Leihbibliothek † deutſche engliſcher und franzſiſcher Literatur ſ 8 Cduard Otlmunn in Gießen, SSchloßgaſſe Lit. A. Nr. 256. Seih- und eſebedingungen. 1. ofensein der Bibliothek. Die Bibliothek ſteht zur Em⸗ pfangnahme und Rückgabe der Bücher jeden Tag von Morgens; 7 Uhr bis Abends 8 offen. 2. Lesepreis. Bei Rückgabe eines geliehenen Buches wird von jedem Tag 5 Pf bezahlt. Die Zeit eines Tages iſt zu 24 Stun⸗ den angenommen. . Caution. Unbekannte Perſonen müſſen, bei Entgegennahme f eines Buches, eine dem Werthe deſſelben entſprechende Summe welche bei veſſen Zurückgabe von mir zurückerſtattet wirt Abonnement. Daſſelbe muß voraus bezahlt werden und eträgt: f für wochentlich 2 Bücher: 4 Bücher: 6 Bücher: —— ——— —— auf 1 Monat; TV 1 Wi. 0 P. 2 M. — Pf. 5. Auswürtige Konnenten haben für Hin⸗ und Zurückſ endung 6. Schadenersatz. Für beſchmutzte, zerriſene⸗ verlorene und defecte Bücher (namentlich bei ſolchen mit Kupfern 2c.) muß der Ladenpreis erſetzt werden. — Iſt vas zerriſſene, beſchmutzte ver: rene oder deferte Buch ein Theil eines größeren erkes, ſo iſt der Leſer zum Erſatz des Ganzen Sſie 7. Ausleihezeit. Dieſelbe ift auf 14 Tage feſtgeſetzt und wird beſonders darauf aufmerkſam gemacht, daß das eiterverleihen der Bücher nicht ſtattfinden darf, indem Diejenigen, welche die⸗ ſelben von mir geliehen, auch dafür zu ſtehen haben. — der Bücher auf ihre eigenen Koſten und Gefahr ſelbſt zu ſorgen. — — Roman von Eugen Fue. —— eber ſ von Friedrich Funck. Neunter Band. Frankfurt n. M Verlag von Anuguft Oſerrieth. 1845. —————— Erſtes Kapitel. ſn 4 Wüährend der Unterredung Adriana's mit Roſa Pompon hatte ein rührender Auftritt ſtatt gefunden zwiſchen der Mayeur und Agricola, welche beide ſich ſehr über die Her⸗ ablaſſung des Fräuleins gegen die Dirne wunderten. So wie Adriana ſich entfernt hatte, kniete Agricola vor dem Lager der Mayeux nieder und ſagte ihr mit tiefer Rüh⸗ rung: „Wir ſind allein. Jetzt endlich kann ich dir ſagen, was ich auf dem Herzen habe. Siehſt du, das, was du ge⸗ than haſt, iſt abſcheulich: vor Elend und Verzweiflung um⸗ zukommen und mich nicht zu dir zu rufen.“ „Agricola, höre mich an . . . .“ „Nein, du kannſt dich durchaus nicht entſchuldigen. Was hilft's, daß wir uns Bruder und Schweſter genannt, daß wir uns fünfzehn Jahre lang Beweiſe der aufrichtigſten Zunei⸗ gung gegeben haben, wenn du am Tage des Unglücks dich ſo entſchließeſt, das Leben zu verläſſen, unbekümmert um Die, welche du zurückläſſeſt — ohne zu bedenken, daß du, indem du dich umbringſt, ihnen ſagſt: Ihr ſeid für mich nichts?“ „Verzeihung, Agricola,“ antwortete die Mayeur mit nie⸗ dergeſchlagenen Augen. „Was du ſagſt, iſt wahr. Daran hatte ich nicht gedacht. Aber das Elend, der Mangel an Arbeit — — —.“ ———————— ——— —— — — — 2 — 2 „Elend! Mangel an Arbeit! — Undich? War ich nicht da?“ „Die Verzweiflung . . .“ „Und woher die Verzweiflung? Das edelmüthige Fräulein nimmt dich bei ſich auf, weiß dich zu würdigen, behandelt dich als Freundin — und in dem Augenblick, wo du alle Bürgſchaften des Glücks für die Zukunft haſt, verläßt du plötzlich das Haus des Fräuleins und läßt uns in der ſchreck⸗ lichſten Angſt über dein Schickſal.“ „Ich — — ich — — fürchtete — — meiner Wohlthä⸗ terin zur Laſt zu fallen,“ ſtammelte die Mayeur. „Du dem reichen, gütigen Fräulein von Cardoville zur Laſt?“ „Ich — — fürchtete — — zu ſehen und zu ſagen, was ich nicht ſehen und ſagen ſollte,“ ſagte die Mayeur in im⸗ mer größerer Verlegenheit. Anſtatt ſeiner Pflegſchweſter etwas zu erwidern, betrachtete ſie Agricola einige Augenblicke mit einer ſchwer zu beſchrei⸗ benden Miene. Plötzlich rief er, wie zur Antwort auf eine Frage, die er ſich in Gedanken geſtellt: „Sie wird mir ver⸗ zeihen, daß ich ihr nicht gehorche. Ja gewiß.“ Und zur Mayeux, die ihn verwundert anſah, ſagte er mit gepreßter Stimme: „Das geht nicht! Ich bin zu offenherzig, um in der angefangenen Weiſe fortzuſprechen. Ich mache dir Vor⸗ würfe und denke dabei an etwas anderes.“ „An was denn, Agricola?“ „Das Hetz blutet mir bei dem Gedanken an das Leid, welches ich dir angethan habe.“ „Ich begreife dich nicht, lieber Freund. Du haſt mir nie etwas zu Leid gethan.“ „Nicht? Niemals? Im Geringſten nicht? Zum Beiſpiel, indem ich, einer abſcheulichen Gewohnheit aus den Kinder⸗ jahren folgend, obwohl ich dich als meine Schweſter liebte und achtete, dich doch hundertmal jeden Tag beleidigte. „Du hätteſt mich beleidigt?“ „Was anders that ich, indem ich dir ſtatt deines wahren Namens ſtets einen Ekelnamen gab?“ Bei dieſen Worten betrachtete die Mayeur den Schmied mit Schrecken. Sie zitterte bei der Vermuthung, daß er ihr trauriges Geheimniß wiſſe, trotz der von dem Fräulein em⸗ angenen egengeſetzten Verſicherung. Doch beruhigte ſie 8 — — voller Liebe fort. „Ich weiß Alles, und ich will nicht, daß gehören wird. ſich mit dem Gedanken, Agricola habe von ſelbſt zur Erwä⸗ gung kommen können, wie demüthigend es für ſie ſein müſſe, ſich ewig Mayeur nennen zu hören, Sie zwang ſich zum Lächeln und ſagte: „Wie kannſt du dir um eine ſolche Klei⸗ „ nigkeit Kummer machen? Es war ja, wie du ſagſt, eine Ge⸗ wohnheit aus den Kinderjahren. Du weißt ja, daß deine gute, liebe Mutter, die mich als ihre Tochter behandelt, mich auch Mayeur nannte.“ „Iſt aber auch meine Mutter zu dir gekommen, um dich wegen meiner Heirath zu b fragen, um dir von der ſeltenen 2 Schönheit meiner Braut zuhſprechen, um dich zu bitten, ſie zu ſehen, ihre Gemüthsart Pierforſchen, in der Hoffnung, deine Anhänglichkeit an mich wäkde dich erkennen laſſen, ob ich eine ſchlechte Wahl träfe? Sprich! hat meine Mutter dieſe Grau⸗ ſamkeit begangen? Nein, ich war's, der dir ſo das Herz zerriß!“ Die Beſorgniſſe der Mahyeur erwachten von neuem. Sie konnte nicht mehr zweifeln, daß Agrichla ihr Geheimniß 6 wußte. Sie wollte vor Scham Aber ſte zwang ſich noch ein Mal, an dieſe u glau en und — ſtammelte leiſe: „Allerdings — — A deine Mutter — — mich darum gebeten, du, — — — und — und i . dieſen Beweis von Vertrauen — „Du haſt mir Dank dafi r gewußt, Schmied mit Thränen in den A ge Ich habe dir damit entſetzlich weh getha barmherzig, ohne es zu wiſſen.“ „Aber,“ erwiderte die Mayeur, mit kaum hör rer Stie „warum denkſt du daran?“ „Warum? weil du mich liebteſt!“ rief ungh mit beben⸗ der Stimme und ſchloß ſine Freundin brüderlich in die Arme. „Ach Gott! Er weiß Alles!“ murmelte die maliktich indem ſie ihr Geſicht in den Händen zu verbergen ſuchte. „Ja, ich weiß Alles,“ fuhr der Schmied i im Tone achtungs⸗ hat nicht der du über ein Gefühl errötheſt, auf welches ich ſtolz bin, weil es mich ehrt. Ich ſage mir, mit ſtolzer, Freude, daß das beſte, edelſte Herz 6 der Welt mir gehört und ſtets in Nein, Magdalene, laſſen wir die Scham —— böſen Leidenſchaften. Schlage die Augen auf und ſieh mich an. Du weißt, ob mein Geſicht je gelogen, ob ſich je eine erheuchelte Rührung auf demſelben abgeſpiegeit hat. Sieh mich an, und du wirſt auf meinen Zügen leſen, wie ſehr ich auf deine Liebe ſtolz bin.“ Außer ſich vor Schmerz und niedergedrückt von Beſchä⸗ mung hatte die Mayeur bis dahin nicht gewagt, die Augen zu Agricola zu erheben. Aber in ſeinen Worten lag ſo viel Aufrichtigkeit, in ſeiner Stimme ſo viel Rührung, daß das arme Geſchöpf fühlte, wie ſeine Scham allmählig ſchwand. Sie ſchwand noch mehr, als Agpicola fortfuhr: „Eole, ſanfte Magdalene, ſei ruhig wegen dieſer Liebe. Ich werde derſel⸗ ben würdig ſein, und dir wird ſie in Zukunft eben ſo viel Glück gewähren, wie ſie dir bisher Thränen ausgepreßt hat. Warum ſollte dieſe Liebe fernerhin für dich ein Grund des Fernbleibens, der Verwirrung und der Angſt ſein? Was iſt die Liebe, wie dein treffliches Herz ſie verſteht? Ein ſteter Austauſch von Hingebung, Zärtlichkeit, eine herzliche, wech⸗ ſelſeitige Hochſchätzu— n blindes Vertrauen. Dieſe Hin⸗ gebung und Zärtlichkeit, dies Vertrauen gegen einander wer⸗ den wir haben, von nun an noch mehr als bisher. In tauſend aber wirſt du mich eben ſo froh ück ch fühlen wirſt, daß du mich glück⸗ as wie eine Ueberſchätzung meiner ſelbſt, — aber ich kann nicht lügen.“ Die Mayeur hatte gefürchtet, ihr entdecktes Geheimniß mit Spott, Verachtung oder demüthigendem Mitleid aufgenommen zu ſehen. Statt deſſen ſah ſie herzliche Freude auf dem männlichen, ehrlichen Geſicht Agricola's. Sie wußte, daß er unfähig war zu heucheln. Jetzt völlig ermuthigt, ſagte ſie ohne Verwirrung, vielmehr mit einer Art von Selbſtgefühl: „Jede aufrichtige, reine Leidenſchaft hat alſo das Schöne, Gute und Tröſtende, daß ſie am Ende immer eine rührende cheilnahme erwirbt, wenn man ihren erſten Stürmen hat widerſtehen können. Sie ehrt ſtets das Herz, welches ſie einflößt, und das, welches ſie empfindet. Deine freundlichen Worte, Agricola, heben mich in meinen Augen und laſſen deinem trefflichen Herzen einzuneh⸗ mich fühlen, daß ich über dieſe Liebe nicht erröthen, ſondern ſtolz ſein darf. Meine Wohlthäterin hat Recht und du haſt Recht. Warum ſollt' ich mich ſchämen? Iſt meine Liebe nicht unſträflich und wahr? Was anders hab' ich gehofft, als dich ſtets zu lieben, es dir zu ſagen und durch eine unab⸗ läſſige Zuneigung zu beweiſen. Und doch hat Scham und Aengſtlichkeit verbunden mit dem Schwindel, den die aufs Höchſte geſtiegene Noth verurſacht, mich zum Selbſtmord ge⸗ trieben! Sieh, lieber Freund, ſo etwas muß man dem ſchreck⸗ lichen Mißtrauen eines ſeit ſeiner Kindheit der Verlachung preisgegebenen Geſchöpfs nachſehen. Dies Geheimniß würde ich mit mir ins Grab genommen haben, wenn nicht ein un⸗ vorhergeſehener Zufall es dir offenbart hätte. Du haſt Recht: nach dieſer Entdeckung hätte ich, meiner und deiner ſicher, nichts fürchten ſollen. Aber du mußt Nachſicht haben: Das böſe Mißtrauen gegen ſich ſelbſt macht den Menſchen auch in Bezug auf Andere zweifelhaft. Laß uns das alles vergeſſen. Sieh, Agricola, edelmüthiger Bruder, jetzt ſag' ich dir, was du vorhin mir geſagt haſt: ſieh mich an; du weißt, auch mein Geſicht hat nie gelogen. Sieh, ob meine Augen die deinigen fliehen, ſieh, ob ich je ſo glücklich ausgeſehen habe. Und doch wollte ich vorhin noch ſterben!“ Agricola hätte eine ſo ſchnelle Wirkung ſeiner Worte nicht erwartet. Ungeachtet der tiefen Spuren, welche Elend, Kum⸗ mer und Krankheit in das Geſicht des Mädchens gedrückt hatten, ſtrahlte dasſelbe jetzt von ſeliger Heiterkeit, und ihre blauen Augen, ſanft und rein wie ihre Seele, ſahen ohne Verlegenheit in die Augen ihres Freundes. 2 „Ich danke dir,“ rief der junge Mann freudig. „Indem ich dich ſo ruhig und glücklich ſehe, Magdalene, empfind'ich Dank.“ „Ja, ruhig und glücklich bin ich, Agricola. Denn von nun an darfſt du meine geheimſten Gedanken wiſſen. Glück⸗ lich bin ich, denn dieſer ſo unheilvoll begonnene Tag endigt wie ein himmliſcher Traum. Anſtatt mit Angſt ſehe ich dich mit Wonne an. Ich habe meine edelmüthige Wohlthäterin wieder gefunden, und ich bin über die Zukunft meiner armen Schweſter beruhigt. Nicht wahr, wir werden ſie baldigſt ſehen; denn dieſe Freude muß ſie theilen.“ Agricvla wollte nicht das Glück des a iwchens ſtö⸗ m——— 8 3 — S —ů ů ů ˙ “˙Ü“ů —— ren durch die Nachricht von dem Tode Cephiſens, welche er † ihr ſpäter in ſchonender Weiſe mitzutheilen ſich vorbehielt. Er antwortete: „Cephiſe iſt eben darum, weil ſie ſtärker iſt als du, ſo heftig erſchüttert worden, daß es, wie man mir vorhin geſagt hat, klug ſein wird, ſie heute noch völlig ruhig zu laſſen.“ — „Ich will alſo warten. Meine Ungeduld, ſie zu ſehen, zerſtreut ſich durch die Ungeduld, dir das Viele zu ſagen, was ich dir mitzutheilen habe“ „Gute, liebe Magdalene — — —.“ „Ach, Freund,“ unterbrach die Mayeur mit Thränen in den Augen, „ich kann dir nicht ſagen, wie mir's iſt, wenn du mich Magdalene nennſt. Es thut mir ſo wohl, daß mein Herz aufgeht.“ „Das arme Kind!“ rief Agricola gerührt. „Wie muß ſie gelitten haben, da ſie ſich ſo glücklich und dankbar zeigt, %⁄),enn ſie ſich mit ihrem beſcheidenen Namen nennen hört!“ „Lieber Freund,“ fuhr die Mayeur fort, „dies Wort in deinem Mund iſt für mich der Inbegriff eines neuen Lebens. O, wenn du wüßteſt, welche freudige Hoffnungen darin für mich liegen! Deine Frau, die liebliche Angela — ſieh, wie ſüß dieſer Name meinem Mund und meinem Herzen iſt! — deine liebliche, gute Angela mit dem Engelsgeſicht und der Engelsſeele wird mich auch Magdalene nennen. Und deine Kinder, Agricvla, — auch ihnen werde ich Magdalene, ihre gute Magdalene heißen. Durch die Liebe, welche ich für ſie hegen werde, müſſen ſie mir ſowohl angehören, wie ihrer Miutter. Ich will meinen Antheil von mütterlicher Sorgfalt. Uns dreien ſollen ſie gehören — nicht wahr, Agricola? — O laß mich weinen! Thränen ohne Schmerz, Thränen, die man nicht verbirgt, thun ſo wohl! Die Quelle der bitteren Thränen iſt durch dich, Freund, für immer vertrocknet. . . Seit einigen Augenblicken hatte dieſer rührende Auftritt . ——— einen Zeugen. Agricola und die Mayeur bemerkten nicht, daß Adriana von Cardoville auf der Schwelle der Thür ſtand. Auch ſie war freudeſtrahlend, denn ſie wußte, Dſchalma war . ihr treu geblieben und liebte ſie leidenſchaftlich. Der gehäſ⸗ ſige Anſchein, durch den ſie ſo ſchrecklich getäuſcht worden, K. 3 war ohne Zweifel ein Kunſtſtück Rodin's. Es blieb ihr nur 2 — noch übrig, den Zweck all dieſer Ränke zu ergründen. Eine letzte Freude war ihr vorbehalten. Das Glück gibt offene Augen für das Glück Anderer. Aus den letzten Worten der Mayeur errieth Adriana, daß zwiſchen jener und Agri⸗ cola kein Geheimniß mehr obwaltete. Unwillkürlich rief ſie: „Dieſer Tag iſt der ſchönſte meines Lebens. Ich bin nicht allein glücklich!“ Agricola und die Mayeur wandten ſich plötzlich um. „Fräu⸗ lein,“ ſagte der Schmied, „trotz dem Ihnen gegebenen Ver⸗ ſprechen habe ich Magdalenen nicht verhehlen können, daß ich von ihrer Liebe zu mir weiß.“ Und die Mayeur ſagte: „Wie könnt' ich jetzt, da ich vor Agricola nicht mehr wegen meiner Liebe erröthe, ihrethalben vor Ihnen, Fräulein, errs⸗ then? da Sie mir vorhin erſt geſagt haben. Sein Sie ſtolz auf dieſe Liebe, denn ſie iſt edel und rein!“ Die Freude gab der Buckeligen Kraft, ſich zu erheben und ſich auf den Arm Agricola's zu ſtützen. Adriana eilte hinzu, ſchlang einen Arm um ſie, um ſie aufrecht zu halten, und ſagte: „Nur ein Wort zur Entſchuldigung einer Plauder⸗ haftigkeit, die Sie mir vorwerfen können. Wenn ich Ihr Geheimniß dem Herrn Baudoin geſagt habe, ſo iſt es ge⸗ ſchehen — „Weißt du warum, Magdalene?“ unterbrach Agricola. „Wieder ein Beweis, des zartfühlenden Herzens, welches ſich bei dem Fräulein nie verleugnet. Vor einigen Stunden ſagte ſie mir: Ich habe lange gezögert, Ihnen das Geheimniß an⸗ zuvertrauen, aber ich entſchließe mich dazu. Wir werden Ihre Pflegeſchweſter wiederfinden. Sie ſind der beſte Bru⸗ der für ſie; aber ohne es zu wiſſen und ohne daran zu den⸗ ken, haben Sie die Arme oft ſchwer verletzt. Jetzt wiſſen Sie ihr Geheimniß. Ich verlaſſe mich für die treuliche Be⸗ wahrung desſelben auf Ihr Herz auf Ihren Willen, dem ar⸗ men Kind tauſend Schmerzen zu erſparen, welche um ſo bit⸗ terer ſind, da ſie von Ihnen kommen und ſchweigend erdul⸗ det werden müſſen. Wenn Sie alſo mit ihr von Ihrer Frau, von Ihrem Glück ſprechen, ſo thun Sie es mit ſo viel Schonung, daß dies gute zurtfühlende Herz nicht ſchmerzlich be⸗ rührt wird. — Siehſt du Magdalene, darum hat das Fräulein ſich der Planderhaftigkeit, wie ſie es nennt, ſchuldig gemacht.“ —— — —— Lar bzureißen.“ Larve abzureiß ch habe es nicht vergeſſen, Fräulein, ſo wenig wie Ihre was ihn umgibt.“ ₰ — — Fräulein,“ begann die Mayeur, „die Worte fehlen mir, um Ihnen zu danken, und — —“ 4 „Liebe Freundin,“ unterbrach Adriana, „ſehn Sie einmal, wie die Argliſt der Böſen ſich oft wieder ſie ſelber kehrt. Man fürchtete Ihre Ergebenheit für mich, man gebot der unglück⸗ ſeligen Florine, Ihnen Ihr Tagbuch zu entwenden — — —“ „Um mich zu nöthigen, Ihr Haus zu verlaſſen aus Scham, wenn ich meine geheimſten Gedanken dem Hohn Aller Preis 6 gegeben ſähe. Jetzt zweifle ich nicht mehr daran.“ „Ganz recht, liebes Kind. Aber dieſe ſchändliche Bosheit, welche faſt Ihren Tod verurſacht hätte, macht jetzt die Bos⸗ haften zu Schanden. Ihre Anſchläge ſind enthüllt, dieſer und glücklicherweiſe noch viele andere. — — Endlich ſind wir . wieder inniger vereinigt und glücklicher als je, und in unſerm Glück finden wir neue Kraft wider unſere Feinde. Ich ſage unſere Feinde; denn obwohl ſie eigentlich nur meine Feinde ſind, ſo iſt doch Alles, was mich liebt, dieſen Elenden verhaßt. Aber Muth gefaßt! Jetzt iſt die Reihe an den Leuten, die ein Herz haben.“ „Gott ſei Dank!“ fügte Agricvla hinzu. „Und meiner⸗ ſeits fehlt es nicht an Eifer. Es iſt eine Luſt, ihnen die „Herr Baudoin,“ ſagte das Fräulein, „laſſen Sie mich Ihnen in Erinnerung bringen, daß Sie morgen eine Zuſammenkunft mit Herrn Hardy haben.“ edelmüthigen Anerbietungen.“ „Sie verſtehen ſich von ſelbſt. Er iſt einer der Meinigen. Wiederholen Sie ihm, was ich ihm dieſen Abend ſchreiben will, daß alle Kapitalien, die er zur Wiederherſtellung ſeiner 4 Fabrik bedarf, zu ſeiner Verfügung ſtehen. Ich ſpreche damit nicht bloß für ihn, ſondern für hundert einer mißlichen Lage ausgeſetzten Familien. Vornehmlich dringen Sie in ihn, daß er 3 baldigſt das Unglückshaus verläßt, in welches er gebracht worden iſt. Aus tauſend Gründen muß er Allem mißtrauen, „Sein Sie unbeſorgt, Fräulein. Der Brief, welchen er mir geſchrieben hat als Antwort auf den, welchen ich ihm heimlich habe zukommen laſſen, war kurz und liebevolk, ob⸗ — — — ——— — — —— — wohl traurig. Er bewilligt mir eine Zuſammenkunft. Ich zweifle nicht, daß ich ihn zum Entſchluß bringe, dieſen trau⸗ rigen Aufenthalt zu verlaſſen, und vielleicht geht er mit mir. Er hat ſtets meiner Ergebenheit vertraut“ „Alſo ſein Sie gutes Muths, Herr Baudoin,“ ſagte Adriane, während ſie ihren Mantel der Mayeur umhängte und ſie ſorgfältig einwickelte. „Wir wollen weggehn, denn es wird ſpät. Sobald ich nach Haus komme, gebe ich Ihnen einen Brief an Herrn Hardy, und morgen melden Sie mir den Er⸗ folg Ihres Beſuchs, nicht wahr?“ Sie hielt inne und fuhr, leicht erröthend, fort: „Nein, nicht morgen. Schreiben Sie mir bloß, und übermorgen kommen Sie.“ . Einige Augenblicke ſpäter war die Nätherin, geſtützt auf Agricola und Adriana die Treppe des elenden Hauſes hinab⸗ geſtiegen und ſaß mit dem Fräulein in der Kutſche. Sie ver⸗ 3 langte dringend ihre Schweſter zu ſehen, obwohl Agricola ihr geſagt hatte, es ſei unmöglich und müßte auf den folgen⸗ den Tag verſchoben bleiben. ⸗ 5 Zweites Kapitel. Die 5 w i — — Den von Roſe Pompon empfangenen Aufſchlüſſen zufolge mißtraute Adriana von Cardoville Allem, was Dſchalma um⸗ gab. Sie glaubte, ein Mittel gefunden zu haben, dem Prin⸗ zen noch an demſelben Abend, wo ſie die Unterretung mit ihrer Nebenbuhlerin gehabt, einen Brief ſicher zukommen zu laſſen. Es war dunkle Nacht. Der heftig wehende Wind trieb 6 ſchwarze Wolken über den Mond, deſſen matter Schein da⸗ 3 durch völlig verloren ging. Es ſchlug elf Uhr. Ein Mieth⸗ wagen fuhr langſam und mit großer Anſtrengung der athemloſen Pferde den Abhang der Blancheſtraße hinauf, — 10 welcher in der Nähe des Thores ziemlich ſteil iſt. Der Wa⸗ gen hielt an, und der Kutſcher, ärgerlich über die ewig lange Fahrt, welche am Ende auch noch eine ſteile Höhe hinauf ging, drehte ſich auf dem Bock um und rief in mürriſchem Ton durch das vordere Wagenfenſter: „Na, iſt es denn end⸗ lich hier? Von der Vaugirardſtraße herunter bis zum Blan⸗ chethor, das kann für eine Reiſe gelten, vorab in der ſtockdun⸗ keln Nacht, wo man keine vier Schritt vor ſich ſieht. Denn die Laternen werden nicht angezündet, weil Mondſchein im Kalender ſteht.“ Eine kreiſchende Stimme antwortete aus dem Wagen in ungeduldigem Ton mit entſchieden italiäniſcher Ausſprache: „Suchen Sie eine kleine Thür mit einem Wetterdach, fahren Sie daran vorbei — etwa zwanzig Schritt und dann halten Sie an der Mauer.“ Der Kutſcher brummte für ſich: „Das iſt ſo ein deutſcher Herrgottſakerment, der mich dumm und toll machen wird.“ Und laut erwiederte er: „Ei zum Donnerwetter, ich ſag' Ihnen ja, man ſieht nichts; wie können Sie denn verlangen, daß ich Ihre kleine Thür ſehen ſoll.“ „Haben Sie denn gar keinen Verſtand? Fahren Sie dicht an der Mauer zur Rechten hin. Mit Hülfe des Lichts ihrer Laternen werden Sie leicht die kleine Thür finden. Sie iſt hinter Nummer 50. Wenn Sie dieſelbe nicht finden, ſo müſ⸗ ſen Sie betrunken ſein.“ . Der Kutſcher fluchte wie ein Heide, peitſchte ſeine erſchöpf⸗ ten Pferde, fuhr längs der Mauer hin und riß die Augen weit auf, um die Hausnummern zu leſen. Nach einigen Au⸗ genblicken hielt er wieder an und ſagte: „Ich bin über Nr. 50 hinaus und hier iſt eine kleine Thür mit einem Wetter⸗ dach. Iſt es die?“ „Ja,“ ſchallte es aus dem Wagen. Jetzt zwanzig Schritt weiter und dann wieder ſtill gehalten.“ „Gut! Weiter!“ „Dann ſteigen Sie ab und klopfen drei Mal und wieder drei Mal an die kleine Thür. Verſtehn Sie mich? zwei Mal drei Mal. „Und das wäre mein Trinkgeld?“ rief der Kutſcher zornig. „Wenn Sie mich in die Vorſtadt St. Germain zurückge⸗ 4 fahren haben, wo ich wohne, ſo bekommen Sie ein gutes Trinkgeld, wofern Sie verſtändig ſind.“ „So,“ brummte der Kutſcher. „Alſo jetzt noch in die Vor⸗ ſtadt St. Germain! Eine Kleinigkeit! Ich habe meine Pferde außer Athem gejagt, um, wenn das Theater aus wäre, auf dem Boulevard zu ſein — Kreuz! Blitz! — —“ Nachdem er ſo im Stillen ſeinen Unwillen ausgeſchüttet, machte er im Hinblick auf die Entſchädigung gute Miene zum böſen Spiel und ſagte laut. „Alſo ich klopfe ſechs Mal an die kleine Thür.“ „Das heißt: erſt drei Mal, dann ſtill, und dann wieder drei Mal. Verſtehn Sie mich?“ „Und dann?“ „Dann wird jemand herauskommen, dem ſagen Sie: „Sie werden erwartet“ — und führen ihn hieher an die Kutſche. Der Kutſcher drehte ſich wieder auf dem Bock herum, trieb ſeine Pferde an und ſagte: „Daß dich der Teufel hole! Der 3 verdammte Deutſche muß Heimlichkeiten mit den Freimaurern haben oder vielleicht gar mit den Schmugglern, da wir hier in der Nähe des Thors ſind. Er Perdiente daß ich ihn an⸗ zeigte dafür, daß er mich von der Vaugirardſtraße hieher ge⸗ ſprengt hat.“ Zwanzig Schritt weiter hielt der Kutſcher zum dritten Mal an, ſtieg ab und klopfte drei Mal und nach einer Pauſe wieder drei Mal an der kleinen Thür. In dieſem Augen⸗ blick zogen weniger dichte Wolken als bisher über die Mond⸗ ſcheibe, ſo daß der Kutſcher ſehen fonnte, wie ein Mann von mittlerer Größe, in einem Mantel, mit einer farbigen Mütze auf dem Kopf, heraustrat und die Thür hinter ſich verſchloß. Der Kutſcher ſagte zu ihm: „Sie werden erwartet: ich will + Sie an den Wagen führen. Der Mann im Mantel nickte und folgte ihm zu dem Miethwagen. Dort wollte der Kutſcher 6 den Schlag öffnen und den Tritt herauslegen. Aber der im Wagen rief: „Unnöthig! Der Herr ſteigt nicht ein. Ich ſpreche mit ihm sus dem Schlage. Wenn es weiter gehen ſoll, wird es Ihnen geſagt.“ „Das heißt,“ brummte der Kutſcher, „ich habe Zeit, dich zum Teufel fahren zu laſſen. Das hindert mich aber nicht herumzugehen, um mir die Steifigkeit aus den Beinen zu bringen.“ Und er ging an der Mauer hin und her. Nach einigen Augenblicken hörte er das immer näher kom⸗ mende Rollen eines Wagens, der raſch die Anhöhe herauffuhr und bald in einiger Entfernung von der Gartenthür anhielt. „Sieh da!“ ſagte er, „ein herrſchaftliches Fuhrwerk. Kapitale Pferde, die in einem ſolchen Trab den Buckel der Blanche⸗ ſtraße heraufkommen.“ In dieſem Augenblick ſah er einen Mann aus dem eben angekommenen Wgen ſteigen, raſch an die Thür gehen, ſie öffnen, hineingehen und ſie hinter ſich zuſchließen. „Sieh, ſieh! das Ding verwickelt ſich. Einer iſt herausgekommen, ein Andrer geht hinein.“ Mit dieſen Worten näherte er ſich dem fremden Wagen. Er war prächtig beſpannt mit zwei ſchönen ſtarken Pferden. Der Kutſcher in ſeinem Carrick mit zehn Krägen ſaß unbe⸗ weglich, die Peitſche aufrecht, den Stiel aufs rechte Knie ge⸗ ſetzt, wie ſich's gehört. „Kamerad ein Hundewetter, um prächtige Pferde wie die Eurigen auf einem Fleck ſtehn zu laſſen,“ ſagte der beſcheidene Miethkutſcher zum herrſchaftlichen Automedon. Dieſer blieb ſtumm und ſchien gar nicht zu merken, daß mit ihm geſprochen wurde. „Er verſteht kein Franzöſiſch, er iſt ein Engländer; das ſteht man gleich an ſeinen Pferden,“ ſagte der Miethkutſcher. Am Schlag ſah er einen rieſigen Bedienten in gelbgrauem Ueberrock mit blauem Kragen und ſilbernen Knöpfen ſtehen. Dieſem ſagte er: „Kamerad, ein Hundewetter, um auf einem Fleck zu ſtehn.“ Der Bediente blieb gleichfalls ſtumm. „Das ſind zwei Engländer,“ ſagte ſich mit philoſophiſcher Ruhe der Miethkutſcher und wandelte fernerhin auf und ab. Während es ihm nicht gelingen wollte, ein Geſpräch an⸗ zuknüpfen, war die Unterredung zwiſchen ſeinem vermeint⸗ lichen Deutſchen und dem Mann im Mantel in beſten Zug. Der Letztete ſtand neben dem Wagen, der erſtere war im Wagen ſitzen geblieben und hatte die Hand auf den Schlag gelegt. Die Unterredung wurde in italiäniſcher Sprache ge⸗ führt. Sie hatte ſchon einige Zeit gedauert, als der im Wagen Sitzende ſagte: „Alſo darüber ſind wir einig?“ „Ja, gnädiger Herr,“ erwiderte der Mann im Mantel; „aber nur in dem Fall, wo der Adler zur Schlange würde.“ „Und im entgegengeſetzten Fall, wenn Sie die andere Hälfte des Crucifires von Elfenbein erhalten, von der ich Ih⸗ . nen die eine vorhingegeben — — „Dann weiß ich, was das bedeutet, gnädiger Herr.“ „Suchen Sie fortwährend, ſein Vertrauen zu verdienen und zu erhalten,“ „Ich werde es verdienen und erhalten, gnädiger Herr, weil ich Bewunderung und Achtung fühle für dieſen Menſchen, der durch Geiſt, Muth und Willen mehr vermag als die Mächtigſten dieſer Welt. Ich bin ſmichi vor ihm nieder⸗ gekniet, wie vor einer der drei düſteren Geſtalten, welche zwiſchen Bohwanie und ihren Verehrern ſtehen; denn ſeine Religion, wie die meine, beſteht darin, das Leben in Nichts zu verwandeln.“ „Hm, hm!“ erwiederte der im Wagen in ziemlich verlege⸗ nem Ton, „ſolche Vergleichungen ſind unnütz und ungenau. Denken Sie nur daran, ihm zu gehorchen, ohne ſich zu fragen, warum.“ „Er ſpreche, und ich handle. Ich bin in ſeinen Händen wie eine Leiche — das iſt ſein Lieblingsausdruck. Er er⸗ ſieht meine Ergebenheit aus den Dienſten, die ich ihm bei Dſchalma geleiſtet habe und noch täglich leiſte. Er dürfte mir ſagen: Tödte — und dieſer Königsſohn . . . .“ „Nur ums Himmelswillen keine ſolche Gedanken“ un⸗ terbrach die Stimme aus der Kutſche. „Gottlob, man wird nie ſolche Beweiſe der Ergebenheit von Ihnen verlangen.“ „Was mir befohlen wird, thue ich. Bohwanie ſieht mich.“ „Ich zweifle nicht an Ihrem Eifer. Ich weiß, daß Sie eine lebendige, verſtändige Schranke bilden zwiſchen dem Prinzen und manchem verwerflichen Anliegen. Eben weil ich von Ihrem Eifer, Ihrer Gewandtheit in Umgarnung des jungen Indiers und von Ihrem blinden Gehorſam in Voll⸗ ziehung der Ihnen gegebenen Befehle gehört habe, wollt ich Sie von Allem unterrichten. Sie ſind der fanatiſche Anhänger deſſen, dem Sie dienen. Das iſt recht, denn der Menſch muß der gehorſame Knecht des Gottes ſein, den er ſich wählt.“ „Ja, gnädiger Herr, ſo lang der Gott Gott bleibt.“ „Wir verſtehen uns vollkommen. Was Ihre Belohnung anlangt, ſo wiſſen Sie, was ich Ihnen verſprochen habe“ „Ich habe meine Belohnung ſchon.“ „Wie ſo?“ „Ich verſtehe mich.“ „Gut. Die Geheimhaltung — — —“ „Iſt Ihnen verbürgt.“ „Ja, hinlänglich.“ „Und dann bürgt Ihnen auch meine Betheiligung bei der Sache, welcher ich diene, für meinen Eifer und meine Ver⸗ ſchwiegenheit, gnädiger Herr.“ „Das iſt wahr. Sie ſind ein Mann, feſt und glühend in ſeiner Ueberzeugung.“ „Ich ſtrebe, es zu ſein, gnädiger Herr.“ „Und dabei ſehr religiös — — von Ihrem Standpunkt aus. Bei der herrſchenden Gottloſigkeit iſt es ſchon ſehr löblich, in dieſem Stück überhaupt einen Standpunkt zu haben, zumal da Sie mir von Ihrem Standpunkt aus Ihre Hülfe zuſichernkönnen.“ „Ich ſichere Ihnen dieſelbe zu aus dem Grunde, weil ein unerſchrockener Jäger lieber einen Schakal hat als zehn Füchſe, lieber einen Tiger als zehn Schakale, lieber einen Löwen als zehn Tiger und lieber den Welmis als zehn Löwen.“ „Welmis? Was iſt das?“ „Was der Geiſt iſt im Verhältniß zur Materie, die Klinge im Verhältniß zur Scheide, der Duft im Verhältniß zur Blume, der Kopf im Verhältniß zum Leib.“ „Ich verſtehe. Dieſe Vergleichung iſt ſehr treffend. Sie ſind ein Mann von geſundem Urtheil. Erinnern Sie ſich ſtets deſſen, was Sie mir da geſagt haben, und machen Sie ſich immer mehr des Vertrauens Ihres Abgottes würdig.“ „Wird er wohl bald im Stand ſein, mich anzuhören, gnä— diger Herr? „In zwei, ſpäteſtens drei Tagen. Geſtern hat eine Kriſis, welche wir der Vorſehung verdanken, ihn gerettet. Seine Willenskraft iſt ſo groß, daß ſeine Heilung ſchnell von Stat⸗ ten gehen wird.“ „Werden Sie ihn morgen wieder ſehen.“ „Ja, vor meiner Abreiſe, um Abſchied von ihm zu nehmen.“ „Nun dann berichten Sie ihm folgende ſonderbare Wahr⸗ nehmung, welche ich noch nicht habe melden können, weil ſie etwas erſt geſtern geſchehenes betrifft.“ „Reden Sie.“ * „Ich war in den Todtengarten gegangen. Es war Nacht. Ueberall Leichenzüge und brennende Fackeln, welche die Grab⸗ mäler erhellten. Bohwanie lächelte in ihrem ſchwarzem Himmel. An dieſe heilige Gottheit des Nichts denkend, ſah ich mit Vergnügen einen Wagen voll Särge ausleeren. Das ungeheure Grab gähnte wie ein Höllenſchlund. Man warf Todte über Todte hinein; es gähnte immerfort. Plötzlich ſah ich beim Fackelſchein neben mir einen alten Mann, der weinte. Ich hatte ihn ſchon — — einmal geſehen. — — Er iſt ein Jude. — — Er hütet das Haus — — in — der Franciscusſtraße — — Sie wiſſen — —“ „Ja, ich weiß es. Was iſt Ihnen denn, daß Sie auf einmal ſo ſtottern?“ „In dieſem Haus — — befindet ſich ſeit 150 Jahren das Bild eines Mannes, den ich — — einſt in Indien — an den Ufern des Ganges angetroffen habe.“ „Eine auffallende Aehnlichkeit,“ ſagte der im Wagen, wäh⸗ rend der außen Stehende ſchauderte. „Ja, gnädiger Herr, eine — — auffallende — — Aehn⸗ lichkeit, nichts weiter.“ „Aber der alte Jude? der alte Jude?“ „Immerfort weinend wandte er ſich an einen Todtengrä⸗ ber und ſagte: Nun, der Sarg? — Sie hatten Recht,“ antwortete der Todtengräber, „ich habe ihn in der zweiten Schicht der andern Grube gefunden. Er war mit einem Kreuz aus ſieben ſchwarzen Punkten bezeichnet. Aber woher wiſſen Sie Ort und Zeichen dieſes Sargs?“ „Ach! erwiderte der Jude, was kann Ihnen daran lie⸗ gen? Sie ſehen, ich bin nur zu gut unterrichtet. Wo iſt der Sarg? — Hinter dem großen Grabmal von ſchwarzem Marmor, antwortete der Todtengräber. Sein Deckel ſteht der Erde gleich. Aber machen Sie geſchwind. In dem Ge⸗ tümmel wird man nichts bemerken. Sie haben mich gut bezahlt; ich wünſche, Ihr Vorhaben möge Ihnen glücken.“ „Und was hat der alte Jude mit dem Sarg mit den ſie⸗ ben ſchwarzen Punkten angefangen?“ „Gnädiger Herr, er hatte zwei Männer bei ſich, die eine Bahre mit Vorhängen trugen. Ich ſah ihn eine Laterne — — m— — — 16 — * anzünden u6d mit jenen beiden Männern nach dem von dem Todtengräber bezeichneten Fleck gehen. Auf einmal aber kamen ſo viele Wagen in die Quere, daß ich den alten Ju⸗ den, welchem ich nachgehen wollte, aus den Augen verlor und nicht wieder fand.“ „Das iſt ſonderbar. Was mag der Jude mit dem Sarg haben machen wollen?“ „Gnädiger Herr, man ſagt, ſie benutzen Leichen zur Be⸗ reitung von Zaubermitteln.“ „Dieſe Ungläubigen ſind zu Allem fähig, ſelbſt zu einem Verkehr mit dem böſen Feind. — Wir wollen die Sache überlegen. Dieſe Entdeckung kann wichtig werden.“ In dieſem Augenblick ſchlug es in der Ferne zwölf Uhr. „Schon zwölf?“ ſagte der im Wagen. „Ja, gnädiger Herr.“ „Jetzt muß ich fort. Leben Sie wohl. Alſo nochmals: Sie ſchwören mir: wenn der bewußte Umſtand eintritt, und Sie die andere Hälfte des elfenbeinernen Crucifires erhalten, dann erfüllen Sie Ihr Verſprechen?“ „Bei Bohwanie hab' ich es Ihnen geſchworen, gnädiger Herr.“ „Zu größerer Sicherheit vergeſſen Sie auch nicht, was die Perſon, welche es Ihnen übergibt, Ihnen zu ſagen hat. Laſ⸗ ſen Sie hören. Was muß Ihnen geſagt werden? Erinnern Sie ſich?“ „Gnädiger Herr, es muß mir geſagt werden: Vom Be— cher bis zu den Lippen iſt weit.“ „Ganz recht. Leben Sie wohl. Heimlichkeit und Treue.“ „Heimlichkeit und Treue, gnädiger Herr, antwortete Fa⸗ ringhea, und der Cardinal Malipieri fuhr in dem Miethwa⸗ gen davon.“ Faringhea ging zurück nach der Thür des Gartens bei dem von Dſchalma bewohntem Haus. In dem Augenblick, wo er den Schlüſſel hineinſtecken wollte, ſah er die Thür aufgehen und einen Mann herauskommen. Betroffen fiel er über den Unbekannten her, packte ihn am Kragen und rief: „Wer ſind Sie? Woher kommen Sie?“ Der Unbekannte fand wol den Ton, in welchem dieſe Frage geſtellt war, nicht ſehr beruhigend, denn anſtatt ſie zu behalten hat, ſo hatte ich faſt die Gewißheit, daß ich auf — beantworten, ſuchte er ſich von dem Meſtizen loszureißen und rief mit lauter Stimme: „Peter! zu Hülfe!“ Sofort kam die Kutſche im ſcharfen Trab herbei. Peter, der rieſige Bediente, packte den Meſtizen an den Schultern, warf ihn einige Schritt zurück und machte dem Rufer Luft. Dieſer brachte ſeinen Anzug wieder in Ordnung und ſagte, von dem Rieſen beſchirmt: „Jetzt, werther Herr, bin ich in der Verfaſſung, Ihre Fragen zu beantworten. Ich muß Ih⸗ nen bemerken, Sie behandeln einen alten Bekannten ſehr grob. Ich bin Dupont, geweſener Verwalter des Gutes Cardoville, derſelbe, welcher geholfen hat, Sie auffiſchen, als Sie Schiffbruch gelitten hatten.“ Beim hellen Schein der zwei Wagenlaternen erkannte der Meſtize das ehrliche Geſicht Dupont's, welcher zuerſt die Theilnahme Adriana's für den verwundet auf Cardoville lie⸗ genden Dſchalma in Anſpruch genommen hatte, und jetzt Haushofmeiſter bei dem Fräulein war. „Aber,“ fragte Fa⸗ ringhea in barſchem, argwöhniſchem Ton, „was haben Sie hier zu ſchaffen? Warum ſchleichen Sie ſich in dieß Haus ein?“ „Ich bemerke Ihnen, daß mein Thun durchaus nichts ſchleichendes hot,“ verſetzte Dupont mit Würde. „Ich bin hierher gekommen in einer Kutſche mit der Livree des Fräuleins von Cardoville, meiner Herrſchaft, von ihr beauf⸗ tragt, ſo, daß es Jedermann ſehen könnte, einen Brief von ihr an ihren Vetter, den Prinzen Dſchalma zu überreichen.“ Faringhea knirſchte vor Wuth und ſagte: „Und warum zu dieſer ſpäten Stunde? Warum durch dieſe Hinterthür?“ „Werther Herr, ich komme zu dieſer Stunde, weil das Fräulein von Cardoville es befohlen hat, und ich bin durch dieſe kleine Thür hineingegangen, weil ich aller Vermuthung nach durch die große Thür nicht zum Prinzen hätte gelangen können.“ „Da ſind Sie im Irrthum, Herr Dupont.“ „Möglich. Aber da man wußte, daß der Prinz gewöhn⸗ lich einen großen Theil der Nacht in dem Säälchen zubringt, neben dem Gewächshaus, zu deſſen Thür hier das Fräulein von der Zeit her, wo ſie das Haus gemiethet, einen Schlüſſel f — 8 — 8 dieſem Weg dem Prinzen ſelber den Brief von ſeiner Baſe, dem Fräulein von Cardoville, in die Hände legen könnte⸗ Dieß zu thun, werther Herr, habe ich ſo eben die Ehre ge⸗ habt, und ich bin tief gerührt worden von dem Wohlwollen, mit welchem der Prinz geruht hat, mich zu empfangen und ſich ſogar meiner zu erinnern.