Leihbibliothek deutſcher, engliſcher und franzöſiſcher Literatur von , Ednard Oikmann in Gießen, Schloßgaſſe Lit. A. Nr. 256. cLeih- und eſebedingungen. 1. Oflensein der Bibliothek. Die Bibliothek ſteht zur Em⸗ pfangnahme und Rückgabe der Bücher jeden Tag von Morgens 7 Uhr bis Abends 8 Uhr offen. 2. Lesepreis. Bei Rückgabe eines geliehenen Buches wird von jedem Tag 5 Pf bezahlt. Die Zeit eines Tages iſt zu 24 Stun⸗ den angenummen. 3. Jaution. Unbekannte Perſonen müſſen, bei Entgegennahme eines Buches, eine dem Werthe deſſelben entſprechende Summe hinterlegen, welche bei deſſen Zurückgabe von mir zurückerſtattet ir „ 1 Abonnement. Daſſelbe muß voraus bezahlt werden und eträgt: für zbchentlich 2 Bücher: 4 Bücher: 6 Bücher: —— —— —— auf 1 Monat: 1 Mk. — Pf. 1 Mk. 50 Pf. 2 Mk. — Pf. 5. Auswärtige Abonnenten haben für Hin⸗ und Zurückſendung der Bücher auf ihre eigenen Koſten und Gefahr ſelbſt zu ſorgen. 66. Schadenersatz. 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Die Zierlichkeit und Pracht im Gartenpavillon ſtanden in ſonderbarem Gegenſatz zu dem düſteren Innern des Hötels, deſſen erſtes Stockwerk die Fürſtin bewohnte. Das Erdge⸗ ſchoß war nur zu Feſtlichkeiten geeignet, und ſeit langer Zeit hatte die Frau von St. Dizier ſolchem irdiſchen Glanz ent⸗ ſagt. Die ernſten Mienen ihrer durchgängig bejahrten und ſchwarz gekleideten Diener, das tiefe Schweigen, welches in ihrer Wohnung herrſchte, wo man ſo zu ſagen nur leiſe ſprach, die faſt mönchiſche Regelmäßigkeit, auf welche man in dieſem weitläufigen Hauſe ieß, verliehen der Umgebung der Fürſtin ein düſteres ſtrenges Gepräge. S Ein angeſehener Mann, der großen Muth mit ſelte Unabhängigkeit des Geiſtes verband, ſagte von der von St. Dizier, (welcher Adriana von Cardoville Schlacht liefern wollte): „Um nicht die Frau von St. ur Feindin zu bekommen, habe ich, der ich weder alb⸗ — 2 — 2 und Feigheit begangen.“ Und dieſer Mann ſprach aufrichtig. Aker die Fürſtin hatte nicht mit einem Mal dieſe Wichtig⸗ keit erlangt. Wir müſſen ein paar Worte ſagen, um ver⸗ 4 ſchiedene Abſchnitte des Lebens dieſes gefährlichen, unver⸗ t ſöhnlichen Weibes ins Licht zu ſetzen, welches durch ſeine Affi⸗ liation mit dem Orden eine geheime furchtbare Macht er⸗ 6 langt hatte. Denn es gibt noch etwas bedrohlicheres als ein 3 Jeſuit, und das iſt eine Jeſuitin. Wer in gewiſſen Sphä⸗ ren iet hat, der weiß, daß es leider viele ſolcher weibli⸗ en ffiliirten von mehr oder minder kurzem Kleid gibt *). Die Frau von St. Dizier war einſt ſehr ſchön und in den letzten Jahren des Kaiſerreichs, ſo wie in den erſten der Reſtauration eine er gefeiertſten Frauen zu Paris geweſen. Mit ihrem unru⸗ higen, iicen, herriſchen Sinn, mit kaltem Herzen und glühender Einbildungskraft war ſie eine Buhlſchweſter geweſen, nicht auf Antrieb des Herzens, ſondern aus Liebe zu heim⸗ lichem, liſtigem Getreibe, welches ſie liebte, wie Männer das Spiel lieben, weil es das Gemüth aufregt. Die Verblendung oder Sorgloſigkeit ihres Gemahls, des Fürſten von St. Di⸗ zier (älteren Bruders des Grafen von Rennepont, Herzogs von Cardoville) war ſo groß geweſen, daß derſelbe in ſeinem Leben kein Wort fallen ließ, welches die Meinung begründen konnte, daß er die Abenteuer ſeiner Frau vermuthete. Da ſie demnach wohl nicht Schwierigkeiten genug bei ihren — überhaupt unter dem Kaiſerreich ſo Feichteb — Buhlſchaften fand, glaubte die Fürſtin, ohne der Gglanterie zu entſagen, derſelben einen ſchärferen Reiz geben zu können, wenn ſie dieſelbe mit einigen politiſchen Ränken verſetzte. feig bin, zum erſten Mal in meinem Leben eine Albernheit — Sich an Napolevn wagen, eine Mine unter den Füßen des Koloſſes graben, das verſprach doch wohl Gemüthsaufregungen, welche den begehrlichſten Sinn befriedigen konnten. Eine Zeitlang ging alles vortrefflich. Hübſch und geiſtreich, gewandt und falſch, treulos und verführeriſch, umgeben von Anbetern, die ſie toll machte, während ſie eine Art entſetzlicher Coquetterie varein ſetzte, ſie ihren Kopf in Complotten aufs Spiel Befanntlich heißen die Laienbrüder des Ordens Jeſuiten in fur⸗ zem Kleid. „ — — ſetzen zu laſſen, hoffte die Fürſtin, die Fronde wieder ins Leben zu rufen, und knüpfte einen lebhaften geheimen Brief⸗ wechſel an mit einigen einflußreichen Perſonen im Ausland, deren Haß gegen den Kaiſer und gegen Frankreich bekannt war. Daher ſchrieben ſich ihre erſten Verbindungen mit dem Marquis von Aigrigny, der damals Oberſt in ruſſiſchen Dien⸗ ſten und Adjutant des Generals Moreau war. Aber eines Tags ward das ganze ſchöne Getreibe entdeckt. Mehre Rit⸗ ter der Dame von St. Dizier wurden nach Vincennes ge⸗ ſchickt, und in Betreff der Fürſtin, gegen welche er furchtbare Strenge hätte walten laſſen können, begnügte ſich der Kaiſer, ſie auf eins ihrer Landgüter bei Dünkirchen zu verbannen. Bei der Reſtauration wurden der Fürſtin die Verfolgun⸗ gen, welche ſie für die gute Sache erduldet hatte, in Rech⸗ nung gebracht, und ſie erlangte ſogar einen großen Einfluß trotz ihren leichten Sitten. Der Marquis von Aigrigny hatte in Frankreich Dienſte genommen und war entſchloſſen, dort zu bleiben. Er war einnehmend und ebenfalls in der feinen Welt gefeiert. Er hatte mit der Fürſtin correſpondirt und 4 conſpirirt, ohne ſie zu kennen; dies führte natürlich zu per⸗ ſönlicher, vertraulicher Bekanntſchaft. Schrankenloſe Selbſtſucht, Luſt an rauſchenden Vergnügungen, große Bedürfniſſe des Haſſes, des Hochmuths und der Herrſchſucht, eine Art bösar⸗ tiger Sympathie, deren Gewalt ſchlechte Naturen einander nähert, ohne ſie zu verſchmelzen, machten aus der Fürſtin und dem Marquis mehr zwei Mitſchuldige, als ein Liebespaar. Dieſe Verbindung, gegründet auf ſelbſtſüchtige, bittere Gefühle, auf die Unterſtützung, welche zwei Seelen von dieſem gefähr⸗ lichen Schlag ſich einander gewähren konnten wider eine Welt, in der ſie ſich durch Ränkeſucht, Buhlſchaften und An⸗ ſchwärzung viele Feinde gemacht hatten, — dieſe Verbindung dauerte bis zu dem Augenblick, wo der Marquis nach ſeinem Zweikampf mit dem General Simon ins Seminar trat, ohne daß man die Urſache dieſes plötzlichen Entſchluſſes erfuhr. Die Fürſtin fand noch nicht, daß die Stunde der Bekehrung für ſie geſchlagen habe, und fuhr fort, ſich im Wirbel des Weltlebens herumzutreiben und zwar mit einer eiferſüchti menſchenhaſſenden Hitze; denn ſie ſah, daß ihre letzt Jahre zu Ende gingen. — 4 — 5 Aus folgender Thatſache mag man die Sinnesart dieſes Weibes beurtheilen. Noch ſehr einnehmend, wollte ſie ihr Weltleben mit einem letzten glänzenden Triumph beſchließen, gleichwie eine große Schauſpielerin ſich zu rechter Zeit von der Bühne zurückzu⸗ ziehen weiß, um Bedauern zu hinterlaſſen. Entſchloſſen, ihrer Eitelkeit dieſen letzten Troſt zu gewähren, wählte die Fürſtin geſchickt ihre Opfer. Sie ſuchte in der feinen Welt ein jun⸗ ges Paar aus, welches ſich gegenſeitig vergötterte, und ent⸗ führte mit hinterliſtigen Kunſtgriffen den Liebhaber ſeiner Ge⸗ liebten, einem reizenden Geſchöpf von achtzehn Jahren, wel⸗ ches ihn anbetete. Nachdem dieſer glänzende Erfolg weltkun⸗ dig geworden, verließ Frau von St. Dizier die Welt im vollen Glanz ihres Abenteuers. Nach mehren langen Unter⸗ redungen mit dem Abbé Marquis von Aigrigny, der damals ein Prediger von Ruf war, reiſte ſie plötzlich von Paris ab, und brachte zwei Jahre auf ihrem Landgut bei Dünkirchen zu, wohin ſie nur eine ihrer Kammerfrauen, Frau Grivvis, mitnahm. Als die Fürſtin zurückkam, erkannte man die einſt ſo leicht⸗ ſinnige, verbuhlte, verſchwenderiſche Dame nicht wieder Die Umwandlung war vollſtändig. Das Hötel St. Dizier, vor⸗ dem der Freude, den Feſtlichkeiten, den Vergnügungen geöff⸗ net, ward ſtill und düſter. Statt der ſogenannten feinen Welt empfing die Fürſtin bei ſich bloß Frauen von berufener Fröm⸗ migkeit, und wichtige Männer, deren Namen man wegen der über⸗ triebenen Strenge ihrer religiöſen und monarchiſchen Grund⸗ ſätze oft naunte. Sie umgab ſich beſonders mit gewiſſen an⸗ geſehenen Mitgliedern der hohen Geiſtlichkeit. Eine weibliche Congregation ward unter ihre Obhut geſtellt. Sie hielt ſich einen Beichtvater, eine Kapelle, einen Almoſenier und ſelbſt einen Gewiſſensrath. Aber der letztere hatte ſeine Stelle in partibus, und ihr wahrer geiſtlicher Führer blieb der Abbé von Aigrigny. Es verſteht ſich von ſelbſt, daß die galanten Verhältniſſe beider zu einander längſt aufgehört hatten. Dieſe plötzlichen, vollſtändige, laut auspoſaunte Bekehrung erfüllte die Meiſten mit Bewunderung und Ehrfurcht. Einige ſchärfer Blickende lächelten. Ein Zug unter tauſenden wird die furchtbare Macht ſchil⸗ dern, welche die Fürſtin ſeit ihrer Affiliirung mit dem Orden erlangt — — —— — — — 53 — hatte. Dieſer Zug wird zugleich den heimtückiſchen, rachſüchtigen, unbarmherzigen Sinn dieſes Weibes ſchildern, dem Trotz zu bieten, Adriana von Cardoville unklug genug ſich entſchloſſen hat e. Unter den Leuten, welche mehr oder weniger über die Be⸗ kehrung der Frau von St. Dizier lächelten, befand ſich das junge, liebliche Paar, welches ſie vor ihrem ſchließlichen Rück⸗ tritt von der galanten Weltbühne ſo grauſamer Weiſe getrennt, und welches ſich ſeit jenem vorübergehenden Sturm mit neuer leidenſchaftlicher Liebe vereint, und ſeine Rache auf einige Witzeleien über die Bekehrung der Urheberin ihres Unglücks beſchränkt hatte. Es dauerte nicht lange, ſo traf dieſe beiden Liebenden ein entſetzlicher Schlag. Ein bis dahin blinder Gatte ward plötzlich durch anonyme Enthüllungen ſehend ge⸗ macht. Es erfolgte ein gräulicher Lärm, und die junge Frau des Erleuchteten war zu Grund gerichtet. In Betreff des Liebhabers kamen nur unbeſtimmte Gerüchte in Umlauf. Aber dieſe Gerüchte waren voll boshaft berechneter Verſchweigun⸗ gen, welche tauſendmal gehäſſiger erſchienen, als eine förm⸗ liche Anſchuldigung, welche ſich doch bekämpfen und zu nichte machen läßt. Und dieſe Gerüchte wurden mit einer Beharr⸗ lichkeit, mit einer ſo teufliſchen Geſchicklichkeit und auf ſo ver⸗ ſchiedenen Wegen verbreitet, daß allmählig von dem angeb⸗ lichen Liebhaber ſeine beſten Freunde ſich zurückzogen, weil ſie unbewußt unter den langſamen, unwiderſtehlichen Einfluß die⸗ ſes ewigen undeutlichen Geſumms kamen, welches etwa fol⸗ gendermaßen lautete: „Nun, Sie wiſſen? N. N.“ — „Nein.“ — „Schöne Sachen ſagt man von ihm!“ — „Iſt's möglich? Ei, was denn?“ — „Ich weiß es nicht. Schlimme Gerüchte, üble Nachreden.“ — „Teufel! das iſt aber arg. Das erklärt mir, warum er jetzt mehr als kalt aufnenommen wird.“ — „Ich meines Theils werd' ihn in Zukunft meiden.“ — „Und ich auch“ u. ſ. w. u. ſ. w. Die Welt iſt ſo, daß oft nicht mehr als ſolches Geſchwätz dazu gehört, um einen Menſchen zu brandmarken, dem große Erfolge viele NReider gemacht haben. So erging es dem er⸗ wähnten Mann. Während der Unglückliche ſah, wie eine Leere ſich um ihn bildete, als er gewiſſermaßen fühlte, daß ihm der Boden unter den Füßen wich, wußte er nicht, wo er den un⸗ — 5 greifbaren Feind ſuchen oder faſſen ſollte, deſſen Schläge er fühlte. Es fiel ihm nicht ein, die Fürſtin zu beargwohnen, welche er, ſeit ſeinem Abenteuer mit ihr, nicht wieder geſe⸗ hen hatte. Er wollte ſchlechterdings die Urſache des Zurück⸗ tretens und der Verachtung von Seiten ſeiner Bekannten wiſſen, und wandte ſich an einen ſeiner alten Freunde. Die⸗ ſer antwortete geringſchätzig und ausweichend. Der Berüch⸗ tigte ward hitzig und verlangte Genugthuung. Der ehemalige Freund erwiederte: „Suchen Sie ſich zwei Zeugen von mei⸗ ner und von Ihrer Bekanntſchaft und ich ſchlage mich mit Ihnen.“ Der Unglückliche fand keinen einzigen. Von Allen verlaſſen, ohne die Urſache ergründen zu können, voll Schmerz und Verzweiflung über das Unglück der Frau, die mittels ſei⸗ nes Namens zu Grund gerichtet war, verfiel er in Raſerei und brachte ſich um's Leben. Am Tage ſeines Todes ſagte Frau von St. Dizier: ein ſo ſchandbares Leben habe nothwendig ein ſolches Ende neh⸗ men müſſen. Ein Menſch, der ſo lange die göttlichen und menſchlichen Geſetze verhöhnt, habe ſein elendes Leben nicht anders beſchließen können, als mit einem letzten Verbrechen! Und die Freunde der Frau Fürſtin ſprachen dieſe Worte nach und trugen ſie mit zerknirſchter, gottſeliger, überzeugungs⸗ voller Miene von Haus zu Haus. Das war nicht Alles. Neben der Strafe fand ſich die Be⸗ lohnung. Beobachter fanden, daß die Günſtlinge der religiö⸗ ſen Coterie der Fürſtin von St. Dizier mit außerordentlicher Schnelligkeit zu hohen Stellen gelangten. Die jungen, tu⸗ gendhaften Leute, die fleißig ven Predigten beiwohnten, wurden an reiche Waiſen vom Sacré Cveur, einer klöſter⸗ lichen Erziehungsanſtalt, verheirathet, welche man in Reſerve behielt. Die armen Mädchen! Sie erfuhren zu ſpät, was es heißt, einen Betbruder zum Manne zu haben, der ihnen durch Betſchweſtern ausgewählt und aufgenöthigt war. Sie büßten oft mit bitteren Thränen die trügeriſche Vergünſtigung, in dieſe heuchleriſche, falſche Welt aufgenommen zu ſeyn, wo ſie ſich fremd und ohne Stütze fanden, und wo ſie niederge⸗ ſchmettert wurden, wenn ſie es wagten, ſich über die, ohne ihren Willen eingegangene Verbindung zu beklagen. Im Salon der Frau von St. Dizier wurden Präfeeten, —— Oberſten, Generaleinnehmer, Deputirte, Akademiker, Biſchöfe, Pairs von Frankreich gemacht. Und zum Lohn für die mäch iige Unterſtützung, die man ihnen gewährte, verlangte man nichts weiter, als daß ſie äußerlich die Frommen ſpielten, und allem, was gottlos und revolutivnär ſey, einen Krieg auf Leben und Tod ſchwüren, vornehmlich aber, daß ſie mit dem Abbé von Aigrigny über verſchiedene Gegenſtände nach ſei⸗ ner Wahl vertraulich correſpondirten, — was übrigens ein angenehmer Zeitvertreib war, denn der Abbé war der lie⸗ benswürdigſte, der geiſtreichſte und beſonders der gefäl⸗ ligſte Mann von der Welt. Bei dieſer Gelegenheit muß eine hiſtoriſche Thatſache angeführt werden, welche zu der bitteren, ſtrafenden Jronie Moliöres und Pascals noch fehlt. Im letzten Jahr der Re⸗ ſtauration befand ſich unter den Großwürdentaägern des Hofs ein Mann von feſtem unabhängigem Sinn, der, wie die gu⸗ ten Väter ſagten, nicht preticirte, d. h. nicht zum Abend⸗ mahl ging. Da er in ſeiner hohen Stellung nicht unbemerkt bleiben konnte, ſo fürchtete man, dieſe Gleichgültigkeit könnte ein ſchlimmes Beiſpiel geben. Man fertigte den Abbé Mar⸗ quis Aigrigny an ihn ab. Dieſer, welcher den achtungswerthen Charakter des Widerſpänſtigen kannte, ſah wohl, daß es ei⸗ nen trefflichen Effect machen würde, wenn er ihn, gleich⸗ viel durch welches Mittel, zum Practiciren brächte. Als geiſt⸗ reicher Mann, der wußte, mit wem er es zu thun hatte, legte der Abbé kein Gewicht auf das Dogma und auf die religiöſe Handlung an ſich und ſprach bloß von Schicklichkeit und von dem heilſamen Beiſpiel, welches ein ſolcher Entſchluß dem Publicum geben würde. „Herr Abbé,“ ſagte der Hofmann, „ich achte die Religion mehr als Sie Selber. Ich würde es für eine ſchändliche Gaukelei halten, ohne Ueberzeugung zum Abendmahl zu gehen.“ — „Gehn Sie doch, Sie ſtarrer Meiſh, Sie finſterer Alceſt!“ ſagte der Abbé Marquis mit einem feinen Lächeln. „Man wird Ihre Bedenklichkeiten mit dem Vortheil, den Sie haben ſollen, in Einklang bringen. Man wird Ihnen eine Scheincommunion veranſtalten. Denn was verlangen wir am Ende? Den Schein.“ (Eine Scheincommunion wird mit einer ungeweihten Hoſtie gehal⸗ en) Der Hoſmann wies den Antrag des Abbé Marquis £ —5 — mit Entrüſtung zurück und verlor ſeine Stelle. Dieſe That⸗ ſache war keineswegs die einzige in ihrer Art. Wehe Denen, deren Grundſätze oder deren Intereſſen mit jenen der Frau von St. Dizier und deren Freunden im Wi⸗ derſtreit waren. Früher oder ſpäter, direet oder indirect er⸗ litten ſie einen empfindlichen Schlag, der faſt nie wieder gut zu machen war. Einige wurden betroffen in ihren theuerſten Verbindungen, Andere in ihrem Ruf oder ihrem Credit, An⸗ dere endlich in ihrem Amt — und zwar ſtets durch die ſtille, ver⸗ borgene, anhaltende Wirkſamkeit einer furchtbaren, geheimniß⸗ vollen, zerſetzenden Kraft, welche unſichtbar Ruf, Vermögen und Stellungen, mochten ſie noch ſo feſt begründet ſeyn, un⸗ tergrub bis zum Augenblick, wo dieſelben zur Ueberraſchung und zum Entſetzen Aller verſanken. Hiernach wird man be⸗ greifen, daß die Fürſtin von St. Dizier unter der Reſtaura⸗ tion überaus einflußreich und furchtbar geworden war. Nach der Julirevolution hatte ſie ſich an die jüngere Linie ange⸗ ſchloſſen, und ſonderbar genug ſchrieb man ihr, ungeachtet ihrer fortdauernden Familien⸗ und Geſellſchaftsverbindungen mit einigen, der geſtürzten Königsfamilie offen ergebenen Perſonen noch viele Thätigkeit und Macht zu. Vor mehren Jahren war der Fürſt von St. Dizier kinder⸗ los geſtorben, und das bedeutende, ihm perſönlich gehörende Vermögen war an ſeinen jüngern Bruder, den Vater Adria⸗ na's von Cardoville, gefallen. Auch dieſer war jetzt ſeit an⸗ derthalb Jahren todt, und ſeine Tochter war die letzte und einzige Repräſentantin dieſes Zweigs der Familie Rennepont. Die Fürſtin von St. Dizier erwartete ihre Nichte in einem mit dunkelgrünem Damaſt ausgeſchlagenen Saal. Die mit demſelben Stoff überzogenen Möbel waren von geſchnitztem Ebenholz, desgleichen der mit frommen Werken gefüllte Bü⸗ cherſchrank. Einige heilige Gemälde, ein großer Chriſtus von Elfenbein auf einem Grund von ſchwarzem Sammt gaben vollends dieſem Saal das düſtere Ausſehen eines Trauerge⸗ machs. Die Dame ſaß an einem großen Schreibtiſch und verſiegelte mehre Briefe, denn ſie hatte eine ausgebreitete und mannigfaltige Correſpondenz. In einem Alter von fünfund⸗ vierzig Jahren ſtehend, war ſie noch immer ſchön. Die Jahre hatten ihre einſt auffsllend zierliche Taille etwas dicker gemacht, Frau Grivois, indem ſie der Fürſtin das Papier überreichte. jedoch nicht inſoweit, daß ſie ſich nicht noch vortheilhaft in ihrem ſchwarzen, am Hals hoch heraufgehenden Kleide ausge⸗ nommen hätte. Ihre einfache, mit grauen Bändern beſetzte Haube ließ glatte Haare in dicken Lagen ſehen. Beim erſten Anblick machte ihre würdevolle und anſpruchloſe Miese einen ſtarken Eindruck. Man ſuchte vergebens auf dieſem Geſicht voll Ruhe und Zerknirſchung die Spur der Stürme ihres früheren Lebens. Wenn man ſie ſo natürlich ernſt und zurück⸗ haltend ſah, konnte man ſich nicht mit dem Gedanken befreun⸗ den, daß ſie die Heldin ſo vieler Ränke und galanken Aben⸗ teuer geweſen ſey. Hörte ſie zufällig ein im geringſten leicht⸗ ſinniges Wort, ſo drückte das Geſicht dieſer Frau, welche ſich jetzt für nichts geringeres als eine Mutter der Kirche hielt, augenblicklich eine aufrichtige ſchmerzliche Ueberraſchung aus, und dieſer Ausdruck verwandelte ſich alsbald in den beleidig⸗ ten Schamgefühls und verachtenden Mitleids. Erforderlichen Falls jedoch war das Lächeln der Fürſtin immer noch voll Anmuth und ſogar voll unwiderſtehlich verführeriſcher Gut⸗ müthigkeit. Ihr großes, blaues Auge konnte gelegentlich noch liebevoll und einſchmeichelnd werden. Aber wenn man es wagte, ihren Hochmuth zu verletzen, ihrem Willen in den Weg zu treten oder ihren Intereſſen zu ſchaden, und wenn ſie ohne Gefahr ihren Unwillen offenbaren konnte, dann zeigte ihr in der Regel ſo ruhiges, ernſthaftes Geſicht eine kalte unverföhnliche Bosheit. Frau Grivvis trat in das Gemach der Fürſtin mit dem Bericht in der Hand, welchen Florine ihr erſtattet hatte über das Thun und Treiben Adriana's von Cardoville an dieſem Morgen. Dieſe Kammerfrau war ſeit zwanzig Jahren im Dienſte der Fürſtin von St. Dizier. Sie wußte Alles, was eine vertraute Kammerfrau über ihre Gebieterin wiſſen kann und muß, wenn dieſe ſehr perbuhlt geweſen iſt. War 4 es mit Willen geſchehen, daß die Fürſtin dieſe wohlunterrich⸗ tete Zeugin ihrer vielfachen jugendlichen Verirrungen behalten hatte? Das wußte Niemand zu ſagen. Augenſcheinlich aber genoß Frau Grivois bei der Fürſtin große Vorrechte, und ſie ward mehr als Geſellſchaftsdame, wie als Kammerfrau angeſehen. „Hier, Madame, ſind die Bemerkungen Florinens“, ſagte — „Ich will ſie ſogleich durchſehen“, antwortete Frau von St. Dizier. „Aber zuvor noch ein Wort. Meine Nichte kommt hieher. Während der Beſprechung, welcher ſie beiwohnt, wird jemand kommen und in meinem Namen nach Ihnen fragen. Dieſe Perſon führen Sie in den Pavillön.“ „Ganz wohl, Madame.“ „Dieſer Mann wird ein genaues Verzeichniß aufnehmen von Allem, was ſich in Adriana's Pavillon vorfindet. Sie werden dgrauf achten, daß nichts überſehen wird. Das iſt von großkr Wichtigkeit.“ „Ja, Madame. Aber wenn Georgette und Hebe ſich wider⸗ ſetzen wollen?“ „Seyn Sie außer Sorgen. Der Mann, welcher die Auf⸗ nahme vornehmen ſoll, hat eine Eigenſchaft, bei deren Erken⸗ nung die Mädchen nicht wagen werden, ſich zu widerſetzen, weder der Aufnahme des Verzeichniſſes, noch den andern Maß⸗ regeln, die er ferner zu treffen hat. Indem Sie ihn beglei⸗ ten, dürfen Sie nicht verfehlen, gewiſſe Einzelheiten hervor⸗ zuheben, welche beſtimmt ſind, die Gerüchte zu beſtätigen, welche Sie ſeit einiger Zeit verbreitet haben.“ „Seyn Sie verſichert, Madame, dieſe Gerüchte haben jetzt den Beſtand einer Wahrheit.“ „Bald alſo wird dieſe kecke, ſtolze Adriana genöthigt ſeyn, um Gnade zu bitten und zwar mich.“ Ein alter Kammerdiener öffnete die zwei Flügelthüren des Saals und meldete: „Der Herr Abbé von Aigrigny!“ „Wenn Fräulein von Cardoville kommt, ſo bitten Sie die⸗ ſelbe, einen Augenblick zu warten,“ ſagte die Fürſtin zu Frau Grivvis. „Ja“, erwiederte die Kammerfrau und entfernte ſich. Frau von St. Dizier und Herr von Aigrigny blieben allein. — — . reichte ihr die Hand und ſagte mit bewegter Stimme: „Her⸗ Zweites Kapitel. Dy a 6 Den Abbé Marquis von Aigrigny haben wir bereits in der Straße Milieu⸗des⸗Urſins kennen lernen, aus welcher er etwa drei Monate früher plötzlich nach Rom berufen worden war. Derſelbe war jetzt mit ſeiner gewöhnlichen Zierlichkeit in tiefe Trauer gekleidet. Er trug kein Prieſterkleid. Sein wohlan⸗ liegender Ueberrock und ſeine, um die Lenden, ſehr enge Weſte, hoben gut ſeine feine Taille hervor. Seine Beinkleider von ſchwar⸗ zem Kaſimir, ließen ſeinen mit gefirnißten Halbſtiefeln wohl bekleideten Fuß ſehen. Seine Tonſur verſchwand in der na⸗ türlichen Glatze, welche durch Ausfallen eines Theils der Haare ſeines Hinterkopfs entſtanden war. Nichts in ſeiner Kleidung verrieth den Prieſter, ausgenommen der vollkommene Mangel des Bartes. Sein friſch raſirtes Kinn, ruhte auf einer hohen, breiten Halsbinde, die, militäriſch geknüpft, daran erinnerte, daß dieſer berühmte Prediger, dieſer thätige und einflußreiche Ordensvorſteher unter der Reſtaurativn an der Spitze eines Huſarenregiments geſtanden, nachdem er unter den Ruſſen den Krieg gegen Frankreich mitgemacht hatte. Der Marquis war erſt an dieſem Sonntagmorgen angekom⸗ men, und hatte die Fürſtin nicht wiedergeſehen, ſeit der Zeit, wo ſeine Mutter, die verwittwete Marquiſe von Aigrigny, auf einem Landgut der Fürſtin bei Dünkirchen ſterbend, ver⸗ gebens ihren Sohn zu ſich gerufen hatte, um die Bitterkeit der letzten Augenblicke zu verſüßen. Wir wiſſen, wie er, einem plötzlich von Rom eingetroffe⸗ nen Befehl die heiligſten Gefühle der Natur opfernd, nach dieſer Stadt abgereiſ't war, nicht ohne einiges Zaudern, wel⸗ ches Rodin bemerkte und anzeigte Dies Zaudern hatte ſei⸗ nen Grund in des Abbé Liebe zu ſeiner Mutter, dem einzi⸗ gen, reinen Gefühl, welches er in ſeinem Leben ſtets gehegt. Als der Kammerdiener ſich mit Frau Grivois beſcheiden entfernt hatte, trat der Marquis raſch auf die Fürſtin zu, — minie, haben Sie mir nicht etwas in Ihren Briefen verheim⸗ licht? Hat meine Mutter mich in ihren letzten Augenblicken verflucht?“ „Nein, Friedrich,“ antwortete die Fürſtin. „Beruhigen Sie ſich. Sie hätte Ihre Gegenwart gewünſcht. Aber bald haben ihre Vorſtellungen ſich verwirrt und in ihrem Delirium wa⸗ ren Sie es noch, nach welchem ſie rief.“ „Ja!“ ſagte der Marquis bitter. „Ihr mütterliches Ge⸗ fühl ſagte ihr ohne Zweifel, daß meine Gegenwart vielleicht ihr Leben retten könnte.“ „Ich bitte Sie, entſchlagen Sie ſich dieſer Erinnerungen. Dies Unglück läßt ſich nicht ungeſchehen machen.“ — „Nochmals, wiederholen Sie mir! — iſt meine Mutter nicht höchſt ſchmerzlich durch meine Abweſenheit berührt wor⸗ den? Hat ſie nicht errathen, daß eine gebieteriſche Pflicht mich anderwärts hinrief?“ „Nein, nein! ſag' ich Ihnen. Als ihr Verſtand ſich ver⸗ wirrte, wußte ſie, daß Sie noch nicht bei ihr ſeyn könnten, weil die Zeit ſeit Abſendung ihres Briefs zu kurz geweſen war. Alle traurigen Einzelheiten, die ich Ihnen in dieſer Beziehung geſchrieben habe, ſind buchſtäblich wahr. Beruhi⸗ gen Sie ſich alſv.“ „Ja, mein Gewiſſen ſollte ruhig ſeyn. Ich habe meiner Pflicht gehorcht, indem ich meine Mutter aufopferte. Indeß mit dem beſten Willen habe ich es nicht zu der vollſtändigen Losſagung bringen können, die uns empfohlen wird in den furchtbaren Worten: „Wer nicht ſeinen Vater und ſeine Mutter und ſelbſt ſeine Seele haßt, der kann nicht mein Jünger ſeyn.“ ¹) „Allerdings, Friedrich, ſind dieſe Entſagungen ſchmerzlich. Aber, welchen Einfluß hat man auch dafür! welche Macht!“ Der Marquis ſchwieg einen Augenblick und ſagte dann: „Es iſt wahr. Was könnte man nicht opfern, um im Ver⸗ borgenen zu herrſchen über die Allmächtigen der Erde, welche ſichibar herrſchen! Die Reiſe nach Rom, von der ich ſo eben zurückkomme, hat mir einen neuen Begriff von unſerer furcht⸗ baren Macht gegeben.“ ) Siehe die Anmerkungen am Schluß des Bandes. —— — — 1 — „Ja,“ ſprach die Fürſtin, „dieſe Macht iſt groß, und um ſo furchtbarer und ſicherer, als ſie geheimnißvoll über die Gewiſſen und über die Gemüther ausgeübt wird.“ „Sehen Sie, Herminie,“ fuhr der Marquis fort „ich habe ein herrliches Regiment unter meinem Befehl gehabt. Oft habe ich den männlichen Vollgenuß des Befehlens empfunden. 6 Auf mein Wort ſetzten meine Reiter ſich in Bewegung, die 8 Trompeten ſchmetterten, meine von Goldſchnüren ſtrahlenden Ofnziere wiederholten im Galopp meine Befehle, alle dieſe wackeren, eifrigen, benarbten Soldaten gehorchten einem Wink von mir Ich fühlte mich ſtolz und ſtark, indem ich dieſe muthigen Herzen gleichſam in meiner Hand hielt und ſie be⸗ herrſchte, wie das Feuer meines Schlachtroſſes. Aber jetzt! Jetzt fühl' ich in mir, trotz unſeren böſen Tagen tauſendmal mehr Thätigkeit, dnſeheß Gewalt, Verwegenheit an der Spitze dieſer ſchwarzen und ſtümmen Miliz, welche maſchinenmäßig nach meinem Willen denkt, will, geht und gehorcht!“ „O, Sie haben Recht, Friedrich!“ bemerkte lebhaft die Für⸗ ſtin. „Man darf nur ein wenig überlegen, und man denkt 3 mit Verachtung an die Vergangenheit. Wie Sie, vergleich' ich die Vergangenheit oft mit der Gegenwart, und welche Be⸗ friedigung fühl' ich dann, daß ich Ihren Rath befolgt habe! . Ohne Sie würd' ich die erbärmliche und lächerliche Rolle = ſpielen, welche einer vordem ſchönen und umflatterten Frau ½ nach ihrem Verblühen zugetheilt iſt. ⸗ Was ſollt' ich jetzt ma⸗ chen? Ich würde mich vergebens bemühen, an mich dieſe ſeliſ⸗ ſüchtige undankbare Welt zu feſſeln, dieſe rohen Männer,“ welche ſich nur inſofern ubre Weiber kümmern, als dieſe ihren Leidenſchaften dienen oder ihrer Eitelkeit ſchmeicheln können. Oder es würde mir das Hülfsmittel bleiben, ein ſogenanntes, angenehmes Haus zu halten für Andere — Feſte zu geben, d. h. einen Haufen Gleichgültiger bei mir aufzu⸗ nehmen und Gelegenheit zum Zuſammentreffen zu geben für junge Liebespaare, welche, jeden Abend von Salon zu Salon ſich einander nachgehend, bloß darum zu einem kommen, um ſich zuſammenzufinden. Es iſt wahrlich ein dummes Vergnü⸗ gen, dieſe aufgeſchoſſene, lachende, verliebte Jugend zu beher⸗ bergen, welche den Lurus und Glanz, womit man ſie umgibt — —— — — 1 — als den nothwendigen Rahmen zu ihren Lüſten und zu ihren unverſchämten Liebeleien betrachtet.“ In dem Ausdruck dieſer Worte lag ſo viel Härte, in den Mienen der Redenden ein ſo boshafter Neid, daß das bittere Gefühl der Sehnſucht nach dem Vergangenen unverkennbar war. „Nein!“ fuhr ſie fort. „Dank Ihnen, Friedrich, hab' ich nach einem letzten glanzvollen Triumph für immer mit dieſer Welt gebrochen, die mich bald verlaſſen haben würde, mich, die ich ſo lange ihr Abgott und ihre Königin geweſen bin. Ich habe mein Königreich vertanſcht. Statt von lüder⸗ lichen Menſchen, die ich durch einen dem ihrigen überlegenen Leichtſinn beherrſchte, ſehe ich mich von bedeutenden, gefürch⸗ teten, mächtigen Perſonen umgeben, von denen mehre das Reich regiert haben. Ich habe mich ihnen ergeben, wie ſie ſich mir. Seitdem erſt ſchmecke ich das Glück, von dem ich ſtets geträumt hatte. Ich habe großen Einfluß in den wich⸗ tigſten Welthändeln gehabt, ich bin in die folgeſchwerſten Ge⸗ heimniſſe eingeweiht geweſen, ich habe ſicher Den treffen kön⸗ nen, der mich verhöhnt oder gehaßt hatte, ich habe weit über ihre Hoffnungen hinaus diejenigen erheben können, welche mir dienten, mich achteten und mir gehorchten.“ „Und es gibt Narren,“ ſagte verachtungsvoll der Marquis, es gibt Blinde, die uns zu Boden geſchlagen wähnen, weil wir gegen einige böſe Tage anzukämpfen haben. Als ob un⸗ ſer Srden nicht gerade zum Kampf gegründet und eingerichtet wäre! Als ob wir nicht im Kampf neue Kraft und Thätig⸗ Skeit gewännen! Freilich ſind die Zeiten ſchlimm; aber ſie werden beſſer werden Sie wiſſen ja, es iſt faſt gewiß, daß wir in einigen Tagen, am 13. Februar, die Verfügung über ein Mittel erlangen werden, welches hinreicht, unſeren, einen Augenblick erſchütterten Einfluß wiederherzuſtellen.“ „Ja, gewiß. Die Medaillenangelegenheit iſt wichtig““ „Nur deßwegen hab' ich meine Rückkehr ſo ſehr beeilt, um bei der Begebenheit zugegen zu ſeyn, welche für uns ſo wich⸗ tig werden kann.“ „Sie haben — — die ſchlimme Fügung erfahren, welche ½ faſt wieder ſo viele mühſam entworfene Pläne zerſtört hätte.“ „Ja. Eben bei meiner Ankunft hab' ich mit Rodin ge⸗ ſprochen.“ bis zum großen Tag. Mithin ſcheint Alles nothwendig. Er iſt für uns eine Frage über Leben und Tod. Auf dem Rückweg habe ich zu Forli Halt gemacht. — 5 — „Und er hat Ihnen geſagt — —“ — „Die unbegreifliche Ankunft des zniſer und der 2ochter des Generals Simon auf dem Schloß Cardoville nach dem doppelten Schiffbruch, der ſie auf die Küſte der Pieardie ge⸗ worfen hat. Und man wähnte die Mädchen zu Leipzig und den Indier zu Java! Die Vorſichtsmaßregeln waren ſo gut g getroffen! — Wahrhaftig!“ fügte der Marquis ärgerlich hinzu, „man ſollte glauben, eine unſichtbare Macht beſchütze die Familie.“ „Glücklicher Weiſe,“ bemerkte die Fürſtin, „iſt Rodin thů⸗ tig und reich an Auskunftsmitteln. Geſtern Abend war er bei mir und hat lang mit mir geſprochen.“ „Und was Sie mit ihm ausgemacht haben, iſt vortrefflich. Der Soldat wird auf zwei Tage entfernt gehalten. Der Beichtvater ſeiner Frau iſt benachrichtigt. Das Uebrige wird ſich von ſelbſt machen. Morgen werden dieſe Mädchen „ nicht mehr zu fürchten ſeyn. Nun wäre der Indier noch⸗ übrig. Er iſt, gefährlich verwundet, auf Cardoville geblieben — Man wird alſo Zeit haben, zu hanbeln. 4 „Aber das iſt nicht Alles,“ bemerkte die Fürſtin. „Es ſind noch außer meiner Nichte zwei Perſonen, welche — ſo er⸗——— heiſcht es unſer Vortheil — am 13. Februar nicht zu Paris — ſeyn dürfen.“ „Ja,“ ſagte der Marquis, „Herr Hardy. Aber ſein üeb- ſter, vertrauteſter Freund verräth ihn. Durch ihn hat man den Fabrikanten nach Südfrankreich entfernt, und von dort kann er vor vier Wochen nicht zurückkommeu. Was den elin 2 eſen mit dem Beinamen ieg ganz⸗nackt“ betrifft — — — Oh!“ unterbrach die hni dem Ausdruck em örten —— Schamgefühls. „ „ „Dieſer Menſch kann keine Beſorgniß mehr erwecken. Ga⸗ briel endlich, auf welchem unſere unermeßliche, ſichere Hoff⸗— nung beruht, wird keine Minute aus den Augen gelaſſen wer⸗„ — Erfolg zu verſprechen. Und mehr als je iſt dieſer Er Herzog von Orbano eßrichen. Sein König iſt ſchrankenlos. Er hat dieſen ganz eingenommen. Mit ihm allein alſo iſt es möglich zu unterhandeln.“ „Nun?“ fragte die Fürſten neugierig. † „Drbano behauptet, im Stande zu ſeyn (und ich weiß, er n, iſt es)), uns ein geſetzliches, offen beſchütztes Beſtehen im Gebiet ſeines Herrn, und das Monopol der Jugenderziehung zu verſchaffen. Mit dieſen Vortheilen bedürften wir in jenem E Land nicht mehr als zwei bis drei Jahre, um ſo eingewur⸗ — zelt zu ſeyn, daß es an dem Herzog von Orbano wäre, uns um Unterſtützung und Schutz zu bitten. Jetzt iſt er noch der — Allmächtige und er macht eine Bedingung für ſeine Dienſte, — er abgeht.“ 4 „Und dieſe edingung iſt?“ „Fünf Millionen baar, und eine jährliche Zahlung von — — 100,000 Franken.“ „Das iſt viel,“ meinte die Fürſtin. Und es iſt wenig, wenn man bedenkt, daß, ſo wie wir einmal Fuß in dieſem Land gefaßt hätten, dieſe Summe bald wieder eingehen würde. Ueberdies iſt dieſelbe kaum der achte , Theil deſſen, was die Medaillenangelegenheit, glücklich gelei⸗ 3 dem Orden ſichern muß.“ S, „Ja, — faſt vierzig Millivnen,“ ſagte die Fürſtin mit nach⸗ , denklicher Miene. „Und, wie geſagt, die fünf Millionen, welche Orbano ver⸗ langt, wären bloß eine Vorlage. Sie würden uns wieder eingehen urch freiwillige Geſchenke nach Maßgabe des zuneh⸗ menden Einfluſſes, den uns die Erziehung der Kinder geben . würde. Denn durch die Kinder hätten wir die Familie. Lie⸗ ber Himmel! Daß doch die Regirenden nicht ſehen, wie wir, ₰ indem wir unſere Geſchäfte machen, zugleich die ihrigen ma⸗ . Ueberlaſſen ſie uns die Erziehung, — was wir vor len Dingen begehren — ſo ſchulen wir das Volk zu dem ſtummen, düſteren Gehorſam, zur Unterwürfigkeit des Leibeig⸗ des Thieres, welche die Ruhe der Staaten mittels der Unbeweglichkeit des Geiſtes ſichert.“ Daß ſie nicht einſe⸗ 6 hen⸗ wie der blinde, ſtarre Glaube, den wir von der Maſſe 8 fordern, ihnen als Zügel dienen muß, um die Maſſe zu lei⸗ ten und zu bändigen, während wir von den Begüterten bloß den Schein verlangen, welcher, wenn ſie nur das Bewußt⸗ ſeyn ihrer Verderbtheit hätten, ihren Lüſten einen neuen Reiz geben müßte.“ „Mag es ſeyn, wie es will, Friedrich,“ ſagte die Fürſtin; „wie Sie ſagen, ein großer Tag naht heran. Mit faſt vier⸗ zig Millionen, die der Orden durch den glücklichen Ausgang der Medaillenangelegenheit erhalten kann, iſt man gewiß im Stand, große Dinge zu verſuchen. Als ein Hebel in Ihren Händen würde dies Mittel unberechenbar weit reichen in die⸗ ſer Zeit, wo Alles verkauft und gekauft wird.“ „Und dann,“ fuhr der Marquis nachdenkend fort, „und dann muß man ſich nicht verhehlen: hier hat die Reaction ihren Fortgang. Das Beiſpiel Frankreich's iſt allwirkſam. In Oeſtreich und in Holland halten wir uns nur mit Mühe, und die Hülfsquellen des Ordens verſiegen von Tag zu Tag mehr. Es iſt dies ein kritiſcher Augenblick; aber er kann ſich verlängern. Dank dieſer unermeßlichen Hülfsquelle — der Medaillenangelegenheit — können wir nicht nur allen Zufäl⸗ ligkeiten trotzen, ſondern auch uns mit Macht feſtſetzen durch Annahme des Erbietens des Herzogs von Orbanv. Von die⸗ ſem uneinnehmbaren Mittelpunkt aus würde unſere Wirkſam⸗ keit ſich ſtrahlenförmig unberechenbar weit ausdehnen. — Ja! — Der dreizehnte Februar!“ fügte der Marquis kopf⸗ ſchüttelnd hinzu. „Der dreizehnte Februar kann für unſere acht eine eben ſo große Epoche werden, wie die des Con⸗ cilium, welches uns, ſo zu ſagen, ein neues Leben verlie⸗ hen hat.“ „Darum,“ fügte die Fürſtin hinzu, „darf auch nichts ge⸗ ſpart werden, damit wir um jeden Preis zum Ziel kommen. Von ſechs Perſonen, die Sie zu fürchten haben, ſind fünf außer Stand, Ihnen zu ſchaden, vder ſie werden es ſeyn. Es bleibt nur noch meine Nichte übrig, und Sie wiſſen, daß ich nur Ihre Ankunft abgewartet habe, um einen letzten Entſchluß zu faſſen. Alle meine Anordnungen ſind getroffen. Dieſen Morgen beginnen wir zu handeln.“ E „Hat Ihr Verdacht ſeit Ihrem letzten Brief ſich beſtärkt?“ „Ja. Ich bin überzeugt, ſie weiß mehr, als ſie merken 1 laſſen will. Und in dieſem Fall hätten wir an ihr die ge⸗ fährlichſte Feindin.“ 3 13 „Das iſt ſtets auch meine Anſicht geweſen m. ſagte der Mar⸗ quis. „Darum habe ich Sie auch vor einem halben Jahre aufgefordert, jedenfalls die Maßregeln zu nehmen, die Sie jetzt ergriffen haben, und das Fräulein zum Begehren der Mündigerklärung zu bringen, deſſen Folgen heute leicht ma⸗ chen, was außerdem unmöglich geweſen wäre.“ „Endlich,“ ſagte die Fürſtin mit dem Ausdruck boshafter Schadenfreude, „endlich wird dieſer unbändige Sinn gebrochen werden. Endlich werde ich gerächt werden für ſo vie'e freche Spöttereien, die ich einſchlucken mußte, um nicht ihren Ver⸗ vacht zu erwecken. Ich — ſo viel bis jetzt ertragen zu ha⸗ ben! Dieſe unſinnige Adriana ſchien es ſich zur Aufgabe ge⸗ macht zu haben, mich gegen ſich aufzubringen.“ „Wer Sie beleidigt, der beleidigt mich,“ bemerkte der Marquis. „Sie wiſſen, mein Haß iſt der Ihrige.“ „Und Sie ſelber, wie vft ſind Sie die Zielſcheibe ihrer Stachelworte geweſen!“ „Mein Gefühl hat mich ſelten getänſcht,“ ſagte der Mar⸗ quis trocken. „Ich bin überzeugt, dies Mädchen kann für uns ein gefährlicher Feind ſeyn — ein ſehr gefährlicher Feind.“ „Drum darf ſie nicht ferner zu fürchten ſeyn,“ ergänzte die Fürſtin, den Marquis ſcharf anſehend. „Haben Sie den Doktor Baleinier geſprochen und den Bei⸗ vormund Tripeaud?“ „Sie werden dieſen Morgen hieherkommen. Ich habe ſie von Allem benachrichtigt.“ „Haben Sie gefunden, daß ſie gehörig übel auf Adriana zu ſprechen ſind?“ „Gehörig. Das Schönſte iſt, daß Adriana nicht im Ge⸗ ringſten dem Doktor mißtraut, welcher ſtets ſich ihr Vertrauen zu erhalten gewußt hat. Uebrigens kommt uns noch ein Um⸗ ſtand zu Hülfe, der mir unbegreiflich ſcheint.“ „Was meinen Sie?“ „Dieſen Morgen iſt Frau Grivvis, meinem Befehl gemäß, nach dem Pon gegangen, um Adriana zu erinnern, daß ich ſie um Miktag wegen einer wichtigen Angelegenheit er⸗ wartete Als ſie in die Nähe des Pavillons kam, ſah ſie. oder glaubte ſie zu ſehen, daß Adriana durch die kleine Th⸗ des Gartens hereinkam.“ — . „Was?“ rief der Marquis. „Iſt's möglich? Hat man den poſitiven Beweis davon?“ „Bis jetzt haben wir keinen anderen Beweis, als die frei⸗ willige Ausſage der Frau Grivvis. Aber es fällt mir ein,“ ſagte die Fürſtin, das neben ihr liegende Papier ergreifend, — „hier iſt der Bericht, den mir jeden Tag eine der Kam⸗ merjungfern Adriana's macht.“ „Die, welche Rodin zu Ihrer Nichte gebracht' hat?“ „Eben dieſe. Und da dies Geſchöpf in vollkommener — hängigkeit von Rodin iſt, hat ſie uns bis jetzt trefflich bedient Vielleicht finden wir in dieſem Bericht die Beſtätigung deſ⸗ ſen was Frau Grivois geſehen zu haben verſichert.“ — Die Fürſtin begann den Bericht zu leſen. Kaum hatte ſie hineingeblickt, ſo rief ſie faſt mit Eutſetzen: „Was ſeh' ich! Das iſt ja ein Teufel, dieſe Adriana!“ 2 7 „Was meinen Sie?“ fragte Herr von Aigrigny geſpannt. 3 „Der Verwalter von Cardoville hat an meine Nichte ge⸗ ſchrieben, um ihre Fürſorge in Anſpruch zu nehmen, und ſie bei dieſer Gelegenheit benachrichtigt, daß der indiſche Prinz ſich auf dem Schloß befindet. — — Sie weiß, daß er mit ihr verwandt iſt — — und ſie hat ſo eben an ihren alten Zeichenlehrer Norval geſchrieben, er ſolle mit Extrapoſt hin⸗ eiſen und den Prinzen Dſchalma hieher bringen — ihn, der am jeden Preis von Paris fern gehalten werden muß!“ Der Marquis erblaßte und ſagte zur Fürſtin: „Wenn hier nicht eine neue Laune Ihrer Nichte im Spiel iſt, ſo beweiſ't die Eile, mit welcher ſie ihren Verwandten hieher ruft, daß ſie noch mehr weiß, als Sie gewagt haben zu argwohnen. Es iſt kein Zweifel, ſie iſt von der Medaillenangelegenheit unteßſtet Sie kann Alles verderben. Nehmen Sie ſich in acht!“ „Nun, dann iſt nicht zu zaudern!“ ſagte die Fürſtin ent⸗ ſchloſſen. „Wir müſſen die Sachen noch weiter treiben, als wir vorgehabt hatten. Dieſen Morgen muß Alles abgethan werden.“ „Das iſt faſt unmöglich,“ meinte Aigrigny. 8 „Der „Alles iſt möglich!“ entgegnete die Fürſtin lebhaft. octor und Tripeaud ſind für uns.“ Der Marquis überlegte und ſagte dann: „Obwoh Doctors und des Barons eben ſo ſicher bin, wi — 26 varf doch die Rede vom Handeln, heute ſchon, — denn es wird ſie anfangs erſchrecken — nicht eher ſeyn, als nach un⸗ ſerer Unterredung mit Ihrer Nichte. Trotz ihrer Schlauheit werden wir leicht ſehen, woran wir ſind. Wenn unſer Arg⸗ wohn ſich beſtätigt, wenn ſie jene für uns ſo gefährliche Kenntniß hat, dann keine Schonung und keine Zögerung. Es darf nichts verſchoben werden.“ Es trat ein Augenblick des Schweigens ein. Dann fragte die Fürſtin: „Haben Sie den bewußten Mann benachrichtigen können?“ „Er ſoll hier ſeyn — um Mittag. Er kann nicht aus⸗ bleiben.“ „Ich habe gedacht, wir befänden uns hier ganz bequem für unſer Vorhaben. Dies Gemach iſt von dem kleinen Saal nur duich einen Vorhang getrennt. Man läßt ihn herab, und Ihr Mann ſellt ſich darhinter.“ „Vortrefflich!“ ſagte der Marquis. „Es iſt doch ein zuverläſſiger Mann?“ „Sehr zuverläſſig. Wir haben ihn ſchon vft in ähnlichen Fällen verwendet. Er iſt eben ſo gewandt wie ſchweigſam.“ In dieſem Augenblick klopfte es leiſe an der Thür. „Herein!“ rief die Fürſtin. Ein Kammerdiener erſchien und ſagte: „Herr Doctor Baleinier läßt fragen, ob die Frau Für⸗ ſtin ihn empfangen kann?“ „Allerdings,“ erwiederte Frau von St. Dizier. „Laßt ihn eintreten.“ Weiter ſagte der Kammerdiener: „Es iſt auch ein Herr da, den der Herr Abbé auf Mittag hierher beſtellt hat. Ich habe ihn nach dem Befehl des Herrn Abbé ins Betzimmer gewieſen, daß er dort warte.“ „Das iſt der bewußte Mann,“ ſagte der Marquis zur Für⸗ ſtin. „Wir ſollten ihn zuerſt hereinkommen laſſen. Doctor Baleinier braucht ihn vorläufig nicht zu ſehen.“ „Führt erſt den Mann herein,“ ſagte die Fürſtin. „Und dann, wenn ich ſchelle, bittet den Herrn Doctor einzutreten. Sollte Herr Baron Tripeaud kommen, ſo führt ihn ebenfalls hierher. Und dann bleibt meine Thür verſchloſſen, außer für Fräulein Adriana.“ Der Kammerdiener ging hinaus. neeenbeen . 