„ — Roman von Eugen Sue. 2 Ue berſe 8 von Friedrich Funck. Siebenter Band. Frankfurt a. M. Verlag von Au5 i O 1845. ———————————— Erſter Theil. Der ſchwarze Panther von Java. Erſtes Kapitel. Der Unterhändler. — Einige Tage waren verfloſſen ſeit dem Brand der Fabrik Hardy's. Der Verlauf unſerer Geſchichte führt uns wieder in die Clovisſtraße in das Haus, wo Rodin ſein Abſteig⸗ quartier hatte und wo Roſe Pompon die Wohnung ihres Freundes Philemon unbedenklich als die ihrige betrachtete. Es war gegen Mittag. Roſe Pompon, allein in dem Zimmer des noch immer abweſtäden Studenten, frühſtückte heiteren Sinnes neben ihrem Feuer. Aber welch ſonderbares Frühſtück! welch ſeltſames Feuer! welch wunderliches Zimmer! Man ſtelle ſich ein ziemlich großes Gemach vor, welches ſein Licht durch zwei Fenſter ohne Vorhänge erhielt, da der Bewohner mit der Ausſicht auf ein unbebautes Feld keine neugierigen Blicke zu fürchten hatte. Eine Seite des Zimmers diente als Aufbewahrungsort für die Kleider. Dort ſah man an einem Kleiderrechen die ſchmucke Abladertracht Roſe Pom⸗ pon's hängen und daneben die Bootsjacke und die weiten Matroſenbeinkleider Philemons, hübſch getheert, ſo daß man, beim Element! glauben mußte, der unerſchrockene Seemann habe im Maſtkorb einer Fregatte die Reiſe um die Welt vI. 1 mitgemacht. In zierlichen Falten hing ein Kleid Roſe Pompon's über einem Paar Strumpfhoſen, deren Füße aus dem Rock hervorzugucken ſchienen. Auf dem letzten Brett eines überaus ſtaubigen und vernachläſſigten Büchergeſtells ſtand neben drei alten Stiefeln und mehren leeren Flaſchen ein Todtenkopf, 5 ein Andenken der Oſteologie und der Freundſchaft, welches ein Studioſus Medicinae ſeinem Bruder Philemon hinterlaſſen hatte. Ein im Studentenquartier beliebter Spaß war es, daß dieſer zwiſchen ſeinen ſchönen weißen Zähnen eine irdene Pfeife mit geſchwärztem Kopf hielt, und daß ſein glänzender Schädel halb bedeckt war mit einem auf Krakeel ſitzenden alten Sackträgerhut, der über und über mit welken Blumen und verſchoſſenen Bändern geziert war. Wenn Philemon betrunken war, pflegte er dies Knochenwerk lange zu betrachten und von dithyrambiſchen Monologen über dieſe philoſophiſche Zuſammenſtellung des Todes mit der tollen Luſt des Lebens überzufließen. An den Wänden waren ein paar Gypsmasken miit mehr oder weniger zerbrochenen Naſen und Kinnen angenagelt, Zeugniſſe der flüchtigen Wißbegier Philemons in Betreff der viel Geduld und Nachdenken erfordernden Schädellehre. Der junge Mann war damit zu dem Reſultat gekommen, daß er „ ein ungewöhnlich ſtark entwickeltes Pumporgan habe, folglich ſich in ſein Schickſal ergeben müſſe, welches ihm den Ma⸗ nichäer ¹) als unvermeidliche Nothwendigkeit des Lebens auf⸗ legte. Auf dem Kamin ſtahd und majeſtätiſch das rieſige Feiertagsglas des Bootsmannes; daneben auf einer Seite eine porzellanene Theekanne ohnr Hals und auf der andern ein Dintenfaß von ſchwarzem Holz, deſſen Mündung von einer grünlichen Schimmelvegetation überwachſen war. Die Stille dieſes Mußeſitzes, nicht Muſenſitzes, wurde von Zeit zu Zeit unterbrochen durch das Girren der Tauben, welchen Roſe Pompon ein gaſtliches Obdach im Studirzimmen Philemons angewieſen hatte. Frſtig wie eine Wachtel ſaß Roſe Pompon neben ihrem 3 Feuer und ſchien zugleich die ins Zimmer fallenden goldenen 5 ) Pumpen bedeutet in der Studentenſprache borgen, Manichäer; Mahner, Gläubiger. ten Haut dieſer Körpertheile ſchien der Scharlach des Kittels ————— — — Sonnenſtrahlen zu ihrer Erwärmung zu benutzen. Die Kleidung des kleinen Dings war zwar barock, hob aber ihre blühende Jugend, ihr reizendes niedliches Geſicht und die Pracht ihrer ſorgfältig gekämmten blonden Haare vortheilhaft hervor. Ohne zu fragen, was die Welt dazu denken könnte, hatte ſie als Schlafrock den ſcharlachrothen wollenen Schifferkittel Philemons angezogen. Der offene umgelegte Kragen desſelben ließ ihr weißes Hemd ſehen, ihren Hals, den oberen Theil ihrer Bruſt und ihre Schultern mit Grübchen. Auf der glat⸗ ſich in roſigem Abglanz zu ſpiegeln. Aus den weiten halb aufgeſchürzten Aermeln ſahen ihre runden Arme hervor, und eben ſo unter dem Saum des Schiffergewandes ihre überein⸗ ander geſchlagenen Beine, mit ſtraff angezogenen Strümpfen und bis über die Knöchel reichenden Schuhen bekleidet. Eine ſchwarzſeidene Halsbinde ſchlang ſich als Gürtel um ihre der Bewunderung eines Phidias werthen Hüften und gab ihrer etwas zu wenig verhüllenden Kleidung eine eigenthümliche Anmuth. Das Beiwort „wunderlich“, welches wir dem Zimmer ge⸗ eben, haben wir gerechtfertigt. Wir haben nun noch die Seltſamkeit der Feuerung und die Sonderbarkeit des Früh⸗ ſtücks darzuthun. Das Brennholz der gewöhnlichen Gattung war der Kleinen ausgegangen; alſo heizte ſie ſich ohne Um⸗ ſtände mit den Stiefelhölzern Philemons, welche ſich im Kamin viel zierlicher ausnahmen als knorrige Bengel oder Klötze. Der Waſchnapf, in welchem ſie kurz vorher ihr Ge⸗ ſicht geklärt hatte, war jetzt in einem Salatkumpen verwandelt, aus welchem ſie mit den Fingern grasgrüne Blätter zum Mund brachte, ohne daß ihre feſten weißen Zähnchen beim Zerkauen derſelben von dem übermäßig ſcharfen Eſſig ſtumpf wurden. Als Getränk diente ihr eine Miſchung von Wuſſer und Stachelbeerſirop, mit einem hölzernen Senflöffelchen um⸗ gerührt. Als Beieſſen lag in einem kleinen Gefäß von dun⸗ felblauem Glas ein Dutzend Oliven, und zum Nachtiſch wollte ſie ſich auf einer im Feuer der Stiefelhölzer geglühten Schaufel Rüſſe röſten. Daß bei einem ſolchen Futter ihre friſche Farbe ſie des Namens Roſe Pompon würdig machen konnte, iſt eins der Wunder, welche offenbaren, was Jugend und Geſundheit vermag. c S G — Nachdem die Kleine ihren Salat verſpeist, wollte ſie eben ihre Oliven darauf ſetzen, als leiſe an ihre verriegelte Thür geklopft wurde. „Wer da?“ rief ſie. „Ein Freund, ein Alter von der alten Garde,“ antwortete eine volltönende luſtige Stimme. „Schließen Sie ſich denn ein?“ „Sie ſind's, Nini Moulin?“ „Ja, meine liebe Tochter. Machen Sie geſchwind auf. Die Sache iſt dringend.“ „Aufmachen? Nicht übel! So wie ich geh' und ſtehe!“ „Das glaub' ich, wie Sie gehn und ſtehen ſind Sie nicht übel, gar nicht übel, o roſigſte unter den Pompons, mit welchen je Amor ſeinen Köcher geſchmückt hat!“ „Dicker Apoſtel, gehn Sie hin und predigen Faſten und Moral in Ihrem Journal,“ erwiderte Roſe Pompon, indem ſie das Scharlachhemd zu den übrigen Schifferkleidungsſtücken Philemons hängte. „Ei, ei!“ ſagte Dümoulin, „ſollen wir noch lange zur Erbauung der Nachbarſchaft durch die Thür converſiren? Bedenken Sie, daß ich Ihnen ſehr ernſte Sachen mitzutheilen habe, Sachen zum Ueberſchnappen.“ „Dicker Quälgeiſt! Laſſen Sie mir doch Zeit, ein Kleid anzuziehen!“ „Wenn das von wegen meiner Schamhaftigkeit iſt, ſo machen Sie ſich keine übertriebene Vorſtellung von ihrer Empfindlichkeit. Ich bin nicht zimperlich und laſſe mir Sie gefallen, wie Sie ſind.“ „Und ein ſolches Scheuſal iſt das Schooskind aller Küſter!“ rief Roſe Pompon, indem ſie die Thüre öffnete und den letzten Haken ihres Kleides einhängte. Dumoulin verſchränkte mit komiſchem Ernſt die Arme, muſterte das Mädchen von Kopf bis zu Fuß und ſagte: „Sind Sie endlich wieder im Taubenſchlag zurück, Sie Zugvögelein! Und wo kommen Sie her, wenn man fragen darf? Seit drei Tagen haben Sie nicht hier geniſtet, Sie garſtiges Täubchen!“ „Das iſt die Wahrheit. Erſt ſeit geſtern Abend bin ich wieder zurück. Sind Sie denn während meiner Abweſenheit hier geweſen?“ 5 „Jeden Tag zwei Mal für ein Mal, Fräulein, denn ich habe Ihnen ernſte Sachen mitzutheilen.“ „Ernſte Sachen? da werden wir nicht wenig lachen?“ „Nichts da; die Sache iſt ernſthaft,“ erwiderte Dumoulin, ſich niederſetzend. „Aber vor allen Dingen ſagen Sie mir, was haben Sie in den drei Tagen getrieben, wo Sie die eheliche Philemoniſche Wohnung gemieden haben Das muß ich wiſſen, ehe ich Ihnen Weiteres ſagen kann.“ „Wollen Sie Oliven?“ fragte Roſe Pompon, eine der öl⸗ haltigen Früchte knaupelnd. „Das iſt alſo Ihre Antwort? Ich verſtehe. Armer Phi⸗ lemon!“ „Ihr böſes Maul hat hier von keinem armen Philemon zu reden. Clara hatte einen Todten in ihrem Haus, und die erſte Zeit nach der Beerdigung fürchtete ſie ſich, die Nacht allein zuzubringen.“ „Vor dieſer Furcht glaubte ich Klärchen hinlänglich be⸗ wahrt.“ „Das war eben ein Irrthum, Giftbalg! Ich bin zu dem armen Mädchen gegangen, um ihm Geſellſchaft zu leiſten.“ Auf dieſe Behauptung ſummte der kirchliche Schrif.ſteller mit ſpöttiſcher, ungläubiger Miene ein Liedchen. „Sie wollen ſagen, ich ſpielte dem Philemon Streiche!“ rief Roſe Pompon mit dem Unwillen der ungerechter Weiſe beargwohnten Tugend, eine Nuß knackend. „Ich ſage nicht Streiche, ſondern nur ein Streichlein, roſen⸗ farb wie Roſe Pompon.“ „Und ich ſage Ihnen, daß ich mich nicht zum Vergnügen von hier entfernt habe, ſondern zu meinem Mißvergnüge., denn während dieſer Zeit iſt die arme Cephiſe verſchwunden.“ „Ja, die Königin Bachanal iſt auf Reiſen. Die alte Arſene hat mir's geſagt. Aber wenn ich Ihnen von Philemon ſpreche, kommen Sie mir mit Cephiſen. Das klärt uns nicht auf.“ „Der ſchwarze Panther, der an der Martinspforte zu ſehen ift, ſoll mich freſſen, wenn ich Ihnen nicht die Wahrheit ſage. Halt! da füllt mir ein, Sie müſſen zwei Sperrſitze bezahlen und mich hinführen, daß ich dieſe Thiere ſeche. Nicht wahr Nini⸗Moulin? Es heißt, das wären wunderliene wilde Thiere.“ „Hm! Sind Sie toll?“ „Wie ſo?“ a 5 „Daß ich der Führer Ihrer Jugend bin, wie ein lüder⸗ licher Großvater in mehr oder minder ſtürmiſchen Tulpen, das findet keinen Anſtand. Dabei riskire ich nicht mit meinen religisſen Patronen zuſammeüzutreffen. Aber Sie gerade zu einem Schauſpiel in der Faſtenzeit zu führen, wo nichts als Thiere zu ſehen ſind, das könnte mich mit meinen Küſtern zuſammen führen, und da würd' ich eine ſchöne Figur machen mit Ihnen am Arm.“ „Dicker Nini, ſetzen Sie eine falſche Naſe auf und machen Sie Stege an Ihre Hoſen, ſo erkennt Sie kein Menſch.“ „Es handelt ſich nicht um eine falſche Naſe, ſondern um das, was ich Ihnen zu ſagen habe, nachdem Sie mir die Verſicherung gegeben, daß Sie keinen Ertra⸗ Liebeshandel haben.“ „Ich ſchwöre es! Hand ausſtreckend, während ſie mit der vechten eine Nuß zum Munde führte. Dabei betrachtete ſie verwundert den Sack- 3 Paletot Dumoulin's und rief: „Teufel, was haben Sie da . für Taſchen! Was ſteckt denn da drin 24 „Dinge, die Sie betreffen,“ antwortete das Kirchenlicht * ernſthaft. b „Mich?“ ini Moulin nahm plötzlich eine majeſtätiſche Miene an und ſprach: „Roſe Pompon! Wollen Sie Kutſch und Pferde haben? Wollen Sie, anſtatt in dieſer abſcheulichen Höhle zu hauſen, eine prächtige Wohnung haben? Wollen Sie wie eine Fürſtin gekleidet ſein ?“ „Wollen Sie Oliven? Wo nicht, ſo eß ich ſie alle auf. Es iſt nur noch eine übrig.“ 5 Dumoulin griff ſchweigend in eine ſeiner Taſchen, zog ein Schmuckkäſtchen heraus, öffnete es und ließ ein prächtiges Armband vor den Augen des Mädchens funkeln. Ein herrliches Armband!“ rief ſie, in ihre Händchen latſchend. „Eine grüne Schlange, die ſch inLeu Scmam beißt das Sinnbild meiner Liebe zu Philemon.“ Sprechen Sie mir nicht von Philemon; das ſtört mich,“ in, indem erihr den Schmyck um die Hayd⸗ — — 1 „ſprach Roſe Pompon, feierlich die linke — Lachend ließ Roſe Pompon ihn gewähren und rief „Dicker Apoſtel, das iſt ein Einkauf, mit dem man Sie beauftragt hat, und Sie wollen ſehen, wie das Ding ſteht. Ich ſage Ihnen, der Schmuck iſt prächtig.“ Dumoulin begann wieder in ſeinem majeſtätiſchen Ton; „Roſe Pompon, wollen Sie Dienerſchaft, eine Loge in den Oper und tauſend Franken monatlich für Ihre Toilette?“ 3 „Laſſen Sie doch einmal den alten Witz und bringen Sie einen neuen,“ verſetzte die Kleine, indem ſie Nüſſe kaute und das Armband funkeln ließ.“ Dumoulin fuhr abermals in ſeine Taſche, brachte eine köſtliche Kette zum Vorſchein und hing ſie der Kleinen um den Hals. Dieſe betrachtete abwechſelnd den goldnen Schnuck und den kirchlichen Schriftſteller und rief: „Eine wunderſhns Kette! Wenn Sie auch dies Stück ausgewählt haben, ſo beweiſen Sie keinen ſchlechten Geſchmack. Nicht wahr, ich bin ein gutes Mädchen, daß ich mich als Probirpuppe ge⸗ brauchen laſſe, damit Sie ſehen, wie der Schmuck ſich aus⸗ nimmt?“ „Roſe Pompon!“ ſprach Nini Moulin in noch majeſtätiſcherem Ton, „dieſe Kleinigkeiten ſind nichts im Vergleich mit dem, worauf Sie Anſpruch machen können, wenn Sie auf den Rath Ihres alten Freundes hören wollen.“ Das Mädchen betrachtete den Pamphletſchreiber mit Ver⸗ wunderung und ſagte: „Nini Moulin, was bedeutet das? Was haben Sie für Rathſchläge? Heraus damit!“ Anſtatt zu antworten fuhr Dumoulin abermals in ſeine unerſchöpfliche Taſche, zog ein Päckchen heraus und machte es ſorgfältig auf. Roſe Pompon erhob ſich mit ſteigender Verwunderung von ihrem Sitz; und raſch warf ihr Dumoulin eine koſtbare Mantille von ſchwarzen Spitzen um die Schultern. „Das iſt ja wundervoll!“ rief ſie, den Putz mit kindlicher, uneigennütziger Neugier betrachtend. „In meinem Leben hab' ich ſo etwas nicht geſehen. Welche Zeichnungen! Welche Stickerei! — Ihre Taſche iſt ju ein wahrer Putzlaven! Wie kommen Sie denn zu all dieſen ſchönen Sachen? — Halt!“ rief ſie, laut auflachend. „Jetzt hab ich's! Das iſt das Hoch⸗ zeitsgeſchenk für Frau Sainte Cylombe Ich mache Ihnen mein Compliment. Gut gewählt!“ „Wo Teufel ſoll ich denn das Geld fiſchen, um dieſe Wunderdinge zu kaufen?“ entgegnete der Schriftſteller. „Ich wiederhole Ihnen: alles das gehört Ihnen, wenn Sie wollen und wenn Sie mich anhören.“ „Iſt denn das Ernſt?“ fragte Roſe betreten. „Völliger Ernſt.“ „Die Vorſchläge, daß ich als vornehme Dame leben ſoll?“ „Dieſe Schmuckſachen bürgen Ihnen für die Ernſtlichkeit der Anerbietungen.“ „Und Sie, armer Nini Moulin, machen mir die Aner⸗ bietungen für einen Andern?“ „Gemach!“ rief der kirchliche Schriftſteller mit komiſcher Schamhaftigkeit. „Geliebte Tochter, Sie kennen mich zu gut, um zu glauben, daß ich im Stande wäre, Ihnen eine un⸗ ehrliche oder unſchickliche Handlung anzurathen. Dafür habe ich zu viel Selbſtachtung, — zu geſchweigen, daß es nicht eben angenehm ſein würde für Philemon, der mir die Be⸗ wachung Ihrer Tugenden anvertraut hat.“ „Nun, auf Ehrenwort, Nini Moulin,“ rief das Mädchen „das begreif ich nicht.“ „Die Sache iſt ganz einfach. Ich — — —“ „Halt! Ich hab's!“ unterbrach Roſe Pompon.“ Ein Herr will mir ſeine Hand, ſein Herz und eine Zugabe anbieten. Das hätten Sie mir ja gleich ſagen können.“ „Eine Heirath! Ja wohl!“ verſetzte der Schriftſteller achſel⸗ zuckend. „Keine Heirath?“ fragte das Mädchen. „Nein.“ „Und die Vorſchläge, welche Sie, dicker Apoſtel, mir machen, ſind ehrenhaft?“ „ Es kann keine ehrenhafteren geben,“ verſicherte vumvulin aufrichtig. „Und ich ſoll meinem Philemon nicht untreu werden?“ „Nein.“ „Aber vielleicht einem andern treu?“ „Auch das nicht.“ Roſe Pompon wußte nicht, was ſie dazu ſagen ſollte. Nach einigem Beſinnen fuhr ſie fort: „Spaß bei Seite! Ich bin nicht ſo albern, um mir einzubilden, man würde mich * wie eine Fürſtin leben laſſen, lediglich um meiner ſchönen Augen willen, wenn ich mich ſo ausdrücken darf.“ „Sie dürfen ſich allerdings ſo ausdrücken.“ „Alſo kurz und gut: was verlangt man von mir dagegen?“ „Nichts.“ „Nichts?“ „Nicht ſo viel,“ antwortete der Schriftſteller, die Spitze ſeines Nagels abbeißend. „Nun, was ſoll ich denn thun?“ „Sie ſollen ſich ſo ſchön wie möglich machen, Ihres Leibes pflegen, ſich beluſtigen, ſpazieren fahren. Sie ſehen, das iſt nicht ſehr anſtrengend. Und obendrein tragen Sie damit zu einem guten Werke bei.“ „Indem ich wie eine Fürſtin lebe?“ „Ja. Alſo entſchließen Sie ſich und fragen Sie mich nicht um das Nähere, denn ich kann es Ihnen nich ſagen. Nur ſo viel noch: Sie werden nicht wider Ihren Willen zurück⸗ gehalten. Verſuchen Sie es mit dem Leben, welches ich Ihnen vorſchlage. Behagt es Ihnen, ſo ſetzen Sie es fort. Behagt es Ihnen nicht, ſo kehren Sie in Ihre Philemoniſche Haus⸗ haltung zurück.“ „Am Ende — —“ „Verſuchen Sie es; was ſetzen Sie dabei aufs Spiel?“ „Nichts. Aber — — ich kann nicht glauben, daß das wahr iſt. Und — — ich weiß nicht, ob ich darf.“ Dumoulin ging ans Fenſter, öffnete es und ſagte: „Sehn Sie einmal da hinunter.“ Roſe Pompon lief hinzu, ſah hinunter nach der Thür und rief: „Bei Gott! eine prächtige kleine Kutſche. Darin muß ſich's herrlich ſitzen.“ „Dieſe Kutſche gehört Ihnen. Sie wartet auf Sie.“ „Was? Sie wartet auf mich? — — Ich anüßte mich auf der Stelle entſchließen?“ „Oder gar nicht.“ „Heute?“ „Den Augenblick.“ „Wohin wollen Sie mich denn führen.“ „Weiß ich's?“ „Sie wiſſen nicht, wohin Sie mich führen?“ — 10 „Nein. Der Kutſcher hat ſeine Weiſungen.“ „Wiſſen Sie auch, daß das recht ſchnurrig iſt, Nini Moulin.“ „Ich hoff' es. Wenn's nicht ſchnurrig wäre, wo wäre der 5 Spaß dabei?“ „Sie haben Recht.“ „Alſo, Sie ſagen, ja? Das iſt mir lieb für Sie und für mich.“ „Für Sie?“ „Ja. Indem Sie zuſagen, erweiſen Sie mir einen großen Dienſt.“ „Ihnen? Wie ſo?“ „Das kann Ihnen gleichgültig ſein, wofern ich nur Ihnen verbunden bin.“ „Sie „Nun? gehen wir?“ „Ei was! Freſſen wird man mich nicht!“ ſagte Roſe Pom⸗ pon entſchloſſen, nahm hüpfend ein roſenrothes Hütchen, trat damit vor einen zerſprungenen Spiegel und ſetzte es recht à la chien auf, ſo daß ihr weißer Nacken bis hinauf an ihre blonden ſeidenweichen Haare ſichtbar blieb und ihr Geſichtchen ein äußerſt ſchelmiſches, um nicht zu ſagen keckes, Ausſehen erhielt. „Meinen Mantel!“ ſagte ſie zu Dumoulin, welchem ein Stein vom Herzen gefallen zu ſein ſchien, ſeitdem ſie zu⸗ geſagt hatte. „Pfui! einen Mantel!“ entgegnete der Cicisbeo, indem er zum letzten Mal in ſeine letzte Taſche griff. Aus der uner⸗ gründlichen Tiefe derſelben zog er einen wunderſchönen Kaſchmir⸗ ſchawl hervor und hing ihn dem Mädchen um die Schultern. „Ein Kaſchmir!“ rief Roſe Pompon, bebend vor freudiger Ueberraſchung. Und mit heroiſcher Miene ſetzte ſie hinzu: „Fertig! Ich wage es!“ Leichtfüßig eilte ſie die Treppe hinab. Dumvulin folgte ihr. Die Kohl- und Kohlenhändlerin befand ſich in ihrem Laden und begrüßte ſie: „Guten Morgen, Mamſell! Sie ſind ja heute früh bei der Hand.“ „Ja, Arſene. Hier iſt mein Schlüſſel.“ „Ich danke.“ Plötzlich eilte Roſe Pompon zu dem an der Thür ſtehenden Dumoulin und flüſterte getzt denk ich erſt daran. Und Philemon?“ „Philemon?“ „Wenn er kommt — —“ l!“ ſagte Dumoulin, ſich hinter dem „Teufel noch einma Ohr kratzend. „Ja; wenn Philemon kommt, was ſoll mar „Ich werde vielleicht lange abweſend ſein.“ Ich denke, drei bis vier Monate.“ „Länger nicht?“ „Ich glaube nicht.“ „Nun dann iſts gut!“ rief Roſe Pompon, kehrte zu der Händlerin zurück und ſagte: „Arſene, wenn Philemon kommt, ſo ſagen Sie ihm, . ich ſei in Geſchäften aus⸗ gegangen.“ „Ja Mamſell.“ „Er ſoll mich „Ja Mamſell 6 „Und er ſoll nicht vergeſſen, meinen Tauben in ſeiner Studirſtube zu freſſen zu geben.“ „Ja Mamſell.“ „Adieu, Arſene.“ „Adien, Mamſell.“ fröhlich ſtieg Roſe Pompon mit ihm ſagen? erwarten und nicht ungeduldig werden.“ ihrem Begleiter in Und frö die Kutſche. Während der Wagen raſch aus der Clovisſtraße hinaus⸗ Jakob Dumoulin für ſich: „Der Teufel ſoll mich weiß, was das geben ſoll. Ich habe meinen fuhr, ſagte wieder gut gemacht; das Uebrige iſt mir holen, wenn ich dummen Streich gleichgültig.“ Zweites Kapitel. Das Geheimniß. Wenige Tage näch der Entführung Roſe Pompon's durch Nini Moulin ſaß Adriana von Cardoville in träumeriſchem Sinnen in ihrem mit dunkelgrünem Lampas ausgeſchlagenen Arbeitszimmer, worin ein großer mit ehernen Karyatiden ge⸗ ſchmückter Bücherbehälter von Ebenholz ſtand. Ein Blick in dies Zimmer ließ errathen, daß das Fräulein in der Kunſt Zerſtreuung ernſter und trauriger Gedanken geſucht hatte. Neben einem offenen Clavier ſtand eine Harfe vor einem Muſikpult. Auf einem Tiſch lagen Paſtell⸗ und Aquarell⸗ farben und mehre Pergamentblätter mit lebhaft colorirten Stizzen, meiſt aſiatiſche Landſchaften in der ſtärkſten Beleuch⸗ tung der Sonne des Morgenlandes vorſtellend. Treu ihrer Laune, ſich zu Hauſe maleriſch zu kleiden, glich Adriana an dieſem Tage einem der ſtolzen Vilder von Ve⸗ lasquez. Ihr Kleid von ſchwarzem Mohr hatte einen falten⸗ reichen Rock, einen ſehr langen Leib und Aermel mit Schlitzen von roſenfarbenem Satin, die mit kleinen Gagatperlen ein⸗ gefaßt waren. Eine ſteife ſpaniſche Halskrauſe ging faſt bis ans Kinn herauf und war mit einem breiten Roſaband ſchein⸗ bar um den Hals befeſtigt. Die Enden des Bandes fielen auf den keilförmigen Spalt des Leibchens herab, der bis zum Gürtel herunter mit einer Schnur von Gagatperlen auf einem Grund von Roſaſatin geſchnürt war. Dieſe ſchwarze Kleidung mit weiten glänzenden Falten, gehoben durch Roſenfarbe und glänzenden Gagat, ſtand im ſchönſten Einklang mit der blendenden Weiße ihrer Haut und mit dem Gold ihrer bis auf den Buſen herabwallenden Locken. Sie ſaß halb liegend auf einem mit grünem Lampas über- zogenen kleinen Sofa, deſſen Rücklehne, nach dem Kamin zu hoch, ſich nach dem Fußende hin verlor. An der Kopfſeite dieſes Sofa befand ſich, wie ein Schirm, ein fünf Fuß hohes halbkreisförmiges Gitter von vergoldetem Meſſing in einem entſprechenden Blumenkaſten von Ebenholz, aus welchem blühende Lianen hervorwuchſen und ſich am Gitter hinauf⸗ rankten. Die großen von außen grünen, inwendig purpur⸗ rothen Blüthen dieſer Lianen, glänzend wie der Schmelz der ſächſiſchen Porcellanblumen, verbreiteten einen lieblichen Duft, gleich einem Gemiſch von Veilchen- und Jasmingeruch. Theils auf dem Sofa, theils auf einem Tiſchchen, theils auf der koſtbaren Vorlage von Marderpelz lag eine Menge neuer, friſch aufgeſchnittener Bücher und unter ihnen, auf der Vorlage, mehre große Atlaſſe mit Kupferſtichen. Alle dieſe Bücher von verſchiedenen Verfaſſern und Formaten be⸗ handelten denſelben Gegenſtand. Die Haltung Adriana's verrieth eine Art ſchwermüthige Niedergeſchlagenheit. Ihre Wangen waren bleich, und bläu⸗ liche Ringe um ihre halbgeſchloſſenen ſchwarzen Augen gaben dieſen einen Ausdruck tiefer Betrübniß. Mehrfache Urſachen lagen ihrer Verſtimmung zu Grunde, unter andern das Ver⸗ ſchwinden der Mayeur. Ohne gerade den boshaften An⸗ deutungen Rodin's Glauben zu ſchenken, daß das Mädchen aus Furcht, von ihm entlarvt zu werden, nicht gewagt habe, im Hauſe zu bleiben, hatte Adriana doch ein peinliches Ge⸗ fühl bei dem Gedanken, daß die Mayeur, welcher ſie volles Vertrauen geſchenkt, ihr gaſtliches Dach geflohen habe, ohne ein Wort des Dankes für ihre faſt ſchweſterliche Güte an ſie zu richten. Denn natürlich waren die zurückgelaſſenen Zeilen unterſchlagen und es war bloß von dem auf ihrem Schreib⸗ tiſch gefundenen Bankzettel geſprochen worden. Dieſer letztere unerklärliche Umſtand hatte in der Seele des Fräuleins pein⸗ lichen Verdacht erweckt. Schon empfand ſie die verderblichen Wirkungen des ihr von Rodin empfohlenen Mißtrauens gegen Alle und gegen Alles; und die hieraus fließende Zurückhal⸗ tung mußte ihr um ſo drückender werden, da ſie, bisher an ſchrankenloſe Offenheit gewöhnt, ein Geheimniß zu bewahren hatte, welches ihr Glück, ihre Beſchämung und ihre Qual war. Halb liegend auf ihren Divan, nachdenklich und niederge drückt, durchlas ſie, oft zerſtreut, eins der neulich gekauften Werke. Plötzlich ſtieß ſie einen leiſen Ausruf der Ueber⸗ raſchung aus. Die Hand, mit welcher ſie das Buch hielt, zitterte; und von nun an ſchien ſie mit geſpannter Aufmerk⸗ ſamkeit und leidenſchaftlicher Neugier zu leſen. Begeiſterung ſtrahlte aus ihren Augen. Ihr Lücheln ward unbeſchreiblich ſüß. Sie ſchien ſtolz, glücklich, bezaubert zu ſein. Aber in dem Augenblirk, wo ſie ein letztes Blatt umwandte, drückte ihre Miene Verdruß und getäuſchte Erwartung aus. Sie begar von neuem zu leſen. Diesmal aber geſchah es mit bedächtiger Langſamkeit. Sie buchſtabirte ſo zu ſagen jedes Wort. Von Zeit zu Zeit hielt ſie inne, ſtützte den Kopf in die Hand und ſchien in tiefe Betrachtungen verſunken über die Stellen, welche ſie mit Luſt und Liebe geleſen. Bei einer Stelle war der Eindruck ſo groß, daß eine Thräne in ihrem Auge glänzte. Sie wandte ſchnell das Buch um, ſah auf dem Umſchlag nach dem Namen des Verfaſſers, betrachtete ihn einige Augenblicke mit dem Ausdruck des Danks und drückte endlich den Unſchlag an ihre Lippen. Mehrmals wiederholte ſie die Leſung der Zeilen, welche ſolchen Eindruck auf ſie hatten; und am Ende verfiel ſie in ſo tiefes Sinnen, daß ihr das Buch aus den Händen auf die Vor⸗ lage fiel. — Während dieſer Träumerei fiel ihr Blick zufällig auf ein herrliches Basrelief, welches auf einem Geſtell von Eben⸗ holz in der Nähe eines Fenſters ſtand. Dies Kunſtwerk, kürzlich nach einem, von einer Antike Gypsab⸗ druck in Erz gegoſſen, ſtellte in ſeltener Vollendung den Triumph des indiſchen Bacchus vor. Der junge Eroberer, halb bekleidet mit einer Löwenhaut, welche die Reinheit ſeiner jugendlichen Formen zu bewundern verſtattete, ſtrahlte von göttlicher Schönheit. Auf einem von Tigern gezogenen Wagen mit ſtolzer und doch ſanfter Miene ſtehend, ſtützte er die eine Hand auf den Thyrſus und mit der andern lenkte er in ruhiger Majeſtät ſein wildes Geſpann. An der ſeltenen Miſchung von Anmuth, Kraft und Ruhe erkannte man den Helden, welcher ſchwere Kämpfe mit den Menſchen und mit den Ungethümen des Waldes beſtanden hatte. Das Licht, welches von der Seite auf das Bild ſiel, ließ das mehr als electriſchen Schlag zu empfinden. Sie zitterte am ganzen halb erhaben gearbeitete Geſicht des Gottes in blaſſem Gold⸗ ſchimmer auf's deutlichſte aus dem Grund von dunkler un⸗ beſtimmter Farbe hervortreten. Anfangs haftete der Blick Adrianas mit Ruhe auf dieſem vollendeten Bild. Allmählig ward ihre Betrachtung aufmerk⸗ ſamer, und endlich ſtand ſie auf und trat näher hinzu, als ob ſie eine merkwürdige Aehnlichkeit in demſelben gefunden hätte. Eine leichte Röthe ſtieg auf ihren Wangen auf und verbreitete ſich über ihre Stirn und ihren Hals. Sie trat ganz nahe hinzu, warf einen verſtohlenen, faſt verſchämten Blick um ſich her, als fürchtete ſie, bei einer tadelnswerthen Handlung überraſcht zu werden, und brachte zwei Mal ihre Hand nahe an das Bild, als wollte ſie mit den Fingerſpitzen die Stirn des Bacchus berühren. Aber beide Make ſchien eine gewiſſe Schamhaftigkeit ſie zurückzuhalten. Endlich ward die Verſuchung zu ſtark. Ihr Finger fuhr ſanft über das Geſicht des Götterbildes und ruhte eine Seecunde auf der Stirn desſelben. Bei dieſem leichten Druck ſchien ſie einen⸗ Leib. Ihre Augen wurden ſchmachtend, erhoben ſich feucht gen Himmel und ſchloſſen ſich halb. Ihr Kopf ſank etwas rückwärts, ihre Knie beugten ſich unmerklich und ihre Lippen öffneten ſich halb, während ihr Buſen heftig wogte, und ihr glühendes Geſicht eine ſcheue leidenſchaftliche Regung ihres Herzens verrieth. So ſtand ſie da, das ergreifende Bild einer Jungfrau, deren keuſche Stirn vom erſten Feuer eines geheimen Verlangens glüht — von jenem Feuer, welches nicht minder ein Ausfluß des Schöpfers iſt, wie der göttliche Funke des Geiſtes, und welches der läſternde Unverſtand zu erſticken ſucht, anſtatt es zu mäßigen und zu harmoniſchem Aufſchwung zu regeln. Plötzlich erhob Adriana wieder das Haupt, öffnete die Augen, als ob ſie aus einem Traum erwachte, entfernte ſich raſch von dem Bild und ſank, ihre Stirn mit den Händen bedeckend, wieder auf ihren Sitz. Ihre Thränen floſſen, und bitterer Schmerz malte ſich auf ihren Zügen. Nach einiger Zeit folgte auf die Niedergeſchlagenheit ein heftiger Unwille gegen ſich ſelbſt, der ſich in den Worten Luft machte: „Zum erſten Mal in meinem Leben fühl' ich mich ſchwach und muthlos — ja muthlos!