Leihbiblivthek utſcher, engliſcher und franzöſiſcher Literatur von Cdnard Olkmann in Gießen, Schloßgaſſe Lit. A. Nr. 256. eih- und Seſebedingungen. 1. Oflensein der Bibliothek. Die Bibliothek ſteht zur Em⸗ pfangnahme und Rückgabe der Bücher jeden Tag von 7 Uhr bis Abends 8 hr offen. . 2. Lesepreis. Bei Rückgabe eines geliehenen Buches wird von jedem Tag 5 Pf bezahlt. Die Zeit eines Tages iſt zu 24 Stun⸗ den angenommen. 2 3. Caution. Unbekannte Perſonen müſſen, bei Entgegennahme eines Buches, eine dem Werthe deſſelben entſprechende Summe Morgens binteriegen, welche bei deſſen Zurückgabe von mir zurückerftattet wird. 4. Abonnement. Daſſelbe muß voraus bezahlt werden und beträgt: für wöchentlich 2 Bücher: 4 Bücher: 6 Bücher: auf 1 Monat: T W — Pf 1 N d 2 N 3 — 5. Auswärtige Abonnenten haben für Hin⸗ und Zurückſendung der Bücher auf ihre eigenen Koſten und Gefahr ſelbſt zu ſorgen⸗ 6. Schadenersatz. Für beſchmutzte, zerriſſene, verlorene und defecte Vücher (namentlich bei ſolchen mit Kupfern ꝛc.) muß der Ladenpreis erſetzt werden. — Iſt das zerriſſene, beſchmutzte, ver⸗ lorene oder defecte Buch ein Theil eines größeren Werkes, ſo iſt der Leſer zum Erſatz des Ganzen verpflichtet. 7. Ausleihereit. Dieſelbe iſt auf 14 Tage feſtgeſetzt und wird beſonders darauf aufmerkſam gemacht, dahev Leiterverleihen der Bücher nicht ſtattfinden darf, indem Diejenigen, welche die⸗ ſelben von mir geliehen, auch dafür zu ſtehen haben. — / 47 —— 2 Roman von Eugen Sue. Ueberſe „ on Friedrich Funck. . Fünfter Band. Frankfurt a. M. Verlag von Auguſt Oſterriet 1844. Erſter Theil. Der Be ſch ü h Erſtes Kapitel. Der uUnbekannte. Tags darauf, nachdem der Pater Aigrigny durch Rodin ſo unſanft in die früher von ſeinem Socius innegehabte Stel⸗ lung hinabgedrückt worden war, fand nachfolgender Auf⸗ tritt ſtatt. Die Clovisſtraße iſt bekanntlich eine der einſamſten Stellen des St. Genovefenberges. Zu der Zeit unſerer Geſchichte beſtand das Haus Nro. 4 in dieſer Straße aus einem Ge⸗ bäude, durch welches ein dunkler Gang in einen kleinen düſte⸗ ren Hof führte. Hinten in dieſem erhob ſich ein zweites äußerſt elendes und verfallenes Gebäude. Das Erdgeſchoß der Vorderſeite bildete einen halb unter⸗ irdiſchen Laden, in welchem Kohlen, Wellen, Gemüſe und Milch verkauft wurde. . . Es ſchlug neun Uhr. Die Verkäuferin, genannt die alte einem braunen Kleid von Barchent und mit einem Tuch von rothem Baumwollenzeug um den Kopf, ſtand auf der letzten Stufe der Treppe, die in ihre Höhle führte und beendigt eben die Ausſtellung ihrer Verkaufsgegenſtände, d. h. ſtellte auf die eine Seite ihrer Thür einen blechernen Mile Arſene, eine alte Frau von ſanftem kränklichem Ausſehen in . — eimer und auf die andere einige Gebunde welker Zwiebeln und etliche gelbliche Kohlhäupter. Am Fuß der Treppe, im Halbſchatten dieſes Kellers, ſah man den Widerſchein des Feuers, welches in einem kleinen Ofen brannte. Dieſer Laden, dicht neben dem kleinen Durchgang, diente als Portierſtübchen, und die Gemüsfrau diente als Haus⸗ hüterin. Bald kam ein niedliches Geſchöpf aus dem Haus und ſchwänzelte mit leichten Schritten in den Keller der alten Arſene. Dies Mädchen war Roſe Pompon, die Buſenfreundin der Königin Bacchanal, für den Augenblick Wittwe, deren bacchiſcher aber achtungsvoller Cicisbeo, wie wir wiſſen, Nini⸗ Moulin war, dieſer orthodoxe Mohrentänzer, welcher ſich vor⸗ kommenden Falls nach dem Zechen in Jakob Dumvulin ver⸗ wandelte, den religiöſen Schriftſteller, und ſo luſtig vom un⸗ züchtigen Tanz zur ultramontanen Polemik überging, von der ſtürmiſchen Tulpe zu einem katholiſchen Pamphlet. Roſe Pompon hatte eben ihr Bett verlaſſen, wie aus der Nachläſſigkeit ihrer wunderlichen MWorgenkleidung erſichtlich war. Ohne Zweifel in Ermangelung einer andern Kopfzier trug ſie auf ihren ſchönen, wohlgekämmten und geglätteten blonden Haaren eine Policemütze, die ſie von ihrer Verklei⸗ dung als ſtutzerhafter Ablader entlehnt hatte. Man konnte ſich nichts ſchelmiſcheres denken, als dies ſiebzehnjährige, roſige, friſche Geſichtchen mit Grübchen in Kinn und Wangen, belebt von zwei munteren ſtrahlenden blauen Augen. Roſe Pompon war vom Hals bis zu den Füßen ſo dicht in ihren etwas verſchoſſenen roth und grün gewürfelten ſchottiſchen Mantel verhüllt, daß man denken mußte, Gedanken der Scham gingen ihr im Kopfe herum. An ihren nackten Füßen, die ſo weiß waren, daß man nicht wußte, hatte ſie Strümpfe an oder nicht, trug ſie rothe Saffianſchuhe mit verſilberten Schnallen. Es war leicht zu bemerken, daß ihr Mantel einen Gegenſtand verbarg, den ſie in der Hand hielt. „Guten Morgen, Mamſell Roſe Pompon,“ ſagte die alte Arſene mit freundlicher Miene. „Sie ſind heute früh auf. Sie haben wohl geſtern nicht getanzt?“ „Reden Sie nicht davon, alte Arſene. Ich hatte ſchlechte Luſt zu tanzen Die arme Cephiſe hat die ganze Nacht ge⸗ 6 3 weint. Sie kann ſich nicht darüber tröſten, daß ihr Liebha ber im Gefängniß ſitzt.“ 22 „Hören Sie, Mamſell,“ ſagte die Händlerin, „ich muß Ih⸗ nen etwas ſagen über Ihre Freundin Cephiſe. Sie werden es doch nicht übel nehmen?“ „Als ob ich ſo empfindlich wäre!“ erwiederte Roſe Pom⸗ pon achſelzuckend. . „Glauben Sie, daß Herr Philemon, wenn er zurückkommt, mich nicht ausſchelten wird?“ „Sie ausſchelten? Warum?“ „Wegen ſeiner Wohnung, die Sie inne haben. ...“ „Ei, ei, alte Arſene! Hat Ihnen Philemon nicht vielmehr . geſagt, daß ich in ſeiner Abweſenheit Herrin ſeiner zwei Zim⸗ mer ſeyn ſollte, wie ich Herrin ſeiner ſelbſt bin?“ „Ich ſpreche nicht von Ihnen, Mamſell. Ich ſpreche von Ihrer Freundin Cephiſe, die Sie in die Wohnung des Herrn . Philemon mitgebracht haben.“ p. „Liebe, alte Arſene, wo hätte ſie denn hingehen ſollen ohne * mich? Seitdem ihr Liebhaber verhaftet iſt, hat ſie nicht ge⸗ wagt in ihrer Wohnung zu bleiben, weil ſie dort alles mög⸗ liche ſchuldig ſind. Da ich ihre Verlegenheit ſah, ſagte ich ihr: Komme mit mir und wohne bei Philemon. Kehrt er 1 zurück, dann werden wir dich ſchon anderweit einqu iren.“ „Manſellchen, wenn Sie mich verſichern, daß Herr Phile⸗ 3 mon nicht zanken wird, dann bin ich's zufrieden.“ „Janken? Worüber? Daß man ihm ſeine Haushaltung zu Schanden richtet? Er hat eine prächtige Haushaltung! Ge⸗ † ſtern hab' ich ſeine letzte Taſſe zerbrochen. Da ſehen Sie, 1 in welch ſchnurrigem Ding ich Milch holen muß!“ * S 5 3 * Roſe Pompon lachte laut auf, ſtreckte ihren hübſchen wei⸗ ßey⸗ Arm aus ihrem Mantel und ließ die alte Arſene eins 8 von den coloſſalen Champagnergläſern ſehen, welche beiläufig eine Flaſche halten. „Ei du mein Gott!“ rief die Händlerin verdutzt. Bas ſieht ja aus wie eine Trompete von Kryſtall!“ „Das iſt das Paradeglas Philemon's. Es iſt ihm verehrt worden, als er in die Geſellſchaft der Bootsleute aufgenom⸗ nen wurde,“ ſagte Roſe Pompon ernſthaft. Hut, ſeinem alten Rock, ſeinem geflickten Regenſchirm und „Und Sie ſagen, dahinein müßte Ihre Milch gemeſſen wer⸗ den? O ich ſchäme mich für Sie,“ erwiederte die Alte. „Und ich, — wenn ich jemanden auf der Treppe begeg— nete, während ich dies Glas wie eine Kerze trage — ich müßte lachen und würde das letzte Stück aus dem Bazar Philemon's zerbrechen, und er würde mir fluchen.“ „Es ſteht nicht zu befürchten, daß Sie jemanden begegnen. Der Erſte iſt ſchon ausgegangen und der Zweite ſteht ſehr ſpät auf.“ „Da Sie von Miethsleuten reden —“ ſagte Roſe Pom⸗ pon, „iſt nicht hinten im Hof im zweiten Stock eine Stube zu vermiethen? Ich denke daran für Cephiſen, wenn Phile⸗ mon zurückkommt.“ „Ja, unter dem Dach iſt ein ſchlechtes Stübchen über den zwei Zimmern des guten Alten, der ſo geheimnißvoll iſt,“ antwortete Arſene. „Aha, der alte Charlemagne. — Wiſſen Sie weiter nichts zber ihn?“ „Wahrhaftig nicht, Mamſellchen, außer daß er dieſen Mor⸗ gen mit Tagesanbruch gekommen iſt. Er hat an den Fen⸗ ſterladen geklopft und gefragt: Liebe Frau, haben Sie nicht geſtern einen Brief für mich erhalten? (Er iſt immer ſehr höflich, der gute Mann.) — Nein, ſagte ich. — Gut, gut! Dann laſſen Sie ſich nicht ſtören; ich komme wieder vorbei. — Und damit ging er weg.“ „Er ſchläft alſo nie im Hauſe?“ „Nie. Vermuthlich wohnt er anderwärts, denn er kommt nur alle vier oder fünf Tage und bringt einige Stunden im Tag hier zu.“ „Und er kommt allein?“ „Immer allein.“ „Sind Sie deſſen gewiß? Bringt er nicht etwa ein Weib⸗ lein in's Haus? denn in dieſem Fall würde Philemon Ihnen aufſagen,“ bemerkte Roſe Pompon mit ſcherzhaft ſchamhafter WMiene. „Herr Charlemagne! eine Weibsperſon bei ſich! Der arme, iebe Mann!“ rief die Händlerin, die Hände zum Himmel erhebend. „Sie müſſen ihn ſehen mit ſeinem ſchmierigen 1 1 — Spaß machen, etwas zu erfahren. Was ſoll das Stübchen— deckel.“ ſeinem ſeelenguten Geſicht! Er ſieht eher aus wie ein Heili⸗ ger, als wie etwas anders.“ ℳ. „Aber, alte Arſene, was ſoll er denn ſtundenlang allein treiben in dieſem Neſt hinten im Hof, wo man kaum um Mittag etwas ſieht?“ „Eben das frage ich mich, Mamſellchen. Was kann er treiben? Sich das Vergnügen machen unter ſeinen Möbeln zu ſeyn, das iſt nicht möglich. Er hat Alles da: ein Feld⸗ bett, einen Tiſch, einen Ofen, einen Stuhl und einen alten Koffer. „Das iſt ſo ohngefähr, wie die Ausſtaffirung des Zimmers von Philemon,“ bemerkte Rofe Pompon. „Was wollen Sie, Mamſell. Trotzdem hat er Angſt, daß Jemand in ſein Zimmer kommt, als ob man ein Dieb, oder als ob ſeine Möbel von gediegenem Golde wären. Er hat auf ſeine Koſten ein Sicherheitsſchloß machen laſſen. Er läßt mir nie ſeinen Schlüſſel. Das Feuer in ſeinem Ofen macht er lieber ſelbſt an, als daß er jemand in ſeine Stube ließe. „Und Sie ſagen, er iſt alt?“ „Ja, Mannſell, fünfzig bis ſechzig Jahr.“ „Und häßlich?“ „Stellen Sie ſich zwei Dinger vor wie Schlangenaugen, die wie Bohrlöcher in einem farbloſen Todtengeſicht ſitzen; dazu weiße Lippen. Das wäre das Antlitz. Seine Gemüths⸗ art anlangend, ſo iſt der gute alte Mann ſo höflich, zieht ſo oft ſeinen Hut ab und macht eine große Reverenz, daß man in Verlegenheit kommt.“ „Aber,“ ſagte Roſe Pompon, „ich komme immer wieder darauf zurück, was kann er ganz allein in ſeinen zwei Zim⸗ mern treiben? — Uebrigens, wenn Cephiſe nach Philemon's Rückkehr das Stübchen über ihm nimmt, können wir uns den koſten?“ „Mamſellchen, es iſt in ſo ſchlechtem Zuſtand, daß der Hausherr es, glaub' ich, für 50 — 55 Franken jährlich laſſen würde. Denn man kann keinen Ofen darin anbringen, und das Licht fällt hinein durch ein Fenſterchen, wie ein Doſen⸗ 6 — „Arme Cephiſe!“ ſagte Roſe Pompon ſeufzend und traurig den Kopf ſchüttelnd. „Nachdem ſie ſich ſo luſtig gemacht, nachdem ſie ſo viel Geld durchgebracht hat mit Jakob Renne⸗ pont, ſoll ſe nun dort wohnen und ſich wieder bequemen, von ihrer Hände Arbeit zu leben! Dazu gehört Muth!“ „Freilich,“ fügte die Alte hinzu, „freilich iſt ein großer Abſtand von dieſem armſeligen Stübchen zu der vierſpännigen Kutſche, in welcher Cephiſe Sie vor ein paar Tagen abgeholt hat, mit all den ſchönen Masken, die ſo luſtig waren, zumal der Dicke mit dem Helm von Silberpapier uud dem Fleder⸗ wiſch darauf und mit den Unſchlagſtiefeln. Das iſt einmal ein ſchnurriger Kauz!“ „Ja, Nini Muulin iſt ein luſtiger Kerl. Er hat ſeines Gleichen nicht im Tanz der Verbotenen Frucht. . . Man mußte ihn ſehen der Cephiſe, der Königin Bacchanal, gegen⸗ über. Arme, lachende Lärmmacherin! Wenn ſie jetzt Lärm macht, ſo geſchieht es durch Weinen!“ „O, die Jugend! die Jugend!“ ſagte die Händlerin. „Seyn Sie nur ſtill, alte Arſene. Sie ſind auch einmal jung geweſen.“ „Meiner Treu! das war der Mühe werth! Wenn ich die Wahrheit ſagen ſoll, ſo bin ich mir immer vorgekommen, wie Sie mich jetzt ſehen.“ „Und die Liebhaber, Frau Arſene?“ „Die Liebhaber? Ja freilich! Erſtens war ich häßlich und zweitens allzu gut gehütet.“ „Ihre Mutter hat Sie alſo ſcharf im Auge gehabt.“ „Nein, Manſell. Aber ich war angeſpannt.“ „Angeſpannt?“ fragte Roſe Pompon verdutzt. „Ja, Mamſell, an ein Waſſerträgerfaß mit meinem Bru⸗ der. Sie können ſich denken, wenn wir acht bis zehn Stun⸗ den des Tags wie zwei Pferde gezogen hatten, da verging mir die Luſt an Narrenspoſſen zu denken.“ „Arme Arſene! das war eine harte Arbeit!“ ſagte Roſe Pompon theilnehmend. „Im Winter bei Froſt war ſie am härteſten. Ich und mein Bruder mußten uns die Schuhe ſcharf machen laſſen wegen des Glatteiſes.“ 6 „ „Und ein weibliches ein ſolches Le treis 3 — — und ein halb Jahren hab ich angefangen zu weinen und für das Hundegeſchlecht, die das Anſpannen bieten. ben muß! Da möchte ſich ja ein Stein erbarmen! Und man verbietet, Hunde anzuſpannen!“ *) bemerkte Roſe Pom⸗ pon ſehr vernünftig. 3 „Es iſt wirklich wahr,“ entgegnete die Alte. „Die Thiere ſind manchmal beſſer daran als die Menſchen. Aber was hilft's? Man will leben. Wo das Thier angebunden iſt, da muß es weiden. — Hart genug war es. Ich habe eine Lungenkrankheit davon getragen. Meine Schuld war es nicht. Wenn ich an dem Kärrnchen, an das ich geſpannt war, zog, da drückte es mich hier auf der Bruſt ſo, daß mir der Athem ausging.. Am Ende hab' ich denn auch das Fuhrwerk ſtehen laſſen und einen Laden angefangen. Das heißt, wenn ich Gelegenheit und Schönheit gehabt hätte, würd' ich viel— leicht geweſen ſeyn, wie ſo manches junge Blut, welches an⸗ fängt mit Lachen und aufhört mit...“ „Dem Gegentheil,“ ergänzte Roſe Pompon. „Sie haben Recht, Arſene. Aber nicht jedermann iſt herzhaft genug, ſich anzuſpannen, um ordentlich zu bleiben. Man beredet ſich, man müſſe luſtig leben, ſo lang man jung und hübſch iſt, man ſey nicht alle Tage ſiebzehn Jahr alt. Und dann und dann — käme entweder das Ende der Welt oder man hei⸗ rathe.“ „Sagen Sie nur, Mamſell, es wäre vielleicht beſſer gewe⸗ ſen, damit anzufangen.“ „Freilich. Aber man iſt zu dumm. Man verſteht nicht, die Männer zu beſchwatzen, oder in's Bockshorn zu jagen. Man iſt einfältig, traut ihnen und wird von ihnen angeführt. Sehen Sie, Arſene, ich wäre ein Beiſpiel zum Entſetzen, wenn ich erzählen wollte. Aber es iſt genug, daß man Kum⸗ mer gehabt hat. Man braucht ſich nicht auch noch Kopfweh mit Erinnerungen zu machen.“ . „Was? Sie Manſell, ſo jung und ſo luſtig, Sie haben Kummer gehabt?“ 0 „Das will ich meinen, Arſene! Im Alter von fünfzehn *) Bekanntlich gibt es Verordnungen voll rü nicht eher aufgehört als nach dem ſechzehnten. Ich denke, das war nicht übel.“ „Sie ſind alſo betrogen worden?“ „Noch ſchlimmer. Man hat es mir gemacht, wie ſo vie⸗ len andern armen Mädchen, die ſo wenig, wie ich anfangs Luſt hatten, Unrecht zu thun. Meine Geſchichte iſt nicht lang. Meine Eltern ſind Bauersleute aus der Gegend von St. Valéry, ſo arm, daß ſie von uns fünf Kindern mich in meinem achten Jahr nach Paris ſchicken mußten zu meiner Tante, die hier Haushälterin war. Die gute Frau hat mich aus Barmherzigkeit aufgenommen, und das war ſchön von ihr, denn ſie verdiente nicht viel. Als ich elf Jahr alt war, ſchickte ſie mich arbeiten in eine Fabrik der Antonsvorſtadt. Ich will den Fabrikherren nichts Böſes nachſagen; aber es kümmert ſie nicht, daß kleine Mädchen und kleine Knaben mit erwachſenen Mädchen und mit Burſchen von achtzehn bis zwanzig Jahren zuſammen ſind, alles bunt durcheinander. Sie können ſich denken, da gibt es, wie überall, ſchlechte Geſchöpfe, die ſich in Worten und Werken keinen Zwang anthun. Ich frage Sie nun, was gibt das für ein Beiſpiel für Kinder, die mehr ſehen und hören, als ſie ſich merken laſſen? Man wird größer und gewöhnt ſich täglich, Dinge zu ſehen und zu hören, die einen ſpäter nicht mehr ſcheu machen.“ „Es iſt wahr, — wenigſtens das, was Sie da ſagen, Mamſell Roſe Pompon. Die armen Kinder! Wer beküm⸗ mert ſich um ſie? Weder Vater noch Mutter. Sie ſind bei ihrer täglichen Arbeit.“ „Ja, ja, Arſene. Es iſt leicht, von einem ungerathenen Mädchen zu ſagen: das iſt auch Eine. Wenn man das Warum von den Dingen wüßte, würde man ſie lieber bekla⸗ gen als verurtheilen. — Um auf mich zurückzukommen: mit fünfzehn Jahren war ich ſehr hübſch. Eines Tages hatte ich mich beim erſten Commis der Fabrik zu beſchweren. Ich ging in ſeine Stube. Er ſagte, er würde mir Recht ſchaffen und ſogar mich unter ſeinen Schutz nehmen, wenn ich auf ihn hören wollte. Er wollte mich ſogleich küſſen. Ich wehrte mich. Da ſagte er mir: Du ſtößt mich zurück? Du bekommſt keine Arbeit mehr; ich jage Dich aus der Fabrik!“ „Der ſchlechte Kerl,“ rief Arſene. ———.— — * „Mit verweinten Augen kam ich nach Haus. Meine Tante ſprach n uth ein, daß ich nicht nachgeben und mich nach einem andern Platz umſehen ſollte. Ich ſah mich um, aber die Fabriken waren überfüllt. Ein Unglück kommt nie allein. Meine Tante wird krank; kein Sou im Haus. Ich nehme all meinen Muth zuſammen, gehe wieder in die Fabrik und flehe den Commis an. Es hilft nichts. Es geſchieht Dir Recht, ſagte er. Du haſt Dein Glück ausgeſchlagen. Wärſt Du artig geweſen, dann hätte ich Dich ſpäter vielleicht ge⸗ heirathet. — Was ſoll ich weiter ſagen? Das Elend war da, Arbeit hatte ich nicht. Meine Tante war krank. Der Commis ſagte mir, er würde mich heirathen. Ich habe ge⸗ than, wie ſo viele Andere.“ „Und als Sie ſpäter die Heirath verlangten?“ „Hat er mir ins Geſicht gelacht, und nach einem halben Jahr hat er mir die Thür gewieſen. Da habe ich mir alle Thränen aus den Augen geweint — daß ich keine mehr habe. Ich bin krank darüber geworden, und wie man ſich am Ende über Alles tröſtet, ſo habe ich mich eben auch getröſtet. A hatte ich einmal geſagt, nun ſagte ich auch B u. ſ. w. und endlich bin ich an Philemon gekommen. An ihm räche ich mich für die Andern. — Ich bin ſein Tyrann!“ fügte ſie mit tragiſcher Gebärde hinzu, und die Wolke der Traurigkeit, welche während ihrer Erzählung ihr hübſches Geſicht ver⸗ düſtert hatte, zerſtreute ſich. Die alte Arſene überlegte und ſprach: „Es iſt wahr. Man führt ein armes Mädchen an — und wer nimmt es unter ſeinen Schutz? Wahrlich; oft kommt w Böſe, wel⸗ ches geſchieht, nicht von Dir — und — — —“ „Sieh da, Nini Moulin!“ unterbrach Roſe — die Händlerin, indem ſie auf die andere Seite der Straße ſah. „Das iſt ein Frühauf! Was mag er von mir wollen?“ Roſe Pompon wickelte ſich immer ſchamhafter in ihren Mantel. Jakob Dumoulin kam daher, den Hut auf einem Ohr, mit rother Naſe und ſtrahlendem Auge, gehüllt i in einen Sackpaletot, unter welchem ſich die Ründe ſeines Wanſtes auszeichnete. Seine beiden Hände, von denen die eine einen gefährlichen dicken Stock trug, ſteckten in den weiten Seiten⸗ In dem Augenblick, wo er taſchen dieſes Kleidungsſtücks. „ auf die Schwelle des Ladens trat, um die Händlerin zu fra— gen, bemerkte er Roſe Pompon. „Ei, mein Püppchen! ſchon auf? das trifft ſich ſchön! Eben kam ich, Sie zu ſegnen beim Aufgang der Morgenröthe!“ Nini Moulin breitete bei dieſen Worten die Arme aus und ging auf Roſe Pompon zu. Dieſe wich einen Schritt zu⸗ rück. „Wie? undankbares Kind!“ fuhr der religiöſe Schrift— ſteller fort. „Sie weiſen meine morgendliche und väterliche Umhalſung zurück?“ „Väterliche Umhalſungen aeceptire ich bloß von Philemon. Geſtern habe ich einen Brief von ihm bekommen mit einem Fäßchen Traubenmus, zwei Gänſe, einen Krug Familienrata⸗ ſia und einen Aal. Hm! Iſt das nicht ein lächerliches Ge⸗ ſchenk? Ich habe die Ratafia behalten und das Uebrige ver⸗ tauſcht für zwei liebe Täubchen, die ich in dem Zimmer Phi⸗ lemon's eingeſtallt habe. Das iſt jetzt ein hübſcher Tauben⸗ ſchlag. Uebrigens kommt mein Gemahl mit 700 Franken zurück, die er ſeiner hochachtbaren Familie abgefordert hat unter dem Vorwand, Baßgeige, Klappenhorn und Sprachrohr ſpielen zu lernen, um in der Geſellſchaft verführeriſch zu ſeyn und eine Heirath zu machen. Er iſt ein Schwerenöther, wie Sie ſagen, ein guter Junge.“ „Demnach, mein Püppchen, könnten wir wohl die Familien⸗ ratafia verkoſten und uns luſtig machen, indem wir Philemon und ſeine 700 Fr. erwarten.