— 1 Leihbibliothek deutſcher, engliſcher und franzöſiſcher Literatur Eduard Oiltmann in Gießen, Schloßgaſſe Lit. A. Nr. 256. Seih- und eſebedingungen. 1. Ofensein der Bibliothek. Die Bibliothek ſteht zur Em⸗ pfangnahme und Rückgabe der Bücher jeden Tag von Morgens 7 Uhr bis Abends 8 offen. 2 Lesepreis. Bei Rückgabe eines geliehenen Buches wird von I( jedem Tag 5 Pf bezahlt. Die Zeit eines Tages iſt zu 24 Stun⸗ den angenommen. 5 3. Caution. Unbekannte Perſonen müſſen, bei Entgegennahme eines Buches, eine dem Werthe deſſelben entſprechende Summe welche bei deſſen Zurückgabe von mir zurückerſtattet wird. 8 4. Abonnement. Daſſelbe muß voraus bezahlt werden und 9 beträgt auf 1 Monat: TN — . 1 W 2 W 3 „ 5. Auswärtige Abonnenten haben für Hin⸗ und Zurückſendung der Bücher auf ihre eigenen Koſten und Gefahr ſelbſt zu ſorgen. 6. Schadenersatz. Für beſchmutzte, zerriſſene, verlorene und defecte Bücher (namentlich bei ſolchen mit. Kupfern ꝛc.) muß der Ladenpreis erſetzt werden. — Iſt das zerriſſene, beſchmutzte, ver⸗ lorene oder defecte Buch ein Theil eines größeren Werkes, ſo iſt der Leſer zum Erſatz des Ganzen verpflichtet. 7. Ausleihereit. Dieſelbe iſt auf 14 Tage feſtgeſetzt und wird beſonders darauf aufmerkſam gemacht, daß das Weiterverleihen der Bücher nicht ſtattfinden darf, indem Diejenigen, welche vie⸗ ſelben von mir geliehen, auch dafür zu ſtehen haben. für wöchentlich 2 Bücher: 4 Bücher: 6 Bücher: Roman von Eugen Sue. Ueherſen von Friedrich Funck. Zweiter Band. * Frankfurt a. M. Verlag von Auguſt Oſerri — Früchte feines Gift enthalten, wo der Schatten wunderſchöner Erſter Theil. Erſtes Kapitel. Der Ajupa. Wirend Herr Rodin aus der Straße Milien des Ur ſins ſeine Welteorreſpondenz abfertigte, und während die Töchter des Generals Simon, auf ihrer Flucht aus der Herberge zum Weißen Falken eingeholt, zu Leipzig mit Da⸗ gobert gefangen gehalten wurden, gingen ſo zu ſagen parallel andere Dinge, welche für die genannten Perſonen höchſt wichtig waren, am andern Ende der Welt vor, auf Java ſicht weit von der Stadt Batavia, wo Joſua van Dael, einer der Correſpondenten des Herrn Rodin, wohnte. Java iſt ein prachtvolles Unglücksland, wo die herrlichſten Blumen ekelhaftes Gewürm verbergen, wo die lockendſten Bäume tödet, wo die Rieſenfledermaus, Vampir genannt, dem Schlafenden das Blut ausſangt, indem ſie ſeinen Schlum mer durch Zufächeln kühler Luft mit ihren moſchusduftende Flügeln verlängert. Es war an einem der letzten Oetobertage des Jahres 1831, um die Mittagsſtunde, wo es faſt lebensgefährlich ſic den Strahlen der im dunkelblauen Himmelsraum bre auszuſetzen. Eine Gruppe von Bäumen, blättern belegt. Die Stelle des Fenſters vertrat eine vier⸗ ine zuſammengeringelte fünf Zoll lange ziegelrothe Schlange ſ ſi 2 theils bogenförmig wölbten, theils ſchlank emporſtrebten, theils ſich wie Sonnenſchirme ausbreiteten, bildeten mit ihren gleich grünem Porcellan glänzenden Blättern ein ſo dichtes Laubdach, daß kein Regentropfen durchdringen konnte. Im bläulichen Schatten dieſes Laubdachs ſtand ein Ajupa, eine Art Hütte . oder Ruhezelt von Binſenmatten, die über dicke Bambusſtan⸗ gen ausgeſpannt waren. Der, trotz der hölliſchen Gluthhitze, ſtets ſumpfige Boden verſchwand unter einem Gewirr von . Lianen, Farnkräutern und buſchigen Binſen, welche faſt bis ans Dach des wie ein Vogelneſt im Grünen verſteckten Ajupa reichten. Die Luft über dieſem feuchten Boden war erſtickend, denn ſie glich dem Dampf heißen Waſſers und war mit den ſtärkſten, ſchärfſten Düften geſchwängert, welche Zimmt⸗ und Ingwerbäume und die, zwiſchen den Bäumen und den Schling⸗ pflanzen wachſenden, Stephanotis und Gardenien aushauchten. Das Dach jener zeltartigen Hütte war mit breiten Bananen⸗ 2 eckige Oeffnung, verſchloſſen mit einem feinen Netz von Pflan⸗ . zenfaſern zur Abhaltung von giftigem Gewürm und Ungezie⸗ ſer. Die Spitze des Dachs lehnte ſich ſcheinbar an das ab⸗ gebrochene Ende eines dicken verdorrten Baumſtamms, der zwar noch ſtand, aber ſehr geſenkt war. Aus jeder Ritze ſeiner rauhen, ſchwarzen, bemvosten Rinde war eine faſt ſtineſuſe Blume hervorgewachſen. Ein Schmetterlingsflügel hat kein feineres Gewebe, kein ſchöneres Purpurroth, kein tieferes Sammetſchwarz, und die Vögel, welche man im Traum ſieht, haben keine ſeltſameren Geſtalten, als dieſe Orchis) welche jeden Augenblick von ihren dünnen blätterloſen Stie⸗ len wegfliegen zu wollen ſcheinen. Um den Stamm herum wanden ſich ſchlangengleiche Cactus und hingen ihre grünen Zweige herab mit Büſcheln großer ſilberweißer, im Inneren orangegelber Blumen, welche einen übermäßig ſtarken Vanille⸗ geruch verbreiteten. Aus einem dieſer duftenden Kelche ſtreckte von der Dicke eines Federkiels ihren platten Kopf halb hervor. Hinten in dem Ajupa lag auf einer Matte in tiefem Schlaf ein junger Mann. Mit ſeiner goldgelben durchſichtigen Hant glich er einer Bildſäule von gelbem Metall, auf welcher ein Seine Lage war ungezwungen und an — 3 — muthig. Sein Haupt ruhte auf ſeinem gebogenen rechten Arm. Sein weites Kleid von weißem Muslin ließ Bruſt und Arme, würdig eines Antinous, ſehen. Marmor iſt nicht feſter und glänzender als ſeine Haut, deren Goldgelb ſcharf gegen ſein weißes Gewand abſtach. Auf ſeiner breiten ge⸗ wölbten Bruſt war eine tiefe Narbe zu ſehen, die Spur einer Schußwunde, die er empfangen hatte in Vertheidigung des Generals Simon, des Vaters von Roſa und Blanca. Denn dieſer Indier war Dſchalma. Er trug am Hals die⸗ ſelbe Medaille wie die beiden Schweſtern. Seine Züge waren edel und reizend ſchön. Seine blau⸗ ſchwarzen Haare fielen, in der Mitte geſcheitelt, geſchmeidig, aber nicht gelockt, auf ſeine Schultern herab. Seine kühn und fein gezeichneten Brauen waren von einem eben ſo tiefen Schwarz wie ſeine Wimpern, welche ſeine unbärtigen Wan⸗ gen beſchatteten. Zwiſchen ſeinen rothen halbgeöffneten Lippen drang mühſam ſein Athem hervor. Sein Schlaf war uner⸗ quicklich, denn die Hitze ward immer erſtickender. Außen herrſchte tiefe Stille. Kein Lüftchen regte ſich. Plötzlich begannen die rieſigen Farnkräuter ſich zu bewegen, als ob ein langſam kriechender Körper ihre Stiele an der Wurzel erſchütterte. Dieſe ſchwache Bewegung hörte auf und begann wieder. Der Wechſel eines leichten Geräuſches und tiefer Stille wiederholte ſich mehrmals. Endlich kam in der Nähe des abgeſtorbenen Stammes aus den Binſen der Kopf eines Menſchen zum Vorſchein. Langes ſchwarzes Haar lag in Flechten um dieſen Kopf. Sein unheilverkündendes Geſicht hatte die Farbe grünlichen Erzes. Seine Augen glühten von wildem Feuer, und ſeine Züge drückten Verſtand und Bös⸗ artigkeit aus. Den Athem anhaltend, blieb der Menſch einen Augenblick unbeweglich und kroch dann auf Händen und Füßen weiter. Er bog jetzt die Blätter ſo ſanft auseinander, daß man auch nicht das mindeſte Geräuſch mehr vernahm und gelangte auf dieſe Weiſe langſam und vorſichtig bis zum Stamm des abgeſtorbenen Baums, deſſen oberes Ende an das Dach des Ajupa reichte. Nachdem er von gehorcht, erhob er ſich. Abgerechnet ganz kurze ollene Beinkleider, welche ein bunter Gürtel über de ten befeſtigte, war er ganz nackt. Eine dicke Lage O — 4 — zog ſeine braunen biegſamen und nervigen Glieder. Es war ein Malaie von der Secte der Würger. Er ſtreckte ſich über den dicken, von Lianen umſchlungenen, Stamm hinte der Hütte, ſo daß derſelbe ihn ganz verbarg und begann langſam, vorſichtig und ohne Geräuſch hinauf⸗ zuklimmen. In der wellenförmigen Bewegung ſeines Rück⸗ grats, in der Geſchmeidigkeit ſeiner Bewegungen und in ſei⸗ ner zurückgehaltenen Kraft, deren volle Entwickelung furchtbar ſeyn mußte, lag etwas von dem tückiſchen Schleichen des auf Raub ausgehenden Tigers. Unſichtbar von der Seite der Hütte, eleſ er bis zu dem Ende des Baums ganz in der Nähe des Daches, ſo daß er nur etwa einen Fuß noch von dem Luftloch entfernt war. Jetzt ſtreckte er vorſichtig den Kopf hervor und warf einen Blick in das Innere der Hütte, um zu erforſchen, auf welche Weiſe er hineinkommen könnte. Beim Anblick des feſt ſchlafenden Dſchalma ſtrahlten die Augen des Würgers in verdoppeltem Glanz. Ein grimmiges Lächeln zog ſeine Mundwinkel in die Höhe und enthüllte zwei Reihen glänzend ſchwarzer Zähne, welche wie die Zähne einer Säge ſpitz gefeilt waren. Dſchalma lag ſo an der von außen nach innen ſich öffnen⸗ den Thür, daß der Verſuch, dieſe zu öffnen, ihn augenblicklich geweckt haben müßte. Um das Inneré der Hütte genauer auszuſpähen, bog der Würger ſich weiter vor und ſtützte ſeine Hand leicht auf den untern Rand der Fenſteröffnung. Dieſe Bewegung erſchütterte die Cactusblume, in welcher ſich die blitzſchnell um das Handgelenk des Würgers. Schmerz oder ueberraſchung preßten dieſem einen unterdrückten Schrei aus. Er fuhr zurück und bemerkte, daß Dſchalma ſich regte. Ohne ſeine Lage im Ganzen zu verändern, öffnete der Schläfer halb die Augen, drehte den Kopf nach dem Fenſterchen und holte tief Athem. In demſelben Augenblick ertönte hinter dem Baumſtamme ein kurzer, gellender Schrei (ähnlich dem des Faſans), wie ihn der Paradiesvogel beim Auffliegen ausſtößt. Dieſer Schrei wiederholte ſich, aber ſchwächer, wie wenn der aufgeweckt habe, ſtreckte ein wenig den Arm aus, auf welchem ſein Haupt geruht hatte, und ſchlief wieder ein. Aberm kleine Schlange befand. Sie ſchoß hervor und wickelte ſich Vogel wegflöge. Dſchalma glaubte jetzt zu wiſſen, was ihn F — 5 — herrſchte mehre Minuten lang in diefer Einſamkeit regungs⸗ loſe Stille. 4 Der Würger hatte durch ſeine geſchickte Nachahmung der Stimme des Paradiesvogels den Fehler wieder gut gemacht, den er durch den Ausdruck des Schreckens über den Stich der Schlange begangen hatte. Nach einiger Zeit ſtreckte er noch⸗ mals den Kopf vor und bemerkte, daß Dſchalma wieder einge⸗ ſchlafen war. Vorſichtig, wie er hinaufgekommen, ſtieg er wieder von dem Baum herab, ohne ſich durch die Geſchwulſt ſeiner linken Hand in Folge des Schlangenbiſſes beirren zu laſſen, und verſchwand in den Binſen. In dieſem Augenblick ließ ſich aus der Ferne ein eintöni⸗ ger, ſchwermüthiger Geſang vernehmen. Der Würger rich⸗ tete ſich wieder auf und horchte. Sein Geſicht nahm den Ausdruck der Ueberraſchung und des Ingrimms an. Der Geſang kam immer näher. Nach wenigen Augenblicken trat aus einer Lichtung ein Indier hervor und nahm ſeine Rich⸗ tung nach der Stelle, wo der Würger verſteckt lag. Dieſer wickelte von ſeinen Hüften einen langen, dünnen Strick los an deſſen einem Ende ein bleiernes Ei befeſtigt war, und