“ Das Oeffnen und Zumachen einer Thür ſtörte ſte in dieſen ſchmerzlichen Betrachtungen. Georgette trat ein und fragte: „Fräulein, können Sie den Herrn von Montbron empfangen?“ Adriana beſaß zu viel Takt, um eine Dienerin ihre Unge⸗ duld über einen ungelegenen Beſuch merken zu laſſen. „Haben Sie dein Herrn von Montbron geſagt, daß ich zu Hauſe wäre?“ fragte ſie ihrerſeits. „Ja, Fräulein,“ antwortete das Kammermädchen. „So bitten Sie ihn einzutreten.“ Adriana hatte eine faſt kindliche Zuneigung zu dem Herrn von Montbron, der ihr gerade jetzt ſo ungelegen kam. Dieſe achtungsvolle Zuneigung hinderte indeß nicht, daß ſie faſt immer anderer Meinung war, als er. So entſpannen ſich denn, wenn Adriana nicht verſtimmt war, zwiſchen ihr und ihrem väterlichen Freund die lebhafteſten, luſtigſten Erörte⸗ rungen, in welchen der alte Herr trotz ſeiner kauſtiſchen und ſteptiſchen Ader, trotz ſeiner Welterfahrung, Menſchenkennt⸗ niß und Durchtriebenheit, oft den Kürzeren zog, was er dann mit heiterer Miene geſtand. So z. B. hatte er (freilich aus andern als den von der Fürſtin von St. Dizier angeführten Gründen) lange ihren Entſchluß, für ſich und nach ihrem Gutdünken zu leben, bekämpft, bis er endlich ſchweigend er⸗ klärte, er wolle ihr Mitſchuldiger werden, — während Rodin dieſen Entſchluß als etwas hochherziges preiſend, einen ge⸗ wiſſen Einfluß auf ſie zu gewinnen wußte. Der Graf von Montbron zählte damals bereits über ſechzig Jahre. Er war einer der ausgezeichnetſten Männer der feinen Welt unter dem Directorium, dem Conſulat und dem Kaiſer⸗ reich geweſen. Seine Verſchwendungen, ſeine Witze, ſeine Keckheiten, ſeine Zweikämpfe, ſeine Liebſchaften, ſeine Ver⸗ luſte im Spiel waren ſeiner Zeit der Gegenſtand aller Un⸗ terhaltungen in der höheren Geſellſchaft geweſen. Zur Be⸗ zeichnung ſeiner Sinnesart mag geſagt ſein, daß er mit all ſeinen ehemaligen Liebſchaften auf dem Fuß aufrichtiger Freund⸗ ſchaft geblieben war. Noch immer war er ein ſtarker und dabei ein feiner Spieler. Sein ganzes Anſehen verrieth den vornehmen Mann. Seine Miene zeigte Entſchiedenheit und Schärfe des Verſtandes. Seine Manieren waren die der beß⸗ ten Geſellſchaft, und gegen Menſchen, welche er nicht leiden konnte, ein wenig verletzend. Groß und ſchmächtig, hatte er eine faſt noch jugendliche Haltung. Seine Stirn war hoch und kahl, ſeine weißen Haare kurz geſchnitten, ſein grauer Backenbart halbmondförmig gezogen. Er hatte ein langes Geſicht, eine Adlernaſe, blaue Augen mit durchdrin⸗ gendem Blick und noch ſehr ſchöne Zähne. „Der Herr Graf von Montbron,“ ſagte Georgette, die Thür öffnend. Der Graf trat ein und küßte dem Fräulein mit der Ver— traulichkeit eines Vaters die Hand. Drittes Kapitel. Die Geſt ändniſſe. Adriana ſuchte ihre heftige Gemüthsbewegung zu verber⸗ gen und empfing den Grafen mit erzwungener Heiterkeit. Der Graf ſeinerſeits war ungeachtet ſeiner Gewandtheit ver⸗ legen, wie er das Geſpräch anknüpfen ſollte, um auf den ihm am Herzen liegenden Gegenſtand zu kommen. Er be⸗ ſchloß, vorerſt das Terrain zu ſondiren. Nachdem er einige Augenblicke das Fräulein betrachtet, ſchüttelte er den Kopf und ſagte ſeufzend: „Liebes Kind, ich bin unzufrieden.“ „Ein Herzeleid? oder ein Knöchelleid?“ fragte Adriana lächelnd. . „Ein Herzeleid!“ antwortete der Graf. „Was? Ein ſo feiner Spieler wie Sie, ſollte ſich mehr um einen weiblichen Einfall als um den Fall der Würfel bekümmern?“ „Ich habe ein Herzeleid, und Sie, liebes Kind, ſind Schuld daran.“ vI. „Herr von Montbron, Sie werden mich ſehr eingebildet machen.“ „Da hatten Sie ſehr Unrecht. Mein Herzeleid kommt gerade daher, daß Sie Ihre Schönheit vernachläſſigen. Be⸗ trachten Sie nur Ihr bleiches, angegriffenes, niedergeſchlagenes Geſicht. Seit einigen Tagen ſind Sie traurig. Ich bin über⸗ zeugt, Sie haben einen Kummer.“ „Werther Herr von Montbron, Sie haben in der Regel ſo viel Scharfblick, daß er Ihnen ausnahmsweiſe einmal fehlen darf, zum Beiſpiel heute. Ich bin nicht traurig, ich habe keinen Kummer und ich behaupte Ihnen keck und ſtolz ins Geſicht: Noch nie habe ich mich ſo ſchön gefunden.“ „Dieſe Behauptung iſt beſcheiden. — Wer hat Ihnen dieſe Lüge geſagt? Ein Weib?“ „Nein; mein Herz; und mein Herz ſagt die Wahrheit. Begreifen Sie es, wenn Sie können.“ „Wollen Sie damit ſagen, daß Sie ſich etwas auf Ihre verſtörte Miene zu gut thun, weil Sie ſtolz ſind auf die Leiden Ihres Herzens? — Alſo ich hatte Recht. Sie haben einen Kummer. Ich hebe das hervor, weil es mir ſchmerz⸗ lich iſt.“ . „Beruhigen Sie ſich. Ich bin ſo glücklich, wie ein Menſch ſein kann. Jeden Augenblick freue ich mich des Bewußtſeins, daß ich in meinem Alter frei bin — völlig frei.“ „Frei, ſich zu quälen, — frei, ganz nach Belieben unglücklich zu ſein.“ „Lieber Graf, wir kommen da wieder auf unſern alten Streit. Ich finde wieder in Ihnen den Verbündeten meiner Tante und des Abbé Aigrigny.“ „Ja wohl! Etwa wie die Republikaner Verbündete der Legitimiſten ſind. Sie ſind im Einverſtändniß mit einander, um ſich ſpäter einander aufzufreffen. Da Sie von Ihrer ab⸗ ſcheulichen Tante ſprechen — es heißt, ſeit einigen Tagen werde bei ihr eine Art Concilium gehalten, bei dem es ſehr lebhaft hergehe, — eine Art infulirter Auflauf. Ihre Tante iſt auf einem guten Weg.“ „Warum nicht. Früherhin hätte ſie ſich vielleicht um die Rolle der Vernunftgöttin beworben, und jetz erleben wir vielleicht, daß ſie heilig geſprochen wird. Hat ſie nicht ſchon 8 den erſten Theil des Lebens der heiligen Magdalena voll⸗ endet?“ „Liebes Kind, Sie können ihr nie ſo viel Böſes nachſagen, wie ſie wirklich thut. Indeß habe ich (freilich aus ganz an⸗ dern Gründen wie ſie) ihre Meinung in Betreff Ihrer Laune, für ſich zu leben, getheilt.“ „Ich weiß es.“ „Eben weil ich Sie noch tauſendmal freier zu ſehen wünſchte als Sie ſind, habe ich Ihnen gerathen . . .“ „Zu heirathen.“ „Und ſo würde Ihre theure Freiheit mit ihrem Anhang, anſtatt Fräulein von Cardoville, geheißen haben Frau von .. wie Sie wollen. Wir wollten Ihnen einen trefflichen Gatten gefunden haben, welcher verantwortlich geweſen wäre für Ihre Unabhängigkeit. „Und wer würde für dieſen lächerlichen Ehemann verant⸗ wortlich geweſen ſein? Wer würde ſich erniedrigt haben, einen von Allen verſpotteten und verhöhnten Namen zu führen? Ich etwa? Nein, lieber Graf. Im Guten und im Böſen bin ich allein ſtets für meine Handlungen verantwortlich. An meinen Namen ſoll ſich eine gute oder ſchlechte Meinung knüpfen, die ich allein begründe. Es wäre mir eben ſo wenig möglich, einen Namen zu entehren, der nicht der meine iſt, wie einen Namen zu führen, der nicht ſtets mit Hochachtung genannt würde. Und da man nur für ſich bürgen kann, ſo behalt' ich meinen Namen.“ „Kein Menſch in der Welt außer Ihnen hat ſolche Ge⸗ danken.“ „Warum?“ fuhr Adriana lachend fort. „Weil es mir widerlich vorkommt, zu ſehen, wie ein armes Mädchen einem recht häßlichen und ſelbſtſüchtigen Manne gleichſam einver⸗ leibt wird und, wie man ernſthaft ſagt, die Hälfte dieſes garſtigen Dings — eine friſche Roſe die Hälfte einer ab⸗ ſcheulichen Diſtel wird. Geſtehen Sie es nur, lieber Graf, in dieſer ehelichen Seelenwanderung iſt etwas überaus wi⸗ derliches.“ Adriana lachte nach dieſen Worten laut auf. Ihre er⸗ künſtelte, fieberhafte Luſtigkeit ſtand im grellen Widerſpruch mit der Bläſſe und dem angegriffenen Ausſehen ihres Geſichts. . Der Graf wurde ſchmerzlich berührt von ihrem ſichtlichen Beſtreben, durch erzwungenes Lachen einen tiefen Kummer zu betäuben. Er verhehlte aber ſeine Rührung. Wäh⸗ rend er einen Augenblick nachſann, ergriff er zufällig eins der neuen Bücher, welche Adriana kürzlich gekauft hatte, und nachdem er einen flüchtigen Blick hineingeworfen, ſagte er: „Liebes Närrchen, eine Rarrheit weiter. Angenommen, ich wäre zwanzig Jahr alt, und Sie erwieſen mir die Ehre mich zu heirathen, ſo würde man Sie doch wohl Frau von Mont⸗ bron nennen?“ „Vielleicht.“ „Wie? Vielleicht? Wir wären verheirathet, und Sie führ⸗ ten nicht meinen Namen?“ „Lieber Graf,“ erwiderte Adriana lächelnd, „laſſen Sie uns nicht ferner in einer Vorausſetzung reden, die mir nur — — Bedauern erregen kann.“ Während der Graf die letzten Worte mit dem Fräulein wechſelte, hatte er noch mehre von den Büchern in die Hand genommen und angeſehen. Das erſte war betitelt: Neuere Geſchichte von Indien, das zweite: Reiſe in Indien, das dritte: Briefe über Indien. Ueberraſcht hatte er weiter nachgeſehen und gefunden viertens: Spaziergänge in Indien, fünftens: Erinnerungen aus Induſtan, ſechstens: Bemerkungen eines Reiſenden in Oſtin⸗ dien. Betroffen ſah Herr von Montbron auf und blickte das Fräulein an. Adriana, welche bis dahin ganz das Daſein dieſer ver⸗ rätheriſchen Bücher vergeſſen hatte, erröthete vor Verdruß. Schnell aber faßte ſie ſich, ſah den Grafen an und fragte: „Nun werther Herr, worüber wundern Sie ſich?“ Der Graf betrachtete ſie und ſagte für ſich: „Nein, nein — — unmöglich! — — uUnd doch — —“ „Es möchte vielleicht unpaſſend von mir ſein, Ihrem Selbſt⸗ geſpräch zuzuhören,“ bemerkte Adriana. „Entſchuldigen Sie, liebes Kind. Aber was ich ſehe, über⸗ raſcht mich ſo ſehr — „Was ſehen Sie denn, wenn ich fragen darf?“ „Die Spuren eines eben ſo lebhaften, eben ſo großen — — wie neuen Intereſſe — — für Alles was Bezug hat — — 5 erwiderte der Graf mit einem durchdringenden as S 4u 2 ſagte Adriana beherzt. „Nun! ich ſuche die Urſache dieſer plötzlichen Leiden⸗ ſchaft.“ Dieſer geographiſchen Leidenſchaft,“ ergänzte Adriana. „Nicht wahr, lieber Graf, Sie finden dieſe Leidenſchaft ein wenig zu ernſthaft für mein Alter? Aber man muß eben doch die Stunden ausfüllen; und da ich zufällig einen halb⸗ wegs fürſtlichen Indier zum Vetter habe, ſo iſt mir die Luſt aßehognei eine V orſtellung zu haben, von dem glückſ ſeligen Land, aus welchem mir dieſe wilde Verwandſchaft z zugekom⸗ men iſt.“ Adriana ſprach die letzten Worte in ſo verſtimmten Ton, daß es dem Grafen auffiel. Er beobachtete ſie aufmerkſam und bemerkte: „Es ſcheint mir; Sie ſprechen von dem Prin⸗ zen — — mit einiger Bitterkeit.“ „Ich ſpreche mit Gleichgültigkeit von ihm.“ „Indeß er verdiente . . . ein ganz anderes Gefühl.“ „Vielleicht von einer ganz andern Perſon,“ verſetzt e Adriana trocken. Mit dem Ton wahrer Rührung ſagte der Graf „Er iſt ſo unglücklich, daß es mir in der Seele wehe g gethan hat, als ich ihn vor zwei Tagen ſah.“ „Was geht mich bies Seelenweh an!“ entgegnete das Fräulein mit faſt zorniger Ungeduld. „Ich wünſchte, ſo bittere Qualen fiößten Ihnen wenigſtens Mitleid ein,“ antwortete der Graf mit Ernſt und Nachdruck. „Mir? Mirleid?“ rief Adriana mit der Miene verletzten Stolzes. Und dann fuhr ſie mit Kälte fort: „Herr von Montbron, das iſt ein Scherz. Es kann Ihnen nicht einfallen, mir im Ernſt Theilnahme für die Liebesqualen Ihres Prin⸗ zen zuzumuthen“ Die letzten Worte waren ſo wegwerfend geſprochen und in den Mienen 3 bleichen Geſichts lag ſolche Verachtung, daß der Graf den Ton der Betrübniß anſtimite, indem er ſagte: „Alſo iſt es wahr, und man hatte mich nicht ge⸗ täuſcht! Ich, der ich kraft meiner alten beſtändigen Freund⸗ ſchaft einigen Anſpruch auf Ihr Vertrauen zu haben glaubte S S 3 — — — 2 . ———— ich habe nichts erfahren, während Sie einem Andern Alles — * — — — geſagt haben. Das iſt mir ſchmerzlich, ſehr ſchmerzlich.“ „Herr von Montbron, ich verſtehe Sie nicht.“ „Wozu noch weitere Umſchweife?“ rief der Graf. „Ich ſehe, * es iſt keine Hoffnung mehr für den armen Jungen. Sie 1 . * lieben Jemand. — — O! Sie brauchen es nicht zu leugnen. Ihre Traurigkeit ſeit einigen Tagen, Ihre unerbittliche Gleich⸗ gültigkeit gegen den Prinzen — Alles beweiſt mir, daß Sie . lieben.“ Das Fräulein fühlte ſich verletzt durch die Weiſe, in wel⸗ cher der Graf von dem ihr zugeſchriebenen Gefühle ſprach. 5 t „Herr von Montbron,“ entgegnete ſie ſtolz, „Sie müſſen 5 wiſſen, daß ein erlauſchtes Geheimniß keine vertrauliche Mit⸗ . theilung iſt. Ihre Sprache ſetzt mich in Erſtaunen.“ . „Theure Freundin, wenn ich Gebrauch mache von dem traurigen Vorrecht der Erfahrung, wenn ich errathe und 6 Ihnen ſage: Sie lieben; wenn ich Ihnen dieſe Liebe zum Vorwurf mache ſo geſchieht es, weil es ſich ſo zu ſagen um Leben und Tod bei dem armen Prinzen handelt, welcher, wie Sie wiſſen, mir jetzt ſolche Theilnahme einflößt, als ob er mein Sohn wäre. Es iſt unmöglich, ihn zu kennen, ohne ein zärtliches Mitgefühl für ihn zu hegen.“ Mit verdoppelter Kälte und bitterer Jronie entgegnete Adriana: „Es wäre ſeltſam, wenn meine Liebe — geſetzt, ich hegte eine ſolche — eine ſo eigenthümliche Wirkung auf den Prin⸗ 1 zen Dſchalma hervorbrächte. Was kann ihm daran liegen, wenn ich liebe?“ „Was ihm daran liegt? Liebe Freundin, erlauben Sie mir es zu ſagen: Sie treiben grauſamen Scherz. Der un⸗ glückliche Jüngling liebt Sie mit dem ganzen Feuer einer erſten blinden Leidenſchaft. Schon zwei Mal hat er den Qualen dieſer Leidenſchaft durch Selbſtmord ein Ende machen wollen. Und Sie finden es ſeltſam, daß Ihre Liebe zu einem Andern für ihn eine Frage über Leben und Tod iſt!“ „Er liebt mich?“ rief Adriane in einem Ton, der ſich nicht beſchreiben läßt. Ich ſage Ihnen: zum Sterben! Ich habe ihn geſehen.“ Adriana machte eine Gebärde der Beſtürzung. Ihre Bläſſe verwandelte ſich in Purpurröthe. Dieſe Röthe verſchwand wieder ſo völlig, daß ſelbſt ihre zitternden Lippen ſich ent färbten. Ihre Gemüthsbewegung war ſo heftig, daß ſie einige Augenblicke ſtumm blieb und die Hände auf ihr Gerz legte, — wie um die Schläge desſelben zu mäßigen. Der Graf erſchrack über die plötzliche Veränderung in dem Geſicht des Fräuleins. Er trat zu ihr und rief: „Mein Gott! Was iſt Ihnen denn, armes Kind?“ 6 Anſtatt ihm zu antworten, winkte ihm Adriana mit der Hand, wie um ihn zu beruhigen Ihr ſchönes Geſicht, eben noch durch Schmerz, Spott und Verachtung gewiſſermaßen entſtellt, ſchien unter den ſanfteſten Empfindungen wieder 5 ſeinen gewohnten lieblichen Ausdruck anzunehmen. Sie ſchien ſich in dieſen wonnigen Empfindungen zu gefallen und nicht das Geringſte davon verlieren zu wollen. Endlich aber ſtieg ihr der Zweifel auf, daß Sie getäuſcht ſein möge, und rief ängſtlich: „Was Sie mir ſagen, iſt doch währ? Wenig⸗ ſtens — — —“ „Was ich Ihnen ſage?“ „Ja, daß der Prinz Dſchalma — —“ „Sie wie wahnſinnnig liebt. Ach! es iſt nur zu wahr.“ „Nein! Nein!“ rief Adriana mit bezaubernder Unbefangen⸗ heit. „Das kann nie zu wahr ſein!“ „Was ſagen Sie?“ „Aber dies — — Weib?“ fragte Adriana, als ob ihr das 1 Wort auf den Lippen brennte. * „Welches Weib?“ „Die Urſache ſeines Seelenleidens.“ „Dies Weib? Wer anders ſollte es ſein, als Sie?“ „Ich! Ja, ich. Nicht wahr? Niemand anders als ich!“ „Auf Ehre. Trauen Sie meiner Erfahrung. Noch nie habe ich eine aufrichtigere, rührendere Leidenſchaft geſehen.“ „O, nicht wahr, er hat nie eine andere Liebe im Herzen . gehabt als zu mir?“ „Nie.“ „Und doch hat man mir geſagt — —.“ „Wer?“ . „Herr Rodin.“ * i „Daß Dſchalma — —?“ „Zwei Tage nachdem er mich geſehen in eine tolle Liebe verfallen ſei.“ „Herr Rodin hat Ihnen das geſagt?“ fragte der Graf, dem plötzlich ein Gedanke gekommen zu ſein ſchien. „Und er hat dem Prinzen geſagt, Sie ſeien in jemand verliebt.“ „Ich?“ „Und eben das hat die entſetzliche Verzweiflung des armen Jungen veranlaßt.“ „Und dasſelbe hat auch meine Verzweiflung verurſacht.“ „Alſo lieben Sie ihn eben ſo ſehr, wie er Sie liebt ?“ rief der Graf entzückt. „Ob ich ihn liebe!“ Ein leiſes Anklopfen unterbrach dies Geſpräch. „Jemand von Ihren Leuten,“ ſagte der Graf. „Faſſen Sie ſich.“ „Herein!“ rief Adriana. Florine trat ein. „Was gibt's?“ fragte das Fräulein. „Herr Rodin iſt ſo eben angekommen. Er fürchtet, Sie zu ſtören und will in einer halben Stunde wiederkommen. Wollen Sie ihn dann empfangen?“ „Ja, ja, fagte der Graf zu dem Kammermädchen. „Auch wenn ich noch bei dem Fräulein ſein ſollte, führen Sie ihn ein. — Nicht wahr, Fräulein, das iſt auch Ihre Meinung?“ „Allerdings,“ antwortete Adriana. Ein Strahl des Unwillens blitzte in ihren Augen bei dem Gedanken an dieſe Falſchheit Rodin's. . „Der alte Schurke!“ fagte der Graf. „Ich habe dieſem Schiefhals nie getraut.“ Florine ging hinaus und ließ den Grafen mit ihrer Ge⸗ bieterin allein. glauben des Herzens.“ Was für einen?“ Viertes Kapitel. ie p. Das Fräulein von Cardoville war wie verklärt. Ihre Schönheit ſtrahlte in vollem Glanz wie die Sonne nach Verſcheuchung der Wolken der Gleichgültigkeit und des Trüb⸗ ſinns. Der Ausdruck des Unwillens über die Falſchheit Ro⸗ din's war wie ein unmerklicher Schatten über ihre Stirn gegangen. Was lag ihr jetzt an ſolchen Lügen? Ihre Wirkun⸗ gen waren ja zu nichte gemacht. Und die Zukunft! — Welche menſchliche Macht konnte ſich zwiſchen ſie und Dſchalma ſtellen? ſetzt, wo ſie beide ihrer einander gewiß waren! Wer mochte es wagen, wider zwei ſo entſchloſſene, jugendkräftige, mit der Macht der Liebe und der Freiheit begabte Weſen anzukämpfen? Wer mochte es wagen, ihnen in die Flammenregion zu fol⸗ gen, wo die glückliche Liebe wie eine jeder Verletzung trotzende Rüſtung ſie ſchirmte? Kaum hatte Florine das Gemach verlaſſen, ſo eilte Adriana auf den Grafen zu. Sie ſchien größer geworden zu ſein und ſchwebte ſo leicht und triumphirend dahin wie eiſte Göttin auf Wolken. „Wann werd' ich ihn ſehen?“ war ihr erſtes Wort. „Ich denke. morgen. Er muß auf ein ſo großes Glück vorbereitet werden. Auf eine ſo glühende Natur kann eine ſo plötzliche unerwartete Freude eine ſchreckliche Wirkung her⸗ vorbringen.“ Adriana beſann ſich einen Augenblick und ſagte: „Mor⸗ gen ja. Nicht früher als morgen. Ich habe einen Aber⸗ 5 — — „Sie ſollen es erfahren. — Er liebt mich⸗ Dies Wort ſagt Alles, ümfaßt Alles, iſt Alles. Und doch habe ich tau⸗ ſend Fragen auf den Lippen in Betreff ſeiner. Aber ich werde Ihnen keine vor morgen ſtellen. Denn durch eine an⸗ betungswürdige Fügung iſt morgen für mich ein heiliger Jahrestag. Bis dahin werd'ich ein Jahrhundert leben. Glück⸗ licher Weiſe kann ich warten. — Kommen ſie einmal hieher.“ Sie führte ihn zu dem indiſchen Bacchus und ſagte: „Wie er ihm gleicht!“ ⸗ „Wahrhaftig!“ rief der Graf. „Das iſt ſeltſam.“ „Seltſam?“ entgegnete Adriana mit ſanftem Stolze lächelnd. „Iſt es ſeltſam, daß ein Held, ein Halbgott, ein Ideal der Schönheit unſerm Dſchalma gleicht?“ „O, wie Sie ihn lieben?“ rief der alte Herr gerührt und faſt geblendet durch das Glück, welches auf dem Antlitz ſeiner jungen Freundin ſtrahlte. „Nicht wahr,“ ſagte ſie nach einem Augenblick des Schwei⸗ gens, „ich mußte nicht wenig leiden?“ „Und was wäre wohl geſchehen, wenn ich mich nicht in der Verzweiflung entſchloſſen hätte, hieher zu kommen 2 „Ich weiß es nicht. Vielleicht wäre ich geſtorben, denn ich habe hier eine unheilbare Wunde.“ Sie legte die Hand aufs Herz. „Aber das, was mein Tod hätte ſein können, wrird mein Leben ſein.“ Etwas entſetzliches mußte eine ſolche verhaltene Leiden⸗ ſchaft ſein in Ihnen, die Sie ſo ſtolz ſind.“ „Stolz! ja, aber nicht hochmüthig. Als ich von ſeiner Liebe zu einer andern hörte, als ich erfuhr, daß der Eindruck. den ich auf ihn gemacht zu haben glaubte, ſo ſchnell ver⸗ wiſcht war, da gab ich alle Hoffnung auf, ohne meine Liebe aufgeben zu können. Statt den Gedanken an ihn zu fliehen, umgab ich mich mit Allem, was mich an ihn erinnern konnte. In Ermangelung des Glücks liegt noch ein bitterer Genuß darin, durch das zu leiden, was man liebt.“ „Zetzt begreif ich Ihre indiſche Bibliothek.“ Anſtatt dem Grafen etwas zu erwidern ging Adriang an das Tiſchchen, nahm eins der friſch aufgeſchnittenen Bücher, habe Unrecht gehabt, es zu leugnen ich bin hochmü reichte es dem alten Herrn und ſagte freudig lächelnd „Ich Da leſen Sie — laut. Ich ſage Ihnen, ich kann bis morgen warten.“ Sie deutete dem Grafen eine Stelle an, duckte ſich dann gewiſſermaßen auf ihrem Sofa nieder, ſtützte die Hände auf das Kiſſen und das Kinn auf die Hände, richtete ihre großen Augen wie anbetend auf den indiſchen Bacchus und ſchien in dieſer leidenſchaftlichen Betrachtung ſich auf die Vor⸗ leſung vorbereiten zu wollen. Der Graf ſah das Fräulein erſtaunt an. Sie ſagte ihm im einſchmeichelndſten Ton: „Nur recht langſam! ich be⸗ ſchwöre Sie.“ „ Herr von Montbron las folgende Stelle aus dem Tagbuch eines Reiſenden in Indien: „ . . Als ich mich im Jahr 1829 zu Bombay befand, ſprach man in allen engliſchen Geſellſchaften von nichts anderem, als von einem jungen Helden, dem Sohn . . 4 Der Graf ſchien an dem Namen von Dſchalma's Vater zu buchſtabiren. Adriana ergänzte raſch: „Sohn des Kadſcha Singh.“ „Welches Gedächtniß!“ ſagte der Graf lächelnd und fuhr fort zu leſen: „ „ von einem jungen Helden, Sohn des Kadſcha eingh, Königs von Mendi. Von einem fernen, blutigen Kriegszug in das Gebirg war Oberſt Drake zurückgekommen voll Begeiſterung für Dſchalma, den Sohn Kadſcha Singh 1 Dieſer, kaum dem Knabenalter entwachſene Prinz hat dieſem erbitterten Krieg eine ſo ritterliche Une heit, eine ſo edle Sinnesart bewieſen, daß man ſ Vater den Beinamen Vater des Hochherzigen g geben hat.“ * „Dieſer Gebrauch iſt rührend,“ bemerkte der Graf. Einen Vater damit gleichſam belohnen, daß man ihm einen für 2 ſeinen Sohn rühmlichen Beinamen gibt, das iſt großartig. — Aber wie wunderbar iſt es, daß dies Buch Ihnen in die Hände gekommen iſt! Ich begreife, wie dies das kälteſte Ge⸗ müth aufregen kann.“ „Sie werden ſehen, Sie werden ſehen!“ ſagte Adriana. 8 Der Graf las weiter: „ . . Oberſt Drake⸗einer der tapferſten und beßten Officiere des engliſchen Heeres ſagte geſtern in meiner — ů z*——————————————————— Gegenwart, er ſei, ſchwer verwundet und nach heftigem Widerſtand von dem Prinzen Dſchalma zum Gefangenen gemacht, in das feindliche Lager geführt worden bei dem Do Der Graf fing wieder an zu buchſtabiren, fand aber dieſen Namen noch kauderwälſcher als den vorigen und ſagte: „Ich verzichte darauf, dieſen Namen auszuſprechen.