3 — —— —e —— —— ———— — Drittes Kapitel. Die Feinde Adriana's. Der Kammerdiener der Fürſtin von St. Dizier kam bald zurück in den Saal mit einem blaſſen, ſchwarzgekleideten, be⸗ brillten Männchen, das unter dem linken Arm ein langes Etui von ſchwarzem Saffian trug. Zu dieſem Männchen ſprach die Fürſtin: „Der Herr Abbé hat Ihnen geſagt, was zu thun iſt?“ „Ja, Madame,“ flötete das Männlein mit einem Vogel⸗ ſtimmchen, indem es ſich tief verbeugte. Die Fürſtin führte den Ankömmling in ein Nebenzimmer, welches nur durch einen Vorhang von dem Saal getrennt war fragte ihn: „Wird dies ein paſſender Platz für Sie ſeyn?“ Sehr paſſend, Frau Fürſtin,“ antwortete der Bebrillte, abermals mit einem tiefen Bückling. „Gut, ſo bleiben Sie hier. Ich werde Sie benachrichtigen, wenn es Zeit iſt.“ „Ich werde Ihre Befehle erwarten, Frau Fürſtin,“ erwie⸗ derte das Männchen. Der Marquis trat an den offenen Vorhang und ſagte: Erinnern Sie ſich wohl meiner Anweiſungen?“ „Der Herr Abbé kann außer Sorgen ſeyn,“ ſagte der Kleine. Während der letzten Worte machte Herr von Aigrigny die Bänder des Vorhangs los, der aus ſchwerem Stoff beſtand. Dieſer fiel herab und verbarg vollkommen den Brillenmann. Die Fürſtin klingelte. Nach einigen Augenblicken öffnete ſich die Thür, und es ward Doctor Baleinier angemeldet, eine der wichtigen Perſonen der Geſchichte. Doctor Baleinier war etwa fünfzig Jahr alt, war mittel⸗ groß, wohlbeleibt, und hatte ein rundes, glänzendes Geſicht, dem es nicht an Farbe fehlte. Seine grauen, ſchlichten, lan⸗ gen, in der Mitte geſcheitelten, Haare lagen glatt an auf ei⸗ nen Schläfen. Er hatte die Mode der kurzen, 7 — 22 — — denen Hoſen beibehalten, vielleicht, weil er ein ſchönes Bein aufzuweiſen hatte. Goldene Schnallen befeſtigten ſeine Knie⸗ bänder und die Laſchen ſeiner glänzend ſchwarzen Saffian⸗ ſchuhe. Seine Weſte, ſein Rock und ſeine Halsbinde waren ſchwarz, was ihm ein etwas geiſtliches Anſehen gab. Seine weiße, fleiſchige Hand war halb bedeckt von einer feingefäl⸗ telten Batiſtmanſchette. Die Düſterheit ſeiner Tracht ſchloß eine gewiſſe Zierlichkeit nicht aus. Seine Miene war lächelnd und klug. Sein kleines, graues Auge verkündete einen ſelte⸗ nen Scharfblick. Lebemann, Leckermaul, geiſtreicher Schwätzer, zuvorkommend bis zur Kriecherei, geſchmeidig, gewandt, ein⸗ ſchmeichelnd, war Doctor Baleinier eine der älteſten Creatu⸗ ren der pfäffiſchen Clique der Fürſtin von St. Dizier. Durch ihre geheime Unterſtützung hatte der Doctor, welcher trotz gründlichem Wiſſen und unbeſtreitbarer Geſchicklichkeit lange unbekannt geblieben war unter der Reſtaurativn zwei ſehr einträgliche medieiniſche Sineeuren erlangt und zugleich allmählig eine bedeutende Praxis. Seitdem er in der Gunſt der Fürſtin ſtand, beobachtete er (was früher nicht der Fall geweſen) pünktlich die religiöſen Pflichten und communicirte einmal jede Woche und ſo, daß es bemerkt werden mußte, beim Hochamt in der Kirche von St. Thomas von Aquino. Nach Ablauf eines Jahres wollte eine gewiſſe Klaſſe von Kranken, hingeriſſen von dem Beiſpiel und den entzückten Lobreden der Coterie der Fürſtin von keinem andern Arzt mehr etwas wiſſen, als vom Doctor Baleinier, und ſeine Praxis ward außerordentlich ſtark. Man kann leicht denken, von welcher Wichtigkeit es für den Orden war, unter ſeinen Ehrenmitgliedern einen der be⸗ deutendſten, praktiſchen Aerzte der Hauptſtadt zu beſitzen. Ein Arzt hat auch eine Art FPrieſterthum. Er, dem zu jeder Stunde der Zutritt ins innerſte Heiligthum der Familie frei⸗ ſteht, weiß, erräth und vermag gar Vieles. Wie der Prie⸗ ſter, findet er offene Ohren bei Kranken und Sterbenden. Wenn nun der, welcher für das Heil des Körpers, und der, welcher für das Heil der Seele zu ſorgen hat, ſich mit ein⸗ ander verſtehen und, ſich wechſelſeitig helfend, auf ein gemein⸗ ſames Ziel hinarbeiten, dann vermögen ſie in gewiſſen Fällen der Schwäche oder dem Entſetzen eines in den letzten — — 23 — Zügen liegenden Menſchen Alles zu erlangen — nicht für ſich (denn das verbieten die Geſetze), ſondern für Dritte, welche mehr oder weniger zu der nützlichen Klaſſe der Stroh⸗ männer gehören. Alſo Doctor Baleinier war eins der thätigſten und werth⸗ zi vollſten Ehrenmitglieder der Congregation zu Paris. Als er § eintrat, ſchritt er auf die Fürſtin zu und küßte ihr höchſt ga⸗ 5 lant die Hand. „Stets pünktlich, mein lieber Herr Doetor,“ ſagte die Fürſtin „Stets glücklich, ſtets eifrig, Ihrem Befehl nachzukommen, Frau Fürſtin,“ erwiederte der Arzt. Dann wandte er ſich zum Marquis, drückte ihm herzlich die Hand und ſagte: „End⸗ N lich ſind Sie wieder da. Drei Monate — das iſt lang für Ihre Freunde.“ „Die Zeit iſt eben ſo lang für die, welche verreiſ't, wie für die, welche zurückgeblieben ſind. Endlich iſt der große Tag erſchienen. Fräulein von Cardoville ſoll kommen.“ „Ich bin nicht ohne Beſorgniſſe,“ ſagte die Fürſtin. „Wenn ſie Argwohn hätte?“ 1* „Das iſt unmöglich,“ erwiederte Baleinier. „Wir ſind die beſten Freunde von der Welt. Sie wiſſen, daß Adriana ſtets auf vertrautem Fuß mit mir geſtanden hat. Noch vorgeſtern haben wir viel gelacht. Als ich ihr nach meiner Gewohnheit Bemerkungen über ihre mindeſtens exeentriſche Lebensweiſe machte und über die ſeltſame Exaltation der Ideen, welche 3 ich zuweilen bei ihr fand — —“ — „Der Herr Doctor verſäumt nie, dieſe ſcheinbar unbedeu⸗ tenden Umſtände hervorzuheben,“ unterbrach die Fürſtin mit einem bedeutungsvollen Blick gegen den Marquis. „Und das iſt in der That ſehr wichtig,“ bemerkte dieſer. „Fräulein Adriana,“ fuhr der Doctor fort, „erwiederte ² meine Bemerkungen mit luſtigen, höchſt witzigen Spöttereien 3. über mich; denn, offen geſtanden, dies Mädchen iſt ſo geiſt⸗ reich, wie ich wenige kenne.“ S „Doctor, Doctor! Nur keine Schwäche! Fürſtin. Der Doctor erwiederte vorerſt nichts au ſondern zog aus ſeiner Weſtentaſche ſeine Doſ⸗ Priſe daraus, ſchnupfte ſie langſam und ſah dabei die Dame mit einer ſo vielſagenden Miene an, daß ſie ſich vollkommen zu beruhigen ſchien. „Schwäche? — von mir?“ ſagte er endlich, indem er mit ſeiner weißen, fleiſchigen Hand einige Stäubchen Schnupftabak von den Falten ſeines Hemdes ab⸗ ſchüttelte. „Habe ich nicht die Ehre gehabt, mich Ihnen von freien Stücken anzubieten, um Ihnen aus der Verlegenheit zu helfen, in welcher ich Sie ſahs“ „Un) Sie allein in der Welt konnten uns dieſen wichtigen Dienſt leiſten,“ bemerkte der Marquis von Aigrigny. „Sie ſehen alſo,“ fuhr der Doctor fort, „daß Schwäche nicht meine Sache iſt. Ich habe vollkommen die Bedeutung meiner Handlung begriffen. Aber es handelt ſich, ſagt man mir, um eine Sache von ſo hoher Wichtigkeit — —“ „Von höchſter Wichtigkeit,“ bekräftigte der Marquis. „Alſo durfte ich nicht zaudern,“ fuhr Baleinier fort. „Seyn Sie daher unbeſorgt. Laſſen Sie mich, als Mann von Ge⸗ ſchmack und Lebensart, den ausgezeichneten Geiſt Adriana's anerkennen, und kommt der Augenblick zum Handeln, dann werden Sie mich ans Werk gehn ſehen.“ „Vielleicht iſt dieſer Augenblick näher, als wir dachten,“ bemerkte die Fürſtin, einen Blick mit dem Marquis wechſelnd. „Ich bin bereit und werd' es ſtets ſeyn,“ erwiederte der Arzt. „In dieſer Beziehung bürg ich für Alles, was mich betrifft. Ich möchte nur eben ſo ſehr über alles andere be⸗ ruhigt ſeyn.“ . „Iſt nicht Ihr Krankenhaus fortwöhrend ſo ſehr in der Mode, wie es nur immer ein Krankenhaus ſeyn kann?“ fragte die Fürſtin halb lächelnd. „Faſt möchte ich über zu viel Penſionäre klagen,, antwor⸗ tete der Arzt. „Aber davon iſt nicht die Rede. Da Fräu⸗ lein Adriana noch nicht da iſt, kann ich Ihnen ein paar Worte über eine Angelegenheit ſagen, die ſie nur indirekt berührt — ich meine, über die Perſon, welche das Gut Cardoville ge⸗ kauft hat, eine gewiſſe Frau von Sainte Colombe, die mich in Folge der geſchickten Manöver Rodin's zum Arzt ange⸗ nommen hat“ „Ja, Rodin hat mir, jedoch nicht ausführlich, davon ge⸗ ſchrieben,“ bemerkte der Abbé. 9 — „Die Sache iſt die,“ fuhr der Doetor fort: „Dieſe Frau von Sainte Colombe, die man anfangs für ſehr lenkſam ge⸗ halten, hat ſich ſehr widerborſtig in Betreff der Bekehrung gezeigt. Bereits hatten zwei Gewiſſensräthe die Hoffnung aufgegeben, ſie ſelig zu machen. In der Verzweiflung ließ Rodin den kleinen Philippon auf ſie los. Er iſt gewandt, zäh und von unbarmherziger Geduld. Er war der Mann, den man hier brauchte. Als ich Frau von Sainte Colombe † zu bedienen bekam, nahm Philippon meine Hülfe in Anſpruch, . die natürlich ſchon zum Voraus gewiß war. Wir verſtändig⸗ ten uns. Ich durfte ihn nicht im Entfernteſten zu kennen ſcheinen. Er mußte mich regelmäßig von allen Wandlungen im Gemüthszuſtande ſeiner Büßerin benachrichtigen, damit ich durch Anwendung unſchuldiger Medicamente (denn der Zu⸗ ſtund der Kranken iſt nicht gefährlich) ihr fühlbaren Wechſel von Wohl⸗ und Uebelbefinden verurſachen konnte, je nachdem ihr Gewiſſensrath mit ihr zufrieden war oder nicht. Und nun konnte er ihr ſagen: „Sehen Sie, Madame? Sind Sie auf dem guten Weg, ſo wirkt die Gnade auf Ihre Geſundheit, und Sie befinden ſich beſſer. Fallen Sie hingegen wieder auf den ſchlimmen Weg zurück, ſo empfinden Sie ein gewiſ⸗ ſes phyſiſches Mißbehagen. Sehen Sie, das iſt ein klarer Beweis von dem allmächtigen Einfluß des Glaubens, nicht allein auf die Seele, ſondern auch auf den Leib.“ „Es iſt freilich peinlich,“ bemerkte Herr von Aigrigng, ohne eine Miene zu verziehen, „zu ſolchen Mitteln greifen zu müſſen, um die Halsftarrigen dem Verderben zu entreißen. Aber man muß eben ſein Verfahren dem Verſtand und der Sinnesart der Individuen anpaſſen.“ „Uebrigens,“ fuhr der Doctor fort, „hat die Frau Fürſtin im Marienkloſter b.merken können, daß ich oftmals mit gutem Erfolg für die Ruhe und das Heil der Seele mancher unſe⸗ rer weiblichen Kranken, dies — ich wiederhole es — ſehr unſchuldige Mittel angewandt habe. Der Wechſel ſchwankt nur zwiſchen gut und minder gut. Aber ſo gering auch der Unterſchied ſey, er wirkt oft ſehr ſtark auf gewiſſe Gemüther. So war es auch bei Frau von Sainte Colombe. Sie war 3 auf einem ſo guten Weg phyſiſcher und moraliſcher Heil g daß Rodin den Philippon beſtimmen zu dürfen glaubt — ner Büßerin das Leben auf dem Lande anzurathen, — denn er fürchtete in Paris Gelegenheit zu Rückfällen. Dieſer Rath, verbunden mit dem Wunſch dieſes Weibes, die Kirchenpatrv⸗ nin zu ſp'elen, hatte ſie zum Ankauf des Gutes Cardoville beſtimmt, wo ihr Kapital gut angelegt iſt. Aber ſiehe da! geſtern kam dieſer unglückliche Philippon und ſagte mir, Frau von Sainte Colombe ſtehe auf dem Punkt, einen entſetzlichen Rückfall zu thun, — wohlverſtanden einen moraliſchen, denn der phyſiſche Zuſtand iſt jetzt verzweifelt gut. Und dieſer Rückfall ſchiene verurſacht zu ſeyn durch eine Unterredung, welche ſie mit einem gewiſſen Jakob Dumoulin gehabt habe. Sie kennen dieſen Menſchen, lieber Abbé, wie man mir ge⸗ ſagt hat. Er hat ſich, man weiß nicht wie, Zugang bei ihr verſchafft.“ „Dieſer Jakob Dumvulin,“ ſagte der Marquis mit Ekel, „iſt einer der Menſchen, die man benutzt und verachtet. Er iſt ein Schriftſteller voll Gift und Galle, voll Haß und Neid und beſitzt eine gewiſſe plumpe, einſchneidende Beredſamkeit. Wir bezahlen ihn tüchtig dafür, daß er unſere Feinde angreift, obwohl es zuweilen ſchmerzlich iſt, die Grundſätze, welche wir achten, durch eine ſolche Feder vertheidigt zu ſehen. Denn dieſer Elende lebt wie ein Zigeuner. Er kommt nicht aus den Wirthshäuſern heraus und iſt faſt immer betrunken. Aber man muß geſtehen, ſein ſchmähender Humor iſt unerſchöpflich und er iſt in den ſchwierigſten Theilen der Theologie bewan⸗ dert, was ihn uns zuweilen ſehr nützlich macht.“ „Nun,“ fuhr der Arzt fort, „obwohl die Frau von Sainte Colombe ihre ſechzig Jahre hat, ſo ſcheint es doch, als hätte dieſer Dumoulin matrimoniale Abſichten auf das bedeutende Vermögen dieſer Frau. Ich glaube, Sie werden wohl thun, Rodin zu benachrichtigen, damit er vor dem heimlichen Ge⸗ treibe dieſes Burſchen auf ſeiner Hut iſt. — O, verzeihen Sie, daß ich Ihnen ſo lange von dieſen Lappalien geſprochen habe. — „Aber,“ fügte er zur Fürſtin gewandt hinzu, „vor⸗ hin habe ich des Marienkloſter erwähnt. Sind Sie lange nicht dort geweſen?“ Die Fürſtin wechſelte einen lebhaften Blick mit dem Mar⸗ quis von Aigrigny und antwortete: „Hm! — etwa vor acht Tagen.“ ————— —————————— 6 „Sie werden jetzt viel dort verändert finden,“ fuhr Balei⸗ nier fort. „Die Mauer, welche das Kloſter von meinem Kranken⸗ haus trennt, iſt abgebrochen, denn es ſoll dort ein neuer Bau auf⸗ geführt werden und eine Kapelle, weil die alte zu klein war. Uebrigens muß ich zum Lob Adriana's ſagen,“ fügte der Doctor mit einem ſonderbaren Halblächeln hinzu, „daß ſie mir für dieſe Kapelle eine Copie der Jungfrau von Rafael verſprochen hat.“ „Wirklich? Das iſt nicht übel,“ ſagte die Fürſtin. „Aber es iſt bald Mittag, und Herr Tripeaud kommt nicht.“ „Er iſt Beivormund des Fräuleins von Cardoville, deren Güter er als ehemaliger Geſchäftsführer des Herzogs ver⸗ waltet hat,“ ſagte der Marquis, den ernſte Gedanken zu be⸗ ſchäftigen ſchienen. „Seine Gegenwart iſt uns ſchlechterdings unentbehrlich. Es wäre ſehr zu wünſchen, daß er hier wäre, ehe Fräulein von Cardoville kommt, die jeden Augenblick er⸗ ſcheinen kann.“ „Schade, daß ſein Porträt ihn hier nicht erſetzen kann,“ bemerkte boshaft lächelnd der Doctor und zog aus ſeiner Taſche eine Flugſchrift. „Was iſt das, Doctor?“ fragte die Fürſtin. „Es iſt eins der anonymen Pamphlete, die von Zeit zu Zeit erſcheinen. Es führt den Titel: die Geißel, und das Bild des Baron Tripeaud iſt darin mit ſolcher Treue ent⸗ worfen, daß es keine Satire mehr iſt, ſondern die reine Wirklichkeit. Hören Sie zu. Die Skizze iſt betitelt: Typus des Luchſes. (Loup-Cervier, auch: Börſenſpeculant.) „Herr Baron Tripeaud. — Dieſer Menſch, welcher ſich ſo niederträchtig kriechend gegen gewiſſe geſellſchaftliche Hoheiten erweiſ't, wie unverſchämt grob gegen ſeine Unter⸗ gebenen, iſt die leibhaftige, ſchreckliche Incarnation des ſchlech⸗ ten Theils der bürgerlichen und induſtriellen Ariſtokratie, des Geldmenſchen, des ſcham⸗, herz⸗ und treuloſen Spe⸗ eulanten, der auf den Tod ſeiner Mutter à la hausse und à la baisse ſpeculiren würde, wenn der Tod ſeiner Mutter Einfluß auf den Cours der Rente haben könnte. Dieſe Menſchen haben alle gehätſigen Laſter der Freige⸗ laſſenen, nicht derjenigen, welche ehrliche, anhaltende A auf würdige Weiſe bereichert hat, ſondern jener, welche plötz⸗ ich durch eine Laune des blinden Zufalls begünſtigt worden ſind, vder einen glücklichen Fiſchzug in dem ſchmutzigen Waſ⸗ ſer der Agivtage gethan haben. „Und das iſt nicht Alles. Von ſeinem Geldkaſten herab und von ſeinem hohen Standpunkt als Wahlmann und Wähl⸗ barer, verhöhnt Herr Baron Tripeaud, gleich ſo vielen Ande⸗ ren, die Armuth und die politiſche Unfähigkeit des verdienten Offiziers, der, nach vierzig Kriegsjahren, von ſeinem ärmli⸗ chen Ruhegehalt kaum leben kann, — des bürgerlichen Be⸗ amten, der ſein Leben in Erfüllung trauriger, harter Pflich⸗ ten hingebracht hat, und am Ende ſeiner Laufbahn nicht beſ⸗ ſer belohnt wird, — des Gelehrten, der ſein Vaterland durch nützliche Arbeiten bereichert, — des Lehrers, der ganze Ge⸗ nerationen in alle menſchlichen Kenntniſſe eingeweiht hat, — des beſcheidenen, tugendhaften Landpfarrers, des reinſten Re⸗ präfentanten des Evangelium in ſeinem liebevollen, brüder⸗ lichen, demokratiſchen Geiſt u. ſ. w. u. ſ. w. Wie ſollte bei ſo bewandten Sachen der Herr Induſtriebaron nicht die frechſte Verachtung hegen gegen den einfältigen Haufen ehrlicher Leute, die, nachdem ſie ihrem Land ihre Jugend, ihre beſten Jahre, ihr Blut, ihren Verſtand, ihr Wiſſen geweiht haben, ſich die Rechte verweigert ſehen, deren er genießt, weil er bei einem geſetzlich verbotenen Spiel oder bei einer unehrlichen Induſtrie eine Million gewonnen hat! Freilich ſagen die Optimiſten dieſen Parias der Civiliſativn, deren würdige, ſtolze Armuth nicht genug geehrt werden kann: Kauft Güter und ſeyd Wähler und gewählt! „Nun die Lebensbeſchreibung des Herrn Baron. Andreas Sohn eines Stallknechts in einem Wirths⸗ haus — —“ In dieſem Augenblick gingen die zwei Flügel der Thür auf, und der Kammerdiener meldete: „Herr Baron Tripeaud!“ Der Doetor ſchob ſeine Flugſchrift in die Taſche, grüßte den Geldmann aufs herzlichſte und ſtand ſogar auf, um ihm die Hand zu drücken. Der Herr Baron kam unter tiefen Bücklingen herein und ſprach endlich: „Ich habe die Ehre, auf Befehl der Frau Fürſtin zu erſcheinen. Höchſtvieſelbe weiß, daß ſie ſtets auf mich zählen kann.“ wir heute zuſammen.“ tigkeit bewegen.“ — 3 „Ja, ich zähle auf Sie,“ ſagte die Fürſtin, „zumal in die⸗ ſem Fall.“ „Wenn die Abſichten der Frau Fürſtin noch immer dieſel⸗ ben ſind in Betreff des Fräuleins — —“ „Noch immer,“ unterbrach die Fürſtin. „Darum kommen „Die Frau Fürſtin kann meiner Mitwirkung verſichert ſeyn, wie ich Höchſtderſelben verſprochen habe. Ich glaube eben⸗ falls, daß endlich die größte Strenge angewandt werden muß, und daß ſelbſt im Nothfall — —“ „Das iſt auch unſere Meinung,“ unterbrach der Marquis, indem er mit einem Blick der Fürſtin auf die Stelle deutete, wo der Brillenmann verſteckt war. „Wir ſind alle vollkom⸗ men einverſtanden. Nur wollen wir uns noch beſprechen, um keinen Punkt im Intereſſe dieſer jungen Perſon zweifel⸗ haft zu laſſen: Denn nur ihr Intereſſe iſt unſer Leitſtern. Laſſen Sie uns dieſelbe auf jede mögliche Weiſe zur Aufrich⸗ Abermals erſchien der Kammerdiener und meldete: „Das Fräulein iſt eben aus dem Pavillon herübergekommen und fragt, ob ſie die Frau Fürſtin ſprechen kann.“ „Sagt dem Fräulein, ich erwarte ſie,“ erwiederte die Für⸗ ſtin. „Und nun bin ich für Niemand zu ſprechen. Wohl⸗ verſtanden! für Niemand.“ Nach dieſen Worten hob ſie den Vorhang auf, gab dem Verſteckten einen letzten Wink und kehrte auf ihre frühere Stelle zurück. Während der wenigen Augenblicke zwiſchen der Anmeldung und dem Erſcheinen Adriana's, ſchienen die anweſenden Per⸗ ſonen unruhig und verlegen zu ſeyn, als hätten ſie eine un⸗ beſtimmte Furcht vor der Gegenwart des Mädchens. 5 einer Minute trat Fräulein vvn Cardoville in den Saal. ——.eRe 1 — — 30 — Viertes Kapitel. Das Scharmützel. Als Adriana von Cardoville eintrat, warf ſie ihren grauen Caſtorhut auf einen Seſſel. Ihr ſchönes Goldhaar, welches in langen, leichten Locken zu beiden Seiten ihres Geſichts herabfiel und hinten in einer großen Flechte zuſammengewun⸗ den war, wurde jetzt vollſtändig ſichtbar. Das Fräulein trat ohne Keckheit auf, aber mit vollkommner Unbefangenheit. Ihre Miene war heiter und lächelnd Ihre großen, ſchwar⸗ zen Augen ſtrahlten mehr als gewöhnlich. Als ſie den Abbé von Aigrigny bemerkte, machte ſie eine Gebärde der Ueber⸗ raſchung, und ein etwas ſpöttiſches Lächeln ſpielte um ihre rothen Lippen. Nachdem ſie dem Doetor freundlich zugenickt hatte und an dem Baron Tripeaud, ohne ihn anzuſehen, vorbeigegangen war, grüßte ſie die Fürſtin mit einer halben Verneigung, die eben ſo hübſch, wie vornehm war. Vornehm war überhaupt Gang und Haltung dieſes Mädchens, und dabei anſtändig und voll weiblicher Anmuth. Was man aber ſelten bei Frauen und zumal bei Mädchen von ihrem Alter findet, war ein gewiſſes, entſchloſſenes, unabhängiges, ſtolzes Veſen, welches ſich mehr ahnen, als ſehen ließ. Ihre Be⸗ wegungen waren nicht eben raſch, aber auch nicht gezwungen, ſteif oder geziert. Sie waren frei, wie ihre Sinnesart. Man ſah in ihnen Leben und Jugendkraft, und man errieth, daß dies offene, entſchiedene Weſen ſich bis jetzt nicht dem Zwang einer erkünſtelten Sittenſtrenge hatte fügen können. Obwohl der Marquis von Aigrigny ein Mann der vor⸗ nehmen Welt, ein Mann von Geiſt, ein durch ſeine Beredt⸗ ſamkeit ausgezeichneter Mann der Kirche, und ein an Gebie⸗ ten gewohnter Mann war, ſo empfand er doch, ohne zu wiſ⸗ ſen warum, ein Mißbehagen und eine faſt peinliche Befan⸗ genheit in Gegenwart Adriana's von Cardoville. Er, der ſtets Herr ſeiner ſelbſt, der gewohnt war, einen allmächtigen Einfluß auszuüben, der oft ig Namen ſeines Ordens min⸗ deſtens auf dem Fuß der Gilhheit mit gekrönten Häuptern —— unterhandelt hatte — er fühlte ſich verlegen, hinter ſich ſelbſt zurückbleibend in Gegenwart dieſes durch ſeine Offenheit, ſeinen Wtz und ſeinen beißenden Spott ausgezeichneten Mäd⸗ . chens. Leute, die gewohnt ſind, Andern zu imponiren, ſind geneigt, Solche zu haſſen, welche, anſtatt ihrem Einfluß ſich hinzugeben, ſie in Verlegenheit ſetzen und verſpotten. Mit⸗ tin fühlte der Marquis nicht eben Zuneigung gegen die Nichte der Fürſtin von Saint Dizier. Seit langer Zeit und gegen ſeine Gewohnheit, verſuchte er nicht mehr bei ihr den 5 Zauber ſeines Wortes, der in der Regel unwiderſtehlich war. Er zeigte ſich gegen ſie trocken, kurzgebunden, ernſt, und zog ſich in die eiſige Höhe ſtolzer Würde und kalter Strenge zu⸗ zück, ſo daß die liebenswürdigen Eigenſchaften völlig ver⸗ ſchwanden, welche er ſonſt ſo nützlich anzuwenden wußte. Adriana ſetzte dieſem Benehmen leichten Spott entgegen, was nicht ſehr klug von ihr war, denn geringe Urſachen erzeugen pft unverſöhnlichen Haß. Hiernach wird man die mannichfachen Gefühle und Geſin⸗ nungen begreifen, welche die verſchiedenen Perſonen bei dieſem 6 Auftritt erfüllten. 2 Die Fürſtin ſaß auf einem großen Lehnſtuhl neben dem —— Kamin. Vor dem Feuer ſtand der Marquis pon Aigrigny. 6 Doctor Baleinier hatte neben einem Schreibtiſch Platz ge⸗ nommen und blätterte wieder in der Lebensbeſchreibung des Barons Tripeaud. Der Baron ſchien aufmerkſam ein an der 3 Wand hängendes heiliges Gemälde zu betrachten. Adriana brach das verlegene Schweigen, welches ſeit ihrem Eintritt im Saal herrſchte, indem ſie ſagte: „Frau Tante, Sie haben mich zu ſich beſchieden, um über wichtige Dinge mit mir zu ſprechen.“ „Ja,“ antwortete die Fürſtin kalt und ſtreng, „es ſoll eine ſehr ernſte Unterredung ſtattfinden.“ „Ich ſtehe zu Befehl, Frau Tante. Sollen wir in Ihre Biblivthek gehen?“ „Das iſt nicht nöthig. Wie werden hier ſprechen. — Meine Herren, ſetzen Sie ſich.“ Die Herren nahmen Platz um den Tiſch der Fürſtin. Be⸗ troffen fragte Adriana: „Frau Fante, was kann unſere Un⸗ terredung die e Herren angehen?“ „Dieſe Herren,“ antwortete die Fürſtin, „ſind alte Freunde unſerer Familie. Alles, was Sie angehen kann, iſt ihnen nicht gleichgültig, und ihre Rathſchläge müſſen von Ihnen mit Ehrerbietung angehört und angenommen werden.“ „Frau Tante, ich zweifle nicht an der abſonderlichen Freundſchaft des Herrn von Aigrigny für unſere Familie. Noch weniger zweifle ich an der tiefen Ergebenheit des Herrn Tripeaud. Herr Baleinier iſt einer meiner alten Freunde. Aber ehe ich mir dieſe Herren als Zuhörer, oder wenn Sie wollen, als vertraute Theilnehmer unſerer Unterredung ge⸗ fallen laſſe, wünſche ich zu wiſſen, wovon wir vor ihnen zu reden haben.“ „Ich hätte geglaubt, Fräulein,“ verſetzte die Fürſtin, „daß Sie unter Ihren ſeltſamen Anſprüchen wenigſtens den auf Offenheit und Muth hätten.“ „Lieber Gott! Frau Tante,“ entgegnete Adriana mit ſpöt⸗ tiſcher Demuth, „ich mache nicht mehr Anſpruch auf Offen⸗ heit und Muth, als Sie auf Aufrichtigkeit und Gutherzig⸗ keit. Laſſen Sie uns alſo ein für alle Mal zugeſtehen, daß wir ſind, was wir ſind, ohne weiter Anſpruch zu machen.“ „Es ſey,“ ſagte Frau von St Dizier kurz. „Lange ſchon bin ich an die Ausbrüche Ihres ungebundenen Geiſtes ge⸗ wöhnt. Ich glaube aſo, daß Sie, muthig und offen, wie Sie zu ſeyn behaupten, ſich nicht ſcheuen dürfen, vor ſo ge⸗ ſetzten und achtbaren Perſonen, wie dieſe Herren, mir zu ſagen, was Sie mir allein ſagen würden.“ „Alſo ein förmliches Verhör ſoll ich beſtehen? Undworüber?“ „Es iſt kein Verhör. Aber da ich das Recht habe, über Sie zu wachen, und da Sie meine thörichte Nachſicht gegen Ihre Launen immer mehr und mehr mißbrauchen, ſo will ich einer Sache ein Ende machen, die ſchon zu lange gedauert hat. Ich will Ihnen vor den Freunden unſerer Familie einen unwiderruflichen Entſchluß für die Zukunft ankündigen. Erſtlich muß ich Ihnen ſagen, Sie haben ſich bisher einen ſehr falſchen und unvollkommenen Begriff gemacht von der Gewalt, die ich über Sie habe.“ „Ich verſichere Sie, Frau Tante, daß ich mir nie einen richtigen Begriff über das Falſche gemacht habe, denn i Phe nie daran gedacht,“ 33 „Das iſt meine Schuld. Statt Ihren Fantaſien nachzu⸗ geben, hätte ich Sie meine Gewalt härter empfinden laſſen ſollen. Aber der Augenblick iſt gekommen, Sie zur Unter⸗ würfigkeit zu bringen. Der ſtrenge Tadel meiner Freunde hat mir noch zu rechter Zeit die Augen geöffnet. Ihr Cha⸗ rakter iſt ſchroff, ungebunden und entſchloſſen. Er uuß ſich ändern, verſtehen Sie mich? — gutwillig oder gezwungen, Das ſage ich Ihnen.“ Bei dieſen, in einem herben Ton vor Fremden ausgeſpro⸗ chenen Worten, deren Härte nichts zu rechtfertigen ſchien, warf Adriana ſtolz den Kopf in die Höhe Aber ſie bezwang ſich und entgegnete lächelnd: „Sie fagen, Frau Tante, ich würde mich ändern. Man hat Bekehrungen geſehen — — ſo wunderlich!“ Die Fürſtin biß ſich in die Lippen. Der Marquis nahm das Wort und ſagte: „Eine aufrichtige Bekehrung iſt nie wunderlich, wie Sie ſagen; vielmehr iſt ſie ſehr verdienſtlich und giebt ein treffliches Beiſpiel.“ „Trefflich?“ wiederholte Adriana. „Das kommt darauf an. Denn wenn man ſeine Fehler in Laſter verkehrt — —“ „Was wollen Sie damit ſagen, Fräulein?“ rief die Fürſtin. „Ich ſpreche von mir, Frau Tante. Sie werfen mir vor, unabhängig und entſchloſſen zu ſeyn. enn ich nun etwa heuchleriſch und boshaft werden ſollte/ ſehen Sie, da möcht' ich doch vorziehen, meine lieben rkleinen Fehler zu behalten, die ich wie verzogene Kinder liebe. Was ich habe, weiß ich; was ich haben würde, weiß ich nicht.“ Der Herr Baron Tripeaud nahm jetzt mit ſelbſtgenüg⸗ ſamer Miene das Wort und ſprach im Ton eines Weiſen: „Indeß, Fräulein Adriana, Sie können nicht leugnen, daß eine Bekehrung — —“ „Ich glaube,“ unterbrach Adriana voll Verachtung, „daß ſich Herr Tripeaud zwar nicht auf Bekehrung verſteht, wohl aber auf Verkehrung jeder Art von Dingen, in jede Art von Vortheil, durch jede Art von Mitteln. Der Herr muß dieſer Frage fremd beiben.“ Der Geldmann ſchöpfte neuen Muth aus einem Blick der Pürſtin und erwiederte: „Fräulein, Sie vergeſſen, daß ich die Ehre habe, Ihr Beivormund zu ſeyn, und daß — — — „Es iſt Thatſache, daß Herr Tripeaud dieſe Ehre hat, warum, weiß ich nicht,“ unterbrach Adriana abermals mit verdoppeltem Stolz, ohne nur den Baron eines Blickes zu würdigen. „Aber meine Sache iſt nicht, Räthſel zu löſen. Frau Tante, ich wünſchte, Grund und Zweck dieſer Zuſam⸗ menkunft zu wiſſen.“ „Ihrem Wunſch ſoll willfahrt werden, Fräulein,“ antwor⸗ tet die Fürſtin. „Ich will mich bündig erklären. Sie ſollen 4 die Vorſchrift vernehmen, nach welcher Sie in Zukunft Ihr Betragen zu regeln haben, und wenn Sie ſich weigern, Sich derſelben zu unterwerfen mit dem Gehorſam und der Ehrer⸗ bietung, die Sie meinen Befehlen ſchuldig ſind, ſo werde ich ſehen, was ich weiter zu thun habe.“ Der herriſche Ton, in welchem dieſe Worte geſprochen wur⸗ den, wäre geeignet geweſen, ein bis dahin an faſt völlige Unabhängigkeit gewöhntes Maädchen außer ſich zu bringen. Allein, vielleicht wider Erwarten der Fürſtin, antwortete Adriana nicht heftig, ſondern ſah ſie feſt an und ſprach lachend: „Das iſt ja eine wahre Kriegserklärung. Das wird ſpaßhaft.“ „Es iſt von keiner Kriegserklärung die Rede!“ ſagte in barſchem Ton der Abbé von Aigrigny. „O, Herr Abbö!“ verſetzte das Fräulein, „Sie, ein ge⸗ weſener Oberſt, ſind gar zu geſtreng wegen eines Scherzes. Sie, der Sie dem Krieg ſo viel verdanken, der Sie in Folge des Kriegs ein franzöſiſches Regiment unter Ihren Befehlen gehabt, nachdem Sie ſich ſo lange gegen Frankreich geſchla⸗ gen, — verſteht ſich, bloß um die ſchwache und die ſtarke Seite des Feindes kennen zu lernen.“ Der Marquis erröthete. Er wollte antworten; aber die Fürſtin kam ihm zuvor und ſagte: „Wahrhaftig, Fräulein, eine ſolche Unſchicklichkeit iſt nicht zu ertragen!“ „Frau Tante, ich geſtehe mein Unrecht. Ich hätte nicht ſagen ſollen, daß das ſpaßhaft iſt, denn wirklich es iſt nichts weniger als das. Aber es iſt doch wenigſtens ſehr merk⸗ würdig und vielleicht ſelbſt — — — vielleicht ſelbſt etwas verwegen, und die Verwegenheit gefällt mir. Und da wir nun auf dieſem Boden ſtehen, da von einer Vorſchrift des Verhaltens die Rede iſt, welcher ich bei Straſe zu gehorchen 3 herrſchte Schweigen und einige zwiſchen der Fürſtin und ihren habe — — — ſagen Sie mir doch, bei welcher Strafe, Frau Tante?“ „Sie ſollen es erfahren. Reden Sie weiter.“ „Alſp da wir auf dieſem Boden ſtehen, ſo will auch ich Ihnen ſehr bündig erklären, welchen Entſchluß ich gefaßt habe. Da ich einige Zeit bedurft habe, um ihn zur Ausführung reif werden zu laſſen, ſo habe ich Ihnen nicht früher davon geſprochen. Denn Sie wiſſen, ich pflege nicht zu ſagen: Das werd' ich thun, — ſondern: Das thu' ich — oder: Das hab' ich gethan.“ „Allerdings,“ ſagte die Fürſtin. „Und das iſt eben die Gewohnheit ſtrafbarer Ungebundenheit, die abgethan werden muß.“ „Alſo,“ fuhr Adriana, ohne auf dieſe Bemerkung zu achten, fort, „alſo hatte ich im Sinn, Sie erſt ſpäter von meinem Entſchluß zu benachrichtigen. Allein ich kann nicht der Luſt widerſtehen, Ihnen denſelben ſchon heute mitzutheilen, ſo ſehr ſchei⸗ nen Sie mir geſtimmt, ihn anzuhören. Doch, Frau Tante, ſprechen Sie gefälligſt zuerſt. Es könnte ſeyn, daß wir uns vollkommen in unſern Abſichten begegneten.“ „So gefallen Sie mir beſſer,“ ſagte die Fürſtin. „Ich finde wenigſtens an Ihnen den Muth Ihres Stolzes und Ihrer Verachtung jeder Autorität. Sie ſprechen von Verwegenheit? Die Ihrige iſt groß.“ „Wenigſtens bin ich feſt entſchloſſen, das zu thun, was Andere aus Schwäche nicht wagen würden. Ich werd' es wagen. Das iſt, denk' ich, bündig.“ „Sehr bündig,“ ſagte die Fürſtin, einen zufriedenen Blick des Verſtändniſſes mit den Zuhörern wechſelnd. „Wenn die Stellungen ſo klar bezeichnet ſind, ſo iſt die Sache ſehr ver⸗ einfacht. Ich muß Ihnen nur wohlmeinend bemerken, daß die Sache ſehr ernſt iſt, ernſter, als Sie glauben und daß Sie nur ein Mittel haben, mich zur Nachſicht zu ſtimmen, nämlich: an die Stelle der Anmaßung und des Spottes in 3 Ihrer Sprache die einem Mädchen gebührende Beſcheidenheit und Ehrerbietung zu ſetzen.“ Adriana lächelte, ohne zu antworten. Einige Augenblicke riethen, da drei Freunden gewechſelte Blicke ver recht wohl, daß die Fürſtin ein großes Gewicht auf dieſe entſcheidende Unterredung legte; nur begriff ſie nicht, wie die⸗ ſelbe ihren Willen ihr zum Geſetz machen wollte. Die An⸗ drohung von Zwangsmitteln kam ihr mit Recht lächerlich vor. Sie kannte indeß die Rachſucht ihrer Tante und die finſtere Macht, mit welcher ſie dieſelbe zuweilen furchtbar befriedigt hatte. Zugleich erwog ſie, daß Leute, wie der Marquis und der Arzt, nicht ohne ernſte Beweggründe gekommen ſeyn könn⸗ ten, dieſer Unterredung beizuwohnen. Sie bedachte ſich alſo einen Augenblick, ehe ſie den Kampf begann. Aber eben, weil ſie ein dunkles Vorgefühl von Gefahr hatte, nahm ſie ſich vor, derſelben zu trotzen, die Aeußerungen ihres nnabhängi⸗ gen Sinnes aufs Aeußerſte zu treiben und ſchlechterdings auf dem Entſchluß zu beharren, den ſie ihrerſeits der Fürſtin kund machen wollte. Fünftes Kapitel. Die Auflehnung. „Fräulein,“ ſagte die Fürſtin zu ihrer Nichte in kaltem, ſtrengem Ton, „ich bin es mir ſelber und dieſen Herren hier ſchuldig, in wenigen Worten die ſeit einiger Zeit vorgefalle⸗ nen Begebenheiten zu erzählen. Vor einem halben Jahr, als die Trauer um Ihren Vater vorüber war, begehrten Sie — damals achtzehn Jahr alt — für mündig erklärt zu werden und in den Beſitz Ihres Vermögens zu kommen. Ich war leider ſo ſchwach, es zuzugeben. Es beliebte Ihnen, das große Hötel zu verlaſſen und ſich in dem Gartenpavillon einzurichten, fern von jeder Aufſicht. Und nun begann eine ₰ Reihe von Verſchwendungen, immer eine toller als die an⸗ dere. Statt ſich mit einer oder zwei Kammerjungfern aus der Klaſſe, aus welcher man ſie gewöhnlich nimmt, zu be⸗ gnügen, haben Sie ſich Geſellſchaftsdamen angenommen und dieſe auf eine eben ſo abenteuerliche wie koſtſpielige Weiſe plänkel ein ernſter Kampf folgen würde. Adriana bemerkte — Herr Tripeaud in dünkelhaftem aufgeputzt. Sich ſelber haben Sie (freilich nur in der Ein⸗ ſamkeit Ihres Pavillons) in die Trachten vergangener Jahr⸗ hunderte vermummt. Ihre tollen Fantaſteen, Ihre unver⸗ ſtändigen Launen haben keine Gränzen gekannt. Nicht ge⸗ nug, daß Sie nie Ihre religiöſen Pflichten erfüllten, Sie ha⸗ ben auch die Verwegenheit gehabt, eins Ihrer großen Zim⸗ mer zu profaniren, indem Sie darin eine Art heidniſchen Altars errichtet haben, mit einer Marmorgruppe, die einen Jüngling und ein Mädchen vorſtellt. (Hier that die Fürſtin, als ob die letzten Worte ihr die Lippen verbrennten.) Dieſe Gruppe mag ein Kunſtgegenſtand ſeyn; aber ſie iſt ein Kunſt⸗ gegenſtand, welcher für eine Perſon von Ihrem Alter ſchlech⸗ terdings nicht paßt. Sie haben ganze Tage lang einge⸗ ſchloſſen zugebracht, vhne einen Menſchen zu ſich zu laſſen. Doctor Baleinier, der einzige unter meinen Freunden, dem Sie einiges Vertrauen bewahrt haben, hat ſich durch inſtän⸗ diges Bitten Zutritt bei Ihnen verſchafft und Sie mehrmals in einem ſolchen Zuſtand der Ueberſpannung gefunden, daß er ernſte Beſorgniſſe für Ihre Geſundheit geſchöpft hat. Sie ſind ſtets allein ausgegangen, ohne einem Menſchen Rechen⸗ ſchaft von Ihrem Thun zu geben. Kurz, es hat Ihnen ſtets gefallen, Ihren Willen über den meinigen zu ſetzen. Iſt das nicht alles wahr?“ „Dieſe Schilderung der Vergangenheit,“ erwiederte Adriana lächelnd, „iſt nicht gerade geſchmeichelt, aber ſie iſt auch nicht gerade vollkommen entſtellt.“ „Alſo,“ ſprach der Marquis, indem er ſeine Worte gleich⸗ ſam vorzählte und langſam betonte, „das Fräulein geſteht ausdrücklich zu, daß alle Punkte, welche ihre Tante angeführt hat, vollkommen wahr ſind?“ Aller Blicke hefteten ſich auf Adriana, als ob ihre Antwort von höchſter Wichtigkeit ſeyn müßte. „Ohne Zweifel, Perr Abbé,“ erwiederte ſie. „Mein Leben liegt ſo offen zu Tag, daß dieſe Frage überflüſſig iſt.“ dem Doctor und dem Baron gewandt. „Dieſe Punkte kann uns niemand „Dieſe Punkte ſind alſo zugeſtanden,“ ſagte der Abbé, zu „Frau Tante,“ fragte Adriana, „könnte ich wohl erfahren, wozu dieſe lange Vorrede?“ „Fräulein,“ antwortete die Fürſtin mit Würde, „dieſe lange Vorrede dient dazu, die Vergangenheit klar zu ſtellen, um die Zukunft zu begründen.“ „Liebe Frau Tante, das ſchmeckt einigermaßen nach den geheimnißvollen Ausſprüchen der kumäiſchen Sibylle. Dar⸗ hinter muß etwas Erſchreckliches ſtecken.“ „Vielleicht,“ erwiederte die Fürſtin. „Denn nichts iſt er⸗ ſchrecklicher für gewiſſe Köpfe, als der Gehorſam und die Pflicht. Ihr Kopf gehört zu denen, welche zur Auflehnung geneigt ſind.“ „Ich geſtehe das mit kindlicher Offenheit zu, Frau Tante. Und ſo wird es ſeyn, bis zu dem Tagf wo mir der Gehor⸗ Freude machen wird, und wo ich die Pflicht achten ann.“ „Ob meine Befehle Ihnen Frende machen, und ob Sie dieſelben achten, daran liegt mir wenig, Fräulein,“ ſagte die Fürſtin barſch. „Allein von heute an, von dieſem Augenblick an, werden Sie ſich unbedingt, blindlings meinem Willen unterwerfen. Mit einem Wort: Sie werden nichts thun, ohne meine Erlaubniß. So muß es ſeyn, ſo will ich's, ſo wird es ſeyn!“ Adriana ſah die Fürſtin ſtarr an. Dann brach ſie in ein ſchallendes Gelächter aus. Herr von Aigrigny und der Ba⸗ ron Tripeaud machten eine Gebärde der Entrüſtung. Die Fürſtin ſah ihre Nichte grimmig an. Der Doctor blickte gen Himmel, faltete die Hände auf ſeinem Bäuchlein. und ſeufzte zerknirſcht. Der Abbé nahm endlich das Wort und ſprach: „Fräulein, ein ſolches Lachen iſt ſehr unpaſſend. Die Worte Ihrer Tante ſind ernſt, ſehr ernſt, und verdienen eine ganz andere Aufnahme.“ . „Ei, Du mein Gott! Herr Abbé,“ erwiederte Adriana; „an wem liegt die Schuld, wenn ich ſo laut lache? Wie kann ich ernſthaft bleiben, wenn ich meine Tante von blinder Unter⸗ ürfigkeit unter ihre Befehle reden höre? Iſt eine Schwalbe, hewphnt im freien, lichten Himmelsraum umherzuflattern, dazu gemacht, in einem Maulwurfsloch zu wohnen?“ ½ Herr von Aigrigny tbat ſehr erſtaunt über dieſe Antworg N ₰ . — damit Ihre Tracht auſtändig ſey, und ſah die übrigen Mitglieder dieſer Art von Familienrath an. „Eine Schwalbe? Was will ſie damit ſagen?“ fragte er den Baron mit einem Wink, den dieſer verſtand. „Ich weiß es nicht,“ antwortete Tripeaud und ſah ſeiner⸗ ſeits den Doctor an. „Sie ſpricht von Maulwurf! Das iſt unerhört, unbegreiflich.“ Die Fürſtin ſchien das Staunen der Anderen zu theilen und ſagte: „Alſo, Fräulein, das iſt die Antwort, welche Sie mir geben?“ „Ohne Zweifel,“ antwortete Adriana, ihrerſeits erſtaunt, daß man ihren bildlichen Ausdruck nicht begreifen wollte. „Frau Fürſtin,“ ſagte der Doctor Baleinier, gutmüthig lächelnd, „man muß nachſichtig ſeyn. Mein liebes Fräulein Adriana iſt ſo vriginell, ſo überſpannt — ſie iſt wirklich die liebenswürdigſte Närrin, die ich kenne.“ „Ich begreife, Herr Doctor, wie Ihre Zuneigung zu dem Fräulein Sie nachſichtig macht,“ bemerkte der geiſtliche Herr, indem er that, als würfe er dem Arzt Parteinahme für Adriana vor. „Es iſt aber unleugbar, daß dies unpaſſende Antworten ſind, wenn ſo ernſte Fragen verhandelt werden.“ „Das Unglück iſt, daß das Fräulein die hohe Bedeutung dieſer Beſprechung nicht begreift,“ ſagte die Fürſtin. „Aber von nun an wird ſie dieſelbe begreifen, wenn ich ihr meine Befehle verkünde.“ „Laſſen Sie doch gütigſt dieſe Befehle hören, Frau Tante,“ ſagte Adriana, indem ſie mit einer Miene des Spottes und zugleich bezaubernder Anmuth ihr roſiges Kinn in ihr hohles Händchen legte.“ „Von morgen an,“ ſprach die Fürſtin, „werden Sie den Pavillon verlaſſen, den Sie bewohnen, — — werden Sie Ihre Kammerjungfern fortſchicken — — werden Sie herüber⸗ ziehen und zwei Zimmer bewohnen, in welche man nicht an⸗ ders gelangen kann, als indem man durch mein Gemach geht, — — werden Sie nie allein ausgehen, — — werden Sie mich zum Gottesdienſt begleiten. — — Ihre Mündig⸗ keit wird aufhören, wegen erwieſener Verſchwendun ich werde alle Ihre Ausgaben über mich n werde es ſogar über mich nehmen, Ihre Sie bis zu Ihrer Großjährigkeit, welche durch den Ausſpruch 3 „ eines Familienrathes auf unbeſtimmt hinausgerückt wird, 3 „durchaus über kein Geld zu verfügen haben. Solches iſt ein Wille.“ „Man kann Ihrem Beſchluß nur Beifall geben, Frau Für⸗ e ſagte der Baron. „Man muß Sie zur größten Feſtig⸗ eit anfeuern, denn ſolchem Unfug muß ein Ziel geſetzt werden.“ „Es iſt hohe Zeit, ſolchen Seandalen ein Ende zu machen,“ ſprach der geiſtliche Herr. „Indeß der Eigenheit, der Ueberſpanntheit eines Gemüths muß man manches zu gut halten,“ bemerkte ſüßlich Doctor Baleinier, der ſeine Rolle vortrefflich ſpielte. „Ohne Zweifel, Herr Doetor,“ verſetzte die Fürſtin. „Aber nichtsdeſtoweniger verfährt man mit ſolchen Gemüthern, wie es ſich gehört.“ Der diplomatiſche Ton, in welchem die Fürſtin geſprochen hatte, ſchien der Ausdruck der Ueberzeugung zu ſeyn, daß ſie ihre Drohungen verwirklichen könne Herr Tripeaud und „ Herr von Aigrigny ſchienen dieſe Ueberzeugung zu beſtätigen. Adriana ſah, daß man etwas Wichtiges im Schild führte und ihre Luſtigkeit verwandelte ſich in bitteren Spott und den Ausdruck empörten Selbſtgefühls. Das Blut ſtieg ihr zu Kopfe, ihre Naslöcher erweiterten ſich, ihr Auge blitzte. Sie warf den Kopf in die Höhe, daß ihre goldnen Locken ſich wellenförmig bewegten, ſprang auf und ſagte in ſchneidendem Ton zu der Fürſtin: „Sie haben von der Vergangenheit ge⸗ ſprochen, Frau Fürſtin. Ich will auch einige Worte darüber ſagen. Sie zwingen mich dazu — zu meinem Bedauern. Ich habe Ihre Wohnung verlaſſen, weil es mir unmöglich war, in dieſem Dunſtkreis von Heuchelei und ſchwarzer Bos⸗ C heit zu wohnen“ „Fräulein!“ rief der Marquis von Aigrigny, „dieſe Worte ſind eben ſo grob, wie unverſtändig.“ / 6 . „Herr!“ entgegnete Adriana, „da Sie mich ünterbrechen, — zwei Worte. Welches Beiſpiel hab' ich bei meiner Tante ge⸗ funden 7“ „Ein vortreffli s Veiſpiel, Fräulein.“ „Sohr derr Abbe? Eiwa weil ich jeden Tag ſah, wie die Sehrung der Fürſtin mit der des Marquis unter der Decke ſpielte?“ „Fräulein! Sie vergeſſen ſich!“ rief die Fürſtin, vor Wuth erbleichend. „Frau Fürſtin, ich vergeſſe mich nicht, ich erinnere mich, wie alle Welt. Das iſt's. Ich hatte keine Verwandte, bei der ich Unterkunft ſuchen konnte. Ich wollte meine Einkünfte genießen, weil ich ſie lieber verwenden, als ſie durch Herrn Tripeaud verſchwenden ſehen will.“ „Fräulein!“ rief der Baron, „ich begreife nicht, wie Sie ſich erlauben — —“ „Nicht weiter!“ herrſchte Adriana ihm zu mit einer Ge⸗ bärde niederſchmetternden Stolzes. „Ich ſpreche von Ihnen und nicht mit Ihnen. — Ich wollte meine Einkünfte nach meinem Geſchmack verwenden. Ich habe meine ſtille Woh⸗ nung verſchönert. Häßlichen, ungeſchliffenen Dienerinnen habe ich hübſche, wohlerzogene, aber arme Mädchen vorgezo⸗ gen. Da ihre Bildung ſie nicht zu ernie en eignete, habe ich ihnen ihre Lage leicht und angenehm ge⸗“ macht. Sie bedienen mich nicht, ſie leiſten mir Dienſte Ich bezahle ſie nicht nur, ich bin ihnen auch dankbar. Für Sie, Frau Fürſtin, ſind das freilich Spitzfindigkeiten, die Sie nicht begreifen. Anſtatt ſie ſchlecht oder geſchmacklos gekleidet ein⸗ hergehen zu laſſen, habe ich ihnen Kleider gegeben, die zu ihren lieblichen Geſichtern paſſen, weil ich Ingend und Schön⸗ heit liebe. Ich ſelber kleide mich bald ſo, bald ſo, und das geht lediglich meinen Spiegel an. Ich gehe allein aus, weil es mir gefällt, dahin zu gehen wo meine Fantaſie mich hin⸗ führt. Daß ich nicht in die Meſſe gehe, iſt wahr. Hätt' ich noch eine Mutter, ſo würd' ich ihr ſagen, was meine An⸗ dacht iſt, und ſie würde mich dafür küſſen. Ich habe Wirk lich der Jugend und der Schönheit einen heidniſche errichtet, weil ich Gott anbete in Allem, was er ſchönes, gu⸗ tes, edles, großes gemacht hat, und mein Herz vom Morgen bis zum Abend das aufrichtige Gebet: „J danke Dir, Gott!