ſchlang das andere Ende um ſein rechtes Handgelenk. Er horchte von Neuem und kroch nach der Richtung hin, woher der junge Indier kam. Dieſer Indier, ein Burſch von zwanzig Jahren, mit brau ner Haut, trug ein Kleid von blauem Baumwollenzeug, mit einem bunten Gürtel feſtgehalten, einen kleinen rothen Tur⸗ ban, und in den Ohren und an den Handgelenken ſilberne Ringe. Er war ein Sklave Dſchalma's, der ſeinem, ziemlich weit von ſeiner Wohnung der Ruhe pflegenden, Herrn eine Botſchaft brachte. An einer Stelle, wo der Weg ſich theilte, ſchlug er denjenigen Pfad ein, der zur Hütte führte. Er war kaum vierzig Schritte von derſelben entfernt, als in ſeiner Nähe einer der großen javaniſchen Schmetterlinge, die mit ausgeſpannten Flügeln ſechs bis acht Zoll meſſen, ultramarin⸗ blau mit zwei vertikalen Goldſtreifen, von Blatt zu Blatt flatterte und ſich auf einem Gardeniabuſch niederließ. Der Sklave hörte auf zu ſingen, blieb ſtehen, ſtreckte behutſam den Fuß, dann die Hand aus und haſchte den demſelben Augenblick vernahm er ein S wie einer Schleuder. Er ſah auf, erblickte vor ſich den Würger und fühlte zugleich, wie ein Strick ihm dreimal um den Hals fuhr. In der nächſten Sekunde ſchlug die Bleikugel wider ſeinen Hinterkopf und betäubte ihn ſo, daß er lautlos tau⸗ melte. Der Würger riß an dem Strick. Der Sklave ſank auf die Knie und zappelte mit den Händen, während ſein braunes Geſicht blauſchwarz wurde. Der Würger riß ihn völlig nieder und zog den Strick dermaßen an, daß das Blut aus der Haut des Halſes ſpritzte. Noch einige Zuckungen, und der Sklave hatte geendet. Während dieſes kurzen, aber ſchrecklichen Todeskampfes kniete der Mörder vor ſeinem Opfer und beobachtete mit ſtarren, glühenden Augen ſeine leiſeſten Zuckungen. Er ſchien in die Wonne einer grauſamen Luſt verſenkt zu ſeyn. Seine Nas⸗ löcher dehnten ſich aus, die Adern ſeiner Schläfe und ſeines Halſes ſchwollen an, und daſſelbe Grinſen, wie beim Anblick des ſchlafenden Dſchalma, zeigte ſeine ſchwarzen, ſpitzen Zähne, die wider einander klapperten. Als der Sklave ſich nicht mehr regte, kreuzte er die Arme auf der Bruſt, ſenkte den Kopf und murmelte geheimnißvolle Worte, die einem Gebet glichen. Hierauf ſtierte er wieder den Leichnam an mit demſelben Blick, welchen die Hyäne oder die Tigerkatze von oben herab auf ihre Beute wirft, bevor ſie dieſelbe verzehrt. Vald jedoch erinnerte er ſich, daß er über dieſer genußvollen Beſchauung ſeine eigentliche Aufgabe verſäumte. Er machte den Strick vom Hals des Ermordeten los, wickelte ihn wieder um ſeinen Leib, ſchleifte den Leichnam aus dem Weg und verſteckte ihn unter einem Binſenbuſch, ohne ſich damit aufzuhalten, ihm die ſilbernen Ringe abzunehmen. Hierauf kroch er wieder auf dem Bauch an die Hütte Dſchalma's. Er horchte aufmerkſam, zog dann aus ſeinem Gürtel ein, in ein Bananenblatt gewickeltes, Meſſer und machte einen drei Fuß langen Schnitt. Durch dieſe Oeffnung ſah nung ſchlüpfte er mit unglaublicher Keckheit in den Ajupa. in die Matte, welche die Wand bildete, raſch und geräuſchlos er, daß Dſchalma noch feſt ſchlief, und durch dieſelbe Oeff⸗ — 51 Zweites Kapitel. Die Tätowirung. Der bisher rein blaue Himmel nahm allmählig eine ins Grünliche fallende Färbung an. Ein röthlicher Dunſt um⸗ ſchleierte die Sonne und gab den Gegenſtänden ein Anſehen, wie wenn man ſie durch ein kupferfarbiges Glas betrachtete. Dieſe Erſcheinung, verbunden mit einer Steigerung der Hitze, iſt in dieſen Gegenden der Vorbote des Gewitters. Von Zeit zu Zeit ſpürte man einen ſchnell wieder vergehenden Schwefelgeruch, während zugleich, in Folge elektriſcher Strö⸗ mungen, die Blätter ſich bewegten und bald wieder unbeweg⸗ lich an ihren Stielen hingen. Die Hitze der mit ſcharfen Düften geſättigten Luft ward unerträglich. Dicke Schweiß⸗ tropfen perlten von der Stirn Dſchalma's, der noch immer in ſeinem entnervenden Schlummer lag. Wie eine Schlange ſchlüpfte der Würger längs den Wän⸗ den des Ajupa hin und kroch auf dem Bauche bis zur Matte Dſchalma's. Auf ſeine Hände und ſeine Kuie geſtützt, mit 6 ausgeſtrecktem Hals und ſtierem Blick, glich er einem auf dem Sprunge ſtehenden Raubthier. Anfangs waren ſeine häßli⸗ chen Züge unbeweglich wie die einer ehernen Maske, und nur eine leichte, krampfhafte Bewegung der Kinnladen ver⸗ rieth ſeine fieberhafte Aufregung. Allmählig theilte ſich aber die Bewegung all ſeinen Geſichtsmuskeln mit, und dieſe ver⸗ riethen den heftigen Kampf in ſeiner Seele zwiſchen der Mord⸗ luſt, welche die eben vollführte Erwürgung des Sklaven an⸗ gefacht hatte, und zwiſchen dem empfangenen Befehl, dem Kö⸗ nigsſohn nicht das Leben zu nehmen, ſondern ihm etwas an⸗ ders zu thun, was vielleicht ſchlimmer ſeyn ſollte. Zwei Mal griff er, bloß auf die linke Hand ſich ſtützend, mit der rechten nach ſeinem Strick, und zwei Mal ſenkte dieſe Hand ſich wie⸗ e auf den Boden. Die Mordluſt beugte ſich vor einem i deſſen Macht für den Malaien unwiderſtehlich war. — —L —— — 8 — Seine Mordluſt mußte nahe an Wahnſinn ſtreifen, denn mit ſeinem Zögern verlor er eine koſtbare Zeit. Von einem Augenblick zum andern konnte Dſchalma erwachen, und ob⸗ wohl unbewaffnet, wäre der rieſenſtarke und gewandte Königs⸗ ſohn für den Würger ein furchtbarer Gegner