Leihbiblivthek deutſcher, engliſcher und franzöſiſcher Literatur Eduard Oilmann in Gießen, ſ ð Schloßgaſſe Lit. A. Nr. 256. cLeiß- und geſebedingungen. 1. Oflensein der Bibliothek. Die Bibtiothek ſteht zur Em⸗ pfangnahme und Rückgabe der Bücher jeden Tag von Morgens 7 Uhr bis Abends 8 Uhr offen. 2. Lesepreis. Bei Rückgabe eines geliehenen Buches wird von jedem Tag 5 Pf. bezahlt. Die Zeit eines Tages iſt zu 24 Stun⸗ den angenommen. 3. Caution. Unbekannte Perſonen müſſen, bei Entgegennahme eines Buches, eine dem Werthe deſſelben entſprechende Summe hinterlegen, welche bei deſſen Zurückgabe von mir zurückerſtattet wird. 4. Abonnement. Daſſelbe muß voraus bezahlt werden und eträgt: für wöchentlich 2 Bücher: 4 Bücher: 6 Bücher: 5 —— —— ——— auf 1 Monat: 1 Mk. — Pf. 1 Mt. 50 Pf. 2 Mk. — Pf. — — 5. Auswärtige Abonnenten haben für Hin⸗ und Zurückſendung der Bücher auf ihre eigenen Koſten und Gefahr ſelbſt zu ſorgen. 6. Schadenersatz. 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Eine Menge abenteuerlich und armſelig aufgeputz⸗ ter Masken kam von den Bällen, die in den Wirthshäuſern in der Gegend des Stadthauſes gehalten worden waren, und zog ſingend über den Chäteletplatz. Dieſer Trupp machte Halt, als er einen zweiten ähnlichen über den Kai daher kommen ſah, und ſtieß ein Frendengeſchrei aus in der Hoff⸗ nung auf einen Weitkampf in ſchlüpfrigen Redensarten und ſ en dergleichen den Ruhm Vadé's begründet haben. Dieſer mehr oder minder betrunkene Haufe, bald durch viele Leute vermehrt, die ihr Geſchäft frühzeitig auf die Straße trieb, war in einem Winkel des Platzes zuſammen⸗ gedrängt, als ein verwachſenes, blaſſes Mädchen mitten in denſelben hineingerieth. Es war die Mageux, welche mit Tagesanbruch ausgegangen war, ſich Näharbeit zu holen. IW. 4 Dem armen Mädchen fiel inmitten dieſes luſtigen Getümmels der peinliche Auftritt vom vorigen Tag ein. Angſtvoll ſuchte Stelle. Der vom Kai herkommende Trupp Masken war auf den erſten Haufen geſtoßen, und während ein Theil von die⸗ ſem auswich, drängten ſich die Ankömmlinge in den leeren Raum, und von dem Strom dieſer fortgeriſſen, ward die Ma⸗ veux unter die dem Säugenden Kalb zunächſt ſtehenden Grup⸗ pen geworfen. Die neuen Masken waren viel beſſer gekleidet als die an⸗ dern. Sie gehörten zu der unruhigen luſtigen Klaſſe, welche plätze beſucht, wo es mehr oder minder ausgelaſſen hergeht, und wo ſich gewöhnlich Studenten, Ladenjungfern, Hand⸗ lungsdiener, Griſetten/ u. ſ. w. einfinden. Diefer Trupp er⸗ widerte die Späße der andern Masken, und ſchien dabei mit Ungeduld gewiſſer Perſonen zu harren. Von der Wichtigkeit dieſer Perſonen gaben folgende Worte einen Begriff, die zwiſchen Pierrots und Pierretten, Ausladern und Ausladerin⸗ nen, Türken und Sultaninnen, und ähnlichen Paaren gewech⸗ ſelt wurden. „Ihre Mahlzeit iſt auf ſieben Uhr dieſen Morgen beſtellt. Ihre Kutſchen ſollten ſchon da ſeyn.“ a; aber die Königin Bacchanal wird das letzte Rennen im Prado haben anführen wollen.“ „Wenn ich das gewußt hätte, wär' ich dort geblieben, um ſie zu ſehen, meine angebetete Königin.“ Gobinet, wenn Sie dieſelbe noch einmal Ihre angebetete Rönigin nennen, ſo kratz' ich Sie. Einſtweilen werden Sie gekniffen. „Cöleſte! — Höre doch auf! Du machſt mir ſchwarze Flecken auf den Atlas, mit dem mich meine Mama bei der Geburt geſchmückt hat.“ „Warum nennen Sie dieſe Bacchanal Ihre angebetete Kö⸗ nigin? Was bin ich Ihnen denn?“ . WMond gibt, ſo gibt es nur eine Bacchanal in den Nächten des Pradv.“ ſie einen Ausweg, allein ſie kam keinen Schritt von der die Chaumiére, den Prado, das Kolyſeum und andere Tanz⸗ „Du biſt meine Angebetete, aber nicht meine Königin. Denn gleichwie es in den Nächten der Natur nur einen „O wie witzig! — Geh, Du dicker Nichtsnutz!“ „Gobinet hat Recht,“ bemerkte ein Dritter. „D war dieſe Nacht herrlich.“ 3 „Und im Zug!“ „Nie hab' ich ſie aufgeräumter geſehen.“ „Und welches Coſtüm! Sinnverwirrend!“ „Niederwerfend.“ 5 „Haarzerzauſend!“ „Verdonnernd!“ „Verwetternd!“ „Nur ſie kann dergleichen erfinden.“ „Und welcher Tanz!“ „Das will ich meinen! Das iſt zugleich entfeſſelt, wellen⸗ und ſchlangenförmig. Eine ſolche Bajadere gibt's nicht mehr unter der Himmelskappe.“ „Gobinet, geben Sie mir auf der Stelle meinen Shawl wieder. Sie haben ihn mir ſchon genug verdorben, indem Sie ihn als Gürtel um Ihren dicken Wanſt getrsgen haben. Ich brauche mir meine Sachen nicht von dicken Geſchöpfen verderben zu laſſen, welche die Frauenzimmer Bajaderen nennen.“ 5 3 „Cöleſte, beſänft'ge Deine Wuth! Ich bin als Türke ve kleidet. Von Bajaderen ſprechend, bleib' ich beinahe in me ner Rolle. „Deine Cöleſte iſt halt wie die Andern, Gobinet. Sie iſt eiferſüchtig auf die Königin Bacchanal.“ „Ich, eiferfüchtig? Seht einmal an! Wenn ich ſo ſcham⸗ los ſeyn wollte, wie ſie, würde man von mir eben ſo viel ſprechen. Was macht am Ende ihren Ruf? Daß ſie einen Beinamen hat.“ 5 — „Um ſolchen haſt Du ſie nicht zu beneiden, ſintemal man Dich Cöleſte nennt.“ „Gobinet, Sie wiſſen, daß Cöleſte mein Taufname iſt.“ „Allerdings. Aber er bedeutet Himmliſche und klingt wie ein Beiname, wenn man Dich anſieht.“ „Gobinet, das ſchreib' ich ebenfalls auf J chnung. „Nicht wahr, Oscar wird Dir helfen, die Advitiön mache „Ganz gewiß, und Sie werden das Facit ſe n, und den Andern behalt' ich im Sinn. Und der erden Sie nicht ſeyn.“ Wſte, Sie thun mir weh. Ich wollte bloß ſagen, daß h Engelsname im Streit iſt mit Ihrem Koboldgeſichtchen, v weit bezaubernder iſt als das der Königin Bar⸗ anal.“ „So! Jetzt ſchmeicheln Sie mir, ſchlechter Menſch.“ „Ich ſchwöre Dir bei dem verhaßten Haupt meines Haus⸗ philiſters, daß, wenn Du wollteſt, Du eben ſo flott ſeyn könnteſt, wie die Königin Bacchanal.“ „Flott iſt die Bacchanal freilich, und wie!“ „Nicht zu gedenken, daß ſie die Municipalgardiſten be⸗ zaubert.“ „Und die Stadtſergenten magnetiſirt.“ „Sie bemühen ſich vergebens zu zürnen. Die Bacchanal bringt ſie am Ende immer zum Lochen.“ „Und ſie alle nennen ſie: Liebe Königin.“ „Dieſe Nacht wieder hat ſie einen Munieipal bezaubert, ein wahres Roſenmädchen oder vielmehr ein wahres Roſen⸗ männchen, deſſen Schamhaftigkeit ſich gendarmirt hatte. (Gendarmirt! Das wär' ein hübſcher Witz geweſen vor den ruhmvollen drei Tagen) Ich ſage, die Schamhaftigkeit eines Munieipals hatte ſich gendarmirt, als die Königin ihren famoſen Stürmiſche⸗Tulpen⸗Tanz aufführte.“ „Welch' ein Contretanz! Liegganznackt und die Köni⸗ 4 Bacchanal der Roſe⸗Pompon und dem Nini⸗ vulin gegenüber!“ Und alle vier immer ſtürmiſchere Tulpen aufſchwänzelnd!“ propos, iſt es wahr, was man von Nini⸗Moulin 2 Was denn?“ . „Daß er ein Schriftſteller iſt, der Flugſchriften über die Religion macht?“ „Ja, es iſt wahr. Ich hab' ihn oft bei meinem Prineipal geſehen, wo er kauft. Er iſt ein ſchlechter Zahler, aber ein ſchnurriger Kerl.“ „Und ſpielt den Betbruder?“ umvulin, erbſendick und bohnenlang, verdreht die Augen „Das will ich meinen, wenn's ſeyn muß. Dann iſt er Herr hängt den Kopf und geht mit den Fußſpitzen einwaris⸗ Aber wenn er ſeine Parade abgemacht hat, dann lebt er ſich aus auf den Cancanbällen, die ihm über Alles gehen und wo ihHm die Weibſen den Beinamen Nini⸗Moulin gegeben haben. Zu dieſem Signalement iſt hinzuzufügen, daß er Durſt hat, wie ein Fiſch, und nun kennt ihr den Geſellen. Das hindert ihn aber nicht, an den religiöſen Zeitſchriften mitzuarbeiten, und die frommen Spitzbuben, die er noch öfter anſeilt als ſie ihn, 3 ſchwören nur bei ihm. Man muß ſeine Artikel oder ſeine 3 — Flugſchriften ſehen — nur ſehen, nicht leſen. Da wird auf jeder Seite vom Teufel geſprochen und von ſeinen Hörnern, von den Bratereien, welche der Gottloſen und der Revolu⸗ tionäre warten, und von Gott weiß was allem! Immer⸗ durſt Nini⸗Moulin iſt ein Teufelskerl. Er gibt ihnen Waare für ihr Geld.“ „Die Wahrheit iſt, er verdient den Namen Immerdurſt und Raſetanz. Welche Sprünge hat er mit der kleinen Roſe⸗ Pompon in dem Contretanz der Stürmiſchen Tulpe gemacht!“ „Und wie prächtig ſah er aus in ſeinem römiſchen Helm und ſeinen Umſchlagſtiefeln!“ „Roſe⸗Pompon tanzt ebenfalls hübſch. Das iſt w 6 verſchlungen.“. „Und idealiſch vercancant.“ „Allerdings. Aber die Königin Bacchanal ſteht ſechstauſend Fuß über der Fläche des ßewöhuliche Cancan. Ich komme immer wieder auf ihren Tanz von keu Nacht zurück, auf die Stürmiſche Tulpet „Sie war zum Anbeten.“ „Zum Verehren.“ „Das heißt, wär' ich Vater, ſo würd' ihr die Erzie⸗ hung meiner Söhne anvertrauen.“ „Eben über dieſen Tanz hat ſich der Muniecipal 5 im Ton eines gendarmirten Roſenmädchens.“ „Der Tanz war wirklich ein wenig ſtramm.“ „Stramm, ſehr ſtramm. Darum kam auch der Munſeipat zu ihr und ſprach: Liebe Königin, ei! ei! Soll denn dieſer Tanz ernſt ſeyn. — Nein, ſchamhafter Krieger, erwiederte ſie, ich verſuch' ihn bloß einmal, damit ich ihn in meinen alten — Tagen gut tanzen kann. Es iſt ein Gelübde, welches ich ge⸗ than habe, damit Sie Rottmeiſter werden.“ „Ein tolles Mädchen!“ „Ich begreife nicht, daß es mit Liegganznackt immer ſo fort geht.“ „Weil er Handwerker geweſen iſt?“ „Dummheit! Uns Studenten und Ladenſchwengeln würde es wunderlich anſtehen, die Stolzen zu ſpielen! Nein, ich wun⸗ dere mich über die Treue der Königin.“ „Es dauert eben drei — vier volle Monate.“ „Sie iſt toll und er iſt vernarrt.“ „Das muß eine hübſche Converſation zwiſchen ihnen geben.“ „Manchmal frag' ich mich, wo zum Teufel Liegganznackt das Geld alle hernimmt, welches er verjubelt. Es ſcheint, er hat die Koſten dieſer Nacht beſtritten, und drei Vierſpän⸗ ner und den Morgenimbiß für zwanzig Perſonen, zu zehn Franken den Kopf, bezahlt.“ „Es heißt, er habe geerbt. Nini Moulin, der gut wittert, wo es etwas zu freſſen und zu ſaufen gibt, hat heute Nacht Bekanntſchaft mit ihm gemacht, — nebenbei auch, weil er un⸗ ehrliche Abſichten auf die Königin Bacchanal hat.“ „Er? Nein, dazu iſt er zu häßlich. Die Weibſen mögen ihn wohl zum Tänzer haben, weil er die Galerie vor Lachen platzen macht; ober das iſt auch Alles. Die kleine, artige Roſe⸗Pompon hat ihn als ungefährlichen Hüter angenommen, während der Abweſenheit ihres Studenten.“ „Ah! Die Wagen! Da kommen die Wagen!“ rief einſtim⸗ mig die Menge. Die Mayeux, welche im Gedränge nicht von den Masken wegkommen konnte, hatte kein Wort von dieſem für ſie ſo peinlichen Geſpräch verloren. Ihre Schweſter, von welcher die Rede war, hatte ſie ſeit langer Zeit nicht geſehen Die Königin Bacchanal hatte kein böſes Herz; aber der Anblick des Elendes der Mayeux, welches ſie getheilt, und welches ſie ferner zu tragen nicht vermocht hatte, verſetzte dieſe luſtige Dirne in tiefe Trauer, und ſolche Eindrücke mied ſie, ſeitdem die Mayeur ſich geweigert hatte, Unterſtützungen von ihr an⸗ zunehmen, die aus keiner lauteren Quelle kommen konnten. „Die Wagen! Die Wagen!“ rief von Neuem die Menge „ bindet ¹). Nini Moulin hatte ziemlich weit hinten auf dem — und drängte ſich den Kuiſchen entgegen. Die Mayeux ward von dem Strom mit fortgetragen, und befand ſich, ohne es zu wollen, in der erſten Reihe der Neugierigen, welche den Maskenzug vorbeikommen ſehen wollten. Dieſer Zug bot in der That einen merkwürdigen Anblick dar. Ein als Poſtknecht verkleideter Reiter in blauer, ſilber⸗ bordirter Jacke, mit mächtigem Zopf, welchem Wolken von Puder entquollen, und in einem mit ungeheuren Bändern verzierten Hut, ritt vor dem erſten Wagen her, knallte mit der Peitſche und ſchrie: „Platz! Platz für die Königin Bae⸗ chanal und ihren Hof. Der offene Landau hinter ihm ward von vier herzſchlächtigen Pferden gezogen, auf welchen zwei alte, als Teufel verkleidete Poſtknechte ſaßen. In dem Wa⸗ gen erhob ſich eine wahre Pyramide von ſitzenden, ſtehenden und kauernden Männern und Weibern in den tollſten, wun⸗ derlichſten Kleidungen, welche ein Durcheinander von grellen Farben, von Bändern, Blumen und Flittern bildeten. Aus dieſem Haufen wunderlicher Geſtalten und Trachten ſahen theils groteske, theils zierliche, theils häßliche, theils hübſche Köpfe heraus, alle belebt durch die fieberhafte Aufregung to ler Trunkenheit, und alle mit dem Ausdruck begeiſterter Be⸗ wunderung dem zweiten Wagen, wo die Königin Bacchanal thronte, zugekehrt und ſie begrüßend mit dem von der Menge wiederholten Zuruf: „Es lebe die Königin Bacchanal!“ Die⸗ ſer zweite Wagen, ein offener Landau, gleich dem erſten, ent⸗ hielt bloß die vier Haupttänzer der Stürmiſchen Tulpe: Nini Moulin, Roſe Pompon, Liegganznackt und die Königin Bacchanal. Dumvulin, der religiöſe Schriftſteller, welcher die Frau von Sainte Colombe den Freunden ſeines Gönners Rodin ſtreitig machen wollle, ſtand unter dem Namen Nini Moulin auf den Kiſſen des Vorderſitzes. Er hätte ein prächtiges Studium gegeben für Callot oder für Gavarni, dieſen aus⸗ gezeichneten Künſtler, welcher mit dem beißenden Witz und der wunderbaren Phantaſie des berühmten Caricaturenzeich⸗ ners, die Anmuth, die Poeſie und die Tiefe Hogarth's ver⸗ ¹¹) Siehe die Anmerkungen am Schluß des Bandes. Kopf einen mit Silberpapier überzogenen, römiſchen Helm ſitzen, und auf der einen Seite dieſes Hauptſchmucks ſteckte im angenehmen Widerſpruch mit der vielleicht allzu antiken Form deſſelben ein ſchwarzer Federbeſen mit rothem hölzernem Stiel. Unter dieſem Helm breitete ſich das rötheſte, luſtigſte Geſicht aus, welches je vom Geiſte edlen Weines bepurpurt 4 worden iſt. Eine ſtark vorſpringende Naſe, deren urſprüng⸗ liche Form ſich unter einer üppigen Blüthe roth und vivlett ſchillernder Finnen verſteckte, gab dem durchaus bartloſen Ge⸗ ſicht einen Ausdruck von Poſſirlichkeit, während ein weiter Mund mit dicken aufgeworfenen Lippen mit der auffallenden Luſtigkeit harmonirte, welche aus ſeinen großen, hervorſtehen⸗ 8 den grauen uugejſrahi 5 Beim Anblick dieſes fröhlichen Geſellen mit dem Silenus⸗ bauch, fragte man ſich, wie er es angeſtellt habe, um nicht in den Fluthen des Weins hundertmal das Gift und die Galle zu erſäufen, von denen ſeine Schriften wider die Feinde der Ultramontanen überſtrömten, und wie ſein katholiſcher Glaube obenauf ſchwimmen konnte. Dies Räthſel ließ ſich nur durch die Erwägung löſen, daß unter den Schauſpielern die Dar⸗ ſteller der haſſenswertheſten Charaktere oft die beſten Men⸗ ſchen von der Welt ſind. Da es ſehr kalt war, ſo trug Nin⸗Moulin einen nicht zu⸗ geknöpften Carrick, unier welchem man ſeinen Schuppenpan⸗ zer, ſeine fleiſchfarbigen Strumpfhoſen und unter den Waden die grell abſtechenden gelben Umſchläge ſeiner Stiefel ge⸗ wahrte. Vorwärts gebeugt, ſtieß er ein wildes Geſchrei aus, untermiſcht mit dem Ruf: „Es lebe die Königin Bacchanal!“ Und jedes Mal nach dieſem Ruf ließ er eine mächtig große Raſſel ſchnarren, die er in der Hand hielt. weißſeidene Fahne, auf welcher die Worte ſtanden: Lieb' und Luſt für Königin Bacchanal. Liegganznackt war etwa gen von einem kaſtanienbraunen Backenbart und abgemagert durch Wachen und Ausſchweifungen, drückte eine eigene Mi⸗ ſchung von Sorgloſigkeit, Keckheit, Gleichgültigkeit und Spöt⸗ terei aus. Aber eine niedrige, bösartige Leidenſchaft hatte bei ſeinem Uebermaß bacchiſcher und choreographiſcher Luſt Liegganznackt ſtand neben Nini⸗Moulin und hielt eine fünfundzwanzig Jahr alt. Sein kluges luſtiges Geſicht, um⸗ —— — noch nicht auf demſelben ihre unglückſelige Spur zurückgelaſſen. Er war das vollkommene Muſterbild des Pariſers in dem Sinne, wie man dies Wort beim Heer, auf der Flotte und in den Provinzen nimmt. Es iſt dort kein Compliment, aber es iſt auch durchaus kein Schimpfwort. Es drückt zugleich Tadel, Bewunderung und Furcht aus. Der Pariſer in dieſer Bedeu⸗ tung des Worts iſt oft träg und widerſpänſtig, aber auch an⸗ ſtellig zur Arbeit, entſchloſſen in der Gefahr und ſtets ein furchtbarer Spötter und Poſſenreiſſer. Liegganznackt war als Sackträger gekleidet in eine ſchwarzſammtne Jacke mit ſilber⸗ nen Knöpfen, eine ſcharlachrothe Weſte und in Hoſen mit brei⸗ ten blauen Streifen. Um den Leib trug er als Gürtel einen kaſchmirartigen Shawl mit langen fliegenden Zipfeln und auf dem Kopf einen mit Blumen und Bändern bedeckten breit⸗ krämpigen grauen Filzhut. Dieſe Verkleidung paßte ſehr gut zu ſeiner ungezwungenen Haltung. Auf dem Kiſſen des Rückſitzes ſtanden Roſe⸗Pompon und die Königin Bacchanal. Roſe⸗Pompon, geweſene Franſenmacherin, ſiebzehn Jahr alt, hatte ein Geſichtchen ſo niedlich und ſchelmiſch, wie man es nur je ſehen konnte. Sie war zierlich als Auslader ver⸗ kleidet. Ihre weißgepuderte Perrücke, auf welcher eine vrange und grüne ſilberbordirte Mütze auf Krakeel ſaß, hob die Schwärze ihrer ſtrahlenden Augen und das Roth ihrer run⸗ den Wangen noch mehr hervor. Ihre Halsbinde und ihre Schärpe waren vrangegelb. Ihr anliegendes Wams und ihre knappe Weſte von hellgrünem Sammet mit Silberborden ließen vollkommen den ſchönen Wuchs ihres Körpers ſehen, deſſen Geſchmeidigkeit ſich wunderbar zu den Windungen des Tanzes der Stürmiſchen Tulpe ſchickte. Ihre weiten Hoſen von gleichem Stoff wie die Weſte waren nicht allzuſehr ver⸗ hüllend. Die Königin Bacchanal ſtützte ſich mit der einen Hand auf die Schulter der Roſe⸗Pompon, über welche ſie eine ganze Kopflänge hinausragte. Sie ſpielte wirklich die Herr⸗ ſcherin in dieſer tollen Trunkenheit, welche ihre bloße Ge⸗ genwart ihrer Umgebung einzuflößen ſchien. Sie war ein großes Mädchen von etwa zwanzig Jahrdn, leicht in ihren Bewegungen und gut gebant, mit regelmäßigen Zügen und — 10 — der Miene eimer munteren lärmluſtigen Dirne. Gleich ihrer Schweſter hatte ſie ein prächtiges kaſtanienbraunes Haar, und große blaue Augen, die aber nicht ſanft und ſchüchtern wa⸗ ren, wie bei der Mayeur, ſondern eine unermüdliche Ver⸗ gnügungsluſt ſtrahlten. Ire Lebenskraft war ſo groß, daß ſie trotz mehren hintereinander durchſchwärmten Tagen und Nächten noch dieſelbe reine friſche Haut, dieſelben roſigen Wangen hatte, als wäre ſie dieſen Morgen nach ruhig durch⸗ ſchlafner Nacht aufgeſtanden. Ihre, obgleich wunderliche und gauklermäßige Tracht kleidete ſie ganz vortrefflich. Dieſelbe beſtand in einem den ganzen Rumpf bedeckenden Leibchen von Goldſtoff, an den Schultern beſetzt mit dicken hochroſenrothen Bandtroddeln, welche über ihre nackten Arme herabfielen, — und aus einem mit goldenen Flittern und Nathbeſätzen ge⸗ zierten Rock von hochroſenrothem Sammet, welcher, bis unter das Knie reichend, ein zugleich feines und ſtarkes Bein ſehen ließ, bekleidet mit weißſeidenen Strümpfen und rothen Halbſtiefeln mit kupfernen Abſätzen. Keine ſpaniſche Tänzerin hat einen kühner geſchweiften und ſo zu ſagen mehr federn⸗ den Leib gehabt, als dies ſeltene Mädchen, welches von einem Dämon des Tanzes und der Bewegung beſeſſen zu ſeyn ſchien. Faſt jeden Augenblick ſchien ein anmuthiges Wiegen des Kopfes und eine leichte wellenförmige Bewegung der Schultern und Hüften dem Takt eines unſichtbaren Orche⸗ ſters zu folgen, den ſie mit der Spitze ihres rechten Fußes in der reizendſten Weiſe auf dem Rand des Kutſchenſchlags angab. Ihre Stirn umgab ein mit klingenden Schellen be⸗ hängtes Diadem, das Zeichen ihrer Narrenkönigswürde. Ihre Haare, in zwei breite Zöpfe geflochten, hingen bogenförmig um ihre rothen Wangen und waren an ihrem Hinterkopf zu⸗ ſammengeſchlungen. Während ihre Linke auf der Schulter Roſe Pompon's ruhte, hielt ſie in der rechten Hand einen großen Blomenſtrauß, mit welchem ſie die laut lachende WMenge grüßte. E wäre ſchwer, vollſtändig das tolle, lärmende Bild zu ſchildern, welches durch einen dritten, mit einer Pyramide grotesker, abenteuerlicher Masken, gleich dem erſten, beſetzten Wagen abgeſchloſſen ward. In dem luſtigen Haufen betrach⸗ tete nur eine Perſon dieſen Auftritt mit tiefem Schmerz. — — —— —— —,—,—,——— ——— —— — 0 Dieſe Perſon war die Mayeux, welche trotz ihrem Bemühen, aus dem Gedräng herauszukommen, in der erſten Reihe der Zuſchauer feſtgehalten wurde. Seit langer Zeit von ihrer Schweſter getrennt, ſah ſie dieſelbe zum erſten Mal wieder im ganzen Glanz ihres ſonderbaren Trinmphs inmitten des Freudengeſchreis und des Bravorufs der Genoſſen ihrer Ver⸗ gnügungen. Die Augen der Nätherin füllten ſich mit Thrä⸗ nen. Obwohl die Königin Bacchanal die betäubende Luſt ih⸗ rer Umgebung zu theilen ſchien, obwohl ihre Augen von Freude ſtrahlten und ſie ſich des Glanzes eines vorübergehen⸗ den Luxus zu freuen ſchien, ward ſie doch beklagt von der faſt in Lumpen gehüllten armen Nätherin, welche mit Tages⸗ anbruch ausgegangen war, um Arbeit für den Tag und für die Nacht zu ſuchen. Die Mayeur hatte die Menge ringsum vergeſſen und be⸗ trachtete nur ihre Schweſter, welche ſie um ſo zärtlicher liebte, je beklagenswerther ihr dieſelbe erſchien. Die Augen auf das fröhliche ſchöne Mädchen geheftet, drückte ihr bleiches ſanftes Geſicht ein rührendes Mitleid, eine tiefe ſchmerzliche Theil⸗ nahme aus. Plötzlich traf der heitere Blick, den die Königin Bacchanal über die Menge ſchweifen ließ, auf das betrübte thränenfeuchte Auge der Mayeux. „Schweſter!“ rief Cephiſe, und ſprang behend wie eine Tänzerin von ihrem wandelnden Thron, der zum Glück eben ſtill hielt, herab auf das Pflaſter und umarmte liebevoll die Mayeux. Dies war ſo ſchnell ge⸗ ſchehen, daß ihre Begleiter, erſtaunt über ihren gefährlichen Sprung, nicht wußten, welcher Urſache ſie ihn zuſchreiben ſollten, während die nicht minder erſtaunten Masken um die Mayeux herum Platz machten. Letztere, ganz glücklich, ihre Schweſter zu umarmen, dachte nicht an den ſeltſamen Abſtich, welcher bald die Verwunderung und das Lachen der Menge erwecken mußte. Cephiſe dachte zuerſt daran. Um ihrer Schwe⸗ ſter eine Demüthigung zu erſparen, wandte ſie ſich um nach dem Wagen und rief: „Roſe Pompon, wirf mir meinen Man⸗ tel heraus, und Sie, Nini Moulin, öffnen Sie ſchnell den Schlag!“ Die Königin Bacchanal empfing ihren Mantel, hüllte raſch ihre Schweſter hinein, ehe dieſe in ihrer Ueberraſchung eine Bewegung machen konnte, nahm ſie bei der Hand und ſagte:; „Komm! Komm!“ 8 — „Ich?“ rief die Mayeur erſchrocken. „Was denkſt Du?“ „Ich muß ſchlechterdings mit Dir ſprechen,“ erwiederte Ce⸗ phiſe. „Ich laſſe mir ein kleines Zimmer geben, wo wir al⸗ lein ſind. Mach' fort, Kleine! — Hier vor den Leuten — Keine Umſtände! — Komm!“ Die Furcht, das Ziel aller Blicke zu werden, beſtimmte die Mayeur zu folgen, oder vielmehr, ganz betäubt von dem Begebniß, zitternd und erſchrocken, folgte ſie faſt willenlos ihrer Schweſter, die ſie in den Wagen zog, nach⸗ dem Nini Moulin den Schlag geöffnet. Da der Mantel der Königin Bacchanal die ärmlichen Klei⸗ der und die Mißgeſtalt der Mayeux verhüllte, ſo hatte die Menge keinen Anlaß zu lachen. Sie wunderte ſich bloß über den Auftritt, während die Wagen an der Thür des Wirthes auf dem Chäteletplatz vorfuhren. Zweites Kapitel. ie Gegen ſe Einige Minuten nach dem Zuſammentreffen der Mayeur einem kleinen Zimmer des Wirthshanſes zum Säugenden alb. „Laß mich Dich nochmals umarmen,“ ſagte Cephiſe. „Jetzt wenigſtens ſind wir allein. Du fürchteſt Dich doch nicht mehr?“ Indem ſie ihre Schweſter umfaßte, fiel der Mantel, welcher dieſe umhüllte. Beim Anblick der erbärmlichen Klei⸗ der, welche zu bemerken ſie im Gedräng auf dem Chätelet⸗ platze keine Zeit gehabt, ſchlug Cephiſe die Hände zuſammen und konnte einen Ausruf ſchmerzlicher Ueberraſchung nicht zurückhalten. Sie trat dicht an ihre Schweſter heran, um ſie ganz in der Nähe zu betrachten, nahm die abgemagerten, kal⸗ ten Hände derſelben in ihre fleiſchigen und ließ einige Minu⸗ auf dem armen, blaſſen, durch Hunger und Wachen abgema⸗ und der Königin Bacchanal befanden ſich beide Schweſtern ten lang mit zunehmendem Schmerz ihre forſchenden Blicke 7 7 — gerten, mit einem elenden geflickten Kattunkleid gegen keine Kälte geſchützten Geſchöpf ruhen. „Ach, Schweſter! Dich ſo wiederzuſehen!“ rief ſie; und unfähig, ein Wort weiter her⸗ vorzubringen, fiel ſie, Thränen vergießend, der Mgyeur um den Hals. Nach langem Schluchzen brachte ſie die Worte hervor: „Verzeihung! Verzeihung!“ „Was fehlt Dir deun, gute Cephiſe?“ fragte tief gerührt die Mayeurx, ſich ſanft der Umarmung ihrer Schweſter entwin⸗ dend. „Du bitteſt mich um Verzeihung. Wofür?“ „Wofür?“ wiederholte Cephiſe, ihr mit Thränen benetztes und vor Beſchämung purpurrothes Geſicht erhebend. „Iſt es nicht eine Schande, daß ich mit dieſen Flittern aufgeputzt bin und ſo viel Geld in Narrenspoſſen vergende — während Du ſo daher gehſt, während Du halb verhungerſt? Nie habe ich Dein Geſicht ſo bleich und ſo angegriffen geſehen!“ „Beruhige Dich, liebe Schweſter,“ erwiederte die Nätherin. „Ich bin nicht unwohl. Ich habe dieſe Nacht ein wenig ge⸗ wacht, drum bin ich ſo blaß. Aber ich bitte Dich, weine nicht; das thut mir weh.“ Die Königin Bacchanal war freudeſtrahlend aus einem freudetrunkenen Haufen hervorgetreten, und die Mayeur trö⸗ ſtete ſie jetzt! Ein anderer Umſtand machte dieſen Gegenſatz noch auffallender. Plötzlich vernahm man aus dem anſtoßen⸗ den Saal den fröhlichen Ruf: „Hoch lebe die Königin Bar⸗ chanal! Hoch lebe die Königin Baochanal!“ Die Mayeux er⸗ bebte und ihre Augen füllten ſich mit Thränen, als ſie ihre Schweſter ſah, welche, das Geſicht in den Händen verbergend, vor Scham in die Erde ſinken zu wollen ſchien. „Cephiſe,“ ſagte ſie, „ich bitte Dich inſtändig, betrübe Dich nicht ſo ſehr. Ich müßte ſonſt bedauern, Dir begegnet zu ſeyn, und doch ſchätz' ich mich ſo glücklich deshalb. Es iſt ſo lange her, daß ich Dich nicht geſehen habe. Was fehlt Dir denn? Sage mir's.“ „Du verachteſt mich vielleicht — — und Du haſt Recht,“ erwiederte die Königin Bacchakal, ihre Augen abtrocknend. „Ich ſollte Dich verachten? Warum?“ „Weil ich ein ſolches Leben führe, anſtatt, wie Du, den Muth zu haben, die Noth zu ertragen.“ Der Schmerz Cephiſens war ſo tief, daß die ſtets guther⸗ zige und nachſichtige Mayeux vorerſt nur daran dachte, ſie zu tröſten und aufzurichten. „Indem Du ſie ein Jahr lang muthig er⸗ tragen,“ erwiederte ſie gerührt, „haſt Du mehr Verdienſt als ich, wenn ich ſie mein ganzes Leben erdulde.“ „O, ſage das nicht, Schweſter!“ „Offen geſprochen,“ erwiederte die Mayeux, „welchen Ver⸗ ſuchungen iſt ein Geſchöpf wie ich ausgeſetzt? Suche ich nicht von ſelbſt die Einſamkeit und Verborgenheit eben ſo ſehr, wie Du Dich zu einem Leben rauſchender Vergnügen hinge⸗ zogen fühlſt? Welche Bedürfniſſe habe ich armſeliges Ge⸗ ſchöpf. Wenig genügt mir.“ „Und das Wenige haſt Du nicht immer.“ „Allerdings nicht. Aber es gibt Entbehrungen, die ich trotz meiner Schwächlichkeit und Kränklichkeit beſſer ertrage als Du. Der Hunger verurſacht mir eine Art Erſtarrung, die in großer Schwäche endet. Du biſt ſtark und voll Leben. Dich reizt der Hunger auf und macht Dich wie wahnſinnig. Erinnere Dich nur. Wie oft habe ich Dich in dieſer ver⸗ zweifelten Stimmung geſehen, wenn wir in unſerer eiskalten Dachkammer bei mangelnder Beſchäftigung keine vier Franken die Woche verdienen konnten und nichts — gar nichts zu eſſen hatten, da wir zu ſtolz waren, die Nachbarn anzu⸗ ſprechen.“ „Dieſer Stolz hat wenigſtens Dich bewahrt,“ bemerkte Cephiſe. „Und haſt Du nicht auch gekämpft, ſo lange ein menſchli⸗ ches Geſchöpf kämpfen kann? Die Kräfte haben ein Ziel. Ich kenne Dich, Cephiſe. Dem Hunger vornehmlich haſt Du nachgegeben und der peinlichen Nothwendigkeit einer raſtloſen Arbeit, welche Dir nicht einmal die Befriedigung der drin⸗ gendſten Bedürfniſſe verſchaffte.“ „Aber Du haſt dieſe Entbehrungen ertragen, und Du er⸗ trägſt ſie noch.“ 8 „Kannſt Du Dich mit mir pergleichen? Komm!“ ſagte die Mayeux, ihre Schweſter bei Hand faſſend und vor einen über einem Canape hängenden Spiegel führend. „Betrachte Dich darin. Indem Gott Dich ſo ſchön ſchuf, Dir ein ſo heißes Blut, einen ſo heiteren, beweglichen, vergnügungsluſti⸗ gen Sinn gab, war ſein Wille wohl nicht, daß Deine Jugend in einer eiſigen Dachkammer vergehen, daß Du auf einen Stuhl gefeſſelt, in Lumpen gehüllt, die Sonne nicht ſehen und ohne Aufhören und ohne Hoffnung arbeiten ſollteſt. Nein! Gott hat uns noch andere Bedürfniſſe gegeben, als zu eſſen und zu trinken. Selbſt in unſerem niederen Stand begehrt die Schönheit einigen Putz. Die Jugend bedarf Bewegung, Vergnügen und Heiterkeit. Und jedes Alter bedarf der Zer⸗ ſtreuung und der Ruhe. Hätteſt Du ſo viel verdient, als hinreichte, um Dich ſatt eſſen, um Dich einen oder zwei Tage in der Woche vergnügen zu können nach einer täglichen Ar⸗ beit von vierzehn bis fünfzehn Stunden, um Dir die beſchei⸗ dene Kleidung anzuſchaffen, welche zu Deinem Geſichte paßt, ſo würdeſt Du gewiß nichts weiter begehrt haben. Du haſt es mir hundertmal geſagt. Einem unwiderſtehlichen Drang biſt Du gefolgt, weil Deine Bedürfniſſe größer ſind, als die meinigen.“ „Es iſt wahr,“ ſagte die Königin Bacchaual mit nachdenk⸗ licher Miene. „Wenn ich nur vierzig Sous täglich zu ver⸗ dienen gewußt hätte, ſo würde mein Leben ein ganz anderes geweſen ſeyn. Denn ſieh, im Anfang war es äußerſt demü⸗ thigend für mich, auf Koſten Anderer zu leben.“ „Eben darum, ſag' ich, Du biſt unwiderſtehlich fortgeriſſen wordeu, gute Cephiſe. Wäre das nicht, ſo würd' ich DBich tadeln, anſtatt Dich zu beklagen. Du haſt Dein Schickſal nicht gewählt, Du haſt es über Dich ergehen laſſen, wie ich das meinige über mich.“ „Arme Schweſter!“ ſagte Cephiſe, die Mayeux liebevoll umarmend. Du biſt ſo unglücklich und ermuthigſt und tröſteſt mich noch. An mir wäre es, Dich zu beklagen.“ „Beruhige Dich,“ erwiederte die Mayeux. „Gott iſt gut und gerecht. Wenn er mir viele Vorzüge verſagt hat, ſo hat er mir meine Frenden geſchenkt, wie Dir die Deinigen. „Deine Freuden?“ „Allerdings, und zwar große Freuden. Ohne ſie wäre mir das Leben eine zu große Laſt.“ „Ich verſtehe Dich,“ ſagte Cephiſe. „Du kannſt Dich für Andere aufopfern, und das verſüßt Deine Leiden.“ „Wenigſtens thu' ich, was ich kann, obwohl ich nur wenig vermag. Aber wenn es mir gelingt,“ fügte ſie ſanft lächelnd — hinzu, „dann bin ich auch glücklich und ſtolz, wie eine Ameiſe, welche nach vielen Mühen ein Stückchen Strohhalm zu dem gemeinſamen Neſt herbeigetragen hat. Doch laß uns nicht weiter von mir ſprechen.“ „Allerdings laß uns von Dir ſprechen; ich bitte Dich darum. Und auf die Gefahr hin, Dich unwillig zu machen,“ fuhr ſchüchtern die Königin Bacchanal fort, „will ich Dir einen Vorſchlag erneuern, den Du ſchon einmal zurückgewie⸗ ſen haſt. Ich glaube, Jakob *) hat noch Geld. Wir ver⸗ ſchwenden es in Thorheiten und geben dann und wann gele⸗ gentlich armen Leuten etwas. Ich bitte Dich, verſtatte mir, Dir zu Hülfe zu kommen. Ich ſehe an Deinem abgezehrten Geſicht, trotzdem, daß Du mir es verhehlen willſt, wie Du Dich zu Tod arbeiteſt.“ „Ich danke Dir, liebe Cephiſe. Ich kenne Dein gutes Herz, aber ich bedarf nichts. Das Wenige, was ich verdiene, ge⸗ nügt mir.“ „Du ſchlägſt mein Geld aus,“ erwiederte traurig die Kö⸗ nigin Bacchanal, „weil Du weißt, daß das Recht, mit wel⸗ chem ich es beſitze, nicht ehrenvoll iſt. Gut denn. Ich ver⸗ ſtehe Deine Bedenklichkeit. Aber nimm wenigſtens von Jakob einen Dienſt an. Er iſt ein Arbeiter geweſen, wie wir. Ka⸗ meraden helfen ſich einander. Ich bitte Dich, nimm es an, ſonſt muß ich glauben, Du verſchmähſt mich.“ „Und ich würde glauben, Du verachteteſt mich, wenn Du weiter darauf beſtehſt, gute Cephiſe,“ erwiederte die Mayeur in ſanftem, aber zugleich ſo feſtem Ton, daß die Königin Bacchanal die Nutzloſigkeit jedes weiteren Zuredens erkannte. Traurig ſenkte ſie das Haupt, und Thränen perlten von neuem aus ihren Augen. „Meine Weigerung ſchmerzt Dich,“ ſagte die Maheux, ihre Hand ergreifend. „Aber überlege, und Du wirſt mich ver⸗ ſtehen.“ „Du haſt Recht,“ erwiederte nach einem Augenblick des Schweigens die Königin Bacchanal im Ton bitteren Schmer⸗ zes. „Du kannſt es nicht annehmen — Unterſtützung von *) Jakob Rennepont, genannt Liegganznackt, einer der Abkömmlinge der Schweſter des Ewigen Juden. . 5 — — meinem Liebhaber. Es wäre Beleidigung, es Dir vorzuſchla⸗ gen. Es gibt ſo erniedrigende Verhältniſſe, daß ſie ſelbſt das Gute, welches man thun möchte, beſudeln.“ „Cephiſe, Du weißt, ich habe Dich nicht verletzen wollen,“ bemerkte die Mayeux. „Glaube mir,“ fuhr die Königin Bacchanal fort, „ſo leicht⸗ ſinnig und wohlgemuth ich auch bin, ſo habe ich doch manch⸗ mal Augenblicke der Ueberlegung — — ſelbſt bei meinen tollſten Luſtbarkeiten. Glücklicher Weiſe ſind dieſe Augenblicke ſelten.“ „Und woran denkſt Du in ſolchen Augenblicken?“ „Ich denke, daß das Leben, welches ich fühxe, nicht eben ehrenhaft iſt. Und dann fühl' ich mich verſucht, den Jakob um eine kleine Summe anzuſprechen, mit welcher ich ein Jahr lang mein Leben friſten könnte, während ich wieder zu Dir ginge und mich allmählig an die Arbeit gewöhnte.“ „Das iſt ja ein ganz guter Gedanke! Warum führſt Du ihn nicht ans?“ „Weil ich mich in dem Augenblick, wo ich das Vorhaben ausführen will, ernſtlich frage und dann finde, daß der Muth mir mangelt. Ich fühle es, ich kann mich nie wieder an die Arbeit gewöhnen und auf dies Leben verzichten, wo es bald an nichts fehlt, wie heute, bald mißlich ſteht, welches aber immer frei, müßig, luſtig, ſorglos und in jedem Fall tauſend⸗ mal beſſer iſt, als das, welches ich bei einem Verdienſt von vier Franken die Woche führen würde. Uebrigens iſt Hab⸗ ſucht nie mein Leitſtern geweſen. Mehrmals hab' ich mich geweigert, eigen Liebhaber, der nicht viel hatte, um eines Rei⸗ chen willen M gſen. Ich habe nie etwas für naten viel haben w wir leb, hatte hundẽt worden waren, und dieſe Sunie die Narren eben Glück haben, ſo ſiel mir viertauſend Franken zu. Jakob war eben ſo luſtig, wie ich, und wir ſagten: Wir haben uns lieb, und ſo lang 1W. 2 unſer Geld dauert, machen wir uns luſtig. Iſt es zu Ende, dann ſind wir entweder einander müde, und dann ſagen wir uns Valet, — oder wir lieben uns noch, und dann ſuchen wir, um beiſammen bleiben zu können, uns wieder an die Ar⸗ beit zu gewöhnen. Gelingt dies nicht, und wollen wir den⸗ noch nicht von einander laſſen, ſo machen wir die Geſchichte mit einem Scheffel Kohlen ab.“ „Um Gotteswillen!“ rief die Mayeur erbleichend. „Beruhige Dich,“ fuhr Cephiſe fort; „dazu braucht es nicht zu kommen. Wir hatten noch etwas, als ein Mäkler, der mir den Hof gemacht hatte, aber ſo häßlich war, daß ich ſei⸗ nen Reichthum nicht ſehen konnte, erfuhr, daß ich mit Jakob lebte, und mich bewog — — — Doch wozu dieſe Einzelhei⸗ ten. Kurz und gut: dem Jakob wurde auf ein Ding, das wie zweifelhafte Anſprüche auf eine Erbſchaft ausſehen ſoll, Geld geliehen. Und mit dieſem Geld machen wir uns luſtig. So lange es da iſt — — ſo geht's.“ „Aber, liebe Cephiſe, anſtatt ſo thöricht das Geld zu ver⸗ ſchwenden, ſolltet Ihr es anlegen und Euch einander heira⸗ then, da Ihr Euch liebt.“ „Ja, ſieh,“ erwiederte lachend die Königin Bacchanal, bei welcher die Sorgloſigkeit und Luſtigkeit wieder die Oberhand erhielt; „erſtlich Geld anlegen macht keinen Spaß. Das ganze Vergnügen dabei iſt, ein Stückchen Papier anzugucken, welches einem gegeben wird für die ſchönen Goldſtückchen. Mit dieſen kann man ſich tauſenderlei Beluſtigungen ſchaffen. — Sodann, was das Heirathen betrifft, ſo liebe ich allerdings den Jakob, wie ich noch nie Einen 2 doch aber, wein ic Glück da⸗ mein frü⸗ früher Petragen denn er das Geld dauert nicht wächt Ihr denn nachher?“ chher! Ah bah! — Nachher iſt im Mond! Morgen mein' ich immer, wär' in hundert Jahren. Wenn man ſich ſagen müßte, daß man eines Tages ſterben wird, wäre es nicht der Mühe werth, zu leben.“ Die Unterredung zwiſchen der Königin Baechanal und der Mayeux ward abermals unterbrochen durch ein gräuliches Ge⸗ töſe, welches von dem durchdringenden Schnarren der Raſſel Nini Myulin's übertönt ward. Auf dieſen Lärm folgte ein Chor von Menſchenſtimmen, welcher die Worte: „Die Köni⸗ gin Bacchanal! Die Königin Bacchanal!“ ſo kräftig heraus⸗ brüllte, daß die Fenſter erzitterten. Die Mayeux fuhr bei dieſem unvermutheten Geſchrei zuſammen. „Mein Hof ver⸗ liert die Geduld,“ bemerkte die Königin Bacchanal. „Um Gotteswillen! Wenn man Dich hier aufſuchte!“ rief angſtvoll die Mayeur. „Nein, nein, beruhige Dich.“ 3 „Allerdings! Höre nur die Tritte. Es kommen Leute über den Gang hieherzu. Ich bitte Dich, mache, daß ich fort⸗ kommen kann, ohne von all dieſen Leuten geſehen zu werden.“ Die Thür ging auf; aber ehe noch jemand hereinſehen konnte, war auch Cephiſe zur Stelle. Sie erblickte auf dem Gang eine Deputativn, an deren Spitze Nini Moulin mit ſeiner furchtbaren Raſſel, Roſe Pompon und Liegganznackt ein⸗ herſchritten. „Die Königin Bacchanal, oder ich vergifte mich mit einem Glas Waſſer!“ rief Dumoulin. „Die Königin Baechanal, oder ich hefte mein Aufgebot mit Nini Moulin auf der Bürgermeiſterei an!“ rief Roſe Pompon. „Die Königin Bacchanal, oder ihr Hof empört ſich und entführt ſie!“ rief eine andere Stimme. „Ja, ja! entführen!“ wiederholte ein furchtbarer Chor. Ungeachtet dieſer dringenden Aufforderungen, ſagte Cephiſe zu Liegganznackt: „Jakob, komm allein herein!“ — und zu ihrer Hofhaltung ſprach ſie; „In zehn Minuten bin ich bei Euch, und dann gibt's einen Höllenſturm.“ „Hoch lebe die Königin Baechanal!“ rief Dumvulin, drehte ſeine Raſſel und machte mit der Deputation linksum. Liegganznackt trat in das Zimmer. „Jakob, da iſt meine gute Schweſter,“ ſagte Eephiſe zu ihm. „Ich bin erfreut, Sie zu ſehen,“ ſagte Jakob mit Herzlich⸗ 2* — 20 — keit; „doppelt erfreut, denn Sie werden mir Nachricht vom Kameraden Agricvla geben. Seitdem ich den Millivnär ſpiele, ſehen wir uns nicht mehr; aber ich habe ihn immer noch gern, als einen guten, braven Kerl. Sie wohnen in ſeinem Haus? Wie gehts ihm?“ „Ach, lieber Herr,“ antwortete die Mayeur, „ihm und ſei⸗ ner Familie iſt viel Unglück begegnet Er ſitzt im Gefängniß.“ „Im Gefängniß?“ wiederholte Cephiſe. im Gefängniß? Und warum?“ fragte Liegganz⸗ nackt. „Wegen eines unbedeutenden politiſchen Vergehens,“ ant⸗ wortete die Mayeur. „Man hatte gehofft, ihn gegen Cau⸗ 3 tttion in Freiheit geſetzt zu ſehen — —“ 1 „Ja wohl! für 500 Franken; ich kenne das,“ unterbrach Liegganznackt. „ünglücklicher Weiſe,“ fuhr die Mayeur fort, „iſt es nicht möglich geweſen. Die Perſon, auf welche man rechnete — —“ „Jakob, Du hörſt es,“ unterbrach Cephiſe. „Agricvla iſt im Gefängniß für fünfhundert Franken.“ „Ich verſtehe Dich,“ erwiederte Jakob. „Du brauchſt mir keine Zeichen zu machen. Der arme Junge! Und er erhält ſeine Mutter.“ „Es iſt um ſo betrübender,“ fuhr die Mayeux fort, „als ſein Vater aus Rußland angekommen und ſeine Mutter —“ „Hier! nehmen Sie das,“ unterbrach Liegganznackt aber⸗ mals, ihr einen Beutel überreichend. „Hier iſt Alles bezahlt, und das iſt in meinem Sack noch übrig. Es ſind noch 25 bis 30 Napoleons d'rin. Ich kann nicht beſſer damit enden, als indem ich ſie verwende für einen Kameraden, der in Noth iſt. Geben Sie dieſelben dem Vater Agrievla's. Er wird die nöthigen Schritte thun, und morgen wird Agricvla an ſeiner Eſſe ſtehen, wo ich ihn lieber hinwünſche als mich.“ „Jakob, küſſe mich auf der Stelle!“ ſagte Cephiſe. „Auf der Stelle! — und noch einmal! — und immer fort!“ ſagte Jakob, die Königin Bacchanal freudig umarmend. Die Mayeur zögerte einen Augenblick. Aber ſie bedachte, dazu dienen könnte, der Familie Agricola's Leben und Hoff⸗ nung wiederzugeben, — und ferner, daß dieſe 500 Franken, daß dieſe Summe, welche ſonſt thöricht vergendet worden wäre, 4 wenn ſie ſpäter dem Geber zurückgeſtellt würden, ihm aus der Noth helfen könnten. Mit Thränen in den Augen ſagte ſie: „Lieber Herr, Sie ſind gut und edelmüthig. Ich nehme die Gabe an; der Vater Agricvla's ſoll heute wenigſtens die⸗ „ in ſeinem herben Kummer haben. Dank, herzlichen ank!“ „Sie brauchen mir nicht zu danken,“ erwiederte Liegganz⸗ nackt. „Wenn man Geld hat, ſo hat man's für Andere wie für ſich.“ Das Geſchrei erneuerte ſich wüthender als je, und Du⸗ moulin's Raſſel ſchnarrte ganz abſcheulich. „Cephiſe,“ ſagte Rennepont, „ſie ſchlagen da drinnen alles klein, wenn Du nicht kommſt, und jetzt hab' ich kein Geld mehr, um die Scher⸗ ben zu bezahlen. — Verzeihen Sie,“ ſagte er lachend zur Mayeur. „Aber Sie ſehen, das Königthum hat ſeine Pflichten.“ Cephiſe breitete gerührt die Arme gegen ihre Schweſter aus. Dieſe fiel ihr, Freudethränen vergießend, um den Hals und ſagte: „Nun, wann ſeh' ich Dich wieder?“ „Bald,“ antwortete Cephiſe, „obwohl mir nichts ſchmerz⸗ licher iſt, als Dich in einem Elend zu ſehen, das zu lindern Du mir nicht verſtatten willſt.“ „Du kommſt alſo? Du verſprichſt es?“ „Ich verſpreche es für ſie,“ ſagte Jakob. „Wir werden Sie und Ihren Nachbar Agricola beſuchen.“ „Nun, Cephiſe, kehre zu Deinem Feſt zurück,“ ſagte di Mayeux. „Sey ſeelenvergnügt, denn Du kannſt es, da Dein Freund eine Familie glücklich macht.“ Liegganznackt ſorgte, daß die Mayeur weggehen konnte, ohne von der lärmenden Geſellſchaft geſehen zu werden. Die Nätherin ſchlich ſich weg und eilte, dem alten Dagobert we⸗ nigſtens eine gute Nachricht zu bringen. Zuvyr aber wollte ſie in die Babylonſtraße in den früher von Adriana von Car⸗ doville bewohnten Pavillon gehen. Warum? werden wir ſpä⸗ ter erfahren. In dem Augenblick, wo die Mayeux aus dem Hauſe trat, ſprachen drei bürgerlich wohlhabend gekleidete Männer leiſe mit einander, und ſchienen, das Haus zum Säugenden Kalb betrachtend, mit einander zu berathſchlagen. Gleich darauf kam ein Vierter eilends die Treppe herunter. „Nun?“ fragten die Drei geſpannt. „Er iſt da,“ antwortete der Vierte. „Biſt Du deſſen gewiß?“ „Gibt es etwa zwei Liegganznackt auf der Welt?“ entgeg⸗ nete der Vierte. „Eben hab' ich ihn geſehen. Er iſt als Sackträger verkleidet. Sie gehen für wenigſtens drei Stun⸗ den zu Tiſch.“ „Nun,“ ſagte einer von den Dreien, „wartet hier. Macht Euch ſo wenig wie möglich bemerkbar. Ich hole die Haupt⸗ perſon, und wir haben die Geſchichte im Sack.“ Nach dieſen Worten eilte der Sprechende durch eine Seitenſtraße hinweg. In demſelben Augenblick trat die Königin Bacchanal, von Liegganznackt begleitet, in den Speiſeſaal und wurde mit ra⸗ ſendem Zuruf begrüßt. „Jetzt aber,“ rief ſie in fieberhafter Aufregung, als wollte ſie ſich betäuben, „jetzt, Freunde, Stürme, Orkane, drunter und drüber, je toller, je lieber!“ Und dem Nini Moulin ihr Glas reichend, ſagte ſie: „Ein⸗ geſchenkt!“ „Es lebe die Königin!“ rief Alles einſtimmig. Drittes Kapitel. Der Morgenſchmaus. Die Königin Bacchanal führte den Vorſitz bei dem Morgen⸗ ſchmaus, welchen Jakob der Geſellſchaft zum Beſten gab. Ihr gegenüber ſaß ihr Geliebter und Roſe Pompon, zu ihrer Rechten Nini Moulin. Die jungen Leute ſchienen die Anſtren⸗ gungen des Balles vergeſſen zu haben, welcher um elf Uhr Abends begonnen und um ſechs Uhr Morgens geendet hatte. Die luſtigen verliebten Paare lachten, aßen und tranken mit jugendlichem pantagruelsmäßigem Eifer. Geſchwatzt wurde während der erſten Hälfte der Mahlzeit wenig. Man hörte faſt nur das Klingen der Gläſer und der Teller. Das Geſicht der Königin Bacchanal war weniger heiter, verrieth aber viel größere Erregung als gewöhnlich. Ihre rothen Wangen, ihre blitzenden Augen verkündeten eine fieberhafte Gereiztheit. Sie wollte ſich um jeden Preis betäuben. Ihre Unterredung mit ihrer Schweſter fiel ihr zuweilen ein, und ſie bemühte ſich, von vieſen traurigen Erinnerungen loszukommen. Jakob betrachtete Cephiſen von Zeit zu Zeit mit leidenſchaft⸗ licher Zuneigung. Die Gleichförmigkeit ihrer Sinnesart hatte ihre Verbindung viel feſter wurzeln laſſen, als ſolche auf Sinnenluſt gegründete Liebſchaften gewöhnlich ſind⸗ Beide wußten nicht, wie ſtark ihre bis dahin nur von Luſt und Freuden umgebene, und noch durch keinen Unfall geſtörte Liebe war. Die kleine Roſe Pompon, ſeit einigen Tagen Wittwe eines Studenten, der zum Zweck der würdigen Beendigung ſeines Carnevals in ſeine Provinz zurückgereiſ't war, um, unter einem der bei den Zöglingen der Rechts⸗ und der Arzneiſchule wohlbekannten fabelhaften Vorwande, ſeiner Familie etwelches Geld abzulocken, — Roſe Pompon hatte, ein ſeltnes Muſter von Treue, um ſich keine Blöße zu geben, den unverdächtigen Nini Moulin zum Begleiter gewählt. Dieſer hatte ſeinen Helm abgelegt und ließ einen Kahlkopf ſehen, welcher mit einem Kranz ſchwarzer, krauſer, ziemlich lang über den Nacken hinabfallender Haare umgeben war. Er zeigte das merkwür⸗ dige bacchiſche Phänomen, daß mit zunehmender Trunkenheit eine Art Gürtel, von derſelben Purpurfarbe wie ſein aufge⸗ dunſenes Antlitz, ſich auf ſeiner Stirn bildete und, allmählig wachſend, das glänzende Weiß ſeines Schädels verdrängte. Roſe Pompon, welche die Bedeutung dieſes Symptoms kannte, machte die Geſellſchaft darauf aufmerkſam, indem ſie, laut auf⸗ lachend, rief: „Nini Moulin, nimm Dich in Acht! Die Wei⸗ nesfluth ſteigt teufelmäßig!“ 8 „Wenn ſie ihm über den Kopf geht, iſt er erſoffen,“ fügte Cephiſe hinzu. „O, Königin, ſtört mich nicht; ich denke nach,“ erwiederte Dumoulin. Er hielt ſtatt einer antiken Trinkſchale eine mit Wein gefüllte Punſchbowl in der Hand, denn er verſchmähte die gewöhnlichen Trinkgläſer, die er verachtungsvoll Schluk⸗ ker nannte. „Er denkt nach!“ rief Roſe Pompon. „Aufgeſchaut! Er denkt nach.“ „Er denkt nach, folglich iſt er krank,“ ſagte ein Anderer. „Ueber was denkt er nach?“ fragte ein Dritter. „Ueber einen Negertanz?“ „Ueber eine anaerevntiſche verbotene Stellung?“ „Ja, ich denke nach,“ erwiederte Dumvulin ernſthaft. „Ich denke nach über den Wein im Allgemeinen und im Beſondern, über den Wein, von welchem der göttliche Boſſuet,“ (Boſſuet pflegte er in der Trunkenheit zu citiren) „der Kenner Boſſuet ſagt: Im Wein iſt der Muth, die Kraft, die Freude, die geiſtige Trunkenheit *) — verſteht ſich wenn man Geiſt hat.“ „Wenn er ſo ſpricht, dann verehr' ich Deinen Boſſuet,“ bemerkte Roſe Pompon. „Was meine ſpecielle Meditation betrifft,“ fuhr Dumvulin fort, „ſo hat ſie zum Gegenſtand die Frage, ob der Wein auf der Hochzeit zu Cana weiß oder roth war. Ich prüfe bald den rothen, bald den weißen, bald alle beide.“ „Das heißt, der Frage auf den Grund gehn,“ bemerkte Liegganznackt. „Und beſonders auf den Grund der Flaſchen,“ fügte die Königin Baecchanal hinzu. „Wie Ihr ſagt, Majeſtät; und ſchon habe ich durch Ver⸗ ſuche und Forſchungen eine große Entdeckung gemacht, nämlich: daß, wenn der Wein auf der Hochzeit zu Cana roth war — —“ „Er nicht weiß war,“ ergänzte Roſe Pompon. „Wenn ich aber zur Ueberzeugung gelangte, daß er weder roth noch weiß war?“ fragte Bumoulin im Schulmeiſtertvn. „So wäre zu ſchließen, daß Du knüll biſt, Knöllchen,“ antwortete Liegganznackt. „Der Gemahl der Königin hat Recht. So gehrh wenn man allzugroßen Durſt nach Weisheit hat. Aber einerlei! Mit anhaltendem Studiren über dieſe Frage, der ich mein Leben geweiht habe, werde ich das Ende meiner ehrenvollen Lauf⸗ bahn erreichen, indem ich meinem Durſt eine genugſam hiſtr⸗ *) Boſſuet, Betrachtungen über das Evangelium. Sechſter Tag. Band 4. ſind, ſolten leben, als hätte* riſche Färbung gebe, und zugleich eine the⸗v⸗logiſche und ar⸗chä⸗o⸗lo⸗giſche.“ Der Leſer denke ſich die Fratze und den Ton, mit welchem Dumyulin die letzten Wörter ausſprach und ſeandirte. Anhal⸗ tendes Gelächter war die Folge. „Archäologiſche?“ fragte Roſe Pompon „Was iſt das für ein Ding? Hat es einen Schwanz? Schwimmt es auf dem Waſſer?“ „Laß es gut ſeyn,“ erwiederte die Königin Bacchanal. „Das ſind gelehrte und Taſchenſpieler⸗Redensarten. — Wind, weiter nichts. — Trinken iſt klüger. — Schenken Sie ein, Nini Moulin; Champagner! Roſe Pompon, auf die Geſundheit Deines Philemon, auf ſeine baldige Rückkehr!“ „Trinken wir lieber auf die gelbe Rübe, welche er ſeiner langweiligen filzigen Familie auszuziehen gedenkt,“ erwiderte Roſe Pompon. „Glücklicher Weiſe iſt ſein Rübenplan nicht übel.“ „Roſe Pompon!“ rief Dumoulin, „wenn Sie dieſen Witz mit oder ohne Lbſicht gemacht haben — ſo küſſen Sie mich, liebes Kind“ „Schönen Dank! Was würde mein Mann dazu ſagen?“ „Roſe Pompon, ich kann Sie beruhigen. Sanct Paulus — verſtehen Sie, der Apoſtel Sanct Paulus — —“ „Nun was denn? ſelbſt Apoſtel!“ „Sanct Paulus ſagt ausdrücklich erheirathet „Was geht das mich an? Das geht Philt e „Freilich,“ erwiederte Dumoulin. „Aber der göttliche Boſ⸗ ſuet, ſetzt gar fein zu dem Citat aus Sanct Paulo hinzu: Und folglich müſſen die verheiratheten Weiber leben, als hätten ſie keine Männer *) — Es bleibt mir demnach nichts übrig, als die Arme nach Ihnen auszu⸗ ſtrecken, o Roſe Pompon! um ſo mehr, da Philemon nicht einmal Ihr Mann iſt.“ „Streng genommen Freilich nicht; aber Sie ſind mir zu häßlich.“ „Das iſt ein Grund, der ſich hören läßt. So trink' ich Abhandlung über die Begehrlichkeit. Band 4. * wollen; ich aber hoffe, ſie zu divertiren, d. h. zu unterhalten, und das wird ihr beſſer gefallen. Drum müßt ihr mir helfen, — — denn auf den Plan Philemon's. Laßt uns wünſchen, daß er ihm eine Rieſenrübe verſchaffe.“ „Das laß ich mir gefallen,“ ſagte Roſe Pompon. „Auf das Gedeihen dieſes intereſſanten Gewächſes, welches ſo nothwen⸗ dig iſt für's Daſeyn der Studenten!“ „Und anderer Rübenfreſſer,“ fügte Dumvulin hinzu. Dieſer paſſende Trinkſpruch fand allgemeinen Anklang. „Mit Erlaubniß Ihrer Majeſtät und Ihres Hofes,“ fuhr Dumoulin fort, „ſchlage ich vor, auf das Gelingen einer Sache zu trinken, die mich angeht und die einige analogiſche Aehnlichkeit mit der Rübe Philemon's hat. Ich bilde mir ein, dieſer Tvaſt werde mir Glück bringen.“ „Heraus damit!“ „Alſo auf die Geſundheit meiner Heirath!“ rief Dumoulin aufſtehend. Dieſe Worte veranlaßten ein Geſchrei, ein Gelächter, ein Getrappel, welches fürchterlich war. Dumoulin ſchrie, trappelte und lachte ärger als alle Andern, indem er ſeinen großen Mund weit aufriß und den betäubenden Lärm mit dem Schnarren ſeiner Raſſel vermehrte, die er unter ſeinem Stuhl hervor⸗ geholt hatte. Nachdem dieſer Orkan ſich ein wenig gelegt, erhob ſich die Königin Bacchanal und rief: „Ich trinke auf die Geſundheit der zukünftigen Frau Nini Moulin!“ umoulin, „Euer Thun rührt mich der ſch im Grund meines Herzens den Na⸗ men meiner zukünftigen Gattin leſen laſſe. Sie heißt Frau Wittwe Hinvrata Modeſta Meſſalina Angela von Sainte Colombe.“ „Bravo! Bravo!“ „Sie hat ihre ſechzig Jahre und mehr tauſend Livres Ren⸗ ten, als Haare in ihrem grauen Schnurrbart und Runzeln in ihrem Geſicht. Ihre Beleibtheit iſt ſo impoſant, daß eins ihrer Kleider der ehrſamen Geſellſchaft als Zelt dienen könnte. Auch hoffe ich, euch auf Foaſtnacht meine zukünftige Gattin vorzuſtellen in der Tracht einer Schäferin, die ihre Heeirde aufgefreſſen hat. Man hat ſie convertiren, d. h. bekehren, ſie in das bacchus⸗ und cancanmäßigſte Durcheinander zu ſtürzen.“ „Wir ſtürzen ſie in Alles, was Ihr verlangt.“ „Der Cancan, fürwahr, im ſchneeweißen Haar,“ trällerte Roſe Pompon in einer bekannten Melodie. „Das wird den Stadtſergenten imponiren.“ „Man wird ihnen ſagen: Reſpectirt ſie; Eure Mutter wird vielleicht eines Tags ſo alt werden, wie ſie.“ Plötzlich erhob ſich die Königin Bacchanal. Ihr Geſicht hatte einen eigenthümlichen Ausdruck höhniſcher Freude. Sie ergriff ihr Glas und rief: „Man ſagt, die Cholera kommt mit ihren Siebenmeilenſtiefeln. Ich trinke auf die Cholera!“ Und ſie trank. Trotz der allgemeinen Heiterkeit machten dieſe Worte einen beklemmenden Eindruck. Eine Art eleetriſcher Schauer überlief die Geſellſchaft. Faſt alle Geſichter wurden ernſt. „Ah, Cephiſe!“ ſagte Jakob im Ton des Vorwurfs. „Auf die Cholera!“ wiederholte unerſchrocken die Königin Bacchanal: „Möge ſie die verſchonen, welche Luſt haben zu leben, — und möge ſie die ſterben laſſen, welche ſich nicht trennen wollen!“ Jakob und Cephiſe wechſelten einen Blick, welcher den Uebrigen entging. Die Königin Bacchanal blieb eine Zeitlang ſtumm und nachdenkend. „Ah, ſo! das iſt was anders“ begann Roſe Pompon. Auf die Cholera, damit es nur noch gute Geſellſchafter auf der Welt gebe!“ Trotz dieſer Variation blieb der Eindruck peinlich. Dumvu⸗ lin wollte dieſen traurigen Gegenſtand der Unterhaltung kurz abbrechen und rief: „Zum Teufel mit den Tovten! Es leben die Lebenden! Und da wir von Lebenden und Wohllebenden ſprechen, ſo begehre ich, eine Geſundheit auszubringen, welche unſerer luſtigen Königin gefallen wird, die Geſundheit unſeres Wir⸗ thes. Leider weiß ich ſeinen ehrenwerthen Namen nicht, denn ich habe bloß das Vergnügen, ihn erſt ſeit dieſer Nacht zu kennen. Er wird mich alſo entſchuldigen, wenn ich mich dar⸗ auf beſchränke, die Geſundheit von Liegganznackt auszubrin⸗ gen, welcher Name durchaus meine Schamhaftigkeit nicht be⸗ leivigt, ſintemal Adam nie anders lag. Alſo Legganznackt!“ WMman Mni. — ₰5 „Danke, lieber Knollen,“ erwiederte Jakob heiter. „Wenn ich Euren Namen vergäße, würd' ich Euch nennen Der⸗ trinkenwill, und ich bin überzeugt, Ihr würdet antworten: ier!“ „Hier! hier!“ rief Dumoulin mit der einen Hand militä⸗ riſch grüßend, mit der andern ſeine Bowl hinhaltend. „Uebrigens,“ fuhr Jakob freundſchaftlich fort, „wenn man zuſammen gezecht hat, muß man ſich gründlich kennen Ich heiße Jakob Rennepont.“ „Rennepont?“ wiederholte Dumoulin. Der Name ſchien ihm aufzufallen, obwohl er halb betrunken war. „Ihr heißt Rennepont?“ „Rennepont, ſo gut wie Einer. Wundert Euch das?“ „Es gibt eine alte Familie dieſes Namens, die Grafen von Rennepont.“ „Ei was?, ſagte Liegganznackt lachend. „Die Grafen von Rennepont, die auch Herzoge von Car⸗ doville ſind,“ ſetzte Dumoulin hinzu. „Ei, ei, lieber Knollen. Sehe ich denn darnach aus, als ob ich einer ſolchen Familie das Leben verdankte? Ich bin ein Arbeiter in Schwänken und Schmäuſen.“ „Ihr ſeyd ein Arbeiter?“ fragte Dumoulin mit ſteigender Verwunderung. „Da gerathen wir ja in die tauſend und eine Nacht. Ihr gebt uns ein Gaſtmahl à la Balthaſar benebſt Vierſpännern zum Beſten und Ihr ſeyd ein Arbeiter? Nennt mir geſchwind Euer Handwerk; ich will es treiben und den Weinberg des Herrn verlaſſen, in welchem ich ſo ſo arbeite.“ „Ihr meint am Ende, ich ſey Arbeiter in augentäuſchenden Bankzetteln und Münzen,“ erwiederte Jakob lachend. „O, Kamerad, eine ſolche Vorausſetzung — —.“ „Iſt verzeihlich, wenn man ſieht, wie ich hauſe. Aber ich will Euch beruhigen. Ich verzehre eine Erbſchaft.“ „Ihr verſpeiſ't und vertrinkt ohne Zweifel einen Oheim,“ äußerte mit freundlicher Miene Dumoulin.. „Ich weiß es wahrlich nicht.“ „Wie? Ihr wißt nicht, was Ihr verſpeiſ't?“ „Erſtlich müßt Ihr wiſſen, mein Vater war Lumpen⸗ ſammler.“ „Teufel!“ rief Dumoulin verlegen, obwohl er ſonſt nicht eben ekel in der Wahl ſeiner Trinkgenoſſen war. Schnell aber faßte er ſich wieder und ſagte mit freundlicher Miene: „Aber es gibt — ſehr achtbare Lumpenſammler.“ „Ihr ſpaßt,“ erwiederte Jakob, „und doch habt Ihr Recht. Mein Vater war ein ſehr achtbarer Mann. Er ſprach Grie⸗ chiſch und Lateiniſch wie ein wahrer Gelehrter, und oft hat er mir geſogt, in der Mathematik ſuche er ſeines Gleichen. Dabei war er viel gereiſt.“ 7— „Demnach könntet Ihr eben doch von der Familie der Grafen von Rennepont ſeyn,“ äußerte Dumoulin, den das Erſtaunen nüchtern machte. „In dieſem Fall“ bemerkte Roſe Pompon lachend, „betrieb Ihr Vater das Lumpenſammeln aus Liebhaberei und um der Ehre willen.“ „Lieber Himmel! nein; er trieb es, um zu leben,“ ant⸗ wortete Jakob. „Aber in ſeiner Jugend war er wohlhabend geweſen. Ich glaube, er hatte ſich an einen reichen Vetter gewandt, aber der reiche Vetter hatte ihm geſagt: Gehorſa⸗ mer Diener! Darauf hatte er verſucht, ſein Latein und Grie⸗ chiſch und ſeine Mathematik nutzbar zu machen; aber es ging nicht. Es ſcheint, damals wimmelte Paris von Gelehrten. Lieber als Hungers ſterben, ſuchte er ſein Brod mit dem Lumpenhaken, und wirklich hat er es damit gefunden. Ich weiß es, denn ich habe zwei Jahre davon gegeſſen, als ich nach dem Tod einer Tante, bei welcher ich auf dem Land wohnte, zu ihm kam.“ „Euer achtbarer Vater war demnach eine Art Philoſoph,“ ſagte Dumoulin. „Aber wofern er nicht eine Erbſchaft an einem Abweisſtein gefunden hat, wüßte ich nicht, woher die Erbſchaft kommen ſollte, von der Ihr ſprecht.“ „Wartet das Ende vom Lied ab. In meinem elften Jahr ttrat ich als Lehrling in die Fabrik des Herrn Tripeaud. Zwei Jahre ſpäter fand mein Vater durch einen unglücklichen Zu⸗ 1 fall ſeinen Tod, und hinterließ mir das Mobiliar unſerer Dachkammer: einen Strohſack, einen Stuhl und außerdem, in einem ſchlechten Käſichen für kölniſches Waſſer, Papiere, ie in engliſcher Sprache, glaub' ich, beſchrieben waren, nebſt der kupfernen Denkmünze, die ſammt ihrer Kette ihre zehn — Sous werth ſeyn konnte. Er hatte mir nie etwas von die⸗ ten Papieren geſagt. Ich wußte nicht, wozu ſie dienen ſoll⸗ ſen, und warf ſie in einen alten Koffer, anſtatt ſie zu ver⸗ brennen. Das war mir gerathen; denn auf dieſe Papiere hab' ich Geld geliehen bekommen.“ „Das nenn' ich einen Treffer!“ ſprach Dumoulin. „Aber demnach wußte Jemand, daß Ihr die Papiere hattet?“ „Freilich. Einer der Menſchen, die alten Schuldbriefen nachſpüren, kam zu Cephiſe, und dieſe ſagte mir davon. Der Menſch las die Papiere und ſagte: die Sache ſey zweifelhaft; 3 doch wolle er mir auf die Papiere zehntauſend Franken lei⸗ hen. — Zehntauſend Franken! Das war ein Schatz. Ich ließ mich nicht lange bitten.“ „Aber Ihr hättet bevenken ſollen, daß dieſe Schuldbriefe einen bedeutenden Werth haben müßten .. „Nein. Denn mein Vater, der den Werth derſelben hätte kennen müſſen, hatte keinen Nutzen daraus gezogen; und zehntauſend Franken in blanken Tholern, die einem, man weiß nicht wie, in die Hände fallen, die wirft man nicht weg, ſondern nimmt ſie unbedenklich. Demnach hab' ich ſie ge⸗ nommen. Der Mäkler hat mich bloß einen Wechſel unter⸗ ſchreiben laſſen, zu ſeiner Sicherſtellung — — ja zu ſeiner Sicherſtellung.“ „Ihr habt ihn unterſchrieben?“ fragte Dumoulin geſpannt. „Was lag mir daran? Der Mäkler ſagte mir, es ſey eine bloße Förmlichk it. Und das iſt wahr, denn der Wechſel iſt ſchon ſeit vierzehn Tagen fällig und es iſt mir kein Wort darüber geſagt worden. Ich hebe noch tauſend Franken bei dem Mäkler ſtehen, den ich zu meinem Kaſſier gemacht habe, weil er die Kaſſe hatte. Sehen Sie alſo, Dicker, wie ich dazu komme, von Morgen bis Abend zu praſſen, was das Zeug hält. Seitdem ich meine zehntauſend Franken habe, bin ich wie der Vogel im Hanfſamen, zumal da ich von mei⸗ nem lumpigen Alten, dem Baron Tripeaud, weg bin.“ Beim Ausſprechen dieſes Namens verdüſterte ſich die bis⸗ her heitere Miene Jakob's. Cephiſe, welche ſich ihrer finſteren Stimmung entſchlagen hatte, betrachtete ihren Geliebten voll Beſorgniß, denn ſie wußte, wie unmuthig der Name Tripeaud ihn machte. Liegganznackt fuhr fort: „Tripeaud, das iſt ein Menſch, der gute Menſchen ſchlecht, und ſchlechte noch ſchlim⸗ mer zu machen verſteht. Man ſagt: Guter Reiter, gutes Roß; — man ſollte ſagen: Guter Meiſter, guter Geſell Ei du mein Gott! wenn ich an dieſen Menſchen denke — —“ Jakob hielt inne und ſchlug mit der Fanſt auf den Tiſch. „Geh, Jakob!“ ſagte die Königin Bacchanal, „laß uns an etwas anders denken. Roſe Pompon, bring' ihn zum Lachen. „Ich habe keine Luſt mehr zu lachen,“ verſetzte Jakob un⸗ muthig. „Es übernimmt mich, wenn ich an den Menſchen * denke, und ich werde wild. Man mußte den Kerl reden hören: Schufte von Arbeitern, Hundepack von Arbeitern! — Sie rufen, ſie hätten kein Brod im Leib; man wird ihnen Bayonnette hineinbringen *); das wird ſie beruhigen. — Und die Kinder in ſeiner Fabrik mußte man ſehen! Sie mergelten ſich ab und erepirten zu Dutzenden. Was lag ihm daran? An ihre Stelle traten friſche, und ſie brauchten nicht gekauft zu werden, wie Pferde, die den Ab⸗ gang erſetzen.“ „Kurzum, Ihr könnt Euren ehemaligen Meiſter nicht lei⸗ den,“ ſagte Dumoulin, verwundert über das grämliche Aus⸗ ſehen des gaſtfreien Wirthes. Es gefiel ihm nicht, daß die Unterhaltung dieſe ernſte Wendung nahm, und er ſagte der Königin Bacchanal einige Worte ins Ohr, welche dieſe mit einem Wink des Einverſtändniſſes erwiederte. Unterdeſſen fuhr Jakob Rennepont fort: „Nein, ich kann ihn nicht leiden. Ich haſſe ihn. Wißt ihr auch warum? Es iſt ſeine Schuld ſowohl wie die meinige, daß ich ein lüderli⸗ cher Strick geworden bin. Ich ſage es nicht, um zu prahlen, ſondern weil es die Wahrheit iſt. Als Lehrjunge bei ihm war ich ſo eifrig zur Arbeit, daß ich, um bei derſelben recht unge⸗ hemmt zu ſeyn, mein Hemd auszog. Deshalb bin ich Lieg⸗ ganznackt getauft worden. Allein ich mochte mich halb todt arbeiten, nie hörte ich ein Wort der Aufmunterung. Ich war der erſte, der in die Werkſtätte kam, und der Letzte, der weg⸗ ging. Darauf ward nicht geachtet. Eines Tags verletzte ich mich an der Maſchine. Ich ward ins Spital gebracht und kam wieder heraus. Ich war noch ſchwach; nichtsdeſtoweniger 8) Dies iſt bei den unglücklichen Auftritten in Lyon geſagt worden⸗ ———————————— — ging ich wieder an meine Arbeit. Die Andern, welche den Meiſter kaunten⸗ ſagten: „Wie ſich ver kleine Gimpel ſchindet! Was hat er davon? Dummer Teufel! thue doch deine Arbeit ſchlecht und recht; du vekommſt nicht mehr und nicht weniger dafüt“ Ich ging meinen Trab fort. Ein braver alter Kerl, den man den Vetter Arſenius nannte, arbeitete ſchon lange in dem Haus. Er war ein Muſter guter Aufführung⸗ Eines Tags ward der Alte fortgeſchickt, weil er zu ſchwach wurde. Er hatte eine krauke Frau, und bei ſeinem Alter und ſeiner Schwäche konnte er anderwärts kein Unterkommen finden. Als ihm der Werkführer ſagte, daß er abgedankt ſeg⸗ wollte der arme Mann es nicht glauben. Er weinte vor Verzweif⸗ lung. Herr Tripeand ging eben durch die Werkſtätte. Der Alte rang die Hände und flehte ihn an⸗ ihn auf halben Lohn zu behalten. Tripeand zuckte die Achſeln und erwiederte: Hm! Meinſt du, ich wollte aus meiner Fabrik ein Invalidenhaus machen? Du kannſt nicht mehr arbeiten, alſo fort mit dir! — Aber, ſagte der alte Arſenius, ich arbeite ſeit vierzig Jahren. Was ſoll nun aus mir werden? — Was geht das mich an, verſetzte Tripeaud, und zu ſeinem Commis ſagte er: Machen Sie ſeine Wochenrechnung⸗ und dann trollt er ſich. — Der alte Arſenius hat ſich getrollt, und an demſelben Abend hat er ſich mit ſeiner Fran durch Kohlendampf erſtickt. Ich war vamals noch ein dummer Junge; aber ich habe etwas dei der Geſchichte gelernt, nämlich: wenn man ſich auch zu — 1 Tod arbeitete, ſo war das bloß zum Vortheil des Meiſters, der es einem nicht einmal dankte, und man hatte für ſeine alten Tage die Ausſicht, auf einen Abweisſtein, neben wel⸗ chem man erepiren konntè. Da hat mein Feuereifer ſich abge⸗ kühlt. Was hab' ich davon, dachte ich, wenn ich mehr arbeite, als ich muß? Geſetzt, meine Arbeit trüge dem Herrn Tri⸗ peaud Tonnen Goldes ein, bekäme ich deswegen ein Stäubchen davon? — Da ich weder Ehre noch Vortheil bei der Arbeit fand, ſo ward ſie mir zum Ekel. Ich that gerade ſo viel, als ich mußte, um meinen Lohn zu verdienen. Ich ward träg und lüderlich und ſagte: Wenn mir die Arbeit zu langweilig wird, ſo mach' ich's wie der alte Arſenius.“ Während Jakob unwillkürlich dem Zug ſeiner trüben Ge⸗ danken folgte, hatten ſich die andern Gäſte durch das Mie⸗ — — nenſpiel Dumoulin's und der Königin Bacchanal dazu auf⸗ gefordert, im Stillen mit einander verſtändigt. Plötzlich ſprang Cephiſe auf den Tiſch und ſtieß mit dem Fuß Flaſchen und Gläſer um. Nini Moulin ſchwang ſeine Raſſel, alle Uebrigen ſprangen auf und riefen: „Die Stürmiſche Tulpe! Die Qua⸗ drille der Stürmiſchen Tulpe wird verlangt!“ Bei dieſem Freudengeſchrei, welches wie eine Bombe los⸗ platzte, fuhr Jakob zuſammen und betrachtete die Gäſte mit Verwunderung. Dann fuhr er mit der Hand über die Stirn, wie um die peinlichen Gedanken zu verſcheuchen, und rief: „Ihr habt Recht. En avant deux! Es lebe die Freude!“ In einem Augenblick war die große Tafel von kräftigen Händen an das Ende des Speiſeſaals getragen. Die Zuſchauer ſtiegen längs den Wänden auf Stühle, Bänke und Fenſter⸗ bretter, ſtimmten das bekannte Studentenlied an und erſetzten damit die Muſik zu dem von Liegganznackt, von der Königin Bacchanal, von Nini Moulin und von Roſe Pompon aufzu⸗ führenden Contretanz. Dumoulin gab ſeine Raſſel einem der Gäſte und ſetzte ſeinen römiſchen Helm mit dem Federbeſen wieder auf. Sei⸗ nen Carrick hatte er ſchon beim Beginn des Schmauſes ab⸗ gelegt, ſo daß er im vollen Glanz ſeiner Verkleidung ſtrahlte. An ſeinen Schuppenpanzer ſchloß ſich paſſend eine Federſchürze, wie ſie die Wilden im Gefolge des Faſtnachtsochſen tragen. Sein Bauch war dick und ſeine Beine dünn, ſo daß um dieſe ſeine weiten Umſchlagſtiefel herumſchlotterten. Die kleine Roſe Pompon, ihre Policemütze quer auf dem Kopf, die beiden Hände in den Hoſentaſchen, den Oberleib ein wenig vorgebeugt und links und rechts auf den Hüften wiegend, machte mit Nini Moulin en avant deux. Dumoulin, ein wenig zuſammengekrümmt, ging ſprungweiſe vorwärts, das linke Bein zurück, das rechte vor, mit den Fußſpitzen in der Höhe, mit den Abſätzen über den Fußboden hinſchleifend. Mit der linken Hand klopfte er ſich auf den Nacken und die rechte ſtieß er vor, als wollte er den Gegenüberſtehenden Staub in die Augen ſtreuen. Dieſer Anfang gefiel allgemein und ward ſtürmiſch beklatſcht, obwohl er nur das unſchuldige Vorſpiel zur Stürmiſchen Tulpe war. Plötzlich ging die Thür auf. S trat 1. —— — — berein, ſah ſich um, eilte auf Jakob zu und ſagte ihm einige Worte ins Ohr. Jakob lachte laut auf und rief: „Mich? Welcher Narrenſtreich!“ Der Kellner ſagte ihm einige weitere Worte ins Ohr. Lieg⸗ ganznackt nahm eine beſorgliche Miene an und erwiederte: „Gutz ich komme.“ Er ging nach der Thür. „Was gibt's denn, Jakob?“ fragte die Königin Bacchanal verwundert. „Ich komme gleich wieder. Laßt jemand an meine Stelle treten und tanzt fort.“ Mit dieſen Worten eilte er hinaus. „Das iſt etwas, was nicht auf dem Zettel ſteht,“ bemerkte Dumvulin. „Aber, er kommt wieder.“ „So iſt's,“ erwiederte Cephiſe. Und dem Erſatzmann Ja⸗ kob's rief ſie zu: „Jetzt der Cavalier allein!“ Der Tanz ging fort. Nach einigen Augenblicken faßte Nini Moulin mit der rechten Hand Roſe Pompon und mit der linken die Königin Bacchanal, um ſich zwiſchen beiden zu ſchaukeln. In dieſer Figur war er zum Todtlachen. Aber⸗ mals ging die Thür auf, und der Kellner eilte mit beſtürzter Miene auf Cephiſe zu und ſagte ihr etwas ins Ohr, wie vorher ihrem Liebhaber. Die Königin Bacchanal ward bleich, ſtieß einen durchdringenden Schrei aus und eilte aus der Mitte der erſtaunten Gäſte zur Thür hinaus. Viertes Kapitel. Als die Königin Bacchanal hinter dem Kellner her unten an die Treppe gekommen war, ſah ſie vor der Thür einen Miethwagen halten und in demſelben ihren Liebhaber mit einem unbekannten Mann ſitzen. Dieſer Unbekannte war ener von den Vieren, welche zwei Stunden vorher vor dem Haus beiſammen eſtanden hatten. Bei Pävchens ſuen geſt hatten ei der Ankunft des „Ich gebe Ihnen eine Viertelſtunde Zeit; das iſt Alles, was — aus, zog ſeine Uhr und fägte zu Jakob: — 4 — ich für Sie thun kann, lieber Freund. Nachher heißt's: Marſch! — Machen Sie keinen Verſuch zu entſpringen. Wir ſtehen Wache am Schlag, ſo lange der Wagen hier hält.“ Cephiſe war mit einem Sprung im Wagen und ſetzte ſich neben Jakob. Bisher war ſie zu ſehr erregt geweſen, als daß ſie ein Wort hätte hervorbringen können. Als ſie ſeine Bläſſe bemerkte, rief ſie: „Was gibt's? Was will man von Dir?“ „Ich werde wegen Schulden verhaftet,“ erwiederte Jakob mit hohler Stimme. „Duk“ ſchrie Cephiſe auf. „Ja, wegen des Sicherheitswechſels, den der Mäkler mihh hat unterſchreiben laſſen. Er ſagte, es wäre bloß der Form wegen, der Bandit!“ „Aber, um Gotteswillen, Du haſt ja Geld bei ihm ſtehen. Er ſoll das einſtweilen auſ Abſchlag nehmen.“ „Ich habe über keinen Sou mehr zu verfügen. Er hat mir durch die Zeugen des Gerichtsboten ſagen laſſen, er würde mir die letzten tauſend Franken nicht geben, da ich den Wechſel nicht bezahlt hätte.“ „Komm, wir wollen zu ihm fahren und ihn bitten, Dich frei zu laſſen. Er hat Dir ja das Geld angeboten. Ich weiß es genau, denn an mich hat er ſich zuerſt gewandt. Er wird Erbarmen haben.“ „Ein Mäkler und Erbarmen! — Geh!“ „Alſo nichts — nichts mehr!“ rief Cephiſe händeringend. — — Aber hier muß ſich doch helfen laſſen. Er hatte Dir doch verſprochen — —“ „Du ſiehſt ja, wie er ſeine Verſprechungen hält,“ entgeg⸗ nete Jakob bitter. „Ich habe unterſchrieben, ohne zu wiſſen was. Die Verfallzeit iſt abgelaufen, und das Recht iſt auf ſeiner Seite. Widerſtand würde mir nichts nützen. Alles das iſt mir eben erklärt worden.“ „Aber man kann Dich doch nicht lange gefangen halten Deißt unmöglich.“ „Fünf Jahre, wenn ich nicht bezahle. Und da ich nicht bezahlen kann, ſo iſt meine Sache fertig.“ „Ach Gott! ach Gott! Und nichts zu machen!“ jammerte Cephiſe, ihr Geſicht in den Händen brr — — 36 — „Höre Cephiſe,“ fuhr Jakob mit ſchmerzlich bewegter Stimme fort, „ſeitdem ich hier bin, denke ich nur an Eins: was aus Dir werden ſoll.“ „Sey außer Sorgen meinetwegen,“ ſchluchzte das Mädchen. „Du biſt verrückt, wenn Du ſagſt, ich ſolle Deinttwegen außer Sorgen ſeyn. Was willſt Du anfangen? Die Möbel unſerer zwei Zimmer ſind keine zweihundert Franken werth. Wir haben ſo toll gehauſ't, daß wir nicht einmal unſere Miethe bezahlt haben. Wir ſind drei Termine ſchuldig, alſo darfſt Du auf den Verkauf unſerer Möbel nicht rechnen. Du haſt keinen Sou mehr, wenn ich von Dir getrennt bin. Ich werde im Gefängniß wenigſtens ernährt. Aber wie willſt Du leben?“ „Warum ſoll man ſich zum Voraus das Leben verbittern?“ fragte Cephiſe. „Ich frage Dich, wie Du morgen leben willſt?“ rief Jakob. „Ich verkaufe mein Koſtüm und einige Sachen, und von dem Erlös ſchicke ich die Hälfte Dir, und die andere Hälfte erhält mich einige Tage.“ „Und dann? Und dann?“ „Dann? Wahrhaftig, das weiß ich nicht. Lieber Gott, was ſoll ich Dir fagen? Dann werd' ich ſehen.“ „Höre, Cephiſe,“ ſagte Jakob in einem Ton tiefen Schmer⸗ zes, „Jjetzt erſt ſehe ich, wie ſehr ich Dich liebe. Mein Herz iſt gepreßt wie in einem Schraubſtock, wenn ich daran denke, daß ich Dich verlaſſen ſoll. Ich ſchaudere, daß ich nicht weiß, was aus Dir wird.“ Der junge Menſch fuhr mit der Hand über die Stirn und ſprach dann weiter: „Was hat uns zu Grund gerichtet? Daß wir uns immer ſagten: Morgen kommt nicht. Und Du ſiehſt, morgen kommt. Wenn ich ein⸗ mal nicht mehr bei Dir bin, wenn Du einmal den letzten Sou von den verkauften Kleidungsſtücken ausgegeben haſt — was willſt Du da machen, unfähig zu arbeiten, wie Du jetzt biſt? Soll ich Dir's ſagen? Du wirſt mich vergeſſen und — — Teufel, wenn das geſchieht, zerſchmettre ich mir den Kopf auf einem Pflaſterſtein!“ Cephiſe errieth, was Jakob verſchwiegen hatte. Sie fiel ihm um den Hals und rief: „Einen andern Liebhaber? — Niemals ! Ic bin wie Du. Zehi ſeß ich, wie ſehr ic Dich liebe!“ fe — — 37 — 1 „Aber, um zu leben? arme Cephiſe! Um zu leben?