“ — Der Herr Doctor Baleinier, Sie, habe mich oft in meiner Einſamkeit im Zuſtande ſeltſa⸗ mer Ueberſpannung gefunden. Das iſt wahr. Wenn ich in Gedanken allem entfloh, was mir die Gege erhaßt macht und mich in die Zukunft verſetzte, dann ſah ich zau⸗ beriſche Welten, dann hatte ich ſo herrliche Geſichte, daß ich in göttlichem Entzücken mich der Erde entrückt wähnte.“ Bei dieſen letzten Worten ſtrahlte Adriana's Antlitz wie verklärt, und was ſie umgab, war nicht für ſie vorhanden. „Dann,“ fuhr ſie mit ſteigender Begeiſterung fort; „dann athmete ich eine reine, belebende und vornehmlich, eine freie Luft ein, — eine Luft, ſo geſund, ſo wohlthuend für die Seele! Anſtatt meine Schweſtern einem erniedrigenden Druck fühlloſer, ſelbſtſüchtiger Weſen unterworfen zu ſehen, einem Druck, welchem ſie die Untugenden der Sklaverei verdanken: die freundliche Spitzbüberei, die einnehmende Falſchheit, die alles verachtende Ergebung in ihr Schickſal, den Gehorſam mit Haß — ſtatt deſſen ſah ich ſie edel und aufrichtig, weil ſie frei waren, tren und ergeben, weil ſie wählen konnten, weder herriſch noch niederträchtig, weil ſie keinen Gebieter zu be⸗ herrſchen, noch ihm zu ſchmeicheln hatten, geliebt und geachtet, weil ſie aus einer unehrlichen Hand eine ehrlich gegebene zu⸗ rückziehen konnten. Und ich fühl' es, das ſind nicht bloß tröſtende Geſichte, es iſt eine heilige Hoffnung!“ Adriana war von ihrer Begeiſterung hoch emporgetragen worden — weiter als ſie wollte. Sie bemerkte nicht, wie ihre Zuhörer ſich vergnügt einander anſahen, wie der Arzt der Fürſtin zuflüſterte: „Vortrefflich! Wenn ſie ſich mit uns wider ſich verabredet hätte, könnte ſie nicht anders ſprechen 1“ — und wie der Abbé hinzufügte: „Wir müſſen ſie durch Härte auf den Punkt treiben, wo wir ſie brauchen.“ Slie hemmte ihren Gedankenflug, um ſich wieder auf die Erde herabzulaſſen. Ihre Gereiziheit war in ihrer Begeiſterung verſchwunden und lächelnd fagte ſie zu Baleinier: „Nicht wahr, lieber Doetor, es iſt recht lächerlich, ſich dem Zauber gewiſſer Gedanken hinzugeben in Gegenwart von Leuten, die unfähig ſind, ſie zu verſtehen? Hier haben Sie eine ſchöne Gelegenheit, ſich über meine Ueberſpannung luſtig zu machen, welche Sie mir zuweilen vorwerfen. Wie konnte ich mich ihr hingeben in einem ſo ernſten Augenblick! denn es ſcheint hyier wirklich entſchieden Ernſt zu ſeyn. Aber Sie wiſſen ja, lieber Herr Baleinier, wenn mir ein Gedanke in den Kopf 3 —2 — 2 5 kommt, ſo muß ich ihm nachgehen, wie ich als Kind den Schmetterlingen nachlaufen mußte.“ „Der liebe Gott mag wiſſen, wohin die glänzenden, bun⸗ ten Schmetterlinge, die Ihnen durch den Kopf fliegen, Sie führen mögen,“ erwiederte der Doctor, mit der Miene väter⸗ licher Nachſicht lächelnd. „O, Sie Närrchen! Sie Närrchen! Wann wird endlich dies Köpfchen eben ſo vernünftig werden, wie es reizend iſt!“ „Den Augenblick, lieber Herr Doctor,“ erwiederte Adriana. „Ich will meine Träumereien laſſen, zur Wirklichkeit zurück⸗ kehren und eine ganz poſitive Sprache reden. — Frau Für⸗ ſtin, Sie haben mir Ihren Willen mitgetheilt. Hören Sie den meinigen an. Ehe acht Tage vergehen, verlaß' ich den Pavillon und beziehe eine Wohnung, die ich nach meinem Geſchmack habe einrichten laſſen. Dort werd' ich leben, wie es mir gefällt. Ich habe weder Vater noch Mutter und bin nur mir Rechenſchaft von meinen Handlungen ſchuldig.“ Die Fürſtin zuckte die Achſeln und ſprach: „Fräulein, Sie reden wirklich unvernünftig. Sie vergeſſen, daß die Geſell⸗ ſchaft unverjährbare Anſprüche der Moralität an Sie hat, und daß uns es obliegt, dieſelben geltend zu machen. Wir werden es nicht unterlaſſen; verlaſſen Sie ſich darauf!“ „So! Frau Fürſtin. Alſo Sie und Herr von Aigrigny und Herr Tripeaud repräſentiren die Moralität der Geſell⸗ ſchaft? Das iſt klug ausgeſonnen. Iſt es etwa darum, weil Herr Tripeaud mein Vermögen als das ſeinige betrachtet hat? Iſt es etwa — —“ „Fräulein!“ ſchrie der Baron auf. „Frau Fürſtin,“ fuhr Adriana fort, „da ſich eben Anlaß dazu bietet, ſo werd' ich von Ihnen Erklärungen verlangen über gewiſſe Vermögensangelegenheiten, die man mir bisher verhehlt zu haben ſcheint.“ Der geiſtliche Herr und die Fürſtin erbebten und wechſel⸗ ten einen Blick angſtvoller Beſorgniß. Adriana bemerkte es nicht und fuhr fort: „Um Ihren Anſprüchen ein Ende zu machen, ſage ich Ihnen hiermit mein letztes Wort: Ich will leben, wie es mir gut dünkt. Wäre ich männlichen Ge⸗ ſchlechts, ſo würden Sie ſich wohl nicht einfallen laſſen, mir in meinem Alter die harte, erniedrigende Vormundſchaft auf⸗ zulegen, der Sie mich unterwerfen wollen, darum, weil ich bisher anſtändig, frei und großartig gelebt habe vor aller Welt Augen.“ „Dieſer Gedanke iſt widerſinnig!“ rief die Fürſtin. „So leben wollen, das heißt das Vergeſſen aller Moral, aller Scham auf's Aeußerſte treiben.“ „Ei, ſagen Sie doch Frau Fürſtin, was halten Sie denn von ſo vielen armen Mädchen, die, verwaiſ't wie ich, allein und frei leben? Dieſe Mädchen haben nicht, wie ich, eine feine Erziehung genoſſen, die das Herz erhebt und die Seele rei⸗ nigt. Sie beſitzen nicht, wie ich, Reichthum, der vor allen Verſuchungen des Elends bewahrt. Und doch leben ſie ehren⸗ haft und ſtolz in ihrer Armuth.“ „Tugend und Laſter iſt für dies Hundepack nicht vorhan⸗ den!“ rief der Herr Baron, welcher ſich die Freiheit nahm, im Saale der Fürſtin zu ſprechen, wie in der Kuliſſe der Börſe. „Frau Fürſtin,“ ſagte Adriana, „Sie würden einen La⸗ kaien fortjagen, welcher ſich erfrechte, ſo vor Ihnen zu ſpre⸗ chen. Und mich nöthigen Sie, ſo etwas zu hören?“ Der Marquis ſtieß den Baron mit dem Knie an und ſuchte die Plumpheit des Geldmannes wieder gut zu machen durch die Bemerkung: „Fräulein, zwiſchen ſolchen Leuten und einer jungen Perſon von Ihrem Stand iſt ein großer Unterſchied.“ „Im Munde eines Geiſtlichen klingt dieſe Unterſcheidung nicht ſehr chriſtlich,“ verſetzte Adriana. „Ich weiß, was meine Worte ſagen wollen,“ entgegnete der Abbé. „Uebrigens könnte das ungebundene Leben, wel⸗ ches Sie aller Vernunft zuwider führen wollen, die nachthei⸗ ligſten Folgen haben. Denn Ihre Familie kann Sie eines Tags verheirathen wollen, und — —“ „Herr Abbé,“ unterbrach Adriana, „ich werde meiner Fa⸗ milie dieſe Sorge erſparen. Ich werde mich ſelbſt verheira⸗ then. Das iſt wohl nicht aller Vernunft zuwider. Uebrigens, aufrichtig geſprochen, verſpüre ich wenig Luſt nach der Kette, welche Selbſtſucht und Fählloſigkeit uns auf ewig an den Hals ſchmieden.“ „Fräulein, es iſt unſchicklich, ſich in ſolchem Ton über die Ehe zu äußern,“ bemerkte die Fürſtin. „Zumal vor Ihnen,“ verſetzte Adriana. „Verzeihen Sie, daß ich Ihr Ohr beleidigt habe. Sie fürchten, meine Lebens⸗ weiſe möchte die Freier fernhalten. Das iſt für mich ein Grund mehr, auf meiner Ungebundenheit zu beſtehen. Die Freier ſind mir ein Gräuel. Ich wünſche nichts mehr, als ſie ſcheu zu machen und ihnen die ſchlimmſte Meinung von mir beizubringen. Dazu gibt es kein beſſeres Mittel, als daß ich ſcheine, ſo zu leben, wie ſie ſelber leben. Ich rechne auf meine Launen, auf meine Narrheiten, auf me lingsfehler, um mich vor jeder langweiligen Ehebewerhüſg zu bewahren.“ „Dieſer Ihr Wunſch wird vollkommen erfüllt werden,“ erwiederte die Fürſtin, „wenn ſich unglücklicher Weiſe das Gerücht verbreiten ſollte, daß Sie das Vergeſſen alles An⸗ ſtandes ſo weit treiben, um acht Uhr Morgens nach Haus zu kommen, wie man mir geſagt hat. Aber ich will an eine ſo entſetzliche Sache nicht glauben.“ „Da haben Sie Unrecht,“ erwiederte Adriana. „Es iſt die Wahrheit.“ 1* „Alſo, Sie geſtehen?“ rief die Fürſtin. „Ich geſtehe Alles, was ich thue. Dieſen Morgen bin ich um acht Uhr nach Haus gekommen.“ „Meine Herren! Sie hören es!“ rief die Fürſtin. „Ah!“ rief der Marquis mit einer Tenorſtimme. 4 „Ah!“ rief der Baron durch die Fiſtel. „Ah!“ murmelte der Doetor mit einem tiefen Seufzer. Als Adriana dies Lamento hörte, fühlte ſie ſich verſucht, zu reden und ſich zu rechtfertigen. Aber ein Zug verachten⸗ den Spottes um ihren Mund verrieth, daß ſie es unter ihrer Würde hielt. „Alſo iſt es wahr!“ fuhr die Fürſtin fort. „O, Fräulein, Sie hatten mich daran gewöhnt, über nichts zu erſtaunen. Aber ein ſolches Benehmen bezweifelte ich noch. Es gehörte Ihre kecke Antwort dazu, um mich zu überzeugen.“ „Lügen habe ich ſtets für kecker gehalten, als die Wahrheit zu ſagen, Frau Fürſtin.“ „Und woher kamen Sie, Fräulein? Und warum — —2“ „Madame,“ unterbrach Adriana, „ich lüge nie. Aber ich ſage auch nie, was ich nicht ſagen will. Es wäre eine Fe heit, ſich gegen eine ſo empörende Anklage zu rechtfertigen. Alſo kein Wort weiter hiervon! Ihre Fragen darüber würden vergebens ſeyn. Faſſen wir uns kurz. Sie wollen mir eine erniedrigende Vormundſchaft auflegen; und ich will aus dem Pavillon ausziehen und leben, wo es mir gefällt, und wie es mir gefällt. Wer nachgeben muß, ich oder Sie, das wollen wir ſehen. Jetzt zu etwas anderem. Dies Hötel gehört mir. Ich habe nichts dagegen, daß Sie darin wohnen. Aber das Erdgeſchoß ſteht unbenutzt und enthält, außer den Empfang⸗ ſälen, zwei vollſtändige Wohnungen. Ueber dieſe Wohnungen verfüge ich auf einige Zeit.“ Verwundert ſah die Fürſtin den Marquis von Aigrigny an. Dann wandte ſie ſich gegen Adriana und ſagte ſpöttiſch: „Wirklich, Fräulein? Ei, für wen denn, wenn man fragen darf?“ „Für drei Perſonen von meiner Familie.“ „Was bedeutet das?“ fragte die Fürſtin ſtaunend. „Madame, das bedeutet, daß ich hier großartige Gaſtfreund⸗ ſchaft üben will gegen einen indiſchen Prinzen, der durch meine Mutter mit mir verwandt iſt. In zwei bis drei Ta⸗ gen wird er kommen, und ich will, daß er ſeine Gemächer zu ſeiner Aufnahme bereit finde.“ „Hören Sie es, meine Herren?“ ſagte der geiſtliche Herr zum Geldmann und zum Heilkünſtler, als ob Adriana etwas ganz Entſetzliches geſagt hätte. „Das geht über alle Begriffe,“ ſagte der Baron. „Ah!“ ſeufzte der Doctor, die Augen verdrehend; „der Ge⸗ danke iſt an ſich edel; aber immer das närriſche Köpfchen!“ „Ganz herrlich!“ ſagte die Fürſtin. „Ich kann das Fräu⸗ lein doch nicht hindern, die ausſchweifendſten Wünſche auszu⸗ ſprechen. Aber vermuthlich werden Sie nicht inne halten, da Sie ſo ſchön im Zug ſind. Iſt das Alles?“ Noch nicht, Frau Fürſtin. Dieſen Morgen habe ich er⸗ fahren, daß zwei arme verwaiſte Mädchen von fünfzehn Jah⸗ ren, die ebenfalls durch meine Mutter mit mir verwandt ſind, daß die Töchter des Generals Simon geſtern nach einer langen Reiſe hier angekommen ſind und ſich bei der Frau des wackeren Soldaten befinden, der ſie aus Sibirien nach Frank⸗ reich gebracht hat.“ — — 2 Bei dieſen Worten erbebten die Fürſtin und der Marquis und ſahen ſich entſetzt einander an. Sie hätten ſich eher des Himmels Einfall träumen laſſen, als daß das Fräulein von Cardoville um die Rückkehr der Töchter des Marſchalls Si⸗ mon wüßte. „Nicht wahr, Sie erſtaunen, daß ich ſo gut unterrichtet bin?“ ſagte Adriana. „O, ich hoffe, Ihr Erſtaunen bald noch 3 zu ſteigern. Doch um auf die Töchter des Marſchalls Si⸗ mon zurückzukommen. Sie ſehen wohl, Frau Fürſtin, daß ich die Kinder nicht den braven Leuten auf dem Hals laſſen kann, Zwar iſt dieſe Familie ehrenhaft und arbeitſam, aber in ihr iſt eben doch nicht der Platz meiner Verwandten. Ich werde ſie alſo abholen und ſie hier in der einen Wohnung des Erd⸗ geſchoſſes unterbringen. Die Frau des Soldaten ſoll bei ihnen wohnen; ſie wird eine vortreffliche Haushälterin für ſie ſeyn.“ Herr von Aigrigny und Herr Tripeaud ſahen ſich einander an und letzterer rief: „Nein, das iſt zu verrückt!“ Adriana fuhr fort, ohne auf dieſe Unterbrechung zu achten: „Der Marſchall Simon kann nicht lange ausbleiben; er kann jeden Augenblick zurückkommen. Sie begreifen, Frau Fürſtin, wie angenehm es mir ſeyn muß, ihm ſeine Töchter vorzu⸗ ſtellen, und ihm beweiſen zu können, daß ſie behandelt wor⸗ den ſind, wie es ſich geziemte. Morgen früh werde ich Putz⸗ macherinnen und Rätherinnen kommen laſſen, auf daß es ih⸗ nen an nichts fehle. Ich will, daß bei ſeiner Rückkehr ihr Vater ſie ſchön, blendend ſchön finde. Man ſagt, ſie ſeyen ſchön wie Engel. Ich arme Profane will bloß Amoretten aus ihnen machen.“ Der geiſtliche Herr hörte mit erzwungener Kälte und Ruhe zu, konnte aber kaum ſeine tödtliche Angſt verhehlen. Die Fürſtin verſteckte ihre Wuth unter einem ſpöttiſchen Ton und fragte: „Nun Fräulein, ſind Sie endlich fertig? — — Be⸗ ſinnen Sie ſich doch. — Haben Sie nicht dieſe intere ſſante Familiencolonie noch um einige Verwandte zu vermehren? Wahrhaftig, eine Königin könnte es nicht großartiger treiben, „Ja, Frau Fürſtin, ich will auch meiner Fat bei welchen ſie für den Augenblick Unterkunft gefunden haben. — 16 königlichen Empfang bereiten, einen ſolchen, wie er dem Sohn eines Königs und den Töchtern des Marſchalls, Herzogs von Ligny, gebührt. Es iſt gar ſchön, jede Art von Luxus mit dem überſtrömenden Gefühl der Gaſtlichkeit zu verbinden.“ „Die Maxime iſt ohne Zweifel großartig,“ ſagte die Für⸗ ſtin, deren Gemüthsbewegung immer heftiger ward. „Schade nur, daß Sie nicht zur Ausübung derſelben die Minen von Potoſi beſitzen.“ „Gut, daß Sie mich daran erinnern. Von einer Mine, die ſehr reich ſeyn ſoll, wollte ich mit der Frau Fürſtin ſpre⸗ chen. So bedeutend auch mein Vermögen ſeyn mag, ſo wäre es doch eine Kleinigkeit im Vergleich mit dem, welches jeden Augenblick unſerer Familie heimfallen kann; und wenn dieſer Fall eintritt, würde die Frau Fürſtin vielleicht meine von ihr ſogenannte königliche Verſchwendung entſchuldigen.“ Der Marquis von Aigrigny befand ſich in einer entſetzli⸗ chen Gemüthsſtimmung. Die Medaillenangelegenheit war ſo wichtig, daß er ſie ſelbſt dem Doctor Baleinier verheimlicht hatte, obwohl er ſeine Mitwirkung für eine Sache von uner⸗ meßlicher Wichtigkeit in Anſpruch nahm. Auch Herr Tripeaud war nicht davon unterrichtet. Die Fürſtin glaubte, aus den Papieren des Vaters von Adriana alle Spuren weggeſchafft zu haben, welche das Mädchen zur Entdeckung jener Ange⸗ liegenheit führen könnten. Und nun ſah der Abbé mit Ent⸗ ſetzen, daß Adriana um das Geheimniß wußte, und zittert bei dem Gedanken, daß ſie es veröffentlichen möchte. Die Fürſtin theilte das Entſetzen des geiſtlichen Herrn. Ihrer Nichte in die Rede fallend, rief ſie: „Fräulein, es gibt Familienangelegenheiten, die geheim gehalten werden müſſen. Ich weiß zwar nicht, was Sie da meinen, aber ich rathe Ihnen, dieſen Gegenſtand fallen zu laſſen.“ „Ei! Frau Tante! Sind wir denn nicht hier im Familienkreiſe? Wie hätten wir uns denn ſolche Artigkeiten ſagen können?“ „Das iſt einerlei! Wenn es ſich um ſtreitige Vermögens⸗ angelegenheiten handelt, dann iſt es vollkommen unnütz von ihnen zu ſprechen, ſobald man nicht die Urkunden vor Augen hat.“ „Ei, wovon anders ſprechen wir denn ſeit einer Stunde, als von Vermögensangelegenheiten? Ich begreife wirklich nicht hr Staunen, Ihre Verlegenheit.“ „Ich bin weder erſtaunt noch verlegen. Aber ſeit zwei Stunden nöthigen Sie mich, ſo neue, ſo unerhörte Dinge daß man wirklich nicht weiß, was man ſagen vll.“ Adriana faßte ihre Tante ſcharf ins Auge und ſagte: „Ich bitte um Vergebung, Frau Fürſtin. Sie ſind ſehr verlegen — und Herr von Aigrigny ebenfalls. Wenn ich das mit gewiſſen Verdachtsgründen zuſammenhalte, die ich noch nicht ins Reine gebracht — — —. Sollte ich recht gerathen haben?“ Die Fürſtin verlor völlig ihre Beſonnenheit und ſchrie: „Fräulein! ich befehle Ihnen zu ſchweigen!“ „O, Madame!“ rief Adriana. „Für eine Perſon, die ſich ſonſt ſo wohl zu beherrſchen weiß, geben Sie ſich eine ent⸗ ſetzliche Blöße.“ Die Vorſehung, würde ein. Zeluit ſagen, kam der Fürſtin und dem Marquis in dieſem gefährlichen Augenblick zu Hülfe. Ein Kammerdiener ſtürzte mit verſtörtem Geſicht herein. „Was gibt's, Dubvis?“ rief die Fürſtin ihm zu. „Frau Fürſtin,“ ſagte der Diener, „verzeihen Sie, daß ich Ihrem ausdrücklichen Befehl zuwider, Sie ſtöre. Der Herr Polizeicommiſſär will den Augenblick mit Ihnen ſpre⸗ chen. Er iſt unten, und im Hof ſtehen mehre Polizeidiener mit Soldaten.“ * Trotz ihrer Beſtürzung über dieſen neuen Umſtand, vergaß die Fürſtin doch nicht, daß es für ſie dringend ſey, ſich über die drohenden Offenbarungen Adriana's mit dem Marquis zu verſtändigen. Indem ſie ſich erhob, ſagte ſie zu ihm: „Herr von Aigrigny, wollten Sie ſo gefällig ſeyn, mich zu begleiten? Ich begreife nicht, was das Erſcheinen des Polizeicommiſſärs bei mir bedeuten ſoll.“ Der Abbé Marquis von Aigrigny folgte der Fürſtin in das anſtoßende Gemach. Blic. „Dieſe Entdeckung i Sechstes Kapitel. Der Verrath. Während Adriana, Herr Tripeaud und der Arzt in dem grünen Saale blieben, ging die Fürſtin von St. Dizier mit dem Marquis von Aigrigny und mit ihrem Kammerdiener in das anſtoßende Zimmer. Hier fragte ſie den Diener: „Wo iſt der Polizeicommiſſär 2 „Im blauen Saale, Frau Fürſtin.“ „Sagt ihm, er möge gefälligſt einige Augenblicke ver⸗ ziehen.“ Der Kammerdiener verbengte ſich und ging hinaus. So wie er ſich entfernt hatte, trat die Fürſtin raſch zu dem Abbé hin, deſſen ſonſt ſo ruhiges und ſtolzes Antiitz bleich und 9 düſter war, und ſagte haſtig: „Sie ſehen, Adriana weiß Alles. Was iſt zu machen? Was iſt zu machen?“ „Ich weiß es nicht,“ erwiederte der Marquis mit ſtarrem iſt ein furchtbarer Schlag.“ „Alſo iſt Alles verloren?“ „Ich wüßte nur einen Retter — — den Doctor.“ „Wie?“ rief die Fürſtin. „So ſchnell? Heute ſchon?“ „In zwei Stunden wird es zu ſpät ſeyn. Dies teufliſche en wird die Töchter des Marſchalls Simon geſehen aben.“ „Mein Gott! — Friedrich, ſo ſchnell iſt es nicht möglich. Baleinier kann gewiß nicht — — Das müßte langſam vor⸗ pereitet werden, wie es nach dem heutigen Verhör geſchehen ſollte.“ „Einerlei!“ entgegnete der Abbé. „Der Doctor muß es um jeden Preis verſuchen.“ „Aber unter welchem Vorwand?“ „Ich will mich auf einen beſinnen.“ „Angenommen, Friedrich, Sie fänden dieſen Vorwand, ſo iſt, wenn heute gehandelt werden muß, nichts vorbereitet da unten.“ „Beruhigen Sie ſich. Man iſt dort immer bereit.“ ———— — „Aber wie ſollen wir in dieſem Augenblick den Doctor be⸗ 63 nachrichtigen?“ fragte die Fürſtin. Der Marquis beſann ſich. „Ihn rufen laſſen,“ ſagte er, würde den Argwohn Ihrer Nichte erwecken, und das muß 4 vor allen Dingen vermieden werden.“ „Gewiß!“ ſagte die Fürſtin. „Ihr Vertrauen auf ihn iſt eins unſerer größten Hülfsmittel.“ „Es fällt mir ein Mittel ein! — — Ich ſchreibe ſchnell einige Zeilen an Baleinier, und einer Ihrer Leute bringt ihm den Brief, als käme er von Außen — von einem Kranken — der dringend ſeiner bedarf.“ „Ein vortrefflicher Gedanke!“ rief die Fürſtin. „Sie ha⸗ ben Recht. Hier auf dem Tiſch iſt Schreibzeug. Geſchwind! geſchwind! Aber wird es dem Doctor gelingen?“ „Ich wage es kaum zu hoffen,“ antwortete der Marquis, mit verhaltenem Grimm ſich niederſetzend. „Fußend auf die⸗ ſes Verhör, welches alle unſere Erwartungen übertroffen hat, und welches unſer verſteckter Mann treulich ſtenographirt hat, und weiter fußend auf die heftigen Auftritte, die nothwendig morgen und ſpäter ſtattfinden müßten, hätte der Doetor unter Beobachtung der gehörigen Vorſicht, mit voller Zuverſicht han⸗ deln können. Aber ihm das heute — in dieſem Augenblick zumuthen, — nein, Herminie, es iſt Wahnſinn, daran zu den⸗ ken!“ Und der Marquis warf die Feder weg und ſagte dann im Ton tiefen, bitteren Schmerzes: „Im Augenblick des Ge⸗ lingens alle unſere Hoffnungen vernichtet zu ſehen! O, die Folgen hiervon — — werden unberechenbar ſeyn. — — Zhre Nichte bereitet uns viel Unheil — — viel Unheil!“ Die letzten Worte wurden von dem geiſtlichen Herrn in einem un⸗ beſchreiblichen Ton verhaltenen Zorns und unverſöhnlichen Haſſes geſprochen. „Friedrich!“ rief die Fürſtin angſtvoll, indem ſie ihre Hand auf die des Marquis drückte, „ich beſchwöre Sie, geben Sie noch nicht alle Hoffnung auf. Der Doctor iſt reich an Aus⸗ kunftsmitteln und uns ganz ergeben. Verſuchen wir es im⸗ erhin⸗⸗ Der Abbé ergriff wieder die Feder und ſagte: „Es iſt ſtens eine Ausſicht.“ rein wir die Seh auf die Spitze,“ die eFiſün⸗ „Adriana geht heute Abend hin, die Töchter des Marſchalls Simon abzuholen. Vielleicht findet ſie dieſelben nicht mehr., „Das ſteht nicht zu hoffen,“ erwiederte der Abbé. „Un⸗ möglich können die Befehle Rodin's ſo ſchnell vollzogen ſeyn. Wir wären davon benachrichtigt.“ „Das iſt wahr. Schreiben Sie alſo an den Doctor. Ich will Ihnen Dubvis ſchicken, daß er den Brief beſorge. Muth, Friedrich! Wir wollen dies ſtarrköpfige Mädchen zurechtſetzen. — Adriana! Du ſollſt theuer deine frechen Spöttereien und die Angſt, die du uns bereiteſt, bezahlen!“ Mit dieſen Worten ging die Fürſtin weg. An der Thür wandte ſie ſich um und ſagte: „Erwarten Sie mich hier. Ich will Ihnen ſagen, was der Beſuch des Polizeicommiſſärs zu bedeuten hat, und dann wollen wir zuſammen in den Saal zurückkehren.“ Die Fürſtin ging hinaus. Herr von Aigrigny ſchrieb mit zitternder Hand haſtig ein paar Worte. Siebentes Kapitel. * D e S ch Nach dem Weggang der Fürſtin und des Marquis war Adriana, wie geſagt, mit Doctor Baleinier und mit dem Ba⸗ ron Tripeaud im grünen Saale geblieben. Bei Ankündigung des Beſuchs des Polizeicvmmiſſärs hatte ſie lebhafte Unruhe empfunden, denn ſie zweifelte nicht, daß, wie Agricola befürch⸗ tet hatte, der Beamte gekommen ſey, um eine Hausſuchung nach dem Schmied im Hötel und im Pavillon anzuſtellen. Freilich hielt ſie das Verſteck Agricvla's für gut, aber ſie war doch nicht ganz ſicher. In der Vorausſicht eines ſchlimmen Ausgangs, beſchloß ſie, ihren Schützling dringend dem Doc⸗ tor zu empfehlen, welcher, wie wir gehört haben, der ver⸗ traute Freund eines einflußreichen Miniſters jener Zeit war. Sie trat alſo zu dem Arzt, welcher leiſe mit dem Baron ſprach, und ſagie mit dem ſanfteſten, einſchmeichelidnen To — ihrer Stimme: „Lieber Herr Doctor, ich wünſchte Ihnen ein paar Worte zu ſagen.“ Und ſie winkte ihm mit den Augen nach einer Fenſtervertiefung. „Zu Befehl, Fräulein,“ antwortete der Arzt, ſtand auf und folgte Adrianen nach dem Fenſter. Herr Tripeaud, der, ſeit⸗ dem er ſich nicht mehr durch die Anweſenheit des Abbé ge⸗ ſtärkt fühlte, das Mädchen wie das Feuer ſcheute, war ſehr erfreut, ſie anderweitig beſchäftigt zu ſehen. Um nicht die Rolle eines Klotzes zu ſpielen, ſtellte er ſich wieder vor das heilige Gemälde und that, als könnte er nicht ſatt werden, es zu bewundern. Als Adriana ſo weit von dem Baron weg war, daß ſie nicht von ihm gehört werden konnte, ſagte ſie zu dem Arzt, der, wie immer, wohlwollend lächelnd, ihrer Eröffnung ent⸗ gegen ſah: „Lieber Herr Doetor, Sie ſind mein Freund. Sie ſind der Freund meines Vaters geweſen. Trotz der Schwie⸗ rigkeit Ihrer Stellung haben Sie vorhin muthvoll allein für mich Partei genommen.“ „Ei keineswegs!“ erwiederte der Arzt im Ton ſcherzhaften Unwillens. „Sagen Sie mir ſolche Sachen nicht. Sie wür⸗ den mir ſchöne Geſchichten machen. Wollen Sie ſchweigen? Vade retro Satanas 1*) das iſt verdollmetſcht: laſſen Sie mich in Frieden, Sie lieblicher kleiner Dämon, der Sie ſind!“ „Beruhigen Sie ſich, Herr Doetor,“ ſagte Adriana lä⸗ chelnd. „Ich werde Sie nicht bloßſtellen. Nur erinnern Sie ſich, daß Sie mir oft Ihre Dienſte angeboten und mir vft von Ihrer Ergebenheit geſprochen haben.“ „Stellen Sie mich auf die Probe und ſehen Sie, ob ich mich auf Worte beſchränke.“ „So geben Sie mir auf der Stelle einen Beweis!“ ſagte Adriana lebhaft. „Gut! Ich laſſe mich gern ſo beim Wort nehmen. Was ſoll ich für Sie thun?“ „Stehn Sie noch immer auf ſo gutem Fuß mit Ihrem Freund, dem Miniſter 2. „Gewiß. Eben habe ich ihn in der Behandlung wegen ei⸗ ner Heiſerkeit. Er wird von derſelben immer befallen, zwölf ²) Hebe dich weg, Satanas! — 3 — Stunden vor dem Tag, wo er in der Kammer zur Rede ge⸗ ſtellt werden ſoll. Er zieht die Heiſerkeit dem Antworten vor.“ „Sie müſſen von diefem Miniſter etwas ſehr Wichtiges für mich erlangen.“ „Für Sie? — — Wie hängt das zuſammen — —.“ Der Arzt ward unterbrochen durch den eintretenden Kam⸗ merdiener der Fürſtin, welcher ihm einen Brief übergab und ſagte: „Ein Bedienter hat ſo eben dieſen Brief für den Herrn Dvetor gebracht. Es hat große Eile.“ Baleinier nahm den Brief, und der Kammerdiener ging weg. „Das ſind die Unannehmlichkeiten der Geſchicklichkeit,“ bemerkte Adriana lächelnd. „Armer Dvetor! man läßt Ih⸗ nen keinen Augenblick Ruhe.“ „Erinnern Sie mich nur daran nicht, Fräulein,“ erwiederte der Arzt, welcher einen Ausdruck der Ueberraſchung nicht ver⸗ bergen konnte, als er die Schriftzüge des Herrn von Ai⸗ grigny erkannte. „Dieſe verteufelten Kranfen meinen gerade, wir wären von Eiſen und hätten alle die Geſundheit aufge⸗ kauft, die ihnen mangelt. Sie ſind ganz und gar rückſichts⸗ los. — Aber erlauben Sie, Fräulein,“ fügte er mit einem fragenden Blick hinzu, während er im Begriff ſtand, den Brief zu öffnen. Adriana erklärte durch ein freundliches Nicken, daß er un⸗ geſtört leſen könne. Der Brief war nicht lang. In einem Augenblick hatte der Doctor ihn geleſen. Seiner gewöhnlichen Vorſicht zuwider, zuckte er die Achſeln und ſagte lebhaft: „Heute? — — Unmöglich! Er iſt verrückt!“ „Gewiß ein armer Kranker, der ſeine einzige Hoffnung auf Sie ſetzt, der Sie erwartet, der Sie zu ſich ruft, ſagte Adriana. „O, lieber Herr Doetor, ſeyn Sie gutherzig. Wei⸗ ſen Sie nicht ſeine Bitte zurück! Es iſt ſo ſüß, das Ver⸗ trauen zu rechtfertigen, welches man einflößt!“ Es lag höchſt ſonderbarer Weiſe eine ſolche Aehnlichkeit und zugleich ein ſolcher Widerſpruch in dem Inhalt des ſo eben von dem unverſöhnlichſten Feind Adriana's geſchriebenen Briefs und in den mitleidigen Worten, welche Adriang mit rüh⸗ render Stimme ſprach, daß der Arzt betroffen das Mädchen mit faſt verlegener Miene anſah und antwortete: „Es han⸗ delt ſich allerdings um Jemand, den ich bediene, welcher ſehr — — 55 — auf mich rechnet, — nur zu ſehr, denn er verlangt von mir etwas Unmögliches. Aber warum nehmen Sie ſo lebhaften Antheil an einem Unbekannten?“ „Wenn er unglücklich iſt, ſo iſt es ſo gut, als kennt' ich ihn. Mein Schützling, für den ich Ihre Verwendung bei dem Miniſter in Anſpruch nehme, war mir auch faſt unbe⸗ kannt, und jetzt nehm'ich den lebhafteſten Antheil an ihm. Er iſt der Sohn des braven Soldaten, welcher die Töchter des Generals Simon aus Sibirien hierher gebracht hat.“ „Wie? Ihr Schützling iſt — — —?“ „Ein wackerer Handwerker, die Stütze ſeiner Familie. Aber ich muß Ihnen Alles ſagen. Die Sache hängt ſo zuſammen.“ Adriana konnte nicht weiter fortfahren, weil die Fürſtin mit dem Marquis hereingeſtürmt kam. Man las auf ihrem Geſicht einen Ausdruck hölliſcher Freude, die unter einem er⸗ heuchelten Unwillen ſich ſchlecht verbarg. Der Marquis von Aigrigny warf im Eintreten dem Doctor Baleinier einen fragenden Blick zu, den dieſer mit einem Kopfſchütteln be⸗ antwortete. Aigrigny biß ſich in ſtummer Wuth in die Lippen. Da er ſeine letzte Hoffnung auf den Doctor ge⸗ ſetzt hatte, ſo mußte er ſeine Anſchläge für völlig vereitelt halten, ungeachtet des Schlags, welchen die Fürſtin gegen ihre Nichte zu führen im Begriff ſtand. Die Fürſtin konnte vor Schadenfreude kaum ſprechen. „Meine Herren!“ rief ſie haſtig, „nehmen Sie gefälligſt Platz. Ich habe Ihnen neue und merkwürdige Sachen mit⸗ zutheilen in Betreff dieſes — Fräuleins.“ Dabei warf ſie z widerwärtigen Blick des Haſſes und Hohnes auf ihre Nichte. „Kommen Sie, liebes Kind,“ ſagte Baleinier in ſüßlichem Ton. Was gibt's denn ſchon wieder? was will man denn ſchon wieder mit Ihnen? Mag kommen, was da will, ſo können Sie ſtets auf mich zählen.“ Nach dieſen Worten trat der Arzt aus der Fenſtervertiefung hervor und nahm Platz neben dem Börſenmann und dem geiſtlichen Herrn. Adriana, welche glaubte ihre Tante wolle das Verhör wieder von vorn anfangen, fand dies unverſchämt langweilig. Sie trat mit zornglühendem Geſicht an den Tiſch, welchem die Fürſtin ſaß, ſagte zu Baleinier: Ic er⸗ warte Sie ſo bald wie möglich im Pavillon, um mit Ihnen wegen der bewußten Sache zu ſprechen,“ — und wandte ſich um nach dem Stuhl, auf welchem ihr Hut lag. Die Fürſtin ſprang auf und rief: „Was beginnen Sie, Fräulein?“ „Ich gehe weg,“ antwortete Adriana. „Sie haben mir Ih⸗ ren Willen kund gethan und ich Ihnen den meinigen. Was die Vermögensangelegenheiten betrifft, ſo werd' ich Jemanden damit beauftragen.“ Bei dieſen Worten ergriff ſie ihren Hut. Als die Fürſtin ſah, daß ihre Beute ihr entgehen wollte, ſprang ſie auf ihre Nichte zu, faßte ſie, alle Schicklichkeit außer Augen ſetzend, beim Arm und ſchrie ihr zu: „Sie⸗ bleiben da!“ „Frau Fürſtin,“ ſagte Adriana im Ton tiefen Unwillens, „wo ſind wir denn hier?“ „Sie wollen fortlaufen!“ fuhr die Fürſtin mit einem ver⸗ achtenden Blicke fort. „Sie haben Angſt!“ Mit dem Wort: Sie haben Angſt — hätte man das Fräulein von Cardoville in einen feurigen Ofen treiben kön⸗ nen. Stolz zog ſie ihren Arm aus der Hand ihrer Tante, warf den Hut wieder auf den Stuhl, trat an den Tiſch und ſagte zur Fürſtin: „Es gibt etwas, daß den Ekel vor Ih⸗ rem Treiben in mir überwindet, nämlich die Beſorgniß, für feig gehalten zu werden. „Reden Sie!“ fügte ſie in gebietendem Tone hinzu. „Ich höre Ihnen zu.“ Und mit einer Thräne des Unwillens im Auge und auf den Boden ſtampfend, blickte ſie, die Arme auf der wogenden Bruſt ver⸗ ſchränkt, zuverſichtlich ihre Tante an. Die Fürſtin wollte ihr Gift tropfenweis verſpritzen und ihr Opfer, welches ihr nicht entrinnen konnte, ſo lange wie möglich leiden laſſen. „Meine Herren,“ ſagte ſie in gemeſ⸗ ſenem Ton, „hören Sie, was geſchehen iſt. Man hatte mir geſagt, der Polizeicvmmiſſär wünſchte, mich zu ſprechen. Ich begab mich zu dem Beamten. Er bat mit ſichtlichem Leid⸗ weſen um Entſchuldigung wegen des Schrittes, den er in Erfüllung ſeiner Pflicht zu thun habe. Man hatte einen Mann, gegen den ein Vorführungsbefehl erlaſſen war, in den Gar⸗ tenpavillon gehen ſehen.“ Adriana erbebte. Sie zweifelte nicht, daß der Mann Agri⸗ 6 „ —— — ———— — — „ ——— — — — cola ſey. Aber ſie beruhigte ſich bei dem Gedanken an die Sicherheit des Verſtecks. „Der Beamte,“ fuhr die Fürſtin fort, „bat mich, ihn nach dieſem Mann ſuchen zu laſſen. Er hatte das Recht dazu. Ich bat ihn, den Anfang im Pavillon zu machen, und ging mit ihm. Ungeachtet der bisherigen Aufführung des Fräu⸗ leins, für welche ich keinen Namen weiß, kam es mir doch nicht in den Sinn, zu glauben, daß ſie in dieſe klägliche Po⸗ lizeigeſchichte verwickelt ſey. Ich hatte Unrecht.“ „Wie ſo?“ rief Adriana. „Sie werden es hören,“ antwortete die Fürſtin mit trium⸗ phirender Miene. „Alles nach der Reihe. Sie haben ſich vorhin etwas zu vorſchnell ſpöttiſch und hochmüthig gezeigt. Ich begleitete alſo den Commiſſär bei ſeinen Nachforſchungen. Wir kamen in den Pavillon. Ich überlaſſe es Ihnen, ſich das Staunen des Beamten vorzuſtellen beim Anblick der wie Komödiantinnen aufgeputzten drei Geſchöpfe. Der Umſtand ward auf mein Begehren in das Protocoll aufgenommen, denn man kann ſolche Tollheiten nicht genug bezeugen laſſen.“ „Die Frau Fürſtin hat höchſt weiſe gehandelt,“ bemerkte ihr Tripeaud, ſich verneigend. „Es war gut, auch die Juſtiz in dieſer Beziehung aufzuklären.“ Adriana war zu ſehr mit dem Gedanken an Agricola be⸗ ſchäftigt, als daß ſie den Geldmann oder die Fürſtin hätte trumpfen können. Sie hörte ſchweigend zu. „Der Beamte“, fuhr die Fürſtin fort, „unterwarf erſt die Mädchen einem ſcharfen Verhör und fragte ſie, ob nicht ihres Wiſſens ein junger Mann in den von dem Fräulein bewohn⸗ ten Pavillon gekommen ſey. Mit unglaublicher Keckheit ant⸗ dieſe Geſchöpfe, ſie hätten Niemand hereingehn ehen.“ „Wackere Mädchen!“ dachte Adriana. „Der arme Arbeits⸗ mann iſt vorläufig geborgen, und das Uebrige wird die Ver⸗ wendung des Doctor Baleinier thun.“ „Zum Glück,“ fuhr die Fürſtin fort, „hatte Frau Grivois, eine meiner Kammerfrauen, mich begleitet. Dieſe vortreffliche Frau erinnerte ſich, das Fräulein heute Morgen um acht Uhr nach Haus kommen geſehen zu haben, und ſagte dem Beamten ganz arglos, es könnte wohl ſeyn, daß der Mann, den man n ſuchte, durch das Gartenthürchen hereingekommen ſey, welches das Fräulein beim Nachhauſekommen aus Ver⸗ ſehen offen gelaſſen habe.“ „Frau Fürſtin,“ nahm Tripeaud das Wort „es wäre gut geweſen, auch den Umſtand ins Protokoll aufnehmen zu laſ⸗ ſen, das das Fräulein um acht Uhr Morgens nach Haus ge⸗ kommen ſey.“ „Ich ſehe nicht ein, wozu das nöthig wäre,“ ſagte, ſeiner Rolle getreu, der Arzt. „Dies hätte gar keinen Zuſammen⸗ hang mit der Hausſuchung.“ „Aber, Doctor — —“ ſagte Tripeaud. „Aber, Herr Baron,“ unterbrach Baleinier in entſchiedenem Ton, „das iſt meine Anſicht.“ „Und die meinige iſt es nicht, Dvetor,“ verſetzte die Für⸗ ſtin. „Wie Herr Tripeaud, habe ich geglaubt, es wäre wich⸗ tig, die Sache zu Protokoll nehmen zu laſſen, und an der Miene des Beamten habe ich geſehen, wie ſchmerzlich es ihm war, die ſcandalöſe Aufführung einer ſo hochgeſtellten jungen Perſon aufzeichnen zu müſſen.“ Adriana verlor die Geduld. „Ohne Zweifel,“ ſprach ſie, „kommt Ihr Schamgefühl dem dieſes unſchuldigen Polizei⸗ commiſſärs gleich. Allein ich glaube, Ihre gewöhnliche Un⸗ ſchuld gerieth etwas zu voreilig in Unruhe. Sie und er hätten bedenken können, daß gar nichts Außerordentliches da⸗ bei war, wenn ich etwa um ſechs Uhr Morgens ausgegangen und um acht Uhr zurückgekommen war.“ „Die Entſchuldigung kommt freilich etwas ſpät; aber ſie iſt wenigſtens nicht ungeſchickt,“ bemerkte die Fürſtin voll Verdruß. „Ich entſchuldige mich nicht,“ verſetzte ſtolz das Fräulein. „Nur weil Herr Baleinier aus Freundſchaft für mich ein Wort zu meinen Gunſten geſprochen hat, gebe ich die mög⸗ Erklärung einer Sache, die ich Ihnen nicht auszulegen 6 L. 7 „Und die Thatſache bleibt actenmäßig, bis das Fräulein die Auslegung gegeben hat,“ bemerkte Tripeaud. Der Abbé von Aigrigny blieb dieſem Geſpräche fremd. Den Kopf auf die Hand geſtützt, dachte er mit Schrecken über die Folgen nach, welche die Zuſammenkunft Adriana's mit d Töchtern des Marſchalls Simon haben würde. Denn es w Ton, war doch gewiß ein Dieb! Das erklärt die Sache g — 55 nicht daran zu denken, Adriana dieſen Abend mit Gewalt am Ausgehen zu hindern. Frau von Saint Dizier fuhr in ihrer Erzählung fort: „Die Sache, welche dem Commiſſär ſo entſetzlich anſtößig vorgekommen war, iſt nichts im Vergleich mit dem, was ich Ihnen, meine Herren, noch weiter mitzutheilen habe. Alſo wir durchſuchten den ganzen Pavillon und fanden Niemand. Wir waren im Begriff, das Schlafzimmer des Fräuleins zu verlaſſen, welches wir zuletzt durchſucht hatten, als Frau Gri⸗ vois mich aufmerkſam machte, daß eine der vergoldeten Lei⸗ ſten einer blinden Thür nicht feſt ſchloß. Wir richteten die Aufmerkſamkeit des Commiſſärs auf dieſen Umſtand; ſeine Leute unterſuchten; eine Füllung der Thür ſchob ſich herab — und nun, was meinen Sie, was man entdeckt hätte? Nein, nein! Es iſt, ſo abſcheulich, ſo empörend, daß ich nie wagen werde — —“ „Ich will es wagen,“ ſagte entſchloſſen Adriana, die zu ih⸗ rem großen Verdruß ſah, daß Agricvla entdeckt worden „Ich will Ihrer Unſchuld die Erzählung dieſes neuen dals erſparen. Wenn ich es ſage, ſo geſchieht es kei um mich zu rechtfertigen.“ „Es verlohnte ſich aber doch wohl der Mühe, Frz bemerkte die Fürſtin mit verachtendem Lächeln. „C Ihnen in Ihrem Schlafzimmer verſteckter Mann!“ „Ein in ihrem Schlafzimmer verſteckter Mann!“ v Marquis, auffahrend mit einer Miene der Entrüſtung, W kaum ſeine Schadenfreude verbarg. „Ein Mann? — in dem Schlafzimmer des Fräuleins?“ ſagte Baron Tripeaud. „Das iſt doch wohl auch ins Pro⸗ tokoll geſetzt worden?“ Ja, ja, Herr Baron!“ antwortete die Fürſtin mit trium⸗ phirender Miene. „Aber dieſer Mann,“ bemerkte der Doetor in einfach. Jeder andere Verdacht iſt — nicht wuhrſchelulic⸗ „Ihre Nachſicht für das Fräulein führt Sie irre,“ ſagte die Fürſtin. an kennt dieſe Art von Dieben,“ ſprach Sri „ n Regel ſchöne, reiche junge Leute.“ 36 „Sie irren ſich, Herr Baron,“ entgegnete die Fürſtin. „Das Fräulein erhebt ſeine Augen nicht ſo hoch. Meine Nichte liefert den Beweis, daß ein Fehltritt nicht nur ver⸗ brecheriſch, ſondern auch gemein ſeyn kann. Jetzt wundere ich mich nicht mehr über die Sympathien, welche die Tochter des Herzogs von Cardoville vorhin für das gemeine Volk kund gegeben hat. Sie ſind um ſo rührender, da der von dem Fräulein bei ſich verſteckte Mann einen Kittel anhatte.“ „Einen Kittel!“ rief der Baron voll Abſcheu. Es war alſo ein gemeiner Menſch? Es iſt haaremporſträubend!“ „Dieſer Menſch iſt ein Schmiedgeſell,“ fuhr die Fürſtin von St. Dizier fort. „Er hat es geſtanden. Indeß der Wahr⸗ heit die Ehre, — es iſt ein ziemlich hübſcher Junge, und bei der eigenthümlichen Religiovn des Schönen, zu der ſich das Fräulein bekennt — —.“ „Genug jetzt!“ unterbrach Adriana, welche bisher mit ſtei⸗ endem Unwillen zugehört hatte. „Faſt hätte ich die Schwach⸗ gehabt, mich gegen eine Ihrer gehäſſigen Inſinuativnen ufertigen. Es ſoll nicht geſchehen. Nur ein Wort! Iſt rliche Handwerksmann verhaftet?“ verſteht ſich,“ antwortete die Fürſtin „und unter gu⸗ eckung ins Gefängniß gebracht. Nicht wahr Fräulein, t Ihnen das Herz? Ihr zärtliches Mitleid mit die⸗ reſſanten Schmiedgeſellen muß ſehr groß ſeyn, denn rlieren plötzlich Ihre ſpöttiſche Zuverſicht.“ 5, Frau Fürſtin,“ ſagte Adriana mit feuchten Augen, hem ſie an die Angſt der Familie Agrievla's dachte. „Ich habe etwas Beſſeres zu thun, als über das, was haſſenswerth und lächerlich iſt, zu ſpotten.“ Sie wandte ſich um, ſetzte ihren Hut auf und ſagte, indem fie die Bänder befeſtigte: „Herr Doctor, ich habe Sie vorhin um Ihre Fürſprache beim Miniſter erſucht.“ „Ja, Fräulein,“ erwiederte Baleinier. „Ich werde mir ein Vergnügen daraus machen, Ihr Vermittler bei ihm zu ſeyn.“ 3ſ Ihr Wagen unten?“ fragte Adriana. „Ja,“ antwortete der Doctor betroffen. F „Sie werden die Güte haben, augenblicklich mit mir zum Miniſter zu fahren. Wenn Sie mich ihm vorſtellen, wird er — — mir nicht die Gnade oder vielmehr die Gerechtigkeit verſagen, die ich von ihm in Anſpruch nehme.“ „Was Fräulein?“ ſagte die Fürſtin. „Sie wagen es, ei⸗ nen ſolchen Entſchluß zu faſſen, ohne meinen Befehl, nach dem was vorgefallen iſt? Das iſt unerhört!“ „Es jämmerlich,“ fügte Herr Tripeaud hinzu. „Aber man darf hier auf Alles gefaßt ſeyn.“ Aigrigny ſtimmte nicht in dieſen Tyn ein. Als Adriana den Arzt fragte, ob ſein Wagen unten ſey, hatte es ihn durchzuckt, und ein Strahl unverhoffter Freude hatte in ſeinem Auge geglänzt. Mit Mühe verbarg er ſeine Ge⸗ müthsbewegung Während die Fürſtin und Tripeaud ſprachen, warf er dem Arzt einen vielſagenden Blick zu, und dieſer blinzelte zweimal zum Zeichen des Verſtändniſſes und Ein⸗ verſtändniſſes. Und als die Fürſtin weiter ſagte: „Ich ver⸗ biete Ihnen, das Haus zu verlaſſen!“ ſagte er ihr mit eigen⸗ thümlicher Betonung: „Mich dünkt, Frau Fürſtin, man könnte das Fräulein der Obſorge des Herrn Doctors über⸗ laſſen.“ Die Fürſtin ſah den Arzt, dann den Abbé an und ver⸗ ſtand, was Herr von Aigrigny ſagen wollte. Adriana be⸗ merkte ihr freudenſtrahlendes Geſicht eben ſo wenig, wie den Wechſel der Blicke zwiſchen dem Arzt und dem Geiſtlichen, die ſie ohnedem nicht hätte verſtehen können. Denn es war düſter geworden, und zudem war ſie ganz in Gedanken über das Schickſal Agricola's verſunken. Die Fürſtin wollte indeß nicht das Anſehn haben, als ob ſie ſo leicht nachgebe, und erwiederte dem Marquis: „Obwohl der Herr Doctor eine große Nachſicht gegen das Fräulein bewieſen zu haben ſcheint, ſo möchte es am Ende doch unbedenklich ſeyn, ſie ihm anzu⸗ vertrauen. Nur darum möchte ich es nicht geſchehen laſſen, damit man ſich nicht ſpäter darauf berufen könnte, daß ich dem Fräulein etwas nachgegeben habe, wozu ich nein geſagt hatte. Denn von heute an darf das Fräulein keinen anderen Willen haben, als den meinigen.“ Der Arzt nahm eine Miene an, als fühle er ſich durch vieſe Worte verletzt, und ſagte: „Frau Fürſtin, ich glaube, nicht nachſichtig, ſondern gerecht gegen das Fräulein geweſen z ſehn Ich ſtehe zu ihrem Befehl, um ſie zu dem Miniſte 6 — zu führen, wenn ſie es wünſcht. Ich weiß nicht, um was ſie 5 anhalten will; aber ich halte ſie für unfähig, das Vertrauen zu mißbrauchen, welches ich in ſie ſetze, und mir die Unter⸗ ſtützung einer unverdienten Empfehlung zuzumuthen.“ 3 Adriana reichte dem Arzt gerührt die Hand und ſagte mit bewegter Stimme: „Seyn Sie ruhig, würdiger Freund. Sie 4 werden mir Dank wiſſen für den Schritt, welchen ich Sie 5 thun laſſe; denn ich laſſe Sie damit Antheil an einer edlen 3 Handlung nehmen.“ Tripeaud, der nicht im Geheimniß der neuen Anſchläge des Doctors und des Abbé war, flüſterte dieſem mit der Miene des Erſtaunens zu: „Wie? Man läßt ſie fortgehen?“ „Ja,“ erwiederte Herr von Aigrigny kurz, und gab ihm ei⸗ nen Wink, daß er auf das hören ſollte, was die Frau Fürſtin ſagen würde. Frau von St. Dizier trat zu ihrer Nichte und ſagte lang⸗ ſam, abgemeſſen und jedes ihrer Worte betonend: „Noch ein Wort, Fräulein — ein letztes Wort vor dieſen Herren. Ant⸗ worten Sie. Ungeachtet der entſetzlichen Dinge, welche Ih⸗ nen zur Laſt fallen, beſtehen Sie darauf, meinen beſtimmt ausgeſprochenen Willen zu mißachten?“ „Ja, Fran Fürſtin.“ der ſandalöſen Entdeckung wollen Sie ſich noch immer meiner Autorität entziehen?“ Frau Fürſtin.“ . — „Alſo Sie weigern ſich entſchieden, ſich der anſtändigen, ſrenget Lebensweiſe zu unterwerfen, die ich Ihnen auflegen will?“ „Ich habe Ihnen vorhin geſagt, daß ich dies Haus ver⸗ laſſen würde, um allein nach meinem Sinn zu leben.“ „Iſt, das Ihr letztes Wort?“ „Ja.“ „Ueberlegen Sie wohl. Die Sache iſt ernſt. Nehmen Sie ſich in Acht.“ „Ich habe Ihnen mein letztes Wort geſagt, und ich ſage es nicht zweimal.