geweſen. End⸗ lich bequemte er ſich, einen Seufzer unterdrückend, an das ihm vorgeſchriebene Geſchäft zu gehen. Dſchalma lag mit dem Geſicht zur Linken gekehrt und flützte den Kopf auf den ge⸗ bogenen Arm. Es galt nun vor allen Dingen, ihn dazu zu bringen, daß er, ohne zu erwachen, ſein Geſicht rechts, d. h. nach der Thür zu, drehte, damit, wenn er halb erwachte, ſein erſter Blick nicht auf den Würger fiele. Der Himmel verdüſterte ſich immer mehr. Die Hitze er⸗ reichte den höchſten Grad und vermehrte die ſtarre Erſchlaffung Dſchalma's, ganz dem Wunſch des Würgers gemäß. Dieſer erhob ſeinen Oberleib aus der gebückten Stellung ünd begann, neben Dſchalma knieend, über deſſen Stirn, Schläfe und Au⸗ genlieder mit ſeinen geölten Fingern ſo ſanft zu ſtreichen, daß die Berührung der beiderſeitigen Haut kaum merklich war. Nach etlichen Sekunden dieſer magnetiſchen Beſtreichung floß der Schweiß von Dſchalma's Stirn reichlicher. Er ſtieß einen ſchwachen Seufzer aus und ſeine Geſichtsmuskeln zuckten etliche Mal. Die Berührungen, zu leiſe, um ihn zu wecken, brachten in ihm ein unbeſtimmtes Gefühl von Mißbehagen hervor. Den ſcheuen Blick auf ihn geſenkt, ſetzte der Wür⸗ ger ſeine Beſtreichungen mit ſolcher Geduld und Geſchicklich⸗ keit fort, daß Dſchalma in ſeinem feſten Schlaf dies unbe⸗ ſtimmte Gefühl nicht länger ertragen konnte, und unbewußt die rechte Hand bewegte, um jüber ſein Geſicht zu fahren, wie zur Abwehrung einer läſtigen Fliege. Aber die Kraft fehlte ihm, und ſeine Hand fiel ſchlaff auf ſeine Bruſt Der Würger wiederholte ſeine Beſtreichungen. Dſchalma, immer mehr niedergedrückt durch eine wie Blei auf ihm laſtende Schläfrigkeit, drehte ſeinen Kopf herum, ſo daß derſelbe ſich auf ſeine rechte Schulter ſenkte. Der unbewußte Zweck die⸗ ſer Bewegung war derſelbe, wie bei dem unvollendeten Verz ſuch mit der Hand, nämlich: ſich dem unleidlichen Eindruck zu entziehen, der unabläſſig auf ihn gemacht ward. 3 Seinen nächſten Zweck hatte der Würger erreicht. Dſchalma hatte das Geſicht der Thür zugekehrt. Es galt nun zu be⸗ wirken, daß ſein halb unterbrochener Schlaf ſo feſt wie mög⸗ lich würde. Zu dem Ende ahmte der Würger dem Vampir nach und bewegte ſeine flachen Hände wie Fächer vor dem glühenden Geſicht des Schläfers. Die Empfindung dieſer unerwarteten erquicklichen Kühlung bei einer unerträglichen Hitze gab ſich nach wenigen Augenblicken kund. Das Geſicht Dſchalma's heiterte ſich auf, ſeine Bruſt dehnte ſich aus, ſeine Lippen öffneten ſich, um die Kühlung einzuathmen und er verfiel in einen um ſo feſteren Schlaf, je angenehmer ſein jetziges Gefühl im Verhältniß zu dem vorhergehenden war. Ein Blitz erlenchtete das dunkle Laubgewölbe, in welchem der Ajupa ſtand. Der Würger beſorgte, der nächſte Donner⸗ ſchlag möchte den Schläfer erwecken, und beeilte ſich, ſein eigentliches Geſchäft zu vollbringen, wozu er bisher nur Vorbereitungen gemacht hatte. Dſchalma lag auf dem Rücken, den Kopf auf die rechte Schulter geſenkt und den linken Arm ausgeſtreckt. Der Würger, links vor ihm knieend, hörte nach und nach auf, ihn zu fächeln und ſtreifte mit äußerſter Be⸗ hutſamkeit den weiten Aermel, der Dſchalma's linken Arm bedeckte, bis zu der Stelle auf, wo man zur Ader zu laſſen pflegt. Als dies ohne Störung des Schlafs gelungen war, zog er aus ſeiner Hoſentaſche ein kupfernes Büchschen hervor und nahm aus demſelben eine überaus feine Nadel und ein Stückchen von einer ſchwärzlichen Wurzel. In dieſe Wurzel ſtach er mehrmals mit der Nadel. Bei jedem Stich drang eine weiße klebrige Feuchtigkeit hervor. Als er die Nadel mit dieſem Saft hinlänglich befeuchtet glaubte, bückte er ſich und hauchte über die innere Seite von Dſchalma's Arm, um hier abermals ein Gefühl von Kühlung hervorzubringen. Und nun ritzte er auf die Haut des Schläfers einige geheim⸗ nißvolle Zeichen, ſo ſchnell und ſo oberflächlich, daß Dſchalma nicht das Mindeſte ſpürte. Nach wenigen Augenblicken kamen an der Stelle, welche die Nadel geritzt hatte, blaßröthliche Züge von der Feinheit eines Haares zum Vorſchein. Der ätzende Saft an der Nadel wirkte ſtark, aber langſam, ſo daß er, nachdem er allmählig unter die Haut eingedrungen, derſelben ach eklichen Stunden eine vivlettrothe Färbung geben und die st noch kaum merklichen Linien deutlich hervortreten laſſen mußte. Nachdem der Würger auf dieſe Weiſe ſeine Aufgabe glück⸗ lich gelöſ't hatte, warf er einen letzten Blick der Mordgier auf den Schlafenden Dann kroch er von der Matte weg wieder zu der in die Wand geſchnittenen Oeffnung hinaus, ſchob die beiden Ränder des Schnittes ſorgfältig zuſammen, daß derſelbe nicht zu bemerken war und verſchwand in dem⸗ ſelben Augenblick, wo der Donner in der Ferne zu rollen begann. ¹) Drittes Kapitel. S cheinde Mehre Stunden waren verfloſſen, ſeitdem der Würger in die Hütte Dſcholma's geſchlüpft war und ihn mit einem ge⸗ heimnißvollen Zeichen tätowirt hatte. Das Gewitter hatte ausgetobt. Die Sonne war dem Untergange vahe. Ein Reiter ſprengte auf einem von weitäſtigen Bäumen beſchatte⸗ ten Weg dahin. Unter dem dichten Laubgewölbe begrüßten zahlloſe Vögel mit ihrem Zwitſchern und Flattern den herr⸗ lichen Abend. Grüne und rothe Papagaien kletterten mit Hülfe ihrer krummen Schnäbel auf die Wipfel