3 Leihbibliothek „ „ deutſcher, engliſcher und franzöſiſcher Literatur Eduard Hitmann in Gießen, Schloßgaſſe Lit. A. Nr. 256. cLeih- und geſehedingungen. 1. Oflensein der Bibliothek. Die Bibliothek ſteht zur Em⸗ pfangnahme und Rückgabe ver Bücher jeden Tag von Morgens 7 Uhr bis Abends 8 Uhr offen. 3 4 —— 2. Lesepreis. Bei Rückgabe eines geliehenen Buches wird von jedem Tag 5 Pf bezahlt. Die Zeit eines Tages iſt zu 24 Stun⸗ den angenymmen. . 3. Caution. Unbekannte Perſonen müſſen, bei Entgegennahme eines Buches, eine dem Werthe deſſelben entſprechende Summe hinterlegen, welche bei deſſen Zurückgabe von mir zurückerſtattet wird. 4 4. Abonnement. Daſſelbe muß voraus bezahlt werden und beträgt: für nchentlich 2 Bücher: 4 Bücher: 6 Bücher: — —— —— auf 1 Monat: 1 W — f TW 2 W F. „ 4 — 3 „ 5 Auswärtige Abonnenten haben für Hin⸗ und Zurückſendung der Bücher auf ihre eigenen Koſten und Gefahr ſelbſt zu ſorgen⸗ 6. Schadenersatz. Für beſchmutzte, zerriſſene, verlorene und defecte Bücher (namentlich bei ſolchen mit Kupfern ꝛc.) muß der Ladenpreis erſetzt werden. — Iſt vas zerriſſene, beſchmutzte, ver⸗ lorene oder defecte Buch ein Theil eines größeren Werkes, ſo iſt der Leſer zum Erſatz des Ganzen verpflichtet. . 7. Ausleihezeit. Dieſelbe iſt auf 14 Tage fekaeſeht und wird beſonders darauf aufmerkſam gemacht, daß das Weiterverleihen 6 der Bücher nicht ſtattfinden darf, indem Diejenigen, welche die⸗ — ſelben von mir geliehen, auch dafür zu ſtehen haben. . — — Roman von Eugen Sue. von Friedrich Funck. Zehnter Band. Frankfurt a. M. Verlag von Auguſt Oſterrieth. — ——— — — Erſtes Kapitel. 3 Jage nach der Ausſöhnung des Marſchalls Si⸗ mon mit ſeinen Töchtern befand ſich Rodin im Hötel St⸗ Dizier. Er ſtand, wie gewöhnlich, und lehnte ſich mit dem Rücken ans it die Hände in den hinteren Taſchen ſeines alten braune Rocks. Seine plumpen ſchmutzigen Schuhe hat⸗ ten ihre Spuren auf dem Hermelinteppich vor dem Kamin gelaſſen. Auf ſeinem Leichengeſicht lag hohe Zufriedenheit. Die Fürſtin von St. Dizier, mit der behutſamen Koketterie, wie ſie einer Kirchenmutter ziemt, gekleidet, wandte die Au⸗ gen nicht von Rodin ab, welcher den Marquis ganz bei ihr ausgeſtochen hatte. Vor der Ruhe, der Kühnheit, dem tiefen Verſtand, dem derben, gebieteriſchen Weſen des Er⸗Soeius beugte ſich dies ſtolze Weib. Sie fühlte aufrichtige Bewun⸗ derung dafür, ja ſie fand faſt etwas anziehendes darin. Sogar die eyniſche Schmutzigkeit und die Grobheit, mit wel⸗ cher er oft Andere im Geſpräch abfertigte, hatten für ihren verdorbenen Geſchmack etwas reizendes, was ſie den feinen Formen und der duftigen Zierlichkeit des ſchönen Pater Aigrigny vorzog. „Ja, Madame,“ ſagte Rodin ſeiner aufmerkſamen Zuhö⸗ verin im Ton der Ueberzeugung, (denn dieſe Leute werfen nie die Larve ab, ſelbſt nicht bei Mitſchuldigen) „die Nach⸗ 1 K. — * 1 *. 8 — 2 — richten aus unſerm Retraitehauſe St. Hörem ſind vortrefflich. Herr Hardy, der Freigeiſt, iſt endlich eingegangen in den Schvos unſerer heiligen römiſch⸗katholiſch⸗apoſtoliſchen Kirche.“ Rodin näſelte die letzten Worte in heuchleriſchem Ton. Die Betſchweſter neigte ehrerbietig das Haupt, und Rodin fuhr fort: „Die Gnade iſt bei dieſem Gottloſen zum Durchbruch gekommen dergeſtalt, daß er in ſeinem aſcetiſchen Eifer be⸗ reits die Gelübde abgelegt hat, welche ihn an unſere heilige Geſellſchaft binden.“ „So ſchnell?“ fragte die Fürſtin erſtaunt. „Unſere Vorſchriften verbieten ein ſolche Eile, ausgenom⸗ men bei einem Büßer, der ſich dem Tod nahe fühlt und es als weſentlich für ſein Seelenheil anſieht, in unſerm Habit zu ſterben und uns ſeine Güter zu überlaſſen — zur Ehre des Herrn.“ „Befindet ſich denn Hr. Hardy in einer ſo verzweifelten Lage, Ehrwürdiger Vater?“ „Das Fieber verzehrt ihn. Nach ſo vielen Schlägen hin⸗ ter einander, die ihn wunderbarer Weiſe auf den Weg des Heils getrieben haben, iſt dieſer Mann von ſo ſchwächlicher und gebrechlicher Natur jetzt moraliſch und phyſiſch faſt ver⸗ nichtet. Die Entbehrungen, die Kaſteiungen die himm⸗ liſchen Freuden der Ekſtaſe bahnen ihm 9e Pn Weg zum ewigen Leben, und es iſt wahrſcheinlich, daß vor Ablauf weniger Tage — —“ Der Pfaff ſchüttelte mit unheimlicher Miene den Kopf. „Sobald, lieber Pater?“ fragte die Fürſtin. „Es iſt faſt gewiß. Ich habe alſo von meinen Despenſen Gebrauch machen und dieſen lieben Büßer in articulo mor- tis *) als Mitglied in unſere heilige Geſellſchaft aufnehmen laſſen können, welcher er, der Regel gemäß, all ſeine jetzigen und zukünftigen Güter überlaſſen hat, dergeſtalt, daß er jetzt an nichts mehr zu denken hat, als an ſein Seelenheil. Wie⸗ der ein Opfer des Philoſophismus den Klauen des Satans entriſſen!“ „Ach! lieber Pater, das iſt eine wunderbare Bekehrung. * Dem Tod nahe. — —,— — B —— Der Pater Aigrigny hat mir geſagt, wie ſehr Sie zu käm⸗ fen hatten gegen den Einfluß des Abbé Gabriel. „Der Abbé Gabriel iſt geſtraft worden dafür, daß er ſich hat in etwas miſchen wollen, was ihn nichts anging, und für ſonſtige Dinge noch. Ich habe ſeine Interdietion er⸗ langt und er iſt von ſeinem Biſchof interdieirt *) und von ſeiner Pfarrei abgerufen worden. Man ſagt, er vertreibe ſich die Zeit damit, in den Choleraſpitälern herumzulaufen und chriſtliche Tröſtungen zu verabreichen. Man kann ihm das nicht wehren. Aber dieſem wandelnden Tröſter riecht man den Ketzer auf eine Stunde Wegs weit an.“ „Das iſt ein gefährlicher Kopf,“ ſagte die Fürſtin. „Er bringt Eindruck auf die Menſchen hervor. Nur Ihrer be⸗ wunderungswürdigen, unwiderſtehlichen Beredſamkeit, Herr Pater, hat es gelingen können, die ſchändlichen Rathſchläge dieſes Abbé Gabriel zu nichte zu machen, welcher den Hrn. Hardy ins Weltleben zurückführen wollte. Wahrhaftig, lie⸗ ber Pater, Sie ſind ein Sanct Chryſoſtomus.“ „Na! na!“ ſagte Rodin, „verſparen Sie dergleichen für Andere.“ „Ich ſage Ihnen, Sie ſind ein Sanct Chryſoſtomus, denn wie er verdienen Sie den Beinamen Goldmund.“ „Hm!“ entgegnete Rodin, unartig die Achſeln zuckend, „ich ein Goldmund! Dazu ſind meine Lippen zu mißfar⸗ big und meine Zähne zu ſchwarz. Sie ſpaßen mit Ihrem Goldmund.“ Ei Herr Pate „Ei, Frau Fürſtin, mit dieſer Leimruthe fängt man mich nicht. Ich haſſe die Complimente und mache keine.“ „Ihre Beſcheidenheit, Ehrwürdiger Vater, verzeihe mir,“ ſagte demüthig die Betſchweſter. „Ich habe mir nicht das Ver⸗ gnügen verſagen können, Ihnen meine Bewunderung auszu drücken. Was Sie vor einigen Monaten faſt vorausgeſagt oder vorausgeſehen hatten, iſt eingetroffen. Schon ſind zwei Mitglie⸗ der der Familie Rennepont bei der Erbſchaft unbetheiligt.“ Rodin betrachtete die Fürſtin mit milderem Blick, als er *) Es iſt ihm die Ausübung des Prieſteramtes verboten worden. ſie ſo die Lage der beiden verſtorbenen Erben bezeichnen hörte. Nach ſeiner Anſicht gehörte Hardy durch ſeine Schen⸗ kung und durch ſeinen mörderiſchen Aſcetismus nicht mehr zu den Lebendigen. Die Betſchweſter fuhr fort: „Der eine von dieſen Menſchen, ein elender Handwerker, iſt durch das Uebermaß ſeiner Laſter zu Grund gegangen; den andern ha⸗ ben Sie durch Steigerung ſeiner zarten, liebevollen Neigungen auf den Weg des Heils geführt. Sein Sie darum geprieſen für die Vorausſicht, in der Sie geſagt haben: An die Lei⸗ denſchaften werde ich mich wenden, um mein Ziel zu er⸗ reichen.“ „Preiſen und jubeln Sie nicht zu früh,“ erwiderte der Jeſuit ungeduldig. „Und Ihre Richte? und der Indier? und die Töchter des Marſchalls Simon? Haben vipſe Leute auch ein chriſtliches Ende gemacht? Sind ſie auch unbetheiligt bei der Erbſchaft?“ „Freilich nicht.“ „Sie ſehen alſo, daß wir keine Zeit damit verlieren müſſen, uns über das Geſchehene Glück zu wünſchen. Wir müſſen an die Zukunft denkeſi Der große Tag 1t her an. Der erſte Juni iſt nicht fern. Gebe der Himmel, daß wir nicht die vier überlebenden Witglieder der Familke vis dähin in der Unbußfertigkeit leben und in den Beſitz der großen Erbſchaft kommen ſehen, welche in ihren Händen Mittel zu neuem Verderben, in den Händen unſerer Geſellſchaft Mittel zur Verherrlichung des Herrn und ſeiner Kirche werden würden.“ „Es iſt wahr, Ehrwürdiger A Vater — —.“ „Da fällt mir ein, Sie wollten mit Ihren Geſchüftsführer n vegen Ihrer Nichte ſprechen.“ „Ich habe mit ihnen geſprochen, lieber Pater. So un⸗ gewiß die Ausſicht iſt, von der ich Ihnen geſagt habe, ſo muß es doch verſucht werden. Heute werde ich hoffentlich erfahren, ob es den Geſetzen nach möglich iſt.“ „Vielleicht,“ ſagte r mit einem ſcheußlichen Lächeln, „würde man dann in der neuen Lage, in welche ſie ſo ver⸗ ſetzt wäre, — — ein Mittel finden — — zu — — ihrer Bekehrung zu gelangen. Denn ſeitdem ſie ſich dieſem Indier gißen hat, ſcheint das Glück ſ beiden Heiden unver⸗ wüſtlich und glänzend zu ſeyn, wie ein Diamant. Selbſt Faringhea vermag nichts dagegen. Aber wir wollen hoffen, der Herr werde dieſer eitlen, gottloſen Luſt ein Ende mit Schrecken mache.n“ In dieſem Augenblick kam Aigrigny zur Thür herein ge⸗ eilt und rief mit triumphirender Miene: „Victoria!“ „Was meinen Sie?“ fragte die Fürſtin. „Er iſt abgereiſt — — dieſe Nacht,“ antwortete Aigrigny. „Wer?“ fragte Rodin. „Der Marſchall Simon.“ „Endlich!“ ſagte Rodin, der ſeine Freude nicht verbergen konnte. „Sicherlich,“ rief die Betſchweſter, „hat ſein Geſpräch mit dem General Havrinevurt das Maß vollgemacht. Ich weiß, er hat eine Zuſammenkunft mit ihm gehabt. Der General hat, wie viele Andere, den mehr oder minder gegründeten Gerüchten geglaubt, die ich habe ausſprengen laſſen. Jedes Mittel iſt gut wider den Gottloſen.“ „Wiſſen Sie etwas Näheres?“ fragte Rodin. 3 „Ich komme von Robert,“ antwortete Aigrigny. „Sein Signalement und ſein Alter paſſen zu dem des Marſchalls. Simon iſt mit den bewußten Papieren abgereiſt. Nur etwas iſt Ihrem Mann höchſt auffallend geweſen.“ „Was?“ fragte Rodin. „Bis dahin hatte er immer gegen die Unſchlüſſigkeit des Marſchalls zu kämpfen gehabt und dabei bemerkt, daß er düſter und verzweifelt ausſah. Geſtern hingegen hat er ihn ſo glücklich und freudeſtrahlend gefunden, daß er nicht umhin konnte, ihn um die Urſache dieſer Veränderung zu fragen.“ „Nun?“ fragten Rodin und die Fürſtin überraſcht. „Der Marſchall hat geantwortet: Ich bin der glücklichſte Menſch von der Welt. Ich gehe heiteren Muthes an die Erfüllung einer heiligen Pflicht.“ Unſere drei Leute ſahen ſich ſchweigend einander an. End⸗ lich ſagte die Fürſtin mit nachdenklicher Miene: „Wer mag dieſe plötzliche Veränderung in der Stimmung des Mar⸗ ſchalls bewirkt haben? Gerade auf ſeinen Kummer, auf ſeine Gereiztheit hatte man gerechnet, um ihn in dieſe Unterneh⸗ mung zu ſtürzen.“ „Ich begreife es nicht,“ ſagte Rodin. „Aber das iſt einer⸗ lei. Er iſt weg; kein Augenblick darf verloren werden, um auf die Töchter zu wirken. Hat er den verfluchten Soldaten mitgenommen?“ „Leider nein,“ antwortete Aigrigny. „Durch das früher Geſchehene gewarnt, wird er doppelt vorſichtig ſeyn, und ein Menſch, der im ſchlimmſten Fall uns hätte gegen ihn dienen können, iſt von der Krankheit ergriffen.“ „Ei, wer?“ fragte die Fürſtin. „Morok. Auf ihn konnte ich für alle Fälle rechnen, und er iſt verloren. Denn wenn er der Cholera entgeht, wird er einem ſchrecklichen, unheilbaren Uebel erliegen.“ „Iſt's möglich?“ „Vor etlichen Tagen iſt er von einer der Doggen in ſeiner Menagerie gebiſſen worden, und Tags darauf iſt die Wuth bei dem Hund zum Ausbruch gekommen.“ „O, das iſt entſetzlich!“ rief die Fürſtin. „Und wo iſt der Unglückliche?“ „Er iſt in eins der proviſoriſchen Spitäler gebracht wor⸗ den, weil die Cholera ihn ergriffen hat. Ich wiederhole, das iſt ein doppeltes Unglück, denn er war ein ergebener, ent⸗ ſchloſſener Menſch, zu Allem bereit. Es wird faſt unmöglich ſeyn, dem Soldaten beizukommen, und nur durch ihn läßt ſich den Mädchen beikommen.“ „Das iſt klar,“ ſagte Rodin mit nachdenklicher Miene. „Beſonders ſeitdem die anonymen Briefe von neuem ſeinen Argwohn erweckt haben, und — —“ „Von den anonymen Briefen zu ſprechen,“ unterbrach Ro⸗ din, — „da muß ich Ihnen Etwas mittheilen.“ „Ich bin begierig zu hören.“ „Außer den Briefen, von denen Sie wiſſen, hat der Mar⸗ ſchall eine Menge andere Briefe erhalten, in welchen er durch alle möglichen Mittel gegen Sie aufgehetzt wurde, durch Er⸗ innerung an die Gründe, welche er hat, Sie zu haſſen, und durch Witzeleien darüber, daß Ihr geheiligtes Amt Sie vor ſeiner Rache ſchützt.“ Aigrigny ſah Rodin voll Erſtaunen an und rief erröthend: „Aber zu welchem Zweck — — hat Ew. Ehrwürden ſo gehandelt?“ „Erſtlich, um von mir den Verdacht abzulenken, der durch jene Briefe erweckt werden konnte, und zweitens um den Zorn des Marſchalls zum Wahnſinn zu ſteigern dadurch, daß ich ihn ſtets an die Gründe ſeines gerechten Haſſes gegen Sie erinnerte und an die Unmöglichkeit, Ihnen beizukommen. Dies, verbunden mit andern Gährungsſtoffen des Kummers, des Zorns, des Mißmuths, welche durch die rohen Leiden⸗ ſchaften dieſes Schlachtmenſchen in Wallung kamen, mußte ihn zu der thörichten Unternehmung treiben, welche die Folge und Strafe ſeines Götzendienſtes gegen einen elenden Uſur⸗ pator iſt.“ „Es ſei,“ ſagte Aigrigny, ſich augenſcheinlich Gewalt an⸗ thuend. „Aber ich gebe Ewr. Ehrwürden zu bedenken, daß es vielleicht gefährlich iſt, den Marſchall ſo gegen mich auf⸗ zuhetzen.“ „Warum?“ fragte Rodin mit einem durchdringenden Blick auf Aigrigny. „Weil der Marſchall, auf's Aeußerſte getrieben und nur an unſern wechſelſeitigen Haß denkend, mich aufſuchen und finden könnte.“ „Und dann?“ „Und dann könnte er vergeſſen, daß ich Prieſter bin, und — „Ah! Sie haben Angſt,“ ſagte Rodin in wegwerfen⸗ dem Ton. Bei dieſen Worten Rodins fuhr Aigrigny auf ſeinem Stuhl in die Höhe. Nachdem er ſeine Kaltblütigkeit wieder gewonnen, erwiederte er: „Ew. Ehrwürden hat Recht. Ich würde Angſt haben; ja! In einem ſolchen Augenblick würde ich Angſt haben, zu vergeſſen, daß ich Prieſter bin, und mich zu ſehr zu erinnern, daß ich Soldat geweſen.“ „So?“ ſagte Rodin verachtungsvoll. „Alſo auf den al⸗ bernen Ehrenpunkt halten Sie noch? Ihr Prieſtergewand hat noch nicht dies ſchöne Feuer erſtickt? Alſo wenn dieſer Säbelmann, deſſen leeres Gehirn zu verrücken ich nicht ver⸗ fehlen konnte, ſobald ich die Zauberworte Kriegerehre, Eid, Napoleon II., erſchallen ließe, — wenn dieſer Säbler zu einer Gewaltthätigkeit gegen Sie geſchritten wäre, ſo hätten Sie ſich ſehr zuſammen nehmen müſſen, um ruhig zu bleiben?“ Rodin heftete von neuem ſeinen durchdringenden Blick auf den geweſenen Oberſten, der mit Mühe ſeine Aufregung be⸗ meiſternd, antwortete: „Ich glaube, es kann Ewr. Ehrwürden von keinem Nutzen ſeyn, derlei Vorausſetzungen zu machen.“ „Als Ihr Vorgeſetzter“ fuhr Rodin in ſtrengem Tone fort, „habe ich das Recht zu fragen, was Sie gethan haben würden, wenn der Marſchall Simon die Hand gegen Sie erhoben hätte.“ „Herr!“ rief Aigrigny. „Hier ſind keine Herren, hier ſind Prieſter!“ verſetzte Ro⸗ din. Und während Aigrigny, mühſam ſeinen Zorn zurück⸗ haltend, den Kopf ſenkte, fuhr er hartnäckig fort: „Ich frage Sie, wie Sie ſich verhalten würden, wenn der Marſchall Simon Sie ſchlüge. Iſt das verſtändlich?“ „Ich bitte — — nicht weiter.“ „Oder wenn Sie es lieber ſo ausgedrückt haben wollen, wenn er Sie ohrfeigte.“ Blaß, zähneknirſchend, die Fäuſte geballt, fühlte Aigrigny einen Schwindel bei dem bloßen Gedanken an eine ſolche Schmach. Rodin, der nicht ohne Grund gefragt hatte, hob ſeine ſchlaffen Augenlieder in die Höhe und ſchien genau zu beobachten, was ſich auf dem Geſicht des ehemaligen Ober⸗ ſten kund gab. Die Betſchweſter, immer mehr von dem Ex⸗ Socius bezaubert, fand die Lage Aigrigny's eben ſo peinlich wie ſchief und ſteigerte ihre Bewunderung für Rodin. Ai⸗ grigny gewann endlich ſeine Kaltblütigkeit wieder und ant⸗ wortete mit erzwungen ruhigem Ton: „Wenn ich eine ſolche Schmach zu leiden hätte, würde ich zu dem Herrn beten, daß er mir Ergebung und Demuth verliehe.“ „Und gewiß würde der Herr Ihr Gebet erhören,“ erwi⸗ derte trocken Rodin, zufrieden mit der Probe, der er ſeinen ehemaligen Vorgeſetzten unterworfen hatte. „Sie ſind alſo benachrichtigt. Es iſt indeß,“ fuhr er mit ſcheußlichem Lächeln fort, „wenig wahrſcheinlich, daß der Marſchall zu⸗ rückkommen und Ihre Demuth auf eine ſo harte Probe ſtellen wird. Aber wenn er zurückkäme,“ (und abermals heftete er einen durchdringenden Blick auf Aigrigny) „dann würden Sie, hoff ich, dieſem rohen Säbelmenſchen trotz ſeinen Ge⸗ waltthätigkeiten zeigen, welche Ergebung und Demuth eine wahrhaft chriſtliche Seele hegt.“ Ein zweimaliges leiſes Anklopfen unterbrach das Geſpräch. Ein Kammerdiener trat ein, überreichte der Fürſtin auf einer Schüſſel ein großes verſiegeltes Schreiben und entfernte ſich wieder. Die Fürſtin bat mit einem Blick Rodin um Er⸗ laubniß, das Schreiben zu entſiegeln, durchlas es und rief endlich, während ſich auf ihrem Geſichte eine boshafte Freude zeigte: „Es iſt Hoffnung da. Das Begehren iſt ſtreng ge⸗ ſetzmäßig und wird verſtärkt durch den Antrag auf Entmün⸗ vigung. Die Folgen können die von uns gewünſchten ſein. Mit einem Wort: meine NRichte kann bis morgen von Dürf⸗ tigkeit bedroht ſein. Welch ein Umſturz in dem Leben der Verſchwenderin!“ „Dann,“ ſagte Rodin mit nachdenklicher Miene, „wäre allerdings dieſem unbändigen Weſen beizukommen. — Bisher iſt Alles mißlungen,“ murmelte er, an ſeinen Nägeln kauend; „man meint, manches Glück mache unverwundbar.“ „Aber,“ ſagte die Fürſtin nach einigem Beſinnen, „um das gewünſchte Ergebniß zu erlangen, muß ich den Stolz meiner Nichte reizen. Es iſt alſo ſchlechterdings nöthig, daß ich ſie ſehe und ſpreche.“ „Das Fräulein von Cardoville wird ſich zu keiner Zuſam⸗ menkunft verſtehen,“ bemerkte Aigrigny. „Vielleicht — — Sie iſt ſo glücklich, daß ihre Keckheit aufs Höchſte geſteigert ſein muß. — — Ja, ja. Ich kenne ſte. Ich will ihr ſo ſchreiben, daß ſie kommt.“ „Glauben Sie,“ fragte Rodin mit zweifelnder Miene. „Zweifeln Sie nicht daran, Herr Pater. Sie wird kom⸗ men. Und iſt erſt einmal ihr Stolz ins Spiel gebracht, dann kann man viel hoffen.“ „Wir müſſen alſo handeln,“ ſagte Rodin, „raſch handeln. Der Augenblick naht, Haß und Mißtrauen ſind wach. Kein Augenblick iſt zu verlieren.“ „Was den Haß betrifft,“ bemerkte die Fürſtin, „ſo hat das Fräulein ſehen können, wie weit ſie mit einem Proceß kommt, als ſie wegen ihrer angeblichen Einſperrung in einem Krankenhaus und wegen der Gefangenhaltung der Fräulein — Simon in einem Kloſter klagbar aufgetreten war. Wir haben, Gott ſei Dank, Freunde überall, und ich weiß aus guter Quelle, daß man ihr Gebell wegen Mangel an Beweiſen auf ſich beruhen laſſen wird, obwohl das Gegentheil ge⸗ wünſcht wird von einigen parlamentsmäßigen Gerichtsper⸗ ſonen, die wir uns merken werden.“ „Unter dieſen Umſtänden,“ ſagte Rodin, „gibt uns die Abreiſe des Marſchalls völlig freie Hand. Wir müſſen un⸗ verzüglich auf ſeine Töchter wirken.“ „Aber wie?“ fragte die Fürſtin. „Erſt muß man ſie ſehen, mit ihnen reden, ſie kennen lernen und dann dem Befund gemäß handeln.“ „Aber der Soldat verläßt ſie keine Secunde,“ bemerkte Aigrigny. „Dann müſſen wir in Gegenwart des Soldaten mit ihnen reden und dieſen auf unſere Seite bringen.“ „Ihn?“ rief Aigrigny. „Dieſe Hoffnung iſt widerſinnig. Sie kennen nicht dieſe militäriſche Redlichkeit. Sie kennen dieſen Menſchen nicht.“ „Ich kenne ihn nicht?“ entgegnete Rodin. „Hat nicht das Fräulein von Cardoville mich ihm als ihren Befreier vorgeſtellt, da ich Sie als die Seele dieſes Getreibes ange⸗ geben hatte? Hab' ich ihm nicht ſeine lächerliche kaiſerliche Reliquie, ſein Ehrenkreuz, wiedergegeben im Haus des Doctor Baleinier? Habe ich ihm nicht die Mädchen zurückgebracht und ſie in die Arme ihres Vaters geführt?“ „Ganz gut,“ ſagte die Fürſtin. „Aber ſeitdem hat meine verwünſchte Nichte Alles entdeckt. Sie hat es Ihnen ſelber geſagt, Herr Pater.“ „Sie hat mir geſagt, ſie betrachte mich als ihren Tod⸗ feind. Aber hat ſie das dem Marſchall geſagt? Hat ſie mich ihm genannt? Und wenn ſie es gethan hat der Mar⸗ ſchall es ſeinem alten Burſchen geſagt? Es iſt möglich, aber nicht gewiß. Wir müſſen es zu erfahren ſuchen. Betrachtet mich der Soldat als entlarvten Feind, ſo müſſen wir weiter zuſehen. Fürs Erſte will ich verſuchen, ob ich nicht als Freund aufgenommen werde.“ „Wann?“ fragte die Betſchweſter. „Morgen früh.“ — „Gott!“ rief die Fürſtin, „Herr Pater, wenn der Soldat einen Feind in Ihnen ſähe! Sein Sie auf Ihrer Hut!“ „Ich bin ſtets auf meiner Hut. Ich bin mit ſchlimmeren Geſellen fertig geworden, als er iſt, z. B. mit der Cholera.“ Und grinſend bleckte er ſeine ſchwarzen Zähne. „Aber wenn er Sie als Feind behandelt, wird er Sie nicht einlaſſen,“ ſagte Aigrigny. „Wie wollen Sie dann zu den Mädchen kommen?“ „Das weiß ich nicht. Aber ich will zu ihnen kommen, und alſo komm' ich zu ihnen.“ „Herr Pater,“ ſagte die Fürſtin, „mich haben die Mädchen noch nie geſehen. Wie wäre es, wenn ich, ohne mich zu nennen, zu ihnen ginge?“ „Das wäre für gar nichts, denn erſt muß ich wiſſen, wozu ich mich in Betreff der Mädchen entſchließen ſoll. Ich muß ſie alſo um jeden Preis ſehen und lange mit ihnen ſprechen. Iſt mein Plan einmal entworfen, dann kann Ihre Mitwir⸗ kung mir von Nutzen ſein. — — Jedenfalls — — ſein Sie bereit, mich morgen zu begleiten.“ „Wohin?“ fragte die Fürſtin. „Zum Marſchall Simon.“ „Zu ihm?“ „Nicht gerade zu ihm. Sie nehmen Ihre Kutſche und ich einen Miethwagen. Ich ſuche zu den Mädchen zu kommen, und Sie warten auf mich einige Schritt vom Hauſe. Ge⸗ lingt es mir, und bedarf ich Ihrer Hülfe, ſo komme ich zu Ihnen in Ihren Wagen. Sie empfangen meine Anweiſun⸗ gen, und nichts ſcheint zwiſchen uns verabredet.“ „ „Es ſei, E. V. Aber wahrlich ich zittere bei dem Ge⸗ danken an Ihre Zuſammenkunft mit dem Soldaten.“ „Der Herr wird über ſeinen Diener wachen. — Sie, Herr Pater, laſſen Sie augenblicklich die fertige Note nach Wien abgehen, um dem Bewußten die Abreiſe und das baldige Eintreffen des Marſchalls anzuzeigen. Alles iſt vorgeſehen. Dieſen Abend werd' ich ausführlicher ſchreiben.“ Am folgenden Morgen gegen acht uhr fuhren die Fürſtin und Rodin, erſtere in ihrer Kutſche, letzterer in einem Fiaere, nach dem Haus des Marſchalls Simon. Zweites Kapitel. — Es war acht Uhr Morgens. Seit zwei Tagen war der Marſchall abgereiſt. Dagobert ſchlich auf den Zehen durch den Saal, der zu dem Schlafzimmer der Zwillinge führte, und legte ſein Ohr an das Schlüſſelloch. Freudenſtörer kam eben ſo behutſam hinter ihm her. Der Alte ſchien beunruhi⸗ gende Gedanken zu haben und flüſterte: „Wenn nur die Kinder dieſe Nacht nichts gehört haben! Es würde ſie er⸗ ſchrecken und entſetzlich betrüben, während ſie jetzt, ſeitdem ſie wiſſen, wie lieb ihr Vater ſie hat, ſo glücklich ſind. Wie herzhaft haben ſie nicht ſeine Abreiſe ertragen!“ Er horchte wieder und ſagte: „Ich höre nichts. Sie ſind doch ſonſt immer ſo früh wach. Sollte das Betrübniß ſein?“ Dagoberts Betrachtungen wurden durch zweimaliges fröh⸗ liches Lachen unterbrochen, welches aus dem Schlafzimmer der Mädchen ſchallte. Der Soldat athmete freier und ſagte: „Ah, ſie ſind nicht ſo traurig, wie ich dachte; vermuthlich wiſſen ſie nichts.“ Das Lachen wiederholte ſich. Freuden⸗ thränen traten dem Alten in die Augen bei dem Gedanken, daß ſeine Kinder endlich die Heiterkeit ihres Alters wie⸗ dergefunden hatten. Immer das Ohr am Schlüſſelloch, die Hände auf die Knie geſtützt, ging er von Rührung zur Hei⸗ terkeit über, begleitete das Lachen der Mädchen mit einem ſtillen Lächeln und brach endlich ſelbſt in lautes Lachen aus. Freudenſtörer, der einen ſolchen Anfall von Luſtigkeit noch nie bei ſeinem Herrn wahrgenommen, ſah ihn erſtaunt an und kläffte endlich mit fragender Miene. Auf dieſen bekannten Laut hörte plötzlich das Lachen der Mädchen auf, und eine friſche, noch etwas vor Freude zit⸗ ternde Stimme fragte: „Biſt du es, Freudenſtörer, der uns wecken will!“ Freudenſtörer verſtand, wedelte mit dem Schwanz, legte die Ohren, drückte ſich auf dem Bauch an die Thür und antwortete durch ein leiſes Bellen auf die Frage ſeiner Herrin. „Herr Freudenſtörer,“ ließ ſich Roſas Stimme vernehmen, „Sie ſind ſehr früh auf.“ Sie uns ſagen, wie viel Uhr es iſt?“ fragte Blanca. „Es iſt acht Uhr durch,“ rief Dagobert, laut flaend⸗ Ein leiſer Schrei der Ueberraſchung folgte. Dann ſagte Roſa: „Guten Morgen, Dagobert!“ „Guten Morgen, liebe Kinder. Sie ſind heut ſehr träg, nichts für ungut.“ „Das iſt nicht unſere Schuld,“ erwiderte Roſa. „Wir warten auf Anguſtine.“ „Da haben wirs!“ flüſterte Dagobert mit beſorgter Miene. Und in verlegenem Ton (denn das Lügen fiel ihm ſchwer) ſagte er laut: „Kinder, Ihre Gouvernante iſt heute — — früh ausgegangen — — aufs Land — — wegen Geſchäften. Sie wird erſt in einigen Tagen wiederkommen. Sie werden alſo wohl thun, wenn Sie heut allein aufſtehen.“ „Die gute Frau!“ ſagte Blancg. „Es iſt doch nichts Schlimmes, Dagobert, was ihren plötzlichen Weggang veran⸗ laßt hat?“ „Nein — — nein. Wegen Geſchäften — — um eine Verwandte zu beſuchen.“ „Gut,“ ſagte Roſa. „Wenn wir rufen, kannſt Du herein⸗ kommen.“ „In einer Viertelſtunde komm' ich wieder,“ entgegnete Dagobert. Und indem er wegging, ſagte er für ſich: „Ich muß den eſelhaften Hampel ins Gebet nehmen. Er iſt ſo dumm und plauderhaft, daß er Alles ausſchwatzen könnte.“ Hampels unzählige Tölpeleien waren es, die das tolle Lachen der Mädchen verurſacht hatten. Sie waren aufge⸗ ſtanden und bedienten ſich wechſelſeitig beim Ankleiden. Roſa ſaß vor einem Putztiſch und ihre Schweſter kämmte ihr das Haar aus. In dem glücklichen Jugendalter, noch nahe der Kindheit, iſt jeder Kummer ſchnell vergeſſen. Die beiden Schweſtern waren ſelig, ſeitdem ſie wußten, ihr Vater liebte ſie zärtlich, und ihre Gegenwart ſei nicht peinlich, ſondern beglückend für ihn. Ein ſolches Bewußtſein konnte durch eine kurze Trennung nicht geſtört werden. Ihre Wangen waren wieder blühend geworden, ihr Glaube an die Zukunft gab ihren Mienen etwas Zuverſichtliches, was die Schönheit ihrer Züge erhöhte. Blanca ließ aus Verſehen den Kamm fallen. Indem ſie ſich bückte, ihn aufzuheben, kam Roſa ihr zuvor und ſagte: „Wenn Du ihn zerbrochen hätteſt, würdeſt Du ihn in den Henkelkorb gelegt haben.“ Beide fingen wieder laut an zu lachen. Das Wort Roſas bezog ſich auf einen Witz des vermeintlichen Einfaltspinſels. Hampel hatte das Henkel an einer Taſſe abgebrochen und auf die Vorwürfe der Gouvernante geantwortet: Sein Sie ruhig, liebe Frau. Ich habe es in den Henkelkorb gelegt. — Und auf die verwunderungsvolle Frage: In den Henkelkorb? hatte er erwidert: Ja in den Henkelkorb; da lege ich alle Henkel hinein, die ich abbreche. — Roſa wiſchte ihre Thrä⸗ nen ab und ſagte: „Wie dumm iſt es doch, über ſolche Al— bernheiten zu lachen.“ „Nein,“ ſagte Blanca, „es iſt gar zu poſſirlich; man muß nothwendig lachen.“ „Schade, daß der Vater nicht hier iſt! Er war immer ſo glücklich, wenn er uns froh ſah. Wir müſſen ihm heute die Geſchichte vom Henkelkorb ſchreiben.“ „Und die vom Flederwiſch,“ fügte Blanea hinzu, „um ihm zu beweiſen, daß wir verſprochenermaßen während ſeiner Abweſenheit nicht traurig ſind.“ „Ihm ſchreiben? Du weißt ja, er will uns ſchreiben, wir aber können ihm nicht antworten.“ „Das iſt wahr. — Weißt Du was? Wir ſchreiben ihm an ſeine Adreſſe hier. Dagobert gibt die Briefe auf die Poſt, und wenn der Vater zurückkommt, lieſt er ſie.“ „Du haſt Recht! Das iſt herrlich! Wir wollen ihm recht viele Narrenspoſſen erzählen; das hat er gern.“ „Und wir auch. Wir ſind gern luſtig.“ „O gewiß. Seine letzten Worte haben uns ja Muth dazu gegeben.“ „Als ich ihn ſprechen hörte, war ich gar nicht ängſtlich wegen ſeiner Abreiſe.“ „Auch ich war es nicht, als er ſagte: Kinder, ich ver⸗ traue euch an, was ich euch anvertrauen kann. Ich habe eine heilige Pflicht zu erfüllen. Darum muß ich euch auf einige Zeit verlaſſen. Ich war ſo verblendet, an eurer Liebe 4 —. — — 15 — zu zweifeln, und doch Konnte ich mich von ecc nicht trennen. Mein Gewiſſen war beunruhigt, und der Kummer raubte mir die Kraft, einen Entſchluß zu faſſen. So vergingen die Tage unter Angſt und Schwanken. So wie ich aber einmal eurer Liebe gewiß war, verlor ſich meine Unſchlüſſigkeit, und ich begriff, daß ich nicht eine Pflicht der andern aufzuopfern und mir Gewiſſensbiſſe zu bereiten, ſondern daß ich zwei Pflichten zugleich zu erfüllen habe. Und ich thue es mit Freude. Statt über meine Abreiſe zu trauern, freut euch darüber, ſeid ſtolz darauf. Denkt euch ein armes, verlaſſenes Waiſenkind, deſſen Vater mein Wohlthäter⸗ geweſen iſt und mich hat ſchwören laſſen, für ſein Kind zu ſorgen; denkt euch, das Leben dieſes Kindes wäre in Gefahr, und ſprecht, würde es euch leid thun, daß ich euch verlaſſe, um dem Waiſen zu Hülfe zu eilen?“ „Darum,“ ſagte Roſa, „haben wir ihm auch zugeredet, abzureiſen. Eine Pflicht erfüllen, iſt etwas Schönes. Das gibt unſerm Vater Muth, uns ohne Kunmer zu verlaſſen, und uns ermuthigt es, fröhlich ſeiner Rückkehr entgegenzu⸗ ſehen.“ „Auch quälen uns jetzt nicht mehr die böſen Träume. Ich komme mir jetzt ſtärker und muthiger vor, wie wenn ich allein möglichem Unglück trotzen könnte.“ „Das glaub' ich. Unſer Vater in unſerer Mitte, ich auf einer Seite, Du auf der andern, und — — „Dagobert vorn, Freudenſtörer hinten, und die Armee iſt vollſtändig,“ ergänzte der Soldat durch die halbgeöffnete Thür. „Da ſoll einer kommen und ſie angreifen!“ Die beiden Mädchen traten hinaus in den Saal und um⸗ armten den Alten. „Neugier! Du haſt gehorcht,“ ſagte Roſa. „Das will ich meinen,“ erwiderte der Soldat; „und ich bedaure nur, daß ich nicht ſo große Ohren hatte, wie Freu⸗ denſtörer, um noch mehr zu hören. So gefallen Sie mir, wenn Sie zur Traurigkeit ſagen: Marſch! Links um kehrt! Sapperment!“ „Blanca,“ nahm Roſa lächelnd das Wort, „Du wirſt ſehen, daß er uns am Ende räth zu fluchen.“ „Em! Manchmal iſt es gar nicht übel. Es erleichtert, beruhigt. Wenn man nicht im Elend Million Freus „Willſt Du ſchweigen!“ ihn Roſa, ihm den Mund zuhaltend. „Wenn Frau Alguſtine Dich hörte! Sie iſt ſo ſanft und ängſtlich!“ „Ja,“ erwiderte Dagobert indem er ſeine Verlegenheit zu verbergen ſuchte. „Aber ſie hört uns nicht, denn — — ſie iſt ja auf dem Land.“ „Das iſt eine brave gute Frau,“ ſagte Blanca. „Einmal, als von Dir die Rede war, ſagte ſie uns: Fräulein, neben der Anhänglichkeit Dagoberts wird meine noch neue Zunei⸗ gung Ihnen unbedeutend erſcheinen. Und doch fühle ich mich berechtigt, für Sie zu leben.“ „Ja — gewiß — — das iſt ein Herz wie Gold,“ ent⸗ gegnete Dagobert und dachte: „Müſſen ſte denn gerade von der Frau ſprechen?“ „Der Vater hätte ſie nicht beſſer wählen können,“ ſagte Roſa. „Sie iſt die Wittwe eines alten Soldaten, der die Feldzüge mit ihm gemacht hat. Wie unruhig und kummer⸗ voll war ſie zu der Zeit, wo wir trauerten! Unzählige Mal habe ich bemerkt, wie ſie uns mit Thränen in den Augen anſah. Dafür haben wir ſie ahr auch lieb, und wenn der Vater zurückkommt — — „Schweig!“ unterbrach Blanea lachend. „Dagobert wird uns das Geheimniß nicht bewahren. — Oder willſt Du?“ Dagobert, deſſen Verlegenheit immer größer ward, ent⸗ gegnete: „Wenn Sie mir nichts ſagen, iſt es eben ſo gut.“ „Herr Dagobert! Herr Dagobert!“ ſagte Roſa, „ich habe Sie im Verdacht, daß ſie bei unſerer Gouvernante den ſüßen Herrn geſpielt haben“ „Ich — — den ſüßen Herrn?“ Der Ton und die Miene Dagoberts bei dieſen Worten waren von der Art, daß beide Schweſtern ſich vor Lachen nicht zu faſſen wußten. In dieſem Augenblick ging die Thür auf. Hampel trat ein und rief anmeldend: „Herr Rodin!“ Und hinter ihm ſchlüpfte der Jeſuit in den Saal mit freude⸗ 3 ſtrahlenden Augen, als ob er ſchon ſeine Sache gewonnen hätte. ſuch überraſcht, ſo gerieth Dagobert in Zorn darüber. Er Waren die beiden Schweſtern von dem unvermutheten Be⸗ packte den Hampel am Kragen und rief: „Wer hat Dir erlaubt, jemand einzuführen, ohne mir zuvor etwas zu ſagen?“ Hampel ſiel auf die Knie, faltete die Hände und rief: „Gnade, Herr Dagobert!“ „Willſt Du hinaus! — und Sie — und vornehmlich Sie!“ rief Dagobert, ſich mit drohender Miene zu Rodin wendend, der väterlich lächelnd auf die Mädchen zuging. „Zu Befehl, lieber Herr,“ erwiderte der Jeſuit ſich de⸗ müthig verneigend, aber nicht vom Fleck gehend. . Dagobert wandte ſich wieder zu Hampel und ſagte: „Willſt Du gehen?“ Dieſer benutzte ſeine kniende Stellung, um, ehe der Soldat ihn hinauswürfe, zu ſagen: „Verzeihen Sie, daß ich den Herrn eingeführt habe, ohne Ihnen zuvor etwas zu ſagen. Gott! ich habe ganz den Kopf verloren über das Unglück der Frau Auguſtine.“ „Was für ein Unglück?“ riefen Roſa und Blanca auf Hampel zueilend. „Willſt du hinaus!“ rief Dagobert, Hampel am Kragen ſchüttelnd. Blanca drängte ſich zwiſchen beide und wieder⸗ holte die Frage: „Welches Unglück iſt unſerer Gouvernante zugeſtoßen?“ Schnell antwortete Hampel: „Sie hat die Cholera be⸗ kommen heute Nacht und —“ Ein kräftiger Fauſtſchlag auf Hampels Kinnlade hemmte den Fluß ſeiner Rede. — Dago⸗ bert riß ihn in die Höhe, und gab ihm einen Tritt in die Rippen, daß er in ein anſtoßendes Zimmer flog. Dann wandte er ſich grimmig gegen Rodin, wies ihm die Thür und ſagte: „Ihnen gehts eben ſo, wenn Sie ſich nicht trollen!“ „Ihr gehorſamſter Diener,“ erwiderte Rodin und ging rückwärts nach der Thür, während er den Mädchen grüßend zunickte. . 6 Drittes Kapitel. „ D i e fricht Während Rodin unter dem Feuer der Zornblicke Dago⸗ berts langſam ſeinen Rückzug nach der Thür bewerkſtelligte, ſchielte er ſpähend nach den Mädchen. Roſa eilte auf Da⸗ gobert zu und fragte: „Um Gottes willen! Iſt es wahr, daß Auguſtine von der Cholera befallen iſt?“ „Nein — — ich weiß es nicht — — ich glaub' es nicht!“ erwiederte Dagobert. „Was liegt Ihuen daran?“ „Dagobert,“ ſagte Blanca, „du willſt uns ein Unglück verhehlen. Ich erinnere mich jetzt, wie verlegen du warſt, als wir vorhin von unſerer Gouvernante ſprachen.“ „Wenn ſie krank iſt,“ ſetzte Roſa hinzu, „ſo dürfen wir ſie nicht verlaſſen. Sie hat Mitleid mit unſerm Kummer gehabt, wir müſſen Mitleid mit ihren Schmerzen haben.“ „Komm Roſa, auf ihr Zimmer,“ ſagte Blanca und machte einen Schritt nach der Thür, an welcher Rodin lauernd ſtand. „Sie gehen nicht hinaus!“ rief Dagobert im ſtrengen Ton. „Dagobert,“ entgegnete Roſa, „wir haben eine Pflicht zu erfüllen.“ „Ich ſage Ihnen, Sie gehen nicht hinaus!“ rief der Sol⸗ dat, auf den Boden ſtampfend. „Lieber Freund,“ ſprach Blanca, „unſer Vater hat uns, indem er uns verließ, ein Beiſpiel von Pflichterfüllung ge⸗ geben. Er würde es uns nicht verzeihen, ſeine Lehre ver⸗ geſſen zu haben.“ . „Was?“ rief Dagobert. „Sie meinen, wenn Ihre Gou⸗ vernante die Cholera hätte, würde ich Sie zu ihr gehen laſſen, weil es Pflicht ſei? Ihre Pflicht iſt, für Ihren Vater zu leben — und für mich. Alſo kein Wort mehr von dieſer MNarrheit!“ Es iſt keine Gefahr dabei, in ihr Zimmer zu gehen,“ fagte Roſa. „Und wäre Gefahr dabei, ſo müßten wir es doch thun,“ fügte Blanca hinzu. „Alſo laß uns gehen. Du würdeſt für uns thun, was Du uns hindern willſt für ijemand an⸗ ders zu thun.