“ „Ich will Muth faſſen. Ich will bei meiner Schweſter wohnen, wie ehedem. Ich will mit ihr arbeiten; das wird mir immer Brod geben. Ich will nicht anders ausgehen, als um Dich zu beſuchen. In einigen Tagen wird der Mäk⸗ ler überlegen, daß Du ihm die zehntauſend Franken nicht bezahlen kannſt, und Dich in Freiheit ſetzen. Ich werde mich dann wieder an die Arbeit gewöhnt haben. Du ſollſt ſehen, Du ſollſt ſehen! Du wirſt Dich ebenfalls wieder daran ge⸗ wöhnen. Dann werden wir arm, aber zufrieden leben, und denken: Ein halbes Jahr lang haben wir es uns recht wohl ſeyn laſſen, während ſo viele Andere ihr Lebenlang nicht erfahren, wie das Verßnügen ſchmeckt. Glaube mir, lieber Jakob, was ich Dir ſage, iſt wahr. Ich bin jetzt ge⸗ witzigt. Wenn Du mich lieb haſt, ſo ſey außer Sorgen. Ich ſage Dir, lieber will ich hundert Mal ſterben, als einen an⸗ dern Liebhaber nehmen.“ „Küſſe mich!“ ſagte Jakob mit Thränen in den Augen. „Ich glaube Dir. Du gibſt mir neuen Muth — für jetzt und für die Zukunft. Du haſt Recht. Wir müſſen ſuchen, uns wieder an die Arbeit zu gewöhnen. Wo nicht — — muß der Scheffel Kohlen des Vetters Arſentus — — Denn ſieh',“ fuhr er mit leiſer, zitternder Stimme fort, „ſeit ſechs Monaten war ich wie betrunken. Jetzt werde ich nüchtern, und ſehe, auf welchem Weg wir waren. Wenn unſer Geld zu Ende geweſen wäre, ſo würde ich vielleicht ein Dieb ge⸗ worden ſeyn, und Du eine — — —“ „O, Jakob, Du machſt mir Angſt.“ unterbrach Cephiſe. „Sage das nicht. Ich ſchwöre Dir, ich will zu meiner Schwe⸗ ſter zurückkehren und arbeiten. Ich werde Muth haben.“ Die Königin Bacchanal war in dieſem Augenblick aufrich⸗ tig. Sie wollte ihr Wort halten. Ihr Herz war noch nicht ganz verdorben. Notb und Elend waren für ſie, wie für ſo viele Andere die Urſache und ſelbſt die Entſchuldigung ihrer Verirrung geweſen. Bis dahin war ſie wenigſtens immer dem Zug ihres Herzens gefolgt, ohne gemeine Nebenabſichten käuflicher Seelen. Die ſchreckliche Lage, in welcher ſie ihren Geliebten ſah, ſteigerte noch ihre Liebe. Sie glaubte ihrer ſelbſt hinlänglich ſicher zu feyn, um ihm verſprechen zu kön⸗ nen, daß ſie bei der Mayeux wieder das Leben unaufhör li⸗ cher, trockner Arbeit und harter Entbehrungen anfangen werde, welches ihr ſchon einmal unerträglich geworden war, und welches ihr noch weit bitterer werden mußte, ſeitdem ſie ſich an ein müſſiges, verſchwenderiſches Leben gewöhnt hatte. Die welche Cephiſe ihrem Geliebten gege⸗ ben, befänftigten einigermaßen den Schmerz und die Unruhe Jakob's. Er hatte ſo viel geſunden Sinn, um zu ſehen, daß der Abhang, auf welchem er bisher mit Cephiſe getaumelt war, geradeswegs zur Ehrloſigkeit führte. — Einer der Zeugen des Gerichtsboten klopfte an den Schlag und ſagte: „Lieber Freund, Sie haben nur noch fünf Minu⸗ ten, machen Sie's kurz.“ „Muth, liebes Kind,“ ſogte Jakob. „Sey ruhig. Verlaſſe Dich darauf, ich werde nicht ver⸗ zagen.“ „Du gehſt doch nicht wieder hinauf?“ „O nein! Dieſe Luſtbarkeit iſt mir jetzt ein Gräuel.“ „Alles iſt vorausbezahlt,“ ſagte Jakob. „Ich will durch einen Kellner hinauf ſagen laſſen, daß ſie nicht auf uns war⸗ ten ſollen. Sie werden ſich wundern; aber das iſt einerlei.“ „Wenn Du nur mit mir nach Hauſe fahren könnteſt,“ ſagte Cephiſe. „Der Mann würde es vielleicht erlauben, * denn in dieſem Aufzug kannſt Du doch nicht nach Sainte Pélagie gehen.“ „Das iſt wahr. Er wird Dir nicht wehren, mich zu be⸗ gleiten. Aber er wird bei uns im Wagen ſitzen, und es wird uns nicht möglich ſeyn, vor ihm etwas zu ſprechen. Alſo laſſe mich zum erſten Mal in meinem Leben vernünftig mit Dir reden. Vergiß nicht, was ich Dir ſage, liebe Ce⸗ phiſe. Es gilt übrigens für mich ſo gut, wie für Dich. Ge⸗ wöhne Dich von heute an wieder an die Arbeit. Mag ſie immerhin mühſam und undankbar ſeyn, das darf Dich nicht irren. Zögere nicht, ſonſt würdeſt Du bald dieſe Lehre ver⸗ 4₰ geſſen. Wie Du ſelber ſogſt, ſpäter würde es nicht mehr Zeit ſeyn, und dann würdeſt Du enden, wie ſo viele andere Unglückliche. Du verſtehſt mich.“ „Ich verſtehe Dich,“ erwiederte Cephiſe erröthend. „Lieber hundertmal den Tod, als ein ſolches Leben.“ —— — 2 —— — „Du haſt Recht. In dieſem Fall — — würde ich Dir helfen — — zu ſterben.“ „Ich zähle darauf, Jakob,“ erwiederte Cephiſe, ihren Ge⸗ liebten freudig umarmend. Traurig fügte ſie dann hinzu: „Siehſt Du, das war gleichſam eine Ahnung, als ich mich vorhin, ohne zu wiſſen, warum, verſtimmt fühlte mitten in unſerer Luſt und auf die Cholera trank — — daß ſie uns zuſammen ſterben laſſen möchte.“ „Wer weiß,“ erwiederte Jakob mit düſterer Miene, „ob die Cholera nicht kommt? Sie kann uns die Kohlen erſpa⸗ ren, wenn wir vielleicht nicht einmal ſo viel haben, um welche zu kaufen.“ „Ich kann Dir nur Eins ſagen,“ fuhr Cephiſe fort: „Du wirſt mich ſtets bereit finden, mit Dir zu leben und zu ſterben.“ „Komm, trockne Deine Thränen,“ ſagte Jakob gerührt. „Laß uns nicht wie die Kinder ſeyn vor dieſen Leuten.“ Bald darauf fuhr der Wagen nach der Wohnung Jakob's zu, wo dieſer die Kleider wechſeln ſollte, ehe er ſich in das Schuldgefängniß begab. Es gibt Dinge, die man nicht oft genug wiederholen kann. Indem wir von der Schweſter der Mayeux ſprechen, müſſen wir wiederholen: Eine der verderblichſten Folgen der Nicht⸗ organiſativn der Arbeit iſt das Unzureichende des Lohns. Das Mißverhältniß zwiſchen Erwerb und dringendem Bedürfniß nöthigt die Mehrheit der ſo ſchlecht bezahlten Mädchen, die Mittel zum Leben in Verhältniſſen zu ſuchen, durch welche ſie entſittlicht werden. Bald empfangen ſie von ihren Liebha⸗ bern ein Geringes, das mit dem Ertrag ihrer Arbeit zuſam⸗ men zu ihrem Unterhalt dient; bald geben ſie, wie die Schwe⸗ ſter der Mayeux, völlig die Arbeit auf und leben mit ihren Erwählten zuſammen, wenn dieſe es beſtreiten können. Im letzteren Fall kommt während der Zeit des Vergnügens und der Faullenzerei die unheilbare Krankheit der Trägheit über die Unglücklichen. Das iſt die erſte Stufe der Herabwürdigung, zu welcher die unverantwortliche Sorgloſigkeit der Geſellſchaft eine unendliche Zahl von Arbeiterinnen bringt, die mit Ge⸗ fühlen der Schamhaftigkeit und Ehrlichkeit geboren waren. — Nach einiger Zeit läßt der Liebhaber die Geliebte ſitzen, zu⸗ ——— — — weilen in dem Augenblick, wo dieſe Mutter iſt. Zuweilen führt auch tolle Verſchwendung den Unvorſichtigen ins Gefäng⸗ niß, und die Geliebte iſt ſich ſelbſt überlaſſen und mittellos. Diejenigen unter den Verlaſſenen, welchen noch Muth und Kraft geblieben iſt, ſchicken ſich wieder zur Arbeit. Ihre Zahl iſt ſehr gering. Die übrigen, von Noth und von der Ge⸗ wohnheit eines leichten, unthätigen Lebens getrieben, ſinken auf die tiefſte Stufe der Erniedrigung herab. Wegen dieſer Erniedrigung ſind ſie mehr zu beklagen, als zu tadeln, denn die wahre Urſache ihres Falles war die unzureichende Belohnung ihrer Arbeit, oder der Mangel an Be⸗ ſchäftigung 2). Eine andere klägliche Folge der Nichtorganiſativn der Ar⸗ beit iſt auf der andern Seite bei den Männern, außer dem zu geringen Lohn der Widerwillen, mit dem ſie faſt immer an ihr Geſchäft gehen. Macht man ihnen etwa die Arbeit anzie⸗ hend durch Mannigfaltigkeit der Beſchäftigung, oder durch ehrenvolle Belohnung, oder durch Sorge für ſie, oder durch Betheiligung bei dem Gewinn, den ihre Arbeit abwirft, oder durch die Ausſicht auf ein ruhiges Alter nach langen Jahren der Thätigkeit? Nein. Das Land bekümmert ſich nicht um ihre Bedürfniſſe, noch um ihre Rechte. Und doch gibt es, um einen Geſchäftszweig anzuführen, Maſchiniſten und Arbeiter, die dem Platzen von Dampfkeſſeln oder dem Gerathen in furchtbare Räderwerke ausgeſetzt, jeden Tag größeren Gefahren trotzen, als die Soldaten im Krieg, und die, indem ſie eine ſeltene Geſchicklichkeit entwickeln, der Gewerbſamkeit und ſomit dem Land auf einer langen ehrenvollen Laufbahn unbeſtreitbare Dienſte leiſten, wofern ſie nicht durch das Springen eines Keſſels um⸗ kommen oder ihre Glieder zwiſchen den eiſernen Zähnen ei⸗ ner Maſchine zermalmt ſehen. Empfängt in dieſem letzteren Fall der Arbeiter wenigſtens einen Lohn, gleich dem, welchen der Soldat für ſeinen, zwar löblichen, aber unfruchtbaren Muth erhält: einen Platz im Invalidenhaus? Nein. Was liegt dem Land daran? Wenn der Arbeitsmeiſter undankbar iſt, ſtirbt der arbeitsunfähige Verſtümmelte in einem Winkel Hungers. — Werden bei den prachtvollen Induſtriefeſten je welche von den *) Siehe die Anmerkungen am Schluß des Bandes. 6 — — — geſchickten Arbeitern zugezogen, welche allein die bewunderungs⸗ würdigen Stoffe gewebt, die blitzenden Waffen geſchmiedet, die goldnen und ſilbernen Becher eiſelirt, die Geräthe von Eben⸗ holz und Elfenbein geſchnitzt,die funkelnden Edelſteine kunſtreich ge⸗ faßt haben? Nein. In einer Dachkammer, umgeben von einer er⸗ barmenswerthen, hungernden Familie, haben ſie kaum zu leben von ihrem kärglichen Lohn, ſie, die doch wenigſtens zur Hälfte beigetragen haben, das Land mit den Wunderwerken auszu⸗ ſtatten, die ſeinen Reichthum, ſeinen Ruhm und ſeinen Stolz ausmachen. Ein Handelsminiſter, der einigermaßen ſein wichtiges Amt und ſeine Pflichten begriffe, würde verlangen, daß jede Fa⸗ brik, die etwas zur Ausſtellung liefert, durch eine Wahl von mehren Stufen eine Anzahl der Verdienteſten ausmitteln ließe, aus welcher der Fabrikant den nach ſeiner Anſicht würdigſten Vertreter der arbeitenden Klaſſe bei den großen Indu⸗ ſtriefeſten bezeichnete. Wie ermuthigend würde es ſeyn, den Meiſter zu öffentlicher Belohnung und Auszeichnung den von Seinesgleichen als den Ordentlichſten, Fleißigſten, Geſchickteſten in ſeinem Geſchäft abgeſandten Arbeiter empfohlen zu ſehen! Dann würde eine zur Verzweiflung treibende Ungerechtigkeit verſchwinden. Dann würde die Tugend des Arbeiters durch den Hinblick auf ein ſchönes Ziel angefeuert werden, dann hätte er einen Antrieb, ſeine Sachen gut zu machen. Ohne Zweifel hat der Fabrikant, vermöge der von ihm be⸗ wieſenen Einſicht, vermöge des Muthes, mit welchem er Ka⸗ pitalien auf's Spiel ſetzt und Anſtalten gründet, und vermöge des Guten, welches er zuweilen ſchafft, ein Recht auf die Auszeichnungen, die ihm zu Theil werden. Aber warum bleibt der Arbeiter von dieſen Belohnungen ausgeſchloſſen, die ſo mächtig auf die Maſſen wirken? Werden etwa bei einem Heer bloß die Offiziere und Generale belohnt? Wenn man die An⸗ führer des gewaltigen und fruchtbringenden Induſtrieheeres belohnt hat, ſollte man doch wohl auch an die Gemeinen in demſelben denken. Warum gibt es für ſie nie eine Auszeich⸗ nung, ein wohlwollendes, tröſtliches Wort aus erhabenem Munde? Warum ſieht man in Frankreich nicht einen einzigen Arbeiter mit einem Ehrenzeichen geſchmückt für ſeine gute Arbeit, für ſeine Luſt zum Geſchäft, für ſeine lange mühevolle — Laufbahn? Und doch wäre das Kreuz und die damit verknüpfte kleine Penſion für ihn eine doppelt wohlverdiente Belohnung. Aber für die beſcheidene, nährende Arbeit gibt es nur Ver⸗ geſſenheit, Ungerechtigkeit, Gleichgültigkeit und Verachtung. Dieſer Gleichgültigkeit des Staats, zu welcher oft noch Ei⸗ gennutz und Härte undankbarer Meiſter hinzukommt, iſt die klägliche Lage der Arbeiter zuzuſchreiben. Einige leben bei ſte⸗ ter Arbeit kärglich und ſterben vor der Zeit, meiſt eine Geſell⸗ ſchaft verfluchend, die ſie im Stich läßt. Andere ſuchen augenblickliches Vergeſſen ihres Elends in mörderiſcher Trun⸗ kenheit. Eine große Zahl endlich, die keinen Vortheil, keinen ſittlichen oder ſinnlichen Antrieb hat, mehr oder beſſer zu ar⸗ beiten, begnügt ſich, genau ſo viel zu thun, als nöthig iſt, den Lohn zu verdienen. Nichts feſſelt ſie an die Arbeit, weil nichts in ihren Augen die Arbeit adelt. Nichts bewahrt ſie vor den Verführungen der Trägheit. Finden ſie einmal zufällig Mit⸗ tel, eine Zeitlang im Nichtsthun hinzuleben, ſo ergeben ſie ſich der Gewohnheit des Faullenzens und der Ausſchweifungen, und manchmal erwachen die ſchlechteſten Leidenſchaften in Na⸗ turen, die urſprünglich gut waren, und verderben ſie auf ewig, weil über ihnen nicht die Billigkeit waltete, und ſie in ihrer urſprünglichen löblichen Richtung durch Aufmunterung und Belohnung beſtärkte. Wir wollen uns nun wieder zu der Mayeur wenden, wel⸗ che, nachdem ſie bei der Perſon, die ſie gewöhnlich beſchäftigte, geweſen, um ſich Arbeit zu holen, nach dem Pavillon Adriana's von Cardoville in der Babylonſtraße gegangen war. Zweiter Theil. Das Werk von Saneta Maria. Fünftes Kapitel. Florine. Während die Königin Baechanal und Liegganznackt ſo trau⸗ rig den frendenreichſten Abſchnitt ihres Lebens endigten, langte die Mayeux an der Thür des Pavillons in der Babylonſtraße an. Bevor ſie klingelte, trocknete ſie ihre Thränen. Die Per⸗ ſon, welche ihr bisher gewöhnlich Arbeit gegeben, hatte er⸗ klärt, daß ſie es nicht ferner thun würde, weil ihr die Arbeit um ein Drittel wohlfeiler in den Weibergefängniſſen gemacht würde. Um nicht ihre letzte Hülfsquelle zu verlieren, hatte die Mayeur ſich bereit erklärt, zu dem herabgeſetzten Preis zu arbeiten; allein da die Leinwand bereits in die Gefängniſſe abgeliefert war, durfte ſie vor vierzehn Tagen keine Beſchäf⸗ tigung, ſelbſt zu herabgeſetztem Lohne, hoffen. Man kann ſich hiernach die Angſt des armen Geſchöpfes denken Bei ſolcher gezwungenen Unthätigkeit bleibt nur die Wahl zwiſchen Bet eln, Stehlen oder Hungers ſterben. Schüchtern ſchellte die Arme an der kleinen Thür des Pa⸗ villons. Nach einigen Augenblicken kam Florine und öffnete ihr. Das Kammermädchen war nicht mehr nach dem Ge⸗ ſchmack Adriana's gekleidet, ſondern in einer Weiſe, welche den Schein einer auffallend ſtrengen Einfachheit geben ſollte. Sie trug ein hoch herauf gehendes Kleid von dunkler Farbe, weit genng, um ihren feinen Wuchs zu verbergen. Ihre ra⸗ benſchwarzen Haare waren kaum bemerkbar unter dem platten Beſatz eines geſtärkten Häubchens, ähnlich den Nonnenhauben. Aber trotz dieſer ſo beſcheidenen Tracht war das bräunliche, blaſſe Geſicht Florinens doch immer wunderſhn. Durch ihr ſchuldbeladenes, früheres Leben war dies Mäd⸗ chen in Abhängigkeit von Rodin und vom Abbé von Aigrigny gekommen und hatte dieſen bisher als Spionin bei Adriana gedient, ungeachtet der Beweiſe von Vertrauen und Güte, mit welcher das Fräulein ſie überhäufte. Florine war nicht völlig verdorben. Oft empfand ſie ſchmerzliche, aber vergeb⸗ liche Gewiſſensbiſſe bei dem Gedanken an das ehrloſe Hand⸗ werk, welches man ſie genöthigt hatte, bei ihrer Gebieterin zu treiben. Florine erkannte die Mayeux wieder, als die Perſon, wel⸗ cher ſie Tags zuvor die Verhaftung Agricvla's und den plötz⸗ lichen Wahnſinn des Fräuleins von Cardoville verkündet hatte. Bei ihrem Anblick wich ſie einen Schritt zurück, ſo groß war das Mitleid, welches die Miene der Nätherin ihr einflößte. Denn die Ankündigung eines gezwungenen Feierns unter Um⸗ ſtänden, welche ohnedies ſchon ſo peinlich waren, mußte ein furchtbarer Schlag für die Arme ſeyn. Die Spuren friſcher Thränen waren auf ihren Wangen ſichtbar, und ihre Züge drückten, ohne daß ſie es wußte, völlige Troſtloſigkeit aus. Sie ſchien ſo erſchöpft, ſo ſchwach, ſo niedergeſchlagen, daß Florine ſchnell wieder zu ihr trat, ihr den Arm reichte und freundlich zu ihr ſagte: „Treten Sie ein. Ruhen Sie einen Angenblick aus, denn Sie ſind ſehr blaß, und ſcheinen ſehr leidend und ermüdet zu ſeyn.“ Mit dieſen Worten führte ſie die Mayeux in ein kleines mit Teppichen belegtes Vorge⸗ mach, und ließ ſie in einem geſtickten Lehnſtuhl beim Kamin⸗ feuer Platz nehmen. Sie war jetzt die einzige Hüterin des Pavillons, denn Georgette und Hebe waren verabſchiedet. Nachdem die Mayeur Platz genvmmen, ſagte Florine theil⸗ nehmend: „Wollen Sie nicht etwas zu ſich nehmen? Warmes Waſſer mit Zucker und Orangenblüthe?“ „Ich danke Ihnen,“ erwiederte die Maheux gerührt. Der geringſte Beweis von Wohlwollen erfüllte ſie mit Dank, und es war eine angenehme Ueberraſchung für ſie, zu finden, daß ihre ärmliche Kleidung für Florine kein Anlaß war, ſie zu verachten oder ſich von ihr fern zu halten. „Ich bedarf nur ein wenig Ruhe,“ fuhr ſie fort, „denn ich komme ſehr weit her; und wenn Sie es erlauben — —“ „Ruhen Sie aus, ſo lange Sie wollen,“ ſagte Florine. „ † —. — — „Ich bin allein hier in dieſem Pavillon ſeit dem Abgang mei⸗ nes armen Fräuleins.“ Hier erröthete und ſeufzte die Dienerin. „Machen Sie alſo keine Umſtände. Ich bitte, rücken Sie näher an's Feuer. Kommen Sie hierher; da ſitzen Sie beſſer. Gott! wie ſind Ihre Füße ſo naß. Stellen Sie die Füße auf dieſen Schemel.“ Die herzliche Aufnahme von Seiten Florinens, ihr ſchönes Geſicht, ihre angenehmen Manieren, welche nicht die einer gewöhnlichen Kammerjungfer waren, machten einen ſtarken Eindruck auf die Mayeux, welche trotz ihrem geringen Stand ein ſehr feines Gefühl hatte für Alles, was Artigkeit, Zart⸗ gefühl und Bildung verrieth. Ihre gewöhnliche mißtrauiſche Scheu wich einem Gefühl halber Vertraulichkeit, und ſie er⸗ wiederte mit Rührung: „Sie ſind äußerſt verbindlich, und ich fühle mich ganz beſchämt durch Ihre gütige Sorgfalt.“ — „Ich verſichere Sie,“ ſagte Florine, „ich möchte viel mehr für Sie thun, als Ihnen FPlatz an dieſem Feuer anbieten. Sie ſehen ſo ſanft aus und erwecken viele Theilnahme.“ „Ach, wie thut das ſo wohl, ſich an einem guten Feuer zu wärmen!“ rief die Mayeux unwillkürlich mit kindlicher Unbe⸗ fangenheit. Alsbald aber fürchtete ſie wieder, die Gaſtfreund⸗ lichkeit zu mißbrauchen, indem ſie ihren Beſuch verlängerte, und fügte hinzu: „Hören Sie, weshalb ich gekommen bin. Geſtern haben Sie mir geſagt, daß ein junger Handwerker, Agricvla Baudoin, in dieſem Pavillon verhaftet worden ſey.“ „Leider, ja! und zwar in dem Angenblick, wo mein armes Fräulein ihm helfen wollte.“ „Agricvla, deſſen Adoptivſchweſter ich bin,“ fuhr die Mayeur leicht erröthend fort, „hat mir geſtern Abend aus ſeinem Ge⸗ fängniß geſchrieben und mich gebeten, ſeinem Vater zu ſagen, er möge ſobald wie möglich hierher gehen und dem Fräulein von Cardoville ſagen, er, Agricvla, habe dem Fräulein höchſt wichtige Mittheilungen zu machen — oder einer Perſon, welche das Fräulein etwa zu ihm ſchicken wolle. Er wage nicht, dieſe MWittheilungen in einem Brief zu machen, weil er nicht wiſſe, ob die Correſpondenz der Gefangenen nicht von dem Haus⸗ meiſter des Gefängniſſes geleſen würde.“ „Meinem Fräulein will Herr Baudvin eine wichtige Mit⸗ theilung machen?“ fragte Flvrine erſtaunt. . 3 „Ja,“ antwortete die Maheux, „denn bis jetzt weiß er noch nichts von dem entſetzlichen Unglück, welches das Fräulein von Cardoville betroffen hat. „Natürlich,“ bemerkte Florine, die Augen niederſchlagend. „Der Anfall von Wahnſinn hat ſich ſo plötzlich gezeigt, daß nichts ihn vorausſehen ließ.“ „Es muß wohl ſo ſeyn,“ ſagte die Mayeurz „denn als Agri⸗ eola das Fräulein zum erſten Mal geſehen hatte, kam er ganz entzückt von ihrem Zartgefühl und ihrer Güte nach Hauſe.“ „Wie Alle, die meinem Fräulein nahe kommen,“ bemerkte Florine traurig. „Dieſen Morgen,“ fuhr die Nätherin fort, „als ich nach dem Willen Agrichla's zu ſeinem Vater ging, war dieſer be⸗ reits ausgegangen, denn er iſt in großer Unruhe. Aber der Brief meines Adoptiobruders ſchien mir ſo dringend und ſo wichtig für das Fräulein von Cardoville, die ſich ſo edelmüthig gegen ihn bewieſen, daß ich hierher gekommen bin — — „Leider iſt das Fräulein nicht mehr hier, wie Sie wiſſen.“ „Aber iſt niemand von ihrer Familie da, den ich, wenn auch nicht ſprechen, doch durch Sie wiſſen laſſen könnte, daß Agricvla für das Fräulein höchſt wichtige Mittheilungen zu machen hat?“ „Sonderbar!“ ſagte Florine für ſich. — „Wiſſen Sie gar nichts von dem Inhalt dieſer Mittheilungen?“ „Durchaus nichts. Aber ich kenne Agricola. Er iſt die Ehr⸗ lichkeit ſelber. Er hat Verſtand, und man kann getroſt glauben, was er ſagt. Und dann, was könnte ihn beſtimmen — —“ „Gott!“ unterbrach Florine, der plötzlich ein Licht aufging; „jetzt erinner' ich mich. Als er in dem Verſteck, wohin das Fräulein ihn hatte bringen laſſen, verhaftet wurde, war ich zufällig zugegen, und er flüſterte mir ſchnell die Worte zu: Sagen Sie dem Fräulein, daß ihre Güte für mich belohnt werden, und daß mein Aufenthalt in dieſem Verſteck vielleicht nicht nutzkos geweſen ſeyn wird. — Mehr konnte er mir nicht ſagen, denn er ward ſogleich weggeführt. Ich geſtehe, ich hielt das bloß für eine Redensart der Dankbarkeit und für den Ausdruck der Hoffnung, daß er vielleicht einmal ſeine Erkenntlichkeit beweiſen könnte. Wenn ich ſie aber mit dem Brief zuſammenhalte, den er Ihnen geſchrieben hat — —“ 2 „— — 7 — „Gewiß,“ ſagte die Mayeux, „iſt ein Zuſammenhang zwi⸗ ſchen ſeinem Aufenthalt in dieſem Verſteck und zwiſchen den wichtigen Mittheilungen, die er dem Fräulein oder jemanden von der Familie zu machen wünſcht.“ Florine, welche ſich unterbrochen hatte, um nachzuſinnen, fuhr fort: „Dies Verſteck iſt ſeit langer Zeit weder bewohnt noch beſucht worden. Vielleicht hat Herr Baudoin darin etwas gefunden, was für das Fräulein von Werth iſt.“ „Wenn der Brief Agricola's mir nicht ſo dringend geſchie⸗ nen hätte,“ ſagte die Mayeux, „ſo würde ich die Sache haben anſtehen laſſen, bis er ſelber hatte kommen können nach ſeiner Entlaſſung aus dem Gefängniß, die, Dank der Freigebigkeit eines ſeiner ehemaligen Kameraden, nicht lange auf ſich war⸗ ten laſſen wird. Da ich indeß nicht weiß, ob man ihn, ſelbſt gegen Caution, ſchon heute loslaſſen wird, wollte ich vor allen Dingen treulich ſeinem Willen nachkommen. Die Güte, welche das Fräulein ihm bewieſen, machte es mir zur Pflicht.“ Wie alle Menſchen, deren gute Gefühle noch zuweilen erwa⸗ chen, fand Florine einen Troſt darin, etwas Gutes thun, wenn ſie es ungrſtraft, d. h. ohne ſich dem unerbittlichen Groll der ſie Beherrſchenden auszuſetzen, thun konnte. Die Mayeux bot ihr eine Gelegenheit, dem Fräulein vielleicht einen großen Dienſt zu leiſten Sie kannte den Haß der Fürſtin von Saint Dizier gegen ihre Nichte zu gut, um zu bezweifeln, daß es höchſt gefährlich ſey, wenn die wichtige Mittheilung Agricvla's jemand anderem als dem Fräulein von Cardoville gemacht würde. In ernſtem Ton ſagte ſie zur Mayeux: „Hören Sie, ich will Ihnen einen Rath geben, der hoffentlich dem armen Fräulein vvn Nutzen ſeyn wird, der aber mich unglücklich machen könnte, wenn Sie nicht beachten, was ich Ihnen an⸗ empfehle.“ „Wie ſo?“ fragte die Mayeux verwundert. „Meinem Fräulein zu Liebe darf Herr Baudvin ſeine wich⸗ tigen Mittheilungen an niemand als ſie ſelber machen.“ „Aber da er das Fräulein von Cardoville nicht ſprechen kann, müßte er ſich doch wohl an ihre Familie wenden“ „Gerade der Familie meiner Gebieterin muß er verſchwei⸗ gen, was er weiß. Das Fräulein kann geneſen und dann ann Herr Baudvin mit ihr ſprechen. Sollte ſie aber auch nie wieder geneſen, ſo ſagen Sie Ihrem Adoptivbruder, es ſey beſſer, daß er ſein Geheimniß für ſich behalte, als daß er es den Feinden meiner Gebieterin dienen laſſe, was unfehlbar der Fall ſeyn würde.“ „Ich verſtehe Sie,“ erwiederte die Mayeux niedergeſchlagen „Die Familie Ihrer edelmüthigen Gebieterin liebt dieſelbe nicht und hat ſie vielleicht verfolgt.“ „Ich kann Ihnen darüber nichts weiter ſagen. Was mich betrifft, ſo beſchwör' ich Sie, verſprechen Sie mir, Herrn Baudvin zu beſtimmen, daß er keinem Menſchen etwas ſagt, von dem Schritt, den Sie bei mir gethan haben, und von dem Rath, den ich Ihnen gebe. Das Glück — nicht das Glück,“ ſagte berichtigend Florine, als ob ſie ſchon lange auf die Hoffnung, glücklich zu ſeyn, verzichtet hätte, — „dis Ruhe meines Lebens hängt davon ab, daß Sie das Geheimniß be⸗ wahren.“ „Seyn Sie außer Sorgen!“ erwiederte die Mayeur, be⸗ troffen und gerührt von dem ſchmerzlichen Ausdruck in dem Geſicht Florinens. „Niemand außer Agrievla ſoll erfahren, daß ich Sie geſehen habe.“ „Dank, herzlichen Dank!“ ſagte Florine. „Sie danken mir?“ fragte die Mayeux, erſtaunt Thränen in den Augen des Kammermädchens zu ſehen. „Ja,“ antwortete Florine. „Ich verdanke Ihnen einen Au⸗ ( genblick reinen, ungemiſchten Glücks. Denn ich habe vielleicht meinem Fräulein einen Dienſt geleiſtet, ohne Gefahr, den Kummer zu vermehren, der mich ſchon drückt.“ „Sie ſind unglücklich?“ fragte die Nätherin. „Wundert Sie das? Welches auch Ihr Lvos ſeyn möge, ich würde es mit dem meinigen vertauſchen,“ ſagte Florine faſt unwillkürlich. „Ach!“ erwiederte die Mayeux, „Sie haben ein zu gutes Herz, als daß ich Sie einen ſolchen Wunſch hegen laſſen möchte.“ „Was wollen Sie damit ſagen?“ „O!“ antwortete die Nätherin mit Schmerz, „ich hoffe von ganzer Seele, Sie möchten nie an Sich erfahren, wie entſetz⸗ lich es iſt, ſich ohne Arbeit zu ſehen, wenn man nur von der Arbeit lebt.“ Die Nätherin ſenkte das Haupt und antwortete nicht. Ihr Stolz machte ihr faſt dieſe Mittheilung zum Vorwurf, welche einer Klage ähnlich ſah. „Wenn es ſo iſt,“ fuhr Florine fort, ſo bedaure ich Sie von Herzen. Und doch — wer weiß, ob mein Unglück nicht größer iſt, als das Ihrige.“ Sie beſann ſich einen Augenblick und rief dann plötzlich: „Da fällt mir ein, wenn Sie keine Arbeit haben, wenn Ihnen jede Hülfe mangelt — ſo kann ich Ihnen hoffentlich Arbeit verſchaffen.“ „Iſt's möglich?“ erwiederte die Mayeux. „Ich würde nie gewagt haben, Sie um einen ſolchen Dienſt anzuſprechen, ob⸗ wohl derſelbe mich retten würde. Aber Ihr edelmüthiges Anerbieten fordert mich zu vertrauter Mittheilung auf. Ich geſtehe Ihnen, daß ich dieſen Morgen eine nicht eben ſehr vortheilhafte Arbeit verloren habe, die mir vier Franken wöchentlich eintrug.“ „Vier Franken wöchentlich?“ wiederholte Florine, kaum ihren Ohren trauend. „Das war freilich wenig,“ fuhr die Mayeux fort. „Allein es genügt mir. Leider findet die Perſon, welche mir Beſchäf⸗ tigung gab, Gelegenheit, die Arbeit noch wohlfeiler gemacht zu bekommen.“ „Vier Franken wöchentlich!“ wiederholte das Kammermäd⸗ chen, tief gerührt über ſo viel Elend und Ergebung. „Nun, ich will Sie an Leute weiſen, welche Ihnen einen Verdienſt vyn zwei Franken täglich verſchaffen.“ „Ich könnte zwei Franken täglich verdienen? Iſt's möglich?“ „Ganz gewiß. Nur müßten Sie im Taglohn arbeiten, oder Sie müßten als Magd Dienſt nehmen wollen.“ „In meiner Lage,“ erwiederte die Mayeur mit einer Miſchung von Stolz und Schüchternheit, darf man freilich nicht empfind⸗ lich ſeyn.. Ich verſchmähe es nicht, im Taglohn zu arbeiten, denn das Leben geht Allem vor. Aber man verlangt von den Tagarbeiterinnen, daß ſie, wenn auch nicht zierlich, doch anſtändig gekleidet ſeyen; und ich geſtehe Ihnen, ohne mich zu ſchämen — denn meine Armuth ſchändet nicht — daß ich nicht beſſer gekleidet ſeyn kann, als ich es bin.“ w. 4 * „Um Gottes willen! iſt es dahin mit Ihnen gekommen?“ rief Florine, die Mayeux mit beſorgter Theilnahme betrachtend. „Das iſt kein Hinderniß,“ antwortete Florine. „Man wird Ihnen Mittel geben, ſich anſtändig zu kleiden.“ Die Mayeux betrachtete das Kammermädchen mit ſteigender Verwunderung. Dieſe Anerbietungen übertrafen ſo weit alle ihre Hoffnungen und den gewöhnlichen Verdienſt der Handar⸗ beiterinnen, daß ſie dieſelben kaum glauben konnte. „Aber fragte ſie zögernd, „warum ſollte man ſo großmüthig gegen mich ſeyn? Wie könnte ich mich eines ſo hohen Lohnes wür⸗ dig machen?“ Florine erbebte. Eine Regung der Gutherzigkeit, der Wunſch, dem Mädchen, deſſen Sanftmuth und Ergebung ihr große Theilnahme einflößten, nützlich zu ſeyn, hatten ſie zu einem unüberlegten Vorſchlag verleitet. Sie wußte, um welchen Preis die Mayeux die angebotenen Vortheile erlangen konnte, und nun fragte ſie ſich nachträglich, ob dieſelbe je auf eine ſolche Bedingung eingehen würde. Aber ſie war ſchon zu weit gegangen und konnte es nicht über ſich gewinnen, der Nätherin Alles zu ſagen. Sie beſchloß, die Zukunft der Ge⸗ wiſſenhaftigkeit der armen Perſon zu überlaſſen; und da Ge⸗ fallene nicht leicht an die Unſträflichkeit Anderer glauben, mochte ſie ſich ſagen, daß die Mayeux in ihrer verzweifelten Lage vielleicht weniger Zartgefühl haben würde, als ſie ihr zuſchrieb. Sie antwortete alſo: „Ich begreife, daß Anerbie⸗ tungen, die ſo weit über Ihren gewöhnlichen Verdienſt hin⸗ ausgehen, Ihr Erſtaunen erregen. Ich muß Ihnen alſo ſa⸗ gen, daß ich eine fromme Anſtalt im Auge habe, deren Zweck iſt, würdigen und bedürftigen Frauensperſonen Arbeit und Beſchäftigung zu verſchaffen. Dieſe Anſtalt, welche das Werk von Sancta Maria heißt, befaßt ſich damit, Taglöhnerinnen und Mägden Plätze auszumachen. Das Werk wird von ſo mildthätigen Perſonen geleitet, daß die in Schutz genommenen Arbeiterinnen ſelbſt eine Art Ausſtattung erhalten, wenn ſie nicht anſtändig genug gekleidet ſind, um zur Verrichtung ihrer Dienſte ausgehen zu können.“ Dieſe ganz uverfüngliche Erfärung ver⸗ glänzenden Anerbietungen Florinens mußte der Mayeux genügen. E war eben ein Werk der Wohlthätigkeit. „Sonach begreife ich den hohen Lohn, von dem Sie mir ſprechen,“ erwiederte ſie. „Nur habe ich keine Empfehlung an die mildthätigen Perſog nen, welche dieſe Anſtalt leiten.“ „Sie ſind in Noth, arbeitſam und ehrenhaft; das gibt Ih⸗ nen genugſamen Anſpruch. Nur muß ich Ihnen ſagen, man wird Sie fragen, ob Sie genau Ihre Religionspflichten erfüllen.“ „Niemand kann Gott mehr lieben, als ich,“ erwiederte die Mayeux in ſanftem, aber feſtem Ton. „Aber die Uebung ge⸗ wiſſer Pflichten iſt eine Gewiſſensſache; und ich möchte lieber auf die Vortheile, von denen Sie ſprechen, verzichten, wenn in dieſer Beziehung etwas gefordert würde.“ „Durchaus nicht. Ich ſage nur, da die Leiter jenes Werks ſehr fromme Perſonen ſind, ſo dürfen Sie ſich über ihre deß⸗ fallſigen Fragen nicht wundern. Und dann, — verſuchen Sie es. Sie wagen dabei nichts. Sagen Ihnen die Bedingungen, welche Ihnen gemacht werden, zu, ſo nehmen Sie dieſelben an. Scheinen ſie Ihnen dagegen Ihre Gewiſſensfreiheit zu verletzen, ſo weiſen Sie dieſelben von der Hand. Ihre Lage wird dadurch nicht ſchlimmer.“ Gegen dieſen Schluß, welcher ihr völlig freie Hand ließ, wußte die Mayeur nichts einzuwenden. Sie ſagte alſo: „Ich nehme Ihren Vorſchlag an, und danke Ihnen von Herzen da⸗ für. Aber wer ſoll mich vorſtellen?“ „Ich — morgen, wenn Sie es wollen.“ „Aber man wird Erkundigungen über mich einziehen wollen.“ „Die achtungswürdige Mutter Sancta Perpetua, Oberin des Sanct Marienkloſters, wird Sie gewiß zu beurtheilen wiſſen, ohne daß ſie Erkundigungen einzuziehen braucht. Will ſie es, ſo wird ſie es Ihnen ſagen, und es wird Ihnen leicht ſeyn, ſie zu befriedigen. Alſo es bleibt dabei — morgen?“ „Soll ich Sie hier abholen?“ fragte die Mayeux. „Nein,“ antwortete Florine. „Ich habe Ihnen ja geſagt, man darf nicht wiſſen, daß Sie aus Auftrag des Herrn Bau⸗ doin hier geweſen ſind, und ein weiterer Beſuch hier könnte bemerkt werden und Avfmerkſamkeit erregen. Ich will Sie in einem Miethwagen abholen. Wowo hnen Sie?“ In der Briſe⸗Miche⸗Gaſſe, Nro, 5. Wenn Sie ſich dieſe Mühe nehmen wollen, ſo brauchen Sie bloß dem Färber, wel⸗ cher die Stelle des Hausmeiſters verſieht, zu ſagen, er möchte mich rufen, — er möchte die Mayeux rufen.“ 5 „Die Mayeur?“ fragte Florine verwundert. „Ja,“ antwortete die Nätherin traurig lächelnd. „Dieſen einamen gibt mir jedermann. Und,“ fuhr ſie, mit einer Thräne im Auge, fort, „der körperliche Fehler, auf welchen dieſer Beiname anſpielt, macht mich eben bedenklich, außer dem Haus auf Arbeit zu gehen. Es gibt Leute, die einen verhöhnen, ohne zu wiſſen, wie weh' ſie einem thun. Aber,“ ſchloß ſie, die Thränen abwiſchend, „ich habe keine Wahl; ich will mich darein ergeben.“ Florine ergriff ſchmerzlich bewegt die Hand der Maheur und ſagte: „beruhigen Sie ſich. Es gibt Unglück, welches nur Mitleid einflößen, nicht Spott veranlaſſen kann. Darf ich Sie um Ihren wahren Namen fragen?“ . „Ich heiße Magdalene Soliveau; aber ich wiederhole Ihnen, fragen Sie nur nach der Mahyeux, denn nur unter dieſem Namen bin ich bekannt.“ „Ich werde alſo morgen Mittag in die Briſe⸗Miche⸗Gaſſe kommen.“ „Wie kann ich Ihnen für Ihre Güte danken?“ fragte die Mayeur gerührt. x. „Kein Wort davon! Mein einziger Wunſch iſt, meine Ver⸗ mittlung möge Ihnen von Nutzen ſeyn, und darüber werden nur Sie urtheilen können. Dem Herrn Baudoin antworten Sie nicht. Warten Sie, bis er aus dem Gefängniß kommt, und dann ſagen Sie ihm (merken Sie das wohl), daß ſeine Offenbarungen ein Geheimniß bleiben müſſen, bis er mein armes Fräulein ſprechen kann.“ „Und wo iſt das gute Fräulein jetzt?“ „Das iſt mir unbekannt. Ich weiß nicht, wohin man ſie gebracht hat, nachdem ihre Krankheit zum Ausbruch gekommen. Alſo Sie erwarten mich morgen.“ „Morgen,“ erwiederte die Mayeux. Der Leſer weiß, daß in dem Kloſter zu Sanct Marien, wohin Florine pie Maheux führen wollte, die Töchter des Generals Simon eingeſperrt waren, und daß dies Kloſter ganz in der Nähe des Krankenhauſes des Doctor Baleſnier ſtand, in welchem ſich Adriana von Cardoville befand. —————— Sechstes Kapitel. Die Mutter Sancta Perpetua. Das Sanet Marienkloſter, in welches die Töchter des Mar⸗ ſchalls Simon gebracht worden waren, war ein ehemaliges großes Hötel, deſſen weitläufiger Garten auf den Boulevard de Höpital g eine der einſamſten Stellen von Paris, zumal in jener Zei 8 Im Sanct Prienrtoſter herrſchte volllommne Regelmäßig⸗ keit. Ein Vorſtand, zuſammengeſetzt aus einflußreichen Geiſtli⸗ chen, mit dem Abbé von Aigrigny an der Spitze, und aus Frauen von großer Frömmigkeit, darunter die Fürſtin von Saint Dizier als Hauptperſon, verſammelte ſich häufig, um Mittel zu erſinnen zur Ausdehnung und Sicherung des gehei⸗ men gewaltigen Einfluſſes dieſer in merklicher Zunahme be⸗ griffenen Anſtalt. Geſchickt angelegte und wohlberechnete Plane — waren bei der Gründung des Werks von Sancta Maria be⸗ folgt worden. Dasſelbe beſaß durch z Schenkungen unbewegliche und ſonſtige Güter von bedeutendem Werth, deren Zahl ſich täglich mehrte. Die Kloſterſtiftung war nur ein Vorwand. Mittels zahlreicher, durch die überſpannteſten Anhänger der ultramontanen Partei in den Provinzen ange⸗ knüpften Verbindungen, zog man in dies Haus eine große Zahl reich ausgeſtatteter Waiſen, die im Kloſter eine tüchtige, ſtreng religiöſe Erziehung erhalten ſollten, eine beſſere Erzie⸗ hung als die frivole, welche ihnen in den modiſchen, von der Verderbniß des Jahrhunderts angeſteckten Inſtituten zu Theil geworden wäre. Reichen Wittwen oder ſonſt allein ſtehenden reichen Frauenzimmern bot das Werk von Sancta Maria eben⸗ falls eine ſichere Zuflucht wider die Gefahren und Verſuchun⸗ gen der Welt. In dieſer ſtillen Zurückgezogenheit genoß man einer himmliſchen Ruhe, gewann auf ſanftem Wege der See⸗ len Seiigkeit und erfreute ſich der zärtlichſten liebevollſten 6 Pflege. Die Oberin des Kloſters, die Mutter Sancta Perpetua, befaßte ſich auch damit, im Namen des Werfs, den vnte „ Gläubigen, welche das Innere ihrer Häuſer vor der Verderb⸗ niß des Jahrhunderts bewahren wollten, Geſellſchafterinnen für einzeln ſtehende weibliche Perſonen, Mägde und Taglöh⸗ nerinnen für Haushaltungen zu liefern, und zwar lauter ſolche, für deren fromme Moralität das Werk ſich verbürgte. Nichts ſchien mehr Theilnahme und Aufmunterung zu verdienen als eine ſolche Anſtalt. Aber wir werden bald das große Gewebe von Ränken enthüllt ſehen, welches unter dieſem menſchenfreundlichen Schein verborgen war. Die Mutter Sancta Perpetua war eine große, Frän von vierzig Jahrensin kahmelh grobe Zeklei⸗ dets mit einem langen Roſenkranz am Gürtel, einer weißen Barthaube und einem ſchwarzen Schleier auf dem Kopf, aus welchen ihr Geſicht blaß und mager hervorſah. Eine große Zahl tiefer Runzeln durchfurchte ihre Stirn von der Farbe vergilbten Elfenbeins. Ihre Naſe mit ſcharfem Grat war ge⸗ krümmt und einigermaßen dem Schnabel eines Raubvogels ähnlich. Ihr ſchwarzes Ange war durchdringend; ihre Miene klug, kalt und feſt. . Im Verſändniß und in Führung der materiellen Intereſſen er Kloſter „konnte die Mutter Sancta Perpetua ſich mit dem liſtigſten und durchtriebenſten Procurator meſſen. Wenn Weiber vom ſogenannten Geſchäftsgeiſt beſeſſen ſind und auf die Geſchäfte ihren Scharfblick, ihre zähe Beharrlich⸗ keit, ihre kluge Verſtellung und vornehmlich ihr natürliches richtiges Urtheil anwenden, ſo erlangen ſie wunderbare Ergeb⸗ niſſe. Für die Mutter Saneta Perpetua, eine Frau von Kopf, war das umfaſſende Rechnungsweſen der Stiftung ein Spiel. Niemand verſtand beſſer als ſie entwerthetes Eigenthum zu kaufen, es wieder zu Werth zu bringen und mit Vortheil wie⸗ der zu verkaufen. Mit dem Cvurs der Renten, der Wechſel, der Actien war ſie ſehr vertraut. Nie hatte ſie ihren Mittels⸗ perſonen eine falſche Speculation anbefohlen, wenn es galt, die Kapitalien anzulegen, welche gute Seelen täglich dem Werke von Sancta Maria vermachten. In dem Hauſe hatte ſie die größle Ordnung, Zucht und beſonders Sparſamkeit eingeführt. Ihr unabläßiges Beſtreben war, die Stiftung, welche ſie leitete, nicht ſich ſelber, zu bereichern. Denn der Verbindungsgeiſt, wenn er im Sinn eines Cpllectivegoismus geleitet wird, gibt den Corporationen die Fehler und Laſter des Einzelweſens. Eine Congregation wird Macht und Geld lieben, wie ein Ehrgeiziger die Macht um der Macht willen, ein Hobſüchtiger das Geld um des Geldes willen. Beſonders wo es unbeweg⸗ liches Eigenthum gilt, handeln die Congregationen wie ein Mann. Das unbewegliche Eigenthum iſt ihr Traum, ihre fire Idee, ihre fruchtbringende Monomanie. Ihre aufrichtigſten, theuerſten Wünſche ſind darauf gerichtet. Das erſte Grund⸗ eigenthum iſt für eine entſtehende arme kleine Gemeinſchaft, was für eine Neuvermählte ihr Brautſchatz, für einen Jüng⸗ ling ſein erſtes Rennpferd, für einen Dichter ſein erſtes mit Beifall gekröntes Werk, für eine Unterhaltene ihr erſter Kaſchmirſhawl. Denn in dieſem materiellen Jahrhundert ver⸗ leiht der Grundbeſitz einem Gemeinweſen Stellung, Rang und Cours für einen gewiſſen Werth an der geiſtlichen Börſe und gibt eine um ſo beſſere Vorſtellung von ſeinem Einfluß auf die Einfältigen, da alle dieſe untergeordneten Heilsverbindun⸗ gen, welche ſchließlich zum Beſitz unermeßlicher Güter kommen, ſtets beſcheiden mit der Armuth, als ſocialer Mitgift, und mit der chriſtlichen Milde des Nächſten als ihrer Bürgſchaft und Ausſicht gegründet werden. Darnach kann man den hitzigen Wetteifer zwiſchen den ver⸗ ſchiedenen Congregationen von Männern und Frauen ermeſſen in Bezug auf die unbeweglichen Güter, welche jede nachzu⸗ weiſen vermag, und ſich vorſtellen, wie ſelbſtgefällig eine reiche Congregation unter dem Inventar ihrer Häuſer, Maierhöfe und Werthpapiere eine minder reiche Congregation tief unter ſich herabdrückt. Aus ſolchen Vergleichungen entſtehen noth⸗ wendig Neid und gehäſſige Eiferſucht, genährt durch den klö⸗ ſterlichen Müſſiggang. Und doch iſt nichts weniger chriſtlich in der himmliſchen Bedeutung des Wortes, nichts weniger dem wahren Geiſt des Evangelium gemäß, der weſentlich religiös communiſtiſch iſt, als dieſe unerſättliche heiße Gier, durch alle möglichen Mittel zu erwerben und zuſammenzu⸗ ſcharren — dieſe gefährliche Gier, welche durch einige im Geiſt ausſchließender Unduldſamkeit geſpendete magere Almoſen vor der öffentlichen Meinung nicht beſchönigt werden kann. 2 Die folgenden Auftritte fanden am zwölften Februar ſtatt, alſo unmittelbar vor dem verhängnißvollen Tag, an welchem die Glieder der Familie Rennepont, die letzten Abkömmlinge der Schweſter des Ewigen Juden in der Sanct Franciscus⸗ ſtraße verſammelt ſeyn ſollten. Die Mutter Sancta Perpetua ſaß vor einem großen Cylin⸗ derſchreibtiſch in der Mitte eines ſehr einfach, aber ſehr bequem ausgeſtatteten Zimmers. Den Boden bedeckte ein weicher Tep⸗ pich. Im Marmorkamin brannte ein hübſches Feuer. Die Oberin, welcher jeden Tag ſowohl die an die Schweſtern, wie die an die Penſionäre gerichteten Briefe überliefert wur⸗ den, hatte ſo eben beiderlei Briefe geöffnet, erſtere nach ihrem anerkannten Recht, letztere, auf unmerkliche Weiſe nach einem Recht, das ſie ſich beilegte, ohne daß die Pfleglinge es wuß⸗ ten — in beiden Fällen aber nur um des Heiles dieſer lieben Kinder willen und nebenbei auch um dem Verlauf ihrer Cor⸗ reſpondenz nicht fremd zu werden. Die Oberin legte ſich auch die Pflicht auf, von allen Briefen, die aus dem Kloſter ge⸗ ſchrieben wurden, Kenntniß zu nehmen, bevor dieſelben auf die Poſt gegeben wurden. Die Spuren dieſer frommen unſchul⸗ digen Spürerei verſchwanden ſehr leicht, da die heilige gute Mutter ein ganzes Zeughaus allerliebſter kleiner ſtählerner Werkzeuge beſaß. Einige, die ſehr ſcharf waren, dienten dazu, unmerklich das Papier rings um das Siegel her durchzuſchnei⸗ den. War der Brief geleſen und wieder in den Umſchlag ge⸗ legt, ſo ward ein rundes Inſtrumentlein genommen, leicht erwärmt und über den Rand des Siegellacks gedrückt, ſo daß dies, ein wenig ſchmelzend und ſich ausbreitend, den Schnitt verdeckte. Der Gerechtigkeit und Gleichheit zu Liebe, befand ſich in dem Arſenal der guten Mutter auch eine kleine ſinn⸗ reiche Vorrichtung, um den einfachen Verſchluß mit Oblaten durch warme Dämpfe ſo zu erweichen, daß derſelbe leicht und ohne den geringſten Riß aufging. Je nach der Wichtigkeit der Unbeſonnenheiten, welche ſie ſo die Briefſteller begehen ließ, machte ſich die Oberin mehr oder minder ausführliche Be⸗ merkungen. . In ihrem intereſſanten Geſchäft ward Mutter Perpetua durch zweimaliges leiſes Anklopfen an der verriegelten Thür unter⸗ ————————— „ brochen. Sofort ließ ſie den großen Cylinder über ihr Arſenal herunter, ſtand auf und öffnete mit ernſter, feierlicher Miene nem Krankenhaus ſchicken mußte. Er hat bei ihnen Fieber und iſt. Er befindet ſich alſo zu Paris. Trotz ſeinem Alter iſt er die Thür. Eine Laienſchweſter meldete, die Fürſtin von Saint Dizier warte in dem Saal, und Florine, begleitet von einem verwachſenen ſchlecht gekleideten Mädchen, ſey kurz nach der Fürſtin angekommen und harre an der Thür des kleinen Gangs. „Führt zuerſt die Frau Fürſtin ein,“ ſagte die Mutter Sancta Perpetua und rückte mit artiger Zuvorkommenheit einen Seſſel an's Feuer. Die Fürſtin trat ein. Obwohl ohne die Anſprüche jugend⸗ licher Gefallſucht, war die Fürſtin mit Geſchmack und Sie lichkeit gekleidet. Sie trug einen ſchwarzen Sammthüt von der beſten Putzmacherin, einen großen blauen Kaſchmirfhawl „ und ein Kleid von ſchwarzem Satin mit Marderpelz beſetzt, wie ihr Muff. %. — „Welcher Glücksfall verſchafft mir noch heute die Ehre Ihres — Beſuches, meine liebe Tochter?“ fragte freundlich die Oberin. „Eine ſehr dringende Emnpfehlung, liebe Mutter, die — — Ihnen zu machen habe. Ich habe große Eile, denn ich werde bei Sr. Eminenz erwartet und kann Ihnen leider nur einige Minuten widmen. Ich will von den beiden Waiſen ſprechen, über die wir uns geſtern lange unterredet haben.“ „Sie ſind fortwährend Ihrem Wunſche gemäß getrennt,“ bemerkte die Oberin; „und dieſe Trennung wirkt ſo beftig auf ſie, daß ich heute Morgen zu Doktor Baleinier nach ſei⸗ große Niedergeſchlagenheit gefunden und ſonderbarer Weiſe bei der einen wie bei der andern genau dieſelben Krankheitsſymptome. Ich habe die beiden unglücklichen Geſchöpfe von neuem aus⸗ gefragt und bin ganz ſtarr vor Entſetzen geweſen. Sie ſind Götzendienerinnen!“ . „Darum war es auch dringend, ſie Ihnen anzuvertrauen,“ erwiederte die Fürſtin. — „Aber hören Sie nun, liebe Mutter, weshalb ich hieher komme. Man hat erfahren, daß der Soldat, welcher dieſe Mädchen nach Frankreich gebracht, und den man für einige Tage entfernt glaubte, unverſehens zurückgekommen ein verwegener, unternehmender Menſch von ſeltner Willens⸗ kraft. Wenn er entdeckte, daß die Mädchen hier ſind — was übrigens glücklicher Weiſe faſt unmöglich iſt — ſo wäre er in ſeiner Wuth, ſie ſeinem gottloſen Einfluß entzogen zu ſehen, „ zu Allem fähig. Alſo von heut an, liebe Mutter, verdoppeln Sie Ihre Wachſamkeit. Sorgen Sie, daß Niemand ſich nächtli⸗ cher Weile einſchleichen kann. Dieſe Gegend hier iſt ſehr einſam.“ „Seyn Sie außer Sorgen, liebe Tochter. Wir ſind gut bewacht. Unſer Hausmeiſter und unſere wohl bewaffneten Gärtner machen jede Nacht die Runde nach dem Boulevard zu. Die Mauern ſind hoch und auf den zugänglicheren Punk⸗ — ten mit eiſernen Zacken verwahrt. Immerhin aber danke ich Ihnen, liebe Tochter, daß Sie mich benachrichtigt haben. Die — WVorſichtsmaßregeln ſollen verdoppelt werden.“ „Beſonders dieſe Nacht wäre es nöthig, liebe Mutter.“ „Und warum?“ Weil dieſer Höllenſoldat, falls er die Veswegenheit hätte, — etwas zu verſuchen, es dieſe Nacht thun würde.“ — „Wie ſo wiſſen Sie das, liebe Tochter?“ 3 —— 6 „Unſere Erkundigungen geben uns dieſe Gewißheit,“ erwie⸗ rte die Fürſtin mit einiger Verlegenheit. — Der Oberin entging dieſe Verlegenheit nicht; aber ſie war zu fein und zu zurückhaltend, um es ſich merken zu laſſen. Sie vermuthete, daß man ihr allerhand verheimlichte. Sie begnügte ſich, die Verſicherung zu geben: „Dieſe Nacht ſoll die Aufſicht verdoppelt werden. Aber da ich das Vergnügen habe, Sie zu ſehen, ſo will ich die Gelegenheit benutzen, Ihnen zwei Worte von der bewußten Heirath zu ſagen.“ „Laſſen Sie uns davon ſprechen,“ ſagte lebhaft die Fürſtin, „denn die Sache iſt ſehr wichtig. „Der junge Freiherr von Brisville iſt voll glühender Frömmigkeit in dieſer Zeit revo⸗ lutionärer Gottloſigkeit. Er practieirt öffentlich. Er kann uns die größten Dienſte leiſten, denn er wird in der Kammer ziemlich angehört. Es fehlt ihm nicht an einer Art angreifen⸗ der, herausfordernder Beredtſamkeit. Ich weiß niemand, der ſeinen Glauben in einer keckeren Manier zu äußern verſtünde. Seine Berechnung iſt richtig, denn dieſe cavaliere Weiſe von heiligen Dinge zu reden, ſtachelt und erweckt die Aufmerkſam⸗ keit der Gleichgültigen. Glücklicher Weiſe ſind die Umſtände von der Art, daß er eine verwegene Heftigkeit wider unſere Feinde entwickeln kann, ohne ſich der geringſten Gefahr aus⸗ zuſetzen. Dies verdoppelt natürlich ſeinen Feuereifer, das Begehren nach der Martyrkrone auszuſprechen. Mit einem „ Zeit zum Ueberlegen.“ Vergebens ſagte ich ihr in ſtrengem Ton, daß ſie ohne Eltern 8 8 8 ville ſehen und ſeine Gemüthsart kennen lernen, bevor ſie eine Verpflichtung eingehe.“ — 5 Wort: er iſt für uns; und dafür ſind wir ihm dieſe Heirath ſchuldig. Dieſelbe muß alſo vor ſich gehen. Ueberdies wiſſen Sie, liebe Mutter, daß er dem Werk von Sancta Maria eine Schenkung von hunderttauſend Franken anbieten will an dem Tag, wo er in Befitz des Vermögens des Fräuleins Baudri⸗ cvurt kommen wird.“ „Ich habe nie an den guten Abſichten des Herrn von Bris⸗ ville in Betreff eines Werks, welches die Theilnahme aller Frommen? verdient, gezweifelt,“ erwiederte beſcheiden die Oberin. „Aber ich hätte nicht gedacht, auf ſo viele Hinder⸗ niſſe von Seiten des Frauenzimmers zu ſtoßen.“ „Wie ſo?“ fragte die Fürſtin erſtaunt. „Dies Mädchen, welches ich bisher für die Unterwürfigkeit, 4 die Schüchternheit die Unbedeutendheit — kurz für die Blöd⸗ ſinnigkeit ſelber gehalten habe, iſt nicht etwa entzückt über „ dieſen Heirathsvorſchlag, wie ich dachte; nein, ſie verlangt „Das iſt zum Lachen,“ bemerkte die Fürſtin. „Sie ſetzt mir einen Widerſtand der Trägheit entgegen. neeeee und Freunde und ganz und gar meiner Sorgfalt anvertraut, durch meine Augen ſehen, durch meine Ohren hören muß, und daß ſie, wenn ich ihr ſage, daß dieſe Verbindung in allen Stücken für ſie paßt, ohne die geringſte Einwendung und Be⸗ merkung darein zu willigen hat.“ „Gewiß. Man kann nicht vernünftiger reden.“ „Sie aber antwortet mir, ſie wolle den Herrn von Bris⸗ — „Das iſt widerſinnig. Sie bürgen ihr ja für ſeine Mo⸗ ralität und finden dieſe Heirath paſſend.“ „Uebrigens,“ fuhr die Mutter Saneta Perpetua fort, „habe ich dem Fräulein Baudricvurt dieſen Morgen erklärt, bisher hätte ich gegen ſie nur ſanfte Mittel der Ueberredung ange⸗ wandt. Wenn ſie mich aber dazu nöthigte, ſo würde ich wider meinen Willen und zu ihrem Beſten mit Strenge gegen ſie verfahren müſſen, um ihre Hartnäckigkeit zu brechen. Ich würde ſie von ihren Geſellſchafterinnen trennen und ſie in ℳ ———— — — ——— eine ſtreng abgeſperrte Zelle ſetzen, bis ſie ſich dazu entſchlöſſe, glücklich zu ſeyn und einen ehrenwerthen Mann zu heirathen.“ „Und dieſe Drohungen, liebe Mutter?“ „Werden hoffentlich einen guten Erfolg haben. Sie hatte einen Briefwechſel mit einer ehemaligen Mitſchülerin in ihrer Provinz. Diefen Briefwechſel, der mir gefährlich ſchien, habe ich unterdrückt. Sie ſteht alſo jetzt lediglich unter meinem Einfluß, und ich hoffe, wir werden unſeren Zweck erreichen. Aber Sie ſehen, liebe Tochter, nie gelangt man Mühe und Ungemach dazu, etwas Gutes zu erwirken.“ „Und ich bin gewiß,“ bemerkte die Fürſtin aufmunternd, „daß Herr von Brisville nicht bei ſeinem erſten Verſprechen ſtehen bleiben wird. Ich verbürge mich für zhn, daß, wenn er Fräulein Baudricourt heirathet — —“ „Sie wiſſen, liebe Tochter,“ unterbrach die Oberin, „wenn von mir die Rede wäre, würde ich es ausſchlagen. Aber dem Werk geben, heißt Gott geben, und ich kann den Herrn von Brisville nicht hindern, die Summe ſeiner guten Werke zu vermehren. Zudem iſt uns etwas Betrübendes begegnet.“ „Ei, was denn, liebe Mutter?“ „Das Saeré⸗Cveur macht uns durch ein Mehrgebot ein Grundſtück ſtreitig, welches uns ganz paſſend gelegen iſt. Es gibt wirklich unerfättliche Leute. Ich habe übrigens der Oberin derb die Meinung geſagt.“ „Sie hat es mir erzählt und die Schuld davon auf den Schaffner geworfen,“ bemerkte die Fürſtin. „Ah, Sie beſuchen ſie alſo, liebe Tochter?“ fragte die Oberin betroffen. „Ich habe ſie bei Sr. Gnaden getroffen,“ antwortete die Fürſtin etwas zögernd. Die Mutter Sancta Perpetua that, als merkte ſie dieſe Zögerung nicht, und fuhr fort: „Ich weiß wirklich nicht, warum unſere Anſtalt ſo ſehr die Eiferſucht des Saers⸗Cveur erweckt. Alle möglichen ſchlimmen Gerüchte hat es über das Werk von Sancta Maria verbreitet. Gewiſſe Leute fühlen ſich eben immer durch das Glück des Nächſten gekränkt.“ „Liebe Mutter,“ erwiederte die Furſtin in verſöhnendem Ton, „wir wollen hoffen, daß die Schenkung des Herrn von Brisville Sie in Stand ſetzen wird, über das Mehrgebot des Sacré⸗Cveur hinauszugehen. Dieſe Heirath würde alſo einen doppelten Vortheil haben, ſie würde ein großes Ver⸗ mögen in die Hände eines unſerer Leute bringen, welcher es gehörig anzuwenden wüßte; denn mit 100,000 Franken Ein⸗ künfte wird ſich die Wichtigkeit der Stellung unſeres eifrigen Vertheidigers verdreifachen. Wir werden dann ein unſerer Sache würdiges Organ haben, und nicht mehr genöthigt ſeyn, uns von Leuten, wie dieſer Dumvulin vertheidigen zu loſſen.“ „Indeß in ſeinen Schriften iſt doch viel Feuer und Gelehr⸗ ſamkeit. Meines Bedünkens iſt darin der Sthl eines über die Gottloſigkeit des Jahrhunderts zürnenden Sanct Bernhard.“ „Ach, liebe Mutter, wenn Sie wüßten, welch ein ſeltſamer Heiliger dieſer Dumoulin iſt! Doch ich will Ihre Ohren nicht beleidigen. Nur ſo viel kann ich Ihnen ſagen, ſolche Ver⸗ theidiger geben den heiligſten Sachen Blößen. Leben Sie wohl, liebe Mutter. Auf Wiederſehen. Verdoppeln Sie ja die Vorſichtsmaßregeln in vieſer Racht, die Rückkehr dieſes Soldaten iſt beunruhigend.“ „Seyn Sie unbeſorgt, liebe Tochter. — Ach, beinahe hätte ich es vergeſſen! Florine hat mich gebeten, ihr eine Gnade von Ihnen auszubitten: nämlich, daß Sie dieſelbe in Dienſt nehmen möchten. Sie kennen die Treue, welche ſie Ihnen in Beaufſichtigung Ihrer unglücklichen Nichte bewieſen hat. Ich glaube, indem Sie das Mädchen ſo belohnen, knüpfen Sie es völlig an ſich, und ich meinerſeits würde Ihnen ſehr dankbar für die Annahme der Perſon ſeyn.“ „Sobald Sie die geringſte Theilnahme für Florine äußern, iſt die Sache abgemacht. Ich nehme ſie in meinen Dienſt. — Zetzt denke ich erſt daran: ſie kann mir nützlicher ſeyn, als es mir im erſten Augenblicke ſchien.“ „Tauſend Dank für Ihre Gefälligkeit, liebe Tochter. Auf baldiges Wiederſehen. Uebermorgen um zwei Uhr haben wir eine lange Conferenz mit Sr. Eminenz und mit Sr. Gna⸗ den; vergeſſen Sie es nicht.“ „Rein, liebe Mutter, ich werde mich pünktlich einſtellen. Aber verdoppeln Sie Ihre Vorſichtsmaßregeln für dieſe Nachtz wir müſſen ein großes Skandal zu verhüten ſuchen.“ Nach dieſen Worten küßte die Fürſtin ehrfurchtsvoll der Oberin die Hand und entfernte ſich durch die Hauptthür des — Zimmers, welche in einen auf die große Treppe ſich öffnen⸗ den Saal führte. Einige Minuten nachher trat Florine durch eine Seiten⸗ thür in das Gemach und näherte ſich mit ängſtlicher Demuth der ſitzenden Oberin. „Sie ſind doch nicht der Frau Fürſtin begegnet?“ fragte Mutter Saneta Perpetua. 3 „Nein, ehrwürdige Mutter, antwortete Florine. „Ich habe zuf dem Gang gewartet, deſſen Fenſter auf den Garten gehen A „Von heut an nimmt die Fürſtin Sie in ihren Dienſt,“ ſagte die Oberin. Florine machte eine Bewegung ſchmerzlicher Ueberraſchung und fragte: „Mich, ehrwürdige Mutter? — Aber — —“ „Ich habe die Fürſtin in Ihrem Namen darum gebeten, und Sie ſind es zufrieden,“ unterbrach die Oberin in herri⸗ ſchem Ton. „Ehrwürdige Mutter, ich hatte Sie doch gebeten, nicht — —“ „Ich ſage Ihnen, Sie ſind es zufrieden!“ wiederholte die Oberin in einem ſo entſchiedenen Ton, daß Florine die Au⸗ gen niederſchlug und leiſe ſagte: „Ich bin es zufrieden.“ „Im Namen des Herrn Rodin befehle ich es Ihnen.“ „Ich dachte mir's, ehrwürdige Mutter,“ erwiederte traurig Florine. „Unter welchen Bedingungen — — bin ich bei der Frau Fürſtin eingetreten?“ „Unter denſelben wie bei ihrer Richte,“ Florine ſchauderte. „Alſo,“ fragte ſie, „müßte ich oft Be⸗ richte über die Fürſtin machen?“ „Sie beobachten, erinnern ſich und erſtatten Bericht.“ „Jo, ehrwürdige Mutter.“ „Sie richten Ihre Aufmerkſamkeit insbeſondere auf die Be⸗ ſuche, welche die Fürſtin etwa von der Oberin des Saecré⸗ Coeur empfängt. Sie merken ſich dieſelben auf und horchen. Es gilt, die Fürſtin vor ſchlimmem Einfluß zu bewahren.“ „Ich werde gehorchen, ehrwürdiges Mutter.“ „Sie werden auch ſuchen, zu erfahren, warum zwei Wai⸗ ſenmädchen von Frau Grivois, der vertrauten r der Fürſtin hierbergebracht und zur ſtrengſten Behandlung empfohlen worden ſind.“ 5 „Ja, eh würdige Mutter.“ 63 „Das darf Sie nicht hindern, ſonſtige bemerkenswerthe Dinge Ihrem Gedächtniß einzuprägen. Uebrigens werde ich Ihnen morgen beſondere Anweiſungen über einen andern Ge⸗ genſtand geben.“ „Ich werde gehorchen, ehrwürdige Mutter.“ „Wenn Sie ſich zur Zufriedenheit aufführen und treulich dieſe Anweiſungen befolgen, werden Sie aus dem Dienſt der Fürſtin in den einer Neuvermählten kommen als Haushäl⸗ terin. Das wird eine vortreffliche, dauernde Stellung für Sie ſeyn — verſteht fich unter denſelben Bedingungen. Alſo wohl verſtanden, Sie treten bei Frau von Saint Dizier ein und haben mich darum gebeten.“ „Ja, ehrwürdige Mutter, ich will es nicht vergeſſen.“ „Was iſt das für ein verwachſenes Mädchen, das Sie mitgebracht haben?“ „Ein armes, hülfloſes Geſchöpf, ſehr verſtändig, weit über ihren Stand erzogen. Sie iſt Nätherin und befindet ſich aus Mangel an Beſchäftigung in der äußerſten Noth. Dieſen Morgen, als ich ſie abholte, habe ich Erkundigungen über ſie eingezogen. Sie lauten ganz zu ihren Gunſten.“ „Sie iſt häßlich und verwachſen?“ „Ihr Geſicht iſt nicht unangenehm, aber ſie iſt verwachſen.“ Die Oberin ſchien zufrieden, daß die Perſon, von der ihr geſprochen war, ſanft ſchien und ein nicht einnehmendes Aeu⸗ ßere hatte. Nach einem Augenblick der Ueberlegung fragte ſie weiter: „Und ſie ſcheint verſtändig zu ſeyn?“ „Sehr verſtändig,“ antwortete Florine. „Und ſie iſt ganz hülflos?“ . „Ganz und gar.“ 8 „Iſt ſie fromm?“ „See praktieirt nicht.“ „Daran liegt wenig,“ dachte die Oberin. „Wenn ſie ſehr verſtändig iſt, ſo genügt das.“ Dann fragte ſie weiter: „Wiſſen Sie, ob ſie eine geſchickte Arbeiterin iſt?“ „Ich glaube es, ehrwürdige Mutter.“ Die Oberin ſtand auf und holte aus einem Fach ein Re⸗ giſter. Nachdem ſie eine Zeitlang aufmerkſam darin gefucht *zu haben ſchien, ſtellte ſie es wieder an ſeinen Ort und ſagte 6 zu Florine: „Laſſen Sie das Mädchen eintreten und erwarten Sie mich in der Geräthkammer.“ Florine entfernte ſich. Die Oberin ſann nach und ſagte: „Verwachſen — — verſtändig — — geſchickte Arbeiterin. — — Sie würde keinen Verdacht einflößen. — — Wir wollen ſehen.“ Rach einer Minute kam Flvrine wieder, führte die Mayeur bei der Oberin ein und zog ſich beſcheiden zurück. Die Nätherin zitterte. Sie war verwirrt und tief bewegt. Denn während Florine ſie allein auf dem Gang gelaſſen, hatte ſie eine Entdeckung gemacht, an die ſie kaum glauben konnte. Eine gewiſſe Angſt bemächtigte ſich ihrer, als ſie ſich mit der Oberin allein ſah. Siebentes Kapitel. ie Verſn h u 3 Die Urſache der tiefen Gemüthsbewegung der Mayeux war folgende. Als Florine ſich zur Oberin begab, hatte ſie die Nätherin auf einem mit Bänken verſehenen Gang im erſten Stockwerk gelaſſen, welcher eine Art Vorgemach bildete. Die WMayeux, ſich allein befindend, war an ein Fenſter getreten, welches auf den Kloſtergarten ging. Dieſer Garten war auf der einen Seite durch eine halb niedergeriſſene Mauer be⸗ gränzt. Wo die Mauer weggebrochen war, befand ſich ein lückenhafter Bretterverſchlag, hinter welchem eine Kapelle im Garten eines benachbarten Hauſes im Bau begriffen war. An einem der Fenſter des Erbgeſchoſſes dieſes benachbarten Hauſes erblickte die Mayeur plötzlich ein Mädchen, welches die Augen auf das Kloſter heftete und mit der Hand Zeichen liebevoller Aufmunterung machte. Das Fenſter war vergittert und außerdem bemerklich durch eine Art von leinenem Wet⸗ terdach. Von ihrem Fenſter aus konnte die Mayeur nicht ſehen, wem dieſe Zeichen galten. Sie bewunderte die ſeltne Schön⸗ ————— * heit dieſes Mädchens, die Weiße ihrer Haut, das glänzende Schwarz ihrer Augen und das fanfte, wohlwollende Lächeln auf ihren Lippen. Ihre liebreiche, ausdrucksvolle Gebärde ſchien erwiedert zu werden, denn ſie legte mit einer anmuthigen Bewegung die linke Hand aufs Herz und machte mit der rechten ein Zeichen, welches zu ſagen ſchien ihr Herz gehe nach der Stelle, auf die ihre Augen geheftet waren. In dieſem Augenblick drang ein ſchwacher Sonnenſtrahl durch die Wolken und ſpielte auf dem Haar des Mädchens, ſo daß ihr an die Gitterſtäbe gedrücktes Geſicht von dem blendenden Abglanz ihres Goldhaares erleuchtet zu werden ſchien. Beim Anblick dieſes reizenden Geſichts, welches von langen Locken röthlichen Goldes eingefaßt war, erbebte die Mayeux. Unwillkürlich fiel ihr das Fräulein von Cardoville ein, und ſie zweifelte nicht, daß ſie die Beſchützerin Agricola's vor Augen habe. Indem ſie das wunderſchöne Mädchen in dem unheimlichen Irrenhaus erblickte und ſich des zarten Wohl⸗ wollens errinnerte, mit welchem dieſelbe wenige Tage zuvor den jungen Agricola in ihrem prächtigen Palaft empfangen, empfand die arme Nätherin einen unſäglichen Schmerz. Sie glaubte, Adriana ſey wahnſinnig, und doch kam es ihr bei näherer Betrachtung vor, als trüge ihr Geſicht das Gepräge des Verſtandes und der Gemüthlichkeit. Plötzlich machte das Fräulein von Cardoville eine aus⸗ drucksvolle Gebärde. Sie legte den Finger auf den Mund, warf nach der Richtung, wohin ſie ſah, zwei Kußhände und verſchwand. Die Mayeux dachte an die wichtige Mitheilung, welche Agricola dem Fräulein von Cardoville zu machen hatte, und bedauerte tief, daß ſie durchaus kein Mittel ſah, zu ihr zu kommen. Sie meinte, wenn das Mädchen wahnſinnig ſey, ſo müſſe es jetzt wenigſtens einen lichten Augenblick haben. In dieſe ängſtlichen Betrachtungen verſunken, ſah ſie Florinen mit einer der Nonnen zurückkommen. Sie behielt die ge⸗ machte Entdeckung für ſich und folgte ihrer Führerin in das Gemach der Muitter Sancta Perpetua. Mutter Sancta Perpetua prüfte raſch und ſcharf das Ge⸗ ſicht der Näthèrin, und fand ihre Miene ſo ſchüchtern, ſanft und ehrlich, daß ſie die von Florinen gegebenen Erklärungen Iw. 5 vollkommen beſtätigt zu ſehen glaubte. „Liebes Kind,“ ſagte ſie im freundlichſten Ton, „Florine hat mir geſagt,“ in wel⸗ cher traurigen Lage Sie ſich befinden. Es iſt alſo wahr, Sie haben gar keine Arbeit?“ „Leider! verehrte Frau,“ antwortete die Mayeux. „Nennen Sie mich Mutter, liebes Kind. Dieſer Name iſt gemüthlicher, und er iſt durch die Regel des Hauſes geboten. Nach Ihren Grundſätzen brauche ich wohl nicht zu fragen.“ „Frau Mutter, ich habe ſtets ehrlich von meiner Arbeit gelebt,“ antwortete die Mayeux einfach mit würdevoller Be⸗ ſcheidenheit.“ S 8 „Ich glaube es, liebe Tochter, und ich habe gute Gründe, Ihnen zu glauben. Sie müſſen dem Herrn danken, daß er Sie vor vielen Verſuchungen ſicher geſtellt hat. Aber ſagen Sie mir, ſind Sie geſchickt in Ihrem Geſchäft 24 ſtets damit zufrieden geweſen. Wenn Sie mich beſchäftigen wollen, werden Sie im Stand ſeyn, zu urtheilen.“ „Ihre Verſicherung genügt mir, liebe Tochter. Nicht wahr, Sie arbeiten lieber bei den Leuten auf Taglohn?“ „Verehrte Mutter, Mamſell Florine hat mit geſagt, daß ich nicht hoffen dürfte, Arbeit in meine Wohnung zu be⸗ kommen.“ „Für jetzt nicht, liebes Kind. Wenn ſich ſpäter Gelegen⸗ heit zeigt, will ich daran denken. Was ich Ihnen jetzt an⸗ bieten kann, iſt Folgendes. Eine achtbare, alte Dame hat von mir die Zuweiſung einer im Taglohn arbeitenden Per⸗ ſon begehrt. Wenn ich Sie ihr zuweiſe, ſo wird ſie mit Ih⸗ nen zufrieden ſeyn. Das Werk wird es übernehmen, Sie gehörig zu kleiden, und die Auslage dafür wird durch kleine Abzüge an Ihrem Lohn allmählig erſetzt werden. Wir be⸗ — ſorgen die Bezahlung. Sie bekommen zwei Franken täglich. —Iſt Ihnen das genug?“ „Es übertrifft weit meine Hoffnungen,“ antwortete die WMaeu. „Dabei ſind Sie nur von neun Uhr Morgens bis ſechs uhr Abends beſchäftigt, ſo daß Ihnen noch einige Stunden mild; nicht wahr?“ 1 „Ich mache meine Arbeit, ſo gut ich kann und man iſt zur Verfügung bleiben. Sie ſehen, dieſe Bedingung iſt ſehr 65 „Gewiß, ſehr mild, verehrte Mutter.“ . „Vor allen Dingen muß ich Ihnen ſagen, bei wem das Werk Ihnen Beſchäftigung zuweiſen will. Es iſt ein Wittwe, Frau von Brémont, eine Perſon von erprobter Frömmigkeit. Ich hoffe, Sie werden in ihrem Haus nur gute Beiſpiele finden. Wo nicht, ſo würden Sie zu mir kommen und es mir ſagen.“ „Wie ſo?“ fragte die Mayeux betroffen. „Hören Sie mich an,“ erwiederte die Oberin in einem im⸗ mer liebreicher werdenden Ton. „Das Werk von Sancta Maria hat einen doppelten heiligen Zweck. Nicht wahr, Sie ſehen ein, daß es unſere Pflicht iſt, den Herrſchaften Sicher⸗ heit für die Sittlichkeit der Perſonen zu geben, die wir in ihre Häuſer bringen, und daß wir folglich genaue Erkundi⸗ gungen über dieſe Perſonen einziehen müſſen. Sind wir nun nicht auf der andern Seite auch den Leuten, welche wir in Dienſt bringen, Sicherheit für die Sittlichkeit der Herrſchaf⸗ ten ſchuldig?“ „Das iſt höchſt billig und zeugt von weiſer Vorſicht,“ antwortete die Mayeux. „Nicht wahr, liebes Kind? So gut wie eine Magd von ſchlechter Aufführung eine bösartige Störung in eine achtbare Haushaltung bringen kann, eben ſo gut kann auch ein Herr, oder eine Frau von ſchlechten Sitten einen gefährlichen Ein⸗ fluß auf ihr Geſinde üben, oder auf die Leute, welche in ihr Haus arbeiten kommen Unſer Werk nun iſt gegründet, um ſowohl den tugendhaften Dienſtleuten wie den Herrſchaften eine wechſelſeitige Sicherheit zu gewähren.“ „O, verehrte Frau!“ rief die argloſe Nätherin, „die Urhe⸗ ber dieſes Gedankens verdienen die Segnungen Aller!“ „Auch fehlen ihnen die Segnungen nicht,“ erwiederte die Oberin, „weil das Werk ſeine Verſprechungen hält. Alſo eine Arbeiterin, welche Theilnahme verdient, Sie zum Beiſpiel, wird zu Leuten gebracht, die nach unſerer Meinung tadellos ſind. Bemerkt ſie bei ihrer Herrſchaft oder bei den Leuten, die ſie gewöhnlich beſuchen, eine Unregelmäßigkeit der Sitten, eine irreligiöſe Richtung, die ihre Schamhaftigkeit vder ihre re⸗ ligiöſen Grundſätze verletzt, ſo macht ſie uns ſofort eine um⸗ — 68 — ſtändliche vertraute Mittheilung von dem, was ſie beunruhigt hat. Das iſt nicht mehr wie billig, nicht wahr?“ „Ja,“ antwortete zögernd die Mayeux, welche die Vorſorge ſeltſam zu finden begann. „Alsdann,“ fuhr Mutter Sancta Perpetua fort, „wenn der Fall uns wichtig ſcheint, fordern wir die von uns Empfohlene auf, mit noch größerer Aufmerkſamkeit zu beobachten, damit ſie ſich überzenge, ob ſie auch Grund gehabt habe, ſich zu beunruhigen. Sie macht uns neue Mittheilungen, und wenn dieſe unſere erſten Beſorgniſſe beſtätigen, ſo nehmen wir, als pflichttrene Hüter, die von uns Empfohlene auf der Stelle aus dem unpaſſenden Hauſe. Da übrigens die meiſten un⸗ ter dieſen, trotz ihrer Aufrichtigkeit und Tugend, nicht Einſicht genug haben, um zu unterſcheiden, was ihrem Seelenheil ſchaden kann, ſo finden wir es ihrem wahren Wohl ange⸗ meſſener, daß ſie uns alle acht Tage, wie eine Tochter ihrer Mutter, ſchriftlich oder mündlich alles vertraulich mittheilen, was die Woche über in den Häuſern, wo ſie ihre Plätze ha⸗ ben, vorgefallen iſt. Und dann ſchaffen wir Rath für ſie, en wir ſie entweder darin laſſen oder heraus nehmen. Wir haben unter dieſen Bedingungen ſchon an hundert. Per⸗ ſonen in vielen Familien untergebracht je nach ihren Fähig⸗ keiten als Geſellſchafterinnen, als Ladenjungfern, als Mägde oder als Arbeiterinnen auf Taglohn und wir wünſchen uns täglich Glück zu dieſem Verfahren. Nicht wahr, Sie verſtehen mich, liebes Kind?“ „Ja — ja — Frau Mutter,“ ſtammelte die Mayeur ver⸗ legen. Sie hatte zu viel Geradheit und geſundes Urtheil, um nicht zu ſehen, daß dieſe Art wechſelſeitiger Aſſekuranz der Moralität der Herrſchaft und des Geſindes einem Spio⸗ niren im Inneren des Hauſes ähnlich ſah, welches nach einem großem Maßſtab organiſirt von den Schützlingen des Werks faſt ohne deren Wiſſen geübt würde. In der That ließ ſich die Angeberei, zu der man ſie unmerklich gewöhnte, kaum beſſer bemänteln. Die Oberin nahm dies Ja der Mayeux für entſchiedene Zuſtimmung und fuhr fort: „Wenn ich in dieſe Einzelheiten eingegangen bin, ſo ge⸗ ſchah es, damit Sie ſich nicht gebunden glauben, wider Wil⸗ . 65 len in einem Haus zu bleiben, wo Sie wider unſer Erwarten nicht ſtets ein exemplariſches Leben finden. So iſt zum Bei⸗ ſpiel das Haus der Frau von Brémont, in welches ich Sie bringen will, ein ganz gottſeliges Haus. Nur wird geſagt (und ich will es nicht glauben) daß die Tochter der Frau von Brömont, die Frau von Noiſy, welche ſeit einiger Zeit bei ihr wohnt, einen nicht ganz exemplariſchen Wandel führt, nicht pünktlich ihre Religionspflichten erfüllt und in Abweſenheit ihres Ge⸗ mahls, der in dieſem Augenblick in Amerika iſt, leider allzu⸗ häufig die Beſuche eines reichen Fabrikanten, des Herrn Hardy, empfängt. Bei Nennung des Namens von Agricola's Fabrikherrn machte die Mayeux unwillkürlich eine Gebärde der Ueberra⸗ ſchung und erröthete ein wenig. Die Mutter Sancta Per⸗ petna nahm dieſe Gebärde und dies Erröthen für einen Be⸗ weis ſchamhafter Empfinvlichkeit der Nätherin und fuhr fort? „Ich muß Ihnen das Alles ſagen, damit Sie auf Ihrer Hut ſind. Ich habe Ihnen darum ſelbſt Gerüchte mitgetheilt, die ich für ganz falſch halte, denn die Tochter der Frau von Brömont hat immer allzugute Beiſpiele vor Augen gehabt, um ſie je zu vergeſſen. Da Sie übrigens vom Morgen bis zum Abend im Haus ſeyn werden, ſo wird niemand beſſer als Sie im Stand ſeyn, zu erkennen, ob dieſe Gerüchte be⸗ gründet oder unbegründet ſind. Sollten ſie nach Ihrer Meinung begründet ſeyn, dann würden Sie mir alle Umſtände mittheilen, die Sie beſtimmen, es zu glauben, und ſollte ich Ihre Meinung theilen, daun würde ich Sie auf der Stelle aus dem Haus nehmen, weil die Frömmigkeit der Mutter nicht das ſchlimme Beiſpiel aufwiegen könnte, welches die Tochter Ihnen gäbe. Denn ſobald Sie an dem Werk Theil nehmen, bin ich verantwortlich für Ihr Seelenheil. Roch mehr: im Fall, daß Ihr verletztes Gefühl Sie nöthigte, aus dem Haus der Frau von Brémont auszutreten, würde das Werk, wofern es mit Ihrer Aufführung und Ihrem Eifer zufrieden wäre Ihnen täglich einen Franken geben, bis es Ihnen eine anderweitige Stelle verſchafft hätte. Sie ſehen, liebe Tochter, bei uns iſt reiner Gewinn. Wir ſind alſo einig, daß Sie übermorgen bei der rau von Brémont eintreten?“ Die Mayeux befand ſich in Verlegenheit. Bald hielt ſie 5 — ihren erſten Argwohn für beſtätigt und fühlte ſich trotz ihrer Schüchternheit empört darüber, daß man ſie, weil ſie im Elend war, fähig hielt, ſich für hohen Lohn als Spionin zu verkaufen. Bald wieder widerſtrebte es ihrem natürlichen Zartgefühl, zu glauben, daß eine Frau von dem Alter und dem Stand der Oberin ſich erniedrigen könnte, ihr einen Vor⸗ ſchlag zu machen, der eben ſo entehrend ſei für den, welcher ihn macht, wie für den, welcher ihn annimmt, — und ſie machte ſich ihren Argwohn zum Vorwurf. Konnte die Oberin nicht, bevor ſie ihr eine Beſchäftigung gab, ſie auf die Probe ſtellen wollen, um zu ſehen, ob ihr Geradſinn der Verſuchung eines glänzenden Anerbietens zu widerſtehen vermöchte? Sie war ſo ſehr geneigt, das Gute zu glauben, daß ſie bei der letzteren Anſicht ſtehen blieb. Die Aeußerung dieſer Anſicht war, im Fall ſie ſich täuſchte, die für die Oberin am wenig⸗ ſten verletzende Weiſe, ihr Anerbieten auszuſchlagen. Ohne Stolz, aber mit dem Ausdruck des Bewußtſeyns ihrer Würde erhob ſie das bisher demüthig geſenkte Haupt, ſah der Oberin in die Augen, damit dieſelbe auf ihrem Geſicht die Aufrichtigkeit ihrer Worte leſen könnte, und ſagte mit etwas bewegter timme: „Verehrte Frau, ich kann es Ihnen nicht zum Vor⸗ wurf machen, daß Sie mich einer ſolchen Prüfung unterwerfen. Sie ſehen, daß ich in großem Elend bin, und ich habe noch nichts gethan, wodurch ich Ihr Vertrauen hätte verdienen können. Aber glauben Sie mir, ſo arm ich auch bin, werde ich mich doch nie dazu erniedrigen, eine ſo verächtliche Hard⸗ lung zu begehen, wie Sie genöthigt ſind, mir vorzuſchlagen, um durch meine Weigerung Gewißheit zu erlangen, daß ich Ihrer Theilname würdig bin. Nein, verehrte Frau, nie und um keinen Preis wäre ich fähig, die Angeberin zu machen.“ Die Mayeux ſprach die letzten Worte mit ſolcher Erregung, daß eine leichte Röthe ihr Geſicht überzug. Die Oberin hatte zu viel Tact und Erfahrung, um nicht zu erkennen, daß die Worte des Mädchens aus dem Herzen kamen. Froh, daß dieſelbe ſo auf falſcher Fährte war, lächelte ſie ihr freund⸗ lich zu, ſtreckte die Arme gegen ſie aus und ſagte: „Gut, gut, liebe Tochter! Umarmen Sie mich.“ „Ach, ehrwürdige Mutter — — ich bin beſchämt von ſo viel Güte!“ ² „Ihre Worte beweiſen den vollkommenſten Geradſinn. Aber ſeyn Sie überzeugt, daß ich Sie keiner Prüfung unterworfen habe. Nichts gleicht weniger einer Angeberei, als die Be⸗ weiſe kindlichen Vertrauens, welche wir von unſeren Schutz⸗ befohlenen zur Bewahrung ihrer Sittlichkeit verlangen. Ge⸗ wiſſe Perſonen — und zu dieſen gehören Sie, liebe Tochter, wie ich ſehe — haben hinlänglich feſte Grundſätze und ge⸗ nugſamen Verſtand, um unſerer Aufſicht und unſerer Rath⸗ k ſchläge entbehren zu können, um ſelber zu ermeſſen, was ih⸗ rem Heile ſchaden kann Dieſe Verantwortlichkeit überlaſſe ich darum Ihnen gänzlich, und erwarte von Ihnen keine an⸗ dern Mittheilungen, als die zu machen Sie ſich von ſelbſt gedrungen fühlen.“ „Ach, verehrte Frau, welche Güte!