“ „Meine Herren,“ ſprach die Fürſtin, „Sie haben es ge ört. Ich habe alles Mügliche gethan, um eine Ausſöhnung zuführen, ind Erfolg. Das Fräulein hat alſo — ber die Maßregeln zuzuſchreiben, zu welchen mich eine ſo kecke Auflehnung nöthigt.“ „Es iſt gu, Frau Fürſtin,“ ſagte Adriana. — „Lieber Herr Doctor, kommen Sie, kommen Sie! Ich vergehe vor Unge⸗ duld. Jede verlorene Minute kann einer ehrenwerthen Fa⸗ milie bittere Thränen koſten.“ Adriana eilte mit dem Dvetor aus dem Saal. Ein Diener der Fürſtin ließ die Kutſche des Arztes vorfahren. Baleinier hob das Fräulein in den Wagen, und Adriana bemerkte nicht, daß er dabei dem Bedienten, welcher den Schlag öffneie, ei⸗ nige Worte zuflüſterte. Der Dockor ſtieg ein, ſetzte ſich ne⸗ ben das Fräulein und rief dem Kutſcher zu: „In das Hötel des Miniſters durch die kleine Einfahrt!“ Der Wagen rollte von dannen. 5— Achtes Kapitel. Ein falſcher Freund. — — Es war Nacht geworden. Der bis Sonnenuntergang hei⸗ 3 tere Himmel verhullte ſich immer mehr mit grauen, gelblichen . Wolken. Der Wind blies heftig und wirbelte hin und wie⸗ der den Schnee zuſammen, der zu fallen begann. Die La⸗ ternen warfen ein zweifelhaftes Licht in das Innere des Wa⸗ gens, in welchem der Doctor Baleinier mit Adriang von Cardoville ſaß. Das liebliche Geſicht des Mädchens, einge⸗ rahmt in dem grauen Caſtorhütchen und ſchwach be euchtet von den Laternen, hob ſich weiß und rein hervor auf dem dunklen Grund des Stoffs, mit welchem das Innere der Kutſche über⸗ zogen war. Ein lieblicher, faſt wollüſtiger Duft drang aus den Fleidern Avriana's, die, wie alle Reinlichkeit liebenden Frauen, viel auf Wohlgerüche hielt. Anmuthig ſäß ſie da neben dem Doctor. Ihre zierliche Geſtalt, eingeſchloſſen in das hoch heraufgehende, blautuchene Kleid, theilte i örwige Bewegung dem Rückkiſſen mit, wid hre kleinen, etwas ausgeſtreckten nd ander gelegten Füße ruhten auf einem dicken Bärenfell, wel⸗ ches als Teppich diente. Mit der entblößten, linken Hand hielt ſie ein prächtig geſticktes Schnupftuch und trocknete, zum großen Erſtaunen des Arztes, ihre Thränen. Denn jetzt em⸗ pfand ſie die Nachwirkung von den peinlichen Auſtritten, de⸗ nen ſie im Hötel St. Dizier beigewohnt hatte. Auf die fie⸗ berhafte Aufregung, welche ſie bis dahin gehoben hatte, war eine ſchmerzliche gefolgt. Adriana, ſo entſchloſſen in Behauptung ihrer Unabhängigkeit, ſo ſtolz in ihrer Verachtung, ſo ſchonungslos in ihreim Spott, ſo ver⸗ wegen in ihrer Auflehnung gegen eine ungerechte Unterdrückung, hatte ein Außß feines Gefühl, deſſen Verleßbarkeit ſie ſtets vor ihrer Tante und deren Umgebung ve erhehlte. Ungeachtet ihres zuverſichtlichen Weſens war ſie ict weniger als Mann⸗ weib. Sie war ſtets Weib, und als Weib wußte ſie ſich ſehr zu beherrſchen, ſobald ein Zeichen der Schwäche von ihrer Seite ihre Feinde hätte erfreuen oder ſtolz machen können. Die Kutſche rollte ſeit einigen Minuten dahin, und Adriana hatte noch kein Wort geſprochen. Betroffen über ihre Ge⸗ müthsbewegung begann der Doctor: „Wie, Fräulein Adriana? Sie, eben noch ſo beherzt, Sie weinen?“ „Ja,“ antwortete Adriana mit erſtickter Stimme, „ich weine vor Ihnen, vor einem Freund. Aber vor meiner Tante — niemals.“ „Aber bei dieſer langen Unterredung — Ihre Stachel⸗ worte „Glauben Sie denn nicht,“ erwiederte das Mädchen, n ich nur ungern mich herbeilaſſe, in dieſem Kampf mit Spott⸗ reden zu glänzen? Nichts iſt mir mehr zuwider, it ieſe erbitterten Wortgefechte, in welchen ich mich gegen dieſe Frau und ihre Freunde zu vertheidigen habe. Sie ſpreché von meinem Muth. Glauben Sie mir, er beſtand nicht darin, einen boshaften Witz zu zeigen ſondern in Lricheltun und Verbergung meines Schmerzes über eine ſo grobe Behand⸗ lung in Gegenwart von Leuten, die ich haſſe undverachte, denen 46 nie etwas zu Leid gethan hahe, da i ß f — 65 — „Man beneidet eben Ihr Glück und das, welches Andere Ihnen verdanken,“ bemerkte der Arzt. „Und meine Tante,“ rief Adriana empört, „meine Tante, deren Leben nur ein fortgeſetztes Aergerniß geweſen iſt, klagt mich auf eine ſo empörende Weiſe an! Als ob ſie nicht wüßte, daß ich zu ſtolz und zu aufrichtig bin, um eine andere Wahl zu treffen, als eine ſolche, deren ich mich laut rühmen könnte. Wenn ich einmal liebe, dann werd' ich es ſagen und zwar mit Stolz. Denn die Liebe, wie ich ſie verſtehe, iſt das Herr⸗ lichſte in der Welt. Wozu dienen noch Ehrgefühl und Offenheit, wenn ſie, eigen nicht einmal vor Verdächtigun⸗ gen ſchützen, die noch vüminer als gehäſſig ſind!“ Bei den letzten Worten hielt Adriana abermals ihr Schnupf⸗ tuch vor die Augen. Doetor Balejnier nahm einen ſalbungs⸗ vollen, herzlichen Won an und ſagte: „Liebes Fräulein Adriana! Beruhigen Sie ſich. Alles das iſt vorüber. An mir haben Sie einen ergebene Freund.“ Trotz ſeiner teuf⸗ liſchen Tücke erröthete Baleinier bei dieſen letzten Worten. „Ich weiß es,“ ſagte Adriana, „Sie ſind mein Freund. Ich werde nie vergeſſen, daß Sie ſich heute dem Groll meiner Tante ausgeſetzt haben, indem Sie für mich Partei nahmen. Ich weiß wohl, daß ſie viel vermag, daß ſie viel Unheil an⸗ zurichten im Stande iſt.“ „Was das betrifft,“ ſagte der Doetor in gleichgültigem Tone, „ſo ſind wir Aerzte vor gar vielen Bosheiten ge⸗ ichert.“ 3 „Lieber Herr Baleinier,“ ſagte Adriana ſchaudernd, „die Frau von St. Dizier und ihre Freunde verzeihen nicht leicht. Nur mein unüberwindlicher Widerwille, mein angeborner Ab⸗ ſcheu vor Allem, was niederträchtig, falſch und boshaft iſt, konnte mich dazu bringen, ſo offen mit ihr zu brechen. Aber wenn es auch — mein Leben koſtete, könnte ich nicht anders, und wahrlich!“ fügte ſie mit ihrem reizenden Lächeln hinzu, „ich liebe das Leben. — Mein Fehler iſt nur, daß ich es zu wonnig, zu ſchön, zu harmoniſch liebe. Aber Sie wiſſen ja, ich kann nicht über meine Fehler hinaus“ „Nun bin ich ruhiger,“ ſagte der Doctor in heiter „Sie lächeln; das iſt ein gutes Zeichen.“ iſt es das Vernünftigſte, be Adriana ſollte ich es jetzt, nach den Drohungen, die meine Tante gegen mich ausgeſtoßen hat? Freilich — was vermag ſie? Was ſollte dieſe Art von Familienrath bedeuten? Ernſtlich geſpro⸗ chen, konnte ſie glauben, daß die Meinungsäußerung eines Aigrigny, eines Tripeaud Einfluß auf mich haben könnte? Und dann hat ſie von ſtrengen Maßregeln geſprochen. Was kann ſie für Maßregeln nehmen? Wiſſen Sie es?“ „Unter uns geſagt, ich glaube, die Fürſtin hat Sie bloß er⸗ ſchrecken wollen. Ihre eigentliche Abſicht iſt, durch Ueberre⸗ dung auf Sie zu wirken. Sie hat die unangenehme Eigen⸗ heit, ſich für eine Kirchenmutter zu halten, und ſie ſinnt auf Ihre Bekehrung“ Baleinier witzelte über die Fürſtin, weil er um jeden Preis das Madchen kirre machen wollte. „Laſ⸗ ſen Sie uns nicht mehr daran denken,“ fuhr er fort; „Ihre ſchönen Augen müſſen in ihrem vollen verführeriſchen Glanze ſtrahlen, um den Miniſter zu bezaubern.“ „Sie haben Recht, lieber Doctor. Man ſollte ſtets den . Kummer fliehen. Denn eine ſeiner geringſten Unannehmlich⸗ keiten iſt es, daß er uns den Kummer Anderer vergeſſen läßt. Aber ſehen Sie, ich benutze Ihre Gefälligkeit und ich habe Ihnen 1 noch nicht einmal geſagt, was ich von Ihnen begehre.“ „Glücklicher Weiſe haben wir Zeit zu plaudern, denn un⸗ ſer Staatsmann wohnt weit von hier.“ „Hören Sie alſo in wenigen Worten, wovon es ſich han⸗ delt,“ fuhr Adriana fort. „Ich habe Ihnen die Gründe ge⸗ ſagt, die mich beſtimmten, mich um dieſen braven Handwerker zu bekümmern. Dieſen Morgen iſt er ganz troſtlos zu mir gekommen und hat mir geſtanden, er ſähe ſich mit einer Un⸗ terſuchung bedroht für Lieder, die er gemacht habe (er iſt nämlich Dichter); er fürchte, verhaftet zu werden, aber er ſey unſchuldig. Wenn man ihn einſperrte, ſo müßte ſeine Fami⸗ lie, deren einzige Stütze er ſey, darben. Er bäte mich alſo, Bürgſchaft für ihn zu ſtellen, damit er ungehindert ſeiner Ar⸗ beit leben könne. Ich verſprach es ihm, indem ich an Ihre vertraute Freundſchaft mit dem Miniſter dachte. Aber man war dem armen Burſchen ſchon auf der Spur. Darum kam ich auf den Gedanken, ihn bei mir zu verſtecken. Sie wiſſen, wie meine Tante dieſe Handlung ausgelegt hat. Sagen Sie nun, ob der Miniſter mir auf Ihre Empfehlung bewil⸗ —— — 67 — ligen wird, was wir von ihm erbitten wollen: die Freilaß— ſung dieſes Handwerkers gegen Bürgſchaft.“ „Das kann durchaus keinen Anſtand finden,“ antwortete der Doctor, — „beſonders wenn Sie ihm die Sache mit der Ih⸗ nen eignen Beredſamkeit des Herzens auseinander ſetzen.“ „Wiſſen Sie auch, lieber Herr Baleinier, warum ich den vielleicht ſonderbaren Entſchluß gefaßt habe, Sie zu bitten, Sie möchten mich zu dem Miniſter führen?“ „Hm! Um Ihren Schützling um ſo dringender zu em⸗ pfehlen.“ „Allerdings. Zugleich aber auch, um durch einen auffallen⸗ den Schritt den Verleumdungen einen Riegel vorzuſchieben, welche zu verbreiten meine Tante nicht unterlaſſen wird, und die ſie, wie Ihnen bekannt iſt, bereits in das Polizeiprotveoll hat ſetzen laſſen. Darum hielt ich für's Beſie, mich offen und ohne Umſchweife an einen hochſtehenden Mann zu wen⸗ den. Ich werde ihm die Sache erzählen, wie ſie iſt, und er wird mir glauben, weil die Wahrheit einen Ton hat, in welchem man ſich nicht irrt.“ „Alles das, mein liebes Fräulein, iſt ſehr verſtändig. Sie werden, wie man ſagt, zwei Fliegen mit einer Klappe ſchla⸗ gen, oder vielmehr Sie werden mit einer Handlung der Gut⸗ herzigkeit zwei Werke der Gerechtigkeit veranlaſſen: die Zer⸗ ſtörung gefährlicher Verleumdung im Keim und die Befrei⸗ ung eines wackern jungen Mannes.“ „Sehn Sie,“ ſagte Adriana lachend, „meine Luſtigkeit kehrt, Dank dieſer glücklichen Ausſicht, wieder.“ „Lieber Himmel!“ bemerkte philoſophiſch der Doctor, „im Leben hängt Alles ab von dem Geſichtspunkt, von welchem aus man die Sachen anſieht.“ Adriana war ſo völlig unwiſſend über das Weſen einer cvn⸗ ſtitutionellen Regierung und über das, was ein Miniſter kann und nicht kann, daß ſie dem Doctor blindlings glaubte, was dieſer ihr ſagte. Freudig fuhr ſie fort: „Alſo kann ich, wenn ich nachher die arme Mutier des Geſellen beruhigen, die jetzt viellei Todesangſt iſt, weil ſie ihren Sohn nicht zurückkommen ſieh „Sie werden dies Vergnügen haben,“ ſagte Baleinier lä⸗ chelnd, denn wir wollen d cht in 6. — Töchter des Generals Simon abhole, die ermaßen ſollicitiren und intrigui⸗ — 58 — ren, daß die arme Mutter eher die Freilaſſung als die Ver⸗ haftung ihres Sohnes erfahren ſoll.“ „O wie gütig, o wie gefällig ſind Sie!“ rief Adriana. „Wenn ich nicht ſo dringende Beweggründe hätte, würde ich mich ſchämen, Ihnen den Verluſt einer ſo koſtbaren Zeit zu⸗ zumuthen. Aber ich kenne Ihr Herz.“ „Ich habe keinen andern Wunſch, als Ihnen meine Erge⸗ 3* benheit und Anhänglichkeit zu beweifen,“ ſagte der Doetor, eine * Priſe Tabak ſchnupfend. Zugleich aber warf er einen unruhigen 4 Blick zum Schlag hinaus. Denn die Kutſche fuhr eben über 2 den Platz des Odeon, und trotz dem dicken Schneegeſtöber erblickte man die erleuchtete Fagade des Theaters. Adriana, welche dorthin ſah, hätte ſich billig wundern ſollen über den ſonder⸗ baren Weg, den man mit ihr einſchlug. Um ihre Aufmerk⸗ ſamkeit abzulenken, rief der Arzt: „Mein Gott! was hab' ich vergeſſen!“ S . „Ei was denn, Herr Doctor?“ fragte Adriana, ſich raſch umwenvend. „Ich habe eine Sache vergeſſen, die ſehr weſentlich iſt, um das Gelingen unſeres Schrittes zu ſichern.“ „Und das iſt?“ fragte Adriana beunruhigt. + „Alle Menſchen,“ antwortete pfiffig lächelnd der Arzt, „ha⸗ ben ihre Schwachheiten, und ein Miniſter hat deren noch mehr, als ein anderer Menſch. Der, bei welchem wir unſer Geſuch anbringen wollen, hat die widerwärtige Eigenheit, daß er gewaltig auf ſeinen Titel hält, und ſein erſter Eindruck wäre ein ungünſtiger, wenn Sie ihn nicht mit ſtarker Beto⸗ nung Herr Miniſter anredeten.“ „Wenn's weiter nichts iſt!“ ſagte Adriana lächelnd. „Daran ſoll's nicht fehlen! Ich will ihn ſogar Excellenz nennen, was, meines Wiſſens, auch ein jetzt angenommener Titel iſt.“ „etzt nicht,“ erwiederte Baleinier. „Aber das iſt ein Grund mehr, ihn zu gebrauchen. Und wenn Sie ſich gar ein paar Mal Gnädiger Herr entſchlüpfen ließen, dann wäre un⸗ ſere Sache in Bauſch und Bogen gewonnen.“ „Seyn Sie unbeſorgt. Da es bürgerliche Miniſter, wie bürgerliche Edelleute gibt, ſo will ich an Herrn Jvurdain den⸗ ken, und die gierige Eitelkeit dieſes Staatsmannes ſättigen..“ „Machen Sie mit ihm, was Sie wollen; bei Ihnen iſt er — — in guten Händen,“ äußerte der Doctor, indem er mit Ver⸗ gnügen wahrnahm, daß der Wagen durch die finſteren Gaſſen rollte, welche vom Odeonplatz nach dem Quartier des Pan⸗ theon führen. „Aber,“ ſetzte er hinzu, „ich habe nicht das Herz, meinem Freund Miniſter ſeinen Hochmuth zum Vor⸗ wurf zu machen, da dieſer Hochmuth uns nützen kann.“ „Dieſe kleine Liſt iſt übrigens ziemlich unſchuldig,“ be⸗ merkte Adriana, „und ich mache mir kein Gewiſſen daraus, zu ihr meine Zuflucht zu nehmen.“ Und ſich nach dem Schlag neigend, äußerte ſie: „Himmel! wie ſind dieſe Straßen ſo düſter und trübſelig. Welcher Wind! welcher Schnee! In welchem Quartier ſind wir denn?“ Wie? Sie undankbare, entartete Bewohnerin! Sie erken⸗ nen nicht an dem Nichtvorhandenſeyn von Kaufläden Ihre liebe Vorſtadt St. Germain?“ „Ich hätte aber doch gedacht, wir wären ſchon lange aus derſelben heraus.“ „Ich auch,“ erwiederte der Doetor, ſich nach dem Schlag neigend, als wollte er den Ort, wo er ſich befand, zu erken⸗ nen ſuchen. „Aber wir ſind noch darin. Mein Kutſcher wird durch den Schnee, welcher ihm ins Geſicht ſchlägt, geblendet worden und fehl gefahren ſeyn. Aber jetzt ſind wir wieder auf dem rechten Weg. Richtig — wir ſind in der Sanct Wilhelmſtraße. Es iſt freilich keine freundliche Straße Uebri⸗ gens werden wir in zehn Minuten an der Privateinfahrt des Miniſters halten; denn vertraute Freunde, wie ich, haben das Vorrecht, der Ehre der großen Einfahrt zu entgehen.“ Das Fräulein von Cardoville kannte, wie die meiſten Leute, welche faſt immer nur ausfahren, ſo wenig gewiſſe Straßen von Paris, und war ſo wenig mit den Gewohnheiten der Miniſter bekannt, daß ſie nicht einen Augenblick an der Ver⸗ ſicherung Baleinier's zweifelte, in welchen ſie ohnedies ein unbegränztes Zutrauen ſetzte. . Seit der Abfahrt vom Hötel St. Dizier hatte der Doctor eine Frage auf der Zunge, die zu ſtellen er jedoch zauderte, weil er fürchtete, ſich vor Adriana eine Blöße zu geben. Als das Fräulein von wichtigen Vermögensangelegenheiten ſprach, die man vor ihm geheim gehalten habe, hatte der Doetor mit ſeiner feinen Beobachtungsgabe gar wohl die Verlegenheit und —Üů ůÜ —— —— — die Angſt der Fürſtin und des Marquis von Aigrigkcy be⸗ merkt. Er zweifelte von da an nicht mehr, daß das Complott gegen Adriana, (zu deſſen blindem Werkzeug er ſich aus Un⸗ terwürfigkeit unter den Willen des Ordens gemacht hatte) Bezug auf dieſe Angelegenheit hätte, die man vor ihm ge⸗ heim hielt. Um ſo mehr brannte er vor Verlangen, ſie ken⸗ nen zu lernen. So wie er, gleich jedem andern Mitglied der im Finſtern ſchleichenden Congregation, nothwendig die Ge⸗ wohnheit der Angeberei hatte, ſo entwickelten ſich auch in ihm nothwendig die andern gehäſſigen Untugenden, die überall von einem Zuſtand der Mitſchuld unzertrennlich ſind: Neid, Mißtrauen, und eiferſüchtige Neugier. Demnach wird man begreifen, wie Doector Baleinier, obwohl feſt entſchloſſen, die Anſchläge des Herrn von Aigrigny zu unterſtützen, ſehr be⸗ gierig war, zu erfahren, was man ihm verheimlicht hatte. Er überwand alſo ſeine Bedenklichkeiten und benutzte die ihm nur noch für kurze Zeit gebotene günſtige Gelegenheit zu der Bemerkung: „Ich möchte mir eine Frage erlauben, die viel⸗ leicht unbeſcheiden iſt. Finden Sie dieſelbe ſo, dann beant⸗ worten Sie ſolche nicht.“ „Reden Sie nur,“ erwiederte Adriana. „Vorhin,“ begann der Arzt, „wenige Minuten vor dem Augenblick, wo die Anweſenheit des Polizeicommiſſärs Ihrer Tante gemeldet wurde, haben Sie von wichtigen Vermögens⸗ angelegenheiten geſprochen, die man Ihnen bis jetzt verhehlt habe.“ „Allerdings,“ ſagte Adriana. „Dieſe Worte,“ fuhr der Docter langſam und deutlich fort, „ſchienen großen Eindruck auf die Fürſtin zu machen.“ Einen ſo lebhaften Eindruck,“ ergänzte Adriana, „daß ein Verdacht, den ich gehegt hatte, ſich in Gewißheit verwandelte.“ „Ich brauche Ihnen nicht zu ſagen,“ fuhr der Dvetor in ſchmeichelndem Tone fort, „daß ich nur darum die Sprache auf dieſen Umſtand bringe, um Ihnen meine Dienſte anzubieten für den Fall, daß ſie Ihnen etwas nützen können. Wo nicht, und falls Sie es im Geringſten ungeeignet finden, mir mehr zu ſagen, ſo nehmen Sie an, ich hätte nichts geſprochen.“ Adriana ward ernſt, dachte nach und erwiederte nach eini⸗ ger Zeit: „Bei dieſer Angelegenheit ſind Umſtände, welche ich S S „ — nicht tönne, Umſtände, die ich Ihnen ſagen kann, und Um⸗ ſtände, die ich Ihnen verſchweigen muß. Sie ſind heute ſo gütig gegen mich, daß ich mich glücklich ſchätze, Ihnen einen neuen Beweis von Zutrauen geben zu können.“ „Nun will ich nichts wiſſen,“ ſagte der Arzt in ſalbungs⸗ reichem Ton; „das ſähe aus, wie wenn ich mich belohnen ließe, und doch bin ich ſchon tauſendfach bezahlt durch das Vergnügen, Ihnen zu dienen.“ „Hören Sie zu,“ ſagte Adriana, ohne auf die zarten Be⸗ denklichkeiten des Arztes zu achten. „Ich habe guten Grund zu glauben, daß in einiger Zeit eine unermeßliche Erbſchaft ge⸗ theilt werden muß unter den Gliedern meiner Familie, die ich nicht alle kenne, da ihre Vorfahren ſich nach der Aufhe⸗ bung des Edicts von Nantes in fremde Länder zerſtreut und mannigfache Glückswechſel erfahren haben.“ „Iſt's möglich?“ rief der Doctor geſpannt. „Wo iſt denn dieſe Erbſchaft? Von wem kommt ſie her? Und in weſſen Händen befindet ſie ſich?“ „Das weiß ich nicht.“ „Und wie wollen Sie Ihre anſpriche geltend machen?“ „Das werd' ich bald erfahren.“ „Und wer kann Sie davon unterrichten?“ „Das kann ich Ihnen nicht ſagen.“ „Und wer hat Sie vom Daſeyn dieſer Erbſchaft unter⸗ richtet?“ „Das kann ich Ihnen auch nicht ſagen,“ erwiederte Adriana in einem ſchwermüthigen, ſanften Ton, der ſehr gegen die gewöhnliche Lebhaftigkeit ihrer Rede abſtach. „Das iſt ein Geheimniß, ein ſeltſames Geheimniß. In den Augenblicken der Ueberſpannung, in welchen Sie mich einige Male über⸗ raſcht haben, dachte ich an außerordentliche Umſtände, die ſich auf dies Geheimniß beziehen, und große und herrliche Ge⸗ danken erwachten in mir.“ Adriana ſchwieg, in ihre Erinnerungen verſenkt. Baleinier hütete ſich, ſie zu ſtören. Denn während Adriana davon ab⸗ gelenkt war, auf den Weg, den die Kutſche nahm, zu achten, konnte er ungeſtört ſeinen Gedanken über ihre Mittheilung nachhängen. Sein Scharfblick ließ ihn vermuthen, daß der Abbé von Aigrigny eine Erbſchaft im Auge habe, und S 2 ihm Stoff zu einem geheimen Bericht. Entweder handelte der Abbé in dieſem Fall nach den Weiſungen des Ordens, oder nach ſeinen eignen Eingebungen. War das Erſte der Fall, ſo beſtätigte der Bericht des Doctors eine Thatſache; war das Zweite der Fall, ſo offenbarte er eine. Eine Zeitlang beobachteten Adriana und Baleinier ein tie⸗ fes Stillſchweigen, welches nicht einmal durch das Raſſeln der Räder unterbrochen ward, da jetzt tiefer Schnee in den im⸗ mer öder werdenden Straßen lag. Ungeachtet ſeiner Gewandt⸗ heit und Keckheit, und ungeachtet der Verblendung der Be⸗ trogenen war der Doctor nicht ganz beruhigt, über den Er⸗ folg ſeines treuloſen Beginnens. Der entſcheidende Augen⸗ blick ſtand bevor, und der geringſte durch eine Ungeſchicklich⸗ keit in Adriana erweckte Verdacht konnte die Anſchläge des Doctors zu nichte machen.“ Das Fräulein, ſchon durch die aufregenden Erlebniſſe des Tages abgeſpannt, ſchanderte von Zeit zu Zeit zuſammen, denn in der Eile, mit welcher ſie ab⸗ gefahren war, hatte ſie vergeſſen, einen Mantel oder einen Shawl mitzunehmen. Seit einiger Zeit fuhr die Kutſche längs einer langen hohen Mauer hin, welche ſich weiß auf dem ſchwarzen Grund des Himmels hervorhob. Tiefes, düſteres Schweigen herrſchte. Endlich hielt der Wagen an vor einer großen Einfahrt von eigenthümlicher Form. Der Bediente ſtieg ab und klopfte an das Thor, erſt zwei Mal raſch hinter einander, dann nach ei⸗ ner ziemlich langen Zwiſchenzeit zum dritten Mal. Adriana bemerkte dieſen Umſtand nicht, denn theils geſchah das Klo⸗ pfen ziemlich leiſe, theils hatte der Dvetor ſogleich das Wort genommen, um mit ſeiner Stimme das gegebene Zeichen zu übertönen. „Endlich,“ ſagte er in vergnügtem Ton, „endlich ſind wir angekommen. Sehn Sie recht verfüͤhreriſch, das heißt: ſeyn Sie Sie ſelber.“ „Sehn Sie außer Sorgen,“ erwiederte lächelnd Adriana; „ich werde mein Möglichſtes thun.“ Und von einem über⸗ wältigenden Schauder ergriffen, ſagte ſie: „Welche Kälte und welche Finſterniß! Ich geſtehe Ihnen, lieber Doetor Balei⸗ nier, wenn ich meine armen kleinen Verwandten bei der Mut⸗ ter unſeres wackeren Schmiedegeſellen abgeholt habe, will ich nich recht behaglich in meinem hübſchen, wohlgewärmten und — Weiſe *) Das Allerheiligſte. — 73 — glänzend erleuchteten Saale fühlen. Sie wiſſen ja, wie ſehr mir Kälte und Finſterniß zuwider ſind.“ „Das iſt ſehr erklärlich,“ erwiederte galant der Doector. „Die lieblichſten Blumen erſchließen ſich nur in der Wärme und im Licht.“ Während Doctor Baleinier und Adriana von Cardoville dieſe Worte wechſelten, knarrte ein ſchweres Thor in ſeinen Angeln, und die Kutſche fuhr in den Hof. Der Doctor ſtieg zuerſt aus, um Adrianen ſeinen Arm an⸗ zubieten. Neuntes Kapitel. Das Cabinet des Miniſters. Die Kutſche hatte vor einer kleinen Freitreppe angehalten, welche, mit Schnee bedeckt, zu einer von einer Lampe erhell⸗ ten Hausflur führte. Die etwas ſchlüpfrigen Stufen hinauf⸗ ſteigend, ſtützte ſich Adriana auf den Arm des Arztes. „Mein Gott! Wie zittern Sie!“ ſagte Baleinier. „Ja,“ ſagte das Mädchen ſchaudernd. „Ich fühle eine tödtliche Kälte. In meiner Eile bin ich ohne Shawl weg⸗ gefahren. — Aber wie ſieht dieſe Wohnung trübſelig aus!“ „Das iſt das ſogenannte kleine Hötel des Miniſters,“ ant⸗ wortete lächelnd der Doctor, „der sanctus sanctorum *), in welchen unſer Staatsmann ſich vor dem Lärm der Profanen zurückzieht. Bemühen Sie ſich gefälligſt hinein.“ Und die Thür öffnend, welche in eine große öde Hausflur führte, ſprach er weiter, ſeine lebhafte Gemüthsbewegung unter er⸗ künſtelter Heiterkeit verbergend: „Das Haus eines Miniſters, das Haus eines Emporkömmlings! Kein Bedienter (kein Pe⸗ dell wollt' ich ſagen) in der Antichambre. Aber glücklicher „Erzogen im Serail, kenn' ich die Gänge drrin.“ — 7½ — Bei dieſen Worten öffnete er eine Thür und führte das Fräulein aus der Hausflur in einen kleinen Saal, der mit grünem,ſammtartig gemuſterten Papier tapezirt und mit ziemlich einfachen Geräthen von Mahagony, überzogen mit gelbem Utrechter Plüſch, ausgeſtattet war. Der ſorgſam ge⸗ bohnte Fußboden glänzte, und eine ringförmige Lampe, die nur ein Drittel ihrer Helle gab, hing bedentend höher, als es gewöhnlich der Fall iſt. Adriana fand dieſe Wohnung gar zu beſcheiden für einen Miniſter, und obwohl ſie keinen Argwohn hatte, konnte ſie ſich doch eines Ausdrucks der Ueberraſchung nicht erwehren. Sie blieb einige Augenblicke auf der Schwelle ſtehen. Balei⸗ nier, der ſie am Arm führte, errieth die Urſache ihres Erſtau⸗ nens und ſagte ihr lächeknd, indem er mit ihr eintrat: „Dies Gemach kommt Ihnen armſelig vor für eine Excellenz; nicht wahr? Ja, wenn Sie wüßten, was conſtitutionelle Spar⸗ ſamkeit heißt. Uebrigens werden Sie einen gnädigen Herrn zu ſehen bekommen, der eben ſo armſelig iſt, wie ſein Mobiliar. Warten Sie eine Seecunde, ich will den Miniſter benachrichtigen und Sie bei ihm melden. Ich komme den Au⸗ genblick wieder.“ Und er machte ſeinen Arm los von dem Arm Adriana's, die ſich unwillkürlich an ihn drängte, ging durch das Zimmer nach einer kleinen Seitenthür, öffnete die⸗ ſelbe und ſchlüpfte hinaus. Adriana befand ſich jetzt allein. Ohne ſich genau zu ſa⸗ gen, warum, fand ſie dies große, kalte, kahle Zimmer, mit Fehſtern ohne Vorhänge, unheimlich. Allmählig bemerkte ſie an den Geräthen einige Sonderbarkeiten, die ihr Anfangs nicht aufgefallen waren, und fühlte ſich von einer unbeſchreib⸗ lichen Unruhe ergriffen. Sie trat an das Kamin, deſſen Feuer erloſchen war, und ſah zu ihrer Ueberraſchung, daß es mit einem Eiſengitter verſchloſſen war, welches ſich nicht öffnen ließ, und daß Kluppe und Fruerſchaufel mit eiſernen Kettchen an⸗ geſchloſſen waren. Ihr Erſtaunen ſtieg, als ſie einen Seſſel von der Wand wegrücken wollte, und dieſer unbeweglich blieb. Sie ſah nach und fand, daß die Rücklehne dieſes und der an⸗ dern Stühle mit kleinen Bankeiſen an dem Getäfel befeſtigt war. Sie mußte lächeln und dachte: „Sollte man ſo wenig Vertrauen in dieſen Staatsmann ſetzen, daß man die Möbel — M kleinen Thür, durch welche der Arzt verſchwunden war, und 5 — an der Wand machte dieſen etwas gezwun⸗ genen Scherz, weil ſie gegen ihre peinliche Stimmung an⸗ kämpfen wollte, die immer mehr zunahm. Die tiefſte Stille herrſchte in dieſer Behauſung und nichts verrietb die Bewegung, die man in einem Mittelpunkt großer Geſchäfte erwarten darf. Adriana hörte nichts weiter, als von Zeit zu Zeit das Sanſen des Windes, der draußen wehte. Eine Viertelſtunde war vergangen, und Baleinier kam nicht zurück. Adriana verlor die Geduld und wollte Jemand rufen, um nach dem Doctor und nach dem Miniſter zu fragen. Sie ſah ſich um nach einem Schellenzug neben dem Spiegel, fand aber keinen. Dagegen fand ſie, daß das, was ſie im Halbdunkel für einen Spiegel gehalten, ein großes Blatt glänzenden Eiſenbleches war. Sie trat näher 3 und ſtieß an einen meſſingenen Leuchter. Dieſer Leuchter war in dem Marmor des Kamins feſtgemacht; desgleichen die Standuhr. In gewiſſen Gemüthsſtimmungen erſcheinen oft die unbe⸗ deutendſten Umſtände in einer erſchreckenden Größe. Der unbewegliche Leuchter, die am Getäfel befeſtigten Sitze, das Stück Eiſenblech an der Stelle des Spiegels, das immer länger dauernde Ausbleiben des Doetors erfüllten Adriana von Cardoville mit einer gewiſſen Bangigkeit. Auf der an⸗ dern Seite aber war ihr Vertrauen auf den Arzt ſo groß, daß ſie ſich dieſe Bangigkeit zum Vorwurf machte. Sie dachte, am Ende ſeyen doch die Veranlaſſungen dazu von keiner weſentlichen Bedeutung, und es ſey unvernünftig, ſich über ſolche Kleinigkeiten Gedanken zu machen. Das Aus⸗ bleiben Baleinier's erklärte ſie ſich aus dringenden Geſchäften des Miniſters, die ihm nicht erlaubten, ſeinen Freund augen⸗ blicklich zu empfangen. Trotz dieſen Bemühungen ſich zu beruhigen, gewann die Angſt wieder die Oberhand bei ihr und ſie that etwas, was ſie ſonſt nie ſich erlsubt haben würde. Sie ſchlich nach der hielt das Ohr an dieſelbe. Sie hielt den Athem an, horchte und hörte nichts. Plötzlich vernahm ſie ein dumpfes Geräuſch über ſich, wie vom Fall eines ſchweren Körpers, und glaubte ſelbſt einen erſtickten Seufzer zu hit Raſch ſah ſie in — — die Höhe und bemerkte, wie Stückchen von dem Anſtrich der Decke, durch die Erſchütterung des oberen Fußbodens losge⸗ ſchiefert, herunterfielen. Nicht länger ihres Schreckens Meiſter lief ſie nach der Thür, zu welcher ſie mit dem Doctor her⸗ eingekommen war, um jemand zu rufen. Zu ihrem Erſtau⸗ nen fand ſie dieſe Thür von außen verſchloſſen. In ſteigen⸗ der Angſt eilte ſie zurück nach der kleinen Thür, durch welche der Doetor verſchwunden war und an welcher ſie gehorcht hatte. Auch dieſe war von Außen verſchloſſen. Und doch hatte ſie ſeit ihrer Ankunft keinen Schlüſſel in den (außer⸗ halb angebrachten) Schlöſſern gehen hören. Von neuem gegen ihre unüberwindliche Angſt ankämpfend, nahm Adriana all ihre Seelenſtärke zuſammen und ſuchte ſich durch vernünftige Ueberlegung zu beruhigen. „Ich werde mich getäuſcht haben,“ dachte ſie. „Einen Fall habe ich ge⸗ hört, aber das Seufzen beſtand bloß in meiner Einbildungs⸗ kraft. Es iſt Tauſend gegen Eins zu wetten, daß der fallende Körper eine Sache und nicht eine Perſon war. — — Aber dieſe verſchloſſenen Thüren? — — Vielleicht weiß man nicht, daß ich hier bin. Man wird gedacht haben, hier ſey Riemand.“ Adriana ſah ſich nochmals ängſtlich um. Dann fuhr ſie mit feſter Stimme fort: „Keine Schwäche! Soll ich mich einlullen und mich über meine Lage täuſchen? 3 Gegentheil, ich muß ſie klar ins Ange faſſen. Alles ſagt mir, daß ich nicht bei einem Miniſter bin Baleinier hat mich betrogen. — — Aber in welcher Abſicht? Warum hat er mich hierher ge⸗ bracht? und wo bin ich hier?“ Beide Fragen kamen dem Fräulein gleich unlösbar vor. Nur ſo viel hielt ſie für gewiß, daß ſie das Opfer der Treuloſigkeit Baleinier's geworden ſey. Aber dieſe Gewiß⸗ heit war ſo entſetzlich für ihre edle, redliche Seele, daß ſie verſuchte, ſie zurückzuſtoßen, indem ſie an die vertranensvolle Freundſchaft dachte, welche ſie ſtets gegen dieſen Menſchen bewieſen hatte Unwillig über ſich ſelber ſagte ſie: „So füh⸗ ren Schwäche und Angſt zu ungerechten, gehäſſigen Voraus⸗ ſetzungen. Nein! an einen ſo hölliſchen Betrug darf man nicht glauben. Und wenn der Augenſchein mir dieſen Glau⸗ ben aufzwingen vi nun ſo rufe ich Jemand herbei.“ — — — — um Hülfe. Es ſiel ihr ein, daß keine Klingel da war. „Einerlei!“ ſagte ſie. „Ich klopfe. Ohne Zweifel wird Jemand kommen.“ Sie klopfte mit ihren zarten Händchen mehrmals an der Thür. Der dumpfe, klangloſe Ton, den dieſelbe von ſich gab, ließ errathen, daß ſie ſehr dick war. Keine Antwort er⸗ folgte. Sie eilte an die andere Thür, klopfte hier ebenfalls und fand, daß nichts das Schweigen unterbrach, als dann und wann das Heulen des Windes im Freien. „Ich bin doch nicht furchtſamer als eine Andere,“ ſagte Adriana bebend; „aber unwillkürlich ſchaudere ich. Macht das wohl die bittere Kälte hier? Ich ſuche mich jeder Schwäche zu erwehren; allein ich glaube, Jedermann würde wie ich, was hier vorgeht, ſonderbar, — beängſtigend finden.“ Plötzlich erſcholl aus dem Gemach über ihr entſetzliches Geſchrei oder vielmehr Geheul, und gleich darauf erſchütterte ein heftiges Getrappel die Decke, wie wenn mehre Menſchen ſich oben herumbalgten. Adriana ſtieß einen Schrei des Ent⸗ ſetzens aus, ward todtenbleich und ſtand einen Augenblick vor Schrecken regungslos da. Dann ſtürzte ſie auf eins der, mit Läden verwahrten, Fenſter zu und riß es auf. Ein Wind⸗ ſtoß drang herein und jagte ihr feuchten Schnee ins Geſicht, während die Lampe in heftige Bewegung gerieth und, nach⸗ dem ihr rauchendes Licht einen Augenblick geflackert hatte, verloſch. Adriana ſtand jetzt, von tiofer Finſterniß umgeben, an dem Fenſter und faßte krampfhaft die Eiſenſtangen, mit welchen es vergittert war. Unfähig, länger ihre Angſt zu bemeiſtern, wollte ſie um Hülfe rufen, als ein unerwarteter Anblick ſie auf mehre Minuten vor Entſetzen ſprachlos machte. Gegenüber dem Gebäude, in welchem ſie ſich befand, erhob ſich ein anderes in geringer Entfernung. Durch die dichte Finſterniß fiel von dort herüber der Schein eines hellerleuch⸗ teten Fenſters. Hinter den Scheiben dieſes Fenſters ohne Vorhänge erblickte Adriana eine weiße, abgemagerte Geſtalt, welche, eine Art Leichentuch hinter ſich nachſchleifend, unab⸗ läſſig hin und her ging. Wie gebannt, konnte Adriana die Augen von dieſer ſchauerlichen Erſcheinung nicht abwenden. Ihr Entſetzen ſteigerte ſich jetzt aufs Höchſte. Fortwährend an die Eiſenſtangen angeklammert, rief ſie aus Leibeskräften — 5 — Kaum hatte ſie gerufen, ſo ſchlichen unbemerkt von ihr zwei große, weibliche oder vielmehr halbmännliche Geſtalten durch die kleine Thür in das Zimmer. Dieſe beiden Weiber mochten vierzig bis fünfzig Jahre alt ſeyn, und waren nach⸗ läſſig und ſchmutzig gekleidet, wie Stubenmägde in einer ge⸗ ringen Haushaltung. Ueber ihren Kleidern trugen ſie blau⸗ 1 leinene Schürzen, die bis zum Hals herauf gingen und bis . auf die Füße hinab reichten. Die eine, welche eine Lampe * in der Hand hielt, hatte ein rothes, glänzendes Geſicht, eine dicke Kupfernaſe, kleine, grüne Augen und wergfarbige Haare, die ſtruppig unter ihrer ſchmutzigweißen Haube hervorquollen. Die andere war gelb, dürr und knochig, und hatte eine Tranerhaube auf, welche eng an ihre eingefallenen, erdfah⸗ len, pergamentartigen Wangen anſchloß. Ihr Geſicht war blatternarbig. Ihre Angen waren von ſtarken, ſchwarzen Brauen beſchattet, und über ihrer Oberlippe ſtarrten einige lange, graue Haare. Sie trug halb aufgerollt unter dem Arm ein Kleidungsſtück von ſtarker, ungebleichter Leinwand. Eine deutete der andern auf das an die Gitterſtäbe ange⸗ klammerte und um Hülfe rufende Mädchen, und während die eine ihre Lampe auf das Kamin ſtellte, ging die in der . Trauerhaube nach dem Fenſter und legte ihre knochige Hand auf die Schulter des Mädchens. Adriana wandte ſich raſch um. Als ſie die unheimliche Geſtalt erblickte, ſtieß ſie einen neuen Schrei des Entſetzens aus. Bald aber beruhigte ſie ſich einigermaßen wieder. So abſtoßend auch das Weib ausſah, ſo war es doch wenigſtens ein Weſen, mit welchem ſie ſprechen konnte. Mit bebender, lauter Stimme fragte ſie: „Wo iſt Doctor Baleinier?“ Die beiden Weiber ſahen ſich einander an, und gaben ſich ₰ einander einen Wink, ohne zu antworten. „Ich frage Sie, liebe Frau,“ wiederholte Adriana, „wo . Doetor Baleinier iſt, der mich hierher gebracht hat. Ich will ihn den Augenblick ſprechen.“ „Er iſt weggefahren,“ antwortete die dicke Frau. „Weggefahren?“ wiederholte Adriana. „Weggefahren, ohne mich? Uim Gotteswillen! was bedeutet das? — Holen Sie mir einen Wagen!“ Die beiden Weiber ſahen ſich wiederum einander an und zuckten die Achſeln. „Ich bitte Sie,“ ſprach das Fräulein mit gedämpfter Stimme, „holen Sie mir eine Kutſche. Da Herr Baleinier ohne mich weggefahren iſt, ſo muß ich allein nach Haus fahren.“ „Madame,“ ſagte das hagere Weib in der ſchwarzen Haube, „es iſt Zeit. Sie müſſen mitgehen und ſich zu Bett legen.“ „Mich zu Bett legen?“ rief Adriana entſetzt. „Um Got⸗ teswillen! das iſt ja um wahnſinnig zu werden! — Was iſt denn das für ein Haus, in dem ich bin? Antworten Sie mir.“ „Sie ſind in einem Haus, wo Sie nicht zum Fenſter hin⸗ ausſchreien dürfen,“ entgegnete die Schwarzbehaubte mit rau⸗ her Stimme. — „Und wo man auch die Lampen nicht aus⸗ löſchen darf, wie Sie eben gethan haben, ſonſt werden wir böſe,“ ſetzte die Kupfernaſe hinzu. Sprachlos und bebend vor Schrecken ſah Adriana die ent⸗ ſetzlichen Weiber, eine um die andere, an. Vergebens ſpannte ſie eine Zeitlang ihren Scharfſinn auf die Folter, um zu be⸗ greifen, was ſie ſah und hörte. Endlich glaubte ſie es er⸗ rathen zu haben. „Ich ſehe,“ rief ſie, „hier waltet ein Miß⸗ verſtändniß ob. Ich kann mir daſſelbe nicht erklären. Aber ein Mißverſtändniß iſt es. Sie halten mich für eine andere Perſon. Wiſſen Sie, wer ich bin? Ich bin Adriana von Cardoville, — verſtehen Sie mich? Adriana von Cardoville! — Sie werden alſo jetzt wiſſen, daß ich hier hinausgehen darf, und daß Niemand das Recht hat, mich hier mit Gewalt zurückzuhalten. Alſo befehle ich Ihnen, holen Sie mir auf der Stelle einen Wagen. Findet ſich keiner in dieſem Quar⸗ tier, ſo ſchicken Sie Jemand mit mir, der mich in die Baby⸗ lonſtraße nach dem Hötel St. Dizier begleite. Ich werde dieſe Perſon glänzend belohnen und Sie ebenfalls.“ „Iſt's bald fertig?“ fragte die Hagere. „Wozu dies Gerede?“ „Nehmt Euch in Acht!“ ſagte Adriana. „Wenn ihr mich hier mit Gewalt zurückhaltet, ſo kann es Euch ſchlimm er⸗ gehen. Ihr wißt nicht, welcher Gefahr Ihr euch ausſetzt.“ Die Kupfernaſe ward ungeduldig und ſagte barſch: „Wol⸗ len Sie jetzt ſchlafen gehen? Ja oder nein?“ 5 „Hören Sie, liebe Frau,“ bat Adriana. „Laſſen Sie mich weggehen. Ich gebe jeder von Ihnen zweitauſend Franken. — 4 Iſt das nicht genug? — Ich gebe Ihnen zehntauſend — zwanzigtauſend — was Sie verlangen. Ich bin reich. Aber um Gotteswillen laſſen Sie mich nur weggehen. Ich will nicht hier bleiben — ich ängſtige mich hier!“ . „Zwanzigtauſend Franken!“ wiederholte die Kupfernaſe. „Was ſagſt Du dazu, Thomaſin?“ 3 „Laß das gut ſeyn, Gervaiſe,“ erwiederte die Hagere. ſ3 1 „Das iſt das alte Lied, wie ſie es Alle ſingen.“ „Nun!“ ſagte Adriana in der Verzweiflung, „da Gründe, Bitten und Drohungen vergeblich ſind, ſo erkläre ich Ihnen, daß ich hinaus will, und das auf der Stelle! Ich will ſehen, ob man die Verwegenheit hat, hier Gewalt gegen mich an⸗ zuwenden“ Und ſie ging entſchloſſen auf die Thür zu. Aber in demſelben Angenblick erſcholl wieder das Gehenl, wie frü⸗ her, dirs Mal aber, ohne daß ein Getrappel darauf folgte. Entſetzt blieb Adriana ſtehen und trat wieder zu den beiden Weibern. „O welches Geſchrei!“ rief ſie. „Hören Sie es? — Um Gotteswillen! was iſt denn das für ein Haus, wo man dergleichen hört? Und dort drüben? Seh'n Sie? Was iſt das?“ Sie dentete auf das erleuchtete Fenſter, vor welchem 3 die Schreckensgeſtalt noch immer auf und ab ging. „Das da?“ erwiederte die Thomas. „Das ſind Leute, die wie Sie, nicht ordentlich geweſen ſind.“ „Was?“ rief Adriana, die Hände ringend. „Um Gottes⸗ willen! was iſt denn das für ein Haus? Was thut man denn den Leuten da „Man thut ihnen, wie man Ihnen thun wird, wenn Sie unartig ſind, und nicht ſchlafen gehen wollen,“ antwortete die Kupfernaſe Gervaiſe. 4 „Man zieht ihnen das da an,“ fügte die Thomaſin hinzu. „Man legt ihnen die Zwangsjacke an.“ „Ah!!“ ſchrie Adriana, ihr Geſicht in den Händen verber⸗ gend. Endlich war ihr die entſetzliche Wahrheit klar gewor⸗ den. Dieſer letzte Schlag nach ſo vielen heftigen Gemüths⸗ bewegungen ſeit dem Mittag that ſeine Wirkung. Ihre 2 Hände ſanken herab, ihr Geſicht ward leichenblaß, ſie zit⸗ terte an allen Gliedern, ſank auf die Kniee und ſtammelte — — 81 — — nit Entſetzen auf die Zwangsjacke blickend: „O, Erbarmen! — 4 nur das nicht! — Ich will thun — — was Sie wollen“ Ihre Kräfte verließen ſie. Sie ſank zuſammen und ohne den Beiſtand der Weiber, die ſie anfaßten, wäre ſie der Länge nach auf den Boden gefallen. „Eine Ohnmacht,“ ſagte die Thomas. „Das iſt nicht ge⸗ fährlich. Wir wollen ſie auf ihr Bett legen und ausziehet“ „Nimm ſie,“ ſagte die Gervaiſe. „Ich will die Lampe nehmen“ Die große, ſtarke Thomas hob das Fräulein von Cardo⸗ ville auf, wie ein ſchlafendes Kind, und trug ſie unter Vor⸗ austritt der Gervaiſe in das Zimmer, durch welches Balei⸗ nier entſchlüpft war. Dieß Zimmer war äußerſt veinlich, aber abſtoßend kahl. Die Wände waren mit grünem Pa⸗ pier überzogen. In einer der Ecken ſtand eine Kiedrige ei⸗ min ſtand ein Ofen, mit einem Eiſengitter davor, daß man „ nicht daran konnte. An einer der Wände ſtand ein Tiſch, vor demſelben ein Stuhl, jener in der Wand, dieſer im Fußboden befeſtigt. Eine Commode von Mahagony und ein 4 Strohſeſſel vervollſtändigten dies karge Mobiliar. Das Fen⸗ ſter ohne Vorhänge war inwendig mit einem Eiſengitter ver⸗ wahrt, damit man die Scheiben nicht einſchlagen konnte. † In dies trübſelige Gemach, welches einen ſo ſchneidenden Gegenſatz zu dem kleinen Zanberpalaſt in der Babylonſtraße bildete, trug die Thomas das bewußtloſe Fräulein und ſetzte ſie auf das Bett, während die Gervaiſe die Lampe auf das Kopfbrett ſtellte. Die Thomas hielt ſie, und die Gervaiſe begann, ſie auszukleiden. Adriana's Haupt hing auf ihre Bruſt herab. Obwohl ſie ohnmächtig war, drangen aus ih⸗ ren geſchloſſenen Augen zwei große Thränen hervor und ran⸗ nen über ihre zarten blaſſen Wangen, welche von den langen Wimpern beſchattet waren. Auf ihrem Hals und Buſen, weiß wie Elfenbein, lagen golden und ſeidenweich die Wellen ihres Haares, welches, als ſie niederſank, losgegangen war. Nachdem die Gervaiſe ihr das Tuchkleid aufgehakt und aus⸗ gezogen hatte, ſchnürte ſie das Atlasleibchen auf, welches weniger weich, friſch und weiß war, als der von ihm ein⸗ geſchloſſene ſchlanke, geſchmeidige, jungfräuliche Leib, der in r. 6 12 ſerne Bettſtelle mit einem bretternen Kopfſtück. Im Ka⸗ S ſeiner Rundung einem leicht gerötheten Alabaſterbilde glich. Als die garſtige Here mit ihren plumpen, rothen, ſchwieligen, aufgeſprungenen Händen die nackten Schultern des Mädchens beruͤhrte, ſchauderte dieſe zuſammen, ohne deswegen aus ih⸗ rer Ohnmacht zu erwachen. Die kupfernaſige Gervaiſe kniete nieder und begann, dem Fräulein die Fußbekleidung auszuziehen. „Was ſie für kleine Füße hat!“ fagte ſie. „Sie hätten beide Platz in meiner hohlen Hand.“ Und ſie entblößte ein wahres Kinderfüßchen, zart wie Atlas, hie und da von einer bläulichen Ader durch⸗ zogen, und ein Bein gleich dem der antiken Diana, mit ro⸗ ſigem Knöchel und Knie. „Und was ſie für lange Haare hat!“ bemerkte die hagere Thomas. „Und wie weich ſind ſie! Sie könnte darauf tre⸗ ten. Es wäre wirklich Schade, wenn man ſie abſchneiden müßte, um ihr Eis auf den Schädel zu legen!“ Bei dieſen Worten wand ſie, ſo gut ſie konnte, das Haar zuſammen und vefeſtigte es hinten. Es waren nicht die zarten, weißen Hände Georgettens, Hebe's und Florinens, die mit ſo viel Liebe und Stolz ihre ſchöne Gebieterin ſchmückten. Und aber⸗ mals und ſtärker bebte Adrians zuſammen bei der Berüh⸗ rung von der harten Hand der Wächterin. Sey es, daß ſie einen bewußtloſen magnetiſchen Abſchen empfand, ſey es, daß die Käite auf ſie wirkte, Adriana ſchauderte zum dritten Mal und kam allmählig wie⸗ der zu ſich. Unmöglich läßt ſich ihr Entſetzen und ihr Abſchen beſchreiben, als ſie mit beiden Händen die Locken von ihrem thränenfeuchten Geſichte ſtrich und ſich halbnackt zwiſchen den beiden garſtigen Hexen erblickte. Sie ſtieß einen Schrei der Scham und des Schreckens aus, und blitzſchnell warf ſie die Lampe auf den Boden, um den Blicken der bei⸗ den Weiber zu entgehen. Dann wickelte ſie ſich in die Decken und brach in herzzerreißendes Schluchzen aus. Die Wächterinnen erklärten ſich dies Alles aus einem An⸗ fall von Tobſucht. „Ah!“ rief die Thomas zornig. „Sie fangen wieder an, Lampen auszulöſchen und zu zerbrechen! Es ſcheint, das iſt ſo Ihre Idee. Ich habe es Ihnen geſagt, Sie bekommen heute Nacht die Zwangsjacke an, wie die Närrin da oben!