“ „Und wer hat Sie ſo gut von den Gewohnheiten des Prinzen unterrichtet?“ fragte Faringhea, unvermögend ſeinen grimmigen Verdruß zu verbergen. „Werther Herr,“ verſetzte Dupont ſpöttiſch, genaue Kunde über ſeine Gewohnheiten erhalte bin ich nicht eben ſo wohl unterrichtet über die ich verſichere Sie, ich habe eben ſo w Ihnen auf dieſer Schwelle zu begegne faßt waren, mich hier zu ſehen.“ Dupont verbeugte ſich ziemlich ſpöttiſch gegen den Meſtizen, ließ ihn verblüfft ſtehen, ſtieg ein und fuhr raſch davon. „wenn ich n habe, ſo Ihrigen. Denn enig darauf gerechnet, n, als Sie darauf ge⸗ Drittes Kapitel. Die Zuſammenkunft. — — An dem Tag nach der Racht, in welcher Botſchaft ausgerichtet hatte, ging Dſch ten auf und ab in dem kleinen bindung ſtehenden indiſchen Saal, wo Adriana ihm zum er⸗ ſten Mal vor die Augen gekommen war. Zur Erinnerung an jenen Tag hatte er ſich eben ſo gekleidet, wie er es da⸗ mals geweſen: in eine Tunica von weißem Kaſchmir, einen Kamaſchen von kirſchrothen Turban und Gürtel, ſilbergeſtickte weißſaffianene Pantoffeln mit Dupont ſeine alma mit raſchen Schrit⸗ mit dem Treibhaus in Ver⸗ hochroſenrothem Sammet und rothen Abſützen. Das Glück übt auf junge, feurige, lebensvolle Naturen eine ſo ſchnelle, ſichtliche Wirking, daß Dſchalma, welcher —— 3 noch den Tag zuvor düſter, niedergeſchlagen und in Verzweif⸗ lung geweſen, jetzt nicht mehr wieder zu erkennen war. Nicht mehr verdüſterte eine grünliche Färbung die blaſſe Goldfarbe ſeiner durchſichtigen Haut. Seine großen Angenſterne, geſtern noch glanzlos, wie von einem feuchten Duft überzogene ſchwarze Diamanten, ſtrahlten hell und ſanft in den perlmutterähnli⸗ chen Augäpfeln. Seine Lippen, lange Zeit bleich, waren wie⸗ der ſo purpurn geworden, wie die ſchönſten Blumen ſeines Heimathlandes. Plötzlich blieb er ſtehen, zog aus dem Vuſen tig zuſammengelegtes Papier und drückte an ſeine Lippen. Unfähig, den Ausbruch rückzuhalten, ſtieß er einen Freudenruf aus dem Spiegelglas hin, welches den Saal von trennte. Hinter dieſem Glaſe war oftmals ſeiner glühenden Einbildungskraft die Geſtalt Adrianens ſo deutlich erſchienen, daß er die Umriſſe ihres Geſichts mit Karmin ſprechend, ähnlich auf dasſelbe hatte malen können . Vor dieſem Bild blieb Dſchalma in tiefer Betrachtung ſtehen, nachdem er den von Dupont empfangenen Brief wiederholt geleſen und an ſeine Lippen gedrückt hatte. Dſchalma war nicht allein. Faringhea folgte all ſeinen Vewegungen mit düſterm Späherblick. Ehrerbietig in einer Ecke des Saals ſtehend, ſchien er beſchäftigt zu ſein, den ein ſorgfül⸗ es wonnetrunken ſeiner Freude zu⸗ und ſprang nach dem Treibhaus Bedej Dſchalma's (eine Art indiſchen Burnus), deſſen brau⸗ nes leichtes Seidengewebe faſt ganz unter feinen Gold⸗ und Silberſtickereien verſchwand, auseinander zu falten. Sein Geſicht war grämlich und unheilverkündend. Er konnte nicht zweifeln, daß lediglich der von Dupont übergebene Brief die Wonne Dſchalma's verurſacht hatte, und daß der Königs⸗ ſohn ſich geliebt wußte. Dſchalma's Schweigen gegen ihn beunruhigte ihn ſehr. Er wußte nicht, wie er ſich's deuten ſollte. Im der vergangenen Nacht war er nach Dupont's Abgang angſtvoll in das Haus zurückgekehrt, um zu ſehen, welchen Eindruck der Brief des Fräuleins auf Dſchalma machte. Er hatte den Saal verſchloſſen gefunden, und auf Liebhaber von Seltenheiten beſitzen ſolch e an die erfien An fänge der Kunſt erinnernde indiſche Skizen. N ſein Anklopfen war nicht geöffnet worden. Obwohl es fpät in der Nacht war, hatte er ſchnell an Rodin den Beſuch Dupont's und deſſen vermuthlichen Zweck gemeldet, während Dſchalma die Stunden in einem Rauſch wonniger Hoffnungen zu⸗ brachte. Auch am Vormittag hatte er ihn nicht geſehn, denn Dſchalma, nachdem er am Morgen aufkurze Zeit zur Ruhe gegan⸗ gen war, hatte ſich allein angekleidet und den Meſtizen vergeb⸗ lich mehrmals leiſe an ſeiner Thür klopfen laſſen. Erſt ge⸗ gen halb ein Uhr hatte er geklingelt. Faringhea war er⸗ ſchienen und Dſchalma hatte ihm befohlen, ſeinen Wagen um halb zwei Uhr bereit zu halten. Bei Ertheilung dieſes Be⸗ fehls hatte Dſchalma den Würger nicht angeſehn, wie wenn er zu irgend einem andern Diener ſpräche. War das Miß⸗ trauen, Widerwille oder Zerſtreuung? So fragte ſich der Me⸗ ſtize mit ſteigender Angſt. Die Anſchläge, deren Haupt⸗ werkzeug er war, konnten durch den geringſten Argwohn Dſchalma's zu nichte gemacht werden. „O, die Stunden — die Stunden! wie langſam ſind ſie!“ rief plötzlich der Jüngling mit gedämpfter, bebender Stimme. Faringhea ergriff ſofort dieſe Gelegenheit, um ein Geſpräch anzuknüpfen und ſprach: „Die Stunden . . ſind ewig lang — haben Sie noch vorgeſtern geſagt.“ Beim Ausſprechen die⸗ ſer Worte ging er einige Schritt näher zu Dſchalma, um deſſen Aufmerkſamkeit auf ſich zu lenken. Da es ihm nicht gelang, ging er noch näher und fuhr fort: „Hoher Herr, Ihre Freude ſcheint ſehr groß zu ſein. Laſſen Sie Ihren armen, treuen Diener die Urſache davon wiſſen, damit er ſich mit Ihnen freuen kann.“ Dſchalma hörte vielleicht dieſe Worte, aber wie einen lee⸗ ren Schall, ohne auf den Sinn derſelben zu achten. Er ant⸗ wortete nicht. Seine großen, ſchwarzen Augen ſtarrten in den leeren Raum. Er ſchien anbetend eine bezaubernde Erſcheinung anzulächeln, die Hände auf der Bruſt gekreuz“ wie es in ſeiner Heimath beim Beten üblich iſt. Einige Au⸗ genblicke nach Faringhea's letzten Worten ſagte er laut für ſich: „Wie viel Uhr mag's ſein?“ N „Gnädiger Herr, es iſt bald zwei Uhr,“ antwortete Fa⸗ ringhea, der eigentlich nicht gefragt war. e —.—— —— — Dſchalma ſetzte ſich nieder, verbarg ſein Geſicht in beiden Händen und ſchien ſich ganz in eine wohlthuende Betrach⸗ tung zu verſenken. Faringhea, durch ſeine zunehmende Un⸗ ruhe aufs Aeußerſte getrieben, wollte um jeden Preis die Aufmerkſamkeit des jungen Mannes auf ſich ziehen. Er glaubte, die rechten Worte zur Erreichung dieſes Zwecks ge⸗ . funden zu haben, und ſprach ſie in langſamem, nachdrückli⸗ chem Ton: „Gnädiger Herr, Ihr Entzücken verdanken Sie — gewiß dem Fräulein von Cardoville.“ Bei dieſem Namen fuhr Dſchalma empor, ſtand auf, ſah den Meſtizen an, als ob er ihn jetzt erſt bemerkte, und ſagte ruhig: Faringhea, du biſt da? Was willſt du?“ „Gnädiger Herr, Ihr treuer Diener theilt Ihre Freude.“ 3 „Welche Freude?“ „Ueber den Brief des Fräuleins von Cardodille.“ 3 Dſchalma ſchwieg und ſetzte ſich wieder. Aber ſein Auge ſtrahlte in ſo heiterer Wonne, daß der Meſtize ſich völlig 3 beruhigt fühlte. Nicht die geringſte Spur von Mißtrauen oder Zweifel war auf ſeinem Geſicht zu finden. Nach eini⸗ gen Augenblicken richtete der Jüngling ſeine Augen, in wel⸗ chen Freudenthränen glänzten, auf Faringhea und ſagte mit dem Ausdruck eines von Liebe und Glück überfließenden Her⸗ zen „O! das Glück! das Glück! Es iſt gut und groß wie Gott Es iſt Gott.“ „Gnädiger Herr, dieß Glück gebührte Ihnen nach ſo viel Leiden.“ „Leiden? Ja, vordem habe ich gelitten. Vordem bin ie n 4 8 ) 9 5 3 auch Kuf Java geweſen. Seitdem ſind Jahre vergangen.“ „Uebrigens wundert mich dieſer glückliche Erfolg nicht,“ fuhr der Würger fort. „Was hab ich Ihnen immer ge⸗ ſagt? Quälen Sie ſich nicht; heucheln Sie eine heftige Liebe zu einer Andern, und dieß ſtolze Mädchen. . . .4 Bei dieſen Worten warf Dſchalma einen ſo durchdringen⸗ den Blick auf den Würger, daß dieſer innehielt. Dann ſagte er im wohlwollendſten Ton: „Fahre fort. Ich höre dich an. Und das Kinn in ſeine Hand und den Ellenbogen auf das Knie ſtützend, heftete er abermals ſeinen Blick auf den Wür⸗ ger, aber mit einem ſolchen Ausdruck des Wohlwollens, daß dieſe Eiſenſeele durch eine Anwandlung von Reue verwirrt 22 — — wurde. Dieſe flüchtige Regung hinderte aber den Meſtizen nicht fortzufahren: „Ich ſage, durch Befolgung des Rathes Ihres treuen Sklaven, eine leidenſchaftliche Liebe zu einem andern Weib zu erheucheln, haben Sie das ſtolze Fräulein von Cardoville dazu gebracht, daß ſie zu Ihnen kommt. Hab' ich es Ihnen nicht vorausgeſagt?“ „Ja du haſt es vorausgeſagt,“ antwortete Dſchalma in derſelben Stellung und mit demſelben Blick. Die Verwunderung Faringhea's ſtieg immer höher. Der Prinz pflegte zwar nicht ihn hart zu behandeln, aber doch herriſch, wie in Indien üblich iſt. Noch nie hatte er mit ſolcher Milde zu ihm geſprochen. Im Bewußtſein des ihm zugefügten Böſen glaubte der Meſtize, hinter dieſer Güte ſeines Herrn liege ein Fallſtrick verborgen, und fuhr minder zuverſichtlich fort: „Gnädiger Herr, wenn Sie auch heut mei⸗ nem Rathe folgen, wenn Sie Ihren Vonrtheil zu benutzen verſtehen, ſo wird dieſer Tag Sie für all Ihre großen Lei⸗ den tröſten. Noch geſtern haben Sie ſchrecklich gelitten, obwohl Sie den Edelmuth haben, es zu vergeſſen. Aber Sie haben nicht allein gelitten. Auch dieß ſtolze Mädchen hat Schmerzen gehabt.“ „Meinſt du?“ fragte Dſchalma. „O gewiß, gnädiger Herr. Denken Sie nur, wie mußte ihr zu Muth ſein, als ſie im Theater Sie mit einem andern Weib zuſammen ſah. War ihre Liebe zu Ihnen zu ſchwach, ſo iſt ihre Eitelkeit ſchwer gekränkt worden, war ſie leiden⸗ ſchaftlich, ſo mußte es für ſie ein Stich ins Herz ſein. Jetzt iſt ſie der Schmerzen müde und kommt zu Ihnen.“ „Alſo biſt du durchaus ſicher, daß ſie gelitten, daß ſie viel gelitten hat? fragte Dſchalma in fortwährend ſanftem Ton, dem man aber den Zwang anhörte „Und das erweckt nicht dein Mitleid?“ . „Ehe ich daran denke, Andere zu beklagen, denke ich an Ihre Schmerzen,“ antwortete der Würger, der unter Rodin's Einfluß ſchon ſtarke Fortſchritte in der Heuchelei gemacht hatte. „Ihre Schmerzen rühren mich zu ſehr, als daß mir Mitleid für Andere bliebe.“ „Sonderbar!“ ſagte Dſchalma für ſich mit einem noch durchdringenderen, aber immer freundlichen Blick auf Faringhea. 3 2 23 „Was iſt ſonderbar, gnädiger Herr?“ fragte der Würger. „Nichts. Aber ſage mir, da mir deine Rathſchläge bisher ſo viel Glück gebracht haben, was denkſt du von der Zukunft?“ „Von der Zukunft, gnädiger Herr 2“ „Ja. In einer Stunde ſoll ich bei dem Fräulein von Car⸗ doville ſein.“ „Gnädiger Herr, das iſt ein wichtiger Augenblick Von dieſer erſten Zuſammenkunft hängt die Zukunft ab.“ „Das dacht' ich eben.“ „Glauben Sie mir, gnädiger Herr, die Weiber faſſen Zu⸗ neigung nur zu kühnen Männern, die ihnen die Verlegenheit der Weigerung erſparen.“ „Erkläre dich deutlicher.“ „Gnädiger Herr, ſie verachten den ſcheuen, ſchmachtenden Liebhaber, welcher demüthig erfleht, was er rauben ſoll.“ „Aber ich beſuche heut das Fräulein zum erſten Mal.“ „Sie haben ſie tauſendmal in Ihren Träumen beſucht, und das Fräulein Sie in— ſeinen Träumen, denn das Fräu⸗ lein liebt Sie. Jeder Ihrer Liebesgedanken findet Wi⸗ derhall in ihrem Herzen. Ihre glühende Anbetung hegt auch das Fränlein. Die Liebe hat nur eine Sprache. Sie haben ſich beiderſeits nicht geſehen, und doch haben Sie ſich wechſelſeitig Alles geſagt, was Sie ſich zu ſagen hatten. Verfahren Sie nun heute als Herr, und ſie gehört Ihnen.“ „Sonderbar — — ſonderbar!“ ſagte Dſchalma, immerfort den Meſtizen anblickend. Faringhea verſtand den Sinn dieſes Wortes nicht und fuhr fort: „So ſonderbar es Ihnen auch vorkommen mag, gnädiger Herr, es iſt weiſe. Erinnern Sie ſich der Vergan⸗ genheit. Haben Sie damit dieß ſtolze Mädchen zu Ihren Füßen gebracht, daß Sie den ſchüchternen Liebhaber ſpielten? Nein, ſondern dadurch, daß Sie thaten, als verſchmähten Sie die Stolze um einer Andern willen. Alſo keine Schwäche! Der Löwe girrt nicht wie die ſchwache Turteltaube. Der ſtolze Sultan der Wüſte kümmert ſich nicht um ein klägli⸗ ches Brüllen der Löwin. Und ſie iſt weniger erzürnt als dankbar für ſeine wilden Liebkoſungen, und unterwürfig und freudig kriecht ſie ihrem Gebieter nach. Wagen Sie es, wagen Sie es, gnädiger Herr, und Sie werden heut der an⸗ — 24 — gebetete Sultan dieſes Mädchens, deſſen Schönbeit ganz Pa⸗ ris bewundert.“ Dſchalma ſchüttelte den Kopf mit der Miene hetzlichen Mitleids und ſagte nach einigen Augenblicken des Schwei⸗ gens mit ſanfter Stimme zu dem Meſtizen: „Warum ver⸗ räthſt du mich ſo? Warum räthſt du mir böslicher Weiſe, Gewalt, Schrecken, Ueberraſchung anzuwenden bei einem En⸗ gel der Reinheit, vor welchem ich Ehrfurcht habe, wie vor meiner Mutter? Iſt es dir nicht genug, daß du dich dem Dienſte meiner Feinde ergeben haſt, derer, welche mich von Java her verfolgt haben?“ Wenn Dſchalma mit flammendem Blick und gezücktem Dolch über ihn hergefallen wäre, ſo hätte der Meſtize kaum mehr überaſcht und erſchrocken ſein können, als jetzt, wo er den Prinzen ihm ſanft ſeinen Verrath vorwerfen hörte. Er fuhr einen Schritt zurück, als wollt' er ſich zur Wehr ſetzen. Dſchalma fuhr mit derſelben Sanftmuth fort: „Fürchte nichts. Geſtern würde ich dich getödtet haben; aber heute macht die glückliche Liebe mich billig und nachſichtig. Ich fühle Mitleid mit dir ohne Bitterkeit. Ich beklage dich. Du mußt ſehr unglücklich geweſen ſein, daß du ſo boshaft geworden biſt.“ „Ich? gnädiger Herr?“ ſtotterte der Meſtize. „Du mußt ſchwer gelitten haben, man muß ſehr unbarm⸗ herzig gegen dich geweſen ſein, armes Geſchöpf, daß du ſo erbarmungslos in deinem Haſſe biſt, und daß der Anblick eines Glücks, wie das meinige, dich nicht entwaffnet. Als ich dich eben anhörte, habe ich aufrichtiges Mitleid für dich gefühlt, indem ich die ſchreckliche Zähigkeit deines Haſſes ſah * „Gnädiger Herr — —, ich weiß nicht — — — — Weiter konnte Faringhea nichts erwidern. „Laß hören, was hab' ich dir zu Leide gethan?“ „Zu Leide? — — Durchaus nichts, gnädiger Herr.“ „Nun, warum haſſeſt du mich denn ſo? Warum willſt du mit ſolcher Gier mein Unglück? War es nicht genug, daß du mir den treuloſen Rath gabſt, eine ſchimpfliche Liebe zu dem Mädchen, welches du hieher gebracht haſt, zu heucheln? — zu dieſem Mädchen, welches, müde der ihr zugetheilten ſchmählichen Rolle, das Haus verlaſſen hat?“ Farihghea hatte ſich ein wenig von ſeiner Ueberraſchuug ——— erholt und erwiderte: „Gnädiger Herr, Ihre erheuchelte Liebe zu dieſem Mädchen hat den Sieg davon getragen über die Kälte der — —.“ „Sage das nicht,“ unterbrach der Königsſohn in demſelben ſanften Ton. „Wenn ich dieß Glück genieße, welches mich mitleidig gegen dich macht und mich über mich ſelber erhebt, ſo liegt der Grund darin, daß das Fräulein von Cardoville jetzt weiß, daß ich keinen Augenblick aufgehört habe, ſie zu lieben, wie ſie geliebt werden muß — mit anbetender Ver⸗ ehrung. Du hingegen haſt mit deinen Rathſchlägen ſie mir für immer entfremden wollen, und faſt wär es dir gelungen.“ „Gnädiger Herr wenn Sie das von mir denken, ſo müſſen Sie mich für Ihren Todfeind halten.“ „Fürchte dich nicht, ſag' ich' dir. Ich habe kein Recht, dich zu tadeln. In der Raſerei des Schmerzes hab' ich dich an⸗ gehört und deine Rathſchläge befolgt. Ich war nicht der von dir Getäuſchte, — ich war dein Mitſchuldiger. Aber ſage mir, als du mich niedergeſchlagen und verzweifelnd in deiner Hand ſahſt, war es nicht grauſam von dir, mir das anzurathen was mein Verderben ſein konnte?“ „Mein glühender Eifer mag mich irre geleitet haben, gnä⸗ diger Herr.“ „Ich will dir glauben. Aber warum heute noch Anrei⸗ zungen zum Schlimmen? Du biſt erbarmungslos gegen mein Glück geweſen wie gegen mein Unglück. Der Wonnerauſch, in welchem du mich ſiehſt, flößt dir nur einen Wunſch ein: ihn in Verzweiflung zu verwandeln.“ „Mir, gnädiger Herr!“ „Ja, dir. Du haſt gedacht, wenn ich dein Rathſchlägen folgte, würde ich mich für immer in den Augen des Fräuleins entehren. Sag an, woher dieſer grimmige Haß? Nochmals: was hab' ich dir gethan?“ „Gnädiger Herr, — — Sie beurtheilen mich falſch — — und ich „Höre mich an. Ich will, du ſollſt nicht mehr ein boshafter Verräther ſein. Ich will dich gut machen. In unſerm Land bezaubert man die gefährlichſten Schlangen und bändigt man Tiger. Nun ich will dich bändigen mit Güte, dich, der du ein Menſch biſt, der du Verſtand haſt, um ihm zu fölgen, e6 und ein Herz üm zu lieben. Dieſer Tag gibt mir ein himm⸗ liſches Glück. Du ſollſt dieſen Tag ſegnen. Was vermag ich für dich? Was verlangſt du? Gold? Du ſollſt Gold haben. Willſt du mehr als Gold? Willſt du einen Freund, deſſen Freundſchaft dich tröſte und dich wieder gut mache, indem ſie dich die Schmerzen vergeſſen läßt, welche dich böſe gemacht haben? Soll ich dieſer Freund ſein? Ich will es ſein, ob⸗ wohl ich eines Königs Sohn bin, ich will es trotz dem Böſen, — nein wegen des Böſen, das du mir gethan haſt. Ich will ein aufrichtiger Freund für dich ſein und mich glücklich ſchätzen mir ſagen zu können: „An dem Tag, wo der Engel mir geſagt hat, daß er mich liebte, iſt mein Glück groß ge⸗ weſen. Am Morgen hatte ich einen unverſöhnlichen Feind und am Abend hatte ſich ſein Haß in Freundſchaft verwandelt. Glaube mir, Faringhea, das Unglück macht die Menſchen böſe, das Glück macht ſie gut. Sei glücklich.“ In dieſem Augenblick ſchlug es zwei Uhr, — der Zeitpunkt zur Abfahrt zu Adrianen. Dſchalma zuckte zuſammen. Sein herrliches Geſicht, noch verſchönert durch den ſanften Ausdruck, den es im Geſpräch mit dem Meſtizen angenommen, ſchien durch einen himmliſchen Strahl verklärt zu ſein. Er trat zu Faringhea, reichte ihm mit anmuthiger Freundlichkeit die Hand und ſagte: „Deine Hand.“ Kalter Schweiß ſtand auf dem verzerrten Geſicht des Wür⸗ gers. Er ſchwankte einen Augenblick. Endlich überwältigt und bezaubert reichte er ſchaudernd dem Königsſohn die Rechte. Dſchalma drückte ſie herzlich und ſagte in der Weiſe ſeiner Heimath: „Du legſt ehrlich deine Hand in die Hand eines ehrlichen Freundes. Dieſe Hand ſoll ſtets offen für dich ſein. Lebe wohl, Faringhea. Jetzt fühl' ich mich würdiger, vor dem Engel niederzuknien.“ Dſchalma ging hinaus, um in den Wagen zu ſteigen. Faringhea war trotz ſeiner Wildheit, trotz ſeinem unbarmher⸗ zigen Haß gegen das Menſchengeſchlecht durch die edlen Worte Dſchalmas aufs Tieſſte erſchüttert. Entſetzt ſagte er: „Ich habe ſeine Hand berührt. Jetzt iſt er heilig für mich. — — Ja! — — Aber er iſt nicht heilig für den, welcher ihn laut der mir heut Nacht gegebenen Antwort an der Thür dieſes Hauſes erwarten ſoll.“ — 2 —1 Nach dieſen Worten lief der Me ſtoßendes Zimmer, welches die Ausſicht auf d Er hob eine Ecke des Vorhangs in die Höhe, ſah durch die Scheiben und ſagte ängſtlich: Sein Wagen fährt hinaus. Der Menſch kommt herbei.. Teufel! .. Sein Wagen iſt fort! Ich ſehe nichts mehr. Viertes Kapitel. Die E 6 Ein eignes Zuſammentreffen der Gedanken war es, daß Adriana gleich Dſchalma eben ſo gekleidet ſein wollte, wie ſie es geweſen war, als ſie den Königsſohn zum erſten Mal in der Blancheſtraße ſah. Zum Ort der bevorſtehenden feierlichen Zuſammenkunft hatte Fräulein von Cardopille mit ihrem natürlichen Takt den großen Empfangsſaal ihres Hauſes gewählt, in welchem mehre Familienbilder hingen, namentlich die ihres Vaters und ihrer Mutter, Dieſer große, hohe Saal war gleich den vorhergehenden mit der gewaltigen Pracht des Jahrhunderts Ludwigs XIV. ausgeſtattet. Die von Lebrun gemalte Decke ſtellte in großartiger Zeichnung und mit kräftiger Farbenge⸗ bung den Triumph Apollos vor. Eine prächtig gearbeitete vergoldete Kranzleiſte umgab das Bild und ward in ihren Ecken von Strebebogen getragen, welche durch große vergol⸗ dete Figuren, die Jahrszeiten vorſtellend, gebildet waren. An den Wänden befanden ſich mit karmeſinrothen Damaſt über⸗ zogene eingerahmte Felder, und in dieſen Feldern hingen die Familienbilder. Die verſchiedenen Gemüthsbewegungen des Fräuleins bei Annäherung des Augenblicks ihrer Zuſammenkunft mit Dſchalma kann man leichter ſich vorſtellen als ſchildern. Ihre An⸗ näherung war bis dahin durch ſo viele ſchmerzliche Hemmun⸗ gen verhindert, und Adriana kannte die Urheber derſelben — — 28 — shafte Feinde, daß ſie noch an ſt unwillkürlich ſah ſie jeden Au⸗ ndlich ſchlug die Stunde der Zu⸗ ſammenkunft. Jeder Glockenſchlag hallte lange im Herzen Adriana's nach. Sie dachte, Dſchalma habe aus Beſcheiden⸗ heit nicht gewagt, ſich früher als in dem von ihr feſtgeſetzten Augenblick einzuſtellen. Sie dankte ihm für dieſe Beſcheiden⸗ heit, anſtatt ihn deshalb zu tadeln. Sobald aber die Stunde geſchlagen hatte, hielt ſie bei dem geringſten Geräuſch in den anſtoßenden Sälen den Athem an und horchte voll Hoffnung. In den erſten Minuten nach dem Gblockenſchlag ſtieg ihr keine Beſorgniß auf. Sie beſchwichtigte ihre Ungeduld mit der — in den Augen Solcher, welche nie die fieberhafte Aufregung glücklicher Erwartung empfunden haben, kindiſchen und alber⸗ nen — Erwägung, daß die Uhr in der Blancheſtraße gegen die Uhr in der Anjonſtraße etwas nachgehn könnte. Allein als aus dem anfangs vermuthete Unterſchied von einigen Mi⸗ nuten, eine Viertelſtunde und mehr wurde, empfand Adriana eine immer größer werdende Angſt. Mehrmals ſtand ſie mit klopfendem Herzen auf, ſchlich auf den Zehen an die Thür des Saals und horchte. Aber ſie hörte immer nichts. Es ſchlug halb drei. Ihre Angſt war jetzt ſo groß, daß ihr kaum noch Hoffnung blieb. Sie kehrte ans Kamin zurück, nahm eine ruhige Miene an und ſchellte. Nach einigen Se⸗ cunden öffnete ein ſchwarz gekleideter ergrauter Kammerdiener die Thür und harrte in ehrfurchtsvollem Schweigen der Be⸗ fehle ſeiner Gebieterin. Adriana ſagte ihm in ruhigem Ton: „Andreas, laſſen Sie ſich von Hebe ein Fläſchchen geben, welches ich auf dem Kamin meines Zimmers vergeſſen habe, und bringen Sie mirs.“ Andreas verbeugte ſich. In dem Augenblick, wo er hin⸗ ausgehen wollte, um den Befehl zu vollziehen, den Adriana bloß gegeben hatte, um Gelegenheit zu einer Frage zu jinden, deren Wichtigkeit ihre von der bevorſtehenden Ankunft des Prinzen benachrichtigten Leute nicht merten ſollten, deutete das Fräulein mit gleichgültiger Miene auf die Uhr und fragte: „Geht dieſe Uhr recht?“ Der Diener ſah auf die Stutzuhr, vann auf ſeine Taſchen⸗ 4 uhr und antwortete „Ja Fräulein. Ich habe meine Uhr nach der auf den Tuiterien geſtellt. Auch auf ihr iſt es 6 eine Minute über halb drei.“ „Gut. Ich danke Ihnen,“ ſagte Adriana. Andreas verbeugte ſich und ſagte: „Fräulein, ich habe ver⸗ geſſen Ihnen zu ſagen, daß vor einer Stunde der Herr Mar⸗ ₰ ſchall Simon da geweſen iſt. Da Ihre Thür für jedermann verſchloſſen war außer für den Prinzen, ſo hat man ihm ge⸗ 1 ſagt, das Fräulein laſſe niemand vor.“ „Es iſt recht,“ ſagte Adriana. Der Diener verbeugte ſich abermals und ging hinaus⸗ Abermals herrſchte tiefe Stille im Saal. Eben weil bis ½ . zur feſtgeſetzten Stunde die Hoffnung Adrianens ſo zuverſicht⸗ lich geweſen war, empfand ſie um ſo ſchmerzlicher die Täu⸗ 3 6 ſchung derſelben. Sie warf einen ſchwermüthigen Blick auf ein über ihr neben dem Kamin hängendes Bild und ſeufzte: 3 „O Mutter!“ Kaum hatte ſie dieß Wort geflüſtert, ſo erſchütterte das dumpfe Raſſeln eines in den Hof einfahrenden Wagens die Fenſter. Adriana fuhr zuſammen und konnte einen lauten Ausruf der Freude nicht zurückhalten. Ihr Herz ſchlug dem 3 Geliebten entgegen. Dießmal fühlte ſie, daß er es war, mit derſelben Sicherheit als ob ihre Augen ihn geſehn hätten. Sie ſetzte ſich wieder und wiſchte mit zitternder Hand eine 3 an ihren langen Wimpern hängende Thräne ab. 3¹ Das laute Oeffnen mehrer Thüren hinter einander bewies, daß ſie ſich nicht getäuſcht hatte. Endlich flogen die vergol⸗ deten Thüren des Empfangsſaals auf, und der Königsſohn erſchien. Hinter ihm kam Andreas, ſtellte auf einen vergol⸗ deten Tiſch in der Nähe des Fräuleins ein goldnes Tellerchen mit einem Kryſtallfläſchen und ging wieder hinaus, während 1 Dſchalma ſich dem Fräulein näherte. 3 4——— ₰ . Fünftes Kapitel. Adriana und Dſchalma. Der unſichere, eine holde Scheu verrathende Schritt des jungen Indiers ſo ganz im Widerſpruch mit ſeiner heftigen Gemüthsart, bewies, wie tief er ergriffen war. Noch hatte er nicht gewagt, die Augen zu dem Fräulein zu erheben. Er war plötzlich ſehr blaß geworden. Seine zum Zeichen der Verehrung auf der Bruſt gekreuzten Arme zitterten ſehr. Mit geſenktem Haupt blieb er einige Schritt vor Adriana ſtehen. Dieſe bei jedem Andern lächerliche Verlegenheit war rührend bei dieſem zwanzigjährigen Königsſohn von faſt fa⸗ belhafter Unerſchrockenheit, von ſo edlem Heldenſinn, deſſen die Reiſenden nur mit Bewunderung und Hochachtung erwähn- ten. Die ſanfte Regung, die züchtige Zurückhaltung war um ſo merkwürdiger bei dieſem Jüngling, wenn man bedenkt, wie entzündlich ſeine bis jetzt noch gezügelten Leidenſchaf⸗ ten ſein mußten. Das Fräulein von Cardoville, nicht weniger verwirrt und verlegen, war ſitzen geblieben. Wie Dſchalma ſchlug ſie die Augen nieder. Das glühende Roth ihrer Wangen und das ſtürmiſche Wogen ihres jungfräulichen Buſens verriethen die Gemüthsbewegung, welche ſie nicht, verbergen ſuchte. Trotz der Feſtigkeit ihres je nach dem Anlaß ſcharfen und munteren, gewinnenden und ſchneidenden Geiſtes, trotz der Entſchiedenheit ihres ſtolzen unabhängigen Sinnes und trotz ihrer Gewohnheit in der großen Welt zu leben, zeigte Adriana in dieſem Augenblick wie Dſchalma das linkiſche Weſen eines Naturkindes und eine holdſelige Verwirrung. Dieſe beiden ſchönen, liebeglühenden Weſen ſchienen in der Gluth ihrer Herzen wonnetrunken zu vergehen. Und doch waren ihre Blicke noch nicht einander begegnet. Beide ſcheu⸗ ten dieſen erſten electriſchen Schlag aus den Augen, dieſe unwiderſtehliche Anziehungskraft zwei liebender Herzen, pieß heilige Feuer, welches raſcher als der Blitz ihr Blut entzün⸗ — 31 — det und ſie zuweilen unverſehens der Erde entrückt und zum Himmel erhebt. Zum Himmel — denn es heißt, ſich Gott 3 nähern, wenn der Menſch in reiner Wonne ſich dem unwi⸗ derſtehlichſten Drang überläßt, den Gott in ihn gelegt hat, den einzigen Drang, dem der Ordner des Welltalls einen Funken ſeiner Schöpferkraft beigemiſcht hat. Dſchalma ſchlug zuerſt die Augen auf. Sie waren feucht und doch funkelnd. Die Gluth einer geſteigerten Liebe, * das ſo lange zurückgehaltene Jugendfeuer, die hohe Bewun⸗ derung einer idealen Schönheit, ſprachen ſich in ſeinen Blicken aus, in welchen doch zugleich eine achtungsvolle Scheu lag, und gaben ſeinen Zügen einen unbeſchreiblichen, unwiderſteh⸗ lichen Ausdruck. Als Adriana dieſen Blicken begegnete, er— bebte ſie und fühlte ſich wie von einem magnetiſchen Wirbel erfaßt. Schon wurden ihre Augenlieder ſchwer von trunkener Mattigkeit, als ſie all ihre Willenskraft und ihr Selbſtge⸗ fühl zuſammennehmend, dieſe wonnige Verwirrung überwand und von ihrem Seſſel ſich erhebend, mit zitternder Stimme zu Dſchalma ſagte: „Prinz, ich fühle mich glücklich, Sie hier zu empfangen.“ Und auf das Bild hinter ſich deutend, fügte ſie hinzu: „Prinz, meine Mutter.“ Durch dieſe zarte Anden⸗ tung machte ſie ihre Mutter gewiſſermaßen zum Zeugen ihrer Unterredung mit Dſchalma, und wahrte ſich und den Königs⸗ ſohn vor den Verführungen eines erſten Beiſammenſeins, welches um ſo gefährlicher war, da beide ſich glühend geliebt wußten, beide frei waren und niemand als Gott verant⸗ wortlich für die Schätze der Wolluſt, die ihnen ſo reichlich 8 verliehen waren. Der Prinz verſtand die Gedanken Adriana's. Er verneigte ſich mit ungezwungener Einfachheit, beugte ein Knie vor dem Bild und ſagte mit ſanfter männlicher Stimme: „Ich will Sie ſegnen und lieben wie meine Mutter. Auch meine Mutter wird, wie Sie, in meinen Gedanken neben Ihrem Kind ſein.“ Gewiß die beßte Erwiderung eines Gefühls, durch welches Adriana beſtimmt worden war, ſich gleichſam unter den Schutz ihrer Mutter zu ſtellen. Von dieſem Augenblick an war Adriana über ſich und über den Prinzen beruhigt. Sie fühlte ſich zwanglos, und der üße Genuß des Glücks rrat allmählig an pie Stelle ihrer * anfänglichen Verwirrung. Sie ſetzte ſich wieder, deutete dem Prinzen auf einen Stuhl ihr gegenüber und ſagte: „Setzen Sie ſich gefälligſt nieder — — lieber Vetter — — — und laſſen Sie mich Sie ſo nennen, denn ich finde das Wort Prinz zu förmlich. Eben ſo nennen ſie mich Baſe, anſtatt Fräulein. Nachdem wir dieß abgemacht haben, wollen wir vorerſt als gute Freunde mit einander plaudern.“ „Ja, Baſe,“ erwiderte Dſchalma, bei dem Wort vorerſt erröthend. „Da Offenherzigkeit zwiſchen Freunden ſich gebührt, ſo will ich Ihnen vorerſt einen Vorwurf machen,“ fuhr Adriana halb lächelnd fort. „Sie werden mir dieſen Vorwurf nicht übel nehmen. Kurz geſagt: ich habe Sie ein wenig früher erwartet.“ Dſchalma war trotz der Einladung ſtehen geblieben und erwiderte, in anmuthiger achtungsvoller Haltung ans Kamin gelehnt: „Vielleicht, Baſe, werden Sie mich tadeln, daß ich nicht ſpäter gekommen bin.“ „Was meinen Sie damit?“ fragte Adriana. „In dem Augenblick, wo ich von Hanſe wegfuhr, trat ein Unbekannter an meinen Wagen und ſagte mir mit ſo auf⸗ richtiger Miene, daß ich ihm glaubte: Sie können einem Mann das Leben retten, der ein Vater für Sie geweſen iſt. Der Marſchall Simon ſchwebt in großer Gefahr. Wollen Sie ihn retten, ſo müſſen Sie augenblicklich mit mir kommen.“ „Das war eine Hinterliſt!“ rief Adriana. „Vor kaum einer Stunde war der Marſchall Simon hier. „Wirklich?“ rief Dſchalma freudig, als ob ihm ein Stein vom Herzen fiele. „Alſo wird dieſer ſchöne Tag doch nicht getrübt.“ „Aber Vetter,“ fragte Adriana, „wie mochten Sie dieſem Sendling trauen?“ Dſchalma antwortete: „Er hat ſich bald einige Worte ent⸗ ſchlüpfen laſſen, die mir Zweifel einflößten. Anfangs bin ich ihm gefolgt in der Beſorgniß, der Marſchall ſchwebe in Ge⸗ fahr; denn ich weiß, daß er ebenfalls Feinde hat.“ „Vetter, jetzt ſeh' ich ein, Sie haben Recht gehabt. Ein neuer Streich gegen den Marſchall war denkbar. Im zweifel⸗ ge 3 haften Fall mußten Sie zu ihm eilen.“ „Ich habe es gethan. Aber Sie warteten auf mich.“ „Das war ein edelmüthiges Opfer, und meine Achtung vor Ihnen würde, wenn ſie könnte, noch zunehmen. Aber was iſt aus dieſem Menſchen geworden?“ „Auf mein Geheiß ſtieg er in meinen Wagen. In Un⸗ ruhe wegen des Marſchalls und in Verzweiflung darüber, daß die Zeit, welche ich bei Ihnen ſein ſollte, verging, be⸗ ſtürmte ich dieſen Menſchen mit Fragen Mehrmals gab er mir verlegene Antworten. Da kam mir der Gedanke, daß mir vielleicht eine Schlinge gelegt ſei. Es fiel mir ein, was alles ſchon verſucht worden war, um mich bei Ihnen in Un⸗ gunſt zu' bringen. Da ließ ich den Weg hierher einſchlagen. Und nhi ward der Verdruß meines Begleiters ſo ſichtlich, daß mit kein Zweifel hätte bleiben ſollen. Doch machte ich mir immer noch einen leiſen Vorwurf, daß ich vielleicht den Marſchall im Stich ließe. Dieſen Vorwurf haben Sie, liebe Baſe, jetzt beſeitigt.“ „Dieſe Menſchen ſind unverſöhnlich,“ bemerkte Adriana. „Aber unſer Glück wird ſtärker ſein, als ihr Haß.“ Sie ſchwieg einen Augenblick und begann dann wieder mit ihrer gewöhnlichen Offenheit: „Lieber Vetter, es iſt mir unmög⸗ lich zu verſchweigen oder zu verbergen, was ich auf dem Her⸗ zen habe. Laſſen Sie uns (immer als Freunde) einige Au⸗ genblicke von einer Vergangenheit ſprechen, welche man uns ſo ſehr verbittert hat, und dieſelbe dann wie einen böſen Traum auf ewig vergeſſen.“ „Ich will Ihnen aufrichtig antworten, auf die Gefahr hin, mir zu ſchaden.“ „Wie haben Sie ſich entſchließen können, ſich öffentlich zu zeigen mit — —.“ „Mit dem Mädchen?“ unterbrach ergänzend Dſchalma. „Ja, Vetter.“ Ohne Verlegenheit, weil er wahr redete, antwortete der junge Mann: „Unbekannt mit den Gewohnheiten dieſes Lan⸗ des, geiſtesſchwach durch Verzweiflung, mißleitet durch die Rathſchläge eines Menſchen, welcher meinen Feinden er⸗ geben iſt, habe ich geglaubt, ich könnte, indem ich vor Ih⸗ nen eine andere Liebe zur Schau trüge, Ihre Eiferſucht er⸗ wecken und — —.“ 3 „Genug!“ unterbrach Adriana, um ihrem Vetter ein pein⸗ liches Geſtändniß zu erſparen. „Ich verſtehe ſchon. Auch ich mußte durch die Verzweiflung ſehr geblendet ſein, um dies ſchändliche Complott nicht zu durchſchauen, zumal nach einer ſo tollkühnen Handlung. — Das Leben wagen, um mei⸗ nen Strauß aufzuheben,“ fügte ſie ſchaudernd ein. „Noch ein Wort (wiewohl ich der Antwort ſicher bin): haben Sie einen Brief empfangen, den ich Ihnen an demſelben Tag, wo ich Sie im Theater ſah, geſchrieben hatte?“ Dſchalma antwortete nicht. Eine düſtere Wolke zog über ſein ſchönes Geſicht, welches einen ſo drohenden Ausdruck an⸗ nahm, daß Adriana darüber erſchrack. Aber ſchnell Aegte ſich wieder dieſer Aufruhr in ſeinem Innern, wie wenn er über⸗ legt hätte, und ſein Antlitz ward wieder ruhig und heiter zur großen Verwunderung ſeiner Freundin. „Ich bin nachſichtiger geweſen, als ich dachte,“ ſagte er. „Ich habe Ihrer würdig in Ihre Nähe kommen wollen. Ich habe Dem verziehen, welcher meinen Feinden zu gefallen mir verderbliche Rath⸗ ſchläge gegeben hatte und noch gab. Ich bin feſt überzeugt, dieſer Menſch hat mir Ihren Brief entwendet. Vorhin bei dem Gedanken an all das Unheil, welches er mir ſo zuge⸗ fügt hat, habe ich einen Augenblick meine Nachſicht bereut. Aber ich habe an Ihren Brief von geſtern gedacht, und mein Zorn iſt verflogen.“ „Sie iſt alſo vorüber, dieſe heilloſe Vergangenheit mit ihrer Angſt, ihrem Mißtrauen, ihrem Argwohn, die uns ſo lange gequält haben, die mich an Ihnen und Sie an mir haben zweifeln laſſen. Weg mit dieſer heilloſen Vergangen⸗ heit!“ Und als ob ſie ihr Herz von den letzten Gedanken, die es hätten betrüben können, entlaſtet hätte, fuhr ſie fort: „Uns gehört jetzt die Zukunft, die ganze Zukunft, die heitre, wolkenloſe Zukunft ohne Hinderniſſe, ein ſchöner Geſichtskreis, ſo unermeßlich weit, daß ſeine Gränzen dem Blick entſchwinden!“ Plötzlich nahm ihr in ſeliger Luſt ſtrahlendes Antlitz einen Ausdruck der Schwermuth an, und im Ton tiefer Rührung fügte ſie hinzu. „Ach, daß es jetzt neben uns doch auch Un⸗ glückliche und Leidende gibt!“ Dieſe Gedanken kindlichen Mitgefühls für das Unglück, in demſelben Augenblick, wo das edle Mädchen den Gipfel eines — 2 doch fühle ich eine tiefe Wehmuth. Sie geben mir den Him⸗ ℳ „Lieber Freund, wir beide ſtehn auf dem Gipfel des Glücks. . Die Zukunft unſeres Glücks iſt endlos und doch ſind uns, „Sie ſehen, es gibt Glück, vor deſſen Unendlichkeit uns ſchwin⸗ „0 ₰ nicht aus, es zu faſſen. Es ſchlägt über unſerm Haupt zuſam⸗ himmliſchen Glücks erreicht hatte, machte auf Dſchalma einen „ ſolchen Eindruck, daß er ihr unwillkürlich zu Füßen fiel und die Hände faltend mit ſeinem wunderſchönen Geſicht wie an⸗ betendezu ihr aufblickte. Dann bedeckte er ſein Geſicht mit den Händen und ſenkte ſtumm das Haupt. Einige Augenblicke herrſchte tiefe Stille iiEaalMidva brach das Schweigen, als ſie eine Thräne zwiſchen den feinen hervordringen ſah. „Was iſt Ihnen,⸗ lieber Freund?“ fragte ſie. Und mit Gedaukönſchelle beuhte — dem Jüngling herab und drückte ſeine Hände von ſicht weg. Es war mit Thränen benetzt. „Sie L Rf ſie, ſo tief ergriffen, daß ſie die Hände Dſchal W ihrigen behielt, während ſeine Thränen wie 9 ryſtal en über das matte Gold ſeiner Wangen rollten. 5 Mein Wlüch aufs dör⸗Walt gleicht dem meinen,“ ſagte der — Königsſohn mit ſeiner ſanften klangvollen Stimme; „und mel, und wenn ich Ihnen die Erde gäbe, wäre ich immer noch undankbar gegen Sie. Ach! was kann der Menſch für die Gottheit thun? Sie anbeten, nie aber die reichen Gaben vergelten, mit denen ſie ihn überhäuft. Das thut nicht ſeinem Stolz weh, aber ſeinem Herzen.