“ ſagte die arme Mahyeur in der ſicheren Hoffnung, daß ſie auf ehrliche Weiſe einen billigen Lohn verdienen könnte. Sie hatte keine Vorſtellung von den tauſend Kunſigriffen und Schlangenwendungen des Kloſtergeiſtes. „Das iſt keine Güte, das iſt Gerechtigkeit, “ erwiederte die Mutter Saneta Perpetua immer im liebreichſten Ton. „Man kann nicht genug Vertrauen und Liebe zu frommen Wadchen, wie Sie, haben, welche die Armuth geläutert hat, — wenn man überhaupt ſo ſagen darf, da ſie ſtets das Geſetz des Herrn treulich beobachtet haben.“ „Theure Mutter!“ begann die Mayeux. „Noch eine letzte Frage, liebe Tochter,“ unterbrach die Oberin. „Wie oft monatlich gehen Sie zu Gottes Tiſch?“ „Verehrte Frau,“ antwortete das Mädchen, „ſeit meiner erſten Communion vor acht Jahren bin ich nicht dazu gegan⸗ gen. Ich muß jeden Tag und den ganzen Tag arbeiten, um mit genauer Noth meinen Lebensunterhalt zu verdienen. Es bleibt mir demnach keine Zeit für — —“ „Großer Gott!“ unterbrach die Oberin, mit allen Zeichen ſchmerzlicher Ueberraſchung die Hände zfenn „Wirklich? Sie practieiren nicht?“ Die Mayeux ſah die Oberin verlegen an und erwiederte: „Ach! verehrte Frau, wie ich Ihnen ſage, die Zeit fehlt mir dazu.“ Hie Mutter Sancta Perpetua ſchwieg einen Augenblick — und begann dann wieder mit betrübter Miene: „Liebe Toch⸗ ter, das iſt mir in der Seele leid. So wie wir unſere Schutzbefohlenen nur in fromme Häuſer bringen, ſo verlangt man von uns auch nur fromme Perſonen, die practiciren. Dies iſt eine unumgängliche Bedingung des Werks. Ich be⸗ daure alſo recht ſehr, daß es mir unmöglich iſt, Ihnen die von mir gehoffte Beſchäftigung zu verſchaffen. Wenn Sie indeß in Zukunft einer ſo großen Gleichgültigkeit gegen Ihre Religionspflichten entſagten, — — dann würden wir ſehen.“ Die Mayeux ſah ſich demnach genöthigt, auf eine ſchöne Hoffnung zu verzichten. Mit gebrochener Stimme ſagte ſie: „Frau Oberin, verzeihen Sie, daß ich Sie ſo lange für nichts aufgehalten habe.“ „Ich, liebe Tochter, bedaure von Herzen, daß ich nicht Ihren Anſchluß an das Werk zu Stande bringen kann. Aber ich gebe die Hoffnung nicht auf und den Wunſch, daß eine der Theilnahme ſo würdige Perſon eines Tags durch ihre Frömmigkeit die dauernde Unterſtützung religiöſer Perſonen verdienen möchte. Leben Sie wohl, liebe Tochter. Gehn Sie hin in Frieden, und Gott ſey Ihnen gnädig, bis Sie ganz zu ihm zurückgekommen ſind.“ Mit dieſen Worten ſtand die Oberin auf und führte die Mayeux in der ſanfteſten mütterlichen Weiſe nach der Thür. In dem Augenblick, wo das Mädchen die Schwelle überſchritt, ſagte ſie: „Gehen Sie bis zu Ende des Ganges und dann einige Stufen hinab. Klopfen Sie an der zweiten Thür rechts; das iſt die Geräthkammer. Dort werden Sie Flo⸗ rine finden, und dieſe wird Sie wieder mitnehmen. Leben Sie wohl, liebe Tochter“ Als die Mayeur ſich allein ſah, floſſen ihre bis jetzt zu⸗ rückgehaltenen Thränen reichlich. Um nicht mit verweinten Angen in der Geräthkammer vor Florinen und den Nonnen zu erſcheinen, blieb ſie einige Augenblicke an einem Fenſter des Ganges ſtehen. Zufällig fiel ihr Blick wieder auf das Fenſter des benachbarten Hauſes, an welchem ſie vorher das Fräulein von Cardoville zu erkennen geglaubt hatte. An dem Fenſter war niemand, aber aus der Thür trat Adriana heraus und ging raſch auf den Bretterverſchlag zu, welcher die beiden Gärten trennte. In demſelben Augenblick erſchien — ——— —— — — — — zum größten Erſtaunen der Mayeur Roſa Simon, eins der beiden Mädchen, deren Verſchwinden den alten Dagobert zur Verzweiflung gebracht hatte, bleich und niedergeſchlagen in dem Kloſtergarten und ging wankenden Schrittes, und als ob ſie fürchtete, bemerkt zu werden, auf den Bretterverſchlag zu, welcher ſie von Adriana von Cardoville trennte. Achtes Kapitel. Die Mayeur und das Fräulein von Cardoville. In lebhafter Gemüthsbewegung lehnte die Mayeur an einem Fenſter des Kloſters und folgte mit den Augen auf⸗ merkſam den Bewegungen des Fräuleins von Cardoville und der Roſa Simon, welche ſie ſo wenig an dieſem Ort beiſam⸗ men zu ſinden erwartet hatte. Die Waiſe trat dicht an den Verſchlag, welcher den Kloſtergarten von dem Garten des Hauſes des Doetor Baleinier trennte, und ſagte einige Worte zu Adrianen, deren Züge plötzlich den Ausdruck des Erſtau⸗ nens, Unwillens und Mitleids annahmen In dieſem Augen⸗ blick kam eine Nonne herbeigelaufen und ſah umher, als ſuchte ſie ängſtlich nach jemand. Als ſie Roſa bemerkte, welche ſich ſcheu an den Verſchlag drückte, eilte ſie zu ihr, faßte ſie beim Arm und ſchien ihr harte Vorwürfe zu machen. Das Fräu⸗ lein von Cardoville ſchien einige heftige Worte an die Nonne zu richten; dieſe aber, ohne ſich daran zu kehren, führte raſch die Waiſe hinweg, welche ſich weinend mehrmals nach Adria⸗ nen umwandte. Letztere gab ihr durch ausdrucksvolle Gebär⸗ den ihre Theilnahme zu erkennen und wandte ſich ſodann raſch um, als wollte ſie ihre Thränen verbergen. Der Gang, auf welchem während dieſes Auſftritts die Mayeur ſtand, befand ſich im erſten Stockwerk. Sie faßte den Entſchluß, ins Erdgeſchoß hinunter zu gehen, ſich in den Garten zu ſchleichen und mit dem ſchönen goldhaarigen Mäd⸗ chen zu ſprechen, um zu erfahren, ob dasſelbe wirklich das räulein von Cardoville ſey, und in dieſem Fall, und wofern ſey, 6 S — 1 — ſie einen lichten Augenblick hätte, ihr zu ſagen, daß Agricola ihr höchſt wichtige Mittheilungen zu machen hätte, aber nicht wüßte, wie er es anſtellen ſollte. Da es nicht weit von Son⸗ nenuntergang war und die Mayeux befürchtete, Florinen möchte die Zeit beim Warten auf ſie zu lang werden, ſo beſchloß ſie, ungeſäumt zu handeln. Aengſtlich horchend ſchlüpfte ſie ans Ende des Ganges nach einer kleinen Treppe, welche vier Stu⸗ fen hinab zur Geräthkammer und dann als enge Wendeltreppe ins Erdgeſchoß führte. Da ſie, am Ende des Ganges ange⸗ langt, Stimmen hörte, beeilte ſie ſich hinabzuſteigen und kam auf einen langen Gang, in deſſen Mitte ſich eine Glasthür in den der Oberin vorbehaltenen Theil des Gartens öffnete. Ein Baumgang, auf der einen Seite mit einer hohen Buchshecke eingefaßt, konnte ſie hier ſpähenden Blicken verbergen. Sie ſchlüpfte hinein und kam bis an den Verſchlag, der die beiden Gärten trennte. Einige Schritte von demſelben entfernt ſah ſie das Fräulein auf einer Bank ſitzen, den Kopf auf die Hand geſtützt. In der ſchrecklichen Nacht, wo ſie in das Irrenhaus gebracht worden war, war die Feſtigkeit Adrianens durch die Erſchöp⸗ fung, den Schrecken und die Verzweiflung erſchüttert worden, und Baleinier hatte mit teufliſcher Schlauheit ihren Zuſtand der Schwäche und Niedergeſchlagenheit benutzt, um ſie dahin zu bringen, daß ſie einen Augenblick an ſich ſelber zweifelte. Aber die Ruhe, welche nothwendig auf die heftigſten, ſchmerz⸗ lichſten Erſchütterungen folgt, das Nachdenken und die Ueber⸗ legung eines ſcharfen Verſtandes, beruhigten bald Adriana über die Beſorgniſſe, welche Doetor Baleinier ihr einen Au⸗ genblick einzuflößen gewußt hatte. Sie glaubte nicht einmal an einen Irrthum des gelehrten Doktors. Sie ſah klar in dem Benehmen dieſes Menſchen eine abſcheuliche Heuchelei und eine ſeltene Verwegenheit, der eine nicht minder ſeltene Geſchicklichkeit zu Hülfe kam. Zu ſpät erkannte ſie in Balei⸗ nier ein blindes Werkzeug der Fürſtin von St. Dizier. Von dieſem Augenblick an verſchloß ſie ſich in ein würdevolles, ruhiges Schweigen. Keine Klage, kein Vorwurf kam über ihre Lippen. Sie harrte. Obwohl man ihr ziemliche Freiheit ließ, ſich zu ergehen und zu beſchäftigen, (wobei man ihr freilich allen Verkehr nach Außen abſchnitt,) ſo war doch ihre Lage hart und drückend, da ſie eine harmoniſche, freundliche Umge⸗ bung liebte. Indeß ſie fühlte, daß dieſe Lage nicht lange dauern konnte. Zwar kannte ſie wenig die Geſetze; aber der geſunde Menſchenverſtand ſagte ihr, daß eine mehrtägige Einſperrung, bei welcher man ſich geſchickt auf den mehr oder minder glaud⸗ lichen Schein einer Geiſtesverwirrung berufen konnte, unge⸗ ſtraft verſucht werden konnte, jedoch ſo, daß dieſelbe ſich nicht über eine gewiſſe Zeit hinaus verlängerte, weil eben doch ein Mädchen ihres Standes nicht plötzlich aus der Welt ver⸗ ſchwinden konnte, ohne daß man nach einiger Zeit nach ihr fragte; wo dann ein vorgeblicher Anfall von Wahnſinn Ver⸗ anlaſſung zu ernſten Nachforſchungen gab. Dieſe Ueberzeu⸗ gung, mochte ſie nun richtig oder falſch ſeyn, hatte genügt, um Adrianens Gemüth ſeine gewohnte Spannkraft wieder⸗ zugeben. Zuweilen fragte ſie ſich nach der Urſache dieſer Einſperrung, aber vergebens. Sie kannte die Fürſtin von St. Dizier zu gut, als daß ſie hätte annehmen können, dieſelbe handle ohne einen beſtimmten Zweckoder etwa bloß, um ſie kurze Zeitzu quälen. Darin hatte ſie Recht. Der Abbé von Aigrigny und die Für⸗ ſtin glaubten, daß Adriana, genauer unterrichtet, als ſie ſchei⸗ nen wollte, wüßte, wie wichtig es für ſie ſey, ſich am 13. Februar in der St. Franeciscusſtraße einzufinden, und daß ſie entſchloſſen ſey, ihre Rechte geltend zu machen. Indem ſie das Fräulein einſperren ließen, zerſtörten ſie ihre Ausſichten. So meinten ſie. Aber der Grund zu ihrer Maßregel war irrig. Adriana war allerdings dem Familiengeheimniß, welches man ihr verbergen wollte, auf der Spur; aber in Ermanglung einiger verſteckten oder verlegten Urkunden hatte ſie es noch nicht ergründet. Adriana war empört über das gehäſſige Benehmen ihrer Feinde, deren Beweggrund ſie nicht enträthſelte. Niemand war weniger rachſüchtig, als dies edelmüthige Mädchen; aber wenn ſie an das dachte, was ihre Tante, der Marquis von Aigrigny und Doctor Baleinier ſie hatten erdulden laſſen, dann gelobte ſie ſich, zwar nicht Vergeltung, aber eine glänzende Genng⸗ thuung zu erlangen. Falls ihr dieſelbe verweigert würde, wollte ſie ohne Raſt und Ruhe dieſe tückiſchen, heuchleriſchen, grauſamen Menſchen bekämpfen und verfolgen, nicht aas Zorn über das, was ſie gelitten, ſondern um gleiche Qualen andern Opfern zu erſparen, die nicht, wie ſie, kämpfen und ſich ver⸗ theidigen könnten. Noch voll von dem ſchmerzlichen Eindruck, den die kurze Unterredung mit Roſa Simon auf ſie gemacht hatte, ſaß Adriana auf der Gartenbank, den linken Arm auf eine der Lehnen geſtützt und ihre Augen mit der Hand bedeckend. Sie hatte ihren Hut neben ſich hingelegt. Die Neigung ihres Kopfes ließ ihre Locken hervorfallen über ihre roſigen Wan⸗ gen. In dieſer vorwärts geneigten Haltung des Körpers, traten ihre ſchönen Formen anmuthig hervor unter einem Kleid von ſchmelzgrünem Mohr. Ein breiter mit einer Schleife von Roſaſatin befeſtigter Kragen und glatte Umſchläge von präch⸗ tiger Spitzenſtickerei verhinderten den allzugrellen Abſtich der Farbe ihres Kleides gegen ihren Schwanenhals und ihre ra⸗ faeliſchen Hände, die mit kaum merklichen blauen Adern durch⸗ zogen waren. Ueber ihre hohe und ſcharf abgegränzte Fußbiege ſchlangen ſich die ſchmalen Kreuzbänder eines kleinen ſchwarzen Satinſchuhes. Doctor Baleinier hatte ihr nämlich verſtattet, ſich nach ihrem gewohnten Geſchmack zu kleiden. Die Zier⸗ lichkeit war, wie früher bemerkt, bei Adrianen nicht eine Ge⸗ wohnheit der Gefallſucht, ſondern eine Pflicht gegen ſich ſelbſt, weil Gott ſie ſchön geſchaffen hatte. Beim Anblick dieſes Mädchens, deſſen Tracht und Haltung ſie ohne bittern Rückblick auf ihre eignen Lumpen und ihre Mißgeſtalt bewunderte, ſagte ſich die Mayeur ſogleich, es ſey ſonderbar, daß eine Wahnſinnige ſich ſo vernünftig und gefällig kleide. Ueberraſcht und gerührt ſchlich ſie nach dem Verſchlag, der ſie von Adrianen trennte. In der Meinung, daß die Unglückliche wirklich verrückt ſey, aber einen lichten Augenblick habe, ſagte ſie ſchüchtern und eben laut genug, um vyn Adrianen gehört zu werden: „Fräulein von Cardoville!“ „Wer ruft mir?“ fragte Adriana und drehte raſch den Kopf um. Als ſie die Mayeux gewahrte, konnte ſie einen ſchwachen Schrei der Ueberraſchung, faſt des Schreckens, nicht unterdrücken. Die plötzliche Erſcheinung des bleichen mißge⸗ ſtalteten, elend gekleideten Geſchöpfs mußte dem Anmuth und Schönheit liebenden Fräulein eine Art Widerwillen und Schrek⸗ — ken einflößen. Beide Gefühle verriethen ſich auf ihrem aus⸗ drucksvollen Geſicht. Die Maheux bemerkte nicht den Eindruck, welchen ſie her⸗ vorbrachte. Unbeweglich, mit ſtarrem Blick, in tiefer Be⸗ wunderung die Hände verſchlungen, betrachtete ſie die blen⸗ dende Schönheit Adriana's, die ſie durch das Gitterfenſter nur halb bemerkt hatte. Was ihr Agricola von den Reizen ſeiner Beſchützerin geſagt hatte, ſchien ihr weit hinter der Wirklich⸗ keit zurückzubleiben. Nie, ſelbſt nicht in ihren heimlichen Dich⸗ terphantaſien, hatte ſie von einer ſolchen Schönheit geträumt. Seltſam genug waren beide ſo unähnliche Mädchen, die ſchöne und reiche ſowohl wie die häßliche und arme, begeiſterte Ver⸗ ehrerinnen des Ideals der Schönheit. Nachdem die Mayeur dieſem Ideal in der Perſon Adrianens einen Augenblick der Bewunderung gewidmet, trat ſie einen Schritt näher an den Verſchlag. „Was wollen Sie?“ rief Adriana aufſtehend mit einem Ge⸗ fühl von Widerwillen, welches der Gefragten nicht entgehen konnte Die Mayeux ſchlug die Augen nieder und erwiederte: „Verzeihen Sie, daß ich ſo vor Ihnen erſcheine. Aber die Angenblicke ſind koſtbar. Ich komme im Auftrag Agricvla's.“ Bei den letzten Worten ſah ſie mit Beſorgniß auf, denn ſie fürchtete, das Fräulein möchte den Namen des Schmiedes vergeſſen haben. Aber zu ihrer großen Verwunderung und zu ihrer noch größeren Freude ſchien der Schrecken Adriana's bei dem Namen Agricola ſich zu vermindern. Das Fräulein trat näher an den Verſchlag, betrachtete mit wohlwollender Neugier die Mayeux und ſagte: „Sie kommen im Auftrag des Herrn Agricola Baudoin? Und wer ſind Sie?“ „Seine Adoptivſchweſter, Fräulein, ein armes Nähmädchen, das in ſeinem Hauſe wohnt.“ Adriana ſchien ſich zu beſinnen und ſich völlig zu beruhigen. Nach einer Pauſe fragte ſie freundlich lächelnd: „Nicht wahr, Sie haben den Herrn Bau⸗ doin bewogen, ſich wegen ſeiner Caution an mich zu wenden?“ „Wie, Fräulein? — — Sie erinnern ſich? — — „Ich vergeſſe nie etwas, was edel iſt. Herr Baudvin hat mir mit Rührung von Ihrer Hingebung für ihn geſprochen. Ich erinnere mich — — natürlich — — Aber wie kommen Sie hieher in dies Kloſter?“ * „Man hat mir geſagt, ich könnte hier vielleicht Beſchäf⸗ tigung finden, denn ich bin jetzt eben ohne Arbeit. Leider bin ich von der Oberin zurückgewieſen worden.“ „Und wie haben Sie mich erkannt?“ „An Ihrer großen Schönheit, Fräulein, von der Agricola mir geſprochen hatte.“ „Haben Sie mich nicht vielmehr — — hieran erkannt?“ fragte Adriana, indem ſie lächelnd eine ihrer Locken zwiſchen die Finger nahm. . „Sie müſſen dem Agricola verzeihen, Fräulein,“ entgeg⸗ nete die Mayeux mit dem halben Lächeln, welches ſelten ge⸗ nug auf ihre Lippen kam. „Er iſt ein Dichter, und indem er mir mit achtungsvoller Bewunderung das Bild ſeiner Be⸗ ſchützerin entwarf, hat er keinen ihrer ſeltnen Vorzüge ver⸗ geſſen.“ „Und was hat Sie auf den Gedanken gebracht, zu mir zu kommen, um mit mir zu ſprechen?“ „Die Hoffnung, Ihnen nützlich ſeyn zu können, Fräulein. Sie haben Agricola ſo gütig aufgenommen, daß ich gewagt habe, ſeine Dankbarkeit zu theilen.“ „Wagen Sie es nur, liebes Kind,“ ſagte Adriana mit un⸗ beſchreiblicher Liebenswürdigkeit. „Meine Belohnung ſoll zwie⸗ fach ſeyn, — wiewohl ich bis jetzt nur auf den Wunſch be⸗ ſchränkt geblieben bin, Ihrem wackeren Adoptivbruder nützlich zu ſeyn.“ Während dieſes Geſprächs hatten Adriana und die Maykur ſich einander mit ſteigender Verwunderung betrachtet. Die Mayeux begriff nicht, wie eine für verrückt geltende Perſon ſich ausdrücken konnte, wie Adriana; und dann wunderte ſie ſich über ihre eigne Ungezwungenheit oder vielmehr über die Ar⸗ tigkei', mit welcher ſie die Fragen des Fräuleins erwiederte. Sie wußte nicht, daß dieſe die Gabe edler Herzen beſaß, Alles, was ſich ihnen freundlich nähert, zu ſich zu erheben. Adriana von Cardoville ihrerſeits war gerührt und erſtaunt, das wie eine Bettlerin gekleidete Mädchen ſich in paſſend ge⸗ wählten Worten ausdrücken zu hören. Je mehr ſie die Mayeux betrachtete, deſto mehr verſchwand der unangenehme Eindruck, den dieſe auf ſie hervorgebracht hatte, und machte dem entgegengeſetzten Gefühle Platz. Mit jenem den Frauen — — — — . eignen Tact ſchneller und genauer Beobachtung, bemerkte ſie 5 unter der ſchlechten ſchwarzen Florhaube der Mayeur ein wohlgekämmtes, glänzendes kaſtanienbraunes Haar. Und fer⸗ ner bemerkte ſie, daß ihre langen, mageren, weißen Hände, ob⸗ wohl aus den Aermeln eines zerlumpten Kleides hervorſehend, vollkommen rein waren — ein Beweis, daß Sauberkeit und Selbſtachtung gegen ein ſchreckliches Elend wenigſtens an⸗ kämpften. Endlich fand Adriana in den bleichen, ſchwermü⸗ thigen Zügen der Nätherin, in dem Ausdruck von Sanftmuth, Verſtand und Scheu in ihren blauen Augen etwas Anziehen⸗ des und eine gewiſſe beſcheidene Würde, die ihre Mißgeſtalt 4 vergeſſen ließ. Sie liebte leidenſchaftlich die körperliche Schönheit; aber ihr Sinn war zu klar, ihr Herz zu gefühl⸗ voll, als daß ſie nicht die ſittliche Schönheit hätte ſchätzen können, welche oft auf einem unſcheinbaren leidenden Antlitze ſtrahlt. Indeß dieſe Schätzung war etwas neues für ſie. Bisher hatten ihre Lebensverhältniſſe ſie von Perſonen wie die Mayeux fern gehalten. Nach einem Augenblick des Schweigens, während deſſen beide ſich mit ſteigender Verwunderung betrachtet hatten, fuhr Adriana fort: „Die Urſache unſeres beiderſeitigen Erſtaunens iſt, glaub' ich, leicht zu errathen. Sie finden gewiß, daß ich für eine Wahnſinnige ziemlich vernünftig ſpreche, wenn man Ihnen nämlich geſagt hat, ich ſey verrückt. Und ich finde, daß das feine Gefühl, welches ſich in Ihrer Sprache und Ihrem Benehmen äußert, einen ſo traurigen Gegenſatz zu der Lage bildet, in welcher Sie zu ſeyn ſcheinen, daß meine Ueberraſchung die Ihrige übertreffen muß.“ „O, Fräulein!“ rief die Mayeux mit Freudenthränen in den Augen, „man hatte mich alſo getäuſcht! Wirklich konnte ich auch vorhin ſchon, als ich Sie ſo ſchön und wohlwollend fand, als ich Ihre ſanfte Stimme hörte, nicht glauben, daß ein ſolches Unglück Sie betroffen hätte. Aber, ach! wie kymmt es, daß Sie hier ſind?“ „Armes Kind,“ antwortete Adriana, „gerührt über die Theilnahme des trefflichen Mädchens, und wie kommt es, daß Sie mit ſo viel Geiſt und Herz ſo unglücklich ſind? Aber beruhigen Sie ſich. Ich werde nicht ewig hier bleiben, das heißt, wir beide werden bald die Stelle einnehmen, welche 3 5 1 8 * — 80 — uns gebührt. Nie werde ich vergeſſen, daß Sie, obwohl von dem traurigen Gedanken der Arbeitsloſigkeit eingenommen, zu mir gekommen ſind, um mir nützlich zu ſeyn. Sie können mir wirklich große Dienſte leiſten. Das iſt mir lieb, weil ich dann ſehr Ihre Schuldnerin werde. Sie ſollen ſehen, wie ich meine Dankbarkeit mißbrauchen werde. — Aber vor uns wollen wir an Andere denken. Sitzt Ihr Adoptivbruder nicht im Gefängniß?“ „Jetzt, Fräulein, wohl nicht mehr. Dank der edlen Frei⸗ gebigkeit eines ſeiner Kameraden konnte ſein Vater geſtern eine Caution anbieten und hat das Verſprechen erhalten, daß er heute frei ſeyn ſollte Aber aus dem Gefängniß hat er mir geſchrieben, daß er Ihnen die wichtigſten Dinge zu offen⸗ baren hätte.“ „Mir?“ fragte Adriana erſtaunt. „Ja, Fräulein. Agricola wird hoſſentlich heute frei ſeyn. Wie kann er Ihnen die Mittheilung machen?“ „Er hat mir etwas zu offenbaren?“ wiederholte das Fräu⸗ lein von Cardoville verwundert und nachdenklich. Ich rathe vergebens, was das ſeyn mag. Aber ſo lange ich in dieſem Haus eingeſperrt und von aller Verbindung mit der Außen⸗ welt abgeſchnitten b'n, kann Herr Bandoin nicht daran denken, ſich direkt oder indirekt an mich zu wenden. Er muß alſo warten, bis ich aus dieſem Haus bin. Aber er muß auch aus dieſem Kloſter zwei arme Kinder befreien, die viel mehr zu beklagen ſind als ich. Die Töchter des Marſchalls Simon werden hier feſtgehalten.“ „Sie wiſſen ihren Namen, Fräulein?“ „Herr Agricola Baudoin hat mich von ihrer Ankunft in Paris unterrichtet und mir geſagt, daß ſie fünfzehn Jahr ait und einander merkwürdig ähnlich ſeyen. Als ich nun vor⸗ geſtern meinen gewöhnlichen Spaziergang machte, bemerkte ich zwei verweinte Geſichtchen, welche ſich von Zeit zu Zeit an die Fenſter ihrer abgeſonderten Zellen drückten, die eine gleicher Erde, die andere im erſten Stock. Eine Ahnung ſagte mir, daß dies die Waiſen ſeyen, von denen Herr Baudoin mir geſprochen und die mir lebhafte Theilname einflößten, weil ſie meine Verwandten ſind.“ „Ihre Verwandten, Fräulein?“ 1 Vendömeplatz No. 7.“ 88— iiꝛitti — „Allerdings. Da ich nichts weiter thun konnte, ſo ſuchte ich ihnen durch Zeichen zu verſtehen zu geben, wie ſehr ihr Schickſal mich rührte. Ihre Thränen, der Schmerz auf ihren lieblichen Geſichtern ſagten mir, daß ſie in dem Kloſter ge⸗ fangen ſeyen, wie ich in dieſem Irrenhaus.“ „Ah! ich verſtehe, Fräulein, — — vielleicht als Opfer des Zorns Ihrer Familie?“ „Welches auch mein Schickſal ſey, ich bin weniger zu be⸗ klagen, als dieſe beiden Kinder. Ihre Verzweiflung iſt beun⸗ ruhigend. Ihre Trennung beſonders iſt drückend für ſie. Aus den wenigen Worten, welche die eine mir vorhin geſagt hat, ſehe ich, daß ſie wie ich, das Opfer gehäſſiger Ränke ſind. Aber mit Ihrer Hülfe wird es möglich ſehn, ſie zu retten. Seitdem ich in dieſem Hauſe bin, iſt mir wie geſagt, jede Verbindung mit der Außenwelt abgeſchnitten. Man hat mir weder Feder noch Papier gelaſſen; ich kann alſo nicht ſchreiben. Wenn Sie mich aber jetzt aufmerkſam anhören, ſo können wir gegen eine gehäſſige Verfolgung ankämpfen.“ „O, ſprechen Sie, Fräulein!“ „Der Soldat, welcher die Waiſen nach Paris gebracht hat, der Vater des jungen Herrn Baudvin, iſt hier?“ „Ja, Fräulein. O, wenn⸗ Sie ſeine Verzweiflung, ſeine Wuth geſehen hätten, als er bei ſeiner Rückkunft die Kinder hr fand, welche eine ſterbende Mutter ihm anvertraut atte!“ „Vor allen Dingen muß er ſich hüten, mit der geringſten Heftigkeit zu verfahren, denn ſonſt wäre Alles verloren.“ Adriana zog einen Ring vom Finger und fuhr fort: „Neh⸗ men Sie dieſen Ring, geben Sie ihn dem Vater Agricola's und ſagen ihm, er ſoll auf der Stelle — — — Aber ſind Sie auch ſicher, daß Sie einen Namen und eine Wohnung behalten?“. „Gewiß, Fräulein. Seyn Sie unbeſorgt, Agricola hat mir Ihren Namen ein einziges Mal genannt und ich habe ihn nicht vergeſſen. Das Herz hat ſein Gedächtniß.“ „Das ſeh' ich, liebes Kind. Behalten Sie alſo den Na⸗ men, Graf von Montbron.“ „Graf von Montbron — ich werde ihn nicht vergeſſen.“ „Er iſt einer meiner alten Freunde. Er wohnt auf dem 6 — 5— „Vendömeplatz, No. 7. Ich werde es behalten.“ „Der alte Herr Baudvin ſoll dieſen Abend zu ihm gehen. Findet er ihn nicht zu Hauſe, ſo ſoll er warten, bis er kommt. Dann ſoll er verlangen, ihn in meinem Namen zu ſprechen, und zum Beweis, daß er in meinem Auftrag kommt, ihm dieſen Ring überreichen laſſen. Iſt er dann bei ihm, ſo ſoll er ihm die Entführung der Mädchen erzählen, ihm das Kloſter hier bezeichnen und hinzufügen, daß ich ſelber als an⸗ geblich wahnſinnig im Krankenhaus des Doctor Baleinier ein⸗ geſperrt bin. Die Wahrheit hat einen Ausdruck, den Herr von Montbron erkennen wird. Er iſt ein ſehr erfahrner ver⸗ ſtändiger Mann von großem Einfluß. Er wird augenblicklich die nöthigen Schritte thun, und morgen oder übermorgen wer⸗ den dieſe armen Waiſen und ich frei ſeyn, was wir Ihnen zu verdanken haben werden. Aber die Augenblicke ſind koſt⸗ bar. Man könnte uns überraſchen. Eilen Sie, liebes Kind! — Ihr Bruder Agricola hat mir geſagt, daß mein Herz ſo gut wäre, wie das Ihrige. Ich begreife jetzt, wie ehrenvoll und ſchmeichelhaft dieſe Worte für mich ſind. Ge⸗ ben Sie Wir die Hand!“ ſagte Adriana, indem ſie mit Thrä⸗ in den Augen ihre Hand zwiſchen zwei Brettern durch⸗ eckte. Worte und Gebärde des ſchönen Fräulein trugen ein ſol⸗ ches Gepräge von Aufrichtigkeit, daß die Mayeux ohne Zie⸗ rerei ihre abgemagerte Hand in die vollkommne Adriana's legte. Dieſe drückte ſie an ihre Lippen und ſagte: „Da ich Sie, meine Retterin, nicht als Schweſter umarmen kann, ſo will ich wenigſtens dieſe durch die Arbeit verherrlichte Hand küſſen.“ „In dieſem Augenblick ließen ſich Tritte im Garten des Doe⸗ tor Baleinier vernehmen. Adriang richtete ſich raſch empor und verſchwand hinter einem Tannengebüſch, indem ſie der Mayeur zuflüſterte: Muth, Erinnerung — und Hoffnung!“ Dies war das Werk eines Augenblicks. Thränen ſanfter Rührung floſſen über die blaſſen Wangen der Mayeux. Daß ein Mädchen wie Adriana von Cardoville ſie als Schweſter behandelt, ihr die Hand geküßt und erklärt hatte, ſtolz darauf zu ſeyn, ihr an Herz zu gleichen, ihr, einem im tiefſten Elend ſchmachtenden Geſchöpf, dies war eine Aeußerung des wahrhaft — — 83 — evangeliſchen Gefühls brüderlicher Gleichheit, die ihr nicht anders als wohl thun konnte. Es gibt Worte und Eindrücke, bei welchen eine edle Seele jahrelange Leiden vergißt, indem dieſelben, einem Blitzſtrahl gleich, ihren eignen Werth ihr offenbaren. In Folge der liebreichen Worte Adriana's hatte die Mayeur einen Augenblick das Bewußtſeyn ihres Werthes, und obwohl dies Bewußtſeyn nur eine vorübergehende Wonne war, faltete ſie doch die Hände und blickte dankend gen Himmel. Wenn ſie auch, um den Ausdruck der ultra⸗ montanen Sprache zu gebrauchen, nicht practieirte, ſo war ſie doch ſo ſehr wie irgend jemand von wahrer Gottſeligkeit erfüllt, welche ſich zum Dogma verhält, wie die Unendlichkeit des geſtirnten Himmels zum Deckengewölb einer Kirche. Wenige Minuten nach ihrer Trennung von Adriana befand ſich die Mayeux wieder in erſten Stockwerk des Kloſters und klopfte an die Thür der Geräthkammer. Eine Schweſter öff⸗ nete ihr. „Iſt Mamſell Florine, die mich hieher geführt hat, nicht da?“ fragte ſie „Sie hat nicht auf Sie warten können,“ erwiederte die Schweſter. „Nicht wahr, Sie kommen von der Frau Oberin?“ „Ja — ja,“ antwortete die Mahyeux, die Augen nieder⸗ ſchlagend. „Wollten Sie ſo gut ſeyn, mir zu ſagen, wo ich hinaus komme?“ „Kommen Sie mit mir,“ ſagte die Perſon. Die Mayeur folgte ihr, bei jedem Schritt zitternd vor Furcht, dgß die Oberin ihr begegnen und erſtaunt nach der Urſache ihres langen Verweilens im Kloſter fragen möchte. Endlich ſchloß ſich die Thür des kleinen Hofs hinter ihr. Sie eilte durch den großen Hof nach dem Stübchen des Thürhüters und hörte dort wie eine rauhe Stimme ſagte: „Alter Hieronymus, es ſcheint, wir müſſen heute Nacht doppelt wachſam ſeyn. Die Frau Oberin hat befohlen, zwei Runden zu machen, ſtatt einer. Ich lade zwei Kugeln mehr in mein Gewehr.“ — „Ich brauche keine Flinte, Niklas,“ erwiederte eine andere Stimme. „Ich habe meine Hippe ſcharf und ſpitz geſchliffen und verkehrt in den Stiel eingeſtoßen. Das iſt eine Gärt⸗ nerwaffe und nicht übel.“ Beunruhigt durch dieſe Worte, trat die Mayeur an das Stübchen des Hausmeiſters und bat um Oeffnung des Thors⸗ ⸗ S 6* * — — „Woher kommt die Mamſell?“ fragte der Hüter, mit einer Doppelflinte in der Hand auf die Schwelle tretend und das arme Geſchöpf argwöhniſch betrachtend. Ich komme von der Frau Oberin,“ antwortete die Mayeux ſchüchtern. „Wirklich?“ entgegnete Niklas grob. „Sie ſieht mir aus Wein ſchlechter Kunde. — Meinetwegen. Nur ſchnell hin⸗ aus!“ Das Hofthor öffnete ſich und die Nätherin ging hinaus. Kaum war ſie einige Schritt weit auf der Straße gegangen, als ſie zu ihrer großen Verwunderung Freudenſtörer auf ſich zulaufen ſah und hinter ihm in einiger Entfernung Dagobert erblickte, der mit ſchnellen Schritten herankam. Sie ging ihm entgegen, als eine volltönende Stimme hinter ihr rief: „Ei, gute Mayeur!“ Sie wandte ſich um und ſah von der andern Seite Agri⸗ cvla herbeieilen. ⸗ Neuntes Kapitel. Die Begegnung. Beim Anblick Dagobert's und Agricola's blieb die Mayeur überraſcht ſtehen. Dagobert bemerkte ſie noch nicht. Er kam raſch heran hinter Freudenſtörer, welcher, nachdem er die Maheux begrüßt, wieder zu ihm geſprungen war und, vor Vergnügen wedelnd, wiederholt den Kopf nach ſeinem Herrn umdrehte. Das arme Thier war ſehr mager, ſtruppig und beſchmutzt. „Ja, ich verſtehe dich, armer, alter Kerl!“ ſagte der Soldat gerührt. „Du biſt treuer, als ich. Du haſt meine lieben Kinder keine Minute verlaſſen. Du biſt ihnen gefolgt, haſt Tag und Nacht, ohne zu freſſen, gewartet an der Thür des Hauſes, in welches man ſie geführt hatte, und endlich, da du ſie noch immer nicht herauskommen ſahſt, biſt Du nach Haus gelaufen, mich zu holen. Während ich verzweifelte, wie ein Narr, haſt du gethan, was ich hätte thun ſollen, ihren Aufenthalt entdeckt. Die Thiere ſind beſſer, als die Men⸗ ſchen. Endlich ſoll ich ſie wiederſehen. Wenn ich daran denke, daß morgen der dreizehnte iſt, und daß ohne dich, Alter, Alles verloren geweſen wäre, dann überläuft mich's kalt. Sind wir bald zur Stelle? Welche öde Gegend! Und es wird Nacht.“ Dagobert hatte im Gehen, und indem er die Augen auf ſeinen wackeren Hund heftete, dieſe Rede an Freudenſtörer gehalten. Plötzlich bemerkte er, daß das treue Thier aber⸗ mals ſchnell vorausſprang. Er blickte auf und ſah, wie Freu⸗ denſtörer der Mayeur und dem Agricola, welche einige Schritte von dem Kloſter zuſammengetroffen waren, ſeine Freude be⸗ zeugte. „Die Mayeur!“ riefen Vater und Sohn gleichzeitig, indem ſie verwundert zu ihr herantraten. „Gute Hoffnung, Herr Baudoin!“ erwiederte ſie mit un⸗ ausſprechlicher Freude. „Roſa und Blanca ſind gefunden. — Gute Hoffnung, Agricvla! Das Fräulein von Cardoville iſt nicht wahnſinnig. Ich habe ſie eben geſehen.“ „Die Kinder?“ rief Dagobert, die zitternden Hände der Mayeur ergreifend. „Sie haben ſie geſehen?“ „Ja, ſo eben — ſehr betrübt; — aber ich habe nicht mit ihnen ſprechen können.“ „O!“ rief Dagobert und hielt inne, von Rührung über⸗ wältigt und beide Hände auf die Bruſt legend. „Ich hätte nicht gedacht, daß mein altes Herz ſo ſtark klopfen könnte. — Und doch war ich halb und halb darauf gefaßt, nach dem, was mein Hund mir zu verſtehen gegeben. Mir ſchwindelt vor Freude!“ „Vater, Du ſiehſt, wir haben heute einen guten Tag,“ ſagte Agricola mit einem Blick des Danks auf die Mayeux. „Küſſen Sie mich, liebe Tochter,“ rief der Soldat, die Mayeux gerührt an ſein Herz drückend. „Aber jetzt geſchwind, daß wir die Kinder holen!“ „Liebe Mayeur,“ ſagte Agricvla, „Du gibſt meinem Vater die Ruhe, vielleicht das Leben wieder. Und das Fräulein von Cardoville? — — Woher weißt Du?“ — — „Ein glücklicher Zufall,“ antwortete das Mädchen. „Und wie kommſt Du hieher?“ „Freudenſtörer bleibt ſtehen und bellt,“ rief Dagobert, der einige Schritt fortgegangen war. Der Hund, eben ſo unge⸗ duldig wie ſein Herr, die Waiſen wiederzuſehen, aber beſſer als er ihren Aufenthalt kennend, hatte ſich an das Thor des Kloſters Zeſtellt und bellte dort, um die Aufmerkſamkeit Da⸗ gobert's zu erwecken. Dieſer verſtand ſeinen Hund und ſagte, auf das Kloſter deutend, zur Mayeux: „Die Kinder ſind hier?“ „Ja, Herr Baudvin,“ antwortete das Mädchen. „Ich habe nicht daran gezweifelt. Guter Hund! Ja, die Thiere ſind beſſer, als die Menſchen, ausgenommen Sie, gute Mayeux; Sie ſind beſſer als Menſchen und Thiere. Endlich ſoll ich die armen Kleinen ſehen, wiederhaben!“ Bei dieſen Worten lief der alte Dagobert dem Hunde nach. „Agricola“ rief die Mayeur, „hindere Deinen Vater, an dem Thor zu klopfen. Er würde Alles verderben“ In zwei Sprüngen war Agricola bei ſeinem Vater, welcher eben den Thorklopfer ergreifen wollte, faßte ſeinen Arm und rief ihm zu: „Vater, klopfe nicht!“ „Was Teufel ſagſt Du da 2“ fragte ver Alte. „Die Mayeux ſagt, wenn Du klopfteſt, würdeſt Du Alles verderben.“ „Wie ſo?“ „Die Mayeux wird Dir's erklären.“ Die Mayeux kam herbei und ſagte: „Herr Baudvin, laſſen Sie uns nicht vor dieſem Thore ſtehen bleiben. Es könnte aufgemacht werden, man könnte uns ſehen, und das könnte Verdacht erwecken. Laſſen Sie uns lieber längs der Mauer hingehen.“ Verdacht!“ wiederholte Dagobert verwundert. „Welchen Verdacht?“ „Ich bitte Sie um Gotteswillen, bleiben Sie nicht da!“ bat die Mayeur dringend. „Vater,“ ſagte Agricola, „die Mayeur muß ibre Gründe haben ſo zu ſprechen Wir wollen ſie anhören. Hier in der Nähe iſt der Boulevard de ['Hoͤpital, wo kein Menſch geht, dort können wir ungeſtört ſprechen“ „Der Teufel ſoll mich holen, wenn ich verſtehe, was Ihr wollt,“ rief Dagobert. „Die Kinder ſind da; ich hole ſie; das iſt in zehn Miuuten geſchehen.“ — 8 6 3 „Glauben Sie das nicht, Herr Baudvin,“ ſagte die Mayeux. „Es iſt ſchwerer, als Sie meinen. Kommen Sie, kommen Sie. Hören Sie? es wird im Hof geſprochen.“ Man hörte wirklich laute Stimmen im Hof. „Komm, komm, Vater!“ ſagte Agricvla und zog den zögernden Alten mit ſich fort. Freudenſtörer ſchien ſich über dieſe Zögerung zu wundern und bellte ein paar Mal, gleichſam um gegen den erniedrigenden Rückzug zu proteſtiren. Auf einen Ruf Dagobert's ſchloß er ſich dem Haupttrupp wieder an. * Es war etwa fünf Uhr Abends. Der Wind wehte heftig und peitſchte graue Regenwolken am Himmel hin. Der Bou⸗ levard de l'Höpital, welcher hier den Kloſtergarten begränzte, war faſt gar nicht beſucht. Dagobert, Agricola und die Mayeux konnten alſo hier ungeſtört rathſchlagen. Der alte Soldat verhehlte nicht ſeine Ungeduld über die Umſtände, welche gemacht wurden. Kaum war er um die Ecke herum, ſo ſagte er zur Mageux: „Nun, liebes Kind, erklären Sie ſich. Ich ſtehe auf glühenden Kohlen.“ „Herr Baudvin,“ begann die Nätherin, „das Haus, in welchem die Töchter des Marſchalls Simon eingeſchloſſen ſind, iſt ein Kloſter.“ „Ein Kloſter!“ unterbrach Dagobert. „Das hätte ich gleich vermuthen ſollen. Nun, weiter? — Ich hole ſie aus dem Kloſter, wie aus einem andern Haus. Ein Mal iſt kein Mal.“ „Aber die Mädchen ſind dort wider ihren Willen einge⸗ ſchloſſen und wider den Ihrigen, Herr Baudoin. Man wird . ſie Ihnen nicht herausgeben.“ „Man wird mir ſie nicht herausgeben? Schwerenoth, das wollen wir ſehen!“ „Vater!“ rief Agricola, den Alten zurückhaltend, der einen Schritt nach der Straße machte. „Höre die Mayeux an.“ „Ich höre nichts an!“ rief der Alte ungeduldig. „Die Kin⸗ der ſind dort, zwei Schritt von mir, ich weiß es, und ich ſollte ſie nicht augenblicklich in Güte oder mit Gewalt herausbe⸗ kommen? Ei, das wäre merkwürdig. Laß mich gehen!“ „Herr Baudvin,“ ſagte die Mayeux, die andere Hand Da⸗ gobert's faſſend, „ich bitte Sie flehentlich, hörzn Sie mich an. Es gibt ein anderes Mittel, die armen Kinder herauszube⸗ kommen und zwar ohne Gewalt. Das Fräulein von Cardv⸗ ville hat mir geſagt, Gewalt würde Alles verderben.“ „Wenn es ein anderes Mittel gibt, dann gut. Geſchwind! laſſen Sie hören!“ „Hier iſt ein Ring vom Fräulein von Cardoville.“ „Fräulein von Cardoville? Wer iſt das?“ fragte Dagobert. „Vater, das iſt die edelmüthige Perſon, welche Caution für mich leiſten wollte, und der ich ſo wichtige Sachen mitzuthei⸗ len habe.“ „Gut, gut! Davon ſpäter. Nun, liebe Mayeux, und die⸗ ſer Ring?“ „Sie ſollen ihn nehmen, Herr Baudoin, und augenblicklich zu dem Grafen von Montbron auf dem Vendömeplatz Nr. 7 gehen. Dies iſt, wie es ſcheint, ein mächtiger Mann Er iſt ein Freund des Fräuleins von Cardoville. Dieſer Ring wird ihm beweiſen, daß Sie in ihrem Auftrag kommen. Sie ſollen ihm ſagen, daß ſie als wahnſinnig in einem Krankenhaus neben dem Kloſter eingeſperrt iſt, und daß in dieſem Kloſter die Töchter des Generals Simon eingeſperrt ſind.“ „Gut! Weiter!“ „Alsdann wird der Graf von Montbron bei hochgeſtellten Perſonen die nöthigen Schritte thun, um das Fräulein von Cardoville und die Töchter des Generals Simon in Freiheit zu ſetzen; und vielleicht morgen oder übermorgen — —“ „Morgen oder übermorgen? vielleicht?“ unterbrach Dago⸗ bert. „Heute, den Augenblick muß ich ſie haben. Uebermor⸗ gen! und auch noch vielleicht! Das wäre Zeit! Ich danke Ihnen, liebes Kind. Aber behalten Sie Ihren Ring. Ich will meine Geſchäfte ſelber verrichten. Warte hier auf mich, Agricola.“ „Vater! was willſt Du thun?“ rief Agricola, ſeinen Vater abermals zurückhaltend. „Es iſt ein Kloſter bedenke!“ „Du biſt ein Rekrut. Ich habe die ſtertheorie am Schnürchen. In Spanien hab' ich ſie hundertmal practicirt. Gib acht. Ich klopfe, eine Schließerin öffnet; ſie fragt mich, was ich will, ich antworte nicht; ſie will mich zurückhalten, ich gehe weiter; wenn ich im Kloſter bin, laufe ich Trepp' auf Trepp' ab und rufe aus Leibeskräften nach meinen Kin⸗ ern.“ — 89 — „Aber die Nonnen,“ begann die Mayeur, ebenfalls den Soldaten zurückhaltend. „Die Nonnen,“ fuhr Dagobert fort, „laufen mir nach und ſchreien wie Elſtern, die aus ihrem Neſt gejagt ſind. Ich kenne das. Zu Sevilla habe ich auf dieſe Art eine An⸗ daluſerin herausgefiſcht, welche Beguinen mit Gewalt zurück⸗ hielten. Ich laſſe ſie ſchreien, laufe im Kloſter herum, und rufe: Roſa! Blanca! Sie hören mich und antworten mir. Sind ſie eingeſchloſſen, ſo nehme ich, was mir vor die Hand kommt, und ſchlage die Thür ein.“ „Aber, Herr Baudoin, die Nonnen! die Nonnen!“ „Die Nonnen hindern mich mit ihrem Geſchrei nicht, die Thür einzuſtoßen, meine Kinder zu nehmen und fortzuſpazie⸗ ren. Iſt unterdeſſen die äußere Thür verſchloſſen, ſo wird dieſe ebenfalls eingeſtoßen. Alſo wartet hier auf mich. In zehn Minuten bin ich wieder da. Hole einſtweilen eine Droſchke, Agricola.“ Bei den letzten Worten machte Dagobert ſich von der Mayeux los. Agricola, beſonnener und im Strafgeſetzbuch bewanderter, als ſein Vater, dachte mit Schrecken an die Fol⸗ gen eines ſolchen Verfahrens, warf ſich dem Alten in den Weg und rief: „Ich bitte Dich, noch ein Wort!“ „Zum Teufel!“ Mach's kurz!“ „Wenn Du mit Gewalt in das Kloſter eindringſt, verdirbſt Du Alles.“ „Wie ſo?“ „Herr Baudvin,“ nahm die Mayeur das Wort, „erſtlich ſind Männer in dem Kloſter. Eben, als ich herausging, hab' ich geſehen, wie der Portier ſein Gewehr lud, und der Gärt⸗ ner ſprach von einer geſchliffenen Hippe und ron Runden, die ſie in der Nacht machten.“ „Eine Portiexflinte und eine Gärtnerhippe ſind mir zum Lachen.“ „Das mag ſeyn, Vater,“ fuhr Agricola fort. „Höre mich einen Augenblick an. Du klopfſt? nicht wahr? Die Thür geht auf und der Portier fragt, was Du willſt“ „Und ich antworte: ich will mit der Oberin ſprechen, — und ſpaziere ins Kloſter.“ „Aber,“ fiel die Mayeur ein, „wenn Sie durch den erſten 90 — Hof hindurch ſind, kommen Sie an eine zweite Thür. Dort ſieht eine Nonne zum Schalter heraus, wer ſchellt, und öffnet nicht eher, als bis man ihr geſagt hat, was man will.“ „Ich ſage ihr, ich will die Sberin ſprechen,“ erwiederte Dagobert. „Und da Du den Leuten im Kloſter nicht bekannt biſt,“ bemerkte Agricola, „ſo geht die Nonne hin und benachrichtigt die Oberin.“ „Gut. Weiter!“ „Sie kommt.“ „Weiter!“ „Sie fragt Sie, was Sie wollen,“ ergänzte die Mayeux. „Was ich will? Schwerenoth! Meine Kinder!“ „Noch einen Augenblick Geduld, Vater!“ bat Agricola. „Nach den getroffenen Vorſichtsmaßregeln kannſt Du nicht zweifeln, daß man die Fräulein Simon im Kloſter behalten will wider ihren und wider Deinen Willen. „Ich bezweifle das nicht. Eben darum haben ſie meiner armen Frau den Kopf verdreht.“ „Demnach wird die Oberin Dir erwiedern, ſie wiſſe nicht, was Du meinſt, und die Fräulein Simon ſeyen nicht im Kloſter.“ „Und da werde ich ihr ſagen, daß ſie allerdings darin ſind, wie die Mayeux und Freudenſtörer bezeugen.“ „Und die Oberin wird Dir ſagen, ſie kenne Dich nicht, ſie habe Dir keine Erklärungen zu geben, und ſie wird Dir den Schalter vor der Naſe zuſchlagen.“ nd dann ſchlag' ich ihre Thür ein. Du ſiehſt, das iſt mmer das Ende vom Lied. Jetzt laß mich gehen — — Schwerenoth! laß mich gehen!“ „Und auf den Lärm hin holt der Portier die Wache, und Du wirſt verhaftet.“ „Und was wird dann aus Ihren armen Kindern 2“ fügte die Mayeur hinzu. Dagobert hatte zu viel geſunden Verſtand, um nicht die Richtigkeit der Bemerkungen ſeines Sohnes und der Mayeur einzuſehen. Auf der andern Seite wußte er aber auch, daß um jeden Preis die Waiſen vor dem folgenden Tag in Frei⸗ heit geſetzt werden müßten. Er fuhr mit beiden Händen an — 9 ſeine brennende Stirn und ſank wie vernichtet anf eine ſtei⸗ nerne Bank. Tief gerührt von dieſer ſtummen Verzweiflung, wechſelten Agricola und die Mayeux einen traurigen Blick. Agricola ſetzte ſich neben ſeinen Vater und ſagte: „Beruhige Dich doch, Vater. Denke doch an das, was Dir vorhin die Mahyeur geſagt hat. Wenn Du mit dem Ring des Fräuleins von Cardoville zu dem einflußreichen Herrn gehſt, können die Fräulein morgen — im ſchlimmſten Fall übermorgen, frei ſeyn.“ „Zum Teufel! wollt ihr mich denn verrückt machen?“ rief Dagobert aufſpringend und ſeine beiden Begleiter mit ſo grimmiger Verzweiflung anblickend, daß dieſe überraſcht und beunruhigt zurückfuhren. Nach einer längeren Pauſe fuhr er fort: „Verzeiht, Kinder. Ich habe Unrecht gehabt, ſo auf⸗ zubrauſen. Wir können uns einander nicht verſtehen. Was ihr ſagt, iſt richtig, und ich habe auch Recht. Hört mich an. Agricola, Du biſt ein ehrlicher Burſch, und die Mayeux iſt ein rechtſchaffenes Mädchen. Was ich euch jetzt ſage, das bleibt unter uns. Ich habe dieſe Kinder aus Sibirien hier⸗ her gebracht. Wißt ihr, warum? Damit ſie morgen früh in der Franciseusſtraße ſind. Wenn ſie nicht dort ſind, bin ich meinem Verſprechen, den letzten Wunſch ihrer ſterbenden Mut⸗ ter zu erfüllen, untreu geworden.“ „Sanct Franciscusſtraße, Nro. 3,“ unterbrach Agricvla. „Allerdings. Woher weißt Du die Nummer?“ fragte Da⸗ obert. „Steht dies Datum nicht auf einer kupfernen Medaille?“ „Ja,“ erwiederte Dagobert mit ſteigender Verwunderung. „Wer hat Dir das geſagt?“ „Laß mir einen Augenblick Zeit, mich zu beſinnen,“ ſagte Agricola. „Richtig! — Und Du, Mayeur, haſt geſagt, das Fräulein von Cardoville ſey nicht wahnſinnig.“ „Nein,“ antwortete die Nätherin. „Sie wird wider ihren Willen in dieſem Haus zurückgehalten und darf mit niemand außerhalb verkehren. Sie meint, ſie und die Töchter des Generals Simon ſeyen die Opfer ſchändlicher Ränke.“ „Kein Zweifel!“ rief Agricola. „Ich verſtehe jetzt Alles. Dem Fräulein von Cardoville muß eben ſo viel daran gele⸗ gen ſeyn, ſich morgen in der Franciscusſtraße einzufinden, Fräulein Simon, und ſie weiß es vielleicht nicht.“ „Wie ſo?“ fragte Dagobert. „Noch ein Wort, liebe Mayeux,“ fuhr Agricola fort. „Hat das Fräulein von Cardoville geſagt, daß ihr ſehr daran ge⸗ legen ſeyn müſſe, morgen frei zu ſeyn?“ „Nein,“ antwortete die Mayeux. „Als ſie mir dieſen Ring für den Grafen von Montbron gab, ſagte ſie mir: „Durch ſeine Vermittlung werden wir, die Töchter des Marſchalls Simon und ich, morgen oder übermorgen frei ſeyn.“ „So erkläre Dich doch!“ rief Dagobert ungeduldig ſeinem Sohn zu. „Vorhin,“ antwortete Agricola, „als Du mich aus dem Gefängniß abholteſt, ſagte ich Dir, ich hätte eine heilige Pflicht zu erfüllen, und würde ſpäter nach Hauſe zu Dir kommen.“ „Richtig,“ ſagte Dagobert. „Und ich meinerſeits habe un⸗ terdeſſen weitere Schritte gethan, von welchen ich nachher ſprechen will.“ „Ich bin auf der Stelle in die Babylonſtraße gelaufen,“ fuhr Agricola fort. „Ich wußte nichts davon, daß das Fräu⸗ lein von Cardoville wahnſinnig ſey oder für wahnſinnig gelte. Ein Diener öffnete mir und ſagte, das Fräulein habe einen plötzlichen Anfall von Wahnſinn gehabt. Du kannſt Dir den⸗ ken, wie mir bei dieſer Nachricht zu Muth war. Ich fragte, wo ſie wäre. Der Diener wollte nichts davon wiſſen. Ich fragte, ob ich mit einem von Verwandten ſprechen könnte. Da mein Kittel kein großes Zutrauen einflößte, ſo hieß es, es ſey niemand von ihrer Familie da. Ich war troſtlos. Da fiel mir ein: wenn ſie wahnſinnig iſt, ſo muß ihr Arzt wiſſen, wohin man ſie gebracht hat. Wenn ſie im Stand iſt, mich anzuhören, wird er mich zu ihr führen; wo nicht, ſo ſpreche ich mit ihm, ſtatt mit ihren Verwandten. Oft iſt der Arzt ein Freund. Ich fragte alſo den Bedienten, ob er mich zum Arzt des Fräuleins von Cardoville weiſen könne. Er nannte mir ohne Umſtände den Doctor Baleinter in der Taranneſtraße Nro. 12. Ich lief hin. Er war ausgegangen; aber man ſagte mir, gegen fünf Uhr würde ich ihn ohne Zweifel in ſeinem Krankenhaus treffen. Dies Krankenhaus iſt neben dem Kloſter. Auf dieſe Weiſe haben wir uns getroffen.“ „Aber die Medaille? die Medaille? wo haſt Du ſie ge⸗ yhehen 2 fragte Dagobert ungeduldig. „In Betreff ihrer und anderer Dinge hatte ich der Mayeur geſchrieben, ich wollte dem Fräulein von Cardoville wichtige Mittheilungen machen.“ „Und dieſe Mittheilungen?“ fragte Dagobert. „Mit dieſen verhält ſich's ſo. Am Sonntag, da Du ab⸗ reiſteſt, war ich zu dem Fräulein gegangen, um ſie zu bitten, Caution für mich zu leiſten. Die Polizeidiener waren mir nachgeſchlichen. Sie erfuhr es durch eins ihrer Kammermäd⸗ chen, und um mich vor Verhaftung zu ſichern, ließ ſie mich in ein Verſteck führen. Dies war ein kleines gewölbtes Zim⸗ mer, welches das Licht durch eine Oeffnung wie ein Schorn⸗ ſtein empfing. Nach einigen Augenblicken konnte ich in dem dun⸗ keln Verſteck ziemlich deutlich ſehen. Da ich nichts Beſſeres zu treiben wußte ſo ſah ich umher. Die Wände waren ge⸗ täfelt. Der Eingang beſtand aus einem Brett, welches ſich in eiſernen Leiſten hin und her ſchob. Die Arbeit daran war vortrefflich; ich kann das beurtheilen. Ich betrachtete das Werk mit Aufmerkſamkeit und ward klar darüber. Nur wollte mir nicht klar werden, wozu ein meſſingener Knopf daran diente. Ich zog an ihm herauswärts, links und rechts, aber keine von den Federn kam in Bewegung. Da dachte ich: dieſer Knopf muß zu einem andern Werk gehören, und zugleich verſuchte ich, ihn einwärts zu drücken. Sofort hörte ich ein Knarren, und plötzlich ſah ich eine Füllung über dem Eingang ſich herauslegen, wie das Blatt eines Schreibtiſches. Dieſe Füllung war zwei Quadratfuß groß und ſtellte ein Käſtchen vor. Ich hatte wohl die Feder zu ſtark gedrückt; denn in Folge der Erſchütterung fiel eine kleine kupferne Me⸗ daille nebſt Kette auf den Boden.“ „Und darauf haſt Du geleſen, St. Franciseusſtraße?“ un⸗ terbrach Dagobert. „Ja, Vater,“ fuhr Agricola fort. „Zugleich mit der Me⸗ daille war auch ein verſiegelter Pack herausgefallen. Wäh⸗ rend ich ihn aufhob, las ich, ohne es zu wollen, in großen Buchſtaben die Aufſchrift: Für Fräulein von Cardo⸗ ville. Sie ſoll dieſe Papiere leſen, ſobald ſie ihr übergeben werden. Ueber dieſen Worten ſah ich die Buchſtaben R. und C. mit einem Handzug, und darunter das Datum: Paris, 12. November 1830. Ich wandte ———— ————————— den Pack um und las auf den zwei Siegeln, mit denen er verſchloſſen war, dieſelben Anfangsbuchſtaben R. und C., über welchen ſich eine Krone befand.“ „Und dieſe Siegel waren unverſehrt? fragte die Maheux. „Ganz unverſehrt,“ antwortete Agricola. „Dann iſt nicht zu zweifeln, daß das Fräulein nichts von dem Daſeyn dieſer Papiere weiß.“ „Das war auch gleich mein erſter Gedanke,“ ſagte Agri⸗ cola, „da auf dem Unſchlag empfohlen war, ihn ſogleich zu öffnen, und da trotz dieſer ſchon vor Jahr und Tag geſchrie⸗ venen Empfehlung die Siegel noch unverſehrt waren.“ „Das iſt klar,“ bemerkte Dagobert. „Wos haſt Du alſo ethan?“ „Ich habe Alles wieder in den geheimen Behälter gelegt und mir vorgenommen, das Fräulein von Cardoville davon zu benachrichtigen. Aber in den nächſten Augenblicken ward mein Verſteck aufgefunden, ich wurde verhaftet, und habe das Fräulein nicht wiedergeſehen. Ich konnte nur einem ihrer Kammermädchen ein paar doppelſinnige Worte über meinen Fund ſagen, in der Hoffnung, daß das Fräulein dadurch auf⸗ merkſam gemacht werden würde. Und endlich habe ich, ſo⸗ vald ich konnte, an die Mayeux geſchrieben, auf daß dieſe zu dem Fräulein ginge — — —“ „Aber die Medaille,“ unterbrach Dagobert, „iſt gleich der, welche die Töchter des Generals Simon beſitzen. Wie kommt das?“ „Sehr natürlich,“ antwortete Agricola. „Das Fräulein von Cardoville iſt mit ihnen verwandt. Ich erinnere mich, daß ſie mir es geſagt hat.“ „Sie iſt verwandt mit Roſa und Blanca 2* fragte Dago⸗ bert erſtaunt. „Ganz gewiß,“ ſagte die Mayeux. „Sie hat es mir vor⸗ hin ebenfalls geſagt.“ „Nun!“ erwiederte Dagobert, ſeinen Sohn voll Beſorgniß anſehend, „begreifſt Du jetzt, daß ich meine Kinder noch heut haben will? Begreifſt Du jetzt, daß ein Tag der Zöge⸗ rung, wie ihre ſterbende Mutter mir geſagt hat, Alles ver⸗ derben kann? Siehſt Du nun ein, daß ich mich mit einem Vielleicht morgen nicht begnügen kann, nachdem ich aus dem Inneren Sibiriens hiehergekommen bin, um ſie morgen in die Franciscusſtraße zu führen? Siehſt Du nun, daß ich ſie heute haben muß, und ſollt' ich auch das Kloſter in Brand ſtecken?“ „Aber ich wiederhole, Vater, Gewaltthätigkeit — —“ „Zum Teufel! Weißt Du, was der Polizeicommiſſär mir dieſen Morgen zur Antwort gegeben hat, als ich vor ihm meine Klage gegen den Beichtvater Deiner armen Mutter erneuerte? Es läge kein Beweis vor, man könne nichts machen.“ „Aber,“ entgegnete Agricola, „jetzt haben wir Beweiſe, oder wenigſtens wiſſen wir, wo die Mädchen ſind. Mit die⸗ ſer Gewißheit läßt ſich etwas ausrichten. Sey ruhig; das Geſetz iſt ſtärker als alle Oberinnen von der Welt.“ „Und,“ fügte die Mayeux hinzu, „iſt der Graf von Mont⸗ bron, an welchen ſich zu wenden das Fräulein von Cardo⸗ ville Sie bittet, nicht ein vielvermögender Mann? Sagen Sie ihm die Gründe, welche es nothwendig machen, daß die Fräulein Simon noch heute Abend in Freiheit geſetzt werden, ſo wie das Fräulein von Cardoville, welcher gleichfalls ſehr daran liegen muß, morgen nicht eingeſperrt zu ſeyn. Als⸗ dann wird der Graf von Montbron gewiß die Schritte der Juſtiz beſchleunigen, und dieſen Abend werden Sie Ihre Kin⸗ der wiederbekommen.“ „Die Mayeux hat Recht, Vater,“ ſagte Agricola. „Geh' zu dem Grafen von Montbron. Ich will zu dem Polizei⸗ commiſſär laufen und ihm ſagen, daß man jetzt weiß, wo die Mädchen feſtgehalten werden. Du, liebe Maheux, geh' nach Haus und erwarte uns. Nicht wahr, Vater, zu Hauſe wol⸗ len wir wieder zuſammentreffen?“ ð Dagobert beſann ſich einen Augenblick und ſagte dann: „Gut! Ich will Eurem Rathe folgen. Aber angenommen, der Commiſſär ſagte Dir: Man kann vor morgen nicht ein⸗ ſchreiten, — geſetzt, der Graf ſagte mir daſſelbe, glaubſt Du, ich würde dann bis morgen früh die Hände in den Schvos legen?“ 5 „Vater! — —“ begann Agricola. „Genug!“ unterbrach Dagobert. „Ich weiß, was ich will⸗ Du läufft zu dem Commiſſär, Sie, liebe Mayeux, erwarten — 36 uns zu Hauſe, und ich gehe zu dem Grafen. Geben Sie mir den Ring. Wie iſt der Herr zu erfragen?“ „Auf dem Vendömeplatz, Nro. 7, Grof von Montbron. Sie kommen vom Fräulein von Cardoville.“ „Ich habe ein gutes Gedächtniß,“ erwiederte der Soldat. „Alſo, ſo bald wie möglich, treffen wir uns in der Briſe⸗ Miche⸗Gaſſe.“ „Ja, Vater,“ ſagte Agricola. „Sey gutes Muths. Du wirſt ſehen, daß das Geſetz die ehrlichen Leute ſchützt.“ „Das iſt recht,“ bemerkte Dagobert, „denn ſonſt müßten die ehrlichen Leute ſich ſelber ſchützen. Alſo, Kinder, auf baldiges Wiederſehen in der Briſe⸗Miche⸗Gaſſe.“ Dagobert, Agricola und die Mayeux trennten ſich. Es war völlig Nacht geworden. Zehntes Kapitel. Si e 3 ſ n Es war acht Uhr Abends. Der Regen ſchlug wider die Fenſter der Stube der Francisca Baudoin in der Briſe⸗Miche Gaſſe, während heftige Windſtöße die ſchlecht ſchließenden Thüren und Fenſter erſchütterten. Die Unordnung und Ver⸗ nachläſſigung in dieſer ſonſt ſo ſauber gehaltenen, beſcheide⸗ nen Wohnung bezeugte die betrübenden Vorfälle, welche das bis dahin ſo ruhige Leben der hier hauſenden geringen Leute geſtört hatten. Der geplattete Fußboden war ſchmutzig. Auf den vor wenigen Tagen noch glänzenden Geräthen ſaß eine dicke Lage von Staub. Seitdem Franeisca von dem Polizeicommiſſär weggeführt worden, war das Bett nicht ge⸗ macht. Dagobert hatte ſich in den Kleidern darauf gewor⸗ fen, in den wenigen Stunden, wo er von Anſtrengungen er⸗ ſchöpft, von Verzweiflung niedergedrückt, nach vergeblichen Verſuchen, den Aufenthalt von Roſa und Blanca zu ent⸗ decken, der Ermüdung nachgab. Auf der Commode bewieſen eine Flaſche, ein Glas und etliche Stücke trocknes Brod, die Mäßigkeit des Soldaten, welcher für ſeinen Unterhalt auf das von der Mayeux im Pfandhaus erhaltene Geld ange⸗ wieſen war. Beim düſtern Schein eines Talglichts, welches auf dem eiskalten Ofen ſtand (denn der Holzvorrath war erſchöpft), ſaß auf einem Stuhl die Mayeur ſchlummernd, das Haupt auf die Bruſt geneigt, die Hände unter ihrer kleinen katune⸗ nen Schürze, die Ferſen auf die unterſte Sproſſe des Stuhls geſtützt, und zitterte von Zeit zu Zeit vor Kälte in ihren feuchten Kleidern. Nach dieſem Tag von Anſtrengungen und mannigfachen Gemüthsbewegungen hatte das arme Geſchöpf noch nichts gegeſſen; und hätte ſie daran gedacht, ſo würde ſie kein Brod zu Hauſe vorgefunden haben. Der Schlum⸗ mer, in den ſie, die Rückkehr Dagobert's und Agricola's er⸗ wartend, verfallen war, unterſchied ſich ſehr von einem ruhi⸗ gen, erquickenden Schlaf. Von Zeit zu Zeit öffnete ſie halb die Augen und ſah umher, und dann, von dem Bedürfniß nach Ruhe überwältigt, ließ ſie wieder das Haupt auf die Bruſt ſinken. Endlich ließ ſich ein langſamer, ſchwerer Tritt vor der Thür vernehmen. Die Thür ging auf, und Dagobert, be⸗ gleitet von Freudenſtörer, trat ein. Die Mayeux erwachte, hob den Kopf in die Höhe, ſtand auf und ging raſch auf den Vater Agricola'e zu. „Bringen Sie gute Botſchaft, Herr Baudoin?“ fragte ſie. „Haben Sie. — “ Betroffen von der finſteren Miene des alten Soldaten, konnte ſie nicht wei⸗ ter reden. Dagobert in ſeine Gedanken vertieſt, ſchien die Nätherin gar nicht zu bemerken. Er warf ſich niedergeſchla⸗ gen auf einen Stuhl, ſtützte die Ellenbogen auf den Tiſch und verbarg ſein Geſicht in den Händen. Nachdem er lange nachgeſonnen, ſtand er auf und ſagte halblaut: „Es geht nicht anders!“ Er ging einige Schritt im Zimmer hin, ſah ſich um, ats ſuchte er etwas und gewahrte neben dem Ofen eine etwa zwei Schuh lange eiſerne Stange, die dazu diente, den Deckel des Ofens abzuheben, wenn er zu heiß wurde. Er nahm ſie, betrachtete ſie, wägte ſie in der Hand und legte ſie mit zufriedener Miene auf die Commode. Betroffen über das lange Schweigen Dagoberts war die Mayeux allen ſeinen Bewegungen mit ſcheuen, unruhigen W. 7 — 36 Blicken gefolgt. Ihre Verwunderung verwandelte ſich in Schrecken, als ſie ſah, wie der Soldat ſeinen auf einem Stuhl liegenden Torniſter auf den Tiſch legte, aufſchnallte, ein paar Terzerolen herausnahm und vorſichtig die Federn derſelben ſpielen ließ. Von Entſetzen überwältigt rief ſie: „Um Gotteswillen, Herr Vaudoin! was wollen Sie machen?“ Dagobert ſah ſie an, als ob er ſie jetzt erſt bemerkte, und ſagte in herzlichem, aber rauhen Ton: „Guten Abend, liebes Kind! Wie viel Uhr iſt's?“ „Vorhin hat's acht Uhr auf der Merrykirche geſchlagen, Herr Baudoin.“ „Acht Uhr — —“ ſagte Dagobert für ſich. „Erſt acht Uhr.“ Er legte die Terzerolen neben die Eiſenſtange und ſchien nachzuſinnen, während er umher ſah. „Herr Baudvin,“ fragte ſchüchtern die Mayenx. „Sie bringen alſo keine gute Botſchaft?“ „Nein,“ antwortete der Soldat in ſo rauhem Ton, daß die Mayeur ſich nicht weiter zu fragen getraute, und ſich ſchweigend wieder auf den Stuhl ſetzte. Freudenſtörer legte den Kopf auf ihre Knie und folgte eben ſo aufmerkſam, wie ſie, mit den Augen allen Bewegungen Dagobert's. Dieſer beſann ſich abermals einige Augenblicke, trat dann ants Bett, nahm ein Leintuch, ſchien die Länge deſſelben zu berechnen und ſagte dann, ſich zur Mayeux wendend: „Eine Scheere.“ „Aber, Herr Baudvin! — —“ begann die Nätherin. „Eine Scheere!“ wiederholte Dagobert in freundlichem, aber nachdrücklichem Tyn. Die Rätherin nahm aus dem Arbeitskörbchen der alten Francisca eine Scheere und reichte ſie ihm. „Faſſen Sie jetzt das andere Ende des Leintuchs und ziehen Sie ſtraff an,“ ſagte der Soldat. Die Mayeux gehorchte, und in we⸗ nigen Minuten hatte er das Tuch der Länge nach in vier Stücke geſchnitten. Er drehte jedes derſelben feſt' zuſammen, ſo daß es einen Strick bildete, und verhinderte das Aufge⸗ hen durch darum gebundene Stücke leinener Schnur, die er ſich von der Mayeux geben ließ. Nachdem er die vier zu⸗ ſammengedrehten Stücke feſt aneinander geknüpft, hatte er ein Seil von zwanzig Fuß Länge. „Jetzt brauch' ich einen Haken,“ ſagte er für ſich und ſah ſich abermals um. 9— Die Mayeur gerieth in immer größere Angſt, denn ſie konnte nicht mehr über das Vorhaben Dagobert's in Zwei⸗ fel ſeyn. Sch. htern ſagte ſie ihm: „Aber, Herr Bandoin, Agrievla iſt ja noch nicht zurück. Daß er ſo lange aus⸗ bleibt, bereiſt, er hat gute Nachrichten zu bringen.“ „Ja,“ ſogte Dagobert bitter, fortwährend nach dem ihm fehlenden Haken herumſpähend, „gute Nachricht, wie ich. — Ich muß eben doch einen ſtarken, eiſernen Haken haben.“ Indem er umherſtöberte, fand er einen der Säcke, welche Francisea genäht hatte. Er nahm ihn öffnete ihn und ſagte zur Mayeux: „Liebes Kind, legen Sie das Seil und die Stange da hinein. Die Sachen laſſen ſich ſo leichter tragen.“ Die Mayeux gehorchte, rief aber dabei: „Großer Gott! Wollen Sie denn fortgehen, ohne Agricola zu erwarten? Und er hat Ihnen vielleicht gute Nachrichten zu bringen!“ „Seyn Sie ruhig,“ erwiederte der Soldat. „Ich warte auf meinen Jungen. Ich habe Zeit. Ich kann erſt um zehn Uhr gehen“ — „Ach, Herr Baudoin!“ ſagte die Mayeux. „Sie haben alſo alle Hoffnung verloren?“ 8 „Im Gegentheil,“ antwortete Dagobert. „Ich habe gute Hoffnung — auf mich.“ Bei dieſen Worten drehte er den Sack zu und legte ihn auf die Commode neben die Terze⸗ rolen. „Wenigſtens werden Sie doch Ihren Sohn erwarten,“ ſagte die Nätherin. „Ja, wofern er vor zehn Uhr kommt.“ „Ach! Alſo ſind Sie entſchloſſen? — — „Feſt entſchloſſen,“ antwortete Dagobert. „Freilich, wenn ich ſo einfältig wäre zu glauben, daß gewiſſe Dinge Unglück bringen — —“ Die Mayeux, bemüht, auf jede Weiſe den alten Mann von ſeinem Vorhaben abzubringen, bemerkte: „Manchmal, Herr Baudvin, trügen die Ahnungen nicht.“ „Ja,“ verſetzte Dagobert, „ſo ſagen die guten Weiber. Und obwohl ich kein gutes Weib bin, ſo hat mir doch das, was ich vorhin geſehen, das Herz zugeſchnürt. Ich habe wohl eine Aufwallung des Zorns für eine Ahnung genvmmen.“ S — 100 — „Was haben Sie denn geſehen?“ fragte die Mayeur. „Ihnen kann ich es ſagen, liebes Kind; es hilft uns die Zeit vertreiben, die mir lang genug wird. — — Hat es nicht eben halb geſchlagen?“ „Ja, Herr Baudoin. Das war halb neun.“ „Noch anderthalb Stunden,“ ſagte Dagobert dumpf. — „Nun hören Sie, was ich geſehen habe. Vorhin, als ich durch eine Straße ging, fielen meine Augen auf einen großen rothen Anſchlagzettel, auf welchem oben ein ſchwarzer Pan⸗ ther, ein weißes Pferd auffreſſend, abgebildet war. Bei die⸗ ſem Anblick erſtarrte mir das Blut in den Adern. Denn ein ſchwarzer Panther hat mir, wie Sie ſpäter hören ſollen, einen armen alten Schimmel gefreſſen, den Begleiter Freudenſtö⸗ rers, der Jovial hieß.“ Bei dieſem Namen, den er ſonſt täglich gehört, hob der zu den Füßen der Mayenx liegende Frendenſtörer den Kopf raſch in die Höhe und ſah ſeinen Herrn an. „Sehen Sie,“ ſagte Dagobert ſeufzend, „die Thiere haben Gedächtniß. — Nicht wahr, Freudenſtörer, du erinnerſt Dich Jovial's?“ Der Hund, den Namen von Neuem ausſprechen hörend,⸗ knurrte und kläffte leiſe, als wollte er antworten: er habe ſeinen alten Reiſegefährten nicht vergeſſen. „Wirklich, Herr Baudoin,“ bemerkte die Moyeux, „iſt es ein trauriger Gedanke, auf dem Anſchlagzettel den ſchwarzen Panther zu finden, der ein Pferd auffrißt.“ „Das iſt noch nichts,“ fuhr Dagobert fort. „Hören Sie das Weitere. Ich trete näher und leſe auf dem Zettel, daß ein gewiſſer Morok, der aus Deutſchland kommt, in einer Bude verſchiedene wilde Thiere, die er gebändigt hat, ſehen laſſen will, namentlich einen prächtigen Löwen, einen Tiger und einen ſchwarzen Panther von Java, Namens Tod.“ „Das iſt ein fürchterlicher Name,“ ſagte die Mayeux. „Und Sie werden ihn noch fürchterlicher finden, wenn Sie erfahren, daß dies derſelbe Panther iſt, der vor vier Mona⸗ ten bei Leipzig mein Pferd erwürgt hat.“ „Ach, Sie haben Recht,“ rief die Mayeux. „Das iſt er⸗ ſchrecklich!“ „Warten Sie nur,“ fuhr Dagobert fort, deſſen Züge ſich immer mehr verdüſterten. „Das iſt noch nicht Alles. Eben — 101 — dieſer Morok, der Herr des Panthers, iſt die Urſache gewe⸗ ſen, daß ich und meine armen Kinder zu Leipzig in's Ge⸗ fängniß geſetzt worden ſind.“ „Und dieſer böſe Menſch iſt zu Paris?“ ſagte die Nätherin. „Und er iſt Ihnen aufſäßig? — O, Sie haben Recht, Sie müſſen ſich in Acht nehmen. Das iſt eine ſchlimme Vorbe⸗ deutung“ „Ja, für den Schuft, wenn ich ihn ertappe. Wir haben . eine alte Rechnung mit einander abzumachen.“ Die Mayeux horchte und rief: „Herr Baudoin! — — Es kommt Jemand die Treppe herauf gelaufen. — Das iſt der Schritt Agricola's. — Er bringt gewiß gute Nachricht!“ „Da hab' ich's ja!“ ſagte Dagobert für ſich. „Agricola iſt Schmied. Er wird mir den Haken ſchaffen, den ich brauche.“ Agricola trat ein. Leider konnte die Nätherin beim erſten Blick in ſeiner niederge chlagenen Miene leſen, daß alle Hoff⸗ nungen, mit denen ſie ſich geſchmeichelt hatte, eitel waren. † „Run, was Neues?“ rief Dagobert ihm entgegen, in einem Ton, der verrieth, wie wenig Glauben an den Erfolg der von Agricola gethanen Schritte er hatte. „Vater!“ antwortete Agricola, es iſt zum Verrücktwer⸗ den — um ſich den Kopf an der Wand einzurennen!“ Dagobert wandte ſich zur Mayeur und ſagte: „Sehn Sie, armes Kind, ich wußt' es ja!“ „Aber Du, Vater,“ rief Agricola, „Du haſt doch den Gra⸗ fen von Montbron geſprochen?“ „Der Graf von Montbron iſt vor drei Tagen nach Loth⸗ ringen verreiſ't. Das ſind meine guten Nochrichten. Jetzt laß die Deinigen hören. Erzähle mir Alles. Es iſt mir um die Ueberzeugung zu thun, daß die Juſtiz, die, wie Du vorhin ſagteſt, die ehrlichen Leute ſchützt, dieſe zuweilen in der Schmiere ſitzen läßt. Es iſt mir recht darum zu thun, und dann um einen Haken. Für beides hab' ich auf Dich gerechnet.“ „Was willſt Du damit ſagen, Vater?“ fragte Agricvla. „Erzähle erſt, welche Schritte Du gethan. Wir haben Zeit dazu. Vorhin hat es erſt halb neun geſchlagen. Alſo wohin biſt Du von mir aus gegangen?“ —— — — „Zu dem Commiſſär, der ſchon Deine Ausſage angehört atte.“ „Was hat er geſagt?“ „Nachdem er mich mit Artigkeit angehört, hat er mir ge⸗ antwortet: Dieſe Mädchen befinden ſich demnach in einem ſehr achtbaren Haus, in einem Kloſter. Sie daraus wegzu⸗ nehmen iſt nicht dringend. Ueberdem kann ich es nicht auf mich nehmen, auf Ihre einfache Angabe hin in eine klöſter⸗ liche Wohnung einzudringen. Morgen werde ich meinen Be⸗ richt an die Behörde machen, und dann wird man helfen.“ „Dann! Immer Vertröſtungen!“ fiel Dagobert ein. „Aber, habe ich geantwortet, es muß augenblicklich, dieſen Abend noch gehandelt werden. Denn wenn dieſe Mädchen ſich nicht morgen früh in der St. Franciscusſtraße einfinden, können ſie einen unberechenbaren Schaden erleiden. — Das iſt ſehr ſchlimm, antwortete der Commiſſär. Aber nochmals,. ich kann nicht auf Ihre einfache Erklärung hin, und eben ſo wenig auf die Ihres Vaters (denn Sie Beide ſind nicht Verwandte dieſer Perſonen) die Geſetze verletzen, was man nicht einmal auf das Begehren einer Familie thun würde. Die Juſtiz hat ihre Förmlichkeiten und Zögerungen, die man ſich gefallen laſſen muß.“ „Verſteht ſich! ſelbſt auf die Gefahr hin, ein feiger, un⸗ dankbarer Verräther zu ſeyn!“ bemerkte Dagobert. „Du haſt ihm doch auch von dem Fräulein von Cardoville geſprochen?“ fragte die Mayeur. „Freilich. Aber ſeine Antwort war dieſelbe: das ſey ſéhr ernſt. Ich machte eine Angabe, meinte er, ich brächte aber keinen Beweis. Eine dritte Perſon, ſagte er, hat Sie ver⸗ ſichert, das Fräulein von Cardoville behaupte, nicht wahn⸗ ſinnig zu ſeyn. Das iſt nicht genug. Alle Narren behaup⸗ ten, nicht närriſch zu ſeyn. Ich kann auf Ihre einfache An⸗ gabe hin auch nicht in die Wohnung eines achtbaren Arztes eindringen. Indeß nehme ich Ihre Angabe zum Bericht. Aber das Geſetz muß ſeinen Lauf haben.“ „Hatte ich nicht das Alles vorausgeſehen, als ich vorhin ſchon handeln wollte?“ fragte Dagobert in dumpfem Ton. „Und doch war ich ſchwach genug, auf Euch zu hören!“ „Aber, was Du verſuchen wollteſt, war unmöglich,“ erwie⸗ — 103 — derte Agricola. „Du hätteſt Dich allzu gefährlichen Folgen ausgeſetzt. Das haſt Du ſelber zugegeben.“ „Alſo,“ fragte der Alte weiter, „hat man Dir ausdrücklich, beſtimmt erklärt, daß nicht daran zu denken ſey, dieſen Abend oder auch nur morgen früh die Herausgabe von Roſa und Blanca zu erwirken?“ „In den Augen des Geſetzes iſt keine Dringlichkeit,“ ant⸗ wortete Agricola. „Vor zwei oder drei Tagen kann die Sache nicht entſchieden werden.“ „Weiter wollt' ich nichts wiſſen,“ ſagte Dagobert, indem er aufſtand und in der Stube auf und ab ging. „Indeß,“ fuhr Agricola fort, „hatte ich noch nicht Alles verloren gegeben. Ich konnte nicht glauben, daß die Juſtiz gegen ſo billige Forderungen taub bleiben köunte. Ich lief nach dem Juſtizpalaſt, in der Hoffnung, dort einen Richter zu finden, der meine Klage anhörte und ihr Folge gäbe.“ „Nun?“ fragte Dagobert, ſtehen bleibend. „Dort hieß es, das Amtszimmer des königlichen Procu⸗ rators würde täglich um fünf Uhr geſchloſſen und um zehn Uhr geöffnet. Deine Verzweiflung und die Lage des armen Fräuleins von Cardoville bedenkend, wollte ich noch einen Schritt verſuchen. Ich ging auf eine Hauptwache, wo ein Lieutenant von der Linie den Dienſt hat. Ich ſagte ihm Al⸗ les mit ſolcher Wärme, daß ich ſeine Theilnahme erweckte. Herr Lientenant, ſagte ich, bewilligen Sie mir nur die Gnade, daß ein Unteroffizier mit zwei Mann in dem Kloſter auf ge⸗ ſetzlichem Weg Eintritt erlangt. Er ſoll begehren, die Töch⸗ ter des Marſchalls Simon zu ſehen und ihnen die Wahl laſſen, ob ſie bleiben oder wieder zu meinem Vater gehen wollen, der ſie aus Rußland hieher gebracht hat. Dann wird man ſehen, ob ſie nicht wider ihren Willen zurückgehal⸗ ten werden.“ „Und was hat er Dir geantwortet?“ fragte die Mayeur, während Dagobert achſelzuckend fortfuhr auf⸗ und abzugehen. „Lieber Freund,“ hat er geantwortet, „das iſt unmöglich. Ich begreife, daß Ihnen die Sache dringend iſt; aber ich kann eine ſo ernſte Sache nicht auf mich nehmen. Mit Gewalt in ein Kloſter eindringen — dafür könnte ich caſſirt werden.— Aber, Herr Lientenant, was ſoll ich denn thun? fragte ich⸗ Das iſt ja um verrückt zu werden. — Ich weiß es nicht; das Sicherſte iſt, zu warten, antwortete er. — Damit, Va⸗ ter, glaube ich gethan zu haben, was Menſchen möglich iſt, und bin zurückgekommen in der Hoffnung, daß es Dir beſſer geglückt wäre. Leider war meine Hoffnung falſch.“ Nach dieſen Worten warf ſich der junge Mann erſchöpft auf einen Stuhl. Es herrſchte einen Augenblick tiefes Schwei⸗ gen nach den Worten Agricola's, welche die letzten Hoffnun⸗ gen der drei von einem unerbittlichen Schickſal verfolgten Perſonen vernichteten. Ein neuer Vorfall vermehrte das Traurige und Schmerzliche ihrer Lage. Elftes Kapitel. 35 Entdecungen Die Thür, welche Agricola in der Haſt nicht zugeklinkt hatte, ward ſchüchtern geöffnet, und Francisca Baudoin, Dagobert's Frau, erſchien bleich und halb ohnmächtig auf der Schwelle. Ihr Mann, ihr Sohn und die Mayeux wa⸗ ren ſo ſehr in ihre niederſchlagenden Gedanken vertieft, daß ſie ihr Eintreten nicht bemerkten. Sie ging zwei Schritt in das Zimmer hinein, fiel auf die Knie und ſprach mit gefal⸗ teten Händen: „Lieber Mann, verzeihe mir.“ Bei dieſen Worten wandten Agricola und die Mayeux, die den Rücken der Thür zugekehrt hatten, ſich um, und Da⸗ gobert hob raſch den Kopf in die Höhe. „Mutter!“ rief ortena, auf ſie zueilend. „Francisca!“ rief Dagobert, indem er aufſtand und einen Schritt auf ſie zuging. Der junge Mann beugte ſich zu der alten Frau herab, umarmte ſie liebevoll und ſagte: „Stehe doch auf, liebe WMutter!“ „Nein,“ erwiederte Franeisca in ihrem ſanften und doch feſten Ton. „Ich ſtehe nicht eher auf, als bis Dein Va⸗ ter — — mir verziehen hat. Ich habe großes Unrecht an ihm begangen. Jetzt weiß ich's.“ —— „Dir verzeihen? armes Weib!“ rief Dagobert, zu ihr her⸗ antreted. „Habe ich Dich je angeklagt, außer in der erſten Aufwallung der Verzweiflung? Nein! Schlechte Pfaffen hab' ich angeklagt, und ich hatte Recht. Endlich biſt Du wieder da!“ fügte er hinzu, indem er ſeinem Sohne half, ſie auf⸗ heben. „Das iſt eine Kümmerniß weniger. Du biſt alſo losgelaſſen? Geſtern habe ich noch nicht erfragen können, wo Du gefangen ſaßeſt. Ich habe ſo viel Sorgen, daß ich nicht denken konnte. Komm, liebes Weib, ſetze „Gute Mutter!“ wie biſt Du ſo ſchwach — ſo erfroren — ſo blaß!“ ſagte Agricola, mit Thränen in den Augen vor der alten Frau kniend. Warum haſt Du uns nicht ſagen laſſen, daß Du frei würdeſt, damit wir Dich abgeholt hätten? Wie Du zitterſt! Deine Hände ſind eiskalt. — Liebe Mayeux,“ ſagte er, ſich umwendend, „mache doch ein wenig Feuer an.“ „Ich habe es ſchon gewollt, als Dein Vater kam,“ er⸗ wiederte das Mädchen. „Aber es iſt weder Holz, noch Koh⸗ len da.“ „Nun ſo gehe hinunter und leihe welches bei Loriot. Er iſt ein guter Mann, er wird Dir's nicht abſchlagen. Meine arme Mutter könnte krank werden. Sieh nur, wie ſie ittert!“ Die Mayeux eilte hinunter. Agricola ſtand auf, holte die Bettdecke und wickelte in dieſelbe forgfältig die Beine ſeiner Mutter. Dann nahm er knieend ihre Hände und bemühte ſich, ſie durch ſeinen Hauch zu erwärmen. Dagobert, gut⸗ berzig wie ſein Sohn, nahm ein Kopfkiſſen und ſagte: „Beuge Dich ein wenig vor. Ich will dies Kiſſen hinter Dich legen. Du ſitzeſt ſo beſſer und wärmer“ „Ihr verhätſchelt mich ja förmlich,“ ſagte die alte Frau, indem ſie ſich bemühte, zu lächeln. „Und auch Du biſt gut gegen mich, Dagobert, nach dem Böſen, das ich Dir zuge⸗ fügt habe.“ Sie zog ihre Rechte aus den Händen ihres Sohnes, ergriff die Hand ihres Mannes und drückte ſie an ihre thränenden Augen, indem ſie leiſe ſagte: „Im Gefäng⸗ niß habe ich bittere Reue empfunden! Gabriel hat Recht.“ Agricola dachte mit bitterem Schmerz daran, daß ſeine — 106 6 würdige Mutter im Gefängniß unter verworfene Geſchöpfe gemengt geweſen ſeyn müßte. Er wollte ſie darüber zu trö⸗ ſten ſuchen; aber bedenkend, daß dies für ſeinen Vater ſchmerz⸗ lich ſey, unterließ er es und fragte: „Nun, liebe Mutter, wie geht's unſerem Gabriel. Du haſt ihn wohl eben geſprochen?“ Die alte Frau trocknete ihre Thränen und antwortete: „Seit ſeiner Ankunft befindet er ſich in Zurückgezogenheit. Seine Oberen haben ihm ſtreng unterſagt, auszugehen. Glück⸗ licher Weiſe hatten fie ihm nicht verboten, mich zu empfan⸗ gen. Seine Worte und Rathſchläge haben mir die Augen geöffnet. Er hat mich belehrt, wie unrecht ich, ohne es zu wiſſen, an Dir, lieber Mann, gehandelt hatte.“ „Was meinſt Du?