“ Bei dieſen Worten ſchlug Nini Moulin auf ſeine Weſten⸗ taſchen, die einen metalliſchen Klang von ſich gaben, und fuhr fort: „Ich bin gekommen, Ihnen den Vorſchlag zu machen, mein Leben zu verſchönern heut und morgen und ſelbſt über⸗ morgen, wofern Ihr Herz nicht abgeneigt iſt.“ „Wofern es ſich von anſtändigen und väterlichen Beluſti⸗ gungen handelt, ſagt mein Herz nicht nein.“ „Sein Sie ruhig. Ich will für Sie ein Großvater, ein Urgroßvater, ein Familienporträt ſeyn. Per Exempel: Pro⸗ menade, Diner, Theater, Maskenball, Souper. Sagt Ihnen das zu?“ „Unter der Bedingung, daß die arme Cephiſe dabei iſt. Das wird ſie zerſtreuen.“ „Cephiſe ſoll ſeyn.“ — „Ei, ei! Sie haben wohl eine Erbſchaft gemacht, dicker Apoſtel?“ „Etwas beſſeres, o roſigſte aller Roſe Pompons! Ich bin Hauptredaeteur einer religiöſen Zeitſchrift. Und da man in dieſer achtbaren Boutike etwas vorſtellen muß, ſo verlange ich jeden Monat einen Monat voraus und drei Tage Frei⸗ heit. Unter dieſer Bedingung verſteh' ich mich dazu, in 27 Tagen unter dreißig den Heiligen zu machen und ſtets ernſt und niederſchmetternd zu ſeyn, wie das Journal.“ „Sie, ein Journal? Das muß ein drolliges Ding ſeyn. Das muß ganz allein auf den Tiſchen der Kaffeehäuſer in den Pas⸗Döfendus tanzen.“ „Gewiß muß es drollig ſeyn, aber nicht für jedermann! Alle Küſter mit wohlgeſpickten Beuteln tragen die Koſten. Sie ſehen das Geld nicht an, wenn nur das Journal beißt, reißt, brennt, quetſcht, tilgt und mordet. — Auf mein Ehren⸗ wort!“ fügte Nini Moulin derb lachend hinzu, „ich will ſo wüthig ſeyn, wie noch nie. Ich will die friſchen Wunden begießen mit meinem Gift premier crü oder mit meiner Galle grrrrand mousseux!!1“ Und zum Schluß ſeiner Rede ahmte Nini Moulin den Knall des ſpringenden Stopfens einer Champagnerflaſche nach. Roſe Pompon lachte herzlich und fragte: „Und wie ſoll Ihr Küſterjvurnal heißen?“ „Es heißt die Nächſtenliebe.“ „Gut! ein hübſcher Name.“ „Warten Sie nur, es hat noch einen Zweiten.“ „Laſſen Sie den Zweiten hören.“ „Die Nächſtenliebe oder der Vertilger der Un⸗ gläubigen, der Gleichgültigen, der Lauen und An⸗ derer, mit dem Motto des großen Boſſuet: Die, ſo nicht mit uns ſind, ſind wider uns. „So ſagt auch immer Philemon bei ſeinen Balgereien in der Chaumiöre, wenn er ſeinen Stock tanzen läßt.“ „Das beweiſt, daß der Adler von Meaur ein Univerſalgenie war. Nur Eins hab' ich ihm vorzuwerfen, daß er eiferſüchtig auf Moliere war.“ pon. „Ei was! Komödianteneiferſucht bemerkte Roſe Pom⸗ —— „Läſtermäulchen!“ rief Nini Muulin, ihr mit dem Finger drohend. „Alſo wollen Sie die Frau von St. Colombe vertilgen? Denn ſie iſt ein wenig lau, die Dame. Und Ihre Heirath?“ „Gerade die wird durch mein Jvurnal befördert. Beden- ken Sie, Hauptredacteur, das iſt eine herrliche Stellung. Die Küſter preiſen, heben, unterſtützen, ſegnen mich. Ich ſchneppe die heilige Taube, und dann gibt es ein Leben — ein Luderleben.“ In dieſem Augenblick trat ein Briefträger in den Laden, gab der Händlerin einen Brief und ſagte: „Für Herrn Char⸗ lemagne, frankirt, koſtet nichts.“ „Sieh da!“ rief Roſe Pompon. „Das iſt für den kleinen, alten Geheimnißkrämer, der ſo eigne Schliche hat. Kommt das wohl weit her?“ „Das will ich meinen,“ antwortete Nini Moulin, indem er den Brief anſah, den die Händlerin in der Hand hielt. „Ei, ei,“ fügte er hinzu, „was iſt denn das nur für ein wunder⸗ barer, kleiner Alter, von dem Sie ſprechen?“ „Dicker Apoſtel,“ antwortete Roſe Pompon, „ſtellen Sie ſich ein altes Männchen vor, das hier hinten im Hof zwei Zimmer hat. Er ſchläft nie darin. Von Zeit zu Zeit kommt er und ſchließt ſich darin ein. Nie läßt er jemand hinein, und kein Menſch weiß, was er darin treibt.“ „Das iſt ein Verſchwörer, oder ein Falſchmünzer,“ ſagte Nini Moulin lachend. „Der arme, gute Mann!“ erwiederte die alte Arſene. „Wo ſollte denn ſein falſches Geld ſeyn. Er bezahlt mir immer in rothen Kupferſtücken das Stück Brod und den Rettig, den ich ihm zum Frühſtück liefere, wenn er frühſtückt.“ „Und wie heißt dieſer alte Geheimnißkrämer?“ fragte Dumoulin. „Herr Charlemagne,“ antwortete die Händlerin. „Da ſieh, wenn man den Eſel nennt, kommt er gerennt.“ „Wo iſt denn der Eſel?“ fragte Dumuulin. „Der kleine Alte dort an dem Haus mit dem ſchiefen Hals und dem Schirm unterm Arm.“ „Herr Rodin!!“ rief Nini Moulin, wich raſch zurück und ſtieg drei Stufen hinab, um nicht geſehen zu werden. Dann fragte er: „Wie ſagen Sie, daß der Herr da heißt?“ — 5 — „Herr Charlemagne,“ antwortete die Händlerin. „Kennen Sie ihn vielleicht?“ „Was zum Teufel ſchafft er hier unter einem falſchen Namen?“ murmelte Jakob Dumoulin für ſich. „Sie kennen ihn alſo?“ fragte Roſe Pompon ungeduldig. „Sie ſind ja auf einmal ſtumm wie ein Fiſch.“ „Und dieſer Herr,“ fuhr Dumoulin mit wachſendem Er⸗ ſtaunen fort, „hat hier zwei Zimmer zum Abſteigquartier? Und er kommt geheimnißvoll hieher?“ „Ja,“ antwortete Roſe Pompon. „Vom Taubenſchlag Philemon's aus ſieht man ſeine Fenſter.“ „Geſchwind! geſchwind!“ ſagte Dumoulin. „Laſſen Sie uns durch den Gang ſchlüpfen, daß er mir nicht begegnet.“ Und ohne von Rodin bemerkt zu werden, ſchlüpfte er aus dem Laden in den Gang, und aus dem Gang die Treppe hinauf, welche zum Zimmer Roſe Pompon's führte. „Guten Tag, Herr Charlemagne,“ ſagte die alte Arſene zu Rodin, welcher eben auf die Thürſchwelle trat. „Sie kommen zwei Mal in einem Tag, das laß ich mir gefallen; denn ſonſt machen Sie ſich rar.“ „Sie ſind gar zu gütig, liebe Frau,“ erwiederte Rodir mit einem ſehr höflichen Gruß und trat in den Laden der Ge— müſehändlerin. Zweites Kapitel. D i i e Das Geſicht Rodin's, als er bei der alten Arſene eintrat, drückte die harmlöſeſte Einfalt aus. Beide Hände auf die Krücke ſeines Regenſchirms geſtützt, ſagte er: „Ich bedauere k liebe Frau, daß ich Sie heute Morgen ſo früh geweckt habe.“ „Sie kommen ja ohnedem ſo ſelten, werther Herr,“ er⸗ wiederte die Alte. „Wie ſollt' ich Ihnen das übel neh⸗ men.“ — ————— — „Sehn Sie, liebe Frau, ich wohne auf dem Land und kann nur von Zeit zu Zeit hieher in mein Abſteigquartier kommen, um meine Geſchäftchen abzumachen.“ „Da Sie von Geſchäftchen ſprechen — der Brief, den Sie geſtern erwartet haben, iſt dieſen Morgen angekommen. Er iſt dick und kommt weit her.“ Sie zog den Brief aus ihrer Taſche und fuhr fort: „Hier iſt er; er hat nichts gekoſtet.“ „Danke, liebe Frau,“ erwiederte Rodin, nahm ſcheinbar gleichgültig den Brief, ſteckte ihn in die Bruſttaſche ſeines Ueberrocks und knöpfte dieſen wieder ſorgfältig zu. „Gehen Sie auf Ihr Zimmer?“ fragte Arſene. „Ja, liebe Frau.“ „Nun dann will ich Ihre Bedürfniſſe zurecht machen. Nicht wahr, wie gewöhnlich? „Wie gewöhnlich.“ „Den Augenblick ſoll's bereit ſeyn.“ So ſprechend nahm Arſene einen alten Korb, warf drei bis vier Lohkuchen, eine kleine Welle und einige Stücke Kohlen hinein und bedeckte dieſe Brennſtoffe mit einem Kohlblatt. Dann ging ſie nach dem hintern Theil ihres Ladens, nahm aus einem Kaſten ein großes, rundes Brod, und ſchnitt ein Stück davon ab. Weiter wählte ſie mit einem Kennerblick einen prächtigen Rettig unter mehren Wurzelgewächſen dieſer Gattung aus, ſpaltete ihn, machte ein Loch hinein, füllte es mit grobem grauem Salz, fügte die zwei Stücke wieder zu⸗ ſammen und legte den Rettig ſorgfältig neben das Brod auf das Kohlblatt, welches die Brennſtoffe von den Nahrungsſtoffen ſchied. Schließlich nahm ſie aus ihrem Ofen etliche glühende Kohlen, legte ſie in einen mit Aſche gefüllten kleinen Holz⸗ ſchuh und ſtellte dieſen gleichfalls in den Korb. Und nun ging ſie wieder die Treppe hinauf, und auf der oberſten Stufe ſagte ſie zu Rodin: „Hier iſt Ihr Korb.“ „Tauſend Dank, liebe Frau,“ antwortete Rodin, griff in ſeine Hoſentaſche, langte acht Sous heraus, zählte ſie der Al⸗ ten einen nach dem andern in die Hand und ſagte, indem er den Korb nahm: „Nachher, wenn ich herunter komme, werde ich Ihnen wie gewöhnlich Ihren Korb zurückgeben.“ „Zu dienen, lieber Herr, zu dienen,“ erwiederte die alte Arſene. hielt ein Kreuz der Ehrenlegion, deſſen Silber vor Alter Modin nahm ſeinen Schirm unter den linken Arm und ging mit dem Korb in der Rechten in den dunkeln Gang, durch den kleinen Hof und munteren Schrittes zwei Treppen hinauf in dem verfallenen Hintergebäude. Oben angelangt zog er einen Schlüſſel aus der Taſche, öffnete eine erſte Thür und verſchloß dieſelbe ſorgfältig hinter ſich. Das erſte ſeiner beiden Zimmer war völlig leer. Das zweite war ſo beſchaffen, daß man ſich eine trübſeligere, jäm⸗ merlichere Höhle nicht denken konnte. Die Wände waren mit einer krumplichen, verſchoſſenen, zeriſſenen Tapete bedeckt, deren urſprüngliche Farbe nicht zu erkennen war. Ein lahmes Feldbett mit einer ſchlechten Matratze und einer mottenzer⸗ freſſenen wollenen Decke, ein Schemel, ein wurmſtichiges Tiſch⸗ chen, ein Oeſchen von grauer Fayence, ſo riſſig, wie japani⸗ ſches Porcellan, und unter dem Bette ein alter Koffer mit Vorhängſchloß bildeten die Ausſtattung dieſes elenden Neſtes. Ein ſchmales Fenſter mit ſchmutzigen Scheiben erhellte dürftig dieſen Behälter, welchem das Vordergebäude faſt alle Luft und alles Licht abſchnitt. Zwei alte farbige Schnupftücher, mit Stecknadeln an einander befeſtigt und auf einen hinter dem Fenſter geſpannten Bindfaden gereiht, ſo daß ſie hin und her geſchoben werden konnten, dienten als Vorhänge. Dies und die zerbrochenen und lückenhaften Platten des Fuß⸗ bodens, zwiſchen welchen der Eſtrich hervorſah, bewieſen, daß dem Miethsmann Sauberkeit im höchſten Grade gleichgül⸗ tig war. Nachdem Rodin ſeine Thür verſchloſſen, warf er Hut und Schirm auf das Feldbett, ſtellte den Korb auf die Erde, legte Brod und Rettig aus dem Korb auf den Tiſch, kniete vor dem Ofen nieder, füllte ihn mit Brennſtoff und zündete die⸗ ſen an, indem er mit kräftiger Lunge die in dem Holzſchuh mitgebrachten Kohlen anblies. Als der Ofen zog, ging er an's Fenſter, zog den Schnupftuch⸗Vorhang vor, und als er ſich nun vor allen Augen verbargen glaubte, nahm er den Brief aus der Taſche, den die alte Arſene ihm gegeben. In⸗ dem er dies that, zog er verſchiedene andere Papiere mit her⸗ aus. Eins derſelben, ſchmierig und zerknittert und zuſammen⸗ gefaltet, fiel auf den Tiſch und ging auseinander. Es ent⸗ — 46 — ſchwarz war, und deſſen rothes Band faſt ganz ſeine urſprün⸗ liche Farbe verloren hatte. Beim Anblick dieſes Kreuzes zuckte Rodin höhniſch lächelnd die Achſeln. Er ſteckte es wie⸗ der ein, desgleichen die ebenfalls herausgefallene Medaille Dſchalma's, zog ſeine große, ſilberne Uhr heraus und legte ſie auf den Tiſch neben den Brief von Rom. Dieſen Brief betrachtete er mit einer eignen Miſchung von Mißtrauen und Hoffnung, von Beſorgniß und ungeduldiger Neugier. Nach einem Augenblick der Ueberlegung begann er den Umſchlag zu öffnen. Plötzlich warf er den Brief wieder auf den Tiſch, als ob er in wunderlicher Laune die Qual einer Ungewißheit, ſo drückend und aufregend wie die des Spielers, um einige Augenblicke verlängern wollte. Mit einem kindiſchen Fatalismus, von welchem ſelbſt große Gei⸗ ſter nicht frei geweſen ſind, ſagte ſich Rodin: „Ich brenne vor Begierde, dieſen Brief zu öffnen. Wenn ich ihn nicht vor halb Zehn öffne, werden die Nachrichten, die er mir bringt, günſtig ſeyn.“ Um die Minuten bis dahin anzuwenden, machte Rodin einige Schritte in ſeiner Stube und ſtellte ſich in bewunde⸗ rungsvoller Betrachtung vor zwei alte, vergilbte und vergrif— fene Bilder, die mit roſtigen Nägeln an der Wand befeſtigt waren. Der eine dieſer beiden Kunſtgegenſtände, der einzigen mit denen Rodin ſeine Höhle ausgeziert hatte, war eins der un— geſchickt gezeichneten und in plumper Weiſe roth, gelb, grün und blau ausgemalten Bilder, wie ſie auf Jahrmärkten ver⸗ kauft werden. Eine italiäniſche Inſchrift beſagte, daß es in Rom gemacht war. Es ſtellte ein in Lumpen gehülltes Weib mit einem Bettelſack vor, welches ein kleines Kind auf dem Schoß hatte. Eine ſcheußliche Wahrſagerin hielt die Hand des Kindes in der ihrigen, und ſchien die Zukunft darin zu leſen. Aus ihrem Munde kamen in dicken, blauen Buchſta⸗ ben die Worte hervor: Sarà Papa (er wird Papſt werden). Das zweite der Kunſtwerke, welche Herrn Rodin zu tief⸗ ſinnigen Betrachtungen zu veranlaſſen ſchienen, war ein herr— licher Kupferſtich, deſſen ausgezeichnete Ausführung und deſſen eben ſo kühne wie correcte Zeichnung einen auffallenden Ge⸗ genſatz zu der Plumpheit der anderen Schilderei bildete. K — Rodin hatte dieſen Kupferſtich mit ſechs Louisd'or bezahlt (ein ungeheurer Luxus!). Es ſtellte einen zerlumpten Kna⸗ ben vor, bei welchem die Häßlichkeit der Züge aufgewogen ward durch den geiſtreichen Ausdruck ſeines charaktervollen Geſichts. Der Knabe ſaß auf einem Stein; um ihn her weideten Schweine. Die Hand auf's Knie und das Kinn auf die Hand geſtützt, kehrte er dem Beſchauer das Geſicht zu. Die ſinnende Stellung dieſes bettelhaft gekleideten Knaben, ſeine gewaltige, breite Stirn, ſein feiner, durchdringender Blick, der Ausdruck von Liſt und Feſtigkeit in ſeinem Mund ſchie⸗ nen eine unbezwingliche Entſchloſſenheit, verbunden mit ſchar⸗ fem Verſtand und ſchlauer Gewandtheit, zu offenbaren. Unter dieſem Vild ſchlangen ſich die Abzeichen der päpſtlichen Würde um ein Medaillon, in deſſen Mitte man den Kopf eines Grei⸗ ſes erblickte. Die Geſichtszüge dieſes Kopfs entſprachen auf⸗ fallend denen des jungen Schweinhirten. Die Unterſchrift dieſes Kupferſtichs lautete: „Die Jugend Sirtus des Fünf⸗ ten.“ Unter dem ausgemalten Bilde ſtand: „Wahrſagung“. * Indem Rodin dieſe beiden Bilder immer näher mit immer glühenderem fragendem Blick betrachtete, als wollte er Ge⸗ danken oder Hoffnungen aus ihnen ſchöpfen, war er ihnen ſo nahe gekommen, daß er faſt den Kopf an dje Wand drückte. Seinen rechten Arm hielt er hinter dem Kopf gebogen, wäh⸗ rend ſeine Linke, den Schoß ſeines alten, olivengrünen Rocks zurückſchlagend, in der Taſche ſeiner ſchwarzen Hoſen ſteckte. Mehre Minuten lang blieb er ſo ſinnend ſtehen. 2 Rodin kam, wie geſagt, ſelten in dieſe Wohnung. Gemäß den Regeln ſeines Ordens hatte er bisher mit dem Pater Aigrigny zuſammengewohnt, deſſen Beaufſichtigung ihm ins⸗ beſondere übertragen war. Kein Mitglied der Congregation, beſonders in der untergeordneten bisherigen Stellung Rodins, durfte ſich in ſeinem Zimmer ein chließen, ja nicht einmal einen verſchließbaren Kaſten haben. Zufolge dieſer Einrich⸗ tung hinderte nichts das ſtete, wechſelſeitige Spioniren, eins der gewaltigſten Mittel der Wirkſamkeit und der Knechtung, Laut der Sage wäre Sirtus V. in ſeiner Jugend Hirt ge⸗ weſen, und wäre ſeiner Mutter gewahrſagt worden, er würde Papſt werden. — welches die Geſellſchaft Jeſu angemandt hat. Wegen ver⸗ ſchiedener Geſchäfte, die im Weſentlichen nur ihn perſönlich angingen, obwohl ſie ſich in einigen Punkten an die allge⸗ meinen Intereſſen des Ordens knüpften, hatte Rodin, ohne daß jemand darum wußte, dies Abſteigquartier in der Clovis⸗ ſtraße gemiethet. Und aus dieſer unbekannten Höhle corre⸗ ſpondirte der Socius direct mit den vornehmſten und einfluß⸗ reichſten Perſonen des heiligen Collegium. Der Leſer erinnert ſich vielleicht, wie am Anfang unſerer Geſchichte Rodin nach Rom ſchrieb, daß der Pater Aigrigny bei Empfang des Befehls zu augenblicklicher Abreiſe geſchwankt habe, ob er nicht zuvor ſeine ſterbende Mutter ſehen ſollte, und wie Rodin zu der Anzeige von dieſem Schwanken Ai⸗ grigny's an den Ordensgeneral die Nachſchrift hinzufügte: „Sagen Sie dem Cardinal-Fürſten, daß er auf mich rechnen kann, daß er aber auch ſeinerſeitsfür mich wirken möge.“ Dieſe vertrauliche Weiſe, mit dem höchſten Würdenträger des Ordens zu correſpondiren, und der Ton, in welchem er dem Cardinal⸗Fürſten etwas ſagen ließ, faſt wie ein Be⸗ ſchützer einem Schützling, bewies, daß der Soeius, trotz ſeiner ſcheinbar untergeordneten Stellung, um dieſe Zeit von meh⸗ ren Kirchenfürſten und anderen Würdenträgern als eine wich⸗ tige Perſon angeſehen wurde. Dieſe Herren ſchrieben ihm unter ſeinem falſchen Namen Briefe in Chiffern und ließen ſie unter den gewöhnlichen Sicherheitsmaßregeln nach Paris abgehen. Nachdem Rodin einige Augenblicke in tiefem Sinnen vor dem Bild Sirtus des Fünften geſtanden hatte, kehrte er lang⸗ ſam nach ſeinem Tiſch zurück zu dem Brief, welchen er mit Setzung einer abergläubiſchen Friſt trotz ſeiner lebhaften Neu⸗ gier zu öffnen gezögert hatte. Da noch einige Minuten an halb zehn Uhr fehlten, traf Rodin, um weiter keine Zeit zu verlieren, in der hergebrachten Ordnung die Zurüſtungen zu ſeinem einfachen Frühſtück. Er legte auf den Tiſch neben ein Dintenfaß das Brod und den Rettig, ſetzte ſich, die Beine zu beiden Seiten des Ofens ausſtreckend, auf ſeinen Schemel, zog aus ſeiner Hoſentaſche ein Meſſer mit hornernem Stiel, deſſen ſpitze Klinge zu drei Viertel. abgewetzt war, ſchnitt ab⸗ — wechſelnd ein Stückchen vom Brod und ein Stückchen vom * Rettig ab und begann ſeine Mahlzeit mit tüchtigem Appetit das Auge auf den Zeiger der Uhr geheftet. 3, Als der entſcheidende Augenblick gekommen war, entſiegelte Derſelbe enthielt zwei er mit zitternder Hand den Umſchlag. Briefe. Der erſte ſchien ihn nicht ſehr zu befriedigen. Nach einigen Minuten zuckte er die Achſeln; ſtieß ungeduldig das Heft ſeines Meſſers auf den Tiſch, ſchob den Brief mit der umgewandten Hand verachtungsvoll bei Seite und durchlas die zweite Botſchaft, in der einen Hand einen Biſſen Brod mit der andern maſchinenmäßig eine Rettigſchnitte in das auf einer Ecke des Tiſches ausgeſchüttete Salz drückend. Plötz⸗ lich blieb ſeine Hand unbeweglich. Je weiter er las, deſto mehr ſchien ſeine Spannung und Ueberraſchung zuzunehmen. Er ſtand plötzlich auf, lief an's Fenſter und ſuchte ſich durch genauere Betrachtung der Chiffern zu überzeugen, daß er ſich nicht geirrt habe. Ohne Zweifel fand er, daß er richtig entziffert hatte. Er ließ die Arme ſinken, nicht wie ein Niedergeſchlagener, ſon⸗ dern mit dem Staunen einer unerwarteten, ungewöhnlichen er geſenkten Hauptes und ſtar⸗ Freude. Eine Zeitlang blieb zige Jeichen von Wonne, welches ren Blickes ſtehen. Das einz er von ſich gab, beſtand in raſchem, hörbarem Athemholen. Menſchen, deren verwegener Ehrgeiz ihrer Geduld und Hartnäckigkeit in ihrem maulwurfsartigen Treiben gleichkommt, werden überraſcht vom Gelingen, wenn dies ihre klugen Be⸗ rechnungen übertrifft. In dieſem Fall befand ſich Rodin. von Liſt, Gewandtheit und Verſtellung, durch Durch Wunder große Verſprechungen und durch die ſonderbare Miſchung von Bewunderung, Furcht und Vertrauen, welche ſein Geiſt meh⸗ ren mächtigen Perſonen einflößte, hatte er es dahin gebracht, daß die päpſtliche Regierung ihm eröffnete, in einem mög⸗ lichen und wahrſcheinlichen Fall könnte er ſeiner Zei eine Stellung Anſpruch machen, die nur zu oft für reg Fürſten ein Gegenſtand von Furcht, Haß und Neid geweſe iſt, und die manchmal von großen trefflichen Männern, ta mal von ſchändlichen Böſewichtern und einige Male von Le en der niedrigſten Herkunft eingenommen worden iſt. A um dies Ziel zu erreichen, müſſe er vurchaus das n, — er verſprochen habe, ohne Gewalt, bloß durch geſchickte Hand⸗ habung der Triebfedern von Leidenſchaften zu leiſten: der Geſellſchaft Jeſu den Beſitz des Vermögens der Familie Rennepont zu ſichern. Dieſer Beſitz ſollte eine doppelte unabſehbare Wichtigkeit haben. Denn Rodin beabſichtigte, ſich aus ſeinem Orden, deſſen Oberſter in ſeiner Hand war, ein Mittel zum Empor⸗ ſteigen und ein Mittel der Einſchüchterung zu machen. Nachdem ſeine erſte Ueberraſchung — gewiſſermaßen eine Beſcheidenheit des Ehrgeizes, ein bei ausgezeichneten Menſchen nicht ſeltenes Mißtrauen in ſich ſelber — nachdem dieſe erſte Ueberraſchung vorüber war, machte ſich Rodin dieſelbe bei kälterer Ueberlegung faſt zum Vorwurf. Bald aber gab er wunderlich genug wieder einem der kindiſchen ſinnloſen Ein⸗ fülle nach, welche dem Menſchen oft kommen, wenn er ſich ganz allein und verborgen weiß oder wähnt. Er hatte ſich wieder niedergeſetzt. Plötzlich ſtand er wieder auf, nahm den Brief, der ihm eine ſo angenehme Ueberraſchung bereitet hatte, und hielt ihn vor den Kupferſtich, als ſollte das Bild des jungen Hirten darin leſen. Dann ſchüttelte er ſtolz den Kopf, ſchoß ſeinen Schlangenblick auf das Bild und murmelte zwiſchen den Zähnen, indem er ſeinen ſchmierigen Finger auf die Abzeichen der päpſtlichen Würde legte: „SHm? Bruder? Und auch ich — vielleicht . . .!