“ „Er iſt doch leicht genug!“ erwiderte Adriana. „Bei dem Dorf Schemſchabad.“ „Sie beſitzen einen unfehlbaren mnemoniſchen Kunſtgriff, um geographiſche Namen zu behalten,“ bemerkte der Graf und fuhr fort zu leſen. „ Als der Oberſt in das Lager kam, ward er mit der rührendſten Gaſtfreundſchaft aufgenommen. Dſchalma pflegte ihn wie ein Sohn ſeinen Vater. Dort erfuhr der Oberſt einige Thatſachen, welche ſeine Begeiſterung für den Prinzen auf's Höchſte ſteigerten. Folgende zwei Vor⸗ fälle hat er in meiner Gegenwart erzählt. In einem der Gefechte war der Prinz von einem zwölf⸗ jährigen indiſchen Knaben begleitet, den er zärtlich liebte. Derſelbe diente ihm als Edelknabe, folgte ihm zu Pferd und trug für ihn Waffen zum Wechſeln. Dies Kind war der Liebling ſeiner Mutter. Beim Auszug des Heeres hatte ſie es dem Prinzen anvertraut mit den ſtviſchen orte Er ſei dein Bruder. — Er ſoll mein Bruder ſein, hatte Dſchalma geantwortet. Bei einer blutigen Niederlage ward der Knabe ſchwer verwundet, und ſein Pferd getödtet. Der Prinz rettete ihn mit Lebensge⸗ fahr, nahm ihn hinter ſich aufs Pferd und floh mit ihm. Ein Schuß traf ſein Pferd. Das Thier ſchleppte ſich noch in ein nahes Gebüſch und ſiel dann erſchöpft nieder. Der Knabe konnte nicht gehen, weil eins ſeiner Beine zer⸗ ſchmettert war. Dſchalma nahm ihn in die Arme trug ihn fort und verbarg ſich mit ihm im Dickicht. Die Eng⸗ länder kamen nach und durchſuchten die Gebüſche. Nach einer Nacht und einem Tag des Hin- und Herſchleichens unter unfäglichen Mühen und Gefahren gelang es dem Königsſohn, mit dem Knaben auf dem Arm das Lager feines Vaters zu erreichen. Dort ſagte er einfach: Ich * — hatte ſeiner Mutter verſprochen, er ſolle mein Bruder ſein, und ich habe als Bruder an ihm gehandelt.“ 4 „Das iſt bewunderungswürdig!“ rief der Graf. „Leſen Sie nur weiter,“ ſagte Adriana, eine Thräne ab⸗ trocknend und die Augen unverrückt auf das ihr ſo theure Basrelief richtend. 3 1 Der Graf fuhr fort: „ Eein anderes Mal hatte ſich der Prinz Dſchalma mit zwei ſchwarzen Sklaven vor Sonnenaufgang ₰ℳ in eine Wildniß begeben, um zwei ganz junge Tiger aus dem Lager der Alten wegzunehmen, welches bezeichnet worden war. Der Tiger und ſein Weibchen waren auf Raub ausgegangen. Der eine der Schwarzen kroch durch ein enges Loch in die Höhle, der andere hieb mit Hülfe Dſchalma's einen Baumſtumpf um, welchen ſie zu einer Falle für die alten Tiger zurichten wollten. Ueber der OHeffnung der Höhle erhob ſich der Fels faſt ſenkrecht. Dſchalma kletterte mit dem Schwarzen hinauf und fing an, die Falle zu ſtellen. Plötzlich erſcholl ein Geheul. Das „ Tigerweibchen ſtürzte auf den Schwarzen neben Dſchalma, zerbrach ihm mit einem Biß den Schädel und ſprang dem Klotz nach, der aus den Händen des Sterbenden hinunter . vor den Eingang der Höhle rollte. An dieſem Eingang ſtand der andere Schwarze mit den beiden Jungen. Er ſuchte den Klotz, der ſeine einzige Schutzwehr war, in der Oeffnung feſtzuhalten. Das Tigerweibchen, wüthend ge⸗ macht durch das Schreien ſeiner Jungen, zerfleiſchte die 1 Hände des jammernden Schwarzen.“ „Entſetzlich!“ ſagte der Graf. „Leſen Sie nur weiter — weiter!“ rief Adriana. „Sie werden ſehen, was Heldenmuth mit Herzensgüte gepaart 8 vermag.“ Der Graf fuhr fort: „Der Prinz lag etwa zwanzig Fuß über dem Eingang * auf dem Felſen und ſah dies entſetzliche Schauſpiel mit an. Plötzlich nahm er ſeinen Dolch zwiſchen die Zähne, befeſtigte ſeinen Gürtel an einem Felſenzacken, faßte mit der einen Hand das Beil, mit der andern den Gürtel und ließ ſich herunter zum Eingang der Höhle. Der erſchöpfte Schwarze ließ eben den Klotz los und ſtand auf dem Punkt zerriſſen zu werden. Dſchalma ſprang auf den Tiger zu und ſtreckte ihn mit zwei Hieben nieder.“ „Wundern Sie ſich nun noch über ſeine Aehnlichkeit mit dem Halbgott, dem ſelbſt die Fabel ſolchen Edelmuth nicht zuſchreibt?“ fragte Adriana entzückt. „Ich wundere mich nicht mehr, ich bewundere,“ erwiderte der Graf gerührt. „Bei dieſen zwei edlen Zügen ſchlägt mein Herz ſo begeiſtert, als wenn ich erſt zwanzig Jahr alt wäre“ „Und das edle Herz dieſes Reiſenden hat geſchlagen wie das Ihrige bei dieſer Erzählung,“ ſagte Adriana. „Sie wer⸗ den es ſehen.“ Der Graf las weiter: „ . Was die Unerſchrockenheit des Prinzen bewunde⸗ rungswürdig macht, iſt der Umſtand, daß nach den Grund— ſätzen der indiſchen Kaſten das Leben eines Sklaven von gar keiner Bedeutung iſt. Indem der Königsſohn ſein Leben an die Rettung eines ſo gering geſchätzten Geſchöpfs ſetzte, folgte er einem in dieſem Land unerhörten Antrieb von Menſchenliebe, ganz wie ſie das Chriſtenthum vor⸗ ſchreibt. Mit Recht ſagte der Oberſt Drake: Zwei ſolche Züge genügen zur Schilderung eines Menſchen. Ich unbekannter Reiſender habe darum den Namen Dſchalma mit tiefer Achtung und Bewunderung in mein Buch geſchrieben. Doch konnte ich mich eines traurigen Gefühls nicht erwehren bei dem Gedanken, an die Zukunft dieſes fürſtlichen Jünglings in dieſem wilden ſtets vom Krieg verheerten Lande. Wenn ich dieſem, der Heldenzeiten würdigen Charakter nur eine beſcheidene Huldigung darbringen kann, ſo wird doch ſein Name mit Begeiſterung wiederholt werden von allen Seelen, die Gefühl haben für das Große und Edle.“ „Vorhin,“ bemerkte Adriana, „als ich dieſe einfachen Zei⸗ len las, konnte ich nicht umhin meine Lippen auf den Namen dieſes Reiſenden zu drücken.“ „Ja, hier finde ich mein Urtheil über ihn beſtätigt,“ ſagte der Graf, indem er dem Fräulein das Buch zurückgab. Adriana ſtand auf und ſagte mit Ernſt⸗ „So wollte ich, daß Sie ihn kennen lernten, damit Sie begriffen, was ich für ihn fühle. Dieſen Heldenmuth, dieſe Güte hatte ich er⸗ rathen bei einem Geſpräch, welches ich wider meinen Willen belauſchte, ehe ich mich ihm zeigte. Von dieſem Tag wußte ich, daß er eben ſo edelmüthig, wie unerſchrocken, eben ſo zärtlich und feinfühlend wie kräftig und entſchloſſen iſt. Aber als ich ihn ſo wunderſchön fand und im Adel ſeiner Züge und ſelbſt in ſeiner Kleidung ſo verſchieden von Allem, was mir bisher vorgekommen war, als ich den Eindruck ſah, den ich auf ihn machte und den vielleicht noch ſtärkeren, welchen ich empfand, da fühlte ich, daß mein Leben an dieſer Liebe hing.“ „Und wie iſt nun Ihr Vorhaben?“ fragte der Graf. „Wonnevoll, wie mein Herz. Ich will, daß Dſchalma, wenn er fein Glück erfährt, eben ſo ſehr davon geblendet werde wie ich. Ich wage noch nicht, meiner Sonne ins Antlitz zu ſchauen. Wie ich Ihnen geſagt habe, von heut bis mor⸗ gen hab' ich ein Jahrhundert zu leben. Sonderbar! ich hätte denken ſollen, nach einer ſolchen Offenbarung müßte ich das Bedürfniß empfinden, Fllein zu bleiben, verſenkt in dies Meer von Wonne. Aber nein. Von heut bis morgen fürcht' ich die Einſamkeit. Ich empfinde eine fieberhafte: glühende Un⸗ gepi 8 Geſegnet ſollte die Fee ſein, welche mich mit ihrer Zcuberruthe berührte und mich bis morgen einſchläferte.“ „Ich will dicſe Fee ſein,“ ſagte der Graf lächend. „Sie?“ „Und wie?“ „Sie ſollen die Macht meines Zauberſtabs ſehen. Ich will Sie von einem Theil Ihrer Gedanken abziehen, indem ich Ihnen die Wirklichkeit derſelben zeige.“ „Erklären Sie ſich doch.“ „Und obendrein wird mein Vorhaben Ihnen noch einen andern Vortheil bringen. Hören Sie mich an. — Sie ſind ſo glücklich, daß Sie Alles anhören können. — Ihre ſchänd⸗ liche Tante und deren ſchändliche Freunde verbreiten das Ge⸗ rücht, daß Ihr Aufenthalt im Haus des Doctor Valeinier — —“ „Durch meine Geiſtesſchwäche nöthig geworden ſei,“ ei gänzte Adriana. „Darauf war ich gefaßt.“ „Das iſt eine handgreifliche Dummheit; aber da Ihr Entſchluß, für ſich zu leben, Ihnen Feinde und Neider macht (warum, wiſſen Sie), ſo wird es nicht an Leuten fehlen, die gar ge⸗ neigt ſind, allen möglichen Dummheiten Glauben zu ſchenken.“ „Ich hoffe es. Ich finde es ſchmeichelhaft bei den Eſeln für närriſch zu gelten.“ „Ich ebenfalls. Zugleich aber find' ich es beluſtigend, den Eſeln im Angeſicht von ganz Paris zu beweiſen, daß ſie Eſel ſind. Ihr Verſchwinden füngt an Unruhe zu erwecken. Sie haben Ihre gewöhnlichen Spazierfahrten ausgeſetzt. In unſerer Loge im italiäniſchen Theater erſcheint ſeit geraumer Zeit niemand als meine Nichte. Sie wollen die Zeit bis morgen tödten. Ich biete Ihnen eine treffliche Gelegenheit. Es iſt zwei Uhr. Um halb vier ſoll meine Nichte mit ihrem Wagen hier ſein. Das Wetter iſt herrlich. Im Boulogner Wäldchen wird eine Maſſe von Menſchen ſich zuſammenfinden. Sie machen eine hübſche Spazierfahrt und laſſen ſich dort ſehen. Die freie Luft und die Bewegung werden Ihr Wonne⸗ fieber beruhigen. Und den Abend — da fange ich meine Zauberei an. Ich führe Sie nach Indien?“ „Nach Indien?“ „In einen der Urwälder, wo man Löwen, Panther und Tiger brüllen hört. Den Heldenkampf, welcher Sie vorhin ſo ſehr gerührt hat, werden wir in ſeiner ſchrecklichen Wirk⸗ lichkeit vor Augen haben.“ „Nicht wahr, Sie ſcherzen, lieber Graf?“ „Durchaus nicht. Ich verſpreche Ihnen, Sie ſollen wirk⸗ liche wilde Thiere, furchtbare Bewohner der Heimath unſeres Halbgottes, heulende Tiger und brüllende Löwen ſehen. Iſt das nicht ſo gut wie Ihre Bücher?“ „Aber — —“ „Ich will Ihnen nur geſchwind das Geheimniß meiner übernatürlichen Macht verrathen. Wenn Sie von der Spa⸗ zierfahrt zurückkommen, ſpeiſen Sie bei meiner Nichte, und nachher beſuchen wir zuſammen ein merkwürdiges Schauſpiel, welches an der Martinspforte gegeben wird. Ein Thierbän diger läßt hier wilde Thiere ſeheu in einem Wald (hier beginnt erſt die Täuſchung) und ſtellt furchtbare Kämpfe mit Löwen, Tigern und Panthern vor. Ganz Paris ſtrömt zu dieſen Vorſtellungen; und ganz Paris wird Sie dort ſchöner und reizender als je ſehen.“ „Ich bin es zufrieden, ich bin es zufrieden!“ rief Adriana mit der Freude eines Kindes. „Sie haben Recht. Ich werde ein eignes Vergnügen empfinden beim Anblick dieſer Unge⸗ thüme, welche mich an die von meinem Halbgott bekämpften erinnern müſſen. Ich bin es zufrieden, weil ich zum erſten Mal in meinem Leben das Bedürfniß empfinde, von jeder⸗ mann ſchön gefunden zu werden. Ich bin es zufrieden, weil — — —“ Ein Klopfen an der Thür unterbrach das Fräulein. Flo⸗ rine trat ein und meldete Herrn Rodin an. Fünftes Kapitel. 3 ch t i ün 3 Rodin trat ein. Ein flüchtiger Blick auf das Fräulein und auf den Grafen ließ ihn errathen, daß er ſich in einer ſchwie⸗ rigen Lage befand. Nichts ſchien weniger beruhigend als die Mienen Adriana's und des Herrn von Montbron. Der Graf hatte, wie früher geſagt worden, die Gewohnheit, ſeinen Widerwillen gegen Menſchen, welche er nicht leiden konnte, durch ein verletzendes Benehmen kund zu geben. Dieſer Ge⸗ wohnheit zu Liebe hatte er eine ziemliche Anzahl von Zwei⸗ kämpfen beſtanden. Beim Erſcheinen Rodin's ward ſeine Miene plötzlich verachtungsvoll und finſter. Im Geſpräch mit Adrianen an das Kamin gelehnt ſah er den Jeſuiten über die Achſel an, ohne deſſen tiefe Verbeugung zu erwidern. Adriane ihrerſeits wunderte ſich faſt über ſich ſelber, daß ſie beim Anblick jenes Menſchen keine Regung des Unwillens und Zornes fühlte. Die Flamme, welche in Herzen vn. S — brannte, reinigte es von jedem Rachegefühl. Sie lächelte. Einen Blick auf den indiſchen Bachus und dann auf ſich werfend, fragte ſie ſich, was dieſe zwei jungen, ſchönen, un⸗ abhängigen, liebeglühenden Weſen jetzt zu befürchten haben 6 könnten von dieſem ſchmierigen alten Kerl, mit dem unedlen Geſicht, der in Krümmungen wie ein Wurm daher gekrochen kam. Statt Grimm und Widerwillen fühlte ſie bloß eine Neigung, ſich über ihn luſtig zu machen, und ihre wonne— ſtrahlenden Augen funkelten alsbald vor Spottluſt. Rodin fühlte ſich unbehaglich. Die Leute ſeines Standes ziehen hitzige Feinde bei weitem ſpottenden Gegnern vor. Vor Ausbrüchen des Zorns retten ſie ſich zuweilen, indem ſie ſich auf die Knie werfen, weinen, ſeufzen und ſich an die Bruſt ſchlagen, — und zuweilen trotzen ſie ſolchen Ausbrüchen mit eiſerner Stirn, Aber der beißende Spott bringt ſie leicht aus der Faſſung. Als Rodin ſich zwiſchen dem Fräulein und dem Grafen ſah, merkte er, wie man im gemeinen Leben ſagt, vaß es ihm eine Viertelſtunde ſchlecht gehen würde. Der Graf eröffnete das Feuer indem er, den Jeſuiten über die Achſel anſehend, ſagte: „Ah! ah! ſind Sie da, Herr Biedermann?“ „Kommen Sie doch näher, kommen Sie doch!“ fügte Adriana mit ſpöttiſchem Lächeln hinzu, „Sie Perle der Freunde! Sie Muſter der Philoſophen! — — — Sie er⸗ klärter Feind jeder Spitzbüberei, jeder Lüge! Ich habe Ihnen tauſend Complimente zu machen.“ Rodin zwang ſich zum Lächeln und ließ ſeine garſtigen gelben an der Wurzel entblößten Zähne ſehen. „Ich nehme Alles von Ihnen an, Fräulein,“ erwiderte er, „ſelbſt un— verdiente Complimente. — — Dürft' ich wohl fragen, was mir dieſe Complimente verſchafft?“ „Ihr Scharfblick, werther Herr; denn derſelbe iſt ſelten.“ „Und ich,“ fügte der Graf hinzu, „bringe meine Huldi⸗ gung Ihrer nicht minder ſeltnen, — vielleicht allzuſeltnen Wahrhaftigkeit dar.“ „ch? ſcharfblickend? Worin werthes Fräulein?“ fragte Rodin kalt, und ſich gegen den Grafen wendend: „Ich? wahr⸗ haftig? In welchem Stück, Herr Graf?“ „In welchem Stück?“ verſetzte Adriana. „Haben Sie nicht ein tief verſchleiertes Geheimniß errathen? Haben Sie nicht verſtanden, in der Tiefe eines weiblichen Herzens zu leſen?“ „Ich, werthes Fräulein?“ „Sie, werther Herr. Freuen Sie ſich deſſen; Ihr Scharf⸗ blick hat die glücklichſten Wirkungen gehabt.“ „Und Ihre Wahrhaftigkeit hat Wunder gethan,“ ſagte der „Es iſt wohlthuend für das Herz, Gutes zu wirken, ſelbſt unbewußt,“ erwiderte Rodin, der ſich ſtets vertheidigend ver⸗ hielt und mit ſcheuem Blick bald das Fräulein, bald den Grafen ausſpähte. „Könnte ich aber vielleicht erfahren, wor⸗ über man mich lobt?“ „Die Dankbarkeit verpflichtet mich, Sie davon zu unter⸗ richten,“ antwortete Adriana ſchalkhaft. „Sie haben entdeckt und dem Prinzen Dſchalma geſagt, daß ich — — jemand leidenſchaftlich liebte. Loben Sie Ihren Scharfblick: es war die Wahrheit.“ „Sie haben entdeckt und dem Fräulein geſagt, daß der Prinz Dſchalma — — jemand leidenſchaftlich liebte,“ fügte der Graf hinzu. „Loben Sie Ihren Scharfblick, mein lieber Herr: es war die Wahrheit.“ Rodin konnte vor Beſchämung kein Wort hervorbingen „Der Jemand, den ich ſo leidenſchaftlich liebte, war der Prinz,“ ſagte Adriana. „Der Jemand, den der Prinz ſo leidenſchaftlich liebte, war das Fräulein,“ ſagte der Graf. Dieſe, Schlag auf Schlag erfolgenden Offenbarungen be⸗ täubten den Jeſuiten. Mit Schrecken gedachte er der Zukunft. Der Ton Adriana's ward immer ſpottender, indem ſie fort⸗ fuhr: „Begreifen Sie jetzt unſere Erkenntlichkeit? Ihrem Scharf⸗ blick, Ihrer rührenden Theilnahme für uns verdanken der Prinz und ich, daß wir über unſere wechſelſeitigen Gefühle aufgeklärt ſind.“ Der Jeſuit gewann allmählig ſeine kalte Beſonnenheit wieder. Seine ſcheinbare Ruhe erbitterten den Grafen, und wäre Adriana nicht zugegen geweſen, ſo würde er ſeinem Hohn eine andere Geſtalt gegeben haben. 36 — thum in dem, was Sie mir die Ehre erweiſen, mir kund zu thun. In meinem Leben habe ich kein Wort geſprochen von dem übrigens ſehr achtbaren Gefühl, welches Sie für den Prinzen Dſchalma hätten hegen können.“ „Allerdings,“ entgegnete Adriana. „Mit überaus gewiſſen⸗ hafter Behutſamkeit haben Sie, als Sie mir von der hefti⸗ tigen Liebe ſprachen, welche der Prinz hegte, die zarte Zurück⸗ haltung ſo weit getrieben, daß Sie ſagten, ich ſei nicht Die⸗ jenige, welche er liebte.“ „Und dieſelbe Gewiſſenhaftigkeit,“ ſagte der Graf, „hat Sie beſtimmt, dem Prinzen zu ſagen, daß das Fräulein von Cardoville jemand anders liebte, als ihn.“ „Herr Graf,“ erwiderte Rodin trocken, „ich ſollte nicht nöthig haben, Ihnen zu bemerken, daß ich mich ſehr wenig vermüßigt finde, mich in Liebeshändel zu miſchen.“ „Eh!“ verſetzte der Graf in beleidigendem Ton, „das iſt Beſcheidendeit oder Eitelkeit. — Bedenken Sie doch Ihren Vortheil und ſchießen Sie keinen ſolchen Bock! Wenn man Sie nun beim Wort nähme? Wenn das ruchbar würde? Werfen Sie doch nicht ſo die ehrlichen Geſchäftchen weg, die Sie treiben!“ Rodin nahm denſelben Ton an wie der Graf und erwiderte: „Ein ſchweres Geſchäft lerne ich bei Ihnen, Herr Graf, näm⸗ lich Ihr Zuhörer zu ſein.“ 3 „Was?“ rief der Graf verachtungsvoll. „Wiſſen Sie denn nicht, daß es allerlei Mittel gibt, unverſchämte Spitzbuben zu züchtigen?“ „Lieber Graf!“ ſagte Adriana im Ton des Vorwurfs. Rodin erwiderte mit vollkommener Ruhe: „Herr Graf, ich ſehe nicht ab, erſtens, welcher Muth darin liegt, einen armen alten Mann zu bedrohen und unverſchämt zu nennen, und zweitens — — —“ „Herr Rodin,“ unterbrach der Graf, „erſtens ein armer alter Mann, wie Sie, der Unheil ſtiftet, indem er ſich hinter ſein Alter verſteckt, welches er ſchändet, iſt feig und boshaft zugleich und verdient doppelte Strafe. — Zweitens, was das Alter betrifft, ſo wüßte ich nicht, daß die Wolfsjäger und die Gensdarmen ſich ehrfurchtsvoll verbeugen vor dem grauen „Werthes Fräulein,“ erwiderte Rodin, es liegt ein Irr⸗ Pelz der alten Wölfe und vor den grauen Haaren der Spitzbuben. Was meinen Sie, werther Herr?“ Rodin ſtets unempfindlich, erhob ſein ſchlaffes Augenlied, heftete kaum eine Secunde ſein kleines Schlangenauge auf den Grafen, warf ihm einen kalten, giftigen Blick zu und ließ dann wieder den gelben Augendeckel über ſein mattes Auge herabfallen. Mit großer Ruhe erwiderte er: „Herr Graf, da ich nicht in der unangenehmen Lage bin, ein alter Wolf und noch weniger ein alter Spitzbube zu ſein, ſo werden Sie mir erlauben, daß ich keine allzugroße Angſt vor den Ver⸗ folgungen der Wolfsjäger und der Gensdarmen habe. Auf die mir gemachten Vorwürfe habe ich eine ſehr einfache Weiſe, zu antworten, nicht mich zu rechtfertigen, denn ich rechtfertige mich niemals.“ „Wirklich?“ ſagte der Graf. „Niemals,“ wiederholte Rodin; „das müſſen meine Hand⸗ lungen thun. Ich antworte alſo einfach; da ich den tiefen, heftigen, faſt erſchreckenden Eindruck ſah, welchen das Fräu⸗ lein auf den Prinzen machte — —“ Adriana unterbrach ihn, indem ſie mit ſebin Lä⸗ cheln ſagte: „dieſe Ver ſicherung Fon der Liebe des Prinzen, welche Sie mir geben, ſoll Ihnen Verzeihung ſhafftn für das Uebel, welches Sie mir haben zufügen wollen. Der An⸗ blick unſeres bevorſtehenden Glücks ſoll Ihre einzige Strafe ſein.“ „Vielleicht,“ erwiderte Rodin, „bedarf ich weder Verzeihung noch Strafe werthes Fräulein. Wie ich bereits die Ehre hatte, dem Herrn Grafen zu bemerken: Die Zukunft wird meine Handlungen rechtfertigen. Ja, ich mußte dem Prinzen ſagen, daß Sie jemand anders liebten, als ihn, und eben ſo mußte ich Ihnen ſagen, daß er jemand anders liebte, als Sie. Das mußte ich zu Ihrem beiderſeitigen Beßten. Mög⸗ lich⸗ daß meine Anhänglichkeit an Sie mich irre geleitet hat. Ich bin nicht unfehlbar. Aber, werthes Fräulein, nach meinem ſhenn Verhalten gegen Sie dayf ich ielleich darüber er⸗ ſtaunen, ſo behandelt zu werden. Das iſt keine Klage. So wenig ich mich je rechtfertige, ſo wenig beklag ich mich je.“ „Hm! werther Herr,“ ſagte der Graf, „das iſt herviſch. Sie halten e unter Ihrer Würde ſich zu bekagen oder ſich zu rechtfertigen wegen des Unheils, das Sie ſtiften.“ „Wegen des Unheils, das ich ſtifte?“ fragte Rodin, den Grafen feſt anſehend. „Iſt das ein Räthſelſpiel?“ „Was?“ rief der Graf empört. „Was iſt denn das, daß Sie durch Ihre Lügen den Prinzen in ſolche Verzweiflung geſtürzt haben, daß er zwei Mal den Verſuch gemacht hat, ſich umzubringen? Was iſt denn das, daß Sie durch Ihre Lügen das Fräulein in einen Irrthum geſtürzt haben, welcher ohne meinen heutigen Entſchuß noch jetzt fortdauern und die verderblichſten Folgen für ſie haben würde?“ „Herr Graf,“ fragte der Jeſuit, „könnten Sie mir viel⸗ leicht die Ehre erweiſen, mir zu ſagen, welchen Vortheil ich * von dieſer Verzweiflung, von dieſen Irrthümern haben könnte, geſetzt, ich hätte ſie verurſachen wollen?“ „Ohne Zweifel einen großen Vortheil,“ antwortete der Graf in derbem Ton, „Ihr Treiben iſt um ſo gefährlicher, je verborgener dieſer Vortheil iſt. So viel ſehe ich, Sie ge⸗ „ — gehören zu denen, welchen das Unheil Vortheil und Vergnü— gen ſchafft.“ „Das iſt zu viel, Herr Graf,“ bemerkte Rodin mit einer Verbeugung. „Ich würde mich mit dem Vortheit begnügen.“ „Ihre unverſchämte Kaltblütigkeit ſoll mich nicht irre machen,“ verſetzte der Graf. „Die Sache iſt kein Scherz. Eine ſolche Schurkerei kann nicht für ſich allein daſtehen. Wer weiß, ob ſie nicht eine von den Wirkungen des Haſſes der Frau von St. Dizier gegen das Fräulein von Cardoville iſt?“ Adriana hatte dem Wortwechſel zwiſchen beiden Männern mtit geſpannter Aufmerkſamkeit zugehört. Plötzlich fuhr ſie zuſammen, als ob ihr unvermuthet ein Licht aufgegangen wäre, und nahm ohne Zorn und Bitterkeit mit ſanfter heiterer Ruhe das Wort. „Herr Rodin,“ ſagte ſte, „man behauptet, die glückliche Liebe thue Wunder. Ich fühle mich faſt ver⸗ ſucht, es zu glauben. Nach einigen Minuten der Ueberlegung und der Erinnerung an gewiſſe Umſtände erſcheint mir Ihr Benehmen in einem ganz neuen Licht.“ „Und welchen Anblick böte es in dieſem neuen Licht, wer⸗ thes Fräulein?“ „Um ſich auf meinen Gefichtspunkt ſtellen zu können, L — — — müſſen Sie mir erlauben, einige Thatſachen hervorzuheben. Die Mayeur war mir mit Leib und Seel ergeben. Sie hatte mir unwiderſprechliche Beweiſe von Anhänglichkeit ge⸗ geben; ihr Verſtand kam ihrem edlen Herzen gleich. Aber vor Ihnen hatte ſie eine unüberwindliche Scheu. Plötzlich verſchwindet ſie geheimnißvoll aus meinem Hauſe, und an Ihnen lag es nicht, wenn ich nicht den abſcheulichſten Arg⸗ wohn gegen Sie gefaßt habe. Der Herr von Montbron hegt für mich eine väterliche Zuneigung und, ich muß es geſtehen, wenig Wohlgefallen an Ihnen. Und Sie haben ſich bemüht, Mißtrauen zwiſchen mir und ihm zu ſäen. Der Prinz Dſchalma endlich faßt eine heftige Neigung zu mir, und Sie wenden eine wahre Schurkerei an, um dieſe Neigung zu vernichten. Welchen Zweck Sie bei dieſem Thun haben, weiß ich nicht. Gewiß aber iſt dieſer Zweck zu meinem Nachtheil.“ Rodin nahm einen ſtrengen Ton an und verſetzte: „Es ſcheint, Fräulein, mit Ihrem Rechtwiſſen verbindet ſich das Vergeſſen geleiſteter Dienſte.“ „Ich ſtelle nicht in Abrede, daß Sie mich aus dem Hauſe des Doctor Baleinier gebracht haben; indeß wäre ich jeden⸗ falls einige Tage ſpäter durch Herrn von Montbron befreit worden.“ „Sie haben Recht, liebes Kind,“ bemerkte der Graf. Es wäre wohl möglich, daß man ſich ein Verdienſt hätte er⸗ werben wollen mit dem, was bald nothwendig durch Ihre wahren Freunde hätte geſchehen müſſen.“ „Sie ſind am Ertrinken, und ich rette Sie,“ ſagte Rodin im Ton gekränkter Redlichkeit. „Sie ſind mir dankbar da⸗ für? — — Ei nein! Ein anderer Vorübergehender würde Sie gewiß ſpäter gerettet haben.“ „Die Vergleichung iſt nicht ganz genau,“ erwiderte Adriana lächelnd. „Ein Krankenhaus iſt kein Fluß, und obwohl ich Sie jetzt für ganz fähig halte, unter dem Waſſer zu ſchwim⸗ men, ſo iſt Ihnen doch in dieſem Fall das Schwimmen von keinem Nutzen geweſen. Sie haben mir eine Thür geöffnet, welche ſich unfehlbar ſpäter hätte öffnen müſſen.“ „Sehr gut, liebes Kind!“ rief der Graf, laut auflachend über dieſe Antwort. „Ich weiß,“ fuhr Adriana fort, „daß Ihre ausgezeichnete — Sorgfalt ſich nicht bloß auf mich erſtreckt hat. Durch Sie ſind dem Marſchall Simon ſeine Töchter wieder zugeführt worden. Aber man darf doch wohl annehmen, daß eine Klage, welche der Herr Marſchall, Herzog von Ligny in Betreff ſeiner Kinder angebracht hätte, nicht erfolglos geblieben ſein würde. 3 Sie ſind ſogar ſo weit gegangen, einem alten Soldaten ſein kaiſerliches Kreuz, eine für ihn wahrhaft heilige Reliquie wieder zuzuſtellen. Das iſt ſehr rührend. Sie haben endlich den Abbé Aigrigny und den Doetor Baleinier entlarvt. Aber ich ſelber war entſchloſſen, dieſelben zu entlarven. Das Alles beweiſt übrigens, daß Sie nicht auf den Kopf gefallen ſind. —“ . „Ach! Fräulein!“ ſagte Rodin demüthig. „Ein Mann voll von der Gabe, Mittel und Wege zu finden — —.“ „Ach! Fräulein!“ „Meine Schuld iſt es nicht, wenn Sie in unſerer langen Unterredung bei Herrn Baleinier dieſe Ueberlegenheit ver⸗ rathen haben, die, ich geſtehe es, einen tiefen Eindruck auf mich gemacht hat, und welche Sie jetzt in Verlegenheit zu ſetzen ſcheint. Es iſt eben ſchwer für einen feinen Kopf, wie Sie, das Incognito zu bewahren. Indeß da es möglich wäre, 3 daß wir auf verſchiedenen, ſehr verſchiedenen Wegen demſelben Ziele zuſteuern (laut unſerm Geſpräch bei Herrn Baleinier), ſo will unſerer zukünftigen Gemeinſchaft, wie Sie ſagten, zu Gefallen Ihnen einen Rath geben und offen mit Ihnen ſprechen.