“ — 6 — „Du haſt Recht, Thomafin,“ ſagte die Gervaiſe. „Halte ſie feſt. Ich will Licht holen. Wir zwei wollen doch mit ihr fertig werden.“ „Beeile dich,“ ſagte die Hagere. „Denn mit ihrer zimper⸗ lichen Miene ſcheint ſie eben doch tobſüchtig zu ſeyn. Wir werden bei ihr wachen müſſen.“ Welch ein Gegenſatz! Am Morgen war Adriana frei, lä⸗ chelnd, glücklich, umgeben von den Herrlichkeiten des Luxus und der Künſte, und ſorgſam gepflegt von drei jungen, liebli⸗ chen Dienerinnen, aufgeſtanden. In ihrer gutmüthigen Laune hatte ſie einem jungen indiſchen Fürſten, als ihrem Ver⸗ wandten, eine feenhafte Ueberraſchung bereitet. In ihrem Edelmuthe hatte ſie beſchloſſen, ſich der von Dagobert nach Paris gebrachten Waiſen anzunehmen. Bei ihrer Unterredung mit der Fürſtin von St. Dizier hatte ſie ſich bald ſtolz, bald gefühlvoll, bald ſchwermüthig, bald heiter, bald ironiſch, bald ernſt, ſtets aber ehrlich und muthvoll gezeigt. Mit dem Entſchluß und mit der frohen Hoffnung, einen red⸗ lichen Arbeiter zu befreien, war ſie in dies Haus gekommen. Und jetzt, durch ſchändlichen Verrath in die Hände roher Toll⸗ wärterinnen geliefert, fühlte ſie ihre zarten Glieder in die entſetzliche Jacke gezwängt! Adriana brachte eine entſetzliche Nacht in Geſellſchaft der beiden Hexen zu. Am folgenden Morgen um neun Uhr ſah ſie zu ihrem unausſprechlichen Erſtaunen den Doctor Baleinier in das Zimmer treten. Wohlwollend und väterlich lächelnd wie im⸗ mer, fragte er mit zuckerſüßer Stimme: „Nun, mein Kind! Wie haben Sie die Nacht zugebracht?“ Zehntes Kapitel. Die Wärterinnen Adriana's hatten, ihren Bitten, und be⸗ ſonders ihren Verſprechungen, ordentlich ſeyn zu wollen, — 6 nachgegeben und ihr noch während der Nacht die Zwangsjacke abgenommen. Am Morgen war ſie ungehindert aufgeſtanden und hatte ſich allein angekleidet. Sie ſaß auf dem Rand ih⸗ res Bettes. Ihre entſetzliche Bläſſe, die gänzliche Verſtörung ihrer Züge, die düſtere Fiebergluth in ihren Augen und das von Zeit zu Zeit ſich wiederholende Zucken ihrer Glieder deu⸗ teten ſchon die heilloſen Folgen an, welche dieſe ſchreckliche Nacht auf das reizbare Weſen gemacht hatte. Beim Anblick des Doctor Baleinier, der mit einem Wink die Gervaiſe und die Thomas hinausgehen hieß, war Adriana von Cardoville wie verſteinert. Es ſchwindelte ihr bei dem Gedanken an die Frechheit dieſes Menſchen, der vor ſie zu treten wagte. Und als der Arzt mit ſeiner ſüßlichen Stimme und in lie⸗ bevollem Ton wiederholte: „Nun, armes Kind, wie haben Sie die Nacht hingebracht?“ — da fuhr ſie mit den Händen an ihre brennende Stirn, wie um ſich zu fragen, ob ſie wachte oder träumte. Sie ließ die Hände ſinken und ſah den Doctor an. Ihre Lippen öffneten ſich, aber ſie zitterten ſo heftig, daß es ihr unmöglich war, ein Wort hervorzubringen. Zorn, Unwille, Verachtung und vor Allem der tiefe Schmerz ihrer edlen Seele über ſchändlich getäuſchtes Vertrauen ver⸗ wirrten ſie dergeſtalt, daß es ihr, trotz ihrem Willen, unmög⸗ lich war, ihr Schweigen zu brechen. „Kommen Sie! Kommen Sie!“ ſagte Baleinier, mit tran⸗ riger Miene den Kopf ſchüttelnd. „Ich ſehe, was das iſt. Nicht wahr, Sie ſind recht böſe auf mich? Lieber Gott! ich war darauf gefaßt, mein gutes Kind.“ Bei dieſen mit ſchamloſer Heuchelei ausgeſprochenen Worten ſprang Adriana auf. Glühende Röthe ſtieg auf ihren blaſſen Wangen auf. Ihre großen ſchwarzen Augen funkelten. Ihren ſchönen Kopf ſtolz in die Höhe werfend, die Oberlippe von einem Lächeln büterer Verachtung gehoben, ging ſie in ſtum⸗ mem Zorn vor Baleinier vorüber, der ſich niedergeſetzt hatte, und nahm feſten Schrittes ihre Richtung nach der Thür. Aber dieſe, mit einem Schalter verſehene Thür war von Außen verſchloſſen. Adriana wandte ſich um, deutete dem Doctor auf die Thür und ſagte mit gebieteriſcher Haltung: „Oeffnen Sie mir dieſe Thür!“ „Liebes Fräulein Adriana,“ ſagte der Arzt, „beruhigen Sie —— — 85 — ſich. Laſſen Sie uns als gute Freunde mit einander plau⸗ dern. Denn Sie wiſſen ja, ich bin Ihr Freund.“ Und dabei nahm Herr Baleinier langſam eine Priſe. „Alſo, Herr Baleinier,“ erwiederte Adriana mit vor Zorn bebender Stimme, „auch heute ſoll ich nicht hier heraus⸗ kommen?“ „Leider nein! — — bei ſolcher Ueberſpannung. Wenn Sie wüßten, wie Ihre Wangen glühen, wie Ihre Angen Feuer ſprühen! Ihr Puls muß achtzig Schläge in der Minute ge⸗ ben. Ich beſchwöre Sie, liebes Kind, verſchlimmern Sie nicht Ihren Zuſtand durch dieſe traurige Aufregung. Adriana ſah den Doetor ſcharf an, ging langſam nach ih⸗ rem Bett zurück und ſetzte ſich wieder auf den Rand deſſelben. „Das laſſ' ich mir gefallen,“ fuhr Baleinier fort. „Seyn Sie vernünftig. Ich wiederhole: laſſen Sie uns als gute Freunde plaudern.“ „Sie haben Recht,“ erwiederte Adriana in trockenem Ton und mit vollkommener Ruhe. „Laſſen Sie uns als Freunde plaudern, Sie wollen mich für wahnſinnig ausgeben, nicht wahr?“ „Liebes Kind,“ ſagte Baleinier, „ich will, daß Sie eines Tages eben ſo viel Dank gegen mich fühlen, als Sie jetzt Abneigung empfinden. Dieſe Abneigung hatte ich vorausge⸗ ſehen. Aber ſo peinlich auch die Erfüllung mancher Pflichten ſeyn mag, man muß ſich in dieſelbe ergeben.“ Baleinier ſprach dies ſeufzend und in einem ſo ungekün⸗ ſtelten Ton der Ueberzeugung, daß Adriana anfangs einen Ausdruck der Ueberraſchung nicht zurückhalten konnte. Bald aber kam ein ſchwaches, bitteres Lächeln über ihre Lippen und ſie ſprach: „Ah! wirklich? Das Alles iſt zu meinem Beſten?“ „Offen geſprochen, liebes Fräulein, — habe ich je einen andern Zweck gehabt als Ihr Beſtes?“ „Ich weiß nicht,“ verſetzte Adriana, „ob nicht Ihre Scham⸗ loſigkeit noch größer iſt, als Ihre Verrätherei.“ „Verrätherei!“ wiederholte Baleinier, mit betrübter Miene die Achſeln zuckend, „Verrätherei! Ueberlegen Sie doch, ar⸗ mes Kind Können Sie glauben, daß ich, wenn ich nicht ehrlich, gewiſſenhaft zu Ihrem Beſten handelte, dieſen Mor⸗ gen wieder vor Ihnen erſchienen ſeyn würde, um Ihrem — 6 Unwillen zu trotzen, auf den ich gefaßt ſeyn mußte? Ich bin der Oberarzt in dieſem Krankenhaus, welches mir gehört. Aber — — ich habe hier zwei meiner Schüler, Aerzte wie ich, die mir an die Hand gehen. Ihrer Obſorge hätte ich Sie überlaſſen können. Aber nein! ich wollte es nicht. Ich kenne Ihren Character, Ihre Natur, Ihr früheres Leben, und ganz abgeſehen von der beſonderen Theilnahme, die ich für Sie hege, kann ich beſſer als irgend Jemand Sie paſſend be⸗ handeln.“ Adriana ließ den Arzt ausſprechen. Sie ſah ihn ſcharf an und fragte: „Wie viel bezahlt man Ihnen dafür, daß Sie mich für verrückt ausgeben?“ Trotz ſeiner Unempfindlichkeit fühlte Baleinier ſich getroffen. „Fräulein!“ rief er. „Ich bin reich,“ fuhr Adriana mit erdrückender Verachtung fort. „Ich verdoppele die Summe, die man Ihnen gibt. Kom⸗ men Sie. Im Namen — der Freundſchaft, wie Sie ſagen, gönnen Sie mir wenigſtens das Vergnügen, höher zu bieten.“ „Ihre Wärterinnen,“ ſagte Baleinier, der ſeine Kaltblütig⸗ keit wieder gewonnen hatte, „haben mir in ihrem Bericht ge⸗ ſagt, daß Sie ihnen in dieſer Nacht daſſelbe Anerbieten ge⸗ macht haben.“ „Verzeihen Sie,“ erwiederte Adriana, „ich hatte ihnen angeboten, was man armen Weibern ohne Erziehung anbieten kann, Perſonen, welche ſich aus Noth zu dieſem peinlichen Dienſt verſtehen. Sie, Herr Doktor, ſind ein Mann der feinen Welt, ein großer Gelehrter, ein geiſtreicher Mann. Bei Ihnen iſt es etwas anders. Hier muß man beſſer be⸗ zahlen. Es gibt Verräthereien zu jedem Preis. Begründen Sie alſo Ihre Weigerung nicht mit der Geringfügigkeit mei⸗ ner Anerbietungen gegen dieſe armen Weiber. Wie viel müſſen Sie haben?“ Baleinier erwiederte, ohne ſich in ſeiner Ruhe ſtören zu laſſen: „Ihre Wächterinnen haben mir in ihrem Bericht über dieſe Nacht auch von Drohungen geſprochen. Haben Sie nicht auch dergleichen gegen mich auszuſtoßen? Kommen Sie, liebes Kind, wir wollen gleich von vorn herein die Be⸗ ſtechungsverſuche und die Rachedrohungen erſchöpfen. Dann kommen wir auf die wahre Sachlage.“ . . — „ — „ „ — Adriana konnte nicht länger ihren Zorn zurückhalten. „Meine Drohungen ſollen wirkungslos ſeyn, meinen Siet Sie bilden ſich ein, daß ich, wenn ich hier herauskomme — was geſchehen muß — nicht laut Ihren ſchändlichen Verrath verkünden werde? Sie glauben, ich würde Ihre Mitſchuld an den Schändlichkeiten der Frau von St. Dizier nicht der Verachtung und dem Abſcheu Aller preisgeben? Sie glauben, ich würde die ſchändliche Behandlung verſchweigen, die ich erduldet habe? So toll ich auch ſeyn mag, ſo weiß ich doch, daß es Geſetze giebt, und von den Geſetzen werde ich glän⸗ zende Genugthuung für mich, Schmach, Brandmarkung und Strafe für Sie und die Ihrigen verlangen. Denn unter uns geſagt, Sie ſehen, von nun an beſteht zwiſchen uns ein Haß, ein Kampf auf Leben und Tod, und zur Durchführung des⸗ ſelben werde ich Alles anwenden, was ich beſitze, an Kräften an Verſtand, an — —“ „Erlauben Sie mir, daß ich Sie unterbreche, liebes Fräu⸗ lein Adriana,“ ſagte Baleinier in ruhigem, freundſchaftlichem Ton. „Nichts würde Ihrer Heilung mehr im Weg ſtehen, als thörichte Hoffnungen. Dieſe würden Sie in einem Zu⸗ ſtand bedaurungswürdiger Ueberſpannung erhalten. Ich muß Ihnen alſo den Sachverhalt einfach erklären, damit Sie Ihre Lage begreifen. Erſtlich iſt es unmöglich, daß Sie hier herauskommen. Zweitens können Sie durchaus keinen Ver⸗ kehr mit der Außenwelt haben. Drittens kommen in dies Haus nur Leute, deren ich völlig ſicher bin. Viertens bin ich völlig vor Ihren Drohungen und Ihrer Rache geſichert, und zwar darum, weil alle Umſtände, alle Rechte zu meinen Gunſten ſind.“ „Alle Rechte?“ Mich hier einzuſperren?“ „Man würde ſich nicht dazu entſchloſſen haben, ohne eine Menge Beweggründe, von denen einer immer wichtiger iſt, als der andere.“ 8 „Ah! Es ſind Beweggründe vorhanden?“ „Leider viele.“ „Man wird mich dieſelben vielleicht wiſſen laſſen?“ „Sie ſind leider nur zu triftig, und wenn Sie ſich eines Tags an die Gerichte wendeten, wie Sie mir eben gedroht haben, lieber Himmel! dann würden wir zu unſerem großen Bedauern genöthigt ſeyn, anzuführen: die mehr als wunder⸗ liche Sonderbarkeit Ihrer Lebensweiſe — Ihre Manie, Ihre Dienerinnen theatraliſch zu kleiden, — Ihre übermäßigen Ausgaben, — die Geſchichte von dem indiſchen Prinzen, dem Sie eine königliche Bewirthung anbieten, — Ihr unerhörter Entſchluß in Ihrem achtzehnten Jahre für ſich leben zu wol⸗ len, wie ein unverheiratheter Mann, — das Abenteuer dem Menſchen, den man in Ihrem Schlafgemach verſteckt 3e⸗ funden hat. Und endlich würde man das Protokoll Ihres Verhörs von geſtern vorlegen, welches durch eine eigends beſtellte Perſon treulich aufgenommen worden iſt.“ „Wie? geſtern?“ rief Adriana überraſcht und empört. „Ja, freilich. Um uns eines Tages ausweiſen zu können, wenn Sie unſere Theilnahme für Sie mißkennen, haben wir Ihre Antworten durch einen Geſchwindſchreiber aufzeichnen laſſen, welcher in einem Nebenzimmer hinter einem Vorhang ſaß. Wenn Sie einſt mit ruhigem Sinn dies Verhör leſen, dann werden Sie ſich nicht mehr wundern über den Entſchluß, zu welchem man ſich genöthigt geſehen hat.“ Fahren Sie fort,“ ſprach Adriana in verachtendem Ton. Baleinier fuhr fort: „Da die von mir angeführten That⸗ ſachen alſo erwieſen und anerkannt ſind, ſo müſſen Sie be⸗ greifen, liebes Fräulein Adriana, daß Ihre Sie liebenden Freunde völlig außer Verantwortung ſind. Sie mußten ſuchen, dieſe Geiſtesverwirrung zu heilen, die ſich allerdings bis jetzt noch bloß durch ſchlimme Manien äußert, die aber Ihre Zu⸗ kunft in große Gefahr bringen würde, wenn ſie ſich weiter entwickelte. Meiner Anſicht nach, läßt ſich eine radicale Hei⸗ lung erwirken mittels einer zugleich pſychiſchen und phyſiſchen Behandlung. Die erſte Bedingung verſelben iſt, Sie aus einer wunderlichen Umgebung zu bringen, welche Ihre Ein⸗ bildungskraft ſo gefährlich überſpannt. Wenn Sie hier in Zurückgezogenheit leben, wird die wohlthuende Ruhe eines einfachen, einſamen Lebens und meine ſorgſame — ich darf wohl ſagen, väterliche Pflege, Sie allmählig zu vollkommener Heilung führen.“ „Alſo,“ ſagte Adriana mit bitterem Lächeln, „die Liebe z edler Unabhängigkeit, die Großmuth, die Verehrung des Schö nen, der Abſcheu vor dem, was gehäſſig und niederträchtig iſt, 3 — 55 — das ſind die Krankheiten, von denen Sie mich heilen wollen Ich fürchte, ich bin unheilbar, denn meine Tante hat ſchon lange dieſe noble Heilung verſucht.“ „Es mag ſeyn,“ erwiederte Baleinier ruhig, „daß es uns nicht gelingt. Aber wenigſtens wollen wir es verſuchen. Sie ſehen, es iſt eine Maſſe von Gründen da, die triftig genug ſird, um unſeren im Familienrath gefaßten Entſchluß zu recht⸗ fertigen. Dies ſtellt mich völlig vor Ihren Drohungen ſicher. Und darauf wollte ich eben zurückkommen. Ein Mann in mei⸗ nem Alter, von meinem Anſehen handelt unter ſolchen Um⸗ ſtänden nie leichtſinnig. Sie werden alſo jetzt begreifen, was ich Ihnen vorhin geſagt habe. Mit einem Wort: hoffen Sie nicht vor Ihrer völligen Heilung hier herauszukommen, und ſeyn Sie überzeugt, daß ich vor Ihren Drohungen ſicher geſtellt bin und ſtets ſicher ſeyn werde. Nachdem wir dies feſtgeſtellt haben, laſſen Sie mich von Ihrem jetzigen Zu⸗ ſtand mit all der Theilnahme ſprechen, welche Sie mir ein⸗ flößen.“ „Ich finde,“ bemerkte Adriana, „daß Sie, wenn ich wahn⸗ ſinnig bin, ſehr vernünftig zu mir ſprechen“ „Sie wahnſinnig?“ rief Baleinier. „Gott ſey Dank, armes Kind, das ſind Sie noch nicht, und ich hoffe, es dahin zu bringen, daß Sie es, Dank meiner Pflege, nie ſeyn werden. Aber, um Sie zu hindern, es zu werden, mußte zeitig ein⸗ gegriffen werden; und glauben Sie mir, es iſt die höchſte Zeit. Sie ſehen mich ſo ſonderbar an, ſo betroffen. Wel⸗ chen Beweggrund kann ich haben, ſo zu Ihnen zu ſprechen? Sie denken etwa, ich lebe dem Haß ihrer Tante zu Gefal⸗ len. Aber zu welchem Zweck? Was vermag ſie für oder wider mich? Ich denke in dieſem Augenblick nicht ſchlimmer und nicht beſſer von ihr, als geſtern. Sih ich etwa gegen Sie, Fräulein, eine neue Sprache? Habe ich Ihnen nicht geſtern mehrmals von der gefährlichen Keberſpannung Ihres Geiſtes geſprochen, und von Ihren bizarren Manien? Ich habe Liſt angewandt, um Sie hierher zu bringen. Freilich! Ich habe begierig die Gelegenheit ergriffen, die Sie ſelber mir darboten. Das iſt wahr, krmes Kind. Aber freiwillig wären Sie nie hierher gekommen. Man hätte früher vder ſpäter einen Vorwand erſinnen müſſen, um Sie hierher zu * führen. Und ich geſtehe Ihnen, ich habe gedacht: ihr Beſtes geht mir über Alles. Thue recht und ſcheue nichts.“ Während Baleinier ſo ſprach, nahm das Geſicht Adriana's ſtatt des frühern Ausdrucks von Unwillen und Verachtung, den der Angſt und des Abſcheues an. Indem ſie dieſen Men⸗ ſchen mit einem ſolchen Schein von Natürlichkeit, Vernünftig⸗ keit und Aufrichtigkeit ſprechen hörte, empfand ſie größeres Entſetzen, als je zuvor. Eine in ſolche Formen gehüllte Ver⸗ rätherei war ihr hundertmal grauſiger als der offen ausge⸗ ſprochene Haß der Fürſtin von St. Dizier. Dieſe freche Heu⸗ chelei kam ihr am Ende ſo ungeheuer vor, daß ſie an ihrer Möglichkeit zweifelte. Sie verſtand ſo wenig, ihre Gefühle zu verhehlen, daß der Arzt, als geſchickter Phyſiognom, die Wirkung bemerkte, die er hervorbrachte. * „Ein großer Schritt,“ dachte er. „Der Verachtung und dem Zorn iſt der Schrecken gefolgt. Der Zweifel iſt nicht weit. Ich werde nicht hinausgehen, ohne daß Sie mir freundlich ſagt: Kommen Sie bald wieder, lieber Herr Baleinier.“ Dieſer Berechnung gemäß ſprach Baleinier nach einer Pauſe mit trauriger und gerührter Stimme, die aus dem Grunde ſeines Herzens zu kommen ſchien, weiter: „Ich ſehe, Sie hegen noch immer Mißtrauen gegen mich. Nicht wahr, was ich Ihnen ſage, iſt lauter Lug und Trug und Heuchelei und Haß? Nun, warum ſollt' ich Sie haſſen? Was haben Sie mir gethan? Oder,“ ſagte er, in einen bitteren Ton fallend, „um auf einen Grund hinzudeuten, der Ihnen viel⸗ leicht für einen Mann, wie ich, entſcheidender dünkt — wel⸗ ches Intereſſe habe ich, Sie zu haſſen? Sie, die Sie ſich in Ihrem Zuſtand nur durch Ueberſpannung der edelſten Gefühle befinden, Sie, die Sie nur die Krankheit Ihrer Eigenſchaften haben, Sie können kalt und entſchloſſen einen ehrlichen Mann anſchuldigen, der Ihnen bis jetzt nur Beweiſe von Zuneigung gegeben hat? Sie können ihn des niederträchtigſten, ſchwär⸗ zeſten, abſcheulichſten Verbrechens anklagen, mit dem ein Menſch ſich beſudeln kann? Ich ſage Verbrechen; denn der ſchändliche Verrath, deſſen Sie mich beſchuldigen, würde keinen andern Namen verdienen. — Das iſt ſchlimm, armes Kind, ſehr ſchlimm. Und ich ſehe, daß ein unabhängiger Geiſt eben ſo ungerecht und unduldſam ſeyn kann, wie die beſchränkteſten . 1 Seelen. So etwas erbittert mich nicht; es thut mir weh — ſehr weh!“ Und der Doctor fuhr mit der Hand über ſeine feuchten Augen. Der geſchickteſte Advocat, der größte Schauſpieler hätte dieſen Auftritt nicht beſſer ſpielen können, als dieſer Arzt, — oder vielmehr Niemand hätte ihn ſo gut ſpielen können. Denn es war halb wahr, was er ſagte, und er ſprach inſofern mit Ueberzeugung. Er hatte das volle Bewußtſeyn der Schänd⸗ lichkeit ſeines Verraths, aber zugleich wußte er auch, daß Adriana nicht daran glauben konnte, und das deutete er an. Es gibt Plane, ſo hölliſch, daß reine, ehrliche Seelen nie an ihre Möglichkeit glauben können. Wenn ein edles Gemüth ſeinen Blick in den Abgrund der Bosheit zu werfen genö⸗ thigt iſt, und bis in eine gewiſſe Tiefe geſehen hat, dann ſchwindelt es ihm und es kann nichts mehr unterſcheiden. Auf der andern Seite haben auch die verworfenſten Menſchen einen Tag, eine Stunde, einen Augenblick, wo ſich das Gute, was Gott in jedes Herz gelegt hat, wider ihren Willen offen⸗ bart. Adriana verdiente zu viele Theilnahme, ihre Lage war zu entſetzlich, als daß der Doctor nicht einiges Mitleid für die Unglücktiche hätte fühlen ſollen, welches ſich unerzwungen is ſeinem Tone äußerte. Nachdem er ſo lange Zeit ge⸗ uöthißt geweſen war, ihr Freundlichkeit zu heucheln, war ihm dieſe, ſowie das rührende Vertrauen des Mädchens auf ihn, zur angenehmen Gewohnheit geworden. Aber Freundlichkeit und Gewohnheit mußten einer unerbittlichen Nothwendigkeit weichen. Der Marquis von Aigrigny vergötterte ſeine Mut⸗ ter, und trotz ihrem Verlangen nach ihm auf dem Todbette, war er nicht zu ihr, ſondern nach Rom gereiſt. Wie hätte Ba⸗ leinier nach einem ſolchen Beiſpiel anſtehen können, die ihm vertrauende Adriana zu vpfern? Die Mitglieder ſeines Or⸗ dens gehörten ihm, aber in noch höherem Maße gehörte er ihnen. Eine lange Mitſchuld knüpft unauflösliche ſchreckliche Bande. 8 In dem Augenblick wo Baleinier ſeine herzliche Rede an Adriana von Cardoville ſchloß, ward der Schalter an der Thür aufheſchoben und zwei Angen lugten aufmerkſam in das Zimmer. Baleinier bemerkte es nicht, und Adriana eben ſo — — 92 — Adriana konnte ihre Augen nicht von denen des Doctors abwenden, welche ſie zu bezaubern ſchienen. Stumm, nieder⸗ geſchlagen, von einer unbeſtimmten Angſt ergriffen, unfähig, in die finſtere Tiefe der Seele dieſes Menſchen zu dringen, hingeriſſen durch die halb erheuchelte, halb wahre Aufrichtig⸗ keit ſeines rührenden, ſchmerzlichen Tones, begann ſie zu zweifeln. Es ſtieg in ihr der Gedanke auf, Baleinier möchte einen entſetzlichen Mißgriff begangen haben, aber ohne böſe Abſicht. Die Angſt in der Nacht, die Gefahren ihrer Lage, ihre fieberhafte Aufregung, umnebelten die Klarheit ihres Geiſtes. Sie kämpfte wider ihre Schwäche an, deren ent⸗ ſetzliche Folgen ihr undeutlich vorſchwebten, und rief endlich: „Nein! nein, ich will, ich kann Ihnen nicht glauben, Sie be⸗ ſitzen zu viel Kenntniß, zu viel Erfahrung, um einen ſoͤlchen Mißgriff zu begehen.“ „Einen Mißgriff!“ wiederholte Baleinier in ernſtem, trau⸗ rigem Ton. „Einen Mißgriff. Laſſen Sie mich zu Ihnen reden im Namen der Kenntniß und der Erfahrung, die Sie mir zutrauen. Hören Sie mich einige Augenblicke an, liebes Kind. Ich will mich lediglich auf Sie berufen. Auf mich?“ erwiederte das Mädchen erſtaunt. „Am Ende wollen Sie mich überreden — — Ha! Ha! Ha! — Es fehlte zu Ihrem Triumph weiter nichts, als daß Sie mich zu dem Geſtändniß brächten, ich ſey verrückt, mein Platz ſey hier, und ich ſchulde Ihnen — —“ „Dankbarkeit,“ ergänzte Baleinier. „Ja, Sie ſind mir Dank ſchuldig, wie ich Ihnen im Anfang unſerer Unterredung geſagt habe. Hören Sie mich alſo an. Meine Worte werden hart ſeyn, denn es gibt Wunden, die man nur mit Feuer und Eiſen heilt. Ich beſchwöre Sie, liebes Kind, überlegen Sie. Werfen Sie einen unparteiiſchen Blick auf Ihr vergangenes Leben. Belauſchen Sie Ihre Gedanken, und Sie werden Bangigkeit empfinden. Erinnern Sie ſich der Angenblicke ſeltſamer Ueberſpannung, wo Sie, wie Sie ſagten, nicht mehr der Erde angehörten. Und vor allen Dingen beſchwöre ich Sie jetzt, wo es noch Zeit iſt, jetzt wo Ihr Geiſt noch Klar⸗ heit genug hat, um Vergleiche anſtellen zu können, — ver⸗ gleichen Sie Ihr Leben mit dem Leben anderer Mädchen von Ihrem Alter. Iſt eine einzige, welche lebt, wie Sie leben? welche denkt, wie Sie denken? Wähnen Sie etwo, ſo weit über andern Weibern erhaben zu ſtehen, daß Sie, kraft die⸗ ſer Ueberlegenheit, einer Lebensart und Gewohnheiten allge⸗ meine Geltung verſchaffen könnten, die einzig in der Welt daſtehen?“ „Ich habe nie dieſen dummen Hochmuth gehabt,“ erwie⸗ derte Adriana, den Doctor mit wachſendem Entſetzen an⸗ blickend. „Welcher Urſache nun, armes Kind, ſoll man Ihre ſonder⸗ bare, unerklärliche Lebensweiſe zuſchreiben? Können Sie je ſich ſelber überreden daß ſie vernünftig iſt? O, mein Kind, nehmen Sie ſich in Acht! Sie haben bis jetzt noch bloß aller⸗ liebſte Originalitäten, poetiſche Sonderbarkeiten, ſüße, unbe⸗ ſtimmte Träumereien. Aber der Abhang, auf dem Sie ſich befinden, macht einen Sturz unvermeidlich. Nehmen Sie ſich in Acht! Der geſunde, anmuthige, geiſtreiche Theil ihres Gemüthes hat noch die Oberhand und giebt Ihren Sonder⸗ barkeiten ſein Gepräge. Aber Sie wiſſen nicht, Sie ſehen nicht, mit welcher entſetzlichen Schnelle ſich der tolle Theil entwickelt, um den andern ſeiner Zeit zu erſticken Und dann werden es nicht mehr liebliche Bizarrerien ſeyn, ſondern lächerlicher, ſchmutziger, widerwärtiger Unſinn.“ Ach! ich fühle Angſt!“ rief Adriana, ihre zitternden Hände wider ihre heiße Stirn drückend. „Alsdann,“ fuhr Baleinier mit bewegter Stimme fort, „als⸗ dann erlöſcht der letzte Schimmer des Verſtandes, als⸗ dann gewinnt der Wahnſinn — ich muß das entſetzliche Wort ausſprechen — der Wahnſinn gewinnt alsdann die Oberhand und macht ſich bald in wüthenden Ausbrüchen Luft, — —“ „Wie bei der Frau — — da oben,“ murmelte Adriana mit ſtarrem Blick nach der Decke deutend. „Bald iſt der Wahnſinn blöde thieriſche Stumpfheit,“ fuhr Baleinier fort, der ſich ſelber über die Wirkung ſeiner Worte entſetzte, aber nicht mehr zurück konnte. „Das unglückliche Geſchöpf behält dann vom Menſchen nichts mehr, als die Geſtalt. Es hat nur noch thieriſche Triebe; es frißt gierig⸗ wie ein Thier und geht dann wie ein Thier auf und ab in ſeiner Zelle, in welcher man es einſperren muß.“ „Wie das Weib da drüben,“ fügte Adriana mit irrem Blick hinzu, nach dem Fenſter des gegenüberſtehenden Baues deutend. „Ja!“ rief Baleinier. „Wie Sie, unglückliches Kind, wa⸗ ren dieſe Weiber einſt jung, ſchön, geiſtreich. Aber, wie Sie hatten ſie in ſich den unheilvollen Keim des Wahnſinnes, wel⸗ cher, da er nicht zeitig ausgetilgt ward, wuchs und wuchs und endlich ihren Verſtand für immer erſtickt hat.“ Das Entſetzen verwirrte dem armen Mädchen völlig den Kopf. „Gnade! Gnade!“ rief ſie. „Sagen Sie mir ſolche Sachen nicht! Nochmals, ich habe Angſt! Bringen Sie mich von hier weg! Ich ſage Ihnen, bringen Sie mich von hier weg, ich werde ſonſt, wie Sie ſagen, am Ende wahnſinnig. — Doch nein!“ rief ſie, gegen ihre Angſt ankämpfend; „hof⸗ fen Sie es nicht! Ich werde nicht wahnſinnig werden. Ich bin noch im Beſitz meiner Vernunft. Wie kann ich ſo blind ſeyn, zu glauben, wos ſie mir da ſagen? Freilich lebe ich wie Niemand anders, — denke ich, wie Niemand anders, — nehme Anſtoß an Dingen, an welchen Niemand ſonſt Anſtoß nimmt. Aber was beweiſt das? Daß ich Andern nicht gleiche. Habe ich ein böſes Herz? Bin ich neidiſch, ſelbſtſüchtig? Meine Gedanken ſind wunderlich, ich gebe es zu, ja! Aber Sie wiſſen, ihr Ziel iſt edel und erhaben.“ Ihre Stimme ward weich und bittend, und ihre Thränen floſſen reichlich. „In meinem Leben habe ich keine ſchlechte Handlung began⸗ gen. Wenn ich je unrecht gehandelt habe, ſo iſt es aus gu⸗ tem Willen geſchehen. Wenn man Alles um ſich her allzu⸗ glücklich ſehen will, ſo iſt man darum noch nicht wahnſinnig. Wenn man wahnſinnig iſt, ſo fühlt man es, und ich bin es nicht. Und doch — jetzt — was weiß ich? Sie ſagen mir ſo erſchreckliche Dinge; und die zwei Weiber dieſe Nacht — — Sie müſſen es beſſer wiſſen, als ich — —. Aber dann,“ fügte ſie im Ton der Verzweiflung hinzu, „dann muß ſich et⸗ was thun laſſen. Wenn Sie mich kieb haben, warum haben Sie ſo lange gewartet? Konnten Sie ſich nicht eher meiner erbarmen? Und das Entſetzliche iſt, ich weiß nicht einmal, ob ich Ihnen glauben darf. Denn dies iſt vielleicht eine Schlinge — —. Doch nein! Sie weinen. Es iſt wahr, denn Sie weinen!“ — — 85 — Wirklich konnte Baleinier trotz ſeiner Hartherzigkeit beim Anblick dieſer Qualen ſeine Thränen nicht zurückhalten.“ „Sie weinen über mich,“ fuhr Adriana in ihrer Verwir⸗ rung fort. „Es iſt alſo wahr. Aber, o Gott! es läßt ſich dann etwas thun. Ich will ja gern Alles thun, was Sie verlangen — Alles, um nicht zu ſeyn, wie dieſe Weiber — wie die Weiber in dieſer Nacht. Und wenn es zu ſpät wäre? O nein! es iſt nicht zu ſpät! Nicht wahr, lieber Herr Doe⸗ tor? — — O, ich bitte Sie um Verzeihung für das, was ich Ihnen geſagt habe, als Sie hereinkamen. — Sie ſehen — ich wußte nicht — —“ Auf dieſe in einer Art von Fieberwahn unter Schluchzen hervorgebrachten Worte, folgten einige Minuten des Still⸗ ſchweigens. Baleinier trocknete ſeine Thränen. Er konnte es nicht weiter treiben. . Adriana hatte ihr Geſicht in ihren Händen verborgen. Plötz⸗ lich ſah ſie auf. Ihre Züge drückten größere Seelenruhe aus, obwohl ſie zuweilen noch durch ein Nervenzucken bewegt wurden. „Herr Baleinier,“ ſagte ſie in würdevollem und zugleich rührendem Ton, „ich weiß nicht, was ich Ihnen vor⸗ hin geſagt habe. Ich glaube, die Angſt hat mich Unſinn re⸗ den laſſen. Jetzt hab' ich mich wieder geſammelt. Hören Sie mich an. Ich bin in Ihrer Gewalt. Nichts kann mich der⸗ ſelben entreißen; das weiß ich. Sind Sie für mich ein un⸗ verſöhnlicher Feind? Sind Sie ein Freund? Das weiß ich nicht. Fürchten Sie wirklich, wie Sie mich verſichern, daß das, was jetzt bei mir nur Wunderlichkeit iſt, ſpäter Wahn⸗ ſinn werde? Oder ſind Sie der Mitſchuldige eines hölliſchen Getreibes? Sie allein wiſſen es. Ungeachtet meines Muthes, erkläre ich mich für beſiegt. Was man auch von mir ver⸗ langen mag — hören Sie! — ich willige zum Voraus dar⸗ ein. Ich gebe Ihnen mein Wort, und Sie wiſſen, es iſt zu⸗ verläſſig. Sie hätten demnach keinen Grund mehr, mich hier zurückzuhalten. Glauben Sie dagegen aufrichtig, daß mein Verſtand in Gefahr iſt, (und ich geſtehe, Sie haben unbe⸗ ſtimmte aber erſchreckende Zweifel in dieſer Beziehung in mir erweckt) dann ſagen Sie mir's. Ich will Ihnen glauben. Ich bin allein, in Ihren Händen, ohne Freund, ohne Rath⸗ geber. Ich vertraue mich blindlings Ihnen an. Iſt es mein Retter oder mein Peiniger, den ich anflebe? Ich weiß es nicht; aber ich ſage ihm: Hier iſt mein Leben, hier iſt meine Zukunft. Machen Sie damit, was Sie wollen; ich habe nicht mehr die Kraft, ſie Ihnen ſtreitig zu machen.“ Dieſe herzzerreißenden Worte verzweifelter Ergebung und blinden Vertrauens gaben der Unentſchiedenheit Baleinier's den letzten Stoß. Lief erſchüttert von dieſem Auftritt wollte der Arzt, ohne an die möglichen Folgen ſeines Beginnens zu denken, Adriana wenigſtens über die grundloſen Beſorgniſſe beruhigen, die er in ihr erweckt hatte. Er ſtand auf, um zu⸗ traulich ihre Hand zu faſſen. Das Gefühl der Rene und des Wohlwollens war auf ſeinem Geſicht nur zu deutlich zu leſen. Da rief eine leiſe durchdringende Stimme hinter dem Schalter hervor: „Herr Baleinier!“ „Rodin,“ murmelte der Dvetor erſchrocken. „Er hat mich belauſcht.“ „Wer ruft Ihnen?“ fragte Adriana. ⸗ „Jemand, den ich dieſen Morgen hierher beſtellt habe, um mit ihm in das benachbarte Marienkloſter zu gehen,“ antwor⸗ tete Baleinier niedergeſchlagen. „Was haben Sie mir nun zu antworten?“ fragte Adriana in tödtlicher Angſt. Nach einem Angenblick feierlichen Schweigens, während deſ⸗ ſen der Doctor ſich nach dem Schalter umſah, antwortete er mitt tief bewegter Stimme: „Ich bin, wer ich ſtets geweſen bin: ein Freund, unfähig, Sie zu täuſchen.“ „Adriana ward leichenblaß. Sie reichte dem Arzt die Hand und ſprach mit einer Stimme, der ſie den Ausdruck der Ruhe zu geben ſuchte: „Ich danke Ihnen. Ich will Muth faſſen. Wird es lange dauern?“ „Einen Monat etwa. Die Einſamkeit — — das Nach⸗ denken — — eine geeignete Lebensweiſe, die ſorgfältigſte Behandlung von meiner Seite — —. Beruhigen Sie ſich. Alles, was ſich mit Ihrem Zuſtand verträgt, wird Ihnen ver⸗ ſtattet ſeyn. Man wird Sie mit der größten Rückſicht be⸗ handeln. Wenn dies Zimmer Ihnen nicht gefallt, wird man Ihnen ein anderes geben.“ oder ein anderes.“ „Nein,“ ſagte Adriana niedergeſchlagen. „Es iſt einerlei, „Muth gefaßt!“ redete der Doctor ihr zu. „Es iſt kein Grund zum Verzweifeln.“ ———— ———————— — — — —— — „Vielleicht ſchmeicheln Sie mir,“ erwiederte Adriana mit unheimlichem Lächeln. — — „Alſo auf baldiges Wiederſehen, lieber Herr Baleinier. Meine einzige Hoffnung beruht jetzt auf Ihnen.“ Ihr Haupt neigte ſich auf ihre Bruſt, ihre Hände ſanken auf ihre Kniee. Bleich, regungslos, wie ver⸗ nichtet, ſaß ſie auf dem Rand ihres Bettes. „Wahnſinnig! — vielleicht wahnſinnig!“ murmelte ſie, als Baleinier hinaus⸗ gegangen war. Wir haben abſichtlich etwas länger bei dieſer Schilderung verweilt. Sie iſt keineswegs ſo romanhaft, wie man denken möchte. Mehr als ein Mal haben Eigennutz, Rachſucht und boshafte Tücke, die unverſtändige Bereitwilligkeit mißbraucht, mit welcher in gewiſſen Privatirrenhäuſern Penſivnäre aus den Händen ihrer Verwandten oder Freunde angenommen werden. Später werden wir unſere Meinung ſagen in Be⸗ treff der Herſtellung einer von der bürgerlichen Verwaltung oder von den Gerichten ausgehenden Aufſicht über die Irren⸗ anſtalten und über andere nicht minder wichtige und noch mehr den Augen der Obrigkeit entzogene Anſtalten, von wel⸗ cher wir bald ſprechen werden. Elftes Kapitel. A 1 3 Während die erzählten Auftritte in dem Krankenhaus des Doctor Baleinier ſtattfanden, gingen andere nicht gleichgültige Dinge bei Franeisca Baudoin in der Briſe⸗Miche⸗Gaſſe vor. Auf der Sanct Merrykirche hatte es ſieben Uhr geſchlagen. Es war noch düſter, und der Graupenhagel ſchlug wider die Fenſter der traurigen Wohnung von Dagobert's Frau. Dieſe, noch unbekannt mit der Verhaftung Agricvla's, hatte ihren Sohn den ganzen vorigen Abend und einen Theil der Nacht hindurch mit Angſt und Unruhe erwartet. Gegen drei Uhr ℳ Morgens hatte ſie, von Schlaf und Müdigkeit überwältigt, ſich auf einer Matratze neben dem Bett Rofa's und Blanca's niedergelegt. Jetzt mit Tagesanbruch ſtand ſie wieder auf und ging auf die Dachkammer Agricola's mit der, freilich nur ſchwachen Hoffnung, ihn vorzufinden. Roſa und Blanca, welche ebenfalls aufgeſtanden waren und ſich angekleidet hatten, befanden ſich jetzt allein in dem trübſeligen Zimmer. Freudenſtörer, den Dagobert zu Paris gelaſſen, lag neben dem falten Ofen, mit dem Kopf auf den Vor⸗ derpfoten ruhend und unverwandt die Augen auf die Schwe⸗ ſtern geheftet. Die beiden Mädchen hatten in der Nacht wenig geſchlafen. Sie hatten die Angſt und Unruhe der alten Frau bemerkt und geſehen, wie dieſelbe, bald mit ſich ſelber ſprechend auf und ab ging, bald ſtillſtand, um auf das geringſte Ge⸗ räuſch auf der Treppe zu horchen, bald vor dem Crucifix in der Ecke des Zimmers niederkniete. Die Mädchen ließen ſich nicht träumen, daß die gute Frau nicht bloß für ihren Sohn, ſondern auch für ſie betete, weil der Zuſtand ihrer Seelen ihr ſchrecklich vorkam. Tags zuvor nach der eiligen Abreiſe Dagobert's nach Char⸗ tres, hatte Frau Baudoin die beiden Schweſtern, als ſie auf⸗ ſtanden, erinnert, ihr Morgengebet zu verrichten. Die Mäd⸗ chen hatten mit kindlicher Unbefangenheit geantwortet, ſie wüßten von keinem andern Gebet, als von Anrufung ihrer Mutter im Himmel, und als Frau Baudoin, ſchmerzlich be⸗ troffen, ihnen von Katechismus, Confirmativn und Communivn ſprach, hatten ſie große Augen gemacht. Erſchreckt über die Unwiſſenheit der Mädchen in Religionsſachen, glaubte Dago⸗ bert's Frau ihre Seelen in um ſo größerer Gefahr, da die⸗ ſelben auf die Frage, ob ſie getauft ſeyen, erſt eine Erklärung dieſes Wortes verlangten und dann antworteten, ſie glaubten, nein, denn an dem Ort ihrer Geburt in Sibirien ſey weder Kirche noch Prieſter. Für Francisca waren ſonach dieſe Kinder, welche ſie ihres ſanften Weſens halber herzlich liebgewonnen hatte, arme, der ewigen Verdammniß geweihte Heidinnen. Weinend hatte ſie dieſelben umarmt und verſprochen, ſich ohne Aufſchub um ihr Seelenheil zu bekümmern. Sie war troſtlos, daß Da⸗ gobert die Kinder nicht unterwegs hatte taufen laſſen, wa freilich dem ehemgligen veitenden Grenadier nicht eingefalle war. Als ſie den Sonntagsgottesdienſt beſuchte, hatte ſie nicht ge⸗ 3 wagt, die Kinder mit in die Kirche zu nehmen, weil ihre Un⸗ bekanntſchaft mit heiligen Dingen Aergerniß veranlaſſen 6 könnte oder wenigſtens ihre Anweſenheit nutzlos machte. Aber ſie flehte die göttliche Barmherzigkeit an für die Waiſen, welche die verzweifelte Lage ihrer Seelen nicht kannten. 3 Roſa und Blanca befanden ſich, wie geſagt, allein in dem 6 Zimmer, während Frau Baudoin in der Kammer ihres Soh⸗ nes war. Sie hatten ihre Trauerkleider an. Ihre ſchönen Geſichter verriethen mehr Nachdenken als Traurigkeit. Ob⸗ wohl an ein ärmliches Leben gewöhnt, hatten ſie doch gleich bei ihrer Ankunft in der Briſe⸗Miche⸗Gaſſe den peinlichen Gegenſatz empfunden zwiſchen der ärmlichen Wohnung, in die * ſie eingeführt wurden, und zwiſchen den Wundern, die ſie ſich von der Goldſtadt Paris geträumt hatten. Ihr Erſtaunen wich bald Gedanken, welche ernſter waren, als man von ihrer Jugend hätte erwarten können, beim Anblick der ehrlichen, 7 arbeitſamen Armuth, die ſie in dieſem trübſeligen Hauſe fan⸗ 3 den. Seit vierundzwanzig Stunden hatten ſie vieles beobach⸗ tet und viel nachgedacht. „Schweſter,“ ſagte Roſa, als die alte Francisca hinausge⸗ gangen war, „die arme Frau Dagobert's iſt ſehr in Unruhe. Haſt Du bemerkt, wie ſie heute Nacht auf und abging, weinte 3 und betete?“ „Ich war, wie Du, von ihrem Schmerz gerührt,“ antwor⸗ tete Blanca. „Ich fragte mich, was ihn verurſacht haben könnte.“ „Ich glaube es errathen zu haben,“ ſagte Roſa. „Wir ſind vermuthlich die Urſache ihrer Unruhe“ „Wie ſo, wir? Weil wir keine Gebete herſagen können und nicht wiſſen, ob wir getauft ſind?“ „Allerdings ſcheint ihr das ſehr ſchmerzlich zu ſeyn, und vieſer ihr Schmerz hat mich gerührt, weil er beweiſt, daß ſie uns zärtlich liebt. Aber ich habe ſie nicht begriffen, als ſie ſagte, wir ſchwebten in großer Gefahr.“ „Ich auch nicht,“ erwiederte Blanca. „Wir ſind achtſam, ichts zu thun, was unſerer Mutter, die uns ſieht und hört, mißfallen könnte.“ „Wir lieben die, welche uns lieben, wir Baſten niemand, ——— — 100 — wir ergeben uns in Alles, was uns begegnen kann. Welches Unrecht kann man uns nun vorwerfen?“ „Durchaus keins,“ erwiederte Blanca. „Indeß wir könnten Unrecht thun, ohne es zu wollen.“ „Wir?“ fragte Roſa. „Allerdings. Und darum ſagte ich, ich fürchte, wir möch⸗ ten an der Vnhe der Frau Bagobert's Schuld ſeyn.“ „Wie ſo?“ — Dich; geſtern wollte ſie an den Säcken arbeiten, die hier auf dem Tiſch liegen — —“ „Ja,“ ergänzte Roſa, „und nach einer halbeß Stunde ſagte ſie uns betrübt, ſie könnte nicht fortfahren; ſie ſehe nichts mehr; ihre Augen ſeyen hin.“ 3 „Alſo kann ſie ihren Lebensunterhalt nicht mehr erwerben,“ ſchloß Blanca. „Ihr Sohn Agricvola erhält ſie,“ entgegnete Roſa. „Er ſieht ſo gut, ſo heiter, ſo offen aus, und arbeitet mit Freude für ſeine Mutter. Er iſt der würdige Bruder unſers Engels Gabriel.“ „Von Agricola eben wollt' ich ſprechen,“ ſagte Blanca. „Unſer guter, alter Dagobert hat uns geſagt, bei der Ankunft hier ſeyen ihm nur noch ein paar Geldſtücke übrig geweſen. Er iſt, wie ſeine Frau, außer Stand ſeinen Unterhalt zu verdienen. Was ſollte ein armer alter Soldat, wie er, treiben?“ . „Er weiß nichts anders thun, als uns liebevoll zu pflegen,“ erwiederte Roſa. „Alſo,“ fuhr Blanca fort, „muß Agricola auch ſeinen Va⸗ ter erhalten. Denn Gabriel iſt ein armer Prieſter, der nichts hat, und ſeiner Erzieherin nichts geben kann. Mithin ernährt Agricola die ganze Familie.“ „Allerdings, ſeinen Vater und ſeine Mutter. Es iſt ſeine Pflicht, und er erfüllt ſie gern.“ „Aber uns iſt er nichts ſchuldig.“ „Was meinſt Du, Blanca?“ „Oder wäre er etwa ſchuldig, auch für uns zu arbeiten, wir auf der Welt nichts haben?“ „Daran hatte ich nicht gedacht,“ ſprach Roſa. „Siehſt Du,“ fuhr Blanca fort, „unſer Vater mag Herzog 5 * und Marſchall ſeyn, wie Dagobert ſagt, und wir mögen viel von dieſer Denkmünze zu hoffen haben, — ſo lange unſer Vater nicht hier iſt, ſo lange dieſe Hoffnungen nicht zur Wirklichkeit geworden ſind, werden wir ſtets arme Waiſen ſeyn und dieſen guten Leuten zur Laſt fallen, denen wir ſo viel verdanken und denen es ſo knapp geht. Andere würden la⸗ chen über das, was ich Dir weiter ſagen will, aber Du wirſt es verſtehen. Als geſtern die Frau Dagobert's unſern Freu⸗ S— denſtörer freſſen ſah, ſagte ſie betrübt: Mein Gottl er frißt ja wie ein Mann. Ich hätte weinen möſeñ. Urtheile nun, ob 8 ñcht ſ . ztin ſind. Und wir vermehren jetzt noch ihre Noth.“ Die beiden Schweſtern ſahen ſich traurig einander an. Freudenſörer that, als hörte er ncht. was über ſeine Ge⸗ fräßigkeit geſagt wurde. „ Scheſter ſäßſe Roſa nach einer Pauſe, „ich verſtehe Dich. Wir dürfen niemand zur Laſt ſeyn. Wir ſind jung und haben guten Muth. Bis unſer Schickſal ſich entſcheidet, wol⸗ len wir uns als Töchter von Arbeitsleuten betrachten. Iſt nicht unſer Großvater ſelber ein Handwerker? Wir wollen Arbeit ſuchen und unſern Unterhalt verdienen. Darauf kann —. man ſtolz, dabei kann man glücklich ſeyn.“ „Röschen, Du haſt mir das Wort aus dem Mund genom⸗ men!“ rief Blanca, ihre Schweſter umarmend. „Dein Vor⸗ haben war auch das meinige. Als ich geſtern die Frau Da⸗ gobert's traurig ſagen hörte, ſie habe das Geſicht verloren, be⸗ trachtete ich Deine guten großen Augen, welche mich an die meinigen erinnerten, und dachte: Wenn die arme Frau unſe⸗ res akten Dagobert das Geſicht verloren hat, ſo ſehen dage⸗ gen Fräulein Roſa und Blanca Simon ſehr gut.“ „Und dann,“ fügte Roſa lächelnd wie ihre Schweſter hinzu, „ſind die Fräulein Simon nicht ſo ungeſchickt, daß ſie nicht grobe Säcke von grauer Leinwand nähen könnten. Freilich † werden ſie ihnen die Finger ein wenig aufreiben; aber das macht nichts.“ „Du ſiehſt, wir denken immer zuſammen,“ bemerkte Blanca. „Nur etwas beunruhigt mich,“ fuhr Roſa fort. „Erſtlich werden Dagobert und ſeine Frau ſagen: Sie ſind nicht dazu gemacht, grobe Säcke zu nähen. Pfui wi e paßt ſich das für — ob wir allein in der Welt wären.“ Töchter eines Marſchalls! — Und dann, wenn wir darauf beſtehen, wird es heißen: Es iſt keine Arbeit für Sie da. Wollen Sie welche, ſo ſuchen Sie ſolche auf. — Und dann ſind wir am Ende. Denn wo ſollten wir ſuchen?“ „Und,“ fügte Blanca hinzu, „wenn Dagobert ſich einmal etwas in den Kopf geſetzt hat, ſo läßt er ſich nicht davon abbringen. Es iſt gerade, wie wenn wir ihn auf der Reiſe hindern wollen, ſich ſo viel Mühe für uns zu Se „Blanca!“ rief Roſa, „ich habe einen Gedanken, einen herrlichen Gedanken.“ „Laß hören!“ „Du erinnerſt Dich doch des Mädchens, welches ſie Mayeux nennen, und die ſo gefällig und fleißig zu ſeyn ſcheint?“ „Und ſo ängſtlich und beſcheiden,“ ergänzte Blanca. „Man meint, ſie fürchtete immer zu ſtören, ſelbſt vadurch, daß ſie einem bloß anſehe. Geſtern bemerkte ſie nicht, daß ich ſie be⸗ obachtete. Sie betrachtete Dich mit einem ſo gutmüthigen, ſanften Blick, ſie ſchien ſo glücklich in Deinem Anblick zu ſeyn, daß mir Thränen der Rührung in die Augen traten.“ „Nun,“ fuhr Roſa fort, „die Mayeux müſſen wir fragen, wie ſie ſich Arbeit verſchafft, denn ſie lebt von ihrer Arbeit.“ „Du haſt Recht. Sie wird es uns ſagen, und wenn wir es wiſſen, mag Dagobert zanken, ſo viel er will, und für uns den Stolzen ſpielen: wir werden ſo hartnäckig ſeyn, wie er.“ „Wir wollen ihm beweiſen, daß wir, wie er ſagt, Solda⸗ tenblut in den Adern haben,“ fügte Roſa hinzu. „Dagobert, wollen wir ihm ſagen, du behaupteſt, wir würden einſt reich ſeyn. Gut, dann werden wir uns mit um ſo größerem Ver⸗ gnügen dieſer Zeit erinnern.“ „Alſo, dabei bleibt's, Roſa? So wie wir uns wieder ein⸗ mal mit der Mayeux allein ſehen, offenbaren wir uns ihr und bitten ſie um Auskunft. Sie wird ſie uns nicht verwei⸗ gern, denn ſie iſt gutherzig. Und wenn unſer Vater zurück⸗ kommt, wird er uns loben, daß wir uns ſelber forthelfen, . — 1 — Bei den letzten Worten Blanca's erbebte Roſa. Ein Aus⸗ druck der Betrübniß, faſt des Entſetzens zeigte ſich auf ihrem Antlitz, und ſie rief: „Gott, welch' ſchrecklicher Gedanke!“ „Was denn?“ fragte Blanca erſchrocken. „In dem Augenblick, wo Du ſagteſt, unſer Vater würde uns loben, daß wir uns ſelber forthelfen, als ob wir allein ⸗ in der Welt wären, iſt mir ein entſetzlicher Gedanke gekom⸗ men. — Fühle nur, wie mein Herz klopft. Es iſt mir, als würde uns ein Unglück begegnen.“ „Dein Herz klopft heftig,“ ſagte Blanca. „Aber welcher Gedanke iſt Dir gekommen?