“ Nach dieſer lächerlichen Anrede kehrte Rodin an ſeinen Platz zurück. Als ob die glückliche Nachricht ſeine Eßluſt geſteigert hätte, biß er mit einer Art freudiger Wuth in ſein hartes Brod und in ſeinen Rettig, indem er die Augen auf den vor ihm ausgebreiteten Brief heftete und, dieſen noch⸗ mals durchleſend, die Melodie einer alten Litanei dazu ſummte. Es war etwas Sonderbares und Entſetzendes in dieſem Ge⸗ genſatz unendlichen ſchon faſt durch den Erfolg gerechtfertigten Ehrgeizes, der in dieſer elenden Höhle ſo zu ſagen eingeſchloſ⸗ ſen war. Der Pater Aigrigny war, wenn auch kein großer Mann, doch ein Mann von unbeſtreitbarer Fähigkeit, ein Herr von hoher Geburt, ſtolz und den höchſten Kreiſen der Geſellſchaft angehörig. Er würde nie den Gedanken gewagt haben, nach — dem zu trachten, was Rodin von vorn herein erſtrebte. Das höchſte Ziel, welches Aigrigny ſich ſetzte, war, einſt General ſeines die Welt umfaſſenden Ordens zu werden, und ſelbſt das zu wollen, fand er vermeſſen. Die Verſchiedenheit des Ehrgeizes dieſer beiden Menſchen läßt ſich begreifen. Wenn ein Menſch von hervorragendem Geiſt und ſtarker Lebenskraft alle Fähigkeiten ſeines Weſens auf einen einzigen Gedanken richtet und unverbrüchlich keuſch und mäßig, wie Rodin auf alle Genüſſe des Herzens und der Sinne verzichtet, ſo geſchieht es faſt immer einer unmäßigen, verzehrenden Leidenſchaft zu Gefallen, einer hölliſchen Gott⸗ heit, die in Folge eines Teufelsbundes zum Lohn für eine furchtbare Macht die Vernichtung aller von Gott eingepflan⸗ ten, edleren Gefühle, aller zarten Neigungen verlangt. Während der oben beſchriebenen ſtummen Scene hatte Ro⸗ din nicht bemerkt, wie die Vorhänge eines Fenſters im dritten Stock⸗ werk des Vorderhauſes behutſam zurückgeſchoben wurden, und das Schelmengeſicht von Roſe Pompon neben dem Silens⸗ antlitz Nini Moulin's ſehen ließen. Demnach war Rodin trotz ſeinem Schirm von farbigen Schnupftüchern nicht vor den Späheraugen der naſeweiſen und neugierigen Koryphäen der Stürmiſchen Tulpe geſchützt. Drittes Kapitel. Ein unerwarteter Beſuch. Obwohl Rodin bei Leſung des zweiten Briefes von Rom höchlich überraſcht worden war, wollte er doch nicht, daß ſeine Antwort dieſe Ueberraſchung verriethe. Nach Beendigung ſeines mäßigen Frühſtücks nahm er ein Blatt Papier und ſchrieb ſchnell in Chiffern nachfolgende Note in dem derben, entſchiedenen Ton, der bei ihm gewöhnlich war, wenn er ſich keinen Zwang anthat. „Was mir berichtet wird, überraſcht mich nicht. — Ich hatte Alles vorausgeſehen. — Unentſchiedenheit und Feigheit tragen ſtets dieſe Früchte. — Das iſt nicht ge⸗ nug. — Das ketzeriſche Rußland erwürgt das katholiſche Polen. — Rom ſegnet die Mörder und verflucht die Opfer. ¹) — Das iſt mir recht. Dafür verbürgt Rußland Rom durch Oeſtreich die blu⸗ tige Unterdrückung der Patrioten in der Romagna. — Das iſt mir ebenfalls recht. Die Würgerbanden des guten Cardinals Albani genü⸗ gen nicht mehr zur Niedermetzelung der gottloſen Libera⸗ len. Sie ſind müde. — Das iſt mir nicht mehr recht. Sie müſſen vorwärts.“ In dem Augenblick, wo Rodin dieſe letzten Worte geſchrie⸗ ben hatte, ward ſeine Aufmerkſamkeit plötzlich abgelenkt durch die friſche, klangvolle Stimme Roſe Pompon's, welche ihren Béranger auswendig wußte und am offenen Fenſter Phile⸗ won's ſitzend gar lieblich folgenden Vers des unſterblichen Dichters ſang: ¹) Siehe die Anmerkungen am Schluß des Bandes. 3 — „O Irrthum! Nein, es hegt Gott keinen Groll, Er ſchuf das All, im All wirkt ſeine Kraft. Wein, ſein Geſchenk, und Freundſchaft liebevoll, Und Liebe, du, die gleichfalls nach ihm ſchafft, 6 Leiht meiner Lebensweisheit euren Zauber ihr, Austilgend finſtrer Träume letzte Spur. Das Glas erhebend traue jeder hier Dem Gott der Guten nur.“ Dieſer engelmilde Geſang ſtand in ſo ſeltſamem Wider⸗ ſpruch mit der kalten Grauſamkeit der von Rodin geſchriebe⸗ nen Zeilen, daß dieſer zuſammenfuhr und ſich vor Wuth in die Lippen biß, als er den Refrain des großen, wahrhaft chriſtlichen Dichters erkannte, welcher der ſchlechten Kirche ſo harte Schläge verſetzt hatte. Mit zorniger Ungeduld wartete er einige Augenblicke, ob die Stimme weiter ſingen würde. Aber Roſe Pompon hielt inne, ſummte dann bloß noch und ging in eine andere Singweiſe über, in die vom Guten Papſt, die ſie ohne die Worte vortrug. . Rodin wagte es nicht, an ſein Fenſter zu gehen und nach⸗ zuſehen, wer die ſtörende Sängerin wäre. Er zuckte die Ach⸗ ſeln, ergriff von Neuem die Feder und ſchrieb weiter: „Etwas anderes: Man ſollte die Unabhängigen in allen Ländern reizen — die Philoſophaſter-Wuth von Europa aufſtacheln — den Liberalismus ſchäumen machen — gegen Rom Alles aufhetzen, was ſchreit. Zu dem Ende folgende drei Sätze Angeſichts der Welt verkünden: 1) Es iſt abſcheulich zu behaupten, daß man bei jedem Glaubensbekenntniß ſelig werden kann, wenn nur die Sitten rein ſind. 2) Es iſt haſſenswerth und unſinnig, den Völkern Gewiſſensfreiheit zu bewilligen. 4 . 3) Man kann die Preßfreiheit nicht genug 5 verabſcheuen. *) 3 Der ſchwache Mann muß dahin gebracht werden, dieſe Sätze für durchaus orthodor zu erklären. Man muß ihm ihre guten Wirkungen auf die despotiſchen Regi⸗ —— ₰ ) Siehe die Anmerkungen am Schluß des Bandes. — rungen, auf die wahren Katholiken, auf die Knebeler des großen Haufens anpreiſen. — Er wird in die Schlinge gehen. Sind die Sätze aufgeſtellt, ſo bricht der Sturm los. Allgemeiner Aufruhr gegen Rom, tiefe Spaltung. Das heilige Collegium ſcheidet ſich in drei Theile. Der eine billigt, der andere mißbilligt, der dritte zittert. Der ſchwache Mann, noch mehr erſchreckt, als er es jetzt darüber iſt, daß er Polen hat erwürgen laſſen, bebt zu⸗ rück vor dem Geſchrei, dem Tadel, den Drohungen und den Spaltungen, die er erregt. Das paßt wieder in meinen Kram und zwar ſehr. Dann iſt es an unſerm guten E. V. das Gewiſſen des ſchwachen Mannes zu erſchüttern, ſeinen Geiſt zu be⸗ unruhigen, ſeine Seele zu erſchrecken. Kurz, ihm möglichſt viel Verdruß, ſeine Rathgeber zwieſpältig machen, ihn iſoliren, ihn erſchrecken, das wilde Feuer des guten Albani doppelt ſtark anfachen, die Gier der Sanfediſten ³) von neuem erwecken, ihrem Heiß⸗ hunger die Liberalen preisgeben — Plünderung, Noth⸗ zucht, Gemetzel wie zu Ceſena — ſteigende Fluth von Carbonariblut. Dem ſchwachen Mann wird es weh da⸗⸗ von werden. So viele Schlächtereien in ſeinem Namen! Er wird zurückbeben. Jeder Tag wird ihm Gewiſſens⸗ biſſe, jede Nacht Schreckbilder, jede Minute Angſt brin⸗ gen. Und die Abdankung, mit der er ſchon droht, wird endlich kommen — vielleicht zu früh. Das iſt für jetzt die einzige Gefahr; Ihre Sache iſt's, ihr vorzubeugen. Für den Fall der Abdankung hat der Großpönitentiar mich verſtanden. Anſtatt einem General den Befehl über unſeren Orden, die heſte Miliz des heiligen Stuhls, an⸗ zuvertrauen, befehlige ich ſelber ihn. Dann macht mir dieſe Miliz keine Unruhe mehr. Beiſpiel: die Janitſcha⸗ ren und die Prätorianer, welche ſtets der Autorität ver⸗ derblich waren — warum? Weil ſie ſich als Verthei⸗ diger der Obergewalt außerhalb der Obergewalt orga⸗ niſiren konnten. Daher ihre Macht, dieſelbe einzuſchüch⸗ tern. *) Siehe die Anmerkungen am Schluß des Bandes. Clemens XIV.? Ein Dummkopf. Unſere Geſellſchaft brandmarken, aufheben — unſinniger Fehler. Sie ver⸗ theidigen, rechtfertigen, ſich zu ihrem General erklären, das hätt' er thun ſollen. Die Geſellſchaft, dann in ſei⸗ ner Hand, hätte ſich zu Allem verſtanden. Er hätte uns dem heiligen Stuhl einverleibt, und dieſer hätte nicht weiter unſere Dienſte zu fürchten gehabti Clemens XIV. iſt an der Kolik geſtorben. Wer gute Ohren hat, dem ich mein Compli⸗ ment. — Vorkommenden Falls werde ich nicht die⸗ ſes Todes ſterben.“ Die klangvolle, perlende Stimme Roſe neſ ließ ſich von neuem hören. Rodin fuhr vor Zur auf ſeinem Stuhl in die Höhe.. Als er aber den nachfolgenden ihm unbekann⸗ ten Vers hörte (er wußte ſeinen Béranger nicht auswendig, wie die Wittwe Philemon's), ward unſer wunderlich abergläu⸗ biſchen Vorſtellungen zugänglicher Jeſuit betroffen, faſt ſogar erſchreckt durch das ſeltſame Zuſammentreffen. Roſe Pom⸗ pon ſang den Guten Papſt von Béranger: „Was ſind die Großen? — Kannibalen! Oft Schächer voll von Uebermuth, Die gerne mit Verbrechen prahlen, Einander rauben Gut und Blut. Für ihr Gold kann ich Ablaß geben; . Wink' ich — ſofort ihre Macht zerinnt. ₰ Liebes Kind, Lach' geſchwind, Tanz' geſchwind! Schau, wie ich werfe den Donnerkeil eben. Jupiter hat mich zum Erben beſtellt, Ich trotz der Welt.“ *) Rodin hatte ſich halb auf ſeinem Stuhl erhoben und horchte mit ausgeſtrecktem Hals ſtarrem Blick. Er hörte wie . Roſe einer Biene gleich von Blume zu Blume in 5 Siehe die Anmerkungen am Schluß des Bandes. — ihrem Liedergarten flatternd, ſchon den lieblichen Schlußreim des Kolibri ſummte. Als er dann nichts weiter mehr hörte, ſetzte er ſich wie betäubt nieder. Nach einigen Augenblicken der Ueberlegung 3 ſtrahlte ſein Geſicht plötzlich vor Freude. Er ſah in dieſem Zufall eine glückliche Vorbedeutung. Er ergriff von neuem die Feder, und ſeine nächſten Zeilen trugen das Gepräge ſeines ſonderbaren Glaubens an eine Fügung des Schickſals. Nie habe ich mehr an das Gelingen geglaubt, als in dieſem Augenblick. Ein Grund mehr, nichts zu vernach⸗ läſſigen. — Jede Ahnung gebietet eine Verdopplung des Eifers. Geſtern iſt mir ein neuer Gedanke gekommen. Ich habe eine ultrakatholiſche Zeitung gegründet: die Nächſtenliebe. Seiner ultramontanen, tyranniſchen freiheitsmörderiſchen Wuth wegen wird man dies Blatt für das Organ Roms halten. — Ich werde dieſen Ge⸗ rüchten Glauben verſchaffen. — Neue Wuth. Das paßt in meinen Kram. I=ch werde die Frage von der Freiheit des Unterrichts aufs Tapet bringen. Die ſtrengen Liberalen werden uns unterſtützen. Die Dummköpfe laſſen uns zu zum Genuß des gemeinen Rechts, während unſere Privilegien und Freiheiten, unſer Einfluß im Beichtſtuhl, unſer Gehorſam gegen Rom uns über das gemeine Recht ſtellen mittels der Vortheile, die wir voraus haben. Die Erzdummköpfe wähnen uns entwaffnet, während ſie ſelber gegen uns wehrlos ſind. Alſo kitzliche Frage, aufregendes Geſchrei, neuer Verdruß für den ſchwachen Mann. Jeder Bach vergrößert den Strom. Das paßt immer wieder in meinen Kram. Alles in zwei Worte zuſammengefaßt: das Ende iſt die Abdankung. Das Mittel: unabläſſiges Quälen. Die Rennepont'ſche Erbſchaft bezahlt die Wahl. Iſt der Preis gemacht, iſt die Waare verkauft. Rodin unterbrach plötzlich ſein Schreiben, weil er glaubte, an der auf die Treppe führenden Thür ein Geräuſch gehört „ ——— zu haben. Er horchte und hielt den Athem an. Alles war ſtill. Er glaubte, ſich getäuſcht zu haben, und fuhr fort zu ſchreiben: w — Die Rennepont'ſche Angelegenheit nehm' ich auf mich. Sie iſt der einzige Punkt, um den ſich unſere zeitlichen Plane drehen. Sie muß von Neuem eingefädelt werden. Die Triebfeder des Eigennutzes, das Spiel der Leiden⸗ ſchaften muß an die Stelle der dummen Keulenſchläge des Pater Aigrigny treten. Er hätte beinahe Alles ver⸗ dorben. Er iſt indeß nicht ganz unbrauchbar. Er iſt Weltmann, weiß zu beſtechen und hat Scharfblick. Aber er hat nur eine Tonleiter; und dann iſt er nicht groß genug, um zu verſtehen, ſich klein zu machen. Wenn er auf ſeiner wahren Stelle iſt, werd' ich ihn zu verwenden wiſſen. Er hat gute Stücke. — Ich habe zu rechter Zeit von der Vollmacht des E. V. G. Gebrauch gemacht. Im Nothfall werd' ich dem Pater Aigrigny die Verpflich⸗ tungen mittheilen, welche der General insgeheim gegen mich eingegangen iſt. Bis jetzt hat man ihn die be⸗ wußte Beſtimmung der Erbſchaft ausarbeiten laſſen. Der Gedanke iſt gut, aber nicht zeitgemäß. Daſſelbe Ziel auf einem andern Weg. Die Nachweiſungen falſch. Es ſind mehr als 200 Millionen. Eintretenden Falls iſt das Zweifelhafte gewiß, und es bleibt ein endloſer freier Spielraum. — Die Rennepont'ſche Angelegenheit iſt in dieſem Augen⸗ blick zwiefach die meinige. Vor Ablauf von drei Mo⸗ naten ſind dieſe 200 Millionen unſer durch den freien Willen der Erben. Es muß ſeyn. Wäre es nicht, ſo entginge mir das zeitliche Mittel, und meine Ausſichten ſchwänden um die Hälfte. Ich habe unbeſchränkte Voll⸗ macht verlangt. Die Zeit drängt; ich handle, als ob ich ſie hätte. Eine Nachweiſung iſt mir unentbehrlich zu meinen Planen. Ich erwarte ſie von Ihnen. Ich muß ſie haben. Sie verſtehn mich. Der Einfluß Ihres Bruders am Wiener Hof wird Ihnen dienen. Ich will die genaueſten Nachweiſe haben über die jetzige Stellung des Herzogs von Reichſtadt, des Napoleon II. der Im⸗ perialiſten. Kann man oder kann man nicht durch Ihren Bruder eine Correſpondenz mit dem Prinzen anknüpfen, ohne daß ſeine Umgebung etwas davon erfährt? Schaffen Sie ſchnell Rath. Das iſt dringend. Ge⸗ genwärtige Note geht heute ab. Morgen werd' ich ſie vervollſtändigen. Sie wird Ihnen wie immer durch den kleinen Kaufmann zukommen.“ Rodin legte den Brief in einen doppelten Umſchlag. In dem Augenblick, wo er ihn verſiegelt hatte, glaubte er von Neuem Geräuſch außen zu hören. Er horchte. Nach einigen Augenblicken der Stille klopfte es vernehmlich an der äußeren Thür. Rodin fuhr zuſammen. Seit einem Jahr, wo er dieſe Wohnung hatte, war dies das erſte Mal, daß an ſeine Thür geklopft ward. Eilig ſteckte er den eben geſchriebenen Brief in ſeine Rocktaſche, öffnete den unter dem Bett ver⸗ ſteckten Koffer, nahm einen in ein zerriſſenes farbiges Schnupf⸗ tuch gewickelten Pack heraus, legte zu demſelben die beiden empfangenen Briefe in Chiffern, legte den Pack wieder in den Koffer und ſchloß dieſen ſorgfältig zu. Außen ward mit verdoppelter Ungeduld geklopft. Rodin nahm den Korb der Händlerin in die Hand, den Schirm un⸗ ter den Arm und ging unruhig nach der Thür, um zu ſehen, wer der zudringliche Beſucher wäre. Als er die Thür öff⸗ nete, ſtand Roſe Pompon vor ihm, die ſtörende Sängerin. Sie machte eine artige Verbeugung und fragte ganz unbe⸗ fangen: „Herr Rodin?“ Viertes Kapitel. Ein Freundesdienſt Trotz ſeiner Ueberraſchung und Unruhe ließ Rodin ſich nichts merken. Da er ſah wie das Mädchen neugierig in's Zimmer guckte, ſchloß er vor allen Dingen hinter ſich zu und ſagte dann in gutmüthigem Ton: „Nach wem fragen Sie?“ „Nach Herrn Rodin,“ antwortete Roſe Pompon feſt, in⸗ dem ſie ihre hübſchen blauen Augen weit aufriß und dem Alten genau in's Geſicht ſah. „Das iſt nicht hier,“ entgegnete Rodin, indem er einen Schritt nach der Treppe machte. „Ich kenne dieſen Namen nicht. — Sehen Sie weiter oben oder unten zu.“ „Ei, ei! Sieh' einmal an! In Ihrem Alter zu ſchäkern! Als ob man nicht wüßte, daß Sie Herr Rodin heißen!“ „Charlemagne,“ ſagte der Soeius mit einer Verbeugung. „Charlemagne, Ihnen zu dienen, wenn ich im Stand bin.“ „Sie ſind nicht im Stand,“ antwortete Roſe Pompon in majeſtätiſchem Ton. Und mit neckiſcher Miene fügte ſie hinzu „Wir ſpielen alſo Verſteckens, daß wir die Namen wechſeln. Wir haben Angſt, Mama Rodin möchte uns ausſpähen?“ Der Soeius lächelte mit väterlicher Miene und ſagte: „Liebes Kind, Sie kommen an den Rechten. Ich bin ein guter Alter, der die Jugend, die muntere Jugend liebt. Alſo machen Sie ſich luſtig, ſelbſt auf meine Koſten; aber laſſen Sie mich fortgehen, denn bei mir drängt die Zeit.“ Und er machte abermals einen Schritt nach der Treppe. „Herrn Rodin,“ ſagte Roſe Pompon mit feierlicher Stimme, „ich habe Ihnen ſehr wichtige Dinge mitzuthei⸗ len. Ich habe Sie um Rath zu fragen über eine Herzens⸗ angelegenheit.“ „O, Sie kleine Närrin! haben Sie denn Niemand in Ihrem Haus zu quälen, daß Sie in dieſes kommen?“ *— „Ei, ich wohne ja hier, Herr Rodin,“ antwortete Roſe Pompon, indem ſie boshaft großen Nachdruckauſ den Namen legte. „Sie? Ei, ei! Ich wußte gar nichts von einer ſo hübſchen Nachbarſchaft.“ „Ja, ſeit einem halben Jahr wohn' ich hier, Herr Rodin.“ „Wirklich? Ei wo denn?“ „Im dritten Stock des Vorderhauſes, Herr Rodin.“ „Sie ſind alſo die Perſon, die vorhin geſungen hat?“ „Ja, meine Wenigkeit war's.“ „Sie haben mir wirklich das größte Vergnügen gemacht.“ „Sie ſind ſehr gütig, Herr Rodin.“ „Und Sie wohnen hier bei Ihrer achtbaren Familie?“ „Ich glaube, Herr Rodin,“ antwortete Roſe Pompon, die Augen niederſchlagend, ohne verwirrt zu ſeyn. „Ich wohne bei Großpapa Philemon und bei Großmama Bacchanal, die nichts weiter iſt als eine Königin.“ Bis dahin war Rodin ernſtlich beunruhigt geweſen, da er nicht wußte, wie das Mädchen hinter ſeinen wahren Namen gekommen war. Als er aber die Königin Bacchanal nennen hörte und erfuhr, daß ſie in dieſem Haus wohnte, fand er in dieſer Entdeckung Erſatz für das ungelegene Erſcheinen Roſe Pompon's. Es lag ihm viel daran, zu wiſſen, wo die Königin Bacchanal zu finden ſey, die Geliebte des Liegganz⸗ nackt und die Schweſter der Mayeur, welche letztere als ge⸗ fährlich bezeichnet war ſeit ihrer Unterredung mit der Oberin des Marienkloſters und ſeit dem Antheil, den ſie an dem Entweichungsplan des Fräuleins von Cardoville genommen. Zudem hoffte Rodin jetzt im Stand zu ſeyn, das Mädchen zur Nennung der Perſon zu bringen, welche ihr geſagt hätte, daß Herr Charlemagne eigentlich Herr Rodin hieß. Kaum hatte Roſe Pompon den Namen Bacchanal ausgeſprochen, ſo ſchlug Rodin die Hände zuſammen und nahm die Miene leb⸗ hafter Ueberraſchung und Theilnahme an. „Liebes Kind!“ rief er, „ich beſchwöre Sie, ſcherzen Sie nicht weiter. Mei⸗ nen Sie vielleicht ein Mädchen, das dieſen Beinamen führt und die Schweſter einer verwachſenen Rätherin iſt?“ „Ja, lieber Herr. Königin Bacchanal iſt ihr Beiname,“ entgegnete Roſe Pompon ihrerſeits erſtaunt. „Sie heißt Ce⸗ phiſe Soliveau und iſt meine Freundin.“ „So? Ihre Freundin?“ ſagte Rodin nachdenkend. „Ja, lieber Herr, meine Buſenfreundin.“ „Und Sie haben ſie gern?“ „Wie eine Schweſter. Ich thue für das arme Mädchen, was ich kann, und das will nicht viel ſagen. Aber wie kommt ein ehrbarer Mann von Ihrem Alter dazu, die Königin Bac⸗ chanal zu kennen? Das beweiſt, daß Sie falſche Namen führen.“ „Liebes Kind, jetzt habe ich keine Luſt mehr zu lachen,“ ſprach Rodin in ſo traurigem Tone, daß Roſe Pompon ihren Scherz bereute und ernſthaft fragte „Aber woher kennen Sie Eephiſen?“ 4 „Ach, ſie kenn ich nicht, ſondern einen wackeren Jungen, der ſie wie ein Rarr liebt.“ „Jakob Rennepont?“ „Genannt Liegganznackt,“ ergänzte Rodin, und ſeufzend ſetzte er hinzu: „Jetzt ſitzt er im Gefängniß wegen Schulden. Geſtern hab' ich ihn dort geſehn.“ „Sie haben ihn geſtern dort geſehen? Nein — wie ſich das trifft!“ rief Roſe Pompon die Hände zuſammenſchlagend „Kommen Sie geſchwind, auf der Stelle auf Philemon's Zimmer und geben Cephiſen Nachricht von ihrem Geliebten. Sie iſt ſo in Angſt.“ „Liebes Kind,“ erwiderte Rodin in gutmüthigem Ton, „ich möchte ihr nur gute Nachricht geben von dieſem braven Jungen, den ich gern habe ungeachtet ſeiner Thorheiten — denn wer hat nicht ſchon dumme Streiche gemacht!“ „Das läßt ſich hören,“ bemerkte Roſe Pompon, ſich auf ihren Hüften wiegend, wie wenn ſie noch als Ablader ver⸗ kleidet wäre. 3 „Noch mehr,“ fuhr Rodin fort. „Ich liebe ihn wegen ſeiner Narrenſtreiche. Denn, ſehn Sie, liebes Kind, man mag ſagen, was man will, es iſt immer ein gutes Herz, im⸗ mer ein guter Grund in Denen, welche ihr Geld großmüthig für Andere verſchwenden.“ „Wahrhaftig, Sie ſind ein braver Mann!“ rief Roſe Pompon, bezaubert von der Philoſophie Rodins. Aber warum wollen Sie nicht zu Cephiſen gehen und ihr von Jakob erzählen?“ „Wozu ſoll ich ihr ſagen, was ſie weiß, daß Jakob im Gefüngniß iſt? Ich möchte ihn aus ſeiner ſchlimmen Lage herausziehen.“ „O, lieber Herr, thun Sie das! Ziehen Sie Jakob aus dem Gefängniß!