“ Rodin hatte mit ſcheinbarer Ruhe das Fräulein angehört. Den Gut unterm Arm, die Hände auf der Bruſt gefaltet, drehte er die Daumen um einander herum. Das einzige äußere Zeichen, der durch Adriana's Worten ihm eingejagten Angſt — beſtand darin, daß ſeine heuchleriſch niedergeſchlagenen Augen⸗ lieder ihre gewöhnliche Leichenfarbe verloren und roth wur⸗ den Seine Stimme blieb jedoch feſt, indem er mit einer tiefen Verbeugung bemerkte: „Ein guter Rath und ein offenes Wort ſind immer dankenswerth.“ „Sehen Sie,“ fuhr Adriana etwas aufgeregt fort, „die glückliche Liebe verleiht ſolchen Scharfbtick, ſolche Kraft, ſol⸗ 4 chen Muth, daß man der Gefahren ſpottet, Hinterhalte ent⸗ deckt, dem Haſſe trotzt. Das göttliche Licht, welches zwei liebende Herzen umſtrahlt, genügt, alle Finſterniß zu zer⸗ ſtreuen, alle Schlingen zu entdecken. Sehen Sie, in Indien Entſchuldigen Sie dieſe Schwiche; ich ſpreche gern von Indien) in Indien zünden die Reiſenden, um bei Nacht ſicher zu ſein, ein ſtarkes Feuer an um ihren Ajupa (entſchuldigen Sie auch dieſe locale Bezeichnung); und ſoweit ſich der Licht⸗ ſchimmer erſtreckt, ſcheucht er lediglich durch ſeine Helle alles giftige Gewürm hinweg, welches vor dem Licht erſchrickt und nur in der Finſterniß lebt.“ „Der Sinn dieſer Vergleichung entgeht mir bis jetzt noch,“ verſicherte Rodin, fortwährend ſeine Daumen drehend und ſeine immer röther werdenden Augenlieder halb aufſchlagend. „Ich will deutlicher reden,“ ſagte Adriana lächelnd. „Den⸗ ken Sie ſich, den letzten Dienſt, welchen Sie mir und dem Prinzen geleiſtet haben (denn Ihr Thun beſteht aus lauter Dienſtleiſtungen, ein ganz neues und geſchicktes Verfahren!) — alſo denken Sie ſich, dieſen letzten Dienſt erkenne ich an — —“ „Bravv, liebes Kind!“ rief der Graf entzückt; die Züchti⸗ gung wird vollſtändig. „Ah! das iſt eine Züchtigung!“ ſagte Rodin mit ſeiner bisherigen Gleichgültigkeit. „Nein,“ entgegnete Adriana lächelnd, „es iſt bloß eine Unterredung zwiſchen einem unbedeutenden jungen Mädchen und einem alten Philoſophen, der das Gute liebt. Nehmen Sie alſo an, die vielfachen Dienſte, welche Sie mir und den Meinigen geleiſtet haben, hätten mir plötzlich die Augen geöffnet, oder vielmehr,“ fuhr Adriana in ernſtem Tone fort,⸗ „nehmen Sie an, Gott, der der Mutter den Trieb einge⸗ pflanzt hatte, ihr Kind zu habe mir mit meinem Glück den Trieb verliehen, dies Glück zu erhalten, und eine gewiſſe Ahnung, welche Licht auf tauſend mir bisher dunkle Umſtände warf, habe mir plötzlich offenbart, daß Sie, an⸗ ſtatt mein Freund zu ſein, vielleicht der gſüligjie Feind für mich und für meine Familie ſind.“ „Alſo,“ bemerkte Rodin mit unerſchütterlicher ue „von der Züchtiguug kominen wir auf Vorausſetzungen“ „Und von Vorausſetzungen zur Gewißheit,“ verſetzte Adri ana mit würdevoller Feſtigkeit. „Ja, jetzt glaube ich, ich habe mich eine Zeitlang von Ihnen täuſchen laſſen. Ich ſage Ihnen das ohne Haß und Zorn mit Bedauern. Es iſt peinlich zu ſehen, wie ein Mann von Ihrem Geiſt und Ver⸗ ſtand ſich zu ſolchen Ränken erniedrigt, und, nachdem er ſo viele hölliſche Springfedern in Bewegung geſetzt hat, am Ende bloß lächerlich wird. Denn nichts iſt lächerlicher für einen Mann wie Sie, als von einem Mädchen überwunden zu werden, deren einzige Waffe, Schutzwehr und Leuchte ihre Liebe iſt. Mit einem Wort, von heut an betracht' ich Sie als einen gefährlichen unverſöhnlichen Feind. Ich ſehe halb und halb Ihr Ziel, ohne zu errathen, durch welche Mittel Sie es erreichen wollen. Ohne Zweifel werden dieſe Mittel den bisherigen entſprechen. Trotz dem fürcht' ich Sie nicht. Morgen wird meine Familie von Allem unterrichtet werden, und eng an einander geſchloſſen werden wir auf unſerer Hut ſein. Offenbar handelt es ſich um die ungeheure Erbſchaft, welche man uns ſchon einmal beinahe geraubt hätte. Der Zuſammenhang zwiſchen dem, was ich Ihnen vorzuwerfen habe und zwiſchen jenem Zweck der Habſucht — er iſt mir ein Räthſel. Aber Sie ſelber haben mir ja geſagt, meine Feinde beſäßen eine ſo gefährliche Gewandtheit, ihre Kniffe ſeien immer ſo verdeckt, daß man auf Alles gefaßt ſein müſſe. Ich will dieſe Lehre nicht vergeſſen. — Ich habe Ihnen Offenheit verſprochen, und ich denke, in dieſen Wor⸗ ten liegt ſie.“ „Eine ſolche Offenheit wäre mindeſtens unklug, falls ich Ihr Feind wäre,“ erwiderte Rodin mit Ruhe. „Aber Sie haben mir auch einen Rath verſprochen.“ „Dieſer Rath iſt kurz der: Verſuchen Sie nicht einen Kampf gegen mich, denn Sie ſehen, es gibt etwas, das ſtärker iſt, als Sie und die Ihrigen: ein Weib, welches ſeine Ehre vertheidigt.“ Adriana ſprach die letzten Worte mit ſo ſtolzer Zuverſicht und mit ſo flammendem Blicke aus, daß Rodin trotz ſeiner phlegmatiſchen Keckheit einen Augenblick in Angſt gerieth. Aeußerlich ſchien er durchaus nicht aus der Faſſung gebracht zu ſein, und mit der Miene faſt verachtenden Bedauerns E erwiderte er: „Werthes Fräulein, wir werden uns wahrſchein⸗ lich nie wiederſehen. Nur eins vergeſſen Sie nicht: ich recht⸗ fertige mich nie; das überlaß ich der Zukunft. Hiermit werthes Fräulein verbleibe ich dennoch Ihr ergebenſter Diener. — Herr Graf, ich erſterbe in tiefſter Ehrfurcht.“ Er ver⸗ beugte ſich vor dem Fräulein und noch tiefer vor dem Gra⸗ fen und ging weg. Kaum hatte Rodin ſich entfernt, ſo eilte Adriana an ihren Schreibtiſch, ſchrieb haſtig einige Worte und verſiegelte das Briefchen. Hierauf ſagte ſie zum Herrn von Montbron: „Vor morgen will ich den Prinzen nicht ſehen, ſowohl aus Herzensaberglauben, als weil meine Abſichten erfordern, daß die Zuſammenkunft mit einer gewiſſen Feierlichkeit ſtattfinde. Sie ſollen Alles erfahren. Jetzt aber will ich ihn auf der Stelle durch dieſe Zeilen benachrichtigen, denn mit einem Feind wie Rodin muß man nach allen Seiten vorbauen.“ „Sie haben Recht, liebes Kind,“ ſagte der Graf. „Ge⸗ ſchwind den Brief!“ Adriana gab ihm denſelben und bemerkte: „Ich ſage ihm darin ſo viel, als nöthig iſt, ſeinen Schmerz zu ſtillen, und nicht ſo viel, daß ich mich des Glücks beraubte, ihm auf morgen eine herrliche Ueberraſchung zu bereiten.“ „Ganz verſtändig und ſinnig. Ich eile zu dem Prinzen und laſſe ihm Ihr Billet übergeben. Ich ſelber will ihn nicht ſehen; ich könnte nicht für mich einſtehen. — Aber unſere Spazierfahrt und unſer Beſuch des Schauſpiels heut Abend — es bleibt doch dabei?“ „Gewiß. Mehr als je fühl' ich das Bedürfniß, mich bis zum nächſten Morgen zu betäuben. Und dann fühl' ich, die freie Luft wird mir wohlthun. Das Geſpräch mit Rodin hat mich ein wenig erhitzt.“ „Der alte Schurke! Wir werden weiter von ihm reden. Ich eile zu dem Prinzen und komme dann mit der Frau von Morinval zurück, um Sie nach den Elyſeiſchen Feldern ab⸗ zuholen.“ Der Graf von Montbron eilte hinaus eben ſo fröhlich, wie er traurig gekommen war. 3 Sechstes Kapitel. Die Elyſeiſchen Felde Etwa zwei Stunden waren verfloſſen ſeit dem Geſpräch zwiſchen Rodin und dem Fräulein von Cardoville. Der ſchöne Frühlingstag Cder März ging zu Ende) hatte zahlreiche Spaziergänger auf die Elyſeiſchen Felder gelockt. Ein großer Theil derſelben blieb ſtehen, um ein allerliebſtes Fuhrwerk zu bewundern. Man denke ſich eine laſurblaue Kaleſche mit weißem blau⸗ geſtreiftem Geſtell, gezogen von vier goldbraunen Vollblut⸗ pferden mit ſchwarzen Mähnen und reich mit Silber ver⸗ ziertem Geſchirr, auf jedem Sattelpferd ein Jockey mit ſchwarzer Sammetkappe, blauer Kaſimirjacke mit weißem Kragen, weißen Lederhoſen und Unſchlagſtiefeln. Auf dem Sitz hinter dem Kaſten befanden ſich zwei große Bediente mit gepudertem Haar in blauer, weiß aufgeſchlagener Livree. Die kräftigen feurigen Vollblutpferde, von den Jockeys ge⸗ ſchickt geführt, gingen in ausgezeichnet gleichem taktmäßigem Schritt, ihr Gebiß mit Schaum bedeckend und zuweilen ihre Cocarden von blau und weißen Seidenbändern ſchüttelnd, inmitten deren ſich eine ſchöne aufgeblühte Roſe befand. Ein einfach und nett gekleideter Reiter, welcher auf der an⸗ dern Seite der Allee dem Fuhrwerk folgte, betrachtete das⸗ ſelbe mit ſtolzer Selbſtzufriedenheit, denn er hatte es geſchaffen. Es war der Herr von Bonneville, der Stallmeiſter Adriana's. Das Erſcheinen dieſes Fuhrwerks hatte ſeinen Grund in einer mit dem Programm des zauberiſchen Tags vorgenom⸗ menen Veränderung. Der Graf von Montbron hatte den Prinzen nicht angetroffen und von Faringhea erfahren, der⸗ ſelbe ſei am Morgen mit dem Marſchall Simon aufs Land gegangen, würde aber am Abend zurückkommen. Er hatte das Briefchen Adriana's zurückgelaſſen und die Verſicherung erhalten, daß es dem Prinzen gleich bei ſeiner Ankunft ein⸗ gehändigt werden ſollte. Hierauf war er zu dem Fräulein zurückgekehrt und hatte ihr vorgeſchlagen, in ihrer eignen Kutſche auszufahren. Adriana, völlig beruhigt über Dſchalma bei dem Gedanken, daß derſelbe einige Zeilen finden würde, welche ihn ſein Glück zwar nicht wiſſen, doch ahnen ließen, hatte den Vorſchlag ihres väterlichen Freundes angenommen, um der Welt deutlich zu zeigen, daß ſie, trotz den von der Fürſtin über ſie verbreiteten boshaften Gerüchten, fortwährend feſt entſchloſſen ſei, allein zu leben und ein Haus zu machen. Das Fräulein von Cardoville trug eine kleine weiße Kapote mit einem Halbſchleier von Blonden und ein hoch am Hals heraufgehendes Kleid von granatrothem Sammet, welches faſt ganz verdeckt war von einem grünen Kaſchmirſhawl. Die Margquiſe von Morinval, ebenfalls jung, hübſch und zierlich, ſaß zu ihrer Rechten. Der Graf von Montbron nahm ihnen gegenüber den Vorderſitz ein. Wer die pariſer Welt kennt oder vielmehr den winzigen Theil der pariſer Welt, welcher an jedem ſchönen ſonnigen Tag ſich auf eine oder zwei Stunden nach den Elyſeiſchen Feldern begibt, um zu ſehen und geſehen zu werden, der wird begreifen, daß das Erſcheinen des Fräuleins von Cardo⸗ ville an dieſem Platz eine außerordentliche Begebenheit, et⸗ was unerhörtes war. Dieſe ſogenannte Welt traute kaum ihren Augen, als ſie ein mehre Millionen reiches, zum höch⸗ ſten Adel gehörendes Mädchen von achtzehn Jahren in ihrer Kutſche daherkommen ſah, um gleichſam vor Aller Augen zu zeigen, daß ſie wirklich allem Herkommen und Brauch zu⸗ wider allein und unabhängig lebte. Dieſe Art von Emanci⸗ pation erſchien ſo ungeheuerlich, daß man faſt erſtaunte, in der anmuth- und würdevollen Haltung des Fräuleins die Ver⸗ leumdungen der Fürſtin von St. Dezier und ihrer Freunde in Betreff der angeblichen Verrücktheit ihrer Richte wider⸗ legt zu finden. Mehre ſchöne Herren benutzten ihre Bekanntſchaft mit der Marquiſe von Morinval oder mit dem Grafen von Montbron um einer nach dem andern, zu grüßen, einige Minuten neben dem Wagen her zu reiten und ſo Gelegenheit zu er⸗ halten, das Fräulein von Cardoville zu ſehen und vielleicht zu hören. Adriana erfüllte dieſe Wünſche, indem ſie wie gewöhnlich mit Geiſt und Anmuth ſprach. Da erreichte die Ueberraſchung und das Entzücken ſeinen Gipfel. Was man anfangs als tolle Wunderlichkeit getadelt hatte, wurde jetzt eine bezaubernde Originalität. Hätte Adriana gewollt, ſo wäre ſie vyn dieſem Tag an für die Königin der Zierlichkeit und der Mode erklärt worden. Sie erkannte recht gut den Eindruck, den ſie machte. Sie fühlte ſich glücklich und ſtolz in dieſem Bewußtſein, indem ſie an Dſchalma dachte, — um ſo glücklicher, wenn ſie ihn mit dieſen Modeherrchen verglich. Dieſe jungen Leute, welche zum größten Theil nie Paris verlaſſen oder ſich höchſtens bis nach Neapel oder nach Baden gewagt hatten, kamen ihr wie Schattenmenſchen vor neben Dſchalma, der, ſo jung er war, vielmal ſchon an der Spitze von Heeren ſiegreich gekämpft hatte in blutigen Kriegen, ſo daß der Ruf von ſeiner Tapferkeit und heldenmäßigen Großmuth, die von Reiſenden geprieſen ward, aus Indien bis nach Paris gedrungen war. Und die Zierlichſten dieſer Herr⸗ chen mit ihren Hütchen, ihren verzwickten Röckchen und ihren großen Eravatten — konnten ſie ſich irgend meſſen mit dem indiſchen Königsſohn, deſſen anmuthvolle männliche Schön⸗ heit noch erhöht ward durch die Pracht einer ſo reichen und moleriſchen Kleidung? Alles war ſonach an dieſem Tage für Adrianen Glück, Freude und Liebe. Die Sonne, am hellen, reinen Himmel untergehend, überfluthete den Spazierplatz mit dem Gold ihrer Strahlen. Die Luft war lau. Die Wagen kreuzten ſich in allen Richtungen. Reiter auf ſtattlichen Roſſen ſprengten hin und her. Ein ſanftes Lüftchen ließ die Schärpen und Hutfedern der Frauen flattern. Kurz, überall war Licht und Leben und Bewegung. Adriana, in ihrem Wagen zurückge⸗ lehnt, fand ein Vergnügen daran, dieſen Strudel des pariſer Lurus vor ihren Augen ſchillern zu ſehen. Aber inmitten dieſes glänzenden Wirrwarrs ſah ſie in Gedanken das ſchwer⸗ müthige, ſanfte Geſicht Dſchalma's. Plötzlich fiel etwas auf ihre Knie. Sie fuhr zuſammen und erblickte einen Strauß — 4 halb welker Veilchen, und in demſelben Augenblick hörte ſie die Stimme eines Kindes, welches der Kaleſche nachlief und bat: „Sein Sie barmherzig, liebe Dame! ſchenken Sie mir einen kleinen Sou!“ Adriana ſah zurück und erblickte ein kleines, blaſſes, abge magertes, in Lumpen gehülltes Mädchen mit gutmüthigem betrübtem Geſicht, welches mit flehendem Blick die Hand ausſtreckte. Dieſer ſcharfe Gegenſatz des äußerſten Elends und des Ueberfluſſes auf dieſem Schauplatz des Lurus war ſo gewöhnlich, daß er nicht auffiel. Dennoch wurde Adriana von demſelben ergriffen, um ſo mehr, da ihr eben die Mayeur tiel⸗ welche jetzt vielleicht im tiefſten Elend ſchmachtete. „Dieſer Tag ſoll nicht für mich allein ein Tag des Glücks ſein!“ dachte ſie, neigte ſich zum Schlag hinaus und fragte das Mädchen: „Haſt du eine Mutter, mein Kind?“ „Nein, Madame, ich habe weder Vater noch Mutter mehr.“ „Wer ſorgt für dich?“ „Niemand, Madame. Ich bekomme Sträußer zu verkaufen und muß dafür Sous nach Haus bringen. Wo nicht, ſo bekomm' ich Schläge.“ „Armes Kind!“ „Einen Sou, liebe Dame! Sein Sie ſo barmherzig!“ rief das Mädchen der im Schritt fahrenden Kaleſche folgend. „Lieber Graf,“ ſagte Adriana lächelnd zum Herrn von Montbron, „Sie haben, Gott ſei's geklagt! nicht Ihre erſte Entführung zu verſuchen. Lehnen ſie ſich zum Schlag hin⸗ aus, laſſen Sie ſich die beiden Hände des Kindes geben und heben Sie es flugs herein. Wir verſtecken es zwiſchen mir und der Frau von Morinval und verlaſſen den Platz, ohne daß jemand den verwegenen Mädchenraub bemerkt.“ „Wie? 2“ fragte der Graf betroffen. „Sie wollen — —2“ „Ja, ich bitte Sie darum.“ „Welche Tollheit!“ ei hätten Sie dieſen Einfall als Tollheit behandeln dürfen, aber heute — heute müſſen Sie begreifen, daß es faſt eine Pflicht iſt.“ „Ja, ich begreif' es, gutes, edles een der ate Herr ir der Liebe Adriana's und Dſchalma's wußte, betrachtete mit Verwunde⸗ rung und Neugier den Grafen und das Fräulein. Der Graf lehnte ſich zum Schlag hinaus, ſtreckte ſeine beiden Hände nach dem Mädchen hin und ſagte: „Gib mir deine beiden Hände, Kleine!“ Das Kind war erſtaut, gehorchte aber. Der Graf faßte es bei den Handgelenken und hob es geſchickt herein, was bei der Niedrigkeit der Kaleſche und dem lang⸗ ſamen Schritt der Pferde nicht ſehr ſchwer war. Das Mäd⸗ chen wußte nicht, wie ihm geſchah und konnte keine Silbe hervorbringen. Adriana und die Marquiſe rückten auseinander, ſchoben das Mädchen in den Zwiſchenraum und verſteckten es unter den Falten ihrer langen Shawls. Das alles ging ſo ſchnell vor ſich, daß kaum ein und der andere Luſtwandler in den Nebenalleen die Entführung bemerkte. „Jetzt raſch fort mit unſerer Beute, lieber Graf!“ rief Adriana freudeſtrahlend. Der Herr von Montbron erhob ſich ein wenig und rief den Jockeys zu: „Ins Hötel!“ Die vier Pferde ſetzten ſich in ſcharfen Trab. Adriana dachte: „Mir däucht dieſer Glückstag jetzt geheiligt und mein Lurus entſchuldigt. Bis ich die arme Mayeur wiederfinde, ſoll ihr Platz wenigſtens nicht leer ſein. Von heut an ſoll auf allen Wegen nach ihr geforſcht werden.“ Während dem Fräulein dieſer gute Gedanke an die Mayeur kam, bemerkte man einen großen Zuſammenlauf in einer Nebenallee. „Onkel!“ ſagte die Marquiſe, „ſehen Sie einmal, wie ſich die Leute dort verſammeln. Was mag das ſein. Sollten wir nicht anhalten und fragen laſſen?“ „Liebes Kind,“ erwiderte der Graf, ſeine Uhr heraus⸗ ziehend, „ich bedaure, daß Ihre Neugier nicht befriedigt wer⸗ den kann. Es iſt bald ſechs Uhr; die Vorſtellung der wilden Thiere füngt um acht an; da behalten wir kaum Zeit nach Haus zu fahren und zu ſpeiſen. — Meinen Sie nicht, liebes Kind?“ fragte er Adrianen. „Was meinen Sie, Julie?“ ſagte das Fräulein. „Mein Onkel hat Recht, “antwortete die Marquiſe. „Ich werde Ihnen um ſo mehr Dank wiſſen, wenn Sie uns nM aufho gte der Graf, „da ich, wenn ich Sie an die Martinspforte begleitet habe, auf eine halbe Stunde in den Club gehen muß, um dort für Lord Campbell zu ſtimmen, den ich vorgeſchlagen habe.“ „Adriana und ich blieben alſo allein im Schauſpielhaus, lieber Onkel?“ „Ich denke, Ihr Gemahl begleitet uns.“ „Richtig, lieber Onkel. Demohngeachtet verlaſſen Sie uns nicht zu lange.“ „Verlaſſen Sie ſich darauf, denn ich bin wenigſtens eben ſo neugierig wie Sie, die wilden Thiere zu ſehen und den berufenen Morok, den unvergleichlichen Thierbändiger.“ In den nächſten Minuten verließ die Kaleſche des Fräu⸗ leins von Cardoville die Elyſeiſchen Felder und ſchlug den Weg nach der Anjouſtraße ein. In dem Augenblick, wo das glanzvolle Fuhrwerk verſchwand, drängte ſich eine dichte Menſchenmaſſe um einen der großen Bäume auf den Elyſeiſchen Feldern. Hin und wieder ließen ſich in dem Haufen Ausrufungen des Mitleids hören. Ein Spaziergänger trat zu einem jungen Menſchen, der im äußerſten Kreis des Knäuels ſtand und fragte: „Was gibt's denn da?“ . „Die Leute ſagen, ein armes Weibsbild, ein buckliges Mädchen ſei vor Erſchöpfung niedergefallen. „Eine Bucklige! Ei wie Schade!“ erwiderte der Spazier⸗ gänger mit rohem Lachen. „Bucklige gibt's immer genug.“ Der junge Menſch konnte kaum ſeinen Unwillen zurück⸗ halten und verſetzte: „Bucklig oder nicht — ſie iſt im Be⸗ griff Hungers zu ſterben, und darüber iſt nichts zu lachen.“ „Hungers ſterben! hm!“ brummte der Spaziergänger achſel⸗ zuckend. „Nur das Lumpenpack, das nichts arbeiten will, ſtirbt Hungers, und das geſchieht ihm recht.“ Empört über die freche Herzloſigkeit dieſes Menſchen rief der junge Menſch: „Ich wette, es gibt einen Tod, deſſen Sie nie ſterben werden.“ Was wollen Sie damit ſagen?“ fragte der Spaziergän⸗ get, ſich in die Bruſt werfend. „Ich will ſagen, daß Sie nie an einem zu weiten Herzen erſticken werden.“ . „Herr!“ rief der Spaziergänger in zornigem Ton. „Nun was?“ fragte der junge Mann mit feſtem Blick. „Nichts,“ erwiderte der Etzürnte, drehte ſich um und ging brummend nach einem Cabriolet mit orangegelbem Kaſten, auf deſſen Schlägen ein ungeheures Wappenſchild mit einer Freiherrnkrone darüber prangte. Neben dem Pferd ſtand ein Bedienter in grüner lächerlich mit Gold bordirter Livree, deren Achſelſchnur ihm bis auf die Waden herabhing. Er be⸗ merkte ſeinen Herrn nicht. Dieſer ſtieß ihn mit dem Stock an und rief: „Rindvieh! du hältſt Maulaffen feil!“ Der Bediente drehte ſich um und ſagte verwirrt: „Herr Tripeaud, ich — —“ „Lumpenhund! Wann wirſt du endlich lernen, Herr Baron ſagen?“ rief der Induſtriebaron und Börſenritter zornig. „Mach den Schlag auf!“ Die arme Bucklige war die Mayeur, welche vor Erſchöpfung niedergeſunken war in dem Augenblick, wo ſie zu dem Fräu⸗ lein von Cardoville gehen wollte. Sie hatte ſich das Herz gefaßt, dem Spott und Hohn zu trotzen, welchen ſie in dem von ihr geflohenen Haus entgegenſah. Diesmal handelte es ſich nicht um ſie, ſondern um ihre Schweſter Cephiſe, die Königin Bacchanal, welche ſeit dem vorigen Tag nach Paris zurückgekehrt war, und welche ſie mit Unterſtützung des Fräu⸗ „ leins dem ſchrecklichſten Loos entreißen wollte. 1 Siebentes Kapitel. Hient er i W ha ng. * * wei Stunden nach den beſchriebenen Auftritten auf den Elyſeiſchen Feldern drängte ſich die ſchauluſtige Menge an der Martinspforte, um die Kunſtſtücke Morok's zu ſehen, welcher einen Scheinkampf aufführen ſollte mit dem berufenen ſchwarzen Panther von Java, genannt Tod. Vor dem Eingang des Theaters ſtiegen Adriane und Herr und Frau von Morinval aus. Der Graf von Montbron, welcher ſie unterwegs bei⸗ dem Club verlaſſen hatte, wollte nachkommen. Der große Saal des Theaters war von einer ungeduldigen Menge angefüllt. Mit Recht hatte Herr von Montbron zu dem Fräulein von Cardoville geſagt: Ganz Paris drängt ſich mit brennender Neugier zu den Vorſtellungen Moroks. Es verſteht ſich von felbſt, daß der Thierbändiger völlig auf den Handel mit dem frommen Tand vetzichtet hatte, den er in der Herberge zum Weißen Falken mit ſo gutem Erfolg be⸗ trieben, desgleichen auf die großen Wachstuchbilder, welche unter wunderlichen Formen die erſtaunlichen Wirkungen der plötzlichen Bekehrung Morok's vorſtellten. Dieſe veralteten Schelmenpoſſen würden zu Paris nicht gepaßt haben. Morok machte ſich eben in einer ihm eingeräumten Schau⸗ ſpielerloge mit ſeinem Anzuge fertig. Ueber ſeinem Panzer⸗ hemd, ſeinen Arm- und Beinſchienen trug er einen Kaftan und weite Hoſen. Die Hoſen waren roth und an den Knöcheln mit vergoldeten kupfernen Spangen befeſtigt. Aehn⸗ liche Reife ſchloſſen an den Fauſtgelenken und an den Lenden den ſchwarzen mit Gold und Purpur durchwirkten Kaftan. Dieſe düſtere Tracht gab dem Thierbändiger ein noch un⸗ heimlicheres Ausſehen als er gewöhnlich hatte. Sein ſtarker gelber Bart wallte auf ſeine Bruſt herab. Um ſeine rothe griechiſche Mütze wand er mit ernſter Miene ein langes Stück weißen Muslin. In Deutſchland war er ein frommer Pro⸗ phet geweſen; in Paris war er Komödiant. Gleich ſeinen Beſchützern wußte Morok ſich in die Umſtände zu ſchicken. Mit einer Art dummen Bewunderung ward er betrachtet von einem in einer Ecke der Loge ſitzenden Menſchen. Dieſer Menſch war Jakob Rennepont, genannt Liegganznackt. Seit dem Tag, wo das Feuer die Fabrik Hardy's verzehrt hatte, war er fortwährend bei Morok geblieben und hatte in beſſen Geſellſchaft jede Nacht mit Saufen zugebracht. Die eiſerne Natur des Thierbändigers blieb von den Folgen dieſer Aus⸗ ſchweifungen unberührt. Bei Jakob hingegen zeigten ſich die Spuren auf ſeinem Geſicht. Seine hohlen Wangen, ſein bleiches geſprenkeltes Geſicht, ſein bald matter bald in düſterem Feuer glühender Blick verriethen die Wirkungen ſeiner ſchmäh⸗ lichen Lebensweiſe. Ein bitteres Lächeln lag fiſt ſtets auf ſeinen trockenen Lippen. Der einſt ſo lebendige und luſtige Geiſt kämpfte noch ein wenig an wider die aus einer faſt 4* 3 unaufhörlichen Trunkenheit erfolgende Abſtumpfung. Der Arbeit entwöhnt, unfähig, auf grobe Genüſſe zu verzichten, erſüufte Jakob im Wein den Reſt von Ehrenhaftigkeit, der ſich in ihm empörte, und nahm ohne Scham die Zahlung der bedeutenden Zechen, welche Morok leiſtete, als ein Al⸗ moſen hin. Geld gab ihm der Thierbändiger nie in die Hand, um ihn ſtets in Kuabhängigkeit von ſich zu erhalten. Nachdem Jakob ſeinen Meiſter eine Zeitlang angeglotzt hatte, ſagte er: „Was will ich haben? Du haſt da ein ſtolzes Handwerk!“ (Sie duzten ſich.. „Du kannſt dich rühmen, daß es jetzt keine zwei Menſchen wie Du in der ganzen Welt gibt. Das iſt ſchmeichelhaft. Schade, daß Du Dich nicht auf dies Handwerk beſchränkſt!“ „Was willſt Du damit ſagen?“ „Die Verſchwörung, auf deren Rechnung Du mich Tag und Nacht ſchlampampen läßt.“ „Die iſt im beßten Gang. Aber der Augenblick iſt noch nicht gekommen. Eben darum will ich Dich ſtets bei der Hand haben bis zum großen Tag. Biſt Du unzufrieden?“ „Gott verdamm mich, nein! Was ſollt ich anfangen? Vom Schnaps mürb gebrannt, könnt' ich nicht arbeiten, auch wenn ich wollte. Ich habe nicht wie Du einen Kopf von Stahl und Eiſen. Aber mich in Pulver zu benebeln ſtatt in etwas anderm, das wäre meine Sache. Zu etwas anderm taug ich nicht mehr . . . und dann vertreibt es mir auch die Gedanken.“ „An was?“ „Du weißt, wenn ich denke, denk ich nur an Eins,“ ant⸗ wortete Jakob mit düſterer Miene. „An die Königin Bacchanal? Immer noch?“ verſetzte Morok wegwerfend. „Immer noch — ein wenig. Wenn ich gar nicht mehr an ſie denke, dann bin ich todt oder völlig Vieh, Du Teufel!