frau gehabt und wollte ſie in einer ſo traurigen Lage nicht verlaſſen. Die Menge wurde etwas weniger gedrängt, er forderte einige, wie er, mitleidige Perſonen um Beiſtand auf und ſuchte einen Ort, wo man der armen Sträußchen⸗ händlerin die erſte Hülfe geben könnte. III. Während der Major Maurice ſo ſein Mitleid mit der Sträußerfrau walten ließ, begriff allmälig die Menge der auf dem Boulevard verſammelten Neugieri⸗ gen, die Verkleidung der Offſiciere des Kaiſerreichs konnte 21 traurige Folgen haben, und wartete mit doppelter Neu⸗ gierde, bis ſie aus dem Café Tortoni weggingen, in das ſie vor einigen Minuten eingetreten waren. Ihren erſten Schrecken bewältigend, hatten die Damen Delmare und von Bourgueil einen Theil ihrer Bangig⸗ keit vor ihren Männern zu verbergen gewußt, welche übrigens ſehr wenig darüber ſtaunten, daß ſie Frauen bei dem Gedanken an mörderiſche Duelle beunruhigt ſahen. Herr von Bourgueil, der den Oberſten Roland täglich bei ſich empfing, erklärte ſich überdies ganz na⸗ türlich die Beſorgniſſe ſeiner Frau für ihren gemein⸗ ſchaftlichen Freund. Er ſagte auch zu ihr, um ſie zu beruhigen: „Ich bin vielleicht in meinen Befürchtungen für unſern Freund zu weit gegangen, meine liebe Julie. Dieſer Loſtange ſoll der furchtbarſte von allen Duellanten ſein; doch der Oberſt Roland iſt die Unerſchrockenheit ſelbſt, und als Militär muß er vollkommen den Degen zu führen wiſſen.“ „Leider iſt dem nicht immer ſo,“ entgegnete Herr Delmare. „Ich habe ſagen hören, auf dem Schlachtfelbe furchtbare Officiere wiſſen den Degen nicht mehr zu handhaben, als ich. Und das will nicht wenig beſagen, inſofern ich nur einen ſehr geringen Geſchmack an den blanken Waffen und ſogar an den Feuergewehren habe,“ fügte er treuherzig lachend bei. „Es iſt wahr, es iſt mir nie eingefallen, den Ober⸗ ſten Roland zu fragen, ob er ein guter Fechter ſei,“ ſagte Herr von Bourgueil. „Wir wollen hoffen, daß er ebenſo gewandt als muthig iſt.“ Und er wandte ſich an ſeine Frau, welche, ohne ein Wort zu ſprechen, den Kopf beſtändig geſenkt hielt und ſo ſtark zitterte, daß man ihre Schultern und ihren Shawl beben ſah, und ſprach zu ihr: „Auf, meine liebe Julie, zittern Sie nicht ſo . Sie ſind in der That von einer Schwäche! das wird Kinderei „ Wir machten da einfache Muthma⸗ ßungen . .. Es iſt immer noch Zeit genug, ſich zu be⸗ trüben, wenn ein Unfall ſich ereignet hat.“ „Ich geſtehe meine Schwäche doch ein Duell!“ murmelte die arme Frau, die ſich eine unerhörte Ge⸗ walt anthat, um dieſe Worte heraus zu bringen; „ein Duell, wer auch derjenige von den Gegnern ſein mag, welcher unterliegt, iſt immer etwas Beklagenswerthes.“ „Und wenn man bedenkt,“ fügte Madame Delmare mit feſterer Stimme bei, „wenn man bedenkt, daß heute glückliche Familien morgen vielleicht in Trauer ſein werden!“ „Ohl! Du, meine arme Anna,“ entgegnete liebe⸗ voll Herr Delmare, „Du biſt nicht muthiger als Ma⸗ dame; Du biſt ſogar beinahe weniger muthig als ſie; denn Du kennſt am Ende den Oberſten Roland weder von Eva, noch von Adam her, und Deine zitternde Stimme, Dein verſtörtes Geſicht Sieh nur unſern Adal⸗ bert an, wie traurig er iſt, daß er Dich beunruhigt ſieht der liebe, arme Knabe. Zum Teufel mit. allen Duellen und Schlägern! Bei meinem Ehren⸗ wort, die Menſchen müſſen Narren, Erznarren ſein, daß ſie ſich einander ſo umbringen! Nicht wahr, Herr von Bourgueil?“ „Allerdings, mein Herr, der Mißbrauch des Duells iſt beklagenswerth; es gibt jedoch Veranlaſſungen, wo, meiner Treue „Ich bedanke mich ſchönſtens für alle dieſe Veran⸗ laſſungen!“ erwiederte naiver Weiſe Herr Delmare, „ich kenne keine Veranlaſſung, wo man ſich der Gefahr ausſetzen muß, umgebracht zu werden. Es iſt ſchon genug, daß man der, eines ſchönen Todes zu ſterben, ausgeſetzt iſt . .. Brrrrl der Gedanke allein macht mir den Schauder!“ „Dieſer würdige Mann iſt entſchieden kein Sauſe⸗ viz“ ſagte lächelnd Herr von Bourgueil zu ſich elbſt. Plötzlich kreiſten in der Menge die Worte: 23 „Hier ſind ſie hier ſind ſie!“ „Sie kommen mit den fremden Officieren und den Stammgäſten von Tortoni heraus.“ Herr von Bourgueil und Herr Delmare ſtiegen wieder auf ihren Stuhl, um zu ſehen, was vorgehen würde. Ihre beiden Frauen konnten nicht mehr zweifeln: die Unruhe, die Beſorgniſſe, die Bangigkeiten, die ſie verriethen, jener Inſtinkt der Eiferſucht endlich, der ſtets ſo ſicher, Alles ſagte ihnen, ſie zittern für denſel⸗ ben Mann, und dieſer Mann ſei der Oberſt Adalbert Roland. Durch einen Widerſpruch jedoch, der minder ſelt⸗ ſam, als er ſcheinen dürfte, war es weder Neid, noch Haß, was die zwei jungen Frauen in dieſem Augen⸗ blick gegen einander empfanden, ſondern eine Art von ſchmerzlicher, gegenſeitiger Theilnahme, erzeugt durch das gemeinſchaftliche Unglück, mit dem ſie bedroht waren. Frau von Bourgueil neigte ſich auch an das Ohr von Madame Delmare und ſagte mit einer Stimme voll kaum bewältigter Thränen zu ihr: „Madame „ich liebe ihn, aber ich habe ihm widerſtanden . . das ſchwöre ich Ihnen! . Sie zittern wie ich . Sie lieben ihn „auch.“ „Ja, ich zittere für ihn, doch ſeit vier Jahren habe ich ihn nicht wiedergeſehen,“ erwiederte Madame Delmare. Und errathend, Frau von Bourgueil würde zögern, eine ſo lange Trennung zuzulaſſen, fügte ſie mit einem Ausdruck unwiderſtehlicher Aufrichtigkeit bei: „Glauben Sie mir „ich ſage die Wahrheit.“ Wir müſſen darauf verzichten, das Antlitz von Frau von Bourgueil zu ſchildern, dieſe Miſchung von Freude und Thränen zu zeichnen, die es ſo rührend machte, als ſie erfuhr, der Mann, den ſie anbetete, welchem ſie aber bis dahin zu widerſtehen den Muth gehabt, be⸗ trüge ſie nicht, wie ſie einen Augenblick geargwohnt. Sie preßte deshalb verſtohlen Madame Delmare die 24 Hand, mit einem Ausdruck unausſprechlicher Dankbar⸗ keit dafür, daß ſie ſie von einem gräßlichen Zweifel be⸗ freit hatte. Dies Alles war raſch vorgegangen, ohne daß es die zwei Männer wußten, welche wieder auf ihre Stühle ſtiegen und nach dem Café Tortoni ſchauten. „Ah!“ ſagte traurig Herr Delmare, während er ſeinen Beobachtungspoſten verließ, „es iſt nicht mehr zu bezweifeln: ſie ſchlagen ſich; der Oberſt Roland, ſo wie der dicke, große Mann mit dem rothen Schnurr⸗ bart, der einen Bratſpieß als Degen hat, ſind ſo eben aus dem Kaffeehaus mit dem furchtbaren Lo⸗ ſtange und einem öſterreichiſchen Officier herausgekom⸗ men; alle Vier haben ſich in denſelben Wagen geſetzt, wobei ſie ſich um die Wette ſtritten, wer zuerſt einſtei⸗ gen ſollte! Sehr verbunden für die Höflichkeit! Es iſt hübſch Grund vorhanden, ſolche Salamalecks zu machen.“ „Und ſo die Andern,“ fügte Herr von Bourgueil bei, „ſie haben ſich gepaart .. Sechs gegen ſechs „„mit königlichen Freiwilligen und fremden Officie⸗ ren „Sie werden ſich ohne Zweifel zur Stunde im Wäldchen von Vincennes oder in dem von Boulogne umbringen.“ „Vielleicht hat dieſer Streit am hellen Mittag ein ſolches Aufſehen gemacht, daß ſich die Polizei darein miſchen und ſie verhindern wird, ſich zu ſchlagen,“ ſagte Herr Delmare, „das wäre, bei Gott! ein Glück.“ „Sie haben Recht,“ ſprach Frau von Bourgueil, ſich an dieſe Hoffnung anklammernd; „man kann ein ſolches Duell unmöglich ſtattfinden laſſen.“ „Angenommen, die Polizei miſchte ſich darein, meine liebe Freundin, ſo wäre vas nur ein Verzug,“ erwie⸗ derte Herr von Bourgueil; „das Duell würde verſcho⸗ ben, und ich geſtehe, bei der Unruhe, in der ich ſchwebe, würde ich es für mich und meine Frau vorziehen, wenn ich ſo hald als möglich etwas Entſchiedenes über das 25 Loos unſeres armen Freundes, des Oberſten Roland, wüßte.“ . Nach dem Abgang der Wagen, welche die Strei⸗ tenden wegführten, zerſtreute ſich die Menge allmälig. Herr Delmare bot nun ſeinen Arm ſeiner Frau und ſagte zu Herrn und Frau von Bourgueil: „Ich weiß meinem Sohn beinahe Dank für ſeine Unbeſcheidenheit, da ſie mir das Vergnügen, Sie wiederzuſehen, verſchafft.“ „Ich hoffe, mein Herr, daß dieſes durch einen Zu⸗ fall herbeigeführte Verhältniß unter uns fortdauern wird,“ erwiederte Herr von Bourgueil, „und ich bin feſt überzeugt, daß ich mich ſo ſprechend zum Dolmet⸗ ſcher meiner Frau mache.“ Frau von Bourgueil, welche beſtändig ihre Blicke und ihre Unruhe unter ihrem Schleier verbarg, reichte ihre Hand zitternd Madame Delmare und ſprach mit ausdrucksvoller Betonung zu ihr: „Madame, obgleich ich ſehr wenig die Ehre habe, Ihnen bekannt zu ſein, werden Sie mir doch hoffent⸗ lich glauben, daß ich aufrichtig und lebhaft Sie wieder⸗ zuſehen wünſche.“ „Ich glaube um ſo leichter an dieſen Wunſch, als ich ihn theile, das dürfen Sie überzeugt ſein,“ antwor⸗ tete Madame Delmare. Und die zwei Paare trennten ſich grüßend. Herr Delmare war zu Fuß ausgegangen, aber ſeinen Befehlen gemäß ſollte ihn ſein Wagen auf dem Boulevard aufſuchen für den Fall, daß ſeine Frau und ſein Sohn müde würden. „Wie wollen wir unſern Nachmittag endigen, meine gute Anna?“ fragte er ſeine Frau. Dann ſchaute er ſie aufmerkſamer an und ſetzte hinzu: „Mein Gott! mein Gott! Du biſt nun ganz trau⸗ rig geworden durch dieſes verteufelte Abenteuer! . Ich mache Dir damit keinen Vorwurf „„ man müßte 26 ein Felſenherz haben, um gleichgültig dem Abgang bra⸗ ver Leute beizuwohnen, die ſich erwürgen wollen . unter Anderen dieſer Oberſt Roland, ſo jung und ſchon ſo berühmt im Kriege; ſo viel iſt aber gewiß, ich be⸗ daure es, unſere heutige Promenade ſo ſchlecht gewählt und Dich gleichſam zur Zeugin einer Scene gemacht zu haben, die Dich ſchmerzlich ergriffen ... Unſere ein⸗ zige Entſchädigung für dieſe Unannehmlichkeit iſt un⸗ ſer Zuſammentreffen mit dieſem Herrn und ſeiner Frau; ſie waren ſehr liebenswürdig; die junge Frau iſt wahr⸗ haft reizend, nicht wahr, meine liebe Anna?“ „Sie iſt in der That reizend, mein Freund; doch Du haſt mich gefragt, was ich dieſen Nachmittag zu n gedenke: ich wünſche zu meiner Mutter zu gehen „ „Vortrefflich ich folge Dir dahin nach.“ „Wie, mein Freund, Du kommſt nicht mit mir und Adalbert?“ „Unmöglich,“ erwiederte Herr Delmare lächelnd, „eine wichtige Angelegenheit, ſehr wichtig . „Welche?“ „Und die Kirſchen, Madame!“ ſagte Herr Delmare mit einem komiſchen Ernſte; „Sie haben die Kirſchen vergeſſen! . „Was willſt Du damit ſagen?“ „Wie, liebe Anna, Du erinnerſt Dich nicht, daß, als wir geſtern mit Adalbert an der Bude des königli⸗ chen Obſthändlers vorüberfuhren, unſer Knabe ausrief: „Oh! da ſind ſchon neue Kirſchen, ich will haben!“ Neue Kirſchen! nur er findet derartige Ausdrücke! Er ſoll auch neue Kirſchen bekommen; ja, Du ſollſt be⸗ kommen, Schätzchen, und ich will Dir holen.“ „Oh!“ rief der kleine Knabe mit einſchmeichelndem Tone, „Väterchen wird ſo gut ſein, wenn er mir ſchoöne Kirſchen bringt. Ich danke, Väterchen.“ „Du hörſt es,“ ſagte Herr Delmare zu ſeiner Frau. „Siehſt Du, wenn dieſer Teufelsknabe mit ſeinem ein⸗ 27 ſchmeichelnden Tone zu mir ſpricht: Väterchen, ſo macht er Alles aus mir, was er will. Väterchen! mit dieſem Worte würde er mich auf dem Kopf gehen machen. Wir ſind alſo einig, liebe Anna, gehe zu Dei⸗ ner Mutter, ich werde Dir ungeſäumt nachfolgen; denn ohne Dich und dieſes Kind bin ich wie ein Leib ohne Seele.“ So ſprechend war Herr Delmare mit ſeiner Frau und ſeinem Sohn zu ſeinem Wagen gelangt, in den er ſie einſteigen ließ. Der Bediente, nachdem er den Schlag aufgemacht und wieder geſchloſſen hatte, ſagte zu Herrn Delmare, indem er ihm einen Brief überreichte: „Mein Herr, man hat dieſen Brief in das Haus gebracht. Da man dem Concierge bemerkte, er habe große Eile, ſo glaubte ich wohl daran zu thun, wenn ich ihn dem Herrn mitbrächte, da ich Sie mit dem Wagen aufſuchen ſollte.“ . „Sie haben Recht gehabt,“ antwortete Herr Del⸗ mar, während er den Brief gleichgültig nahm, ohne ihn anzuſchauen, denn er war noch damit beſchäftigt, ſeiner Frau Adieu zu ſagen und die Küſſe zu erwiedern, die ihm ſein Knabe freundlich aus dem Kutſchenſchlag in dem Augenblick, wo ſich die Pferde entfernten, zuſandte. „Hm! hi! Herr Adalbert,“ ſagte Herr Delmar lachend zu ſeinem Sohn, während ſich ſeine Frau, die ſich keinen Zwang mehr anzuthun hatte, in Thränen zerfließend in den Hintergrund des Wagens warf; „hm! hm! Herr Adalbert, dieſe Küſſe da ſcheinen mir teufelmäßig nach neuen Kirſchen zu chmecken wie Sie in Ihrem niedlichen Jargon ſagen.“ Der Wagen war ſchon einige Momente weggefah⸗ ren, als ihm Herr Delmare immer noch mit einem freu⸗ digen, gerührten Blicke folgte. „Ah!“ ſagte er, während er, beſtändig den Brief, den man ihm übergeben, in der Hand haltend, nach dem 23 Boulevard zurückkehrte, „ich weiß nicht, warum ich viel⸗ leicht nie mehr als heute mein Glück gefühlt habe .. Meine Frau! . mein Kind! .. . Mein ganzes Le⸗ ben iſt dort . . . Es iſt ſeltſam . ich frage mich abermals . warum habe ich nie vielleicht mehr als heute gefühlt, wie glücklich ich bin? . . . Ei! bei Gott ich vermuthe es! ... Ja, das iſt es. Der Menſch iſt ſo beſchaffen, daß ihm, ohne daß er ſelbſtſüchtig und boshaft iſt, das Unglück Anderer ſein Glück noch theu⸗ rer, noch koſtbarer macht . Dieſe Oſſiciere, welche ſich ſchlagen werden, haben Mütter, Schweſtern ... vielleicht Frauen und Kinder, welche ſie lieben, welche ſie anbeten, wie ich meine Frau und meinen Sohn an⸗ bete; und dennoch wird heute ohne Zweifel der Tod ſie, die voll Leben, Liebe und Hoffnung, anfaſſen. Arme Leute!. das iſt gräßlich! . Ich wundere mich nun nicht mehr über die Gemüthsbewegung von Anna .. Indem ſie wahrſcheinlich, wie ich, an ihr Glück dachte „.. ſtellte ſie die Betrachtungen an, die mir nun kommen ... So geht es, wenn man immer im Verzug iſt!“ fügte der junge Mann lächelnd bei, „das iſt mein Fehler 11 Auf, verjagen wir dieſe traurigen Gedanken .. Gott ſei Dank! die liebe, gute Anna kann ruhig ſein, wenn ich ihr je Schrecken durch meine Tollkühnheit einflöße, ſo muß es heiß zugehen! Doch verlaſſen wir dieſen ab⸗ ſcheulichen Gedanken; kaufen wir eiligſt die hübſchen neuen Kirſchen, damit ich früher zu meinen zwei Schä⸗ tzen zurückkomme ... Gut! und den Brief vergeſſe ich! ein wichtiger Brief!“ fügte er, die Achſel zuckend, bei; „ſie ſind gut! als gäbe es andere wichtige Briefe, als die, welche mir mein Engel von einer Frau ſchreiben könnte! Gleichviel, leſen wir den vorgeblich wichtigen Brief. .. Vor Allem iſt mir die Handſchrift der Adreſſe unbe⸗ kannt „ Entſiegeln wir ihn.“ Herr Delmare entſiegelte den Brief; er enthielt einen zweiten, den er beiſeit ſieckte, um den erſten zu leſen. Nachdem er einen Augenblick geleſen, wurde ſein 29 ſonſt ſtark gefärbtes Geſicht leichenbleich . er hielt inne. Dann, nachdem er mit ſeiner Hand über ſeine Augen gefahren war, als wollte er ſich verſichern, daß er nicht durch eine Viſion bethört werde, las Herr Del⸗ mare zum zweiten Mal den erſten Brief und betrachtete zum zweiten Mal die Handſchrift. Er ſtolperte und ſchwankte nun wie ein Trunkener und hatte nur noch Zeit, auf einen der Stühle des Boulevard niederzufinken. . Er ſah nicht mehr, er hörte nicht mehr, er war betäubt . ſchlaff. . . vernichtet. IV. Der Oberſt Roland, einer der Helden unſerer Er⸗ zählung, bewohnte ein elegantes kleines Haus zwiſchen Hof und Garten, in der Rue de bArcade. Dieſes in jener Zeit ſehr entlegene Quartier war abſichtlich vom Oberſten gewählt worden, denn da durch eine kleine Thüre ſein Garten auf ein unbeſtimmtes, verödetes Terrain ging, ſo konnte mehr als eine Elvira angſtlich und zitternd bei Don Juan aus⸗ und ein⸗ gehen, ohne daß ſie die neugierigen Blicke der Vor⸗ übergehenden zu befürchten hatte. Am Nachmittag des Tages, wo die vorhergehenden Ereigniſſe ſtatthatten, befand ſich der Kammerdiener oder vielmehr der Vertraute allein in dem mit eben ſo viel 3 als feinem Geſchmack ausgeſtatteten Salon ſeines errn. tii —— 30 Dieſer Diener, ein Mann von ungefähr ſechs und vreißig Jahren, war ein Corſe und hieß Pietri. Er ging mit einer unruhigen Miene im Salon hin und her; ſeine Phyſiognomie, welche gewöhnlich das 1 Gepräge einer höhniſchen Impertinenz an ſich trug, die auf eine Meile nach ihrem Frontin roch, war düſter, voll Bangigkeit. „Dieſe Degen,“ ſagte er, während er ganz aufge⸗ regt umherging, „dieſe Degen „ das iſt ein Duell! . Iſt er nur Zeuge oder ſchlägt er ſich?. . Sollte er trotz ſeines Muthes ſeiner Gewandtheit . .. Nein, nein, der Gedanke iſt gräßlich . Die Betrachtungen von Pietri wurden durch den Eintritt eines Livreebedienten unterbrochen; er trug eine prächtige Porzellanvaſe, in der ſich eine ſchöne rothe Camelia in voller Blüthe brüſtete. „Hier iſt abermals ein Strauß, Herr Pietri,“ ſprach der Bediente: „ſoll ich ihn auf den Tiſch neben die andern ſtellen?“ Statt auf dieſe Frage zu antworten, ſagte Pietri . zu dem Bedienten: „Jacques, genau um welche Stunde hat er die Degen im Auftrage des Oberſten geholt?“ „Es ſchlug gerade zwei Uhr in der Offiz.“ „Und nun iſt es halb fünf Uhr,“ fuhr Pietri, nach⸗ dem er auf die Pendeluhr geſchaut, fort. Und er ging wieder auf und ab und murmelte: „Was ſoll ich den⸗ ken? was befürchten?“ „Ich kann immerhin die Vaſe auf den Tiſch ſtel⸗ len, Herr Pietri?“ Erſtaunt über die Beklommenheit des Kammerdie⸗ ners, ſtellte der Bediente die Vaſe auf die Marmor⸗ plaite eines Tiſches, worauf man ſchon ein großes 1 Körbchen, fein geflochten, gefüllt mit Parmeſaner Veil⸗ 1 chen, einen herrlichen Strauß getragen von einem Hörn⸗ 3 chen von böhmiſchem Glas und in einem ebenholzenen, mit ſilbernen Arabesken ineruſtirten Käſtchen einen Ro⸗ 3¹ ſenſtock ſah, der ſo üppig blühte, daß er eben ſo viel Roſen als Blätter hatte. „Ich hoffe, Herr Pietri,“ ſagte der Bediente, „der Herr Oberſt bekommt genug ſchöne Sträuße für ſein Namensfeſt! Das iſt ein Heiliger, der tüchtig ge⸗ feiert wird, und zwar, das bin ich überzeugt, durch tüchtig hübſche Huldigerinnen! Ah! .. ich vergaß dieſen Brief, den man ſo eben gebracht hat! Soll ich ihn zu den andern legen?“ „Ja,“ antwortete Pietri, immer gehend, während der Bediente den Brief neben mehrere andere, auf ver⸗ ſchiedene Arten zuſammengefaltete Briefe legte. „Herr Pietri,“ ſagte der Bediente, „wie unruhig ſehen Sie aus! Glauben Sie, daß der Herr Oberſt, um ſich derſelben zu bedienen, ſeine Degen hat holen laſſen? . „Ah! er war dieſen Morgen ſo drollig ver⸗ kleidet, daß das lachen machen konntez und der Herr Oberſt iſt nicht geduldig! Sodann . . . Da aber der Bediente keine Antwort von Pietri erhielt, ſo verließ er den Salon ſehr erſtaunt über das Stillſchweigen des Kammerdieners. In dieſem ſchien ſich, nachdem er noch eine Zeit⸗ lang gegangen war, eine Erinnerung zu regen; er trat raſch an den Tiſch, auf den der Bediente einen kurz zuvor gebrachten Brief gelegt hatte, nahm ihn, unter⸗ ſuchte die Handſchrift der Adreſſe, bebte und entfernte ſich, nachdem er einige Augenblicke nachgedacht hatte, den Brief mit ſich nehmend aus dem Salon. Kaum war er durch eine Seitenthür hinausgeeilt, als der Bediente, zwei Degen in ihren Scheiden in der Hand haltend, raſch wieder eintrat und rief: „Herr Pietri! . . Herr Pietri!“ . Als er aber ſah, daß dieſer verſchwunden war, fügte er bei: „Wo Teufels iſt er? ... Ohne Zweifel wird er auf der Geheimtreppe in ſein Zimmer hinaufgegangen ſein . .. Was hat er denn heute, der Herr Pietri? Er iſt von 32 einer Hundelaune, und ſonſt iſt er doch ein ſo guter Menſch und mißbraucht nie ſeine Stellung als Vertrau⸗ ter des Oberſten.“ Dann näherte ſich der Bediente den Blumen, deren Wohlgeruch er einathmete, und ſetzte hinzut „Gottl wie das duftet! . . . wie glücklich iſt mein Herr wie angebetet ... wie gefeiert! . . Es werden entſchieden nur die Huſaren⸗Oberſten und die Gewiſſens⸗ räthe der vornehmen Damen durch ſolche Zärtlichkeit ausgezeichnet. . . Was für ſchöne Blumen! ... Und ſicherlich ſind das nicht die letzten! Ah! wenn alle Ge⸗ liebtinnen des Oberſten ihm Sträuße ſchicken, ſo kann er einen famoſen Blumenmarkt eröffnen.“ In dieſem Augenblick trat Pietri wieder ein, und der Bediente ſagte, auf die Degen deutend zu ihm: „Sie ſehen, Herr Pietri! Sie hatten Unrecht, für den Herrn Oberſten beſorgt zu ſein. Jacques iſt mit dem Wagen zurückgekehrt und hat die Degen gebracht.“ „Und der Oberſt?“ fragte Pietri mit unausſprech⸗ licher Bangigkeit. „Warum iſt er nicht in ſeinem Wa⸗ gen zurückgekommen? Er iſt alſo verwundet? außer Stand, transportirt zu werden? .. Aber antworte voch! wirſt Du antworten?“ „Sie laſſen mir nicht Zeit . . . Ich ſage Ihnen noch einmal, beruhigen Sie ſich, der Herr Oberſt be⸗ finden ſich wohler, als Sie und ich.“ „Woher weißt Du das?“ „Jacques hat ihn vor einer Stunde geſehen . er hat mit ihm geſprochen.“ Als Pietri vernahm, daß er nichts für das Leben ſeines Herrn zu befürchten hatte, war ſeine Freude, ſeine Aufregung ſo lebhaft, daß er Anfangs kein Wort finden konnte, dann aber ſprach er mit einem tiefen Gefühle der Erleichterung: „Ah! welche Laſt iſt von mir genommen! Doch waruin hat der Oberſt ſeinen Wagen zurückgeſchickt? War er alſo nur Zeuge bei dieſem Duell?“ — 33 „Ich weiß es nicht, Herr Pietri. Jacques hat mir nur Folgendes erzählt: der Herr Oberſt iſt, als er von Tortoni herauskam, in den Wagen geſtiegen mit dem dicken Commandanten Broſſard, der verkleidet war wie er, mit einem öſterreichiſchen Officier und einem großen, blonden, bürgerlich gekleideten Herrn. Der Oberſt hat dem Kutſcher durch Jacques befehlen laſſen, vor der Madeleine zu halten.“ „Und dann iſt Jacques hierher gekommen und hat von mir die Degen verlangt; ich weiß das. Weiter?“ „Sodann, Herr Pietri, als Jacques die Degen gebracht hatte, iſt der Wagen wieder weggefahren und hat am Anfang der Allee des Veuves, in den Champs⸗ Elyſées, angehalten. Dort ſind der Oberſt und die an⸗ dern Perſonen ausgeſtiegen; der große blonde Herr hat an der Thüre eines mit einem Garten umgebenen Hauſes geläutet; der Oberſt und die Andern ſind ein⸗ getreten. Zehn Minuten ſpäter kamen noch zwei Wa⸗ gen und diejenigen, welche darin ſaßen, traten eben⸗ falls in das Haus der Allee des Veuves ein. Nach einer ſtarken Viertelſtunde rief ein Mann, der aus dieſem Hauſe heraus kam, dem Bedienten des Oberſten Roland. Jacques lief hinzu. Man führte ihn in ein Zimmer, wo er den Oberſten fand. Dieſer gab ihm die Degen und ſagte zu ihm: „„Herr von Saint⸗Marceau wird mich nach Hauſe fahren. Du gehſt mit dem Wagen ab. Nimm die Degen mit und gib dieſes Billet bei Herrn von Bourgueil, Rue Royale, ab.““ Das hat Jacques ſodann gethan, Herr Pietri. Nur, da heute das Na⸗ mensfeſt des Herrn Oberſten iſt, haben Jacques und der Kutſcher, nachdem der Brief abgegeben war, an der Ecke der Rue Royale angehalten, um auf dem Bock eine Flaſche auf die Geſundheit des Herrn Oberſten zu trinken. Deshalb ſind ſie nicht früher zurückgekom⸗ men.“ „Somit,“ ſagte Pietri mit nachdenkender Miene, Die Kinder der Liebe. 3 34 „ſomit hat Jacques vor ungefähr einer Stunde das Billet des Oberſten zu Herrn von Bourgueil gebracht?“ „Ja, Herr Pietri, da die Rue Royale nur ein paar Schritte von hier i „Ah! Gott ſei Dank,“ ſprach Pietri mit einem neuen Seufzer der Erleichterung, „ich hatte mich mit Unrecht geängſtigt. Jacques weiß alſo ganz beſtimmt, daß der Oberſt nicht einmal leicht verwundet wor⸗ den iſt?“ „Ja, Herr Pietri, Jacques weiß es ganz beſtimmt. Doch ich höre läuten und will nachſehen, was es iſt.“ Als der Bediente wegaegangen war⸗ legte Pietri den Brief wieder auf den Tiſch, den er einen Augen⸗ blick vorher in ſein Zimmer mitgenommen hatte, und ſteckte ihn mit einem ſeltſamen Lächeln unter andere Briefe.“ Der Bediente kam bald zurück und ſagte zu dem Kammerdiener, deſſen Züge nun wieder ihren gewöhn⸗ lichen Ausdruck annahmen: „Herr Pietri, ein Herr fragt nach dem Oberſten Ich habe geantwortet, er ſei nicht zu Hauſe, doch der Herr will warten. Er nennt ſich Major Maurice.“ „Der beſte Freund des Oberſten,“ rief Pietri, „ſein Regimentskamerad!.. Geſchwinde .geſchwinde, bitte ihn, einzutreten.“ So ſprechend wandte ſich Pietri nach der Thüre, um dem Major entgegen zu gehen. Dieſer trat bald mit unruhiger, banger Miene ein, und die erſten Worte, die er an den Kammerdiener richtete, waren: „Hat man Nachrichten vom Oberſten?“ „Der Herr Major weiß alſo?“ „Ja, ich weiß, daß er ſich ſchlagen mußte . „Wohl, Herr Major, beruhigen Sie ſich mein Herr hat keine Schramme und muß bald zurückkommen.“ „Oh! deſto beſſer, deſto beſſer,“ ſagte der Major ⸗ 35 aufathmend; und er fügte mit ſich ſelbſt ſprechend bei: „Ah! dieſe ſeltſamen Ahnungen waren eitel . .. und dennoch ..5 Nachdem er einen Augenblick geſchwiegen und nach⸗ gedacht hatte, ſprach er zum Kammerdiener: „Nun, da ich über Adalbert beruhigt bin, guten Morgen, mein lieber Pietri.“ Und Maurice reichte ihm herzlich die Hand. „Herr Major,“ erwiederte Pietri, der es aus Ehr⸗ furcht nicht wagte, die Hand zu nehmen, die ihm der Officier reichte, „ich verdiene nicht .. .“ „Wie! Sie verdienen nicht, daß meine Hand die Ihrige drückt? Ay! Pietri . . werde ich je ver⸗ geſſen, daß ohne Ihren Muth, ohne Ihre Ergebenheit Adalbert, mein beſter Freund, im vorigen Jahre in der Schlacht bei Waterloo geblieben wäre.... „Herr Major, ich habe mich als treuer Diener benommen und nicht mehr.“ „Nicht mehr? Und die zwei Lanzenſtiche, die Sie erhielten, als Sie Ihren Herrn durch die Leichenhaufen aufſuchten, von wo Sie ihn halbtodt, mit Wunden be⸗ deckt und ſein Blut verlierend, hervor zogen, während es mir kaum beſſer ging!.. Ah! Pietri, Ihre Hand, dieſe brave, biedere Hand, welche, Adalbert rettend, mir einen Freund, einen Bruder zurückgegeben hat!“ Diesmal weigerte ſich Pietri nicht mehr, die Hand zu e die ihm der Major reichte, und er fagte zu ihm: „Wie glücklich und erſtaunt wird mein Herr ſein, wenn er Sie ſieht, Herr Major. Noch vor wenigen Tagen wunderte und betrübte er ſich, daß er keine Nach⸗ richten von Ihnen erhielt... Das Klima Aegyptens ſoll oft ſo ungeſund ſein!“ „Nicht eine Geſundheitsrückſicht hat mich bewogen, Aegypten zu verlaſſen, mein guter Pietri. .. Doch ſpre⸗ chen wir von Adalbert... Wie geht es ihm? Seine letzten Wunden haben ſich nicht wieder geöffnet?“ 36 „Nein, Herr Major, die Geſundheit des Oberſten iſt vortrefflich; er iſt nie heiterer, aufgeräumter geweſen; ich verſichere Sie auch, daß er ſeine Zeit nicht verliert. Und Sie ſehen ſogar, daß er ſie ziemlich gut anwendet,“ fügte Pietri lachend bei, indem er auf die auf dem Tiſche ausgebreiteten Blumen und Sträuße deutete. „Das ſind in der That reizende Blumen; doch ich begreife nicht recht 4 „Es iſt heute das Namensfeſt des Herrn Oberſten, und es ſcheint, es gibt viele dem heiligen Adalbert in Andacht ergebene Perſonen. Das iſt ein Heiliger, der ſehr viel Zulauf hat.“ „Der Oberſt iſt alſo immer derſelbe?“ verſetzte der Major mit einem ſchwermüthigen Lächeln, „immer der Mann der Liebesabenteuer.“ „Ah! Herr Major, ich, der ich das von Nahem ſehe, denn mein Herr hat alles Vertrauen zu mir, ich frage mich beſtändig, wie er es macht, um ſich auszu⸗ kennen und nicht unter ſo vielen Intriguen in Verwir⸗ rung zu gerathen, um ſich nicht in der Adreſſe zu täu⸗ ſchen und einen Namen ſtatt eines andern zu ſagen. .. Denn es ſindet wirklich eine Confuſion, eine Ueberhäu⸗ fung ſtatt... Doch keineswegs, der Oberſt begeht nie einen Irrthum; er ſagt das ſei ganz einfach, denn bei ſeinem Regiment habe er ſich auch nie im Namen ſei⸗ ner Huſaren geirrt.“ „Ich ſehe, daß ſich Adalbert nicht geändert hat ... er iſt nur der Unbeſtändigkeit treu.“ „Was wollen Sie, Herr Major, mein Herr gehört nicht ſich. er iſt nicht ſelbſtſüchtig .. . er iſt ebenſo verſchwenderiſch mit ſich ſelbſt, als mit ſeinem Vermö⸗ gen, und wie die Sonne glänzt er für Aller Augen .. unter der Bedingung, daß ſie ſchön ſind; denn man muß ihm die Gerechtigkeit widerfahren laſſen, mein Herr iſt nicht ſtolz, wenn eine Frau nur hübſch iſt, mag ſie vornehme Dame oder Griſette ſein, er bequemt ſich zu Allem,“ fügte Pietri bei. 37 Und ein unmerkliches Beben faltete ſeine Stirne, während der Major, wieder traurig und nachdenkend geworden, erwiederte: . „Ja, ich weiß, Adalbert bequemt ſich in der That zu Allem . . . und heute erſt hat ein ſeltſamer Zu⸗ fall Dann, nachdem er einen Augenblick geſchwiegen, fuhr er fort: „Sagen Sie mir, unter den Liebſchaften niedrigen Standes, zu denen ſich der Oberſt bequemt. .. Doch ſich unterbrechend, fügte der Major bei: „Pietri, ich will im Ganzen keine Indiscretion be⸗ gehen und auch Sie nicht zu einer ſolchen veranlaſſen. Ich werde mich unmittelbar an Adalbert wenden.“ „Dann haben Sie nicht lange zu warten, Herr Major .. denn es iſt ſo eben ein Wagen in den Hof gefahren. das muß mein Herr ſein.“ Durch ſeine Leute von dem Beſuche des Major Maurice unterrichtet, trat in der That einige Augen⸗ blicke nachher der Oberſt Roland in den Salon, den Pietri ſogleich beſcheiden verließ, um die beiden Waffenbrüder allein zu laſſen. V. Der Oberſt Roland, als er in den Salon eintrat, war noch als Voltigeur von Ludwig XIV. gekleidet und à l'oiseau royal friſirt; er hatte einen bürger⸗ lichen Rock mit langen Schößen, kleine goldene Epau⸗ lettes, eine weiße Weſte mit Blumen, ein Jabot, Man⸗ chetten, buttergelbe Hoſen, Kappenſtiefel, welche ge⸗ flammte ſeidene Strümpfe ſehen ließen, während ihm kleine Degen, den er trug, beſtändig an die Waden ug. 3 38 Trotz dieſer grotesken Kleidung, war der Oberſt Roland vermöge ſeines reizenden Geſichts, ſeines elegan⸗ ten Wuchſes und ſeiner vortrefflichen Tournure nichts weniger als lächerlich. Der Puder gab ſeinem glänzen⸗ den Blick ein neues Relief; er contraſtirte wunderbar mit ſeinen Brauen, welche ſo ſchwarz als ſein kleiner, aufwärts gedrehter Schnurrbart. Beim Anblick des Majors nahmen die Züge des Oberſten einen rührenden Ausdruck an; er lief mit offe⸗ nen Armen auf ihn zu und rief: „Mauricel mein Freund!.„ Du hier? . welche neberraſchung! welch ein Glück!“ „Guter, theurer Adalbert!“ erwiederte der Major, nicht minder bewegt als ſein Waffenbruder, indem er ihn in ſeine Arme ſchloß. „Ich finde Dich immer unſerer alten Freundſchaft treu.“ „Haſt Du je daran gezweifelt?“ „Nein, Du ſiehſt mich auch mehr glücklich als er⸗ ſtaunt über Deinen Empfang.“ „Und ich, der ich Dich noch bei Alexandria glaubte! denn Dein letzter Brief . . . „Ja, als ich ihn ſchrieb, blieb mir noch einige Hoff⸗ nung; doch neue Schwierigkeiten ſind hinzugekommen .. dann die Unerfahrenheit, der Mangel an Richtung . Am Ende mußten wir, ich und meine Kameraden, auf den Verſuch der Coloniſirung verzichten und nach Frank⸗ reich zurückkehren „ „Mein lieber Maurice, ich kenne nichts Alberneres, als den Leuten immer ins Geſicht zu werfen: ich ſagte es Dir wohl doch . — o „Du haſt Recht, Du haſt vorhergeſehen, was ge⸗ ſchehen iſt; Du forderteſt mich auf, das Vaterland nicht zu verlaſſen „. Aber wenn Du wüßteſt, was es für mich heißt, Frankreich von dieſen Heeren, die wir ſo oft geſchlagen, beſetzt zu ſehen!. Und dann die Bour⸗ boneni die weiße Fahne! „alle dieſe Motive zerna⸗ 39 gen mein Herz . ich will lieber ein Schauſpiel flie⸗ hen, das mich empört.“ „Und ich! glaubſt Du denn, ich ſei unempfindlich für die vorübergehende Demüthigung Frankreichs? Nein, bei Gott!. und heute erſt Dann ſich unterbrechend, um ein Gelächter aufzu⸗ ſchlagen, ſetzte der Oberſt hinzu: „Doch ich bedenke! ich muß Dir verrückt vor⸗ kommen. Was ſagſt Du zu meiner Friſur und mei⸗ ner Uniform, wie? Erkennſt Du den Oberſten des Er⸗4ten Huſaren dieſes ausgezeichneten Regiments, das immer ſo tüchtig geſchnürt, wie wir ſagten?“ „Ich wußte von dieſer Tollheit.“ „Wie, wer hat es Dir geſagt?“ „Vorhin, als ich aus der Diligence ausſtieg und über das Boulevard de Gand ging . .. „Du warſt dort?“ „Unter den Neugierigen . . . doch ich konnte von meinem Platze aus nichts ſehen; die Menge war zu gedrängt .. Durch Zufall hörte ich Deinen Namen ausſprechen . „Und Du biſt nicht zu uns gekommen?“ „Ich ahnte, die Sache würde eine ernſtere Wendung nehmen, und wollte Dich aufſuchen als „ „Als?“ Die Züge des Majors nahmen einen ſchmerzlichen Ausdruck an, und er fügte bei: „Ich werde Dir das ſpäter ſagen Doch Deine Begleiter waren ohne Zweifel von unſeren alten Ka⸗ meraden vom Heere?“ „Bei Gott!. lauter Alte: Raimond, Eroberſt von 2ten Lanciers; die zwei Brüder Morin vom Sten Dragoner; Saint⸗Marceau, ehemaliger Ordonnanzoffi⸗ cier des Kaiſers, und endlich als Krone „„ der dicke Broſſard.“ „Broſſard von den Küraſſieren der kaiſerlichen Garde ?“ 4⁰ „Er ſelbſt. Er war unbezahlbar, denn er ſah aus wie ein Elephant, der den Marquis ſpielt. Man mußte ihn auf ſeinen dicken Beinen pirouettiren und, beim Henker! ſeinen Hut unter den Arm werfen ſehen, abge⸗ ſehen davon, daß er als Degen einen Bratſpieß hatte.“ „Und ein St. Ludwigs⸗Kreuz unten am Rücken. Einer von meinen Nachbarn, der auf einen Stuhl ge⸗ ſtiegen war, erzählte Euren Einzug bei Tortoni . Was für einen ſonderbaren Einfall hattet Ihr denn da?“ „Stelle Dir vor, Maurice, daß Tortoni der Sam⸗ melplatz der Exaltirteſten von den ehemaligen königlichen Freiwilligen iſt; ſchwarze, graue, rothe Musketiere und andere Vorzimmer⸗Soldaten, die nie ein anderes Feuer, als das des Salon der Tuilerien geſehen haben, finden ſich dort ein. Verſtärkt durch eine große Anzahl frem⸗ der Officiere, ziehen dieſe Weißſchnäbel täglich gegen uns Soldaten des Kaiſerreichs los, behandeln uns als Banditen, als Räuber von der Loire, und beehren uns mit noch ganz anderen königlichen Titeln. Da verabre⸗ den wir den Dir bekannten Scherz, um dieſe Pekins *) zu bitten, uns ihre Impertinenzen von Angeſicht zu An⸗ geſicht zu wiederholen.“ „War bei Tortoni nicht ein gewiſſer Loſtange, ein großer Duellant?“ „Der Henker der Branſeköpfe wäre gegen ihn ein Lamm, wie man ſagt . . . Zum Glück empfängt er mich auf der Freitreppe des Kaffeehauſes. „„Der Fa⸗ ſching iſt vorbei,““ ſagt er zu mir, „die Masken dür⸗ fen hier nicht herein.““ „„Ohne Zweifel, weil ſie den Weißſchnäbeln Angſt machen!““ erwiedere ich. Und da er, während er ſprach, mit einem Stöckchen geſticulirte, was mich ungeduldig machte, ſo breche ich das Stöck⸗ chen entzwei und werfe es ihm vor die Füße. „Mein Herr,““ ruft er, „Sie beſchimpfen mich!““ „„Das iſt möglich; doch treten wir in das Kaffeehaus ein, dann *) Eigentlich Spottname der Civiliſten. 4¹ wollen wir plaudern.““ Wir treten ein; der dicke Broſ⸗ ſard ſchlägt ſogleich mit ſeinem Bratſpieß auf den Tiſch und ſchreit mit ſeiner Stierſtimme: „„Kellner, eine Bowle Punſch und Gläſer, die weder einem fremden Officiere, noch einem Royaliſten gedient haben; kurz, reine Gläſer.““ „Dieſer dicke Broſſard zerbricht immer die Gläſer,“ ſagte lächelnd der Major. „Du haſt Recht, das war zu brutal; doch der brave Burſche thut ſich nichts auf Feinheit beim Witz zu gut. Gleichviel, der Streich hatte getroffen. Die royaliſtiſchen Stammgäſte und die fremden Officiere be⸗ rathen ſich mit leiſer Stimme, und nach einigen Angen⸗ blicken treten ſechs von ihnen an unſeren Tiſch, — zwei königliche Freiwillige, zwei preußiſche Officiere, ein Oeſterreicher und der erwähnte Loſtange, der Poſſen⸗ reißer der Kameradſchaft ohne Zweifel; er kommt auf mich zu und ſagt zu mir, indem er mich vom Scheitel bis zu den Zehen mißt: „„Mein Herr, ich bin be⸗ auftragt, Ihnen von Seiten dieſer Herren zu ſagen, daß Sie und Ihre Freunde, Buonapartiſten ohne Zwei⸗ fel, auf eine ebenſo lächerliche, als unverſchämte Weiſe gekleidet ſind.““ „„Wie Sie ſehen,““ erwiederte ich, „„das ächte Co⸗ ſtume eines royaliſtiſchen Emigranten; es fehlt mir nur ein Koſak als Panzer, dann wäre das vollſtändig; näm⸗ lich: lächerlich, unverſchämt und feig, wie das Beneh⸗ men der Leute, die nur in den Fourgons der Fremden verborgen in ihr Vaterland zurückzukehren gewagt haben.““ „„Und welche ebenſo grauſam als feig Ney, Brune, La⸗ bédoyére ermorden und die Buonapartiſten im Süden niedermetzeln ließen,““ fügte Saint⸗Marceau bei. „Gut geantwortet.“ „Es iſt drollig: der berühmte Loſtange war nicht Deiner Anſicht; er wurde bleich vor Wuth. „Sie haben mich ſchon perſönlich beleidigt, indem Sie mein Stöckchen zerbrachen!““ rief er, ſich an mich wendend. 42 „„Nun, Ihr Räuber von Buonapartiſten, die Ihr ſeid, beleidigt Ihr die Emigration, die Royaliſten und die braven, fremden Ofſiciere; Ihr ſeid zu ſechs, wir find zu ſechs; es muß Blut fließen, viel Blut, um dieſe Be⸗ leidigung abzuwaſchen.“ „„Eine wahre Lauge,“ erwiederte Broſſard mit ſei⸗ nem plumpen Gelächter und ſeinem Kaſernenwitz. „„Ah!““ ſetzte er hinzu, „„wo werden wir unſere Flohe holen?““ „„Im Garten meines Hauſes,““ antwortete Loſtange; „„das wird uns keine Mühe machen. Ich wohne in der ällée des Veuves*). Dies denjenigen von Ihnen zur Nachricht, welche verheirathet ſind, meine Herren.““ „„Alle Wetter!““ ruft der dicke Broſſard, ſich hinter dem Ohr kratzend, „wenn Sie uns umbrächten wie Hühner, ſo wäre das mißlich für Madame Don⸗Don, welche ſchon Witwe von zwei Domherren iſt. Doch gleichviel, ich wage es; nur erkläre ich Euch Eines, nämlich daß Ihr Alle, ſo viel Ihr Euerer ſein möget, nicht die Ehre eines Degenſtichs werth ſeid, und daß ich . mich mit mei⸗ nem Bratſpieß ſchlage.““ „Nur dieſer Burſche hat ſolche Ideen!“ „Du glaubſt, er habe geſcherzt? keines Wegs!“ „Wie?“ „Man konnte ihn nicht von dieſer Idee abbringen, und er hat ſich geſchlagen „Auf den Spieß vielleicht?“ „Ja und zwar ſehr gut vor zwei Stun⸗ den, mit einem großen Teufel von einem öſterreichiſchen Uhlanen⸗Officier, mit dem, obgleich er auf deutſche Ma⸗ nier focht, nicht gut umzugehen war.“ „Im Ernſte, Broſſard, mit ſeinem Bratſpieß?“ „Hat geſtoßen wie ein Gott und dabei gelacht wie ein Buckeliger; er ſagte bei jedem Gang: „„Ich will ihn ſpießen, ich werde ihn ſpießen,““ und am Ende hat er den Oeſterreicher weit ausfallend buchſtählich ge⸗ *) Witwen⸗Allée. 43 ſpießt, nachdem er ihn — Du kennſt ſeinen Hereules⸗ arm — mit einem ſo gewaltigen Seitendruck, daß man hätte glauben ſollen, es ſei ein Keulenſchlag, aus der Lage gebracht. Als dies geſchehen war, ſagte Broſſard ſeinen Spieß abwiſchend: „„Ah! Madame Don⸗Don, Du wirſt diesmal noch nicht Witwe, mein Herzchen.““ „Welch ein Original! .„ Und wie ging es bei Dir?“ „Ich, ich hatte es mit Loſtange zu thun, meiner Treue! ein vortrefflicher Fechter, raſch wie der Blitz, eine ſtählerne Kniebeuge, eine eiſerne Hand, aber zu hitzig durch den Haß. Er war, bei meiner Ehre, ſehr häßlich anzuſchauen mit ſeinen Verzerrungen des Ge⸗ ſichts und ſeinen Augen aus dem Kopf. Er iſt eines von den wilden Thieren, die ſich nicht ſchlagen um des Vergnügens willen, ſich zu ſchlagen, ſondern um Böſes zu thun, um zu tödten. Das Blut ſteigt ihnen in das Gehirn und berauſcht ſie. Zum Glück habe ich ihm den Rauſch vertrieben durch eine gute Tiefquart, und in den nächſten zwei Monaten wird er Niemand mehr tödten.“ „Und unſere Kameraden?“ „Saint⸗Marceau und Raymond find Beibe ver⸗ wundet worden; Saint⸗Marcean ziemlich ſchwer, ich habe ihn ſo eben nach Hauſe gebracht in ſeinem Wagen, der mich dann hieher führte. Doch die zwei Brüder Morin, Broſſard und ich, wir haben uns, wie Du ſiehſt, gut aus der Affaire herausgezogen . . Mein braver Mau⸗ das war eine vollſtändige Partie, Du fehlteſt nur no aber Du weißt, was ich von den Duellen enke.“ Ja, Du liebſt ſie nicht, was Dich indeſſen, wie ich geſehen habe, nicht abhält, Dich mit einer Behag⸗ lichkeit und zugleich mit einem Feuer zu ſchlagen „ „Wenn es ſein muß „„doch ungern.“ „Bei Gott! das iſt wie im Krieg 6Es iſt ganz 44 originell: Du biſt einer der beſten Officiere, die ich kenne, und Du verabſcheuſt die Schlacht . . . Du biſt ſehr beredt, wenn Du gegen den Krieg, gegen ſein Un⸗ gemach, gegen das Blut, das er koſtet, ſprichſt. Und dennoch kenne ich Niemand, der einen Angriff macht, einen Poſten nimmt wie Du. Ich habe Dich bei Leip⸗ zig, bei Lützen und im franzöſiſchen Feldzug bei Mont⸗ mirail, bei Ligny, bei Waterlov geſehen. Oh! mein armer Maurice, wenn Du nicht ein Wolf, ein Leute⸗ ſcheuer, ein Philoſoph, ein Kopfhänger geweſen wäreſt, der an die Träume, an die Ahnungen und andere deutſche Poſſen glaubt, in die Du Dich während unſerer Feld⸗ züge in Deutſchland verbiſſen haſt, Du hätteſt müſſen vor mir zum Oberſten ernannt werden, und Du wurdeſt erſt bei Waterlvo Major. .. Du ſiehſt, daß ich Dich mit der Wahrheit nicht verſchone.“ „Du kennſt auch meine Aufrichtigkeit, mein lieber Adalbert. Erinnerſt Du Dich unſerer langen Diseuſ⸗ ſionen am Feuer des Bivouae? Denn man kann un⸗ möglich zwei Freunde ſich zu, beinahe in allen Dingen, entgegengeſetzteren Principien bekennen ſehen.“ „Was beweiſt das? die Unerſchütterlichkeit unſerer Freundſchaft? Ah! ſage mir, da Du auf Deine Pläne, Dich zurückzuziehen und in Egypten zu coloniſiren, ver⸗ zichtet haſt; was willſt Du thun?“ „Ich weiß es noch nicht, Einige von unſern Waffen⸗ Prüdern haben, wie ich höre, den Plan, nach Texas zu gehen.“ „Maurice! . „abermals Dich verbannen! . „Ich ziehe die Verbannung dem, was ich hier ſehe, vor.“ „Doch dieſe Reiſe iſt nicht klein .. Du bleibſt wenigſtens einige Zeit in Paris?“ „So kurz als möglich!“ „Es ſei Doch es verſteht ſich, dieſe Zeit bringſt Du bei mir zu?“ 45⁵ „Ich danke Dir für Dein Anerbieten, mein Freund, sbe „Es gibt keine aber . . . Du wohnſt hier.“ „Ich würde Dich beläſtigen.“ „Keines Wegs. Ein kleiner Pavillon, beſtehend aus drei Zimmern, ſtößt an dieſes Haus an; er iſt unbe⸗ wohnt; Du wirſt dort ganz allein ſein wie ein Wolf. Da ſich Dein Geſchmack nicht verändert hat, ſo kannſt Du nach Deinem Behagen philoſophiren und träumen.“ „Ich ſage Dir, mein Freund, Du haſt nicht ohne Abſicht dieſe ziemlich vereinzelte Wohnung gewählt; Du biſt immer ein vorzugsweiſer Don Juan, meine Gegenwart hier würde ich weiß nicht wie viele Lieb⸗ ſchaften zurückſchrecken. . . wenn ich nach den reizenden Sträußen, die man Dir zu Deinem Namensfeſt hieher geſchickt hat, urtheile,“ fügte Maurice lächelnd bei, in⸗ dem er auf die auf dem Tiſche des Salon aufgeſtellten Blumen und Sträuße deutete; „Undankbarer!. . und Du haſt ihnen noch nicht einmal einen Blick geſchenkt, dieſen Blumen dieſen Briefen?“ „Iſt es an Dir, mich darüber zu tadeln? an Dir, der Du mich ſie vergeſſen machſt? Ah! Maurice, die Liebe wechſelt, geht vorüber, vergißt ſich; die Freund⸗ ſchaft allein iſt ewig . . .“ „Dann, da Du meine Freundſchaft immer wieder zu finden ſicher biſt, öffne wenigſtens dieſe armen Briefe, welche hier in ihrem Umſchlag ungeduldig darauf war⸗ ten, daß Du ſie lieſeſt . .. „Ah! bei Gott! ich könnte zum Voraus ſagen, was ſie enthalten,“ erwiederte der Oberſt Roland, während er gleichgültig die Briefe vom Tiſch nahm, „ſo wie meine Antwort ebenfalls meinen Correſpondentinnen zum Vor⸗ aus bekannt iſt.“ „Warum dann ſich ſchreiben ?2“ „Warum?“ verſetzte der Obexſt, indem er die Briefe entſiegelte und las, während er zuglelch mit ſei⸗ nem Freunde ſprach, „um ſich Rendez⸗vous zu geben, * 46 alle Teufel! Siehſt Du, Maurice, man mag immerhin ſeine Phraſen wickeln und drehen, dieſe ganze Liebescorre⸗ ſpondenz reducirt ſich auf Folgendes: „„Madame, kommen Sie doch zu mir, ich flehe Sie an.““ „„Ohl mein Herr! pfui! wie abſcheulich! Nein, gewiß, ich werde nicht zu Ihnen gehen.““ „„Doch, mein Engel, Sie werden kommen, denn ich bete Sie an.““ „„Mein Herr, wenn Sie mich anbeten, dann iſt es etwas Anderes, ich werde kommen.““ „Was die: ich werde nicht gehen, betrifft, ſiehſt Du, mein lieber Maurice, ich führe ſie nur der Erinnerung wegen an; denn ſobald uns eine Frau ſchreibt, hat ſie Luſt, früher oder ſpäter zu kommen .. und Der Oberſt ſchloß ſeinen Satz nicht . . er hatte vom Tiſch den letzten Brief von allen genommen, (den⸗ jenigen, welchen Pietri einen Augenblick zuvor mit ſich fortgetragen). Beim Anblick dieſes Briefes bebte der Oberſt; bis dahin das Bild eines ſorglos, ſpöttiſch leich⸗ ten Sinnes, nahmen ſeine Züge den Ausdruck der Ge⸗ fühle des Erſtaunens und der Freude ein, welche zur Trunkenheit wurden, während er die paar Zeilen dieſes Billets las; dann rief er, den Brief an ſeine Lippen drückend und ihn leidenſchaftlich küſſend: „Dieſen Abend wird ſie kommen .. Ah! ich hoffte es nicht ſo bald . . . Sie hat ſo ſehr gekämpft, ſo ſehr widerſtanden! .. Endlich wird ſie kommen! ..“ Da erinnerte ſich der Oberſt der ſeltſamen Theo⸗ rie, die er ſeinem Freunde auseinander geſetzt hatte; er vergaß ſeine vorübergehende Aufregung, brach in ein ſchallendes Gelächter aus, wandte ſich an den Major und rief: 2 „Hatte ich Unrecht, Maurice, wenn ich Dir ſagte, bei der Liebe reducire ſich Alles auf die Frage: Kom⸗ men oder nicht kommen?“ 47 „Oh! das iſt unwürdig!“ entgegnete der Major, empört über die Reflexion ſeines Freundes; „das iſt nicht mehr Leichtſinn, das iſt Verachtung, das iſt Grau⸗ ſamkeit!“ Und er nahm ſeinen Hut und wandte ſich raſch nach der Thüre. „Maurice!“ rief der Oberſt, der ihm erſtaunt nach⸗ lief, „wäs iſt es denn? wohin gehſt Du? warum dieſes it Geſicht? Von welcher Grauſamkeit ſprichſt u? Und er ergriff die Hand ſeines Freundes und ſagte mit einer aufrichtigen Gemüthsbewegung, die den Ma⸗ jor unwillkührlich rührte: „Maurice, ein ſo ungeſtümer Abgang und ohne Er⸗ klärung, nachdem wir getrennt geweſen, in dem Augen⸗ blick, wo ich mich ſo glücklich fühlte, Dich wiederzu⸗ ſehen!! Was habe ich geſprochen, was habe ich Dir gethan? Habe ich Dich unwillkührlich verletzt? Ver⸗ zeih' mir. Nehmen ſich zwei Freunde wie wir je etwas übel? Können wir die Vergangenheit vergeſſen? Er⸗ innerſt Du nicht unſerer Erſchütterung, wenn wir uns nach einem harten Schlachttag, wir, die wir der Gefahr ſpotteten, einander mit feuchten Augen in die Arme fielen und ſo einige Momente Herz an Herz blieben, un⸗ fähig, zu ſprechen, in unſerer Freude, uns lebendig wie⸗ derzuſehen. Und bei Leipzig? Muthig wie ein Löwe, um mich von den öſterreichiſchen Küraſſieren zu befreien, haſt Du nicht treu ergeben, ſorgſam wie eine Mutter an meinem Lager gewacht? Ging nicht gerade am Mor⸗ gen dieſer Schlacht Deine zärtliche, ängſtliche Freund⸗ ſchaft ſo weit, daß Du erſchrakſt über eine uner⸗ klärliche Ahnung, die der Zufall gerechtfertigt hat? Und nach ſo vielen Proben einer getheilten Zuneigung werden wir uns eines Wortes wegen überwerfen! .. Oh! Maurice, mein guter Maurice, haben wir es nicht hundertmal geſagt: eine Soldatenfreundſchaft iſt etwas heiliges1“ 43 Es iſt unmöglich, die rührende Aufrichtigkeit im Tone des Oberſten Roland, indem er ſo zu ſeinem Freunde ſprach, wiederzugeben, die ſchmerzliche Bangig⸗ keit zu ſchildern, die ſeinen reizenden Zügen einen ſo un⸗ widerſtehlichen Ausdruck verlieh, daß ſich der Major Maurice, ſo zu ſagen, Schritt für Schritt zurückführen ließ und ſeinen Freund mit einer Miſchung von Zärtlich⸗ keit und Strenge anſchauend ausrief: „Ein ſolcher Aet ſeines Lehens muß jedes edle Herz vor Entrüſtung ſich empören machen, und dennoch iſt er gut dennoch hat er Gemüth; die Stimme der Freundſchaft vibrirt tief in ihmz ach! .. er hat kein Bewußtſein von dem Böſen, das er thut, und dieſes Böſe iſt doch furchtbar!“ Nachdem er einen Augenblick geſchwiegen, fuhr der Major mit beinahe feierlichem Tone fort: „Adalbert, Du haſt Dich meiner traurigen Ahnungen am Morgen der Schlacht bei Leipzig erinnert. Nun denn! unter der Gewalt beinahe ähnlicher Ahnungen bin ich vorhin bei Dir eingetreten.“ „Was willſt Du damit ſagen?“ fragte der Oberſt, betroffen von der ernſten Miene ſeines Freundes; „was für Ahnungen ſind dies?“ Der Major antwortete nicht. Ein Stillſchweigen von einigen Augenblicken unterbrach das Geſpräch der zwei Freunde. 49 VI. Der Oberſt Roland brach zuerſt das Stillſchweigen. Ganz glücklich, daß er ſeinen Freund ihm bleiben ſah, ſagte er heiter zu dieſem. „Höre, Maurice, laß mich nicht unter dem Drucke eines Logogriphs. Von welchen Ahnungen ſprichſt Du, er⸗ leuchteter Träumer, Du, der Du den Stein der Weiſen ſuchſt?“ „Ich werde mich ſogleich erklären,“ antwortete der Major mit beſorgter, ſtrenger Miene, „jetzt würdeſt Du mich nicht verſtehen.“ „Gut, ich werde auf Deine Prophezeihungen warten, furchtbare Caſſandra; doch kannſt Du mir wenigſtens erklären Wen, des Teufels, meinteſt Du, als Du vor⸗ hin ſagteſt: Das iſt Ver achtung, das iſt Grau⸗ ſamkeit, und darauf Deinen Hut nahmſt?“ „Du haſt mich nicht begriffen?“ „Bei meiner Ehre, nein.“ Der Major Mauriee ſchaute ſeinen Freund mit einem Auge ſtrengen Zweifels an, dann, nach kurzer Ueber⸗ legung, ſagte er: „Nein, es iſt wahr, Du mußt mich nicht begriffen haben darin liegt vielleicht Deine Entſchuldigung.“ „Du ſiehſt wohl, Maurice, man muß nachſichtig gegen entſchuldbare Leute ſein.“ Doch der Major machte es ſich ohne Zweifel zum Vorwurf, daß er zu leicht ſeiner Freundſchaft nachge⸗ geben hatte, und rief: „Nein, nein, keine Schwäche!. Nein, diejenigen ſind nicht entſchuldbar, deren Verſtand geſund iſt, deren Die Kinder der Liebe. 4 1 50 Herz noch bei gewiſſen edlen Gefühlen ſchlägt . .. Nein, dieſe find nicht entſchuldbar, daß ſie ſich Böſes erlauben, daß ſie den Thränen, der Verachtung, den Qualen arme Geſchöpfe überantworten, deren einziges Unrecht darin beſteht, daß ſie vertrauensvoll und bis zur Aufopferung ergeben ſind.“ „Ah! von wem ſprichſt Du?“ „Nein, die Vorſehung bewahrt für ſolche Leute furchtbare Strafen.“ „Gut,“ verſetzte der Oberſt lachend, „wenn Du Dein Lieblingsſteckenpferd beſteigſt, wenn Du Dich, während ich nur ein armſeliges Montmorency⸗Eſelchen beſitze, auf einen großen Böſewicht von einem engliſchen Roß ſchwingſt, wie Teufels ſoll ich Dir da folgen? Im Ernſte geſprochen, Maurice, laſſen wir dieſe Mährchen den braven deutſchen Erleuchteten, die Dich mit ihren Vorherſehungen, mit ihrem zweiten Geſicht *) und an⸗ deren Ausſchweifungen des Geiſtes, welche gut für alte Weiber, halb verrückt gemacht haben.“ „Das iſt ſehr drollig, nicht wahr, Adalbert? ein Soldat, der von der Vorſehung ſpricht?“ „Drollig, nein; es iſt im Gegentheil ſehr traurig, einen ſo feſten, einen ſo ausgezeichneten Geiſt wie den Deinigen ſich ſolchen Träumereien hingeben zu ſehen.“ „Bei Gott, mein ſchöner Lovelace, mein uner⸗ ſchrockener Don Juan, Du wählſt Deinen Tag und Deine Stunde, um zu ſpotten, gut; während ich gerade heute, als ich hierher kam . .. „Nun als Du hierher kamſt?“ „Doch, nein, gehen wir nach der Ordnung zu Werke: die Mine iſt reich.“ „Welche Mine?“ *) Das zweite Geſicht, ihe second sigkt hat ſeinen Boden nicht in Dentſchland, ſondern in Schottland. D. Ueherſ. 5¹ „Eine Mine von Unwürdigkeiten, aus der Du mit vollen Händen ſchöpfſt.“ „Der gute Maurice! immer derſelbel. . Vor⸗ wärts, ich höre.“ „So eben haſt Du ein Billet an Deine Lippen gedrückt und ausgerufen: „„Sie wird kommen! Nachdem ſie ſo ſehr gekämpft, ſo ſehr widerſtanden, wird ſie kommen.““ „Ich hoffe es wohl, mehr noch, ich bin ſicher, daß ſie kommen wird: dieſe hat nie gelogen!“ „Eine Frau, welche nie gelogen, Adalbert, eine Frau, welche lange widerſtanden, lange gekämpft hat, iſt doch eine ehrliche Frau.“ „Siel ahl Maurice höre, haſt Du die Ge⸗ fährlichen Verbindungen *) geleſen?“ „Ja, Valmont.“ „Schmeichler!“ „Wie der Henker denjenigen ſchmeichelt, welche er auf der Schulter brandmarkt.“ „Bei Gott! mein braver Maurice, Du haſt nichts von Deiner Herbheit verloren: das erinnert mich an unſere ſchönen Tage in Wien. Doch um auf meine Verglei⸗ chung zurückzukommen, da Du die gefährlichen Ver⸗ bindungen geleſen haſt, erinnerſt Du Dich wohl der Präſidentin von Tourvel?“ „Vollkommen.“ „Wohl denn! die Frau, von der ich ſpreche, iſt eine zweite Frau von Tourvel. Dieſelbe Tugend, dieſelbe Feſtigkeit durch die unwiderſtehlichen Strömun⸗ gen einer zärtlichen, leidenſchaftlichen Seele bekämpften Grundſätze. Füge dem bei eine entzückende Schönheit... Augen von einem ſammetartigen Braun ſo lang Perlzähne. eine Atlaßhaut eine Hand einen Wuchs „einen Fuß „oh! einen Fuß! Was ſoll ich Dir ſagen? als ich ſie in den Wagen es loibons dangeteues, ein ſehr bekannter erptiſcher Roman. 52 ſteigen ſah, wurde ich verliebt in ſie. .. Kurz, Maurice, ſtelle Dir einen Engel vor, einen Engel im Augenblick ſeines Falls, das heißt, in ſeiner anbetungswürdigſten Lage.“ „Der Wuchs, die Zähne, der Fuß, die Hand, ſicher⸗ lich kann nichts engeliſcher ſein,“ erwiederte der Major mit einer ſpöttiſchen Miene. „Der Junge iſt nur Geiſt, Wolke und Aether . . und dieſe Frau willſt Du mit kaltem Blute verderben?“ „Mit kaltem Blute, während Du geſehen haſt, welche Trunkenheit dieſer Brief bei mir hervorbrachte!“ „Es mag ſein! . . . Du wirſt ſie mit Trunken⸗ heit verderben! Und hernach?“ „Wie! hernach?“ „Ja, wenn ſie in's Verderben geſtürzt iſt, wie ſo viele Andere? entehrt, verlaſſen, vergeſſen von Dir, wie ſo viele Andere?“ „Vor Allem, mein braver Maurice, da ſie reizend iſt und da man nicht alle Tage eine ſo köſtliche Geliebte findet, werde ich ſie ſo lange als möglich behalten . ſo lange, als wir uns gegenſeitig zuſagen; denn Du fühlſt es wohl, wäre man genöthigt, beiſammen zu blei⸗ ben, wenn man ſich nicht mehr gefällt . . „Dann wäre die Ehe eben ſo viel werth! . . „Bei Gott! und da nichts hienieden ewig währt, ſo verlaſſen wir uns in einem gegebenen Augenblick im beſten Einvernehmen, denn ich bin ein galanter Mann; ſie wird einen andern Liebhaber annehmen, ich eine andere Geliebte, und wir bleiben die beſten Freunde der Welt. Siehſt Du, das iſt die einzige Manier, ſich für ſeine alten Tage wahre weibliche Freundſchaften zu ſchaffen. .. Und es iſt erſtaunlich, wie viele ſolche Freundſchaften ich ſchon habe.“ „Und der Mann wird wahrſcheinlich ſeine Schande, ohne ein Wort zu ſagen, hinnehmen?“ „Der Mann! ah! Maurice! er vermuthet nichts, er wird nichts vermuthen; er iſt ein hübſcher Junge, 53 durchaus nicht dumm, und ſolche Leute ſind zuletzt eifer⸗ ſüchtig. Und dann ſtelle Dir vor, daß ich ihn bezau⸗ bert habe; er betet mich an, mein Freund, er betet mich an! .. Er kann ſeines lieben Oberſten nicht entbehren; noch beſſer, denn, bei meiner Ehre! dieſe Ehemänner ſind einzig! ſtelle Dir vor, daß ſeine Frau, als ſie ſich unwillführlich zu mir hingezogen ſah, das große Mittel der umſtellten Tugenden ergriff: eines Morgens verläßt ſie nämlich Paris und flüchtet ſich zu einer Verwandtin auf dem Lande. Was thut der Mann? Er ſucht ſeinen lieben Oberſten auf und fleht ihn an, er moͤge ihm ſeine Frau zur Vernunft zu bringen helfen und ſie nach Paris zurückführen . Es war auch nach dem Duell meine erſte Sorge, dieſem würdigen Freund zu ſchreiben, um ihn zu beruhigen . und ſeine Frau auch „ Sie konnte die Geſchichte durch das öffentliche Gerücht erfahren .. Armer Engel .. ſie wäre vor Angſt geſtorben! Es kann ſogar wohl ſein, daß das unvorhergeſehene Rendez⸗vous von heute Abend eine Folge ihrer Freude darüber iſt, daß ſie erfahren, ich ſei nicht todt. Wie drollig ſind doch die Frauen!“ „Sehr drollig, in der That! Doch ſage mir, Adal⸗ bert, dieſer blinde Ehemann kann möglicher Weiſe eines Tags die Augen offen haben! Das iſt im Ganzen vor⸗ gekommen, nicht wahr?“ „Das iſt wahr, doch ich weiß nicht, wozu des Teufels es den Ehemännern dienlich iſt, daß ſie dergleichen Dinge erfahren! Es iſt ohne Zweifel, wie Du ſagſt, die Vorſehung, die ſich damit beluſtigt. Doch es gibt allerdings Ehemänner, die den Vortheil haben, daß ſie ihrer Sache ganz ſicher ſind.“ „Und wenn der Mann, von dem wir ſprechen, eine ſolche Gewißheit hätte?“ „Das macht ſich von ſelbſt. Da er ein Mann von Ehre iſt, ſo würde er Genugthuung mit den „ 54 Waffen von mir verlangen; ich würde mich zu ſeinen Befehlen ſtellen Doch, in der That, Maurice, Du ſtellſt die ſeltſamſten Fragen an mich „. . Dies Alles iſt die Eſelsbrücke ... Will der genannte Mann ſeine verletzte Ehre, wie ſie das nennen, rächen, nun wohl! ſo ſchlagen wir uns.“ „Und er wird Dich tödten, oder Du tödteſt ihn.“ „Ah! das iſt ganz einfach; was ſoll ich machen?“ „Wenn alſo Deine Verbindung mit ſeiner Frau entdeckt wird, ſo tödteſt Du ihn oder er tödtet Dich. Wenn Deine Verbindung nicht entdeckt wird, ſo kann, ſo lange ſie dauert, der Erſte, der Beſte davon unter⸗ richtet werden; denn nicht wahr, das hat man auch geſehen?“ „Es iſt in der That ſchwierig, daß nicht früher oder ſpäter die Welt entdeckt . . Doch worauf zielſt Du mit dem Allem ab?“ „Darauf, daß der Erſte, der Beſte, der Dein Ver⸗ hältniß errathen hätte, vollkommen berechtigt wäre, zu Dir zu ſagen: „Oberſt Roland, Sie find ein Betrüger, ein Heuchler, ein Lügner!““ „Du fühlſt wohl, mein braver Maurice, dieſer Erſte, Beſte würde erhalten, primo: das bewunderungswür⸗ dige Paar Ohrfeigen, welches je auf das Geſicht eines Unverſchämten gefallen iſt; secundo: ſechs bis acht Zoll Degen in den Bauch.“ „Das iſt wahrſcheinlich: Du biſt beherzt und ſehr gewandt; deſſen ungeachtet würde der Erſte, der Beſte wahr geſprochen haben.“ „Wenn er mich einen Betrüger, einen Heuchler, einen Lügner genannt hätte?“ „Ja.“ „Maurice, den Schlüſſel des Räthſels „Ich fordere Dich auf, einen Mann zu hintergehen, zu bezaubern, und Du haſt das geſagt, ohne ein Be⸗ trüger, ein Heuchler und ein Lügner zu ſein.“ „Ah! bei Gott, ſo iſt es „„ das gefällt mir,“ 55 „Das gefällt ihml . wie naiv er iſt!“ „Höre, Maurice, Du hatteſt mich an Deine Bizar⸗ rerien, an Deine wunderlichen, abſtoßenden Ideen gewöhnt, aber Gott verdamme mich, weil Du von Aegypten zurück⸗ kommſt, ſollte man glauben, Du kommeſt aus der andern Welt . . und ich finde Dich noch viel origineller, als bei Deiner Abreiſe.“ „Das iſt ganz einfach jeder von uns iſt nach ſeiner Seite gegangen . .. wir können nicht zuſammen⸗ treffen; doch fahren wir fort wenn Du erlaubſt?“ „Ich bitte Dich darum; es iſt ſo beluſtigend . „Das iſt noch nichts.“ „Deſto beſſer, alle Teufel, deſto beſſer!“ „Du fügſt Dich alſo ganz leicht darein, Dir als Mann der Liebesabenteuer zu ſagen, drei Viertel Dei⸗ nes Lebens vergehen im Betrug, in der Heuchelei, in der Lüge?“ „Halt! wenn es ſich darum handelt, Ehemänner zu betrügen.“ „Sicherlich! das lohnt ſich wenigſtens der Mühe. Es gibt einen Haufen von Elenden, die ſich des Be⸗ trugs, der Heuchelei und der Lüge bedienen, um ein paar Sous zu erliſten, um einige Gimpel zu preſſen, ſie um magere Sümmchen zu prellen; aber ein Verführer ſpielt keine ſo erbärmliche, feige Rolle. Er muß un⸗ abläſſig die Angſt und die Gewiſſensbiſſe über der Frau, die er ins Verderben gezogen, die Schande über einer Familie ſchweben laſſen . . . Warte doch, Adalbert, lache nicht ſo ſehr, das Komiſchſte kommt am Ende „Ah! Maurice, Du prahlſt!“ „Nein, nein, Du wirſt es ſehen!“ „Sprich!“ „Nicht wahr, Du würdeſt es unverſchämt finden, wenn man Dir vorwürfe, Du betrügeſt im Spiele?“ Der Oberſt ſchlug ein homeriſches Gelächter auf und erwiederte: 56 „Gewiß, ich würde das ziemlich unverſchämt nden.“ „Nun denn! meines Wiſſens haſt Du einmal in Deinem Leben, und das iſt nicht das einzige Mal, wahr⸗ ſcheinlich, betrogen . „Bravo, Maurice!“ rief der Oberſt mit verdoppelter Heiterkeit, „Teufell Du hatteſt Recht, das Komiſchſte war für das Ende aufgeſpart „Und das iſt noch nicht das wirkliche Ende „ „Teufel! mein guter Maurice, das reizt mich, ich bin begierig, zu erfahren, was Du Spaßhafteres haſt finden können, als mich als Betrüger zu bezeichnen „denn das iſt es doch wohl?“ „Ich ſage, daß durch Deine Handlungsweiſe eine andere Perſon um ihr Glück betrogen worden ſei. Iſt das klar?“ „Sehr klar . Doch das Beſte dabei wäre immer, wenn ich erfahren würde, wann und wie ich der Urhe⸗ ber dieſes Betrugs geweſen bin.“ „Das iſt ſehr leicht.“ „Ich höre.“ „Vor ungefähr fünf Jahren, bei unſerer Rückkehr aus Spanien lagen wir in Lyon in Garniſon.“ „Und dort habe ich betrogen?“ „Dort haſt Du eine junge Perſon von ſehr guter Familie verführt.“ „In Lyon?. Warte doch, in Lyon, vor fünf Jahren?“ erwiederte der Oberſt, der ſich der Sache zu entſinnen ſuchte. „Ah! ja, ſehr gut ich habe es, eine anbetungswürdige Blonde! Ich ſaß nie ſchönere Schultern „ Arme Anna! Sie hieß Anna „Ich habe Dir das ſeiner Zeit erzählt Doch dieſes Verhältniß war gegen meine Gewohnheiten; denn aus Grundſätzen ziehe ich „ „Du ſagſt: aus Grundſätzen?“ „Gewiß.“ „Fahre fort.“ „ 57 „Nun denn! aus Grunbſätzen ziehe ich eine ver⸗ heirathete Frau vor; das compromittirt weniger.“ „Es iſt wahr, denn nachdem Du die junge Perſon verführt hatteſt, iſt bald eine Heirath nothwendig ge⸗ worden.“ „Damals iſt unſer Regiment nach Deutſchland aufgebrochen.“ „Nach Deinem Abgang zwiſchen die Furcht vor einer gräßlichen Schande und eine Heirath geſtellt, die ſich ihr in Paris bot, wohin ſie ihre Mutter gebracht hatte, — eine Heirath, welche die Schande des Mäd⸗ chens verbergen konnte, — zoögerte die Unglückliche nicht „Und daran hat ſie wohl gethan! Denn ſie ſcheint einen Schatz gefunden zu haben, einen braven Menſchen von einem Ehemann mit hunderttauſend Livres Ein⸗ künfte „ „Ja, einen Einfaltspinſel, einen Georges Dan⸗ din, nicht wahr? der voll blinden Verkrauens zu der Tugend ſeiner Frau nichts ahnte. Ein Dummkopf, der in ſeinem Hauſe ein Kind von einem Fremden be⸗ hält, ein Kind von Dir, das er für das ſeinige zu hal⸗ ten, wie das ſeinige zu lieben ſo albern iſt ! . . Dein Kind endlich, das, wenn es Brüder hat, dieſe beſtehlen wird, indem es mit ihnen das große Vermögen theilt, auf das ihm kein Recht zuſteht! . . Dein Kind, welches, wenn ſein vermeintlicher Vater keinen andern Erben hat, ihn beerbend die Familie dieſes Mannes be⸗ ſtehlen wird.“ „Ah! bei Gott! in dieſer Hinſicht haſt Du Recht, ich bin ein großer Dieb!“ erwiederte der Oberſt Roland mit einem ſchallenden Gelächter; „ich bin ein wahrer Car⸗ touche, ein kosmopolitiſcher Mandrin, denn ich habe in Europa überall geſtohlen, wohin unſere Fahne ge⸗ wandert iſt, in Madrid, in Wien, in Neapel, in Ber⸗ lin, und wenn ich die Frucht aller meiner Diebſtähle genöſſe, wäre ich fünf oder ſechsfacher Millionär; denn 58 der Teufel ſoll mich holen! ich bin kein Menſch von unſerer Zeit, ich hätte zur Zeit vor Abraham geboren werden müſſen .. Und Du, Maurice, Du, ein Philoſoph, würdeſt mir vorwerfen, daß ich praktiſche Ideen über die Univerſalfamilie gehabt habe?“ „Was Du ſagſt, iſt ſehr luſtig, ſehr witzig!. nichts eignet ſich in der That mehr zum Scherze, als dieſe in die Familien geworfenen ehebrecheriſchen Geburten, welche beinahe immer die Beraubung der Vermögen, die Schmach und die Gewiſſensbiſſe der Mütter, die Schande der Ehemänner und die Qual der Kinder her⸗ beiführen! Und dann denkſt Du nicht an etwas viel Spaßhafteres.“ „Laß hören, Maurice, denn, bei meiner Ehre, Du biſt unbezahlbar.“ „Bedenke doch, Einfältiger, daß dieſe ſo im Schooße der geſetzlichen Familie geſchaffne ehebrecheriſche Fa⸗ milie ihre Verbindungen, ihre Verwandtſchaften hat, welche auch ehebrecheriſch, aber ganz mit Myſterien und Ungewißheiten umgeben ſind.“ „Das iſt, bei Gott! wahr. Ein unglaubliches Chaos, eine ungeheure Miſchung von Elementen!“ „Nicht wahr, das iſt ſehr beluſtigend? Denn in dieſem Chaos, wie Du ſo witzig ſagſt, ſind die Einen Brüder, ohne es zu wiſſen, ſtoßen die Andern mit den Ellbogen an ihren wahren Vater, ohne ihn zu kennen, gehen wieder Andere an der Seite ihrer Schweſter, ohne es zu vermuthen.“ „Es iſt ganz richtig, der Teufel würde ſich in einem ſolchen Chassé-croisé nicht auskennen; daran dachte ich nicht. So iſt es mit den Philoſophen! Sie gehen allen Dingen auf den Grund!“ „Nichts iſt drolliger, ſage ich Dir, Adalbert! Kann dies nicht am Ende unter dieſen einander unbe⸗ kannten Leuten alle Arten von Inceſten, von Bruder⸗ morden und ſogar, wer weiß? da und dort im höchſten Grade beluſtigende Vatermorde herbeiführen!“ 59 „Oh!l wenn Du die Komödie in's Tragiſche ver⸗ wandeln willſt .. . unmöglich ... „Nicht ſo unmöglich!.. Ei! mein Gott! ich ſagte Dir ja, ich würde das Komiſchſte für das Ende auf⸗ ſparen.“ „Es iſt ſchwierig, weiter zu gehen, als Du gegan⸗ gen biſt, mein guter Maurice.“ „Vielleicht .. Höre mich. Dieſen Morgen, auf dem Boulevard de Gand, während Ihr Eure Expedi⸗ tion bei Tortoni machtet, iſt es einer armen jungen Frau, einer Sträußchenhändlerin, an meiner Seite übel geworden. Ich hatte Mitleid mit ihr . „Als wahrer franzöſiſcher Ritter; daran erkenne ich Dich.“ „Als wahrer franzöſiſcher Ritter, wenn Du einen Werth hierauf legſt; ich half die Unglückliche in eine Bude tragen; dann, als ſie wieder zu ſich kam, bot ich ihr, aus verſchiedenen Gründen, deren Auseinander⸗ ſetzung zu lange wäre, an, ſie nach Hauſe zu geleiten, nämlich nach einer elenden Dachkammer, welche würdig des armen nur mit Lumpen bedeckten Geſchöpfes, das dieſelbe bewohnte. . . und das (ich ſage das gelegent⸗ lich) eine von Deinen Geliebtinnen geweſen war.“ „Dieſe Frau?“ „Ja.“ „Dieſe Frau in Lumpen! eine Dachkammer be⸗ wohnend! iſt eine meiner Geliebtinnen geweſen!“ „Ja, ja, ſie iſt beinahe wahnfinnig vor Elend und Kummer, denn ohne ihre Tochter hätte ſie ſich zwanzig⸗ mal, wie ſie mir geſagt, umgebracht.“ „Warum hat ſie ſich denn nicht an mich gewendet? Diesmal ſpreche ich im Ernſlez es iſt wahr, ich bin manchmal nicht ſehr delicat in der Wahl meiner Lieb⸗ ſchaften; boch Du weißt, ob ich am Geld hänge. Ich bin auch, das verſichere ich Dich, ſehr erſtaunt, ſehr ärgerlich über das, was Du mir da mittheilſt Doch biſt Du Deiner Sache gewiß?“ 60 „Sie heißt Paula.“ „Paula!“ rief der Oberſt Roland, „die Lanbsmän⸗ nin von Pietri? Ah! das arme Mädchen!“ Und der Oberſt blieb einen Augenblick ſtillſchwei⸗ gend und nachdenkend. VII. Das beinahe ſchmerzliche Erſtaunen des Oberſten Roland, als er ſeinen Freund von Paula, der Lands⸗ männin von Pietri, ſprechen hörte, nahm allmälig ab, und er ſagte zum Major: „Maurice, ich begreife durchaus nicht, was Du mir da mittheilſt; Paula iſt vor einem Jahr in ihre Heimath nach Corſica zurückgekehrt.“ „Ja, doch ſie hat Corſica wieder verlaſſen, nach⸗ dem ſie ein Kind geboren. Sie konnte die Vorwürfe ihrer Familie nicht ertragen, denn ſie mußte dort, wie ſie mir geſagt hat, Qualen der Schmach und der Schande ausſtehen, die Dich .. lachen machen würden.“ „Maurice! Maurice! Du biſt ungerecht!“ „Dem zu Folge hat ſie ſich, faſt wahnſinnig, mit ihrer kleinen Tochter, Deiner Tochter .. hörſt Du?.. Deiner Tochter. „ auf den Weg begeben, um auf der Straße bettelnd und ſingend hierher zurückzukehren. Als ſie ſich in Paris befand, war ihre fire Idee, unter dem Wenigen von Vernunft, was ihr blieb, durch das Verkaufen von Sträußen Geld genug zu verdienen, um ſich ein ſchönes Kleid zu kaufen, ohne welches ſie vor Dir zu erſcheinen nicht wagen würde; denn ſie ſcheint nur durch die Erinnerung an Dich zu leben. Während 6¹ ſie mir in ihrer Dachkammer unzuſammenhängend, ihr Kind wiegend, von Dir ſprach „ſchaute ich das arme kleine Geſchöpf, Deine Tochter, an . „„So in Thränen und in der Armuth aufgezogen,“ ſagte ich zu mir, „„welche Zukunft harrt ihrer! was wird aus ihr wer⸗ den? Iſt ſie ſchön, ſo wird ſie verführt und elend ver⸗ laſſen, wie ihre Mutter. . ſie verſinkt in das Laſter, in die Schande!..““ Ja, von Deiner Tochter ſagte ich das . Du lachſt nicht mehr, Adalbert? Und Du ſiehſt doch, ich habe das Komiſchſte für das Ende auf⸗ bewahrt.“ „Ich lache nicht, Maurice, weil hier weder ein Grund zum Lachen, noch ein Grund zum Weinen iſt. Ich geſtehe, ich habe Paula verführt; ſie war wunder⸗ bar ſchön und, ich muß ſagen, von einem ſeltenen Zart⸗ gefühl; denn, obgleich arm und von niedrigem Stand, wollte ſie nichts von mir annehmen. Eines Tags ver⸗ ſchwand ſie, ohne mich mit der Urſache ihrer Abreiſe bekannt zu machen; ſie that mir nur zu wiſſen, ſie kehre nach Corſica zurück. .. Das war kurz vor der Rückkehr des Kaiſers. Es kamen die hundert Tage., dann der Krieg .. dann Watterlo . und das iſt die erſte Nachricht, die ich von dem armen Mädchen erhalte. Ich brauche Dir nun nicht zu ſagen, Maurice, daß ich, da ich Paula auf der Spur bin, inſofern Du ihre Woh⸗ nung weißt, ihr Loos und das ihres Kindes ſichern werde .. Ich rechne auf Deine Freundſchaft, daß Du es übernimmſt „Ihr das Almoſen auszubezahlen?“ „Die Schuld an ſie abzutragen, Maurice, dieſe heilige Schuld.“ „Warum trägſt Du ſie nicht ſelbſt ab?“ „Ich will lieber das arme Mädchen nicht ſehen . Alles iſt unter uns vorbei! Es wäre grauſam von mir, ſie zu betrüben.“ „Welch ein gutes Herz haſt Du doch!“ „Ein beſſeres als, Du glaubſt,“ erwiederte der 62 Oberſt. Und er zog zwei Billets aus ſeiner Weſten⸗ taſche und fügte bei: „Ich bitte Dich inſtändig, Mau⸗ rice, ſei mein Vermittler bei Paula; bringe ſie zur Vernunft; hier ſind zwei tauſend Franken für die erſten Bedürfniſſe. Morgen werde ich meinen Notar beſuchen, um Paula hundert Louisd'or oder tauſend Thaler Rente, auf ihre Tochter rückfällig, zu ſichern. Iſt dieſe im Alter, ſich zu verheirathen, ſo werde ich gebührend für ihre Einrichtung ſorgen... Du ſehſt, ohne ein Rigoriſt, ein Philoſoph zu ſein . „Verläſſeſt Du Dein Kind und bezahlſt die Schande ſeiner Mutter mit Geld, das Du nicht brauchſt das iſt herviſch!“ „Ich mache keinen Anſpruch auf Heroismus und will als ehrlicher Mann benehmen.“ „Ja, Maurice, als ehrlicher Mann, und ich fordere die rigoriſtiſchſten Menſchen auf, mein Benehmen nicht zu billigen.“ „Du glaubſt?“ „Aber, alle Wetter! was ſoll ich denn mehr thun? Vielleicht das Mädchen heirathen ?“ „Wie ſollte ich auf eine ſolche Ungeheuerlichkeit gerathen! Gehe doch! Du haſt die junge Perſon rein genommen; Du läſſeſt ihrem Zartgefühl Gerechtigkeit widerfahren; Du haſt ſie verführt; ſie betete Dich an; ſie iſt vor Liebe, Kummer, Schande und Armuth bei⸗ nahe wahnſinnig geworden; Du biſt reich, Du gibſt ihr Geld für ſie und Dein Kind, und biſt vollkommen in Ordnung gegen Dich und die ſchätzenswerthen Rigoriſten, von denen Du ſprichſt. Du genießeſt nun in der Ruhe eines zufriedenen Gewiſſens die Wonne Deines Rendez⸗ vous heute Abend.“ „Warum nicht?“ „Gewiß, nicht wahr? Thue, was Du ſollſt, mag dann kommen, was da will! Der Menſch iſt ſo glücklich, wenn er ſich Nichts vorzuwerfen hat!