“ rief Roſe Pompon lebhaft. „Ich und Ce⸗ phiſe wollen Sie dafür küſſen!“ „Das wären weggeworfene Küſſe, liebes Närrchen,“ er⸗ wiederte Rodin lächelnd. „Aber beruhigen Sie ſich. Ich brauche keinen Lohn, um ein wenig Gutes zu thun.“ „Alſo hoffen Sie, den Jakob aus dem Gefängniß zu bringen?“ Rodin ſchüttelte den Kopf und erwiederte mit verdrießlicher Miene: „Ich hatte es gehofft, — gewiß, ich hatte es gehofft. Aber jetzt — jetzt iſt Alles anders.“ „Ei, warum denn?“ fragte Roſe Pompon erſtaunt. Liebes Kind,“ antwortete Rodin, „der ſchlechte Spaß, den Sie machen, indem Sie mich Herr Rodin nennen, kommt Ihnen gewiß ſehr beluſtigend vor. Ich ſehe, Sie ſind blos ein Echo in dieſem Stück. Jemand hat Ihnen geſagt: Gehn Sie hin und ſagen Sie zu Herrn Charlemagne, daß er Herr Rodin heißt. Das wird ſehr drollig ſeyn.“ „Gewiß würde ich nicht auf den Einfall gekommen ſeyn, Sie Herr Rodin zu nennen. Man erfindet nicht ſelber einen ſolchen Namen.“ „Nun,“ fuhr Rodin fort, „dieſe Perſon mit ihren ſchlechten Späßen hat, ohne es zu wiſſen, dem armen Jakob Rennepont viel geſchadet.“ „Ach Gott! Und die Urſache iſt, daß ich Sie Herr Rodin genannt habe, ſtatt Herr Charlemagne!“ rief Roſe Pompon ganz betrübt und bereute den Spaß, den ſie auf Anſtiften Nini Moulin's gemacht hatte. „Aber, lieber Herr, was hat dieſer Spaß mit dem Dienſt zu ſchaffen, den Sie dem Jakob leiſten wollten?“ 5 „Das darf ich Ihnen nicht ſagen, liebes Kind. Wahr⸗ haftig, es thut mir überaus leid für den armen Jakob; glauben Sie mir's. Aber laſſen Sie mich hinunter gehn.“ „Lieber Herr, hören Sie mich an, ich bitte Sie,“ ſagte Roſe Pompon. „Wenn ich Ihnen den Namen der Perſon . — — — 33 — ſagte, die mich angereizt hat, Sie Herr Rodin zu nennen, würden Sie dann etwas für Jakob thun?“ „Liebes Kind, ich ſuche Niemandes Geheimniſſe zu erlauſchen. Sie ſind bei dieſer Sache das Echo oder das Spielzeug von vielleicht ſehr gefährlichen Leuten geweſen; und wahrlich, trotz der Theilnahme, die Jakob Rennepont mir einflößt, habe ich, als ein armer Mann, nicht Luſt, mir Feinde zu machen. Da⸗ vor ſoll mich Gott bewahren. Verſtehen Sie mich?“ Roſe Pompon verſtand nichts von der Beſorgniß Rodin“s. Das wußte er wohl. Nach einem Augenblick der Ueberle⸗ legung ſagte das Mädchen: „Herr Charlemagne, das iſt mir zu hoch; ich begreif' es nicht. So viel weiß ich, ich würde un⸗ tröſtlich ſeyn, wenn ich durch einen Spaß einem braven Jungen geſchadet hätte. Ich will Ihnen alſo kurz und gut ſagen, was an der Sache iſt. Meine Offenheit wird vielleicht zu etwas gut ſeyn.“ „Die Offenheit klärt oft die dunkelſten Dinge auf,“ ſprach Rodin. „Nini Moulin mag zuſehen,“ fuhr Roſe Pompon fort. „Warum läßt er mich Dummheiten machen, die dem Liebha⸗ ber der armen Cephiſe ſchaden können! Sehn Sie, lieber Herr, wie die Sache zugegangen iſt. Nini Moulin, ein rech⸗ ter Hanswurſt, hat Sie vorhin auf der Straße geſehen. Die Haushüterin hat ihm geſagt, Sie hießen Herr Charlemagne. Er ſagte mir: Nein, er heißt Rodin. Roſe Pompon, gehn Sie an ſeine Thür, klopfen Sie an und reden Sie ihn an: Herr Rodin. Sie werden ſehen, was er da für ein drolliges Geſicht macht. — Ich hatte ihm verſprochen, ihn nicht zu nennen. Aber ſobald dies dem Jakob ſchaden kann, mag er zuſehn; ich nenne ihn.“ Bei dem Namen Nini Moulin konnte Rodin eine Ge⸗ bärde der Ueberraſchung nicht unterdrücken. Der Pamphlet⸗ ſchreiber Dumoulin, den er mit der Redartion der Nächſten⸗ liebe hatte beauftragen laſſen, war perſönlich nicht zu fürch⸗ ten. Aber Nini Moulin, der, wenn er getrunken hatte, ſehr geſchwätzig und ſehr mittheilend war, konnte beunruhigend und ſtörend ſeyn, beſonders wenn Rodin, wie das wahrſchein⸗ lich war, öfter in dies Haus kommen mußte, um ſeine Plane gegen Liegganznackt durch Vermittlung der Königin Bacchanal v. ſtand Rath zu ſchaffen. „Alſo, liebes Kind,“ ſagte er, „ein Berr Desmoulins hat Sie angereizt, dieſen ſchlechten Spaß zu machen?“ „Nicht Desmoulins, ſondern Dumvulin,“ berichtigte Roſe Pompon. „Er ſchreibt an den Küſterzeitungen und verthei⸗ digt die Frommen für's Geld, denn wenn Nini Moulin ein Heiliger iſt, ſo ſind ſeine Schutzpatrone Sanet Voll⸗ hard und Sanct Lumphard, wie er ſelber ſagt.“ „Dieſer Herr ſcheint mir ſehr luſtiger Natur zu ſeyn.“ „O, eine gute Haut!“ „Warten Sie einmal, — warten Sie einmal,“ fuhr Ro⸗ din fort und that, als ob er ſich beſänne. „Iſt das nicht ein Mann von 36— 40 Jahren, dick, mit rothem Geſicht?“ „Wie ein Glas Burgunder,“ ergänzte Roſe Pompon „und mit einer Kupfernaſe.“ „Ganz recht, das iſt Herr Dumoulin. O, jetzt bin ich vollkommen beruhigt, liebes Kind. Der Spaß beunruhigt mich nicht weiter. Herr Dumoulin iſt ein ſehr braver Mann, der nur vielleicht das Vergnügen ein wenig zu ſehr liebt.“ „Alſo werden Sie ſich nun doch bemühen, dem Jakob zu helfen? Der dumme Witz von Nini Moulin wird Sie nicht hindern?“ „Ich denke, nein.“ „Nicht wahr, ich darf dem Nini Muulin nicht ſagen, daß Sie wiſſen, er iſt es, der mich angereizt hat, Sie Herr Ro⸗ din zu nennen?“ „Warum nicht, liebes Kind? In allen Stücken muß man offen die Wahrheit reden.“ „Aber Nini Moulin hat mir dringend anempfohlen, nicht zu ſagen, daß er es geweſen „Wenn Sie mir es geſagt haben, ſo iſt es aus einem ſehr guten Grund geſchehen. Warum ſollten Sie es ihm nicht geſtehen? Uebrigens, liebes Kind, iſt das Ihre Sache und nicht die meinige. Thun Sie, was Sie wollen.“ „Darf ich Cephiſen ſagen, was Sie für gute Abſichten in Betreff Jakob's haben?“ ins Werk zu ſetzen. Der Socius beſchloß, für dieſen Miß⸗ — 35 — * „Offenheit, liebes Kind, Offenheit. Man wagt nie etwas dabei, wenn man die Wahrheit ſagt.“ „De arme Cephiſe! Wie glücklich wird ſie ſeyn! Das kommt ihr ſo recht paſſend!“ „Nur muß ſie ſich nicht gar zu glücklich ſchätzen,“ bemerktè Rodin. „Ich verſpreche nicht beſtimmt, den wackern Jungen aus dem Gefängniß zu bringen. Ich ſage, ich will mich darum bemühen. Etwas verſpreche ich beſtimmt; denn ſeit Jakob's Verhaftung iſt Ihre Freundin wohl in einer miß⸗ ien ge „Ach, lieber Herr! —“ begann Roſe Pompon. „Was ich verſpreche,“ fuhr Rodin fort, „iſt eine kleine Un⸗ terſtützung, die Ihre Freundin heut empfangen wird, damit ſie ehrlich leben kann. Und wenn ſie ordentlich iſt — — wenn ſie ordentlich iſt, dann wird man ſpäter zuſehen.“ „Ach, lieber Herr,“ rief Roſe Pompon, „Sie wiſſen nicht, wie Sie ſo gerade zu rechter Zeit der armen Cephiſe zu Hülfe kommen. Sie ſind wahrhaftig ihr guter Engel. Bei Gott! Sie mögen Herr Rodin oder Herr Charlemagne hei⸗ ßen, ſo viel weiß ich, Sie ſind ein vortrefflicher — —“ „Still, ſtill! übertreiben wir nichts,“ unterbrach Rodin. „Sagen Sie ein guter alter Mann, und weiter nichts. Aber ſehen Sie einmal, liebes Kind, wie ſich die Sachen fügen. Wie hätte ich denken können, als ich an meine Thür klopfen hörte, (was, ich geſtehe es, mich ſehr ungehal⸗ ten machte,) wie hätte ich denken können, daß das eine kleine Nachbarin wäre, die unter dem Vorwand eines ſchlech⸗ ten Spaßes mich auf den Weg zu einer guten Handlung brächte! — — Nun, beruhigen Sie Ihre Freundin. Dieſen Abend wird ſie eine Unterſtützung empfangen. Vertrauen und Hoffnung! Es gibt, Gott ſey Dank, noch gute Menſchen auf der Welt.“ „O, lieber Herr, Sie beweiſen es klar!“ „Was iſt dabei? Das Glück der Alten beſteht darin „das Glück der Jungen zu ſehen.“ Rodin ſprach dies in ſo gutmüthigem Ton, daß dem Mäd⸗ chen Thränen in die Augen traten. Gerührt ſagte ſie: „Sehn Sie, lieber Herr, Cephiſe und ich ſind nur arme Midchen Es gibt tugendhaftere, das iſt wahr. Aber ich darf wohl ſagen, wir haben ein gutes Herz. Sehn Sie, wenn Sie je krank werden ſollten, ſo ſchicken Sie nach uns. Keine barmherzigen Schweſtern können Sie beſſer pflegen, als wir. Das iſt Alles, was wir Ihnen anbieten können, — Phile⸗ mon nicht gerechnet, den ich dazu bringen würde, daß er ſich für Sie in vier Viertel reißen ließe. Darauf gebe ich mein Ehrenwort. Und Cephiſe würde gewiß auch ihr Wort für Jakob geben, daß dieſer auf Tod und Leben für Sie wäre.“ „Sehn Sie, liebes Kind, ich hatte Recht, als ich ſagte: Närriſcher Kopf, gutes Herz. Leben Sie wohl. Auf Wie⸗ derſehn.“ Rodin nahm ſeinen Korb, den er neben ſeinen Schirm geſtellt hatte, und wollte die Treppe hinunter gehen. Roſe Pompon griff nach dem Korb und nahm ihn aus ſeiner Hand trotz ſeinem Widerſtreben, indem ſie ſagte: „Vor allen Dingen geben Sie mir dieſen Korb. Er würde Ihnen un⸗ bequem ſeyn beim Hinuntergehen. Und hier nehmen Sie meinen Arm. Die Treppe iſt ſo dunkel, daß Sie einen Fehltritt thun könnten.“ „Gut, liebes Kind,“ ſagte Rodin, „ich nehme Ihr Erbieten an, denn ich bin kein ſtarker Mann.“ Und wie ein Vater auf den Arm ſeiner Tochter ſtützte ſich Rodin auf den rechten Arm Roſe Pompon's, die in der Linken den Korb trug, und ging die Treppe hinab. Als ſie in den Hof kamen, blieb Roſe Pompon ſtehen und ſagten „Sehn Sie einmal dort oben im dritten Stockwerk das dicke Geſicht, welches ſich an die Fenſterſcheiben drückt. Das iſt Nini Moulin. Erkennen Sie ihn? Iſt das der Ihrige?“ „Das iſt der, den ich meine,“ ſagte Rodin aufblickend und winkte dem Bezeichneten einen ſehr freundlichen Gruß zu. Jakob Dumvoulin fuhr verblüfft vom Fenſter zurück. „Der arme Junge!“ fuhr Rodin fort. „Seit ſeinem ſchlechten Spaß hat er gewiß Angſt vor mir. Er hat ſehr Unrecht.“ Die Worte Er hat ſehr Unrecht begleitete Rodin mit einem bösartigen Zuſammenkneifen der Lippen, welches Roſe Pompon nicht bemerken konnte. Als ſie beide in den kleinen Gang eintraten, ſagte Rodin: „Nun, liebes Kind, bevarf ich Ihrer Hülfe nicht mehr. Eilen 1 Sie zu Ihrer Freundin und bringen Sie ihr die bewußte gute Nachricht.“ ſ „Ja, lieber Herr, Sie haben Recht. Ich brenne vor Be⸗ gierde, ihr zu ſagen, was Sie für ein braver Mann ſind.“ 3 Mit dieſen Worten ſprang Roſe Pompon die Treppe hinauf. „He! he! mein Korb!“ rief Rodin ihr nach. „Die kleine Närrin nimmt meinen Korb mit!“ „Es iſt auch wahr!“ ſagte Roſe Pompon umkehrend. „Verzeihen Sie. Hier iſt er. Wie wird die arme Cephiſe froh ſeyn! Leben Sie wohl!“ Roſe Pompon's niedliche Geſtalt verſchwand in den Win⸗ dungen der Treppe, die ſie in ungeduldiger Haſt hinaufeilte. Rodin trat aus dem Gang in den Laden Arſenens und ſagte, auf der Schwelle ſtehen bleibend: „Hier, liebe Frau, iſt Ihr Korb. Ich danke Ihnen ergebenſt für Ihre Gefül⸗ ligkeit.“ „Nicht Urſache, lieber Herr,“ erwiederte Arſene. „Alles ſteht zu Ihren Dienſten. Nun? war der Rettig gut?“ „Köſtlich, liebe Frau. Saftig und köſtlich.“ „Ach, das iſt mir ſehr lieb. Wird man Sie bald wie⸗ 4 derſehen?“ „Ich hoffe, ja. Aber können Sie mir ein Poſtbureau in der Nähe angeben?“ „Wenn Sie in die Straße dort links gehen, das dritte Haus, bei dem Krämer.“ „Tauſend Dank.“ „Ich wette, das iſt ein Liebesbrieſchen an Ihre Herzens⸗ freundin,“ ſagte Arſene, die wahrſcheinlich durch die Be⸗ rührung mit Roſe Pompon und Nini Moulin heiter geſtimmt worden war. „Hä! hä! hä! — Sie gute Frau!“ erwiderte Rodin grin⸗ ſend. Schnell aber ward er wieder ganz ernſt, machte eine mit ging er weg. Wir führen nun den Leſer in das Haus des Doctor Ba⸗ leinier, wo das Fräulein von Cardoville noch eingeſperrt war. tiefe Verbeugung und ſagte „Ihr ergebenſter Diener.“ Da⸗ Fünftes Kapitel. Die Ra h ſüch l ige Adriana von Cardoville war noch enger eingeſchloſſen wor⸗ den im Haus des Doetor Baleinier ſeit dem zwiefachen Be⸗ freiungsverſuch Agricola's und Dagobert's, nach deſſen Miß⸗ lingen der Soldat nur mit dem unerſchrockenen Beiſtand Agricola's und Freudenſtörers wieder die kleine Thür des Kloſtergartens hatte erreichen und mit ſeinem Sohn über den äußeren Boulevard hatte entfliehen können. Es hatte eben vier Uhr geſchlagen. Seit dem vorigen Tag war Adriana in ein Zimmer des zweiten Stockwerks im Krankenhaus gebracht worden. Das Fenſter war hier vergittert und auswendig mit einem Wetterdach verſehen, ſo daß nur ein ſchwaches Licht in dies Zimmer fiel. Seit ihrer Unterredung mit der Mayeur war Adriana ſtündlich darauf gefaßt, durch Vermittlung ihrer Freunde be⸗ freit zu werden. Aber ſie empfand eine ſchmerzliche Unruhe in Betreff Agricola's und Dagoberts, da ſie durchaus nicht wußte, wie der Kampf dieſer ihrer Befreier mit den Leuten des Irrenhauſes und des Kloſters in einer der vergangenen Nächte abgelaufen war. Vergebens hatte ſie ihre Wächte⸗ rinnen gefragt. Dieſe waren ſtumm geblieben. Alles dies vermehrte 1 die bitteren Gefühle Adrianens gegen die Fürſtin von St. Dizier, gegen den Pater Aigrigny und gegen deren Helfershelfer. Die leichte Bläſſe ihres ſchönen Geſichtes und ihre etwas matten Augen verriethen ihre un⸗ behagliche Stimmun. Die Stirne auf die eine Hand ge⸗ ſtützt, welche halb durch die langen Locken ihres Goldhaares bedeckt war, ſaß ſie an einem Tiſchchen und blätterte in einem Buch. Plötzlich ging die shir auf und Doctor Ba⸗ leinier trat ein. Der Doktor, ein Jeſuitſin kurzem Kleid, fügſames Werk⸗ zeug ſeines Ordens, war, wie früher bemerkt, nur halb im —— 2 — 40 — „Ach!“ ſagte Baleinier im gerührten Ton, „immer dieſe ſchlimme Einbildung, daß Sie unſerer Pflege nicht bedürfen, daß ich Komödie ſpiele, wenn ich Ihnen von dem betrübenden Zuſtand ſpreche, in welchem Sie waren, als man ſich genö⸗ thigt ſah, Sie ohne Ihr Wiſſen hieher zu führen! Aber ab⸗ gerechnet dies kleine Zeichen hartnäckigen Wahnſinns hat ſich Ihre Lage wunderbar gebeſſert. Sie ſind auf dem Weg vollkommener Geneſung. Später wird Ihr treffliches Herz mir die verdiente Gerechtigkeit widerfahren laſſen, und eines Tages werde ich beurtheilt werden, wie ich es verdiene.“ „Das glaub' ich. Der Tag naht, wo über Sie das Urtheil gefällt werden wird, welches Sie ver⸗ dienen,“ erwiderte Adriane mit Nachdruck. „Immer dieſe fixe Idee!“ ſagte der Doctor im Ton des Bedauerns. Sein Sie doch vernünftig! Denken Sie doch nicht an dieſe Kinderei!“ „Sie meinen, ich würde darauf verzichten, bei Gericht Genugthuung für mich und Schmach für Sie und Ihre Mitſchuldigen zu verlangen? In meinem Leben nicht!“ „Gut!“ ſagte der Doctor achſelzuckend. „Wenn Sie ein⸗ mal draußen ſind, werden Sie an ganz andere Dinge zu denken haben, meine ſchöne Feindin.“ „Ich weiß, Sie vergeſſen als frommer Mann das Böſe, was Sie thun. Ich habe ein b ſſeres Gedächtniß.“ „Ernſtlich geſprochen: denken Sie wirklich daran, ſich an die Gerichte zu wenden?“ fragte Baleinier in feierlichem Ton. „Ja, Herr Doctor. Und Sie wiſſen, was ich will, das will ich ernſtlich.“ „Nun, ich bitte, ich beſchwöre Sie, laſſen Sie dieſen Ge⸗ danken fahren!“ ſagte Baleinier in gerührtem Ton. „Ich bitte Sie inſtändig darum, um Ihrer ſelber willen.“ „Ich glaube, Sie verwechſeln ein wenig Ihr Beßtes mit dem meinigen.“ „Ei, ei!“ ſagte Baleinier ſcheinbar ungeduldig und als wäre er ſicher, das Fräulein auf der Stelle zu überzeugen. „Sollten Sie das Herz haben, zwei edelmüthige Menſchen in Verzweiflung zu ſtürzen?“ „Nur zwei? Der Scherz wäre vollſtändiger, wenn Sie ſagten, drei: Sü, Herr Doctor, meine Tante und den Abbé —— von Aigrigny. Denn das ſind ohne Zweifel die edelmüthigen Perſonen, für die Sie mein Mitleid anrufen.“ „O Fräulein, es handelt ſich hier weder von mir, noch von Ihrer Tante, noch vom Abbé Aigrigny.“ „Von wem denn?“ fragte Adriana erſtaunt. „Es handelt ſich von zwei armen Teufeln, die ohne Zwei⸗ fel abgeſchickt von denen, welche Sie Ihre Freunde nennen, ſich in vorletzter Nacht in das benachbarte Kloſter einge⸗ ſchlichen haben und aus dem Kloſter in dieſen Garten ge⸗ kommen ſind. Die Schüſſe, welche Sie gehört haben, ſind auf ſie abgefeuert worden.“ „Ach, ich dachte mir's! Und man will mir nicht ſagen, ob ſie verwundet worden ſind!“ rief Adriana voll Schmerz. „Der eine von ihnen hat wirklich eine Wunde empfangen. Aber dieſe iſt nicht bedeutend, denn er hat gehen und den Leuten, welche ihn verfolgten, entrinnen können.“ „Gott ſey Dank!“ rief Adriana, gerührt die Hände faltend. „Nichts iſt löblicher, als Ihre Freude bei der Nachricht, daß ſie entronnen ſind. Aber welcher Widerſpruch iſt es nun, daß Sie die Juſtiz auf ihre Spur bringen wollen? Das iſt wahrlich eine eigne Veiſe, ſich für ihre Hingebung zu bedanken!“ „Was meinen Sie?“ fragte Adriana. Ohne auf dieſe Frage unmittelbar zu antworten, fuhr Ba⸗ leinier fort: „Denn wenn ſie verhaftet werden, ſo ſtehen ihnen, da ſie ſich nächtlichen Einſteigens und Einbruchs ſchul⸗ dig gemacht haben, die Galeeren bevor.“ „Himmel! Und das wäre um meinetwillen?“ „Um Ihretwillen, und was noch ſchlimmer iſt, durch Sie würden dieſe Leute verurtheilt werden.“ „Durch mich?“ „Ganz gewiß, wenn Sie Ihre Rachegedanken gegen Ihre Tante und gegen den Abbé Aligrigny verfolgen — von mir ſpreche ich nicht; ich bin ſicher — mit einem Wort, wenn Sie vor Gericht klagen wollen, daß Sie widerrechtlich in dieſem Haus eingeſperrt worden ſind.“ „Herr Doector, ich verſtehe Sie nicht; e ſich,“ ſagte Adriana mit ſteigender Unruhe. — „Sie ſind ein rechtes Kind!“ rief der kurz — — Kleid im Ton der Ueberzeugung. „Meinen Sie denn, wenn bei der Juſtiz eine Sache anhängig geworden iſt, dann könnte man wann und wo man will, ihren Lauf hemmen? Wenn Sie hier herauskommen, dann bringen Sie eine Klage gegen mich und gegen Ihre Familie anz nicht wahr? Gut. Was geſchieht? Die Juſtiz ſchreitet ein und unterſucht. Sie läßt Zeugen vorlade Ind ſtellt die genaueſten Nachforſchungen erfolet un? Der nächtliche Einbruch, den die Oberin des Kloſters gern geheim halten möchte aus Furcht vor Aergerniß, dieſer nächtliche Verſuch, ſage ich, von dem ich kein Gerebe machen möchte, wird nun nothwendig bekannt. Und da es ſich von ginem ſchweren Verbrechen handelt, wel⸗ ches eine entehrende Strafe nach ſich zieht, ſo ſchreitet die Juſtiz von Amtswegen ein und ſucht, dieſe Unglücklichen aus⸗ findig zu machen. Und wenn ſte, wie es wahrſcheinlich iſt, zu Paris zurückgehalten werden, ſey es durch gewiſſe Pflich⸗ ten, ſey es durch ihr Geſchäft oder ſelbſt durch die trügeriſche Sicherheit, in welcher ſie ſich wähnen, weil ſie vermuthlich den Grund ihrer Handlung für ehrenhaft halten, ſo werden ſie gefunden und verhaftet. Und wer hat ihre Verhaftung herbeigeführt? Sie, indem Sie gegen uns klagen.“ „O, das wäre entſetzlich! das iſt unmöglich!“ „Im Gegentheil, es wäre ſehr möglich,“ verſetzte Baleinier. „Alſo während ich und die Oberin des Kloſters, die wir im Grund allein das Recht haben zu klagen, dieſe häßliche Ge⸗ ſchichte zu vertuſchen ſuchen, wollen Sie jene Unglücklichen, welche für Sie ſich den Galeeren ausgeſetzt haben, der Juſtiz überliefern!“ Obwohl das Fräulein von Cardoville ſich nicht völlig von dem Kurzrock täuſchen ließ, ſo fand ſie doch ſo viel glaublich, daß die Nachſicht gegen Dagobert und ſeinen Sohn je davon abhängen würde, ob ſie auf gerichtliche Genugthuung dringen oder vetzichten würde. Rodin, nach deſſen Anweiſungen der Doctor verfuhr, ohne zu wiſſen, daß ſie von ihm kamen, war zu klug, um dem Fräulein ſagen zu laſſen: „Wenn Sie klagen, ſo zeigen wir Dagobert und ſeinen Sohn an.“ Adriana ward viel ſicherer vom Klagen abgehalten, wenn man ihr Beſorgniſſe ſch⸗ Befreier nicht in Form einer Drohung 4 ₰ . ———— Das Fräulein kannte die Faſſung des Geſetzes nicht; aber ihr geſunder Verſtand ſagte ihr, daß Dagobert und Agricvla für ihren nächtlichen Verſuch zu furchtbarer Rechenſchaft ge⸗ zogen werden könnten. Und doch, wenn ſie Alles das bedachte, was ſie in dieſem Haus gelitten hatte, fand ſie es bei den bitteren Gefühlen, die ſich in ihrem Herzen geſammelt hatten, allzuhart, auf die grimmige Luſt der Enthüllung und Brand⸗ markung ſo gehäſſiger Ränke zu verzichten. Valehnie⸗ glaubte ſie völlig irre geführt zu tatei und be⸗ obachtete ſie mit dem Gefühl boshafter Zufriedenheit in der Ueberzeugung, daß er di ihres Schſeigens und Schwan⸗ kens kenne. Adriana re Verlegenheit nicht verhehlen. „Geſetzt,“ ſagte ſie, „ich verzichtete aus irgend einem Grund auf meine Klage, wann würde ich hier herauskommen?