“ Rodin, der aufmerkſam zugehorcht hatte, fuhr zuſammer und ein Strahl boshafter Freude blitzte aus ſeinen Augen. Dagobert hatte bisher ihm wie den Mädchen den Ausgang verſperrt, indem er ſich vor die Thür ſtellte. Der alte Sol⸗ dat trat jetzt einen Schritt ſeitwärts, zuckte die Achſeln und ſagte: „Ich bin ein alter Narr. Gehn Sie hin, Fräulein! Wenn Sie Ihre Gouvernante im Hauſe finden, ſo erlaube ich Ihnen, bei ihr zu bleiben.“ „Wo iſt ſie denn?“ fragte Roſa betroffen. „Ja wohl! ich werd' es Ihnen ſagen!“ „Sie iſt todt!“ rief Blanca erbleichend. „Beruhigen Sie ſich. Ich ſage Ihnen, nein, ſo wahr Ihr Vater lebt. Beim erſten Anfall der Krankheit hat ſie ver⸗ langt, aus dem Haus gebracht zu werden, um nicht die an⸗ dern Bewohner anzuſtecken.“ gute Frau!“ ſagte Roſa gerührt. „Und du willſt nicht „Ich will nicht, daß Sie fortgehen, und ſollt' ich Sie in dieſem Zimmer einſperren!“ unterbrach Dagobert, auf den Boden ſtampfend. Jetzt fiel ihm ein, daß Hampel an der Unruhe der Mädchen Schuld war, und zornig ſagte er: „Ich muß meinen Stock auf dem Buckel des Schufts klein ſchla⸗ gen!“ Er wandte ſich nach der Thür zurück und bemerkte Rodin, den er einen Augenblick vergeſſen hatte: „Sind Sie immer noch da?“ fragte er. „Lieber Herr,“ antwortete der Jeſuit mit der gutmüthigen Miene, die er anzunehmen wußte, „ich bitte Sie zu bemerken, daß Sie an der Thür geſtanden und mich damit gehindert haben, hinauszugehen.“ „Nun, jetzt hindert Sie nichts mehr. Trollen Sie ſich.“ „Ich trolle mich, wiewohl ich glaube, über einen ſolchen Empfang erſtaunt ſein zu dürfen.“ „Es iſt nicht von Empfang die Rede, ſondern von Abgang. Alſo Marſch!“ 5 „Ich war gekommen, mit Ihnen zu ſprechen, lieber Herr.“ „Ich habe keine Zeit zu ſchwatzen⸗“ S hatte das Fräultin von Cardoville dem Marſchall geſagt, — 20 „Ueber wichtige Angelegenheiten.“ „Ich habe nur eine wichtige Angelegenheit: bei dieſen Kindern zu bleiben.“ „Nun, ſo will ich Sie nicht weiter beläſtigen, lieber Herr. Entſchuldigen Sie, daß ich geſtört habe. Ich habe Nachrichten, gute Nachrichten vom Herrn Marſchall und wollte — —“ „Von unſerm Vater haben Sie Nachrichten?“ fragte Roſa, auf Rodin zugehend. „O, reden Sie!“ bat Blanca. „Sie hätten Nachrichten vom Marſchall?“ fragte Dago⸗ bert mit einem argwöhniſchen Blick. „Und worin beſtehen dieſe Nachrichten?“ Anſtatt auf dieſe Frage zu antworten, rückte Rodin von der Schwelle wieder in den Saal vor, betrachtete die Mäd⸗ chen mit dem Ausdruck der Bewunderung und ſagte: „Wie glücklich bin ich, dieſen lieben Fräulein wieder eine Freude machen zu können! Sie ſind, wie ich ſie verlaſſen habe, immer allerliebſt, aber weniger traurig als an dem Tag, wo ich ſie aus dem garſtigen Kloſter geholt habe, wo ſie ge⸗ fangen gehalten wurden. Wie glücklich war ich, als ich ſie ihrem ruhmreichen Vater um den Hals fallen ſah!“ „Dort war der Platz der Kinder, und Ihr Platz, Freund, iſt nicht hier,“ ſagte Dagobert grob, indem er die eine Flügelthür hinter Rodin offen hielt. „Geſtehen Sie wenigſtens, daß mein Platz bei Doctor Baleinier war,“ entgegnete der Jeſuit mit einem ſchlauen Blick auf den Soldaten. „Wiſſen Sie? damals, als ich Ihnen Ihr Ehrenkreuz wiedergab, welches Ihnen ſo leid gethan hatte, — damals, als das Fräulein von Cardoville Ihnen ſagte, ich ſei ihr Befreier, und Sie hinderte, mir die Kehle zuzuſchnüren. — Ja, liebe Fräulein,“ fügte er lächelnd, zu den Mädchen gewandt, hinzu, „ieſer gute Mann war im Begriff, mich zu erdroſſeln, und er wird mir's nicht übel nehmen, wenn ich ſage, er hat eine Eiſenfauſt. Die Preußen und die Koſaken werden noch mehr davon zu erzählen wiſſen, als ich, hä! hä!“ Dieſe Worte erinnerten Dagobert und die beiden Mädchen an die Dienſte, welche Rodin ihnen geleiſtet hatte. Zwar 5 . —— Rodin ſei ein gefährlicher Menſch, von dem ſie ſich habe täuſchen laſſen; Simon aber hatte es dem Dagobert nicht wieder geſagt. Indeß, der alte Soldat fühlte trotz dem Schein, der für den Jeſuisen ſprach, einen unüberwindlichen Wider⸗ wille gegen ihn und barſch erwiderte er: „Ob ich eine hat Fauſt habe oder nicht, iſt einerlei. Aber — —“ „Lieber Herr,“ unterbrach Rodin in ſüßlichem Ton, „wenn ich dieſes Umſtandes erwähne, ſo geſchieht es, weil ich mich unwillkürlich der kleinen Dienſte erinnere, die ich das Glück hatte, Ihnen zu leiſten.“ Und bei dieſen Worten er mit der ihm eignen Schlangenwindung auf die Schweſtern zu. Dagobert faßte den Jeſuiten ſcharf in's Auge, der vor dieſem Blick ſogleich ſeine ſchlaffen Augenlieder herabſenkte. Nach einem Augenblick des Schweigens ſagte der Soldat: „Ein braver Mann ſpricht nie von ſeinen geleiſteten Dien⸗ ſten, und Sie thun es drei Mal in einem Athem.“ „Ei, Dagobert,“ flüſterte Roſa dem Soldaten zu, „er hat ja Nachrichten von unſerm Vater.“ Dagobert gab dem Mädchen einen Wink, daß ſie ihn ſprechen ließe und fuhr mit argwöhniſchem Blick gegen Rodin fort: „Sie ſind ein Schlaukopf, und ich bin kein Rekrut.“ „Ich, ein Schlaukopf?“ entgegnete Rodin mit ſcheinheiliger Miene. „Ein gewaltiger Schlaukopf. Sie meinen, Sie könnten mich mit ſolchen Redensarten fangen, aber es thuts nicht. Hören Sie an. Einer von Ihrer Schwarzkittelbande hatte mir mein Kreuz geſtohlen. Sie haben mir es wieder geſchafft. Einer von Ihrer Bande hatte dieſe Kinder entführt, und Sie haben ſie wie⸗ der herbeigeſchafft. Sie haben auch den abtrünnigen Aigrigny angegeben. Das Alles beweiſt nur zweierlei: erſtlich, daß Sie ſchlecht genug geweſen ſind bei dieſen Schuftenſtreichen be⸗ theiligt zu ſein, — und zweitens, daß Sie ſchlecht genug geweſen ſind, Ihre Spießgeſellen anzugeben. Beides iſt nie⸗ derträchtig. Ich traue Ihnen nicht; trollen Sie ſich. Anblick taugt nicht für dieſe Kinder.“ „Aber lieber Herr — —“ „Kein Aber! Wenn ein Menſch von Ihrem Schlag eures gutes thut, ſo ſteckt etwas ſchlimmes darhinter. 1 nicht trauen — und ich traue nicht.“ 2 „Ich verſtehe,“ ſagte Rodin, ſeinen Verdruß über die ge⸗ täuſchte Hoffnung, den Soldaten zu betölpeln, verbergend. „Das iſt etwas unwillkürliches. Indeß bedenken Sie, welche Abſicht könnte ich haben, Sie zu täuſchen? Und worüber ſollt' ich Sie täuſchen?“ „Sie haben irgend eine Abſicht dabei, daß Sie hartnäckig hier bleiben, während ich Ihnen ſage, Sie ſollten fortgehen.“ „Ich habe Ihnen ja den Zweck meines Beſuchs geſagt.“ „Nicht wahr, Nachrichten vom Marſchall Simon?“ „Allerdings bin ich ſo glücklich, Nachrichten vom Marſchall Simon zu haben,“ erwiderte Rodin. Abermals ſchlich er auf die Mädchen zu und ſagte: „Ja, Fräulein, ich habe Nachrichten von Ihrem Vater.“ „Nun ſo kommen Sie gleich mit und erzählen Sie mir dieſe Neuigkeiten,“ erwiderte Dagobert. „Wie? Sie wären ſo grauſam, dieſe Fräulein des Ver⸗ gnügens zu berauben — — —2“ „Schwerenoth!“ unterbrach Dagobert mit einer Donner⸗ ſtimme, „ſehen Sie denn nicht, daß ich mich nur ungern entſchließe, einen Mann von Ihrem Alter zur Thür hin⸗ aus zu werfen? Wirds bald?“ „Nun, nun, ereifern Sie ſich nicht über ein altes Männ⸗ chen wie ich. Iſt denn das der Mühe werth? Kommen Sie. Auf Ihrem Zimmer will ich Ihnen erzählen, was ich zu erzählen habe, und Sie werden es bereuen, daß Sie mich nicht vor dieſen lieben Fräulein haben reden laſſen. Das ſoll Ihre Strafe ſein, Sie böſer Mann.“ Und abermals verbeugte er ſich, und ſeinen grimmigen Verdruß verbergend, ging er hinaus. Dagobert gab den Mädchen einen Wink und verließ gleich⸗ falls das Zimmer. Sein erſtes Geſchäft war, den Hampel zum Haus hinaus zu jagen. Dann hörte er den Bericht Rodins an. Nach einer Viertelſtunde kehrte er zu den Mädchen zurück „Nun, welche Nachrichten von unſerm Vater?“ rief Roſa ihm entgegen.“ Er erwiderte: „Dieſer alte Hexenmeiſter weiß, daß Ihr Vater vergnügt abgereiſt iſt. Er ſagt, er den Hrn. Robert. Woher er das Alles weiß, iſt äthſel und ein Grund mehr, ihm nicht zu trauen.“ — — „Aber was hat er denn fuür Nachrichten von unſerm Va⸗ ter?“ fragte Blanca. „Der alte Spitzbube hat mir geſagt, einer ſeiner Freunde kenne Ihren Vater und ſei ihm 25 Stunden von hier be⸗ gegnet. Ihm habe der Marſchall aufgetragen, Ihnen zu ſagen oder ſagen zu laſſen, er befinde ſich wohl und hoffe, Sie bald wiederzuſehen.“ „Welche Freude!“ rief Roſa. „Siehſt du,“ ſagte Blanca, „wie Unrecht du hatteſt, den armen alten Mann zu beargwohnen und ſo grob zu be⸗ handeln.“ „Möglich; aber ich bereue es nicht.“ „Warum?“ fragte Blanca. „Ich habe meine Gründe. Einer der beſten iſt der, daß es mir durch Mark und Bein gegangen iſt, als ich ihn um Sie herumſchleichen ſah. Der Anblick einer Schlange, die gegen Sie herankäme, hätte mir kein größeres Grauen ein⸗ flößen können. Freilich hätte er in meiner Gegenwart Ihnen nichts thun können, und dennoch mußte ich mich zuſammen⸗ nehmen, um ihn — trotz den Dienſten, die er uns geleiſtet hat — nicht zum Fenſter hinauszuwerfen. Das wäre eine unnstürliche Art, Dankbarkeit zu beweiſen. Einem Menſchen der ſolche Gedanken einflößt, iſt nicht zu trauen.“ . „Guter Dagobert,“ ſagte Roſa in einſchmeichelndem Ton, deine Liebe zu uns macht dich ſo argwöhniſch.“ „Ja, das iſt ein Beneis, wie gern du uns haſt,“ ſagte Blanca mit einem Blick des Einverſtändniſſes auf ihre Schwe⸗ ſter, als ob beide ein in Abweſenheit des Soldaten geſchmie⸗ detes Complott ausführen wollten. Dagobert, der ſeinen argwöhniſchen Tag hatte, betrachtete eine um die andere, ſchüttelte den Kopf und erwiderte: „Hm! hm! Sie reden ſo honigſüß zu mir — — Sie haben gewiß etwas von mir zu verlangen.“ „Ja,“ ſagte Roſa. „Du weißt, wir lügen nicht.“ „Sieh, Dagobert,“ fügte Blanca hinzu, „du ſollſt nur ge⸗ recht ſein.“ Und jede von beiden legte ihre verſchlungenen Hind eriſ — 24 — Sie hören. Ich merke, daß ich mich wacker halten muß, denn Sie wollen etwas, was ſchwer von mir zu erlangen iſt.“ „Höre,“ begann Roſa, „du biſt ſo brav, ſo gut, ſo ge⸗ recht, du lobſt uns zuweilen, daß wir herzhaft ſind wie Soldatentöchter — —“ „Zur Sache! zur Sache!“ rief Dagobert, beunruhigt durch dieſe Einleitung. Roſa wollte weiter reden, da klopfte es an der Thür. „Wer iſt da?“ rief Dagobert. „Ich, Juſtin,“ antwortete eine Stimme. „Herein!“ rief Dagobert, und als die Thür aufging, fragte er: „Was gibts?“ „Herr Baudoin,“ antwortete der Diener, „unten iſt eine Dame in einem Wagen. Sie hat einen Bedienten ins Haus geſchickt und fragen laſſen, ob der Herr Herzog und die Fräu⸗ lein zu ſpechen wären. Man hat ihr geantwortet, der Herr Herzog ſei nicht da, aber die Fräulein. Sie hat dann be⸗ gehrt, ſte zu ſprechen; es ſei wegen einer milden Gabe.“ „Haben Sie die Dame geſehen? Hat ſie ihren Namen geſagt?“ „Nein,“ antwortete Juſtin, „aber es ſcheint eine vornehme Dame zu ſein. Ein prächtiger Wagen, Bediente in gro⸗ ßer Livree.“ g. „Die Dame kommt wegen einer milden Gabe,“ ſagte Roſa zu Dagabert. „Ich denke, wir können ſie nicht abweiſen.“ „Was meinſt du, Dagobert 2“ fragte Blanca. „Eine Dame? Meinetwegen. Das iſt etwas anders als der alte Herenmeiſter vorhin. Zudem gehe ich nicht von Sher Seite Juſtin laß die Dame heraufkommen.“ Der Diener ging weg. „Wie?“ fragte Roſa, „mißtrauſt du auch dieſer unbekannten Dame?“ „Hören Sie zu,“ antwortete Dagobert. „Ich hatte durch⸗ aus keinen Grund, meiner braven Frau zu mißtrauen. Und doch hat ſie euch den Schwarzkitteln in die Hände geliefert, ihrem ſchuftigen Beichtvater zu Gefallen.“ Frau!“ ſagte Roſa. „Und doch hatte ſie 6 ie ſt du kürzlich Nachrichten von ihr erhalten?“ fragte —65 3 „Vorgeſtern,“ antwortete Dagobert. „Die Lundluft thut ihr wohl. Sie hütet das Pfarrhaus Gabriels.“ In dieſem Augenblick gingen die zwei Flügel der Saalthür auf und nach einer achtungsvollen Verbeugung trat die Fürſtin von St. Dizier ein. Sie hatte in der Hand einen roth⸗ ſammtnen Beutel, wie ihn die Almoſenſammlerinnen in den Kirchen führen. Viertes Kapitel. Die milde Gabe. Die Fürſtin von St. Dizier wußte, wie früher geſagt, im Nothfall die liebreichſte Maske anzunehmen. Von ihren Ga⸗ lanterien in der Jugend waren ihr einſchmeichelnde Manieren geblieben, die ſie zum Gelingen ihrer frommen Intriguen benutzte, wie früher für ihre verliebten Intriguen. Ein über⸗ aus vornehmes Ausſehen, zuweilen gemäßigt durch den von Herzlichkeit, verband ſich mit jenen Manieren. Als ſie im Hauſe des Marſchalls erſchien, verbarg eine ſtark zu⸗ ſammen gez e Schnürbruſt ihre allzuvolle Taille, ſo daß ſie ſich in ihrem Kleid von grauem Mohr gar nicht übel ausnahm. Eine ſchwarzſammetne Schweifkappe und reiche blonde Locken umgaben ihr noch ganz angenehmes fettes Geſicht mit dreifachem Kinn, dem ein angenehmer Blick und ein huldreiches Lächeln den Ausdruck des liebenswürdigſten Wohlwollens gaben. Dagobert trotz ſeiner üblen Laune und die beiden Schwe⸗ ſtern trotz ihrer Schüchternheit fühlten ſich gleich von vorn herein zu Gunſten der unbekannten Dame eingenommen. Die Fürſtin ging auf die Mädchen zu, machte ihnen eine zier⸗ liche halbe Verbeugung und ſagte mit ihrer eindringlichen Stimme! „Ich habe die Ehre, mit den Fräulein von Ligny zu ſprechen?“ . Roſa und Blanca, nicht gewohnt, ſich mit dem Ehren namen ihres Vaters nennen zu hören, errötheten und ſal „ — 26 — ſich einander verlegen an. Dagobert kam ihnen zu Hülfe und ſagte: „Ja, verehrte Frau, dieſe Fräulein ſind die Töchter des Marſchalls. Man nennt ſie aber gewöhnlich nur ſchlecht⸗ weg Fräulein Simon.“ „Ich wundere mich nicht,“ erwiderte die Fürſtin, „daß die liebenswürdigſte Beſcheidenheit eine der gewöhnlichen Tu⸗ genden der Töchter des Herrn Marſchalls iſt. Sie werden mich alſo gütigſt entſchuldigen, daß ich ſie mit dem ruhm⸗ vollen Namen genannt habe, welcher die unſterbliche Erin⸗ nerung eines der glänzendſten Siege ihres Vaters weckt.“ Bei dieſen ſchmeichelhaften freundlichen Worten warfen Roſa und Blanca einen Blick des Dankes auf die unbe⸗ kannte Dame, und Dagobert, beglückt durch dies dem Mar⸗ ſchall und ſeinen Töchtern geſpendete Lob, fühlte ſich immer vertrauensvoller gegen die Almoſenſammlerin geſtimmt. Die Fürſtin fuhr in rührendem Tone fort: „Ich komme zu Ihnen, Fräulein, voll Vertrauen auf die Beiſpiele edelmüthiger Frei⸗ gebigkeit, die Ihnen Ihr Herr Vater gegeben hat, Ihre Milde für die Opfer der Cholera anzurufen. Ich bin eine der Vorſteherinnen eines Hülfsvereins. Jede Gabe von Ihnen wird mit Dank angenommen werden.“ „An uns, Madame, iſt es, Ihnen für die Güte zu danken, daß Sie an uns für dies gute Werk denken,“ ſagte Blanca. „Erlauben Sie,“ fügte Roſa hinzu, „daß ich Alles hole, was wir Ihnen anbieten können.“ Und nachdem ſie einen Blick mit ihrer Schweſter gewechſelt, ging ſie in das anz, ſtoßende Schlafzimmer. Dagobert, durch die Worte und Manieren der Fürſtin immer mehr bezaubert, ſagte ehrerbietig: „Madame, erweiſen Sie uns die Ehre, Platz zu nehmen, bis Roſa mit ihrem Beutelchen wiederkommt.“ Und ihr einen Stuhl hinrückend, fuhr er fort: „Sie werden verzeihen, daß ich eine der Töchter des Marſchalls Simon kurzweg Roſa nenne Aber dieſe Kinder ſind unter meinen Augen zur Welt gekommen.“ „Und nächſt meinem Vater,“ fügte Blanca hinzu, „haben wir keinen liebevolleren Freund als Dagobert.“ „Ich glaube es gern, Fräulein,“ erwiderte die Betſchwe⸗ ſter, „denn Sie und Ihre liebliche Schweſter ſcheinen einer ſolchen Hingebung werth zu ſeyn, welche“ (hier wandte ſie — —— ſich gegen Dagobert) „eben ſo ehrenvoll iſt für die, welche ſie veranlaſſen, wie für den, welcher ſie beweiſt.“ „Ja, Madame,“ ſagte Dagobert, „ich mache mir eine Ehre daraus, und ich weiß warum. Aber da kommt Roſa mit ihrem Schatz.“ Roſa kam aus ihrer Kammer mit einem wohlgefüllten ſeidenen Beutelchen und überreichte es der Fürſtin. Dieſe hatte verſchiedene Male, ohne daß Dagobert es bemerkte, den Kopf nach der Thür umgedreht, als ob ſie jemand er⸗ warte. „Madame,“ ſagte Roſa, „wir möchten gern mehi geben, aber das iſt Alles, was wir haben.“ „Was? Gold?“ ſagte die Betſchweſter, indem ſie mehre Louisd'vr durch die Maſchen des Beutels blinken ſah. „Fräu⸗ lein, Ihre beſcheidene Gabe iſt von einer ſeltenen Reichlich⸗ keit. Gewiß war dieſe Summe für Ihre Vergnügungen, für Ihren Putz beſtimmt. Um ſo rührender iſt dies Geſchenk. O, ich hatte nicht zu viel von Ihrem edlen Herzen erwartet! Sie legen ſich Entbehrungen auf, die für Mädchen oft ſchmerz⸗ lich ſind.“ „Madame,“ erwiderte Roſa verlegen, „glauben Sie, dieſe 8½ iſt keine Entbehrung für uns.“ O, ich glaube Ihnen,“ ſagte huldvoll die Fürſtin. „Sie ſind zu hübſch, um der Hülfsmittel der Toilette zu bedürfen, und ihre Seele iſt zu ſchön, um nicht die Freude am Wohl⸗ thun jedem andern Genuß vorzuziehen.“ „Madame — —“ begann Roſa. „Nein, Fräulein,“ ſagte die Fürſtin lächelnd, indem ſie ihre gutmüthige Miene annahm, „laſſen Sie ſich durch dies Lob nicht beſchämen. In meinem Alter ſchmeichelt man nicht. Ich ſpreche zu Ihnen als Mutter — was ſage ich? — als Großmutter, denn ich bin alt genug dazu.“ „Wir würden uns glücklich ſchätzen,“ erwiderte Roſa, „wenn unſer Almoſen einige der Uebel lindern könnte, zu deren Erleichterung Sie milde Gaben ſammeln. Dieſe Uebel müſſen ſchrecklich ſein.“ „Gewiß ſind ſie ſchrecklich, “betheuerte mit betrübter die Betſchweſter. „Was einigen Troſt bei ſolchem Ungl gibt, iſt der Anblick der mitleidigen Theilnahme, welch in allen Klaſſen der Geſellſchaft erweckt. In meiner e — % — ſchaft als Almoſenſammlerin bin ich mehr als irgend jemand im Stand, die edle Hingebung zu würdigen, welche in ihrer Ark auch ſo zu ſagen anſteckend iſt Denn „Hören Sie, Fräulein?“ unterbrach Dagobert die Fürſtin, deren Worte er zur Unterſtützung ſeines Widerſpruchs gegen das Begehren der Mädchen, ihre kranke Gvuvernante zu be⸗ ſuchen, deuten wollte. „Hören Sie, was dieſe Dame ſagt? In gewiſſen Fällen wird die Hingebung anſteckend, und nichts iſt ſchlimmer als Anſteckung — 6 5 Dagobert wollte noch weiter reden, aber ein Diener kam herein und rief ihn hinaus. Aergerlich ſtand er auf und ſagte der Fürſtin milt der Miene des Einverſtändniſſes: „Mei⸗ nen Dank, Madame, für Ihren guten Rath in Betreff der Anſteckung der Hingebung. Sagen Sie gütigſt, ehe Sie gehen, dieſen Mädchen noch einige ſolche Worte, und Sie werden ihnen, ihrem Vater und mir einen großen Dienſt leiſten. Ich komme gleich wieder, denn ich muß Ihnen noch meinen Dank ſagen.“ Und indem er an den beiden Schwe⸗ ſtern vorüberging, flüſterte er ihnen zu: „Hören Sie wohl auf dieſe brave Dame. Sie können nichts beſſeres thun.“ Hierauf verbeugte er ſich ehrfurchtsvoll gegen die Fürſtin und ging hinaus. 5 S Die Betſchweſter verrieth nicht im Geringſten ihre Freude über die durch ſie heimlich veranlaßt Entfernung Dagoberts, welche ſie benutzen wollte, um die Anweiſungen Rodins zu befolgen. Mit der größten Unbefangenheit ſagte ſie zu den Mädchen: „Ich habe die letzten Worte Ihres alten Freundes nicht recht verſtanden, oder vielmehr ich glaube, er hat die meinigen falſch gedeutet. Als ich Ihnen vorhin von der edlen Anſteckung der Hingebung ſprach, war ich weit ent⸗ fernt, dies Gefühl zu tadeln, für welches ich im Gegentheil Bewunderung hege.“ „Nicht wahr?“ ſagte Roſa. „Gerade ſo hatten wir Ihre Worte verſtanden.“ Blanca warf einen Blick des Einverſtändniſſes auf ihre chweſter und ſagte zu der Dame: „Ach wenn Sie wüßten, wie gelegeh un dieſe Worte kommen!“ „Ich konnte ſicher ſeyn,“ erwiderte die Betſchweſter, „daß Herzen wie die Ihrigen mich verſtehen würden. Gewiß hat die Hingebung etwas anſteckendes. Aber dieſe Anſteckung iſt etwas edles, herviſches. Wenn Sie nur wüßten, von wie vielen rührenden Zügen ich täglich Zeuge bin! Preis und Dank ſei dafür dem Herrn geſagt. Alle Klaſſen der Geſell⸗ ſchaft wetteifern in chriſtlicher Liebe. In den Hoſpitälern, welche eilig errichtet worden ſind, um den von der Seuche Befallenen die erſte Pflege angedeihen zu laſſen, drängen ſich Arme und Reiche, Jünglinge und Greiſe und Frauen jeden Alters herzu und betrachten es als eine Gunſt, der frommen Ehre theilhaftig zu werden, ſo viele Unglückliche zu pflegen, zu ermuthigen, zu tröſten. . „Und die, welchen dieſe herzhaften Petſonen eine ſo leben⸗ dige Theilnahme ſchenken, ſind ihnen fremd!“ ſagte Roſa bewundernd zu ihrer Schweſter. „Gewiß,“ fuhr die Betſchweſter fort. „Sehn Sie, geſtern bin ich zu Thränen gerührt worden. Ich beſuchte ein — — ganz in der Nähe dieſes Hauſes errichtetes proviſoriſches Hoſpital. Einer der Säle war faſt ganz voll von armen Weibern, die ſterbend dahin gebracht worden waren. Auf einmal ſehe ich eine meiner Freundinnen hereinkommen, be⸗ gleitet von ihren beiden Töchtern, die lieblich und liebevoll ſind, wie Sie, und alle drei ſtellten ſich wie demüthige Die⸗ nerinnen des Herrn zur Verfügung der Aerzte.“ Die beiden Schweſtern wechſelten einen Blick, welcher be⸗ wies, daß die Worte der Fürſtin richtig berechnet waren. Von Rodin, der den Eindruck der Nachricht von der Er⸗ krankung der Gouvernante bemerkt hatte, war die Betſchwe⸗ ſter angewieſen worden, ſo zu reden. Sie beobachtete auf⸗ merkſam die Wirkung, welche ihre Worte hervorbrachten, und fuhr fort: „Sie können ſich denken, daß in der erſten Reihe diejenigen, welche ſich dieſem Liebesdienſt unterziehen, die Diener des Herrn ſtehen. Heut Morgen bin ich in dem er⸗ wähnten Hoſpital hier in der Nähe gleich vielen Andern von bering ergriffen worden beim Anblick eines Prieſters — was ſag' ich? — eines Engels, der vom Himmel herabge⸗ ſtiegen zu ſein ſchien, um dieſen armen Weibern die unaus⸗ ſprechlichen Tröſtungen der Religion zu bringen. Fa, dieſer junge Prieſter iſt ein Weſen aus einer höheren Welt! Wenn Sie, wie ich, wüßten, was unter dieſen traurigen Verhält⸗ niſſen der Abbé Gabriel — — “ „Der Abbé Gabriel!“ riefen die beiden Schweſtern mit einem Munde, indem ſie einen Blick freudiger Ueberraſchung wechſelten. „Kennen Sie ihn?“ fragte die Betſchweſter, ſich über⸗ raſcht ſtellend. „Ob wir ihn kennen!“ erwiderte Blanca. „Er hat uns das Leben gerettet.“ „Bei einem Schiffbruch, wo wir ohne ſeine Hülfe umge⸗ kommen wären,“ ergänzte Roſa. „Der Abbé Gabriel hat Ihnen das Leben gerettet? — — Sind Sie aber auch gewiß, daß Sie ſich nicht irren?“ „Nein, Madame,“ erwiderte Blanca. „Sie ſprechen von muthiger Hingebung. Das muß er ſein.“ „Und,“ fügte Roſa unbefangen hinzu, „Gabriel iſt leicht zu erkennen; er iſt ſchön wie ein Engel.“ „Er hat lange blonde Haare,“ ergänzte Blanca. „Und ſo ſanfte, gute blaue Augen, daß man gerührt wird, wenn man ihn anſieht.“ „Ganz recht!“ rief die Fürſtin. „Er iſts. Nun werden Sie begreifen, wie er verehrt wird und welche Nacheiferung ſein Beiſpiel erweckt. Ach, wenn Sie dieſen Morgen gehört hätten, mit welcher Bewunderung er von den edlen Frauen ſprach, welche den hohen Muth haben, ihre Schweſtern an dieſer Stätte des Jammers zu pflegen! — Der Herr ge⸗ bietet uns Demuth; aber ich geſtehe, ich konnte mich eines gewiſſen frommen Stolzes nicht erwehren, indem ich meinen Antheil an dieſem Lobe nahm.“ „ „Hörſt Du, Roſa?“ ſagte Blanca. „Wie ſtolz darf man ſein, ſolches Lob zu verdienen!“ „Ja,“ rief die Fürſtin, „man darf ſtolz darauf ſein, denn im Namen der Menſchheit und im Namen des Herrn ertheilt der Abbé Gabriel dies Lob. Es iſt, als ob Gott durch ſei⸗ nen begeiſterten Mund ſpräche.“ Roſas Herz klopfte vor Begeiſterung bei dieſen Worten. Verehrte Frau,“ ſagte ſie, „wir haben keine Mutter mehr, und unſer Vater iſt abweſend. Sie haben ein ſo edles Herz, daß —— —— —— — — — — 31 — wir uns an niemand beſſer wenden können als an Sie, um Rath zu erbitten.“ „Welchen Rath, liebes Kind?“ fragte die Fürſtin in ein⸗ ſchmeichelndem Ton. „Erlauben Sie mir, daß ich Ihnen dieſen Namen gebe, der zu meinem und Ihrem Alter paßt.“ „Es wird uns angenehm ſein, uns ſo nennen zu hören,“ entgegnete Blanca. „Unſere Gouvernante, welche uns ſtets die größte Zuneigung bewieſen hatte, iſt dieſe Nacht von der Cholera ergriffen worden — —“ „Ei du mein Gott!“ rief die Betſchweſter. „Und wie geht es ihr?“ „Ach, Madame, wir wiſſen es nicht!“ „Wie? Sie haben ſie noch nicht geſehen?“ „Klagen Sie uns nicht der Gleichgültigkeit oder des Un⸗ danks an,“ erwiderte Blanca traurig. „Es iſt nicht unſere Schuld, daß wir nicht ſchon bei unſerer Gouvernante ſind.“ „Ei, wer hindert Sie denn hinzugehen?“ „Dagobert, unſer alter Freund, den Sie vorhin hier ge⸗ ſehen haben.“ * „Er? Warum iſt er denn dagegen, daß Sie eine Pflicht der Dankbarkeit erfüllen?“ „Alſo es iſt wirklich unſere Pflicht, zu ihr zu gehen?“ fragte Roſa. Die Fürſtin ſah die Mädchen, eine um die andere mit der Miene höchſten Erſtaunens an und antwortete: „Sie fragen mich, ob das Ihre Pflicht iſt? Sie, ſo edelmüthig, können mir eine ſolche Frage ſtellen?“ „Sein Sie verſichert,“ entgegnete Blanca, „daß unſer erſter Gedanke geweſen iſt, zu ihr zu eilen. Aber Dagobert hat uns ſo lieb, daß er ſtets für uns zittert.“ „Und dann,“ fügte Roſa hinzu, „hat unſer Vater uns ihm anvertraut. In ſeiner zärtlichen Sorgfalt für uns macht er ſich eine übertriebene Vorſtellung von der Gefahr, welcher wir uns durch einen Beſuch bei unſerer Gouvernante aus⸗ ſetzten.“ Die Betſchweſter erwiderte: „Die Bedenklichkeiten dieſes wackeren Mannes ſind zu entſchuldigen. Aber ſeine Be⸗ fürchtungen ſind, wie Sie ſagen, übertrieben. Seit vielen Tagen beſuche ich die Hoſpitäler, mehre meiner Freundinnen — — thun dasſelbe, und bis jetzt haben wir noch nicht das Min⸗ deſte von der Krankheit verſpürt. Denn daß ſie nicht an⸗ ſteckt, iſt jetzt erwieſen; alſo beruhigen Sie ſich.“ „Mag Gefahr dabei ſein oder nicht — unſere Pflicht ruft uns zu unſerer Gouvernante,“ ſagte Roſa. „Liebe Kinder,“ ſprach die Fürſtin ſalbungsvoll, „ich glaube es. Wenn Sie es nicht thäten, würde die gute Frau Sie vielleicht des Undanks und der Feigheit beſchuldigen. — Es handelt ſich aber nicht bloß darum, die Achtung der Welt zu verdienen, ſondern vielmehr noch die Gnade des Herrn zu erwerben für ſich — — und für die Seinigen? Nicht wahr, Sie haben das unglück gehabt, Ihre Mutter zu ver⸗ lieren?“ „Leider! ja,“ antwortete Blanca. „Nun, liebe Kinder, es iſt freilich wol kein Zweifel, daß ſie im Paradieſe iſt bei den Auserwählten — denn ſie iſt doch wol als Chriſtin geſtorben? — ſie hat doch wol die letzten Sacramente unſerer heiligen Kirche empfangen?“ „Madame,“ antwortete Roſa betrübt, „wir lebten in Sibirien, in einer Wüſte. Unſere Mutter ſtarb an der Cho⸗ lera. Es war kein Prieſter in der Nähe, um ihr Beiſtand zu leiſten.“ „Iſts möglich?“ rief die Betſchweſter mit der Miene der Beſorgniß. „Ihre Mutter iſt ohne den Beiſtand eines Die⸗ ners des Herrn geſtorben?“ Mit Thränen in den Augen antwortete Roſa: „Nach ihrem Tod haben wir bei ihrer Leiche gewacht und gebetet, wie wir beten konnten. Und dann hat Dagobert ſie be⸗ graben.“ „Ach, liebe Kinder!“ rief die Betſchweſter, tiefe Rieder⸗ geſchlagenheit erheuchelnd. „Was iſt Ihnen?“ fragten die Mädchen erſchrocken. „Ach! Ihre Mutter iſt ungeachtet ihrer Tugenden noch nicht im Paradies?“ „Was ſagen Sie?“ „Leider iſt ſie geſtorben, ohne die Sacramente empfangen zu haben, folglich irrt ihre Seele noch unter den Seelen im Fegfeuer herum, auf die Stunde der Erbarmung des Herrn harrend. Ihre Erlöſung kann aber beſchleunigt werden durch ——— ——— ———— — * ℳ „ . — . S — 33 — das Gebet, welches Käglich in den Kirchen für ſolche Seelen verrichtet wird.“ Die“ Betſchweſter ſah an den Geſichtern der Mädchen, daß ihre Heuchelworte die gewünſchte Wirkung““ hervorbrachten, und fuhr fort: „Sie dürfen nicht verzweifeln, liebe Kinder. Früher oder ſpäter wird der Herr Ihre Mutter nen die Stunde ihrer Erlöſung näher rücken.“ . „Wie?“ fragten die Mädchen, in ihrer Einfalt geneigt, in ſein heiliges Paradies rufen, und Sie, liebe Kinder, kön⸗ k 7 Ihre Worte laſſen uns für unſere Mutter zittern.“ „Arme Kinder! welche Theilnahme verdienen Sie!“ ſagte die Fürſtin, mit ſcheinbarer Rührung ihre Hände drückend. der Heuchlerin unbedingt zu glauben. „O ſprechen e W „Ich ſage Ihnen, beruhigen Sie ſich. Sie können viel für F Ihre Mutter thun. Leichter als irgend jemand können Sie erlangen, daß der Herr Ihre Mutter aus dem Fegfeuer in ſein heiliges Paradies aufnimmt.“ „Wir? O Gott! wie denn?“ „ „Dadurch, daß Sie die Gnade des Herrn durch einen er⸗ baulichen Wandel erwerben. So z. B. können Sie ihm nicht angenehmer ſein, als indem Sie dieſe Handlung der Hingebung und Dankbarkeit gegen Ihre Gouvernante verrich⸗ ten. Ich bin überzeugt, dieſer Beweis chriſtlichen Eifers, wie der heilige Abbé Gabriel ſagt, wird von dem Herrn“ berückſichtigt werden für die Erlöſung Ihrer Mutter; denn in ſeiner Güte nimmt der Herr beſonders günſtig die Für⸗ bitten von Töchtern auf, die zur Erlangung der Begnadigung ihrer Mütter dem Himmel edle und heilige Handlungen dar⸗ bringen.“ „Alſo es handelt ſich nicht mehr bloß um unſere Gouver⸗ % nante?“ rief Blanca. 3 „Da kommt Dagobert!“ ſagte Roſa horchend. G 4 „Faſſen Sie ſich!“ redete die Fürſtin den Mädchen ange⸗ legentlich zu; „beruhigen Sie ſich. Sagen Sie dem braven Mann nichts von dem Allen. Er würde ſich ohne Noth gſtigen und vielleicht Ihrem edlen Vorhaben Hinderniſſe in den Weg legen.“ * „Aber wie ſollen wir erfahren, wo unſere arme Gouver⸗ nante iſt?“ fragte Roſa. Wir wollen es ſchon erfahren,“ flüſterte die Fürſtin! X. 3 — 3 * 8 * — 1 = 31 —= „verlaſſen Sie ſich auf mich. Ich komme wieder und wir — ₰ machen zuſammen einen Anſchlag — ja, einen Anſchlag zur Erlöſung der Seele Ihrer Mutter.“ Kaum hatte die Betſchweſter dieſe letzten Worte gemunkelt, ſo trat der Soldat mit heiterer Miene ein. Er bemerkte nicht die Gemüthsbewegung, welche die Mädchen nicht ſo⸗ gleich verhehlen konnten. Die Fürſtin lenkte ſeine Aufmerk⸗ ſamkeit davon ab, indem ſie aufſtand, zu ihm trat und ſagte: A S „Ich habe von den Fräulein nicht Abſchied nehmen wollen, ohne gegen Sie, lieber Herr, das Lob auszuſprechen, welches ihre ſeltnen Eigenſchaften verdienen.“ 7* „Was Sie ſagen, Madame, wundert mich nicht,“ erwi⸗ derte Dagobert. „Nichts deſto weniger macht es mich glück⸗ — lich. Nicht wahr, Sie haben dieſen eigenſinnigen Köpfchen 6 ℳ den Tert geleſen über die anſteckende Hingebung?“ „Sein Sie außer Sorgen,“ antwortete die Betſchweſter, ollen Blick mit den Mädchen wechſelnd. einen bedeutungsv „Ich habe ihnen Alles geſagt, was ſich gehört. Jetzt ver⸗ 6 Dieſe Wort hm liebreich Abſchied von den Mädchen und ſtieg wieder in na ihren Wagen. Wenige Schritte vom Haus harrte Rodin ſtehen wir uns.“ e befriedigten den Alten vollkommen. Die Fürſtin Beſuch abgelaufen ſei. S ihrer in ſeinem Fiacre, um von ihr zu erfahren, wie der Fünftes Kapitel. Die Sülfsanſtalt. — Unter den vielen Krankenanſtalten, die zur Zeit der Cho⸗ lera in allen Quartieren vo ren, vefand ſich eine in dem weitläufigen Erdgeſchoß eines Hauſes in der Montblanc⸗Straße, welches, damals leer ſtehend, von 3 dem Eigenthümer edelmüthiger Weiſe der Behörde überlaſen worden war. An dieſen Ort wurden diejenigen n Paris eröffnet worden waren, unbemitteten * Cholerakranken gebracht, deren Zuſtand allzubedenklich ſchien, als daß man ſie in die ordentlichen Hoſpitäler hätte bringen mögen. Zum Lob der pariſer Vevölkerung muß man ſagen, daß in dieſe Hülfsanſtalten nicht bloß reichliche Geſchenke floſſen, ſondern daß auch dort Leute von allen Ständen, Vornehme, Arbeiter, Gewerbleute, Künſtler *), Tag und Nacht Dienſt thaten, um in den eilends errichteten Spitälern Ordnung herzuſtellen, Aufſicht zu führen und den Aerzten in 3 Ausführung ihrer Vorſchriften für die Cholerakranken an die Hand zu gehen. Frauen jedes Standes waren von gleichem Eifer der Bruderliebe ergriffen, und wenn wir uns nicht hüten müßten, der Beſcheidenheit der Betreffenden zu nahe zu treten, könnten wir unter tauſend Beiſpielen zwei liebliche junge Damen anführen, die eine dem Adel, die andere dem . reichen Bürgerſtande angehörig, welche in den ſechs Tagen der größten Wuth der Seuche jeden Morgen erſchienen, um mit barmherzigen Schweſtern die gefahrvolle Krankenpflege zu theilen. Solche Beiſpiele von Bruderliebe beweiſen, wie nichtig die kecken Behauptungen gewiſſer Ultramontanen **) ſind. Sie Unter den Künſtlern freuen wir uns, Hrn. Froment⸗Meurice anführen zu können, welcher die Güte gehabt hat, uns merkwür⸗ atiſtiſche Documente über die Krankheit mitzutheilen. Er wär unter den Erſten, welche in dem von der Seuche am ſtärkſten heimgeſuchten Quartier des Stadthauſes ein Hülfsſpital zum Heil der ärmeren Klaſſe errichteten. Wir zählen ihn unter die Künſtler, 1 weil er die Goldarbeiterei bedeuten“ vorwärts gebracht hat und 1 als ausgezeichneter Ciſelirer durch die Vollendung, den Geſchmack, die Originalität und die Großartigkeit ſeiner Arbeiten auf den Bei⸗ 6 namen des franzöſiſchen Benvenuto Anſpruch machen darf. Wir bedauern, daß wir nicht die demnächſt erſcheinenden Verſe von Victor Hugo an Hrn. Froment⸗Meurice anführen können. 6 **) Wir machen hei dieſer Gelegenheit auf den unbegreiflichen ₰ Hirtenbrief des Hrn. v. Bonald, Cardinalerzbiſchofs von Lyon, Primas von Gallien u. ſ. w. aufnerkſam. In dieſer komiſch⸗ frömmelnden Predigt macht Hr. v. B. närriſche Witze über die Werke des Verfaſſers dieſer Erzählung, welcher die Unannehmlich⸗ keit hat, von Hrn. v. B. und ſeinen Gevattern zu Langres, zu Fhalons, zu Chartres u. ſ. w. in Bann gethan zu ſein. Dieſe itze haben uns über die Maßen ergötzt, und wir geben herzlich 36 — oder ihre Mönche wollen allein in Kraft ihrer Losmachuug von allen irdiſchen Banden fähig ſein, der Welt die wunder⸗ baren Beiſpiele von Selbſtverleugnung und Nächſtenliebe zu geben, auf welche die Menſchheit ſtolz iſt. Wenn man ihnen glaubt, ſo läßt ſich nichts mit dem Muth und der Hingebung eines Prieſters, der einem Sterbenden das Sacrament reicht, vergleichen, und nichts iſt bewunderungswürdiger als ein Trappiſt, welcher (man glaubt es kaum!) die evangeliſche Selbſtverleugnung ſo weit treibt, daß er Ländereien, die ſei⸗ nem Orden gehören, urbar macht und bebaut. — Land ackern und beſäen, deſſen Ertrag dem Sämann gehört! Es iſt etwas ungeheures! Wir erkennen das Gute an einem guten Prieſter an; aber wir fragen: Sind ſie Mönche oder Weltgeiſtliche, dieſe Armen⸗ ärzte, welche zu jeder Stunde des Tages und der Nacht an das Krankenbett der Dürftigen eilen? — dieſe Aerzte, welche bei der Cholera tauſend Mal ihr Leben eben ſo uneigen⸗ nützig wie unerſchrocken preisgegeben haben? — dieſe Ge⸗ ———— gern dem ehrwürdigen und ſinnreichen Primas von Gallien die Abſolution dafür, wofern ſeine Schnurrpfeifereien ſeine Schafe irgend erheitert haben. Die Heiterkeit iſt etwas ſeltenes und wohl⸗ thuendes. Eine Bocksbeutelei noch ganz anderer Art iſt es, vom erzbiſchöflichen Thron herab zu behaupten, daß das Gefühl der Bruderliebe das ausſchließliche Eigenthum der Ultramontanen ſei, und daß ſich außerhalb der Pfaffenpartei nur Selbſucht und Hart⸗ herzigkeit finde. Wir bitten den witzigen und ehrwürdigen Cardi⸗ nalerzbiſchof, ſich zu beruhigen. Um dem Beiſpiel, welches wir zum Beweis unſerer entgegengeſetzten Meinnng anführen wollen, mehr Gewicht zu geben, wählen wir es aus einer ganz ungläubigen Klaſſe, etwa der Klaſſe der Loretten. Wir wetten mit dem Primas von Gallien 25 Louis zum Beſten der Armen, daß die Summe der guten Werke mehrer dieſer Mädchen in Unterſtützung von armen Weibern und Kindern gleich kommt den Almoſen, welche von einer gleichen Zahl von Domherren im Kapitel des Primas verabreicht werden — den Domherrn mitgerechnet, der in einem Tractätlein ſeine Schmähungen über uns ausgegoſſen hat. Dieſe Schmähun⸗ gen ſind ſo dumm, daß wir ihnen doch weit die Altenmannswitze des ſinnreichen Primas Galliarum vorziehen, eingedenk des Sp uchs von Anakreon: „Sanfte Luſtigkeit ſteht Greiſen gar wohl on; lieblich iſt's, die friſche Farbe der Roſe vermiſcht mit dem Glam der Silberhaare zu ſehen.