“ „Als wir gefangen waren,“ fuhr Roſa fort, „hat man uns wenigſtens nicht getrennt und das Gefängniß war eine Unterkunft. Aber wenn nach unſerer Ankunft hier ein Zufall, ein Unglück uns von Dagobert getrennt hätte, wenn wir uns allein, verlaſſen, hülflos in dieſer großen Stadt gefun⸗ den hätten!“ „O, ſprich nicht ſo!“ unterbrach Blanca. „Recht haſt Du; es wäre entſetzlich Was ſollte aus uns werden?“ In dieſen peinlichen Gedanken verſunken, ſaßen die Mäd⸗ chen eine Zeitlang niedergeſchlagen da, und ihre vorher von einer ſchönen Hoffnung belebten Geſichter wurden bleich. Endlich ſah Roſa aufund ſprach mit thränenfeuchten Augen und zit⸗ térnder Stimme: „Warum nur macht dieſer Gedanke uns ſo traurig. Mein Herz blutet, wie wenn dies Unglück uns eines Tages zuſtoßen müßte.“ „Auch ich fühle große Angſt,“ ſagte Blanca. „Verloren in dieſer unermeßlichen Stadt, was ſollten wir anfangen?“ „Entſchlagen wir uns dieſer Gedanken, Blanca. Sind wir nicht hier bei Dagobert unter guten Leuten! — — — Und doch iſt es vielleicht gut, daß uns dieſer Gedanke gekommen iſt. Wir werden mit dieſer armſeligen Wohnung herzlich zu⸗ frieden ſeyn, weil wir uns in derſelben aller Befürchtungen entſchlagen können. Und wenn wir es mit unſerer Arbeit da⸗ hin bringen, Niemand zur Laſt zu ſeyn, was können wir dann eiter verlangen bis zur Ankunft unſers Vaters?“ Wir können nichts weiter verlangen,“ erwiederte Blanca. Aber warum kommt uns dieſer niederſchlagende Gedanke? ind wir nicht hier in der Mitte liebender Freunde. Wie können wir annehmen, daß wir je allein und verlaſſen in Paris wären? Es iſt unmöglich!“ „Unmöglich?“ wiederholte Roſa ſchaudernd. „Wenn uns jemand den Tag vor unſerer Ankunft in dem deutſchen Dorfe, wo der arme Jovial getödtet worden iſt, geſagt hätte: Mor⸗ 6 gen werdet ihr im Gefängniß ſeyn, — ſo würden wir auch wie heut' geſagt haben: Es iſt unmöglich. Iſt nicht Dagobert da zu unſerm Schutz? Was haben wir zu fürchten? — Und doch ſind wir ins Gefängniß gekommen.“ „Sage das nicht! das iſt beängſtigend,“ rief Blanca, und beide umfaßten ſich und ſahen ängſtlich umher. Ihre Empfin⸗ dung war tief, ſeltſam, unerklärlich, — ein dunkles, unheim⸗ liches Vorgefühl, gleich den Ahnungen, welche wie ein Bli über die ſchauerlichen Tiefen der Zukunft ſtreifen, oft eben ſo ſchnell vergeſſen, wie empfunden ſind, ſpäter aber, wenn der Erfolg ſie rechtfertigt, wie Nachtgeſpenſter wieder in der Erinnerung auftauchen. Die Töchter des Generals Simon waren noch in der trü⸗ ben Stimmung, in welche dieſe Gedanken ſie verſenkt hatten, als die Frau Dagobert's aus der Kammer ihres Sohnes herunter kam, und mit verſtörten Zügen wieder in ihr Zim⸗ mer trat. Zwölftes Kapitel. D B Als Franeisca Baudoin in das Zimmer trat, waren ihre Züge ſo verſtört, daß Roſa ſich nicht enthalten konnte, aus⸗ zurufen; „Um Gotteswillen! Was iſt Ihnen?“ „Ach, liebe Fräulein!“ antwortete die alte Frau, in Thrã nen ausbrechend, „ich kann es Ihnen nicht länger verhehlen Seit geſtern bin ich mehr todt als lebendig. Ich habe meinen Sohn wie gewöhnlich zum Abendeſſen erwartet und er i nicht gekommen. Ich wollte Sie nicht merken laſſen, wie heimlich ſchon das mir war. Ich erwartete ihn von Min ſie und Frau Baudvin augenblicklich beruhigt Es klopfte zwei „— hinein?“ war die der Mayeux. Roſa und Blanca eilten beide nach der Thür, um ihr zu öffnen. — 105 — zu Minute, denn ſeit zehn Jahren iſt er nie hinaufgegangen, um ſich ſchlafen zu legen, ohne mich vorher umarmt zu haben. Ich habe einen Theil der Nacht hier, an der Thür zugebracht mit Horchen, ob ich jemand kommen hörte. Ich habe nichts gehört. Um drei Uhr heut' Morgen hab' ich mich endlich auf die Matratze geworfen. Eben war ich oben, um zu ſehen, ob er nicht, wie ich freilich nur ſchwach hoffte, dieſen Morgen nach Haus gekommen ſey. Er iſt nicht gekommen.“ Roſa und Blanca ſahen ſich gerührt einander an. Beide beſchäftigte derſelbe Gedanke: „Wenn Agricola nicht zurück⸗ kommt, wie ſoll da die Familie leben? Werden wir da nicht den armen Leuten doppelt läſtig?“ „Aber,“ ſagte Blanca, „vielleicht iſt Herr Bandoin ſo lange bei der Arbeit geblieben, daß er geſtern Abend nicht nach Haus kommen konnte.“ „Nein nein!“ erwiederte die alte Frau. „Er wäre mitten in der Nacht nach Haus gekommen, denn er weiß, welche Unruhe mir ſein Ausbleiben erweckt. Ach! es wird ihm ein Unglück zugeſtoßen ſeyn. Er wird ſich an ſeiner Eſſe verletzt haben. Er iſt ſo eifrig, ſo herzhaft zur Arbeit! Ach, mein armer Sohn! Und als ob ich damit nicht ſchon Qual genng hätte, muß ich mich auch noch um das arme Mädchen da oben ängſtigen!“ „Wie ſo, Frau Baudoin?“ fragte Roſa. „Als ich aus der Kammer meines Sohnes herauskam, ging ich in die ihrige, um meinen Kummer in ihren Buſen aus⸗ zuſchütten, denn ich betrachte ſie faſt wie meine Lochter. Ich fand ſie nicht. Es war kaum Tag. Ihr Bett war nicht ein⸗ mal abgedeckt. Wohin iſt ſie ſo frühe gegangen? ſie, die nie ausgeht?“ * Roſa und Blanea ſahen ſich mit ſteigender Unruhe einan⸗ der an. Sie hatten ja beſonders auf die Mayeur gerechnet bei dem von ihnen gefaßten Entſchluß. Zum Glück wurden Mal leiſe an und die Stimme, welche fragte: „Kann man „ — Seit dem vorigen Abend hatte es fortwährend geſchneit 2 . und gegraupelt“ Bas Kattunkſeid der Maheur, ihr buunwrt lenes Halstuch und ihre ſchwarze Tüllhaube waren ganz durch⸗ näßt. Ihre mageren, weißen Hände waren vor Kälte blau ge⸗ worden. Nur an dem Feuer ihrer gewöhnlich ſo ſanften und ſchüchternen blauen Augen ſah man, daß ſie trotz ihrer Schwächlichkeit und Aengſtlichkeit aus der Schwierigkeit der Umſtände eine außerordentliche Kraft geſchöpft hatte. „Um Gotteswillen! wo kommſt Du denn her, gute Ma⸗ geur?“ fragte Frau Baudvin. „Eben als ich nachgeſehen, ob nuein Sohn nicht nach Haus gekommen ſey, habe ich Deine Thür geöffnet und bin ganz erſtaunt geweſen, Dich nicht zu 3 finden. Du biſt wohl früͤh ausgegangen?“ „Ich bringe Ihnen Nachricht von Agricvla,“ ſagte die Nä⸗ therin. „Von meinem Sohn?“ rief Franeisca zitternd. „Was iſt ihm begegnet? Haſt Du ihn geſehen? Haſt Du mit ihm ge⸗ ſprochen? Wo iſt er?“ „Ich habe ihn nicht geſehen, aber ich weiß, wo er iſt,“ erwiederte die Mayeux. Und als ſie bemerkte, daß die alte Frau bleich ward, fügte ſie hinzu: „Beruhigen Sie ſich. Er befindet ſich wohl und ſchwebt in keiner Gefahr.“ Die alte Frau kniete auf dem ſteinernen Fußboden nieder, bekrenzte ſich und betete: „Dank Dir, mein Gott! Du wirſt nicht müde, Dich einer armen Sünderin zu erbarmen. Vor⸗ geſtern haſt Du mir meinen Mann wiedergegeben und heute, nach einer ſo ſchmerzvollen Nacht, beruhigſt Du mich über das Leben meines armen Kindes!“ * Während die Alte betete, ſchlichen Roſa und Blanca zur Mayeux und flüſterten ihr zu: „Sie ſind ja ganz naß. Wie müſſen Sie frieren! — Nehmen Sie ſich in Acht, daß Sie nicht krank werden. — Wir haben noch nicht gewagt, Frau Baudoin zu erinnern, daß ſie Feuer anmachen möchte; aber jetzt wollen wir es ihr ſagen.“ ueberraſcht und gerührt von dem Wohlwollen der Mar⸗ challstöchter, antwortete die Nätherin mit einem Blick des nicht ſpüre.“ * ebhafteſten Dankes: „Ich bin Ihnen ſehr verbunden, Fräu⸗ lein, für Ihren guten Willen. Beruhigen Sie ſich. Ich bin an die Kälte gewöhnt und zudem ſo aufgeregt, daß ich ſie — — — — 107 — Frau Baudoin ſtand wieder auf und fragte: „Und mein Sohn? Warum iſt er dieſe Nacht ausgeblieben? Du haſt ihn alſo ausfindig zu machen gewußt, gute Mayeur? Wird er bald kommen? Warum iſt er noch immer nicht da?“ „Ich verſichere Sie,“ erwiederte die Nätherin, „daß Agri⸗ cola friſch und geſund iſt. Aber für einige Zeit — —“ „Was?“ unterbrach die alte Frau geſpannt. „Faſſen Sie Muth.“ 8 „Ach Gott! Ich habe keinen Blutstropfen in den Adern! Was iſt denn geſchehen? Warum ſoll ich ihn denn nicht zu ſehen bekommen?“ „Er iſt verhaftet,“ antwortete ſeufzend die Mayeux. „Verhaftet?“ wiederholten Roſa und Blaneca erſchrocken. „Dein Wille, o Gott, geſchehe!“ ſprach Franeisca. „Aber es iſt ein großes Unglück. Verhaftet! Er, der ſo gut, ſo ordentlich iſt! Warum ſoll er verhaftet ſeyn? Es muß ein Irrthum hier obwalten“ „Vorgeſtern,“ autwortete die Nätherin, „habe ich einen Brief ohne Namensunterſchrift erhalten. Darin war mir angezeigt, Agricola könnte jeden Angenblick verhaftet werden, wegen ſei⸗ nes Geſangs der Arbeiter. Er hat mit mir ausgemacht, daß er zu dem reichen Fränlein in der Babylonſtraße gehen wollte, die ihm ihre Dienſte angeboten hatte, und ſie bitten, Bürgſchaft für ihn zu ſtellen, damit er nicht im Gefängniß zu ſitzen brauchte. Und geſtern Morgen iſt er wirklich zu ihr gegangen.“ „Du wußteſt das Alles,“ unterbrach die alte Frau, „und Du und er habt mir nichts davon geſagt? Warum habt Ihr mir es verhehlt?“ „Um Sie nicht unnöthiger Weiſe zu beunruhigen,“ antwor⸗ tete die Mayeux. „Ich hatte auf die Großmuth des Fräu⸗ leins gerechnet und erwartete ihn jeden Augenblick zurück. Als ich ihn auch geſtern Abend noch nicht kommen ſah, dachte ich, vielleicht hielten ihn die Förmlichkeiten bei Stellung der Bürgſchaft ſo lange auf. Allein die Zeit verging und er ka nicht. So hab' ich die ganze Nacht durchwacht.“ „Es iſt wahr, gute Mayeux. Du hatteſt Dich nicht zu Bette gelegt.“ „Ich war zu unruhig. Dieſen Morgen vpr Tag hat mich — 108 — . die Angſt aus dem Hauſe getrieben. Ich hatte den Namen und die Nummer der Wohnung des Fräuleins behalten. Ich lief hin.“ „Du haſt Recht gehabt,“ bemerkte Frau Baudvin. „Das Fräulein ſah doch ſo gütig und großmüthig aus, wie Agri⸗ cola ſagte.“ Die Nätherin ſchüttelte traurig den Kopf und fuhr mit Thränen in den Augen fort: „Als ich in die Babylonſtraße kam, war es noch Nacht. Ich wartete bis es Tag war.“ „Armes Kind!“ ſagte Franeisca tief gerührt. „Du biſt ſo ängſtlich und ſchwächlich, und doch biſt Du in dem abſcheu⸗ lichen Wetter ſo weit gegangen! Du biſt eine wahre Tochter für mich.“ „Iſt nicht auch Agricola ein Bruder für mich?“ fragte die Mayeux leicht erröthend. — „Als es hell geworden war, faßte ich mir ein Herz und ſchellte an der Thür des kleinen Pavillon. Ein ſehr ſchönes Mädchen, das aber blaß und traurig ausſah, öffnete mir. Ich ſagte ihr, ich käme im Auftrag einer verzweifelnden Mutter. Dies that ich, um gleich von vorn herein ihre Theilnahme zu gewinnen; denn ich ſah aus wie eine Bettlerin und fürchtete zurückgewieſen zu werden. Da ich ſah, daß das Mädchen mich freundlich anhörte, fragte ich ſie, ob nicht geſtern ein junger Handwerks⸗ mann da geweſen wäre, der ihre Herrſchaft um eine große Gefalligkeit gebeten habe. Ach ja! antwortete ſie. Mein Fräu⸗ lein wollte ſich eben mit Erfüllung ſeines Wunſches befaſſen. Da ſie aber hörte, daß man ihn ſuchte, um ihn zu verhaf⸗ ten, verſteckte ſie ihn. Leider ward er entdeckt und geſtern Nachmittag um vier Uhr verhaftet und in's Gefängniß gebracht.“ Die Waiſen miſchten ſich nicht in dies Geſpräch; allein man las auf ihren Geſichtern, wie ſehr ihnen das Leid der Frau Dagobert's zu Herzen ging. „Aber das Fräulein?“ rief Frau Baudoin. „Du hätteſt ſuchen ſollen, ſie zu ſprechen, liebe Mayeux. Du hätteſt ſie bitten ſollen, meinen Sohn nicht im Stich zu laſſen. Sie iſt ſo reich, daß ſie gewiß etwas vermag. Ihr Schutz kan vor einem entſetzlichen Unglück bewahren.“ 16 „ — 109 — „Ach!“ ſeufzte die Nätherin, „auf dieſe Hoffnung müſſen wir verzichten“ „Warum?“ fragte die alte Frau. „Da ſie ſo gut iſt, wird ſie Erbarmen haben, wenn ſie hört, daß mein Sohn die einzige Stütze einer Familie, und daß die Haft für ihn ſchrecklicher iſt als für einen andern, weil ſie uns in's tiefſte Elend ſtürzt.“ „Das Fräulein,“ fuhr die Mayeur fort, „iſt, wie das Mädchen mir ſagte, geſtern Abend in ein Krankenhaus ge⸗ bracht worden. Es ſcheint, ſie iſt wahnſinnig.“ „Wahnſinnig? O das iſt gräßlich!“ rief die alte Frau ihr Geſicht in den Händen verbergend. „Gräßlich für ſie und für uns! Jetzt, wo nichts mehr zu hoffen iſt, was ſoll da aus uns werden? — ohne meinen Sohn? Ach, Gott! Ach, Gott!“ Auf dieſe Ausrufung der armen Frau folgte ein tiefes Schweigen. Roſa und Blanca ſohen ſich troſtlos einander an. Sie fühlten, daß ihre Gegenwart die entſetzliche Ver⸗ legenheit dieſer Familie vermehrte. Die Mayeux, von Wachen und Anſtrengungen erſchöpft und von ſchmerzlichen Gefühlen erſchüttert, ſetzte ſich niedergeſchlagen auf einen Stuhl und dachte über die verzweifelte Lage dieſer Familie nach. In Zeiten politiſcher Unruhen und in Zeiten, wo gezwun⸗ genes Feiern oder unbillige Herabſetzung des Lohnes von Seiten der mächtigen, durch kein Geſetz getroffenen Coalition der Kapitaliſten Bewegungen unter den Arbeitern veranlaſſen, werden oft ganze Handwerkerfamilien durch die vorläufige Haft eines ihrer Mitglieder in eine eben ſo klägliche Lage gebracht, wie die Familie Dagobert's durch die Einſperrung Agricola's, (welche übrigens, wie man ſpäter ſehen wird, ein Werk Rodin's und der Seinigen war). Bei der vorläu⸗ figen Haft, welche oft ehrliche, fleißige, faſt immer durch die Nichtorganiſation der Arbeit und Unzulänglichkeit des Lohns zu Coglitivnen genöthigte Leute trifft, iſt es unſeres Bedün⸗ kens peinlich, zu ſehen, wie das Geſetz, welches für Alle gleich ſeyn ſoll, den Einen verweigert, was ſie andern bewilligt, weil dieſe über eine gewiſſe Summe verfügen können. In vielen Fällen kann der Reiche mittels Caution der Lange⸗ weile und Unbequemlichkeit der vorläufigen Haft entgehen. —— Er erlegt eine Geldſumme, gibt ſein Wort, ſich an einem beſtimmten Tag zu ſtellen, und kehrt zu ſeinen Vergnügun⸗ gen, zu ſeinen Geſchäften und zu ſeinen Familienfrenden zurück. Das iſt ganz gut. Jeder Angeklagte iſt vorläufig als unſchuldig anzuſehen. Aber der Arme? Er kann keine Cau⸗ . tion leiſten, denn ſeine tägliche Arbeit iſt ſein einziges Ka⸗ ⁰ pital; und grade für ihn iſt die Haft recht furchtbar. Der Reiche entbehrt im Gefängniß Bequemlichkeiten, er langweilt ſich, er hat den Schmerz, von den Seinen getrennt zu ſeyn. Das iſt nicht gleichgültig; die Thränen des von ſeinen Kin⸗ dern getrennten Reichen ſind eben ſo bitter, wie die des Ar⸗ men in ähnlichem Fall. Aber die Abweſenheit des Reichen verdammt nicht ſeine Familie zum Hungern, zum Frieren und zu den Krankheiten, die Folge des Mangels ſind. Ein Armer, der in's Gefängniß wandern muß, weil er keine Caution leiſten kann, hat oft gebrechliche Eltern, eine kranke Frau oder Kinder in der Wiege. Die unglückliche Familie konnte früher kaum von Hand zu Mund leben, und jetzt hört plötzlich das, wovon ſie lebten, ſein geringer Lohn, etwa ein Vierteljahr lang auf. Was ſoll nun die unglückliche Fa⸗ milie anfangen? Was wird aus den ſchwachen, alten Leuten, aus den kränklichen Müttern und aus den kleinen Kindern? Wenn zufällig etwas Weißzeug und Kleidungsſtücke im Hauſe ſind, ſo werden ſie in's Pfandhaus getragen. Damit lebt man eine Woche. Wie nun weiter? Und wenn die Strenge des Winters noch zu dieſer Noth hinzukommt? Dann ſieht . der Gefangene in ſeinen langen ſchlafloſen Nächten Die, ſo ihm theuer ſind, bleich, ausgehungert, faſt nackt auf ſchmutzi⸗ gem Stroh liegen und ſich an einander drängen, um ihre er⸗ ſtarrten Glieder zu erwärmen. Wird er endlich freigeſprochen und losgelaſſen, ſo ſfindet er bei ſeiner Rückkehr in ſeiner ärmlichen Wohnung Jammer und Elend vor. Die frühere Gelegenheit zur Arbeit iſt verſchwunden, er muß viele Tage verlieren, um neue zu ſuchen, und ein Tag ohne Arbeit iſt ein Tag ohne Brod. Wenn das Geſetz in keinem Fall Caution zuließe, ſo könnte man lediglich über ſolches Unglück als ein unvermeibliches ſeufzen. Allein da das Geſetz erlaubt, Diejenigen, welche eine ge⸗ wiſſe Summe Geldes aufweiſen, in Freiheit zu laſſen, warnm V verweigert es dieſen Vortheil gerade Denjenigen, für welche — die Freiheit unentbehrlich iſt, weilsſie das Daſeyn ihrer Fa⸗ — 7 milie bedingt? „. Gibt es ein Mittel dieſem kläglichen Zuſtand abzuhelſen Wir glauben es. Die geringſte dem Geſetz nachzuläſſige Cau⸗ tionsſumme iſtfünfhunderi Franken. Fünfhundert Fran⸗ ken ſind gleich dem durchſchnittlichen Halbjahrverdienſt eines fteißigen Arbeiters. Hat er eine Frau und zwei Kinder, was durchſchnittlich der Fall iſt, ſo kann er offenbar nie jene —— Summe als Erſparniß daliegen haben. Fünſhundert Franken“ —. von ihm verlangen dafür, daß ihm ferner freiſtehen ſolle, S— ℳ ſeine Familie zu ernähren heißt, ihm die Wohlthat des Ge⸗ ſetzes entziehen, ihm, der mehr als irgend jemand das = —— Recht haben ſollte, derſelben zu genießen, von wegen der — — unheilvollen Folgen, welche ſeine vorläufige Haft für die Seinigen hat. Wäre es nicht billig, menſchlich, und würde es nicht ein heilſames Beiſpiel geben, in allen Fällen, wo Caution zuläſſig iſt, bei erwieſener Ehrlichkeit des Ange⸗ ſchuldigten, die moraliſche Bürgſchaft derer anzunehmen, — welchen ihre Armuth nicht verſtattet, materielle Bürg⸗ — ſchaft zu ſtellen, und deren einziges Kapital ihre Arbeit und ihre Ehrlichkeit iſt. Sollte man ſich nicht begnügen mit ihrem Ehrenwort, ſich am Gerichtstag zu ſtellen? Wäre es nicht ſittlich groß, zumal in dieſer Zeit, den Werth des gegebenen⸗ Wortes zu erhöhen und den Menſchen in ſeinen eigenen Au⸗ gen ſo weit zu heben, daß ſein Schwur als genügende Bürg⸗ —— ſchaft gelten könntes Verkennt man die Würde des Menſchen ſo ſehr, daß man — hier über Utopien und Unmöglichkeit ſchreit, ſo fragen wir— — ob viele Kriegsgefangene auf Ehrenwort wortbrüchig gewor⸗— — den ſind, und ob nicht die Soldaten und Offiziere, welche — wir meinen, größtentheils Kinder geringer Leute waren. —— Ohne übertriebene Vorſtellung von der Gewiſſenhaftigkeit — armer Leute ſind wir überzengt, daß das Verſprechen des— Angeklagten, ſich am Gerichtstag zu ſtellen, nicht nur mit — Treue erfüllt werden würde, ſondern auch mit Dank gegen das Geſetz, welches ſeiner Familie die verderblichen Folgen ſeiner Abweſenheit erſpart hätte. Frankreich kann ſtolz darauf eyn, vaß ſein Richterſtand, der eben ſo ſchlecht belohnt wird⸗ — 112 — wie ſein Heer, im Allgemeinen gelehrt, unbeſtechlich, menſch⸗ lich und unabhängig iſt, daß er das Bewußtſeyn ſeines nütz⸗ lichen und achtunggebietenden Prieſterthums hat. Dieſer . Stand vermag und weiß beſſer, als jeder andere, die Leiden — und Schmerzen der arbeitſamen Klaſſen zu ſchätzen, mit wel⸗ chem er ſo oft in Berührung kommt. ²à) Man kann demnach , den Richtern nicht genug freien Spielraum laſſen in Ermeſſung der Fälle, wo die moraliſche Caution, die einzige, welche der ehrliche Arme zu leiſten vermag, zrläſſig wäre. Haben unſere Geſetzmacher und unſere Regierer eine ſo — ſchlechte Meinung von der Maſſe des Volks, daß ſie dieſe , Gedanken mit Verachtung zurückweiſen, ſo dürfte man ſie doch vielleicht bitten, den niedrigſten Satz der Caution ſo zu 6 — ellen, daß die, welchen es ſo ſehr Bedürfniß iſt, der vor⸗ läufigen Haft entledigt zu bleiben, ihn erſchwingen könnten. — Könnte man nicht als niedrigſten Satz den durchſchnittlichen — Monatslohn eines Arbeiters annehmen? Das machte achtzig Franken. Das ginge immer noch über die Kräfte des Armen. 3 Indeß ließen ſich mit Hülfe von Freunden, von Vorſchüſſen mit Hülfe des Pfandhauſes achtzig Franken auftreiben, A— freilich noch immer in ſeltnen, aber doch in einigen Fäl⸗ — und it wären wenigſtens einige Familien entſetzlichem Elend entriſſen. Kehren wir nun wieder zur Familie Dagobert's zurück, 36 die ſich in Folge von Agricvla's vorbeugender Haft in einer ſo erzweifelten Lage befand. Je mehr die alte Frau nach⸗ dachte, deſto höher ſtieg ihre Angſt. Sie hatte für die nächſte Zeit vier Perſonen an ihrem Tiſch und wußte nicht, woher ſie Brod für eine nehmen ſollte. Uebrigens dachte ſie weni⸗ ger an ſich, als an den Kummer, den Agricola bei der Er⸗ wägung ihrer kläglichen Lage empfinden müßte. Das tiefe Schweigen, welches auf den Weheruf der akten Francisca bei der Nachricht von Adriana's Verſetzung in's Irrenhaus gefolgt war, wurde durch ein Klopfen unterbro⸗ chen. „Wer iſt da?“ rief die alte Frau. 3 S „Ich, Frau Baudoin, der Gevatter Loriot.“ Und auf die Winkadung der Alten, hereinzutreten, erſchien der Färber, ²) Siehe die Anmerkungen am Schluß des Bandes. P N — — — ———— ———— — — 113 — 3 welcher die Stelle des Hausmeiſters verſah, auf der Schwelle. Seine Arme waren diesmal nicht zeiſiggrün, ſondern prächtig 4 violett. „Frau Baudoin,“ ſagte er, „hier iſt ein Brief vom Herrn Abbé Dubois, den der Weihwaſſerſpender der St. Merrykirche ſo eben gebracht hat. Er ſagte, ich ſollte ihn gleich herauftragen; es habe große Eile.“ „Ein Brief von meinem Beichtvater?“ rief die alte Frau 1 erſtaunt. Sie nahm ihn und dankte dem Ueberbringer. „Brauchen Sie nichts, Frau Baudoin?“ fragte der gefäl⸗ lige Haushüter, und auf die verneinende Antwort der Alten, entfernte er ſich mit einem: „Allerſeits gehorſamſter Diener.“ 3 In unruhiger Spannung wegen Zuſendung dieſes Briefs bat die alte Frau die Nätherin, ihr denſelben vorzuleſen. Die 1. Mayeux las Folgendes: „Liebe Frau Bandoin! „Ich pflege Sie Dienstags und Samstags Beichte zu hören. Allein weder morgen, noch am Samstag werde ich Zeit dazu haben. Kommen Sie alſo dieſen Morgen 3 ſo früh wie möglich, wofern Sie nicht vorziehen, eine ganze Woche hingehen zu laſſen, ohne vor dem Tribunal der Buße zu erſcheinen.“ „Eine Woche!“ rief die alte Frau. „Gerechter Gott! Ich . fühle mich nur zu ſehr gedrungen, heute davor zu erſcheinen, 4 in der Verwirrung und in dem Kummer, in welchem ich mich befinde.“ Sodann wandte ſie ſich an die Waiſen und ſprach: „Der liebe Gott hat meine Gebete für Sie, liebe Kinder, erhört. Schon heut' habe ich Gelegenheit, einen würdigen und beiligen Mann zu befragen, über die großen Gefahren, in denen Sie ſchweben, ohne es zu wiſſen. Arme liebe See⸗ len! ſo unſchuldig und doch ſo ſchuldbeladen, ohne etwas dazu gethan zu haben. Ach! Der Herr iſt mein Zeuge, daß mein Herz eben ſo ſehr für Sie blutet, wie für meinen Sohn!“ Noſa und Blanca ſahen ſich einander an und wußten nicht, was ſie ſagen ſollten Sie begriffen nicht die Befürchtungen, welche der Zuſtand ihrer Seelen der Frau Dagobert's einflößte. „Liebe Moayeux,“ fuhr die Alte fort, „du mußt mir noch einen Gefallen thun.“ „Reden Sie, Frau Baudvin.“ „Mein Mann hat zur Reiſe nach Chartres den Wochenlohn 8 II. Agricola's mitgenommen. Das war alles Geld, welches wir im Haus hatten. Ich bin überzeugt, mein armer Agricola hat keinen Sou bei ſich, und im Gefängniß braucht er viel⸗ leicht etwas. Nimm meinen Becher und mein Silberzeug, die zwei Paar übrigen Leintücher und meinen halbſeidenen Shawl, den Agricola mir zum Namenstag gegeben hat, und trage das alles ins Pfandhaus. Ich wili zu erfahren ſuchen, in welchem Gefängniß mein Sohn ſitzt und ihm die Hälfte der kleinen Summe ſchicken, welche Du bringen wirſt. Mit dem Uebrigen wollen wir leben, bis mein Mann zurück kommt. — Aber wenn er zurückgekommen iſt, was fangen wir dann an? Welch ein Schlag für ihn! Und bei dieſem Schlag — das Elend! Mein Sohn iſt im Gefängniß, und meine Augen ſind hin! — Herr Gott! warum legſt du mir ſolches Unglück auf? Ich habe doch Alles gethan, was ich konnte, um dein Erbarmen zu verdienen — wenn nicht für mich, doch für die Meinigen! — — Doch nein! nein, mein Gott! ich muß tra⸗ gen, was du mir auflegſt. Vergib mir dieſe Klage und ſtrafe nur mich allein!“ „Muth gefaßt, Frau Baudvin!“ redete die Nätherin ihr zu. „Agricola iſt unſchuldig, er kann nicht lange im Ge⸗ fängniß bleiben.“ „Da fällt mir ein,“ ſagte die alte Frau, „wenn Du ins Pfandhaus gehſt, ſo verlierſt Du damit viele Zeit, arme Mayeux. „Ich bringe ſie in der Nacht wieder ein,“ erwiederte das Mädchen. „Wie kann ich ſchlafen, wenn ich Sie ſo in Angſt weiß? Die Arbeit wird mich zerſtreuen.“ „Aber dabei verbrennſt Du Licht.“ „Seyn Sie ruhig, Frau Baudvin; ich kann ein wenig zu⸗ ſetzen,“ log das arme Mäd hen. „Küſſe mich,“ ſagte die Alte mit Thränen in den Augen. „Es giebt niemand Beſſeres als Dich auf der Wlt.“ Die akmeFrau ging eilends weg nach der nahen Kirche, wo ihr Beichkvater ſie erwartete. Roſa und Blanca blieben mit der Mayeur allein. Der Augenblick, den ſie mit Ungeduld erwartet hatten, war gekommen. — — —— Er hielt einen Augenblick den Weihwedel unbeweglich in der in Ton S zu. — 15 — Dreizehntes Kapitel. D enr B eich tſi 5 Die Pfarrkirche zu Sanct Merry bot an dieſem trüben ſchneeigen Wintermorgen ein trauziges Schauſpiel dar, wel⸗ ches die Frau Dagobert's einen Augenblick unter der Vor⸗ halle aufhielt. Während ein Prieſter einige Worte hermur⸗ — melte, leierten zwei Chorſänger in kothigen Schuhen und — ſchmutzigen Chorhemden mit der Miene der Zerſtreutheit und üblen Laune die Todtengebete her an einem ärmlichen Sarg —— Tannenholz, dem ein Greis und ein Kind in dürftiger — Kleidung ſchluchzend gefolgt waren. Der Herr Schweizer und — — der Herr Kirchendiener, ärgerlich, daß ſie um einer ſo lum⸗ pigen Leiche willen in ihrer Bequemlichkeit geſtört waren, hatten es verſchmäht, ihre Livree anzuziehen und erwarteten gähnend vor Ungeduld das Ende dieſer für die Kirchenfabri ſo gleichgültigen Ceremonie. Endlich fielen einige FTropfen Weihwaſſer auf den Sarg; der Prieſter übergab dem Kir⸗ chendiener den Weihwedel und entfernte ſich. Und nun fand einer der ſchmählichen Auftritte ſtatt, welche die nothwendige Folge eines gemeinen, das Heilige entweihenden Schachers ſind — einer der ſo häufig vorkommenden Auftritte beim Begräbniß des Armen, der weder Kerzen, noch Seelenmeſſen, noch Vivlinen bezahlen kann. Denn es giebt jetzt — in der Kirche zu St. Thomas von Aquino — Violinen für die Todten. Der alte Mann ſtreckte die Hand aus gegen den Kirchen⸗ — diener, um den Weihwedel in Empfang zu nehmen. „Da! und macht's kurz!“ ſagte der Kirchendiener und hauchte in die Hände. Der Greis war äußerſt angegriffen und ſchwach. Hand. Auf der Bahre lag ſeine Tochter, die Mutter des in Lumpen gehüllten Kindes, welches neben ihm weinte. Das Herz wollte ihm brechen bei dem Gedanken an das letzte Lebewohl. Krampfhaftes Schluchzen hob ſeine Bruſt, wäh⸗ rend er regungslos daſtand „So macht doch fort!“ rief der „Meint Ihr, wir wollten hier über Nacht bleiben?“ *) Der Greis machte fort. Er ſchlug das Kreuz über den Sarg, bückte ſich und wollte den Weihwedel ſeinem Enkel in die Hand geben. Der Küſter meinte, die Sache hätte lange genug gedauert, nahm 6 dem Kind den Wedel weg und gab den Trägern ein Zeichen, den Sarg wegzubringen. Dies geſchah. Der Schweizer und der Kirchendiener wandten ſich zurück nach der Saecriftei. „Was das für ein alter Trändeler war!“ flü⸗ ſterte der Schweizer dem Küſter zu. „Kaum wird uns Zeit 6 leiben, zu frühſtücken und uns in den Staat zu werfen zu dem geſchniegelten Leichenbegängniß, das jetzt kommt. So ein Leichenbegängniß laß' ich mir geſallen. — Vorwärts 7 —— Hellebarde! . „Und die Oberſtepauletten, um der Stuhlvermietherin in ie Augen zu ſtechen; Racker!“ ſagte der Kirchendiener mit epffiger Miene. triumphirend. „Ich bin halt ein hübſcher Kerl, und ſo etwas — ſieht man Ich kann nicht die Weiber ihrer Gemüthsruhe wegen ſcheel machen.“ Unter dieſem Geſpräche traten beide in die Sacriſtei. — Der Anblick des Leichenbegängniſſes hatte die Traurigkeit der alten Francisca noch geſteigert. Als ſie in die feuchte, alte Kirche trat, befanden ſich in derſelben zerſtreut etwa acht — Perſonen. Einer der Weihwaſſergeber, ein alter Kerl mit luſtigem rothem Weigeſicht, ſagte ihr, als ſie ſich dem Weih⸗ — brunn näherte: „Der Herr Abbé Dubois iſt noch nicht im — Käſtchen geweſen. Machen Sie geſchwind. Sie ſollen ihm S den Schnabel einweihen“ Schmerzlich berührt durch diefen — Spaß, dankte die alte Frau dem leichtſinnigen Kirchendiener, . bekreuzte ſich andächtig und kniete, nachdem ſie einige Schritte eiter in die Kirche gegangen war, auf den Platten nieder, um zu beten, wie ſie immer that, ehe ſie dem Tribunal der Buße nahte. Nach verrichtetem Gebet ſtand ſie auf und nahm ihren Weg nach einer dunklen Vertiefung, in deren Schat⸗ ten ein Beichtſtuhl von Eichenholz ſtand, mit durchbrochener = „Was willſt Du, Catillard?“ erwiederte der Schweizer „ — 7 . 4 7 Thür und einem ſchwarzen Vorhang darhinter. Die beiden Plätze zur Rechten und zur Linken waren leer. Francisca kniete auf der rechten Seite nieder und blieb eine Zeitlang in die ſchmerzlichſten Betrachtungen verſunken. Rach etlichen Minuten kam aus einer der Abſeiten der Kirche ein Prieſter von hohem Wuchs, mit grauem Haar, langſam nach dem Beichtſtuhl zu gegangen. Sein Geſicht war ernſt und ſtreng. Er trug das lange ſchwarze geiſtliche Gewand. Neben ihm ging, auf einen Regenſchirm geſtützt, ein ſchlecht gekleidetes, gekrümmtes Männchen. Dies Männ⸗ chen flüſterte ihm zuweilen ins Ohr, und alsdann blieb der Prieſter ſtehen und hörte ihm mit tiefer Ehrfurcht zu. Als Beide in die Nähe des Beichtſtuhls gekommen waren, ſah der kleine Mann, nachdem er die alte Frau darin bemerkt hatte, den Prieſter fragend an. Dieſer antwortete: „Das iſt ſie.“ — „Alſo in zwei bis drei Stunden erwartet man die Mäd⸗ chen in dem Marienkloſter,“ ſagte das Männchen. „Ich ver⸗ laſſe mich darauf.“ — „Ich hoffe es zum Heil ihrer Seele,“ antwortete ernſt der Prieſter. Er verbeugte ſich und ging in den Beichtſtuhl. Das Männchen verließ die Kirche. Dieſer kleine Mann war Rodin. Von der St. Merry⸗ Kirche begab er ſich in das Krankenhaus Baleinier's, wo er, wie wir bereits wiſſen, ſich verſichern wollte, ob der Doetor ſeine Anweiſungen in Betreff Adriana's treulich befolgte. Francisca kniete noch in dem Beichtſtuhl, als ein Schalter neben ihr ſich öffnete und die Stimme ihres Beichtvaters, der ſeit zwanzig Jahren einen unwiderſtehlichen Einfluß auf ſie übte, ſich vernehmen ließ: „Sie haben meinen Brief em⸗ pfangen . „Ja, ehrwürdiger Vater,“ antwortete die Frau. 2 „Es iſt gut,“ ſagte der Prieſter. „Ich höre Sie an.“ „Segnen Sie mich, ehrwürdiger Vater, denn ich habe ge⸗ fündigt,“ bat die Alte. Der Prieſter ſprach die Segensformel aus. Francisca fügte ihr Amen hinzu, betete ihr Conſfiteor bis zu der Stelle: Das iſt meine Schuld — gab Rechenſchaft von der Weiſe, in welcher ſie ihre letzte Buße gethan hatte und ging dann 7 über zur Aufzählung der neuen Sünden, die ſie nach der zu⸗ letzt empfangenen Abſolution begangen habe. Denn dieſe Märtyrin des Fleißes und der Mutterliebe glaubte immer zu ſündigen. Ihr Gewiſſen war ſtets gequält von der Furcht, Gott weiß, welche unbegreifliche kleine Sünden begangen zu haben. Sie, die mit Seelenruhe auf ein Leben der Aufopfe⸗ rung hätte zurückblicken ſollen, ſchwebte in ſteter Angſt um ihre Seligkeit. „Ehrwürdiger Vater,“ ſagte ſie, „ich klage mich an, vor⸗ geſtern mein Abendgebet nicht verrichtet zu haben. Mein Mann, den ich ſeit vielen Jahren nicht geſehen hatte, war angekommen. Die Verwirrung, die Ueberraſchung, die Freude über ſeine Rückkehr haben mich dieſe große Sünde begehen laſſen.“ „Weiter!“ ertönte die Stimme des Prieſters in einem ſtren⸗ gen Ton, der die Alte beunruhigte. „Ehrwürdiger Vater, ich klage mich an, geſtern Abend in dieſelbe Sünde verfallen zu ſeyn. Ich war in tödtlicher Un⸗ ruhe. Mein Sohn kam nicht nach Hauſe. Ich erwartete ihn von Minute zu Minute. Ueber dieſer Unruhe iſt die Gebet⸗ ſtunde vergangen.“ „Weiter!“ „Ehrwürdiger Vater, ich klage mich an, dieſe ganze Woche meinen Sohn belogen zu haben, indem ich ihm ſagte, ich hätte ſeinen Vorwürfen über die Schwäche meiner Geſundheit nach⸗ gegeben und ein wenig Wein beim Eſſen getrunken. Ich habe vorgezogen, ihn den Wein trinken zu laſſen. Er bedarf ihn mehr als ich, denn er arbeitet ſo hart.“ „Weiter!“ „Ehrwürdiger Vater, ich klage mich an, dieſen Morgen es einen Augenblick an Ergebung in den Willen Gottes haben fehlen zu laſſen, als ich hörte, daß mein armer Sohn ver⸗ haftet ſey. Anſtatt mit Dank die neue Prüfung anzuneh⸗ men, die der Herr über mich verhängte, habe ich mich in meinem Schmerz empört, und deſſen klag' ich mich an.“ „Eine ſchlechte Woche!“ ließ die Stimme in immer ſtren⸗ gerem Ton ſich vernehmen. „Eine ſchlechte Woche! Immer haben Sie das Geſchöpf dem Schöpfer vorgezogen. Nun weiter!“ „Ach, ehrwürdiger Vater!“ ſagte die alte Frau niederge⸗ ſchlagen, „ich weiß, ich bin eine große Sünderin. Ich fürchte, auf dem Weg noch ſchwererer Sünden zu ſeyn.“ ——— „Sprechen Sie.“ „Mein Mann hat aus Sibirien zwei junge Waiſen, die Töchter des Marſchalls Simon, gebracht. Geſtern Morgen habe ich ſie aufgefordert, ihre Gebete herzuſagen, und habe mit Schrecken von ihnen gehört, daß ſie keines der Geheim⸗ niſſe des Glaubens kennen, obwohl ſie fünfzehn Jahr alt ſind. Sie haben nie ein Saerament empfangen, ſelbſt nicht einmal die Taufe, ehrwürdiger Vater, — nicht einmal die Taufe!“ „Es ſind alſo Götzendienerinnen?“ rief der Prieſter im Ton zürnenden Erſtaunens. „Eben das macht mich troſtlos, ehrwürdiger Vater. Denn ich und mein Mann vertreten Elternſtelle bei dieſen Waiſen. Alſo trügen wir die Schuld der Sünden, welche ſie begehen könnten. Nicht wahr, ehrwürdiger Vater?“ „Sicherlich, da Sie an der Stelle Derer ſtehen, welche über ihre Seelen wachen follen. Der Hirt iſt verantwortlich für die Schafe.“ „Alſo, ehrwürdiger Vater, wenn ſie in einer Todſünde be⸗ fangen wären, würden ich und mein Mann gleichfalls in ei⸗ ner Todſünde befangen ſeyn?“ „Ja. Sie vertreten die Stelle ihrer Eltern, und Vater und Mutter ſind all der Sünden ſchuldig, welche ihre Kin⸗ der begehen, wenn dieſe ſündigen, weil ſie nicht eine chriſt⸗ liche Erziehung empfangen haben.“ „Ach, ehrwürdiger Vater! Was ſoll ich machen, ich wende mich an Sie, wie an Gott. Jeder Tag, jede Stunde, welche dieſe Mädchen im Götzendienſt zubringen, kann ihre ewige Verdammniß befördern. Nicht wahr, ehrwürdiger Vater?“ „Ja,“ antwortete der Prieſter, „und dieſe ſchreckliche Ver⸗ antwortlichkeit laſtet jetzt auf Ihnen und auf Ihrem Mann. Sie haben Scelen auf dem Gewiſſen.“ „O, mein Gott, erbarme dich meiner!“ jammerte die alte Frau. „Sie brauchen nicht ſo zu jammern,“ ſagte der Prieſter in milderem Ton. „Zum Glück haben dieſe Unglücklichen Sie auf ihrem Weg gefunden, ſie werden an Ihnen und an Ihrem Mann auferbauliche Exempel haben. Denn Ihr Mann, der vordem gottlos war, übt doch wohl jetzt ſeine religiöſen Pflichten?“ —— — 20 — „Ehrwürdiger Vater,“ antwortete Francisca, „man muß für ihn beten. Die Gnade iſt noch nicht über ihn gekommen. Er iſt wie mein armer Sohn. Ach, ehrwürdiger Vater, dieſe Gedanken ſind mein ſchwerſtes Kreuz!“ „Alſo weder Ihr Mann, noch Ihr Sohn üben die reli⸗ giöſen Pflichten? Das iſt bedenklich — ſehr bedenklich Die ganze religiöſe Erziehung dieſer unglücklichen Mädchen iſt alſo erſt noch zu beginnen. Bei Ihnen werden ſie jeden Augenblick betrübende Beiſpiele vor Augen haben. Sehen Sie ſich vor. Ich habe es Ihnen gefagt: Sie haben Seelen auf dem Gewiſſen. Ihre Verantwortlichkeit iſt gränzenlos“ „Ach du mein Gott! Das macht mich eben troſtlos. Ich weiß nicht, was ich anfangen ſoll. Kommen Sie mir zu Hülfe. Geben Sie mir Ihren Rath. Seit zwanzig Jahren iſt Ihre Stimme für mich die Stimme des Herrn.“ „Verſtändigen Sie ſich mit Ihrem Mann und bringen Sie dieſe Unglücklichen in eine religiöſe Anſtalt, wo man ſie unterrichten wird.“ „Wir ſind zu arm, um Penſion für ſie zu bezahlen, ehr⸗ würdiger Vater. Und unglücklicher Weiſe iſt auch noch mein Sohn ins Gefängniß geſetzt, wegen Liedern, die er gemacht hat.“ „Da ſehen Sie, wohin die Gottloſigkeit führt ½ Betrachten Sie Gabriel. Er hat meinen Rath befolgt; und fetzt — — iſt er das Muſter aller chriſtlichen Tugenden.“ „Mein Sohn Agricola hat auch viele löbliche Eigenſchaften. Er iſt ſo gut, ſo hingebend.“ „Ohne Religion,“ entgegnete der Prieſter mit verdoppelter Strenge, „ſind die von Ihnen ſogenannten guten Eigenſchaf⸗ ten leerer Schein. Auf die geringſte Anregung des Teufels verſchwinden ſie, denn der Teufel ſitzt in jeder Seele ohne Religion.“ „Ach, mein armer Sohn!“ jammerte die alte Frau. „Und ich bete doch täglich, daß der Glaube ihn erleuchten möge.“ „Ich habe es Ihnen immer geſogt,“ fuhr der Prieſter fort, „Sie ſind zu ſchwach gegen ihn geweſen. Jetzt werden Sie von Gott dafür geſtraft. Sie hätten ſich von dieſem irreli⸗ giöſen Sohn trennen, ihn nicht in ſeiner Gottloſigkeit beſtär⸗ ken ſollen, indem Sie ihn liebten, wie Sie thun. Aergert dich dein Auge, ſo reiß' es aus — ſagt die Schriſt.“ S —— —,— „ „Ach, ehrwürdiger Vater, das iſt der einzige Fall, in wel⸗ chem ich Ihnen ungehorſam geweſen bin. Ich habe mich nie entſchließen können, mich von meinem Sohn zu trennen.“ „Darum iſt auch Ihr Seelenheil ungewiß. Aber Gott iſt barmherzig. Verfallen Sie nicht in denſelben Fehler, in Be⸗ treff dieſer beiden Madchen, welche die Vorſehung Ihnen ge⸗ ſandt hat, auf daß Sie dieſelben vor der ewigen Verdammniß bewahren, oder auf daß dieſelben wenigſtens nicht in die Ver⸗ dammnß geſtürzt werden durch Ihre ſtrafbare Gleichgültigkeit.“ „Ach, ehrwürdiger Vater! ich habe viel für ſie gebetet und geweint.“ „Dos genügt nicht. Dieſe unglücklichen Mädchen müſſen gar keinen Begriff von gut und böſe haben, ihre Seelen müſ⸗ ſen ein Abgrund von Aergerniß und Unflath ſeyn, denn ſie ſind von eier gottloſen Mutter und von einem ungläubigen Soldaten erzogen“ „Was das betrifft,“ entgegnete die alte Frau unbefangen, „ſo können Sie ſich beruhigen, ehrwürdiger Vater Sie ſind ſanft wie die Engel, und mein Mann, der ſeit ihrer Geburt ſtets um ſie geweſen iſt, ſagt, es gebe keine beſſeren Seelen auf der Welt.“ „Ihr Mann iſt ſein ganzes Leben hindurch in Todſünde befangen geweſen. Er kann kein Urtheil über den Zuſtand von Seelen geben. Ich wiederhole Ihnen: da Sie die Stelle der Eltern dieſer unglücklichen Kinder vertreten, ſo müſſen Sie nicht morgen, ſondern heut, in dieſer Stunde noch, Hand anlegen ans Werk der Rettung ihrer Seelen. Wo nicht, ſo werden Sie eine ſchreckliche Verantwortlichkeit auf ſich laden.“ „Ach Gott! es iſt wahr — ich weiß es, ehrwürdiger Va⸗ ter, und die Furcht davor iſt wenigſtens eben ſo entſetzlich, wie der Schmerz, meinen Sohn verhaftet zu wiſſen. Aber was ſoll ich machen? Dieſe Mädchen unterweiſen? Ich kann es nicht; ich habe nur den Glauben — ich habe kein Wiſſen. Und obendrein ſcherzt mein Mann in ſeiner Verblendung über dieſe heiligen Dinge, welche mein Sohn aus Rückſicht für mich in meiner Gegenwart unangetaſtet läßt. Kommen Sie mir zu Hülfe, ehrwürdiger Vater, rathen Sie mir.“ Der Prieſter dachte einen Augenblick nach und erwiederte * — 122 — dann: „Dieſe beiden jungen Seelen dürfen nicht einem ent⸗ ſetzlichen Verderben preisgegeben werden. Es giebt nicht zwei Wege zu ihrer Rettung, es giebt nur einen einzigen: ſie in ein Kloſter zu bringen, wo ſie nur fromme und heilige Beiſpiele um ſich haben“ „Ach, ehrwürdiger Vater! wenn wir nur nicht ſo arm wären, oder wenn ich wenigſtens noch arbeiten könnte, ſo würde ich ſuchen das Geld für ihre Penſion zu verdienen, wie ich es für Gabriel gethan habe. Leider aber ſind meine Au⸗ gen hin! — doch es fällt mir ein, ehrwürdiger Vater, Sie kennen barmherzige Seelen. Dieſe könnten Sie für die ar⸗ men Waiſen in Anſpruch nehmen.“ „Aber wo iſt ihr Vater?“ fragte der Prieſter. „Er war in Indien. Mein Mann hat mir geſagt, daß er bald nach Frankreich zurückkommen müßte. Aber das Alles iſt ungewiß Und dann noch Etwas Das Herz würde mir blu⸗ ten dieſe armen Kinder unſer Elend theilen zu ſehen, wel⸗ ches ſehr groß werden muß, da wir nur von der Arbeit mei⸗ nes Sohnes leben.“ „Dieſe Mädchen haben alſo keinen Verwandten hier?“ „Ich glaube nicht.“ „Und die Mutter derſelben hot ſie Ihrem Mann anver⸗ traut, um ſie nach Frankreich zu bringen?“ „Ja, ehrwürdieer Vater. Und geſtern hat er wieder ab⸗ reiſen müſſen nach Chartres, wegen einer ſehr dringenden An⸗ gelegenheit, wie er mir ſagte.“ Worin dieſe Angelegenheit beſtand, hätte die alte Frau nicht angeben können, denn Dagobert hatte ihr nichts von den Hoffnungen geſagt, welche die Woiſen auf die Medaille zu gründen hatten, und vbendrein hatte er den Mädchen an⸗ empfohlen, Niemanden, auch ſeiner Frau nicht, etwas davon zu ſagen. Indeß der Beichtvater fragte ſie nicht darnach, ſondern ſagte nach einigen Augenblicken des Schweigens: „Alſo Ihr Mann iſt nicht in Paris?“ „Nein, ehrwürdiger Vater,“ antwortete die Alte. „Er wird aber dieſen Abend oder morgen früh zurückkommen.“ Der Prieſter beſann ſich abermals und fuhr dann fort: „Hören Sie mich an. Jede Minute, die für das Seelenheil dieſer beiden Mädchen verloren geht, iſt ein neuer Schritt, — 123 — den ſie zu ihrem Verderben machen. Jeden Augenblick kann die Hand Gottes ſie treffen. Nur Gott weiß die Stunde unſeres Todes. Wenn ſie in ihrem jetzigen Zuſtand ſtürben, würden ſie vielleicht auf ewig verdammt ſeyn. Alſo iſt es nothwendig, daß noch heute ihre Augen dem göttlichen Licht geöffnet, daß ſie in ein Kloſter gebracht werden. Das iſt Ihre Fflicht. Iſt es auch Ihr Wunſch?“ „Ach ja, ehrwürdiger Vater. Nur bin ich, wie geſagt, lei⸗ der zu arm.“ „Ich weiß es. Es fehlt Ihnen weder an Eifer noch an Glauben. Aber geſetzt auch, Sie wären fähig, dieſe Mädchen zu unterweiſen, ſo würde das gottloſe Beiſpiel Ihres Man⸗ nes und Ihres Sohnes täglich Ihr Werk zu nichte machen. Andere alſo müſſen aus chriſtlicher Liebe für dieſe Waiſen thun, was Sie nicht können, während Sie doch vor Gott für dieſelben verantwortlich ſind.“ „Ach, ehrwürdiger Vater, wie dankbar würde ich ſeyn, wenn dies gute Werk durch Ihre Vermittlung zu Stande käme!“ „Es iſt nicht unmöglich,“ erwiederte der Prieſter. „Ich kenne die Oberin eines Kloſters, in welchem die Mädchen unterrichtet werden könnten, wie ſich's gebührt. Mit Rückſicht auf ihre Armuth würde der Betrag ihrer Penſion herabgeſetzt werden. Indeß ſo klein ſie auch wäre, bezahlt müßte ſie ſeyn. Und dann müſſen ſie auch das erforderliche Geräth mit⸗ bringen. Das könnten Sie auch nicht bezahlen.“ „Leider nein! ehrwürdiger Vater.“ „Wenn ich etwas aus meinem Almoſenkaſten nähme und außerdem mich an mildthätige Perſonen wendete, könnte ich wohl die nöthige Summe zuſammenbringen und ſo die Aufnahme der Mädchen im Kloſter bewirken.“ „Ach, ehrwürdiger Vater, Sie ſind mein Retter, und der Retter dieſer Kinder.