“ „Das weiß ich nicht, denn ich kann nicht wiſſen, wann Sie gründlich geheilt ſein werden,“ antwortete der Doetor in gů⸗ tigem Ton. „Sie ſind auf dem beßten Weg; — — aber —.“ „Immer dieſe unverſchämte, dum e Komödie!“ unterbrach Adriana den Arzt voll Unwillen. „Ich verlange, ich bitte Sie, mir zu ſagen, wie lange ich noch in dieſem abſcheulichen Haus eingeſperrt bleiben ſoll. Denn heraus werde ich ein⸗ mal kommen, denk ich.“ „Ich hoffe es,“ antwortete der Kurzrock mit der Miene der Rührung. „Aber wann? daß weiß ich nicht. Uebrigens muß ich Ihnen offen ſagen: es ſind alle Vorkehrungen ge⸗ troffen, daß Verſuche, wie in vorgeſtriger Nacht, ſich nicht erneuern. Die ſtrengſte Aufſicht iſt angeordnet, damit Sie keine Mittheilungen nach außen machen oder von außen em⸗ pfangen können. Und das geſchieht zu Ihrem Beßten, damit Ihr armer Kopf ſich nicht von neuem gefährlich überſpanne.“ „Demnach,“ fragte Adriana faſt erſchreckt, ſind die ver⸗ gangenen Tage im Vergleich mit dem, was mir bevorſteht, faſt Tage der Freiheit geweſen?“ „Ihr Beßtes geht Allem vor,“ erwiderte Sit in ge⸗ rührtem Ton. Das Fräulein von Sarbvuile fuhtue die O 1 Thür. Es klopfte an. Eine Wächterin trat ein und ſagte mit verſtörter Miene: „Unten ſind zwei Herren, welche au⸗ * genblicklich zu Ihnen und zu dem Fräulein wollen.“ Adriana hob raſch den Kopf in die Höhe. In ihren Au⸗ gen ſtanden Thränen. F „Wie heißen die Herren?“ fragte Baleinier erſtaunt. 4 „Der Eine,“ antwortete die Wächterin, „hat mir geſagt: Melden Sie dem Herrn Doctor, ich ſey eine obrigkeitliche Perſon und ich ſey von Gerichtswegen zum Fräulein von Cardoville geſchickt.“ „Eine obrigkeitliche Perſon!“ feuerroth werdend und unfähig, ſei Angſt zu verhehlen. „Gott ſey gelobt!“ rief Adriana aufſpringend. Ein Strahl der Hoffnung glänzte durch ihre Thränen. „Meine Freunde ſind noch zeitig genug benachrichtigt wordeh Die Stunde der Gerechtigkeit hat geſi agen!“ Nach einigem Beſinnen ſagte der S zu der Wäch⸗ terin „Bitten Sie dieſe Herren, heraufzukommen!“ Die Wächterin entfernte ſich. Baleinier trat mit finſterer, faft drohender Miene, die mit ſeiner gewöhnlichen Ruhe und ſeinem ſonſtigen heuchleriſchen Lächeln in großem Wider⸗ ſpruch ſtand, zu dem Fräulein und flüſterte ihr zu „Neh⸗ men Sie ſich in Acht. Jubeln Sie nicht zu früh!“ Jetzt fürcht' ich Sie nicht mehr,“ entgegnete Adriana mit freudeſtrahlendem Geſicht. Sicher iſt Herrn von Mont⸗ bron nach Paris zurückgekommen und zeitig benachrichtigt worden. Er kommt mit dem Beamten, mich zu befreien.“ Und im Ton bitteren Spottes fügte ſie hinzu: „Ich bedaure Sie und die Ihrigen!“ „Fräulein!“ rief Baleinier, unfähig, ſeine Angſt länger zu verhehlen. „Ich wiederhole Ihnen, nehmen Sie ſich in Acht, denken Sie an das, was ich Ihnen geſagt habe. Eine Klage würde nothwendig die Folge haben — Sie verſtehen 1 . mich — die Folge, daß der Vorgang der vorgeſtrigen Nacht offenbart würde. Nehmen Si ſich in Acht. Das Schickſal, die E re des Soldaten und ſeir ne ſind in Ihren ſie um die Galeeren!“ i anführen. Sie erholte der Kurzrock, troffenheit und ſeine — drohen mir indirect. Haben Sie das Herz, mir zu ſa⸗ gen, ob Sie, wenn ich mich bei dem Beamten beſchwere, den Soldaten und ſeinen Sohn auf der Stelle angeben wollen?“ „Ich wiederhole Ihnen, wenn Sie klagen, ſo ſind dieſe Leute verloren,“ antwortete der Kurzrock zweideutig. Wankend gemacht durch das wirklich Gefährliche, was in der Drohung des Doetors lag, rief Adriana: „Wie? Mei⸗ nen Sie, ich ſollte lügen, wenn der Beamte mich befragt?“ „Antworten Sie — — was wahr iſt. Antworten Sie — — daß Sie ſich vor einigen Tagen in ſolcher Ueber⸗ ſpannung befunden haben, daß man geglaubt hat, Sie zu Ihrem Beßten hierher bringen zu müſſen, daß aber Ihr Zuſtand ſich bedeutend gebeſſert hat, daß Sie die Nützlich⸗ keit der zu Ihrem Beßten ergriffenen Maßregel anerkennen. Ich werde dieſe Worte beſtätigen — denn ſie ſind eben die Wahrheit.“ „Rie!“ rief Adriana empört. „Nie werde ich mich zur Mitſchuldigen einer ſo ſchändlichen Lüge machen. Nie werde ich feig genug ſeyn, ſo die ſchmähliche Behandlung zu recht⸗ fertigen, die ich erduldet habe.“ „Da iſt der Beamte,“ ſagte Baleinier, als ſich ein Ge⸗ räuſch vor der Thüre hören ließ. „Nehmen Sie ſich in Acht“ Die Thür ging auf, und zum unausſprechlichen Erſnu nen des Dortors erſchien Rodin, begleitet von einem Mann 2 in ſchwarzer Kleidung von würdigem ſtrengem Ausſehen. Seinem Plan gemäß und aus Gründen liſtiger Klugheit, die man ſpäter erfahren wird, hatte Rodin nicht allein nicht den Pater Aigrigny und folglich auch nicht den Doctor von ſeinem beabſichtigten unerwarteten Beſuch im Krankenhaus mit einem Beamten in Kenntniß geſetzt, ſondern er hatte, wie oben erwähnt, dem Arzt den Befehl geben laſſen, das Fräulein von Cardoville noch enger einſchließen zu laſſen. Man begreift demnach die verdoppelte Beſtürzung Baleiniers, als er den Gerichtsbeamten, deſſen unerwartetes Erſcheinen und deſſen ehrfurchtgebietende Miene ihn überaus beunru⸗ higten, nun gar in Begleitung Rodin's, des demüthigen e Secretärs des Abbé von Aigrigny, eintre⸗ ten ſah. 3 * Rodin, wie immer ſchuftig gekleidet, deutete ſchon in der Thür dem Beamten mit achtungsvoller und mitleidiger Ge⸗ bärde auf das Fräulein von Cardoville. Während der Beamte betroffen von der ſeltenen Schönheit des Mädchens, ſie mit Theilnahme und Bewunderung zu betrachten ſchien, trat der Jeſuit beſcheiden einige Schritt zurück. Baleinier, deſſen Erſtaunen auf's Höchſte geſtiegen war, wollte ſich mit Rodin verſtändigen und gab ihm wiederholte Winke, welche Fragen über das unerwartete Erſcheinen des Beamten ausdrückten. Rodin that, als kenne er ihn nicht und begriffe nicht ſeine ausdrucksvollen Gebärden. Er be⸗ trachtete ihn mit der Miene eines Verblüfften. Der Doctor verlor die Geduld und ſtellte ſeine ſtummen Fragen immer deutlicher. Rodin trat einen Schritt vor, ſtreckte ſeinen ſchiefen Hals nach ihm aus, und ſagte: „Wie beliebt, Herr Doctor?“ Bei dieſen Worten, welche das ſeit einigen Secunden herrſchende Schweigen brachen, wandte der Beamte ſich um. Rodin fuhr mit unverwüſtlicher Kaltblütigkeit fort: „Seit unſerer Ankunft macht mir der Herr Doctor allerlei geheim⸗ nißvolle Zeichen. Ich glaube, er hat mir etwas ganz beſon⸗ deres mitzutheilen. Ich, der ich kein Geheimniß habe, bitte ihn, ſich ganz laut zu erklären. Dieſe Bemerkung ward in feindſeligem Ton geſprochen und mit einem Blick eiſiger Kälte begleitet. Baleinier ge⸗ rieth ſo ſehr außer Faſſung, daß er einige Augenblicke da⸗ ſtand, unfähig, ein Wort der Erwiederung hervorzubringen. Der Beamtt ſchien von Rodin's Bemerkung und von dem darauf folgenden Schweigen betroffen zu ſeyn und warf auf den Doetor einen ſtrengen Blick. Wiſane, welche gefaßt geweſen war, den Herrn von Montbron eintreten zu ſehen, war ebenfalls ſehr erſtaunt. F— haben. Ich ſage Mißgriff, um nicht einen ſchlimmeren Sechstes Kapitel. D Baleinier, durch die unerwartete Anweſenheit einer Ge⸗ richtsperſon und durch das unerklärliche Benehmen Rodin's einige Augenblicke aus der Faſſung gebracht, gewann bald ſeine Kaltblütigkeit wieder und entgegnete ſeinem Bruder Lang⸗ rock: „Wenn ich verſucht habe, mich Ihnen durch Zeichen verſtändlich zu machen, ſo iſt es geſchehen, weil ich zugleich das Schweigen nicht unterbrechen wollte, welches dieſer Herr hier bei ſeinem Eintreten beobachtet hat, und zugleich Ihnen meine Ueberraſchung kund geben wollte über einen Beſuch, mit dem beehrt zu werden ich nicht gefaßt war.“ „Dem Fräulein werde ich die Urſache meines Stillſchwei⸗ gens erklären, Herr Doetor,“ verſetzte der Beamte mit einer leichten Verbeugung gegen Adriane. — „Fräulein, in Be⸗ zug auf Sie iſt mir eine Erklärung von ſolcher Wichtigkeit gemacht worden, daß ich bei Ihrem Anblick nicht umhin konnte, einen Augenblic ſtill zu ſchweigen, mich zu ſammeln und zu verſuchen, in Ihrem Geſicht und in Ihrer S zu leſen, ob die bei mir angebrachte Klage gegründet wäre. In der That habe ich allen Grund zu glauben, daß ſie es iſt.“ „Könnte ich endlich erfahren, mit wem ich die Ehre habe zu ſprechen?“ fragte Baleinier in höflichem, aber feſtem Ton. „Ich bin Unterſuchungsrichter und komme, mir Gewißheit zu verſchaffen über eine Sache, die mir angezeigt worden iſt.“ Baleinier verbeugte ſich und ſagte: „Haben Sie die Güte, ſich näher zu erklären.“ Herr von Gernande, ſo hieß der Beamte, ein Mann von etwa fünfzig Jahren, feſt und rechtlich, und gewohnt, die ſtrengen Pflichten ſeines Berufs mit wohlwollender Höflich⸗ keit zu verbinden, erwiderte: „Herr Doctor, man wirft Ihnen vor, einen — ſehr ſchweren Mißgriff begangen zu Ausdruck anzuwenden. Was die Beſchaffenheit dieſes Miß⸗ griffs angeht, ſo will ich lieber glauben, daß Sie, einer der Fürſten der Wiſſenſchaft, ſich völlig in der Beurtheilung eines mediciniſchen Falles haben täuſchen können, als Sie beargwohnen, die Heiligkeit eines Berufs, welcher faſt ein Prieſterthum iſt, völlig vergeſſen zu haben.“ „Wenn Sie die Thatſachen genauer bezeichnet haben wer⸗ den,“ verſetzte der Jeſuit vom kurzen Kleid mit einem ge⸗ wiſſen Stolz, „dann wird es mir leicht ſeyn zu beweiſen, daß mein wiſſenſchaftliches Bewußtſeyn eben ſo ſehr wie mein moraliſches vor jedem Vorwurf ſicher iſt.“ „Fräulein,“ ſagte Herr von Gernande zu Adrianen, Hiſt es wahr, daß Sie durch Liſt in dies Haus gebracht wor⸗ den ſind?“ „Herr!“ rief Baleinier, „erlauben Sie mir die Bemer⸗ kung, daß die Art, wie Sie Ihre Frage ſtellen, beleidigend für mich iſt.“ „Herr Doctor!“ verſetzte der Beamte ſtrenge, „mit dem Fräulein habe ich die Ehre zu ſprechen, und ich allein bin Richter über die Schicklichkeit meiner Fragen.“ Adriane wollte die Frage des Richters bejahend beant⸗ worten, als ein ausdrucksvoller Blick des Doetors ſie erin⸗ nerte, daß ſie damit vielleicht über Dagobert und deſſen Sohn eine ſchreckliche gerichtliche Unterſuchung bringen könnte. Nicht ein gemeines Rachegefühl, ſondern gerechter Unwille über empörende Heuchelei erfüllte ihre Seele. Sie hätte es als Feigheit betrachtet, die Entlarvung derſelben zu verhin⸗ dern, aber ſie wollte dieſer Entlarvung nicht die Rückſichten für ihre edelmüthigen Freunde aufopfern und erwiederte darum in ſanftem und würdevollem Ton: „Erlauben Sie mir, ver⸗ ehrter Herr, Ihnen meinerſeits eine Frage zu ſtellen.“ „Sprechen Sie, Fräulein,“ ſagte der Richter. „Wird die Antwort, die ich Ihnen zu geben habe, als eine Beſchwerde betrachtet werden?“ „Fräulein,“ erwiderte der Richter, „ich komme hierher, vor allen Dingen um die Wahrheit zu ſuchen. Dieſe zu verhehlen darf keine Rückſicht Sie beſtimmen.“ „Gut,“ entgegnete Adriana. „Aber angenommen, ich hätte gerechte Urſachen, zu klagen, und ich legte Ihnen die⸗ —.——— † — 49 — ſelben vor, um damit die Erlaubniß zum Austritt aus die⸗ ſem Haus zu erlangen, wäre es mir dann verſtattet, der von mir gemachten Erklärung keine weitere Folge zu geben?“ „Allerdings können Sie auf Führung eines Proceſſes ver⸗ zichten, aber die Juſtiz wird Ihre Sache im Namen der Geſellſchaft wieder aufnehmen, wofern dieſe in Ihrer Per⸗ ſon verletzt worden iſt.“ „Wäre mir Vergeben nicht verſtattet? Würde ein verach⸗ tendes Vergeſſen des mir angethanen Böſen mich nicht hin⸗ reichend rächen?“ „Sie können für Ihre Perſon vergeben und vergeſſen. Aber ich wiederhole Ihnen, die Geſellſchaft könnte nicht die⸗ ſelbe Nachſicht beweiſen, falls Sie das Opfer ſtrafbarer Ränke geweſen wären — und ich habe allen Grund zu glau⸗ ben, daß dies der Fall geweſen iſt. Form und Inhalt Ihrer Ausdrücke, die Ruhe und Würde Ihrer Haltung, Alles läßt mich glauben, daß mir die Wahrheit berichtet worden iſt.“ „Ich hoffe,“ bemerkte Baleinier kaltblütig, „Sie werden mir wenigſtens den Inhalt des Ihnen gemachten Berichtes mittheilen. 2 In ſtrengem Tone erwiederte der Richter: „Es iſt mir die Verſicherung gegeben worden, das Fräulein von Cardo⸗ ville ſey mit Liſt hieher geführt worden.“ „Mit Liſt?“ wiederholte Baleinier. „Ja, Herr Doetor.“ Baleinier beſann ſich einen Augenblick und fuhr dann „Es iſt wahr, das Fräulein iſt mit Liſt hieher gebracht worden.“ „Sie geſtehen es alſo zu?“ fragte Herr von Gernande. „Ohne Zweifel geſtehe ich, meine Zuflucht zu einem Mittel genommen zu haben, welches man leider anwenden muß bei Perſouen die, während ſi e unſerer Pflege bedür⸗ fen, nicht das Bewußtſen ihres bedenklichen Zuſtandes haben.“ „Aber man hat mir erklärt, das Fräulein von Cardoville habe nie Ihrer Pflege bedurft,“ entgegnete der Richter. „Das,“ verſetzte Baleinier in zuverſichtlichem Ton, „iſt eine Frage der medicina forensis, worüber die Juſtiz nicht für ſich allein zu entſcheiden hat, die vielmehr vnn geßt und erörtert werden muß.“ . 4 5 „Dieſe Frage wird um ſo ernſtlicher erörtert werden, da Sie angeklagt ſind, das Fräulein von Cardoville hier ein⸗ geſperrt zu haben, obwohl ſie bei vollem Verſtand iſt.“ Baleinier zuckte ein wenig die Achſeln und ſagte in ſpöt⸗ tiſchem Ton: „Dürft' ich Sie fragen, zu welchem Zweck, in welcher Abſicht ich eine ſolche Schändlichkeit begangen haben ſollte, angenommen mein Ruf ſtellte mich nicht vor einer . ſo gehäſſigen und abſurden Anklage ſicher?“ „Sie ſollen gehandelt haben in der Abſicht, ein gegen 1 das Fräulein von Cardoville aus Habgier angezetteltes Fa⸗ miliencomplott zu begünſtigen.“ „Und wer hat es gewagt, eine ſo verleumderiſche Anſchul⸗ digung zu erheben?“ fragte Baleinier im Ton lebhaften 3 Unwillens. „Wer hat die Verwegenheit, einen geachteten, und ich darf wohl ſagen, in jeder Beziehung achtbaren Mann anzuklagen, daß er der Mitſchuldige einer ſolchen Nieder⸗ trächtigkeit geweſen ſey?“ „Ich!“ ſagte Rodin kaltblütig. „Sie?“ rief Baleinier, zwei Schritt zurückfahrend und wie . vernichtet ſtehen bleibend. „Ich klage Sie an,“ wiederholte Rodin in kurzem ent⸗ ſchiedenem Ton. „Ja, dieſer Herr iſt dieſen Morgen mit genügenden Be⸗ weiſen zu mir gekommen, um mein Einſchreiten zu Gunſten es Fräuleins von Cardoville zu begehren,“ ſagte der Beamte, einen Schritt bei Seite tretend, damit Adriana ihren Für⸗ ſprecher ſehen könnte. Bis dahin war während dieſes Auftritts der Name Ro⸗ din's nicht genannt worden. Adriana hatte viel Schlimmes von dem Seeretär des Abbé Aigrigny gehört; aber ſie hatte ihn nie geſehen und wußte nicht, daß ihr Befreier eben dieſer Jeſuit ſey. Sie warf auf ihn einen Blick der Neu⸗ gier, der Theilnahme, der Ueberraſchung und der Dankbar⸗ keit. Das Mumiengeſicht Rooin's, ſeine abſtoßende Häß⸗ lichkeit und ſeine ſchmutzige Kleidung würden früher dem Fräulein einen vielleicht unüberwindlichen Abſcheu eingeflößt haben. Seitdem ſie aber inne geworden war, daß die arme, ſchwächliche, mißgeſtaltete, faſt in Lumpen gehüllte Mayeur trotz ihrem unangenehmen Aeußeren mit einem der edelſten Herzen begabt war, konnte ſie den Jeſuiten mit günſtigeren Augen anſehen. Sie vergaß, daß er häßlich und ſchmutzig war, über dem Gedanken, daß er alt war, daß er arm zu ſeyn ſchien, und daß er kam, ihr zu helfen Baleinier konnte ungeachtet ſeiner Liſt, ſeiner kecken Heu⸗ chelei und ſeiner Geiſtesgegenwart nicht ſeine große Beſtür⸗ zung über die Angabe Rodin's verhehlen. Er verlor den Kopf bei dem Gedanken, daß am Tag unmittelbar nach der Einſperrung Adrianens gerade Rodin's erbarmungsloſer Zu⸗ ruf durch den Schalter ihn gehindert hatte, dem Mitleid nachzugeben, welches der verzweifelte Schmerz des unglück⸗ lichen Mädchens in ihm erregt hatte, nachdem er ſie faſt dahin gebracht, an ihrem Verſtand zu zweifeln. Und dieſer unerbittliche Rodin, dieſer mit Leib und Seele an den Pa⸗ ter Aigrigny verkaufte untergeordnete Menſch hatte den Doctor angegeben und einen Richter hergeführt, um die Befreiung Adrianens zu erwirken, nachdem noch Tags zuvor der Pater Aigrigny befohlen hatte, die Strenge gegen ſie zu verdoppeln! Der Kurzrock meinte, Rodin habe ſchänd⸗ licher Weiſe den Pater Aigrigny verrathen, nachdem er ſich von den Freunden des Fräuleins habe beſtechen laſſen. Wü⸗ thend über dieſen entſetzlichen Verrath rief er mit von Zorn erſtickter Stimme: „Sie haben die Verwegenheit, mich an⸗ zuklagen? — Sie, der Sie noch vor wenigen Tagen — —“ Er beſann ſich, daß Rodin der Mitſchuld anklagen, hieße ſich ſelber anklagen, und fuhr fort in Ton des Schmerzes und mit der Miene, als ließe er ſich von einer zu heſtigen Gemüthsbewegung hinreißen: „O, wahrlich, Sie ſind der letzte, den ich einer ſo gehäſſigen Anklage fähig gehalten hätte! Das iſt ſchmählich!“ „Wer konnte beſſer als ich dieſe Schändlichkeit zur An⸗— zeige bringen?“ entgegnete Rodin in ſchneidendem Ton. „War ich nicht in der Lage zu erfahren — leider nur zu ſpät! — welche Ränke gegen das Fräulein von Cardoville und gegen andere Perſonen geſponnen wurden? Und als ich es erfahren hatte, welche Pflicht hatte ich da als ehrlicher Mann? Ich mußte dem Herrn Unterſuchungsrichter die An⸗ zeige machen, die Anzeige beweiſen und ihn hieher beglei ten. Das habe ich gethan.“ bewieſen?“ — — „Alſo, Herr Unterſuchungsrichter,“ fragte Baleinier, „nicht bloß mich klagt dieſer Menſch an, ſondern er wagt es auch, „Ich klage den Herrn Abbé von Aigrigny an,“ unterbrach Rodin mit lauter und ſcharfer Stimme, „ich klage die Frau von St. Dizier an, ich klage Sie an, aus ſchnöder Habſucht das Fräulein von Cardoville in dieſem Haus eingeſperrt zu haben und die Töchter des Marſchalls Simon in dem be⸗ nachbarten Kloſter. Heißt das deutlich geſprochen?“ „Ach! das iſt nur zu wahr,“ ſagte Adriana lebhaft. „Ich habe geſehen, wie dieſe Kinder mit verweinten Augen mir Zeichen verzweifelten Schmerzes gaben.“ Die Anklage Rodin's in Betreff der Waiſen war ein neuer furchtbarer Schlag für den Doctor. Jetzt war ihm mehr als hinreichend bewieſen, daß der Verräther vollkom⸗ men ins feindliche Lager übergegangen ſey. Es drängte ihn, dieſem beängſtigenden Auftritt ein Ende zu machen. Indem er ſich bemühte, trotz ſeiner Gemüthsbewegung, gefaßt zu ſcheinen, ſagte er zu dem Richter: „Ich könnte mich begnü⸗ gen ſolchen Anklagen Stillſchweigen und Verachtung ent⸗ gegenzuſetzen, bis eine richterliche Entſcheidung ihnen irgend eine Bedeutung gegeben hätte. Aber mit der Ruhe eines guten Gewiſſens wende ich mich an das Fräulein von Car⸗ doville ſelber, und bitte ſie, zu ſagen, ob ich nicht noch vor einer halben Stunde ihr angekündigt habe, daß ihr Geſund⸗ heitszuſtand bald befriedigend genug ſeyn würde, um ihr zu verſtatten, dies Haus zu verlaſſen. Ich beſchwöre das Fräu⸗ lein bei ſeiner bekannten Rechtlichkeit, zu erklären, ob ich nicht dieſe Sprache geführt habe, ob ich nicht, indem ich ſie führte, allein bei ihr war, und ob — — „Gehn Sie doch!“ unterbrach Rodin unhöflich den Kurz⸗ rock. „Angenommen, das Fräulein geſtände das aus reinem Edelmuth, was iſt damit zu Ihren Gunſten, Herr Doctor, „Was?“ rief Baleinier, „Sie erlauben ſich — — Ich erlaube mir, Sie ohne Ihre Bewilligung z larven. Das iſt freilich eine Unannehmlichkeit. Abe will das bedeuten, was Sie uns ſo eben geſagt haben? Sie mit dem Fräulein von Cardoville allein waren, und 3 * daß Sie mit ihr geſprochen haben, als wäre ſie wirklich verrückt? Wahrhaftig, das iſt ein ſchlagender Beweis!“ „Aber — —“ begann der Dyetor. „Aber“, fuhr Rodin fort, ohne ihn weiter reden zu laſ⸗ ſen, „es iſt augenſcheinlich, daß Sie in der Vorausſicht deſſen, was eben geſchieht, um ſich ein Schlupfloch offen zu halten, vor den Augen dieſes armen Fräuleins die Miene angenommen haben, als glaubten Sie ſelber an Ihre ſchänd⸗ liche Lüge, damit Sie ſpäter ſich auf Ihre vorgebliche Ueberzeugung berufen könnten. Gehen Sie! vernünftigen Leuten, die das Herz auf dem rechten Fleck haben, muß man keine ſolche Mährchen aufbinden wollen.“ „Nun, wohlan! — —“ begann Baleinier zornig. „Nun, wohlan!“ unterbrach Rodin abermals, den Doctor überſchreiend, „iſt es wahr oder nicht, daß Sie ſich die Ausflucht vorbehalten, dieſe ſchändliche Einſperrung auf einen wiſſenſchaftlichen Irrthum zu ſchieben? Ich ſage ja — und ich füge hinzu, daß Sie ſich für geborgen halten, weil Sie jetzt ſagen: durch meine Pflege hat das Fräulein ſeinen Verſtand wieder erlangt; was will man weiter?