“ — 5 . wenn er ſich in dem Zuſtand verhältnißmäßigen Glücks be⸗ lehrten, welche aus Liebe zur Wiſſenſchaft und zur Menſch⸗ heit als eine Gnade und Ehre den Auftrag erbeten haben, in Spanien, wo das gelbe Fieber die Bevölkerung zehntete, dem Tod zu trotzen? War es das Celibat, die Entſagung, welche dieſen Männern die Kraft gab? Machte der Gedanke an ihre Vergnügungen oder an ihre Familienpflichten ſie ſchwankend in der Erfüllung ihrer Pflicht? Rein. Sie er⸗ füllten ſie, ohne deshalb auf die Freuden der Welt zu ver⸗ zichten. Die meiſten von ihnen hatten Weiber und Kinder, und eben weil ſie die Freuden des Familienlebens kannten, hatten ſie den Muth, ſich dem Tod auszuſetzen, um die Gattin oder die Kinder ihres Nebenmenſchen zu retten. Wenn ſie ſo wacker Gutes thaten, ſo geſchah es, weil ſie dem Willen des Schöpfers gemäß lebten, der den Menſchen für die Familie gemacht hat, und nicht für die unfruchtbare Ein⸗ ſamkeit des Kloſters. — Sind ſie Trappiſten, dieſe Millionen armer Feldarbeiter, die Land, was nicht ihnen gehört, urbar machen im Schweiß ihres Angeſichts für einen Lohn, welcher zu den dringendſten Bedürfniſſen ihrer Kinder nicht ausreicht? — Sind ſie Mönche oder Weltgeiſtliche, die un⸗ erſchrockenen Männer, welche ſich zu jeder Stunde des Tags oder der Nacht in die Flammen ſtürzen, um Gut zu retten, das nicht ihnen gehört, um Menſchen zu retten, die ſie nicht kennen? und das ohne finſteren Stolz, ohne Vorrecht, ohne andern Lohn als ihr Soldatenbrod, ohne andere Auszeich⸗ nung als ihren Soldatenrock, ohne ſich einfallen zu laſſen, daß ſie den Muth und die Hingebung gepachtet hätten, und daß ſie dereinſt ein wenig heilig geſprochen werden würden? Und doch glauben wir, daß manche unerſchrockene Sapeurs, die ihr Leben in zwanzig Feuersbrünſten in die Schanze ge⸗ ſchlagen, die Greiſe, Weiber und Kinder aus den Flammen gerettet und Städte vor Einäſcherung bewahrt haben, bei Gott und Menſchen wenigſtens eben ſo viel Verdienſt haben, wie St. Polyearpus, St. Fructuoſus, St. Privatus u. A. Durch die Sittenlehre aller Zeiten, Völker und Philoſo⸗ phien, durch die fortſchreitende Mündigwerdung der Menſch⸗ heit ſind Nächſtenliebe und Hingebung faſt natürliche Triebe geworden und entwickeln ſich wunderbar bei dem Menſchen, — findet, wofür der Schöpfer ihn gemacht hat. Die ränkeſüch⸗ tigen, lärmſchlagenden Ultramontanen haben nicht allein, wie ſie glauben machen möchten, die Lehre der Hingebung des Menſchen für den Menſchen, der Selbſtverleugnung des Ge⸗ ſchöpfs für das Geſchöpf bewahrt. In Theorie und Praris iſt Mare Aurel ſo gut wie St. Johann, Plato ſo gut wie Auguſtin, Confucius ſo gut wie St. Chryſoſtomus. Vom Alterthum bis auf unſere Tage haben Mutterliebe, Freund⸗ ſchaft, Gattenliebe, Wiſſenſchaft, Ruhm und Freiheit, ein Heer von Heiligen und Märtyrern den Heiligen und Mär⸗ tyrern des Kalenders gegenüberzuſtellen. Und wir wiederholen es nie haben die Mönchsorden, welche ſich am meiſten ihrer Hingebung für die Menſchheit rühmen, mehr für ihre Brüder gethan, als in den ſchrecklichen Tagen der Cholera ſo manche lebensluſtige junge Männer und Weiber, heidniſche Künſtler, pantheiſtiſche Schriftſteller und materialiſtiſche Mediciner. Zwei Tage waren ſeit dem Beſuch der Fürſtin von St. Dizier bei den Töchtern des Marſchalls Simon verfloſſen. Es war etwa zehn Uhr Morgens. Die Leute, welche während der Nacht den freiwilligen Dienſt bei den Kranken in der Hülfs⸗ anſtalt in der Montblanc⸗Straße verſehen hatten, ſollten durch andere freiwillige Diener abgelöſt werden. Einer der letzteren, welcher eben ankam, fragte: „Nun, meine Herren, wie ſtehts? Hat die Zahl der Kranken dieſe Nacht abge⸗ nommen?“ „Leider nein,“ antwortete einer der Erſteren. „Aber die Aerzte meinen, die Anſteckung habe jetzt ihren höchſten Grad erreicht. Alſo bleibt wenigſtens Hoffnung, ſie abnehmen zu ſehen.“ „Iſt keiner von den Herrn, die wir ablöſen, von der Krank⸗ heit ergriffen worden?“ „Wir waren unſerer elf, als wir geſtern kamen. Dieſen Morgen ſind unſerer nur noch neun.“ „Das iſt traurig. Sind dieſe beiden raſch ergriffen worden.“ „Bei dem einen (er war ein fünfundzwanzigjähriger beur⸗ laubter Cavalerieofficier) war die Wirkung blitzähnlich. In weniger als einer Viertelſtunde war er todt. Obwohl der⸗ gleichen Fälle nichts ſeltenes ſind, waren wir doch bei dieſem wie betäubt.“ „Der arme junge Mann!“ — 39 — „Er hatte für Jeden ein Wort der an der Hoffnung. Mehre Kranke, welche weniger die Cholera als Furcht vor der Cholera hatten, ſind auf dieſe Weiſe von ihm geheilt worden, ſo daß ſie die Anſtalt verlaſſen konnten.“ „Jammerſchade um einen ſo wackeren jungen Mann! Nun, er iſt mit Ruhm geſtorben. Es gehört eben ſo viel Muth dazu, ſo zu ſterben, wie auf dem Schlachtfeld.“ „An Eifer und Muth kam ihm nur Einer gleich, ein jun⸗ ger Geiſtlicher mit einem Engelsgeſicht. Die Leute nennen ihn Abbé Gabriel. Er iſt unermüdlich. Kaum daß er ſich ein paar Stunden Ruhe gönnt. Er lauft von Einem zum Andern, iſt Allen Alles, und vergißt Keinen. Seine Tröſtun⸗ gen, die aus dem Herzen kommen, ſind keine abgedroſchenen handwerksmäßigen Redensarten. Ich habe ihn weinen ſehen beim Tod einer armen Frau, welcher er nach einem ſchreck⸗ lichen Todeskampf die Augen zugedrückt hatte. O, wenn alle Geiſtlichen ihm glichen!“ „Gewiß, ein guter Prieſter iſt verehrungswürdig. — Aber welcher andere von Ihnen iſt dieſe Nacht geſtorben?“ „Laſſen Sie mich davon ſchweigen. Das war etwas ent⸗ ſetzliches!“ „Ein augenblicklich tödtender Choleraanfall.“ „Wäre es das, dann würde ich es nicht ſo entſetzlich finden?“ „Was war es denn?“ „Das iſt eine lange Unglücksgeſchichte. Vor drei Tagen ward ein Menſch als cholerakrank hieher gebracht, von wel⸗ chem Sie vermuthlich gehört haben, der Thierbändiger, welcher ganz Paris an die Martinspforte gelockt hat.“ „Ich weiß, wen Sie meinen. Er hieß Morok. Er ſpielte eine Art Scene mit einem zahmen Panther.“ „Ganz recht. Ich ſelber habe einer ſeltſamen Vorſtellung beigewohnt, an deren Ende ein Indier, wie es heißt in Folge einer Wette, auf die Bühne geſprungen iſt und den Panther getödtet hat.“ „Nun ſtellen Sie ſich vor, bei dieſem Morok, der als cholerakronk erkannt war, iſt plötzlich eine entſetliche Krank⸗ heit zum Ausbruch gekommen.“ „Was für eine?“ * — „Die Waſſerſcheu.“ „Er iſt wüthend geworden?“ „Ja. Er hat geſtanden, vor einigen Tagen von einer der Doggen, die ſeine Menagerie hüten, gebiſſen worden zu ſein. Leider hat er dies Geſtändniß erſt nach dem ſchrecklichen An⸗ fall gemacht, welcher unſerm unglücklichen Freund das Leben gekoſtet hat!“ „Wie iſt denn das zugegangen?“ „Morok lag mit drei andern Kranken in einem Zimmer. Plötzlich verfiel er in Raſerei, ſprang auf, ſtieß wildes Ge⸗ ſchrei aus und lief wie toll auf den Gang. Unſer Freund will ihn aufhalten. Die Wuth Moroks ſteigert ſich, er wirft ſich auf den Mann, beißt und zerfleiſcht ihn und verfällt endlich in gräuliche Zuckungen.“ „Sie haben Recht; das iſt entſetzlich! Und der Kran⸗ kenpfleger?“ „Iſt dieſe Nacht unter ſchrecklichen Leiden an einer Hirn⸗ entzündung geſtorben.“ „Und Morok?“ „Er wurde geknebelt in dem Zuſtand der Ermattung, der gewöhnlich auf ſolche Ausbrüche der Wuth folgt. Er ſoll in ein Spital gebracht werden, und iſt einſtweilen in einer Kammer oben eingeſperrt.“ „Er iſt wohl nicht zu retten? „Er iſt vielleicht ſchon todt. Die Aerzte gaben ihm keine 24 Stunden mehr zu leben.“ Vorſtehendes Geſpräch fand in einem Zimmer ſtatt, welches durch zwei Thüren mit den Krankenſälen und durch eine dritte mit der Vorhalle nach dem Hof zu in Verbindung ſtand. Einer der beiden Sprechenden ſah durch das Fenſter in den Hof und ſagte zu dem andern: „Sehn Sie einmal, welche hübſche Mädchen dort aus dem ſchönen Wagen ſteigen. — Eine wie die andere! — Eine ſolche Aehnlichkeit iſt mir noch nicht vorgekommen.“ „Es ſind gewiß Zwillinge. Die armen Kinder trauern. Vielleicht haben ſie einen Vater oder eine Mutter zu be⸗ weinen.“ „Es ſcheint, ſie kommen hieher.“ „Ja, ſie kommen die Treppe herauf.“ * — Bald darauf traten Roſa und Blanca in das Zimmer. Ihre Haltung war ſcheu, obwohl in ihren Blicken ein Aus⸗ druck fieberhafter Entſchloſſenheit lag. Der eine der beiden Männer trat zu ihnen und ſagte mit zuvorkommender Höf⸗ lichkeit: „Wünſchen Sie etwas, Fräulein?“ „Iſt hier nicht die Hülfsanſtalt?“ fragte Roſa. „Ja, Fräulein?“ antwortete der Mann. „Eine Frau Auguſtine du Tremblay ſoll vor einigen Ta⸗ gen hierher gebracht worden ſein. Könnten wir ſie ſehen?“ „Fräulein, ich muß Ihnen bemerklich machen, daß der Eintritt in die Krankenſäle gefährlich iſt.“ In ſanftem und feſtem Ton, der verrieth, daß ſie keine Gefahr achteten, entgegnete Roſa: „Es iſt eine ſehr werthe Freundin, die wir zu ſehen wünſchen.“ „Uebrigens,“ fuhr der Mann fort, „kann ich Ihnen nicht ſagen, ob die Perſon, welche Sie ſuchen, hier iſt. Wollen Sie ſich aber in das Zimmer dort links bemühen, ſo werden Sie die Schweſter Martha finden, welche den Frauenſaal unter ihrer Obhut hat und Ihnen die gewünſchte Auskunft geben kann.“ Blanca dankte artig, und beide Schweſtern gingen in die bezeichnete Stube. „Hübſche Mädchen,“ ſagte der eine Mann. „Es wäre Jammerſchade, wenn — —“ Ein furchtbares Getöſe, vermiſcht mit Angſtgeſchrei, drang aus den Krankenſälen in das Zimmer der Krankenpfleger. Zwei der Thüren dieſes Gemachs flogen auf, und eine Maſſe voñ Kranken, meiſt halb nackt, bleich und abgezehrt, ſtürzte herein unter dem Ruf: „Hülfe! der Tolle!“ Dies Menſchen⸗ gewimmel drängte ſich nach der in die Vorhalle führenden Thür. Einige ſtürzten übereinander, andere balgten ſich, um zuerſt hinaus zu kommen. In dem Augenblick, wo der letzte von ihnen auf ſeinen blutigen Händen hinauskroch, erſchien Morok an der entgegengeſetzten Thür. Um ſeine Lenden war ein Fetzen von einer Decke geſchlungen. Sein blutrün⸗ ſtiger Oberleib war nackt, desgleichen ſeine Beine, an welchen man noch Stücke der von ihm zerriſſenen Bande ſah. Sein Haupt⸗ und Barthaar war geſträubt, ſeine gläſernen Augen rollten mit irrem Blick in ihren Höhlen. Schaum ſtand auf ſeinen Lippen. Von Zeit zu Zeit ſtieß er heiſeres Geſchrei aus. Er bewegte ſich in Sprüngen wie ein wildes Thier, ſeine Hände mit gekrümmten Fingern vorſtreckend. In dem Augenblick, wo er die Thür erreichte, durch welche die Kran⸗ ken und zuletzt auch die beiden Krankenpfleger entflohen wa⸗ ren, warfen letztere die Thür zu und verſchloſſen ſie von außen. Ein Gleiches geſchah von den andern Krankenpflegern mit den beiden nach den Krankenſälen führenden Ausgängen. Morok, der ſich ſo eingeſperrt ſah, ſprang nach dem Fenſter, um ſich in den Hof zu ſtürzen. Aber der Schimmer der Fenſterſcheiben erweckte in ihm den bei Waſſerſcheuen ge⸗ wöhnlichen Widerwillen, und er wandte ſich wieder nach den Thüren, die man hinter und vor ihm verſchloſſen hatte. Die Krankenpfleger ſahen durch die Fenſterſcheiben, wie er an dieſen Thüren riß und ſtieß und, als dies nichts half, unter Gebrüll längs den Wänden hinlief, wie ein wildes Thier, welches einen Ausgang aus ſeinem Käfig ſucht. Plötz⸗ lich ſtießen die Zuſchauer einen Schrei der Angſt und des Entſetzens aus. Sie bemerkten, wie Morok den Knopf der in Martha's Zimmer führenden Thür gefaßt hatte und dieſe Thür halb aufriß, während die barmherzige Schweſter und die beiden Mädchen die Thür zuzuhalten ſuchten. Sechstes Kapitel. Die Waſſer ſcheu. — Neben den Krankenpflegern hatten auch einige der in den Hof geflüchteten Kranken ſich an die Fenſter des Zimmers gedrängt, in welchem Morok herumtobte. Ihre Ausrufungen: „Die Schweſter iſt verloren! — Die Thür gibt nach! — Aus dem Stübchen iſt kein anderer Ausgang! — Zwei Mäd⸗ chen in Trauerkleidern ſnd hei ihr — Dieſe Ausrufungen erfüllten die Uebrigen mit neuem Entſetzen. Der eine Kran⸗ kenpfleger ſagte zu dem andern? „Kommen Sie! Wir kön⸗ — — 4₰ — 43 — nen die armen Perſonen nicht dieſem Raſenden überlaſſen!“ Beide eilten zurück nach der Freitreppe. Aber einige Kranke warfen ſich ihnen in den Weg und hielten ſie zurück unter dem Ausruf: „Es iſt zu ſpät! Sie ſetzen ſich vergebens aus!“ Gleichzeitig riefen Andere: „Der Abbé Gabriel!“ Gabriel war eben bei einer Kranken im oberen Stockwerk auf der andern Seite des Hofs beſchäftigt, als er das Ge⸗ töſe hörte und von einem Wärter erfuhr, Morok ſei durch eine Luke aus ſeiner Dachkammer herausgebrochen. Sogleich befahl er dem Wärter, ein Kohlenbecken mit glühenden Eiſen, deren ſich die Aerzte in manchen Cholerafällen bedienten, zu nehmen und ihm durch den Hof zu folgen. Bleich aber mit dem Ausdruck ruhiger Entſchloſſenheit drängte er ſich durch die im Hof verſammelren Kranken hindurch. In dem Augen⸗ blick, wo er ſich der Thür des Pflegerzimmers näherte, rief ihm einer der Kranken unter der Vorhalle mit kläglicher Stimme zu: „Herr Abbé, es iſt vorbei! Die im Hof durch die Fenſter ſehen, ſagen, die Schweſter Martha ſei verloren!“ Ohne auf dieſe Worte zu achten, drehte Gabriel den Schlüſſel herum und ſagte zu dem Wärter mit dem Kohlenbecken: „Halten Sie ſich hier bereit und ſchließen Sie hinter mir zu.“ Hierauf eilte er in das Zimmer, wo Morok die Thür zum Stübchen Marthas faſt völlig aufgeriſſen hatte. Als der Raſende hinter ſich eilige Tritte hörte, wandte er ſich um und ſtürzte brüllend auf den Miſſionär los. Gabriel packte ihn an den vorgeſtreckten Händen und ſuchte ihn nie⸗ derzudrücken. Einen Augenblick ſtreckte Morok den Kopf vor, um ſeinen Gegner zu beißen, dann ließ er Kopf und Knie ſinken und ſchloß die Augen. Gabriel hielt ihn für ohnmächtig. Plötzlich aber richtete ſich der Raſende wieder auf und ſchlang ſeine Arme um Gabriel, der ihn losgelaſſen hatte. Dieſer rang ſich ſchnell von ihm los, brachte ihn durch Unterſchlagen eines Beins zum Fall, vackte ſeine Hände und hielt ihn mit dem Knie auf dem Boden. Er glaubte ihn unſchädlich gemacht zu haben und wandte den Kopf um, Hülfe herbei zu rufen, als Morok ſich halb aufrichtete und ſich in ſeinen linken Arm einbiß. Gabriel ſtieß einen Schrei des Schmerzes und Entſetzens aus. In dieſem Augenblick drangen einige ſtarke beherzte Leute mit dem Wärter, der das Kohlenbecken trug, zur Thür herein. Einer hatte ſich mit einer wollenen Decke verſehen und warf ſie dem Raſenden über den Kopf, während Gabriel ſeinen Arm aus deſſen Zähnen losriß. Die andern hatten Stricke und knebelten ihn. Gabriel ſtand auf, entblößte ſeinen Arm, auf welchem ſich die blutende Bißwunde zeigte, ergriff eins der glühenden Eiſen und brannte mit ſicherer Hand zwei Mal die Wunde aus. Die Zuſchauer bewunderten ſeine kaltblütige Ruhe. Aber die Nachwirkung der übermäßigen Anſtrengung und heftiger Gemüthsbewegungen ſtellte ſich alsbald ein. Dicke Schweißtropfen traten auf ſeine Stirne; er ward lei- chenblaß, taumelte und verlor die Beſinnung. Man brachte ihn in das Zimmer der Aerzte. Der Zufall hatte eine Lüge der Fürſtin von St. Dizier zur Wahrheit gemacht. Um die Töchter des Marſchalls noch entſchiedener zu dem Beſuch in dem Krankenhaus zu ſtimmen, hatte ſie ihnen geſagt, Gabriel ſei dort, während ſie das Gegentheil glaubte und vielmehr ein Zuſammentreffen der Mädchen mit dem Miſſionär zu verhindern geſucht haben würde. Kurz nach dem beſchriebenen ſchrecklichen Auftritt traten Roſa und Blanca, von der Schweſter Martha geführt, in einen großen Saal von ſeltſamem Ausſehen. Es war ein prächtiger Empfangſaal, hergeliehen zur Unterbringung kranker Weiber. Das weiße Getäfel ſchiemerte von reicher Vergol⸗ dung. Prächtig eingerahmte große Spiegel hingen an den Pfeilern zwiſchen den Fenſtern, durch welche man auf grüne Raſenflächen eines ſchönen Gartens ſah. Auf dem Parket⸗ boden von koſtbarem Holz ſtanden auf jeder Seite eines fünf Fuß hohen Bretterverſchlags zwei Reihen Betten von der verſchiedenſten Form — einfache Gurtenbetten und koſtbar ausgeſchnitzte Bettſtellen von Mahagony je nach dem Ver⸗ mögen der Geber. Der Verſchlag reichte an beiden Seiten nicht bis an die Wände des Saals. In dem freien Raum zwiſchen ihm und den Wüänden hielten ſich die Pflegerinnen auf, wenn ſie nicht gerade bei den Kranken beſchäftigt waren. Dieſe Pflegerinnen gehörten den verſchiedenſten Ständen an und waren ſtets bereit, das Jammern und Seufzen der Kran⸗ ken durch tröſtenden Zuſpruch zu beruhigen. Mancherlei Tränke für die Kranken wurden auf einem hohen marmornen mit vergoldetem Meſſing geſchmückten Kamin an einem Ende des Saales gewärmt. Die Fürſtin von St. Dizier hatte es ſo einzurichten ge⸗ wußt, daß ſie nochmals hinter dem Rücken Dagoberts mit den beiden Mädchen zuſammengekommen war, und bei dieſer Gelegenheit hatte ſie in ihnen den Wahn befeſtigt, daß der Beſuch bei ihrer Gouvernante nicht nur eine gebieteriſche Pflicht der Dankbarkeit ſei, in deren Erfüllung ſie ſich ihres muthigen Vaters würdig zu zeigen hätten, ſondern auch ein Mittel, die Seele ihrer Mutter zu retten. Die Verſicherung der Betſchweſter, daß Frau Tremblay in der Hülfsanſtalt ſei, war eine ſchamloſe Lüge. Auf die Frage der Mädchen, ob dieſe Frau vor drei Tagen in die Hülfsanſtalt gebracht wor- den ſei, hatte die Schweſter Martha geantwortet: ſie wiſſe es nicht; durch Nachſehen in dem Saal könnten ſie ſich über⸗ zeugen. Roſa und Blanca hatten ſich alſo von ihr einführen laſſen. Die barmherzige Schweſter wies Roſa auf die eine Seite des Verſchlags, Blanca auf die andere und ging dann nach dem entgegengeſetzten Ende des Saals, um den Pflege⸗ rinnen Anweiſungen zu geben. Die Töchter des Marſchalls waren in Sibirien und auf der langen Reiſe nach Frankreich harten Prüfungen unter⸗ worfen geweſen, aber noch nie hatten ſie einen ſo jammer⸗ vollen Anblick erlebt. Die langen Reihen von Betten, auf welchen hier eine Kranke ſich unter ſchmerzlichen Seufzern krümmte, dort eine das dumpfe Todesröcheln vernehmen ließ, während andere im halben Wahnſinn aufſchrien und die Na⸗ men derer riefen, von welchen der Tod ſie trennen ſollte — dies war ein Anblick, der ſelbſt abgehärtete Perſonen erſchüt⸗ tern konnte und der auf dieſe jungen Mädchen nach Rodins teufliſcher Berechnung leicht einen verderblichen Eindruck machen konnte. Der Jammer, den ſie vor Augen hatten, war Wirkung der Cholera, derſelben ſchrecklichen Krankheit, an welcher ihre Mutter geſtorben war. Zu dem äußeren Eindruck und zu der ſchmerzlichen Erinnerung kam noch der Schrecken, den Morok ihnen eingéjagt hatte. Ihr Entſchluß ward einen Augenblick ſchwankend. Sie fühlten Fieberſchauer und ſchmerzliches Klopfen in den Schläfen. Aber ſie hielten ₰ dies für eine Folge jenes Schreckens, überwanden eine fin⸗ ſtere Ahnung, die ſie zurückhalten zu wollen ſchien, und be⸗ gannen, Roſa auf der einen, Blanca auf der andern Seite, nach ihrer Gouvernante zu ſuchen. Sie ſuchten vergebens. Zu dem Entſetzen, das ihnen die Betrachtung der einzelen Kranken einflößte, geſellte ſich Schmerz und Schwindel. Ihre Schritte wurden wankend. Am Ende mußten ſie ſich an den Betten halten, an denen ſie vorbeikamen. Wie zwei Blumen auf einem Stengel zuſammen welken, ſo trugen die Zwillinge gleichzeitig auf ihrem Geſicht die Zeichen der ſchrecklichen Krankheit, als ſie, an das Ende der Bettreihen und des Verſchlags gelangt, ſich wieder einander erblickten. Siebentes Kapitel. Der Scchutzengel. An die Stelle der friſchen Farbe auf Roſas und Blancas“ Geſichtern war eine grünliche Bläſſe getreten.“ Ihre großen blauen Augen zogen ſich in ihre Höhlen zurück und ſchienen übermäßig groß zu ſein. Ihre kurz zuvor noch purpurrothen violett, Farbe kam auch allmählig uf ihren Wangen zum Vorſchein. Als ſie faſt ohnmächti A ch einander gegenüber ſtanden, drang . Schrei bes Ent „ſetzens aus beider Bruſt, und unter dem Ruf: „Auch Du — — biſt krank?“ ſtürzten ſie einander in die Arme. „Gott! — Roſa, wie blaß biſt Du!“ ſagte Blanca. N . „Wie Du,“ erwiderte ihre Schweſter. „Haſt Du auch einen eiskalten Schauer?“ „Ja. Und ich bin wie zerſchlagen in allen Gliedern. Mir 5 Alles vor den Augen.“ „Es iſt mir, als ob ich Feuer in der Bruſt hätte.“ PVielleicht ſterben wir, ſeufzte Roſa. „Wenn wir nur zuſammen ſterben!“ fügte Blanca hinzu. „Und unſer armer Vater!“ p — „Und Dagobert!“ „Blanca!“ rief Roſa, ihre Schweſter feſter umſchlingend, „unſer Traum wird wahr. Sieh! ſieh! der Engel Gabriel kommt, uns abzuholen!“ Gabriel, der ſchnell wieder zu ſich gekommen war und von ſeiner ausgebrannten Wunde nichts zu fürchten hatte, trat in dieſem Augenblick in den Saal, um zu ſeinem Geſchäft der Tröſtung einer Sterbenden zurückzukehren, von welchem er durch den Lärm wegen des Raſenden abgerufen worden war. „Was ſeh ich!“ rief er. „Die Töchter des Marſchalls Simon!“ Und er ſprang hinzu, um die umſinkenden Mäd⸗ chen in ſeinen Armen aufzufangen. Auf ſeinen Zuruf eilte die Schweſter Martha herbei und half ihm, die ſterbenden Waiſen auf das für den Arzt beſtimmte Bett zu legen. Um den nahe liegenden Kranken den Anblick dieſes ſchrecklichen Todeskampfs zu erſparen, zog Martha den Vorhang vor dem Bette zu. Die Hände der beiden Schweſtern waren ſo krampfhaft verſchlungen, daß man ſie nicht auseinander bringen konnte, während man die erſten Mittel anwandte, welche keine Hei— lung, ſondern nur Linderung ihrer entſetzlichen Schmerzen be⸗ wirken konnten. Gabriel ſtand neben ihrem Bett, und wei⸗ nend über ſie gebeugt, betrachtete er ſie mit unausſprechlichem Schmerz. Entſetzt dachte er an die Fügung, welche ihn zum Zeugen des Todes dieſer, wenige Monate zuvor von ihm aus den Fluthen geretteten, Verwandten machte, nachdem er den Tod von Jakob Rennepont erlebt hatte und die geiſtige Vernichtung Hardys, aus welchem die E. E. Väter ein Mit⸗ glied der Geſellſchaft Jeſu gemacht hatten *), um ihre Erb⸗ *) Folgendes Schreiben, deſſen Echtheit wir verbürgen, liefert einen neuen Beweis, welche Meiſter die Jeſuiten in der Menſchen⸗ fiſcherei ſind. Die Eigennamen und Nummern laſſen wir aus Rückſicht für die betreffenden Rerſonen weg: „In dieſem Augenblick (20. Juli 1845) machen die Jeſuiten ein Kunſtſtück, welches beweiſt, wie weit ſich ihre Macht er⸗ ſtreckt, und welches Unheil ſie anrichten können. Der 2jährige Sohn des Uhrmachers *4, wohnhaft *, iſt Profeſſor der * am Colleg *. Es ſcheint, die Jeſuiten ſind in dies Colleg eingedrungen und haben zunächſt den jun⸗ ſchleicherei zu bewerkſtelligen. Wie würde ſich erſt ſein Ent⸗ ſetzen geſteigert haben, wenn er gewußt hätte, welchen Antheil Rodin und ſeine Mitſchuldigen an dem Tod von Jakob Renne⸗ pont hatten, indem ſie deſſen ſchlimme Neigungen durch Morok gen Mann beſtimmt, in den geiſtlichen Stand zu treten. Sein Vater betreibt ſein Geſchäft ſeit 36 Jahren und iſt einer der achtbarſten Bürger ſeines Bezirks. Medaillen und das Ehren⸗ kreuz zum Lohn für Handlungen muthvoller Hingebung, ſo wie der ihm durch die Wahl ſeiner Mitbürger ertheilte Rang eines Officiers der Nationalgarde beweiſen, daß er ein Ehren⸗ mann iſt. Eben darum hat er kein reicher Mann werden kön⸗ nen. Vater einer zahlreichen Familie, welche er gut erzogen hat, rechnete er auf ſeinen älteſten Sohn als Stütze ſeines Alters und ſeiner andern Kinder. Dieſer Sohn hatte ihm ſtets die größte kindliche Liebe bewieſen und wiederholt er⸗ klärt, er wolle es mit ſeiner Arbeit dahin bringen, daß er ſeinem Vater ein Landhaus als Ruheſitz für ſeine alten Tage kaufen, ſeine jüngeren Brüder unterſtützen und der Verſorger ſeiner Schweſtern werden könnte. Als Profeſſor am Colleg hatte er 4000 Fr. Gehalt, als Repetent konnte er jährlich 10,000 Fr. verdienen. Die Ausſicht auf die Sarbonne und auf das Colleg von Frankreich ſtand ihm offen. Dies war eine gute Beute für die Jeſuiten, und ſie haben ſie gemacht. Der junge ** wird Jeſuit; er reiſt nach Rom, wohin ihn der General beruft. Auf die Thränen und die Verzweiflung ſeines Vaters und ſeiner Geſchwiſter, die von ihm Alles er⸗ wartet hatten, erwiderte er kalt: Der Himmel hatees an⸗ ders beſchloſſen. Sein Vater ruft: Aber was wird aus den Verſprechungen, die du mir, deinen Schweſtern und Brü⸗ dern gemacht hatteſt, als du uns ſo ſehr liebteſt? Und der neue Adept der Jeſuiten, deſſen Herz ausgetrocknet iſt, ant⸗ wortet: der Himmel hat geſprochen. Weiter iſt nichts aus dieſem einſt ſo guten und liebevollen jungen Mann her⸗ auszubringen geweſen Er hat kein Herz mehr, er geht nach Rom. Geſtern hat mir der unglückliche Vater dieſen Ent⸗ ſchluß gemeldet und hinzugeſetzt: Wenn man ihn auf den Kirch⸗ hof trüge, würde ich ſeinen Tod beweinen; aber ihn lebend und herzlos zu wiſſen, ſeitdem er das Opfer dieſer infamen Verführer geworden iſt, das iſt ſchlimmer als der Tod. Genehmigen Sie u. ſ. w., *, Advocat am königlichen Gerichtshof zu Paris.“ Wir geben allen Familienvätern und Müttern dies erſchreckende Beiſpiel zu bedenken. Und die Pfaffenpartei, welche ihr Loſungs⸗ wort von Rom empfängt und dieſe furchtbaren Mittel, auf die Ju⸗ —5 reizen ließen, und an dem nahe bevorſtehenden Ende von Roſa und Blanca, indem ſie die edlen Gefühle dieſer Mädchen überreizten, um ſie zu einem todbringenden Schritt zu be⸗ wegen. Roſa und Blanca erwachten aus ihrer ſchmerzlichen Be⸗ täubung, öffneten halb ihre Augen und hefteten ihren erlv⸗ ſchenen Blick ſtarr auf Gabriel. „Siehſt Du den Engel?“ ſagte Roſa mit ſchwacher Stimme, „— wie in unſerm Traum — in Deutſchland.“ „Ja,“ erwiderte Blanca, „— vor drei Tagen — war er uns wieder erſchienen.“ „Er kommt, uns abzuholen.“ „Wird unſer Tod unſere arme Mutter aus dem Fegfeuer retten?“ „Heiliger Engel, bete für uns und unſere Mutter!“ Gabriel, der bisher vor Ueberraſchung und Schmerz ſtumm geweſen war, rief bei dieſen Worten: „Liebe Kinder, warum zweifelt ihr an der Seligkeit eurer Mutter? Nie iſt eine reinere Seele zu ihrem Schöpfer zurückgekehrt. Von meinem Adoptivvater weiß ich, daß ſie durch ihre Tugenden die Be⸗ wunderung Aller war, welche ſie kannten. Glaubt mir, Gott hat ſie geſegnet.“ „Hörſt Du?“ rief Roſa ihrer Schweſter zu, „unſere Mutter iſt von Gott geſegnet!“ Und eine himmliſche Freude ver⸗ klärte das entfärbte Antlitz der Mädchen. „Ja,“ fuhr Gabriel fort, „verbannt dieſe Unglücksgedanken. Faßt Muth — denkt an euren Vater.“ „Unſer Vater,“ erwiderte Blanca, „— er wird uns nicht mehr wiederfinden. Verzeihe uns, Vater! Wir hatten nicht geglaubt, Unrecht zu thun. Wir wollten, wie Du, etwas Löbliches thun, wir wollten verſuchen, unſerer Gouvernante beizuſtehen.“ gend, ſelbſt außerhalb ihrer Seminarien, zu wirken, beſitzt, wagt es, gleichen Theil mit den Laien am freien Unterricht zu fordern! Und dieſe Partei hat die Keckheit, es wunderlich zu finden, daß Leute von geſundem Verſtand ihr nur ein ſehr beſchränktes Recht des Unterrichts geſtatten und ſie bei Uebung dieſes Rechts der ſtrengſten Aufſicht unterworfen wiſſen wollen! . 4 — 80 — „Wir wußten nicht, daß wir ſo ſchnell und bald ſterben ſollten. Geſtern noch waren wir ſo fröhlich.“ „O guter Engel! erſcheine im Traum unſerem Vater und ſage ihm, daß im Tod der letzte Gedanke ſeiner Kinder an ihn geweſen iſt.“ „Wir ſind hierher gekommen, ohne Dagobert etwas zu ſagen. Unſer Vater ſoll ihn nicht ſchelten.“ „Guter Engel,“ bat Blanca mit ſchwacher Stimme, „er⸗ ſcheine auch dem Dagobert und ſage ihm, wir bitten ihn um Verzeihung für den Gram, den uuſer Tod ihm macht.“ „Er ſoll den armen Freudenſtörer, unſern treuen Wächter, für uns ſtreicheln,“ fügte Roſa hinzu. „Und verſprich uns auch, — der guten Mayeur und dem ſchönen Fräulein Adriana unſern letzten Gruß zu bringen.“ „Der liebe Gott gebe, daß wir zu unſerer Mutter kommen und ſie nie mehr verlaſſen“ „Du haſt es uns verſprochen,“ ſagte Blanca; „guter Engel, im Traum haſt du uns geſagt: Arme Kinder, ſo weit her⸗ gekommen, ſeid ihr über die Erde gegangen, um euch an der Bruſt eurer Mutter für immer zur Ruhe zu legen.“ „Schrecklich!“ murmelte Gabriel, ſein Geſicht mit den Händen bedeckend. „Schrecklich! So jung — und keine Hoff⸗ nung, ſie zu retten! Herr! deine Wege ſind unerforſchlich! Warum muß ein ſo grauſamer Tod dieſe Kinder treffen?“ Roſa ſtieß einen tiefen Seufzer aus und ſagte mit ſter⸗ bender Stimme: „Laßt uns — — zuſammen — — begra⸗ ben, — — daß wir — — im Tod beiſammen ſind — — wie im Leben.“ Beide Schweſtern wandten ihre ſterbenden Blicke auf Gabriel und ſtreckten flehend die Hände nach ihm aus. Der Miſſionär erhob ſeine thränenvollen Augen und ſagte: „Märtyrer der edelſten Hingebung! Engelsſeelen! erhebt euch zum Himmel — denn, ach! — Gott ruft euch zu ſich, als ob die Welt nicht werth wäre, euch zu beſitzen!“ „Vater!“ war das letzte Wort beider Schweſtern. Sie ſchienen ſich dicht an einander drängen zu wollen. Ihre ſchweren Augenlieder öffneten ſich halb, um einen letzten Blick zu wechſeln. Dann ſchauderten ſie etliche Male, ihre — — 8 — . — 51 — Glieder erſchlafften, und mit einem tiefen Seufzer hauchten ſie ihre Seelen aus. Gabriel und die Schweſter Martha drückten ihnen die Au⸗ gen zu, knieten neben dem Bett nieder und beteten für ſte. N 2 Plötzlich ließen ſich Flüche und haſtige Tritte hören. Der Vorhang vor dem Bett ward aufgeriſſen und Dagobert ſtand 6 1 mit verſtörter Miene vor den beiden Leichen. Er ſtieß einen furchtbaren Schrei aus, verſuchte, einen Schritt zu machen, — ürzte rückli S 8 E X. Es war eine finſtere, ſtürmiſche Nacht. Von der Kirche von Montmartre tönte der Glockenſchlag Eins herüber auf WM den Todtenhof, wohin am vergangenen Tag die Leichen von — Roſa und Blanca ihrem Wunſch gemäß in einem Sarg N gebracht worden waren. Durch das Dunkel des Todtenackers Jeazittert ein ſchwaches Licht. Es iſt die Leuchte in der Hand W des Todtengräbers, der behutſamen Schrittes daher kommt. Ein alter Mann geht neben ihm, geſenkten Hauptes und weinend. Samuel, der Hüter des Hauſes in der Franciscus⸗ ſtraße, war nach dem Tod von Jakob Rennepont am Ort ſeines Begräbniſſes erſchienen und hatte geheimnißvoll mit dem Todtengräber geſprochen, um für Geld eine Gefälligkeit zu erlangen. Er iſt auch hier bei dem Todtengräber. An vielen Grabſteinen vorbei gelangten beide auf den mit Cy⸗ preſſen eingefaßten Pfaden an eine kleine offene Stelle an der weſtlichen Mauer des Todtenhofs. Der Todtengräber leuchtete auf der Erde herum und ſagte endlich, auf friſch aufgeworfene Erde unter einem großen Eibenbaum deutend: „Hier iſts.“ „Sind Sie ſicher?“ fragte Samuel. „Ganz ſicher. Zwei Leichen in einem Sarg iſt nichts all⸗ tägliches.“ „Ach! beide in einem Sarg!“ ſeufzte der Jude. „Nun jetzt wiſſen Sie den Platz; was wollen Sie weiter?“ fragte der Todtengräber. Samuel antwortete nicht. Er kniete nieder und küßte die Erde auf dem Grab. Dann ſtand er auf und ſagte dem Todtengräber etwas ins Ohr. Dieſer fuhr entſetzt zurück. Samuel ſtüſterte weiter, weinte dabei 3 „— „Gut, drei Steine,“ wiederholte der Todtengräber, ſich den 8 — 52 — und ließ endlich Geld klingen. Da nach langem Widerſtand ſagte der Todtengräber zagend: „Morgen Nacht um zwei Uhr.“ „Ich werde mich hinter der Mauer einfinden und zum Zeichen drei Steine herüberwerfen.“ Angſtſchweiß abwiſchend. Samuel ging nach der bezeichneten auer, kletterte hinüber und verſchwand. Der Todten⸗ gräber eilte nach ſeiner Wohnung zurück, und ſah ſich mehr⸗ als pb ein Geſpen ihn verfolgte. „ „ 5 „ m 7 dem Begräbniß ude Vlanca Am Abend nach ſchrieb Rodin zwei kurze Briefe. Der eine, an den ge⸗ ₰ heimnißvollen Correſpondenten zu Rom gerichtet, bezog ſichx, * auf den Tod von Jakob, von Roſa und Blanca, auf die Be⸗ 4 ſchleichung Hardy's und die Schenkung Gabriels, wornach 5. nur noch zwei Erben übrig waren: Adriana und Dſchalma. c Er lautete: 2 „Fünf von ſieben bleiben zwei.“ 2 „Melden Sie dies Ergebniß dem Cardinal-Fürſten. 2 Er ſoll ſich in Bewegung ſetzen, denn ich gehe vor⸗ wärts, vorwärts, vorwärts.“ Das zweite Briefchen mit verſtellter Hand geſchrieben, war an den Marſchall Simon gerichtet. Es lautete: „Wenn es noch Zeit iſt, kommen Sie eiligſt zurück. Ihre Töchter ſind todt.“ . „Man wird Ihnen ſagen, wer ſie getödtet hat.“ * Achtes Kapitel. S Hg 6lend Am Tag nach dem Tod der Töchter des Marſchalls Si⸗ mon ſtand Adriana von Cardoville, zu welcher die Trauer⸗ botſchuft noch nicht gelangt war, frenveſtrahlend vor ihrem Spiegel. Noch nie waren ihre Augen glänzender, ihre Haut — 53 — blendender, ihre Lippen röther geweſen. Nach ihrer Ge⸗ wohnheit, ſich zu Hauſe maleriſch zu kleiden, trug ſie, ob⸗ wohl es drei Uhr Nachmittags war, ein Kleid von blaß⸗ grünem Mohr mit ſehr weitem Rock und überaus feinen Verzierungen von weißem Schmelz an den weiten roſenrothen Schlitzen der Aermel und des Leibes. Die dicke Haarflechte an ihrem Hinterkopf war mit einem leichten Netz von weißen Schmelzperlen bedeckt, welches eine Art vrientaliſchen Kopf⸗ putz bildete. Ein Ausdruck von Entſchloſſenheit und Spott lag auf ihrem Geſicht, und ſtolzer als gewöhnlich wiegte ſich ihr Kopf auf ihrem ſchönen Hals. Nicht weit von ihr ſtand die Mayeur, in Trauerkleidern wegen des Todes ihrer Schwe⸗ ſter, und betrachtete verwundert dieſen ungewöhnlichen Aus⸗ druck von Kühnheit und Spott im Geſicht des Fräuleins. Adriana war nichts weniger als gefallſüchtig im gemeinen Sinne des Wortes. Dennoch warf ſie einen fragenden Blick in den Spiegel, rollte eine Locke zurecht, glättete einige kleine Falten auf ihrem Leib, und wandte ſich an die Ma⸗ heur mit der Frage: „Liebe Magdalene, — lachen Sie nicht — was würden Sie zu einem Gemälde ſagen, welches mich ſo vorſtellte“ „Fräulein — —“ „Wie? immer noch Fräulein?“ unterbrach Adriana im Ton ſanften Vorwurfs. „Adriana,“ antwortete die Mayeur, „ich würde ſagen: Das iſt ein hübſches Bild, und dieſe Kleidung iſt, wie alle Ihre Kleidungen, geſchmackvoll.“ „Gefalle ich Ihnen nicht heute beſſer als gewöhnlich? Ich will Ihnen nur ſagen, daß ich dieſe Frage nicht um meinet⸗ willen ſtelle.“ „Ich kann mir's denken,“ erwiderte die Mayeux halb lächelnd. „Ernſtlich geſprochen, eine Tracht, die Ihnen beſſer ſtünde, läßt ſich nicht erdenken. Dies blaßgrüne Kleid, mit den blaßroſa Schlitzen und den weißen Schmelzverziernngen, die ſo ſchön zu Ihren Goldhaaren paſſen, geben das ſchönſte Bild, welches ich in meinem Leben geſehen habe.“ „Nun, liebe Freundin, das iſt mir lieb, daß Sie mich heut ſchöner finden als ſonſt.“ „„„Nur — —“ begann die Mayeur zaudernd. „Nur?“ wiederholte Adriana mit fragender Miene. „Nur habe ich auf Ihrem Geſicht noch nie einen ſolchen Ausdruck von Entſchloſſenheit und Spott geſehen. Es iſt, als ob Sie jemand herausfordern wollten.“ „Ganz recht, liebe Magdalene!“ ſagte das Fräulein, ih⸗ rer Geſellſchafterin um den Hals fallend. „Ich muß Sie küſſen dafür, daß Sie mich ſo gut errathen haben. Warum ſehe ich ſo herausfordernd aus? Weil ich mein liebes Tant⸗ chen erwarte.“ „Die Fürſtin von St. Dizier?“ fragte die Mayeur ängſt⸗ lich. „Dieſe boshafte Dame, die Ihnen ſchon ſo viel Uebels zugefügt hat?“ „Eben ſie. Sie wünſcht einen Augenblick mit mir zu ſprechen, und ich mache mir ein Vergnügen daraus, ſie zu empfangen.“ „Ein Vergnügen?“ „Eine kleine boshafte Freude. Bedenken Sie, die heilige Frau bedauert tief, daß es mit ihren Galanterien, ihrer Ju⸗ gend und Schönheit vorbei iſt; ſelbſt ihre Beleibtheit iſt ein Jammer für ſie. Und nun ſoll ſie mich ſchön, liebend und geliebt ſehen uns vorab ſchlank — ſchlank!