“ „Ich wünſchte es zu ſeyn. Aber eben um ihrer Rettung willen und um die Wirkſamkeit dieſer Maßregeln zu ſichern, muß ich die Unterſtützung, welche ich Ihnen anbiete, von ei⸗ nigen Bedingungen abhängig machen.“ „O, nennen Sie dieſe Bedingungen! Ich verſtehe mich zum Voraus dazu. Ihre Gebote gehen mir über Alles.“ — — 12½ — „Erſtlich müſſen Sie die Mädchen vor Ablauf einer Stunde zu meiner Haushälterin führen, und dieſe wird ſie in das Kloſter bringen.“ „Ach, ehrwürdiger Vater, das iſt unmöglich!“ „Warum?“ „In der Abweſenheit meines Mannes?“ „Nun?“ „Ich wage es nicht, einen ſolchen Entſchluß zu faſſen, ohne ihn zu fragen.“ „Nicht allein dürfen Sie ihn nicht fragen, ſondern es muß auch in ſeiner Abweſenheit geſchehen.“ „Wie, ehrwürdiger Vater? Ich könnte ſeine Rückkehr nicht abwarten?“ „Aus zwei Gründen dürfen Sie es nicht,“ erwiederte der Prieſter in ſtrengem Ton. „Erſtlich weil er in ſeiner verhär⸗ teten Gottloſigkeit ſich ganz gewiß Ihrem verſtändigen, from⸗ men Entſchluß widerſetzen würde, und zweitens, weil die Mädchen außer allem Verkehr mit ihm gebracht werden müſ⸗ ſen. Darum darf er auch nicht wiſſen, wo ſie ſind.“ Die alte Frau gerieth in eine entſetzliche Verlegenheit. „Aber, ehrwürdiger Vater,“ ſagte ſie, „dieſe Kinder ſind mei⸗ nem Mann anvertraut, und ohne ſeine Genehmigung über dieſelben verfügen — das iſt — —“ „Können Sie dieſe Kinder bei ſich zu Hauſe unterrichten? Ja oder nein?“ „Nein, ehrwürdiger Vater, ich kann es nicht.“ „Sind ſie in Gefahr, bei Ihnen in Unbußfertigkeit zu ſterben? Ja oder nein?“ „Ja, ehrwürdiger Vater, ſie ſind dem ausgeſetzt.“ „Sind Sie verantwortlich für die Todſünden, welche die Kinder begehen können, da Sie Elternſtelle bei Ihnen ver⸗ treten? Ja oder nein?“ „Ja, ehrwürdiger Vater, ich bin dafür vor Gott verant⸗ wortlich.“ „Geſchieht es um ihres Seelenheiles willen, daß ich Ihnen befehle, ſie noch heute ins Kloſter zu bringen? Ja oder nein?“ „Es geſchieht um ihres Seelenheils willen, ehrwürdiger „Nun wählen Sie,“ WMann ihm antworten?“ S — 225 — „Ich bitte Sie flehentlich, ehrwürdiger Vater, ſagen Sie mir, ob ich das Recht habe, ohne Genehmigung meines Man⸗ nes über ſie zu verfügen.“ „Das Recht! Es iſt nicht bloß die Rede von Recht; es handelt ſich um eine heilige Pflicht. Wäre es nicht Ihre Pflicht, dieſe Unglücklichen aus einem Feuer zu retten, trotz dem Verbot Ihres Mannes oder in ſeiner Abweſenheit? Und jetzt haben Sie die Kinder nicht etwa aus einem Feuer zu retten, welches ihre Leiber verzehrte, ſondern aus einem Feuer, in welchem ihre Seelen in alle Ewigkeit brennen würden.“ „Ich bitte Sie, entſchuldigen Sie mich, wenn ich noch weiter frage, ehrwürdiger Vater. Löſen Sie meinen Zweifel. Kann ich ſo handeln, nachdem ich meinem Mann Gehorſam geſchworen?“ „Gehorſam in dem, was gut iſt, aber nie im Böſen. Sie geſtehen ſelber, daß durch ihn das Seelenheil dieſer Kinder gefährdet, vielleicht unmöglich wäre.“ „Aber,“ bemerkte die alte Frau zitternd, „wenn mein Mann zurückkommt, wird er fragen, wo dieſe Kinder ſind. Müßte ich ihn alſo belügen?“ „Schweigen iſt nicht lügen. Sie ſagen ihm, Sie könnten ſeine Frage nicht beantworten.“ „Mein Mann iſt der beſte Menſch von der Welt. Aber eine ſolche Antwort wird ihn außer ſich bringen. Er iſt Sol⸗ dat geweſen — — und ſein Zorn — wird furchtbar ſeyn“ „Und wenn ſein Zorn noch hundertmal furchtbarer wäre, ſo müſſen Sie demſelben trotzen und Ehre vor Gott darin ſuchen, ihn für eine ſo heilige Sache zu ertragen. Meinen Sie, man könne ſo leicht auf Erden die Seligkeit verdienen? Darf der Sünder, welcher aufrichtig dem Herrn dienen will, der Steine und Dornen achten, an denen er ſich ſtoßen und reißen kann?“ „Verzeihen Sie, ehrwürdiger Vater,“ bat die alte Frau demüthig. „Erlauben Sie mir noch eine einzige Frage. — Ach! wenn Sie mich nicht leiten, wer ſoll mich da leiten!“ „Sprechen Sie.“ 8 „Wenn der Herr Marſchall Simon zurückkommt, wird er ſeine Kinder meinem Manne abfordern. Was ſoll dann mein — 126 — „Wenn der Herr Marſchall Simon zurückkommt, ſo laſſen Sie mich es auf der Stelle wiſſen. Und dann — — werde ich Rath ſchaffen. Die Rechte eines Vaters gelten nur, in⸗ ſofern er ſie zum Heil ſeiner Kinder benutzt hat. Vor dem , Vater und über den Vater geht der Herr, dem man vor Allem dienen muß. Alſo bedenken Sie es wohl. Wenn Sie mei⸗ nen Vorſchlag annehmen, ſo ſind dieſe Kinder gerettet. Sie 2 ſind Ihnen nicht mehr zur Laſt, ſie theilen nicht mehr Ihre Noth, ſie werden in einem heiligen Haus erzogen, wie es ſich ohnedem für Töchter eines Marſchalls von Frankreich ſchickt. Wenn dann ihr Vater nach Paris kommt, w ofern er wür⸗ dig iſt, ſie wieder zu ſehen, wird er an ihnen nicht — halbwilde Götzendienerinnen, ſondern zwei fromme, unterrich⸗ tete, beſcheidene, wohlerzogene Mädchen finden, die, weil ſie — Gott wohlgefällig ſind, ſein Erbarmen anrufen können für ihn, Z der es ſehr bedarf, da er ein Mann der Gewaltthat, des Rriegs und des Streits iſt. Entſcheiden Sie ſich nun. Wol⸗ en Sie mit Gefahr Ihrer Seele die Zukunft dieſer Mädchen in dieſer und jener Welt der gottloſen Angſt vor dem Zorn Ihres Mannes opfern?“ — Der Prirſter, welcher dieſe harte, fanatiſche Sprache führte, meinte ſehr vernünftig zu ſprechen und vollkommen recht zu ſagte. Als blindes Werkzeug von Rodin, unbekannt mit dem wahren Zweck, zu welchem man ihn handeln ließ, war er feſt bringen. Ueberhaupt iſt es ein wunderbares Mittel des Or⸗ dens, zu dem Rodin gehörte, ehrliche Leute an der Hand zu haben, welche die Ränke, bei welchen ſie weſentlich mitwirken, nicht kennen. Francisca, gewohnt, dem Einfluß ihres Beichtvaters nach⸗ zugeben, wußte den letzten Worten deſſelben nichts entgegen⸗ zuſetzen. Sie ergab ſich darein, ihnen nachzuleben Aber ſie ſchauderte bei dem Gedanken an den verzweifelten Zorn Da⸗ gobert's, wenn derſelbe bei ſeiner Rückkehr die Kinder nicht mehr fande, welche eine ſterbende Mutter ihm anvertraut hatte. Indeß je furchtbarer dieſer Zorn war, deſto verdienſt⸗ licher war, nach Verſicherung des Beichtvaters, die fromme handeln Er war ein ehrlicher Mann und glaubte, was er überzeugt, eine heilige Pflicht zu erfüllen, indem er die Frau des gotiloſen Soldaten nöthigte, die Mädchen ins Kloſter zu ———— ———,——— — 127 — Demuth, welche ſich ihm ausſetzte. Demnach erwiederte ſie die letzte Anrede des Prieſters mit der Erklärung: „Der Wille Gottes geſchehe, ehrwürdiger Vater. Was mir auch begegnen möge ich werde meine Chriſtenpflicht erfüllen, wie Sie es mir befehlen.“ „Und der Herr wird Ihnen das vergelten, was Sie viel⸗ leicht in Erfüllung dieſer hohen Pflicht zu leiden haben. Sie verpflichten ſich alſo vor Gott, auf keine Frage Ihres Man⸗ nes zu antworten, wenn er zu wiſſen verlangt, wo die Töch⸗ ter des Marſchalls Simon ſind?“ „Ja, ehrwürdiger Vater, ich verſpreche es Ihnen,“ ant⸗ wortete Franeisca bebend. „Und Sie werden daſſelbe Stillſchweigen beobachten gegen den Herrn Marſchall Simon, im Fall, daß er zurückkäme und ſeine Töchter mir noch nicht ſo weit auf dem guten Weg be⸗ feſtigt ſchienen, daß man ſie ihm zurückgeben könnte?“ „Ja, ehrwürdiger Vater,“ antwortete Franciska, mit immer ſchwächerer Stimme. „Außerdem werden Sie mir Bericht erſtatten von dem Auf⸗ tritt, der zwiſchen Ihnen und Ihrem Manne ſtattfinden wird, wenn er zurückkommt.“ „Ja, ehrwürdiger Vater. Wann ſoll ich die Waiſen zu Ihnen führen?“ . „In einer Stunde. Ich gehe jetzt nach Haus und ſchreibe an die Oberin. Ich hinterlaſſe den Brief meiner Haushäl⸗ terin. Sie iſt eine zuverläſſige Perſon. Sie wird ſelber die Mäbvchen in das Kloſter führen.“ — Hierauf gab der Prieſter der alten Frau noch eine Ver⸗ mahnung in Bezug auf die abgelegte Beichte, legte ihr Buße für die bekannten Sünden auf und ertheilte ihr die Abſo⸗ lution. Als Francisca Baudoin aus dem Beichtſtuhl trat, war die Kirche nicht mehr leer. Eine große Menſchenmaſſe drängte ſich in derſelben um die Leichenfeier zu ſehen, von welcher zwei Stunden zuvor der Schweizer mit dem Kirchendiener geſpry⸗ chen hatte. Nur mit Mühe konnte die alte Frau ſich bis zur Thür der reich behängten Kirche durchdrängen. Die zahlreiche Geiſtlichkeit der Pfarrei kam vollzählig einher geſchritten, um den mit Sammt geſchmückten Sarg zu empfangen. Der Mohr * — 128 — und die Seide der Chormäntel und der Stolen ſchimmerten, und ihre Silberſtickereien funkelten beim Schein von tauſend Kerzen. Der Schweizer machte ſich breit in ſeiner prächtigen Livree mit Epauletten. Ihm gegenüber ſtand mit einer Amts⸗ miene der Kirchendiener, den Fiſchbeinſtab in der Hand. Mäch⸗ tig erklang die Stimme der Sänger in friſchen weißen Chor⸗ hemden, und das Schnarren der Serpente erſchütterte die Fenſter. Auf den Geſichtern Aller, die an der Beute von dieſer reichen Leiche, von dieſer vortrefflichen Leiche, von die⸗ ſer Leiche erſter Klaſſe Theil zu nehmen berufen waren, las man eine ſtille Zufriedenheit, übereinſtimmend mit der Haltung und Miene der zwei rothwangigen kräftigen Erben, die ohne Verletzung der Geſetze jener Beſcheidenheit, welche die Schamhaftigkeit des Wohlſtandes iſt, ſich in ihren ſymbo⸗ liſchen Trauermänteln recht wohl zu gefallen ſchienen. Unge⸗ achtet ihrer Argloſigkeit und ihres kindlichen Glaubens fühlte ſich doch die Frau Dagobert's ſchmerzlich betroffen von der empörenden Verſchiedenheit, welche ſich hier offenbarte zwi⸗ ſchen dem Empfang des Sarges des Reichen und dem Em⸗ pfang des Sarges des Armen an der Thür des Gotteshanſes. Denn wenn irgend die Gleichheit eine Wahrheit iſt, ſo iſt ſie es vor dem Tod und vor der Ewigkeit. DDie beiden verletzenden Auftritte, welche die alte Frau auf ihrem Gang in die Kirche und aus der Kirche geſehen hatte, vermehrten noch ihre trübe Stimmung. Nachdem es ihr end⸗ lich gelungen war, aus dem überfüllten Gotteshaus heraus⸗ zukommen, eilte ſie zurück in die Briſe⸗Miche⸗Gaſſe, um die Töchter des Marſchalls Simon abzuholen und zu der Haus⸗ hälterin ihres Gewiſſensrathes zu führen. Das Kloſter, in 3 welches dieſe Perſon die beiden Mädchen bringen ſollte, war das Marienſtift, dicht neben dem Krankenhaus des Doctor ingeſperrt war. — — — —— — — Baleinier, wo Adriana von Cardoville ſeit vem vorigen Abend — — ——— — 129 — Vierzehntes Kapitel. Monſieur und Freudenſtörer⸗ Frau Baudvin war eben am Eingang der Briſe⸗Miche⸗Gaſſe angekommen, als der Weihwaſſergeber der Merrykirche außer Athem ihr nachgelaufen kam und ihr ſagte, ſie möchte gleich . in die Kirche zurückkommen; der Herr Abbé habe ihr noch etwas Wichtiges zu ſagen. Die alte Frau gehorchte dieſer Weiſung. In dem Augenblick, wo ſie den Rückweg antrat, fuhr ein Miethwagen an ihrem Hauſe vor. Der Kutſcher ſtieg ab und öffnete den Schlag. Eine ziemlich dicke, ſchwarzgekleidete Frau, — die in dem Wagen ſaß, und einen Mops auf dem Schovs — hatte, ſprach zu ihm: „Kutſcher, fragt, ob hier Frau Fran⸗ cisca Baudoin wohnt?“ Der Kutſcher ging dieſem Befehl zufolge in das Haus. Auf ſeine Frage eilte Loriot aus ſe . ner Werkſtätte an die Thür und erklärte der ſchwarzen Dame, (die, wie der Leſer errathen haben wird, die Kammerfrau der Fürſtin von St. Dizier war) Frau Baudoin wohne hier, ſey ℳ aber ausgegangen. Die Arme und theilweiſe auch das Geſicht des Färbers waren in dieſem Augenblick goldgelb. Dieſer Anblick machte den kleinen Monſieur wild. Er fing. an zu kläffen, und in dem Augenblick, wo Loriot die Hand auf den Kutſchenſchlag legte, biß er ihm in das Fauſtgelenk. Der Färber zog raſch die Hand zurück, und Frau Grivvis rief angſtvoll: „Ach, — großer Gott! wenn nur nichts-Qtiges in der Farbe ſſt, 5i Sie äñ der Hand Fäben Mein Pun ſãñ ſärfñd hbei viſchte ſiẽ ſorgſam die gelben I Foñ Monſieur's Schnauze ab. 3 „Madame;“ rief Loriot, ſchlecht erbaut durch dieſe Aeuße⸗ 3 rung der Zärtlichkeit, ſtatt einer von ihm erwarteten Ent⸗ ſchuldigung, „wenn Sie nicht zum ſchönen Geſchlecht gehör⸗ ten, — und das macht, daß ich Sie in der Perſon dieſes ſchlechten Viehes reſpectire — ſ. pürde ich mir das Ver⸗ ſien e ihn beim Schwanz zu nehmen Un hm hine Nangen iñ meinem S raůf dem Jenerſeb n geñfarbe zu geben in meinem e de e n 1 — ausgeſtiegen war, ihren Liebling ans Herz drückend und den Färber mit einem zornigen Blicke meſſend. Und ohne ſich weiter aufzuhalten, ging ſie nach der finſteren Treppe zu. „Madame, ich habe Ihnen geſagt, Frau Baudvin iſt nicht zu Hauſe,“ bemerkte Loriot. „Es iſt gut,“ verſetzte die Kammerfrau. „Ich warte. In welchem Stockwerk wohnt ſie?“ „Im vierten,“ rief der Färber kurz, indem er in ſeine Werkſtätte zurückkehrte. — „Hoffentlich,“ murmelte er, „wird der große Hund des alten Dagobert bei übler Laune ſeyn und dieſem lanſigen Mops ein wenig das Fell am Halſe lüften.“ Frau Grivvis ſtieg mühſam die ſteile Treppe hinauf. Bei jedem Schritt blieb ſie ſtehen, um Athem zu ſchöpfen, und ſah ſich voll Ekel um. Endlich erreichte ſie das vierte Stock⸗ werk und machte vor der Thür des Zimmers Halt. In dieſem Zimmer war die Mayeur beſchäftigt, die Sachen zuſammenzupacken, welche ſie ins Pfandhaus tragen ſollte. Sie war bis jetzt aufgehalten worden durch ein Geſpräch mit Roſa und Blanca, deſſen Ergebniß für die Waiſen ſehr beruhigend war, da ſie erfuhren, daß ſie mit angeſtrengter Näharbeit zu⸗ ſammen acht Franken wöchentlich verdienen könnten. Dies war freilich wenig, aber doch eine Hülfsquelle für die Familie. Das Erſcheinen der Fxau Grivois in dieſem Hauſe hatte ſeinen Grund darin, daß der Abbé von Aigrigny und die Fürſtin von St. Dizier nach nochmaliger Ueberlegung es ge⸗ rathen gefunden hatten, die Töchter Simon's durch die Kam⸗ merfrau abholen zu laſſen, auf welche ſie ſich vollkommen verlaſſen konnten. Demgemäß erhielt in dieſem Augenblick Franeisca Baudoin von ihrem Beichtvater die Weiſung, daß ſie nicht ſeiner Haushälterin, ſondern einer Dame, die mit ein Paar Worten von ihm kommen würde, die Mädchen über⸗ geben ſollte. Frau Grivvis klopfte an, trat ein und fragte nach Frau Baudvin. „Sie iſt nicht zu Hauſe,“ antwortete ſchüchtern die Mayeux, erſtaunt über dieſen Beſuch und die Augen vor dem Blick dieſes Weibes niederſchlagend. Die beiden Waiſen ſchlugen ebenfalls die Augen nieder, als die fremde Dame ſie „Meinen Hund gelb färben?“ wief Frau Grivois, welche — — — ſcharf anfah. „Ich will ſig erwarten, denn ich habe ihr et⸗ was Wichtiges zu ſagen,“ erwiederte die Kammerfrau und nahm nicht ohne Widerwillen Platz in dem alten Sorgeſtuhl der Frau Dagobert's. In der Meinung, daß ſie ihren Mops ein wenig laufen laſſen könnte, ſetzte ſie ihn ſäuberlich auf den Boden. Alsbald ließ ſich ein dumpfes gewaltiges Knurren hinter dem Seſſel vernehmen. Der Mops ſtieß ein Kläffen des Entſetzens aus und ſuchte zitternd Zuflucht bei ſeiner Herr⸗ ſchaft. Frau Grivvis fuhr auf, bückte ſich und hob geſchwind ihren fetten Liebling wieder auf. „Was?“ rief ſie, „iſt ein Hund hier?“ Als ob er ſelber auf dieſe Frage hätte ant⸗ worten wollen, erhob ſich Freudenſtörer langſam hinter dem Seſſel und kam gähnend und die Glieder reckend zum Vor⸗ ſchein. Beim Anblick des gewaltigen Thieres und der langen Fangzähne in dem aufgeſperrten Rachen konnte Frau Grivvis einen Schrei des Entſetzens nicht zurückhalten. Der biſſige Mops, welcher ſich auf dem Schoos ſeiner Dame in Sicher⸗ heit ſah, begann keck zu knurren und dem ſibiriſchen Hund herausfordernde Blicke zuzuwerfen, welche dieſer nur mit einem neuen Gähnen beantwortete. Der würdige Begleiter Jovial's beroch dann argwöhniſch die Kleider der Beſucherin, kehrte dem Mops den Rücken und lege ſich zu den Füßen der Zwil⸗ linge nieder, die Augen unverwaudt auf ſie geheftet, als ahnte er, daß ſie von einer großen Gefahr bedroht ſegen. „Schicken Sie dieſen Hund hinaus!“ rief Frau Grivvis in gebieteriſchem Ton. „Er erſchreckt den meinigen und könnte ihm Etwas zu Leid thun.“ „Seyn Sie unbeſorgt,“ entgegnete Roſa lächelnd. „Freu⸗ denſtörer iſt nicht böſe, wenn man ihm nichts zu Leid thut.“ „Einerlei!“ rief die Kammerfrau. „Ein Unglück iſt bald geſchehen. Man darf nur dieſen ungeheuren Hund anſehen mit ſeinem Wolfskopf und ſeinen furchtbaren Zähnen, und man zittert bei dem Gedanken an das Unheil, welches er anrichten könnte. Ich ſage Ihnen, ſchicken Sie ihn hinaus!“ Der Ton, in welchem Frau Grivois die letzten Worte ſchrie, klang ſo übel in den Ohren Frendenſtörer's, daß dieſer den Kopf nach der Unbekannten wandte und knurrend die Zähne wies. „Ruhig, Frendenſtörer!“ rief Blanca ta⸗ — 62 — delnd ihm zu. Die Frage, ob der Wille der ſchwarzen Dame geſchehen ſolle oder nicht, ward beſeitig durch die Erſcheinung eines Mannes, der mit einem Brief in der Hand eintrat. „Was wollen Sie?“ fragte die Mayeux den Träger. „Hier iſt ein dringender Brief von dem braven Mann der Frau, die hier wohnt. Der Färber unten hat mir geſagt, ich ſollte ihn herauftragen, obgleich ſie nicht zu Hauſe wäre.“ „Ein Brief von Dagobert!“ riefen Roſa und Blanca hoch⸗ erfreut. „Er iſt alſo wieder zurück? Wo iſt er?“ „Ich weiß nicht, ob der brave Mann Dagobert heißt,“ er⸗ wiederte der Träger. „Aber er iſt ein alter Reitersmann mit dem Ehrenkreuz und mit grauem Schnurrbart. Er iſt ein Paar Schritt von hier in dem Hof, von dem die Wagen nach Chartres abgehen.“ „Er iſt's!“ rief Blanca. „Geben Sie den Brief her!“ „ ſ. Träger gab ihr den Brief, und Blanca öffnete ihn aſtig. Frau Grivvis war wie vom Donner gerührt. Sie wußte, daß Dagobert nach Chartres geſprengt worden war, damit der Abbé Dubois in Sicherheit auf die Frau deſſelben einwirken könnte. In dem Augenblick, wo man die Zwillinge aus den Händen der Frau in Empfang nehmen wollte, kam Dagobert zurück, er, den man für z oder drei Tage von Paris ab⸗ weſend glaubte, und ſeine Räckkehr machte das mühſame Ge⸗ zu nichte, als man eben die Früchte deſſelben ernten wollte. „Ach Gott!“ rief Blanca nach Durchleſung des Briefs. „Welches Unglück!“ „Was denn?“ fragte Roſa. „Geſtern mitten auf dem Weg nach Chartres iſt Dagobert gewahr worden, daß er ſeinen Geldbeutel verloren hatte. Er konnte die Reiſe nicht fortſetzen und mußte zurückkehren. ſ bittet er ſeine Frau, ihm Geld in den Poſthof zu icken.“ „So iſt's,“ ſagte der Träger. „Der brave Mann hat mir geſagt: Eile, denn wie Du mich hier ſiehſt, bin ich in Verſatz.“ * 3 „Und nichts — gar nichts im Haus!“ jammerte Blanca. „Gott, was iſt anzufangen?“ — 4 — 133 — Bei dieſen Worten ſchöpfte Frau Grivvis Hoffnung. Aber die Maheux machte dieſe Hoffnung zu nichte, indem ſie, auf die zuſammengepackten Pfänder deutend, ſagte: „Beruhigen Sie ſich, Fräulein. Hiermit kann geholfen werden. Das Pfand⸗ haus iſt nicht weit. So wie ich das Geld habe, bring' ich es dem Herrn Baudoin. Späteſtens in einer halben Stunde wird er hier ſeyn.“ „Ach ja, liebe Mayeux. Sie haben Recht,“ ſagte Roſa. „Wie gütig ſind Sie! Sie denken doch an Alles.“ „Sehen Sie,“ ſprach Blanca, „hier auf dem Brief iſt die Adreſſe; nehmen Sie ihn.“ „Ich danke Ihnen,“ erwiederte die Mayeux. Und zu dem Träger ſagte ſie: „Gehen Sie zurück zu dem Mann, der Sie geſchickt hat, und ſagen ihm, ich würde baldigſt in den Pvoſt⸗ hof kommen.“ „Verfluchte Buckelige!“ dachte die Kammerfrau mit verhal⸗ tenem Grimm. „Sie denkt an Alles. Ohne ſie wäre man der unerwarteten Rückkehr des verwünſchten Kerls enthoben. Was iſt jetzt zu machen? Dieſe Mädchen werden vor Ankunft der Frau des Soldaten nicht mit mir gehen wollen. Forderte ich ſie dazu auf, ſo könnte ich mich auf eine Weigerung gefaßt machen und Alles auf's Spiel ſetzen Gott! was iſt zu machen.“ Während die Kammerfrau ſo berlegte, ſagte der Träger im Hinausgehen: „Seyn Sie außer Sorgen. Ich will den Mann beruhigen und ihm ſagen, daß er nicht lange in Ver⸗ ſatz bleiben ſoll.“ Während die Mayeux ihren Pack vollends feſtknüpfte, zuckte Frau Grivois plötzlich zuſammen und ihre düſtere Miene hei⸗ terte ſich auf. Sie erhob ſich mit ihrem Monſieur unter dem Arm und ſagte: „Frau Baudoin ſcheint noch längere Zeit auszubleiben. Ich will einſtweilen einen Beſuch in der Nähe machen und bald wieder zurück kommen. Sagen Sie es ihr.“ Nach dieſen Worten ging ſie weg. — 134 — Fünfzehntes Kapitel. — Nach dem Weggang der ſchwarzen Dame ging die Mayeur nicht ſogleich nach dem Pfandhaus, ſondern begab ſich erſt auf ihre Kammer, um zu dem ſchweren Pack noch ihre einzige wollene Decke hinzuzufügen. Am vorhergehenden Tag hatte ſie vor Unruhe über das Schickſal Agrievla's nichts arbeiten können, und auch der heutige Tag war vorausſichtlich verloren. Und doch mußte ſie leben! Der niederſchlagende Kummer, welcher die Kraft zur Arbeit lähmt, iſt bei dem Armen dop⸗ pelt ſchrecklich, denn dem Aufhören der Arbeit folgt die Noth. Allein die Mayeux, dies rührende Muſterbild der Chriſten⸗ pflicht, hatte ſich noch weiter aufzuopfern und ſich nützlich zu machen, und fand die Kraft dazu. Die ſchwächlichſten Geſchöpfe beſitzen oft eine ungewöhnliche Seelenkraft. Es iſt, als ob ihr Geiſt den ſchwachen Körper völlig in ſeiner Gewalt hätte und ihm eine künſtliche Energie mittheilte. Die Mayeur hatte ſeit vierundzwanzig Stunden nicht gegeſſen und nicht geſchlafen, hatte die Nacht hindurch gefroren, hatte am frühen Morgen zwei Mal den weiten Weg durch Paris im naſſen Schnee gemacht, und dennoch waren ihre Kräfte nicht erſchöpft. Nachdem ſie nochmals die beiden Mädchen beruhigt, verließ ſie mit ihrem ſchweren Pack das Haus und kam bald an die Ecke der Merryſtraße, wo ſeit Entdeckung des Complotts in 1 der Prouvairesſtraße häufiger als ſonſt Polizeidiener und Stadtſergenten zu ſehen waren. Obwohl gekrümmt unter der Laſt ihres Packes, lief ſie faſt über das Trottvir hin. In dddem Augenblick, wo ſie neben einem Stadtſergenten vorbeikam, fielen hinter ihr zwei Fünffrankenthaler. Eine ſchwarzgeklei⸗ dete dicke Frau, die hinter ihr ging, machte den Sergenten auf die Geldſtücke aufmerkſam, ſagte ihm raſch ein Paar Worte, auf die Maheur deutend, und entfernte ſich eilig in der Richtung nach der Briſe⸗ Miche⸗Gaſſe. Der Stadtſergent hob das Geld auf, lief der Mayeur nach und rief: „Heda! Heda! Halt! Halt! Weibsbild!“ gefallen und ſie hat mir geſagt: „Sehen Sie einmal dieſe — 135 — Auf dieſe Ausrufungen blieben mehre Leute ſtehen. Andere liefen herzu, und im Nu war eine Menſchenmaſſe beiſammen. Die Mayeux, welche ſich nicht träumen ließ, daß dieſe Aus⸗ rufungen ihr galten und bloß daran dachte, recht ſchnell ins Pfandhaus zu kommen, beſchleunigte ihre Schritte und ſuchte zwiſchen den Vorübergehenden durchzuſchlüpfen, ohne an Je⸗ mand anzuſtoßen, aus Furcht vor rohen Spottreden über ihre Mißgeſtalt. Plötzlich hörte ſie mehre Leute hinter ſich her⸗ laufen und fühlte eine ſchwere Hand auf ihrer Schulter. Sie wandte ſich um und erblickte ſich gegenüber einem Stadtſer⸗ genten und einem Polizeidiener, und rings um ſich her einen Freis zerlumpter Pflaſtertreter. Der Polizeidiener faßte ſie ſo derb beim Arm, daß ſie ihren Pack fallen ließ, und ſagte: „So? Du hörſt nicht? Du machſt es wie der Hund des Hans von Nivelle.“ Als das arme Mädchen bemerkte, daß ſie der Zielpunkt der frechen, höhniſchen, boshaften Blicke eines 5 Elend und Unwiſſenheit thieriſch gewordenen Pöbels war, zitterte ſie an allen Gliedern und ward todtenbleich. Natürlich war dies in den Augen des Polizeidieners eine Beſtätigung ſeines Ver⸗ dachts gegen das verwachſene Mädchen, welches im Winter ein elendes, untenher naſſes und ſchmutziges Kattunkleid trug. „Gedxlde Dich doch einen Augenblick, Mädchen,“ fuhr der Po⸗ lizeidiener fort. „Du ſcheinſt große Eile zu haben, da Du Dein Geld fallen läßt, ohne es aufzuheben.“ „Sie wird es in ihrem Buckel ſiecken gehabt haben,“ rief mit heiſerer Stimme ein Zündholzbube, ein widerwärtiges Bild frühzeitiger Verderbtheit. Sein Witz ward mit Lachen und Halloh aufgenommen. Dieſer Lärm betäubte die arme Mayeur ſo, daß ſie kaum dem Polizeidiener, der ihr die zwei Geld⸗ ſtücke vorhielt, erwiedern konnte: „Dies Geld gehört nicht mir.“ * „Ihr lügt,“ verſetzte der Stadtſergent. „Eine achtbare Dame hat es aus Eurer Taſche fallen ſehen.“ „Ich verſichere Sie, es iſt nicht wahr,“ betheuerte das Mäd⸗ chen, an allen Gliedern zitternd. „Ich verſichere Sie, daß Sie lügen,“ entgegnete der Poli⸗ Feiſoldat. „Der Dame iſt Euer ſpitzbübiſches, ſcheues Ausſehen auf⸗ kleine Buckelige, die mit einem großen Packet davonläuft und . — ———— — 136 — Geld fallen läßt, ohne ſich umzuwenden, um es aufzuheben. Das iſt nicht richtig.“ „Sergent!“ ließ ſich die heiſere Stimme des Zündholz⸗ buben vernehmen, „trauen Sie ihr nicht. Befühlen Sie ihren Buckel; der iſt ihr Magazin. Sie hat beſtimmt noch Stiefel, Mäntel, einen Regenſchirm und Stutzuhren darin verſteckt. Eben habe ich die Glocke in ihrem Buckel ſchlagen hören. Bim, Bim!“ Neues Gelächter, neues Halloh; denn dieſer Pöbel, (unter welchem man ſelten Handwerksleute ſieht, weil dieſe in ihren Werkſtätten ſind) beweiſt faſt immer eine unbarmherzige Roh⸗ heit gegen Alles, was leidet und bittet. Der Haufe wuchs immer mehr an und mißtönendes Geſchrei, gellendes Pfeifen und Gaſſenwitze ließen ſich vernehmen. „Laß ſehen!“ rief Ei⸗ ner, es koſtet nichts.“ — „Stoß doch nicht!“ ſagte ein Ande⸗ „Ich kehe nn Platz bezahlt.“ 5 „Stellt, doch das Weibsbild auf Etwas, daß man ſie ſieht!“ — „Es iſt auch wahr. Die Füße werden einem abgetreten * gutes Geld.“ — „Laßt ſie ſehen, oder gebt den Lenten ihr, Geld wieder!“ — „Ich bin begierig auf ſie.“ — „Gebt uns den Auflauf zum Beſten!“ — Das Publikum will ſich ſatt daran ſehen)“ Man denke ſich das unglückliche, zartfühlende, ängſtliche Geſchöpf, genöthigt dieſe Rohheiten und dies Geheul anzu⸗ hören, ohne Beiſtand in dem engen Raum mit den Häſchern ſtehend. Sie hatte bis jetzt noch nicht begriffen, welche ſchänd⸗ liche Anſchuldigung auf ſie gebracht war. ZJetzt faßte der Po⸗ lizeidiener den Pack, welchen er aufgehoben hatte und zitternd in den Händen hielt, und Fagte barſch: „Was haſt Du da drinnen?“ „Lieber Herr — — es iſt — — ich will — — ich — — ſtammelte das entſetzte Mädchen. „Iſt das Alles, was Du zu ſagen haſt? Das iſt wenig. Geſchwind! laß einmal das Einkeweide Deines Packs ſehen!“ Mit dieſen Worten riß er ihr den Pack aus der Hand, ließ ihn von dem Stadtſergenten halten, lüftete das äußere Tuch ein wenig und muſterte den Inhalt. „Teufel!“ ſagte er da⸗ bei, „Leintücher — — ein ſilbernes Eßzeug — — ein ſilber⸗ ner Becher — — ein Shawl — — eine wollene Decke. — — „ — Gehorſamer Diener. Der Fang war nicht übel. — Du biſt gekleidet, wie eine Lumpenſammlerin und haſt Silberzeug? Entſchuldigen Sie, daß es ſo wenig iſt.“ „Dieſe Sachen gehören nicht Euch!“ ſagte der Stadtſergent. „Nein, lieber Herr,“ antwortete die Mayeux halb ohnmäch⸗ tig, — — „aber ich — —“ „Aber Du ſtiehlſt ſchwerer als Du wiegſt, buckeliges Thier!“ „Ich ſtehlen?“ rief die Mayeur, entſetzt die Hände ringend. „Ich ſtehlen?“ „Die Wacht! die Wacht kommt!“ riefen Mehre aus dem Haufen. „He, die Pflaſterſtößer!“ „Die Landkrebſe!“ „Die Beduinenfreſſer!“ 6 „Platz fürs dreiundvierzigſte Kameelregiment!“ „Wo man ſich Mordbuckel ſtößt.“ Unter dieſem Geſchrei und dieſen Witzen drängte ſich ein Korporal mit zwei Mann mit Mühe durch den dichten Haufen, in welchem vorerſt nichts von ihnen zu ſehen war, als ihre blinkenden Gewehre. Ein Freund der Ruhe und Ordnung hatte den Befehlshaber der nahen Wache benachrichtigt, daß ein Auflauf die Straße ſperre. 5 „Da iſt die Wacht!“ rief der Polizeidiener, die Verdäch⸗ tige am Arm faſſend. „Marſch auf die Wacht!“ Das arme Mädchen fiel auf die Knie, faltete die Hände und ſagte ſchluchzend: „Lieber Herr! — — Gnade! — Laſ⸗ ſen Sie mich — Ihnen erklären — —“ „Gib Deine Erklärung auf der Wacht! — Marſch!“ „Ach, lieber Herr! ich habe ja nicht geſtohlen,“ jammerte die Unglückliche. „Haben Sie Erbarmen! Mich vor dieſen Leuten, wie eine Diebin fortzuführen! — O Gnade Gnade!“ „Ich ſage Dir, Du kannſt Dich auf der Wacht erklären. Die Straße iſt hier verſperrt. — Willſt Du gehen oder nicht?“ Und er faßte die Knieende bei den Händen und zog ſie in die Höhe, daß ſie wieder ſtand. Mittlerweile hatten ſich die Soldaten durch den Haufen gedrängt. „Corporal,“ ſagte der Polizeidiener, „führen Sie dies Mädchen auf die Wacht.“ „O, meine Herren, Gnade!“ flehte die Mayeur weinend und die Hände ringend. „Führen Sie mich nicht fort, ehe — 138 — Sie mich angehört haben. Ich habe nicht geſtohlen! — ach Gott! — ich habe nicht geſtohlen! — Ich wollte Jemand einen Gefallen thun — — Laſſen Sie mich Ihnen ſagen —“ „Du kannſt es auf der Wacht ſagen,“ rief der Stadtſer⸗ gent. „Wenn Du nicht gehſt, wirſt Du geſchleift.“ Das arme Mädchen ward fortgeführt. Bei jedem Schritt wollte ſie zuſammenſinken. Der Stadtſergent und der Poli⸗ zeidiener mußten 3 den Arm reichen, und ſie nahm willen⸗ los dieſe Unterſtützung an. Das Geſchrei und das Halloh brachen von neuem los. Unter dem nebeligen Himmel in der kothigen Straße zwiſchen hohen ſchwarzen Häuſern er⸗ innerte der häßk inneindſbelhrhefe an die ab⸗ ſchreckendſten Bil n Callot und Goya. Zerlumpte Kinder, Weiber mit Brandweingeſichtern, verdächtig und ab⸗ gelebt ausſehende Männer, dängten, ſtießen, ſchlugen und traten ſich einander, um heulend und pfeifend dem faſt leblo⸗ ſen Opfer eines abſcheulichen Mißgriffs nachzulaufen. Man zittert bei dem Gedanken, daß ſolche Verhaftungen als Folge beklagenswerthen Irrthums ſo oft vorkommen können, ohne andren Verdachtsgrund, als den Schein tiefer Armuth, ohne andern Anlaß, als eine unrichtige Angabe. Nie werden wir das Mädchen vergeſſen, welche ungerechter Weiſe als eines ſchimpflichen Gewerbes ſchuldig verhaftet, ihren Führern ent⸗ ſprang, in ein Haus lief und ſich aus einem Fenſter heraus auf das Pflaſter herabſtürzte. Nachdem Frau Grivvis ihre ſchändliche Verleumdung gegen die Mayeur angebracht hatte, eilte ſie zurück in' die Briſe⸗ Miche⸗Gaſſe. Haſtig ſtieg ſie wieder die vier Treppen hin⸗ auf und öffnete die Thür des Zimmers der Frau Bandvin. Was erblickte ſie? Dagobert neben ſeiner Frau und den bei⸗ den Waiſen. 6 — 139 — Sechzehntes Kapitel. 8 Der Poſtdirec hätte den kalten Wet auf ſein ehrliches Soldatengeſicht hin weggehen laßfen wollen; dieſer aber hatte darauf beſtanden, in Verſatz zu Hleiben bis er Ant⸗ wort von ſeiner Frau hätte. Als indeß der Träger mit der Verſicherung zurückkam, das Geld würde gebracht werden, hatte Dagobert ſeine Schuld für gede zehalten und war nach Haus geeilt. Man kann ſich die Bsſtür der Fran Grivvis denken, als ſie bei ihrem Eintreten neben der alten Frau und den beiden Mädchen Dagobert erblickte, den ſie nach der Be⸗ ſchreibung, welche ihr von ihm gemacht war, ſogleich er⸗ kannte. Nicht minder groß war die Angſt der alten Francisca beim Anblick der ſchwarzen Dame. Roſa und Blanca hatten ihr von einer ſolchen Dame erzählt, die in ihrer Abweſenheit wegen einer wichtigen Angelegenheit gekommen ſey, und nach dem, was ihr Beichtvater ihr geſagt hatte, zweifelte ſie nicht, daß dieſe Frau beauftragt ſey, die Mädchen ins Kloſter zu bringen. Sie war feſt entſchloſſen, der Weiſung des Abbé Dubois zu folgen, und fürchtete, ein Wort der Dame möchte ihren Mann auf die Spur des Vorhabens bringen und dies vereiteln. Damit wäre nach ihrer Meinung alle Hoffnung verloren geweſen, und die Waiſen wären in dem Zuſtand der Unwiſſenheit und Todſünde geblieben, für welchen ſie ſich verantwortlich erachtete. Dagobert, welcher die Hände Roſa's und Blanca's in den ſeinigen hielt, ſtand beim Anblick der Unbekannten auf und warf ſeiner Frau einen fragenden Blick zu. Der Augenblick war entſcheidend. Aber Frau Grivois war nicht vergebens bei der Fürſtin von St. Dizier in die Schule gegangen. Raſch war ihr Entſchluß gefaßt. Die Haſt, mit welcher ſie nach der ſchändlichen Verleumdung der Mayeur zurückgekom⸗ men war, und den Ausdruck ihrer Beſtürzung beim Anblick Dagobert's geſchickt benutzend, rief ſie nach einem Augenblick S — 140 — des Schweigens, während deſſen ſie ſich zu faſſen ſchien: „Ach, liebe Frau, ſo eben bin ich Zeuge eines großen Un⸗ glücks geweſen! Entſchuldigen ſie meine Verrwirrung. — Aber wahrhaftig — — ich bin entſetzlich angegriffen!“ „Um Gottes Willen, was iſt denn?“ fragte Francisca, im⸗ mer fürchtend, die Abgeſandte möchte ſich verrathen. „Vorhin,“ fuhr Frau Grivois fort, „war ich gekommen, um mit Ihnen über eine wichtige Sache zu reden. Während ich Sie erwartete, hat ein verwachſenes Mädchen verſchiedene Sachen zuſammengepackt.“ „Ganz recht,“ bemerkte Francisca. „Das iſt die Mayeux, eine brave Perſon.“ — „Ich dacht' es wohl, Frau Baudoin. Nun hören Sie, was geſchehen iſt. Da Sie ausblieben, entſchloß ich mich, einen Gang in die Nachbarſchaft zu machen. Ich ging hinunter und kam in die Merryſtraße. Ach, liebe Frau! — —“ „Nun, was denn?“ fragte Dagobert. „Ich bemerkte einen Zuſammenlauf und fragte, was das bedeute. Man ſagte mir, ein Stadtſergent habe ein Mäd⸗ chen verhaftet, weil ſie einen Pack mit Sachen trug, die nicht ihr zu gehören ſchienen. Ich trat hinzu. Was ſah ich? Die Perſon, welche ich wenige Augenblicke vorher hier ge⸗ troffen hatte!“ „Ach, das arme Kind!“ rief Franeisea erbleichend und die Hände ringend. „Welches Unglück!“ „Was war denn das für ein Pack?“ fragte Dagobert. „Lieber Freund,“ antwortete die alte Frau, „ich muß es Dir geſtehen. Ich befand mich in Verlegenheit und bat die arme Mayeux, verſchiedene Sachen, die wir nicht nöthig ha⸗ ben, ins Pfandhaus zu tragen.“ „Und man hat geglaubt, das ehrliche Mädchen hätte ſie ge⸗ ſtohlen?“ ergänzte Bagobert. „Das iſt entſetzlich! Aber Sie, Madame, hätten dazwiſchen treten und ſagen ſollen, daß Sie das Mädchen kennen.“ „Ich habe es verſucht,“ log Frau Grivois. „Aber man hörte nicht auf mich. Der Auflauf ward immer größer; die Wache kam und führte ſie weg.“ „Sie iſt im Stand daran zu ſterben, gefühlvoll und ſchüch⸗ tern, wie ſie iſt!“ rief Francisca. ℳ — — 141 — „Ach Gott! Die gute, ſanfte, gefällige Mayeux!“ ſagte Blanca mit Thränen in den Augen zu ihrer Schweſter. „Da ich nichts für ſie thun konnte,“ fuhr Frau Grivvis fort, „ſo habe ich mich beeilt, hieher zurückzukommen und Sie von dieſem Irrthum zu benachrichtigen. Dieſer Irrthum iſt aber leicht gut zu machen, wenn ſp ſchnell wie möglich Ze⸗ mand hinläuft und ihre Freilaſſung begehrt.“ „Schwerenoth! Madame,“ rief Dagobert, raſch ſeinen Hut ergreifend, „das hätten Sie uns gleich anfangs ſagen ſollen. Wo iſt das arme Kind? Wiſſen Sie's2“ „Ich weiß es nicht,“ antwortete Frau Grivois. „Aber es ſind noch ſo viel Leute auf der Straße, daß Sie es gewiß er⸗ fahren können, wenn Sie ſo gefällig ſind, gleich hinzugehen.“ „Gefällig!“ wiederholte Dagobert unwirſch. „Es iſt meine Schuldigkeit. Das arme Kind als Diebin zu verhaften! Ich gehe zum Polizeicvmmiſſär oder auf die Wachtſtube. Ich muß ſie finden und heraushaben und hieherbringen.“ Mit dieſen Worten eilte er weg. Francisca, über das Schickſal der Mayeux beruhigt, dankte dem Herrn, daß er ſo ihren Mann entfernt hatte, deſſen An⸗ weſenheit ſie in eine entſetzliche Verlegenheit gebracht. Frau Grivois warf ihr einen ausdrucksvollen Blick zu, übergab ihr den Brief vom Abbé Dubvis und ſagte langſam und deutlich: „Liebe Frau, aus dieſem Brief werden Sie den Zweck meines Beſuchs erſehen, den ich Ihnen noch nicht habe erklären kön⸗ nen, und um deßwillen ich mich glücklich ſchätze, weil er mich in Verbindung mit dieſen allerliebſten Fräulein bringt.“ Roſa und Blanca ſahen ſich verwundert einander an. Fran⸗ eisca las zitternd den Brief. Es bedurfte der dringenden, drohenden Befehle ihres Beichtvaters, um die letzten Bedenk⸗ lichkeiten der armen Frau zu überwinden. Sie bebte bei dem Gedanken an die Wuth Dagobert's Aber in ihrer Argloſig⸗ keit wußte ſie nicht, wie ſie es anſtellen ſollte, um den Mäd⸗ chen zu ſagen, daß ſie mit der fremden Dame gehen ſollten. Frau Grivois errieth ihre Verlegenheit und gab ihr einen Wink, daß ſie außer Sorgen ſeyn ſollte. Während die alte Frau las, ſagte ſie zu Roſa; „Wie wird Ihre Verwandte er⸗ 9 3 freut ſeyn, Sie zu ſehen, liebes Kind!“ „Unſere Verwandte?“ wiederholte Roſa erſtaunt. — — „Allerdings. Sie hat erfahren, daß Sie angekommen ſind. Aber da ſie noch an einer langen Krankheit leidet, hat ſie mich beauftragt, Sie zu ihr abzuholen. Leider werden Sie dieſelbe, wie ſie in dem Brief an Frau Baudoin ſchreibt, nur einige Augenblicke ſehen können, und in einer Stunde werden Sie wieder hieher zurückkommen. Aber morgen oder ſpäter wird ſie im Stand ſeyn, auszugehen, ſich mit Frau und Herrn Baudoin zu verſtändigen und Sie zu ſich zu nehmen; denn es wäre ihr ſehr leid, wenn Sie Leuten, die ſo gütig gegen Sie geweſen ſind, zur Laſt ſeyn ſollten.“ Dieſe letzten Worte machten eine ſehr vortheilhafte Wir⸗ kung auf die beiden Schweſtern, indem ſie ihre Beſorgniß zerſtreuten, eine Urſache der Verlegenheit für die Familie Dagobert's zu bleiben. Wäre die Rede davon geweſen, ganz das Haus in der Briſe⸗Miche⸗Gaſſe zu verlaſſen, ſo würden ſie Anſtand genommen haben, es ohne Zuſtimmung Dagobert's zu thun. Aber die fremde Dame ſprach ja nur von einem Beſuch auf eine Stunde. Sie fanden alſo durchaus kein Be⸗ denken, und Roſa ſagte zu der alten Frau: „Nicht wahr, Frau Baudoin, wir können unſere Verwandte beſuchen, ohne die Rückkehr Dagobert's abzuwarten?“ „Gewiß,“ antwortete die Alte mit ſchwacher Stimme, „denn Sie werden ja gleich wiederkommen“ „Nun, Frau Baudoin,“ ſagte die Grivois, „bitte ich die Fräulein, baldigſt mit mir zu kommen, denn ich möchte ſie vor Mittag wieder zurückbringen.“ „Wir ſind bereit,“ ſprach Roſa. „So küſſen Sie denn Ihre zweite Mutter,“ fuhr die Kam⸗ merfran fort, kaum ihre Beſorgniß wegen einer plötzlichen Rückkehr Dagobert's verhehlend. Roſa und Blanca umarmten die alte Frau. Dieſe konnte kaum ihre Thränen zurückhalten, als ſie die lieben ſchuldloſen Geſchöpfe überlieferte, obwohl ſie feſt überzeugt war, daß ſie es zum Heil ihrer Seelen that. „Kommen Sie, Fräulein,“ ſagte Frau Grivois freundlich. „Geſchwind! Entſchuldigen Sie meine Ungeduld. Aber ich ſpreche im Namen Ihrer Verwandten.“ Die beiden Schweſtern verließen Hand in Hand das Zim⸗ mer und gingen hinter Frau Grivvis die Treppe hinab. Freu⸗ ——— Freudenſtörer!“ Das treue Thier zögerte anfangs, und ſah denſtörer folgte ihnen behutſam, ohne daß ſie es merkten; denn in Abweſenheit Dagobert's verließ das kluge Thier ſie nie. Vorſichtshalber hetie die vertraute Kammerfrau der Für⸗ ſtin von St. Dizier den Kutſcher außerhalb der Briſe⸗Miche⸗ Gaſſe auf dem Kloſterplätzchen halten laſſen, und bei der eili⸗ gen Rückkehr in Dagobert's Wohnung hatte ſie ihren Mops nicht mitgenommen. Als der Kutſcher ihr den Schlag öffnete, ſagte er: „Madame, nichts für ungut. Sie haben da einen kleinen Schweinigel von Hund, der nicht jederzeit freundlich iſt. Seitdem Sie ihn in meiner Kutſche haben ſitzen laſſen, hat er geſchrieen, als ob er am Spieß ſteckte, und ein Ge⸗ ſicht gemacht, als wollt' er die Welt freſſen.“ Wirklich winſelte Monſieur, der nicht gern allein war, ganz jämmerlich. „Still, Monſieur! ich bin da,“ redete Frau Gri⸗ vois ihm zu. Und dann ſagte ſie zu den Mädchen: „Steigen Sie gefälligſt ein.“ Während die Schweſtern einſtiegen, flüſterte die Kammer⸗ frau dem Kutſcher zu, er ſollte nach dem Marienkloſter fah⸗ ren, und gab ihm noch weitere Anweiſungen. Plötzlich fing der Mops, welcher vorher geknurrt hatte, wüthend an zu bel⸗ fern. Freudenſtörer, bisher unbemerkt, war nämlich in den Wagen geſprungen. Erzürnt über dieſe Verwegenheit, ver⸗ gaß Monſieur ſeine gewohnte Klugheit und biß den großen ſibiriſchen Hund in die Schnauze. Freudenſtörer packte ihn beim Hals und erwürgte mit zwei Biſſen den ſchon halb in ſeinem Fett erſtickten Mops, welcher mit einem ſchwachen Seuf⸗ zer verſchied. Das Alles war das Werk eines Augenblicks, während deſſen die erſchrockenen Mädchen kaum Zeit hatten, zweimal zu rufen: „Hieher, Freudenſtörer!“ Bei dem Lärm wandte Frau Grivvis ſich um. „Ach gro⸗ ßer Gott!“ rief ſie; „ſchon wieder dies Ungeheuer von Hund! Er wird meinen Monfieur beißen. Jagen Sie ihn hinaus, Fräulein. Wir können ihn unmöglich mitnehmen.“ Die Mädchen wußten nicht, welch großes Verbrechen Freu⸗ denſtörer ſich hatte zu Schulden kommen laſſen, denn Monſieur lag ganz ruhig unter einem Sitz. Sie hielten es ſelber für unſchicklich, den Hund mitzunehmen und ſchoben ihn ſanft mit den Füßen weg, indem ſie ihm zuriefen; „Hinaus, — 144 — traurig und bittend die Waiſen an mit einem Blick ſanften Vorwurfs, als wollte es ſie tadeln, daß ſie ihren einzigen Beſchützer fortjagten. Auf einen neuen Befehl, den Blanea ihm in ſtrengem Tone gab, ſprang er, den Schwanz hängen laſſend hinaus, vielleicht mit dem Bewußtſeyn, daß er ein wenig zu halsbrecheriſch gegen Monſieur verfahren ſey. Frau Grivvis, der es darum zu thun war, ſchleunig aus dieſem Quartier zu kommen ſtieg eilends ein. Der Kutſcher machte den Schlag zu, ſprang auf den Bock und jagte davon. Die Kammerfrau, eine Begegnung mit Dagobert fürchtend, ließ klüglich die Vorhänge herab. Nachdem dieſe Maßregel getroffen war, dachte ſie an Monſieur, den ſie über die Ma⸗ ßen zärtlich liebte, wie man oft bei boshaften Menſchen fin⸗ det, welche die ihrem Nebenmenſchen entzogene Zuneigung einem Thier zuwenden. Sie hing leidenſchaftlich an dieſem böſen, biſſigen, feigen Hund, vielleicht in Folge einer gewiſſen Wahlverwandtſchaft. Dieſe Zärtlichkeit hatte ſeit ſechs Jah⸗ ren gedauert und mit den Jahren des Mopſes zugenommen. Frau Grivvis, welche den Vorderſitz eingenommen hatte, rief: „Monſieur!“ Monſieur hatte triftige Gründe nicht zu ant⸗ worten. „Garſtiger Trotzkopf!“ fuhr die Kammerfrau freund⸗ lich fort. „Es iſt ja nicht meine Schuld, daß der häßliche große Hund in die Kutſche gekommen iſt. Nicht wahr, Fräu⸗ lein? Komm, küſſe mich und laß uns Frieden machen, Du kleiner Eigenſinn!“ WMonſieur blieb ſtumm wie ein Fiſch. Roſa und Blanca ſahen ſich verlegen einander an. Sie kannten Freudenſtörers derbe Manieren, glaubten aber nicht, daß der kurze Streit den tragiſchen Ausgang genommen habe. Frau Grivvis, mehr ver⸗ wundert als beunruhigt über die Hartnäckigkeit, mit welcher der Mops ihren liebevollen Zuruf unerwiedert ließ, bückte ſich, um ihn unter dem Sitz hervorzuholen, wo er ſich nach ihrer Meinung mürriſch verſteckt hielt. Sie faßte ſeine Pfote, zog ihn ungeduldig hervor und ſagte in halb ſcherzen⸗ dem, halb ärgerlichem Ton: „Komm, gutes Kerlchen! — — Du wirſt dieſen Fräulein einen ſchönen Begriff von deinem häßlichen Character geben.