“ 63 „Höre, mein armer Mautice, ich ſage Dir das nicht von heute, doch bei all Deinem Geiſt haſt Du ſehr Unrecht: es heißt die Welt verkehrt nehmen, wenn Du Dich an dem ſtößſt, was Niemand anſtößig iſt. In vieſem Augenblick machſt Du Dir ein Ungeheuer aus einer ganz einfachen Sache; denn, wer hat nicht am Ende mehr oder weniger verheirathete Frauen und junge Mädchen zu Geliebtinnen gehabt? Was iſt denn ſo Außerordentliches daran, daß ein galanter Mann da und dort ein paar natürliche Kinder hat?“ „Sage mir, Adalbert, es ſind ungefähr acht oder neun Jahre, daß Du Deine tugendhafte und vortreff⸗ liche Mutter, umgeben von der Liebe, von der Vereh⸗ rung Ihrer Familie und ſo gerecht von Deinem Vater der ſie nur kurze Zeit überlebte, haſt ſterben ehen?“ „Es iſt wahr.. worauf zielſt Du hiemit ab?“ „Wenn Du Deine Mutter, ſtatt ſie ruhig, heiter, umgeben von der Ehrfurcht Aller, hätteſt mit Schande bedeckt und heimgeſucht von Gewiſſensbiſſen wegen ihrer Untreue, verflucht von Deinem Vater, verachtet von den Ihrigen, ſterben ſehen, würdeſt Du die Verführun⸗ gen und den Ehebruch beluſtigend finden?. .. Du ant⸗ worteſt nicht?“ „Maurice „Höre weiter. .. Du erinnerſt Dich, daß Du mich einmal ein einziges Mal in den erſten Tagen un⸗ ſerer Freundſchaft, um Mittheilungen über meine Fa⸗ milie erfucht haſt?“ „In der That, Maurice; doch da Du mir mit kummervoller Miene erwiederteſt, Du bitteſt mich ein⸗ mal für allemal, das Geſpräch nie wieder auf dieſen Gegenſtand zu bringen, ſo enthielt ich mich disereter Weiſe!“ „Adalbert. meine Mutter iſt verführt und verlaſſen worden, wie Paula!“ „Maurice, was ſagſt Du?“ 64 „Ich habe ſie langſam vor Schande, vor Schmerz ſterben ſehen, wie ohne Zweifel Paula ſterben wird . Ich habe in meiner Kindheit, in meiner erſten Jugend die grauſamen Demüthigungen verſchluckt, womit man beinahe immer diejenigen verfolgt, welche man Ba⸗ ſtarde nennt ... Ich war fünfzehn Jahre alt, als ich meine Mutter verlor ... An dem Tage, der ihrem Tode vorherging, geſtand ſie mir ihren Fehler, erzählte ſie mir, wie ſie verlaſſen worden, ſprach ſie von ihrer Reue, von ihren Gewiſſensbiſſen, von ihren Leiden. Durch dieſes, für eine Mutter gräßliche Geſtändniß wollte ſie das ſühnen, was ich ihretwegen gelitten. Sie iſt an ihren Qualen geſtorben, nachdem ſie mich um Verzeihung gebeten ... Ich habe ihr die Augen ge⸗ ſchloſſen, und bin dann in das Regiment eingetreten, in dem Du mich als Officier kennen gelernt . .. Nach⸗ dem ich mich als Kind geſchlagen, habe ich als Mann nach⸗ gedacht und den Krieg verflucht, während ich ihn mit⸗ machte. Doch ich hatte keine andre Laufbahn, mein Regiment war für mich eine Familie geworden, und als ich Dich kennen lernte, Adalbert, fand ich in Dir einen Bruder.“ „Ah! Maurice, nun begreife ich. „Du begreifſt vielleicht, daß dieſe Verführungen, dieſe Liebesabenteuer, welche Deine Freude, Deinen Ruhm bilden, mir nur Bitterkeit und Traurigkeit ein⸗ flößen, weil ich den Jammer, das Elend, die Thränen, die Qualen kenne, welche beinahe immer dieſe flüchtigen Berauſchungen zurücklaſſen!“ „Mein Freund ich ſchwöre Dir „ wenn Du mir dieſes Geſtändniß früher gemacht hätteſt „ nie würde ich Dich unwillkürlich durch meinen Leichtfinn verletzt haben, wie ich es oft thun mußte, indem ich Dir meine Thorheiten erzählte. Maurice, Maurice, mein Freund, nicht wahr, Du zweifelſt nicht hieran? Fern von mir ſei der Gedanke, Dir das Stillſchweigen vorzuwerfen, das Du bis jetzt über das Geheimniß 65 Deiner Geburt beobachtet. Ich ſehe im Gegentheil in dieſem Geſtändniß einen neuen Beweis Deiner Freund⸗ ſchaft und bedaure nur, daß es ſo ſpät kommt, weil ich, hierin unwiſſend, ich wiederhole es, Dich oft habe verletzen müſſen.“ „Dieſes Geheimniß hätte ich ohne die heutigen Umſtände ohne das Zuſammentreffen mit der un⸗ glücklichen Frau, ohne eine unausſprechliche Ahnung, bewahrt .... „Was willſt Du hiemit ſagen ?“ „Du erinnerſt Dich, denn Du ſprachſt vorhin davon, Du erinnerſt Dich des Vorabends der Schlacht bei Leipzig, in der Du beinahe umgekommen wäreſt?“ „Ja, Deine beſorgte Freundſchaft hatte ſeltſame Vorgefühle . . . das iſt unerklärlich, doch es iſt ſo . Ich kann die Augenſcheinlichkeit nicht leugnen .. . Am Morgen, ehe ich zu Pferde ſtieg, fand ich Dich düſter. „„Was haſt Du, Maurice?““ fragte ich Dich. „„Der Tag wird unglücklich für Dich ſein!““ antworteteſt Du voll Bangigkeit . . . Ich ſcherzte über Deine Vorher⸗ ſehung, wie vorhin, und drei Stunden nachher hätten mir die Oeſterreicher, da ich ſchwer verwundet war, ohne Dich den Garaus gemacht.“ „Nun wohl, Adalbert, vorhin bei der unglücklichen, von Dir verführten Frau, ſagte ich mir: „„Nein, nein, die Vorſehung iſt kein leeres Wort. Nein, dieſe Ver⸗ führungen, dieſe Ausſchweifungen, dieſe Verbrechen ... ja! dieſe Verbrechen. . begangen mit einem furcht⸗ baren Leichtſinn, können nicht ungeſtraft bleiben! Auf welchem Wege? wann, zu welcher Stunde werden ſie geſühnt werden? ich weiß es nicht...““ Doch ich ſchwöre Dir, Adalbert, eine unerklärliche Ahnung hat mir das Herz zerriſſen.“ „Guter Maurice! Du befürchteteſt ohne Zweifel für mich den Ausgang des Duells von dieſem Morgen und wirſt das für eine Ahnung genommen haben?“ Die Kinder der Liebe. 5 66 „Das Duell beunruhigte mich allerdings, „ doch ich kenne Deine Gewandtheit, Deinen Muth!... Nein, nein, das iſt es nicht, was ich für Dich befürchtete .. denn dieſe Gefahr exiſtirt nicht mehr und meine Vor⸗ gefühle ſind dieſelben geblieben.“ „Was befürchteſt Du denn?“ Der Major ſchwieg einen Augenblick und fuhr dann fort: „Ich weiß nicht, es iſt ſeltſam ich bin unter dem Eindruck dieſes Vorgefühls hieher gekommen. Deine abſcheuliche Gleichgültigkeit gegen Deine Geliebtinnen, der Cynismus Deiner Grundſätze haben mich empört. Unwillkürlich wurde ich bitter, höhniſch, ſtatt mich an Dein Herz zu wenden ... denn es ſind in ihm, trotz ſeiner Ausſchweifungen, nur edle Saiten . . . Ich habe Dich ſo eben geſehen, als ich von Deiner würdigen, verehrten Mutter ſprach ... Mein Freund, unter den Frauen, die Du ſo grauſam ins Verderben gezogen, waren auch reine, wie Deine Mutter geſchätzte. Und dennoch haſt Du bei ihnen, ohne Gewiſſensbiſſe, das zerſtört, was Deinen kindlichen Stolz bildet ... Be⸗ dachteſt Du je, was Du gefühlt hätteſt, wäre ein Menſch berechtigt geweſen, Deine Mutter zu verachten? Hörſt Du wohl: Deine Mutter zu verachten? Und das iſt noch nicht Alles, ſagen Dir nicht meine trauri⸗ gen, ohne Jugend hingebrachten Tage, was das Loos dieſer Kinder der Liebe iſt, von denen Du ſo luſtig ſprichſt! Und ich bin noch ein Mann; Soldat mit fünfzehn Jahren, hat mich, den Verwaiſten, den Verlaſſenen, das militäriſche Leben vor vielen Fehlern, vor dem Laſter, vor dem Verbrechen vielleicht, bewahrt! Doch das Kind von Paula, Deine Tochter? weißt Du, was ihr Lvos ſein wird? Du glaubſt dadurch Deinen Verpflichtungen gegen ſie, gegen ihre Mutter über⸗ hoben zu ſein, daß Du ihnen Brod geſichert haſt? Freund, antworte mir: Wäre Paula Deine Schwe⸗ ſter, was würdeſt Du ſagen?“ 67 Die Stimme des Major Maurice hatte einen ſo eindringlichen Ausdruck, daß ſich der Oberſt Roland bewegt fühlte. Plötzlich ſchlug die Pendeluhr des Salon die ſechſte Stunde. um ſieben Uhr ſollte Frau von Bourgueil zum Oberſten fommen. Der Gedanke an ſeine Zuſammenkunft mit dieſer reizenden Frau verwiſchte bald die beim Oberſten durch die Worte ſeines Freundes verurſachte Gemüthsbewegung. „Maurice,“ ſagte lebhaft der Oberſt Roland, „es iſt ſechs Uhr . . . ſie muß um ſieben Uhr kommen.“ Und da er ein trauriges, bitteres Lächeln über die Lippen des Majors ſchweben ſah, fügte er heiter bei: „Ah! Maurice. . . was Teufels 1. . . ſo ſehr Du mich auch für einen Don Juan hältſt, ſo befürchteſt Du doch wohl nicht, die Statue des Comman⸗ deur werde mich heute Abend zum Eſſen einladen.“ „Es iſt richtig,“ erwiederte Maurice mit einer eiſi⸗ gen Jronie, während er ſeinen Hut nahm und ſich zum Weggehen anſchickte; „ich war ein Dummkopf; was ſprach ich mit Dir von Ahnungen, von Vorgefühlen, von beſſeren Gedanken, vom Verzichten auf Deine Aus⸗ ſchweifungen! Iſt ein ſolcher Umſchlag möglich! Du rollſt in den Abgrund, und ich rufe Dir zu: „„Ich bitte Dich, halte ein!““ Du haſt Recht, mit all meiner Philoſophie bin ich ein Einfaltspinſel! — Guten Abend.“ „Maurice, ein letztes Wort, und zwar ein ern⸗ ſtes! Glaube nicht, Deine Worte ſeien eitel gewe⸗ ſen, nein, Deine Anrufung des Gedächtniſſes meiner Mutter hat mich unwillkürlich erſchüttert und nach⸗ denklich gemacht; doch wie Du geſagt, ein völliger Um⸗ ſchlag im Leben eines Menſchen vollführt ſich nicht an einem Tag; eine Jugendſünde mehr oder weniger ver⸗ hindert nicht eine Bekehrung; Du allein kannſt ſie ver⸗ ſuchen; ich muß Dich zu dieſem Ende oft ſehen; ver⸗ ſprich mir alſo, hier zu hleiben; ich will den Pavillon, den ich für Dich beſtimme, zurichten laſſen; er wird bereit ſein, Dich zu empfangen, wenn Du von Paula zurückkommſt, denn Du verſprichſt mir, ſie ſogleich zu beſuchen. Dieſen Abend, nicht wahr? ſpeiſen wir mit einander, und wer weiß, mein guter Maurice, vielleicht werde ich Dich durch meine tugendhaften Entſchlüſſe ſehr in Erſtaunen ſetzen .. Nachdem er einen Augenblick nachgedacht, erwie⸗ derte der Major: „Ich gehe zu Paula und werde dann in den Pa⸗ villon, den Du für mich beſtimmſt, zurückkommen.“ „So iſt es gut, Maurice, das heiße ich ſprechen!“ 3 „Ich werde hieher zurückkommen. .. weil ich bange abe.“ „Bange?“ „Für Dich.“ „Dieſen Abend?“ „Dieſen Abend.“ „Maurice, Du biſt verruͤckt!“ „War ich am Morgen der Schlacht bei Leipzig verrückt?“ Der Ton des Majors war ſo voll Ueberzeugung, ſeine Züge verriethen eine ſo aufrichtige Bangigkeit, daß der Oberſt unwillkürlich Pebte und ſeinen Freund aus dem Salon weggehen ließ, ohne mehr ein Wort an ihn zu richten. Doch der unzähmbare Charakter des Oberſten Ro⸗ land gewann bald wieder die Oberhand, und er rief: „Ich bin, bei Gott! albern, daß ich mich ſo von den prophetiſchen Mienen dieſes Mannes einnehmen laſſe. Ei! gerade, weil einmal ein Spiel des Zufalls unerklärliche Ahnungen gerechtfertigt hat, wird er ſie nicht zum zweiten Male rechtfertigen,“ fügte er, ſeine Klingel ergreifend, bei. Pietri trat ein. Sein Herr ſagte zu ihm: „Pietri, ſogleich meine Toilette.“ „Ja, Herr Oberſt,“ 69 „Schicke die Leute in die Geſindewohnung, und die Thüre ſei für Jedermann verſchloſſen.“ „Ja, Herr Oberſt.“ „Du verſtehſt, für Jedermann.“ „Ja, Herr Oberſt, ich werde wie gewöhnlich die Thüre des Vorzimmers ſchließen und allein in dieſem bleiben.“ „Gut.“ „Der Herr Oberſt wird alſo nicht zu Mittag ſpeiſen?“ „Nein, doch ich werde zu Nacht ſpeiſen, und zwar königlich, ſage dies in der Küche. Zwei Gedecke, Ker⸗ zen, Blumen, Kriſtalle; doch beſonders Solides; die be⸗ ſten Weine aus meinem Keller.“ „Verzeihen Sie, Herr Oberſt, Sie haben geſagt, zwei Gedecke?“ fragte Pietri mit einer beſondern Be⸗ tonung, die der Oberſt begriff, denn er rief lachend: „Nein, Pietri, nein für diesmal zwei männliche Gedecke; die Leute werden bei Tiſch ſerviren, der Major Maurice ſpeiſt mit mir zu Nacht. Gib ſogleich Befehle, daß man Feuer im Pavillon im Hof macht und alle Anſtalten trifft, um den Major dort zu Ifei er wird ihn bewohnen.“ „Ja, Herr Oberſt.“ „Ah! Teufel! es fällt mir ein,“ ſagte der Oberſt, indem er mit einer Geberde die auf dem Tiſch aufge⸗ ſtellten Blumen bezeichnete. „Nimm dieſe Blumen weg und bringe ſie vorläufig in Dein Zimmer.“ „Soll ich Alles wegnehmen, Herr Oberſt?“ „Nein, laß dieſen Korb mit Veilchen. Armer, lieber Engel,“ fügte er beiſeit bei, „es iſt der Strauß zum Namenstag, ſie muß ſich wohl daran ergötzen.“ Dann ſprach er laut: ſ „Der Schlüſſel von der kleinen Gartenthüre, wo 3 er? 2. „Hier, Herr Oberſt,“ erwiederte Pietri, indem er den Schlüſſel von einem Meuble nahm. 70 Und er reichte ihn ſeinem Herrn und ſagte mit einem disereten Lächeln: „Der Herr Oberſt ſieht heute Abend ſehr glück⸗ lich aus.“ „Glücklich Ah! Pietri, ſage doch trunken! .. Höre, Du ſiehſt wohl, dieſe Pendeluhr, ſie bezeichnet ein Viertel auf ſieben.“ „Ja, Herr Oberſt.“ „Nun wohl! ich gäbe ein Jahr von meinem Leben, wenn ſie auf der Stelle ſieben Uhr ſchlagen würde.“ „Hätte der Herr Oberſt bei ſolchen Veranlaſſungen oft dergleichen Händel gemacht,“ erwiederte Pietri hei⸗ ter, „ſo wäre er längſt todt.“ „Was Du da ſagſt, iſt teufelmäßig wahr,“ erwie⸗ derte der Oberſt. „Aufl . geſchwinde an meine Toi⸗ lette, Du kehrſt dann zurück, nimmſt dieſe Blumen weg, den Korb mit den Veilchen ausgenommen, und be⸗ ſtellſt das Abendbrod.“ Beide verließen den Salon. Um drei Viertel auf ſieben Uhr war es Nacht ge⸗ worden, der Oberſt Roland ſtellte ſich mit lauſchendem Ohr hinter die kleine Thüre ſeines Gartens, welcher, wie wir erwähnt, auf ein ödes Terrain ging. Einige Minuten nach ſieben Uhr hörte der Oberſt in der Ferne das Rollen eines Wagens. Er öffnete ein wenig die Gartenthüre. Der Wagen hielt an. Einige Minuten nachher ſchloß ſich die Thüre hin⸗ ter Frau von Bourgueil, welche ſo bleich, ſo zitternd, ſo bewegt, daß der Oberſt Roland ſie mit ſeinen Ar⸗ men zu unterſtützen gensthigt war, indeß ſie mit er⸗ loſchener Stimme zu ihm ſagte: „Wenn Sie wüßten wie ſehr ich heute für Sie gezittert habe.“ 71 VII. Eine Stunde iſt vorüber ſeit der Ankunft von Frau von Bourgueil beim Oberſten Roland. Die junge Frau ſitzt im Salon; man ſieht auf ihrem bleichen, ſchönen Antlitz die friſche Spur von Thränen; ihre großen, von einem beinahe fieberhaften Glanze ſtrahlenden Augen ſind auf die des Oberſten Roland mit einer Miſchung von Liebe und unaus⸗ ſprechlicher Angſt geheftet; ſie hält in ihren Händen die Hände von Adalbert, der zu ihren Füßen kniet. „Julie, was haben Sie, geliebter Engel?“ fragte er ſie mit einer fibrirenden, leidenſchaftlichen Stimme. „Warum dieſes Stillſchweigen, warum dieſe Unruhe in Ihren Augen? Bereuen Sie es, an die Aufrichtigkeit meiner Liebe geglaubt zu haben? Julie dieſes Stillſchweigen beunruhigt mich .. Abermals Thrä⸗ nen! immer Thränen! . . . Ich bitte, was haben Sie? . Julie, ſei mitleidig, antworte mir.“ Frau von Bourgueil blieb ſtumm, drückte krampf⸗ haft die Hände des Oberſten Roland in den ihrigen und ſchaute ihn fortwährend ſtarr durch ihre Thränen an, welche langſam über ihre Wangen herabfloßen. „Du weinſt,“ ſagte der Oberſt im Tone zärtlichen Vorwurfs. „Du weinſt . . und Du ſiehſt mich ſo glücklich!“ „Wahrhaftig 2 .. .“ verſetzte Frau von Bourgueil mit rührendem Tone, während ſie den Oberſten Roland mit einem unausſprechlich ſchwermüthigen Ausdruck an⸗ ſchaute, „Wahrhaftig? ſehr glücklich?“ „Julie! . mein Engel!“ „Und Sie lieben mich ſo ſehr 4 „Ich gehöre Ihnen; mein Leben iſt fortan das 72 Ihrige ich werde für Sie leben, für Sie ... Ah! Julie Du biſt . . . Du wirſt meine einzige, meine letzte Liebe ſein!“ Der Ton, die Gemüthsbewegung des Oberſten Ro⸗ land kamen Frau von Bourgueil ſo aufrichtig vor, daß ſie in einem Erguß unausſprechlichen Vertrauens raſch an ihre Lippen die zwei Hände ihres Geliebten zog, ſie küßte und ihm zuflüſterte: „Ohl ich danke! ich glaube Ihnen . . . ich bedarf es ſo ſehr, Ihnen zu glauben!“ „Haſt Du einen Augenblick an mir gezweifelt?“ „Nein nein . . verzeihen Sie mir, ich bin toll . Doch wüßten Sie, was Alles im Kopf einer armen Frau vorgeht . . . wenn ſie keinen andern Zu⸗ fluchtsort mehr hat, als das Herz von demjenigen, wel⸗ chem ſie ſo viel geopfert, Ehre, Achtung, Familie! Was wollen Sie! . . in dem Augenblick, wo ſie auf immer mit der Vergangenheit bricht. . .“ Der Schrecken ergriff ſie unwillkürlich, ſie ſchaute Adalbert mit einer neuen Angſt an und fügte bebend bei: „Denn wenn Sie mich verließen, was würde aus mir?“ „Ich! Sie verlaſſen, Julie! ... Ah! dieſer Zwei⸗ fel iſt grauſam.“ „Nein, nein, es iſt kein Zweifel . . . An Ihnen in dieſer Stunde zweifeln wäre der Tod! Nein, es iſt kein Zweifel, es iſt vielmehr der Edelmuth, die Größe Ihrer aufopfernden Ergebenheit für mich, was mich verwirrt und niederdrückt Ach! ich kann kaum daran glauben.“ „Was ſprechen Sie von meinem Edelmuth! . .. Sie, mein angebeteter Engel, ſind edelmüthig! Sie erfüllen mich mit einer bis daher unbekannten Trun⸗ kenheit. Sagen Sie, Julie, was ſind die Beweiſe mei⸗ ner Liebe gegen die, welche Sie mir geben?“ „Adalbert, iſt es denn nichts, daß Sie ſich mir, mir allein opfern?“ —— — —— — 73 „Das heißt nur das Glück meines Lebens ſichern.“ „Daß Sie auf dieſe Welt verzichten, in der Ihnen ſo viele Siege zu Theil geworden?“ „Was iſt mir an dieſer Welt gelegen! ich ſah darin nur Dich.“ „Mein Gott! mein Gott!“ rief Frau von Bour⸗ gueil, die Hände faltend und die Augen mit einem Aus⸗ druck ſeligen Entückens zum Himmel aufſchlagend, „ſo viel Liebe! .. Ah! das iſt die einzige Entſchuldigung für meinen Fehler!“ „Julie, konnte Ihr Herz Sie täuſchen?“ „Mein Adalbert,“ ſprach die junge Frau in einer Art von Entzückung, „wir werden uns nicht mehr ver⸗ laſſen. . zu jeder Stunde des Tages werde ich hier bei Dir ſein und Dein Leben aller Augenblicke leben. Oh! Du wirſt ſehen, Du wirſt ſehen! ich werde ſo zärtlich, ſo ergeben ſein . . . Das Glück wird mir ſo viel Kraft, ſo viel Verführung geben, daß Du nie etwas von dem, was Du mir geopfert, bereuen ſollſt. Ja, ich fühle es, ich werde Dich ſo ſehr lieben, daß Du mich ſchöner finden wirſt als die Schönſten, lieben⸗ der als die Liebendſten! .. . Siehſt Du, ich will, daß unſere Tage auf immer für Dich vermengt ſeien, wie ein berauſchender Traum. Ich will Dich in der Tiefe der Zurückgezogenheit, die wir wählen werden, Alles in unſerer Liebe vergeſſen laſſen .„ „Julie! . . meine Julie ... Du liebſt mich alſo ſehr?“ „Dich! . . . Er fragt mich nun noch!“ „Armer, angebeteter Engel . . . welch ein ſchöner Traum! „ „Oh! ja „Du wirſt ſehen . „Ach! „warum müſſen wir die Blicke von einer reizenden Illuſion abwenden, um die Wirklichkeit in's Auge zu faſſen! .. . Doch zum Glück iſt ſie noch reich an Beſeligung und Zukunft.“ „Welche Wirklichkeit?“ 74 „Armes, theures Weſen „ . und Dein Ruf? iſt er mir nicht ſo koſtbar, noch koſtbarer als Dir ſelbſt! Iſt es nicht meine Pflicht . . . ihn durch Zurückhal⸗ tung, durch Diseretion . durch Klugheit zu be⸗ ſchirmen!“ „Was ſagt er?“ rief Frau von Bourgueil erſtaunt. „Mein Ruf?“ „Ah! ſeien Sie unbeſorgt, Julie, dieſer heiligſte Schatz einer Frau iſt einem Manne von Ehre anver⸗ traut . . Doch was haben Sie? dieſe Bläſſe ...5 „Mein Ruf! und ich bin hier, bei Ihnen? . . . „Sollten Sie an meiner Diseretion zweifeln?“ „Ihre Discretion! . . . und mein Mann?“ „Julie, ich beſchwöre Sie, beruhigen Sie ſich; zittern Sie nicht ſo: es iſt unmöglich, daß Herr von Bourgueil den geringſten Verdacht hat. Vertrauen Sie mir; ich werde meine Zuvorkommenheit, meine Freundſchaft für ihn verdoppeln; Sie werden gegen ihn ſo artig als möglich ſein, und Alles wird auf das Beſte gehen.“ Die junge Frau ſchaute den Oberſten Roland mit wachſendem Erſtaunen und Schrecken an. „Keinen Verdacht!“ rief ſie mit bebender Stimme; „mein Mann werde keinen Verdacht haben und . und heute Abend? „4 „Heute Abend?“ ſ „Wenn er mich nicht nach Hauſe zurückkehren ieht „Julie, was ſagen Sie! . . hier bleiben? das iſt unmöglich! das iſt ein Wahnſinn! .. . das hieße Sie in's Verderben ſtürzen! . .. Julie, Sie denken nicht daran! . . . kommen Sie zu ſich .. „Mein Gott! mein Gott!“ rief die junge Frau mit einer unausſprechlichen Angſt und als ob ſie an das, was ſie hörte, nicht glauben könnte, „das iſt, um den Verſtand zu verlieren! . . er ſpricht nun davon, daß ich zu meinem Mann zuruckkehren ſoll!“ 75 . „Allerdings „ich „„ „Nach Hauſe zurückkehren und wozu denn?“ „Wozu? Ich wiederhole Ihnen, damit Bourgueil nichts vermuthet, da er durch einen glücklichen Zufall heute auswärts ſpeiſte und „. „Mein Gott! er hat geglaubt, nachdem ich ſeine Geliebte geweſen, würde ich es wagen, zu meinem Mann zurückzukehren!“ ſprach die junge Frau ganz niederge⸗ ſchmettert. Dann wandte ſie ſich mit einem herzzerreißenden Ausdruck an den Oberſten und ſprach: „Sie halten mich alſo für die niederträchtigſte, heuch⸗ leriſchſte, unwürdigſte der Frauen?“ „Julie ich ſage Ihnen noch einmal, Sie be⸗ denken die Folgen dieſer Verwegenheit nicht!“ rief der Oberſt Roland, und er fügte leiſe bei: „Teufel! wie raſch ſie zu Werke geht! das iſt zu viel, viel zu viel Liebe, einen Augenblick Geduld!“ Er war in der That erſchrocken über den Entſchluß von Frau von Bourgueil; denn bei dieſem Verhältniß wie bei allen andern, welche er gehabt, ſah er nichts Ernſtes, gedachte er entfernt nicht, die bekannte ſprüch⸗ wörtliche Redensart: „Eine Hütte und ihr Herz,“ in Ausübung zu bringen.“ „Ich,“ fuhr die junge Frau fort, „ich ſoll nun dem Blicke meines Gatten trotzen! . . Sie wiſſen alſo nicht, daß ich nie in meinem Leben habe lügen können? Sie wiſſen nicht, daß ich zwanzig mal nahe daran war, Herrn von Bourgueil zu geſtehen, ich liebe Sie, und daß nur die Hoffnung allein, dieſer unſeligen Liebe zu widerſtehen, mich von meinem Geſtändniſſe zurückgehalten hat? Und zu dieſer Stunde ſollte ich feige mit einem Manne leben, den ich nicht liebe und den ich entehre! den ich jeden Tag dadurch betröge, daß ich Sie ſähe! Ohl ich würde den Tod einer ſolchen Schande vorziehen!“ „Julie „ mein Engel komm' doch von 76 Deiner Verirrung zurück . . . willſt Du Dich denn für immer in's Verderben ſtürzen?“ „Heißt es mich für immer in's Verderben ſtürzen, wenn ich mit Ihnen in irgend einem unbekannten Winkel leben will ?“ „Ich wiederhole, das iſt unmöglich.“ „Unmöglich! . . . . Und die Verſprechungen und die Schwüre, die Sie ſo eben zu meinen Füßen leiſteten?“ „Ich ſprach davon, daß ich Dich lieben, unabläßig anbeten werde, jedoch Deinen Ruf wahrend, denn ich bin ein Mann von Ehre.“ „Hören Sie, Adalbert, Sie machen mich toll,“ er⸗ wiederte die junge Frau beinahe im Irrſinn, indem ſie ihre Stirne zwiſchen ihren beiden Hände preßte. Nach einem Augenblicke ſchmerzlichen Stillſchwei⸗ gens fügte ſie bei: „Nun wohl! ja, Sie haben mich für eine von jenen Frauen gehalten, welche ſich ihrem Geliebten hin⸗ geben und mit ihrem Gatten zu leben fortfahren. Dieſe Beleidigung, ich glaubte Sie nicht zu verdienen .. Nein „ich glaubte das nicht,“ ſagte die junge Frau mit einem herzzerreißenden Schluchzen. „Doch da Sie nicht errathen konnten, daß ich nicht zu dieſen Frauen gehöre, ſo unterrichte ich Sie davon; ich ſage Ihnen, daß ich nicht zu meinem Mann zurückkehren willz ich ſage Ihnen, daß ich Niemand mehr als Sie auf der Welt habe. Sprechen Sie alſo nicht mehr von meinem Ruf, von meiner Ehre, von meiner Familie; auf dies Alles habe ich verzichtet, als ich den Fuß in Ihr Haus ſetzte; dies Alles iſt für mich verloren!“ „Nein, Julie . . . nein, es wird nicht dies Alles für Sie verloren ſein . denn ich werde, wenn es ſein muß, die Klugheit haben, welche Ihnen fehltz ich werde gerade in der Stärke meiner Liebe den Muth ſchöpfen, einer Hinreißung zu widerſtehen, welche zu theilen nur zu ſüß für mich wäre.“ 77 „Mein Gott! wie erſchreckt er mich! . . . . Adal⸗ bert hören Sie mich! „ „Oh! wenn ich nur mit meinem Geſchmack, mit meinem Herzen zu Rathe ginge, wenn ich einer von den verhärteten Egoiſten wäre, welche nur darauf bedacht ſind, ihr Verlangen des Augenblicks und ihre Eitelkeit zu befriedigen, ſo würde ich zu Ihnen ſagen: „„Ja, gehen wir von hinnen! . . verbergen wir unſere glückliche Liebe in der Tiefe irgend einer unbekannten Einſamkeit.““ „Ich beſchwöre Dich mit gefalteten Händen, höre mich an, höre mich!“ „Doch ich bin keiner von dieſen Leuten, ich begreife, welche Pflichten die Liebe einer Frau, wie Sie, einem wackern Mann auferlegt . . . . Ich werde Sie vielleicht heute verletzen, armer, geliebter Engel, doch morgen werden Sie, von Ihrer vorübergehenden Exaltativn zu⸗ rückgekommen, eine ewige Dankbarkeit für mich em⸗ pfinden.“ „Adalbert, ich flehe Sie an!“ 4 „Hören Sie mich, Julie . . . . Ich muß Sie ſo tief lieben, als ich Sie liebe, es bedarf eines großen Muthes, einer großen Ergebenheit, daß ich ſo zu Ihnen ſpreche. Nein! Sie werden Ihre Familie nicht durch ein Aergerniß, das ſich nicht wieder gut machen läßt, in den Schmerz verſenken.“ „Und wenn ich es will!“ „Und wenn ich es nicht will! Sie theure, unglück⸗ liche Tolle . . . Und wenn ich, entſchloſſen, Sie wider Ihren Willen zu retten, zu Ihnen ſage: Entweder keh⸗ ren Sie zu Ihrem Gatten zurück, und unſere Liebe wird eben ſo glücklich als verborgen ſein, oder . . „Oder?“ wiederholte die junge Frau mit einer tödtlichen Angſt; „oder?“ „Oder ich werde, und ſollte ich vor Verzweiflung ſterben, die Stärke haben, eine Verbindung zu zerreißen, welche das Glück meines Lebens ſein ſollte.“ 78 „Adalbert!“ rief die junge Frau, indem ſie ſich wie wahnfinnig dem Oberſten Roland zu Füßen warf, „Du wirſt das nicht thun! .. . . Nein, Du wirſt nicht ſo ein un⸗ glückliches Geſchöpf vernichten, das Dich auf den Knieen anfleht, Dir ſein Leben, Dir ſein ganzes Leben weihen zu dürfen. Aufl ſei gerecht: was iſt mein Unrecht? daß ich keine Heuchlerin, keine Schändliche ſein will .. . . Du kannſt mir doch das nicht zum Vorwurf machen? Mein Gott! mein Gott! begreife doch, daß ich nun beim Anblick meines Mannes vor Scham und Gewiſſens⸗ pein ſterben würde!“ „Sie bilden ſich das ein, Julie; das iſt Uebertrei⸗ ung „„ „Sie haben alſo weder Herz, noch Seele!“ „Julie!“ „Nein, nein, verzeih', ich hatte Unrecht . .. . Ich weiß nicht mehr, was ich ſage . . . . Ich flehe Dich an, ärgere Dich nicht, Du biſt ſo gut! . . . Laß mich vollenden „. Wo war ich denn? . . Ah! Du ſagſt, Du wolleſt mich nicht zu Grunde richten, nicht wahr? Du ſollſt ſehen, ob ich Recht habe . Nur höre mich an, ohne Dich zu ärgern . . . . ich verlange nicht mehr von Dir . . . nicht wahr, das iſt nicht viel? Du ſagſt, Du wolleſt mich nicht zu Grunde rich⸗ ten .. . Doch bedenke: wenn Du mich verließeſt, wäre ich zu Grunde gerichtet . . . . . denn was ſollte ich dann thun, was ſollte aus mir werden? . . . . Du ſagſt mir: Ich befehle Dir, zu Deinem Mann zurückzu⸗ kehren. Adalbert, ſei gerecht, haſt Du die Befugniß, mir das zu befehlen?“ rief die junge Frau mit unter⸗ drücktem Schluchzen. „Du biſt befugt, zu mir zu ſagen: Liebe mich für das Leben, ſei ergeben, unterwürfig ... ſei meine Sklavin, ſei mein Hund . . . Oh! ja, Du haſt das Recht, mir das zu ſagen, und Du ſollſt ſehen, mit welchem Glück ich gehorchen werde „.. Doch mich zur Heuchelei, zur Feigheit zwingen? Nein, das nie, niel Ich habe auch meinen Willen, verſtehſt 79 Du! und ich werde Dir kein Gehör, ſchenken, ich werde Dir Widerſtand leiſten, ich. Doch ſie konnte nicht das Schluchzen raubte ihr die Sprache. Sie verbarg ihr in Thränen gebadetes Geſicht in ihrem Schnupftuch. „Julie,“ ſagte der Oberſt, ungeduldig, aufgereizt durch dieſes hartnäckige Drängen, „es iſt bald neun Uhr, es wäre unklug, Ihren Aufenthalt bei mir noch weiter auszudehnen.“ „Adalbert, ſeien Sie barmherzig.“ „Julie, Sie bereiten mir einen unſäglichen Kum⸗ mer Doch ich wiederhole Ihnen, ich werde Sie wider Ihren Willen retten. Oh! Sie werden zu Ihrem Gatten zurückkehren, oder es iſt Alles fortan zwiſchen uns abgebrochen. Darauf gebe ich mein Wort, Julie, mein Ehrenwort! und nie habe ich dieſes verletzt.“ „Nein, nein!“ rief Frau von Bourgueil voll Ver⸗ zweiflung, während ſie unter ihrem krampfhaften Schluch⸗ zen auf ihr Schnupftuch biß. „Nein, ich gehe nicht von hinnen machen Sie mit mir, was Sie wollen jagen Sie mich fort . . . tödten Sie mich .. ich gehe nicht von hinnen.“ Plötzlich hörte man außerhalb des Salon ein ge⸗ waltiges Geräuſch. Heftiges, haſtiges Klopfen erſcholl an einer der äußeren Thüren der Wohnung. „Was iſt das?“ rief der Oberſt Roland, bebend und ängſtlich horchend. „Es iſt, als wollte man die Thüre des Vorzimmers ſprengen!“ IX. Bei dem Lärmen eines heftigen Klopfens, als wollte man mit Gewalt in die Wohnung eindringen, war Frau von Bourgueil in einer erſten Bewegung des Schreckens ungeſtum aufgeſtanden. Der Oberſt Roland nahm raſch von einem Canapé ihren Hut und ihren Shawl, lief auf ſie zu, faßte ſie beim Arm und ſagte zu ihr: „Julie . . . ſeien Sie ohne Furcht . . kommen Sie Dieſe Thüre führt auf einen Gang . . Sie ſteigen eine kleine Treppe hinauf. . . Sie befinden ſich dann im Zimmer von Pietri. . . Von dort wird es Ihnen leicht ſein, den Garten zu erreichen . . . Geſchwinde, ge⸗ ſchwinde! . die Schläge verdoppeln ſich. .. die Thüre gibt nach! Retten Sie ſich! ich ſtehe Ihnen für das Uebrige!“ Vom Schrecken erfaßt, war Frau von Bourgueil An⸗ fangs maſchinenmäßig dem Oberſten gefolgt und mit ihm haſtigen Schrittes durch den Salon geeilt; doch in dem Augenblick, wo er die Thüre der Geheimtreppe öffnete, blieb ſie ſtehen und ſagte mit einem erſchrecklichen Lächeln: „Warum fliehen?“ „Was!“ „Ich bleibe.“ „Unglückliche Tolle! es iſi vielleicht Ihr Gatte!“ „Deſto beſſer.“ „Julie, ich flehe Sie an.“ Der Oberſt Roland konnte nicht vollenden. Pietri erſchien plötzlich bleich und beſtürzt im Salon und rief: „Herr Oberſt! . ein Polizeicommiſſär! Soldaten! Sie haben im Namen des Geſetzes zu öffnen befoh⸗ len „Ich habe mich geweigert Sie ſind mit 8¹ Gewalt in das Vorzimmer eingedrungen .. da ſchloß ich die Thüre des zweiten Salon .. Doch ſie wird nicht länger widerſtehen „. hören Sie! .. Man ſprengt ſie.“ „Und was wollen dieſe Leute?“ „Der Garten iſt auch eingeſchloſſen.“ „Aber was wollen ſie?“ „Ich habe durch die Thüre gehorcht und hörte Herrn von Bourgueil nennen.“ Bei dieſen Worten machte die junge Frau, deren Beine wankten, ein paar Schritte und ſank in einen Lehnſtuhl, ohne vom Oberſten bemerkt zu werden, der ganz und gar mit dem, was er von ſeinem Kammer⸗ diener hörte, beſchäftigt war. Er rief auch voll Aerger mit dem Fuße ſtampfend: „Es iſt kein Zweifel mehr, auf friſcher That!“ Und im Glauben, die junge Frau ſei immer noch bei ihm, wandte er ſich um und ſagte: „Sie ſehen es wohl . . verſuchen wir es wenig⸗ ſteüs, u Doch als er nun wahrnahm, daß Frau von Bourgueil, bleich wie eine Todte, unbeweglich wie eine Bildſäule, am andern Ende des Salon ſaß, lief er auf ſie zu und rief: „Ich flehe Sie an, eilen Sie in das Zimmer von Pietri, das iſt die einzige Möglichkeit, Sie zu retten „Herr Oberſt,“ rief Pietri, „die Thüre gibt nach, ſie kommen, ſie ſind da!“ „Julie!“ rief der Oberſt, „es iſt noch Zeit, retten Sie ſich.“ „Nein,“erwiederte Frau von Bourgueil mit einer er⸗ ſchrecklichen Ruhe, „wir werden ſehen, ob Sie es nach einem ſolchen Eclat noch wagen werden, mich zu verlaſſen.“ In dieſem Augenblick erſchollen ſtürmiſche Tritte. Die Thüre wurde gesffnet. Aufder Schwelle erſchien der Polizeicommiſſär, hinter Die Kinder der Liebe. 6 82 ihm waren Herr von Bourgueil und Herr Delmare, den wir auf dem Boulevard, vernichtet unter dem ebenſo plötz⸗ lichen, als furchtbaren Streiche einer Offenbarung, ver⸗ laſſen haben. Als Herr von Bourgueil ſeine Frau unbeweglich ſitzen ſah, ſagte er zu dem Commiſſär, ſie mit einer Geberde bezeichnend: „Hier iſt meine Frau, mein Herr.“ „Madame,“ ſprach der Commiſſär, auf ſie zuſchrei⸗ tend, „Sie ſind 2“ „Ich bin Frau von Bourgueil,“erwiederte ſie mit ſter⸗ bender Stimme. Und ſie rührte ſich nicht. „Nach einem ſolchen Geſtändniß, mein Herr,“ ſagte Herr von Bourgueil zum Commiſſär, „können Sie, glaube ich, Ihr Protocoll aufnehmen und uns, mich und den Herrn, der uns als Zeuge gedient hat,“ fügte er auf Herrn Delmare dentend bei, „und uns dann allein laſſen, ich habe mit dem Herrn Oberſten Roland zu reden.“ „Ich verlaſſe Sie, mein Herr,“ erwiederte der Be⸗ amte. Und er ging hinaus. Das Geſicht zuſammengezogen durch einen verhal⸗ tenen Zorn, näherte ſich der Oberſt Roland, der das Ver⸗ gebliche jeder Gewaltthätigkeit einſah, dem Lehnſtuhl von Frau von Bourgueil, um ſie im Fall der Noth zu be⸗ ſchirmen, und erwartete hier, die Arme über der Bruſt gekreuzt, die Stirne hoch, mit unerſchrockenem Blick und ſpöttiſchem Lächeln, den Ausgang dieſer Scene. In dem Augenblick, wo der Commiſſär den Salon verließ, fragte der Oberſt leiſe Pietri: „Iſt der Major zurückgekehrt?“ „Nein, Herr Oberſt.“ „Sobald er zurückgekehrt iſt, bitte man ihn, hier⸗ her zu kommen; Du läſſeſt ihn in meinem Schlafzim⸗ mer warten.“ „Ja, Herr Oberſt.“ 83 „Maurice, der Unglücksprophet, wird ſehr ſtolz darauf ſein, daß er vielleicht richtig errathen hat, mit ſeinen Ahnungen,“ ſagte der Oberſt mit einem bittern Lächeln zu ſich ſelbſt. Als Pietri hinter dem Commiſſär weggegangen war, blieben Frau von Bourgueil, ihr Mann, Delmare und der Oberſt allein. Es herrſchte Anfangs unter dieſen vier Perſonen ein feierliches Stillſchweigen. Herr von Bourgueil war vollkommen ruhig; ſein ge⸗ wöhnlich falſcher, unſicherer Blick heftete ſich auf den Oberſten mit Schlimmes weisſagendem Wohlgefallen. Herr Delmare wiſchte alle Augenblick ſeine in kaltem Schweiße gebadete Stirne ab. Dieſe gewöhnlich un⸗ ſchuldig gutmüthige Phyſiognomie war furchtbar ge⸗ worden. Einige Stunden hatten genügt, um ihr das gräßliche Siegel des Haſſes und der Verzweiflung auf⸗ zudrücken; durch die Thränen geröthet, ſchienen ſeine Augen in ihre Höhlen zurückgeſunken und glänzten von einem wilden Feuer unter der goldenen Brille; dieſes leichenbleiche, verſtörte Geſicht mit den ſtarren, an die Schläfe geklebten Haaren hatte etwas Unheim⸗ liches, Furchtbares, was den Oberflen trotz ſeiner hoch⸗ müthigen Unerſchrockenheit ungemein befremdete. Ob⸗ gleich er die junge Perſon, welche Herrn Delmare gehei⸗ rathet,verführt und vor ihrer Hochzeit zur Mutter gemacht, hatte er doch dieſen Mann nie geſehen, und er hielt ihn nur für einen zur Beſtätigung des Ehebruchs ſeiner Frau von Herrn von Bourgueit mitgebrachten Zeugen. Der Oberſt wunderte ſich auch ſehr, daß dieſer Zeuge ſich die Schande ſeines Freundes ſo gewaltig zu Herzen zu nehmen ſchien. Herr Delmare, der, wenn man ſo ſagen darf, Herrn von Bourgueil, ſeine Frau und den Oberſten auf dem erſten Plan ließ, ſetzte ſich in den Schatten zu einem Spiegeltiſch; das Kinn auf eine Hand geſtützt, ein finſteres Still⸗ 84 ſchweigen beobachtend, wich er hier mit dem Auge nicht mehr vom Oberſten Roland. Würde man immer vor Schmerz, Schande und Angſt wahnſinnig, ſo hätte Frau von Bourgueil ihren Ver⸗ ſtand verloren, denn ſie ſah eine furchtbare Erklärung zwiſchen ihrem Mann und dem Oberſten vorher „ Hätte ſie fliehen wollen, können, um nicht Zeuge deſſen, was vorgehen ſollte, zu ſein, ſie wäre unfähig dazu geweſen; fie fühlte ſich gelähmt, gebrochen, außer Stand, eine Bewegung zu machen; alle körperliche Kraft hatte ſie verlaſſen, in ihrer gezwungenen Unbeweglich⸗ keit konnte ſie nur noch ſehen und hören. „Mein Herr,“ ſagte Herr von Bourgueil zum Oberſten Roland, „die Gegenwart meiner Frau hier iſt, glaube ich, bezeichnend genug. Ich denke nicht, daß Sie die Augen⸗ ſcheinlichkeit leugnen werden.“ „Nicht ein Wort mehr, mein Herr!“ erwiederte der Oberſt Roland mit ſtolzer Ungeduld, „ich werde zu Ihren Befehlen ſein, wann Sie wollen.“ „Nicht ein Wortmehr das iſt ſehr hübſch,“ entgegnete mit einem höhniſchen, eiſigen Lächeln Herr von Bourgueil. „Der Herr Oberſt kommt zu mir und betrügt mich feige unter dem Mantel einer geheuchelten Freundſchaft . „Mein Herr,“ rief der Oberſt purpurroth bei die⸗ ſer Beleidigung, „nehmen Sie ſich in Acht.“ „Der Herr Oberſt Roland verräth mich, betrügt mich feige, ſagte ich,“ fuhr Herr von Bourgueil mit unſtörbarem Phlegma fort, „er verführt meine Frau, und wenn ich mir eine demüthige Bemerkung in dieſer Hinſicht er⸗ laube, ſchneidet er mir die Rede ab und ruft: Nicht ein Wort mehr! . „Das iſt wunderlich!“ „Mein Herr,“ ſagte der Oberſt, der nur mit Mühe an ſich hielt, „Sie mißbrauchen Ihre Stellung.“ „Es iſt das Wenigſte, daß ſie mir mindeſtens dieſe Wonne gibt.“ „Genug der Sarkasmen, mein Herr. Sie wiſſen 85⁵ wohl, daß ich nach der Beleidigung, die ich Ihnen an⸗ gethan, genöthigt bin, Ihre Unarten auszuhalten doch Alles hat ſein Ziel . . . Glauben Sie mir, brechen wir ab . . Nennen Sie mir Ihre Stunde, Ihre Waf⸗ ſen und ich werde Ihnen die Genugthuung geben, die ich Ihnen ſchuldig bin.“ „Er iſt reizend, der liebe Oberſt!“ verſetzte Herr von Bourgueil, in ein Gelächter ausbrechend; „er nennt das eine Genugthuung . . Er iſt ſtärker mit dem Degen, als der berühmte Loſtange, der wüthende Duel⸗ lant, den er dieſen Morgen verwundet . . er hat oft in meiner Gegenwart eine Piſtolenkugel mitten durch eine Spielkarte geſchoſſen, ſo daß er mich, nachdem er mir meine Frau genommen, wie einen Hund umbringen würde .. Ah! ah! Sie fühlen wohl, mein lieber Oberſt, daß ich durchaus, durchaus nicht eine ſolche Genugthuungen haben will.“ „Was wollen Sie dann, mein Herr!“ rief der Oberſt außer ſich; „etwa einen Ehebruchsprozeß? Eil eil den Teufel! fangen Sie ihn anz Sie haben Zeugen; doch ich ſage Ihnen, es iſt eine ſchändliche Feigheit, Ihre Frau zur Zeugin eines ſolchen Streites zu machen. Sehen Sie denn nicht, daß ſie ſtirbt!“ ſetzte der Oberſt hinzu, während er ſich voll Mitleid Frau von Bourgueil näherte, welche ohnmächtig zu werden ſchien. „Der Herr Oberſt iſt ſehr gut,“ erwiederte der Mann. „Ich weiß, daß er ſtets die zärtlichſte Theil⸗ nahme für meine Frau gehegt hat. Doch er mag ſich beruhigen: man ſtirbt nicht ſo, Gott ſei Dank! Die Frauen haben ein zähes Leben.“ „Elender!“ rief der Oberſt. „Ha! ha! Elender iſt noch ſchöner, als kein Wort mehr und das Anerbieten deſſen, was dieſer liebe Herr Oberſt eine Genugthuung nennt!“ er⸗ wiederte Herr von Bourgueil, die Achſeln zuckend. Und er ſagte zu ſeiner Frau, welche immer bleich, unbeweglich wie ein Geſpenſt da ſaß; 86 „Was denken Sie davon, theure Freundin? iſt er nicht zum Entzücken, der liebe Herr?“ „Sh!“ murmelte der Oberſt, „und ſich hier feſt gebannt ſehen und dieſe Beleidigungen verſchlucken müſſen!“ „Sie erweiſen mir die Ehre, mir zu ſagen, mein Herr,“ fuhr Herr von Bourgueil fort: „fangen Sie einen Ehebruchsprozeß mit mir an? Nein, nein, Teufel! das würde eine Scheidung von meiner Frau herbei⸗ führen, und es iſt mir an meiner Frau gelegen, und zwar viel mehr, als Ihnen wahrſcheinlich an dieſer theuren Freundin gelegen war Oh! oh! ich laſſe ſie nicht ſo von mir.“ Und er wandte ſich um und warf einen teufliſchen Blick auf ſeine Frau. Bei dieſem Blick, bei dieſen Worten bebte Frau von Bourgueil vor Angſt und Beſtürzung. Sie glaubte, als ſie die geringe Summe von Liebe des Oberſten Roland für ſie erkannt, die letzten Stufen des möglichen Unglücks erreicht zu haben, aber es war ihr der gräßliche Gedanke nie gekommen, daß ſie, nach⸗ dem das Geheimniß ihres Fehlers entdeckt, zu ihrem Mann, um mit ihm zu leben, zurückkehren ſollte. Die Entſchiedenheit von Herrn von Bourgueil kam ſelbſt dem Oberſten Roland ſo geheimnißvoll bedrohlich für die unglückliche Frau vor, die er in's Verderben gezogen, daß er, einem Gefühle ſpät durchbrechenden Edelmuths nachgebend, zu Frau von Bourgueil ſagte: „Beruhigen Sie ſich, Madame, Sie werden in dieſem feierlichen Augenblick an meine Worte glauben. Ich ſchwöre, daß ich Ihnen fortan mein ganzes Leben wei⸗ hen werde. Nach einem ſolchen Lärm erregenden Vor⸗ fall können Sie unmöglich, um mit ihm zu leben, zu Ihrem Mann zurückkehren, deſſen kalte Bosheit mich für Sie erſchreckt. Ich werde Sie nicht verlaſſen, von nun an find Sie unter meinem Schutz, und wehe, ja, 87 wehe dem, der es noch wagen würde, Sie eine Thräne vergießen zu machen!“ Bei dieſem Entſchluß, ven gleichſam die Umſtände dem Oberſten Roland auferlegten, lächelte die Frau mit einer geringſchätzigen Bitterkeit, während ihr Mann erwiderte: „Das iſt im höchſten Grade rührend! Die armen Liebenden! Sie gingen ſo von mir, Arm in Arm, und würden, wie es Eheleuten geziemt, in irgend einem ländlichen Aſyle leben. .. Das wird entſchieden immer ſchöner! Der liebe Oberſt glaubt wahrſcheinlich, die Geſetze ſeien für die Straußvögel gemacht.“ „Und dieſer Polizeicommiſſär,“ rief der Oberſt außer ſich, „warum haben Sie ihn hierher geführt, wenn Sie nicht Lärm machen und eine Scheidung herbeiführen wollten?“ „Unter Freunden hat man kein Geheimniß,“ ant⸗ wortete Herr von Bourgueil; „ich will Ihnen alſo das Warum des Commiſſärs erflären, mein lieber Oberſt. Es beliebt mir nicht, Ihnen zu ſagen, wie ich heute die Schändlichkeit meiner Frau entdeckt habe, doch in Folge dieſer Entdeckung gab ich mir den Anſchein, als ſpeiſte ich auswärts; ich belauerte dieſe tugendhafte Freundin, ich folgte ihr und ſah ſie von fern bei Ihnen eintreten. Hinter ihr eintreten zu wollen, um ſie ihrer Schändlichkeit zu überweiſen, war unmöglich! man hatte die kleine Thüre Ihres Gartens ſchon wieder geſchloſſen, und wenn ich auf der Seite der Straße erſchienen wäre, ſo hätten mir Ihre Leute nicht geöffnet. Ich entſchloß mich alſo ganz einfach, den Commiſſär aufzuſuchen, um ihm meinen Fall zu erzählen, mit dem Vorbehalt, dem Ehebruchsprozeß, nach meinem Rechte, Folge zu geben oder nicht zu geben, und feſt überzeugt, ich würde in Begleitung eines Commiſſärs, gutwillig oder mit Gewalt, Eingang finden und vor Zeugen meine Frau überweiſen, daß ſie nur eine Elende iſt!“ Bei dieſer Beleidigung trat der Oberſt wüthend, 88 brohend gegen Herrn von Bourgueil vor, doch dieſer hielt ihm die Achſeln zuckend entgegen: „Gewalt! Thätlichkeiten! Und was hernach? Sie wiſſen wohl, daß ich mich nicht mit Ihnen ſchlagen werde! Teufell ich lege zu großen Werth darauf, für dieſe keuſche Freundin zu leben und ihr alle meine Augenblicke zu widmen.“ Niedergeſchmettert durch dieſe Ruhe von Herrn von Bourgueil, biß ſich der Oberſt bis auf das Blut auf die Lippen. Herr von Bourgueil fuhr fort: „Noch zwei Worte, und ich biete Madame den Arm, um den Platz dieſem Herrn zu überlaſſen.“ Und er bezeichnete mit einer Geberde Herrn Del⸗ mare, der ſich immer noch ſtumm und unbeweglich im Schatten hielt und ſeine brennende Stirne an den Marmor des Spiegeltiſches drückte, an dem er ſaß. „Dieſer Herr, der mein Freund iſt,“ fuhr Herr von Bourgueil fort, „wird ein kleines Geſuch an den Herrn Oberſten Roland zu ſtellen haben.“ Dieſer hatte die Gegenwart von Herrn Delmare vergeſſen; er wandte maſchinenmäßig die Augen nach ihm, war abermals betroffen von dem finſtern Geſichte des Unbekannten und fragte ſich, welches Geſuch er an ihn zu richten haben könnte. Ueberzeugt, ihr Gatte wolle ſie mitnehmen, um eine geheime Rache an ihr zu üben, und wohl begreifend, daß ſie, da das Geſetz, die Stärke für ihn, ihm nicht entweichen könnte, hatte ſich Frau von Bourgueil ge⸗ agt: „Gott ſei Dank, ich werde den furchtbaren Erſchüt⸗ terungen von heute nicht widerſtehen; ich fühle mich im Herzen getroffen; was liegt mir daran, daß ich meinem Mann folgen ſoll!“ Herr von Bourgueil fuhr fort, indem er ſich gegen ſeine Frau umwandte: „Hören Sie wohl, züchtige Freundin, was ich Ihrem 89 Liebhaber, dieſem Eiſenfreſſer, dieſem Helden, dieſem Unerſchrockenen, ſagen werde.“ Dann zum Oberſten: „Mein Herr, Sie ſind ein Wüſtling ohne Treu' und Glauben, ein Mann, der alle Weiber verachtet, mit dieſer theuren Freundin anzufangen; und in Be⸗ ziehung auf ſie haben Sie nicht Unrecht; Sie ſind ge⸗ panzert durch die Selbſtſucht und die Sättigung; Sie ſpotten der verführten Gattinnen und der betrogenen Ehemänner; Sie ſind unzugänglich für die Gewiſſens⸗ biſſe. Wohl denn! dennoch ſage ich Ihnen, daß Sie ſich oft, und unwillkührlich, und mit Scham, und mit Wuth der Scene von dieſem Abend erinnern werden, wo ich Sie ungeſtraft beleidigt habe! Sie, der ſo grim⸗ mig im Punkte der Ehre. Ich fordere Sie beſonders auf, ſo unbarmherzig Sie auch ſein mögen, nicht eine Art von Angſt zu fühlen, wenn Sie ſich ſagen: Zu dieſer Stunde verläßt Herr von Bour⸗ gueil ſeine Frau nicht. Nicht wahr, das ſieht aus wie nichts? Herr von Bourgueil verläßt ſeine Frau nicht? Und dennoch, ich ſehe es ſogar in dieſem Augenblick, macht Ihnen das bange und dieſer tadelloſen Frau ebenfalls! Hienach, mein Herr, habe ich die Ehre, Sie mit unendlicher Achtung zu grüßen.“ Und er näherte ſich Herrn Delmare und ſagte mit halber Stimme zu ihm: „Es bleibt dabei, nicht wahr, in einer Stunde?“ Herr Delmare ſchaute empor, machte mit dem Kopf ein bejahendes Zeichen und lehnte abermals ſeine Stirne an den Marmor des Spiegeltiſches. Herr von Bourgueil kehrte nun wieder zu ſeiner Frau zurück und ſprach mit ſüßlicher Stimme: „Kommen Sie, theure Freundin?“ „Ich folge Ihnen, mein Herr,“ erwiederte Frau von Bourgueil, indem ſie ſich mit einer beinahe über⸗ menſchlichen Anſtrengung erhob; dann wandte ſie ſich 90 gegen den Oberſten Roland und ſprach mit dem Aus⸗ druck einer ſchmerzlichen, niederſchmetternden Verachtung: „Binnen Kurzem werde ich vor Kummer geſtorben ſein, mein Herr, doch ich werde wenigſtens aufgeklärt über die unbarmherzige Härte Ihres Charakters ſterben. Ich war ſtrafbar, ſehr ſtrafbar; ich wollte meine Fehler nicht durch eine feige Heuchelei erſchweren; Sie ſind vor der Aufrichtigkeit meiner Zuneigung zurückgewichen, Sie haben die Pflichten verleugnet, die ſie einem Mann von Ehre auferlegt hätte. Nachdem Sie mich in's Verderben geſtürzt, drohten Sie mir, mich zu ver⸗ laſſen, wenn ich mich weigerte, zu dem Manne zurück⸗ zukehren, den ich einmal beſchimpft, um ihn fortwährend zu beſchimpfen. Gehen Sie, mein Herr! ſtände es mir zu dieſer Stunde frei, Ihnen mein Leben zu widmen, Sie würden mich nie wiederſehen: denn ich verachte Sie!...“ „Sie ſehen, mein Herr,“ ſprach Herr von Bour⸗ gueil zum Oberſten, „dieſe ſchätzenswerthe Freundin verachtet Sie auch; ich habe ſie das nicht ſagen laſſen .. es iſt ganz allein gekommen!“ „Ihren Arm, mein Herr,“ ſagte Frau von Bourgueil zu ihrem Gatten; „ich weiß nicht, ob mir Kraft genug bleiben wird, um von hier wegzugehen.“ „Oh! ja wohl, zärtliche Freundin, Sie werden dieſe Kraft haben,“ erwiederte Herr von Bourgueil mit ſeinem kalten, boshaften Lächeln. „Ich ſagte es Ihnen vorhin, die Weiber haben, Gott ſei Dank! ein zähes Leben, und überdies, ſehen Sie,“ fügte er leiſe und mit einem abſcheulichen, höhniſchen Kichern bei, während er ſeine Frau nach der Thüre führte und dieſe öffnete, „und überdies, ſehen Sie, anbetungswürdige Freundin, werde ich Sie mit der zarteſten Sorge und Pflege um⸗ geben. . denn Sie ſollen durchaus leben ja, Sie ſollen leben . . und vielleicht . . wer weiß ... um Herr von Bourgueil endigte ſeinen Satz in das Ohr ſeiner Frau. 91 Sie ſtieß einen ſolchen Schreckensſchrei aus, daß der Oberſt nach der Thüre lief, die ſich wieder hinter Herrn und Frau von Bourgneil geſchloſſen hatte. Doch Herr Delmare erhob ſich raſch, im Glauben, der Oberſt wolle fliehen, verſperrte ihm den Weg und rief mit dumpfer Stimme: „Und ich!“ Der Oberſt Roland, als er außen den Fall eines Körpers auf den Boden und unmittelbar darauf ein ſchallendes Gelächter von Herrn von Bourgueil hörte, wollte trotz Herrn Delmare hinausſtürzen; doch mit ſeiner hohen, mächtigen Statur, deren Kräfte die Wuth und der Haß verzehnfachten, faßte Herr Delmare den Oberſten Roland beim Kragen, verhinderte ihn trotz aller Gegenanſtrengung, einen Schritt zu machen, und wie⸗ derholte mit ſchallender Stimme: „Und ich „und ich!!!“ . Vergebens hatte der Oberſt Roland gegen Herrn Delmare kämpfen wollen, um ſo Frau von Bourgueil zu Hülfe zu eilen, welche im anſtoßenden Zimmer ohn⸗ mächtig niedergefallen war. Bleich vor Wuth und un⸗ fähig ſich von den eiſernen Fäuſten ſeines Gegners los⸗ zumachen, die ihn zuſammenpreßten wie in einem Schraubſtock, rief er Pietri zu wiederholten Malen. Der Kammerdiener trat bald ein. Als er den Oberſten von Herrn Delmare am Kragen gepackt ſah, ſchrie er, auf ihn losſtürzend, als wäre er von dieſem Schauſpiel empört geweſen: „Flender! meinen Herrn angreifen!“ Oberſt mit einer vor Wuth erſtickten Stimme. „Ich 92 „Pietri, berühre dieſen Menſchen nicht,“ ſagte der muß es allein mit ihm zu thun haben! . Er gehört mir! . . Doch die Dame die Dame, welche ſo eben hier war, was iſt aus ihr geworden?“ „Ich habe Herrn von Bourgueil geholfen, ſie ohn⸗ mächtig in einen Wagen zu tragen, der ſie erwartete, Herr Oberſt.“ „Es iſt gut, verlaſſe uns.“ Und mit einer gewaltigen letzten Anſtrengung ge⸗ lang es dem Oberſten, ſich von den Händen von Herrn Delmare zu befreien. Dieſer dehnte auch den Streit nicht weiter aus, als er ſah, daß ſein Gegner nicht zu entfliehen ſuchte. Pietri ging hinaus; ſein Herr rief, einen funkeln⸗ den Blick auf Herrn Delmare heftend: „Oh! ich werde mich für dieſe Beſchimpfung rächen. Sie haben es gewagt, Hand an mich zu legen. Sie wiſſen alſo nicht, daß ich Sie hiefür tödten werde! All Ihr Blut wird nicht genügen, um dieſe Beleidigung abzuwaſchen! Oh! Sie ſollen für dieſen feigen Bour⸗ gueil bezahlen, den Sie zu Ihrem Unglück hierher be⸗ gleitet haben! Donner Gottes! ich bin nicht grimmi⸗ ger Natur, doch nach Allem, was heute vorgefallen, fühle ich einen Tigerhaß in meinem Herzen.“ „Deſto beſſer,“ erwiederte Herr Delmare. Und er übergab dem Oberſten einen Brief und ſprach: . „Sie kennen dieſe Handſchrift; leſen Sie.“ Der Oberſt Roland nahm ungeſtüm den Brief. Kaum hatte er einen Blick darauf geworfen, als er halblaut zu ſich ſagte: „Ein Brief von Anna Clermont.“ Dann, während er ihn durchlief, fügte er bei: „Dieſer Brief iſt vom vorigen Jahr. Anna ſchrieb mir bei meiner Rückkehr von Waterlov. Beſorgt über die Folgen meiner Wunden, bat ſie mich dringend, ihr 93 Nachricht von mir zu geben, ſie ſprach von ihrem Kinde und ſpielte auf die Zeit unſerer Liebe an; doch ich habe den Brief nie erhalten; wie geht es zu, daß ihn dieſer Menſch in ſeiner Gewalt hat?“ Und er wandte ſich gegen Herrn Delmare um und fragte ihn mit Heftigkeit: „Wo haben Sie dieſen Brief genommen ? wer ſind Sie? werde ich endlich den Namendes einzigen Menſchen erfahren, der je Hand an mich gelegt hat, und deſſen Leben ich bekom⸗ men muß, wenn er nicht das meinige bekommt!“ Herr Delmare ſchritt langſam vor, ſtellte ſich vor den Oberſten und ſprach: . „Ich bin der Mann von Anna Clermont.“ „Sie?“ rief der Oberſt mit einem Ausdruck wilder Freude, „Sie? wäre es wahr?“ „Ja, ich, Jean Delmare, das iſt mein Name.“ „Sie ſind es! „Oh! das iſt ſchon eine Ab⸗ ſchlagszahlung an meiner Rache! Sie ſind alſo der Mann von Anna?“ ſagte der Oberſt, indem er Herrn Delmare mit einem beleidigenden Blick maß. „Wohl denn! mein armer Mann, Sie können ſich rühmen, eine ſehr ſchöne Frau geheirathet zu haben. Und ihr Sohn? nicht wahr, er iſt hübſch?“ Bei dieſem grauſamen Worte, das auf das Schärfſte in die blutige Wunde eines bis dahin durch ſeine blinde Anbetung für ſeine Frau und ſein Kind idealiſch glücklichen Menſchen einſchnitt, gerieth Herr Delmare nicht in Hitze, er hatte nicht die Kraft dazu; wäre ihm ein glühendes, ſpitziges Eiſen durch das Herz gefahren, er hätte keinen gräßlicheren Schmerz empfunden; er murmelte nur, indem er in ſeinen beiden Händen ſein leichenbleiches, verſtörtes Geſicht verbarg: „Oh! mein Gott mein Gott!“ Und er weinte .. Er weinte wie ein Kind. Die ſtillen Thränen des Unglücklichen, deſſen Züge bis dahin einen ſo finſtern Ausdruck gehabt hat⸗ ten, daß der Oberſt davon ergriffen worden war, mach⸗ ten einen ſeltſamen Eindruck auf dieſen; vor Allem fragte er ſich, ob ein Menſch, der ſchwach genug, um vor demjenigen zu weinen, der ihm die blutigſte Be⸗ leidigung in's Geſicht geſchleudert, den Muth hätte, ſich zu ſchlagenz und wenn er ſich erinnerte, daß Herr Del⸗ mare ſich nicht gefürchtet, mit einer ſeltenen Energie Hand an ihn zu legen, kamen ihm doch dieſe Thränen ſchrecklicher vor als Wuthausbrüche. Trotz ſeiner na⸗ türlichen Unerſchrockenheit, fühlte auch der Oberſt, wie ſich ſein Herz zuſammenſchnürte; es war nicht gerade Furcht, was ſich in ihm regte, ſondern ein Gefühl un⸗ beſtimmter, düſterer Bangigkeit. Bald indeſſen erröthend über dieſe unnatürliche Beſorgniß, überdies gedemüthigt, erbittert durch den kalten, frechen Hohn von Herrn von Bourgueil, durch den niederſchmetternden Abſchied ſei⸗ ner Frau, durch die Beleidigung endlich, die ihm von Herrn Delmare angethan worden, hatte der Oberſt, unſeliger Weiſe zu Extremitäten fortgeriſſen, da er die Entwickelung dieſer Kriſe beſchleunigen wollte, den Muth, die Barbarei, zu dem Unglücklichen, welcher leiſe ſchluchzte, zu ſagen: „Es ſcheint, wir ſind leicht zu Thränen geneigt.“ „Das iſt wahr,“ erwiederte Herr Delmare, mit herzzerfleiſchender Stimme, als hätte er vergeſſen, mit wem er ſprach. Und er trocknete mit ſeiner Hand die Thränen ab, mit denen ſein Geſicht überfluthet war, und fügte bei: „Ich habe ſo viele Jahre nicht mehr geweint!“ Dann zog Herr Delmare ſeine Uhr, ſchaute nach der Stunde und ſagte mit geſchäftiger Miene: „Schon neun Uhr vorüber! Ich habe nur noch drei Viertelſtunden, Herr von Bourgueil muß um zehn Uhr mit den Meſſern hier ſein.“ Bei dieſen Worten bebte der Oberſt vor Erſtaunen und fragte Herrn Delmare: „Was ſprechen Sie von Meſſern?“ 95 „Ja,“ antwortete Herr Delmare mit immer ge⸗ ſchaͤftiger Miene, „zwei Fleiſchermeſſer, ſehr ſcharf. Herr von Bourgueil hat ſie gekauft „ Doch nun handelt es ſich nicht um dieſes nein ich möchte gern ℳ „Verzeihen Sie, mein Herr, könnte ich wohl erfah⸗ ren, was Sie mit den Meſſern machen wollen, welche Herr von Bourgueil hierher bringen ſoll?“ „Mein Gott! wir wollen uns damit ſchlagen,“ er⸗ wiederte Herr Delmare mit einer leichten Ungeduld. „Doch das wird ſpäter geſchehen, und nun möchte ich gern . . . „Ich!“ rief der Oberſt, „ich ſoll mich auf Meſſer ſchlagen?“ „Ja wohl! ja wohl! Nur wollte ich Sie, in Er⸗ wartung der Rückkehr von Herrn von Bourgueil, bit⸗ ten, ir zu „Ah! mein Herr,“ rief der Oberſt, Herrn Delmare abermals unterbrechend, „ſpotten Sie der Leute?“ „Ich ?“ erwiederte Herr Delmare, ſchwermüthig den Kopf ſchüttelnd. „Oh! ich habe kein Herz zum Spaßen.“ Es lag in dieſer Miſchung von Naivetät, von Ent⸗ ſchloſſenheit und von Thränen etwas ſo wahrhaft Furchtbares, daß der Oberſt ſchauernd ausrief: „Ich ſage Ihnen, mein Herr, ein ſolches Duell iſt unmöglich! . . Hören Sie wohl? unmöglich!“ Herr Delmare hob ſeine goldene Brille ein wenig in die Höhe, als wollte er den Oberſten Roland beſſer in's Geſicht faſſen, ſchaute ihn ſtarr an und erwiederte: „Unmöglich! „ dieſer Kampf? . Ahl was muß ich hören!“ Und er ließ ſeine Brille wieder nieder und trocknete den kalten Schweiß, der abermals ſeine Stirne über⸗ ſtrömte. „Gehen Sie doch, mein Herr!“ ſagte der Oberſt, „einander umbringen wie Mörder! Sind Sie verrückt?“ 96 „Ah!“ ſprach Herr Delmare, abermals ſeine Brille emporhebend, um den Oberſten anzuſchauen, „er hat Angſt!“ „Nein, mein Herr, nein, ich habe keine Angſt,“ entgegnete der Oberſt mit einem bittern, verächtlichen Lächeln. „Ich begreife, daß Sie, ohne Zweifel mit der Handhabung der Waffen nicht vertraut, die Chancen zwiſchen uns gleich machen wollten; das entſpricht ganz der Billigkeit; es gibt hiefür ein vollkommen einfaches und bequemes Mittel; unſere Zeugen legen unter ein Schnupftuch zwei Piſtolen; eine einzige iſt geladen; wir nehmen auf den Zufall jeder eine, ſetzen ſie einan⸗ der auf die Bruſt und ſchießen, das, mein Herr, thut man, das iſt anſtändig . . . Sagt Ihnen das zu?“ „Das ſagt mir durchaus nicht zu, weil ich, ſehen Sie, mit einem Meſſer, wenn wir uns einmal hier halten, wenn wir Leib an Leib kämpfen, Ihnen bis in das Herz, bis in ſeine tiefſte Tiefe zu bohren hoffe! Ah! ja wohl, ich habe nur noch dieſe Hoffnung in der Welt! ich will nicht darauf verzichten. Wir brau⸗ chen alſo nothwendig, ganz nothwendig Meſſer. Doch ich wiederhole, es handelt ſich noch nicht um dieſes; die Zeit vergeht.“ Und er zog ſeine Uhr. „Neun Uhr und zwanzig Minuten „ und ich habe lange zu ſchreiben.“ Dieſe ſo zu ſage naiv grimmige Erbitterung be⸗ fremdete den Oberſten dergeſtalt, daß er kein Wort fin⸗ den konnte. Nicht als hätte er den Tod gefürchtet, doch bei dem Gedanken an ein ſolches Erwürgen ſchau⸗ erte dieſer Mann des tollen Muthes unwillkürlich. Herr Delmare fuhr fort: „Ich will nicht nach Hauſe zurückkehren; ich bitte, geben Sie mir, was ich brauche, um einige Briefe zu ſchreiben. Verzeihen Sie, daß ich ſo ohne alle Um⸗ ſtände zu Werke gehe. Um zehn Uhr wird Herr von Bourgueil mit den Meſſern zurückkommen. Es findet ſich hier in der Nähe gerade hinter der Madeleine, ödes Terrain; 97 vie Nacht iſt finſter; doch nicht wahr, wir Beide brauchen nicht hell zu ſehen, um einander zu erdolchen?“ „Mein Herr,“ rief der Oberſt Roland, „ich wie⸗ derhole Ihnen, daß dieſes Duell .. .“ „Mein Gott! mein Gott! ſchon wieder dieſe wenn und aber!“ verſetzte Herr Delmar, während er auf's Neue ſeine Brille in die Höhe hob, um ſeine glühen⸗ den, von den Thränen gerötheten Augen auf den Ober⸗ ſten zu heften; „Sie wollen entſchieden eine Chance haben, mich zu ermorden, ohne nur verwundet zu wer⸗ den, das iſt jehr feig, das, für einen Helden von Wa⸗ terlov; es iſt ſehr feig . . „ſehr feig!“ Der Oberſt antwortete nicht ſogleich, erbleichte, dachte einen Augenblick nach und ſagte dann zu Herrn Delmare: „Es ſei! ich nehme dieſen unedlen Kampf an.“ „Eine ſchöne Gnade!“ erwiederte Herr Delmare die Achſeln zuckend. Der Oberſt läutete. Pietri erſchien, der Oberſt fragte ihn: „Iſt der Major zurückgekehrt?“ „Er kommt ſo eben nach Hauſe; er wartet auf den Herrn Oberſten in ſeinem Schlafzimmer.“ Der Oberſt deutete nun auf Herrn Delmare und fügte bei: „Pietri, geben Sie dem Herrn, was er zum Schrei⸗ ben braucht.“ 5 „Ich danke ſehr,“ erwiederte Herr Delmare mit ſeiner geſchäftigen Miene, „ich danke ſehr. Es thut mir leid, daß ich Mühe mache.“ Der Oberſt Roland entfernte ſich, Pietri folgte ihm. Als Herr Delmare allein war, ging er, die Hände auf dem Rücken im Zimmer auf und ab, bis zur Rück⸗ Kammerdieners, der ihm bald Schreibzeug rachte. Er ſtellte Alles auf den Tiſch und ſagte zu Herrn Delmare: Die Kinder der Liebe. 7 98 „Hier, mein Herr, haben Sie Papier, Tinte und Federn.“ „Sehr verbunden, mein Freund,“ erwiederte Herr Delmare. Und er ſetzte ſich an den Tiſch. Die Züge von Pietri hatten wieder den finſtern Ausdruck angenommen, der an ihm bemerkbar war, als er ein paar Stunden vorher, allein und unruhig, auf die Rückkehr ſeines Herrn wartete, deſſen Tod er ſo ſehr zu befürchten ſchien. Er ſchaute aufmerkſam Herrn Delmare an, welcher, die Stirne auf ſeine Hand geſtützt, ohne Zweifel über das, was er ſchreiben ſollte, nachdachte. Pietri näherte ſich, nachdem er einige Augenblicke geſchwiegen, Herrn Delmare und legte eine von ſeinen Händen auf die Lehne ſeines Stuhles. Herr Delmare erwachte nun aus ſeiner Träumerei und ſagte zu dem Kammerdiener: „Mein Freund, ich habe zu ſchreiben und wünſche allein zu ſein.“ „Mein Herr, es iſt beſſer, wenn wir zu zwei find.“ „Warum zu zwei?“ „Um wohl zu erwägen, was Sie ſchreiben werden.“ „Mein guter Freund, was ich zu ſchreiben habe, geht Sie nichts an.“ „Im Gegentheil.“ „Ich begreife nicht.“ „Ohne mich wären Sie nicht hier.“ „Was ſagen Sie?“ „Ohne mich wäre Herr von Bourgueil ebenfalls heute Abend nicht hierher gekommen.“ „Was bedeutet das? wer ſind Sie denn?“ „Ich? ah! nichts, weniger als nichts, ein armer Teufel, der vertraute Kammerdiener des Herrn Oberſten von Roland.“ „Und in wiefern haben Sie ſich in das gemiſcht, was dieſen Abend hier vorgefallen iſt?“ * — 99 „Sie haben gegen zwei Uhr einen Brief erhalten 4 „Ja,“ erwiederte Herr Delmare mit einer ſchmerz⸗ lichen Anſtrengung, „ja.“ „Dieſer Brief eröffnete Ihnen gewiſſe Umſtände und enthielt ein früher von Ihrer Frau geſchriebenes Billet?“ „Sie wiſſen?“ „Ich muß es wiſſen, da ich Ihnen dieſe Briefe geſchickt habe.“ Herr Delmare warf ſich in ſeinen Lehnſtuhl zurück, ſchaute Pietri voll Erſtaunen an und rief: „Und warum haben Sie mir den Brief geſchickt?“ „Um mich zu rächen.“ „An wem?“ „An meinem Herrn.“ „Am Oberſten?“ „Ja,“ antwortete Pietri mit einer geheimnißvol⸗ len Geberde. „Sie ſehen, mein Herr, daß wir uns verſtändigen müſſen. Doch Vorſicht!“ fügte er bei. Und er ging auf den Fußſpitzen, öffnete ein wenig die Thüre des Salon und ſchaute hinaus, um ſich zu überzeugen, daß er in aller Sicherheit ſprechen könne. Dann kam er zu Herrn Delmare zurück, der noch ganz en Eindruck dieſer unerwarteten Offenbarung hingege⸗ en war. XI. Nachdem ſich Pietri verſichert hatte, daß in dem anſtoßenden Zimmer Niemand war, der es hören konnte, kehrte er zu Herrn Delmare zurück. Herr Delmare fagte zu ihm: „Dieſe Briefe,“ und er fuhr mit der Hand über — 6 100 ſeine Stirne, „dieſe Briefe, Sie haben ſie mir ge⸗ ſchickt? Ich kann mich von meinem Erſtaunen noch nicht erholen!“ „Sie waren blind; es entſprach meinen Plänen, daß ich Sie aufklärte.“ „Es iſt geſchehen,“ ſagte Herr Delmare bebend; „ich hätte es vielleicht vorgezogen, mein ganzes Leben blind zu bleiben; doch nun ſehe ich einmal klar . .. Und in welcher Hinſicht dient das Ihrem Haſſe gegen Ihren Herrn?“ „Ich habe mich nach Ihnen, nach Ihrem Charakter erkundigtz ich habe erfahren, wie leidenſchaftlich Sie Ihre Frau, ihr Kind anbeten; ich ſah vorher, der Ver⸗ luſt von ſo viel Glück würde Sie unverſöhnlich machen.“ „Das iſt die Wahrheit. Heute Morgen war ich harmlos und feigherzig; heute Abend bin ich blut⸗ vürſtig.“ Nach einem Augenblick finſteren Stillſchweigens fragte Herr Delmare: „Und wie haben Sie ſich dieſen Brief verſchafft, guter Freund?“ „Als man ihn vor mehreren Monaten hieher brachte, habe ich ihn behalten, ſtatt ihn meinem Herrn zu über⸗ geben. Ich hatte die Schrift erkannt, denn die Corre⸗ ſpondenz des Oberſten geht immer durch meine Hände; da er nun diesmal den Brief nicht erhalten, ſo konnte er ſeine Unterſchlagung nicht vermuthen, und ich ge⸗ dachte mich dieſes Billets am geeigneten Tag und zur geeigneten Stunde zu bedienen.“ „Dieſer Brief iſt aber vom vorigen Jahr, warum haben Sie ſo lange geſäumt, davon Gebrauch zu machen?“ „Um jeden Verdacht von Seiten meines Herrn zu entfernen „. Eine der Beleidigung zu nahe Rache hätte mich verrathen können.“ „Das iſt richtig, mein Freund.“ „Ich habe es vorgezogen, zu warten.“ — f⸗ 101 „Und warum hegen Sie einen ſolchen Haß gegen Ihren Herrn?“ Bei dieſen Worten erbleichte das Geſicht von Pietri, nahm einen Ausdruck wilden Grimms an, und er blieb einen Augenblick ſtumm. „Wie ich böſe geworden bin!“ ſprach Delmare mit nachdenkender Miene, indem er Pietri anſchaute. „Es macht mir indeſſen Vergnügen, zu ſehen, wie Ciner eben ſo ſehr zu leiden ſcheint, als ich . . Können Sie mir die Urſache Ihres Haſſes gegen Ihren Herrn ſagen 7“ i „Nicht wahr, Sie liebten Ihre Frau, mein Herr?“ „Ich habe Ihnen geſagt, ich ſei dieſen Morgen feigherzig geweſen .. in einer Stunde ſchlage ich mich mit Wonne auf Meſſer!“ „Nun denn! ich liebte eben ſo leidenſchaftlich als Sie; ich liebte ein Mädchen meiner Heimath, eine Ver⸗ wandtin von mir.“ „Ich ſehe ſchon klar .. Dann müſſen wir uns verſtehen.“ „Sie war mit ihrer Mutter nach Frankreich ge⸗ kommen, um den Rückſtand von einer kleinen Penſion, welche von ihrem Vater herrührte, zu fordern. Ich war ihr einziger Verwandter in Paris und leitete ſie in ihren Schritten. Die Mutter, eine Frau von ſchwächlicher Geſundheit, wurde krank und ſtarb; ihre Tochter blieb allein in Paris. Sie war ſchön, ſehr ſchön! . rein wie ein Engel. Wir liebten uns; als wir die Zeit un⸗ ſerer Verheirathung beſtimmt hatten, benachrichtigte ich meinen Herrn; er billigte meinen Entſchluß und forderte mich ſogar freundlich auf, ihm meine Braut vorzuſtellen.“ „Ich begreife.“ „Zu meinem Unglück, zu dem von Paula „ſie hieß Paula. ſtellte ich ſie dem Oberſten vor.“ „Und Sie mußten ihn doch kennen, Freund? Das war unklug, ſehr unklug!“ „Es iſt richtig; doch ich war ihm ſo ergeben! und 102 dann hatte er ſo viele andere Geliebtinnen. Aber ich hatte Unrecht, um ſo mehr Unrecht, als ich mit Dank das Anerbieten meines Herrn, Paula in Erwartung des Zeitpunktes unſerer Verheirathung hieher kommen zu laſſen und bei der Ausgeberin einzugartieren, mit der ſie am Weißzeug arbeiten könnte, annahm. Das wäre ſchicklicher, fügke er damals bei, das Mädchen würde nicht allein bleiben.“ „Aber konnten Sie ſie denn in dieſem Hauſe nicht bewachen?“ „Geduld! Mein Herr beſitzt ein Gut in Burgund. Eines Tages ſchickt er mich unter dem Vorwand eines ver⸗ traulichen Auftrags, — es handelte ſich darum, Rechnun⸗ en in Ordnung zu bringen, — ſchickt er mich nach die⸗ F Gute. Ich bleibe dort einen Monat. Bei meiner Rückkehr war Paula verſchwunden; mein Herr hatte ſie verführt. Von Gewiſſensbiſſen erfüllt, war die Unglück⸗ liche, die es nicht wagte, mich wiederzuſehen, nach Cor⸗ ſiea, unſerer Heimath, zurückgekehrt, wo ſie noch ſein muß.“ „Oh! wir werden uns entſchieden verſtändigen. Sie müſſen dieſen Mann ſehr haſſen! Sie ſind ſchon ein wahrer Freund für mich!“ „Sie ehren mich ungemein, mein Herr.“ „Oh! es iſt für uns nicht die Zeit, Komplimente zu machen. Und dann müſſen Sie mir im Haß ſehr überlegen ſein. Ich, ſehen Sie, haßte nie einen Men⸗ ſchen: ich war ſo glücklich, ſo glücklich! Ich will Ihnen damit bloß ſagen, ich ſei im Punkte des Haſſes, der Rache ein armſeliger Schüler; ich habe nur den guten Willen. Doch bei Ihrer Rückkehr mußte der Oberſt verlegen gegen Sie ſein, denn er hatte Ihre Braut verführt?“ „Er, verlegen wegen einer ſolchen Kleinigkeit ? Gehen Sie doch! Er gab mir eine Belohnung für meine Reiſe und ſcherzte mit mir über die Treue von Paula.“ 103 „Mir ſcheint, ich hätte ihn erdolcht, mit Arſenik vergiftet, was weiß ich? Wie grimmig ich werde! Aber Sie, mein Freund, was haben Sie gethan?“ „Als ächter Frontin, als wahrer Komödienbedienter, habe ich an Cynismus mit meinem Herrn gewetteifert und viel über das Abenteuer gelacht.“ „Sie haben viel gelacht ? . . . Sie ſind ein er⸗ ſchrecklicher Menſch! . . Mein guter Engel läßt mich Sie treffen!“ „Ich habe mich nicht mit dem Lachen begnügt: bei Waterloo habe ich ihn mit Gefahr meines Lebens unter einem Haufen von Leichnamen hervorgezogen. Sein blindes Vertrauen zu mir vermehrte ſich noch; ich konnte nun in voller Sicherheit handeln und herbeifüh⸗ ren, was heute vorfällt. Er ſoll ſterben. . doch ich will wenigſtens an ſeinem Tod Antheil haben.“ „Das iſt das Wenigſte, mein Freund, es iſt das Wenigſte „Ich wartete alſo lange mit meiner Rache, um keinen Verdacht bei meinem Herrn zu erregen „ Heute war ſein Namensfeſt, der Augenblick ſchien mir gut.“ „Das iſt eine ausgeſuchte Ruchloſigkeit, doch Sie iſt Ihnen erlaubt, mein Freund.“ „Anfangs dachte ich nur an Sie; ein unvorherge⸗ ſehener Umſtand bewog mich, Ihnen Herrn von Bour⸗ gueil beizugeſellen. In einem anonymen Brief, den ich ihm ſchrieb, bat ich ihn, meine Offenbarung geheim zu halten, und bezeichnete ihm den Gang, den er zu befolgen habe, um hier einzudringen und ſeine Frau zu ertappen. Aber denken Sie ſich mein. mein „ Erſtaunen, als ich Sie mit Herrn von Bourgueil kommen ſah.“ „Ihre Freude, wollten Sie ſagen? Thun Sie ſich keinen Zwang an, mein Freund, ich weiß mich ſo gut an Ihre Stelle zu verſetzen! . Ich kannte Herrn von Bourgueil nicht; dieſen Morgen ließ mich der Zufall auf dem Boulevard de Gand mit ihm zuſammentreffen, 104 und nach einigen Artigkeiten tauſchten wir unſere Kar⸗ ten „Als ich den Brief erhalten hatte, ſuchte ich meine Frau bei ihrer Mutter auf . Bei dieſer Erinnerung ſchauerte Herr Delmare am ganzen Leib, unterbrach ſich einen Augenblick und fuhr dann fort: „Beide . die würdige Mutter wie die würdige Tochter . . . haben geſtanden, Alles geſtunden! Dann, nicht wahr, Sie begreifen das? wollte ich die Adreſſe des Oberſten wiſſen; ich erinnerte mich, daß mir Herr von Bourgueil heute Morgen geſagt hatte, er kenne ihn. Ich lief zu Herrn von Bourgueil; er hatte ſo eben Ihren anonymen Brief erhalten: es war, als hätte dies ausdrücklich ſo zuſammentreffen müſſen! Er ſchlug mir vor, ihn hierher zu begleiten. Ich nahm es unter der Bedingung an, daß er mir als Zeuge dienen würde.“ „Bei Ihrem Duell auf Meſſer.“ „Sie wußten das? Ah! ja wohl „ Ich habe es Ihnen geſagt.“ „Und ich war überdies davon unterrichtet; hier, vor dieſer Thüre habe ich Ihre Unterredung mit meinem Herrn gehört. Nun kann zweierlei geſchehen; entweder Sie tödten ihn . .. „Oder er tödtet mich.“ „Wenn Sie nicht Beide ſchwer verwundet werden.“ „Dann fangen wir ſpäter wieder an; denn ſehen Sie, mein Freund, ich bin entſchloſſen; das muß mit ſeinem Tod oder mit dem meinen endigen.“ „Sie ſind der Mann hiezu, ich vermuthete es. Wenn Sie ihn alſo tödten, werden Sie gerächt ſein, ich auch „ Doch wenn er Sie tödtet . .. 5 „Ich weiß es wohl ... Ah! das iſt die Möglich⸗ eit.“ 52 darf hier keine Möglichkeit geben .. „Wie?“ „Sehen Sie, mein Herr, der Appetit kommt beim Eſſen. Als ich Sie vorhin zum Schreiben geneigt ſah, . —,————— ————— . — 105 ſagte ich zu mir: Wenn aber Herr Delmare getödtet würde, ſo wäre er nicht gerächt und ich auch nicht; ich habe wohl noch andere Saiten an meinem Bogen, doch „Das iſt wahr, mein Freund. Bin ich einmal todt, ſo habe ich nichts mehr. Meine Rache entgeht mir.“ „Im Gegentheil ... Sind Sie todt, ſo muß Ihre Rache Sie überleben.“ „Ohl das wäre bewundernswürdig! aber es iſt unmöglich!“ „Doch! es iſt möglich!“ „Durch welches Mittel?“ „Ein ſehr einfaches Mittel .. „Dieſes Kind „Welches Kind?“ „Das von Ihrer Frau und von 46 „Gut! . gut! .. .“ verſetzte Herr Delmare, abermals ſchauernd. „Sie ſagten, mein Freund, mit⸗ telſt dieſes Kindes .. „Durch dieſes iſt, wenn Sie getödtet werden, das Werkzeug unſerer Rache gefunden.“ „Dieſes Kind?“ ſprach Delmare mit einer nach⸗ denkenden Miene. „Und wie könnte uns dieſes Kind bei unſerer Rache dienlich ſein ? .. . Warten Sie doch, mein Freund warten Sie doch! . mir ſcheint, daß ich unbeſtimmt etwas erſchaue .. Vor Allem iſt mein ganzes Vermögen in Papieren aufbewahrt; da ich binnen Kurzem eine Vergnügungsreiſe mit meiner Frau zu machen gedachte, ſo habe ich alle meine Werthe, alle meine Titel bei einem ſichern Freunde einem Verwandten von mir deponirt; ich will ihm ſchreiben, daß ich ihm, wenn ich getödtet werde, mein ganzes Vermögen ſchenke; dieſe Frau und ihr Kind werden von einem Tag zum andern in die Armuth verſetzt ſein. Das iſt ſchon etwas, wie?“ „Man kann nicht widerſinniger handeln.“ „Soll ich etwa mein Vermögen dieſer Frau, die⸗ ſem Kinde hinterlaſſen!“ 106 „Wollen Sie eine ausgedehnte, vollſtändige, furcht⸗ bare Rache?“ „Oh! ja.“ „Wohl denn! ſo ſchreiben Sie, was ich Ihnen dictiren werde.