“ Adriana lachte wie toll und fuhr fort: „Sie glauben nicht, welch raſenden Neid und Schmerz einer dicken bejahrten Frau der Anblick einer jungen ſchlanken Perſon erweckt.“ Sie durfte ſo ſprechen, denn ſie gehörte zu den Auserwähl⸗ ten, welche überHüften von antiker Fülle ihr Strumpf⸗ band als Gürtel benutzen könnten. „Liebe Freundin!“ erwiderte die Mayeur ernſt, „Sie ſcher⸗ zen, und ich geſtehe, die Ankunft der Fürſtin erſchreckt mich, ohne daß ich weiß, warum.“ „Liebes Herz, beruhigen Sie ſich. Ich fürchte dieſe Frau nicht mehr. Um es ihr zu beweiſen und um ihr recht weh zu thun, will ich ſie, dies Ungeheuer von Heuchelei und ſchwarzer BVosheit, welches gewiß in einer ſchändlichen Ab⸗ ſicht hieher kommt, als eine unſchädliche und lächerliche Per⸗ ſon — mit einem Wort: als eine dicke Frau behandeln.“ Adriana lachte von neuem auf. Da trat ein Kammer⸗ diener ein und meldete: „Die Frau Fürſtin von St. Dizier läßt fragen, ob das Fräulein ſie empfangen kann.“ a ¹ — — — — 33 — „Allerdings,“ antwortete Adriana. Der Diener ging wie⸗ der hinaus. Die Mayeur wollte ſich entfernen. Adriana faßte ſie bei der Hand und ſagte: „Liebe Freundin, ich bitte bleiben Sie.“ „Sie wollen — —2“ „Ja ich will aus Rachſucht der Frau Fürſtin zeigen, daß ich eine zärtliche Freundin habe, daß ich alles mögliche Glück genieße.“ „Aber, Adriana, bedenken Sie — —,“ entgegnete ſchüch⸗ tern die Mayeux. „Still! Die Fürſtin kommt. Sie bleiben. Ich bitte Sie darum, als um eine Gefälligkeit. Ihr ſeltenes Ahnungs⸗ vermögen wird vielleicht den verborgenen Zweck ihres Beſuchs errathen. Hat es mich nicht über die Ränke Rodins auf⸗ geklärt?“ Einer ſolchen Bitte konnte die Mayeur nicht widerſtehen. Sie wollte ſich von dem Kamin entfernen; aber Adriana nöthigte ſte, auf dem Seſſel daneben Platz zu neben, und ſagte: „Liebe Magdalene, behalten Sie Platz. Sie ſind der Frau Fürſtin nichts ſchuldig. Bei mir iſt es etwas anderes; ſie kommt zu mir.“ Kaum hatte Adriana dieſe Worte geſprochen, ſo trat die Fürſtin ein mit ehrfurchtgebietender Miene, den Kopf hoch tragend, und mit feſtem ſtolzen Schritt. Die entſchiedenſten Leute vom nüchternſten Sinn leiden nicht ſelten an irgend einer kindiſchen Schwäche. Ein grimmiger Reid über die Schönheit, die Zierlichkeit und den Witz Adriana's hatte ſtets großen Antheil an dem Haß der Fürſtin gegen ihre Nichte ge⸗ habt. Gewiß dachte ſie nie im Ernſt daran, mit Adrianen in dieſen Stücken zu wetteifern, und dennoch hatte ſie ſich zu dieſer Zuſammenkunft ſorgfältiger als gewöhnlich aufgeputzt und ſich in ihrem Kleid von ſchillerndem Taffet ſo einſchnüren laſſen, daß ihr Geſicht viel röther war als gewöhnlich. Haß und Reid hatten ſie ſo verwirrt, daß ſie ſtatt der einfachen Kleidung, die ſie als Frau von Geſchmack gewöhnlich trug, ungeſchick⸗ ter Weiſe ein Gewand von Taubenhalsfarbe angelegt und einen granatrothen Hut mit einem prächtigen Paradiesvogel aufgeſetzt hatte. Im Ausdruck ihres Geſichts, als ſie bei ihr Nichte eintrat, lag Haß, Neid, Stolz auf die Gewandtheit, mit welcher ſie die Töchter des Marſchalls in den Tod ge⸗ ſchickt hatte, und die ſchlecht verhehlte Hoffnung auf das Ge⸗ lingen ihrer neuen Anſchläge. Adriana ſtand höflich von dem Sopha neben dem Kamin auf, machte eine halbe Verbeugung voll Anmuth und Würde, ging aber der Fürſtin keinen Schritt entgegen, ſondern ſetzte ſich wieder und ſagte, auf einen Seſſel dem Kamin gegen⸗ über deutend: „Nehmen Sie gefälligſt Platz.“ Die Fürſtin ward kirſchroth, blieb ſtehen und warf einen Blick hochmüthiger Verachtung und Ueberraſchung auf die Mayeux, welche ſich leicht gegen ſie verbeugt hatte, ohne ihr ihren Platz anzubieten, theils weil Adriana es ſo wollte, theils weil ſie ſich bewußt war, mehr werth zu ſein, als dieſe niederträchtig boshafte, heuchleriſche Fürſtin. „Haben Sie doch die Güte, Platz zu nehmen,“ wiederholte Adriana mit ihrer ſanften Stimme. „Die Unterredung, um welche ich Sie gebeten habe, ſoll geheim ſein,“ erwiderte die Fürſtin. „Ich habe kein Geheimniß vor meiner beſten Freundin. Sie können alſo vor ihr ſprechen.“ Im Ton bitteren Spottes entgegnete die Fürſtin: „Ich weiß längſt, daß Ihnen in allen Dingen wenig an Geheim⸗ haltung liegt und daß Sie nicht eben ſchwierig in der Wahl Ihrer ſogenannten Freunde ſind. Mir werden Sie erlau⸗ den, anders zu handeln. Wenn Sie keine Geheimniſſe ha⸗ ben, Fräulein, ſo habe ich welche, und ich gedenke nicht, ſie der Erſten Beſten, die daher kommt, mitzutheilen.“ Bei dieſen Worten warf die Betſchweſter einen neuen Blick der Verachtung auf die Mayeur. Dieſe, verletzt durch den frechen Ton der Fürſtin, verſetzte: „Bis jetzt ſehe ich nicht ab, was für ein demüthigender Unterſchied iſt zwiſchen der Erſten und der Letzten, die bei dem Fräulein von Cardoville daher kommt.“ „Was? Das Ding ſpricht?“ fragte die Fürſtin weg⸗ werfend. „Wenigſtens antwortet das Ding,“ verſetzte die Mayeur. „Fräulein!“ rief die Betſchweſter ungeduldig, „ich will mit Ihnen allein ſprechen. Verſtehen Sie mich?“ „Verzeihen Sie, ich verſtehe Sie nicht,“ antwortete Adriana — — mit der Miene des Erſtaunens. Dies Frauenzimmer, welches mich mit ſeiner Freundſchaft beehrt, will die Gefälligkeit ha⸗ ben, Zeuge der Unterredung zu ſein, welche Sie begehrt haben. Ich ſage die Gefälligkeit, denn wirklich gehört viel Freundſchaft für mich dazu, um ſich herbeizulaſſen, alle die Artigkeiten anzuhören, welche Sie mir ſagen wollei.“ „Hören Sie, Fräulein — — —,“ begann die Fürſtin lebhaft. „Erlauben Sie, daß ich Sie unterbreche,“ ſagte Adriana in einem Ton, als ob ſie der Betſchweſter die ſchönſten Com⸗ plimente machte. „Um Sie von vorn herein mit dieſer Per⸗ ſon auf vertrauten Fuß zu ſtellen, beeile ich mich, Sie zu benachrichtigen, daß dieſelbe unterrichtet iſt von all den hei⸗ ligen Falſchheiten, all den frommen Bosheiten, durch welche Sie mich haben zu Grund richten wollen, — kurz ſie weiß, daß Sie eine Kirchenmutter ſind, wie es wenige gibt. Darf ich nun hoffen, daß Ihre zarte Zurückhaltung aufhören wird? „Wahrhaftig, ich weiß nicht, wache oder träume ich!“ ſagte die Fürſtin verblüfft. „Ach Gott!“ rief Adriana mit beſorgter Miene, „dieſe Ungewißheit über den Zuſtand Ihres Geiſtes iſt beunruhi⸗ gend. Es ſcheint, das Blut ſteigt Ihnen zu Kopfe, denn Ihr Geſicht iſt ſehr geröthet. Sie ſcheinen gedrückt, gepreßt, gezwängt zu ſein. Unter uns geſagt, ſind Sie vielleicht ein wenig zu feſt geſchnürt?“ Die Fürſtin wollte erſticken und ward dunkelroth im Ge⸗ ſicht bei dieſem mit dem Schein bezaubernder Theilnahme und Unbefangenheit geſprochenen Worten. Sie ſetzte ſich nieder und rief: „Gut, Fräulein! Dieſer Empfang iſt mir lieber als jeder andere. Er ſetzt mich auf vertrauten Fuß, wie Sie ſagen.“ * „Nicht wahr, Madame?“ ſagte Adriana lächelnd. „So kann man ſich wenigſtens offen Alles ſagen, was man auf dem Herzen hat, und eine ſolche Weiſe zu reden hat für Sie den Reiz der Neuheit. Alſo, unter uns geſagt, Sie danken mir, daß ich Sie in Stand ſetze, einen Augenblick die widerwärtige Maske der Frömmigkeit, der Sanftmuth und Güte abzulegen, die Ihnen ſo läſtig ſein muß“ Bei Anhörung dieſer bitteren Spottreden, welche eine ſehr entſchuldbare Rache für all das Böſe waren, was die Für⸗ ſtin ihrer Nichte zugedacht hatte, ward die Mayeur ängſtlich, denn ſie fürchtete mit Recht mehr als Adriana die Fürſtin. Dieſe entgegnete kaltblütig: „Tauſend Dank, Fräulein, für Ihre vortrefflichen Abſichten und Geſinnungen gegen mich. Ich ſchätze ſie nach Gebühr, wie ich Ihnen ſofort zu be⸗ weiſen hoffe.“ „Laſſen Sie hören Madame,“ erwiderte Adriana luſtig. „Erzählen Sie uns doch das ſogleich. Ich bin merkwürdig ungeduldig und neugierig?“ „Und doch,“ erwiderte die Fürſtin, ihrerſeits den Ton ſpottender Luſtigkeit annehmend, „und doch ſind Sie himmel⸗ weit davon entfernt, zu ahnen, was ich Ihnen anzukündi- gen habe.“ „Iſts möglich? Ich fürchte, Ihre Aufrichtigkeit und Be⸗ ſcheidenheit führen Sie irre. Es gibt ſehr wenig Dinge, die mich von Ihnen überraſchen könnten. Wiſſen Sie nicht, daß ich von Ihnen auf Alles gefaßt bin?“ „Vielleicht, Fräulein. Wenn ich Ihnen — — zum Bei⸗ ſpiel ſagte, — — daß Sie binnen 24 Stunden — — etwa von heut auf morgen — — bettelarm ſind.“ Dies war ſo unerwartet, daß Adriana unwillkürlich Ueber⸗ raſchung verrieth. Die Mayeur zitterte. „Ah! Fräulein,“ rief die Fürſtin mit tückiſcher Freude, „geſtehen Sie nun, daß ich Sie in Erſtaunen ſetze, obwohl Sie meinen, nicht leicht könne etwas von meiner Seite Sie überraſchen? Sie haben ſehr Recht gehabt, unſerm Geſpräch dieſe Wendung zu geben. Welche Umſchreibungen hätte ich anwenden müſſen, um Ihnen zu ſagen: Morgen werden Sie ſo arm ſein, wie Sie heute reich ſind! Und jetzt ſage ich es Ihnen kurzweg.“ Adriana hatte ſich von ihrer erſten Ueberraſchung erholt und erwiderte lächelnd mit einer Ruhe, welche die Bet⸗ ſchweſter in Erſtaunen ſetzte: „Frau Fürſtin, ich geſtehe, überraſcht geweſen zu ſein. Denn von Ihnen war ich auf eine der Bosheiten gefaßt, in denen Sie Meiſter ſind, auf eine wohl angelegte grauſame Spitzbüberei. Wie konnte ich glauben, daß Sie von einem ſo unbedeutenden Ding ſo viel Aufhebens machen würden?“ — 55 „Zu Grund gerichtet, völlig in's Elend geſtürzt zu ſein? Das nennen Sie eine Kleinigkeit? Sie, die Sie ſo keck im Verſchwenden ſind? Zwiſchen heut und morgen nicht bloß Ihre Einkünfte, ſondern auch dieſen Palaſt, Ihre Möbel, Ihre Pferde, Ihre Juwelen, kurz Alles, ſogar den lächer⸗ lichen Putz, in dem Sie ſich ſpreizen, unter Beſchlag gelegt zu ſehen, das nennen Sie eine Kleinigkeit? Sie werfen Louisd'or zu Tauſenden zum Fenſter hinaus; was meinen Sie dazu, wenn Sie auf ein Koſtgeld geſetzt würden, ge⸗ ringer als der Lohn eines Ihrer Kammermädchen.“ Zum größten Verdruß der Betſchweſter, welche ihre Er⸗ wartung hier völlig getäuſcht ſah, ward die Miene ihrer Nichte bei dieſen Worten immer heiterer. Adriana wollte antworten, als die Thür aufging und Dſchalma unangemel⸗ det eintrat. Bei ſeinem Anblick ſtrahlte das Geſicht des Fräuleins von freudigem Stolz in welchem tiefe Verachtung gegen die Fürſtin lag. Auch Dſchalma war nie ſchöner ge⸗ weſen, als in dieſem Augenblick, wo das volle Glück der Liebe auf ſeinem Antlitz ſtrahlte. Er trug ein langes Kleid von weißem, purpur- und goldgeſtreiften Kaſchmir, umgürtet mit einem Palmenſhawl, und einen Turban von demſelben Zeug wie ſein Kleid. Beim Anblick des Indiers, den ſie nicht bei ihrer Nichte zu treffen erwartet hatte, konnte die Fürſtin ihr Erſtaunen nicht verbergen. Neuntes Kapitel. Erinnerungen. Dſchalma, welcher bis dahin die Fürſtin von St. Dizier noch nie bei Adriana angetroffen hatte, ſchien Anfangs vön ihrer Anweſenheit überraſcht zu ſein. Die Betſchweſter be⸗ trachtete ſchweigend mit verſtecktem Haß und Neid dieſe bei⸗ den ſchönen, jungen, liebevollen, glücklichen Weſen. Plötzlich — 60 — fuhr ſie zuſammen, als ob ihr etwas wichtiges einfiele, und blieb einige Augenblicke in tiefes Nachſinnen verloren. Adriana und Dſchalma benutzten dieſe Secunden, um ihre glühenden Blicke auf einander ruhen zu laſſen. Als endlich eine Bewegung der Fürſtin verrieth, daß ſie aus ihrer Träu⸗ merei erwacht war, ſagte das Fräulein lächelnd zu dem Prinzen: „Lieber Vetter, ich muß eine Vergeßlichkeit gut machen, welche gar nicht unwillkürlich geweſen iſt (warum? ſollen Sie er⸗ fahren). Ich muß Ihnen zum erſten Mal von einer meiner Verwandten ſprechen, der Sie vorzuſtellen ich die Ehre habe, von der Fr Fürſtin von St. Dizier.“ dſchalmä verbeugte ſich Die Fürſtin wollte etwas erwi⸗ dern, aber Adriana kam ihr zuvor und fuhr fort: „Die Frau Fürſtin von St. Dizier iſt gekommen, um mir huldreichſt eine für mich überaus glückliche Begebenheit mitzutheilen, — — von welcher ich Sie ſpäter unterrichten werde, mein lieber Vetter, es wäre denn, daß die gute Fürſtin mich des Vergnügens berauben wollte, Ihnen dieſe Mittheilung zu machen.“ Das unerwartete Erſcheinen Dſchalmas und die Gedanken, welche ihr plötzlich in den Sinn kamen, hatten die Fürſtin beſtimmt, ihren urſprünglichen Plan abzuändern. Anſtatt das Geſpräch über das bevorſtehende Elend Adrianas fortzu⸗ ſetzen, ſagte ſie mit einem ſüßlichen Lächeln, hinter welchem ſich ein bösartiger Gedanke verſteckte: „Prinz, ich könnte es mir nie verzeihen, wenn ich meine liebenswürdige theure Nichte des Vergnügens beraubte, Ihnen alsbald die glückliche Nachricht zu melden, von welcher ſie ſpricht, und die ich als gute Tante mich beeilt habe, ihr zu bringen. — Hier ſind einige Notizen“ (ſie übergab ihrer Nichte ein Papier), „welche ihr hoffentlich aufs klarſte beweiſen werden, daß das, was ich ihr ankündige, wirklich der Fall iſt.“ Adriana nahm das Papier mit größter Gleichgültigkeit und ſagte: „Tauſend Dank, liebe Tante. Dieſer Beweis war überflüſſig. Sie wiſſen, ich glaube Ihnen ſtets aufs Wort, — — — wenn von Ihrem Wohlwollen gegen mich die Rede ſi2 Dſchalma kannte die verfeinerten Bosheiten und die über⸗ tünchten Grauſamkeiten der Civiliſation nicht, aber er hatte ein ſehr feines Gefühl, wie alle etwas wilden und eindrucks⸗ fühigen Naturen. Es ward ihm unheimlich zu Muthe, als õ * ————— — 95 — 1 er dieſen Austauſch falſcher Artigkeiten hörte. Er errieth nicht den verſteckten Sinn derſelben, aber ſie gaben einen Mißklang in ſeinem Ohr. Sei es Ahnung vder eine ſonſtige Regung in ſeiner Seele, er fühlte ſich von der Fürſtin ab⸗ geſtoßen. Dieſe dachte an die Wichtigkeit des Gegenſtandes, den ſie aufs Tapet bringen wollte, und verrieth durch die höhere Färbung ihres Geſichts, durch ein bitteres Lächeln 1 und einen boshaften Blick die Bewegung in ihrem Innern. Dſchalmas Widerwille gegen ſie ſtieg mit jedem Augenblick. Er verhielt ſich ſtill und aufmerkſam, und ſeine Züge verloren immer mehr von ihrer urſprünglichen Heiterkeit. Auch die Mayeur hatte eine immer peinlicher werdende mpfindung. Sie ließ ihre Augen bald ängſtlich auf der Fürſtin, bald bittend auf dem Fräulein ruhen mit dem ſehnlichen Wunſch, daß eine Unterredung aufhören möchte, welche ihrer Ahnung nach unſelige Folgen haben müßte. Allein der Fürſtin war es darum zu thun, dieſe Unterredung zu verlängern, und Adriana ſchöpfte aus der Anweſenheit ihres Geliebten neue Zuverſicht und wollte recht ihre Augen weiden an dem bit⸗ teren Verdruß der Betſchweſter beim Anblick einer, trotz den von ihr und ihren Mitſchuldigen angeſponnenen Ränken, ſtets glücklichen Liebe. Nach einem Augenblick des Schweigens nahm die Fürſtin von St. Dizier das Wort und ſagte in ſüßlichem Ton: „Prinz, Sie glauben nicht, wie ſehr ich entzückt geweſen bin, als ich durch das Gerücht erfuhr, welche göttliche Zuneigung Sie gegen meine liebe Nichte hegen, denn Sie ziehen mich dadurch aus einer wüthenden Verlegenheit. Die Sache iſt Stadtge⸗ ſpräch und mit gutem Grund.“ Dſchalma, ohne der Fürſtin zu antworten, ſah Adriana mit betroffener, faſt betrübter Miene an, wie um ſie zu fragen, was ihre Tante meine. Die Fürſtin verſtand dieſe Frage und fuhr fort: „Ich will mich deutlicher ausſprechen, liebſter Prinz. Sie begreifen, daß ich als nächſte Verwandte dieſes Querköpfchens in den Augen der Welt mehr oder minder verantwortlich für ihre Zukunft war. Und nun kommen Sie, Prinz, vom andern Ende der Welt her und, nehmen treu⸗ herzig dieſe Zukunft, welche mir ſo große Angſt machte, auf Das iſt ganz vortrefflich. Darum fragt man auch, was mehr an Ihnen zu bewundern iſt, Ihr Muth oder Ihr Glück.“ Und einen Blick teufliſcher Bosheit auf Adriana werfend, erwartete die Fürſtin mit herausfordernder Miene ihre Antwort. Ruhig lächelnd erwiderte Adriana: „Hören Sie zu, gute Tante. Lieber Vetter, ſeit einem Augenblick, wo dieſe zärt⸗ liche Verwandte uns beide vereint und glücklich ſieht, iſt ihr Herz ſo von Freude erfüllt, daß ſie dasfelbe erſchließen muß, und Sie haben keine Vorſtellung von den Ergießungen eines ſolchen Herzens . . . .“ „Ein wenig Geduld, und Sie ſollen dieſe Vorſtellung be⸗ kommen!“ unterbrach die Betſchweſter. „Ich weiß nicht,“ fuhr Adriana unbefangen fort, „warum mir bei den Herzensergießungen meiner lieben Tante gerade die Geſchichte von gewiſſen Nattern in Indien einfällt, welche, wie Sie, Vetter, mir erzählt haben, zuweilen ihre Giftzähne abbrechen und ſo ihr eignes Gift in den Magen bekommen, daß ſie daran ſterben müſſen. Nicht wahr, liebe Tante, Ihr gutes liebevolles Herz darf ich wohl fragen, ob dieſe armen Nattern nicht ſehr zu bedauern ſind?“ Die Betſchweſter ſchoß einen wüthenden Blick auf ihre Nichte und erwiderte mit gedämpfter Stimme: „Ich weiß nicht, was dies Stück Naturgeſchichte ſoll. Wiſſen Sie es, Prinz?“ Dſchalma antwortete wieder nicht. Auf das Kamin geſtützt warf er einen immer düſterer und durchdringender werdenden Blick auf die Fürſtin und fühlte unwillkürlich Haß gegen dies Weib in ſeinem Herzen erwachen. Adriana fuhr im Tone ſanften Vorwurfs fort: „O, liebe Tante, ſollte ich zuviel von Ihrem Herzen erwartet haben? Hegen Sie nicht einmal Mitgefühl für die Nattern? Für wen ſollten Sie es denn ſonſt haben? — Freilich, ſie ſind ſo ſchmal. — Doch laſſen wir dieſe Narrheiten. Sagen Sie uns doch geſchwind, gute Tante, all die ſchönen Sachen, welche der Anblick un⸗ ſeres Glücks Ihnen eingibt.“ „Das ſoll geſchehen, liebenswürdige Richte,“ erwiderte die Betſchweſter mit verhaltener Wuth. „Erftlich kann ich dem Prinzen nicht genug Glück wünſchen, daß er aus Indien ge⸗ kommen iſt, ſich mit Ihnen zu beladen — ganz vertrauer N . — 63 — voll, mit verſchloſſenen Augen, der brave Nabob! — mit Ihnen, armes Kind, welche man hat einſperren müſſen als Wahnſinnige (um Ihrem tollen Treiben einen anſtändigen Namen zu geben). Sie wiſſen ja, von wegen des hübſchen Jungen, den man bei Ihnen verſteckt gefunden hat; — hel⸗ fen Sie mir doch auf ſeinen Namen. Sollten Sie ihn ſchon vergeſſen haben, kleine Treuloſe? Ein recht hübſcher Junge und Dichter, wenns beliebt, ein gewiſſer Agricola Baudvin e war in einem Schlupfwinkel neben Ihrem Schlafgemach ver⸗ ſteckt. Ganz Paris war voll von dieſem Aergerniß. Ja, lieber Prinz, Sie heirathen keine unbekannte Frau. Der Name der Ihrigen iſt in Aller Mund.“ Bei dieſen unvermutheten Schreckensworten ſahen Adriana, Dſchalma und die Mayeur ſich ſtarr einander an. Die Fürſtin hielt nun nicht mehr für nöthig, ihre hölliſche Freude und ihren triumphirenden Haß zu verbergen, und rief aufſtehend mit glühenden Wangen und blitzenden Augen: „Nun, ich fordere Sie heraus, mich Lügen zu ſtrafen. Iſt man nicht genöthigt geweſen, Sie unter dem Vorwand von Wahnſinn einzuſperren? Hat man nicht den Handwerksgeſellen, der damals Ihr Liebhaber war, in Ihrem Schlafzimmer verſteckt . funden?“ gefunden?“ — Dſchalmas Geſichtsfarbe, bisher durchſcheinend und golden, wie Bernſtein, ward bei dieſer ſchauderhaften Anklage plötzlich 8 matt und bleigrau. Um ſeine weit aufgeriſſenen, ſtarren Augen bildeten ſich weiße Ringe. Seine blutrothe Oberlippe zuckte in die Höhe und ließ ſeine knirſchenden Zähne ſehen. Der Ausdruck ſeines ganzen Geſichts ward ſo drohend und wild, daß die Mayeur vor Entſetzen bebte. Ein ſinnverwirrender Schwindel ergriff ihn, wie einen Mann, dem ins Geſicht ge⸗ ſchlagen wird. Wenn in dieſem ſchrecklichen Augenblick Ge⸗ danke und That eins geweſen wären, dann würden Dſchalma, die Fürſtin, die Maheur und Adriana vernichtet geweſen ſein, wie von einem Blitz, der aus der Gewitterwolke herabzuckt. Er hätte die Fürſtin tödten mögen, weil ſie das Fräulein anklagte, Adriana, weil man ſie einer ſolchen Schändlichkeit verdächtig halten konnte, die Mayeur, weil ſie Zeuge dieſer Anklage war, ſich ſelber, um nicht eine ſo ſchreckliche Täu⸗ ſchung zu überleben. — 6 Aber ſein wüthender Blick begegnete dem würdevollen, ruhigen, heiteren, zuverſichtlichen Blick Adrianas, und der Ausdruck wilder Wuth ſchwand, dem Blitz gleich, wie er ge⸗ kommen war. Zum Erſtaunen der Fürſtin und der Maheur wurde Dſchalma, je länger er ſeine Augen auf Adriana hef⸗ tete, als läſe er in ihrer Seele, immer ruhiger. Sein Ge⸗ ſicht verklärte ſich und ſpiegelte die edle Zuverſicht des Antlitzes Adrianas wieder. In dem Augenblick, wo die Fürftin das Gift ihrer Ver⸗ leumdung ausgeſpien hatte, war Dſchalma wüthend einen Schritt gegen die Fürſtin vorgetreten, und hatte ſich dann, wie um nicht fortgeriſſen zu werden, an allen Gliedern zit⸗ ternd, mit ſeiner Eiſenfauſt am Marmor des Kamins feſtge⸗ halten. Von einem ähnlichen Gefühl blinder Wuth ergriffen, war Adriana, das Feuer empörten Stolzes aus den Augen ſprühend, gegen die Fürſtin aufgeſprungen. Aber als⸗ bald hatte das Bewußtſein ihrer Reinheit ſie wieder be⸗ ruhigt und himmliſche Heiterkeit ſich auf ihrem Antlitz ge⸗ lagert. In dieſem Augenblick war ihr Blick den Blicken Dſchalmas begegnet. Eine Secunde lang war ſie mehr be⸗ trübt als entſetzt über ſeine ſchreckliche Miene, indem ſie dachte: „Eine ſo dumme Schändlichkeit bringt ihn ſo auf? Er beargwohnt mich alſo?“ Aber dieſem kurzen peinlichen Gedanken folgte Entzücken, als ihre auf Dſchalma gehefteten Augen ſofort ſeine Züge wie durch Zauber wieder heiter wer⸗ den ſahen, wie vorher. So ward der fluchwürdige Anſchlag der Fürſtin zu nichte vor der würdevollen, zuverſichtlichen und aufrichtigen Miene Adrianas. In dem Augenblick, wo ſich ſo der wunderbare Einklang dieſer beiden Seelen bewährte, welche ſich, ohne ein Wort zu ſagen, einander begriffen und beruhigten, wollte die Betſchweſter vor Wuth erſticken. Adriana reichte mit himmliſchem Lächeln und bezaubernder Gebärde ihrem Ge⸗ liebten die Hand. Dieſer ergriff ſie, drückte einen ſo feuri⸗ gen Kuß darauf, daß eine leichte Röthe auf Adrianas Stirn aufſtieg, und ſetzte ſich in anmuthiger und achtungsvoller Haltung auf den Hermelinteppich zu ihren Füßen. Das Kinn in eine ihrer Hände geſtützt, ſah er ihr ſchweigend ins Ge⸗ ſicht, und' Adriana zu ihm herabgebeugt, ſpiegelte, wie es — — 6 2 im Lied heißt, ihre Augen in ſeinen Augen mit ſo lie⸗ besluſtiger Behaglichkeit, als ob die vor Haß erſtickende Bet⸗ ſchweſter nicht da wäre. Und dann, als ob zu ihrem Glück noch etwas fehlte, winkte ſie die Mayeur zu ſich, ließ ſie neben ſich niederſitzen, legte die eine Hand in die Hand ihrer Freundin, lächelte Dſchalma an und warf auf die Fürſtin einen feſten, heiteren Blick, der bewies, wie unerſchütterlich ihr Glück auf einem Boden ſtand, wo kein Giftpfeil der Verleumdung es erreichen konnte. Verwirrt und betäubt ſtammelte die Fürſtin mit bebender Stimme einige unverſtändliche Worte und ſtürzte, völlig die Beſinnung verlierend, nach der Thür. Die Mayeur, irgend eine Tücke, einen Anſchlag, oder eine boshafte Späherei fürchtend, wechſelte mit Adriana einen Blick und ging der Fürſtin bis zu ihrer Kutſche nach. Der Verdruß der Bet⸗ ſchweſter, als ſie ſich ſo begleitet und beaufſichtigt ſah, er⸗ ſchien Adrianen ſo komiſch, daß ſie überlaut lachen mußte; und unter dieſem Hohngelächter verließ die Betſchweſter, außer ſich vor Wuth, das Haus, in welches ſie Verwirrung und Unglück bringen zu können gehofft hatte. Von dem Augenblick an, wo Adriana und Dſchalma die Hin⸗ derniſſe ihrer Vereinigung beſeitigt hatten, waren ihre Tage, wie man ſich leicht denken kann, in unausſprechlichem Glück verfloſſen. Adriana bemühte ſich, Anläſſe zu ſchaffen, bei welchen die von den Reiſenden, deren Bücher ſie geleſen hatte, ihm nachgerühmten edlen Eigenſchaften ihres Geliebten zum Vorſchein kommen konnten. Sie hatte ſich dieſe Aufgabe geſetzt nicht nur, um ihre glühende Liebe zu rechtfertigen, ſondern auch, um die ſtürmiſche Heftigkeit von Dſchalma's Liebe während einer beſchränkten Prüfungszeit zu mäßigen. Dies war um ſo rühmlicher, als bei ihr oft die Ungeduld der Liebe nicht minder heftig war. Zu welchem Ziel dieſe ſchwere Prüfung kommen ſollte, welche Adriana ſich und ih⸗ rem Geliebten auflegte, das wollte ſie ihm nach dem Weg⸗ gang der Fürſtin und der Maheur ſagen. Zehntes Kapitel. Das Vertrauen, welches in Dſchalma's Herzen dem Augen⸗ blick unbeſonnener Wuth bei Anhörung der Verleumdung der Fürſtin gefolgt war, machte es ihm unmöglich, ein Wort über jene Anſchuldigung zu verlieren, als er ſich mit ſeiner Geliebten allein ſah. Adriana ihrerſeits hatte zuviel Stolz, ein zu klares Bewußtſein der Reinheit ihrer Liebe, als daß ſie ſich zu einer Rechtfertigung gegen Dſchalma hätte herab⸗ laſſen können, welche in ihren Augen eine Beleidigung gegen ihn und gegen ſie ſelbſt geweſen wäre. Beide Liebende be⸗ gannen alſo ihre Unterredung, als ob der Vorfall mit der Betſchweſter gar nicht ſtattgefunden hätte. Dieſelbe Ver⸗ achtung traf auch die Notizen, mit welchen die Fürſtin die Nähe des ihre Nichte bedrohenden Elends beweiſen wollte. Adriana hatte dieſelben, ohne ſie zu leſen auf einen Leuch⸗ terſtuhl gelegt. Mit anmuthiger Gebärde bedeutete ſie Dſchalma ſich auf einen Stuhl in ihrer Nähe zu ſetzen. Der Indier gehorchte, obwohl er ungern den Platz zu ihren Füßen verließ. „Lieber Freund,“ begann Adriana in ernſtem und zärt⸗ lichem Ton, „oft und mit Ungeduld haben Sie mich gefragt, wann die Prüfungszeit, die wir uns geſetzt haben, zu Ende gehen würde. Dieſe Prüfungszeit naht jetzt ihrem Ende.“ Dſchalma erbebte und ſtieß einen leiſen Schrei freudiger Ueberraſchung aus. Aber dieſer faſt zitternde Ausruf war ſo ſanft, daß er mehr wie ein Ruf des Danks als leiden⸗ ſchaftlicher Freude klang. Adriana fuhr fort: „Getrennt, umgeben von Nachſtellun⸗ gen, von Lügen, beiderſeits über unſere Geſinnungen ge⸗ täuſcht, liebten wir uns dennoch. Hierin folgten wir einem unwiderſtehlichen, zuverläſſigen Zug, der ſtärker war als die Widerwärtigkeiten. Seitdem wir zuſammen in Zurückgezogen⸗ heit von der Welt leben, haben wir gelernt, uns noch mehr ſchätzen und achten. Uns ſelbſt überlaſſen, beiderſeits frei, haben wir den Muth gehabt, dem Taumel der Leidenſchaft zu widerſtehen, um das Recht zu erwerben, uns demſelben zu ſein, auch wenn er von dieſem Recht keinen Gebrauch machen will. Wie Ihnen wäre mir der Gedanke unerträg⸗ lich, daß ich nicht Ihrem Herzen, ſondern einem unauflös⸗ 69 — Sie wiſſen, lieber Freund, wie ſehr ich Sie ehre, den Sohn des Vaters des Hochherzigen. Ich fürchte alſo nicht, daß Sie gegen mich von dieſen tyranniſchen Rechten Gebrauch machen würden. Aber ich habe in meinem Leben nicht ge⸗ logen, und unſere Liebe iſt mir zu heilig, als daß ich ſie einer durch einen doppelten Meineid erkauften Weihe unter⸗ werfen möchte. Nein! nie werde ich ſchwören, ein Geſetz zu halten, welches mein Selbſtgefühl und meine Vernunft zu⸗ rückweiſen. Wenn morgen die Eheſcheidung wieder einge⸗ führt, wenn morgen die Rechte des Weibes anerkannt wür⸗ den, ſo würde ich jenen Brauch beobachten, weil er mit meinem Verſtand und meinem Herzen, mit der Gerechtigkeit, Menſchlichkeit und Möglichkeit in Uebereinſtimmung wäre. O!“ fügte ſie mit einer Thräne der Rührung im Auge hinzu, „wenn Sie wüßten, was Ihre für mich iſt, wie heilig und theuer mir Ihr Glück iſt, dann würden Sie dieſen Aberglauben eines redlichen, liebenden Herzens be⸗ greifen, welcher in einer lügenhaften, meineidigen Weihe ei heilloſe Vorbedeutung ſieht. Durch meine Anziehun durch Ihr Glück will ich Sie feſſeln und Sie übrige aſſen, damit ich Sie nur Ihnen ſelber verdanke.“ Dſchalma hatte dem Mädchen mit geſpannter Aufmerkſam— keit zugehört. Er fand ſeinen Stolz und Edelſinn in ihr wieder. Nach einem Augenblick der Ueberlegung ſagte er mit ſeiner ſanften und klangvollen Stimme in faſt feierlichem Ton: „Wie Ihnen ſind Lüge, Meineid und Unbilligkeit mir ein Gräuel, wie Sie glaube ich, daß ein Mann ſich herab⸗ würdigt, wenn er das Recht annimmt, herzlos und tyranniſch lichen Band verdanke, was ich von Ihnen haben will; wie Sie glaube ich, daß nur in Freiheit Würde iſt. Aber Sie haben geſagt, dieſer hehren Liebe wollen Sie eine Weihe gegeben wiſſen, und wenn Sie Schwüre verweigern, die Sie ohne Thorheit und Lüge nicht ablegen könnten, ſo würde Ihr Herz dagegen andere Schwüre ſich gefallen laſſen. Wer ſoll uns nun dieſe Weihe geben? in weſſen Hände ſollen wir dieſe Schwüre ablegen?“ — 1. e antwortete Adriana, „ich glaube, in wenigen Tagen werd' ich es Ihnen ſagen können. Jeden Abend, ſo oft⸗ Sie weggegangen waren, hatte ich keinen an⸗ dern Gedanken als den, ein Mittel ausfindig zu machen, um uns vor den Augen Gottes zu verpflichten, aber außerhalb der Geſetze, bloß in den von der Vernunft gebilligten Grän⸗ zen, und zwar ohne wider die Forderungen und Gewohnhei⸗ ten der Welt zu verſtoßen, in welcher zu leben uns ſpäter vielleicht gefallen könnte. Wenn Sie erfahren, durch welche edle Hände ich die unſrigen in einander legen laſſen will, wer Gott für dieſe Verbindung preiſen ſoll, welche uns völ⸗ lige Freiheit und damit unſere Würde laſſen wird, dann wer⸗ den Sie geſtehen, daß reinere Hände uns nimmer hätten aufgelegt werden können. Alles das iſt ernſt, ernſt wie unſer Glück und unſere Liebe. Dünken meine Worte Ihnen ſelt⸗ ſam, meine Gedanken unvernünftig, dann ſagen Sie es, und wir wollen ein beſſeres Mittel ſuchen, das, was wir Gott nd der Welt ſchuldig ſind, in Einklang zu bringen mit dem, ir uns ſchuldig ſind. Man behauptet, die Verliebten als wahre Verliebte.“ widerte Dſchalma tief ergriffen, „mit ſolcher ernſten und ruhi⸗ gen Zärtlichkeit, dann iſt es mir, als ſähe ich eine Mutter vor mir, welche mit der Zukunft ihres geliebten Kindes be⸗ ſchäftigt iſt und bemüht, es edel und kräftig zu machen und von ſeiner Lebensbahn alles Unedle und Unwürdige zu ent Gedanken mir ſonderbar vorkommen. Aber Sie vergeſſen, heit unſerer Empfindungen beruht. Was Sie verletzt und empört, das verletzt und empört auch mich. Als Sie mir vorhin die Geſetze dieſes Landes anführten, welche in dem Weib nicht einmal die Mutter achten, da dachte ich mit Stolz, daß in unſern barbariſchen Ländern, wo das Weib Sklavin iſt, ſie, wenigſtens wenn ſie Mutter iſt, frei wird. wären Rarren; ich behaupte, es gibt nichts vernünftigeres „ „Wenn ich Sie ſo von unſerm Glück ſprechen höre,“ erz fernen. Sie ſagen, ich ſolle Ihnen widerſprechen, wenn Ihre Adriana, daß mein Glaube an unſere Liebe auf der Gleich⸗ Nein, dieſe Geſetze ſind weder für mich noch für Sie gemacht. Ja, es iſt ein Beweis Ihrer hohen Achtung vor unſerer Liebe, daß Sie dieſelbe über dieſe unwürdige Knechtſchaft erheben — — „ —— wollen, welche ſie beſudelt haben würde. Adriana, ich habe oft die Prieſter in meiner Heimath ſagen hören, es gebe 3 Weſen, die unter den Göttern, aber über den andern Ge⸗ ſ ſchöpfen ſtünden. Ich hatte dieſen Prieſtern nicht geglaubt; jetzt glaub' ich ihnen.“ Dieſe letzten Worte wurden nicht im Ton der Schmeichelei, ſondern der aufrichtigſten Ueberzeugung 1 mit der leidenſchaftlichen Verehrung, mit der ſchüchternen ₰ Gluth geſprochen, welche den Gläubigen auszeichnet, wenn er von ſeinem Glauben ſpricht. Dieſe faſt andächtigen Wo ſtanden in wunderbarem Einklang mit der ſanften und ernſter Stimme des jungen Indiers und mit der liebeglühender Schwermuth, welche ſeinen Zügen einen unwiderſtehlichen Reiz verlieh. Adriana hatte ihm mit einer Miſchung von Freude, Dank⸗ 3 barkeit und Stolz zugehört. Sie legte die Hand auf ihre Bruſt, wie um die ſtürmiſche Bewegung derſelben niederzu⸗ halten, und ſagte mit wonnetrunkenen Blicken: „Ja, er iſt immer gut, gerecht und groß! O, wie mein Herz ſtolz und freudig ſchlägt! Dank dir, o Gott, daß du mich für dieſen Geliebten geſchaffen haſt. Du kannſt alſo der Welt die Wun⸗ der der Zärtlichkeit und Menſchenfreundlichkeit zeigen, welche —— eine ſolche Liebe hervorzubringen vermag. Man kennt noch nnicht die Allmacht der glücklichen, glühenden freien Liebe. Richt wahr, Dſchalma, an dem Tag, wo unſere Hände in inander gelegt werden, müſſen Lobgeſänge dankerfüllter Seelen on allen Seiten zum Himmel emporſteigen? Nein, man eiß nicht, welch unerſättliches Bedürfniß nach Luſt und Freude zwei Liebende, wie wir, haben! Ja gewiß, viele Thränen ſollen getrocknet, viele durch Unglück erſtarrte Her⸗ zen ſollen wieder aufgethaut werden durch das Feuer unſerer göttlichen Liebe! Und an den Segnungen der von uns Ge⸗ retteten ſoll man die trunkene Wonne unſerer Liebe erkennen!“ Adriana erſchien in dieſem Augenblick ihrem Geliebten wie ein idealiſches Weſen, halb Gottheit in ihrer unerſchöpflichen Güte, halb Sinnengeſchöpf in ihrer Gluth. Außer ſich warf er ſich ihr zu Füßen und rief mit flehender Stimme: „Er⸗ barmen! ich habe keinen Muth mehr! Sprich nicht weiter ſo! O dieſer Tag! — — wie viele Jahre meines Lebens würde ich darum geben, um ihn zu beſchleunigen!“ — „Still! ſtill!“ entgegnete Adriana. „Läſtere nicht! Deine Jahre gehören mir!“ „Adriana! — — Du liebſt mich?“ Adriana antwortete nicht, aber ihr trunkener Blick gab der Be⸗ eit Dſchalmas den letzten Stoß. Er faßteihre beiden Hände mit zitternder Stimme: „Dieſer Tag, dieſer hehre Tag, 3 wir den Himmel erreichen und Götter werven durch Seligkeit Güte — warum ſoll er noch hinausgeſchoben werden?“ „Weil unſere Liebe, um rückhaltslos ſein zu können, durch Bottes Segen geweiht ſein muß.“ „Sind wir nicht frei?“ „Ja, Geliebter; aber laß uns unſerer Freiheit würdig ſein.“ „Adriana — Erbarmen!“ „Auch Dich bitte ich um Erbarmen für die Heiligkeit un⸗ ſerer Liebe. Entweihe ſie nicht in ihrer Blüthe. Glaube meinem Herzen, meinen Ahnungen, ſie würde welken und getödtet werden, wenn wir ſie entweihten. Muth, angebe⸗ teter Geliebter! Noch etliche Tage, und wir haben den Himmel ohne Reue und Gewiſſensbife. 3 „Aber bis dahin haben die Hölle und namenloſe Qunl. Du weißt nicht, wie jeden Tag, wenn ich Dein Haus ver⸗ laſſe, der Gedanke an Dich mich verfolgt, wie ein Gluth⸗ hauch mich verzehrt. Du weißt nicht, wie ich die Nächte ſchlaflos zubringe, weine, ſchluchze und Deinen Namen rufe, ganz wie damals, als ich glaubte, Du liebteſt mich nicht. Und doch weiß ich, Du liebſt mich und biſt mein! Aber Dich ſehen, Dich jeden Tag ſchöner und liebreizender ſ ſehenß und jeden Abend Dich verlaſſen müſſen — — 4 Die Qual, welche Dſchalma beſchrieb, hatte auch Adriana empfunden, vielleicht noch ſtärker als er. Verwirrt und be⸗ rauſcht durch die elektriſch wirkenden Worte Dſchalmas fühlte ſie ihren Muth ſinken. Ein unwiderſtehliches Schmachten be⸗ gann ihre Kräfte zu lähmen, als ſie mit äußerſter Anſtren⸗ gung eines keuſchen Willens aufſprang und nach der in das Zimmer der Mayeur führenden Thür ſtürzte unter dem Ruf: „Schweſter! rette mich! — — rette uns!“ Im nächſten Augenblick ſchloß Adriana unter Thränen die Mayeur in ihre Arme, und Dſchalma kniete ehrfurchtsvoll an der Schwelle, die er nicht zu überſchreiten wagte. —= —2 ——— —— ——— —— ſ Elftes Kapitel. * Der Ehrgei z. Wenige Tage nach der Unterredung zwiſchen Adriana und Dſchalma ging Rodin einſam auf und ab in ſeinem Schlaf⸗ zimmer, wo er ſo herzhaft die Mora des Doctor Baleinier ausgehalten hatte. Die Hände in den Rocktaſchen, den Kopf auf die Bruſt geſenkt, hing der Jeſuit ſeinen Gedanken nach. Sein bald langſamer, bald ſchneller Schritt verrieth ſeine Aufregung. „Was Rom betrifft,“ ſagte er, „ſo bin ich ruhig. Dort geht alles vorwärts. Die Abdankung iſt, ſo zu ſagen, bewilligt, und wenn ich den bedungenen Preis be⸗ zahlen kann, bürgt mir der Cardinalfürſt für neun Stimmen Mehrheit im nächſten Conelave. — Unſer General iſt für mich. — Die Zweifel, welche der Cardinal Malipieri gefaßt hatte, ſind zerſtreut — oder finden dort keinen Anklang. — Dennoch bin ich nicht ganz ruhig über den Briefwechſel, welchen Aigrigny mit Malipieri führen ſoll. — Ich habe noch nicht darhinter kommen können. — Gleichviel! Dieſer alte Säbler iſt — gerichtet. Seine Geſchichte iſt im Sack. Ein wenig Geduld und er iſt — abgethan.