“ Sie ſtaunte erſt über die Schlaff⸗ heit, mit welcher Monſieur dem Zug ihrer Hand folgte; — — — aber wer beſchreibt ihr Entſetzen, als ſie ihn auf ihrem Schovs hatte und regungslos ſah! „Ein Schlagfluß!“ rief ſie. „Der Unglückliche fraß zu viel. Ich habe es vorausgeſehen. — Kutſcher, halt! halt!“ Der Kutſcher hörte dieſen Ruf nicht. Sie hob den Kopf Mon⸗ ſieur's auf, in der Meinung, er ſey bloß ohnmächtig. Und ſiehe da, unten am Hals kamen die blutigen Male von ſechs gewaltigen Fangzähnen zum Vorſchein und ließen keinen Zweifel mehr darüber, wer oder was das beklagenswerthe Ende des Mopſes verurſacht habe. „Todt! Todt!“ rief das Weib in Verzweiflung. „Er iſt ſchon kalt! — Todt! Ach, du mein Gott!“ Und ſie vergoß heiße Thränen. Die Thränen der Boshaften ſind von übler Vorbedeutung. Ein Böſewicht kann nur weinen, wenn ihm recht wehe ge⸗ ſchieht, und die Rückwirkung ſeines Wehes iſt nicht eine fanfte, ſondern eine grimmige Gemüthsſtimmung. Die ſchmerzliche Rührung der Kammerfrau wich bald dem Zorn und dem Haß — dem Haß gegen die Mädchen, welche die unſchuldige Ur⸗ ſache von dem Tod des beweinten Mopſes waren. Ihr zorn⸗ glühendes Geſicht verrieth ſo deutlich ihre Empfindungen, daß Roſa und Blanea ſich entſetzten, als ſie ausrief: „Ihr Hund hat ihn umgebracht!“ — „Verzeihung, Madame!“ entgegnete Roſa. „Zürnen Sie uns deßhalb nicht.“ Und Blanca brachte mit flehender Stimme die Entſchuldigung vor: „Ihr Hund hat den unſrigen zuerſt gebiſſen.“ Der Ausdruck des Schreckens in den Zügen der Waiſen brachte die Kammerfrau zur Beſinnung und zum Bewußtſeyn der ſchlimmen Folgen, welche ein weiterer Ausbruch ihres Zorns haben könnte. Um ihre Rachſucht ſicher ſättigen zu kön⸗ nen, mußte ſie ſich Zwang anthun und durfte den Mädchen kein Mißtrauen einflößen. Allmählig milderte ſie den zor⸗ nigen Ausdruck ihrer Blicke und verwandelte ihn wieder in den eines bitteren Schmerzes. Endlich verbarg ſie ihr Geſicht in ihren Händen, ließ einen langen Seufzer hören und ſchien ſehr zu weinen. „Die arme Dame!“ flüſterte Roſa ihrer Schweſter zu. „Sie weint, ſie hat gewiß ihren Hund ſo gern gehabt, wie wir Freudenſtörer haben.“ nr. 10 . anders, als gleich ſeyn?“ 14⁴6 „Ach ja!“ erwiederte Blanca. „Wir haben auch viel ge⸗ weint über unſeren alten Jovial.“ Nach einigen Minuten hob Frau Grivois den Kopf in die Höhe, wiſchte ſchließlich ihre Augen ab und ſagte mit weicher, faſt liebreicher Stimme: „Entſchuldigen Sie, Fräulein. Ich habe eine Regung des Unwillens oder vielmehr heftigen Schmerzes nicht zurückhalten können. Ich habe mit Zärtlich⸗ keit an dieſem armen Hund gehangen, der ſeit ſechs Jahren nicht von meiner Seite gekommen iſt.“ „Wir bedauern dies Unglück,“ erwiederte Roſa. „Was uns tief betrübt, iſt, daß es ſich nicht wieder gut machen läßt.“ „Eben“ fügte Blanca hinzu, „habe ich meiner Schweſter geſagt, daß es uns um ſo leider thue, da wir in einem ähnlichen Fall geweſen ſeyen. Wir hatten ein altes Pferd, welches uns aus Sibirien gebracht, und wir haben es eben⸗ falls ſehr beweint.“ „Nun, liebe Kinder,“ ſprach Frau Grivois, „laſſen Sie uns nicht weiter daran denken. Es iſt meine Schuld. Ich hätte ihn nicht mitnehmen ſollen. Aber getrennt von mir, war er immer ſo traurig. Sie begreifen dieſe Schwächen. Wenn man ein gutes Herz hat, ſo iſt man Vieh und Men⸗ ſchen gut. Von Ihrem guten Herzen hoffe ich Verzeihung für meine Empfindlichkeit.“ „Wir denken nicht mehr daran,“ ſagte Roſa. Es thut uns nur leid, Sie ſo betrübt zu ſehen.“ „Es wird vorübergehen, liebe Kinder, es wird vorüberge⸗ hen. Der Anblick der Frende, welche Ihre Verwandte bei Ihrem Erſcheinen empfinden wird, ſoll beitragen, mich zu tröſten. Wie glücklich wird ſie ſeyn! Sie ſind ſo lieb! Die Sonderbarkeit, daß Sie ſich ſo ſehr einander gleichen, ſcheint noch das Intereſſe zu vermehren, welches Sie einflößen.“ „Sie beurtheilen uns mit zu viel Güte,“ entgegnete Blanca. „Nein, gewiß nicht. Auch bin ich überzeugt, Ihr Character gleicht ſich, wie Ihre Geſichter. „Das iſt ſehr natürlich,“ bemerkte Roſa. „Seit unſerer Geburt ſind wir nie eine Minute von einander gekommen, weder bei Tag noch bei Nacht. Wie kann unſer Charakter — „Wirklich, liebe Kinder? Sie ſind nie eine Minute von einander geweſen?“ „Nie Madame,“ antwortete Blanea, und beide Schweſtern lächelten ſich mit verſchlungenen Händen einander an. „Gott! wie unglücklich würden Sie demnach ſeyn, wenn Sie von einander getrennt wären!“ „O, das iſt unmöglich,“ erwiederte lächelnd Blanca. „Wie ſo, unmöglich?“ fragte Frau Grivvis. — — ſollte das Herz haben, uns zu trennen?“ entgegnete oſa. „Ohne Zweifel, liebe Kinder. Dazu gehörte viel Bosheit.“ „Selbſt ſehr böſe Menſchen könnten uns nicht trennen,“ fügte Blanca lächelnd hinzu. „Das iſt gut,“ ſagte Frau Grivois. „Aber warum?“ „Weil es uns zu viel Schmerz machen würde,“ antwortete Roſa. Und Blanca verſicherte: „Es würde unſer Tod ſeyn.“ „Arme Kleine!“ ſagte Frau Grivvis im Ton des Mitleids. Vor einem Vierteljahr,“ fuhr Blanca fort, „wurden wir in ein Gefängniß gebracht. Der Gefangenwärter ſah ſehr ſtreng aus und doch ſagte er: Man müßte den Tod dieſer Kinder wollen, wenn man ſie trennen wollte. — Und wir blieben beiſammen und waren ſo glücklich, wie man es im Gefängniß ſeyn kann.“ „Dies macht Ihrem Herzen Ehre,“ bemerkte Frau Grivvis, „und auch dem Herzen der Leute, welche begriffen, wie glück⸗ lich das Zuſammenſeyn Sie macht.“ Der Wagen hielt an. „Thor auf!“ rief der Kutſcher. „Ah! da ſind wir am Haus Ihrer lieben Verwandten,“ ſagte Frau Grivvis. Die beiden Flügel eines Thores gingen auf, und bald rollte der Miethwagen über den Sand eines Hofes. Frau Grivois hatte einen der Vorhänge aufgezogen. Von der Kutſche aus ſah man in einen geräumigen Hof, welcher der Breite nach von einer Mauer durchſchnitten war. In der Mitte dieſer Mauer befand ſich ein Eingang unter einer kleinen Halle, die von übergipsten Säulen getragen war. Hinter der Mauer erhob ſich der Giebel eines großen Hauſes von gehauenen Steinen. Verglichen mit dem Haus in der Briſe⸗Miche⸗Gaſſe, glich dies Gebäude einem Palaſt, und Blanca äußerte gegen — — — die Grivvis mit dem Ausdruck kindlicher Verwunderung: „Gott! welch ſchöne Wohnung!“ „Das iſt noch nichts,“ erwiederte Frau Grivois. „Sie ſollen erſt einmal das Innere ſehen.“ Der Kutſcher öffnete den Schlag und die Kammerfrau ſtieg aus. Wie groß war ihr Zorn und die Ueberraſchung der Mädchen, als ſie Freudenſtörer erblickten, der mit aufgereckten Ohren und wedelndem Schwanz ſein Verbrechen vergeſſen zu haben und zu erwarten ſchien, man werde ihn für ſeine Treue und Klugheit loben. Bei Frau Grivvis ſchienen alle vergeſſenen Schmerzen ſich zu erneuern. „Wie?“ rief ſie. „Dieſer abſcheuliche Hund iſt mitgelaufen?“ „Es iſt eben doch ein Capitalhund,“ ſagte der Kutſcher. „Er iſt keinen Schritt hinter meinen Pferden zurückgeblieben. Er muß darauf abgerichtet ſeyn. Das iſt ein Prachtvieh, das ſich vor zwei Mann nicht fürchtet. Was der Kerl für eine Bruſt hat!“ Immer mehr gereizt durch die ungelegenen Lobſprüche, welche der Kutſcher dem Mörder Monſteur's ertheilte, ſagte die Herrin des Verſtorbenen zu den Mädchen: „Warten Sie ein wenig in dem Wagen; ich will Sie gleich zu Ihrer Verwandten führen laſſen.“ Und mit eilenden Schritten ging ſie nach dem Eingang in der Mauer und ſchellte. Sofort erſchien eine Perſon in Nonnentracht und verbeugte ſich ehrfurchtsvoll. Zu ihr ſagte Frau Grivois; „Dort ſind die zwei Mädchen. Der Befehl des Herrn Abbé von Aigrigny und der Fürſtin lautet, daß ſie auf der Stelle in Strafzellen geſperrt werden, abgeſondert von einander — verſtehen Sie, Schweſter, in Strafzellen — und daß ſie wie Unbußfertige behandelt werden.“ „Ich will die Mutter davon benachrichtigen, und es ſoll ge⸗ ſchehen,“ erwiederte die Nonne, ſich verbeugend. Frau Grivvis kehrte langſam zu dein Wagen zurück, wo Roſa und Blanca verſtohlener Weiſe ihren treuen Hund ge⸗ ſtreichelt und die Perſon nicht bemerkt hatten, mit welcher ihre Führerin geſprochen. „Kommen Sie,“ ſagte die Kam⸗ merfrau. „Sie ſollen zu Ihrer Verwandten geführt werden. In einer halben Stunde hole ich Sie wieder ab. — Kutſcher, halten Sie den Hund zurück.“ Langſamen Schrittes führte ſie A— — — 149 — ſodann die beiden Schweſtern nach dem Eingang in der Mauer. Eine weibliche Hand ſtreckte ſich ihnen entgegen. Die Waiſen ſchritten über die Schwelle und hinter ihnen ſchlug das Pförtchen zu. Frau Grivvis kehrte wieder zu dem Wagen zurück und hieß den Kutſcher, zum Hof hinaus fahren und ſie draußen erwar⸗ ten. Der Kutſcher gehorchte. Die Kammerfrau rief den Thorhüter, einen großen ſtarken Mann, zu ſich und ſagter „Niklas, Sie bekommen zehn Franken, wenn Sie mir den großen Hund todtſchlagen, der dort am Pförtchen liegt.“ Niklas betrachtete ſich den Hund, zuckte die Achſeln und ſagte: „Den Teufel auch! Einen ſolchen Hund todtzuſchlagen iſt kein Kinderſpiel.“ „Sie bekommen zwanzig Franken, aber bringen Sie ihn vor meinen Augen um.“ „Dazu gehörte eine Flinte,“ entgegnete der Pförtner, „und ich habe nur einen Hammerſtock.“ „Der iſt gut! Mit einem Schlag iſt's abgethan.“ „Den Verſuch will ich machen,“ ſagte Niklas. „Aber ich zweifle, ob er gelingt.“ „Wenn ich nur die Kraft dazu hätte!“ ſagte die Kammer⸗ frau, während der Pförtner ſeinen Streithammer holte. Niklas kam zurück, ſchlich hinterliſtig auf Freudenſtörer zu und ſagte: „Komm, Alter! Komm, guter Hund!“ Dabei klopfte er mit der linken Hand auf den Schenkel und hielt mit der Rechten ſeinen Hammer hinter dem Rücken verborgen. Freudenſtörer ſiand auf, betrachtete ſich ſeinen Mann, und war mit einem Satz von der Thür weg hinter dem Schleicher. „Er hat den Braten gerochen,“ ſagte Niklas. „Der Lump traut nicht. Er läßt ſich nicht beikommen. Es iſt nichts zu machen.“ „Da!“ rief die Kammerfrau grimmig, indem ſie dem Pfört⸗ ner einen Fünffrankenthaler hinwarf; Sie ſind ein Tölpel. Jagen Sie ihn wenigſtens hinaus“ Niklas ging mit auf⸗ gehvbenem Hammer auf Freudenſtörer los. Der Hund wich einem offenem Kampfe aus, zog ſich aus dem Hof zurück und faßte auf neutralem Gebiet Poſto. Als Frau Grivvis, bleich vor Wuth zum Thor herauskam und in den Miethwagen ſtieg, in welchem die ſterblichen Ueberreſte Monſieur's lagen, er⸗ „ — 150 — blickte ſie zu ihrem neuen Verdruß den Mörder ihres Lieb⸗ lings einige Schritt von dem Thore gelagert. Die Kammer⸗ frau fuhr weg, und Freudenſtörer wartete auf die Rückkehr der Waiſen, welche in dem Marienkloſter nicht weit von Adriana von Cardoville eingeſperrt waren. Wir führen nun den Leſer wieder zurück in die Briſe⸗Miche⸗ Gaſſe zur Frau Dagobert's, welche mit tödtlicher Angſt der Rückkehr ihres Mannes entgegen ſah und deſſen Fragen, wo die Töchter des Marſchalls Simon hingekommen ſeyen. Siebzehntes Kapitel. Einfluß eines Beichtvaters. Kaum hatten die Waiſen die Frau Dagobert's verlaſſen, ſo kniete dieſe nieder und begann inbrünſtig zu beten. Ihre lange zurückgehaltenen Thränen floſſen reichlich. Trotz ihrer Ueberzeugung, mit Auslieferung der Mädchen eine heilige Pflicht erfüllt zu haben, ſah ſie mit Angſt der Rückkehr ihres annes entgegen. Die Verblendung in Folge ihres from⸗ men Eifers war nicht ſo groß, daß ſie die Gerechtigkeit des vorausſichtlichen Zorns Dagobert's verkannt hätte. Und oben⸗ drein mußte ſie ſeine Mißſtimmung noch vermehren durch die Nachricht von der Verhaftung Agricola's. Bei jedem Ge⸗ räuſch auf der Treppe fuhr ſie zuſammen und horchte. Dann fuhr ſie fort, zum Herrn zu beten, daß er ihr Kraft geben möge, dieſe neue harte Prüfung zu beſtehen. Endlich vernahm ſie Tritte auf der Treppe. Dies Mal war ſie gewiß, daß Dagobert es ſey. Schnell ſtand ſie auf, ſetzte ſich auf ihren Stuhl, trocknete ihre Thränen an der groben Sackleinwand und that, als nähte ſie. Ihre Hände zitterten ſo ſehr, daß ſie kaum die Nadel halten konnte. Nach einigen Augenblicken ging die Thür auf und Dago⸗ bert trat ein. Das Geſicht des Soldaten war finſter. Un⸗ muthig warf er ſeinen Hut auf den Tiſch und rief: „Das arme Kind! Es iſt abſcheulich!“ —————— „Haſt Du die Mayeux geſehen? Haſt Du ihre Freilaſſung begehrt?“ fragte Francisca, einen Augenblick ihre Beängſti⸗ gungen vergeſſend. „Ja, ich habe ſie geſehen,“ antwortete Dagobert. „Aber in welchem Zuſtand! Es war herzbrechend. Ich habe ihre Freilaſſung begehrt, und mit Nachdruck — darauf kannſt Du Dich verlaſſen. Allein da hieß es: Erſt muß der Commiſſär zu Ihnen gehen, um — —“ Dagobert unterbrach ſich, blickte im Zimmer umher und fragte: „Ei, wo ſind denn die Kinder?“ Die alte Frau überlief es eiskalt. Mit ſchwacher Stimme erwiederte ſie: „Lieber Freund, ich“ — — Die Stimme ver⸗ ſagte ihr „Wo ſind Roſa und Blanca? Gib Antwort! — Freuden⸗ ſtörer iſt auch nicht da.“ „Werde nicht böſe,“ bat die alte Frau. „Mach's kurz!“ ſagte Dagobert. „Du wirſt ſie mit einer Nachbarin haben ausgehen laſſen. Warun biſt Du nicht ſel⸗ ber mit ihnen gegangen? Oder warum haſt Du ihnen nicht geſagt, ſie möchten bis zu meiner Rückkehr warten, wenn ſie Luſt hätten, ein wenig auszugehen — was freilich natürlich war, denn dieſe Stube iſt trübſelig. Ich wundere mich aber, daß ſie nicht gewartet haben, bis ſie Nachricht von der guten Mayeur hatten, denn ſie haben Engelherzen. — Aber Du biſt ja ganz bleich! Was fehlt Dir denn, armes Weib? Biſt Du unwohl?“ — Und Dagobert faßte liebreich die Hand ſei⸗ ner Frau. Im Innerſten erſchüttert durch dieſe liebreichen Worte, ſenkte die alte Frau das Haupt und küßte weinend die Hand ihres Mannes. Als der Soldat die brennenden Thränen auf ſeiner Hand fühlte, ſtieg ſeine Unruhe, und er rief: „Du weinſt? Du antworteſt mir nicht? So ſage mir doch, was Dich drückt. Iſt es vielleicht, weil ich ein wenig rauh zu Dir geſprochen habe, indem ich Dich fragte, warum Du die Kinder mit einer Nachbarin haſt ausgehen laſſen? Bedenke nur, eine ſterbende Mutter hat ſie mir anvertraut. Du be⸗ greifſt, ein ſolches Vertrauen legt eine heilige Pflicht auf. Drun bin ich auch immer bei ihnen geweſen, wie eine Gluck⸗ hennte bei ihren Küchlein.“ Bei dieſen Worten lachte er, um n Frau aufzuheitern. — 152 — „Du haſt Grund, ſie zu lieben,“ ſagte Franeisca. „Nun, beruhige Dich,“ fuhr Dagobert fort. „Du kennſt mich. Mit meiner Bärenſtimme bin ich eben doch ein guter Kerl. Da Du Dich auf die Nachbarin verlaſſen kannſt, ſo iſt das Unglück nicht ſo groß. Aber in Zukunft, gute Fran⸗ eisca, thue und laſſe nie etwas in Bezug auf ſie, ohne mich zu fragen. Alſo die Kinder haben ein wenig mit Freuden⸗ ſtörer ausgehen wollen?“ „Nein, lieber Freund. Ich — —“ „Wie? Nein? Wer iſt denn die Nachbarin, der Du ſie anvertraut haſt? Wohin hat ſie die Kinder geführt? Wann wird ſie dieſelben zurückbringen?“ „Ich — — weiß nicht — —“ ſtotterte Francisca mit ſchwacher Stimme. „Du weißt es nicht?“ rief Dagobert gereizt. Sofort aber unterdrückte er ſeine Aufwallung und fuhr im Tone freund⸗ ſchaftlichen Vorwurfs fort: „Du weißt es nicht? Hätteſt Du ihr nicht eine Zeit beſtimmen, oder noch beſſer, Dich nur auf Dich verlaſſen und ſie niemanden anvertrauen können? Die Kinder müſſen Dich ſehr dringend gebeten haben, ſie ausge⸗ hen zu laſſen. Sie wußten, daß ich den Augenblick wieder⸗ kommen würde. Wie kommt es, daß ſie mich nicht erwartet haben? — Franeisca, ich frage Dich, warum haben ſie mich nicht erwartet? — — So antworte doch! — — Schwere⸗ noth! Du könnteſt machen, daß ein Heiliger des Teufels würde!“ rief Dagobert, auf den Boden ſtampfend. „Ant⸗ worte mir doch!“ Dieſe wiederholten dringenden Fragen, welche zur Ent⸗ deckung der Wahrheit führen ſollten, waren für die arme Frau eine langſame, unerträgliche Qual. Sie wollte denſelben ein Ende machen, und lieber ſich mit einem Mal dem Zorne ih⸗ res Mannes ausſetzen, als ein demüthig duldendes, aber ihrem vor Gott abgelegten Verſprechen treues, Opfer. Unfähig auf⸗ zuſtehen, ſenkte ſie das Haupt, ließ ihre Arme zu beiden Sei⸗ ten ihres Stuhles herabhängen und ſagte beklemmt: „Mache mit mir, was Du willſt. Aber frage mich nicht mehr, was aus dieſen Kindern geworden iſt. Ich kann Dir keine Ant⸗ wort geben.“ Der Blitz hätte vor den Füßen Dagoberi's ein ſchlagen — — * fen, und er wäre nicht heftiger erſchüttert worden. Er er⸗ bleichte Seine kahle Stirn bedeckte ſich mit kaltem Schweiß. Mit ſtarrem, mattem Blick ſtand er einige Sekunden ſtumm, regungslos wie verſteinert da. Plötzlich aber fuhr er aus ſeiner Erſtarrung auf, faßte ſeine Frau bei den Schultern, hob ſie auf wie eine Feder, und ſellte ſie vor ſich hin. Und nun ſchrie er ihr im Ton furchtbarer Verzweiflung zu: „Die Kinder!“ „Gnade! Gnade!“ ſtammelte die Alte mit matter Stimme. „Wo ſind die Kinder?“ wiederholte Dagobert, das ſchwache Geſchöpf in ſeinen kräftigen Händen ſchüttelnd. „Willſt Du antworten? Die Kinder!“ „Tödte mich — oder verzeihe mir. Ich kann Dir nicht ant⸗ worten,“ erwiederte die Unglückliche mit der Zähigkeit, die ängſtliche Menſchen beweiſen, wenn ſie recht zu thun glauben. „Unglückliche!“ rief Dagobert und hob ſein Weib in die Höhe, als wollte er ſie auf dem Fußboden zerſchmettern. Aber er war zu gut, um eine ſolche Grauſamkeit zu begehen. Nach dieſem Ausbruch der Wuth ließ er ſeine Frau los. Sie ſank auf die Knie und faltete die Hände. An der ſchwachen Be⸗ wegung ihrer Lippen ſah man, daß ſie betete. Dem alten Soldaten ſchwindelte es. Er ſtand wie betäubt da. Was er erfahren hatte, war ihm ſo plötzlich gekommen, ſo unbegreiflich, daß er einige Minuten brauchte, um ſich wie⸗ der zu faſſen und ſich zu überzeugen, daß ſeine Frau, dies engelgute, hingebende Weſen, ſie, die wußte, was ihm die Töchter des Marſchalls Simon waren, ihm wirklich geſagt hatte: „Frage mich nicht, was aus ihnen geworden iſt; ich kann Dir nicht antworten.“ — In einem ſo unerklärlichen, entſetzlichen Fall würde der ſtärkſte Geiſt ſeine Faſſung ver⸗ loren haben. Nachdem Dagobert wieder etwas ruhiger geworden war und fähig, nachzudenken, ſtellte er folgende vernünftige Be⸗ trachtungen an: „Nur meine Frau kann mir dies Räthſel löſen. Ich will ſie weder ſchlagen noch umbringen. Ich muß alle möglichen Mittel anwenden, um ſie zum Reden zu bringen, und vornehmlich mich im Zaum halten.“ Er nahm einen Stuhl, deutete ſeiner noch immer knieenden Frau auf einez/ andern und ſagte: „Setze Dich.“ — Francisca gehorchte. „Höre mich an, Frau,“ begann Da⸗ gobert, ſeine Worte gleichſam ſtoßweiſe im Ton mühſam ver⸗ haltener Ungeduld vorbringend. „Du begreiſſt — — das kann nicht ſo hingehen — — Du weißt es — — ich habe nie Gewalt gegen Dich gebraucht. — — Eben hat mich der Zorn übernommen — — es iſt mir leid — — ich werde es nicht wieder thun — — verlaß Dich darauf. — — Aber — ich muß ſchlechterdings wiſſen, wo die Kinder ſind. — — Ihre Mutter hat mir ſie anvertraut — — und ich habe ſie nicht aus Sibirien hiehergebracht — — damit Du mir heut ſagen ſollſt: Frage mich nicht nach ihnen — — ich kann Dir nicht ſagen, was ich mit ihnen angefangen habe. — — Denke Dir, der Marſchall Simon käme jetzt und ſagte: „Dagobert, meine Kinder!“ — Was ſoll ich ihm da antworten? — — Du ſiehſt, ich bin ruhig. Stelle Dich an meinen FPlatz. Nochmals, was ſoll ich dem Marſchall antworten? — — So ſprich denn!“ „Ach, lieber Freund!“ jammerte das alte Weib. „Mit dem Ach iſt's nicht gethan!“ rief der Soldat, ſeine Stirn abwiſchend, deren Adern geſchwollen waren, als wollten ſie zerſpringen. „Was ſoll ich dem Marſchall antworten?“ „Klage mich bei ihm an. Ich will Alles ertragen — — ich will Alles ſagen.“ * „Was willſt Du denn ſagen?“ fragte Dagobert geſpannt. „Daß Du mir zwei Mädchen anvertraut haſt, daß Du ausgegangen biſt, daß Du ſie bei Deiner Zurückkunft nicht gefunden und gefragt haſt, wo ſie hingekommen wären und daß ich Dir geſagt habe, ich könnte Dir nicht antworten“ „Ah! und damit ſoll ſich der Marſchall zufrieden geben?“ fragte Dagobert, die Fäuſte auf den Knien ballend. „Leider kann ich Dir nichts anderes ſagen, weder Dir noch ihm. Uud wenn es mein Leben koſtete, ich könnte nicht.“ Bei dieſer mit verzweifelter Ruhe gegebenen Antwort fuhr Dagobert von ſeinem Stuhl empor. Seine Geduld war zu Ende. Aber er enthielt ſich weiterer Ausbrüche des Zorns und drohender Worte, deren Nutzloſigkeit er einſah. Er öff⸗ nete ein Fenſter, um ſeine brennende Stirn zu kühlen. Nach⸗ dem er ſich etwas beruhigt, ging er ein paarmal in der Stube auf und ab und ſetzte ſich wieder vor ſeiner Frau nihder, K — welche den Chriſtus am Kreuz betrachtete und dachte, auch ihr ſey ein ſchweres Kreuz aufgelegt. Er begann von Neuem: „Aus der Weiſe, wie Du geſprochen haſt, habe ich gleich ge⸗ ſehen, daß nichts vorgefallen iſt, was die Geſundheit der Kin⸗ der bedroht.“ „Ach nein!“ rief Francisca. „Sie befinden ſich, Gott ſey Dank, wohl. Das iſt Alles, was ich Dir ſagen kann.“ „Sind ſie allein ausgegangen?“ „Ich kann Dir's nicht ſagen.“ „Hat ſie jemand mitgenommen? „Ach, lieber Freund, warum fragſt Du mich. Ich kann Dir ja nicht antworten.“ „Werden ſie hieher zurückkommen?“ „Ich weiß es nicht.“ Dagobert ſprang abermals auf, und abermals wollte ihm die Geduld ausgehen. Er ging einige Schritte in der Stube herum und ſetzte ſich wieder. „Aber,“ ſagte er, „Du kannſt doch keinen Vortheil davon haben, mir zu verheimlichen, was aus den Kindern geworden iſt Warum weigerſt Du Dich, es mir zu ſagen?“ „Weil ich nicht anders kann.“ „Ich glaube aber doch, Du kannſt, wenn Du etwas erfährſt, was Du mich zwingſt, Dir zu ſagen. Höre mir zu. Wenn dieſe Kinder nicht den Tag vor dem dreizehnten Fe⸗ bruar mir zurückgegeben werden, — Du ſiehſt alſo, es hat Eile — ſo bringſt Bu mich gegen die Töchter des Marſchalls Simon in die Lage eines Menſchen, der ſie beſtohlen, beraubt hätte — hörſt Du, beſtohlen! — Und doch hatte ich Alles gethan, was ein ehrlicher Mann thun kann, um dieſe armen Kinder hieher zu bringen. Du weißt nicht, was ich unterwegs ausgeſtanden habe, welche Sorgen, welche Unruhe. Ich, ein alter Soldat, mit zwei Mädchen beladen — ich konnte es nur mit Selbſtverleugnung zu Stande bringen. Und jetzt, wo ich meinen Lohn darin ſuchte, ihrem Vater ſagen zu kön⸗ nen: hier ſind Ihre Kinder — —“ Thränen erſtickten die Stimme des alten Kriegers. Der Ton, in welchem er geſprochen hatte, wollte der alten Frau das Herz brechen, und beim Anblick der Thränen, welche in ſeinen grauen Bart rannen, begann ihr Entſchluß zu wanken. — 156 — Aber es fiel ihr der Schwur ein, den ſie ihrem Beichtvater geleiſtet, hatte und deſſen Verſicherung, daß es ſich um die ewige Seligkeit der Kinder handle. Sie betrachtete ihre Regung als eine Verſuchung, für welche der Abbé Dubois ſie hart anlaſſen würde, und entgegnete ihrem Mann in ängſt⸗ lichem Ton: „Wie könnte man Dir vorwerfen, die Kinder beſtohlen zu haben?“ Dagobert fuhr mit der Hand über die Augen und antwor⸗ tete: „Wenn dieſe Mädchen ſo vielen Mühſeligkeiten und Widerwärtigkeiten getrotzt haben, um aus Sibirien hieher zu kommen, ſo iſt es geſchehen, weil es ſich für ſie um eine höchſt wichtige Sache, vielleicht um ein unermeßliches Ver⸗ mögen handelt. Erſcheinen ſie nicht am 13. Februar hier zu Paris in der Franciscusſtraße, ſo iſt alles verloren, und zwar durch meine Schuld, denn ich bin verantwortlich für das, was Du gethan haſt.“ „Den dreizehnten Februar? — Franciseusſtraße?“ wieder⸗ holte die alte Frau. „Das iſt wie bei Gabriel.“ „Wie ſo, bei Gabriel? „Als ich den armen Findling aufnahm, trug er am Hals eine kupferne Denkmünze.“ „Eine kupferne Denkmünze?“ fragte Dagobert erſtaunt. „Und darauf ſtand: Zu Paris werdet ihr ſeyn am 13. Februar 1832 in der Sanct Franciscus Straßes“ „Ja. Woher weißt Du das?“ fragte Franecisca. „Alſo auch Gabriel!“ murmelte Dagobert für ſich. — „Weiß Gabriel, daß Du dieſe Münze bei ihm gefunden haſt?“ „Ich habe es ihm ſeiner Zeit geſagt. Er hatte auch, als ich ihn aufnahm, in ſeinem Kleid eine Brieftaſche voll Papiere, die in einer fremden Sprache beſchrieben waren. Ich habe ſie meinem Beichtvater, dem Herrn Abbé Dubvis, übergeben, damit er ſie unterſuchte. Später hat er mir geſagt, dieſe Papiere hätten wenig Wichtigkeit. Dann hat ein chriſtlicher Mann, Herr Rodin, die Erziehung Gabriel's übernommen und ihn ins Seminar gebracht, und dieſem Herrn Rodin hat der Herr Abbé Dubois die Papiere und die Denkmünze übergeben. Seitdem hab' ich nichts mehr davon gehört.“ Als Francisca ihren Beichtvater erwähnte, ging dem al⸗ ten Soldaten ein Licht auf. Zwar war er weit entfernt, ſich — — ⸗ eine Vorſtellung von den Ränken zu machen, die ſeit langer Zeit um Gabriel und um die Töchter Simon's geſponnen waren, aber das ahnte ihm, daß ſeine Frau einem geheimen Einfluß des Beichtſtuhls folgte. Ohne gerade zu begreifen, worauf dieſer Einfluß abzweckte und wie weit er reichte, konnte er ſich jetzt wenigſtens einigermaßen die vorher unbe⸗ greifliche Hartnäckigkeit des Stillſchweigens erklären, welches ſeine Frau in Betreff der Töchter des Marſchalls Simon be⸗ obachtete. Nachdem er einige Angenblicke nachgedacht, ſtand er auf, faßte ſeine Frau ſcharf ins Auge und ſagte in ſtren⸗ gem Ton: „Hinter dieſer Geſchichte ſteckt ein Pfaff!“ „Was ſagſt Du?“ fragte die Alte betroffen. „Du haſt durchaus keinen Vortheil dabei, die Kinder vor mir zu verſtecken,“ fuhr Dagobert fort. „Du biſt das beſte Weib von der Welt. Du ſiehſt, was ich leide, und wenn Du Deiner eignen Eingebung folgteſt, würdeſt Du mich nicht ſo peinigen.“ „Lieber Freund! — —“ ſtammelte die Alte. „Ich ſage Dir, die ganze Geſchichte fängt an mir klar zu werden! Du opferſt mich und dieſe Kinder Deinem Beichtvater auf. Aber nimm Dich in Acht. Ich bringe heraus, wo er wohnt, und das Donnerwetter ſoll hineinſchlagen! ich gehe hin und frage ihn, wer bei mir Herr im Hauſe iſt, er oder ich. Und wenn er ſchweigt — dann will ich ihn zum Reden bringen!“ Dis drohende Gebärde, mit welcher Dagobert dieſe in Francisca's Ohren wie Gottesläſterung klingenden Worte begleitete, erfüllte ſie mit Entſetzen. Händeringend rief ſie: „Um Gvtteswillen! Einen Geiſtlichen? Bedenke, einen Geiſt⸗ „ — lichen „Ein Geiſtlicher, welcher Zwietracht, Verrath und Un⸗ ck in mein Haus bringt, iſt ein Schuft, ſo gut wie ein erer, und ich habe das Recht, ihm Rechenſchaft abzufor⸗ dien für das Unheil, das er mir und den Meinigen bereitet. ſſo ſage mir auf der Stelle, wo die Kinder ſind. Wo icht, ſo gehe ich zu Deinem Beichtvater und frage ihn. Es iſ hier eine Schurkerei im Werk und Du haſt dabei die Snde im Spiel, ohne es zu wiſſen. Uebrigens iſt es mir lieber, daß ich mich an einen Anderen zu halten habe, als an Dich.“ „Lieber Freund,“ ſagte Francisca in ſanftem, feſtem Ton, „Du biſt ſehr irre, wenn Du glaubſt, einen ehrwürdigen Mann einſchüchtern zu können, der ſeit zwanzig Jahren mein Seelenheil beſorgt. Er iſt ein achtbarer Greis.“ „Ich ſchere mich den Teufel um ſein Alter!“ rief Dago⸗ bert, ſich nach der Thür wendend. „Um Gotteswillen! Wo willſt Du hin? Du biſt er⸗ ſchrecklich!“ „Ich gehe in Deine Kirche. Du mußt darin bekannt ſeyn. Ichſfrage nach Deinem Beichtvater, und dann werden wir ſehen.“ Außer ſich vor Entſetzen warf ſich die Alte ihrem Mann in den Weg und rief: „Lieber Freund! ich bitte Dich um Gotteswillen, bedenke, welcher Gefahr Du Dich ausſetzeſt. Großer Gott! einen Prieſter zu beleidigen! Weißt Du denn nicht, daß das ein vorbehaltener Fall iſt?“ Ein Fall, in welchem der Abbé Dubois nicht losſprechen konnte, weil derſelbe dem Biſchof oder dem Papſt vorhehalten war, das war das Furchtbarſte, was die alte Frau in ihrer Einfalt dem alten Soldaten ſagen zu können meinte. Dieſer aber riß ſich von ihr los und wollte in der Hitze ohne Kopf⸗ bedeckung forteilen, als die Thür aufging und der Polizei⸗ Commiſſär mit der Mayeux und mit dem Polizeidiener eintrat, welcher Letztere den, dem Mädchen abgenommenen Pack trug. Dagobert erkannte den Beamten an ſeiner Schärpe. „Der Commiſſär!“ rief er. „Vortrefflich! Er kommt, wie gerufen.“ Achtzehntes Kapitel. „Fran Francisca Baudoin?“ fragte der Beamte. J „Die bin ich,“ antwortete Dagobert's Frau. Als ſie die Mayeux bemerkte, welche bleich und zitternd da ſtand, ſtrechte ſie weinend die Arme nach ihr aus und rief: „Ach, ars Kind! Verzeihe! verzeihe! um unſertwillen haſt Du dieſe Schmach erduldet.“ Und ſie umarmte und küßteßſie liebevoll. „Sie ſehen, Herr Commiſſär, ich habe nicht geſtohlen⸗ ſagte die Mayeur. „Alſo, Frau Baudoin,“ fragte der Commiſſär, „der ſilberne Becher, der Shawl, die Leintücher in dieſem Pack — —“ „Gehören mir,“ ergänzte Franeisca. „Aus Gefälligkeit gegen mich hat dies liebe, gute, ehrliche Kind ſich die Mühe genommen, dieſe Sachen ins Pfandhaus zu tragen.“ „Hören Sie,“ ſprach der Beamte in ſtrengem Ton zum Poltzeidiener, „Sie haben einen beklagenswerthen Irrthum begangen. Ich werde Bericht darüber erſtatten und auf Ihre Beſtrafung dringen. Gehen Sie fort! — Liebes Kind!“ fuhr er mit dem Ausdruck wabren Bedauerns fort, „leider kann ich nichts weiter thun, als Ihnen meine aufrichtige Betrübniß über das Vorgefallene verſichern. Seyn Sie überzeugt von meinem Mitgefühl für das Schmerzliche, was in dieſem Miß⸗ griff für Sie liegt.“ „Ich glaube es, Herr Commiſſär,“ antwortete das Mäd⸗ chen, „und ich danke Ihnen dafür.“ Sie ſetzte ſich nieder, denn nach ſo vielen Erſchütterungen waren ihre Kräfte und ihr Muth erſchöpſt. Der Beamte wollte weggeben. Dagobert, der bisber reif⸗ lich nachgedacht hatte, redete ihn mit feſter Stimme an: „Herr Commiſſär, hören Sie mir gefälligſt zu. Ich habe eine Ausſage vor Ihnen zu machen.“ „Reden Sie,“ erwiederte der Polizeicommiſſär. „Was ich Ihnen ſagen will, iſt höchſt wichtig. Ich mache meine Slörung vor Ihnen, als einer damit Sie dieſelbe zu den Akien nehmen.“ „Als Amtsperſon höre ich Sie an,“ erwiederte der Com⸗ miſſär. „Vorgeſtern“ begann Dagobert, „bin ich hier angekommen und habe aus Rußland zwei junge Frauenzimmer mitgebracht, die mir von ihrer Mutter, der Frau des Herrn Marſchalls Simon, anvertraut waren.“ „Des Herrn Marſchalls Herzogs von Ligny?“ unterbrach der Comm ſſär betroffen.“ „Ja, Herr Commiſſär. Geſtern habe ich ſie hier zurückge⸗ — 160 — laſſen. Ich war genöthigt, wegen einer ſehr dringenden An⸗ gelegenheit wieder abzureiſen Dieſen Morgen, während mei⸗ ner Abweſenheit, ſind ſie verſchwunden. Und ich bin gewiß, den Menſchen zu kennen, der ihr Verſchwinden bewirkt hat.“ „Lieber Freund!“ rief Francisca voll Angſt. „Herr Bandoin,“ bemerkte der Beamte, „Ihre Erklärung betrifft eine ernſte Sache. Verſchwinden von Perſonen — vielleicht geſetzwidrige Einſperrung! — — Sind Sie wirklich Ihrer Sache gewiß?“ „Vor einer Stunde waren dieſe Mädchen noch hier, Herr Commiſſär. Ich wiederhole, in meiner Abweſenheit ſind ſie entführt worden.“ „Ich möchte an der Aufrichtigkeit Ihrer Erklärung nicht zweifeln, Herr Baudoin,“ entgegnete der Beamte. „Indeß eine ſo plötzliche Entführung — — iſt ſchwer zu erklären. Wer hat Ihnen geſagt, daß dieſe Mädchen nicht wiederkommen werden? Kurz, wen haben Sie im Verdacht? — Noch ein Wort, ehe Sie Ihre Anklage vorbringen. Vergeſſen Sie nicht, daß eine Amtsperſon Sie anhört. Wenn ich von hier weggehe, iſt die Sache vielleicht bei Gericht anhängig“ „Das will ich eben, Herr Commiſſär. Ich bin verant⸗ wortlich für dieſe Mädchen gegen ihren Vater. Er kann jeden Augenblick ankommen, und es iſt mir darum zu mich zu rechtfertigen. 2 ch begreife das,“ erwiederte der Beamte. „Aber noch⸗ mals nehmen Sie ſich in Acht, daß Sie ſich nicht durch vielleicht unbegründeten Argwohn irre leiten laſſen. Wenn Ihre Anſchuldigung einmal ausgeſprochen iſt, würde ich viel⸗ leicht genöthigt ſeyn, auf der Stelle vorſorglich gegen die Perſon einzuſchreiten, die Sie anklagen. Hätten Sie ſich nun einen Irrthum zu Schulden kommen laſſen, ſo würde das ſehr ernſte Folgen für Sie haben. Was brauche ich Ihnen viel zu ſagen? Betrachten Sie dies Mädchen und ſehen Sie die Folgen einer falſchen Anklage.“ „Hörſt Du,“ lieber Freund?“ rief Francisca in ſteigender Angſt über den Entſchluß Dagobert's in Betreff des Abbé Dubvis. „Ich bitte Dich um Gotteswillen, ſprich kein Wort weiter.“ 2 war, je mehr er hatte, deſo k — 51 mehr in ſeiner Ueberzeugung beſtärkt worden, daß nur der Einfluß ihres Beichtvaters ſeine Frau hatte beſtimmen kön⸗ nen, zu handeln und zu ſchweigen. Darum fuhr er zuver⸗ ſichtlich fort: „Ich klage den Beichtvater meiner Frau an, der Urheber oder der Mitſchuldige der Entführung der Töch⸗ ter des Marſchalls Simon zu ſeyn.“ Die alte Frau ſtieß einen ſchmerzlichen Seufzer aus und verbarg ihr Geſicht in ihren Händen. Die Mayeux trat zu ihr und ſuchte ſie zu tröſten. Der Beamte hatte Dagobert's Erklärung mit dem größten Erſtaunen angehört. Er nahm einen ſtrengen Ton an und ſprach: „Herr Baudvin, bringen Sie keine ungerechte Anklage vor gegen einen Mann, der mit der ehrfurchtgebietendſten Würde begleitet iſt, gegen einen Prieſter. Herr Bandoin, Sie ſprechen gegen einen Prieſter. Ich hatte Sie gewarnt, Sie hätten überlegen ſollen. Die Sache wird mit jedem weiteren Wort immer ernſter. In Ihrem Alter wäre ein leichtſinniger Streich unverzeihlich.“ „Schwerenoth! Herr Commiſſär,“ rief Dagobert ungedul⸗ dig, „in meinem Alter hat man geſunden Menſchenverſtand. Hören Sie, wie die Sachen ſtehn. Meine Frau iſt das beſte, ehrenwertheſte Weib. Befragen Sie ſich nach ihr in der Nachbarſchaft, und Sie werden dasſelbe hören. Aber ſie iſt eine Betſchweſter, und ſeit zwanzig Jahren ſieht ſie nur durch die Brille, welche ihr Beichtvater ihr aufſetzt. Sie vergöttert ihren Sohn, ſie liebt auch mich von Herzen. Aber über ihren Sohn, und über mich geht ihr der Beichtvater.“ „Herr Baudvin,“ unterbrach der Polizeicommiſſär, „dieſe Einzelheiten des Familienlebens — —“ „Gehören nothwendig zur Sache,“ ergänzte Dagobert. „Sie werden es gleich ſehen. Vor einer Stunde gehe ich aus, um die Freilaſſung dieſes armen Mädchens zu begehren. Ich komme zurück, und die Kinder des Marſchalls Simon ſind verſchwunden. Bei meiner Frau hatte ich ſie gelaſſen. Ich frage ſie, wo ſie ſind. Sie fällt auf die Knie, ſchluchzt und ſagt zu mir: Mache mit mir, was Du willſt, aber frage mich nicht, was aus den Kindern geworden iſt, ich kann Dir keine Antwort geben.“ III. „Iſt das wirklich wahr, Frau Bandoin?“ fragte der Com⸗ miſſär betroffen. „Toben, Drohungen, Bitten,“ fuhr Dagobert fort, — „nichts hat gefruchtet. Sie antwortete mir mit ihrer heiligen Sanftmuth: Ich kann nichts ſagen. — Nun hören Sie, Herr Commiſſär, was ich ſage. Meine Frau hat durchaus keinen Vor⸗ theil von dem Verſchwinden dieſer Mädchen. Sie ſteht gänz⸗ lich unter der Herrſchaft ihres Veichtvaters. Auf ſeinen Be⸗ fehl hat ſie gehandelt. Sie iſt blos das Werkzeug. Er al⸗ lein iſt der Schuldige.“ Während Dagobert ſprach, betrachtete der Commiſſär mit ſteigender Aufmerkſamkeit die alte Frau, welche von der Mayeur geſtützt, bitterlich weinte. Er beſann ſich einen Au⸗ genblick, trat einen Schritt näher zu der Alten und ſagte: „Frau Baudvin, haben Sie gehört, was Ihr Mann erklärt hat?“ „Ja, lieber Herr.“ „Was haben Sie zu Ihrer Rechtfertigung zu ſagen?“ „Herr Commiſſär,“ fiel Dagobert ein. „Ich klage ja nicht meine Frau an — das fällt mir nicht ein — ſondern ihren Beichtvater.“ — „Herr Baudoin,“ verſetzte der Polizeicommiſſir, „Sie haben ſich an eine Amtsperſon gewandt. Und der Amts⸗ perſon kommt es zu, ſo zu verfahren, wie ſie zur Entdeckung der Wahrheit verfahren zu müſſen glaubt. — Nochmals, Frau Baudoin, was haben Sie zu Ihrer Rechtfertigung zu ſagen?“ „Ach, nichts, lieber Herr!“ „Iſt es wahr, daß Ihr Mann, als er von Ihnen wegging, dieſe Kinder unter Ihrer Obhut gelaſſen hat?“ „Ja, lieber Herr!“ „Iſt es wahr, daß er ſie bei ſeiner Rückkehr nicht mehr hier vorgefunden hat?“ 4. iieer Herr „Iſt es wahr, daß Sie auf ſeine Frage, wo ſie wären, ihm geantwortet haben, Sie könnten ihm nichts darüber ſagen?“ Mit ungeduldiger Neugier ſchien der Polizeicommiſſär die Antwort auf dieſe Frage zu erwarten. Und Franeisca ſagt — 163 — einfach und unbefangen: „Ja, lieber Herr; das hab' ich mei⸗ nem Mann geantwortet.“ Der Beamte machte eine Gebärde faſt ſchmerzlicher Ueber⸗ raſchung „Wie?“ ſprach er; „auf alle Bitten und auf alles Zureden Ihres Mannes haben Sie keine andere Antwort geben können? Sie haben verweigert, ihm irgend eine Auskunft zu geben? Das iſt ja weder wahrſcheinlich, noch möglich!“ „Es iſt aber doch die Wahrheit, lieber Herr.“ „Aber, Frau Baudoin, was iſt denn aus den Kindern ge⸗ worden, die man Ihnen anvertraut hat?“ „Ich kann ja nichts darüber ſagen, lieber Herr. Wenn ich meinem armen Mann keine Antwort gegeben habe, ſo werde ich doch gewiß niemand anderm antworten.“ „Nun, Herr Commiſſär,“ nahm Dagobert das Wort, „hatte ich Recht? Eine ehrliche, vortreffliche Frau, die immer ver⸗ nünftig und liebevoll gegen die Ihrigen iſt, führt eine ſolche Sprache! Geht das mit rechten Dingen zu? Ich wiederhole Ihnen, Herr Commiſſär, es iſt eine Beichtvatergeſchichte. Laſſen Sie uns raſch und ſcharf dem Pfaffen zu Leibe gehn, und wir werden Alles erfahren und meine armen Kinder werden mir wiedergegeben werden.“ Mit einiger Rührung ſagte der Polizeicommiſſär zu der alten Frau: „Frau Baudvin, ich muß mit Strenge zu Ih⸗ nen ſprechen. Meine Pflicht nöthigt mich dazu. Die Ge⸗ ſchichte verwickelt ſich dergeſtalt und wird ſo ernſt, daß ich auf der Stelle die Sache bei Gericht anhängig machen muß. Sie geben zu, daß dieſe Mädchen Ihnen anvertraut worden ſind, und Sie können dieſelben nicht aufweiſen. Nun hören Sie mich wohl an! Weigern Sie ſich ferner, Aufklärung in Betreff derſelben zu geben, ſo werden Sie allein der Schuld an deren Verſchwinden angeklagt. Und zu meinem großen Bedauern wäre ich genöthigt, Sie zu verhaften.“ „Mich?“ rief die alte Frau mit Entſetzen. „Sie?“ rief Dagobert. „Nein! nochmals ſage ich; ihren Beichtvater klage ich an und nicht ſie. — Meine arme Frau verhaften!“ Und er eilte auf ſie zu, wie um ſie zu beſchützen. „Herr Baudoin,“ ſagte der Commiſſär, „es iſt zu ſpät; Sie haben bei mir Ihre Klage wegen der Entführung der zwei Mädchen angebracht. Die eignen Erklärungen Ihrer Frau haben bis jetzt nur ſie ſelber blosgeſtellt. Ich muß ſie zu dem königlichen Procurator führen, und dieſer wird das Weitere verfügen.“ „Und ich, Herr Commiſſär, ſage Ihnen, daß meine Frau nicht aus dieſem Zimmer kommt!“ rief Dagobert in drohen⸗ dem Ton. „Herr Baudoin,“ verſetzte der Beamte kaltblütig, „ich be⸗ greife Ihren Unmuth. Aber um der Ergründung der Wahr⸗ heit willen, bitte ich Sie, widerſetzen Sie ſich nicht einer Maßregel, die zu verhindern Sie in zehn Minuten ſchlechter⸗ dings außer Stand ſeyn würden.“ Dieſe mit Ruhe ausgeſprochenen Worte brachten den alten Soldaten zur Beſinnung. „Aber, Herr Commiſſär,“ rief er, „ich klage ja nicht meine Frau an!“ „Laß es geſchehen, lieber Freund, und bekümmere Dich nicht um mich,“ ſagte die Dulderin mit gottſeliger Ergebung. „Der Herr will mich noch hart prüfen. Ich bin ſeine unwürdige Magd. Ich muß ſeine Fügungen mit Dank annehmen. Wenn der Herr Commiſſär mich verhaften will, ſo mag er's thun. Ich werde im Gefängniß nicht mehr ſagen, als ich hier geſagt habe in Betreff dieſer armen Kinder.“ „Herr Commiſſär!“ rief Dagobert, „Sie hören ja, daß . meine arme Frau nicht bei Sinnen iſt. Wie können Sie dieſelbe verhaften?“ „Es liegt durchaus keine Thatſache, kein Beweis, kein An⸗ zeichen gegen die Perſon vor, welche Sie beſchuldigen und zu deren Gunſten ſchon ihre Amtswürde ſpricht. Laſſen Sie mich Ihre Frau fortführen. Vielleicht wird ſie Ihnen nach einem erſten Verhör zurückgegeben. Ich bedaure, Herr Bandvin, daß ich ein ſolches Geſchäft zu vollziehen habe in einem Au⸗ genblick, wo die Verhaftung Ihres Sohnes Ihnen — —“ „Was?“ unterbrach Dagobert, ſeine Frau und die Mayeur voll Beſtürzung anſehend, „was ſagt er? — — Mein Sohn — —“ „Sie wußten es nicht?“ rief der Beamte, ſchmerzlich er⸗ griffen. „O, verzeihen Sie! Es thut mir in der Seele weh, Ihnen eine ſolche Kunde zu geben.“ „Mein Sohn!“ rief Dagobert, mit beiden Händen an die Stirn fahrend. „Mein Sohn! — — verhaftet!“ 6 „Wegen eines, übrigens unbedeutenden politiſchen Verge⸗ hens,“ ſagte der Beamte. „O, das iſt zu viel! Alles kommt auf einmal über mich!“ jammerte der alte Kriegsmann, auf einen Stuhl niederſin⸗ kend und ſein Geſicht mit den Händen bedeckend. Nach einem herzzerreißenden Abſchied, bei welchem Fran⸗ eisca, trotz ihren Beängſtigungen, ihrem dem Abbé Dubvis gelei⸗ ½ ſteten Schwur treu blieb, weigerte ſich Dagobert, ſeiner Frau zu folgen und vor dem Procurator als Zeuge wider ſie auf⸗ 3 zutreten. Erſchöpft von ſo vielen Erſchütterungen, ſtützte er die Arme auf einen Tiſch und rief: „Geſtern — — hatte ich bei mir — mein Weib — meinen Sohn — — meine zwei armen Waiſen — — und jetzt — — allein — — allein!“ Sanft und ſchüchtern ließ ſich hinter ihm eine Stimme vernehmen: „Herr Bandoin — — ich bin da — — Wenn Sie es erlauben, werd' ich Sie bedienen. Ich bleibe bei 1— Ihnen.“ Es war die Stimme der Mayeux. — ½ 2— S — 3 — 7 „ 2 7 . z0 — — — Anmerkungen. ¹) Zu dieſer Empfehlung findet ſich folgende Auslegung in den Conſtitutionen der Jeſuiten: „Auf daß die Sprechweiſe den Empfin⸗ dungen zu Hülfe komme, iſt es weiſe, ſich die Redensarten: „Ich hatte Eltern, ich hatte Brüder“ — anzugewöhnen, anftatt: „ich habe Eltern, ich habe Brüder“. (Kxamen général p. 29. Consti- tutions. — Paulin. 1843. Paris.) ) Stets werden wir uns mit Achtung und mit dem Kebhaften Ge⸗ fühl der Uebereinſtimmung an das ſchöne Buch des königlichen Pro⸗ curators Proſper Tarbé erinnern, auf welches wir uns in einem an⸗ dern Wert berufen haben. Arbeit und Lohn iſt eins der tüchtig⸗ ſten, tefgedachteſten Werke, welche je aufgeklärte Menſchenliebe einem edlen Herzen, einem hohen praktiſchen Verſtand eingegeben hat. Ende des dritten Bandes. = —— — —