“ „Ein Teſtament?“ „Es gibt nichts Abgenutzteres, als die Teſtamente.“ „Was alſo dann?“ „Schreiben Sie immerhin . . oder nein, etwas Beſſeres, ich will den Entwurf der Verfügungen ſchreiben, die ich Sie zu treffen bitte; nehmen Sie die⸗ ſelben an, ſo brauchen Sie nur abzuſchreiben und zu unterzeichnen. Da es für mich nothwendig ſein wird, ein Duplicat zu meiner Richtung aufzubewahren, ſo werde ich das Concept behalten, das Sie abſchreiben.“ „Es iſt außerordentlich, wie Sie mir Vertrauen und Hoffnung geben, mein Freund; hätte ich Sie nicht getroffen, ſo hätte ich nur eine Chance der Rache; nun aber iſt meine Rache vielleicht geſichert.“ Und er ſchaute Pietri an, der, an der Ecke des Tiſches ſtehend, ſich gebückt hatte und ziemlich lange ſchrieb, wonach er das Concept Herrn Delmare vor⸗ legte. Dieſer las, bebte, dachte einige Augenblicke nach, ſchaute dann Pietri mit einer finſtern Befriedigung an und rief: „In der That, Sie ſind der Teufel in Perſon!“ „Nehmen Sie meine Idee an?“ „Ob ich ſie annehme! oh! ja,“ erwiederte Herr Delmare. und er ſchrieb raſch ab, was Pietri aufgeſetzt hatte; dieſer nahm ein anderes Blatt Papier, füllte es eben⸗ falls, legte es abermals Herrn Delmare vor ind ſagte: „Und dieſes, was halten Sie davon?“ Herr Delmare las, was ihm Pietri gab, und rief: „Mein Freund, ich kann mich von meinem Erſtau⸗ nen nicht erholen . „ Dies Alles iſt gräßlich . — 6 — 107 gräßlich! Nun iſt wenigſtens, was auch geſchehen mag, meine Rache geſichert. Oh! mein wackerer Freund, ich mache Ihnen kein Kompliment, aber Sie ſind der Genius des Böſen.“ „Sie ſind ſehr gütig,“ erwiederte Pietri, mit einer ſpöttiſchen Beſcheidenheit. „Nun ſiegeln Sie und be⸗ auftragen Sie Herrn von Bourgueil, im Falle eines Unglücks dieſe Papiere Ihrer Frau zu übergeben. Doch,“ fügte er horchend bei, „ein Wagen fährt in den Hof: es iſt ohne Zweifel Ihr Zeuge.“ „Mit den Meſſern! Oh! endlich,“ ſagte Herr Delmare, ſich die Hände reibend, „die Meſſer ſind alſo da!“ „Seit einer Stunde mit dem Major Maurice ein⸗ geſchloſſen, kann mein Herr keine Ahnung von meiner Unterredung mit Ihnen haben,“ ſprach Pietri; „der größeren Vorſicht wegen gehe ich indeſſen durch dieſen Gang weg,“ fügte er bei, indem er auf die geheime Thüre deutete, welche nach ſeinem Zimmer führte. Als er zu verſchwinden im Begriff war, ſagte er noch zu Herrn Delmare. „Sie können nun .. . wenigſtens ruhig ſterben.“ „Wenn ich Sie nicht mehr ſehe, mein Freund,“ erwiederte Herr Delmare, „ſo danke ich Ihnen von gan⸗ zem Herzen.“ „Nicht urſache!“ rief der Corſe. Und er verſchwand. 108 XI. In dem Augenblick, wo der Wagen von Herrn von Bourgueil in den Hof vom Hotel des Oberſten Ro⸗ land einfuhr, ſaß dieſer, mit dem Major Maurice in ſeinem Zimmer eingeſchloſſen, vor einem Secretaire und ſchrieb. Der Major betrachtete ſeinen Freund mit einer ſchmerzlichen Niedergeſchlagenheit. Der Oberſt Roland, nachdem er mehrere Briefe verſiegelt, ſagte zum Major, dem er einen derſelben übergab: „Wenn es Dir gelingt, die Spur von Paula wie⸗ der aufzufinden, ſo haſt Du hier, was wenigſtens ihr Loos und das ihres Kindes ſichert.“ „Ich befürchte, es iſt zu ſpätz denn ich wiederhole Dir, mein Freund, als ich dieſen Abend in ihre Dach⸗ kammer zurückkam, hatte ſie dieſe in einer Art von Ver⸗ rückung des Geiſtes, wie man mir ſagte, verlaſſen und ihr Kind nebſt einem Päckchen, die wenige Wäſche, die ſie beſaß, enthaltend, mitgenommen. Ich verſpreche Dir übrigens, eifrige Nachforſchungen anzuſtellen.“ „Ich zähle darauf, mein guter Maurice . Was die andern Briefe betrifft, ſo läſſeſt Du ſie an ihre Adreſ⸗ ſen übergeben.“ „Ich verſpreche es Dir.“ Und auf ein Kiſichen deutend fügte der Oberſt bei: „Alle Briefe, welche in dieſem Kiſtchen enthalten find, werden von Dir verbrannt. Hier iſt der Schlüſſel dazu.“ „Alles ſoll verbrannt werden.“ „Mein Andenken möge meinen Geliebtinnen ſo leicht ſein, als es die Aſche von allen dieſen Liebes⸗ billets ſein wird,“ ſagte lächelnd der Oberſt. „Ah! Maurice,“ fügte er, aufſtehend, bei, „ich habe das Ge⸗ — — 109 räuſch eines Wagens gehört; es iſt ohne Zweifel der von Herrn von Bourgueil, ich habe meine Vorgefühle, wie Du die Deinigen haſt .. Wahrhaftig, es iſt ſelt⸗ ſam! am Tage der Schlacht bei Leipzig und heute wa⸗ ren Deine Ahnungen richtig. Weißt Du, Maurice, daß oft der Zufall die Vorſehung ſo ſpielt, daß man bange bekommen könnte, wenn man ein ſchwacher Geiſt wäre?... denn ich bin feſt überzeugt, daß ich in dieſer gemeinen Metzelei getödtet werde.“ „Du kannſt nicht hievon überzeugt ſein Ich habe mich mit allen meinen Kräften dieſem Duell wider⸗ ſetzt; Du willſt es . . . was iſt zu thun?“ „Einmal habe ich dieſem Wüthenden verſprochen, den Kampf anzunehmen; ich kann von meinem Wort nicht abgehen. Und dann will er ſich nicht anders ſchlagen; man würde glauben, ich habe Angſt.“ „Jedermann weiß, daß Du die Tapferkeit ſelbſt biſt.“ „Gleichviel! er hat mich gröblich beleidigt, und ich bedarf einer Genugthuung; es iſt mir dieſe lieber, als nichts.“ „Du haſt Beleidigung durch Beleidigung erwiedert. Ihr ſeid quitt. Wenn er Dich tödtet, ſo iſt es gräß⸗ lich für mich; wenn Du ihn tödteſt, ſo iſt es gräßlich für Dich. Die Erinnerung an dieſen mit Meſſerſtichen niedergemetzelten Menſchen wird Dich überallhin ver⸗ folgen . . habe alſo den Muth, das Duell auszuſchla⸗ gen: das wird eine Sühnung ſein.“ „Oh! Maurice, der Rath, den Du mir gibſt. .. würdeſt Du an meiner Stelle darauf hören?“ „Ich gäbe ihn Dir ſonſt nicht.“ „Du würdeſt Dich nicht ſchlagen?“ „Nein.“ „Du ſagſt es, ich glaube Dir, doch ich habe nicht dieſe Philoſophie.“ „Leider!“ „Bei meiner Treu! ja, leider, denn ich bin ſicher, daß ich wie ein Hund getödtet werde. Wie Teufels ſoll ich mich eines Fleiſchermeſſers bedienen? Kenne ich das? Nun iſt mein Zorn vorüber, nie werde ich mit kaltem Blute dieſen unglücklichen Menſchen erſtechen können; er wird ſich wie ein Wüthender auf mich wer⸗ fen, und es wird mir das Herz fehlen, Gegenſtöße zu thun! Höre, Maurice, er muß die Hölle im Gemüth gehabt haben, um ein ſolches Duell zu erſinnen.“ „Ich glaube auch, daß er die Hölle im Gemüth ha 1 „Im Ganzen würde ich es an ſeiner Stelle ma⸗ chen wie er . ſchlimmer vielleicht .. . Armer Mannl es iſt wahr, das muß gräßlich für ihn ſein. Doch was haſt Du, Maurice? Du, Thränen in den Augen,“ ſagte der Oberſt Roland, zärtlich ſeinem Freund die Hände drückend. „Wie, haben wir nicht zwanzig Mal mit einander dem Tod getrotzt? Hätte ich nicht in Spanien von einem Mönch erdolcht werden können? Und,“ fügte der Oberſt lachend bei, „und dieſer arme dicke Mann hat gerade das äußere Anſehen, ſowie den teufliſchen Groll eines Mönches. Ei! alle Wetter, erheitere Dich doch!“ „Das Alles iſt furchtbar . furchtbar und un⸗ ſelig! . .. Mein Herz bricht .. Vielleicht ſo ſterben mit kaum dreißig Jahren! . . . während Du hät⸗ teſt, begabt wie Du biſt . . .“ Hier unterbrach ſich der Major, ſtrich mit der Hand über ſeine feuchten Augen und fügte nur noch hinzu: „Ich ſage Dir, es iſt gräßlich.“ „Bah! ich habe wohl gelebt, das Leben wohl ge⸗ noſſen, viel geliebt, und viel geſtritten! oh! die ſchö⸗ nen Kriege! Bei meinem Soldatenwort! Maurice, außer Dir beklage ich nichts auf der Welt. Doch! ich be⸗ klage es, daß ich die arme Frau von Bourgueil in der Gewalt ihres elenden Mannes laſſe. Es iſt ein wür⸗ diges, muthiges Herz, das Herz dieſer Frau „ bei 11¹1 meiner Ehre, ich glaubte nicht, ſie hätte die Liebe ſo ſehr im Ernſte genommen. Und dann ſoll mich der Teufel holen, wenn ich mich einer ſolchen Liebe für würdig hielt . . . Du ſiehſt es, die Geckenhaftigkeit ver⸗ blendet mich nicht . . Arme Frau! . Was will dieſer feige, grauſame Bourgueil mit ihr machen? Bei dem Andern, bei dem Mann mit den Meſſern findet ſich wenigſtens eine wilde Energie; doch dieſer Bourgueil, der boshaft und eiskalt wie ein Reptil iſt, macht mich für ſeine Frau zittern!... Wahrhaftig, Maurice, für mich iſt das ein Gewiſſensbiß, der einzige vielleicht. .. Doch was vermag ich zu dieſer Stunde? . . . Nichts.“ „Nein, nichts,“ erwiederte der Major mit tiefer Bitterkeit: „nein, Du vermagſt nichts; gerade wie ich in dieſem vielleicht äußerſten Augenblick für Dich um Deinetwillen leide und nichts Dir zu ſagen finde. Wozu nützen meine Worte? das Uebel iſt unwiederbringlich. Ich habe nicht nöthig, Deinen Muth zu befeſtigen, und Du glaubſt an den Zufall . „an die Vernichtung!“ „An den ewigen Schlaf, wenn Du willſt, Mau⸗ rice. Nun denn! ich werde mich unter die Erde legen und immer ſchlafen.“ „Ich ſage auch trotz des Schmerzes meiner Seele: Was vermag ich für Dich? Nichts . . nichts!“ „Wie, nichts! Und iſt es denn nichts, wenn ich Dich in dem Augenblick, wo ich mich auf ewig nie⸗ derlege, zu mir ſagen höre: Gute Nacht, mein alter Kamerad!“ Der Oberſt hatte an der Thüre klopfen hören und rief: „Herein!“ Pietri erſchien. „Herr Oberſt,“ ſagte er, „Herr von Bourgueil iſt gekommen. Nachdem er mit dem andern Herrn geſpro⸗ chen, haben ſie den Salon verlaſſen, und ſie erwarten Sie im Vorzimmer. Sie ſagen „„ßie ſeien bereit.“ „Es iſt erſtaunlich, wie begierig dieſer elende Bour⸗ gueil iſt, mich von einem Andern, als ihm, getödtet zu ſehen!“ ſprach lächelnd der Oberſt; „er iſt der Ber⸗ trand, der Mann mit den Meſſern iſt der Raton. Vor⸗ wärts, Maurice!“ „Was ſprechen Sie von getödtet werden?“ rief Pietri voll Angſt. „Ich werde mich ſchlagen, mein armer Pietri.“ „Oh! mein Gott! Sie wollen ſich abermals ſchla⸗ en!“ rief der Corſe, mit einer beſorgten Miene die Hände faltend. „Ich weiß, mein braver Pietri, wie Du mir ſtets treu und ergeben geweſen biſt; ich habe nie vergeſſen, daß Du mir bei Waterloo das Leben gerettet. Ich habe auch, für den Fall, daß ich getödtet würde, dem Major meinen Willen geſagt. Deine Zukunft wird reichlich geſichert ſein. Es iſt das Wenigſte, daß ich Deine lan⸗ gen und vortrefflichen Dienſte würdig anerkenne.“ „Ei! Herr Oberſt, was kümmere ich mich um die Zukunft!“ rief Pietri mit einer Heftigkeit voll ſcheinba⸗ rer Angſt. „Es iſt die Gegenwart, was mich er⸗ ſchreckt . . . Ah! wenn ich mein Leben für das Ihrige geben könnte!“ „Ich glaube Dir, Pietri, ich glaube Dir, denn Du haſt Deine Proben aßgelegt! . . Alſo auf Wiederſehen oder Lebewohl! Doch ſage mir, wo iſt der Schlüſſel zu der kleinen Gartenthüre. Es iſt beſſer, dort hinauszu⸗ gehen. Wir werden ſogleich auf dem Kampfplatz ſein.“ „Herr Oberſt,“ erwiederte Pietri, „Sie haben ohne Zweifel den Schlüſſel heute Abend innen im Schloſſe gelaſſen.“ „Du haſt Recht,“ ſagte der Oberſt, und er fügte lächelnd bei: „Bei Gott! als ich vor drei bis vier Stunden einer reizenden Frau dieſe Thüre öffnete, dachte ich nicht, ich werde auf dem gleichen Wege zu einer ſo ſeltſamen Promenade hinausgehen.“ 113 „Herr Oberſt,“ ſprach Pietri, der von der leb⸗ hafteſten Gemüthsbewegung ergriffen zu ſein ſchien, in⸗ dem er ſich vor ſeinem Herrn verbeugte, „ich flehe Sie an, erlauben Sie mir, Ihnen nach der Sitte meines Landes die Hand zu küſſen.“ „Du ſcherzeſt, mein braver Pietri! das hieße zu ſehr mich als hübſche Frau behandeln; gib mir Deine Hand, und ich werde ſie mit vollem Herzen drücken!“ Pietri empfing dieſe Gunſt mit dem Aeußern einer mit Thränen beſiegelten Dankbarkeit. Der Oberſt machte Maurice nun ein Zeichen und ging voran, um ſich zu ſeinem Gegner zu begeben. Pietri hielt den Major zurück und ſagte mit leiſer Stimme zu ihm: „Herr Major, wie iſt es mit einem Wundarzt? Niemand hat vielleicht daran gedacht2“ „Es iſt wahr wenn nicht Herr von Bourgueil einen gebracht hat.“ „Nein, Herr Major, er iſt allein gekommen.“ „Wohl, Pietri, holen Sie geſchwinde einen Wund⸗ arzt. Sie laſſen ihn hier warten „ Sobald er ge⸗ kommen iſt, bleiben Sie für jeden Fall mit einer La⸗ terne bei der kleinen Gartenthüre; wir werden nahe dabei ſein. Bedarf ich Ihrer, ſo rufe ich.“ „Ich werde dort ſein, Herr Major; ich laufe, um einen Wundarzt zu holen; es wohnt einer in der Nähe. Ahl man könnte vor Jammer den Kopf verlieren! .. Mein armer Herr!“ rief Pietri. Und er entfernte ſich raſch, während der Major dem Oberſten Roland folgte. Ehe ſie in das Vorzimmer eintraten, wo ſie die Herren Delmare und von Bourgueil erwarteten, ſagte der Oberſt zum Major: „Maurice, frage doch zum letzten Mal den Zeugen dieſes Raſenden, ob er immer noch bei der emporen⸗ den Art des Kampfes beharre; es iſt nicht die Furcht, Die Kinder der Liebe. 8 114 was mich bewegt, aber wahrhaftig, dieſe Fleiſchermeſſer, das iſt abſcheulich!“! ₰ „Ich frage Dich auch zum letzten Mal, willſt Du meinen Rath befolgen? . . dieſes Duell ausſchlagen? „Nimmt er ein anderes an, ja; wenn nicht, nein; „ ich habe verſprochen und werde halten.“ „Mein Freund, ich beſchwöre Dich.“ „Unmöglich, mein guter Maurice.“ „Dann wird der Schritt, den ich verſuchen ſoll, unnütz ſein; doch ich will ihn verſuchen. Erwarte mich hier.“ Nach einigen Augenblicken kam der Major zurück. „Nun, Maurice ?“ „Er bleibt beharrlich und will nichts hören, und im Fall einer Weigerung von Deiner Seite, droht er auf eine grobe Weiſe.“ „So komm!“ „Ich habe die Meſſer beſichtigt, ſie ſind von glei⸗ cher Stärke und Länge.“ „Puh!“ machte der Oberſt mit einem Ausdruck unſäglichen Widerwillens, „ſprich mir nicht hievon. So herrliche Piſtolen von Manton, ſo vortreffliche, mit Gold damaseirte Degen zu beſitzen und gezwungen zu ſein, zu Mun!“ „Es iſt mit Herrn von Bourgueil verabredet, daß kein Wort mehr zwiſchen uns Vieren gewechſelt werden ſoll. Wir gehen Beide voran, um den Weg im Garten zu bezeichnen; ſie werden uns folgen.“ Der Oberſt und der Major ſtiegen wirklich Arm in Arm die Freitreppe hinab und gingen Herrn Del⸗ mare und-Herrn von Bourgueil in einer ſich biegenden Allee voran, welche nach der kleinen Thüre führte. Die Nacht war ſehr finſter, man konnte kaum auf drei Schritte vor ſich ſehen. Als die vier Männer ſchweigſam aus dem Garten traten, fanden ſie ſich mitten auf einem weiten, öden Terrain. 11⁵5 Man ſah nur in der Ferne, ſehr fern, den in den Abendnebel getauchten bleichen Schimmer einer Laterne. „Wir werden hier eben ſo gut ſein, als anders⸗ wo,“ ſprach in der Dunkelheit mit bebender Stimme Herr Delmare; „geſchwinde den Rock ab.“ „Hier, es ſei!“ verſetzte der Oberſt Roland. Und er warf ſeinen Rock und ſeine Weſte zu ſei⸗ nen Füßen. Herr von Bourgueil näherte ſich beinahe tappend dem Major und ſagte mit höflichem Tone zu ihm: „Hier find die zwei Meſſer, mein Herrz wählen Sie, doch nehmen Sie ſich in Acht, daß Sie ſich nicht ſchneiden, obgleich ich ſie Ihnen auf der Seite der Hefte biete; es iſt ſo finſter, daß man gar nichts ſieht.“ „Es verſteht ſich, mein Herr, daß die zwei Geg⸗ ner, wenn ſie bewaffnet ſind, ſich auf drei Schritte von einander halten werden,“ ſagte der Major, während er eines von den Meſſern nahm; „ſie werden das Signal abwarten: drei Schläge in die Hand.“ „Sehr gut, mein Herr,“ erwiederte Herr von Bour⸗ gueil mit kaum verhaltener Freude, „und beim dritten Schlag gehen ſie von ihrem Platze ab.“ Nach dieſen Worten trat er zu Herrn Delmare. „Hier, Adalbert,“ ſagte leiſe der Major zu ſeinem Freunde, während er ihm das Meſſer reichte und ihm zum letzten Mal freundſchaftlich die Hand drückte, was der Oberſt eben ſo innig erwiederte; dann ſuchte die⸗ ſer, indem er ſeine Finger über die Klinge hinlaufen ließ, die Form des Meſſers wahrzunehmen. Es war eines von den Fleiſchermeſſern mit hölzer⸗ nem Heft, acht bis zehn Zoll lang, mit dicker, bei ihrem Anfang breiter, leicht zurückgebogener, in einer ſehr feinen Spitze endigender, aber an ihrer ganzen Länge ſehr ſcharf ſchneidender Klinge. Der Oberſt bebte unwillkührlich bei der Berührung dieſer Schinderwaffe. „Mein Herr,“ ſprach die Stimme von Herrn von * 116 Bourgueil, ſich an den Major wendend, „man kann nun, glaube ich, das Signal geben .. Die Herren ſind ohne Zweifel bereit?“ „Ich warte,“ ſagte die Stimme von Herrn Delmare. „Ich bin bereit,“ fügte die Stimme des Oberſten bei. Da ſchlug der Major dreimal in die Hand. Kaum hatte der letzte von dieſen Schlägen im tie⸗ fen Schweigen der Nacht geſchallt, als die zwei Zeugen ein dumpfes, heftiges Stampfen mit den Füßen und Ausbrüche keuchenden Athmens hörten, aber es wurde kein Wort von den zwei Gegnern geſprochen. Man ſah durch die Nacht nichts, als eine ſchwarze, verworrene, voll Wuth ſich bewegende Maſſe. Der Kampf bauerte höchſtens fünfzehn bis zwanzig Secunden. Plötzlich ſtieß der Eine von den Kämpfenden einen Seufzer aus, der zugleich einem Röcheln und einem Pfeifen glich. Die ſchwarze Maſſe ſchwankte, ſank nieder; die zwei Körper ſtürzten ſchwerfällig auf den Boden und bewegten ſich noch eine Zeit lang in krampfhaften Zuckungen. „Was auch das Reſultat ſein mag, ich erkläre die⸗ ſen Kampf für beendigt,“ rief der Major; „helfen Sie mir ſie trennen, mein Herr, wenn es noch Zeit iſt.“ „Verzeihen Sie . Herr Delmare will ſich bis auf den Tod ſchlagen,“ erwiederte unempfindlich Herr von Bourgueil. „Iſt er nur verwundet, ſo will er wieder⸗ anfangen.“ „Eil mein Herr, wer hat Ihnen geſagt, er ſei nicht todt!“ entgegnete der Major, während er ſich in einer gräßlichen Angſt auf die Kniee warf, denn die zwei Gegner ſchienen ſich nicht mehr zu rühren, nicht mehr zu athmen. „Adalbert,“ ſagte leiſe und mit bebender Stimme der Major, indem er zwiſchen dieſen zwei Körpern um⸗ 117 hertappte, welche wie durch ein letztes krampfhaftes Packen zuſammengehalten wurden, „Adalbert, hörſt Du mich?“ „Mein lieber Herr Delmare,“ fragte beinahe gleich⸗ zeitig Herr von Bourgueil, „nun! . wie weit ſind wir?“ Keine Stimme antwortete. Der Major zog raſch ſeine Hand zurück, die er auf den Zufall umherlaufen ließ, und murmelte: „Ah!. „wie viel Blut!“ Plötzlich ſah er den Schein einer Laterne bei der kleinen Gartenthüre glänzen. Er glaubte, Pietri warte auf den Ausgang des Kampfes, und rief: „Pietri, ſind Sie es?“ „Ja, Herr Majbr.“ „Kommen Sie raſch mit Ihrem Lichte!“ Pietri lief herbei. „Wo iſt der Wundarzt?“ „Ich habe ihn mitgebracht, er iſt im Hauſe,“ er⸗ wiederte Pietri. Und er ließ, mit zitternder Hand die Laterne vor⸗ ſtreckend, das Licht auf den Kampfplatz fallen. Es war ein furchtbares, häßliches Schauſpiel, der Anblick dieſer zwei von Finſterniß umgebenen, nur ſtellenweiſe durch die Helle der Laterne beleuchteten Körper. Herr Delmare lag auf dem Rücken ausgeſtreckt; man konnte die Zahl ſeiner Wunden nicht wiſſen: ſein Hemd und ſeine Bruſt waren ſo roth, als ob ſie aus einem Blutbad hervorgegangen wären. Man ſah nur, daß ſeine Kehle halb durch einen tiefen Einſchnitt getrennt war. Er war an dieſer letz⸗ ten Wunde, jenen Seufzer ausſtoßend, der halb einem Stöhnen, halb einem Pfeifen glich, geſtorben. Zwiſchen den krampfhaft zuſammengezogenen Fingern ſeiner linken Hand hielt er einen Fetzen vom Hemd ſeines 118 Gegners und in ſeiner rechten convulſiviſch geſchloſſe⸗ nen, ſchon eiskalten Hand hielt er noch ſein Meſſer. Der Oberſt Roland, als Pietri die Laterne brachte, hatte das Geſicht gegen die Erde gewendet. Der Major und Pietri hoben ihn auf; er athmete noch. Seine Bruſt und ſeine Arme waren ſo zu ſagen zerhackt. Etwas unter ſeiner linken Bruſt ſah man eine tiefe Wunde, welche tödtlich ſein zu müſſen ſchien. Herr Delmare hatte ſein Verſprechen gehalten, er hatte das Herz zu durchwühlen geſucht. Unterſtützt vom Wundarzt und den Leuten des Hauſes, welche Pietri herbeigeholt, brachten Herr von Bourgueil und der Major den Sterbenden und den Todten nach dem Hotel, denn der Oberſt war ſterbend und mehrere Tage in einem verzweifelten Zuſtand. Doch durch ſeine kräftige Körperbeſchaffenheit, durch die Geſchicklichkeit des Wundarztes und die brüderliche Pflege des Majors Maurice entging er einem beinahe ſichern Tod. Zwei Monate nach dieſem ſchauderhaften Duell war er in voller Wiedergeneſung begriffen und reiſte mit dem Major nach Italien ab. Der treue Pietri folgte ſeinem Herrn. Ende des Prologs. 1¹9 Xlll. Es ſind ungefähr zwei und zwanzig Jahre ſeit den von uns erzählten Ereigniſſen vergangen. Eine Frau von höchſtens vierzig Jahren, von zu⸗ gleich eleganter und ſchwächlicher Geſtalt, mit einem Geſichte voll Diſtinction, Reiz und Sanftmuth, obgleich ſeine leichte Bläſſe eine zarte Geſundheit bezeichnet, iſt damit beſchäftigt, in einem mit ſeltener Pracht ausge⸗ ſtatteten kleinen Salon zu ſchreiben. Nachdem die Frau, von der wir ſprechen, geſchrie⸗ ben und geſiegelt hatte, klingelte ſie. Ein Kammerdiener trat ein. Sie fragte ihn: „Iſt Herr Pietri zu Hauſe?“ „Ja, Frau Gräfin; der Herr Intendant iſt vor Kurzem zurückgekehrt.“ „Bitten Sie ihn, herabzukommen; ich habe mit ihm zu ſprechen.“ Bald nach dem Abgang des Kammerdieners er⸗ ſchien Pietri; ſeine Haare waren ganz weiß geworden; er trug ſie ziemlich lang, und ſie verliehen ſeinen Zügen einen ehrwürdigen Charakter. „Mein lieber Pietri,“ ſagte die Gräfin mit dem Ausdruck der einnehmendſten Güte zu ihm, „ich muß mich abermals an Ihre Gefälligkeit wenden.“ „Ich hin immer zu den Befehlen der gnädigen Frau.“ „Ohl! ich weiß das,“ verſetzte ſie lächelnd. „Sie haben das Geheimniß beſeſſen, Ihre Ergebenheit zwi⸗ ſchen dem General, meiner Tochter und mir zu theilen, und dennoch dieſe edelmüthige Ergebenheit für Jedes von uns zu bewahren; das iſt ein Wunder, doch Sie 120 haben uns ſeit ſo langer Zeit an Wunder des Eifers und der Treue gewöhnt, daß ich nicht mehr darüber ſtaune.“ „Die Frau Gräfin erhebt mich über mein ſchwa⸗ ches Verdienſt. Darf ich wiſſen, was Ihre Befehle find?“ „Ich möchte Sie bitten, nach Saint⸗Lazare zu gehen.“ „Nach Saint⸗Lazare!“ „Ja, in das Gefängniß, wo die Frauen eingeſperrt 7 find „Ah! ſehr gut! eine neue Wohlthat der gnädi⸗ gen Frau.“ „Eine Wohlthat? .. Es wäre etwas Beſſeres als das, Pietri: es hieße eine grauſame Strenge der Ge⸗ richte wieder gut machen, wenn es mir, wie ich hoffe, gelänge, die Begnadigung meiner Schutzbefohlenen zu erreichen, welche durch einen glücklichen Zufall, nach einem für mich zu ſchmeichelhaften anonymen Rath⸗ meine Hülfe in Anſpruch genommen hat.“ „Man weiß in der That, daß die Frau Gräfin als Patronin des Vereins zu Unterſtützung gefangener Frauen ſich eines großen Anſehens erfreut, und daß ihre Protection allmächtig iſt.“ „Ich werde wenigſtens Alles, was in meinen Kräf⸗ ten liegt, zu Gunſten dieſer armen jungen Frau thun. Ihre Handlung iſt allerdings ſtrafbar .. . aber, un⸗ ſchuldig und rein, wurde ſie verführt und dann ſchänd⸗ lich verlaſſen; durch die Verzweiflung verrückt, wollte ſie ihren Verführer tödten, den ſie aber bloß ſchwer verwundete . von ihrer Jugend, von ihrer Reue ge⸗ rührt, durch die vortrefflichen Zeugniſſe über ihr frühe⸗ res Leben bewogen, haben ſie die Richter nur zu zwei Jahren Gefängniß verurtheilt.“ „Mir ſcheint, der Verführer hat da nur bekommen, was er verdiente . „Ach! ja, wenn man die Schande und den Schmerz 124 eines ſo verlaſſenen Mädchens in Anſchlag bringt .. . Ueberdies iſt das Benehmen meiner Schutzbefohlenen ſeit ihrem Eintritt in das Gefängniß ſo muſterhaft ge⸗ weſen, ſie zeigt ſo viel Sanftmuth, ſo viel Fügſamkeit, daß ſich Jedermann für ihr Loos intereſſirt hat .. „Dann, Frau Gräfin, wird ihre Begnadigung, von Ihnen erbeten, nothwendig bewilligt werden.“ „Ich hoffe es und zähle daher viel auf einen Auf⸗ ſatz zu ihren Gunſten, den mir heute eine Aufſeherin von Saint⸗Lazare geben ſollte; doch ich kann nicht in das Gefängniß gehen und bitte Sie, mein lieber Pietri, ſich an meiner Stelle dahin zu verfügen und dieſen Brief und dieſe fünf Louis d'or der Aufſeherin, Ma⸗ dame David, einzuhändigen. Sie verlangen, mit ihr allein zu ſprechen, und um ihr die Mühe des Schrei⸗ bens zu erſparen, erſuche ich ſie in meinem Brief, Ih⸗ nen, zu dem ich alles Vertrauen habe, den Auſſatz zu übergeben und, wenn ſie etwas Neues über unſere Schutzbefohlene wiſſe, es Ihnen mitzutheilen.“ „Die Frau Gräfin darf überzeugt ſein, daß ich mich des Auftrags pünktlich entledigen werde.“ „Ich habe Ihnen noch einen andern zu ertheilen, mein lieber Pietri, und da oft Alles im Leben Con⸗ traſt iſt,“ fügte die Gräfin bei, „ſo bitte ich Sie, wenn Sie von Saint⸗Lazare weggehen, ſich zur Adminiſtra⸗ tion der Oper zu begeben.“ „Iſt die Frau Gräfin mit ihrer neuen Loge nicht zufrieden?“ „Ich bin im Gegentheil ſehr zufrieden; doch wenn ſich die Wünſche des Generals verwirklichen, wie dies wahrſcheinlich iſt, ſo werden wir die Loge in der Oper nicht behalten. Sie iſt auf ſechs Monate zum Voraus bezahlt, und ich möchte nun wiſſen, ob die Adminiſtra⸗ tion ſie, ſelbſt gegen Verluſt, zurücknehmen würde.“ „Ich glaube es nicht, Frau Gräfin. Die Admi⸗ niſtrationen entſchließen ſich ſelten, das Geld, welches 122 ſie empfangen haben, zurückzugeben; doch es findet ſich, glaube ich, ein Mittel, die Loge anzubringen.“ „Wie die 7“ „Die Frau Gräfin erinnert ſich des Tages, wo ſie einer außerordentlichen Vorſtellung in der italieniſchen Oper beizuwohnen wünſchte?“ „Ja, Sie haben uns damals eine vortreffliche Loge verſchafft.“ „Man hatte mir eine Art von Schenke in der Nachbarſchaft bezeichnet, wo ich Menſchen fand, welche, in Ermangelung eines andern Gewerbes, das von Logenmäcklern für die italieniſche und die franzöſiſche Oper treiben. Ah! Frau Gräfin! was für ſeltſame Eriſtenzen gibt es nicht in Paris! Wie dem ſein mag, Frau Gräfin, die Kundſchaft dieſer Betriebſamen iſt ziemlich zahlreich. Vielleicht wird es durch ihre Ver⸗ mittelung möglich ſein, die Loge beinahe ohne Verluſt anzubringen, was ſehr wichtig iſt, Frau Gräfin, ſehr wichtig!.. denn an ſeinen Luxusausgaben verlieren, heißt doppelt verlieren.“ „Ahl daran, mein lieber Pietri, erkenne ich die Grundſätze ſtrenger Sparſamkeit, welche aus Ihnen das Muſter der Intendanten machen.“ „Es iſt ſo leicht, ſeine Pflichten ehrlich zu er⸗ füllen!“ „Sicherlich ſehr leicht für ein Herz wie das Ih⸗ rige, mein lieber Pietri . . Ah! ich vergaß noch .. ich vergaß noch „ doch ich weiß nicht, ob Sie Zeit haben werden.“ „Es fehlt nie an Zeit, Frau Gräfin, man muß ſie nur gut anzuwenden wiſſen.“ „Ich möchte Sie noch bitten, zum Doctor Merlin zu gehen, und zwar zur Stunde ſeiner Conſultation, um ihn ſprechen zu können.“ „Mein Gott, Frau Gräfin,“ ſagte Pietri voll Angſt, „ſollte Ihre Geſundheit. .. „Beruhigen Sie ſich .„ meine Geſundheit, ohne 123 ſehr kräftig zu ſein, iſt ſo gut als ſie es ſein kann. Was die Geſundheit des Generals betrifft, ſo iſt zum S2 hievon gar nicht die Rede. Aber meine Toch⸗ „Mir ſchien jedoch, als ob Fräulein Helene ſich nie beſſer befunden hätte.“ „Gerade deshalb und damit dieſes beſſer fort⸗ währt, wünſche ich den Doctor Merlin, in der wahr⸗ ſcheinlichen Vorausſetzung einer Reiſe, um Rath zu fragen; ich wünſchte zu wiſſen, welche Lebensweiſe meine Tochter während dieſer Reiſe zu beobachten hat, und welche Vorſichtsmaßregeln für ſie zu ergreifen find. Sie iſt ſo zarter Natur.“ „In der That, Frau Gräfin, die Rathſchläge des — Doctors können in dieſem Fall ſehr nützlich ein.“ „Ja. Doch damit er ſie gibt und damit er meine Tochter ſieht, müſſen wir eine kleine Intrigue ge⸗ brauchen.“ „Wie dies, Madame?“ „Wiſſen Sie nicht, in welche Bangigkeit ſchon die Gegenwart eines Arztes allein den General verſetzt? Wird nicht ſeine Zärtlichkeit für mich und meine Toch⸗ ter durch ein Nichts beunruhigt? Uebertreibt er nicht auf eine für ihn höchſt ſchmerzliche Weiſe den Anſchein einer Unpäßlichkeit, wenn es ſich um Helene oder um mich handelt?“ „Es iſt wahr, Frau Gräfin, der Herr General zittert für Sie und Fräulein Helene, wie er für ſein Leben zittern würde, wenn er der größte Feigling der Welt wäre.“ „Sie müſſen alſo, um dem General auch den Schatten einer ſolchen Beſorgniß zu erſparen, unſern lieben Doctor in meinem Namen bitten, er möge einen Vorwand erſinnen, um uns morgen früh zu beſuchen, und beſonders einen wahrſcheinlichen Vorwand. Der — 6. 8 124 General iſt in ſeiner Sorge nicht leicht zu hinter⸗ ehen.“ „Mir ſcheint, es gibt da einen vortrefflichen Vor⸗ wand, gnädige Frau.“ „Welchen?“ „Wenn, wie Sie hoffen, die Ernennung des Herrn Generals heutunerichne wird, ſo ſteht ſie morgen in dem Abendjourngl, und der Herr Doctor ...“ „Vortrefflich! er wird kommen, um dem General zu ſeiner Ernennung Glück zu wünſchen. Sie find, wie immer, ein Mann von beſtem Rath, mein lieber Pietri.“ „Mein Geheimniß beſteht in dem Wunſch, einem Herrn, dem ich ſeit ſo vielen Jahren zu dienen das Glück habe, die geringſte Sorge zu erſparen; ich werde alſo dem Herrn Doctor Merlin mittheilen, was die Frau Gräfin von ihm erwartet. Doch hat die gnädige Frau noch andere Befehle?“ „Einen letzten Auftrag ziemlich delicater Art; darum ziehe ich es vor, Sie damit zu beläſtigen. Lei⸗ der,“ fügte die Gräfin laͤchelnd bei, „leider müſſen Sie ſich herabwürdigen.“ „Herabwürdigen, Frau Gräfin!“ „Gewiß. Ein Intendant, der eine Viſitenkarte trägt, würdigt ſich herab, wie mir ſcheint.“ „Ein Diener würdigt ſich herab, Frau Gräfin, wenn er nicht blindlings allen Befehlen ſeiner Gebie⸗ terin gehorcht.“ „Pietri, Sie ſind ein guter, vortrefflicher Menſch; ich habe es Ihnen hundertmal geſagt und bin verbun⸗ den, es Ihnen zu wiederholen... das iſt nicht meine Schuld. Hören Sie alſo, warum ich Sie bitte, dieſe Viſitenkarte zu beſorgen. Unter den Patroninnen un⸗ ſeres Vereins für Gefängniſſe iſt eine, die uns kürzlich beigeſellt wurde; ſie hat erſt zwei bis drei Sitzun⸗ gen beigewohnt; doch das genügte für mich, um ſie zu ſchätzen. Es läßt ſich unmöglich eine zugleich liebens⸗ 125 * würdigere und beſcheidenere Frau von einem beſſeren Geiſt und, ich bin es feſt überzeugt, von einem voll⸗ kommeneren Herzen finden. Dann iſt an ihr etwas Schwermüthiges, Zurückhaltendes, was mich ſeltſam rührte. Der Zufall hatte mir einen Platz neben ihr bei der erſten Verſammlung unſeres Vereins gegeben. Wir müſſen ungefähr von demſelben Alter ſein, und ich fühlte mich ſogleich ganz vertraulich mit ihr. Dieſe Sympathie hat in unſern andern Sitzungen nur zuge⸗ nommen. Vorgeſtern iſt ſie, nach dem Gebrauche unter den Damen Patroninnen eines und deſſelben Vereins, in meiner Abweſenheit hieher gekommen und hat ihre Karte abgegeben, jedoch hat ſie ſolche in Perſon ab⸗ gegeben; das deutete von ihrer Seite den Wunſch an, mich zu ſehen; ich war entzückt darüber, denn ich machte mir ein Vergnügen daraus, eine Verbindung mit ihr anzuknüpfen, beſonders ſeitdem ich wußte, daß ſie auch eine Tochter hatte, welche ſie anbetete; doch der General, mit dem ich von dieſem liebenswürdigen Zuſammen⸗ treffen ſprach, bemerkte mir ſehr vernünftig, daß ich mir in dem Augenblick, wo wir Paris zu verlaſſen im Be⸗ griff ſeien, nur ein Bedauern ſchaffe, wenn ich dieſe neue Freundſchaft cultivire. Ich muß alſo in Perſon Frau von Bourgueil (dies iſt der Name dieſer Dame), den Beſuch zurückgeben, den ſie mir in Perſon gemacht hat, und ich wünſchte doch, ſie nicht zu Hauſe zu tref⸗ fen. Dieſer Beſuch würde nothwendig ein Verhältniß zwiſchen uns herbeiführen, das ich bald abbrechen müßte; es würde ſich alſo darum handeln, mein lieber Pietri, daß man, ehe die Karte abgegeben wird, fragte, ob Frau von Bourgueil zu Hauſe ſei.“ „Sehr wohl, Frau Gräfin; falls dieſe Dame zu Hauſe wäre, würde ich die Viſitenkarte nicht zurück⸗ laſſen; wäre ſie im Gegentheil nicht zu Hauſe, ſo würde ich die Karte an der Ecke eingebogen, damit ſie dächte, die Frau Gräfin ſei in Perſon gekommen, abgeben.“ „Das iſt es. Es widerſtrebt mir auch, bei dieſer kleinen Angelegenheit einen von unſeren Leuten ins Vertrauen zu ziehen; er könnte muthmaßen, ich wünſchte Frau von Bourgueil nicht zu Hauſe zu treffen, und ſo albern ſie auch ſind, ſo haben doch dieſe Vorzimmerwitze ihr Unangenehmes . . beſonders wenn es eine Perſon betrifft, fuͤr welche ich ebenſo viel Sympathie als Ach⸗ tung hege.“ „Die gnädige Frau kann auf meine Diseretion zählen; was iſt die Adreſſe von Frau von Bourgueil?“ „Hier iſt ihre Karte: Rue Royale Nro. 6.“ „Ah! das iſt in dem Quartier, das der Herr Ge⸗ neral am Anfange der Reſtauration bewohnte.“ „Ja,“ erwiederte die Gräfin lächelnd, „in der Zeit, wo der General, damals Oberſt auf halbem Sold, mit mehreren ſeiner Freunde von der Armee des Kaiſers den Spaß gemacht hat, ſich als Voltigeur von Lud⸗ wig XIV. zu verkleiden, um in das Cafs Tortoni zu gehen. Kürzlich erſt ſprach Jemand mit mir von dieſer Tollheit.“ „An die man kaum glauben würde, Frau Gräfin, ſieht man jetzt den ſo ernſten und geſetzten General⸗ lieutenant Grafen Roland, Pair von Frankreich, und ohne Zweifel heute zum Botſchafter Frankreichs in Neapel ernannt.“ „Es iſt allerdings ein großer Unterſchied zwiſchen dem jungen und ſtürmiſchen Oberſten, der ſich allen leidenſchaftlichen Bewegungen ſeines Alters hingab, und dem reiferen, überlegenden Mann voll Zärt⸗ lichkeit, der ſeit ſo vielen Jahren nur für ſeine Frau und für ſeine Tochter lebt! Sie wiſſen das beſſer, als irgend Jemand, mein lieber Pietri. . Sie, zu dem der General mit Recht ein unbeſchränktes Vertrauen hat.. Sie, der Sie ſtets an unſerem Herde gelebt.“ „Ah! Frau Gräfin,“ ſprach Pietri mit innigem Tone, „meine ehrfurchtsvolle Zuneigung zu meinem 127 Herrn iſt wohl belohnt. Ich ſehe ihn ſo glücklich, und er macht Alles, was ihn umgibt, ſo glücklich!. „Ja, es muß ſo ſein, für Gemüther wie das Ih⸗ rige: dem Glück eines Herrn beiwohnen, dem man mu⸗ thig das Leben gerettet, den man ſeit dreißig Jahren nicht verlaſſen, iſt eine ſüße Belohnung.“ „Möchte ſie, Frau Gräfin, lange jenſeits des Tages fortdauern, wo der arme Pietri dieſe Welt ver⸗ laſſen haben wird.“ „Ah! Pietri, Sie ſollen keine ſolche Gedanken aben „Dieſe Gedanken ſind ein wenig von meinem Alter, gnädige Frau; doch verzeihen Sie, ich will Alles zuſammen⸗ faſſen, um nichts zu vergeſſen: zuerſt dieſen Brief und dieſes Geld nach Saint Lazare, wo ich nach Madame David fragen werde, um mich nach der Schutzbefohlenen der guädigen Frau zu erkundigen.“ „Sodann in das Opernhaus wegen der Loge.“ „Ja, Madame. Hernach zum Herrn Doctor Merlin.“ „Und endlich die Viſitenkarte zu Frau von Bour⸗ gueil nur in dem Fall, daß dieſe Dame ausgegangen wäre.“ „Hat mir die gnädige Frau keine andere Befehle zu geben?“ „Ei! guter Gott, iſt das nicht genug, mein armer Pietri! Ich muß Ihren Eifer kennen, um Sie ſo zu überhäufen.“ Pietri verbeugte ſich. Er wollte den Salon eben verlaſſen, als Fräulein Helene Roland eintrat. XIV. Man denke ſich das Ieal einer Sylphide, und man hat das Portrait von Fräulein Roland. Man konnte nichts Zarteres, Reizenderes, Luftige⸗ res träumen, als dieſes Kind von ſiebzehn Jahren. Mit der ſeltenen Vollkommenheit der Züge ihres Vaters, dem ſie viel glich, verband ſie die Anmuth, den edlen Lieb⸗ reiz ihrer Mutter. Ihr ſchlanker, für eine Frau ziem⸗ lich hoher Wuchs war vollendet und, wenn man ſo ſagen varf, von der keuſcheſten Eleganz, ſo ſehr hatte die Be⸗ wunderung, welche dieſes faſt ätheriſche Geſchöpf ein⸗ flößte, einen unkörperlichen Charakter. Ihre züchige, himmliſche Schönheit gehörte zu denjenigen, welche man nicht mit den Augen, ſondern mit der Seele bewundert. Bei ihrem Anblick ſtaunten die anſpruchvollſten Schätzer der phyſiſchen Schönheit, daß ſie Träumer, beinahe ge⸗ rührt wurden; zum erſten Male in ihrem Leben bewun⸗ derten ſie unſchuldig eine Frau, denn der Eindruck, den dieſes Mädchen hinterließ, ſchien nicht von dieſer Welt zu ſein. Die am wenigſten Poetiſchen ſtellten ſich ſie vor als eine von den Viſionen der Mythologien des Norden, weiß und lächelnd, mit einer ſchwermüthigen und ſanften Miene, halb beleuchtet durch einen bleichen Strahl des Mondes und beim geringſten Hauch in den Lüften vergehend. Was ſelten vorkommt und Helene gerade einen un⸗ beſchreiblichen Reiz verlieh, war der Umſtand, daß ſie entfernt nichts von ihrem Aeußeren einer Sylphide vermuthete und keine Eitelkeit, keine Anmaßung daraus bei ihr entſprang; ſie glaubte ſich durchaus nicht ge⸗ ſchaffen, um hoffärtig auf den Wolken einher⸗ zugehen! Im Gegentheil, nichts Liebenderes, nichts Treuherzigeres, als dieſe anbetungswürdige Natur: freu⸗ dig in ihren Ausſchweifungen der Heiterkeit, witzig ohne 129 den Schatten von Bosheit, zuweilen ſanft, ſchwermü⸗ thig, aber nie traurig; denn, abgeſehen von einigen durch ihre zarte Leibesbeſchaffenheit veranlaßten Beſorg⸗ niſſen, war ihr Leben bis dahin nur ein langer Tag des Glücks geweſen. Helene war mit einem Wort das, was man gemeinhin eine vortreffliche Perſon nennt. * Als ſie in den Salon eintrat, in dem ſich ihre Mutter und Pietri befanden, lächelte ſie dieſem mit jener liebevollen Vertraulichkeit zu, die man gegen einen alten, treuen Diener hegt, der unſerer Geburt beige⸗ wohnt und uns in ſeinen Armen gewiegt hat. „Guten Tag, Pietri,“ ſagte ſie, „Du haſt mich Kubermals dieſen Morgen verdorben. Das wundert mich nicht, oder wundert mich nicht mehr, da es ſeit ſiebzehn Jahren ſo fortwährt.“ „Ich weiß nicht, was das Fräulein hiemit ſagen will.“ „Und meine Jardinière ganz friſch angefüllt?“ „Mein Fräulein, es war der Tag, die Pflanzen zu erneuern; der Blumengärtner iſt gekommen.“ „Ja, doch die mit trefflichem Geſchmack geordneten Blumen? . nur Du vermagſt das „ ich habe wohl Deine Hand erkannt.“ „Es iſt wahr, mein Fräulein, ich hatte einige Augenblicke Muße, und habe mich mit Ausſchmückung Ihrer Jardinidre beluſtigt.“ „Sie ſehen, mein lieber Pietri,“ ſagte die Gräfin lächelnd zu dieſem, „die Zuneigung, die man für Sie hat, hängt der Familie an; der Vater, die Mutter, die Tochter, Jedes ſagt ſein freundliches Wort dem alten Pietri, der auf Mittel ſinnt, Jedem gefällig zu ſein.“ Der Intendant verbeugte ſich abermals mit einer dankbaren Miene und fragte in dem Augenblick, wo er den Salon verlaſſen wollte: „Hat mir das Fräulein keine Befehle zu geben? Ich gehe aus.“ Die Kinder der Liebe. 9 13⁰ „Mein liebes Kind,“ verſetzte die Gräfin lachend, „es wäre Barbarei, vas Anerbieten des armen Pietri anzunehmen; ich habe ihn mit Aufträgen überladen.“ „Ah! Mama, ich hätte ſo gern für heute Abend die letzten Stücke von Schubert haben mögen. Es iſt eine Ueberraſchung, die ich meinem Vater und Herrn Charles bereiten will.“ „Oh! ſobald es ſich um eine Ueberraſchung han⸗ delt, welche Helene ihrem Vater und Herrn Charles bereiten will,“ ſagte lächelnd die Gräfin, „ſo werden Sie Mühe haben, dieſem Frohndienſt zu entgehen, mein armer Pietri!“ „Finden ſich dieſe Stücke bei dem Mſe ler des Fraͤuleins?“ fragte der Intendant. „Ja, mein guter Pietri.“ „Ich werde alſo nach den letzten Stücken von Schubert fragen, nicht wahr, mein Fräulein?“ „Höre,“ ſprach das Mädchen zu dem Greis, „Du biſt das Gefälligſte, was es auf der Welt gibt; ich erin⸗ nere mich nicht, daß Du mir in Deinem Leben irgend etwas abgeſchlagen haſt, und ich habe doch viel von Dir verlangt.“ „Ich rathe Ihnen, mein lieber Pietri, auf das Schnellſte zu fliehen,“ ſagte die Gräfin, „ſoll ſich nicht Helene ihrer Gewohnheit, viel von Ihnen zu verlangen, getreu zeigen?“ Ohl nein, Mama, diesmal, ich verſichere Dich, iſt es Alles.“ „Das Fräulein ſoll ſeine Muſik heute Abend ha⸗ ben,“ ſprach Pietri. Und nachdem er ſich ehrfurchtsvoll verbeugt hatte, ging er aus dem Salon weg und ließ die Gräfin allein mit ihrer Tochter. „Ein vortrefflicher Menſch,“ ſagte Helene zur Grä⸗ fin, nachtem ſie Pietri mit dem Blick gefolgt war, bis er den Salon verlaſſen hatte; „wie ſtolz er mich auf meinen Vater macht!“ 13¹ „Theures Kind, ich glaube Deine Gedanken zu errathen.“ „Muß man nicht ſelbſt der beſte, der edelſte Menſch ſein, um ſolche Ergebenheit einzuflößen, Mama? Und wenn Pietri der Einzige wäre, der meinen Vater ſo vergötterte? Iſt nicht mein armer Pathe Maurice ebenſo?“ „Es iſt wahr, der Major Maurice, ein alter Waf⸗ fengefährte Deines Vaters, iſt einer von den ſeltenen Freunden, wie man ſie nur einmal im Leben trifft, und ich ſage wie Du, man muß dieſer Zuneigung würdig ſein, um ſie einzuflößen.“ „Geſlehe, Mama, daß, wenn der Stolz eine Sünde iſt, wir Beide ſehr große Sünderinnen ſind. Gibt es in der Welt eine Frau, welche ſtolzer auf ihren Gatten, eine Tochter, welche ſtolzer auf ihren Vater iſt, als wir es ſind?“ „Das iſt ein frommer Stolz, meine Tochter.“ „Wie groß iſt auch unſer Glück, Mama, wenn wir zum Beiſpiel unſern Vater nach Hofe begleiten und um uns her mit Ehrerbietung die angeſehen⸗ ſten Perſonen flüſtern hören: „„Das iſt der Ge⸗ neral Roland!““ Ohl mein Gott! wenn man die drei Worte, der General Roland, ausgeſprochen hat, ſo verſteht es die ganze Welt. Das iſt als ob man ſagen würde; „„Das iſt die Ehre, die Tapferkeit, der Edel⸗ muth in einer Perſon!““ Welch ein köſtliches Lächeln wechſeln wir dann, wie ſtolz erhebe ich mich an Deinem Arm, während Du Dich auf den meines Vaters ſtützeſt! ſehe ich nicht aus, als ob ich zu der ganzen Welt agte: „„Ich bin die Tochter des General Roland!““ „Auf ihn können wir, müſſen wir ſtolz ſein, then⸗ res Kind; nicht der Gunſt, ſondern ſeinen Dienſten, ſeinem Verdienſt, dem Adel ſeines Charafters verdankt er den hohen Poſten, den er einnimmt, und die viel hö⸗ here Stellung, welche vielleicht noch heute die ſeinige iſt.“ „Vielleicht, ſagſt Du?“ verſetzte H elene laͤchelnd 132 „Ich ſetze die Sache nicht in Zweifel. Oh! nein, durch⸗ aus nicht.“ „Und woher rührt bei Dir dieſe Gewißheit?“ „Mein Gott, das iſt ganz einfach. Der König iſt viel zu eitel, um nicht meinen Vater zum Botſchafter zu ernennen.“ „Wahrhaftig!“ ſagte die Gräfin lächelnd, „und in welcher Hinſicht iſt die Eitelkeit des Königs bei dieſer Ernennung betheiligt?“ „In welcher Hinſicht, Mama? In jeder. Nicht wahr, ein Botſchafter repräſentirt ſein Vaterland und ſeinen Fürſten?“ „Ja, mein Kind.“ „Nun denn, wo ſollte der König Einen finden, der Frankreich würdiger verträte, als mein Vater? Und wenn man Frankreich nach ihm beurtheilt, wie wird es geehrt, geliebt ſein! Welchen edlen Begriff wird man ſich von unſerm Lande machen, wenn man meinen Vater ſieht, ſchätzt! Es iſt bei ihm nicht ſo, wie bei ſo manchen kleinen Repräſentanten anderer Mächte, die, wenn man ihre Fürſten nach ihnen beurtheilen wollte, oft eine ſehr drollige Idee von dieſen geben müßten.“ „Das iſt wahr,“ erwiederte die Gräfin lächelnd. „Glücklicher Weiſe wird Dein Vater nie zu einem Irr⸗ thum dieſer Art Anlaß geben. Uebrigens nimmt Dein Vater, mein Kind, wenn er ſich dieſer Botſchaft unter⸗ zieht, hauptſächlich auf Dich und mich Rückſicht; unſere Reiſe nach Italien vor zwei Jahren iſt ſo günſtig für unſere Geſundheit geweſen, daß der General in dieſer Sendung beſonders eine Gelegenheit geſehen hat, uns für einige Zeit in Neapel auf die angenehmſte Weiſe niederzulaſſen. Was willſt Du! er hat wie wir ſeinen Fehler, und wenn Du mit Stolz ſagſt: Das iſt mein Bater, ſo ſagt er nicht minder ſtolz: Das iſt meine Tochter. Und er weiß, wie im fremden Lande die Frau und die Tochter eines Botſchafters von Frankreich aufgenommen und angeſehen werden.“ 1 133 „Der arme Vater, hat er nicht zu uns geſagt „„Der Botſchafterpoſten in Neapel iſt mir gleichſam angetragen; wenn dieſe Reiſe Euch Beiden zuſagt, ſo nehme ich an, wo nicht, ſo ſchlage ich aus.““ „Ja, hiebei, wie immer, hat er an uns gedacht.“ „Sollte man nicht glauben, Mama, ſeine anbe⸗ tungswürdige Zärtlichkeit für uns habe dem geliebten Vater immer Glück gebracht? Alles gelingt ihm; er hat einen Freund, das iſt mein Pathe Maurice; einen Diener, das iſt Pietri; eine Frau, das biſt Du; eine Tochte „Nun, liebes Kind, warum vollendeſt Du nict „Im Ganzen, Mama,“ fuhr Helene mit reizende Anmuth fort, „wir ſprechen vom Glück meines Vaters: iſt es nicht ein großes für ihn, ſeine Tochter ſo glück⸗ lich zu machen, als man es ſein kann, und ſich von ihr vergöttert zu ſehen?“ „Und dann,“ fügte die Gräfin, ihre Tochter mit einem bezaubernden Lächeln anſchauend, bei, „und dann bleibt das Glück Deines Vaters nicht hiebei ſtehen.“ „Was willſt Du damit ſagen, Mama?“ „Im vorigen Jahre, in dem Augenblick, wo er zur Inſpection der Reiterei abreiſte, wechſelt er ſeinen Adju⸗ tanten, und derjenige, welchen er nimmt, iſt gerade ein reizender junger Mann, begabt mit den beſten Eigen⸗ ſchaften, Herr eines ſchönen Vermögens, was nichts verdirbt. und ſo offen, ſo edel, daß Dein Vater, der uns während ſeiner Inſpectionsreiſe in Paris ge⸗ laſſen hatte, bei ſeiner Rückkehr zu mir ſagte: „„Wenn unſere liebe Helene heirathen wollte. . ich glaube für ſie einen Schatz gefunden zu haben es iſt Herr Charles Belcour, mein neuer Adjutant.““ elene hatte ihrer Mutter mit einem Ausdruck tiefer Glückſeligkeit zugehört. Sie etwiederte lächelnd: Und der Schatz mußte von ſehr gutem Gehalt ſein, nicht wahr, Mama? denn er iſt von meinem Pa⸗ 134 then Maurice gepruͤft worden, und mein Pathe iſt ſehr häkelig in Beziehung auf Schätze.“ „Du weißt, Helene, die tiefe Vernunft des Majors, ſein Scharffinn geben ſeinem Urtheil ein großes Anſe⸗ hen in den Augen Deines Vaters; da er ſich in ſeiner Sorge für Dich nicht auf ſeine eigenen Eindrücke ver⸗ laſſen wollte, ſo ſchickte der General, ehe er mit Dir von ſeinen Plänen ſprach, ſeinen neuen Adjutanten, unter dem Vorwand, einige geſchichtliche Erinnerungen über die Feldzüge in Deutſchland zu ſammeln, auf ein paar Tage zum Major an ſeinen einfachen Aufenthaltsort in Ville⸗d'Avray.“ „Und wenn meine Zuneigung für meinen Pathen hätte wachſen können, ſo würde ich ihn noch hundert⸗ mal mehr geliebt haben, daß er Charles ſo gut beur⸗ theilt; nur hat ſich der Major Zeit gelaſſen,“ fügte He⸗ lene mit einer reizenden Mundverziehung bei; „acht volle Tage. vom Morgen bis zum Abend unter vier Augen! Endlich ſchickte er Charles an meinen Vater und an Dich mit einem kleinen Brief zurück, der ohne Zweifel die Worte enthielt: Geſehen und ge⸗ billigt als Schatz.“ „Wie toll biſt Du!“ „Was willſt Du? Ich lache ich bin ſo glück⸗ lich! „Theures, theures Kind!“ „Und ſiehſt Du, Mama, was den Werth dieſes Glückes noch verdoppelt, iſt, daß es ganz von Dir und von meinem Vater kommt. Dieſe Heirath entzückt mich, Ihr ſeid es abermals, die den Gedanken gehabt haben; die Liebe, die ich fühle, Ihr habt ſie ſich erſchließen ge⸗ macht, Ihr habt ſie mir geoffenbart; Euch, Dich und meinen Vater, jeden Tag mit ſo viel Werthſchätzung und Zuneigung von Herrn Charles ſprechen zu hören, hätte genügt, um mich, glaube ich, wahnſinnig in ihn verliebt zu machen „ wäre er mir Anfangs gleich⸗ gültig geweſen, doch weit entfernt hievon nie habe 135 ich Dir etwas verborgen .. . Du haſt gewußt, welchen Eindruck er auf mich gemacht. . . und Du haſt mich davon unterrichtet, daß ich ihn, ohne es zu vermuthen, liebte. . . leidenſchaftlich liebte, wie Du mir ſagteſt. Das hat mich Anfangs ſehr in Erſtaunen geſetzt . .. Ich, Herrn Charles leidenſchaftlich lieben, ohne es Dir und meinem Vater mitgetheilt zu haben?.. Und dann bemerkte ich, daß Du Recht hatteſt . S ich liebte ihn . . ich liebe ihn leidenſchaftlich; denn nun verbindet er ſich immer mit Euch in meinem Geiſte es ſſt immer Ihr und Er . Er und Ihr . . und um Euch ſo zu vermengen „alle drei in meinem Herzen . wie Ihr es in meinem Leben ſein müßt, beurtheile Mama, ob ich ihn liebe und ob Du Recht gehabt haſt zu ſa⸗ gen: leidenſchaftlich!“ „O mein Kind, meine geliebte Helene!“ ſprach die Gräfin mit einer unausſprechlich ſüßen Gemüthsbewe⸗ gung, „Gott hat unſern Herd geſegnet. „„ Dieſe Heirath ſichert für immer Deine Zukunft und dieſe Zu⸗ kunft wird ſo ſchön ſein, als es die meinige geweſen iſt. „Auch ich habe geliebt . leidenſchaftlich geliebt. Von Deinem Vater getheilt, hat dieſe Liebe das Glück meines Lebens gebüdet Ich glaube, ich fühle, es wird eben ſo bei Dir ſein . Ah! mein Kind, das Herz einer Mutter täuſcht ſich nie.“ In dieſem Augenblick öffnete ein Kammerdiener die Thüre des Salons und meldete: „Herr Belcvur!“ XV. Herr Charles Belcour, Cavalerielieutenant, der als Nro. 1 aus der Kriegsſchule zu St. Cyr durch Verdienſt ausgetreten, war ein reizender junger Mann von einer äußerſt eleganten Haltung; ſein anziehendes Geſicht vereinigte die Gutmüthigkeit, den Verſtand und die Offenherzigkeit; ſeine blonden Haare, ſeine ſanften, lachenden blauen Augen, die Zartheit ſeiner Züge und beſonders ſeine außerordentliche Liebfreundlichkeit, welche bei ihm einen ſeltenen Muth und eine große Charakter⸗ feſtigkeit nicht ausſchloß, hatten ihm in der Kriegs⸗ ſchule den Beinamen: die Zartheit zugezogen. Dieſer ganz wohlwollende Beiname hielt ihn in⸗ deſſen nicht ab, ſeinen erſten Feldzug in Afrika glän⸗ zend zu machen und das Kreuz um den Preis zweier glorreichen Wunden zu verdienen; unterrichtet, wiſſen⸗ ſchaftlich gebildet, ein vortrefflicher Muſiker, ein herr⸗ licher Zeichner, verdankte er es ſeinem Geſchmack für die Wiſſenſchaften, daß er ſich auf eine heilſame Weiſe von den plumpen Vergnügungen der Garniſonen fern hielt, und in ihrer ganzen Reinheit jene Seelenfriſche, jene ausgeſuchte Empfänglichkeit bewahrte, welche ſo dauerhaft, ſo tief eine erſte Liebe machen, beſonders wenn dieſe Liebe ein ſo anbetungswürdiges Mädchen, wie Fräulein Helene Roland, zum Gegenſtand hat. Als dieſe Heirathspläne einmal vom General und ſeiner Frau (man wird ſpäter erfahren, daß Pietri den⸗ ſelben durchaus nicht fremd geweſen), feſtgeſtelit waten, wurde verabredet, daß Charles den Militärdienſt ver⸗ laſſen ſollte, denn Helene, welche für Eindrücke ſehr em⸗ pfänglich, wäre, ſobald ſie verheirathet, hundertmal vor Angſt nur bei dem Gedanken, ihren Gatten den Zu⸗ fällen der Schlachtfelder ausgeſetzt zu ſehen, geſtorben. ——— 137 Um ſeiner Frau und ſeiner Tochter, die er ver⸗ götterte, eine tödtliche Unruhe zu erſparen, hatte ſich der General darein ergeben, beim Heere nur die Fune⸗ tionen eimes Inſpecteur der Cavalerie zu übernehmen, nachdem er als Oberſt zwei Feldzüge in Afrika gemacht hatte, wo er ſich mit großem Glanz ſeinen Grad als Maréchal de Camp ungefähr zwei Jahre nach der Juli⸗ revolution errungen hatte (er hatte ſich nämlich immer geweigert, Dienſte unter der Reſtauration zu nehmen). Vier Jahre, nachdem er dieſen Grad erhalten, war er zum Generallieutenant, dann zum Pair von Frankreich ernannt worden, und einige Monate ſpäter trug man ihm den Poſten des Botſchafters in Neapekan. Der glänzende, ſtürmiſche Oberſt des Kaiſerreichs war alſo einer von den ehrenwertheſten und erhabenſten Männern ſeiner Zeit geworden. Als Herr Charles Belcour in den Salon eintrat, in dem ſich die Gräfin Roland und ihre Tochter be⸗ fanden, erröthete dieſe naiv vor Vergnügen beim An⸗ blick ihres Bräutigams; als ſie aber die Augen zu ihm aufſchlug, war ſie ſo betroffen von dem traurigen Ausdruck dieſes offenen, redlichen Geſichts, daß ſie, ehe Herr Belcour ein Wort geſprochen, ſich an ihre Mutter wandte und voll Angſt rief: „Mein Gott, Mama, ſchau d wie Herr Charles bekümmert ausſieht.“ Die Gräfin Roland ſchaute den jungen Mann auf⸗ merkſamer an und machte dieſelbe Bemerkung, wie ihre Tochter, während Herr Belcvur fagte: „Ich entſchuldige mich nicht, Madame, daß ich den Ausdruck eines lebhaften Verdruſſes nicht habe verber⸗ gen können; dieſen Verdruß werden Sie, ſo wie Fräu⸗ lein Helene, begreifen, wenn Sie die Urſache davon kennen . „Helene, mein Kind!“ ſagte die Gräfin im Tone zärtlichen Vorwurfes zu ihrer Tochter; „was haſt Du 138 ſo zu zittern? Herr Charles ſpricht von einem Verdruß, das iſt keine Urſache, ſich zu beunruhigen.“ „Es handelt ſich nur einfach um einen Verdruß,“ ſprach lebhaft der junge Mann; „ich bitte, beruhigen Sie ſich, ſonſt würde ich es zum erſten Mal in meinem Leben bedauern, daß ich nicht zu verbergen wußte, was ich gefühlt.“ „Verzeih', Mama,“ erwiederte Helene mit rühren⸗ dem Tone, indem ſie zu lächeln verſuchte. „Verzeihen Sie, Herr Charles, es iſt wahr, ich bin nicht vernünf⸗ tig. „Doch dieſe erſte Bewegung der Angſt iſt un⸗ willkührlich geweſen.“ „Fräulein Helene, ich will mit zwei Worten Ihrer Frau Mutter die Urſache meines Verdruſſes erklären; dann werden Sie ſelbſt anerkennen, daß es ſich, Gott ſei Dank, um nichts Ernſtes handelt.“ Charles wollte ſprechen, als der General Roland in den Salon eintrat; er kam aus den Tuilerien zu⸗ rück und trug die Uniform eines Generallieutenants und das große rothe Band von der Schulter über die Bruſt. Die Züge des ehemaligen Oberſten des Kaiſerreichs hatten das Gepräge eines ſanften Ernſtes; ſeine grauen, an den Schläfen ein wenig gelichteten Haare, entblöß⸗ ten theilweiſe ſeine edle Stirne; ſein, wie die Brauen, noch ſchwarzer Schnurrbart verlieh ſeinem Geſicht einen martialiſchen Charakter; ſein Wuchs hatte ſich eben ſo ſchlank, eben ſo elegant, wie er in ſeiner Ingend ge⸗ weſen, erhalten. Bei ſeinem Eintritt in den Salon warf der Ge⸗ neral ſeinen Hut und ſeinen Degen auf einen Sofa; dann trat er mit ſtrahlendem Geſicht auf ſeine Frau und ſeine Tochter zu und ſagte väterlich zu dem jungen Officier: „Guten Morgen, Charles!“ Doch wie Helene, durch den Inſtinct der Liebe hellſehender geworden, in den Zügen ihres Verlobten einen lebhaften Verdruß geleſen hatte, ſo entdeckte der 139 väterliche Inſtinct des General Roland alsbald eine grauſame Bangigkeit in den Zügen ſeiner Tochter, als ſie aufſtand, um ihm ihre Stirne zum Küſſen zu bieten. Da wurde dieſer Mann von einem heroiſchen Muthe beinahe ſo zitternd, als es Helene einen Augen⸗ blick zuvor geweſen, nahm lebhaft ihre Hände, betrach⸗ tete ſie eine Sekunde lang mit eben ſo viel Erſtaunen, als Angſt, und rief: „Helene, Du haſt etwas .. Iſt es ein Kummer? leideſt Du?“ Dann wandte er ſich, beſtändig die Hände ſeiner Tochter in den ſeinigen haltend, abwechſelnd ge⸗ gen ſeine Frau und den jungen Mann und fügte mit einer beinahe flehenden Miene bei: „Amelie! Charles! was iſt vorgefallen .. . was gibt es? Antwortet .. mein Gott, antwortet mir doch! Ah! es iſt eine al⸗ berne Schwäche, doch ich habe Angſt!“ „In der That, mein Freund,“ erwiederte liebreich die Gräfin, „Sie nöthigen mich zu ſagen, daß der Vater nicht vernünftiger iſt, als d chter. Ich werde veranlaßt ſein, Sie zu ſchelten, wie ich ſo eben unſere liebe Helene geſcholten habe.“ „Helene ſchelten!“ ſagte der General zu ſeiner Frau, „und warum, meine Freundin?“ „Weil ſie ſich vor einem Augenblick mit Unrecht über ein paar Worte von Herrn Charles beunruhigt hat. Er war im Begriff, ihre Beſorgniſſe zu beſchwich⸗ tigen, als Sie eintraten, mein Freund.“ „Ich bin der einzige Schuldige, mein General,“ ſprach haſtig der junge Mann, um ſo einer Frage des Vaters von Helene zuvorzukommen, der ſich lebhaft gegen ihn umgewendet hatte. „Dieſen Morgen habe ich durch einen Brief von Bordeaux erfahren, daß meine Gegenwart unerläßlich für die gerichtliche Beſtätigung einer Urkunde iſt, die Ihr Notar, mein General, durch Procuration erlangen zu können glaubte, um nicht die Unterzeichnung unſeres Heirathsvertrages zu verzögern; dieſe Reiſe ſoll allerdings nur wenige Tage dauern, 140 ſie bereitete mir aber einen ſtarken Verdruß. Es iſt immer ſo peinlich, von einem Orte ſelbſt nur für kurze Zeit weggehen zu müſſen, wo wir alle unſere Nei⸗ gungen zurücklaſſen; ohne die Urſache meines, in mei⸗ nen Zägen nur zu leſerlichen, Kummers zu wiſſen, iſt Fräulein Helene in Unruhe gerathen; ich ſuchte ſie eben zu beruhigen, da traten Sie ein, mein General.“ Als Helene erfuhr, ihr Bräutigam werde ſich auf einige Tage entfernen, war ſie, während ſie ſich ihre Unvernunft, ihre Schwäche zum Vorwurf machte, doch unfähig „ihre Thränen zurückzuhalten, welche ſie ver⸗ gebens dem Blick ihres Vaters und ihrer Mutter zu entziehen ſuchte. „Thränen!“ rief der General Roland, beinahe verwirrt vor Schmerz. „Thränen! . . das iſt das erſte Mal, daß ich Dich weinen ſehe, mein vielgeliebtes Kind! Ich flehe Dich an, betrübe Dich nicht ſo „ſehr „„ Deine Geſundheit iſt ſo zart . . . . bedenke doch, wenn Du krank würdeſt Nein, nein, ich weiß nicht, was ich ſage, Du kannſt nicht krank werden. das iſt unmöglich aber Thränen dieſes arme, von Schmerz zernagie Geſicht „„ dies Alles ver⸗ wirrt mich und durchbricht meine Ideen!“ Dann drückte der General ſeine Hände an ſeine feuchten Augen und rief: „Mein Gott! was ſoll ich thun, um ſie zu tröſten! ihre Thränen machen mich wahnfinnig . Und ſich an den jungen Mann wendend: „Charles, wie haben Sie auch, Sie, der Sie die übermäßige Empfindlichkeit von Helene kennen, Ihren Verdrnß nicht zu verbergen gewußt?“ „Ach! mein General, ich hätte früher oder ſpäter Fräulein Helene immerhin von meiner Abreiſe unter⸗ richten müſſen.“ „Das iſt wahr, mein Freund,“ verſetzte der Ge⸗ neral, „und dennoch iſt es ſchmerzlich für mich, meine Tochter ſich ſo betrüben zu ſehen!“ 14 „Meine theure Helene, bedenke doch ein wenig, einige Tage Abweſenheit, das iſt ſo ſchnell vorüber!“ „Du haſt Recht, Mama,“ erwiederte das Mädchen, ſeine Thränen trocknend, „ich müßte mich nicht ſo über dieſe Abweſenheit betrüben, aber ..4 „Was ſprichſt Du von Unrecht, armes liebes Kind; hat man je Unrecht, wenn man leidet ? Alle Vernunft⸗ gründe der Welt beweiſen nichts gegen die Thränen. Und doch was für ein Wahnſinniger bin ich!“ rief der Graf, ſich vor die Stirne ſchlagend, „beruhige Dich! in der That, ich weiß wahrhaftig nicht, wo ich den Kopf hatte! Die Abreiſe von Charles macht Dich troſtlos? trockne Deine Thränen, meine Helene, Char⸗ les wird nicht reiſen.“ „Aber, mein General,“ wandte der junge Mann ein, „dieſe Urkunde?“ — „Eil mein Gott, mein Freund, man wird ſich die⸗ ſer Urkunde überheben. Ich weiß, um was es ſich han⸗ delt; das ſind von den Bedenklichkeiten und Forderungen der Notare, die ich zehn Millionen mal einer Thräne meiner Tochter opfern werde.“ „Wie, mein Vater wäre es wahr?“ ſagte Helene, deren reizendes Geſicht ſich plötzlich von Freude und Hoffnung erleuchtete. „Herr Charles wird nicht reiſen?“ „Nein! nein! hundertmal nein!“ rief der General ſtrahlend, daß er die Traurigkeit wie durch einen Zau⸗ ber von der Stirne von Helene verſchwinden ſah; „nein, Charles wird nicht reiſen . . „MNein, mein Kind, die Unterzeichnung des Vertrags wird immerhin am Donnerſtag, als an meinem Namenstag, wie es ver⸗ abredet war, ſtattfinden! Nun! dieſer Vater, iſt man zufrieden mit ihm? umarmt man ihn? er verdient es wenigſtens, er iſt ſo glücklich, die Thränen ſeines Kin⸗ des zu trocknen.“ In einem Erguſſe unſäglichen Glückes warf ſich He⸗ lene ihrem Vater um den Hals, dieſer preßte ſie in 142 ſeinen Armen voll Leidenſchaft und ſagte mit einer tief bewegten Stimme: „Nach dem Glücke, Dich glücklich zu ſehen, wird das größte Glück für mich ſtets ſein, Dir einen Kum⸗ mer zu erſparen.“ „Ah! mein General,“ ſprach Charles Belcour, „glauben Sie, dieſe Thränen, deren Urſache ich unwill⸗ kürlich geweſen bin, werden die einzigen, oh! die ein⸗ zigen ſein, welche Fräulein Helene je vergießen ſoll.“ „Wenn ich deſſen nicht gewiß geweſen wäre, würde ich Ihnen mein Kind gegeben haben?“ erwiederte der General. „Madame,“ ſagte der junge Mann zur Gräfin, „ich will Ihnen geſtehen, nun, da ſie getrocknet ſind, die Thränen von Fräulein Helene bei der Ankündigung dieſer kurzen Abweſenheit . .. „Meine Helene, hörſt Du dieſen böſen Menſchen!“ unterbrach der General lächelnd den jungen Mann mit einem Tone freundſchaftlichen Vorwurfs. „Er wird vielleicht die Grauſamkeit haben, zu ſagen: Deine Thränen haben ſeiner Liebe geſchmeichelt.“ „Nein, mein General, doch Sie haben ſie geehrt, geheiligt,“ entgegnete Charles Belcour mit einer rüh⸗ renden, gleichſam von bewältigter Leidenſchaft vibriren⸗ der Stimme. „Ah! ich fühle es, ſo koſtbare Thränen beweiſen demjenigen, welcher ſie fließen macht, daß ſeine Gegenwart theuer iſt. Er bedauert es auch, daß er nur ſeine ewige Anbetung, ſein ganzes Leben als Ge⸗ währſchaften ſeiner Dankbarkeit und der Heiligkeit ſeiner Schwüre zu bieten hat.“ „O wie freut es mich nun, daß ich geweint habe,“ ſprach Helene naiv, als ſie dieſe Worte gehört hatte. „Wenn es Dich freut, daß Du geweint, ſo habe ich nichts mehr zu ſagen, doch ich bitte Dich inſtändig, meine Helene, nimm nicht dieſe Gewohnheit an ... das iſt gut einmal, vorübergehend, um zu wiſſen, was Thränen find; nun weißt Du es die Erfahrung, 143 ſiehſt Du, iſt genügend oh! mehr als genügend für uns Alle . Wir ſind alſo darüber einverſtanden, mein lieber Charles, daß man ſich der fraglichen Ur⸗ kunde überheben wird; Sie werden mir das Vergnügen machen, meinen Notar heute davon in Kenntniß zu ſetzen, damit dieſer in keiner Hinſicht die Abfaſſung des Vertrags verzögert, deſſen Unterzeichnung immer auf Donnerſtag feſtgeſetzt bleibt. Nun, meine Kinder, etwas Anderes ...“ Und ſich an ſeine Frau wendend: „Meine gute Amelie, die Sache mit dem Botſchafterpoſten iſt abgeſchloſſen; meine Ernennung wird dieſen Abend in den Zeitungen erſcheinen.“ „Siehſt Du, Mama,“ ſagte Helene mit triumphi⸗ render Miene zu ihrer Mutter, „ich war ſicher, es könnte nicht anders ſein. Mein gerechter Stolz hat mich nicht getäuſcht.“ „Was verſteht hierunter mein liebes Kind ?“ fragte der General die Gräfin. Dieſe erwiederte: „Ich werde Dir das ſagen, mein Freund, es iſt eine Tollheit von Helene.“ „Eine Tollheit? Deſto beſſer!“ rief der General. „Oh! Tollheiten, ſo viel ſie will, nicht wahr, Char⸗ les? aber nie Thränen, weil Thränen . denken wir nicht mehr daran; ſie ſind, Gott ſei Dank! ge⸗ trocknet. Kommen wir alſo auf meine Pläne zurückz wenn ich mir erlaube, meine Pläne zu ſagen,“ fügte er, ſeiner Frau und ſeiner Tochter zulächelnd, bei, „ſo iſt darunter verſtanden: mit Vorbehalt Ihrer Billigung, Frau Gräfin . . . mit Vorbehalt Ihrer Billigung, Fräu⸗ lein Helene. Was Sie betrifft, mein lieber Charles, Sie haben nothwendig nicht mehr Willen, als ich, Sie müſſen ein Tyrann meiner Art ſein.“ „Ich habe keinen andern Gedanken, mein Gene⸗ ral,“ erwiederte heiter der junge Mann, „Ihr Beiſpiel uſe⸗hi zu befolgen, als daß ich ihm nicht nachahmen ollte. * 144 „Wir ſagen alſo: der Vertrag wird Donnerſtag als an meinem Namenstag unterzeichnet,“ ſprach der Ge⸗ neral, „und er wird nie glorreicher gefeiert worden ſein. Wir benützen dieſe Zuſammenkunft, um eine große Abſchiedsſoirée zu geben „ um Mitternacht die Un⸗ terzeichnung; am Sonntag die Hochzeit in unſerer Ka⸗ pelle der Pairs; ſogleich hierauf ſteigen wir alle Vier in unſere Reiſeberline, und vorwärts nach Italien! Sind wir hierin einverſtanden? Gibt es eine Einwen⸗ dung, Frau Gräfin, Fräulein Helene?“ „Nicht die geringſte Einwendung, mein Freund,“ erwiederte die Gräfin, „Alles dies ſcheint mir vortreff⸗ lich geordnet . Was denkſt Du davon, Helene?“ Statt jeder Antwort umarmte Helene abermals ihren Vater, ſowohl um ihre Freude auszudrücken, als um ihre Röthe zu verbergen. „Sie ſehen, mein lieber Charles, die Tyrannei hat etwas Gutes,“ ſagte lächelnd der General. Und er küßte ſeine Tochter und fügte bei: „So geht es, wenn man deſpotiſch ſeinen Willen auferlegt. . wenn man, wie man zu ſagen pflegt, der unumſchränkte Herr in ſeinem Hauſe iſt.“ Ein Kammerdiener erſchien abermals an der Thüre des Salon und meldete: „Der Herr Major Maurice.“ XVI. Der Major Maurice zeigte auch auf ſeinem Geſichte die Spuren des Alters. Sein Schnurrbart und ſeine Kopfhaare waren beinahe weiß geworden; ſeine Züge trugen, wie früher, das Gepräge einer ſanften und ernſten Schwermuth an ſich. 145 Beim Anblick des Majors rief Helene ganz freudig: „Welches Glück! hier iſt mein Pathe!“ Und ſie umarmte ihn mit einer kindlichen Zärt⸗ lichkeit, während die Gräfin liebevoll zum Major ſagte: „Welche Freude iſt es für uns, Sie heute zu ſehen, Herr Maurice! Wir zählten nicht auf dieſes Vergnü⸗ genz Sie verlaſſen ſo ſelten Ihre Einſamkeit in Ville⸗ d»Avray, oder Sie verlaſſen dieſelbe viel mehr nur uns zu Liebe zweimal in der Woche.“ „Einige unvorhergeſehene Geſchäfte haben mich nach Paris gerufen, Madame, und ich benützte dieſe Gele⸗ genheit, um die Ehre zu haben, Sie zu ſehen, meinen lieben Täufling zu umarmen und Adalbert die Hand zu drücken.“ 1 So ſprechend, reichte der Major die Hand ſeinem Freunde, der ſie herzlich drückte, während ſich Belcour ehrerbietig vor dem Major verbeugte. „Wir haben einen Glückstag,“ ſagte Helene, „um ihn zu vervollſtändigen, fehlte nur mein Pathe; er kommt gerade zur rechten Zeit. Er macht es nie an⸗ ders; das iſt ſein Charakter.“ „Darf ich wiſſen, meine liebe Pathin, welches Glück ich vollſtändig mache, wie Sie ſagen?“ fragte lächelnd der Major. „Vor Allem iſt mein Vater zum Botſchafter in Neapel ernannt worden.“ „Das überraſcht mich nicht; doch,“ fügte der Ma⸗ jor lächelnd und ſich vor dem General Roland verbeu⸗ gend bei, „meinen Glückwunſch dem Herrn Botſchafter.“ „Sodann,“ fuhr das Mädchen erröthend fort, „ſo⸗ dann iſt beſchloſſen worden, daß unſer Vertrag am Don⸗ nerſtag, als am Namensfeſte meines Vaters, unterzeich⸗ net werden ſoll.“ „Ah! ah! mein liebes Päthchen, ich begreife, daß der Tag, wo man die Unterzeichnung eines Vertrags feſtſetzt, der ſchönſte von unſern Tagen iſt; und ich theile Die Kinder der Liebe. 10 146 Ihre Freude, theure Helene,“ fügte der Major ſich auf die Seite von Charles Belcour wendend bei, „denn Ihre Familie und Sie konnten keine beſſere Wahl treffen.“ „Ihr Wohlwollen macht mich doppelt glücklich,“ erwiederte der junge Mann mit innigem Ton. „Das wird, ich darf es hoffen, eine neue Garantie in den Augen von Fräulein Helene und ihrer Familie ſein, welche zu Ihnen, Herr Major, ein ſo wohlverdientes Vertrauen hat.“ „Endlich, mein guter Pathe,“ ſagte Helene, „end⸗ lich iſt meine Hochzeit auf Sonntag beſtimmt; ſogleich nach der Meſſe reiſen wir nach Italien ab, und Sie machen die Reiſe mit.“ „Helene!“ rief der Graf, „komm und umarme mich zehnmal, hundertmal für dieſen guten Gedanken.“ „Helene iſt nur die Dolmetſcherin deſſen, was wir Alle wünſchen, Herr Maurice,“ ſprach die Gräfin, nicht minder entzückt, als ihr Gatte, den Major zum Reiſe⸗ gefährten zu haben. „Nicht wahr, es iſt abgemacht? Sie gehen mit uns nach Italien?“ „Ich moöchte wohl ſehen, ob er es wagte, ſeiner Pathin etwas abzuſchlagen?“ ſagte der General. „Vie⸗ toria, meine Freunde! Er antwortet nicht . . . Das iſt ein gutes Zeichen; er überlegt . . . er willigt ein.“ „Oh! Dank, Dank, mein Pathe!“ rief das Mäd⸗ chen, beide Hände des Majors ergreifend. „Ich leſe in Ihren Augen, daß Sie einwilligen.“ Während Helene ſeine Hände ergriff, betrachtete ſie in der That der Major Maurice mit einem Aus⸗ druck unbeſchreiblicher Theilnahme; einen Augenblick ſogar trat eine unbeſtimmte Traurigkeit ſeine Züge verdüſternd in ſeinem Geſichte hervor, doch dieſe Wolke zog raſch über die Stirne des Majors, und er ſagte zu Helene: „Was Sie mit Sicherheit in meinen Augen leſen 147 können, liebe Pathin, iſt, daß ich Sie ebenſo zärtlich liebe, als wenn Sie meine Tochten wären .4 „Und gerade deshalb, mein Pathe, werden Sie mit uns kommen; derjenigen, welche man wie ſeine Tochter liebt, ſchlägt man nichts ab.“ „Wohl denn! ja, ich verſpreche es Ihnen,“ erwie⸗ derte der Major, „ich werde Sie begleiten, wenn „Ich war deſſen ſicher,“ unterbrach das Mädchen den Major, in die Hände klatſchend, „Mama, mein Va⸗ ter, Herr Charles, Sie hören es, mein Pathe wird mit uns gehen.“ „Mein armes Kind,“ ſagte der Major, „Sie haben mich nicht vollenden laſſen; ich ſagte Ihnen: Ja, ich verſpreche, die Reiſe mitzumachen, wenn „„ denn es itt ein unglückliches wenn, das Sie nicht gehört haben.“ „Helene!“ rief heiter der General, „keine Bedin⸗ gungen .. Fordere . ſei unbarmherzig .. er wird nachgeben.“ „Im Ernſte,“ ſagte der Major, „ich verſpreche Ih⸗ nen, die Reiſe mitzumachen, wenn die wichtigen Ange⸗ legenheiten, die mich heute nach Paris führen, in dieſer Woche abgethan werden; wenn nicht, ſo muß ich auf das Vergnügen, Sie zu begleiten, verzichten.“ „Ich glaube Ihnen, mein Pathe,“ erwiederte das Mädchen mit einem Seufzer des Bedauerns; „Sie ſprechen im Ernſte, und ich erlaube mir nicht, weiter in Sie zu dringen; nur, darauf mache ich Sie auf⸗ merkſam, werde ich mit allen meinſ Kräften wünſchen und hoffen.“ „Ich kenne meinen alten Maurice,“ ſagte der Ge⸗ neral, der ſeinen Freund ſeit einigen Augenblicken mit einer gewiſſen Unruhe anſchaute. „Kann er von den Unſerigen ſein, ſo wird er kommen, wenn nicht, ſo wird es ihm ſo leid thun, als uns; doch mir fällt, mein lie⸗ ber Charles,“ fügte er ſich an den jungen Mann wen⸗ dend bei, „und der Notar? Sie müſſen ihn heute be⸗ 148 ſuchen, und zwar ſo bald als möglich, um ihm zu ſagen, daß wir auf die Urkunden verzichten.“ „Ich gehe auf der Stelle, mein General.“ „Mein Freund,“ ſprach die Gräfin aufſtehend, „ich laſſe Dich mit Herrn Maurice; unſere Abreiſe iſt feſtgeſetzt, ich habe zahlreiche Einkäufe zu machen, und ich will mit Helene ausfahren.“ Und ſie reichte dem Major herzlich die Hand und ſagte noch: „Auf baldiges Wiederſehen, nicht wahr, mein lie⸗ ber Herr Maurice? Sie ſpeiſen mit uns zu Mittag?“ „Ich werde nicht das Vergnügen haben können, inſofern ich wahrſcheinlich erſt ſehr ſpät frei bin. „Nun, wenn Sie frei ſind, ſo bitte ich Sie, ver⸗ geſſen Sie uns nicht, Herr Maurice.“ „Guten Tag, mein lieber Pathe,“ ſagte Helene, indem ſie dem Major die Stirne darbot, „oder vielmehr auf Wiederſehen, ich hoffe auf baldiges Wiederſehen.“ „Adieu, liebe Helene,“ erwiederte der Major mit einem ſchwermüthigen Blick dem Mädchen folgend, das mit ſeiner Mutter und ſeinem Bräutigam wegging. Kaum war der Graf mit ſeinem Freunde allein, als er raſch auf dieſen zutrat und zu ihm ſagte: „Maurice, ich wollte vor meiner Frau und meiner Tochter keine Frage an Dich machen, aus Furcht, ſie über Dich zu beunruhigen; doch die unvorhergeſehenen Angelegenheiten, die Dich nach Paris führen, ſind ern⸗ ſter Natur?.. Du ſiehſt beſorgt aus ... Und dann, Du Angelegenheiten .. . was für Angelegenheiten? Du genießeſt Deinen Rückzugsgehalt . . . Du lebſt nur mit Deinen Büchern, Du verläſſeſt Dein Häuschen in Ville⸗d'Avray nur zweimal in der Woche, um mit uns zu Mittag zu ſpeiſen . Welche wichtige Angelegen⸗ heiten kannſt Du haben? Kann ich Dir nicht zu etwas nütze ſein, um ſie zu einem guten Ziele zu führen?“ „Leider, nein.“ 149 „Wer weiß? ich habe Credit, meine Freunde auch, laß hören, Maurice, was für Angelegenheiten ſind es?“ „Adalbert, ich kann es Dir nicht ſagen.