“ „Schafskvpf! Du haſt Dich nie beſſer befunden und nie mehr Witz gehabt,“ entgegnete Morok, ſeinen Turban befeſtigend. Das Geſpräch ward durch das haſtige Eintreten Goliaths unterbrochen. Er ſah noch breitſchulteriger aus als ſonſt. Morok hatte ihn als Hercules aufgeputzt. Seine ungeheuren Muskeln, von fingerdicken Adern durchzogen, ſtrotzten unter einem enganſchließenden fleiſchfarbigem Gewand, gegen welches zu ſein ſchien unter einem Haufen aus einem Vulcan hieher geſchleuderter Granitblöcke. Die Zuſammenſtellung der De⸗ corationen war ſo gelungen, daß eine Gegend von großartiger Wildheit nicht täuſchender hätte nachgebildet werden können. Ein rother Reflector vorn am Rand der Bühne warf auf die unheimliche Landſchaft düſter glühende Töne, welche die Eigen⸗ thümlichkeit derſelben noch ergreifender machten. Adriana lehnte ſich mit leicht gerötheteten Wangen ein wenig zu ihrer Loge hinaus und ſuchte mit leuchtendem Blick und klopfendem Herzen in dieſer Scene den einſamen von jenem Reiſenden geſchilderten Wald, wieder zu erkennen, in welchem nach ſeiner Erzählung Dſchalma mit hochherziger Unerſchrockenheit ſich auf einen wüthenden Tiger herabgeſtürzt hatte, um einem in einer Höhle ſich bergenden ſchwarzen Sklaven das Leben zu retten. Ganz in die Betrachtung dieſer Scene und in die dadurch erweckten Gedanken verſunken, be⸗ achtete ſie nicht, was im Zuſchauerraum vorging. Die Loge ihr gegenüber bot jetzt einen Anblick dar, welcher geeignet war, neugierige Blicke zu feſſeln. Durch die geöffnete Thür derſelben trat ein etwa vierzigjähriger Mann von dunkler Hautfarbe. Er trug ein langes indiſches Kleid von orange- gelber Seide, über den Hüften mit einem grünen Gürtel zu⸗ ſammengehalten, und einen kleinen weißen Turban. Nachdem er im vorderen Theil der Loge zwei Stühle zurecht geſtellt, ſah er ſich einen Augenblick in dem Saal um. Er erbebte. Seine ſchwarzen Augen funkelten, und er ging raſch wieder hinaus. Seine Erſcheinung erregte Ueberraſchung und Reugier unter den Zuſchauern, welche nicht wie Adriana Grund hatten, ganz von der Decoration in Anſpruch genommen zu ſein Die Aufmerkſamkeit ſteigerte ſich, als man gleich darauf in die Loge einen jungen Mann von ſeltener Schönheit eintreten ſah, der, gleichfalls nach indiſcher Weiſe gekleidet, ein langes Gewand von weißem Kaſchmir mit weiten Aermeln, einen ſchar⸗ lachrothen goldgeſtreiften Turban und einen eben ſolchen Gürtel trug, in welchem ein langer von Eoelſteinen funkelnder Dolch ſteckte. Einen Augenblick blieb er an der Thür ſtehen, warf einen faſt gleichgültigen Blick in den Saal, wo eine zahlloſe Menge ſich drängte, machte dann mit einer gewiſſen ruhigen — 62 — Majeſtät und Anmuth etliche Schritte und nahm nachläſſig Platz auf einem der Stühle. Nach einigen Secunden wandte er den Kopf um nach der Thür und ſchien ſich über das Ausbleiben einer Perſon zu wundern. Dieſe Perſon, welcher die Logenſchließerin ihren Mantel abgenommen hatte, erſchien endlich. Es war ein hübſches blondes Mädchen, mehr auf⸗ fallend als geſchmackvoll geputzt. Sie trug ein weiß ſeidenes Kleid mit breiten kirſchrothen Streifen, das am Hals unver⸗ ſchämt weit ausgeſchnitten war und kurze Aermel hatte. Ueber lange weiße Handſchuhe, welche ihre ſchönen Arme nur halb bedeckten; hatte ſie lächerlicher Weiſe Armbänder gezogen. In der Hand hielt ſie einen ungeheuren Blumenſtrauß. Zwiſchen zwei großen Schleifen von kirſchrothem Band auf beiden Sſeiten ihres blonden Haares ſah ein überaus niedliches auf⸗ gewecktes Scheliengeſicht hervor. Der Leſer wird errathen haben, daß dies die Wittwe Philemon's war, gleichwie er in den beiden Männern den Würger Faringhea und den Prinzen Dſchalma erkannt haben wird. Weit entfernt, den ruhigen Schritt Dſchalma's nachzuahmen, trat Roſe Pompon hüpfend in die Loge, rückte mit Geräuſch die Stühle hin und her, wackelte eine Zeitlang über ihrem Stuhl, ehe ſie Platz nahm, um ihr ſchönes Kleid ſehen zu laſſen, und hielt, ohne durch die glänzende Verſammlung im Geringſten eingeſchüchtert zu ſein, mit einer Art lockender Gebärde dem Prinzen ihren Roſenſtrauß zum Riechen hin. Dann endlich ſchien ſie das Gleichgewicht auf ihrem Stuhl zu finden, während Faringhea wieder hereinkam, die Logen⸗ thür zumachte und ſich hinter Dſchalma ſetzte. Adriana ganz in Betrachtung des indiſchen Waldes und in ihre ſüßen Erinnerungen verſunken, hatte auf die Ankömm⸗ linge nicht geachtet. Da ſie das Geſicht ganz der Bühne zugekehrt hatte, konnte Dſchalma nur ihr halbes Proſil be⸗ merken und erkannte ſie nicht. Neuntes Kapitel. S od. Eine Art von Drama, in welches der Kampf zwiſchen Morok und dem ſchwarzen Panther eingeſchoben war, hatte ſo wenig Reiz, daß der größte Theil des Publicum ſeine Aufmerkſamkeit auf die Scene verſparte, in welcher der Thier⸗ bändiger auftreten ſollte. Dieſe Gleichgültigkeit des Publicum ließ der durch das Erſcheinen Faringhea's und Dſchalma's erregten Neugier freien Spielraum, — einer Neugierde, welche, wie neulich bei der Anweſenheit der Araber, ſich durch Ge⸗ räuſch und Bewegung in der Menge äußerte. Das aufgeweckte niedliche Geſicht Roſe Pompon's, die immerhin reizend war, trotz ihrem an einem ſolchen Ort lächerlichen auffallenden Putz, und ihre leichtfertigen, mehr als vertraulichen Manieren gegen den jungen Indier ſteiger⸗ ten noch die Ueberraſchung der Zuſchauer. In einer An⸗ wandlung neckiſcher Gefallſucht hatte die Unverſchämte, wie bereits bemerkt, ihren großen Roſenſtrauß dem Prinzen vor die Naſe gehalten. Dſchalma war zu ſehr in die Betrachtung der Landſchaft vertieft, welche ihn an ſeine Heimath erinnerte, als daß er auf dieſe Neckerei hätte achten ſollen. Roſe Pompon fing nun an mit ihrem Strauß auf der Brüſtung der Loge den Takt zu ſchlagen, während das ein wenig allzu taktmäßige Wiegen ihrer hübſchen Schultern verkündete, daß dieſe ver⸗ teufelte Tänzerin von mehr oder minder ſtür miſchen choreo⸗ graphiſchen Gedanken beſeſſen war bei Anhörung einer Ga⸗ loppade, welche das Orcheſter aufſpielte. Frau von Morinval, welche der Loge Dſchalma's gerade gegenüber ſaß, hatte bald die Ankunft der neuen Zuſchauer bemerkt und beſonders die koketten Tollheiten Roſe Pompon's. * Sie neigte ſich zu Adrianen, welche noch immer in ihren Frinnerungen ſchwelgte und ſagte lachend zu ihr: „Liebe Freundin, das Unterhaltendſte iſt nicht auf der Bühne. Sehen Sie einmal uns gegenüber!“ „Uns gegenüber?“ wiederholte das Fräulein gedankenlos, wandte ſich verwundert zu ihrer Begleiterin und richtete die Augen nach der von ihr angedeuteten Stelle. Was ſah ſie? Dſchalma, neben einem Mädchen ſitzend, welches ihn vertrau⸗ lich an einem Blumenſtrauß riechen ließ. Betäubt, wie von einem electriſchen Schlag ins Herz getroffen, ward ſie todten⸗ bleich. Einen Augenblick ſchloß ſie die Augen, um nicht zu ſehen, — wie man den Dolch wegzudrücken ſucht, der einen ſchon einmal getroffen hat und noch ferner bedroht. Plötzlich folgte dieſem ſo zu ſagen körperlichen Schmerz der für ihre Liebe und ihren gerechten Stolz ſchreckliche Gedanke: „Dſchalma iſt hier mit dieſem Weib! und er hat meinen Brief erhalten, meinen Brief, in welchem er das Glück, welches ihn er⸗ wartete, leſen konnte!“ Die entſetzliche Beleidigung, welche darin lag, machte, daß an die Stelle der Bläſſe auf ihrem Geſicht die Röthe der Scham und des Unwillens trat. Wie vernichtet von dem, was ihre Augen ſahen, ſagte ſie ſich: „Rodin hatte mich nicht getäuſcht.“ Es iſt unmöglich die Empfindungen zu beſchreiben, welche mit Blitzesſchnelle ſich folgend einen Menſchen in einer Minute zu Tod martern können. Aus dem Himmel ihres Glücks war Adriana in einen Abgrund entſetzlicher Schmerzen geſtürzt und zwar in weniger als einer Secunde. Denn kaum nach einer Secunde erwiderte ſie der Frau von Morinval: „Was iſt denn ſo merkwürdig uns gegenüber, liebe Julie?“ Dieſe ausweichende Frage gab ihr Zeit, ſich zu faſſen. Zum Gluͤck verbargen ihre langen Locken faſt völlig ihre Wangen für die neben ihr ſitzende Frau von Morinval, ſo daß dieſe ihr plötzliches Erbleichen und Erröthen nicht bemerken konnte und munter erwiderte: „Wie, liebes Kind? Sehen Sie nicht die Indier, welche eben in dieſe Loge eingetreten ſind? — da — gerade uns gegenüber!“ „Ach ja! — richtig — ich ſehe ſie,“ antwortete Adriana mit feſter Stimme. — —,— Leben habe ich keinen ſo wunderſ — 65 — „Und Sie finden dieſelben nicht ſehr merkwürdig?“ fragte die Marquiſe weiter. „Meine Damen,“ nahm Herr von Morinval das Wort, „haben Sie einige Nachſicht mit dieſen Fremden. Sie kennen unſere Bräuche nicht, ſonſt würden ſie ſich nicht in ſo ſchlech⸗ ter Geſellſchaft vor ganz Paris breit machen.“ „Wahrhaftig!“ ſagte Adriana, „ihre Unbefangenheit iſt rührend. Man muß ſie beklagen.“ „Die Kleine da,“ ſagte die Marquiſe, „iſt unglückſelig reizend mit ihrem ausgeſchnittenen Kleid und ihren nackten Armen. Das Ding kann ſechzehn, höchſtens ſiebzehn Jahre alt ſein. Betrachten Sie es doch, Adriana. Es iſt wirklich Schade darum.“ „Liebe Julie,“ erwiderte Adriana, „Sie und Ihr Gemahl haben heute Ihren Tag der Barmherzigke muß die Indier beklagen — — man muß dies Geſchöpf beklagen. — Wir wollen einmal ſehen, wen wir noch weiter zu beklagen haben.“ „Den ſchönen Indier mit dem rothen Turban brauchen wir nicht zu beklagen,“ bemerkte der Marquis lachend. „Denn wenn das ſo fortgeht, wird die Kleine mit den kirſchrothen Bändern ihm noch um den Hals fallen. Auf Ehre! Sehn Sie einmal, wie ſie ſich zu ihrem Sultan hinneigt.“ „Sie ſind überaus unterhaltend,“ ſagte die Margquiſe, gleich ihrem Gemahl lachend und Roſe Pompon durch ihr Glas betrachtend. Nachdem ſie eine Minute lang hingeſehen, fuhr ſie fort: „Eins iſt mir gewiß: trotz ihren leichtfertigen Mienen iſt dieſe Kleine in den Indier vernarrt. Ich habe einen Blick von ihr erſpäht, der viel, ſehr viel ſagt.“ Wozu dies Spähen, gute Julie?“ ſagte Adriana ſanft. „— Was kann Ihnen daran liegen, in dem Herzen dieſes Mäd⸗ * 5 chens zu leſen?“ 4 Wenn ſie ihren Sultan liebt, ſo hat ſie Recht,“ be⸗ meikte der Marquis, ſeinerſeits lorgnirend. „In meinem ſchönen Menſchen getroffen, wie dieſen Indier. Ich ſehe nur ſein Profil. Aber dies Profil iſt rein und fein wie ein antiker Camee. Meinen Sie nicht, Fräulein? Verſteht ſich, iſt dies eine bloß äſthetiſche Frage, die ich an Sie zu richten mir erlaube.“ vII. 8 S — 66 — Als Kunſtgegenſtand?“ erwiderte Adriana. „— — Ja — — ſehr ſchön.“ „Sehn Sie einmal an, wie keck die Kleine iſt“ ſagte die Marquiſe. „Sie lorgnirt uns!“ „Gut!“ ſagte der Marquis ironiſch. „Und noch beſſer: ſie legt ohne Umſtände ihre Hand auf die Schulter ihres Indiers, ſonder Zweifel, um ihn die Bewunderung theilen zu laſſen, welche Sie, meine Damen, ihr einflößen.“ Dſchalma, bis jetzt ganz in Betrachtung der ihn an ſeine Heimath erinnernden Decoration verloren, war unempfindlich geblieben gegen die Neckereien Roſe Pompon's und hatte Adrianen noch nicht bemerkt. Roſe Pompon, ſich an der Brüſtung ihrer Loge hin- und herbewegend, belugte fort⸗ während das Fräulein von Cardoville und ſagte: Ei ei Das iſt ja eine wahre Rarität. Eine prächtige Dame mit rothen Haaren; aber ich muß ſagen, ſchön roth. Sehen Sie doch einmal, Prinz Charmant!“ Und dabei klopfte ſie, wie Frau von Morinval bemerkte, auf Dſchalma's Schulter. Dſchalma fuhr zuſammen, wandte den Kopf nach der bezeich⸗ neten Seite und bemerkte jetzt erſt das Fräulein von Cardo⸗ ville. Obgleich man ihn halb und halb auf dies Zuſammen⸗ treffen vorbereitet hatte, fühlte er ſich ſo heftig ergriffen, daß er unwillkürlich aufzuſpringen im Begriff ſtand. Faringhea legte ſeine Eiſenhand auf ſeine Schulter, hielt ihn nieder und flüſterte ihm in indiſcher Sprache zu: „Muth! — und morgen liegt dies Weib zu Ihren Füßen.“ Und als Dſchalma dennoch aufzuſtehn verſuchte, fuhr er fort: „Eben iſt ſie vor Eiferſucht bleich und roth geworden. Keine Schwäche, oder Alles iſt verloren!“ Roſe Pompon wandte ſich um gegen den Meſtizen und ſagte: „Sprechen Sie wieder Ihr abſcheuliches Platt? Erſt- lich iſt das unanſtändig, und zweitens lautet dieſe Sprache ſo verrückt, daß man meint, Sie knackten Nüſſe, wenn Sie ſprechen.“ „Ich ſpreche mit dem gnädigen Herrn von Ihnen,“ erwiderte Faringhea. Es handelt ſich von einer Ueberraſchung, die er Ihnen bereitet.“ „Eine Ueberraſchung? Ja, das iſt etwas anderes. — Geſchwind! hören Sie?“ ſagte ſie mit einem zärtlichen Blick zu Dſchalma. „Mein Herz bricht!“ ſagte Dſchalma mit dumpfer Stimme in indiſcher Sprache. „Und morgen wird es vor Luſt und Liebe hüpfen,“ ant⸗ wortete der Meſtize. „Nur durch Verachtung bezwingt man ein ſtolzes Weib. Ich ſage Ihnen, morgen wird ſie zitternd und beſchämt flehend zu Ihren Füßen liegen.“ „Morgen — — wird ſie mich haſſen — — tödlich haſſen!“ erwiderte Dſchalma niedergeſchlagen. „Ja, wenn Sie jetzt ſchwach und kraftlos vor ihr erſcheinen. Jetzt dürfen Sie nicht zurückgehen . . . . . Sehen Sie ihr ſcharf ins Geſicht, nehmen Sie dann den Strauß dieſer Kleinen und halten Sie ihn an Ihre Lippen. Sik werden dies ſtolze Weib wie vorhin erröthen und erblaſſen ſehen. Werden Sie mir dann glauben?“ Durch die Verzweiflung getrieben, Alles zu verſuchen, folgte Dſchalma wie bezaubert den teufliſchen Rathſchlägen Faring⸗ hea's. Er ſah einen Augenblick das Fräulein von Cardoville ſcharf an, nahm dann mit zitternder Hand den Strauß Roſe Pompon's, warf von neuem die Augen auf Adrianen und fuhr mit den Lippen über die Blume. Bei dieſer beleidigenden Herausforderung fuhr Adriana un⸗ willkürlich ſo heftig zuſammen, daß Dſchalma es bemerken konnte. „Sie haben ſie!“ ſagte die Meſtize. „Sehn Sie, gnädiger Herr, wie ſie erbebt iſt vor — — Eiferſucht. Sie iſt Ihr. Muth! und bald wird ſie Ihnen den Vorzug geben vor dem ſchönen jungen Mann hinter ihr. Denn diefer iſt's, den ſie bisher zu lieben glaubte.“ Und als ob er die in Dſchalma bei dieſer Offenbarung aufſteigende Wuth errathen hätte, fügte er ſchnell hinzu „Ruhe und Verachtung! An dieſem Menſchen iſt es jetzt, Sie zu haſſen.“ Dſchalma bezwang ſich und fuhr mit der Hand über ſeine zornglühende Stirn. „Was ſchwatzen Sie ihm denn vor, das ihn ſo reizt?“ ſagte Roſe Pompon im ſchmollenden Ton zu dem Meſtizen. Und dann wandte ſie ſich zu Dſchalma mit den Worten —6 „Kommen Sie, Prinz Charmant, und geben Sie mir, wie man in den Feenmährchen ſagt, meinen Strauß wieder.“ Sie nahm ihn und fuhr fort: „Sie haben ihn an Ihre Lippen gehalten. Ich hätte faſt Luſt ihn aufzufreſſen!“ Für ſich aber flüſterte ſie ſeufzend mit einem leidenſchaftlichen Blick auf Dſchalma: „Das Scheuſal Nini Muulin hat mich nicht be⸗ trogen. Alles iſt hier ſo ehrenhaft, daß ich mir nicht ſo viel vorzuwerfen habe.“ Und mit ihren kleinen weißen Zäh⸗ nen biß ſie die Spitze eines der roſigen Rägel ab an ihrer rechten Hand, wo ſie den Handſchuh ausgezogen hatte. Wir brauchen wohl nicht zu ſagen, daß der Brief Adriana's dem Prinzen nicht eingehändigt worden, und daß dieſer keines⸗ wegs mit dem Marſchall Simon auf dem Land geweſen war. Seit den drei Tagen, wo Herr von Montbron Dſchalma nicht geſehen, hatte Faringhea dieſem eingebildet, wenn er eineandere Liebe zur Schau trüge, würde er das Fräulein von Eardo⸗ ville bezwingen. Ins Theater war Dſchalma geſchickt worden, weil Rodin durch Florinen erfahren hatte, daß ihre Gebieterin den Abend an die Martinspforte ginge. Ehe Dſchalma ſie erkannt hatte, war Adriana in dem Ge⸗ fühl, daß ihre Kräfte ſie verließen, auf den Punkt geweſen, das Theater zu verlaſſen. Der Menſch, welchen ſie bis jetzt wie einen Gott und einen Helden in ihrem Herzen getragen, den ſie in eine ſo entſetzliche Verzweiflung verſunken geglaubt hatte, daß ſie aus zärtlichem Mitleid ihm aufrichtig geſchrieben, damit eine ſüße Hoffnung ſeine Schmerzen lindere — dieſer Menſch beantwortete einen edelmüthigen Beweis von Offen⸗ heit und Liebe damit, daß er ſich lächerlicher Weiſe mit einem ſeiner unwürdigen Geſchöpf zur Schau ſtellte. Für den Stolz Adrianens war das eine unheilbare Wunde. Ob Dſchalma ſie zum Zeugen dieſer Schmach machen wollte oder nicht, das galt ihr gleich. Als ſie ſich aber von dem Prinzen erkannt ſah, als ſie fand, daß dieſer den Schimpf ſo weit trieb, ihr ins Geſicht zu ſehen und ihr zum Hohn den Strauß des ihn begleitenden Geſchöpfs an ſeine Lippen zu prücken, da fand Adriana in ihrem edeln Unwillen den Muth und die Kraft zu bleiben. Anſtatt die Augen vor der Wirklichkeit zu verſchließen, empfand ſie ein grauſames Verßnügen, den Todeskampf und den Tod ihrer hohen reinen Liebe zu beobachten. 8 3 — % Das Haupt erhebend mit ſtolzem leuchtendem Blick, glühen⸗ den Wangen und dem Ausdruck der Verachtung auf der Lippe ſah ſie den Prinzen mit wegwerfender Feſtigkeit an. Höhniſch lächelnd ſagte ſie zur Marquiſe, welche gleich vielen andern Zuſchauern nur Augen für das hatte, was in der Loge gegen⸗ über zu ſehen war: „Dieſe empörende Schauſtellung wilder Sitten iſt wenigſtens völlig in Uebereinſtimmung mit dem übrigen Theaterzettel.“ „Gewiß,“ erwiderte die Marquiſe. „Mein lieber Oheim wird das verloren haben, was vielleicht am beluſtigendſten dieſen Abend zu ſehen iſt.“ „Herr von Montbron?“ ſagte Adriana mit einem kaum ver⸗ haltenen Schmerz. „Ja, er wird bedauern, nicht Alles ge⸗ ſehen zu haben. Die Zeit wird mir lang, bis er kommt Verdank' ich doch ihm dieſen herrlichen Abend!“ Vielleicht würde Frau von Morinval den Ausdruck bitterer Jronie bemerkt haben, deſſen ſich Adriana bei dieſen Worten nicht enthalten konnte, wenn nicht in dieſem Augenblick ein anhaltendes dumpfes Gebrüll das Haus durchtönt und ihre wie alle Zuſchauer Aufmerkſamkeit in Anſpruch genommen hätte. Die Augen aller, welche bisher gleichgültig geblieben waren bei den Flickſcenen als Einleitung zum Auftreten Moroks, wandten ſich nach der Höhle auf der linken Seite der Bühne unter der Loge des Fräuleins von Cardoville Ein Schauer fieberhafter Reugier durchlief den ganzen Saal. Ein zweites noch durchdringenderes, tieferes Gebrüll, wel⸗ ches mehr Ingrimm verrieth als das erſte, drang diesmal aus dem unterirdiſchen Raum, deſſen Oeffnung verdeckt war durch leicht zu beſeitigendes künſtliches Geſträuch. Bei dieſem Brüllen erhob ſich der Engländer in ſeiner kleinen Loge, legte ſich faſt mit dem halben Leib heraus und rieb ſich lebhaft die Hände. Dann blieb er völlig regungslos ſtehen, und ſeine ſtarren, glänzenden grünen Augen wandten ſich nicht mehr von dem Eingang der Höhle ab. Auch Dſchalma hatte ein Beben empfunden bei dieſem wilden Geheul, trotz allen Reizungen der Liebe, der Eifer⸗ ſucht und des Haſſes, denen er zur Beute war. Der Anblick des Waldes und das Brüllen des Panthers ergriffen ihn leb⸗ haft, indem ſie von neuem das Andenken an ſeine Heimath und an die mörderiſchen Jagden erweckten, welche wie der Krieg etwas furchtbar berauſchendes haben. Wenn er plötz⸗ lich die Trompeten und Gongs ¹) zum Angriff hätte blaſen und klingen hören, ſo würde er nicht wilder entflammt worden ſein. Nach einiger Zeit erhob ſich ein dumpfes Murren gleich fernem Donner und übertönte faſt das röchelnde Geheul des Panthers. Der Löwe Judas und der Tiger Kain ant⸗ worteten dieſem aus ihren im Hintergrund der Bühne ver— borgenen Käfigen. Bei dieſem grauſigen Concert, welches er ſo oft in Indiens Einöden gehört hatte, wenn er ausgezogen war zur Jagd oder zum Krieg, kochte das Blut in Dſchalma's Adern. Seine Augen funkelten in wilder Gluth. Den Kopf ein wenig vorgebeugt, die Hände auf der Logenbrüſtung ge⸗ krümmt zuckte er krampfhaft am ganzen Leib. Die Zuſchauer, das Theater, ſelbſt Adriana waren nicht mehr für ihn da. Er befand ſich in einem Wald ſeiner Heimath und ſpürte den Tiger. Mit ſeiner Schönheit verband ſich jetzt ein Ausdruck ſo wilder Unerſchrockenheit, daß Roſe Pompon ihn mit Schrecken und leidenſchaftlicher Bewunderung betrachtete. Zum erſten Mal vielleicht in ihrem jetzigen Leben drückten ihre in der Regel ſo luſtigen, ſchalkhaften Augen ein ernſtes Gefühl aus. Sie konnte ſich von dieſem Gefühl keine Rechenſchaft geben. Es war beklemmend, und ihr Herz ſchlug heftig, als ob ein Un⸗ glück bevorſtehe. Unwillkürlich faßte ſie beüngſtigt den Arm Dſchalma's und ſagte: „Sehen Sie doch nicht ſo in dieſe Höhle! Sie machen mir Angſt.“ Dſchalma hörte nicht auf ſie Plötzlich murmelte die Menge wie mit einer Stimme: „Ah! da iſt er! da iſt er!“ Morok erſchien im Hintergrund des Theaters Er trug die bereits beſchriebene Kleidung und überdies einen Bogen und einen langen Köcher voll Pfeile. Langſam kam er den Fel⸗ ſenabhang heruntergeſtiegen, der ſich gegen die Mitte der Bühne hin ſenkte. Von Zeit zu Zeit blieb er ſtehen, that, als horchte er, und ging nur mit Vorſicht weiter. Indem er zu⸗ fällig ſeitwärts blickte, begegnete er den großen grünen Augen des Engländers, deſſen Loge dicht hei der Höhle war. Augen⸗ blicklich verzerrten ſich ſeine Züge ſo ſchrecklich, daß Frau von —= ) Schildförmige Becken mit einem Klöpfel geſchlagen. Morinval, die ihn durch ein vortreffliches Glas betrachtete, lebhaft zu Adriana ſagte: „Liebe Freundin, dieſer Menſch hat Angſt. Es wird ihm ein Unglück zuſtoßen.“ Mit bitterm Lächeln erwiderte Adriana: „Kann's denn Un⸗ glück geben in dieſer ſo glänzenden, ſo geputzten, ſo belebten Menge? Unglück? hier? dieſen Abend? Was denken Sie, Julie! Unglück geſchieht im Dunkel, in der Einſamkeit, nie inmitten einer luſtigen Menge beim Glanz der Lichter.“ „Um's Himmels willen, Adriana! nehmen Sie ſich in Acht!“ rief die Marquiſe entſetzt und faßte den Arm des Fräuleins, um ſie zu ſich heranzuziehen. „Sehn Sie ihn?“ Und mit zitternder Hand deutete ſie auf die Oeffnung der Höhle. Adriana ſtreckte den Kopf noch weiter hinaus und ſah hin. „Nehmen Sie ſich doch in Acht und legen Sie ſich nicht ſo weit hinaus!“ rief die Marquiſe abermals. „Du biſt nicht klug mit Deiner Angſt, liebes Kind,“ ſagte der Marquis zu ſeiner Frau. „Der Panther iſt vollkommen gut angekettet; und geſetzt, er bräche ſeine Kette, was un⸗ möglich iſt, ſo wären wir doch hier außer ſeinem Bereich.“ Ein Getöſe ängſtlicher Neugier durchlief den Saal. Alle Blicke wandten ſich auf den Eingang der Höhle. Der Panther — ſchob mit ſeiner breiten Bruſt das Geſträuch aus einander und kam zum Vorſchein. Zwei Mal ſtreckte er ſeinen platten Kopf aus, in welchem die gelben Augen glühten. Dann öffnete 5 er halb ſeinen rothen Rachen, zeigte zwei Reihen furchtbarer Zähne und ſtieß ein abermaliges Gebrüll aus. Die doppelte eiſerne Kette und das eiſerne Halsband, welche ihn feſthielten, waren ſchwarz angeſtrichen und im Dunkel der Höhle von ſeinem ſchwarzen Fell nicht zu unterſcheiden, ſo daß er völlig frei zu ſein ſchien. — „Meine Damen,“ ſagte der Marquis, „ſehen Sie einmal die Indier an. Sie ſind prachtvoll in ihrer Aufregung.“ 5 Beim Anblick des Panthers hatte ſich die wilde Gluth * Dſchalma's aufs Höchſte geſteigert. Seine Augenſterne fun⸗ kelten in dem ſie umgebenden Perlmutterweiß wie zwei ſchwarze 8 Diamanten. Seine Oberlippe ſchnappte in die Höhe mit 1 einem Ausdruck thieriſcher Wiloheit, als ob er einen Anfall 3 von Zornwuth hätte. Faringhea, der vorgetreten war und ſich auf die Brüſtung der Loge lehnte, war ebenfalls lebhaft ergriffen. Er dachte „Dieſer ſchwarze Panther von einer ſo ſeltenen Art, den ich hier zu Paris auf einem Theater ſehe, muß derſelbe ſein, welchen der Malaie“ (jener Würger, der den Prinzen tätowirt hatte) „als ein ganz junges Thier aus ſeiner Höhle genommen und an einen europäiſchen Capitän verkauft hat. Die Macht Bohwanie's erſtreckt ſich überall hin!“ „Finden Sie nicht,“ fragte der Marquis das Fräulein ins⸗ beſondere, „daß dieſe Indier ſo — prächtig anzuſehen ſind?“ „Vielleicht „ haben ſie einer ſolchen Jagd in ihrem Vaterland beigewohnt,“ erwiderte Adriana, als wollte ſie ihre ſchmerzlichſten Erinnerungen hervorrufen und ihnen trotzen. „Adriana!“ rief plötzlich die Marquiſe mit bebender Stimme, „ſehen Sie jetzt einmal den Thierbändiger an. Er iſt nahe genug bei uns. Iſt ſein Geſicht nicht zum Entſetzen? Ich ſage Ihnen, dieſer Menſch hat Angſt.“ „Wirklich,“ fügte der Marquis ernſthaft hinzu. „Seine Bläſſe iſt entſetzlich und ſcheint mit jeder Minute zuzuneh⸗ men . . je näher er nach dieſer Seite kommt. Man ſagt, wenn er eine Minute ſeine Kaltblütigkeit verlöre, würde er die größte Gefahr laufen.“ „O, das wäre entſetzlich!“ ſagte die Marquiſe zu dem Fräulein. „Wenn er hier unter unſern Augen verwundet würde.“ „Von einer Wunde ſtirbt man nicht,“ erwiderte Adriana mit ſo kalter Gleichgültigkeit, daß die junge Frau ſie be⸗ troffen anſah und ſagte: „O, liebes Kind! Was Sie da ſagen, iſt grauſam.“ „Die uns umgebende Atmoſphäre wirkt eben auf mich ein,“ erwiderte Adriana mit einem eiſigen Lächeln. „Sehn Sie!“ ſagte der Marquis, „ſehn Sie! Der Thier⸗ bändiger wird jetzt ſeinen Pfeil auf den Panther abſchießen und nachher wird er gewiß das Scheingefecht in der Nähe aufführen.