“ fragte Dagobert. „Du kannſt Dir denken,“ fuhr die alte Frau fort, „daß ich nicht aus Bosheit Dir ſo viel Verdruß gemacht habe. Als ich Dich in Verzweiflung ſah, litt ich faſt eben ſo viel wie Du. Aber ich wagte nicht, es Dir zu ſagen, aus Furcht, meinem Eid untren zu werden. Ich wollte ihn halten, in dem Glauben, daß ich damit recht und meine Pflicht thue. Und doch ſogte mir etwas, daß meine Pflicht nicht ſey, Dich ſo unglücklich zu machen. Im Gefängniß kniete ich, ungeach⸗ tet der Spöttereien der andern Weiber, nieder und betete: Gott, erleuchte mich! Wie kann eine Handlung, die mir von meinem verehrungswürdigen Beichtvater anbefohlen iſt, mir und den Meinigen ſo viel Qualen bereiten! Lieber Gott, er⸗ barme Dich meiner und laß mich es wiſſen, wenn ich, ohne es zu wollen, Unrecht gethan habe! — Da ich mit Inbrunſt betete, erhörte mich Gott und gab mir den Gedanken ein, mich an Gabriel zu wenden. Gabriel iſt gleichſam mein Kind, dachte ich. Er iſt ebenfalls Prieſter. Er iſt ein hei⸗ liger Märtyrer. Wenn irgend jemand auf der Welt dem Heiland gleicht an Güte, ſo iſt er es. Wenn ich aus dem Gefängniß komme, will ich ihn um Rath fragen. Er wird meine Zweifel löſen.“ „Liebe Mutter, Du haſt Recht,“ rief Agricola. „Dieſer Gedanke war Dir von Gott eingegeben. Gabriel iſt ein En⸗ gel — das Muſter des wahren, guten Prieſters.“ „Ach, armes Weib!“ ſagte Dagobert. „Hätteſt Du nur nie einen andern Beichtvater gehabt, als Gabriel.“ — „Ich hatte wohl daran gedacht vor ſeiner Reiſe,“ erwie⸗ derte die Alte. „Recht gern hätte ich dem lieben Kind ge⸗ beichtet. Aber ich beſorgte, es möchte den Abbé Dubois be⸗ leidigen, und ich fürchtete auch, Gabriel möchte zu nachſichtig gegen meine Sünden ſeyn.“ „Deine Sünden! Welche Sünde haſt Du denn je began⸗ gen?“ fragte Agricola. „Was hat Dir nun Gabriel geſagt?“ fragte Dagobert. „Ach! hätte ich nur früher mit ihm darüber ſprechen kön⸗ nen!“ ſagte Francisca. „Was ich ihm vom Abbé Dubois erzählt habe, hat ſeinen Argwohn erweckt. Darauf hat er mich über viele Dinge befragt, von denen er mir früher nie geſprochen. Ich habe ihm mein ganzes Herz geöffnet; er hat mir das ſeinige geöffnet, und wir haben traurige Entdeckun⸗ gen gemacht über Leute, die wir bis dahin für ſehr achtungs⸗ würdig gehalten hatten, und die uns doch beide getäuſcht hat⸗ ten, ohne daß ich oder er es wußten. Ihm wurden unter dem Siegel der Verſchwiegenheit Dinge geſagt, als von mir ausgehend, und mir desgleichen, als von ihm ausgehend. Er hatte anfänglich keinen Beruf gefühlt, ein Geiſtlicher zu wer⸗ den. Aber es wurde ihm betheuert, ich hielte mein Heil in dieſer und in jener Welt nur dann für geſichert, wenn er ſich ordiniren ließe, denn ich glaubte, der Herr würde mich dafür belohnen, daß ich ihm einen ſo treuen Diener gäbe, ich wäre aber doch zu ſcheu, von ihm dieſen Beweis der Liebe zu ver⸗ langen, obwohl ich ihn als Findling zu mir genommen und unter Arbeit und Entbehrungen wie mein leibliches Kind er⸗ zogen. Das arme Kind glaubte demnach, meine heißeſten Wünſche zu erfüllen, wenn es ins Seminar ginge, und hat ſich aufgeopfert.“ „Das iſt ja abſcheulich!“ rief Agricola. „Das iſt eine ſchändliche Liſt und von Seiten der Prieſter, die ſie gebraucht haben, eine gottesläſterliche Lüge!“ „Zu gleicher Zeit,“ fuhr die alte Frau fort, „wurde zu mir ganz anders geſprochen. Es hieß, Gabriel habe den Beruf, aber er wage nicht, es mir zu geſtehen, aus Beſorgniß, ich möchte eiferſüchtig ſeyn um Agricola's willen, der, zum Hand⸗ werker beſtimmt, die Vortheile des Prieſterthums nie genießen ſollte. Alſo, das arme Kind bat mich endlich um Erlaubniß, — 108 — ins Seminar zu treten, bloß weil er glaubte, mich glücklich zu machen; und er trat ungern ein; — und ich, anſtatt ihn davon abwendig zu machen, habe ihn in ſeinem erklärten Vorhaben beſtärkt, mit der Verſicherung, daß er nichts Beſ⸗ ſeres thun könnte und daß er mir damit eine große Freude machte. Natürlich ſagte ich mebr, als ich dachte, um nicht eiferſüchtig für Agricola zu erſcheinen.“ „Schändlich!“ rief Agricvla. „Das hieß ſo recht gemein auf Eure wechſelſeitige Hingebung ſpeculiren!“ „Indeß,“ fuhr Franeisca fort, „da Gabriel das beſte Herz von der Welt hat, iſt ihm allmählig der Beruf gekommen. Leidende zu tröſten, ſich für Unglückliche aufzuopfern, dazu war er geboren. Er würde darum auch nicht auf dieſe ver⸗ gangenen Dinge zurückgekommen ſeyn, wenn unſer heutiges Geſpräch ihn nicht darauf geführt hätte. Als er aber hinter die Wahrheit gekommen war, da gerieth er, der ſonſt ſo ſanft und ſchüchtern iſt, in Eifer über den Herrn Rodin und über eine andere Perſon, die er anſchuldigt. Gegen dieſe beiden Leute hatte er ſchon ernſtliche Beſchwerden. Unſere Entdeckungen machten das Maß voll.“ Bei dieſen Worten ſeiner Frau fuhr Dagobert mit der Hand an die Stirn, als ſammelte er ſeine Erinnerungen, nachdem er mit Erſtaunen, ja faſt mit Schrecken die Erzäh⸗ lung von dieſem ehrloſen Treiben angehört. Francisca fuhr fort: „Endlich, als ich ihm geſtand, daß ich auf den Rath des Abbé Dubvis, meines Beichtvaters, einer fremden Perſon die mir von meinem Manne anvertrauten Töchter des Ge⸗ nerals Simon überliefert hätte, da hat mir das liebe Kind, freilich ungern genug, Vorwürfe gemacht, nicht darüber, daß ich die armen Waiſen die Süßigkeiten unſerer heiligen Reli⸗ gion ſchmecken laſſen wollte, ſondern darum, daß ich nicht zu⸗ vor meinen Mann befragt, welcher allein vor Gott und Menſchen für das ihm Anvertraute verantwortlich ſey. Auch das Benehmen des Herrn Abbé Dubvis hat er ſcharf geta⸗ delt und geſagt, derſelbe habe mir böſe, falſche Rathſchläge gegeben. Und zum Schluß hat das liebe Kind mich mit ſei⸗ ner Engelsſanftmuth getröſtet und mich aufgefordert, Dir Alles zu ſagen. Gern hätte er mich begleitet, da ich mich kaum getraute, wieder vor Dir zu erſcheinen. Aber leider — — — 109 ward er durch ſtrenge Befehle ſeiner Oberen in ſeinem Se⸗ minar zurückgehalten.“ „Ein Wort, Francisca!“ unterbrach Dagobert in heftiger Aufregung. — „Wenn man dieſe Teufeleien hört, verliert mon ganz den Kopf. — Haſt Du mir nicht an dem Tag, wo die Kinder verſchwanden, geſagt, Du hätteſt am Halſe Gabriel's, als Du den Findling zu Dir nahmſt, eine kupferne Denkmünze und in ſeiner Taſche Papiere, in einer fremden Sprache beſchrieben, gefunden?“ „Ja, lieber Freund,“ antwortete die Frau. „Und die Papiere und die Denkmünze hätteſt Du Deinem Beichtvater gegeben?“ Ja“ „Und Gabriel hat Dir ſeitdem nie etwas von den Papie⸗ ren und der Münze geſagt?“ „Nein.“ Agricola hörte verwundert zu und rief: „Alſo muß unſerm Gabriel eben ſo ſehr wie den Töchtern des Generals Simon und dem Fräulein von Cardoville daran gelegen ſeyn, ſich morgen in der St. Franciscusſtraße einzufinden?“ „Ganz gewiß,“ antwortete Dagobert. „Erinnerſt Du Dich jetzt, daß er bei meiner Ankunft geſagt hat, in einigen Tagen würde er unſeres Beiſtandes in einer ernſten Sache bedürfen?“ „Ja, Vater,“ antwortete Agricola. „Und er wird in ſeinem Seminar gefangen gehalten! Und er hat Deiner Mutter geſagt, daß er ſich über ſeine Oberen zu beſchweren habe! Erinnerſt Du Dich, wie er uns um Beiſtand bat, mit ſo ernſter, trauriger Miene, daß ich ihm ſagte, wenn er einen Zweikampf auf Tod und Leben vor⸗ hätte, könnte er nicht anders zu uns ſprechen?“ „Es iſt wahr, Vater,“ erwiederte Agricvla. „Du weißt, was Muth heißt, und haſt den Muth Gabriel's dem Deini⸗ gen gleich gefunden. Die Gefahr muß ſehr groß ſeyn, daß er ſeine Oberen ſo ſehr fürchtet.“ „Jetzt,“ fuhr Dagohert fort, „da ich Deine Mutter ange⸗ hört habe, jetzt begreife ich Alles. Gabriel, Roſa und Blanca, das Fräulein von Cardoville, Deine Mutter, vielleicht auch wir, ſind die Opfer heimlicher Ränke ſchlechter Pfaffen, Jetzt, wo ich ihre Schieichwege, ihre hölliſche Beharrlichkeit erkenne, ½ — 110 — kämpfen. Ich hatte keinen Begriff von ihrer Macht.“ Heuchlerkönnen ſo viel Unheil e u liebreiche Men⸗ ſchen, gleich Gabriel, Gutes. Es gibt keinen ſchlimmeren n, ſchlechter Prieſter.“ . aan „Ich glaube es,“ ſagte Dagobert. „Und das erſchreckt mich, denn meine armen Kinder ſind in ihren Händen. Soll ich ſie ihnen ohne Kampf überlaſſen? Iſt denn gar nichts zu hoffen. Nein, das wäre Schwachheit! — Und doch — ich weiß nicht, ſeitdem Deine Mutter dieſe Teufeleien ent⸗ hüllt hat, fühle ich mich weniger ſtark, weniger entſchloſſen. Alles, was um uns her geſchieht, kommt mir ungehenuerlich vor. Die Entführung der armen Kinder iſt nur ein Theil von einem Complott, das uns umſpinnt und bedroht. Es iſt mir, als gingen ich und die, welche ich liebe, in der Nacht unter Schlangen, Feinden und Fallſtricken, die man nicht ſehen noch bekämpfen kann. Ich habe nie den Tod geſcheut, ich bin nicht feig — und doch geſtehe ich, dieſe Schwarzröcke machen mir Angſt.“ Dagobert ſprach dieſe Worte in ſo ernſtem Ton, daß Agri⸗ cola, der ſeine Empfindungen theilte, erzitterte. Offene, kräftige, entſchloſſene Noturen, die gewohnt ſind, am hellen Tag zu handeln und zu kämpfen, müſſen nur eine Furcht kennen: die, im Finſteren von ungreifbaren Feinden beſtrickt und getroffen zu werden. Dagobert, der hundert Mal dem Tod getrotzt hatte, fühlte einen unbeſtimmten Schrecken, als er ſeine Frau einfach das finſtere Gewebe von Lug und Trug Luthüllen ſah, und obwohl die Umſtände ſeiner nächtlichen Unternehmung gegen das Kloſter in nichts verändert waren, ſo erſchien ſie ihm jetzt doch unheimlicher und gefährlicher. Einige Augenblicke herrſchte Schweigen. Es ward unter⸗ brochen durch ein leiſes Klopfen an der Thür und durch die Frage der Mayeur: „Frau Bandoin, ſtören wir nicht? Herr Loriot bringt Holz.“ „Ja, komm herein!“ pief Agricola, während Dagobert den Schweiß von ſeiner Stirn abwiſchte. jetzt ſehe ich, daß man ſtark ſeyn muß, um gegen ſie zu „Du haſt Recht, Vater,“ erwiederte Agricola. „Boshafte Der ehrliche Färber trat ein, in ſeinen amarantrothen Händen einen Korb mit Holz und eine Schaufel mit glühen⸗ — den Kohlen tragend: „Allerſeits guten Abend,“ ſagte er. „Es iſt ſchön, daß Sie an mich denken, Frau Baudoin. Sie wiſ⸗ ſen, mein Krämchen ſteht Ihnen zu Dienſten. Als Nach⸗ barn hilft man ſich aus. Sie ſind ſeiner Zeit wohl auch gegen meine ſelige Frau gefällig geweſen.“ Mit dieſen Wor⸗ ten ſtellte er den Holzkorb in einen Winkel und gab die Schaufel der Mayeux. An den traurigen, gedankenvollen Mienen der Familienglieder merkte er, daß es paſſend ſey, ſeinen Aufenthalt nicht zu verlängern. „Brauchen Sie nichts weiter, Frau Baudoin?“ fragte er. „Nein, danke für Ihre Gefälligkeit,“ antwortete die Frau. „Allerſeits guten Abend,“ ſagte Loriot, und zur Mayeur gewandt, fügte er hinzu: „Vergeſſen Sie nicht den Brief an Herrn Baudoin. Ich habe ihn nicht anrühren wollen, um nicht meine fünf Finger roth darauf abzudrücken. Allerſeits guten Abend.“ Die Mayeux überreichte dem alten Kriegsmann den Brief und machte dann Feuer an. Agricola rückte den Seſſel ſei⸗ ner Mutter an den Ofen. Dagobert ſagte zu ihm: „Agri⸗ cola, ſieh', was in dem Brief ſteht. Mir iſt der Kopf ſo eingenommen, daß ich nichts ſehe.“ Agricola nahm den Brief und las, ohne erſt nach der Un⸗ terſchrift zu ſehen: „Auf dem Meer, 25. December 1831. „Ich benutze das Zuſammentreffen mit einem Schiff, welches geradeswegs nach Europa fährt, um Dir, alter Kamerad, dieſe paar Zeilen zu ſchreiben, welche Dir hof⸗ fentlich über Havre zukommen werden und vermuthlich früher als meine letzten Briefe aus Indien. Du mußt jetzt mit meiner Frau und meinem Kind zu Paris ſeyn. Sage ihnen — — „Das Boot geht ab. Ich komme nach Frankreich. Vergiß nicht den 13. Februar. Die Zukunft meiner Frau und meines Kindes hängen davon ab. Lebe wohl, lieber Freund. Ewigen Dank⸗ Simvn.“ Gleich bei den erſten Worten dieſes Briefs, der in ſo trau⸗ riger Weiſe zu den Umſtänden paßte, war Dagobert leichen⸗ blaß geworden. Die heftige Gemüthsbewegung, verbunden mit der ſchon vorhandenen Ermüdung und Erſchöpfung, machte, daß der alte Mann taumelte. „Agricola! Dein Va⸗ ter! — —“ rief die Mayeux. Der junge Mann lief herzu und hielt ihn aufrecht. Bald aber war dieſer Anfall von Schwäche vorüber. Dagobert fuhr mit der Hand über die Stirn und richtete ſeine große Geſtalt wieder auf. Sein Auge funkelte, ſein rauhes Geſicht nahm den Ausdruck feſter Entſchloſſenheit an, und mit wilder Heftigkeit rief er: „Nein, ich will meinem Wort nicht untren werden. Ich will nicht feig ſeyn. Die Schwarzröcke machen mir nicht mehr Angſt. Dieſe Nacht ſollen Roſa und Blanca befreit werden.“ Zwölftes Kapitel. Das Strafgeſetzbuch. Die Vorleſung des Briefs vom Marſchall Simon, welcher ihm ſo unerwartet ſeine heiligen Verpflichtungen ins Gedächt⸗ niß zurückrief, verſcheuchte bei Dagobert die vorübergehende Niedergeſchlagenheit, in Folge des Schreckens über die ge⸗ fährlichen Ränke der von ihm ſogenannten Schwarzröcke, und ſein Entſchluß, Roſa und Blanca zu befreien, der einen Au⸗ genblick geſchwankt hatte, ſtand jetzt unerſchütterlich feſt. „Agricola, wie viel Uhr iſt's?“ fragte er ſeinen Sohn. „Eben hat's neun Uhr geſchlagen,“ antwortete dieſer. „Du mußt mir auf der Stelle von tüchtigem Eiſen einen Haken ſchmieden, der ſtark genug iſt, um mich zu tragen, und Seffnung genug hat, um auf einer Mauerkappe feſt zu liegen. Der Ofen hier mag Dir als Eſſe und als Ambos dienen, einen Hammer wirſt Du im Haus auftreiben, und Eiſen — —“ hier ſah er ſich ſpähend um — „Eiſen — —, da! hier iſt welches.“ Bei den letzten Worten ergriff er eine neben dem Ofen liegende Kluppe mit ſehr ſtarken Schenkeln, reichte ſie ſeinem Sohn und fügte hinzu: „Jetzt raſch! Schüre das Fener, mache das Eiſen warm und ſchmiede es.“ Erſterer, welcher nichts von den Vorbereitungen wußte, die ——. Agriepla und ſeine Mutter ſahen ſich erſtaunt einander an. ſein Vater mit der Mayeux bereits gemacht hatte, wußte nicht, was er zu dieſer Aufforderung ſagen ſollte.“ „Verſtehſt Du mich denn nicht, Agricola?“ fragte Dago⸗ bert, noch immer die Kluppe hinhaltend. „Du ſollſt mir hieraus auf der Stelle einen Haken ſchmieden.“ „Einen Haken? Wozu denn?“ „Um über die Mauer des Kloſters zu kommen, wenn ich durch die Thür nicht Eingang finde.“ „Welches Kloſters?“ fragte Francisca ihren Sohn. „Wie, Vater?“ rief Agricola aufſpringend. „Du denkſt noch daran?“ „Hm! An was ſoll ich denn denken?“ „Aber, Vater, das iſt ja unmöglich. Du wirſt doch ſo etwas nicht verſuchen.“ „Agricola!“ rief die alte Frau voll Angſt, „wo will denn Dein Vater hin?“ „Er will dieſe Nacht in das Kloſter eindringen, wo die Töchter des Marſchalls Simon eingeſperrt ſind, und ſie her⸗ ausholen.“ „Großer Gott! Mein armer Mann will ein Heiligthum verletzen!“ rief Francises händeringend, und ſtand auf, um ſich ihrem Mann zu nähern. Der alte Soldat merkte, daß er mit Bemerkungen und Büten aller Art beſtürmt werden ſollte Entſchloſſen, nicht nachzugeben, wollte er unnützem Gerede vorbeugen, welches ihm eine koſtbare Zeit verloren gehen ließe, und ſagte mit ernſter, ſtrenger, faſt feierlicher Miene, welche ſeinen unbeug⸗ ſamen Entſchluß ankündigte: „Höre, Frau, und auch Du, Agricola. Wenn man in meinen Jahren einen Entſchluß ge⸗ faßt hat, ſo weiß man warum, und läßt ſich weder von Weib noch Kind abwendig machen. Spart alſo unnütze Worte. Ihr haltet es für Pflicht, zu mir zu reden, wie Ihr gethan habt. Eure Pflicht iſt erfüllt, und nun nichts weiter mehr. Heut Abend will ich Herr im Hauſe ſeyn.“ Franeisca wagte kein Wort weiter zu reden. Sie wandte ſich mit flehenden Blicken an ihren Sohn. Dieſer ſagte: „Vater, nur ein Wort.“ „Heraus mit dem einen Wort!“ entgegnete Dagobert un⸗ geduldig. w 8 — 114 — zeigen, daß Du nicht weißt, welchen Folgen Du Dich aus⸗ etzeſt.“ , weiß Alles!“ erwiederte der Soldat barſch. „Was ich unternehme, iſt keine Kleinigkeit. Aber es ſoll nicht ge⸗ ſagt werden, daß ich irgend ein Mittel vernachläßigt habe, um mein Verſprechen zu erfüllen.“ „Nimm Dich in Acht. Vater!“ ſagte Agricola. „Du weißt nicht, welcher Gefahr Du Dich ausſetzeſt.“ Dagobert zuckte höhniſch die Achſeln und erwiederte: „So! ſprich mir von Gefahr, von der Portierflinte und von der Gärtnerhippe. Angenommen, ich faſſe meine Haut in dem Kloſter, bleibſt Du nicht Deiner Mutter? Seit zwanzig Jah⸗ ren ſeyd Ihr gewohnt, mich zu entbehren; es wird Euch we⸗ niger hart ankommen.“ „Gott! ich — ich bin Schuld an all dieſem Unglück!“ rief die alte Frau. „Gabriel hatte wohl Recht, mich zu tadeln!“ „Beruhigen Sie ſich,“ flüſterte die Mayeux ihr zu. „Agri⸗ cola wird ſeinen Vater nicht ſo ſich der Gefahr ausſetzen laſſen.“ „Vater,“ ſagte der junge Mann mit bewegter Stimme, „ich kenne Dich zu gut, um Dich durch die Furcht vor einer Todesgefahr zurückhalten zu wollen.“ „Von wylcher andern Gefahr ſprichſt Du denn?“ „Von eiher Gefahr, vor welcher Du, ſo tapfer Du auch biſt, zurückbeben wirſt.“ S „Agricvla!“ rief der Soldat, „das iſt eine Niederträchtig⸗ keit urd eine Beleivigung. Eine Niederträchtigkeit iſt es, einen Menſchen durch Einſchüchterung von ſeiner Pflicht ab⸗ wendig machen zu wollen; eine Beleidigung, mich für einen Menſchen zu halten, der ſich einſchüchtern läßt.“ „Herr Baudvin!“ rief die Mayeux. „Sie verſtehen Ihren Sohn falſch.“ „Ich verſtehe ihn nur zu gut,“ erwiederte Dagobert bayſch. Betrübt über die Heſtigkeit ſeines Vaters, aber feſt in ſei⸗ nem von kindlicher Liebe eingegebenen Entſchluß, ſagte Agri⸗ cvla: „Verzeihe mir, Vater, wenn ich Dir nicht gehorche. Aber ſollteſt Du mich auch haſſen, ſo muß ich Dich doch wiſ⸗ ſen laſſen, welchen Folgen Du Dich durch nächtliche Ueber⸗ ſteigung der Mauern eines Kloſters ausſetzeſt.“ „Ich will Deinen Entſchluß nicht tadeln; aber ich will Dir 165 „Du unterſtehſt Dich?“ — — rief Dagobert mit zorn⸗ glühendem Geſicht. „Agricvla! — — Lieber Mann!“ rief die alte Frau weinend. „Herr Baudoin, hören Sie ihren Sohn an,“ bat die Mayeur. „Er ſpricht zu Ihrer aller Beſten.“ „Kein Wort weiter!“ ſchrie der Soldat, zornig auf den Boden ſtampfend. „Ich ſage Dir, Vater, Du ſetzeſt Dich den Galeeren aus!“ ſagte Agricola erbleichend. „Unglücklicher!“ rief Dagobert, ſeinen Sohn beim Arme faſſend. „Konnteſt Du mir das nicht verhehlen, anſtatt mich damit der Verſuchung auszuſetzen, ein feiger Verräther zu werden? — — Die Galeeren!“ Agricola war erfreut über die Wirkung, welche das Wort auf ſeinen Vater hervorbrachte, ſo leid ſie ihm auch auf der andern Seite that. „Ja,“ fuhr er fort, „wenn Du bei Nacht mit Einſteigung und Einbruch in einen bewohnten Ort ein⸗ dringſt, ſo kommſt Du auf die Galeeren, wofern Du darüber betreten wirſt. Und daß dieß geſchieht, iſt höchſt wahrſchein⸗ lich. Die Mayeux hat Dir geſagt, das Kloſter wird bewacht. Hätteſt Du heut am hellen Tag verſucht, die Fräulein her⸗ auszuholen, ſo würdeſt Du verhaftet worden ſeyn. Aber die⸗ ſer Verſuch hätte das Gepräge ehrlicher Verwegenheit gehabt, und wegen ſeiner Offenheit wäreſt Du ſpäter freigeſprochen worden. Aber auf nächtlichem Einſteigen ſteht Galeerenſtrafe. Das Geſetz iſt in dieſem Punkt ganz unzweideutig. Jetzt entſchließe Dich. Was Du thuſt, das thu' ich auch. Ich laſſe Dich nicht allein gehen. Sprich ein Wort, und ich ſchmiede Dir den Haken. Unten im Schrank liegt Hammer und Zange. In einer Stunde ſind wir marſchfertig.“ Tiefes Schweigen folgte auf die Worte des jungen Man⸗ nes Es ward nur unterbrochen durch das leiſe Schluchzen der alten Frau, welche murmelte: „Ach, großer Gott! Das ſind die Folgen davon, daß ich dem Abbé Dubvis gehorcht habe!“ Die Mayeux hätte gern die alte Frau getröſtet; allein ſie theilte ihre Troſtloſigkeit, da Dagobert bereit ſchien, einer entehrenden Strafe zu trotzen, und Agricvla die Gefahren ſeines Vaters theilen wollte. Dagobert war trotz ſeinem 8* 5 — kräftigen, entſchiedenen Weſen erſchüttert durch die Worte ſei⸗ nes Sohnes. Er hatte bisher die Sache mit den Augen eines Soldaten angeſehen, als eine Kriegsliſt, die gerechtfertigt wäre durch ſein gutes Recht und dann durch ſeine verzweifelte Lage. Aber die Bemerkung ſeines Sohnes zeigte ihm die Soche in ihrem wahren Licht. Entweder mußte er das Vertranen des Marſchalls Simon und die letzten Wünſche der Mutter der Waiſen täuſchen, oder er mußte ſich einer entehrenden Strafe ausſetzen — ſich und ſeinen Sohn. Und dabei hatte er nicht einmal die Gewißheit, die Waiſen zu befreien.“ Plötzlich rief die alte Frau, ihre Thränen abwiſchend, als ob ihr ein Gedanke von oben eingegeben wäre: „Gott, eben fällt mir ein, es gibt vielleicht ein Mittel, die lieben Kinder ohne Gewalt aus dem Kloſter zu bringen.“ „Wie ſo, Mutter?“ fragte Agricola geſpannt. „Der Herr Abbé Dubvis hat ſie in das Kloſter führen laſſen. Gabriel aber vermuthet, daß mein Beichtvater nur auf Antrieb des Herrn Rodin gehandelt hat.“ „Und wenn das auch wäre, kiebe Mutter, ſo würde man ſich vergebens an Herrn Rodin wenden. Von ihm würde man nichts erlangen.“ „Von ihm nicht, aber vielleicht von dem vielvermögenden Herrn Abbé, welcher der Vorgeſetzte Gabriel's iſt und ihn ſtets beſchützt hat, ſeit ſeinem Eintritt ins Seminar.“ „Von welchem Abbé?“ fragte Agricvla. 3 „Von Herrn von Aigrigny,“ antwortete ſeine Mutter. „Du haſt Recht, Mutter,“ ſagte der junge Mann. „Ehe er in den geiſtlichen Stand trat, iſt er Soldat geweſen. Er iſt vielleicht zugänglicher, als ein Andrer. Und doch — —“ „Aigrigny?“ rief Dagobert mit dem Ausdruck des Abſcheus und Haſſes. „In dieſe Schurkereien iſt ein Menſch verwickelt, der Soldat war, bevor er Geiſtlicher wurde, und Aigrigny heißt?“ „Allerdings, Vater,“ antwortete Agricola, „der Marquis von Aigrigny. Vor der Reſtauration hatte er in Rußland gedient, und 1815 haben ihm die Bourbonen ein Regiment gegeben.“ „Er iſt's!“ rief Dagobert mit dumpfer Stimme. „Aber⸗ mals er, und immer er! Wie ein böſer Geiſt, es mag ſich — vom Vater, von der Mutter oder von den Kindern handeln!“ „Was meinſt Du, Vater?“ fragte Agricola. „Wißt Ihr, wer der Marquis von Aigrigny iſt?“ fuhr Dagobert fort. „Ehe er Prieſter war, iſt er der Quäler der Mutter Roſa's und Blanca's geweſen, welche ſeine Liebe ver⸗ ſchmähte. Ehe er Prieſter war, hat er gegen ſein Vaterland gefochten, und iſt zwei Mal im Kampf mit dem General Si⸗ mon zuſammengetroffen. Während der General bei Leipzig gefangen genommen wurde, während er bei Waterloo von Wunden durchbohrt lag, triumphirte der abtrünnige Marquis mit den Ruſſen und Engländern. Unter den Bourbonen fand ſich der mit Ehren überhäufte⸗ Abtrünnige abermals dem ver⸗ folgten Kriegsmann des Kaiſerreichs gegenüber. In einem hitzigen Zweikampf ward der Marquis verwundet. Der Ge⸗ neral Simon, geächtet und zum Tod verurtheilt, verließ Frank⸗ reich. Jetzt, ſagt Ihr, iſt der Abtrünnige Prieſter? — Zetzt weiß ich, wer Roſa und Blanca hat entführen laſſen! Er hat es gethan, um an ihnen ſeinen Haß gegen ihren Vater und ihre Mutter zu ſättigen. Dieſer ſchändliche Aigrigny hat ſie in ſeiner Gewalt. Nicht bloß das Vermögen dieſer Kinder habe ich zu vertheidigen, ſondern auch ihr Leben, — verſteht Ihr? ihr Leben!“ „Hältſt Du ihn denn für fähig? — —“ begann Agricola. „Ein ehrloſer Verräther an ſeinem Vaterland,“ unterbrach Dagobert, „der am Ende ein Pfaff wird, iſt zu Allem fähig. Wer weiß, ob ſie nicht in dieſem Augenblick die Kin⸗ der langſam zu Tod martern! Denn ſie von einander tren⸗ nen iſt ſchon ein Anfang, ſie zu tödten. Die Töchter des Marſchalls Simon ſind in der Gewalt des Marquis von Aigrigny und ſeiner Bande und ich ſollte mit dem Verſuch, ſie zu retten, zögern, aus Furcht vor den Galeeren? Was liegt mir an den Galeeren? Schickt man einen Todten ins Bagno? Wer kann mich hindern, nach dieſem letzten Verſuch, wenn er mißlingt, mir eine Kugel vor den Kopf zu ſchießen? — Friſch, mein Junge! Das Eiſen ins Feuer! Die Zeit drängt. Schmiede!“ „Aber — Agricola geht mit Dir!“ rief Francisca im Ton mütterlicher Verzweiflung. Sie ſchritt auf ihren Mann zu, S agte: „Wenn Du verhaftet wirſt, warf ſich ihm zu Füßen 1 wird er es ebenfalls.“ „Um ſich die Galeer wie ich,“ erwiederte D „Aber,“ rief die ungli ausſtreckend, „was ſoll ohne ihn?“ „Du haſt Recht,“ antwortete Dagobert. „Ich habe nur an mich gedacht. Ich gehe allein.“ „Nein, Du gehſt nicht allein!“ ſagte Agricvla. „Aber Deine Mutter?“ — „Die Mayeur ſieht, was geſchieht,“ erwiederte der junge Mann. „Sie wird zu Herrn Hardy gehen und ihm Alles erzählen. Er iſt mein Meiſter und ein braver Mann. Er wird meiner Mutter Obdach und Brod geben.“ „Ich, ich bin an Allem ſchuld!“ rief die alte Frau, in Verzweiflung die Hände ringend. „Strafe mich, gerechter Gott! Ich habe die Kinder überliefert; ich werde durch den Tod meines Kindes beſtraft werden.“ Dagobert drückte ſeinen Sohn an ſein Herz und ſagte mit „Agricola, Du gehſt nicht mit mir! Ich verbiete ir's!“ „Ich ſollte zurückſtehen, nachdem ich Dir die Gefahr ge⸗ zeigt habe?“ entgegnete der junge Mann. „Habe ich nicht k auch Jemand zu befreien, das edelmüthige Fräulein von Car⸗ doville, welches mich von der Gefangenſchaft retten wollte? Sie iſt auch gefangen. Ich folge Dir, Vater. Ich ſoll und darf und will es!“ Mit dieſen Worten legte Agricola die Kluppe in die Glut. „Ach Gott! erbarme Dich unſer aller!“ ſchluchzte die alte Frau kniend, während Dagobert mit ſich zu kämpfen ſchien. „Weine nicht ſo, liebe Mutter! Du brichſt mir das Herz,“ ſagte Agricola, die arme Frau mit Hülfe der Mayeux aufhe⸗ bend. „Beruhige Dich. Ich habe dem Vater die möglichen ſchlimmen Folgen übertrieben. Wenn wir aber beide zuſam⸗ men vorſichtig zu Werk gehen, kann es uns ohne Schaden gelingen.“ Hier blinzelte er ſeinem Vater zu. „Beruhige Dich, liebe Mutter. Ich ſtehe für Alles. Wir befreien die Löchter des Marſchalls Simon und das Fräulein von Car⸗ erſparen, wird er es machen, t. „Ich habe zwei Terzerolen.“ che Mutter, flehend die Hände us mir werden, ohne Dich und „ S 5 19 doville. Mayeux, gib mir die Zange und den Hammer unten im Schrank.“ . Die Mayeux gehorchte zitternd und mit Thränen in den Augen. Agricvla fachte mit einem Blasbalg die Glut an, bis die Kluppe weißglühend war, nhn dieſe dann mit der Zange heraus und fing an, ſie auf dem Ofen zu einem Haken zu hämmern. Dagobert ſann ſchweigend nach. Plötzlich faßte er die Hände ſeiner Frau und ſagte: „Du kennſt Deinen Sohn. Ihn zu hindern, daß er mit mir geht, iſt unmöglich. Aber beruhige Dich. Ich hoffe, es wird uns gelingen. Miß⸗ lingt es, werden wir verhaftet, dann werden wir uns nicht umbringen. Arm in Arm, mit ſtolzem Blick werden wir ins Gefängniß gehen, wie zwei Männer, die ihre Schuldigkeit ge⸗ than haben. Der Tag des Gerichts wird kommen. Frei und offen werden wir Alles ſagen. Wir werden ſagen, daß wir, aufs Aeußerſte getrieben, als wir durch's Geſetz keine Hülfe fanden, zur Gewalt unſere Zuflucht nehmen mußten. — Agri⸗ cola, ſchmiede friſch zu und unbeſorgt! Die Richter ſind ehr⸗ liche Leute; ſie werden ehrliche Leute freiſprechen.“ „Du haſt Recht, Vater,“ erwiederte Agricvla. „Beruhige Dich, Mutter. Die Richter werden einen Unterſchied zu ma⸗ chen wiſſen zwiſchen Räubern, die bei Nacht über Mauern ſteigen, um zu ſtehlen, und zwiſchen einem alten Soldaten und ſeinem Sohn, die mit Gefahr ihrer Freiheit, ihres Lebens und ihrer bürgerlichen Ehre arme Opfer befreien wollen.“ „Wo nicht,“ ſetzte Dagobert hinzu, „dann wird in den Au⸗ gen ehrlicher Leute weder Dein Mann noch Dein Sohn ent⸗ ehrt ſeyn. Wenn wir auf die Galeeren kommen, werden wir ſtolz unſere Ketten⸗tragen, und der abtrünnige Marquis, der ehrkoſe Prieſter wird mehr Schande auf ſich haben, als wir. — Schmiede getroſt, mein Sohn! Etwas kann das Bagno nicht brandmarken — ein gutes Gewiſſen und Ehrlichkeit. — Eine Frage, liebe Mayeux; wir haben Eile. Sie ſind im Klvſter⸗ garten geweſen. Haben Sie bemerkt, ob die Stockwerke des Kloſters hoch ſind?“ „Sie ſind nicht hoch, Herr Baudvin, beſonders nicht auf der Seite, gegenüber dem Irrenhaus, wo das Fräulein von Cardoville eingeſperrt iſt.“ — 120 — „Wie haben Sie es angefangen, um mit dem Fräulein zu ſprechen?“ „Sie war auf der andern Seite eines lückenhaften Bretter⸗ verſchlags, der die ebet Gärten trennt.“ „Das iſt vortrefflich,“ bemerkte Agricola, während erkſein Eiſen hämmerte. „Wir können demnach leicht aus einem Gar⸗ ten in den andern kommen. Vielleicht iſt es leichter und ſicherer, durch das Tollhaus herauszukommen. Aber Du weißt eben nicht, wo das Zimmer des Fräuleins von Cardoville iſt?“ „Doch,“ antwortete die Mayeux. „Sie wohnt in einem viereckigen Pavillon. Das erſte Mal habe ich ſie an einem Fenſter geſehen, welches eine Art Wetterdach hat, blau und weiß bemalt wie Barchent.“ „Und wiſſen Sie nicht ohngefähr, wo die Zimmer meiner armen Kinder ſind?“ fragte Dagobert. Die Mayeux beſann ſich und antwortete: „Sie ſind dem. vom Fräulein von Cardoville bewohnten Pavillon gegenüber, denn ſie hat ihnen ſeit zwei Tagen von ihrem Fenſter aus Zeichen gemacht. Auch fällt mir ein, ſie hat mir geſagt, daß das Zimmer der einen im Erdgeſchoß iſt und das der andern im erſten Stockwerk.“ „Sind die Fenſter vergittert?“ fragte Agricola. „Ich weiß es nicht.“ „Gleichviel,“ ſagte Dagobert. „Dank, liebes Kind, für dieſe Angaben. Damit können wir ausrücken. Für das Uebrige hab' ich meinen Plan.“ „Waſſer, liebe Mayeux! damit ich mein Eiſen abkühlen kann,“ ſagte Agricvla. — Vater, iſt der Haken recht?“ „Ja, lieber Sohn,“ antwortete Dagobert. „So wie er kalt iſt, befeſtigen wir den Strick daran.“ Die alte Frau hatte ſich wieder auf die Knie geworfen und betete mit Inbrunſt, Gott möge ſich ihres Mannes und ihres Sohnes erbarmen, welche in ihrer Unwiſſenheit ein großes Verbrechen begehen wollten, und er möge auf ſie ſeinen Zorn fallen laſſen, da ſie allein an dem unglückſeligen Entſchluß der Ihrigen ſchuld ſey. Dagobert und Agricola, welche mittler⸗ weile ihre Vorbereitungen vollendeten, waren beide bleich, und in ihren Mienen drückte ſich ein feierlicher Ernſt aus. Sie — — — wußten, welche Gefahr mit ihrer verzweifelten Unternehmung verbunden war. Auf der Sanct Merrykirche ſchlug es zehn Uhr. Die Klänge drangen ſchwach durch das Heulen des Windes und das Rau⸗ ſchen des Regens. „Zehn Uhr!“ ſagte Dagobert, zuſammen⸗ fahrend. Es iſt keine Minute zu verlieren. Agricola nimm den Sack.“ Agricola ſagte raſch und leiſe zu der ſich kaum aufrecht haltenden Mayeux: „Wenn wir nicht morgen früh wieder hier ſind, ſo empfehl' ich Dir meine Mutter. Gehe zu Herrn Hardy. Vielleicht iſt er von ſeiner Reiſe zurück. Muth, liebe Schweſter! Küſſe mich. Ich hinterlaſſe Dir meine Mutter.“ Er umarmte die Mayeux und nahm den Sack. „Vorwärts, alter Freudenſtörer!“ rief Dagobert. „Du ſollſt uns als Vorpoſten dienen.“ Dann trat er zu ſeiner Frau, welche in Thränen zerfließend, das Geſicht ihres Sohnes mit Küſſen bedeckte: „Sey vernünftig, liebe Frau Mache uns ein gutes Feuer. In zwei oder drei Stunden bringen wir die armen Kinder hieher und ein ſchönes Fräulein. Küſſe mich; das wird mir Glück bringen.“ Die alte Frau fiel, ohne ein Wort zu reden, ihrem Mann um den Hals. Ihr ſchwaches Schluchzen verrieth ihre Ver⸗ zweiflung Dagobert riß ſich von ihr los und ſagte mit er⸗ ſtickter Stimme: „Fort! fort! Sie zerreißt mir das Herz. Gute Mayeux, wachen Sie über ſie. Komm, Agricola!“ Mit dieſen Worten ſchob er die Terzerolen in die Taſche ſeines Ueberrocks und eilte mit Freudenſtörer nach der Thür. „Agricola!“ rief die unglückliche Mutter, „laß mich noch ein Mal Dich an mein Herz drücken. Es iſt vielleicht das letzte Mal. Verzrihe mir, ich trage die Schuld.“ Unfähig aufzuſtehen, ſtreckte die arme Frau ihrem Sohn die Arme entgegen. Agricola kehrte zu ihr zurück, vermiſchte ſeine Thränen mit den ihrigen und murmelte mit erſtickter Stimme: „Lebe wohl, Mutter. Beruhige Dich. Auf baldiges Wie⸗ derſehen!“ Er riß ſich von ihr los und eilte ſeinem Vater nach, der auf der Treppe war. Franeisca Baudoin ſtieß einen langen Seufzer aus und fiel beſinnungslos in die Arme der Mayeux. Dagobert und Agricvla gingen im Sturm und Regen aus — — der Briſe⸗Miche⸗Gaſſe hinaus und nahmen mit ſtarken Schrit⸗ ten ihre Richtung nach dem Boulevard de lHöpital. Freu⸗ denſtörer lief hinter ihnen her. Dreizehntes Kapitel. Einſteigen und Einbruch. Es ſchlug halb zwölf Uhr, als Dagobert und ſein Sohn auf dem Boulevard de l'Höpital anlangten. Der Wind wehte heftig. Der Regen fiel in Strömen. Aber trotz den dicken Regenwolken war die Nacht ziemlich hell, weil der Mond ſpät aufgegangen war. Die ſchwarzen Bäume und die weißen Mauern des Kloſtergartens waren in dem Halbdunkel leicht zu erkennen. In der Ferne ſchwankte über der kothi⸗ gen Chauſſée des Boulevard, vom Wind bewegt, eine Stra⸗ ßenlaterne, deren röthliches Licht man durch den Nebel und Regen kaum bemerkte. Von Zeit zu Zeit vernahm man aus weiter Ferne das dumpfe Rollen einer verſpäteten Kutſche, dann trat wieder düſtere Stille ein. Seit ihrem Abgang aus der Briſe⸗Miche⸗Gaſſe hatten Da⸗ gobert und ſein Sohn kaum ein paar Worte gewechſelt. Der Zweck dieſer herzhaften Männer war edel, und doch ſchlichen ſie gedankenvoll durch das Dunkel hin, wie Diebe in der Stunde nächtlicher Verbrechen. Agricola trug auf der Schul⸗ ter den Sack mit dem Strick, dem Haken und der Eiſenſtange. Dagobert ſtützte ſich auf den Arm ſeines Sohnes, und Freu⸗ denſtörer folgte ſeinem Herrn. Der alte Soldat blieb ſtehen und ſagte: „Die Bank, auf welcher wir vorhin geſeſſen ha⸗ ben, muß hier in der Nähe ſeyn.“ antwortete Agricvla umherſpähend. „Da iſt ſie, ater.“ „Es iſt erſt halb zwölf Uhr,“ bemerkte Dagobert. „Wir müſſen warten bis zwölf. Wir wollen uns einen Augenblick ſetzen und uns verſtändigen.“ Er faßte mit Rührung die Hände ſeines Sohnes und fuhr nach einem Augenblick des —— — 23 Schweigens fort: „Lieber Sohn, noch iſt es Zeit. Ich bitte Dich, laß mich allein gehen. Ich will mich ſchon aus der Sache herausziehen. Je näher der Augenblick kommt, deſto mehr fürchte ich, Dich bei dieſer gefährlichen unternehnung bloßzuſtellen.“ „Und je näher der Augenblick kommt,“ erwiederte Agricola, „deſto mehr glaube ich, Dir nützlich ſehn zu können. Dein Schickſal theile ich, mag es gut oder ſchlimm ſeyn. Unſer Zweck iſt öblich. Es iſt eine Ehrenſchuld, die Du abzutra⸗ gen haſt. Ich will die Hälfte davon entrichten. Jetzt trete ich gewiß nicht mehr zurück. Alſo, Vater, laß uns an unſern Feldzugsplan denken.“ „Gut denn, Du gehſt mit,“ ſagte Dagobert, einen Seufzer erſtickend. „Wir müſſen alſo,“ fuhr Agricola fort, ohne Aufenthalt zum Ziel kommen, und es wird uns gelingen. Vorhin haſt Du die kleine Thür dieſes Gartens bemerkt, dort an der Ecke der Mauer. Das iſt ſchon ein großer Vortheil.“ „Durch ſie,“ ergänzte Dagobert, „gehen wir in den Gar⸗ ten und ſuchen nach Gebäuden, welche durch einen Bretter⸗ verſchlag getrennt ſind.“ „Richtig. Auf der einen Seite dieſes Verſchlags iſt der Pavillon, in welchem ſich das Fräulein von Cardoville befin⸗ det, und auf der andern iſt der Theil des Kloſters, wo die Töchter des Generals eingeſperrt ſind.“ In dieſem Augenblick ſprang Freudenſtörer, der zu den Füßen Dagobert's lag, in die Höhe, reckte die Ohren und ſchien zu horchen. „Man meint, Freudenſtörer hörte etwas,“ äußerte Agricvla. „Horch!“ Beide horchten eine Zeitlang; aber man vernahm nichts, als das Sauſen des Windes, der die großen Bäume, auf dem Boulevard bewegte. „Da fällt mir ein, Vater,“ fuhr Agricola fort, „wenn wir S offen haben, nehmen wir dann Freudenſtörer mit?“ „Das verſteht ſich,“ antwortete Dagobert. „Wenn ein Hofhund da iſt, wird er es mit ihm aufnehmen. Auch wird er uns aufmerkſam machen, wenn die Runde kommt. Und wer weiß — er iſt ſo klug und ſo ſehr an Roſa und Blanca gewöhnt, daß er uns vielleicht hilft, den Ort ausfindig ma⸗ — 12 — chen, wo ſie ſind. Hundertmal hab' ich geſehen, daß er ſie in Sibirien in den Wäldern aufſuchte und ausfindig machte.“ Die beiden Männer ſaßen noch eine Zeitlang ſchweigend neben einander. Endlich ließen ſich langſam und feierlich die Schläge einer Glocke vernehmen, welche das Sauſen des Win⸗ des übertönten. Dieſe Klänge ſchienen ſchmerzlich in der Seele des Vaters und des Sohnes wiederzuhallen. Beide erbebten, ergriffen wechſelſeitig ihre Hände und drückten ſie kräftig, ohne ein Wort zu reden. Die Schläge ihrer Herzen regelten ſich unwillkürlich nach den Schlägen der Uhr, deren Nachklang ſich in der ſtillen Nacht verlängerte. Beim zwölf⸗ ten Schlag ſagte Dagobert mit feſter Stimme zu ſeinem Sohn: „Jetzt iſt's Mitternacht. Umarme mich, und dann vorwärts!“ Vater und Sohn umarmten ſich. Der Augenblick war feier⸗ lich und entſcheidend. „Jetzt, Vater,“ ſagte Agricola, „laß uns mit eben ſo viel Liſt und Verwegenheit zu Werke gehen, wie Räuber, die eine Geldkiſte plündern wollen.“ Mit dieſen Worten nahm der junge Mann aus dem Sack den Strick mit dem Haken. Sein Vater zog die Eiſenſtange heraus. Beide gingen vorſichtig längs der Mauer hin nach der kleinen Thür zu, welche ſich nicht weit von der durch die Straße und den Bonlevard gebildeten Ecke befand. Von Zeit zu Zeit blieben ſie ſtehen und horchten, ob ſie nicht Laute vernähmen, welche weder durch den Regen, noch durch den Wind hervorgebracht wären. Da die Nacht fortwährend ziem⸗ lich hell blieb, ſo fanden ſie leicht die Thür. Die Bretter der⸗ ſelben ſchienen wurmſtichig und ſchwach zu ſeyn. „Gut!“ ſagte Agricola. „Mit einem Ruck wird ſie aufge⸗ hen.“ Und er begann, ſeine kräftige Schulter wider die Thür zu ſtemmen, als Freudenſtörer anng dumpf zu knurren und den Kopf in die Höhe richtete. Dagobert brachte durch ein Wort den Hund zum Schweigen, faßte ſeinen Sohn beim Arm und flüſterte ihm zu: „Wir dürfen uns nicht rühren. Freu⸗ denſtörer hat Jemand im Garten gemerkt. Agricvla und ſein Vater blieben einige Augenblicke unbe⸗ weglich und lauſchten mit verhaltenem Athem. Der Hund, dem Wort ſeines Herrn gehorſam, knurrte nicht weiter. Aber = 125 — 20 ſeine Unruhe verrieth ſich auf andere Weiſe immer mehr. „Der Hund wird ſich getäuſcht haben,“ flüſterte Agricvla ſei⸗ nem Vater zu. „Gewiß nicht. Nur ruhig!“ erwiederte der Alte. Nach einigen Augenblicken weiteren Wartens duckte ſich Freudenſtörer plötzlich nieder und ſtreckte ſchnaubend ſeine Schnauze unter das untere Rahmſtück der Thür. „Es kommt etwas,“ flüſterte Dagobert ſeinem Sohne zu. — „Laß uns fortgehen!“ entgegnete dieſer. — „Nein,“ flüſterte der Alte. „Laß uns horchen. Zum Weglaufen iſt's Zeit, wenn die Thür geöffnet wird. Hieher, Freudenſtörer!“ Der Hund gehorchte, zog den Kopf von der Thür zurück und legte ſich zu den Füßen ſeines Herrn. Einige Sekunden darauf hörte man auf dem durch den Regen erweichten Bo⸗ den des Gartens ein Patſchen ſchwerer Tritte in Pfützen und dann unverſtändliche Laute von Worten, welche deutlich zu hören, Wind und Regen hinderten. „Das iſt die Runde, von der die Mayeur geſagt hat,“ flüſterte Agricvla. „Deſto beſſer,“ entgegnete Dagobert. „Sie werden jetzt eine Zeitlang ruhig liegen, bevor ſie ihren zweiten Umgang halten. Wir haben nun wenigſtens zwei Stunden, in welchen ſie uns nicht ſtören. Jetzt haben wir gewonnen Spiel.“ Die Tritte wurden immer weniger hörbar und verhallten endlich ganz. Nach zehn Minuten ſagte Dagobert: „Jetzt raſch ans Werk und keine Zeit verloren. Sie ſind fern. Jetzt wollen wir verſuchen, die Thür zu öffnen.“ . Agricola ſtemmte ſeine kräftige Schulter dawider und drückte, ſo ſtark er konnte. Aber die alte Thür wich nicht. „Ver⸗ flucht!“ ſagte der Schmied. „Sie iſt inwendig mit einer Querſtange verwahrt, ſonſt würden dieſe ſchlechten Bretter nicht halten.“ „Was iſt zu thun?“ fragte Dagobert. „Ich ſteige mit Hülfe des Stricks und des Hakens auf die Mauer und öffne von innen,“ antwortete Agricola und warf den Haken aus. Nach mehren vergeblichen Verſuchen blieb derſelbe auf der Mauerkappe liegen. „Jetzt, Vater, mache mir das Leiterchen,“ fuhr er fort. „Mit dem Strick helfe ich mir ganz hinauf, und ſitz' ich einmal oben, dann hänge — 126 — ich das Seil auf die andere Seite und laſſe mich in den Gar⸗ ten hinab.“ Der Soldat lehnte den Rücken an die Mauer und hielt die Hände, eine unter der andern, wagerecht vor den Leib. Sein Sohn trat mit dem einen Fuß in die Höhlung derſelben, dann mit beiden auf die kräftigen Schultern ſeines Vaters, während er ſich mit den Händen am Seil hielt. Dann klet⸗ terte er am Seil, die Füße in kleine Mauerlücken ſtutzend, bis zur Kappe hinauf. Leider bemerkte er nicht, daß auf dieſer Glasſcherben eingemauert waren, ſo daß er ſich Knie und Hände verletzte. Er unterdrückte die Aeußerung des Schmerzes, um ſeinen Vater nicht zu beunruhigen, legte den Haken herum, und rutſchte am Seil in den Garten hinab. Hier eilte er nach der Thür und fand ſie mit einem ſtarken Querholz verwahrt. Aber das Schloß war in ſo ſchlechtem Zuſtand, daß es einem kräftigen Riß des Schmiedes nicht widerſtand. Die Thüre ging auf und Dagobert trat mit Freudenſtörer in den Garten. „Jetzt, lieber Sohn,“ ſagte der alte Soldat, „iſt das Schwerſte durch Dich gethan. Wir haben jetzt einen ſichern Ausweg für die Kinder und für das Fräulein von Cardoville. Alles kommt nun darauf an, ſie zu finden, ohne eine unan⸗ genehme Begegnung zu haben. Freudenſtörer muß als Spä⸗ her vorangehen. — Vorwärts, guter Hund! Sey ſtumm und ſchweige!“ Sofort ging das kluge Thier voraus, ſchnuppernd und hor⸗ chend, wie ein Spürhund, der ſucht. Bei dem ſchwachen Licht des von Wolken verhüllten Mondes bemerkten Dagobert und ſein Sohn, daß ſie in eine Gruppe hoher, kreuzweis gepflanz⸗ ter Bäume gekommen waren, von welcher mehre Baumgänge ausliefen. Einen Augenblick waren ſie unſchlüſſig, welchen von dieſen ſie einſchlagen ſollten. Agricola ſagte: „Wir müſ⸗ ſen die Allee längs der Mauer einſchlagen. Sie wird uns an ein Gebäude führen.“ Sein Vater gab ihm Recht und rieth ſeinerſeits, auf den Raſeneinfaſſungen zu gehen, anſtatt in dem kothigen Baumgang, und damit zugleich das Geräuſch ihrer Tritte zu verhüten. Unter Voraustritt von Freudenſtö⸗ rer verfolgten ſie den Baumgang, dann und wann ſtehen blei⸗ bend, um zu horchen, oder um über ſonderbare Geſtalten ins — 127 — Klare zu kommen, welche nichts anders, als die im hakben Mondlicht vom Wind bewegten Bäume und Sträucher waren. Es ſchlug halb ein Uhr, als Dagobert und Agricola an ein eiſernes Gitter kamen, welches den der Oberin vorbehal⸗ nen Theil des Gartens abſchloß — den Theil, in welchen ſich am vergangenen Abend die Mayeur eingeſchlichen, nach⸗ dem ſie Roſa Simon im Geſpräch mit Adriana von Cardo⸗ ville geſehen hatte Durch die Stangen dieſes Gitters ſahen ſie einen Bretterverſchlag, welcher ſich nach einer im Bau begriffenen Kapelle hinzog, und jenſeits deſſelben einen klei⸗ nen viereckigen Pavillon. „Das iſt gewiß der vom Fräulein von Cardoville bewohnte Pavillon des Tollhauſes,“ bemerkte Agricola. „Und ihm gegenüber muß das Gebäade mit den Zimmern Roſa's und Blanca's ſeyn, welches wir von hier aus nicht ſehen können,“ fügte Dagobert hinzu. „Die armen Kinder! Dort ſind ſie in Thränen und Verzweiflung!“ „Wenn nur das Gitter offen iſt!“ ſagte Agricvla. „Höchſt wahrſcheinlich,“ erwiederte Dagobert, „es befindet ſich ja im Innern.“ Nach wenigen Schritten hatten Vater und Sohn das Gitter erreicht. Sie fanden das Thor bloß eingeklinkt. Dagobert wollte es aufmachen. „Gib Acht, daß es nicht in den Angeln knarrt,“ flüſterte Agricvla ihm zu. — „Muß ich es ſanft oder heftig aufſtoßen?“ fragte Dagobert. „Laß mich's machen,“ erwiederte Agricola und ſtieß das Thor heftig auf, ſo daß es nur wenig knarrte. Indeß war dies Knarren in der Stille der Nacht doch hörbar, da gerade der Wind ſich einen Augen⸗ blick gelegt hatte. Beide Männer blieben eine Zeitlang horchend ſtehen, bevor ſie die Schwelle überſchritten, damit ſie im Nothfall ihren Rückzug um ſo leichter bewerkſtelligen könn⸗ ten. Da ſich indeß nichts hören noch ſehen ließ, ſo traten ſie in den vorbehaltenen Garten ein. Kaum befand ſich der Hund in dieſem Raum, ſo gab er alle Zeichen einer außerordentlichen Frende. Mit aufgereckten Ohren und wedelndem Schwanze ſprang er auf den Bretter⸗ verſchlag zu, blieb einen Augenblick davor ſtehen und drehte und wendete ſich dann wie ein Jagdhund, der eine Fährte ſucht. Dagobert und ſein Sohn ließen ihn gewähren und — 128 — beobachteten ihn mit ängſtlicher Aufmerkſamkeit, indem ſie von ſeiner Klugheit und von ſeiner Anhänglichkeit an die Waiſen Alles hofften. „Dort,“ äußerte Dagobert, hat wahrſcheinlich Roſa geſtanden, als die Mayeux ſie geſehen hat. Freuden⸗ ſtörer iſt auf ihrer Spur, wir müſſen ihn gewähren laſſen.“ Nach einigen Augenblicken drehte der Hund den Kopf nach ſeinem Herrn um und ſprang dann fort nach einer Thür im Erdgeſchoß des Gebändes, welches dem von Adriana bewohn⸗ ten Pavillon gegenüber lag. An der Thür legte er ſich nie⸗ der und ſchien ſeinen Herrn zu erwarten. „Ganz gewiß iſt dies das Gebäude, wo die Kinder ſind,“ ſagte Dagobert, ſeinem Hunde nachgehend. „Dort muß vor einigen Stunden Roſa hineingeführt worden ſeyn.“ „Wir müſſen ſehen, ob die Fenſter vergittert ſind oder nicht,“ bemerkte Agricola. Als Beide bei dem Hund angekommen waren, ſagte Dago⸗ bert, auf das Haus deutend, leiſe zu ihm: „Nun, Alter? ſind Roſa und Blanca da?“ Freudenſtörer warf den Kopf in die Höhe und antwortete durch ein freudiges Murren, dem ein mehrmaliges Kläffen folgte. Dagobert faßte ihn geſchwind vei der Kehle, damit er nicht noch mehr Lärm machte. „Er wird Alles verderben!“ ſagte Agricvla. „Wer weiß, ob man ihn nicht gehört hat.“ — „Nein,“ erwiederte Dagobert. „Aber jetzt iſt kein Zweifel mehr; hier ſind die Kinder.“ In dieſem Augenblick ſchlug das Gitterthor, durch welches Dagobert und Agricola in den vorbehaltenen Garten gekom⸗ men waren, klirrend zu. „Wir ſind eingeſperrt!“ ſagte Agri⸗ cola. „Und kein anderer Ausgang!“ Nachdem er mit ſeinem Vater einen Blick der Beſtürzung gewechſelt, fuhr er fort: „Vielleicht iſt das Thor von ſelbſt zugefahren. Ich will nach⸗ ſehen und es wo möglich wieder öffnen.“ „Schnell!“ erwiederte Dagobert. „Ich will indeß die Fen⸗ ſter unterſuchen.“ Agricola eilte zurück nach dem Gitterthor, und Dagobert ſchlich längs der Wand hin nach den Fenſtern des Erdge⸗ ſchoſſes. Es waren ihrer vier, darunter zwei vergitterte. Dagobert ſah hinauf nach dem erſten Stockwerk und fand, daß es nicht hoch war, und daß keins der Fenſter in demſel⸗ ben Eiſenſtäbe hatte. Diejenige von den Schweſtern, welche — 129 — ſich hinter einem derſelben befand, konnte alſo, wenn ſie be⸗ nachrichtigt war, an das Fenſtergeländer ein Leintuch knüpfen und ſich daran herunterlaſſen, wie ſie es beide in der Her⸗ berge zum „Weißen Falken“ gemacht hatten. Die Schwierig⸗ keit war nur, zu erfahren, in welchem Zimmer ſie war. Dagobert meinte, das könnte er durch diejenige Schwe⸗ ſter erfahren, welche ſich im Erdgeſchoß befand. Aber hinter welchem der vier Fenſter war dieſe zu ſuchen? Agricola kam eilig zurück und ſagte: „Ohne Zweifel hat der Wind die Thür zugeworfen. Ich habe ſie wieder geöff⸗ net und einen Stein darunter gelegt. Aber wir müſſen eilen.“ 2 „Wie ſollen wir die Fenſter herausfinden, hinter welchen die Kinder ſind?“ fragte Dagobert verlegen. „Das iſt wahr,“ erwiederte Agricvla ängſtlich. „Was iſt da zu machen?“ „Wenn wir auf Gerathewohl in eines hineinrufen und das treffen, ſo verrathen wir uns vielleicht,“ fuhr Dago⸗ bert fort. „Gott! Gott!“ ſagte Agricvla mit ſteigender Angſt. „Hier unter ihren Fenſtern angekommen zu ſeyn, und nicht zu wiſſen — — —“ „Die Zeit drängt,“ unterbrach Dagobert. „Wir müſſen Alles für Alles wagen.“ „Wie ſo?“ fragte Agricola. * „Ich rufe laut: Roſa! Blanca! Ich weiß, in ihrer Ver⸗ zweiflung ſchlafen ſie nicht. Auf meinen erſten Ruf werden ſie bei der Hand ſeyn. Die, welche im erſten Stockwerk wohnt, kann in fünf Minuten bei uns ſeyn, wenn ſie ihr Betttuch an das Fenſtergeländer knüpft. Die im Erdgeſchoß braucht nur eine Sekunde, wenn ihr Fenſter nicht vergittert iſt. Iſt es vergittert, ſo können wir bald eine Eiſenſtange aus dem Blei herausarbeiten.“ „Aber, Vater,“ wandte Agricvla ein; „dies laute Ru⸗ fen — — 2 „Vielleicht wird es nicht gehört,“ äußerte Dagobert. „Wenn es aber gehört wird, ſo iſt Alles verlvren.“ „Wer weiß? Ehe Jemand Zeit hat, die Wächter zu ſuchen und mehre Thüren zu öffnen, können die Kinder befreit ſeyn. W. 9 2 Wir eilen dann nach dem Ausgang auf den Boulevard und ſind gerettet.“ „Das Mittel iſt gefährlich, aber ich weiß ſelbſt kein an⸗ deres.“ „Wenn nur zwei Wächter da ſind,“ fuhr Dagobert fort, „ſo nehmen ich und Freudenſtörer es auf uns, ſie im Schach zu halten, wofern ſie vor Beendigung unſeres Geſchäfts kom⸗ men, und unterdeſſen holſt Du die Kinder.“ Agricola, der ſich die ganze Zeit den Kopf zerbrochen hatte, rief plötzlich: „Vater, ein Mittel! ein ſicheres Mittel! Die Mayeux hat uns ja geſagt, daß das Fräulein von Cardoville den Kindern Zeichen gemacht hätte.“ 5 „Sie weiß, wo ſie wohnen, denn armen Kinder haben von ihren Fenſtern aus ihre Zeichen exwiedert. 2 „Du haſt Recht. Wir gehen nach dem Pavillon. Aber wil erkennen wir? — —“ „Die Mayeur hat mir geſagt, daß über dem Fenſter des Fräuleins eine Art Wetterdach ſey.“ „Geſchwind. Wir brauchen nichts weiter, als ein paar Bretter von dem Verſchlag abzubrechen. Hier, nimm die Siane Nach wenigen Schritten befanden ſich Dagobert und ſein Sohn an dem Verſchlage. Agricola brach drei Bretter los und öffnete damt einen leichten Durchgang. „Bleib hier, Vater,“ ſagte er, „und ſtehe Schildwacht“ Hierauf ſchlüpfte er in den Garten des Doctor Baleinier. Das von der Mayeux bezeichnete Fenſter war leicht zu erkennen. Es war hoch und breit. Das Wetterdach über demſelben rührte da⸗ her, daß an der Stelle des Fenſters urſprünglich eine Thür geweſen, welche jetzt zum dritten Theil zugemauert war. Die Gitterſtangen, welche es verwahrten, ſtanden ziemlich weit aus⸗ einander. Seit einigen Augenblicken hatte der Regen aufgehört. Die Wolken, welche den Mond bisher bedeckt hatten, verzogen ſich, und der Pavillon ward vollſtändig beleuchtet. Agricvla trat ans Fenſter und ſah durch die Scheiben. Das Zimmer war Z. aber hinten drang in daſſelbe, durch eine halbgeöffnete ein ziemlich⸗ helles Licht. Der junge Mann hſ —— ——— — 131 — das Fräulein von Cardoville möchte noch wachen, und klopfte leiſe an einer Scheibe. Nach wenigen Augenblicken ging die erwähnte Thür hinten im Zimmer völlig auf, und das Fräu⸗ lein trat in das Zimmer. Sie war wirklich noch nicht zu Bett geweſen, denn ſie trug noch dieſelben Kleider, wie am vergangenen Abend, da ſie mit der Maheur geſprochen. Ein Wachslicht in ihrer Hand beleuchtete ihr ſchönes Geſicht, wel⸗ ches jetzt den Ausdruck der Ueberraſchung und Unruhe trug. 3 Sie ſtellte ihr Licht auf einen Tiſch und trat horchend dem — Fenſter näher. Plötzlich erbebte ſie und blieb ſtehen. hatte das Geſicht eines Mannes durch die Scheiben bemerkt. Agricola fürchtete, ſie möchte erſchrocken in das Nebenzimmer zurückfliehen. Er klopfte alſo von neuem und ſagte, auf die Gefahr hin, außen gehört zu werden, mit lauter Stimue: „Agricola Baudvin!“ 1 Adriana hörte dies Wort. Sogleich fiel ihr das Geſpräch mit der Mayeux ein, und ſie vermuthete, daß die beiden Bau⸗ doin ſich in das Kloſter eingeſchlichen hätten, um Roſa und Blanea zu entführen. Sie eilte nach dem Fenſter, erkannte im hellen Mondſchein deutlich den Schmied und öffnete vor⸗ ichtig das Fenſter. 6. „Fräulein,“ ſagte haſtig Agricvla, „es iſt keine Minute zu verlieren. Der Graf von Montbron iſt nicht zu Paris. Mein Vater und ich ſind gekommen, Sie zu befreien.“ „Ich danke Ihnen, Herr Baudoin,“ erwiederte Adriana mit dem Ausdruck tief gefühlten Danks. „Aber denken Sie erſt an die Töchter des Generals Simon.“ „Wir denken an ſie, Fräulein. Ich komme eben, um Sie zu fragen, wo ihre Fenſter ſind.“ „Das eine iſt gleicher Erde, das letzte nach dem Garten * Das andere iſt genau über demſelben im erſten Stock⸗ werke. „Nun ſind ſie gerettet!“ rief Agricpla. . „Aber,“ fuhr Adriana fort, „ich denke, das Stockwerk iſt ziemlich hoch. Dort bei der im Bau begriffenen Kapelle fin⸗ den Sie lange Gerüſtſtangen; die können Ihnen vielleicht dienen.“ „Sie ſind ſo gut, wie eine Leiter, um ins erſte Stockwerk zu kommen. Jetzt aber muß ich an Sie denken, Fräulein“ „Denken Sie nur an die armen Waiſen. Die Zeit drängt. Wenn nur ſie dieſe Nacht frei werden. Mir kommt es nicht darauf an, einen oder zwei Tage länger in dieſem Haus zu bleiben.“ „Nein, Fräulein!“ erwiederte der junge Mann. „Im Ge⸗ gentheil, es iſt für Sie höchſt wichtig, dieſe Nacht herauszu⸗ kommen. Sie wiſſen es nicht, aber ich.“ „Was meinen Sie?“ fragte Adriana. „Ich habe nicht Zeit, mich genauer zu erklären. Aber ich beſchwöre Sie, Fräulein, kommen Sie. Ich will zwei Stäbe des Gitters ausheben. Ich hole eine Brechſtange.“ . „Das iſt unnöthig,“ erwiederte Adriana. „Die Thür die⸗ ſes Pavillon, in welchem ich allein wohne, iſt bloß von außen verſchloſſen und verriegelt. Sie brauchen nur das Schloß aufzubrechen.“ „In zehn Minuten ſind wir auf dem Boulevard,“ ſagte Agricola. „Machen Sie ſich ſchnell fertig. Nehmen Sie einen Shawl und einen Hut, denn die Nacht iſt kalt. Ich komme augenblicklich zurück.“ „Herr Baudoin,“ erwiederte Adriana mit Thränen in den Augen, „ich weiß, was Sie für mich wagen. Ich hoffe, Ihnen beweiſen zu können, daß ich ein eben ſo gutes Gedächtniß habe, wie Sie. Sie und Ihre Adoptivſchweſter ſind wackere, edle Menſchen. Es iſt mir lieb, Ihnen beiden ſo viel zu verdanken. Aber kommen Sie nicht eher, mich zu holen, als bis die Töchter des Marſchalls Simon befreit ſind.“ „Dank Ihren Angaben iſt das ſo gut wie geſchehen, Fräu⸗ lein. Ich eile zu meinem Vater, und wir kommen dann, Sie abzuholen.“ Agricvla, dem guten Rath Adriana's folgend, ging hin, an den Mauern der Kapelle eine der langen Gerüſtſtangen zu holen. Eben als er durch den Verſchlag geſchlüpft war nach der Kapelle hin, welche im Schatten lag, glaubte Adriana eine menſchliche Geſtalt aus den dichten Baumgruppen des Kloſter⸗ gartens hervorkommen, raſch durch eine Allee gehen und hinter einer hohen Buchshecke verſchwinden zu ſehen. Erſchrocken 3 rief ſie mit gedämpfter Stimme dem Schmiede nach. Aber dieſer war ſchon zu weit, um ſie zu hören. Er nahm von der Kapelle eine Stange, lud ſie auf die Schulter und eilte — wiederholten Ruf: „Wacht herbei! Diebe! Mörder!“ — — damit zu ſeinem Vater, welcher, vor Ungeduld vergehend, vvn einem Fenſter zum andern ſchlich und horchte. „Jetzt ſind wir gerettet!“ flüſterte Agricola ihm zu. „Dies ſind die Fen⸗ ſter der armen Kinder: dies hier und das da oben.“ „Endlich!“ rief Dagobert mit unausſprechlicher Freude und lief hin, die Fenſter zu unterſuchen. „Sie ſind nicht vergit⸗ tert,“ ſagte er. „Erſt wollen wir uns Gewißheit verſchaffen, ob eins der Kinder hier iſt,, ſagte Agricvla. „Und dann lehne ich dieſe Stange wider die Wand und klettere hinauf an das Fenſter im erſten Stockwerk. Es iſt nicht hoch.“ „Gut, mein Sohn,“ erwiederte Dagobert. „Biſt Du oben, ſo klopfſt Du ans Fenſter und rufſt: Roſa oder Blanca. Wenn ſie Dir geantwortet hat, ſo kommſt Du herunter, wir lehnen die Stange an das Fenſtergeländer, und das arme Kind rutſcht daran herunter. Sie ſind behend und herzhaft. Geſchwind! Raſch ans Werk!“ „Und dann befreien wir das Fräulein von Cardoville,“ fügte Agricola hinzu und legte die Gerüſtſtange an die Mauer. Unterdeſſen klopfte Dagobert an das untere Fenſter und ſagte laut: „Ich bins: Dagobert.“ Hinter dieſem Fenſter befand ſich Roſa. Das arme Kind, in Verzweiflung über die Trennung von ſeiner Schweſter, lag in fieberiſcher Unruhe ſchlaflos auf ſeinem Bett und benetzte ſein Kopfkiſſen mit ſeinen Thränen Bei dem Klopfen am Fenſter fuhr ſie erſchrocken zuſammen. Als ſie aber die wohl⸗ bekannte Freundesſtimme vernahm, ſetzte ſie ſich auf und fuhr mit der Hand über die Stirn, wie um ſich zu verſichern, daß ſie nicht von einem Traum getäuſcht werde. Dann eilte ſie, in ihren langen weißen Pudermantel gehüllt, ans Fenſter und ſtieß einen Freudenruf aus. Aber ehe ſie das Fenſter öffnen konnte, fielen zwei Schüſſe, und wiederholt erſcholl der Ruft „Wacht herbei! Diebe!“ Starr vor Entſetzen blieb ſie ſtehen, die Augen auf das Fenſter geheftet. Sie ſah undeutlich beim Schein des Mondes, wie mehre Männer mit einander hitzig kämpften und hörte das Gebell Freudenſtörers, übertönend den — 281 — Vierzehntes Kapitel. Der Vorabend eines großen Tages. „ Etwa zwei Stunden vor den eben berichteten Begebenhei⸗ ten im Marienkloſter befanden ſich Rodin und der Pater Aigrigny beiſammen in dem Gemach in der Straße Milieu⸗ des⸗Urſins, wo wir ſie ſchon einmal geſehen haben. Nach der Julirevolution hatte der Marquis für nöthig gefunden, die geheimen Archive und die Correſpondenz ſeines Ordens in dieſe einſtweilige Wohnung zu ſchaffen, denn er durfte fürchten, daß die ehrwürdigen Väter von Staatswegen aus dem großartigen Anweſen vertrieben werden möchten, mit wel⸗ chem die Reſtauration ſie freigebig beſchenkt hatte. *) Rodin, immer lumpig und ſchmutzig gekleidet, ſchrieb be⸗ ſcheiden an ſeinem Tiſch, treu ſeiner untergeordneten Sekretär⸗ rolle, welche, wie wir geſehen haben, das weit wichtigere Geſchäft des Soeins verbarg. Dies Geſchäft beſteht nach den Conſtitutionen des Ordens darin, den Oberen ſtets im Auge zu behalten, jede ſeiner Handlungen und Empfindungen auszuſpähen und darüber nach Rom zu berichten. Trotz ſei⸗ ner gewöhnlichen Unerſchütterlichkeit ſchien Rodin ſehr unru⸗ hig und gedankenvoll zu ſeyn. Er antwortete noch kürzer als gewöhnlich auf die Befehle und Fragen des Pater Ai⸗ grigny. „Hat es etwas neues gegeben während meiner Abweſen⸗ heit?“ fragte Aigrigny „Sind die Berichte fortwährend günſtig?“ „Sehr günſtig,“ antwortete Rodin. „Leſen Sie mir dieſelben.“ „Ehe ich Ew. Ehrwürden davon Bericht erſtatte,“ bemerkte Rodin, „muß ich Ihnen anzeigen, daß ſeit zwei Tagen WMorok hier iſt.“ „Er?“ fragte der Abbé betroffen. „Ich dachte, nachdem er Deutſchland und die Schweiz verlaſſen, habe er von Frei⸗ ²) Siehe die Anmerkungen am Schluß des Bandes. — — burg aut Befehl erhalten, ſich nach dem Süden zu wenden. 2 2 Zu Nimes, zu Avignon könnte er jetzt ein guter Mittelsmann ſeyn, denn die Proteſtanten rühren ſich, und man fürchtet eine Reaction gegen die Katholiken.“ „Ich weiß nicht,“ erwiederte Rodin, „ob Morok beſondere Gründe gehabt hat, ſeinen Wes zu ändern. Seine erklärten Gründe anlangend, hat er mir geſagt, er wolle hier Vor⸗ ſtellungen geben.“ „Wie ſo?“ „Ein Theateragent hat zu Lyon ihn und ſeine Menagerie zu einem hohen Preis für das Theater an der Martins⸗ pforte engagirt, und er hat gemeint, er dürfe einen ſolchen Vortheil nicht ausſchlagen. So hat er mir geſagt.“ „Meinetwegen!“ ſagte Aigrigny, die Achſeln zuckend. „Al⸗ lein durch Verbreitung von Tractätlein, durch den Verkauf von Roſenkränzen und Bildern, und durch den Einfluß, den er auf religiöſe und wenig vorgeſchrittene Bevölkerungen aus⸗ geübt hätte, wie die im Süden und in der Bretagne ſind, würde er haben Dienſte leiſten können, die er zu Paris nie leiſten wird.“ „Er iſt unten mit einer Art von Rieſen, der ihn beglei⸗ tet,“ fuhr Rodin fort. „Als ehemaliger Diener Ewr. Ehr⸗ würden hoffte Morok die Ehre zu haben, Ihnen heute Abend die Hand zu küſſen“ „Unmöglich! unmöglich!“ entgegnete der Abbé. „Sie wiſ⸗ ſen, wie ſich die Geſchäfte an dieſem Abend Leätgen⸗ Iſt in die Franciscusſtraße geſchickt worden?“ „Es iſt geſchehen. Der alte Jude, welcher das Haus hütet, ſagte, er ſey von dem Notar benachrichtigt worden. Morgen früh um ſechs Uhr werden die Werkleute die vermauerte Thür aufbrechen, und zum erſten Mal ſeit 150 Jahren wird dies Haus geöffnet werden.“ Der Pater ſann einen Augenblick nach und fuhr dann fort: „Am Vorabend eines ſo entſcheidenden Tages darf nichts ver⸗ nachläſſigt werden. Man muß ſich Alles in's Gedächtniß zu⸗ rückrufen. Leſen Sie mir die Abſchrift von der Note, welche vor anderthalb Jahrhunderten im Archiv der Geſellſchaft in Betreff des Herrn von Rennepont eh worden i 4 Siehe die Anmerkungen am Schluß des Bandes. 136 Rodin holte aus einem Fach ein Papier und las Folgendes: „Anheute, den 19. Februarii 1682, hat der E. V.. Provincial Alexander Bourdon nachfolgende Nachricht überſandt mit der Randbemerkung: Ueberaus wichtig für die Zukunft. Man hat ſo eben durch die Bekenntniſſe eines Sterben⸗ den, welchem einer unſerer Väter ſeinen Beiſtand geleiſtet, eine ſehr geheime Sache entdeckt. Herr Marius von Rennepont, einer der unruhigſten und gefährlichſten Oberſten der reformirten Seete, einer der grimmigſten Feinde unſerer heiligen Geſellſchaft, war ſcheinbar in den Schoos unſerer Mutter Kirche zurückge⸗ kehrt, lediglich und allein, um ſeine Güter zu retten, welche ob ſeiner gottloſen und verdammlichen Aufführung mit Confiscation bedroht waren. Da aber von verſchiedenen Perſonen unſerer Geſellſchaft die Beweiſe geltefert waren, wie daß die Bekehrung des von Rennepont nicht aufrich⸗ tig war, ſondern einen läſterlichen Hinterhalt hatte, als ſind die Güter des benannten Herrn, der ſolchergeſtalt als rückfällig zu betrachten, derohalben von Sr. Maje⸗ ſtät, Unſerm König Ludwig XIV., confisciret, auch be⸗ meldter Herr von Rennepont auf ewig zu den Galeeren *) condemniret worden, welchen er durch freiwilligen Tod entgangen iſt, in Folge welches gräulichen Verbrechens er auf einer Schleife hinausgeführt und ſein Leichnam den Hunden des Schindangers überkiefert worden iſt. Nach ſothanem Vorbericht ſoll nunmehro die geheime Sache gemeldet werden, welche für den zukünftigen Vor⸗ theil unſerer Soeietät ſo hochwichtig ſeyn kann. Se. Majeſtät Ludwig XIV. in ſeiner väterlichen un katholiſchen Liebe zur Kirche und zu unſerem Orden in⸗ ſonderheit, hat uns den Ertrag ſothaner Confiscation be⸗ williget zum Dank dafür, daß wir mitgewirkt haben, den von Rennepont als läſterlichen Relapsum zu ent⸗ arven. . So eben erfahren wir ſicher, daß dieſer Confiscation und folzends unſerer Societät ein Haus entzogen worden 7 — iſt, belegen zu Paris in der Sanct Franciseusgaſſe N. 3, und eine Summe von fünfzigtauſend Thalern in Gold. Das Haus iſt vor der Confiscativn durch einen ſimu⸗ lirten Verkauf an einen Freund des Herrn von Rennepont abgetreten worden, der jedoch ein ſehr guter Katholik iſt, was ſehr zu bedauern, ſintemal man ihm nichts anhaben kann. Dies Haus iſt durch die verdammliche Gefällig⸗ keit dieſes Freundes, gegen welche ſich nichts machen läßt, zugemauert worden und ſoll nach dem letzten Willen des Herrn von Rennepont erſt nach hundertundfünfzig Jahren wieder geöffnet werden. Anlangend die fünfzigtauſend Thaler Gold, ſo ſind die⸗ ſelbigen in Hände gelegt, welche man leider nicht kennt, zu dem Ende, um hundertundfünfzig Jahre lang angelegt und durch Hinzuſchlagen der Zinſen auf die Hauptſumma jährlich vermehret, nach Ablauf beſagter 150 Jahre aber unter die alsdann vorhandenen Nachkommen gedachten Herrn von Rennepont vertheilt zu werden. Die durch Anhäufung der Zinſen ſolchergeſtalt vermehrte Summa wird vierzig bis fünfzig Millionen Livres Tournvis be⸗ tragen. Aus unbekannt gebliebenen Beweggründen, die in ſeinem Teſtament aufgezeichnet ſind, hat der Herr von Rennepont ſeiner durch die Edicte wider die Proteſtirenden aus Frankreich verjagten Familie die Anlegung der fünfzig⸗ tauſend Thaler verheimlicht. Nur hat er ſeine Verwandten auftefordert, in ihrem Stamm von Geſchlecht zu Geſchlecht die Anempfehlung fortzupflanzen, daß diejenigen Abkömm⸗ linge, ſo nach 150 Jahren leben, ſich am dreizehnten Februarii 1832, zu Parts in der Sanct Franciseusgaſſe zuſammen einfinden ſollen. Und auf daß ſolche Anem⸗ pfehlung nicht vergeſſen werde, hat er einen Menſchen, deſſen Stand unbekannt deſſen Geſtalt aber bekannt iſt, beauftragt, Denkmünzen von Kupfermochenzu laſſen, aufwel⸗ chem derſelbige Wunſch und daſſelbige Datum ausgeprägtſind, und jedweder Perſon von ſeiner Familie eine ſolche Denkmünze zuzuſtellen. Aus einem anderen Grund, den man eben⸗ falls nicht weiß, der aber vermuthlich auch im Teſtament ausgeſprochen iſt, ſollen die Erben gehalten ſeyn, ſich an — 138 — benanntem Tag vor Mittog perſönlich, und nicht durch Vertreter, einzuſtellen, widrigenfalls ſie von der Theilung ausgeſchloſſen werden. Der unbekannte Menſch, welcher hingegangen iſt, die Denkmünzen an die Glieder der Familie Rennepont zu vertheilen, iſt ein Mann von dreißig bis ſechsunddreißig Jahren, von ſtolzem und traurigem Ausſehen und von großer Geſtalt. Er hat ſchwarze, dicke Augenbrauen, die ſeltſam in einander laufen. Er nennt ſich Joſeph, und man hat ſtarken Argwohn, daß derſelbige Reiſende ein geſchäftiger und gefährlicher Ausſendling der wüthigen Republikaner und Reformirten der Sieben vereinig⸗ ten Provinzen iſt. Aus Vorſtehendem iſt zu entnehmen, daß die von jenem Relapso auf Schleichwegen in eine unbekannte Hand ge⸗ ſegte Summe der uns von unſerm vielgeliebten Könige bewilligten Confiscation entgangen iſt. Das iſt alſo ein unmäßiger Verluſt, ein gräulicher Trug, für den wir ſchadlos gehalten zu werden ſuchen müſſen, wenn nicht jetzo, doch ins Künftige. Demnach unſere Geſellſchaft zur Ehre Gottes und un⸗ ſeres heiligen Vatters unvergänglich iſt, als wird es leicht ſeyn, durch unſere Verbindungen, die wir vermittelſt Miſ⸗ ſionen und anderer Stiftungen in der ganzen Welt ha⸗ ben, von nun an die Abſtammung belagter Familie Ren⸗ nepont von Geſchlecht zu Geſchlecht zu verfolgen und ſie nie aus den Augen zu verlieren, auf daß nach 150 Jah⸗ ren im Augenblicke der Vertheilung des aufgehäuften un⸗ ermeßlichen Vermögens unſere Geſellſchaft wieder in den Beſitz dieſes Gutes kommen könne, welches ihr verräthe⸗ riſcher Weiſe entwendet worden, und es wieder erlange per fas aut nefas, durch welches Mittel immer, ſelbſt durch Liſt oder Gewalt, ſintemal unſere Geſellſchaft ge⸗ halten iſt, nicht anders zu handeln wider die, ſo uns in Zukunft unſer Gut vorenthalten, welches böslicher Weiſe von dem infamen, läſterlichen Relapso geſtohlen worden. Angeſehen es recht iſt, ſein Gut zu vertheidigen, zu be⸗ wahren und wiederzuerlangen durch alle Mittel, ſo der Herr in unſere Hände legt. — Bis zur vollſtändigen Wiedererſtattung wird alſo dieſe Familie von Nennepont verdammlich und verworfen ſeyn, als der verfluchte Stamm jenes rückfälligen Cain, und es wird gut ſeyn, ſtets ein grimmiges Auge auf ſie zu haben. Zu dem Ende wird es nöthig ſeyn, von heute an jedes Jahr eine Nachforſchung zu halten übe die Lage der Glieder dieſer Familie.“ Rodin hielt inne und ſagte zum Pater Aigrigny: „Nun folgt Jahr für Jahr Rechenſchaft von der Lage dieſer Fami⸗ —— lie ſeit 1682 bis auf unſere Tage. Es iſt wohl überflüſſig, ſie Ewr. Ehrwürden vorzulegen?“ „Sehr überflüſſig,“ antwortete der Pater. „Das Geleſene faßt alles Nöthige vollſtändig zuſammen.“ Er ſchwieg einen Augenblick und fuhr dann fort mit dem Ausdruck triumphi⸗ renden Stolzes: „Wie groß iſt doch die Macht der auf Ueber⸗ lieferung und Fortdauer gegründeten Geſellſchaft! Mittels dieſer ſeit anderthalb Jahrhunderten unſern Archiven einver⸗ leibten Note iſt dieſe Familie von Geſchlecht zu Geſchlecht beaufſichtigt worden. Unſer Orden hat ſtets die Angen auf ſie gerichtet gehabt und ſie verfolgt auf alle Punkte der Erde, wohin die Verbannung ſie zerſtrent hatte. Morgen endlich werden wir die Rückzahlung dieſer Schuld erlangen, welche anfangs unbedentend war, und welche hundert und fünfzig Jahre in ein königliches Vermögen verwandelt haben. Ja, es wird uns gelingen, denn ich glaube, alle möglichen Fälle vorgeſehen zu haben. Nur eine Sache gibt mir zu denken.“ „Welche?“ fragte Rodin. „Ich denke an die Nachweiſung, welche man ſchon, aber vergebens, verſucht hat, vom Hüter des Hauſes in der Fran⸗ ciscusſtraße zu erlangen. Iſt es nochmals verſucht worden, wie ich Ihnen befohlen?“ „Es iſt geſchehen.“ „Und?“ „Dies Mal, wie früher, iſt aus dem alten Juden nichts herauszubringen geweſen. Er iſt zigens faſt kindiſch, und ſeine Frau iſt nicht viel beſſer.“ „Wenn ich daran denke,“ fuhr der bé fort, „daß ſeit anderthalb Jahrhunderten, während denen dies Haus in der Franciscusſtraße vermauert und verſchloſſen iſt, die Bewa⸗ — chung deſſelben ſich von Geſchlecht zu Geſchlecht in dieſer Fa⸗ milie Samuel erhalten hat, ſo kann ich nicht glauben, daß ſie nicht wiſſen ſollten, wer nach einander die Inhaber dieſer durch Anhäufung unermeßlich gewordenen Kapitalien gewe⸗ ſen ſind.“ „Aus den Noten im Fasecikel dieſer ſeit 1682 von dem Orden ſorgfältig verfolgten Angelegenheit haben Sie erſehen, daß man zu verſchiedenen Zeiten geſucht hat, Nachweiſungen über dieſen Punkt zu erhalten, welchen die Note des Pater 1 Bourdon dunkel gelaſſen hat. Aber dies Geſchlecht jüdiſcher Hüter iſt ſtumm geblieben, und daraus muß man ſchließen, daß ſie nichts wußten“ „Das iſt mir eben immer unmöglich vorgekommen. Denn der Großvater dieſer Samuel hat vor 150 Jahren der Schlie⸗ ßung dieſes Hauſes beigewohnt. Er iſt laut dem Fascikel der Vertraute oder der Diener des Herrn von Rennepont geweſen. Es iſt unmöglich, daß er nicht viele Sachen ge⸗ wußt, und daß die Ueberlieferung davon ſich nicht in ſeiner Familie erhalten haben ſollte.“ „Wäre es mir erlaubt, eine kleine Bemerkung zu wagen?“ ſagte in Demuth Herr Rodin. „Reden Sie,“ erwiederte der Pater. 5 „Vor wenigen Jahren hat man durch eine Beichte Ge⸗ wißheit erlangt, daß das Kapital vorhanden und zu einer ungeheuern Ziffer angewachſen iſt.“ „Richtig. Und das hat eben die Aufmerkſamkeit des ehrwürdi⸗ gen Pater General wieder lebhaft auf dieſe Sache gelenkt.“ „Man weiß alſo,“ fuhr Rodin fort, „was vermuthlich alle Abkömmlinge der Familie Rennepont nicht wiſſen: den un⸗ ermeßlichen Werth dieſer Erbſchaft.“ „Allerdings,“ erwiederte Aigrigny. „Die Perſon, welche ihrem Beichtvater dieſe Gewißheit gegeben hat, verdient alles Vertrauen. Erſt kürzlich hat ſie ihre Erklärung wiederholt, aber trotz allem Drängen ihres Beichtvaters hat ſie ſich ge⸗ weigert, zu ſagen i ſſen Händen das Kapital ſich befinde. Jedoch hat ſie vel es önne nicht in ehrlichere Hände gelegt ſeyn.“ „Demnach,“ fagte Rodin, „ſcheint mir, daß man das Wi 4 5 ———— ——— ——— — 141 „Wer weiß, ob der Inhaber dieſer unermeßlichen Summe ſich morgen einfindet, ungeachtet der Ehrlichkeit, die man ihm zuſchreibt? Unwillkürlich ſteigt meine Beſorgniß, je näher der Augenblick herankommt!“ Der Pater ſchwieg einen Augen⸗ blick und fuhr dann fort: „Die Sache iſt ſo bedeutend, daß die Folgen des Gelingens unberechenbar wären. Nun, we⸗ nigſtens iſt alles Mögliche verſucht.“ Der Pater Aigrigny richtete dieſe Worte an Rodin, als verlangte er deſſen Zuſtimmung. Der Socius aber ſagte nichts darauf. Der Abbé ſah ihn verwundert an und fuhr fort: „Sind Sie nicht dieſer Meinung? Hätte man mehr wagen können? Iſt man nicht bis an die äußerſte Grenze des Möglichen gegangen?“ Rodin verneigte ſich ehrerbietig, blieb aber ſtumm. „Wenn Sie meinen, es ſey eine Vorſichtsmaßregel unter⸗ laſſen, ſo ſagen Sie es!“ rief Aigrigny mit ängſtiicher Un⸗ geduld. „Noch iſt's Zeit. Nochmals: glauben Sie, daß Alles gethan worden iſt, was möglich war? Wird nicht, nach⸗ dem alle Abkömmlinge beſeitigt worden ſind, Gabriel, wenn er morgen in der Franciscusſtraße erſcheint, der einzige Re⸗ präſentant dieſer Familie, und ſonach der einzige Beſitzer die⸗ ſes unermeßlichen Vermögens ſeyn? Und gemäß ſeiner Ver⸗ zichtleiſtung und unſern Statuten wird nicht er, ſondern der Orden in den Beſitz kommen. Hätte man beſſer oder anders handeln können? Reden Sie offen.“ „Ich kann mir nicht erlauben, eine Meinung in dieſer Be⸗ ziehung zu äußern,“ antwortete Rodin demüthig, indem er ſich abermals Lerbeugte. „Der gute oder der ſchlechte Erfolg wird Ewr. Ehrwürden Antwort geben.