“ „Du „ Geheimniſſe für mich?“ rief der General erſtaunt und betrübt, „ah! Du hatteſt mich nicht an ſo viel Zurückhaltung gewöhnt.“ „Mein Freund, es gibt Geheimniſſe, welche nicht die unſrigen ſind.“ „Es handelt ſich alſo nicht um Dich?“ „Doch Aber nicht allein um mich.“ „In dem, was Dich perſönlich betrifft, mein lieber Maurice, könnte ich Dir vielleicht dienen?“ „Mein Freund, dringe nicht weiter in mich, jede Mittheilung iſt mir unterſagt.“ „Ah! das iſt ein Unglück,“ ſagte der General mit einem ſchmerzlichen Ausdruck in ſeinen Zügen, „immer bin ich ſchuldig, und nie kann ich mich meiner Schuld entledigen!“ „Adalbert, Du verleumdeſt Dich.. . Die Dankbar⸗ keit würde nicht auf Dir laſten, wenn Du mir Dank ſchuldig wäreſt, und Du biſt mir keinen ſchuldig.“ „Habe ich nicht Deinem unabläßigen Einfluß von zwanzig Jahren das zu verdanken gehabt, was ich meine Bekehrung nennen möchte? Haſt Dues nicht durch Deinen Rath und Deine Ermahnungen dahin gebracht, daß ich auf meine Jugendthorheiten verzichtete, um die⸗ ſes Familienleben zu leben, in dem ich ſeit ſo vielen Jahren himmliſche Freuden finde?“ „Mein Freund, ohne die traurigen Ereigniſſe, die Deine Bekehrung herbeigeführt haben wäre meine Stimme ohnmächtig geweſen.“ „Doch dieſe Stimme ſo ſtreng und unerbittlich, wie es die der Freundſchaft ſein muß, hat mir gleichſam die Lehren, die Moral dieſer Ereigniſſe überſetzt.“ „Dieſe ſchmerzliche Vergangenheit iſt ſchon fern von uns,“ ſagte der Major mit einem gezwungenen, 15⁵⁰ zögernden Ausdruck; „wozu nützt es, daß wir davon ſprechen?“ „Maurice, ich ſchwöre Dir, dieſe Vergangenheit iſt für mich ein Gegenſtand heilſamer Betrachtungen; weißt Du, was ich fühle, wenn ich mir ſage: Das häus⸗ liche Glück, das ich mit einer koſtharen Sicherheit bei einer angebeteten Frau finde, wie oft habe ich es un⸗ nöthig bei Andern geſtört! Welch eine furchtbare Strafe, wenn ich ebenfalls von meiner Frau betrogen worden wäre!“ „Ja, Du mußt der Vorſehung danken, daß ſie Dir eine ſolche Prüfung erſpart hat.“ „Und ich ſegne dieſe Vorſehung, Maurice, die ich früher verſpottete, ich ſegne ſie mit gefalteten Händen, wenn ich meine Tochter ſehe meine Toch⸗ ter, dieſen Engel von Unſchuld und Schönheit! meine Tochter! das Leben meines Lebens! denn ſiehſt Du, es gibt keinen Schlag ihres Herzens, der nicht ein Echo in dem meinigen hat .. Wenn ich ſie ſo rein, ſo glücklich zwiſchen ihrer Mutter und mir ſehe, ſage ich auch zu mir: In meiner Jugend hätte ich, vielleicht ohne Gewiſſensbiſſe, dieſe Blume der Unſchuld geknickt! Welch eine furchtbare Strafe, wenn ich ebenfalls mein Kind würde entehrt geſehen haben? Oh! dann, wenn ich daran denke, daß ich hätte in meiner Frau, in mei⸗ ner Tochter geſchlagen werden, mit Recht geſchlagen werden können, dann kocht mein Blut, ich habe etwas wie einen Schwindel des Schreckens und der Gewiſſens⸗ biſſe, ich begreife, ich fühle alles Böſe, was ich einſt gethan habe Dieſe betrogenen Väter und Ehemän⸗ mer, deren ich einſt mit einer cyniſchen Barbarei ſpot⸗ tete ich habe das Bewußtſein der grauſamen Schmer⸗ zen, die ſie erdulden mußten, denn nun bin ich auch Gatte, auch Vater! Und glaube nicht, mein Freund, dieſe ſtrenge Rückkehr auf mich ſei unfruchtbar, ſie be⸗ ſchränke ſich auf ohnmächtiges Bedauern. Nein, nein, wenn ich leider die Uebel, die ich verurſacht, noch nicht 15¹ wieder gut zu machen vermochte, ſo habe ich wenigſtens, Du weißt das, alle Kräfte meiner Seele, die ganze Macht meines Herzens der Erfüllung meiner Pflichten, dem Glück von Amelie und meiner Tochter gewidmet: noch jung verheirathet, hatte ich, trotz mancher Veran⸗ laſſung, zum Verräther an ihr zu werden, die Treue des ehelichen Bandes geachtet; ein einziges Mal, ich geſtehe es Dir, vor dem ich keine Geheimniſſe habe, ein einziges Mal, obgleich ſchon durch das Alter gereift, wäre ich beinahe von meinen Entſchließungen, ein red⸗ licher Mann zu bleiben, abgegangen.“ „Ja, vor zwei Jahren . die Baronin von Mont⸗ glas, eine mehr als zweifelhafte Tugend,“ ſagte der Major, der ſeinem Freunde mit einer Theilnahme ver⸗ miſcht mit einer Bangigkeit, die er zu verbergen ſuchte, zuhoörte. „Eine Abenteurerin.. „Zum Glück erwachte meine Vernunft bei Deinem ſtrengen Worte; das doppelte Band, das mich an meine Frau und an meine Tochter feſſelt, iſt rein geblieben. Abgeſehen von den Beſorgniſſen, die mir zuweilen die ſchwächliche Geſundheit dieſer zwei Engel meines Le⸗ bens eingeflößt, haben wir uns, ſie und ich, einer un⸗ ausſprechlichen Glückſeligkeit erfreut, und dies, ich wie⸗ derhole es Dir, Maurice, in Folge der Rathſchläge, der Ermuthigungen Deiner Freundſchaft, ihres ſchützen⸗ den Beiſtands in den Augenblicken meines Zögerns oder meiner Schwächez und ich ſoll Dir nicht ſagen: Dir immer ſchuldig ſein, und nie mich meiner Schuld end⸗ ledigen können? Es ſoll mir nicht, während ich Dich heute ſorgenvoll ſehe, peinlich ſein, daß ich hier ohn⸗ mächtig, unnütz bleiben muß, indeß Du leideſt? Die Liebe iſt durchdringend, Maurice. Ich bin feſt über⸗ zeugt, Du haſt einen Kummer und ſagſt ihn mir nicht.“ „Adalbert,“ erwiederte der Major bewegt, „was ſprichſt Du von einer Dankbarkeit, der Du Dich gegen mich zu entledigen habeſt? Eil bin ich nicht tauſendmal über meinen Verdienſt bezahlt worden, indem ich täglich 152 dieſer Umwandlung Deines Geſchmackes, Deines Charak⸗ ters beiwohnte? eine Umwandlung, die mir ſelbſt un⸗ möglich vorfäme, würde ich, die Uebergänge, die ſie all⸗ mälig herbeiführten, vergeſſend, Deine Sprache, Deine Gefühle mit dem vergleichen, was ſie vor zwanzig Jahren waren .. „ „Maurice, Du antworteſt mir nicht, es handelt ſich nicht um mich, ſondern um Dich. Du haſt einen Kum⸗ mer, und ich kenne ihn nicht.“ „Wenn ich,“ fuhr Maurice der Eingebung eines geheimen Gedankens folgend fort, ohne daß er die Un⸗ terbrechung ſeines Freundes gehört zu haben ſchien, zwenn ich Deine leidenſchaftliche Zärtlichkeit für Deine Frau und für Deine Tochter mit der grauſamen Sorg⸗ loſigfeit vergleiche, mit der Du Deine Geliebtinnen be⸗ handelteſt; wenn ich an Deine Gleichgültigkeit gegen die unglücklichen Kinder der Liebe denke, die doch Deine Kinder waren, wie Deine Tochter!“ Und er heftete einen unruhigen, beſorgten Blick auf den General, befürchtend, dieſer werde ſich, ſlatt das Geſpräch auf dem Boden fortzuſetzen, das er, Mau⸗ rice, abſichtlich gewählt hatte, nicht von ſeinem Ver⸗ langen, die Urſache der Beklommenheit des Majors zu erfahren, abwendig machen laſſen. XVII. Betroffen von dem ſeltſamen Widerſpruch der Ge⸗ fühle, auf den der Major Maurice abſichtlich ange⸗ ſpielt hatte, vergaß der General Roland einen Augen⸗ blick die Beſorgniſſe ſeiner Freundſchaft und ſagte mit nachdenkender Miene: 153 „Oft habe ich mich nach der Urſache dieſes Con⸗ traſtes gefragt, über den ich eben ſo ſehr als Du er⸗ ſtaunt bin. Es iſt ſeltſam! ich habe Geliebtinnen ge⸗ habt, welche noch verführeriſcher und wünſchenswerther waren, als meine Frau. Tadellos bis zum Tage ihres Fehlers, hat mir mehr als Eine ihre Ehre, ihre Ruhe geopfert, und für keine von ihnen habe ich dieſe Zärt⸗ lichkeit, gemiſcht mit Verehrung und Sicherheit, em⸗ pfunden, welche ich ſtets für die Mutter meiner Tochter hegte. Ich glaubte, mein Herz ſei welk, abgenutzt durch ſo viele Verbindungen des Vergnügens, und ich fand wieder, um Amelie zu lieben, unbekannte Schätze der Zuneigung, der Ergebenheit und der Empfindbarkeit. Was ſoll ich Dir noch ſagen, Maurice? das Schickſal der Kinder, von denen Du ſprichſt, flößte mir allerdings Mitleid ein; ich fühlte es als eine Pflicht, die Exiſtenz von denjenigen zu ſichern, welche drückende Armuth be⸗ fürchten konnten; doch wie ſollte ich dieſes beinahe ge⸗ zwungene Mitleid mit meiner Vergötterung für Helene vergleichen? Hoͤre, Maurice, ich habe es Dir hundert⸗ mal weinend bei den, ich geſtehe es, übertriebenen, al⸗ bernen, tollen Beſorgniſſen geſagt, von denen ich zuweilen bei der geringſten Unpäßlichkeit meiner Tochter heimgeſucht war; ich habe es Dir geſagt, Maurice, wenn ich ſie verlöre, ich würde ſie nicht überleben, eben ſo wenig, als ihre Mutter! Mein Leben iſt hier, ſiehſt Du, es iſt ganz hier.“ „Zum Glück iſt zu hoffen, daß jene Kinder nie Deine Unterſtützung nöthig gehabt haben,“ erwiederte der Major, eine Art von Gleichgültigkeit heuchelnd, welche von ſeinem Geiſte weit entfernt war. „Du haſt keine Nachricht von Deiner Tochter von Paula erhal⸗ ten, welche mit ihrer Mutter vor mehr als zwanzig Jahren verſchwunden iſt?“ „Nein, keine, Du weißt es Warum dieſe Frage?“ „Es iſt keine Frage,“ erwiederte eilig der Major, ——— 15⁴ aus Furcht, den Grund ſeines Gedankens zu errathen; „es iſt eine Thatſache, die ich beſtätige. Ebenſo iſt es mit Madame Delmare, welche einige Tage nach dem bewußten Zweikampf, an den Du lange ein ſo trauri⸗ ges Andenken bewahrt haſt, nach der Provinz abreiſte. Sie iſt, glaube ich, drei Jahre nach dieſer Cpoche ge⸗ ſtorben, und hat ihren Sohn, Deinen Sohn ohne Zweifel als Erben eines beträchtlichen Vermögens hin⸗ terlaſſen. Du haſt nie von ihm ſprechen hören; ſeine Wohlhabenheit muß Dich über ſein Loos beruhigen.“ „Hätte ich ſeine Spur auffinden können, ſo würde ich ſeine Zukunft geſichert und ihn gebeten haben, auf ein Vermögen zu verzichten, das nicht ihm gehört.“ „Dieſer Gedanke war lobenswerth; Du konnteſt ihn nicht ausführen, weil Du bis heute (der Major legte einen beſondern Nachdruck auf das Wort heute), über das Daſein dieſes Sohnes in Unwiſſenheit ge⸗ blieben biſt.“ „Ja, zu meinem Bedauern,“ erwiederte der Gene⸗ ral Roland mit nachdenkender Miene. „Doch weil wir von dieſer Vergangenheit ſprechen, Maurice, ich muß Dir ſagen, mein einziger, gleichſam lebendiger Gewiſ⸗ ſensbiß, denn wenn ich ihr begegne, erinnert ſie mich ſchmerzlich an meine Verirrungen von einſt, iſt Frau von Bourgueil.“ „Ich begreife das; dieſe iſt doppelt zu beklagen,“ erwiederte der Major. „Das Mißgeſchick wollte, daß die Folgen ihres damaligen Fehlers .. „Vollende nicht, Maurice. Es zerreißt mir das Herz, wenn ich an die unglückliche Tochter von Frau von Bourgueil denke. Ihr Mann muß das arme, in Thränen und in der Verzweiflung empfangene Kind haſſen. Es waltet hier indeſſen ein Geheimniß ob, das mich verwirrt. Ich habe dieſe junge Perſon mehrere Male in der Geſellſchaft geſehen; ſie iſt ſchön wie ihre Mutter; fie ſcheint heiter, glücklich zu ſein. Warum 155⁵ hat ſich Bourgueil, der ſo kalt boshaft, da er die un⸗ geſetzliche Geburt ſeiner Tochter kennt, nicht an ihr gerächt . um ſo mehr, als Doch der General unterbrach ſich hier und ſagte: „Habe ich Dir erzählt, daß dieſer Tage Frau von Bourgueil meiner Frau einen Beſuch gemacht hat?“ „Sie!“ rief der Major, indem er die Unruhe, die ihm dieſe Mittheilung verurſachte, zu verbergen ſuchte⸗ „Frau von Bourgueil bei Deiner Frau? Und unter welchem Vorwande?“ „Sie gehört ſeit einiger Zeit zum Verein für Ge⸗ fängniſſe, bei dem ſie, wie Amelie, Patronin iſt. Dieſe fand in ihr eine Frau von ſolidem, ausgezeichnetem Geiſte, von einer ſeltenen Herzensgüte und einer tiefen Schwermuth, faßte für ſie eine außerordentliche Sym⸗ pathie und theilte mir ihren Wunſch, mit Frau von Bourgueil in nähere Verbindung zu treten, mit.“ „Mein Freund,“ e der Major, ſehr ergriffen von dieſem Umſtand, „dißſe Annäherung von Frau von Bourgueil und Deiner Frau kommt mir ſeltſam vor. Ohne Zweifel weiß Deine Frau nichts von der Ver⸗ gangenheit, da Herr von Bourgueil, wie Du ſagſt, keinen Lärm gemacht hat und übervies viele Jahre ſeit jenem unſeligen Abenteuer vergangen ſind.“ „Wie Dir, Maurice, kam mir vieſe Annäherung zwiſchen Amelie und Frau von Bourgueil verdrießlich vor. Ich fand zum Glück einen Vorwnd, meine Frau von dieſer neuen Verbindung abwendig zu machen. „„Da unſere Abreiſe nahe bevorſteht,““ ſagte ich, „ſo würdeſt Du Dir Kummer bereiten, wenn Du Verbindungen anknüpfteſt, welche bald wieder abgebrochen werden müſſen.““ „Es iſt nichtsdeſtoweniger unerklärlich für mich, daß Frau von Bourgueil, welche einen ſo ehrenwerthen Charakter beſitzt, die Gelegenheit, ſich Deiner Frau zu nähern, nicht eher vermieden, als aufgeſucht hat.“ „Frau von Bourgueil iſt vielleicht genöthigt ge⸗ 156 weſen, dem Willen ihres Mannes zu gehorchen. Was iſt der Zweck von dieſem ? Ich weiß es nicht, doch er muß einen Hintergedanken haben, denn ſeit unſerer Rückkehr aus Italien habe ich die Anweſenheit von Bourgueil, ſeiner Frau und ſeiner Tochter in mehreren Salons bemerkt, die wir gewöhnlich beſuchen, und wo ich ihn bis dahin nie getroffen hatte „ So habe ich wiederholt ſeine Tochter geſehen.“ „Und Frau von Bourgueil, wie war ihre Haltung in der Geſellſchaft ?“ „Sie litt ſichtbar vadurch, daß ſie ſich mit ihrer Tochter meiner Frau und Helene gegenüber befand.“ „Und Herr von Bourgueil?“ „Immer derſelbe. Höhniſch und kalt, hatte er nicht die Miene, als kennete er mich; er ſchien voll Rück⸗ ſicht, voll Zuneigung für ſeine Frau und ſeine Tochter doch dieſer Menſch iſt ſo falſch, ſo rachgierig, daß das Leben ſeiner Frau eine lange Marter ſein muß.“ „Das iſt zu befürchten. Was ſeinen Hintergedan⸗ ken betrifft, ſo ſcheint mir dabei, daß er ſeine Frau nöthigte, ſich der Deinigen zu nähern, um ſie zuſam⸗ mentreffen zu laſſen, ſein Zweck klar: er wollte Frau von Bourgueil oft Dir gegenüber bringen und ſo un⸗ abläſſig in ihr ſchmerzliche Gewiſſensbiſſe erwecken.“ „Du biſt hellſichtiger, als ich; dieſe Rache allein muß grauſam ſein.“ „Deine Abreiſe ſteht, Gott ſei Dank, nahe bevor, und Du wirſt nicht länger unwillkührlich dem Groll von Herrn von Bourgueil dienen. Auf, mein Freund, ſei nicht ſo bekümmert,“ ſprach liebevoll der Major. „Was geſchieht, iſt eine von den traurigen Folgen der Vergangenheit; dieſe Vergangenheit haſt Du, ſo viel an Dir war, geſühnt; Du kannſt Dir wenigſtens ſagen, durch die Zärtlichkeit, durch die Rechtſchaffenheit Deines ganzen Lebens ſeit Deiner Verheirathung haben zwei Geſchöpfe Gottes, Deine Frau und Deine Tochter, nur das Glück und die Freude in dieſer Welt gekannt; das 157 muß die Reue mildern, welche Dir unwiederbringliche Uebel verurſachen; doch verzeih', mein Freund, ich ver⸗ geſſe die Stunde, und ſie drängt mich.“ „Mauriee,“ ſprach lebhaft der General, den die Ankündigung des Abgangs ſeines Freundes ſeiner Be⸗ klommenheit entzog, „was Du gethan haſt, iſt ſchlimm; Du haſt, von mir ſprechend die Unterredung über das, was Dich intereſſirte, zu entfernen gewußt; wirſt Du mich alſo verlaſſen, ohne mir das Geheimniß Deiner Beſorgniſſe anzuvertrauen?“ „Wenn Du wüßteſt, was es mich koſtet, etwas vor Dir zu verbergen!“ ſagte der Major, der unwill⸗ kührlich dem freundſchaftlichen Drängen des Grafen nachzugeben ſchien. „Nun denn! morgen oder etwas ſpäter kann ich Dir die Sache vielleicht mittheilen, doch nicht vorher. Höre mich an. Ich werde heute Abend „ nicht nach Ville⸗d'Avray zurückkehren. Mein Aufenthalt in Paris kann ſich ausdehnen. Haſt Du mir ein Zim⸗ mer zu geben?“ „Ah! Du bleibſt bei uns. Das iſt wenigſtens eine Entſchädigung. Du nimmſt die Wohnung ein, welche mein erſter Adjutant inne hatte.“ „Und beunruhige Dich beſonders nicht um mich, ſollte ich erſt ſehr ſpät nach Hauſe kommen, oder wenn ich heute Nacht gar nicht käme.“ „Maurice, und ich ſoll nicht beſorgt ſein?“ „Höre, mein Freund, ich hatte die Wahl zwiſchen zwei Entſchlüſſen; ich konnte nach Paris kommen und, ohne daß Du es wußteſt, mich mit dem, was mich hieher führt, beſchäftigen, oder thun, was ich gethan habe, Dich um eine Wohnung bitten und mich auf ein halbes Geſtändniß beſchränken. Letzteres hatte das Un⸗ angenehme, daß ich Dich beunruhigen mußte. Ich ſah das vorher; doch entſchuldige meinen Egoismus; ich war ſo bei Dir; und ich wiederhole Dir, wenn mir heute eine völlige Zurückhaltung auferlegt iſt, ſo kann — — —————————— 158 ich morgen zu Deiner alten Freundſchaft meine Zu⸗ flucht nehmen. Biſt Du zufrieden?“ „Man muß ſich zufriedenſtellen, wie man kann. Du läſſeſt mir alſo nur eine Hoffnung 2“ „Adalbert, Du biſt unerſättlich,“ erwiederte lächelnd der Major. „Adien und auf Wiederſehen!“ Als der Major den General verließ, ſagte er zu ſich ſelbſt: „Gott ſei Dank, es iſt mir gelungen, meine Be⸗ fürchtungen vor ihm zu verbergen, zu erfahren, was ich wiſſen wollte, ihn über mich ſtatt über ſich zu beun⸗ ruhigen und unter einem wahrſcheinlichen Vorwand in dieſem Hauſe zu bleiben.“ Während ſich die vorhergehenden Scenen ereig⸗ neten, war Pietri mit den verſchiedenen Aufträgen be⸗ ſchäftigt, die ihm die Gräfin gegeben hatte. Wir werden ihm alſo folgen nach Saint⸗La⸗ zarez Nach der Schenke zur Großen Pfeife; Und zu Frau von Bourgueil. XVII. Als Pietri in das Saint⸗Lazare⸗Gefängniß kam, fragte er nach Madame David, einer von den Auf⸗ ſeherinnen. Man ließ ihn in das Sprachzimmer eintreten. Nach wenigen Augenblicken erſchien Madame David. Der Corſe übergab ihr die fünf Louis d'or, welche die Gräfin Roland für die von ihr begünſtigte Ge⸗ U 159 fangene beſtimmt hatte, ſo wie den Brief ſeiner Ge⸗ bieterin. Nachdem ſie das Billet geleſen, ſagte die Aufſeherin nit einer außerordentlichen Freundlichkeit zum Inten⸗ 3 danten: „Mein Herr, nach dem Briefe der Frau Gräfin ann ich mit Ihnen in vollem Vertraueu von unſerer armen Louiſe Beaulieu ſprechen; ſie iſt in der That des Mitleids würdig; ich habe auch alle Hoffnung, daß wir mit Hülfe der Protection der Frau Gräfin in wenigen Tagen volle Begnadigung für unſere Gefangene er⸗ langen werden.“ „Nach dem, was die Frau Gräfin mitzutheilen nir die Ehre erwieſen hat,“ erwiederte Pietri, „iſt die arme Unglückliche ein Opfer einer augenblicklichen Ver⸗ irrung geweſen, welche bei der Verführung, der ſie unkerlegen, wohl begreiflich.“ „Allerdings hat ſie eine ſehr ſtrafbare Handlung begangen; doch wenn Sie wüßten, mein Herr, wie aufrichtig ihre Reue iſt! Und dann iſt ihr Charakter ſo ſanft, ihr Benehmen ſo muſterhaft, daß nur eine Stimme zu ihren Gunſten ſpricht. Ich bitte Sie alſo, mein Herr, der Frau Gräfin zu ſagen, daß, ſeitdem ich ſie zu ſehen das Vergnügen gehabt, ihre Schutzbe⸗ fohlene in meiner Achtung wo möglich gewonnen habe. Wiederholen Sie wohl der Frau Gräfin die Worte: in meiner Achtung, ſo ſonderbar ein ſolches Gefühl ſcheinen mag, wenn es ſich um eine wegen eines Mordverſuchs zu einer entehrenden Strafe verurtheilte Frau handelt. Ich habe mich mit dem von der Gräfin gewünſchten Aufſatz zu Unterſtützung des Begnadigungsgeſuchs be⸗ ſchäftigt; er iſt bereit, ich brauche ihn nur noch einmal zu durchleſen, und wenn Sie eine Viertelſtunde hier auf mich warten wollen, ſo werde ich Ihnen die Schrift übergeben.“ „Madame, ich bin zu Ihren Befehlen. Erlauben 160 Sie mir nur eine Bitte, welche ohne Zweifel unbe⸗ ſcheiden, vielleicht unmöglich zu erfüllen.“ „Sprechen Sie, mein Herr, und ſeien Sie zum Voraus von meinem Wunſche, dem Vertrauten der Frau Gräfin Roland angenehm zu ſein, überzeugt. Die Frau Gräfin ſpricht von Ihnen in ihrem Briefe wit ſolchen Ausdrücken, daß ich Ihnen, wenn das, was Sie ſich von mir zu erbitten haben, thunlich iſt, die Bewil⸗ ligung zuſichere.“ „Madame, ich bin ein alter und, ich darf es wohl ſagen, ein treuer Diener der Familie. Seit ſechsund⸗ dreißig Jahren habe ich den General nicht verlaſſen, ich habe ſeine Tochter geboren werden ſehen, ich bin meiner Herrſchaft mit Leib und Seele ergeben; ich habe kein anderes Verdienſt. Vernehmen Sie nun den Gegenſtand meiner Bitte: ſeit einigen Jahren bin ich der einzige Vertraute der guten Werke der Frau Grä⸗ fin, und Gott weiß, ob ihre Zahl groß iſt!“ „Oh! ich glaube Ihnen, mein Herr, die Wohl⸗ thätigkeit der Frau Gräfin muß unerſchöpflich ſein.“ „Ich habe alſo alle Perſonen fennen gelernt, welche von der Frau Gräfin unterſtützt worden ſind; es iſt für mich ein unbeſchreibliches Glück, ſie ihre lebhafte Dankbarkeit für meine verehrungswürdige, vortreffliche Gebieterin ausdrücken zu hören. Sie nennt das mei⸗ nen Nutzen, und ſie hat Recht,“ fügte der Corſe mit einem Lächeln rührender Gutmüthigkeit bei; „denn nichts iſt ſo ſüß für mich, als diejenige ſegnen zu hören, welche ich am höchſten in der Welt achte. Ich habe nun aber bis jetzt die neue Schutzbefohlene der Frau Gräfin nicht geſehen, und „ „Und Sie möchten gern auch Ihren Nutzen an die⸗ ſem guten Werke haben, nicht wahr, mein Herr?“ ſagte lächelnd die Aufſeherin. Nichts kann natürlicher ſein; dieſer Wunſch geht von einem zu edlen Gefühle aus, als daß ich ihm nicht entſprechen ſollte.“ „Ah! Madame, welche Güte!“ 161 „Während ich den Aufſatz, welchen Sie von mir der Frau Gräfin übergeben ſollen, noch einmal durch⸗ leſe, werde ich unſere Gefangene hieher rufen laſſen. Sie mögen dann mit ihr ſprechen, und ich verſichere Sie, daß Sie diesmal über Ihren Nutzen entzückt ſein wer⸗ den, denn nie iſt die Dankbarkeit einer Verbundenen für, ihre Wohlthäterin in Ausdrücken von einer rührenderen Aufrichtigkeit ausgeſprochen worden. Warten Sie alſo einen Augenblick, mein Herr; Louiſe Beaulieu wird ſo⸗ gleich kommen.“ Die Auſſeherin entfernte ſich, und wenige Minuten nach ihrem Abgang trat die Gefangene in das Sprach⸗ zimmer, in dem ſich Pietri befand. Dieſe junge Frau ſchien ungefähr zweiundzwanzig bis vierundzwanzig Jahre zu zählen. Ihr zierlicher, hoher Wuchs war vollendet, ihre Schönheit von ſeltener Art, und beſonders durch die engeliſche, beinahe jung⸗ fräuliche Lieblichkeit ihrer Phyſiognomie merkwürdig. Die braunen Jungfrauen von Murillo bieten unter ihren Bändern ſchwarzer Haare keine reineren Züge und haben auf ihren friſchrothen Lippen kein himmli⸗ ſcheres Lächeln. Wenn man dieſe verführeriſche junge Perſon mit der Haltung voll Beſcheidenheit, Würde und Anmuth, mit der milden und zugleich eindringenden Stimme ſah, fragte man ſich auch, wie ſie nur den Ge⸗ danken eines, wenn auch durch die Umſtände, unter de⸗ nen es begangen worden, gemilderten Verbrechens habe faſſen können. Louiſe Beaulieu ging auf Pietri mit einer Miſchung von Verlegenheit und Verwirrung zu, als ob die Ge⸗ fangene beim Anblick eines Fremden ihre Schmach ſich verdoppeln fühlte. Der Corſe heftete einen tiefen, neugierigen Blick auf die junge Frau. Ein raſches, höhniſches Lächeln ſchwebte über ſeine Lippen, dann nahmen ſeine Züge ihren gutmüthigen, durch ſeine langen weißen Haare noch ehrwürdiger gewordenen Ausdruck wieder an. Die Kinder der Liebe. 1¹ 162 „Mein liebes Kind,“ ſprach er mit einer väterlichen Miene zu Louiſe, welche ſchüchtern ſchwieg, „die Frau Aufſeherin hat Sie wohl davon unterrichtet, daß ich im Auftrag der Frau Gräfin Roland hierher gekommen bin.“ „Ja, mein Herr,“ etwiederte die Gefangene, indem ſie es kaum wagte, ihren engeliſchen Blick zum Inten⸗ danten zu erheben. „Auf, mein Kind,“ ſagte liebevoll der Corſe, „zit⸗ tern Sie nicht ſo; es würde mir leid thun, wenn ich Sie einſchüchterte. .. Ich bitte, haben Sie Vertrauen zu mir . . . die Frau Gräfin hat mir geſagt, welche Theilnahme ſie für Sie hegt; die Frau Aufſeherin recht⸗ fertigt dieſe Theilnahme durch die gute Meinung, die ſie von Ihnen hat.“ „Entſchuldigen Sie mich, mein Herr,“ antwortete die junge Frau mit einem ſchmerzlichen Lächeln, „wenn ich mich zum erſten Mal mit einem Fremden zuſammen⸗ finde, befürchte ich immer, er ſehe in mir nur die Gefangene die Verbrecherin „. „Beruhigen Sie ſich „. die Frau Gräfin hat mir Alles geſagt . . ich weiß, daß Sie mehr zu be⸗ klagen, als zu tadeln ſind.“ „Ah! es bleibt mir wenigſtens unter der Ernied⸗ rigung, in die ich verſunken bin, eine Tugend „. die Dankbarkeit. Hören Sie, mein Herr, ich kannte nie das Glück, eine Mutter zu haben, doch wenn ich es nach dem beurtheile, was ich für die Frau Gräfin fühle, ſo möchte ich ſagen, ich wiſſe nun, was es heißt, eine Mutter zu verehren, anzubeten . „. dürfte ſich eine Unglückliche, wie ich, dieſen Namen ihrer Wohlthäterin zu geben erlauben!“ „Warum nicht, da Sie die Gefühle einer Tochter für ſie haben?„ Doch ſagen Sie mir, mein armes Kind . wahrſcheinlich ſehr frühe Waiſe, haben Sie wohl viel leiden müſſen?“ „Nie, mein Herr, nie habe ich meinen Vater, nie 163 hahe ich meine Mutter gekannt. Sie,“ fügte Louiſe, ihre Hände an ihre thränenfeuchten Augen drückend bei, „ſie iſt .. vor Entkräftung, vor Armuth. .. vor Kum⸗ mer ohne Zweifel, in einem kleinen Dorfe, durch das ſie, mich auf dem Rücken tragend, gezogen ſein ſoll, ge⸗ ſtorben. Brave Bauersleute haben mich aus Barmher⸗ zigkeit aufgenommen. Als ich ein wenig älter war, ließen mich gute Schweſtern, die einen benachbarten Flecken bewohnten, zu ſich kommen, gaben mir das bis⸗ chen Unterricht, das ich beſitze, lehrten mich nähen und erzogen mich beſonders in den Grundſätzen der Reli⸗ gion, deren ich mich, zu meinem Unglück, nicht immer erinnert habe.“ „Und was iſt aus Ihnen geworden, als Sie dieſe guten Schweſtern verließen?“ „Eine wohlthätige Dame, die Herrin eines Schloſ⸗ ſes in der Nähe des Fleckens, hatte mit den Schweſtern ſehr häuſig Verkehr wegen wohlthätiger Werke, denn ſie war ebenſo mildherzig, als die Frau Gräfin.“ „Ahl mein armes Kind, glauben Sie mir, die gu⸗ ten Leute ſind minder ſelten, als man denkt.“ „Ich muß das mehr als irgend Jemand wiſſen, mein Herr; ich habe das Glück gehabt, in meinem Le⸗ ben die Dame, von der ich ſpreche, und die Frau Gräfin zu treffen. Doch dieſe flößt mir eine noch größere Dank⸗ barkeit ein. Hat ſie ſich nicht herabgelaſſen, einer ver⸗ lorenen, verbrecheriſchen Frau mit einem beinahe mütter⸗ lichen Mitleid die Hand zu reichen?“ „Nichts beweiſt mehr das Zartgefühl Ihres Her⸗ zens, als dieſe Unterſcheidung Ihrer Dankbarkeit. Und hut die Dame, von der wir ſprechen, für Sie ge⸗ an?“ „Sie hatte eine Tochter von ſiebenzehn Jahren; das war gleichſam mein Engel; ſie ſchlug mir vor, ihre Kammerfrau zu werden, und ſagte mir, ich würde bei⸗ nahe wie das Kind vom Hauſe behandelt werden.“ 164 „Sie haben es alſo angenommen, in Dienſtbarkeit zu treten?“ „Achl mein Herr, durch das Almoſen aufgezogen, ohne Mittel, ohne Familie, hatte ich nicht das Recht, auf meine Empfindlichkeit zu hören.“ „Oh! ich mache Ihnen damit keinen Vorwurfz es gibt keine ſo niedrige Lage, daß man ſie nicht ehren könnte. Ich ſage mit einem gewiſſen Stolz, daß ich ſeit dreißig Jahren in Dienſten der Frau Gräfin oder ihres Gemahls bin. Sie waren alſo bei dieſer Dame als Kammerfrau aufgenommen?“ „Ja, und ſo glücklich, als ich es ſein konnte. Ich wohnte ſogar den Lectionen bei, welche die Lehrerin meiner jungen Gebieterin dieſer gab, und erlangte ſo einige Kenntniſſe über meinem Stand. In dieſem Hauſe blieb ich bis zur Zeit, w ich das Fräulein verheira⸗ thete „Warum unterbrechen Sie ſich und ſeufzen Sie ſo traurig, mein Kind?“ „Ach! mein Herr, von jener Zeit ſchreibt ſich mein ganzes Unglück her.“ „Wahrhaftig! und wie dies?“ „Nach ihrer Verheirathung trat meine junge Ge⸗ bieterin mit ihrem Mann eine lange Reiſe an; ich be⸗ gleitete ſie. Hatte ſie alle gute Eigenſchaften des Geiſtes und des Herzens, ſo fehlten ihr doch einige äußere Gaben; allerdings vergängliche und häufig für diejenigen, welche ſie zufällig beſitzen, unſelige Gaben 1 „Sie ſagen das, mein Kind, als ob Sie auf ſich ſelbſt anſpielten, und es ſind allerdings in Beziehung auf Schönheit nur wenige Perſonen beſſer begabt, als Sie. Oh! Ihre Beſcheidenheit laſſe ſich hiedurch nicht beunruhigen: das iſt kein Kompliment, man macht keine mehr, wenn man graue Haare hat, wie ich.“ „Was ſoll ich Ihnen ſagen, mein Herr? ich hatte das Unglück vom Manne meiner jungen Gebieterin ſchön gefunden zu werden.“ 165 „Guter Gott! was ſagen Sie mir da? Ehrlich und Ihrer Gebieterin zugethan, wie Sie es ſein muß⸗ ten, welch eine grauſame Lage für Sie!“ „So grauſam, mein Herr, vaß ich nach Verlauf von drei Monaten, empört über die ſchmählichen Zu⸗ dringlichkeiten, deren Gegenſtand ich war, und beſon⸗ ders in Verzweiflung darüber, daß ich meine Gebiete⸗ rin, die in ihrer Verblendung ihren Mann anbetete, ſo ſchändlich hintergehen ſah, ſie bat, mich nach Frankreich zurückkehren zu laſſen. Sehr erſtaunt über dieſes Ver⸗ langen, fragte ſie mich dringend nach meinem Beweg⸗ grund, denn ſie war mir wohlwollend zugethan.“ „Zum Unglück konnten Sie ihn nicht angeben: das hätte ihr einen furchtbaren Schlag beigebracht.“ „Ich hätte nie den Muth hiezu gehabt, mein Herr. Auf die dringenden Fragen meiner Gebieterin antwor⸗ tete ich verlegen; ich habe nie zu lügen verſtanden.“ „Man braucht nur zehn Minuten mit Ihnen zu reden“ um ſich hievon zu überzeugen, mein liebes, armes Kind!“ ſagte der Corſe mit einem gezwungenen Lächeln. „Ich befürchte ſehr, Ihre Gebieterin täuſchte ſich in der Urſache der Entlaſſung, um die Sie baten . . . „Ach! mein Herr, ich wurde des ſchwärzeſten Un⸗ danks beſchuldigt, denn meine Gebieterin hatte mich wiederholt inſtändig gebeten, bei ihr zu bleiben. Das Gute, das man mir erwieſen, die rührende Theilnahme, deren Gegenſtand ich ſo lange geweſen war, Alles wurde mir mit harten Worten vorgeworfen. Meine Gebleterin jagte mich gleichſam weg, und ich opferte mich ihrer Ruhe.“ „Das war gräßlich, mein liebes Kind.“ „Ich konnte meine Gebieterin nicht tadeln; da ſie vie Urſache meines Abgangs nicht wußte, ſo mußte ſie mich für ein Ungeheuer des Undanks halten.“ „Und was wurde nachher aus Ihnen?“ „Das bischen Geld, das ich mir erſpart, diente mir dazu, meine Reiſe zu beſtreiten und in Paris die erſte Zeit nach meiner Ankunft in Erwartung eines Platzes oder einiger Aufträge zu Stickereien und ähn⸗ lichen Arbeiten zu leben. In den Dienſt zu treten, war mir beinahe unmöglich; über mich aufgebracht, hatte mir meine Gebieterin ein Zeugniß verweigert. Ich konnte zum Glück ein wenig Arbeit finden und lebte von meinem Fleiße, als die Stunde meines Verder⸗ bens kam.“ 2 Bei dieſer Erinnerung bebte Louiſe am ganzen eib. „Ja,“ ſprach der Corſe mit innigem Tone, „die Frau Gräfin hat mir das geſagt. Verführt und dann ſchändlich verlaſſen! „. Verrückt, verloren wollten Sie hierauf Ihren Verführer tödten und .. . „Ah! mein Herr, haben Sie Mitleid!“ rief Louiſe die Hände faltend, indem ſie Pietri ihr flehendes, vom Schmerz zerriſſenes Geſicht zuwandte. „Erinnern Sie mich nicht an meine Schande, an mein Verbrechen! Meine Gewiſſensbiſſe mahnen mich nur zu oft daran.“ „Ah! nun, da ich Ihr Leben kenne,“ ſprach Pietri mit dem Ausdruck tiefen Mitleids, „nun, da ich Sie Ihr Unglück mit dem Tone tiefer Erſchütterung, der gerade zum Herzen geht, habe erzählen hören, begreife ich die innige Theilnahme, welche die Frau Gräfin und alle Perſonen, die Sie umgeben, für Sie hegen, mein liebes armes Kind.“ „Ach! mein Herr, die Dankbarkeit für das Gute, was man mir erweiſt, meine Aufrichtigkeit im Geſtänd⸗ niß meiner Fehler, meine Reue darüber, daß ich ſie be⸗ gangen, ſind meine einzigen Anſprüche auf das Wohl⸗ wollen, deſſen ich ſo gern würdiger ſein möchte.“ Während ſie ſo mit ihrer ſüßeſten, einſchmeichelnd⸗ ſten Stimme ſprach, drückte Louiſe Beaulieu abermals ihre Hände an ihre von Thränen erfüllten Augen. Doch der Corſe packte auf eine beinahe brutale Weiſe die Hände der Gefangenen und ſtieß ſie raſch nieder, um ihr gut in's Geſicht ſchauen zu können. Dann 167 ſagte er leiſe und auf eine verächtliche, boshafte Weiſe lächelnd: „Mache doch kein ſo weinerliches Geſicht, ſcham⸗ loſe Lügnerin! verfluchte Heuchlerin! . . ich kenne Dich, ſchöne Maske! Alle Wetter! Du haſt keine von Dei⸗ nen hölliſchen Eigenſchaften verloren! . ich wollte mich deſſen verſichern!. .. Bravo! meine Tochter! Jeder Andere als ich hätte ſich bethören laſſen!..“ XIX. Die Gefangene, als ſie ſich von Pietri ſo heftig der Lüge und ſchändlicher Heuchelei bezüchtigen hörte, ſchien Anfangs ganz befremdet, als hätte ſie die Worte des Corſen durchaus nicht begriffen. Dann folgte auf das Erſtaunen ein Ausdruck tiefen Schmerzes und endlich die Entrüſtung, welche eine verletzende Anklage verur⸗ ſacht. Die junge Frau erhob auch ſtolz das Häupt und rief voll Bitterkeit: „Ich bin ſehr tief gefallen, doch ich habe mich nie mit einer Lüge befleckt, nie habe ich mich zur Heuchelei erniedrigt. Hören Sie, mein Herr?“ „Sehr gut! bravo!“ erwiederte Pietri mit einem ſardoniſchen Lächeln; „wie ſchön iſt ſie ſo! wie wahr⸗ haft entrüſtet ſieht ſie aus! wie aufrichtig iſt ihr Ton! und die Pantomime vollends! das iſt erhaben! Ah! böſer Dämon, Du hätteſt Glück auf dem Theater ge⸗ macht, und zwar auf mehr als eine Art! Warum hat ein Mädchen von Geiſt wie Du nicht in der Komödie debutirt, im Drama? die berühmte Madame Dorval hätte Dir nicht bis an die Knöchel gereicht!“ 168 „Oh! Sie können mich ungeſtraft beſchimpfen, mein Herr,“ ſagte Louiſe, deren Augen ſich mit Thrä⸗ nen füllten, während ihre Stimme, kurz zuvor bebend vor Zorn, wieder engeliſch ſanft wurde: „ich bin Weib.. ich bin Gefangene, und wegen eines ſo großen Ver⸗ brechens verurtheilt, daß jede Anſchuldigung gegen mich möglich iſt . .. Ich bin an das Unglück gewohnt, mein Herr, ich werde zu dulden wiſſen, ohne mich zu beklagen.“ Und ihre Thränen floßen über ihre von der Auf⸗ regung purpurrothen Wangen. „Thränen?“ verſetzte der Corſe mit einer ironiſchen Bewunderung die Hände faltend, „ächte, aus den Augen laufende Thränen? ächte Röthe auf der Wange?.. Man hatte es mir geſagt, ich wollte nicht daran glau⸗ ben; ſie erbleicht, ſie erröthet, ſie entrüſtet ſich ſie beſänftigt ſich mit einer unnachahmlichen Vollkommen⸗ heit. Ich füge mich in das Unleugbare, ich verbeuge mich vor dieſem Talent erſten Rangs.“ „Mein Herr,“ erwiederte die Gefangene, indem ſie ſich ruhig, würdig, beinahe majeſtätiſch erhob, „ich bin zum Gefängniß, und nicht zu Ihren Beleidigungen ver⸗ urtheilt.“ Und ſie wandte ſich nach der Thüre des Sprach⸗ zimmers. Der Corſe ſchaute ihr ein paar Schritte nach; dann ſprach er, ſeine Worte mit einer gebieteriſchen Geberde begleitend: „Bleibe hier, Louiſa Marchetti!..“ Beſtürzt bei dieſem Namen, verlor die Gefangene ihre gewöhnliche Geiſtesgegenwart und blieb wie ver⸗ ſteinert; ſie erbleichte furchtbar; bis dahin von einem himmliſchen Ausdruck, verwandelten ſich ihre Züge; die Wuth, der Haß traten in ihrem kurz zuvor noch ſo rei⸗ nen, ſo ſanften Geſicht hervor, ihre großen ſchwarzen Augen funkelten von einem düſtern Feuer; ihre erſte beinahe, maſchinenmäßige Bewegung war, daß ſie raſch einen wilden Blick ringsumher und auf ſich ſelbſt warf, 169 als ſuchte ſie irgend eine Waffe; dann, da bie Ueber⸗ legung auf dieſen Augenblick der Aufwallung folgte, welche ſie verrathen hatte, wurde ihr Geſicht wieder unempfindlich wie eine Marmorlarve, und nach einem leichten Zögern ging ſie abermals auf die Thüre zu, ohne Pietri anzuſchauen. „Wenn Du Dich rührſt, ſo offenbare ich, wer Du biſt,“ ſagte Pietri. „Komm hierher und höre mich an.“ Die Gefangene blieb ſtehen, überlegte, wandte ſich um und kehrte langſam zu Pietri zurück, wobei ſie auf ihn ihren finſtern Blick heftete, der jeden Andern als dieſen Menſchen erſchreckt haben würde. „Wer ſind Sie?“ „Es handelt ſich nicht um mich, ſondern um Dich. Du heißeſt Louiſa Marchetti!“ „Das iſt falſch.“ „Was Du mir, wie vielen anderen guten Seelen, von Deinem vergangenen Leben erzählt haſt, iſt eine Geſchichte, wie Du ſie zu erfinden weißt... Deine Mutter, Paula Marchetti, iſt in Paris geſtorben; Du warſt damals fünf Jahre alt. Eine ſchlechte Frau, eine Nachbarin von Deiner Mutter, die Dich als Waiſe ſah⸗ hat Dich aufgezogen, nicht aus Mitleid, ſondern um Dich eines Tags zu verfaufen; denn Du verſprachſt das zu werden, was Du biſt, ſchön wie ein Engel.“ „Sie träumen!!!“ „Mit vierzehn Jahren hatte man Dich ſchon ver⸗ kauft und dem Verderben überantwortet.“ „Dergleichen ehrliche Händel ſind nicht ſelten in Paris,“ erwiederte die Gefangene mit einer kalten Bit⸗ terkeit. „Sie verwechſeln mich mit einer Andern.“ „Mit fünfzehn Jahren hat man Dich in ein Cor⸗ rectionshaus geſchickt; ſchon bis in das Mark Deiner Knochen verdorben, haſt Du Dich dort Deiner großen Komödienkunſt hingegeben. Gerührt von Deiner Jugend und verführt durch Deine teufliſche Heuchelei, machte ſich eine vortreffliche Frau anheiſchig, ſich Deiner an⸗ 170 zunehmen, um Dich aus dem Abgrund des Laſters zu ziehen; ſie hat Dich mit Wohlwollen überhäuft, Dir ünterricht ertheilen laſſen. Du beſitzſt einen eiſernen Willen; Du biſt ſehr verſtändig und haſt den Unter⸗ richt raſch benützt; nach einem dreijährigen Aufenthalt bei Deiner Wohlthäterin warſt Du nicht mehr zu er⸗ kennen (es verſteht ſich, äußerlich). Viele junge Leute von guter Familie kommen Dir an Werth, hinſichtlich der Bildung, der Anmuth, der ausgezeichneten Manieren, nicht gleich.“ Louiſa Marchetti (geben wir ihr ihren wahren Na⸗ men) verſchlang, trotz ihrer ſcheinbaren Ruhe und ihrer Stitne, welche ſo undurchdringlich als Erz, Pietri mit dem Bilick, zugleich erſtaunt und erſchrocken, als ſie ihr Leben ſo von dieſem Unbekannten entſchleiert ſah. Er fuhr fort: „Deine Beſchützerin hatte einen Sohn im Colleg, der um ein Jahr jünger war als Du; er zählte näm⸗ lich ſiebenzehn, Du zählteſt achtzehn Jahre. Es kommt die Zeit der Ferien, er bringt ſie bei ſeiner Mutter zu, er verliebt ſich in Dich, er nimmt fünf bis ſechs tau⸗ ſend Franken aus dem mütterlichen Secretaire, und in einer ſchönen Nacht geht Ihr Beide davon.“ „Lüge!“ „Die Polizei holt Euch bald ein, und Du wirſt, als ein, wenig unfreiwillige, Mitſchuldige des von dem Sohne an ſeiner Mutter begangenen Diebſtahls nur zu einem Jahr Gefängniß verurtheilt.“ „Fahren Sie fort, wenn es Ihnen beliebt.“ „Bei Deinem Abgang aus dem Gefängniß verliere ich Dich aus dem Blicke, doch ich finde Dich als Ba⸗ ronin wieder, ja, bei Gott! als Baronin von Montglas! ein großes Leben führend, als eine der eleganteſten Frauen von Paris genannt; Alles in Folge vder Verſchwendungen eines reichen Americaners. Du hatteſt damals zum Geheimenrath einen gewiſſen Saint⸗Lambert, einen etwas ſpitzbübiſchen Glücksritter, 171 im Uebrigen den ſchönſten Burſchen der Welt. Er lehrte Dich die Manier, Deinen Americaner lebendig zu rupfen. Du benützteſt ſeine Lectionen, und dieſer überſeeiſche Dummkopf verließ Frankreich völlig von Dir zu Grunde gerichtet. Leider erſtehen die Americaner nicht wieder aus ihrer Aſche wie der Phönix. Auf Deine frühere Wohlhabenheit folgte almälig die Beengung. Damals, erinnere Dich deſſen wohl, damals geſchah es, daß Dich ein anonymer Freund liebreich auf eine vortreffliche Gelegenheit aufmerkſam machte, die ſich Dir bot, um Deinen Plutus zu erſetzen. Es handelte ſich darum, geſchickt in Deinen Netzen einen General von rei⸗ ferem Alter zu fangen, der ſehr reich und einſt ſehr ausſchweifend; man rieth Dir, um die Bekanntſchaft anzuknüpfen, an den General ein reizendes Briefchen zu ſchreiben (wie Du ſie zu ſchreiben verſtehſt), und ihn zu bitten, die Tochter von einem ſeiner vormaligen Waffengefährten mit einem Beſuche zu beehren. Du hatteſt Alles zu gewinnen und Nichts zu wagen, als Deine Tugend. Du befolgſt auch auf gut Glück den anonymen Rath; der Brief iſt geſchrieben, der General geht in die Falle, kommt, um Dich zu ſehen, und findet Dich anbetungswürdig. Leider,“ fügte der Corſe mit einem Lächeln finſtern Bedauerns bei, „leider machte, trotz Deiner Schönheit, trotz Deiner Verführungen, Deiner Coquetterien, der General in dem Augenblick, wo er der Verſuchung zu unterliegen im Begriff war, den Seipio und blieb rein wie der weiße Hermelin.“ „Iſt es bald zu Ende?“ „Sogleich. Als die letzten Trümmer Deines ame⸗ ricaniſchen Reichthums verſchwunden waren, reiſeſt Du mit Deinem Geheimenrath Saint⸗Lambert nach Bor⸗ deaur ab. Dort eröffnet Ihr eine Art von Spielhaus für gute Geſellſchaft; die Einfaltspinſel laufen zu der Baronin Montglas und ihrem Cavalier, Herrn von Saint⸗Lambert; der Vogelfang beginnt und wird wun⸗ derbar productiv; doch ach! wüthend, daß ſie viel Geld verloren, ſprechen einige erbärmliche Spieler von Be⸗ trügerei, von bezeichneten Karten, und dies ſo lange und ſo gut, daß eines ſchönen Abends die Polizei bei der gnädigen Frau erſcheint, und ſie wird eingeſteckt, während ihr Genoſſe zu entkommen weiß.“ „Nicht wahr, ich habe Geduld?“ „Baronin, Du haſt alle theologiſchen Tugenden, die andern nicht zu rechnen. Du biſt alſo nun zum dritten Mal im Gefängniß; doch Deine Schönheit, Deine Gewandtheit, Deine Heuchelei, Deine treuloſen Reize find für Dich ein mächtiger Talisman. Ich weiß nicht, durch welches teufliſche Mittel es Dir gelingt, eine von den Aufſeherinnen des Gefängniſſes von Bor⸗ deaur anzulocken und zu verführen, wie Du die Auf⸗ ſeherin, welche vorhin hier war, bezaubert haſt. Dieſe Aufſeherin trifft Vorkehrungen zu Deiner Entweichung, begünſtigt ſie, und aus Bordeaur entfliehend, kommt die Frau Baronin in Paris unter dem Namen Louiſe von Beaulieu an. Dann eine völlige Verwandlung Deiner Perſon. Du färbſt Deine blonden Haare ſchwarz, Du mietheſt ein kleines Zimmer und lebſt darin als Gri⸗ ſette. Bald verliebſt Du Dich in einen jungen Commis. Diesmal war es von Deiner Seite ohne Zweifel eine wahre Leidenſchaft, denn nach Verlauf einer Verbin⸗ dung von fünf bis ſechs Monaten, als der Commis mit Dir gebrochen hatte, um ſich zu verheirathen, warteſt Du auf ihn eines Abends vor ſeiner Thüre und bringſt ihm zwei Meſſerſtiche bei. Auf friſcher That des Mordes ertappt und bald mit dem armen Opfer confrontirt, haſt Du die Frechheit, zu rufen: „Ich war unſchuldig und rein; dieſer Menſch hat mich verführt und dann verlaſſen; ich habe mich nur gerächt.“ Obgleich halb todt, widerſpricht Dir der arme Teufel nicht, ohne Zweifel, weil es ihm ſchmeichelt, für den erſten und einzigen Verführer eines ſo ſchönen Mädchens wie Du zu gelten; es erfaßt ihn Mitleid mit Deiner Lage, er beſtätigt Deine Lüge und gibt Dich für 173 ein Wunder der Tugend vor Deinem Fall aus. Es braucht nicht mehr, als einen ſolchen Anfang, um das Gericht irre zu leiten; Deine Feinheit, Deine Gei⸗ ſtesgegenwart, Deine Heuchelei vollenden die Arbeit, und man iſt hundert Meilen von dem Gedanken ent⸗ fernt, Louiſa Marchetti, die aus dem Gefängniß entſprungene falſche Baronin von Montglas und die braune Griſette Louiſe Beaulien ſeien eine und dieſelbe Perſon. Es kommt der Tag des Ge⸗ richts; die wohlwollende Angabe Deines Verführers, die Gerechtigkeit, die er Deinem uneigennützigen Cha⸗ rakter, Deiner Treue, Deiner Ergebenheit für ihn wi⸗ derfahren läßt, ſtimmen Deine Richter vortrefflich; Du erſcheinſt, Du ſprichſt, Du bewegſt, Du bezauberſt, Du nimmſt ganz und gar für Dich ein, Du verdrehſt alle Köpfe; die guten Geſchworenen ſchluchzen, der Staats⸗ anwalt hat eine Thräne im Auge, man geſteht Dir mildernden Umſtände zu, Du wirſt nur zum Minimum der Strafe verurtheilt, und einmal hier, wirſt Du das Idol und das Muſter des Gefängniſſes.“ „Iſt dies Alles?“ „Noch einen Augenblick. Vor drei Wochen erhältſt Du ein anonymes Billet, worin man Dir ſagt: „„Eine Perſon, welche weiß, daß Sie mehr unglücklich, als ſtrafbar ſind, fordert Sie auf, ſich um die Protection der Frau Gräfin Roland, Patronin des Vereins für Gefängniſſe, zu bewerben; ſie wird von Ihrer Reſigna⸗ tion und Reue gerührt ſein und kann ſich vielleicht für Sie intereſſiren.““ Die Aufſeherin, welche alle Briefe lieſt, ermahnt Dich, den Rath zu benützen; Du be⸗ nützſt ihn und ſagſt Dir dabei ohne Zweifel: „„Ich habe es allerdings früher verſucht, den Mann der Gräfin, den General Roland, zu verführen, doch unter dem Na⸗ men einer Baronin von Montglas; die Frau des Ge⸗ nerals kann alſo nicht vermuthen, Louiſe Beaulien ſtehe in einer auch nur entfernten Beziehung zu der Baronin, von der ſie überdies ohne Zweifel nie hat reden hören,““ 174 Man empfiehlt Dich meiner Gebieterin, fie ſpricht mit Dir, bald haſt Du ſie verblendet wie die Andern, und heute bittet ſie um Deine Begnadigung mit der Sicher⸗ heit, ſie zu erlangen. Du biſt alſo begnadigt, wenn ich nicht ganz einfach ſage: „„Loniſe Beaulien iſt keine Andere, als Louiſa Marchetti, die falſche, aus dem Ge⸗ fängriß in Bordeaux entſprungene Baronin von Mont⸗ g „Diesmal iſt es wohl Alles?“ „So ungefähr.“ „Hören Sie mich nun Ihrerſeits wohl an,“ ſprach die junge Frau, dem Corſen einen Blick kecker Heraus⸗ forderung zuwerfend. „Wenn ich ſelbſt Louiſa Marchetti wäre, würden Sie mein Verderben nicht herbeiführen.“ „Warum nicht?“ „Wenn Sie mich hätten verderben wollen, wäre es ſchon geſchehen.“ „Vielleicht.“ „Als ſie hierher kamen, dachten Sie, es ſei die⸗ jenige, welche Sie für Louiſa Marchetti hielten.“ „Ah! Du geſtehſt noch nicht?“ „Ich habe nichts zu geſtehen.“ „Das iſt ſtark.“ . „Sie haben der Aufſeherin nichts geſagt, Sie wollen alſo einen Preis auf Ihr Stillſchweigen ſetzen?“ „So iſt es, wenn man mit einem Mädchen von Geiſt zu thun hat.. Nun wohl! ja, ich ſetze einen Preis auf mein Stillſchweigen, das heißt, auf Deine Begnadigung „ Gehorche meinen Befehlen, ich treibe die Gräfin an, zu handeln, in zwei bis drei Ta⸗ gen vielleicht biſt Du frei „ und mit Deiner Frei⸗ heit ſichere ich Dir ein beneidenswerthes Loos.“ Die Gefangene dachte lange nach und erwiederte dann: 5 „Wenn ich Louiſa wäre „Ah! immer?“ 175 „Wäre ich Louiſa, wie würden Ihre Bedingungen lauten 7“ „Sie ſind von zweierlei Art.“ „Von zweierlei Art?“ „Die eine iſt zur Stunde zu erfüllen, die andere ſpäter.“ Louiſa Marchetti dachte abermals nach und erwie⸗ derte dann kalt: „Und wenn ich Ihnen Bedingungen auferlegte?“ „Baronin, ich bewundere Dich!“ „Wenn ich bei der Rückkehr der Aufſeherin zu vieſer ſagte: „„Madamt Sie haben mich vorhin be⸗ nachrichtigt, ein ehrwürdiger Mann, der das volle Ver⸗ trauen der Frau Gräfin von Roland, meiner Beſchütze⸗ rin, genieße, wünſche mich zu ſprechen. Dieſer Mann iſt des Vertrauens ſeiner Gebieterin unwürdig.““ „Weiter, Baronin?“ „„Er hat ohne Zweifel ein unſeliges, ſtrafbares Intereſſe, ihr zu verbergen, daß ich Louiſa Marchetti bin, denn er weiß, daß ich ſo heiße, und ſtatt ſeiner Gebieterin dieſes Geheimniß zu enthüllen, will er ſie hintergehen, denn er trägt mir an, unter Bedingungen zu ſchweigen. Von Dankbarkeit für die Güte der Frau Gräfin durchdrungen, ziehe ich es vor, hierauf zu ver⸗ zichten, und will lieber mich ſelbſt durch das Geſtänd⸗ niß, das ich mache, in's Verderben ſtürzen, als einen Elenden nicht entlarven, einen Elenden, der um ſo gefährlicher für meine Wohlthäterin, als ſie ein blindes Zutrauen zu ihm hat.““ „Ei! ei! Baronin, das iſt nicht übel. Ich er⸗ kenne Deine Manier; Du könnteſt noch Nutzen aus Deinem Geheimniß ziehen, indem Du Dich ſo für die Gräfin zu opfern ſcheinen und ſie für Dich intereſſiren würdeſt, was auch kommen mag .. Oh! Du biſt eine Frau von Mitteln, ich weiß das nicht erſt ſeit heute. Nur iſt dieſe kleine Schelmerei in der Grund⸗ lage mangelhaft.“ * 176 — „Warum?“ 4 „Einmal führſt Du Dein Verderben herbei.“ „Aber das Ihrige nicht?“ „Nein, denn ich leugne, was Du ſagſt.“ „Doch; denn, ich, ich beſtätige es.“ „Du! eine wiederholt von den Gerichten Be⸗ ſtrafte, eine Rückfällige! Du, die falſche Baronin Montglas! man wird Dir nicht glauben!“ „Irrthum, man wird mir um ſo eher glau⸗ ben, als Niemand annehmen kann, uur um des Ver⸗ gnügens willen, zu lügen, liefere ich mich ſelbſt als Louiſa Marchetti in dem Augenblick aus, wo ich meine Begnadigung als Louiſe Beaulieu erhalten ſoll.“ Der Corſe biß ſich vor Wuth auf die Lippen⸗ In dieſem Augenblick trat die Aufſeherin ein. Die Phyſiognomie der beiden Perſonen änderte ſich wie durch einen Zauber, die von Louiſa wurde wieder unſchuldig und traurig, die von Pietri voll Gutmüthigkeit. „Mein Herr,“ ſagte die Aufſeherin zu ihm, indem ſie ihm ein Schreiben unter Umſchlag übergab, „hier iſt der Aufſatz zu Unterſtützung des Begnadigungsge⸗ ſuchs für unſere arme Gefangene. Wollen Sie der Frau Gräfin ſagen, der Herr Director habe, wie ſie übrigens ſehen wird, den Aufſatz auf das Wärmſte mit Bemerkungen verſehen, und er ſchließe ſich mir an, um die Frau Gräfin zu bitten, ſie möge ohne Verzug ihren ganzen Credit zu Gunſten unſerer Schutzbefohlenen anwenden.“ „Seien Sie verſichert, Madame,“ erwiederte Pie⸗ tri, „die Frau Gräſin hat ſich dieſe Sache zu ſehr zu Herzen genommen, um ſie nicht zu einem guten Ziele zu führen.“ „Oh! Madame!“ ſagte Louiſa zu der Aufſeherin, indem ſie ihr engeliſches Auge zu ihr aufſchlug, „man trägt immer aus den Gefängniſſen nur Erinnerungen der Schande und der Bitterkeit mit ſich fort, und ich — 177 werde, Dank ſei es Ihnen und den Perſonen, welche, wie dieſer Herr, ſo warmen Antheil an meiner trauri⸗ gen Lage nehmen, nur Erinnerungen der Achtung und inniger Erkenntlichkeit mit mir tragen.“ „Sie hören ſie, mein Herr,“ ſprach die Aufſeherin; „Sie haben mit ihr geſprochen, finden Sie eine Ueber⸗ treibung in Allem dem, was ich Ihnen Gutes von unſerer Gefangenen geſagt habe?“ Dann fügte ſie bei: „Ich hoffe Ihr Nutzen iſt ſchön ge⸗ weſen.“ „Ach! Madame, ich bin ſo habgierig, ſo unerſättlich, daß ich es wage, Sie noch um einige Minuten Nutzen zu bitten .. Das liebe Kind hat mir ſeine Jugend, ſeine Unglücksfälle erzählt, und ich kann Ihnen nicht ſagen, mit welcher Gemüthsbewegung ich ihm zuhörte.“ „Oh! das kann wohl ſein. . .. Ziehen Sie Ihren Nutzen nach Ihrem Belieben, erwiederte zuvorkommend die Aufſeherin. „Reden Sie mit Louiſe ſo lange Sie wollen, ſie wird ihrerſeits auch ihren Nutzen ziehen, denn die Unterhaltung mit ehrenwerthen Perſonen iſt immer koſtbar. Wenn Sie weggehen wollen, wenden Sie ſich an den Wärter, der im Eingahgszimmer iſt und auf Louiſe wartet, um ſie in ihre Zelle zurückzu⸗ führen.“ Die Aufſeherin ging hinaus. Der Corſe und Louiſa blieben abermals allein. Die Kinder der Liebe. XX. Als Pietri mit Louiſa Marchetti allein war, ſagte er zu ihr: Deine Drohung, Dich in's Verderben ſtürzend auch mein Verderben zu bereiten, hatte eine ſcheinbare Seite; Anfangs beunruhigte mich das „ Du ſiehſt, ich bin offenherzig . . Doch Alles wohl erwogen, habe ich nichts von Dir zu befürchten.“ „Ah! Sie glauben?“ „Ja, Baronin. Weißt Du, warum ich weder der Aufſeherin, noch meiner vortrefflichen Gebieterin ent⸗ deckte, daß Du Louiſa Marchetti biſt 2“ „Aus irgend einem verabſcheuenswerthen Grund. . Ich habe Erfahrung .. Und nur aus Ihrer Miene zu ſchließen, glaube ich, daß mir kein gefährlicherer Menſch vorgekommen iſt, als Sie. Ich weiß nicht war⸗ um es mir Freude machen würde, mich verderbend Sie in's Verderben zu ſtürzen .. Sie ſehen, ich bin offenherzig.“ „Das iſt rührend, Baronin, aber nicht ſehr bün⸗ dig, Du wirſt es ſehen.“ „Laſſen Sie hören.“ „Ich nehme an, Du theileſt der Aufſeherin mit, ich habe meiner Gebieterin verborgen, Du ſeiſt Louiſa Marchetti.“ „Ja, wie wollen Sie ſich da herausziehen?“ „Dadurch, daß ich die Wahrheit ſpreche, wie immer.“ „Daß Sie die Wahrheit ſprechen 2“ „Du wirſt es begreifen, Baronin. Meiner Gebie⸗ terin enthüllen, wer Du biſt, ihr beweiſen, ſie ſei von ihrer anbetungswürdigen Güte und Deiner hölliſchen . 179 Heuchelei bethört worden, das wäre ein zu grauſamer Schlag für ſie geweſen. Es iſt vielleicht eine Schwäche von meiner Seite,“ fügte Pietri mit ſeinem falſchen, gutmüthigen Tone bei; „aber ich hatte nicht den Muth, eine ſo ſchmerzliche Enttäuſchung bei meiner würdigen Gebieterin herbeizuführen: das iſt die Wahrheit, ſo würde ich ſie ſagen, wenn Du toll genug wäreſt, Dich ſelbſt anzuzeigen, im Glauben, mich zu Grunde zu richten.“ Louiſa Marchetti biß ſich nun auch auf die Lippen und erwiederte: „Das iſt gewandt.“ „Ei! mein Gott, nein,“ ſagte der Corſe, ſeine Treuherzigkeit verdoppelnd; „das iſt nicht gewandt, das iſt ganz einfach aufrichtig. Glaube mir, mein Kind, der beſte Entſchluß, den man faſſen kann, iſt immer der, daß man aufrichtig zu Werke geht.“ „Somit bedrohen Sie mich alſo nicht mehr?“ „Ich! großer Gott!“ „Sie ſtellen keine Bedingungen mehr für Ihr Stillſchweigen?“ „Doch, doch, liebes, gutes Geſchöpf! Es handelt ſich nicht allein darum, Sie zu begnadigen, man muß ſich auch mit Ihrer Zukunft beſchäftigen, ſie ſichern, Sie nicht der Gefahr ausſetzen, in andere Irrthümer zu verfallen, engeliſche Perſon. Ich geſtehe aber nun, obgleich es mir auf das Lebhafteſte widerſtrebt, meine verehrungswürdige Gebieterin in Beziehung auf Sie zu enttäuſchen, hätte ich doch dieſen Muth, wenn Sie, Ihre eigenen Intereſſen mißkennend, ſich weigerten, gewiſſe Bedingungen zu erfüllen, die ich Ihnen leider auferlegen muß, einzig und allein in der Abſicht, Sie vor neuem Unglück zu behüten.“ Während der Corſe ſo ſprach, heftete Louiſa Mar⸗ chetti einen durchdringenden Blick auf ihn, und nach⸗ dem Beide einen Augenblick geſchwiegen, ſagte ſie zu ihm: „Sie ſind wahrhaftig ein Ruchloſer! Gott ver⸗ 180 damme mich! ich glaube noch mehr werth zu ſein, als Sie.“ „Ah! Baronin, was Sie da ſagen, iſt nicht be⸗ ſcheiden.“ „Aber wer iſt denn dieſer Dämon?“ fügte Louiſa wie mit ſich ſelbſt ſprechend bei. „Woher kommt er? wie weiß er das Geheimniß meines ganzen Lebens?.. was will er von mir?“ „Die Stunde der vertraulichen Erörterungen iſt noch nicht gekommen, Baronin .. Doch antworte mir Deine Mutter . „Meine Mutter!“ ſagte bebend die Gefangene. „Erinnerſt Du Dich Deiner Mutter?“ fuhr Pietri fort. „Nicht wahr, ſie hat viel gelitten?“ Ein unbeſchreiblicher Ausdruck trat plötzlich in den Zügen von Louiſa hervor, eine ſeltſame Miſchung von Schmerz, von Haß und von Rührung. Durch das Laſter verhärtet, an die Lüge und die Heuchelei ge⸗ wöhnt, war die Gefangene diesmal von der tiefſten Gemüthserſchütterung heimgeſucht. Sie weinte nicht, aber ihre ſchwarzen Brauen zogen ſich zuſammen, ihre Lippen wurden einen Augenblick von einem krampfhaf⸗ ten Zittern bewegt, und ihre Marmorbruſt hob ſich mühſam von einem ſchmerzlichen Gewicht belaſtet. „Du antworteſt mir nicht,“ ſagte der Corſe. Und mit einem unheimlichen Gelächter fügte er bei: „Hal ha! ha! Deine Mutter muß von der Wuth berauſcht geſtorben ſein, wenn ſie alle Thränen der Schande und der Verzweiflung, die ſie vergoſſen, ge⸗ trunken hat.“ Bei dieſem gräßlichen Hohn wurde Louiſa leichen⸗ bleich; ihre ſchon ſo großen Augen vergrößerten ſich noch, ſo daß ein weißer Kreis um ihre ſchwarzen Au⸗ genſterne vortrat; ihre Zähne preßten ſich ſo krampfhaft an einander, daß man die Muskeln ihrer Kinnbacken vorſpringen ſah; ihr Stillſchweigen, ihre furchtbare Phyſiognomie, der ſtarre, gräuliche Blick, den ſie auf —½ 181 Pietri warf, während ſie langſam zwei Schritte gegen ihn machte, Alles das war ſo erſchrecklich, daß dieſer Menſch mit dem ehernen Herzen maſchinenmäßig zu⸗ rückwich, doch nicht ſchnell genug, daß ihn nicht das kräftige Geſchöpf, plötzlich auf ihn einſpringend wie ein Pantherthier, an der Gurgel packte. Obgleich ſchön und weiß, preßten doch die beiden Hände der Gefan⸗ genen den Hals von Pietri ſo zuſammen, daß er we⸗ der ein Wort ausſprechen, noch einen Schrei von ſich geben konnte. Er erſtickte beinahe . .. „Elender Böſewicht!“ murmelte Louiſa Marchetti, „wirſt Du es noch einmal wagen, meine Mutter und ihre Leiden zu verhöhnen?“ Durch das Alter geſchwächt und außer Stand, mit der Gefangenen zu kämpfen, deren Kräfte die Wuth verdoppelte, verſuchte es der Corſe, auf die Frage, die e an ihn gerichtet, durch ein verneinendes Zeichen mit dem Kopf zu antworten, denn ſein Hals war feſt⸗ gehalten und zuſammengedrückt wie in einem Schraub⸗ ock. „Nimm Dich in Acht!“ ſagte Louiſa, indem ſie ihn mit einer düſteren Verachtung fern von ſich ſtieß, vich erwürge Dich oder ſchlage Dir mit einem Stuhl⸗ fuß den Schädel ein, wenn Du Dich erfrechſt, nur noch den Namen meiner Mutter auszuſprechen!“ Während Pietri halb erſtickt und ſtolpernd ſich wieder in's Gleichgewicht ſetzte und ſeine Halsbinde zu⸗ recht richtete, ſank Louiſa ganz niedergebeugt auf einen Stuhl, verbarg ihr Geſicht in ihren Händen, und ei⸗ nige Thränen ... diesmal ächte Thränen, befeuchteten ihre vom Zorn entflammten Augen. Als der Corſe ſich von ſeiner erſten, durch den ungeſtümen Angriff der Gefangenen verurſachten Be⸗ äubung ein wenig erholt hatte, ſchien er nicht aufge⸗ bracht zu ſein weit entfernt: eine Art von finſte⸗ rer Freude war in ſeinem Geſichte zu leſen, er näherte 182 ſich der jungen Frau und ſagte, immer unempfinblich und höhniſch: „Louiſa . . . Du haſt mich beinahe erwürgt .. Ich weiß Dir Dank, nicht für die Handlung, ſondern für den Beweggrund .. Meine Worte kommen Dir ſonderbar vor . Bald wirſt Du ſie begreifen.“ In düſtere Gedanken verſunken, antwortete die Gefangene nicht. Der Corſe aber, der ſie beſänftigen wollte, nicht aus Mitleid, (er war einer von jenen Monomanen des Haſſes und der Rache, welche ebenſo unempfindlich für Thränen, als ein Fels), ſondern da⸗ mit ſeine Pläne gelängen, ſagte zu Louiſa: „Auf, meine Tochter, halte mich nicht ſo ſehr für einen Teufel, wie ich ausſehe Ich ſcherzte .. Ich wollte im Grunde weder über die Leiden Deiner Mutter, noch über die Deinigen höhnen, denn ehe Du dahin gelangteſt, wo Du biſt, zur Verurtheilung wegen eines Mordes, haſt Du viel leiden müſſen Du warſt ohne Zweifel nicht ſchlecht geboren . „. Doch was willſt Du? die Armuth, das Laſter, dem man Dich beinahe noch als Kind überantwortet hat, ſpäter Dein Gefängniß⸗ und Zigeunerleben, dem Deines Glei⸗ chen preisgegeben ſind . . . dies Alles, mein Kind, iſt nicht ganz geeignet, Dir die Gewohnheiten eines Roſenmädchens und Anſprüche auf den Tugendpreis zu geben.“ verbergend, ſtille geſchwiegen. Bei den letzten Worten von Pietri erhob ſie das Haupt; ihre Züge drückten weder mehr Schmerz, noch Zorn aus; ſie hatte einen Augenblick in ſich das, ſelbſt im Grunde verbrecheriſcher Seelen, immer lebendige Gefühl, — die kindliche Liebe, — erwachen gefühlt. Die bei der jungen Frau durch die Sarkasmen von Pietri verurſachte Entrüſtung beſänftigte ſich, nachdem ſie in Wuth ausgebrochen war. Während der übrigen Unterredung nahmen ihre Züge auch wieder den Charakter furchtbarer Verſtocktheit an, Louiſa hatte, beſtändig ihr Geſicht in ihren Händen 183 der bei ihr eingewurzelt war, wenn ſie ihre Larve der Heuchelei ablegte. Sie brach in ein höhniſches Gelächter aus und ſagte zu dem Corſen: „Nicht wahr, Du willſt mich nicht noch einmal die Scene eines gefallenen Engels ſpielen laſſen? mich bitterlich alſo klagen hören: ohne das unſelige Ver⸗ hängniß, das ſeit meiner Geburt auf mir laſtet,“ fügte fie ironiſch und mit einem melodramatiſchen Ton bei, „wäre ich zu dieſer Stunde Küchenſchweſter oder das Muſter der Hausmütter! . . . Ah! alter Verdamm⸗ ter, Du würdeſt zu ſehr lachen!“ „Nein, Boronin, nein; wäre die Poſſe gut ge⸗ ſpielt, ſo würde ich Beifall klatſchen.“ „Es mag ſein, doch ich, ich habe meine Launen, wie die großen Schauſpielerinnen: heute habe ich nicht Luſt, dieſe Rolle zu ſpielen. Faſſen wir uns kurz; Sie ſind mein Meiſter in der Ruchloſigkeit; ich wäre wahn⸗ ſinnig, wenn ich gegen ſie kämpfen wollte; mein Ge⸗ heimniß gehört Ihnen, was muß ich thun, daß Sie es nicht verrathen? Befehlen Sie, ich werde gehorchen.“ „So iſt es gut! das heiße ich ſprechen, meine Tochter; höre alſo meine Bedingungen.“ „Wie lauten ſie?“ „Du mußt einen Geburtsbrief haben?“ „Ja.“ „Wo iſt er?“ „In Sicherheit mit anderen Papieren.“ „Ich begreife „ Bei Dir aufgefunden, würde dieſe Urkunde Deine Identität beweiſen.“ „Unleugbar.“ „Nun denn! dieſen Geburtsbrief muß ich haben.“ „Was wollen Sie damit machen?“ „Du biſt zu neugierig, Baronin, ich muß dieſe urkunde ohne Erklärung oder Bedingung haben .. „Sie findet ſich bei meinem ehemaligen Aſſocié von Bordeaux.“ — 184 „Ah! ja, Saint⸗Lambert, Dein früherer Lieb⸗ aber.“ „Saint⸗Lambert? er iſt nie mein Liebhaber ge⸗ weſen.“ „Lucretia!“ „Warum ſollte ich lügen?“ heimerath?“ Louiſa zuckte die Achſeln und erwiederte: „Ein Aſſoeié oder ein Rath, wenn er verliebt iſt, räth ſchlecht: er wird eiferſüchtig, fängt Streitigkeiten an, und da die Liebe nicht lange dauert, ſo folgen häufig der Aerger, der Haß auf ſie; dann werden früher oder ſpäter die wichtigſten Intereſſen gefährdet.“ „Du biſt eine Frau von Kopf. Lambert, der Dich ſo ſchön geſehen, hat alſo wirklich dieſe platoniſche Aſſociation angenommen.“ „Saint⸗Lambert iſt ein Mann von Geiſt, ein Mann der Geſchäfte; er hat mich begriffen.“ „Das gibt mir eine hohe Melaung von dem Jun⸗ gen. Und wo werde ich ihn finden?“ „Kennen Sie die Rue de Marivaur?“ „Ja.“ 3 „In dieſer Straße iſt eine Schenke.“ „Die zur Großen Pfeife.“ „Gehen Sie alſo dorthin.“ „Ich bin einmal dort geweſen, um eine Loge in der italieniſchen Oper von Billethänvlern zu kaufen.“ „Das iſt es; dann werden Sie Saint⸗Lambert ge⸗ ſehen haben.“ „Wie, wäre er einer von dieſen Logencoupons⸗ händlern?“ „Er iſt ihr Syndieus.“ „Du lügſt, Baronin; der Vorſteher dieſer Betrieb⸗ ſamen iſt ein gewiſſer Moriſſet, genannt Alcide, Pro⸗ feſſor des Stocks, des franzöſiſchen Fauſtkampfs und anderer Uebungen; ich erfuhr zufällig dieſe Verhält⸗ „Es iſt im Ganzen wahr .. Doch dieſer Ge⸗ — — —— 3 185 niſſe in der Schenke zur Großen Pfeife, während die Herren Händler weggegangen waren, um den Lo⸗ gencoupon bei einem Collegen zu holen.“ „Moriſſet genannt Alcide oder Saint⸗Lambert, das iſt ganz daſſelbe. Doch ſeine Kameraden wiſſen es nicht, denn dieſe Leute ſind ehrlich und ſie hätten einen Menſchen, wie mein ehemaliger Aſſocié, nicht zum Syn⸗ dicus haben wollen.“ „Wie, Baronin, der einſt ſo glänzende Saint⸗ Lambert „Und ich! . . . bin ich nicht auch glänzend gewe⸗ ſen? Das Glück dreht ſich, man dreht ſich mit dem Rad und ſucht nur, nicht zerquetſcht zu werden.“ „Ich verbeuge mich vor Deiner Philoſophie, Baronin; doch wie werde ich Saint⸗Lambert beweiſen, daß ich von Dir bevollmächtigt bin, Deinen Geburts⸗ brief von ihm zu verlangen?“ „Haben Sie ein Portefeuille, einen Bleiſtift?“ „Hier iſt Beides,“ ſagte Pietri, indem er dieſe Ge⸗ genſtände aus der Taſche zog und ein Blatt aus dem Portefeuille losmachte. ſ Louiſa nahm das Papier und ſprach während ſie rieb: „Zwei Worte von mir an Saint⸗Lambert; er kennt meine Handſchrift! Sie ſagen ihm, Sie haben mich ge⸗ ſehen, mich Louiſa Marchetti; er wird mit einem halhen Wort verſtehen. Indeſſen,“ fügte die Gefangene ſich im Schreiben unterbrechend bei, „indeſſen „ „Worüber denkſt Du nach?“ „Ich irre mich nicht; mein Loos iſt in Ihren Händen; es hängt vor Allem von der Auslieferung dieſes Geburtsbriefes ab.“ „Erſte unerläßliche Bedingung.“ „Ich bedenke, daß Saint⸗Lambert, aus übermäßiger Vorſicht oder aus andern mir bekannten Beweggründen, ch weigern dürfte, Ihnen die Urkunde zu geben“ 186 „Dann iſt unſer Waffenſtillſtund gebrochen, und ich zeige Dich an.“ „Hören Sie mich an! ich kann Ihnen für den Fall einer Weigerung von Saint⸗Lambert das Mittel geben, ihn zu zwingen . . Er mag im Ganzen ſehen, wie er ſich herausziehe! Vor Allem meine Freiheit!“. „Ganz natürlich! . und das Mittel?“ „Ich ſage Ihnen ſeinen wahren Namen.“ „Wie! ſeinen Namen? ich weiß ihn, er heißt Saint⸗Lambert.“ „Saint⸗Lambert iſt ebenſo wenig ſein Name, als Louiſe Beaulieu und Baronin von Montglas meine Namen ſind.“ „Ah! er heißt weder Saint⸗Lambert, noch Moriſſet. Er hat alſo wie Du ein Intereſſe, ein gerichtliches ohne Zweifel, ſeinen wahren Namen zu verbergen? Welche Aehnlichkeit, welche Sympathie in Euren Ge⸗ ſchicken! Arme Kinder! Ihr waret für einander ge⸗ boren. Und der Name von Saint⸗Lambert, ſein wahrer Name?“ „Er heißt Delmare.“ Bei dieſer Offenbarung ſprang Pietri, wenn man ſo ſagen darf, auf ſich ſelbſt; er erbleichte und errö⸗ thete abwechſelnd; eine Art von Schwindel bemächtigte ſich ſeiner; er hob ſeine zitternden Hände zum Himmel empor, ohne ein Wort zu ſprechen; der Schweiß ſtrömte von ſeiner Stirne, und ſeine Züge verriethen eine ſo tiefe, unerwartete, wilde Freude, daß Louiſa, erſtaunt über dieſes Stillſchweigen und dieſe ſeltſame Gemüths⸗ bewegung, ausrief: „Was haben Sie denn? was haben Sie denn?“ „Ah!“ erwiederte der Corſe, wie im Delirium, indem er ſeine glühenden Augen auf die Gefangene heftete, „ahl das wäre zu ſchön! . . Nein, es iſ nicht möglich, er heißt nicht Delmare .. Du ſchmei⸗ chelſt mir!“ „Ich ſchmeichle Ihnen 3. 187 Dann, nachdem er mit ſeinen beiden Händen über ſeine Stirne gefahren war, als würde er plotzlich von einem Gedanken erfaßt, rief der Corſe mit fragendem, beinahe flehendem Ton: „Louiſa! geſtehe, daß dieſer Menſch Dein Liebhaber geweſen iſt.“ „Ich habe Ihnen geſagt, vaß dies nicht der Fall är. „Louiſa, ich beſchwöre Dich, ſprich die Wahrheit; dieſer Menſch iſt Dein Liebhaber geweſen?“ „Nein, nein, hundertmal nein.“ „Du lügſt!“ rief der Corſe, die Gefangene voll Heftigkeit beim Arm packend, „Du lügſt, Ungluͤckliche!“ „Sie ſind wahnſinnig!“ „Wenn Du mir das nicht geſtehſt, ſo zeige ich Dich an.“ „Wie Sie wollen. In dieſem Falle ſage ich ja. Was iſt mir daran gelegen?“ 2 „Aber mir iſt daran gelegen! Siehſt Du, ich gäbe hiefür faſt alle Tage, die mir noch zu leben übrig bleiben! Luuiſa, ich flehe Dich mit gefalteten Hän⸗ den an, ſage mir die Wahrheit; nicht eine Wahrheit aus Gefälligkeit, durch die Angſt entriſſen, ſondern die ächte Wahrheit, Louiſa,“ und er faltete die Hände, „die Wahrheit! die Wahrheit!“ „Ich habe es Ihnen geſagt: Saint⸗Lambert iſt nie mein Liebhaber geweſen.“ „Du ſagſt das aber .. . „Wollen Sie, daß ich lüge? Ich werde lügen „Oh! mein Gott! mein Gott!“ murmelte der Corſe im Ton der Verzweiflung, während ſich ſeine Augen mit brennenden Thränen füllten. „Weder der eneral, noch er, weder der Vater, noch der Bruder, während es ſchien, als müßte Alles „ Und ſich unterbrechend, fügte er mit einer geheimen, unwillkürlichen Angſt bei: „Es muß alſo ein Gott ſein, der das nicht gewollt hat.“ 188 Dann ſprach dieſes Ungeheuer, von einer andern Furcht ergriffen: „Doch der Name Delmare iſt ein Name, den viele Perſonen führen . . . Wenn es nicht mein Delmare wäre!! Wenn ich das Werkzeug verlöre, das ein rächender Zufall in meine Hände gelegt hat, dieſes Werkzeug, aus dem ich einen ſo großen Nutzen ziehen könnte!“ Und er wandte ſich mit ſtockender Stimme an Louiſa und fragte: „Sein Alter?“ „Weſſen Alter?“ „Das von Delmare.“ „Sieben bis acht und zwanzig Jahre.“ „Das Alter trifft zu,“ fagte der Corſe nachdenkend. „Und ſeine Familie?“ „Ich weiß nur, daß er frühe Waiſe geweſen iſt.“ „Er muß es ſein! Doch ſein Vater, wie iſt er geſtorben?“ „Ich weiß es nicht. Saint⸗Lambert hat immer nur ſehr unbeſtimmt mit mir von ſeinem Vater ge⸗ ſprochen.“ „Louiſa, ich verlaſſe Dich,“ ſagte der Corſe, von einer unbeſchreiblichen Angſt erfaßt. „Dein Intereſſe bürgt mir für Deine Verſchwiegenheit. Die anderen Be⸗ dingungen, die ich für Deine Begnadigung ſtelle, ſollſt Du erfahren. Morgen komme ich zurück, und wenn mich mein Verlangen nicht täuſcht, wirſt Du ſie mit Freuden annehmen, hörſt Du, mit Freuden! ja, Louiſa, mit einer wilden Freude, denn es handelt ſich darum, Deine Mutter zu rächen.“ Dieſe letzten Worte warf der Corſe Louiſa gleich⸗ ſam zu, als er das Sprachzimmer haſtig verließ, um ſich nach der Schenke der Rue de Marivaur zu begeben. 189 XXI. Ungefähr in der Mitte der Rue de Marivaur gele⸗ gen, hatte die Schenke zur Großen Pfeife von außen eine ziemlich zweifelhafte Phyſiognomie; von innen mit ſpaniſcher Kreide überzogen, hinderten die Fenſterſchei⸗ ben neugierige Blicke, in das Innere der Anſtalt ein⸗ zudringen; eine ungeheure Pfeife von Gyps diente, über der Thüre angebracht, als Schild. Um die Stunde, in der Pietri Saint⸗Lazare ver⸗ ließ, wurde eine belebte Berathung in einem Cahinet im Hintergrunde der Schenke gepflogen; dieſes Cabinet war den Theaterbillet⸗ nnd Logencouponshändlern vor⸗ behalten. Eine Bowle Glühwein war noch dampfend von einem Kellner auf einen kleinen Tiſch geſtellt worden; die acht bis zehn im Cabinet verſammelten Männer ſetzten ſich um die Bowle. iner von ihnen ſchien eine Art von Einfluß auf ſeine Gefährten zu üben; es war ein Mann von un⸗ gefähr vierzig Jahren, mit verſtändigem, entſchloſſenem Geſicht; er hieß Duraton. „Wohl verſtanden,“ ſprach er zum Kellner, „wenn Moriſſet kommt und nach uns fragt, ſo ſagen Sie ihm, es ſei noch keiner von uns erſchienen.“ „Sehr wohl, Herr Duraton,“ erwiederte der Kellner. Und er ging hinaus. Duraton ſchenkte im Kreiſe die Gläſer der Anwe⸗ ſenden voll, und ſogleich nach dem Abgang des Kellners begann folgende Unterredung: Duraton, mit feierlicher Stimme. „Meine guten Alten! ich will Euch ſagen, warum ich Euch dieſen Morgen zuſammenberufen habe, und auch, warum ich den Kellner beauftragt, wenn Moriſſet in die Schenke käme, während wir uns beſprechen, un⸗ ſerem Syndicus zu ſagen, es ſei noch keiner von uns erſchienen.“ Einer von den Glühweintrinkern. * „Sehr gut! Doch wenn Moriſſet bemerkt, daß man ihm etwas weiß gemacht hat, ſo wird er ſich är⸗ gern, und da er durchaus nicht liebkoſend iſt, wenn er ſich ärgert, ſo befürchte ich . 1 Duraton. „Was! was! was befürchteſt Du? Sollte zufällig Moriſſet unſer Deſpot, unſer Paſcha ſein, weil wir ihn zu unſerm Syndicus erwählt haben? Wenn er ſich ärgert, nun! ſo mag er ſich ärgern, das iſt das Ganze!“ Mehrere Trinker. „Ahl ja, das iſt wahr! Man muß nicht ſo bange haben.“ Ein anderer Trinker. „Um ſo mehr, als Moriſſet ſeit einiger Zeit eine Miene annimmt, als wäre er der Kaiſer aller Reußen, und das iſt bei meinem Ehrenwort ſehr drollig!“ 8 Ein anderer Trinker. „ „Und ich habe bemerkt, daß er dieſe Miene beſon⸗ ders annimmt, wenn man Rechenſchaft von ihm ver⸗ langt.“ Duraton. „Gerade hierüber, meine guten Alten, und auch über Anderes will ich mit Euch reden. Ihr wißt, warum Ihr Moriſſet zum Syndicus gewählt habt. Er war uns von Jolibois, der ſich für ihn verbürgte, vorgeſtellt worden. Wir haben ihn bei der Arbeit geſehen; er be⸗ ſitzt eine hölliſche Zungenfertigkeit, er iſt ein ſehr hüb⸗ ſcher Mann, er hat herrliche Manieren, und wenn man zu den Miethleuten der Logen in der Oper oder bei — 191 den Italienern gehen muß, welche ihre Coupons ab⸗ treten wollen, ſo repräſentirt er, man muß gerecht ſein, ganz vortrefflich; er umgarnt ſie und betreibt unſere Geſchäfte ausgezeichnet gut. Dieſe Gerechtigkeit muß man ihm widerfahren laſſen.“ Ein Trinker. „Er iſt auch ſehr gut, um in die großen Hotels garnis zu gehen und Opernſperrſitze den Mylords oder den reichen Provinztölpeln zu den angeblichen außerordentlichen Vorſtellungen anzutragen . Was für gräßliche Geſchichten läßt er ſie verſchlucken!