“ Rodins bleiche Lippen zogen ſich zu ſeinem ſcheußlichen Lächeln zuſammen, welches ſeinem Geſicht das Anſehn einer Teufelsfratze gab. Nach einer Pauſe fuhr er fort: „Vorgeſtern hat das Leichen⸗ begängniß des Freigeiſtes, des philanthropiſchen Geſellenfreundes zu St. Hörem ſtattgefunden. Herr Franz Hardy iſt in einem Anfall ekſtatiſchen Wahnwitzes entſchlafen. Seine Schenkung hatte ich ſchon; aber das iſt ſicherer. Ueber Alles läßt ſich Proeeß führen; aber die Todten führen keinen Proceß.“ Er blieb einige Augenblicke in Rachdenken verſunken und fuhr dann fort: „Jetzt bleiben noch die Rothe und ihr Mulätt übrig. Wir haben den 27. Mai, der 1. Juni ſteht bevor, und dieſe beiden verliebten Staare ſcheinen unverwundbar zu ſein. Die Fürſtin hatte gemeint, einen guten Knoten gefun⸗ den zu haben, — ich würde gedacht haben, wie ſie. Es war ſehr gut, daran zu erinnern, daß Agricola Baudvin bei dieſer Närrin gefunden worden war. Der Tiger hat vor wilder Eiferſucht gebrüllt. Aber kaum hatte die verliebte Taube mit ihrem Roſenſchnabel gegirrt, als der einfültige Tiger ſich zu ihren Füßen gekrümmt und die Krallen eingezogen hat. Schade! Die Sache war gut angelegt. — — Seltſam, wie ein Gedanke aus dem andern entſteht! Indem ich dieſe roth⸗ köpfige Gans mit einer Taube vergleiche, fällt mir die alte Herxe ein, welche heilige Taube, Sainte Colombe genannt wird, welcher der dicke Schlingel Dumoulin den Hof macht, und die der Abbé Corbinet hoffentlich am Ende zu unſerem Vortheil ausbeuteln wird. Wie ein unglaublicher Zufall oft den Reimern die herrlichſten Reime liefert, ſo findet ſich oft der Keim der beßten Gedanken in einer widerſinnigen Zu⸗ ſammenſtellung, wie z. B. der abſcheulichen Here Sainte Co⸗ lombe mit der ſchönen Adriana von Cardoville. Die paſſen zuſammen wie Ring und Katze, Halsband und Fiſch. — Nein — darin ſteckt nichts.“ Kaum hatte Rodin dieſe Worte gemurmelt, als er erbebte, und ſein Geſicht den Ausdruck tückiſcher Freude annahm. Dann ſchien er ſtaunend nachzudenken, wie ein Gelehrter, den der Zufall auf eine unvermuthete Entdeckung geführt hat. Seine Stirn entrunzelte ſich, ſeine Augen öffneten ſich weit und funkelten, ſeine hohlen, ſchlaffen Wangen ſchienen ſich ſtolz aufzublaſen. Er warf ſich in die Bruſt, verſchränkte die Arme und rief: „Wie wunderbar ſind doch die geheimniß⸗ vollen Verſchlingungen der menſchlichen Gedanken! Oft gehn ſie von einem ſinnloſen Wort aus, um zu einem herrlichen Gedanken zu führen. Iſt das Schwäche oder Größe? Indem ich den Rothkopf mit einer Taube vergleiche, fällt mir die Here ein, welche Leib und Seele ſo vieler Geſchöpfe ver⸗ ſchachert hat. Dies führt mich auf gemeine Sprüchwörter von Ring und Katze, Halsband und Fiſch. Und plötzlich quillt mir aus dem Wort Halsband Licht entgegen und erhellt die Finſterniß, in der ich lange herumgetappt bin, indem ich an dieſe beiden unverwundbaren Liebenden dachte. Das Wort Halsband iſt der goldne Schlüſſel, welcher plötzlich einen, Gott weiß wie lange, dummer Weiſe ver⸗ ſchloſſenen Behälter meines Gehirns geöffnet hat.“ —— — Er ging raſch einige Schritte auf und ab und fuhr dann fort: „Ja, das iſt zu verſuchen! Je mehr ich daran denke, deſto möglicher ſcheint mir dies Vorhaben. — Nur — — welcher Mittelsmann? — Verſteht ſich, Jakob Dumoulin. — Gut! aber der andere? Wo iſt er zu finden? Und dann — — wie iſt er dazu zu bringen? Das iſt der Stein des An⸗ ſtoßes. — Nein, ich habe zu früh gejubelt.“ Rodin fing wieder an auf und ab zu gehen und kaute ſin⸗ nend an ſeinen Nägeln. Einige Augenblicke war die Span⸗ nung ſeines Geiſtes ſo ſtark, daß dicke Schweißtropfen auf ſeine ſchmutzig gelbe Stirn traten. Er ging hin und her, blieb ſtehen, ſtampfte mit dem Fuß, ſah bald zum Himmel empor, als ſuchte er dort eine Eingebung, bald kratzte er mit der linken Hand auf dem Kopf, während er an den Nä⸗ geln der rechten kaute. Von Zeit zu Zeit entſchlüpften ihm Laute des Zorns oder der Hoffnung. Wäre nicht die Urſache des Nachdenkens dieſes Scheuſals ſchauderhaft geweſen, ſo hätte es eine Freude ſein müſſen, in die Arbeit dieſes ge⸗ waltigen Kopfs hinein zu ſchauen und auf ſeinem Geſicht wahrzunehmen, wie er ſeinen Plan ausbrütete. Endlich ſchien er zum Ziel gekommen zu ſein. Er rief leiſe: „Ja! ja! Es iſt gewagt, es iſt verwegen, aber es iſt raſch, und die Folgen können unberechenbar ſein. Wer kann die Folgen einer platzenden Mine berechnen?“ — Und mit einer bei ihm ungewöhnlichen Begeiſterung fuhr er fort: „O die Lei⸗ denſchaften! die Leidenſchaften! Welches Zauberklavier für den, welcher mit leichter, gewandter, kräftiger Hand darüber hin zu fahren verſteht! Die Macht des Gedankens iſt etwas herrliches. Was iſt dagegen das Wunder der Eichel, die eine Eiche wird, des Weizenkorns, das eine Aehre wird? Das Weizenkorn braucht Monate, um zur Aehre, die Gichel Jahrhunderte, um zur Eiche zu werden, während dies Wört⸗ chen Halsband in den wenigen Minuten, ſeitdem es mir in den Sinn gekommen iſt, ſich zu einem Ding entwickelt hat gleich der Eiche mit tauſend unterirdiſchen Wurzeln und him⸗ melanſtrebendem Stamm, — denn für den Himmel arbeite ich, zur Ehre des Herrn, wie ſie ihn darſtellen und wie ich ihn auch ferner dargeſtellt wiſſen will, wenn ich dazu komme. Und ich werde dazu kommen, denn dieſe elenden Renneponts = 56 ſollen vergehen wie Schatten. Was will es in der Welt⸗ ordnung, deren Meſſias ich ſein werde, bedeuten, ob dieſe Leute keben oder ſterben? Haben ſie ein Gewicht in der Wagſchale der Weltgeſchicke? Werfe ich hingegen mit kühner Hand dieſe Erbſchaft in die Wagſchale, dann ſteige ich empor in eine Sphäre, wo man noch manchen König und manches Volk überragt, mag geſagt und gethan und geſchrien werden, was da will. Die Einfaltpinſel! die Erztölpel! — nein, die guten, preiswürdigen Tölpel! Sie glauben uns Männer der Kirche niederzuſchmettern, wenn ſie mit rauher Stimme uns zurufen: Ihr habt das Geiſtliche, aber, Donner und Wetter! wir behalten das Zeitliche. Ihr Gewiſſen und ihre Be⸗ ſcheidenheit rathen ihnen ſehr gut, nichts vom Geiſtlichen zu verlangen, das Geiſtliche liegen zu laſſen, zu verachten, ſinte⸗ mal der Geiſt ihre Sache nicht iſt. — Die ehrwürdigen Eſel ſehen nicht, daß, wie ſie ſtracks zur Mühle gehen, ſo, wer das Geiſtliche hat, ſtracks auf das Zeitliche zugeht. Sie ſehen nicht, daß man mit dem Geiſt den Leib beherrſcht. Sie laſſen uns das Geiſtliche, was ſie verſchmähen, d. h. die Herrſchaft über die Geiſter, die Seelen, die Herzen, die Gedanken; ſie laſſen uns die Macht, im Namen des Himmels Strafe und Begnadigung, Lohn und Erlaſſung auszutheilen, und das ohne Aufſicht, in der Heimlichkeit des Beichtſtuhls, ohne daß der Tölpel Zeitlich ſich darum zu bekümmern hätte. Ihm laſſen wir den Leib und die Materie und er hält ſich dabei ver⸗ gnügt den Bauch. Nur bemerkt er zuweilen etwas ſpät, daß, wenn er die Leiber haben will, wir die Seelen haben, und daß die Leiber am Ende mit den Seelen gehen, von denen ſie regirt werden. Und dann ſperrt Herr Zeitlich Maul und Naſe auf, legt die Hände auf den Wanſt und ruft: Iſts möglich?“ Rodin ſchlug ein höhniſches Gelächter auf und fuhr dann fort, mit großen Schritten auf und ab gehend: „Laßt mich nur zu dem Glück von Sirtus V. kommen, und die Welt ſoll plötzlich aus dem Traume erwachen und ſehen, was die geiſtliche Macht iſt in Händen, wie die meinigen, in den Händen eines Prieſters, der bis in ſein fünfzigſtes Jahr ſchmutzig, mäßig und reiner Junggeſell geblieben iſt und der, ſelbſt wenn er Papſt wird, ſchmutzig, mäßig und reiner Jung⸗ geſell bis zum Tod bleiben wird.“ Was die Geſchichte von mörderiſchem, fluchwürdigem Ehr⸗ geiz an gewiſſen Päpſten zeigt, das ſchien auf dem Geſicht dieſes Jeſuiten ſich auszuſprechen. Die Gluth der Herrſchgier machte ſein Blut kochen, er troff von Schweiß und ein wider⸗ wärtiger Dunſt verbreitete ſich um ihn her. Plötzlich ſtörte ihn das Geraſſel einer in den Hof des Jeſuitenhauſes einfahrenden Poſtkutſche in ſeinen Betrach⸗ tungen. Um die Spuren ſeiner Aufregung zu verwiſchen, zog er ſein blau und roth gewürfeltes Schnupftuch heraus, tauchte es in ein Glas Waſſer und wiſchte damit Stirn, Schläfe und Wangen ab, während er ans Fenſter ging, um durch den halbgeöffneten Laden zu ſehen, welcher Reiſende angekommen ſei. Ein Wetterdach über der Thür, vor welcher der Wagen hielt, hinderte ihn, den Ausſteigenden zu ſehen. „Was liegt daran,“ ſagte er. „Ich werde es bald erfahren. Cinſtwellen ſchreibe ich dem Dumoulin, daß er hieher kom⸗ men ſoll. Er hat mir ſchon einmal treulich gedient mit der elenden Dirne, welche mir in der Clovisſtraße mit ihren Liedern vom Höllen⸗Börenger das Haar emporgeſträubt hatte. Dies Mal kann er mir wieder dienen. Ich habe ihn in der Hand; er wird gehorchen.“ Der Jeſuit ſetzte ſich an ſeinen Tiſch und ſchrieb. Nach einigen Augenblicken ward an ſeine Thüre geklopft. Seine Thür war feſt ganz gegen die Ordensregeln. Rodin, der unter V Vorſchützung der Intereſſen der Geſellſchaft vom General auf einige Zeit der Aufſicht eines Soeius ent⸗ hoben war, erlaubte ſich im Vertrauen auf ſeinen Einfluß vielfache Verſtöße gegen die Regeln. Nachdem er die Thür geöffnet hatte, überreichte ihm ein Diener einen Brief. Ehe er denſelben öffnete, ſragte er den Diener: „Was iſt da für eine Kutſche gekommen?“ Der Diener verbeugte ſich und antwortete: „Dieſe Kutſche kommt von Rom, Ehrwürdiger Vater.“ „Von Rom?“ wiederholte Rodin, unvermögend, eine ge⸗ wiſſe Beſorgniß zu verhehlen. „Und wer iſt darin?“ „Ein E. V. von unſerer heiligen Geſellſchaft.“ Rodin wußte, daß ein E. V., der auf der Poſt reiſt, ſtets mit wichtigen Dingen beauftragt iſt, und war alſo nicht wenig neugierig. Aber er forſchte nicht weiter und fragte mit Bezug auf den empfangenen Brief: „Woher dies?“ „Aus unſerm Haus von St. Hérem, Herr Pater.“ Rodin ſah die Aufſchrift genauer an und erkannte die Hand Aigrignys, den er beauftragt hatte, dem Herrn Hardy in ſeinen letzten Augenblicken beizuſtehen. Das Schreiben lautete: „Ich ſende einen außerordentlichen Boten an E. Ee., um Ihnen eine Sache zu melden, die vielleicht mehr ſon⸗ verbar als wichtig iſt. Nach dem Leichenbegängniß des Hrn. Franz Hardy wurde der Sarg mit ſeinem Leichnam einſtweilen in einem Gewölbe unſerer Kapelle beigeſetzt, bis er auf den Kirchhof der benachbarten Stadt gebracht werden könnte Dieſen Morgen, als unſere Leute in das Gewölbe hinabſtiegen, um den Sarg abzuholen, war dieſer verſchwunden.“ Rodin machte eine Gebärde der Ueberraſchung und ſagte: „Das iſt wirklich ſeltſam!“ Dann las er weiter: „Alle Nachforſchungen nach den Urhebern oder Spuren dieſes Kirchenraubs ſind vergebens geweſen. Da die Ka⸗ 6 velle unſeres Hauſes einſam ſteht und nicht bewacht wird. ſo war es möglich geweſen, ſich unbemerkt einzuſchleichen. Auf einer durch den Regen aufgeweichten Stelle haben wir Spuren eines vierräderigen Wagens gefunden; aber dieſe Spuren haben ſich nicht weit von der Kapelle im Sand verloren, und weiter iſt nichts zu entdecken ge⸗ weſen.“ „Wer mag den Leichnam weggeholt haben? und weshalb?“ ſagte Rodin nachſinnend. Dann las er weiter: „Glücklicher Weiſe iſt der Todesſchein in beßter Form beglaubigt. Ein auf mein Begehren von Etampes ge⸗ kommener Arzt hat den Todesfall heurkundet. Demnach kann die uns gemachte Schenkung Phne Widerſpruch in Kraft treten. Wie dem auch ſei, habe ich geglaubt, Ewr. E. durch einen außerordentlichen Boten die Bege⸗ benheit melden zu müſſen, damit Sie Vorkehrung treffen.“ Nach einem Augenblick der Ueberlegung ſagte Rodin: „Aigrigny hat Recht. Es iſt mehr ſeltſam als wichtig. Dennoch geht es mir im Kopf herum. Wir werden daran denken.“ Dann wandte er ſich zu dem Diener, welcher ihm — —— „ — 29 — den Brief Aigrignys gebracht hatte, gab ihm das an Nini Moulin geſchriebene Billet und ſagte: „Laſſen Sie das augen⸗ blicklich an ſeine Adreſſe bringen und auf Antwort warten.“ Der Diener ging weg, und gleichzeitig trat ein Pater ein und meldete: „So eben iſt der E. V. Caboccini von Rom angekommen mit einem Auftrag von unſerem hee General an E. E.“ Bei dieſer Meldung wollte das Blut dem ehrgeizigen Jeſui⸗ ten in den Adern erſtarren. Aber er ließ nicht das Geringſte merken und fragte ruhig: „Wo iſt der Pater Caboceini?“ „Im Zimmer hier neben.“ „Bitten Sie ihn einzutreten und laſſen Sie uns allein.“ Einen Augenblick nachher trat der E. V. Caboecini in das Schlafzimmer und blieb mit Rodin allein. Zwölftes Kapitel. Dem Sotius anderthalb Socius. Der römiſche Jeſuit Cabacini war ein dickes, fettes Männ⸗ chen von höchſtens dreißih Jahren, deſſen Bauch ſein Prieſter⸗ kleidlein aufblähte. Das Paterchen war auf einem Auge blind, aber das andere Auge funkelte von Lebendigkeit. Sein blü⸗ hendes Geſicht, überſchattet von kaſtanienbraunen Löckchen, wie an einem wächſernen Jeſuskind, lächelte. Ein herzliches, vertrauliches Weſen und ausgelaſſene Manieren ſtanden in beßtem Einklang mit ſeinen Geſichtszügen. Rodin hatte den italieniſchen Sendling den Augenblick weg. Da er das Weſen ſeines Ordens und die Gewohnheiten Roms ſo gut kannte, wie irgend etwas, ſo erweckte der Anblick des munteren Paterleins in ihm eine finſtere Ahnung. Einen kangen, knochigen Pater mit einem Todtengeſicht würde er weit lieber geſehen haben, da er wußte, daß die Geſellſchaft ſo viel wie möglich die Neugierigen durch das Aeußere ihrer Beauftragten irre zu führen ſucht. War Rodins Ahs richtig, ſo mußten die Aeußerungen von Herzlichkeit ab⸗ ſeiten dieſes Sendlings auf einen heilloſen Auftrag ſchließen laſſen. Mißtrauiſch und lauernd wie ein alter Wolf, welcher einen Angriff oder Ueberfall wittert, war Rodin dem Einäugigen nach ſeiner Weiſe ſchlängelnd und langſam entgegengeſchlichen, um Zeit zu haben, die glatte Schale desſelben mit ſeinem Auge zu durchdringen. Aber der Römer ließ ihm nicht Zeit dazu. Von der Thür aus ſprang er auf Rodin zu, fiel ihm um den Hals und küßte ihn unter einem Strom von Liebes⸗ worten auf beide Wangen, daß es in der Stube wiederhallte. Dem Pater Rodin war ſo etwas in ſeinem Leben nicht vor⸗ gekommen. Dies Herzen und Küſſen beſtärkte ihn nur noch in ſeiner Ahnung, daß hinter dem harmloſen Weſen der Schalk verborgen ſei. Er ſuchte ſich den Aeußerungen über⸗ triebener Zärtlichkeit zu entziehen. Aber der Römer hielt ihn mit ſeinen kurzen kräftigen Armen feſt, und Rodin mußte ſich küſſen laſſen, bis dem Dicken der Athem ausging. Man wird ſich erinnern, daß Rodin, nicht unbekannt mit den Gefahren, welchen ſein ehrgeiziges Treiben ihn ausſetzte, und wohlwiſſend, daß zu Rom das Gift oft als ein noth⸗ wendiges politiſches Mittel angewandt worden war, als er in Gegenwart des ihm verdächtigen Cardinals Malipieri' von der Cholera befallen wurde, mit einem wüthenden Blick auf den römiſchen Prälaten ausgerufen hatte: „Ich bin ver⸗ giftet! Aehnliche Beſorgniſſe kamen ihm, als er ſich ver— gebens den Umarmungen des Sendlings ſeines Generals zu entreißen ſuchte. Er dachte: Dieſer Einäugige ſcheint mir überaus zärtlich zu ſein. Wenn nur kein Gift hinter dieſen Judasküſſen ſteckt! Endlich mußte der kleine Pater Caboceini vor Ermattung ablaſſen. Rodin brachte ſeinen ſchmierigen Hemdkragen, ſeine Halsbinde und ſeine alte Weſte wieder in die Reihe und ſagte in ärgerlichem Ton: „Ihr Diener, lieber Pater; es iſt nicht nöthig, mich ſo ſehr zu küſſen!“ Anſtatt ſich zu entſchuldigen, heftete das Paterlein ſein ein⸗ ziges Auge auf Rodin und rief mit muthwilliger Gebärde in einem Franzöſiſch, deſſen Ausſprache er von Bauern an der Grenze gelernt zu haben ſchien. „Endlich ſeh' ich das herrliche Licht unſrer heiligen Geſellſchaft und kann es an mein Herz drücken, — ja — nochmals!“ Und wirklich wollte er von neuem Rodin umhalſen. Dieſer ſprang zurück, hielt die Häude abwehrend vor und ſagte: „Gut! gut! Pater. Erſtlich drückt man ein Licht nicht an's Herz und zweitens bin ich kein Licht, ſondern ein geringer demüthiger Arbeiter im Weinberg des Herrn.“ Nachdrucksvoll erwiderte der kleine Römer: „Sie haben Recht; man drückt ein Licht nicht an's Herz; man wirft ſich vor ihm nieder, um ſeinen blendenden Glanz zu bewundern.“ Caboccini wollte wirklich vor Rodin auf die Knie fallen. Rodin faßte ihn deim Arm, um ihn zurückzuhalten und ſagte ungeduldig: „Das artet aus in Götzendienerei! Laſſen wir meine Eigenſchaften auf ſich beruhen und uns auf den Zweck Ihrer Reiſe kommen. Was iſt dieſer Zweck?“ „Dieſer Zweck, lieber Pater, dieſer Zweck erfüllt mich mit Freude und Wonne, und dieſe Wonne habe ich Ihnen durch meine Umarmungen zu erkennen geben wollen, denn mein Herz fließt über, und auf dem ganzen Weg habe ich zu thun gehabt, um es zurückzuhalten, weil es Ihnen entgegeneilte. Dieſer Zweck entzückt, beglückt mich, dieſer Zweck, lieber Pater — — —“ „Ei ſo nennen Sie doch dieſen Zweck, der Sie entzückt, beglückt!“ „Dies Reſeript unſeres hochwürdigſten Generals wird Ih⸗ nen denſelben ſagen, liebſter Pater.“ Mit dieſen Worten zog Caboccini aus ſeiner Brieftaſche ein dreifach geſiegeltes Schreiben, küßte es ehrfurchtsvoll und überreichte es Rodin. Dieſer küßte es ebenfalls, entſiegelte und las es. Nur der ſchnellere Schlag ſeiner Schlafadern verrieth, daß das Ge⸗ leſene ihn heftig ergriff. Nachdem er fertig war, ſteckte er das Schreiben ein, ſah den Römer ruhig an und ſagte: „Der Wille unſeres trefflichen Generals geſchehe.“ „Alſo,“ rief Caboceini mit neuem Entzücken aus, „alſo ſoll ich der Schatten Ihres Lichtes ſein, Ihr zweites Selbſt! alſo ſoll ich das Glück haben, Sie nie, weder bei Tag noch bei Nacht zu verlaſſen! mit einem Wort Ihr Socius ſein! Nachdem Ihnen zum Beſten unſerer Geſellſchaft für einige Zeit bewilligt worden, keinen zu haben, findet unſer vortreff⸗ X. 6 licher General es jetzt paſſend, mich zur Verſehung dieſes Geſchäfts zu Ihnen zu ſchicken — eine unverhoffte, unend⸗ liche Gunſt, die mich mit Dank gegen unſern General und mit Zärtlichkeit gegen Sie erfüllt, mein lieber werther Pater.“ „Gut geſpielt,“ dachte Rodin. „Aber mich füngt man nicht wie einen Gimpel. Nur im Reich der Blinden ſind die Einäugigen Könige.“ Am Abend des Tags, wo Rodin ſeinen neuen Socius em⸗ pfangen hatte, begab ſich Dumoulin, nachdem er von erſterem in Gegenwart des letzteren ſeine Anweiſungen empfangen, zur Frau von Sainte Colombe. Dreizehntes Kapitel. Frau von Sainte Colombe. Die Frau von St. Colombe, welche, wie wir im Anfang unſerer Geſchichte geſehen haben, das Gut und Schloß Car⸗ voville, in der Abſicht es zu kaufen, beſehen hatte, war zu ihrem Vermögen dadurch gekommen, daß ſie zur Zeit des Einrückens der Verbündeten in Paris einen Putzladen in den hölzernen Galerien des Palais⸗Royal angefangen hatte. In dieſem Putzladen waren die Arbeiterinnen immer viel hüb⸗ ſcher und friſcher als die Hüte, welche ſie machten. Daraus iſt abzunehmen, durch welche Mittel dies Geſchöpf zu ihrem bedeutenden Vermögen gekommen war, auf welches die E. E. V. V., ſtets unbekümmert um den Urſprung der Güter, wofern ſie dieſelben ad majorem Dei gloriam einſacken können, enſtliche Abſichten hegten. Sie waren nach dem A B C ihres Handwerks verfahren. Dies Weib war ſchwach⸗ köpfig und roh. Die E. E. V. V. hatten ſich bei ihr ein⸗ geſchlichen und ſie nicht ſehr wegen ihres früheren Schand⸗ lebens getadelt. Sie wußten ſogar ihre kleinen Sünden noch — 3 5 — * — 3 5 kleiner zu machen, denn ihre Sittenlehre iſt ſchmiegfam. Aber ſie hatten ihr geſagt, daß gleichwie ein Kalb mit der Zeit ein Rind wird, ſo die kleinen Sünden in der Unbuß⸗ fertigkeit größer werden und ſo im Alter zu ungeheuren Sünden anſchwellen. Und nun war das Schattenſpiel vom Teufel und ſeinen Hörner und Flammen und Ofengabeln gekommen, welche die unfehlbare Strafe der ungehe uren Sünden ſein würden, — und daneben der Troſt, daß, wenn noch bei Zeit die Buße der kleinen Sünden käme und die Geſtalt einer hübſchen Schenkung an die Geſellſchaft annähme, die E. E. V. V. verſprechen könnten, Herrn Lueifer heimzu⸗ ſchicken und der Sainte Colombe ein gutes Plätzchen unter den Auserwählten auszumachen, wohlgemerkt gegen beweg⸗ liches oder unbewegliches Gut. Trotz der gewöhnlichen Wirkſamkeit dieſer Mittel war dieſe Bekehrung auf zahlreiche Schwierigkeiten geſtoßen. Die St. Colombe bekam von Zeit zu Zeit ſchreckliche Anwandlungen von Jugendlichkeit und hatte zwei oder drei Beichtväter ab⸗ genutzt. Obendrein kam noch ini Moulin mit ernſtlichen Abſichten auf das Vermögen und ſomit auf die Hand der Dame und ſchadete einigermaßen den Anſchlägen der Als der kirchliche Schriftſteller ſich im Auftrag Rodin's zur St. Colombe begab, hatte ſie eine Wohnung im erſten Stock eines Hauſes der Richelieuſtraße. Denn trotz ihren halben Entſchließungen, ſich von der Welt zurückzuziehen, fand dies alte Weib großes Vergnügen an dem betäubenden Lärm und dem Gewoge einer lebhaften Straße. Ihre Woh⸗ nung war reich möblirt, aber faſt immer ſchmutzig und in Unordnung trotz den Bemühungen oder in Folge der Be⸗ mühungen von drei dienſtbaren Geiſtern, mit welchen die St. Colombe bald auf einem Fuß rührender Vrüderlichkeit ſtand, bald wüthend zankte. Wir führen den Leſer in das Heiligthum ein, wo dies Geſchöpf ſeit einiger Zeit mit Nini Moulin in geheimer Beſprechung war. Die Bekehrte in spe der E. E. V. V. thronte auf einem mit karmeſinrother Seide überzogenen Kanapee von Maha⸗ gony. Auf den Knien hatte ſie zwei Katzen, zu ihren Füßen ein Wachtelhündchen. Auf der Rücklehne des Kanapees — ſpazierte ein dicker alter Papagei herum. Ein grüner Sit⸗ tich, weniger traulich oder weniger begünſtigt, war neben einem Fenſter auf ſeiner Stange angekettet und belferte von Zeit zu Zeit. Der große Papagei ſchrie nicht, aber zuweilen mengte er ſich plump in das Geſpräch, indem er mit weit⸗ hallender Stimme Flüche ausſtieß oder eine Wörterſamm⸗ lung herunterſchnatterte, wie ſie in die Markthallen paßt oder an die unanſtändigen Orte, an denen er ſeine Jugend zugebracht hatte. Kurzum dieſer alte Hausgenoſſe der St. Colombe vor ihrer Bekehrung hatte von ſeiner Herrſchaft eine ſehr ſchlechte Erziehung erhalten und ſogar einen äußerſt Pamen den ſie nach Abſchwörung ihrer Irr— thümer in Barnabas verwandelt hatte. Die St. Colombe war ein kräftiges Weib von etwa 50 Jahren mit dickem, rothem, etwas bärtigem Geſicht und einer Mannsſtimme. Sie trug an dieſem Abend eine Art Tur⸗ ban von Orangenfarbe und ein Kleid von hellviolettem Sammet, etwas ſchwer für die Jahrszeit. An allen Fingern hatte ſie Ringe und auf der Stirn einen Schmuck von Diamanten. Nini Moulin hatte den etwas unzierlichen Sackpaletot, den er gewöhnlich trug mit ſchwarzem Frack und ditto Hoſen nebſt einer langen Weſte à la Robespierre vertauſcht. Seine Haare waren glatt geſtrichen um ſeinen finnigen Schädel, und er hatte eine vollkommene Betbrudermiene angenommen. Ein ſolches Aeußere ſchien ihm beſſer zu dienen zu ſeinen Heirathsanſchlägen und als Gegengewicht gegen den Einfluß des Abbé Corbinet, als die Manieren von Roger Bontemps, die er früher angenommen hatte. In dieſem Augenblick je⸗ doch ließ der Kirchenſchriftſteller ſeine eigenen Anliegen bei Seite und bemühte ſich blos, den kitzlichen Auftrag Rodin's zu deſſen Zufriedenheit auszurichten. Dieſer Auftrag war ihm von dem Jeſuiten ſo dargeſtellt worden, daß er ganz annehmbar ſchien, und der angegebene ehrenhafte Zweck ließ die etwas gewagten Mittel entſchuldigen. „Alſo,“ ſagte Dumoulin, ein angefangenes Geſpräch fort⸗ ſetzend, „ſte iſt zwanzig Jahr alt?“ „Höchſtens, antwortete die St. Colombe, welche ſehr gierig zu ſein ſchien. „Aber das iſt ja doch Schnick⸗ ſchnack, dicke Maſchine.“ (Man ſteht, ſie ſtand ſchon auf ver⸗ traulichem Fuß mit dem Kirchenſchriftſteller.) „Schnickſchnack,“ entgegnete Nini Moulin mit ernſter Miene;“ nein werthe Freundin, das iſt nicht das rechte Wort. Rührend, intereſſant, müſſen Sie ſagen. Denn wenn Sie bis morgen die fragliche Perſon wieder finden könnten — — —“ „Teufel! bis morgen, dicker Balg!“ rief die Dame. „Wo denken Sie hin. Seit länger als einem Jahr habe ich nicht von ihr ſprechen hören. Doch — ja! Antonia iſt mir vor vier Wocher begegnet und hat mir geſagt, wo ſie wäre.“ „Ließe ſie ſich nun nicht durch das Mittel, an das Sie anfangs gedacht haben, entdecken? 2. „Ja, dicke Maſchine. Aber ſo etwas geht einem ſchlecht von der Hand, wenn man es nicht mehr gewohnt iſt.“ „Wie, ſchöne Freundin? Sie, ſo gütig, Sie, die Sie ſo wirkſam an Ihrer Seligkeit arbeiten, ſollten einige unange⸗ nehme Schritte ſcheuen, wenn es ſich um ein eremplariſches Werk handelt, um den Verſuch, dies Mädchen aus den Klauen des Satan zu reißen?“ Hier ließ der Papagei Barnabas zwei ſehr wohl ausge⸗ ſprochene Flüche hören. Die St. Colombe wandte ſich mit . zorniger Miene um nns rief: „Dieſer Schweinigel beſſert ſich doch gar nicht! Willſt du ſchweigen?“ Der Papagei fuhr in ſeiner Litanei fort, und ſeine Herrin zürnte weiter: „Man meint, er thäte es mit Fleiß. Geſtern hat er gemacht, daß der Abbé Corbinet bis über die Ohren roth geworden iſt. Willſt du ſchweigen?“ Nini Moulin bemerkte mit unverbrüchlichem Ernſt: „Wenn Sie den Barnabas immer mit dieſer Strenge zurechtweiſen, ſo werden Sie ihn am Ende beſſern. Aber um wieder auf unſere Angelegenheit zu kommen, ſein Sie doch, was Sie von Natur ſind, ſo gefällig wie möglich. Wirken Sie mit zu einer doppelten guten Handlung, erſtlich, ein Mädchen den Klauen des Satan zu entreißen und ihr ein anſtändiges Loos zu ſichern, d. h. das Mittel, auf den Pfad der Tugend zuxückzukehren, und zweitens, eine M lutter, die vor Kummer wah heinnig geworden iſt, wieder vernünftig zu machen. Und wo er ört dazu? Einige Schritte, nichts weiter.“ „Aber warum gerade dies Mädchen und kein anderes, dicker Balg? Etwa weil ſie eine Art Rarität iſt?“ „Sicherlich, würdige Freundin, denn ſonſt würde die arme wahnſinnige Mutter, die man wieder vernünftig machen will, nicht den gehörigen Eindruck empfangen.“ „Ja, das iſt richtig.“ „Kommen Sie, würdige Freundin, eine kleine Bemühung.“ „Sie, Schäker! Man muß halt alles thun, was Sie wollen.“ * „Alſo,“ ſagte Nini Moulin lebhaft, „Sie verſprechen?“ „Ich verſpreche es, und noch mehr, ich gehe auf der Stelle hin. Heut Abend will ich erfahren, wie es iſt und ob ſichs thun läßt oder nicht.“ So ſprechend ſtand die St. Colombe mühſam auf, ſetzte die beiden Katzen auf das Kanapee, ſtieß den Hund mit dem Fuß zurück und zog kräftig die⸗Schelle an. „Sie ſind bewunderungswürdig,“ ſagte Nini Moulin. „Ich werde in meinem Leben nicht vergeſſen — —“ „Keine Umſtände, Dicker!“ unterbrach die Dame. „Nicht um Ihretwillen entſchließ ich mich.“ „Wem denn zu Gefallen?“ fragte Nini Moulin. „Ah! das iſt mein Geheimniß,“ erwiderte die St. Colombe. Und zu dem eintretenden Kammermädchen ſagte ſie: „Sag dem Ratisbonne, er ſoll mir einen Fiaere holen, und bring mir meinen hochrothen ſammetnen Federhut.“ Während die Dienerin die Befehle ihrer Herrſchaft, vollzog, trat Nini Moulin zur St. Colombe und ſagte leiſe in be⸗ ſcheidenem und herzlichem Ton: „Schöne Freundin, Sie wer⸗ den bemerkt haben, daß ich dieſen Abend kein Wort von meiner Liebe geſprochen habe. Werden Sie mir dies rück— ſichtsvolle Schweigen in Rechnung bringen?“ Die Sainte Colombe nahm eben ihren Turban ab. Raſch drehte ſie ſich um, ſetzte ihn dem Nini Moulin auf ſeinen kahlen Schädel und ſchlug ein lautes Gelächter auf. Der religiöſe Schriftſteller ſchien von dieſem Beweis von Vertrauen entzückt zu ſein. Als das Kammermädchen wieder kam mit Hut und Shawl ihrer Herrſchaft, nahm er den Turban ab, voll Wonne und h⸗ die St. Colombe evnn an. E — — Am Tag nach dieſem Auftritt brachte Rodin mit triumphi⸗ render Miene ſelber einen Brief auf die Poſt, welcher die Aufſchrift trug: An Herrn Agricola Baudoin, Briſe⸗Miche⸗Gaſſe Nr. 2. Sehr eilig. Paris. Vierzehntes Kapitel. Die Liebſchaft Faringhea's. * Der Leſer erinnert ſich, daß Dſchalma, als er zum erſten Mal erfuhr, daß Adriana ihn liebe, im Wonnerauſch zu dem von ihm als Verräther erkannten Faringhea geſagt hatte: „Du haſt Dich mit meinen Feinden verbündet, ohne daß ich Dir etwas zu Leid gethan hatte. Du biſt boshaft, ohne Zweifel weil Du unglücklich biſt. Ich will Dich glücklich 5 machen, guf daß Du gut werdeſt. Willſt Du Gold? Du ſollſt Gold haben. Willſt Du einen Freund? Du biſt Sklave, ich bin eines Königs Sohn, und ich biete Dir meine Freund⸗ ſchaft an.“ — Faringhea hatte das Gold zurückgewieſen und ſchien die Freundſchaft des Königsſohns anzunehmen. Der ſchlaue Meſtize, von Rodin als Laienbruder in die Geſellſchaft Jeſu aufgenommen, hatte eine aufrichtige Reue, tiefe Dankbarkeit und feſte Anhänglichkeit erheuchelt und bei einem ſo vertrauensvollen edelſinnigen Jüngling, wie Dſchalma, leicht Glauben gefunden. Dſchalma dachte um ſo weniger Grund zu Mißtrauen zu haben, da er durch den täglichen Umgang mit Adriana gegen treuloſe Rathſchläge und Ver⸗ leumdungen geſchützt war. Faringhea hütete ſich wohl, zu ihm von dem Fräulein zu ſprechen, und wartete bloß auf Mittheilungen, welche Dſchalma zuweilen im Uebermaß ſeiner 3 Freude machte. Wenige Tage nachdem Adriana mit äußerſter Anſtrengung ihrer Willenskraft ſich dem anſteckenden Rauſch der Leiden⸗ ſchaft Dſchalmas entzogen hatte, einen Tag nachdem Rodin, vom guten Erfolg der Sendung Nini Moulins zur Frau von St. Colombe benachrichtigt, ſelber einen an Agricola Baudoin gerichteten Brief auf die Poſt getragen hatte, ſchien Faringhea, der ſchon ſeit einiger Zeit düſter war, von einem ſo tiefen Kummer ergriffen zu ſein, daß Dſchalma, der dieſen Men⸗ ſchen durch Wohlwollen und Glück zum Guten zurückführen wollte, ihn mehrmals fragte, weshalb er ſo verzweiflungsvoll ausſühe. Der Meſtize dankte für dieſe freundliche Theilnahme in herzlichſter Weiſe, ſagte aber durchaus nicht, was ihm fehlte. Gegen ſeine Gewohnheit war Dſchalma an dieſem Tag nicht bei ſeiner Geliebten. Den Abend zuvor hatte Adriana von ihm begehrt, daß er ihr dieſen ganzen Tag frei ließe, damit ſie denſelben verwenden könnte, Vorkehrungen zu ihrer Vermählung in der Art zu treffen, daß dieſe in den Augen der Welt gültig wäre und dabei doch die von ihr und Dſchalma gewünſchten Einſchränkungen hätte. Die Mittel zur Erreichung dieſes Zwecks und den Namen der ehrwürdigen Perſon, welche dieſe Verbindung einſegnen ſollte, durfte Adriana ihm nicht ſagen, weil das Geheimniß derſelben nicht bloß ihr gehörte. Für Dſchalma, der ſo lange gewohnt geweſen, alle ſeine Augenblicke ſeiner Geliebten zu widmen, war dieſer Tag, den er fern von ihr zubringen mußte, eine Ewigkeit. Seine Un⸗ geduld war um ſo größer, da Adriana ſeit dem Auftritt, wo ſie beinahe von der Sinnlichkeit überwältigt worden wäre, ihn nie mehr anders als in Gegenwart der Mayeur empfangen hatte. Bald aufs heftigſte aufgeregt, bald in eine Art Er⸗ ſtarrung verſinkend, lag Dſchalma auf ſeinem Divan und be⸗ deckte ſein Geſicht mit den Händen, als wollte er einer allzu verführeriſchen Erſcheinung entfliehen. Plötzlich trat Faringhea ein, ohne wie gewöhnlich angeklopft zu haben. Bei dem Geräuſch ſeiner Tritte fuhr Dſchalma zuſammen und ſah ſich verwundert um. Der Meſtize ſtand bleich und mit verſtörter Miene da. Dſchalma ſprang auf, ging auf ihn zu und fragte: „Faringhea, was fehlt Dir?“ Der Würger ſchien einen Augenblick unſchlüſſig zu ſein, warf ſich dann dem Königsſohn zu Füßen und murmelte in faſt flehendem Ton: „Gnädiger Herr, ich bin ſehr unglücklich. Haben Sie Erbarmen mit mir.“ — 65 Das ſonſt einer Eiſenmaske gleichende Geſicht dieſes Men⸗ ſchen trug einen Ausdruck ſo tiefen Schmerzes, daß Dſchalma gerührt ſich bückte, um ihn aufzuheben, und ihm liebreich ſagte: „Sprich! ſprich! Das Vertrauen beſänftigt die Qualen“ des Herzens. Habe Vertrauen, Freund, und rechne auf mich. Erſt vor wenigen Tagen hat mir der Engel geſagt: Die glückliche Liebe duldet keine Schmerzen in ihrer Nähe.“ „Aber die unglückliche Liebe, die verrathene Liebe vergießt blutige Thränen,“ ſeufzte Faringhea. „Von welcher verrathenen Liebe ſprichſt Du?“ fragte Dſchalma überraſcht. „Ich ſpreche von meiner Liebe,“ antwortete der Meſtize finſter. „Von Deiner Liebe?“ entgegnete der Prinz, noch mehr überraſcht. Der noch junge Meſtize, deſſen düſteres Geſicht eine gewiſſe Schönheit hatte, ſchien ihm zwar nicht unfähig, Liebe einzuflößen oder zu empfinden, aber nie hätte er ihn eines ſolchen Kummers fähig gehalten. „Gnädiger Herr,“ fuhr Faringhea fort: „Sie hatten mir geſagt: Das Unglück hat Dich boshaft gemacht; ſei glücklich und Du wirſt gut ſein. — In dieſen Worten habe ich eine Vorausſagung geſehen. Es war, als ob eine edle Liebe, um in mein Herz einzukehren, nur darauf wattete, daß Haß und Verrath aus ihm verbannt wären. Ich, ein Halbwilder, habe eine ſchöne Frau gefunden, die, wie ich glaubte, meine Liebe erwiderte. Aber ich bin ein Verräther geweſen an Ihnen, gnädiger Herr, und für Verräther, ſelbſt wenn ſie reuig ſind, blüht kein Glück. Auch ich bin verrathen wor⸗ den, ſchändlich verrathen!“ Und als wollte er vor Scham in die Erde verſinken, fügte er, die Ueberraſchung des Prin⸗ zen bemerkend, hinzu: „Erbarmen! Spotten Sie meiner nicht. Die ſchrecklichſten Qualen würden mir dies klägliche Geſtändniß nicht haben auspreſſen können. Aber Sie, der Königsſohn, haben mir geſagt: Sei mein Freunb . . . .“ „Und ich will Dein Freund ſein,“ ergänzte Dſchalma leb⸗ haft. „Ich danke Dir für Dein Zutrauen. Weit entfernt, Dich zu verhöhnen, will ich Dich tröſten. Beruhige Dich. Wie könnt' ich Deiner ſpotten?“ „Die verrathene Liebe verdient Hohn und Verachtung!“ erwiderte der Meſtize. „Selbſt die Feigen haben das Recht, mit Fingern auf ſie zu weiſen. In dieſem Land zuckt man die Achſeln und lacht über den Mann, der getäuſcht worden iſt in dem, was die Seele ſeiner Seele, das Leben ſeines Lebens iſt . . . . “ „Aber biſt Du denn dieſes Verrathes gewiß?“ fragte Dſchalma ſanft. — „Höre, und verzeihe mir, daß ich von dem Vergangenen ſpreche. Ich will Dir damit nur den Be⸗ weis geben, daß ich kein ſchlimmes Andenken hege und an die Reue und an die Zuneigung, die Du mir täglich beweiſeſt, glaube. Erinnere Dich, daß auch ich geglaubt habe, der Engel, welcher jetzt mein Leben iſt, liebe mich nicht. Und das war ein Irrthum. Wer ſagt Dir, daß nicht auch Du gleich mir durch falſchen Schein getäuſcht wirſt?“ „Ach! — — gnädiger Herr, ich möchte es glauben, aber ich wage es nicht zu hoffen. In dieſer Ungewißheit habe ich den Verſtand verloren. Ich bin unfähig, einen Entſchluß zu faſſen, und wende mich an Sie, gnädiger Herr.“ „Aber was erweckt denn Deinen Argwohn?“ „Ihre Kälte, die zuweilen auf eine ſcheinbare Zärtlichkeit folgt, die Weigerung, welche ſie mir mit Berufung auf ihre Pflicht entgegenſetzt — — — und dann — — — Kurz: ſie vernünftelt über ihre Liebe, und das beweiſt, daß ſie mich nicht oder nicht mehr liebt.“ „Im Gegentheil, ſie liebt Dich vielleicht um ſo mehr, da ſie über die Bedeutung und Würde ihrer Liebe nachdenkt.