“ „Ich ſage das, und ich behaupte es.“ „Sie behaupten eine Unwahrheit, denn es iſt bewieſen, daß das Fräulein nie einen Angenblick den Verſtand ver⸗ loren hatte.“ „Und ich behaupte, daß es der Fall geweſen iſt. „Und ich werde das Gegentheil beweiſen,“ ſagte Rodin. „Sie? Wie ſo?“ rief der Doctor. „Ihnen das jetzt zu ſagen, werd' ich mich hüten, wie Sie ſich leicht denken können,“ erwiederte Rodin mit ſpöttiſchem Lächeln. Und im Ton des Unwillens fuhr er fort: „Wahr⸗ lich, Sie ſollten ſterben vor Scham, daß Sie ſich unter⸗ ſtehen, eine ſolche Frage in Gegenwart des Fräuleins an⸗ zuregen. Erſparen Sie ihr wenigſtens eine ſolche Erör⸗ terung.“ „Herr — —“ begann Baleinier. 5 „Pfui!“ fiel ihm Rodin ins Wort, „pfui, es iſt wider⸗ wärtig, ſo etwas vor dem Fräulein zu behaupten — wider⸗ wärtig, wenn Sie die Wahrheit ſagen, und wiverwärtig, wenn Sie lügen.“ S „Das iſt eine unbegreifliche Wuth!“ rief der Kurzrock er⸗ bittert „Es ſcheint mir, der Herr Richter beweiſt Partei⸗ lichkeit, indem er ſolche plumpe Verleumdungen gegen mich aufhäufen läßt.“ „Herr Doctor,“ verſetzte der Richter in ſtrengem Ton, „ich habe das Recht, nicht nur beide Theile ſich ausſprechen zu laſſen, ſondern auch, ſie dazu zu veranlaſſen, ſobald ich hoffen kann, dadurch Aufklärung zu erhalten. Di Ergeb⸗ niß von Allem iſt, daß ſelbſt nach Ihrer Meinung, Herr Doctor, der Geſundheitszuſtand des Fräuleins von Cardo⸗ ville infoweit befriedigend iſt, daß ſie noch heut in ihren Familienkreis zurückkehren kann „Wenigſtens ſehe ich keine große Gefahr dabei,“ erwie⸗ derte Baleinier. „Nur behaupte ich, daß die Heilung nicht ſo vollſtändig iſt, wie ſie hätte werden können, und in die⸗ ſer Beziehung weiſe ich jede Verantwortlichkeit von der Hand“ . „Sie können dies um ſo eher,“ bemerkte Rodin, „als es zweifelhaft iſt, ob das Fräulein in Zukunft wieder Ihre Weisheit in Anſpruch nehmen wird“ „Demnach,“ ſagte der Richter, „brauche ich Sie nicht erſt aufzufordern, dem Fräulein von Cardoville augenblicklich die Thüren dieſes Hauſes zu öffnen.“ Das Fräulein iſt frei, vollkommen frei,“ erwiederte Ba⸗ „Die Frage, ob Sie das Fräulein unter Vorſchützung von Wahnſinn eingeſperrt haben, iſt vor Gericht anhängig,“ fügte der Beamte hinzu. „Sie werden vernommen werden“ „Ich bin ruhig,“ verſetzte Baleinier gefaßt. „Mein Ge⸗ wiſſen macht mir keinen Vorwurf.“ „Ich wünſche es,“ erwiederte Herr von Gernande. „So bedeutend auch die Anzeichen ſeyn mögen, beſonders wenn ſie einen Mann in Ihrer Stellung betreffen, ſo wünſchen wir doch ſtets, Unſchuldige zu finden. — Fräulein, ich be⸗ greife, wie ſchmerzlich, wie verletzend dieſer Auftritt für Ihr Zartgefühl und für Ihren Edelmuth geweſen ſeyn muß. Später wird es von Ihnen abhängen, eine Privatklage gegen Herrn Doctor Baleinier zu erheben, oder eben der Gerechtigkeit ihren Lauf zu laſſen. — Noch ein Wort. — Dieſer ehren⸗ hafte, geſinnungsvolle Mann, welcher ſo offen und uneigen⸗ nützig Ihre Vertheidigung übernommen, hat mir geſagt, er glaube, daß Sie vielleicht für den Augenblick die Töchter des Marſchalls Simon in Pflege nehmen wollten. Augen⸗ blicklich will ich ſie aus dem Kloſter abfordern „in welches ſie ebenfalls mit Liſt gebracht worden ſind.“ „In der That,“ antwortete Adriana, „ſobald ich die An⸗ kunft der Töchter des Marſchalls Simon zu Paris erfahren hatte, war meine Abſicht, ihnen eine Wohnung bei mir anzubieten. Die Fräulein Simon ſind nahe mit mir ver⸗ wandt. Sie als Schweſtern zu behandeln, iſt für mich eine Pflicht und ein Vergnügen. Ich würde Ihnen alſo doppelt dankbar ſeyn, wenn Sie mjr dieſelben anvertrauen wollten.“ „Ich glaube nichts beſſeres für ſie thun zu können,“ er⸗ wiederte Herr von Gernande. — „Berr Doctor, würden Sie verſtatten, daß ich auf der Stelle die Fräulein Simon hie⸗ her bringe? Ich will ſie holen, während Fräulein von Car⸗ doville ſich zum Abgang fertig macht. Sie können dann dies Haus mit ihren Verwandten verlaſſen.“ „Ich bitte das Fräulein von Cardoville, über dies Haus wie über das ihrige zu verfügen bis zum Augenblick ihres Abgangs,“ ſagte Baleinier. „Meine Kutſche ſteht zu ihrem Befehl.“ Adriana nahm das Wort und ſprach mit bezaubernder Würde zu dem Richter: „Es bleibt mir aus dieſen trauri⸗ gen Tagen wenigſtens eine angenehme und rührende Erin⸗ nerung, die Erinnerung an die Theilnahme, welche Sie mir bewieſen haben, und ich hoffe, Sie werden mich gütigſt in Stand ſetzen, Ihnen in meiner Wohnung meinen Dank auszuſprechen, nicht für die Gerechtigkeit, welche Sie gegen mich geübt haben, ſondern für die wohlwollende, ich möchte ſagen väterliche Weiſe, in welcher Sie es gethan haben. Und dann,“ fügte ſie anmuthig lächelnd hinzu, „iſt es mir darum zu thun, Ihnen zu beweiſen, daß meine ſogenannte Heilung etwas wirkliches iſt.“ Herr von Gernande verbeugte ſich achtungsvoll vor dem Fräulein. Während der kurzen Unterredung des Beamten mit Adria⸗ nen hatten beide dem Arzt und Rodin den Rücken zugekehrt. Letzterer benutzte dieſen Augenblick, um dem Doctor ein Zet⸗ telchen in die Hand zu drücken, welches er in ſeinem Hut mit Bleiſtift beſchrieben hatte. Baleinier ſah ihn verblüfft an. Rodin fuhr mit dem Daumen nach der Stirn und zweimal ſenkrecht an derſelben herunter. Dies geſchah ſo ſchnell, daß Herr von Gernande, als er ſich umwandte, Ro⸗ din einige Schritt von Baleinier entfernt ſtehen ſah, die Augen mit achtungsvoller Theilnahme auf das Fräulein von Cardoville gerichtet. Nachdem der Richter mit einem freundlichen Gruß von Adriana Abſchied genommen, ſagte Baleinier zu ihm: „Er⸗ lauben Sie, daß ich Sie begleite.“ Er ging mit ihm hinaus und ließ Rodin mit Adriana allein. Nachdem er den Herrn von Gernande bis an die Hausthüre begleitet, las er eilig den ihm von Rodin gegebenen Zettel. Dieſer lautete: „Der Richter geht durch die Straße ins Kloſter. Lau⸗ fen Sie durch den Garten und ſagen der Oberin, ſie ſolle dem Befehl gehorchen, den ich in Betreff der zwei Mädchen gegeben. Dies iſt höchſt wichtig.“ Das Zeichen, welches Rodin ihm gegeben, und der In⸗ halt dieſes Zettels bewieſen dem Doctor, welcher an dieſem Tage fortwährend vom Erſtaunen zur Verblüfftheit überge⸗ gangen war, daß der Secretär des E. V., weit entfernt, ein Verräther zu ſeyn, ſtets zur Ehre des Herrn handelte⸗ Er gehorchte und zerbrach ſich dabei vergebens den Kopf, was wohl der Grund von dem unerklärlichen Benehmen Ro⸗ din's ſeyn mochte, indem derſelbe bei Gericht eine Sache anhängig gemacht hatte, die man doch vertuſchen ſollte, weil ſie für den Pater Aigrigny, für die Fürſtin von St. Dizier und für ihn, Baleinier, ſchlimme Folgen haben konnte. Kehren wir nun zu Rodin zurück, welcher mit dem Fräu⸗ lein von Cardoville allein geblieben war. ————— —,“.—— Siebentes Kapitel. Der Seeretär des Pater Aigrigny. Kaum war der Beamte mit dem Arzt verſchwunden, ſo rief Adriana von Cardoville mit freudeſtrahlendem Geſicht, indem ſie den Jeſuiten mit einer Miſchung von Achtung und Dankbarkeit betrachtete: „Endlich bin ich frei und zwar durch Sie, werther Herr. O, nie zuvor habe ich eine Empfindung von dem Glück gehabt, welches in dem himmliſchen Wott Freiheit liegt!“ Und ihr Buſen hob ſich, ihre roſigen Naslöcher dehnten ſich aus, ihre Purpurlippen öffneten ſich halb, als athmete ſie wonnevoll eine belebende und reine Luft ein. „Seit wenigen Tagen,“ fuhr ſie fort, „befind' ich mich in dieſem entſetzlichen Haus. Aber in dieſer kurzen Zeit habe ich ſo viel durch meine Gefangenhaltung gelitten, daß ich ein Ge⸗ lübde gethan habe, jedes Jahr einigen armen Schuldgefangenen die Freiheit zu verſchaffen. Dies Gelübde ſcheint Ihnen ohne Zweifel etwas mittelalterlich,“ fügte ſie lächelnd hinzu. „Aber man muß von dieſem herrlichen Zeitalter nicht bloß gemalte Fenſter und Möbel entlehnen. Ich ſage Ihnen alſo dop⸗ pelten Dank, verehrter Herr, denn ich mache Sie zum Mit— ſchuldigen des Befreiungsgedankens, welcher, wie Sie ſehen, ſo eben entſtanden iſt im Gefühl des Glücks, das ich Ihnen verdanke, und von dem Sie gerührt zu ſeyn ſcheinen. Omöge meine Freude Ihnen ſagen, wie ſehr ich Ihnen danke, möge Sie Ihr Lohn ſeyn für Ihren edeln muthigen Beiſtand!“ Adriana hatte eine vollſtändige Verwandkung in dem Ge⸗ ſicht Rodin's bemerkt. Dieſer vorhin gegen Baleinier ſo harte und unbeugſame Menſch ſchien jetzt von den ſanfteſten Gefühlen erfüllt zu ſeyn. Seine kleinen halb geſchloſſenen Schlangenaugen ruhten mit einem Ausdruck unausſprechlicher 1 —— Theilnahme auf dem Fräulein. Als wollte er ſich plötzlich dieſen Eindrücken entreißen, ſagte er für ſich: „Weg mit der Rührung! Die Zeit iſt zu koſtbar. Mein Geſchäft iſt noch nicht vollendet. — Werthes Fräulein, von Dank wollen wir ſpäter reden. Vor allen Dingen laſſen Sie uns von dem gegenwärtigen Augenblick reden, der ſo wichtig iſt für Sie und für Ihre Familie. Wiſſen Sie, was vorgeht?“ Adriana ſah den Jeſuiten betroffen an und fragte: „Was geht denn vor?“ „Wiſſen Sie den wahren Zweck Ihrer Einſperrung in die⸗ ſem Haus? Wiſſen Sie die Beweggründe, welche die Hand⸗ lungsweiſe der Frau von St. Dizier und des Abbé von Ai⸗ grigny beſtimmt haben?“ Bei Nennung dieſer verhaßten Namen verdüſterte ſich das freude eb Geſicht Adrianens von Neuem und mit Schmerz ſagte ſie: „Ohne Zweifel hat der Haß die Frau von St. Dizier in ihrem Thun geleitet.“ „Ja, der Haß,“ ſagte Rodin, „und außerdem der Wunſch, Sie eines unermeßlichen Vermögens zu berauben.“ „Mich? Wie ſo?“ „Sie wiſſen alſo nicht, werthes Fräulein, wie ſehr Ih— nen hätte daran gelegen ſeyn müſſen, ſich am 13. Februar in der St. Franeiscusſtraße wegen einer Erbſchaft einzu⸗ finden?“ „Von dieſem Tag und von dieſen näheren Umſtänden wußte ich nichts. Aber ich wußte halb und halb aus eini⸗ gen Familienpapieren und durch einen ganz gußenordentlichen Vorfall, daß einer meiner Ahnen — —“ „Eine ungeheure Summe zur Vertheilung unter ſeine Nachkommen hinterlaſſen hatte,“ ergänzte Rodin. „Allerdings.“ „Leider aber wußten Sie, werthes Fräulein, nicht, daß die Erben verpflichtet waren, ſich am 13. Februar zu einer feſtgeſetzten Stunde zuſammenzufinden, und daß die Ausblei⸗ benden ihres Antheils verluſtig gehen ſollten. Begreifen Sie nun, warum man Sie hier eingeſperrt hat?“ „O ja!“ rief Adriana. „Ich begreife es. Mit dem Haß, den meine Tante gegen mich hegte, verband ſich die Hab⸗ gier. Jetzt iſt Alles erklärt. Die Töchter des Marſchalls — 55 Simon, Erbinnen wie ich, ſind gleichfalls eingeſperrt wor⸗ den.“ „Sie und jene ſind nicht die einzigen Gegenſtände der Verfolgung,“ rief Rodin. „Wer ſind denn die andern?“ „Ein junger Indier.“ „Der Prinz Dſchalma?“ fragte Adriana lebhaft. „Er wäre beinahe durch ein betäubendes Mittel vergiftet worden, aus demſelben Grund.“ „Großer Gott!“ rief Adriana, entſetzt die Hände zuſam⸗ menſchlagend. „Das iſt entſetzlich! Er? er? Dieſer Prinz, welcher ſo edelſinnig ſein ſoll? Aber ich hatte jemand auf Schloß Cardoville geſchickt — —“ „Einen Vertrauten, der den Prinzen nach Paris bringen ſollte. Ich weiß es, werthes Fräulein. Dieſer Mann iſt li⸗ ſtiger Weiſe entfernt und der Prinz iſt ſeinen Feinden in die Hände geliefert worden.“ „Und jetzt — — wo iſt er?“ „Ich habe nur unbeſtimmte Angaben. Ich weiß bloß, daß er zu Paris iſt. Aber ich gebe die Hoffnung nicht auf, ihn wiederzufinden. Ich werde Nachforſchungen anſtellen laſſen mit einem faſt väterlichen Eifer, denn die ſeltenen Eigenſchaften dieſes armen Königsſohnes machen ihn der Liebe Aller würdig. Welches Herz! werthes Fräulein. Ein Herz wie Gold, rein wie das Gold ſeines Heimath⸗ landes!“ „Der Prinz muß wiedergefunden werden!“ ſagte Adriana aufgeregt. „Es darf zu dem Ende nichts vernachläſſigt wer⸗ den. Ich beſchwöre Sie, das Mögliche zu athun. Er iſt mein Verwandter. Er iſt allein hier, ohne Stütze ohne Hülfe.“ „Gewiß,“ ſagte Rodin mitleidig. „Das arme Kind! — denn er iſt faſt noch Kind, achtzehn oder neunzehn Jahr alt, und ſo nach Paris hinein geworfen, in dieſe Hölle! Mit ſeinen friſchen, glühenden, ungezähmten Leidenſchaften, mit ſeiner Naturkindlichkeit, mit ſeiner Argloſigkeit — welchen Geſahren iſt er da ausgeſetzt!“ 6. „Vor allen Dingen gilt es, ihn wiederzufinden,“ ſagte Adriana lebhaft. „Den Gefahren wollen wir ihn dann ſchon W ——— entziehen. Ehe ich hier eingeſperrt wurt hatte ich ſeine Ankunft in Frankreich erfahren und einen Vertrauten abge⸗ ſchickt, um ihm die Dienſte eines unbekannten Freundes an⸗ bieten zu laſſen. Ich ſehe jetzt, daß dieſer närriſche Gedanke, den man mir ſehr zum Vorwurf gemacht hat, ganz vernünf⸗ tig war, und ich bleibe mehr als je bei demſelben. Der Prinz iſt von meiner Familie; ich bin ihm eine freigebige Gaſtfreundſchaft ſchuldig. Ich hatte für ihn den Pavillon beſtimmt, den ich bei meiner Tante bewohnte.“ „Und Sie, werthes Fräulein?“ %, „Heute noch werde ich ein Haus beziehen, welches ich ſchon ſeit einiger Zeit habe einrichten laſſen, da ich ohnedem entſchloſſen war, mich von der Frau von St. Dizier zu tren⸗ nen und allein nach meinem Geſchmack zu leben. Da nun Ihr Beruf, werther Herr, es iſt, der Schutzgeiſt unſerer Familie zu ſeyn, ſo ſeyn Sie eben ſo edelmüthig gegen den Prinzen Dſchalma, wie Sie gegen mich geweſen ſind und gegen die Töchter des Marſchalls Simon. Ich beſchwöre Sie, ſuchen Sie den Aufenthalt dieſes armen Königsſohns zu entdecken, bewahren Sie mir das Geheimniß und führen Sie ihn in dieſen Pavillon, den ein unbekannter Freund ihm anbietet. Er ſoll um nichts bekümmert ſeyn. Man wird für all ſeine Bedürfniſſe ſorgen. Er ſoll leben wie ſich's gebührt — als Prinz.“ „Ja, er ſoll als Prinz leben, Dank Ihrer königlichen Freigebigkeit. Nie aber wird rührende Theilnahme beſſer angewandt geweſen ſeyn. Es genügt, ſein ſchönes ſchwer⸗ muthvolles Geſicht zu ſehen, wie ich es geſehen habe, um — —“ „Sie haben ihn geſehen?“ unterbrach Adriana. „Ja, werthes Fräulein, ich habe ihn etwa zwei Stunden lang geſehen. Und mehr habe ich nicht gebraucht, um ihn zu beurtheilen. Seine herrlichen Züge ſind der Spiegel ſei⸗ ner Seele.“ „Und wo haben Sie ihn geſehen?“ fragte Adriana ge⸗ ſpannt. „Auf Ihrem alten Schloß Cardoville, in deſſen Nähe ihn der Sturm verſchlagen hatte. Ich hatte mich dorthin be⸗ geben, um — —“ Rodin hielt inne und fuhr dann fort, als ob ſeine Of⸗ fenheit ihn wider Willen fortriſſe: „Ich hatte mich dorthin begeben, um eine ſchlechte, ſchimpfliche, erbärmliche Handlung zu begehen. Ja, ich muß es bekennen.“ „Sie auf Schloß Cardoville? — — um eine ſchlechte Handlung zu begehen?“ fragte Adriana höchſt überraſcht. „Leider ja, werthes Fräulein,“ antwortete Rodin naiv. „Mit einem Wort: ich hatte von Herrn Abbé Aigrigny den Auftrag, Ihrem ehemaligen Verwalter die Wahl zu ſtellen, entweder fortgeſchickt zu werden, oder ſich zu einer Schlech⸗ tigkeit herzugeben — zu etwas, das ganz wie Spioniren und Verleumden ausſah. Aber der ehrliche Mann hat ſich geweigert.“ „Ei, wer ſind Sie denn?“ fragte Adriana mit wachſendem Erſtaunen. „Ich bin Rodin, geweſener Secretär des Herrn Abbé Ai⸗ grigny, — ſehr wenig, wie Sie ſehen.“ Der demüthige und unbefangene Ton, in welchem der Je⸗ ſuit dieſe mit einem tiefen Bückling begleiteten Worte aus⸗ ſprach, iſt nicht zu beſchreiben. Adriana prallte bei dieſer Offenbarung zurück. Wie bereits bemerkt worden iſt, hatte Adriana zuweilen von Rodin, dem Secretär des Abbé Ai⸗ grigny ſprechen hören, wie von einer gehorſamen Maſchine. Ferner hatte der Verwalter des Gutes Cardoville, als er von Dſchalma ſchrieb, ſich über ehrloſe Zumuthungen Rodin's beſchwert. Adriana fühlte demnach ein gewiſſes Mißtrauen in ihrer Seele autauchen, als ſie erfuhr, daß ihr Befreier der Menſch war, der eine ſo gehäſſige Rolle geſpielt hatte. Indeß fand dieſe ungünſtige Empfindung ein Gegengewicht in dem, was ſie Rodin verdankte, in der offenen Anklage, welche dieſer vor dem Beamten gegen Aigrigny erhoben, und endlich eben in dem Geſtändniß des Jeſuiten, der durch eine Selbſtanklage dem Vorwurf, welchen man ihm machen konnte, zuvorkam. Immerhin aber konnte Adriana nur mit einer Art kalter Zurückhaltung das Geſpräch fortſetzen, wel⸗ ches ſie mit ſo viel Offenheit und rückhaltloſer Gemüthlich⸗ keit begonnen hatte. . Rodin bemerkte dieſen Eindruck. Er war darauf gefußt. Er gerieth alſo nicht im Geringſten in Verlegenheit, als das Fräulein ihm ſcharf ins Geſicht ſah und fragte: „Ah! — — Sie ſind Herr Rodin — — der Secretär des Herrn von Aigrigny?“ „Sagen Sie lieber der geweſene Secretär, werthes Fräu⸗ — . lein,“ erwiederte der Jeſuit. „Sie können ſich leicht denken, deß ich keinen Fuß mehr über die Schwelle des Abbé Ai⸗ 4 „grigny ſetzen werde. Ich habe mir den Herrn zum unver⸗ ſöhnlichen Feind gemacht, und er hat mich hinausgeſtoßen. —— Aber es iſt mir einerlei — was ſage ich? — es iſt mir — recht lieb; denn um dieſen Preis ſind die Böſewichter ent⸗ ₰ . larvt und iſt den ehrlichen Leuten geholfen.“ 3 Dieſe mit ſchmuckloſer Würde geſprochenen Worte ſtimm⸗ ten Adrianen zum Mitleid. Sie dachte: „Der arme alte c Mann ſpricht eben doch die Wahrheit. Der ſo offenbarte Haß Aigrigny's muß unerbittlich ſeyn, und ihm hat Rodin getrotzt, um als ehrlicher Mann die Wahrheit zu offenbaren.“ Indeß konnte ſie nicht umhin, mit Kälte zu fragen: „Da Sie die Anträge, welche Sie dem Verwalter auf Cardoville machen ſollten, als ſchimpflich und treulos erkannten, wie mochten Sie ſich mit denſelben befaſſen?“ „Warum? warum?“ entgegnete Rodin mit einer Art ſchmerzlicher Ungeduld. „Lieber Himmel! Damals war ich wie verzaubert, völlig in der Macht des Abbé von Aigrigny, eines der gewandteſten Menſchen, die ich kenne, und wie ich erſt ſeit vorgeſtern weiß, eines der gefährlichſten Menſchen. Er hatte meine Bedenklichkeiten i indem er mich überredete, der Zweck heilige die Mittel.“Und ich muß ge⸗ ſtehen, der Zweck, den er vorgab, ſchien groß und ſchön. Vorgeſtern aber bin ich ſchmerzlich enttäuſcht worden. Ein Donnerſchlag hat mich aufgeweckt. Liebes Fräulein!“ bat Rodin im Ton der Verlegenheit und der Scham, „laſſen Sie uns nicht weiter von meiner Reiſe nach Cardoville re⸗ den. Obwohl ich nur ein unwiſſendes, blindes Werkzeug ge⸗ weſen bin, ſo iſt doch meine Scham und mein Verdruß dar⸗ über eben ſo groß, wie wenn ich aus eignem Antrieb gehandelt hätte. Es laſtet auf mir, es drückt mich zu Boden. Ich bitte Sie, ſprechen wir lieber von Ihnen, von dem, was Ihnen am Her⸗ zen liegt; denn die gedrückte Seele hebt ſich wieder bei edlen Gedan en, wie die Bruſt ſich hebt in reiner, freier Luft.“ — 66 Rodin hatte ſo ganz von freien Stücken ſeinen Fehler ge⸗ ſtanden, er erklärte ihn ſo natürlich, er ſchien ſo aufrichtig darüber zerknirſcht zu ſeyn, daß Adriana, deren Argwohn auf nichts weiter als dem Inhalt dieſes Geſtändniſſes beruhte, ihr Mißtrauen bedeutend abnehmen ſah. Sie faßte den Er- Secretär ſcharf ins Auge und fragte ihn: „Alſo zu Cardoville haben Sie den Prinzen Dſchalma geſehen?“ „Ja Fräulein und von dieſem kurzen Augenblick ſchreibt ſich meine Zuneigung für ihn her. Seyn Sie unbeſorgt, liebes Fräulein. Ich werde meine Aufgabe vollſtändig er⸗ füllen. Der Prinz ſoll ſo wenig wie Sie das Opfer des verabſcheuungswürdigen Complotts werden, welches leider nicht dabei ſtehn geblieben iſt — —“ „Ei wer iſt denn ſonſt noch bedroht geweſen?“ „Herr Hardy, ein Ehrenmann, gleichfalls Ihr Verwandter, gleichfalls bei dieſer Erbſchaft betheiligt. Er iſt durch eine ſchändliche Verrätherei von Paris entfernt worden. Ein letzter Erbe endlich, ein armer Handwerker, iſt in eine geſchickt ge⸗ legte Schlinge gefallen und ins Schuldgefängniß gekommen.“ „Aber,“ fragte Adriana, „zu weſſen Vortheil iſt denn dies abſcheuliche Complott, vor dem ich erſchrecke, angezettelt worden?“ „Zum Vortheil des Abbé Aigrigny.“ „Des Abbé? Wie ſo? Er hatte doch keinen Erban⸗ „Dies zu erklären, würde zu weit führen, Fräulein. Ei⸗ nes Tags ſollen Sie Alles erfahren. Vorläufig ſeyn Sie über⸗ zeugt, daß Ihre Familie keinen erbitterteren Feind hat als den Abbé Aigrigny. —— Noch einen letzten Argwohn konnte Adriana nicht bergen. „Ich will offen mit Ihnen reden,“ ſagte ſie. „Wodurch hatte ich Ihnen die lebhafte Theilnahme einflößen können, die Sie ſogar auf alle meine Verwandten erſtrecken?