“ Ein anderer Trinker. „Erinnert Euch des dicken Engländers, den Moriſſet vierzig Franken für einen Sperrſitz in der Oper hat bezahlen laſſen, unter dem Vorgeben, Fany Elsler habe mit dem türkiſchen Botſchafter hundert tauſend Franken gewettet, ſie werde bei dieſer Vorſtellung ohne Tricot tanzen!“ Ein anderer Trinker. „Und jener Provinztölpel, an welchen Moriſſet einen Sperrſitz bei den Italienern um fünfzig Franken ver⸗ kauft hat, weil er ihm ſagte, dieſer Sperrſitz ſei unter der Loge einer leidenſchaftlichen Herzogin, welche ſich entflamme wie Zunder, und mein Tölpel könne ſicher ſein, er werde der Herzogin ins Auge ſtechen, wenn er den Sperrfitz nehme, ſich à la Buridan friſiren laſſe, eine jonquillefarbige Halsbinde trage und viel Lavendel⸗ waſſer in ſein Taſchentuch gieße?“ uraton. „Meine Alten, ich wiederhole Euch, ich laſſe dem Talente von Moriſſet jede Ehre widerfahren, dies Alles gehört zum Handel; es iſt wie bei den Trödlern, welche an einen, wenn man einen Werth darauf legte, die Hoſe vom König Dagobert verkaufen, oder alte ruſten für herrliche Raphaele ausgeben würden. Schlimm für Einfaltspinſel! Wir zwingen die Leute nicht, unſere Logencoupons zu nehmen, Wir ſchmücken 192 unſere Waare nur ſo gut als möglich aus. Dabei iſt nichts Böſes.“ Mehrere Stimmen. „Bei Gott! wir machen es wie ſo viele Andere.“ Duraton. „Wir ſind in unſerem Rechte; doch für uns, meine armen Alten, iſt, wie für alle braven Burſche, ein Schelm ein Schelm, ein Betrüger ein Betrüger, nicht wahr?“ Mehrere Stimmen. „Das iſt bekannt! wir eſſen nicht von dieſem Brod.“ Duraton. „Nein! Deshalb, wenn zum Beiſpiel der Syndicus, den wir gewählt haben, eine Canaille wäre, könnte Niemand uns nach ihm beurtheilen und ſagen: „„Wenn er zum Syndicus gewählt worden iſt, ſo muß er am meiſten Canaille von der Bande ſein.“ Iſt das wahr?“ Ein Trinker. „Sagſt Du das in Beziehung auf Moriſſet, Du⸗ raton?“ Duraton. „Ich befürchte beinahe, ja, meine armen Alten.“ Ein Trinker. „Ah! bah.“ Ein anderer Trinker. „Ohne ihn ſo hoch zu tariren, muß ich ſagen, daß er mir, als ich neulich Abends von ihm Rechenſchaft über die Einnahmen des Tags verlangte, mit folgenden ſehr ungenügenden Zahlen antwortete: „„Wenn Du willſt, mein Kleiner, ſo bin ich Dein Mann auf den Degen, auf den Stock oder auf den Fechtſchuh.““ Ein anderer Trinker. „Es iſt wahr, weil Moriſſet behauptet, er ſei Pro⸗ feſſor des Fauſtkampfes bei der polytechniſchen Schule, fordert er einen um ein Richts heraus. Doch was weißt Du über ihn, Duraton?“ 193 Duraton. „Vor Allem, meine Alten, heißt er, wie es ſcheint, nicht Moriſſet.“ Mehrere Stimmen. „Ah! ah!l ah! wahrhaftig! warum verbirgt er denn ſeinen Namen?“ Duraton. „Das iſt es gerade! Ihr werdet mir zugeſtehen, daß ein Menſch, der ſeinen wahren Namen zu verheim⸗ lichen genöthigt iſt, nicht von einem Leben von ſehr großer Reinlichkeit, noch von völliger Weiße herkom⸗ men muß.“ Ein Trinker. „Das iſt wahr Und was iſt der Name von Moriſſet?“ Duraton. „Man verſichert mich, er heiße Herr von Saint⸗ Lambert. Ein Trinker. „Teufel! . . ein Adeliger!““ Ein anderer Trinker. „Das würde ſeine ſchönen Manieren erklären. Doch wie haſt Du das Geheimniß entdeckt, Duraton?“ Duraton. „Ihr wiß, daß vor drei Tagen, als man hier um die letzte Ehrenqueue ſpielte, Juſtin, der Unteranführer der Claque der Oper, einen von ſeinen Freunden aus Vordeaux zu uns brachte. Moriſſet, der auf dem Bil⸗ lard von erſter Stärke iſt, gewann dieſe Ehren⸗ queue, die er ſogar beinahe auf dem Schädel eines ehrenwerthen Greiſes zerſchlagen hätte, der zur Gal⸗ lerie gehörte, weil er ſeine Meinung über eine zweifel⸗ hafte Carambolage ausſprach. Während der Partie ſah ich den von Bordaur Moriſſet ſo ſcharf in's Auge faſſen und betrachten, daß ich zu Juſtin ſagte: „„Fordere Deinen Freund auf, unſern Syndicus nicht ſo ſcharf Die Kinder der Liebe. 1³ 194 anzuſchauen, er iſt nicht geduldig, das könnte Lärm verurſachen.“ Dieſen Morgen kommt Juſtin zu mir und ſagt: „Ich will Dir einen Dienſt leiſten, Dir und den Freunden. Weißt Du, warum der aus Bordeaux, den ich vorgeſtern Abend brachte, Euren Syndicus be⸗ ſtändig anſchaute?““ „„Nein.““ „„Er glaubte ihn zu erkennen, und hat ihn in der That als einen gewiſſen Herrn von Saint⸗Lambert erkannt, den er in Bordeaur ge⸗ ſehen, wo er ein Biribi für hohe Geſellſchaft mit einer Zufallsbaronin hielt, welche ſchön wie ein Engel und eine vollendete Schelmin war; die Baronin iſt eingeſteckt worden, doch der Saint⸗Lambert hat das Weite zu gewinnen vermocht.““ Ein Trinker. „Unſer Syndieus iſt alſo ganz einfach ein Gauner?“ Duraton. „Geduld, meine armen Alten! wenn er nur das wäre das wäre ſchon hübſch, nicht ſo? doch ich be⸗ fürchte, er ſteht auf einem noch höheren Grad⸗“ Ein Trinker. „Er iſt alſo ein wahrer Dieb? Ich danke für den Syndicus!“ Duraton. „Der von Bordeaur hat Juſtid geſagt, als Saint⸗ Lambert der Polizei von Bordeaur entwichen ſei, habe man nach ihm wegen eines Verbrechens der Fälſchung, das er vor mehreren Jahren unter einem andern Na⸗ men als Saint⸗Lambert begangen, gefahndet.“ Ein Trinker. „Ah! dieſer Schurke hat alſo ſo viele Namen als der Kalender.“ Andere Trinker. 5 „Ein Dieb! ein Fälſcher, unſer Syndicus! „. Ein Rückfälliger! . .. Wir müſſen ihn ſtürzen, und zwar ſo ſchnell als möglich!“ 195 Eine andere Stimme. „Es hieße uns entehren, wenn wir ihn unter uns behalten würden!“ Duraton. „Darum, meine guten Alten, habe ich Euch dieſen Morgen hieher beſchieden. Einmal haben wir nicht erſt heute bemerkt, daß Saint⸗Lambert, genannt Mo⸗ riſſet, uns belugſte.“ Ein Trinker. „Bei Gott! ſeit einiger Zeit verweiſt er uns im⸗ mer auf den Nimmermehrstag, wenn man ihn auffor⸗ dert, ſeinen Gewinn zur Maſſe zu legen, um ihn ſo⸗ dann unter uns, nach der Uebereinkunft, zu theilen.“ Mehrere Trinker. „Er iſt ein Schurke! das iſt abgemacht! Man muß ihm verbieten, die Schenke zu betreten.“ Duraton. „Gemach; meine lieben Alten! man varf die Leute nicht verurtheilen, ohne ſie zu hören. Der Mann von Bordeaux verſichert, Moriſſet ſei eine ganze Canaille; dieſer Junge hat allerdings kein Intereſſe, zu lügen, doch er kann ſich am Ende täuſchen.“ Eine Stimme. „Streng genommen kann das wohl ſein.“ Duraton. „Höret alſo, was mein Rath wäre, meine guten Alten: Moriſſet wird wie gewöhnlich kommen, ſeinen Abſinthe nehmen und vor Tiſche ſeine Partie Billard machen; wir wollen ihn hleher rufen laſſen, ihn ohne Umſchweife auffordern, uns Rechenſchaft abzulegen und zu ihm ſagen: „Moriſſet, man hat uns das und das von Dir erzählt; wenn dies wahr iſt, ſo wirſt Du uns die Freundſchaft erweiſen, Dein Syndicat hier nieder⸗ zulegen und unſere Schenke nicht mehr zu betreten; wir verbieten es Dir. Wenn im Gegentheil das, was . man Dir vorwirft, falſch iſt „ 196 Ein Trinker⸗ „Alle Teufel! er wird ſagen, es ſei falſch.“ Duraton. „Geduld, meine guten Alten, Geduld! Ihr fühlt, daß wir ſe einfältig wären, als die Provinztölpel, die ſich um ſchweres Geld ein fiebenundzwanzigſtes Ta⸗ bouret im Gang der dritten Gallerie für eine Benefiz⸗ vorſtellung kaufen, wenn wir uns mit dem Wort von Moriſſet begnügten. Ho! ho! ich bin kein ſolcher Narr, ich habe das vorhergeſehen.“ Ein Trinker. „Und wie wirſt Du es machen, wenn Moriſſet am Ende die Sache leugnet ...“ Duraton. „Wenn er die Sache leugnet, ſo werde ich zu ihm ſagen: „„Moriſſet, nicht wahr, Du behaupteſt, Du ha⸗ heſt nichts auf dem Gewiſſen, Du habeſt immer Mo⸗ riſſet geheißen? Wohl denn! ich will Dir ein einfaches Mittel geben, uns zu überzeugen, und die ſchlimmen Zungen zum Schweigen zu bringen In dieſem Augenblick erſchien der Kellner, der die Bowle Bunſch ſervirt hat, haſtig und mit geſchäftiger Miene. Duraton zum Kellner. „Nun! Armand, was gibt es denn?“ Der Kellner. „Ah! meine Herren ahl meine Herren! Herr Moriſſet! .. er iſt ſo eben in die Schenke ein⸗ getreten! ... Ah! meine Herren!“ Duraton. „Vollenden Sie doch, . Sie ſehen ganz be⸗ beſtürzt aus!“ Der Kellner. „Herr Moriſſet „ ¹ 197 Duraton. „Nun denn! Herr Moriſſet?“ Der Kellner. „Vor Allem ſieht er ſehr bedrohlich aus er trägt den Hut rückwärts und ſchlägt mit dem Stock das große Rad.“ Ein Trinker. „Ah! wenn Moriſſet das große Rad ſchlägt, ſo iſt er unwirſch!“ Der Kellner. „So unwirſch, daß er, ein Rad ſchlagend, das Brett von einer Zeitung, welche ein alter Herr mit weißen Haaren an einem Tiſch gerade vor der Glas⸗ thüre des Cabinets, wo Sie ſind, las, weggeriſſen hat. Als mein Bürger Herrn Moriſſet anſtändig er⸗ ſuchte, er möge ſich in Acht nehmen, ſchickte er ihn zu allen Teufeln, denn außerdem, daß er unwirſch iſt, ſcheint er in einer wahren Hundelaune zu ſein.“ Duraton. „Nun? Haben Sie etwa Angft, er könnte Sie freſſen und uns auch?“ Der Kellner. „Nein, meine Herren, aber „ Der Kellner konnte nicht vollenden, denn man hoͤrte vor dem Cabinet einen ziemlich heftigen Streit, und beinahe in demſelben Augenblick rief eine heiſere Stimme: * „Ich will ſehen, ob es wahr iſt, daß die Freunde nicht da ſind.“ Und es wurde die Thüre ungeſtüm geöffnet, und elmare, genannt Saint⸗Lambert, genannt Mo⸗ riſſet, trat in das Cabinet ein, wo ſeine Kameraden verſammelt waren. XXII. Adalbert Delmare (geben wir ihm wieder ſeinen wahren Namen) war damals ungefähr ſiebenundzwanzig Jahre alt, denn zweiundzwanzig Jahre waren verlau⸗ fen, ſeitdem das köſtliche Kind mit dem roſigen Geſicht und den blonden Haaren, auf dem Boulevard de Gand, durch ſein artiges Geplauder die Aufmerkſamkeit von Frau von Bourgueil und ihrem Mann erregt hatte. Zweiundzwanzig Jahre waren vergangen, und im Luxus aufgezogen, verhätſchelt, verdorben, vergöttert von ſeiner Mutter und von Herrn Delmare, war das unſchuldige Kind nach zahlloſen Kreuz⸗ und Querzügen Syndicus und Theaterbillethändler geworden, und ſollte aller Wahrſcheinlichkeit nach wegen ſeiner beklagens⸗ werthen Lebensvorgänge aus dieſer Handelsgeſell⸗ ſchaft ausgeſtoßen werden. Die Züge von Delmare, welche eine merkwürdige Aehnlichkeit mit denen des General Roland boten, waren ſchön, doch ſchon durch die Ausſchweifungen verwelkt. Das Laſter, die Liederlichkeit hatten ihnen ihr unver⸗ tilgbares Siegel aufgedrückt. Mit einer gewiſſen Ele⸗ ganz gefleidet, groß und ſchlank, kräftig und uner⸗ ſchrocken, ſagte er durch ſeine herausfordernde Haltung daß er das Bewußtſein ſeiner Stärke in den Leibes⸗ übungen hatte, worin er ſich auszeichnete. Oft, wenn ſeine Mittel erſchöpft waren, hatte er ſeine Ueberlegen⸗ heit als Gladiator benützt, um Geld zu gewinnen. Al⸗ les bei dieſem Menſchen bot den betrüblichen Typus jener langſamen, allmälig fortſchreitenden, moraliſchen und phyſiſchen Entartung, welche die Seele und den Körper verdirbt. Seine gerötheten Augen, ſeine bleichen Wangen und beſonders ſein Mund mit den geſenkten Winkeln und der etwas herabhängenden Unterlippe, gaben ſeinen urſprünglich ſchönen und edlen Zügen einen niedrigen, chniſchen Ausdruck. Seine einſt ſanfte, 199 männliche Stimme war durch den übermäßigen Genuß ſtarker Getränke rauh und heiſer geworden. Als Delmare in das Cabinet eintrat, wo ſeine Verbündeten verſammelt waren, hatte er ſeinen Hut auf dem Kopf, eine Hand in der Taſche ſeiner weiten, faltenreichen Hoſe, und mit der andern Hand ſchleppte er auf ſeinen Ferſen einen ſchweren, mit Blei ausge⸗ füllten Stock. Nicht ſehr begierig, der Scene, welche zwiſchen den Stammgäſten und ihrem Syndieus vor ſich gehen ſollte, beizuwohnen, zogen ſich der Kellner der Schenke und ſein Herr zurück und ſchloßen die Thüre, aus Furcht, der wahrſcheinliche Lärm einer ſtürmiſchen Er⸗ örterung könnte zu den Ohren anderer Gäſte der An⸗ ſtalt gelangen. Delmare war zu fein, zu ſcharfſichtig, um nicht, trotz ſeiner Halbtrunkenheit, zu bemerken, ſeine unerwartete Gegenwart mache ſeine Verbündeten verlegen und ſchüchtere ſie ein. Ihre Geſichter verriethen einen ver⸗ haltenen Unwillen. Ruhig, unerſchrocken, ſchien Du⸗ raton allein entſchloſſen, ſich nicht durch die autokrati⸗ ſchen Gewohnheiten des Syndicus imponiren zu laſſen; in Folge einer Art ſtillſchweigender Uebereinkunft blieb es auch Duraton anheimgeſtellt, die Frage zu ſtellen und zu verhandeln. Nach kurzem Schweigen, legte Delmare, der auf dem Tiſch die nicht ganz geleerte Bowle Glühwein ſah, ſeine Cigarre nieder, ſchenkte ſich ſelbſt ein Glas von dieſem Getränke ein und trank es langſam unter der eiſigen, tiefen Stille ſeiner Verbündeten. Dann ließ er. ſeine Zunge an ſeinem Gaumen ſchnalzen und nahm ſeine Cigarre wieder auf, deren Rauch er wiederholt raſch einzog, um ſie wiederzubeleben. „Es ſcheint, Du findeſt unſern Wein gut,“ ſagte Duraton zu ihm. „Nicht ſchlecht,“ erwiederte Delmare, indem er einen drohenden Blick auf der Geſellſchaft umherlaufen 200 ließ; „doch was ich ſchlecht, und zwar ſehr ſchlecht finde, iſt, daß man das Anſehen hat, als verbärge man ſich vor mir, daß man mir burch den Kellner ſa⸗ gen läßt, es ſei Niemand hier, während Ihr Alle da ſeid.“ „Da der Wille Aller über dem Willen eines Ein⸗ zelnen ſteht,“ entgegnete Duraton kalt, „ſo hat es uns beliebt, ohne Dich zuſammenzukommen.“ „Ah bah!“ rief Delmare mit einem ſchallenden Gelächter. „Es ſcheint, wir bekennen uns zur Wahl⸗ reform und achten die Autorität nicht mehr?“ „Wenn uns die Autorität nicht mehr zuſagt, wa⸗ rum ſie nicht zerſtören?“ ſprach Duraton. „Cine Empörung gegen Euren Syndicus?“ verſetzte Delmare mit verdoppelter Heiterkeit; „das iſt drollig!“ „Drollig . . . vielleicht.“ „Oh!“ ſprach Delmare mit einem verächtlichen Hohngelächter, „muß ich meine Municipalgarde rufen?“ „Ich verſtehe nicht,“ erwiederte Duraton. „Verſtehſt Du!“ rief Delmare, indem er ſeinen dicken Stock auf den Tiſch legte. Ein Beben der Entrüſtung lief unter den Ver⸗ bündeten umher; ſelbſt die Furchtſamſten waren bereit, ſich gegen dieſe freche Drohung zu erheben; doch Du⸗ raton beſänftigte ſie mit dem Blick und der Geberde und fuhr fort: „Du fühlſt wohl, mein guter Mann, daß wir keine dumme Jungen ſind, um uns vom Stock lenken zu laſſen; wir haben Dich zum Syndicus gewählt, doch wir können Dich abſetzen, wann es uns beliebt.“ „Wahrhaftig? . . ſo verſucht es!“ „Du würdeſt alſo unſer Syndicus wider unſern Willen bleiben?“ 3 „Bei Gott!“ „Du biſt verrückt!“ 201 „Höret mich an,“ ſprach Delmare langſam und die Stirne faltend, „ich erkläre hier, daß derjenige, welchen Ihr an meine Stelle zum Syndicus zu waͤh⸗ len ſo unglücklich wäret, und der es anzunehmen die Frechheit beſäße, es mit mir zu thun hätte, und zwar auf eine tüchtige, nachdrückliche Weiſe „ Dies zur Nachricht den Liebhabern, wenn da ſind, was ich nicht glaube.“ „Vortrefflich, mein guter Mann, Du machſt das Mark in unſern Gebeinen geſtehen, wenn Du uns nur anſchauſt; Du wirſt uns noch eſſen, bloß mit etwas Salz, das verſteht ſich,“ ſagte Duraton .. „Doch vor Allem, ich frage Dich zum letzten Mal, willſt Du uns, ja oder nein, Rechnung ablegen? Du mußt, ohne von Deinem Nutzen zu reden, in Caſſa, wovon wir ſeit einem Monat keinen Sou ſahen, 670 Fr. haben. Wo ſind ſie?“ „Neugieriger!“ „Es iſt hier nicht zu ſcherzen. Wo iſt das Geld?“ „Ich habe die Gelder zum Ankauf eines unbeweg⸗ lichen Guts für die Geſellſchaft verwendet,“ erwiederte Delmare ſpottend, „eine herrliche Gelegenheit, ein Haus in der Rue de la Pair, das fünfzigtauſend Franken jährlich trägt.“ „Guter Mann, Du wirſt uns mit Deinem Ge⸗ wäſche nicht verwirren. Unſer Geld, ja oder nein?“ „Duraton, nimm Dich in Acht!“ rief Delmare mit dumpfer, zorniger Stimme. „Du ermüdeſt mich ſchon lange. Wenn Du kein Feiger biſt, ſo gehen wir hinaus und beluſtigen uns, wo und wie Du willſt: Degen, Piſtolen, Stock over Fauſt!“ „Das iſt eine Manier wie eine andere, unſere Rechnungen in Ordnung zu bringen, mein guter Mann. Ich danke! Ich frage Dich zum letzten Mal: unſer Geld?“ „Duraton,“ rief Delmare mit einer gebieteriſchen Stimme, „tauſend Donner, genug!“ 202 „Du haſt Recht, es iſt genug .. es iſt ſogar zu viel, daß wir Dich ſo lange als Syndieus behalten ſeiet Ich frage das Euch, Euch Alle, meine armen te . „Nieder mit Moriſſet! Wir wollen Dich nicht mehr als Syndicus! Du haſt uns geprellt!“ Das waren die Rufe, mit welchen die Worte von Duraton aufgenommen wurden. Doch Delmare erbob ſich bleich, hoffärtig, zornig, ſchlug mit ſeinem Stock heftig auf den Tiſch und rief mit einer Donnerſtimme: „Stille! Haufen von Schreihälſen! . . ein Mann wie ich ſteigt zu Euch herab, fördert Euer Glück, leiſtet Euch unermeßliche Dienſte, und das iſt ſein Lohn?“ „Aber, Moriſſet!“ ſagte eine Stimme, „Du mußt „Stille!“ ſchrie er mit einer noch ſtärkeren Stimme. „Stille! . und antwortet. Wagtet Ihr es nur, ehe Ihr mich zum Syndicus gehabt hat, Euch in reichen Häuſern zu zeigen? wagtet Ihr es nur, das Vorzimmer zu überſchreiten? Nein! Ihr wurdet auch von den Haushofmeiſtern und andern mit der Ab⸗ tretung der Logen beauftragten Leuten geſchunden. Ich dagegen gelangte durch meine Lebensart bis in den Salon, ich verhandelte unmittelbar mit dem Mieths⸗ mann. Was that ich dann? Ich brachte ſeine Eitel⸗ keit in's Spiel, ich ſchmeichelte ihm, ich umgarnte ihn, ich beſchämte ihn, daß er, der vornehme Herr (oder ſie, die vornehme Dame) um eine elende Differenz von fünfzehn bis zwanzig Franken für eine Loge knau⸗ ſerte, ich erhielt Rabatte von fünfundzwanzig Prorent an einer Vermiethung, die wir mit einem Nutzen von hundert Procent und mehr wiederverkauften. Ant⸗ wortet, Ihr Stiere, iſt das wahr? Und das iſt noch nicht Alles. Seid Ihr in Eurem natürlichen Stumpf⸗ finn fähig, nur nach der einfachen Anſchauung der Miene 203 eines Kunden die Geſchichte zu erſinnen, die man ihm erzählen muß, um ihn zur Bezahlung eines Sperr⸗ ſitzes oder einer Loge um alberne Preiſe zu veranlaſ⸗ ſen? Seid Ihr handfeſt genug, Ihr feigen Burſche, um dem alten Controleur zu bedeuten, wenn er das Unglück hätte, uns Concurrenz zu machen, ſo würde ich ihn alle vierzehn Tage auf drei Monate zu Bette bringen? Und wenn einer von den falſchen Löwen da iſt, welche eine Loge für eine Lorette auf Credit nehmen und ſich an der Mähne ziehen laſſen, um zu bezahlen, bin ich es nicht, und immer ich, der es über⸗ nimmt, ihn blechen zu machen, dieſen Löwen, in⸗ dem ich ihm zeige, daß meine Zähne länger ſind, als die ſeinigen? Doch Ihr, tauſend Donner! was thatet Ihr? Und nach dem, was ich für Euch gethan, wollt Ihr mich abſetzen ? Und warum? wegen fünfundzwan⸗ zig bis dreißig Louisd'or, während Ihr durch mich ſeit zwei Saiſons fünf bis ſechstauſend Franken gewon⸗ nen habt! Höret, Ihr Dummköpfe insgeſammt, die Ihr ſeid, wenn ich nicht Mitleid mit Euch hätte, wurde ich Euch beim Wort nehmen und ſagen: „„Seht zu, wie Ihr Euch einrichten könnt!““ Doch nehmt Euch in Acht, das wird geſchehen, wenn Ihr das Un⸗ glück habt, noch zu ſchnaufen!“ Die Beredtſamkeit des Sprechenden machte keinen Eindruck auf Duraton. Er erwiederte kalt: „Dies Alles, mein guter Mann, ſind Worte und keine Rechnungen; in den erſten Zeiten Deines Syn⸗ dicats haben wir allerdings durch Dich mehr als frü⸗ her gewonnen; doch ſeit dieſem Winter behältſt Du die großen Stücke und gibſt uns nur die Krümchen.“ „Ich gebe Euch, was Euch zukommt.“ „Das iſt Deine Idee, doch nicht die unſere; wir wollen Dich nicht mehr als Syndicus; einmal, weil Du uns geprellt haſt, und dann „„. „Und dann?“ „Und dann weil ſchlimme Gerüchte über Dich gehen.“ 204 „Welche Gerüchte?“ „Man ſagt vor Allem, Du heißeſt nicht Moriſſet.“ „Wahrhaftig! Und das iſt Alles?“ „Man ſagt ſogar, Du heißeſt Saint⸗Lambert.“ „Ein hübſcher Name, bei Gott!“ rief Delmare mit unſtörbarer Frechheit. „Saint⸗Lambert, das hat einen ariſtokratiſchen Duft, daß man den vornehmen Herrn auf eine Meile riecht: ich hätte ſchlechter wäh⸗ len können. Was noch weiter?“ „Man ſagt, Du habeſt ein Biribi in Bordeaux ge⸗ halten, mit einer Zufallsbaronin, und in dieſem Bi⸗ ribi ſeien die Spieler betrogen worden, weshalb ſich die Polizei darein gemiſcht. . . „Somit wäre ich ein Gauner, ein Betrüger?“ „Noch mehr Mosjö Moriſſet, oder Mosjö Saint⸗ Lambert, noch mehr „Noch mehr?“ verſetzte Delmare, der trotz ſeiner ſcheinbaren Dreiſtigkeit unruhig zu werden anfing, „mehr als ein Gauner, mehr als ein Betrüger?“ „Ja,“ erwiederte Duraton, „denn man ſagt, ehe Du aus Bordeaux entwichen, als man Deine Baronin eingeſperrt, habeſt Du einen Handel mit den Gerichten wegen einer unter einem andern Namen, als Saint⸗ Lambert, begangenen Fälſchung gehabt.“ „Iſt dies Alles, Duraton?“ „Ja.“ „Und wer hat das geſagt?“ „Einer.“ „Ohne Namen?“ „Das iſt unſer Geheimniß.“ „Eine anonyme Denunciation!“ ſagte die Achſeln zuckend Delmare, der ſeine Frechheit abnehmen fühlte. „Und Ihr glaubt das, Ihr Dummköpfe, die Ihr ſeid! Ihr ſeht nicht, daß das ein Concurrent iſt, welcher eiferſüchtig auf die Wohlfahrt unſerer Geſellſchaft, de⸗ ren Seele ich bin, ein Menſch, der Euch dazu antrei⸗ 205 ben will, daß Ihr Euch von mir trennt, um Euch in Nachtheil zu bringen!“ „Die Wohlfahrt, von der Du ſprichſt und die wir Dir zu verdanken haben,“ erwiederte Duraton, „wir ſind ihrer überdrüſſig; ſie koſtet uns zu viel; wir entſetzen Dich auch Deines Syndicats, das iſt abgemacht . . . Es iſt Grund vorhanden, von dieſem Beſchluß nicht abzugehen . .. Das wäre Eines!“ „Gut!“ rief Delmare ſpottend und kaum ſeinen Zorn beherrſchend. „Da Du nun, man muß Dir dieſe Gerechtigkeit widerfahren laſſen, ein nützlicher Verbündeter ſein kannſt, wenn man Dich von Nahem überwacht, ſo wir uns herbei, Dich in der Geſellſchaft zu be⸗ alten.“ „Ah bah! Ihr würdet mir dieſe Ehre erweiſen? wahrhaftig, meine edlen und ehrenwerthen Herren.“ „Ja, doch unter einer Bedingung.“ „Bedingungen? . das iſt reizend!“ „Du mußt uns vor Allem beweiſen, daß die e Gerüchte, welche über Dich gehen, falſch ind.“ „Bei meinem Ehrenwort! dieſe Burſche ſpielen die Delicaten,“ rief Delmare mit einem gezwungenen Gelächter, unter dem er ſeine Angſt und ſeine Wuth verbarg; „es ſind wahre Roſenmädchen!“ „Mein guter Mann, wir geben uns nicht gerade für Roſenmädchen aus, nein; wir wollen nur keinen Betrüger, keinen Gauner als Syndicus oder Aſſocié!“ „Und dieſer Betrüger, dieſer Gauner bin ich ?“ „Es hängt nun von Dir ab, mein guter Mann, uns das Gegentheil zu beweiſen und in unſerer Ge⸗ ſellſchaft zu bleiben . .. Es gibt ein ganz einfaches Mittel hiefür.“ „Und dieſes Mittel?“ „Wir gehen zum Polizeicommiſſär vom Viertel, dem Vater Chabert, einem guten Mann, und ſprechen zu 206 ihm: „Herr Chabert, man hat uns Dinge über einen unſerer Verbündeten geſagt; der Verbündete zieht dieſe Dinge in Abrede, hier ſteht er; wird er als ein Rück⸗ fälliger von den Gerichten verfolgt, ſo müſſen ſein Signalement und ſeine Akten bei der Polizei ſein; als braver Burſche kommt er alſo zu Ihnen und bittet Sie, Herr Chabert, Erkundigungen über ihn einzuzie⸗ hen, damit wir uns beruhigen und uns überzeugen, daß wir keinen Betrüger zum Aſſocis haben werden.““ Wenn Du nun nichts auf Deinem Gewiſſen haſt, mein guter Mann, ſo gehen wir auf der Stelle zum Vater Chabert; weigerſt Du Dich, ſo ſind die ſchlimmen Ge⸗ rüchte wahr; dann jagen wir Dich aus unſerer Ge⸗ ſellſchaft weg, ja, wir jagen Dich weg! Du magſt immerhin Deinen Stock mit einer boshaften Miene ſtreucheln! es ſind hier keine Schädel einzu⸗ ſchlagen ... Denn ſiehſt Du, mein guter Mann, wenn Du ſo unglücklich wäreſt, einen von uns anrühren zu wollen, das Bureau des Vater Chabert iſt nicht fern... die Wachſtube auch nicht .. Bedenke das wohl!“ Bei dieſer Drohung biß ſich Delmare in ſtummer Wuth auf die Lippen, doch er ſchwieg. Duraton fuhr fort: „Ah! ah! der Vater Chabert und die Wachſtube, vas ſcheint Dir an den Kamm zu gehen? . Be⸗ ruhige Dich, wir treiben nicht das Handwerk von Po⸗ lizeiſpionen; fahre ab ohne Trommeln und Trompeten, wir werden nichts ſagen; doch willſt Du den Bos⸗ haften ſpielen, ſo nimm Dich in Acht vor dem Vater Chabert.“ Der Vorſchlag von Duraton hatte Delmare er⸗ bleichen gemacht; doch ſeine Angſt verbergend, erwie⸗ derte er frech mit einem Lächeln der Verachtung: „Ich werde mich nicht erniedrigen, Ihr Burſche, mich vor Euch zu rechtfertigen und ein Certificat von der Polizei zu verlangen, um die Ehre zu haben, län⸗ ger Eurer ſchätzenswerthen Geſellſchaft anzugehören; 207 Ihr werdet meinen Verluſt heklagen, wenn ich mich von Euch getrennt habe . . . Dann wird es aber zu ſpät ſein!“ „Mein guter Mann, Du ſprichſt da, wie Napo⸗ leon auf St. Helena,“ erwiederte die Achſeln zuckend uraton, indem er die Sitzung aufhob; „da Du Dir aber ein Napoleons⸗Anſehen gibſt, ſo wirſt Du auch wiſſen, daß er geſagt hat, man müſſe ſeine ſchmutzige Wäſche zu Hauſe waſchen; wir haben auch ſo eben eine tüch⸗ tige Lauge gemacht!“ Genöthigt, dieſe Sarkasmen von Menſchen auszu⸗ halten, die er ſo lange beherrſcht und eingeſchüchtert, war Delmare vielleicht im Begriff, ſich von unvorſich⸗ tiger Hitze hinreißen zu laſſen, als die Thüre des Ca⸗ binets geöffnet wurde und Pietri eintrat. „Meine Herren,“ fragte er, „iſt Herr Moriſſet nicht unter Ihnen? man hat mich verſichert, er ſei ier.“ „Hier iſt Herr Moriſſet,“ erwiederte Duraton, auf Delmare deutend. „Wenn Sie mit ihm zu ſprechen haben, mein braver Mann, wir laſſen Ihnen den Platz frei.“ Dann, während ſeine Kameraden nach und nach das Cabinet verließen, näherte ſich Duraton Delmare und ſagte leiſe zu ihm: „Von morgen an verbieten wir Dir, die Schenke zur Großen Pfeife zu betreten.“ Hierauf entfernte ſich Duraton ebenfalls und ließ Delmare unter vier Augen mit Pietri. 208 XXII. Delmare hatte Pietri in ſeinem Leben nicht ge⸗ ſehen; er ſchaute ihn mit einer Miſchung von Miß⸗ trauen und übler Laune, verurſacht durch die vorher⸗ gehende Scene, an. Der Corſe ſagte zu ihm, mit einem beſondern Nachdruck auf den Namen Moriſſet: Herr Moriſſet, ich wünſche die Ehre zu haben, mich mit Ihnen über ſehr geheime und ſehr wichtige Dinge zu beſprechen.“ „Vor Allem, wer ſind Sie, mein Herr? was wollen Sie?“ „Mit Ihrer Erlaubniß, Herr Moriſſet, werden wir ſtatt ganz laut und bei dieſer Glasthüre zu reden, leiſe reden und uns an das Fenſter zurückziehen.“ „Warum dieſe Vorſicht, mein Herr?“ „Ich will es Ihnen ſagen, Herr Moriſſet .. ich will es Ihnen ſagen; doch verzeihen Sie, erkennen Sie mich nicht mehr?“ „Ich habe Sie nie geſehen.“ „Doch; aber Sie werden mich nicht bemerkt ha⸗ ben; denn das Brett der Zeitung, die ich las, verbarg vorhin mein Geſicht, als Sie mit Ihrem Stock ein herr⸗ liches Rad ſchlugen und . „Ah! Sie waren in der Schenke in der Nähe der Thüre.“ 4 „So nahe bei der Thüre, Herr Moriſſet, daß ich nicht ein Wort, nicht ein einziges von dem kleinen Handels⸗ und Freundſchaftsſtreit verlor, den Sie mit Ihren Herrn Aſſociés hatten.“ „Sie!“ murmelte Delmare, einen Schritt zurück⸗ weichend. „Was ſoll das heißen 2“ „Das ſoll heißen, Herr Moriſſet, daß es, wie ich Ihnen ſo eben zu bemerken die Ehre hatte, beſſer iſt, wenn wir leiſe ſprechen und an das Fenſter treten. ⸗ 209 ſtatt laut zu ſprechen und an dieſer verteufelten, wie Sie ſehen, ſehr indiscreten Glasthüre zu bleiben.“ Nach dieſen Worten wandte ſich Pietri nach dem Fenſter; Delmare, der den Unbekannten mit wachſender Bangigkeit betrachtete, folgte ihm und ſagte ungeſtüm, jedoch den gewöhnlich hohen Ton ſeiner Stimme mäßigend: „Und was wollten ſie in der Schenke, mein Herr?“ „Die Frage iſt ſeltſam, Herr Moriſſet, doch ich werde darauf antworten. Ich wartete hier auf Sie, da ich wußte, daß man Sie an dieſem Ort trifft.“ „Machen wir ein Ende, was wollen Sie von mir 7“ „Ich habe vertraulich im Auftrag einer ſchönen Dame mit Ihnen zu ſprechen.“ „Iſt das ein Scherz?“ „Nicht im Geringſten, Herr Moriſſet. Ich habe geſagt, eine ſchöne Dame. Sie werden aber, wie ich, zugeſtehen, daß die Frau Baronin von Montglas merkwürdig ſchön iſt wie?“ „Was!“ verſetzte Delmare, der den Corſen mit einem tiefen, durchdringenden Blick anſchaute, „Sie kom⸗ men im Auftrag der „ „Der Baronin von Montglas, welche, ohne Zwei⸗ fel, um im Mittelpunkt ihrer geſellſchaftlichen Verbin⸗ dungen zu ſein, ein Abſteigequartier in Saint⸗Lazare genommen hat, von wo ich gerade herkomme; Zeuge hievon iſt dieſes Billet, geſchrieben mit Bleiſtift von einer göttlichen Hand, die Sie, wie ich hoffe, mehr als einmal mit Lebe geküßt haben, obgleich die keuſche Baronin die Scheinſpröde ſpielt und verſichert, Eure gegenſeitige Anhänglichkeit ſei im hoͤchſten Grade pla⸗ toniſch geweſen.“ WMit dem Leſen des Billets von Louiſa beſchäf⸗ tigt, hörte Delmare den Spott von Pietri nicht oder er wollte nicht darauf antworten. Die Kinder der Liebe. 14 2¹0 „Es iſt wahr,“ ſagte er, „ich habe mehrere Louiſa gehörige Papiere in Händen gehabt, unter anderen ihren Geburtsbrief. Sie bittet mich, Ihnen denſelben zu übergeben. Dabei iſt nur die eine Schwierigkeit, daß ich Ihnen den Brief nicht übergeben werde.“ „Ahl ah!“ „Das ſetzt Sie in Erſtaunen und beunruhigt Sie, wohl möglich; doch für mich iſt dieſe Urkunde eine Ga⸗ rantie, und ich behalte ſie.“ „Eine Garantie, wofür, Herr Moriſſet?“ „Gleichviel.“ „Junger Mann, junger Mann, Sie betrüben mich! Wie! Mißtrauen, Geheimniß gegen einen ver⸗ trauten Freund der Baronin? Ach! das iſt ſchlimm, Herr Moriſſet, ſehr ſchlimm! Wohl denn! als ein ga⸗ lanter Mann, der ein ſchlimmes Verfahren durch ein gutes erwiedert, will ich Ihnen das Beiſpiel des Ver⸗ trauens geben.“ „Ich habe nichts mit Ihrem Vertrauen zu ſchaf⸗ fen!“ erwiederte Delmare, indem er Pietri mit einer doppelten, durch den ſpöttiſchen Ton des Corſen verur⸗ ſachten Beſorgniß prüfend anſchaute; „Sie müſſen einer von den Leuten ſein, deren Vertrauen eine Ver⸗ rätherei, eine Falle verbirgt.“ „Gehen Sie doch, Herr Moriſſet! Sie ſind ein Junge von Geiſt und Kopf, die Baronin hätte ſie ſonſt nicht zu ihrem geheimen Rath gewählt ein kaltes Beiwort, das, ich bin es feſt überzeugt, eine zärtliche — —— Zuneigung verbarg. Ei! geſtehen Sie mir, daß die Liebe „ „Ich habe Ihnen nichts zu geſtehen. Gehen Sie zum Teufel!“ „Ich war deſſen ſicher. Die Baronin hat um Ihretwillen „ den unglücklichen Baron verrathen.“ Louiſa iſt nie meine Geliebte geweſen; wenn Sie ſie kennen, ſo hat ſie es Ihnen ſagen müſſen; voch ich wiederhole, machen wir ein Ende! es handelt ſich nicht 211 darum, hier von Liebſchaften zu plaudern; Sie ver⸗ langen von mir den Geburtsbrief von Louiſa, Sie wer⸗ den ihn nicht bekommen, und hienach guten Abend!“ „Noch einen Augenblick, Herr Moriſſet, nur einen Augenblick! Sie vergeſſen, daß ich Ihnen, im Gegen⸗ ſatz zu Ihrem Mißtrauen, eine Menge von Dingen anzuvertrauen habe.“ „Ich danke, das führt mich nicht in Verſuchung.“ „Hören Sie, Herr Moriſſet, muß ich Sie, nach dem Beiſpiel Ihrer Herren Aſſociés mit dem Vater Chabert, dem Polizeicommiſſär, bedrohen? Ich ſagte Ihnen, es gebe nichts Treuloſeres als dieſe Glasthü⸗ ren, ich habe Alles gehört“ „Was iſt mir daran gelegen, daß Sie Alles ge⸗ hört haben? Ich werde Ihnen antworten, was ich ſchon dieſen Burſchen antwortete: ich habe die Polizei nicht zu fürchten.“ „Selbſt unter dem Namen Saint⸗Lambert, von dem dieſe redlichen, gewiſſenhaften Gewerbsleute be⸗ haupteten, es ſei der Ihrige ich irre mich, einer der Ihrigen. Ah! böſer Junge . ich will mich gegen Sie ergießen und Ihnen ſagen, was Ihre ſchätzenswerthen Collegen nicht wußten, ich will Ihnen, mit einem Wort, Ihren Namen, Ihren wahren Namen ſagen: Sie heißen Delmare. Ja, Adalbert Delmare. Sie haben Ihre Mutter im Alter von ſechs bis ſieben Jahren verloren; als ſie ſtarb, war ſie ſeit zwei Jah⸗ ren Witwe von Herrn Jean Belmare. Ohl! nun ſehen Sie mich mit Erſtaunen, mit Schrecken an! Ei! ei Sie haben nicht Unrecht, denn es iſt für Sie wirklich Grund zu zittern, vorhanden, wollten Sie gegen mich kämpfen. Seien Sie im Gegentheil gelehrig, und Sie werden es nicht zu bereuen haben.“ Delmare ſchwieg lange; ſeine Züge drückten ab⸗ wechſelnd Zorn, Erſtaunen und Schrecken aus; endlich ſagte er, auf eine cyniſche, düſtere Weiſe lächelnd, zum Corſen: 212 „Hören Sie, Sie ſehen mir aus wie ein wahrer Böſewicht.“ „Das iſt erſtaunlich! Dieſer Scharfſinn muß in der Familie liegen; die Baronin hat mir dieſelbe Be⸗ merkung gemacht.“ Einem innern Kampfe preisgegeben, blieb Del⸗ mare einen Augenblick in ein finſteres Stillſchweigen verſunfen; dann ſagte er wie Einer, der einen ver⸗ zweifelten Entſchluß faßt: „Ich habe im Ganzen nichts mehr zu ſchonen! ... Sie kommen zu rechter Zeit; geſtern oder morgen hätte ich vielleicht geleugnet oder würde ich vielleicht leugnen, was ich bin; ich habe keinen Sou mehr; ich weiß nicht, wo mir der Kopf ſteht, und zu dieſer Stunde denunciren mich dieſe Elenden am Ende bei der Polizei, weil ſie mich fürchten. Ich erſchaue nicht, was Sie von mir wollen, doch Sie haben mich nicht ohne Grund aufgeſucht; ich kann etwas dabei gewinnen, daß ich aufrichtig gegen Sie bin .. . Das iſt ein Wurf . ich ſpiele ihn . . . ich habe noch ganz andere geſpielt! Wohl denn! ja, ich bin unter dem Namen Saint⸗ Lambert wegen Betrugs im Spiel verfolgt worden; ja, ich heiße Delmare, ja, ich bin unter dieſem Nameu durch Contumaz zu fünf Jahren Galeeren verurtheilt worden!“ „Was er ſagt!“ rief der Corſe, die Hände faltend, während ſein Geſicht eine wilde Freude ausdrückte; „Galeeren! es würde ſich um Galeeren handeln! .. Oh! das wäre zu ſchön! „zu ſchön Delmare ſchaute den Corſen ganz erſtaunt an; er glaubte einen Augenblick, er ſei verrückt. „Ich beſchwöre Sie,“ ſagte Pietri mit keuchender Stimme, „wiederholen Sie mir das, denn ich kann meinen Ohren nicht glauben; Sie ſagen, ſie ſeien ver⸗ urtheilt worden? „Zu fünf Jahren Galeeren wegen qualifieirten — „ 213 Betrugs „ Sind Sie zufrieden, mein Meiſter?“ er⸗ wiederte Delmare. „Ob ich zufrieden bin! Er hält mich alſo für ſehr undanfbar!“ rief der Corſe mit ſtockender Stimme. Dann griff er in ſeine Taſche, zog ein Portefeuille heraus, nahm aus dieſem ein Billet von tauſend Fran⸗ 6 zeigte es Delmare, der immer mehr erſtaunte, und agte: „Sie fragen mich, mein edler Freund, ob ich zu⸗ frieden ſei, daß Sie zu den Galeeren verurtheilt wor⸗ den? hier iſt meine Antwort.“ Und er reichte ihm das Billet. „Ich bin nicht reich,“ fügte er bei, „ich beſitze nur einige kleine Erſparniſſe, und dennoch iſt hier ein ſchönes und gutes Billet von tauſend Franken, das ich Sie anzunehmen bitte, als einen ſchwachen Beweis der Freude, der Trunkenheit, in die mich das verſetzt, was Sie mir über die fünf Jahre Galeeren geſagt haben!“ Doch indem er Delmare mit einem zweifelnden Blick anſchaute und die Hand zurückzog, die das offene Billet hielt, fuhr er fort: „Wenn Sie aber prahlten, wenn ſie die Leichtgläu⸗ bigkeit eines armen Greiſes mißbrauchten, wenn dieſe fünf Jahre Galeeren eine Fabel wären . Bei Gottl man hat zuweilen Leute geſehen, welche mit einem Ver⸗ brechen, das ſie nicht begangen, prahlten! Doch nein, nein, ich traue dieſem gewiſſen Etwas Ihrer Phyſio⸗ gnomie, das mir ſagt, Sie ſeien in dieſer Hinſicht kein Großſprecher, mein Freund. Ich baue auf Ihr Wort. Ja, ſchwören Sie mir, daß Sie zu fünf Jahren Ga⸗ leeren unter dem Namen Adalbert Delmare verurtheilt worden ſind, und es gehören nicht nur dieſe tauſend Franken Ihnen, ſondern Sie werden die Morgenröthe des goldenen Tags ſein, der ſich bald für Sie erheben muß. Verzeihen Sie mir dieſe Poeſie, doch Sie be⸗ greifen; die Freude, die Trunkenheit, das macht bei⸗ 214 nahe närriſch, und wer ſagt Dichter, der ſagt Narr.“ „Verflucht!“ rief Delmare, denn er glaubte ſich einem Wahnſinnigen gegenüber und zitterte, ſeine un⸗ ſeligen Geheimniſſe bloßgeſtellt zu haben, „dieſer Elende iſt verrückt zum Binden!. Und ich habe geſprochen!“ „Sie glauben vielleicht dieſes Billet ſei falſch?“ ſagte Pietri. Und er lief an die Thüre, rief einem Kellner und hieß ihn das Billet gegen Gold wechſeln. Dann kehrte er zu Delmare zurück, der zu träumen wähnte, und fuhr fort: „Wenn Sie ſogleich fünfzig gute ſchöne Louis dor, welche vom Wechsler kommen, einſacken, werden Sie dann glauben?“ „Ei! tauſend Donner! ich werde an das Gold glauben können, wenn ich es eingeſackt habe; darum werde ich aber nicht an Ihren geſunden Verſtand glauben.“ „Mein geſunder Verſtand! .. Ohl mein würdi⸗ ger Freund, meine Vernunft iſt nie ſchärfer und feſter geweſen, das ſchwöre ich Ihnen, und ich werde es — Ihnen beweiſen. Was Ihnen jetzt ſeltſam, unerhört vor⸗ kommt, wird ſich ſpäter vor Ihren Augen aufklären. Dann werden Sie begreifen, daß ich, wäre ich reich, Ihre Verurtheilung zu fünf Jahren Galeeren unter dem Namen Adalbert Delmare ganz anders bezahlen müßte eine Verurtheilung, über die ich mir ganz leicht in der Kanzlei des Aſſiſenhofs Sicherheit werve ver⸗ ſchaffen könnenz nicht als ob ich an Ihrem Wort zwei⸗ felte, mein edler Freund, Gott behüte mich! doch es iſt eine fleine Befriedigung, die ich mir geben will. Und dann brauche ich das genaue Datum dieſes ſchönen Tags, dieſes unausſprechlichen Tags!“ 4 Delmare zögerte noch, zu glauben, der Corſe ſei 2¹⁵ bei geſundem Verſtand, als der Kellner mit einer Rolle Gold, die er Pietri übergab, zurückkehrte. Nachdem der Kellner wieder weggegangen war, ſagte Pietri, indem er den Inhalt der Rolle in ſeine Hand leerte und die Goldſtücke vor den Augen von Delmare, welche vor Gierde funkelten, ſpiegeln ließ: „Zum Beweiſe, daß ich Ihnen glaube, und daß Sie jedes Vertrauen zu mir haben müſſen, zum Beweiſe, daß ich kein Feind, ſondern ein Freund bin, dient, daß dieſe tauſend Franken Ihnen gehören; nehmen Sie das Gold.“ Und die Goldſtücke gingen aus der Hand des Corſen in die von Delmare über. Trotz ſeines Er⸗ ſtaunens ſteckte dieſer behende die fünfzig Louis d'or in ſeine beiden Weſtentaſchen und blieb einige Augenblicke ſtille, denn er ſuchte den Schlüſſel zu einem Räthſel, das ihm Anfangs unbegreiflich vorkam, doch plötzlich ſchlug er ſich vor die Stirne, als ob er das Geheimniß er⸗ gründet hätte, und rief: „Ich habe es! ich errathe!“ „Was errathen Sie, mein würdiger Freund?“ fragte Pietri; „ich hoffe, wir werden nun keine Ge⸗ heimniſſe mehr für einander haben?“ „Bei Gott! nein, Sie ſind nicht verrückt, alter Böſewicht! weit entfernt!“ „Auf. . erklären Sie ſich!“ „Louiſa wird mit Ihnen von mir als von einem Menſchen geſprochen haben, der zu Allem gut, zu Allem bereit, und der in ſeinem ganzen Leben die Furcht nicht gekannt .. Sie haben einen ſchlimmen Streich aus⸗ zuführen; ich ſcheine Ihnen ein bequemes Werkzeug zu ſein; ich habe Ihnen geſtanden, ich ſei mehr Verbrecher als Sie dachten. Hievon rührte Ihre Freude her, als Sie meine fünf Jahre Galeeren erfuhren. Je verhär⸗ teter das Werkzeug iſt, deſto beſſer iſt es ohne Zweifel in Ihren Augen . . Sie halten mich an meinem Ge⸗ heimniß feſt; ich gehöre Ihnen nun mit Leib und 2¹16 Seele, nicht wahr? Wohl denn! das ſagt mir zu! denn in meiner verteufelten Lage ſteht mir die Wahl der Mittel nicht mehr frei!“ „Es leben die Burſche von Geiſt! Sie wären würdig der Bruder der Baronin zu ſein!“ rief Pietri, Delmare die Hand reichend. „Schlagen Sie ein, der Handel iſt gemacht; Sie werden es nicht zu bereuen haben.“ „Wie lauten Ihre Befehle, Papa Satan?“ „Finden Sie ſich heute Abend um neun Uhr auf der Place Louis XV. beim Fuße des Obelisks ein; Sie werden Alles erfahren; denn es ſchlägt bald drei Uhr,“ fügte Pietri ſeine Uhr ziehend bei, „und ich habe noch einen ſehr wichtigen Gang zu machen „. . Mein edler Freuud, heute Abend alſo um neun Uhr, am Fuße des Obelisks.“ „Abgemacht!“ „Und da man für Alles vorherſehen muß: ſollte es regnen, ſo finde ich Sie unter den Arcaden an der Ecke der Rue des Champs⸗Elyſées.“ „Sehr gut.“ „Bis dahin, mein edler Freund, werde ich auf Mittel ſinnen, Sie vor den Spürhunden der Polizei zu bewahren, falls Ihre ehrenwerthen Collegen geplau⸗ dert haͤtten. Sehen Sie, Sie ſind mir zu koſtbar, als daß ich mich der Unannehmlichkeit, Sie zu verlieren, ausſetzen ſollte. Sie haben keinen Begriff, wie ich Sie pflegen, hätſcheln und verzärteln werde „ „Oh! einen Augenblick Geduld!“ ſagte Delmare, nachdem er einige Secunden nachgedacht hatte, „ehe ich mich weiter verbindlich mache, muß ich Sie von Einem in Kenntniß ſetzen, Papa Satan.“ „Wovon?“ „Ich habe im Spiel betrogen, ich habe Leute über⸗ tölpelt, ich habe eine Fälſchung begangen . und zwar unter einem Umſtand .. „Welchen Umſtand meinen Sie?“ 217 „Daran iſt Ihnen nichts gelegen! was Sie brau⸗ chen, nicht wahr, iſt, daß ich zu den Galeeren verur⸗ theilt worden bin?“ fügte Delmare mit einem bittern Gelächter bei; „ich habe dieſen Vortheil gehabt; mit einem Wort, Betrüger im Spiel und Fälſcher, das iſt mein Maß; richten Sie ſich darnach; Sie ſehen, mein Zartgefühl läßt Ihnen ziemlich viel Rand . Doch darüber hinaus rechnen Sie nicht auf mich.“ „Hm! hm! Bedingungen, mein edler Freund?“ „Hören Sie, Vater Satan, mit Ihren ehrwürdigen weißen Haaren, Ihren gekniffenen Lippen und Ihrem teufliſchen Lächeln ſehen Sie mir aus wie ein Gift⸗ miſcher in partibus, Sie riechen ungeheuer nach Ar⸗ ſenik. „ Wenn es ſich nun um einen Mord handelte, bei dem Sie den Nutzen und ich „„die Ehre hätte, ſo erkläre ich Ihnen, daß dieſe Art von Operationen mir nicht zuſagt „ „Potz Teufel!“ rief der Corſe, ſeinen ſcharfen Blick auf Delmare heftend. „Auf dem Punkte, wo Sie ſind, mein armer Freund . Ihre Flucht geſichert . zwanzigtauſend Franken in Gold, denke ich . zehn davon im Voraus „ nun * das iſt doch hübſch!“ Delmare faltete die Stirne, warf einen Blick des Abſcheus und des Zorns auf Pietri, faßte ſich aber wieder und ſagte mit einer kalten Bitterkeit: „Vater Satan, Sie begreifen, ich bin nicht be⸗ fugt, mich von Ihrem Anerbieten beleidigt zu nennen; die Empfindlichkeit eines zu den Galeeren Verurtheilten würde Sie ſehr lachen machen, und Sie hätten Recht; nun berechnen Sie Ihre Pläne hienach; mein Intereſſe bürgt Ihnen für meine Pünktlichkeit beim Rendez⸗vous heute Abend; ich könnte Paris mit den tauſend Fran⸗ ken, die Sie mir gegeben, in einer Stunde verlaſſen; doch dieſen Abend würden Sie ohne Zweifel die Po⸗ lizei mir nachſenden, wenn ſie mich nicht ſchon ver⸗ folgt, und ich würde ihr ſchwer entgehen, da mein wahrer Name einmal entdeckt iſt. Ich will alſo lieber 1 218 vas Verſprechen halten, das ich Ihnen geleiſtet; das iſt offenbar meine einzige Chance; Sie bedürfen meiner; ich werde Ihren Plänen nach meinen beſten Kräften dienen; voch wenn Sie bis zum Mord gehen, Vater Satan, ſo wiederhole ich Ihnen, daß ich nicht Ihr Mann bin.“ „Und wenn ich Sie zur Stunde anzeigen würde, zu theurer und zu gewiſſenhaſter Fre 52 „Thun Sie es Gleichviel „iag das nun ein wenig früher, ein wenig ſpäter geſchehen! „. Und dann ſehen Sie,“ fügte Delme mit einer Miene düſterer Niedergeſchlagenheit bei, welche dem Corſen auffiel, „ich fange an, ſo müde, müde zu werden, daß mich Gott verdammen ſoll, wenn ich nicht Luſt habe, die Gelegenheit zu benützen, um.„ 2 Delmare vollendete nicht, er neigte das Haupt mit einer nachdenkenden, trüben Miene. „Vollenden Sie doch,“ ſprach der Corſe, der ihn aufmerkſam anſchaute. „Warum dieſes plötzliche Schweigen?“ „Ich begreife mich % „Ich, der ich mich nicht dieſes Vorrechts erfreue, begreife nicht, daß Sie mit Ihrem Alter, mit höchſtens ſieben und zwanzig Jahren ſchon müde find! Und dann weſſen ſind Sie müde?“ „Sie wiſſen alſo nicht, Vater Satan,“ erwiederte Delmare mit einem gezwungenen Lächeln, „Sie wiſſen alſo nicht, daß es bei dem Leben, das ich führe, iſt, wie beim militäriſchen Leben, wo die Feldzugsjahre doppelt zählen?“ „Und Sie ſind frühe ins Feld gezogen, mein in⸗ tereſſanter Freund?“ „Mit fünfzehn Jahren, ſo daß ich in meinem Alter beinahe dreißig Jahre Dienſte habe.“ „„Und ehrenvolle Dienſte, nicht wahr?“ „Vater Satan, Sie ſind ſehr heiter.“ He! he! he! wenn ſich die Gelegenheit bietet. . 2¹9 doch beruhigen Sie ſich: der Mordvorſchlag war nur eine Probe.“ — „Ah! es war eine Probe?“ „Nichts Anderes. Sie werden mich ſehr ſonderbar finden, aber bei Meiner Ehre, ich weiß nicht, ob ich zufrieden oder ärgerlich ſein ſoll, daß ich bei Ihnen nicht eine Ruchloſigkeit gefunden, mit der ich Sie ſo wohlgefällig geſchmückt hatte. Ein Wort beſonders, das ie ſo eben ausgeſprochen, iſt mir ſehr aufgefallen.“ „Welches?“ „Sie ſagtenz Ich bin ſo müde, ſo müd der Ton Ihrer Stimme, der Ausdruck Ihres Geſtchts verriehen ſo viel Ekel vor Ihrem gegenwärtigen und vergangenen Lehen, daß es mir vorkam (ich ſage dies nicht, um Sie zu beleidigen, mein edler Freund) daß es mir vertle ſähe ich hier etwas von einem kleinen Gewiſſensbiß hervordringen!“ „Vater Satan, Sie werden immer komiſcher!“ „Ah! erröthen Sie nicht über dieſen bloßen Willen, zu bereuen; ich habe gute Angen . . . Ich weiß auch nicht, ob ich zufrieden oder ärgerlich ſein ſoll, daß in Ihnen vielleicht noch ein unbeſtimmter, entfernter Be⸗ griff vom Böſen und vom Guten vorhanden iſt. Im Gan⸗ zen genommen,“ fügte der Corſe nachdenkend bei, „glaube ich, daß es für mein Vorhaben beſſer iſt, daß Sie nicht völlig verhärtet ſind . . . Damit wiederhole ich Ihnen, mein intereſſanter Freund, daß der Mordvorſchlag nur eine Probe war.“ „Wohl denn! Vater Satan . . . ich bin ganz und gar in das Garn gegangen . . . denn ich weiß nicht, warum Sie immer mehr den Eindruck eines Gift⸗ miſchers auf mich machen.“ „Es iſt ein wenig Wahres hiebei; nur . . über⸗ laſſe ich das Gift den Dummköpfen.“ 3 „Wahrhaftig! Sie vergiften die Leute ohne Gift?“ „Oh! mein Gott! mein würdiger Freund, ſo wie Sie mich ſehen, wäre ich im Stande, eine ganze Fa⸗. — 220 milie ohne ein Atom von giftigem oder ſchädlichem Stoff zu vergiften; ich ſage noch mehr, ohne irgend einen Stoff und nur durch die Thatſache meines Willens. Doch,“ fügte der Corſe ſeine Uhr ziehend bei, „ich ſchwatze und ſchwatze, und die Zeit vergeht. Heute Abend alſo.“ „Heute Abend.“ „Um neun Uhr, Place Louis KV., beim Obelisk oder unter den Arcaden, mein edler Freund.“ „Ich werde dort ſein.“ „Sie bringen den Geburtsbrief von Louiſa mit?“ „Ja.“ „Auf Wiederſehen, mein edler Freund.“ „Auf Wiederſehen, Vater Satan.“ Hienach verließ Pietri die Schenke zur Großen Pfeife und wandte ſich nach der Wohnung von Frau von Bourgueil. XXIV. Frau von Bourgueil trug, wie es der General Roland zum Major Maurice geſagt hatte, auf ihrem melancholiſchen, leidenden Antlitz die Spuren eines be⸗ wältigten, aber tiefen Schmerzes; ihre Bläſſe, ihre vor den Jahren völlig weiß gewordenen Haare, das peinliche Lächeln, das zuweilen über ihre Lippen ſchwebte, gaben ihren Zügen jenen janften, traurigen Zauber, dem die Gräfin Roland nicht hatte widerſtehen können⸗ ungefähr zur Stunde, wo Pietri die Schenke zur Großen Pfeiſfe verließ, um ſich zu Frau von Bourgueil zu begeben, befand ſich dieſe, an einer Stickerei arbeitend, mit ihrer Tochter Adeline (eine Folge des 221 Seeinſ⸗ mit dem Oberſten Roland) in ihrem alon. Adeline war reizend, ſie glich ungemein ihrer Mut⸗ ter; ihre lachende, offene Phyſiognomie verkündigte einen Charakter voll Liebreiz und Anmuth; ihr Leben war bis dahin nur ein langer Tag des Glücks geweſen. Bei der gräßlichen Verſtellung von Herrn von Bour⸗ gueil hatte ſie nie vermuthet, es walte zwiſchen ihrer Mutter und ihm eines von den furchtbaren Geheimniſſen P die das ganze Daſein einer Frau martern kön⸗ en und das von Frau von Bourgueil auch wirklich marterten eine gräßliche Folter, beinahe jedes Au⸗ genblicks, welche die unglückliche Mutter mit einer ſcheinbar unempfindlichen Stirne, ein Lächeln auf den Lippen in Gegenwart ihrer Tochter, aus Furcht, den geringſten Verdacht in ihr zu erregen, aushielt. Adeline, welche bei dem Manne, den ſie für ihren Vater hielt, die lebhafteſte Zärtlichkeit für ſie fand, welche ihn gegen Frau von Bourgueil, die er zum Schein mit liebevoller Ehrerbietung behandelte, voll Rückſicht, voll Aufmerkſamkeit ſah, war glücklich und vertrauensvoll zwiſchen dieſen zwei Gatten aufgeblüht, die in der ſüßeſten Harmonie zu leben ſchienen. „Meine Tochter,“ ſagte Frau von Bourgueil zu Adeline, während ſie an ihrer Stickerei fortarbeitete, vich bitte Dich, klingle . . Ich möchte gern wiſſen, ob Dein Vater nach Hauſe gekommen iſt.“ „Er nach Hauſe gekommen? Wäre denn der gute Vater nicht ſchon erſchienen, um uns zu umarmen?“ erwiederte lächelnd Adeline. Und ſie klingelte. Ein Bedienter trat ein, Frau von Bourgueil fragte: „Iſt Herr von Bourgueil zu Hauſe?“ „Nein, gnädige Frau, der Herr iſt noch nicht zu⸗ rückgekommen.“ „Es iſt gut,“ ſagte Frau von Bourgueil. Dann in dem Augenblick, wo ſich der Bediente ent⸗ 222 fernte, ſprach ſie, als hätte ſie überlegt, obgleich ſie den Diener nur gerufen hatte, um ihm den folgenden Beſehl zu geben, auf den ſie kein Gewicht zu legen ſcheinen wollte: „Julien, wenn zufällig ein Beſuch für mich käme, ſo ſagen Sie, ich ſei nicht zu Hauſe.“ „Gut, Madame.“ Hienach ging der Bediente ab. „Oh! Mama,“ ſagte Adeline zu ihrer Mutter, mit einem Ton ſanften Vorwurfs, während ſie ſich auf ein niedriges Stühlchen Frau von Bourgueil gegenüber ſetzte, „ich bedaure ſehr, daß Du einen ſolchen Befehl gibſt.“ „Warum?“ „Wenn Beſuche zu Dir kommen, ſo wird man ſie wegſchicken 4 „Nun?“ „Und wenn ſich unter dieſen Perſonen die Frau Gräfin Roland befände? „Die Frau Gräfin Roland,“ erwiederte Frau von Bourgueil verlegen und die Augen vor dem reinen, treuherzigen Blick ihrer Tochter niederſchlagend, „warum ſoll dieſe gerade kommen?⸗ „Um Dir heute den Beſuch zurückzugeben, den Du ihr vor ein paar Tagen gemacht haſt.“ „Dann, mein Kind, wird die Gräfin ihre Karte zurücklaſſen.“ „Liebe Mama, da Du zu Hauſe biſt, willſt Du es alſo vermeiden, die Gräfin zu empfangen 2 Wie Schade! ſie ſieht ſo anmuthig, ſo wohlwollend aus! Man ſagt in der Geſellſchaft, wo wir ſie oft treffen, es ſei eine der ausgezeichnetſten Frauen. Höre, Mamo hen, wenn es Dir widerſtrebt, ſie zu ſehen, ſo wäre mir das ſehr ärgerlich .. oh! ſehr, ſehr!“ „Wahrhaftig? „und aus welchen Gründen?“ „Ich hahe einen gewiſſen Plan, doch ich müßte 223 darauf verzichten, wenn Dir die Frau Gräfin Rolland Widerwillen einflößte.“ „Sie flößt mir keinen ein, das verſichere ich Dich, mein liebes Kind.“ „Sie kann aber heute kommen, und wird dann Deine Thüre verſchloſſen finden.“ „Heute,“ erwiederte Frau von Bourgueil, grauſam leidend (ein beinahe täglicher Schmerz für ſie), weil ſie ihre Tochter belügen mußte, „heute fühle ich mich nicht wohl.“ „Liebe Mutter, Du leideſt?“ rief das Mädchen, deſſen reizendes Geſicht die lebhafteſte Angſt aus⸗ drückte. Dann kniete ſie vor ihrer Mutter nieder, nahm die Hände von Frau von Bourgueil in die ihrigen und fügte bei: „Du leideſt und ſagſt mir nichts davon! „ Laß mich doch Dich anſchauen.“ Und mit einer anmuthvollen Bewegung ſtrich Ade⸗ line mit ihren Händen die weißen Locken, welche die Stirne ihrer Mutter umgaben, auf die Seite, betrach⸗ tete ſie einen Augenblick mit zärtlicher Beſorgniß und ſprach traurig: „Es iſt wahr, arme Mama, Du ſcheinſt zu leiden und ich hatte es nicht bemerkt .. Mein Gottl mein Gott! was haſt Du denn?“ Ach! ja, Frau von Bourgueil litt in dieſem Au⸗ genblick, nicht an einem körperlichen Unwohlſein, ſie befand ſich nicht beſſer, nicht ſchlechter als gewöhnlich, ſondern ſie litt grauſam, daß ſie durch eine Lüge die Be⸗ ſorgniſſe ihrer Tochter erregt hatte. Frau von Bour⸗ gue' ſchämte ſich auch dieſer Lüge, hielt, da ſie die demü⸗ thigende Röthe verbergen wollte, welche einen Augenblick ihr ſanftes, bleiches Geſicht färbte, lange ihre Tochter umfangen und ſprach zu ihr: „Theures Kind, beruhige Dich, es iſt nichts „ 224 Ich fühle nur eine leichte Unpäßlichkeit. es iſt nervöſer Natur und wird bald vorübergehen 4 „Du willſt mich beruhigen,“ erwiederte Adeline, mit einer Miene traurigen Zweifels, indem ſie ihre be⸗ ſorgten, großen Augen auf ihre Mutter heftete; „ich ſehe es wohl.“ „Wenn ich leide, mein Kind, ſo iſt es, weil ich Dich in Unruhe verſetzt ſehe . und nicht aus einem andern Grunde. Ich wiederhole, ich fühle mich nur ein wenig unpäßlich ... Doch das genügt, um mir i dieſem Augenblick jeden Beſuch läſtig zu machen.“ „Wahrhaftig! iſt es nur eine leichte Unpäßlich⸗ keit ?“ „Nichts Anderes!“ „Wahrhaftig! wahrhaftig! nicht wahr, liebe Mut⸗ ter?“ ſagte Adeline mit einer treuherzigen Beharrlich⸗ keit. „Du weißt, für mich iſt Dein Wort das Wort des Evangeliums, und wenn Du mich verſicherſt, es ſei nur ein wenig Unwohlſein, ſo glaube ich Dir.“ „So glaube mir . „Ich glaube Dir!“ rief Adeline, ihre Mutter um⸗ armend; „doch Du haſt mir ſehr bange gemacht 14 „Und Du vergibſt mir,“ ſagte Frau von Bourgneil, indem ſie zu lächeln ſuchte, „Du vergibſt mir, daß ich Dich ſo beunruhigt habe?“ „Ich habe große Luſt, Mamachen, eine Bedingung an meine Verzeihung zu knüpfen.“ „Gut, ich unterſchreibe zum Voraus,“ erwiederte Frau von Bourgueil, einen Seufzer der Erleichterung unterdrückend, denn ſie fühlte ſich glücklich, daß ſie aus dieſem Irrſal von Verſchweigung, von Verftellung und Lüge hinausgekommen, in das ſie ſich, übrigens wie ſo oft, gezwungener Weiſe hatte hineinreißen laſſen; „ſprich⸗ meine Adeline welche Bedingung ſtellſt Du mir?“ „Vor Allemn, liebe Mama, damit ich Dir dieſe Be⸗ dingung ſage, braucht es zweierlei „Oh! das verwickelt ſich ſehr,“ ſagte lächelnd Frau von Bourgueil. „Und dieſes Zweierlei, was iſt es?“ „Erſtens mußt Du mich ganz beſtimmt verſichern, daß Du keinen Widerwillen gegen die Frau Gräfin Roland haſt.“ „Abermals dieſe Folter! .. abermals!“ ſagte die unglückliche Frau, durch ihre Tochter zu dem grau⸗ ſamen Gegenſtand zurückgeführt, dem ſie entgangen zu ſein glaubte, zu ſich ſelbſt. Und ſie ſprach laut mit einer ſcheinbaren Ruhe: „Warum beharrſt Du hiebei? aus welchem Grunde ſoll mir die Gräfin Roland Widerwillen einflößen?“ „Einmal glaubte ich einen Augenblick, Du wolleſt ſie nicht empfangen; und dann, was weiß ich? alle Tage ſagt man in der Geſellſchaft das Allerbeſte von einer Perſon, und häufig iſt das übertrieben, ja ſogar trügeriſch; Du kennſt mein blindes Vertrauen zu Dir. Ich möchte auch, ich wiederhole es Dir, wiſſen, ob Du die Sympathie theilſt, die man in unſerer Geſellſchaft der Frau Gräfin Roland allgemein bezeigt.“ „Gewiß, mein Kind, denn in unſerem Verhältniß bei dem Verein für die Gefängniſſe habe ich oft die ſeltene Güte ihres Herzens und die Weisheit ihres Gei⸗ ſtes ſchätzen gelernt.“ „Sehr gut,“ rief Adeline heiter, „ich bin nun über den erſten von den beiden Punkten im Reinen „ und Du kannſt Dir nicht einbilden, liebe Mama, wel⸗ ches Vergnügen Du mir machſt, indem Du ſo ſprichſt! Ich gehe zum zweiten Punkt über.“ „Der zweite Punkt alſo?“ fragte Frau von Bour⸗ gueil mit einer unwillkührlichen Bangigkeit. „Oh! der zweite,“ erwiederte Adeline immer hei⸗ ter, „der zweite iſt ſehr delicater Natur.“ „Wie ſo?“ „Bedenke doch eine junge Perſon von einem Herrn ſprechen!“ Die Kinder der Liebe. 1⁵ 226 „Was willſt Du damit ſagen?“ „Es iſt wahr,“ fügte das Mädchen lachend bei, „die Sache wird dadurch weniger unſchicklich, daß dieſer Herr ganz graue Haare hat und von einem ehrwür⸗ digen Alter iſt . vom Alter meines Vaters wahr⸗ ſcheinlich.“ „Adeline, ich verſtehe Dich durchaus nicht.“ „Mamachen, Du haſt mir geſagt, was Du alles Gutes von der Gräfin Roland denkſt; ſage mir nun auch, was Du vom General Roland denkſt.“ Hätte ein ſpitziges Eiſen das Herz von Frau von Bourgueil durchbohrt, ſie würde keinen grauſameren Schmerz, als bei dieſer Frage empfunden habenz ſie hatte jedoch die Stärke, ſich zu bewältigen und mit kaum bewegter Stimme zu antworten: „Ich denke „ der General Roland iſt ein voll⸗ kommen ehrenwerther Mann.“ „Das iſt Alles!“ verſetzte Adeline mit einer köſt⸗ lichen Mundverziehung des Vorwurfs. „Wie geizig Du Dein Lob ſpendeſt!“ „Was ſoll ich mehr ſagen, mein Kind, als daß er ein vollkommen ehrenwerther Mann iſt?“ In dieſem Augenblick wurde die Thüre des Salon geöffnet, und Herr von Bourgueil trat ein. Bei ſeinem Anblick klatſchte Adeline heiter in die Hände, lief auf ihn zu und rief: „Ich bin überzeugt, mein Vater wird mir mehr, als Du, über den General ſagen.“ Und ſie näherte ſich Herrn von Bourgueil, bot ihm ihre ſchöne Stirne zum Kuß und ſprach: „Guten Morgen, mein Vater.“ Herr von Vourgueil küßte Adeline auf die Stirne, und da ſie ihn nicht ſehen konnte, warf er auf Frau von Bourgueil einen Blick höhniſcher Bosheit und er⸗ wiederte dann: „Guten Morgen, meine Tochter.“ Seiner Gewohnheit gemäß betonte er die Worte: „ 227 meine Tochter, ſo daß Frau von Bourgueil ihr Herz brechen fühlte. „Noch einmal,“ fügte der Henker bei. Und er nahm zwiſchen ſeine beiden Hände den Kopf von Adeline und küßte ſie auf's Neue auf die Stirne. Dann lächelte er, ſeine Frau anſchauend, auf eine teufliſche Weiſe und ſetzte hinzu: „Es iſt ſo gut, ſo ſüß, ſein Kind zu küſſen.“ Bei dieſem neuen, grauſamen Hohn bebte die un⸗ glückliche Mutter vor Angſt, denn ſie dachte an die Na⸗ tur der Unterredung, die ſie mit ihrer Tochter im Au⸗ genblick der Rückkehr von Herrn von Bourgueil gehabt hatte; eine Unterredung, welche das Mädchen, um vom General Roland zu ſprechen, ohne Zweifel wieder auf⸗ nehmen würde. XXV. * Herr von Bourgueil, deſſen Haare grau geworden, war im Uebrigen ſehr wenig durch das Alte verändert. Ein geübtes Auge hätte in ſeinen Zügen denſelben Aus⸗ druck eiſiger Ironie, füßlicher Bosheit, verſchleiert unter einem Aeußern von heuchleriſcher Freundlichkeit leſen können. Er ging auch voll Eifer auf ſeine Frau. Mit einem durchdringenden Blick hatte er auf dem Geſichte von Frau von Bourgueil eine ungewohnte, ſchmerzliche, eine grauſame Scene weisſagende Unruhe erkannt. Seine Miene war der Spiegel der ſanfteſten Befriedi⸗ gung und er ſagte, während er Adeline und ihre Mutter voll Liebe anſchaute: „Es iſt doch ſonderbar!“ 228 mein Vater?“ fragte das Mädchen, „Was denn, getäuſcht durch dieſe geheuchelte Treuherzigkeit; „was ſindeſt Du ſonderbar 2“ „Was ſoll ich Euch ſagen ? Ich verlaſſe Euch ſtets nur auf ein paar Stunden, und es kommt mir vor, als fände ich Euch Beide mit neuem Glück wieder.“ „Mama, Du hörſt!“ rief Adeline; „und er ſpricht die Wahrheit. Sieh doch, wie glücklich er ausſieht! ſchau' ihn doch an, den guten Vater.“ „Wir dürfen uns nicht über ein Gefühl wundern, das wir theilen, mein gutes Kind,“ erwiederte Frau von Bourgueil mit dem liebevollſten Ton, den ſie zu heucheln vermochte. Und dieſe offenherzige, von Natur redliche Frau hatte einen wahren Abſcheu vor der Falſchheit, vor der Heuchelei, während kein Tag, keine Stunde verging, wo ſie nicht, in Gegenwart ihrer Tochter, genöthigt war⸗ von Zuneigung fuͤr dieſen unbarmherzigen Menſchen er⸗ füllt zu ſcheinen! „Geſegnet ſei alſo der häusliche Herd, der uns ſo füße und ſo reine Freuden gibt!“ ſprach Herr von Bour⸗ gueil, indem er ſich zu Adeline und ihrer Mutter ſetzte⸗ Und er fügte lächelnd bei: „Ich befürchte nur, es dürfte heute die Einſamkeit unſeres Herdes durch einige Beſuche geſtört werdenz denn meine liebe Freundin,“ ſagte er zu ſeiner Frau, „ich habe mir eine Verzeihung von Ihnen zu er⸗ bitten.“ 6. „Worüber?“ „Ich erlaubte mir die Befehle, die Sie gegeben, zu ändern.“ „Welche Befehle 24 „Sie hatten Ihre Thüren ſchließen laſſen; ich hab⸗ im Gegentheil geſagt, wenn ein Beſuch erſcheine, ſe werden Sie ihn annehmen.“ „Ich hatte meine Thüre ſchließen laſſen,“ erwiederte 229 Frau von Bourgueil, „weil ich mich, ohne gerade lei⸗ dend zu ſein, ein wenig unwohl fühle.“ „Wahrhaftig, meine Freundin!“ ſagte Herr von Bourgueil mit einer Miene voll Beſorgniß „Doch es iſt hoffenlich von keiner Bedeutung?“ „Oh! nein, Gott ſei Dank!“ antwortete Adeline. „Mama hat mich ſo eben beruhigt, völlig beruhigt.“ „Ah! deſto beſſer,“ ſagte Herr von Bourgueil. „Ich war ſchon ganz beſorgt. Dann bedaure ich es beinahe nicht mehr, daß ich Ihre Thüre wieder habe öffnen laſſen, und zwar,“ fuhr er fort, einen Blick auf ſeine Frau werfend, deſſen Bedeutung ſie begriff, „und zwar, weil ich dachte, es wäre ſehr möglich, die Gräfin Ro⸗ land würde Ihnen in Perſon den Beſuch zurückgeben, den Sie ihr auch in Perſon gemacht haben.“ „Geſtehe, Mama,“ ſagte Adeline mit einem freu⸗ digen Erſtaunen, „geſtehe, daß der Vater, wenn ich mich mit ihm verſtändigt, nicht hätte anders ſprechen können.“ „Wie ſo denn?“ fragte Herr von Bourgueil ſehr begierig. „Stelle Dir vor, daß ich, als Mama ſagen ließ, ſie würde durchaus Niemand annehmen, gerade ſo mit ihr ſprach.“ „In Beziehung auf die Gräfin Roland?“ „Mein Gott, ja.“ „Wahrhaftig! Nun denn, man wage es noch, zu behaupten, es gebe nicht zwiſchen dem Vater und den Kin⸗ dern tauſend natürliche Verwandtſchaften, tauſend Cha⸗ rakterpunkte bei den geringſten Umſtänden!“ ſprach Herr von Bourgueil zu ſeiner Frau. „Du wirſt wohl nicht einer entgegengeſetzten Anſicht ſein, zärtliche Freundin?“ „Nein, gewiß nicht,“ erwiederte die unglückliche rau, indem ſie bei dieſem granſamen Hohn zu lächeln ſuchte; doch ihr Lächeln war herznagend. „Sprich, Adeline,“ ſagte Herr von Bourgueil zu dem Mädchen; „warum machteſt Du gegen Deine Mutter 230 vieſelbe Bemerkung, wie ich, in Beziehung auf die Gräfin Roland?“ „Ich erklärte das Mama, als Du eintratſt.“ „Nun, beenge ich Dich etwa?“ „Im Gegentheil! Du mußt meinen Plan auch er⸗ fahren, guter Vater.“ 1 „Oh! wenn Du mit Deiner ſo ſüßen Stimme die Worte: guter Vater zu mir ſagſt, ſo machſt Du Alles, was Du willſt, aus mir. Doch ſtille!“ fügte Herr von Bourgueil lächelnd und ſeine Frau mit einem Blick bezeichnend bei; „ich darf nicht ſo laut von meiner väterlichen Schwäche reden .„ Deine Mutter würde mich ſchelten; denn ſiehſt Du, das iſt die Frau Ver⸗ nunft in Perſon.“ „Sie ſpenden mir ein übertriebenes Lob, mein Freund,“ erwiederte Frau von Bourgueil. „Dir ein Lob ſpenden!“ rief Herr von Bourgueil mit einem Ausdruck bewunderungswürdig geſpielter Zu⸗ neigung und Verehrung. „Dir ein überkriebenes Lob ſpenden, Dir, der treuen Gefährtin meines Lebens! Dir, dem Muſter aller häuslichen Tugenden! Dir, der ich ſeit unſerer Verheirathung auf dieſer Welt nur Glück und Freude zu verdanken gehabt habe! Dir endlich, die Du mir dieſen Schatz von Anmuth, Unſchuld und Güte geſchenkt haſt, der ſich Adeline nennt, dieſe vielgeliebte Tochter, deren Vater zu ſein ich ſtolz bin! Dir ein Lob ſpenden, Dir, dem Muſter der Mütter und Gattinnen!.. Oh! miß nur Deinen Tugenden die Schuld bei, wenn die Wahrheit der Schmeichelei gleicht.“ Nein, es iſt unmöglich, einen Begriff von der höl⸗ liſchen Kunſt zu geben, mit der dieſer Menſch die tiefſte Gemüthsbewegung zu heucheln wußte, während er dieſe Worte ſprach, welche die tauſend Wunden im Herzen ſei⸗ ner Frau wieder aufrißen; immer blutende Wunden⸗ denn es vergingen wenige Tage, ohne daß ſie Herr von Bourgueil mit ſolchen unbarmherzigen Lobeserhebungen in Gegenwart ihrer Tochter niederbeugte, und die arme 231 Adeline wenn ſie Herrn von Bourgueil ſo ſprechen hörte, fand ſie in ihrer treuherzigen Zärtlichkeit keine Ausdrücke, welche rührend, dankbar genug, um denjenigen zu ſegnen, 6 dieſe Mutter, die ſie liebte, ſo würdig zu ſchätzen chien. Adeline rief auch, indem ſie mit einer Hand die Hand ihrer Mutter, mit der andern die von Herrn von Bourgueil nahm: —„Ohl wenn Ihr wüßtet, welches Glück es mir be⸗ reitet, wenn ich Euch Beide mich ſo überzeugen höre, daß ich nicht Liebe, Ehrfurcht, ſondern Abgötterei für Euch haben muß, für Dich, Mutter, wegen der anbetungswürdigen Tugenden, von denen mein Vater ſpricht, und für ihn wegen der rührenden Huldigung, die er ihnen jeden Tag darbringt.“ . „Hörſt Du unſer Kind, hörſt Du es?“ ſagte Herr von Bourgueil, ſeine freudige Zärtlichkeit verdop⸗ pelnd. „Sprich, vielgeliebte Frau, hat je ein vorwurfs⸗ freies, frommes Leben eine himmliſchere Belohnung ver⸗ dient, als die, welche Du heute aus dem unſchuldigen Munde dieſes Engels, unſſerer lieben Tochter em⸗ pfängſt? Doch Du antworteſt nicht! Du wirſt unruhig, Du wendeſt den Kopf ab, Du weinſt! .. Oh! weine, meine zärtliche Freundin! dieſe Thränen ſind ſüß für den, der ſie vergießt; ſüß für den, der ſie fließen macht. Komm, meine Tochter, komm, daß eine und dieſelbe Um⸗ armung uns alle drei vereinige!“ Und Herr von Bourgueil warf ſich, ſo wie Adeline, auf die Kniee vor ſeiner Frau, welche immer noch ſaß und Thränen voll gräßlicher Bitterkeit weinte, die ſie nicht zurückzuhalten vermochte, und umſchlang ſie mit ſeinen Ar⸗ men, während das Mädchen mit ſeinen Lippen die feuch⸗ ten, eiskalten Wangen ſeiner Mutter ſuchte. Die Un⸗ glückliche bebte von Grauſen, als ſie das Umfangen von Herrn von Bourgueil fühlte; um ihm zu entgehen, drückte ſie Adeline krampfhaft an ihren Buſen und be⸗ 232 deckte ſie mit Thränen und Küſſen, das einzige Mittel, ihre Schmerzen zu verhehlen und zugleich auszuſchütten. Während dieſer langen Umarmung erhob ſich Herr von Bourgueil, warf einen entſetzlichen Blick auf ſeine Frau und auf Adeline, welche ſich ſo umſchlungen hielten, und ſagte wie niedergedrückt unter dem Gewicht einer zu lebhaften Gemüthsbewegung: „Es iſt etwas Gutes um die Empfindſamkeit; doch das greift an.“ Und während Adeline noch einige Liebkoſungen mit ihrer Mutter austauſchte, welche glücklich, daß ſie ihr grauſames Leiden wenigſtens vor ihrer Tochter hatte verbergen können, fuhr er mit einer unbeſchreiblichen Treuherzigkeit fort: „Durch ſolche Rührungen verliert man den Faden aller ſeiner Gedanken! Zum Glück habe ich ein gutes Gedächtniß, wenn es ſich um meine Adeline handelt! Sie ſagte alſo vorhin zu mir: „Vater, als Du ein⸗ tratſt, ſprach ich mit Mama über die Gräfin Roland, und Du mußt meinen Plan auch erfahren.“ Was iſt der Sinn dieſer Worte, mein Kind?“ „Es iſt wahr, mein Vater, Du vergiſſeſt nichts,“ erwiederte das Mädchen, indem es wieder aufſtand. „Höre alſo kurz, um was es ſich handelte: ich hatte mir von Mama etwas zu erbitten, und von Dir auch, wohlverſtanden, da Du und ſie . „Nur eines und daſſelbe Herz ſind,“ fiel Herr von Bourgueil ein. „Fahre fort.“ „„Doch ehe ich dieſe Bitte an Euch richte, wünſchte zweier Dinge gewiß zu ſein,““ habe ich zu Mama ge⸗ agt. „Adeline,“ erwiederte Frau von Bourgueil halb ge⸗ lähmt durch das, was ſie ſchon hatte leiden müſſen; „wenn Du willſt, ſprechen wir ſpäter wieder hievon.“ pi „Oh 1 Mamachen, mein Vater iſt gerade ſo gelegen ier. „Siehſt Du, liebes Kind,“ ſagte lächelnd Herr von 233 Bourgueil, „Deine Mutter iſt eiferſüchtig; ſie will burch⸗ aus Deine Bitte allein bewilligen.“ „Ich glaube, es iſt ein wenig wahr, was Du da ſagſt,“ erwiederte heiter Adeline, „und ich will Dich rächen.“ . „Recht ſo!“ rief Herr von Bourgueil, ſich die Hände reibend; „rächen wir uns! Du ſagteſt alſo, be⸗ vor Du an Deine Mutter eine gewiſſe Bitte richteſt, wolleſt Du zweier Dinge ſicher ſein ?“ „Ja, mein Vater: einmal, daß Ihr, Du und Mama, die lebhafte Sympathie theilet, welche die Gräfin Roland Jedermann in der Geſellſchaft, wo wir ſie ſo oft treffen, einflößt. Hierauf hat mir Mama ſchon ge⸗ antwortet, daß ſie Frau von Roland ſehr hoch ſchätze.“ „Es konnte nicht anders ſein: die Gräfin iſt eine von den Frauen, welche, wie Deine Mutter, durch ihre Tugenden eben ſo viel Zuneigung als Achtung einflößen. Was wünſcheſt Du nun noch zu wiſſen?“ „Als Du eintratſt, fragte ich gerade Mama, was ſie vom General Roland denke.“ Ein Blitz hölliſcher Freude erleuchtete den Blick von Herrn von Bourgueil; doch er beherrſchte ſich und ſagte zu ſeiner Frau mit der allernatürlichſten Miene der Welt: „Nun, liebe Freundin, was haſt Du Adeline geant⸗ wortet. In der That, was denkſt Du vom General Roland?“ „Mama hat mir geſagt . . .4 „Ho! ho! Fräulein Adeline,“ unterbrach Herr von Bourgueil heiter das Mädchen; „Sie müſſen Ihr liebes Mamachen antworten laſſen.“ Mit dem Helbenmuth, den eine Mutter allein bei ſolchen Umſtänden finden kann, ſprach Frau von Bour⸗ gueil mit einer beinahe ruhigen Stimme: „Ich habe Adeline geſagt, ich glaube, der General Roland ſei ein vollkommen ehrenwerther Mann.“ „Und ich,“ fügte das Mädchen mit der unſchuldigen 234 Unbeſonnenheit ſeines Alters bei, „ich habe Mama ge⸗ antwortet: „„Wie, das iſt Alles, was Du vom Herrn General Roland zu ſagen findeſt?““ Es lag in dieſen naiven Worten von Adeline etwas ſo Unſeliges, ſie bediente ſo grauſam die Rache von Herrn von Bourgueil, daß er ſelbſt einen Augenblick ſtille, erſtaunt über dieſes gräßliche Zuſammentreffen blieb. Die Kräfte von Frau von Bourgueil waren er⸗ ſchöpft. Die Folge des Geſprächs ſchien für ſie noch nieder⸗ vrückender werden zu ſollen; ſie machte eine neue Be⸗ wegung, um aufzuſtehen und das Zimmer zu verlaſſen; Herr von Bourgueil kam ihr zuvor und ſagte raſch: „Ohl! nun willſt Du . im intereſſanteſten Au⸗ genblick unſeres Geſprächs gehen „. Adeline iſt im Begriff, uns ihre Bitte zu eröffnen . . 1“ „Mein Freund, ich „. „Frau von Bourgueil,“ unterbrach er heiter ſeine Frau, eine komiſche unzufriedenheit heuchelnd, „wenn Sie uns ſchon verlaſſen, ſo werde ich Sie ſchlimm anſchauen .. . Sie wiſſen, was das heißen will.“ Und er wandte ſich an ſeine Tochter und fügte lächelnd bei: „Du wirſt ſehen, daß uns Deine gute Mutter nicht verläßt.“ Die unglückliche Frau ſank in der That wie ver⸗ nichtet in ihr Fauteuil zurück. Sie wußte, welche Dro⸗ hung die ſcheinbar unbedeutenden Worte ihres Mannes verbargen. Wie immer fügte ſie ſich. Herr von Bour⸗ gueil ſetzte hinzu: „Ich hätte das wohl ſehen mögen, theure Freun⸗ vin . Du, in dem Augenblick weggehen, wo meine Tochter findet, Du ſchätzeſt nicht gehörig den braven General Roland!“ Ein furchtbares Lächeln begleitete dieſe Worte, während es Adeline nur ganz natörlich fand, daß Herr 235 von Bourgueil dringend von ſeiner Frau verlangte, daß ſie länger dem angefangenen Geſpräche beiwohne. „Und nun,“ ſprach Herr von Bourgueil, „nun ſage uns, liebes Kind, warum Du findeſt, Deine Mutter ſchätze den General nicht gehörig?“ „Oh! das iſt ſehr natürlich!“ antwortete das Mäd⸗ chen naiv; „ich bin faſt begeiſtert vom General Roland.“ „Wahrhaftig!“ rief Herr von Bourgueil, der gierig den Blick ſeiner Frau ſuchte, „wahrhaftig, meine Ade⸗ line, Du biſt beinahe begeiſtert vom General Roland?“ Das Mädchen nickte zweimal mit einer bezaubern⸗ den Anmuth bejahend mit dem Kopf. „Ah! meine verehrte Enthuſiaſtin,“ fragte lächelnd Herr von Bourgueil, „woher rührt bei Ihnen dieſe Bewunderung wenn es beliebt?