“ Der Meſtize heftete einen durchdringenden Blick auf Dſchalma und ſagte: „So ſprechen ſie alle, wenigſtens die, welche ſchwach lieben. Aber diejenigen, deren Liebe ſtark iſt, zeigen nie dies beleidigende Mißtrauen. Für ſie iſt ein Wort des angebeteten Mannes ein Befehl. Sie laſſen nicht mit ſich handeln, was von den andern blos geſchieht, um ſich das grauſame Vergnügen zu verſchaffen, die Leidenſchaft des Ge⸗ liebten bis zum Wahnſinn zu ſteigern und ihn ſo um ſo ſicherer zu beherrſchen. Was von einem innig liebenden Weib der Mann begehrt, das bewilligt ſie, ſollte es ſie auch Leben und Ehre koſten, weil für ſie der Wille ihres Geliebten über jeder göttlichen und menſchlichen Rückſicht ſteht. Aber die liſtigen Weiber (und zu ihnen gehört diejenige, welche meine — Qual verurſacht) ſetzen einen boshaften Stolz darein, den Mann zu zähmen, zum Sklaven zu machen, um ſo mehr, je ſtolzer er iſt, je weniger er das Joch ertragen mag. Sie machen ſich ein Vergnügen daraus, ſeine Leidenſchaft zu rei⸗ zen, ohne ſie zu befriedigen, indem ſie manchmal thun, als wären ſie auf dem Punkt, ihr nachzugeben. Dieſe Weiber ſind Teufel. Sie haben ihre Freude an den Qualen und Thränen des Mannes, der ſie mit der Schwäche eines Kindes liebt. Während er vor Liebe zu ihren Füßen ſtirbt, berech⸗ nen dieſe falſchen Geſchöpfe in ihrem verletzenden Mißtrauen geſchickt, wie weit ihre Weigerung wirkt, denn völlig wollen ſie ihr Opfer nicht zur Verzweiflung bringen. O wie kalt und herzlos erſcheinen ſie neben jenen leidenſchaftlichen Wei⸗ bern, welche außer ſich vor Liebe zu dem angebeteten Manne ſagen: Wenn ich heute Dein bin, ganz Dein, wie Du wün⸗ ſcheſt, dann mag morgen für mich Verlaſſenheit, Schande und Tod kommen. Es iſt mir gleichgültig. Sei glücklich. Mein Leben iſt nicht eine Deiner Thränen werth.“ Dſchalmas Stirn hatte ſich allmählig verdüſtert, während er dem Würger zuhörte. Da er die mancherlei Vorkomm⸗ niſſe bei ſeiner Leidenſchaft für Adriana dieſem Menſchen nie offenbart hatte, ſo konnte er in ſeinen Worten nur eine zu⸗ fällige unbewußte Anſpielung auf die Weigerungen Adrianas ſehen. Um ſo mehr mußte dieſe Anſpielung wirken. Einen Augenblick fühlte er ſeinen Stolz verletzt durch den Gedanken, daß es, wie Faringhea ſagte, Rückſichten gäbe, welche ein lieben⸗ des Weib über ihre Liebe ſetzte. Aber dieſer kränkende Ge⸗ danke ſchwand bald vor dem wohlthuenden Einfluß der Erinne⸗ rung an Adriana. Seine Stirn heiterte ſich allmählig wieder auf, und er erwiderte dem Meſtizen, der ihn verſtohlen anſah: „Der Kummer verwirrt Deinen Verſtand. Wenn Du keinen andern Grund haſt an der zu zweifeln, welche Du liebſt, als dieſen unbeſtimmten Argwohn, welcher Dein finſteres Gemüth ſcheu machte, ſo beruhige dich. Du wirſt geliebt, vielleicht mehr als Du denkſt.“ „Ach! gnädiger Herr, möchte es wahr ſein!“ erwiderte der Meſtize niedergeſchlagen nach einem Augenblick des Schwei⸗ gens, wie wenn er von den Worten Dſchalmas gerührt wäre. „Und doch ſage ich mir: alſo gibt es für das Weib etwas, — 92 — was ihr höher ſteht, als ihre Liebe zu mir. Zartgefühl, Bedenklichkeit, Würde, Ehre — dagegen läßt ſich nichts ſagen; aber ſie liebt mich nicht genug, um mir ihr Zartgefühl, ihre Bedenklichkeiten, ihre Würde und Ehre zu opfern. Nach all dieſem kommt vielleicht meine Liebe an die Reihe. Dſchalma, der abermals einen ſchmerzlichen Eindruck bei den Worten des Meſtizen empfunden hatte, ſagte ſanft: „Freund Du biſt im Irrthum. Je größer die Liebe eines Weibes iſt, deſto würdevoller und keuſcher iſt ſie. Nur die Liebe erweckt dieſe Bedenklichkeiten, dies Zartgefühl. Sie iſt es, die alles beherrſcht, nicht aber wird ſie beherrſcht.“ „Freilich, gnädiger Herr,“ erwiderte der Meſtize ſpöttiſch. „Dies Weib nöthigt mir ſeine Weiſe zu lieben und Liebe zu beweiſen auf, und ich muß mich unterwerfen.“ Er bedeckte ſein Geſicht mit den Händen, und ſtieß einen langen Seußzer aus. Als er wieder aufſah, trugen ſeine Züge ein ſolches Gepräge von Haß, Wuth und Verzweiflung, daß Dſchalma erſchrocken ſeine Hand faßte und ſagte: „Beruhige Dich. Höre auf die Stimme der Freundſchaft. Sie wird dieſen ſchlimmen Einfluß beſchwören. Sprich weiter.“ „ „Nein! es iſt zu entſetzlich!“ . „Ich ſage Dir, ſprich!“ „Ueberlaſſen Sie einen Unglücklichen ſeiner unheilbaren Verzweiflung.“ „Hältſt Du mich deſſen für fähig?“ fragte Dſchalma mit Sanftheit und Würde, die auf den Meſtizen Eindruck zu machen ſchienen. Zaudernd fragte dieſer: „Sie wollten es, gnädiger Herr?“ „Ich will es.“ „Nun, ich habe Ihnen nicht Alles geſagt. Im Augenblick dieſes Geſtändniſſes hat Scham und Furcht vor Spott mich zurückgehalten. Sie haben mich gefragt welche Gründe ich hatte, an einen Verrath zu glauben. Ich habe Ihnen von unbeſtimmtem Argwohn geſprochen, von Weigerungen, von Kälte. Das war nicht Alles. Dieſen Abend — — —“ „Weiter!“ „Dieſen Abend läßt vies Weib den Mann zu ſich kommen den ſie mir vorzieht.“ „Wer hat Dir das geſagt?“ — 93 — „Ein Unbekannter, der meine Blindheit bedauert.“ „Und wenn dieſer Menſch Dich, — ſich täuſchte?“ „Er hat mir Beweiſe angeboten.“ „Welche Beweiſe?“ „Ich ſoll heut Abend an den Ort gehen, wohin ſie den Andern beſtellt hat. Der Mann hat mir geſagt: Es iſt möglich, daß dieſe Zuſammenkunft unſchuldig iſt trotz dem Schein, der dagegen ſpricht; ſehen Sie ſelber zu und Ihre peinliche Un⸗ gewißheit wird aufhören.“ „Und was haſt Du geantwortet?“ „Nichts, gnädiger Herr. Ich wußte nicht, wo mir der Kopf ſtand, wie jetzt. Nachher bin ich auf den Gedanken gekommen, Sie um Rath zu fragen.“ Er machte eine Ge⸗ bärde der Verzweiflung, brach in wildes Lachen aus und rief: „Rath! Meinen Handſchar hätte ich um Rath fragen ſollen. Er würde mir geantwortet haben: Blut! Blut!“ Und krampfhaft fuhr er mit der Hand nach dem langen Dolch, den er im Gürtel ttug. Gewiſſe Ausbrüche der Leidenſchaft haben etwas heillos an⸗ ſteckendes. Beim Anblick der von raſender Eiferſucht ver⸗ zerrten Züge fuhr Dſchalma zuſammen, denn es fiel ihm der Augenblick unſinniger Wuth ein, den er gehabt hatte, als die Fürſtin von St. Dizier Adriana herausforderte zu leugnen, daß man in ihrem Schlafzimmer Agricola Baudoin verſteckt gefunden hatte. Obgleich die ſtolze, würdevolle Haltung des Fräuleins ihn ſofort beruhigt hatte, ſo daß er nur Ekel und Abſcheu über die Verleumdung empfand, ſo war doch etliche Male nachher der Gedanke daran durch ſeine Seele gezuckt, wie ein Blitz durch den heiteren Himmel, aber ſchnell wieder verſchwunden in der Heiterkeit ſeines Glücks und ſeines Ver⸗ trauens auf Adrianas Herz. Dieſer flüchtige Gedanke und die Erinnerung an die Weigerungen Adrianas ſtimmte ihn ſchwermüthig und verſtärkten ſein Mitleid mit dem Meſtizen, deſſen heftige Gefühlsäußerungen ihm nach der an ſich ge⸗ machten Erfahrung ganz natürlich vorkamen. Entſchloſſen den Meſtizen durch Freundlichkeit und Güte zu beſänftigen, ſagte er mit ernſter ſanfter Stimme: „Ich habe Dir meine Freund⸗ ſchaft angeboten, und ich will als Freund an Dir handeln.“ Faringhea ſtierte vor ſich hin und ſchien in ſeiner Wuth nicht auf den Prinzen zu hören. Dſchalma legte die Hand auf ſeine Schulter und ſprach: „Faringhea, höre mich an.“ Der Würger fuhr zuſammen, als würde er aus dem Schlaf aufgeweckt und ſagte: „Verzeihen Sie, gnädiger Herr; a „Nicht deinen Handſchar,“ fuhr Dſchalma fort, „mußt Du in Deiner Qual um Rath fragen, ſondern Deinen Freund, und ich habe Dir geſagt, ich bin Dein Freund. Ich ſage Dir, gehe an den Ort, wo Dir Gelegenheit geboten wird, Dich zu überzeugen, ob Deine Geliebte ſchuldig oder unſchuldig iſt.“ „Ja,“ erwiderte mit dumpfer Stimme und unheimlichem Lächeln der Würger, „ich will hingehn.“ „Aber Du ſollſt nicht allein gehen.“ „Wie, gnädiger Herr? „Wer ſollte mich begleiten?“ „Ich.“ „Sie?“ „Ja, um Dir vielleicht ein Verbrechen zu erſparen; denn ich weiß, wie blind und ungerecht oft die' erſte Regung des Zorns iſt.“ ₰ „Aber die erſte Regung rächt uns auch, erwiderte der Würger mit grimmigem Lächeln. „Faringhea, dieſen ganzen Tag habe ich für mich. Ent⸗ weder Du gehſt nicht an jenen Ort, oder ich begleite Dich Der Meſtize ſchien durch dies edelmüthige Jureden über⸗ wältigt zu ſein. Er fiel dem Prinzen zu Füßen, ergriff ſeine Hand, drückte ſie ehrfurchtsvoll an ſeine Stirn und an ſeine . Lippen und ſagte: „Gnädiger Herr, ſein Sie noch weiter edelmüthig und verzeihen Sie mir.“ Was ſoll ich Dir verzeihen?“ fragte Dſchalma. Ehe ich vorhin zu Ihnen kam, hatte ich den verwegenen Gedanken, Sie um das zu bitten, was Sie mir anbieten, um dieſe Gefälligkeit, die Sie vielleicht einem Ihres Gleichen nicht bewilligen würden. Nachher aber wagte ich es nicht mehr. Ja ich wollte Ihnen nicht einmal ſagen, welchen Ver⸗ rath ich fürchte, und mich begnügen, Ihnen zu ſagen, wie unglücktich ich bin, weil Sie der einzige ſind, dem ich es ſagen konnte.“ Die Weiſe, in welcher der Würger dieſe Worte ſprach, war ſo ungekünſtelt, der Ton ſeiner Stimme ſo eindringlich, und die Thränen, welche auf den Ausbruch ſeiner wilden Heftigkeit folgten, waren ſo rührend, daß Dſchalma tief er⸗ griffen ihm die Hand reichte, ihn aufhob und ſagte: „Du hatteſt das Recht, von mir einen Beweis von Freundſchaft zu verlangen. Ich ſchätze mich glücklich, daß ich Dir zuvor⸗ gekommen bin. Auf! Muth und Hoffnung. Ich begleite Dich an jenen Ort, und wenn ich meinen Wünſchen glauben darf, hat falſcher Schein Dich getäuſcht. Als es Nacht geworden war ſtiegen Dſchalma und ſein Diener in Mäntel gehüllt in einen Miethwagen. Faringhea wies dem Kutſcher an, nach dem Haus des St. Colombe zu * 5 4 5 fahren. Fünfzehnes Kapitel. Ein Abend bei der Sainte Colombe. Nini Moulin, völlig unbekannt mit dem wahren Zweck der Schritte, welche er auf Geheiß Rodins that, hatte am Abend zuvor der Anweiſung des Jeſuiten gemäß der St. Colombe eine beträchtliche Summe angeboten, um von dieſem immer noch habgierigen Geſchöpf die freie Verfügung über ihre Wohnung während dieſes ganzen Tages zu erlangen. Das alte Weib hatte dies vortheilhafte Anerbieten angenommen und war am Morgen mit ihrer Dienerſchaft weggefahren, angeblich, um ihren Leuten zum Lohn für ihre guten Dienſte das Vergnügen eines Ausflugs aufs Land zu machen. Gleich nach ihrer Abfahrt war Rodin, in einen Mantel gehüllt, eine ſchwarze Perücke auf dem Kopf, eine blaue Brille auf der Naſe, Hals und Kinn mit einer wollenen Binde umwickelt, ſo daß er völlig unkenntlich war, in der ihm zur Verfügung geſtellten Wohnung mit Faringhea erſchienen und hatte dieſem Anweiſungen gegeben, welche derſelbe mit Verſtand und Ge⸗ ſchick ausführte. In zwei Stunden hatte der Würger die gewünſchten Anſtalten getroffen und war dann zu Dſchalma zurückgekehrt, um den oben geſchilderten Auftritt zu ſpielen⸗ Während der Fahrt aus Dſchalmas Wohnung nach der Richelieuſtraße ſchien Faringhea in eine ſchmerzliche Nieder⸗ geſchlagenheit verſunken zu ſein. Plötzlich ſagte er zu ſeinem Begleiter mit dumpfer Stimme: „Herr, wenn ich verrathen bin, muß ich meine Rache haben!“ „Verachtung iſt eine ſchreckliche Rache,“ erwiderte Dſchalma. „Nein, nein!“ rief der Würger im Ton verhaltenen In⸗ grimms, „das iſt nicht genug Je näher der Augenblick kommt, deſto mehr fühle ich, daß ich Blut haben muß.“ „Höre mich an . . . „Gnädiger Herr, haben Sie Mitleid mit mir. Ich war feig geweſen, ich war vor meiner Rache zurückgebebt. Jetzt würde ich mich, um ſie zu erlangen, martern laſſen. — — Laſſen Sie mich allein hingehen!“ Bei dieſen Worten machte Faringhea eine Bewegung, als wollte er aus dem Wagen ſpringen. Dſchalma hielt ihn zurück und ſagte „Bleibe! Ich verlaſſe Dich nicht. Wenn Du verrathen biſt, ſollſt Du kein Blut vergießen. Verach⸗ tung ſoll Deine Rache ſein, und die Freundſchaft ſoll Dich tröſten.“ „Nein, nein! gnädiger Herr. Ich bin entſchloſſen. Wenn ich getödtet habe, dann tödte ich mich ſelber. Für die Ver⸗ räther iſt dieſer Handſchar beſtimmt, für mich das in ſeinem Griff verborgene Gift!“ „Faringhea . . . . “ „Gnädiger Herr, verzeihen Sie, daß ich nicht auf Sie höre. Mein Geſchick muß in Erfüllung gehen.“ Dſchalma gab die Hoffnung auf, die wilde Wuth des Me⸗ ſtizen durch Zureden zu beſchwichtigen. Er beſchloß Liſt an⸗ zuwenden. Nach einigen Minuten des Schweigens ſagte er: „Faringhea, ich verlaſſe Dich nicht. Ich werde alles thun, um Dich von einem Verbrechen abzuhalten. Gelingt es mir nicht, hörſt Du nicht auf meine Stimme, ſo komme das ver⸗ goſſene Blut über Dich, und nie mehr ſoll meine Hand die Deinige berühren.“ Dieſe Worte ſchienen auf den Würger einen großen Ein⸗ druck zu machen. Er ſtieß einen tiefen Seufzer aus, ließ — 9 den Kopf auf die Bruſt ſinken und ſchien tief nachzudenken. Dſchalma betrachtete ihn bei dem ſchwachen Lichtſchimmer, den die Laternen in den Wagen warfen, und überlegte, wie er ihm den Dolch ſicher entreißen könnte. Der Würger, welcher immer verſtohlen nach ihm hinſah, errieth ſeine Ab⸗ ſicht, riß plötzlich den Handſchar ſammt der Scheide aus dem Gürtel und ſagte in feierlichem Ton: „Dieſer Dolch iſt in einer feſten Hand eine treffliche Waffe, und —“ er drückte auf eine verborgene Feder an dem Griff, daß der Knopf ſich wie ein Deckel umlegte und den Hals eines Fläſchchens ſehen ließ — „und dies Fläſchchen enthält ein feines Gift. Drei Tropfen davon auf die Lippen, und der Tod kommt langſam und leicht in einigen Stunden. Das erſte Zeichen iſt, daß die Nägel blau werden. Wer aber dies Fläſchchen mit einem Zuge leerte, würde augenblicklich ohne Schmerz todt ſein.“ „Ja,“ ſagte Dſchalma, „ich weiß, daß es in unſerer Hei⸗ math geheimnißvolle Gifte gibt, welche allmählich das Leben erſtarren oder auch ſchnell tödten wie der Blitz. Aber war⸗ um ſprichſt Du ſo nachdrücklich von den verderblichen Eigen⸗ ſchaften dieſes Gewehrs?“ „Um Ihnen zu zeigen, daß dieſer Handſchar meine Rache ſichert und ſtraflos macht. Mit ſeiner Klinge tödte ich; mit dem Gift, welches er birgt, entgehe ich durch ſchnellen Tod der Strafe. Und dennoch überlaß ich Ihnen dieſen Hand⸗ ſchar. Nehmen Sie ihn, gnädiger Herr. Ich will lieber auf meine Rache verzichten, als mich unwürdig machen, Ihre Hand zu berühren.“ Ueberraſcht und erfreut nahm Dſchalma den dargereichten Dolch, und ſteckte ihn in ſeinen Gürtel. Der Würger fuhr im Tone der Rührung fort: „Behalten Sie dieſen Dolch. Wenn Sie geſehen und gehört haben, was wir ſehen und hören werden, dann geben Sie mir entweder den Handſchar, und ich erdolche die Schändliche — oder Sie geben mir das Gift, und ich ſterbe, ohne getödtet zu haben. Sie haben zu befehlen, ich zu gehorchen.“ . Dſchalma wollte etwas erwidern, da hielt der Wagen an. Beide ſtiegen aus und traten in einen dunkeln Thorweg. Hinter ihnen ward das Thor zugemacht. Faringhea wechſelte 7 „ einige Worte mit dem Thürſteher und erhielt von ihm einen Schlüſſel. Beide gingen die Treppe hinauf und langten vor einer der drei Thüren der Wohnung der St. Colombe an, von denen zwei auf dieſe Treppe führten und die dritte einen geheimen Ausgang nach dem Hof zu bildete. In dem Au⸗ genblick, wo Faringhea den Schlüſſel in die Thür ſteckte, ſagte er mit dumpfer Stimme: „Gnädiger Herr, haben Sie Erbarmen mit meiner Feigheit. In dieſem ſchrecklichen Au⸗ genblick ſchwanke ich. Vielleicht iſt es beſſer, ich bleibe bei meinen Zweifeln oder ich vergeſſe ſie. — — Doch nein Keine Feigheit!“ Und er ſchloß auf und trat ein. Nach⸗ dem Dſchalma ebenfalls eingetreten war, ſchloß er die Thür wieder zu. Beide befanden ſich auf einem ſchmalen Gang in völliger Finſterniß. Der Meſtize flüſterte: „Ihre Hand, gnädiger Herr. Laſſen Sie ſich führen und treten Sie leiſe auf.“ Dſchalma ergriff die dargebotene Hand und ließ ſich im Dunkeln durch mehre Thüren führen. Plötzlich blieb Fa⸗ ringhea ſtehen, ließ die Hand des Prinzen los und flüſterte: „Der entſcheidende Augenblick naht. Laſſen Sie uns hier ein wenig warten.“ In der völligen Finſterniß konnte Dſchalma nicht das Ge⸗ ringſte erkennen. Rach einer Minute hörte er, wie der Me⸗ ſtize von ihm wegſchlich, wie eine Thür plötzlich aufging und wieder zugeſchloſſen wurde. Dies plötzliche Verſchwinden be⸗ unruhigte den Königsſohn einigermaßen. Ohne etwas dabei zu denken, griff er nach dem Handſchar und tappte einige Schritt nach der Stelle zu, wo er einen Ausgang ver⸗ muthete. Plötzlich vernahm er die Stimme des Meſtizen: „Gnädiger Herr, Sie haben mir geſagt: Sei mein Freund.— Ich handle als Freund! Ich habe Liſt angewandt, um Sie hieher zu führen. Die Verblendung Ihrer verderblichen Leidenſchaft würde Sie verhindert haben, auf mich zu hören. Die Fürſtin von St. Dizier hat Ihnen Agricola Baudvin genannt, den Geliebten der Adriana von Cardoville. Hören Sie, ſehen Sie, urtheilen Sie Die Stimme ſchien aus einer der Ecken des Zimmers zu kommen. Dſchalma, zu ſpät erkennend, in welche Falle er gegangen war, erbebte vor Wuth und Entſetzen. „Faringhea!“ rief er; „wo bin ich? Wo biſt Du? So lieb Dir Dein Leben iſt, öffne mir! Ich will augenblicklich weggehen!“ Und mit vorgeſtreckten Händen machte er einige raſche Schritte und gelangte an eine mit einem Gewebe tapezirte Wand. Er ging taſtend längs derſelben hin in der Hoff⸗ nung einen Ausgang zu finden. Er fand eine Thür; aber ſie war verſchloſſen. Vergebens rüttelte er an dem Schloß. Er ſuchte weiter und kam an ein Kamin, dann an eine zweite verſchloſſene Thür, und nachdem er rund herum ge⸗ gangen war, blieb er endlich wieder an dem Kamin ſtehen. Mit einer vor Zorn zitternden Stimme rief er abermals nach Faringhea, erhielt aber keine Antwort. In dem Dunkel und der Stille drang ein überaus lieb⸗ licher Duft in das Zimmer. Es war der Duft von Wam⸗ bay, dem Harz von einem auf dem Himalaya wachſenden Strauch, deſſen aufheiternde Wirkung, viel ſtärker als die des Opium und des Haſchiſch, der Alte vom Berge benutzt haben ſoll, um die Werkzeuge ſeiner Rache in den Zuſtand des Traumwachens zu verſetzen. Dſchalma, ganz mit dem Ge⸗ danken an ſeine ſchreckliche Lage beſchäftigt, achtete nicht auf jenen Geruch. Bald aber verſpürte er die Wirkung. Die Adern ſeiner Schläfe klopften heftig. Sein Blut ward heiß. Er empfand ein unbeſchreibliches Wohlgefühl. Sein Zorn ſchien allmählig wider ſeinen Willen in einer angenehmen Erſtarrung zu erlöſchen. Er nahm alle Kraft ſeines Willens zuſammen, um nochmals ſein Heil an einer Thür zu ver⸗ ſuchen. Er erreichte die nächſte Thür. Hier aber war die Wirkung des Duftes ſo ſtark, daß Dſchalma ſich kraftlos zu jeder weiteren Bewegung fühlte und ſich an das Getäfel lehnte, wo er in einen traumähnlichen Zuſtand verſank. In dieſem Zuſtand kam es ihm vor, als ob die Finſterniß, in welcher er ſich befand, ſich ein wenig aufhellte. Er ſah ſich um und gewahrte ein rundes Fenſter, durch welches das Licht hereindrang. Er trat an dies Fenſter, welches er mit dünnen Eiſenſtäben vergittert fand und ſah durch eine Spiegel⸗ ſcheibe hinter dem Gitter in ein ſchwach erhelltes reich möblirtes Zimmer, worin ſich zwiſchen zwei Fenſtern mit karmeſinrothen Vorhängen ein großer Spiegel, an der einen Seite ein Kamin mit glühenden Kohlen und auf der andern ein Divan befand. In dies Zimmer kam eine von einem dunkeln Kapuzenmantel völlig verhüllte weibliche Geſtalt ge⸗ ſchlichen, trat an eins der Fenſter, ſchob einen Vorhang weg, ſah zwiſchen den Sommerläden auf die Straße hinaus, ging dann langſam ans Kamin und ſtützte den Ellenbogen auf das Geſims.. Beim erſten Anblick dieſer Geſtalt war Dſchalma zuſam⸗ mengefahren. Dem angenehmen Gefühl, welches er zuvor gehabt hatte, folgte eine fieberhafte Aufregung wie bei zu⸗ nehmender Trunkenheit, und es ſummte in ſeinen Ohren, wie wenn er auf den Grund eines großen Gewäſſers getaucht wäre. Er vergaß völlig Faringhea und die Umſtände, welche ihn an dieſen Ort gebracht hatten und verſenkte ſich ganz in den Anblick, welchen er wie ein Traumbild vor Augen hatte. Die verhüllte Geſtalt trat von dem Kamin vor den Spiegel und ließ den Mantel fallen. Dſchalma ſtand wie vom Blitz gerührt da. Er hatte die leibhaftige Geſtalt Adrianäs von Cardoville vor Augen, ganz ſo, wie er ſie Tags zuvor geſehen hatte, — gekleidet, wie an dem Tag ihrer Unterredung mit der Fürſtin von St. Dizier, in ein blaßgrünes Gewand mit roſen⸗ rothen von weißen Schmelzperlen eingefaßten Schlitzen, die goldfarbige Haarflechte an ihrem Hinterhaupt mit einem Netz von weißen Schmelzperlen bedeckt. Dicke Schweißtropfen rannen über Dſchalmas Geſicht. Keuchend heftete er ſeinen glühenden Blick auf die Geſtalt des Mädchens, welches ihm fortwährend den Rücken zukehrte. Sie brachte ihr Haar mit anmuthiger Selbſtgefälligkeit in Ord⸗ nung, nahm das Perlennetz ab, legte es aufs Kamin, machte dann eine Bewegung, wie um ihr Kleid aufzuhaken, und trat ſeitwärts, ſo daß Dſchalma ſie nicht mehr ſehen konnte. Eine Stimme, die aus der Wand zu kommen ſchien, ſprach: „Sie erwartet Agricola Baudvin, ihren Geliebten.“ Dieſe Worte drangen wie ein Feuerſtrahl dem jungen Manne durch Mark und Bein. Er ſtieß ein dumpfes Ge⸗ brüll aus, welches durch die dicke Spiegelſcheibe nicht in das andere Zimmer dringen konnte, und riß an den Gitterſtäben, ohne ſie ausbrechen zu können. Das Licht in dem Nebenge⸗ mach ward ſchwächer. In dem Halbdunkel ſah Dſchalma die Geſtalt wieder erſcheinen, diesmal in einen langen weißen Puder⸗ mantel gehüllt, aus welchem ihre entblößten Schultern und Arme, überwallt von langen goldnen Locken, hervorſahen. Es kam ihm vor, als ginge das Mädchen nach einer Thür, die er jedoch nicht ſehen konnte. Gleichzeitig hörte er den Schlüſſel in einer Thür der Wand, an welcher er ſtand, herumgehen und verſpürte einen Zug friſcher Luft, der durch die geöffnete Thür hereindrang, zugleich mit dem Geräuſch von Tritten, welche die Treppe heraufkamen. An einer Thür, welche von der Treppe in ein Vorzimmer führte ward zwei Mal leiſe angeklopft. Während Dſchalma nach dieſer Seite hin horchte, vernahm er hinter ſich die vorige Stimme: „Das iſt Agricola Baudoin. Sieh und höre.“ Dſchalma zog den Dolch, welchen Faringhea ihm überlaſſen hatte, ſchlich nach der geöffneten Thür, aus welcher ein ſchwacher Lichtſchimmer drang, ſah, wie das Mädchen durch das Vorzimmer nach der Treppenthür eilte und hörte ſie leiſe fragen: „Wer iſt da?“ Von außen antwortete eine kräftige Mannsſtimme: „Ich, Agricola Baudoin.“ Das Mäd⸗ chen ſchob den Riegel zurück, und Agricola trat über die Schwelle der geöffneten Thür. In demſelben Augenblick ſprang Dſchalma hinzu und ſtreckte beide mit zwei Dolchſtichen nieder. Das Licht, welches aus dem Zimmer des Mädchens in das Vorgemach gedrungen war, erloſch plötzlich. In der Finſterniß fühlte Dſchalma ſeinen Arm von einer kräftigen Fauſt er⸗ griffen und hörte die Stimme Faringheas: „Du biſt gerächt! Komm! Dein Rückweg iſt geſichert.“ Willenlos ließ ſich Dſchalma in das Zimmer führen, welches zwei Ausgänge hatte. Als Rodin gejubelt hatte, daß das Wort Halsband ihn auf einen glücklichen Gedanken gebracht habe, war ihm die Herüchtigte Halsbandgeſchichte eingefallen, in welcher eine der Gemahlin Ludwigs XVI. ähnliche Perſon im Halbdunkel die Rolle der Königin geſpielt hatte zur Täuſchung des Kardinals Rohan. Auf dieſe Geſchichte hatte er ſeinen hölliſchen Plan F gegründet. Durch Dumoulin hatte er die St Colombe be⸗ ſtimmen laſſen, ein großes, ſchönes, rothhaariges Mädchen — — 102 — aufzutreiben, und dieſem Mädchen hatte er zur Verſtärkung der Täuſchung die Tracht anlegen laſſen, welche die Frau von St. Dizier, ohne von dieſem Anſchlag zu wiſſen, auf ſein Verlangen ihm beſchrieben hatte als diejenige, in welcher ſie Adriana neben Dſchalma geſehen. Die Dirne Soſia, welche ſich dazu hergegeben, die Rolle Adrianas zu ſpielen, hatte ge⸗ glaubt, die Sache ſei ein Scherz. Agricola hatte in einem von unbekannter Hand geſchriebenen Brief die Aufforderung gefunden, ſich zu einer Zuſammenkunft einzufinden, welche für das Fräulein von Cardoville von großer Wichtigkeit ſein könnte. Sechzehntes Kapitel. Eine an drei ſilbernen Ketten von der Decke herabhängende Kugellampe von morgenländiſchem Alabaſter verbreitete ein ſchwaches Licht in dem Schlafgemach Adrianas von Cardoville. Das breite Bett von Elfenbein, mit Perlmutter eingelegt, war halb unſichtbar hinter den Wolkenvorhängen von weißem Muslin und Valenciennes. Auf dem weiß marmornen Ka⸗ min, deſſen Gluth einen rothen Widerſchein auf den Herme⸗ linteppich warf, prangte ein ganzes Beet von Roſencamelien in dem Marmorkorb. Ein angenehmer würziger Duft drang aus dem Badzimmer. Tiefe Stille herrſchte. Es war eine Stunde vor Mitternacht, als die Elfenbein⸗ rhür, gegenüber der zum Badzimmer führenden, langſam auf⸗ ging, und Dſchalma erſchien, zwei Stunden nachdem er eine Perſon, die er für Adriana hielt, erdolcht hatte. Die Leute des Fräuleins, gewohnt, ihn jeden Tag kommen zu ſehen und nie anzumelden, fanden in ſeinem Beſuch nichts auf⸗ fallendes und ſagten ihrer im Erdgeſchoß beſchäftigten Herr⸗ ſchaft nichts davon. In dem Augenblick, wo er zum erſten Mal dies jungfräuliche Heiligthum betrat, lag eine erzwun⸗ gene Ruhe auf ſeinem Geſicht. Kaum daß eine leichte Bläſſ —˖ĩ — 108 — die lichte Farbe ſeiner Haut verdüſterte. Sein Kleid war mit Blut beſpritzt, aber man bemerkte es nicht auf der Pur⸗ purfarbe und den ſilbernen Streifen desſelben. Nachdem er die Thür hinter ſich zugemacht, riß er ſeinen Turban vom Kopf und warf ihn weg, denn es war ihm, als läge ein glühender eiſerner Reif um ſeine Stirn. Die Arme auf der Bruſt gekreuzt, ſah er langſam umher. Als ſein Blick auf das Bett Adrianas fiel, erbebte er, erröthete und that einen Schritt vorwärts. Dann fuhr er mit der Hand über die Stirn, ſenkte das Haupt und blieb einige Augenblicke unbe⸗ weglich wie eine Bildſäule ſtehen. Endlich fiel er auf die Knie und erhob ſein von Thränen überſtrömtes Antlitz zum Himmel. Weder Haß, noch Verzweiflung, noch die wilde Freude be⸗ friedigter Rachſucht lag auf ſeinen Zügen, ſondern ein unend⸗ licher kindlicher Schmerz. Unter Schluchzen murmelte er mit erſtickter Stimme: „Todt iſt ſie, die dieſen Morgen noch ſo glücklich in dieſem Gemach ruhte! Ich habe ſie getödtet — ich hätte ſie nicht tödten ſollen. Sie liebte den Mann, den ich ebenfalls getödtet habe. Waru Weil ich, der Halbwilde, ihre Liebe nicht verdie⸗ nen konnte. Um mich nicht allzu unglücklich zu machen, ver⸗ barg ſie mir ihre Gleichgültigkeit unter dem Schein der Liebe Sie hatte mir ihre Wohnung geöffnet, mir er⸗ laubt, Tage bei ihr zuzubringen. Gewiß wollte ſie mich lieben und konnte nicht. Ich liebte ſie mit aller Kraft meiner Seele; aber meine Liebe ſagte ihrem Herzen nicht zu. Ein heilloſer Schwindel hat mich zu dem Verbrechen getrieben, nach deſſen Begehung ich wie aus einem Traum erwacht bin. Aber es war kein Traum. Ich habe ſie getödtet, ſie, der ich bis zu dieſem Abend ſo viele ſelige Augenblicke verdankt hatte; — ſie, die mein Herz ſo viel beſſer und edler gemacht hatte. Und dieſer Schatz würde mir geblieben ſein und hätte mich tröſten können. Und dennoch habe ich ſie und dieſen Mann umgebracht, wie ein Tiger eine unſchuldige Beute zerreißt.“ Mit Mühe ſtand er auf, zog den Handſchar aus ſeinem Gürtel, nahm das Fläſchchen aus dem Griff und warf den Dolch auf den Hermelinteppich, der von dem daran hängen⸗ den Blut geröthet wurde. „Ich will mich ebenfalls tödten,“ — 0 — ſagte er. „Mein Tod ſoll ihre Rache ſein; — aber er kann ihr das Leben nicht wieder geben. Hier, in dieſem Himmel meiner Hoffnungen, will ich ſterben. Sie iſt todt — todt! Auch ich will bald todt ſein — nein, nicht bald. Ich will langſam ſterben. — Wer hätte das gedacht, als ſie mir geſtern zum Abſchied die Hand drückte?“ Dſchalma ſetzte das Fläſchchen an ſeine Lippen, trank einige Tropfen daraus und ſtellte es auf ein elfenbeinernes Tiſchchen neben dem Bett Adrianas. „Jetzt,“ ſagte er, „bin ich des Todes gewiß, und es bleibt mir noch Zeit, mich in dem Duft dieſes Gemaches zu berauſchen. Auf dem Lager, wo ihr Haupt geruht hat, ſoll mein ſterbendes Haupt ruhen.“ Er kniete vor dem Bett nieder und ſtützte ſeine Stirn auf den Rand desſelben. In dieſem Augenblick ging die in das Badzimmer führende elfenbeinerne Thür auf, und Adriana trat ein, in einen langen Muslinmantel gehüllt, das Haar an den Schläfen in zwei Zöpfchen geflochten, welche ihrem Geſicht ein Anſehn lieb⸗ licher Jugendlichkeit gaben, die Haut leicht geröthet durch das laue Bad, welches ſie vor dem Schlafengehen zu nehmen pflegte. Wonne ſtrahlte aus ihren Augen und erhöhte ihre Schönheit. Alle Hinderniſſe in Betreff der Form ihrer Ver⸗ bindung mit Dſchalma waren gehoben. In zwei Tagen ſollten ſie vermählt ſein. Sie hatte die Thür ſo geräuſchlos geöffnet, und die Tritte ihrer bloß mit leichten Satinpantoffeln bekleideten Füßchen waren auf dem Hermelinteppich ſo unvernehmlich daß Dſchalma erſt durch einen Schrei der Ueberraſchung und des Schreckens aus ſeinem Träumen aufgeweckt wurde. Er wandte ſich raſch um und ſah Adriana vor ſich. Dieſe zog ſchamhaft ihren Pudermantel über ihren entblößten Buſen und wich zurück, mehr betrübt als erzürnt. Sie glaubte, Dſchalma habe in einem Anfall toller Leidenſchaft ſich mit ſträflicher Hoffnung in ihr Schlafzimmer eingeſchlichen. Als ſie aber den Dolch auf dem Boden liegen und Dſchalma mit zurückgebogenem Leib und vorgeſtreckten Händen ſie anſtarren ſah, erſtarben die Worte des Tadels auf ihren Lippen. Entſetzt trat ſie auf ihn zu und fragte, auf den Handſchar deutend: „Freund, wie kom- men Sie hieher? Was iſt Ihnen? Wozu dieſer Dolch?“ — Dſchalma antwortete nicht. Anfangs war ihm die Erſchei⸗ nung Adrianas wie eine Art von Traumgeſicht vorgekommen in Folge ſeiner durch das Gift geſtörten Geiſtesthätigkeit. Als aber die ſanfte Stimme des Fräuleins in ſein Ohr tönte, als ſein Herz erbebte von dem elektriſchen Schlag, den er immer fühlte, wenn ſein Blick dem ihrigen begegnete, als er in dies roſige friſche Antlitz voll ruhiger Würde trotz leb⸗ hafter Beſorgniß ſchaute, da glaubte er nicht länger zu träu⸗ men und war überzeugt, daß er ſeine Geliebte vor Augen hatte. Je mehr der Gedanke ihn durchdrang, daß Adriana nicht todt ſei, (wiewohl ihre Auferſtehung ihm unbegreiflich vorkam) deſto mehr verlor ſich ſeine Bläſſe. Seine durch das Weinen verdüſterten Augen wurden wieder ſtrahlend, und ſeine von Entſetzen verzerrten Züge nahmen den Ausdruck der Freude und des Entzückens an. — Er rutſchte auf den Knien vorwärts gegen Adriana und ſtreckte ſeine zitternden Hände nach ihr aus. Zu tief ergriffen, um ein Wort hervorbringen zu können, betrachtete er ſie voll Erſtaunen, voll Liebe und Dank — voll Dank, daß ſie lebte. Adriana fühlte ſich durch dieſen unerklärlichen Blick wie auf der Stelle feſtgebannt und bebend ahnte ſie ein ſchreckliches Geheimniß. Endlich ſchlug Dſchalma die Hände zuſammen und rief in einem unbeſchreib⸗ lichen Ton: „Du biſt nicht todt?“ „Todt?“ wiederholte Adriana erſtaunt. „Du warſt es nicht! Nein! Nicht Dich habe ich ge⸗ tödtet! — — Gott iſt gut und gerecht!“ Und in ſeiner unſinnigen Freude vergaß er das Geſchöpf, welches er ge⸗ mordet hatte. Adriana ſah mit ſteigendem Entſetzen nach dem Dolch und bemerkte, daß er blutig war. Damit fand ſie zu ihrem Schrecken Dſchalmas Worte beſtätigt. „Sie haben getödet, Dſchalma?“ fragte ſie. „Gott! das iſt zum Wahnſinnig⸗ werden!“ „Du lebſt — — ich ſehe Dich — — Du biſt da!“ ſtam⸗ melte der Jüngling wonnetrunken. „Du biſt da, ſchön und rein wie immer. — Dort, das warſt Du nicht. Nein, wenn Du das geweſen wäreſt, hätte das Eiſen ſich eher gegen mich kehren müſſen, als Dich töden.“ — zuſammenſchlagend. „Aber warum 2 — wen?“ „Was weiß ich? Ein Weib, das Dir glich, und einen Mann, den ich für Deinen Liebhaber hielt. Das war Täu⸗ ſchung — — ein entſetzlicher Traum, denn Du lebſt ja.“ 3 „Ein Traum?“ rief Adriana. Und mit Entſetzen auf den 3 Handſchar deutend, fügte ſie hinzu: „An dieſem Dolch iſt Blut!“ „Ja! Dieſen Handſchar habe ich vorhin weggeworfen, nach dem ich das Gift genommen, weil ich Dich getödet zu haben glaubte.“ „Das Gift?“ wiederholte Adriana, und ihre Zähne ſchlugen zuſammen. „Welches Gift?“ „Ich glaubte Dich getödet zu haben und wollte hier ſterben.“ „Sie haben getödet?“ rief Adriana, voll Abſcheu die Hände ——— — „Sterben? — — Wie ſo? — — warum ſterben?“ rief Adriana faſt wahnſinnig. „Wer ſollte ſterben?“ „Ich, ſag' ich Dir,“ erwiderte Dſchalma ſanft. „Ich hatte geglaubt Dich getödet zu haben und habe mich deshalb ver⸗ giftet.“ „Du? Dich?“ rief Adriana, leichenblaß werdend. „Ja.“ . „Es iſt nicht wahr!“ entgegnete Adriana mit einer ſchönen Gebärde der Verneinung. „Da ſieh!“ ſagte der Indier und wandte den Kopf nach dem Tiſchchen, auf welchem das Kryſtallfläſchchen funkelte. Adriana ſtürzte auf das Bett zu, ergriff das Fläſchchen und trank daraus. Dſchalma ſprang auf, ſtieß einen furcht⸗ baren Schrei aus und riß ihr das Fläſchchen von den Lippen. Adriana ſagte freudig: „Ich habe ſo gut getrunken wie Du.“ Einen Augenblick herrſchte ein beängſtigendes Schweigen. Beide ſahen ſich ſtumm und ſtarr einander an. Dann ſagte Adriana: „Du haſt getödet und haſt durch Deinen Tod Dein S Verbrechen ſühnen wollen. Das war recht. Und ich will Dich nicht überleben; das iſt natürlich. Warum ſiehſt Du ſ mich ſo an? Dies Gift ſchmeckt ſcharf; wirkt es auch ſchnell? Sprich, mein Dſchalma.“ 3 Anſtatt zu antworten warf Dſchalma einen Blick auf ſeine Hünde und ſah, wie ſeine Nägel anfingen violett zu werder Das war das Zeichen des langſam ſich nähernden Topes. — 9 — 107 — Der Gedanke, daß auch Adriana ſterben ſollte, erdrückte ſei⸗ nen Muth. Er hielt die Hände vors Geſicht, ſtieß einen langen Seufzer aus und ſank in die Knie, ſo daß er auf das Bett, vor welchem er ſtand, zu ſitzen kam. „Schon jetzt?“ rief Abriana, ihm entſetzt zu Füßen fallend. „Schon kommt der Tod? Du verbirgſt mir Dein Antlitz!“ Sie riß ihm die Hände herunter und ſah ſein Geſicht von Thränen benetzt. „ „Nein, — der Tod iſt noch nicht da,“ ſchluchzte er. „Dies Gift wirkt langſam.“ — „Wirklich?“ rief Adriana mit unausſprechlicher Freude und küßte liebevoll die Hände Dſchalmas. „Wenn dies Gift lang⸗ ſam wirkt, warum weinſt Du denn?“ „Du! Du!“ rief Dſchalma mit herzzerreißender Stimme. „Was liegt an mir?“ entgegnete Adriana entſchloſſen. „Du haſt getödet, und wir wollen Dein Verbrechen ſühnen. Was geſchehen iſt, weiß ich nicht“ Aber bei unſerer Liebe ſchwöre ich, Du haſt nicht das Böſe um des Böſen willen gethan. Hier liegt ein ſchauderhaftes Geheimniß.“ Keuchend antwortete Dſchalma: „Unter einem Vorwand, der mir keinen rhſohn einflößen konnte, hat Faringhea mich in ein Haus gefühtt. Dokt hat er mir geſagt, Du be⸗ trögeſt mich. Ich wollte es nicht glauben. Da bekam ich einen Schwindel und erblickte in einem Helldunkel Dich.“ Mh „Nein, ein Weib, gekleidet wie P und Dir ſo gleichend, daß ich in der Verwirpung meines Verſtandes an dieſe Täu⸗ ſchung glaubte. Dann kam ein Mann, Du (wie ich wähnte) liefſt auf ihn zu, und ich, raſend vor Wuth, habe das Weib und den Mann erſtochen. Datuf bin ich hieher gekommen, um hier zu ſterben. Und nun find' ich Dich wieder — um Urſache Deines Todes zu ſein. O Jammer! Jammer! Ich muß Deinen Tod verſchulden!“ Und der heldenkräftige Jüng⸗ ling ſchluchzte von neuem. wie ein Kind. Beim Anblick dieſer rührenden Verzweiflung dachte Adriana mit der bewunderungswürdigen Seelenſtärke, welche nur die Weiber in der Liebe beſitzen, an nichts weiter, als Dſchalma zu tröſten. Auf die Mittheilung des Prinzen, welche einen hölliſchen Anſchlag enthüllte, ſtrahlte ihr Geſicht von Wonne — 108 — „ und Liebe, ſo daß Dſchalma, der ſie erſtaunt anſah, glaubte, ſie hätte den Verſtand verlsren. „Keinè Thränen mehr, Ge⸗ liebter!