“ „Lieber Gott!“ erwiderte Rodin. Wenn ich es Ihnen ſage, werden Sie über mich lachen oder mich nicht begreifen.“ „Ich bitte, ſprechen Sie. Haben Sie Vertrauen auf ſich und auf mich.“ „Nun ich habe Antheil an Ihnen genommen, habe mich Ihrem Dienſt ergeben, weil Ihr Herz edel, Ihr Sinn er⸗ — 64 — haben, Ihr Wille unabhängig und ſtolz iſt. Sobald ich aber einmal Ihnen angehörte, konnten auch die Ihrigen, welche an und für ſich ſchon der Theilnahme werth ſind, mir nicht gleichgültig ſeyn. Dieſen Ihren Angehörigen dienen, hieß Ihnen, Fräulein, dienen.“ „Aber,“ fragte Adriana weiter, „angenommen, Sie hiel⸗ ten mich der viel zu ſchmeichelhaften Lobſprüche, die Sie mir geben, wirklich werth, wie ſind Sie zu einem Ur⸗ theil über mein Herz, meinen Sinn und meinen Willen ge⸗ kommen.“ „Ich will es Ihnen ſagen. Zuvor aber muß ich abermals ein Bekenntniß ablegen, das mich mit großer Scham erfüllt. Nicht wahr, auch wenn Sie nicht ſo wunderſam begabt wären, würden die Leiden, welche Sie in dieſem Haus ausgeſtanden haben, Ihnen ſchon Anſpruch auf die Theilnahme jedes Men⸗ ſchen, der ein Herz hat, geben?“ „Ich glaube wohl.“ „Ich könnte alſo meine Theilnahme für Sie hieraus er⸗ klären. Indeß, ich geſtehe, dies war mir nicht genug Sie hätten Fräulein von Cardoville ſeyn dürfen, ſehr reich, ſehr vornehm, ſehr ſchön, und wenn mich auch Ihr Unglück ſehr gedauert hätte, ſo würde ich mich begnügt haben zu ſagen: Das Fräulein iſt allerdings ſehr zu beklagen; aber was kann ich thun? Ich habe keine andere Erwerbsquelle als meine Stelle bei dem Abbé Aigrigny, und ihn müßte ich angreifen. Er iſt allmächtig und ich bin eine Null. Gegen ihn an⸗ kämpfen, heißt mich zu Grunde richten ohne Hoffnung, dieſe Unglückliche zu retten. So wie ich aber Ihr Weſen kannte, da, Fräulein, habe ich mich in meiner untergeordneten Stel⸗ lung empört. Nein, ſagte ich, nein! ein ſo verſtändiger Geiſt, ein ſo großes Herz ſoll nicht das Opfer eines ſchänd⸗ lichen Anſchlags werden. Vielleicht unterliege ich im Kampf, aber verſuchen will ich dieſen Kampf wenigſtens.“ Rodin ſprach dieſe Worte mit einer bewundernswerthen Miſchung von Feinheit, Kraft und Gefühl. Bei widerlichen und abſtoßenden Menſchen geſchieht es oft, daß, wenn es ihnen einmal gelungen iſt, den Abſcheu vor ihrer Häßlichkeit zu beſeitigen, eben dieſe Häßlichkeit zu ihren Gunſten ein Grund des Mitleids und der Theilnahme wird, indem man „ nach dem Bericht des Doetor Baleinier der beunruhigende ſich ſagt: Wie Schade iſt es doch, daß ein ſolcher Geiſt, eine ſolche Seele in einem ſo wenig entſprechenden Körper woh⸗ nen! Und man wird gerührt durch dieſen Gegenſatz. Eine ſolche Stimmung begann ſich jetzt im Fräulein von Cardoville gegen Rodin zu bilden. So grob er ſich dem Doctor Baleinier gegenüber gezeigt hatte, ſo liebevoll und anſpruchlos ſtellte er ſich vor Adriana hin. Was für Letztere noch ein ihre Neugier ſpannendes Räthſel blieb, das war die Art und Weiſe, wie Rodin dazu gekommen war, von ſolcher Bewun⸗ derung und Ergebenheit für ſie erfüllt zu werden. „Verzeihen Sie meine unziemliche Neugier,“ ſagte ſie; „aber ich möchte wiſſen — —“ „Wie Ihr innerſtes Weſen mir offenbar geworden iſt, nicht wahr? Lieber Himmel! nichts iſt einfacher. Mit zwei Worten: der Abbé Aigrigny ſah in mir bloß ein gedanken⸗ loſes, ſtummes, blindes Werkzeug — —“ „Ich hätte dem Herrn Marquis mehr Scharfblick zuge⸗ traut,“ bemerkte Adriana artig. 5 „Liebes Fräulein, der Marquis iſt allerdings ein Mann von unerhörtem Scharfblick; aber ich habe ihn getäuſcht, in⸗ dem ich mich mehr als einfältig ſtellte. Halten Sie mich darum nicht für falſch. Ich bin ſtolz, ja ſtolz in meiner Weiſe, und mein Stolz beſteht darin, nie weniger fähig zu er⸗ ſcheinen, als meine Stellung erheiſcht, ſo untergeordnet dieſe auch ſeyn mag. Wiſſen Sie auch warum? So hochmüthig dann auch meine Vorgeſetzten ſeyn mögen, ſo kann ich mir alsdann doch ſagen: Sie kennen meinen Werth nicht. Was ſie demüthigen, iſt meine Niedrigkeit, nicht meine Perſon. — Dabei habe ich einen doppelten Vortheil; meine Eigenliebe wird nicht gekränkt und ich brauche Niemanden zu haſſen.“ „Ja, ich begreife dieſen Stolz,“ ſagte Adriane, mehr und mehr die Eigenthümlichkeit Rodins bewundernd. „Aber laſſen Sie uns auf das zurückkommen, was Sie, Fräulein, angeht. Am 12. Februar übergab mir der Herr von Aigrigny ein ſtenographirtes Papier und ſagte: Schrei⸗ ben Sie dies Verhör ab und fügen Sie die Bemerkung bek, daß dies Doecument dient zur weiteren Begründung der Entſcheidung eines Familienrathes, welche beſagt, daß — 66 Gemüthszuſtand des Fräuleins von Cardoville ihre Einſper⸗ rung in einem Krankenhaus nöthig gemacht hat.“ „Ja,“ ſagte Adriana mit Schmerz, „ich habe eine lange Unterredung mit meiner Tante gehabt, und dieſe Unterredung ward ohne mein Wiſſen aufgeſchrieben.“ „Ich war alſo mit meinem ſtenographirten Aufſatz allein und fing an, ihn abzuſchreiben. Als ich zehn Zeilen ge— ſchrieben hatte, war ich ganz verblüfft. Ich wußte nicht, wachte ich oder träumte ich. Wie? Wahnſinnig? rief ich. Das Fräulein von Cardoville wahnſinnig? Wahnſinnig ſind die, welche ſolchen Unſinn behaupten! — Mit wachſender Spannung las ich weiter, und bis zu Ende. Was ſoll ich Ihnen ſagen? Das, was ich empfand, läßt ſich nicht aus— drücken. Es war Rührung, Freude, Begeiſterung — —!“ „Von wem ſprechen Sie?“ fragte Adriana geſpannt. Rodin ſchien einen Augenblick zu ſchwanken und fuhr dann fort: „Nein, es iſt unnöthig, Sie jetzt davon zu unterrichten. Was ich Ihnen ſagen kann, iſt das. Als ich zu Ende ge⸗ leſen hatte, lief ich zum Abbe 6Aigrign und wollte ihn über⸗ zeugen, daß er in Ve ezug auf Sie im Irrthum ſey. Ich fand ihn nicht. Geſtern Morgen ſagte ich ihm lebhaft meine Mei⸗ nung. Er ſchien ſich bloß zu wundern, daß ich überhaupt eine Meinung h e Meine Vorſtellungen wurden mit ver⸗ achtendem en aufgenommen. Ich glaubte er ſey ge⸗ täuſcht. ward dringender; aber vergebens. Er gebot mir, mit in das Haus zu gehen, wo das Teſtament Ihres Poſfahren eröffnet werden ſollte. Ich war ſo ver⸗ vlendet in Betreff des Abbé Aigrigny, vaß es der Ankunft des Soldaten, ſeines Sohnes und dann des Vaters des Marſchalls Simvn bedurfte, um mir die Augen zu öffnen. Die Aeußerungen ihres Unwillens enthüllten mir die Aus⸗ dehnung eines von langer Zeit her mit erſchrecklicher Ge⸗ ſchicklichkeit angeſponnenen Complotts. Jetzt begriff. ich, warum man Sie für wahnſinnig ausgab. Jetzt ward mir klar, warum die Töchter d des Marſchalls Simon ins Kloſter gebracht wor— den waren. Jetzt kamen mir tauſenderlei Erinnerungen an Stücke von Vriefen, an 2 ufſätz ze, die man mir zu copiren oder zu chiffriren gegeben, und deren Sinn ich ist dahin nicht Pegriffen hatte. Ginnerungen ließen mich die Le gehäſſigen Ränke durchſchauen. Augenblicklich den Abſcheu zu offenbaren, welchen dieſe Schändlichkeiten in mir erweckten, hätte geheißen, Alles verderben. Ich beging dieſen Fehler nicht. Ich ſetzte der Liſt des Herrn von Aigrigny Liſt ent⸗ gegen. Ich ſtellte mich noch gieriger als er. Wenn dieſe unermeßliche Erbſchaft mir hätte zufallen müſſen, hätte ich mich nicht hitziger auf die Beute ſtellen können. Dieſer Kunſtgriff machte, daß der Abbé Aigrigny nichts merkte. Nachdem eine Fügung der Vorſehung die Erbſchaft aus ſei⸗ nen Händen gerettet, verließ er ganz beſtürzt das Haus. In unausſprechlicher Freude — denn ich hatte das Mittel, Sie, werthes Fräulein, zu retten und zu rächen — ging ich geſtern Abend auf meine Schreibſtube. Während der Abwe⸗ ſenheit des Abbé war es mir möglich, die ganze Correſpon⸗ denz in Betreff der Erbſchaft durchzuſehen. So konnte ich alle Fäden dieſes weitläufigen Gewebes von Ränken anein⸗ ander knüpfen. O, theures Fräulein! — Bei den Ent⸗ deckungen die ich da machte, und die ich ohne dieſe Fügung nie gemacht haben würde, ſtand ich entſetzt — wie vernich⸗ tet da“ „Welche Entdeckungen?“ „Es gibt Geheimniſſe, die furchtbar ſind für den, welcher ſie beſitzt. Dringen Sie nicht weiter in nich. Ich ſage Ihnen bloß: bei dieſer Durchſicht erſchien tir die von un⸗ erſättlicher Habſucht gegen Sie und Ihre Verwandten ge⸗ ſchloſſene Verbindung in ihrer ganzen nächtlichen Verwegen⸗ ₰ heit. Die tiefe Theilnahme, welche ich für Sie, theures Fräulein, hegte, ſteigerte ſich jetzt noch höher und erſtreckte ſich auch auf die andern unſchuldigen Opfer dieſes hölliſchen Complotts. Trotz meiner Schwäche that ich das Gelübde, Alles zu wagen, um den Abbé von Aigrigny zu entlarven. Ich ſtellte die Beweiſe zuſammen, die erforderlich waren, meiner Anzeige vor Gericht das gehörige Gewicht zu geben Und dieſen Morgen verließ ich das Haus des Abbs, ohne ihm mein Vorhaben zu offenbaren. Er hätte G wenden können, um mich zurückzuhalten. Auf der and Seite wäre es niederträchtig von mir geweſen, ihn anzugrei⸗ fen, ohne es ihm zu ſagen. So wie ich aus ſeinem Hauſe heraus war, ſchrieb ich ihm daß ich hinlängliche Beweiſe — — ſeiner Schändlichkeit in Händen habe, um ihn offen anzu⸗ greifen. Ich würde ihn anklagen, er möge ſich vertheidigen. Ich ging zu einem Beamten, und Sie wiſſen — —.“ . In dieſem Augenblick ging die Thür auf. Eine Wäch⸗ terin erſchien und ſagte zu Rodin: „Der Mann, den Sie in die Briſe-Miche⸗Gaſſe geſchickt haben, iſt eben znrückge⸗ kommen.“ „Hat er den Brief abgegeben?“ fragte Rodin. „Ja er iſt ſogleich hinaufgetragen worden.“ „Gut. Laſſen Sie uns allein.“ Die Wächterin ging hinaus. 1 nen. Nach einem Augenblick des Schweigens erwiderte er Achtes Kapitel. . Die Sympathie. Wenn das Fräulein von Cardoville noch irgend einen Zweifel über die Ergebenheit Rodins hätte hegen können, ſo würde derſelbe haben ſchwinden müſſen vor der leider ganz natürlichen und unwiderleglichen Betrachtung: Wie iſt zu vermuthen, daß das geringſte Einverſtändniß ſtattfinde zwiſchen dem Abbé Algrigny und ſeinem Secretär, während dieſer das Getreibe ſeines Herrn vollſtändig enthüllt und ihn dem Gericht überliefert? und während Rodin darin viel⸗ leicht weiter geht, als Adriana ſelber gethan haben würde? Welche geheime Abſicht wäre ihm dabei zuzuſchreiben? Höch⸗ ſtens die, ſich den vortheilbringenden Schutz eines reichen Mädchens zu erwerben. Und auch gegen dieſe Annahme hatte er ſich verwahrt mit der Erklärung, daß ſeine Erge⸗ benheit nicht dem ſchönen, vornehmen, reichen Fräulein ge⸗ widmet ſey, ſondern dem Mädchen von ſtolzem, edlem Sinn. Ausdrücklich hatte er geſagt, daß nur ein erbärmlicher Menſch bei dem Schickſal Adriana's theilnahmlos hätte bleiben kön⸗ nen. Ein eigenthümliches Gefühl, eine ſeltſame Miſchung von Neugier, Ueberraſchung und Theilnahme, verband ſich mit der Dankbarkeit Adrianens gegen Rodin. Indeß bei der Erwägung, daß Rodin unter ſeiner beſcheidenen Hülle einen ausgezeichneten Geiſt berge, kam ihr plötzlich ein ſchwe⸗ rer Argwohn in den Sinn: „Werther Herr,“ ſagte ſie, „gegen Leute, die ich hochſchätze, geſtehe ich immer die bösartigen Zweifel, welche ſie in mir erwecken, damit ſie ſich rechtfer⸗ tigen und mich entſchuldigen, wenn ich mich irre.“ Rodin ſah das Fräulein betroffen an und ſchien zuſam⸗ menzurechnen, wodurch er ihr habe Verdacht einflößen kön⸗ „Vielleicht denken Sie an meine Reiſe nach Cardoville, an die ſchlechten Vorſchläge, die ich Ihrem wackeren Verwalter gemacht habe. Lieber Gott! — —“ „Nein, nein,“ unterbrach Adriana. „Sie haben mir dieß Geſtändniß von freien Stücken gemacht. Ich begreife, wie Sie verblendet über den Abbé von Aigrigny, willenlos Vor⸗ ſchriften befolgt haben, welche dem Zartgefühl widerſtreben. — Aber wie kommt es, daß Sie bei Ihrer unbeſtreitbaren Tüchtigkeit ſo lange Zeit eine untergeordnete Stellung bei dem Marquis einnehmen?“ „Es iſt wahr,“ antwortete Rodin lächelnd. „Dieß muß Ihnen auffallen und ein ungünſtiges Vorurtheil gegen mich erwecken. Denn wenn ein Menſch von einiger Fähigkeit lange Zeit in einer untergeordneten Stellung bleibt, ſo muß derſelbe offenbar einen Hauptfehler, irgend eine ſchlechte oder niedrige Leidenſchaft haben.“ „Im Allgemeinen iſt das wahr.“ „Und findet auf mich Anwendung.“ „Alſo geſtehen Sie — —?“ fragte Adriana faſt ängſtlich „Leider muß ich geſtehen, daß ich von einer ſchlimmen Neigung beherrſcht werde, welcher ich ſeit vierzig Jahren alle Ausſichten auf eine für mich paſſende Stellung aufge⸗ opfert habe.“ „Und dieſe Neigung?“ X „Da ich es Ihnen denn geſtehen ſoll, — — es iſt die Trägheit, — ja! die Trägheit, der Abſcheu vor jeder Geiſtes⸗ arbeit, vor jeder moraliſchen Verantwortlichkeit, vor jedem Handeln aus eignem Antrieb. Mit den 1200 Livres, die der Abbé Aigrigny mir gab, war ich der glücklichſte Menſch von der Welt. Ich hatte Glauben an die Vortrefflichkeit ſeiner Abſichten. Sein Gedanke, ſein Wille war der meinige. War meine Arbeit verrichtet, ſo kehrte ich auf mein Stüb⸗ chen zurück, machte mein Feuer an und ſchmauſte Wurzelge⸗ wächſe. Dann nahm ich ein unbekanntes philoſophiſches Buch, träumte über den Inhalt deſſelben und ließ hierbet meinem, während des Geſchäfts niedergehaltenen Geiſt die Zügel ſchießen, daß er in den luſtigſten Thevrien und Utopien umherſchweifte Auf den Schwingen meiner Phantaſie erhob ich mich zu Höhe weit über meinen Herrn und = die großen Geiſter der Erde. Dieß Fieber dauerte ſeine drei, vier Stunden. Dann ſchlief ich gut, und am andern Mor⸗ gen ging ich wieder munter an mein Geſchäft, meines täg⸗ lichen Brodes ſicher und unbeſorgt um die Zukunft, mit der täglichen Ausſicht auf die Freuden meiner einſamen Abend⸗ ſtunden. Und während ich wie eine Maſchine kritzelte, ſagte ich mir doch zuweilen: Hm! hi! wenn ich wollte.“ Ganz hingeriſſen von der praktiſchen Philoſophie des Herrn Rodin bemerkte Adriana: „Gewiß hätten Sie ſo gut — vielleicht beſſer als ein Anderer eine hohe Stellung erlangen können.“ . „Ja, ich glaube, ich hätte ſie erlangen können. Aber wenn ich es konnte, — wozu? Sehn Sie, liebes Fräulein, was oft Leute von einer gewiſſen Fähigkeit für die Menge unbe⸗ greiflich macht, iſt, daß ſie ſich oft begnügen zu ſagen: Wenn ich wollte.“ „Aber, werther Herr, wenn Sie auch wenig auf Lebens⸗ bequemlichkeit halten, ſo gibt es doch ein Maß von Wohl⸗ habenheit, welches im Alter faſt unentbehrlich iſt, und auf welches Sie durchaus verzichten.“ „Erlauben Sie, hier ſind Sie im Irrthum, werthes Fräu⸗ lein,“ erwiderte der Jeſuit mit feinem Lächeln. „Ich bin ein gewaltiger Sybarit. Ich brauche eine gute Kleidung, einen guten Ofen, eine gute Matratze, ein gutes Stück Brod, einen guten, recht ſcharfen Rettig mit gutem grauem Salz gewürzt, gutes klares Waſſer. Und doch ſind trotz meinen vielerlei Gelüſten meine 1200 Livres mehr als hinreichend, denn ich kann etwas zurücklegen.“ „Und jetzt, wo Sie ohne Beſchäftigung ſind, wie wollen Sie da leben?“ fragte Adriana immer mehr geſpannt durch die Wunderlichkeit dieſes Menſchen und entſchloſſen, ſeine Un⸗ eigennützigkeit auf die Probe zu ſtellen.“ „Ich habe einen Nothpfennig,“ antwortete der Jeſuit. „Er wird für mich ausreichen, bis ich den letzten Faden von dem ſchwarzen Gewebe des Pater Aigrigny entwirrt habe. Dieſe Genugthuung bin ich mir ſchuldig dafür, daß ich mich ſo lange von ihm habe täuſchen laſſen. Zu dieſem Geſchäft werden hoffentlich drei, vier Tage hinreichen. Dann habe ich die Gewißheit, eine geringe Anſtellung in meiner Heimath zu finden bei einem Unter⸗Steuereinnehmer. Schon vor einiger Zeit hatte ein guter Freund mir dieſe Stelle angeboten; 3 aber ich wollte nicht vom Pater Aigrigny weggehen, trotz den großen Vortheilen, die mir geboten waren. Denken Sie ſich, . liebes Fräulein: achthundert Franken und Koſt und Wohnung frei! Da ich etwas menſchenſcheu bin, ſo hätte ich lieber für mich gewohnt. Aber Sie ſehen, bei den ſonſtigen Vorthei⸗ len, die mir geboten ſind, muß ich mir wohl dieſe kleine Unbequemlichkeit gefallen laſſen.“ Wir müſſen darauf verzichten, die Unbefangenheit zu ſchil⸗ dern, mit welcher Rodin dieſe vertraulichen und überaus lü⸗ genhaften Mittheilungen von den Geheimniſſen ſeiner Haus⸗ haltung machte. Adrianens letzter Argwohn ſchwand. Ge⸗ ſpannt fragte ſie den Jeſuiten: „Wie? in drei bis vier Tagen wollten Sie Paris verlaſſen?“ „Ich hoffe es, liebes Fräulein, und zwar,“ fügte er in geheimnißvollem Tone hinzu, „aus mehren Gründen. Was aber für mich von großem Werth ſeyn müßte,“ (hier nahn er einen ernſten innigen Ton an und betrachtete Adrianen mit Rührung) „das wäre, die Ueberzeugung mitzunehmen, daß Sie mir einigen Dank dafür wiſſen, daß ich beim bloßen Leſen Ihrer Unterredung mit der Fürſtin von St. Dizier in Ihnen ein Herz gefunden habe, wie man es in unſern Ta⸗ gen bei einem Mädchen Ihres Standes und Alters wohl ſel⸗ ten antrifft.“ 8 „O,“ erwiderte Adriana lächelnd, „Sie dürfen nicht denken, daß Sie mir ſo bald die Lobſprüche zurückgeben müßten, welche ich Ihrer geiſtigen Ueberlegenheit geſpendet habe. Un⸗ dank wäre mir lieber.“ „Ei du mein Gott! Ich ſchmeichle Ihnen ja nicht, wer⸗ thes Fräulein. Wozu ſollte das? Wir werden uns nicht wiederſehen. Nein, ich ſchmeichle Ihnen nicht; ich begreife Sie nur. Und ſo wunderlich es Ihnen auch vorkommen ghr Anblick vervollſtändigt das Bild, welches ich mir von Ihnen, werthes Fräulein, gemacht habe, als ich Ihre Un⸗ terredung mit Ihrer Tante las. Einige mir bis dahin Seiten Ihres Charakters ſind mins jetzt verſtänd⸗ lich.“ „Wahrhaftig, Sie ſetzen mich immer mehr in Erſtaunen.“ Abbé Aigrigny- behandelten Sie als eine Verrückte, weil „Was iſt dabei zu verwundern? Ich ſage Ihnen ohne Rückhalt meine Eindrücke. In dieſem Augenblick erkläre ich mir z. B. vollkommen Ihre leidenſchaftliche Liebe für das Schöne, Ihre Verehrung für verfeinerte Sinnlichkeit, Ihr glühendes Streben nach einer beſſeren Welt, Ihre muthvolle Verachtung erniedrigenden Herkommens, dem das Weib un⸗ terworfen iſt. Ja, jetzt verſteh' ich noch beſſer den edlen Stolz, mit welchem Sie auf den Haufen eitler, ſelbſtgefälliger, lächerlicher Männer herabſehen, welche das Weib betrachten als ein Geſchöpf, das ihnen heimgefallen wäre kraft der Ge⸗ ſetze, welche ſie nach ihrem, nicht ſchönen, Bild ge⸗ macht haben. Nach der Meinung dieſer kleinen Tyrannen muß das Weib als ein niederes Geſchöpf, in welchem ein Concilium von Cardinälen mit einer Mehrheit von zwei Stimmen geruht hat, eine Seele anzuerkennen, — nach ihnen muß das Weib ſich glücklich ſchätzen, die Magd dieſer im dreißigſten Jahr gealterten, athemloſen, überſättigten kleinen Paſchas zu ſeyn, die von Ausſchweifungen erſchöpft, und um ſich von ihrer Ermattung zu erholen, dem Ding ein Ende machen wollen und ein armes junges Mädchen heirathen, welches ſeinerſeits einen Anfang machen will.“ Das Fräulein von Cardoville würde ohne Zweifel über die ſatyriſchen Bemerkungen ihres Befreiers gelächelt haben, wenn ſie nicht zu ſehr betroffen geweſen wäre, ihn ganz ihre Gedanken ausſprechen zu hören, jetzt, wo ſie ihn zum erſten Male ſah. Sie wußte nicht, daß ſie es mit einem Jeſuiten von ſeltenen Verſtandesgaben zu thun hatte, der mit den ge⸗ heimen Kenntniſſen und Hülfsmitteln des Polizeimannes den tiefen Scharfblick des Beichtvaters verband, — mit einem Teufelsprieſter, welcher aus einigen Angaben, einigen Aeuße⸗ rungen, einigen Zeilen einen Character herausconſtruirte, wie Cuvier einen Körper aus einigen zvologiſchen Bruchſtücken. Weit entfernt, ihn zu unterbrechen, hörte ſie ihm mit ſtei⸗ gender Aufmerkſamkeit zu. Der von ihm hervorgebrachten Wirkung ſicher fuhr Rodin im Tone des Unwillens fort: „Und Ihre Tante und der Sie ſich gegen das künftige Joch dieſer kleinen Tyranner empörten! weil Sie aus Haß gegen die ſchimpflichen Laſter — der Selaverei unabhängig ſeyn wollten mit den ehrenhaften Eigenſchaften der Unabhängigkeit, frei mit den ſtolzen Tu⸗ genden der Freiheit!“ Bei ihrer zunehmenden Verwunderung konnte Adriana nicht länger die Frage zurückhalten: „Aber wie iſt es möglich, daß Sie mit meinen Gedanken ſo vertraut ſind?