“ Morok befand ſich jetzt auf dem vorderen Theil der Bühne, aber er hatte die ganze Breite derſelben zu durchſchreiten, um bis an den Eingang der Höhle zu kommen. Er blieb einen Augenblick ſtehen, legte den Pfeil auf den Bogen, kniete hinter einem Felsblock nieder und zielte lange Endlich ſchwirrte der Pfeil und fuhr in die Höhle, in welche der Panther ſich — 8 — zurückgezogen, nachdem er einen Augenblick ſeinen Kopf gezeigt. Kaum war der Pfeil verſchwunden, ſo ſtieß der Tod, von dem verſteckten Goliath gereizt, ein zorniges Gebrüll aus, als wäre er verwundet worden. Morok drückte jetzt ſo natür⸗ lich durch ſein Mienenſpiel die Freude über ſeinen gelunge nen Schuß aus, daß überall in dem Saal lautes Bravo ertönte. Er warf ſeinen Bogen weg, zog einen Dolch aus ſeinem Gurt, nahm ihn zwiſchen die Zähne und fing an, auf Händen und Füßen zu kriechen, als wollte er den verwunde⸗ ten Panther in ſeiner Höhle überraſchen. Um die Täuſchung vollkommen zu machen, ſtieß der unſichtbare Goliath von neuem mit einer Eiſenſtange dem Tod in die Rippen, ſo daß dieſer in dem unterirdiſchen Raum furchtbares Gebrüll aus⸗ ſtieß. Das düſtere Ausſehen des von röthlichem Widerſchein ſchwach erleuchteten Waldes, war von ſo ergreifender Wirkung, das Geheul des Panthers ſo wüthend, und die Mienen Moroks trugen ein ſolches Gepräge von Entſetzen, daß an die Stelle des lauten Beifalls ein ängſtliches, aufmerkſames Schweigen trat. Jedermann hielt den Athem an, und ein Schauer ſchien Alle zu überlaufen, als wäre man auf eine entſetzliche Be⸗ gebenheit gefaßt. Was dem Mienenſpiel Moroks eine ſo ſchreckliche Wahrheit gab, war der Umſtand, daß er mit jedem Schritt näher zur Höhle auch dem Engländer näher kam. Ver⸗ gebens kämpfte er gegen den Zauber der Angſt an. Er konnte ſeine Blicke nicht von den großen grünen Augen dieſes Men⸗ ſchen wegwenden. Es war, als ob jeder Ruck bei ſeinem Kriechen einer Erſchütterung der durch den Starrblick des Wetters geübten magnetiſchen Kraft entſpräche. Je mehr ⁰ Morok ſich ihm näherte, deſto verſtörter ward ſein Antlitz. Es nahm eine Todtenfarbe an. Noch einmal ward beim Anblick dieſes Mienenſpiels — welches eigentlich kein Spiel mehr war, ſondern der natür⸗ liche Ausdruck des Entſetzens — die ängſtliche Stille unter⸗ brochen durch ſtürmiſchen Beifall, mit welchem ſich das Brül⸗ len des Panthers und das ferne Murren des Löwen und des Tigers vermiſchte. Der Engländer, faſt ganz aus ſeiner Loge herausgelehnt, die Lippen durch ſein ſchreckliches Lächeln Lerzerrt, die großen Augen immer ſtarr, ſchnaufte aus beengter Bruſt. Der Schweiß rann von ſeiner kahlen rothen Stirn, gleich als ob er eine unglaubliche magnetiſche Kraft aufgewandt hätte, um den Thierbändiger anzuziehen, den er nun am Eingang der Höhle ſah. Dieſer Augenblick war entſcheidend. Morok, niedergekauert, den Dolch in der Hand, folgte mit den Augen und Gebärden allen Bewegungen des Tod, welcher mit weit aufgeriſſenem Rachen brüllend den Eingang ſeiner Höhle vertheidigen zu wollen ſchien. Morok erwartete den Augenblick, ſich auf ihn zu ſtürzen. Die Gefahr hatte eine ſo zauberhafte Anziehungskraft, daß Adriana, ungeachtet ihrer Seelenſtimmung, die mit Angſt ge⸗ miſchte heftige Neugier der übrigen Zuſchauer theilte. Gleich der Marquiſe vorwärtsgebeugt, heftete ſie den Blick auf den furchtbar ſpannenden Auftritt. In der Hand hielt ſie unbe⸗ wußt noch immer ihren indiſchen Strauß. Plötzlich ſtieß Morok einen wilden Schrei aus und ſtürzte auf den Tod los. Dieſer erwiderte den Schrei mit heftigem Brüllen und warf ſich ſeinem Herrn mit ſolcher Wuth ent⸗ gegen, daß Adriana, dieſen für verloren haltend, voll Ent⸗ ſetzen zurückfuhr und ihr Geſicht in ihren Händen verbarg. Ihr Strauß fiel ihr aus der Hand auf die Bühne und rollte in die Höhle, wo Morok mit dem Panther kämpfte. Raſch wie der Blitz, flink wie ein Tiger ſprang Dſchalma mit einem Satz auf die Bühne, zog ſeinen Dolch und ſtürzte in die Höhle, um den Strauß Adriana's zu holen. In dem⸗ ſelben Augenblick ſchrie der verwundete Myrok um Hülfe. Der Panther, noch wüthender gemacht durch den Anblick Dſchalma's, machte eine verzweifelte Anſtrengung um ſeine Kette zu zerreißen; und da dies nicht gelang, ſtellte er ſich auf die Hinterfüße, um ihn mit ſeinen Krallen zu faſſen. Dſchalma ſenkte den Kopf, warf ſich auf die Knie und ſtieß im Nu zweimal ſeinen Dolch dem Panther in den Bauch. Das Ungeheuer fiel brüllend mit ſeiner ganzen Wucht auf den Königsſohn. Einen Augenblick, welchen ſein Todeskampf dauerte, ſah man nichts als eine undentliche Maſſe ſchwarzer zuckender Glieder und weißer blutbeſpritzter Kleider. Auf ein⸗ mal erhob ſich Dſchalma. Er war bleich und blutete. Wilder — Stolz blitzte aus ſeinem Auge. Den Fuß auf der Leiche des Panthers, hielt er in der Hand den Strauß Adriana's und warf ihr einen Blick zu, welcher ſeine wahnſinnige Liebe ausſprach. Adriana hatte in ſich den übermenſchlichen Muth gefunden, Zeuge des Verlaufs dieſes furchtbaren Kampfs zu ſein. Jetzt verließen ſie ihre Kräfte. zer Cheif Zi g . Zehntes Kapitel. Es iſt Nacht. Der Mond ſcheint, und die Sterne fun⸗ keln an einem melancholiſch heiteren Himmel. Ein verderb⸗ licher trocken kalter Nordwind ſtreicht in heftigen Stößen und Wirbeln ſauſend über den Montmartre. Auf dem Gipfel dieſer Höhe ſteht ein Mann. Sein langer Schatten fällt auf den vom Mond erleuchteten ſteinigen Boden. Der Wanderer betrachtet die unermeßliche Stadt zu ſeinen Füßen, Paris, deſſen ſchwarzer Schattenriß mit Thürmen und Kuppeln ſich auf dem klaren bläulichen Horizont ab⸗ bildet, während aus der Mitte dieſes Steinoceans ein lichter Dünſt aufſteigt, das geſtirnte Blau des Zenith röthend. Dies iſt der ferne Schein der tauſend Feuer, welche am Abend um die Stunde der Vergnügungen die lärmende Hauptſtadt luſtig erhellen. „Nein!“ ſprach der Wanderer, „es wird nicht geſchehen. Der Herr wird es nicht wollen. Mit zwei Mal iſt es genug. „Vor fünfhundert Jahren hatte die rächende Hand des All⸗ mächtigen mich aus dem inneren Aſien hierher getrieben. Ich einſamer Wanderer hatte mehr Trauer, Verzweiflung, Unglück * und Todte hinter mir gelaſſen, als die zahlloſen Heere von hundert verwüſtenden Eroberern gethan haben würden. Ich trat in dieſe Stadt ein, und ſie ward gleichfalls gezehntet. „Vor zweihundert Jahren hat die unerbittliche Hand, welche mich durch die Welt führt, mich abermals hieher geleitet, und auch damals hat die Plage, welche von Zeit zu Zeit der Allmächtige an meine Schritte heftet, dieſe Stadt verheert und zuerſt meine ſchon durch Arbeit erſchöpften Brüder ge⸗ troffen. — meine Brüder, die Brüder des Handwerkers von Jeruſalem, des vom Herrn verfluchten Handwerkers! In meiner Peſon hat er das Geſchlecht der Arbeiter verflucht, das ſtets leidende, ſtets enterbte, ſtets geknechtete Geſchlecht, welches, wie ich, geht und geht ohne Raſt Ruhe, ohne Lohn und Hoffnung, bis Männer, Weiber, Kinder und S unter einem tödtlichen eiſernen Joch erliegen, welches dann Andere auf ſich nehmen, ſo daß von Geſchlecht zu Geſchlecht die Arbeiter es auf ihren geduldigen wunden Schultern tragen. „Und nun zum dritten Mal ſeit einem halben Jahrtauſend bin ich auf der Spitze eines der Hügel angekommen, welche dieſe Stadt überragen. Und vielleicht bring' ich abermals mit mir Entſetzen und Troſtloſigkeit und Tod. Und dieſe Stadt, berauſcht vom Lärm ihrer Freuden, ihrer nächt⸗ lichen Feſte, weiß nicht — — weiß nicht, daß ich a an ihren Thoren bin. „Doch nein! Meine Gegenwart wird nicht ein neues un⸗ glück ſein. Der Herr hat in ſeinem unerforſchlichen Rath⸗ ſchluß mich bis hieher deführ durch Frankreich, indem er mich auf meinem Weg ſelbſt den kleinſten Weiler vermeiden ließ. Keine Vervielfältigung des Grabgeläutes hat meine Spur bezeichnet. „Und das Geſpenſt hat mich ver — dies grüngelbe Geſpenſt mit hohlen blutigen Auen. Als ich den Boden Frankreichs betrat, hat ſeine feuchte eistalte Syn die e losgelaſſen, und es iſt verſchwunden. „Und doch fühle ich, die Grabesluft umweht mich Es hört nicht auf, das Sauſen des unheimlichen Windes, welcher, mich in ſeinem Wirbel faſſend, mit ſeinem Gifthauch die Plage zu verbreiten ſchien. „Gewiß beſänftigt ſich der Zorn des Herrn. Vielleicht iſt ₰ — mein? Anweſenheit hier eine Drohung, kund gegeben denen, ſo er erſchrecken will. Wo nicht, ſo müßte er ja einen noch ſchrecklicheren Streich führen wollen, indem er Angſt und Tod ins Herz des Landes ſchleuderte, mitten in dieſe uner⸗ meßliche Stadt hinein. „Nein! nein! der Herr wird Erbarmen haben. Er wird mich nicht zu dieſer neuen Qual verdammen. „Ach! in dieſer Stadt ſind meine Brüder zahlreicher und elender als anderwärts. Und ich ſollte ihnen den Tod bringen? Den Tod ſtatt der dringend nöthigen Hülfe? „Das Weib, welches wie ich, von einem Ende der Erde zum andern umherirrt, hat, nachdem es abermals die Ränke ihrer Feinde zerriſſen, ſeinen ewigen Gang fortgeſetzt. Ver⸗ gebens hat ſie geahnt, daß abermals großes Unglück die be⸗ droht, welche durch das Blut meiner Schweſter mir verwandt ſind. Die unſichtbare Hand, welche mich ſicher leitet, treibt von mir weg das ewig wandernde Weib. Wie immer durch den unwiderſtehlichen Wirbel fortgeriſſen hat ſie im Augen⸗ blick, wo ſie die Meinen verließ, vergebens gerufen: Möcht ich, o Herr, wenigſtens meine Aufgabe vollenden! — und es hieß; Gehe! — Einige Tage! nur einige Tage! — Und es hieß Gehe! Ich laſſe die, ſo ich beſchütze, am Rande des Abgrunds — und es hieß Gehe! Gehe! — und der Irrſtern flog von neuem in ſeine ewige Bahn, und ſeine Stimme rang durch den Raum, mich den Meinen zu Hülfe rufend. „Als ihre Stimme zu mir drang, da fühlte ich, die Spröß⸗ linge meiner Schweſter wären noch entſetzlichen Gefahren ausgeſetzt. Dieſe Gefahren ſteigern ſich noch. O ſprich, Herr! werden die Abkömmlinge meiner Schweſter dem Schick⸗ ſal entrinnen, welches ſeit ſo vielen Geſchlechtern auf ihrem Stamme laſtet? — Mache, daß ſie dem letzten Willen ihres Vorfahren gehorchen. Mache, daß ſie ihre liebenden Herzen, ihre gewaltigen Kräfte, ihren hohen Verſtand, ihren großen Reichthum vereinigen und an dem künftigen Glück der Menſch⸗ heit arbeiten. So würden ſie vielleicht die Erlaſſung meiner ewigen Strafe erwerben! Die Worte des Gottmenſchen Liebet euch unter einander würden ihr einziges Ziel, ihr einziges Mittel ſein. Mit Hülfe dieſer allmächtigen Worte würden ſie kämpfen und — 8 ſiegen über die falſchen Prieſter, welche des Gottmenſchen Vorſchriften der Liebe, des Friedens und der Hoffnung ver⸗ leugnet und dafür Lehren des Haſſes, der Gewaltthätigkeit und der Verzweiflung angenommen haben. „Dieſe falſchen Prieſter, im Sold der Mächtigen und Glücklichen dieſer Welt — ihrer ſteten Mitſchuldigen — ſtatt hienieden ein wenig Glück für meine leidenden, ſeit Jahr⸗ hunderten ſeufzenden Brüder zu verlangen, wagen vielmehr in deinem Namen, o Herr! zu behaupten: der Arme ſei für immer zu den Qualen dieſer Welt verdammt, und der Wunſch und die Hoffnung, in dieſer Welt weniger zu leiden, ſei in deinen Augen ein Verbrechen, und dein Wille ſei das Glück der Minderzahl und das Unglück des größten Theiles der Menſchheit. O Läſterung! Als ob nicht das Gegentheil dieſer mörderiſchen Worte der Wille Gottes wäre! „Erhöre mich, v Herr! Entreiße ihren Feinden die Nach⸗ kommen meiner Schweſter vom Handwerker bis zum Königs⸗ ſohn. Laſſe nicht den Keim einer mächtigen fruchtbringenden Verbindung zerſtören, die vielleicht mit deiner Hülfe einen neuen Abſchnitt in den Jahrbüchern der Menſchheit anfangen könnte. Laſſe mich, o Herr, ſie vereinigen, da ſie getrennt werden, — ſie vertheidigen, da ſie angegriffen werden. Laß mich Hoffnung geben denen, die nicht mehr hoffen, Muth denen, die niedergeſchlagen ſind, Kraft denen, welche zu fallen drohen, Ausdauer denen, die auf der Bahn des Guten bleiben. „Vielleicht werden ihre Kämpfe, ihre Opfer, ihre Tugend, ihre Schmerzen meine Fehler ſühnen — den Fehltritt des Menſchen, den nur das Unglück ungerecht und boshaft ge⸗ macht hatte. „Herr! Da deine Hand mich hieher geführt hat zu einem Zweck, den ich nicht kenne, entwaffne endlich deinen Grimm! Laß mich nicht länger das Werkzeug deiner Rache ſein! Es iſt Jammer genug auf der Erde Zu Tauſenden fallen ſeit zwei Jahren deine Geſchöpfe hinter mir. Die Welt iſt ge⸗ zehntet. Ein Trauerſchleier liegt über der Erde. Von dem glühenden Himmelsſtrich Aſiens bis zum Pol bin ich gegan⸗ gen, und die Menſchen ſind geſtorben. Hörſt du nicht das „ Schluchzen, welches von der Erde aufſteigt zu dir, o Herr? Erbarmen für Alle und für mich!¹) „Möcht' ich einen Tag, nur einen Tag, die Abkömmlinge meiner Schweſter vereinigen können, und ſie würden gerettet.“ Bei dieſen Worten fiel der Wanderer auf die Knie und erhob flehend die Hände gen Himmel. Plötzlich heulte der Wind mit verdoppelter Heftigkeit und verwandelte ſich in einen Sturm Der Wanderer erbebte und rief voll Ent⸗ ſetzen: „Herr! Der Wind heult voll Wuth, und ſein Wirbel ſcheint mich aufzuheben. Herr! wirſt du meine Bitte nicht erhören? — Das Geſpenſt! das Geſpenſt! da iſt's. Sein grüngelbes Geſicht iſt von Zuckungen verzerrt, ſeine rothen Augen drehen ſich in ihren Höhlen. — Hinweg! hinweg! — O, ſeine eiſige Hand hat die meine erfaßt! Erbarmen, Herr!“ „Gehe!“ „O Herr! Dieſe ſchreckliche Geißel auch in dieſe Stadt zu bringen! Meine Brüder werden zuerſt umkommen, ſie, die ſo elend ſind! Gnade!“ „Gehe!“ „Und die Abkömmlinge meiner Schweſter . .. Gnade! Gnade!“ „Ge P „O Herr, Erbarmen! Ich kann mich nicht mehr auf dem Das Geſpenſt zieht mich über den Abhang dieſes Hügels hinab! Mein Gang iſt reißend wie der Todes⸗ wind hinter mir. Schon ſeh' ich die Mauern der Stadt. O, Erbarmen, Herr! für die Abkömmlinge meiner Schweſter! Verſchone ſie. Mache, daß ich nicht ihr Mörder werde, und daß ſie über ihre Feinde ſiegen!“ ¹) Im Jahr 1346 verwüſtete der berüchtigte ſchwarze Tod den Ervkreis. Er zeigte dieſelben Symptome wie die, Cholera und die⸗ ſelbe unerklärliche Erſcheinung eines in Tagmärſchen auf einem gegebenen Weg fortſchreitenden Ganges. Im Jahr 1660 hat eine andere entſprechende Epidemie die Welt gezehntet. — Man weiß, daß die Cholera mit Unterbrechung ihres gleichmäßigen Vorrückens gleichſam in einem ungeheuren unerklärlichen Sprung Poris er⸗ reicht hat, und man wird ſich erinnern, daß während der größten Verwüſtüngen der Cholera ſtets der Nordoſtwind geweht hat. 5 „Gehe! Gehe!“ „Der Boden flieht immer hinter mir. Schon das Thor der Stadt! — O Herr! noch iſt's Zeit. Gnade für dieſe ſchla⸗ fende Stadt! Möge ſie nicht jetzt geweckt werden dnrch den Schrei des Entſetzens, der Verzweiflung und des Todes! — Herr, ich berühre die Schwelle des Thores! Du willſt es alſo! — Paris, es iſt um dich geſchehen! Die Plage iſt in deinem Innern! — Ach! verflucht — immer noch verflucht!“ „Gehe! Gehe! Gehe!“ Elftes Kapitei. De m 5i ß. An dem Tag nach der Nacht, in welcher der unheimliche Wanderer von der Höhe des Montmartre herab nach Paris gekommen war, herrſchte große Regſamkeit im Hötel St. Dizier. Es war kaum Mittag, und doch war die Fürſtin zwar nicht geputzt — dazu hatte ſie zu viel Geſchmack — aber doch mit größerer Sorgfalt gekleidet als gewöhnlich. Ihre blonden Haare anſtatt flach und glatt an den Schläfen zu liegen, bildeten zwei krauſe Büſchel, welche ſehr gut ſtanden zu ihren fetten blühenden Wangen. Ihre Haube war mit friſchen roſenrothen Bändern beſetzt. Sah man die Frau von St. Dizier faſt ſchlank und durchgebogen daſtehn in ihrem grauen Mohrkleid, ſo errieth man, daß Frau Grivois die Hülfe und die Kraftentwickelung noch einer andern Kammer⸗ frau hatte in Anſpruch nehmen müſſen, um die auffallende Schmälerung der vollen Taille der Herrin glücklich zu Stande ju bringen. Die erhauliche Urſache dieſes leichten Wiederauf⸗ lebens weltlicher Koketterie werden wir Pald angeben. 3 Fürſtin mit ihrer Haushälterin Frau Grivois hinter n. — 8 ſich gab ihre letzten Befehle in Betreff einiger Vorbereitungen, welche in einem großen Saal gemacht wurden. In der Mitte dieſes Gemachs ſtand ein großer runder Tiſch, bedeckt mit einem Teppich von karmeſinrothem Sammt und umgeben von mehren Stühlen, in deren Mitte auf dem Ehrenplatz man einen Seſſel von vergoldetem Holz bemerkte. In einer der Ecken des Saals in der Nähe des Kamins⸗ in welchem ein treffliches Feuer brannte, ſtand eine Art Büffet, welches in der Eile hergerichtet war. Auf demſelben erblickte man die mannigfachen Beſtandtheile eines überaus leckeren, ausgeſuchten Imbiſſes. Auf ſilbernen Schüſſeln er⸗ hoben ſich Pyramiden von Sandwich aus Karpfenmilch mit Anchovibutter, dünnen Schnitichen von marinirtem Thunſiſch und Perigordtrüffeln (es war Faſtenzeit). Ferner dampften auf Spirituslampen Vißlein von Krebsſchwänzen aus der Moſel in gekochtem Rahm und ſchienen in ihren goldnen Schuppenpanzern an Trefflichkeit zu wetteifern mit Auſtern⸗ paſtetchen von Marennes, gedämpft in Maderawein und ge⸗ ſchärft mit Gehacktem von Stör mit vier Gewürzen. Neben den gehaltvolleren Werken der Kochkunſt ſtanden leichtere: kleine aufgeblähte Ananasbiscuits, Erdbeeren⸗Fon⸗ dantes, ein ſeltner Neurath, Drangengelées in der ganzen kunſtvoll ausgeleerten Schale dieſer Früchte Gleich Rubinen und Topaſen funkelten in großen Kryſtallflaſchen die Weine von Bordeaur, von Madera und von Alicante. Der Cham⸗ pagner und in zwei Kannen Lon Sövresporcellan der Milch⸗ kaffee und die Chocolate mit Ambraxanille ſtanden wie Scher⸗ bet in einem großem mit Eis gefülltem Kühlbecken von eiſe⸗ lirtem Silber⸗ 3 Was aber dieſem leckeren Imbiß einen abſonderlich appſtv⸗ liſchen und römiſchen Character gab, waren gewiſſe Erzeug⸗ niſſe der heiligen ¹) Zuckerbäckerkunſt. Man bemerkte aller⸗ liebſte kleine Ealvarienberge von Aprikoſenpaſteten, Biſchofs⸗ mützen in Zucker geröſtet, Hirtenſtäbe von Marzipan, wozu die Fürſtin mit zarter Aufmerkſamkeit ein Cardinalshütchen *) Heilig iſt hier natürlich nicht ein ironiſches Epitheton perpe⸗ tuum, ſondern nach Analogie der „heiligen Kunſt“ bezeichnet es „heilige Gegenſtände“ darſtellend. v— von Kirſchzucker, geſchmückt mit Schnüren von braunem Jucker, hinzugefügt hatte. Das Hauptſtück dieſes römiſchen Zucker⸗ werks, das Meiſterſtück des Küchenmeiſters der Frau von St. Dizier war ein prächtiges Kreuz von eingemachter Engel⸗ wurz mit verzuckertem Kranz von Sauerdorn. *) Solch ſeltſamer Mißbrauch mit dem Heiligen empört mit Recht ſelbſt nicht frömmelnde Leute. Allein ſeit der ſcham⸗ loſen Gaukelet mit dem Rock zu Trier bis zu dem unver⸗ ſchämten Scherz mit der Reliquie zu Argenton ſcheinen die Frommen von dem Schlag der Fürſtin von St. Dizier es ſich zur Aufgabe zu machen, mit ihrem Eifer ehrwürdige Ueberlieferungen ins Lächerliche zu ziehen. Nachdem die Frau von Saint Dizier einen höchſt zufriedenen Blick auf den bereit ſtehenden Imbiß geworfen, deutete ſie auf den für den Vorſitzer beſtimmten goldnen Stuhl und fragte ihre Kammerfrau: „Iſt mein Fußwärmer unter den Tiſch geſtellt, damit S. Eminenz Ihre Füße hineinſtellen kann? Er klagt immer über Kälte.“ Frau Grivvis ſah unter den Tiſch und antwortete: „Ja, Frau Fürſtin, der Fußwärmer iſt da.“ „Sorgen Sie auch, daß eine zinnerne Wärmflaſche mit heißem Waſſer gefüllt wird für den Fall, daß S. Eminens an dem Bärenfell in dem Käſtchen nicht genug hätte, um ſeine Füße zu wärmen.“ „Ja, Frau Fürſtin.“ „Legen Sie auch noch Holz an.“ „Aber, gnädige Frau! es iſt ja eine wahre Höllengluth! Sehen Sie doch nur! Wenn S. Eminenz ewig friert, ſo iſt es Sr. Biſchöflichen Gnaden Herrn von Halfagen immer zu warm. Dieſer Herr ſchwitzt immer.“ ¹) Eine vollkommen glaubwürdige Perſon hat uns verſichert, einem Feſtſchmaus bei einem hohen Prälaten beigewohnt und beim Deſſert eine ſolche Schauſtellung geſehen zu haben. Die bezeichnete Perſon äußerte gegen den Prälaten; „Hochwürdigſter Herr, ich dächte, man genießt den Leib des Herrn unter beiderlei Geſtalt, aber nicht unter Engelwurz.“ — Indeß muß der Wahrheit zur Steuer geſagt werden, daß dies aßoſtoliſche Zuckerwerk nicht von dem Prälaten angegeben war, ſondern von demetwas übertriebenen Katholicismus einer frommen Dame, welche im Haus Sr. Hoch würden Gnaden viel zu ſagen hatte. Die Fürſtin zuckte die Achſeln und fragte: „Iſt nicht S. Eminenz, der Herr Cardinal dei Malipieri, der Vorgeſetzte des Biſchofs Halfagen?“ „Allerdings, Frau Fürſtin.“ „Nun, nach den Regeln der Hierarchie kommt es Sr. Biſchöflichen Gnaden zu, von der Hitze zu leiden, und nicht Sr. Eminenz, von der Kälte zu leiden. Thun Sie alſo, was ich Ihnen ſage, und legen Sie Holz an. Die Sache iſt ganz natürlich. S. Eminenz iſt ein Italiäner und S. Biſchöfliche Gnaden ein Nordbrabanter. Daraus ergibt ſich, daß ſie an verſchiedene Temperaturen gewöhnt ſein müſſen.“ „Wie die gnädige Frau will,“ ſagte Frau Grivvis, in⸗ dem ſie zwei tüchtige Klötze ins Feuer ſchob. „Aber bei dieſer Hitze hier kann S. biſchöfliche Hochwürden erſticken.“ „Lieber Gott, mir geht es eben ſo. Ich finde es hier viel zu warm. Aber lehrt uns unſere heilige Religion nicht das Opfer und die Abtödtung des Fleiſches?“ Der Ausdruck der Hingebung, mit welchem die Fürſtin dieſe Worte ſprach, war rührend. Der Leſer weiß jetzt, warum ſie ſich ein wenig gefallſüchtig aufgeſchmückt hatte. Es galt den würdigen Empfang von Prälaten, welche in Verbindung mit dem Pater Aigrigny und andern Würdeträgern der Kirche bereits eine Art Coneilium im Kleinen bei der Fürſtin ge⸗ halten hatten. Eine Neuvermählte, welche ihren erſten Ball gibt, ein mündig geſprochener Minderjähriger, welcher ſeine erſte Junggeſellenmahlzeit gibt, eine geiſtreiche Frau, welche zum erſten Mal ihr erſtes ungedrucktes Werk vorlieſt, ſind nicht glücklicher, nicht ſtolzer, nicht zuvorkommender gegen ihre Gäſte, als die Frau Fürſtin von St. Dizier gegen ihre Prälaten war. Wichtige Sachen vor ihren Angen, in ihrer Wohnung verhandeln zu ſehen, — zu hören, wie ſehr befähigte Leute ſie um Rath fragten über praktiſche Anordnungen zur Beförderung des Einfluſſes der Frauenklöſter, das war etwas für die Fürſtin, was ihren Hochmuth zum Sterben aufblähte, denn Ihre Eminenzen und Ihre Hochwürden Gnaden beſiegel⸗ ten damit für immer ihren Anſpruch, ſo beiläufig als eine heilige Mutter der Kirche zu gelten. Darum hatte ſie auch für dieſe in und ausländiſchen Prälaten einen ganzen Sack voll ſalbungsvollen Schnack und ſcheinheilige Koketterien ausgekramt. — 55 Uebrigens war nichts folgerechter als die auf einander folgen⸗ den Verwandlungen dieſes herzloſen Weibes, welches aufrich— tig und leidenſchaftlich nur das Ränkeſpiel und die Cliquen⸗ herrſchaft liebte. Nach Maßgabe ihres vorgerückten Alters war ſie naturgemäß von der Liebesintrigue zur politiſchen Intrigue, und von dieſer zur kirchlichen Intrigue überge⸗ gangen. In dem Augenblick, wo die Fürſtin von St. Dizier die Beſichtigung ihrer Vorbreitungen beendigte, ließ ſich ein Kutſchengeraſſel im Hofe vernehmen und verkündete ihr die Ankunft der erwarteten Perſonen. Dieſe Perſonen mußten vom höchſten Rang ſein, denn ihrer Gewbhnheit zuwider ging ſie ihnen entgegen, um ſie an der Thür ihres erſten Saals zu empfangen Es waren richtig der Cardinal Malipieri, welcher ewig fror, und der belgiſche Biſchof Herr von Halfagen, dem es ſtets zu warm war, begleitet von dem Pater Aigrigny. Der römiſche Cardinal war ein großer Mann, mehr knochig als mager, mit ſtolz wegwerfender und ſchlauer Miene und gelbem aufgedunſenen Geſicht. Er ſchielte ſtark, und ſeine ſchwarzen Augen waren von einem brauen vertieften Ring umgeben. Der belgiſche Biſchof war ein kleiner, kurzer, dicker unter⸗ ſetzter Mann, mit anſehnlichem Bauch, weicher, fleiſchigfetter Hand, apoplektiſcher Farbe und entſchiedenem Blick. Bald war die kleine Geſellſchaft im großen Saal verſam- melt. Der Cardinal klemmte ſich ſofort an den Ofen, der Biſchof dagegen fing an zu ſchwitzen und zu blaſen und be⸗ äugelte von Zeit zu Zeit die Chocolate und den Kaffee im Eis, welche ihm dieſe künſtliche Hundstagshitze ertragen hel⸗ fen ſollten. Der Pater Aigrigny trat zur Fürſtin und ſagte ihr leiſe: „Wollen Sie Befehl geben, den Abbé Gabriel von Rennepont einzuführen, welcher nach Ihnen fragen wird.“ „Der junge Prieſter iſt alſo hier 24 fragte die Fürſtin mit lebhafter Ueberraſchung. „Seit vorgeſtern,“ antwortete der Marquis. „Wir haben ihn durch ſeine Vorgeſetzten nach Paris beſcheiden laſſen. Sie werden Alles erfahren. Was den Pater Rodin betrifft, ſo wird Frau Grivois, wie letzthin, ihn durch die kleine Thür der Geheimtreppe einlaſſen.“ „ — 86 — „Er wird heute kommen?“ „Er hat uns hr wichtige Sachen mitzutheilen. Er hat gewünſcht, daß der Herr Cardinal und dy Herr Biſchof zu⸗ gegen ſein möchten bei der Beſprechung. Beide ſind, in ihrer Eigenſchaft als Affiliirte, zu Rom von dem Pater General mit der Sachlage bekannt gemacht worden.