“ Dſchalma ſagte, was er fühlte. Nur die etwas hyperbo⸗ liſche Form der Morgenländer konnte ſeinen Gedanken aus⸗ 6 drücken. Der Ausdruck ſeines Bedauerns war ſo aufrichtig, ſeine Demuth ſo kindlich ſanft, daß Adriana gleichfalls zu Thränen gerührt wurde und ihm mit Zärtlichkeit erwiderte: obwohl aus verſchiedner Quelle, traurige Gedanken gekommen. delt. Einen Augenblick reichen Herz und Geiſt und Seele men wie die Welle eines mächtigen Stroms. So ſenken auch zuweilen die Blumen das Haupt wie vernichtet von den allzu“ brennenden Strahlen der Sonne, die doch ihr Leben und ihre Liebe iſt. O Freund, dieſe Traurigkeit iſt groß, aber ſie iſt ſüß!“ Bei dieſen Worten war die Stimme Adriana's immer leiſer geworden. Ihr Haupt neigte ſich ſanft, wie wenn ſe wirklich 5 unter der Laſt ihres Glücks ſich beugte. Dſchalma kniete noch . immer vor ihr, und ſeine Hände lagen in den ihrigen. Indem ſie ſich bückte, rührte ihre Stirn, weiß wie Elfenbein, an Dſchalma's Stirn, lichtgelb wie Bernſtein, und ihre — Locken vermiſchten ſich mit Dſchalma's Haar von der Schwärze ie ſüßen Thränen der beiden Liebenden ran⸗ en langſam im Stillen auf ihre verſchlungenen Hünde herab. Sechstes Kapitel. Diie Wihten des beſchriebenen Auftritts Adriana und Dſchalma begab ſich Agricola mit einem Brief des Fräuleins in die Vaugirardſtraße zu Hardy. Franz Hardy bewohnte, wie geſagt, einen Pavillon in dem Retraitehauſe bei dem in der Vaugirardſtraße belegenen Wohn⸗ ſitz einer bedeutenden Anzahl ehrwürdiger Väter von der Geſellſchaft Jeſu. Es gab nichts ruhigeres und ſtilleres als dieſer Wohnſitz. Da ward immer leiſe geſprochen, und ſelbſt die Dienſtleute hatten etwas honigſüßes in ihren Worten und etwas gottſeliges in ihrem Gange. Wie in Allem, was in der Nähe oder in der Ferne dem niederdrückenden, vernichtenden Einfluß dieſer Menſchen ausgeſetzt war, ſo mangelte auch in dieſem Hauſe düſterer Ruhe Leben und Bewegung. Die Pfleglinge in ihm vegetirten in einer Einförmigkeit und Re⸗ gelmäßigkeit, bei welcher die einzige Abwechslung in Andachts⸗ übungen beſtand. Der Geiſt, ohne Nahrung, ohne Verkehr mit der Außenwelt, ohne Aufregung, ermattete, wie die E. E. V. V. richtig berechneten, in der Einſamkeit. Die Schläge des Herzens ſchienen langſamer zu werden, das Gemüth er⸗ ſtarrte, die Seelenkraft erſchlaffte. Am Ende erloſch die Willensfreiheit; und die Pfleglinge, demſelben Verfahren völ⸗ liger Entnervung unterworfen wie die Novizen der Geſell⸗ chaft, wurden gleichfalls Leichen in den Ländenz der B densbrüder. — . S 8 Der Zweck dieſer Kunſtgriffe war klar und einfach. Sie ſicherten den Erfolg von Erſchleichungen jeder Art, welche ſtets das Ziel der gewandten Politik und der unbarmherzigen Habgier dieſer Prieſter ſind. Mit den ungeheuren Summen, welche ſie ſo als Eigenthümer oder Bewahrer in die Hände bekamen, verfolgten und ſicherten ſie das Gelingen ihrer Plane, ob auch Mord und Brand und Aufruhr und alle Gräuel des Bürgerkriegs, von ihnen mit Geld und Aufhetzung angeſtiftet, das Land verheerten, das ſie im Dunkeln beherrſchen wollten. Mittel und Zweck dieſer Ordensleute ſind ſtets dieſelben ge⸗ weſen und werden ſtets dieſelben bleiben. Ihr Hebel iſt vas Geld, erwotben auf jede mögliche Weiſe, wie ſchimpflich und verbrecheriſch ſie auch ſein möge. Ihr Ziel iſt Knechtung der Geiſter und der Gewiſſen, um dieſelben zum Vortheil der Geſellſchaft Jeſu auszubeuten. Eins der Mittel, Geld zu er⸗ ſchnappen, war die Gründung des Retraitehauſes, in welchem ſich jetzt Hardy befand. Leute, deren Geiſt kränkelte, deren Herz gebrochen, deren Verſtand geſchwächt war, die ſich durch Frömmelei irre leiten und durch die Empfehlungen der einflußreichſten Mitglieder der Pfaffenpartei täuſchen ließen, wurden angelockt, gehätſchelt, dann allmählig von der Außenwelt abgeſchnitten und endlich in dieſer heiligen Höhle ausgeplündert Alles auf's Gott⸗ ſeligſte und ad majorem Pei gloriam (zur Ehre Gottes) gemäß dem Wahlſpruch der ehrſamen Geſellſchaft. Im Je⸗ ſuitiſchen Rothwälſch heißen dieſe frommen Raubneſter: (wie aus den heuchleriſchen Anzeigen zu erſehen iſt) heilige Zu⸗ fluchtſtätten, eröffnet für Seelen, welche des eit⸗ len Geräuſches der Welt müde ſind — oder auch Ruhe⸗ ſtätten, in welchen der Gläubige, glücklicher Weiſe der irdiſchen Familien⸗und Freundſchafts⸗ bande entledigt, mit Gott allein iſt und endlich wirkſam an ſeinem Seelenheil arbeiten kann. Alles das ſteht feſt und iſt durch tauſend Beiſpiele von ſchändlichen Erſchleichungen zum Nachtheil der Familien der Pfleglinge bewieſen. Tritt nun ein rechtlicher Mann auf und macht dem Staat den Vorwurf, daß er dieſe gefährlichen Orte nicht wirkſam beaufſichtige, ſo muß er das Geſchrei der Pfaffenpartei anhören, die Anrufung der Freiheit des Ein⸗ ½ welche die Gewiſſen zelen, den Jammer Wehklagen über die Tyrannei, terdrücken will. Läßt man das Ge⸗ ſchrei gelten, ſo können auch die Inhaber von Biribi und Roulette die Freiheit des Einzelen anrufen und Appellation einlegen gegen die Verfügungen, durch welche die Spielhäuſer geſchloſſen worden ſind. Dieſe Schließung iſt ja am Ende — auch ein Angriff auf die Freiheit der Spieler, welche frei⸗ S willig und freudig gekommen ſind, ihr Erbtheil in dieſen Höhlen verſchlingen zu laſſen; — ſie iſt eine Tyrannei, geübt gegen ihr Gewiſſen, welches ihnen erlaubte, die letzten Hülfs⸗ mittel ihrer Familie auf eine Karte zu verlieren. Ernſtlich geſprochen — welcher Unterſchied iſt zwiſchen einein Menſchen, welcher die Seinen durchs Spiel rouge ou noir (Schwarz oder Roth) beraubt und zu Grund richtet, und zwiſchen dem, — welcher die Seinen beraubt und zu Grund richtet in der Hoffnung glücklich zu ſetzen in dem Spiel Himmel und Hölle, welches gewiſſe Prieſter freventlich erſonnen haben, — die Croupiers desſelben zu ſein ¹)? Dem wahren Geiſte des Chriſtenthums widerſpricht nichts S mehr, als dieſe ſchamloſen Veraubungen. Das Chriſtenthum lehrt Bereuung der Fehler, Uebung aller Tugenden, Aufopfe⸗ *) Kürzlich haben die Démocratie Pacifique und der National von einer Erſchleichung geſprochen, welche Prieſter durch ſchändliche Mittel bewerkſtelligt haben in Betreff einer Erbſchaft von acht WMillionen. Die Sache wird nächſtens vor die Gerichte kommen. Folgende Angabe, deren Echtheit wir verbürgen, iſt uns mitgetheilt Wir verſchweigen die Eigennamen darin. * beſitzt, hak kürzlich vor dem Notar ** zu Paris eine Million zu dem Zwecke, daß nach ſeinem Tod ein Jeſuitenhaus ge⸗ gründet würde, in welchem nur ſolche Kinder aufgenommen werden X ſollten, deren Eltern und Großeltern nach eingezogener Erkundigung als fromme Leute anerkannt wären. Es hat viele Mühe gekoſtet, der Urkunde dieſer Schenkung eine geſetzlich gültige Form zu geben. Die königliche Regierung hat ſogar lebhaften Einſpruch gethan, aber die Geſchicklichkeit der Söhne von Ignatius hat die Oberhand behalten. Die E. E. V. V. haben den Schenker ſo berückt, daß er im Ernſt verſichert: ohne ein Wunder, welches ihren Bedürf⸗ niſſen abgeholfen hat, würden die E. E. V. V. in der Poſtſtraße dieſen Winter Hungers geſtorben ſein. Herr * hat einige wohl⸗ habende Verwandte, aber auch ſolche, die mit Ehren arm ſind. Herr *s, ein reicher Gewerbsmann, welcher die *Fabrik bei 6 rung für die Leidenden, Nächſtenliebe als die Stücke, durch 7 welche man den Himmel verdient, nicht aber eine Geld⸗ ſumme, die aufs Spiel geſetzt wird, um das Paradies zu gewinnen, und die von Taſchenſpielern im Prieſtergewand eingeſtrichen wird. So war die Zufluchtſtätte des Friedens und der Un⸗ ſchuld, in welcher ſich Hardy befand. Er hatte das Erdge⸗ ſchoß eines auf den Garten des Hauſes gehenden Pavillons * 3 inne. Seine Wohnung war mit Unſicht gewählt. Man kennt die teufliſche Geſchicklichkeit, mit welcher die E. E V. V. das, was in die Sinne fällt, anwenden, um auf die Gemüther die ſie bearbeiten, einen tiefen Eindruck zu machen. Män ſtelle ſich vor als einzige Ausſicht eine hohe ſchwarzgraue ℳ Mauer halbbedeckt von Epheu, dieſer Trümmerpflanze, ferner eine Allee von alten Eiben, dieſen Bäumen der Grabſtätten, — welche ſich nach der Mauer hinzog von einem kleinen Halb⸗ kreis vor dem Wohnzimmer Hardy's. Die übrigen Annehm⸗ lichkeiten des Gartens beſtanden in ein paar Erdhaufen, die mit geſtutztem Buchsbaum eingefaßt waren. Das Ganze glich einer Anpflanzung um ein Kenotaphium. 6 zwei Uhr Nachmittags. Die Aprilſonne ber ihre Strahlen konnten vor der hohen Mauer oon me in dieſen Theil des Gartens eindringen, der düſter, feucht und⸗kalt war, wirrin Keller Das Zimmer Hardy's, welches dieſe trübſelige Ausſicht hatte, war äußerſt wohnlich eingerichtet. Der Fußboden war mit einem weichen Teppich belegt. Dichte Vorhänge von dunkelgrünem Kaſimir von derſelben Farbe wie die Wandbekleidung, verhüllten ein treffliches Bett und die nach dem Garten führende Glasthür. Einige Möbel von Mahagony waren ſehr einfach gearbeitet, aber ſo rein gehalten, daß ſie glänzten. Ueber dem Schreib⸗ tiſch, welcher dem Bett gegenüber ſtand, hing auf einem 1 Grund von ſchwarzem Sammet ein Crucifir von Elfenbein. Das Kamiſt war geſchmückt mit einer Stutzuhr, auf deren Gehäuſe von Ebenholz Sanduhren, Senſen, Todtenköpfe u. dgl. von Elfenbein eingelegt waren. Dazu denke man ſich nun ein trübſeliges Halbdunkel und ein düſteres Schweigen, welches nur zur Stunde des Gottesdienſtes von dem ſchauer⸗ lichen Geläute der Glocken auf der Kapelle der E. E. V. V. „ — 2 — * 5 „ — unterbrochen wurde, und man wird die hölliſche Geſchicklich⸗ keit erkennen, mit welcher dieſe gefährlichen Prieſter Aeußer⸗ lichkeiten zu benutzen wiſſen, je nach dem Eindruck, welchen ſie auf das Gemüth des zu Beſchleichenden machen wollen. Allein nicht bloß auf das leibliche ſondern auch auf das geiſtige Auge ſuchten die E. E. V. V. zu wirken. Ein ein⸗ ziges Buch war wie zufällig zur Verfügung Hardy's gelaſſen: die Nachahm ung. Da abrr Hardy vielleicht nicht den Muth oder nicht die Luſt hatte, dies troſtloſe Werk zu leſen, ſo waren Stellen daraus in grober Schrift auf einzele Blätter gedruckt und dieſe in ſchwarzen Rahmen theils im Innern v Hardy's Alcoven, theils an denjenigen Stellen der Wand aufgehängt, auf welche ſein Blick zuerſt fallen mußte, ſo daß er in ſeiner trübſeligen Unthätigkeit nicht umhin konnte, ſie zu leſen. Wir wollen einige derſelben anführen, um zu zeigen, in welchen Zauberkreis die E. E. V. V. den durch tiefen Kummer gebrochenen Geiſt des Unglücklichen gebannt hatten, indem ſie ihn bei Tag und bei Nacht, wenn der Schlaf ſeine rothgeweinten Augen floh, Lehren der Verzweiflung leſen ließen. ¹) Eitel iſt, wer ſeine Hoffnung 3 Menſchen v ſetzt, oder auf irgend ein Geſchöpf. Es wird hienieden bald mit dir“vorgei ſeim“ Der Menſch, welcher heute lebt, kommt mor⸗ gen nicht mehr zum Vorſchein, und wenn er un 1 Im Directorium lieſt man Folgendes in Betreff der Mittel, welche anzuwenden ſeien, um Leute, die man ausbeuten will, in die Geſellſchaft Jeſu zu ziehen: Um Jemand in die Geſellſchaft zu ziehen, darf man nicht ungeſtüm zu Werke gehn. Man muß eine gute Gelegenheit abwartenz. B. wenn der Betreffende einen heftigen Kummer hat, oderwenn ſeine Geſch äfte ſchlecht gehen. Selbſt in den Laſtern findet ſich eine treffliche Gelegenheit. (Vgl. die trefflichen Erläuter ingen von Dezamy zu den Conſtitutionen der Jeſuiten in ſeinem Werk: Der Jeſui⸗ tismus, beſiegt vom Socialismus. Paris 1845.) Es verſteht ſich daß die im Tert folgenden Stellen wörtlich aus der vom E. V. Genelieu überſetzten und mit einer Vorrede verſehenen Nachahmung entnommen ſind. ſern Augen entſchwunden iſt, dann erliſcht eré bald in unſerer Erinnerung. Am Morgen denke, d ß du, vi Abend erleben wirſt. ℳℳ C Am Abend„ſchmeichle di 3 ſoheß. r 2 als Leiden. Dies ganze indiſche Leben iſt von K umgeben. Trage dieſe Kreuze, züch⸗ — tige und bändige deinen Leib, verachte dich ſelbſt „ und wünſche von andern verachtet zu werden. 3½ Sei überzeugt, daß dein Leben ein ſteter Tod ſein ſoll. Je mehr ein Menſch ſich ſelber abſtirbt, deſto mehr fängt er an Gott zu leben. Aber es war auch nicht genug, mit dieſen troſtloſen Sätzen die Seele des Opfers in eine unheilbare Verzweiflung zu ſtürzen. Sie mußte ferner noch zu dem leichenhaften Gehorſam der Geſellſchaft Jeſu gewöhnt werden. Darum hatten die E E. V. V. weislich noch andere Stellen aus jenem zur Einſchüchterung ſchwacher Seelen und zur Knech⸗ tung der Kleinmüthigen beſtimmten Buch gewählt. So las an an den Wänden: Es iſt ein großer Vortheil, im Gehorſam zu leben, einen Oberen zu haben und nicht Herr ſeiner Handlungen zu ſein. Gehorchen ſt viel ſicherer als befehlen. Man iſt glücklich, wenn man nur von Gott ab⸗ hängt in der Perſon der ſeine Stelle vertretenden Oberen.“ Das Opfer, wenn es in Verzweiflung und Entſetzen ge⸗ 1 ſtürzt, aller Frahenenshet und zu einem blinden, thie⸗ * riſchen Gehorſam gebracht, wenn es mit der Schamloſigkeit pfäffiſchen Hochmuths überredet war, die Unterwerfung unter den erſten beſten Prieſter ſei Unterwerfung unter Gott ſel⸗ ber — das Opfer mußte ferner in dem Hauſe feſtgehalten Wer wird deine nach deinem,Tod gen Wer wird für dich beten? , Du täuſcheſt dich, wenn du etwas anders uchſt, d nicht, den Morgen zu — 2 enken⸗ werden, wo man für immer ſeine Kette ſchmieden wollte. Darum waren die weiteren Sätze zu leſen: Laufe hierhin, laufe dorthin — Ruhe wirſt du nicht fendemhertuMenüthiger Unterwerfung unter die Leitung eines Oberen. Manche ſind eetiruſcht worden durch die Hoff⸗ nung, es anderwärts beſſer zu finden, und durch die Luſtzu wichſelm Nun ſtelle man ſich den unglücklichen Hardy vor, der ver⸗ wundet in dies Haus gebracht worden war, ihn, deſſen zer⸗ ſchtnarnes, durch endetzlichen Kummer und ſchändlichen Ver⸗ rath zerriſſenes Herz weit mehr blutete, als Wunden ſeines Körpers. Von dieſen Wunden, welche er empfangen hatte, indem er ſich in ſeine brennende Fabrik ſtürzte, war er unter ſorgſamer Pflege durch die bekannte Geſchicklichkeit des Dortor Baleinier geheilt worden. Nach der Heilung aber wandte der ehrwürdſge Doetor, um die Anſchläge der E. E. V. V. zu begünſtigen, fleißig gewiſſe Arzneimittel an, die, wie früher erwähnt, an ſich ziemlich unſchädlich, beſtimmt waren, auf die Seelenſtimmung zu wirken und den Geneſen⸗ den lange in einer gewiſſen Betäubung des Denkvermögens erhielten. Für ein, durch entſetzliche Täuſchungen gebrochenes Herz iſt es ſcheinbar eine unſchützbare Wohlthat, in dieſe Erſtarrung verſenkt zu ſein, welche wenigſtens hindert, an eine verzweiflungsvolle Vergangenheit zu denken. Hardy überließ ſich dieſer Unempfindlichkeit und kam unmerklich ſo weit, daß er die Betäubung der Seele als ein Glück be⸗ trachtete, gleichwie die von ſchmerzhaften Krankheiten Ge⸗ quälten mit Dank den Opiumtrank annehmen, welcher ſie langſam tödtet, aber doch ihre Schmerzen einſchläfert. Bei der früher gegebenen Schilderung Hardy's haben wir uns bemüht, die zaurte Empfinvlichkeit ſeiner Seele, ſeine Reizbarkeit durch Alles, was niederträchtig und boshaft hieß, ſeine unausſprechliche Güte, ſeine Rechtlichkeit und ſeinen Edelmuth dem Leſer vor Augen zu ſtellen. Wir erin⸗ nern an dieſe Schilderung, um hinzu zu fügen, daß ſolche Eigenſchaften ſich faſe nie mit einer kraftvollen, entſchloſſenen Sinnesart verbunden finden. Hardy war wunderbar beharr⸗ lich, und ſeine Wirkſamkeit drang unaufhaltſam nach ihrem 6 — Ziele durch. Aber ſeine Beharrlichkeit hatte nichts die Men⸗ ſchen bezwingendes. Richt durch die rauhe Willenskraft an⸗ derer Menſchen von edlem Herzen hatte er die Wunder ſei⸗ nes Gemeinſchaftshauſes gewirkt, ſondern durch liebreiche Ueberredung. Beim Anblick einer Niederträchtigkeit, einer Ungerechtigkeit gerieth er nicht in Zorn, ſondern ſein Herz litt. Er ging nicht dem Boshaften zu Leibe, er wandte viel⸗ mehr mit Schmerz die Augen von ihm ab. Sein weiblich zartes Herz hatte das Bedürfniß, die ſanfteſten Neigungen der Seele zu befriedigen. Sie allein gaben ihm Leben. So ſtirbt ein ſchwaches Vöglein vor Kälte, wenn nicht mehr an ſeine Brüder drängen kann, um von ihnen, wie ſie von ihm, die ſanfte Wärme zu empfangen, welche ſie in dem mütterlichen Neſt erquickte. Und dieſe gefühlreiche Natur war Schlag auf Schlag von Täuſchungen betroffen worden, von denen jede für ſich genügt hätte, auch den feſteſten Sinn zu erſchüttern. Sein vertrauter Freund hatte ihn verrathen. Eine angebetete Geliebte hatte ihn verlaſſen. Das Haus, welches er für ſeine von ihm als Brüder geliebten Arbeiter gegründet hatte, lag in Aſche und Trümmern. So waren alle ſpannenden Kräfte ſeiner Seele gebrochen. Zu ſchwach, um ſolchen Schlägen zu widerſtehen, zu grauſam getäuſcht, um neue Liebe und Freundſchaft zu ſuchen, zu entmuthigt, um an den Wiederaufbau des Gemeinſchaftshauſes zu den⸗ ken, ſuchte dies arme, von jeder heilſamen Berührung abge⸗ ſchnittene Herz Vergeſſenheit der Welt und ſeiner ſelbſt in der Erſtarrung. Wollte ja zuweilen ein Funke von Leben und Liebe ſich in ſeiner Seele regen, öffnete er dann und wann halb ſeine Augen, die er gern verſchloſſen hielt, um weder Gegenwaunch Vergangenheit, noch Zukunft zu ſehen, ſo fiel ſein Blick auf Sätze, wie: Du biſt nur Staub und Aſche, — Du biſt zu Schmerzen und Thränen geboren — Glaube an nichts auf der Welt. — Es gibt weder Verwandte noch Freunde. — Alle S Trug. — Denke nicht, über⸗ lege nicht, ſi nicht. Ueberlaß dieſe traurigen Geſchäfte einem Oberen, der für dich denken und überlegen mag. — Du aber weine, leide und denke an den Tod. — Der Tod muß⸗das Bi all — 44 deiner Gedanken ſein, wofern du denkſt. Beſſer aber iſt es, nicht zu denken. — Habe nur das Gefühl eines unabläſſigen Schmerzes. Weiter bedarf es nichts, um den Himmel zu gewinnen. — Der Herr iſt ein eifriger Gott. Man wird ihm nur durch Leiden willkommen. — Das waren die dem Unglücklichen gebotenen Tröſtungen. Er erſchrak, ſchloß die Augen und verſank von neuem in geiſtige Schlafſucht. Dies düſtere Retraitehaus zu verlaſſen war ihm unmög⸗ lich, oder vielmehr, es fiel ihm nicht ein. Der Wille dazu fehlte i d dann hatte er ſich auch am Ende ſo an den Aufenthalt daſelbſt gewöhnt, daß er ſich wohl darin befand. Man bewies ihm eine ſo zarte Sorgfalt, man ließ ihn ſo mit ſeinem Schmerz allein, die Grabesſtille in dieſem Hauſe ſtimmte ſo gut zu der Stille ſeines Herzens, welches nur noch ein Grab war, wo ſeine letzte Liebe, ſeine letzte Freund⸗ ſchaft, ſeine letzten Hoffnungen für die Arbeiter begraben lagen! Eine langſame Umwandlung war mit Hardy vorgegangen, nachdem alle Willenskraft in ihm erloſchen war. Allmählig war er dazu gekommen, die Sätze, welche ihn anfangs er⸗ ſchreckt hatten, maſchinenmäßig zu leſen, wie der Gefangene, der nichts weiter zu thun hat, die Nägel an ſeiner Gefäng— nißthür oder die Platten auf ſeinem Fußboden zählt. Dies war ſchon ein bedeutendes Ergebniß für die E. E. V. V. — Bald machte die ſcheinbare Richtigkeit einiger von jenen Sätzen Eindruck auf ſeinen geſchwächten Geiſt. Er las: Man muß auf die Zuneigung keines Geſchöpfs auf der Welt rechnen — und er war ſchändlich verra⸗ then worden —. Der Menſch iſt zu, d geboren — und er ſchmachtete in unſäglichem Leid./— Ruhe iſt nur in Verleugnung des Denkens — und bei ihm brachte nur der Schlaf ſeines Geiſtes ſeine Schmerzen eigermaßen zur Ruhe. Bei allen Wohnungen der in den Wän⸗ den auf geſchickte Weiſe Löcher angebr urch welche man zu jeder Stunde die Inhaber ſe und behorchen konnte. Priſfende Blicke drangen durch dieſe Oeffnungen und beob⸗ achteten der Pfleglinge Mienen und S — 45 — ſo viel verrathen, wenn der Menſch ſich allein glaubt. Ein ſolcher heimlicher Beobachter hinterbrachte dem P. Aigrigny einige ſchmerzliche Ausrufungen Hardy's. Der Marquis, welcher pünktlich den Weiſungen Rodin's folgte, hatte an⸗ fangs ſeinen Pflegling nur ſehr ſelten beſucht, und nur, um ſich nach ſeinem Befinden zu erkundigen. Bei dieſen Beſuchen verfuhr er mit taktvoller Umſicht und mit dem gewinnenden Weſen, welches wir früher, als faſt unwiderſtehlich bezeichnet . haben. Nach der Meldung ſeines Spähers erwog Aigrigny, welcher Vortheil ſich aus der geiſtigen und körperlichen Nie⸗ dergedrücktheit Hardy's ziehen ließe Mehrmals ſprach er ihm von der Trübſeligkeit des Hauſes und rieth ihm liebevoll, falls die Eintönigkeit des Lebens darin ihm beſchwerlich fiele, daſſelbe zu verlaſſen, oder wenigſtens außerhalb einige Zer⸗ ſtreuung und Erholung zu ſuchen. Sprach man dem Un⸗ glücklichen in ſeinem jetzigen Zuſtand von Zerſtreuung und Erholung, ſo veranlaßte man damit ſicher eine Weigerung. Dabei ſagte Aigrigny anfänglich kein Wort von den Unfäl⸗ len, welche den Armen betroffen hatten Aber ſo oft er ihn ſah, ſprach er in kurzen, paſſenden Worten ſein tiefes Mit⸗ gefühl gegen ihn aus. Die anfangs ſeltenen Unterredungen wurden allmählig häufiger und länger. Zum Gegenſtand dieſer Unterredungen nahm Aigrigny die troſtloſen Sätze, welche dem Unglücklichen überall vor Au⸗ gen geſtellt waren. Er wußte, daß Hardy ſich bisher zu der natürlichen Religion bekannt hatte, welche dankende Anbe⸗ tung Gottes, Liebe zur Menſchheit, Pflege des Rechten und Guten predigt und, das Dogma verſchmähend, dieſelbe Ver⸗ ehrung dem Mare Aurel zollt wie dem Confucius, dem Platv wie dem Chriſtus, dem Lykurg wie dem Moſe. Aigrigny enthielt ſich anfangs aller Bekehrungsverſuche, und erinnerte ihn dagegen unabläſſig an die ſchmerzlichen Täuſchungen, die er erlitten. Anſtatt ihm dieſe Verräthereien als Ausnah⸗ men im Leben daxzuſtellen, anſtatt auf Beruhigung und Er⸗ munterung dieſe rgeſchlagenen Seele hinzuwirken, an⸗ ſtatt ihm das en ſeines Kummers in der Erfüllung ſeiner Pflichten ge ie Menſchheit in Ausſicht zu ſtellen, riß Aigrigny die blut Wunden dieſes Unglücklichen noch weiter auf, indem er ihm die Menſchen als ſpitzbübiſch, un⸗ 2 — 46 — dankbar, boshaft ſchilderte. Damit tödtete er alle Hoffnung in ihm. Nach Erreichung dieſes Zwecks ging der Jeſuit einen Schritt weiter. Da er die Herzensgüte Hardy's kannte, be⸗ nutzte er ſeine Geiſtesſchwäche und ſprach ihm von dem Troſt, welcher für einen mit verzweifeltem Kummer belade⸗ nen Menſchen in dem feſten Glauben läge, daß keine ſeiner Thränen unfruchtbar, jede vielmehr Gott wohlgefällig ſei und beitragen könnte zur Seligkeit anderer Menſchen in dem Glauben, daß es nur dem Gläubigen gegeben ſei, ſeinen Schmerz dem Herrn angenehm zu machen und nütz⸗ lich für Menſchen, die eben ſo unglücklich wären, wie er. Dabei wurde das Abſtoßende in den ſchändlichen Grundſätzen, die aus dem Schöpfer einen, nach den Thränen der Men⸗ ſchen dürſtenden grimmigen Gott machen, dem Auge Har⸗ dy's entrückt. Bald fand ſeine liebevolle, von dieſen Schand⸗ pfaffen zum geiſtigen Selbſtmord getriebene Seele einen bit⸗ terſüßen Zauber in der Vorſtellung, daß wenigſtens ſein Kummer andern Menſchen Vortheil bringen könnte. Das war freilich anfangs nur eine Vorſtellung, wie von etwas möglichem. Allein, ein geſchwächter Geiſt, der an einer ſol⸗ chen Behagen findet, läßt ſie am Ende als Wahrheit gelten und unterzieht ſich allmählig allen Folgen derſelben. So war der Körper- und Seelenzuſtand Hardy's, als er durch einen Diener, der ſich hatte gewinnen laſſen, von Agri⸗ cola Baudoin einen Brief erhielt, in welchem dieſer ihn um eine Zuſammenkunft bat. Der Tag dieſer Zuſammenkunft war gekommen. Etwa rei Stunden vor dem zum Beſuch Agricola's angeſetzten Zebpunkt, trat Aigrigny in das Zim⸗ mer Hardy's. Siebentes Kapitel. D or Be ſun ſch ⸗ — ℳ . 8 — Als der igrigny in das Zimmer Hardy's trat, ſaß dieſer in einem großen Lehnſtuhl. Seine Haltung verrieth eine unausſprechliche Niedergeſchlagenheit. Auf einem Tiſch⸗ chen neben ihm ſtand ein von Baleinier verſchriebener Trank ¹ zur Stärkung ſeiner erſchütterten Natur. Hardy ſchien nur noch der Schatten von dem zu ſein, was er geweſen. Auf ſeinem bleichen, abgemagerten Geſicht lag eine gewiſſe Ruhe. Seine Haare waren in den wenigen Wochen ſeit dem Brand ſeiner Fabrik völlig grau geworden. Sein matter Blick rich⸗ tete ſich bald hierhin, bald dorthin. Er ſtützte den Kopf auf 3 die Rücklehne ſeines Seſſels und ſeine aus den weiten Aer⸗ meln eines braunen Schlafrocks ervorſehenden Hände auf die Armlehnen. Aigrigny hatte beim Eintrkten ſeinem eſicht den wohl⸗ 1 wollendſten, liebevollſten Ausdruck gegeben. Sein Blick war mild und freundlich, — der Ton ſeiner Stimme ſo ein⸗ ſchmeichelnd wie je. Er umarmte ſeinen Pflegling mit er⸗ heuchelter Hetzlichkeit (der Jeſuit umarmt fleißig) und ſprach „Nun, mein lieber Sohn, wie befinden Sie ſich heute?“ 0 „Wie gewöhnlich, Ehrwürdiger Bc„ — 5 „Sind Sie fortwährend mit der Bedienun zufrieden, mein lieber Sohn?“ „Ja, Ehrwürdiger hr.“ „Die Stille, welche Sie ſo ſehr lieben“ iſt doch hoffentlich nicht geſtört worden?“ „Nein, ich dank Wohnu t Ihnen noch immen . „Noch immer.“ „Es fehlt Ihnen an pigts?“ 5 — 1 „Nein, Ehrwürdiger „Wir ſind ſo glücklich, indem wir ſehen, wik es Ihnen in — unſerm ärmlichen Hauſe gefällt, mein lieber Sohn, daß wir Ihren Wünſchen engegenkommen ntn „Ich wünſche nichts, Ehrwürdiger , nichts als Schlaf. Ach! der Schlaf iſt ſo wohlthuend.“ „Schlaf iſt Vergeſſen. Und hiernieden iſt Vergeſſen beſſer denn Erinnerung, denn die Menſchen ſind ſo undankbar, ſo boshaft, daß faſt jede Grinnerung kitteriit. icht wahr, 2 8 mein lieber Sohn?“ o „Ach, es iſt nur zu wahr, Ehrwürdiger 2 „Ich bewundere immer Ihre fromme Ergebüng, ein lie⸗ ber Sohn. O, wie gottwohlgefüllig iſt dieſe ſtete Sanftmuth in der Trübſal! Glauben Sie mir, mein lieber Sohn, Ihr Schmerz und Ihre unverſiegbaren Thränen ſind ein in den Augen des Herrn für Sie und für Ihre Brüder verdienſtliches Opfer. Denn da der Menſch dazu geboren iſt, in dieſer Welt zu leiden, ſo heißt leiden mit Dank ge⸗ gen Gott, der uns die Trübſale ſchickt, ſo viel wie beten, und wer betet, der betet nicht allein für ſich, ſondern auch für die ganze Menſchheit.“ „Gebe der Himmel, daß wenigſtens meine Schmerzen nicht nutzlos ſen und für ſich ſagte er, wie um über Aigrigihs Worte nä zudenken: „Leiden iſt beten, — — beten für die ganze Menſchheit. — — Und doch kam es mir ſonſt vor, — — als wäre die Beſtimmung des Menſchen — —.“ „Reden Sie weiter, mein lieber Sohn. Sagen Sie Alles, was Sie denken.“ Hardh hatté ſich ein wenig gerade geſetzt, indem er ſich bemühte, ſeine Gedanken zu ſammeln. Nach einem Augen⸗ blick workens er ſich wieder zurückſinken und bute Es ermüdet mich — — und ich fühle nicht mehr die Kraft dazu in mir.“ „Sie haben Recht,, mein „lieber Sohn. Wozu denken? Glauben iſt te zu dulden, Vorgehmlich muß man geſſen.“ —Er lehnte den Kopf an die ückwand ſeines Seſ⸗ ſels und bedeckte feine Augen u ändrn“ „Ach, mein lieber Sohn!“ ſeufzte der geiſtliche Comödiant zu glauben und n e ver⸗ mit Thränen in den Augen und kniete neben Hardy's Stuhl nieder, „ach, wie hat der Freund, von dem Sie ſo ſchändlich ver⸗ rathen worden ſind, ein Herz wie das Ihrige verkennen mö⸗ gen? .. Aber ſo geht es immer, wenn man die Zuneigung der Geſchöpfe ſucht, anſtatt bloß an den Schöpfer zu denken! Und dieſer unwürdige Freund — — „O, Erbarmen!“ unterbrach Hardy flehentlich. „Sprechen Sie mir nicht von dieſem Verrath.“ „Nein, ich will nicht davon ſprechen, mein treuer Sohn. Vergeſſen dieſen eidbrüchigen Freund. Vergeſſen Sie dieſen Schändlichen, den früher oder ſpäter die Rache Got⸗ tes treffen wird dafür, daß er mit Ihrem edlen Zutrauen ein hölliſches Spiel getrieben hat. — — Vergeſſen Sie auch das unglückliche Weib, deſſen Verbrechen groß geweſen iſt, da ſie Ihnen zu Gefallen heilige Pflichten mit Füßen getreten hat. Der Herr hat ihr eine ſchreckliche Strafe vor⸗ behalten, und eines Tags — —“ „Das iſt zuviel!“ unterbrach Hardy abermals mit gepreß⸗ ter Stimme, welche tiefen Schmerz verrieth. „Sie wiſſen nicht, Ehrwürdiger Vater, wie wehe Sie mir thun. — — Nein — — Sie wiſſen es nicht.“ „O, verzeihen Sie, mein Sohn. Aber, ach! Sie ſehen, wie die bloße Erinnerung an dieſe irdiſchen Bande Sie noch immer ſchmerzlich erſchüttert. Beweiſt Ihnen das nicht, daß Sie außer dieſer verderbten und verderbenden Welt zuver⸗ läſſige Tröſtungen ſuchen müſſen?“ — „O Gott! werd' ich ſie je finden?“ 6 „Ja, Sie werden dieſelbe finden!“ rief Aglgu mit treff⸗ lich geſpielter Rührung. „Können Sie daran zweifeln? O welch ſchöner Tag wird es für mich ſein, wenn nach weiteren Schritten auf dem Pfade des Heils, den Sie ſich mit Ihren Thränen bahnen, Alles, was Ihnen jetzt noch mit Dunkel umhüllt ſcheint, von einem göttlichen Licht erhellt werden wird! O heiliger, glücklicher Tag, wo die letzten Bande, welche Sie an dieſe unreine ſchmutzige Erde feſſeln, zerriſſen ſind, und Sie einer Unſrigen werden, undwo Sie gleich uns nur nach den ewigen Freuden trachten!“ „Ja, nach dem Tod!“ . „Sagen Sie lieber, ſäch dem ewigen Leben, mein treuer — 56 Sohn, nach dem Paradies. Dort werden Sie einen herrlichen Platz haben nicht weit von dem Allmächtigen. Mein väter⸗ liches Herz wünſcht und hofft es, denn Ihrer wird täglich in meinem Gebet gedacht und im Gebet unſerer guten Väter.“ „Ich thue wenigſtens, was ich kann, um zu dieſem blinden Glauben zu kommen, zu dieſer Losmachung von Allem, in welcher ich, wie Sie, ehrwürdiger Vater, ſagen, endlich Ruhe finden ſoll.“ „Armer lieber Sohn! wenn Ihre chriſtliche Beſcheidenheit Ihnen erlaubte, zu vergleichen, was Sie in del erſten Tagen Ihres Hierſeins geweſen ſind, mit dem, was Sie jetzt ſind, und zwar bloß durch Ihren aufrichtigen Wunſch, den Glauben zu haben — ſo würden Sie ſtaunen. Gott! welcher Unter⸗ ſchied! Ihrer Aufregung, Ihren verzweiflungsvollen Seufzern iſt eine gottſelige Ruhe gefolgt.“ Iſt es nicht ſo?“ „Ja, es iſt wahr. Manchmal, wenn ich recht gelitten habe, ſchlägt mein Herz nicht mehr — — ich bin ruhig — — die Todten ſind auch ruhig.“ Und der Unglückliche ließ ſein Haupt auf die Bruſt ſinken. „Ach mein lieber Sohn! Das Herz will mir brechen, wenn ich Sie zuweilen ſo ſprechen höre. Ich fürchte immer, Sie möchten ſich zurückſehnen nach dieſem weltlichen Leben, welches ſo reich iſt an ſchmählichen Täuſchungen. Uebrigens werden Sie in dieſer Beziehung noch heute eine entſcheidende Probe zu beſtehn haben.“ „Wie ſo, lieber Vater?“ „Jenet wackere Handwerker, einer der beßten Arbeiter in Ihrer Fabrik, jall. Sie beſuchen.“ Hardy beſann ſich einige Augenblicke, d nhein Gedächtniß war eben ſo geſchwächt, wie ſeine ieietne „Ach ja,“ ſagte er, „wirklich, Agricola wird kommen. Ich denke, es wird mir Freude machen, ihn zu ſehen.“ 8 „Nun, mein lieber Sohn, ſeine Zuſammenkunft mit Ihnen wird die Probe ſein, von der ich ſpreche. Die Gegenwart dieſes wackeren Jungen wird Sie an das thätige, geſchäftige Leben erinnern, welches ſie ehedem geführt haben. Vielleicht werden dieſe Erinnerungen machen, daß Ihnen die fromme Ruhe, deren Sie jetzt genießen, jämmerlich vorkommt. Viel⸗ leicht werden Sie Luſt bekommeu, ſich von neuem in eine — . Laufbahn zu werfen, auf welcher das Gemüth in der mannigfal⸗ tigſten Weiſe erregt wird, neue Bande der Liebe und der Freund⸗ ſchaft zu knüpfen, kurz das frühertſchrolle bewegte Leben wieder anzufangen. Wenn dieſe Wünſche in Ihnen erwachen, ſo ſind Sie noch nicht reif zum Rücktritt. Folgen Sie dieſen Wünſchen, mein lieber Sohn. Suchen Sie von neuem Luſt und Freude und Feſte. Meine Wünſche werden Ihnen ſtets folgen, ſelbſt in das Getümmel der Welt hinein. Aber er⸗ innern Sie ſich ſtets, mein treuer Sohn, wenn eines Tags Ihr Herz durch neuen Verrath zeriſſen wird, dann wird dieſe Zufluchtſtätte Ihnen immer offen ſtehen, und Sie werden mich hier immer bereit finden, mit Ihnen zu weinen über die trau⸗ rige Eitelkeit der irdiſchen Dinge.“ Hardy hörte dem Mfaffen faſt mit Enſetzen zu. Bei dem bloßen Gedanken, ſich abermals in die F eines Lebens zu werfen, in welchem er ſo bittere Erfahrungen gemacht hatte, bebte ſeine matte Seele zurück. In beinahe flehendem Tone rief der Unglückliche: „Ich, theurer Vater, ſollte in dieſe Welt zurückkehren, wo ich ſo viel gelitten, in welcher ich meine letzten Hoffnungen verloren habe? Ich ſollte mich in Feſte und Luſtbarkeiten miſchen? O, das iſt ein grau⸗ ſamer Spott!“ „Das iſt kein Spott, mein lieber Sohn. Sie müſſen dar⸗ auf gefaßt ſein, daß der Anblick, die Worte dieſes ehrlichen Handwerkers in Ihnen Gedanken wecken, die Sie jetzt für immer vernichtet wähnen. Trifft dieſer Fall ein, dann, mein lieber Sohn verſuchen Sie nochmals das weltliche Leben. Bleibt Ihnen der Rücktritt hierher nicht immer offen nach neuem Kummer, neuen Täuſchungen 2 „Lieber Gott! wozu mich neuen Leiden ausſetzen?“ jam⸗ merte Hardy. „Ich kann ja kaum diejenigen ertragen, welche ich erdulde. O nein! niemals! Vergeſſen von Allem, Vergeſ⸗ ſen meiner ſelbſt, das Nichts des Grabes, das iſt Alles, was ich fortan wünſche.“ „Sie meinen vas, mein lieber Sohn, weil bis jetzt noch keine Stimme von außen bis hierher gedrungen iſt, um Ihre ſtille Einſamkeit zu ſtören — — oder Ihre heiligen Hoff⸗ nungen zu ſchwächen, die Ihnen ſagen, daß Sie jenſeits des Grabes bei dem Herrn ſein werden. Aber dieſer Arbeiter, 2 — — 7 , . — — 52 — Seinigen Beſtes — — wird kommen — — — „Ach, Chrwürdiger w! Ich bin ſo glücklich geweſen, für meine Arbeiter thun zu können, was einem ehrlichen Manne möglich iſt. Das Schickſal hat mir nicht verſtattet, fortzufahren. Ich habe meine Schuld gegen die Menſchheit abgetragen. Meine Kräfte ſind erſchöpft; ich begehre jetzt nichts weiter, als Vergeſſenheit und Ruhe. Iſt das zu viel verlangt, gerechter Gott?“ „Gewiß, mein lieber, treuer Sohn, iſt Ihr Edelmuth un⸗ vergleichlich geweſen. Aber eben dieſen Edelmuth wird der erwähnte Handwerker anrufen, um Ihnen neue Opfer auf⸗ zulegen. Denn für Seelen, wie die Ihrige, liegt in der Vergangenheit eine Verbindlichkeit, und es wird Ihnen faſt unmöglich ſein, dem Drängen Ihrer Arbeiter zu widerſtehen. Sie werden ſich abermals zu einer unabläſſigen Thätigkeit genöthigt ſehen, um einen Bau aus ſeinen Trümmern wie⸗ der erſtehen zu laſſen, um von neuem zu gründen, was Sie vor zwanzig Jahren gegründet haben in der vollen Kraft der Jugend, um wieder die Geſchäftsverbindungen anzuknüp⸗ fen, in welchen Ihre ängſtliche Gewiſſenhaftigkeit ſo oft ver⸗ letzt worden iſt, wieder dieſe Feſſeln anzulegen, welche den großen Geſchäftsmann an ein Leben der Unruhe und Arbeit binden. Aber welchen Lohn finden Sie auch dabei! In ei⸗ nigen Jahren werden Sie durch Anſtrengungen auf denſelben Punkt gelangen, wo Sie im Augenblick dieſer ſchrecklichen Kataſtrophe ſtanden. Und was Sie noch weiter ermuthigen muß, iſt die Ausſicht, daß Sie unter dieſen ſchweren Arbei⸗ weniger auf Ihr Seelenheil bedacht, als auf ſein und der ten wenigſtens nicht mehr der Betrogene eines unwürdigen Menſchen ſein werden, deſſen erheuchelte Freundſchaft Ihnen das Leben angenehm machte. Sie werden ſich nicht mehr eine ehebrecheriſche Verbindung vorzuwerfen haben, in welcher Sie täglich neue Kräfte zu ſchöpfen wähnten, neuen Muth, Gu⸗ tes zu thun, als ob das, was ſtrafbar iſt, je ein glückliches Ende haben könnte! — Nein! dem Ende Ihrer Laufbahn ſich nähernd, des Zanbers der Freundſchaft ledig, die Nich⸗ tigkeit ſtrafbarer Leidenſchaften anerkennend, werden Sie, al⸗ lein ſtehend, muthig den Stürmen des Lebens trotzen. Frei⸗ lich wird der Gegenſatz anfangs groß ſein, wenn Sie dieſe fromme Zufluchtſtätte verlaſſen, wo kein Geräuſch die Samm⸗ lung Ihres Gemüths und Ihre Rihe ſtört; aber eben dieſer Gegenſatz — — —.