“ „Von Allem, was ich vom General Roland in der Geſellſchaft, wo wir ihn treffen, erzählen höre. Sobald er in einen Salon eintritt, flüſtert man ſich zu: „„Das iſt der General Roland, einer von den letzten Helden des Kaiſerreichs. Sie wiſſen? der General, der kürzlich ſo glänzende Feldzüge in Africa gemacht hat; bieder und ritterlich wie Bayard, iſt er ein Löwe auf dem Schlachtfeld.““ Und man fügt noch ganz andere Dinge hinſichtlich ſeines Ruhms und ſeines Heldenmuths bei! Ich aber, die ich keine Heldin bin, geſtehe, daß mich dieſe kriegeriſchen Lobeserhebungen viel weniger, als das ergreifen, was man von ſeinem Herzen ſagt.“ „Was ſagt man denn vom Herzen des General Roland?“ fragte Herr von Bourgueil mit einer väter⸗ lichen Gutmüthigkeit lächelnd. Dann ſich an ſeine Frau wendend: „Geſtehe, zärtliche Freundin, daß nichts reizender ſein kann, als die Unſchuld dieſes Kindes.“ „Mein guter Vater,“ ſprach Adeline, „man ſagt, der General Roland, dieſer Löwe auf dem Schlachtfeld, ſei ein Engel der Zärtlichkeit gegen ſeine Frau uud ſeine Tochter; dieſer Held, der ſo oft ſpielend dem Tod ge⸗ 236 * trotzt, zittere und weine wie ein Kind, bei der gering⸗ ſten Beſorgniß, die er für ihre Geſundheit hege; kurz, mein lieber Vater, wenn man das Herz des General Roland rühmen hört, ſollte man glauben, man erkenne wieder Deine köſtliche Güte gegen Mama und mich, ver⸗ bunden mit dem hohen Ruf des Heldenmuthes und der Tapferkeit.“ „So daß,“ ſagte langſam Herr von Bourgueil mit einem nicht zu beſchreibenden Lächeln, „ſo daß, ich bin es feſt überzeugt, die ſehr verehrte Enthuſiaſtin ſtolzer darauf wäre, wenn ſie zum Vater den ruhmbekränzten, heldenmüthigen General Roland ſtatt des dunklen Herrn von Bourgueil hätte? Mit einem Wort,“ fügte er, ſich an ſeine Frau wendend, bei, „dieſe liebe Undank⸗ bare möchte gern Fräulein Roland ſein .. Was ſagſt Du dazu, zärkliche Freundin?“ Trotz ſeiner tiefen Verſtellung verriethen das Lä⸗ cheln dieſes Menſchen und ſeine ganze Phyſiognomie etwas ſo Finſteres, daß Adeline, die ſich im Ausdruck ſeiner Züge tänſchte, auf ihn zuging, ſeine beiden Hände faßte, ihn mit ihren großen Augen, worin zwei raſch entquollene Thränen rollten, anſchaute und mit einem rührenden Ton zu ihm ſagte: „Mein Vater, Dein Geſicht ſieht betrübt aus, und Du ſprichſt doch nicht im Ernſte „. Nein, nicht im Ernſte beſchuldigſt Du mich, ich fühle mich nicht glück⸗ lich und ſtolz, daß ich Deine Tochter ſei; nein, Du kannſt mich für meine Offenherzigkeit nicht durch einen ſchmerzlichen Verdacht beſtrafeu.“ Dann drückte ſie ihr Schnupftuch an ihre Augen und ſagte zwiſchen einer Thräne und einem Lächeln zu ihrer Mutter: „Höre, liebe Mutter, zanke ihn; er verdient es, wenn er es wagt, an meiner Zärtlichkeit für ihn zu zweifeln „ „Wohl, ich unterwerfe mich, zärtliche Freundin,“ ſprach Herr von Bourgueil, ſich mit einer heuchleriſchen * 237 Reſignation an ſeine Frau wendend, „zanke mich, zanke mich ſehr, daß ich dieſes Kind Fräulein Roland genannt habe.“ Das war zu viel für die unglückliche Mutter. Trotz ihrer alltäglichen Qualen, hatte ſie eine ſo gräßliche Prüfung noch nicht ausgeſtanden. Sie war nahe daran, durch den Ausbruch ihres Schmerzes und ihres Scham⸗ gefühls Verdacht bei ihrer Tochter zu erregen und dadurch die Frucht ſo vieler Jahre des Zwangs und des Märtyrthums zu gefährden, als ein ſcheinbar nich⸗ tiger Zwiſchenfall das furchtbare Geſpräch unterbrach, die Aufmerkſamkeit von Herrn von Bourgueil und von Adeline ablenkte und der armen Frau ihre Kaltblütig⸗ keit wiederzuerringen geſtattete. Ein Bedienter trat ein und meldete Herrn vo Bourgueil: „Im Salon iſt Jemand, der Sie zu ſprechen wünſcht.“ „Wer iſt es?“ „Ein betagter Herr mit weißen Haaren. Ich habe ihn noch nie geſehen,“ erwiederte der Bediente. „Bitten Sie den Herrn, zu warten,“ ſagte Herr von Bourgueil zu dem Bedienten. Dieſer ging ab. XxvI. Herr von Bourgueil legte einen zu großen Werth auf ſeine Rache, als daß er ſte dadurch gefährdet hätte, daß er ſeine Frau der Bedrängniß, ſich zu verra⸗ then, preisgeben; und dann verhieß das Geſpräch über den General Roland, bei dem ein unſchuldiges, 238 naives Kind ſeiner Mutter mit jedem Wort einen Dolchſtich gab, dieſem Menſchen ſo viele Genüſſe, daß er ſie behutſam koſten und ſo Tropfen für Tropfen die ſchmerzliche, ätzende Galle, von der ſein Herz ange⸗ geſchwollen war, deſtilliren wollte. Denn ſeine Barbarei war, wie man ſpäter ſehen wird, wenn nicht entſchul⸗ digt, doch wenigſtens erklärt durch die furchtbaren Leiden, die er ſelbſt ausſtand. Nach dem Abgang des Bedienten wandte ſich Herr von Bourgueil an Adeline und ihre Mutter mit einem liebevollen, innigen Ton und ſprach: „Könnt Ihr Beide meine Zärtlichkeit ſo ſehr miß⸗ kennen? Ich ſage mehr . . weil ich mich berechtigt fühle, es zu ſagen, könnt Ihr ſo ſehr die Verehrung, die ich für Euch hege, vergeſſen, daß Ihr mich für fähig haltet, im Ernſte zu glauben, meine vielgeliebte Tochter verachte meine Zuneigung und ſie möchte gern den General Roland zum Vater haben. Sprich, weiſe und zärtliche Freundin, an Deinen geſunden Verſtand, an Dein zärtliches Herz wende ich mich,“ fügte er, ſeine Frau anſchauend, beiz „wirſt Du mir nicht beiſtehen, dieſe gute Tochter zu überzeugen, ich habe nur geſcherzt, indem ich mich geſtellt, als zweifelte ich an ihr. Die⸗ ſen Scherz hielt ich für unſchuldig, ich täuſchte mich; er war traurig, er war ſchlecht, er war ſtrafbar, da er Euch einen Augenblick betrübt hat, meine armen Freun⸗ dinnen; ich bereue es auch, ergebe mich Euch auf Gnade und Ungnade und bitte um Verzeihung; ſprecht, wird man ihm ſeine Begnadigung nicht bewilligen, dieſem armen Vater, deſſen Herz ganz angeſchwollen iſt von dem Kummer, den er Euch verurſacht hat?“ . Bei dieſen letzten Worten, die er mit einem rüh⸗ renden Ton ſprach, lief Adeline, gegen die er ſeine Arme ausſtreckte, auf Herrn von Bourgueil zu, umſchlang ihn mit einem herzlichen Erguß und rief: „Ja, ja, guter Vater, ich verzeihe Dir; denn wür⸗ 239 deſt Du einen Augenblick an mir gezweifelt haben, ſo hätteſt Du ſehr viel leiden müſſen.“ „Und Du, Freundin,“ ſagte Herr von Bourgueil, ſeiner Frau die Hand reichend; „ich hoffe, Du verzeihſt mir auch?“ „Ja, gewiß,“ erwiederte Frau von Bourgueil mit einer Anſtrengung; „doch, nicht wahr, in Zukunft keine ſolche traurige Scherze mehr? Sie ſind zu peinlich für Adeline und für mich.“ „Ich verſpreche es Dir; und nun, Adeline, will ich meine Begnadigung ganz bei Dir dadurch verdienen, daß ich Dir im Ernſte, diesmal ſehr im Ernſte ſage, ich theile Deine Bewunderung für den General Roland? ich habe, eben ſo wenig als Deine gute Mutter, die Ehre, ihn perſönlich zu können; aber einige von unſe⸗ ren gemeinſchaftlichen Freunden, denen wir alles Ver⸗ trauen ſchenken, haben ihn näher geſehen; ihrer Anſicht nach kann man kein redlicheres Herz, keinen edleren Charakter, keinen erhabenern Geiſt finden, als den des General Roland. Du fragteſt mich, was ich und Deine Mutter von der Gräfin und ihrem Gemahl dächten; Du weißt es nun. Und höret, da wir gerade vom Gene⸗ ral ſprechen, ich muß Euch einen Zug erzählen, der ihm die größte Ehre macht.“ „Guter Vater, ich kann Dir alſo nun den Gegen⸗ ſtand meiner Bitte nennen und . „Geduld, kleine Schwätzerin!“ rief heiter Herr von Vourgueil; „laß mich doch meine Geſchichte erzählen, Du wirſt nachher von Deiner Bitte reden.“ „Gut, lieber Vater, wir hören.“ „Meine Freundinnen,“ ſprach Herr von Bourgueil mit einem Ausdruck vertraulicher Hingebung, „Ihr könnt Euch, nach ſeinen Ueberreſten, wie man zu ſagen pflegt, vorſtellen, daß der General in ſeiner Ingend merkwuͤrdig ſchön geweſen ſein muß, nicht wahr?“ „Es iſt wahr, guter Vater,“ erwiederte Adeline, „man kann kein zugleich edleres und ehrwürdigeres Ge⸗ 240 ſicht ſehen: als wir das letzte Mal mit ihm zuſammen⸗ trafen, war dies .„ „Nun! warum unterbrichſt Du Dich, liebes Kind?“ fragte Herr von Bourgueil. „Wenn ich vollende,“ antwortete Adeline, ſich heiter an ihre Mutter wendend, „ſo wird dieſer boshafte Vater wieder ſagen, ich möchte gern Fräulein Roland ſein.“ „Ah! ſchön,“ rief lächelnd Herr von Bourgueil; „Du konnteſt mir nicht beſſer beweiſen, daß Du mir mei⸗ nen boshaften Scherz vergeben haſt. Fahre alſo fort, mein liebes Kind.“ „Ich ſagte, als wir das letzte Mal mit dem Gene⸗ ral Roland zuſammentrafen, ſei es bei Madame De⸗ verpuis geweſen. Ich hörte um mich her ſagen, er werde zum Botſchafter in Neapel ernannt werden, und dachte, indem ich ſein ſchönes, ehrwürdiges Geſicht an⸗ ſchaute, man könnte ſich keinen Botſchafter von einem vollendeteren Aeußeren denken.“ „Und dadurch haſt Du einen Beweis von Deinem vortrefflichen Geſchmack abgelegt.“ „Doch Du wirſt ſehen, mein Vater; ich ſchaute den General an, ohne daß ich von ihm bemerkt zu wer⸗ den glaubte „keines Wegs „ „Wie ſo?“ 4 „Mußten nicht gerade ſeine Augen den meinigen begegnen!. Bedenke, wie ich erröthete!“ „Ich glaube es,“ ſagte lächelnd Herr von Bour⸗ gueil; „und die ſehr ehrenwerthe Enthuſiaſtin wagte es nun nicht mehr, die Augen aufzuſchlagen.“ „Wenigſtens eine Zeitlang, und da ich es wieder wage, weißt Du, was geſchieht?“ „Nein; was denn?“ 3h ſinde die Augen des Generals immer noch auf vie meinigen geheftet; doch mit einem ſo ſanften, ſo guten Blick, daß 4 4 „Daß „ 241 „Du wirſt über mich ſpotten, lieber Vater; aber ich fühlte mich beinahe bewegt .. und wahrhaftig . ich frage Dich ein wenig, warum?“ „Du mußt das Deine Mutter fragen, liebes Kind ſie wird es Dir vielleicht ſagen . .. doch ich weiß nicht, ſie ſcheint mir unſere Bewunderung hinſichtlich der äußeren Vorzüge des Generals nicht zu theilen.“ „In der That, liebe Mama?“ „Mein Kind,“ erwiederte Frau von Bourgueil, welche, das Geſicht auf die Stickerei geneigt, ihre Thränen verſchlungen hatte, als ſie ihre Tochter von dem gerührten Blick, den der General auf ſie geheftet, ſprechen hörte, „mein Kind, ich geſtehe, ich war minder betroffen, als Du und Dein Vater, von dem, was Merk⸗ würdiges in dem Aeußeren des Herrn General Roland liegen kann.“ „Oh! das wundert mich durchaus nicht,“ ſagte liebevoll Herr von Bourgueil, „obgleich Du eine große Tochter von ein und zwanzig Jahren haſt, biſt Du noch ſchüchtern wie eine Koſtſchülerin, und ich lebe der Ueber⸗ zeugung, daß Du den General Roland nicht mehr be⸗ merkt haben wirſt . . als jede Andere; doch um auf un⸗ ſere Geſchichte zurückzukommen, meine Freundinnen, ſtellt Euch vor . und das wird Euch nicht im Geringſten in Erſtaunen ſetzen, ſtellt Euch vop, daß in ſeiner Jugend der General ſchön geweſen iſt wie der Tag, verführeriſch ſo viel nur immer möglich; kurz er verdrehte alle Köpfe, und eine bis dahin tadelloſe Frau . . . „Mein Freund,“ ſagte Frau von Bourgueil, be⸗ bend vor Angſt, „befürchteſt Du nicht . . . „Was, Freundin?“ „Daß eine ſolche Erzählung vor Adeline „Sprich Dich doch aus, Freundin .. Daß eine ſolche Erzählung vor Adeline 2“ „Nicht vielleicht ... „Nicht vielleicht?“ Die Kinder der Liebe. 16 242 „Ganz ſchicklich iſt?“ erwiederte Frau von Bour⸗ gueil, die ſich ſterben fühlte. „Arme Freundin!“ ſprach ihr Henker mit einem Ton liebevoller Ehrerbietung, „ich begreife, daß ein reines und frommes Leben, wie das Deinige, Dir das Recht gibt, ängſtlich rigoriſtiſch zu ſein; doch erlaube mir, Dir zu bemerken, unſere Adeline iſt ein und zwan⸗ ig Jahre alt und begleitet uns ſeit zwei Wintern in die Geſellſchaft. Trotz der Zurückhaltung aber, mit der man ſich in Gegenwart von jungen Perſonen aus⸗ vrückt, weiß ſie, daß es, wenn es einerſeits Frauen gibt, welche, wie Du, meine zärtliche Freundin, der Achtung, der Verehrung Aller würdig find, andererſeits auch Ge⸗ ſchöpfe gibt, welche verdorben und ſchändlich genug, um Verrath an ihren Pflichten zu begehen. Eil mein Gott! es ſind kaum zwei Monate, daß unſere Adeline nicht umhin konnte, mitanzuhören, mit welcher Ent⸗ rüſtung man von der abſcheulichen Frau von Bermont ſprach, die, um ihrem Verführer zu folgen, ihren Mann und ihre Tochter verlaſſen hatte .. . Nicht wahr, liebes Kind, Du erinnerſt Dich des Scandals, den dieſes Abenteuer in der Geſellſchaft gemacht hat?“ „Ja, mein Vater,“ erwiederte Adeline mit dem Ausdruck der Verachtung; „zum Glück hat ſich dieſe Frau Gerechtigkeit widerfahren laſſen.“ „Wie ſo? Erkläre Dich,“ ſagte Herr von Bourgueil. Und ſich an ſeine Frau wendend: . „Verſtehſt Du, was unſere Adeline ſagen „Nein,“ ſtammelte Frau von Bourgueil, „nein ich verſtehe nicht recht.“ „Meine Liebe,“ ſprach Adeline, „ich will ſagen, die unglückliche Frau habe ſich Gerechtigkeit widerfahren laſſen, indem ſie ſich von ihrer Tochter getrennt, welche bei ſich zu behalten ſie nicht mehr würdig geweſen, und die ſich auch eines Tags einer ſolchen Muiter geſchämt haben würde.“ will?“ . 243 „Hörſt Du ſie, Freundin, hörſt Du unſer Kind ſagte Herr von Bourgueil, mit einem Ausdruck des Stolzes. „Ah! daran erkenne ich die Frucht der Beiſpiele und der Erziehung, die Du ihr gegeben! Biſt Du nicht, wie ich, entzückt über die tugendhafte Entrüſtung gegen dieſe ſchändlichen Geſchöpfe, welche die heiligſten Pflichten mit Füßen treten?“ „Dieſe Entrüſtung iſt gerecht,“ erwiederte Frau von Bourgueil. „Allerdings iſt die Frau, von der wir ſprechen, ſtrafbar, ſehr ſrafhar geweſen . ohne Zwei⸗ fel wird ſie ihren Fehltritt in grauſamen Martern büßen „ ſie iſt verlaſſen, verachtet von Allen .. Sie wird gehaßt von ihrer Tochter . . . der letzte, der gräß⸗ lichſte Schlag, der eine Mutter treffen kann „ſo viele Schmerzen werden vielleicht unbarmherzige Ge⸗ müther erweichen, und wer weiß, ob nicht vielleicht eines Tags ihr Kind Mitleid mit ihr haben wird, wenn es ſie ſo unglücklich ſieht.“ „Mir ſcheint,“ entgegnete Herr von Bourgueil, zmir ſcheint, ein ſo abſcheuliches Geſchöpf verdient kein Mitleid, und,“ ſich an das Mädchen wendend, „und Du, Adeline, was denkſt Du davon?“ „Wie ſoll ich eine Anſicht hierüber haben, mein guter Vater? ich, die ich gewohnt bin, die zärtlichſte der Mütter zu lieben, zu ehren? Mir ſcheint nur, daß eine Frau, die ein wenig Herz bewahrt hätte, eher vor Scham ſterben, als der Verachtung oder dem Mit⸗ leid ihrer Tochter trotzen müßte.“ „Gut, gut, liebes Kind,“ rief Herr von Bourgueil, dieſe Antwort gefällt mir; ſie iſt würdig Deiner und einer Mutter.“ Während er ſo ſprach, ſchaute Herr von Bourgueil ſeine Frau an; doch als gewandter und erfahrener Blagegeiſt gewahrte er an dem leichten Beben der ent⸗ färbten Lippen ſeines Opfers, daß dieſes nicht länger, ohne ſich zu verrathen, die Marter aushalten konnte; er verzichtete für den Augenblick auf die Erzählung, ⸗ 244 mit der er gedroht hatte, und ſagte, als ob er ſich nun erſt wieder eines vergeſſenen Umſtands erinnerte: „Wenn ich bei Euch bin, vergeſſe ich Alles. Es wartet ſchon ziemlich lange Jemand auf mich im Salon, und ich muß Euch verlaſſen. Meine Erzählung bewahre ich Euch für nächſtens. Nur, mein liebes Kind, da Du nun weißt, wie hoch wir, Deine Mutter und ich, den General Roland ſchätzen, ſage uns, um was Du uns bitten wollteſt.“ „Wohl denn! guter Vater, zwei oder dreimal hatte ich dieſen Winter in der Geſellſchaft zufällig meinen Platz neben der Tochter des General Roland; man kann unmöglich reizender und liebenswürdiger ſein, als dieſe junge Perſon. Wir plauderten mit einander, und das genügte für mich, in mir auf das Lebhafteſte den Wunſch rege zu machen, ſie näher kennen zu lernen. Denn es iſt in ihr ein gewiſſes Etwas, was anzieht und bezaubert. Natürlich wollte ich mit Euch von meinem lebhaften Verlangen, mit Fräulein Roland in Verbindung zu treten, nicht eher ſprechen, als bis ich wußte, was Ihr von ihren Eltern dachtet. Da Ihr aber ſo gut über ſie urtheilt, und da überdies Mama mit der Frau Gräfin Roland durch den Verein für Gefängniſſe in Verbindung ſteht, ſo wäre ich ſehr glücklich, oh! ſehr glücklich, hätte ich Fräulein Roland zur Freundin. Das wäre, wie mir ſcheint, nicht unmöglich, wenn meine liebe Mama die Gräfin um Erlaubniß bitten wollte, mich ihrer Tochter vorſtellen zu dürfen; nicht wahr, lieber Vater? Ich konnte mich auch eines Be⸗ dauerns nicht erwehren, daß Mama ihre Thüre heute verſchließen ließ; der Beſuch der Gräfin wäre eine ſo gute Gelegenheit, das was ich wünſche, zu erreichen!“ „Denkſt Du nicht wie ich, theure Freundin,“ ſagte. Herr von Bourgueil zu ſeiner Frau, „denkſt Du nicht, daß nichts leichter iſt, als eine Annäherung zwiſchen den beiden Kindern herbeizuführen? eine Verbindung von der ich übrigens entzückt wäre, denn unſere Adeline könnte 245⁵ ihre Freundſchaft nicht beſſer anbringen „ Doch was haſt Du,“ fügte Herr von Bourgueil bei, als er die Veränderung in den Zügen ſeiner Frau, deren Kräfte erſchöpft waren, bemerkte, „nimmt Dein Unwohl⸗ ſein zu?“ „Sehr,“ antwortete Frau von Bourgueil, während ſie ſich mühſam erhob, „ich fühle mich durchaus nicht wohl, und will in mein Zimmer mit Adeline zurück⸗ kehren, indeß Sie hier die Perſon, welche auf Sie wartet, empfangen.“ „Mein Gott! mein Gott! gute Mama,“ ſagte Adeline, mit neuer Beſorgniß das Geſicht ihrer Mutter betrachtend, denn bis dahin und während der ganzen Zeit ihres Märtyrerthums hatte Frau von Bourgueil ſo viel als möglich ihren Kopf auf die Stickerei geſenkt gehalten. „Ich dachte nur daran, zu plaudern, von dem zu ſprechen, was mich intereſſirt, und Du, Du littſt und abermals ohne etwas zu ſagen „Höre, Freundin,“ ſprach Herr von Bourgueil, „ich habe nicht den Muth, jetzt von Dir wegzugehen, und will der Perſon, die auf mich wartet, ſagen laſſen, ich ſei nicht ſichtbar.“ „Nein, nein, ich bitte! empfangen Sie dieſe Per⸗ ſon,“ rief Frau von Bourgueil, in der Hoffnung, end⸗ lich auf ein paar Angenblicke von ihrem Henker befreit zu ſein. „Adeline wird mich begleiten. Ich will einige Male im Garten auf und abgehen, die friſche Luft wird mir vielleicht wohlthun.“ „Adeline, ich brauche Dir nicht zu empfehlen, daß Du gut über Deiner Mutter wachſt,“ ſagte Herr von Bourgueil; „mache, daß ſie ſich wohl in Shawls ein⸗ hüllt, Sie könnte ſich ſonſt erkälten.“ „Oh! Vater ſei unbeſorgt,“ erwieberte das Mäd⸗ chen, „ich werde Mama nicht eine Sekunde verlaſſen.“ Während Frau von Bourgueil auf den Arm ihrer Tochter geſtützt wegging, läutete Herr von Bourgueil 246 und ſagte zu dem Bedienten, er möge die Perſon, welche im anſtoßenden Zimmer wartete, eintreten laſſen. Bald führte der Bediente Pietri ein. Er blieb mit Herrn von Bourgueil allein. XXVII. Als Herr von Bourgueil mit Pietri allein war, ſchaute er dieſen ziemlich erſtaunt an und fragte: „Mit wem, mein Herr, habe ich die Ehre zu ſprechen?“ „Mein Herr, erkennen Sie mich nicht mehr?“ „Mein Herr,“ erwiederte Herr von Bourgueil, während er den Corſen noch aufmerkſamer betrachtete, „ich glaube nicht, daß ich Sie je geſehen habe.“ „Verzeihen Sie, es war vor ungefähr zwei und zwanzig Jahren,“ ſagte Pietri lächelnd, „ſuchen Sie wohl in Ihrem Gedächtniß.“ „Zwei und zwanzig Jahre! das iſt ſchon lange her; Sie werden begreifen, daß mich meine Erinnerun⸗ gen im Stiche laſſen.“ „Mein Herr, der Umſtand, bei dem ich mit Ihnen zuſammenzutreffen die Ehre gehabt habe, muß doch noch einige Spuren in Ihrem Gedächtniß zurückgelaſſen haben.“ „Welcher Umſtand?“ „Das Duell von Herrn Delmare und dem Ober⸗ ſten Roland.“ „Was ſagen Sie 2“ „Ich habe Ihnen den armen Herrn Delmare auf⸗ heben helfen.“ 1 247 „Das iſt nicht möglich, mein Herr! Nur vier Perſonen wohnten dieſem Duell bei: Herr Delmare, ich und der Zeuge des Oberſten Roland.“ „Sie vergeſſen, daß ein Diener des Oberſten am Ende des Kampfes mit einem Lichte kam; dieſer Diener war ich.“ 3 „Sie 7 „Ich war damals Kammerdiener des Oberſten Ro⸗ land; heute habe ich die Ehre, Intendant des Herrn General Roland zu ſein.“ „Ah! Sie ſind der Intendant des Herrn General Roland,“ erwiederte Herr von Bourgueil erſtaunt über dieſe Begegnung, „und was wünſchen Sie?“ „Ihnen meine kleine Dienſte anzubieten, wenn Sie dieſelben zu genehmigen die Güte haben wollen.“ „Sie genehmigen? haben Sie mir denn ſchon Dienſte geleiſtet?“ „Einen ſehr großen, ja, mein Herr, einen ſehr großen Dienſt.“ „Welchen, wenn es Ihnen gefällig wäre?“ „Ich habe es verhindert, daß Sie länger von einem falſchen, unwürdigen Freund hintergangen wurden.“ „Erklären Sie ſich deutlicher,“ ſagte Herr von Bourgueil immer mehr erſtaunt. „Ich, mein Herr, habe einſt die Ehre gehabt, Ihnen den anonymen Brief zu ſchreiben, in Folge deſſen Sie Ihre Frau bei meinem Herrn überraſchten.“ Bei dieſer Eröffnung wich Herr von Bourgueil wie beſtürzt einen Schritt zurück; nachdem er einen Angenblick geſchwiegen, rief er: „Sie waren es! Sie!“ Pietri verbengte ſich bejahend. „Aber,“ ſprach Herr von Bourgueil, indem er einen durchdringenden Blick auf den Corſen heftete, „aber das hieß Ihren Herrn verrathen!“ Pietri verbeugte ſich abermals. „Und wie ſind Sie denn ſo lange in ſeinem Dienſte geblieben?“ frug Herr von Bourgueil, „wie kommt es, daß ſie noch in ſeinem Hauſe ſind?“ „Weil mein Rachewerk noch nicht vollbracht iſt, mein Herr.“ „Wie! Sie hätten ſich am General Roland zu rächen!“ rief Herr von Bourgueil, der kaum an das, was er hörte, glauben konnte, „Sie auch?“ „Ich auch, mein Herr, und da ich weiß, daß wir in dieſem Sinn ungefähr gemeinſchaftliche Intereſſen haben, — entſchuldigen Sie dieſe Freiheit — ſo komme ich, wie ich Ihnen zu ſagen die Ehre gehabt, um Ihnen meine kleinen Dienſte anzubieten, denn die Zeit drängt.“ „Und wer ſagt mir,“ verſetzte Herr von Bourgueil mit einer mißtrauiſchen Miene, indem er die Wahrheit in dem unempfindlichen Geſichte des Corſen zu leſen ſuchte, „wer ſagt mir, daß Sie nicht ein Emiſſär des General Roland ſind? Wer beweiſt mir die Aufrich⸗ tigkeit Ihrer Dienſtanerbietungen?“ „Erlauben Sie mir, mein Herr, daß ich in einige Einzelheiten eingehe, und Sie werden meine Redlichkeit erkennen.“ „Laſſen Sie hören.“ „Geſtatten Sie, daß ich ohne Umſchweife rede?“ „Ich bitte Sie darum.“ „Mein Herr, ein Ehemann, der ſeine Frau nach der Entdeckung, die Sie gemacht, behält und ſchweigt, der ſodann bei ſich eine Tochter, die nicht die ſeinige iſt, aufzieht, dieſer Ehemann iſt entweder der Edel⸗ müthigſte oder der Unverſöhnlichſte der Menſchen. Ich will Ihnen nicht die Beleidigung anthun, Sie für edel⸗ müthig, das heißt für ſchwach und über die Maßen gleichgültig zu halten; ich werde Ihnen dieſe Beleidigung um ſo weniger anthun, da ich Ihren Gedanken erra⸗ then habe, als ich erfuhr, Sie ſeien glücklich bemüht, 249 Frau von Bourgueil und ihre Tochter häufig in der Geſellſchaft in Gegenwart des General Roland, als lebendige Gewiſſensbiſſe, zu bringen. Der Gedanke war allerdings gut, aber, erlauben Sie mir, Ihnen dies zu ſagen, unvollſtändig. Es war eine Marter für Ihre Frau Gemahlin, gut! doch dieſes Zuſammen⸗ treffen, obgleich ziemlich peinlich für meinen Herrn, wurde bald von ihm vergeſſen, inmitten der himmliſchen Glückſeligkeit, welcher er ſich bei ſeiner Frau und ſeiner Tochter erfreut; er wird von ihnen angebetet, er betet ſie an. Mit einem Wort, mein Herr, Sie vermöchten ſich nicht vorzuſtellen, wie glücklich der General iſt. Alles iſt ihm gelungen, Alles iſt ihm zugeſtrömt, häus⸗ liches Glück, Reichthum, Achtung, Anſehen, Ehrenz um das Maß voll zu machen, verheirathet er am Donnerſtag ſeine Tochter mit einem Phönir, und in dieſen Phönir iſt ſie wahnfinnig verliebt, ſo daß die Heirath, reizend wie eine Liebesheirath, zugleich weiſe iſt wie eine Hei⸗ rath aus Vernunft. Sie ſehen, mein Herr, iſt mein Gebieter der glücklichſte Gatte, ſo iſt er auch zugleich der beglückteſte Vater . . . Doch,“ fügte der Corſe den Ausdruck der Züge von Herrn von Bourgueil wahr⸗ nehmend bei, „doch ich bemerke, daß das, was ich Ihnen von dem . . unausſprechlichen Glück meines Herrn erzähle, Sie entſetzlich ſchmerzt.“ „Vielleicht,“ erwiederte Herr von Bourgueil beinahe erſchrocken über die unempfindliche Grauſamkeit des Corſen, und ohne daß er noch wußte, ob er wünſchen ſollte, daß er einen ſolchen Beiſtand getroffen, „und wenn Sie vor meinen Augen das bezaubernde Gemälde vom häuslichen Glück des General Roland heraufbe⸗ ſchwören, ſo thun Sie es ohne Zweifel, liehreicher Mann, um Alles, was ich an Haß und Wuth im Herzen haben kann, aufzurühren.“ „Natürlich, mein Herr, ich wünſche Ihren Groll wiederzubeleben und Ihnen zu beweiſen, daß Ihre Rache unvollſtändig, hinkend, armſelig ſein wird, ſo lange Sie ſich darauf beſchränken, daß Sie Ihre Frau Gemahlin foltern.“ „Ah! Sie glauben, daß ich 4 „Ich glaube, daß Sie Frau von Bourgueil um ſo mehr foltern, je mehr Sie dieſelbe geliebt haben.“ Herr von Bourgueil war betroffen von dem Scharf⸗ ſinn des Corſen, und dieſer fuhr fort: „Ich errathe ſehr gut, was Sie Ihre Frau Ge⸗ mahlin haben müſſen leiden laſſen, beſonders in Gegen⸗ wart Ihrer Tochter. Dieſe ſcheinbare Zuneigung für das Kind des General Roland, war auch ein Meiſter⸗ ſtreich. Sie müſſen hierin eine vortreffliche Hülfsquelle finden, es muß Ihnen jeder Augenblick tauſend neue Mittel für Ihre Rache an die Hand geben.“ „Sie ſcheinen mir ſehr erfahren im Punkte der Rache.“ „Ah! das iſt meine Specialität ſeit bald fünfund⸗ zwanzig Jahren; Sie begreifen, wenn man ſich einer Idee ſeit einer ſo langen Zeit mit Leib und Seele hin⸗ gegeben, ſo hat man ſie auch ergründet, unter allen Formen ſtudirt: ich hatte auch die Ehre, Ihnen zu ſagen, Sie müſſen Ihre Sache vervollſtändigen und ab⸗ ſchließen ſobald als möglich abſchließen; denn Sie wiſſen ohne Zweifel nicht (und es iſt, unter Anderem, der Wunſch, Sie hierüber aufzuklären, was mich hier⸗ herführt), Sie wiſſen nicht, ſage ich, daß der General am Sonntag als Botſchafter nach Neapel abreiſt.“ „Er iſt alſo auf dieſen ſo beneideten Poſten er⸗ nannt?“ „Heute iſt er ernannt worden. Er wünſchte es, konnte es ihm fehlen? Er iſt immer ſo glücklich ge⸗ weſen! Jung, hat er gelebt wie Don Juanz alt, iſt er überſtrömt von der ſüßeſten Zuneigung der Familie und durch Ehren jeder Art ausgezeichnet; eine ſolche Fortdauer der Glückſeligkeit iſt zu ſelten, nicht wahr?“ „Ahl ich war ein Narr, daß ich an der Aufrich⸗ tigkeit Ihrer Anerbietungen zweifelte,“ erwiederte Herr 251 von Bourgueil immer mehr ergriffen vom Charakter des Corſen. „Sie werden ein guter und offener Bei⸗ ſtand für mich ſein; rechnen Sie auf mich, wie ich auſf Sie rechne.“ „Ich war ſicher, Ihr Vertrauen zu verdienen, mein Herr. Faſſen wir uns kurz: die Unterzeichnung des Heirathsvertrags findet am Donnerſtag ſtatt; am Sonn⸗ tag reiſt die ganze Familie nach Neapel ab; Sie ſehen, mein Herr, man muß ſich ſpuden, man muß es, leider.“ „Leider?“ „Ach! ja, mein Herr . . und hier, ich geſtehe meine Selbſtſucht, hier ſpreche ich für mich ich hätte ſchon dem Glücke meines Herrn furchtbare, aber nur theilweiſe Schläge beibringen können und ich bin immer zurückgewichen immer zurückgewichen.“ „Und warum dieſes Zaudern?“ „Ei! mein Gott, mein Herr, einmal, weil der Menſch nie zufrieden iſt: er hat das Gute, er will das Beſſerez ich wartete die Zeit ab, um mein Werk mit Liebe zu glätten, zu ſtreicheln, ich wollte zu etwas Gutem .. zu etwas vollſtändig Gutem gelangen .. zu etwas Umfangreichem, zu etwas Schrecklichem, was zum Täuſchen eine gräßliche providenzielle Beſtrafung ſpielen könnte . Ich brauche mir übrigens mein Zögern nicht vorzuwerfen, denn ich habe eine vortreff⸗ liche Erwerbung gemacht .. Angenommen nun, die⸗ ſes Werk, meine einzige Sorge ſeit ſo vielen Jahren, gedeihe endlich ſo, wie ich es mir während meiner lan⸗ gen Schlaflofigkeiten geträumt habe ja, dann wird an dem von mir erwählten Tag das Gewitter los⸗ brechen und der Blitz auf meinen Ruf den Gegenſtand meines unſterblichen Haſſes treffen. Das iſt ſehr gut, doch hernach? Ja, mein Herr, hernach? was wird aus mir werden? welchen Zweck wird fortan mein Leben ha⸗ ben? keinen mehr. Ich frage Sie ein wenig, was ich in dieſer Welt machen ſoll, wenn ich zu meinem Herrn, der gebrochen, vernichtet unter den Trümmern 252 ſeines eingeſtürzten Glückes, geſagt habe: „Ich, Pietri, bin es, der Dich ſo geſchlagen zur Wieder⸗ vergeltung des Böſen, das Du ihm einſt an⸗ gethan. Ach! mein Herr, hat der arme alte Die⸗ nner einmal ſo in einer Secunde die Frucht von fünf⸗ undzwanzig Jahren geduldiger Anſtrengung genoſſen, ſo hat er leider! nur noch dieſe Welt zu verlaſſen!“ Hiebei ſeufzte Pietri mit einer ſchmerzlichen, ſchwer⸗ müthigen Miene. Herr von Bourgueil war unbarmherzig, doch dieſer Corſe erſchreckte ihn und er ſchaute Pietri ſtillſchweigend an. „Doch verzeihen Sie, mein Herr,“ fuhr Pietri fort, „verzeihen Sie, daß ich mich hinreißen laſſe, ſo zu philoſophiren. Sehen Sie, unter Collegen . . ver⸗ zeihen Sie mir dieſe kleine Vertraulichkeit, gibt man ſich mit offenem Herzen ſeinen Betrachtungen hin. Ich bin alſo hierhergekommen, einmal, um Ihnen mitzu⸗ theilen, daß der General am Sonntag abreiſe.“ „Das iſt bald,“ ſagte Herr von Bourgueil nach⸗ denkend. „Ich wollte Sie auch davon unterrichten, daß meine Gebieterin, zu ihrem großen Bedauern, aber dem Wunſche des Generals ſich fügend, jede Gelegenheit, mit Frau von Bourgueil zuſammenzutreffen, vermeiden muß; ſo hat mich auch die Gräfin, welche Ihrer Frau Gemahlin in Perſon einen Beſuch machen ſollte, und ſie zu Hauſe zu finden befürchtete, beauftragt, ihre Karte abzugeben. Sie begreifen nun, mein Herr, gerade weil der Ge⸗ neral inſtinctartig dieſe Annäherung befürchtet . „Um ſo mehr muß mir daran gelegen ſein, ſie ins Werk zu ſetzen; das war immer mein Gedanke „ Ich verzweifelte nicht, hiezu zu gelangen, und dann wäre meine Rache vielleicht nicht mehr hinkend ge⸗ weſen, denn mit dem gleichen Schlage traf ich meine Frau, dieſen Menſchen und ſeine Tochter, welche ich haſſe! Leider ſcheitern an der ſchnellen Abreiſe des Ge⸗ nerals beinahe meine Hoffnungen.“ 42 2⁵3 „Ich bin gerade hierhergekommen, um Ihnen dieſen unerwarteten Streich pariren zu helfen . . . Wollen Sie mich anhören .. . Der General gibt Donnerſtag eine große Abſchiedsſoirée; der Heirathsvertrag ſeiner Tochter wird an dieſem Abend unterzeichnet.“ „Gut . „ aber ich ſehe nicht . . .“ „Erlauben Sie . . . Ohne in einer engeren Ver⸗ bindung mit der Gräfin zu ſtehen, hat doch Frau von Bourgueil öfter Beziehungen zu ihr wegen des Ver⸗ eins für Gefängniſſe gehabt.“ „Ja, als ich die Gräfin Roland in den Zeitungen unter den Damen dieſes Vereins ſah, zwang ich meine Frau, die geeigneten Wegt einzuſchlagen, wodurch ſie als Patronin aufgenommen worden iſt. Dies war der erſte Schritt der Annäherung, auf die ich ſann.“ „Das Mittel war gut und wird uns folgender Maßen dienen: Frau von Bourgueil und die Gräfin ſind Patroninnen eines und desſelben Vereins, ſie haben in Perſon Beſuche ausgetauſcht; Ihre Frau Gemahlin wird es alſo ſehr natürlich finden, die Einladung anzu⸗ nehmen.“ Pietri zog aus ſeiner Taſche einen Brief, den er Herrn von Bourgueil übergab. „Was für eine Einladung iſt das?“ „Ich bin immer von meiner Gebieterin beauftragt, ihre gedruckten Einladungsbriefe auszufüllen und den Namen der Perſonen einzuſchreiben, die ſie zu ihren Mittagsmahlen oder zu ihren Feſten einladet; dieſe Ein⸗ ladung iſt alſo abgefaßt: „„Die Frau Gräfin und der Herr Graf Roland bitten Herrn und Frau von Bour⸗ gueil, ſo wie Fräulein von Bourgueil, ihnen die Ehre zu erweiſen, nächſten Donnerſtag den Abend bei ihnen zuzubringen.““ „Haben Sie einmal, in Folge dieſer Einladung auf eine ſehr natürliche Weiſe (in den Augen von Frau von Bourgueil und ihrer Tochter) Beide in den Schooß 254 der Familie des General Roland führen können, welche mit der Elite der Geſellſchaft von Paris verſammelt iſt, um den Heirathsvertrag der Tochter des Herrn Bot⸗ ſchafters von Frankreich in Neapel zu unterzeichnen, . ſind ſie einmal da, ſo überlaſſe ich es Ihrer fruchtbaren Einbildungskraft . .. Herr von Bourgueil unterbrach Pietri und rief mit einem wilden Entzücken. „Endlich berühre ich das Ziel.“ „Ich hoffe es,“ ſprach Pietri kalt. „Ein letztes Wort, mein Herr . . .“ fügte er bei: „ich halte es für ſehr wichtig für Ihre Pläne und auch für die meinigen, daß Sie pünktlich bei der Soirée des General Roland zu einer zwiſchen uns verabredeten Stunde erſcheinen; doch dieſe Stunde kann ich Ihnen noch nicht beſtimmen: ſie hängt von einer Entſchließung ab, die ich kaum vor Donnerſtag faſſen kann.“ „So ſchreiben Sie am Donnerſtag Morgen, zu welcher Stunde des Abends wir beim General eintreffen ſollen.“ „Donnerſtag Morgen, mein Herr, ſollen Sie eine Zeile von mir erhalten.“ Die Unterredung von Herrn von Bourgueil und dem Corſen wurde hier durch Adeline unterbrochen; dieſe trat raſch ein und ſagte: „Guter Vater, Mama befindet ſich beſſer.“ Dann, als ſie ſah, daß Herr von Bourgueil noch in Geſellſchaft war, blieb ſie bei der Thüre ſtehen. Herr von Bourgueil und Pietri wechſelten, als ſie Adeline ſahen, einen bezeichnenden Blick. „Mein lieber Herr,“ ſagte Herr von Bourgueil, „ich erwarte alſo Ihren Brief.“ „Ja, mein Herr,“ erwiederte Pietri, ſich verbeugend, um Abſchied zu nehmen. „Kann ich die Ehre haben⸗ Ihnen früher, als ich es hoffe, zu ſchreiben, ſo werde ich es thun.“ Nachdem er ſich abermals und tief vor Adeline, — — 255 als er an dieſer vorüberkam, verbeugt hatte, verließ Pietri den Salon. S „Wer iſt denn dieſer Herr, guter Vater?“ frug das Mädchen nach dem Abgang von Pietri. „Er hat ein ſehr ehrwürdiges Geſicht.“ „Du findeſt?“ „Ja, mein Vater.“ „Du haſt Recht, Dein Inſtinet täuſcht Dich nicht. Es iſt ein ſehr würdiger Mann. Doch ſage mir, wo iſt Deine gute Mutter.“ „Sie iſt ſo eben in ihr Zimmer zurückgekehrt; ſie befindet ſich beſſer; die friſche Luft hat ihr wohl gethanz ſie hat zu mir geſagt: „„Sieh nach, ob Dein guter Vater allein iſt, denn ich habe mit ihm über einen Gedanken zu reden, der mir während unſerer Unterhal⸗ tung vorhin gekommen iſt.““ „Das findet ſich vortrefflich, denn ich habe gerade auch mit Deiner Mutter zu reden. Sage ihr alſo, ich erwarte ſie.“ „Es ſcheint, das iſt der Tag der großen Geheim⸗ niſſe,“ rief lachend das Mädchen; „ich verlaſſe Dich, um Mama zu benachrichtigen, und komme nur zurück, wenn Ihr mich rufen laßt.“ Hienach ging Adeline ab. Nach einigen Augenblicken trat Frau von Bour⸗ gueil ein. Die zwei Gatten waren allein. XXVIII. Als Frau von Bourgueil mit ihrem Mann allein war, verſchwand der grauſame Zwang, den ihr immer die Gegenwart ihrer Tochter auferlegteß von einer trau⸗ rigen Würde, vermied ihr Blick nicht mehr den von Herrn von Bourgueil; er, ſeinerſeits, der keine falſche Zärtlichkeit mehr zu heucheln hatte, ließ in ſeiner Phy⸗ ſiognomie den Haß, die kalte Bosheit, die ihn beſeelte, und auch die Gefühle eines unheilbaren Schmerzes le⸗ ſen, denn, wie geſagt, wenn ſich die unbegreifliche Grau⸗ ſamkeit dieſes Menſchen nicht entſchuldigen ließ, ſo ließ ſie ſich doch wenigſtens durch die Schärfe deſſen, was er litt, erklären. Frau von Bourgneil ſprach mit feſter Stimme zu ihrem Mann: „Mein Herr, nach der furchtbaren Scene von Hor⸗ hin iſt eine Erklärung unerläßlich geworden.“ „Eine Erklärung? Was wollen Sie mir erklären, Madame?“ „Mein Herr, ich finde, daß meine Beſtrafung, meine Sühne, wenn Sie wollen, lange genug gedauert hat.“ „Verzeihen Sie, ich finde das nicht.“ „Ich bemerke es, mein Herr, Ihre hölliſche Bos⸗ heit iſt fruchtbar; was ich heute ausgeſtanden habe, überſteigt Alles, was ich bis jetzt gelitten.“ „Madame, es muß bei allen Dingen ein Fort⸗ ſchreiten ſein.“ „Das bedeutet ohne Zweifel, daß Sie mir noch größere Qualen vorbehalten haben 2⁴ „Ich hoffe es . . . „Sie rühmen ſich damit?“ „Nein, Madame .. 257 „Hören Sie wohl, mein Herr: als Sie vor mehr als zwanzig Jahren den Beweis meines Fehltritts er⸗ hielten, beſchwor ich Sie, unſere Scheidung zu verlan⸗ gen, Sie ſchlugen es mir ab; das Geſetz, das Recht, die Gewalt waren für Sie, der Beſitz Ihres Opfers war Ihnen geſichert . . .“ „Gott ſei Dank . . . „Ich bin Mutter geworden ich habe vorher ge⸗ fühlt, was Alles an Aengſten und Beſorgniſſen mir dieſe Mutterſchaft bereiten würde; ich wußte, daß Sie zu Allem fähig ſind. Mein Leben war fortan der Ver⸗ theidigung meines Kindes gegen Sie geweiht.“ „Sollte man nicht glauben, ich verſchlänge Ihr Kind? welch ein ſchöner Währwolf bin ich! . . Ihre Tochter betet mich an „ „Oh! ich weiß es, mein Herr, Sie verachten die rohe und beſonders die ſchnelle Rache! ein Dolchſtoß hätte mich nur ein einziges Mal getödtet, und meine Marter dauert zwanzig Jahre; als Sie mir erklärten, Sie wollen mich bei ſich behalten und mich nicht von meinem Kinde trennen, errieth ich, daß das, was ich während der erſten Jugend meiner Tochter zu leiden hatte, nichts gegen das wäre, was mir von Ihnen vor⸗ behalten, wenn ſie das Alter der Vernunft erreicht ha⸗ ben würde.“ „Ich glaube Sie in Ihren Vorherſehungen nicht getäuſcht zu haben.“ „Nein, mein Herr, und ich geſtehe es, die Erwar⸗ tung dieſer neuen Marter, der grauſamſten von allen, auf die Sie auch beſtändig zum Voraus meine Ge⸗ danken zu lenken bemüht waren . dieſe Erwartung war gräßlich . . Endlich kam die Stunde, wo Sie zu mir ſagen konnten: „Ihre Tochter hat das Alter der Vernunft erreicht. Ihr liebt Euch Beide. Ich erhalte ſie in ihrer Zärtlichkeit und Verehrung für Sie, in⸗ dem ich ihr das geheuchelte Beiſpiel davon gebe „ Die Kinder der Liebe. 17 258 Ihre Tochter iſt Ihr einziger Troſt, Ihre einzige Zu⸗ neigung auf dieſer Welt.. 4 „Ich kann Sie in Ihren Erinnerungen unterſtützen,“ unterbrach Herr von Bourgueil ſeine Frau. „„Haben Sie je die Frechheit, Madame, ſich ein einziges Mal meinem Willen zu widerſetzen (fügte ich bei), ſo werde ich Sie in den Augen Ihrer Tochter entlarven, und ſtatt der Achtung, ſtatt der Anbetung, die Sie ihr ein⸗ ſlößen, hat ſie für Sie nur noch Verachtung und Wi⸗ derwillen; ich leugne auf eine Lärm machende Weiſe meine Vaterſchaft ab, wozu ich das Recht behalten habe; ich veröffentliche die Schmach und Schande der Geburt Ihrer Tochter, ich gebe Euch Beide dem Ekel der Welt preis und jage die ehebrecheriſche Mutter und die im Ehebruch erzeugte Tochter fort.“ Ja, das habe ich Ihnen damals geſagt; Sie wiſſen, daß ich der Mann din, mein Verſprechen zu halten; warum kommen Sie alſo hierauf zurück?“ „Mein Herr, Sie kannten meine tolle Zärtlichkeit für meine Tochter, meinen einzigen Troſt auf dieſer Welt, wie Sie ſagten. Sie kannten den Stolz meines Charakters und wußten, ich würde Alles der Schande, vor meiner Tochter erröthen zu müſſen, und der Furcht, ihr einen gräßlichen, vielleicht tödtlichen Schlag beizu⸗ bringen, opfern. Sie haben mich durch Ihre Drohun⸗ gen beherrſcht; da begann für mich eine Marter aller Tage, aller Augenblicke; es war nicht genug für Sie, vaß Sie das unſchuldige Kind unabläßig dahin brach⸗ ten, daß es meine Tugenden lobte, mich als das Muſter der Mutter und Gattinnen pries, Sie haben mich in eine Welt geſchleppt, wo ich oft den General Roland, ſeine Frau und ſeine Tochter treffen mußte; Sie haben mich genöthigt, an einem Verein Theil zu nehmen, zu dem die Gräfin Roland gehörte; Sie ge⸗ dachten ſo auf eine faſt verhängnißvolle Weiſe irgend eine Annäherung herbeizuführen, deren Ziel mir ent⸗ geht, das aber nur entſetzlich für meine Tochter und — — 259 mich ſein kann. Endlich, dieſen Morgen, haben Sie, mit einer hölliſchen Kunſt die paar Worte von Adeline über die Gräfin Roland und ihren Gemahl benützend . meine Tochter zu Ihrer Mitſchuldigen gemacht . Durch Sie veranlaßt, hat mich die Arme in ihrer Nai⸗ vetät vor Ihren Augen gefoltert ſie, mein Gott!“ fügte Frau von Bourgueil mit einer durch das Schluch⸗ zen bebenden Stimme bei, „ſie, die nur gelebt hat, nur lebt, um mich zu lieben.“ „Das Alles iſt wahr, Madame,“ erwiederte Herr von Bourgueil mit einer erſchrecklichen Ruhe. „Worauf zielen Sie hiemit ab?“ „Mein Herr, ich bin entſchloſſen, eine ſolche Mar⸗ ter fortan nicht mehr zu ertragen.“ „Ich bitte, ſagen Sie keine ſolche kindiſche Dinge.“ „Mein Herr .. „Hören Sie, Frau von Bourgueil, ſprechen wir vernünftig. Glauben Sie in dem Augenblick, wo meine Rache hervorzutreten anfängt, werde ich darauf ver⸗ zichten? Obgleich Sie ſich gegen mich in Ihrer Ju⸗ gend als eine Erzſchelmin benommen haben, ließ ich doch immer der Verſtändigkeit Ihres reiferen Alters Gerechtigkeit widerfahren. Sie ſind allerdings ein ehe⸗ brecheriſches Weib geweſen, eine von jenen Schänd⸗ lichen, welche mit oder ohne Wiſſen ihres Mannes in dem Heiligthum des häuslichen Herdes die Frucht ihrer Ausſchweifung aufziehen . . .“ „Dieſe Beſchimpfungen, mein Herr,“ erwiederte die unglückliche Frau, auf ihr Schnupftuch beißend, um ihr Schluchzen zu erſticken „dieſe Beſchimpfungen habe ich verdient und ausgehalten, mein Gott! ſeit vielen Jahren, ohne mich zu beklagen ausgehalten, und ich werde mich auch heute nicht darüber beklagen .. „In der That, ich befürchte, Sie fangen an dieſer Sache überdrüſſig zu werden; wir werden Mittel fin⸗ den, der Ueberſättigung entgegen zu wirken. Ich hatte alſo die Ehre, Ihnen zu ſagen, Madame, Sie ſeien ein 260 ſittenloſes und der äußerſten Verachtung würdiges Weib geweſen, doch in meiner Unparteilichkeit muß ich auch anerkennen, daß Sie eine Frau von geſundem Verſtand ſind. Ich wiederhole Ihnen nun und frage Sie ſelbſt, iſt es nicht kindiſch, wenn Sie mir ſagen: „Ich bin entſchloſſen dies oder jenes nicht mehr zu ertragen 24 „Das iſt indeſſen mein feſter Entſchluß.“ „Frau von Bourgueil, Sie erregen mein Mitleid.“ „Mitleid! ohl das iſt ein Gefühl, das ich Ihnen nie eingeflößt habel das ich Ihnen nie einflö⸗ ßen werde!“ „Nie!“ „Deshalb will ich meinem Märtyrthum ein Ziel ſetzen.“ „Ei! mein Gott, allerdings wollen Sie das; man will immer . Doch können, Madame, können.“ „Ich werde es können.“ „Wie?“ „Sie haben mich bis jetzt vadurch beherrſcht, daß Sie mir meine Schande vor meiner Tochter zu enthüllen drohten. Nun denn! ich ſage Ihnen, wenn Sie mich auf das Aeußerſte treiben, ſo werde ich ſelbſt, ja, ich ſelbſt, obgleich dieſer Gedanke mich vor Angſt in Eis verwandelt, ich ſelbſt werde meiner Tochter dieſes furcht⸗ bare Geſtändniß machen.“ „Gut! Und dann?“ „Dieſes Geſtändniß wird ihr beweiſen, was ich bis jetzt habe leiden müſſen, mein Herr. Sie liebt mich, ſie wird mir verzeihen. .. ſie wird mich viel⸗ leicht beklagen .. ich kenne ihr Herz.“ „Sehr gut! Und dann ?“ „Dann werde ich wenigſtens nicht mehr genöthigt ſein, den Abſcheu zu verbergen, den Sie mir einflößen; dann werde ich dieſem Leben der Lüge, des Verſchwei⸗ gens und immer wiederkehrender Bangigkeiten entgehen, zu dem Sie mich verurtheilt haben, und das mich am langſamen Feuer tödtet.“ 261 „Immer beſſer! Und dann?“ Und als Frau von Bourgueil ihren Mann anſchaute, ſprach er: „Ja, ich wiederhole Ihnen, und was wird dann geſchehen? Ja, was wird geſchehen, wenn Sie Ihrer Tochter dieſes Geſtändniß gemacht haben, das ſich, trotz alles Kunſtwerks mütterlicher Empfindſamkeit, womit Sie ſich umgeben können, in Folgendem zuſammenfaſſen wird: „Mein liebes Kind, ich bin die Geliebte des General Roland geweſen und, als ich aus ſeinen Armen ging, von Herrn von Bourgueil ertappt worden; Du hältſt ihn für Deinen Vater, theure Unſchuldige, ein Irrthum, Dein wahrer Vater iſt der General Roland, mein ehe⸗ maliger Liebhaber; es iſt mir auch, meine keuſche Toch⸗ ter, unerträglich, Dich unabläßig meine Tugenden als Hausmutter preiſen zu hörenz das wird am Ende ein alberner Scherz; ja, theure jungfräuliche Tochter, wie ſo viele Andere habe ich einen Liebhaber gehabt; von dieſem Liebhaber ein Kind, und dieſes Kind biſt Du, angebetete Tochter; Du wirſt nun nicht ſo entartet ſein, mich wegen dieſe Kinderei zu verachten und gegen mich die Grundſätze der Moral umzudrehen, die ich Dir aus rei⸗ ner Heuchelei beibrachte; denn dieſe Grundſätze habe ich gröblicher Weiſe mit Füßen getreten. Du weißt nun, daß ich eine Elenve in meiner Jugendzeit geweſen bin; ſprechen wir nicht mehr davon; leben wir als gute Freundinnen, und ehre, achte, preiſe mich beſon⸗ ders wie früher!““ Dieſe Sprache oder eine gleichbe⸗ deutende werden Sie gegen Ihr Kind führen. Doch hernach, Frau von Bourgueil? Ja, hernach? Von zwei Dingen wird eines geſchehen: entweder wird Ihre Tochter gegen Sie nur Abſcheu und Ekel fühlen, oder Sie werden ihr Mitleid erregen, und ſie wird ihre Zärt⸗ lichkeit gegen Sie fortſetzen.“ „Ihrer Zärtlichkeit ſicher, mein Herr, fürchte ich nichts mehr, ich begrabe mich mit ihr in irgend eine Einſamkeit, und „ 262 „Ha! ha! ha!“ rief Herr von Bourgueil mit einem höhniſchen Gelächter, „es ſcheint, das iſt bei Ihnen eine ſire Idee. Schon früher ſprachen Sie mir von dieſer Einſamkeits⸗Phantaſie in Beziehung auf den Oberſten Roland, der, beiläufig geſaßt, Ihrer ſpottete und nicht auf dieſe romantiſchen Idyllen einging: Eine Hütte und mein Geliebterl ſagten Sie damals. Eine Hütte und meine To chter! ſagen Sie heute .. Das iſt vortrefflich. .. Doch verzeihen Sie, treue und keuſche Gattin, mir ſcheint, ich werde immer ein wenig zu ſehr bei Ihren Plänen vergeſſen .. Sie glauben treuherzig, wenn Sie freiwillig Ihrer Tochter Ihre Schande geſtanden haben, werden Sie mir entkommen? oh! gehen Sie doch, ganz und gar nicht.“ „Was ſagt er?“ rief Frau von Bourgueil voll Schrecken; „o! mein Gott, was werde ich hören.“ „Ohi es kommt allerdings ein verhängnißvoller Augenblick, wo ich Ihre Schande enthüllen werde, und ich verſchiebe dieſen Tag vielleicht bis nach der Ver⸗ heirathung Ihrer Tochter .. . über dieſe Verheirathung werden wir mit einander ſprechen . .. vielleicht warte ich, bis ſie ebenfalls Mutter iſt... Sie ſehen, daß Sie noch viele wenig erfreuliche Phaſen durchzumachen haben.“ „Nein,“ murmelte Frau von Bourgueil, wie im Irrwahne, „nein, das iſt unmöglich.“ „Allerdings,“ fuhr ihr Henker fort, „allerdings wird ein äußerſter, verhängnißvoller Tag kommen, wo ich Sie und Ihre Tochter aus dem Hauſe jage, in das Sie die Schande gebracht haben; doch erlauben Sie, ich bleibe allein Richter, Herr des geeigneten Zeit⸗ punkts; wollen Sie indeſſen bis dahin Ihr redliches Geſtändniß Ihrer Tochter machen, ſo ſteht es Ihnen frei; nur wiederhole ich Ihnen, wir werden uns darum nicht trennen, im Gegentheil, dieſes keuſche Bekenntniß wird ein neues Band für unſer kleines Trio ſein; ja, jeden Tag werden Sie mich in S 263 Ihrer Gegenwart zu Fräulein Roland, wie ich ſie vor⸗ hin zum Spaß nannte und wie ſie ſich ſpielend ſelbſt genannt hat, ſagen: „„Nun, meine Liebe, Ihre tugend⸗ hafte Mutter, dieſes Muſter der Gattinnen hier, hat ſich alſo dem Oberſten Roland preisgegeben, deſſen Tochter Sie ſind!““ „Oh! genug, genug,“ rief die Unglückliche vor Verzweiflung die Hände ringend. „Oh! den Tod! lie⸗ ber den Tod, als ſolche Beſchimpfungen vor meiner Tochter!“ „Bah! den Tod, ich ſagte es Ihnen vor zwanzig Jahren, und Sie haben mir Recht gegeben, die Wei⸗ ber haben ein zähes Leben .. nun denn, ſterben Sie, gut, es bleibt mir Ihre Tochter.“ „Oh! das iſt gräßlich!“ rief Frau von Bourgueil, „bin ich denn verdammt, nie aus dieſem Kreiſe von Angſt und Qualen herauszutreten! Oh! es iſt etwas Hölliſches, dieſer Menſch! Mein Gott! mein Gott! habe ich denn nicht genug gelitten, um dieſes Unge⸗ heuer zu entwaffnen?“ „Dieſes Ungeheuer! Ihre Leiden, Ihre Qualen! wie albern ſind Sie doch!“ rief Herr von Bourgueil, indem er, außer ſich über die Vorwürfe ſeiner Frau, endlich ſeine erzwungene Ruhe von ſich warf. „Ihre Leiden! und ich? Wiſſen Sie, was ich ſeit mehr als zwanzig Jahren gelitten habe? .. das elende Weib,! es ſieht nicht einmal, daß meine Rache eine zweiſchnei⸗ dige Klinge iſt! Oh! freuen Sie ſich, zärtliche Gattin, jeder Streich, den ich Ihnen verſetze, macht mir eine Wunde, welche vielleicht noch grauſamer, als die Ih⸗ rige. Ah! Sie glauben, Alles ſei Roſe in der Galle und im Haß! Ah! Sie wiſſen nicht, was mich die Sättigung meiner Rache koſtet!. .. Wohl denn, ich will es Ihnen ſagen, Madame, und wir wollen ſehen, ob Sie die Frechheit, hören Sie wohl, die Frechheit haben werden, ſich über Ihre vergangenen Qualen zu 264 wundern und denen, welche Ihrer harren, entgehen zu wollen.“ Die Züge von Herrn von Bourgueil drückten nicht mehr jenen unverſöhnlichen Haß, jene kalte Grauſamkeit aus, die ihn ſo furchtbar machte, ſondern eine Miſchung von Verzweiflung, von Wuth und beſonders von ſchar⸗ fem Schmerz. . wovon Frau von Bourgueil bei ihren Mann nie eine Ahnung gehabt hatte. XXIX. Herr von Bourgueil näherte ſich ſeiner Frau, die Arme über ſeiner Bruſt gekreuzt, die Züge verſtört durch eine Gemüthsbewegung, über die er nicht Herr war, und ſagte mit einer, nicht mehr herben und höhniſchen, ſondern vor Schmerz bebenden Stimme: „Wohl denn! Madame, Sie haben die Vergangen⸗ heit herauf beſchworen ... ſprechen wir von ihr . . . Sie haben mir Ihre Qualen vorgeworfen... ſvrechen wir von den meinigen. Sie ſind, ſagen Sie, das Opfer? Sprechen wir vom Henker, vom Ungeheu er! Es ſind bald fünf und zwanzig Jahre, daß ich Sie ge⸗ heirathet habe, Madame; Sie waren ohne Vermögen, ich war reich. Unſere Familien kannten ſich. Seit lan⸗ ger Zeit liebte ich Sie! oh! ich liebte Sie leidenſchaft⸗ lich! Doch ehe ich mir Ihre Hand von Ihrem Vater erhat, ſagke ich zu Ihnen: „Das größte Glück meines Lebens wäre für mich eine Verbindung mit Ihnen. Setzte ich meinen Wunſch Ihrem Vater auseinander, ſo würde ich Ihnen dadurch von ſeiner Seite ein für Sie peinliches Bedrängen zuziehen, dem Sie indeſſen, wie ſo viele junge Mädchen, nachgeben könnten. Das — —— 265 will ich nicht, ich will Sie nur Ihnen ſelbſt zu ver⸗ danken haben. Sie kennen mich beinahe ſeit der Kind⸗ heit; wollen Sie mich noch mehr ſindiren, unſere Fa⸗ milienverbindungen geſtatten es, daß wir uns oft ſehen, und wenn Sie eines Tags Zutrauen genug zu mir faſſen, um mir Ihre Zukunft zu übertragen, ſo werden Sie es mir ſagen. Erſt dann werde ich mich Ihrem Vater über meine Pläne eröffnen.““ Das war mein Benehmen gegen Sie. Iſt es wahr?“ „Ja, mein Herr,“ erwiederte Frau von Bourgueil, immer mehr erſtaunt über die Veränderung ihres Man⸗ nes und den Ausdruck bittern Schmerzes, den ſie in ſeinem Geſichte las. „Nach einer Prüfung von einem Jahr,“ fuhr er fort, „hatten Sie ohne Zweifel meinen Charakter, meine Gewohnheiten, meinen Geſchmack hinreichend geſchätzt, denn Sie ſagten zu mir: „„Sprechen Sie mit meinem Vater; ich habe Vertrauen zu Ihnen, dieſe Heirath wird alle meine Wünſche erfüllen.“ Iſt das wahr?“ „Es iſt wahr.“ „Wir heiratheten uns. . . ich war trunken von Glück und Liebe . Dieſes Glück, dieſe Liebe theilten Sie damals?“ „Ja, mein Herr.“ „Während der zwei erſten Jahre meiner Ehe mach⸗ ten Sie mich zum Glücklichſten der Menſchen .. Sie ſchienen nicht minder glücklich zu ſein „ Haben Sie während dieſer zwei Jahre Vorwürfe an mich zu rich⸗ ten gehabt?“ „Keinen, mein Herr, keinen.“ „Habe ich in irgend einer Hinſicht Ihr Zartgefühl, Ihr Herz, Ihre Zuneigung verletzt?“ „Nein.“ „Habe ich nicht Alles gethan, was von mir ab⸗ hing, um Ihre Achtung und Ihre Liebe fortwährend zu verdienen? Konnten Sie einen Augenblick an mei⸗ ner Zärtlichkeit zweifeln?“ 266 „Zu jener Zeit habe ich nie daran gezweifelt, mein Herr.“ „Zu jener Zeit, Madame, hatte ich einen Freund, einen Freund aus der Kinderzeit, einen Braven unter den Braven; obgleich noch ſehr jung, war doch ſein Name einer der Glorien Frankreichs. Ich liebte dieſen Freund wie einen Bruder; ich war naiv ſtolz auf ihn. Oft ſprach ich mit Ihnen hievon. Bei der Rückkehr aus einem ſeiner Feldzüge ſtellte ich Ihnen denſelben vor und erbat mir für ihn Ihre Freundſchaft.“ „Mein Herr, ſchonen Sie mich,“ murmelte Frau von Bourgueil, „dieſe Sprache tödtet mich. Ah! ich ziehe Ihre Schmähungen vor.“ „Ich nehme dieſen Freund zu vertrautem, täglichem umgang auf. Bald, und Gott iſt mein Zeuge, daß ich nichts hiefür gethan habe, folgt auf Ihre erſte Zärt⸗ lichkeit für mich der Zwang, dann die Kälte . . die Abneigung, der Widerwillen „ endlich werden unſere Wohnungen geſchieden .. Sprechen Sie, Madame, wo⸗ durch hatte ich dieſe Abneigung, dieſen Widerwillen verdient? War ich minder ergeben, minder liebend, als in der Vergangenheit?“ „Nein, nein, mein Herr. Doch ich bitte . . . „Sprechen Sie, Madame, haben Sie mich nicht oft in Verzweiflung, weinend zu Ihren Füßen geſehen? Ich weinte damals und frug Sie mit gefalteten Händen nach der Urſache dieſer Abneigung, die mir das Herz zernagte. Iſt damals ein einziges bitteres oder ver⸗ ietzendes Wort über meine Lippen gekommen? War ich nicht bemüht, durch die Sanftmuth, durch die Reſig⸗ nation, durch die unbeſchränkteſte Unterwerfung unter Ihre geringſten Wünſche Ihre grauſame Kälte zu be⸗ ſiegen, deren Urſache zu ergründen ich mir vergebens den Kopf zerbrach? In meinem tieſen Schmerz erlaubte ich mir höchſtens ſchüchtern von der Gegenwart an die Vergangenheit zu appelliren.., die Sie mir ſo ſchön, — — 267 ſo glücklich gemacht hatten. . . Iſt das wahr, Madame, iſt es wahr?“ „Haben Sie Mitleid mit mir.“ „Und Ihre Tochter, wird ſie Mitleid mit Ihnen haben, wenn ich am Tage der letzten Sühnung Ihnen in ihrer Gegenwart ſage, was ich Ihnen hier ſage? wenn ſie erfahren haben wird, wie das Benehmen des Mannes geweſen iſt, den Sie entehrt haben?“ „Nein,“ erwiederte Frau von Bourgueil vernichtet, „nein, ich fühle es, ich werde nicht einmal das Mitleid meiner Tochter zu erwarten haben .. . Oh! ich bin ſehr unglücklich!“ „Hören Sie noch den Henker an, Madame! Hö⸗ ren Sie das Ungeheuer! Endlich erfahre ich die Ur⸗ ſache Ihrer Abneigung! Ich ertappe Sie beim Ober⸗ ſten Roland. In dieſem Augenblick, ſehen Sie, hätte ich den Muth gehabt, von dem Oberſten Roland Genug⸗ thuung mit den Waffen zu verlangen, ich würde es nicht gethan haben. Nein, ſein Tod wäre unſicher ge⸗ weſen, und ich war ſicher, Sie im Leben zu haben . .. Ich behielt Sie alſo .. Damals . damals, Madame, begann für mich auch ein gräßliches Daſein, denn ich liebte Sie ich liebte Sie noch!“ Herr von Bourgueil betonte dieſe Worte mit einem ſo herzzerreißenden Ausdruck, daß ſeine Frau bebte; doch ſie entgegnete mit einer Miene bittern Zweifels: „Sie liebten mich! . . . mein Herr, Sie liebten mich, und Sie ſpotteten meiner Thränen, meiner Schmerzen .. . „Oh! Madame, die Zeit, Ihnen meine Liebe durch eine tolle Zärtlichkeit zu beweiſen, war vorüberz ich bewies es Ihnen, je nachdem ich es fühlte! durch den Haß! ja, durch den Haß! .. Es iſt ſeltſam, nicht wahr? doch es iſt ſo. Ich verabſcheute Sie, und ich konnte mich nicht entſchließen, mich von Ihnen zu tren⸗ nen nein. wie einſt konnte ich Ihrer Gegen⸗ wart nicht entbehren; doch dies war, um mir zu ſagen: 268 Dieſe Frau iſt die meinige; ich bin immer gegen ſie zärtlich, edelmüthig, ergeben geweſen; ich betete ſie an, und ſie hat ſich einem Gecken ohne Herz und ohne Seele hingegeben, den ſie ſelbſt zur Stunde ihrer Schande verachten mußte! .. . Wie früher betete ich Ihre Schön⸗ heit an; doch ich ſagte: Dieſe Reize, die ich vergötterte, ſind durch den Ehebruch befleckt worden!.. Und dann, Madame, erduldete ich ſo ſcharfe, ſo grauſame Leiden, daß ich ſie nur mit denjenigen vergleichen kann, welche ich Sie ausſtehen ließ!“ „Achl mein Herr, warum willigten Sie nicht zu einer Trennung ein, um die ich Sie ſo oft auf den Knieen bat! Dieſe grauſamen Leiden hätten Sie uns Beiden erſpart!“ „Eine Trennung! und was wäre aus mir gewor⸗ den? ich ganz allein mit dieſem verzweifelten Haß, der mein ganzes Leben vergiften ſoll! Eine Trennung! Sie wiſſen alſo nicht, daß nach dem himmliſchen Ge⸗ nuß, eine Frau, die man ſchätzt und anbetet, mit Glück zu überſtrömen, wenn man ſie haßt und verachtet, nichts mehr bleibt, als der hölliſche Genuß, ſie am kleinen Feuer leiden zu laſſen!“ „Mein Gott! mein Gott!“ rief Frau von Bour⸗ gueil, „wie kann man eine ſolche Grauſamkeit geſtehen?“ „Grauſamkeit!“ rief Herr von Bourgueil mit einem unbeſchreiblichen Ausdruck, „gehen Sie, Madame, Sie haben nie geliebt!“ Und zum erſten Mal ſeit ſo vielen Jahren ſah Frau von Bourgueil die Augen ihres Mannes ſich mit Thränen füllen; dieſe Art von Rührung, dieſe Naivetät im Haß, war der letzte Schlag für die unglückliche Frau; ſie begriff von da an, daß ſie weder Gnade, noch Mitleid von dieſem Menſchen zu erwarten ha Seine Thränen abwiſchend, fuhr er fort „Sie ſind Mutter geworden. Ich geſtehe es, bei dem Gedanken, den lebendigen Beweis Ihrer Schande und der meinigen zu haben, bei dem Gedanken, das 269 verhaßte Kind dieſes verhaßten Menſchen bei mir zu haben, ich, der ich ſo oft bei Ihnen von den unaus⸗ ſprechlichen Freuden der Vaterſchaft geträumt, ich ge⸗ ſtehe es, Madame, ich zögerte .. Der Muth hätte mir beinahe gefehlt, ich war auf dem Punkt, Sie fort⸗ zujagen, und dann ſagte ich zu mir: Doch dieſes Kind? es iſt das Fleiſch und das Blut dieſes Menſchen und dieſes Weibes! das Geſetz gibt mir dieſes Kind! das Geſetz gibt ihm meinen Namen und mein Vermögen! Wohl denn! ich behalte das Kind und werde Vater ſein, wie ich Gatte bin.“ „Oh! das iſt gräßlich! gräßlich!“ rief Frau von Bourgueil, erſchrocken über den Ausvruck ihres Mannes, als er die Worte ſprach: „Ich werde Vater ſein, wie ich Gatte bin.“ Mit Thränen in der Stimme fuhr er fort: „So iſt Ihre Tochter unter meinen Augen, auf meinem Schooße groß geworden. Beinahe jeden Tag, wenn ich ihre Liebkoſungen empfing, ſagte ich mir: Welch ein glücklicher, guter Vater wäre ich geweſen! Die Mutter vergötternd, wie hätte ich das Kind ver⸗ göttert! Welche Schätze göttlicher Zärtlichkeit würden von mir über dieſe kleinen Geſchöpfe verbreitet worden ſein, die beſtändig dem Leben zulachen, das ſich vor ihnen öffnet! Dann, wenn ſie größer werden, welche Sorgfalt, welche Mühewaltungen, welche Opfer, wenn es ſein muß, um ſie zu leiten, bis wir ihnen mit einem ruhigen und entzückten Auge in dem Leben, das ihnen unſere Liebe vorgezeichnet hat, folgen können! Glücklich! oh! himm⸗ liſch glücklich, wenn unſer Kind uns die Worte ſagt, die alle Fibern unſeres Weſens beben machen: Vater, Du biſt gut! Vater, ich liebe Dich!“ Dieſe letzten Worte wurden abermals von Herrn von Bourgueil mit einem Schluchzen von unausſprech⸗ licher Bitterkeit ausgeſprochen. Nach einem Stillſchweigen von einigen Augen⸗ 270 das ſeine Frau nicht zu unterbrechen wagte, fuhr er fort: „Ja, Madame, das iſt es, was ich jeden Tag beim Anblick Ihrer Tochter denke!! Sagen Sie nun, Sie, die Sie mich Ungeheuer, die ſie mich Henker nennen . ſagen Sie, Sie glauben allein zu leiden, wenn ich, während ich lächelnd die Stirne Ihrer Tochter küſſe, die ich verabſcheue, zu Ihnen ſpreche: Wie ſüß iſt es, ſein Kind zu umarmen! Leiden ſie allein, wenn ich Sie in der Geſellſchaft mit dieſem Menſchen zuſammenbringe, Sie und Ihre Tochter? Leiden Sie allein bei dieſem Leben der Lüge, des Zwanges und der Bangigkeit ? .. Nun, ſprechen Sie, elende Wahnſinnige! Begreifen Sie endlich, daß das, was meine Rache immer ungeſtillt, klaffend laſſen wird, der Umſtand iſt, daß ich Sie nicht ſchlagen kann, ohne mich ſelber zu verwunden „. und daß ich nicht leben kann, ohne Sie zu ſchlagen . . Begreifen Sie endlich, daß Sie und Ihre Tochter meine Henker ſind, wie ich der Ihrige bin, und daß dieſes entſetzliche Band zwiſchen uns fort⸗ dauern muß bis zu Ihrem Tod oder bis zu dem mei⸗ nigen!“ Die Züge von Herrn von Bourgueil, als er bleich, erſchrecklich gegen ſeine Frau vorſchreitend dieſe Worte ſprach, waren ſo Entſetzen erregend, daß ſie ihr Geſicht in ihren Händen verbarg und einen unterdrückten Schrei ausſtieß. In dieſem Augenblick hörte man an die Thüre klopfen. „Wer iſt da?“ fragte Herr von Bourgueil, indem er ſeine Aufregung zu bewältigen ſuchte. „Ich bin es!“ erwiederte außen die friſche, heitere Stimme von Adeline; „braucht Ihr noch lange, Ihr Beide, mit Euren Geheimniſſen?“ „Mein Herr,“ ſagte Frau von Bourgueil leiſe und voll Angſt . .. „ich beſchwöre Sie „in einem ſol⸗ 271¹ chen Augenblick würde ich mich verrathen „ laſſen Sie meine Tochter nicht herein .. „Beherrſchen Sie ſich . beruhigen Sie ſich .. es muß ſein,“ erwiederte Herr von Bourgueil mit leiſer, aber gebieteriſcher Stimme; „ich habe ſogleich mit Ihrer Tochter . . . in Ihrer Gegenwart zu reden .. doch erinnern Sie ſich, wenn Sie es wagen würden, meinem Willen, den Sie mich werden ausſprechen hören, ent⸗ gegenzutreten . . . Ich ſage nicht mehr, Sie verſtehen mich .„ Dann, während Frau von Bourgueil haſtig ihre Thränen trocknete, ſprach ihr Mann laut, ſich an Ade⸗ line wendend, welche immer vor der Thüre des Salon geblieben war: „Du biſt ſehr ungeduldig, meine kleine Adeline.“ „Ich hätte Dich nicht geſtört und Dich auch nicht, Mama; doch die Nähterin iſt da, um mir ein neues Ballkleid anzuprobiren, und ich möchte gern, daß dies in Gegenwart von Mama geſchehen würde, damit fie mir ſagt, ob ſie die Fagon des Kleides nach ihrem Ge⸗ ſchmack findet.“ „Oh! wenn es ſich um eine ſo wichtige Angelegen⸗ heit handelt,“ erwiederte Herr von Bourgueil, der ſeine gewöhnliche Larve wieder angenommen hatte und dem Mädchen entgegenging, „Du kannſt um ſo mehr ein⸗ treten, als Dein Ballkleid ſehr gelegen kommt.“ Und ehe Adeline ſich ihrer Mutter hatte nähern können, die das Geſicht abwandte, weil ſie ihre Aufre⸗ gung noch nicht zu bemeiſtern vermocht, übergab Herr von Bourgueil dem Mädchen die Einladung, welche von Pietri gebracht worden war. „Lies dies, mein Kind.“ „Was für ein Brief iſt das?“ „Lies immerhin.“ „Ja, mein Vater.“ „Und zwar laut.“ „Ja, mein Vater.“ 272 Und Adeline las: „Die Frau Gräfin und der Herr Graf Roland bitten Herrn und Frau von Bourgueil, ſo wie Fräulein von Bourgueil, ihnen die Ehre zu erweiſen, nächſten Donnerſtag den Abend bei ihnen zuzubringen.“ Frau von Bourgueil bebte, Adeline fiel ihrem Vater um den Hals, dann ihrer Mutter, und rief in ihrer Freude: „Welches Glück! .. welches Glückl nun werde ich ſicher mit Fräulein Roland Bekanntſchaft machen!“ „Hatte ich Recht, Dir zu ſagen, mein Kind, dieſes BVallkleid komme ſehr gelegen!“ ſprach Herr von Bour⸗ gueil lächelnd; „oh! an dieſem Tag ſoll meine Adeline ſchön ſein, ſchön, um alle andere Väter eiferſüchtig zu machen auf mich . und neidiſch auf meine Toch⸗ ter „Aber mein Vater,“ ſagte Adeline nachdenkend, „dieſe Einladung . . . „Iſt ganz einfach, mein Kind; Deine Mutter iſt Patronin deſſelben Vereins wie die Gräfin; ſie ladet ſie, wie Dich, mit großer Freundlichkeit zu ſich ein.“ „Mein Gott! mein guter Vater,“ rief Adeline über die Maßen freudig, „ſieh doch, wie mir heute Alles ein⸗ trifft! Ich hatte einen Wunſch, und er iſt nun erfüllt!“ „Mein Kind,“ ſprach Fran von Bourgueil mit einer übermenſchlichen Anſtrengung, „wenn Du willſt, probiren wir Dein . . . Ballkleid an.“ Und ſie verließ den Salon mit ihrer Tochter. — Zwei Stunden fpäter ſchrieb Frau von Bourgueil nach langem Nachdenken folgendes Billet an den Gene⸗ ral Roland: „Mein Herr, „Der verzweifelte Schritt, den ich bei Ihnen zu thun gezwungen bin, wird Ihnen die ernſte Bedeutung meiner Bitte beweiſen. 273 „Wollen Sie mir eine Stunde Unterredung bewil⸗ ligen? Rückſichten, welche Sie ſchätzen werden, machen dieſe Unterredung eben ſo unmöglich bei mir, als bei Ihnen . . . „Woo und wann werde ich Sie ſehen können?. Gebe der Himmel, daß es bald geſchehe! Ein Wort der Erwiederung ohne Unterſchrift, zu größerer Vorſicht. „J. von Bourgueil.“ XXX. Der Major Maurice bewohnte ein kleines, abgele⸗ genes Haus beim Thor des Waldes von Ville⸗Avray. Am andern Tag, nach dem Abend, für den Pietri Adalbert unter die Arcaden der Rue de Rivoli, falls es regnen würde (und es regnete wirklich den ganzen Abend in Strömen) beſchieden hatte, am andern Tag, ſagen wir, war der Major in ſeine kleine Einſiedelei in Ville⸗ Avray zurückgekehrt. Es ſchlug die Mittagsſtunde. Bleich, die Züge angegriffen, unruhig, ging der Major in einem ziemlich geräumigen Zimmer auf und ab, deſſen Wände durch überladene Bücherſtänder unſichtbar waren; zwei Thüren, rechts und links liegend, ſtanden einerſelts mit einem kleinen Eingang, anderſeits mit ſeinem Schlafzimmer in Verbindung. Nach einigen Augenblicken trat eine alte Dienerin, der einzige Dienſtbote des Majors, ein, übergab dieſem ein Papier und ſagte: „Herr, das iſt von einem jungen Mann, der Sie zu ſprechen wünſcht.“ Die Kinder der Liebe. 18 274 „Er iſt es!“ murmelte der Major, nachdem er einen Blick auf die paar auf das Papier geſchriebenen Worte geworfen hatte. Dann ſich an die alte Dienerin wendend: „Bitten Sie dieſen jungen Mann, einzutreten, Frau Julienne, und würde zufällig Jemand nach mir fragen, ſo ſagen Sie, ich ſei nicht zu Hauſe.“ „Das wäre in der That ein Zufall, Herr Major,“ erwiederte die Dienerin, während ſie wegging; „denn außer dem Commandanten Broſſard, dem General Ro⸗ land und ſeinem Adjudanten Belcour, läutet keine lebende Seele an unſerer Thüre.“ Frau Julienne ging hinaus und kam bald zurück, um bei ihrem Herrn Adalbert Delmare einzuführen, den ſie mit dem Major Maurite allein ließ. Dieſer ging raſch dem jungen Mann entgegen und betrachtete, ohne ein Wort zu ſagen⸗ prüfend ſeine Züge mit einer Miſchung von Neugierde und Bangigkeit; die ſtumme Beſchauung kam ohne Zweifel Delmare ſeltſam vor, denn er brach zuerſt das Stillſchweigen und ſprach ziemlich ungeſtüm zum Major: „Wenn Sie mich lange genug angeſchaut haben, werden Sie es mir ſagen.“ Doch ohne zu antworten, ſprach Maurice beiſeit: „Ja die Augen die Stirne „ der Mund und abgeſehen von den Haaren, welche blond ſind, iſt die Aehnlichkeit auffallend.“ „Wollen Sie etwa mein Portrait machen, mein Herr?“ fuhr Delmare mit einem ſpöttiſchen Lächeln fort; „das hätten Sie mir geſtern Abend ſagen müſſen.“ „Geſtern Abend, mein Herr,“ erwiederte der Major immer beklommener, „geſtern Abend konnte ich Ihre Züge nicht gehörig betrachten, und ſo thue ich es heute.“ „Es ſcheint ſo .. Doch haben Sie mich wegen dieſer ziemlich bizarren Beſchauung hierher beſchieden, 275 mich, der ich Sie eben ſo wenig kenne, als Sie mich kennen?“ 1 Immer mehr vertieft, antwortete Maurice nicht. Da ſagte Delmare mit heftiger Ungeduld: „Mein Herr, erlauben Sie mir, Sie an Folgendes zu erinnern: geſtern Abend um neun Uhr ſuchte ich mit einem meiner Freunde eine Zuflucht unter den Arecaden der Rue de Rivoli; wir ſprachen ziemlich lang auf und abgehend mit einander. Gegen zehn Uhr trennten wir uns; er ging nach einer Seite, ich nach der anderen. Der Regen hatte aufgehört. Ich ſchritt über die Place Vendome, als ein Mann in einen Mantel gehüllt, deſſen Züge ich kaum unterſcheiden konnte, zu mir ſagte . . .“ „Ich ſagte zu Ihnen,“ fiel der Major ein: „„Wir ſind einander unbekannt, und ich habe dennoch über ſehr wichtige Dinge mit Ihnen zu reden.““ „Worauf ich erwiederte, ich habe wenig Geſchmack an Geſprächen mit Unbekannten .. . das ſei mein Cha⸗ rakter ich liebe es nicht, leichtſinnig Verbindungen einzugehen.“ „Sie ſchienen mir in der That ſehr begierig, ſich von mir loszumachen; da wandte ich das einzige Mittel an, von dem ich glaubte, es müßte Ihnen einiges Ver⸗ trauen eingeben ich ſagte zu Ihnen: „„Ich bin der Major Maurice, Waffenbruder und inniger Freund des General Roland, auf den ich viel Einfluß habe.““ „Ja, Sie legten in der That ein großes Gewicht auf Ihren Einfluß auf den General Roland.“ „Und dieſe Sicherheit von meiner Seite hat Ihr Mißtrauen nicht gehoben?“ „Nein „ es iſt wahr.“ „Da ich Ihnen nicht ein Wort entreißen konnte, ſo übergab ich Ihnen meine Karte und ſagte: „„Die Nacht bringt oft guten Rath; die alte Freundſchaft, die mich mit dem General Roland verbindet, kann Ihnen nütz⸗ lich ſein; morgen werde ich Sie den ganzen Tag er⸗ warten, wenn Sie mir nicht Ihre Adreſſe geben; denn 276 unde, die Sie mir be⸗ in dieſem Fall bin ich in der St Sie verweigerten mir zeichnen werden, bei Ihnen.““ Ihre Adreſſe.“ „Das iſt abermals wahr, und um meine Weigerung zu ergänzen, folgten Sie mir. Ich ſah ſie aus dem Augenwinkel, und nachdem ich Sie lange ſpazieren ge⸗ führt, entſchlüpfte ich Ihnen in der Paſſage Colbert. Doch Sie ſehen, die Nacht hat mir Rath gebracht . ich habe überlegt ... und hier bin ich . was wollen Sie von mir 2“ „Sie haben überlegt . was 2 „Was Sie mir ſagten.“ „In Betreff meines Einfluſſes auf den General Roland?“ „Wahrſcheinlich.“ „Und was war das Reſultat Ihrer Betrachtungen „Mein Herr, das ſtreift an die Indiscretion.“ „Sie ſind wohl nur hieher gekommen, weil Sie wiſſen, daß ich der vertraute Freund des General Ro⸗ land bin?“ „Es könnte ſein.“ „Es beſtehen alſo unmittelbare oder mittelbare Be⸗ ziehungen zwiſchen Ihnen und dem General.“ „Hören Sie, mein Herr, wir ſpielen zu ſehr die Feinen; Sie haben mich in irgend einer Abſicht hierher beſchieden. „ich komme offenbar auch in einer Abſicht. . Sprechen Sie geradezu aus, was Sie von mir wünſchen . ich werde Ihnen antworten.“ „Ehe ich geradezu ausſpreche, was ich will, müßte ich über einen Punkt entſchieden ſein „Nun denn! entſcheiden Sie ſich, bei Gott! wer hält Sie davon ab?“ „Mein Herr, ich bin alt, ich kenne die Menſchen, die Phyſiognvmien haben mich ſelten getäuſcht.“ „Und die meinige .. „Läßt mich im Zweifel.“ „Worüber?“ 2. 277 „Ueber das, was Sie werth ſind.“ „Als Menſch, als Moralität vielleicht?“ „Ja, als Menſch, als Moralität.“ „Herr Major, dieſer Zweifel iſt nicht ſehr ſchmeichel⸗ haft für mich; und um mir ſolche vertrauliche Geſtänd⸗ niſſe zu machen, haben Sie mich hierher gerufen?“ „Sie können auf der Stelle meinen Zweifel auf⸗ klären, und auf der Stelle werde ich mit aller Aufrich⸗ tigkeit mit Ihnen ſprechen.“ „Was muß ich zu dieſem Ende thun?“ „Mir Wort für Wort die Unterredung wiederholen, die Sie geſtern Abend mit Ihrem Freunde unter den Arcaden der Rue de Rivoli gehabt haben.“ „Herr Major . .. das iſt ein Scherz.“ „Dieſe Unterredung iſt alſo nicht zu geſtehen?“ „Brauche ich einem Manne von Ihrer Erfahrung, mein Herr, zu ſagen, daß es die allerehrenhafteſten Geheimniſſe gibt!