“ Pater Aigrigny zuckte die Achſeln und ärgerte ſich, daß er Rath geſucht hatte bei dieſer Schreibmaſchine, welche ſei⸗ ner Anſicht nach nur drei Eigenſchaften hatte: Gedächtniß, Schweigſamkeit und Pünktlichkeit. ſtin von St. Dizier erinnert, läßt das Fräulein von Car⸗ Fünfzehntes Kapitel. Nach einem Augenblick des Schweigens fuhr Pater Aigrigny fort: „Leſen Ste nun die Berichte vom heutigen Tag über die Lage einer jeden der bezeichneten Perſonen.“ 1 „Eben iſt der von beute Abend gekommen,“ ſagte Rodin. ℳ „Laſſen Sie hören.“ Rodin las Folgendes: „Jakob Rennepont, genannt Liegganznackt, iſt um acht Uhr heute Abend im Schuldgefängniß geſehen worden.“ „Dieſer wird uns morgen nicht beunruhigen,“ bemerkte der Pater. „Weiter!“ „Die Frau Oberin des Sanct Marienkloſters hat auf Erinnerung der Frau Fürſtin von St. Dizier für nöthig befunden, die Fräulein Roſa und Blanca Simon noch feſter einzuſchließen. Dieſen Abend, um neun Uhr, ſind ſie in ihre Zellen geſperrt worden und in der Nacht wer⸗ 1 den im Kloſtergarten durch bewaffnete Leute Runden ge⸗ ₰ macht werden.“ „Auch von dieſer Seite iſt bei dieſen Vorſichtsmaßregeln nichts zu fürchten. — Weiter!“ „Herr Doetor Baleinier, gleichfalls von der Frau Für⸗ doville fortwährend ſcharf im Auge behalten. Um drei . Viertel auf neun Uhr iſt ihr Pavillon verſchloſſen und verriegelt worden.“ „Wieder ein Grund der Beſorgniß weniger.“ „Was Herrn Hardy betrifft,“ ſagte Rodin, „ſo habe ich dieſen Morgen ein Briefchen von Toulouſe erhalten von Herrn von Breſſac, ſeinem Buſenfreund, der uns ſo trefflich gedient hat, dieſen Fgbrikanten zu entfernen. Das Billet ſchließt einen Brief F, den Hardy an eine vertraute Perſon geſchrieben hat. Herr von Breſſae hat für gut gefunden, dieſen Brief von feiner Beſtimmung abzulenken und uns zu⸗ zuſchicken, als einen neuen Beweis des Erfolgs ſeiner B ihm nach ſeinen vorzüglichen Dienſtleiſtungen die Beweisſtücke — hungen, welche wir ihm, wie er hofft, nicht unvergolten laſ⸗ ſen würden. Denn, um uns zu dienen, ſagt er, verrathe er auf die niederträchtigſte Weiſe ſeinen Buſenfreund, indem eine ſchändliche Comödie ſpiele. Er zweifelt jetzt nicht, da in die Hände geliefert werden, die ihn völlig von uns ab⸗ hängig machen, weil ſie eine Frau zu Grund richten können, die er mit ehebrecheriſcher Leidenſchaft liebt. Er ſagt, man müſſe Mitleid haben mit der ſchrecklichen Lage, in welcher man ihm nur die Wahl laſſe, die Frau, welche er anbete, zu Grund gerichtet und entehrt zu ſehen, oder auf ehrloſe Weiſe ſeinen Buſenfreund zu verrathen.“ „Dieſer Ehebrecherjammer verdient durchaus kein Mitleid,“ erwiederte verachtungsvoll der Pater Aigrigny. — Man wird übrigens Rath ſchaffen. Herr von Breſſac kann uns nech nützlich ſeyn. Aber laſſen Sie den Brief von Hardy hören, von dieſem gottloſen republikaniſchen Fabrikanten, dieſem wür⸗ digen Sprößling des verfluchten Stamms. Seine Entfernung war ſehr wichtig.“ „Hier iſt der Brief von Herrn Hardy,“ ſagte Rodin. „Mor⸗ gen wird man ihn an die Perſon, für die er beſtimmt iſt, gelangen laſſen.“ Hierauf las er Folgendes: „Toulvuſe, 10. Februar. Endlich finde ich einen Augenblick, Ihnen, lieber Freund, zu ſchreiben und Ihnen die Urſache meiner ſo plötzlichen Abreiſe zu erklären, welche Sie nicht beunruhigen, aber doch in Erſtaunen ſetzen konnte. Zugleich ſchreibe ich Ih⸗ nen, um Sie um eine Gefälligkeit zu erſuchen. Die Sache iſt kurz die. Ich habe Ihnen oft von Felix von Breſſac geſprochen, einem meiner Jugendgeſpielen, der freilich viel jünger iſt, als ich. Wir haben uns ſtets zärtlich geliebt und uns einander genug Beweiſe einer ernſten Zuneigung gegeben, um auf einander rechnen zu können. Er iſt für mich ein Bruder. Sie wiſſen , was ich unter dieſem Wort verſtehe. Vor mehren Tagen hat er mir von Tou⸗ louſe, wo er einige geit zubringen wollte, geſchrieben: „Wenn Du mich liebſt, ſo komme. Ich bedarf Deiner. Reiſe augenblicklich ab. Deine Trö⸗ ſtungen geben mir vielleicht den Muth, zu le⸗ ben. Sollteſt Du zu ſpät kommen, ſo verzeihe mir und denke zuweilen — an den, welcher bis zum letzten Hauch Dein beſter Freund ſeyn wird.“ Sie können ſich meinen Schmerz und mein Entſetzen vorſtellen. Ich beſtellte augenblicklich Pferde. Als mein Werkführer, ein Greis, den ich ſchätze und verehre, der Vater des Generals Simon, erfuhr, daß ich in den Sü⸗ den abreiſte, bat er mich, ihn mitzunehmen und ihn einige Tage im Departement der Creuſe zu laſſen, wo er einige nengegründete Fabriken einſehen wollte. Ich bewilligte ihm dies um ſo lieber, da ich auf dieſe Weiſe unterwegs den Kummer, welchen der beängſtigende Brief Breſſac's mir verurſachte, in ſeinen Buſen ausſchütten konnte. Ich komme nach Toulouſe und erfahre, daß Breſſae den Tag zuvor in Verzweiflung abgereiſ't iſt und Waffen mit⸗ genommen hat. Wohin er gegangen ſey, konnte mir kein WMenſch ſagen. Nach zwei Tagen bringen mich einige mit Mühe geſammelte Anzeichen auf ſeine Spur. Nach viel⸗ fältigem Suchen entdecke ich ihn endlich in einem elenden Dorf. Nie habe ich eine ſolche Verzweiflung geſehen. Es war nichts Heftiges darin; aber eine unheilverkündende Niedergeſchlagenheit, ein finſteres Schweigen. Anfangs ſtieß er mich faſt zurück. Dann ließ dieſer entſetzliche Schmerz, nachdem er ſeinen Gipfel erreicht, allmählig nach. Nach einer Viertelſtunde fiel er, in Thränen zer⸗ fließend, in meine Arme. Neben ihm lagen ſeine gelade⸗ nen Piſtolen. Einen Tag ſpäter, und es wäre vielleicht um ihn geſchehen geweſen. Ich kann Ihnen die Urſache ſeiner entſetzlichen Verzweiflung nicht mittheilen. Das Geheimniß gehört nicht mir. Aber ich habe mich über ſeine Verzweiflung nicht gewundert. Was ſoll ich Ihnen ſagen? Ich muß eine vollſtändige Kur mit ihm vorneh⸗ men. Jetzt gilt es, dieſe arme, ſo grauſam zerriſſene Seele zu beruhigen, zu pflegen und ihre Wunden zu hei⸗ len. Nur die Freundſchaft kann dieſe mißliche Aufgabe übernehmen, und ich habe gute Hoffnung. Ich habe ihn dazu gebracht, eine Zeitlang zu reiſen. Bewegung und Zerſtreuung werden ihm wohl thun. Ich gehe mit ihm — nach Nizza. Morgen reiſen wir ab. Wenn er den Aus⸗ flug verlängern will, ſo verlängern wir ihn, denn meine Geſchäfte werden mich nicht vor Ende des Monats März gebieteriſch nach Paris zurückrufen. Was nun die Gefälligkeit betrifft, um die ich Sie an⸗ ſpreche, ſo iſt ſie bedingt. Die Sache iſt die. Aus Fa⸗ milienpapieren meiner Mutter ſcheint hervorzugehen, daß mir daran gelegen ſeyn müßte, mich am 13. Februar in der Franciscusſtraße Nro. 3 zu Paris einzufinden. Ich hatte mich erkundigt, aber nichts weiter erfahren, als daß dies Haus von ſehr alterthümlichem Ausſehen in Folge einer Wunderlichkeit eines meiner Vorfahren von mütter⸗ licher Seite ſeit 150 Jahren verſchloſſen iſt und am drei⸗ zehnten dieſes Monats geöffnet werden ſollte in Gegen⸗ wart meiner und meiner Miterben, die, wofern ich deren habe, mir unbekannt ſind. Da ich nicht zugegen ſeyn kann, ſo habe ich an meinen Werkführer, den Vater des Generals Simon, in den ich volles Vertrauen ſetze, und welchen ich im Departement der Creuſe gelaſſen habe, ge⸗ ſchrieben, er möchte nach Paris reiſen und bei Eröffnung dieſes Hauſes zugegen ſeyn, nicht als mein Bevollmäch⸗ tigter (das wäre unnütz), ſondern als Neugieriger, und mir nach Nizza ſchreiben, was die Folge des romanhaften Willens eines meiner Vorfahren iſt. Da aber mein Werk⸗ führer zu ſpät ankommen könnte, um dieſen Auftrag aus⸗ zurichten, ſo würde ich Ihnen ſehr verbunden ſeyn, wenn Sie bei mir, im Pleſſis, nachfragen wollten, ob er ange⸗ kommen, und falls er nicht angekommen iſt, ihn bei Oeff⸗ nung des Hanſes in der Sanct Franeiseusſtraße erſetzen wollten. Ich glaube meinem armen Freund Breſſae nur ein klei⸗ nes Opfer gebracht zu haben dadurch, daß ich mich an dem genannten Tag nicht zu Paris befinde. Allein wäre auch das Opfer unermeßlich, ſo würde ich es doch nicht bedauern. Denn meine Pflege und meine Freundſchaft wären nöthig für den, welchen ich als einen Bruder be⸗ trachte. Ei Sie alſo gefälligſt hin und ſehen Sie bei Oeff⸗ nung dieſes Hauſes zu. Und dann haben Sie die Güte . — 146 — mir poste restante nach Nizza das Ergebniß Ihrer Rolle als Neugieriger zu melden. Franz Hardy.“ Nachdem Rodin den Brief zu Ende geleſen, ſagte der Pa⸗ ter Aigrigny: „Obwohl die Anweſenheit des Vaters des Marſchalls Simon von keiner ſchlimmen Bedeutſamkeit ſeyn kann, ſo wäre es doch beſſer, er wohnte morgen der Oeff⸗ nung dieſes Hauſes nicht bei. — Indeß, was liegt daran! — Hardy iſt ſicher entfernt; es handelt ſich nur noch um den jungen Indier. Es iſt klug geweſen, den Herrn Noroal, als Ueberbringer der Geſchenke des Fräuleins von Cardoville für den Prinzen, abreiſen zu laſſen. Der Arzt, welcher, von Doetor Baleinier gewählt, ihn begleitet, wird ſonach keinen Verdacht einflößen.“ „Durchaus keinen,“ bemerkte Rodin. „Sein geſtriger Brief war vollkommen beruhigend.“ „Alſo iſt auch vön Seiten des indiſchen Prinzen nichts zu befürchten,“ ſagte Herr von Aigrigny. „Alles geht auf's Beſte.“ „Wus Gabriel betrifft,“ fuhr Pater Rodin fort, „ſo hat er dieſen Morgen von neuem geſchrieben, um die Unterre⸗ dung mit Ewr. Ehrwürden, um welche er ſeit drei Tagen vergebens anhält. Er empfindet die Strenge der Strafe, welche man ihm auferlegt hat, indem man ihm ſeit fünf Ta⸗ gen unterſagt, das Haus zu verlaſſen.“ „Morgen,“ erwiederte Aigrigny, „wenn er in die Fran⸗ eiscusſtraße geführt wird, iſt es Zeit. — Alſo,“ fuhr er mit triumphirender Zufriedenheit fort, „ſind in dieſem Augenblicke alle Abkömmlinge dieſer Familie, deren Anweſenheit unſere Plane verderben könnte, in der Unmöglichkeit, ſich morgen vor Mittag in der Sanct Franciseusſtraße einzufirden, müh⸗ Int Gabriel allein dort ſeyn wird. Endlich ſind wir um In dieſem Augenblick ward zwei Mal leiſe an der Thür geklopft. „Herein!“ rief Aigrigny. Ein alter, ſchwarzgeklei⸗ deter Diener trat ein und ſagte: „Unten iſt ein Mann, der augenblicklich in dringenden Geſchäften mit Herrn Rodin ſprechen will. ½ „Sein Nanfe?“ fragte Pater Aigrigng. . + „Er hat ſeinen Namen nicht genannt. Aber er hat ge⸗ „ ſagt, er käme von Herrn Joſua van Dael, Kaufmann auf der Inſel Java.“ Pater Aigrigny und Rodin wechſelten einen Blick der Ueber⸗ raſchung, faſt des Schreckens. Aigrigny ſagte zu ſeinem Secretär: „Sehen Sie, was das für ein Menſch iſt, und be⸗ richten Sie mir ſodann. — Laßt ihn hereinkommen,“ bedeu⸗ tete er dem Diener und verſchwand durch eine Seitenthür, nachdem er Rodin einen Wink gegeben. Der alte Diener ging hinaus. Eine Minute ſpäter führte er Faringhea ein, den geweſenen Häuptling der Würgerſekte. Rodin erkannte ihn ſogleich als den räthſelhaften Unbekann⸗ ten, den er auf Schloß Cardoville geſehen. Er erbebte, aber er that, als ſähe er dieſen Menſchen nicht. Ueber ſeinen Schreibtiſch gebückt, ſchrieb er haſtig einige Worte, auf ein vor ihm liegendes Blatt Papier. Vetwundert über ſein Schweigen ſagte der Diener: „Herr Rodin, hier iſt der Mann.“ Rodin falzte das ſo eben beſchriebene Papier zuſammen,“ ſchrieb ein paar Worte auswendig darauf, überreichte es dem Diener und ſagte: „Laßt es beſorgen. Die Antwort wird mir gebracht.“ Der Diener verbengte ſich und ging weg. Rodin, ohne aufzuſtehen, heftete ſeine kleinen Schlangenaugen auf Fa⸗ ringhea und fragte höflich: „Mit wem hab' ich die Ehre zu ſprechen?“ 3 Sechzehntes Kapitel. Die zwei Brüder vom guten Werk. — Faringhea, in Indien geboren, war, wie früher geſagt, viel gereiſ't und hatte die eurvpäiſchen Factoreien in verſchiede⸗ nen Theilen Aſiens beſucht. Er ſprach guuſEngiſch und Franzöſiſch, war klug und ſcharfblicend und ſenac vollkon⸗ —.— men eiviliſirt. Anſtatt auf die Frage Rodin's zu ant⸗ worten, heftete er einen durchdringenden Blick auf ihn. Ungeduldig über dies Schweigen und mit einer gewiſſen Unruhe ahnend, daß die Ankunft des Meſtizen einen mittel⸗ baren oder unmittelbaren Zufammenhang mit dem Schickſal Dſchalma's habe, wiederholte der Socius mit dem Schein der größten Kaltblütigkeit ſeine Frage: „Mit wem habe ich die Ehre zu ſprechen?“ „Erkennen Sie mich nicht?“ fragte Faringhea ſeinerſeits, zwei Schritt näher zum Stuhl Rodin's hintretend. Kalt verſetzte dieſer: „Ich glaube nicht, daß ich je die Ehre gehabt habe, Sie zu ſehen.“ „Ich aber erkenne Sie,“ ſagte der Würger. „Ich habe Sie auf Schloß Cardoville geſehen an dem Tag, wo das Dampfſchiff und der Dreimaſter Schiffbruch litten.“ „Auf Schloß Cardoville? — Das iſt möglich. Ich bin wirklich am Tag eines Schiffbruchs dort geweſen. „Und an dieſem Tag,“ ergänzte Faringhea, „habe ich Sie bei Ihrem Namen gerufen — Sie haben mich gefragt, was ich wollte, und ich habe Ihnen geantwortet: Jetzt nichts, ſpäter viel. Die Zeit iſt gekommen. Ich erſcheine, um viel von Ihnen zu verlangen.“ 3 „Werther Herr,“ entgegnete Rodin ganz ruhig, „bevor wir dies bis jetzt ziemlich unverſtändliche Geſpräch fortſetzen wünſchte ich, wie ich ſchon zwei Mal geſagt habe, zu wiſſen, mit wem ich die Ehre habe, zu ſprechen. Sie haben ſich hier Eingang verſchafft unter dem Vorwand eines Auftrags von Herrn Joſua van Dael, einem achtbaren Handelsmann auf Java, und — —“ , „Sie kennen die Handſchrift des Herrn Joſua?“ unterbrach Faringhea. 4 „Ich kenne ſie genau.“ * „Sehen Sie!“ rief der Meſtize, indem er aus ſeiner Taſche das lange Schreiben zog, welches er dem Schleichhändler WMahal, nachdem er ihn am Ufer von Batavia erwürgt, ab⸗ genommen hatte. Er hielt es dem Pater Rodin hin. Die⸗ ſer ſagte: „Das iſt wirklich die Handſchrift des Herrn Joſua,“ und griff darnach. Schnell zog Faringhea das Papier rück und ſchob es wieder in ſeine Taſche. . „Werther Herr,“ ſagte Rodin, nehmen Sie mir es nicht übel, Sie haben eine eigene Manier, Beſtellungen auszu⸗ richten. Da dieſer Brief an mich gerichtet und Ihnen von Herrn Joſua anvertraut iſt, ſo ſollten Sie — — „Dieſer Brief iſt mir nicht von Herrn Joſua anvertraut,“ unterbrach Faringhea. „Wie kommt er denn in Ihre Hände?“ „Ein Schmuggler auf Java hatte mich verrathen. Joſua hatte für dieſen Kerl einen Platz nach Alexandria genommen und ihm dieſen Brief gegeben, den er an Bord bringen und für das Felleiſen nach Europa abgeben ſollte. Ich habe den . Schmuggler erdroſſelt, ihm den Brief abgenommen, an ſeiner Stelle die Fahrt gemacht, und hier bin ich.“ Der Würger ſprach dieſe Worte im Ton wilder Prahlerei und ſah ſeinen Mann keck an. Er glaubte ihn mit dieſer Art von Marktſchreierei aus der Faſſung bringen und ein⸗ ſchüchtern zu können. Zu ſeiner großen Verwunderung aber heftete Rodin einen durchdringenden Blick auf ihn und ſogte mit der größten Ruhe: „Ah! Man erdroſſelt ſo zu Java?“ „Und auch anderwärts,“ fügte mit bitterem Lächeln der Würger hinzu. * „Ich will Ihnen nicht glauben, aber ich finde bei Ihnen eine erſtaunliche Offenherzigkeit. Ihr Name?“ „Faringhea.“ „Nun, Herr Faringhea, wo wollen Sie hinaus? Sie ha⸗ ben ſich durch ein abſcheuliches Verbrechen eines an mich ge⸗ 8 richteten Briefs bemächtigt. Und jetzt zögern Sie, ihn mir zu überliefern.“ „Weil ich ihn geleſen habe, und weil er mir dienen kann.“ „Ah! Sie haben ihn geleſen?“ ſagte Rodin, einen Augen⸗ blick verwirrt. — „Freilich, nach Ihrer Weiſe, ſich mit der Correſpondenz Anderer zu befaſſen, darf man nicht auf allzu⸗ große Beſcheidenheit von Ihrer Seite rechnen. Und was haben Sie aus dieſem Brief des Herrn Joſua entnommen, das Ihnen ſo nützlich wäre?“ „Ich habe daraus entnommen, Bruder, daß Sie, wie ich, eein Sohn des guten Werks ſind.“ 35 „Welches gute Werk meinen Sie?“ fragte Rodin erſtaunt. Faringhea antwortete im Ton bitterer Ironie: „Joſug ſagt — — Ihnen in ſeinem Brief: Gehorſam und Muth, Heim⸗ lichkeit und Geduld, Liſt und Kühnheit, Einheit unter uns, die wir zum Vaterland die Welt ha⸗ ben, zur Familie die Glieder unſeres Ordens, und zur Königin Rom.“ „Es iſt möglich, daß Herr van Dael mir ſo ſchreibt. Aber was ſchließen Sie daraus?“ „Bruder, unſer Werk hat, wie das Eurige, die Welt zum Vaterland. Wie Ihr haben wir zur Familie unſere Mit⸗ ſchuldigen und zur Königin Bohwanie.“ „Ich kenne dieſe Heilige nicht,“ erwiederte Rodin de⸗ muthsvoll. „Das iſt unſer Rom,“ fuhr der Würger fort. „Joſua ſpricht Ihnen auch von denjenigen Söhnen Eures Werks, welche über die ganze Welt verbreitet, zum Ruhme Rom's, Eurer Königin arbeiten. Die von unſerem Werk arbeiten gleichfalls in verſchiedenen Ländern zum Ruhm Bohwanie's.“ „Und wer ſind dieſe Söhne Bohwanie's, Herr Faringhea?“ „Entſchloſſene, verwegene, geduldige, liſtige, hartnäckige Menſchen, welche, um das gute Werk triumphiren zu laſſen, Vaterland, Vater und Mutter, Bruder und Schweſter auf⸗ opfern, und die als Feinde alle die betrachten, welche nicht' zu ihnen gehören.“ „Es ſcheint mir viel Gutes in dem beharrlichen und reli⸗ giös ausſchließlichen Geiſt dieſes Werks zu liegen,“ ſagte Rodin mit beſcheidener, gottſeliger Miene. „Nur müßte man ſeinen Zweck kennen.“ „Wie Ihr, Bruder, machen wir Leichen.“ „Leichen?“ rief Rodin. „In ſeinem Brief,“ fuhr Foringhea fort, „ſagt Ihnen Joſua: Der größte Ruhm unſeres Ordens iſt, aus dem Menſchen eine Leiche zu machen. ³) Unſer Werk macht ebenfalls aus dem Menſchen eine Leiche. Der Tod der Menſchen iſt lieblich für Bohwanie.“ „Aber) rief Rodin, „Herr Joſua ſpricht von der Seele, von dem Willen, von dem Gedanken, welche durch die Zucht vernichtet werden ſollen. *) Sirhe die Anmerkungen am Schluß des Bandes. — — —n—en — 151 — . „Das iſt wahr, die Eurigen tödten die Seele, die unſti⸗ gen tödten die Leiber. Die Hand, Bruder! Ihr ſeyd, wie wir, Menſchenjäger.“ „Nochmals, Herr Faringhea, es iſt die Rede davyn, den Willen, den Gedanken zu tödten.“ „Was ſind denn der Seele, des Willens, des Gedankens beraubte Leiber anders als Leichen? Kommen Sie, Bruder! Die Todten, welche unſere Schlinge macht, ſind nicht lebloſer und kälter, als die, welche Eure Zucht macht. Schlagen Sie ein, Bruder. Rom ünd Bohwgnie ſind Schweſtern.“ Trotz ſeiner ſcheinbaken Rühe ſah Rodin nicht ohne ge⸗ heimen Schrecken, daß ein Kerl wie Faringhea im Beſitz eines langen Schreibens von Joſua war, in welchem noth⸗ . — wendig die Rede von Dſchalma ſehn mußte. Freilich glaubte Rodin zuverſichtlich, den jungen Indier in die Unmöglichkeit verſetzt zu haben, am nächſten Tag in Paris zu ſeyn. Aber da er nicht wußte, welche Verbindungen ſich ſeit dem Schiff⸗ bruch zwiſchen dem Prinzen und dem Meſtizen angeknüpft haben könnten, ſo betrachtete er Faringhea als einen ver⸗ muthlich ſehr gefährlichen Menſchen. Allein je mehr er innerlich beunruhigt war, deſto mehr bemühte er ſich, äußer⸗ z lich ruhig und verachtend zu erſcheinen. Er erwiederte: „Ohne Zweifel iſt dieſe Zuſammenſtellung von Rom und Bohwanie ſehr witzig. Aber was ſchließen Sie daraus?“ „Ich will Ihnen zeigen, Bruder, was ich bin und weſſen ich fähig bin, um Sie zu überzeugen, daß es beſſer iſt, mich zum Freund als zum Feind zu haben.“ „Mit andern Worten,“ entgegnete Rodin mit verachtender Jronie, „Sie gehören zu einer indiſchen Mörderſecte und wollen mir durch eine handgreifliche Allegorie das Loos des Menſchen zu bedenken geben, dem Sie die für mich beſtimmten Briefe geraubt haben. Ich meinerſeits erlaube mir, Ihnen, — Herr Faringhea, in aller Demuth zu bemerken, daß man hier keinen Menſchen erdroſſelt, und daß, wenn Sie den Einfall hätten, einen Menſchen in einen Leichnam zu ver⸗ wandeln, aus Liebe zu Bohwanie, Ihrer Gottheit, man Ihnen den Kopf abſchneiden würde aus Liebe zu einer andern Gottheit, die man im gemeinen Leben die Juſtiz nennt.“ „Und was würde man mir thun, wenn ich verſucht hätte, jemand zu vergiften?“ „Ich muß Ihnen weiter in aller Demuth bemerken, daß ich keine Zeit habe, Ihnen ein Collegium über Strafrecht zu leſen. Nur ſo viel ſag' ich Ihnen, widerſtehen Sie der Ver⸗ ſuchung, irgend jemand zu erdroſſeln oder zu vergiften. Noch . ein Wort: wollen Sie mir die Briefe des Herrn Joſua herausgeben, oder nicht?“ „Die Briefe in Betreff des Prinzen Dſchalma?“ fragte der Meſtize und ſah dabei den Pater Rodin ſcharf an. Dieſer empfand plötzlich eine große Angſt, verſtattete aber keinen Blick in ſein Inneres und antwortete mit der größten Ruhe von der Welt: „Da ich den Inyalt der Briefe, welche Sie mir vorenthalten, nicht kenne ſo iſt es mir unmöglich, Ihnen zu antworten. Ich bitte Sie und wenn es ſeyn muß, verlange ich von Ihnen, daß Sie mir dieſe Briefe geben — — oder hinausgehen.“ „In einigen Minuten werden Sie mich bitten, zu bleiben.“ „Ich zweifle,“ erwiederte Rodin. „Einige Worte werden dies Wunder wirken. Wenn ich Ihnen eben von Vergiftung geſprochen habe, Brüderchen, ſo iſt es geſchehen, weil Sie einen Arzt auf Schloß Cardoville geſchickt haben, um den Prinzen Dſchalma zu vergiften — — wenigſtens auf einige Zeit.“ Trotz ſeiner Keckheit erbebte Rodin und erwiederte: „Ich verſtehe nicht — — —“ „Natürlich!“ unterbrach der Würger. „Ich bin ein Aus⸗ länder, deſſen Ausſprache nicht die reinſte iſt. Ich will mich bemühen, beſſer zu ſprechen. Ich weiß aus den Briefen Jo⸗ ſua's, wie viel Ihnen daran gelegen ſeyn muß, daß der Prinz Dſchalma morgen nicht hier iſt, und was Sie zu dem 3. Ende gethan haben. Verſtehen Sie mich?“ 1 6 „Ich habe Ihnen nichts zu antworten,“ verſetzte Rodin. Ehe Faringhea weiter reden konnte klopfte es zwei Mal 4. an der Thür. Rodin rief: „Herein!“ Der alte Diener er⸗ * ſchien wieder, verbeugte ſich und ſprach: „Det Brief iſt be⸗ ſorgt. Hier iſt die Antwort.“ Rodin nahm das ihm überrei öffnete, ſagte er höflich zu Farin chte Papier, und ehe er es ghea: „Sie erlauben?“ Zimmer und unterfuchte eine Schachtel mit verſchiedenen „Laſſen Sie ſich nicht ſtören,“ antwortete der Meſtize. „Sie ſind ſehr gütig,“ erwiederte Rodin. Er las, ſchrieb ſchnell einige Worte unter die überbrachte Antwort, gab ſie dem Diener zurück und ſagte: „Laſſen Sie es an dieſelbe Adreſſe zurückbringen.“ Der Diener verbeugte ſich und ver⸗ ſchwand. „Kann ich fortfahren?“ fragte der Würger. „Ja wohl,“ antwortete Rodin. „Ich fahre alſo fort,“ ſagte Faringhea. „Vorgeſtern in dem Augenblick, wo der Prinz ungeachtet feiner Wunde auf meinen Rath die Reiſe nach Paris antreten wollte, kam ein ſchöner Wagen angefahren mit prächtigen Geſchenken, welche ein un⸗ bekannter Freund für Dſchalma beſtimmt hatte. In dieſem Wagen ſaßen zwei Männer, der eine abgeſchickt von dem un⸗ bekannten Freund, der andere ein Arzt, abgeſchickt von Ihnen, um Dſchalma zu bedienen und nach Paris zu begleiten. Nicht wahr, Bruder, das war menſchenfreundlich?“ „Jahren Sie fort in Ihrer Geſchichte, Herr Faringhea“ „Geſtern iſt Dſchalma abgereiſt. Mit der Erklärung, daß die Wunde des Prinzen ſich ſehr verſchlimmern würde, wenn er nicht ausgeſtreckt im Wagen läge, ſchaffte ſich der Arzt den Abgeſandten des unbekannten Freundes vom Hals und machte, daß derſelbe allein nach Paris abreiſte. Auch mich wollte der Arzt entfernen. Aber Dſchalma beſtand ſo entſchieden darauf, mich bei ſich zu behalten, daß wir drei, der Arzt, der Prinz und ich, zuſammen abreiſten. Geſtern Abend hatten wir die Hälfte des Wegs zurück gelegt. Der Arzt fand, daß wir in einem Gaſthaus übernachten müßten. Wir hätten, ſagte er, vollkommen Zeit, heute Abend nach Paris zu kommen. Der Prinz hatte nämlich erklärt, er müßte ſchlechterdings am Abend des zwölften zu Paris ſeyn. Ich hatte geſehen, daß es dein Arzt ſehr darum zu thun geweſen, allein mit dem Prinzen abzureiſen. Ich wußte aus dem Brief Joſua's, wie viel Ihnen daran lag, daß Dſchalma am 13. nicht hier ſey. Es ſtieg Argwohn in mir auf. Ich fragte den Arzt, ob er Sie kenne. Er antwortete mir verlegen. Jetzt war mein Verdacht zur Gewißheit geworden. Während im Gaſthaus der Arzt ſich bei Dſchalma befand, ging ich hinauf in ſein „ Gläſern, die er mitgebracht hatte. Die eine enthielt Opium. Ich errieth — —“ „Was haben Sie errathen?“ unterbrach Rodin. „Sie ſollen es gleich hören. Ehe der Arzt von Dſchalma wegging, ſagte er zu ihm: Ihre Wunde iſt in gutem Zuſtand, aber die Anſtrengung der Reiſe könnte eine Entzündung der⸗ ſelben bewirken. Es wird gut ſeyn, morgen im Tag einen beruhigenden Trank zu nehmen. Ich will ihn dieſen Abend zurecht machen, damit wir ihn im Wagen bereit haben. — Die Berechnung des Doctors war einfach. Am folgenden Tag, als heut, gegen vier oder fünf Uhr, hätte der Prinz den Trank nehmen ſollen. Alsbald wäre er in einen tiefen Schlaf ver⸗ fallen. Der Arzt hätte beſorgt am Abend anhalten laſſen und erklärt, es ſey Gefahr dabei, die Fahrt fortzuſetzen. Er hätte die Nacht in einem Gaſthaus zugebracht und ſein Lager neben dem Prinzen aufgeſchlagen, welcher nicht eher erwacht wäre, als in der Stunde, die Ihnen paßte So war Ihr Plan Er ſchien mir geſchickt entworfen. Ich wollte mich deſſelben für mich bedienen und es iſt mir gelungen.“ „Alles, was Sie mir da ſagen, werther Herr, ſind mir böhmiſche Dörfer,“ bemerkte Rodin, an den Nägeln kauend. „Gewiß wegen meiner fremdländiſchen Ausſprache. Aber ſagen Sie mir doch, kennen Sie das Array mow?“ „Nein,“ antwortete Rodin. „Schlimm genug. Das iſt ein bewunderungswürdiges Pro⸗ dukt der an Giften ſo fruchtbaren Inſel Java.“ „Nun, was liegt mir daran!“ ſagte Rodin, der kaum ſeine ſteigende Angſt verbergen konnte. „Es liegt Ihnen ſehr viel daran. Wir Söhne Bohwanie's haben Abſcheu vor Blutvergießen. Um ohne Gefahr unſern Opfern die Schlinge um den Hals werfen zu können, warten wir, bis ſie eingeſchlafen ſind. Iſt ihr Schlaf nicht ſeſt ge⸗ nug, ſo machen wir ihn nach Belieben feſter. Wir ſind ſehr geſchickt in unſerem Werk. Die Schlange iſt nicht klüger, der Löwe nicht kühner — Dſchalma trägt unſere Zeichen. Das Array mow iſt ein unfühlbares Pulver. Läßt man einige Stänbchen davon im Schlaf einſchnupfen, oder im Wachen, mit dem Tabak vermiſcht, rauchen, ſo verſetzt man ſein Opfer in eine Betäubung, aus welcher es nicht au u⸗ — 155 — rütteln iſt. Fürchtet man, zu viel auf ein Mal zu geben, ſo läßt man im Schlaf mehrmals ſchnupfen und verlängert da⸗ mit dieſen ohne Gefahr ſo lange, als der Menſch, ohne zu eſſen und zu trinken aushalten kann, dreißig bis vierzig Stun⸗ den. Sie ſehen, wie unvollkommen die Anwendung des Opium iſt, im Vergleich mit dieſem göttlichen Nareokicum. Ich habe von Java ein Quantum mitgebracht, ohne das Ge⸗ gengift zu vergeſſen.“ „Ah! es gibt ein Gegengift?“ ſagte Rodin unwillkürlich. „Gerade ſo, wie es Leute gibt, die das Gegentheil von uns ſind, Bruder vom guten Werk. Die Javaneſen nennen den Saft dieſer Wurzel Tuboe. Er verſcheucht die durch das Array mow bewirkte Betäubung, wie die Sonne die Wol⸗ ken. Geſtern Abend nun, da ich über die Anſchläge Ihres Abgeſandten auf Dſchalma Gewißheit hatte, wartete ich, bis der Herr Doctor eingeſchlafen war. Ich ſchlich in ſein Zim⸗ mer und ließ ihn eine ſolche Priſe Array mow ſchnupfen, daß er noch jetzt ſchlafen muß.“ „Unglücksmenſch!“ rief Rodin, immer mehr erſchreckt durch dieſe Erzählung, derzufolge Faringhea ſeine und ſeiner Freunde Ränke furchtbar durchkreuzt hatte. „Sie haben ſich ja der Gefahr ausgeſetzt, den Arzt zu vergiften.“ „Bruder,“ erwiederte der Würger, „gerade wie er ſich der Gefahr ausſetzte, den Prinzen zu vergiften. Wir ſind alſo dieſen Morgen abgereiſt und haben Ihren Arzt in tiefem Schlaf verſunken im Gaſthaus gelaſſen. Ich war allein im Wagen mit Dſchalma. Er rauchte als echter Indier. Etliche Stäubchen Array mow, unter den Tabak gemiſcht, mit dem ich ſeine lange Pfeife geſtopft, haben ihn erſt ſchläfrig ge⸗ macht; ein Prischen, das ich ihn ſchnupfen ließ, hat ihn voll⸗ kommen eingeſchläfert, und nun befindet er ſich in dem Gaſt⸗ hof, wo wir abgeſtiegen ſind. Jetzt, Bruder — — hängt es von mir ab, Dſchalma in ſeiner Betäubung zu laſſen, die bis morgen Abend dauern wird, — — oder ihn in einem Augen⸗ blick daraus zu erwecken. Alſo, je nachdem Sie meine For⸗ derung bewilligen oder nicht, wird Dſchalma ſich morgen in der St. Franeiseusſtraße, Nrv. 3. einfinden oder nicht einfinden.“ Bei den letzten Worten zog er aus ſeiner Taſche die Me⸗ daille Dſchalma's, zeigte ſie dem Pater Rodin und fuhr fort: — 156 — „Sie ſehen, ich ſage Ihnen die Wahrheit. Während Dſchalma ſchlief, habe ich ihm die Medaille abgenommen, die einzige von ihm beſeſſene Anzeige des Ortes, wo er ſich morgen ein⸗ finden ſoll. Ich ſchließe nun, wie ich angefangen habe: Bru⸗ der, ich komme, viel von Ihnen zu begehren.“ Seit einigen Augenblicken kaute Rodin ſich die Nägel bis aufs Fleiſch ab, wie er zu thun pflegte bei Anfällen verhal⸗ tenen Grimmes. In dem Augenblick, wo der Würger ſeine Rede ſchloß, ſchellte es dreimal in gemeſſenen Zwiſchenräu⸗ men am Portierſtübchen. Rodin that, als beachtete er dieſe Klänge nicht; und doch erglänzte plötzlich ein Funke in ſeinen kleinen Schlangenaugen, während Faringhea, mit verſchränkten Armen daſtehend, ihn mit der Miene verachtender Ueberle⸗ genheit anſah. Der Socius ſenkte den Kopf, ergriff in Ge⸗ danken eine auf dem Schreibtiſch liegende Feder und kaute einige Sekunden an der Fahne derſelben, wie wenn er tief über das nachdächte, was Faringhea ihm ſo eben geſagt hatte. Endlich warf er die Feder hin, drehte ſich raſch um gegen den Meſtizen und ſagte ihm mit verachtender Miene: „Sa⸗ gen Sie einmal, Herr Faringhea, wollen Sie die Leute zum Beſten halten mit Ihren Geſchichten?“ Troß ſeiner Keckheit gerieth der Meſtize durch dieſe Worte aus der Faſſung und wich betroffen einen Schritt zurück. „Wie “ fuhr Rodin fort. „Sie kommen hieher in ein achtbares Haus und rühmen ſich, eine Correſpondenz geraubt, einen Menſchen erdroſſelt, andere Menſchen mit einem betäu⸗ benden Mittel vergiftet zu haben? Das iſt ja Wahnſinn. Ich habe Sie bis zu Ende anhören wollen, um zu ermeſſen, wie weit Sie die Keckheit treiben würden. Nur ein ſchau⸗ derhafter Böſewicht könnte auf ſo entſetzliche Miſſethaten po⸗ chen. Aber ich will glauben, daß dieſe nur in Ihrer Ein⸗ bildung beſtehen.“ Während Rodin dieſe Worte mit einer bei ihm ungewöhn⸗ lichen Lebhaftigkeit ſprach, ſtand er auf und näherte ſich all⸗ mählich dem Ofen Faringhea, der ſich kaum von ſeiner Ueberraſchung erholen konnte, ſah ihn ſchweigend an. Nach einigen Augenblicken erwiederte er: „Nehmen Sie ſich in — 137 — Acht, Bruder, und zwingen Sie mich nicht, Ihnen zu beweiſen, daß ich die Wahrheit geſagt habe.“ „Gehen Sie!“ ſagte Rodin. „Man muß von den Gegen⸗ füßlern kommen, um zu glauben, daß die Franzoſen ſo leicht zu äffen ſeyen. Sie haben, ſagen Sie, die Klugheit der Schlange und den Muth des Löwen. Ich weiß nicht, ob Sie ein muthiger Löwe ſind; aber eine kluge Schlange — das ſielle ich in Abrede. Sehen Sie einmak. Sie haben einen Brief von Herrn van Dael bei ſich, der mich in Unannehm⸗ lichkeiten bringen kann, (angenommen, das alles wäre keine Fabel). Der Prinz Dſchalma liegt in einer Betäubung, die meinen Plänen dient und aus welcher Sie allein ihn er⸗ wecken können. Sie können, ſagen Sie, mir einen fürchter⸗ lichen Schaden zufügen, und Sie bedenken nicht, furchtbarer Löwe, liſtige Schlange, daß es mir bloß darauf ankommt, vierundzwanzig Stunden zu gewinnen. Nun kommen Sie vom Ende Indiens nach Paris. Sie ſind fremd und keinem Menſchen hier bekannt. Sie halten mich für einen eben ſo großen Böſewicht, wie Sie felber, denn Sie nennen mich Bruder, und Sie bedenken nicht, daß Sie hier in meiner Gewalt ſind, daß dieſe Straße einſam, daß dies Haus abge⸗ legen iſt, und daß ich hier auf der Stelle drei, vier Leute haben kann, die Sie in einem Nu knebeln, trotzdem daß Sie ein Würger ſind. Und dazu brauche ich weiter nichts als einen Ruck an dieſer Schnur.“ Rodin griff bei dieſen Worten an den Schellenzug und be⸗ merkte, wie Faringhea eine plötzliche Bewegung der Ueber⸗ raſchung und des Schreckens machte. „Fürchten Sie ſich doch nicht!“ fuhr er mit einem Satanslächeln fort. „Würde ich es Ihnen denn vorher ſagen, wenn ich ſo thun wollte? Aber antworten Sie auf meine Fragen. Wenn Sie einmal ge⸗ knebelt und auf vierundzwanzig Stunden an einen ſicheren Ort gebracht wären, wie könnten Sie mir ſchaden? Wäre es mir nicht dann ein Leichtes, mich der Papiere Joſua's zu be⸗ mächtigen und der Medaille Dſchalma's, welcher bis morgen Abend in ſeine Betäubung verſunken, mich nicht weiter beun⸗ ruhigen würde. Sie ſehen alſo wohl, Herr Faringhea, Ihre Drohungen ſind eitel,— weil ſie auf Lügen beruhen, — weil ——— es nicht wahr iſt, daß ſich der Prinz Dſchalmg hier und in Zhrer Gewalt befindet. Gehen Sie. Entfernen Sie ſich, und ein ander Mal, wenn Sie jemand anführen wollen, ſuchen Sie ſich die Leute beſſer dazu aus.“ Faringhea war völlig verblüfft. Alles, was er eben gehört halte, kam ihm ſehr wahrſcheinlich vor. Rodin konnte ſich ſeiner bemächtigen und zugleich des Briefs von Joſua und der Medaille Bſchalma's, und konnte, indem er ihn feſthielt, das Erwachen Dſchalma's unmöglich machen. Und doch ge⸗ bot ihm Rodin wegzugehen, ihm, der ſich für ſo furchtbar hielt. Er ſuchte nach Gründen, um ſich das Verfahren Rodin's zu erklären, und er konnte ſich am Ende kei⸗ nen anderen denken, als daß Rodin, trotz den von ihm bei⸗ gebrachten Beweiſen nicht glaubte, Dſchalma ſey in ſeiner Gewalt. Auf dieſe Weiſe erklärte ſich das wegwerfende Be⸗ nehmen des Correſpondenten Joſua's ganz natürlich. Rodin ſpielte einen eben ſo kühnen als geſchickten Streich. Indem er that, als murmelte er unwillig zwiſchen den Zäh⸗ nen, beobachtete er heimlich in großer Angſt die Mienen des Würgers. Dieſer, in der Ueberzeugung, den geheimen Be⸗ weggrund errathen zu haben, erwiederte endlich: „Ich gehe fort. Aber noch ein Wort. Sie glauben, ich löge — —“ „Ich bin deſſen gewiß,“ fiel Rodin ein. „Sie haben mir ein Gewebe von Fabeln daher gemacht. Ich habe viel Zeit mit Anhörung derſelben verloren. Verſchonen Sie mich mit dem Uebrigen. Es iſt ſpät; laſſen Sie mich gefälligſt allein.“ „Noch eine Minute!“ ſagte Faringhea. „Ich ſehe, Sie ſind ein Mann, — — dem man nichts verhehlen darf. Von Dſchalma kann ich jetzt nichts anderes erwarten, als eine Art Almoſen und wegwerfende Verachtung. Denn wenn ich ihm ſagte: Gib mir viel, weil ich, während ich Dich verrathen konnte, es nicht gethan habe, ſo könnte das bei ſeiner Sin⸗ nesart nur dazu dienen, mir ſeinen Zorn und ſeine Gering⸗ ſchätzung zuzuziehen. Ich hätte ihn ſchon hundertmal um⸗ bringen können; aber“ (hier verdüſterte ſich die Miene des Würgers) „ſein Tag iſt noch nicht gekommen. Und um die⸗ ſen Tag zu erwarten und andere Tvdestage, brauche ich viel Geld. Sie allein können mir es geben, indem Sie meinen Verrath an Dſchalma bezahlen, weil derſelbe Ihnen allein S Vortheil bringt. Sie wollen mich nicht anhören, weil Sie mich für einen Lügner halten. Ich habe die Adreſſe des Gaſt⸗ hofs, in welchem wir abgeſtiegen ſind. Hier iſt ſie. Schicken Sie jemand hin, um ſich von der Wahrheit deſſen, was ich geſagt habe, zu überzeugen, und dann werden Sie mir glau⸗ ben. Aber der Preis meines Verrathes wird hoch ſeyn. Ich habe es Ihnen geſagt: ich werde viel von Ihnen verlangen.“ Mit dieſen Worten reichte Faringhea dem Soeius Aigrigny's eine gedruckte Karte hin. Rodin folgte mit einem Seitenblick allen Bewegungen des Würgers und that dabei, als ſey er in Nachdenken verſunken und höre nich's. Als er nicht ant⸗ wortete, hielt Faringhea ihm die Adreſſe noch näher hin und ſagte: „Nehmen Sie dieſe Adreſſe und überzeugen Sie ſich, daß ich nicht lüge“ „Hm! — Was iſt das?“ fragte Rodin, ſcheinbar unabſicht⸗ lich einen Blick auf die Karte werfend und ſie leſend, aber ohne ſie zu berühren. „Leſen Sie dieſe Adreſſe,“ fuhr der Meſtize fort, „und Sie können ſich dann überzeugen — —“ „Wahrhaftig,“ unterbrach Rodin, indem er die Karte mit der Hand zurückſtieß, „Ihre Unverſchämtheit bringt mich aus der Faſſung. Ich wiederhole Ihnen, daß ich nichts mit Ih⸗ nen zu ſchaffen haben will. Zum letzten Mal fordere ich Sie auf, ſich zu entfernen. Ich weiß nicht, was Prinz Dſchalma für ein Ding iſt. Sie können mir ſchaden, ſagen Sie. Scha⸗ den Sie mir. Machen Sie gar keine Umſtände. Aber um's Himmels Willen, gehen Sie fort.“ Bei dieſen letzten Worten klingelte Rodin heftig. Faring⸗ hea machte eine Bewegung, als wollte er ſich zur Gegenwehr bereit machen. In demſelben Augenblick trat der alte Diener von gutmüthigem Ausſehen ein. „Lapierre, leuchtet dem Herrn!“ ſagte Rodin, auf Faringhea deutend. Der Meſtize, verblüfft durch die Ruhe Rodin's, zögerte. Rodin bemerkte ſeine Verwirrung und Unſchlüſſigkeit und ſagte: „Worauf warten Sie denn noch? Ich wünſche allein zu ſeyn.“ Faringhea ging langſam und rückwärts nach der geöffneten Thür und ſagte: „Alſo weiſen Sie meine Anerbietungen zu⸗ rück? Sehen Sie ſich vor! Morgen wird es zu ſpät ſeyn.“ „Ich habe die Ehre, Ihr gehorſamſter Diener zu ſeyn,“ erwiederte Rodin, ſich höflich verbeugend. — 160 Der Wirger ging hinaus. Die Thür ſchloß ſich hinter ihm. Im nächſten Augenblick erſchien auf der Schwelle der Thür des Nebenzimmers der Pater Aigrigny. Sein Geſicht war bleich und verſtört. „Was haben Sie gemacht?“ rief er ſeinem Socius zu. „Ich habe Alles gehört. Dieſer Elende hat leider die Wahrheit geſagt, deſſen bin ich gewiß. Der Indier iſt in ſeiner Gewalt. Er wird zu ihm zurückkehren.“ „Ich glaube es nicht,“ antwortete Rodin, ſich verbeugend und ſeine düſtere, unterwürfige Miene wieder annehmend. „Und wer wird ihn hindern, zu dem Prinzen zurückzu⸗ kehren?“ „Erlauben Sie. Als dieſer ſchauderhafte Böſewicht hier eingeführt wurde, habe ich ihn auf der Stelle erkannt. Darum habe ich, bevor ich mich ins Geſpräch mit ihm einließ, klüg⸗ lich einige Zeilen an Morok geſchrieben, welcher unten im Saal mit Goliath wartete, bis Ew. Ehrwürden Muße hätten, ſeine Aufwartung anzunehmen Später, im Lauf des Ge⸗ ſprächs, wurde mir die Antwort Morok's gebracht, der meiner Befehle wartete und da ich ſah, welche Wendung die Sache nahm, habe ich ihm neue Anweiſungen gegeben.“ „Und wozu das Alles, da nun doch dieſer Menſch aus dem S. gegangen iſt?“ „Ew. Ehrwürden werden vielleicht die Gnade haben, zu bemerken, daß er nicht eher weggegangen iſt, als nachdem er mir die Adreſſe des Gaſthofs gegeben, in welchem ſich der Indier befindet. Dies verdanke ich dem unſchuldigen Kunſt⸗ griff, den Verſchmähenden zu ſpielen. Wäre derſelbe miß⸗ glückt, ſo würde Faringhea eben doch in die Hände Gvoliath's und Morok's gefallen ſeyn, die ihn auf der Straße, zwei Schritt von der Hausthür, erwarteten. Aber wir wären dann in großer Verlegenheit geweſen, denn wir häten nicht ge⸗ wußt, wo der Prinz Dſchalma wohnt.“ „Abermals Gewaltthätigkeit!“ rief Aigrigny mit Widerwillen. „Das iſt zu bedauern — ſehr zu bedauern,“ erwiederte Rodin. „Aber wir mußten eben den bisher eingeſchlagenen Weg verfolgen.“ „Soll das ein Vorwurf für mich ſeyn?“ fragte der Mar⸗ war, als eine Screbnaſcine quis, welcher nachgerade fand, daß Rodin doch etwas a b— — 161 — „Ich werde mir nicht erlauben, dergleichen gegen Ew. Ehr⸗ würden auszuſprechen,“ antwortete Rodin, ſich faſt bis zur Erde verneigend. „Aber es handelt ſich bloß darum, dieſen Menſchen vierundzwanzig Stunden lang feſtzuhalten.“ „Und dann? Wenn er klagt?“ „Ein ſolcher Bandit wird ſich nicht unterſtehen zu klagen. Uebrigens iſt er ja ungehindert aus dem Haus gegangen. Wenn Morok und Goliath ihn feſtgenommen haben, werden ſie ihm die Augen verbinden. Das Haus hat einen Ausgang in die Alte Urſinsſtraße. Zu dieſer Stunde und bei dieſem Sturmwetter geht kein Menſch durch dieſe Gegend. Der Weg auf die andere Seite wird den Elenden ſo irre machen, daß er ſich durchaus nicht mehr zurechtfinden kann. Er wird in einen Keller des neuen Gebäudes hinuntergebracht, und mor⸗ gen in der Nacht um dieſe Zeit wird man ihn mit derſelben Vorſicht wieder in Freiheit ſetzen. Was den Indier betrifft, ſo weiß man jetzt, wo er zu finden iſt. Es gilt nun, eine vertraute Perſon zu ihm zu ſchicken; und wenn er aus ſeiner Betäubung erwacht, dann gibt es ein ſehr einfaches und nach meiner unmaßgeblichen Meinung durchaus nicht gewaltthätiges Mittel, ihn morgen den ganzen Tag von der St. Franciscus⸗ ſtraße entfernt zu halten.“ Es klopfte wieder leiſe an der Thür, und derſelbe Diener von gutmüthigem Ausſehen, welcher den Meſtizen eingeführt und hinausgeleitet hatte, trat abermals ein. Er hatte eine Art kleiner Jagdtaſche von Damhirſchleder in der Hand und überreichte ſie dem Pater Rodin mit den Worten; „Dies hat Herr Morok ſo eben gebracht. Er iſt von der Alten Straße her ins Haus gekommen.“ Der Diener ging weg. Rodin öffnete die Taſche, zog ein langes Schreiben und eine Medaille hervor, zeigte beides ſei⸗ nem Vorgeſetzten und ſagte: „Die Medaille Dſchalma's und der Brief Joſua's. Morok iſt gewandt und raſch geweſen.“ „Wieder eine Gefahr vermieden!“ ſagte der Marquis. „Es iſt unangenehm, daß man zu ſolchen Mitteln greifen muß.“ „Wen anders trifft der Vorwurf, als den Elenden der uns in die Nothwendigkeit verſetzt, unſere Zuflucht dazu zu neh⸗ men?“ entgegnete Rodin. „Ich will jetzt auf der Stelle je⸗ mand in den Gaſthof des Indiers abſchicken.“ W. 11 3 — 2 „Und um ſieben Uhr morgen früh führen Sie Gabriel in die Sanct Franeiscusſtraße. Dort will ich die Unterredung mit ihm haben, um die er mich ſeit drei Tagen ſo dringend erſuchen läßt.“ „Ich habe ihn dieſen Abend davon benachrichtigen laſſen,“ erwiederte Rodin. „Er wird Ihren Befehlen nachkommen.“ „Endlich,“ ſprach der Marquis von Aigrigny, „nach ſo viel Kämpfen, nach ſo vielen Beſorgniſſen, nach ſo vielen Widerwärtigkeiten trennen uns nur noch einige Stunden von dem ſo lange erwarteten Augenblick!“ Wir werden nun den Leſer in das Haus in der St Fran⸗ ciseusſtraße führen. Pritter Theil. Der dre⸗izehnte Februgr. Siebzehntes Kapitel. Das Haus in der Sanect Franeciseusſtraße. Zu der Zeit, wo die hier erzählten Begebenheiten ſtatt⸗ fanden, erblickte man, wenn man durch die Straße Doré (im Marais) in die St. Gervaſiusſtraße kam, eine unge⸗ wöhnlich hohe Mauer, deren Steine vor Alter ſchwarz und rauh geworden waren. Dieſe Mauer nahm faſt die ganze Länge der einſamen Straße ein und diente als Widerlage einer Terraſſe, die von hundertjährigen, mehr als vierzig Fuß 6 über dem Straßenpflaſter gepflanzten, Bäumen beſchattet war. Durch das dichte Gezweig dieſer Bäume erblickte man den ſteinernen Giebel, das ſpitze Dach und die hohen Schornſteine eines alterthümlichen Hauſes, deſſen Eingang ſich in der St. Franciseusſtraße, Nro. 3, nicht weit von der Ecke der St. Gervaſiusſtraße befand. Nichts konnte trübſeliger ſeyn, als das Aeußere dieſer Wohnung. Auch auf dieſer Seite war eine ſehr hohe Mauer mit ein paar ſtark vergitterten Oeffnungen, „die wie Schießſcharten ausſahen. Ein mit eiſernen Schienen und großen Nagelköpfen beſchlagenes Thor von dickem Eichen⸗ holz, deſſen urſprüngliche Farbe längſt unter einer dicken Lage von Staub, Schmutz und Roſt verſchwunden war, verſchloß „. die Einfahrt, welche zwiſchen den dicken Mauern einen tiefen Bogen bildete. In dem einen der breiten Flügel dieſes Thors befand ſich eine Thür, und dieſe Thür diente zum Aus⸗ und Eingang für den Juden Samuel, den Hüter der finſtern Wohnung. Durch die Thür kam man unter ein Ge⸗ 11* — ſich ſelbſt überlaſſenen Bäume hatten nach allen Seiten hin ſenker von Reben waren auf dem Boden — — wölbe, über und neben welchem ſich das auf die Straße gehende Gebäude erhob. In dieſem Gebäude befand ſich die Wohnung Samuel's. Die Fenſter gingen auf einen ſehr geräumigen inneren Hof. Dieſen Hof trennte ein Eiſengitter von einem Garten. Mitten in dem Garten ſtand ein zweiſtöckiges Haus von gehauenen Steinen. Um zu der Eingangsthür desſelben zu kommen, mußte man eine doppelte Freitreppe von zwanzig Stufen hinaufſteigen. Dieſe Eingangsthür war ſeit hundert⸗ undfünfzig Jahren vermauert. Die Stelle der Fenſterläden vertraten feſtſchließende Bleiplatten in eiſernen Rahmen, welche in dem Fenſterfutter eingeſetzt waren. Um Licht und Luft völlig abzuhalten und dem Verwittern vorzubeugen, war das Dach mit dicken Bleiplatten belegt, und eben ſo die ver⸗ mauerten Oeffnungen der Schornſteine. Desgleichen war ein kleines Belvedere, ein viereckiges Glashäuschen auf der Firſt des Daches, mit einer Bleikappe bedeckt. Sonderbarer Weiſe hatte jede von den vier dieſe Kappe bildenden Bleiplatten, welche nach den vier Himmelsgegenden gerichtet waren, ſieben kleine Löcher, die ein Kreüz bildeten und von außen leicht zu erkennen waren. Sonſt waren überall die Bleitafeln undurch⸗ löchert. Bei dieſen Maßregeln und bei der feſten Bauart des Hauſes waren kaum etliche äußerliche Ausbeſſerungen nöthig geweſen. Die der Einwirkung der äußeren Luft ent⸗ zogenen Gemächer mußten nach anderthalb Jahrhunderten noch ſo unverſehrt ſeyn, wie bei ihrer Verſchließung. Der Anblick riſſiger Mauern, wurmſtichiger und zerbrochener Läden, eines halb eingefallenen Daches, und mit Mauer⸗ pflanzen bewachſener Fenſter würde vielleicht weniger trüb⸗ ſelig geweſen ſeyn, als das Ausſehen dieſes mit Blei und Eiſen wie ein Grabmal verwahrten Hauſes. Der völlig ver⸗ nachläſſigte Garten, in welchen nur der Hüter Samuel kam, um allwöchentlich nachzuſehen, bildete, beſonders im Sommer, ein ſeltſames Durcheinander von Unkraut und G räuch. Die getrieben und ihre Zweige in einander ver — — 165 aufgerankt und bis auf das höchſte Gezweig das unentwirrbare Netz ihrer Schößlinge geworfen. Durch dieſen Urwald war nicht anders zu kommen, als auf einem Pfad, den der Wäch⸗ ter angelegt hatte, um von dem Gitter nach dem Haus zu gehen. Unmittelbar vor dem Haus war eine Strecke weit der Boden in einer Breite von zehn Schuh mit Steinplatten belegt und etwas abſchüſſig, damit das Waſſer ablaufen konnte. Ein anderer ſchmaler Weg zog ſich längs den Umfangsmauern hin und wurde in jeder Nacht von ein paar großen pyrenäi⸗ ſchen Hunden begangen, deren treues Geſchlecht ſich ſeit an⸗ derthalb Jahrhunderten in dieſem Haus fortgepflanzt hatte. So war die Wohnung beſchaffen, welche den Abkömmlingen der Familie Rennepont zum Ort der Zuſammenkunft beſtimmt war. . . Die Nacht, welche den 12. vom 13. Februar trennte, war beinahe verfloſſen. Auf den Sturm war Windſtille gefolgt. Der Regen hatte aufgehört. Der Himmel war rein und ge⸗ ſtirnt. Der Mond, ſeinem Untergang nahe, ſtrahlte in ſanftem Glanz und warf ein melancholiſches Licht auf dieſe öde, ſchweigſame Behauſung, über deren Schwelle ſeit ſo vielen Jahren kein menſchliches Weſen gekommen war. Ein helles Licht, welches durch eins von den Fenſtern der Wohnung des Hüters ſchimmerte, zeigte an, daß der Jude Samuel noch wachte. Man denke ſich ein ziemlich großes Gemach von oben bis unten mit Nußbaumholz getäfelt, das vor Alter faſt ſchwarz geworden war. Im Kamin rauchten zwei halb erloſchene Brände in der kalten Aſche. Auf dem Vorſprung dieſes ſteinernen Kamins, dem ſein Anſtrich das Anſehen grauen Granits gab, ſtand ein alter eiſerner Leuchter mit einem dünnen Licht, auf welchem ein Lichthut ſaß. Neben dem Leuchter lagen ein paar Doppelpiſtolen und ein geſchliffener Hirſchfänger, deſſen ciſelirtes meſſingenes Heft dem 17. Jahr⸗ hundert angehörte. An einem Pfeiler des Kamins lehnte eine * ſchwere Büchſe. Vier Schemel, ein alter eichener Schrank und ein viereckiger Tiſch mit krummen Füßen waren die einzigen Möbel dieſes Zimmers. Am Getäfel hingen in ſymmetriſcher Ord⸗ nung Schlüſſel von verſchiedener Größe, deren Geſtalt ihr — 166 — Alter vermuthen ließ, und an deren Ringen Etiketten be⸗ feſtigt waren. Der alte eichene Schrank ſtand offen. Seine Rückwand, welche ein Geheimniß hatte, war weggeſchoben und man ge⸗ wahrte eine in der Mauer befeſtigte lange und tiefe eiſerns Kiſte. Der offene Deckel dieſer Kiſte ließ das wunderbare Werk eines jener Florentiner Schlöſſer aus dem 16. Jahr⸗ hundert ſehen, welche beſſer als alle neueren Erfindungen dem Aufbrechen trotzten. Ein dickes Futter von Asbeſttuch, in ziemlicher Entfernung von den Wänden der Kiſte auf Gold⸗ dräthen ausgeſpannt, ſollte im Fall eines Brandes die darin verſchloſſenen Gegenſtände unverbrennlich machen. Vor der Kiſte und aus ihr genommen, ſtand auf einem Schemel ein großes Käſtchen von Cederholz mit ſorgſam geordneten und gezeichneten Papieren. Beim Schein einer kupfernen Lampe war Der alte Hüter Samuel an dem Tiſch beſchäftigt, in ein kleines Einſchreibbuch einzutragen, was ſeine Frau ihm aus einem Notizbuch die⸗ tirte. Samuel war etwa zweiundachtzig Jahr alt. Dickes graues, kurzgelocktes Haar deckte ſeinen Schädel. Er war klein, mager und ſehnig. Die unwillkürliche Munterkeit ſeiner Bewegungen verrieth, daß die Jahre ſeine Kraft und Reg⸗ ſamkeit nicht geſchwächt hatten, obwohl er ſich in dem Quar⸗ tier, (wo er übrigens nur ſelten ſichtbar war) das Anſehen gab, kindiſch zu ſeyn, wie Rodin dem Herrn von Aigrigny geſagt hatte Ein alter Schlafrock von kaſtanienbraunem Ber⸗ kan mit weiten Aermeln verhüllte, bis zu den Füßen herab⸗ fallend, völlig die Geſtalt des Greiſes. Seine Züge trugen das reine orientaliſche Gepräge ſeines Stammes. Seine Ge⸗ ſichtsfarbe war düſter und gelblich. Seine Naſe war ge⸗ krümmt. Sein Kinn bedeckte ein kleines Bärtchen. Seine hervorſtehenden Augäpfel warfen einen ziemlich harten Schat⸗ ten auf ſeine eingefallenen, runzeligen Wangen. Seine Züge verriethen viel Verſtand, Schlauheit und Scharfblick. Seine hohe, breite Stirn ließ auf Rechtlichkeit, Offenheit und Feſtig⸗ keit ſchließen. Seine Augen, ſchwarz und glänzend, wie die hatten einen zugleich durchdringenden und ſanften An ihm haben wir den letzten Brief empfangen von — —“ — 167 — Seine Frau Bathſeba, fünfzehn Jahre jünger als er, war von hohem Wuchs und ganz ſchwarz gekleidet. Eine glatte Haube von geſtärktem Linon, welche an die ſchmuckloſe Kopf⸗ bedeckung der ernſten holländiſchen Hausfrauen erinnerte, ſchmiegte ſich um ihr bleiches Geſicht, welches früher eine ſeltene ſtolze Schönheit von rein bibliſchem Charakter gehabt hatte. Einige Falten auf der Stirn, welche von einem faſt ſteten Zuſammenziehen der Augenbrauen herrührten, gaben Zeugniß, daß dieſe Frau oft von tiefem Kummer heimgeſucht war. Eben jetzt verrieth ihre Miene einen unausſprechlichen Schmerz. Ihr Blick war ſtarr, ihr Haupt auf die Bruſt ge⸗ neigt. Sie hatte ihre rechte Hand, in welcher ſie das Notiz⸗ buch hielt, auf die Knie ſinken laſſen. In der linken Hand preßte ſie krampfhaft eine dicke Flechte rabenſchwarzer Haare, die ſie am Hals trug. Dieſe Flechte hatte ein goldnes Schloß von der Größe eines Quadratzolls. Unter einem Kryſtall⸗ plättchen, welches die Vorderſeite deſſelben bedeckte, lag ein Stückchen zuſammengelegte Leinwand mit dunkelrothen Flecken von getrocknetem Blut. Nach einem Augenblick des Schweigens, während deſſen Samuel in ſein Buch geſchrieben hatte, las er laut das Ge⸗ ſchriebene vor: „Auf der andern Seite fünftauſend Stück öſtreichiſche Metalliques von tauſend Gulden und das Datum, den 19. Oktober 1826.“ Dann ſah er auf und fragte ſeine Frau: „Iſt das richtig? Haſt Du im Notizbuch verglichen?“ Bathſeba antwortete nicht. Samuel ſah ſie an, und da er ihre Niedergeſchlagenheit bemerkte, fragte er ims Ton liebe voller Beſorgniß: „Um Gotteswillen! Was fehlt Dir denn?“ „Den 19. Oktober — — 1826,“ wiederholte ſie langſam, mit fortwährend ſtarrem Blick und noch feſter die Haarflechte an ihrem Hals in ihren Händen zuſammenpreſſend. „Das iſt ein Unglückstag, Samuel — — ein rechter Unglückstag. Sie konnte nicht weiter ſprechen. Einen langen Seufzer ausſtoßend, verbarg ſie ihr Geſicht in ihren Händen. „Ah! ich verſtehe Dich!“ erwiederte Samuel mit gebroche⸗ ner Stimme. „Ein Vater kann durch ernſte Gedanken zer⸗ ſtreut werden. Aber das Herz einer Mutter iſt immer wach!“ — 168 — Er warf die Feder auf den Tiſch und ſtützte niedergeſchlagen ſein Haupt in ſeine Hände. Nach einigen Augenblicken fuhr Bathſeba fort, als ob ſie ſich in dieſen ſchmerzlichen Erinnerungen gefiele: „Ja, dieſer Tag iſt der letzte, an welchem unſer Sohn, unſer Abel, uns aus Deutſchland geſchrieben hat, daß er Deinem Befehl ge⸗ mäß das von hier mitgenommene Geld angelegt habe, und daß er nach Polen gehen wollte, um ein anderes Geſchäft zu machen.“ „Und in Polen hat er den Martyrtod gefunden,“ ergänzte Samuel. „Ohne Grund, ohne Beweis, ward er fälſchlich angeklagt, daß er den Schleichhandel in Gang bringen wolle, und der ruſſiſche Statthalter hat ihn behandelt, wie unſere Brüder überhaupt in dieſem Lande behandelt werden, und ihn zu der entſetzlichen Todesſtrafe durch die Knute verurtheilt, ohne ihn ſehen oder anhören zu wollen. Wozu einen Inden anhören? Was iſt ein Jude? Ein Ge⸗ ſchöpf, das noch weit unter dem Leibeignen ſteht. Wirft man ihnen nicht in dieſem Land alle Laſter vor, welche die ernie⸗ drigende Knechtſchaft, worin man ſie hält, erzeugen muß? Ein Jude, der unter dem Stock ſtirbt? Wer ſollte ſich deß⸗ halb beunruhigen?“ . „Und unſer armer, ſanfter, ehrlicher Abel hat unter der Peitſche den Geiſt aufgegeben, halb vor Scham, halb vor Schmerz!“ ſagte Bathſeba bebend. „Einer unſerer Brüder in Polen hat mit vieler Mühe die Erlaubniß erhalten, ihn zu begraben. Er hat ſeine ſchönen, ſchwarzen Haare abge⸗ ſchnitten. Und dieſe Haare und das Stückchen mit dem Blut unſeres lieben Sohnes befleckte Leinwand iſt Alles, was uns von ihm übrig geblieben iſt!“ Krampfhaft ſchluchzend küßte die alte Frau die Haarflechte und das Schlößchen. „Ah!“ ſagte Samuel, ſeine Thränen trocknend, „der Herr hat uns wenigſtens unſer Kind nicht eher genommen, als bis die Aufgabe, welche unſere Familie ſeit anderthalbhundert Jahren treulich erfüllt, ihrem Ende nahe war. Wozu wäre unſer Geſchlecht noch weiter auf der Welt nöthig?“ fügte er bitter hinzu. „Iſt nicht unſere Pflicht erfüllt? Enthält n 4 —— 5 gerichtet, welche durch das letzte Dunkel der Nacht do dieſe Kaſſe ein königliches Vermögen? Wird nicht dies vor 150 Jahren vermauerte Haus dieſen Morgen für die Ab⸗ kömmlinge des Wohlthäters meines Großvaters geöffnet werden?“ Bei den letzten Worten wandte Samuel ſeine Augen trau⸗ rig nach dem Haus, welches er von ſeinem Fenſter aus ſehen konnte. Der Morgen begann zu dämmern. Der Mond war eben untergegangen. Das Belvedere, das Dach und die Schornſteine traten ſchwarz auf dem dunkeln Blau des geſtirn⸗ ten Himmels hervor. Plötzlich erbleichte Samuel. Er erhob ſich raſch, deutete ſeiner Frau auf das Haus und ſagte mit zitternder Stimme: „Bathſeba! Die ſieben leuchtenden Punite Wie vor dreißig Jahren! Sieh! Sieh!“ Die ſieben runden Oeffnungen, welche in den das Belve⸗ dere bedeckenden Bleitafeln ein Kreuz bildeten, erglänzten in ſieben leuchtenden Punkten, wie wenn Jemand von innen bis zur Firſt des vermauerten Hauſes hinaufgeſtiegen wäre. Achtzehntes Kapitel. S vll und H a *. Einige Augenblicke blieben Samuel und vut, unbe⸗ weglich, die Augen mit Schrecken auf die ſieben Lichtpunkte on der Höhe des Belvedere herabſchimmerten, während hinter dem Haus ein blaßrother Schein den anbrechenden Tag verkündigte. Samuel brach zuerſt das Schweigen, indem er, mit der Hand über die Stirn fahrend, ſeiner Frau ſagte: „Der Schmerz, den uns die Erinnerung an unſer armes Kind ver⸗ urſacht, hat uns verhindert, zu bedenken, daß eben doch in dem, was hier vorgeht, nichts für uns erſchreckende iegt.“ „Was meinſt du, Samuel?“ fragte Bathſebs. — — —— —— — — 170 — „Hat mir mein Vater nicht geſagt, daß er und mein — Großvater mehrmals in langen Zwiſchenräumen ſolche Er⸗ 3 ſcheinungen wahrgenommen hätten?“ „Ja, Samuel. Aber er ſo wenig, wie wir, konnte ſich die⸗ ſelben erklären.“ „Wie mein Vater und mein Großvater müſſen wir glauben, daß eine zu ihrer Zeit, wie zu der unſerigen, unbekannte Oeffnung, Leuten einen Zugang gewährt, welche ebenfalls eine geheimnißvolle Pflicht in dieſer Behauſung zu erfüllen haben. Mein Vater hat mir geſagt, ich ſollte mich über die⸗ ſen ſonderbaren Umſtand, der noch mehrmals eintreten würde, nicht beunruhigen. Seit dreißig Jahren wiederholt er ſich jetzt zum zweiten Mal.“ „Das mag ſeyn Samuel,“ erwiederte die Frau. „Immer⸗ hin erſchreckt es einen, wie etwas übernatürliches.“ „Die Zeit der Wunder iſt vorüber,“ meinte der Greis, indem er ſchwermüthig den Kopf ſchüttelte. „Viele alte Häuſer in dieſem Quartier haben unterirdiſche Verbindungs⸗ gänge nach entfernten Orten. Einige ſollen ſich ſogar bis an die Seine und bis in die Katakomben verlängern. Ohne Zweifel befindet ſich dies Haus in einem ähnlichen Fall, und die Leute, welche ſich ſo ſelten dort einſtellen, kommen auf „ dieſe Weiſe hinein.“ „Aber, daß das Belvedere ſo erleuchtet iſt — —“ 3 „Aus dem Plan des Hauſes, den wir haben, weißt Du, daß das Belvedere den höchſten Punkt oder die Laterne des ſogenannten Trauerſaales bildet, der ſich im oberen Stockwerk des Hauſes befindet. Da alle Fenſter feſt verſchloſſen ſind, ſo muß völlige Dunkelheit darin herrſchen, und folglich muß, wer im Haus hinaufgeht in den Trauerſaal, Licht bei ſich haben. Dieſer Trauerſaal ſoll ſeltſame, grauſige Dinge enthalten,“ fügte der Inde ſchandernd hinzu. Bathſeba ſah, wie ihr Mann, aufmerkſam nach den ſieben Lichtpunkten, deren Glanz in dem Maße abnahm, wie es mehr Tag wurde. „Alſo auf dieſe Weiſe,“ ſagte ſie, „könnte die Sache ſich erklären. Zudem iſt dieſer Tag ſo wichtig für die Familie Rennepont, daß heute die Erſcheinung uns am wenig⸗ ſten wundern darf.“ — —— „Seit anderthalbhundert Jahren“ fuhr Samuel fort, „iſt dies Leuchten mehrmals ſichtbar geweſen! Es iſt alſo noch eine andere Familie, die ſich von Geſchlecht zu Geſchlecht der Erfüllung einer frommen Pflicht gewidmet hat.“ „Aber was iſt das für eine Pflicht?“ fragte die alte Frau. „Vielleicht wird heut Alles ſich aufklären.“ „Vorwärts! vorwärts, Bathſeba!“ rief Samuel plötzlich, aus ſeiner Träumerei auffahrend, als ob er ſich ſeine Träg⸗ heit zum Vorwurf machte. „Du ſiehſt, es iſt Tag, und vor acht Uhr muß dieſer Kaſſenbeſtand im Reinen und müſſen dieſe unermeßlichen Beträge geordnet ſeyn, damit ſie in die Hände Deſſen, dem ſie gebühren, überliefert werden können.“ Bei den letzten Worten deutete er auf das Käſtchen von Cederholz. „Du haſt Recht, Samuel,“ entgegnete Bathſeba. „Dieſer Tag gehört nicht uns. Es iſt ein feierlicher Tag! und wie ſchön wäre es, wenn es nun auch für uns ſchöne Tage geben könnte!“ Samuel, der verſtand, daß ſeine Frau an ihren Sohn dachte, legte ſeine Hand auf die ihrige und ſagte: „Bathſeba, wir werden wenigſtens die wenn gleich minder ſüße Luſt der erfüllten Pflicht genießen. Iſt uns der Herr nicht gnädig geweſen, obwohk er uns durch den Tod unſeres Sohnes ſchwer geprüft hat? Verdanken wir es nicht ſeiner Waltung, daß die drei Geſchlechter meiner Familie dies große Werk haben beginnen, fortführen und vollenden können?“ „Ja, Samuel,“ erwiederte freundlich die Jüdin. „Und für Dich wird ſich an dieſe Luſt wenigſtens Ruhe knüpfen, wenn Du mit dem Schlag zwölf Uhr einer erſchreckenden Verantwortlichkeit entledigt wirſt,“ bemerkte ſie auf das Käſt⸗ chen deutend. 3 „Es iſt wahr,“ antwortete der Greis. Ich mag dieſe un⸗ ermeßlichen Reichthümer lieber in den Händen Derer wiſſen, welchen ſie gehören, als in den meinigen. Heute werde ich aufhören damit betraut zu ſeyn. Ich will nun zum letzten Mal noch den Stand der Beträge controliren, und dann wollen wir ſie nach meinem Buch und nach Deinem Büchlein collativniren.“ Bathſeba nickte bejahend. Samuel ergriff wieder ſeine Feder und vertiefte ſich in ſeine Bankierberechnungen. Seine Frau überließ ſich unwillkürlich den ſchmerzlichen Erinnerun⸗ gen, welche die Erwähnung eines Datum durch die ſich da⸗ ran knüpfende Erinnerung an den Tod ihres Sohnes in ihr geweckt hatte. . Wir wollen nun kurz die einfache, und ſcheinbar doch ſo romanhafte und wunderbare Geſchichte von den 50,000 Tha⸗ ern vortragen, welche durch Anhäufung und ſachkundige, ge⸗ treue Verwaltung ſich natürlich oder vielmehr nothwendig nach 150 Jahren in eine weit bedeutendere Summe verwan⸗ delt hatten, als Pater Aigrigny meinte, welcher mit ſehr un⸗ vollſtändigen Nachrichten von der Sache und mit der Rück⸗ ſicht auf ſchlimme Zufälle, Verluſte und Bankerotte, welche in ſo vielen Jahren die auf einander folgenden Juhaber die⸗ ſer Capitalien hätten treffen können, ſchon die Summe von vierzig Millionen ungeheuer fand. Die Geſchichte von die⸗ ſem Vermögen knüpft ſich an die der Familie Samuel, welche ſeit drei Menſchenaltern die Kapitalien deſſelben nutzbringend machte. Im Jahr 1670 befand ſich Marius von Rennepont auf einer Reiſe in Portugal und rettete durch einflußreiche Ver⸗ mittler einem Juden das Leben, den die Inquiſition zum Scheiterhaufen verdammt hatte. Dieſer Jude war Iſaak Samuel, der Großvater des Hüters des Hauſes in der St. Franciseusſtraße. Evle Menſchen faſſen oft eben ſo große Zuneigung zu denen, welche ihnen Dank ſchuldig ſind, wie die zum Dank Verpflichteten gegen ihre Wohlthäter. Nach⸗ dem Herr von Rennepont Gewißheit erlangt hatte, daß Iſaak, welcher zu Liſſabon ein kleines Wechslergeſchäft trieb, ein ehrlicher, fleißiger Mann war, ſchlug er ihm vor, ihn nach Frankreich zu begleiten und ſein bedeutendes Vermögen zu verwalteg Der Widerwillen und das Mißtrauen, mit dem die Juden ſtets verfolgt worden ſind, war damals guf's Höchſte geſtiegen. Iſaak war darum doppelt dankbar für den Beweis von Zutrauen, welchen der Herr von Rennepont ihm gab. Er ging auf das Anerbieten ein und gelobte ſich, von dieſem Tag an ſein ganzes Daſeyn dem Dienſte deſſen zu S 7 1 — widmen, welcher ihm erſt das Leben gerettet und dann Ver trauen auf ſeine Rechtlichkeit an den Tag gelegt hatte, wäh⸗ rend ſonſt die Jnden allgemein beargwohnt, gehaßt und ver⸗ Fachtet wurden. Der Herr von Rennepont, ein Mann von Kopf und Herz, hatte ſich in ſeiner Wahl nicht geirrt. Seine Güter gediehen, bis er derſelben beraubt ward, wunderbar unter den Händen von Iſaak Samuel, welcher mit ungemei⸗ nem Geſchäftsgeiſt begabt, ſie durchaus zum Vortheil ſeines Wohlthäters verwaltete. % Nach mehren Jahren kam die Verfolgung und der Sturz des Herrn von Rennepont. Seine Güter wurden eingezo⸗ gen und den ehrwürdigen Vätern der Geſellſchaft Jeſu über⸗ laſſen, welche ſeine Ankläger geweſen. Dies geſchah einige Tage vor ſeinem Tod. In ſeinem Verſteck, wo er beſchloſſen hatte, ſich das Leben zu nehmen, ließ er heimlich den Iſaak Samuel zu ſich kommen, und übergab ihm 50,000 kleine Thaler in Gold, den Reſt von ſeinem Vermögen. Der treue Diener ward angewieſen, dieſe Summe nutzbringend anzule⸗ gen, die Zinſen zu ſammeln und gleichfalls anzulegen. Wo⸗ fern er einen Sohn hätte, ſollte er bei ſeinem Tod auf die⸗ ſen dieſelbe Verpflichtung übertragen. Hätte er keinen Sohn, ſo ſollte er einen Verwandten ſuchen, der redlich genug wäre, dieſe Verwaltung fortzuſetzen, mit welcher ein paſſender Lohn verbunden ſeyn ſollte. Die Verwaltung ſollte ſo fortlaufend von Verwandten zu Verwandten übertragen werden bis zum Ablauf von 150 Jahren. Ferner bat Marius von Renne⸗ pont den Inden Iſaak, zeitlebens der Hüter des Hauſes in der St. Franciscusſtraße zu bleiben und dieſe Hut gleich⸗ falls, wo möglich, auf ſeine Nachkommen zu vererben. Angenommen, Iſaak Samuel hätte keine Kinder gehabt, ſo würde das Zuſammenhalten, welches ſich oft in jüdiſchen Familien findet, den leßten Willen des Herrn von Rennepont ausführbar gemacht haben. Die Verwandten Iſaal's wür⸗ den ſeine Dankbarkeit gegen ſeinen Wohlthäter getheilt, und ſie und ihre Nachkommen würden gewiſſenhaft die einem der Ihrigen geſtellte Aufgabe gelöſt haben. Aber Iſaak bekam Jahre nach dem Tod des Herrn von Rennepont einen ohn. . —.— —— Dieſer Sohn, Levi Samuel, geboren 1689, hatte von ſei⸗ ner erſten Frau keine Kinder. Nach ihrem Tod verheirathete er ſich, faſt ſechzig Jahr alt, zum zweiten Mal, und 1750 ward ihm ein Sohn geboren, David Samuel, der mehrer⸗ wähnte Hüter des Hauſes in der St. Franciseusſtraße, wel⸗ cher 1832 zur Zeit unſerer Geſchichte zweiundachtzig Jahr alt war und ein eben ſo langes Leben verſprach, wie ſein im dreiundneunzigſten Jahr geſtorbener Vater. Abel Samuel, der Sohn, den Bathſeba ſo tief betrauerte, war 1790 gebo⸗ ren und im Alter von ſechsunddreißig Jahren unter der ruſ⸗ ſiſchen Knute geſtorben. Nach dieſer beſcheidenen Genealogie wird man leicht be⸗ greifen, wie die lange Lebensdauer dieſer drei Glieder der Familie Samuel, die ſich als Wächter des vermauerten Hauſes fortgepflanzt hatten und das 19. Jahrhundert mit dem ſiebenzehnten verknüpften, die Vollziehung des letzten Willens des Herrn von Rennepont ſehr vereinfacht und er⸗ leichtert hatte. Nachträglich muß bemerkt werden, daß Renne⸗ pont dem Iſaak Samuel den Wunſch ausgedrückt hatte, die hinterlaſſene Summe durch nicht höhere Zinſen, als Fünf vom Hundert zu vermehren, damit das Vermögen rein von Befleckung durch Wucher auf ſeine Nachkommen käme. Die Glanbensgenoſſen Samuel's, die Erfinder der Wech⸗ ſel, welche ihnen im Mittelalter dienten, auf geheimnißvolle Weiſe bedeutende Beträge von einem Ende der Welt zum andern zu bringen, ihr Vermögen zu verbergen und vor der Raubgier ihrer Feinde zu ſchützen, die Inden, welche bis zum Ende des ſiebzehnten Jahrhunderts faſt ausſchließlich den Wechſel⸗ und Geldhandel betrieben, unterſtützten ſehr die ge⸗ heimen Finanzgeſchäfte der Familie Samuel. Bis gegen das Jahr 1820 legten die Samuel ihre allmählig ungeheuer groß gewordenen Kapitalien ſtets bei Banquierhäuſern oder bei den reichſten jüdiſchen Handlungen in Europa an. Dies ſichere und heimliche Verfahren hatte dem jetzigen Hüter des Hauſes in der Franciscusſtraße verſtattet, ohne daß jemand es wußte, durch Wechſel ungeheure Kapitalanlagen zu ma⸗ chen. Gerade unter ſeiner Verwaltung hatte die kapitaliſirte Summe durch bloße Zinſenhäufung eine ſchwer zu berech⸗ nende Größe erlangt, während ſein Vater und ſein Groß ter im Vergleich mit ihm nur unbedeutende Kapitalien zu verwalten hatten. Obwohl es ſich bloß darum handelte, nach und nach ſichere und unmittelbare Gelegenheiten zur Anlage der Gelder zu bekommen, damit dieſe nicht einen Tag müßig liegen blieben, ſo war doch große finanzielle Tüchtigkeit erforderlich, um die⸗ ſen Zweck zu erreichen, beſonders ſeitdem das Kapitel einmal über die fünfzig Millionen geſtiegen war. Der letzte Sa⸗ muel, in der Schule ſeines Vaters gebildet, entwickelte dieſe Tüchtigkeit in einem hohen Grad, wie die Ergebniſſe bewei⸗ ſen, welche demnächſt angeführt werden ſollen. Nichts erſcheint rührender, edler und achtungswerther, als das Verhalten der Mitglieder dieſer jüdiſchen Familie, welche gemeinſam die Pflicht des Dankes erfüllten, die einer von ihnen übernommen hatte, und ſich ſo lange Jahre hindurch mit eben ſo viel Uneigennützigkeit wie Einſicht und Rechtlich⸗ keit dem langſamen Anwachs eines königlichen Vermögens widmeten, ohne einen Theil davon für ſich zu erwarten, le⸗ diglich um es rein und unermeßlich den Nachkommen des Wohlthäters ihres Großvaters zu überliefern. Für den Ge⸗ ächteten ſowohl, der das Geld anvertraute, wie für den Ju⸗ den, der es empfing, konnte nichts ehrenvoller ſeyn, als die⸗ ſer einfache Austauſch des gegebenen Wortes, ohne andere Gewähr, als wechſelſeitiges Vertrauen und Achtung, während es ſich von einem Ergebniß handelte, welches erſt nach an⸗ derthalb Jahrhunderten zum Vorſchein kommen ſollte. * 8 * * . * — * * * — . * * * * . Samuel hatte ſein Inventar nochmals aufmerkſam durch⸗ geleſen und ſagte nun zu ſeiner Frau: „Ich bin ſicher, daß ich richtig addirt habe. Jetzt eollationire nach Deinem Notizbuch die Beträge, welche ich eben in mein Buch geſchrieben habe. Zu gleicher Zeit will ich mir Gewißheit verſchaffen, vb die Papiere, welche dieſelben enthalten, in dem Käſtchen richtig geordnet ſind! denn dieſen Morgen bei Eröffnung des Teſta⸗ ments muß ich Alles dem Notar übergeben.“ „Lies,“ erwiederte Bathſeba. „Ich leſe nach.“ Samuel las folgenden Vermögensſtand und verglich bei den einzelen Poſten den Inhalt der Kaſſe. — — Auszug des von David Samuel übergebenen Debet. Fr. 2,000,000 fünfprocentige franzöſiſche Renten in In⸗ Franken. ſeriptionen auf Namen und auf Inhaber; gekauft von 1825 bis 1832 nach beiliegenden Snisſ mittleren Cours von 99 Fr. 50 C. . . .. 39,800,000 Fr. 900,000 dreiprocentige franzöſiſche Renten in ver⸗ * ſchiedenen Inſcriptionen, gekauft in denſelben Jahren zum mittleren Cours von 74 Fr. 25 C. 20 4 5000 Stück franzöſiſche Bankactien, im Prc ſchnitt zu 1900 Fr. das Stück . . . . 9,500,000 3000 Actien der Vier Canäle in einer ihit der Hinterlegung beſagter Actien bei der Geſellſchaft, ge⸗ kauft zum mittleren Cours von 1115 Fr. . . . . 3,345,000 125,000 Ducati neapolitaniſche Rente zum mittleren Cours von 82 Fr., 2,050,000 à 4 1 40 C. den Ducatb 401 9,020,000 5000 Stück ſin reinie von 1000 ien zum mittleren Cours von 93. — 000 den . Gulben zu 2 Fr. 50 C 11,625,000 75,000 Pfd. Sterl. dreiprocentige Conſols zu Ei — 3 2,218,750 Pfd. Sterl. das Pfd. Sterl. zu 25 Fr. 355,468,750 8 1,200,000 Gulden in holländiſchen 2 ½ Proc. zu 60 Fr. — 3 5 28,860,000 fl., den holl. Gulden zu 2 Fr. 10 C. 60,606,000 Reſt in Bankbilleten, Gold oder Silber . .. 535,250 3 Franken 212,175,000 Paris, 12. Februar 1832. N— Conlo der Erben des Herrn von Rennepont. oreait. Fr. 150,000, empfangen von Herrn von Rennepont im Jahr 1682 durch Iſaak Samuel, meinen Großvater und nach und nach von ihm, meinem Vater und mir zu 5 pCt. angelegt mit halbjährlichem Rechnungsab⸗ * ſchluß und Capitaliſirung der Zinſen, haben laut bei⸗ gefügter Rechnung ertragen . . Fr. 225,950,000 3 Davon aber ſind nach beigefügtem Aus⸗ weis für Verluſte bei Fallimenten, für Commiſſions⸗ und Maklergebühren an Verſchiedene, und für Beſoldung der drei auf einander folgenden Verwalter abzu⸗ Franken. e Franken 212,175,000 IV. — 0 Großvaters 1719 betrug das auszuleihende Kapital ſch „Es iſt richtig,“ fuhr Samuel fort, nachdem er die Briefe . in dem Käſtchen von Cedernholz verglichen. „Es bleibt in Caſſe zur Verfügung der Erben der Familie Rennepont die Summe von zweihundertzwölf Millionenhundert⸗⸗A undfünfundſiebzigtauſend Franken.“ Und der Greis ſah ſeine Frau mit dem Ausdruck gerechten Stolzes an. „Das iſt ja unglaublich!“ rief Bathſeba erſtaunt „Ich S wußte wohl, daß außerordentliche Summen in Deinen Händen waren, aber nie hätte ich gedacht, daß 150,000 Fr., die vor 150 Jahren hinterlaſſen worden, die einzige Quelle dieſes un⸗ glaublichen Vermögens wären.“ „Und doch iſt es ſo,“ erwiederte ſelbſtzufrieden der Greis. „Freilich haben auch mein Großvater, mein Vater und ich nicht weniger Treue als Pünklichkeit bei der Verwaltung dieſer Kapitalien bewieſen. Freilich hat viel Scharfblick dazu gehört, um in Zeiten der Revolution und der Handelskriſen bei Anlegung derſelben die gehörige Wahl zu treffen. Aber dies war uns leicht durch unſere Geſchäftsverbindungen mit unſern Glaubensgenoſſen in allen Ländern. Und dabei ha⸗ ben weder ich noch die Meinigen uns je erlaubt, Zinſen zu nehmen, die über den geſetzlichen Betrag geweſen wären, geſchweige Wucherzinſen. So ſchrieben es die ausdrücklichen Weiſungen vor, welche mein Großvater vom Herrn von Rennepont em⸗ 6 pfangen hatte. Demnach gibt es in der Welt kein makel⸗ loſeres Vermögen als dies. Ohne dieſe Uneigennützigkeit 3 hätte durch Benutzung einiger günſtigen Umſtände die Ziffer von 212 Millionen bedeutend geſteigert werden können.“ 5 „Iſt es möglich?