“ „Genug!“ unterbrach Hardy mit ſchwacher Stimme. „Um Gotteswillen nicht weiter! Wenn ich Sie, Ehrwürdiger Va⸗ ter, nur ſprechen höre von dem Getreibe eines ſolchen Le⸗ bens, ſo ſchwindelt mir, daß mir der Kopf zerſpringen möchte. Nein! nein! Ruhe — vor allen Dingen Ruhe, wär' es auch die Ruhe des Grabes!“ „Aber wie wollen Sie den dringenden Bitten dieſes Hand⸗ werkers widerſtehen? Wem eine Wohlthat erwieſen iſt, der hat ein Recht an ſeinen Wohlthäter. Sie können ſich ſeinen Bitten nicht entziehen.“ „Wenn es nicht anders geht, Ehrwürdiger Vater, — — ſo laſſe ich ihn nicht vor. Ich hatte mich gewiſſermaßen auf dieſe Zuſammenkunft gefreut. Jetzt fühle ich — — es iſt beſſer — — darauf zu verzichten.“ „Aber er wird nicht darauf verzichten. Er wird darauf beſtehen, zu Ihnen zu kommen.“ „Lieber Vater, haben Sie die Güte, ihm ſagen zu laſſen, — — daß ich leidend bin, — — daß es mir unmöglich iſt, ihn zu empfangen.“ „Hören Sie mich an, mein lieber Sohn. In unſeren Ta⸗ gen herrſchen große, unglückſelige Vorurtheile gegen die ar⸗ men Diener Chriſti. Eben, weil Sie freiwillig bei uns ge⸗ blieben ſind, nachdem man Sie zufällig ſterbend in unſer Haus gebracht hat, weil Sie dieſen Aufenthalt lieb gewonnen haben und eine Unterredung verweigern, die Sie anfangs bewilligt hatten, könnte man glauben, Sie ſtünden unter ei⸗ nem fremden Einfluß. So unſinnig dieſer Verdacht auch iſt, er kann entſtehen, und wir wollen nicht, daß er Glauben finde. Es iſt alſo beſſer, Sie empfangen den jungen Mann.“ „Lieber Vater, was Sie von mir begehren, geht über meine Kräfte. In dieſem Augenblick fühle ich mich erſchöpft. Dieſe Unterredung hat mich ganz vernichtet.“ „Aber, lieber Sohn, dieſer Arbeiter wird kommen. Ich will ihm gern ſagen, daß Sie ihn nicht empfangen wollen; aber er wird mir nicht glauben.“ „Ach, Ehrwürdiger Vater, haben Sie Erbarmen mit mir! Ich verſichere Sie, es iſt mir unmöglich, einen Beſuch anzu⸗ nehmen; ich bin zu leidend.“ „Nun ſo laſſen Sie uns einen Ausweg ſuchen. Wie, wenn Sie einige Zeilen ſchreiben, die man ihm einhändigte? Sie könnten ihm eine andere Zuſammenkunft beſtimmen, etwa morgen.“ „Weder morgen, noch jemals!“ rief der aufs Aeußerſte getriebene Unglückliche. Ich will ſchlechterdings Niemand empfangen. Ich will allein ſein — — immer allein. Das bringt ja keinem Menſchen Schaden. Soll mir nicht wenig⸗ ſtens dies verſtattet ſein?“ „Beruhigen Sie ſich, mein Sohn. Folgen Sie meinem Rath. Empfangen Sie dieſen braven Jungen heute nicht.⸗ daSie einmal dieſe Unterredung ſchenen. Aber beſtimmen Sie nichts in Betreff der Zukunft. Morgen können Sie Ihre Meinung ändern. Laſſen Sie Ihre Weigerung unbeſtimmt ſein.“ „Wie Sie wollen, lieber Vater.“ „Zwar wird der junge Mann noch nicht in der nächſten Stunde kommen; dennoch iſt es gut, Sie ſchreiben ihm jetzt gleich.“ „Ich habe nicht die Kraft dazu, lieber Vater.“ „Verſuchen Sie es.“ „Es iſt unmöglich. Ich fühle mich zu ſchwach.“ „Kommen Sie. Ein wenig Muth.“ Und der ehrwürdige Vater holte Schreibzeug herbei; legte ein Buch ſteifes Löſchpapier und ein Blatt Schreibpapier auf Hardy's Knie, reichte ihm die Feder und hielt ihm das Dintefaß. Hardy betheuerte mit ſchwacher Stimme: „Lieber Vater, ich kann nicht ſchreiben.“ Aber Aigrigny ſchob ihm die Feder zwiſchen die ſchlaffen Finger und ſagte: „Nur ei⸗ nige Worte.“ „Ach, lieber Vater, es ſchwimmt mir Alles vor den Au⸗ gen. Ich ſehe nichts.“ Er konnte wirklich nichts ſehen vor den Thränen, die der Jeſuit in ſeine Augen gelockt hatte. „Sein Sie ruhig, mein lieber Sohn. Ich will Ihnen die Hand führen. Dietiren Sie mir.“ „Lieber Vater, ich bitte Sie, ſchreiben Sie ſelber; ich will dann unterzeichnen.“ „Nein, mein lieber Sohn. Aus vielen Gründen muß Alles von Ihrer Hand geſchrieben ſein. Einige Zeilen ſind genug.“ —.—— —, C „Aber, lieber Vater . . .“ „Kommen Sie; es geht nicht anders; ſonſt laß ich den Menſchen herein.“ Aigrigny ſah, daß er es bei dem ſchwachen Mann mit der Feſtigkeit verſuchen konnte, vorbehaltlich der Rückkehr zu ſanfteren Mitteln. Aus ſeinen großen grauen Augen, welche funkelten, wie die eines Raubvogels, warf er dem Erſchöpf⸗ ten einen ſtrengen Blick zu. Hardy erbebte vor dieſem faſt bezaubernden Blick und erwiderte ſeufzend⸗ „Ich will ſchrei⸗ ben, lieber Vater. Aber ich bitte Sie, dictiren Sie Mein Kopf iſt zu ſchwach.“ Und er wiſchte mit ſeiner fieberhaft heißen Hand ſeine Thränen ab. hre dictirte folgende Zeilen: „Lieber Agricola, ich habe überlegt, daß eine Unter⸗ redung mit Ihnen unnütz ſein würde. Sie könnte nur dazu dienen, brennende Schmerzen wieder zu erwecken, welche ich mit Gottes Hülfe unter den ſüßen Tröſtun⸗ gen der Religion vergeſſen habe Hardy ward immer bleicher. Seine Hand konnte kaum mehr die Feder halten. Kalter Schweiß ſtand auf ſeiner Stirn. Aigrigny hielt inne, zog ein Schnupftuch hervor, trocknete das Geſicht ſeines Opfers ab und ſagte in liebreichem Ton Kommen Sie, mein treuer Sohn. Faſſen Sie etwas Muth. Nicht ich habe Sie beſtimmt, dieſe Zuſammenkunft zu ver⸗ weigern, im Gegentheil — nicht wahr? Aber da Sie um Ihrer Ruhe willen dieſelbe aufſchieben wollen, ſo ſuchen Sie, dieſen Brief zu Ende zu ſchreiben. Denn was wünſche ich? daß Sie hinfort einer gottſeligen Ruhe genießen mögen nach ſo vielen peinlichen Erſchütterungen.“ „Ja, lieber Vater, ich weiß, Sie ſind gut. Verzeihen Sie meine Schwäche.“ „Können Sie weiter ſchreiben, mein lieber Sohn?“ „Ja, lieber Vater.“ 3 „Nun, ſo ſchreiben Sie: „Ich genieße eines tiefen Friedens, mir wird eine ſorgfältige Pflege zu Theil, und mit Hülfe der göttli⸗ chen Barmherzigkeit hoffe ich auf ein chriſtliches Ende fern von einer Welt, deren Eitelkeit ich erkenne. Ich 8 —— — 56 — ſage Ihnen nicht Lebewohl, lieber Agricola, ſondern auf Wiederſehen. Denn ich möchte gern mündlich gegen Sie die Wünſche ausſprechen, die ich für Sie und für Ihre wackern Kameraden hege und ſtets hegen werde. Seien Sie mein Dolmetſcher bei ihnen. Sobald ich es für paſſend halte, Sie zu empfangen, werd' ich Ihnen ſchreiben. Bis dahin glauben Sie, daß ich ſtets bin Ihr wohlgeneigter — — —“ „Finden Sie dieſen Brief paſſend?“ fragte der Jeſuit. „Ja, lieber Vater.“ „So unterzeichnen Sie ihn.“ „Ja, lieber Vater.“ Der Unglückliche ſchrieb ſeinen Na⸗ men hin und ſank ermattet in ſeinen Seſſel zurück. — 9 Aigrigny ꝛog ein Papier aus der Taſche und ſagte: „Noch Eins, mein lieber Sohn. Sie müſſen die Güte haben, dieſe neue Vollmacht zu unterzeichnen, welche Sie. unſerm Pater Procurator zur Beendigung der bewußten Angelegenheit geben.“ „Ach Gott! ach Gott! Noch etwas?“ rief Hardy mit ſie⸗ berhafter Ungeduld: „Sie ſehen ja, lieber Vater, daß meine Kräfte erſchöpft ſind.“ „Lieber Sohn, Sie haben bloß Ihren Namen zu unter⸗ ſchreiben, nachdem Sie geleſen haben.“ Mit dieſen Worten legte Aigrigny dem halb ohnmächtigen einen großen Stem⸗ pelbogen vor, der mit einer faſt unleſerlichen Schrift be— deckt war. „Lieber Vater, ich kann das nicht leſen — — heute.“ „Es muß aber ſein, lieber Sohn. Verzeihen Sie meine Dringlichkeit. Wir ſind ſehr arm und — —“ „Ich will unterzeichnen, lieber Vater.“ „Aber Sie müſſen es erſt leſen.“ „Wozu? Geben Sie her.“ „Nun, wenn Sie es durchaus wollen, lieber Sohn, — —“ ſagte der Jeſuit und legte dem Fabrikanten das Papier hin. Hardy unterzeichnete es und verfiel wieder in ſeine Er⸗ mattung. In dieſem Augenblick trat ein Diener ein und ſagte zu Aigrigny: „Herr Agricola Baudoin wünſcht mit Herrn Hardy zu ſprechen. Er ſagt, er ſei beſtellt.“ „Gut. Er ſoll warten,“ erwiderte der überraſchte Aigrigny 3 mit Verdruß, und gab dem Diener einen Wink, daß er hin⸗ aus gehn ſolle. Seinen Aerger verhehlend, wandte er ſich an Hardy mit den Worten: „Dieſem braven Handwerker muß es ſehr eilen, Sie zu ſehen, lieber Sohn, denn er iſt zwei Stunden früher gekommen, als beſtimtwär. Nun — es iſt noch Zeit. Wollen Sie ihn vorlaſſene „Lieber Vater!“ ſagte Hardy ungeduldig, „Siſehen ja, in welchem Zuſtand ich bin. Haben Sie doch Erbarmen mit 1 mir! Ich bitte Sie flehentlich um Ruhe — wäre es auch . . die Ruhe des Grabes. Um's Himmels willen — Ruhe!“ „Einſt werden Sie den ewigen Frieden der Auserwählten genießen, mein lieber Sohn, denn Ihre Thränen und Ihr Jammer ſind dem Herrn wohlgefällig.“ Mit dieſen Worten ging Aigrigny hinaus. Hardy faltete verzweifelnd die Hände, ſank von ſeinem Stuhl herab auf die Knie und rief unter Thränen: „O Gott! Gott! Nimm . mich von dieſer Welt! Ich bin zu unglücklich! Und er beugte . ſein Haupt auf den Sitz ſeines Stuhls, verbarg ſein Geſicht in ſeinen Händen und weinte bitterlich. Auf einmal ließ ſich ein immer lauterer Wortwechſel ver⸗ 1 nehmen, dann ein Geräuſch, als ob zwei Männer ſich balg⸗ ten. Endlich flog die Thür auf und Aigrigny taumelte rück⸗ lings herein. „Wie, Sie wagen Gewalt anzuwenden?“ rief er, bleich vor Zorn, dem hereinſtürzenden Agricola zu. „Ich wage Alles, um zu Herrn Hardy zu kommen,“ er— widerte der Schmied, welcher den Marquis aus dem Weg gerannt hatte, und eilte auf ſeinen, in der Mitte des Zim⸗ mers knieenden ehemaligen Herrn zu. 6 Achtes Kapitel. Agricola Baudvoin. Der konnte kaum den Ausbruch ſeines Zorns und ſtines Verdruſſes zurückhalten. Er warf grimmige und drohende Blicke auf Agricvla. Aber von Zeit zu Zeit ſchielte er auch ärgerlich und beſorgt nach der Thür, als ob er jeden Augenblick gefürchtet hätte eine andere Perſon, deren Erſcheinen er fürchtete, eintreten zu ſehen. Als Agricola ſeinen ehemaligen Brodherrn ins Auge ge⸗ faßt hatte, fuhr er ſchmerzlich betroffen zurück beim Anblick der von Kummer entſtellten Züge Hardy's. Von der geiſtigen Abſpannung dieſes Mannes, bei welchem er eben ſo viel Verſtand wie Herzensgüte zu ſehen gewohnt war, hatte er keine Ahnung. Einige Augenblicke blieben die drei Anweſenden ſtumm. Dann brach Aigrigny das Schweigen, indem er langſam zu ſeinem Pflegling ſagte: „Ich begreife, mein lieber Sohn, wie Sie nach Ihrem mir ſo entſchieden erklärten Willen, dieſen Herrn nicht zu empfangen, ſeine Gegenwart peinlich finden müſſen. Ich hoffe alſo, daß er aus Ehrerbietung, oder wenigſtens aus Dankbarkeit gegen Sie ſich entfernen und dieſer ſchon zu lange dauernden Unſchicklichkeit ein Ende machen wird.“ Agricola kehrte ihm den Rücken und ſagte zu Hardy, den er mit Thränen in den Augen betrachtete: „Ach, Herr Hardy wie wohl thut es, Sie zu ſehen, obwohl ſie noch ſehr leidend ausſehen! Das Herz beruhigt und freut ſich. Meine Kamera⸗ den würden etwas darum geben, an meiner Stelle zu ſein! Ach wenn Sie wüßten, was Alles ſie mir für Sie geſagt haben! Sie zu lieben und zu verehren haben wir alle nur eine Seele.“ Aigrigny warf auf Hardy einen Blick, welcher bedeutete: Was hab ich Ihnen geſagt? — Dann trat er zu Agricpla und ſagte ihm ungeduldig: „Ich habe Ihnen ſchon bemerkt, daß Ihre Anweſenheit hier eine Unſchicklichkeit iſt. Agricola würdigte ihn keiner Antwort und ſagte zu dem Fabrikanten: „Herr Hardy, haben Sie die Güte, dieſem Menſchen, zu ſagen, daß er weggeht. Mein Vater und ich kennen ihn; das weiß er.“ Und er wandte ſich um gegen den Jeſuiten, maß ihn mit einem verachtenden Blick und ſagte: „Wenn Sie durch⸗ aus hören wollen, was ich dem Herrn Hardy ü Sie zu ſagen habe, ſo kommen Sie nachher wieder. Für Augen⸗ blick habe ich mit meinem ehemaligen Brodherrn von Fami⸗ lienangelegenheiten zu ſprechen und ihm einen Brief vom Fräulein von Cardoville zu übergeben, welche Sie leider auch kennt.“ Der Jeſuit ließ ſich nicht aus der Faſſung bringen und ent⸗ gegnete: „Junger Herr, Sie verwechſeln ein wenig die Rollen. Ich bin hier zu Hauſe, wo ich die Ehre habe, den Herr Hardy zu empfangen. Ich alſo hätte das Recht und die Gewalt Sie auf der Stelle hinauszuweiſen und — —“ „Lieber Vater,“ unterbrach Hardy ehrerbietig, „entſchuldigen Sie gütigſt Agrieola. Seine Anhänglichkeit an mich reißt ihn zu weit fort. Da er aber einmal hier iſt und von Familien⸗ angelegenheiten mit mir zu ſprechen hat, ſo erlauben Sie mir, ihn einige Augenblicke anzuhören.“ „Ob ich es Ihnen erlaube, mein lieber Sohn!“ erwiderte Aigrigny mit erheuchelter Ueberraſchung. „Brauchen Sie mich erſt um Erlaubniß zu bitten? Haben Sie nicht volle Freiheit zu thun, was Ihnen gut dünkt? Habe ich nicht gerade vorhin Ihnen zugeredet, den Herrn zu empfangen? und haben Sie ſich nicht deſſen entſchieden geweigert?“ „Das iſt wahr, lieber Vater,“ erwiderte Hardy. Aigrigny, der nunnicht länger mit guter Manier bleiben konnte, drückte dem Fabrikanten die Hand und ſagte ihm mit aus⸗ drucksvoller Gebärde: „Auf baldiges Wiederſehen, mein lieber Sohn. Aber erinnern Sie ſich unſerer Unterredung von vor⸗ hin, und was ich Ihnen vorausgeſagt habe.“ „Auf baldiges Wiederſehen, lieber Vater,“ erwiderte Hardy. „Sein Sie unbeſorgt.“ Der Jeſuit ging hinaus. Agricola war ſtarr vor Verwun⸗ derung. Er fragte ſich, ob denn das ſein ehemaliger Brod⸗ herr ſei, der den Abbé Aigrigny mit ſo viel Ehrerbietung ———— „lieber Vater“ nannte. Bei näherer Betrachtung gewahrte er auf ſeinem Geſicht einen Ausdruck von Abſpannung und Erſchöpfung, der ihm in der Seele weh that und ihn er⸗ ſchreckte. Er bemühte ſich, dieſe Empfindungen zu verbergen, und ſagte zu ihm: „Endlich Herr Hardy, werden wir Sie wieder haben und Sie in unſerer Mitte ſehen! O, Ihre Rück kehr wird viele Herzen beglücken, viele Beſorgniſſe beſchwich⸗ tigen. enn es wöglich wäre, Sie noch mehr zu lieben, als früher, ſo würden wir es thun, nachdem wir einen Augenblick gefürchtet haben, Sie zu verlieren.“ „Wackerer Junge,“ erwiderte Hardy, indem er ſchwermüthig lächelnd dem Schmied die Hand reichte, „ich habe nie einen Augenblick an Ihnen und an Ihren Kameraden gezweifelt. Ihre Dankbarkeit iſt ſtets mein Lohn geweſen für das, was ich für ſie zu thun im Stand war.“ „Und was Sie noch ferner für ſie thun werden. . . „Hören Sie mich an,“ unterbrach Hardy. Ehe Sie fort⸗ fahren, muß ich offen mit Ihnen reden, um Ihnen und Ihren Kameraden keine Hoffnungen zu laſſen, die nicht mehr ver⸗ wirklicht werden können. Ich bin entſchloſſen, fernerhin, wo nicht im Kloſter, doch in völliger Zurückgezogenheit zu leben, denn, ſehen Sie, lieber Freund, ich bin müde — recht müde.“ „Aber wir ſind nicht müde, Sie zu lieben, Herr Hardy!“ rief Agricola, immer mehr erſchreckt durch die Worte des nie⸗ dergeſchlagenen Mannes „Jetzt iſt an uns die Reihe, uns für Sie hinzugeben und mit Arbeit und uneigennützigem Eifer Ihnen beizuſtehen zur Wiedererrichtung der Fabrik, Ihres großen edlen Werkes.“ Hardy ſchüttelte traurig den Kopf und erwiderte: „Ich wiederhole Ihnen, lieber Freund, das thätige Leben iſt für mich zu Ende. Sehen Sie, in wenigen Wochen bin ich um zwanzig Jahre älter geworden. Ich habe weder Kraft, noch Luſt, noch Muth mehr, wieder zu arbeiten wie früher. Ich ſchätze mich glücklich, daß ich für die Menſchheit gethan habe was ich konnte. Ich habe meine Schuld abgetragen. Aber jetzt habe ich nur noch einen Wunſch: Ruhe — nur noch eine Hoffnung: die Tröſtungen und den Frieden, welche die Religion gewährt.“ . „Wie?“ fragte Agricola im höchſten Erſtaunen. „Sie woll⸗ ten lieber hier in dieſer ſchauerlichen Einſamkeit leben, als in der Mitte derer, von denen Sie ſo ſehr geliebt werden? Sie glauben, Sie würden glücklicher ſein hier unter dieſen Prieſtern, als in Ihrer aus den Trümmern zu neuer größerer Blüthe wieder emporgeſtiegenen Fabrik? „Für mich gibt es hienieden kein Glück mehr,“ antwortete Hardy mit Schmerz. Agricola beſann ſich einen Augenblick und fagte dann mit gepreßter Stimme: „Herr Hardy, Sie werden auf eine ſchänd⸗ liche Weiſe betrogen.“ „ „Was meinen Sie, lieber Freund?“ „Herr Hardy, ich ſage Ihnen, dieſe Prieſter, welche Sie umgeben, haben böſe Abſichten. Wiſſen Sie denn nicht, wo „Bei guten Stdens der Geſellſchaft Jeſu.“ „Ihren Todfeinden.“ „Feinden!“ erwiderte Hardy, gleichgültig lächelnd. „Ich habe keine Feinde mehr zu fürchten. Wo könnten ſie mich treffen?“ „Dieſe Pfaffen wollen Sie um eine große Erbſchaft brin⸗ gen. Das iſt ein mit hölliſcher Geſchicklichkeit angelegter Plan. Die Töchter des Marſchalls Simon, das Fräulein von Cardoville, Sie, mein Pflegbruder Gabriel, kurz Alles, was zu Ihrer Familie gehört, iſt ſchon nahe daran geweſen, das Opfer ihrer Ränke zu werden. Ich ſage Ihnen, dieſe Pfaffen haben kein andres Ziel, als Ihr Vertrauen zu erſchleichen und zu mißbrauchen. Darum haben ſie es nach dem Brand Ihrer Fabrik ſo angeſtellt, daß Sie verwundet und halbtodt hierher gebracht und aller Welt Augen entzogen worden ſind. Darum — —“ „Sie täuſchen Sich über dieſe Ordensleute,“ unterbrach Hardy. „Dieſelben pflegen mich mit der größten Sorgfalt; und was die vorgebliche Erbſchaft betrifft — lieber Freund, was liegt mir jetzt an den Gütern dieſer Welt? Die Dinge und Strebungen in dieſem Jammerthal ſind nichts mehr fuͤr mich. Ich bringe meine Leiden dem Herrn als Opfer dar und harre, daß er mich in ſeiner Barmherzigkeit zu ſich rufe.“ Agricola traute ſeinen Ohren nicht. „Nein! nein! Her Hardy,“ rief er, „Sie können nicht ſo gänzlich umgewandt „ ſein. Sie können nicht an dieſe troſtloſen Lehren glauben, nachdem Sie uns ſtets gelehrt haben, die unerſchöpfliche Güte eines väterlichen Gottes zu lieben und zu bewundern. Ihnen haben wir geglaubt, denn Gott hatte Sie zu uns geſandt.“ „Ich muß mich ſeinem Willen unterwerfen, da er mich aus eurer Mitte weggenommen hat, liebe Freunde, und zwar weil ich ihm ungeachtet meines guten Willens nicht ſo diente, wie er es wollte. Ich habe ſtets mehr die Geſchöpfe im Auge gehabt, als den Schöpfer.“ „Wie konnten Sig denn Gott beſſer dienen, wie ihn beſſer ehren ?4 „Sie haben Arbeitſamkeit und Ehrlichkeit aufgemuntert. Sie hahen die Menſchen beſſer gemacht, indem ſie für ihr Wohlſein ſorgten. Sie haben Ihre Arbeiter als Brü⸗ der behandelt⸗ihren Verſtand entpickt. ihnn Geſchmack am Schönen und Guten beigebracht, untes ihnen durch Ihr Bei⸗ ſpiel die Gefühle der Gleichheit, der Brüderlichkeit, der evan⸗ geliſchen Gemeinſchaft verbreitet. Zu Ihrer Beruhigung brau⸗ chen Sie ſich nur des Guten zu erinnern, das Sie gethan haben, und der täglichen Segenswünſchen eines kleinen Volks, welches Ihnen ein ungehofftes Glück verdankte.“ „Lieber Freund,“ entgegnete Hardy ſanft, „wozu an die Vergangenheit erinnern? Wenn ich wohlgethan habe in den Augen des Herrn, ſo wird er mir es vielleicht vergelten. Fern ſei von mir Ruhmredigkeit. Ich muß mich im Staube demüthigen, denn ich fürchte, ich bin auf böſen Wegen ge⸗ wandelt, außerhalb ſeiner Kirche. Vielleicht hat der Hochmuth mich irre geleitet, mich, den unbedeutenden Menſchen, während ſo viele große Geiſter ſich demüthig jener Kirche unterworfen haben. In Thränen, in der Einſamkeit, in Abtödtung muß ich meine Fehler abbüßen — und in der Hoffnung, daß der ſtrafende Gott ſie mir einſt vergeben werde, und daß wenig⸗ ſtens meine Leiden nicht verloren ſeien für die, welche noch ſtrafbarer ſind, als ich.“ Agricola fand kein Wort der Erwiderung. Mit ſtummer Angſt betrachtete er den Unglücklichen, als er ihn mit ſchwa⸗ cher Stimme dieſe abgedroſchenen Sätze ausſprechen hörte. Indem er ſein niedergeſchlagenes Geſicht betrachtete, fragte 6 ſich entſetzt, durch welche Zaubereien es dieſen Prieſtern gelungen ſein könnte, den durch Kun imer geiſtig geſchwächten 6 Mann ſo von Allem in der Welt loszumachen, einen herr— lichen Verſtand und ein liebevolles Herz, wie nur je eins für die Menſchheit geſchlagen, auszutrocknen. Unvermögend ſich das Räthſel zu löſen, verlor er Luſt und Muth ein Ge⸗ ſpräch fortzuſetzen, in welchem er bei jedem Wort tiefer in den Abgrund der Troſtloſigkeit ſah, in welchen die E. E. V. V. den Unglücklichen geſtürzt hatten. Hardy ſeinerſeits war wieder in ſeine dumpfe Fühlloſigkeit verſunken und ließ ſchwei⸗ gend ſeine Augen über die heilloſen Sätze der Nachahmung ſchweifen. Agricola ſetzte ſeine letzte Hoffnung auf den Brief des Fräuleins von Cardoville. Er zog ihn hervor, reichte ihn dem Bedaurungswürdigen und ſagte: „Herr Hardy, eine Ihrer Verwandten, welche Sie vermuthlich nur dem Na⸗ men nach kennen, hat mich beauftragt, Ihnen dieſen Brief zu überreichen.“ „Wozu ſoll — — dieſer Brief — — lieber Freund?“ „Herr Hardy, ich bitte Sie dringend, leſen Sie dieſen Brief. Das Fräulein wartet auf Ihre Antwort. Es handelt ſich um wichtige Angelegenheiten.“ „Für mich lieber Freund, gibt es nur noch eine wichtige Angelegenheit,“ erwiderte Hardy, ſeine rothgeweinten Augen gen Himmel erhebend. Herr Hardy,“ wiederholte Agricola tief gerührt, „leſen Sie dieſen Brief. Wenn unſer aller Dank gegen Sie, in welchem wir unſere Kinder erziehen wollen, die nicht wie wir das Glück haben, Sie zu kennen — wenn dieſer Dank in Ihren Augen noch irgend einen Werth hat, ſo leſen Sie, und wenn Sie dann nicht Ihren Entſchluß ändern — — nun dann iſt es aus mit uns armen Arbeitern, dann haben wir für immer unſern Wohlthäter verloren, der uns wie Brüder behandelte, uns wie Freunde liebte, der edelmüthig ein Beiſpiel gab, welches früher oder ſpäter andere gute Herzen befolgt haben würden, ſo daß durch den von Ihnen gegebenen Anſtoß die Befreiung der Armen von ihrem Joch in Gang gekommen wäre. Jedenfalls — — wird Ihr Andenken uns heilig blei⸗ ben. — — Nie wird Ihr Namt anders — — als mit Ehr⸗ erbietung genannt werden — und mit Rührung, denn wir können nicht umhin, Sie zu beklagen. “— — Agricola, dem mehrmals im Lauf ſeiner Rede die Stimme verſagt! —— konnte vor Rührung nicht weiter reden und fing an zu wei⸗ nen. Nach einigen Augenblicken ſagte er: „Verzeihen Sie, daß ich weine. Ich weine nicht über mich allein. Das Herz will mir brechen bei dem Gedanken an die Thränen, welche noch lange Zeit fließen werden, wenn es heißt: Wir werden den Herrn Hardy nie mehr ſehen.“ Die Stimme des wackeren jungen Mannes drang dem Fa⸗ brikanten in die Seele, und die Thränen auf ſeinem männ⸗ lichen Geſicht hatten etwas ſo ergreifendes, daß Hardy zum erſten Mal ſeit ſeinem Aufenthalt bei den E. E. V. V. ſein Herz wieder ein wenig erwärmt fühlte. Es war ihm, als ob ein belebender Sonnenſtrahl endlich die eiſige Finſterniß durchbräche, in welcher er ſeit langer Zeit vegetirte. Er reichte dem Schmied die Hand und ſagte mit bebender Stimme: „Lie⸗ ber Freund, ich danke Ihnen. Dieſer neue Beweis Ihrer Ergebenheit, — — dies Bedauern, — — rährt mich Das iſt eine ſanfte Regung — — ohne Bitterkeit, die mir wohl thut.“ „Ach Herr Hardy!“ rief Agricola mit einem Schimmer von Hoffnung, „thun Sie ſich keinen Zwang an. Hören Sie auf die Stimme Ihres Herzens, ſie wird Ihnen gebieten, Diejenigen glücklich zu machen, welchen Sie theuer ſind. Für Sie iſt es ja ein Glück, glückliche Menſchen zu ſehen. Leſen Sie doch den Brief dieſer edelmüthigen Dame. Er wird vielleicht vollenden, was ich angefangen habe, — und wenn er nicht genügt — — dann werden wir ſehen — —“ Agri⸗ cola ergänzte den abgebrochenen Satz für ſich durch einen Blick nach der Thür, und fuhr fort, indem er dem Fabrikan⸗ ten abermals den Brief darreichte: „Ich bitte Sie, Herr Hardy, leſen Sie. Das Fräulein von Cardoville hat mir auf⸗ getragen mündlich den ganzen Inhalt ihres Briefs zu be⸗ ſtätigen.“ „Nein — — nein — — ich darf nicht — — ich darf ihn nicht leſen, ſagte Hardy zögernd Wozu mir ſchmerz⸗ liche Sehnſucht erwecken? Ach! freilich habe ich euch Alle iebt habe ich viele Plane zu eurem Beſten für die Zukunft gemacht. — — Aber,“ fügte er, gegen ſeine Rüh⸗ rung ankämpfend, hinzu, „wozu daran denken? Die Ver⸗ gangenheit iſt unwiederbringlich.“ „Wer weiß, Herr Hardy!“ erwiderte Agricola, das Schwanken Hardy's bemerkend. „Leſen Sie nur einmal den Brief des Fräuleins.“ Hardy ließ ſich endlich den Brief aufnöthigen, erbrach und las ihn. Allmälig zeigte ſich auf ſeinem Geſicht erſt Rüh⸗ rung, dann Dankbarkeit und Bewunderung. Mehrmals hielt er inne und ſagte zu Agricola mit einer Freudigkeit, über die er ſich ſelber zu wundern ſchien: „Ach! das iſt gut! das iſt ſchön!“ Nachdem er zu Ende geleſen, ſagte er mit ſchwermüthigem Blick zu Agricola: „Welch ein Herz hat dies Fräulein von Cardoville! Welche Güte! Welchen Verſtand! Welche Erhabenheit der Gedanken! Nie werde ich den Edel⸗ muth vergeſſen, welcher ſie zu ſolchen Anerbietungen gegen mich beſtimmt. — — Möchte wenigſtens ſie glücklich ſein in dieſer traurigen Welt! „Glauben Sie mir,“ ſagte Agricola mit Wärme, „eine Welt, in welcher ſolche Geſchöpfe leben und andere, welche, ohne gerade den unſchätzbaren Werth dieſer Dame zu be⸗ ſitzen, doch der Zuneigung ehrlicher Leute werth ſind, eine ſolche Welt iſt nicht lauter Schmutz und Verderbtheit und Bosheit. Im Gegentheil, ſie beweiſt zu Gunſten der Menſch⸗ heit. Dieſe Welt erwartet und ruft Sie. Herr Hardy, hö⸗ ren Sie auf die Stimme des Fräuleins von Cardoville, neh⸗ men Sie ihre Anerbietungen an, kehren Sie zurück zu uns, zum Leben — — denn dies Haus iſt der Tod.“ 3. „In eine Welt zurückkehren, in welcher ich ſo viel gelit⸗ ten habe? — —“ erwiderte Hardy zögernd. „Dieſe ſtille Zurückgezogenheit verlaſſen? — — Nein — — nein — — ich kann es nicht, — — ich darf es nicht.“ „Ich habe nicht auf mich allein gerechnet, um Sie zum Entſchluß zu bringen,“ ſagte Agricvla mit zunehmender Hoff⸗ nung. „Ich habe einen mächtigen Bundesgenoſſen. Er ſoll den Hauptſchlag thun, und er wird erſcheinen, wenn Sie es wollen.“ „Was wollen Sie damit ſagen, lieber Freund?“ fragte Hardy. „Auch das iſt ein guter Gedanke des Fräuleins von Car⸗ doville. Sie hat lauter gute Gedanken. Da ſie weiß, in Ix. 5 welche gefährliche Hände Sie gefallen ſind, und da ſie die Hinterliſt der Leute kennt, welche Sie beſchleichen wollen, ſo hat ſie zu mir geſagt: Herr Baudoin, unſer guter Herr Hardy iſt ſo ehrlich, daß er ſich vielleicht berücken läßt, denn aufrichtige Seelen ſind immer abgeneigt, an Schlechtigkeiten zu glauben. Und dann könnte er denken, bei Ihnen ſei Ei⸗ gennutz mit dem Wunſch verbunden, ihn meine Anerbietun⸗ gen annehmen zu ſehen. Aber wir haben einen Mans, deſ⸗ ſen Stellung dem Herrn Hardy volles Zutrauen einflößen muß, einen Prieſter, der mein und ſein Verwandter und gleich uns beinahe das Opfer der unverſöhnlichen Feinde unſerer Familie geworden iſt.“ „Wer iſt denn dieſer Prieſter?“ fragte Hardy. „Der Abbé Gabriel von Rennepont, mein Pflegbruder,“ antwortete Agricvla mit ſtolzer Freude. „Das iſt ein edler Prieſter. Ach, Herr Hardy, wenn Sie ihn gekannt hätten, ehe Sie verzweifelten, würden Sie Hoffnüng gefaßt, — Ihr Kummer würde ſeinen Tröſtungen nicht widerſtanden haben.“ „Wo iſt denn dieſer Prieſter?“ fragte Hardy neugierig. „Hier in Ihrem Vorzimmer. Als der Abbé Aigrigny ihn bei mir ſah, gerieth er in Wuth und befahl uns, weczu⸗ gehen. Aber mein braver Gabriel erwiderte ihm, er habe mit Ihnen von wichtigen Dingen zu ſprechen und würde da bleiben. Ich, weniger geduldig, habe dem Abbé Aigrigny, der mir den Weg verſperren wollte, einen Rippenſtoß gege⸗ ben und bin herein laufen, denn ich war ungeduldig, Sie zu ſehen. Nicht wahr, Herr Hardy, jetzt wollen Sie den Gabriel empfangen. Ohne Ihren Befehl würde er nicht von Religion. Die ſeinige iſt die wahre, denn ſie iſt wohl⸗ thätig. Sie ermuthigt und tröſtet. Sie werden ſehen. Ihm und dem Fräulein von Cardoville werden wir es verdanken, daß Sie uns zurückgegeben werden.“ ich h ſtammelte Hardy immer noch ſchwankens, aber doch erwärmt durch die herzlichen Worte des Schmiedes, Agricola eilte an die Thür, öffnete ſie und rief: „Gabriel! lieber Bruder, komm! Herr Hardy wünſcht dich zu ſehen.“ „Lieber Freund — — was — — machen Sie?“ ſagte hereingekommen ſein. Ich will ihn holen. Sie ſprechen „Lieber Freund — — nein — — ich weiß nicht — —. Hardy, dem es recht zu ſein ſchien, daß ihm ſeine Zuſtim⸗ mung ein wenig abgezwungen wurde. „Ich rufe Ihren und unſeren Retter,“ antwortete Gabriel mit freudiger Zuverſicht auf den Erfolg von Gabriel's Erſcheinen. „ Neuntes Kapitel. Der Schlupfwinkel. Neben einigen der von Pfleglingen der E. E. V. V. be⸗ wohnten Zimmer waren verborgene Behälter angebracht, um Diejenigen, auf welche die Geſellſchaft ein Auge hatte, jeder⸗ zeit ausſpähen zu können. Zu den Pfleglingen dieſer Gat⸗ tung gehörte Hardy. Neben ſeinem Zimmer befand ſich ein Schlupfwinkel, in welchem zwei Perſonen Platz hatten. In dieſen Schlupfwinkel drangen Luft und Licht durch ein weites Ofenrohr, und die Mündung eines Hörrohres ließ darin aufs Deutlichſte vernehmen, was in dem anſtoßenden Zimmer geſprochen wurde. Kleine runde Löcher, die in dieſem Zim⸗ mer nicht zu bemerken waren, verſta Alles zu ſehen, was in demſelben vorging. Nachdem Agricola in das Zimmer Hardys geſtürmt war, und nachdem Gabriel mit Feſtigkeit erklärt hatte, daß er mit Hardy ſprechen würde, wenn dieſer ihn rufen ließe, wagte Aigrigny nicht, durch Aufſehen erregende Mittel den, mög⸗ licher Weiſe für die Plane der Geſellſchaft ſehr verderblichen, Folgen der Zuſammenkunft Hardy's mit dem Schmied und dem Miſſionär zu begegnen, und ging zu Rodin, um ſich Raths zu erholen. — kodin, der während ſeiner Geneſung i wohnte, begriff die Bedenklichkeit der Umſtände. Er er⸗ kannte an, daß Aigrigny ſeine Weiſungen zur Verhinderung der Zuſammenkunft Agricola's mit Hardy richtig befolgt hatte, und daß der Erfolg ſeines Manövers nur uh d die 65 unerwartet frühe Ankunft Agricola's vereitelt worden war. Nun wollte er ſelber ſehen und hören, um weiteren Rath zu ſchaffen. Zuvor ſandte er noch einen Boten in den erz⸗ biſchöflichen Palaſt — zu welchem Zwecke, werden wir ſpä⸗ ter ſehen —, und dann begab er ſich mit Aigrigny in den bezeichneten Schlupfwinkel. Sie kamen noch frühzeitig genug, um die zweite Hälfte des Geſprächs zu hören. Anfangs fühlten ſie ſich ſehr be⸗ ruhigt durch die dumpfe Fühlloſigkeit Hardy's, welche jedem Zuſpruch Agricola's widerſtand. Allmählig aber nahm die Sache eine bedenkliche und endlich eine gefährliche Wendung, als Hardy, erſchüttert durch das Dringen des Schmiedes, ſich dazu verſtand, den Brief des Fräuleins von Cardoville zu leſen, und als vollends Agricola den Abbé Gabriel einführte, um dem Schwanken des Fabrikanten ein Ende zu machen. Durch die Feſtigkeit ſeines Sinnes, welche ihm die Kraft gegeben hatte, die ſchmerzhafte, ärztliche Behandlung Balei⸗ niers auszuhalten, war Rodin jetzt außer Gefahr und ſeine Geneſung beinahe vollſtändeg. Dabei war er aber noch ent⸗ ſetzlich mager. Die von oben einfallenden Lichtſtrahlen wur⸗ den von ſeinem glänzenden, gelben Schädel, von ſeinen vor⸗ ſtehenden Backenknochen und von ſeiner eckigen Naſe ſtark zurickgeworfen, während die übrigen Theile ſeines Geſichts in tiefem Schatten lagen. Er ſah aus, wie das Original zu Mönchsbild der ſpaniſchen Schule, wo man unter eine zurückgofchlagenen Kapuze einen Schädel von der Farbe alten Elfenbeins, eine grüngelbe Wange und ein tief liegendes erloſchenes Auge bemerkt, während das übrige Ge⸗ ſicht im tiefen Halbſchatten verſchwindet, der kaum die knieende Geſtalt in der mit einem Strick gegürteten Kutte bemerken läßt. Die Aehnlichkeit war um ſo größer, da Rodin bei dem eiligen Weggang aus ſeinem Zimmer ſeinen langen braunen, wollenen Schlafrock nicht abgelegt und zum Schutz egen den Nordwind einen ſchwarzen Kapuzenkragen e die Schultein ewotfen hatte. Rigrigny, der nicht unmittelbar unter dem Oberlicht ſtand, blieb im Schatten. Als er Agricola hinausgehn ſah, um Gabriel zu rufen, blickte er Rodin angſtvoll an und ſtüſterte mit verhaltenem Ingrimm: „Ohne den Brief des Fräuleins . 3 „ — 5 von Cardoville wäre alles Zureden des Schmieds fruchtlos geblieben. Dies verwünſchte Mädchen wird alſo überall und immer die Klippe bleiben, an der unſere Bemühungen ſchei⸗ tern! Wir mochten thun was wir wollten, — jetzt iſt ſie mit dem Indier vereinigt. Wenn jetzt Gabriel das Maß voll macht, ſo daß Hardy uns entgeht, was iſt denn anzu⸗ fangen? Pater, das iſt zum Verzweifein!“ „Nein,“ ſagte Rodin, „wenn auf dem Biſchofshof der Vollzug meiner Befehle nicht verzögert wird.“ „Und in dieſem Fall?“ „Bürge ich noch für Alles. Aber in einer halben Stunde muß ich die bewußten Papiere haben. „Sie müſſen ſeit zwei Tagen bereit und unterzeichnet ſein. Denn ich habe Ihrem Befehl gemäß noch an demſelben Tag, wo die Mora angewandt wurde, geſchrieben, und — —“ Rodin gab dem Marquis einen Wink zu ſchweigen, und drückte ein Auge an eins der Löcher, durch welche man ſehen konnte, was in dem anſtoßenden Zimmer vorging. — HerſFrieſer nach dem Sinn v Rodin ſah, wie Agricola mit Gabriel an der Hand in das Zimmer Hardy's zurückkam. Der Anblick dieſer jungen Leute, von denen der eine ein * ſo offenes, männliches Geſicht, der andere eine ſo engelgleiche 7 Schönheit hatte, bildete einen ſo auffallenden Gegenſatz zu wöhnlich umgeben war, daß és dem Unglücklichen vorkam, als ob ſein ſo lange gepreßtes Herz unter einem wohlthu ⸗ den Einfluß wieder aufginge. 3 Obwohl Gabriel ſeinen Verwandten Hardy nie geſehen hatte, konnte er doch nicht verkennen, daß ſeine Züge ent⸗ * den hächleriſchen Mienen der Leute, von welchen Hardy ge⸗ Zehnte Kapitel % — — ſtellt waren. Er gewahrte auf dieſem leidenden Geſicht das Gepräge entnervender Unterwürfigkeit und geiſtiger Vernich⸗ tung, welches ſtets den Opfern der Geſellſchaft Jeſu aufge⸗ drückt bleibt, wenn ſie nicht bei Zeit ihrem mörderiſchen Ein⸗ fluß entzogen werden. „Herr Hardy,“ ſagte Agricola, „hier iſt mein wackerer Bruder, der beſte und würdigſte unter allen Prieſtern. Hören Sie ihn an, und Sie werden zur Hoffnung und zum Glück wieder aufleben. Hören Sie ihn an, und Sie werden ſehen, wie er die Gauner entlarvt, welche Sie unter dem Deck⸗ mantel der Religion betrügen. Er wird ſie entlarven, denn er iſt gleichfalls das Opfer dieſer Elenden geweſen. Nicht wahr Gabriel?“ Der junge Miſſionär gab dem Schmied einen Wink, um ſeine Heftigkeit zu mäßigen, und ſagte mit ſeiner ſanften, klangvollen Stimme: „Herr Hardy, wenn unter den peinli⸗ chen Umſtänden, in welchen Sie ſich befinden, die Rathſchläge eines Ihrer Brüder in Chriſto Ihnen nützen können, ſo ver⸗ fügen Sie über mich. Erlauben Sie mir übrigens, Ihnen zu ſagen, daß ich bereits Achtung und Liebe gegen Sie Fe6e „Gecen mich, Herr Abbé?“ fragte Hardy. ch kenne Ihre Güte gegen meinen Pflegbruder Agri⸗ Vrola erwiderte Gabriel. „Ich kenne Ihren bewunderungs⸗ würdigen Edelmuth gegen Ihre Arbeiter. Dieſe lieben und verehren Sie. Möge das Bewußtſein ihrer Dankbarkeit, die Ueberzeugung, ſo gehandelt zu haben, wie es Gott gefällt, deſſen ewige Güte Freude hat an Allem, was gut iſt, Ihr Lohn ſein für das Gute, was Sie gethan haben, und eine Aufmunterung zu dem Guten, welches Sie noch thun können.“ Gerührt durch dieſe Sprache, welche ſo ſehr von der Sprache Aigrigny's verſchieden war, erwiderte Hardy; „Ich danke Ihnen, Herr Abbé. In der Traurigkeit, in welche ich verſunken bin, thut es wohl, ſo tröſtliche Worte zu hören, und ich geſtehe, die Würde Ihres Amtes gibt Ihren Worten ein großes Gewicht.“ „Das war eben zu fürchten,“ flüſterte Aigrigny dem Pa⸗ ter Rodin zu, der lugend und lauſchend an ſeinem Loch ſtand. — — „Dieſer Gabriel wird Alles thun, um Hardy ſeiner Fühlloſigkeit zu entreißen und wieder ins thätige Leben zu werfen.