“ „Erſtlich,“ antwortete Rodin, „kenne ich Sie vollſtändig durch Ihr Geſpräch mit der Fürſtin von St. Dizier, und dann,“ fuhr er mit einem Blick des Einverſtändniſſes fort, „wenn wir vielleicht daſſelbe Ziel nur auf verſchiedenen We⸗ gen verfolgten, warum ſollten unſere Ueberzeugungen nicht dieſelben ſeyn?“ „Ich verſtehe Sie nicht. Welches Ziel meinen Sie?“ „Das Ziel, welches alle edlen, unabhängigen Seelen un⸗ abläſſig verfolgen. Die einen handeln wie Sie, werthes Fräulein, ihrem Natuttrieb folgend, ohne ſich vielleicht Re— chenſchaft zu geben von dem hohen Beruf, den ſie zu erfüllen haben. Zum Beiſpiel wenn Sie ſich in den feinſten Ge⸗ nüſſen gefallen, wenn Sie ſich mit Allem umgeben, was Ihren Sinnen ſchmeichelt, meinen Sie, daß Sie hierbei bloß dem Reiz des Schönen folgen? einem Bedürfniß nach aus⸗ geſuchten Genüſſen? Nein. In dieſem Fall wären Sie ein unvollkommenes Geſchöpf, nur auf ſich bedacht, eine trockene Egviſtin von feinem Geſchmack und weiter nichts. Und in Ihrem Alter wäre das widerwärtig, liebes Fräulein, höchſt widerwärtig!“ „Füällen Sie dieß ſtrenge Urtheil über mich?“ fragte Adriana ängſtlich, indem ſie ſich ſchon unwillkürlich unter das Urtheil dieſes Menſchen beugte. „Gewiß würde ich es über Sie fällen, wenn Sie den Lurus um des Lurus willen liebten. Aber nein! Ihre Ge⸗ ſinnung iſt eine ganz andere. Nicht wahr, wenn Sie das Bedürfniß nach all dieſen Genüſſen empfinden, ſo empfinden Sie auch lebhafter als irgend jemand den Werth oder den Mangel derſelben?“ „Ganz gewiß,“ antwortete Adriana. „Demnach fühlen Sie auch Dank und Theilnahme für die unbekannten fleißigen Armen, die Ihnen dieſe unentbehrlichen Wunder des Lurus verſchaffen?“ 8 „So ſehr,“ antwortete das Fräulein, entzückt, ſich ſo gut begriffen oder errathen zu ſehen, „ſo ſehr, daß ich eines Tags auf ein Meiſterſtück der Goldarbeiterkunſt ſtatt des Namens des Verkäufers den Namen des Urhebers eingraben ließ, eines armen bis dahin unbekannten Handwerkers, der ſeitdem die ihm gebührende Stellung erlangt hat.“ „Sie ſehen, ich habe mich nicht getäuſcht,“ fuhr Rodin fort. „Die Liebe zu dieſen Genüſſen macht Sie dankbar ge⸗ gen Die, welche ſie Ihnen verſchaffen. Und das iſt noch nicht Alles. Sehn Sie z. B. mich an. Ich bin nicht beſſer und nicht ſchlechter als ein Anderer, aber gewohnt unter Entbeh⸗ rungen zu leben, die mir nicht im Geringſten ſchmerzlich ſind. Mich können die Entbehrungen meines Nächſten viel weniger rühren als Sie, liebes Fräulein, denn Ihre Gewöhnung an Wohlleben macht Sie nothwendig viel mitleidiger als jeden Andern gegen das Unglück. Das Elend würde für Sie viel zu ſchmerzlich ſeyn, als daß Sie nicht Diejenigen, welche es lei⸗ den, bedauern und unterſtützen ſollten.“ „Wahrhaftig!“ rief Adriana, welche von dem Zauber Ro⸗ dins mehr und mehr beſtrickt ward, „je länger ich Sie an⸗ höre, deſto feſter wird meine Ueberzeugung, daß Sie tauſend⸗ mal beſſer als ich die Anſichten vertheidigen, welche mir von meiner Tante und von dem Abbé Aigrigny mit ſo viel Härte zum Vorwurf gemacht worden ſind. O, ſprechen Sie weiter! Ich kann Ihnen nicht ſagen, mit welcher Wonne, mit welchem Stolz ich Ihnen zuhöre.“ Und mit Spamung und Rührung heftete ſie die Augen auf den Jeſuiten und warf mit einer ihr eigenthümlichen anmuthigen Bewegung des Kopfes ihre langen goldenen Locken zurück, gleichſam um den Redner beſ⸗ ſer betrachten zu können. Rodin fuhr fort: „Und Sie wundern ſich, daß Sie von Ihrer Tante und von dem Abbé Aigrigny nicht begriffen worden ſind! Welchen Berührungspunkt haben Sie mit die⸗ ſen heuchleriſchen, neidiſchen, verſchlagenen Menſchen, wie ich ſie jetzt beurtheilen kann? Wollen Sie einen neuen Beweis von ihrem blinden Haſſe haben? Welche war die verdam⸗ menswertheſte unter Ihren angeblichen Tollheiten? Die daß Sie in Zukunft allein nach Ihrer Weiſe leben, daß Sie frei und unabhängig über Ihre Gegenwart und Zukunft verfügen — wollten. Das fanden jene Menſchen haſſenswerth, vſeuuc, unſittlich! Und doch — war Ihr Entſchluß von einer tollen Freiheitsluſt eingegeben? von einem regelloſen Widerwillen gegen jedes Joch, jeden Zwang? Nein. Von dem Wunſch, 53 den weiblichen Sonderling zu ſpielen? Nein; denn ſonſt würd' ich Sie ſchwer getadelt haben.“ „Ich kann Sie wirklich verſichern, daß andere Gründe mich beſtimmt haben,“ betheuerte Adriana, der es jetzt ſehr auf die Achtung ankam, welche ihr Weſen dem Herrn Rodin ein⸗ flößen könnte. „Ich weiß es,“ erwiderte der Jeſuit. „Ihre Gründe konnten nicht anders als löblich ſeyn. Warum haben Sie dieſen ſo angefochtenen Entſchluß gefaßt? Etwa um dem Herkommen zu trotzen? Nein. Sie haben daſſelbe geachtet, ſo lange bis der Haß der Fürſtin Sie gezwungen hat, ſich ihrer uner⸗ träglichen Vormundſchaft zu entziehen. Wollen Sie allein leben, um jeder Aufſicht zu entgehen? Nein. Bei dieſer ganz ungewöhnlichen Weiſe zu leben, ziehen Sie nur um ſo mehr die Augen auf ſich. Wollen Sie endlich Ihre Freiheit übel anwenden? Nein. Wer Uebles thun will, ſucht das Dunkel auf und die Einſamkeit; Sie aber in Ihrer Stellung müſſen alle eiferſüchtigen und neidiſchen Augen des gemeinen Hau⸗ fens ſtets auf ſich gerichtet ſehen. Warum alſo faſſen Sie dieſen ſo muthvollen, ſo ſeltnen, bei einer Perſon von Ihrem Alter ſo einzig daſtehenden Entſchluß? Soll ich es Ihnen ſagen, werthes Fräulein? Sie wollen durch Ihr Beiſpiel zei⸗ gen, daß jedes Weib von reinem Herzen, geradem und feſtem Sinn und unabhängigem Gemüth ſtolz ſich der erniedrigenden Vormundſchaft entledigen kann, welche das Herkommen ihm auflegt. Anſtatt ſich das Leben einer empörten Selavin ge⸗ fallen zu laſſen, ein Leben, welches nothwendig der Heuchelei oder dem Laſter verfällt, wollen Sie vor den Augen Aller unabhängig, ehrenhaft und geachtet leben. Kurz Sie wollen wie der Mann freien Willen, die vollſtändige Verantwort⸗ lichkeit für alle Handlungen Ihres Lebens haben, um zu be⸗ weiſen, daß ein ganz ſich ſelber überlaſſenes Weib dem Mann an Vernünftigkeit, Verſtand und Geradheit gleichkommen und an Zartgefühl und Würde ihn übertreffen kann. Das iſt Ihre Abſicht, werthes Fräulein Ihr Beiſpiel iſt edel und ———— —— groß. Wird es nachgeahmt werden? Ich hoff' es. Wäre es aber auch nicht der Fall, ſo wird immerhin Ihr hochher⸗ ziger Verſuch Ihnen eine hohe und gute Stellung geben, — glauben Sie mir““ Die Augen des Fräuleins von Cardoville ſtrahlten ſtolz und ſanft, ihre Wangen waren leicht geröthet, ihr Buſen hob ſich. Unwillkürlich erhob ſie das Haupt und rief, völ⸗ lig von dieſem teufliſchen Menſchen beſtrickt: „Wer find Sie denn, daß Sie ſo meine geheime Gedanken kennen und den kurzen Inbegriff derſelben ausſprechen? daß Sie in meiner Seele deutlicher leſen als ich ſelber, daß Sie dem ſchon lange in mir keimenden Unabhängigkeitsgedanken einen neuen Schwung, ein neues Leben verleihen? Wer ſind Sie, daß Sie mich ſo ſehr in meinen eignen Augen heben, daß ich jetzt das Be⸗ wußtſein habe, einen für mich ehrenvollen und vielleicht für meine in der Sclaverei ſchmachtenden Schweſtern nützlichen Beruf zu erfüllen? Nochmals, wer ſind Sie?“ „Wer ich bin, Fräulein?“ entgegnete Rodin mit einem Lächeln himmliſcher Gutmüthigkeit. „Ich habe es Ihnen ſchon geſagt, ich bin ein armer guter Alter, welcher ſeit vier⸗ zig Jahren, nachdem er tagtäglich als Maſchine gedient hat, die Gedanken Anderer niederzuſchreiben, ſich jeden Abend in ſein Stübchen zurückzieht und ſich erlaubt, eigne Gedanken auszuarbeiten, — ein guter Menſch, der von ſeiner Dach⸗ kammer aus der Bewegung der Geiſter zuſieht und ſogar ein wenig daran Theil nimmt, — jener Bewegung, deren Ziel vielleicht früher erreicht wird, als man gewöhnlich glaubt. Darum ſagte ich Ihnen vorhin, werthes Fräulein: Sie und ich ſtreben demſelben Ziele zu, — Sie ohne darüber nachzu⸗ denken, nur Ihren ſeltenen, göttlichen Neigungen folgend. So leben Sie denn immer frei, immer ſchön, immer glücklich. Das iſt Ihr Beruf, dem Willen der Vorſehung gemäß, mehr als Sie glauben. Fahren Sie fort, ſich mit allen Wundern des Lurus und der Künſte zu umgeben, verfeinern Sie noch mehr Ihre Sinnlichkeit, reinigen Sie noch mehr Ihren Ge⸗ ſchmack durch ſorgfältige Wahl Ihrer Genüſſe. Beherrſchen Sie durch Geiſt und Anmuth und Reinheit den einfältigen, häßlichen Haufen, der Sie von morgen an, ſobald er Sie allein und frei ſteht, umringen wird. Dieſe Menſchen werden — Sie für eine leichte, ihrer Gier, ihrem Eigennutz, ihrer dum⸗ men Selbſtgefälligkeit heimgefallene Beute anſehen. Machen Sie dieſe albernen und ſchmutzigen Anſprüche zu Schanden. Seyn Sie Königin dieſer Welt und würdig, als Königin ge⸗ achtet zu werden. Lieben Sie, glänzen Sie, genießen Sie. Das iſt Ihre Rolle hienieden. Zweifeln Sie nicht daran, all die Blüthen, mit welchen Gott Sie überſchüttet, werden eines Tages herrliche Früchte tragen. Sie werden glauben, dem Vergnügen gelebt zu haben, und in der That werden Sie für das edelſte Ziel gelebt haben, welches eine große und ſchöne Seele erſtreben kann. In einigen Jahren werden wir uns vielleicht wieder begegnen, Sie noch ſchöner und ge⸗ feierter, ich noch älter und Anbeachteter. Und trotz dieſer Verſchiedenheit ſagt Ihnen doch jetzt gewiß eine geheime Stimme, daß zwiſchen uns ein verborgenes Band, eine ge⸗ heimnißvolle Gemeinſchaft beſteht, welche fortan durch nichts zerſtört werden kann.“ Dieſe letzten Worte ſprach Rodin in ſo ergreifendem Ton, daß Adriana wie von einem Schauder durchrieſelt wurde, und dabei war er ihr, ohne daß ſie bemerkte wie, nahe ge⸗ kommen, indem er ſchlangenartig über den Boden wegſchlüpfte. Er hatte mit ſolchem Schwung und ſolcher Wärme geſprochen, daß ſein farbloſes Geſicht leicht geröthet war, und daß ſeine abſtoßende Häßlichkeit faſt verſchwand vor dem funkelnden Glanz ſeiner kleinen gelbbraunen Augen, die jetzt völlig ge⸗ öffnet rund und auf das Fräulein unwandelbar geheftet waren. Dieſe, vorwärts gebeugt mit halb geöffneten Lippen, konnte ihrerſeits den Blick nicht von dem Jeſuiten abwenden. Er ſprach nicht mehr, und ſie horchte noch. Die Empfindung dieſes ſchönen feingebildeten Mädchens beim Anblick dieſes kleinen, ſchwächlichen, häßlichen, ſchmutzigen Greiſes war un⸗ erklärlich. Die Vergleichung mit dem furchtbaren Zauber, den die Schlange über den Vogel übt, mag abgedroſchen er⸗ ſcheinen, aber ſie iſt wahr und kann allein eine Vorſtellung von dieſem eigenthümlichen Eindruck geben. Die Taktik Rodins war gewandt und ſicher. Bis dahin hatte Adriana keine Betrachtungen über ihren Geſchmack und ihre Neigungen angeſtellt. Sie hatte ſich denſelben hinge⸗ geben weil die Befriedigung derſelben ſie glücklich machte und niemand verletzte. Mit welcher Freude und welchem Stolz mußte ſie hören, wie ein Mann von Geiſt ihre Beſtrebungen, über welche ſie kürzlich noch ſo hart getadelt worden war, nicht nur lobte, ſondern ihr auch wegen derſelben, als einer großen, edlen, göttlichen Sache, Glück wünſchte! Betroffen über den ſeltenen Verſtand dieſes Menſchen, neu⸗ gierig gemacht durch einige geheimnißvolle Worte, welche er abſichtlich hatte fallen laſſen, unvermögend, ſich die eigen⸗ thümliche von ihm auf ſie geübte Wirkung zu erklären, und bewegt von achtungsvollem Mitleid mit der mißlichen Lage eines ſo einſichtsvollen Greiſes, ſagte Adriana mit der ihr natürlichen Herzlichkeit: „Ein Mann von Ihrer Tüchtigkeit und von Ihrem Herzen darf nicht der Laune des Zufalls preisgegeben ſeyn. Einige Ihrer Worte haben mir neue Anſchauungen eröffnet. Ich fühle, daß in Zukunft Ihre Rathſchläge mir vielfach nützlich ſeyn können. Indem Sie gekommen ſind, mich aus dieſem Haus zu reißen, haben Sie mir Beweiſe von Theilnahme gegeben, die ich, ohne undank⸗ bar zu ſeyn, nicht vergeſſen kann. Eine geringe aber ſichere Stellung iſt Ihnen genommen worden. Erlauben Sie mir — — „Kein Wort weiter, werthes Fräulein,“ unterbrach Rodin mit verdrießlicher Miene. „Ich hege für Sde ein tiefes Mit⸗ gefühl. Ich rechne mir die Gemeinſamkeit unſerer Anſichten zur Ehre. Auch glaube ich feſt, daß Sie eines Tags ſich bei dem armen alten Philoſophen Raths zu erholen haben werden. Aber eben darum muß und will ich Ihnen gegen⸗ über die vollſtändigſte Unabhängigkeit bewahren.“ „Werther Herr, ich würde mich ja Ihnen verppflichtet er⸗ achten, wenn Sie das, was ich Ihnen anbieten will, anneh⸗ men wollten.“ „O, ich weiß,“ ſagte Rodin lächelnd, „daß Ihr Edelſinn ſtets die Dankbarkeit leicht und ſüß zu machen wiſſen wird. Aber nochmals, ich kann nichts von Ihnen annehmen. Eines Tags vielleicht — — werden Sie erfahren, warum.“ „Eines Tags?“ „Ihnen mehr zu ſagen iſt mir unmöglich. Und angenom⸗ men, ich hätte Verbindlichkeiten gegen Sie, wie könnte ich Ihnen dann garz ſagen, was ich Schönes und Gutes an Ihnen finde? Späterhin, wenn Sie mir viel für meine — —— 6 Rathſchläge verdanken, wird es mir auch um ſo eher frei⸗ ſtehen, Sie zu tadeln, wenn ich etwas an Ihnen zu tadeln finde.“ „Demnach wäre mir die Dankbarkeit gegen Sie unterſagt?“ fragte Adriana. „Nein, nein!“ rief Rodin mit anſcheinender Rührung. „Glauben Sie mir, es wird ein feierlicher Augenblick kom⸗ men, wo Sie ſich Ihrer Verpflichtungen entledigen können in einer Ihrer und meiner würdigen Weiſe.“ Das Geſpräch wardunterbrochen durch die Wärterin, welche ein⸗ trat und zu Adrianen ſagte „Fräulein, unten iſt eine buckelige Nätherin, welche mit Ihnen zu ſprechen wünſcht. Da es Ihnen nach den neuen Befehlen des Herrn Doetor freiſteht, zu empfangen, wen Sie wollen, ſo frage ich, ob ich ſie heraufkommen laſſen ſoll. Sie iſt ſo ſchlecht gekleidet, daß ich nicht gewagt habe — —“ Adriana erkannte an der Beſchreibung die Mayeux. „Sie ſoll heraufkommen!“ ſagte ſie lebhaft. „Der Herr Doetor hat auch befohlen, ſeine Kutſche zu Ihrer Verfügung zu ſtellen. Soll angeſpannt werden?“ „Ja, in einer Viertelſtunde,“ antwortete Adriana. Die Wärterin ging hinaus. Adriana ſagte zu Rodin: „Jetzt muß doch der Richter bald kommen und die Fräulein Simon hieher bringen?“ „Ich denke,“ erwiderte Rodin. Und mit gleichgültiger Miene fragte er: „Was iſt denn das für eine buckelige Nätherin?“ „Die Adoptivſchweſter eines wackeren Handwerkers, welcher Alles aufs Spiel geſetzt hat, um mich aus dieſem Haus zu reißen. Dieſe Nätherin iſt ein ſeltenes, treffliches Geſchöpf. Eine erhabenere Geſinnung, ein edleres Herz war noch nie verborgen unter einem Aeußern von ſo wenig — —“ Adriana hielt inne indem ſie an Rodin dachte, deſſen Weſen ihr denſelben Widerſpruch des Aeußern gegen das Innere zu enthalten ſchien, wie das der Mayeur. Mit einem Blick unnachahmlicher Anmuth fuhr ſie fort gegen den Je⸗ ſuiten, der ſich über ihr plötzliches Schweigen wunderte, „Nein, dies edle Mädchen iſt nicht die einzige Perſon, welche beweiſt, wie ſehr Seelenadel und Geiſt die eitlen Vortheile des Zufalls und des Reichthums gering ſchätzen lehrt!“ In dem Augenblick, wo Adriana dieſe letzten Morte ſprach, trat die Mayeux in das Zimmer. Anmerkungen. ) In den Angelegenheiten von Rom, der bewunderungs⸗ — würdigen Anklage gegen Rom, die wir dem evangeliſch⸗chriſtlichſten“ Mann unſeres Jahrhunderts verdanken, lieſt man: —= „So lange der Ausgang des Kampfes zwiſchen Polen und ſeinen Unterdrückern noch zweifelhaft war, enthielt die officielle römiſche Zeitung kein Wort, welches das in ſo vielen Gefech⸗⸗ ten ſiegreiche Volk hätte verletzen können. Kaum aber hatte = es unterlegen, kaum hatte die Rache des Zaren die lange Henkerei einer ganzen dem Schwert, der Verbannung und der Knechtſchaft geweihten Nation begonnen, ſo konnte dieſelbe Zeitung nicht genug beſchimpfende Ausdrücke finden, um die zu brandmarken, welche das Glück verlaſſen hatte. Man würde jedoch Unrecht thun, dieſe Niederträchtig⸗ keit unmittelbar der päpſtlichen Regirung zuzu⸗ ſchreiben. Sie unterwarf ſich dem Geſetz, welches Rußland ihr auflegte. Rußland hatte ihr geſagt: Willſt du das Leben behalten? Stelle dich hieher neben das Schaffot, und während die Opfer fal⸗ len, fluche ihnen! Lamennais, affaires de Rome. p. 110. Pagnerre, 1844. *) Folgende Stellen lieſt man in dem Rundſchreiben, welches der jetzige Papſt im Jahre 1832 an alle Biſchöfe Frankreichs ge⸗ richtet hat zur Nachachtung für ſie und ihre Schafe, obwohl dieſe Vorſchriften im geraden Widerſpruch mit den Landesgeſetzen und — den Rechten der Bürger ſtehen. Wir brauchen nicht zu ſagen, daß Herr von Lamennais mit aller Macht ſeines Geiſtes und Herzens Einſpruch gethan hat gegen ſo verhaßte Grundſätze, wie ſie ſich“ hier in ihrer ganzen ultramontanen Offenheit ausſprechen: 4. „Wir kommen nun“ (ſagt der beilige Vater) „auf eine an dere Urſache, durch welche wir in dieſem Angenblick mit Seuf⸗ zen die Kirche betrübt ſehen. Nämlich auf den Indifferen⸗ tismus oder die verkehrte Meinung, die ſich allerwärts durch die Kunſtgriffe der Böſen verbreitet hat: daß man die ewige Seligkeit erlangen könne durch jedes Glau⸗ bensbekenntniß, wenn nur dieSitten tadellos und ehrbar ſeyen. . . . Es wird euch nicht ſchwer werden, in einer ſo klaren und einleuchtenden Sache, einen ſo verderb⸗ lichen Irrthum von den eurer Sorgfalt anvertrauten Völkern fern zu halten.“ Das iſt gewiß klar und einleuchtend. Wir, die wir der Sorge der Hirten anvertraut ſind, können uns das merken. Aber es iſt noch nicht Alles. Im Folgenden ſtreicht ein italieniſcher Mönch, das ultramontane Oberhaupt unſerer Biſchöfe mit einem Federzug eins unſerer heiligſten Rechte, welches in den Religionskriegen dem Lande Ströme Bluts gekoſtet hat. „Aus dieſer giftigen Quelle des Indifferentismus fließt die unſinnige Irrlehre oder vielmehr die Tollheit: daß man je⸗ dermann Gewiſſensfreiheit ſichern müſſe. Der Weg zu dieſem verderblichen Irrthum wird gebahnt durch die un⸗ beſchränkte Meinungsfreiheit, welche ſich weithin verbreitet zum Unglück der bürgerlichen und kirchlichen Geſellſchaft. Augenſcheinlich befiehlt der heilige Vater unſeren Biſchöfen, daß ſie ihren Schafen Abſcheu gegen eins der Grundgeſetze unſerer bürgerlichen Geſellſchaft einflößen ſollen. — Wir wollen ſchließen mit einem nicht minder heftigen und bündigen Ausfall des heiligen Vaters wider den Lindwurm der Preſſe. „Dahin gehört jene verderbliche Freiheit, die man nicht genug verabſcheuen kann: die Bücherfreiheit, jede Schrift veröffentlichen zu können, — jene Freiheit, welche Einige mit eben ſo viel Lärm als Eifer zu begehren und auszudehnen ſich unterſtehen.“ . Hirtenbrief des Papſtes Gregor XVI. an die Biſchöfe Frankreichs. 3) Kaum hatte Gregor XVI. den päpſtlichen Stuhl beſtiegen, ſo erfuhr er den Aufſtand in Bologna. Sein erſter Schritt war, die Oeſtreicher herbeizurufen und die Sanfediſten aufzumuntern. — Der Cardinal Albani ſchlug die Liberalen bei Ceſena. Seine Sol⸗ daten beraubten die Kirchen, plünderten die Stadt, ſchändeten die Weiber. Zu Forli begingen die Banden kaltblütig Mordthaten. „Im J. 1832 zeigten ſich die Sanfediſten am hellen Tag mit Me⸗ daillen, welche das Bild des Herzogs von Modena und des heiligen Vaters trugen mit Patenten der apoſtoliſchen Congregation, mit Privilegien und Indulgenzen. Die Sanfediſten leiſteten buchſtäb⸗ lich folgenden Eid; „Ich ſchwöre, den Thron und den Al⸗ tar auf den Gebeinen der infamen Liberalen zu erhe⸗ —— —— ben und dieſe auszurotten ohne Erbarmen für das Schreien der Kinder und die Thränen der Greiſe und Weiber. —“ Der von dieſen Banditen begangene Unfug überſtieg alle Grenzen. Der römiſche Hof regulirte die Anarchie, organiſirte die Sanfediſten in Freiwilligenſchaaren und verlieh dieſen neue Vorrechte. Die Revolution und die Revolutionsmänner in Ita⸗ lien. — Revue des Deux-Mondes, 15 novembre 1844 ²) Que sont les rois? Des gros pélitres Ou des prigands qui pleins d'orgueil, Prenant leurs forfaits pour des titres Se poussent l'un l'autre au cercueil. A prix d'or je puis les absoudre, Ou changer leur sceptre en pourdon. Ma dondon, Rie⸗ done, Dansez donc! Voyez vous comme je lance la foudre. Jupin m'a fait son héritier, Je suis entier.