“ rief die alte Frau. 6 „Nichts iſt einfacher,“ antwortete Samuel. „Jedermann weiß, daß ein Kapital, zu welchem die fünfprocenkigen Zin⸗ ſen geſchlagen werden, ſich in vierzehn Jahren verdoppelt. Bedenke nun, daß 150 Jahre zehn Mal vierzehn Jahre und zehn ſind, daß die 150,000 erſten Franken ſonach zehnmal verdoppelt worden ſind, und Du wirſt nicht weiter ſtaunen. Im J. 1682 hat Hr. von Rennepont meinem Großvater 150,000 Fr. anvertraut. Dieſe Summe, auf die angegebene Weiſe behandelt, mußte im J. 1696 auf 300,000 Fr. ange⸗ wachſen ſeyn, im J. 1780 auf 600,000. Beim Tode meine „ 7 beinahe eine Million; 1724 hätte es ſich belaufen müſſen auf 1,200,000 Fr., 1738 auf 2.400,000 Fr., im J. 1752, zwei Jahre nach meiner Geburt, auf 4,800,000 Fr., 1766 auf 9,600,000 Fr. 1780 auf 19,200,000 Fr., 1794, zwölf Jahre nach dem Tod meines Vaters, auf 38,400,000 Fr., 1808 auf 76,800,000 Fr., 1822 auf 153,600,000 Fr., und heute müßte es mit Hinzuſchlagen der Zinſen von zehn Jah⸗ ren wenigſtens 225 Millionen betragen. Aber Verluſte, ausfallende Poſten und unvermeidliche Koſten haben es auf x F 212,175,000 Fr. beſchränkt, deren Werth ſich in dieſer Kaſſe befindet“ „Jetzt verſtehe ich Dich,“ ſagte Bathfeba nachſinnend. „Welche Macht liegt nicht in der Aufhäufung! Und welche wunderbare Dinge könnte man in Zukunft ausrichten durch Mittei, die gegenwärtig ſchwach ſind!“ 0 „Das iſt ohne Zweifel der Gedanke des Herrn von Rennepont geweſen,“ bemerkte David, indem er das Käſtchen von Cedernholz zuſchloß. „Mein Vater ſagte mir, laut der Verſicherung meines Großvaters wäre der Herr von Rennepont einer der hellſten Köpfe ſeiner Zeit geweſen.“ „Gott gebe, daß ſeine Nachkommen dieſes königlichen Ver⸗ „ mögen? würdig ſeyen,“ ſagte Bathſeba, indem ſie ſich von ihrem Stuhl erhob. — Es war völlig Tag geworden. Es ſchlug ſieben Uhr. Samuel ſtellte das Käſtchen von Cedernholz in die eiſerne Kiſte, perſchloß dieſe, ſchob die Rickwand des Schrankes vor, Und mächte dieſen zu. „Auch ich,“ ſagte er, „bin neu⸗ gierig und unruhig, zu erfahren, wer die Abkömmlinge des Herru von Rennepont ſindy die ſich jetzt hier einſtellen ſöllen.“ Drei ſtarke Schläge mit dem eiſernen Klopfer an das 6 Hofthor hollten im Hauſe wieder. Das Bellen der Hunde erwiederte dieſen Lärm. „Das ſind gewiß die Maurer, welche der Notar mit einem Schreiber ſchickt,“ ſagte Samuel zu ſeiner Frau. „Mache alle Schlüſſel mit ihren Etiketten in ein Bund zuſammen; ich komme zurück und hole ſie.“ Nach dieſen Worten ſtieg Samuel trotz ſeinem Alter ziemlich raſch die Treppe hinab, ging ans Thor, öffnete vorſichtig einen Schalter und ſah vor dem Thor drei Maurer nebſt ſchwarz gekleideten jungen Mann ſtehen. „Was wollen ie, meine Herren?“ fragte er zum Schalter hinaus. Der Schwarzgekleidete erwiederte: „Ich komme vom Herrn Notar- Dumesnil, um der Oeffnung der vermauerten Thür beizüwohnen. Hier iſt ein Brief von meinem Principal für n Samuel den Hüter des Hauſes.“ 6 „Der bin ich,“ ſagte der Inde. „Werfen Sie gefälli e Brief in den Kaſten, ich will ihn 3ß E Der Schreiber that, was Samuel verlangte, zuckte aber . dodei die Achſeln. Nichts kam ihm lächerlicher vor, als dies Begehren des argvöhniſchen Aften. Der Hüter öffnete den Maſten, nahm den Brief heraus, ging durch den Thorbogen zurück nachdem Hof, um ihn im Hellen zu leſen, und verglich ſorg⸗ fältig die Unterſchrift mit der eines andern Briefs, den er aus der Taſche ſeines Mantelrocks herausnahm. Dann legte er ſeine Doggen an die Kette, ging zurück durch den Bogen und öffnete dem Schreiber und den Maurern die Thür. „Was Teufel, lieber Mann!“ ſagte im Eintreten der Schreiber. „Bei Oeffnung eines Burgthors könnten ja nicht mehr Umſtände gemacht werden!“ Der Jude verbeugte ſich, vhne zu antworten. „Seyd Ihr taub!“ ſchrie ihm der Schreiber ins Ohr. — „Nein, junger Herr,“ erwiederte Samuel ſanft lächelnd. Und einige Schritt aus dem Thorbogen hervor in den Hof tretend, deutete er auf das Haus im Garten und ſagte: „Sie ſehen dort die vermauerte Thür, welche aufgebrochen werden muß. Ferner muß der eiſerne Rahmdn mit der Bleitafel vor dem zweiten Fenſter rechter Hand losgemacht werden.“— „Worum ſollen nicht alle Fenſter geöffnet werden?“ fragte“ der Schreiber. —————— — „Weil ſo die Befehle lauten, die ich als Hüter dieſes Hauſes empfangen habe. — —— — „Und wer hat Ihnen dieſe Befehle gegeben?“ „Mein Vater, und dieſem hatte ſie ſein Vater von Seiten des Hertn dieſes Hauſeß überliefert. Sobäld ich einmal nicht mehr der Hüter desſelben bin, und ſobald es im Beſitz ſeines neuen Eigenthümers iſt, mag dieſer nach Guitdünken verfahren.“ „Gut denn,“ ſagte der Schreiber verwundert. Dann 5 —— — * ——— Gabriel in eins der Zimmer im Erdgeſchoß des an der Straße — ——————— — wandte er ſich zu den Maurern und ſprach: „Das Weitere iſt eure Sache. Brecht die Thür auf und macht den eiſer⸗ nen Rahmen am zweiten Fenſter rechter Hand los.“ Die Maurer gingen durch das Gitter in den Garten die Treppe hinauf zu der vermauerten Thür. Während ſie un⸗ ter Aufſicht des Schreibers des Notars ihre Arbeit begannen, hielt eine Kutſche vor dem Hofthor an. Rodin und Gabriel ſtiegen aus, und erſterer klopfte am Thor. Neunzehntes Kapitel. Der Erbe. Samuel kam und öffnete das Thor. Rodin ſagte zu ihm: „Sie ſind der Hüter dieſes Hauſes?“ „Ja, Herr,“ astwortete Samuel. „Der Herr Abbé Gabriel von Rennepont hier, ſagte Ro⸗ din, auf ſeinen Begleiter deutend, „iſt einer der Nachkommen der Familie Rennepont.“ „Schön!“ erwiederte faſt unwillkürlich der Jude, auf dem das Engelsgeſicht Gabriel's mit ſeinem Blick voll edler Seelenruhe und mit der reinen weißen von der Martyrkrone umzogenen Stirn einen tiefen Eindruck machte. Er betrach⸗ 3 tete den Jüngling mit theilnehmender, liebevoller Neugier. Bald aber merkte er, daß dies ſchweigende Betrachten den 3 jungen Mann in Verlegenheit ſetzen mußte, und fuhr fort: 6 „Der Notar, Herr Abbé, ſoll erſt um zehn Uhr kommen.“ Verwundert ſah Gabriel ihn an und fragte: „Welcher Rotar?“ § „Der Pater Aigrigny wird Ihnen das erklären,“ fiel Ro⸗ din ein und wandte ſich dann an Samuel mit der Bemer⸗ kung: „Wir kommen etwas früh. Könuten wir nicht irgend⸗ wo abtreten, um die Ankunft des Notars zu erwarten?“ „Wenn Sie ſich zu mir bemühen wollen, ſo kommen Sie,“ antwortete der Greis. Von ihm geführt traten Rodin und ſtehenden Gebäudes, deſſen Fenſter in den Hof gingen. „Der Herr Abbé von Aigrigny, welcher bei Herrn Gabriel von Rennepont die Stelle des Vormunds verſehen hat, wird bald nach uns fragen,“ bemerkte Rodin. „Wollten Sie die Güte haben, ihn zu uns zu führen?“ werde nicht verfehlen,“ erwiederte Samuel und ging inaus. Der Svpeius und der Miſſionär blieben allein. Gabriel trug wie gewöhnlich das lange ſchwarze Prieſtergewand, wel⸗ ches die durchſichtige Bläſſe ſeines Geſichts noch mehr her⸗ vorhob. Die himmliſche Sanftmuth, welche ſeinen Zügen gewöhnlich einen ſo rührenden Zauber gab, wich in dieſem Augenblick einem unverkennbaren Ausdruck von Traurigkeit, Entſchloſſerheit und Strenge. Rodin, der ihn ſeit mehren Tagen nicht geſehen und auf dem Weg aus der Poſtſtraße in die Franciscusſtraße ſchweigend beobachtet hatte, ſtellte ernſte Betrachtungen an über dieſe Veränderung. Nachdem der Jude hinausgegangen war, ſagte der junge Prieſter mit feſter Stimme zu Rodin: „Wollen Sie mir nun ſagen, wa⸗ rum es mir ſeit mehren Togen nicht möglich geweſen iſt, mit Sr. Ehrwürden, dem Pater Aigrigny zu ſprechen, und warum derſelbe dies Haus gewählt hat zu der mir bewillig⸗ ten Unterredung?“ „Es iſt mir unmöglich, auf dieſe Frage zu antworten,“ erwiederte Rodin trocken. „Se. Ehrwürden kann nicht lange ausbleiben. Er wird Sie anhören. So viel kann ich Ihnen ſagen, daß unſerm ehrwürdigen Vater dieſe Unterredung eben ſo ſehr am Herzen liegt, wie Ihnen. Daß er dieſes Haus zum Ort derſelben gewählt hat, kommt daher, weil Ihnen daran gelegen ſeyn muß, ſich hier einzufinden. Sie wiſſen es wohl, obgleich Sie eine Miene des Erſtaunens angenom⸗ haben, als Sie den Hüter von einem Notar ſprechen örten.“ Bei dieſen Worten heftete der Socius einen unruhig for⸗ ſchenden Blick auf Gabriel's Geſicht, welches lediglich den Ausdruck der Ueberraſchung zeigte. „Ich verſtehe Sie nicht,“ entgegnete der junge Mann. „Was kann mir daran gelegen ſeyn, mich hier in dieſem Haus zu befinden?“ „Ich wiederhole, es iſt unmöglich, daß Sie es nicht wiſſen“ ſagte Rodin, fortwährend den Jüngling beobachtend. . — 183 — „Ich habe Ihnen geſagt, daß ich es nicht weiß,“ verſetzte Gabriel, faſt verletzt durch die wiederholte Behauptung Rodin's. „Was hat denn geſtern Ihre Pflegmutter bei Ihnen ge⸗ than? Warum haben Sie ſich herausgenommen, ſie ohne die Erlaubniß des ehrwürdigen Vaters Aigrigny zu empfangen, wie ich heute Morgen erfahren habe? Hat ſie Ihnen nicht von Familienpapieren geſprochen, die ſie bei Ihnen gefunden hat, als ſie Sie zu ſich nahm?“ „Nein,“ autwortete Gabriel. „Es iſt jetzt ſeit langer Zeit das erſte Mal, daß ich wieder von dieſen Papieren ſprechen höre, welche damals dem Beichtvater meiner Pflegmutter übergeben worden und ſpäter in die Hände des E. V. Ai⸗ grigny gekommen ſind.“ „Alſo behaupten Sie, daß nicht, um darüber mit Ihnen zu ſprechen, Franeisca Baudoin geſtern zu Ihnen gekommen iſt?“ fragte abermals Rodin langſam und deutlich mit der Zähigkeit eines Inquirenten. „Zum zweiten Mal, Herr Rodin, ſcheinen Sie an dem, was ich verſichere, zu zweifeln,“ antwortete ſanft der junge Prieſter, indem er eine Anwandlung von Ungeduld unter⸗ drückte. „Ich verſichere Sie, daß ich die Wahrheit ſage.“ Der Socius Aigrigny's kannte die Aufrichtigkeit des Miſ⸗ ſionärs zu gut, als daß er nach einer ſo entſchiedenen Er⸗ klärung noch den mindeſten Zweifel hätte hegen können. „Er weiß nichts,“ dachte er, und erwiederte auf die Erklärung: „Ich glaube Ihnen. Dieſer Gedanke war mir gekommen, indem ich nachſann, welch' wichtiger Grund Sie wohl beſtimmt haben könnte, die gemeſſenen Befehle des E. V. Aigrigny in Betreff Ihrer völligen Zurückgezogenheit zu übertreten. Die Ihnen auferlegte Zurückgezogenheit ſollte jeden Verkehr mit der Außenwelt ausſchließen. Und was noch mehr iſt, gegen alle Regeln unſeres Hauſes haben Sie ſich erlaubt, Ihre Thür zu verſchließen, die ſtets offen oder halb offen bleiben ſoll, damit die uns gebotene gegenſeitige Beaufſichtigung leichter ſtattfinden könne. Ich konnte mir Ihre groben Verſtöße gegen die Disciplin nicht anders er⸗ klären, als daß Sie eine ſehr wichtige L mit Pflegmutter gehabt haben müßten.“ — 184 — „Mit einem Prieſter und nicht mit ihrem Pflegkind wünſchte Frau Baudoin zu ſprechen,“ erwiederte Gabriel ernſt. „Ich habe geglaubt, ſie anhören zu dürfen. Wenn ich meine Thür verſchließen zu dürfen glaubte, ſo iſt es geſchehen, weil ge⸗ beichtet ward.“ „Und was hatte Francisca Baudoin Ihnen ſo Dringendes zu beichten?“ „Das ſollen Sie alsbald hören,“ verſetzte Gabriel, „wenn ich es Sr. Ehrwürden ſagen werde, wofern es ihm beliebt, daß Sie zuhören.“ Der Ton dieſer Erwiederung war ſo gemeſſen, daß ein langes Schweigen auf ſie folgte. Wir müſſen den Leſer erinnern, daß Gabriel bis jetzt von ſeinen Vorgeſetzten in völliger Unwiſſenheit gehalten worden war über die wichtigen Familienangelegenheiten, welche ſeine Anweſenheit in der Franciscusſtraße erheiſchten. Francisca Baudoin war am Tag zuvor zu ſehr von ihrem Kummer in Anſpruch genommen, als daß ſie ihm hätte ſagen können, die Waiſen hätten ſich ebenfalls an dieſem Ort einzufinden. Und hätte ſie auch daran gedacht, ſo wäre ſie durch das aus⸗ drückliche Verbot Dagobert's verhindert geweſen, es dem ungen Prieſter zu ſagen. Mithin wußte Gabriel durchaus nichts von den Familienbanden, die ihn mit den Töchtern des Marſchalls Simon, mit dem Fräulein von Cardoville, mit dem Herrn Hardy, mit dem Prinzen Dſchalma und mit Lieg⸗ ganznackt verknüpften. Kurz, wenn man ihm jetzt offenbart hätte, daß er der Erbe des Herrn Marius von Rennepont ſey, ſo würde er ſich für den einzigen Abkömmling dieſer Familie gehalten haben. Während des Schweigens, welches auf ſeinen Wortwechſel mit Rodin folgte, ſah Gabriel den Maurern zu, welche die Steine aus der Thüröffnung wegräumten und nun dazu ſchritten, Eiſenſtangen loszumachen, welche hinter den Steinen eine Bleitafel vor der Thür feſthielten. In dieſem Augen⸗ blick ward von Samuel der Pater Aigrigny eingeführt. Ehe Gabriel ſich umwandte, fand der Socius Zeit, dem Ehrwür⸗ digen Vater zuzuflüſtern: „Er weiß nichts, und der Indier iſt nicht mehr zu fürchten.“ Trotz ſeiner erheuchelten Ruhe erſchien der Marquis von — —— —— 4 — — 185 — Aigrigny mit bleichem, verzerrtem Geſicht, wie ein Spieler, welcher der Entſcheidung einer furchtbar wichtigen Parfie entgegen ſieht. Alles hatte bis jetzt die Anſchläge ſeiner Ge⸗ ſellſchaft begünſtigt; aber dennoch konnte er nicht ohne Schrecken an die vier Stunden denken, welche noch bis zum entſcheidenden Augenblick übrig waren. Als Gabriel ſich umwandte, trat der Marquis lächelnd zu ihm, reichte ihm die Hand und ſagte in herzlichem Ton: „Lieber Sohn, es hat mich Ueberwindung gekoſtet, Ihnen bis jetzt die Unterredung zu verweigern, welche Sie ſeit Ihrer Ankunft begehrt hatten. Nicht minder ſchmerzlich iſt es mir geweſen, Ihnen eine mehrtägige Zurückgezogenheit auflegen zu müſſen. Obwohl ich Ihnen keine Erklärung zu geben habe über Sachen, die ich Ihnen befehle, ſo will ich Ihnen doch ſagen, daß ich nur zu Ihrem Beſten ſo gehandelt habe.“ Gabriel verbeugte ſich und erwiederte: „ch muß Ewr. Ehrwürden glauben.“ Unwillkürlich empfand er eine gewiſſe Aengſtlichkeit, denn Algrigny war es, in deſſen Hände er die ihn unwiderruflich an die Geſellſchaft Jeſu bindenden Gelübde obgelegt hatte, und bis zu ſeiner Mifſionsreiſe nach Ame⸗ rika hatte Aigrigny über ihn jene Art von Einfluß geübt, welcher durch herriſches Weſen, Niederdrückung und Einſchüch⸗ terung die lebendige Kraft der Seele bricht und ſie willenlos und ängſtlich macht. Die Jugendeindrücke ſind unauslöſchlich. Seit ſeiner Rückkehr aus Amerika war es das erſte Mal, daß Gabriel dem Pater Aigrigny ſich gegenüber ſah. Zwar wankte der Entſchluß nicht, den er gefaßt hatte; aber doch bedauerte er, daß er nicht in einer offenherzigen Unterredung mit Dagobert und Agricola neue Kräfte hatte ſchöpfen können, wie er gehofft hatte. Der Pater Aigrigny beſaß zu viel Menſchenkenntniß, als daß er nicht die Gemüthsbewegung des jungen Prieſters hätte bemerken und ſich die Uirſache derſelben erklären ſollen. Die⸗ ſer Eindruck dünkte ihm ein gutes Vorzeichen zu ſeyn. Er verdoppelte alſo das Maß verführeriſcher Freundlichkeit, vor⸗ behaltlich erforderlichen Falls eine andere Mask⸗ vorzunehmen. Er ſetzte ſich nieder, während Gabriel und Rodin ehrfurchts⸗ voll ſtehen blieben, und ſagte: „Sie wünſchen, lieber Sohn, eine wichtige Unterredung mit mir zu haben?“ — 186 — „Ja, ehrwürdiger Vater,“ antwortete Gabriel, vor den blitzenden, großen, grauen Augen des Marquis unwillkürlich die ſeinigen niederſchlagend. „Auch ich habe Ihnen wichtige Dinge mitzutheilen,“ fuhr der Marquis fort. „Hören Sie erſt mich an, und dann ſprechen Sie.“ „Ich höre Sie an, ehrwürdiger Vater.“ „Vor etwa zwölf Jahren, mein Sohn,“ begann Aigrigny in liebreichem Ton, „hat der Beichtvater Ihrer Pflegmutter ſich durch Herrn Rodin an mich gewandt und meine Auf⸗ merkſamkrit auf Sie gelenkt, als auf einen Knaben, der in der Schule der Brüder erſtaunliche Fortſchritte machte. Bei näherer Erkundigung erfuhr ich, daß Ihre ausgezeichnete Aufführung, Ihre ſanfte und beſcheidene Gemüthsart und Ihr frühreifer Verſtand der größten Theilnahme werth ſeyen. Von dieſem Augenblick an hatte man ein Auge auf Sie. Als ſich zeigte, daß Sie dies Lob fortwährend verdienten, ſchien es mir nach einiger Zeit, daß in Ihnen etwas anderes 5 ſteckte, als ein Handwerker. Man verſtändigte ſich mit Ihrer Pflegmutter und durch meine Fürſorge erhielten Sie unent⸗ geltliche Aufnahme in einer Schule unſerer Geſellſchaft. Da⸗ mit lag eine Laſt weniger auf der trefflichen Frau, welche Sie zu ſich genommen hatte, und ein Kind, welches zu großen Hoffnungen berechtigte, empfing durch unſere väter⸗ liche Sorgfalt alle Wohlthaten einer religiöſen Erziehung. Iſt das nicht wahr, mein lieber Sohn?“ „Das iſt wahr, ehrwürdiger Vater,“ antwortete Gabriel, mit geſenktem Blick. 375 „Als Sie heranwuchſen, entwickelten ſich in Ihnen ausge⸗ zeichnete ſeltene Tugenden. Ihr Gehorſam und beſonders Ihre Sanftmuth waren muſterhaft. Sie machten reißende Fortſchritte in Ihren Studien. Ich wußte damals nicht, welche Lanfbahn Sie wählen würden. Jedenfalls war ich . gewiß, daß Sie in jedem Lebensverhältniß ſtets ein geliebter * Sohn der Kirche bleiben würden. Ich hatte mich in meinen Hoffnungen nicht getäuſcht, oder vielmehr Sie, lieber Sohn, haben dieſelben weit übertroffen. Durch eine freundſchaftliche WMittheilung erfuhr ich, daß Ihrer Pflegmutter heißeſter Wunſch ſey, Sie ordinirt zu ſehen. Sie haben edelmüthig und ge⸗ — — wiſſenhaft dem Wunſch dieſer trefflichen Frau entſprochen, welcher Sie ſo viel verdankten. Aber da der Herr ſtets ge⸗ recht in ſeinen Belohnungen iſt, ſo wollte er, daß der rüh⸗ rendſte Beweis von Dankbarkeit, den Sie Ihrer Pflegmutter geben konnten, zugleich in höherer Beziehung vortheilhaft unſerer heiligen Kirche eintreten ließ.“ 8 ſey, indem er Sie in die Zahl der kämpfenden Mitglieder Bei den letzten Worten des Pater Aigrigny konnte Gabriel ſich eines Zuckens nicht erwehren, indem er an die ſchmerz⸗ lichen Mittheilungen ſeiner Pflegmutter dachte. Indeß er bezwang ſich. Während Rodin, den Ellenbogen auf die Ecke des Kamins geſtützt, ihn mit einer eignen, beharrlichen Auf⸗ merkſamkeit beobachtete, fuhr der Pater Aigrigny fort: „Ich verhehle Ihnen nicht, lieber Sohn, daß Ihr Entſchluß mich mit Frende erfüllt hot. Ich ſah in Ihnen eins der künftigen Lichter der Kirche, und es war mir darum zu thun, daſſelbe in unſerer Geſellſchaft ſtrahlen zu ſehen. Unſere ſo ſchwie⸗ rigen, zahlreichen Prüfungen haben Sie muthig beſtanden. Sie ſind würdig befunden worden, uns anzugehören, und nachdem Sie in meine Hände einen unwiderruflichen heiligen Schwur abgelegt hatten, der Sie zur Ehre Gottes für im⸗ mer an unſere Geſellſchaft knüpft, haben Sie den Wunſch geäußert, dem Aufruf unſeres heiligen Vaters zu folgen und als Miſſionär *) den katholiſchen Glauben unter den Wil⸗ den zu predigen. Obwohl es uns peinlich war, uns von unſerem lieben Sohn zu trennen, ſo mußten wir doch einem ſo frommen Wunſch nachgeben. Sie ſind als unſcheinbarer Miſſionär abgereiſt und als ruhmreicher Märtyrer zurückge⸗ kommen, und wir ſind mit Recht ſtolz darauf, Sie zu den Unſeren zu zählen. Dieſer kurze Ueberblick der Vergangen⸗ heit war nöthig lieber Sohn, um zu dem Folgenden zu kom⸗ men. Es gilt, wofern dies überhaupt möglich iſt, die Bande noch feſter anzuziehen, welche Sie an unſern Orden knüpfen. Hören Sie mich elſo wohl an, mein lieber Sohn. Was nun folgt, iſteim Vertrauen geſprochen und von hoher Wich⸗ *) Nur in Betreff der Miſſionen erkennen die Jeſuiten dem Papſt die Initiative über ihre Geſellſchaft zu. — 188 — tigkeit, nicht allein für Sie, ſondern auch für unſere Ge⸗ ſelſchaft. 4 „In dieſem Fall, ehrwürdiger Vater,“ rief Gabriel lebhaft, „kann und darf ich Sie nicht anhören.“ Der junge Prieſter ward bleich. An ſeinen verſtörten Zü⸗ gen ſah man, daß in ſeinem Innern ein heftiger Kampf ſtatt⸗ fand. Bald aber kehrte ſeine Entſchloſſenheit zurück. Er er⸗ hob ſein Haupt und ſah mit zuverſichtlichem Blick den Pater Aigrigny und Rodin an. Während dieſe, ſtumm vor Erſtau⸗ nen, ſich einander anblickten, fuhr er fort: „Ich wiederhole Ihnen, ehrwürdiger Vater, wenn von Sachen, welche die Geſellſchaft angehen, im Vertrauen zu mir geſprochen wer⸗ den ſoll, dann kann ich unmöglich Sie anhören.“ „Wahrhaftig, lieber Sohn,“ ſprach der Marquis, „Sie verſetzen mich in das größte Erſtannen. Um Gotteswillen! Was iſt Ihnen denn? Ihre Miene iſt verſtört. Ihre Ge⸗ müthsbewegung iſt unverkennbar. — Laſſen Sie hören Re⸗ den Sie — — ohne Beſorgniß. Warum können Sie mich nicht ferner anhörenz⸗ „Ich kann es Ihnen nicht ſagen, ehrwürdiger Vater, be⸗ vor — ich n ebenfalls einen kurzen Ueberblick der Ver⸗ gangenheit gegeben habe, der Vergangenheit, wie ich ſie ſeit greifen, ehrwürdiger Vater, daß ich nicht ferner Anſpruch auf Ihre vertraulichen Mittheilungen habe, denn bald wird ein Abgrund uns trennen.“ Es iſt unmöglich, den Blick zu ſchildern, welchen bei die⸗ ſen Worten Gabriel's der Pater Aigrigny und ſein Socius mit einander wechſelten. Rodin begann an den Nägeln zu auen, indem er ſeinen giftigen Blick auf Gabriel heftete. Der Marquis ward erdfahl. Seine Stirn bedeckte ſich mit kaltem Schweiß. Entſetzt fragte er ſich, ob denn in dem Augenblick, wo man das Ziel erreichte, das Hinberniß von ſeitigt worden waren. Dieſer Gedanke war zum Verzwei⸗ feln. Indeß der E. V. übte eine bewunderungswürdige Selbſtbeherrſchung. Er blieb ruhig, und antwortete liebreich und mit Salbung: „Mein lieber Sohn, es iſt mir unmög⸗ Kurzem anzuſehen im Stande bin. Alsdann werden Sie be⸗ Gabriel kommen ſollte, zu deſſen Gunſten alle Hinderniſſe be⸗ lich, zu glauben, daß wir je durch einen Abgrund 3 3 3 1 — 189 — ſeyn ſollten, ausgenommen etwa durch den uogrun des Schmerzes, welchen eine Gefahr für Ihr Seelenheil in mir erwecken müßte. Aber — — ſprechen Sie. — Ich höre Sie an.“ Gabriel begann mit feſter Stimme: „Es ſind richtig zwö Jahre, ehrwürdiger Vater, daß ich durch Ihre Bemühungen in ein Colleginm der Geſellſchaft Jeſu gekommen bin. Ich trat ein mit einem Herzen voll Liebe, Vertrauen und Offen⸗ heit. Wie wurden dieſe köſtlichen Gefühle der Kindheit gleich von vorn herein gepflegt? Am Tag meiner Ankunft zeigte mir der Dbete zwei Knaben, die etwas älter waren als ich, und ſagte mir: Das ſind die Geſellſchafter, zu welchen du dich vorzugsweiſe ſollſt. Ihr drei müßt immer mit einander gehen. Die Regel des Hanſes verbietet jedes Zwie⸗ geſpräch, und ſie gebietet, daß du genau aufdasachteſt, was Deine Geſellſchafter ſagen, damit du mir es berichten kannſt. Denn die lieben Kinder könnten, ohne es zu wiſſen, böſe Ge⸗ danken haben oder Anſchläge zur Begehung von Fehlern faſſen. Wenn du alſo deine Kameraden lieb haſt, ſo mußt du mich von ihren ſchlimmen Neigungen in Kenntniß ſetzen, damit meine väterlichen Vorſtellungen ihnen durch Verhütung der Fehltritte die Strafe erſparen. Es iſt beſſer, dem Bö⸗ ſen vorzubeugen, als es zu beſtrafen.“ „So iſt allerdings die Regel in unſern Häuſern, und die Sprache, welche man gegen alle eintretenden Zöglinge führt, mein lieber Sohn,“ bemerkte der Pater Aigrigny. „Ich weiß es, ehrwürdiger Vater,“ verſetzte Gabriel un⸗ muthig. „Drei Tage nachher belauerte ich els unterwürfi⸗ ges, leichtgläubiges Kind arglos meine Kameraden, merkte mir, was ſie ſprachen, und erſtattete Se an den Oberen, der meinen Eifer pries. Was man mich ſo thun ließ, war ſchmählich; und doch, Gott weiß es, gient ich eine Pflicht der Bruderliebe zu erfüllen. Mit Frenden gebor chte ich den Geboten 8 Oberen, den ich achte te und de n Worte ich in mei indlichen Glauben anhörte, als 6 es die Worte Gottes w Später beging ich einmal einen Ve rſtoß wi⸗ der die Regel des Hauſes. Der Obere ſagte mir: Liebes Kind, du haſt eine ſchwere Strafe verdient; aber ſie ſoll dir erlaſſen werden, wenn du einen deiner Kameraden auf dem⸗ — 190 ſelben Fehler ertappſt, den du begangen haſt. *) Und da er beſorgte, daß trotz meinem blinden Glauben und Gehor⸗ ſam, dieſe auf Selbſtſucht fußende Enreizung zur Angeberei mir gehäſſig erſcheinen möchte, fügte der Obere hinzu: Ich ſage dir das, mein Kind, zum Seelenheil deiner Kameraden. Denn wenn einer vyn ihnen einer verdienten Strafe entginge, ſo würde er ſich dädurch ans Böſe gewöhnen. Wenn du ihn alſo auf einem Fehler ertappſt und ihm eine heilſame Strafe zuziehſt, ſo haſt du den doppelten Vortheil, zu ſeinem Seelenheil beizutragen und dich einer Strafe zu entziehen, welche du zwar verdient haſt, deren Eriaſſung du aber ge⸗ winnſt durch deinen Eifer für deinen Nächſten.“ Der Pater Aigrigny erſchrack immer mehr über die Sprache, welche Gabriel führte. „Ohne Zweifel,“ erwiederte er, „iſt alles dies der in unſern Collegien befolgten Regel und den Gewohnheiten, der Mitglieder unſerer Geſellſchaft gemäß, welche ſich einander angeben, unbeſchadet der Bruderliebe, zu ihrer geiſtlichen Förderung, be⸗ ſonders wenn der Vorgeſetzte es gebietet oder wünſcht zur Ehre Gottes. ¹) „Ich weiß es,“ rief Gabriel, „ich weiß es. So wurde ich im Nmen des Heiligſten, was es für den Menſchen gibt, zum Böſen angereizt.“ In dieſem Augenblick verließ Rodin ſeinen Platz am Ka⸗ min, auf deſſen Geſims er den Ellenbogen geſtützt hatte, und begann, fortwährend an den Nägeln kauend, mit nachdenk⸗ licher Miene im Zimmer auf und ab zu gehen. Der Mar⸗ quis ſuchte ſeine ſteigende Angſt unter dem Schein beleidigter Würde zu verbergen und ſagte: „Mein lieber Sohn, von Ihnen zu mir — — ſind dieſe Worte mindeſtens ſonderbar. Es iſt mir ſchmerzlich, genöthigt zu ſeyn, Sie zu erinnern, daß Sie uns Ihre Erziehung verdanken.“ „Ihre Früchte waren die, welche ich ſchildere,“ verſetzte Gabriel. „Erſt hatte ich mit einer gewiſſen Uneigennützigkeit die andern Knaben ausſpivnirt; aber die Befehle des Oberen hatten mich einen Schritt weiter auf dieſem ſchmählichen Weg thun laſſen. Jetzt war ich Angeber geworden, um einer ver⸗ u. *) Siehe die Anmerkungen am Sch Wonbes. 1 — dienten Strafe zu entgehen. Und ſo groß war mein Glaube, meine Demuth, mein Vertrauen, daß ich mich gewöhnte, mit Unſchuld und Aufrichtigkeit eine doppelt gehäſſige Rolle zu ſpielen. Einmal jedoch ward ich von Bedenklichkeiten, den letzten guten Regungen, die man in mir erſtickte, ſo beun⸗ ruhigt, daß ich mich fragte, ob der gottſelige Zweck, welchen man dieſem ewigen Spioniren und Anbringen beilegte, hin⸗ reichend ſey, mich freizuſprechen Ich theilte dem Oberen meine Beſorgniß mit, und er antwortete mir, ich hätte nicht zu grübeln, ſondern zu gehorchen; die Verantwortlichkeit für meine Handlungen falle allein auf ihn.“ Der junge Mann hielt einen Augenblick inne. „Fahren Sie fort, mein lieber Sohn,“ ſagte der Pater Aigrigny, der ſich einer tiefen Niedergeſchlagenheit nicht erwehren konnte. „O, ich hatte Recht, daß ich in Ihre Reiſe nach Amerika nicht willigen wollte!“ „Die Vorſehung,“ erwiederte Gabriel, „hat gewollt, daß ich in dieſem neuen, fruchtbaren und freien Land durch eine eigne Fügung über Vergangenheit und Gegenwart klar wurde. Ja, in Amerika war es, wo mir die Augen aufgingen. Aus dem finſteren Hauſe, wo ich ſo viele Jahre meiner Jugend zuge⸗ bracht hatte, an Orte verſetzt, wo ich die Größe Gottes ſah, überwältigt von dieſer Erhabenheit, bei Durchwanderung un⸗ ermeßlicher Einöden, habe ich geſchworen — — —. Ueber dieſen Schwur, ehrwürdiger Vater, will ich mich nachher er⸗ klären. Seyn Sie überzeugt, es war ein Tag des Jammers, an welchem ich ſcheuen und verwerfen mußte, was ich ſo lange geſegnet und verehrt hatte. Ich verſichere Sie, nicht über mich allein habe ich geweint!“ Aigrigny bemerkte Thränen in den Augen des jungen Man⸗ nes und ſchöpfte neue Hoffnung. „Ich kenne Ihr gutes Herz,“ ſagte er. „Ich fürchte, Sie ſind irre geleitet worden. Aber öffnen Sie Ihr Herz uns, als Ihren geiſtlichen Vätern, und ich hoffe, wir werden Ihren leider erſchütterten Glauben wie⸗ der befeſtigen, wir werden die Nebel zerſtreuen, welche Ihre Augen verfinſtert haben. In Ihrer Täuſchung mögen Sie einen trügeriſchen Schimmer für das reine Tageslicht gehal⸗ ten haben. Fahren F* Während der Marquis ſo ſprach, blieb Rodin ſtehen, zog eine Brieftaſche hervor und ſchrieb etliche Worte auf. Gabriel war immer bleicher, und die Erſchütterung ſeiner Seele war immer ſtärker geworden. Es bedurfte für ihn eines großen Muthes, um ſo zu ſprechen, denn ſeit ſeiner Reiſe nach Amerika hatte er die furchtbare Macht der Geſell⸗ ſchaft kennen lernen. Aber die Enthüllung der Vergangen⸗ heit und der Blick auf dieſelbe von dem Standpunkt einer lichteren Gegenwart war für den jungen Prieſter die Urſache und Rechtfertigung des ſeinem Vorgeſetzten ſo eben erklärten Entſchluſſes, und darum wollte er ihm ehrlich die ganze Sache auseinanderſetzen, obwohl er die Gefahr kannte, welcher er ſich damit ausſetzte. Er fuhr demnach mit zitternder Stimme fort: „Sie wiſſen, ehrwürdiger Vater, das Ende meiner Kind⸗ heit, das glückliche Alter der Offenheit und unſchuldigen Freude, iſt für mich in einem Dunſtkreis von Angſt, Druck und argwöhniſcher Spürerei verfloſſen. Wie hätte ich mich der geringſten Neigung hingebenden Vertrauens überlaſſen können, da man mir ſtets empfahl, dem Blicke deſſen, der zu mir ſpräche, auszuweichen, um beſſer den Eindruck zu verber⸗ gen, den er durch ſeine Worte auf mich machen könnte, — alle meine Gefühle zu verhehlen, Alles um mich her zu beobach⸗ ten und zu behorchen? Ich erreichte ſo mein fünfzehntes Le⸗ bensjahr. Nach und nach wurde die Erlaubniß zu den ſelte⸗ nen Beſuchen, welche meine Pflegmutter und mein Pflegbru⸗ der mir, wiewohl immer nur in Gegenwart eines unſerer Väter machen durften, zurückgezogen, um mein Herz völlig allen ſanften Regungen zu verſchließen. Düſter und ängſt⸗ lich, in dies große, ſchweigſame, trübſelige Haus verſchloſſen, fühlte ich, daß man mich immer mehr von der freien, freund⸗ lichen Menſchenwelt abſonderte. Meine Zeit ward getheilt zwiſchen dem Erlernen von Stückwerk von Wiſſen und vielen Stunden kleinlicher Andachtsübungen Ich frage Sie, ehr⸗ würdiger Vater, hat man ſich je bemüht, unſere Seelen durch Worte evangeliſcher Lebe zu erwärmen? Leider, nein! An die Stelle der himmliſchen Worte des Erlöſers: Liebet euch unter einander, ſchien man geſetzt zu haben: Miß⸗ traut euch unter einander, Ehrwürdiger Vater, hat man uns je ein Wort von Freiheit und Vaterland geſagt? † — 23 Nein! Dieſe Worte machen das Herz höher ſchlagen, und das Herz ſoll nicht ſchlagen. Auf unſere Lern⸗ und Andachtsſtun⸗ den folgten zur Erholung zuweilen Spaziergänge zu Dreien, nie zu Zweien, weil zu Dreien die wechſelſeitige Angeberei leichter zu handhaben iſt *), und weil zu Zweien ſich leichter Vertraulichkeit herſtellt und damit heilige, edle Freundſchaften geſchloſſen werden könnten, die ebenfalls das Herz höher ſchla⸗ gen machen, — und das Herz ſoll nicht ſchlagen. Durch ven ſteten Druck hatte ich endlich das Gefühl verloren. Seit einem halben Jahr hatte ich meine Pflegmutter und meinen Bruder nicht geſehen. Sie kamen ins Collegium. Früher würde ich ſie nach ſo langer Trennung mit Freudenthränen empfangen haben. Jetzt blieben meine Augen trocken, mein Herz kalt. Meine Mutter und mein Bruder weinten, als ſie fortgingen. Der Anblick dieſes Schmerzes machte denn doch Eindruck auf mich. Ich ward mir mit Abſcheu dieſer eiſigen Fühlloſigkeit bewußt, die mich beſchlichen hatte, ſeitdem ich dies Grab be⸗ wohnte. Entſetzt wollte ich hinausgehen, ſo lange ich noch die Kraft dazu hätte. Da ſprach ich mit Ihnen, ehrwürdiger Vater, von der Wahl eines Standes. Denn während jener wenigen Augenblicke des Wachens däuchte mir, von fern den Strom des thätigen, fruchtbaren, arbeitſamen und freien Le⸗ bens, des Lebens der Zuneigung und der Familie rauſchen zu hören. Ich empfand das Bedürfniß Bewegung, der Frei⸗ heit, edler und lebhafter Gemüthsbewegungen, und wenigſtens würde ich das Seelenleben wiedergefunden haben, welches mich floh. Ich ſagte es Ihnen, ehrwürdiger Vater, indem ich Ihre Knie umſchlang und mit Thränen benetzte: das Leben eines Handwerkers, eines Spldaten, Alles wäre mir recht geweſen. Da ſagten Sie mir, daß meine Pflegmutter, der ich das Le⸗ ben verdankte (denn ſie hatte mich vor Hunger umkommend gefunden und, ſelber arm, mir die Hälfte von dem Brod ih⸗ res Kindes gegeben, was nicht leicht eine Mutter thut) — da, ehrwürdiger Vater — —.“ Gabriel ſtockte und ſchlug die Angen nieder, denn er gehörte zu den edlen Naturen, die erröthen und ſich ſchämen, die Schändlichkeiten zu nennen, *) Siehe die Anmerkungen am Schluß des Bandes. 13 V. — deren Opfer ſie ſind. „Da,“ fuhr er fort, „ſagten Sie mir, meine Pflegmutter habe nur ein Ziel, nur einen Wunſch —“ „Sie ordinirt zu ſehen, mein lieber Sohn,“ ergänzte Pater Aigrigny. „Dies fromme Weſen hoffte, indem ihr Pflegkind ſein Seelenheil erwürbe, würde es das ihre ſichern. Aber ſie wagte es nicht, ihren Gedanken Ihnen zu geſtehen, weil ſie beſorgte, Sie möchten einen eigennützigen Wunſch ſehen in — — —“ „Genug, ehrwürdiger Vater!“ unterbrach Gabriel, außer Stand eine Gebärde des Unwillens zu unterdrücken. „Es iſt mir peinlich, Sie eine Unrichtigkeit behaupten zu hören. Fran⸗ 2 cisca Baudvin hat nie dieſen Gedanken gehabt.“ „Lieber Sohn, Sie ſind ſehr raſch in Ihren Urtheilen,“ erwiederte ſanft der Pater Aigrigny. „Ich ſage Ihnen, dies war der einzige Gedanke Ihrer Pflegmutter.“ „Geſtern, ehrwürdiger Vater, hat ſie mir Alles geſagt. Sie und ich ſind beiderſeits getäuſcht worden.“ Petzt nahm der Marquis einen ſtrengen Ton an. „Stellen Sie, mein lieber Sohn, das Wort Ihrer Mutter über das abriel ſchlug die Augen nieder und erwiederte: „Erſpa⸗ S ren Sie mir eine für Sie und für mich peinliche Antwort, ehrwürdiger Vater.“ Der ehrwürdige Sgerieth von neuem in Angſt. „Wol⸗ len Sie mir nun ſagen, was Sie — —“ begann er. Er ward unterbrochen durch Samuel, der hereinkam und ſagte: „Ein ältlicher Mann wünſcht Herrn Rodin zu ſprechen.“ „Rodin?“ ſagte der Socius betroffen. „Der bin ich. Ich danke Ihnen.“ Ehe er dem Inden Folgte, der wieder hin⸗ ausging, übergab er dem Marquis das Blättchen aus ſeiner Brieftaſche, auf welches er Hit Bleiſtift geſchrieben hatte. Sodann ging er hinaus, in unruhiger Spannung, wer ihn wohl in der Franciseusſtraße aufſuchen könnte. Aigrigny und Gabriel blieben allein. . Nach den Statuten des Ordens könnte Gabriel als Mitglied 195 Zwanzigſtes Kapitel. L 3 Br ch. Von tödtlicher Angſt erfüllt, hatte der Pater Aigrigny das Papier Rodin's genommen, ohne etwas dabei zu denken und hielt es in der Hand, ohne es zu leſen. Entſetzt fragte er ſich, welchen Schluß Gabriel ſeinen Vorwürfen wegen der Vergangenheit geben wollte Er wagte es nicht, dieſe Vor⸗ würfe zu erwiedern, aus Beſorgniß, den jungen Prieſter zu reizen, von welchem eine ſo unendlich wichtige Sache abhing. deſſelben kein Eigenthum beſitzen. Ueberdies hatte der E. V. nicht verſänmt, ſich von ihm eine ausdrückliche Verzichtleiſtung auf alle Güter, die ihm einſt heimfallen könnten, zu Gunſten der Geſellſchaft ausſtellen zu laſſen. Aber der Anfang dieſer Unterredung ſchien eine ſo große Veränderung in den Anſich⸗ ten Gabriel's in Betreff des Ordens zu verkünden, daß der Wille, die Bande, welche ihn an die Geſellſchaft knüpften, zu zerreißen, wohl bei ihm vermuthet werden durfte. In dieſem Fall war er geſetzlich 5) nicht verbunden, irgend eine der eingegangenen Verpflichtungen zu erfüllen. Die Schenkung war dann von ſelbſt entkräftet und die Hoffnungen des Pater Aigrigny auf das unermeßliche Vermögen der Familie Ren⸗ nepont waren in demm Augenblick, wo ſie ſich verwirklichen ſollten, auf immer verpichtet. Von allen Verlegenhien, welche die Erbſchaftsangelegenheit dem Ehrwürdigen Vater ſeit einiger Zeit bereitet hatte, war keine unerwarketer und ſchrecklicher. Er wagte es nicht, das Wort zu nehmen und erwartete mit ſtummer Angſt, wie dieſe bis jetzt ſo bedrohliche Unterredung enden ſollte. ſachdem Rodin hinausgegangen war, fuhr der Miſſionär forts „Ehrwürdiger Vater, es iſt meine Pflicht, Ihnen die Geſchichte meines vergangenen Lebens weiter zu erzählen bis ) Siehe die Anm erkungen am Schluß des — 196 — zum Augenblick meiner Abreiſe nach Amerika. Sie werden bald begreifen, warum ich mir dieſe Pflicht auflege.“ Der Marquis gab ihm ein Zeichen, daß er weiter ſprechen ſollte, und er fuhr fort: „Sobald ich von dem vorgeblichen Wunſch meiner Pflegmutter unterrichtet war, ergab ich mich in denſelben, wiewohl es mir ſchwer ankam. Ich verließ das trübſelige Haus, in welchem ich einen Theil meiner Kindheit und meine erſten Jünglings jahre zugebracht hatte und trat in eins der Seminare der Geſellſchaft. Mein Entſchluß war nicht durch einen unwiderſtehlichen inneren Beruf geboten, ſondern durch den Wunſch, eine heilige Pflicht gegen meine Pflegmutter zu erfüllen. Indeß der Geiſt des wahren Chri⸗ ſtenthums iſt ſo belebend, daß ich mich ermuthigt und er⸗ wärmt fühlte durch den Gedanken, die himmliſchen Lehren des Erlöſers auszuüben. In meiner Vorſtellung glich ein Semi⸗ nar nicht dem Colleg, in welchem ich bisher unter einem ſtrengen Druck gelebt hatte, ſondern es war ein Ort des Segens, wo der evangeliſche Bruderſinn in ſeiner Reinheit und Wärme auf das gemeinſame Leben angewandt würde, wo man unabläſſig Menſchenliebe, Mitleid und Duldung predigte, wo das Wort Chriſti in ſeinem vollſten und fruchtbarſten Sinn ausgelegt würde, wo es Gewohnheit ſey, den edelſten Gefühlen freien Lauf zu laſſen, und wo man ſich ſo zu dem herrlichen Apoſtelamt vorbereitet, die Herzen der Reichen und Glücklichen gegen die Noth und Leiden ihrer Brüder zu er⸗ weichen, indem man ihnen das entſetzliche Elend der Men⸗ ſchen enthüllte. Iſt das nicht eine erhabene und heilige Sittenlehre, der niemand widerſteht, wenn ſie aus liebevollem Herzen gepredigt wird?“ Auf dieſe mit tiefer Rührung und mit Thränen in den Augen geſprochenen Worte erwiederte Aigrigny kalt: „Das iſt allerdings der Geiſt des Chriſtenthums, mein lieber Sohn. Aber man muß vor Allem denchßaben deſſelben erforſchen und ſich klar machen. Und dazu ſind gerade die Seminarien unſerer Geſellſchaft beſtimmt. Die Auslegung des Buch n8 iſt ein Werk des Verſtandes, der Zucht und der Untertrfig⸗ keit, nicht des Herzens und des Gefühls.“ „Ich habe es nur zu ſehr wahrgenommen,“ erwiederte Gabriel. „Bei meinem Eintritt in dies neue Fans ſah ich ₰ 8 ———— leider meine Hoffnungen getäuſcht. Mein Herz, welches ſich einen Augenblick erſchloſſen hatte, verſchloß ſich wieder. Ich hatte von einem Brennpunkt jugendfriſchen Lebens, und warmen Bruderſinns geträumt, und fand in dem ſchweigſamen kalten Seminar dieſelbe Unterdrückung jedes edlen Aufſtrebens, dieſelbe unerbittliche Zucht, dieſelbe wechſelſeitige Angeberei, dasſelbe Mißtrauen, dieſelben unüberſteiglichen Hinderniſſe jedes Freundſchaftsbundes. Das Feuer, welches einen Augen⸗ blick meine Seele erwärmt hatte, ward ſchwächer, und ich verfiel allmählig wieder in die Gewohnheiten eines trägen maſchinenmäßigen Lebens, welches durch eine fühlloſe Autvrität mit derſelben mechaniſchen Pünktlichkeit geregelt ward, wie der Gang einer Uhr.“ „Ordnung, Unterwürfigkeit, Regelmäßigkeit ſind die erſten Grundlagen unſerer Geſellſchaft, mein lieber Sohn,“ bemerkte Aigrigny. „Ach! ehrwürdiger Vater, es war der Tod und nicht das Leben, was ſo geregelt wurde. In dieſer Lage, wo jeder edle Grundſatz vernichtet ward, ergab ich mich dem Studium der Scholaſtik und der Theologie Das iſt ein trübſeliges Studium, eine ängſtliche, drohende oder feindſelige Wiſſen⸗ ſchaft, bei welcher einem ſtets die Gedanken von Gefahr, Kampf und Krieg vorſchweben, nie die Vorſtellung von Frieden, Fortſchritt und Freiheit.“ „Die Theologie, mein lieber Sohn,“ ſagte der ehemalige Huſarenoberſt in ſtrengem Ton, „iſt zugleich ein Panzer und ein Schwert: ein Panzer, um das katholiſche Dogma zu ſchützen, ein Schwert, um die Ketzerei anzugreifen.“ „Und doch, ehrwürzzer Vater, haben Chriſtus und die Apoſtel nichts von diefbk finſteren Wiſſenſchaft gewußt, und auf ihre einfachen rührenden Worte erfolgte die Wiedergeburt der Menſchen, und die Freiheit trat an die Stelle der Skla⸗ verei. Genügt nicht das Evangelium, das göttliche Geſetzbuch, um die Menſchen zu lehren, einander zu lieben? Aber ach! anſtatt uns dieſe Sprache hören zu laſſen, redete man unsllzu oft von Religionskriegen und zählte die Ströme Blutes, welche hätten vergoſſen werden müſſen, um dem Herrn wohlgefällig zu ſeyn und die Ketzerei zu erſäufen. Dieſe furchtbaren Lehren machten unſer Leben noch trauriger. Je mehr wir uns dem reiferen Alter näherten, deſto herber wur⸗ den unſere Gefühle gegen einander, deſtv mehr wuchſen Eifer⸗ . ſucht und Argwohn. Die Angeberei, welche jetzt ernſtere Dinge zum Gegenſtand hatte, erzeugte ſtillen Haß und Un⸗ verſöhnlichkeit. Ich war nicht beſſer und nicht ſchlechter als die Andern. Wir alle waren ſeit Jahren an das eiſerne Joch des leidenden Gehorſams gewöhnt; wir hatten verlernt zu prüfen und zu wollen. Demüthig vor unſeren Oberen zitternd, hatten wir alle dasſelbe matte, düſtere Gepräge. Endlich ward ich ordinirt. So wie ich Prieſter war, forderten Sie, . ehrwürdiger Vater, mich auf, in die Geſellſchaft Jeſu einzu⸗ treten, und unmerklich fand ich mich zu dieſem Entſchluß ge⸗ bracht. Wie? das weiß ich nicht. Schon ſeit langer Zeit hatte ich keinen Willen mehr. Ich machte alle Prüfungen durch. Die ſchrecklichſte war entſcheidend. Mehre Monate lang lebte ich in meiner ſtillen Zelle, mit Ergebung die ſon⸗ derbare maſchinenmäßige Uebung verrichtend, welche Sie mir aufgelegt hatten. Mit Ausnahme Ewr. Ehrwürden kam in dieſer langen Zeit kein Menſch mir nahe; keine menſchliche Stimme außer der Ihrigen drang zu meinem Ohr Bei Nacht empfand ich zuweilen eine unbeſtimmte Angſt. Meine durch Faſten und Kaſteiungen ermattete Seele ward von ſchreckenden Erſcheinungen beunruhigt, und zu andern Zeiten * wieder empfand ich eine Niedergeſchlagenheit, die mit einer gewiſſen Ruhe verbunden war, bei dem Gedanken, daß ich durch Ablegung meiner Gelübde mich für immer von der Laſt 1 des Denkens und Wollens befreien würde. Da überließ ich mich einer unüberwindlichen Erſtarrung, gleich dem Unglück⸗ ʒ 3 lichen, welcher vom Schneeſturm überxaſcht wird. Ich erwar⸗ tete den verhängnißvollen Augenblick Endlich erſtickend in meiner Todesnoth ¹⁰), wie es die Disciplin wollte, be⸗ ſchleunigte ich den Augenblick, die letzte Handlung meines ſterbenden Willens zu vollziehen: das Gelübde der Verzicht⸗ leiſtung auf Uebung meiner Willenskraft abzulegen.“ 1 „Erinnern Sie ſich, mein lieber Sohn,“ entgegnete Aigrigny, — deſſen Bläſſe die Qual immer zunehmender Angſt vfiß⸗ „erinnern Sie ſich, daß ich Ihnen am Vorabend des züt Ab⸗ 10) Siehe die Anmerkungen am Schluß des Bandes. — — 199 legung Ihrer Gelübde beſtimmten Tages, der Regel unſerer Geſellſchaft gemäß, freigeſtellt habe, auf den Eintritt in die⸗ ſelbe zu verzichten; denn wir nehmen nur freiwillige Ge⸗ lübde ab.“ „Das iſt wahr, ehrwürdiger Vater,“ antwortete Gabriel mit bitterem Unmuth. „Als ich durch dreimonatliche Einſam⸗ keit und Prüfung erſchöpft und vernichtet war, haben Sie die Thür meiner Zelle geöffnet und mir geſagt: Wenn Sie wollen, ſo ſtehen Sie auf und gehen Sie weg. Sie ſind frei. — Aber leider fehlte mir die Kraft dazu. Der einzige Wunſch meiner ſo lange gelähmten Seele war die Ruhe des Grabes. Ich legte die unwiderruflichen Gelübde ab und fiel in Ihre Hände, wie eine Leiche.“ „Und bis jetzt, mein lieber Sohn, haben Sie es nie an dieſem Leichengehorſam, wie unſer ruhmreicher Stifter ihn nennt, fehlen laſſen. Je unbedingter der Gehorſam, deſto verdienſtlicher iſt er.“ Es folgte ein Augenblick des Schweigens. Dann fuhr Gabriel fort: „Ehrwürdiger Vater, Sie haben mir ſtets die wahren Zwecke der Geſellſchaft verhehlt, in welche ich eintrat. Die völlige Verzichtleiſtung auf meinen Willen, den ich meinen Vorgeſetzten überließ, war von mir verlangt zur Ehre Gottes. Nach Ablegung meiner Gelübde ſollte ich in Ihren Händen nur noch ein folgſames Werkzeng ſeyn. Aber, ſagten Sie mir, ich ſollte zu einem heiligen, ſchönen und großen Werk verwandt werden. Ich glaubte Ihnen, ehrwürdiger Vater. Wie hätte ich Ihnen nicht glauben ſollen? Ich wartete. Eine traurige Begebenheit änderte meine Beſtimmung — — eine ſchmerzhafte Krankheit, verurſacht durch — — — „Mein Sohn, es iſt unnöthig, an dieſe Umſtände zu er⸗ innern!“ unterbrach Aigrigny. „Verzeihen Sie, ehrwürdiger Vater, ich muß Ihnen Alles⸗ ins Gedächtniß zurück rufen. Ich habe das Recht, angehört zu werden. Ich will keinen der Umſtände mit Stillſchweigen —bergehen, welche mir den nun bald auszuſprechenden unver⸗ änderlichen Entſchluß eingegeben haben.“ „So ſprechen Sie denn,“ erwiederte Aigrigny mit gerun⸗ zelter Stirn. Er ſchien Bangigkeit zu empfinden vor dem, was der junge Prieſter zu ſagen im Begriff ſtand. — 200 — Gabriel ſeinerſeits ſchlug die Augen nieder und eine lebhafte. Röthe überzog ſeine bis dahin blaſſen Wangen „Ein halbes Jahr vor meiner Abreiſe nach Amerika,“ fuhr er fort, „haben Sie mir geſagt, Sie hätten mich zum Beichtvater beſtimmt. Und um mich zu dieſem heiligen Amt vorzubereiten, haben Sie mir ein Buch gegeben — —“ Er ſtockte, und ſein Erröthen nahm zu. Aigrigny konnte kaum eine Gebärde des Zornes und der Ungeduld zurückhalten. Gabriel that ſich Gewalt an und fuhr fort: „Sie haben mir ein Buch gegeben, enthaltend die Fragen, welche ein Beichtvater an Knaben, an Mädchen, an verheirathete Frauen richten kann, weun ſie dem Tribunal der Buße nahen. Großer Gott ich werde nie den ſchrecklichen Augenblick vergeſſen! Es war auf einen Abend. Ich ging auf mein Zimmer mit dieſem Buch, welches, wie Sie mir ſagten, von einem unſerer Väter verfaßt und von einem heiligen Biſchof vervollſtändigt war. ¹) Voll Ehrfurcht und Vertrauen und Glauben ſchlug ich das Buch auf. Erſt verſtand ich nichts, dann fing ich an zu verſtehen. Scham, Abſcheu und Staunen erfüllten mich. Kaum vermochte ich, mit zitternder Hand dies abſcheuliche Buch zuzumachen. Ich eilte zu Ihnen, ehrwürdiger Vater, und klagte mich an, unwillkürlich die Augen auf dieſe Blätter ohne Namen geworfen zu haben, die Sie durch einen Mißgriff in meine Hände gelegt hätten“ „Erinnern Sie ſich aber auch, lieber Sohn,“ erwiederte der Pater Aigrigny ernſthaft, „daß ich Ihre Bedenklichkeiten beſeitigt, daß ich Ihnen geſagt habe, ein Prieſter, der be⸗ * ſtimmt ſey, unter dem Beichtſiegel Alles zu hören, müſſe auch alles kennen und zu beurtheilen im Stand ſeyn und unſere Geſellſchaft ſchreibe das Leſen dieſes Compendium als eines eclaſſiſchen Werks den Seminariſten, den jungen Diaconen und den jungen Prieſtern, die ſich zu Beichtvätern beſtimm⸗ ten, vor.“ „Ich gla ubte Ihnen, ehrwürdiger Vater Die Gewohnheit ſchlaffen Gehor ſams war in mir ſo mächtig, die Zucht hatte mich ſo ſehr aller Prüfung entwöhnt, daß ich trotz meinem— — Abſcheu, den ich mir nun nach Ihren Worten als einen ſchweren Fehler vorwarf, das Buch wieder mitnahm und las. ¹¹) Siehe die Anmerkungen am Schluß des Bandes. O, welche entſetzliche Offenbarung der ſtrafbarſten, zügel⸗ loſeſten Ausſchweifungen fand ich da! Ich ſtand in der Blüthe der Jugend. Die Unwiſſenheit und der Beiſtand Gottes allein hatten mich im harten Kampf gegen die Sinn⸗ lichkeit aufrecht gehalten. Als ich in der tiefen Stille meiner Einſamkeit, bebend vor Scham und Entſetzen, immer weiter las in dieſem Katechismus unerhörter, unbekannter Aus⸗ ſchweifungen, als dieſe ſchlüpferigen Bilder ſich immer mehr vor meiner bis dahin keuſchen Einbildungskraft entrollten, da glaubte ich den Verſtand verlieren zu müſſen. Mein Kopf verwirrte ſich. Ich wollte vor dieſem hölliſchen Buche fliehen, und Gott weiß, weſcher ſchreckliche Zauber verzehren⸗ der Neugier bannte mich wie toll an dieſe Schandblätter. Ich wollte vor Scham ſterben, und trotzdem glühten meine Wangen und ein verzehrendes Feuer ſchlich durch meine Adern. Fürchterliche Traumbilder vollendeten die Verwirrung meines Verſtandes. Ich wähnte üppige Geſtalten aus dieſem ver⸗ wünſchten Buch aufſteigen zu ſehen und verlor die Beſinnung, indem ich ſtrebte, ihren glühenden Umarmungen zu entfliehen.“ Der Pater Atgrigny nahm wieder einen ſtrengen Ton an und erwiederte: „Sie ſprechen in tadelnswerthen Ausdrücken von dieſem Buch. Ihrer allzulebhaften Einbildungskraft haben Sie den ſchlimmen Elndruck zuzuſchreiben, welchen ein in ſeiner Art treffliches Buch auf Sie hervorgebracht hat.“ „Demnach,“ erwiederte Gabriel mit tiefem Unmuth, „habe ich nicht das Recht mich zu beklagen, daß meine bis dahin unſchuldige und fleckenloſe Einbildungskraft auf ewig mit Gräueln beſudelt worden iſt, von welchen ich ſonſt in meinem Leben keine Ahnung bekommen haben würde. Denn ich zweifle, ob Die, welche ſolche Gräuel begehen, zum Prieſter kommen, um Losſprechung davon zu begehren.“ „Das ſind Fragen, die Sie nicht fähig ſind zu beurtheilen,“ verſetzte Aigrigny barſch. „Ich will auch nicht weiter davon ſprechen, ehrwürdiger Vater. Eine lange Krankheit folgte auf dieſe ſchreckliche Nacht. Mehrmals war man in Beſorgniß, ich möchte den Verſtand verlieren. Als ich wieder genas, kam mir die Ver⸗ gangenheit wie ein wüſter Traum vor. Da ſagten Sie mir, ich ſey noch nicht reif für gewiſſe Amtsgeſchäfte. Damals — 202 bat ich Sie dringend, mich als Miſſionär nach Amerika zu ſchicken. Lange wieſen Sie meine Bitte zurück Endlich gaben Sie nach, und ich reiſte ab. Seit meiner Kindheit hatte ich ſtets im Colleg und im Seminar gelebt in einem Zuſtand ſteten Drucks. Durch das ſtete Kopfhängen und Niederſchlagen der Augen hatte ich mich ſo zu ſagen entwöhnt, den Himmel und die Herrlichkeiten der Natur zu betrachten. Welche heilige Wonne fühlte ich nun, als ich mich plötzlich auf das Meer verſetzt ſah und während der Ueberfahrt mich zwiſchen dem Himmel und der unendlichen Waſſerfläche befand! Es war mir, als vb ich aus dem Abgrund der Finſterniß hervorge⸗ taucht wäre. Zum erſten Mal nach vielen Jahren fühlte ich mein Herz frei in der Bruſt ſchlagen, zum erſten Mal fühlte ich mich als Herrn meiner Gedanken, und ich wagte es, mein vergangenes Leben zu prüfen, wie man vom Gipfel eines Bergs in ein dunkles Thal hinabblickt. Da ſtiegen ſonder⸗ bare Zweifel in meiner Seele auf. Ich fragte mich, mit welchem Recht und zu welchem Zweck man ſo lange den Ge⸗ brauch meines Willens, meiner Fre heit, meiner Vernunft in mir niedergedrückt und vernichtet habe, da doch Gott mir Freiheit, Willen und Vernunft verliehen. Aber ich antwortete mir, vielleicht würden die Zwecke dieſes großen, ſchönen, heiligen Werks, an welchem ich mitarbeiten ſollte, mir eines Tags enthüllt werden, und in ihnen würde ich den Lohn für meinen Gehorſam und meine Hingebung ſinden.“ In dieſem Augenblick trat Rodin wieder ein. Der Pater Aigrigny warf ihm einen fragenden Blick zu. Der Socius trat zu ihm und flüſterte, ſo daß Gabriel es nicht hören konnte: „Nichts von Bedeutung. Ich bin bloß benachrichtigt worden, daß der Vater des Marſchalls Simon in der Fabrik Hardy's angekommen iſt.“ . . Nach dieſen Worten warf Rodin einen Blick auf Gabriel, als ob er in Betreff des jungen Mannes etwas zu fragen hätte. Aigrigny ſenkte mit niedergeſchlagener Miene den Kopf. Rodin lehnte ſich wieder ans Kamin. Der Marquis nahm das Wort und ſprach zu Gabriel: „Fahren Sie fort, mein lieber Sohn. Ich möchte baldigſt wiſſen, zu welchem Entſchluß Sie gekommen ſind.“ „Ich will es Ihnen gleich ſagen,“ erwiederte der junge 3 — 203 Mann. Ich kam nach Charleston. Dem Superior unſerer Anſtalt in dieſer Stadt theilte ich meine Zweifel über den Zweck unſerer Geſellſchaft mit. Er übernahm es, ſie zu be⸗ ſeitigen. Mit einer entſetzlichen Offenheit enthüllte er mir dieſen Zweck, auf welchen zwar nicht alle Mitglieder der Ge⸗ ſellſchaft — denn viele ſegen eben ſo unwiſſend, wie ich, — wohl aber die Häupter hinarbeiteten und den ſie ſeit der Stif⸗ tung des Ordens hartnäckig verfolgt hätten. Ich entſetzte mich. Ich las die Caſuiſten⸗ Ehrwürdiger Vater, das war eine neue ſchreckliche Offenbarung, als ich auf jeder Seite dieſer von unſern Vätern geſchriebenen Bücher die Entſchul⸗ digung und Rechtfertigung des Diebſtahls, der Verleum⸗ dung, der Nothzucht, des Ehebruchs des Meineids, des Todtſchlags, des Königsmordes ¹²) las. Als ich erwog, daß ich, als Prieſter des Gottes der Liebe, der Ge⸗ rechtigkeit und der Nachſicht, zu einer Geſellſchaft gehörte, deren Häupter ſich zu ſolchen Lehren bekennen, und ſich eine Ehre daraus machen, da ſchwor ich zu Gott, die Bande zu zerreißen, die mich an ſie knüpften.“ Bei den letzten Worten Gabriel's wechſelten Aigrigny und Rodin einen Blick des Entſetzens. Alles war verloren. Ihre Beute entging ihnen. Gabriel bemerkte in ſeiner Aufregung dieſen Blick nicht, und fuhr fort: „Ungeachtet meines Entſchluſſes, die Geſell⸗ ſchaft zu verlaſſen, blieb die Entdeckung, welche ich machte, ſchmerzlich für mich. Für eine ehrliche Seele iſt nichts ſchreck⸗ licher, als ſich losſagen zu müſſen von dem, was ſie lange verehrt hat. Ich litt dadurch ſo ſehr, daß ich bei dem Ge⸗ danken an die Gefahren meiner Miſſion mit heimlicher Freude die Hoffnung faßte, Gott würde mich vielleicht bei dieſer Ge⸗ legenheit zu ſich rufen. Aber im Gegentheil, er hat wunder⸗ bar über mich gewacht.“ Gabriel ſchwieg und erbebte bei dem Gedauken an das ge⸗ heimnißvolle Weib, welches ihm in Amerika das Leben ge⸗ rettet hatte. Nach einigen Augenblicken fuhr er fort: „Nach Beendigung meiner Miſſionsreiſe kehrte ich hieher zurück, entſchloſſen, Sie, ehrwürdiger Vater, zu bitten, mir durch *) Siehe die Anmerkungen am Schluß des Bandes. — 204 — Entbindung von meinem Eid die Freiheit wieder zu geben. Mehrmals habe ich Sie vergebens um eine Unterredung bit⸗ ten laſſen. Geſtern hat es Gott gefügt, daß ich eine lange Unterredung mit meiner Pflegmutter hatte. Durch ſie erfuhr ich die Liſt, der man ſich bedient hatte, um mir den Prieſter⸗ beruf aufzuzwingen, und den gottloſen Mißbrauch, den man mit der Beichte getrieben, um ſie zu beſtimmen, Waiſen, welche eine ſterbende Mutter einem ehrlichen Soldaten anver⸗ traut hatte, in die Hände anderer Perſonen zu liefern. Sie begreifen, ehrwürdiger Vater, wenn ich noch hätte ſchwanken können, ob ich jene Bande zerreißen ſollte, ſo würde das, was ich geſtern erfahren habe, meinen Entſchluß unwiderruflich gemacht haben. Jedoch in dieſem feierlichen Augenblick muß ich Ihnen ſagen, daß ich nicht die ganze Geſellſchaft anklage. Gewiß gehören viele einfältige, leichtgläubige, vertrauensvolle Menſchen, wie ich, zu ihr. In ihrer Verblendung ſind ſie fügſame Werkzeuge und kennen das Werk nicht, an welchem man ſie arbeiten läßt. Ich beklage ſie und bitte Gott, ſie zu erleuchten, wie er mich erleuchtet hat.“ Todtenbleich ſtand der Pater Aigrigny auf und ſagte: „Alſo, mein Sohn, begehren Sie von mir, ich ſoll die Bande zer⸗ reißen, welche Sie an die Geſellſchaft knüpfen.“ „Ja, ehrwürdiger Vater. In Ihre Hände habe ich einen Eid geleiſtet, und von dieſem Eid bitte ich Sie, mich zu entbinden.“ „Alſo, mein Sohn, iſt Ihre Abſicht, daß alle freiwillig von Ihnen übernommene Verpflichtungen als nicht übernommen angeſehen werden ſollen?“ „Ja, ehrwürdiger Vater.“ „Alſo, mein Sohn, ſoll in Zukunft keine Gemeinſchaft mehr ſeyn zwiſchen Ihnen und unſerer Geſellſchaft?“ „Nein, ehrwürdiger Vater. Denn ich bitte Sie, mich mei⸗ ner Gelübde zu entbinden.“ „Sie wiſſen aber, mein Sohn, daß, obwohl die Geſellſchaft Sie losgeben kann, Sie ſich nicht von ihr losmachen können.“ „Meine Bitte, mich meines Eides zu entbinden, beweiſt Ihnen die Wichtigkeit, die ich dem Eid beilege. Indeß, wenn Sie mir die Gewährung derſelben verweigern ſollten, würde ich mich nicht mehr für gebunden erachten, weder in den Au⸗ gen Gottes, noch in den Augen der Menſchen.“ — 205 — „Das iſt vollkommen klar,“ ſagte Pater Aigrigny zu Ro⸗ din. Das Wort erſtarb ihm auf den Lippen, ſo groß war ſeine Verzweiflung. Gabriel erwartete geſenkten Blicks die Antwort Aigrigny's. Der Marquis ſtand ſtumm und regungslos da. Rodin be⸗ merkte, daß dieſer noch den Zettel in der Hand hatte, welchen er ihm beim Hinausgehen gegeben. Plötzlich ſchien ihm ein Gedanke zu kommen. Raſch trat er zu dem Marquis und fragte ihn ängſtlich ganz leiſe: „Sollten Sie mein Billet nicht geleſen haben?“ „Ich habe nicht daran gedacht,“ erwiederte Aigrigng gleich⸗ ültig. Rodin ſchien mit vieler Mühe einen Ausbruch heftigen Zorns zu unterdrücken und flüſterte ihm zu: „So leſen Sie es!“ Kaum hatte der Marquis den Zettel überblickt, als ein Strahl froher Hoffnung die Wolke der Verzweiflung ver⸗ ſcheuchte, welche bis jetzt auf ſeiner Stirn gelagert hatte. Mit dem Ausdruck tiefgefühlten Danks drückte er ſeinem Socius die Hand und flüſterte ihm zu: „Sie haben Recht. Gabriel iſt unſer.“ Einundzwanzigſtes Kapitel. * Umkehr. Ehe der Pater Aigrigny das Wort an Gabriel richtete, ſammelte er ſich. Allmählig heiterte ſein verſtörtes Geſicht ſich auf. Er ſchien die Wirkungen der Beredſamkeit zu er⸗ wägen und zu berechnen, die er entfalten wollte über das treffliche, ihm von ſeinem Soeius in wenigen Worten auf den Zettel hingeworfene Thema. Rodin nahm ſeine beobachtende Stellung am Kamin wieder ein und ſtützte den Ellenbogen auf das Geſims, nachdem er achſelzuckend einen Blick des Zorns und der Geringſchätzung auf ſeinen Vorgeſetzten geworfen. Nach dieſer unwillkürlichen Gefühlsäußerung, welche zum Glück von dem Marquis unbe⸗ * — 206 — merkt blieb, nahm das Leichengeſicht des Socius wieder ſeine kalte Ruhe an. Seine ſchlaffen Angenlieder, die einen Augen⸗ blick durch Zorn und Ungeduld emporgehoben waren, fielen wieder herab und verbargen von neuem ſeine matten Augen. Man muß geſtehen, daß der Herr von Aigrigny, trotz der Zierlichkeit und Leichtigkeit, mit welcher er ſich auszudrücken wußte, trotz dem Zauber ſeiner feinen Manteren, trotz der Annehmlichkeit ſeines Geſichts und ſeines ganzen Weſens, als eines vollkommenen, feinen Weltmannes, oft weit zurückſtand hinter der unbarmherzigen Feſtigkeit, der Liſt und dem teuf⸗ liſchen Scharfblick Rodin's, dieſes widerwärtigen, ſchmutzigen, elendgekleideten, alten Mannes, der freilich nur ſelten aus ſeiner Rolle als Sekretär und ſtummer Zuhörer heraustrat. Der Einfluß der Erziehung iſt ſo mächtig, daß Gabriel, ungeachtet des förmlichen Bruchs, den er ſo eben bewerkſtel⸗ ligt hatte, ſich doch noch in Gegenwart des Pater Aigrigny eingeſchüchtert fühlte. Mit ſchmerzlicher Angſt erwartete er die Antwort des E. V. auf ſein ausvrückliches Begehren, ſei⸗ ner Gelübde entbunden zu werden. * Se. Ehrwürden, welche vermuthlich ihren Angriffsplan ge⸗ ſchickt entworfen hatte, ſtieß erſt einen tiefen Seufzer aus, gab ihrer eben noch ſtrengen und gereizten Miene einen rüh⸗ enden Ausdruck und ſprach in liebevollem Ton: „Verzeihen Sie, mein lieber Sohn, daß ich ſo lange geſchwiegen habe. Ihr plötzlicher Entſchluß hat mich ſo betäubt, hat ſo viele ſchmerzliche Gedanken in mir erweckt, daß ich mich einige Augenblicke ſammeln mußte, um die Urſache Ihres Bruchs zu ergründen. Ich glaube, es iſt mir gelungen. Alſo, mein lieber Sohn, Sie haben reiflich über Ihren wichtigen Schritt nachgedacht?“ „Ja, ehrwürdiger Vater,“ antwortete Gabriel. „Sie ſind ſchlechterdings entſchloſſen, aus der Geſellſchaft zu treten, — — ſelbſt wider meinen Willen?“ „Es wäre mir ſchmerzlich, gegen Ihren Wunſch anzuſtoßen, ehrwürdiger Vater; aber ich würde dieſen Schmerz ertragen.“ Sohn, denn Sie haben „frei einen unwiderruflichen Schwur abgelegt, und dieſer Schwur verbindet Sie nach unſeren Sta⸗ „In der That muß es Ihnen ſehr ſchmerzlich ſeyn, lieber F — 207 — tuten, die Geſellſchaft nicht anders zu verlaſſen, als mit Ge⸗ nehmigung Ihrer Vorgeſetzten.“ „Sie wiſſen, ehrwürdiger Vater, daß ich damals das We⸗ ſen der von mir übernommenen Verpflichtung nicht kannte. Jetzt, wo ich heller ſehe, wünſche ich, mich zurückzuziehen. Mein einziges Sehnen iſt, eine Pfarrei auf einem Dorf, weit von Paris zu erhalten. Ich fühle mich unwiderſtehlich hingezogen zu dieſem ſtillen, nützlichen Wirkungskreis. Auf dem Land gibt es ſo entſetzliches Elend, ſo betrübende Un⸗ wiſſenheit über Alles, was einigermaßen beitragen könnte zur Verbeſſerung des Looſes des armen Bauern, der eben ſo ſchlimm daran iſt, wie die Negerſtlaven, — denn worin be⸗ ſteht ſeine Freiheit, ſein Unterricht? — daß es mir ſcheint, ich könnte mit Gottes Hülfe auf einer Landpfarrei der Menſch⸗ heit einige Dienſte leiſten Darum wäre es mir ſchmerzlich, zu ſehen, daß Sie, ehrwürdiger Vater, mir das verweiger⸗ ten, was — —“ „O! beruhigen Sie ſich, mein Sohn!“ unterbrach Aigrigny. „Ich gedenke nicht länger Ihren Wunſch, ſich von uns zu trennen, zu bekämpfen.“ „Alſo, ehrwürdiger Vater, werden Sie mich meiner Ge⸗ lübde entbinden?“ „Dazu habe ich keine Macht, mein lieber Sohn. Aber ich will ſogleich nach Rom ſchreiben, um Vollmacht dazu von un⸗ ſerm General zu begehren.“ „Ich danke Ihnen, ehrwürdiger Vater.“ „Demnach, geliebter Sohn, werden Sie bald von dieſen Banden befreit ſeyn, die Sie drücken, und die Menſchen, welche Sie mit ſo viel Bitterkeit verleugnen, werden nichts⸗ deſtoweniger fortfahren, für Sie zu beten, daß Gott Sie vor größeren Verirrungen bewahren möge. Sie, lieber Sohn, erachten ſich uns gegenüber für entbunden, wir aber erachten uns Ihnen gegenüber nicht für entbunden. Bei uns entſchlägt, man ſich nicht ſo der Gewohnheit väterlicher Zuneigung. Wir betrachten uns als gegen unſere Pfleglinge verpflichtet eben durch die Wohlthaten, mit denen wir ſie überhäuft ha⸗ ben. Sie waren ein armer Waiſe. Wir haben Ihnen hülf⸗ reiche Hand geboten, ſowohl wegen der Theilnahme, die Sie — 208 verdienten, mein lieber Sohn, als um Ihrer trefflichen Pfleg⸗ mutter eine zu ſchwere Laſt abzunehmen.“ 3 „Ehrwürdiger Vater,“ erwiederte Gabriel mit zurückgehalte⸗ ner Rührung, „ich bin nicht undankbar.“ „Ich will es glauben, lieber Sohn. Lange Jahre haben wir Ihnen, als unſerem geliebten Kind, das Brod des Leibes und der Seele gereicht. Heute gefällt es Ihnen, uns zu ver⸗ leugnen, uns zu verlaſſen. Wir ſind es nicht nur zufrie⸗ den, — — ſondern jetzt, wo ich die wahre Urſache davon er⸗ gründet habe, jetzt iſt es ſogar meine Pflicht, Sie von Ihrem Eid zu entbinden.“ „Von welcher Urſache ſprechen Sie, ehrwürdiger Vater?“ „Ach! mein lieber Sohn, ich begreife Ihre Furcht. Heut bedrohen uns Gefahren; das wiſſen Sie recht wohl.“ „Gefahren?“ wiederholte Gabriel. „Es kann Ihnen nicht verborgen ſeyn, mein lieber Sohn, daß ſeit dem Sturz unſerer rechtmäßigen Herrſcher, unſerer natürlichen Stützen, die revolutionäre Gottloſigkeit immer drohender wird und uns ohne Unterlaß verfolgt. Demnach, geliebter Sohn, begreife und würdige ich gebührend den Be⸗ weggrund, der Sie unter ſolchen Umſtänden beſtimmt, ſich von uns zu trennen.“ „Ehrwürdiger Vater!“ rief Gabriel mit ſchmerzlichem Un⸗ willen, „Sie denken das nicht von mir, Sie können es nicht denken!“ Der Pater Aigrigny that, als überhörte er dieſe Betheue⸗ rung des jungen Mannes, und fuhr fort in Schilderung der erdichteten Gefahren ſeiner Geſellſchaft, (welche in Wahrheit ſchon im Stillen ihren Einfluß wiederzugewinneu be⸗ gann). „O!“ rief er, „wenn unſere Geſellſchaft noch mächtig wäre, wie ſie es noch vor wenigen Jahren war, wenn ſie mit den Achtungsbezengungen und Huldigungen umgeben wäre, welche die wahren Gläubigen ihr ſchuldig ſind, trotz ſo vielen abſcheulichen Verleumdungen, mit denen man uns verfolgt, . dann vielleicht, geliebter Sohn, würden wir gezandert haben, Sie Ihrer Geluͤbde zu entbinden, würden wir uns bemüht haben, Ihre Augen dem Licht zu öffnen, Sie einem verderb⸗ lichen Schwindel zu entreißen, dem Sie zur Beute geworden ſind. Aber heute, wo wir ſchwach, unterdrückt, von allen — 209 Seiten bedroht ſind, iſt es für uns eine Pflicht der Liebe, Sie nicht zur Theilung der Gefahren zu nöthigen, denen Sie ſich klüglich entziehen wollen.“ Bei den letzten Worten warf Aigrigny ſeinem Soeius einen Blick zu, welchen dieſer durch ein Nicken und eine Gebärde der Ungeduld erwiederte, als wollte er ſagen: „Nur vorwärts!“ Gabriel war zu Boden geſchlagen. Sein edles, redliches, muthvolles Herz blutete, als er ſeinen Entſchluß ſo deuten hörte. „Ehrwürdiger Vater,“ erwiederte er mit zitternder Stimme und mit Thränen in den Augen: „Ihre Worte ſind grauſam — — ſind ungerecht. Sie wiſſen — — ich bin nicht feig.“ „Nein,“ ſagte Rodin in ſeinem trockenen boshaften Ton zu Aigrigny mit einem verachtenden Blick auf Gabriel: „Ihr lieber Herr Sohn iſt — klug.“ Bei dieſen Worten Rodin's fuhr Gabriel zuſammen. Eine leichte Röthe färbte ſeine blaſſen Wangen, und ſeine großen blauen Augen funkelten von edlem Unwillen. Aber treu den Geboten der chriſtlichen Ergebung und Demuth, unterdrückte er ſeine Auſwallung, ſenkte das Haupt und wiſchte verſtohlen eine Thräne ab. Er war zu ſehr erregt, um ein Wort zu erwiedern. Der Soeius bemerkte dieſe Thräne und fand in ihr ein günſtiges Zeichen. Abermals wechſelte er einen zu⸗ friedenen Blick mit dem Pater Aigrigny. Dieſer ſtand jetzt auf dem Punkt, eine kitzliche Frage zu berühren. Trotz ſeiner Selbſtbeherrſchung zitterte ſeine Stimme ein wenig, als er, ermuthigt und angetrieben durch den Blick Rodin's, der höchſt geſpannt war, weiter zu Gabriel ſprach: „Noch ein anderer Grund gebietet uns, Sie, geliebter Sohn, ohne Zögern Ihres Eides zu entbinden. Derſelbe beruht lediglich auf dem Zartge⸗ fühl. Sie haben wahrſcheinlich geſtern von Ihrer Pflegmutter erfahren, daß Sie vielleicht berufen ſeyn könnten zur Antre⸗ tung einer Erbſchaft, deren Betrag man nicht kennt — —“ Gabriel ſah plötzlich auf und unterbrach den Pater Ai⸗ grigny: „Meine Pflegmutter hat mir, wie ich bereits Herrn Rodin geſagt habe, bloß von ihren Gewiſſenszweifeln ge⸗ ſprochen, und bis jetzt habe ich nichts von der Erbſchaft ge⸗ wußt, deren Sie, ehrwürdiger Vater, erwähnen.“ IW. 14½ — Die Miene von Gleichgültigkeit, mit welcher der junge Prieſter die letzten Worte ſprach, ward von Rodin bemerkt. „Es mag ſehn,“ fuhr Aigrigny fort, „daß Sie es nicht wußten, obwohl alle Anzeichen auf den Beweis des Gegen⸗ theils hinführen, auf den Beweis, daß die Kunde von dieſer Erbſchaft ebenfalls Ihrem Entſchluß, Sich von uns zu tren⸗ nen, nicht fremd iſt.“ „Ich verſtehe Sie nicht, ehrwürdiger Vater,“ erwiederte abriel. „Und doch iſt die Sache ſehr einfach. Nach meiner Anſicht hat Ihr Bruch mit uns zwei Veweggründe: erſtlich, wir ſind bedroht, und Sie halten für klug, uns im Stich zu laſſen — —“ „Ehrwürdiger Vater!“ unterbrach Gabriel. „Laſſen Sie mich ausreden, lieber Sohn, und Ihren zwei⸗ ten Grund nennen. Wenn ich mich irre, ſo antworten Sie. Die Sache iſt die In der Vorausſetzung, daß Ihre Familie, deren Schickſal Sie nicht kannten, Ihnen vielleicht Vermögen hinterlaſſen würde, haben Sie, zum Dank für die von der Geſellſchaft Ihnen geipneteſfürſrge, zum Voraus das, was Sie in Zukunft etwa beſitzen könnten, abgetreten — nicht uns, ſondern den Armen, deren geborne Vormünder wir ſind.“ „Nun, ehrwürdiger Vater?“ fragte Gabriel, der nicht wußte, worauf dieſe Vorrede hinaus wollte. „Nun, mein Sohn, jetzt, wo Sie eines gewiſſen Wohlſtan⸗ des ſicher ſind, wollen Sie ohne Zweifel, indem Sie ſich von uns trennen, dieſe zu einer andern Zeit gemachte Schenkung für nichtig erklären.“ Rodin, der das Ding etwas derber ausdrücken wollte, nahm das Wort und ſagte mit ſeiner Krähenſtimme: „Deutlicher zu reden: Sie brechen Ihren Eid, weil wir verfolgt ſind, und weil Sie Ihre Schenkung wieder an ſich ziehen wollen.“ hob die Hände auf und rief voll Schmerz: „O Gott! ott!“ 8 Pater Aigrigny wechſelte einen Blick des Einverſtändniſſes mit Rodin und ſagte ihm in einem Tyn ſtrenger Zurecht⸗ weiſung: „Ich glaube, Sie gehen zu weit. Allerdings müß⸗ ten wir glauben, unſer lieber Sohn habe in der ſchurkiſchen und feigen Weiſe gehandelt, wie Sie ſagen, wenn er von ſeiner neuen Stellung als Erbe unterrichtet geweſen wäre. Aber da er das Gegentheil behauptet, muß man ihm glauben, trotz dem Schein.“ „Ehrwürdiger Vater,“ ſagte Gabriel zitternd, indem er ſeinen ſchmerzlichen Unwillen überwand, „ich danke Ihnen, daß Sie wenigſtens Ihr Urtheil aufſchieben. Nein, ich bin nicht feig. Gott iſt mein Zeuge, daß ich nichts von den Ge⸗ fahren wußte, die Ihre Geſellſchaft bedrohen. Ich bin kein habſüchtiger Schurke, und Gott iſt mein Zeuge, daß ich jetzt erſt von Ihnen erfahre, daß mir vielleicht eine Erbſchaft zu⸗ fällt, und daß — —“ „Ein Wort, lieber Sohn,“ unterbrach Aigrigny. „Kürzlich bin ich durch einen reinen Zufall davon unterrichtet worden, und zwar durch die Familienpapiere, welche Ihre Pflegmutter ihrem Beichtvater übergeben hatte, und die uns bei Ihrem Eintritt in unſer Colleg anvertraut worden ſind. Kurz vor Ihrer Rückkehr aus Amerika hat unſer E. V. Procurator die Archive der Geſellſchaft geordnet, und dabei iſt ihm Ihr Fas⸗ eikel in die Hände gefallen. Man hat dieſen Fascikel unter⸗ ſucht und daraus erſehen, daß einer Ihrer Vorfahren von väterlicher Seite, welchem das Haus, wo wir jetzt ſind, ge⸗ hörte, ein Teſtament hinterlaſſen hat. Dies Teſtament wird heute eröffnet werden Noch geſtern Abend hielten wir Sie fortdauernd für einen der Unſeren. Unſere Statuten wollen, daß wir kein perſönliches Eigenthum beſitzen. Sie haben dieſe Statuten beſtätigt durch eine Schenkung zu Gunſten des Erbtheils der Armen, welches wir verwalten. Alſo nicht mehr Sie, ſondern die Geſellſchaft in meiner Perſon iſt er⸗ ſchienen an Ihrer Stelle, mit Ihren Urkunden verſehen, die ich hier habe. Wir ſind hierher gekommen als Bevollmäch⸗ tigte der Armen, denen Sie einſt chriſtmildiglich die Ihnen vielleicht einmal zufallenden Güter überlaſſen hatten. Und jetzt verändert die Hoffnung auf einiges Vermögen Ihre Ge⸗ ſinnung. Es ſteht Ihnen frei. Nehmen Sie Ihr Geſchenk zurück.“ Gabriel hatte den Pater Aigrigny mit ſchmerzlicher Unge⸗ duld angehört. „Wie?“ rief er. „Sie ehrwürdiger Vater, halten mich fähig, eine Schen grückzunehmen, die ich freiwillig gemacht habe, zur Ve g der mir edelmüthig gegebenen Erziehung? Sie hglten mich füt ehrlos genng, 1 45 — mein Wort zu verleugnen, weil ich vielleicht im Begriff ſtehe, ein mäßiges Erbtheil zu beſitzen?“ „Dies Erbtheil, mein lieber Sohn, kann ſehr gering, aber es kann auch — — beträchtlich ſeyn“ „Und wenn es ein königliches Vermögen wäre,“ rief Ga⸗ briel mit ſtolzer Gleichgültigkeit, „ſo würde ich nicht anders reden, und ich glaube darauf Anſpruch machen zu dürfen, daß man mir glaubt. Hören Sie meinen feſten Entſchluß. Die Geſellſchaft, zu welcher ich gehöre, ſchwebt in Gefahr, ſagen . Sie? Ich werde mich von dieſer Gefahr überzeugen. Iſt ſie drohend, ſo werde ich, beharrend auf meiner Entſchließung, die mich moraliſch von Ihnen trennt, meinen Austritt ver⸗ zögern, bis die Gefahr vorüber iſt. Was die Erbſchaft be⸗ trifft, nach welcher man mich ſo begierig glaubt, ſo überlaſſe ich ſie Ihnen förmlich, ehrwürdiger Vater, gemäß meiner früheren, freiwillig übernommenen Verpflichtung. Mein ein⸗ ziger Wunſch iſt, daß dies Gut zur Unterſtützung der Armen verwandt werde. Ich weiß nicht, was für ein Vermögen es iſt; aber groß oder klein, es gehört der Geſellſchaft, weil mein Ja ja iſt und mein Nein nein. Ich habe es Ihnen geſagt, Ehrwürdiger Vater, mein einziger Wunſch iſt, eine beſcheidene Pfarrei in einem armen Dorf zu erhalten, — in 3 einem armen Dorf, denn dort werden meine Dienſte um ſo . nützlicher ſeyn. Wenn ein Menſch, der in ſeinem Leben nicht gelogen hat, verſichert, daß er nur nach einem ſo beſcheidenen, uneigennützigen Daſeyn ſtrebt, dann glaube ich, muß man ihn betrachten, als unfähig, aus Habſucht eine von ihm ge⸗ machte Schenkung zurückzunehmen.