“ „Das iſt richtig,“ erwiederte der Major, und nach⸗ dem er einen Augenblick nachgedacht hatte, fuhr er fort: „Hören Sie, nehmen wir an (und es iſt die Wahrheit, was ich Ihnen unter der Form einer Annahme ſage, doch nichts verpflichtet Sie, mir zu glauben), nehmen wir an, Sie wiſſen, ich ſei der innigſte Freund des General Roland, ich beſitze ſein ganzes Vertrauen und habe auf ihn den ganzen Einfluß, den eine ſeit dreißig Jahren erprobte Freundſchaft gibt . . eine Freund⸗ ſchaft,“ fügte der Major bei, indem er Delmare auf⸗ merkſam anſchaute und einen beſondern Nachdruck auf die folgenden Worte legte: „eine oft ſirenge Freund⸗ ſchaft, welche mehr als einmal das Glück gehabt hat, meinen alten Freund dahin zu bringen, daß er einige Iugendfehler erkannte und edelmüthig wieder gut machte; ja, wenn Sie überzeugt wären, daß ſo mein Einfluß auf den General Roland iſt, würden Sie mir anvertrauen, was Sie Ihr Geheimniß nennen, nämlich 278 vie Unterredung, die Sie geſtern Abend in der Rue de Rivoli gehabt haben?“ „Sie erinnern mich daran,“ ſagte Delmare mit einem Ausvruck wachſenden Mißtrauens, „Sie erinnern mich daran, daß es uns, als ich geſtern Abend mit mei⸗ nem Freund plauderte, wiederholt vorkam, als folgte man uns; wir drehten uns um, ſahen aber Niemand. Aller⸗ dings bietet die Dicke der Arcaden beinahe auf jedem Schritt einen Zufluchtsort, um ſich dahinter zu verber⸗ gen, für Indiserete, welche den Leuten Schritt für Schritt folgen, um ihr Geſpräch zu erlauſchen.“ „Wenn ich wüßte, was ich wiſſen will, ſo würde ich Sie nicht fragen. . . Ueberdies widerſtreben mir vieſe Verſchweigungen, dieſe Zweideutigkeiten; ich ſehe, vaß ich es mit einem gewandten Gegner zu thun habe, und das bedaure ich.“ „Das iſt naiv, Herr Major.“ „Vielleicht . . . doch ich ſage Ihnen ganz einfach Folgendes, und wägen Sie meine Worte wohl ab: Ich befürchte, Sie ſind auf dem Punkt, eine.. ſchlimme und gefährliche Handlung begehen zu wollen.“ „Mein Herr . . . „Laſſen Sie mich vollenden; ich behaupte, dieſe Handlung wäre ſchlimm, gefährlich für Sie durch ihre Reſultate, wie dieſe auch ſein mögen „.. Wägen Sie auch wohl⸗folgende Worte ab: entweder wird Ihnen Ihre unüberlegte Handlung durch einen ſchmerzlichen, ehrenhaften, geſetzlichen Groll eingegeben und in dieſem Fall bürge ich Ihnen dafür, daß Ihnen jede Genugthuung zu Theil werden ſoll, doch durch Mittel, welche würdig eines Mannes von Herz, wie Sie es ſein können oder Ihr Plan hat keinen andern Zweck⸗ als eine ſchändliche Speculation . . und dann 6 „Und dann?“ „Und dann, da man keine Schonung gegen einen Menſchen zu beobachten hat, der zu einer Schändlich⸗ keit fähig, iſt jedes Mittel gut gegen ihn.“ 279 „Ihr Schluß, mein Herr Major,“ entgegnete Del⸗ mare mit einem höhniſchen Lächeln, „Ihr Schluß kommt mir ein wenig zu elaſtiſch vor.“ „Das iſt möglich; doch ich wiederhole Ihnen, wenn Sie als ein Mann von Herz mit Anſtand und Maß handeln wollen, ſo eröffnen Sie ſich mir, befolgen Sie meinen Rath, und ich ſchwöre Ihnen, Ihre Hoffnungen werden vielleicht übertroffen werden; glauben Sie mir,“ fügte der Major mit innigem, eindringendem Ton bei, „glauben Sie mir, man wird immer gehört, wenn man würdig an edle und erleuchtete Gefühle appellirt.“ Dieſe Worte ſchienen einen lebhaften Eindruck auf Delmare zu machen; er dachte tief nach, bebte dann, als ob eine plötzliche Erinnerung in ſeinem Geiſte auf⸗ tauchte, und ſagte beiſeit: „Es iſt zu ſpät, der Andere hält mich nun in ſeinen Klauen „ doch woher weiß der Major? .. Gleichviel „ich habe Recht gehabt, daß ich hieher gegangen bin . . . Ich erfahre, daß man benachrichtigt iſt man muß alſo raſch und feurig handeln.“ „Nun,“ ſagte der Major, der aufmerkſam Delmare, während er nachdachte, beobachtet hatte, „ſind Sie entſchloſſen?“ „Ja, mein Herr,“ erwiederte ungeſtüm der freche Menſch, „ich bin entſchloſſen, meine Angelegenheiten ſelbſt abzumachen.“ „Und ich, ich bin entſchloſſen, eine Schändlichkeit zu verhindern. Eil alle Wetter! mein Herr, ich bin mit noch viel entſchiedeneren Menſchen, als Sie ſind, ſertig geworden.“ „Sollte ich in eine Falle gerathen ſein?“ rief Delmare; „bin ich hier in einem Hinterhalt?“ Plötzlich trat die alte Dienerin ganz beſtürzt ein und ſagte zum Major: „Herr, der General Roland; er wünſcht Sie auf der Stelle zu ſprechen.“ Die Ankunft des Generals ſchien dem Major ſo 280 unzeitig, ſo ſeltſam in dieſem Augenblick, daß er einen Moment ganz erſtaunt blieb, wobei ihm indeſſen eine unwillkürliche Bewegung von Delmare nicht entging. Er öffnete raſch die Thüre, welche mit ſeinem Schlaf⸗ zimmer in Verbindung ſtand, und ſagte zu Delmare mit einem Ausdruck unwiderſtehlicher Autorität: „Gehen Sie hier hinein . . mein Herr auf der Stelle.“ „Das iſt ſeltſam,“ erwiederte der junge Mann mit einem höhniſchen Gelächter, „einen Befehl mir?“ „Ja, einen Befehl Ihnen.“ Delmare ſchaute mit einem raſchen Blick umher, ſchlug ſich vor die Stirne und ſagte, indem er ſich verbeugte: „Ich bin entzückt, Ihnen zu gehorchen.“ Und er gehorchte in der That. Der Major, nach⸗ dem er die Thüre mit dem Schlüſſel wieder verſchloſſen hatte, ging dem General entgegen. Alsbald erſchien dieſer und rief: „Ich habe Dich geſtern Abend erwartet, denn ich glaubte, Du würdeſt zurückkommen: ich wollte Dich um einen Dienſt erſuchen . . . „Sprich . ſprich!“ „Vor Allem bitte Frau Julienne, eine Dame hier eintreten zu laſſen, welche jeden Augenblick kommen und nach Dir fragen kann.“ „Nach mir fragen?“ „Ja, mein Freund,“ erwiederte der General Ro⸗ land, den Schweiß abwiſchend, der von ſeiner Stirne floß. Und er ging mit einer bewegten Miene hin und her, während der Major ſeiner Dienerin rief und zu dieſer ſagte: „Wenn eine Dame nach mir fragt, bitten Sie die⸗ ſelbe, im Salon zu warten.“ Dann kam er zu ſeinem Freunde zurück. „Nun höre mich!“ ſprach der General; „geſtern 281 Abend erhielt ich dieſes Billet von Frau von Bour⸗ gueil . . lies.“ Immer mehr erſtaunt, las der Major das Billet, das am Tage vorher Frau von Bourgueil geſchrieben hatte, um vom General eine Zuſammenkunft aus einem höchſt wichtigen Beweggrund zu verlangen, eine Zu⸗ ſammenkunft, welche aus Rückſicht weder bei ihr, noch bei ihrem ehemaligen Geliebten ſtatthaben konnte. „Es muß ſich in der That um etwas ſehr Ernſtes handeln,“ ſagte der Major, indem er den Brief ſeinem Freunde zurückgab; „Frau von Bourgueil würde ſich ſonſt nicht zu einem ſolchen Schritt entſchließen. Was vermutheſt Du?“ „Nichts ich beſinne mich vergebens . . Es war unmöglich, es ihr abzuſchlagen .. . Unglückliche Frau! Als ich hinſichtlich der Zuſammenkunft, die ſie von mir verlangte, nicht wußte, was ich beſchließen ſollte, denn ſeit meiner Verheirathung habe ich kein Haus mehr, um darin Rendez⸗vous zu geben, da dachte ich an Deine Einſiedelei vor den Thoren von Paris, zum Voraus überzeugt, Du würdeſt mir dieſen Dienſt nicht verweigern; ſtatt jeder Antwort und nach der Ermahnung, die man mir gegeben, ſchrieb ich Deine Adreſſe und fügte bei: zwiſchen Mittag und vier Uhr, in der Vorausſetzung, es würde Frau von Bourgueil zu dieſen Stunden mehr frei ſtehen, ſich von Hauſe zu entfernen. Ich habe Dich die ganze Nacht erwartet, um Dich hievon in Kenntniß zu ſetzen. Gegen vier Uhr legte ich mich nieder, gab jedoch Pietri zuvor Befehl, mich zu wecken, wenn Du nach Hauſe kämeſt. Als Du dieſen Morgen um neun Uhr noch nicht erſchienen warſt, beſchloß ich, Frau Julienne, falls Du auch noch nicht in Deine Wohnung zurückgekehrt wäreſt, davon zu benachrichtigen, daß ich hier Jemand erwarte. Ich war im Begriff, wegzufahren, da kam der Secretaire des Miniſters der auswärtigen An⸗ gelegenheiten, um mir ſehr dringende Depechen, meine X 282 Botſchaft betreffend, mitzutheilen; ich konnte ihn un⸗ möglich abweiſen laſſen . . . Endlich frei, eilte ich in einer tödtlichen Unruhe hierher, denn ich befürchtete, Frau von Bourgueil könnte mir zuvorgekommen ſein, und die Dienerin wäre dann nicht benachrichtigt geweſen abe Das Geſpräch wurde hier durch den Eintritt von Frau Julienne unterbrochen; dieſe meldete dem Major: „Herr, die Dame, die Sie erwarten, iſt da.“ „Mein Freund, ich laſſe Dich allein,“ ſagte der Major, während er ſich nach dem Schlafzimmer wandte, wo er Delmare eingeſchloſſen hatte; „gehe nicht weg, ohne mich zuvor zu ſprechen.“ „Aus tauſend Gründen muß ich Dich wiederſehen,“ antwortete der General. „Und ich auch,“ fügte der Major bei. Dann ſich an Frau Julienne wendend: „So lange die Dame hier iſt, laſſen ſie Niemand herein, verſtehen Sie? durchaus Niemand.“ „Ja Herr, ſeien ſie unbeſorgt.“ „Sie können nun die Dame einführen.“ „Maurice,“ ſagte der General mit Bitterkeit, „nach einem Zwiſchenraum von zwanzig Jahren iſt dies das zweite Rendez⸗vous, das ſie mir gibt . . „Ah! es iſt oft etwas Erſchreckliches um eine ſolche Rückkehr zur Vergangenheit!“ Der Major drückte ſeinem Freunde die Hand und ging in ſein Schlafzimmer. Einen Augenblick nachher führte die alte Dienerin Frau von Bourgueil ein, welche allein mit dem General Roland blieb. 283 XXXI. Es war in der That mehr als zwanzig Jahre, daß Frau von Bourgueil, damals im Glanze ihrer Jugend und Schönheit, einem ſtrafbaren Zuge nachgebend, nach⸗ dem ſie lange rein geblieben, zum Oberſten Roland ge⸗ kommen war und „ beinahe in der Stunde ihres Fehltritts die bittere Reue kennen gelernt hatte. Es war auch mehr als zwanzig Jahre, als der Oberſt Roland, jung, ſchön, glänzend, allen Berauſchun⸗ gen des Alters und der Sinne ſich überlaſſend, die Zahl ſeiner Siege nicht mehr zählend, unbekümmert um die Thränen, die er fließen machte, das Vergnügen nur in ephemeren Verbindungen ſuchend, ohne die aufrich⸗ tigen, tiefen, unerſchütterlichen Leidenſchaften zu begrei⸗ fen, welche ſo oft einer Frau Verzeihung für das Ver⸗ geſſen ihrer Pflichten erwerben, Frau von Bourgueil die Trockenheit ſeines Herzens und den Leichtſinn ſeines Charakters enthüllt hatte, eine gräßliche Enthüllung, die erſte Strafe für die Unglückliche, welche den Fehler eines Tages durch ein Leben der Qualen büßen ſollte. Nach ſo vielen Jahren fanden ſich Beide beiſam⸗ men, durch das Alter weiß geworden: ſie, gebrochen durch eine lange, grauſame Sühnung; er, wiederge⸗ boren durch die Erfüllung ſüßer und heiliger Familien⸗ pflichten. Abgeſehen ſogar von den traurigen Umſtänden, welche die Annäherung dieſer zwei Perſonen herbei⸗ führten, lag in dieſer etwas ſo verhängnißvoll Provi⸗ denzielles, daß Beide unruhig, kraftlos, die Augen nie⸗ derſchlagend, einige Secunden ein düſteres Stillſchweigen beobachteten. Der General Roland brach es zuerſt, mit bewegter Stimme ſagte er zu Frau von Bourgueil; 284 „Ah! Madame, ich glaubte nicht nach ſo vielen Jahren „ „Ich bitte, mein Herr,“ unterbrach Frau von Bour⸗ gueil raſch den General, „ſprechen wir nicht von der Vergangenheit . . . ſondern von der Gegenwart, ſie iſt bedrohlich.“ „Ich befürchte es, Madame „ nach Ihrem ernſten Schritt . Brauche ich Ihnen zu ſagen, daß Sie in Allem und für Alles auf meine Ergebenheit zählen dürfen?“ „Wenn es ſich nur um mich handelte, mein Herr, wäre ich nicht zu Ihnen gekommen.“ „Es iſt alſo wahr, die tiefen Spuren der Kummers, den ich in Ihrem Geſichte leſe, wenn ich Sie zufällig in der Geſellſchaft treffe, haben eine Urſache, die ich ſchon lange errathen zu haben befürchte.“ „Ich habe Ihnen geſagt, mein Herr, es handelt ſich nicht um mich, ſondern um meine Tochter.“ Der General bebte. Es war auch ſeine Toch⸗ ter, von der Frau von Bourgueil ſprach, und er rief; „Großer Gott! Madame, was iſt geſchehen?“ „Mein Mann hat, ſowie meine Tochter und ich, eine Einladung zu dem Feſte erhalten, das Sie morgen geben.“ „Was ſagen Sie! . . . Nein, nein .. . das iſt unmöglich!“ „Ich ſage das, was iſt, mein Herr.“ „Dann iſt es ein unerklärlicher Irrthum wenn es nicht eine Falle . . . eine abſcheuliche Machina⸗ tion iſt.“ „Das iſt leider wahrſcheinlich, denn Herr von Bour⸗ gueil fordert von mir und meiner Tochter, daß wir ihn zu dieſem Feſte begleiten.“ „Und was iſt der Zweck dieſer Forderung?“ „Ich weiß es nicht, wie ich nicht wußte, in welcher Abſicht er mich nöthigte, alle Gelegenheiten aufzuſuchen, um mich der Frau Gräfin Roland zu nähern.“ 285 „Er war es alſo?“ „Ja, mein Herr.“ „Doch um ihm ſo blindlings zu gehorchen, muß . „Muß man unabläßig, wie ich es bin, zwiſchen die Alternative geſtellt ſein, in Allem Herrn von Bourgueil zu gehorchen oder ihn zu meiner Tochter ſagen zu hören: „„Sehen Sie wohl dieſe Frau. . . Ihre Mutter ... die Sie verehren die Sie anbeten . . es iſt eine Schändliche, Sie ſind nicht meine Tochter . . Sie ſind die Tochter ihres Liebhabers.““ „Oh! unglückliche Frau! Ich begreife nun Alles! Der Elende!“ „Mein Herr, Sie haben ebenſo wenig als ich das Recht, Herrn von Bourgueil anzuklagen, wir haben ſein Leben troſtlos gemacht . denn er liebte mich aufrichtig.“ „Ah! Madame, dieſer Vorwurf . . .“ „Das iſt kein Vorwurf, mein Herr, es iſt mir nicht geſtattet, an irgend jemand Vorwürfe zu richten .. Laſſen Sie ſich meine Lage ſchildern: Es bleibt mir auf der Welt ein Troſt, die Zärtlichkeit meiner Tochter. Ich bin vielleicht nahe daran, dieſe Zärtlichkeit ſich in Wi⸗ derwillen verwandeln zu ſehen. Herr von Bourgueil will meine Tochter und mich in irgend einer Abſicht zu Ihnen führen „ das erſchreckt mich, und ich kam, um Sie im Namen von Allem, was ich gelitten, um Hülfe oder wenigſtens um Rath in dieſer äußerſten Noth zu bitten, denn ich geſtehe Ihnen, mein Herr, ich habe den Kopf verloren.“ „Dieſe Einladung,“ erwiederte der General Roland mit einer wachſenden Bangigkeit, „wie wird er ſie ſich verſchafft haben? Daß ſie von meiner Frau kommt, iſt aus tauſend Gründen unmöglich . Uebrigens gleich⸗ viel! Will er bei mir einen furchtbaren Scandal, ein⸗ geladen oder nicht, heute oder morgen, machen, ſo wird ihn nichts abhalten; ihm in dieſer Hinſicht ſchreiben, hieße den Lärmen herausfordern und beſchleunigen. Was 286 thun? Was beſchließen? Sie auffordern, ihm zu widerſtehen .. . „Er bedeckt mich auf der Stelle vor meiner Toch⸗ ter mit Schande und Verachtung,“ ſagte Frau von Bourgueil mit Thränen in den Augen, „ich verliere den einzigen Troſt, der mir in der Welt bleibt.“ „Mein Gott! arme Fran, ich weiß es . Ich weiß es! Und dieſes Aergerniß von Angeſicht zu An⸗ geſicht mit Ihrer Tochter und Ihrem Mann, wäre eben ſo entſetzlich für Sie, als ein öffentlicher Scandal „ „Das iſt noch nicht Alles! . . widerſtehe ich den Befehlen meines Mannes, ſo verliere ich auf immer die Zuneigung meiner Tochter, ohne gerade zu wiſſen, ob er mich wirklich zu Ihnen führen will, um mich im Angeſicht Aller zu entehren.“ „Was wäre dann ſein Ziel?“ „Das, welches er ſeit einiger Zeit verfolgt: mich noch mehr Ihnen, Ihrer Frau, Ihrer Familie zu nähern, um damit die Qual zu vermehren, die mir diefe An⸗ näherung verurſacht. Und dann beherrſcht er mich, wie geſagt, durch die Furcht, die ich habe, in den Augen meiner Tochter erniedrigt, entwürdigt zu werden. Iſt dieſer letzte Schlag gethan, ſo vermag er nichts mehr über mich, ich entgehe ihm, und er verliert ſein Opfer. Denn Sie wiſſen nicht, daß dieſer Menſch eben ſo ſehr durch die Eiferſucht, durch den Haß leidet, als ich durch die Scham und die Reue! Was mich aufrecht hält, iſt die mütterliche Liebe; was ihn aufrecht hält, was ihm den Muth gibt, dieſes unglückliche Mädchen, das nicht das ſeinige iſt und das er dennoch mit einer ge⸗ heuchelten Zärtlichkeit umgibt, bei ſich zu behalten, was ihm dieſen Muth gibt, iſt die Sättigung der Rache, welche er jeden Tag an mir übt, indem er vor meiner Tochter meine Tugenden als Hausmutter, mein tadelloſes Benehmen preiſt.“ „Oh!“ rief der General, mit einer vor Schmerz bebenden Stimme, „welches Leben habe ich Ihr bereitet!“ 287 „Andere Male, und geſtern erſt, ſprach er von Ihnen mit meiner Tochter.“ „Von mir!“ „Ja, Herr von Bourgueil pries Ihre Tapſerkeit, Ihren militäriſchen Ruhm, den Adel Ihres Herzens.“ „Vor Ihnen! vor Ihnen!“ „Ja, und als ich in meiner Unruhe und meiner Angſt ſtumm blieb, da warf mir meine Tochter, welche nicht wußte, daß fie den Dolch in meiner Wunde um⸗ drehte, treuherzig vor, daß ich meine Lobeserhebungen nicht mit denen, welche Ihnen Herr von Bourgueil ſpen⸗ dete, verband.“ „Nein,“ ſprach der General Roland, indem er ſeine Hand an ſeine Augen drückte, „nein, das iſt gräßlich gräßlich! „Was ſoll ich Ihnen ſagen,“ fuhr die Unglückliche fort, die kaum ihr Schluchzen zurückzuhalten ver⸗ mochte, „ſo bringt mir meine Tochter, dieſes ſo un⸗ ſchuldige, ſo ſanfte und zärtliche Kind, die grauſamſten Schläge bei; zwei⸗ oder dreimal iſt ſie zufällig in der Geſellſchaft neben Ihre Frau und Ihre Tochter zu ſitzen gekommen, und ſie hat für dieſe ſo viel Sympathie empfunden, daß ſie nun unabläßig von ihr und von Ihnen vor Herrn von Bourgueil ſpricht. Dies Alles erſchreckt Sie für mich, und ich wollte mich doch nicht beklagen, ich beklage mich auch nicht. Der Schmerz reißt mir unwillkürlich dieſe Worte aus dem Herzen Ich habe auch ſo viel ſeit zwanzig Jahren gelitten!! ohne es Jemand ſagen zu dürfen, zu wollen . . .“ fügte Frau von Bourgueil bei, die nun ihr Schluchzen nicht mehr überwältigen konnte; „ich habe insgeheim ſo viel Thränen verſchlungen!!“ Die Augen des General Roland befeuchteten ſich auch, und er rief mit einer vor Schmerz zitternden timme: „Ah! dieſe Thränen, die ich vergieße, ſind, wie die Ihrigen, eitel, ich weiß es wohl Sie mögen Ihnen 288 nur beweiſen, wie ſehr ich das Böſe bereue, das ich gethan habe. Oh! ich ſchwöre es Ihnen, inmitten dieſer Familienfreuden, welche jetzt mein einziges Leben bilden, nagte es oft, ſehr oft an meinem Herzen, wenn ich Sie bleich und traurig in der Geſellſchaft ſah, in welche man Sie ſchleppte .. . Doch ich wußte nichts von Ihren täglichen Qualen, die mich ſchon im Gedan⸗ ken für Sie und dieſes unglückliche Kind, das auch meine Tochter iſt, in Verzweiflung bringen . Wenn Sie wüßten, wie oft meine Blicke voll Bangigkeit auf ihrem ſanften Geſicht verweilten, wie mein Herz ſchlug, mit welcher Bitterkeit ich mir ſagte: Ich werde nie für ſie etwas Anderes als ein Fremder . ein Unbe⸗ kannter ſein!“ „ „Und glauben Sie,“ verſetzte Frau von Bourgueil, ohne daß ſie ihre Thränen zurückzuhalten vermochte, „glauben Sie, wenn ich Sie verſtohlen Ihr Kind an⸗ ſchauen ſah, habe ich nicht auch gelitten?“ „Ich weiß, meine Schmerzen ſind nichts gegen die Ihrigen, die ich allein verurſacht habe „. Ich flehe Sie auch an, ſagen Sie, daß Sie an meine Reue glau⸗ ben, ſagen Sie, daß Sie mir verzeihen.“ „Ja, ich verzeihe Ihnen, ich habe Ihnen immer verziehen . . . Ich bin überzeugt, daß Sie vor zwanzig Jahren, wenn Sie trotz Ihres Leichtſinns hätten vor⸗ herſehen können, was ich leiden ſollte, eine ſtrafbare Schwäche nicht mißbraucht oder das Leben der Ergeben⸗ heit, das ich Ihnen anbot, angenommen haben würden. Hören Sie, da das Verhängniß uns ohne Zweifel zum letzten Mal zuſammenführt, ſo will ich, muß ich Ihnen ſagen, daß Sie ſeit Ihrer Verheirathung meine Achtung gewonnen haben „. Ich ſpreche nicht von Ihrem Kriegsruhm, von der hohen Stellung, die Sie Ihren Dienſten zu verdanken haben. Nein, dieſer Ruhm, dieſe glücklichen Erfolge Ihrer Laufbahn rühren mich nicht. . Doch tief, tief hat es mich gerührt, als ich er⸗ fuhr, wie ſehr Sie Ihre Frau lieben, welche ſo würdig, 289 geliebt zu werden . . . . denn ich bin im Stande ge⸗ weſen, ſie zu ſchätzen . . . . als ich erfuhr, wie ſehr Sie Ihre Tochter lieben, welche Ihrer Anbetung eben ſo würdig. Ja, indem ich Sie ſeit ſo vielen Jahren ſo ſchöne Eigenſchaften des Herzens entwickeln ſah, ent⸗ ſchuldigte ich die auf eine edle Weiſe geſühnten Ver⸗ gehungen Ihrer Jugend. Zuweilen machte ich mir ſogar meinen Fehltritt minder bitter zum Vorwurf und ſagte mir: Ich habe mich wenigſtens nicht ſo weit erniedrigt, entwürdigt, daß ich einen Mann ohne Herz liebte!. . Dieſes Herz hat ſchwach für mich geſchlagen, die ich über eine ſtrafbare Liebe zu errothen hatte. Doch es hat ſich zartfühlend, ergeben für die vorwurfsfreie Frau ge⸗ zeigt, welche oh! die Glückliche 11 . ihre Liebe vor den Menſchen und vor Gott geſtehen konnte! Vielleicht hätten Sie mich geliebt wie ſie, würde mich das Schickſal Ihre Frau zu ſein beſtimmt haben.“ „Oh! ich vermöchte Ihnen nie auszudrücken, wel⸗ ches Glück ich empfinde, indem ich Sie ſo von meiner Frau und meiner Tochter ſprechen höre! Sie reden von meinem Ruhm! Mein wahrer Ruhm iſt, Ihre Achtung wiedererlangt zu haben. Wenn in ſeiner Unſchuld Ihr Kind „unſer Kind . den Namen eines Va⸗ ters, den es nie kennen lernen ſoll, ausſprechen wird, ſo werden Sie dieſen Namen wenigſtens nicht ver⸗ fluchen!“ Die Gemüthsbewegung des Generals und von Frau von Bourgueil hatte den höchſten Grad erreicht; plötz⸗ lich fuhr dieſe mit ihren Händen über die Stirne, als wäre ſie aus einem Traume erwacht, bebte und rief: „Aber wir ſind Wahnſinnige! Wozu nützen dieſe eiteln Worte, dieſe eiteln Thränen? Morgen vielleicht werden Ihre Tochter, Ihre Frau, die Sie lie⸗ ben, ſowie Sie wie ich, Opfer eines gräßlichen Aerger⸗ niſſes ſein.“ „Mein Gott! mein Gott! Es iſt nur zu wahr! Was läßt ſich thun?“ Die Kinder der Liebe. ¹9 290 „Und die Stunde drängt „. Ich kann nicht zu lange von Hauſe abweſend bleiben, weil ich nicht in meinem Wagen ausgefahren bin.“ „Ah! wie Sie, habe ich den Kopf verloren! Wozu können wir uns entſchließen?“ Nach kurzem Nachdenken ſagte der General zu Frau von Bourgueil: „Wir ſind hier bei meinem beſten, bei meinem älte⸗ ſten Freund.“ „Ja . beim Major Maurice.“ „Vor zwanzig Jahren war er, wie Herr von Bour⸗ gueil, Zeuge jenes gräßlichen Duells mit Herrn Del⸗ mare; er weiß alſo Alles, was Sie betrifft, Sie und mich; er iſt da. Erlauben Sie mir, ihn zu rufenz er iſt ein Mann von kaltem Blut, von ſicherem Rath und Entſchloſſenheit. Da er nicht wie wir tauſend verſchie⸗ denartigen Gemüthsbewegungen preisgegeben iſt, ſo wird uns ſein Rath vielleicht erleichtern.“ „Es ſei, Herr Maurice iſt ein Mann von Ehre. Rufen Sie ihn! Um des Himmels willen, verlaſſen Sie mich nicht!“ Der General Roland lief ſogleich an das Schlaf⸗ zimmer des Majors, wo dieſer Adalbert Delmare hatte wiederfinden müſſen, klopfte an und rief: „Maurice! Maurice!“ Beim erſten Ruf kam der Major bleich und ſicht⸗ bar bewegt heraus. „Mein Freund,“ ſprach der General, „Frau von Bourgueil und ich verlieren den Kopf; ich weiß nicht, welches Unglück uns bedroht. Herr von Bourgueil hat, ohne mein Wiſſen, eine Einladung auf das morgende Feſt bei mir erhalten oder ſich verſchafft; er will ſeine Frau und ſeine Tochter nöthigen, ihn zu begleiten, und er vermag dies. . . In welcher Abſicht, iſt uns nicht bekannt; doch es iſt leicht möglich, daß er in meinem Hauſe vor ganz Paris einen furchtbaren Scandal hervor⸗ 291 rufen will . . Du ſiehſt die Folgen hievon vorher. Was iſt nun zu thun?“ „Madame,“ ſprach der Major nachdenkend, „Sie wiſſen nicht, durch welches Mittel Herr von Bourgueil ſich dieſe Einladung verſchafft hat?“ „Nein, mein Herr.“ „Und Du weißt gewiß, daß Deine Frau, welche in der Geſellſchaft mit Frau von Bourgueil in einiger Verbindung geſtanden iſt, ſie nicht eingeladen hat?“ „Ich bin deſſen ſicher; aus tauſend Gründen würde es mir meine Frau geſagt haben.“ „Wer iſt bei Dir beauftragt, die Einladungskarten auszufüllen und zu verſchicken?“ „Pietri.“ „Pietri!“ rief der Major bebend. „Abermals . er . „Was willſt Du damit ſagen? .. „Ich glaube nun zu errathen, wie Herr von Bour⸗ gueil eine Einladung erhalten hat.“ Und nachdem er lange nachgedacht hatte, während ihn der General Roland und Frau von Bourgueil mit ängſtlicher Erwartung anſchauten, ſprach der Major: „Bon zwei Dingen eines: Entweder will Herr vvn Bourgueil einen gräßlichen Scandal in Deinem Hauſe machen, oder er will nur die Dame und ihre Tochter dahinführen, um ſie in einer von jenen ausgeſuchten Bosheiten, welche ſeine andere Natur ſind, in Deine unmittelbare Nähe zu bringen.“ „Er kann nur die eine von dieſen beiden Abſichten haben, davon ſind Frau von Bourgueil und ich feſt überzeugt.“ „Um alſo jedem Ereigniſſe zu begegnen, darf Herr von Bourgueil dem morgigen Feſte nicht beiwohnen; hiefür gibt es, glaube ich, ein Mittel, und ich werde es anwenden.“ „Oh! Maurice, Du wäreſt unſer Retter.“ 292 „Ah! mein Herr, für mich, für meine Tochier, würde ich Ihnen zu ewigem Danke verpflichtet ſein.“ „Leider, Madame, kann ich Ihnen noch für nichts ſtehen; es iſt möglich, daß es mir gelingt, und ich werde wenigſtens Alles zu dieſem Zwecke anwenden.“ Plötzlich klopfte die Dienerin des Majors an die Thüre und rief: „Herr! „ Herr „Was gibt es?“ fragte der Major, indem er ſich der Thüre näherte; „ich hatte Ihnen förmlich verboten, Jemand anzunehmen.“ „Es iſt wahr, Herr,“ erwiederte die Dienerin, im⸗ mer von außen; „doch es handelt ſich um etwas, was keinen Aufſchub leidet . . Ein Mann iſt da „. er hat mich im Namen Ihrer Freundſchaft für den Ge⸗ neral Roland beſchworen, Sie zu benachrichtigen.“ „Wer iſt dieſer Mann,“ ſagte lebhaft der Major, ſein Name?“ „Herr Pietri,“ antwortete die Stimme der Dienerin; „er iſt der Vertraute des Herrn Generals.“ „Pietri! „„ rief der General; „ah! es muß in der That eine wichtige Sache betreffen, ſonſt würde dieſer getreue Diener nicht kommen.“ „Pietri hier!“ ſagte der Major beiſeit; „iſt dies der höchſte Grad von Gewandtheit und Frechheit „ oder ſollte ich mich über ihn täuſchen!!“ „Mein Herr,“ ſprach Frau von Bourgueil ängſtlich zum General, „die Stunde drängt und wenn ich von dieſem Menſchen geſehen würde . 4 „Fürchten Sie nichts in dieſer Hinſicht, Madame,“ erwiederte der Major. „Während Sie durch das Vor⸗ zimmer weggehen, bleibe ich mit Pietri in einer benach⸗ barten Stube, von wo aus er Sie nicht ſehen kann.“ Und er rief der Dienerin durch die Thüre zu: 3 „Laſſen Sie dieſen Mann in das Speiſezimmer ein⸗ treten, ich komme ſogleich.“ Dann ſich an Frau von Bourgueil wendend: 293 „Madame, Sie müſſen gehen,“ „Oh! mein Herr, mein Schickſal, das meiner Tochter iſt in Ihren Händen.“ „Rechnen Sie auf meine Ergebenheit, Madame; was Menſchen zu thun möglich iſt, werde ich thun.“ „Leben Sie wohl,“ ſagte der General zu Frau von Bourgueil mit erſtickter Stimme. „Leben Sie wohl!“ Und er reichte Frau von Bourgueil die Hand, dieſe nahm ſie, drückte ſie und erwiederte mit einer nicht min⸗ der tiefen Gemüthsbewegung: „Leben Sie wohl. und auf immer Lebewohl!“ Beide, gingen hinaus, der Major Maurice folgte ihnen nach und begab ſich in das Speiſezimmer, um hier Pietri aufzuſuchen, während Frau von Bourgueil wieder in den Wagen ſtieg und nach Paris zurückkehrte. Als Frau von Bourgueil das Haus des Major Maurice verlaſſen hatte, kehrte dieſer mit dem General Roland und Pietri, deſſen Züge wieder ihr gewöhn⸗ liches, gutmüthiges Gepräge augenommen hatten, in ſein Cabinet zurück. Der General wandte ſich mit Beſorgniß an ſeinen alten Diener und fragte ihn: „Pietri, was gibt es?“ „Ahl! Herr General, ich erwartete nicht, Sie hier zu treffen; doch da der Herr Major heute Nacht nicht in das Hotel zurückgekommen iſt, ſo hoffte ich ihn zu Hauſe zu finden, um ihn von einem Unglück zu unterrichten, das Sie bedroht . .. „Ein Unglück!“ rief der General. „Welches Un⸗ glück?“ „Ich wollte Sie nicht beunruhigen, bis ich mit dem Herrn Major geſprochen; das iſt die Urſache mei⸗ nes Stillſchweigens dieſen Morgen gegen Sie, mein lieber Herr; doch die Zeit dränßt, ich glaube, es iſt beſſer, Ihnen Alles zu offenbaren; Sie werden ſich ſo⸗ dann mit dem Herrn Major berathen.“ 294 „Pietri!“ rief der General Roland, „handelt es ſich um Frau von Bourgueil?“ „um Frau von Bourgueil?“ erwiederte der Corſe, 56 erſtaunter Miene. „Rein, Herr General, durchaus nicht.“ „Ah! Maurice,“ rief der General voll Angſt, „wo⸗ mit bin ich noch bedroht ? .. der Tag iſt verhäng⸗ nißvoll.“ „Sprechen Sie geſchwinde, Pietri,“ ſagte der Ma⸗ jor, auf den Corſen einen immer ſchärfer beobachtenden Blick heftend. „Um was handelt es ſich?“ „So vernehmen Sie, Herr Major .. Geſtern, als ich in das Hotel zurückkehrte, nachdem ich verſchie⸗ dene Aufträge für die Frau Gräfin beſorgt hatte, finde ich beim Hausmeiſter einen Brief. . In dieſem Brief ſagt man mir: „„Man kennt Ihre Anhänglichkeit für den General Roland, Ihren Herrn; wollen Sie ihm einen großen Dienſt leiſten, ſo finden Sie ſich heute Abend um neun Uhr in der Rue de Rivoli, unter den Arcaden vor dem Finanzminiſterium, ein.““ „Und dieſer Brief,“ fragte der General, „von wem war er unterzeichnet?“ „Von Niemand, General.“ „Ein anonymer Brief?“ „Ja, General. .. Da ich weiß, wie wenig Ver⸗ trauen dergleichen Briefe verdienen, ſo zögerte ich auch, das Rendez⸗vous anzunehmen; es handelte ſich jedoch um Sie, mein lieber Herr, und ich ging aufs Gerathe⸗ wohl in die Rue de Rivoli. Bald ſah ich einen großen Burſchen von fünf und zwanzig bis dreißig Jahren auf mich zukommen; er redete mich an und ſagte zu mir: „„Sie heißen Pietri, Sie find der Vertraute des Ge⸗ neral Roland?““ „„Ja, mein Herr.“ „Laſſen Sie uns gehen und mit einander ſpre⸗ chen,“ fügte er bei, und nun, Herr General, theilte er mir mit iſt es wahr? ich weiß es noch nicht,, 295 er theilte mir mit, er ſei der Sohn von Madame Del⸗ mare und von Ihnen, lieber Herr.“ „Maurice!“ rief der General, den Major mit Er⸗ ſtaunen anſchauend, „hörſt Du ihn?“ „Laß ihn vollenden,“ erwiederte kalt der Major; und ſich an Pietri wendend, den er mit einem hart⸗ näckigen Blick verfolgte: „Fahren Sie fort.“ „Dieſer junge Mann fügte bei, er habe kürzlich das Geheimniß ſeiner Geburt entdeckt; er beſitze unverwerf⸗ liche Beweiſe darüber, Briefe von Ihnen an ſeine Mut⸗ ter in ziemlich großer Anzahl; er habe, ſich in ſein Loos fügend, immer in großer Dürftigkeit gelebt; da er in⸗ deſſen erfahren, daß der General Roland ſein wahrer Vater und die einzige Urſache des Kummers und des Todes ſeiner Mutter ſei, ſo wolle er ihn aufſuchen. Er erkläre mir ſeine Abſichten, ſetzte er hinzu, damit Sie unterrichtet würden, denn ſein zukünftiges Verhal⸗ ten hänge von dem mehr oder minder väterlichen Em⸗ pfang ab, den Sie ihm bereiten werden, mein lieber Herr.“ „Was beabſichtigt er denn?“ rief der Graf mit wachſender Angſt; „was gedenkt er mit den Briefen von mir, die er in Händen hat, zu thun? Was will er? will er Geld? will er ein Aergerniß?“ „Sie begreifen, Herr General, meine erſte Ant⸗ wort hierauf war: „„Sie nennen ſich Sohn vom Herrn General Roland und von Madame Delmare? ich weiß vor Allem nicht, ob Ihre Behauptung nur einen Schat⸗ ten von Wahrſcheinlichkeit hat; doch wäre dies wahr, ſo müßte man es beweiſen; und wäre dieſer Beweis gelie⸗ fert, woran ich ganz und gar zweifle, ſo hätten Sie durchaus nichts vom Herrn General Roland zu for⸗ dern.““ „Du haſt Unrecht gehabt,“ rief der General; „ſo läuft man Gefahr, ihn zu reizen, waͤhrend ich im Ge⸗ gentheil entſchloſſen bin, das Loos dieſes Unglücklichen zu ſichern, das iſt meine Pflicht.“ 296 „Erlauben Sie, mein lieber Herr, Sie haben mich unterbrochen; ich ſagte zu ihm: „„Sie haben durchaus nichts vom Herrn General Roland zu fordern; doch wenn Ihre Behauptung wahr iſt, wenn Sie wirklich der Theilnahme würdig ſind, ſo bezweifle ich nicht, daß Sie der Herr General unterſtützen wird.““ „Und was antwortete er hierauf?“ „Er wolle kein Almoſen und ſei überdies ent⸗ ſchloſſen, Sie in Ihrem Hauſe aufzuſuchen, um durch ſich ſelbſt Ihre Gefühle in Beziehung auf ihn zu beur⸗ theilen.“ „Er! in mein Haus kommen! meine Frau oder meine Tochter der Widerwärtigkeit ausſetzen, mit ihm zuſammenzutreffen! Nein, nein! um keinen Preis! niemals!“ „Ich habe ſogleich das Gefährliche dieſer Drohung begriffen, mein lieber Herr, und zwar um ſo mehr, als mir dieſer Burſche von einer heftigen ... und ent⸗ ſchloſſenen Natur zu ſein ſchien; ich habe ihm auch ins Gewiſſen geſprochen und ihn zur Vernunft zu brin⸗ gen geſucht. Leider war Alles vergebens; wir brachten ſo wohl eine Stunde mit Erörterungen unter den Ar⸗ caden der Rue de Rivoli zu; als ich endlich ſah, daß ich ihn zu nichts bewegen konnte, verließ ich den jungen Mann.“ „Und wo wohnt er?“ „Er hat ſich durchaus geweigert, mir ſeine Adreſſe zu geben, mit dem Beifügen, wenn man ihn auf das Aeußerſte kreibe, ſo werde man nur zu bald ſeine Adreſſe erfahren.“ „Ah! Maurice,“ rief der Graf mit ſchmerzlichem Ton, „Du ſiehſt es, das Verhängniß verfolgt mich!“ Abwechſelnd mit dem Argwohn und dem Ver⸗ trauen kämpfend, hatte der Major Pietri mit tiefer Aufmerkſamkeit angehört; er ſagte zu ihm, indem er dem General durch ein Zeichen bedeutete, er möge weiter hören; 297 „Fahren Sie fort.“ „Es war mein erſter Gedanke, Herr Major, Ih⸗ nen Alles anzuvertrauen, denn ich befürchtete, den Ge⸗ neral unnöthig zu beunruhigen, da im Ganzen dieſer vorgebliche Delmare wohl nur ein Abenteurer ſein kann. Leider, Herr Major, kamen Sie in der Nacht nicht in unſer Hotel zurück. Dieſen Morgen war ich wieder auf dem Punkt, mich meinem lieben Herrn zu eröffnen. Dieſelben Bedenklichkeiten hielten mich zurück, als ich ihn aber wegfahren ſah, benützte ich ſeine Abweſenheit, um hierher zu laufen, in der Hoffnung, Sie vielleicht zu finden, Herr Major, und Ihren guten Rath zu be⸗ folgen.“ Ebenſo treuherzig als einfach gegeben, trug dieſe Er⸗ zählung einen ſolchen Charakter von Wahrheit an ſich, daß ſich der Major immer mehr unentſchieden in ſeiner Mei⸗ nung über den Corſen fühlte. In dem Augenblick aber, wo ſich der General an Pietri wenden wollte, ſagte er zu dieſem, indem er ihn mit einer tiefen Aufmerkſamkeit anſchaute: „Sie, Pietri, ſind beauftragt, die Einladungs⸗ karten zu den Feſten, welche die Gräſin gibt, auszu⸗ ſchicken?“ „Ja, Herr Major,“ erwiederte der Corſe unem⸗ pfindlich. „Sie fügen den Namen der Eingeladenen den ge⸗ druckten Briefen bei?“ „Ja, Herr Major.“ „Die Briefe für das morgige Feſt fiid alſo von Ihnen geſchrieben und ausgeſchickt worden?“ „Ja, Herr Major,“ erwiederte der Corſe; und er heuchelte bei jeder von dieſe Fragen von Maurice ein naives Erſtaunen. „Seit ich weiß nicht wie vielen Jahren bin ich mit den Einladungsbriefen beauftragt; ich fertige ſie nach den Angaben der Frau Gräfin aus. Es iſt immer ſo geweſen, Herr Major. . immer.“ „Wie kommt es dann,“ ſagte lebhaft der Major, 7 298 „wie kommt es, daß Frau von Bourgueil, welche nicht auf der Liſte war, eine Einladung für morgen erhalten hat?“ „Frau von Bourgueil?“ verſetzte Pietri mit der Miene der Welt, „das iſt unmög⸗ i h.“ „Es iſt dennoch ſo,“ entgegnete der Major. „Ich kann meinen lieben Herrn verſichern, daß vas falſch iſt; ich habe Frau von Bourgueil keine Ein⸗ ladung geſchickt; einmal aus dem einfachen Grunde, weil dieſe Dame nicht auf der Liſte ſtand, und dann,“ fügte der Corſe mit einer gewiſſen Bewegtheit bei, „weil ich weiß, aus welchen ernſten Gründen Frau von Bourgueil zu einem Feſte bei meinem lieben Herrn nicht kommen kann .. . Gerade geſtern Morgen noch hatte mich die Fran Gräfin mit einer ziemlich delicaten Sendung beauftragt: ich mußte mich nämlich erfundi⸗ gen, ob Frau von Bourgueil ausgegangen oder nicht ausgegangen ſei, und in letzterem Fall nur die Karte der Frau Gräfin abgeben, da ſie ihren Beſuch Frau von Bourgueil in Perſon zurückgeben wollte, ohne ſie zu Hauſe zu treffen. Ich führe dieſen ſehr unbedeuten⸗ den Umſtand meinem lieben Herrn an, um ihm zu be⸗ weiſen, daß ich aus tauſend Gründen nicht die Unbe⸗ ſonnenheit begehen konnte, Frau von Bourgueil auf die Einladungsliſte zu ſetzen.“ „Wie kommt es aber dann, daß Herr von Bour⸗ gueil ſelbſt dieſe Einladung ſeiner Frau übergaben hat?“ frug der Major. „Ahl Herr von Bourgueil hat dieſe Einladung ſelbſt ſeiner Frau übergeben?“ ſagte Pietri nachden⸗ kend. Dann bebte er, als würde er plötzlich von einem Gedanken berührt, und rief: „Ah! Herr Major, „ich glaube nun Alles zu er⸗ rathen.“ „Was?“ ſagte der General, „was erräthſt Du?“ „Mein guter, lieber Herr,“ erwiederte der Corſe 299 mit innigem Ton, „Sie haben Vertrauen genug zu der Treue Ihres alten Pietri, um ihm zuweilen Ihre ge⸗ heimen Gedanken zu ſagen. So habe ich durch Sie erfahren, wie ärgerlich es Ihnen war, daß Sie oft in den Salons, die Sie mit Ihrer Familie beſuchen, Frau von Bourgueil trafen, wobei Sie, ich glaube, nicht ohne Recht, annahmen, die unglückliche Frau gebe hierin nur dem boshaften Bedrängen ihres Mannes nach.“ „Allerdings habe ich dies geſagt, doch was ſchließeſt Du hieraus?“ „Ei! mein Gott, etwas ganz Einfaches, lieber Herr.. Warum ſollte nicht Herr von Bourgueil, ich weiß nicht in welcher Abſicht, einen Einladungsbrief in Ihrem Namen, Herr General, und in dem der Frau Gräfin haben lithographiren oder drucken laſſen ? .. einen Brief, deſſen Namen Herr von Bourgueil aus⸗ gefüllt oder hätte ausfüllen laſſen ?. . denn wäre ich genöthigt, mich in den Augen meines lieben Herrn we⸗ gen der Unbeſonnenheit, die man mir vorwirft, zu ent⸗ laſten, ſo könnte man ſich leicht verſichern, ob die Na⸗ men von Herrn und Frau von Bourgueil von meiner Hand geſchrieben find und ich ſchwöre Ihnen bei meiner ehrfurchtsvollen Zuneigung zu Ihnen „ ich ſchwöre Ihnen .. . Und er drückte die Hand an ſeine Augen und fügte mit einer zitternden, mit Thränen gemiſchten Stimme bei: „Nein, ich hätte nie gedacht, ich würde in meinem Alter in den Verdacht einer ſolcher Unbeſonnenheit ge⸗ rathen.“ „Ah! mein alter Pietri,“ ſagte der General voll Güte, „Du wirſt Dich nicht wegen einer Erbärmlich⸗ keit betrüben!“ „Mein lieber Herr,“ etwiederte der Corſe ſeine Augen trocknend, „ich bin kein Leichtſinniger; ich bin nur ein armer Menſch ohne Bildung, aber ich begreife die Tragweite der Dinge.“ 300 „Klage ich Dich denn etwa an? Eine einfache Sache ſtellt ſich heraus; wir ſprechen mit Dir davon, Du erklärſt Dich, wir glauben Dir, und beſſer noch, mit Deinem ſchlichten, geſunden Verſtand findeſt Du, was der Major und ich nicht finden konnten, denn offen⸗ bar, nicht wahr, Maurice? offenbar gibt uns Pietri die einzige wahrſcheinliche Löſung in Betreff dieſer Ein⸗ ladung.“ „Das iſt wahrſcheinlich,“ antwortete der Major, immer mehr erſchüttert in ſeinem Mißtrauen gegen den Corſen; denn die Gründe von dieſem ſchienen ſo ſtich⸗ haltig, er drückte ſich mit ſo viel Treuherzigkeit und mit einem ſolchen Anſchein von Aufrichtigkeit aus, vaß Maurice fühlte, wie ſich ſeine Zweifel beinahe gänzlich zerſtreuten. Er ſagte indeſſen zu dem Corſen: „Pietri, ich bitte Sie, laſſen Sie uns allein.“ Pietri verbeugte ſich und wandte ſich mit einer un⸗ ſtörbaren Dreiſtigkeit nach der Thüre; nur fragte er in dem Augenblick, wo er wegging: „Mein lieber Herr, ſoll ich Ihre Befehle erwarten, oder allein nach Paris zurückkehren?“ „Nein, warte, ich bedarf Deiner vielleicht.“ Sobald der Corſe ſich entfernt hatte, ſprach Mau⸗ rice zu ſeinem Freund: „Adalbert, ich habe Dir eine Mittheilung von ſehr zarter Art zu machen.“ „Was willſt Du damit ſagen?“ „Aus Gründen, deren Erklärung in dieſem Angen⸗ blick unnütz wäre, habe ich Pietri unbeſtimmt mißtraut.“ Der General wich ein paar Schritte zurück, als könnte er nicht an das, was er hörte, glauben; dann erwiederte er: „Wahrhaftig, Maurice, ich muß Dich bitten, mir zu wiederholen, was Du ſo eben geſagt haſt.“ „Ich wiederhole Dir, daß ich Pietri unbeſtimmt mißtraut habe.“ „Pietri?“ 304 „Ja.“ „Dieſem guten alten Menſchen, der mir ſeit dreißig Jahren dient? Ah! Maurice, Du denkſt nicht daran.“ „Ich ſpreche nie leichtſinnig.“ „Pietri mißtrauen? Du! Du! der Du im vertrau⸗ teſten Umgang mit uns lebſt; Du, der Du hundertmal Beweiſe von der bewunderungswürdigen Ergebenheit dieſes Mannes nicht nur für mich, ſondern auch für meine Familie gehabt haſt! Ah! mein armer Maurice, Du biſt verrückt!“ „Möchte ich mich täuſchen!.. Uebrigens geſtehe ich Dir, daß ich mir dieſes Mißtrauen beinahe zum Vorwurf mache.“ „Du kannſt, Du mußt es Dir ganz zum Vorwurf machen. An der Ergebenheit von Pietri für mich und die Meinigen zweifeln! Ah! Maurice! .. Maurice1..“ „Es iſt wahr, man thut das Böſe nicht um des Böſen willen; dieſer Verrath, wenn er beſtände, müßte eine Urſache haben; bis jetzt habe ich ſie noch nicht ergründet. Wie dem ſein mag, ich habe Pietri, mit Recht oder mit Unrecht, mißtraut. Geſtern Abend gegen halb neun Uhr kehrte ich nach Deinem Hauſe zurück; ich ſah Pietri herauskommen. Irgend einem Inſtincte der Neugierde und des Mißtrauens gehorchend, folgte ich ihm von fern, indem ich mein Geſicht in mei⸗ nem Mantel verbarg; er wandte ſich nach der Rue de Rivoli. Ein junger Menſch ſtieß zu ihm...“ „Dieſer Delmare, ohne Zweifel?“ „Ja. Beide gingen vor mir her. Ich folgte ih⸗ nen, Dein Name wurde ausgeſprochen, der von Ma⸗ dame Delmare auch. Endlich trafen die Worte an mein Ohr: Im Ganzeniſtes mein Väter, undich muß wohl„ Den Reſt des Satzes hörte ich nicht, denn ich ging aus Vorſicht ziemlich weit von ihnen ent⸗ fernt, und ſchlüpfte dahin und dorthin, um nicht be⸗ merkt zu werden, wenn Pietri und der junge Mann umkehrten.“ 302 „Aber, mein Freund, Du beſtätigſt eine Thatſache, vie uns Pietri freiwillig mitgetheilt hat! Woraus ſollte Dein Mißtrauen eniſtehen?“ „Laß mich endigen. Nachdem ich ſo einige Fetzen von Sätzen, welche genügten, um meine Beſorgniß zu vermehren, erwiſcht hatte, ſah ich, wie Pietri und Del⸗ mare ſich trennten. Ich folgte dem Letzteren, Deinem Sir denn es läßt ſich nicht bezweifeln, er iſt Dein ohn.“ „Woher weißt Du das?“ „Die Aehnlichkeit mit Dir iſt auffallend.“ „Wie haſt Du das bei Nacht bemerken können?“ „Ich habe ihn dieſen Morgen wiedergeſehen.“ „Wo?“ 2 „Hier.“ „Hier?“ „Er war bei mir, als Du eintratſt.“ „Er kennt Dich alſo? Wie kam er hierher?“ „Geſtern Abend folgte ich ihm und ſprach ihn an, öhne ihm mitzutheilen, daß ich einen Theil ſeiner Unter⸗ redung mit Pietri erlauſcht hatte; ich ſagte ihm, ich ſei Dein vertrauter Freund und könne ihm nützlich ſein; ich fand in ihm einen unerforſchlichen Menſchen, der ſich weigerte, mir zu antworten; er mißtraute mir natür⸗ lich. Auf's Gerathewohl gab ich ihm meine Karte, in der Hoffnung, das Intereſſe, die Neugierde, die Ueber⸗ legung würden ihn vielleicht hierher führen. Ich täuſchte mich nicht.“ „Und was hat er Dir geſagt? was will er? was für ein Menſch iſt es in moraliſcher Hinſicht?“ „Ich weiß es noch nicht. Bei dieſem Zweifel wollte ich mich ihm nur halb eröffnen, ich machte ihm jedoch begreiflich, wenn er einem Gefühle kindlicher, vielleicht unüberlegter, aber ehrenwerther Zärtlichkeit nachgeben würde, ſo könnte er, wofern er ſich voll Zu⸗ rückhaltung benähme, wohl Deine Theilnahme verdienen, wenn er aher auf das Aergerniß zu ſpeculiren hoffe, 303 ſo wäre mir jedes Mittel, um dieſe Schändlichkeit zu verhindern, gut.“ „Was hat er Dir geantwortet?“ „Er hat ſich Anfangs, mit trockenem Auge, ganz verſchloſſen benommen . . . Eine kurze Zeit ſchien er mir jedoch bei meinen Worten bewegt zu ſein .. dann wurde er wieder frech, ſpöttiſch, und in dieſem Moment haſt Du nach mir gefragt.“ „Und wohin iſt er dann gegangen?“ „Ich habe ihn beinahe gezwungen, in dieſes Zim⸗ mer einzutreten, deſſen Thüre ich ſchloß; dann, als ich Deine Zuſammenkunft mit Frau von Bourgueil vernahm, kehrte ich dahin zurück, in der Abſicht, Delmare in ein Zimmer neben meinem Schlafzimmer zu führen, um dort meine Unterredung mit ihm fortzuſetzen. Er ſollte nicht im Stande ſein, Dein Geſpräch mit Frau von Bourgueil zu hören.“ „Nun?“ „Ich hatte vergeſſen, daß mein Zimmer im Erd⸗ geſchoß liegt und auf den Garten geht, und als ich zurückkam . . .“ „War er verſchwunden?“ „Leider.“ „Ah! Maurice, dieſe Trockenheit des Herzens, dieſe Flucht . . ſchlimme Symptome!“ „Ich glaube es.“ „In jedem Fall ſiehſt Du, daß mich Pietri in dieſer Hinſicht nicht täuſchte. Und, mein Gott! in welcher Abſicht ſollte er mich auch täuſchen? Ach! Maurice, wenn ich den Beſorgniſſen, von denen ich ge⸗ martert werde, den Schmerz, an dieſem alten Diener zu zweifeln, beifügen müßte, ſiehe, das wäre zu viel! An ihm zweifeln, der mir ſtets ſo treu gedient hat, an ihm, dem ich, ſo zu ſagen, das Glück meiner Tochter verdanke „„ „Wie!“ rief der Major mit einem tiefen Erſtau⸗ nen, „das Glück Deiner Tochter verdankſt Du Pietri?“ 304 „Ja.“ „Erkläre Dich.“ „Pietri hat mich gebeten, das Geheimniß zu be⸗ wahren, doch Dir kann ich Alles ſagen .. . Und ich will Dir überdies einen neuen Beweis von dem vor⸗ trefflichen Herzen dieſes würdigen Mannes geben.“ „Ich höre.“ 6 „Als ich meinen Adjutanten erſetzte, ſagte Pietri zu mir: „Mein lieber Herr, ich habe nie in meinem Leben etwas von Ihnen verlangt!““ „„Leider, nein.““ „„Sie ſuchen einen Adjutanten; erlauben Sie mir, Ihnen einen zu empfehlen, und fragen Sie mich beſon⸗ ders nie über die Theilnahme, die ich für den jungen Mann hege, dem ich unbekannt bin. Er ſoll nie mei⸗ nen Schritt erfahren. Ziehen Sie übrigens,““ fügte Pietri bei, „„ziehen Sie alle möglichen Erkundigungen über meinen Schützling, eine vater⸗ und mutterloſe Waiſe, ein, Sie werden ſehen, daß er Ihr Wohlwollen verdient.“ Und der Schützling von Pietri war . . 4 „Charles Bellecour?“ „Ja dieſer ſo gute, ſo redliche, ſo ausgezeichnete junge Mann, den Du ſelbſt zu prüfen, zu ſtudiren die Güte hatteſt, als ich Dir meine Pläne mit ihm er⸗ offnete, Pläne, die Du völlig billigteſt „Gewiß, Du konnteſt meiner Anſicht nach keine beſſere Wahl treffen; doch die geheimnißvolle Theil⸗ nahme, welche Pietri für Charles Bellecour hegt . .. das iſt ſeltſam.“ „Ich vermuthe, es iſt dabei eine edle Handlung im Spiele; aber geſtehe wenigſtens, daß Pietri bei ſeinen Empfehlungen eine glückliche Hand hat.“ „Kommt Dir aber dieſes Geheimniß nicht ſonder⸗ bar vor?“ „Geheimniß, ſo lange Du willſt, es iſt darum nicht minder wahr, daß die einzige Gunſt, um die mich der vortreffliche Menſch in ſeinem Leben gebeten, zum Re⸗ ſultat das Glück meiner Tochter gehabt hat. Und ich 305 ſollte dieſem alten Diener mißtrauen! Nein, nein! Ich brauche mir keine chimäriſche Beſorgniſſe zu ſchaffen, die Wirklichkeit iſt bedrohlich genug.“ Der Major Maurice war immer nachdenkenber ge⸗ worden, ſeitdem ihm der General mitgetheilt hatte, welches Intereſſe Pietri an Bellecour nahm; ein uner⸗ klärliches Mißtrauen, das indeſſen nichts motivirte, ſchnürte dem Major das Herz zuſammen. Er erwie⸗ derte auch: „Du haſt Recht, dies Alles iſt bedrohlich, mein Freund, Ich will nichts verſchlimmern, weit ent⸗ fernt! ich hoffe, die gehäſſigen Pläne von Herrn von Bourgueil zu vereiteln, welche es auch ſein mögen. Was Delmare betrifft, ſo glaube ich und befürchte ich zugleich, daß es leicht ſein wird, ſich ſeiner für den Augenblick mit Geld zu entledigen.“ „Was hätte ich dann zu befürchten?“ „Heute wirſt Du geſchützt ſein, gut! Doch morgen, doch die Zukunft? Wenn Deine Tochter nicht das wäre, was ſie iſt, eine Empfindſame, welche brechen würde bei jedem auf Dein Leben, auf Dich geworfenen Schimpf, auf Dich, den ſie bis jetzt ebenſo ſehr angebetet, als verehrt hat, indem ſie in ihrem Vater das Ideal von Allem ſah, was zurt, edelmüthig, groß und von Jedem geachtet iſt .„ „Maurice, vollende nicht! Die Reinheit dieſer engeliſchen Seele, ihre Unwiſſenheit in den ſchlim⸗ men Leidenſchaften, denen ich mit ſo vielen Anderen unterlegen bin, iſt ſo groß, daß die geringſte Ent⸗ täuſchung in Beziehung auf mich ein gräßlicher Schlag für ſie wäre.“ „Ich glaube es. ja, ein furchtbarer, gräßlicher Schlag! Wohl denn! willſt Du in dieſer Vorausſicht, in dieſer Furcht, meinen Rath befolgen?“ „Kannſt Du daran zweifeln ?“ „Dieſer Rath wird Dir wahnſinnig vorkommen⸗“ Die Kinder der Liebe, 20 306 „So ſprich doch!“ „Schicke dem König in zwei Stunden Deine Ent⸗ laſſung als Botſchafter.“ „Maurice . was denkſt Du?“ „Triff zu gleicher Zeit in aller Eile Anſtalten zu Deiner Abreiſe, und laß Poſtpferde holen.“ „Sprichſt Du im Ernſte?“ „Vor dem Ende des Tages ſteige mit Deiner Frau, Deiner Tochter und Charles Bellecvur in den Wagen.“ „Maurice!“ „Reiſe incognito und verheirathe dieſe Kinder in Deutſchland, in Italien, wo Du willſt .. aber reiſe von Paris geräuſchlos noch heute Abend ab und laß den Sturm vorüberziehen, der, ich ſehe und fühle es vorher, furchtbar ſein wird.“ „In der That, Maurice, was Du mir da vorſchlägſt, iſt unerhört, wahnſinnig.“ „Ohl nein, nein!“ „Eil kann ich einen ſolchen Rath anders bezeich⸗ nen? Wie! ich Paris fliehen wie ein Narr⸗ ohne daß ich meiner Fran, meiner Tochter einen Grund anzugeben habe .. Ich ſoll mich durch dieſe plötzliche Entlaſſung von meinem Botſchafterpoſten, worauf ein unerklärliches Verſchwinden folgen würde, den unglaub⸗ lichſten Auslegungen ausſetzen? Dieſe Beleidigung ſoll ich dem König, der mich mit ſeiner Güte überſtrömt, den Prinzen anthun, die morgen meinem Feſte bei⸗ wohnen werden? ich ſoll mich in den Augen Aller un⸗ geheuer lächerlich machen? ich ſoll mich mit Scham in den Augen meiner Frau und meiner Tochter bedecken? ich ſoll vor ihnen erröthen, weil ich ſie belügen müßte, um ihnen ein unbegreifliches Benehmen, wenn das mög⸗ lich iſt, zu erklären? Ich ſoll mich zu einer ſolchen Ertremität entſchließen? warum? weil dieſer Delmare, die Frucht einer augenblicklichen Verirrung, ohne Zwei⸗ fel auf den Scandal ſeiner Geburt ſpeculiren will? 307 weil dieſer abſcheuliche Bourgueil die Unverſchämtheit hat, in mein Haus kommen zu wollen, ohne eingeladen zu ſein? Alle Teufel! Maurice, das iſt doch zu viel Schwäche! Bin ich denn der Einzige, der Erſte, der natürliche Kinder, welche ein paar tauſend Franken von ihm erbetteln wollen, und einen Ehemann auf dem Nacken gehabt hat, der aus einer alten, wiedergekehrten Eiferſucht zerbirſt? Denn in der That, ich bin auch zu albern, daß ich mich durch ſo wenig beunruhigen laſſe. Bin ich nicht der Herr, um bei mir zu empfan⸗ gen, wen ich will? Habe ich nicht das Recht, dieſen Baſtard vor die Thür werfen zu laſſen? .. Wiel ich hätte Furcht vor ſolchen Wichten! Wie! in meinem Alter! in meiner Stellung! nach zwanzig Jahren, die ich damit zugebracht habe, daß ich die Fehler meiner Jugend wieder gut zu machen ſuchte? Geſchätzt von redlichen Leuten dieſe Schätzung verdienend . das kann ich wohl ſagen und werde es auch mit er⸗ hobener Stirne ſagen! wäre ich genöthigt, mich zu flüchten wie ein Bankerottirer, einen Namen zu ver⸗ bergen, den ich, wenn nicht berühmt, doch wenigſtens geehrt gemacht habe? Bei Gott! Maurice, Du, der Du ſo oft von der Vorſehung ſprichſt, ſie hätte ſeltſame Launen! „Und dieſe Vorſehung hat ſich meinen Augen nie furchtbarer und gerechter geoffenbart, als in dieſem Moment,“ rief der Major mit dem Ausdruck einer un⸗ widerſtehlichen Würde. „Ah! Du ſprichſt von den Gunſt⸗ bezeigungen des Königs! von der Freundſchaft der Prinzen, die Deinem Feſte beiwohnen ſollen! von der Achtung d dlichen Leute! vom Glanze Deines Namens! Du darum die Frau von Herrn Del⸗ mare voßrer Verheirathung nicht verführt? nicht mit Meſſer den bis dahin harmloſen und glücklichen Mann tet? Haſt Du darum Herrn von Bourgueil nicht entehrt? Kannſt Du es darum verhindern, daß man Dir im vollen Salon, iſt es nicht in dem Deini⸗ 308 gen, ſo doch in einem andern, vor Deiner Frau, vor Deiner Tochter ſagt: „„Sie find ein Schändlicher, Sie haben den Ehebruch und die Trauer in mein Haus ge⸗ bracht, Sie, den ich als Freund behandelt!““ Ah! Du glaubſt zwanzig Jahre Sühnung (und welche furchtbare Sühnung? ein häusliches Glück aller Augenblicke), ge⸗ nügen, die Vorſehung zu entwaffnen, der Du ſpotteſt? Du glaubſt, ſie vertage nicht häuſig ihre Streiche, um ſie ſicherer zu machen? Ah! Du wunderſt Dich, daß die Thränen, die Deinetwegen vor zwanzig Jahren ge⸗ floſſen ſind, daß das Blut, welches Du vergoſſen, ſich heute gegen Dich erheben? Ah! Du empörſt Dich gegen die Vorſehung und gegen das, was Du ihre Launen nennſt? Ahl weil Dir Alles heute lächelt, weil Du das Ideal der menſchlichen Glückſeligkeit berührſt, findeſt Du as ungeheuerlich, daß diejenigen, welche Dir die Schande, den Schmerz, den Jammer, die Reue ihres ganzen Le⸗ bens zu verdanken haben, ſich nun wie Geſpenſter der Vergangenheit erheben und Dir zurufen: „„Zu dieſer Stunde rechnen wir mit einander!““ „Maurice,“ erwiederte der General Roland mit einer peinlichen Anſtrengung, „Du hatteſt mich ſeit zwanzig Jahren an mehr Nachſicht gegen Fehler ge⸗ wöhnt, für die ich Verzeihung verdient zu haben glaubte.“ „Adalbert,“ ſprach der Major mit tief bewegter Stimme, „nicht die Menſchen verzeihen, ſondern Gott.“ „Oh! was wäre denn die Gerechtigkeit Gottes, wenn ſie auf unſchuldige Geſchöpfe, wie meine Frau und meine Tochter, zurückfiele!“ „Und Madame Delmare? und Paula? und Frau von Vourgueil? waren ſie nicht unſchuldig an allem Uebel, ehe ſie von Dir verführt worden? Was war ihr Verbrechen? Und dennoch ſind ihre Leiden entſetzlich geweſen! Adalbert . . mein Freund mein alter Freund . fuhr der Major, die Hände des Grafen mit innigem Erguß ergreifend, fort, „iſt meine Sprache 309 hart, ſtreng, ſtelle ich Dir das finſtere Gemälde der Vergangenheit vor Augen, ſo geſchieht es, weil die Gegenwart droht, weil ich Dich gern entſchloſſen genug ſehen möchte, um zu entfliehen und ſo Dich und die⸗ Deinigen vor Gefahren ſicher zu ſtellen, die der Inſtinet meiner Freundſchaft vorherſieht . . . Und Du weißt, meine Ahnungen haben mich ſelten betrogen.“ „Maurice,“ erwiederte der General mit ernſtem Ton, „ſoll mich eine ſchreckliche, providenzielle Strafe treffen, ſo werde ich ihr nicht entgehen .. nein, ebenſo wenig als man dem Blitz durch die Flucht ent⸗ geht. Dieſe Strafe wird mich überall, an jedem Ort, zu jeder Stunde erreichen. Iſt im Gegentheil das Gute, das ich ſeit zwanzig Jahren zu thun geſucht habe, eine genügende Sühnung, ſo habe ich nichts zu befürchten .. „Höre, dieſer ruhige Fatalismus iſt wahnfinnig vor ſo entſchiedenen Gefahren, wie die, von denen Du bedroht biſt. Ich bin nicht in die Geheimniſſe der Vor⸗ ſehung eingeweiht, ich ſage nur: „„Vor zwanzig Jah⸗ ren haſt Du Böſes gethan; die Folgen von dieſem Böſen erſcheinen heute und drehen ſich gegen Dich! Iſt es Beſtimmung, Strafe der Vorſehung, göͤttliche Gerechtigkeit, Zufall? Gleichviel! es iſt ſo und die Gefahr beſteht! ich gebe Dir, meiner Anſicht nach, das beſte Mittel an, ſie zu beſchwoören. Du ziehſt die Un⸗ thätigkeit vor? Du ſagſt Dir: „„Soll ich geſchlagen werden, ſo werde ich es ſein; ſoll ich nicht geſchlagen werden, ſo werde ich es nicht ſein.““ Gut! ich hoße, Du wirſt es nicht ſein, thue aber doch wenigſtens, was es hiezu braucht; es iſt immer das alte Sprüch⸗ wort: Hilf Dir, und der Himmel wird Dir helfen!“ „Maurice,“ ſprach der General mit innigem Ton, „ſtreiten wir nicht mehr. Deine zärtliche Freundſchaft für mich übertreibt die Gefahr. Stark durch mein Gewiſſen, werde ich ihr trotzen.“ 310 „Mein Freund, glaube mir, ich muß es Dir wieder⸗ holen, ſelten haben mich meine Ahnungen betrogen.“ „Gutes, braves Herz,“ erwiederte der General ge⸗ rührt, „Du biſt wie der Mann der Fabel. Er kommt zu ſeinem Freund. „„Was haſt Du 2. Ich habe geträumt, Du ſeiſt von einem Unglück bedroht.““ „Adalbert,“ ſprach der Major mit beinahe feier⸗ licher Stimme, „die Vergleichung iſt richtiger, als Du glaubſt.“ „Wie! ſollten Deine Beſorgniſſe von einem Traume herrühren?“ „Sie mögen hievon oder von etwas Anderem her⸗ rühren, durch die Thatſachen von geſtern und von heute gerechtfertigt, ſind meine Befürchtungen ſo tief, daß ich Dich zum letzten Male anflehe, Paris noch heute Abend zu verlaſſen und auf einige Zeit entfernt mit denen, welche Du liebſt, zu leben.“ „Maurice!“ rief der Graf mit einer Art von ſchmerzlichen Ungeduld, „ich habe es Dir geſagt: nein .. das iſt nein.“ „Mein Freund,“ erwiederte ſanft der Major, „dieſe Antwort beweiſt mir, daß es wahnſinnig von mir wäre, nur daran zu denken, noch gegen Deine hartnäckige Feſtigkeit zu kämpfen .. Das Schickſal gehe in Er⸗ füllung! Du wirſt es gewollt haben ... Kehren wir nach Paris zurück. .. Ich will mich vor Allem mit Herrn von Bourgueil beſchäftigen.. Was Deinen Sohn Delmare betrifft .. . erwarten wir ihn, da wir ſeine Wohnung und ſeine Abſichten nicht kennen; ich werde Dich in dieſen Tagen nicht verlaſſen; Du kannſt meiner bedürfen.“ „Und ſind die leeren Schrecken und Befürchtungen Dei⸗ ner Freundſchaft verſchwunden wie der Traum, der ſie vielleicht veranlaßt hat,“ ſagte der General ſeinem Freunde die Hände drückend, „ſo brechen wir mit einander nach meinem Geſandtſchaftspoſten in Neapel auf . Du haſt es meiner Tochter verſprochen.“ 31¹ „Brechen wir vor Allem nach Paris auf,“ fügte der Major ſeufzend bei. Und der Graf und ſein Freund kehrten, von Pietri gefolgt, von Ville⸗d'Avray nach Paris zurück. XXXIII. Wir haben den auf die vorhergehenden Ereigniſſe folgenden Tag erreicht. Es ſind in dem prachtvollen Hotel des General Roland große Anſtalten zu dem Feſte getroffen worden, das am Abend ſtattfinden ſoll. Vom König am Mor⸗ gen berufen, um von ihm verſchiedene diplomatiſche Inſtructionen zu empfangen, hatte der General auch die Prinzen in den Tuilerien geſehen und von dieſen die wiederholte Verſicherung erhalten, ſie werden dem Feſte beiwohnen. Es hat ſieben Uhr geſchlagen; ſchon ſind die Gen⸗ darmen vor den Thüren und Zugängen des Hotel auf⸗ geſtellt, um die Ordnung in der Reihe der Wagen zu erhalten; ſchon fangen die Leute in großer Livrée, die Haushofmeiſter und die Kammerdiener in ſchwarzen Fräcken an die Luſtres der Salons unter der Leitung von Pietri anzuzünden. Der Corſe ſcheint entzückt und hat ſeinezwanzig⸗ jährigen Beine wiedergefunden, ſagt man im Hauſe, da man die Thätigkeit ſieht, die er entwickelt. Die nachfolgenden Scenen ereignen ſich in einem runden Salon, der durch einen mit Thürvorhängen ver⸗ ſehenen Gang von einer weiß und goldenen, von Kri⸗ 312 ſtalle, durch das Licht blendenden und von wahren Blumen⸗ büſchen, welche Tauſende von Spiegeln wiederſtrahlen, duftenden Gallerie getrennt iſt. Pietri geht die letzten Anſtalten überwachend hin und her; er reibt ſich die Hände und ſagt zu ſich ſelbſt: „Alles geht gut, Alles geht gut; der Major iſt völlig von der Fährte abgebracht, durch meinen geſt⸗ rigen Schritt in Ville⸗d'Avray. . Ah! Teufelsmajor! Du wollteſt den alten Pietri an Liſt überbieten .. Du weißt alſo nicht, daß er bei Nacht ſieht wie die Raub⸗ vögel, und daß er Dich vorgeſtern Nacht enkannt und ihm bis unter die Arcaden der Rue de Rivoli hatte folgen ſehen! Da er Dich auf der Lauer wußte, hat er auch geſagt und dieſen Spitzbuben Delmare ſagen laſſen, was er wollte, dieſen Delmare, den ich auf der Rückkehr von Ville⸗d'Avray getroffen, wohin er, wie er mir geſtanden, durch den hölliſchen Major gelockt worden war. Ja, dieſer hätte mir vielleicht meinen koſtbaren Delmare entriſſen, würde ich den Burſchen nicht zwiſchen meinen langen Krallen gehalten haben. Aber,“ fügte der Corſe bei, indem er ein paar Schritte nach der Gallerie machte, „ich ſehe den Adjutanten nicht er muß doch auch kommen, um einen Blick auf die Vorbereitungen zum Feſte zu werfen, während die Gräfin und ihre Tochter bei der Toilette ſind. Der Augenblick iſt vortrefflich, um mit Charles Bellecour zu ſprechen; ich konnte nicht früher mit ihm reden; das wäre unvorſichtig geweſen. Doch hier kommt er . Der Intendant ſah in der That in der Ferne Char⸗ les Bellecour in einem äußerſt eleganten Soirée⸗Co⸗ ſtume kommen; er ſah ſtrahlend aus und ging nicht, wie man zu ſagen pflegt, auf der Erde. Der Corſe ſtellte ſich, als ſähe er den jungen Mann nicht; doch dieſer trat gerade auf ihn zu und ſagte: „Herr Oberintendant der Feſte des Hauſes, ich ache Ihnen mein Kompliment.“ „Ah! Sie ſind es, Herr Charles,“ erwiederte 3¹³ Pietri mit ſeiner gewöhnlichen Treuherzigkeit: „in der That, ſind Sie zufrieden mit den Anſtalten? Eil Herr Charles, ich habe nichts zu vergeſſen geſucht. Es iſt heute ein ſo ſchöner Tag für meine liebe Herrſchaft. . man muß ihn auch nach ſeinen beſten Kräften auszu⸗ ſchmücken ſuchen.“ „Oh! ja, es iſt ein ſchoner Tag, mein lieber Pietri. Ich ſchwebe auch in einem ſolchen Entzücken, daß es für mich wie ein Traum iſt.“ „Gott ſei Dank! Herr Charles, für Fräulein He⸗ lene und für Sie iſt es etwas Beſſeres als ein Traum. Geſtehen Sie, daß es ſehr glückliche Leute auf dieſer Welt gibt!“ „Das ſagen Sie meinetwegen, mein guter Pietri?“ „Ei! ei! es könnte wohl ſein; mir ſcheint jedoch, es fehlt Ihnen etwas?“ „Was denn, Pietri?“ „Ein Vater eine Mutter . . um Zeugen Ihres Glückes zu ſein, Herr Charles,“ ſagte der Corſe mit rührendem Ton; „nicht wahr, es iſt ſo, das fehlt Ihnen?“ „Oh! Sie haben Recht,“ erwiederte Bellecour mit einem ſchwermüthigen Lächeln; „doch, ach! . Waiſe ſeit meiner Kindheit, ſollte ich dieſe ſo ſüßen Freuden nicht kennen, was ich noch mehr bedauern würde, hätte ich nicht eine Familie in der des General Roland gefunden.“ „Ihr vortrefflicher, würdiger Vater, Herr Charles, hat Sie wenigſtens durch eine von den Ideen, wie Sie nur in dem Herzen eines Vaters voll Fürſorge und Zärtlichkeit entſtehen können, wenn ich ſo ſagen varf, 1 ſeinem Grabe Schritt für Schritt im Leben ge⸗ Charles bebte, er ſchaute den Corſen mit tiefem Erſtaunen an und ſprach: „Woher wiſſen Sie?“ „Die vier Briefe, von ihm vor ſeinem Tod 314 geſchrieben, welche Ihnen Ihr Vormund nach und nach zuſtellte wie Sie im Alter vorrückten, und worin Sie gleichſam die zum Voraus gezeichnete Linie für Ihr Benehmen fanden.. von Ihrem Eintritt in das Colleg, bis zu Ihrem Eintritt in die Kriegsſchule; denn es war ihm weſentlich daran gelegen, daß Sie Militär wurden „ der arme, vortreffliche Vater! Es ſtand ſogar folgender Satz in einem Brief von ihm, worin er auf dieſen Beruf drang: Ich beſchwöre meinen Sohn im Namen der frommen Zärtlichkeit, die ich für ihn hege, den Militärſtand zu er⸗ greifen . .. Iſt das wahr c Immer mehr erſtaunt, den Corſen ſo genau von dieſen beſondern Familienumſtänden unterrichtet zu ſehen, hatte Charles Bellecvur Pietri, ohne ihn zu unterbre⸗ chen, angehört; dann rief er: „Ich frage Sie noch einmal, woher wiſſen Sie. „Ohl oh! der alte Pietri weiß viele Dinge . Und dieſer Brief, worin Sie Ihr Vater ſo dringend ermahnt, ſich von Ihrer erſten Jugend an in der Fecht⸗ kunſt, im Schießen zu üben, eine Ermahnung, welche übrigens ſo natürlich, da Sie den Militärſtand ergrei⸗ fen ſollten „. „Pietri,“ ſprach der junge Mann mit einer tiefen Gemüthsbewegung, „Sie haben alſo meinen Vater ge⸗ kannt, Sie ſtanden mit ihm im vertrauteſten Verhältniß?“ „Vielleicht wohl . . . denn wiſſen Sie, Herr Char⸗ les, wer den General Roland, der Sie nicht kannte, veranlaßt hat, Sie zum Adjutänten zu verlangen? das war der alte Pietri.“ „Sie! . Ihnen würde ich es verdanken?“ „Fragen Sie den General „ ſagen Sie ihm von mir, ich entbinde des mir von ihm geleiſteten Verſprechens, das Geheimniß zu bewahren und Sie werden ſehen, was er Ihnen antwortet „Wie! Pietri .Sie ſind die erſte Urſache von meinem Lebensglück! .. denn hier habe ich Fräulein . — 31⁵ Helene kennen lernen. Sie haben das innige Vertrauen meines Vaters beſeſſen . . und heute Abend machen Sie mir zum erſten Mal dieſe Mittheilung!. . Haben Sie denn bange vor meiner Dankbarkeit?“ „Ich ſah Sie glücklich . . das genügte mir.“ „Ah! Pietri, wie ſehr haben der General und ſeine Familie Recht, Sie zu lieben! Welch ein Glück für mich, daß ich nun auch ſo viele Gründe habe, dieſe Zuneigung zu theilen!“ „Oh! Herr Charles, halten Sie ſich nicht für quitt gegen den alten Pietri: . . . ich habe meinerſeits auch etwas von Ihnen zu erbitten.“ „Deſto beſſer. ſprechen Sie geſchwinde . „Ich lege um ſo mehr Gewicht auf dieſe Bitte, als . „Sie iſt zum Voraus bewilligt, mein guter Pietri.“ „Laſſen Sie mich doch enden; ich ſagte, ich lege um ſo mehr Gewicht auf dieſe Bitte, als es ſich um meinen lieben Herrn handelt.“ „Um den General?“ „Ja. Herr Charles, nicht wahr, es bleibt Ihnen ein letzter Brief von Ihrem Vater, von dem Sie noch nicht Kenntniß genommen haben?“ „Es iſt wahr, es fehlen noch drei Monate, bis die Zeit, wo ich dieſen Brief öffnen ſoll, gekommen iſt.“ „Nach Allem, was ich Ihnen geſagt habe, müſſen Sie überzeugt ſein, daß ich mich des innigen Vertrauens Ihres Vaters erfreute, und daß ich in meiner geringen Sphäre Ihnen zu dienen bemüht war.“ „Ich wiederhole, ich verdanke Ihnen Alles, Alles: die Zuneigung des Generals, die Hand ſeiner Tochter..“ „Wohl denn, ſo hören Sie: es kann ſein', daß Sie vor der zur Eröffnung des letzten Briefes Ihres Vaters beſtimmten Zeit dem General einen ſehr großen Dienſt zu leiſten im Stande ſind.“ „Und wie?“ „Indem Sie den für das Leſen dieſes Briefes be⸗ ſtimmten Zeitpunkt vorrücken.“ 316 „Ah! Pietri, das wäre gegen den letzten Willen meines Vaters.“ „Ich weiß es; doch halten Sie mich für fähig, Ihnen einen ſolchen Rath zu gehen, wenn es ſich nicht um die wichtigſten Intereſſen, ſowohl für den General, als für Sie, handelte?“ „Für mich?“ „Ich ſpreche von Ihrer Verheirathung mit Fräu⸗ lein Helene.“ „Großer Gott! was ſagen Sie?.. Ohl ich bitte, erklären Sie ſich. 3 „Es kann in dieſem Hauſe heute, morgen, ich weiß nicht wann, ein Ereigniß ſtattfinden, das ſich, trotz ſei⸗ nes drohenden Anſcheins, auf die glücklichſte Weiſe der Welt für den General, ſeine Familie und Sie durch ein vorgreifendes Oeffnen des Briefes Ihres Vaters entwickeln würde.“ „Wie, Pietri, meine Heirath mit Fräulein Helene könnte gefährdet, bedroht werben 7. „Ja, für einen Augenblick; doch ich wiederhole Ihnen, das Oeffnen des fraglichen Briefes würde ſo⸗ gleich die Gefahr verſchwinden machen.“ „Pietri, dieſe geheimnißvollen Worte beunruhigen mich unwillkürlich.“ „Mit Unrecht, Herr Charles. Warum die Gefahr fürchten, wenn man das Mittel in der Hand, ſie ſicher zu beſchwören?“ „Doch wenn dieſe Gefahr drohte, wie würde ich den geeigneten Augenblick, den Brief zu öffnen, er⸗ fahren?“ „Vertrauen Sie mir, ich werde Sie benachrichtigen.“ „Und worin beſteht dieſe Gefahr?“ „Herr Charles, ſo geheimnißvoll der gute Pietri iſt. ſo werden Sie doch wenigſtens zugeſtehen, daß die⸗ jenigen, welchen er ſich zu weihen das Glück ſich nicht über ihn beklagen konnen.“ 317 „Ich weiß das beſſer, als irgend Jemand, mein guter Pietri. doch . „Nun denn, ſo wundern Sie ſich alſo nicht und beun⸗ ruhigen Sie ſich vor Allem nicht darüber, daß ich noch einige kleine Geheimniſſe habe! Vertrauen Sie mir, Sie werden es nie bereuen. Was den fraglichen Brief betrifft, Sie haben ihn hier?“ „Er iſt oben in meinem Secretaire.“ „Sehr gut; doch ich erblicke die Frau Gräfin mit Fräulein Helene. Kein Wort von Allem dem, ich be⸗ ſchwöre Sie darum, weder zu den Damen, noch zum General.. das hieße ohne Zweifel ſie unnöthig be⸗ unruhigen, denn ich habe die Hoffnung, daß Alles auf das Beſte gehen wird; nur muß man für Jegliches vor⸗ herſehen; es iſt alſo abgemacht, Herr Charles, ich bitte Sie, das Geheimniß über Alles, was Bezug auf den Brief Ihres Vaters hat, zu bewahren; doch Sie können den Herrn Grafen fragen, ob ich ihn nicht veranlaßt habe, Sie zum Adjutanten zu wählen „ „Genügt mir nicht Ihr Wort, Pietri?“ „Kurz, Herr Charles, es ſteht Ihnen frei, meinen lieben Gebieter zu fragen. Was das Uebrige betrifft, völliges Geheimniß, Sie verſprechen mir das?“ „Iſt das nicht meine Pflicht? Werde ich, ohne einen nur bekannten Grund, Unruhe, Beſorgniß in dieſe Familie werfen, welche bald die meinige ſein ſoll?“ „Ich wußte zum Voraus, daß ich auf Ihre Ver⸗ ſchwiegenheit zählen konnte, Herr Charles. Doch hier iſt die Frau Gräfin mit Fräulein Helene, und ich ver⸗ laſſe Sie.“ Der Corſe entfernte ſich; er zog dann die Uhr, ſchaute nach der Stunde und fagte zu ſich ſelbſt, indem er haſtig durch eine der Seitenthüren des Salon weg⸗ ging, während die Gräfin durch den Gang der Gallerie eintrat: „Schon halb acht Uhr.. Geſchwinde „„ge⸗ winde „ 318 Die Gräfin Roland und ihre Tochter näherten ſich Charles Bellecour, den ſeine Unterredung mit Pietri in einer unbeſtimmten Unruhe ließ; er vergaß ſie bald beim Anblick von Helene, deren weißer Ball⸗ und Braut⸗ anzug reizend war. „Herr Charles,“ ſagte ſie lächelnd zu dem jungen „ Adjutanten, „finden Sie mein Kleid hübſch 2“ „Reizend, mein Fräulein.. Dieſe Garnitur von weißem Flieder, Ihrem Kopfputz ähnlich, iſt von einer Friſche und einer Eleganz...“ „Meine Mutter hat ſie gewählt.. Sie ſehen, Herr Charies, ſie verſteht es, ihr Idol, wie ſie mich nennt, zu ſchmücken.“ „Ja,“ ſagte lächelnd die Gräfin, „was ich ihm aber nicht allein zu geben vermöchte, meinem Idol, das iſt das Glück, das Deine Züge belebt, die Freude, die in Deinen Augen glänzt, und dieſen Schmuck ver⸗ dankſt Du, glaube ich, ein wenig Herrn Charles.“ 6 „Herr Charles,“ ſagte das Mädchen mit einem be⸗ zaubemdiſ Lächeln, „muß ich geſtehen, daß das wahr iſt? „Eine Antwort würde mir leicht, mein Fräulein, wäre es mir erlaubt, Ihr Glück nach dem, welches ich empfinde, zu beurtheilen.“ „Ihr ſeid alſo ſehr glücklich, meine Kinder 2“ ſagte die Gräfin, indem ſie die beiden jungen Leute mit einer unausſprechlichen Rührung anſchaute. „Ah! meine Mutter!“ „Ah! Frau Gräfin!“ erwiederten ſie, während jedes eine von den Händen der in ihrer Mitte ſtehenden Generalin nahm. Dieſe wandte ſich an Herrn Belle⸗ cour und ſagte zu ihm: „Frau Gräfin, dieſes Wort iſt ſehr ceremoniös, Herr Charles. Zum Glück können Sie übermorgen zu mir, wie Helene ſagen: Meine Mutter, und ich zu Ih⸗ nen: Charles. Geduld! Geduld! wir werden uns ent⸗ ſchädigen; doch mittlerweile kommt Ihr Beide mir mir; 319 wir wollen den Büffetſaal in Augenſchein nehmen, um uns zu verſichern, daß nichts vergeſſen iſt.“ „Ich bin zu Ihren Befehlen, Frau Gräfin.“ „Mama hat Recht, das Feſt muß tadellos ſein; wir werden ja den Sohn des Königs empfangen.“ „Herr Charles,“ rief lachend die Gräſin, „hören Sie dieſe kleine Ruhmſüchtige?“ „Ah! Mama, es iſt wahr ruhmſüchtig. im höchſten Grade ruhmſüchtig für meinen Vater. Hat mein Vater nicht ſeinem ſeltenen Verdienſt, den Dienſten, die er unſerem Vaterlande geleiſtet, und beſonders ſeinem ſo geliebten, ſo geachteten Charakter dieſe Gunſtbezeigun⸗ gen, ich möchte ſagen, dieſe Gerechtigkeit zu verdanken?“ „Sie ſehen, Herr Charles, immer dieſelbe,“ ſagte lächelnd die Gräfin, „ſie iſt unverbeſſerlich; ich kenne keine auf ihren Vater ſtolzere, hochmüthigere Tochter.“ „Und dieſen Stolz theilſt Du nicht, Mama?