“ „Ich fürchte das nicht,“ erwiderte Rodin in ſeinem ab⸗ ſprechenden Ton. „Hardy wird ſich vielleicht einen Augenblick vergeſſen, aber wenn er zu gehen verſucht, wird er bald finden, daß er die Beine gebrochen hat.“ „Was hat demnach Ew. Ehrwürden zu fürchten?“ „Die Langſamkeit unſeres Paters auf dem Biſchofshof.“ „Und was hoffen Sie?“ Rodin gab abermals dem Marquis einen Wink zu ſchweigen. Ihr kurzes Geſpräch war geführt worden während einer Pauſe, in welcher Hardy über die Worte Gabriels nachdachte, und Agricola die Sprüche betrachtete, mit denen Hardy's Zimmer tapeziert war. Plötzlich nahm der Schmied den Miſſionär beim Arm und rief: „Bruder, lies dieſe Sprüche, und du wirſt Alles begreifen. Welcher Menſch, der in der Einſamkeit nur ſolche troſtloſe Sätze vor Augen hat, ſollte nicht in die entſetzlichſte Verzweiflung gerathen? Er könnte ſogar zum Selbſtmord getrieben werden. Das iſt ſchändlich! das iſt ein Meuchelmord!“ „Sie ſind jung, lieber Freund,“ erwiderte Hardy, traurig den Kopf ſchüttelnd. „Sie ſind ſtets glücklich geweſen und haben nie eine Täuſchung erlebt. Dieſe Sätze können Ihnen trügeriſch erſcheinen; aber für mich und für die miſten Menſchen ſind ſie nur zu wahr. Hienieden iſt Alles Nich⸗ tigkeit. Elend und Schmerz. Der Menſch iſt zu Leiden ge⸗ boren. — Iſt es nicht wahr, Herr Abbé?“ Gabriel hatte die ihm von Agricola angedeuteten Sprüche geleſen. Er konnte ſich eines bitteren Lächelns nicht erweh- ren bei dem Gedanken an die abſcheuliche Berechnung, welche der Auswahl dieſer Sätze zu Grunde lag. „Nein,“ antwor⸗ tete er, „hienieden iſt nicht Alles Nichtigkeit, Lug, Elend, Täuſchung und Eitelkeit. Der Menſch iſt nicht zu Leiden geboren. Gott, deſſen Weſenheit Vatergüte iſt, gefüllt ſich nicht in den Schmerzen ſeiner Geſchöpfe, die er dazu ge⸗ macht hat, daß ſie liebevoll und glücklich in dieſer Welt ſein ſollen.“ 13 „Hören Sie, Herr Hardy? Hören Sie?“ rief Agricola. „Das iſt auch ein Prieſter, aber ein wahrer, erhabener Prie⸗ ſter. Er ſpricht nicht wie die andern.“ „Aber, Herr Abbé,“ ſagte Hardy, „dieſe traurigen Sätze ſind doch aus einem Buche genommen, welches man faſt der heiligen Schrift gleichſtellt.“ „Mit dieſem Buch,“ erwiderte Gabriel, „kann man Miß⸗ brauch treiben, wie mit jedem Menſchenwerk. Es iſt ge⸗ ſchrieben, um arme Mönche in der Entſagung, der Abge⸗ ſchiedenheit, dem blinden Gehorſam eines unthätigen, nutzloſen Lebens feſtzuhalten. Es predigt Losſagung von Allem, Selbſt⸗ verachtung, Mißtrauen gegen ſeine Brüder, Knechtsſinn und hatte zum Zweck, die armen Mönche zu überreden, daß die Qualen dieſes Lebens, welche man ihnen auflegte, eines Lebens, welches völlig den ewigen Abſichten Gottes mit den Menſchen widerſprach, dem Herrn wohlgefällig ſeien.“ „O, ſo gedeutet, kommt mir dies Buch noch ſchrecklicher vor,“ ſagte Hardy. „Es iſt eine Gottesläſterung,“ fuhr Gabriel unwillig fort, „die Unthätigkeit, die Vereinzelung, das Mißtrauen gegen Alle für heilig zu erklären, während es in der Welt nichts Heiliges gibt, als die Arbeit, die Bruderliebe und die Ge⸗ meinſchaft. Es iſt ein Frevel, zu ſagen, daß der unendlich gütige Vater ſeine Freude an den Schmerzen ſeiner Kinder hat, er, der ſie mit allen Schätzen der Schöpfung ausgeſtat⸗ tet und ſie durch die Unſterblichkeit ihrer Seele an ſeine Un⸗ ſterblichkeit geknüpft hat.“ „O, Ihre Worte ſind ſchön und tröſtlich,“ rief Hardy, immer mehr ergriffen. „Aber ach! warum gibt es trotz der vor⸗ ſorgenden Güte des Herrn ſo viele Unglückliche auf der Welt?“ „Freilich gibt es auf dieſer Welt entſetzliches Elend,“ er⸗ widerte Gabriel traurig. „Viele Arme, denen jede Freude, jede Hoffnung verſagt iſt, leiden Hunger, Kälte und Blöße inmitten der unermeßlichen Reichthümer, die der Schöpfer geſpendet hat nicht zum Glück einiger Menſchen, ſondern zum Glück Aller. Denn er hat gewollt, daß die Theilung mit Billigkeit geſchehe ). Aber Einige haben ſich der gemein⸗ *) Die Lehre nicht von der Theilung, ſondern von der Ge⸗ meinſchaft, nicht von der Trennung, ſondern von der Ver⸗ ſamen Erbſchaft mit Liſt und Gewalt bemächtigt, und das thut Gott leid. Wenn ihm etwas leid thun kann, ſo iſt es der Anblick, wie zahlloſe Maſſen von Geſchöpfen einem kläg⸗ lichen Schickſal geweiht ſind, um die grauſame Selbſucht Einiger zu befriedigen. Die Unterdrücker aller Zeiten und aller Länder, indem ſie ſich erfrechen, Gott zum Mitſchuldi⸗ gen zu machen, verkünden in Seinem Namen übereinſtimmend den Satz: Der Menſch iſt zu Leiden geboren. Seine Schmerzen ſind Gott wohlgefällig. Alſo je härter, erniedrigender, ſchmerzlicher das Loos der von ihnen benutzten Geſchöpfe iſt, je mehr Schweiß und Blut und Thränen ihnen ausgepreßt worden, deſto mehr wäre nach der Lehre dieſer Mörder der Herr befriedigt und geehrt.“ „O, ich verſtehe Sie! — ich lebe wieder auf! — — ich erinnere mich!“ rief Hardy, wie aus einem Traum erwachend. Das Licht ſchien plötzlich ſeinem verfinſterten Verſtand aufge⸗ gangen zu ſein. „Ja, das habe ich immer geglaubt, — das hab' ich geglaubt, — — ehe ſchrecklicher Kummer meinen Verſtand geſchwächt hatte.“ „Ja, das haben Sie geglaubt, großes, edles Serz,“ er⸗ widerte Gabriel. „Einſt waren Sie nicht der Meinung, daß hienieden Alles Elend ſei, da durch Sie Ihre Arbeiter glück⸗ einigung liegt im Veſentlichen ganz in folgender Stelle des Neuen Teſtaments: 4 „Die Menge aber der Gläubigen war ein Herz und eine Seele; auch ſagte keiner von ſeinen Gütern, daß ſie ſein wären, ſondern es war ihnen alles gemein. Es war auch keiner unter ihnen, der Mangel hattez denn wie viele ihrer waren, die da Acker oder Häuſer hatten, verkauften dieſelben und brachten das Geld des verkauften Guts und legten's zu der Apoſtel Füßen. Und man gab einem jeglichen, was ihm Noth war.“ Apoſtelge⸗ ſchichte 4. v. 32, 34, 35. Wir entlehnen dies Citat einem trefflichen Artikel von F. Vidal (de la justice distributive in der Revue Indépendante), welcher den weſentlichen Inhalt verſchiedener ſocialiſtiſchen Syſteme mit⸗ theilt und mehrer dahin einſchlagenden Schriften von L. Blanc, Villegardelle und Pecqueur — ausgezeichneten Denkern, auf die der Socialismus ſtolz iſt. Wir weiſen auch hin auf Villegardelle's Einklang der Intereſſen in der Verbrüderung, eine Schrift, welche die lichtyollſten Anſichten über die unvergänglichen Theorien Fourier's enthält. * 3 lich lebten. Damals war Ihnen nicht Alles Täuſchung und Eitelkeit, da täglich Ihr Herz ſich des Dankes Ihrer Brüder erfreute. Damals kam Ihnen die Welt nicht wie ein Jam⸗ merthal vor, als ſie ſtets lächelnde Geſichter um ſich ſahen. Damals glaubten Sie nicht, die Geſchöpfe ſeien ohne Er— barmen zum Unglück beſtimmt, da Sie dieſelben mit Glück überhäuften. Glauben Sie nur, wenn man mit Herz und Liebe und Glauben eingeht auf die wahren Abſichten Gottes und des Heilandes, der geſagt hat: Liebet euch unter einander — dann ſieht, fühlt und weiß man, daß der Zweck der Menſchheit das Glück Aller, und daß der Menſch zum Glück geboren iſt. O, Bruder,“ fuhr Gabriel mit Thrä⸗ nen in den Augen fort, auf die Sätze an der Wand deutend, „dies ſchreckliche Buch hat Ihnen großes Unheil zugefügt, — dies Buch, welches ſie wagen, die Nachahmung Jeſu zu nennen, — dies troſtloſe Buch, welches nur Lehren der Rache, der Verachtung und des Todes enthält, während Chriſtus nur Worte des Friedens, der Vergebung, Hoffnung und Liebe gehabt hat!“ „O, ich glaube Ihnen!“ rief Hardy entzückt. „Ich habe das Bedürfniß, Ihnen zu glauben.“ „Bruder!“ fuhr Gabriel immer mehr ergriffen fort, „glau⸗ ben Sie an einen ſtets gütigen, barmherzigen, liebenden Gott, an einen Gott, der die Arbeit ſegnet, dem es leid wäre um ſeine Kinder, wenn Sie, anſtatt die von ihm verliehenen Gaben zum Wohle Aller anzuwenden, ſich auf immer in einer entnervenden, unfruchtbaren Verzweiflung abſchlöſſen. Nein, Gott will es nicht. Stehen Sie auf, Vruder!“ (er faßte ihn bei der Hand und Hardy erhob ſich wie von einer magnetiſchen Kraft an— gezogen); „eine ganze Welt von Arbeitern ruft Sie ſegnend zu ſich. Verlaſſen Sie dies Grab. Kommen Sie an die freie Luft, in den Sonnenſchein, in die Mitte warmer, mit— fühlender Herzen. Vertauſchen Sie dieſe erſtickende Luft mit der belebenden Luft der Freiheit. Verlaſſen Sie dieſe finſtere Zurückgezogenheit und eilen Sie in die Zufluchtsſtätte, die von den Geſängen der Arbeiter belebt wird. Finden Sie ſich wieder bei dieſem arbeitſamen Völkchen ein, deſſen Vorſehung Sie ſind. Laſſen Sie ſich auf ihren ſtarken Armen empor⸗ tragen, an ihre edlen Herzen drücken, umgeben von Weibern, 7 3 — Kindern und Greiſen, die vor Freude über Ihre Rückkehr weinen. Sie werden ſich wiedergeboren fühlen, Sie werden fühlen, daß der Wille und die Kraft Gottes in Ihnen liegt, da Sie ſo viel für das Glück Ihrer Brüder vermögen.“ „Gabriel, du ſagſt die Wahrheit!“ rief Agricola, den Miſ⸗ ſionär an ſein Herz drückend. „Dir und Gott wird unſer armes Arbeitervölkchen die Rückkehr ſeines Wohlthäters ver⸗ danken. Jetzt fürcht' ich nichts mehr. Herr Hardy wird uns wiedergegeben!“ „Ja, Sie haben Recht,“ ſagte Hardy, mit leicht gerötheten Wangen feſt und aufrecht daſtehend. „Dieſem bewunderungs⸗ würdigen Prieſter nach dem Sinn von Chriſtus werde ich meine Auferſtehung verdanken, denn bis jetzt bin ich lebendig begraben geweſen.“ „Endlich ſind Sie unſer; jetzt zweiſte ich nicht mehr!“ rief der Schmied. „Ich hoffe es, mein Freund,“ ſagte Hardy. „Alſo Sie nehmen das Erbieten des Fräuleins von Car⸗ doville an?“ „Ich will ihr ſogleich deshalb ſchreiben. Aber zuvor wünſche ich mit dieſem meinem Bruder zu ſprechen,“ ſagte Hardy, Gabrieln die Hand reichend. „Er wird mir verſtatten, daß. ich ihm dieſen Namen gebe, ihm, dem Apoſtel der Bru⸗ derliebe.“ „Jetzt bin ich beruhigt,“ erwiderte Agricola. „Ich laſſe Sie mit ihm allein und laufe zum Fräulein von Cardoville, um ihr die gute Botſchaft zu bringen. — Aber da füllt mir ein: Herr Hardy, wenn Sie jetzt dies Haus verlaſſen, wo wollen Sie hingehen? Soll ich mich darum bekümmern?“ „Davon wollen wir mit Ihrem trefflichen Bruder ſprechen,“ antwortete Hardy. „Gehn Sie zum Fräulein von Cardoville, bringen Sie ihr meinen Dank und ſagen Sie ihr, heut Abend⸗ würde ich die Ehre haben, ihr zu antworten.“ „Ach, Herr Hardy, ich muß meinen Kopf und mein Herz mit beiden Händen halten, daß ſie nicht vor Freude toll werden!“ rief Agricola mit entſprechender Gebärde. Und nochmals Gabriel umarmend, flüſterte er dieſem ins Ohr: „In einer Stunde komm' ich wieder, aber nicht allein. Ein allgemeines Aufgebot — — du ſollſt ſehen. Ich ſage dem X Herrn Hardy nichts. Ich habe einen Gedanken.“ Und freude⸗ trunken eilte er weg. Rodin und Aigrigny hatten aufmerkſam zugehört und zu— geſehen. Der Letztere war vor Schrecken wie betäubt und fragte ſeinen Vorgeſetzten: „Nun, was denkt Ew. Ehr⸗ würden?“ „Ich denke, es iſt zu lange mit der Rückkehr vom Bi⸗ ſchofshof gezögert worden, und dieſer ketzeriſche Miſſionär wird Alles verderben,“ antwortete Rodin, ſich die Nägel bis aufs Fleiſch abnagend. Elftes Kapitel. Als Agricola das Zimmer verlaſſen hatte, trat Hardy zu Gabriel und ſagte: „Herr Abbé — —“ „Sagen Sie: Bruder,“ unterbrach der Prieſter. „Sie haben mir dieſen Namen gegeben und ich will ihn behalten.“ Hardy drückte herzlich die ihm von Gabriel dargereichte Hand und ſagte: „Alſo Bruder, Ihre Worte haben mich neu belebt und mich zu Pflichten zurückgerufen, welche ich in meinem Kummer verkannt hatte. Möchte nur mir jetzt die Kraft nicht ausgehen in der neuen Probe, die ich mir auflege. Sie wiſſen leider nicht Alles.“ „Was meinen Sie?“ fragte Gabriel theilnehmend. Hardy überlegte einen Augenblick und antwortete: „Ich habe Ihnen peinliche Geſtändniſſe zu machen. Wollen Sie meine Beichte hören?“ . „Sagen Sie: meine vertrauliche Mittheilung —“ ſiel Gabriel ein. „Können Sie mich denn nicht als Beichtvater hören?“ „Ich vermeide, ſo viel ich kann, die amtliche Beichte, wenn ich ſo ſagen darf. Sie hat nach meiner Anſicht viel Schlim⸗ mes. Aber ich ſchätze mich glücklich, wenn ich ſolches Zu⸗ 5. ————— — 8 —— — 77 — trauen einflöße, daß man zu mir kommt, um als Freund dem Freund das Herz zu öffnen, und ſagt: Ich leide — tröſte mich; ich bin im Zweifel — rathe mir; ich bin glück⸗ lich — theile meine Freude. Sehn Sie, eine ſolche Beichte iſt heilig für mich. So wollte ſie Chriſtus. Wehe dem, der in ſeinem Leben nie ein treues, zuverläſſiges Herz gefunden hat, dem er ſo beichten kann! Indeß bin ich in Folge frei⸗ williger Gelübde den Geſetzen der Kirche unterworfen und gehorche denſelben. Wofern Sie es wünſchen, Bruder, will ich Ihr Beichtiger ſein.“ „Sie gehorchen Geſetzen, welche Sie nicht gutheißen ?“ fragte Hardy erſtaunt. „Bruder,“ antwortete Gabriel, „ein mit Wiſſen und Wil⸗ len übernommenes Gelübde iſt für den Prieſter und Ehren⸗ mann eine heilige Verpflichtung, möge ihm auch die Er⸗ fahrung ganz andere Dinge, als die erwarteten, enthüllt haben. So lange ich in der Kirche bleibe, unterwerfe ich mich ihrer Zucht, wie lüſtig dieſelbe auch zuweilen ſein mag.“ „Für Sie?“ „Ja, für uns Land- und Stadtpfarrer, gleichſam die Pro⸗ letarier in der Geiſtlichkeit, für uns gemeine Arbeiter im Weinberg des Herrn. Die Ariſtokratie, welche ſich allmählig in der Kirche eingeſchlichen hat, läßt uns oft die Härte mittelalterlicher Grundherren fühlen. Aber das göttliche Weſen des Chriſtenthums widerſteht immer den Mißbräuchen, die es zu entſtellen ſuchen. Gerade in den unſcheinbaren Reihen der niederen Geiſtlichkeit kann ich beſſer als irgendwo anders der heiligen Sache der Enterbten dienen und ihre Be⸗ freiung mit einer gewiſſen Unabhängigkeit predigen. Darum eben bleibe ich in der Kirche, und ſo lange ich in ihr bleibe, unterwerf' ich mich ihrer Zucht. Ich ſage Ihnen das, Bru⸗ der, weil wir beide dieſelbe Sache predigen. Die Hand⸗ werker, welche Sie eingeladen haben, die Früchte Ihrer Arbeiten mit Ihnen zu theilen, ſind nicht mehr enterbt. Durch das Gute, was Sie thun, dienen Sie Chriſto noch wirkſamer als ich.“ „Und ich will fortfahren, ihm zu dienen, vorausgeſetzt, daß ich die Kraft dazu habe.“ „Warum ſollte Ihnen dieſe Kraft fehlen?“ — 2 „O, wenn Sie wüßten, wie unglücklich ich bin, welche Schläge mich getroffen haben!“ „Ohne Zweifel iſt die Zerſtörung Ihrer Fabrik ſehr zu be⸗ klagen — — —“ O, Bruder!“ fiel Hardy ein, „was will das ſagen! Mein Muth würde nicht ſinken vor einem Unglück, welches mit bloßem Geld wieder gut zu machen wäre. Aber ach! es gibt Verluſte, die ſich nicht wieder gut machen laſſen — Verluſte des Herzens. Und doch hatte ich, von Ihren edlen Worten hingeriſſen, die für mich bisher ſo düſtere Zukunft erhellt geſehen. Sie hatten mir neuen Muth gegeben durch Erinnerung an meinen Beruf in der Welt.“ „Und nun, Bruder?“ „Jetzt kommen neue Beängſtigungen über mich bei dem Gedanken, daß ich in das bewegte Leben zurücktehren ſoll, in dieſe Welt wo ich ſo viel gelitten habe.“ „Aber was erregt denn dieſe Beängſtigungen?“ fragte Ga⸗ briel geſpannt. „Hören Sie mich an, Bruder,“ erwiderte Hardy. „Alles was mir von Liebe und Hingebung im Herzen geblieben war, hatte ich zwei Weſen zugewandt: einem Freund, den ich für aufrichtig hielt, und einem Weib. Der Freund hat mich auf eine entſetzliche Weiſe betrogen.“ Das Weib, welches mir ſeine Pflichten aufgeopfert, hat den Muth gehabt Cund ich kann ſie darum nur achten) unſere Liebe der Ruhe ihrer Mutter zum Opfer zu bringen, und hat Frankreich für im— mer verkaſſen. Ach, ich fürchte, dieſer zwiefache Kummer bleibt unheilbar und wird mich zu Boden drücken auf der neuen Bahn, die zu betreten Sie mich auffordern. Ich ge⸗ ſtehe meine Schwäche. Sie iſt groß und ſie erſchreckt mich um ſo mehr, da ich nicht das Recht habe, müßig zu bleiben und abgeſchloſſen, ſo lang ich noch etwas für die Menſchheit vermag. Sie haben mich über meine Pflicht aufgeklärt. Ich fürchte nur, trotz meinem guten Vorſatz möchten meine Kräfte mich verlaſſen, wenn ich mich in dieſer Welt wiederfinde, welche für mich ewig kalt und öde ſein wird. „Aber werden nicht die wackeren Arbeiter, die Sie ſegnend erwarten, dieſe Welt bevölkern?“ „Ja, Bruder,“ antwortete Hardy ſchmerzvoll. „Aber vordem — — — verbanden ſich mit dem wohlthuenden Bewußtſein, Gutes zu ſchaffen, zwei Gefühle, welche ſich iu mein Leben theilten. Sie ſind nicht mehr vorhanden und laſſen in meinem Herzen eine unendliche Leere. Um dieſe auszufüllen, hatte ich auf die Religion gerechnet. Aber, ach! zum Erſatz für das, was mir ſo ſchmerzliche Sehnſucht erweckt, hat man meiner Seele als Nahrung bloß meine Verzweiflung gegeben und mir ge⸗ ſagt: je größer ich dieſelbe werden ließe, je härtere Qual ich in ihr fände, deſto größeres Verdienſt würde ich mir in den Augen des Herrn erwerben.“ „Man hat Sie getäuſcht, Bruder. Das Glück, nicht der Schmerz iſt in den Augen Gottes der Zweck der Menſchheit. Er will den Menſchen glücklich, weil er ihn gerecht und gut will.“ „O!“ rief Hardy, „wenn ich dieſe Worte der Hoffnung früher gehört hätte, würden meine Wunden geheilt ſein, an— ſtatt unheilbar zu werden. Ich würde früher das gute Werk wieder angefangen haben, zu dem Sie mich ermuthigen, und ich würde darin Troſt und vielleicht Vergeſſen meiner Leiden gefunden haben, während jetzt — — —. O, es iſt entſetzlich das zu geſtehen. Man hat mich mit dem Schmetz ſo ver⸗ traut gemacht, man hat ihn ſo in mein Fleiſch und Blut übergehen laſſen, daß ich meine, er müſſe ewig mein Leben lähmen.“ Er verbarg das Geſicht in ſeinen Händen und fuhr mit bebender Stimme fort: „Verzeihen Sie meine Schwäche. Ach wenn Sie wüßten, wie es einem armen Geſchöpf tſt, welches nur durch das Herz lebte und dem Alles auf ein Mal ausgegangen iſt! Es ſucht nach allen Seiten, um ſich an etwas anzuhängen, und ſein Schwanken, ſeine Beängſtigungen ſelbſt ſeine Ohnmacht — verdienen wahrlich mehr Mitleid als Verachtüng.“ 3 Gabriel ward von dieſem Geſtändniß zu Thränen gerührt. Er erkannte in dieſen Ausbrüchen krankhafter Riedergeſchla⸗ genheit die entſetzlichen Wirkungen der Kunſtgriffe der Jeſui⸗ ten, die es ſo gut verſtehen, die Wunden zarter Seelen (die ſie von der Welt abſondern und beſchleichen wollen) tödlich zu machen, indem ſie lange Zeit tropfenweiſe das ſcharfe Gift troſtloſer Lehren hineinträufeln. Dieſe Prieſter, wohl wiſſend wie die Verzweiflung dem Schwindel ähnlich wirkt, hatten den Abgrund derſelben um ihr Opfer gegraben, auf daß es, — —— ———— — fortwährend den Blick in ihn verſenkend, hineingeriſſen würde, und auf daß ſie die Trümmer dieſes Daſeins wie Strandgut ſich aneignen könnten. Vergebens hatte die Bläue des Him⸗ mels, hatten die goldnen Sonnenſtrahlen dem Unglücklichen gewinkt. Er wußte, daß das Emporſehen zum Himmel ihn retten könnte, er hatte wol auch einen ſcheuen Blick hinauf geworfen, aber der hölliſche Zauber hatte ſeine Augen immer wieder auf den Abgrund geſenkt, Gabriel begriff die Gefähr⸗ lichkeit ſeiner Lage und nahm all ſeine Kräfte zuſammen, um ihn derſelben zu entreißen. „Was ſprechen Sie von Mitleid und Verachtung?“ erwiderte er. „Was gibt es hei⸗ ligeres in den Augen Gottes und der Menſchen, als eine Seele, die den Glauben ſucht, um ſich nach dem Sturm der Leidenſchaften an demſelben feſtzuhalten? Beruhigen Sie ſich Bruder. Ihre Wunden ſind nicht unheilbar. Sie werden ſich ſchnell ſchließen, ſobald Sie aus dieſem Hauſe ſind.“ „Ach, wie iſt das zu hoffen!“ „Glauben Sie mir, Ihre Wunden werden heilen, ſobald Ihr Kummer in Ihnen nicht mehr Gedanken der Verzweiflung ſondern tröſtliche, faſt liebliche Gedanken erweckt.“ „Tröſtliche faſt liebliche Gedanken?“ wiederholte Hardy zweifelnd. „Ja,“ antwortete Gabriel mit dem Lächeln eines Engels. „Es liegt etwas liebliches, etwas tröſtliches im Mitleid, in der Vergebung. Sagen Sie, Bruder, hat der Anblick Derer die ihn verrathen hatten, dem Heiland je Gedanken des Haſſes der Verzweiflung und der Rache eingeflößt? Nein, Jeſus hat in ſeinem Herzen Worte der Sanftmuth und Vergebung ge⸗ funden, er hat in ſeinen Thränen mit himmliſcher Nachſicht gelächelt und für ſeine Feinde gebetet. Thun Sie desgleichen. Anſtatt ſich ganz dem bittern Schmerz über den Verrath eines Freundes hinzugeben, beklagen Sie ihn, beten Sie für ihn. Nicht Sie ſind der unglücklichere von beiden. Welchen Schatz hat der Treuloſe nicht mit Ihrer Freundſchaft verloren! Wer ſagt Ihnen, daß er nicht Reue und Schmerz empfindet? Freilich wenn Sie ſtets an das Leid denken, welches dieſer Verrath Ihnen zugefügt hat, dann muß Ihr Herz in unheil⸗ barer Troſtloſigkeit brechen. Denken Sie lieber an die Süßig⸗ keit des Verzeihens und des Gebets, und Ihr Herz wird ſich erleichtern und glücklich ſein, weil es dann nach dem Willen Gottes beſchaffen iſt.“ Gabriel brachte mit dieſen Worten die zarten Saiten eines edelmüthigen liebevollen Herzens in Schwingung, welche die Jeſuiten zu zerreißen geſucht hatten, damit dies Herz verblute. Hardy ſtand wie geblendet von der herrlichen Ausſicht, welche Gabriel ihm ersffnete und rief: „O Bruder, welch heilige Gewalt liegt in Ihren Worten! Wie können Sie ſo plötzlich bitteren Schmerz in Wonne verwandeln? Mich dünkt, ſchon ziehe wieder Ruhe in meinem Herzen ein bei dem Gedanken an Verzeihung und hoffnungsvolles Gebet.“ 3 „Sie werden ſehen,“ fuhr Gabriel freudig fort, „welche ſüße Freuden Ihrer warten im Gebet für das was Sie lieben — für das, was Sie geliebt haben. Durch das Gebet brin— gen wir Gott in Verbindung mit dem, was uns theuer iſt. Warum wollen Sie ſich die Erinnerung an die Frau, deren Liebe Ihnen ſo theuer war, ſchmerzvoll machen? warum ſie fliehen? Vergegenwärtigen Sie ſich vielmehr dieſe Liebe, um ſie durch das Gebet zu heiligen und zu reinigen. Laſſen Sie an die Stelle einer irdiſchen Liebe eine himmliſche, chriſtliche und göttliche treten, die eines Bruders für ſeine Schweſter in Chriſto. Iſt dieſe Frau vor Gott ſchuldig geweſen, wie ſüß⸗muß es ſeim, für ſie zu beten, welche Freude, von ihr täglich zu Grit prechen zu können, welcher, erweicht von Ihren Bitten, ihr verzeihen wird. Hat nicht Chriſtus für die fündige Magdalena und für das ehebrecheriſche Weib gebetet, anſtatt ſie zurückzuſtoßen und zu verfluchen? Sie haben viel geliebt, ſagte der Heiland. 5 „O, nun verſteh ich Sie!“ rief Hardy. „Beten iſt eben⸗ falls lieben, beten iſt vergeben ſtatt fluchen. Die Thränen des Gebets fallen aufs Herz wie ein wohlthätiger Thau, während die Thränen der Verzweiflung wie Tropfen glühenden Erzes auf demſelben brennen. Ich verſtehe Sie. Sie ſagen mir nicht: Leiden iſt beten. Ich fühle, die Wahrheit liegt in Ihren Worten: Hoffen, Vergeben iſt beten. Jetzt kann ich ohne Furcht wieder in das thätige Leben treten.“ Und mit Thrä⸗ nen in den Augen fiel er dem Prieſter um den Hals und rief: „Bruder, Sie haben mich völlig gerettet!“ Rodin hatte kein Wort von dieſem Geſpräch verloren. Als X. 6 — S2 — Hardy und Gabriel ſich umarmten, zog er ſein Schlangen⸗ auge von dem Guckloch zurück. Sein Geſicht hatte einen Ausdruck teuflicher Freude. Aigrigny, der über den Schluß der Unterrdung ganz beſtürzt war, begriff die frohe Miene ſeines Begleiters nicht. „Ich habe den Knoten!“ ſagte Rodin in ſeiner kurzen Weiſe. „Erſtaunt fragte Aigrigny: „Was wollen Sie damit ſagen?“ „Iſt hier ein Reiſewagen?“ fragte Rodin anſtatt auf die Frage des Marquis zu antworten. Dieſer riß die Augen weit auf und wiederholte: „Ein Reiſewagen?“ „Ja, ja!“ ſagte Rodin ungeduldig. „Spreche ich etwa hebräiſch? Iſt hier ein Reiſewagen? Verſtehen Sie mich?“ „Mein Reiſewagen iſt da,“ antwortete der Marquis. „Nun ſo laſſen Sie auf der Stelle Poſtpferde holen?“ „Und zu welchem Zweck?“ „Um Hardy wegzubringen.“ „Hardy wegzubringen?“ wiederholte Aigringny, der glaubte Rodin ſei toll geworden. „Ja,“ erwiderte Rodin. „Sie ſollen ihn dieſen Abend nach Saint Herem bringen.“ „In dieſe tiefe düſtere Einſamkeit dieſen Menſchen?“ „Ja dieſen Menſchen,“ Shen %, „Zetzt? nachdem Gabriel — ee „Vor Ablauf einer halben Stunde wirs mich Hardy knie⸗ füllig bitten ihn aus Paris ans Ende der Welt, wo möglich in eine Wüſte zu bringen.“ „Und Gabriel?“ „Und der Brief, der mir vorhin von vſußsef gebracht worden iſt?“ „Aber Sie ſagten ja, es ſei zu ſpät.“ „Vorhin hatte ich den Knoten nicht, jetzt hab' 3 ihn“. eilig den geheimnißvollen Schlupfwinkel. Nach dieſen Worten verließen die beiden E. E. V. V. ——— ——— — Zwölftes Kapitel. Der Beſuch. Mit würdevoller Zurückhaltung hatte Gabriel ſich begnügt nur die Erweckung edler Gefühle anzuwenden, als Mittel, um Hardy den mörderiſchen Einfluß der E. E. V. V. zu . entreißen. Seiner ſchönen Seele wiederſtrebte es, ſich zur Enthüllung der gehäſſigen Ränke dieſer Prieſter herabzulaſſen Zu dieſem äußerſten Mittel würde er nur dann gegriffen haben, wenn ſeine milden Worte gegen die Verblendung Har⸗ dy's erfolglos geblieben wären. * Nachdem Hatdy den Miſſionär in ſeine Arme geſchloſſen hatte, ſagte er entzückt: „Arbeit, Gebet, Vergebung — mit ieſen drei Worten haben Sie mich dem Leben und der Hoff⸗ nung wiedergeben.“ Kaum hatte er dieſe Worte geſprochen, ſo ging die Thür auf. Ein Diener trat ein, überreichte ſchweigend dem jungen Prieſter ein großes verſiegeltes Papier und entfernte ſich wieder. Gabriel betrachtete erſtaunt das Papier. Als er einen eigen⸗ thümlichen Stempel bemerkte, entſiegelte er es ſchnell und zog eine Schrift heraus, die wie eine miniſterielle Depeſche zuſammengelegt war, und an welcher ein Siegel von rothem Wachſe hing. Er las die Schrift und rief in ſchmerzlichem Ton: „O Gott!“ Dann wandte er ſich an Hardy und ſagte: —— * „Verzeihen Sie — —.“ . „Was iſt Ihnen?“ fiel Hardy theilnehmend ein. „Haben Sie eine ſchlimme Nachricht erhalten?“ . 2 „Ja, eine traurige,“ antwortete Gabriel niedergeſchlagen. 6 Und für ſich fuhr er fort: „Alſo darum bin ich nach Paris gefordert worden. Man hat es nicht einmal der Mühe werth gehalten, mich anzuhören. Man ſchlägt mich, ohne mir zu verſtatten, mich zu rechtfertigen. — — — Doch — es mag ſein, — — Ich muß gehorchen. — — Ich will gehorchen. — — Mein Gelübde verbindet mich dazu.“ Hardy betrachtete den jungen Prieſter mit ucberruſchung 6 . — 61 — und Beſorgniß und ſagte theilnehmend: „Obwohl Sie meine * Freundſchaft und meine Dankbarkeit erſt ſeit wenigen Au⸗ genblicken erworben haben — — ſo möchte ich doch wiſſen, ob ich Ihnen nicht irgend dienen kann. Ich verdanke Ihnen ſo viel, daß ich glücklich wäre, wenn ich Ihnen meine Schuld ein wenig abtragen könnte.“ „Bruder, Sie thun viel für mich, indem Sie mir ein gu⸗ tes Andenken von dieſem Tag hinterlaſſen. Sie werden mir die Ergebung in einen bittern Kummer erleichtern.“ 6 „Sie haben einen Kummer?“ fragte Hardy. „Oder vielmehr — — eine ſchmerzliche Ueberraſchung,“ äntwortete Gabriel. Er wandte das Geſicht ab, trocknete eine Thräne von ſeiner Wange und fuhr fort. „Aber ich werde zu dem guten, gerechten Gott meine Zuflucht nehmen, und der Troſt wird mit nicht mangeln. Er fängt ſchon an zu kommen, indem ich ſehe, daß ich Sie auf einem guten Weg laſſe. Leben Sie wohl, lieber Bruder. Auf baldiges Wiederſehen.“ 34 „Sie verlaſſen mich?“ „Ich muß. Erſt will ich fragen, wie mir dies Schreiben hier zugekommen iſt, und dann muß ich augenblicklich dem darin enthaltenen Befehl Folge leiſten. Mein guter Agri⸗ cola wird kommen und Ihre Befehle einholen. Er wird mir ſagen, wozu Sie ſich entſchließen, und wird mir die Wohnung angeben, in welcher ich Sie finden kann. Wann Sie dann wollen, werden wir uns wieder ſehen.“ Hardy wollte aus Beſcheidenheit nicht weiter nach der Ur⸗ ſache von Gabriel's plötzlichem Kummer fragen und erwi- derte: „Sie fragen, wann wir uns wieder ſehen werden? Morgen, denn ich verlaſſe heute dies Haus.“ „Alſo morgen, lieber Bruder,“ ſagte Gabriel, dem Fabri⸗ kanten die Hand drückend. Hardy hielt unwillkürlich die dargebotene Hand feſt, als ob er den Weggang Gabriel's fürchtete und den jungen Prie⸗ ſter bei ſich behalten wollte. Gabriel ſah ihn betroffen an. Hardy ließ ſanft lächelnd ſeine Hand los und ſagte: „Ver⸗ zeihen Sie. Sie ſehen; durch das, was ich hier gelitten habe, bin ich faſt wie ein Kind geworden, welches in Angſt geräth, wennn man es allein läßt. ₰ „ 5 — — 83 — „Ich aber,“ erwiderte Gabriel, „bin Ihretwegen außer Sorgen. Ich verlaſſe Sie in tröſtlichen Gedanken, in feſten Hoffnungen. Sie werden genügen, Sie in Ihrer Einſamkeit zu beſchäftigen bis zur Ankunft meines guten Agricola, der nicht lange ausbleiben kann. Nochmals, leben Sie wohl; morgen ſehen wir uns wieder.“ „Leben Sie wohl, mein Retter. Morgen ſehen wir uns wieder.“ Verfehlen Sie nicht zu kommen, denn ich werde noch ſehr Ihrer wohlthätigen Unterſtützung bedürfen, um meine erſten Schritte im hellen Sonnenſchein zu machen, nachdem ich ſo lange unbeweglich in der Finſterniß geſeſſen.“ „Alſo morgen, und bis dahin Muth, Hoffnung und Ge⸗ bet,“ ſagte Gabriel und ging weg „Muth, Soffnung und Gebet,“ wiederholte Hardy. „Mit dieſen Worten iſt man ſtark.“ Die Aengſtlichkeit, welche Hardy empfunden hatte, als Gabriel ſich bereit machte wegzugehen, beſchlich ihn von neuem, in einer andern Geſtalt. Es war ihm jetzt, als ob ein unheimlicher, immer größer werdender Schatten an die Stelle der lichten Geſtalt Gabriel's träte. Eine ſolche Em⸗ pfindung war begreiflich nach den verſchiedenartigen ſtarken Gemüthsbewegungen, welche der geiſtig und körperlich ge⸗ ſchwächte Mann an dieſem Nachmittag gehabt hatte. Etwa eine Viertelſtunde nach Gabriels Abgang trat der zum Dienſt des Pfleglings der E. E. V. V. beſtimmte Mann ein und überreichte ihm einen Brief. Pon wem dieſer Brief24 fragd Har — „Von einem Pflegling des Hauſes,“ de ner, ſich verbeugend. Dieſer Diener hatte ein tückiſchet brudergeſicht, ſprach leiſe und ſchlug ſtets die Augen nieder. Während er auf die Antwort Hardy's wartete, faltete er die Hände und drehte andächtig die Daumen um einander herum. Hardy entſiegelte den Brief und las Folgendes: „Geehrter Herr Erſt in dieſem Augenblick erfahre. ich zufällig, daß ich mich mit Ihnen zugleich in dieſem achtbaren Hauſe befinde. Eine lange Krankheit, die ich überſtanden habe, und die tiefe Zurückgezogenheit, in X welcher ich lebe, werden Ihnen hinlänglich erklären, wie mir Ihre Nachbarſchaft unbekannt bleiben konnte. Obwohl wir uns nur ein Mal getroffen, ſo glaube ich doch in Betracht des für Sie ſo wichtigen Umſtandes, der mir neulich die Ehre verſchafft hat, Sie zu ſehen, daß Sie unſere Zuſammenkunft nicht vergeſſen haben.“ Hardy war überraſcht. Er beſann ſich, fand aber in ſei⸗ nen Erinnerungen nicht, was dem Inhalt obiger Zeilen ent⸗ ſpräche. Er las weiter: „Dieſer Umſtand hat übrigens in mir ein ſo tiefes, achtungsvolles Mitgefühl für Sie erweckt, daß ich dem lebhaften Wunſch nicht widerſtehen kann, Ihnen meine Huldigung darzubringen, zumal, da ich eben erfahre, daß Sie heut dies Haus verlaſſen. Der würdige Abbé Gabriel ſagt mir's, einer der Männer, welche ich am meiſten liebe, bewundere und verehre.“ „Dürfte ich wol glauben, daß Sie in dem Augen⸗ blick, wo Sie unſere gemeinſchaftliche Zurückgezogenheit verlaſſen, um wieder in die Welt zurückzukehren, geneigt die Bitte eines alten Mannes aufnehmen werden, wel⸗ cher von nun an in tiefer Einſamkeit leben wird und nicht hoffen darf, Sie im Strudel der Geſellſchaft wie⸗ der zu finden?“ „In Erwartung Ihrer gütigen Antwort bitte ich Sie, die Verſicherung der tiefſten Hochachtung zu genehmi⸗ en von Irem gehorſamſt ergebenſten Diener, —, * Nach Leſun dieſes Briefes und des untetzeichneten mens ſtrengte Hardy abermals ſein Gedächtniß an, konnte ſich aber weder des Namens Rodin, noch des wichtigen Um⸗ ſtandes, auf welchen der Schreiber anſpielte, erinnern. Nach langem Schweigen fragte er den Diener: „Herr Rodin hat Ihnen dieſen Brief gegeben?“ „Ja, Herr Hardy.“ „Wer iſt denn der Herr Rodin? „Ein guter alter Herr, der eben eine lange, gefährliche Krankheit überſtanden hat. Er iſt aber noch immer ſo ſchwach und ſo traurig, daß ſein Anblick Mitleid erweckt. Schade für den Mann! Im ganzen Haus iſt kein braverer Herr als er, 8 —— —— S ccccec Sie etwa ausgenommen.“ Und der Diener verbeugte ſich achtungsvoll. 2 „Herr Rodin ? — — Sonderbar! Ich entſinne mich die⸗ ſes Namens nicht — — und auch keiner Begebenheit, die ſich an denſelben knüpfte.“ „Wenn Sie mir Ihre Antwort geben wollen, ſo will ich ſie dem Herrn Rodin bringen. Er iſt eben bei dem Pater Aigrigny, von dem er Abſchied nimmt.“ „Abſchied?“ „Ja, Herr Hardy. Eben ſind die Poſtpferde gekommen.“ „Für wen?“ „Für den Pater Aigrigny.“ „Er reiſt alſo ab?“ fragte Hardy erſtaunt. „Wol nicht auf lange Zeit,“ antwortete der Diener mit der Miene eines Wiſſenden. „Der ehrwürdige Vater hat keinen Begleiter und nimmt nur wenig Gepäck mit. Ohne Zweifel wird er auch Ihnen Lebewohl ſagen. Aber was ſoll ich Herrn Rodin antworten?“ Der überbrachte Brief war ſo höflich, es wurde darin von Gabriel mit ſolcher Achtung geſprochen, daß Hardy, von Neugier getrieben, keinen Grund ſah, in dem Augen⸗ blick, wo er das Haus verlaſſen wollte, den angemeldeten Beſuch zurückzuweiſen. Er erwiderte dem Diener: „Sagen Sie Herrn Rodin, wenn er ſich zu mir bemühen will, ſo er⸗ wart' ihn hier.“ . 2 „Ich will es ihm augenblicklich melden,“ ſagte der Diener, verbeugte ſich und ging weg.“ 3 Als Hardy wieder allein war, traf er, immer ſich noch auf Rodin beſinnend, einige kleine Anſtalten zum Abgang. Um Alles in der Welt hätte er nicht die Nacht in dieſem Hauſe zubringen mögen. Um ſeinen Muth aufrecht zu erhalten, erinnerte er ſich ſtets der ſanften evangeliſchen Worte Ga⸗ briels, gleichwie die Gläubigen Litaneien herſagen, um nicht der Verſuchung zu unterliegen. kam der Diener wieder und ſagte: „Herr Rodin iſt da.“ 1* „Bitten Sie ihn, einzutreten,“ erwiderte Hardy. Der Diener ging hinaus, und Rodin trat ein in ſeinem dunkeln Schlafrock, ſeine alte ſeidene Mütze in der Hand. — „ — Hardy ging ihm entgegen. Anfangs erkannte er ihn nicht, da es ſchon dunkel zu werden begann. aber Rodin an eine Stelle kam, wo das Licht durch cien auf ſein Geſicht fiel, ſtieß Hardy einen leichten Schrei ſchmerzlicher Ueberraſchung aus. Nach einigen Augenblicken ſagte er mit bebender Stimme: „Sie ſind hier? — — Sie haben Recht. — — Die Umſtände, unter welchen ich Sie zum erſten Mal ſah, waren verhängnißvoll.“ „Ach!“ erwiderte Rodin in väterlichem, zufriedenem Ton, vich wußte beſtimmt, daß Sie mich nicht vergeſſen hatten.“ Dreizehntes Kapitel. Das Gebet. 3 Der Leſer wird ſich erinnern, daß Rodin, damals dem Fabrikanten völlig unbefannt, ihn in ſeiner Fabrik aufgeſucht hatte, um ihm den ſchündlichen Verrath des Herrn v. Bleſſae zu enthüllen, und daß wenige Augenblicke nachher in Ro⸗ din's Gegenwart Hardy die unerwartete Abreiſe der von ihm angebeteten rau erfahren hatte. Hiernach läßt ſich begrei⸗ fen, welche bittere Gefühle das unerwartete Erſcheinen Ro⸗ din's in ihm erwecken mußte. Indeß die heilſamen Rath⸗ ſchläge Gabrirls hatten ſein Gemüth ſo ſehr gekräftigt, daß ſein Geſicht ſich allmählig aufheiterte. Mit trauriger;, aber ruhiger Miene ſagte er: „Herr Rodin, ich war wirklich nicht darauf gefaßt, Sie in dieſem Hauſe anzutreffen.“ „Ach, Herr Hardy,“ erwiderte Rodin ſeufzend, „ich hätte auch nicht gedacht, daß ich hier meine traurigen Tage be⸗ ſchließen würde, damals, als ich, ohne Sie zu kennen, bloß um eine große Schändlichkeit zu enthüllen, zu Ihnen kam. „Sie haben mir damals einen wahren Dienſt geleiſtet. Und vielleicht habe ich in jeuem ſchmerzlichen Augenblick Ih⸗ nen meinen Dank ſchlecht ausgedrückt. Denn in dem Au⸗ genblick, wo Sie mir den Vorrath Bleſſac's vffenbarten — —.