von Roſen⸗ aracien. Maina⸗Mainu, große ultramarinblaue Vögel, mit goldglänzendem Hals und Schwanze, verfolgten ſammtſchwarze Kirſchvögel. Tauben von Kolo, deren vivlettes Gefieder in andere Regenbogenfarben ſchillerte, ließen ihr ſanftes Girren vernehmen neben Paradiesvögeln, die in den prismatiſchen Farben des Smaragds, des Rubins, des Topas und des Sapphirs prangten. Der etwas erhöhte Weg zog ſich an einem Teich hin, in welchen ſtellenweife der grüne Schatten der Tamarinden und der Nopals fiel. In dem klaren ruhigen Waſſer ſah man, wie in einer Maſſe bläulichen Kryſtalls ein⸗ geſchloſſen, Silberfiſche mit Purpurfloſſen und blaue Fiſche mit Scharlachfloſſen unbeweglich an der Oberfläche des von der Sonne beſtrahlten Waſſers, der Fluth von Licht und Wärme genießend. Ueber dem Waſſer ſchwebten gleich flie⸗ e i Anmerkungen am Schluß des Bandes. genden Edelſteinen zahlloſe Inſecten mit feuerfarbigen Flügeln. Und in der Tiefe des klaren Gewäſſers ſpiegelten ſich die mannigfaltigen Farben der Blätter und Blumen von den am Ufer wachſenden Waſſerpflanzen. Dies iſt ein ſchwaches Bild 4 der in Farben, Licht und Düften ſchwelgenden Natur, welche den ſtolzen Reiter umgab. Der Reiter war Dſchalma. Er hatte nicht gemerkt, daß der Würger ihm aufſden linken Arm unauslöſchliche Züge eingeprägt hatte. Seine javaniſche Stute, voll Kraft und Feuer, war von mittlerer Größe und ſchwarz wie die Nacht. Ein ſchmaler rother Teppich vertrat die Stelle des Sattels. . Um die ſtürmiſche Wildheit ſeines Thieres zu bändigen, be⸗ diente ſich Dſchalma eines kleinen ſtählernen Gebiſſes und federleichter Zügel von ſcharlachrother Seide. Keiner unter den auf dem Fries des Parthenon ſo meiſterhaft ausgemeißel⸗ ten Reitern ſitzt anmuthiger und ſtolzer zu Pferd, als dieſer junge Indier, deſſen ſchönes Geſicht, von der untergehenden Sonne beleuchtet, den Ausdruck heiterer Zufriedenheit trug. Begie rig athmete er die friſche, mit den Düften der Blumen und des vom Regen noch feuchten Laubes geſchwängerte, Luft ein. Eine hellrothe Mütze von griechiſcher Form auf ſeinen „ ſchwarzen Haaren hob das Goldgelb ſeiner Geſichtsfarbe noch mehr hervor. Sein Hals war nackt. Seinen Leib umhüllte das weite weiße Muslingewand, um die Lenden mit einem Scharlachgürtel befeſtigt. Kurze weite Hoſen ließen die un⸗ tere Hälfte ſeiner Beine nackt, deren Schweifung von antiker Reinheit ſich auf den ſchwarzen Seiten ſeines Roſſes gelb⸗ glänzend hervorhob. Seine Füße waren mit rothen Saffian⸗ pantoffeln bekleidet. Steigbügel hatte er nicht. Der Flug ſeiner Gedanken drückte ſich in dem Gange aus, welchen er ſeinem Pferde gab. Dieſer war bald raſch und flüchtig, wie die ungezügelte Einbildungskraft, bald ruhig und gemäßigt, wie die Ueberlegung, welche einem tollen Traum folgt. Jede ſeiner Bewegungen aber hatte ein anmuthiges Gepräge vovn Stolz und wilder Unabhängigkeit. Dſchalma, von den Engländern ſeines väterlichen Gebiets beraubt, war nach dem Tod ſeines in der Schlacht geblie⸗ benen Vaters gefangen gehalten geweſen, (wie Joſua van Dael an Rodin geſchrieben) und war nach einiger in Freiheit geſetzt worden. Der General Simon war ſtets in der Nähe des Gefängniſſes geblieben, in welchem der Sohn ſeines Freundes Kadſcha Sing eingeſchloſſen war, und beglei⸗ tete ihn nach ſeiner Freilaſſung vom indiſchen Feſtlande nach Batavia. Hier, als an dem Geburtsort ſeiner Mutter, wollte Dſchalma die beſcheidene Erbſchaft ſeiner Vorfahren von mütterlicher Seite antreten. Der General war erſtaunt und zugleich erfreut, unter den Beſtandtheilen dieſer Erbſchaft wichtige Papiere und eine Medaille zu finden, welche ganz der von ſeiner Frau beſeſſenen glich. Nicht nur ergab ſich hieraus eine Verwandtſchaft zwiſchen ſeiner Frau und Dſchal⸗ ma's Mutter, ſondern die Entdeckung verſprach auch dem Königsſohne für die Zukunft große Vortheile. Simon ließ ſeinen Zögling zu Batavia zur Beendigung einiger Geſchäfte und ging nach der benachbarten Inſel Sumatra, wo er ein Schiff zur ſchnellen Ueberfahrt nach Europa zu finden hoffte. Er wollte, daß um jeden Preis der indiſche Königsſohn am 13. Februar 1832 zu Paris wäre. Fand er ein Schiff, wie er es ſuchte, ſo wollte er ohne Verzug ſeinen jungen Freund abholen. Dſchalma wartete nun von Tag zu Tag auf die Rückkehr des Generals und war jetzt auf dem Weg nach dem Hafen von Batavia, wo er den Freund ſeines Vaters auf dem Paketbovt von Sumatra ankommen zu ſehen hoffte. Hier möchte der Ort ſeyn zu einem Rückblick auf die Ver⸗ gangenheit Dſchalma's. Nach dem frühen Tod ſeiner Mutter einfach erzogen, hatte er ſchon als Kind ſeinen Vater auf die großen Tigerjagden begleitet, welche ſo gefährlich ſind wie Schlachten. Den Kinderjahren kaum entwachſen, war er mit in den Krieg gegen die Engländer gezogen. Bei dieſem Leben in den heimathlichen Bergen und Wäldern und in ſteten Gefechten, hatte ſeine kräftige Natur ſich rein erhalten, und der ihm gegebene Beiname, der Hochherzige, war wohl verdient. Er war Fürſt im wahren Sinne des Wortes. Während ſeiner Gefangenſchaft hatte er durch ſeine ſchweig⸗ ſame Würde ſeinen engliſchen Wächtern Ehrfurcht eingeflößt. Nie hatte er der ſchlechten Behandlung eine Klage oder einen Vorwurf entgegengeſetzt. Bis dahin an das patriarchaliſche