“ rief ſie, „ſondern Lächeln der Freude und Liebe. Unſere Feinde ſollen nicht triumphiren.“ „Wie?“ fragte Dſchalma erſtautt. „Sie wollten uns unglücklich machen, und die Welt ſoll unſer Glück beneiden.“ 6. „Adriana! Komm doch zur Beſinnung!“ „Ich bin bei voller Beſinnung“ Höre mich an, Geliebter; jetzt begreif' ich Alles. Du biſt in die von den Schurken ge⸗ ſtellte Falle gegangen und haſt getödet. Hier zu Land fteht auf dem Mord Schande und das Schafott. Morgen, viel⸗ leicht heut Nacht würdeſt Du ins Gefängniß geworfen wor⸗ den ſein. Alſo haben uͤnſere Feinde gedacht: Ein Mann, wie Dſchalma, wartet nicht die Schande und das Schafott ab; er tödet ſich. Ein Weib, abie Adriana von Cardoville, überlebt nicht die Schane und den Tod ihres Geliebten; ſie tödet ſich oder ſtirbt vor Verzweiflung. Für ſie alſo ein ſchrecklicher Tod, für uns die große Erbſchaft. — So haben die Ungeheuer gedacht“ 7 2 „Und die Ungeheuer haben Recht! Wrief Dſchalma. „Für Dich, die ſchöne Jungfrau, iſt der.⸗Tod ſchrecklich.“ „Sie ſollen gelogen haben!“ entgegnete Adrigna. „Unſer Tod ſoll göttlich fein. Das Gift wirkt langſam, und ich liebe Dich, mein Dſchalma! % — Die letzten leiſe gäflüſterten Worte ſprach das kniende Mädchen ſo weit zu Pſchalnia vorgebeugt, daß er den war⸗ men Hauch ihrer Lippen auf ſeinen Wangen fühlte. Strahlen der Liebesgluth ſchoſſen aus ihren ſchwimmenben Augen. Der Jüngling erbebte. Heiß rollte ſein Blut in den Adern. Er vergaß Alles, ſeine Verzweiflung unh ſeinen nahen Tod, der ſich vorerſt nur durch eine Fieberhitze ankündigte. Sein Ge⸗ ſicht war wie das Geſicht Abrianas wieder idealiſch ſchön ge⸗ worden. „Geliebter! Gatte!“ ſagte Adriana, „Fwie ſchön biſt Du. Mit Luſt ruht mein Auge auf Deinen Augen, auf Deiner Stirn, auf Deinem Hals, auf Deinen Lippen! Wie oft hat die Erinnerung an Dein reizendes Geſicht, an Deine Anmuth, an Deine glühende Liebe meine Sinne verwi Wie oft habe ich meinen Muth ſchwach werden gefühlt im rri — 10 — Warten auf den Augenblick, wo ich Dein, ganz Dein ſein ſollte! Du ſiehſt, der Himmel will, daß wir einander ange⸗ hören, und nichts ſoll an unſerer Götterluſt fehlen. Dieſen Morgen hat der Mann des Glaubens und der Liebe, welcher in zwei Tagen unſern Bund ſegnen ſollte, von mir in Deinem und meinem Namen ein königliches Geſchenk erhalten, welches viele traurige Herzen auf immer beglücken wird. Alſo was ſollen wir klagen, Geliebter? Unſere Seelen ſollen ſich in unſern Küſſen aushauchen und noch berauſcht von Liebe empor⸗ ſchweben zu dem Gott, der lauter Liebe iſt!“ Die leichten Vorhänge fielen verhüllend über das Braut- und Todtenbett zurück. Zwei Stunden ſpäter hauchten Adriana und Dſchalma in wollüſtigem Todeskampf den letzten Seufzer aus. Siebzehntes Kapitel. Ein 3 ene 7 In dem Jeſuitenhaus der Vaugirardſtraße hatte ſeit einigen Tagen Aligrigny die früher von Hardy inne gehabte Woh⸗ nung bezogen, welche aus drei Zimmern hinter einander be⸗ ſtand, zwei großen und einem kleineren, letzteres mit der Ausſicht auf ein von hohen Mauern umſchloſſenes Gärtchen. Aigrigny hatte dieſe Wohnung nicht gewählt, ſondern war zur Beziehung derſelben auf Betrieb Rodins vom Pater Schaffner unter annehmbaren Gründen beſtimmt worden. Gegen Mittag des 31. Mai ſaß der geweſene Huſarenoberſt im ſchwarzen Prieſterkleid auf einem Seſſel an der Glasthür, welche in das traurige Gärtchen führte, und las in einem pariſer Morgenblatt Folgendes: Elf Uhr Abends. So eben hat ein ſchreckliches tragiſches Ereigniß Entſetzen in dem Quartier Richelieu verbreitet. Ein Doppelmord iſt an einem Mädchen und an einem Handwerksgeſellen begangen worden. Das Mädchen iſt durch einen Dolchſtich getödet; den Handwerker hofft — 110 — man zu retten. Man ſchreibt das Verbrechen der Eifer⸗ ſucht zu. Die Unterſuchung iſt eingeleitet. Morgen das Nähere. Nachdem Aigrigny dieſe Stelle geleſen, warf er die Zeitung auf den Tiſch und ſann nach. „Es iſt unglaublich,“ ſagte er mit neidiſcher Miene. „Er hat ſein Ziel erreicht. Faſt keine ſeiner Berechnungen hat ſich unrichtig gezeigt. Dieſe Familie iſt durch das bloße Spiel der Leidenſchaften vernichtet, der guten und ſchlechten Leidenſchaften, die er in Bewegung zu ſetzen gewußt hat. Ich geſtehe, Rodin iſt ein Menſch voll Verſtel⸗ lung, Geſchicklichkeit, Willenskraft, Geduld, Hartnäckigkeit und ſeltnem Verſtand. Vor einigen Monaten ſchrieb er noch unter meinem Befehl als demüthiger und beſcheidener Socius. Wer hätte damals gedacht, daß dieſer Menſch ſchon lange von dem verwegenſten ſchrankenloſen Ehrgeiz beſeſſen war? daß er ſich erkühnte, ſein Auge auf den heiligen Stuhl zu werfen, und daß er durch wunderbar angeknüpfte Ränke, durch eine mit unglaublichem Geſchick verfolgte Beſtechung im h. Collegium ſo weit gelangt war, daß dieſer hölliſche Ehrgeiz jetzt bald ſeine Befriedigung finden würde, wäre nicht ſein gefährliches Treiben beobachtet worden? — Ah!“ fuhr er mit höhniſchem Lächeln fort, „du ſchmieriger Geſell willſt Sirtus V. ſpielen? Und nicht zufrieden mit dieſem verwegenen Gedanken, willſt du unſere Geſellſchaft in deinem Papſtthum verſchlingen, wie der Sultan die Janitſcharen verſchlungen hat? Wir ſind alſo für dich bloß ein Sche⸗ mel? — Mich haſt du erniedrigt und zu Boden gedrückt mit deiner frechen Verachtung. Geduld! Der Tag der Vergel⸗ tung naht. Ich allein bin der Bewahrer der Entſchlüſſe unſeres Generals; ſelbſt der als Socius hieher geſandte Pater Caboceini weiß nichts davon. Das Schickſal des Va⸗ ter Rodin iſt alſo in meinen Händen. Er weiß nicht, was ihm bevorſteht. In dieſer Rennepontſchen Angelegenheit, die er wirklich wunderbar geleitet hat, glaubt er uß auszu⸗ ſtechen und nur für ſich geſorgt zu haben. er mor⸗ gen . — Aigrigny ward in ſeinen angenehmen Betrachtungen ge⸗ ſtört durch das Geräuſch der aufgehenden Thüren in den zwei vorderen Zimmern. In dem Augenblick, wo er den — 111 — Kopf umdrehte, um zu ſehen, wer käme, öffnete ſich die nächſte Thür und vor ihm ſtand der Marſchall Simon. Im Schatten hinter dem Marſchall gewahrte der Marquis das Leichengeſicht Rodins mit dem Ausdruck teufliſcher Freude. Die Thür ſchlug hinter dem Eintretenden zu und ward von außen verſchloſſen. Simon und Aigrigny waren allein. Der Vater Roſas und Blaneas war faſt unkenntlich ge⸗ worden. Seine grauen Haare waren völlig gebleicht. Auf ſeinen blaſſen hageren Wangen ſproßte ein ſeit mehren Ta⸗ gen nicht geſchorner Bart. Seine hohlen, rothen, funkelnden, rollenden Augen hatten etwas geiſterhaftes. Er warf einen langen weiten Mantel ab, in den er gehüllt war, und ließ in einem ſchwarzen als Gürtel um ſeine Lenden geknüpften ſeidnen Tuch zwei blanke Stoßdegen ſehen. Aigrigny, der beim Eintreten Simons feuerroth geworden und aufgeſprungen war, begriff, was dieſe Erſcheinung ſagen wollte. Er erinnerte ſich, wie Rodin ihn vor einigen Tagen hartnäckig gefragt hatte, was er thun würde, wenn der Marſchall ihm eine Ohrfeige gäbe. Er, der das Schickſal Rodins in der Hand zu haben geglaubt hatte, ſah jetzt, daß er von dieſem überliſtet und in eine Stellung ohne Ausgang geſchoben war. Nach Verſchließung der beiden vorderen Zim⸗ mer konnte Hülferufen zu nichts dienen, denn jenſeits der hohen Mauern des Gärtchens war unbewohntes Land. Sein erſter Gedanke war, daß Rodin durch ſeine Verbindungen mit Rom oder durch ſeinen Scharfblick inne geworden war, wie ſein Schickſal in den Händen Aigrignys lag, und ſich ſeiner zu entledigen ſuchte, indem er ihn der Rache des Vaters von Roſa und Blanca überlieferte. Der Marſchall knüpfte ſchweigend das ſchwarze Tuch von ſeinen Lenden los, legte die beiden Degen auf einen Tiſch, verſchränkte die Arme auf der Bruſt und ging langſam auf Aigrigny zu. So ſtar ſich die zwei Männer gegenüber, welche ſich in ihrem ganzen Kriegerleben mit unverſöhnlichem Haß einander verfolgt hatten und, nachdem ſie in zwei feindlichen Lagern einander bekämpft, ſchon einmal einen Zweikampf auf Tod und Leben mit einander beſtanden hatten. Jetzt kam Simon, um von ſeinem Gegner Rechenſchaft für den Tod ſeiner Kinder — 12 — zu fordern. Die Ruhe, mit welcher er ſchweigend wie das unerbittliche Schickſal vor dem erbleichenden Aigrigny ſtand, war ſchrecklicher als die heftigſten Ausbrüche des Zorns. Rach einigen Augenblicken tiefen Schweigens begann er lang⸗ ſam mit hohler Stimme: „Meine Kinder ſind todt. Ich muß ihren Mörder tödten.“ Herr!“ rief Aigrigny, „hören Sie mich an. Glauben Sie nicht — —“ „Ich muß Sie tödten!“ wiederholte der Marſchall. „Ihr Haß hat mein Weib bis in die Verbannung verfolgt, wo ſie umgekommen iſt. Sie und Ihre Mitſchuldigen haben meine Finder in einen ſicheren Tod geſchickt. Seit zwanzig Jahren ſind Sie mein böſer Geiſt. Jetzt iſts genug. Ich muß Ihr Leben haben, und ich will es haben.“ „Mein Leben gehört Gott und dann jedem, der es neh⸗ men will,“ antwortete Aigrigny in frommem Ton. „Wir ſchlagen uns auf Tod und Leben in dieſem Zimmer,“ fuhr der Marſchall fort. „Sie vergeſſen,“ erwiderte Aigrigny kaltblütig, „daß mein Stand mir verbietet, mich zu ſchlagen. Früherhin habe ich eine Herausforderung von Ihnen annehmen können; jetzt iſt meine Stellung anders.“ „Ah!“ ſagte der Marſchall mit bitterem Lächeln. „Sie verweigern den Zweikampf, weil Sie Prieſter ſind?“ „Ja, weil ich Prieſter bin.“ „Demnach wäre ein Schurke wie Sie der Strafloſigkeit ſicher, weil er Prieſter iſt? Er könnte ſeine Niederträchtig⸗ keit, ſeine Verbrechen mit ſeinem ſchwarzen Kleide ſchirmen?“ „Ich begreife kein Wort von Ihren Anklagen,“ entgegnete Aigrigny ſich in ſeine zornbleichen Lippen beißend. „Jeden⸗ falls gibt es Geſetze. Haben Sie ſich zu beſchweren, ſo ge⸗ hen Sie vor Gericht. Das Recht iſt für Alle gleich.“ Simon zuckte verachtend die Achſeln und ſggte: „Ihre Verbrechen ſind der Juſtiz unerreichbar, und ren ſie es nicht, ſo würde ich dennoch nicht der Juſtiz meine Rache überlaſſen nach all dem Uebel, welches Sie mir zugefügt haben. Sie müſſen einſehen, daß ich nur noch für die Rache lebe, für eine Rache, bei der ich Ihr falſches Herz an meiner — ——— — U3 — Degenſpitze zucken ſehe. Unſer voriger Zweikampf iſt nur ein Spiel geweſen. Der jetzige iſt anders.“ Der Marſchall trat an den Tiſch, auf welchem die Degen lagen, und nahm einen davon. Aigrigny bedurfte einer großen Selbſtbeherrſchung, um bei dieſen Herausforderungen des verhaßten Gegners ruhig zu bleiben. Er erwiderte in demſelben Ton wie vorher: „Zum letzten Mal wiederhole ich Ihnen: mein Stand hindert mich, Ihre Herausforderung anzunehmen.“ Simon wandte ſich um, trat wieder vor den Jeſuiten und fragte ihn: „Alſo Sie weigern ſich?“ „Ich weigere mich.“ „Entſchieden?“ „Nichts ſoll mich dazu bringen.“ „Nichts?“ . „Nein.“ „Wir wollen ſehen,“ ſagte der Marſchall und gab dem geweſenen Oberſten einen Backenſtreich. Der Jeſuit ſtieß einen Schrei der Wuth aus. All ſein Blut ſtrömte nach ſeinem Geſicht, auf welches er den Schlag empfangen hatte. Sein kriegeriſcher Muth gewann die Ober⸗ hand über ſeinen prieſterlichen Entſchluß. Seine Augen funkelten. Zähneknirſchend und mit geballten Fäuſten trat er einen Schritt gegen den Marſchall vor und rief: „Die Degen! die Degen!“ Aber in dieſem Augenblick fiel ihm die Erſcheinung Rodins ein. Die Ueberzeugung, daß ſein ehe⸗ maliger Socius ihm dieſe hölliſche Schlinge gelegt hatte, und der Wille, dieſer Schlinge zu entgehen, gaben ihm die Kraft, ſeine Rachſucht zu unterdrücken. Seiner Aufwallung folgte plötzlich die Ruhe eines zerknirſchten Herzens. Er kniete uieder, ſchlug an ſeine Bruſt und ſagte: „Herr, vergib mir, daß ich mich einer Aufwallung des Zorns überlaſſen habe! und vornehmlich vergib meinem Beleidiger!“ Der Marſchall, welcher einen Degen in die Hand genom⸗ men hatte, knirſchte vor Wuth, rief: „Auf, Schurke!“ und gab ihm einen Fußtritt. Bei dieſer neuen BVeleidigung ſprang Aigrigny auf, ergriff den andern Degen und rief zähnebleckend: „Ha! Sie wollen x. 38 — 114 — Blut? — Wo möglich das Ihrige!“ Und mit funkelnden Augen legte er ſich wie ein geſchickter Fechter aus.“ „Endlich!“ ſagte der Marſchall, und legte ſich gleich⸗ falls aus. Aber in dieſem Augenblick kam abermals die Ueberlegung und löſchte die Zorngluth des Marquis aus. Er bedachte von neuem, daß dieſer Zweikampf alle Wünſche Rodins er⸗ füllen würde, deſſen Schickſal er in Händen hatte, den er noch bitterer als den Marſchall haßte und den er zu zer⸗ treten hoffte. Anſtatt alſo den Kampf zu beginnen, welcher ihm, dem kräftigen, geſunden Mann, den Sieg verſprach über den von Kummer geſchwächten Marſchall, ließ er den Degeu ſinken und ſagte: „Ich bin ein Diener des Herrn und darf kein Blut vergießen. — Herr! verzeihe mir nochmals meine Aufwallung, und verzeihe auch demjenigen unter meinen Brüdern, der mich zum Zorn gereizt hat.“ So ſprechend legte er die Klinge des Degens unter ſeinen Abſatz, riß den Griff aufwärts und brach die Klinge in der Mitte ab. Da⸗ mit machte er es ſich unmöglich, ſich durch eine neue Be⸗ leidigung zur Annahme des Zweikampfs fortreißen zu laſſen. Der Marſchall war einen Augenblick ſtarr vor Ueber⸗ raſchung und Zorn, als er ſo den Zweikampf unmöglich ſah. Plötzlich aber machte er es dem Jeſuiten nach, und zerbrach ſeine Klinge in der Mitte. Das etwa 18 Zoll lange ab⸗ gebrochene Stück hob er auf, umwickelte das ſtumpfe Ende mit dem ſchwarzen Tuch und ſagte zu Aigrigny: „Alſo auf Dolche!“ Entſetzt über dieſe Kaltblütigkeit rief Aigrignh: „Das iſt ein Teufel!“ „Nein, das iſt ein Vater, dem man ſeine Kinder umge⸗ bracht hat!“ erwiderte Simon mit einer Thräne im Auge. Aigrigny bemerkte dieſe Thräne, welche alsbald wieder dem Ausdruck wilden Zornes Platz machte. In dieſer Miſchung rachſüchtigen Haſſes und väterlichen Schmerzes lag etwas ſo ſchreckliches, daß der Marquis zum erſten Mal in ſeinem Leben gemeine Angſt um ſein Leben fühlte. Hatte er ſich vorher mit aller Anſtrengung ſeiner Willenskraft von dem Kampf auf Degen zurückhalten müſſen, ſo erbebte er jetzt vor dieſer Art von Kampf, bei welcher kein Geſchick, keine — 115 — Uebung dem Muth zu Hülfe kommen konnte. er, „keine Metzelei mit Meſſerſtichen ½ „Dieſer elende Menſch iſt wirklich feig!“ ſagte der Mar⸗ ſchall. „Er hat nur den Muth des Fechtkünſtlers und des Gecken gehabt, dieſer Landesverräther. Marquis von altem Schlag! ich habe Sie geohrfeigt, Marquis von altem Stamm! ich habe Ihnen einen Fußtritt gegeben. Sie ſind die Schande Ihres Hauſes, des alten und des neuen Adels. Ich ſehe jetzt, nicht Heuchelei oder Berechnung, wie ich erſt glaubte, hindert Sie am Fechten, ſondern die Angſt. Sie brauchen den Kriegslärm und den Anblick von Zeugen, um Muth zu bekommen.“ Bei dieſen Worten gerieth Aigrigny ſo in Wuth, vaß er ſeine Angſt vergaß und zähneknirſchend ſtammelte: „Herr, nehmen Sie ſich in acht!“ „Ich muß Dir ins Geſicht ſpeien, Blut in Deinen Adern zu Kopf zu mon fort. „Das iſt zu viel!“ rief der Jeſuit und hob das Bruchſtück der Klinge auf. „Es iſt nicht genug! Du Judas!“ entgegnete der Marſchall und ſpie ihm ins Geſicht. „Gebrauchſt Du jetzt nicht die Klinge, ſo ſchlage ich Dich mit einem Stuhl zu Boden.“ Bei dieſer größten aller Beleidigungen verlor Aigrigny die Beſinnung. Er vergaß ſeinen Vortheil, ſeine Entſchlüſſe, ſeine Angſt, und ſelbſt ſeinen ehemaligen Soeius, und fühlte nur Rachſucht. In einem Augenblick hatte er ſein Schnupftuch n das Stück Klinge gewickelt und ſtürzte auf ſeinen Geg⸗ — los. Es begann ein Kampf, der etwa zwei Minuten dauerte. Beide ſtürzten zuſammen nieder. Aigrigny machte ſich aus den Armen des Marſchalls los, richte ſich ſo weit auf, daß er kniete, und ließ ſchwerfällig die Hände ſinken, während der Marſchall mit erſterbender Stimme murmelte: „Meine Kinder! — Dagobert!“ „Ich habe ihn getödtet,“ ſagte Aigrigny keuchend; „aber ich fühle — ich bin tödlich verwundet.“ Die eine Hand auf den Boden ſtützend, hielt er die andere an ſeine von Stichen durchbohrte Bruſt und fuhr fort: „O! ich ſterbe — ich erſticke“ Das Blut der von der drei⸗ 3 „Nein!“ rief um Dir das wenige treiben,“ fuhr Si⸗ . — 116 — eckigen Klinge geſtochenen Wunden ſtrömte nicht aus, ſondern warf ſich auf die inneren Theile. In dieſem Augenblick ging der Schlüſſel zweimal im Schloß herum, die Thür öffnete ſich, und Rodin erſchien auf der Schwelle. Den Kopf vorſtreckend fragte er in einem Ton, als fürchte er zu ſtören: „Kann man eintreten?“ Bei dieſem ſchauderhaften Hohn machte Aigrigny eine Bewegung, um auf Rodin loszuſtürzen. Aber ermattend ſank er mit einem dumpfen Seufzer auf die eine Hand zu⸗ rück und mit einem ſchrecklichen Blick auf Rodin murmelte er: „Höllenungeheuer! Du biſt ſchuld an meinem Tod!“ „Sehn Sie, lieber Pater,“ verſetzte Rodin mit ſcheußlichem Lächeln, „ich habe Ihnen immer geſagt, Ihr alter Sauer- teig vom Kriegsleben her würde Ihnen ſchlimme Sachen machen. Erſt vor wenigen Tagen hab' ich Sie gewarnt und Sie ermahnt, ſich geduldig von dieſem Säbler ohrfeigen zu laſſen. Jetzt wird er nichts mehr ſäbeln, und das iſt gut. Denn erſtlich ſagt die Schrift: Wer das Schwert zieht, ſoll durchs Schwert umkommen, — und zweitens war der Mar⸗ ſchall Erbe ſeiner Töchter. Unter uns geſagt: was hätte ich da machen ſollen, lieber Pater? Ich mußte Sie dem ge⸗ meinen Beßten opfern, um ſo mehr, da ich wußte, was Sie mir auf morgen aufgehoben hatten. Ich aber laſſe mich nicht überrumpeln.“ „Ehe ich ſterbe — — entlarve ich Dich!“ murmelte Aigrigny. „Oh! — nein! — Oh! nein!“ erwiderte Rodin mit pfif- figer Miene. „Ich allein werde Sie Beichte hören, — beliebt.“ „Schrecklich“ jlüſterte der Marzuis mit halbgeſchloſſenen Augen. habe Mitleid mit mir, — wenn es nicht zu ſpät i Ach! mein letzter Augenblick naht — — Ich bin ein großer Sünder.“ „Und beſonders ein großer Simper,“ fügte Rodin achſel⸗ zuckend hinzu, indem er mit kalter Verachtung dem Todes⸗ kampf ſeines Mitſchuldigen zuſah. Als er merkte, daß die⸗ ſer nur noch einige Augenblicke zu leben hatte, lief er mit der Miene des Entſetzens hinaus und rief in den Hof um Hülfe Patres und dienende Brüder eilten herbei, und mit 117 ihnen kehrte Rodin zu dem Sterbenden zurück. Er ver⸗ ließ das Zimmer nicht eher als bis Aigrigny den Geiſt auf⸗s gegeben hatte. Am ſpäten Abend ſaß Rodin allein auf ſeiner Stube bei einem Lämpchen und betrachtete in einer Art von Entzückung das Bild von Sirtus V., welches er aus ſeinem Abſteig⸗ quartier in der Clovisſtraße in das Jeſuitenhaus gebracht hatte. Auf der großen Uhr dieſes Hauſes ſchlug es zwölf. Als der letzte Glockenſchlag verklang, richtete ſich Rodin ma⸗ jeſtätiſch empor und jubelte: „Der erſte Juni! Kein Renne⸗ pont mehr! — Es iſt mir, als hörte ich die Stunde auf Sanet Peter zu Rom ſchlagen! „ — Achtzehntes Kapitel. Gine B d c f Während Rodin in ehrgeiziger Entzückung vor dem Bild Sirtus des Fünften ſaß, war der kleine Pater Caboccini, deſſen Umarmungen erſteren ſo ungeduldig gemacht hatten, heimlich zu Faringhea gegangen. Er überreichte ihm die abgebrochene Hälfte eines Crucifires und ſagte mit ſeiner gewöhnlichen treuherzigen und luſtigen Miene: „Se. Eminenz der Cardinal Malipieri hat bei meinem Abgang von Rom mir aufgetragen, Ihnen das zu übergeben, und zwar erſt heute den 31. Mai.“ Der Würger, welcher nicht leicht von was ergriffen ward, erbebte. Sein Geſicht ward noch düſterer, und mit einem durchdringenden Blick auf den kleinen einäugigen Pater erwiderte er: „Sie müſſen mir noch einige Worte ſagen.“ „Das iſt wahr,“ entgegnete Cabveeini. „Die Worte ſind: Vom Becher zu den Lippen iſt weit.“ „Gut,“ ſagte der Meſtize. Tief ſeufzend nahm er die an⸗ — 118 — dere Hälfte des Cruciſires, welche er beſaß, hielt die eben empfangene Hälfte daran und fand, daß ſie zuſammen paßten. Der Pater Caboceini ſah ihm neugierig zu. Der Cardi⸗ nal hatte ihm nichts weiter geſagt, als er ſolle das Bruch⸗ ſtück des Crucifires dem Faringhea einhändigen und zu ſeiner Beglaubigung die angeführten Worte ſprechen. Aeußerſt ge⸗ ſpannt fragte er den Meſtizen: „Was machen Sie nun mit dem jetzt vollſtändigen Crucifir?“ „Nichts,“ antwortete Faringhea in peinliches Nachdenken verſunken. „Nichts?“ wiederholte das Paterchen erſtaunt. „Wozu habe ich es denn ſo weit hergebracht?“ Anſtatt auf dieſe Frage der Neugier zu antworten, fragte Faringhea ſeinerſeits: „Um welche Zeit geht morgen der E. V. Rodin in die Franeciscusſtraße?“ „Ganz in der Frühe!“ „Wird er vor dem Ausgehen in der Kapelle ſein Gebet verrichten?“ „Ja, nach der Gewohnheit aller unſrer Patres.“ „Sie ſchlafen in ſeiner Nähe?“ „Als ſein Speius habe ich mein Schlafzimmer dicht bei dem ſeinigen.“ Nach einem Augenblick des Schweigens ſagte Faringhea: „Es wäre möglich, daß der Pater, ganz in. ſeine wichtige Angelegenheit vertieft, vergäße in die Kapelle zu gehen. Erinnern Sie ihn an dieſe fromme Pflicht.“ 3 „Ich werde nicht verfehlen.“ „Verſäumen Sie es ja nicht!“ bat der Würger dringend. „Sein Sie außer Sorgen. Ich ſehe, es iſt Ihnen viel an ſeiner Seligkeit gelegen.“ n „Sehr viel.“ „Dieſer Gedanke iſt löblich. Fahren Sie ſo fort, und Sie können eines Tags ganz unſerer Geſellſchaft angehören.“ „Ich bin bis jetzt nur ein geringer dienender Bruder,“ ſagte Faringhea demüthig. „Aber niemand gehört mehr mit Leib und Seele der Geſellſchaft an als ich. Bohwanie iſt nichts im Vergleich mit ihr!“ „Bohwanie? Was iſt das, lieber Freund?“ „ — ——— „Bohwanie macht Leichen, welche verweſen, und die heilige Geſellſchaft macht Leichen, welche wandeln.“ „Ah! richtig. Perinde ac cadaver — das war das letzte Wort unſeres großen Heiligen, Ignatius von Loyola. Aber was iſt Bohwanie?“ „Bohwanie iſt im Vergleich mit der heiligen Geſellſchaft, was das Kind im Vergleich mit dem Mann iſt. Ehre der Geſellſchaft! Wäre mein Vater ihr Feind, ich würde ihn tödten. Wäre der Mann, deſſen Geiſt mir Bewunderung und Ehrfurcht im höchſten Grad einflößt, ihr Feind, ich würde ihn tödten. — — Was ich ſo eben geſprochen habe, das melden Sie dem Cardinal Malipieri mit der Bitte, es weiter zu melden an — —“ „An wen ſoll der Cardinal Ihre Worte melden?“ „Er weiß es ſchon. Gute Nacht.“ „Gute Nacht, lieber Freund. Ich kann Sie wegen Ihrer guten Geſinnungen gegen unſere Geſellſchaft nur loben. Sie bedarf kräftige Vertheidiger, denn ſie birgt Verräther in ih⸗ rem Schvos.“ „Gegen ſie muß man erbarmungslos ſein.“ „Erbarmungslos,“ wiederholte der gute Pater. „Wir ver⸗ ſtehen uns.“ „Vielleicht,“ erwiderte der Würger. „Vor allen Dingen vergeſſen Sie nicht, den E. V. Rodin zu erinnern, daß er, ehe er ausgeht, die Kapelle zu beſuchen hat.“ „Ich werde es nicht verſäumen.“ Die beiden Menſchen trennten ſich. Als Cabvccini in das Jeſuitenhaus zurückkam, erfuhr er, daß ſo eben in der Nacht ein Kurier dem P. Rodin Meldungen von Rom gebracht hatte. Neunzehntes Kapitel. Der erſte ni Die Kapelle im Haus der E. E. Vüter in der Vaugirard⸗ ſtraße war ſchmuck und zierlich. Große gemalte Fenſter ver⸗ breiteten in derſelben ein Dämmerlicht. Der Altar ſtrahlte von Gold. In einer Vertiefung ünter der Orgel ſtand an der Thür ein marmorner Weihreſſel mit reicher Bildhauer⸗ arbeit. Neben dieſem Weihkeſſel in der dunkeln Vertiefung, wo man ihn kaum bemerkte, kniete am frühen Morgen des 1. Juni, ſobald die Thür der Kapelle geöffnet worden war, der Würger Faringhea nieder. Der Meſtize war tief betrübt. Von Zeit zu Zeit ſchau⸗ derte und ſeufzte er, als ob er die Bewegungen eines hefti⸗ gen inneren Kampfes zu bemeiſtern ſuchte. Seine vom Geiſt der Zerſtörung beſeſſene Seele hegte eine tiefe Bewunderung ür Rodin, der gleichſam einen magnetiſchen Zauber über ihn ausübte, und deſſen Teufelsſchlauheit ihm als etwas über⸗ menſchliches erſchien. Rodin, ſeiner Ergebenheit gewiß, hatte ihn benutzt, um das tragiſche Ende der Liebe von Adriana und Dſchalma herbeizuführen. Was der Würger von der Geſellſchaft Jeſu wußte oder begriff, erfüllte ihn mit Bewun⸗ derung. Dieſe unermeßliche geheime Macht, welche die Welt mit ihren Verzweigungen unterhöhlte und durch teufliſche Mittel zu ihrem Ziel gelangte, begeiſterte ihn ſo, daß die blinde Er⸗ gebenheit für ſie, welche wandelnde Leichen machte, noch über ſeine Bewunderung Rodins hinausging. Faringhea hatte einige Zeit neben dem Weihbrunn gekniet, als Tritte ſich hören ließen. Rodin, begleitet von ſeinem Sweius, erſchien, tauchte ſeine Finger in das Weihwaſſer, kniete nieder ünd verrichtete ein kurzes Gebet. Ohne den Würger bemerkt zu haben, ſtand er wieder auf, verneigte ſich gegen den Chor hin und wandte ſich abermals der Thür zu. Als er diesmal an den Weihkeſſel kam, gewahrte er den Meſtizen, welcher mittlerweile aufgeſtanden war und, einen Schritt vor⸗ tretend, ſich ehrerbietig vor ihm verbeugte. Er flüſterte ihm — 121 — 1 zu „Um zwei Uhr — — bei mir —“ und ſtreckte die Hand aus, um ſie in den Weihbrunn zu tauchen. Faringhea hielt ihm den Weihwedel hin. Er befeuchtete ſeine Finger an demſelben und machte mit der Feuchtigkeit ein Kreuz auf die Stirn. Nachdem er nochmals zu dem Würger leiſe geſagt hatte: „Um zwei Uhr bei mir —“ ging er zur Kapelle hinaus. Caboceini wollte gleichfalls den Weihwedel benutzen, da aber Faringhea denſelben raſch zurückzog, ſo hielt er ſich nicht länger auf und eilte dem P. Rodin nach, welchen er, zumal an dieſem Tag, keinen Augenblick aus dem Geſicht verlieren ſollte. Faringhea warf dem P. Rodin einen unbeſchreiblichen Blick nach und ſank wieder auf die Knie, das Geſicht in den Händen verbergend. 3 Beide Patres beſtiegen einen bereit ſtehenden Miethwagen, und fuhren nach dem Quartier Marais zu. Fieberhafte Auf⸗ regung und Ungeduld lag auf dem Geſicht Rodins. Mehr⸗ mals öffnete er ſeine Brieftaſche, las und ordnete die Todes⸗ ſcheine der Familie Rennepont. Zuweilen ſtreckte er den Kopf zum Schlag hinaus, als wollte er den Gang des Fuhrwerks beſchleunigen. Cabveceini ſah ihn mit unverwandtem ſeltſam höhniſchem Blick an. Endlich fuhr die Kutſche in die Fran⸗ 8 eiscusſtraße und hielt vor dem eiſenbeſchlagenen Thor des alten Hauſes an. . Rodin ſprang aus dem Fiaere mit der Behendigkeit eines Jünglings und klopfte heftig an dem Thor, während der wohl⸗ beleibte kleine Pater bedächtlicher ausſtieg. Als ſich auf das Anklopfen in den nächſten Augenblicken nichts hören ließ, wiederholte er es, horchte und vernahm ſchleppende Tritte, die aber in einiger Entfernung von dem Thor aufhörten. „Es iſt mir, als ob das Feuer der Ungeduld mich verzehrte!“ ſagte er, klopfte noch heftiger zum dritten Mal und begann an ſeinen Nägeln zu kauen. Plötzlich ging das Thor auf, und Samuel erſchien unter dem Bogen. Das Geſicht des alten Wächters drückte bitteren Schmerz aus und trug die Spuren von Thränen, welche ſeine zitternde Hand abwiſchte, als er das Thor öffnete. Als er die beiden Jeſuiten erblickte, fragte er: „Wer ſind Sie, meine Herren?“ Haſtig antwortete Rodin: „Ich bin der Bevollmächtigte des Abbé Gabriel, des einzigen lebenden Erben der Familié Rennepont. Dieſer Herr hier iſt mein Secretär.“ Samuel betrachtete den Redenden aufmerkſam und ſprach: „Ja, ich erkenne Sie wieder. Kommen Sie gefülligſt mit.“ Er ging ihnen durch den Thorweg voran, und die Jeſuiten folgten ihm. „Dieſer verfluchte Alte,“ flüſterte Rodin ſeinem Socius zu, „hat mich mit ſeinem Wartenlaſſen ſo aufgebracht, daß ich, glaub ich, das Fieber habe. Meine Lippen und meine Kehle ſind trocken wie gedörrtes Pergament.“ „Wollten Sie nicht etwas zu ſich nehmen?“ fragte der Einäugige theilnehmend. „Sie könnten ſich ja von dem Alten ein Glas Waſſer geben laſſen.“ „Nein, nein!“ erwiderte Rodin. „Die Ungeduld verzehrt mich. Weiter iſts nichts.“ Als Samuel unter dem Thorweg an den Eingang ſeiner Wohnung kam, fragte er im Vorbeigehn ſeine in der Thür ſtehende Frau, welche bleich und betrübt ausſah, wie er: „Und die Vorhänge im Trauerſaal?“ „Sind zugezogen.“ „Und das eiſerne Käſtchen?“ „Iſt zugerichtet.“ Fragen und Antworten geſchahen in hebräiſcher Sprache, von welcher die beiden Jeſuiten nichts verſtanden. Nach dieſen Worten lächelten beide alte Leute auf eine eigene Weiſe einander an. Samuel führte ſeine Beſucher aus dem Thorweg in den Garten und dort die Vortreppe des einſamen Hauſes hinauf in die Vorhalle, in welcher eine Lampe brannte. Rodin be⸗ wies ein gutes Ortsgedächtniß, indem er ſtracks auf den rothen Saal zuging, wo die Verleſung des Teſtaments ſtattgefunden hatte. Samuel rief ihm zu: „Nicht dahin! —“ nahm die Lampe und ging nach einer dunkeln Treppe. „Das vorige Mal ſind wir ja in dieſem Saal zuſammenge⸗ kommen,“ bemerkte Rodin. „Und dies Mal iſt die Zuſammenkunft oben,“ erwiderte Samuel, langſam die Treppe hinauf gehend. „Wo oben?“ fragte Rodin, ihm folgend. „Im Trauerſaal.“ 1 —— Aber die Fenſter dieſes Thürmchens waren mit Bleiplatten — 123 — „Trauerſaal?“ wiederholte Rodin betroffen. „Was iſt das?“ „Ein Ort der Thränen und des Todes,“antwortete der Jude immerfort hinaufſteigend in der Dunkelheit, welche durch die Lampe kaum erhellt ward. „Aber warum dorthin?“ fragte Rodin ſtehend bleibend. „Das Geld iſt da.“ „Das Geld? das iſt etwas anders!“ ſagte Rodin und eilte ihm nach. Als Samuel zu einer gewiſſen Höhe hinaufgekommen war, bemerkten die beiden Jeſuiten unter ihm, daß die Treppe plötzlich einen Winkel machte, denn ſie erblickten das durch die Lampe erleuchtete Geſicht des Alten von der Seite zwiſchen dem eiſernen Treppengeländer, an dem er ſich mühſam hinauf half, und zwiſchen der gewölbten Decke. Der Ausdruck ſeines Geſichts kam Rodin auffallend vor. Seine ſonſt ſanften, durch das Alter verdüſterten ſchwarzen Augen funkelten, und ſeine Züge, welche ſonſt immer das Gepräge der Traurigkeit, des Verſtandes und der Güte trugen, ſchienen ſich zu verhärten, während um ſeine Lippen ein ſeltſames Lächeln ſpielte. Rodin äußerte hierüber nichts, ſondern flüſterte keuchend ſeinem Socius zu: „Das iſt nicht ſonderlich hoch, und doch ſind mir die Beine wie zerſchlagen. Ich bin ganz außer Athem und es ſummt mir in den Schläfen.“ Caboceini, ſonſt ſo zärtlich beſorgt um ſeinen Beglei⸗ ter, antwortete nichts. Er ſchien ganz in Gedanken vertieft zu ſein. „Sind wir bald oben?“ rief Rodin dem alten Samuel ungeduldig zu. 8 „Hier!“ antwortete der Jude. „Endlich!“ ſagte Nodin. „Das iſt ein Glück.“ „Ja, das iſt ein Glück,“ erwiderte Samuel, indem erzich an die Wand eines Gangs ſtellte und mit der Lampe auf eine große Thür deutete, aus welcher eine ſchwache Helle drang. Obwohl überraſcht, trat Rodin entſchloſſen ein. Caboceini und Samuel folgten ihm. „ Das Gemach, in welchem ſich die drei befanden, war groß. Es ſollte ſein Licht von einem viereckigen Belvedre empfangen. — 124 — verſchloſſen, von denen jede ſteben runde, ein Kreuz bildende Löcher hatte, in dieſer Form: O 0O O 0 0 G Das Tageslicht fiel nur durch dieſe punktirten Kreuze, mit⸗ hin ſehr ſpärlich ein. Die Finſterniß war aber aufgehellt durch eine große Lampe, welche über einem marmornen Pfei⸗ lertiſch brannte. Ringsum waren ſchwarze Vorhänge mit weißen Franſen ſichtbar, wie in einem Todtengemach. Kein Stuhl oder ſonſtiges Geräth war zu ſehen außer dem erwähn⸗ ten ſchweren Pfeilertiſch. Auf der Marmorplatte dieſes Tiſches ſtand ein kunſtreiches eiſernes Käſtchen aus dem 17. Jahr⸗ hundert von durchbrochener Arbeit. Rodin ſah ſich verwundert aber keineswegs entſetzt in dem Trauerſaal um und wiſchte ſich mit ſeinem ſchmutzigen Schnupftuch die Stirn ab. Samuel trat zu ihm und ſagte: „Der Wille des Erblaſſers, ſo wunderlich er Ihnen auch vor⸗ kommen mag, iſt heilig für mich. Ich werde ihm alſo in allen Stücken nachkommen — — wenn Sie es wollen.“ „Das iſt ganz recht,“ erwiderte Rodin. „Aber was haben wir hier zu thun?“ „Sie ſollen es ſogleich erfahren. Sie ſtnd der Bevoll⸗ ntchtigte des einzigen von der Familie Rennepont noch übri⸗ gen Erben, des Herrn Abbé Gabriel von Rennepont.“ „Allerdings,“ antwortete Rodin. Sehen Sie hier meine Vollmacht.“ die Zeit nicht zu verlieren,“ fuhr Samuel fort, „will ich einſtweilen, bis der Beamte kommt, Ihnen die Beträge der Rennepontſchen Erbſchaft, welche ich geſtern aus der Bank von Frankreich gezogen habe, aus dieſem Käſtchen vor⸗ zählen.“ „Die Beträge — — ſind da?“ rief Rodin und rannte auf das Käſtchen zu. „Ja,“ antwortete Samuel. „Hier iſt meine Notiz. Ihr Herr Secretär wird die Beträge vorleſen, ich lege Ihnen die —— — — Beſitzurkunden nacheinander vor, Sie prüfen dieſelben und dann werden ſie wieder in das Käſtchen gelegt, welches ich Ihnen in Gegenwart des Beamten einzuhändigen habe.“ „Das iſt ganz in der Ordnung,“ ſagte Rodin. Samuel übergab dem P. Caboccini ein Notizbuch, trat an das Käſtchen und drückte auf eine verborgene Feder. Der ſchwere Deckel hob ſich in die Höhe, und ſo oft Caboccini aus dem Buch einen Betrag ablas, nahm Samuel die be⸗ treffende Beſitzurkunde aus dem Käſtchen heraus und über⸗ reichte ſie dem P. Rodin. Dieſer prüfte ſie ſorgfältig und gab ſie dem alten Juden zurück. Die Durchſicht ging ſchnell von Statten, denn die ungeheuren Beträge beſtanden nur aus achterlei Papieren (2 Millionen 5 % franzöſiſche Rente, 900,000 dgl. 3 %, 5000 franz. Bankactien, 3000 Kanal⸗ actien, 125,000 Ducati neapolitaniſche Rente, 3000 öſtreich. Metalligues, 75,000 Pfd. Sterl. 3 % engl. Rente, 1,200,000 fl. holländiſche, 28,860,000 fl. niederländiſche Obligationen — alles auf Inhaber) und außerdem aus 500,000 Fr. Bank⸗ zettel, 250,000 Fr. in Silber und 35,000 Fr. in Gold. Nachdem Rodin den letzten der 500 Bankzettel gezählt hatte, gab er ſie dem Juden zurück und ſagte: „Richtig: zweihundert zwölf Millionen hundertundfünfundſtebzig tauſend Franken.“ Sein Athem ſtockte, ſeine Augen ſchloſſen ſich und er mußte ſich auf Cabvecini ſtützen. „Sonderbar!“ ſagte er mit heiſerer Stimme. „Ich hätte mich ſtärker gegen Ge⸗ müthsbewegungen geglaubt — — Was ich fühle, iſt unge⸗ wöhnlich.“ Caboccini ſah, wie Rodins Geſicht grüngelb ward, und wie alle ſeine Glieder zuckten. „Lieber Pater,“ rief er ihm zu, „kommen Sie doch zur Beſinnung! So ſehr darf doch die Freude über den glücklichen Erfolg Sie nicht berauſchen!“ Rodin ward durch ſeine Willenskraft und durch die bele⸗ bende Wirkung der unausſprechlichen Freude in den Stand geſetzt, dieſen Anfall von Schwäche zu überwinden. Stolz und ruhig richtete er ſich wieder auf und ſagte zn Cabveeini: „Es iſt nichts. Ich habe nicht an der Cholera ſterben wollen; am 1. Juni will ich nicht vor Freude ſterben.“ Sein Geſicht, obwohl entſetzlich bleich, ſtrahlte von Stolz und Verwegenheit. Auf einmal nahmen die ſonſt immer lächelnden Züge des ge — 126 — kurzen, dicken, einäugigen Italiäners einen ſo feſten, ſtrengen, gebietenden Ausdruck an, daß Rodin überraſcht einen Schritt zurücktrat. Caboccini zog aus ſeiner Taſche ein Papier, küßte es ehrfurchtsvoll, warf auf Rodin einen vernichtenden Blick und las mit volltönender, drohender Stimme: „Nach Empfang gegenwärtigen Reſcripts wird der E. V. Rodin all ſeine Vollmachten dem E. V. Caboreini über⸗ geben, welcher nebſt dem P. Aigrigny beauſtragt iſt, die Rennepont'ſche Erbſchaft zu erheben, wofern der Herr in ſeiner ewigen Gerechtigkeit will, daß dieſe unſerer Geſell⸗ ſchaft entwendeten Güter ihr wieder zukommen ſollen. — Ferner wird nach Empfang gegenwärtigen Reſeripts der P. Rodin unter Aufſicht eines von P. Caboceini bezeich⸗ neten Paters in unſer Haus zu Laval abgeführt, dort in eine Zelle geſetzt werden und bis auf weiteren Befehl unter Clauſur bleiben.