“ „Herr Charles, fliehen wir geſchwinde,“ rief lachend die Gräfin dem jungen Mann zu, indem ſie ihn beim Arm nahm, „man darf dieſer kleinen Hoffärtigen nicht Recht geben.“ Und alle Drei verſchwanden durch die Gallerie in dem Angenblick, wo der Major Maurice durch eine von den Seitenthüren des Salon eintrat. XXXV. Der Major Maurice wandte ſich an einen von den Dienern des Hauſes, der durch die Gallerie ging, und fragte: „Der General iſt noch nicht aus ſeinem Zimmer herabgekommen?“ 320 „Nein, Herr Major, ich glaube, der Herr Graf kleidet ſich vollends an.“ „Und Pietri. wiſſen Sie, wo er iſt?“ „Ich habe ihn ſo eben durch den Warteſaal gehen ſehen. Doch hier kommt der Herr Graf.“ Der General Roland trat in der That, für das Abendfeſt mit einer ſtrengen Eleganz gekleidet, ein, er trug das große rothe Band auf ſeiner weißen Weſte und den Stern der Ehrenlegion mit Diamanten beſetzt auf der linken Seite ſeines ſchwarzen Frackes; er ſah bleich aus; eine unbeſtimmte Unruhe war in ſeinen ſchönen Zügen zu leſen. Als er den Major erblickte, ging er ihm raſch entgegen und ſagte: „Nun, Maurice! nichts Neues?“ „Nichts. und überdies, da Delmare weder ge⸗ ſtern, noch im Verlaufe des heutigen Tages zu Dir ge⸗ kommen iſt, ſo haſt Du nun ſeine Gegenwart vor mor⸗ gen nicht mehr zu befürchten.“ „Ich glaube auch nicht, daß er die Stunde dieſes Feſtes wählen würde, um eine ſolche Unterredung mit mir zu pflegen.“ „Für jeden Fall, Adalbert, ſind, wie ich Dir ge⸗ ſagt habe, meine Vorſichtsmaßregeln getroffen.“ „Ich danke, Maurice, das iſt ſchon eine Sorge weniger .. Was Herrn von Bourgueil betrifft, ſo biſt Du ſicher?“ „Ich bin nur deſſen ſicher, was ich ihm geſtern geſagt habe, und ich wiederhole es zu Deiner Beruhi⸗ gung: „Mein Herr, Sie haben ſich für das Feſt⸗ das der General Roland gibt, eine Einladung ver⸗ ſchafft, weil Sie in einer nothwendig gehäſſigen Ab⸗ ſicht Ihre Frau und Ihre Tochter dahin zu führen ge⸗ dachten. Ich erkläre Ihnen, daß ich mich, wenn Sie bei dieſem Plane beharren, durch ein Mittel widerſetzen werde, das Ihnen ſehr ſonderbar, ſehr lächerlich viel⸗ leicht vorkommen wird: mit einem Worte, Sie finden mich als Schildwache vor der Thüre des Warteſaals, die ich 324 entſchloſſen, Ihnen den Weg zu verſperren, nicht einen Augenblick verlaſſen werde. Haben Sie auf ein Aer⸗ gerniß gerechnet, ſo wird es wenigſtens das Vorzim⸗ mer nicht überſchreiten. Es ſteht Ihnen nun frei, Frau von Bourgueil und Ihre Tochter einem Scandal preis⸗ zugeben, den ich für ſie tief bedauern werde; doch mein Entſchluß iſt gefaßt.““ „Und durch dieſe Drohung aus der Faſſung ge⸗ bracht, hat er Dir ſeinem Vorhaben keine Folge zu geben verſprochen?“ „Er hat es mir verſprochen und ſchien mir in der That aus der Faſſung gebracht; denn in Ermangelung eines andern Mittels iſt das, welches ich anwende, ſo brutal es auch ſein mag, wenigſtens wirkſam.“ „Maurice, mein guter Freund, Du retteſt uns vielleicht von einem beklagenswerthen, ärgerlichen Auf⸗ ſehen.“ „Gott wolle es! Ich begebe mich auch, trotz des Verſprechens von Herrn von Bourgueil, auf meinen Poſten. „ich traue dieſem Menſchen nicht.“ „Es iſt kaum acht Uhr; Niemand wird ſo bald kommen.“ „Du haſt Recht; doch ich will lieber eine Stunde zuvor bereit ſein. Herr von Bourgueil iſt nicht der „ Einzige, deſſen Beſuch Du zu befürchten haben kannſt.“ „Allerdings. Dieſer Delmare .. Er wird jedoch nicht die Frechheit haben . „Man muß auf Alles gefaßt ſein . .. Ich bin heute Abend Dein Thürhüter, und Niemand wird in dieſe Salons eintreten, ohne meine Inſpection durch⸗ gemacht zu haben.“ „Maurice! . ſtets aufopfernd ergeben! Oh! Du magſt immerhin lächeln, Du biſt nicht mehr beru⸗ higt, als ich. Soll ich es Dir geſtehen? Je näher die Stunde dieſes Feſtes anrückt, deſto mehr bereue ich es bisweilen, daß ich den Rath, den Du mir geſtern Die Kinder der Liebe. 2¹ 322 gegeben, was es mich auch gekoſtet hätte, nicht befolgt habe .. Und vennoch, jliehen „ſchmählich fliehen vor vielleicht chimäriſchen Befürchtungen ... Anderer⸗ ſeits, wenn ich bedenke, welchen grauſamen Schlag ein öffentliches Aergerniß meiner Tochter beibringen würde, iſt meine Angſt furchtbar.“ „Adalbert, es iſt zu ſpät, um die Sache zu än⸗ dern; ängſtige Dich nur nicht übermäßig; bei den Maßregeln, die ich getroffen, haben wir nichts für heute Abend zu befürchten. Auf, Muth gefaßt, mein Freund!“ „Habe die Güte, mein Freund, im Vorzimmer zu ſagen, man ſoll mich benachrichtigen, ſobald der Piqueur, der den Prinzen voranreitet, im Hofe erſcheine, damit ich ſie bei der Thüre des Vorhauſes empfangen kann; ſie werden, wie ſie mir geſagt haben, frühzeitig kom⸗ men, denn ſie fahren hernach zur öſterreichiſchen Ge⸗ ſandtſchaft.“ „Du ſollſt von der Ankunft des Piqueur der Prin⸗ zen benachrichtigt werden. Ich laufe an meinen Po⸗ ſten.. Noch einmal, Muth, mein Freund, ich ſtehe für Alles.“ Der Major ging hinaus und ließ den General Roland allein im Salon. „Ah!“ ſagte der Graf zu ſich ſelbſt, während er aufgeregt hin und herging, „jung, habe ich unempfind⸗ lich blutigen Schlachten beigewohnt. In Africa habe ich ein Heer unter ſo mörderiſchen Umſtänden comman⸗ dirt, daß das geringſte Zögern von meiner Seite die Vernichtung von Tauſenden braver Soldaten, für die ich dem Vaterlande gegenüber verantwortlich war, her⸗ beiführen konnte. Doch in dem Augenblick, wo ich ſie ins Feuer führte, habe ich nie eine Bangigkeit der äihn⸗ lich gefühlt, wie ich ſie zu dieſer Stunde empfinde. Es iſt eine unbegreifliche Herzensangſt .. Ich weiß nicht, . welcher dumpfe Schrecken mich niederbeugt und ent⸗ nerpt, Das iſt albern. . das iſt wahnſinnig. 323 Doch ich habe nicht die Kraft, gegen dieſe Lähmung zu kämpfen.“ Und ſo ſprechend, fiel der General mehr, als daß er ſich ſetzte, in einen Lehnſtuhl, der bei einem Spiel⸗ tiſch ſtand, auf dem er den Ellbogen ſtützte, um die Stirne auf ſeine Hand zu legen. Da öffnete ſich eine kleine, im Täfelwerk der völlig verlaſſenen Gallerie angebrachten Nebenthüre langſam und ließ den Kopf von Pietri ſehen: dieſer ſtreckte den Hals vorſichtig nach der einen und der andern Seite vor, zog ſich zurück und führte nach einigen Augen⸗ blicken Adalbert durch dieſe Thüre ein, die der Corſe beſtändig halb geöffnet hielt, wodurch er der Zuſammen⸗ kunft beiwohnte, die er zwiſchen dem Vater und dem Sohn herbeigeführt hatte. Delmare war ſeiner Gewohnheit gemäß mit einer Art von geſchmackloſer Sorgfalt gekleidet; er trug eine Halsbinde von ſchreiender Farbe, eine weite, ſchottiſche, vorne gefaltete Hoſe, einen weißlichen Paletot und einen grauen, unternehmend auf das Ohr geſetzten Hut. Die Belebtheit ſeiner Züge, das Feuer ſeiner Blicke bewieſen nur zu ſehr, daß dieſer Unglückliche, den Rath von Pietri befolgend, neue Frechheit in einer reichlicher Libation von Branntwein geſchöpft hatte. Als er aus dem Seitengang hervortrat, blieb er einen Augenblick geblendet durch den Glanz der Kronleuchter und der Vergoldungen der Gallerie; dann näherte er ſich langſam dem General Roland, der im⸗ mer noch, die Stirne auf ſeine Hand geſtützt, da ſaß. In dem Augenblick jedoch, wo er über die Schwelle des Salon ſchritt, fühlte er eine Art von Zögern, doch er überwand ſeine Schwäche, drückte mit einem Fauſt⸗ ſchlag ſeinen Hut noch unternehmender auf den Kopf, ſteckte ſeine beiden Hände in ſeine weiten Hoſentaſchen, und da die dicken Teppiche das Geräuſch ſeiner Schritte dämpften, ſo konnte er, ohne von ihm gehört zu wer⸗ den, heinahe um ihn zu berühren, auf den General 324 Roland zugehen, ſo tief war dieſer in ſeine peinlichen Gedanken verſunken. Der General fuhr auch vor Ue⸗ berraſchung in ſeinem Stuhl auf, als er plötzlich an ſeinen Ohren die rauhe, heiſere Stimme von Delmare hörte, der mit einem ehniſchen, ſpöttiſchen Ton zu ihm ſagte: „Guten Abend, Papa!“ Der General erbleichte, erhob ſich ungeſtüm und rief beinahe erſchrocken: „Woher kommt dieſer Menſch?“ Dann fügte der General, mit einer ſtolzen, drohen⸗ der Miene Delmare meſſend, bei: „Was wollen Sie? Wer find Sie?“ „Wer ich bin? Ihr Sohn, bei Gott! Amable Juſtin Adalbert Delmare, um Sie anzubeten, wenn er dazu fähig wäre.“ „Er iſt es!“ ſagte der Graf vernichtet bei Seite. „Welche Sprache! welcher Anblick! welche plumpe unverſchämtheit!“ fügte er mit Ekel bei. Dieſe Bemerkungen verdoppelten ſeine Furcht und ſeinen Zorn, und er rief; „Wer hat Ihnen erlaubt, hier zu erſcheinen? wo ſind Sie hereingekommen?“ „Wo? durch die Thüre, Väterchen ganz ein⸗ fach durch die Thüre „Und Maurice!.. Maurice!. er iſt doch unten! Er kennt ihn; warum hat er ihn hereingelaſſen?“ ſagte der General zu ſich; „und meine Frau und meine Tochter können jeden Augenblick kommen! 4 Dann wandte er ſich raſch nach einer der Seiten⸗ thüren des Salons, öffnete ſie und ſprach mit gebiete⸗ riſchem, zornigem Tone: „Mein Herr, gehen Sie auf der Stelle von hier weg und erwarten Sie meine Befehle in dieſem Zimmer!..“ „Wie! wir ſchicken das Kind ſchon ſchlafen?“ ſagte der Bandit; „ah! nein, nein!“ und er ſetzte ſich breit und viereckig in einen Lehnſtuhl. „Plaudern wir vorerſt, Väterchen,.. 325 „Unglücklicher!“ rief der General mit drohendem Ton, „wagſt Du es wohl „Was ? Scandal ?. Lärmen? Sie wol⸗ len? das iſt mir ganz recht. Oh! ganz recht ... Im⸗ mer zu rufen Sie Ihre großen Lakeien herbei, um Ihren Sohn vor die Thüre Ihres Hotel zu werfen!.. Es wird drollig ſein .. doch Ihre Bedienten mögen ſich in Acht nehmen, ich bin Profeſſor des Fechtſchuhs bei der polytechniſchen Schule.“ „Oh! das iſt zu viel!“ „Sollte Sie mein Gewerbe etwa demüthigen, Vä⸗ terchen? Ah! ich hatte noch eine andre Saite an meinem Bogen, ich war Theaterbillet⸗ und Contre⸗ marquenhändler ... Sie werden mir ſagen, das ſei nicht ſehr fein für den Sohn eines Botſchafters, doch ein verirrter Hund frißt, was er findet!“ „Genug, mein Herr, genug!“ erwiederte der Ge⸗ neral mit ebenſo viel Ekel, als Zorn, „machen wir ein Ende. Sie wollen Geld? Sie ſollen bekommen; doch alle Teufell treten Sie hier ein, oder!... „Oder, was?“ „Unverſchämter!“ rief der General außer ſich, in⸗ dem er Delmare am Kragen packte. „Ich werde Ge⸗ walt anwenden, wenn es ſein muß; doch Du wirſt Dich entfernen.“ „Ich verehre zu ſehr den Urheber meiner Tage, als daß ich mir ihm ein Bein zu unterſchlagen erlauben ſollte,“ erwiederte Delmare, indem er ſich in ſeinem Lehnſtuhle ausſtreckte. „Ich werde mich damit begnü⸗ gen, daß ich meinem Väterchen einen ebenſo paſſiven, als achtungsvollen Widerſtand entgegenſetze, und wenn er nicht die Fauſt von Mitouflet, genannt der Her⸗ kules von Arras, hat, ſo fordere ich ihn auf, mich in dieſem Stuhl von hier wegzutragen.“ „Du ſollſt aber Geld bekommen!“ ſagte der Ge⸗ neral mit leiſer Stimme, denn er erkannte die Unmög⸗ lichkeit, Gewalt anzuwenden, „tritt hier ein.. Ich 326 eile in mein Cabinet hinauf, komme auf der Stelle wieder herab und bringe Dir zehn tauſend Franken, Elender.“ „Das iſt herrlich! der alte Satan Pietri hat mir gut gerathen,“ ſagte Delmare bei Seite. „Iſt das nicht genug?“ fuhr der Graf, das Still⸗ ſchweigen ſeines Sohnes als eine Weigerung deutend, fort; „ich verdopple die Summe! das iſt Alles, was ich hier habe. In ein paar Minuten bringe ich Dir zwanzig Bankbillets. Brauchſt Du mehr? Begib Dich morgen zum Major Maurice; Du kennſt ſeine Wohnung.. ich gebe Dir noch mehr; ich werde eine Penſion bei⸗ fügen. Doch verlaſſe dieſen Salon; tritt in dieſes Zimmer ein, bleibe darin bis am Ende des Feſtes ver⸗ borgen; ich werde dann kommen und Dich von hier weggehen laſſen, und die Hölle befreie mich auf immer von Deiner abſcheulichen Gegenwart, Schändlicher, der Du auf die Scham ſpekulirſt, die ein Vater darüber empfinden muß, daß er Dich zum Sohne hat.“ Bei dieſen Worten bebte Delmare; er ſtand auf und warf voll Wuth ſeinen Hut zu ſeinen Füßen. Zu⸗ vor frech und höhniſch, wurde ſeine Phyſiognomie dü⸗ ſter; ein bitteres, ſchmerzliches Lächeln zog ſeine Lippen zuſammen, und er rief: „Ich bin ſehr, ſehr tief gefallen! . .. ſo tief, daß ich hieher kam, um Geld von Ihnen zu fordern. Ich weiß nicht, was in mir vorgeht, doch . . behalten Sie Ihr Geld, und ich habe wenigſtens das Recht, Ihnen zu ſagen, daß der Schändlichere von uns Beiden nicht ich bin. Hören Sie wohl? Nein, ich bin es nicht! der Schändlichere iſt derjenige, welcher ſo den Sohn einer Frau empfängt, die er verführt hat, und die vor Verzweiflung geſtorben iſt. Der Schändlichere iſt derjenige, welcher, wenn er ſeinen Sohn nach zwanzig Jahren des Elends und der Verlaſſenheit wiederſieht, zu ihm ſagt: „Da, nimm Gold und befreie mich von Deiner verabſcheuten Gegenwart!““ ₰ — —— — 327 „Mein Herr,“ erwiederte der General, erſtaunt über dieſen plötzlichen Umſchlag in der Sprache ſeines Sohnes, „wenn Ihre erſten Worte nicht beinahe Schmä⸗ hungen geweſen wären. . .“ „Ich habe Unrecht gehabt; ich hatte ein Glas Branntwein zu viel getrunken; Ihre Härte, Ihre nie⸗ derſchmetternde Verachtung benehmen mir den Rauſch, das iſt mir lieb.“ „Wohl, mein Herr, ſo kehren Sie zu beſſern Ge⸗ fühlen zurück. Treten Sie hier ein, ſage ich Ihnen. Nach dem Feſte werde ich Sie hier aufſuchen, und wir ſprechen mit einander ... Sie ſollen zufrieden mit mir ſein, ich bin es mit Ihnen .. doch ich erwarte jeden Augenblick Gäſte; meine Frau und meine Tochter kön⸗ nen in dieſen Salon kommen . .. „Gerade deshalb bleibe ich; ſehen Sie, ich gäbe meinen Platz hier, zu dieſer Stunde, nicht für zwanzig tauſend Franken.“ „Mein Herr,“ ſagte der Graf beinahe flehend, und mehr erſchrocken über die Ruhe von Delmare, als über die cyniſche Unverſchämtheit, die er Anfangs an den Tag gelegt hatte, „mein Herr, Sie ſprachen ſoeben den Namen Ihrer Mutter aus... Ich habe großes Un⸗ recht gegen ſie gehabt, und dennoch beſchwöre ich Sie in ihren Namen .4 „Unb ich werde in ihrem Namen eine furchtbare Rache an Ihnen nehmen. Hören Sie wohl! ich, der ich ihren langſamen Todeskampf geſehen, ich, der ich ſie traurige erſte Erinnerung meiner Jugend, mei⸗ nen Bruder umarmend ſterben ſah.“ . „Ihren Bruder!“ rief der General, der ſich einer unbeſtimmten, äußerſten Hoffnung hingab. „Sie kön⸗ nen nicht der Sohn von Madame Delmare ſein, ſie hatte nur ein Kind!“ „Acht Monate nach dem Tod ihres Gatten, des Mannes, den Sie getödtet, hat meine Mutter einen Sohn, den Sohn von Herrn Delmare, geboren. „ Glücklicher als ich, iſt dieſer Bruder nicht dem Elend und der Verlaſſenheit preisgegeben worden. Ein Ver⸗ wandter von Herrn Delmare hat ihn adoptirt, aufge⸗ zogen und ihm ſeinen Namen gegeben. Dieſen Bruder, ich habe ihn nicht wiedergeſehen, ich, eine Waiſe mit ſieben Jahren, von Allen verleugnet, durch das Almo⸗ ſen aufgezogen, ſodann in die Welt geworfen, ohne Führer, ohne Stütze; dem Böſen überantwortet, bald durch den Hunger, bald durch Jugendverirrungen, welche in mir zu unterdrücken Niemand ein Intereſſe hatte; von einem Tag in den andern lebend, und zwar durch alle Mittel, ehrliche, wenn es der Zufall wollte, ſchmäh⸗ liche, wenn ich nichts Beſſeres fand; denn ich hatte keine Wahl; heute als Abenteurer in eine gewiſſe Ge⸗ ſellſchaft durch einen Wurf im Spiel geſchleudert, mor⸗ gen in die Hefe zurückfallend, wo ich ein ſchmutziges Brod ſuchte, das ich nicht immer fand . .“ „Oh! mein Gott!“ murmelte der General, ſein Geſicht in ſeinen Händen verbergend, „der Unglückliche!“ „Oh!“ verſetzte Delmare mit einem bittern Lä⸗ cheln, „ich will mich hier nicht ehrlich ſtellen. . . ich will nicht ſagen, mein Benehmen ſei immer unfreiwil⸗ lig geweſen nein! Allmälig entartet, herabgewür⸗ digt, verdorben durch dieſes Zigeunerleben, ſpielte ich, da ich wußte, daß Niemand über mich zu erröthen hatte, nicht den ängſtlich Gewiſſenhaften, der Ehre wegen. Zwiſchen einem redlichen, dürftigen und harten Leben und einem zweideutigen, müßigen Leben, wobeiich etwas Geld erliſtete, wählend, griff ich nach dem Gelde und der Niedrigkeit! Das iſt gemein, nicht wahr? Wer ſagt Ihnen das Gegentheil? . Ich hätte Sie wohl an meinem Platze ſehen mögen. Wer weiß, ob Sie, allein und ohne einen Heller auf der Straße von . aris, nicht noch etwas Schlimmeres gethan hätten ? Es iſt etwas Leichtes um die Tugend, wenn es einem an Nichts gebricht! und wenn ich wäre, wie ſo viele Andere, im Wohlſtand und mit Sorgfalt erzogen worden, — 329 ſo hätte ich mich nicht ſchlechter gemacht, als ſo viele Andere. Doch dies Alles war Ihnen ganz gleichgül⸗ tig! Während der Sohn heute bettelnd, morgen als Glücksritter lebte, war der Vater ...“ „Ihr Vater,“ fiel der General mit tief erſchütterter Stimme ein, „Ihr Vater weinte blutige Thränen über das Unglück, das er verurſacht hat, und ſuchte es durch ein beſſeres Leben zu ſühnenz für Ihren Vater ging kein Tag vorüber, ohne daß er ſich voll Angſt fragte, was aus Ihnen geworden; denn Ihre Mutter war mit Ihnen verſchwunden, als ich beinahe ſterbend an den Folgen jenes gräßlichen Duells darniederlag. Und wenn Sie geſtern, ſtatt Liſt gegen den Major Maurice, meinen beſten Freund, zu gebrauchen und aus ſeinem Hauſe zu entfliehen, ihn angehört hätten, ſo würde er Ihnen von meinen Gewiſſensbiſſen, wenn ich von Ihrer unglücklichen Mutter, von meinem Bedauern und meiner Beſorgtheit, wenn ich von Ihnen, deſſen Schickſal ich nicht kannte, ſprach, geſagt haben.“ „Mein Herr,“ erwiederte Delmare trotz ſeines cyni⸗ ſchen Weſens gerührt durch die Erſchütterung ſeines Va⸗ ters, die ſich ſo ſchmerzlich in ſeinem edlen, ſchönen Geſichte ausdrückte, „wenn ich hätte glauben können, Sie hegen einige Zuneigung für mich . „Eil ſehen Sie denn nicht, daß ich weine, daß ich Alles vergeſſe, daß meine Frau und meine Tochter je⸗ den Augenblick hieher kommen können 4 Und trotz der Stärke ſeines Charakters, konnte der General dieſer heftigen Erſchütterung nicht widerſtehen; er ſank in einen Lehnſtuhl, verbarg ſein Geſicht abermals in ſeinen Händen und rief: „Ah! ich bin ſehr unglücklich!“ Pietri, der, von Zeit zu Zeit die im Täfelwerk der Gallerie angebrachte Thüre ein wenig öffnend, aufmerk⸗ ſam den verſchiedenen Entwickelungen dieſer Scene ge⸗ folgt war, ſtreckte in dieſem Augenblick den Kopf aber⸗ mals herein, um zu beobachten. 330 Plötzlich hörte man auf der Seite der Gallerie die Stimme der Gräfin, ſtellenweiſe unterbrochen durch das ſanfte Lachen ihrer Tochter. Bei dieſem Geräuſch bebte der General, er erhob ſich, in ſeinen Zügen das Gepräge einer unausſprech⸗ lichen Angſt, wandte ſich an Delmare mit einer Mi⸗ von herzzerreißendem Schmerz und Würde und prach: „Hier kommen meine Frau und meine Tochter; »Sie können mich in dem ſchlagen, was ich Theuerſtes auf Erden habe; thun Sie es, das wird mein Strafe ſein „Sie haben zu mir mit Thränen in den Augen geſprochen,“ erwiederte Delmare mit tief bewegtem Tone, indem er ſich raſch nach der Thüre wandte, welche der Graf offen gelaſſen hatte; „ich ſchäme mich meines Be⸗ nehmens. Dank ſei Ihnen, daß Sie mir Gelegenheit gaben, es wieder gut zu machen!“ „Ah! Alles iſt vergeſſen!“ rief der General, der kaum an dieſen plötzlichen Umſchlag glauben konnte. „Du ſprichſt als Sohn, Du wirſt in mir einen Vater finden! Tritt hier ein, nach dem Feſte werde ich wie⸗ der zu Dir kommen.“ „Mein Herr,“ ſprach Delmare mit feuchtem Blick in dem Moment, wo ſich die Thüre zum erſten und zum letzten Mal vielleicht hinter ihm ſchließen ſollte, „Ihre Hand.“ „Hier iſt ſie, und zwar von ganzem Herzen,“ er⸗ wiederte der General, indem er ihm ſeine Hand reichte; „Alles iſt vergeſſen!“ Und er ſchloß haſtig die Thüre und ſteckte den Schlüſſel in dem Augenblick in den Sack, wo ſeine Frau und ſeine Tochter vom Hintergrunde der Gallerie herbeikamen und lachend in den Salon eintraten. Pietri hatte aus ſeinem Verſteck den Grafen Delmare ein⸗ ſchließen ſehen. — 331 „Bravo!“ ſagte der Corſe, „der Sohn iſt unter Schloß und Riegel, nun zur Tochter.“ Und er machte die Thüre im Täfelwerk wieder zu. „Meine Frau! meine Tochter! es war Zeit,“ rief der General, während er ſich den Schweiß abwiſchte, der von ſeiner Stirne floß, und ſeine Gemüthsbewegung vor Helene und der Gräfin zu verbergen ſuchte. XXXV. Der General Roland, der ſich gegen ſich ſelbſt ge⸗ waltig anſtrengte, um zu lächeln, ging ſeiner Frau und ſeiner Tochter entgegen und ſagte zu dieſer: „Liebe, tolle Kleine, darf ich die Urſache der Heiter⸗ keit erfahren, die man von ſo fern her hört?“ „Die Schuld liegt an meinem Pathen Maurice,“ erwiederte die Lacherin, deren Wangen noch von ihrer überſprudelnden Fröhlichkeit geröthet waren. „Wahrhaftig?“ verſetzte der Graf; „ich hielt mei⸗ nen armen Maurice nicht für ſo ſpaßhaft.“ „Wohl denn! mein Vater, Du täuſchteſt Dich. Stelle Dir vor, daß wir, Mama, Herr Charles und ich. . .“ dann ſich umwendend fügte ſie naiv bei: „Hoho! wo iſt er denn?“ „Sei unbeſorgt,“ ſagte lächelnd die Gräfin, „er wird ſich wieder finden.“ „Ich hoffe es wohl, Mama. Nun, mein Vater, um wieder auf meinen Pathen zurückzukommen, den Du nicht für ſo ſpaßhaft hältſt, wir gingen überall umher, um einen letzten Blick auf die Anſtalten zum Feſte zu werfen, und kamen auch in den Warteſaal. Dort 332 finden wir meinen Pathen. Wir wollen ihn mit uns hieher nehmen. Ah! ja wohl! Durchaus nicht! er ſagt uns, er habe ſich als Schildwache aufge⸗ pflanzt, und dies mit einer ſo komiſchen, ſo komiſchen Miene, daß mich ein närriſches Gelächter ergreift.“ „Und warum war Maurice als Schildwache da, liebe Tochter?“ „Ah! mein Vater, ich laſſe Dich hundertmal, tauſendmal rathen, und Du wirſt es nicht finden.“ „Laß hören.“ „„Meine kleine Helene,““ ſpricht mein Pathe mit der Dir bekannten Kaltblütigkeit, „einem alte Wolf, wie ich, wäre es unbehaglich in Euern Salons, un⸗ ter allen Euren hübſchen Frauen, und dennoch ſehe ich ungemein gern hübſche Frauen in ihrem Ballſtaat: das erinnert mich an meine Jugend; um ſie nun zu bewundern, bleibe ich in den erſten Logen dieſes Warte⸗ ſaals und bin hier ganz ungenirt .. Und dann kann ich ſie hier ihre Mäntel ablegen, einen letzten Blick in den großen Spiegel werfen, eine Haarlocke zurecht richten, kurz eine Menge kleine coquette Geberden machen ſe⸗ hen; und für einen Philoſophen iſt das ein höchſt ergötzliches Schauſpiel; endlich habe ich den Voraus von Allen dieſen Eleganzen, die Ihr Andern erſt nach mir ſeht; ich bleibe daher hier als Schildwache.““ Und er ſtellte ſich kerzengrade, wie ein Soldat unter dem Gewehr, auf. Doch er erzählte uns dies Alles mit einem ſo komiſchen Ernſt, daß wir, ich, Mama und Herr Charles, der mir, beiläufig geſagt, ſehr lange nicht zurückzukommen ſcheint, uns eines ſchallenden Geläch⸗ ters nicht erwehren konnten.“ „Guter Maurice, welche Geiſtesgegenwart!“ ſagte der General bei Seite. Dann ſprach er lächelnd zu Helene: „Dein vortrefflicher Pathe iſt, wie immer, ein we⸗ nig originell. Ihr habt alſo ſeit einer Viertelſtunde den Warteſaal nicht verlaſſen?“ 333 „Nein, mein Vater.“ „Und Ihr habt dort den Major allein gefunden?“ „Ja, mein Vater, und zwar als Schildwache.“ Dann lachte das Mädchen abermals auf das Herz⸗ lichſte und ſuchte die militäriſche Haltung des Majors nachzuahmen. „Und, meine liebe Tolle, während Ihr dort waret, ſahet Ihr Niemand eintreten?“ „Nein, mein Vater . da ſich noch Niemand in den Salons findet; es iſt noch zu frühzeitig.“ „Ich will ſagen, Ihr habt keine fremde Perſon in das Haus eintreten ſehen?“ „Mein, mein Vater.“ „Das iſt ſeltſam!“ ſagte der General zu ſich ſelbſt, „wo iſt er dann wohl hereingekommen?“ Und er ſprach laut, indem er ſich an ſeine Frau wandte: Meine liebe Freundin, Du biſt alſo mit den An⸗ ſtalten zum Feſte zufrieden?“ „Alles iſt ausgezeichnet, mein Freund; unſer guter Pietri, der mit dem Arrangement der Blumen beauf⸗ tragt war, hat ſich ſelbſt übertroffen: es ſind ganze Berge da und zwar mit vortrefflichem Geſchmacke geordnet.“ „Oh!“ rief Helene lachend, „der alte Pietri iſt in ſeinem Element, wenn es ſich um Blumen handelt.. er liebt ſie ſo ſehr! . In dieſem Augenblick hörte man das Rollen eines Wagens in dem Hofe des Hotels. Unwillkührlich bebte der General bei dem Gedanken an Herrn von Bourgueil. „Schon Wagen?“ fragte die Gräfin ziemlich er⸗ ſtaunt; „es iſt doch noch frühzeitig!“ „Ah! ich zittre!“ ſagte der General bei Seite. „Zum Gluück iſt Maurice unten.“ „Wer iſt die ungeduldige Provinzdame, welche ſo große Eile hat, zu Deinem Feſte zu kommen, liebe Mama, um eine Toilette von vielleicht zweifelhaftem 334 Geſchmacke bewundern zu laſſen?“ ſagte lachend He⸗ lene. Dann ſetzte ſie mit verdoppelter Heiterkeit hinzu: „Ah! mein armer Pathe Maurice, der ſich als Schild⸗ wache aufgeſtellt hat, um die Erſtlinge der Eleganz zu bekommen! ... ich befürchte, diesmal wird er be⸗ trogen ſein!. . .“ und ſie lachte abermals auf's Tollſte. „Ah! Helene, ſei doch vernünftig,“ ſagte lächelnd die Gräſin zu ihrer Tochter, „und laß uns ein wenig nachſehen, wer dieſe Eifrigen ſind.“ Die Frau des Generals und ihre Tochter wandten ſich nach der Gallerie, als durch eine Seitenthüre des Salon Charles Bellecour eintrat; er ſah ſehr unru⸗ hig aus und ſprach zu ſich: „Pietri hat mich aufgefordert, in meinem Zimmer den letzten Brief meines Vaters zu holen. Der Augen⸗ blick naht, wie er mir geſagt hat . .. Es bedroht uns alſo ein Unglück? Ich bin von einer Angſt ... „Ah! hier iſt endlich Herr Charles!“ rief Helene, „er wird uns vielleicht ſagen, wer die Perſonen ſind, welche ſo frühe kommen.“ „Als ich durch das Vorhaus ging, mein Fräulein, ſah ich in den Warteſaal nur eine Dame eintreten, welche aus ihrem Wagen ausſtieg. Sie ſchien mir reizend und ſehr elegant.“ „Ich athme!“ ſagte beiſeit der General, „das iſt nicht Bourgueil und ſeine Frau!“ „Für eine Elegante,“ verſetzte das Mädchen, „kommt ſie ſehr frühzeitig !. .. Nun iſt mein Pathe Maurice wenigſtens im Stand, ſeine philoſophiſchen Beobachtun⸗ gen zu beginnen.“ „Die Frau Baronin von Montglas,“ meldete von fern ein Kammerdiener im Hintergrunde der langen Gallerie, welche Louiſa Marchetti, genannt Baronin, von Montglas, und am Tage vorher noch Gefangene in Saint⸗Lazare unter dem Namen Louiſe Baulien, durch⸗ laufen mußte, um in den Salon zu gelangen, in dem ſich die Gräfin befand. 335 „Die Baronin von Montglas?“ ſagte der Gene⸗ ral Roland bebend zu ſich ſelbſt; „mir ſcheint, dieſer Name iſt mir nicht fremd.“ „Ich kenne gar keine Baronin von Montglas,“ ſprach ſehr erſtaunt die Gräfin, während ſie ſich nichts⸗ deſtoweniger in Begleitung ihrer Tochter nach der Gal⸗ lerie wandte, um dort die vorgebliche Baronin zu em⸗ pfangen ihre Schutzbefohlene von Saint⸗Lazare, zum Gefängniß verurtheilt wegen Mordverſuchs, und am Tage vorher in Freiheit geſetzt, in Folge ihres heuch⸗ leriſchen Benehmens und der mächtigen Empfehlung der Gräfin. Louiſa Marchetti, geben wir derſelben ihren wah⸗ ren Namen zurück, kam alſo langſam aus der Tiefe der Gallerie herbei; ihr außerordentlich eleganter, obgleich ſehr einfacher, Ballanzug hob noch mehr ihre ſeltene Schönheit hervor; ihre braunen Wangen waren belebt, ihre großen, ſchwarzen Augen glänzten von einem dü⸗ ſtern Feuer, ihr gezwungenes, höhniſches Lächeln ver⸗ rieth einen unverſöhnlichen Entſchluß; denn ſie kam, um ihre Mutter zu rächen, für welche ſie, trotz ihres ſchändlich ausſchweifenden Lebenswandels, eine Art von Verehrung bewahrte. Die Gräfin, der ihre Tochter folgte, konnte An⸗ fangs aus der Ferne nicht hinreichend die Züge der jungen Frau unterſcheiden; ſie trat gegen dieſe vor und fragte ſich, wer die elegante Baronin von Mont⸗ glas ſein könnte. Als ſie aber nur noch ein paar Schritte von Louiſa entfernt war, blieb die Gräfin wie verſteinert ſtehen. Sie wollte ihren Augen nicht trauen, und es war ihr doch, als erkennete ſie ihren demüthi⸗ Len Schützling von Saint⸗Lazare; aber das kam ihr ſo unmöglich vor, daß ſie zuerſt wähnte, es walte eine außerordentliche Aehnlichkeit ob, und zwar um ſo mehr, als die häßliche Tracht der Gefangenen, ihre graue, die Haare bedeckende Haube bie dahin Louiſa in den Augen der Gräfin ein ganz anderes Ausſehen, eine 336 ganz andere Phyſiognomie verliehen hatte. Sie ließ ſich in der That nicht mehr erkennen in ihrem eleganten Kleide von ſtrohgelbem Atlaß, worüber eine Tunique von weißem Tüll, und mit ihren herrlichen ſchwarzen Haaren, welche nur einfach mit ſilberbefranſten Band⸗ ſchleifen von ſtrohgelben Atlaß, wie ihr Kleid, geſchmückt waren. Die Gräfin überredete ſich alſo Anfangs, ein un⸗ begreiflicher Zufall habe ihrem Schützling von Saint⸗ Lazere eine auffallende Aehnlichkeit mit der unbekannten Baronin gegeben, deren eleganter Gang und anmuthige Ungezwungenheit, als ſie die Gallerie durchſchritt, üb⸗ rigens eine vollendete Weltdame verkündigten. Der General folgte ſeiner Frau und ſeiner Tochter und erkannte bald mit einer unausſprechlichen Gemüths⸗ bewegung dieſe angebliche Witwe von einem ſeiner Waffengefährten, dieſe verführeriſche Frau, welche auf ſein reiferes Alter einen ſo lebhaften Eindruck gemacht hatte, dem er aber widerſtanden, in ſeinem lobenswer⸗ then Entſchluß unterſtützt durch die weiſen Rathſchläge des Major Maurice, des Vertrauten bei dieſer ſtraf⸗ baren Willensäußerung. Doch der Major kannte Louiſa nicht. Als er eine ſehr elegante junge Frau an ſich in den Warteſaal vorübergehen ſah, hatte er ſie auch für eine von den zu dem Feſte eingeladenen Perſonen halten müſſen. Louiſa war zu gewandt, um nicht von vorne herein, vamit ſie geduldet würde, ihr altes Verhältniß zum General anzurufen; ſie brachte ihn dadurch vor den Au⸗ gen ſeiner Frau und ſeiner Tochter in eine ſehr pein⸗ liche Stellung und ſicherte ſich einen Verbündeten. Nachdem ſie ſich vor der Gräfin voll Anmuth und Würde verneigt hatte, ſagte ſie auch lächelnd: „Frau Gräfin, ich wüßte in der That nicht, wie ich meine ſeltſame Indiscretion entſchuldigen ſollte, müßte nicht der liebe General,“ und ſie bezeichnete ihn mit einem vertraulichen Blick, „müßte nicht der liebe — — 337 General Ihnen dafür bürgen, daß, obſchon ich nicht die Ehre habe, von Ihnen eingeladen zu ſein, der Name meines Mannes, eines ehemaligen Waffengefährten des Generals, mir auf die Gunff, Ihnen vorgeſtellt zu werden, hoffen zu dürfen geſtattet hätte. Nun, mein lieber General,“ fügte ſie bei, indem ſie auf den Gra⸗ fen zuging, deſſen Beklommenheit ſich jeden Augenblick vermehrte, „nun ſtelle ich mich unter den Schutz unſerer guten, alten Verbindung, um Sie zu bitten, mein Ver⸗ theidiger bei der Frau Gräfin zu ſein.“ Dieſe blieb ganz niedergeſchmettert. Es waren nicht nur die Züge ihrer Schutzbefohlenen von Saint⸗ Lazare, was ſie in der Baronin von Montglas wiederfand, eine Aehnlichkeit, welche ſtreng genom⸗ men möglich, obgleich außerordentlich, es war auch ihre Stimme, ihr Ton. Ohne dieſe wahrhaft furcht⸗ bare Aehnlichkeit würde die Gräfin in dem ſo ſtark indisereten Schritt dieſer Unbekannten nur einen Mangel an Lebensart geſehen haben, und, obgleich ärgerlich, hätte ſie dieſelbe vielleicht entſchuldigt; doch dieſe unbegreif⸗ liche Aehnlichkeit mit Louiſa Beaulieu und ihr Appel⸗ liren an Erinnerungen des Generals hinſichtlich alter, freundſchaftlichen Beziehungen, die er nicht Lügen ſtrafte. Alles verſetzte die Gräfin in eine grauſame Verwirrung. Der General faßte einen verzweifelten Entſchluß: die Baronin von Montglas als eine ſchamloſe Intri⸗ gantin kurz abweiſen, hieß ſich der Gefahr ausſetzen, ſie zu ärgerlichen Erklärungen anzuſtacheln, welche übel ausgelegt werden konnten, obgleich er ſich nichts vor⸗ zuwerfen hatte; in der Hoffnung, dieſe zweideutige Baronin würde in der Menge, welche bald die Salons überſtrömen ſollte, nicht bemerkt werden, ſagte er zu Frau mit einem gezwungenen Lächeln, denn er log: „Ich bedaure, meine liebe Freundin, daß ſich Frau von Montglas nicht an mich gewendet hat, um die Die Kinder der Liebe. 22 2 Ehre zu haben, Ihnen vorgeſtellt zu werden. Herr von Montglas, ihr Gatte, hat in der That mit mir gedient, und bei einem Geſuch um Penſion, welches die Frau Baronin einreichte, bat ſie mich um meinen Bei⸗ ſtand, im Namen meiner früheren Verbindung mit Herrn von Montglas.“ „Darf ich nun hoffen,“ ſagte Louiſa mit ihrem einſchmeichelndſten, ſüßeſten Ton, „darf ich hoffen, daß Sie meinen indisereten Schritt gütigſt entſchuldigen werden?“ Die Gräfin antwortete durch eine eiskalte, ſtolze Halbbegrüßung. Zum erſten Male zweifelte ſie an der Treue ihres Gatten, deſſen wachſende Unruhe ſeit der Ankunft dieſer jungen Frau von ſeltener Schönheit ſie bemerkte. Und überdies, je mehr ſie die Stimme von Louiſa hörte, je mehr ſie ihre Züge forſchend be⸗ trachtete, deſto mehr fühlte fie ſich bewogen, entſchieden in der angeblichen Baronin ihre Schutzbefohlene von Saint⸗Lazare zu erkennen. Aber konnte die Gräfin dieſe Offenbarung vor ihrer Tochter gerade in dem Augenblick machen, wo der General dieſe Frau gleich⸗ ſam in ſeinen Schutz genommen hatte? in dem Angen⸗ blick, wo die Gäſte kommen ſollten? Welches Aufſe⸗ hen! welcher Scandal! Doch in ihrem Salon eine Eingeſperrte vom vorhergehenden Tag aufnehmen und an der Seite ihrer Tochter ſehen. . eine wegen Mord⸗ verſuchs Verurtheilte, allerdings Begnadigte, aber den⸗ noch Verurtheilte? es ergriff die Gräfin der Schwindel! Mit der Reinheit ihres Alters ſah Helene in Loniſa nur eine reizende, ſehr elegante junge Frau von voll⸗ kommenen Manieren, allerdings eine zugleich indiserete Frau; doch der Wunſch, einem ſchönen Feſte beizuwoh⸗ nen, konnte ſo viele Dinge vergeſſen machen! Und dann, und das war Alles für Helene, begünſtigte nicht ihr Vater die Baronin von Montglas? Obgleich innerlich von den Ermahnungen von Pietri in Anſpruch genommen, aber heliſehender als —.—— 339 das Mädchen, bemerkte Charles Bellecour die Verle⸗ genheit des Generals, die immer traurigere und eiſi⸗ gere Miene der Gräfin, das kecke Benehmen dieſer Unbekannten, trotz ihrer mehr als zweideutigen Stellung; und er fragte ſich mit zunehmender Angſt, ob die Vor⸗ herſehungen von Pietri in Betreff widriger Vorfälle nicht in Erfüllung zu gehen anfangen, und ob er nicht bald daran denken müſſe, den letzten Brief ſeines Va⸗ ters, nach dem Rathe des Corſen, zu öffnen. Louiſa Marchetti beurtheilte mit einem ſichern Blick, ſie würde einige Momente die Lage der Dinge beherrſchen; ſie ſagte auch mit innigem Ton zu der Gräfin: „Wollen Sie mir glauben, Frau Gräfin, nicht einzig und allein um das Vergnügen zu haben, einem prächtigen Feſte beizuwohnen, erlaubte ich mir, bei Ihnen zu erſcheinen, ohne eingeladen zu ſein. Ich gehorche einem ernſteren Beweggrunde, ich möchte ſagen einer Pflicht.“ „Ich verſtehe Sie nicht,“ erwiederte trocken die Gräfin. „Ich weiß nicht, welche Pflicht Sie hierher rufen kann.“ „Eine allen edlen Herzen theure Pflicht: die Dankbarkeit, denn Sie ſind mein guter Engel geweſen.“ „Madame,“ rief die Gräfin, erſtaunt über dieſe Frechheit, die ihr nicht den geringſten Zweifel mehr über die Identität von Louiſe Beaulien laſſen konnte, „bedenken Sie wohl, was Sie ſagen!“ „Ich bedenke, Frau Gräfin, und ich bin glücklich, ich bin ſtolz, Ihre unerſchöpfliche Güte laut verkündi⸗ gen zu können 4 „Madame,“ unterbrach die Gräfin, die ſich kaum mehr bewältigen konnte, Louiſa Marchetti, „wenn ich mich nicht irre, müßten Sie im Gegentheil ſehr leiſe von dem ſprechen, was ich für Sie gethan haben kann.“ „Oh! allerdings,“ antwortete Louiſa mit einem liebenswürdigen Lächeln, „Ihre Beſcheidenheit würde 340 mein Stillſchweigen vorziehen, aber meine lebhafte Dankbarkeit vermag den Namen meiner Wohlthäterin nicht geheim zu, halten.“ „Und ich billige Ihr Benehmen mit allen meinen Kräften,“ ſagte Helene mit bezaubernder Anmuth; „alle Perſonen, welche meine Mutter zu verbinden das Glück gehabt hat, müßten es machen, wie Sie, ſich empören, ganz laut ſprechen, und man würde ſo viele edle, ver⸗ borgene Handlungen erfahren!“ „Aber, meine beſte Freundin,“ ſprach der General im höchſten Maße erſtaunt, „Du haſt mir geſagt, Du kenneſt Madame nicht.“ „Ah! mein lieber General,“ verſetzte Louiſa lächelnd, „ſind Sie denn der Einzige, der nicht weiß, daß die Frau Gräfin nie die Perſonen anerkennt, die ſie mit ihren Wohlthaten überhäuft. . . „Aber, Herr Charles,“ flüſterte Helene Bellecour zu, „ſie iſt ſehr liebenswürdig, dieſe Dame.“ „Allerdings, mein Fräulein,“ antwortete der junge Mann verlegen, während Louiſa fortfuhr: „Noch viei mehr, mein lieber General, wird es Sie in Erſtaunen ſetzen, wenn Sie erfahren, aus wel⸗ chem Grund ich meine Wohlthäterin ſegne „. Stellen Sie ſich vor, daß ich noch vorgeſtern Gefangene in Saint⸗Lazare war. .„ Mein Gott,“ fügte ſie mit einer ſelbſtgefälligen Miene bei, „ich war Gefangene in Saint⸗ Lazare, verurtheilt, einen Meſſerſtich meinem Geliebten gegeben zu haben, und durch die wohlwollende Für⸗ ſorge der Frau Gräfin bin ich heute frei, mein lieber General, und mein erſter Beſuch iſt, wie Sie ſehen, meiner Gönnerin geweiht.“ „Mein Gott! Mama,“ rief Helene ganz zitternd, „dieſe Dame iſt toll!“ „Meine liebe Freundin,“ rief der General, „ich bitte, was bedeutet.. „Das bedeutet,“ erwiederte die Gräſin ganz außer ſich, indem ſie ſich mit einer niederſchmetternden Ge⸗ 341 berde an Louiſa wandte, „das bedeutet, daß ich Ihnen, da Sie mein Mitleid durch eine ſolche Undankbarkeit belohnen, auf der Stelle mein Haus zu verlaſſen be⸗ fehle, verſtehen Sie, Louiſe Beaulieu „Ich heiße nicht Louiſe Beaulieu, Madame,“ ent⸗ gegnete die junge Frau; und ſie erhob ſich unverſöhn⸗ lich, ſchrecklich, zog aus ihrer Taſche einige Papiere und übergab ſie dem General mit den Worten: „Hier iſt der Beweis, daß ich Louiſa heiße und die Tochter von Paula Marchetti bin.“ „Großer Gott!“ rief der General niedergeſchlagen, während Louiſa die Stimme noch mehr erhob und der Gräfin zurief: „Was ſprechen Sie vom Weggehen, Madame! ich bin hier bei meinem Vater, hören Sie!. ja, beim General Roland, meinem Vater!“ Die Gräfin wich ein paar Schritte zurück und ſchaute ihren Mann an, ohne ein Wort finden zu kön⸗ nen, ebenſo wenig als Bellecour, der nicht minder be⸗ ſtürzt war. „Meine Mutter, was ſagt dieſe Frau?“ fragte He⸗ lene erbleichend. „Ich habe Furcht, ohl ich habe Furcht! „ „Ich ſage, meine Schweſter,“ erwiederte Louiſa die Hand des erſchrockenen Mädchens ergreifend, „ich ſage, meine Schweſter, daß dies hier mein Vater und der Deinige iſt. Ja, dieſer Menſch, den Du vor Scham niedergeſchmettert fiehſt, der die Augen nicht gegen mich aufzuſchlagen wagt! dieſer ſchändliche Menſch hat ein armes Mädchen verführt, entehrt, verlaſſen! Die Un⸗ glückliche iſt vor Verzweiflung geſtorben und ich, ihr Kind, bin, mit dreizehn Jahren verkauft, bis zur Gau⸗ nerei, bis zum Diebſtahl gelangt! ja, meine Schwe⸗ ſter. und dann eines Tags habe ich in meiner eifer⸗ ſüchtigen Wuth meinem letzten Liebhaber ein paar Meſſerſtiche gegeben.“ Bei dieſer gräßlichen Offenbarung trat eine Todes⸗ — 342 ſtille unter den fünf Perſonen ein; eine Stille, die durch die Stimme von einem der Kammerdiener unter⸗ brochen wurde, welcher nach und nach aus dem Hinter⸗ grunde der Gallerie meldete: „Ihre Excellenzen der Herr Botſchafter und die Frau Botſchafterin von England! „Der Herr Herzog und die Frau Herzogin von Renneville! „Lord und Lady Beresford! „Der Herr Miniſter der auswärtigen Angelegen⸗ heiten!“ XXXVI. Bei der Ankündigung der zum Feſte Geladenen, welche, nach der Gewohnheit, beinahe Alle zur ſelben Stunde herbeiſtrömten, ſah ſich der General verloren. Die Gallerie war indeſſen lang und es mußten mehrere Minuten vergehen, ehe die Gäſte den Eingang des Salon erreichten, wo ſich Louiſa, Helene, Charles Belle⸗ cbur, die Gräfin Roland und ihr Mann beiſammen fanden. Dieſer machte einen letzten Verſuch, um dem gräßlichen Aergerniß zu entgehen, das er befürchtete. Er wandte ſich lebhaft an ſeine Frau, deutete in der Ferne auf die Gäſte, welche herbei kamen, und rief: „Aus Liebe für Deine Tochter, habe Muth . Ich bleibe bei ihr, gehe und empfange .. Und Sie, Charles, ſchließen Sie eiligſt die Thürvorhänge der Gallerie.“ Ganz verwirrt, gehorchte die Gräfin beinahe ma⸗ ſchinenmäßig den Befehlen ihres Gemahls und ging mehr lebendig als todt den herbeikommenden Perſonen 343 entgegen, mit denen ſie in der Mitte der Gallerie in dem Augenblick zuſammentraf, wo Charles die Halter von den Thürvorhängen losmachte; dieſe kreuzten ſich beim Herabfallen und trennten ſo den Salon von der Gallerie. Louiſa, in deren Zügen das Gepräge eines unver⸗ ſöhnlichen Haſſes, eines wilden Triumphes lag, hielt ſich unbeweglich wie die Bildſäule der Rache. Helene, welche bleich, ebenſo unbeweglich, die Hände gefaltet neben ihr ſtand und ſie voll Entſetzen betrachtete, vermochte kein Wort hervorzubringen, aber ihre Zähne ſchlugen durch ein convulſiviſches Zittern aneinander. Beinahe wahnſinnig vor Schmerz, Scham und Beſtürzung, war der General Roland nun darauf bedacht, ſeine Tochter dieſer gräßlichen Scene zu entreißen, und er rief, wäh⸗ rend er auf ſie zuging: „Charles führen Sie ſie von hier weg 14 Aber Helene warf ſich ihrem Vater in die Arme, als wollte ſie eine Zuflucht bei ihm ſuchen, und mur⸗ melte wie im Irrwahn: „Mein Vater! „ich träume wohl ? .. Was hier vorgeht, iſt nicht wahr ? dieſe Frau da „ iſt ein Geſpenſt,“ und ſie deutete mit zitternder Hand auf Louiſa, „dieſe Frau. welche betrogen.. welche geſtohlen hat... dieſe Frau iſt nicht Deine Tochter? es iſt nicht meine Schweſter?.. Du wirſt ihr ſagen, ſie lüge „ nicht wahr ? .. .5 „Schweige! . oh! ſchweige! . ſagte der Ge⸗ neral mit leiſer Stimme, denn er befürchtete in der Gal⸗ lerie gehört zu werden. „Komm! .. komm, unglück⸗ liches Kind! . .. Und er bezeichnete Charles Bellecour, der nicht minder beſtürzt, die Thüre dem Orte gegenüber, wo Delmare eingeſchloſſen war, und ſagte: „Charles öffnen Sie dieſe Thüre und führen Sie Helene weg.“ Doch immer mehr verwirrt, entſchlüpfte die Unglück⸗ 344 liche den Armen ihres Vaters; ſie näherte ſich Louiſa, welche ſich mit einer hölliſchen Freude an ihrer Rache weidete, und ſprach unter Schluchzen mit herzzerreißen⸗ dem Tone zu ihr: „Sie lügen Sie lügen Sie ſind nicht meine Schweſter!!!“ „Doch, ich bin Deine Schweſter!“ erwiederte das unverſöhnliche Geſchöpf. „Ja, Du biſt die Schweſter einer Diebin die ihrem Liebhaber Meſſerſtiche ge⸗ geben hat! Ja, Du biſt meine Schweſter! ja! Dein Vater iſt auch der Meinige! . . . Sieh, ob er mir zu widerſprechen wagt! . . . . Er hat meine Mutter durch den Schmerz und den Jammer getödtet.“ „Ich ſage Ihnen, daß Sie lügen, denn mein Vater wäre ein Ungeheuer!“ rief Helene, in ein krampfhaftes Schluchzen ausbrechend. „Sie lügen! Alle Welt ver⸗ ehrt und ſegnet meinen Vater, hören Sie wohl?“ „Oh! das iſt um zu ſterben!“ rief der Graf, und in einem verzweifelten Entſchluß nahm er ſeine Tochter in ſeine Arme, hob ſie trotz ihres Widerſtandes und ihres Schluchzens auf und ſchickte ſich an, ſie durch den Ausgang, den Charles Belcour geöffnet hatte, wegzu⸗ tragen, als bei dieſer Thüre der Major Maurice bleich, erſchrocken erſchien und ihm zurief: „Adalbert die Leute vom Gericht, ein Poli⸗ zeicommiſſär der Staatsanwalt . . . er will mit Dir ſprechen. Er muß ſchon dort in der Gallerie ſein.“ Bei dieſem neuen Schlag hätte der General faſt den Verſtand verloren. Unfähig, länger gegen ſo furchtbare Gemüthsbewegungen zu kämpfen, wurde ſeine Tochter beinahe ohnmächtig in ſeinen Armen und wäre zu Boden gefallen, ohne ihren Bräutigam, der ſie auf⸗ hielt, in einen Lehnſtuhl ſetzte und nicht mehr verließ. Der Graf ſtand noch unter dem gewaltigen Ein⸗ druck des Erſtaunens, in das ihn die Worte des Majors verſenkten, als die Thürvorhänge des Salon wieder 345 aufgehoben wurden und die Gallerie voll von einer glänzenden, beſtürzten, ſchweigſamen Menge erſchauen ließen, durch die der Staatsanwalt gefolgt vom Polizei⸗ commiſſär drang. Wankend und leichenbleich, begleitete ſie die Gräfin Roland, während Charles Belcour und der Major ſich um Helene beeiferten, welche, bleicher als ihr Kleid, den Kopf rückwärts geworfen, an allen Gliedern bebte; ein paar brennende Thränen entſchlüpften ihren halb⸗ geſchloſſenen Augenlidern. Erſchrocken beim Anblick der Leute vom Geſetz, er⸗ rieth Louiſa zu ſpät, in welchen Hinterhalt Pietri ſie fallen gemacht, während er der Rache zu dienen geſchie⸗ nen, die ſie am Verführer ihrer Mutter nehmen wollte. Die junge Frau glaubte durch die Thüre, durch welche der Major Maurice eingetreten, entfliehen zu können, aber ein Polizeiagent, der hier aufgeſtellt war, trat vor und ſagte zu Louiſa: „Verzeihen Sie, Madame, Niemand darf in dieſem Augenblick von hier weg.“ Louiſa neigte das Haupt und ballte vor Wuth die Fäuſte. Der General ſtrengte ſich mächtig gegen ſich ſelbſt an, ging auf den Staatsanwalt zu und ſagte zu ihm: „Mit welchem Rechte, mein Herr, führt man ſich ſo bei mir mitten in einem Feſte ein, das ich meinen Freunden gebe?“ Der Beamte erwiederte unter dem tiefen Stillſchwei⸗ gen der aufmerkſamen Menge: „Ich fühle mich troſtlos, Herr General, verpflich⸗ tet zu ſein, in einem ſolchen Augenblick einen ſchmerz⸗ lichen Auftrag zu erfüllen, aber die Juſtiz hat ſtrenge Rechte, denen ſich Alle unterwerfen müſſen. Die Polizei fahndet ſeit langer Zeit nach zwei höchſt gefäbrlichen Verbrechern von denen der eine abwechſelnd die Namen Moriſſet und Saint Lambert angenommen hat und durch Contumaz zu fünf Jahren Zwangsarbeit 346 wegen Fälſchung verurtheilt worden war; ſein wahrer Name iſt Adalbert Delmare.“ Die Haare des Generals ſträubten ſich auf ſeinem Haupt; er blieb ſtumm, niedergeſchmettert, leichenbleich. „Die andere fragliche Perſon,“ fuhr der Staats⸗ anwalt fort, „hat nach und nach die Namen d'Harville, Baronin Montglas und kürzlich den Namen Louiſe Beaulieu angenommen, unter dem ſie wegen Mordver⸗ ſuchs verurtheilt und geſtern begnadigt worden iſt .. Doch ſie hat den Gerichten wegen zahlreicher Betrügereien und mehrerer qualificirter Diebſtähle, begangen unter ihrem falſchen Namen Baronin von Montglas, denn ſie heißt Louiſa Marchetti, Rede und Antwort zu ſtehen.“ „Wohl, mein Herr,“ erwiederte der Graf mit er⸗ ſtickter Stimme und mit einem gräßlichen Lächeln, denn in dieſem Augenblick verließ ihn ſeine Vernunft, „wohl! was gehen denn mich dieſe vom Gerichte verfolgten Verbrecher an?“ „Mittheilungen, die wir für vollkommen ſicher zu halten alle Urſache haben, Herr General, berechtigen uns zu dem Gedanken, daß ohne Ihr Wiſſen Adalbert Delmare und Louiſa Marchetti in dieſem Augenblick hier in Ihrem Hotel verborgen ſind . . . Das Einfangen dieſer gefährlichen Verbrecher ſchien ſo wichtig, daß wir zu unſerem großen Bedauern, Herr General, hier Nach⸗ forſchungen kraft des uns anvertrauten Mandats an⸗ zuſtellen haben.“ „Das geht mich nichts an,“ erwiederte der General Roland beinahe ſtumpffinnig durch den Schrecken und mit demfelben furchtbaren Lächeln. „Sind Miſſethäter in meinem Hauſe, ſo verhaften Sie dieſelben Mich wird man vielleicht nicht verhaften, denke ich La Und er lachte auf eine krampfhafte Weiſe. „Ah! der Unglückliche,“ rief der Major Maurice auf ſeinen Freund zulaufend, „ſein Verſtand verwirrt ſich, er wird nicht widerſtehen,“ 347 Der Graf ſchien den Major nicht zu hören, er warf unter einem Hohngelächter immer wildere Blicke um ſich her. Die Gräfin näherte ſich ihrer Tochter, welche Char⸗ les Belcour nicht verließ. Helena war allmälig wieder zum Bewußtſein ge⸗ langt; ſie öffnete ihre großen Augen ſtarr und auf Alles, was vorging, aufmerkſam. Zwei oder dreimal ſprach ihre Mutter zu ihr, doch ohne ihr zu antworten legte die junge Braut ihre Finger auf ihre Lippen, forderte durch ein Zeichen ihre Mutter zum Stillſchwei⸗ gen auf und ſchien mit einer düſtern Neugierde auf das, was man um ſie her ſagte, zu hören. Die am Eingange des Salon gedrängte Menge der Gäſte hatte ein dumpfes Murmeln des Erſtaunens vernehmen laſſen, als ſie die ſeltſame Haltung des Ge⸗ nerals unter dieſen Umſtänden wahrnahm und ſeine nicht minder ſeltſamen Antworten hötte. In dieſem Augenblick erſchien der Kopf von Pietri in dem Rahmen der von den Polizeiagenten bewachten Thüre; der Corſe ſagte dieſem ein paar Worte in's Ohr und bezeichnete ihm zuerſt mit einer Geberde den Ort, wo Delmare eingeſchloſſen war, dann Louiſa, welche, aufrecht, die Stirne unbeugſam, die Lippen durch ein gräßliches Lächeln zuſammengezogen, ihr Loos vergaß, um ſich an einer Rache zu weiden, die noch hundertmal ſchrecklicher, als die, welche ſie in ihrem Haß gegen den Verführer ihrer Mutter geträumt hatte. „Herr General,“ ſprach der Beamte, „wir wollen nun unſere Nachforſchungen beginnen, wenn Sie er⸗ lauben.“ „Sie werden nicht weit gehen, Herr Staatsanwalt,“ verſetzte der Polizeiagent, indem er ſeine plumpe Hand auf die weiße Schulter von Louiſa legte. Da trat ein gewaltiger Lärm unter der Menge der Gäſte ein, denn es befremdete ſie nicht wenig, dieſe von den Gerichten Verfolgte, dieſe Betrügerin in elegantem 348 Ballſtaat im Hauſe des Generals Roland zu ſehen . der Commiſſär aber zog ein Signalement aus der Taſche, las es, betrachtete Louiſe aufmerkſam und ſprach: „Sie iſt es, ſie iſt es allerdings! . . . . Agent, verlaſſen Sie dieſe Perſon nicht eine Sekunde.“ „Herr Staatsanwalt,“ ſagte der Polizeimann, „es ſcheint, Adalbert Delmar iſt vom Herrn General in dieſem Zimmer hier gegenüber,“ und er deutete auf die Thüre, „verborgen worden, und der Herr General hat den Schlüſſel in ſeine Taſche geſteckt.“ Ein neues, noch tieferes Gemurmel der Gäſte wurde hörbar und zu gleicher Zeit erblickte der Major Maurice, der vergebens den General zur Kaltblütigkeit und zur Vernunft zurückzurufen ſuchte, in der erſten Reihe dieſer glänzenden Menge Herrn von Bourgueil, höhniſch und drohend, an ſeiner Seite ſeine Frau, bleich und halb ohnmächtig, und ihre Tochter, unruhig und beftürzt wie alle Anweſende. „Wäre es wahr, Herr General,“ fragte der Staats⸗ anwalt mit einer Miene des Zweifels, „hätten Sie den Verbrecher Adalbert Delmare in dieſem Zimmer hier eingeſchloſſen?“ „Das iſt vollkommen wahr, mein lieber Herr,“ antwortete der General mit einem wahnſinnigen Ge⸗ lächter. „Ha! ha! ha!!! „ . . Sie begreifen, dieſer arme junge Mann . ha! ha! hal! es iſt erſtaunlich, wie er mich intereſſiren muß, dieſer Fäl⸗ ſcher und in ſeinen Taſchen ſuchend, fügte er bei: „Hier iſt der Schlüſſel,“ und er übergab ihn dem Polizeimann „Hier iſt der Schlüſſel ha! ha! ha! ha!. Sie werden mich vielleicht auch als Mitſchuldigen verhaften.“ Der Polizeimann öffnete die Thüre unter einem düſtern Stillſchweigen und trat haſtig einz dann, nach einer Sekunde, ſtieß er einen Schrei aus, kam ganz bleich wieder zurück und ſagte: „Ah! Herr Staatsanwaltl „ ah! Herr!“ 349 „Was gibt es?“ fragte lebhaft der Beamte. „Todt!“ antwortete der Polizeiagent, „Adalbert Delmare hat ſich mit ſeiner Halsbinde an der Fenſter⸗ ſtange aufgehängt.“ Bei dieſen Worten traten die zwei Beamten haſtig in das Zimmer ein, während mehrere Frauen, Schreckens⸗ ſchreie ausſtoßend, gefolgt von ihren Männern, die Gallerie verließen; doch die Mehrzahl der Gäſte brach, einer unüberwindlichen Neugierde nachgebend, in den Salon ein, und unter dieſen Gäſten befanden ſich Herr von Bourgueil, ſeine Frau und ſeine Tochter. Die Gräſin Roland fühlte ſich ſterben; ſie ſah Helene, immer ruhig, aufmerkſam, ſtumm, mit einer verzehrenden Aufmerkſamkeit auf das, was um ſie her vorging, horchen; plötzlich hörte Helene ihren Vater wie im Wahnfinn ausrufen: „Todt, mein Sohn todt!“ „Sein Sohn!“ murmelte die erſchrockene Menge, „dieſer Verbrecher ſein Sohn!“ „Helena höre nicht!“ rief die Gräfin nicht minder verwirrt als der General Sie wollte den Kopf ihrer Tochter an ihren Buſen drücken, doch Helene machte ſich ſachte los und hieß abermals ihre Mutter durch ein Zeichen ſchweigen. „Adalbert Delmare war mein Bruder „ſpollte es wahr ſein!“ rief Louiſa mit ſchallender Stimme. „Oh! Du biſt gerächt, meine Mutter!“ Und ſich an den Grafen wendend: „Nun, General Roland nun! mein Vater .. Du mußt ſtolz ſein auf Deine beiden Kinder!“ „Seine Tochter!“ murmelte abermals die Menge mit verdoppeltem Schrecken. „Dieſe Diebin iſt auch ſeine Tochter!“ „Folge mir Unglückliche,“ ſprach der Polizeiagent, Louiſa fortziehend. In dem Augenblick, wo der Staatsanwalt und der Polizeiagent aus dem Leichenzimmer herauskamen, ſagte 350 einer von dieſen Beamten, der ein Papier in der Hand hielt, zum General: „Es iſt nur zu wahr, der Unglückliche hat ſich ſelbſt entleibt; er hat kauf einem Tiſche dieſen Brief hier hinterlaſſen.“ „Geben Sie,“ ſprach der Graf indem er das Pa⸗ pier trotz der Gegenanſtrengung von Maurice nahm, zu dem er ſagte: „Du haſt Recht, die Vorſehung, wenn ſie ſich darein miſcht, geht bis zum Ende; doch, bei der Höllel ich werde auch bis zum Ende gehen.“ Dann trat er, fürchterlich vor Verzweiflung, auf die Menge der Geladenen zu und ſprach zu ihnen; „Hören Sie, was mir mein Sohn ſchreibt, ehe er ſich getödtet . . . mein Sohn, der von den Gerichten verfolgte Verbrecher .. der Bruder von dieſer Un⸗ glücklichen . . meiner Tochter. welche geſtohlen, welche gemordet hat denn dies ſind wirklich meine Kinder . . wahre Kinder der Liebe. Die Mutter des Einen iſt vor Schmerz und Schaam geſtorben, die Mut⸗ ter der Andern iſt vor Verzweiflung und Elend geſtor⸗ ben. ihre verlaſſenen Kinder ſind Verbrecher geworden. Nicht wahr, es iſt etwas Reizendes um die Män⸗ ner mit den glücklichen Liebesabenteuern? Seitdem, ſehen Sie, meine ehrenwerthen Freunde, habe ich nicht minder ruhmvoll meinen Weg in der Welt gemacht. Der König überſtrömt mich mit ſeinen Gnadenbezeigungen, und ſeine Söhne kommen heute Abend zu mirz nur zögern ſie zu ſehr und das Schönſte vom Feſte wird vorüber ſein. . Doch ich vergaß dieſen Brief von meinem Sohn, dem Verbrecher .. dem Selbſtmörder „ Sie warten auf dieſen Brief . . . hören Sie alſo „ unter Freunden gibt es keine Geheimniſſe.“ Und unter einem eiſigen Stillſchweigen und einem unbeſchreiblichen Eindruck, las der Graf mit einer ſto⸗ ckenden, krampfhaften Stimme folgende Zeilen von Adal⸗ bert Delmare: „„Mein Vater, Sie haben mir gute Worte geſagtz * 351 3 Sie haben mir vergeben. Sie haben mir Ihre redliche, glorreiche Hand gereicht. Dieſe Berührung hat mir Herz verliehen. Ich habe Alles gehört. Man ſucht mich, Sie werden wenigſtens nicht über mich zu errö⸗ then haben. Lebend, war ich des Lebens, und mehr der Schande müde. Ich hätte vielleicht anders geendigt, würde ich Sie früher gekannt haben. Gott befohlen, mein Vater.““ In demſelben Maße, in welchem der General Ro⸗ land dieſen Brief geleſen, war der Krampf, die Verwirrung ſeines Weſens einer tiefen Gemüthsbewe⸗ gung gewichen; er endigte die Zeilen ſeines Sohnes unter bitterem Schluchzen und murmelte: „Oh! unglückliches Kind!“ Als er ſodann die Augen aufſchlug, ſah er in ge⸗ ringer Entfernung von ſich Herrn und Frau von Bour⸗ gueil und ihre Tochter. Da rief der General mit dem Ausdruck eines Ver⸗ zweifelten, der auf Alles gefaßt iſt: „Herr von Bourgueil, Sie auch! Kommen Sie doch, Sie fehlten beim Feſte!“ Frau von Bourgueil bebte, ſchaute ihre Tochter an und fuͤhlte, daß ihre Kräfte ſie verließen; aber wie groß war ihr Erſtaunen, als ſie ihren Mann ſich vor dem General verbeugen ſah und ihn mit bewegtem, in⸗ nigem Tone antworten hörte: „Glauben Sie, mein Herr, daß ich, ſowie alle Per⸗ ſonen, welche den Schmerz haben, dieſen beklagenswer⸗ then Ereigniſſen beizuwohnen, von dem unvorhergeſe⸗ henen Schlag, der Sie trifft, tief erſchüttert bin.“ Und er verbeugte ſich abermals und tief vor der Gräfin und ſagte dann zu Frau von Bourgueil: „Kommen Sie, Madame.“ „Oh! meinen Dank!“ ſprach ſie mit erſtickter Stimme, „Sie ſind edelmüthig gegen ihn.“ „Das Herz fehlt mir,“ erwiederte Herr von Bour⸗ gueil. „Ich werde nicht ſo feig ſein, einen ſo tief nie⸗ 352 vergedrückten Mann zu ſchlagen. Ich bin nur zu ſehr gerächt.“ Dann fügte er leiſe und mit aufrichtiger Betonung bei: „Julie, ich vergebe Ihnen.“ „Und meiner Tochter,“ fluͤſterte Frau von Bour⸗ gueil, „verzeihen Sie ihr auch?“ „Ja,“ antwortete er ſehr bewegt, „ja, ich ſchwöre es Ihnen nie wird ſie dieſes traurige Geheimniß erfahren . von heute an adoptire ich ſie als meine Tochter. Doch kommen Sie kommen Sie dieſes Haus iſt verflucht.“ In dem Augenblick, wo Herr von Bourgueil, ſeine Frau und ihre Tochter die Gallerie verließen, lief ein Bedienter von außen herbei und meldete: „Herr General, der Piqueur, der Ihren Königlichen Hoheiten voranreitet, iſt im Hofe erſchienen.“ Maurice machte dem Bedienten ein Zeichen und ging mit ihm hinaus, um eine letzte Demüthigung dem General zu erſparen, welcher, gelähmt, vernichtet, in einen Lehnſtuhl geſunken war und ſein Geſicht in ſeinen Händen verbarg . . Allmälig hatte ſich die beſtürzte Menge ſtillſchweigend verlaufen; die glanzvolle, von Lichtern und Blumen blendende Gallerie war verödet. Vor dem Stuhl knieend, auf dem ihre Tochter ſaß, verſuchte es die Gräfin, dieſe zu ſich ſelbſt zurückzu⸗ bringen; aber, die Augen ſtarr, die Lippen durch ein krampfhaftes Lächeln zuſammengezogen, ſchien Helene ihre Mutter weder zu ſehen, noch zu hören . Nur von Zeit zu Zeit legte ſie maſchinenmäßig ihren Finger auf ihre Lippen und ſagte mit leiſer Stimme und mit der Miene einer Irrſinnigen: „Höret! „höret! „es iſt meine Schweſter es iſt mein Bruder Charles Bellecvur, der auf der andern Seite des Stuhles ſtand, ſprach kein Wort, aber die Thränen rieſelten über ſeine Wangen. Da trat Pietri geräuſchlos durch eine der Seiten⸗ ⸗ 353 * und ſagte mit leiſer Stimme zu ihm: „Alles ſcheint verzweifelt . . . Oeffnen Sie den Brief Ihres armen Vaters. Alles wird wieder gut ge⸗ macht werden Die Freude wird auf das Leid fol⸗ gen, wie das ſchöne Wetter auf den Sturm. Leſen Sie geſchwinde.“ Und ehe Charles Zeit gehabt hatte, ihm zu ant⸗ worten, zog ſich der Corſe nach der Gallerie zurück, wo er halb verborgen unter einem der entfalteten Thür⸗ vorhänge blieb. Charles gab einer äußerſten Hoffnung nach, trat an einen Spiegeltiſch, worauf Kerzen brann⸗ ten, zog aus ſeiner Taſche den letzten Brief ſeines Va⸗ ters und las ihn. Der Major kam zurück; er lief auf den General zu, welcher dergeſtalt vernichtet war, daß er, mit den Ellbogen auf den Tiſch geſtützt, ſeinen Kopf in ſeinen Händen, ſchluchzte, ohne es zu wagen, die Augen zu ſeiner Frau und zu ſeiner Tochter aufzuſchlagen. „Mein Freund,“ ſprach der Major mit ernſtem Ton, „Gott hat geſtraft; er wird nun vielleicht mit ſo viel Qualen Mitleid haben . es bleiben Dir Deine Frau, Deine Tochter und der redliche Mann, den Du ihr zum Gatten gewählt; ſie kennen nun Deine Ju⸗ gendverirrungen, aber ſie wiſſen auch durch das Glück, das ſie Dir verdanken, daß Du dieſe Verirrungen ge⸗ ſühnt haſt. Muth alſo, das Herz einer Gattin und das einer Tochter enthalten Schätze unerſchöpflicher thüren, in deren Nähe ſich der junge Mann hielt, ein Zärtlichkeit; dieſe edlen Herzen werden Deine Zuflucht⸗ ſtätte ſein. Komm, Freund, ſie find da, ſie erwar⸗ ten Dich.“ „Nein,“ erwiederte von Scham und Schmerz nie⸗ dergebeugt der Unglückliche, der ſein Geſicht beſtändig verbarg „nein, ich wage es nicht, ſie müſſen mich verabſcheuen.“ „Frau Grafin,“ ſagte der Major, auf die Frau Die Kinder der Liebe. 323 — 354 des Generals zugehend, „Sie hören Adalbert .. kom⸗ men Sie und beruhigen Sie ihn . Helene, kommen Sie auch.“ „Sie ſehen alſo nicht, daß ihr Verſtand völlig ver⸗ wirrt iſt,“ erwiederte die Gräfin in Thränen zerfließend; „ſie ſieht mich nicht, ſie hört mich nicht.“ Der Major näherte ſich ſeiner Pathe, neigte ſich zu ihr herab, nahm ihre Hand und ſprach mit bebender Stimme: . „Helene, Ihr Vater iſt ſehr unglücklich „ Ihr Vater weint er erwartet Sie Sie lieben alſo Ihren Vater nicht mehr?“ Wie die Stimme des Majors zu ihr drang, bebte Helene, erhob ſie das Haupt, ſchien ſie allmälig zu ſich zu kommen, und als der Major wiederholte: „Helene, Sie lieben alſo Ihren armen Vater, der weint, nicht mehr 2 . . Er iſt ſo unglücklich!“ Da fuhr das Mädchen gleichſam auf, lief auf den General zu, fiel ihm um den Hals und rief: „Mein Vater, oh! zweifle nicht an mir.“ Die Gräfin folgte ihrer Tochter; Beide knieten vor dem General nieder und umſchlangen ihn mit ihren Armen, während er, ſein graues Haupt immer gebeugt, ohne daß er die Augen zu erheben wagte, unter ſeinem Schluchzen murmelte: „Nein, nein, Ihr könnt mir nie verzeihen! Ihr könnt mich nicht mehr lieben!“ „Dich nicht mehr lieben!“ rief die Gräfin, „wenn wir Dich ſo unglücklich ſehen!“ „Dich nicht mehr lieben!“ ſagte Helene, „und wer würde Dich nun lieben, wenn nicht wir?“ Und ſie drehte maſchinenmäßig den Kopf, um mit dem Blick ihren Bräutigam zu ſuchen, erſtaunt, daß er nicht, wie die ganze Familie, beim General war. Der junge Mann hatte, den Rath von Pietri be⸗ folgend, den letzten Brief ſeines Vaters geoffnet; er war nicht lang, und dennoch brauchte er lange, um ihn —, —— 355 zu leſen „Er ſchien jedes von den Worten bebend zu buchſtabiren . . . In dem Augenblick, wo ihn Helene ſuchte, hatte er ihn abermals geleſen „ Da ſah ſie, wie er langſam und ſchwankend wie ein Trunkener zu ihr herankam, wie er den offenen Brief, den er in der Hand hielt, dem Grafen reichte, und ſie hörte ihn mit krampfhaften Stockungen die Worte ſprechen: „Mein Herr . . . Sie haben „meinen Vater „in einem Duell . auf Meſſerſtiche .„ ge⸗ tödtet!“ „Was ſagt er!“ rief der Major, indem er auf den jungen Mann zuſtürzte und ihm den Brief aus der Hand riß. Charles Bellecvur machte ihm das Papier nicht ſtreitig; er ſprach mit dumpfer Stimme: „Der Unglückliche, der ſich entleibt hat, war „„ war mein Bruder!“ Der General, Helene und ſeine Frau ſchauten Charles ſtillſchweigend und mit Erſtaunen anz ſie hiel⸗ ten ihn für verrückt; denn nachdem er noch einen Au⸗ genblick Helene angeſchaut hatte, ſtieß er einen Schrei herzzerreißenden Schmerzes aus und verſchwand, wie ein Wahnſinniger entfliehend, durch die Gallerie, wäh⸗ rend der Major, nachdem er den Brief geleſen, ausrief „Er ein Sohn von Herrn Delmare! Das iſt unmöglich!“ „Mein lieber Herr, ſeien Sie ohne Furcht!“ rief plötzlich Pietri, der hinter dem Thürvorhang hervor⸗ kommend, aus der Gallerie herbeizulaufen ſchien. „Fräu⸗ lein Helene, beruhigen Sie ſich; Alles wird ſich erklä⸗ ren. Genug des Unglücks für heute. Herr Charles iſt unwohl geworden „es wird nichts ſein „man pflegt ihn ſchon. Aber in des Himmels Namen, meine liebe, theure Herrſchaft, ſeien Sie doch unbeſorgt .. ich erkläre Ihnen Alles.“ So ſeltſam die Ereigniſſe des Abends geweſen waren, ſo dachten doch der General und ſelbſt der Major, neuen Befürchtungen preisgegeben, in dieſem Augen⸗ 356 blicke nicht daran, Pietri zu beſchuldigen, er habe dieſen Ereigniſſen als geheimer Hebel gedient. Er lief über⸗ dies, wie er ſagte, herbei, um den letzten Schlag zu beſchwören, von dem die unglückliche Familie bedroht war. Man hoͤrte ihm alſo mit gieriger Angſt zu. „Meine liebe Hertſchaft,“ ſagte er mit ſeiner zit⸗ ternden Stimme, „Sie werden mich entſchuldigen, wenn einige Verwirrung in meiner Erzählung obwaltet, aber die gräßlichen Ereigniſſe von dieſem Abend haben mich ſo ſehr erſchüttert, daß ich kaum meine Gedanken ſam⸗ meln kann „ doch ich will es verſuchen . . . Vor Allem, Fräulein Helene, beruhigen Sie ſich wegen Ihrer Heirath; eine Stunde vor dem unſeligen Duell, deſſen ſich mein Herr nur zu ſehr erinnert, hat Herr Delmare mehrere Briefe geſchrieben; würde er getödtet, ſo ſoll⸗ ten ſie ſeinem Sohne Adalbert Delmare zu verſchiedenen Epochen ſeines Lebens übergeben werden. Dieſe Briefe wurden von Herrn Delmare mit einem Umſchlag ver⸗ ſehen, worauf er ſchrieb: Für meinen Sohn.“ „Woher wiſſen Sie denn dieſe Ereigniſſe?“ fragte der Major. „Verzeihen Sie, Herr Major, ich kann nicht Alles zu⸗ gleich ſagen . . haben Sie Mitleid mit mir, mein armer Kopf iſt ſo ſchwach . ſo verwirrt durch Alles, was vorgeht, daß ich keine zwei Ideen zuſammenbringen kann. Nach den zwei Briefen, von denen ich geſprochen, ſchrieb Herr Delmare einen andern an einen Verwandten, bei dem er Werthpapiere, welche die Geſammtſumme ſeines Vermögens bildeten, deponirt hatte. Entſchuldigen Sie, mein Herr, daß ich in dieſe kleinen Einzelheiten einghe ſie haben ihre Bedeutung, wie Sie ſehen werden. Herr Delmare ſetzte dieſen Verwandten zum Univerſal⸗ legatar unter der Bedingung ein, daß er Adalbert Delmare aboptire, ihm ſeinen Namen gebe und ihn zu ſeinem Erben mache „ Herr Delmare unterlag in dem Ihnen bekannten Duell. Doch kurze Zeit nach dem Tode ihres Mannes bemerkt Madame Delmare, daß . 357 ſie Mutter iſt. Dieſem nachgeborenen Kinde nun wur⸗ den, aus Zartgefühl der Mutter, im Einverſtändniß mit dem Univerſallegatar (ich bitte, folgen Sie mir auf⸗ merkſam, denn ich befürchte eine Verwirrung zu machen), dieſem nachgeborenen Kinde, ſage ich, dem wahren Sohn von Herrn Delmare, wurden ſpäter die urſprünglich für Adalbert beſtimmten Briefe übergeben. Sie verſtehen mich, glaube ich. Der einzige Zweck dieſer Briefe aber war, nach dem Gedanken von Herrn Delmare, eine furchtbare Rache vorzubereiten, der mein lieber Herr glücklicher Weiſe entging, und den Vater und den Sohn mit dem Schwerte in der Hand einander gegenüber zu ſtellen . . . Das Schickſal hat zum Glück anders ent⸗ ſchieden, denn (und das muß Sie beſonders beruhigen, meine liebe Herrſchaft), denn es war nicht mehr Adal⸗ bert, der den Tod von Delmare rächen ſollte, es war ſein nachgeborenes Kind, ſein ächter Sohn, den ein ge⸗ wiſſer Bellecour, der Univerſallegatar des Verſtorbenen, adoptirte und dem er auch ſeinen Namen hinterließ.“ „Sie ſind verrückt!“ rief der Major, der einen neuen Verrath von Pietri zu ahnen anfing, „was Sie ſagen, iſt falſch.“ „Verzeihen Sie, Herr Major, ich will nur Fol⸗ gendes genau herausſtellen: Herr Charles Bellecour, der Bräutigam von Fräulein Helene, iſt der nachge⸗ borne Sohn von Herrn Delmare, ſo daß, folgen Sie wohl meiner Schlußkette, wenn es beliebt .. ſo daß dieſer junge Mann, wenn er die Tochter meines lieben Herrn heirathete, natürlich der Schwiegerſohn des Mör⸗ ders ſeines Vaters wäre.“ Einen Augenblick des durch dieſe niederſchmetternde Offenbarung verurſachten Erſtarrens benützend, zog Pietri nun ein Paar Piſtolen aus ſeiner Taſche, mit denen er ſich bewaffnete, um ſeinen Rückzug zu beſchirmen, welchen er nun auch wirklich allmälig bewerkſtelligte. Da erſchien Charles Bellecvur im Hintergrund der Gallerie bleich, wie ein Geſpenſt. 358 Beim Anblick von Pietri, der, ſeine Piſtolen in der Hand, die Stimme immer mehr erhebend zurück⸗ wich, blieb der Bräutigam von Helene ſtehen, kreuzte die Arme über ſeiner Bruſt und horchte. „Mein lieber Herr,“ ſprach Pietri, „die letzte Hoff⸗ nung, die Ihnen für Ihre Tochter blieb, iſt Ihnen ge⸗ raubt.. Alles, was heute Abend hier geſchehen, iſt durch meinen Willen geſchehen . . Ich habe Alles gemacht. Alles vorbereitet. ſeit fünf und zwanzig Jahren brüte ich über meiner Rache, mein geehrter Herr; ich habe lange gewartet, um Sie ſicherer zu ſchlagen, Sie und die Ihrigen, denn vor fünf und zwanzig Jahren haben Sie Paula Marchetti verführt . . und ich liebte ſie! Deine Frau und Deine Tochter werden vor Kum⸗ mer ſterben, und Du wirſt ſie überleben.“ Bei dieſen ſchrecklichen Worten ſtieß Helene, welche bis dahin bei ihrer Mutter geſtanden war, einen herz⸗ zerreißenden Schrei aus und fiel ohnmächtig nieder; ihr Vater, ihre Mutter und der Major Maurice eilten auf ſie zu, während Pietri immer weiter rückwärts ging; aber er hatte nicht ein paar Schritte hinter ſich Char⸗ les Bellecour bemerkt, der, unbeweglich, die Arme über ſeiner Bruſt gekreuzt da ſtand; kaum hatte er auch die Schwelle der Gallerie überſchritten, als der Bräutigam von Helene ſich auf ihn warf, um ihm ſeine Waffen zu entreißen; die Vorhänge ſielen bei dieſem Kampfe herab und man hörte nach einem Augenblick zwei Schüſſe. Charles Bellecour hatte mit der Kugel Pietri die Hirnſchale zerſchmettert und ſich dann ſelbſt getödtet. . . 359 Epilog. Es ſind ungefähr fünfzehn Monate ſeit den vori⸗ gen Ereigniſſen vergangen; eine Lampe brennt in einer der kalten Zellen der Abtei La Trappe und wirft ihre bleiche Helle auf das Lager, auf dem ein Todter im Capuzenkleide der Trappiſten ausgeſtreckt liegt. Beim Kopfkiſſen des Todten ſitzt ein Mann in derſelben klöſterlichen Tracht, die Stirne auf ſeine Hand eneigt. 3 Die Uhr der Abtei die fünfte Morgenſtunde; bald läßt ſich das Todtengeläute vernehmen. Der Trappiſt bebt, ſteht auf und ſpricht: „Fünf Uhr, die Todtenwache iſt beendigt man wird kommen, um ihn zu holen und ſeine Hülle der Erde zurückzugeben.“ Dann kniete der Trappiſt nieder, nahm die kalte, ſtarre Hand des Todten, drückte einen frommen Kuß darauf und ſagte: „Gott befohlen, Freund! ich habe Deinem langen Todeskampf beigewohnt, denn nachdem Deine Tochter und Deine Frau geſtorben waren, iſt Dein Leben nur noch ein Todeskampf geweſen .. Du haſt Erleichterung von Deiner Verzweiflung in den ſtrengen Uebungen des Kloſters zu finden gehofft. Ich folgte Dir hieher, ſah Dich ſterben, ſchloß Dir die Augen, Deine ſchon eis⸗ kalte Hand die meinige, und Deine verſcheidende Stimme ſprach zu mir: „„Gott befohlen, Maurice, Du biſt un⸗ ſerer alten Soldatenfreundſchaft bis an das Ende tren geweſen. Gott befohlen, Maurice!““ „Und in dieſem feierlichen Augenblick, wo wir für immer getrennt werden ſollen,“ fuhr der Major fort, ohne daß er ſeine Thränen zurückhalten konnte, „in dieſem Augenblick ſage ich Dir zum letzten Mal: Fahre wohl .. Bruder... Gott befohlen, Adalbert wenn die letzte Pflicht erfüllt iſt, werde ich nach meinem ar⸗ men Hauſe in Ville⸗d'Avray zurückkehren, das nun ſehr traurig ſein muß, denn ich habe Euch verloren „ Dich, Deine Frau, Deine Tochter . . . Euch drei, die Ihr mich vergeſſen ließet, daß ich nie Familie gehabt habe .. Man kommt . noch einmal, fahre wohl, Freund noch einmal, Gott befohlen, Bruder!“ Als er die letzten Pflichten gegen den General er⸗ füllt hatte, reiſte der Major Maurice, der bei ſeinem Ein⸗ tritt in die Abtei La Trappe nur ein temporäres Ge⸗ lübde abgelegt hatte, noch an demſelben Tag nach ſei⸗ ner Einſamkeit in Ville⸗d'Avray zurück, die er, mit ſei⸗ und ſeinen Erinnerungen lebend, nicht mehr verließ. Ende. ———— * 8 SLi S1EAE