oder kriegeriſche Leben der Gebirgsleute ſeiner Heimath ge⸗ wöhnt, welches er nur während einiger Monate mit dem Leben im Gefängniß vertauſcht hatte, kannte Dſchalma das eiviliſirte Leben ſo gut wie gar nicht. Ohne gerade die Fehler zu haben, welche mit ſeinen Eigenſchaften verbunden zu ſeyn pflegen, trieb Dſchalma wenigſtens die Folgen dieſer Eigenſchaften auf's Aeußerſte. Unbengſam an dem gegebenen Worte haltend, hingebend bis zum Tod, vertrauensvoll bis zur Blindheit, gütig bis zum völligen Vergeſſen ſeiner ſelbſt, wäre er auch unerbittlich geweſen gegen einen Undankbaren, Lügner oder Treuloſen Einen Verräther oder Eidbrüchigen würde er unbedenklich getödtet haben, weil er es in der Ord⸗ nung fand, daß auch er einen Verrath oder Eidbruch mit dem Leben bezahlte. Er war mit einem Wort ein Menſch von entſchiedenen Gefühlen. Ein ſolcher Menſch im Zuſammen⸗ ſtoß mit den Milderungen, Berechnungen, Falſchheiten, Täu⸗ ſchungen, Liſten, Beſchränkungen und Heucheleien einer ver⸗ feinerten Geſellſchaft, wie z. B. in Paris, müßte merkwür⸗ dig zu beobachten ſeyn. Wir machen dieſe Annahme nicht bloß ſo beiläufig. Seitdem die Reiſe nach Frankreich beſchloſ⸗ ſen war, hatte Dſchalma nur einen Gedanken: Zu Paris zu ſeyn — zu Paris, in dieſer Wunderſtadt, von welcher man im Wunderlande Aſien ſo viel Wunderbares erzählt. Was beſonders ſeine Einbildungskraft entflammte, waren die franzöſiſchen Frauen, die ſchönen verführeriſchen Pariſerinnen, dieſe Wunder von Zierlichkeit und Anmuth, welche, wie es hieß, die Pracht der Hauptſtadt der geſittigten Welt über⸗ ſtrahlten. An dem ſchönen Abend, wo er, umgeben von berauſchenden Düften, ſein Herz raſcher ſchlagen fühlte, dachte Dſchalma an jene bezaubernden Weſen, welchen er die idealſten Formen verlieh. Es war ihm, als ſähe er am Ende des Baumgan⸗ ges auf der hellerleuchteten Stelle, zwiſchen den letzten Bäu⸗ men, ſchlanke, weiße Geſtalten, welche ihm zulächelten und ihm Küſſe zuwürfen. Er jauchzte laut auf und jagte wie 8 toll vorwärts. Ein Menſch, der raſch auf einem in den Baum⸗ gang einmündenden Pfad daherkam, blieb ſtehen, und betrach⸗ tete ihn mit Erſtaunen, in dem Augenblick, wo ein durch das Laubdach fallender Strahl ihn vollſtändig beleuchtete, und ihn in ſeiner Schönheit und ſeiner Wonne, in ſeinem wallenden Gewand auf dem ſtolzen Roß mit fliegender Mähne und Schweif, von Licht umfloſſen, zeigte. Dieſer Augenblick war der Hoch⸗ und Endpunkt von Dſchalma's Wonnerauſch. Der junge Mann fühlte ſich plötzlich von einer ſanften Wehmuth ergriffen. Er ließ die Zügel fallen und fuhr mit der Hand nach ſeinen feuchten, umflorten Augen. Das Pferd blieb ſtehen, ſtreckte ſeinen langen Hals aus und wandte den Kopf etwas ſeitwärts nach dem Dickicht, wo es den Fußgänger be⸗ merkte. Dieſer Menſch war faſt wie ein europäiſcher Ma⸗ troſe gekleidet. Er trug Wams und Hoſen von weißer Lein⸗ wand, einen breiten, rothen Gürtel und einen flachen Stroh⸗ hut. Sein Geſicht war braun und ausdruckspoll, und, trotz ſeinen vierzig Jahren, bartlos. Er hieß Mahal und war Schleichhändler. Er trat zu Dſchalma heran, griff ehrerbietig an den Hut und ſagte in ſchlechtem Franzöſiſch: „Sie ſi nd der Prinz Dſchalma?“ „Was willſt Du?“ fragte der Angeredete. „Sie ſind — — der Sohn von Kadſcha Sing?“ „Nochmals! Was willſt Du?“ „Der Freund des Generals Simon?“ „General Simon?“ rief Dſchalma. „Sie reiten ihm entgegen,“ fuhr der Schleichhändler fort, „wie Sie jeden Abend thun, ſeitdem Sie ſeine Rückkehr von Sumatra erwarten.“ „Ja. Aber woher weißt Du das?“ fragte Dſchalma, den Menſchen mit Staunen und Neugier betrachtend. „Heut oder morgen ſoll er zu Batavia landen.“ „Sollteſt Du von ihm kommen?“ „Möglich,“ antwortete Mahal mit argwöhniſcher Miene. „Sind Sie aber auch wirklich der Sohn von Kadſcha Sing?“ „Ich ſage Dir, ja. Wo haſt Du den General Simon geſehen?“ „Wenn Sie der Sohn von Kadſcha Sing ſind, welchen Beinamen führen Sie?“ fragte Mahal noch immer mit arg⸗ wöhniſchem Blick. „Man nannte meinen Vater den Vater des Hochher⸗ zigen,“ antwortete Dſchalma, während eine Wolke des Trüb⸗ ſinns über ſein ſchönes Geſicht zog. Seine Antwort ſchien den Frager von der Identität der Perſon zu überzeugen. Dennoch, fügte er hinzu: „Sie haben vor zwei Tagen einen vom General Simon aus Sr 7 . „Ja,“ antwortete Dſchalma. „Aber, wozu dieſe Fragen?“ „Um gewiß zu ſeyn, daß Sie der Sohn von Kadſcha Sing und um die Befehle zu vollziehen, die ich empfangen abe.“ „Von wem?“ „Vom General Simon.“ * „Wo iſt er?“ „Ich will's Ihnen ſagen, wenn ich den Beweis habe, daß Sie der Prinz Dſchalma ſind. Man hat mir zwar geſagt, daß Sie ein ſchwarzes, rothgezäumtes Pferd ritten; aber —“ „Bei der Seele meiner Mutter! Willſt Du reden?“ „Ich will Ihnen Alles ſagen, wenn Sie mir ſagen können, was für ein gedrucktes Papier in dem letzten Brief lag, wel⸗ chen General Simon Ihnen von Sumatra geſchrieben hat.“ „Es war ein Stück von einer franzöſiſchen Zeitung.“ „Enthielt dieſe Zeitung eine gute oder eine ſchlimme Kunde für den General?“ „Eine gute Nachricht. Es hieß darin, in ſeiner Abweſen⸗ heit ſey der letzte ihm vom Kaiſer verliehene Titel und Rang anerkannt worden, wie dies in Betreff ſeiner übrigen verbann⸗ ten Waffenbrüder geſchehen ſeh Der Schleichhändler beſann ſich und ſagte dann: „Sie ſind gewiß der Prinz Dſchalma. Ich kann reden. Vergangene Tacht iſt der General auf Java gelandet, aber an einer öden Stelle der Küſte.