“ Die Fürſtin klingelte, und gab ihre Befehle. Dann trat ſie zu dem Cardinal und ſagte ihm im Tone der liebreichſten Sorgfalt: „Ew. Eminenz fängt doch hoffentlich an, warm zu werden? Will Ew. Eminenz eine Wärmflaſche unter die Füße? Wünſcht Ew. Eminenz, daß das Feuer ſtärker ge⸗ macht werde?“ Bei dieſem Vorſchlag ſtieß der brabanter Biſchof, welcher ſeine ſchweißtriefende Stirn abwiſchte, einen verzweifelten Seufzer aus. Der Cardinal aber erwiderte in ſehr gutem Franzöſiſch mit einer unerträglichen italiäniſchen Ausſprache: „Tauſend Dank, Frau Fürſtin. Ich bin wahrhaftig beſchämt über ſo viel Güte.“ „Will Ew. Hochwürden Gnaden nichts annehmen?“ fragte die Fürſtin den Biſchof, indem ſie auf das Büffet deutete. „Frau Fürſtin, wenn Sie erlauben, werd' ich ein wenig Eiskaffee nehmen.“ Sprach's und nahm einen vorſichtigen Umweg, ſo daß er zu dem Imbiß gelangte, ohne an dem Kamin vorbeizukommen. „Und will Ew. Eminenz nicht eine dieſer Auſterpaſtetchen nehmen? Sie ſind heiß.“ „Ich kenne ſie ſchon, Frau Fürſtin,“ erwiderte der Cardinal, mit der ſüßen Miene eines Gutſchmeckers ſchmatzend; „ſie ſind erquiſit, und ich widerſtehe nicht.“ „Welchen Wein kann ich die Ehre haben Ewr. Eminenz anzubieten?“ fragte die Fürſtin weiter mit Anmuth. „Ein wenig Bordeaur, gnädige Frau, wenn Sie wollen.“ Der Marquis von Aigrignv wollte dem Cardinal einſchen⸗ ken, aber die Fürſtin machte ihm dies Glück ſtreitig. Während der Kirchenfürſt ernſthaft die Auſterpaſtetchen koſtete, ſagte Aigrigny zu ihm: „Ich habe nicht geglaubt, den Herrn Bi⸗ ſchof von Mogador, den Herrn Erzbiſchof von Nanterre noch auch unſere heilige Mutter Perpetna, Oberin des Sanct Marienkloſters heut hieher berufen zu dürfen, da die — ſeinen Beichtzettel nicht aufweiſen kann.“ — Beſprechung mit Sr. Ehrwürden, dem Pater Rodin und mit dem Abbe Gabriel ganz vertraulich iſt.“ „Unſer liebwerther Pater hat vollkommen Recht gehabt,“ erwiderte der Cardinal. „Denn obwohl dieſe Rennepontſche Geſchichte in ihren Folgen die ganze apoſtvliſch römiſche Kirche angeht, ſo ſind doch gewiſſe Dinge, welche geheim gehalten werden müſſen.“ Die Fürſtin machte dem Cardinal eine ehrfurchtsvolle tiefe Verbeugung und bewerkte „Ich ergreife dieſen Anlaß, um Ewr. Eminenz zu danken für die Geneigtheit, eine Ausnahme zu machen zu Gunſten einer ſehr geringen und demüthigen Dienerin der Kirche.“ Der Cardinal ſtellte ſein leeres Glas auf den Tiſch, ver⸗ neigte ſich ebenfalls und erwiderte: „Das war nicht mehr als billig gegen die Frau Fürſtin. Wir wiſſen, wie viel die Kirche Ihnen verdankt für die heilſame Richtung, welche Sie den unter Ihrem Patronat ſtehenden frommen Werken geben.“ „Was das betrifft, ſo kann Ew. Eminenz verſichert ſein, ich verweigere jede Unterſtützung demjenigen Armen, welcher „Nur ſo,“ bemerkte der Cardinal, den diesmal ein appetit⸗ liches Krebsſchwanzbißlein in Verſuchung führte, „nur ſo hat die chriſtliche Milde einen Sinn. Ob die Gottloſigkeit hungert, darnach frage ich nichts. Mit der Frömmigkeit iſt es etwas anders.“ Se. Eminenz ſchluckte in der Geſchwindigkeit das Bißlein hinunter und fuhr fort: „Uebrigens wiſſen wir auch, mit welchem Feuereifer Sie die Gottloſen verfolgen, welche ſich wider die Autorität unſeres heiligen Vaters auflehnen.“ „Ew. Eminenz kann verſichert ſein, daß ich mit Herz und Seele römiſch bin. Zwiſchen einem Gallicaner und einem Türken iſt für mich kein Unterſchied. Der belgiſche Biſchof nahm das Wort und ſprach: „Die Frau Fürſtin ſpricht nicht übel; aber ich gehe noch weiter. Ich ſage, ein Gallicaner muß der Kirche verhaßter ſein als eine Heide. In dieſem Stück theil ich die Meinung Ludwigs XIV. Von dieſem König ward eine Gunſtbezeugung für einen ſeiner Hofleute verlangt. Nein, ſagte er, dieſer Menſch iſt Janſeniſt — Er? Sire, er iſt Atheiſt. — Das iſt etwas anderes. Ich bewillige die Gnade.“ — 5 Dies biſchöfliche Späßchen ward mit vergnügtem Lachen aufgenommen. Nach einigen Augenblicken nahm der Pater Aigrigny ernſthaft das Wort und ſprach zu dem Cardinal: „Wenn man nicht ſcharfes Aufſehen hätte, ſo würde die niedere Geiſtlichkeit vom Gallicanismus angeſteckt werden und von Gedanken der Auflehnung gegen das, was ſie den Des⸗ potismus der Biſchöfe nennt. Ein Beiſpiel davon iſt der Abbé Gabriel, wie ich Ewr. Eminenz beweiſen werde.“ „Dem zu begegnen,“ erwiderte der Cardinal in barſchem Ton, „müſſen die Biſchöfe ihre Strenge verdoppeln und ſtets bedenken, daß ſie vor allen Dingen Römer und dann erſt Franzoſen ſind. Denn in Frankreich repräſentiren ſie Rom, den heiligen Vater und die Intereſſen der Kirche, wie ein Geſandter in einem fremden Land ſein Land, ſeinen Herrn und die Intereſſen ſeiner Nation repräſentirt.“ „Das iſt ſonnenklar,“ bemerkte der Pater Aigrigny. „Hoffen wir nun, daß der kräftige Anſtoß, welchen Ew. Eminenz dem Epiſcopat gegeben, uns die Unterrichtsfreiheit verſchaffen wird. Alsdann werden wir anſtatt junger Franzoſen, welche von Philoſophie und einfältigem Patriotismus angeſteckt ſind, gute römiſche Katholiken haben, die, hübſch gehorſam und in der Zucht gehalten, die ergebenen Unterthanen unſers heiligen Vaters werden.“ „Und ſo,“ fügte der belgiſche Biſchof lächelnd hinzu, „würde nach Ablauf einer gewiſſen Zeit unſer heiliger Vater, ange⸗ nommen, er wollte die Katholiken Frankreichs ihres Gehor⸗ ſams gegen die beſtehende weltliche Macht entbinden, einer andern Macht, welche er anerkennen würde, eine bedeutende, feſt zuſammenhaltende katholiſche Partei ſichern können.“ Der dicke Biſchof hielt inne, wiſchte ſich die Stirne ab und ſuchte ein wenig Sibirien in einer der Kannen mit Eis⸗ Chocolate. Die Fürſtin äußerte lächelnd: „Für ein ſolches Geſchenk zeigt ſich eine Macht ſtets dankbar und bewilligt der Kirche große Freiheiten.“ „Und ſo,“ meinte der Cardinal, „nimmt die Kirche wieder den Platz ein, welchen ſie einnehmen muß und in Frankreich leider nicht einnimmt in dieſen Zeiten der Gottloſigkeit und der Anarchie. Glücklicher Weiſe bin ich unterwegs mit vielen — 85 — Prälaten zuſammengetroffen. Ich habe ſie wegen ihrer Lauheit ſcharf getadelt und ihren Eifer angefacht. Ich habe ihnen im Namen des heiligen Vaters aufgegeben, offen und kühn die Preßfreiheit und die Glaubensfreiheit anzugreifen, ob⸗ wohl dieſelben durch die abſcheulichen revolutionären Geſetze anerkannt ſind.“ Ach!“ ſagte die Fürſtin mit heiterer Miene, „Ew. Eminenz iſt alſo nicht zurückgebebt vor den ſchrecklichen Gefahren, vor dem Martyrthum, dem ſich unſere Prälaten ausſetzen werden, wenn ſie Ihnen gehorchen? Und vor dieſen furchtbaren Ap⸗ pellationen wegen Mißbrauch? Denke ſich Ew. Emi⸗ nenz, Sie reſidirten in Frankreich und griffen die Landesgeſetze an, wie dies Advokaten- und Parlamentsgezücht ſagt. O Entſetzen! Der Staatsrath würde erklären: es liege Mißbrauch in Ihrem Hirtenbrief. — Es liegt Mißbrauch darin! Wie muß vor dieſem Wort ein Kirchenfürſt erbeben, der auf ſeinem biſchöflichen Thron ſitzend, von ſeinen Würdeträgern und ſeinem Domkapitel umgeben, aus weiter Ferne einige Dutzend atheiſtiſche Bureaukraten in ſchwarzer und blauer Livree in allen Tönen von der Fiſtel bis zum Baß herab ſchreien hört: Es liegt Mißbrauch vor! Es liegt Mißbrauch vor! Wahrhaftig, wenn Mißbrauch vorliegt, ſo iſt es Mißbrauch des Lächerlichen — — abſeiten dieſer Menſchen.“ Dieſer Scherz der Fürſtin ward mit allgemeiner Heiterkeit aufgenommen. Der belgiſche Biſchof nahm erfriſcht wieder das Wort: „Ich finde, dieſe ſtolzen Vertheidiger der Geſetze verfahren bei all ihrer Prahlerei mit einer vollkommenen chriſtlichen Demuth. Ein Prälat gibt ihrer Gottloſigkeit eine derbe Ohrfeige, und ſie machen einen Kratzfuß und entgegnen beſcheiden: O, hoch⸗ würdigſter Herr, es liegt Mißbrauch darin.“ Auch dieſer Witz ward wieder belacht. Der Cardinal ſagte mit vergnügter Miene: „Man muß ihnen die Freude an die⸗ ſem unſchuldigen Gequäk gönnen, mit welchem ſie Schul⸗ knaben unter der Zuchtruthe des Lehrers gleichen. Wir werden ſtets bei ihnen ſein, *trotz ihnen und ihnen zuwider. Denn erſtlich liegt uns mehr als ihnen an ihrem Seelenheil, und zweitens bedarf die weltliche Gewalt unſerer ſtets, um ſie zu — — heiligen und um das gemeine Volk zu zügeln. Und während die Advocaten, die Parlamentsmännchen und die Atheiſten der Univerſität Geſchrei ohnmächtigen Haſſes ausſtoßen, ſchließen ſich die wahrhaft chriſtlichen Seelen eng an einander wider die Gottloſigkeit. Bei meiner Durchreiſe durch Lyon bin ich tief gerührt worden Das iſt aber auch eine wahrhaft römiſche Stadt. Bruderſchaften, Büßer, Werke aller Art — nichts fehlt dort. Und was das Beßte iſt mehr als dreimalhundert⸗ tauſend Thaler Schenkungen an die Geiſtlichkeit in einem Jahr. O! Lyon iſt die würdige Hauptſtadt des katholiſchen Frankreichs. Dreimalhunderttauſend Thaler Schenkungen! Das macht die Gottloſen zu Schanden. Was ſagen dazu die Herren Philoſophen?“ „Leider,“ bemerkte Aigrigny, „Fleichen nicht alle franzö⸗ ſiſchen Städte der Stadt Lyon. Ich muß ſogar Ew. Eminenz aufmerkſam machen, daß ſich eine ſehr bedenkliche Erſcheinung zeigt. Einige Mitglieder der niederen Geiſtlichkeit laſſen ſich beigehen, gemeine Sache zu machen mit dem gemeinen Volk, deſſen Armuth und Entbehrungen ſie theilen, und ſtehen auf dem Punkt, im Namen der evangeliſchen Gleichheit wider die despotiſche Ariſtokratie der Biſchöfe, wie ſie es nennen, zu proteſtiren.“ „Wenn ſie dieſe Verwegenheit hätten,“ rief der Cardinal, „dann wäre keine Interdietion, keine Strafe ſchwer genug gegen ſolche Rebellion.“ *) „Sie wagen noch mehr,“ fuhr der Margquis fort. „Einige gehen mit dem Gedanken an ein Schisma um, mit dem Vor ſatz, zu begehren, daß die franzöſiſche Kirche ganz von Rom getrennt werde, unter dem Vorwand, daß der Ultramontanis mus die urſprüngliche Reinheit der Lehre Jeſu getrübt habe. Ein junger Prieſter, der erſt Miſſionär war und jetzt Land⸗ pfarrer iſt, der Abbé Gabriel von Rennepont, den ich durch ſeine Vorgeſetzten nach Paris habe entbieten laſſe Mittelpunkt einer Art Propaganda gemacht. Pfarrer in ſeiner Nachbarſchaft verſammelt und i ſeits zwar empfohlen, ihren Biſchöfen durchaus zu gehorchen, ) Darum hört man auch ſo oft die erbauliche Redensart: Herrn⸗ geſetz geht vor Gottesgeſetz. ſo lange nichts an der beſtehenden Hierarchie geändert ſei, andererſeits aber ſie aufgefordert, von ihren Rechten als fran⸗ zöſiſche Bürger Gebrauch zu machen, um auf geſetzlichem Weg zu Dem zu gelangen, was er die Befreiung der niederen Geiſtlichkeit nennt. Nach ſeiner Behauptung ſind die Pfarr⸗ Geiſtlichen der Willkür der Biſchöfe Preis gegeben, die ſie interdiciren und ihnen ihr Brod nehmen ohne Appellativn und ohne Beſchränkung. ¹) „Ei, das iſt ja ein wahrer katholiſcher Luther!“rief der Viſchof. Und der heilige Mann ſchlich auf den Fußſpitzen zum Büffet, ſchenkte ſich ein ſtattliches Glas Madera ein und tunkte dar⸗ in langſam einen Biſchofsſtab von Marzipan. Angelockt von dem Beiſpiel fand der Cardinal für gut, unter dem Vorwand ſeine immer noch eiskalten Füße am Kaminfeuer zu wärmen, ſich ein Glas fürtrefflichen alten Malaga⸗ Weines anzubieten und ihn in langen Zügen mit der Miene tiefen Nachdenkens einzuſchlürfen. Nach dieſer Herzſtärkung ſagte er: „Alſo dieſer Abbé Gabriel ſtellt ſich als Reformator hin. Das muß ein ehrgeiziger Kopf ſein. Iſt er gefährlich?“ „Nach unſeren Angaben haben ihn ſeine Vorgeſetzten ſo befunden. Er hat Befehl erhalten, ſich hierher zu verfügen. Er wird bald kommen, und ich werde Ewr. Eminenz ſagen, warum ich ihn vorbeſchieden habe. Juvor aber hören Sie dieſe Zeilen an, in welchen die gefährlichen Be⸗ ſtrebungen des Abbe Gabriel auseinandergeſetzt ſind. Man hat ihm über mehre ſeiner Handlungen folgende Fragen vorgelegt, und er hat in folgender Weiſe darauf geantwortet. Und in Folge dieſer Antworten haben ſeine Vorgeſetzten ihn abgerufen.“ Nach dieſen Worten nahm Aigrigny aus ſeiner Brieftaſche ein Papier und las wie folgt: „Frage. Iſt es wahr, daß Sie den Dienſt der Religion einem in ſchmählicher Unbußfertigkeit geſtorbenen Einwoh ner Ihrer Pfarrei, einem Selbſtmörder, erwieſen haben? ¹) Ein achtbarer und geachteter Geiſtlicher hat uns den Fall an⸗ eführt, daß ein armer junger Pfarrer, ohne gültigen Grund von einem Biſchof interdieirt, durch Hunger und Elent genöthigt war (verſteht ſich mit Verbergung ſeines Standes) neben ſeinem Bru⸗ der als Aufwärter in einem Kaffeehaus zu Lille Dienſt zu nehmen. — Antwort des Abbé Gabriel. Ich habe ihm die letzten Dienſte geleiſtet, weil er in Betracht ſeines ſündigen Endes mehr als jeder Andere der Gebete der Kirche be⸗ durfte. Auch noch in der Nacht, welche ſeinem Begräbniß folgte, habe ich die göttliche Barmherzigkeit für ihn an⸗ gefleht. Frage. Iſt es wahr, daß Sie heilige Gefäße von vergoldetem Silber und verſchiedenen Schmuck zurückge⸗ wieſen haben, welchen eines Ihrer Pfarrkinder in frommem Eifer Ihrer Pfartkirche ſchenken wollte? Antwort. Ich habe dieſe Gefäße von vergoldetem Silber und dieſen Schmuck zurückgewieſen, weil das Haus des Herrn immer demüthig und ohne Hoffart ſein ſoll, auf daß es ſtets die Gläubigen daran erinnere, wie der Erlöſer in einem Stall geboren worden iſt. Die Perſon, welche meiner Pfarrkirche dieſe unnützen Geſchenke machen wollte, habe ich aufgefordert, das Geld zu vernünftigen Almoſen anzuwenden, und habe ſie verſichert, dies würde dem Herrn wohlgefälliger ſein.“ „Ei das iſt ja eine heftige, bittere Declamation gegen die Verzierung der Tempel!“ rief der Cardinal. „Dieſer junge Prieſter iſt höchſt gefährlich. — Leſen Sie weiter lieber Pater. „Und in ſeinem Unwillen verſchlang Seine Eminenz raſch hinter einander mehre Erdbeeren-Fondanten. „Frage. Iſt es wahr, daß Sie einen aus der Schweiz gebürtigen Proteſtanten, der in Ihrem Dorf wohnte, in Ihr Pfarrhaus aufgenommen und verpflegt haben? Iſt es wahr, daß Sie nicht allein keinen Verſuch gemacht haben, ihn zur römiſch⸗katholiſch⸗apoſtoliſchen Religion zu be⸗ kehren, ſondern daß Sie Ihre Pflicht ſogar ſo weit aus den Augen gefetzt haben, dieſen Ketzer auf der für die Mitglieder unſerer heiligen Kirche beſtimmten Ruheſtätte zu beerdigen? Antwort. Einer meiner Brüder war ohne Obdach. Er hatte ehrlich und arbeitſam gelebt. Er war alt und ſeine Kräfte verließen ihn. Eine Krankheit kam hinzu. Faſt ſterbend ward er aus ſeiner elenden Wohnung ge⸗ trieben von einem unbarmherzigen Menſchen, dem er ein Jahr Miethe ſchuldig war. Ich habe dieſen Greis in — meinem Hauſe aufgenymmen und ihn in ſeinen letzten Tagen getröſtet. Dies arme Geſchöpf hatte ſein ganzes Leben lang geduldet und gearbeitet. Im Augenblick ſeines Todes hat er kein Wort des Unwillens über ſein Loos ausgeſprochen. Er hat ſich Gott befohlen, andächtig das Crucifix geküßt, und ſeine einfache, reine Seele in die Hände ſeines Schöpfers ausgehaucht. Ich habe ihm ach⸗ tungsvoll die Augen zugedrückt, habe ſelber ihn zur Erde beſtattet, habe für ihn gebetet und ihn für würdig gehal⸗ ten, in die Ruheſtätte zu kommen, obwohl er im prote⸗ ſtantiſchen Glauben geſtorben war.“ „Immer beſſer!“ bemerkte der Cardinal. „Das iſt eine ſcheußliche Toleranz, ein ſchmählicher Angriff auf den das ganze Weſen des Katholicismus ausmachenden Grundſatz Außer der Kirche kein Heil!“ „Die Sache iſt um ſo bedenklicher,“ ſagte Aigrigny, „als die durchaus chriſtliche Sanftmuth, Milde und Hingebung des Abbé Gabriel nicht allein in ſeiner Gemeinde ſondern auch in den umliegenden Gemeinden eine wahre Begeiſterung für ihn erweckt haben. Die benachbarten Pfarrer ſind dem Strom gefolgt, und man muß geſtehen, ohne ſeine Mäßigung würde ein Schisma erfolgt ſein.“ „Aber was bezwecken Sie damit, daß Sie ihn uns vor⸗ führen?“ fragte der Prälat. „Die Lage des Abbé Gabriel iſt eine verwickelte,“ ant⸗ wortete Aigrigny. „Erſtlich iſt er Erbe der Familie Renne⸗ pont — —“ „Hat er nicht ſeine Rechte abgetreten?“ unterbrach der Cardinal. „Allerdings, und dieſe anfänglich an Formfehlern leidende Abtretung iſt ſeit Kurzem und zwar mit ſeiner Zuſtimmung vollkommen regelrecht gemacht worden. Er hatte geſchworen, möge kommen, was da wolle, ſeinen Antheil an jenem Ver⸗ mögen vollſtändig der Geſellſchaft Jeſu abzutreten. Dennoch glaubt S. Ehrwürden, der Pater Rodin, wenn Ewr. Eminenz dem Abbé Gabriel ſagte, er würde von ſeinen Vorgeſetzten ſeiner Stelle enthoben werden, und ihm zugleich eine hohe Stellung zu Rom vorſchlüge, ſo könnte man ihn vielleicht dazu bringen, daß er Frankreich verließe, und in ihm gewiſſe nur ſchlummernde Gefühte des Ehrgeize es wecken. Ewr. Emi⸗ 3 nen hat vorhin ſehr treffend den Satz angedeutet: Jeder Reformator muß ehrgei zig ſein.“ Der Cardinal beſann ſich einen und ſagte: „Ich Spiige dieſen Gedanken. Mit ſeinen Vorzügen, mit ſeiner 6 Fähigkeit, auf die Menſchen zu wirken kann der Abbé Gabriel 3 och emporkommen — wofern er gelehrig iſt. Wo nicht, o iſt es beſſer für die Kirche, er befindet ſich in Rom als hier. Denn Sie wiſſen, lieber Pater, zu Rom haben wir Sicherungsmittel, die in Frankreich leider fehlen. *)“ Es trat eine Stille von einigen Augenblicken ein. Dann nahm der Cardinal wieder das Wort und fragte den Pater Aigrigny: „Da wir eben vom Pater Rodin reden, — offen geſprochen: was halten Sie von ihm?“ „Ewr. Eminenz kennt ihn als einen fähigen Kopf,“ ant⸗ wortete Aigrigny mit unbehaglicher mißtrauiſcher Miene. „Unſer ehrwürdige Pater General — —“ „Hat ihn beanftragt, an Ihre Stelle zu treten,“ ergänzte“ der Cardinal. Ich weiß es; er hat mir's zu Rom geſagt. Aber was halten Sie von der Gemüthsart des Pater Rodin? Darf man ihm blindlings trauen?“ Zögernd antwortete der Marquis: „Dies iſt ein ſo durch⸗ greifender, hartnäckiger, verſchloſſener, undurchdringlicher Mann, daß es ſchwer hält, ein ſicheres Urtheil über ihn zu fällen.“ Abermaliges Schweigen. „ Halten Sie ihn für ehrgeizig?“ fragte der Cardinal. „Halten Sie ihn nicht anderer Abſichten fähig als des Strebens nach Vertherrlichung ſeines Ordens? Ich habe Grund zu fragen.“ „Ja — was meint Ewr. Eminenz?“ fragte Aigrigny ſeiner⸗ ſeits nicht ohne Mißtrauen, denn unter Leuten gleichen Schlags wird immer fein geſpielt. „Ihre eigne Beobachtung und die Berichte des Pater General könnten Ihnen ein Urtheil be⸗ 4 gründen“ Ja — ich denke, wenn ſeine ſcheinbare Ergebenheit für ſeinen Orden eine andere Abſicht verbergen könnte, dann ²) Man weiß, daß bis auf dieſe Stunde (1845) Not Inguiſition, Einſperrungen in pace u. dgl beſtehen. — 55 — müßte man ihn um jeden Preis ausforſchen. Mit dem Ein⸗ fluß, den er ſich ſeit langer Zeit in Rom verſchafft hat (dathinter bin ich gekommen), möchte er ſeiner Zeit ſehr gefährlich werden können.“ „Hierin,“ rief Aigrigny, von ſeiner Eiferſucht gegen Rodin hingeriſſen, hie bin ich ganz der Meinung Ewr. Eminenz. Mehrmals habe ich einen Schrecken erregenden Ehrgeiz bei ihm durchſchimmern ſehen, und um Ewr Eminenz Alles zu ſagen — —“ Ein Klopfen an der Thür unterbrach den Marguis. Frau Grivois ſah zur halb geöffneten Thür herein und gab ihrer Gebieterin einen Wink. Die Fürſtin antwortete mit einem Kopfnicken, und Frau Grivois zog ſich zurück. Im nächſten Augenblick trat Rodin in den Saal. Zwölftes Kapitel. S B. Beim Anblick Rodin's ſtanden die beiden Prälaten und der Pater Aigrigny gleichzeitig auf im vollen Gefühl der wirk⸗ lichen Ueberlegenheit dieſes Menſchen. Ihre eben noch von Mißtrauen und Eiferſucht verfinſterten Geſichter heiterten ſich plötzlich auf und lächelten ſcheinbar mit liebevoller Sochach⸗ tung dem ehrwürdigen Vater zu. Die Fürſtin ging ihm einige Schritt entgegen. MRodin, wie immer ſchäbig gekleidet, ließ auf dem weichen Teppich die Schmutzſpuren ſeiner plumpen Schuhe zurück, ſtellte ſeinen Schirm in eine Ecke und trat an den Tiſch, nicht mit ſeiner gewöhnlichen Demuth, ſondern den Kopf hoch tragend, mit zuverſicht lichem Blick und feſten Schrittes. Er fühlte ſich nicht bloß im Kreis der Seinigen, ſondern er hatte auch das Bewußtſein, ſte geiſtig zu überragen. haben wir von Ewr. Ehrwürden geſprochen, ſagte r Cardinal mit bezaubernder — 6 „Ah!“ entgegnete Rodin, den Prälaten ſcharf ins Auge faſſend. „Und was haben Sie geſagt?“ „Ei,“ antwortete der Belgiſche Prälat, ſich die Stirn ab⸗ wiſchend, „alles Gute was man von Ewr. Ehrwürden nur ſagen kann.“ „Wollen Sie nicht etwas zu ſich nehmen, lieber Pater?“ fragte die Fürſtin, indem ſie auf das Büffet deutete. „Ich danke, Frau Fürſtin. Ich habe heut Morgen einige Rettige geſpeiſt.“ — Mein Secretär, der Abbé Berlini,“ bemerkte der Car⸗ dinal, „iſt dieſen Morgen Zenge Ihres Mahles geweſen und hat mich wirklich erbaut durch ſeinen Bericht von der Mäßig keit Ewr. Ehrwürden, die einem Einſiedler keine Schande machen würde.“ „Sollten wir nicht von Geſchäften ſprechen?“ ſagte Rodin im Ton eines Mannes, der gewohnt iſt, eine Erörterung zu leiten und zu beherrſchen. „Wir werden ſtets glücklich ſein, Sie anzuhören,“ ant⸗ wortete der Kirchenfürſt. „Ewr. Ehrwürden hat ſelber dieſen Tag beſtimmt, um uns von der Rennepont'ſchen Angelegen⸗ heit zu ſprechen. Dieſelbe iſt ſo bedeutend, daß ſie ein Haupt⸗ zweck meiner Reiſe nach Frankreich iſt. Das Beßte der ruhm⸗ vollen Geſellſchaft Jeſu zu fördern, welcher affiliirt zu ſein ich mir zur Ehre rechne, heißt das Beßte Roms fördern und ich habe dem E. V. General verſprochen, daß ich mich ganz zu Ihrem Befehl ſtellen wolle.“ „Ich kann nur wiederholen, was S. Eminenz geſagt hat,“ fügte der Biſchof hinzu. „Wir ſind zuſammen von. Rom ab⸗ gereiſt und unſere Gedanken ſind dieſelben.“ „Gewiß,“ erwiderte Rodin, „kann Ewr. Eminenz unſerer Sache dienen und zwar bedeutend. Ich werde Ihnen gleich ſagen, wie. — Frau Fürſtin, ich habe dem Doctor Baleinier ſagen laſſen, er ſolle hieher kommen; denn es wird gut ſein, ihn von gewiſſen Dingen zu unterrichten.“ „Man wird ihn hereinkommen laſſen wie gewöhnlich,“ er⸗ widerte die Fürſtin. Der Pater Aigrigny hatte ſeit dem Erſcheinen Rodins geſchwiegen. Er ſchien in einer bitteren Stimmung ſeinen Gedanken nachzuhängen und mit ſich zu kämpfen. Endlich „— — — ſtand er halb auf und ſagte mit ſauerſüßer Stimme zum Cardinal: „Ich will Ewr. Eminenz nicht bitten, Richter zu ſein zwiſchen Sr. Ehrwürden, dem Pater Rodin, und mir. Unſer General hat geſprochen, und ich habe gehorcht. Aber da Ewr. Eminenz bald unſern Vorgeſetzten wiederſehen wird, ſo wünſchte ich, Sie möchten die Gnade haben, ihm treulich die Antworten zu hinterbringen, welche S. Ehrwürden, der Pater Rodin, auf einige Fragen von mir gibt.“ Der Cardinal verneigte ſich. Rodin ſah den Marquis mit der Miene des Erſtaunens an und ſagte kurzweg: „Das iſt eine abgemachte Sache. Wozu dieſe Fragen?“ „Nicht um mich zu rechtfertigen, ſondern um vor Sr. Eminenz die Sachlage klar zu machen.“ „Nun dann ſprechen Sie — und vornehmlich keine un⸗ nöthigen Worte!“ verſetzte Rodin, zog ſeine große ſilberne Uhr heraus, ſah auf dieſelbe und ſagte: „In zwei Stunden muß ich zu Sanct Sulpiz ſein.“ „Ich werde mich ſo kurz wie möglich faſſen,“ ſagte Aigrigny mit verhaltenem Unwillen. „Als Ewr. Ehrwürden glaubte, Ihre Wirkſamkeit an die Stelle der meinigen ſetzen zu müſſen, indem Sie, wohl ſehr ſtreng, meine Führung der mir anver⸗ trauten Sache tadelten, da — — ich geſtehe es offen — ſchwebte dieſe Sache in großer Gefahr — — —“ „Schwebte in Gefahr?“ wiederholte Rodin ſpöttiſch. „Sagen Sie, ſie war verloren. Denn Sie hatten mir befohlen, nach Rom zu ſchreiben, man müſſe alle Hoffnung aufgeben.“ „Das iſt die Wahrheit,“ geſtand der Marquis. „Mithin,“ fuhr Rodin ſpöttiſch fort, „war es ein von den — — beßten Aerzten aufgegebener Kranker, dem ich übernommen habe das Leben zu retten. — Weiter!“ Und er ſteckte beide Hände in ſeine Hoſentaſchen und ſah dem Mar⸗ quis feſt ins Auge. Der Pater Aigrigny fuhr fort: „Ewr. Ehrwürden hat mich hart getadelt, nicht darum, daß ich geſucht habe, durch alle möglichen Mittel wieder zu dem Vermögen zu kommen, welches ſchändlicher Weiſe unſerer Geſellſchaft entwendet war — — — „Alle Ihre Caſuiſten ſprechen Ihnen mit Recht die Befugniß zu, es zu thun,“ bemerkte der Cardinal. „Die Beweisſtellen vn. 7 ſind klar und beſtimmt. Sie haben vollkommen das Recht, per fas aut nefas ein verrätheriſcher Weiſe entwendetes Gut wiederzuerlangen.“ „Eben darum,“ fuhr Aigrigny fort, „hat auch S. Ehr⸗ würden, der Pater Rodin, mir bloß die militäriſche Derbheit einer Mittel zum Vorwurf gemacht, und ihre Gewaltſam⸗ ei, weche icht ze den Sitten der Zeit paſſe und darum gefährlich ſei. Ich will das zugeben. Aber erſtlich konnte ich ihrer Anwendung wegen nicht auf den Grund eines Ge⸗ ſetzes gerichtlich belangt werden; und dann würde, wofern nicht ein unerhörter Zufall eingetreten wäre, der Erfolg den von mir eingehaltenen Gang gerechtfertigt haben, mochte dieſer auch noch ſo plump ſein. Kann ich nun Ewr. Ehr⸗ würden fragen — — —“ „Was ich mehr als Sie gethan habe?