“ 3 —, — „Wurden Sie von einer ſchmerzlichen Nachricht niederge⸗ ſchlagen,“ inrbin „Nie werd' ich die plötzliche An⸗ kunft der armen, blaſſen, beſtürzten Dame vergeſſen, welche, unbekümmert um meine Anweſenheit, hereinſtürzte, Sie zu benachrichtigen, daß eine Perſon, deren Zuneigung Ihnen ſo werth war, plötzlich Paris verlaſſen habe.“ „Und ohne Ihnen zu danken, bin ich weggeeilt,“ fügte Hardy ſchwermüthig hinzu. Nach einem Augenblick des Schweigens fing Rodin wie⸗ der an: „Herr Hardy, manchmal kommt im Leben ein ſon— derbares Zuſammentreffen vor.“ „Was meinen Sie?“ fragte Hardy. „Während ich Sie benachrichtigte, daß Sie auf eine ſchänd— liche Weiſe verrathen wurden, war — — ich ſelber — —.“ Rodin hielt inne, wie von einer Gemüthsbewegung über⸗ wältigt. Sein Geſicht drückte einen ſo tiefen Schmerz aus, daß Hardy ihn theilnehmend fragte: „Was iſt Ihnen, Herr Rodin?“ „Verzeihen Sie,“ erwiderte Rodin ſchmerzlich lächelnd. „Durch die frommen Rathſchläge des engelgleichen Abbé Gabriel iſt es mir gelungen, mich in mein Schickſal zu er⸗ geben. Zuweilen jedoch empfinde ich noch bei gewiſſen Er⸗ innerungen einen herzzerreißenden Schmerz. Ich wollte Ih⸗ nen ſagen: Tags darauf, nachdem ich Ihnen geſagt hatte: Sie werden getäuſcht — ward ich inne, daß ich ſelber ſchreck⸗ lich betrogen war. Ein angenommener Sohn; ein von ſei⸗ nen Eltern preisgegebenes Kind, welches ich aufgenommen⸗ hatte — — —.“ Er unterbrach ſich abermals, fuhr mit zitternder Hand über ſeine Augen und ſagte: „Verzeihen Sie — — daß ich Ihnen von Schmerzen ſpreche, die Ihnen gleichgültig ſind . . . . Entſchuldigen Sie die ungebührliche & Aeußerung des Schmerzes bei einem niedergeſchlagenen ar⸗ men Greis.“ „Herr Rodin,“ erwiderte Hardy, ich habe zu viel gelitten, als daß irgend ein Kummer mir gleichgültig ſein könnte. Und dann ſind Sie mir nicht fremd. Sie haben mir einen wahren Dienſt geleiſtet und wir beide ſind vereint in glei⸗ cher Verehrung für einen jungen Geiſtlichen.“ Den Abbe Gabriel!“ ergänzte Rorfin. „O, Herr Hardy, 6 * * . er iſt mein Retter, — — mein Wohlthäter. Wenn Sie wüßten, mit welcher Hingebung er mich gepflegt hat, wäh⸗ rend meiner, durch einen entſetzlichen Schmerz verurſachten langen Krankheit! Wenn Sie wüßten, welche unausſprechlich wohlthuende Rathſchläge er mir gegeben!“ „Ich weiß es!“ rief Hardy. „Ich weiß, wie heilſam ſein Einfluß iſt.“ „Nicht wahr, Herr Hardy, in ſeinem Mund ſind die Vor⸗ 3 ſchriften der Religion voll Milde?“ ſprach Rodin in begei⸗ ſtertem Ton. „Von ihm ausgeſprochen, tröſten ſie und laſſen lieben und hoffen, anſtatt fürchten und zittern?“ „Ach, Herr Rodin! eben in dieſem Hauſe habe ich Gele⸗ genheit gehabt, die Vergleichung zu machen.“ S „Ich,“ ſagte Rodin, „bin glücklich genug geweſen, gleich von Anfang den engelgleichen Abbé Gabriel zum Beichtiger zu haben — — oder vielmehr zum Vertrauten.“ „Ganz recht, zum Vertrauten,“ bemerkte Hardy. „Er will lieber vertrauliche Mittheilung, als Beichte.“ „Sie kennen ihn ſehr gut!“ ſagte Rodin im unbefangen⸗ ſten Ton. „Er iſt kein Menſch, er iſt ein Engel. Sein eindringliches Wort müßte den Verhärtetſten bekehren. Ich z. B. geſtehe, ohne gerade gottlos zu ſein, hatte ich in den Ge⸗ fühlen einer angeblichen natürlichen Religion gelebt. Aber der engelgleiche Abbé Gabriel hat allmählig meine unſiche⸗ ren Anſichten befeſtigt, ihnen Leib und Seele verliehen, — kurz er hat mir den Glauben gegeben.“ „Ja, das iſt ein Prieſter im Sinne Chriſti!“ rief Hardy. „Lauter Liebe und Vergebung iſt dieſer Prieſter.“ „Was Sie da ſagen, iſt die volle Wahrheit. Ich war faſt raſend vor Verdruß hieher gekommen. Bald dachte ich an den Unglückſeligen, der meine väterliche Güte mit dem ſchwär⸗ zeſten Undank belohnt hatte, und überließ mich tobender Verzweiflung, — bald verfiel ich in eine düſtere Starrheit, als ob ich im Grab läge. Da erſchien plötzlich der Abbé Gabriel. Die Finſterniß verſchwand, und der Tag leuchtete für mich.“ Hardy fühlte ſich vertrauensvoll hingezogen zu Rodin, deſſen vorgebliche Lage ſo viel Aehnlichkeit mit der ſeinigen hatte. „Ja,“ ſagte er, „es kommt manchmal iin Leben ein ſoͤnder⸗ „ ———— —————— — — —— — — ——— — —— . bares Zuſammentreffen vor. Jetzt ſchätz' ich mich glücklich, daß ich Sie geſehen habe, ehe ich dies Haus verlaſſe. Wäre F ich noch fähig geweſen, Anfällen feiger Schwäche zu erliegen, ſo würde Ihr Beiſpiel ſchon mich davor bewahren. Seitdem ich Sie höre, fühle ich mich befeſtigt auf dem guten Weg, den der engelgleiche Abbé, wie Sie ihn richtig nennen, mir eröffnet hat.“ „Der arme alte Mann wird alſo nicht zu bedauern haben, daß er der erſten Regung folgte, die ihn zu Ihnen hinzog,“ 6 ſagte Rodin in rührendem Ton. „Sie werden alſo ein An⸗ . denken an mich bewahren in der Welt, in welche Sie zurück⸗ kehren wollen?“ „Verlaſſen Sie ſich darauf, Herr Rodin. Aber erlauben Sie mir eine Frage: Ich höre, Sie bleiben in dieſem Hauſe?“ 1 „Was ſoll ich ſonſt thun? Man genießt hier einer ſo 15 tiefen Ruhe, man wird ſo wenig in ſeinem Gebet geſtört. Ach! mir iſt ſo viel Leid, ſo viel Unglück widerfahren! Die 1 Aufführung des Unglückſeligen, der mich getäuſcht hat, iſt ſo entſetzlich geweſen, er hat ſich in ſolche Ausſchweifungen ge⸗ ſtürzt, daß Gott ſehr erzürnt ſein muß — — über ihn. k Ich bin ſo alt, daß ich in den wenigen Tagen, die mir noch übrig bleiben, kaum noch hoffen darf, durch ſtetes inbünſtiges Gebet den gerechten Zorn des Herrn zu entwaffnen. O das Gebet! das Gebet! Der Abbé Gabriel hat mir die ganze Kraft, die ganze Süßigkeit desſelben offenbart — — aber auch die ſchweren Pflichten, die es auflegt.“ „Ja — — dieſe Pflichten ſind groß und heilig,“ ſagte Hardy nachdenkend. Rodin warf auf den Fabrikanten einen ſonderbaren Blick und fragte plötzlich: „Kennen Sie das Leben von Rancey?“ 35 „Des Stifters der Abtei la Trappe?“ erwiderte Hardy, betroffen über dieſe Frage. „Ich habe vor langer Zeit ein⸗ mal etwas unbeſtimmtes von ſeiner Bekehrung gehört.“ „Sehen Sie, es gibt kein ergreifenderes Beiſpiel von der Allgewalt des Gebets — — und von dem Zuſtand göttlichen Entzückens, in welches es fromme Seelen verſetzen kann. 5 Laſſen Sie mich Ihnen in wenigen Worten dieſe lehrreiche tragiſche Geſchichte erzählen. Der Herr von Rancey .. Doch, * verzeihen Sie — — ich fürchte, ich raube Ihnen Ihre Zeit.“ „Nein, nein,“ erwiderte Hardy. „Sie glauben nicht, wie ſehr mich Alles, was Sie mir ſagen, intereſſirt. Meine Un⸗ terredung mit dem Abbé Gabriel iſt plötzlich unterbrochen worden, und indem ich Sie anhöre, glaube ich die Entwick⸗ lung ſeiner Gedanken zu vernehmen. Sprechen Sie, ich bitte Sie darum.“ „Herzlich gern will ich es thun, denn ich wünſche, daß die Lehre, welche ich durch unſern engelgleichen Abbé aus der Bekehrung Rancey's geſchöpft habe, Ihnen eben ſo nützlich werde, wie ſie mir geweſen iſt.“ „Alſo der Abbé Gabriel . . . 7“ „Hat zur Bekräftigung ſeines Zuſpruchs mir dieſe Geſchichte wie ein lehrreiches Gleichniß erzählt. Alles was mein armes altes gebrochenes Herz wieder geſtärkt hat, verdanke ich ja dem tröſtlichen Zuſpruch dieſes jungen Prieſters.“ „Nun dann höre ich Sie mit verdoppelter Aufmerkſamkeit.“ „Der Herr von Rancey,“ erzählte nun Rodin, den Fabri— kanten anfmerkſam beobachtend, „der Herr von Rancey war ein Weltmann, ein Kriegsmann, jung, feurig und ſchön. Er liebte ein Mädchen von hohem Stand. Welche Hinderniſſe ſich ihrer Verbindung in den Weg ſtellten, weiß ich nicht. Genug, dieſe Liebe blieb verborgen und war glücklich. Jeden Abend begab ſich der Herr von Rancey auf einer Geheim⸗ treppe zu ſeiner Geliebten. Es war dies, behauptet man, eine leidenſchaftliche Liebe, wie man ſie nur ein Mal im Leben empfindet. Das Geheimniß, ſelbſt die Aufopferung ihrer Pflichten von Seiten des unglückſeligen Mädchens ſchienen dieſer ſtrafbaren Leidenſchaft einen erhöhten Reiz zu verleihen. So verlebten die beiden Liebenden unter dem Schleier des Geheimniſſes zwei Jahre in einer entzückenden Trunkenheit der Wolluſt.“ Bei dieſen Worten erbebte Hardy. Zum erſten Mal ſeit langer Zeit bedeckte ſich ſeine Stirn mit einer glühenden Röthe. Sein Herz ſchlug heftig, Er erinnerte ſich, daß er vor noch nicht langer Zeit in der Trunkenheit einer geheim⸗ nißvollen ſträflichen Liebe geſchwelgt hatte. Rodin bemerkte mit durchdringendem Blick den Eindruck, welchen er auf Hardy hervorbrachte, und fuhr fort: „Manchmal jedoch bei dem Gedanken an die Gefahren, welchen ſeine Geliebte ausgeſetzt — — war, wollte Rancey dieſe ihm ſo theuren Bande brechen. Aber das Mädchen fiel ihm liebetrunken um den Hals und drohte ihm, Alles zu offenbaren und ſelbſt ſich Allem auszu⸗ ſetzen, wenn er daran dächte, ſie zu verlaſſen. Zu ſchwach, zu verliebt, um ihr zu widerſtehen, gab Rancey nach. Beide überließen ſich dem Strom der Luſt, welcher ſie fortriß, die 1 Welt und ſelbſt Gott vergeſſend.“ 6 Hardy hörte mit fieberhafter Spannung dieſer Erzählung zu. Das faſt ſinnliche Gemälde einer glühenden heimlichen Liebe, welches Rodin entwarf, belebte immer mehr in Hardy Erinnerungen, die bisher in Thränen ertränkt waren. Der . wohlthätigen Ruhe, in welche ihn die ſanften Worte Gabriels 6 verſetzt hatten, folgte eine dumpfe Aufregung, die verbunden 63 mit den Nachwirkungen der Erſchütterungen dieſes Tags, ſein Gemüth ſonderbar zu verwirren anfing. Rodin, der damit erreicht hatte, was er wollte, fuhr fort: „Ein verhängnißvoller Tag erſchien. Rancey mußte zu * — ₰ Feld ziehen und verließ das Mädchen. Aber nach einem kurzen Feldzug kehrte er leidenſchaftlicher als je zurück. Er 6 5 hatte insgeheim geſchrieben, daß er faſt zu derſelben Zeit an— kommen würde, wie ſein Brief. Er kam wirklich an Es ſꝭ war Nacht. Er ging wie gewöhnlich die Geheimtreppe hinauf, welche zum Zimmer ſeiner Geliebten führte. Das Herz vor Begier und Hoffnung klopfend trat er ein. Seine Geliebte 1 war ſeit dem Morgen todt.“ „Ach!“ rief Hardy, vor Schrecken ſein Geſicht mit den Händen verdeckend. „Sie war todt!“ fuhr Rodin fort. „Zwei Kerzen brann⸗ — ten neben ihrem Todtenbett. Rancey glaubt nicht, will nicht glauben, daß ſie todt iſt. Er wirft ſich neben dem Bett auf die Knie. In ſeiner Raſerei faßt er den ſchönen, theuren, angebetenen Kopf, um ihn mit Küſſen zu bedecken. Der 5 3 ſchöne Kopf löst ſich vom Hals ab und bleibt in ſeinen Händen.“ Rodin ſah, wie Hardy bleich und ſtumm vor Schrecken zurückwich, und fuhr fort: „Das Mädchen war an einer ſo plötzlichen, ſo ungewöhnlichen Krankheit geſtorben, daß ihm die letzten Sacramente nicht hatten gereicht werden können. Die Aerzte hatten nach eingetretenem Tod den Leichnam zerſtückt, um das Weſen der unbekannten Krankheit zu ergründen.“ In dieſem Augenblick war die Sonne am Untergehen. In dem ſtillen Zimmer herrſchte eine Dämmerung, aus wel⸗ cher das unheimliche bleiche Geſicht Rodin's undeutlich hervor⸗ trat. In ſeinen Augen ſchien ein hölliſches Feuer zu funkeln. Hardy war von der ſeltſamen Miſchung von Vildern des Todes, der Wolluſt, der Liebe, des Grauens in dieſer Erzäh⸗ lung furchtbar ergriffen und erwartete regungslos voll Neu⸗ gier, Angſt und Entſetzen das Weitere. Es wiſchte den kal⸗ ten Schweiß von ſeiner Stirn ab und fragte mit bebender Stimme: „Und Herr von Rancey?“ „Nach zwei Tagen der Raſerei,“ fuhr Rodin fort, „ent⸗ ſagte er der Welt und verſchloß ſich in einer unzugänglichen Einſamkeit. Die erſten Zeiten ſeiner Zurückgezogenheit waren entſetzlich. In ſeiner Verzweiflung ſtieß er Geſchrei der Wuth und des Schmerzes aus, welches man weithin hörte. Zwei Mal machte er den Verſuch, ſich zu tödten, um ſchrecklichen Geſichten zu entgehen.“ „Er hatte Geſichte?“ fragte Hardy mit verdoppelter Angſt und Neugier. „Ja,“ antwortete Rodin mit feierlicher Stimme, „er hatte ſchreckliche Geſichte. Er ſah das Mädchen, welches um ſeinet⸗ willen im Zuſtand der Todſünde geſtorben war, in den ewi⸗ gen Flammen. Ihr von den Höllenqualen verzerrter Mund ſtieß das verzweifelte Lachen der Verdammten aus. Ihre Zähne knirſchten vor Wuth, ihre Arme wanden ſich vor Schmerz. Sie weinte Blut und rief mit der Stimme eines Sterbenden: Du haſt mich in's Verderben geſtürzt! Sei ver⸗ flucht! verflucht! verflucht!“ Bei jedem der drei letzten Worte trat Rodin ſeinem Zu⸗ hörer einen Schritt näher und begleitete dieſelben mit einer drohenden Gebärde. Bedenkt man die Abſpannung, die Ver⸗ wirrung, das Entſetzen Hardy's, in welchem Rodin alle Gäh⸗ rungsſtoffe einer in Thränen erkalteten aber nicht völlig er⸗ loſchenen Liebe in Bewegüng brachte, bedenkt man ferner, daß Hardy ſich gleichfalls vorwarf, ein Weib verführt zu haben, welches nach katholiſchem Glauben in Folge ſeiner Pfüchtvergeſſenheit zu den ewigen Flammen verurtheilt ſein konnte, ſo wird man die entſetzliche Wirkung dieſer im düſteren Zimmer von dem Jeſuiten mit dem unheimlichen Geſicht vor⸗ 3 — — — — — getragenen Spukgeſchichte begreifen. Die Wirkung war um ſo größer, da der Jeſuit mit teuffliſcher Schlauheit das, was er angeblich Gabrieln nacherzählte, zu einer weiteren Aus⸗ führung eines von dem Miſſionär ausgeſprochenen Gedankens geſtaltete. Gabriel hatte Hardy überzeugt, daß nichts lieb⸗ licher ſei, als Gott um Vergebung für Die zu bitten, welche uns Uebels gethan haben oder die wir irre geleitet haben. Nun ſetzt aber Vergebung den Begriff verdienter Strafe voraus, und dieſen Begriff bemühte ſich der Jeſuit ſeinem Opfer mit den ſchrecklichſten Farben auszumalen Hardy ſtand mit gefalteten Händen, ſtierem Blick und an allen Gliedern zitternd da und ſchien noch immer dem Jeſui⸗ ten zuzuhören. Unwillkürlich wiederholte er: „Verflucht! — verflucht! — verflucht!“ und fügte wie wahnwitzig hin⸗ zu: „Dieſe Frau, welche ich dazu gebracht habe, in den Augen der Menſchen heilige Pflichten zu vergeſſen, die ich in den Augen Gottes unendlich ſtrafbar gemacht habe, dieſe Frau wird auch dereinſt in Verzweiflung die Hände ringend und blutige Thränen weinend, mir aus den ewigen Flammen zu⸗ rufen: Verflucht! verflucht! verflucht! Eines Tags — — wer weiß? vielleicht in dieſem Augenblick verflucht ſie mich. Denn wenn dieſe Reiſe über das Weltmeer unglücklich wäre — — wenn ein Schiffbruch — —. O Gott! Auch ſie wäre todt! geſtorben in Todſünde! — für immer ver⸗ dammt! O Gott! Erbarmen für ſie! Laß deinen Zorn auf mich fallen! aber Erbarmen für ſie! Ich allein bin ſchuldig!“ Der Unglückliche fiel mit gefalteten Händen auf die Knie. Rodin beeilte ſich, ihn aufzuheben und ſagte in gerührtem liebreichem Ton: „Lieber Herr! lieber Freund! Beruhigen Sie ſich. Es thut mir in der Seele weh, daß ich Sie verzweifeln ſehe. Meine Abſicht war gerade die entgegengeſetzte.“ Hardy ſchien nicht auf ihn zu hören und murmelte ſchau⸗ dernd: „Verflucht! — — verflucht! — Auch ſie wird mich verfluchen — ſie, die ich ſo ſehr geliebt habe — — den hölliſchen Flammen überliefert.“ „Hören Sie mich doch an, lieber Herr,“ ſagte Rodin. „Laſſen Sie mich dieſe Gleichnißrede zu Ende bringen, und dann werden Sie dieſelbe eben ſo tröſtlich finden, als ſie Ihnen jetzt ſchrecklich vorkommt. Ums Himmelswillen, ge⸗ ———— denken Sie der lieblichen Worte unſers engelgleichen Abbé Gabriel über die Süßigkeit des Gebets.“ Bei dem Namen Gabriel faßte Hardy ſich ein wenig und rief: „Ach! ſeine Worte waren lieblich und wohlthuend! Wo ſind ſie? Wiederholen Sie mir dieſelben.“ „Unſer engelgleicher Abbé Gabriel ſprach von der Süßig⸗ keit des Gebets.“ „Ja — — des Gebets.“ „Nun, lieber Herr, hören Sie mich an und Sie ſollen ſehen, daß das Gebet den Herrn von Rancey gerettet und einen Heiligen aus ihm gemacht hat. Ja, dieſe entſetzlichen Qualen, die ich Ihnen vorhin geſchildert habe, dieſe drohen⸗ den Geſichte, durch das Gebet ſind ſie beſchworen und in Himmelsſeligkeit verwandelt worden.“ „Ach!“ flehte Hardy, „reden Sie mir von Gabriel, — — reden Sie mir vom Himmel — — aber nicht mehr von dieſen Flammen, von dieſer Hölle, wo ſchuldbeladene Frauen Blut weinen. „Nein,“ erwiderte Rodin jetzt in eben ſo weichem, wie vorher in ſchrecklichem Ton, „nein, keine Bilder der Ver⸗ zweiflung mehr. Ich wiederhole mit Gabriel: Durch das Gebet hat Herr von Rancey, nachdem er Höllenqualen aus⸗ geſtanden, die Freuden des Paradieſes geſchmeckt.“ „Die Freuden des Paradieſes?“ wiederholte Hardy, begie⸗ rig zuhörend. * „Eines Tags, als ſein Schmerz recht ſtark war, kam ein guter Prieſter — ein Abbé Gabriel — zu Rancey. O glückliche Fügung! In wenigen Tagen hatte er den Un⸗ glücklichen in die heiligen Myſterien des Gebets eingeweiht — des Gebets, dieſer frommen Vermittlung des Geſchöpfs beim Schöpfer zu Gunſten einer dem Zorn des Himmels ausgeſetzten Seele. Da fühlte Rancey ſich auf einmal wie verwandelt. Seine Schmerzen legten ſich. Er betet und je mehr er betet, deſto mehr wächſt ſeine Inbrunſt und ſeine Hoffnung. Er fühlt, daß Gott ihn erhört. Anſtatt das ge⸗ liebte Weib vergeſſen zu wollen, denkt er Stunden lang an ſie, indem er für ihr Seelenheil betet. In ſeiner dunklen Zelle mit ſeiner ſüßen Erinnerung allein, verbringt er Tage und Nächte im Gebet für ſie — in einer unausſprechlichen, glühenden — ich möchte faſt ſagen verliebten Ekſtaſe.“ Das Wort verliebt ſprach Rodin mit einer faſt die Sinnlichkeit erregenden Kraft. Den Fabrikanten überlief es heiß und kalt. Sein geſchwächter Geiſt erhielt eine Ahnung von der verderblichen Wolluſt des Aſcetismus, der Ekſtaſe, 6 jener heilloſen, oft erotiſchen Starrſucht einer heiligen Tereſa, eines heiligen Aubierge u. ſ. w. Rodin las in der Seele 3 des Mannes und fuhr fort: „Rancey war nicht der Mann, ⸗ 3 der ſich begnügt hätte mit einem nichtsſagenden, zerſtreuten Gebet dann und wann inmitten des Weltgetümmels, welches ihn verhindert hätte, zum Ohr des Herrn zu gelangen. Rein, in der Tiefe der Einſamkeit ſuchte er ſein Gebet wirkſam zu machen, ſo glühend wünſchte er das Seelenheil ſeiner Ge⸗ liebten über das Grab hinaus.“ „Was macht er nun in ſeiner Einſamkeit?“ fragte Hardy hingeriſſen. „Erſtlich — weiht — er — ſich — ausſchließlich — Gott.“ „Weiht ſich Gott,“ wiederholte Hardy nachdenkend. . „Ja, er weiht ſich Gott als Ordensgeiſtlicher, weil ſo ſein Gebet vom Himmel günſtiger aufgenommen wird. Und da ferner auch in der tiefſten Einſamkeit ſein Gedanke noch zu⸗ weilen von der Materie verzehrt wird, faſtet er, tödtet ſich 5 ab, bändigt und kaſteit er alles Fleiſchliche in ſich, um ganz Geiſt zu werden und ſein Gebet aus ſeiner Bruſt rein und ſtrahlend wie eine Flamme zum Herrn aufſteigen zu laſſen gleich dem Duft des Weihrauchs.“ „O welch wonniger Traum!“ rief Hardy immer mehr be⸗ zaubert. „Um wirkſamer für ein geliebtes Weib beten zu können — — Geiſt, Duft, Licht zu werden!“ „Ja Geiſt — Duft — Licht!“ wiederholte Rodin mit Nachdruck. „Aber das iſt kein Traum. Wie viele gottge⸗ weihte Ordensbrüder, wie viele Mönche in der Clauſur ſind gleich Rancey durch Gebet und Kreuzigung des Fleiſches zur göttlichen Ekſtaſe gelangt. O, wenn Sie die himmliſche Wolluſt dieſer Ekſtaſe kennten! Den ſchrecklichen Geſichten Rancey's folgten, als er ſich Gott geweiht hatte, bezaubernde S Geſichte. Wie oft fiel er nach einem Tag des Faſtens und nach einer in Gebet und Kaſteiung hingebrachten Nacht er⸗ 7 ſchöpft und ohnmächtig auf die Platten ſeiner Zelle. Da folgte auf die Vernichtung der Materie der Aufſchwung des Geiſtes. Ein unausſprechliches Wohlgefühl bemächtigte ſich ſeiner Sinne. Himmliſche Klänge ſchlugen an ſein entzücktes Ohr. Ein blendendes und doch ſanftes Licht, welches nicht von dieſer Welt iſt, drang durch ſeine geſchloſſenen Augen⸗ lieder. Endlich ſah er während der harmoniſchen Schwing⸗ ungen der Saiten der goldnen Seraphsharfen in einem Licht⸗ glanz, neben welchem die Sonne matt iſt, das geliebte Weib erſcheinen.“ „Dies Weib, welches er durch ſein Gebet den ewigen Flammen entriſſen hatte?“ „Ja, ſie,“ antwortete Rodin mit wahrer einſchmeichelnder Beredſamkeit, denn das Scheuſal wußte alle Sprachen zu reden. „Dank den Bitten ihres Geliebten, die der Herr er⸗ hört hatte, weinte dies Weib nicht mehr Blut, rang nicht mehr die Hände in hölliſchen Zuckungen. Nein, ſchön — tauſendmal ſchöner als ſie auf Erden geweſen, ſtrahlend in der ewigen Schönheit der Engel, lächelte ſie ihrem Geliebten mit unausſprechlichem Feuer zu Ihre Augen erglänzten von einer milden Flamme und ſie ſagte in zärtlichem Ton: Ehre ſei Gott, Ehre ſei dir, mein Vielgeliebter.“ Und ſelig bückte ſie ſich nieder und berührte mit ihren ambroſiſchen Lippen die Lippen des Klausners in Ekſtaſe. Und Beider Seele hauchten ſich aus in einem Kuß liebeglühender Wolluſt, keuſch wie die Gnade, unendlich wie die Ewigkeit.“ ¹) „O!“ rief Hardy wahnwitzig, „ein ganzes Leben voll Ge⸗ bet, voll Faſten und Qualen für einen ſolchen Augenblick mit Der, welche ich beweine, welche ich vielleicht der Ver⸗ dammniß geweiht habe!“ Rodin's gelber Schädel war von Schweiß bedeckt wie der eines Magnetiſirers. Er nahm Hardy bei der Hand, um in größerer Nähe mit ihm zu reden, als wollte er ihm die Gluth der Raſerei einhauchen und rief: „Was ſagen Sie? ¹) Selbſt wenn wir ſie verſchleierten, könnten wir nicht als Belege die Ausgeburten des erotiſchen Wahnſinns der Schweſter Tereſa in Betreff ihrer ekſtatiſchen Liebe zu Chriſtus hier anführen. Solche Auswüchſe können ihre Stelle nur im Wörterbuch der mediciniſchen Wiſſenſchaften oder im Compendium finden. Ein ſolcher Augenblick? Nicht bloß Ein Mal in ſeinem Klausnerleben, ſondern faſt jeden Tag ſchwamm Rancey in der Ekſtaſe eines göttlichen Aſcetismus und genoß die unbe⸗ chſreibliche, übermenſchliche Wolluſt, welche ſich zur irdiſchen Wolluſt verhält, wie die Ewigkeit zum Menſchenleben.“ Rodin ſah jetzt ſeinen Zuhörer auf dem Punkt, wo er ihn haben wollte. Er huſtete drei Mal und ſchielte nach der Thür. Hardy, ganz außer ſich, rief wahnwitzig mit flehen⸗ der Stimme: „Eine Zelle! — — ein Grab! — — und die Ekſtaſe darin!“ Die Thür ging auf und Aigrigny trat ein mit einem Mantel auf dem Arm. Hinter ihm kam ein Diener mit einem Licht. twa zehn Minuten ſpäter erſchien ein Dutzend kräftige Männer mit ehrlichen Geſichtern unter Anführung Agricola's in der Vaugirardſtraße und ſchritt fröhlich dem Haus der E. E. V. V. zu. Es waren Abgeordnete der Arbeiter Hardy's. Sie kamen in der Abſicht, ihn für ſeine bevorſtehende Rück⸗ kehr zu danken und ihn abzuholen. Plötzlich ſah Agricola aus dem Jeſuitenhaus eine Poſtkutſche herauskommen und im ſcharfen Trab daher fahren. Je näher der Wagen kam, deſto unheimlicher ward es dem Schmied zu Muth. Seine ſchlimme Ahnung ward mit jedem Augenblick ſtärker. Als er den verſchloſſenen Wagen faſt vor ſich ſah, ſtürzte er hinzu, fiel dem einen Pferd in die Zügel und rief: „Herbei, Freunde!“ Durch das verſchloſſene Wagenfenſter rief die kräftige Stimme des ehemaligen Huſarenoberſten: „Poſtillon! zehn Louisd'r! In Galopp! Ueberfahr' ihn!“ Es war Cholerazeit. Der Poſtknecht hatte von Ermordung der Vergifter reden hören. Erſchreckt durch den Angriff Agricola's hieb er ihm mit dem Peitſchenſtiel dermaßen über den Kopf, daß der Schmied betäubt niederfiel, ſtieß ſeinem Sattelpferd die Sporen in die Seiten und ſetzte ſeine drei Thiere in geſtreckten Galopp. Die Kutſche verſchwand, wäh⸗ rend Agricola's Begleiter, die nicht wußten, was er ge⸗ wollt, ihn aufhoben und wieder zur Beſinnung zu bringen ten. ſuch 4 Vierzehntes Kapitel. Si i ene Einige Tage waren verfloſſen, ſeitdem Hardy, von Rodin zu myſtiſchem Wahnſinn getrieben, den Pater Aigrigny in⸗ ſtändig gebeten hatte, ihn weit von Paris weg in eine tiefe Einſamkeit zu führen, damit er ſich dort, fern von der Welt, einem Leben des Gebets und der Kaſteiung widmen könnte. Der Marſchall Simon bewohnte ſeit ſeiner Ankunft zu Paris mit ſeinen beiden Töchtern ein Haus in der Drei⸗ brüderſtraße. Ehe wir den Leſer in dieſe beſcheidene Woh⸗ nung einführen, müſſen wir ihn kurz an einige Umſtände erinnern. Am Tag des Brandes der Fabrik Hardy's war der Mar⸗ ſchall Simon zu ſeinem Vater gekommen, um ihm ſeine peinlichen Beſorgniſſe über die unbegreifliche Traurigkeit ſei⸗ ner Töchter mitzutheilen und ihn wegen einer höchſtwichtigen Sache um Rath zu fragen. Der Leſer weiß, daß Simon das Andenken des Kaiſers heilig hielt, daß ſeine Dankbar⸗ keit gegen ſeinen Helden gränzenlos war, ſeine Hingebung blind, ſeine Begeiſterung auf Gründe geſtützt, ſeine Zunei⸗ gung ſo herzlich, wie die aufrichtigſte leidenſchaftlichſte Freund⸗ ſchaft. Der Kaiſer hatte ihn in einem Augenblick väterlicher Freude und Zärtlichkeit an das Bett des ſchlafenden Königs von Rom geführt, ihn die Schönheit des Kindes bewundern laſſen und geſagt: „Alter Freund, ſchwöre mir dieſelbe Er⸗ gebenheit für den Sohn wie für den Vater.“ Simon hatte den Schwur geleiſtet und gehalten. Unter der Reſtauration hatte er an der Spitze einer Militärverſchwörung im Namen Napoleons IH. ein von dem Marquis von Aigrigny befeh⸗ ligtes Reiterregiment zu gewinnen geſucht, war verrathen worden und nach einem hitzigen Zweikampf mit Aigrigny, durch die Flucht nach Polen der Hinrichtung entgangen. Aus Polen war er nach Indien und aus Indien nach der Juli⸗ ——— revolution wieder nach Paris gekommen, nachdem mehre ſei⸗ ner alten Waffengefährten ohne ſein Wiſſen die Beſtätigung des ihm vom Kaiſer vor der Schlacht bei Waterloo ertheilten Rangs und Titels erwirkt hatten Die Kunde von dem Tod ſeiner geliebten Frau war für ihn ein furchtbarer Schlag geweſen. Während er Troſt in der Liebe ſeiner Kinder ſuchte, war durch die Ränke Rodin's ein Keim der Unruhe in ſein Leben geworfen worden. In Folge heimlicher Schritte der Jeſuiten am römiſchen Hof und zu Wien war ein Menſch, der geeignet war, durch ſein früheres Leben volles Zutrauen einzuflößen, mit Zeugniſſen und Beweiſen, gegen welche ſich nichts einwenden ließ, zu ihm gekommen und hatte geſagt: „Der Sohn des Kaiſers ſtirbt dahin als ein Opfer der Angſt, welche der Name Napoleon noch immer Europen einflößt. Dieſem langſamen Hinſterben können Sie, einer der treuſten Freunde des Kaiſers, vielleicht den unglücklichen Prinzen entreißen. Die Correſpondenz, welche ich Ihnen hier vor⸗ lege, beweiſt, daß man zu Wien ſicher und geheim Einver⸗ ſtändniſſe anknüpfen kann mit einer der einflußreichſten Per⸗ ſonen in der Umgebung des Königs von Rom, und dieſe Perſon wäre geneigt, das Entkommen des Prinzen zu be⸗ günſtigen. Mit einem unvermutheten kühnen Verſuch iſt es alſo möglich, Napoleon I. den Oeſtreichern zu entreißen, die ihn in einer für ihn tödtlichen Atmoſphäre verkommen laſſen. Das Unternehmen iſt verwegen, aber es hat Aus⸗ ſicht auf Gelingen, welche Sie mehr als jeder Andere ſichern können, denn Ihre Ergebenheit für den Kaiſer iſt bekannt, und man weiß, mit welcher Waghalſigkeit Sie ſchon 1815 eine Verſchwörung für Napoleon II. angeſtiftet haben.“ Das Hinwelken des Königs von Rom war damals in Frankreich landkundig. Man behauptete, der Sohn des Hel⸗ den würde von Prieſtern ſorgfältig in völliger Unwiſſenheit des väterlichen Ruhmes und Namens erzogen, und durch abſcheuliche Kunſtgriffe werde geſucht, die edlen mannhaften Triebe, die ſich in dieſem unglücklichen Kind offenbarten, niederzuhalten und auszulöſchen. Bei der Erzählung ſeines traurigen Geſchicks waren damals die kälteſten Seelen er⸗ griffen und gerührt. Bedenkt man nun den ritterlichen Hel⸗ denſinn des Marſchalls Simon und ſeine leidenſchaftliche Ver⸗ F —— —— ehrung für den Kaiſer, ſo begreift man, daß der Vater von Roſa und Blanca mehr als irgend jemand eine glühende Theilnahme für das Schickſal des jungen Prinzen hegen und bei vorkommender Gelegenheit ſich verpflichtet erach⸗ ten mußte, ſich nicht auf unfruchtbares Bedauern zu be⸗ ſchränken. Die von dem Sendling Rodin's ihm eingehändigte Corre⸗ ſpondenz hatte der Marſchall Simon einer ſcharfen Prüfung unterworfen. Einer ſeiner alten Waffengefährten, welcher zur Zeit des Kaiſerreichs ſich lange Zeit als Abgeſandter in Wien aufgehalten, war ihm behülflich bei dieſer Prüfung, die mit Geſchick und Vorſicht, um jedes Ruchbarwerden zu verhüten, vorgenommen wurde. Das Ergebniß war, daß der Marſchall ernſtlich die gemachten Eröffnungen anhören könne. Von da an befand ſich der Vater von Roſa und Blanca in einer ſchrecklichen Verlegenheit. Um eine ſo kühne, ge— führliche Unternehmung zu verſuchen, mußte er abermals ſeine Töchter verlaſſen. Scheute er dieſe Trennung und ver⸗ zichtete auf den Verſuch, den König von Rom zu retten, deſſen ſchmerzliches Hinwelken allbekannt war, ſo mußte er ſich den Bruch des dem Kaiſer geleiſteten Eides vorwerfen. Dieſem peinlichen Schwanken wollte er ein Ende machen. Voll Vertrauen auf den unbeugſamen Gradſinn ſeines Vaters fragte er dieſen um Rath. Der alte Republikaner ward bei dem Angriff auf die Fabrik Hardy's tödtlich verwundet; aber noch in ſeinen letzten Augenblicken mit den wichtigen Mittheilungen ſeines Sohnes beſchäftigt, ſtarb er mit den Worten: „Mein Sohn, du haſt eine große Pflicht zu er⸗ füllen. Wofern du nicht den Vorwurf auf dich laden willſt, nicht als Ehrenmann zu handeln, wofern du nicht meinen letzten Willen mißkennen willſt, mußt du ohne Verzug — — —.“ Das Unglück wollte, daß die weiteren ergänzenden Worte mit völlig unvernehmlicher Stimme geſprochen wurden. Der Marſchall blieb alſo beim Tod ſeines Vaters in einer um ſo entſetzlicheren Angſt, da der eine von den beiden einzigen Entſchlüſſen, die er faſſen konnte, von ſeinem Vater förmlich gebrandmarkt war, von dem Manne, auf deſſen Urtheil er unbedingtes Vertrauen ſetzte. Mit einem Wort: er quälte — 103 ſich ab, zu errathen, ob ſein Vater die Meinung gehabt habe, ihm im Namen der Ehre und der Pflicht zu rathen, daß er ſeine Töchter nicht verlaſſen und daß er auf eine allzu gewagte Unternehmung verzichten ſolle, oder aber, ob er ihm habe rathen wollen, ohne Zögern ſeine Kinder auf einige Zeit zu verlaſſen, um den dem Kaiſer geleiſteten Schwur zu erfüllen und wenigſtens den Verſuch zu machen, Napoleon II. einer tödtlichen Gefangenſchaft zu entreißen. Dieſe Verlegenheit, welche noch peinlicher wurde durch einige ſpäter anzugebende Umſtände, der tiefe Schmerz über das tragiſche Ende ſeines Vaters, der in ſeinen Armen geſtorben war, die unabläſſige ſchmerzliche Erinnerung an ſeine in der Verbannung geſtorbene Frau, endlich der tägliche Kummer über die zunehmende Traurigkeit ſeiner Töchter — Alles dies hatte den Marſchall tief gebeugt. Dazu kam, daß troß ſeiner in zwanzig Kriegsjahren bewährten Unerſchrockenheit, die Verwüſtungen der Cholera, an welcher ſeine Frau in Sibirien geſtorben war, ihm ein unwiderſtehliches Entſetzen einflößten. Der eiſenfeſte Mann, welcher in ſo viel Schlachten 5 kaltblütig dem Tod getrotzt hatte, empfand zuweilen ein Zagen beim Anblick des Jammers, den Paris auf jedem Schritte darbot. Indeß als das Fräulein von Cardoville die Mitglieder ihrer Familie um ſich vereinigte, um ſie vor den Ränken ihrer Feinde zu warnen, ſchien die liebevolle Zärtlichkeit Adrianens gegen Roſa und Blanca den räthſelhaften Kummer dieſer Kinder zu lindern. Der Marſchall vergaß auf einige Zeit die ihn quälenden Gedanken und freute ſich der glücklichen Ver⸗ änderung. Aber leider war dieſe Veränderung nur von kur⸗ zem Beſtand. Fünfzehntes Kapitel. Hampell. Der Marſchall Simon bewohnte, wie geſagt, ein beſchei⸗ denes Haus in der Dreibrüderſtraße. In ſeinem mit militä⸗ riſcher Einfachheit ausgeſtatteten Schlafzimmer ſah man zwi⸗ ſchen dem Bett und der Wand eine Zuſammenſtellung der Waffen, deren er ſich auf ſeinen Feldzügen bedient hatte. Auf dem Secketär dem Bett gegenüber ſtand als einzige Kunſtzierde des Gemachs eine kleine eherne Büſte des Kaiſers. Da die Witterung nichts weniger als mild und da der Marſchall bei ſeinem langen Aufenthalt in Indien ſehr empfindlich gegen die Kälte geworden war, ſo brannte im Kamin ein ſtarkes Feuer. Es war Nachmittag Auf der Uhr in dem Schlafzimmer hatte es eben drei geſchlagen. Eine Tapetenthür, die zu einer Nebentreppe führte, ging langſam auf, und ein Menſch mit einem Korb voll Breünholz kam herein, trat ans Kamin, kniete nieder und legte die Holzſtücke in guter Ordnung in einen Kaſten. Rach Vollendung dieſer Arbeit rutſchte er auf den Knien an eine andere Thür in der Nähe des Kamins und ſchien zu horchen, was in dem Nebenzimmer geſprochen würde. Dieſer Menſch, welcher als Knecht in dem Haus diente, hatte das lächerlich dummſte Geſicht, welches ſich denken läßt. Sein Geſchäft beſtand in Herbeitragen von Holz, in Ausrichtung von Beſtellungen u. dgl. Nebenbei diente er als Zielſcheibe des Spottes für die übrige Dienerſchaft. Dagobert, welcher ge⸗ wiſſermaßen den Haushofmeiſter vorſtellte, hatte ihn in einem Augenblick guter Laune Hampel getauft. Dieſer Beiname war ihm geblieben und er ſchien ihn zu verdienen in Betracht der Ungeſchicklichkeit und Albernheit die er zeigte, in Betracht ſeines einfältigen Geſichts, ſeiner wunderlich platten Naſe, ſeines zurücktretenden Kinns, ſeiner dummen, aufgeriſſenen Augen und ſeiner ganzen Geſtalt, welche paſſend bekleidet war mit einer Jacke von rothem Raſch und einer weißen keilför⸗ mig nach dem Hals heraufgehenden Schürze. — ——— — — Sein in der Regel matter und thieriſcher Blick nahm einen Ausdruck von Verſtändigkeit an, als er ſeine Aufmerkſamkeit auf das richtete, was in dem anſtoßenden Zimmer vorgehen mochte. Nachdem er einen Augenblick gehorcht, rutſchte er nach dem Kamin zurück, ſtand auf, ergriff ſeinen noch halb mit Holz gefüllten Korb, ging nach der Thür, an welcher er gehorcht hatte, zurück und klopfte leiſe an. Da ihm niemand antwortete, klopfte er ſtärker, und da wieder keine Antwort erfolgte, rief er mit heiſerer, belfernder Stimme: „Fräulein, brauchen Sie Holz in Ihr Kamin?“ Auch darauf erfolgte keine Antwort. Jetzt ſtellte er ſeinen Korb auf die Erde, öffnete leiſe die Thür, warf einen Blick in das anſtoßende Zimmer, trat hinein und kehrte nach einigen Seeunden zurück, indem er ängſtlich umherſah, wie ein Menſch, der ein wich⸗ tiges geheimes Geſchäft verrichtet hat. Endlich nahm er ſei⸗ S nen Korb wieder auf und wollte eben weggehen, als die Ta⸗ petenthür langſam aufging und Dagobert eintrat. Der Soldat war augenſcheinlich überraſcht, ſeinen Hampel hier zu finden. Er runzelte die Stirn und rief ihm barſch zu: „Was machſt Du hier?“ Ein Knurren Freudenſtörers, der ſeinem Herrn auf dem Fuß folgte, begleitete dieſe Frage. Hampel ſtieß einen Schrei des Schreckens aus und ließ, ſcheinbar beſtürzt, ſeinen Korb mit Holz auf die Erde fallen. „Was machſt du da, Schwachkopf?“ wiederholte Dagobert, der mit der Miene tiefer Betrübniß eingetreten war und ſchlecht aufgelegt ſchien, über die Feigheit Hampels zu lachen. „Ach, Herr Dagobert! Welcher Schrecken! Es iſt Schade, daß ich nicht einen Haufen Teller in den Händen hatte, um zu beweiſen, daß es nicht meine Schuld geweſen wäre, wenn ich ſie zerbrochen hätte!“ „Ich frage Dich, was Du hier machſt?“ wiederholte Dagobert. „Sie ſehen, Herr Dagobert,“ antwortete Hampel, „daß ich Holz in das Zimmer des Herrn Marſchalls getragen habe — zum Verbrennen, wenn es kalt iſt. Und es iſt kalt“ „Gut,“ verſetzte Dagobert. „Jetzt packe Deinen Korb auf und mache daß Du fortkommſt.