“ „An einer öden Stelle? Warum das?“ „Weil er ſich verbergen muß“ „Er muß ſich verbergen?“ fragte der Jüngling erſtaunt. „Und warum?“ „Das weiß ich nicht.“ 1 „Aber, wo iſt er?“ fragte Dſchalma bleich vor Beſorgniß. „Drei Stunden von hier, am Strande, in den Trümmern von Tſchandi.“ „Er! genöthigt, ſich zu verbergen!“ wiederholte Dſchalma erſtaunt und angſtvoll. „Ich weiß es zwar nicht gewiß,“ ſagte der Schmuggler geheimnißvoll; „aber ich glaube, ein Zweikampf, den er auf 6 Sumatra gehabt, iſt die Urſache.“ „Ein Zweikampf? Mit wem?“ i „Das weiß ich nicht. Ich weiß nicht einmal, ob er ſich wirklich geſchlagen hat. — Kennen Sie die Trümmer von Tſchandi?“ „Ja.“ „Der General erwartet Sie dort. Das hab' ich Ihnen ſagen ſollen.“ „Du biſt alſo mit ihm von Sumatra gekommen?“ „Ich bin der Steuermann von dem kleinen Schmuggel⸗ ſchiff, welches ihn vergangene Nacht auf dem Strande ausge⸗ ſchifft hat. Er wußte, daß Sie ihn jeden Tag auf den Weg zum Hafendamm erwarteten, und ich zweifelte kaum, Sie dort zu treffen. Er hat mir in Betreff ſeines letzten Bricſes ge⸗ ſagt, was ich Ihnen mitgetheilt habe, damit ich Ihnen bewei⸗ ſen könnte, daß ich von ihm käme. Er hätte mir gern ein paar Zeilen mitgegeben; aber er konnte nicht ſchreiben.“ „Und er hat Dir nicht geſagt, warum er ſi verber⸗ „Nein. Aber aus einigen Worten habe ich einen Zwei⸗ kampf vermuthet.“ Dſchalma, welcher die Heftigkeit und den Muth des Gene⸗ rals kannte, fand dieſe Vermuthung ſehr wahrſcheinlich. Nach einer Pauſe ſagte er dem Schmuggler: „Kannſt Du wohl mein Pferd nach Haus führen? Meine Wohnung iſt dort unten vor der Stadt, zwiſchen den Bäumen neben der neuen Moſchee verſteckt. Mein Pferd könnte mir nur hinderlich ſeyn auf dem Weg nach Tſchandi. Ich komme ſchneller zu Fuß den Berg hinauf.“ „Ich weiß, wo Sie wohnen. Der General hat mir's g ſagt. Wenn ich Sie nicht hier getroffen hätte, würd' ich Sie dort aufgeſucht haben. Geben Sie mir Ihr Pferd.“ Dſchalma ſprang vom Pferd, warf dem Schleichhändler den Zügel zu, zog aus ſeinem Gürtel ein ſeidenes Beutelchen, und gab es dem Menſchen mit den Worten: „Du biſt treu und gehorſam geweſen. Nimm dies. Es iſt wenig, aber ich habe nicht mehr.“ 5 „Kadſcha Sing hieß mit Recht der Vater des Hochherzigen,“ erwiederte Mahal und verbeugte ſich ehrfurchtsvoll und dank⸗ bar. Dann ergriff er den Zügel des Pferdes und führte es nach Batavia zu. - 5 . 2 — Dſchalma wandte ſich in das Dickicht und ging mit großen Schritten in der Richtung nach dem Berg, auf welchem die Trümmer von Tſchandi liegen. Vor Nacht konnte er nicht dort eintreffen. Viertes Kapitel. Herr Joſua van Dael. — — Herr Joſua van Dael, der Correſpondent des Herrn Rodin, war zu Batavia auf Java geboren. Seine Eltern hatten ihn in dem berühmten Ordenshaus der Zeſuiten zu Pondi⸗ chöry erziehen laſſen. Dort hatte er ſich als Profeß der drei Gelübde, oder als Laienbruder, oder nach dem gemeinen Ausdruck als zeitlicher Helfer in die Geſellſchaft Jeſu aufnehmen laſſen. Als Kaufmann ſtand er im Ruf fleckenlo⸗ ſer Redlichkeit. In den Geſchäften war er pünktlich, in ſei⸗ nem Benehmen kalt, verſchwiegen und zurückhaltend. Bei jeder Gelegenheit gab er Beweiſe von Scharfblick und Ge⸗ wandtheit. Seine Geſchäfte waren faſt immer glücklich, denn meiſt gab eine ſchützende Macht ihm zeitig Kenntniß von den Begebenheiten, welche auf dieſelben Einfluß haben konnten. Das Ordenshaus zu Pondichéry war bei ſeinen Unterneh⸗ mungen betheiligt, da es ihn mit der Ausfuhr und dem Aus⸗ tauſch der Erzeugniſſe ſeiner großen Güter in jener franzö⸗ ſiſchen Colonie beauftragt hatte. Er ſprach wenig, hörte viel, ließ ſich nie in Erörterungen ein, war überaus höflich, gab wenig, aber das Wenige mit Auswahl und am rechten Ort. Damit flößte er im Allgemeinen zwar keine Zuneigung, aber doch die Achtung ein, welche einem Mann von ſtrengen Sitten nie entgeht. Statt ſich den ungebundenen Süten der Colonie hinzugeben, ſchien er höchſt regelmäßig zu leben. Auch ſein Aeußeres hatte eine gewiſſe ernſte Würde, die ihren Eindruck nicht verfehlte. Während Dſchalma ſich nach den Trümmern von t gab in der Hoffnung, den General Simon zu tre in der Stadt Batavia Herr Joſua van Dael in ſein Cabinet, in welchem man verſchiedene Reale mit Cartons und auf den Pulten dicke Kaſſenbücher aufgeſchlagen ſah. Das einzige Fenſter dieſes Cabinets ging in ein einſames Höſchen und war von außen ſtark vergittert. Ein Jalvuſieladen vertrat bei der großen Hitze die Stelle des Glasfenſters. Joſua ſtellte auf ſeinen Schreibtiſch eine in einer Glasglocke einge⸗ ſchloſſene Kerze, ſah nach der Uhr und ſprach: „Neun Uhr. Mahal muß bald kommen.