“ Der Pater Aigrigny hatte jetzt eben ſo große Mühe, ſeine Freude zurückzuhalten, als vorher, ſeinen Schrecken zu ver⸗ bergen. Indeß bewahrte er den Schein der Ruhe und ſagte zu Gabriel: „Anders habe ich es nicht von Ihnen erwartet, mein Sohn.“ Hierauf gab er ſeinem Socius einen Wink, daß dieſer auftreten ſolle. Rodin verſtand ſeinen Vorgeſetzten. Er ging vom Kamin nach einem in Gabriel's Nähe ſtehenden Tiſch, auf welchem ſich ein Schreibzeug und Papier befand, ſtützte ſich mit der r eb mit den Fingerſpitzen der an⸗ einen Hand darauf, be dern gedankenlos Kreiſe auf den Tiſch und ſagte zu Aigrigny: — 2— „Das klingt Alles recht ſchön. Aber Ihr lieber Sohn gibt Ihnen weiter keine Bürgſchaft, als ſein Verſprechen — einen Eid, und das iſt wenig.“ „Herr Rodin! — —“ rief Gabriel. „Erlauben Sie,“ fuhr Rodin kaltblütig fort. „Da das Geſetz unſer Daſehn nicht anerkennt, ſo kann es auch die zu Gunſten der Geſellſchaft gemachten Schenkungen nicht aner⸗ kennen. Sie können alſo morgen wiedernehmen, was Sie heute gegeben haben.“ „Und mein Schwur, Herr Rodin?“ rief Gabriel. Rodin ſah ihn ſcharf an und erwiederte: „Ihr Schwur? Haben Sie nicht auch der Geſellſchaft ewigen Gehorſam ge⸗ ſchworen? Haben Sie nicht geſchworen, ſich nie von ihr zu trennen? Und von welchem Gewicht iſt dieſer Schwur jetzt für Sie ?“ Einen Augenblick war Gabriel in Verlegenheit. Vald aber fand er die Falſchheit von Rodin's Zuſammenſtellung heraus. Mit ruhiger Würde trat er an den Tiſch, ſetzte ſich nieder und ſchrieb Folgendes: „Vor Gott, der mich ſieht und hört, vor Ihnen, E. V. Aigrigny und Herr Rodin, als Zeugen meines Eides, erneuere ich in dieſem Augenblick freiwillig die vollſtändige Schenkung aller Güter, die mir zufallen können, welches auch der Werth derſelben ſey, an die Geſellſchaft Jeſu in der Perſon des E. V. Aigrigny. Ich ſchwöre, bei Strafe der Ehrloſigkeit dies unwiderrufliche Verſprechen zu erfüllen, und betrachte dieſe Erfüllung in meinem Ge⸗ wiſſen, als Abtragung einer Schuld der Dankbarkeit und als eine fromme Fflicht. „Da dieſe Schenkung bezweckt, vergangene Dienſte zu belohnen und den Armen zu Hülfe zu kommen, ſo kann die Zukunft, welche ſie auch ſeyn möge, nichts daran än⸗ dern. Zwar weiß ich, daß ich nach den Staatsgeſetzen ſpäter die Nichtigerklärung dieſer vollkommen freiwillig ausgeſtellten Urkunde verlangen könnte; aber ich erkläre, vaß wenn ich je, unter welchen Umſtänden immer, daran dächte, ſie zurückzunehmen, ich die Verachtung und den Abſcheu der ehrlichen Leute verdienen würde 8 — — 214 — „Urkundlich deſſen, habe ich dies geſchrieben am 13. Fe⸗ bruar 1832 zu Paris, im Augenblick der Eröffnung des Teſtaments eines meiner Vorfahren von väterlicher Seite. Gabriel von Rennepont.“ Hierauf ſtand der junge Mann auf und leßte die Urkunde, ohne ein Wort zu ſagen, in die Hände Rodin's. Der So⸗ cius las aufmerkſam, faßte dann wieder Gabriel ins Auge und ſagte trocken, indem er ihm das Blatt zurückgab: „Das iſt eben ein ſchriftlicher Schwur und weiter nichts.“ Gabriel wußte nicht, was er zu der Keckheit Rodin's ſagen ſollte, welcher ihm erklärte, die Urkunde, in welcher er ſo ohne allen Rückhalt freiwillig ſeine Schenkung erneuert, habe keinen genügenden Werth. Rodin wandte ſich mit ſei⸗ ner kaltblütigen Unverſchämtheit an Aigrigny und ſagte: „Entweder hat Ihr geliebter Herr Sohn Gabriel, die Ab⸗ ſicht, dieſe Schenkung vollgültig zu machen, oder — —“ „Herr ſe unterbrach Gabriel, der kaum den Ausbruch ſeines Unwillen zurückhalten kounte, „erſparen Sie ſich und mir eine ſchmähliche Vorausſetzung.“ „Nun denn,“ entgegnete Rodin ruhig, „da Sie entſchloſ⸗ ſen ſind, mit dieſer Schenkung Ernſt zu machen, was können Sie dagegen haben, daß dieſelbe die geſetzliche Gewähr erhält?“ „Durchaus nichts, Herr Rodin, da mein geſchriebenes Wort Ihnen nicht genügt,“ erwiederte Gabriel bitter. Der Pater Aigrigny nahm wieder das Wort und ſagte in liebreichem Ton: „Mein lieber Sohn, wenn es ſich um eine mir gemachte Schenkung handelte, dann wüßte ich keine beſ⸗ ſere Gewähr, als Ihr Wort. Hier aber ſteht die Sache anders. Ich bin, wie geſagt, der Bevollmächtigte der Ge⸗ ſellſchaft oder vielmehr der Vormund der Armen, die von Ihrer edelmüthigen Abtretung Vortheil ziehen werden. Im Intereſſe der Menſchheit kann man daher nicht zu viel thun, um dieſer Urkunde alle geſetzliche Gewähr zu geben, damit für die große Zahl unſerer armen Schützlinge eine Gewiß⸗ heit erwachſe, ſtatt einer unbeſtimmten Hoffnung, welche die geringſte Willensänderung zu nichte machen kann. Und dann — — Gott kann Sie jeden Augenblick zu ſich rufen. Und wer kann ſagen, daß Ihre Erben ſich beeifern würden, den von Iben geleiſteten Schwur zu halten?“ —— ———— — — „Sie haben Recht, ehrwürdiger Vater,“ erwiederte Ga⸗ briel traurig. „Ich hatte nicht an den Fall des Todes ge⸗ dacht, der doch ſo wahrſcheinlich iſt.“ In vieſem Augenblick öffnete Samuel die Thür und ſagte: „Meine Herren, eben iſt der Notar gekommen. Kann ich ihn hier einführen? Schlag zehn Uhr wird Ihnen die Thür des Hauſes geöffnet werden.“ „Es ſoll uns um ſo angenehmer ſeyn, den Herrn Notar hier zu ſehen,“ antwortete Rodin, „da wir etwas mit ihm zu beſprechen haben. Seyn Sie ſo gefällig, ihn zu bitten, er möge hereinkommen.“ „Den Augenblick will ich's ihm ſagen,“ entgegnete Samuel und ging hinaus. Rodin wandte ſich an Gabriel und ſprach: „Sehn Sie, da kommt gerade ein Notar. Wenn Sie auf Ihrer Abſicht beharren, ſo können Sie vor dieſem Beamten Ihrer Schen⸗ kung die erforderliche Regelmäßigkeit geben und ſich einer großen Laſt für die Zukunſt entheben.“ „Herr Rodin,“ erwiederte Gabriel, „mag kommen was da wolle, ich werde mich ſtets eben ſo unwiederruflich gebunden halten, durch dieſen geſchriebenen Schwur, welchen ich,“ (hier wandte er ſich zu Aigrigny und gab ihm das Blatt) „Sie, ehrwürdiger Vater, aufzubewahren bitte, wie durch die voll⸗ gültige Urkunde, die ich unterzeichnen werde.“ „Still, mein lieber Sohn!“ ſagte Aigrigny.“ Da kommt der Notar.“ Der Notar trat ein. Während des Geſprächs dieſes Beamten mit Rodin, Ga⸗ briel und Aigrigny, wollen wir den Leſer in das Innere des vermauerten Hauſes führen. — 216 — Zweiundzwanzigſtes Kapitel. Der rothe Saal. Die Eingangsthür des vermauerten Hauſes war, wie Samuel gefagt hatte, von dem Mauerwerk, von der Blei⸗ tafel und dem eiſernen Rahmen, die ſie verſperrten, befreit, und ihre mit Schnitzwerk verzierten Flügel von Eichenholz erſchienen ſo unLerſehrt, wie an dem Tag, wo ſie dem Ein⸗ fluß von Wind und Wetter entzogen worden waren. Nach Beendigung ihres Geſchäfts, waren die Maurer auf der Freitreppe ſtehen geblieben, von eben ſo großer Neugier er⸗ füllt, wie der Schreiber, welcher ihre Arbeit beaufſichtigt hatte, und harrten ungeduldig des Aufſchließens der Thür, als ſie den Juden Samuel mit einem Schlüſſelbund in der Hand langſam durch den Garten herankommen ſahen. Am Fuß der Freitreppe angelangt, rief Samuel hinauf: „Jetzt, liebe Freunde, iſt Eure Arbeit vollendet. Der Principal des Herrn Schreibers iſt beäuftragt, Euch zu bezahlen. Mir bleibt nur übrig, Euch an die Einfahrt zurückzuführen.“ „O, gehen Sie doch!“ entgegnete der Schreiber. „Was das für Sachen ſind! Gerade jetzt ſind wir am intereſſan⸗ teſten, merkwürdigſten Augenblick. Ich und dieſe wackeren Maurer brennen vor Verlangen, das Innere dieſes geheim⸗ nißvollen Hauſes zu ſehen: und Sie ſollten es über's Herz bringen, uns fortzuſchicken? Das iſt unmöglich.“ „Ich bedaure ſehr, dazu genöthigt zu ſeyn,“ verſetzte der alte Jude; „aber es geht nicht anders. Ich muß zuerſt und ſchlechterdings allein in dieſe Wohnung treten, bezor ich die Erben zur Verleſung des Teſtaments hineinführe.“ „Ei, wer hat Ihnen denn dieſe lächerlichen, barbariſchen Befehle gegeben?“ rief der in ſeiner Hoffnung betrogene Schreiber. „Mein Vater, werther Herr.“ . „Ohne Zweifel iſt nichts verehrungswürdiger. Aber lieber Herr Hüter guter Herr Hüter, nehmen Sie es nicht ſo ſcharf. — 217 — Laſſen Sie uns nur einen Blick durch die halbgeöffnete Thür werfen.“ „Ja, lieber Mann! nur einen Blick!“ baten die Geſellen von der Kelle. ₰ „Es iſt mir leid, es Ihnen verweigern zu müſſen,“ erwie⸗ derte Samuel. „Aber ich öffne dieſe Thür nicht eher, als bis ich allein bin.“ Als die Maurer die Unbeugſamkeit des Alten ſahen, ſchli⸗ chen ſie betrübt die Treppe hinab. Der Schreiber aber un⸗ ternahm es, den Boden Schritt für Schritt ſtreitig zu machen. „Ich,“ rief er, „ich warte hier auf meinen Principal. Ohne ihn gehe ich nicht von dieſem Hauſe weg. Er kann mir viel⸗ leicht etwas äufzutragen haben. Ob ich auf dieſer Treppe ſtehe oder anderswo, das kann Ihnen einerlei ſeyn, lieber Herr Hüter — — —“ Der Schreiber ward in ſeiner Rede unterbrochen durch ſei⸗ nen Principal, der mit geſchäftiger Miene im Hof erſchien und herausrief: „Herr Piſton! Geſchwind! Herr Piſton! Kommen Sie auf der Stelle!“ „Was zum Teufel will er denn von mir?“ murmelte der Schreiber grimmig zwiſchen den Zähnen. „Gerade jetzt muß er mich rufen, jetzt, wo ich vielleicht etwas hätte ſehen können.“ „Herr Piſton!“ ſchrie der Notar näher kommend. „Hören Sie mich denn nicht?“ Während Samuel die Maurer hinausführte, ſah der Schrei⸗ ber neben einer Gruppe von Nadelholz ſeinen Principal bar⸗ haupt und mit einer Miene, als hätte er wichtige Gedanken im Kopf, herankommen. Jetzt konnte Piſton freilich nicht um⸗ hin, ſeinen Poſten auf der Treppe zu verloſſen und dem Ro⸗ tar entgegen zu gehen. Meiſter Dumesuil empfing ihn mit dem Vorwurf: „Ei, Herr Piſton, ich ſchreie mich ja ſchon ſeit einer Stunde halb todt nach Ihnen.“ „Ich habe nichts gehört,“ erwiederte Piſton. 2 „Dann müſſen Sie taub ſeyn. — Haben Sie Geld bei ſich?“ „Ja, Herr Notar,“ antwortete der Schreiber verwundert. „Nun, ſo laufen Sie augenblicklich aufs nächſte Stempel⸗ Bureau und holen mir drei oder vier große Stempelbogen, um eine Urkunde aufzuſetzen. Laufen Sie! die Sache hat große Eile.“ 2 6 — — 2 — „Ja, Herr Notar,“ erwiederte der Schreiber, einen Blick verzweifelnder Sehnſucht nach der Thür des vermauerten Hauſes werfend. „Ei ſo machen Sie doch fort!“ rief der Notar. „Ja, Herr Notar, ich weiß ja nicht, wo Stempelpapier zu haben iſt.“ „Da kommt der Hüter. Er wird es Ihnen ohne Zweifel ſagen können.“ Samuel kam von dem Thor zurück, wo er die Maurer hin⸗ ausgeführt hatte. „Können Sie mir ſagen, wo Stempel⸗ papier zu haben iſt?“ fragte der Notar. „Gar nicht weit von hier,“ antwortete Samuel, „in der Alten Tempelſtraße, Nro. 17, bei dem Tabakskrämer.“ „Hören Sie, Herr Piſton?“ ſagte der Notar zu ſeinem Schreiber. „Bei dem Tabakskrämer in der Alten Tempel⸗ ſtraße, Nro. 17. Laufen Sie, was Sie können. Die Ur⸗ kunde muß den Augenblick aufgeſetzt werden, noch vor Oeff⸗ nung des Teſtaments. Die Zeit drängt.“ Ich will es ſchnell beſorgen, Herr Notar,“ erwiederte der Schreiber voll Verdruß, und folgte ſeinem Prineipal in den Hof, wo dieſer ſich von ihm trennte und zurückeilte in das Zimmer, in welchem er Rodin, Gabriel und den Pater Aigrigny gelaſſen. — Mittlerweile ſtieg Samuel langſam die Vortreppe hinauf und gelangte zur Eingangsthür, von welcher die verſperren⸗ den Steine, die Eiſenſtangen und die Bleitafel weggeräumt waren. Nicht ohne tiefe Gemüthsbehegung ſuchte er in ſei⸗ nem Bund denjenigen Schlüſſel, welchen er brauchte, ſteckte ihnin dar Schloß, und ließ die Thüre ſich in ihren Angeln drehen Ein Zug feuchter, kalter Luft, wie aus einem plötz⸗ lich geöffneten Keller kam ihm ins Geſicht. Er trat über vie Scelle, ſchloß hinter ſich wieder ſorgfältig zu und ging orwärts in der Hausflur, welche ihr Licht durch eine klee⸗ blattförmige Oeffnung über dem Bogen der Hausthür em⸗ pfing. Die Scheiben, welche dieſe Oeffnung ſchloſſen, waren trüb geworden und glichen mattgeſchliffenem Glas. Die Hausflur, mit abwechſelnd ſchwarzen und weißen Marmor⸗ platten rautenweiſe belegt, war weitläufig und widerhallend. Sie bildete das Gehäuſe einer großen, ins erſte Stockwerk —— — * — 219 — führenden Treppe. Die Mauern von glattem Stein zeigten keine Spur von Verwitterung und Feuchtigkeit. Eben ſo wenig war an dem Treppengeländer von geſchmiedetem Eiſen der geringſte Roſt zu ſehen. Dies Geländer war über der erſten Stufe befeſtigt in einer grauen Granitſäule, auf wel⸗ cher von ſchwarzem Marmor die Bildſäule eines Negers ſtand. Dieſe Figur, welche einen Leuchterſtuhl trug, hatte ein ſeltſames Anſehen: ihre Augäpfel waren von weißem Marmor. Unter dem hohen Gewölbe dieſer Hausflur hallten die ſchweren Tritte des alten Juden laut wieder. Ein Gefühl von Schwermuth beſchlich den Enkel Iſaak Samuel's bei dem Gedanken, daß ohne Zweifel die Tritte ſeines Großvaters die letzten geweſen, welche man in dieſem Haus gehört hatte, ehe derſelbe vor nunmehr 150 Jahren die Thüren deſſelben ſchloß. Denn der treue Freund, welchem Herr von Rennepont durch einen Scheinkauf ſein Haus überlaſſen, hatte es ſpäter auf den Namen von Iſaak Samuel eintragen laſſen, und von dieſem war es wie eine Erbſchaft auf Sohn und Enkel über⸗ gegangen. Zu dieſen Gedanken kam bei Dapid Samuel die Erinnerung an das Licht, welches er in der Frühe durch die ſieben Löcher der Bleikappe des Belvedere wahrgenommen hatte. Ungeachtet ſeiner Feſtigkeit konnte ſich der Greis eines Zitterns nicht erwehren, als er mit einem zweiten Schlüſſel, der die Etikette: Schlüſſel zum rothen Saal trug, eine große Thür mit zwei Flügeln öffnete. Das Fenſter, welches allein unter allen im Haus geöffnet worden war, erhellte dies weitläufige Gemach. Daſſelbe war mit Damaſt ausgeſchlagen, deſſen dunkelpurpurrothe Farbe nicht die geringſte Veränderung erlitten hatte. Den Fußbo⸗ den bedeckte ein dicker, türkiſcher Teppich. Längs den Wän⸗ den ſtanden in guter Ordnung große Lehnſtühle von vergol⸗ detem Holz, in dem ſtrengen Styl des Jahrhunderts Lud⸗ wig's XIV. Der Eingangsthür gegenüber befand ſich eine andere Thür, welche zu einem andern Gemach führte Ihr Holzwerk war, gleich dem Karnies unter der Decke, weiß, mit Linien und Leiſten von glänzendem Gold. Zu beiden Seiten dieſer Thür ſtanden zwei große mit Kupfer und Zinn eingelegte Möbel von Boulle, auf welchen Reihen von meer⸗ — 220 — „ grünen Vaſen aufgeſtellt waren. Das Fenſter hatte ſchwere Damaſtvorhänge mit Franſen, und über den Vorhängen war ein ausgezackter Kranz, an welchem jeder Zacken in einer ſeidenen Eichel endigte. Dem Fenſter gegenüber befand ſich das Kamin von graublauem italiäniſchem Marmor, mit Stä⸗ ben von ciſelirtem Kupfer verziert. Reiche Candelaber und eine Standuhr in demſelben Styl wie die übrigen Geräthe, warfen ihr Bild in einen venetianiſchen Spiegel mit Schräg⸗ flächen am Rand. In der Mitte des Saals ſtand ein großer, runder Tiſch, bedeckt mit einem Teppich von karmoſinrothem Sammet. Sa⸗ muel trat an denſelben und erblickte darauf ein Stück weißes Pergament, worauf geſchrieben ſtand: „In dieſem Saal ſoll mein Deſtament geöffnet werden. Die an⸗ dern Gemächer ſollen verſchloſſen bleiben bis nach Verleſung meines letzten Willens. M. v. R.“ „Ja,“ ſagte der Jude, indem er mit Rührung dieſe vor ſo langer Zeit geſchriebenen Zeilen betrachtete; „doſſelbe iſt mir auch von meinem Vater anempfohlen worden. Es ſcheint, die andern Gemächer diefes Hauſes ſind mit Gegenſtänden angefüllt, auf die der Herr von Rennepont viel hielt, nicht wegen ihres Geldwerthes, ſondern wegen ihres Urſprungs. Und mit dem Trauerſaal ſcheint es eine eigne geheimnißvolle Bewandtniß zu haben.“ Samuel zog aus der Taſche ſeines weiten Rockes ein in ſchwarzen Chagrin gebundenes Buch mit einem kupfernen Schloß, zog den Schlüſſel aus dieſem Schloß und legte das Buch auf den Tiſch. „Hier,“ ſagte er, „iſt die Ueberſicht der in der Kaſſe befindlichen Beträge, welche ich vor Ankunft der Erben hieher bringen ſoll.“ Einige Augenblicke, nachdem Samuel das Buch auf den Tiſch gelegt hatte, herrſchte in dem Saal die tiefſte Stille. Plötzlich ward der alte Mann durch eine ſehr alltägliche und doch ſehr erſchreckende Sache aus ſeinem träumeriſchen Sin⸗ nen erweckt. Er hörte in dem anſtoßenden Gemach ein Sil⸗ berglöckchen langſam zehn Uhr ſchlagen. Wirklich war es zehn Uhr. Samuel hatte zu viel Verſtand, um ans perpe- tuum mobile zu glauben, d. h. an eine Uhr, die ſeit 150 Jahren ginge. Er fragte ſich darum mit eben ſo viel S 5 * — 221 — nen als Schrecken, wie die Uhr ſo lange Jahre hindurch im Gang geblieben ſeyn, und beſonders, wie ſie ſo genau die gegenwärtige Stunde bezeichnen könne? Von unruhiger Neu⸗ gier getrieben, ſtand er im Begriff, in dies Gemach zu gehen; da fielen ihm die Weiſungen ſeines Vaters ein, und die da⸗ mit übereinſtimmenden Zeilen des Herrn von Rennepont, die er ſo eben geleſen. Er blieb an der Thür ſtehen und horchte. Er hörte aber nichts, als die verhallenden Klänge des Glöck⸗ chens. Nach langem Nachſinnen über dieſen ſonderbaren Um⸗ * ſtand hielt er ihn mit der nicht minder ſonderbaren Erſchei⸗ nung auf dem Belvedere zuſammen und ſchloß auf einen Zu⸗ ſammenhang zwiſchen beiden. Wenn er auch die wahre Ur⸗ ſache derſelben nicht ergründen konnte, ſo erklärte er ſich we⸗ nigſtens das Geſehene und Gehörte mit dem Gedanken an unterirdiſche Gänge, die der Ueberlieferung zufolge, aus den Kellern des Hauſes nach fernen Orten hinführen ſollten, und mit dem Gedanken an unbekannte geheimnißvolle Perſonen, welche anf dieſem Weg etliche Male in jedem Jahrhundert in das Haus hätten gelangen können. Verſunken in dieſe Gedanken ſchritt Samuel auf das Ka⸗ min zu, welches ſich, wie bemerkt, genau dem Fenſter gegen⸗ über befand. Ein heller Sonnenſtrahl, der durch die Wolken drang, fiel auf zwei große Bilder zu beiden Seiten des Ka⸗ mins, welche der Jude beim Eintreten nicht bemerkt hatte. Sie ſtellten die vollſtändigen Geſtalten eines Mannes und einer Frau in Lebensgröße dar. An dem nüchternen und markigen Colorit und an den breiten, kräftigen Pinſelſtrichen * erkannte man leicht die Hand eines Meiſters. Schwerlich hätte auch ein Meiſter ſeines Pinſels würdigere Geſtalten finden können, als dieſe beide Perſonen. Die Frau ſchien 25 bis 30 Jahr alt zu ſeyn. Prächtiges braunes, goldſchillerndes Haar zog ſich um ihre hohe, edle weiße Stirn. Ihr Kopfputz erinnerte nicht etwa an den, welchen Frau von Sévigné im Jahrhundert Ludwig's XIV. in die Mode gebracht hatte, ſondern vielmehr an den auffal⸗ lenden Kopfputz einiger Bilder von Paul Vervoneſe, welcher aus einer gewundenen, die Wangen umgebenden, Binde be⸗ ſteht, und über welcher ſich ein kranzförmiger Zopf um den Hinterkopf zieht. Sehr feine Brauen wölbten ſich über gro⸗ 1 12 15 *„ ßen, ſaphirblauen, blitzenden Augen, deren ſtolzer und doch zugleich trauriger Blick etwas verhängnißvolles hatte. Die ſehr feine Naſe endigte in etwas ausgedehnten Naslöchern. Ein faſt ſchmerzliches, halbes Lächeln verzog ein wenig den Mund. Das Oral des Geſichts war länglich, die Farbe mattweiß, auf den Wangen ſehr ſchwach roſenroth. Die Hal⸗ tung von Hals und Kopf verkündeten eine ſeltene Miſchung von Anmulh und natürlicher Würde. Eine Art langer Tu⸗ nica von glänzend ſchwarzem Stoff à ja vierge gemacht, ing bis zum Anfang der Schultern herauf und fiel, die ſchlanke, hohe Geſtalt um den Leib auszeichnend, in langen, etwas ſchleppenden Folten bis auf die Erde, ſo daß die Füße völlig verborgen blieben. Die Haltung dieſer Frau war voll Adel und Einfochheit Ihr Kopf trat weiß und licht hervor auf einem dunkelgrauen, am Horizont von Purpurwölkchen vurchzogenen und von bläulichen Berggipfeln begrenzten Him⸗ mel. Die Anlage des Gemäldes, die warmen, kräftigen Töne des Vorgrundes, der ſich ohne Uebergang ſcharf vom Hinter⸗ grund abhob, ließen leicht errathen, daß die Frau auf einer den ganzen Horizont überragenden Höhe ſtand. Ihre Miene war gedankenvoll und niedergeſchlagen. In ihrem halb gen Himmel gerichteten Blick lag ein Ausdruck ergebungsvoll fle⸗ henden Schmerzes, den wiederzugeben man für unmöglich halten ſollte. Links vom Kamin hing das andere eben ſo kräftig gemalte Bild. Es ſtellte einen hochgewachſenen Mann von 30 bis 35 Jahren vor. Ein weiter brauner Mantel in edlem Falten⸗ wurf ließ ein ſchwarzes bis an den Hals zugekubpftes Wams ſehen, über welches ein weißer, viereckiger Kragen fiel. Der ſchöne, charakteriſtiſche Kopf hatte großartige, ſtrenge Linien, welche indeß nicht einen wunderbaren Ausdruck von Schmerz, Ergebung und großer Herzensgüte ausſchloſſen. Hanpt⸗ und Barthaar und Augenbrauen waren ſchwarze Die Brauen, anſtatt ſich in zwei getrennten Bogen zu wölben, zogen ſich wie ein einziger Bogen von einer Schläfe zur andern, wie ein über die Stirn gezeichneter ſchwarzer Streifen. Den Hintergrund bildete ein ſtürmiſcher Himmel, an deſſen Hori⸗ zont hinter einigen Felſen das Meer ſich mit den vüſiten Wolken zu vermiſchen ſchien. — 223 — Die Sonne warf ihr volles Licht auf dieſe zwei merkwür⸗ digen Bilder, welche man, wenn man ſie nur ein Mal geſe⸗ hen, nicht vergeſſen zu können ſchien, und verſtärkte noch ihre Wirkung. Dem aus ſeiner Träumerei erwachenden Samuel kamen ſie wie lebendig vor. „Welch edle, ſchöne Geſtalten!“ rief er, näher tretend, um ſie genauer zu betrachten. „Was ſind das für Bilder? Der Familie Rennepont können ſie nicht angehören, denn mein Vater hat mir geſagt, daß deren Bilder ſich alle im Trauerſaal befinden. Ach! bei der gro⸗ ßen Traurigkeit in ihren Zügen könnten auch ſie in den Trauerſaal paſſen.“ Er ſchwieg einen Augenblick und fuhr denn fort: „Jetzt muß ich daran denken, Alles zu der feierlichen Zuſammen⸗ kunft bereit zu machen, denn es hat zehn Uhr geſchlagen.“ Er ſtellte die Stühle von vergoldetem Holz um den runden Tiſch und fuhr mit nachdenklicher Miene fort: „Die Zeit vex⸗ geht, und von den Nachkommen des Wohlthäters meines Großvaters iſt bis jetzt nur der junge Prieſter mit dem Engelsgeſicht erſchienen. Sollte er der einzige Repräſentant der Familie Rennepont ſeyn? Er iſt ein Prieſter. Sollte alſo wohl mit ihm die Familie erlöſchen? — Der Augen⸗ blick iſt da, wo ich die Thür zur Vorleſung des Teſtaments öffnen muß. Bathſeba wird den Notar hieher führen. — — Es klopft. Sie iſt's.“ Samuel warf noch einen Blick auf die Thür des Zimmers, in welchem er zehn Uhr hatte ſchlagen hören und ging raſch hinaus nach der Thür der Hausflur, vor welcher er ſprechen hörte. Er drehte den Schlüſſel zwei Mal im Schloß herum und öffnete die beiden Flügel der Thür. Zu ſeinem großen Bedauern ſah er auf der Freitreppe bloß Gabriel, mit Rodin zur Linken und Aigrigny zur Rechten, ſtehen und hinter ihnen den Notar mit Bathſeba, welche als Führerin gedient hatte. Er konnte einen Seufzer nicht zurückhalten. Auf der Schwelle der Thür ſich verbeugend, ſagte er: „Meine Herren, Alles iſt bereit; Sie können eintreten.“ Dreiundzwanzigſtes Kapitel. Das Teſtament. Als Gabrirl, Aigrigny und Rodin in den rothen Saal traten, ſchien jeder unter ihnen von andern Gefühlen bewegt u ſeyn. Gabriel, bleich und traurig, empfand eine ſchmerzliche Un⸗ geduld. Es drärgte ihn, aus dieſem Hauſe hinauszukommen, obwohl er ſich von einer großen Laſt erleichtert fühlte, ſeitdem er durch eine mit allen geſetzlichen Bürgſchaften verſehene, vom Notar Dumesnil beglanbigte Urkunde allen ſeinen Rech⸗ ten zu Gunſten des Herrn von Aigrigny entſaßt hatte. Dem jungen Prieſter war bis jetzt noch nicht im Entfernteſten der Gedanke gekommen, daß der Marquis mit der ihm, Gabriel, gewährten und jetzt ſo reichlich belohnten Pflege und mit ſeiner auf gottesläſterlichen Trug gegründeten Berufung zum Prieſterſtand den Erfolg finſterer Ränke zu ſichern beabſich⸗ tigt hatte. Der Miſſionär mußte eine ſeltene, ausgezeichnete Natur ſeyn, daß ſeine gewiſſenhafte Redlichkeit nicht durch den verderblichen entſittlichenden Einfluß ſeiner Erziehung zerſtört worden war. Wie die Kälte zuweilen vor Fäulniß bewahrt, ſo hatte die eiſige Luft, in welcher ein Theil ſeiner Kinder⸗ und Zünglingsjahre verfloſſen war, ſeine edlen Eigenſchaften eingeſchläfert aber nicht verderbt, ſo daß ſie in der belebenden warmen Luft der Freiheit bald wieder erweckt waren. Der Pater Aigrigny, viel bleicher und angegriffener als Gabriel, hatte ſich bemüht, ſeine Angſt mit ſeinem Kummer über Gabriel's Bruch mit dem Orden zu erklären und zu entſchuldigen. Rodin, ruhig und voſlkommen Herr ſeiner ſelbſt, ſah mit heimlichem Ingrimm die Angegriffenheit Aigrigny's, welche einem weniger vertrauensvollen Menſchen als Gabriel ſonderbaren Argwohn hätte einflößen müſſen. Indeß trotz dieſer ſcheinbaren Kaltblütigkeit empfand der Svpeins vielleicht noch eine glühendere Ungeduld als ſein Vorgeſetzter, dies wichtige Geſchäft gelingen zu ſehen. —— — — 225 — Samuel ſah niedergeſchlagen aus. Kein anderer Erbe als Gobriel erſchien. Der alte Jude empfand lebhaftes Mitge⸗ fühl für den jungen Mann. Aber dieſer junge Mann war ein Prieſter. Mit ihm erloſch der Name Rennepont, und es ſchien außer Zweifel, daß das unermeßliche, ſo mühſam auf⸗ gehäufte Vermögen nicht nach dem Wunſch des Erblaſſers vertheilt oder verwandt werden würde. Die bei der Handlung anweſenden Perſonen, ſtanden um den runden Tiſch herum. In dem Angenblicke, wo ſie, von dem Notar aufgefordert, ſich ſetzen wollten, deutete Samuel auf das in ſchwarzen Chagrin gebundene Buch und ſagte: „Herr Notar, es iſt mir befohlen, dies Verzeichniß hier nie⸗ derzulegen. Ich werde Ihnen den Schlüſſel dazu geben, ſo⸗ bald das Teſtament verleſen iſt.“ „Daſſelbe,“ erwiederte der Notar, „iſt auch in der dem Teſtament beigefügten Note verzeichnet worden, als das Teſtament im I 1682 bei Meiſter Thomas Le Semelier, königlichem Rath und Notar im Chaͤtelet zu Paris, wohnhaft auf dem Königsplatz Nro. 13, niedergelegt wurde.“ Bei dieſen Worten zog Meiſter Dumesnil aus einer roth⸗ ſaffianenen Mappe einen großen Unſchlag von vergilbtem Pergament. An den Pergamentumſchlag war mit einem ſei⸗ denen Faden eine auf Pergament geſchriebene Note geheftet. „Meine Herren,“ fuhr der Notar fort, „wenn Sie ſich ge⸗ fälligſt ſetzen wollen, ſo will ich die hier beigefügte Note leſen, welche die bei Eröffnung des Teſtaments zu beobach⸗ tenden Förmlichkeiten regelt.“ Der Notar, Rodin, Aigrigny und Gabriel ſetzten ſich um den Tiſch, und zwar Gabriel mit dem Rücken gegen das Kamin. Samuel blieb ungeachtet der Aufforderung des No⸗ tars hinter dem Stuhl deſſelben ſtehen. Der Notar las Folgendes: „Am 13. Februar 1832 ſoll mein Teſtament in die Sanct Francisensſtraße gebracht werden. Schlag zehn Uhr ſoll die Thür des rothen Saals im Erdgeſchoß. meinen Erben geöffnet werden, welche ohne Zweifel in der Erwartung dieſes Tags längſt zu Paris angelangt, die nöthige Zeit gehabt haben werden, die Beweiſe ihrer Abſtammung beglaubigen zu laſſen. Sobald ſie beiſammen —— eeereee — 226 — ſind, ſoll mein Teſtament vorgeleſen werden und mit dem letzten Schlag zwölf Uhr ſoll die Erbſchaft geſchloſſen ſeyn zum Vortheil Derer, welche zuſolge meiner, hoffent⸗ lich durch die Ueberlieferung in meiner Familie fortgeflanz⸗ ten, Empfehlung ſich perſönlich und nicht durch Bevoll⸗ mächtigte am 13. Februar vor Mitteg in der St. Fran⸗ eiseusſtraße eingefunden haben werden.“ Nachdem der Notar dies mit lauter Stimme geleſen, hielt er einen Augenblick inne und ſprach dann in feierlichem Ton: „Nachdem Herr Gabriel Franz Maria von Rennepont, Prie⸗ ſter, durch beglaubigte Urkunden ſeine Abſtammung väter⸗ licher Seits und ſeine Eigenſchaft als Enkel eines Reffen des Erblaſſers nachgewieſen hat, und da derſelbe bis jetzt der einzige Abkömmling der Familie Rennepont iſt, welcher ſich hier eingeſtellt hat, ſo öffne ich vorgeſchriebener Maßen in ſeiner Gegenwart das Teſtament.“ Bei den letzten Worten nahm der Notar aus dem Per⸗ gamentumſchlag, den er neben ſich legte, das bereits mit den geſetzlichen Förmlichkeiten von dem Gerichtspräſidenten geöff⸗ nete Teſtament. Pater Aigrigny lehnte ſich mit den Ellenbogen auf den Tiſch und ſenkte den Kopf. Er konnte einen Seufzer der Angſt nicht zurückhalten. Gabriel ſah mit mehr Neugier als Theilnahme der Vorleſung des Teſtaments entgegen. Rodin hatte ſeinen Stuhl nicht ganz an den Tiſch gerückt. Zwiſchen den Kuien hielt er ſeinen alten Hut, in welchem halb verborgen unter einem ſchmutzigen, blaugewürfelten, baumwollenen Schnupftuch ſeine Uhr lag. Die ganze Auf⸗ merkſamkeit des Socius war getheilt zwiſchen dem geringſten Geräuſch, welches er von außen hörte und zwiſchen der lang⸗ ſamen Vewegung der Zeiger ſeiner Uhr, deren Gang ſein kleines gieriges Auge beſchleunigen zu wollen ſchien, damit es ja bald Mittag wäre. Der Notar faltete den Pergamentbogen auseinander und las wie folgt: „Weiler Villetaneuſe, den 13. Februar 1682. „Ich ſtehe im Begriff, durch den Tod der Schmach Galeeren zu entgehen, auf welche die unverſöhnlichen Feinde meiner Familie mich als Rückfälligen haben verdam⸗ 12 men laſſen. Zudem iſt mir das Leben zu bitter, ſeitdem mein Sohn das Opfer eines geheimnißvollen Verbrechens geworden iſt. Der arme Heinrich! In ſeinem neunzehnten Jahr iſt er geſtorben. Seine Mörder ſind unbekannt, — doch mir nicht, wenn ich meiner Ahnung trauen darf. Um dieſem Kind meine Güter zu erhalten, habe ich zum Schein den Proteſtantismus abgeſchworen. So lange das geliebte Weſen lebte, habe ich ſorgfältig den Schein eines Katholiken bewahrt. Dieſe Schurkerei empörte mich; aber es handelte ſich um meinen Sohn. Nachdem man ihn mir umgebracht hatte, war mir dieſer Zwang unerträglich. Ich wurde belauert, verklagt und verur⸗ theilt als Rückfalliger. Meine Güter wurden eingezogen, ich ſelber ward zu den Galeeren verdammt. „Welch ſchreckliche Zeit iſt das! Elend und Knechtſchaft, lutiger Despotismus und Unduldſamkeit. O, es iſt ſüß, das Leben zu verlaſſen! So viel Unheil, ſo viel Schmerzen nicht mehr zu ſehen — welche Ruhe! „In wenigen Stunden werd' ich dieſe Ruhe genießen. Ich will ſterben und zuvor an die unter den Meinigen denken, welche leben, oder vielmehr an die, welche leben werden — vielleicht in beſſeren Zeiten. Von ſo vielen Gütern ſind mir noch 50,000 Thaler übrig, die ich einem Freund anvertraut habe. Ich habe keinen Sohn mehr, aber zahlreiche Verwandte, die in Europa zerſtreut in Verbannung leben. Unter ſie vertheilt wären jene 50,000 Thaler von geringem Nutzen. Ich verfüge anders dar⸗ über nach dem weiſen Rath eines Mannes, den ich als das Bild Gottes auf Erden verehre, denn ſein Verſtand, ſeine Weisheit und ſeine Güte ſind faſt göttlich. „Zwei Mal in meinem Leben habe ich dieſen Mann geſehen unter ſchrecklichen Umſtänden. Zwei Mal hab' ich ihm Rettung verdankt, ein Mal Reitung der Seele, und ein Mal Rettung des Lebens. Ach! vielleicht würde er auch meinen armen Sohn gerettet haben, wenn er nicht zu ſpät — zu ſpät gekommen wäre! Ehe er mich verließ, wolite er mich von meinem Entſchluß zu ſterben gbwen⸗ dig machen, denn er wußte Alles. Aber ſeine Stimme vermochte nichts. Mein Schmerz, meine Niedergeſchla⸗ — 228 genheit war zu groß. Als er meinen Entſchluß zu ſter⸗ ben ſah, entſchlüpfte ihm ein Wort furchtbaren Schmer⸗ zes, welches mich glauben ließ, daß er mein Loos benei⸗ dete. Sollee er verdammt ſeyn, zu leben? Gewiß; er hat ſich dazu verdammt, um der Menſchheit nützlich und hülfreich zu ſeyn; und doch iſt ihm das Leben zur Laſt. Denn ich habe ihn mit der Miene verzweiflungsvoller Ermüdung, die ich nie vergeſſe, ſagen hören: O! das Es iſt ihm alſo zur Laſt. „Er iſt weggegangen, und ſeine letzten Worte haben bewirkt, daß ich dem Tod heiter entgegenſehze. Dank ſei⸗ nem Rath wird mein Tod nicht unfruchtbar ſeyn, werden dieſe von einem Sterbenden geſchriebenen Zeilen vielleicht nach anderthalbhundert Jahren große Dinge bewirken, — ja, große und edle Dirge, wenn mein Wille mit from⸗ mem Sinn von meinen Nachkommen gehört wird; denn an ſie ſind meine Worte gerichtet. „Damit ſie beſſer meinen letzten Wunſch begreifen und würdigen, den zu erhören ich ſie bitte, ſie, die noch in dem Nichts ſind, in welches ich jetzt zurückkehre, ſollen ſie die Verfolger meiner Familie kennen lernen, damit ſie ihren Vorfahren rächen können, aber durch eine edle Rache. „Mein Großvater war katholiſch. Weniger durch Glau⸗ benseifer als durch falſche Rathſchläge verleitet, hatte er ſich, obgleich Laie, einer Geſellſſchaft angeſchloſſen, deren ſellſchaft Jeſu.“ Bei dieſen Worten des Teſtaments ſahen Aigrigny, Rodin und Gabriel ſich unwillkürlich einander an. Der Notar, be⸗ merkte dies nicht und las ohne Unterbrechung weiter: „Nachdem er einige Jahre lang dieſer Geſellſchaft un⸗ bedingte Hingebung bewieſen, ward er plötzlich durch ſchreck⸗ liche Offenbarungen über den geheimen Zweck dieſer Ge⸗ ſellſchaft und die von ihr angewandten Mittel aufgeklärt. Es war im Jahr 1610, einen Monat vor Ermordung Hein⸗ richs IV. Entſetzt über das ihm wider ſeinen Willen an⸗ vertraute Geheimniß, deſſen voller Sinn die Ermordung des beſten Königs offenba rte, bras Leben! das Leben! Wer werd mich davon befreien? — Macht ſtets furchtbar und geheimnißvoll geweſen, der Ge⸗ 8 ſich ſpäter durch + — 229 — Großvater nicht nur mit der Geſellſchaft Jeſu, ſondern er verließ auch die römiſche Religion, in der er bisher gelebt hatte, wie wenn dieſe für die Verbrechen jener Ge⸗ ſellſchaft zu haften hätte, und wurde Proteſtant. Unwi⸗ derlegliche Beweiſe, welche für das Einverſtändniß von zwei Mitgliedern der Geſellſchaft mit Ravaillac ſprechen, 1„ befanden ſich in den Händen meines Großvaters. Das gleiche Einverſtändniß hatte ſich auch bei dem Verbrechen des Königsmörders Johann Chätel herausgeſtellt. „Dies war die erſte Urſache des wüthenden Haſſes die⸗ ſer Geſellſchaft gegen unſere Familie. Zene Papiere ſind, Gott ſey Dank, in Sicherheit gebracht. Mein Vater hat mir ſie hinterlaſſen, und bei Vollſtreckung meines letzten Willens wird man dieſelben, gezeichnet A. M. C. D. G., in dem Käſtchen von Ebenholz im Trauerſaal in der Fran⸗ ciscusſtraße finden. „Auch mein Vater war heimlichen Verfolgungen ausge⸗ ſetzt. Sein Sturz, vielleicht ſein Tod würden die Folge davon geweſen ſeyn ohne die Dazwiſchenkunft einer engel⸗ guten Frau, für welche er eine faſt religiöſe Verehrung gehegt hat. Das Bild dieſer Frau, welche ich vor weni⸗ gen Jahren wiedergeſehen habe, und das Bild des Man⸗ nes, dem ich eine tiefe Verehrung widme, ſind von mir aus der Erinnerung gemalt und im rothen Saal in der Franeiseusſtraße aufgehängt. Beide werden für die Nach⸗ kommen meiner Familie hoffentlich Gegenſtand einer dank⸗ baren Verehrung bleiben.“ Seit einigen Angenblicken war Gabriel immer aufmerkſa⸗ mer auf das Vorgeleſene geworden. Er bedachte, daß durch ein ſonderbares Zuſammentreffen vor zweihundert Jahren einer ſeiner Vorfahren mit der Geſellſchaft Jeſu gebrochen hatte, wie er ſelbſt es vor einer Stunde gethan, und daß von die⸗ ſem Bruch ſich ſeit zwei Jahrhunderten auch der Haß her⸗ ſchrieb, mit welchem die ZJeſuiten ſtets ſeine Familie verfolgt hatten. Nicht minder ſonderbar fand er es, daß die von einem Opfer der ZJeſuiten nach 150 Jahren ihm zufallende Erbſchaft durch ſeine freiwillige Abtretung an die Jeſuiten käme. Als der Notar die Stelle in Bezug auf die beiden Bilder geleſen, wandte Gabriel, der, gleich Aigrigny, den Gemälden — — 230 — den Rücken zugekehrt hatte, ſich um nach ihnen Kaum hatte er das Bild der Frau erblickt, als er einen Schrei der Ueber⸗ raſchung, faſt des Schreckens ausſtieß. Der Notar unterbrach die Vorleſung des Teſtaments und ſah beſorgt den jungen Prieſter an. Vierundzwanzigſtes Kapitel. Schlag zwölf Uhr. Während auf den Schrei Gabriel's der Notar mit Leſung des Teſtaments inne hielt, beugte Aigrigny aufſtehend ſich raſch nach dem jungen Prieſter hin. Dieſer ſtand zitternd da, betrachtete mit wachſendem Staunen das Bild der Frau und ſagte leiſe für ſich: „Iſt's möglich, daß der Zufall ſolche Aehnlichkeiten ſchaffe? Dieſe ſo ſtolzen und doch ſo traurigen Augen ſind die ihrigen. Und dieſe Stirn! Und dieſe Bläſſe! Ja, es ſind ihre Züge, alle ihre Züge!“ „Mein lieber Sohn, was iſt Ihnen denn?“ fragte Aigrigno eben ſo erſtaunt wie Samuel und der Notar, welcher gleich⸗ falls aufgeſtanden war. Ohne die Augen von dem Bild abzuwenden, antwortete der Miſſionär im Ton tiefer Rührung: „Vor acht Monaten be⸗ fand ich mich in der Gewalt der Indianer im Felſengebirg. Sie hatten mich ans Kreuz geſchlagen und begannen, mich zu ſcalpiren, als die göttliche Vorſehung mir eine unerwartete Hülfe ſchickte. Ja, dieſe Frau hat mich gerettet“ „Dieſe Frau?“ riefen gleichzeitig Samuel, der Notar und der Marquis. Nur Rodin blieb gleichgültig bei dieſem Zwi⸗ ſchenvorfall, indem er mit der Miene grimmiger Ungeduld an den Nägeln kaute und mit Angſt dem langſamen Gang der Zeiger ſeiner Uhr zuſchaute. „Wie? Welche Frau hat Ihnen das Leben gerettet?“ fragte * Aigrigny. 6 „Ja, dieſe Frau iſt's!“ fuhr Gabriel leiſer und faſt ängſtlich fort, — „dieſe Frau oder vielmehr eine Frau, die i ſehr gleicht, daß ich, wenn dies Gemälde nicht ſeit ande 28 Jahrhunderten hier wäre, glauben müßte, ſie habe dazu ge⸗ ſeſſen. Ich begreife nicht, wie eine ſo treffende Aehnlichkeit Sache des Zufalls ſeyn ſollte. — — Indeß,“ fügte er nach einem Augenblick des Schweigens ſeufzend hinzu, „die Ge⸗ heimniſſe der Natur und der Wille Gottes ſind unergründlich!“ Er wandte ſich um und ſank niedergeſchlagen auf ſeinen Stuhl. Tiefes Schweigen herrſchte. Aigrigny unterbrach es mit der Bemerkung: „Bies iſt ein Beiſpiel außerordentlicher Aehnlichkeit und weiter nichts, mein lieber Sohn. Nur die Dank⸗ barkeit, welche Sie natürlicher Weiſe für Ihre Befreierin hegen, gibt dieſem ſonderbaren Naturſpiel eine große Wich⸗ tigkeit für Sie.“ Rodin, von Ungeduld verzehrt, ſagte zum Notar, neben dem er ſaß: „Mich dünkt, Herr Notar, dieſer kleine Roman hat mit dem Teſtament keinen Zuſammenhang.“ „Sie haben Recht,“ antwortete der Notar, indem er ſich wieder ſetzte. „Aber die Sache iſt ſo außerordentlich, ſo ro⸗ manesk, wie Sie ſagen, daß man nicht umhin kann, das tiefe Staunen des Herrn — — zu theilen.“ Bei dieſen Worten deutete er auf Gabriel, der, den Kopf auf die Hand und den Arm auf eine Lehne geſtützt, ganz in Gedanken verſunken da ſaß. Sodann fuhr der Notar in Vorleſung des Teſtaments fort: „Dies ſind die Verfolgungen, welchen meine Familie von Seiten der Geſellſchaft Jeſu ausgeſetzt geweſen iſt. Dieſe Geſellſchaft iſt jetzt in Folge der Confiscativn im Beſitz meiner Güter. Bald werde ich todt ſeyn. Möge ihr Haß mit meinem Tod erlöſchen und mein Geſchlecht verſchonen, mein Geſchlecht, deſſen Lvos mein einziger letzter Gedanke in dieſem feierlichen Augenblick iſt. „Dieſen Morgen habe ich einen Mann von erprobter Redlichkeit, Iſaak Samuel, hieher beſchieden. Er verdankt mir das Leben, und jeden Tag habe ich Grund gehabt, mir Glück zu wünſchen, daß ich der Welt einen ſo treff⸗ lichen, ehrlichen Menſchen habeſerhalten können. Er hatte meine Güter vor der Confiscatiovn derſelben mit eben ſo viel Geſchicklichkeit als Redlichkeit verwaltet. Ihm habe ich die 50,000 Thaler anvertraut, die ein treuer Schuld⸗ ner mir zurückgegeben; Iſaak und nach ihm ſeine Nach⸗ — b8 — kommen, denen er dieſe Pflicht der Dankbarkeit vermachen wird, werden es über ſich nehmen, dieſe Summe nutz⸗ bringend anzulegen und durch Aufhäufung des Ertrags zu vergrößern bis nach Ablauf von 150 Jahren von die⸗ ſem Tag an gerechnet. Die ſo anwachſende Summe kann zu einem königlichen Vermögen werden, wenn die Umſtände der Verwaltung derſelben nicht ungünſtig ſind. Möchten meine Wünſche in Betreff der Verwendung und Verthei⸗ lung dieſer unermeßlichen Summe von meinen Nachkom⸗ men erhört werden! „Im Lauf von anderthalb Jahrhunderten finden unaus⸗ bleiblich unter den auf einander folgenden Generationen einer Familie ſo viele Glückswechſel ſtatt, daß vermuth⸗ lich nach 150 Jahren meine Nachkommen den verſchiedenen Klaſſen der Geſellſchaft angehören und ſo die verſchiedenen ſocialen Elemente ihrer Zeit repräſentiren werden. Viel⸗ leicht werden ſich unter ihnen mit großem Verſtand oder mit großem Muth oder mit großer Tugend begabte Menſchen finden — vielleicht Gelehrte, im Krieg oder in den Künſten berühmte Namen, vielleicht auch geringe Handwerker, beſcheidene Bürger, — vielleicht auch große Böſewichter. „Mag kommen, was da wolle, mein glühendſter, theuer⸗ ſter Wunſch iſt, daß meine Nachkommen ſich einander nähern und meine Familie wiederherſtellen durch eine enge, aufrichtige Verbrüderung, indem ſie unter ſich die göttlichen Worte Chriſti: Liebet euch untereinander, in Ausübung bringen Dieſe Verbrüderung würde ein heilſames Beiſpiel geben, denn mich dünkt, aus der Ver⸗ brüderung, aus dem Aneinanderſchließen der Menſchen muß das künftige Glück der Menſchhett erwachſen. „Die Geſellſchaft, welche ſo lange meine Familie ver⸗ folgt hat, iſt eines der glänzendſten Beiſpiele der Macht des Aneinanderſchließens, such wenn es zum Böſen an⸗ gewandt wird. Es liegt etwas ſo fruchtbares, göttliches in dieſem Grundſatz, daß er zuweilen die ſchlechteſten und gefährlichſten Geſellſchaften zum Guten nöthigt. So bilden die Miſſionen ſeltene, aber reine und edle Glanzpunkte in der finſteren Geſellſchaft Jeſu, obwohl dieſe zu dem N P 3 abſcheulichen, gottloſen Zweck gegründet iſt, durch S2 mörderiſche Erziehung allen Willen, alles Denken, alle Freiheit, allen Verſtand bei den Völkern zu unterdrücken, um ſie zitternd, abergläubiſch, zur Thierheit herabgewürdigt ndeentwaffnet dem Despotismus der Könige zu überliefern, elche ihrerſeits die Geſellſchaft ſich vorbehielt, durch ihre eichtväter zu beherrſchen.“ ei dieſer Stelle des Teſtaments wechſelten Gabriel und Frigny abermals einen ſonderbaren Blick. — Der Notar fuhr fort zu leſen: 6 „Wenn eine verderbte, auf Erniedrigung der Menſch⸗ heit, auf Furcht, auf Despotismus gegründete und mit 4 dem Fluch der Völker beladene Geſellſchaft ſich Jahrhun⸗ derte hindurch erhalten und oft die Welt durch Liſt und Schrecken beherrſcht hat, was würde dann eine Geſellſchaft ſeyn, die, von brüderlicher Geſinnung, von evangeliſcher Liebe ausgebend, zum Zweck hätte, den Mann und das Weib von jeder erniedrigenden Knechtſchaft zu befreien, zum Glück hienieden Diejenigen zu berufen, welche vom Leben nur die Schmerzen und das Elend gekannt haben, die nährende Arbeit zu verherrlichen und zu bereichern? — aufzuklären die, welche die Unwiſſenheit ſchlecht macht, zu begünſtigen die freie Entfaltung aller Neigungen, welche Gvott in ſeiner unendlichen Weisheit und unerſchöpflichen Güte dem Menſchen als eben ſo viele mächtige Hebel verliehen hat? — zu heiligen Alles, was von Gott fommt, die Liebe wie die Mutterſchaft, die Kraft wie den Ver⸗ ſtand, die Schönheit wie den ſchöpferiſchen Geiſt? — kurz die Menſchen wahrhaft gottſelig und recht dankbar gegen den Schöpfer zu machen, indem ſie ihnen das Verſtänd⸗ niß der Herrlichkeiten der Natur eröffnete und ihnen ihren verdienten Antheil an den Schätzen dieſer Natur gäbe? „O, wenn der Himmel will, daß in anderthalb Jahr⸗ hunderten die Nachkommen meiner Familie, treu dem letz⸗ ten Willen eines menſchenfreundlichen Herzens, ſich ſo zu erbarmungsvoll für Alles, was leidet, erhabene, freibeit⸗ liebende Geiſter, beredte, warme Herzen, entſchloſſene — —— — 233 — einer heiligen Gemeinſchaft vereinigen, wenn der Himmel will, daß unter ihnen ſich Seelen finden, liebreich und „ 71 6 Gemüther, Frauen, welche mit Schönheit, Geiſt und Güte verbinden: o, wie fruchtbar und mächtig wird dann die harmoniſche Vereinigung aller dieſer Gedanken, Einflüſſe, Kräfte, Reize ſeyn, wenn ſie um dies königliche Vermögen gruppirt ſind, welches, durch die Verbrüderung zuſammen⸗ gehalten und weiſe verwaltet, die wunderbarſten Utopien ausführbar machen wird! „Welcher Heerd fruchtbarer, edler Gedanken! Welche heilbringenden, belebenden Strahlungen würden unabläſſig aus dieſem Mittelpunkt von Liebe und Befreiung hervor⸗ dringen! Welche großartige Verſuche ließen ſich da machen, welche herrliche Beiſpiele ſich der Welt geben! Welch göttliches Apoſtelamt hätte eine ſo vereinigte Familie! welchen Anſtoß zum Guten könnte ſie, über ſolche Mittel verfügend, der geſammten Menſchheit geben! „Und dann wäre dieſe Verbrüderung zum Guten im Stand, die verderbliche Verbrüderung zu bekämpfen, deren Opfer ich bin, und welche vielleicht in anderthalbhundert Jahren nichts von ihrer furchtbaren Macht verloren haben wird. Dann könnten die Meinigen dieſem Werk der Fin⸗ ſterniß, des Druckes und Despotismus, welches auf der chriſtlichen Welt laſtet, ein Werk des Lichts, der Entfal⸗ tung und Freiheit entgegenſetzen. Der Geiſt des Böſen und der Geiſt des Guten ſtünden einander gegenüber. Der Kampf würde beginnen, und Gott würde die Gerech⸗ ten beſchützen. „Und damit die unermeßlichen Geldmittel, welche mei⸗ ner Familie ſolche Macht gäben, ſich nicht erſchöpften, ſon⸗ dern mit der Zeit ſich erneuerten, ſollten meine Erben, auf meinen Willen hörend, das Doppelte der von mir niedergelegten Summe unter gleichen Bedingungen der Aufhäufung niederlegen. Welche neue Quelle machtvoller Wirkſamkeit wäre dies dann nach weiteren anderthalbhun⸗ dert Jahren für ihre Nachkommen! Welche Verewigung des Guten! Einige praktiſche Ideen in Betreff dieſer Ver⸗ brüderung wird man übrigens in dem großen Schrank von Ebenholz im Trauerſaal finden. „Dies iſt mein letzter Wille oder vielmehr meire letzte Hoffnung. — 235 — „Wenn ich ſchlechterdings verlange, daß die Glieder meines Stammes ſich perſönlich in der Sanct Fran⸗ eiscusſtraße einfinden an dem Tag, wo dies Teſtament geöffnet wird, ſo geſchieht es, damit ſie, in dieſem feier⸗ lichen Augenblick verſammelt, ſich ſehen, ſich kennen lernen. Vielleicht werden dann meine Worte Eindruck auf ſie machen, und anſtatt getrennt zu leben, werden ſie ſich ver⸗ einigen. Es wird ihr eigner Vortheil ſeyn, und mein Wille wird erfüllt werden. „Indem ich vor einigen Tagen an die durch Verban⸗ nung in Eurvpa zerſtreuten Mitglieder meiner Familie eine Medaille abſchickte, auf welcher der Tag dieſer Zu⸗ ſammenberufung für meine Erben nach anderthalbhundert Jahren von heute an ausgeprägt iſt, mußte ich den wah⸗ ren Grund derſelben geheim halten, und durfte bloß ſagen, daß es für meine Nachkommen höchſt wichtig ſeyn müſſe, ſich bei der Zuſammenkunft einzufinden. Ich habe es ge⸗ than, weil ich die Liſt und Beharrlichkeit der ZJeſuiten kenne, deren langen Cabalen ich zum Opfer falle. *) Wüß⸗ ten ſie, daß meine Nachkommen zu dieſer Zeit unermeß⸗ liche Summen zu theilen hätten, ſo würden große Schur⸗ kereien, vielleicht große Gefahren meine Familie bedroht haben, denn unheilvolle Empfehlungen würden ſich von Jahrhundert zu Jahrhundert in der Geſellſchaft Jeſu fort⸗ gepflanzt haben. Möchte dieſe Vorſichtsmaßregel von Wir⸗ kung ſeyn! Möchte mein auf der Medaille ausgedrückter Wunſch ſich treulich von Geſchlecht zu Geſchlecht überliefern! „Wenn ich Tag und Stunde als unerſtreckliche Friſt ſetze, in welcher meine Erbſchaft unwiderruflich geſchloſſen wird zu Gunſten Derjenigen unter meinen Nachkommen, welche ſich am 13. Februar 1832, vor Mittag in der St. Franciseusſtraße eingefunden haben, ſo geſchieht es, weil jede Friſt ein Ende haben muß, und weil meine Erben ſeit Jahren genugſam erinnert ſeyn werden, bei der Zu⸗ ſammenkunft nicht zu fehlen. „Nach Vorleſung meines Teſtaments wird die Perſon, *) Sonach iſt auf der Medaille zu leſen: Opfer von AWangen) Ccabalen) Dler) Zleſuiten). 5 welcher die aufgehäuften Kapitalien anver traut ſind, ihren Betrag und ihre Ziffer kundmachen, damit beim letzten Glockenſchlag der Mittagsſtunde, dieſe Summen den anwe⸗ ſenden Erben erworben ſeyen und vertheilt werden. „Alsdann werden die Gemächer des Hauſes ihnen ge⸗ öffnet werden. Sie werden darin Dinge ſehen, die ihrer Theilnahme, ihres Mitleids, ihrer Achtung werth ſind, zumal im Trauerfaal. „Mein Wunſch iſt, daß dies Haus nicht verkauft werde, daß es bleibe, wie es iſt und zum Vereinigungspunkt für meine Nachkommen diene, wenn ſie, wie ich hoffe, meine letzte Bitte erhören. Wenn ſie ſich hingegen trennen, wenn ſie, anſtatt ſich zu vereinigen, um zu einer der edel⸗ ſten Unternehmungen, die je ein Jahrhundert ausgezeich⸗ net haben, mitzuwirken, ſelbſtiſchen Leidenſchaften folgen, wenn ſie die unfruchtbare Individualität der fruchtbaren Verbrüderung vorziehen, wenn ſie in dieſem unermeßli⸗ chen Vermögen lediglich eine Gelegenheit zu leichtſinniger Verſchwendung oder zur Befriedigung ſchmutzigen Geizes ſehen, dann ſeyen ſie verflacht von allen denen, die von ihnen hätten geliebt, unterſtützt und befreit werden ſollen. Dann ſoll dies Haus niedergeriſſen, und alle Papiere, deren Verzeichniß Iſaak Samuel hinterlaſſen haben wird, nebſt den beiden Bildern im rothen Saal durch den Hüter meiner Wohnung verbrannt werden. „Ich habe geſprochen. Meine Schuldigkeit habe ich ge⸗ than. In allem dieſem habe ich die Rathſchläge des Man⸗ nes befolgt, den ich verehre und liebe als das wahre Bild Gottes auf Erden. Der treue Freund, der mir die 50,000 Thaler, die letzten Trümmer meines Vermögens, zurückgegeben hat, kennt allein den Gebrauch, den ich da⸗ von machen will. Seiner ſo ſicheren Freundſchaft konnte ich dieſen Beweis von Vertrauen nicht verſagen. Indeß den Namen von Iſaak Samuel durfte ich ihm nicht nen⸗ nen, denn damit hätte ich dieſen und beſonders ſeine Nach⸗ kommen großen Gefahren aus etzen können. Dieſer Freund, welcher nicht weiß, daß mein Entſchluß zu ſterben ſeiner Erfüllung nahe iſt, wird in dieſer Stunde mit meinem Notar hieher kommen. In ihre Hände werde ich nach „————— den üblichen Förmlichkeiten dies Teſtament verſiegelt nie⸗ derlegen. „Dies iſt mein letzter Wille. Seine Erfüllung ſtelle ich unter den Schutz der Vorſehung. Gott kann nicht an⸗ ders, als dieſe Wünſche der Liebe, des Friedens, der Eini⸗ gung und Freiheit beſchützen. „Da dies myſtiſche *) Teſtament von mir frei gemacht und ganz von meiner Hand geſchrieben iſt, ſo will ich, daß es gewiſſenhaft ſeinem Geiſt und ſeinem Buchſtaben gemäß vollzogen werde. „Den 13. Februar 1682, um ein Uhr Nachmittags. Marius von Rennepont.“ Während der Notar das Teſtament las, war Gabriel von mannigfachen ſchmerzlichen Empfindungen bewegt. Anfangs hatte er, wie ſchon geſagt iſt, es ſonderbar gefunden, daß der Zufall wollte, daß dies unermeßliche, von einem Opfer der Jeſuiten herrührende Vermögen durch die von ihm er⸗ neuerte Schenkung in die Hände der Jeſuiten fiel. Seine edle, liebevolle Seele ermaß dann, welche wundervolle Wirk⸗ ſamkeit die von Marius von Rennepont ſo dringend empfoh⸗ lene Verbrüderung der Familie Rennepont hätte haben können. Mit tiefem Schmerz dachte er daran, daß durch ſeine Ver⸗ zichtleiſtung und durch die Abweſenheit jedes andern Erben dieſer große Gedanke unausführbar war, und daß dies ſeine Erwartung ſo ſehr übertreffende Vermögen in die Hände einer verderbten Geſellſchaft fiele und ein Mittel würde, großes Unheil anzurichten. Aber die Seele Gabriel's war ſo rein, daß er nicht das geringſte perſönliche Bedauern fühlte bei der Andeutung, die er von dem großen Werth der von ihm abgetretenen Güter erhielt. Er gefiel ſich ſogar in der Gegeneinanderſtellung des großen Reichthums, welcher ihm beinahe zugefallen wäre, und des beſcheidenen Pfarrhauſes, in welchem er demnächſt zu leben hoffte in Ausübung der heiligſten evangeliſchen Tugenden. Dieſe Gedanken durchkreuzten ſich in Gabriel's Kopf. Der Anblick des Bildes der Frau, die im Teſtament enthaltenen —.——— *) Dies iſt die juriſtiſche Benennung. ſchlimmen Offenbarungen, die großartigen, von Herrn von Rennepont in ſeinem letzten Willen ausgeſprochenen Abſich⸗ ten — alles das hatte den jungen Prieſter in ein an Be⸗ täubung gränzendes Staunen verſetzt, als Samuel dem Notar ein Schlüſſelchen reichte, und auf das verſchloſſene ſchwarze Buch deutend, ſagte: „In dieſem Regiſter werden Sie den jetzigen Stand der Summen ſehen, welche ſich in meinen Händen befinden in Folge der Anlegung der von Herrn Marius von Rennepont meinem Großvater anvertrauten 150,000 Franken.“ „Ihrem Großvater?“ rief Aigrigny höchſt betroffen. „Ihre Famille alſo hat dieſe Summe fortwahrend nutzbringend ge⸗ macht?“ „Ja,“ antwortete Samuel. „Und den Augenblick wird meine Frau das Käſichen bringen, welches die Beträge enthält.“ „Und auf welche Ziffer belaufen ſich dieſe Beträge?“ fragte in anſcheinend mit der gleichgültigſten Miene von der Welt. Ganz ruhig als ob bloß von den urſprünglichen 50,000 Thalern die Rede wäre, antwortete Samuel: „Wie der Herr Notar ſich in dieſer Ueberſicht überzeugen kann, habe ich an Currentwerthen in Kaſſe die Summe von 212 Millionen, hundertundſiebzig — —“ „Was?“ unterbrach Aigrigny, dem es auf den Reſt wenig ankam. „Ja, die Ziffer!“ rief mit bebender Stimme Rodin, der vielleicht zum erſten Mal in ſeinem Leben die Kaltblütigkeit verlor; „die Ziffer! die Ziffer!“ „Ich ſage,“ wiederholte der Greis, „daß ich in Kaſſe habe 212,170,000 Franken an Werthen, die theils auf Namen, theils auf Inhaber geſtellt ſind, wie Sie, Herr Notar, ſich überzeugen können, denn da kommt meine Frau und bringt ſie.“ In dieſem Augenblick trat Bathſeba ein mit dem Käſtchen von Cedernholz, worin die Werthpapiere lagen, ſtellte es auf den Tiſch und ging, einen freundlichen Blick mit Samuel wechſelnd, wieder hinaus. Als der alte Inde die ungeheure Summe genannt hatte, war ein Schweigen des Staunens ſeinen Worten gefolgt. Seine Zuhörer glanbten zu träumen. Rodin und Aigrigny — 289 — hatten auf vierzig Millionen gerechnet. Dieſe ſchon unge⸗ heure Summe war verfünffacht. Gabriel, unbekannt mit den Wundern der Capitaliſativn, hatte während der Vorleſung des Teſtaments das Vermögen auf drei bis vier Millionen ge⸗ ſchätzt. Bei der ungeheuren Ziffer, die Samuel nannte, ſchwindelte ihm. Und trotz ſeiner Uneigennützigkeit und Ehr⸗ lichkeit verlor er doch faſt den Kopf bei dem Gedanken, daß das unermeßliche Vermögen ihm, ihm allein hätte gehören können Der Notar, faſt eben ſo erſtaunt wie er, prüfte den Kaſſenbeſtand und ſchien kaum ſeinen Augen zu trauen. Der Jude, gleichfalls ſtumm, war in den ſchmerzlichen Gedanken verſunken, daß kein anderer Erbe ſich einſtellte. Während dieſes tiefen Schweigens begann die im Neben⸗ zimmer ſtehende Uhr langſam zwölf zu ſchlagen. Samuel erbebte und ſtieß einen tiefen Seufzer aus. Noch einige Secunden, und die unerſtreckliche Friſt war abgelaufen. Ro⸗ din, Aigrigny, Gabriel und der Notar waren ſo tief ergriffen, daß keinem von ihnen einfiel, wie ſonderbar es ſey, dieſe Uhr ſchlagen zu hören. „Zwölf!“ rief Rodin und fuhr unwillkürlich mit beiden Händen auf das Käſtchen, wie um Beſitz davon zu nehmen. „Endlich!“ rief Aigrigny mit einem unbeſchreiblichen Aus⸗ druck trunkener Wonne. Und dann fiel er dem jungen Prie⸗ ſter um den Hals, küßte ihn entzückt und ſagte: „O, mein lieber Sohn, Sie ſind ein Sanct Vincenz de Paula! Sie werden heilig geſprochen: ich ſchwöre es Ihnen.“ „Laſſen Sie uns vor allen Dingen der Vorſehung danken,“ ſagte Rodin in ernſtem Ton und fiel auf die Knie. „Laſſen Sie uns der Vorſehung danken, daß ſie verſtattet, ſo großes Gut zur Ehre des Herrn zu verwenden.“ Der Pater Aigrigny küßte Gabriel nochmals, faßte ihn bei der Hand und ſprach: „Rodin hat Recht. Auf die Knie, mein lieber Sohn! und laſſen Sie uns der Vorſehung danken!“ Bei dieſen Worten kniete er und zog Gabriel mit ſich nieder, der den Kopf verloren hatte und gedankenlos die Knie beugte. Der letzte Schlag zwölf ertönte. Alle drei ſtanden auf. Der Notar, ergriffen von dem Außerordentlichen und Feier⸗ lichen dieſes Auftritts, nahm das Wort und ſprach; „Da kein 240 — anderer Erbe des Herrn von Rennepont vor Mittag erſchienen iſt, ſo vollziehe ich den Willen des Erblaſſers, indem ich im Namen des Geſetzes und der Gerechtigkeit erkläre: der hier anweſende Herr Franz Maria Gabriel von Rennepont, Prieſter, iſt einziger Erbe und Eigenthümer der beweglichen und unbeweglichen Güter und Werthe aller Art, herrührend aus dem Vermächtniß des Erblaſſers. Dieſe Güter hat Herr Gabriel von Rennepont, Prieſter, freiwillig durch beglaubigte Urkunde dem Herru Friederich Emanuel von Bordeville, Marquis von Aigrigny, Prieſter, geſchenkt, und dieſer hat ſie durch dieſelbe Urkunde angenommen und iſt ſonach deren rechtmäßiger Beſitzer an der Stelle des genannten Gabriel von Rennepont, kraft dieſer Schenkung unter Lebenden, auf⸗ geſetzt durch mich dieſen Morgen und unterzeichnet Gabriel von Rennspont und Friedrich von Aigrigny, Prieſter“ In dieſem Augenblick vernahm man aus dem Garten einen großen Lärm. Bathſeba ſtürzte herein und rief mit zitternder Stimme: „Samuel! — ein Soldat! — Er will — —“ Bathſeba konnte nicht weiter reden. An der Thür des rothen Saals erſchien Dagobert, todtenbleich, faſt vhnmächtig, den linken Arm in der Binde, auf Agricola geſtützt. Bei ſeinem Anblick wurden plötzlich die farbloſen, ſchlaffen Augenlieder Rodin's roth, als ob all ſein Blut nach ſeinem Gehirn zurückſtrömte. Und dann ſtürzte er ſich grimmig auf das Käſtchen, als wollte er es mit ſeinem Leib bedecken und mit Gefahr ſeines Lebens vertheidigen. Fünfundzwanzigſtes Kapitel. Die Schenkung unter Lebenden. Der Pater Aigrigny erkannte Dagobert nicht; Agricola hatte er nie geſehen. Darum konnte er ſich auch Anfangs den Grimm und Schrecken ſeines Sveius nicht erklären. Bald aber begriff er Alles, da er den Miſſionär einen Freuden⸗ ſchrei ausſtoßen hörte, und ſah, wie er dem Schmied um den 3 —̃—, —— —.—— — — . — 241 — Hals fiel mit den Worten: „Du? Bruder! — — Und auch Sie? mein zweiter Vater! — O Gott ſendet Sie!“ Nachdem Dagobert Gabrieln die Hand gedrückt, ging er raſcher, obwohl etwas ſchwankenden Schrittes auf den Mar⸗ quis zu. Der ehrwürdige Vater bemerkte die drohende Miene des Soldaten und wich einen Schritt zurück. Aber pochend auf das erlangte Recht, und ſeit dem letzten Schlag zwölf ſich zu Hauſe fühlend, ſagte er in gebieteriſchem Ton zu dem alten Krieger: „Wer ſind Sie? Was wollen Sie?2“ Anſtatt ihm zu antworten, machte der Soldat noch einige Schritte, blieb dann gerade vor dem Marquis ſtehen, und betrachtete ihn einen Augenblick mit einer ſo erſchreckenden Miſchung von Neugier, Verachtung, Widerwillen und Verwe⸗ genheit, daß der ehemalige Huſarenoberſt die Faſſung verlor und vor dem blaſſen Geſicht und dem funkelnden Blick des alten Kriegers die Augen niederſchlug. Der Notar und Sa⸗ muel blieben in ihrer Ueberraſchung ſtumme Zuſchauer dieſes Auftritts, während Agricola und Gabriel mit Aengſtlichkeit den geringſten Bewegungen Dagobert's folgten. Rodin that, als ſtützte er ſich auf das Käſtchen, um es ſtets mit ſeinem Leib zu decken. Der Pater Aigrigny überwand endlich die Verlegenheit, welche der ſtarre Blick des Soldaten ihm verurſachte Er richtete den Kopf in die Höhe und ſagte: „Ich frage Sie, wer Sie ſind, und was Sie wollen?“ „Sie kennen mich alſo nicht?“ fragte ſeinerſeits Dagobert, kaum ſeinen Grimm zurückhaltend. „Nein,“ antwortete Aigrigny. „Freilich,“ verſetzte mit tiefer Verachtung Dagobert. „Sie haben bei Leipzig, wo Sie mit den Ruſſen gegen die Fran⸗ zoſen fochten, die Augen vor Scham niedergeſchlagen, als der von Wunden durchbohrte General Simon, Ihnen, Abtrünni⸗ ger, der Sie ihm ſeinen Degen abforderten, antwortete: „ch übergebe meinen Degen keinem Verräther — und ſich zu einem ruſſiſchen Grenadier hinſchleppte, und ihn die⸗ ſem übergab. Neben dem General Simon befand ſich ein Soldat, gleichfalls verwundet. Dieſer Soldat war ich. „Nun, was wollen Sie?“ fragte Aigrigny, der kaum ſeine Wuth zu bergen wußte. 1 w. † — 242 „Ich will Sie entlarven. Sie ſind ein eben ſo ehrloſer, allgemein verabſcheuter Prieſter, wie Gabriel hier ein bewun⸗ derungswerther und von den Segenswünſchen Aller begleiteter Prieſter iſt.“ „Herr!“ — rief der Marquis vor Zorn und Angſt erd⸗ fahl werdend. „Ich ſage Ihnen, Sie ſind ein ehrlofer Menſch!“ fuhr der Soldat mit noch größerem Nachdruck fort. „Um die Töchter des Marſchalls Simon, um Gabriel und das Fräulein von Cardoville ihrer Erbſchaft zu berauben, haben Sie ſich der ſchändlichſten Mittel bedient.“ „Was ſagen Sie?“ rief Gabriel. „Die Töchter des Mar⸗ ſchalls Simon — —7“ „Sind Deine Verwandten, liebes Kind, und eben ſo das würdige Fräulein von Cardoville, die Wohlthäterin Agricv⸗ la's. Dieſer Pfaff,“ fuhr er auf Aigriguy deutend, fort, „hat die eine als wahnſinnig in ein Krankenhaus, und die Waiſen in ein Kloſter einſperren laſſen. Was Dich betrifft, liebes Kind, ſo hatte ich nicht gehofft, Dich hier zu ſehen, weil ich glaubte, man hätte Dich, wie die andern Erben, gehindert, heute Vormittag hier zu erſcheinen. Aber Gott ſey Dank, Du biſt da, und ich komme zu rechter Zeit. Ich bin nicht früher gekommen in Folge meiner Wunde. Ich habe ſo viel Blut verloren, daß ich den ganzen Morgen aus einer Ohn⸗ macht in die andere gefallen bin.“ „Wahrhaftig!“ rief Gabriel. „Ich hatte nicht bemerkt, daß Sie den Arm in der Binde tragen. Was iſt das für eine Wunde?“ Agricola gab ſeinem Vater einen Wink, und dieſer antwor⸗ tete: „Es hat nichts zu bedeuten — — die Folge eines Fal⸗ les. Genug, ich bin da, und viele Schändlichkeiten ſollen enthüllt werden.“ . Es iſt unmöglich, die Spannung, die Angſt, die Ueberra⸗ ſchung und die Beſorgniſſe der verſchiedenen Anweſenden bei dieſen drohenden Worten Dagobert's zu ſchildern. Am mei⸗ ſten unter Allen war Gabriel niedergeſchlagen. Sein Engels⸗ geſicht war verſtört, ſeine Kniee zitterten. Wie vom Donner gerührt bei der Offenbarung Dagobert's, daß noch Erben da ſeyen, konnte er mehre Minuten lang — . — 243 — ₰ vorbringen. Endlich rief er in herzzerreißendem Ton: „Ich, — o Gott! — ich bin die Urſache der Beraubung dieſer Familie!“ „Du, Bruder?“ rief Agrieola. „Hat man nicht auch Dich berauben wollen?“ fragte Da⸗ gobert. „Das Teſtament,“ antwortete Gabriel mit zunehmender Angſt, „beſagt, daß die Erbſchaft denjenigen Erben gehört, welche ſich vor Mittag eingefunden haben.“ „Nun?“ fragte Dagobert, erſchrocken über die Angegriffen⸗ heit Gabriel's. „Es hat zwölf Uhr geſchlagen,“ fuhr Gabriel fort. „Ich war allein von der Familie anweſend. Verſtehen Sie jetzt? Die Friſt iſt abgelaufen. Die Erben ſind durch mich aus ihrem Beſitz verdrängt!“ „Durch Dich?“ ſtammelte Dagobert vor Freude. „Nun, dann iſt Alles gerettet!“ „Ja — — aber — —“ begann Gabriel. „Alles iſt gerettet,“ unterbrach Dagobert. „Du theilſt mit den Andern. Ich kenne Dich.“ „Aber ich habe all dies Vermögen unwiderruflich abgetre⸗ ten!“ rief Gabriel verzweifelnd. „Abgetreten? — Dies Vermögen?“ wiederholte Dagobert erſtaunt. „Ei, an wen denn?“ „An den Herrn da,“ antwortete Gabriel, auf den Marquis deutend. „An ihn?“ rief Dagobert außer ſich. „An den Abtrünni⸗ gen? den böſen Geiſt der Familie?“ „Alſo, lieber Bruder, haſt Du Deine Anſprüche auf die Erbſchaft gekannt?“ fragte Agricvla. „Nein,“ antwortete der junge Prieſter niedergeſchlagen. „Nein, erſt dieſen Morgen habe ich davon durch den Pater Aigrigny gehört. Er hatte, ſagte er mir, meine Anſprüche erſt kürzlich aus den vor Jahren bei mir gefundenen und von unſerer Mutter ihrem Beichtvater übergebenen Familienpapie⸗ ren erſehen.“ Bei dieſen Worten ging dem Schmied ein Licht auf. „Jetzt verſteh' ich⸗Alles!“ rief er. „Man hat aus den Pa⸗ pieren geſehen, daß Du eines Tages reich ſeyn könnteſt, und 16 gelockt, wo wir Dich nicht beſuchen durften, und hat ſpäter durch ſchändliche Lügen Dich zum Eintritt in den Prieſter⸗ ſtand beſtimmt, um Dich am Ende zu dieſer Schenkung zu bewegen. — Herr Pater, mein Vater hat Recht. Solche Ränke ſind niederträchtig!“ Während des Geſprächs zwiſchen Dagobert, Gabriel und Agricvla hatten die beiden anfangs eingeſchüchterten Ehrwür⸗ digen Väter allmählig ihre ruhige Keckheit wiedergewonnen. Rodin flüſterte dem Marquis etwas in's Ohr. Dieſer ſenkte bei den Vorwürfen Aigricola's den Kopf und erwiederte be⸗ ſcheiden: „Wir müſſen Beleidigungen vergeben und ſie dem Herrn als Beweiſe unſerer Demuth darbieten“ Dagobert, betäubt durch das, was er eben gehört hatte, meinte wahnſinnig werden zu müſſen. Nach ſo vielen Be⸗ inhhinngen erſchöpfte dieſer neue ſchreckliche Schlag ſeine räfte. Die verſtändigen Worte Agricola's, verglichen mit einigen Stellen des Teſtaments, klärten plötzlich Gabriel auf über den Zweck, welchen der Pater Aigrigny gehabt, als er erſt ſeine Erziehung übernahm und ihn dann in die Geſellſchaft Jeſu zog. Zum erſten Mal in ſeinem Leben erblickte Ga⸗ briel alle Fäden der finſteren Ränke, deren Opfer er war. Sein Unwille, ſeine Verzweiflung überwand ſeine gewohnte Schüchternheit. Mit blitzendem Ange und zornglühenden Wangen rief er dem Marquis zu: „Alſo, ehrwürdiger Vater, da Sie mich in eins Ihrer Collegien brachten, geſchah es nicht aus Theilname oder Mitleid, ſondern bloß in der Hoffnung, mich mit der Zeit zur Verzichtleiſtung auf meinen Theil an dieſer Erbſchaft zu Gunſten Ihres Ordens zu bringen. Es iſt Ihnen nicht genug geweſen, mich Ihrer Habgier zu opfern; Sie mußten mich auch noch zum unfrei⸗ willigen Werkzeug einer ſchändlichen Beraubung machen. Wenn es ſich nur um mich handelte, nur um meine Rechte auf dieſe Reichthümer, nach denen Sie begierig ſind, dann würde ich kein Wort dagegen ſagen. Ich bin der Diener einer Religion, welche die Armuth verherrlicht und geheiligt hat. Die Schenkung, zu welcher ich meine Einwilligung ge⸗ geben habe, iſt Ihr; ich werde nie mehr einen Anſpruch dar⸗ — da hat man ſich um Dich bekümmert, hat Dich ins goneh . — 5 6 Aber es handelt ſich um Güter, die armen Waiſen gehören. Dieſe Waiſen ſind von einem fernen Ver⸗ bannungsort durch meinen Adoptivvater hiehergebracht, und ich will nicht, daß Sie dieſelbe um das Ihrige bringen. Es handelt ſich um den letzten Willen eines Sterbenden, der in ſeiner glühenden Menſchenliebe ſeinen Nachkommen die Aus⸗ richtung eines evangeliſchen Werks, eines Werks des Fortſchritts, der Liebe, der Einigung, der Freiheit aufgetragen hat, und ich will nicht, daß dies Werk im Keim erſtickt werde. Nein, nein! Ich * ſage Ihnen, dies Werk wird ausgerichtet werden, und ſollte ich auch meine Schenkung zurücknehmen.“ Bei dieſen Worten ſahen Aigrigny und ſein Socius ſich einander an und zuckten die Achſeln. Auf ein Zeichen Rodin's nahm der Marquis das Wort und ſprach mit unverwüſtlicher Ruhe langſam in ſalbungsvollem Ton, ſtets die Augen nieder⸗ ſchlagend: Es zeigen ſich bei der Erbſchaftsangelegenheit des Herrn von Rennepont verſchiedene ſcheinbar ſehr verwickelte Punkte, verſchiedene ſcheinbar drohende Phantome. Indeß iſt nichts einfacher und natürlicher als dieſe Geſchichte Gehen wir in Ordnung zu Werk, laſſen wir die verleumderiſchen Beſchuldigungen bei Seite Auf dieſe werden wir zurück⸗ kommen, Herr Abbé Gabriel von Rennepont. Ich bitte den Herrn demüthig, meinen Worten zu widerſprechen und ſie zu berichtigen, wenn ich mich im geringſten von der ſtrengſten Wahrheit entferne. Der Herr Abbé Gabriel hat aus Erkennt⸗ lichkeit für die von der Geſellſchaft, welcher anzugehören ich ſtolz bin, ihm zu Theil gewordene Pflege, mir als Repräſen⸗ tanten der Geſellſchaft freiwillig die Güter geſchenkt, welche ihm eines Tags zufallen könnten, und deren Werth er ſo wenig wie ich kannte.“ Aigrigny warf dem jungen Prieſter einen fragenden Blick zu, und Gabriel erwiederte: „Es iſt wahr; ich habe dies Ge⸗ ſchenk freiwillig gemacht.“ „Dieſen Morgen,“ fuhr der Marquis fort, „nach einer ganz vertraulichen Beſprechung, deren Inhalt ich verſchweige, überzeugt, daß Herr Abbé Gabriel es zufrieden iſt — —“ „In der That,“ bemerkte Gabriel, „auf den Gegenſtand die⸗ ſer Unterredung kommt es nicht an.“ „Alſo in Folge dieſer Unterredung hat der Herr Abbé Ga⸗ 2 *„ 246 „ vriel mir von neuem den Wunſch zu erkennen gegeben, dieſe Schenkung aufrecht zu erhalten, nicht zu meinen Gunſten (denn dieſe irdiſchen Güter rühren mich wenig), ſondern zu Gunſten heiliger Werke chriſtlicher Liebe, deren Verwalterin unſere Geſellſchaft wäre. Ich rufe die Ehrlichkeit des Herrn Abbö Gabriel an und bitte ihn, zu erklären, ob er nicht ge⸗ bunden iſt, nicht bloß durch den furchtbarſten Eid, ſondern auch durch eine in Gegenwart des Herrn Dumesnil hier aus⸗ geſtellte Urkunde.“ „Es iſt wahr,“ antwortete Gabriel. Urkunde iſt von mir aufgeſetzt,“ fügte der Nota inzu. „Aber Gabriel hat Ihnen bloß das überlaſſen, was ihm gehörte!“ rief Dagobert „Der brave Junge konnte nicht daß Sie ſich ſeiner bedienten, um Dritte zu be⸗ rauben.“ „Erlauben Sie mir gütigſt, mich zu erklären,“ erwiederte der Marquis höflich. „Nachher mögen Sie antworten.“ Dagobert hielt mit Mühe eine Aeußerung ſchmerzlicher Un⸗ geduld zurück, und der Marquis fuhr fort: „Der Herr Abbé Gabriel hat alſo durch die doppelte Verpflichtung einer Ur⸗ kunde und eines Eides ſeine Schenkung beſtätigt. Und was noch mehr iſt — als zu ſeinem und unſerem tiefen Erſtaunen, der ungeheure Betrag dieſer Erbſchaft bekannt wurde, hat Herr Abbé Gabriel, treu ſeiner bewunderungswürdigen Großmuth, weit entfernt, ſeine Schenkung zu bereuen, ſie ſo zu ſagen von neuem geheiligt durch einen frommen Ausdruck der Dank⸗ barkeit gegen die Vorſehung. Der Herr Notar wird ſich erinnern, daß ich den Herrn Abbé Gabriel herzlich umarmite und ihm ſagte, er ſey an Menſchenliebe ein zweiter Sanet Vincenz de Paula, daß ich ihn bei der Hand nahm, und daß er mit mir auf die Knie gefallen iſt, um Gott zu preiſen für den ihm eingegebenen Gedanken, dies unermeßliche Vermögen zur Ehre des Herrn dienen zu laſſen.“ „Es iſt wahr,“ ſagte Gabriel; ſo lange es ſich bloß um mich handelte, habe ich trotz einer augenblicklichen Verwir⸗ rung bei Darlegung eines ſo ungeheuren Vermögens keinen Augenblick daran gedacht, die freiwillig gemachte Schenkung zurückzunehmen.“ — — — 247 — „Unter dieſen Umſtänden,“ fuhr Aigrigny fort, „ſchlug die Stunde, in welcher die Erbſchaft geſchloſſen werden mußte. Der Herr Abbé Gabriel war allein anweſend und war ſonach nothwendig der einzige rechtmäßige Beſitzer dieſer unermeß⸗ lichen Güter. Und ich freue mich, daß ſie unermeßlich ſind, denn mit ihnen ſoll vieler Noth abgeholfen, ſollen viele Thränen getrocknet werden. Auf einmal kommt der Herr da“ (hier deutete der Marquis auf Dagobert) „in einer Raſerei, die ich ihm von Herzen verzeihe, und die er ſich gewiß ſelber zum Vorwurf machen wird, herbeigelaufen, ſchmäht und droht und klagt mich an, ich hätte, ich weiß nicht welche Verwandte, ich weiß nicht wo, einſperren laſſen, um ſie zu hindern, zu rechter Zeit hier zu ſeyn — —“ „Ja, ich klage Sie dieſer Niederträchtigkeit an!“ rief Dagobert, wüthend über die kecke Ruhe des Marquis. „Ja und ich will — —“ „Nochmals bitte ich Sie, laſſen Sie mich ausreden und antworten Sie dann,“ ſagte demüthig Pater Aigrigny in zuckerſüßem Ton. „Ja, ich will antworten und Sie zu Schanden machen?“ rief Dagobert. „Laß ihn, laß ihn, Vater,“ ſagte Agricola. „Du ſollſt bald zu Wort kommen.“ Der Soldat ſchwieg, und der Marquis fuhr zuverſichtlich fort: „Wenn wirklich andere Erben vorhanden ſind außer dem Herrn Abbé Gabriel, ſo iſt es gewiß unangenehm für ſie, daß ſie nicht zu rechter Zeit erſcheinen konnten. Lieber Himmel! wenn ich anſtatt die Sache der Nothleidenden zu vertheidigen, meine eigne Sache vertheidigte, dann wäre ich weit entfernt, mich dieſes Vortheils zu bedienen, den man dem Zufall verdankt. Aber als Bevollmächtigter der großen Familie der Armen, bin ich verbunden, meine Rechte auf dieſe Erbſchaft ſtreng zu behaupten, und ich zweifle nicht, der Herr Notar wird die Gültigkeit meiner Anſprüche anerkennen und mich in Beſitz dieſer Werthe ſetzen, die mir nun einmal von Rechtswegen gehören.