“ „Ach Herr Dagobert. Der Schrecken liegt mir noch in allen Gliedern.“ „Willſt du gehen, dummes Vieh?“ rief Dagobert, 6 ihn beim Arm und ſchob ihn nach der Thür, während Freuden⸗ ſtörer ſeine ſpitzen Ohren legte und ſeine Haare wie ein Stachelſchwein ſträubend, bereit ſchien, Hampels Rückzug zu beſchleunigen. „Man geht, Herr Dagobert,“ ſagte der Tölpel, ſchnell ſei⸗ nen Korb aufnehmend, „Man geht. Sagen Sie nur dem Herrn Freudenſtörer — —“ „Zum Teufel mit dir, einfältiger Schwätzer!“ rief Dago⸗ bert und warf den Hampel hinaus. Hierauf verriegelte er die Tapetenthür, drehte den Schlüſſel herum in der Thür, welche zu dem Gemach der beiden Schweſtern führte und eilte nach dem Alcoven in den Raum zwiſchen Bett und Wand. Hier nahm er aus der Zahl der aufgehängten Waffen ein paar Sattelpiſtolen, nahm die Zündhütchen herunter und hing die Gewehre mit einem tiefen Seufzer wieder auf. Er wollte weggehn, beſann ſich aber und nahm weiter einen indiſchen Handſchar mit ſehr ſpitzer Klinge, zog ihn aus ſeiner goldnen Scheide und brach die Spitze ab, indem er ſie unter eine der eiſernen Rollen des Bettes legte. Nach Verrichtung dieſes Geſchäfts öffnete er wieder Schloß und Riegel an den beiden Thüren, ging langſam ans Kamin und ſtützte ſich mit düſterer, nachdenklicher Miene auf den Marmor desſelben. Freudenſtörer hockte vor dem Feuer nieder und folgte auf⸗ merkſam den geringſten Bewegungen ſeines Herrn. Da der Soldat mit ſeinem Schnupftuch ein in Papier gewickeltes Röllchen Kautabak hervorgezogen und auf die Erde hatte fallen laſſen, hob der kluge Hund, der wie ein retriver von der Rutlandrace apportirte, das Papier auf, ſtellte ſich auf die Hinterfüße und hielt es ſeinem Herrn hin. Dieſer nahm es ihm ab und ſchien gleichgültig zu ſein gegen die Geſchick⸗ lichkeit ſeines Hundes. Das Geſicht des alten Grenadiers zu Pferd drückte Trau⸗ rigkeit und Angſt aus. Nachdem er einige Augenblicke vor dem Kamin ſtehen geblieben war, fing er an, unruhig in dem Zimmer auf und ab zu gehen, die eine Hand unter dem Ueber⸗ ſchlag ſeines langen blauen bis zum Hals zugeknöpften Ueber⸗ rocks, die andere in einer ſeiner Hintertaſchen. Von Zeit zu Zeit blieb er plötzlich ſtehen und ließ als Antwort auf die Fragen, die er ſich im Innern aufwarf, hie und da einen Ausruf des — 5 — 5 Zweifels oder der Beſorgniß hören. Nach einiger Zeit ſah er nach der Trophäe und murmelte: „Es mag ſein, wie es will — dieſe Beſorgniß iſt thöricht. — Aber ſeit zwei Tagen iſt er, wie er noch nie geweſen iſt. — — Jedenfalls iſt es klüger gethan als nicht gethan.“ Abermals ging er auf und ab und nachdem er lange ge⸗ ſchwiegen, begann er wieder: „Ja; er muß mir's ſagen. Das macht mir zu viel Unruhe. Und die armen Kleinen! Da möchte ſich ein Stein erbarmen.“ Und er zog faſt krampf⸗ haft ſeinen Schnurrbart zwiſchen Daumen und Zeigefinger durch, was bei ihm ſtets das Zeichen einer lebhaften Auf⸗ regung war. Nach einigen Minuten ſagte er: „Was mags wol ſein? Die Briefe ſind es nicht. — Dies ſchändliche Zeug verachtet er. — — Und doch. — — Aber nein! Darüber iſt er hinaus.“ Dagobert begann von neuem ſein raſches Wandeln, als plötzlich Freudenſtörer die Ohren ſpitzte, den Kopf nach der Tapetenthür wandte, und leiſe zu knurren anfing. Einige Augenblicke ſpäter ward an der Thür geklopft. „Wer iſt da?“ fragte Dagobert. Statt der Antwort erfolgte ein abermaliges Anklopfen. Ungeduldig eilte der Soldat an die Thür, öffnete ſie und erblickte das dumme Geſicht Hampels. „Warum ant⸗ worteſt du nicht wenn ich frage, wer klopft?“ rief er ärgerlich. „Herr Dagobert,“ antwortete der Tölpel, „da Sie mich eben fortgeſchickt hatten, ſo wollte ich mich nicht nennen aus Furcht Sie zu ärgern, wenn ich Ihnen ſagte, daß ich es wieder wäre.“ „Was willſt du? rief Dagobert zornig. „Sprich! herein, Beſtie!“ Und er zog den Hampel, welcher auf der Schwelle ſtehn geblieben war, in das Zimmer. „Herr Dagobert — — hier bin ich. — — Ereifern Sie ſich nicht. — — Ich wollte Ihnen ſagen — — ein junger Menſch — —. „Weiter!“ „Er ſagt er wollte augenblicklich mit Ihnen ſprechen, Herr Dagobert.“ . „Sein Name?“ „Sein Name Herr Dagobert?“ wiederholte Hampel, ſich hin und her wiegend und albern lächelnd. „Ja ſein Name, Schwachkopf. Sprich!“ — 108 — „Ei, ei! Herr Dagobert. Sie fragen mich wohl zum Spaß um ſeinen Namen.“ „Erbärmlicher Menſch! haſt du es denn darauf angelegt, mich raſend zu machen?“ rief Dagobert, den Hampel am Kragen faſſend. „Den Namen dieſes jungen Menſchen!“ „Herr Dagobert, ereifern Sie ſich nicht. Hören Sie mich an. Ich kann mir die Mühe ſparen, Ihnen ſeinen Namen zu ſagen, denn Sie kennen ihn.“ „Das Erzvieh!“ ſagte Dagobert, die Fäuſte ballend. „Ja, Herr Dagobert, Sie kennen ihn, denn dieſer junge Menſch iſt Ihr Sohn. Er iſt unten und will augenblicklich, auf der Stelle mit Ihnen ſprechen.“ Hampel ſpielte ſo gut den Einfältigen, daß Dagobert ſich täuſchen ließ. Mit mehr Bedauern als Zorn übeer eine ſolche Dummheit, ſah er den Knecht ſtarr an, zuckte die Achſeln und ſagte, indem er nach der Treppe ging: „Folge mir.“ Hampel gehorchte. Aber ehe er die Thür zumachte griff er in die Taſche, zog verſtohlen einen Brief heraus und warf ihn hinter ſich, ohne zurück zu ſehen. Um die Aufmerkſam⸗ keit Dagoberts abzulenken, ſagte er zu demſelben: „Herr Da⸗ gobert, Ihr Sohn iſt im Hof. Er hat nicht herauf gehen wollen, darum iſt er unten geblieben.“ So ſprechend machte Hampel die Thür zu, in der Meinung der Brief liege ſo auf dem Fußboden des Zimmers, daß der Marſchall ihn finden müſſe. Aber Hampel hatte die Rech⸗ nung ohne Freudenſtörer gemacht. Dieſer bildete aus Vor⸗ ſicht oder aus Ehrerbietung gegen jeden Zweifüßer die Nach⸗ hut und hatte zuletzt das Zimmer verlaſſen. Er hatte den Brief fallen ſehen und als guter Apportirer hatte er ihn ſäuberlich zwiſchen die Zähne genommen und war dem Knecht auf dem Fuße aus dem Zimmer gefolgt, ohne daß dieſer den neuen Beweis der Klugheit und Anſtelligkeit Freudenſtörers bemerkte. ——— —— — 6 — Sechszehntes Kapitel. Die anonymen Briefe. Dagobert hatte ſeinen Sohn ſeit mehren Tagen nicht geſehen. Er umarmte ihn herzlich und führte ihn in eins der zwei Zimmer gleicher Erde, welche ſeine Wohnung bil— deten. „Wie geht es deiner Frau?“ fragte er den jungen Mann. „Sehr gut, ich danke dir,“ antwortete Agricola. Dagobert bemerkte jetzt, daß ſein Sohn verſtört ausſah, und ſagte: „Du ſcheinſt verſtimmt zu ſein. Iſt dir etwas zugeſtoßen, ſeitdem ich dich zum letzten Mal geſehen habe?“ „Vater!“ antwortete der Schmied im Ton der Verzweiflung, „Alles iſt hin! Er iſt für uns verloren!“ „Von wem ſprichſt du?“ „Von Herrn Hardy.“ „Haſt du mir nicht vor einigen Tagen geſagt, du würdeſt ihn beſuchen?“ „Ja, Vater, und ich habe ihn beſucht, und mein Bruder Gabriel hat ihn auch beſucht und zu ihm geſprochen — wie er ſtets ſpricht — mit Worten, die aus dem Herzen kommen. Er hatte ihn ſo ſchön ermuthigt, daß Herr Hardy ſich ent⸗ ſchloß, in unſere Mitte zurückzukehren. Wie toll vor Freude lief ich zu einigen Kameraden, die mich erwarteten, um das Ergebniß meiner Zuſammenkunft mit unſerm Fabrikherrn zu erfahren, und brachte ihnen die gute Nachricht. Mit ihnen ging ich wieder zurück, um ihm zu danken. Wir waren hun dert Schritt von dem Haus der Schwarzröcke — —“ 2 „Schwarzröcke?“ unterbrach Dagobert mit düſterer Miene. „Da muß ein Unglück kommen. Ich kenne ſie.“ „Du haſt Recht, Vater,“ fuhr Agricola ſeufzend fort. „Alſo ich lief mit meinen Kameraden herbei. Da ſah ich vyn weitem eine Kutſche kommen. Mir ahnte, daß Herr Hardy weggeführt würde.“ „Mit Gewalt?“ fragte Dagobert lebhaft. „Nein, nein,“ antwortete der junge Mann. „Dazu ſind dieſe Pfaffen viel zu geſchickt. Sie verſtehen es immer, dich zum Miturheber des Uebels zu machen, welches ſie dir zu⸗ fügen. Weißt du nicht, wie ſie es mit meiner guten Mutter gemacht haben?“ „Ja — — die brave Frau! — — Das war auch ſo eine Fliege, die ſie in ihr Netz verſtrickt haben. — Aber wie ver⸗ hielt es ſich mit der Kutſche, von der du ſprichſt?“ „Als ich ſie aus dem Haus der Schwarzröcke herauskom⸗ men ſah, fühlte ich mein Herz beklemmt. Unwiderſtehlich hingeriſſen, ſtürz' ich mich auf die Pferde und rufe meine Kameraden zu Hülfe. Aber der Poſtillon haut mir mit der Peitſche über den Kopf, daß ich betäubt niederfalle. Als ich wieder zu mir kam, war die Kutſche weit weg.“ „Du biſt doch nicht verwundet?“ fragte Dagobert, ſeinen Sohn mit Beſorgniß betrachtend. „Nein, Vater, bloß blutrünſtig geſchlagen.“ „Was haſt du nun weiter gethan?“ „Ich bin zum guten Engel gelaufen, zum Fräulein von Cardoville, und habe ihr Alles erzählt. Sie ſagte zu mir: Sie müſſen augenblicklich die Spur des Herrn Hardy ver⸗ folgen. Sie nehmen eine meiner Kutſchen und Poſtpferde. Herr Dupont wird Sie begleiten. Sie fahren dem Herrn Hardy von Station zu Station nach, und wenn es Ihnen gelingt, ihn wiederzuſehen, ſo wird vielleicht Ihr Erſcheinen, Ihr Bitten den heilloſen Einfluß überwinden, den dieſe Prieſter über ihn zu gewinnen gewußt haben.“ „Das war das Beſte, was ſich thun ließ,“ bemerkte Da⸗ gobert. „Das Fräulein hatte Recht.“ „Eine halbe Stunde ſpäter waren wir auf dem Weg, den Herr Hardy genommen hatte. Von den zurückreitenden Poſt⸗ knechten hatten wir erfahren, daß er die Straße nach Orléans eingeſchlagen. Wir fuhren ihm nach bis Etampes. Dort ſagte man uns, er habe ſich auf einen Seitenweg gewandt nach einem einzeln ſtehenden Haus in einem Thal, vier Stunden von der Heerſtraße. Dies Haus, genannt St. Hé⸗ rems Thal, gehöre Prieſtern. Aber die Nacht ſei ſo finſter, die Wege ſo ſchlecht, daß wir beſſer thäten, im Wirthshaus zu übernachten und morgens früh weiter zu gehen. Dieſen 7 — M Rath befolgten wir. Bei der erſten Morgendämmerung ſtie⸗ gen wir ein. Eine Viertelſtunde ſpäter bogen wir von der Heerſtraße auf einen öden Bergweg ein. Nirgends ſah man da etwas anders als Sandſteinblöcke und hie und da eine Birke. Je weiter wir vorwärts kamen, deſto wilder ward die Gegend. Man hätte denken mögen, man ſei hundert Stunden von Paris. Endlich hielten wir vor einem großen alten ſchwärzlichen Hauſe, welches nur ein paar kleine Fenſter hat und am Fuß eines mit Sandſteinblöcken bedeckten Ber⸗ ges ſteht. In meinem Leben habe ich nichts Oederes und Trübſeligeres geſehen. Wir ſtiegen ab. Ich ſchellte an einer Thür. Ein Mann öffnete. Ihm ſagte ich mit der Miene eines Eingeweihten: Vergangene Nacht iſt der Abbé Aigrigny mit einem Herrn angekommen? Sagen Sie doch dieſem Herrn ſogleich, daß ich wegen einer wichtigen Sache unver⸗ züglich mit ihm zu ſprechen habe. — Der Mann hielt mich für einen Vertrauten des Abbé und ließ uns eintreten. Einen Augenblick ſpäter öffnet Aigrigny die Thür, erblickt mich, prallt zurück und verſchwindet. Fünf Minuten ſpäter ſtand ich vor Herrn Hardy.“ „Nun?“ fragte Dagobert geſpannt. „Der bloße Anblick des Mannes ſagte mir, daß Alles vor⸗ bei ſei. Mit ſanfter aber feſter Stimme ſprach er zu mir: Ich begreife und entſchuldige ſelbſt den Beweggrund, der Sie hieher führt. Aber ich bin entſchloſſen, hinfort in Zurück⸗ gezogenheit und im Gebet zu leben. Ich faſſe dieſen Ent⸗ ſchluß mit freiem Willen, weil ich an mein Seelenheil denke. Sagen Sie übrigens Ihren Kameraden, meine Abſichten ſeien von der Art, daß ſie ein gutes Andenken von mir behalten würden. — Ich wollte nun reden, aber Herr Hardy unter⸗ brach mich mit den Worten: Das iſt für nichts, lieber Freund. Mein Entſchluß iſt unerſchütterlich. Schreiben Sie mir nicht. Ihre Briefe würden unbeantwortet bleiben. Von nun an wird das Gebet mich ganz und gar in Anſpruch nehmen. Leben Sie wohl. Entſchuldigen Sie mich, daß ich Sie ver⸗ laſſe. Aber die Reiſe hat mich angegriffen. — Freilich war er angegriffen! Er ſah bleich aus wie ein Geſpenſt. Es kam mir ſogar vor, als habe ſein Blick etwas Irres. Seit dem Tag vorher war er kaum wiederzuerkennen. Seine Hand, —— — die er mir zum Abſchied reichte, war trocken und brennend heiß. Der Abbé Aigrigny trat ein. Zu ihm ſagte Herr Hardy: Lieber Vater, wollten Sie die Güte haben, den Herrn Agricola Baudoin hinaus zu geleiten? — Und er winkte mir zum Abſchied zu und ging in das anſtoßende Zimmer. Damit war Alles vorbei. Er iſt für uns auf ewig verloren.“ „Ja,“ ſagte Dagobert, „die Schwarzröcke haben ihn be⸗ hert, wie ſo manchen Andern.“ „In Verzweiflung darüber bin ich mit Herrn Dupont hie⸗ her zurückgekommen. Du ſiehſt nun, was den Pfaffen ge⸗ lungen iſt, aus Herrn Hardy zu machen, aus dieſem edlen Mann, der an dreihundert fleißigen Arbeitern ein geordnetes glückliches Leben verſchafft, ihren Verſtand entwickelt, ihr Herz gebeſſert hatte und ſo die Vorſehung dieſes Völkchens war, von welchem er geſegnet wurde. Herr Hardy iſt jetzt auf immer in ein unſeliges, unfruchtbares Leben der Be⸗ trachtung verſunken.“ „Die Schwarzröcke!“ ſagte Dagobert ſchaudernd. „Je mehr ich an ſie denke, deſto mehr Angſt hab' ich vor ihnen. Du haſt geſehen, was dieſe Geſellen aus deiner armen Mutter gemacht haben; du ſiehſt, was ſie aus Herrn Hardy machen; du kennſt ihre Anſchläge gegen meine zwei armen Waiſen und gegen das edelmüthige Fräulein. Ja, dieſe Geſellen ſind mächtig. Ich möchte es lieber mit einem Carré ruſſiſcher Grenadiere zu thun haben, als mit einem Dutzend dieſer Langkittel. Aber laß uns nicht weiter davon ſprechen. Ich habe ganz andere Veranlaſſungen zu Kummer und Angſt.“ Agricola fah ihn betroffen an. Der Soldat, außer Stand ſeine Gemüthsbewegung zu bemeiſtern, fiel ſeinem Sohne um den Hals und rief mit gepreßter Stimme: „Ich halte es nicht länger aus. Mein Herz ſtrömt über. Ich muß reden. Wem anders als dir ſollt' ich mich anvertrauen?“ „Vater, du erſchreckſt mich!“ ſagte Agricola. „Was geht denn vor?“ * „Sieh, wenn du und die zwei armen Kleinen nicht wären, würd' ich mich ſchon zwanzigmal todtgeſchoſſen haben, um nicht zu ſehen, was ich ſehe, und nicht zu fürchten, was ich fürchte.“ „Was fürchteſt du denn, Vater?“ — 113 — „Seit einigen Tagen weiß ich nicht, was dem Marſchall fehlt; aber er erſchreckt mich.“ „Aber ſeine letzten Unterredungen mit dem Fräulein von Cardoville — —“ „Allerdings hatten dieſe etwas gebeſſert. Die vortreffliche Dame hatte durch ihre Worte gleichſam einen Balſam auf ſeine Wunden gegoſſen. Auch die Anweſenheit des Indiers hatte ihn von ſeinem Hinbrüten abgezogen. Aber ſeit eini⸗ gen Tagen weiß ich nicht, welch neuer Teufel abermals gegen die Familie losgelaſſen iſt. Es iſt um toll zu werden! Ich bin überzeugt, daß die anonymen Briefe, welche aufgehört hatten, von neuem eingelaufen ſind.“ ¹) „Welche Briefe, Vater?“ „Die anonymen Briefe.“ „Was beſagen ſie?“ „Du weißt, welchen Haß der Marſchall gegen den Rene⸗ gaten Aigrigny hegt. Als er erfuhr, daß dieſer Verräther hier ſei und die beiden Waiſen verfolgt habe, wie er vordem ihre Mutter bis in den Tod verfolgt hat, daß er aber Geiſtlicher geworden ſei, da kam es mir vor, als wollte der Marſchall raſend werden vor Grimm und Unwillen. Er wollte den Renegaten auf⸗ 0 Man weiß, wie geläufig den E. E. V. V. und andern Cvn⸗ gregationsmännern die anonymen Angebereien, Drohungen und Verleumdungen find Der ehrwürdige Cardinal Latour d'Auvergne hat ſich kürzlich in einem an die Zeitungen gerichteten Brief be⸗ ſchwert über die unwürdigen Ränke und die vielen anonymen Dro⸗ hungen, deren Gegenſtand er geweſen iſt, weil er ſich weigerte, ohne Prüfung dem biſchöflichen Erlaß des Herrn von Bonald gegen Dupin's Handbuch beizutreten, welches der Pfaffenpartei zum Trotz ſtets ein Handbuch der Vernunft, des Rechts und der Unabhängig⸗ keit bleiben wird. Wir haben die Acten eines an den Staatsrath gebrachten Proceſſes wegen Erbſchleicherei vor Augen. In dieſen Acten finden ſich eine Menge anonymer Briefe an den alten Mann, deſſen Verlaſſenſchaft die Pfaffen erſchleichen wollten. Sie enthal⸗ ten theils Drohungen gegen den Alten, falls er ſeine Reffen nicht enterbte, theils ſchändliche Angebereien wider ſeine achtbare Familie. Aus den Aeten geht hervor, daß dieſe Briefe von der Hand der zwei Ordensleute und einer Ordensſchweſter ſind, welche dem Greis in ſeinen letzten Augenblicken nicht von der Seite ka welche am Ende die Familie um mehr als eine halbe bracht haben. IX. — ſuchen. Ich habe ihn mit einem einzigen Wort beruhigt, in⸗ dem ich ſagte: Er iſt Pfaff. Sie mögen machen, was Sie wollen, ihn ſchimpfen und hunzen — er ſchlägt ſich eben doch nicht. Er hat damit angefangen, gegen ſein Vaterland zu dienen, er ſchließt damit, ein ſchlechter Pfaff zu ſein. Es verlohnt ſich nicht der Mühe, ihn anzuſpeien. — Aber, rief der Marſchall zornig, ich muß ihn züchtigen für das Böſe, was er meinen Kindern zugefügt hat; ich muß den Tod mei⸗ ner Frau rächen. — Darauf entgegnete ich: Sie wiſſen wohl, daß nur die Gerichte Sie rächen können. Das Fräulein von Cardoville hat Klage erhoben gegen den Renegaten, daß er Ihre Kinder in ein Kloſter geſperrt hat. Wir müſſen unſern Zorn in uns freſſen und abwarten.“ „Freilich,“ ſagte Agricola. „Und leider fehlen die Be⸗ weiſe gegen den Abbé Aigrigny. Als ich vor einigen Tagen von dem Anwalt des Fräuleins von Cardoville über unſer Einſteigen in das Kloſter ausgefragt wurde, ſagte er mir, jeden Augenblick ſtoße man auf Hinderniſſe, weil triftige Be⸗ weiſe mangelten, und dieſe Pfaffen hätten ihre Maßregeln ſo gut genommen, daß die Klage vielleicht zu nichts führen würde.“ „Das glaubt auch der Marſchall, und ſein Zorn über eine ſolche Ungerechtigkeit nimmt immer mehr zu.“ „Er ſollte dieſe elenden Menſchen verachten.“ „Und die anonymen Briefe?“ „Was meinſt du?“ „Höre zu. Brav und ehrlich wie der Marſchall iſt, ht er, nachdem die erſte Aufwallung des Zorns vorüber war, anerkannt, daß eine Beleidigung gegen dieſen Renegaten ſo viel wäre wie eing Beleidigung eines alten Weibes. Er hat alſo, ſo gut er te, verachtet und vergeſſen. Nun aber ſind faſt täglich mit der Poſt anonyme Briefe gekommen, und in dieſen Briefen waren alle möglichen Mittel angewandt, um den Zorn des Marſchalls gegen den Abtrünnigen wieder anzufachen, indem man ihn an all das Unheil erinnerte, welches Aigrigny ihm und den Seinigen zugefügt. Am Ende iſt darin dem Marſchall vorgeworfen worden, er ſei zu feig, um Rache zu nehmen an dieſem Pfaffen, dem Verfolger ſei⸗ ner Frau und ſeiner Kinder, welcher ſich täglich mit S hn luſtig mache.“ „Von wem vermutheſt du, daß dieſe Briefe ſind?“ fragte Agricola. „Ich kann es nicht errathen. Es iſt zum Raſendwerden. Ohne Zweifel kommen ſie von Feinden des Marſchalls, und andere Feinde als dieſe Schwarzröcke hat er nicht.“ „Aber dieſe Briefe reizen den Zorn des Marſchalls gegen den Pfaffen Aigrigny; folglich können ſie nicht von den Pfaf⸗ fen geſchrieben ſein.“ „Das hab' ich auch gedacht.“ „Aber was kann der Zweck dieſer anonymen Briefe ſein?“ „Der Zweck?“ entgegnete Dagobert. „Dieſer liegt nur zu ſehr am Tag. Der Marſchall iſt lebhaft und hitzig. Er hat das vollſte Recht, an dem Renegaten Rache zu nehmen. Aber er will ſich nicht ſelber Recht ſchaffen und das Recht 5 vom Richterſtuhl wird ihm nicht. Da ſucht er denn zu ver⸗ geſſen. Aber jeden Tag kommen höhniſche Briefe und reizen dieſen gerechten Haß durch Spott und Schimpf von neuem auf. Ich bin auch nicht gerade ein Schwachkopf; aber bei einem ſolchen Spiel könnt' ich verrückt werden.“ „Vater, das iſt ein hölliſches Spiel.“ „Das iſt noch nicht Alles.“ „Was denn weiter?“ „Der Marſchall hat noch andere Briefe empfangen, die aber hat er mir nicht gezeigt. Als er den erſten geleſen hatte, ſtand er wie eingewurzelt da und murmelte: Sie achten nicht einmal das. Das iſt zu viel. — Und er bedeckte ſein Geſicht mit den Händen und weinte.“ „Der Marſchall hat geweint?“ „Ja, wie ein Kind.“ 8 „Was mochte denn wohl in den Brieftü ſtehen?“ „Ich habe nicht gewagt, ihn darum zu fragen. Er war zu ſehr niedergeſchlagen.“ „Bei ſolchen Hetzereien und Qualen muß ihm freilich das Leben zur Laſt werden.“ „Und ſeine armen Kinder, die er immer trauriger und niedergeſchlagener werden ſieht, ohne zu wiſſen, weshalb! Und der Tod ſeines Vaters, der in ſeinen Armen geſtorben iſt! Du denkſt vielleicht, das wäre genug. Ich aber bin überzeugt, der Marſchall hat noch einen tieferen Schwerz 85 — 116 — Seit einiger Zeit iſt er ein ganz anderer Menſch. Die ge⸗ ringſte Kleinigkeit bringt ihn in Aufwallung und ſo raſenden Zorn, — daß — — — Nun dir kann ich das ſagen — — eben bin ich oben geweſen und habe die Zündhütchen von ſeinen Piſtolen genommen.“ „Was, Vater!? Du fürchteſt — —!2“ „Bei dem Zuſtand, in welchem ich ihn geſtern geſehen habe, iſt Alles zu fürchten.“ „Was iſt denn vorgegangen?“ „Seit einiger Zeit hat er oft lange Unterredungen mit einem Herrn, der wie ein ehemaliger braver Kriegsmann aus⸗ ſieht. Ich habe bemerkt, daß nach den Beſuchen dieſes Man⸗ nes die Gereiztheit und Traurigkeit des Marſchalls ſich immer verdoppelt. Mehrmals habe ich deshalb mit ihm geſprochen. Ich habe gefunden, daß es ihm mißfiel, und habe es unter⸗ laſſen. Geſtern Abend iſt dieſer Herr wieder dageweſen und bis beinahe elf Uhr bei ihm geblieben, wo er von ſeiner Frau in einer Miethkutſche abgeholt wurde. Nach ſeinem Weggang bin ich hinaufgegangen, um zu ſehen, ob der Mar⸗ ſchall etwas bedürfte. Er war ſehr bleich aber ruhig. Er dankte mir, und ich ging wieder hinunter. Du weißt, daß mein Zimmer hier neben gerade unter dem ſeinigen iſt. Ich ſaß darin und hörte erſt den Marſchall heftig auf und ab gehen. Dann kam es mir vor, als ſtieße und würfe er die Möbel auf den Boden. Erſchrocken eilte ich hinauf. Er fragte mich zornig, was ich wollte, und gebot mir, hinauszugehen. Da ich ſah, in welchem Zuſtand er war, blieb ich. Er ge⸗ rieth in noch größeren Zorn; ich aber blieb immer. Ich be⸗ merkte einen Stuhl und einen Tiſch, die umgeworfen waren. Ich deutete ihm darauf hin. Meine traurige Miene ſagte ihm, was ich meinte. Als der beſte Menſch von der Welt nahm er mich bei der Hand und ſagte: Guter Dagobert, verzeihe, daß ich dich ſo beunruhige. Eben habe ich einen Augenblick unſinniger Aufwallung gehabt. Ich war außer mir; ich glaube, wenn das Fenſter offen geweſen wäre, würd' ich mich hinausgeſtürzt haben. Wenn nur meine armen Kleinen mich nicht gehört haben! — Und er ſchlich auf den Zehen nach der Thür ihres Schlafzimmers, horchte einen Augenblick ängſtlich, kam dann zurück und ſagte; Glücklicher — — —— — — 17 — Weiſe ſchlafen ſie. — Nun fragte ich ihn um die Urſache ſeiner Aufwallung und ob er nicht trotz meinen Vorſichts⸗ maßregeln wieder einen anonymen Brief erhalten habe. — Nein, antwortete er mit düſterer Miene. Aber laß mich jetzt allein, lieber Freund. Ich fühle mich beſſer. Es hat mir wohl gethan, dich zu ſehen. Gute Nacht, alter Kamerad. Geh hinunter und leg dich ſchlafen. — Ich hütete mich wohl, das zu thun. Zum Schein ging ich herunter, dann ſchlich ich wieder hinauf, ſetzte mich auf die oberſte Stufe der Treppe und lauerte. Ich hörte, wie er die Thür des Zimmers ſei⸗ ner Kinder öffnete und wieder zumachte. Ohne Zweifel hat er ſie geküßt, um ſich völlig zu beruhigen. Nachher iſt er noch lange in ſeinem Zimmer auf und ab gegangen, aber mit ruhigerem Schritt. Endlich habe ich gehört, wie er ſich aufs Bett warf. Ich aber bin erſt am hellen Morgen wieder herunter gegangen, nachdem ich nichts weiter gehört.“ „Was mag ihm wol im Kopf herum gehen?“ fragte Agricola. „Ich weiß es nicht,“ antwortete Dagobert. „Als ich auf den Lärm in ſein Zimmer getreten war, ſah ſein Geſicht und ſeine Augen aus, als ob er das hitzige Fieber hätte. Und da ich ihn habe ſagen hören, er würde ſich zum Fenſter hin⸗ ausgeſtürzt haben, wenn es offen geweſen wäre, ſo habe ich für klug gehalten, vorhin die Zündhütchen von ſeinen Piſto⸗ len abzunehmen.“ „Das iſt mir unbegreiflich,“ ſagte Agricola, „wie der Mar⸗ ſchall, ein ſo ruhiger, feſter Mann, dermaßen außer ſich ge⸗ rathen kann!“ „Ich ſage dir, es geht etwas außerordentliches in ihm vor. In den zwei letzten Tagen hat er ſeine Kinder nicht geſehen, und das iſt immer ein ſchlimmes Zeichen. In ſolchen Fäl⸗ len bilden ſich die armen Kleinen ein, ſie hätten ihrem Va⸗ ter Urſache zum Mißvergnügen gegeben, und ihre Traurigkeit verdoppelt ſich. Wie könnten ſie ihm Mißvergnügen machen? Sieh nur, wie ſie ihren Tag hinbringen. Ein Spaziergang oder eine Spazierfahrt mit mir oder mit ihrer Gouvernante. Ich laſſe ſie nie allein aus dem Hauſe. Dann lernen, leſen und ſticken ſie, und am Abend gehn ſie zu Bett. Ihre Gou⸗ vernante, die mir eine brave Perſon zu ſein ſcheint, ſagt, ſie — 118 — habe geſehen, wie ſie im Schlaf geweint hätten. Die armen Kleinen haben noch wenig Glück genoſſen.“ In dieſem Augenblick hörte Dagobert ſchnelle Schritte im Hof. Er ſah hinaus und erblickte den Marſchall mit blei⸗ chem verſtörtem Geſicht, einen Brief in beiden Händen, den er mit unt zu leſen ſchien. Siebzehntes Kapitel. i e Wüährend der Marſchall Simon im Garten den Brief las, befanden ſich Roſa und Blanca allein in ihrem Zimmer, worin während ihrer Abweſenheit Hampel einen Augenblick geweſen war. Die armen Kinder ſchienen zu ewiger Trauer beſtimmt zu ſein. Noch ehe die Trauer um ihre Mutter zu Ende war, hatten ſie den Tod ihres Großvaters zu beweinen. Sie waren völlig ſchwarz gekleidet und ſaßen auf einem Ka⸗ napee vor ihrem Arbeitstiſch. Der Kummer wirkt oft wie die Zeit: er macht älter. In wenigen Monaten waren Roſa und Blanca völlig Jungfrauen geworden. Ihre, ſonſt ſo runden, roſigen Geſichter waren bleich und mager, und an die Stelle der anmuthigen Kindlichkeit auf denſelben war ein rührender Ausdruck des Ernſtes und der Trauer getreten. Ihre großen, ſanften, klaren, blauen Augen wurden nicht mehr benetzt von den Freudenthränen eines herzlichen La⸗ chens, wie auf ihrer langen, mühſeligen Pilgerfahrt, wenn der komiſche Ernſt Dagoberts oder ein Spaß Freudenſtörers ihre Wanderſchaft erheiterte. Kurz, dieſe lieblichen Geſichter, deren weiche Friſche wenige Wochen zuvor nur die blühenden Farben von Greuze auf die Leinwand hätten zaubern kön⸗ nen, wären jetzt ein paſſender Gegenſtand für den ſchwer⸗ müthig idealen Pinſel Ary Scheffers, des unſterblichen Ma⸗ lers der nach dem Himmel ſich ſehnenden Mignon und des Gretchens von Fauſt geweſen. Roſa, auf die Lehne des Sofas geſtützt, ließ den Kopf „ — — — ein wenig auf die Bruſt hängen, über welcher ſich ein ſchwarzes Krepphalstuch kreuzte. Das aus einem Fenſter vor ihr einfallende Licht ſchimmerte ſanft auf ihrer reinen, weißen Stirn, welche von zwei breiten Lagen kaſtanienbrau⸗ ner Haare eingefaßt war. Ihr Blick war ſtarr. Die leichte Zuſammenziehung des feinen Bogens ihrer Augenbrauen verrieth eine Beſchäftigung mit peinlichen Gedanken. Ihre kleinen, weißen, abgemagerten Hände lagen auf ihren Knieen und hielten die Stickerei. Blanca, welche dem Fenſter die eine Seite des Geſichts zukehrte, hatte den Kopf ein wenig zu ihrer Schweſter hin⸗ geneigt und betrachtete ſie mit der Miene zärtlicher Beſorg⸗ niß. Ihre Hand hielt noch die durch den Stramin geſteckte Nadel. Thränen traten ihr in die Augen, und ſie ſagte“ „Roſa, woran denkſt du? Du ſiehſt gar traurig aus.“ „Ich denke an die Goldſtadt — — unſerer Träume““ antwortete nach einer Pauſe Roſa langſam und leiſe. Blanca verſtand den bittern Schmerz, der in dieſen Wor⸗ ten lag. Sprachlos fiel ſie ihrer Schweſter um den Hals und ließ ihren Thränen freien Lauf. Die geträumte Goldſtadt der armen Kinder war Paris geweſen, die Stadt der Luſt und Freude mit dem lä⸗ chelnden, freudenſtrahlenden Antlitz ihres Vaters darüber. Aber ach! die ſchöne Goldſtadt hatte ſich für ſie in eine Stadt der Thränen, des Todes und der Trauer verwandelt. Die ſchreckliche Krankheit, welche in Sibirien ihre Mutter aus ihren Armen weggeriſſen hatte, ſchien ihnen wie eine unheil⸗ ſchwangere Wolke gefolgt zu ſein und, ſtets über ihnen ſchwe⸗ bend, ihnen das ſanfte Blau des Himmels und den erhei⸗ ternden Glanz der Sonne zu verbergen. Die geträumte Goldſtadt war die, wo vielleicht eines Tags ihr Vater ihnen zwei Bewerber, gut und lieblich wie ſie hätte vorſtellen kön⸗ nen mit den Worten: „Sie lieben euch; ihre Seele iſt der eurigen würdig, möge jede von euch einen Bruder haben und ich zwei Söhne.“ Welche holde, keuſche Verwirrung hätte das in den Waiſen erregt, in deren reinem Herzen ſich nie ein anderes Bild abgeſpiegelt hatte, als des Ga⸗ briels, des von ihrer Mutter ihnen zum Schutz vom Him⸗ mel geſandten Engels! Demnach kann man ſich den Schmerz — 120 — Blanea's vorſtellen, als ſie ihre Schweſter die Worte aus⸗ ſprechen hörte, in welchen ſich ihre gemeinſchaftliche Lage zuſam⸗ menfaſſen ließ: „Ich denke an die Goldſtadt unſerer Träume.“ — Sie trocknete die Thränen ihrer Schweſter und ſagte: „Wer weiß? vielleicht kommt uns das Glück ſpäter.“ „Ach!“ entgegnete Roſa, „wenn wir trotz der Anweſenheit unſeres Vaters nicht glücklich ſind, werden wir dann jemals glücklich werden?“ . „Ja, wenn wir beiunſerer Mutter ſind,“ ſagte Blanca, gen † Himmel blickend. „Unſer neulicher Traum iſt vielleicht eine Andeutung, wie der in Deutſchland,“ bemerkte Roſa. 3 „Der Unterſchied iſt nur, daß damals der Engel Gabriel om Himmel zu uns herab ſtieg, und daß er dies Mal uns . von der Erde hinauf zu unſerer Mutter geführt hat.“ „Vielleicht wird dieſer Traum in Erfüllung gehen, wie der andere. Wir hatten geträumt, der Engel Gabriel würde uns beſchützen, und er hat uns aus dem Schiffbruch gerettet.“ „Warum ſollte er uns nicht auch in den Himmel führen, 6. wie wir dies Mal geträumt haben?“ Roſa beſann ſich einen Augenblick und entgegnete: „Da 3 müßte ja unſer Gabriel, der uns aus dem Schiffbruch geret⸗ tet hat, gleichfalls ſterben. Nein! das ſoll nicht geſchehen. Laß uns beten, daß es nicht geſchehe.“ „Ei nein,“ ſagte Blanca. „Wir haben ja nicht unſern Retter Gabriel, ſondern den Engel Gabriel, der ihm gleicht, im Traum geſehen.“ „Ein ſeltſamer Traum! Auch dies Mal, wie in Deutſch⸗ land, haben wir beide drei Mal denſelben Traum gehabt.“ „Der Engel Gabriel hat ſich zu uns geneigt und mit 4 ſanfter trauriger Miene geſagt: Kommt, Kinder! kommt, Schweſtern! eure Mutter erwartet euch. Ihr armen Kinder ſeid ſo weit hergekommen, ſeid über die Erde gegangen un⸗ ſchuldig und ſanft wie zwei Tauben, um auf immer Ruhe zu finden in dem mütterlichen Neſte.“ „Gerade ſo habe auch ich den Engel ſprechen hören,“ ſagte Roſa. „Die Wahrheit iſt, wir haben nie Jemand et⸗ was zu Leid gethan, wir haben diejenigen geliebt, welche uns liebten. Warum ſollten wir uns fürchten zu ſterben?“ — — 3 —— — — „Eben darum haben wir auch mehr gelächelt als geweint, da er uns bei den Händen faßte und, ſeine ſchönen weißen Flügel entfaltend, uns mit ſich in den blauen Himmel nahm.“ „In den Himmel, wo unſere gute Mutter mit thränen⸗ feuchtem Antlitz uns die Arme entgegenſtreckte.“ „Roſa, ſolche Träume hat man nicht vergebens. — Viel⸗ leicht würde es auch einen großen Kummer beſeitigen, deſſen Urſache wir ſind.“ „Die unſchuldige Urſache,“ fügte Roſa hinzu. „Wir lie⸗ ben ihn ſo ſehr, und doch ſind wir vor ihm ſo ängſtlich und niedergeſchlagen, daß er vielleicht glaubt, wir liebten ihn nicht.“ Bei dieſen Worten griff Roſa nach ihrem Schnupftuch, um ihre Thränen zu trocknen. Indem ſie es aus ihrem Ar⸗ beitskörbchen zog, fiel ein Brief heraus. Beim Anblick des⸗ ſelben erbebten beide Schweſtern und drückten ſich an einan⸗ der. Roſa ſagte: „Wieder ein ſolcher Brief. Ach! ich habe Angſt. Er iſt gewiß wie die andern.“ Blanca bückte ſich ſchnell und hob den Brief auf, indem ſie ſagte: „Wir müſſen machen, daß ihn Niemand ſieht, da⸗ mit die theilnehmenden Leute nicht in Gefahr kommen.“ „Wie kommt wohl dieſer Brief hierher?“ fragte Roſa. „Wie haben ſich die andern ſtets in Abweſenheit unſerer Erzieherin gefunden?“ Wir würden vergebens nach dem Grund dieſes Geheim⸗ niſſes forſchen,“ ſagte Roſa. „Laß uns den Brief leſen; vielleicht iſt er beſſer für uns als die andern.“ Beide laſen Folgendes: „Liebe Kinder, widmen Sie fortwährend Ihrem Vater die zärtlichſte Liebe, denn er iſt unglücklich, und Sie ſind wider Ihren Willen die Urſache ſeines Kummers. Sie werden nie erfahren, welche harte Opfer Ihre Ge— genwart ihm auflegt. Er iſt der Märthrer ſeiner Va⸗ terpflicht, Seine Schmerzen ſind bitterer als je. Ver⸗ ſchonen Sie ihn ja mit Aeußerungen Ihrer Liebe, denn ſolche Aeußerungen verurſachen ihm mehr Kummer als Freude. Jede Ihrer Liebkoſungen iſt ein Dolchſtoß für ihn, denn er ſieht in Ihnen die unſchuldige Urſache ſei⸗ ner Schmerzen. Doch verzweifeln Sie darum nicht, liebe Kinder. Wenn Sie Selbſtbeherrſchung genug haben, um ihn nicht auf die ſchmerzliche Probe einer allzu ausdrucksvollen Zärtlichkeit zu ſtellen, ſo ſein Sie zu⸗ rückhaltend, obſchon liebevoll. Damit werden Sie ſei⸗ nen Kummer bedeutend erleichtern. Bewahren Sie ſtets das Geheimniß, ſelbſt gegen den guten Dagobert, der Sie ſo ſehr liebt, denn ſonſt würde er, würden Sie, Ihr Vater und der unbekannte Freund, welcher Ihnen ſchreibt, große Gefahr laufen vor Ihren furchtbaren Feinden.“ „Muth und Hoffnung! Man wünſcht, baldigſt die Liebe Ihres Vaters zu Ihnen von jedem Kummer frei zu machen. Welch ſchöner Tag wird das für Sie ſein! Vielleicht iſt er nicht fern.“ „Verbrennen Sie dies Billet wie die andern.“ Dieſer Brief war mit ſolcher Geſchicklichkeit abgefaßt, daß er, angenommen ſelbſt, die Mädchen hätten ihn ihrem Vater oder Dagoberten mitgetheilt, höchſtens als eine ſeltſame, un⸗ angenehme, aber faſt entſchuldbare Einmiſchung in Familien⸗ angelegenheiten hätte betrachtet werden können. Es ließ ſich nichts boshafteres erſinnen, mit Bezug auf die peinliche Ver⸗ legenheit, in welcher ſich der Marſchall befand, indem er ſtets zwiſchen dem Kummer, ſich von ſeinen Töchtern zu trennen und zwiſchen der Schande eine heilige Pflicht uner⸗ füllt zu laſſen, ſchwankte. Durch jene teufliſchen Rathſchläge wurde die Aufmerkſamkeit der Mädchen geweckt. Sie fanden bald, daß ihre Gegenwart wirklich ihrem Vater lieb und leid war, denn oft fühlte er ſich bei ihrem Anblick außer Stand, ſie zu verlaſſen, und alsdann konnte er den Schmerz über verſäumte Pflicht nicht verbergen. Die armen Kinder konn⸗ ten nicht umhin, ſich die Stimmung ihres Vaters in dem durch die anonymen Briefe angedeuteten Sinn zu erklären. Sie waren überzeugt, daß eine für ſie unergründliche Urſache ihre Gegenwart ihrem Vater oft läſtig und peinlich machte. Daher die zunehmende Traurigkeit bei Roſa und Blanca. Daher eine gewiſſe ängſtliche Zurückhaltung in den Aeuße⸗ rungen ihrer kindlichen Liebe. Der Marſchall nahm dieſe Zurückhaltung für Kälte. Bei Wahrnehmung derſelben zeigte ſich Schmerz auf ſeinem Geſicht, und oft verließ er plötzlich ſeine Kinder, um ſeine Thränen zu verbergen. Und die ar⸗ — men Mädchen dachten nun: „Wir ſind die Urſache des Kummers unſeres Vaters. Unſere Gegenwart macht ihn ſo unglücklich.