“ ergänzte Rodin nach ſeiner unausſtehlichen Gewohnheit, den Leuten ins Wort zu fallen. „Was ich beſſeres gethan habe, als Sie? Welchen Fortſchritt die Rennepont'ſche Sache durch mich gemacht hat, ſeitdem ich dieſelbe von Ihnen als verzweifelt empfangen habe? Wollen Sie das wiſſen?“ „Gerade das,“ antwortete der Marquis kurzweg. „Nun,“ fuhr Rodin in höhniſchem Tone fort, „ich geſtehe, ſo ſehr wie Sie große Dinge, plumpe Dinge, lärmmachende Dinge gethan haben, eben ſo ſehr habe ich kleine, kindiſche, verborgene Dinge gethan! Gott im Himmel! Ich hatte mich unterſtanden, mich für einen weitſehenden Mann auszugeben, und Sie können ſich nicht vorſtellen, welch einfältiges Hand⸗ werk ich ſeit ſechs Wochen treibe.“ „Ich würde mir nie erlaubt haben, Ewr. Ehrwürden einen ſolchen Vorwurf zu machen, wie begründet derſelbe auch ſcheinen möchte,“ bemerkte der Marquis mit bitterem Lächeln. „Einen Vorwurf?“ fragte Rodin achſelzuckend. „Mit dieſen Worten haben Sie ſich ſelbſt gerichtet. Wiſſen Sie, was ich vor ſechs Wochen über Sie geſchrieben habe? Ich habe geſchrieben: Der Pater Aigrigny hat vorzügliche Eigenſchaf⸗ ten; er wird mir ſehr nützlich ſein (und von Morgen an werd' ich Ihnen vollauf zu thun geben). Aber, habe ich hinzugefügt, er iſt nicht groß genug, um ſich gelegent⸗ lich klein machen zu können. Verſtehen Sie das? 2 „Nicht recht,“ antwortete der Marquis erröthend. „Deſto ſchlimmer für Sie. Es beweiſt, daß ich Recht hatte. Wenn ich's Ihnen alſo ſagen ſoll: ich bin ſchlau genug ge⸗ weſen, ſechß Wochen lang das albernſte Handwerk von der Welt zu treiben. Wie Sie mich hier ſehen, habe ich das Plaudermaul bei einer lockeren Dirne gemacht, habe ich von Fortſchritt, Menſchheit, Freiheit, Fr auenemancipation geſprochen mit einem närriſchen Mädchen, — vom großen Napoleon, vom Bonapartiſtiſchen Fetiſchdienſt mit einem ſchwachköpfigen alten Soldaten, vom Ruhm des Kaiſerreichs, von Erniedrigung Frankreichs, von Hoffnung auf den König von Rom mit einem kreuzbraven Marſchall von Frankreich, deſſen Herz überfließt von Verehrung gegen den ſeiner Zeit auf St. Helena ange⸗ ketteten Thronräuber, und deſſen Kopf ſo hohl iſt wie eine Kriegstrompete — ein hirnloſer Behälter, in welchen man nur einige kriegeriſche oder patriotiſche Töne hineinzublaſen braucht, um zu machen, daß er die ſchmetterndſten Töne von ſich gibt, ohne zu wiſſen, für wen, für was und wie. Ich habe noch mehr gethan. Ich habe mit einem jungen wilden Tiger von Liebelei geſprochen. Habe ich Ihnen nicht es ſei kläglich, einen halbwegs verſtändigen Menſch klein machen zu ſehen, wie ich es gethan habe? zu ſehen, wie er ſich erniedrigt, mit all dieſen Mittelchen mühſam die tauſend Fäden dieſes dunklen Gewebes anzuzetteln? Hm! Wie gefällt Ihnen eine Spinne, wenn ſie beharrlich ihr Netz webt? Das kleine garſtige Thier ſpannt Faden an Faden, knüpft hier einen abgeriſſenen wieder an, macht dort einen ſchwachen ſtärker und verlängert andere. Sie zucken die Achſeln zu dieſer Arbeit. Nun kommen Sie aber in zwei Stunden wieder und was finden Sie? Das ſchwärzliche Thier⸗ chen iſt dick und fett, und in ſeinem Gewebe hängt ein Dutzend alberner Fliegen ſo beſtrickt und geknebelt, daß das garſtige Thierchen weiter nichts mehr zu thun hat, als in aller Gemächlichkeit den Augenblick zu wählen, wo es ſchmau⸗ ſen will.“ Rodin lächelte bei dieſen Worten auf eine eigene Weiſe. Seine, in der Regel von den ſchlaffen Deckeln halb verhüll⸗ ten Augen waren weit geöffnet und ſchienen außergewöhnlich zu ſen Seit einigen Augenblicken empfand der Jeſuit — 0 — eine fieberhafte Aufregung, und er ſchrieb ſie dem Umſtand zu, daß er gewiſſermaßen einen Kampf beſtand vor dieſen hochſtehenden Perſonen, welche ſchon anfingen, ſich unter dem Einfluß ſeiner originellen ſ Worte zu beugen. Der Marquis fing an zu bedauern, daß er dieſen Streit hervorgerufen. Doch fuhr er mit ſchlecht verhehlter Jronie fort: „Ich ſtelle die Winzigkeit Ihrer Mittel nicht in Abrede, ich ſtimme mit Ihnen überein: ſie ſind ſehr kindiſch, ſehr gewöhnlich. Aber das genügt gerade noch nicht, um einen hohen Begriff von Ihrem Verdienſt zu geben. Ich möchte mir alſo erlauben, zu fragen — — —“ „Was dieſe Mittel gefruchtet haben?“ ergänzte Rodin mit einer bei ihm nicht gewöhnlichen Aufregung. „Blicken Sie in mein Spinnengewebe und Sie werden darin das ſchöne kecke Mädchen ſehen, welches vor ſechs Wochen ſo ſtolz war auf ſeine Schönheit, auf ſeinen Geiſt, auf ſeine Verwegen— heit, — jetzt bleich und matt, im Herzen tödlich verwundet. „Aber „“ meinte die Fürſtin, „der Ausbruch ritterlicher Unerſchrockenheit bei dem indiſchen Prinzen, welcher ganz gris ergriffen hat, muß doch wohl auch das Fräulein von ville gerührt haben.“ „Allerdings. Aber ich habe die Wirkung dieſer dummen, eines Wilden würdigen Ergebenheit gelähmt dadurch, daß ich dem Fräulein zeigte, es genüge nicht, ſchwarze Panther zu tödten, um zu beweiſen, daß man ein treuer und zart⸗ fühlender Liebhaber ſei.“ „Gut,“ ſagte Aigrigny. „Das ſtünde feſt: das Fräulein von Cardoville iſt im Herzen verwundet.“ „Aber,“ fragte der Cardinal neugierig, indem er den Ellen⸗ bogen auf den Tiſch ſtützte, „was ergibt ſich daraus für die Rennepont'ſche Erbſchaftsangelegenheit?“ „Es ergibt ſich daraus,“ antwortete Rodin, „erſtlich, daß der ſo gefährlich verwundete gefährlichſte Feind das Schlacht⸗ feld verläßt; und das, denk' ich, iſt ſchon etwas.“ „Allerdings,“ beſtätigte die Fürſtin, „hätte das Fräulein von Cardoville mit ſeinem Geiſt und ſeiner Verwegenheit die Seele des gegen uns gerichteten Bundes werden können.“ „Das mag ſein,“ fing der Marquis hartnäckig wieder „In dieſer Beziehung iſt ſie nicht mehr zu und das — iſt ein Vortheil. Aber die Wunde im Herzen wird ſie nicht hindern, zu erben.“ „Woher wiſſen Sie denn das?“ fragte Rodin mit kaltblü⸗ tiger Zuverſicht. Wiſſen Sie warum ich ſo viel gethan habe, erſt um ſie wider ihren Willen dem Prinzen zu nähern, und dann um ſie noch mehr wider ihren Willen von ihmzuentfernen?“ „Ich frage Sie, inwiefern dieſer Sturm von Leidenſchaften das Fräulein von Cardoville und den Prinzen hindern wird, zu erben,“ entgegnete Aigrigny. „Fährt der Blitz von einem heiteren oder von einem ſtür⸗ miſchen Himmel herab, wenn er einſchlägt?“ fragte Rodin in geringſchätzigem Ton. „Sein Sie ruhig; ich werde wiſſen wohin ich den Blitzableiter zu ſetzen habe.“ — Herr Hardy hat bisher für drei Dinge gelebt: für ſeine Arbeiter, für einen Freund, für eine Geliebte. Er hat drei Pfeile ins Herz bekommen. Ich halte immer auf's Herz. Das verſtößt wider kein Geſetz und iſt ſicher.“ „Es verſtößt wider kein Geſetz, es iſt ſicher, und es iſt löblich,“ ſprach der feiſte Biſchof. „Denn wenn ich recht ge⸗ hört habe, ſo hatte dieſer Fabrikant eine Beiſchläferin. Und eine böſe Leidenſchaft zur Beſtrafung des Frevlers zu benutzen, das iſt recht.“ „Kein Zweifel,“ bekräftigte der Cardinal. „Sie haben böſe Leidenſchaften, und man bedient ſich derſelben: das iſt ihre Schuld.“ „Unſere Mutter Sancta Perpetua hat aus allen Kräften zur Entdeckung dieſes abſcheulichen Ehebruchs beigetragen,“ bemerkte die Fürſtin. „Zugegeben,“ ſagte der Marquis, welcher nur Schritt für Schritt zurückwich. „Hardy iſt in dem angegriffen, was ſeinem Herzen am theuerſten war. Aber er iſt auch in ſeinem Ver⸗ mögen angegriffen und wird deshalb nur um ſo gieriger auf den fetten Biſſen der großen Erbſchaft ſein.“ Dieſer Einwand kam den beiden Prälaten und der Fürſtin erheblich vor. Alle ſahen Rodin mit geſpannter Aufmerkſam⸗ keit an. Anſtatt zu antworten, ging der Jeſuit an das Büffet, fing, wider ſeine Gewohnheit ſtviſcher Nüchternheit und trotz ſeiner Abneigung gegen den Wein, die Flaſchen zu unterſuchen an und fragte: „Was iſt darin?“ — 102 — „Bordeaur und Kerez,“ antwortete die Fürſtin, erſtaunt über die plötzliche Lüſternheit Rodins. Rodin nahm auf Gerathewohl eine Flaſche, ſchenkte ſich ein Glas Madeira ein und trank es in einem Zuge aus. Seit einigen Augenblicken hatte es ihn mehrmals ganz ſonderbar kalt überlaufen. Dem Schauder war eine gewiſſe Schwäche gefolgt, und im Wein hoffte er Stärkung zu finden. Nach⸗ dem er mit der Außenſeite ſeiner ſchmierigen Hand ſeine Lippen abgewiſcht, kehrte er an den Tiſch zurück und fragte den Marquis: „Was haben Sie mir in Bezug auf Herrn Hardy geſagt?“ Innerlich verletzt durch den gebieteriſchen Ton ſeines Vor⸗ geſetzten, wiederholte Aigrigny: „Ich habe geſagt: Da er in ſeinem Vermögen angegriffen iſt, wird er um ſo gieriger auf den fetten Biſſen der großen Erbſchaft ſein.“ „Herr Hardy und an's Geld denken!“ erwiderte Rodin achſelzuckend. „Denkt er denn überhaupt? Alles in ihm iſt gebrochen. Gleichgültig gegen die Dinge des Lebens liegt er in einer Betäubung, aus welcher er nur erwacht, um in Thränen zu zerfließen. Dann ſpricht er mit einer maſchinen⸗ mäßigen Güte zu denen, welche ihm die liebevollſte Sorgfalt widmen (und daß er in guten Händen iſt, dafür hab' ich geſorgt). Er fängt jetzt an, ſich erkenntlich zu zeigen für die ihm unausgeſetzt bewieſene zärtliche Theilnahme. Denn er iſt gut, vortrefflich, ſo vortrefflich wie ſchwach, und auf dieſe Vortrefflichkeit werd' ich Sie anweiſen, Pater Aigrigny, da⸗ mit Sie vollenden, was noch zu thun übrig iſt.“ „Mich?“ fragte der Marquis höchlich erſtaunt. „Ja, und dann werden Sie ſehen, ob das Ergebniß, welches ich erlangt habe, — — — nicht bedeutend iſt — — und — — — Er fuhr mit der Hand über die Stirn und ſagte für ſich „Das iſt ſeltſam!“ „Was iſt Ihnen?“ fragte die Fürſtin. . „Nichts,“ antwortete Rodin ſchaudernd. „Der Wein, den ich getrunken habe, — — ich bin nicht daran gewöhnt. Ich fühle ein wenig Kopfweh — — Es wird vergehen.“ 4. „Ihre Augen ſind wirklich ſehr roth, lieber Pater, ſagte die Fürſtin. Mit ſeinem unheitlichen Lächeln erwiderte der Jeſuit: ————— 108 „Das kommt daher, daß ich zu ſcharf in mein Gewebe ge⸗ ſehen habe, und ich muß noch ferner hineinſehen, um dem Pater Aigrigny, der den Kurzſichtigen ſpielt, . . . meine andern Fliegen zu zeigen „. . . z. B. die Töchter des Generals Simon, welche von Tag zu Tag trauriger und niederge⸗ ſchlagener werden, da ſie fühlen, wie eine Schranke von Eis ſich zwiſchen ihnen und ihrem Vater erhebt. Und dieſer! Man muß ihn hören und ſehen ſeit dem Tod ſeines Vaters, wie er hin und her gezerrt wird zwiſchen zwei widerſprechen⸗ den Gedanken. Heute glaubt er ſich entehrt, wenn er eine gewiſſe Sache thut, morgen glaubt er ſich entehrt, wenn er ſie unterläßt. Dieſer Soldat, dieſer Held des Kaiſerreichs iſt gegenwärtig ſchwächer und unentſchloſſener als ein Kind. Nun was bleibt noch von der gottloſen Familie übrig? Jakob Rennepont? Fragen Sie Morok, in welcher Abge⸗ ſtumpftheit er ſich in Folge der Völlerei befindet und welchem Abgrund er zutaumelt. . . . . Da haben Sie meine Bilanz. Da ſehen Sie, in welchem Zuſtand der Abgeſchiedenheit und Nichtigkeit ſich heute alle Mitglieder dieſer Familie befinden, welche vor ſechs Wochen ſo viele kräftige und im Fall ihrer Vereinigung ſo gefährliche Elemente enthielt. Da ſehen Sie dieſe Rennepont, welche nach dem Rath ihres ketzeriſchen Vorfahren ihre Kräfte vereinigen ſollten, um uns zu be⸗ kämpfen und zu erdrücken. . . . . Sie waren ſehr zu fürch⸗ ten. .. Was hatte ich geſagt? Ich werde auf ihre Leiden⸗ ſchaften wirken. Was hab' ich gethan? Ich habe auf ihre Leidenſchaften gewirkt, und ohnmächtig zappeln ſie jetzt in meinem Netz, welches ſie von allen Seiten umſchlingt. Ich ſage Ihnen, ſie ſind mein — — — ich habe ſie!“ Seit einigen Augenblicken, während er ſprach, hatte ſich das Geſicht und die Stimme Rodin's ſonderbar verändert. Seine Farbe, gewöhnlich der eines Leichnams ähnlich, war immer röther geworden aber ungleich, wie marmorirt. Und was ganz ſonderbar war — ſeine Augen wurden nicht nur immer glänzender, ſondern ſie ſchienen auch immer tiefer einzuſinken, und ſeine bald ſchnelle, bald völlig verſagende Stimme klang kreiſchend. Dieſe Veränderung, deren er ſich nicht bewußt zu ſein ſchien, war ſo auffallend, daß die übrigen Perfonen dieſes Auftritts ihn mit einem gewiſſen Schrecken betrachteten — 104 — Rodin, über das Weſen dieſes Eindrucks ſich täuſchend, gerieth in Unwillen und rief, zuweilen durch beſchwerliches Athmen unterbrochen: „Iſt vas Mitleid mit dieſem gottloſen 1 Geſchlecht, was ich auf Ihren Geſichtern leſe? . . . Mitleid! 3 Mit dieſem Mädchen, welches nie einen Fuß in eine Kirche geſetzt hat und welches in ſeinem Hauſe Götzenaltäre errich⸗ 3 tet? Mitleid! . . . Mit dieſem Hardy, dieſem ſentimen⸗ 3 talen Läſterer, dieſen atheiſtiſchen Philantbropen, der in ſeiner 3 Fabrik keine Kapelle hatte und der ſich erfrechte, die Namen von Sokrates, von Mark Aurel, von Plato an den Namen unſeres Erlöſers zu heften und dieſen Jeſus, den gött⸗ lichen Philoſophen zu nennen? . . Mitleid! Mit dieſem Brahma-Anbeter?. . .. Mitleid! . . . . Mit dieſem Paar Schweſtern, die nicht einmal die Taufe empfangen haben? Mitleid! . . . Mit dieſem Thier Jakob Rennepont? . . . Mitleid! Mit dieſem dummen kaiſerlichen Soldaten, deſſen Gott Napoleon iſt, und deſſen Evangelium die Bülletins der großen Armee ſind? . Mitleid! Mit dieſer Renegatenfamilie, deren Vorfahr, ein ſchändlicher vückfülliger Sünder, nicht zu⸗ frieden, uns unſer Gut geſtohlen zu haben, noch aus ſeinem Grab nach anderthalb Jahrhunderten ſein verfluchtes Ge⸗ ſchlecht auffordert, das Haupt wider uns zu erheben? — Was? Um uns dieſes Otterngezüchts zu erwehren, ſollten wir nicht das Recht haben, ſie in dem Gift zu erſüufen, welches ſie ausſchwitzen? . . . Wahrlich, wahrlich, ich ſage euch, das heißt Gott dienen, das heißt ein heilſames Erempel ſtatuiren, wenn man vor aller Welt Augen dieſe gottloſe Familie gerade durch Entfeſſelung ihrer Leidenſchaften dem Schmerz, der Verzweifelung, dem Tode weiht!“ Rodin war ſchrecklich anzuſehen in ſeinem Grimm. Das Feuer ſeiner Augen ward noch blitzender. Seine Lippen waren trocken Kalter Schweiß rann über ſeine Schläfe, an welchen man den ſchnellen Puls bemerkte. Neue eiskalte Schauer überliefen ihn. Er ſchrieb dies zunehmende Un⸗ wohlſein dem Krummſitzen zu, denn er hatte einen Theil der Nacht geſchrieben. Einem neuen Anfall von Schwäche zu⸗ begegnen, ging er wieder ans Büffet, füllte ein zweites Glas Wein und leerte es auf einen Zug. Als er nach dem Tiſch zurück ging, ſagte der Cardinal: „Wenn der Weg, den Sie mit dieſer Familie eingeſchlagen haben, einer Rechtfertigung bedürfte, ſo läge ſie in dem, was Sie zuletzt geſagt haben, mein lieber Pater. Nicht allein nach dem Ausſpruch Ihrer Caſuiſten ſind Sie in Ihrem vol⸗ len Recht, ſondern in ihrem Thun liegt auch nichts nach menſchlichen Geſetzen tadelhaftes. Die göttlichen Geſetze aber beſagen: es iſt dem Herrn wohlgefällig, wenn man den Gottloſen bekämpft und zu Boden ſchlägt durch die Waffen, welche er uns gegen ſich in die Hand gibt.“ Auch Aigrigny war gleich den Uebrigen durch die teufliſche Zuverſicht Rodin's hingeriſſen und zu einer Art ſcheuer Be⸗ wunderung zurückgebracht. „Ich bekenne,“ ſagte er, „daß ich Unrecht hatte, an der geiſtigen Größe Ewr. Ehrwürden zu zweifeln. Ich habe mich durch den Schein täuſchen laſſen über den Werth der von Ihnen angewandten Mittel. Indem ich ſie einzeln betrachtete, konnte ich nicht die furchtbaren Wirkungen ermeſſen, die ſie in ihrem Zuſammenhang hervor⸗ gebracht haben. Jetzt ſehe ich: Dank Ihren Bemühungen iſt der Erfolg nicht mehr zweifelhaft.“ „Das iſt eine Uebertreibung!“ verſetzte Rodin in fieber⸗ hafter Aufregung. „Alle jene Leidenſchaften ſind jetzt in Gährung; aber der Augenblick iſt kritiſch. Gleich dem Alchy⸗ miſten über ſeinem Tiegel, in welchem eine Miſchung kocht, welche ihm den Tod oder unermeßliche Schätze geben kann, vermag nur ich allein in dieſer Stunde — — —“ Rodin konnte nicht ausreden. Er fuhr plötzlich mit beiden Händen an ſeine Stirn und ſtieß einen erſtickten Schrei des Schmerzes aus. „Was fehlt Ihnen?“ fragte Aigrigny. Seit einigen Augen⸗ blicken werden Sie entſetzlich blaß.“ „Ich weiß nicht, was mir iſt,“ erwiderte Rodin mit ge⸗ dämpfter Stimme. „Mein Kopfſchmerz nimmt zu; eine Art Schwindel hat mich einen Augenblick betäubt.“ „Setzen Sie ſich,“ bat die Fürſtin theilnehmend. „Nehmen Sie etwas zu ſich,“ fügte der Biſchof hinzu. „Es wird vergehen,“ erwiderte Rodin, indem er ſeine Kräfte zuſammen nahm. „Ich bin, Gottlob, nicht weich ge backen. . . Ich habe dieſe Nacht wenig geſchlafen. Es iſt Ermüdung „ nichts weiter. Ich ſage alſo: Ich allein — 106 — kann jetzt dieſe Angelegenheit leiten, nicht aber ausführen. . .. Ich muß verſchwinden, aber ſtets im Dunkeln wachen und alle Fäden in der Hand halten, welche — — ich allein — — bewegen — — kann.“ „Liebſter Pater,“ ſagte der Cardinal, beunruhigt durch den gepreßten Ton der letzten Worte Rodin's, „ich verſichere Sie, Sie ſind ernſtlich unwohl. Sie ſind bleich und werden gelb.“ „Möglich,“ erwiderte Rodin herzhaft; „aber ich laſſe mich durch eine ſolche Kleinigkeit nicht niederſchlagen. Alſo wieder auf unſere Geſchichte zu kommen, — Pater Aigrigny, jetzt iſt der Augenblick, wo Ihre Fähigkeiten (und daß ſie groß ſind, hab' ich nie geleugnet) mir ſehr zu Statten kommen können. Sie wiſſen zu gewinnen, zu bezaubern. Sie haben eine eindringliche Beredſamkeit. . . . Es wird nöthig ſein.. . .“ Rodin ſtockte abermals. Von ſeiner Stirn rann der kalte Schweiß. Die Füße verſagten ihm den Dienſt und trotz ſeiner hartnäckigen Willenskraft geſtand er: „Ich fühle mich wirklich nicht wohl. . . . Und doch war ich dieſen Morgen ſo friſch wie nur je. . . . Ich zittre. . ich bin eiskalt.“ „Kommen Sie ein wenig näher ans Feuer,“ ſagte der ſchwitzende Biſchof, ihm mit heldenmüthiger Aufopferung den Arm reichend. „Das iſt eine plötzliche Uebelkeit, welche keine Folgen haben wird.“ „Wenn Sie ein warmes Getränk nähmen?“ rieth die Fürſtin. „Eine Taſſe Thee? — Glücklicher Weiſe muß Herr Baleinier bald kommen. Er wird uns beruhigen . . über dieſe Unpäßlichkeit.“ „Das iſt wirklich. . . unerklärlich,“ ſagte der Cardinal. Rodin, der ſich mühſam nach dem Feuer geſchleppt hatte, wandte ſich gegen den römiſchen Kirchenfürſten und ſah ihn eine Secunde lang ſcharf an mit einem ſonderbaren Blick. Während die Entſtellung ſeiner Züge ſichtlich zunahm, kämpfte ſeine unbeugſame Willenskraft noch immer gegen die zuneh⸗ mende Schwäche an. Er bemühte ſich ſeiner gebrochenen Stimme Feſtigkeit zu geben und ſagte: „Das Feuer hat mich wieder erwärmt. Es wird nichts zu ſagen haben. Ich hätte jetzt gerade knavpe Zeit, mich zu hätſcheln. . .. Wie ſich das treffen muß! . . . Krank zu werden in dem Augenblicke, wo die Rennepont'ſche Sache nur durch mich gelingen kann! Alſo zurück zu unſerer Sache.. . . Ich ſage Ihnen, Pater Aigrigny, Sie können uns viel nützen . und auch Sie Frau Fürſtin. Sie haben ſich dieſer Sache angenommen, als wäre ſie die Ihrige, und . . . “ 5 Rodin ſtockte zum dritten Mal. Er ſtieß einen durchdrin⸗ genden Schrei aus, ſank auf einen neben ihm ſtehenden Stuhl, warf ſich unter Zuckungen zurück und rief, beide Hände auf die Bruſt drückend: „O, welche Schmerzen!“ Waren ſeine Züge vorher ſchon verändert, ſo wurden ſie jetzt entſtellt, wie bei einer verweſenden Leiche. Seine hohlen mit Blut unterlaufenen Augen zogen ſich tief in ihre Höhlen zurück, welche jetzt zwei dunklen Löchern glichen mit zwei feurigen Punkten auf dem Grund. Stoßweiſe Nervenzuckun⸗ gen ſpannten ſeine ſchlaffe, feuchte, eiskalte Haut feſt über alle vorſtehenden Knochen ſeines jetzt grünlichen Geſichts. Aus ſeinen durch einen entſetzlichen Schmerz verzerrten Lippen drang ein kurzer Athem und dann und wann die Worte: „O! welche Qual! . . . Ich brenne!“ Er hatte in einem Zug ſeine Weſte aufgeknöpft und ſein ſchmieriges Hemd zerriſſen, als ob der Druck dieſer Kleider die Pein, in welcher er ſich krümmte, vermehrte. Endlich in einem An⸗ fall von Wuth zerkratzte er die entblößte Bruſt mit ſeinen Nägeln. . Der Cardinal, der Biſchof und Aigrigny waren aufge⸗ ſprungen und ſuchten ihn zu halten, damit er nicht in ſeinen ſchrecklichen Zuckungen zu Boden ſtürzte. Plötzlich raffte er ſeine Kräfte zuſammen, ſtellte ſich auf die Füße ſtrack wie eine Leiche, und heftete, während ſein dünnes graues Haar ſich über ſeinem grünen Geſicht ſträubte ), ſeine rothen, flammenden Augen auf den Cardinal, der ſich eben nach ihm hin beugte. Er packte ihn krampfhaft mit beiden Händen und ſchrie in einem fürchterlichen Ton mit der Stimme eine Menſchen, der erdroſſelt wird: „Cardinal Malipieri! . Dieſe Krankheit kommt zu plötzlich! . Man mißtraut m in Rom! . . Ihr ſeid vom Geſchlecht der Borgia! und Euer Secretär . . . . war dieſen Morgen bei mir! ¹) Offenbar wieder aus der Parodie S. vorletzte erſten Hälfte des 5. Theils. „Unglückſeliger!“ rief der Cardinal betroffen und empört über dieſe Anſchuldigung. „Was unterſteht ſich dieſer Menſch zu ſagen?“ Er ſuchte ſich von dem Jeſuiten loszureißen, deſſen krumme Finger ſteif waren wie Eiſen. Rodin murmelte noch die Worte: „Ich bin vergiftet!“ und ſank in die Arme des Pater Aigrigny. So entſetzt auch der Cardinal war, er verlor nicht die Beſinnung und flüſterte dem Marquis zu: „Er glaubt, man wolle ihn vergiften. Er muß demnach etwas Geführliches im Schild führen.“ Die Thür des Saals ging auf, und Doctor Baleinier trat ein. Bleich vor Schrecken lief die Fürſtin ihm entgegen und rief; „Ach, Herr Doctor! Der Pater Rodin hat plötzlich fürchterliche Zuckungen bekommen. Geſchwind! geſchwind! „Zuckungen? — hat nichts zu bedeuten. Beruhigen Sie ſich, Frau Fürſtin.“ Mit dieſen Worten warf Baleinier ſeinen Hut auf ein Tiſchchen, und eilte zu der Gruppe, die den Sterbenden umgab. „Hier iſt der Dortor!“ rief die Fürſtin. Die beiden Kithenfürſten traten zurück, während Pater Aigrigny ſeinen auf den Stuhl niedergeſunkenen ehemaligen Svcius hielt. Baleinier betrachtete mit zunehmendem Schrecken das Ge⸗ ſicht Rodin's, deſſen Farbe aus dem Grünen in's Bläuliche überging. „Himmel! welches Symptom!“ rief er aus. „Was iſt denn?“ fragten die Zuſchauer mit einem Mund. „Was iſt?“ wiederholte der Arzt, zurückprallend, als ob er auf eine Schlange getreten hätte. „Das iſt die Cholera! Das iſt anſteckend!“ Bei dieſem ſchrecklichen Zauberwort ließ Aigrigny ſeinen 4 Vorgeſetzten fahren. Rodin fiel vom Stuhl auf den Fuß⸗ teppich. 5 r iſt verloren!“ rief Baleinier. „Doch will ich fort und holen, was zu einem letzten Verſuch nöthig iſt.“ ſtürzte er nach der Thür. Die Fürſtin von St. der Abbé Marquis von Aigrigny, der Biſchof und irdinäl angſtvoll ihm nach. An der Thür gab es ein ſolches Gedräng, daß niemand aufmachen konnte. Sie ging endlich auf, weil ſie von außen geöffnet wurde. Gabriel erſchien, das Muſterbild des wahren, heiligen, evangeliſchen Prieſters, für den man nicht genug Achtung, Mitgefühl und Bewunderung hegen kann. Sein Engelsgeſicht bildete mit ſeiner ruhigen Milde einen ſeltſamen Gegenſatz zu all dieſen von Entſetzen verzerrten Geſichtern. Faſt wäre er von den Fliehenden über den Haufen geworfen worden, als dieſe ſich durch die von ihm geöffnete Thür drängten und riefen: „Gehn Sie nicht hinein! Er ſtirbt an der Cholera! Retten Sie ſich.“ Auf dieſe Worte hin ſchob Gabriel den dicken Biſchof, welcher hinten geblieben war und auch noch hinauswollte, in den Saal zurück und eilte auf Rodin zu. So wie die Thür wieder frei war, huſchte der Niederländer hinaus. Rodin lag auf dem Fußboden und krümmte ſich in unſäg⸗ lichen Schmerzen. Wahrſcheinlich hatte ſein heftiger Fall ſeine Lebensgeiſter wieder erweckt. Er murmelte mit einer Grabes⸗ ſtimme: „Sie laſſen mich ſterben — — hier . . . . wie einen Hund Die Feiglin Zu Hülfe! Niemand . . . .“ Mit einer krampfhaften Bewegung wälzte er ſich auf den Rücken, ſo daß er ſein vöh der Höllenangſt eines Verdammten entſtelltes Geſicht der Decke zukehrte, und wiederholte: „Niemand! Niemand! . . . Niemand!“ Sein plötzlich wild flammender Blick begegnete den großen blauen Augen Gabriels, der neben ihm niederkniete und mit ſanfter ernſter Stimme ſagte: „Ich bin hier, ehrwürdiger Vater. Ich komme, Ihnen beizuſtehen, wenn Ihnen zu helfen iſt, für Sie zu beten, wenn der Hert Sie zu ſich ruft.“ „Gabriel!“ murmelte Rodin mit matter Stimme, „Ver⸗ zeihung für — — das Böſe — — was ich Dir zugefügt habe Erbarmen! Verlaß mich nicht h Weiter konnte Rodin nicht reden. Mit der letzten Kraft hatte er ſich noch aufgeſetzt. Jetzt ſtieß er einen lauten Schrei aus und fiel regungslos um. Am Abend dieſes Tages las man in den pariſer Zei⸗ tungen Die Cholera iſt zu Paris. Der heut Nachmittag um halb vier Uhr d in der Babylonſtraße im Hötel St. Diz 2 Ende des ſiebenten Bandes. Sl 1 81 Jenq 1 E —