“ „Mein einziges Geſchäft,“ erwiederte mit bewegter Stimme der Notar, „iſt, treulich den Willen des Erblaſſers zu voll⸗ ſrecken. Der Herr Abbé Gabriel von Rennepont iſt allein — 248 — erſchienen vor Ablauf der zum Schluß der Erbſchaft geſetzten Friſt. Die Schenkungsurkunde iſt in der Ordnung. Ich kann alſo nicht umhin, ihm in der Perſon des Schenkers den Betrag der Erbſchaft zu übergeben.“ Bei dieſen Worten bedeckte Samuel ſein Geſicht mit den Händen und ſtieß einen tiefen Seufzer aus. Er mußte die ſtrenge Richtigkeit der Bemerkungen des Notars anerkennen. „Herr Notar!“ rief Dagobert, „das iſt nicht möglich. Sie können nicht zwei arme Waiſen ſo berauben laſſen. Im Namen ihres Vaters, ihrer Mutter ſpreche ich zu Ihnen. Ich „ ſchwöre Ihnen auf Ehre, auf meine Ehre als Soldat, daß man das Vertrauen und die Schwäche meiner Frau miß⸗ braucht hat, um die Töchter des Marſchalls Simon ins Klo⸗ 3 ſter zu bringen und mich ſo zu hindern, ſie dieſen Morgen hieher zu führen. Ich habe bei einem Beamten geklagt.“ „Und was hat Ihnen der Beamte geantwortet?“ fragte der Notar. „Meine Ausſage genügte nicht, um die Mädchen aus dem Kloſter zu holen, wo ſie wären. Das Gericht würde unter⸗ „So iſt's,“ ſagte Agricola, „und eben ſo iſt es mit dem Fräu⸗ lein von Cardoville gegangen, die als wahnſinnig in einem 1 Krankenhaus eingeſperrt und doch ganz vernünftig iſt. Sie hat, gleich den Töchtern des Marſchalls Simon, Rechte auf dieſe Erbſchaft. Ich habe für ſie dieſelben Schritte gethan, wie mein Vater für die Töchter des Marſchalls Simon.“ „Nun?“ fragte der Notar. „Leider,“ antwortete Agricvla, „hat man mir wie meinem Vater geſagt, daß man auf meine einfache Angabe hin nicht einſchreiten könne, und daß man Rath ſchaffen würde.“ In dieſem Augenblick hörte Samuel am Eingangsthor ſchel⸗ len. Auf ein Zeichen von ihm verließ Bathſeba den rothen Saal. „Ich bin weit entfernt,“ ſagte der Notar zu Dagobert und Agricola, „Ihre Aufrichtigkeit in Zweifel zu ziehen. Aber zu meinem Bedauern iſt es mir unmöglich, Ihren unerwie⸗ ſenen Anklagen ſo viel Gewicht beizulegen, um den geſetzlichen Gang der Dinge aufzuhalten. Sie ſagen ja ſelber daß das Gericht, an welches Sie ſich gewandt haben, nicht geglaubt ——— — — — 249 — hat, Ihren Angaben Folge geben zu dürfen. Es hat Ihnen geſagt, man würde unterſuchen, man würde Rath ſchaffen. Ich frage Sie nun, die Hand aufs Herz, kann ich in einem ſo wichtigen Fall auf mich eine Verantwortlichkeit nehmen, welche Richter nicht auf ſich zu nehmen gewagt haben?“ „Ja!“ rief Dagobert; und im Namen der Gerechtigkeit und der Ehre müſſen Sie es.“ „Vielleicht von Ihrem Geſichtspunkte aus. Aber auf meinem Standpunkt bleibe ich der Gerechtigkeit und Ehre treu, indem ich treulich vollſtrecke, was durch den geheiligten Willen eines Sterbenden vorgeſchrieben iſt. Zudem iſt für Sie die Sache noch nicht verloren. Wenn die Perſonen, derer Sie ſich annehmen, ſich verletzt glauben, ſo kann das ſpäter Anlaß zu einem Prozeß geben, zu einem Recurs gegen den Schenker, den Herrn Abbé Gabriel. Einſtweilen iſt es meine Pflicht, ihn unmittelbar in Beſitz der Werthe zu ſetzen. Ich würde mich ſehr bloßſtellen, wenn ich anders handelte.“ Die Bemerkungen des Notars ſchienen ſo ſehr dem ſtrengen Recht gemäß, daß Samuel, Dagobert und Agricola beſtürzt ſchwiegen. Gabriel ſchien nach einem Angenblick der Ueber⸗ legung einen verzweifelten Entſchluß gefaßt zu haben und ſagte mit feſter Stimme zum Notar: „Da unter dieſen Umſtänden das Geſetz ohne Macht iſt, das gute Recht zu ſchützen, ſo faſſe ich einen verzweifelten Entſchluß. Ehe ich ihn ausführe, frage ich zum letzten Mal den Herrn Abbé von Aigrigny, ob er ſich mit Dem begnü⸗ gen will, was mir von dieſen Gütern zukommt, und ob er die übrigen Theile der Erbſchaft in ſicherer Hand laſſen will, bis die Erben, in deren Namen Einſpruch gethan wird, ihre Rechte nachgewieſen haben?“ „Auf dieſe Frage,“ ſagte Aigrigny, „wiederhole ich, was ich bereits geſagt habe. Es handelt ſich hier nicht um mich, ſondern um ein großes Werk der Menſchenliebe. Ich muß alſo das theilweiſe Anerbieten des Herrn Abbé Gabriel zu⸗ rückweiſen und ihn an ſeine verſchiedenen Verpflichtungen erinnern.“ „Alſo,“ fragte Gabriel mit bewegter Stimme, „Sie wei⸗ ſen dieſen Vergleich zurück?“ „Die chriſtliche Liebe gebietet mir es.“ „Sie weiſen ihn entſchieden zurück?“ „Ich denke an alle die heiligen Werke, welche dieſe Schätze zur Ehre Gottes gründen ſollen, und ich finde bei mir weder den Muth noch den Willen, das geringſte Zugeſtänd⸗ niß zu machen.“ 5 „Nun, da Sie mich dazu nöthigen, nehme ich meine Schenkung zurück,“ ſagte Gabriel mit bebender Stimme. „Ich habe nur das hingeben wollen, was mir gehört, nicht was den Andern gehört.“ „Sehen Sie ſich vor, Herr Abbé,“ erwiederte Aigrigny. „Ich bemerke Ihnen bloß, daß ich einen ſchriftlichen Schwur von Ihnen in Händen habe“ . „Das weiß ich. Sie haben ſchriftlich von mir, daß ich ſchwöre, nie dieſe Schenkung zurückzunehmen, unter welchem Vorwande es auch ſey, bei Strafe des Abſcheus und der Verachtung aller ehrlichen Leute. Nun dieſen Schwur breche ich und ſetze mich allen Folgen davon aus. Machen Sie meinen Eidbruch überall bekannt, geben Sie mich der Schmach und dem Abſcheu Aller Preis, und Gott wird mich richten“ Gabriel zerdrückte eine Thräne. „Beruhige Dich!“ rief Dagobert, in welchem neue Hoffnung auflebte; „alle ehrlichen Leute werden für Dich ſeyn.“ „Recht ſo Gabriel!“ ſagte Agricola. * Rodin nahm das Wort und begann mit ſeiner Krähen⸗ ſtimme: „Herr Notar, machen Sie doch dem Herrn Abbé Gabriel begreiflich, daß er ſeinen Schwur ſo oft brechen kann, wie es ihm beliebt, daß aber das bürgerliche Geſetzbuch weniger bequem zu verletzen iſt, als ein Verſprechen, wel⸗ ches — — lediglich und allein — — heilig iſt!“ 3 „Weiter, Herr Rodin,“ ſagte Gabriel. „Belehren Sie alſo den Herrn Abbé Gabriel, daß eine Schenkung unter Lebenden, wie die dem E. V. Algrigny ½ gemachte nur aus drei Gründen zurückgenommen werden . kann — nicht wahr?“ „Ja, aus drei Gründen,“ antwortete der Notar. „Der erſte Grund,“ fuhr Rodin fort, „iſt, wenn dem Schenker ein Kind geboren wird; und ich würde erröthen, dem Herrn Abbé Gabriel von dieſem Fall der Richtigkeit zu reden. Der zweite Grund der Nichtigkeitserklärung wäre —,— — ———————— — 251 — die Undankbarkeit des Beſchenkten. Aber der Herr Abbé Gabriel kann unſerer tiefen ewigen Dankbarkeit verſichert ſeyn. Endlich der dritte Fall der Nichtigkeit iſt Nichtvoll⸗ ziehung der Wünſche des Schenkers in Betreff der Verwen⸗ dung ſeiner Geſchenke. Aber eine ſo ſchlimme Meinung auch der Herr Abbé plötzlich von uns gefaßt haben mag, ſo wird er uns doch wenigſtens eine Probezeit verſtatten, damit wir ihn überzeugen können, daß ſeine Geſchenke ſeinem Wunſch gemäß zu Werken verwandt werden, welche die Ehre Gottes zum Zweck haben.“ „Nun, Herr Notar,“ nahm der Herr von Aigrigny das Wort, „an Ihnen iſt es nun, den Spruch zu thun und zu erklären, ob der Herr Abbé Gabriel die Schenkung, welche er mir gemacht hat, zurücknehmen kann oder nicht.“ In dem Augenblick, wo der Notar antworten wollte, er⸗ ſchien Bathſeba wieder im rothen Saal, und hinter ihr ka⸗ men in einiger Entfernung von einander zwei neue Perſonen. Sechsundzwanzigſtes Kapitel. Ein guter Geiſt. Die erſte von den beiden Perſonen, deren Ankunft die Ant⸗ wort des Notars unterbrochen hatte, war Faringhea. Beim Anblick dieſes Menſchen mit dem verdächtigen Ge⸗ ſicht trat Samuel zu ihm und fragte: „Wer ſind Sie 2“ Faringhea warf einen durchdringenden Blick auf Rodin, der unmerklich erbebte, aber ſchnell ſeine Kaltblütigkeit wieder ge⸗ wann, und antwortete dem alten Inden: „Der Prinz Dſchalma iſt kürzlich aus Indien angekommen, um ſich heut hier ein⸗ zufinden, wie es ihm durch die Inſchrift einer Medaille, die er am Hals trug, anempfohlen war . . .“ „Auch er?“ rief Gabriel, der, wie wir wiſſen, von den Azoren aus der Reiſegefährte des von Alerandria gekomme⸗ nen Indiers geweſen. „Auch er iſt Erbe? — Wirklich — — unterwegs hat mir der Prinz geſagt, ſeine Mutter ſey von — 252 — franzöſiſcher Herkunft. Ohne Zweifel hat er geglaubt, mir den Zweck ſeiner Reiſe verhehlen zu müſſen. Er iſt ein edler, muthvoller junger Mann, dieſer Indier. Wo iſt er?“ Der Würger warf einen neuen Blick auf Rodin und ſagte langſam und deutlich: „Geſtern Abend habe ich den Prinzen verlaſſen. Er hat mir anvertraut, daß es zwar höchſt wich⸗ tig für ihn ſey, ſich hier einzufinden, daß er aber dennoch den Vortheil, der ihm aus ſeiner Anweſenheit hier erwachſen dürfte, vielleicht andern Rückſichten opfern könnte. Ich habe die Nacht in demſelben Gaſthof zugebracht, wo er iſt. Dieſen Morgen, als ich ihn beſuchen wollte, hat man mir geſagt, er ſey ſchon ausgegangen. Meine Freundſchaft für ihn hat mich beſtimmt, hieher zu kommen, in der Hoffnung, daß die Nach⸗ richten, welche ich über den Prinzen geben kann, vielleicht nützlich ſeyn möchten.“ Indem der Würger kein Wort von dem gewaltſamen Ueber⸗ fall ſagte, welcher am vorigen Abend gegen ihn verübt wor⸗ den war, indem er öber die Ränke Rodin's gegen Dſchalma ſchwieg, und vornehmlich, indem er die Abweſenheit des Letz⸗ teren einem freiwilligen Entſchluß zuſchrieb, wollte er offenbar dem Soecius gefällig ſeyn und rechnete darauf, daß dieſer ſeine Verſchwiegenheit zu belohnen wifſen werde. Wir brauchen nicht erſt zu ſagen, daß Faringhea unver⸗ ſchämt log. Nachdem es ihm am Morgen durch ein Wunder von Liſt, Gewandtheit und Keckheit gelungen war, aus ſeinem Loch herauszukommen, war er in den Gaſthof gelaufen, wo er den Prinzen gelaſſen. Dort erfuhr er, daß ein Mann und eine Frau, beide ältlich und von dem achtbarſten Aus⸗ ſehen, die ſich für Verwandte des jungen Indiers ausgaben, ihn zu ſehen verlangt und, erſchreckt über feinen gefährlichen Zuſtand von Schläfrigkeit, ihn in ihren Wagen hatten bringen laſſen, um ihn mit ſich nach Haus zu nehmen und bet ſich zu verpflegen. „Es iſt zu bedauern,“ ſagte der Notar, „daß auch diefer Erbe ſich nicht eingeſtellt bat Leider iſt er jetzt ſeiner Rechte auf die unermeßliche Erbſchaft, von der es ſich bandelt, verluſtig.“ „So? es handelt ſich von einer unermeßlichen Erbſchaft?“ ſagte Faringbes und ſah den Pater Rodin ſcharf an. Ro⸗ din wandte klüglich das Geſicht ab. „ —— — — —— — —— — — — 5 In dieſem Augenblick trat die zweite Perſon ein, von der wir geſprochen haben. Es war der Vater des Marſchalls Simon, ein großer bejahrter Mann, noch rüſtig für ſein 6 Alter. Seine Haare waren weiß und kurz geſchoren. Sein leicht geröthetes Geſicht trug das Gepräge der Klugheit, der Sanftmuth und der Kraft. Agricola eilte ihm entgegen und rief: „Sie ſind hier, Herr Simon?“ „Ja, lieber Junge,“ antwortete der Vater des Marſchalls. „Eben komme ich von der Reiſe zurück. Herr Hardy ſollte ⸗ ſich wegen einer Erbſchaftsangelegenheit, wie er meint, hier einfinden, aber da er noch einige Zeit von Paris abweſend bleibt, hat er mich beauftragt — —“ „Auch er iſt Erbe?“ unterbrach Agricola den alten Werk⸗ führer. „Ei, warum ſiehſt Du denn ſo blaß und verſtört aus?“ fragte der Vater des Marſchalls und ſah ſich verwundert um. „Wovon handelt ſich's denn hier?“ „Wovon ſich's handelt?“ rief Dagobert, zu Simon tretend, „Von Ihren Enkelinnen, die eben beraubt worden ſind. Und um Zeuge dieſer Niederträchtigkeit zu ſeyn, habe ich ſie aus Sibirien hierher geführt.“ „Sie?“ fragte der alte Handwerker, indem er die Geſichts⸗ züge des Soldaten prüfte. „Wer ſind Sie denn?“ „Dagobert.“ „Sie? Sie, der meinem Sohn eine ſo edelmüthige Treue bewieſen hat?“ rief der Vater des Marſchalls und drückte dem alten Soldaten herzlich die Hand. „Haben Sie nicht von der Tochter Simon's geſprochen?“ „Von ſeinen Töchtern,“ antwortete Dagobert. „Er iſt glücklicher, als er glaubt. Die armen Kinder ſind Zwil⸗ linge.“ Aund wo ſind ſie?“ fragte der Greis. „Im Kloſter.“ 4 „Im Kloſter?“ „Ja, durch die Schurkerei dieſes Menſchen, welcher ſie, in⸗ — er ſie dort zurückhält, ihrer Erbſchaſt verluſtig gemacht at 7 „Welches Menſchen?“ „Des Marquis von 4 — — 254 — „Des Todfeindes meines Sohnes?“ rief der alte Hand⸗ werker, einen Blick des Abſcheus auf Aigrihny werfend, der ſeine Keckheit nicht verleugnete. „Das iſt noch nicht Alles,“ nahm Agricola das Wort. „Mein braver Brodherr iſt leider ebenfalls ſeiner Rechte auf dieſe unermeßliche Erbſchaft verluſtig.“ „Was ſagſt Du?“ rief der Vater des Marſchalls. „Das hat Herr Hardy nicht gewußt, daß es ſich um eine ſo wich⸗ tige Sache handelte. Er iſt eilig abgereiſt zu einem ſeiner Freunde, der ſeiner bedurfte.“ Bei jeder dieſer aufeinander folgenden Offenbarungen ſtei⸗ gerte ſich die Verzweiflung Samuel's. Aber er konnte nichts anders thun als ſeufzen, denn leider war der Wille des Erb⸗ laſſers unzweideutig. Der Pater Aigrigny, voll Ungeduld, dieſem Auftritt, wel⸗ cher ihn trotz ſeiner ſcheinbaren Ruhe in ſchreckliche Verlegen⸗ heit ſetzte, ein Ende zu machen, ſagte in ernſtem Ton zu dem Notar: „Herr Notar, die Sache muß nun zum Schluß kom⸗ men. Wenn die Verleumdung mich treffen könnte, würde ich ſiegreich auf das zu antworten wiſſen, was hier vorgebracht wird. Warum wird ſo gehäſſigen Planen die Abweſenheit der Erben zugeſchrieben, in deren Namen dieſer Soldat und ſein Sohnunter Schmähungen Einſpruchthun? Warum ſollte ihre Abweſenheit ſich nicht eben ſo leicht erklären, wie die des jungen Indiers, und die des Herrn Hardy, der, wie ſein Ver⸗ trauter ſagt, nicht wußte, welch wichtige Angelegenheit ihn hieher rief? Iſt es nicht wahrſcheinlicher, daß die Töchter des Herrn Marſchalls Simon und das Fräulein von Cardoville aus ſehr natürlichen Gründen ſich hier nicht haben einſtellen können? Nochmals — das Ding dauert zu lang. — Ich glaube, der Herr Notar wird meiner Meinung ſeyn, daß das Offenbaren neuer Erben ſchlechterdings nichts an der Frage ändert, die ich vorhin zu ſtellen die Ehre hatte, nämlich, ob ich als Bevollmächtigter der Armen, als welchem der Herr Abbé Gabriel Alles, was er beſeſſen, geſchenkt hat, trotz den nachträglichen, ungültigen Einreden, alleiniger Beſitzer dieſer Güter bleibe, welche ich mich verpflichtet habe und nochmals verpflichte, zur Ehre Gottes anzuwenden. Antworten Sie —— — ————————— — 255 bündig, Herr Notar, und machen Sie damit einem für Alle peinlichen Auftritt ein Ende.“ Der Notar erwiederte in feierlichem Ton: „Als getrener, unparteiiſcher Vollſtrecker des letzten Willens des Herrn Ma⸗ rius von Rennepont, erkläre ich auf Pflicht und Gewiſſen im Namen des Rechts und Geſetzes, daß durch die Schen⸗ kung des Herrn Abbé Gabriel von Rennepont Sie, Herr Abbé von Aigrigny, alleiniger Eigenthümer dieſer Güter ſind, in deren Beſiß ich Sie hiermit ſetze, auf daß Sie darüber nach den Wünſchen des Schenkers verfügen.“ . Dieſe mit Ueberzeugung und Würde geſprochenen Worte, zerſtreuten die letzten Hoffnungen, welche die Vertheidiger der Erben noch hätten hegen können Samuel ward noch blei⸗ cher, als er gewöhnlich war. Krampfhaft drückte er die Hand ſeiner Frau. Große Thränen rollten über die Wangen der beiden alten Leute. Dagobert und Agricola waren in düſtere Niedergeſchlagenheit verſunken. Die Gründe des Notars, welcher ſagte, er könne ihren Einreden nicht mehr Gewicht beilegen, als die obrigkeitlichen Perſonen gethan hatten, — dieſe Gründe machten ſolchen Eindruck auf ſie, daß ſie nicht abſahen, worauf ſie noch hoffen könnten. Gabriel litt mehr, . als jeder andere. Er empfand die bitterſte Reue bei dem Gedanken, daß er durch ſeine Verblendung die unfreiwillige Urſache und das Werkzeug dieſer ſchändlichen Beraubung war. Der Rotar ſah nochmals in dem Käſtchen nach, wie viel die darin enthaltenen Papiere betrugen, und ſagte dann zu ₰ Aigrigny:, Herr Abbé, nehmen Sie Beſitz von Keſem Käſtchen.“ „Ach!“ rief Gabriel verzweiflungsvoll, „es iſt, als ob hier ein unerbittliches Schickſal auf allen Denen laſtete, die der Theilnahme, der Liebe, der Achtung werth ſind. — O Gott!“ fügte er, die Hände faltend, hinzu, „Deine Gerechtigkeit kann den Sieg einer ſolchen Schändlichkeit nicht zugeben!“ Es ſchien, als erhörte der Himmel dies Gebet. Kaum hatte Gabriel geendet, als eine ungewöhnliche Erſcheinung ſtattfand. Rodin hatte auf das Wort des Notars das Käſt⸗ chen aufgepackt und ſchnaufte vor Wonne. Eben wollte er mit demſelben davongehen, da öffnete ſich die Thür des Ge⸗ 3 machs, in welchem es zwölf Uhr geſchlagen hatte, und eine weibliche Geſtalt erſchien auf der Schwelle. — — Bei ihrem Anblick ſtieß Gabriel einen Schrei aus und ſtand, wie vom Donner gerührt, da. Samuel und Bathſeba fielen auf die Kniee und falteten die Hände. Sie fühlten ſich, ohne zu wiſſen warum, von neuer Hoffnung belebt. Alle übrigen Anweſenden waren von Entſetzen ergriffen. Sogar Rodin wich zwei Schritt zurück und ſtellte mit zitternder Hand das Käſtchen wieder auf den Tiſch. Daß eine Frau auf der Schwelle einer Thür ſichtbar iſt, welche ſie geöffnet hat, iſt an und für ſich etwas ganz ge⸗ wöhnlſches. Aber dieſe Frau ſchien das lebende Original des ſeit 150 Jahren in dem rothen Saal hängenden Bildes zu ſeyn. Es war derſelbe Kopfputz, daſſelbe Kleid mit den et⸗ was ſchleppenden Falten, daſſelbe Geſicht mit dem Ausdruck tiefen Schmerzes und vollſtändiger Ergebung Langſam und als ob ſie den tiefen Eindruck, welchen ihr Erſcheinen machte, nicht bemerkte, näherte ſie ſich einem der mit Zinn und Kupfer eingelegten Schränke, drückte auf eine unter einer vergoldeten Leiſte verborgenen Feder und öffnete die obere Schublade des Schranks. Aus dieſer Schublade nahm ſie ein verſiegeltes Pergament, ging damit an den Tiſch und legte es vor den Notar hin, welcher ſtumm und unbeweglich geblieben war, und es gedankenlos in die Hände nahm. Dann warf ſie Gabrieln, welcher durch ihre Gegenwart be⸗ zaubert zu 4 ſchien, einen langen, ſchwermüthigen Blick zu, und nahm ihren Weg nach der auf die Hausflur führen⸗ den, offenen Thür. Als ſie an Samuel und Bathſeba vor⸗ über kam, blieb ſie ſtehen, beugte ſich ein wenig zu den knien⸗ den, alten Leuten herab, reichte ihnen ihre Hände zum Kuß und verſchwand eben ſo langſam, wie ſie erſchienen mit einen letzten Blick auf Gabriel werfend. S Die Entfernung dieſer Frau ſchien den Zauber zu töſen, unter welchem alle Anweſenden einige Minuten lang gelegen hatten. Gabriel brach zuerſt das Schweigen, indem er mit bebender Stimme murmelte: „Sie iſt's! Sie iſt's! In die⸗ ſem Haus!“ „Wer denn?“ fragte Agricola, beunruhigt über die Bläße und das faſt irre Ausſehen ſeines Pflegbruders. Ohne die Aehnlichkeit der Frau mit dem Bilde neben dem Kamin be⸗ merkt zu haben, theilte er, nicht wiſſend, warum, das allge⸗ meine Entſetzen. Derſelbe Fall war bei Dagobert und Fa⸗ ringbea. „Wer iſt denn dieſe Frau?“ wiederholte Agricola, die Hand Gabriel's faſſend, welche ſich eiskalt und feucht anfühlte. „Siehe!“ antwortete Gabriel, auf die Gemälde deutend. „Sie bängen ſeit mehr als 150 Jahren da.“ Agricola, Dagobert und Faringhea ſahen hin. „Das iſt ſie! Das iſt dieſelbe Frau!“ rief Agricola. „Und dieſe Bil⸗ der hängen ſeit 150 Jahren da?“ „Was ſeh' ich?“ rief Dagobert. „Das iſt ja der Freund und Abgeſandte des Generals Simon! Ja, ja! Das iſt das Bild des Mannes, der uns roriges Jahr in Sibirien beſucht hat. Ich erkenne ihn an ſeiner traurigen und ſanften Miene und an ſeinen ſchwarzen Brauen, die in Eins zuſammen⸗ laufen.“ „Meine Augen täuſchen mich nicht,“ flüſterte Faringhea bbebend vor Schrecken. „Das iſt der Mann mit der ſchwarz⸗ geſtreiften Stirn, den wir am Ufer des Ganges erdroſſelt und begraben, und den ſpäterhin wieder einer der Söhne Bohwanie's am Thor von Bombay getroffen haben will; der verfluchte Menſch, welcher, wie mein Genoſſe in den Ruinen von Tſchandi verſichert hat, überall den Tod hinter ſich läßt! Und dies Bild hängt ſchon anderthalbhundert Jahre da?“ Gleich Dagobert und Agricola konnte der Würger die Au⸗ gen von dem Bilde nicht abwenden. „Welche geheimnißvolle Aehnlichkeit!“ dachte der Marquis. Plötzlich fiel ihm ein früherer Auftritt ein, und er fragte Gabriel: „Das iſt die Frau, welche Ihnen in Amerika das Leben gerettet hat?“ „Das iſt ſie,“ antwortete Gabriel bebend. — „Und doch hat ſie mir geſagt, ſie ginge nach dem Norden von Amerika!“ murmelte er für ſich. „Wie kommt ſie in dies Haus?“ fragte Aigrigny den alten Juden. — „Antworten Sie, Haushüter! Dies Weib hätte ſich alſo vor uns und vor Ihnen hier eingeſchlichen?“ „Ich bin zuerſt und allein hier hereingekommen, als nach 150 Jahren zum erſten Mal die Thür wieder geöffnet wurde,“ antwortete Samuel ernſthaft. IW. 17 — 258 — „Wie erklären Sie denn ihre Anweſenheit hier?“ fragte der Marquis weiter. „Ich ſuche keine Erklärung,“ antwortete der Jude. „Ich ſehe und glaube. — Und jetzt hoffe ich,“ fügte er mit einem freudigen Blick gegen Bathſeba gewandt hinzu. „Ich ſage Ihnen, Sie müſſen die Anw eſenheit dieſer Per⸗ ſon erklären,“ fuhr Aigrigny fort, der eine gewiſſe Unruhe empfand. „Wer iſt ſie? Wie kommt ſie hieher?“ „Ich weiß nichts weiter,“ autwortete Samuel, „als daß mein Vater mir oft geſagt hat, es ſeyen unterirdiſche Gänge zwiſchen dieſem Haus und entfernten Stellen dieſes Quar⸗ tiers vorhanden.“ „Nun iſt die Sache einfach erklärt!“ meinte der Pater. „Es fragt ſich nur, was dieſe Frau gewollt hat, indem ſie ſich in das Haus eingeſchlichen. Ihre auffallende Aehnlich⸗ keit mit dieſem Bild iſt ein bloßes Spiel der Natur.“ Auf dieſe Worte folgten einige Augenblicke tiefer Stille. Bei der Erſcheinung des geheimnißvollen Weibes hatte Rodin die Empfindung der Uebrigen getheilt Als er ſie aber dem Notar ein verſiegeltes Pergament übergeben ſah, bekümmerte er ſich nicht weiter um die Sonderbarkeit dieſer Erſcheinung, ſondern war lediglich von der Begierde erfüllt, das Haus mit dem für die Geſellſchaft erworbenen Schatz zu verlaſſen, denn der Anblick des ſchwarzgeſiegelten Perga⸗ ments, welches der Notar gedankenlos in der Hand hielt, erfüllte ihn mit einer gewiſſen Unruhe. Der Augenblick ſtummer Betäubung, in welche die übrigen Anweſenden ver⸗ ſunken ſchienen, dünkte ihm geeignet, ſich mit dem Käſtchen unſichtbar zu machen. Er ſtieß den Marquis mit dem Ellen⸗ bogen an, warf ihm einen bedeutungsvollen Blick zu, nahm das Käſichen unter den Arm und ſchlug den Weg nach der Thür ein. „Einen Augenblick,“ ſagte Samuel, ihm in den Weg tretend. „Ich bitte den Herrn Notar, das ihm übergebene Pergament zu unterſuchen, und dann können Sie gehen.“ „Was wollen Sie denn?“ verſetzte Rodin, indem er ver⸗ ſuchte, den Durchgang zu erzwingen. „Die Sache iſt ja endgültig zu Gunſten des Herrn von igrign entſchieden⸗ Erlauben Sie alſo — —“ — — 259 — „Ich ſage Ihnen“ erklärte der alte Jude mit lauter Stimme, „daß dies Käſtchen nicht eher hinauskommt, als bis der Herr Rotar von dem ihm übergebenen Pergament Ein⸗ ſicht genommen hat.“ Dieſe Worte Samuel's erweckten die algemeine Aufmerk⸗ ſamkeit. Rodin mußte an den Tiſch zurückkehren. Der giftige Blick, den er dem alten Juden zuwarf, machte dieſen trotz ſeiner Feſtigkeit erbeben. 5 Der Notar unterſuchte mit Aufmerkſamkeit das Pergament. 6 „Himmel! Was ſeh' ich!“ rief er. „Vortrefflich!“ Bei dieſem Ausruf wandten ſich Aller Augen nach dem Notar. Samuel rief mit gefalteten Händen: „Ol leſen Sie, leſen Sie Herr Nolar! Vielleicht hat meine Ahnung mich nicht betrogen.“ Aigrigny begann, die Beſorgniſſe Rodin's zu theilen und fragte: „Nun was iſt denn das für ein Papier?“ „Ein Codieill, welches Alles wieder in Frage ſtellt,“ ant⸗ wortete der Notar. „Was?“ rief der Marquis, wüthend auf den Notar los⸗ gehend. „Alles iſt wieder in Frage geſtelt? Mit welchem Recht?“ „Es iſt nicht möglich!“ fügte Rodin hinzu. „Wir prote⸗ ſtiren!“ „Vater! — — Gabriel!“ rief Agricola. „Hört! Es iſt nicht Alles verloren. Hörſt Du, Gabriel? Es iſt Hoffnung.“ Gabriel konnte kaum glauben, was er hörte, und fragte: „Was ſagſt Du?“ „Meine Herren!“ nahm der Notar das Wort, „ich muß Ihnen die Aufſchrift dieſes Umſchlags vorleſen. Sie verän⸗ dert, oder vielmehr ſie vertagt alle teſtamentlichen Verfü⸗ gungen.“ „Agricola fiel ſeinem Adoptivbruder um den Hals und ſagte: „Hörſt Du, Gabriel? Alles iſt aufgeſchoben! nichts iſt verloren!“ „Hören Sie zu, meine Herren,“ fuhr der Notar fort und as: „Dies iſt ein Codieill, welches aus Gründen, die man unter dieſem Unſchlag auseinandergeſetzt finden wird, die Ausführung aller Verfügungen, welche in dem von mir — 60— heut um ein Uhr Nachmittags gemachte Teſtament ent⸗ halten ſind, auf den 1. Juni 1832 verſchiebt, ohne ſie ſonſt im Geringſten zu verändern. Das Haus ſoll wie⸗ der verſchloſſen, und die Kapitaſien in den Händen des Verwalters gelaſſen werden, um am 1. Juni 1832 unter die Berechtigten vertheilt zu werden. „Villetaneuſe, anheute 13. Februar 1682 um elf Uhr Abends. Marius von Rennepont.“ „Ich gebe eine Klage wegen Fälſchung zu Protokoll gegen dies Codieill!“ ſchrie der Pater Aigrigny, grüngelb ror Wuth und Verzweiflung. „Das Weib, welches das Codicill in die Hände des Notars gelegt hat, iſt uns verdächtig! das Codicill iſt falſch!“ fügte Rodin hinzu. „Nein!“ ſagte der Notar mit Nachdruck. „Ich habe die beiden Unterſchrikten mit einander verglichen. Sie ſind ſich vollkommen einander gleich. Uebrigens gilt das, was ich vorhin in Betreff der nicht anweſenden Erben geſagt habe, auch für Sie. Sie können die Echtheit dieſes Codieills an⸗ fechten. Aber vorläufig bleibt Alles ſtillgeſtellt und wie nicht geſchehen, da die Friſt zum Schluß der Erbſchaft um dritt⸗ halb Monate verlängert iſt.“ Als der Notar dieſe letzten Worte ausgeſprochen hatte, drang das Blut unter Rodin's Nägeln hervor, und zum erſten Mal erſchienen ſeine farbloſen Lippen roth. Gabriel kniete nieder, hob die Angen gen Himmel und ſprach andachtsvoll mit gefalteten Händen: „Gott! Du haſt mich erhört. Deine Gerechtigkeit konnte nicht den Sieg des Unrechts dulden!“ „Was ſagſt Du, liebes Kind?“ fragte Dagobert, der im erſten Hoffnungstaumel den Inhalt des Eodicills nicht recht verſtanden hatte. „Alles iſt zurückgeſetzt, Vater!“ rief ihm Agricola ins Ohr. „Die Friſt, ſich hier W n, iſt auf vierthalb WMonat erſtreckt. Und jetzt, waeſe Menſchen (er deutete auf Rodin und Aigrigny) entlarot ſind, iſt nichts mehr von ihnen zu fürchten. Man wird auf ſeiner Hut ſeyn, und vie Waiſen, das Fräulein von Cardoville, mein braber Meiſter und der junge Indier werden zu ihrem Vermögen kommen.“ — 261 — Die trunkene Wonne Gabriel's, Dagobert's, Agricvla's, des alten Simon, Samuel's und Bathſeba's zu ſchildern wäre eben ſo unmöglich, wie eine Vorſtellung von der Wuth Aigrigny's und Rodin's zu geben, als ſie Samuel das Käſt⸗ chen wieder zu ſich nehmen ſahen. Faringhea allein blieb theilnahmlos, mit finſterem Blick das Bild des Mannes mit der ſchwarzgeſtreiften Stirn betrachtend. Der Notar nahm das Eodieill mit, um es in geſetzlicher Form öffnen zu laſſen, und machte im Weggehen den alten Samuel aufmerkſam, daß er wohl thun würde, den ungeheuren Werth, als deſſen Inhaber man ihn kannte, in der Bank von Frankreich nie⸗ derzulegen. Während alle die edlen Seelen, welche einige Augenblicke ſo ſchwer gelitten hatten, von Freude und Hoffnung über⸗ ſtrömten, verließen Aigrigny und Rodin, Wuth und Tod im Herzen, das Haus. Der Marquis ſtieg in ſeinen Wa⸗ gen, rief ſeinen Leuten zu: „Ins Hötel Saint Dizier!“ und ſank vernichtet auf die Kiſſen des Sitzes. Rodin nahm neben ihm Platz, betrachtete ihn mit einer Miſchung von Grimm und Verachtung und murmelte für ſich: „Der Schwachkopf! Er verzweifelt — — und doch — —“ Nach einer Viertelſtunde langte der Wagen in der Baby⸗ lonſtraße an und fuhr in den Hof des Hotels von Saint Dizier. Siebenundzwanzigſtes Kapitel. Die Erſten werden die Letzten ſeyn, und die Letzten werden die Erſten ſeyn. Während der Fahrt von dem Haus in der Franciseus⸗ ſtraße nach dem Hötel St. Dizier hatte Rodin geſchwiegen und ſich begnügt, aufmerkſam den Marquis von Aigrigny zu beobachten und zu behorchen, welcher den Schmerz und In⸗ grimm getäuſchter Hoffnung ausließ in einem langen Selbſt⸗ geſpräch, unterbrochen von Ausrufungen des Jammers und 2 Unwillens über die, in einem Augenblick die ſchönſten Aus⸗ ſichten zerſtörenden, Schläge des Schickſals. Als der Wagen des Marquis in den Hof einfuhr und vor der Säulenhalle des Hötels anhielt, konnte man hinter den Scheiben eines Fenſters, halb verborgen durch die Vorhänge, das Geſicht der Fürſtin bemerken. In ihrer verzehrenden Ungeduld war ſie herbeigeeilt, um zu ſehen, ob der Marquis angekommen wäre. Und mit Verachtung aller Schicklichkeit ſtürmte dieſe ſonſt äußerlich ſo zurückhaltende und ſo förm⸗ liche große Dame zu ihrem Gemach hinaus und eilte einige Stufen der Treppe hinab dem Pater Aigrigny entgegen, der mit niedergeſchlagener Miene hinaufging Beim Anblick ſeines erdfahlen verſtörten Geſichts blieb ſie plötzlich ſtehen und erblaßte. Sie vermuthete, Alles ſey verloren. Ein mit ihrem ehemaligen Licbhaber gewechſelter Blick ließ ihr keinen Zweifel mehr. Rodin ging demüthig hinter dem Marquis drein. Beide folgten der Fürſtin in ihr Gemach. Die Frau von St. Di⸗ zier verſchloß die Thür und fragte mit unausſprechlicher Angſt den Marquis: „Was iſt denn vorgefallen?“ Anſtatt zu antworten, heftete der E. V. ſeine vor Wuth funkelnden Augen auf die Fürſtin und ſogte mit verzerrtem Geſicht und bleichen Lippen: „Wiſſen Sie, wie hoch ſich dieſe Erbſchaft beläuft, die wir auf 40 Millionen ſchätzten?“ „Ich verſtebe,“ erwiederte die Fürſtin. „Man hat uns getänſcht. Dieſe Erbſchaft iſt gleich Null, und Ihre Arbeit war rein verloren.“ „Ja, unſere Mühe iſt rein verloren,“ antwortete zähne⸗ knirſchend der E. V. „Rein verloren!! Und es handeit ſich nicht um vierzig, ſondern um zweihundert und zwölf Mil⸗ lionen!“ „Zweihundert und zwölf Millionen?“ rief die Fürſtin, wie betäubt einen Schrit zurückweichend. „Das iſt ja un⸗ möglich!“ ch ſage Ihnen, ich habe den Betrag in einem von dem Notar inventirten Käſtchen geſehen.“ „Zweihundert und zwölf Millionen!“ wiederholte die Für⸗ ſtin niedergeſchlagen. „Das war ja eine unermeßliche, Alles bezwingende Macht! Und Sie haben verzichtet? Und Sie ₰ — 263 — haben nicht gekämpft mit allen möglichen Mitteln bis zum letzten Angenblick?“ „Frau Fürſtin, ich habe Alles gethan, was ich konnte, trotz dem Verrath Gabriel's, der eben heute Morgen erklärt hat, daß er uns verleugne und ſich von der Geſellſchaft los⸗ ſa e 7 Der Undankbare!“ rief naiver Weiſe die Fürſtin. „Die Schenkungsacte, welcher ich vorſorglich durch den No⸗ tar die vollkommen geſetzliche Form hatte geben laſſen, war ſo aut abgefaßt, daß trotz der Einſprache des wüthigen Sol⸗ daten und ſeines Sohnes, der Notar mich in Beſitz des Schatzes geſetzt hatte.“ „Zweihundert zwölf Millivnen!“ wiederholte die Fürſtin, die Hände zuſammenſchlagend. „Wahrhaftig, das iſt wie ein Traum!“ „Ja,“ antwortete mit bitterem Schmerz der Marquis, „für uns iſt dieſer Beſitz ein Traum geweſen, denn man hat ein Codicill entdeckt, welches die Vollſtreckung aller teſtament⸗ lichen Verfügungen auf vierthalb Monate weiter hinausſchiebt. Und jetzt iſt dieſe Bande von Erben eben durch unſere Vor⸗ kehrungen aufmerkſam gemacht. Sie kennen die Unermeßlich⸗ keit der Summe; ſie ſind auf ihrer Hut; Alles iſt verloren!“ „Ei, welches verwünſchte Geſchöpf hat denn dies Codieill zum Vorſchein gebracht?“ „Ein Weib!“ „Was für ein Weib?“ „Gott weiß, was für ein herumziehendes Geſchöpf. Ga⸗ briel will es ſchon in Amerika getroffen haben, wo es ihm das Leben gerettet habe.“ „Wie kam denn dies Weib dorthin? Wie kannte ſie das Daſeyn des Codieills?“ „Ich glaube, das Alles war mit einem elenden Juden ab⸗ gekartet, mit dem Hüter des Hauſes, deſſen Familie ſeit drei Menſchenaltern die Kapitalien in Händen hat. Ohne Zwei⸗ fel hatte er eine geheime Anweiſung für den Fall, daß man die Zurückhaltung von Erben vermuthete. Denn jener Ma⸗ rius von Rennepont hatte in ſeinem Teſtament vvrausgeſe⸗ hen, daß die Geſellſchaft ſeine Familie im Auge behielte. — 264 — „Aber läßt ſich kein Proceß gegen die Gültigkeit des Co⸗ dieills führen?“ „Proceß führen? — in dieſer Zeit? Proceß um ein Te⸗ ſtament? Uns ohne Gewißheit des Erfolgs tauſendfachem Geſchrei ausſetzen? Es iſt ſchon ſchlimm genug, daß das Alles ausgeſchwatzt wird. — Ol es iſt entſetzlich! Und in dem Augenblick, wo wir am Ziel waren — nach ſo viel Mühen! Eine Angelegenheit, die mit ſo viel Sorgfalt und Beharrlichkeit 150 Jahre lang verfolgt war!“ „Zweihundert und zwölf Millionen!“ ſagte die Fürſtin „Mit ſolchen Mitteln konnte der Orden ſich nicht bloß im Ausland feſtſetzen. In Frankreich, im Herzen Frankreich's hätte er ſich mit Macht feſtgeſetzt!“ „Ja!“ rief Aigrigny voll Schmerz. „Und durch die Er⸗ ziehung hätten wir uns der ganzen entſtehenden Generation bemächtigt. Es hätte eine unberechenbare politiſche Wichtig⸗ keit gehabt!“ Er ſtampfte mit dem Fuß auf den Boden und fügte hinzu: „Ich ſage Ihnen, es iſt um raſend zu werden! Eine Sache, die ſo klug, ſo geſchickt, mit ſo viel Geduld ge⸗ führt war!“ 3 „Alſo gar keine Hoffnung?“ „Die einzige iſt, daß Gabriel ſeine Schenkung nicht zu⸗ rücknimmt für ſeinen Antheil. Das wäre ſchon etwas be⸗ deutendes, denn ſein Antheil beträgt 30 Millionen.“ „Das iſt ja enorm! Das iſt ja faſt ſo viel, als Sie hoff⸗ ten! Warum verzweifeln Sie denn?“ „Weil offenbar Gabriel gegen ſeine Schenkung Proceß führen wird. So geſetzmäßig ſie auch ſeyn mag, wird er doch Mittel finden, ſie kraftlos zu machen, jetzt, wo er frei, über uns aufgeklärt und von ſeiner Adoptiofamilie umgeben iſt. Ich ſage Ihnen, Alles iſt verloren. Es bleibt uns keine Hoffnung. Ich halte es ſogar für klug, nach Rom zu ſchreiben um die Erlaubniß, Paris einige Zeit zu verlaſſen. Dieſe Stadt iſt mir verhaßt.“ — „Ja, nun ſehe ich wohl, daß keine Hoffnung mehr iſt, d Sie, lieber Freund, ſich faſt entſchließen zu fliehen.“ Der furchtbare Schlag hatte alle Spannkraft des Geiſtes in dem Marquis gebrochen. Wee vernichtet ſank er auf einen Lehnſtuhl. — 265 — Während des Geſprächs zwiſchen Aigrigny und der Fürſtin war Rodin mit ſeinem alten Hut in der Hand beſcheiden an der Thür ſtehen geblieben. Er ſchien von einem verhaltenen Zorn erfüllt zu ſeyn. Bei mehren Stellen des Geſprächs hatte ſein Leichengeſicht ſich ſchwach geröthet, und ſeine ſchlaf⸗ fen Augendeckel waren roth geworden, wie wenn in Folge eines inneren Kampfes das Blut ihm zu Kopf ſtiege. Und dann hatte ſein Geſicht wieder ſeine gewöhnliche Farbloſigkeit angenommen. Nach einigen Augenblicken des Schweigens begann der Marquis wieder in niedergeſchlagenem Ton: „JIch muß augenblicklich nach Rom ſchreiben, um dieſe Schlappe zu melden, welche eine hochwichtige Begebenheit iſt, da ſie uner⸗ meßliche Hoffnungen zerſtört.“ Und er deutete ſeinem Socius auf einen Tiſch und fagte barſch: „Schreiben Sie!“ Rodin ſtellte ſeinen Hut auf die Erde, verneigte ſich ehr⸗ erbietig und ging mit verdrehtem Hals, mit geſenktem Kopf und ſchiefer Haltung an den Tiſch. Vor dem Tiſch ſtand ein Lehnſtuhl. Er ſetzte ſich auf den Rand deſſelben, nahm Papier und Feder und erwartete ſchweigend, was ſein Vor⸗ geſetzter ihm diectiren würde. „Sie erlauben doch, Frau Fürſtin?“ fragte der Marquis. Die Fürſtin gab durch eine Gebärde der Ungeduld zu er⸗ kennen, daß dieſe Umſtände überflüſſig ſeyen. Aigriguy ver⸗ beugte ſich und dietirte mit gedämpfter und gepreßter Stimme: „Alle unſere Hoffnungen, die kürzlich faſt zur Gewiß⸗ heit geworden waren, ſind jetzt plötzlich vereitelt. Trotz aller angewandten Sorgfalt und Geſchicklichkert iſt die Rennepont'ſche Angelegenheit völlig geſcheitert Wie die Sachen jetzt ſtehen, iſt es mehr als ein Mißlingen. Es iſt eine der unglückſeligſten Begebenheiten für die Geſell⸗ ſchaft, deren Rechte auf dieſe Güter übrigens moraliſch außer Zweifel waren, da dieſelben betrügeriſcher Weiſe einer zu ihren Gunſten gemachten Confiscation entzogen ſind Ich habe wenigſtens das Bewußtſeyn, bis zum letz⸗ ten Augenblick Alles gethan zu haben, um unſere Rechte zu wahren. Aber ich wiederhole: dieſe wichtige Angele⸗ genheit muß als völlig verloren betrachtet werden, und man darf nicht mehr daran denken.“ Plötzlich ſtand Nodin auf, warf die Feder weg und ging langſam nach dem Kamin. Der Marquis hatte ihm wäh⸗ rend des Dictirens den Rücken zugekehrt. Als er ſeinen So⸗ cius aufſtehen und die Feder wegwerfen hörte, wandte er ſich um, ſah ihn betroffen an und fragte: „Ei, was machen Sie denn?“ Rodin ſetzte ſeinen Weg nach dem Kamin fort und mur⸗ melte für ſich: „Ich muß dem Ding ein Ende machen. Der Menſch treibt es zu arg!“ „Was?“ rief der Marquis erſtaunt. „Sie ſchreiben nicht mehr? Sie verlaſſen Ihren Platz?“ Und zu der Fürſtin ge⸗ wandt, welche ſein Erſtaunen theilte, fagte er mit einem ver⸗ achtenden Blick auf ſeinen Socins: „Er verliert ſden Ver⸗ ſtand.“ „Verzeihen Sie ihm,“ erwiederte die Fürſtin. „Der Kum⸗ mer über dieſe Geſchichte iſt Schuld daran.“ „Danken Sie der Frau Fürſtin, geben Sie wieder an Ih⸗ ren Platz und ſchreiben Sie weiter!“ ſagte der Marquis im Ton vornebmen Mitleids und deutete mit gebieteriſcherMiene nach dem Tiſch. Rodin blieb ganz gleichgültig gegen dieſen Befehl. Er ſtelte ſich mit dem Rücken wider das Kamin, richtete ſeine gekrümmte Geſtalt empor, ſtampfte mit ſeinen plumpen, ge⸗ ſchmierten Schuhen auf den Teppich des Saales, verſchränkte die Hände hinter ven Schößen ſeines alten, ſchmierigen Ueber⸗ rocks, und ſab mit aufgeworfenem Kopf dem Pater Aigrigny ſcharf ins Geſicht. Er ſprach dabei kein Wort. Aber die häßlichen Züge ſeines jetzt leicht gerötheten Geſichts, offen⸗ varten plötzlich ein ſolches Bewußtſeyn von Ueberlegenheit, eine ſo tiefe Verachtung gegen den Marquis, eine ſo ruhige Keckheit daß Aigrigny und die Fürftin ganz verwirrt wur⸗ den. Sie füblten, daß dieſer häßliche, ſchmutzige Menſch ihnen überlegen war. Aigrigny kannte zu gut die Gowohnheiten ſeiner Geſellſchaft, um zu glanben, daß ſein demüthiger Sekretär fähig ſey, ohne Grund, oder vielmehr ohne ausdrückliche Berechtigung plötz⸗ lich dieſe Miene von Ueberlegenheit anzunehmen. Zu ſpät begriff der Ehrwürdige Vater, daß dieſe untergeordnete Per⸗ ſon wohl zugleich ein Spion und ein wohlerfahrner Gehülfe ————— —— — 267 — ſeyn dürfte; der nach den Conſtitutionen des Ordens die Vollmacht und den Auftrag hatte, in dringenden Fällen den unfähigen Geſchäftsführer, dem er vorläufig als Aufſeher beigegeben war, zu entſetzen, und einſtweilen an ſeine Stelle zu treten. Der Ehrwürdige Vater täuſchte ſich nicht. Von General abwärts haben die Provincialen und alle Oberen der Geſellſchaft bis zu den Rectoren der Collegien herab neben ſich, oft in den ſcheinbar niedrigſten Stellen verſteckte Leute, welche vollkommen fähig ſind, in einem gegebenen Au⸗ genblicke ſie zu erſetzen, und die darum ſtets und direct mit Rom correſpondiren. Von dem Angenblicke an, wo Rodin ſich in der beſchriebe⸗ nen Weiſe hingeſtellt hatte, verwandelten ſich plötzlich die ge⸗ wöhnlich ſo ſtolzen Manieren des Marquis. Obwohl es ihm Ueberwindung koſtete, ſagte er zögernd und ehrerbietig: „Sie haben gewiß Vollmacht, mir zu befehlen, mir, der ich bisher Sie unter meinem Befehl gehabt habe?“ Statt zu antworten zog Rodin aus ſeiner ſchmierigen ver⸗ bogenen Brieftaſche ein auf zwei Seiten geſtempeltes zuſam⸗ mengelegtes Papier, auf welchem etliche lateiniſche Zeilen ſtan⸗ den, und reichte es dem Marquis hin. Aigrigny nahm es, las und drückte es ehrerbietig an ſeine Lippen. Dann gab er es ſeinem Soeins zurück und machte ihm eine tiefe Ver⸗ beugung. Als er den Kopf wieder in die Höhe hob, erſchien ſein Geſicht roth vor Verdruß und vor Scham. Trotz ſeiner Ge⸗ wöhnung an unbedingten Gehorſam und unverbrüchliche Ehr⸗ furcht vor den Geboten des Ordens empfand er einen bittern Ingrimm, ſich ſo plötzlich abgeſetzt zu ſehen. Ein beſonderer Umſtand ſteigerte noch ſeinen Verdruß. Obwohl ſeit langer Zeit das Buhlſchaftsverhältniß zwiſchen ihm und der Fürſtin aufgehört hatte, ſo blieb dieſe doch immer für ihn ein Weib; und in Gegenwart eines Weibes eine ſolche Schlappe zu er⸗ leiden, war ihm doppelt ſchmerzhaft, denn bei ſeinem Eintritt in den Orden hatte er nicht ganz den Weltmann abgelegt. Die Fürſtin, anſtatt über dieſe plötzliche Verwandlung des Oberen in einen Untergebenen und umgekehrt ſchmerzlich be⸗ rührt oder empört zu erſcheinen, betrachtete Rodin mit Theil⸗ nahme und Spannung. Als Weib, als rückſichtslos ehrgei⸗ ——— — — — 268 ziges Weib ſuchte ſie ſich an Alles anzuhängen, was Einfluß hatte, und liebte ſolche Gegenſätze. Sie fand es mit Recht merkwürdig und der Beobachtung werth, wie dieſer faſt in Lumpen gekleidete, ſchwächliche, gemein häßliche Menſch, der vor wenigen Augenblicken noch der demüthigſte Untergebene geweſen, mit ſeinem Verſtand den Pater Aigrigny überragte, der von Geburt ein großer Herr, als ſolcher durch Feinheit der Manieren ausgezeichnet und bis jetzt in ſeiner Geſellſchaft ſo angeſehen war. Von dieſem Augenblick an war in den Augen der Fürſtin nicht mehr der Marquis, ſondern Rodin die wichtige Perſon. Nachdem die erſte Empfindung der Demüthigung vorüber war, wandte der Marquis, obwohl mit blutendem Herzen, all ſeine feine Lebensart als Mann der guten Geſellſchaft an, eine verdoppelte Höflichkeit gegen den ſo plötzlich über ihn empor⸗ geſtiegenen Rodin zu beweiſen. Der Ex⸗Socius, unfähig ſolche Feinheit zu würdigen oder anzuerkennen, nahm mit ge⸗ bieteriſcher Derbheit ſeine neue Stellung ein, nicht aus Rach⸗ ſucht über erlittene Demüthigungen, ſondern im Bewußtſein ſeines Werthes, nachdem ihm ein langer Umgang mit Aigrigny offenbart hatte, wie weit dieſer unter ihm ſtand. In tiefter Ehrerbietung ſagte der Marquis: „Sie haben die Feder weg⸗ geworfen; als ich Ihnen die Benachrichtigung nach Rom die⸗ tirte. Wollten Sie die Gnade haben, mich zu belehren, worin — ich gefehlt habe?“ „Das ſollen Sie hören!“erwiederte Rodin mit ſeiner Krähen⸗ ſtimme. „Lange genug habe ich geſchwiegen, obwohl ich ſah, daß dieſe Unternehmung über Ihre Kräfte hinausging. Welche Fehler ſind dabei begangen worden! Welche Armſeligkeit der Erfindung, welche Plumpheit in den von Ihnen angewandten Mitteln hat ſich da gezeigt!“ „Ich begreife kaum — — Ihre Vorwürfe,“ antwortete Aigrigny in ſanftem Ton, wiewohl in ſeiner äußerlichen Un⸗ terwürfigkeit ein geheimer Unmuth ſich nicht verleugnete. „War der Erfolg nicht geſichert ohne jenes Codicill? Haben Sie nicht ſelber mitgewirkt — — bei dieſen Maßregeln, welche Sie jetzt tadeln?“ „Sie hatten zu befehlen, und ich hatte zu gehorchen. Und un ſtanden Sie auf dem Punkt die Sache gelingen zu ſehen, — 269 — nicht in Folge der von Ihnen angewandten Mittel, ſondern trotz dieſen Mitteln, welche das Gepräge einer empörenden ungeſchicklichkeit und Plumpheit trugen.“ „Herr Rodin, Sie ſind ſtreng,“ ſagte der Marquis. „Ich bin gerecht. Iſt das ein Wunder von Geſchicklichkeit, jemand in ein Zimmer zu ſperren und dann den Schlüſſel zwei Mal herumzudrehen? Haben Sie etwas anderes gethan? Nein! Die Töchter des Marſchalls Simon — zu Leipzig ins Gefängniß geſetzt, zu Paris ins Kloſter geſperrt. Adriana von Cardoville — eingeſperrt. Liegganznackt — ins Gefäng⸗ niß. Dſchalma — ein betäubendes Mittel. Nur ein ſinn⸗ reiches und tauſendmal mehr ſicheres Mittel, weil es mora⸗ liſch und nicht phyſiſch wirkte, iſt angewandt worden, um Herrn Hardy zu entfernen. Ihre übrigen Schritte — leugnen Sie es nicht — ſchlecht, unſicher, gefährlich. Warum? Weil ſie gewaltſam waren; und der Gewalt kann Gewalt entgegenge⸗ ſetzt werden. Das iſt dann nicht mehr ein Kampf ſchlauer, gewandter, hartnäckiger Leute, die im Finſtern ſehen, wo ſie ſtets wandeln, — es iſt ein Kampf zwiſchen Reffträgern am hellen Tage. Wir müſſen allerdings unabläſſig thätig ſeyn; aber vor allen Dingen müſſen wir uns unſichtbar machen. Sie aber finden nichts klüger, als die Aufmerkſamkeit auf uns zu ziehen durch Mittel, die jämmerlich plump und geräuſch⸗ voll ſind. Um die Sache recht geheim zu halten, nehmen Sie die Wache, den Polizeicvmmiſſär, die Gefangenwärter zu Mitſchuldigen. Das iſt ja zum Erbarmen! Nur ein glänzen⸗ der Erfolg konnte ſolche Armſeligkeiten verzeihlich machen. Und Sie haben ihn nicht erlangt. Der Marquis fühlte ſich tief gekränkt, deun die Fürſtin konnte die Bewunderung nicht verhehlen, welche die entſchie⸗ dene Sprache Rodins in ihr erweckte, und betrachtetd ihren ehemaligen Liebhaber mit einer Miene, als wollte ſie ſagen: Er hat Recht. „Herr Rodin,“ erwiederte Aigrigny auf die Vorwürfe, „Sie ſind mehr als ſtreng — in Ihrem Urtheil, und unbeſchadet der Ihnen ſchuldigen Ehrerbietung muß ich Ihnen ſagen, daß ich nicht gewöhnt bin — —“ „Es gibt wahrlich noch andere Dinge, an die Sie nicht gewöhnt ſind,“ unterbrach Rodin barſch; „aber Sie werden Sich ſchon daran gewöhnen. Sie haben Sich bisher eine falſche Vorſtelnng don Ihrem Werth gemacht. Sie haben noch den alten Sauerteig von Raufbold und Weltmenſchen in Sich, der ſtets gährt und Ihrem Kopf die ſo nöthige Kälte und Klarheit raubt. Sie ſind ein ſchöner, geputzter und ge⸗ ſchniegelter Officier geweſen, Sie ſind den Schlachten und Feſten und Luſtbarkeiten und Weibern nachgelaufen. Dieſe Dinge haben Sie halb abgenutzt. Sie werden don nun an nur noch eine untergeordnete Stelle einnehmen. Sie ſind be⸗ urtheilt. Es wird Ihnen ſtets dieſe Kraft, dieſe Gedrängt⸗ heit des Geiſtes mangeln, die Menſchen und Dinge beherrſcht. Dieſe Kraft, dieſe Gedrängtheit des Geiſtes — ich habe ſie. Wiſſen Sie warum? Weik ich, lediglich dem Dienſt unſerer Geſellſchaft geweiht, ſtets häßlich, ſchmutzig und ein reiner Junggeſell geweſen bin — ja ein reiner Junggeſell. Darin liegt meine ganze Mannheit.“ Indem Rodin dieſe Worte hochmüthiger Schamloſigkeit ausſprach, war er ſchreckenerregend. Die Fürſtin fand ihn in ſeiner Verwegenheit und Kraft faſt reizend. Der Marquis fühlte ſich mit Allgewalt beherrſcht von dieſem teufliſchen We⸗ ſen. Er machte einen letzten Verſuch der Auflehnung, indem er rief: „Man wird ſehen, was Sie ausrichten!“ „Man wird es ſehen,“ verſetzte Rodin kaltblütig. „Und wiſſen Sie, was ich ausrichten werde?“ (Rodin liebte dieſe Frageform.) „Das Werk, welches Sie ſo ſchwachherzig auf⸗ eben.“ 2 Ueberwältigt durch die Verwegenheit Rodins, fand der Marquis kein Wort der Erwiederung. Die Fürſtin rief er⸗ ſtaunt: „Was ſagen Sie?“ „Ich ſage,“ antwortete Rodin langſam, „daß ich es auf Sie verloren geben, zum glücklichen Ende zu führen.“ „Sie?“ rief Aigrigny. „Sie?“ „Ja, ich.“ „Aber unſere Manöver ſind enthüllt.“ „Gut! man muß dann geſchicktere erfinden.“ „Aber man wird ſich vor uns hüten.“ „Gut! die ſchwierigſten Erfolge ſind die ſicherſten.“ mich nehme, die Rennepont'ſche Erbſchaftsangelegenheit, welche „Was? Sie hoffen Gabriel dahin zu bringen, daß er ſeine —— Schenkung nicht zurücknimmt, die am Ende doch wohl nicht anz geſetzmäßig iſt?“ 36 212 Millionen, um tie man die Geſell⸗ ſchaft bringen will, in ihre Koffer ſchaffen. Iſt das ver⸗ — 2“ „Eben ſo verſtändlich, wie unmöglich.“ „Und ich ſage Ihnen, es iſt möglich, und es muß mög gich ſeyn; verſtehen Sie mich? Nein, Sie verſtehen mich nicht, kurzſichtiger Menſch!“ Rodin gerieth ſo ſehr in Eifer, daß ſein Leichengeſicht einige Farbe bekam. „Sie begreifen alſo nicht, daß wir jetzt keine Wahl mehr haben. Entweder wer⸗ den die 212 Millionen unſer, — und dann iſt unſer unwider⸗ ſtehlicher Einfluß in Frankreich geſichert; denn mit ſolchen Summen läßt ſich heutzutage, wo alles feil iſt, eine ganze Regierung erkaufen, und ſollte ſie zu theuer oder zu unbieg⸗ ſam ſeyn, ſo ſtürzt man ſie durch Entzündung eines Bürger⸗ kriegs, und ſtellt die Legitimität wieder her, die eben doch unſer wahres Element iſt, und die, indem ſie uns Alles ver⸗ dankt, uns Alles in die Hände liefern wird.“ „Das iſt einleuchtend,“ ſagte die Fürſtin, bewunderungs⸗ voll die Hände zuſammenſchlagend. „Wenn dagegen,“ fuhr Rodin fort, „die 212 Millionen in den Händen der Familie Rennepont bleiben, ſo iſt das unſer Verderben; denn an ihr haben wir dann einen, ſtets neue Sprößlinge treibenden, Stamm unverſöhnlicher Feinde. Haben Sie denn nicht die fluchwürdigen Winſche dieſes Rennepont in Betreff der von ihm empfohlenen Verbrüderung gehört, welche durch eine unerhörte Fügung des Schickſals ſein ver⸗ fluchtes Geſchlecht wunderbar verwirklichen kann? Denken Sie einmal an die unermeßlichen Kräfte, welche ſich um die 212 Millionen gruppiren werden. Da iſt der im Namen ſeiner Töchter handelnde Marſchall Simon, der Mann von geringer Herkunft, zum Herzog erhoben und darum nicht eit⸗ ler und ſomit des Einfluſſes auf die Maſſen ſicher; d denn der durch einen Menſchen repräſentirte Militärgeiſt und Bona⸗ partismus ſind für das Volk noch immer gleichbedeutend mit Nativnalehre und Nationalruhm. — Da iſt Franz Hardy, der liberale, unabhängige, aufgeklärte Bürger, das Muſter eines großen Fabrikanten, welcher Fortſchritt l der Handwerker will. Da iſt Gabriel, der gute Prieſter, wie ſie ſagen, der Apoſtel des reinen Evangelium, der Re⸗ präſentant der Demokratie in der Kirche gegen die kirchliche Ariſtokratie, der armen Landpfarrer gegen die reichen Biſchöfe, das heißt in ihrem Rothwälſch der Arbeiter im Weinberg des Herrn dem müßigen Despoten gegenüber, der geborene Verbreiter aller Ideen von Brüderſchaft, Befreiung und Fort⸗ ſchritt, — und zwar nicht im Namen einer revolutionären, zerſtörenden Politik, ſondern im Namen Chriſti, im Namen einer Religion der Liebe und des Friedens, wie ſie ſagen. — Da iſt ferner Adriana von Cardoville, das Muſter der Zier⸗ lichkeit, der Anmuth, der Schönheit, die Prieſterin der Sinn⸗ lichkeit, welche ſie durch Verfeinerung und Pflege vergöttern will. Ich ſage Ihnen nichts von ihrem Verſtand, von ihrer Verwegenheit; Sie kennen dieſe Eigenſchaften von ihr nur zu gu. Nichts kann uns ſo gefährlich ſeyn, wie dies Ge⸗ ſchöpf, welches durch die Geburt dem Adel, durch ſein Herz dem Volk, durch ſeine Einbildungskraft dem Kreis der Dich⸗ ter angehört. — Da iſt endlich dieſer Prinz Dſchalma, rit⸗ terlich, kühn, zu Allem bereit, weil er nichts vom eiviliſirten Leben weiß, unwandelbar im Haß wie in der Liebe, ein furchtbares Werkzeug für den, welcher ſich ſeiner zu bedienen weiß. Sogar der elende Liegganznackt, der für ſich allein gar nicht zu rechnen iſt, kann, um mich der Sprache unſerer Feinde zu bedienen, wenn er gehoben, gereinigt und durch die Beührung mit dieſen edlen mittheilenden Naturen neuge⸗ boren wird, einen bedeutenden Einfluß in jener Verbrüderung haben, als Repräſentant der geringen Handwerker. Was meinen Sie nun, wenn alle dieſe Leute, welche ſchon gegen uns erbittert ſind, weil wir ſie nach ihrer Meinung haben berauben wollen, — wenn dieſe Leute die ſchändlichen Rath⸗ ſchläge Rennepont's befolgen, (und ſie werden es ſicher thun) — 7 Meinen Sie nicht, daß dieſe Menſchen, wenn ſie alle ihre Kräfte, alle ihre Thätigkeit bei Benutzung dieſes ungeheuren Vermögens vereinigen und ſo die Macht deſſel⸗ ben hundertfach ſteigern, wenn ſie uns und unſern Grund⸗ ſätzen einen erbitterten Krieg erklären, — meinen Sie nicht, daß dieſe Leute dann die gefährlichſten Feinde werden, welche wir je gehabt haben? Ich ſage Ihnen, nie wäre dann die Geſellſchaft ernſtlicher bedroht geweſen. Und jetzt iſt es für ſie eine Frage um Leben und Tod. Es kann nicht die Rede davon ſeyn, ſich zu vertheidigen: es gilt jetzt anzugreifen, um zur Vernichtung dieſer verfluchten Familie Rennepont und zum Beſitz der Millionen zu gelangen.“ Sprachlos ſahen die Fürſtin und der Marquis ſich einan⸗ der an bei dieſem Gemälde, welches Rodin mit einer fieber⸗ haften Aufregung entwarf. Der Eindruck dieſer Aufregung war um ſo ſtärker, je ſeltner ſie war. „Ich geſtehe,“ ſagte Aigrigny, „ich habe nicht an alle gefährlichen Folgen dieſer von Herrn von Rennepont empfohlenen Verbrüderung ge⸗ dacht. In der That glaube ich, ſeine Erben werden nach dem, wie wir ſie kennen, ſich angelegen ſeyn laſſen, dieſe Utopie zu verwirklichen. Die Gefahr iſt ſehr groß, ſehr dro⸗ hend. Aber was iſt zu thun, um ſie zu beſchwören?“ „Wie, Herr von Aigrigny? Sie haben zu wirken auf eine unwiſſende, heldenmüthige, reizbare Natur, wie Dſchalma, — auf eine ſinnliche und überſpannte Natur, wie Adriana von Cardoville, auf kindliche und argloſe Naturen, wie Roſa und Blanca Simon, auf eine goffene, und ehrliche, wie Franz Hardy, — auf eine engelréine, bie Gabriel, — auf eine rohe und dumme, wie Liegganznackt, — und Sie fragen noch: Was iſt zu thun?“ „Wahrhaftig, ich verſtehe Sie nicht,“ erwiederte der Marquis. „Ich glaube es wohl!“ verſetzte Rodin mit Geringſchäz⸗ zung. Ihr bisheriges Benehmen beweiſt es. Sie haben Ihre Zuflucht zu groben, phyſiſchen Mitteln genommen, an⸗ ſtatt pfychiſch auf edle Leidenſchaften zu wirken, die, einmal vereint, ein furchtbares, unangreifbares Ganze bilden würden, die aber getheilt und geſondert, wie ſie jetzt ſind, ſich allen Ueberraſchungen, Verführungen, Verlockungen und Angriffen bloßgeſtellt finden. Begreifen Sie endlich? — Nein, noch nicht!“ fügte Rodin achſelzuckend hinzu. — „Geben Sie Acht! Stirbt man vor Verzweiflung?“ „Ja.“ „Kann die Dankbarkeit glücklicher Liebe bis zur äußerſten Grenze toller Großmuth gehen?“ „Ja.“ V. 48 n — „Gibt es nicht ſo ſchreckliche Täuſchungen, daß der Selbſtmord die Zuflucht vor einer entſetzlichen Wahrheit iſt?“ „Ja.“ „Können ſinnliche Ausſchweifungen uns in einem langſa⸗ men, wollüſtigen Hinſterben aufreiben?“ „. „Gibt es nicht im Leben ſo ſchreckliche Lagen, daß die welt⸗ lichſten, feſteſten oder gottloſeſten Gemüther, am Ende völlig zu Boden gedrückt, ſich blindlings in die Arme der Religion werfen und die größten Güter dieſer Welt für das härene Gewand, für das Gebet und die Entzückung hingeben?“ „Ja.“ „Gibt es nicht endlich tauſend Umſtände, unter welchen die Rückwirkung der Leidenſchaften die außerordentlichſten Um⸗ wandlungen wahrhaft tragiſche Löſungen im Leben des Man⸗ nes und des Weibes herbeiführt?“ „Ohne Zweifel.“ „Nun, warum fragen Sie mich denn, was zu thun iſt? Und, was würden Sie z. B. ſagen, wenn die gefährlichſten Mitglieder dieſer Familie Rennepont vor Ablauf von drei Monaten kämen, und kniefällig um Aufnahme in dieſe Geſell⸗ ſchaft bäten, vor welcher ſie jetzt einen Abſcheu haben, und von welcher Gabriel ſich heute losgeſagt hat?!“ „Eine ſolche Bekehrung iſt unmöglich!“ rief Aigrigny. „Unmöglich? Was waren Sie denn vor fünfzehn Jahren, Herr Marquis? Ein gottloſer, lüderlicher Weltmenſch. Und Sie ſind zu uns gekommen, und Ihre Güter ſind die unſri⸗ gen geworden. Wir haben Fürſten, Könige und Päpſte zahm gemacht, wir haben in unſerm Verein herrliche, geiſtige Lich⸗ ter gelöſcht, die außer uns zu hell ſchimmerten; wir haben faſt beide Welten beherrſcht; wir haben uns lebenskräftig, reich und furchtbar erhalten bis zu dieſem Tag, trotz Haß und Achtserklärungen. Und wir ſollten nicht mit einer Fami⸗ lie fertig werden, die uns ſo ſchwer bedroht, und deren, un⸗ ſerer Geſellſchaft entwendete, Güter uns ſchlechterdings nöthig ſind? Wir ſollten nicht ſo viel Geſchick haben, um dies Er⸗ gebniß zu erlangen, ohne tölpelhafte Gewaltthätigkeiten, vhne Verbrechen, die uns bloßſtellen?! Sie kennen alſo nicht die unerſchöpflichen Hülfsmittel der wechſelſeitigen oder theilweiſen — 275— Vernichtung, welche das Spiel der menſchlichen Leidenſchaften darbietet, wenn dieſe geſchickt neben und gegen einander ge⸗ ſtellt, wenn ſie entfeſſelt und überreizt werden? — und zu⸗ mal, wenn vielleicht mit Hülfe eines allmächtigen Bundesge⸗ die Heftigkeit dieſer Leidenſchaften verdoppelt werden ann. Die letzten Worte ſprach Rodin mit einem eignen Lächeln. Der Marquis und die Fürſtin empfanden eine mit Bangig⸗ keit gemiſchte Bewunderung. „Dieſer Bundesgenoſſe — — wer iſt er?“ fragte Aigrigny. Rodin achtete nicht auf die Frage und fuhr fort: „Dieſer 4 furchtbare Bundesgenoſſe kann, wenn er uns zu Hülfe kommt, wie der Blitz, Verwandlungen hervorbringen, kann die Un⸗ bändigſten zaghaft, die Gottloſeſten leichtgläubig, kann Engels⸗ ſeelen grimmig machen.“ 6 „Aber wer iſt denn dieſer mächtige, furchtbare Bundesge⸗ noſſe?“ fragte die Fürſtin, der es ganz bang wurde. „Wenn er kommt,“ fuhr Rodin, ohne zu hören, fort, „dann ſchweben die Jüngſten, die Kräftigſten in jeder Minute des Tags in eben ſo drohender Todesgefahr, wie ein Sterbender, der im Begriff iſt den Geiſt aufzugeben.“ iſt denn dieſer Bundesgenoſſe?“ fragte der Marquis entſetzt. tigerer Rodin ſein Gemälde färbte, deſto leichenhafter ward ſein Geſicht. Ohne ſich an die Frage zu kehren, fuhr er fort: „Dieſer Bundesgenoſſe kann wohl die Bevölkerun⸗ gen deeimiren, kann in dem Leichentuch, welches er nachſchleppt, eine ganze verfluchte Familie mitnehmen; aber er muß das Leben der großen unveränderlichen Förperſchaft unangetaſtet laſſen, welche der Tod ihrer Glieder nie ſchwächt, weil ihr Geiſt, der Geiſt der Geſellſchaft Jeſu, unvergänglich iſt.“ „Nun! — dieſer Bundesgenoſſe “ wiederholte der Marquis. „Alſo dieſer Bundesgenoſſe, welcher vorrückt, langſamen Schrittes vorrückt, und deſſen ſchreckliche Annäherung allgs⸗ mein verbreitete Todesahnungen melden — — „Iſt 2“ „Die Cholera.“ *) 1) Siehe die Anmerkungen am Schluß des Bandes. — 276 — Bei dieſem mit gellender Stimme hervorgeſtoßenen Wort ſchauderten und erbleichten der Marquis und die Fürſtin. Rodin's Blick war düſter und gläſern. Er ſah aus wie ein Geſpenſt. Einige Augenblicke herrſchte Grabesſtille in dem Gemach. Rodin unterbrach ſie, indem er mit gebieteriſcher Gebärde dem Marquis auf den Liſch deutend, an welchem er ſelber kurz vorher demüthig geſeſſen, im barſchen Ton ſagte: „Schreiben Sie!“ Der E. V. fuhr anfangs vor Ueberraſchung zuſammen. Schnell aber beſann er ſich, daß er aus einem Vorgeſetzten ein Untergebener geworden war, ſtand auf, verbeugte ſich vor Rodin, als er an ihm vorüberging, ſetzte ſich an den Tiſch, die Feder und ſagte, zu Rodin gewandt: „Ich bin ereit.“ Rodin dictirte und der Marquis ſchrieb Folgendes: „Durch den Unverſtand des E. V. Aigrigny iſt die An⸗ gelegenheit der Rennepont'ſchen Erbſchaft heut in eine ſchlimme Lage gekommen. Die Erbſchaft beträgt 212 Mil⸗ lionen. Trotz dieſer Schlappe glaubt man ſich förmlich anheiſchig machen zu können, die Familie Rennepont außer Stand zu ſetzen, der Geſellſchaft zu ſchaden, und beſagter Geſellſchaft die 212 Millionen wieder zu ver⸗ ſchaffen, die ihr von Rechtswegen gehören. Man ver⸗ langt nur die ausgedehnteſte Vollmacht.“ Eine Viertelſtunde nach dieſem Auftritt ging Rodin aus dem Hötel St. Dizier hinaus. Seinen alten ſchmierigen Hut, den er mit dem Ellenbogen abgewiſcht hatte, nahm er vor dem Portier ab, indem er deſſen Gruß mit einem tiefen Bück⸗ ling erwiederte. Anmerkungen. ¹) Wir ſchätzen uns glücklich, hier unſern lebhaften Dank ausſpre⸗ chen zu können gegen Herrn Gavarni, der in den prächtigen Bildern zu unſerem Werk gegenwärtig ſein ſeltenes, unerſchöpfliches Talent entfaltet. Wer ſo verdolmetſcht, der ſchafft; und wir fürchten ernſtlich, unſere Bilder möchten ſehr matt erſcheinen neben den ſeinigen, nach⸗ dem wir die wundervollen Abbildungen der Töchter des Generals Simon, Dagobert's, Rodin's, der Mayeux und Adriana's von Cardo⸗ ville geſehen haben. Eugen Sue. ²) In dem bei Paulin erſchienenen Aufſatz von J. Terſon: „Na⸗ tion albund gegen das Elend der Arbeiter, oder Erläute⸗ rung einer der Deputirtenkammer zu überreichenden Bittſchrift“ — einer Schrift, die von dem Geiſt edler Menſchen⸗ liebe eingegeben und voll praktiſcher Anſichten iſt, leſen wir folgende, leider nur zu wahre Zeilen: „Wir ſprechen nicht von den Arbeiterin⸗ „nen, welchen dieſelbe Wahl gelaſſen iſt. Was wir zu ſagen hätten, „wäre zu peinlich zu hören Wir machen bloß darauf aufmerkſam, „daß in den Zeiten, wo die Geſchäftsloſigkeit am längſten dauert, die „Sendlinge der Proſtitution ihre Proſelyten unter den ſchönſten Mäd⸗ „chen anwerben.“ * Dieſe Beſorgniß war überflüſſig. Im Conſtitutionnel vom 1. Februar 1832 lieſit man folgende vor nun faſt dreizehn Jahren geſchriebenen Worte: „Als im J. 1822 Herr von Corbiére durch einen Gewaltſtreich die glanzvolle Normalſchule vernichtete, welche in den wenigen Jahren ihres Daſeyns ſo vie e verſchiedene Talente geſchaffen oder entwickelt hat, wurde beſchloſſen, zum Erſatz das Hötel in der Poſtſtraße, wo ſie ihren Sitz gehabt, anzukaufen und der Con⸗ gregation vom Heiligen Geiſt zu ſchenken. — Der Marineminiſter gab das Geld zu dieſem Kauf her, und das Haus ward zur Ver⸗ fügung der Geſellſchaft geſtellt, welche damals über Frankreich herrſchte. Seitdem hat ſie ruhig dieſen Poſien behauptet. Der⸗ 4 ſelbe war eine Art Gaſthaus geworden, wo der Zeſuitismus die zahlreichen Affiliirten herbergte und pflegte, die aus allen Theilen des Landes kamen, um ſich beim Pater Ronſin zu ſtärken. So ſtanden die Sachen, als die Julirevolution kam, welche die Con⸗ regation aus dieſem Gelaß hinausſprengen zu müſſen ſchien. er ſollte es glauben? Es geſchah nicht. Die angewieſene Summe ward nicht ferner ausgezahlt; aber man ließ die Jeſuiten im Beſitz des Hötels in der Poſtſtraße, und heute, am 31. Januar 1832, werden die Leute vom Sacré⸗Coeur auf Koſten des Staats geherbergt, während die Normalſchule keine Räum⸗ lichkeit hat. Die reorganifirte Normalſchule befindet ſich in einem ſtinkenden engen Winkel des Collegs Louis⸗le⸗Grand.“ So las man im J. 1832 im Conſtitutionnel in Betreff des Hötels in der Poſtſtraße. Wir wiſſen nicht, welcherlei Uebereinkünfte ſeitdem zwiſchen den ehrwürdigen Vätern und der Regierung ſtattgefunden haben; aber in einem neuerlichen Zeitungsartikel über die Gliederung der Geſellſchaft Jeſu finden wir das Hötel in der Poſtſtraße wieder als einen Theil des Grundeigenthums der Congregation aufgeführt. Wir laſſen von dieſem Artikel einige Bruchſtücke folgen. „Folgendes iſt die Liſte der bekannten Güter dieſes Theils der Geſellſchaft Jeſu: Das Haus in der Poſtſtraße, welches vielleicht werth Fr Das Haus in der Soévresſtraße, geſchätzt auf 300,000 „ Ein Beſitzthum, zwei Stunden von Paris 150,000 „ Ein Haus und eine Kirche zu Bourges 100,000 „ Nötre⸗Dame⸗de⸗Lieſſe, geſchenkt im J. 1843. 60,000 „ u Saint⸗Acheul, Novizenhaus 1400,000 „ Nantes ein Haus 0000,000 „ Quimper desg 000 „ Zu Laval Haus und Kirche „1414150,000 „ Su s Zü s desg Si e Zu Straßburg desgl. .. . . 60,000 Zu Rouen desgl. . 15,000 „ Außerdem iſt der Unterricht für die Jeſuiten eine wichtige Quelle von Einkünften. Das einzige Colleg von Brugelette trägt ihnen 200,000 Fr. ein. Die zwei Provinzen von Frankreich (der Jeſuitengeneral zu Rom hat Frankreich in die Noinzen Paris und Lyon getheilt) beſitzen außerdem in Schatzſchelnen und in öſtreichiſchen Metalli⸗ ques mehr als 200,000 Franken jährlicher Einkünfte. Jedes Jahr liefert die Propaganda 40 bis 50,000; die Prediger ernten von ihren Predigten 150,000; die Almoſen für ein gutes Werk betra⸗ . gen nicht weniger. Dies gibt ſchon eine Geſammteinnahme von — 2 340,000 Franken. Zu dieſer kommt aber noch der Ertrag vom Verkauf der Werke der Geſellſchaft und der Gewinn vom Handel mit Kupferſtichen. Jede Platte kommt mit Zeichnung und Stich auf 600 Franken und kann zehntauſend Exemplare liefern, welche für Druck und Papier auf 40 Franken für jedes Tauſend kom⸗ men. Man kann dem verantwortlichen Herausgeber 250 Fran⸗ ken bezahlen, und es bleibt doch noch von jedem Tauſend 210 Franken Reinertrag. Heißt das nicht gute Geſchäfte machen? Man kann ſich denken, wie reißend der Abſatz iſt. Die Väter ſind ſelber die Handlungsreiſenden des Hauſes. Eifrigere und beharrlichere wären ſchwer zu finden. Auch kennen ſie nicht die Unannehmlichkeit der Zurückweiſung. Natürlich iſt der Heraus⸗ geber einer von ihren Leuten. Der Erſte, dem ſie dieſe Rolle zutheilten, war der Socjus des Procurator N. V. J. ... Dieſer Socius hatte einiges Vermögen; indeß für die Beſtreitung der erſten Einrichtung mußten ſie ihm Vorſchüſſe machen. Als ſie das Gedeihen dieſer Induſtrie ſahen, forderten ſie plötzlich ihre Vor⸗ ſchüſſe zurück. Der Herausgeber war nicht in der Lage zu zahlen. Sie wußten es. Aber ſie hatten ihm einen reichen Nachfolger zu geben, von dem ſie vortheilhaftere Bedingungen erlangen konnten, und ſie richteten unbarmherzig ihren Socius zu Grund, indem ſie dtſlann zerſtörten, deren Dauer ſie ihm moraliſch verbürgt hatten.“ *) Ludwig XlV., der große König, beſtrafte mit Galeeren auf Le⸗ benszeit die Proteſtanten, welche nach ihrer (oft erzwungenen) Bekeh⸗ rung zu ihrem erſten Glauben zurückkehrten. Die Proteſtanten, welche trotz der Strenge der Edikte in Frankreich blieben, wurden des Be⸗ gräbniſſes beraubt, ihre Leichen auf einer Schleife hinausgefahren und den Hunden überliefert. 5) Wir erinnern den Leſer, daß die Lehre vom unbedingten leiden⸗ den Gehorſam, der Haupthebel der Geſellſchaft Jeſu, in dieſen Wor⸗ ten des ſterbenden Loyola zuſammengefaßt iſt: Jedes Mitglied des Ordens ſey in den Händen ſeiner Oberen wie ein Leichnam. 5) Dieſe Verbindlichkeit zum Spioniren und dieſe abſcheulichen Anreizungen zur Angeberei ſind die Grundlage der Erziehung, welche die Ehrwürdigen Väter geben. *) Alles dies iſt buchſtäblich aus den Conſtitutionen der Je⸗ ſuiten gezogen. Man vergleiche Fxamen général. J. 29. Paulin 1843. ³) Dieſe Anordnung in den ZJeſuitencollegien iſt ſo ſtreng, daß wenn drei Zöglinge zuſammen ſpazieren gehen, und einer derſelben ſich einen Augenblick von den zwei andern trennt, dieſe Zwei bis zur Rückkehr des Dritten ſich ſo weit von einander entfernen müſſen, daß Keiner den Andern hören kann. ₰ ₰ — 280 — 9) Die Statuten des Ordens (welche keine vor Gericht gültigen Geſetze ſind) beſagen ausdrücklich, daß die Geſellſchaft die ihr unnütz oder gefährlich ſcheinenden Mitglieder ausſtoßen kann. Aber einem MWitglied iſt es nicht verſtattet, die Bande, welche es an die Geſell⸗ ſchaft knüpfen, zu zerreißen, wenn dieſe es vortheilhaft findet, das Mitglied zu behalten. 10) Dieſer Ausdruck befindet ſich in den Conftitutionen, wo es heißt, man ſolle dieſen entſcheidenden Augenblick der Prüfung abwarten und dann raſch die Ablegung der Gelübde folgen laſſen. 1¹) Die Achtung vor den Leſern verhindert uns auch nur in latei⸗ niſcher Sprache eine Vorſtellung von dieſem ſchändlichen Buch zu ge⸗ ben. Herr Genin in ſeinem freimüthigen, trefflichen Werk: Ueber die Jeſuiten und über die Univerſität, ſagt Folgendes davon: „Beim Beginn dieſes Kapitels befinde ich mich in großer Ver⸗ legenheit. Ich ſoll Nachricht von einem Buch geben, das zu über⸗ ſetzen unmöglich, das wörtlich zu citiren ſchwer iſt, denn dies La⸗ tein ſpricht dem Anſtand mit allzugroßer Frechheit Hohn. Jeden⸗ falls nehme ich die Nachſicht des Leſers in Anſpruch, und ver⸗ ſpreche ihm dafür, ihm möglichſt viele Obſcenitäten zu erſparen.“ Später kommt Herr Genin auf die im Compendium geſtellten Fra⸗ gen und ruft mit edlem Unwillen: „Was werden demnach im Beichtſtuhl für Geſpräche zwiſchen dem Prieſter und der verheiratheten Frau geführt? — Ich ver⸗ zichte darauf, von dem Uebrigen zu reden.“ Endlich ſagt der Verfaſſer der Entdeckungen eines Bücher⸗ freundes, nachdem er eine Menge Stellen dieſes abſcheulichen Ka⸗ techismus citirt hat: „Die Feder verſagt mir, dieſe Enchelopädie aller Schändlich⸗ keiten weiter auszuſchreiben. Ich bedaure und erſchrecke faſt, daß ich ſo weit gegangen bin. Vergebens ſage ich mir, daß ich bloß abgeſchrieben habe; es bleibt immer das Entſetzen, welches man nach Berührung von Gift empfindet. Indeß dies Entſetzen beru⸗ higt mich. Nach der bewunderungswürdigen Fügung Goites iſt in der Kirche Chriſti, je größer das Uebel eines Irrthums, deſto ſchneller und wirkſamer das Heilmittel. Die Heiligkeit der Sit⸗ tenlehre kann nicht in Gefahr ſehn, ohne daß die Wahrheit ihre Stimme erhebe und ſich Gehör verſchaffe.“ 12) In dieſer Behauptung liegt nichts gewagtes, wie aus folgenden Stellen des Auszugs aus dem Compendium zum Gebrauch der Se⸗ minarien zu erſehen iſt. Dieſer Auszug iſt 1843 zu Straßburg er⸗ ſchienen unter dem Witel: Découverie d'un Bibliophile (Entdeckung eines Bücherfreundes). Man wird daraus ſehen, daß Gabriel wohl Grund hatte, über die Lehre der EE. WV. zu erſchrocken. . —————— — —— — 281 — Meineid. Frage: Wozu iſt ein Menſch verbunden, der trügeriſcher Weiſe einen Eid geleiſtet hat, um zu täuſchen? — Antwort: Kraft der Re⸗ ligion iſt er zu nichts verbunden, weil er keinen wahren Eid geleiſtet hat. Aber durch die Gerechtigkeit iſt er verbunden, das zu was er trügeriſcher Weiſe und um zu täuſchen, geſchwo⸗ ren hat. Nothzucht. Wer durch Gewalt, Drohung, Hinterliſt oder zudringliche Bitten eine Jungfrau zu Fall gebracht hat, ohne ihr die Ehe zu verſprechen, iſt gehalten, das Mädchen und ſeine Eltern zu entſchädigen für alle ihnen daraus erwachſenen Nachtheile, indem er ſie ausſtaltet, damit ſie Gelegenheit finde, ſich zu verheirathen, oder indem er ſelber ſie heirathet, wenn er ſie nicht anders entſchädigen kann. Wenn jedoch ſein Verbrechen ganz geheim geblieben iſt, ſo iſt es wahr⸗ ſcheinlicher, daß vor ſeinem Gewiſſen der Verführer zu keiner Ent⸗ ſchädigung verbunden iſt. Ehebruch. 3 Wenn Jemand ſträflichen Umgang hat mit einer verheiratheten Frau, nicht, weil ſie verheirathet iſt, ſondern, weil ſie ſchön iſt, und demnach den Umſtand der Ehe gar nicht ins Auge faßt, ſo ſtellt dieſer Umgang nach mehren Schriftſtellern nicht die Sünde des Ehebruchs, ſondern einfacher Unkeuſchheit her. Selbſtmord. Der Arzt verordnet einem gefährlich kranken Karthäuſer den Ge⸗ nuß von Fleiſch, als nothwendiges Wittel, um einen gewiſ⸗ ſen Tod zu verhüten. Hat der Karthäuſer zu gehorchen? Ant⸗ wort; Die Frage iſt ſtrittig. Indeß eine verneinende Antwort dünkt uns wahrſcheinlicher, und ſie iſt auch bei den Theologen die ge⸗ wöhnlichere. Diebſtahl. Der Diebſtahl iſt entſchuldigt, wenn er einen heimlichen Er⸗ ſatz bildet, indem der Gläubiger heimlich von den Gütern ſeines Schuldners ſo viel entwendet, als dieſer ihm ſchuldet. Todtſchlag. Es iſt gewiß, daß es erlaubt iſt, einen Dieb zu tödten, um Güter zu erhalten, die zum Leben nothwendig ſind, weil in dieſem Fall der Dieb ſich nicht bloß am Gut, ſondern mittelbar auch am Leben des Beſitzers vergreift. Aber es iſt zweifelhaft, ob es erlaubt iſt, den zu tödten, welcher ſich widerrechtlich an bedeutenden, obwohl nicht zum nhin Gütern vergreift, wenn dieſe Güter anders nicht ver⸗ theidigt wer können. Indeß die bejahende Entſcheidung hat mehr für ſich, weil die Nächſtenliebe nicht erfordert, daß jemand einen merklichen Verluſt an ſeinem Vermögen erleide, um das Leben des Nächſten zu erhalten. Was den Königsmord betrifft, ſo iſt Sanchez nachzuleſen u. ſ. w 13) Uebertreibung! — denkt mancher Leſer. Thatſache iſt, daß ein zweiter Dr. Baleinier zu Wien im J. 1832 ein dickes Buch geſchrie⸗ ben hat, um die Menſchheit durch Cholerafurcht in den Jeſuitenſack zu treiben. Das merkwürdige Opus führt den Titel Cholerina. Anm. des Ueberſ. Ende ves vierten Bandes. 6 2 578 S 1ð venae