“ Das geleſene Papier reichte der Italiäner dem P. Rodin hin, damit dieſer die Unterſchrift des Ordensgenerals leſen könnte. Rodin ſchlug ein Hohngelächter auf. Caboccini ſah ihn mit zornigem Erſtaunen an. Rodin warf ſich in die Bruſt, ſchob mit der umgewandten Hand das dargereichte Papier zurück und fragte in gebieteriſchem verachtungsvollem Ton: „Von wann iſt dies Reſecript?“ „Vom 11. Mai,“ antwortete der dicke Pater verblüfft. „Hier iſt ein Breve vom 18. Mai, eingelaufen heut Nacht. 6 enthält meine Ernennung zum Ordensgeneral. — Leſen i Cabvecini nahm den dargereichten Zettel, las und ſtand wie eingewurzelt da. Dann überreichte er Rodin mit einer Kniebeugung das Reſcript. Alſo war das nächſte Ziel von Rodins Ehrgeiz erreicht. Trotz dem Haß und Argwohn, den er bei der von Malipier geleiteten Partei erweckt hatte, war Rodin durch Geſchick und Verwegenheit dahin gelangt, daß ſeine Anhänger zu Rom durch Ränke die Abſetzung ſeines Generals erwirkten und ihm die Ernennung zum Nachfolger desſelben verſchafften. Von dieſem Poſten zum päpſtlichen Stuhl war nach Rodins Be⸗ Schritt. echnungen mit Hülfe der Millionen aus der Erbſchaft nur — Der alte Jude, der während der Vorleſung des Reſeripts von dem Pfeilertiſch, wo er die Papiere wieder an ihren Ort legte, neugierig näher zu den beiden Jeſuiten getreten war, ging zu dem Käſtchen zurück und ſchlug den Deckel zu Der Metallklang rief Rodin von den Träumen des Ehrgeizes zu der Wirklichkeit des Lebens zurück. „Alſo Sie wiſſen,“ rief er herriſch dem alten Juden zu, „dieſe Millionen gehören mir.“ Und dabei ſtreckte er gierig die Hände darnach aus, als wollte er das Käſtchen vor Ankunft des Beamten in Beſitz nehmen. Samuel verſchränkte ſeine Arme auf der Bruſt, richtete m Alter gebeugte Geſtalt empor und rief mit feier⸗ me, Blitze des Unwillens aus den Augen ſprühend: Lögen, urſprünglich ein kleiner Reſt von der Erb⸗ n Mannes, welchen die Ränke der Söhne Selbſtmord genöthigt haben, — dies Verms⸗ ße eines königlichen Schatzes angewachſen durch it von drei Generationen treuer Diener, — ſoll nicht der Lohn d ein. Nein! der gere Eie von W — 128 — „Da ſind ſie, die Ihr getödet habt!“ ſchluchzte Samuel. „Eure hölliſchen Anſchläge mußten ihren Tod herbeiführen; denn Ihr bedurftet ihres Todes. — — So oft ein Mitglied dieſer unglücklichen Familie als Opfer Eurer Bosheit ge⸗ fallen war, habe ich ſeine Leiche in das Familiengrab geholt. Seid verflucht, Ihr, die Ihr ſie gemordet habt! — aber ihr Nachlaß ſoll Euren Händen entgehen!“ Rodin, unwillkürlich angezogen, war an das Todtenbett Dſchalmas gekommen. Sein erſtes Entſetzen war überwun⸗ den, und er wollte ſich überzeugen, ob nicht ſeine Augen durch ein Schreckbild getäuſcht ſeien. Er betaſtete die Hände des Indiers und fand ſie kalt, aber die Haut daran 2 und biegſam. Er fuhr zurück und bebte am gg Bald aber folgte Ueberlegung dem Schrecken, Ueberlegung kehrte ſeine hölliſche Hartnäckigz ſtellte ſich feſt auf ſeine ſchwankenden Beine Hand über die Stirn, warf den Kopf in wandte ſich um gegen den im Stillen weir ale ſeine verdorrten Lip erer Stimme zu: bgen nicht auf „Schaut her!“ rief der Jude. „Ich habe es Euch geſagt, der Nachlaß Eurer Opfer ſoll Eurer Mörderhand entgehen!“ Aus den Oeffnungen des durchbrochenen Käſtchens drang Rauch und der Geruch von verbranntem Papier. „Feuer!“ ſchrie Rodin und ſtürzte ſich auf das Käſtchen, um es wegzu⸗ reißen. Es war auf dem ſchweren Marmortiſch feſt genietet. „Ja, Feuer!“ ſagte Samuel. „Von dieſem unermeßlichen Schatz wird in einigen Augenblicken nur noch Aſche übrig ſein. Beſſer iſts, er wird zu Aſche, als daß er Euch und den Eurigen zufällt. Dieſer Schatz gehört nicht mir; aber ich habe das Recht, ihn zu vernichten; denn Gabriel von Rennepont würde ſein Wort halten.“ „Hülfe! Waſſer!“ ſchrie Rodin, das Käſtchen mit ſeinem Leib bedeckend. Aber die Flammen ſchlugen aus den Oeff⸗ nungen heraus, und nachdem ſie einige Augenblicke gelodert hatten, zog ein bläulicher Rauch aus dem Käſichen. Der Schatz war in Aſche verwandelt. Keuchend wandte Rodin ſich um. Mit einer Hand auf die Marmorplatte geſtützt, weinte er zum erſten Mal in ſeinem Leben. Thränen der Wuth benetzten ſeine hohlen Wangen. Und plötzlich brachen Schmerzen, welche er ſeit einiger Zeit zu überwinden geſucht hatte, mit ſolcher Heftigkeit in ſeinem Leibe aus, daß er auf die Knie ſank und beide Hände an die Bruſt drückte. Immer nech bemühte er ſich zu lächeln und murmelte: „Es hat nichts zu bedeuten. — — Freut euch nicht. — — Einige Krämpfe — — weiter nichts. — — Der Schatz — — iſt zerſtört; — — aber — — ich bin — — General — — des Ordens — — und — — ich — — Oh! — — welcher Brand! — — Seitdem ich — — in dies verfluchte Haus — — gekommen bin — — weiß ich nicht — — was mir fehlt. — — Wenn ich nicht — — ſeit langer Zeit — — nur von Wurzeln — — und Brod lebte, — — die ich ſelber kaufe, — — würde ich — — an Gift glauben; — — denn — — ich triumphire — — und der Cardinal — — Malipieri — — hat einen langen Arm. — — Ja! — — ich triumphire — — und ich werde nicht ſterben, — nein! — ich will nicht!! Er that einen krampfhaften Sprung, ſtreckte die Arme und N i „Feuer — — verzehrt meine Eingeweide. — — Kein 9 — 130 — Zweifel — — heut hat man — — mich vergiften wollen. — — Aber wo? — — wer? — — — Hülfe! — — Helft mir doch! — — Ihr ſeht mich — — ja an — — wie Ge⸗ ſpenſter. — — Hülfe!“ Samuel und Caboceini waren von Entſetzen gelähmt beim Anblick dieſes ſchrecklichen Todeskampfs. „Hülfe!“ keuchte Rodin. — — Dies Gift iſt ſchreck⸗ ic er wie iſt mirs Faringhea — — dieſen Morgen — — das Weihwaſſer! — — Er kennt feine Gifte. — — Er hat — — eine Unterre⸗ dung — — gehabt — — mit Malipieri. — — Teufel! — — Gut geſpielt! — — Die Borgia — — ſchlagen nicht aus der Art. — O! — — es iſt vorbei! — — ich ſterbe! — — Sie werden mich bedauern — — die Gimpel! — O Hölle! — — Ja — die Kirche weiß nicht, — — was ſie verliert. — — Aber ich brenne! — — Hülfe!“ Eilige Tritte kamen die Treppe herauf. Baleinier und die Fürſtin von St. Dizier erſchienen auf der Schwelle des Trauer⸗ ſaals. Die Fürſtin hatte am Morgen gehört, Aigrigny ſei todt, und kam, Rodin darüber zu fragen. Sie erblickte ihn im ſchrecklichſten Todeskampf. Und weiter ſah ſie beim Schein der Grabeslampe die ſechs Leichen und unter ihnen ihre Nichte und die zwei Waiſen, welche ſie in den Tod geſchickt hatte. Wie verſteinert ſtand ſte da. Sie blickte langſam umher, erhob die Arme zum Himmel und brach in ein tolles Ge⸗ lächter aus. Sie war wahnſinnig. Während Baleinier, außer ſich vor Entſetzen, den Kopf des in ſeinen Armen ſterbenden Rodin ſtützte, erſchien an der Thür im Dunkeln Faringhea, warf einen wilden Blick auf Rodins Leiche und ſagte: „Er hat ſich zum Haupt der Ge⸗ ſellſchaft Jeſu machen wollen um ſie zu zerſtören. Für mich iſt die Geſellſchaft Jeſu an die Stelle von Bohwanie ge⸗ treten. — Ich habe dem Cardinal gehorcht.“ Abbé Joſeph Charpentier, Pfarrer zu St. Albinus in dem Virnbaum an der Wand der Scheuer ſaß auf der ſteinernen Bank mein Adoptivvater Dagobert, der wackere, ehrliche 1 Zwanzigſtes Kapitel. Vier Jahre ſpäter. Vier Jahre waren ſeit den erzählten Begebenheiten ver⸗ floſſen, als Gabriel von Rennevpont folgenden Brief an den armen Dorf Sologne, ſchrieb: Meierei Vives Eaur, 2. Juni 1836. „Geſtern, lieber Joſeph, wollte ich Ihnen ſchreiben und hatte mich an das alte ſchwarze Tiſchchen geſetzt, welches Sie kennen. Das Fenſter meines Zimmers geht, wie Sie wiſſen, auf den Hof unſerer Meierei, ſo daß ich beim Schreiben alles ſehen kann, was im Hof vorgeht. Nicht wahr, lieber Freund, das iſt eine ernſte Einleitung? Sie lächeln. Ich komme zur Sache. Ich hatte mich alſo an meinen Tiſch geſetzt und ſah zu⸗ fällig zum offenen Fenſter hinaus. Der Anblick, welchen ich hatte, würde Ihrer kunftfertigen Hand Anlaß zu einer herr⸗ lichen Zeichnung gegeben haben. Die Sonne neigte ſich zum Untergang. Der Himmel war völlig heiter, und die laue Sommerluft war mit den Balſa düften der Blüthen der Weißdornhecke geſchwängert, welche nach dem Bach zu unſern Hof einfriedigt. Unter dem großen Soldat, den Sie ſo gern haben. Er ſchien in Nachdenken verſunken zu ſein. Sein weißes Haupt war auf die Bruſt „ geſenkt und ſeine eine Hand tätſchelte den alten Freuden⸗ ſtörer, der ſeinen klugen Kopf auf die Knie ſeines Herrn ſtützte. Neben Dagobert ſaß ſeine Frau, meine Pflegmutter, und nähte. Vor beiden ſaß auf einem Schemel Angela, ihr jüngſtes Kind ſtillend, und ihr gegenüber hatte die Mayeur den älteſten Knaben auf dem Schoos und lehrte ihn in einem A B C-Buch buchſtabiren. Mitten im Hof ſtand Agricola vor ein paar angejochten ſchwarzen Ochſen, mit welchen er 3 eben vom Feld zurückgekommen war. Beſchüftigt, ſie auszu⸗ ſpannen, hielt er einen Augenblick inne und ließ, die Hand auf dem Joch, das Auge auf demſelben Bild häuslichen Frie— dens ruhen, welches auch meine Aufmerkſamkeit angezogen hatte. Welche verſchiedene rührende Geſtalten hatte ich vor Augen! Das ehrwürdige Geſicht des Soldaten, die gutmüthige, liebe⸗ volle Miene meiner Pflegmutter, das friſche Antlitz Angelas, welche ihrem Kind zulächelte, den Ausdruck ſanfter Schwer⸗ muth in den Augen der Mayeur, welche von Zeit zu Zeit ihre Lippen auf das blonde Köpfchen von Agricolas munterem Erſtgeborenen drückte, und endlich Agricola ſelber in ſeiner männlichen Schönheit mit dem Gepräge der Ehrlichkeit und Mannhaftigkeit. Bei Betrachtung dieſes Vereins von guten, hingebenden, edlen, einander ſo ſehr liebenden Weſen in der Eeinſamkeit eines kleinen Landgütchens erhob ſich mein Herz voll Dank zu Gott. Dieſer häusliche Friede, der freundliche Abend, der Blumen- und Waldesduft, von einem leiſen Lüftchen herbeigetragen, die tiefe Stille, nur von dem Rau⸗ ſchen des kleinen Waſſerfalls in der Nähe unterbrochen, — alles das wehte mich gleichſam an mit jener ſanften Rüh⸗ rung, die man nur empfinden, nicht beſchreiben kann. Sie kennen dieſelbe, lieber Freund. Auf Ihren einſamen Gängen über Ihre rothblühenden Haiden am Rand der Tannenwälder finden Sie oft, daß Ihre Augen feucht werden, ohne daß Sie ſich dieſe ſanfte ſchwermüthige Regung erklären könnten, die auch ich oſt in den herrlichen Nächten in den Einöden Amerikas empfunden habe. Die Heiterkeit dieſes Gemäldes ward durch einen ſchmerz⸗ lichen Vorfall getrübt. Plötzlich hörte ich meine Pflegmutter rufen: „Lieber Mann, Du weinſt ja!“ Bei dieſen Worten erhoben ſich Angela und die Maheur, Agricola eilte herbei, und alle drei umſtanden beſorgt den alten Kriegsmann. Er richtete den Kopf in die Höhe, ſo daß ich ſehen konnte, wie zwei Thränen aus ſeinen Augen in ſeinen weißen Bart ran⸗ nen. „Es hat nichts zu bedeuten, Kinder,“ ſagte er. „Aber heute iſt der erſte Juni — — und vor vier Jahren — — —“ Er konnte nicht weiter ſprechen. Als er die Hände auf⸗ hob, um ſeine Thränen abzuwiſchen, bemerkte ich, daß er ein Kettchen mit einer Denkmünze in der Hand hielt. Dies war ——— — 133 — ſeine theuerſte Reliquie. Es waren gerade vier Jahre, daß er ſie am Hals des Marſchalls gefunden hatte, als die Leiche desſelben von einem Zweikampf ins Haus gebracht wurde. Dieſe Denkmünze war lange von den beiden Engeln getragen worden, deren Verluſt ihn damals beinahe ins Grab geſtürzt hätte. Ich eilte augenblicklich hinunter in den Hof, um die Schmerzen dieſes trefflichen Mannes zu lindern. Es gelang mir, und der Abend verging in frommer ruhiger Trauer. Als ich auf mein Zimmer zurückgekehrt war, drängten ſich mir all die peinlichen Erinnerungen an eine Vergangenheit auf, von welcher ich mich ſtets mit Angſt und Schrecken ab⸗ wende. Es erſchienen mir die rührenden Opfer der grauſigen Begebenheiten, deren Geheimniß nie vollſtändig aufgeklärt worden iſt, weil von den drei Urhebern derſelben die P. P. A. und R. plötzlich geſtorben ſind und die Frau von St. D. unheilbar wahnſinnig geworden iſt. Jene Opfer, welche einem ſchrecklichen Ehrgeiz gefallen ſind, würden der Stolz der Menſchheit geweſen ſein durch das Gute, welches ſie geſtiftet haben würden. O, wenn Sie wüßten, welche edle Herzen in ihnen für die Welt verloren ſind! Wenn Sie die groß⸗ artigen menſchenfreundlichen Abſichten jenes edelgeſinnten Mäd⸗ chens hätten kennen lernen! Gleichſam als Vorſpiel ihrer herrlichen Entwürfe hatte Sie mir am Tag vor ihrem Tode nach einer Unterredung, deren Inhalt ich ſelbſt Ihnen, Freund, verſchweigen muß, mir eine bedeutende Summe anvertraut, indem ſie mir mit ihrer gewöhnlichen Anmuth und Güte ſagte: „Man will mich zu Grund richten. Man kann es vielleicht. Wenigſtens wird das, was ich Ihnen übergebe, geborgen ſein — — für die Leidenden. Geben Sie — — geben Sie viel. Machen Sie ſo viele Menſchen wie möglich glücklich. Ich will mein Glück königlich einweihen.“ Ich weiß nicht, ob ich Ihnen geſagt habe, wie wir hieher gekommen ſind. In Folge jener unſeligen Begebenheiten ſah ich uns alle im Elend: Dagobert und meine Pflegmutter völlig mittellos, die ſanfte Mayeur kaum im Stand, mit einem kargen Lohn ihr Leben zu friſten, Agricola mit der Ausſicht, bald Vater zu werden, mich ſelber meines Pfarr⸗ amts von meinem Biſchof entſetzt, weil ich die Tröſtungen unſerer Religion einem Proteſtanten gegeben und auf dem —— ————— — Grab eines durch Verzweiflung zum Selbſtmord getriebenen Unglücklichen gebetet hatte. Da glaubte ich von dem, was das Fräulein von Cardoville mir zu guten Werken anvertraut hatte, einen ganz geringen Theil nehmen zu dürfen, um dieſe Meierei auf den Namen Dagoberts zu kaufen. Das, Freund, iſt der Urſprung meines Vermögens. Der Pächter, welcher dieſe wenigen Morgen Landes in Beſtand hatte, begann un⸗ ſere Erziehung zu Ackerbauern, und wir haben ſie durch das 1 Leſen guter praktiſcher Bücher vollendet. Der treffliche Hand⸗ werker Agricola iſt ein guter Landmann geworden. Ich 3 habe ihm nachgeahmt und die Hand an den Pflug gelegt, ohne meinem Stand etwas zu vergeben (was durch Ergreifung eines andern Erwerbszweigs hätte geſchehen können), denn die nährende Arbeit iſt heilig, und die von Gott geſchaffene Erde befruchten, heißt Gott dienen. In dieſem geſunden Landleben hat Dagobert, nachdem ſein Kummer ſich ein wenig gemildert hatte, ſeine Kraft wieder geſtärkt. Ackersmann war er ſchon beinahe geworden in ſeiner Verbannung in Sibirien. 1 In die häuslichen Arbeiten haben ſich meine Pflegmutter, die ₰ Frau Agricvlas und die Mayeur getheilt. Gott hat dieſe kleine Colonie hart geprüfter Menſchen geſegnet, welche in 3 der Einſamkeit und in den ſchweren Arbeiten des Landlebens Seelenfrieden und das Vergeſſen ſchweren Kummers geſucht haben. 1 Zuweilen an Winterabenden haben Sie Gelegenheit gehabt, die Gemüthlichkeit der ſanften Mayeur, die Dichtergabe Agri⸗ colas, den geſunden Verſtand ſeines Vaters, das mütterliche Gefühl ſeiner Mutter und das anmuthige Weſen Angelas zu bewundern. Wie manchen langen Winterabend haben wir 1 in dieſem trauten Kreis verlebt, um ein Feuer von kniſtern⸗ dem Reiſig beiſammen ſitzend, abwechſelnd leſend aus unſeren 1 wenigen ſtets neuen, unvergänglichen Büchern, und über das Geleſene ſprechend! Welche liebliche Plaudereien bis tief in die Nacht hinein! Und die ländlichen Dichtungen Agricolas! und die verſchämten ſchriftſtelleriſchen Mittheilungen der Maheur! 1 Und der Geſang der friſchen reinen Stimme Angelas, ver⸗ bunden mit dem der männlichen klangvollen Stimme Agri⸗ colas! Und die lebendigen Erzählungen des alten Kriegs⸗ manns, und die harmloſe Fröhlichkeit der Kinder und ihr Herumtummeln mit dem alten Freudenſtörer, der ſich mehr zu ihren Spielen hergibt als daran Theil nimmt! Das gute, verſtändige Geſchöpf ſcheint immer jemand zu ſuchen, wie Dagobert mit Recht ſagt. Auch er betrauert die beiden Engel, deren treuer Hüter er geweſen iſt. Glauben Sie nicht, daß unſer Glück uns vergeßlich macht. Es vergeht kein Tag, ohne daß theure Namen mit frommer Ehrfurcht von uns ausgeſprochen werden. Die an ſie ge⸗ knüpften ſchmerzlichen Erinnerungen umſchweben uns ſtets und geben unſerm ruhigen glücklichen Daſein die Färbung ſanften Ernſtes, welche Ihnen aufgefallen iſt. Nicht wahr, Freund, dies auf den Familienkreis beſchränkte Leben, welches nicht ausſtrahlt zur Beglückung und Beſſerung unſeres Nächſten, iſt ein etwas egoiſtiſches Wohlſein. Aber leider fehlen uns die Mittel zu thun, was wir gern thun möchten. Zwar findet der Dürftige an unſerm Tiſche ſtets einen Platz und in unſerem Haus ein Obdach. Aber auf große Werke der Bruderliebe müſſen wir verzichten. Der geringe Ertrag unſerer Meierei reicht nur eben für unſere Bedürfniſſe zu. Dennoch kann ich meinen Entſchluß, auf die unermeßliche Erbſchaft zu verzichten, nicht tadeln. Ich glaube eine große Pflicht erfüllt zu haben, indem ich den Hüter des Schatzes beſtimmte, ihn in Aſche zu verwandeln, anſtatt ihn in die Hände von Leuten fallen zu laſſen, welche einen fluchwürdi⸗ gen Gebrauch davon gemacht haben würden, oder meinem Schwur untreu zu werden durch das Umſtoßen einer freiwillig gemachten Schenkung. Denke ich aber an die Verwirklichung des Willens meines Vorfahren, wie ſie das Fräulein von Cardoville mit dem Beiſtand des Hrn. Franz Hardy, des Prinzen Dſchalma, des Marſchalls Simon und ſeiner Töchter und mit dem meinigen beabſichtigte, an dies Ausſtrahlen ſo verſchiedener lebendiger Kräfte aus einem gemeinſamen Mittelpunkt zur Beglückung der ganzen Menſchheit, dann vergrößert ſich noch mein Ab⸗ ſcheu gegen dieſe Geſellſchaft, deren ſchändliche Anſchläge eine ſo herrliche Zukunft im Keim getödet haben. Was iſt noch übrig von ſo viel glänzenden Ausſichten? Sieben Gräber. Denn das meinige iſt auch gegraben in dem ——— Mauſoleum, welches Samuel auf der Stelle des Hauſes in der Neuen Franeiseusſtraße hat errichten laſſen und deſſen Wächter er geworden iſt, treu bis ans Ende. So weit hatte ich geſchrieben, als ich Ihren Brief empfing. Alſo nachdem Ihr Biſchof Ihnen verboten hat, mit mir zu⸗ ſammenzukommen, verbietet er Ihnen nun auch den ferneren Briefwechſel mit mir. Ihr ſchmerzliches Bedauern rührt mich tief. Wir haben oft von der Kirchenzucht geſprochen und von der unbeſchränkten Gewalt der Biſchöfe über uns geiſtliche Plebejer. Es iſt etwas ſchmerzliches; aber es iſt Geſetz der Kirche, und da Sie deſſen Beobachtung geſchworen haben, ſo müſſen Sie ſich unterwerfen, wie ich mich unterworfen habe. Dem Ehrenmann iſt ſein Eid heilig. Guter, armer Joſeph! Wenn Sie doch den Erſatz hätten, welcher mir nach dem Abbrechen unſerer Verbindung bleibt. O, ich weiß, was Sie fühlen müſſen. Ich darf nicht weiter ſchreiben. Ich würde vielleicht bitter werden gegen die, deren Befehle wir achten müſſen. Da es alſo ſein muß, ſo ſei dieſer Brief der letzte. Leben Sie wohl, mein Freund, für immer. Gabriel von Rennepont. Einundzwanzigſtes Kapitel. Die Eſun Tagesanbruch war nahe. Im Oſten fing ein kaum merk⸗ licher Roſenſchimmer an hervorzubrechen. Aber im Scheitel⸗ punkt des Himmels funkelten noch die Sterne. Die Vögel erwachten im kühlen Laub der Wälder des Thals, und verein⸗ zeltes Gezwitſcher bildete das Vorſpiel ihrer Morgengeſänge. Ein leichter weißlicher Dunſt erhob ſich aus dem bethauten Gras, während im ruhigen klaren Waſſer eines großen Sees der blaßröthliche Schimmer des öſtlichen Himmels ſich ab⸗ ſpiegelte. Alles kündigte einen der heiteren warmen Tage des Vorſommers an. — 187 — Auf einem Abhang am weſtlichen Ende des Thals ſtand eine Gruppe alter hohler Weiden, deren Stämme von Geis⸗ blatt und von Winden mit Glocken von allen Farben um⸗ rankt waren. Auf den mit reichlichem Moos bedeckten Wur⸗ zeln dieſer Bäume ſaßen ein Mann und eine Frau. Ihre völlig gebleichten Haare und ihre Runzeln verriethen ein hohes Alter. Und doch war dieſe Frau vor kurzem noch jung und ſchön geweſen, und ihre blaſſe Stirn hatte langes ſchwarzes Haar überſchattet. Und doch hatte dieſer Mann noch kürzlich in aller Rüſtigkeit dageſtanden. Von der Stelle aus, wo dieſe beiden Menſchen ruhten, über⸗ ſah man das Thal mit ſeinem See und ſeinen Wäldern bis zu einem hohen bläulichen Berg, hinter deſſen ſteilem Gipfel die Sonne hervorkommen wollte — eine lachende und doch me⸗ lanchvliſche Landſchaft, deren Anblick in dem Schleier der Däm⸗ merung etwas feierliches hatte. „Schweſter,“ ſagte der Greis zu der alten Frau, „wie oft haben wir das Erwachen der Natur mit einem Gefühl un⸗ heilbaren Schmerzes angeſehen in den langen Jahrhunderten, ſeitdem die Hand des Herrn uns in die weite Welt geworfen hat, auf daß wir die Erde von Pol zu Pol durchwanderten. Von der Morgendämmerung bis zur Abenddämmerung war noch ein Tag zu durchlaufen, ein Tag, der die Zahl unſerer Tage unnützer Weiſe vermehrte, da der Tod uns immer floh.“ „Aber ſeit einiger Zeit, Bruder,“ erwiderte das Weib, „hat der Herr in ſeinem Erbarmen bewilligt, daß für uns wie für die andern Geſchöpfe jeder abgelaufene Tag ein Schritt näher zum Grabe wäre. Ehre ſei dem Höchſten!“ „Preis ihm, Schweſter. Seit geſtern, wo ſein Wille uns ein⸗ ander nahe gebracht hat, fühle ich die unbeſchreibliche Mat⸗ tigkeit, welche die Annäherung des Todes verurſachen muß.“ „Auch ich habe gefunden, daß meine Kräfte, die ſchon ſehr abgenommen hatten, ſich in einer ſanften Erſchöpfutß immer mehr verloren. Gewiß naht das Ende unſeres Lebens heran, und der Zorn des Herrn iſt verſöhnt.“ „Ach, Schweſter! gewiß ſteht auch der Tod des letzten Sprößlings meines fluchbeladenen Geſchlechts nahe bevor, zur Vollendung meiner Erlöſung. Der Wille Gottes hat ſich endlich kund gethan. Ich werde Vergebung erlangen, wenn — — — — 138 — der letzte Sprößling meines Hauſes von der Erde verſchwun⸗ den ſein wird. Ihm, dem Heiligen unter den Heiligſten, war die Gnade vorbehalten, meine Loskaufung zu bewirken, — ihm, der ſo viel gethan hat zum Heil ſeiner Brüder.“ „Ja, Bruder, er, der ſo viel gelitten, der, ohne zu klagen, ſo viele bittere Kelche getrunken, ſo viele ſchwere Kreuze ge⸗ tragen hat, er, der Diener des Herrn, welcher das Abbild Chriſti auf Erden geweſen, er mußte das letzte Werkzeug dieſer Erlöſung ſein.“ „Schweſter, ich fühl' es, der letzte der Meinigen ſteht in Begriff, als Opfer einer langſamen Verfolgung, ſeine Engels⸗ ſeele Gott zurückzugeben. Alſo bis zum Ende werde ich für mein fluchbeladenes Geſchlecht unheilbringend geweſen ſein. Herr! Herr! Deine Gnade iſt groß, aber Dein Zorn iſt auch groß geweſen.“ „Muth und Hoffnung Bruder. Bedenke, auf die Sühnung folgt Vergebung und nach der Vergebung kommt der Lohn. Der Herr hat in Dir und in Deiner Nachkommenſchaft den durch das Unglück und die Ungerechtigkeit boshaft ge⸗ wordenen Handwerker geſchlagen. Er hat Dir geſagt: Gehe! gehe! gehe! ſonder Raſt noch Ruhe, und Dein Gehen ſoll vergeblich ſein, und jeden Abend, wenn Du Dich auf die harte Erde wirfſt, ſollſt Du Deinem Ziel nicht näher ſein, als Du am Morgen warſt beim Wiederbeginn Deines ewigen Laufes. — Eben ſo haben ſeit Jahrhunderten unbarmherzige Menſchen zum Handwerker geſagt: Arbeite! arbeite! arbeite! ſonder Raſt und Ruhe, und Deine für alle ergiebige Arbeit ſoll für Dich allein unfruchtbar ſein, und jeden Abend wenn Du dich auf die harte Erde legſt, ſollſt Du dem Glück und der Ruhe nicht uäher ſein als den Abend zuvor bei der Rückkehr von Deiner täglichen Arbeit. Dein Lohn genüge Dir zur Friſtung Deines kümmerlichen Lebens.“ „Ach! ſoll es denn immer ſo ſein!“ „Nein Bruder. Weine nicht über die Deinigen; freue Dich vielmehr über ſie. Hat der Herr ihres Todes bedurft zu Deiner Erlöſung, ſo tröſte Dich damit, daß er zugleich mit Dir, dem vom Himmel verfluchten Handwerker, den Hand⸗ werker erlöſen wird, welcher von ſeinen Unterjochern verflucht und gefürchtet wird. Die Zeit iſt nahe. Die Barmherzigkeit — des Herrn wird nicht bei uns beiden ſtehen bleiben. Ich ſage Dir, in uns wird das Weib losgekauft werden und der Sklave der Neuzeit. Die Prüfung iſt grauſam geweſen. Aehnünte Jahre ſchon dauert ſie; und ſie hat genug gedauert. — Sieh! Bruder, im Oſten die Röthe, delche ſich immer weiter am Himmel verbreitet. So wird ſich bald die Sonne der neuen Freiheit erheben, der friedlichen, heiligen, heibringenden Freiheit, welche die Welt überſtrahlen wird, erhellend und erwärmend wie das Geſtirn, welches bald am Himmel ſtehn wird.“ „Ja, Schweſter, ich fühle, Deine Worte ſind prophetiſch. Ja wir werden, indem wir unſere müden Augen ſchließen, wenigſtens das Morgenroth dieſes Tages der Freiheit ſehen, des herrlichen Tages, gleich dem, welcher eben anbricht. Ich weine nur noch Thränen des Stolzes über die Meinigen, welche vielleicht zur Sicherung dieſer Erlöſung geſtorben ſind, als Märtyrer der Menſchheit, geopfert von den ewigen Feinden der Menſchheit. Dieſe Frevler, welche den Namen Jeſu läſtern, indem ſie ihn ihrer Geſellſchaft geben, ſind die echten Nachkommen der Phariſäer und der unwürdigen Prieſter, welche Chriſtus verflucht hat. Ehre ſei den Sprößlingen meines Geſchlechts, daß ſie die letzten Märtyrer ſind, welche von dieſen Helfershelfern jeder Verknechtung, jedes Despotis⸗ mus, geopfert worden ſind, von dieſen unbarmherzigen Geg⸗ nern der Befreiung derer, welche denken und nicht länger leiden, welche als Kinder Gottes mit genießen wollen, was der Schöpfer der großen Menſchenfamilie zugetheilt hatte. — Ja, ja! es naht das Ende der Herrſchaft dieſer neuen Pha⸗ riſäer, dieſer falſchen Prieſter, welche die unbarmherzige Selbſt⸗ ſucht des Starken gegen die Schwachen unterſtützen, indem ſie im Angeſicht der reichen Schöpfung behaupten: Gott habe die Menſchen zu Elend, Leid und Thränen geſchaffen, — dieſer falſchen Prieſter, dieſer Helfer bei jeder Unterdrückung welche den Menſchen zum Thier herabwürdigen wollen, wäh⸗ rend Gott ihn geſchaffen hat, um verſtändig, frei und glück⸗ lich zu ſein.“ „Auch Deine Worte, o Bruder, ſind prophetiſch. Die Morgenröthe dieſes ſchönen Tags der Freiheit bricht an, gleichwie die Morgenröthe; des heutigen Tags, welcher durch Gottes Gnade der letzte unſers irdiſchen Lebens ſein wird.“ „Ja, der letzte. Ein Gefühl der Vernichtung beſchleicht mich. Es iſt mir, als ob alles was Materie in mir iſt, ſich auflöſte, und als ob meine Seele ſich zum Himmel empor⸗ ſchwingen wollte.“ „Vor meinen Augen iſts wie ein Schleier. — Kaum be⸗ merk' ich noch zwiſchen den Augenliedern hindurch das Früh⸗ roth vom Himmel.“ „Thal und See und Wald ſind mir in Dunſt gehüllt. Meine Kräfte verlaſſen mich.“ „Gott ſei gedankt. Der Augenblick der ewigen Ruhe naht. — O Glück! Bruder ich ſterbe.“ „Meine Augen ſchließen ſich.“ „Uns iſt vergeben.“ „Uns iſt vergeben.“ „Bruder, möchte die Erlöſung ſich auf alle Leidenden er— ſtrecken!“ „Stirb in Frieden, Schweſter. Das Morgenroth — des großen Tags — hat geleuchtet. — Die Sonne — geht auf. Sieh!“ „Gott ſei gedankt!“ „Gott ſei gedankt!“ In dem Augenblick, wo dieſe beiden Weſen auf ewig ver⸗ ſtummten, erhob ſich in blendendem Glanz die Sonne über den Berg und erfüllte das Thal mit ihren Strahlen. Zweiundzwanzigſtes Kapitel. Scch luß. Unſer Werk iſt vollendet. Wir verhehlen uns nicht die Mängel desſelben in Betreff der Schreibart und der Erfin— dung. Aber wir glauben ſagen zu dürfen: dies Werk iſt aus ehrlichem, aufrichtigem Sinn hervorgegangen. — 11 — Während ſeines Erſcheinens iſt es theils boshaften Angriffen ausgeſetzt geweſen, theils ſtrengem, zuweilen leidenſchaftlichem, aber ehrlichem Tadel. Die boshaften Angriffe haben uns ergötzt, darum, weil ſie in Form von Hirtenbriefen von Biſchofſtühlen auf uns herab⸗ gedonnert wurden. Dies ſpaßhafte Toben, dieſe erheiternden Bannſtrahlen, welche ſeit länger als einem Jahr auf uns ge⸗ ſchleudert werden, ſind viel zu unterhaltend, als daß wir ſie gehäſſig finden ſollten. Sie ſind die höhere Komödie der Sitten der Geiſtlichkeit; und dieſe Komödie hat uns ſo viel Vergnügen gemacht, daß wir nur unſern Dank ausſprechen können gegen die, welche, wie Moliöre, zugleich Verfaſſer und Schauſpieler geweſen ſind. Die Kritiken, ſo bitter und heftig ſie auch geweſen ſein mögen, haben wir uns gern gefallen laſſen, ſo weit ſie Er⸗ findung und Darſtellung betrafen, und wir haben uns oft bemüht, Rathſchläge zu benutzen, die in ſtrenger Form ge⸗ geben waren. Wir fürchten, unſere beſcheidene Nachgiebig⸗ keit gegen mehr reife und treffende als freundliche Urtheile hat die Beurtheiler ein wenig aus der Faſſung gebracht und geärgert, und das thut uns leid, denn wir haben ihre Rath⸗ ſchläge benutzt, und nur ungern mißfallen wir Solchen, die uns einen Gefallen thun, auch wenn ſie hofften, uns Verdruß zu machen. Nun noch einige Worte über ernſtere Angriffe. Man hat uns vorgeworfen, wir hätten die Leidenſchaften aufgeregt, indem wir alle Mitglieder der Geſellſchaft Jeſu dem öffentlichen Haß preisgäben. Wir antworten darauf Folgendes: Durch allſeitige Prüfung von Stellen aus theologiſchen Werken der angeſehenſten Mitglieder der Geſellſchaft Jeſu, ſeit Pascal bis auf den heutigen Tag, iſt erwieſen, daß dieſe Werke die Entſchuldigung oder Rechtfertigung des Dieb⸗ ſtahls, des Ehebruchs, der Nothzucht und des Mordes enthalten. Es iſt ferner erwieſen, daß ſittenloſe Werke, auf welche Jeſuiten als Urheber ihre Namen geſetzt haben, jungen Seminariſten in die Hände gegeben worden ſind. Dies iſt noch neuerdings feſtgeſtellt worden durch die treffliche Rede des Generaladvveaten Dupaty im Proceß des gelehrten Buſch von Straßburg. — Was haben wir nun gethan? Wir haben Jeſuiten gezeichnet als erfüllt von den abſcheulichen Grundſätzen ihrer klaſſiſchen Theologen und als handelnd nach denſelben. Haben wir damit behauptet, daß alle Jeſuiten die Fähigkeit, Verwegenheit oder Verruchtheit haben, die gefähr⸗ lichen Waffen aus dem finſteren Zeughaus ihres Ordens zu handhaben? Keineswegs. Was wir angegriffen haben, iſt der abſcheuliche Geiſt der Conſtitutionen der Geſellſchaft Jeſu. Brauchen wir nun noch hinzuzufügen, daß Päpſte, Könige, Nationen (neuerdings noch Frankreich) die abſcheulichen Lehren dieſer Geſellſchaft gebrandmarkt, ihre Mitglieder vertrieben oder ihren Verband aufgelöſt haben, und daß wir nur unter einer neuen Form längſt feſtſtehende Anſichten vorgebracht haben? Weiter hat man uns vorgeworfen, wir regten den Groll und Neid der Armen gegen die Reichen auf. Darauf erwidern wir: Im Gegentheil, wir haben in Adriana von Cardoville denjenigen Theil der reichen Ariſtokratie zu perſonificiren geſucht, welcher aus Edelſinn ſowohl wie aus Verſtändniß der Vergangenheit und Vorausſicht in die Zukunft die wohlthuende Bruderhand allen Leidenden reicht, allen ehr⸗ lichen Arbeitern, allen würdigen Armen. Heißt das Zwie⸗ tracht zwiſchen Armen und Reichen ſäen, wenn wir das ſchöne reiche Fräulein von Cardoville die arme ſchwächliche Arbeiterin Mayeur als Schweſter behandeln laſſen? Heißt das den Ar⸗ beiter gegen den Arbeitgeber aufreizen, wenn wir Hardy ſchildern als den Stifter eines Gemeinſchaftshauſes? Im Gegentheil, wir haben ein Werk der Annäherung verſucht, der Verſöhnung zwiſchen den beiden auf den entgegengeſetzten Enden der geſellſchaftlichen Stufenleiter ſtehenden Klaſſen. Schon vor drei Jahren haben wir geſchrieben: Wenn die Reichen wüßten! Wir haben geſagt und wir wiederholen es gibt entſetz⸗ liches, unüberſehbares Elend. Die Maſſen, immer mehr über ihre Rechte aufgeklärt, aber noch ruhig, geduldig und erge⸗ ben, verlangen, daß die Regierenden ſich endlich mit der Ver⸗ beſſerung ihrer kläglichen Lage beſchäftigen, welche mit jedem Tag ſchlimmer wird durch die in der Induſtrie herrſchende Anarchie und rückſichtsloſe Concurrenz. Wir haben geſagt — 1³43 3 und wiederholen, der redliche Arbeiter hat ein Recht auf eine Arbeit, welche ihm einen genügenden Lohn gibt. Man erlaube uns nun, die von uns in dieſem Werke auf⸗ geworfenen Fragen in einigen Zeilen zuſammenzufaſſen. Wir haben verſucht zu zeigen, wie unzureichend der Lohn der Arbeiterinnen iſt, und welche ſchrecklichen Folgen daraus entſtehen. Wir haben neue Bürgſchaften verlangt gegen die Leichtig⸗ keit, mit welcher jeder in ein Irrenhaus eingeſperrt wer⸗ den kann. Wir haben begehrt, daß die Wohlthat des Geſetzes in Betreff der Freilaſſung gegen Caution dem Handwerker zu Gute komme, da die jetzige Cautionsſumme (500 Fr.) für ihn unerſchwinglich iſt, und da er ſeine Freiheit nöthiger braucht als irgend jemand; denn oft hat er ſeine Familie zu ernähren mit ſeiner Arbeit, die er im Gefüngniß nicht ver⸗ richten kann. Wir haben alſo die Herabſetzung der Cautions⸗ ſumme auf 60 — 80 Fr., als Durchſchnittsbetrag eines mo⸗ natlichen Erwerbs, vorgeſchlagen. Wir haben endlich, um die Errichtung eines Gemeinſchafts⸗ hauſes für Arbeiter zu veranlaſſen, hoffentlich bewieſen, welche große Vortheile ſelbſt bei dem jetzigen ungenügenden Lohn die arbeitenden Klaſſen bei dem Grundſatz des Gemeinſchafts⸗ lebens finden werden, wenn man ihnen die Ausübung des⸗ ſelben möglich machte. Und damit dies nicht als ein Utopien betrachtet würde, haben wir mit Ziffern bewieſen, daß Spe⸗ eulanten durch Mitwirkung zur Gründung von Gemein⸗ ſchaftshänſern zugleich eine Handlung edler Menſchenliebe ver⸗ richten und ür ihr Geld 5 pCt. Zinſen ziehen könnten. Dieſe menſchenfreundliche Speculation haben wir auch dem parjſer Stadtrath empfohlen, welcher ſtets für die Einwohnerſchaft väterlich beſorgt iſt. Die Stadt Paris iſt reich. Könnte ſie nicht einige Kapitalien nutzbringend anlegen, indem ſie in jedem Quartier ein als Muſter dienendes Gemeinſchaftshaus gründete. Erſtlich würde die Hoffnung, gegen einen mäßigen Preis darin zugelaſſen zu werden, einen löblichen Wetteifer unter den Arbeitern erwecken, und dann würden dieſe hier die erſten Grundſätze der Verbrüderung lernen. Nun noch ein Wort herzlichen Dankes an die bekannten — 144 — und unbekannten Freunde, deren Wohlwollen, Aufmunterung und Geſinnungsgleichheit uns bei dieſer langen Arbeit ſo er⸗ ſprießlich geweſen iſt. Und noch ein Wort achtungsvollen Danks an unſere Freunde in Belgien und in der Schweiz, welche uns öffentliche Beweiſe ihrer Zuſtimmung gegeben haben. Auf dieſe Beweiſe werden wir ſtets ſtolz ſein, in ihnen finden wir einen ſüßen Lohn. An Hrn. C. P. Freund, ich habe Ihnen dies Buch zugeeignet. Es Ihnen zueignen hieß, die Verpflichtung übernehmen zur Herſtellung eines Werkes, welches, wenn auch das Talent dabei fehlte, doch gewiſſenhaft und aufrichtig gearbeitet wäre und einen, wenn auch beſchränkten, doch heilſamen Einfluß haben könnte. Mein Zweck iſt erreicht. Einige ausgezeichnete Herzen, gleich dem Ihrigen, Freund, haben die rechtmäßige Verbrüderung von Arbeit, Capital und Einſicht in Ausübung gebracht und ſchon ihren Arbeitern einen verhältnißmäßigen Antheil am 3 Gewinn zugeſtanden. Andere haben den erſten Grund zu 3 Gemeinſchaftshäuſern gelegt. Einer der größten Gewerbs⸗ männer in Hamburg hat mir ſeine Entwürfe zu einer der⸗ artigen Anſtalt von rieſenhaftem Umfang mitgetheilt. Auf die Zerſtreuung der Mitglieder der Geſellſchaft Jeſu habe ich gedrungen gleich ſo vielen andern Feinden der ab⸗ ſcheulichen Lehren Loyolas, und die Stimme dieſer Jeſuiten⸗ feinde hat mehr Klang und Gewicht gehabt, als die meinige. Leben Sie wohl, Freund. Ich hätte gewünſcht, dies Werk Ihrer würdig zu machen. Aber Sie ſind nachſichtig und werden mir wenigſtens den guten Willen anrechnen. Paris, 25. Auguſt 1845. ℳ Der Ihrige, Eugen Sue.“ A „ 8 —