“ Hatte ſich ein ſolcher Gedanke in den liebe⸗ vollen, ängſtlichen, kindlichen Herzen feſtgeſetzt, ſo läßt ſich leicht ermeſſen, welch nagenden Kummer er verurſachen mußte. Es konnte ihnen nicht einfallen, Mißtrauen in die Rath⸗ ſchläge des Unbekannten zu ſetzen, welcher mit ſo viel Ver⸗ ehrung von Allem ſprach, was ſie liebten, und deſſen Worte täglich durch das Verhalten ihres Vaters gegen ſie gerecht⸗ fertigt wurden. Daß ſie Feinde hatten, wußten ſie aus Er⸗ fahrung, und unbedenklich befolgten ſie den auf dieſen Um⸗ ſtand geſtützten Rath, dem trefflichen Dagobert nichts von den Briefen zu ſagen. Der Zweck dieſer Kunſtgriffe lag nahe. Indem der Mar⸗ ſchall von allen Seiten gehetzt wurde, indem man ihm die Meinung beibrachte, ſeine Kinder ſeien kalt gegen ihn, durfte man hoffen, die Unſchlüſſigkeit zu überwinden, welche ihn noch hinderte, ſeine Töchter zu verlaſſen und ſich in eine gewagte Unternehmung zu ſtürzen. Man machte ihm das Leben ſo ſauer, daß er ſich am Ende glücklich ſchätzen konnte, ein ver⸗ wegenes Unternehmen vor ſich zu haben, über welchem er dieſe ewige Qual vergeſſen konnte. Nach Leſung des Briefes ſaßen die Schweſtern eine Zeit⸗ lang ſtumm und niedergeſchlagen da. Endlich ſtand Roſa, welche das Papier in der Hand hatte, auf, ging ans Kamin und warf es ins Feuer, indem ſie ſagte: „Wir müſſen ohne Verzug den Brief verbrennen, weil ſonſt vielleicht großes Un⸗ glück erfolgen könnte.“ „Wol nicht viel größeres, als wir haben,“ entgegnete Blanca traurig. „Worin mag es nur liegen, daß wir dem Vater ſolchen Kummer verurſachen?“ „Vielleicht,“ ſagte Roſa mit Thränen in den Augen, „findet er uns nicht ſo, wie er wünſcht. Er liebt uns wol als die Kinder unſerer ihm ſo theuren Mutter; aber er findet in uns nicht die Töchter, wie er ſich ſie vorgeſtellt hatte. Was meinſt du?“ „Allerdings mag das die Urſache ſeines Kummers ſein. Wir ſind ſo ungebildet, ſo unbeholfen, daß er ſich unſerer ſchämen muß und da er uns doch liebt, ſo thut ihm das weh.“ F 3 „Ach! was können wir dafür! Unſere Mutter hat uns in der Einöde Sibiriens erzogen, ſo gut ſie konnte.“ „Gewiß,“ ſagte Blanca, „macht uns der Vater dieſe Män⸗ gel nicht zum Vorwurf; aber ſie thun ihm weh⸗“ „Beſonders, wenn er Freunde hat, deren Töchter ſchön, talentvoll und geiſtreich ſind. Alsdann thut es ihm ſehr weh, daß wir nicht ſo ſind.“ „Erinnere dich, als er uns zu unſerer liebreichen Baſe, dem Fräulein Adriana geführt hatte, wie er uns da voll Bewunderung ſagte: Habt ihr geſehen, Kinder, wie ſchön ſie iſt, welchen Geiſt, welch edles Herz ſie beſitzt und welche bezaubernde Anmuth?“ „Er hat Recht. Das Fräulein von Cardoville war ſo ſchön, ihre Stimme war ſo ſanft, daß wir, indem wir ſie ſahen und hörten, unſern Kummer vergaßen.“ „Vergleicht uns nun der Vater mit unſerer Baſe und mit ſo vielen andern ſchönen Damen, ſo kann er nicht ſtolz auf uns ſein, was doch ein ſo geehrter Mann gern ſein möchte.“ Plötzlich legte Roſa ihre Hand auf den Arm ihrer Schwe⸗ ſter und ſagte ängſtlich: „Horch! — horch! Im Zimmer des Vaters wird ſehr laut geſprochen.“ Blanca horchte und ſagte: „Ja. Und ich höre gehen. Es iſt ſein Tritt.“ „Gott! Wie laut ſpricht er. Er ſcheint zornig zu ſein. Vielleicht kommt er.“ Bei dem Gedanken an die Ankunft ihres Vaters, der ſie ſo ſehr liebte, ſahen die unglücklichen Kinder ſich einander ängſtlich an. Da die Stimmen immer lauter und heftiger wurden, ſagte Roſa zitternd zu ihrer Schweſter: „Komm, laß uns in unſer Schlafzimmer gehen.“ „Warum?“ fragte Blanca. „Wir würden die Worte des Vaters hören, der wol nicht denkt, daß wir hier ſind.“ „Du haſt Recht,“ ſagte Blanea aufſtehend. „Ich habe Angſt. Noch nie habe ich ihn in ſolchem Tone reden hören.“ Blanca blieb ſtehen und ſagte erbleichend: „Ach Gott! Es iſt Dagobert, mit dem er ſo ſpricht.“ „Was geht denn vor, daß er ſo mit ihm ſpricht?“ — „Ach, das iſt ein Unglück!“ „Komm,“ ſagte Roſa, „es iſt zu peinlich, ihn ſo mit Dagobert reden zu hören.“ Das Getöſe eines geſchleuderten oder zerbrochenen Gegen⸗ ſtandes erſchreckte die Schweſtern ſo, daß ſie bebend in ihr Schlafzimmer eilten und die Thür zumachten. Achtzehntes Kapitel. Der verwundee Lwe Während die beiden Schweſtern den aus Roſa's Arbeits⸗ körbchen gefallenen Brief kaſen, war der Marſchall aus dem Garten in ſein Zimmer gekommen und ging darin mit ſchnel⸗ len Schritten auf und ab. Sein Geſicht war von Zorn ge⸗ röthet, ſeine Augen funkelten vor Unwillen. Die Adern auf ſeiner breiten Stirn waren zum Berſten geſchwollen, und man konnte die Pulsſchläge an ihnen zählen. Zuweilen zuckte ſein dicker ſchwarzer Schnurrbart wie die Lefze eines grimmigen Löwen. Und wie ein verwundeter, von tauſend unſichtbaren Stichen gequälter Löwe in ſeinem Behälter grimmig hin und wieder rennt, ſo ging der Marſchall in ſeinem Zimmer auf und ab, bald ein wenig gebückt, als wollte er unter der Laſt ſeines Zornes niederſinken, — bald wieder ſich plötzlich auf⸗ richtend, die Arme auf der breiten Bruſt gekreuzt, den Kopf drohend emporgerichtet, als ob er mit zornigem Blick einen unſichtbaren Gegner herausforderte. Endlich blieb er ſtehen, ſtampfte zornig auf den Boden und riß an der Schelle, daß ihm die Schnur in der Hand blieb. Ein Diener kam herbeigeeilt. Der Marſchall rief ihm ent⸗ gegen: „Haben Sie nicht dem Dagobert geſagt, daß ich mit ihm ſprechen will?“ „Ich habe den Befehl des Herrn Herzogs ausgerichtet; aber Herr Baudoin begleitete ſeinen Sohn bis an das Hof⸗ thor und — — —“ egung, ſtieß mit dem Fuß einen Stuhl um, der ihm im Wege 5 „Es iſt gut!“ ſagte der Marſchall und winkte dem Diener hinaus. Dieſer entfernte ſich, und Simon ging wieder mit großen Schritten auf und ab, während er einen Brief in der Hand zerknitterte. Nach einigen Augenblicken erſchien Da— gobert. Der Marſchall fuhr ihn an: „Es iſt eine ziemliche Zeit, daß ich Sie habe rufen laſſen!“ Dagobert, mehr betrübt als bertroffen über dieſen neuen Ausbruch von Unwillen, den er der Gereiztheit des Marſchalls zuſchrieb, erwiderte ſanft: „Herr General, entſchuldigen Sie, * ich war im Begriff meinen Sohn an die Thür zu begleiten und — „Leſen Sie das!“ unterbrach der Marſchall, ihm den Brief hinreichend. Dagobert las. Der Marſchall ſetzte ſich wieder in Bewe⸗ ſtand und ſagte mit zunehmendem Zorn: „Alſo ſogar in meinem Haus gibt es von meinen Peinigern erkaufte Men— ſchen! — Haben Sie es geleſen, Herr Baudoin?“ „Das iſt eine neue Schändlichkeit, wie die früheren,“ ant⸗ 5 wortete Dagobert ruhig und warf den Brief in das Kamin. 7 „Der Brief iſt ſchändlich, aber er ſagt die Wahrheit.“ Dagobert ſah den Marſchall an, ohne ihn zu verſtehen. Dieſer fuhr fort: „Wiſſen Sie, wer mir den Brief in die Hände gelegt hat? Ihr Hund. Man meint, der Teufel wäre im Spiel.“ „Freudenſtörer?“ fragte Dagobert höchlich erſtaunt. „Ja! Das iſt ohne Zweifel ein Spaß von Ihrer Er⸗ findung.“ „Herr General,“ erwiderte der Soldat traurig, „ich bin wahrlich nicht zum Spaß aufgelegt. Wie das gekommen iſt, weiß ich nicht. Freudenſtörer apportirt ſehr gut. Ohne Zwei⸗ fel hat er den Brief im Hauſe gefunden und — —“ „Und wer hat den Brief hingelegt? Ich bin alſo von Verräthern umgeben? Sie geben alſo auf nichts acht, wäh⸗ rend ich auf Sie mein ganzes Vertrauen ſetze.“ „Herr General, hören Sie mich an.“ „Teufel! Fünfundzwanzig Jahre habe ich den Krieg mit⸗ gemacht, ich habe Heeren die Spitze geboten, ich habe die ſchlimmſten Zeiten der Verbannung und Aechtung überſtan⸗ — 127 — den, ich habe Keulenſchlüge ausgehalten — und ich ſoll an Nadelſtichen umkommen? Ich ſoll mich ſogar in meinem Haus von einem unbekannten elenden Feind quälen laſſen? — Unbekannt! Nein, der abtrünnige Aigrigny ſteckt hinter der ganzen Geſchichte. Ich habe auf der Welt nur einen Feind, und der iſt dieſer Menſch. Ich muß fertig werden mit ihm. Ich bin des Dings müde; das geht zu weit.“ „Herr General, bedenken Sie, er iſt ein Geiſtlicher, und — —“ „Was liegt mir an ſeiner Geiſtlichkeit? Ich habe ihn den Degen führen ſehen, und ich will ſchon machen, daß ihm das Soldatenblut zu Kopf ſteigt.“ „Aber, Herr General — — — „Ich ſage Ihnen, ich muß mich an Einen halten, ich muß einen Urheber zu dieſen heimlichen Niederträchtigkeiten haben, um ihnen ein Ende machen zu können. Sie machen mir das Leben zur Hölle, und nichts wird verſucht um mir dieſen Zorn zu erſparen, der mich langſam umbringt. Ich kann auf keinen Menſchen rechnen.“ „Herr General, das kann ich nicht gelten laſſen,“ ent⸗ gegnete Dagobert ruhig aber feſt. „Was 2 „Berr General, ich darf Sie nicht ſagen laſſen, daß Sie auf niemand rechnen können. Sie würden es am Ende glau⸗ ben, und das würde ſchlimmer ſein für Sie, als für die⸗ jenigen, welche ſich ihrer Ergebenheit bewußt ſind und für Sie durchs Feuer gehen würden. Zu dieſen gehöre ich, das wiſſen Sie.“ Dieſe mit Rührung geſprochenen Worte brachten den Mar⸗ ſchall zur Beſinnung. Konnte er auch zuweilen durch Ver⸗ druß mürriſch gemacht werden, ſo gewann doch am Ende ſein Geradſinn wieder die Oberhand. Er ſagte alſo in einem weniger barſchen Tone: „Du haſt Recht; ich darf nicht an dir zweifeln. Der Aerger hat mich fortgeriſſen. Durch die⸗ ſen Schandbrief bin ich außer mir gerathen. Es iſt zum Verrücktwerden! Ich bin ungerecht, ſauertöpfiſch, undankbar — undankbar gegen dich!“ „Laſſen Sie uns nicht von mir ſprechen. Wenn Sie mir am Ende eines Jahres ſolche Worte ſagen, dann dürfen Sie —— mir das ganze übrige Jahr Grobheiten machen. Was iſt Ihnen zugeſtoßen?“ Des Marſchalls Geſicht verdüſterte ſich wieder und mit ſchneller Stimme antwortete er: „Es iſt mir zugeſtoßen, — — . daß nichts von mir wiſſen will und mich verachtet.“ „Sie?“ „Ja, mich. Und warum ſollt' ich dir dieſe neue Verletzung verhehlen? Ich habe Zweifel in dich geſetzt und bin dir eine Entſchädigung ſchuldig. Seit einiger Zeit bemerke ich, daß meine alten Waffengeführten, wenn ich ſie treffe, ſich von mir fern halten.“ „Und darauf hätte dieſer anonyme Brief — —2 „Darauf hat er angeſpielt und mit Wahrheit,“ ſagte Simon *mit einem Seufzer des Ingrimms. „Das iſt ja unmöglich, Herr General. Sie ſind ja ſo ſehr geliebt und geachtet — —“ „Lauter Redensarten. Ich ſpreche von Thatſachen. Oft wenn ich erſcheine, wird ein begonnenes Geſpräch abgebrochen. Anſtatt mich als Kriegskameraden zu behandeln, befleißigt man ſich einer kalten Höflichkeit gegen mich. Und ſo ſind tauſend unſcheinbare Kleinigkeiten, welche das Herz verletzen, ohne daß man darüber jemand zur Rede ſetzen kann.“ „Was Sie mir da ſagen, macht mich ganz ſtarr. — Sie verſichern es; alſo muß ich's glauben.“ „Die Sache war mir unerträglich. Ich wollte damit aufs Reine kommen. Dieſen Morgen ging ich zum General Havrincourt, der neben mir Oberſt in der kaiſerlichen Garde geweſen war. Er iſt die Ehrlichkeit ſelber und ich kam mit offenem Herzen zu ihm. Ich bemerke, ſagte ich zu ihm, die * Kälte, die man mir beweiſt. Es muß eine Verleumdung gegen mich im Umlauf ſein. Sagen Sie mir Alles. Wenn ich weiß, wie ich angegriffen werde, dann werd' ich mich offen und ehrlich vertheidigen. — Havrincourt blieb gleichgültig und förmlich bei meinen Worten. Auf meine Frage ant⸗ wortete er kalt: Herr Marſchall, ich wüßte nicht, daß irgend ein verleumderiſches Gerücht über Sie in Umlauf wäre. — Lieber Havrincourt, ſagte ich ihm, damit, daß Sie mich „Herr Marſchall“ nennen, iſt mir nicht gedient. Wir ſind alte Soldaten und alte Freunde. Mein Ehrgefühl iſt beun⸗ n. — 131 — dem vorgehabten Schritt abzuhalten. Dagobert, an Gehorſam gewöhnt, rührte ſich nicht, und der Marſchall fuhr fort: „Was wollen Sie thun? Meinen Töchtern ſagen, ich glaubte, ſie liebten mich nicht? Sie zu Aeußerungen einer Zuneigung ver⸗ anlaſſen, die ſie nicht fühlen — nicht weil der Fehler an ihnen, ſondern weil er an mir liegt?“ „Herr General,“ erwiderte Dagobert, „wenn ich Sie ſo von Ihren Kindern ſprechen höre, dann empfinde ich nicht mehr Unwillen, ſondern einen herzbrechenden Schmerz.“ Gerührt von dem Ausdruck in dem Geſicht und in den Worten Dagoberts, fuhr der Marſchall in milderem Tone fort: „Gut, ich will auch darin Unrecht haben. Aber ich frage ohne Bitterkeit und Eiferſucht: Sind nicht meine Kin⸗ der vertraulicher gegen Sie als gegen mich?“ „Wenn Sie ſo fragen, ſo ſage ich Ihnen: Ihre Töchter ſind auch vertraulicher gegen Freudenſtörer als gegen mich. Sie ſind Ihr Vater, und der gütigſte Vater flößt immer Ehrfurcht ein. Iſt es zu verwundern, daß ſie gegen mich vertraulich ſind? Welche Ehrerbietung ſollen ſie vor mir haben, wenn ich, meinen Schnurrbart und meine ſechs Schuh abge⸗ rechnet, für ſie ſo viel bin wie eine alte Grete, die ſie ge⸗ wiegt hätte? Rund heraus geſprochen: Schon vor dem Tod Ihres braven Vaters waren Sie traurig und es gingen Ihnen Gedanken im Kopf herum. Die Kinder haben das bemerkt, und was Sie für Kälte halten, war ſicher nur Be⸗ ſorgniß um Sie. Herr General, Sie ſind nicht gerecht. Sie beklagen ſich darüber, daß Ihre Kinder Sie zu ſehr lieben.“ „Ich beklage mich über das, was ich leide!“ erwiderte der Marſchall unwillig „Ich allein kenne meine Leiden,“ „Dieſe Leiden müſſen ſchwer ſein, denn Sie laſſen dieſelben Diejenigen empfinden, von welchen Sie geliebt werden.“ „Immer noch Vorwürfe?“ * „Ja, Herr General, an Ihren Kindern wäre es, ſich über Sie zu beklagen, Sie der Külte zu beſchuldigen, da Sie die⸗ ſelben ſo ſehr verkennen.“ „Serr Baudoin, das iſt genug! das iſt zu viel! rief der Marſchall. 8 „Ja, es iſt genug,“ erwiderte der alte Soldat, von ſeiner Anhänglichkeit an die Kinder fortgeriſſen. „Wozu arme Kin⸗ 3 9 —— — 132 — der rechtfertigen, die ſich nur in ihr Unglück ergeben und Sie lieben können? Wozu ſie gegen Ihre unglückſelige Verblen⸗ dung rechtfertigen?“ ₰ Der Marſchall machte eine Bewegung zorniger Ungeduld, und ſagte dann mit erzwungener Ruhe: „Ich muß mich an das erinnern, was ich Ihnen verdanke — — und ich werde es nicht vergeſſen, Sie mögen thun, was Sie wollen.“ „Herr General, warum wollen Sie denn nicht haben, daß ich Ihre Kinder rufe?“ „Sehen Sie denn nicht, daß dies Geſpräch mich zu Tod guält? Meinen Sie, ich ſollte meine Kinder zu Zeugen meiner Leiden machen? Haben Sie Achtung vor dem Kummer eines — Vaters!“ „ „Achtung? Nein. Er beruht auf einer Ungerechtigkeit.“ „Jetzt iſt's genug, Herr Baudvin!“ Dagobert ließ ſich nicht irre machen und fuhr fort: „Nicht genug, daß Sie ſich ſelber ſo quälen, Sie werden auch noch machen, daß Ihre Kinder vor Gram ſterben. Dazu hab'ich ſie nicht aus Sibirien hergebracht. Es iſt ein wahrer Undank gegen mich, wenn Sie Ihre Töchter unglücklich machen.“ 3 „Gehn Sie auf der Stelle hinaus!“ rief der Marſchall ganz außer ſich. Dagobert bereute, daß er ſo weit gegangen war, und ſagte: „Herr General, ich habe Unrecht. Ich habe es vieileicht an Ehrerbietung gegen Sie fehlen laſſen. Verzeihen Sie; aber „Ich verzeihe Ihnen, aber ich bitte Sie, mich allein zu laſſen.“ „Herr General, ein Wort.“ 4 „Ich bitte Sie um die Gefülligkeit, mich allein zu laſſen. Iſt das genug?“ Eine große Bläſſe folgte auf die Röthe, welche während dieſes Auftritts das Geſicht des Marſchalls überzogen hatte. Dagobert erſchrack darüber und ſagte mit bebender Stimme: „— —— „Herr General, — — ich bitte Sie inſtändig — — erlauben Sie mir — — einen Augenblick — —“ „Wenn Sie darauf beſtehen, ſo gehe ich hinaus, Herr Baudvin,“ ſagte der Marſchall, einen Schritt nach der Thür machend. Dieſe Worte wurden ſo geſprochen, daß Dagobert nicht — 133 — weiter zu ſagen wagte. Er ließ verzweifelnd den Kopf hän⸗ gen, warf noch einen bittenden Blick auf den Marſchall, und da er an dieſem eine neue Gebärde des Unwillens bemerkte, ſchlich er hinaus. — Neunzehutes Kapitel. Sise Probe Einige Minuten nach dem Weggang Dagoberts herrſchte in näherte ſich der General mehrmals zögernd der ins Zimmer ſeiner Kinder führenden Thür. Endlich nahm er ſich zuſam⸗ men, wiſchte den kalten Schweiß von ſeiner Stirn, ſuchte ſeine Aufregung zu verbergen und ging in das Zimmer, in welches Roſa und Blanea ſich geflüchtet hatten. Dagobert hatte Recht gehabt, ſeine Kinder, wie er mit väterlichem Gefühl die Zwillinge nannte, zu vertheidigen. Indeß ſprach der Schein für die Befürchtungen des Marſchalls in Betreff der erkalteten Zuneigung ſeiner Töchter. Seinem Vater hatte er geſagt, er könne ſich nicht die faſt ängſtliche Verlegenheit ſeiner Kinder in ſeiner Gegenwart erklären. Vergebens ſuchte er nach der Urſache ihrer vermeinten Gleich⸗ Bültigkeit. Bald warf er ſich vor, daß er vor ihnen nicht genug den Schmerz über den Tod ihrer Mutter verhehlt und ihnen die Meinung beigebracht habe, ſie ſeien nicht fähig, ihn zu tröſten; bald fürchtete er wieder, er habe ſich nicht zärtlich und gemüthlich genug gegen ſie gezeigt und ſie durch ſeine militäriſche Rauhheit abgeſchreckt; bald endlich ſagte er ſich mit ſchmetzlichem Bedauern, er habe ſtets ſo fern von ihnen gelebt, daß er ihnen faſt fremd ſein müſſe. Mit einem Wort die grundloſeſten Vorausſetzungen drängten ſich ihm in Menge auf. So wie aber einmal dergleichen Keime des Zweifels, Mißtrauens oder der Beſorgniß in ein Herz ge⸗ ſtreut ſind, entwickeln ſie ſich früher oder ſpäter und wurzeln ſo feſt, daß ſie ſchwer auszurotten ſind. Aber trotz der ihm dem Zimmer des Marſchalls ein düſteres Schweigen. Dann o ſchmerzlichen vermeinten Kälte ſeiner Kinder, hegte der 2 — 4 . 3 16 7 2 5 1 5 3 1 1 — 134 — Marſchall eine ſo tiefe Zuneigung zu ihnen, daß nur der Schmerz, ſie zu verlaſſen, das ihn ſo unglücklich machende Schwanken zwiſchen Vaterliebe und einer vermeinten heiligen Pflicht verurſachte. Die Verleumdungen, welchen ſogar ehrenhafte Waffenge⸗ fährten des Marſchalls Glauben geſchenkt hatten, waren von den Freunden der Fürſtin von St. Dizier verbreitet. Später werden wir Inhalt und Zweck dieſer abſcheulichen Gerüchte erfahren, die vollends das Leben des Marſchalls verbitterten. In der durch die ewigen Nadelſtiche, wie er es nannte, her⸗ vorgebrachten Ueberreizung hatte er einige Worte Dagoberts übel genommen und ihn mit Härte weggewieſen. Als er aber allein war und bei ruhigerem Nachdenken ſich des über⸗ zeugungsvollen, warmen Tones in den Worten des Ver⸗ theidigers ſeiner Töchter erinnerte, erwachten in ſeiner Seele Zweifel an der vermeintlichen Kälte ſeiner Kinder. Er wollte eine entſcheidende Probe vornehmen. Für den Fall, daß dieſelbe ſeine Zweifel beſtätigte, faßte er einen ſchrecklichen Entſchluß. Der Wortwechſel mit Dagobert war ſo laut geweſen, daß er durch das Wohnzimmer der Mädchen in ihr Schlafzimmer ſchallte. Ihre bleichen Geſichter verriethen Angſt und Be⸗ ſorgniß, als ihr Vater mit verſtörter Miene eintrat. Sie ſtanden ehrfurchtsvoll vor ihm auf, und drängten ſich dabei zitternd aneinander. Indeß war es nicht Zorn und Härte, was man auf dem Geſicht des Marſchalls las, ſondern ein Schmerz, welcher zu ſagen ſchien: „Kinder, ich leide. Ich komme zu Euch. Beruhigt mich, liebt mich, oder ich ſterbe.“ Der Ausdruck ſeines Geſichts war ſo ſprechend, daß die Mädchen nach Ueberwindung ihres Schreckens ſich geneigt fühlten, ſich an ſeine Bruſt zu werfen. Aber da fiel ihnen die Stelle des Briefs ein, worin geſagt war, die Aeußerung ihrer kindlichen Liebe ſei ihrem Vater peinlich. Sie wechſel⸗ ten einen Blick und widerſtanden dem Zug ihres Herzens. Eine traurige Fügung wollte, daß in demſelben Augenblick der Marſchall vor Begierde brannte, ſeinen Kindern ſeine Arme zu öffnen. Er betrachtete ſie mit Entzücken; er machte ſogar eine leichte Bewegung, um ſie zu ſich zu rufen. Aber die armen Kinder, durch boshafte Rathſchläge irre geleitet, blieben ſtumm, unbeweglich und zitternd. — 135 — Bei dieſer ſcheinbaren Fühlloſigkeit ward es dem Marſchall weh ums Herz. Es blieb ihm kein Zweifel mehr, daß ſeine Töchter weder ſeinen entſetzlichen Schmerz noch ſeine ver⸗ zweiflungsvolle Vaterliebe ahnten. „Immer dieſelbe Kälte!“ dachte er. „Ich hatte mich nicht getäuſcht.“ Er ſuchte indeß ſeine Empfindlichkeit zu verbergen, trat zu ihnen und ſagte, ſo ruhig er konnte: „Guten Tag, liebe Kinder.“ „Guten Tag, lieber Vater,“ erwiderte Roſa, weniger ängſtlich als ihre Schweſter. „Ich habe euch geſtern nicht geſehen,“ fuhr der Marſchall mit gepreßter Stimme fort. „Ich war zu ſehr beſchäftigt — — mit wichtigen Angelegenheiten, mit Dienſtſachen. Ihr ſeid mir doch darum nicht böſe, daß ich euch vernachläſſigt habe?“ Er bemühte ſich zu lächeln und wagte nicht, ihnen zu ſagen, daß er in der letzten Nacht nach einem Ausbruch ſchrecklicher Wuth zur Beruhigung ſeiner Qualen in ihr Schlafzimmer gekommen war, um ſie zu betrachten. „Nicht wahr,“ fuhr er fort, „ihr verzeiht mir, daß ich euch ſo vergeſſen habe?“ „Ja, Vater,“ antwortete Blanea mit niedergeſchlagenen Augen. „Und wenn ich genöthigt wäre, auf einige Zeit zu ver⸗ reiſen, würdet ihr mir es auch verzeihen? Würdet ihr euch über meine Abweſenheit tröſten?“ Roſa erinnerte ſich deſſen, was der anonyme Brief von den Opfern ſagte, welche ihre Gegenwart ihrem Vater koſtete, und erwiderte mit verlegener Scheu: „Es würde uns leid ſein,— — wenn Sie ſich unſertwegen den geringſten Zwang anthäten.“ Der Marſchall fand in dieſer Antwort den Ausdruck un⸗ verholener Gleichgültigkeit und zweifelte nicht länger an der geringen Zuneigung ſeiner Kinder. „Wir ſind am Ende!“ dachte er. „Es regt ſich nichts in ihnen. Ob ich gehe oder bleibe, das iſt ihnen einerlei. Ich bin ihnen nichts. In dieſem entſcheidenden Augenblick, wo ſie mich vielleicht zum letzten Mal ſehen, ſagt ihnen nicht das kindliche Gefühl, daß ihre Liebe mich retten würde.“ * Während dieſer niederſchlagenden Erwägung betrachtete er fortwährend ſeine Töchter und ſein Geſicht nahm einen ſo rührenden Ausdruck an, in ſeinem Blick ſpiegelten ſich deutlich die Qualen ſeiner verzweifelnden Seele ab, daß Roſa 2 —— S— —— — 136 — und Blanca vor Schrecken außer ſich geriethen und, Alles 1 vergeſſend, ihrem Vater weinend und liebkoſend um den Hals * fielen. Es war wie ein elektriſcher Schlag, der die drei 3 Herzen mit einander verſchmolz. Ohne ſich ein Wort geſagt 5 zu haben, verſtanden ſie ſich jetzt. Die leeren Befürchtungen, 3 die falſchen Zweifel, die lügenhaften Rathſchläge — Alles 3 35 war gewichen vor dem unwiderſtehlichen Drang, der die Töch⸗ ⸗ ter in die Arme des Vaters warf. Eine plötzliche Offen⸗ barung gab ihnen den Glauben in dem verhängnißvollen ſ 32 Augenblick, wo ein unheilbares Mißtrauen ſie für immer 4 trennen wollte. 6 Alles das fühlte der Marſchall in einer Seeunde, aber die Worte fehlten ihm, es auszudrücken. Bebend küßte er Stirn und Haar und Hände ſeiner Kinder, weinte, ſeufzte und lächelte. Wonnetrunken rief er endlich: „Ich habe ſie wie⸗ dergefunden! — oder vielmehr ich hatte ſie nie verloren! Sie haben mich ſtets geliebt! Jetzt zweifle ich nicht mehr daran. Sie liebten mich und wagten nicht, es mir zu ſagen. Ich flößte ihnen Scheu ein. Und ich glaubte — — Der Fehler lag an mir. Gott! wie wohl thut das! Wie gi. 3 das Kraft und Muth und Hoffnung!“ Er lachte unter Thränen laut auf, und rief, ſeine Kinder liebkoſend: „Mö⸗ gen ſie jetzt kommen und mich geringſchätzen und necken! Kommt, ſeht mir ins Geſicht, ihr lieben blauen Augen, auf daß mich das völlig ins Leben zurückrufe.“ „Vater,“ ſagte Roſa mit bezaubernder Kindlichkeit, „Sie lieben uns alſo eben ſo ſehr, wie wir Sie lieben?“ „Wir können alſo oft — täglich Sie umarmen und küſſen und Ihnen ſagen, welche Freude es uns macht, bei Ihnen zu ſein?“ fügte Blanca hinzu. . 5 „Wir können Ihnen ſagen, welche Fülle von Liebe in unſerm 6 Herzen lag, während wir nicht wagten, ſie an den Tag zu legen?“ „Wir können Ihnen laut ſagen, was wir im Stillen dachten?“ „Ja — das könnt ihr!“ ſtammelte der Marſchall. „Und euch bisher daran verhindert? — Doch nein — — ſ antwortet mir nicht. Genug von der Vergangrnheit. Ich weiß und begreife Alles. Ihr habt mein träumeriſches Sin⸗ nen auf eine Weiſe ausgelegt, — — daß ihr trauern muß⸗ tet; und ich habe eure Traurigkeit ausgelegt, — als — — —— — 137 — Doch ſtill! — — ich weiß nicht, was ich ſpreche. Ich denke „ nur daran, euch zu betrachten und mir ſchwindelt vor Freude.“ „Ja ſehen Sie uns an!“ rief Roſa entzückt. „Blicken 5 Sie tief in unſere Augen, in unſere Herzen.“ „Sie werden darin Glück für uns und Liebe für Sie le⸗ „ ſen,“ fügte Blanca hinzu. ⸗ „Ei ſagt doch Du zu mir, liebe Kinder!“ „Vater, Deine Hand!“ ſagte Blanca und legte die Hand ihres Vaters auf ihr Herz. Roſa folgte ihrem Beiſpiel und fragte: „Glaubſt du jetzt an unſere Liebe und an unſer Glüc Ein unbeſchreiblicher Ausdruck kindlichen Stolzes lag auf den lieblichen Geſichtern, während der Vater wonnevoll die * 36 raſchen Schläge ihrer Herzen zählte. . „Ja!“ rief er, „nur Glück und Liebe können ſo das Herz 3 ſchlagen laſſen.“ In dieſem Augenblick ließ ſich von der offenen Thür her * ein heiſerer, unterdrückter Seufzer vernehmen. Vater und 5 Töchter wandten ſich um und erblickten Dagobert, der ſtrack, wie der Gott Terminus, da ſtand und mit ſeinem blauge⸗ würfelten Tüchlein Wangen und Bart trocknete, während neben ſeinen Knieen die ſchwatze Schnauze Freudenſtörers hervorſah. Nach einigen Augenblicken ſchüttelte der Grau⸗ bart den Kopf und ſagte mit einer von Thränen halb er⸗ ſtickten Stimme: „Nicht wahr — — ich hab' es Ihnen geſagt?“ „Still!“ erwiderte der Marſchall. „Alter Freund, du 1 warſt ein beſſerer Vater als ich. Geſchwind! Umarme ſie. † Ich bin nicht mehr eiferſüchtig.“ uUund er reichte dem Sol⸗ ¹ daten die Hand, und Dagobert drückte ſie herzlich, und die Zwillinge fielen ihm um den Hals. Freudenſtörer wollte nach ſeiner Gewohnheit an dem allgemeinen Vergnügen 3 cẽheil nehmen. Er ſtellte ſich auf die Hinterfüße und ſtützte die Vorderpfoten vertraulich auf den Rücken ſeines Herrn. Einen Augenblick herrſchte tiefes Schweigen. Es ward unterbrochen durch ein Kläffen Freudenſtörers, der wieder uuf vier Beinen ſtand. Die glückliche Gruppe trennte ſich, ſah nach der Thür und erblickte das dumme Geſicht Ham⸗ pels. Er ſah noch einfültiger aus als gewöhnlich. Seinen nnie fehlenden Holzkorb in der Hand und einen Federbeſen — 138 — 8 unter dem Arm drückte er ſich an einen Thürpfoſten. Bei ſeinem Anblick brachen Roſa und Blanca in herzliches Lachen aus. Froh des heiteren Eindrucks, den Hampel auf die ſo lange traurig geweſenen Kinder machte, fragte ihn der Mar⸗ 4 ſchall gutmüthig. „Was willſt du, mein Junge?“ 4 „He — — Herr Herzog! — i — ich nicht!“ erwiderte Hampel und legte betheuernd die Hand aufs Herz, ſo daß ihm der Federbeſen entfiel. Die Mädchen lachten noch lauter. „Wie?“ fragte der Marſchall; „du nicht?“ „Hier, Freudenſtörer!“ rief Dagobert ſeinem Hund zu, der dem vermeinten Einfaltspinſel nicht zu trauen ſchien und mit gefährlicher Miene auf ihn zuging. „Nein, Herr Herzog,“ antwortete Hampel, „ich nicht, der Kammerdiener hat mir geſagt, ich ſollte, wenn ich Holz hin⸗ auf trüge, dem Herrn Dagobert ſagen, er ſollte dem Herrn Herzog ſagen, wenn ich im Korb Holz herauf trüge, Herr Robert fragte nach ihm.“ § Die Mädchen lachten überlaut. Der Marſchall aber er⸗ bebte bei dem Namen Robert. Dieſer Robert war der Sendling Rodin's, welcher mit dem Marſchall Beſprechungen hielt über den gewagten Verſuch, Napoleon's Sohn zu ent⸗ führen. — Uber der Ausdruck der Freude verlor ſich nicht auf dem Leſicht des Marſchalls. Nach kurzem Beſinnen ſagte er zu Hampel: „Melde hinunter, Hr. Robert möge gefülligſt einen Augenblick in meinem Zimmer warten.“ „Ja, Herr Herzog,“ ſagte der Tölpel, ſich bis zur Erde verbeugend, und ging hinaus. „Kinder,“ ſagte der Marſchall heiter, „in einem ſolchen 4 Augenblick verläßt man ſeine Kinder nicht, ſelbſt nicht einem Herrn Robert zu Gefallen.“ „O Voater, das iſt ſchön!“ rief Blanca. „Der Herr Ro⸗ bert will mir ſchon lange nicht gefallen.“ „Habt ihr Schreibzeug bei der Hand!“ fragte der Marſchall. „Da auf dem Tiſch,“ ſagte Roſa, auf ein Schreibtiſchchen neben dem Fenſter deutend. Während der Marſchall an den Tiſch ging und ſich ni⸗ verſetzte, blieben ſeine Töchter zärtlich umſchlungen am Ka⸗ min ſtehen. Simon winkte Dagobert zu ſich und ſagte, in⸗ — — 139 — dem er ſchrieb, leiſe genug, daß die Kinder es nicht hören konnten: „Weißt du, wozu ich entſchloſſen war, ehe ich hier herein kam? — — Ich wollte mich erſchießen. — — Mei⸗ nen Kindern verdanke ich das Leben.“ Dagobert erbebte und flüſterte zur Antwort: „Aber gewiß nicht mit Ihren Piſtolen. Ich hatte die Zündhütchen abgenommen.“ Der Marſchall drehte ſich herum und ſah den Soldaten betroffen an. Dagobert nickte und ſprach: „Gott ſei Dank! Mit dieſen Gedanken iſt's vorbei!“ Statt aller Antwort blickte der Marſchall mit einer Freu⸗ denthräne im Auge nach ſeinen Kindern. Dann verſiegelte er das geſchriebene Billet, gab es dem Soldaten und ſagte: „Stelle es dem Herrn Robert zu. Morgen will ich mit ihm ſprechen.“ Dagobert ging mit dem Brief weg. Der Marſchall trat wieder zu ſeinen Kindern, ſtreckte die Arme nach ihnen aus und ſagte: „Nun Fräulein, zwei hübſche Küſſe dafür, daß ich Ihnen den armen Herrn Robert aufgeopfert habe. Habe ich ſie verdient?“ Roſa und Blanea fielen ihrem Vater um den Hals. Faſt in demſelben Augenblick, wo dies in Paris vorging, wechſelten zwei eigenthümliche Wanderer, obwohl durch den Raum getrennt, geheimnißvolle Gedanken. g Zwanzigſtes Kapitel. Die Trümmer der Abtei von St. Johann dem Enthaupteten. Die Sonne neigt ſich zum Untergang. In düſterer Ein⸗ ſumkeit inmitten eines großen Tannenwaldes erheben ſich die Trümmer eines vor Zeiten Sanct Johann dem Enthaupteten geweihten Kloſters. Epheu, Wucherpflanzen und Moos be⸗ ecken faſt völlig die Haufen alterſchwarzer Steine, aus wel⸗ gebrochene Bogen und einige Wünde mit gothi⸗ — — 140 — ſchen Fenſtern hervorragen. Unter den Trümmerhaufen, auf einem von Schlingpflanzen halb überwachſeneu Fußgeſtell mit abgeſtoßenen Ecken, ſteht ein wenig beſchädigtes rieſiges Standbild. Es ſtellt einen enthaupteten Mann vor, der in der Hand eine Schüſſel und auf dieſer ſeinen Kopf trägt. Das feierliche Schweigen der Oede wird nur zuweilen durch das Rauſchen der vom Abendwind bewegten Fichtenzweige unterbrochen. Braunrothe, von der Abendſonne gefärbte Wolken ziehn langſam über den Wald und ſpiegeln ſich in einem Bach, der, aus einer Felſenmaſſe hervorquellend, durch die Trümmer der Abtei fließt. Plötzlich erſcheint im Halbdunkel des Waldes, deſſen zahl⸗ loſe Stämme ſich in völliger Finſterniß verlieren, eine Men⸗ ſchengeſtalt — ein Weib. Sie geht auf die Trümmer zu. Sie Frreicht dieſelben. Ihr Antlitz iſt bleich, ihr Blick traurig. Ihre, unter dem wallenden Gewand hervorſehenden Füße ſind beſtaubt. Ihr Gang iſt mühſam und ſchwankend. Nahe bei dem Bild Johannes des Enthaupteten liegt ein Steinblock am Rand des Baches. Auf dieſem Block ſinkt das Weib erſchöpft nieder. Und Tage, Jahre, Jahrhunderte vorher war ſie ewig gegangen, ohne je müde zu werden. Jetzt zum erſten Mal verſpürt ſie eine unüberwindliche Mat⸗ tigkeit. Zum erſten Mal ſchmerzen ihre Füße ſie, die ſiche⸗ ren, leichten Schrittes durch den glühenden Wiüſtenſand ge⸗ gangen war, wo Karavanen untergingen, und durch den ewi⸗ gen Schnee der Pole, wo kein menſchliches Weſen leben kann. Sie, die, feſt gegen die verzehrenden Flammen und gegen die ſtürmiſchen Wogen, ſeit Jahrhunderten nichts mit der Menſchheit gemein gehabt, — ſie verſpürt zum erſten Mal die Schmerzen derſelben. Ihre Füße bluten, ihre Glie⸗ der ſind wie zerſchlagen, ein brennender Durſt verzehrt ſie. Sie fühlt es und wagt nicht, es zu glauben. Endlich be⸗ merkt ſie die Quelle. Sie kniet nieder, um ihren lechzenden Gaumen in dem kryſtallhellen Waſſer zu letzen. Kaum haben ihre brennenden Lippen das kühle Waſſer bexührt, ſo vergißt ſie ihren Durſt und betrachtet ſich in dem Waſſerſpiegel. Sie ſtößt einen Freudenſchrei aus. Sie hat gefunden, daß ſie ſeit einigen Tagen, Stunden, vielleicht Au⸗ genblickeſ alt geworden iſt, nachdem ſie ſeit achtzehnhundett — 141 — Jahren die Jugend einer Zwanzigjährigen behalten hatte. Jetzt endlich darf ſie auf den Tod hoffen. Entzückt von dieſer Hoffnung ſteht ſie auf, erhebt die Au⸗ gen gen Himmel und faltet die Hände zum Gebet. Ihr Blick fällt auf das Bild Johannes des Enthaupteten. Der Kopf, den der Märthrer in der Hand trägt, ſcheint, unter dem halbgeſchloſſenen Augenlied hervor einen Blick des Er⸗ barmens auf die ewige Jüdin zu werfen, auf Herodias, die im Taumel eines heidniſchen Feſtes die Pinrichtung des Hei⸗ ligen verlangt hatte. Jetzt vor ſeinem Bild ſcheint die ſeit Jahrhunderten auf ihr laſtende Unſterblichkeit zu ſchwinden. Sie ruft aus: „Unergründliches Geheimniß! himmkiſche Hoff⸗ nung! Endlich beſänftigt ſich Gottes Zorn. Die Hand des Herrn führt mich zu den Füßen des heiligen Märthyrers, und zu ſeinen Füßen fange ich an ein menſchliches Geſchöpf zu ſein, nachdem zur Rache für ſeinen Tod der Herr mich zu ewigem Wandern verdammt hatte. Gott! laß nicht mich allein Vergebung finden! Kann der Handwerker, der wie ich, die Königstochter, ſeit Jahrhunderten wandert, gleich mir das Ende ſeiner ewigen Wanderung hoffen? Wo iſt er, Herr? Wo iſt er? Das Vermögen, welches du mir verliehen hatteſt, ihn durch ferne Räume zu ſehen, haſt du mir es entzogen? Gib mir es wieder in dieſem entſcheidenden Au⸗ genblick! Je mehr ich die menſchlichen Schwächen fühle, wo⸗ für ich dich preiſe, als das Zeichen des Endes meiner Lei⸗ den, deſto kürzer wird mein Blick durch die Unendlichkeit, deſto weniger vernimmt mein Ohr die Stimme des die Welt durchwandernden Mannes.“ Es war finſtere Nacht geworden. Der Wind erhob ſich in den hohen Tannen. Hinter ihren ſchwarzen Wipfeln ſieg Jangin zwiſchen dunklen Wolken die Silberſcheibe des Mondes auf. Das Gebet der ewigen Jüdin ward erhört. Ihre Augen ſchloſſen ſich. Mit gefalteten Händen kniete ſie zwiſchen den Trümmern, regungslos wie eine Bildſäule auf Grabmälern Sie hatte ein Traumgeſicht. 8 3 6 — 2 — Ein und zwanzigſtes Kapitel. Der Calvarienberg. Folgendes Traumgeſicht der Herodias. Auf dem einer kahlen, ſteilen Felſenhöhe erhebt ſich ein Calvarienberg. Die Sonne neigt ſich zum Unter⸗ gang. Das große Bild des Gekreuzigten, hoch über der end⸗ loſen wüſten Ebene, ſchimmert weiß auf dem dunklen Grund ſchwarzblauer Wolken, die den ganzen Himmel überziehen, und am Rand des Geſichtskreiſes dunkel violett mit langen Streifen blutrothen Lichtes abwechſeln. So weit rings um ie öhe das Auge reicht, iſt kein Grün zu ſehen auf der Kiesebene, welche dem Bett eines ausgetrockneten Meeres gleicht. Todesſtille herrſcht in dieſer Wüſte. Nur zuweilen laſſen rieſige, ſchwarze Geier mit rothen kahlen Hälſen und gelben Augen ſich in der Einöde nieder, um den Raub zu verzehren, den ſie in einer weniger wilden Gegend geholt haben. Wie war der Calvarienberg, eine Stätte des Gebetes, ſo fern von den Wohnungen der Menſchen errichtet worden? Er war das koſtſpielige Werk eines reuigen Sünders, der ſeinen Nebenmenſchen viel Unheil zugefügt hatte, der um Vergebung zu erwerben auf den Knieen die Höhe hinaufgerutſcht war und am Fuß des Kreuzes in einer nunmehr längſt ver⸗ wehten Hütte ſein Leben als Einſiedler beſchloſſen hatte. Der Himmel wird düſterer. Die purpurrothen Stteifen am Horizont entfärben ſich allmählig, wie das glühende Ei⸗ ſen, wenn es erkaltet. Plötzlich vernimmt man hinter dem alvarienberg auf der Oſtſeite das Geräuſch von Steinen, welche zum Fuß der Höhe hinabrollen. Der Tritt eines Wanderers, der durch die Ebene gekommen war und ſeit ei⸗ ner Stunde die Höhe herauſſtieg, hatte die Steine in Be⸗ wegung geſetzt. Man ſieht den Wanderer noch nicht, aber man hört ſeinen langſamen, feſten, gleichmäßigen Tritt. End⸗ lich erreicht er den Gipfel und ſeine hohe Geſtalt tritt auf dem Hintergrund des wolkigen Himmels hervor. Dieſer Wanderer iſt ſo bleich wie der Chriſtus am Kreuz. Von einer Schläfe zur andern zieht ſich über ſeine breite 7 3