“ Mit dieſen Worten ging er hinaus in ein Vorzimmer, öffnete eine dicke, mit großen Nägeln beſchlagene, Thür, trat vorſichtig, ſo daß ſeine Leute ihn nicht hören konnten, in das Höfchen und zog den gehei⸗ men Riegel einer in eiſerne Spitzen auslaufenden Gitterthür auf. Hierauf kehrte er, die übrigen Thüren hinter ſich ver⸗ ſchließend, in ſein Kabinet zurück, ſetzte ſich an ſeinen Schreib⸗ tiſch und nahm aus dem doppelten Boden einer Schublade eine ſeit geraumer Zeit angefangene und von Tag zu Tag fortgeſetzte Schrift, welche an Herrn Rodin abgeſchickt werden ſollte. An dieſer Schrift ſchrieb er folgendermaßen weiter: „Von der bevorſtehenden Rückkehr des Generals Simon war ich unterrichtet, da ich ſeine Briefe auffing. Ich habe Ihnen früher bemerkt, daß er mich zu ſeinem Cor⸗ reſpondenten gewählt hatte. Ich las dieſe Briefe und ließ ſie dann unver ſehrt dem Dſchalma zukommen. Da ich Simon's Rückkehr fürchtete, mußte ich, von der Zeit und den Umſtänden gedrängt, zu den äußerſten Mit⸗ teln meine Zuflucht nehmen, wobei ich jedoch vollkommen den Schein wahrte und zugleich der Menſchheit einen großen Dienſt leiſtete. Beſonders die letztere Rückſicht hat mich beſtimmt, jede ängſtliche Beſorgniß bei Seite zu ſetzen. „ „Ueberdies nöthigte mich eine neue Gefahr zu dieſer Handlungsweiſe. Geſtern iſt hier das Dampfſchiff de Ruyter vor Anker gegangen und im Lauf des morgenden Tages führt es ab. Dies Schiff macht die Fahrt durch den arabiſchen Meerbuſen. Seine Paſſagiere ſteigen auf der Landenge von Suez aus und beſteigen zu Alexandria ein anderes Schiff, welches ſie nach Frankreich bringt. 3 dieſer ſchnellen directen Fahrt ſind nur ſieben bis —— Wochen erforderlich. Wir ſtehen am Ende Oetobers. Prinz Dſchalma könnte, alſo gegen Anfang Januars in Frankreich ſeyn; und nach Ihren Befehlen, deren Grund ich nicht kenne, die ich aber mit Eifer und Unter⸗ würfigkeit vollziehe, mußte ſeine Abfahrt um jeden Preis verhindert werden, da, wie Sie mir ſagen, etwas, woran der Geſellſchaft ſehr viel gelegen iſt, aufs Spiel geſetzt wäre, wenn dieſer junge Indier vor dem 13. Februar nach Paris käme. Wenn es mir nun, wie ich hoffe, ge⸗ lingt, ihn die Gelegenheit auf dem Ruyter verfehlen zu laſſen, ſo wird es ihm unmöglich ſeyn, vor April nach Frankreich zu kommen, denn de Ruyter iſt das einzige Schiff, welches die directe Fahrt macht. Die anderen Schiffe brauchen vier bis fünf Monate, um nach Europa zu kommen. . „Ehe ich Ihnen von dem Mittel ſpreche, welches ich habe anwenden müſſen, um Dſchalma hier zu behalten, und deſſen guten oder ſchlechten Erfolg ich bis jetzt noch nicht kenne, muß ich Sie mit gewiſſen Dingen bekannt machen. „Im engliſchen Indien hat man kürzlich eine Geſell⸗ ſchaft entdeckt, deren Mitglieder ſich Brüder vom guten Werk oder auch Phanſegars, d. h. Würger, (von phansna erdroſſeln) nennen. Dieſe Mörder vergießen kein Blut. Sie ſchnüren ihren Opfern die Kehle zu, nicht ſowohl, um ſie zu berauben, als um einen mörderi⸗ ſchen Beruf zu erfüllen und den Geboten ihrer hölliſchen Gott⸗ heit Bohwanie zu gehorchen. Um Ihnen eine Vorſtellung von dieſer abſcheulichen Secte zu geben, kann ich nichts beſſeres thun, als Ihnen einen Theil der Einleitung des vom Oberſten Sleeman erſtatteten Berichts abſchreiben. M unermüdlichem Eifer verfolgt. Sein Bericht iſt vor zwei WMonaten veröffentlicht worden. Es folgt alſo hier der Auszug. Der Oberſt ſpricht: „In den Jahren 1822 bis 1824, während ich mit dem Richteramt und der Verwaltung in dem Bezirk don Nerſingpur beauftragt war, wurde kein Mord, kein Diebſtahl, mochte er auch noch ſo unbedeutend ſeyn, von — — 1 Sleeman hat dieſe im Finſtern ſchleichende Bande mit einem gewöhnlichen Spitzbuben begangen, von welchem ich nicht auf der Stelle Kenntniß erhielt. Wäre nun ein Indier gekommen und hätte mir geſagt, daß eine Bande von Meuchlern, bei welchen das Mordgeſchäft erblich ſey, im Dorf Kendelie, höchſtens ſechshundert Schritt vvn meinem Gerichtshof, hauſe, daß die herr⸗ lichen Gebüſche des Dorfes Mendeſur, eine Tagre ſe von meinem Wohnſitz, einer der entſetzlichſten Schau⸗ plätze von Mordanſchlägen in ganz Indien ſey, daß im Schatten derſelben zahlreiche Banden von Brüdern des guten Werks jährlich aus Induſtan und Dekan zuſam⸗ menkämen, wie zu einem hohen Feſte, um dann ihrem gräßlichen Berufe auf allen dort ſich kreuzenden Stra⸗ ßen nachzugehen, — wenn ein Indier mir das geſagt hätte, ſo würd' ich ihn für einen Thoren gehalten ha⸗ ben, der ſich mit Ammenmährchen in Schrecken jagen läßt. Und doch war es vollkommen wahr. Jedes Jahr wurden Hunderte von Reiſenden in den Gebüſchen von Mendeſur verſcharrt. Ein ganzer Stamm von Mördern wohnte vor meiner Thür, während ich die oberſte Amts⸗ perſon in der Provinz war, und erſtreckte ſeine Verhee⸗ rungen bis zu den Städten Punah und Haiderabad. Nie werd' ich vergeſſen, wie einer der Hauptleute die⸗ ſer Würger, der zum Verräther an ihnen ward, auf der Stelle, wo mein Zelt ſtand, um mich zu überzengen, dreizehn Leichen ausgraben ließ, und ſich erbot, noch eine Unzahl aus dem Boden ringsumher hervorſcharren zu laſſen.“ „Dieſe wenigen Worte des Oberſten Sleeman werden Ihnen einen Begriff von dieſer furchtbaren Geſellſchaft geben, die ihre Geſetze, ihre Pflichten und ihre Gewohn⸗ heiten hat, unabhängig von allen göttlichen und menſch⸗ lichen Geſetzen. Ihre Hingebung für einander geht bis 3 zum Heldenmuth. Sie gehorchen blindlings ihren Oberen, welche ſich die Repräſentanten ihrer finſteren Gottheit nennen. Sie betrachten Jeden, der nicht zu ihnen gehört, als ihren Feind, und ergänzen ſich allerwärts durch eine entſetzliche Proſelytenmacherei. Dieſe Apoſtel einer Mord⸗ religion predigten im Dunkeln ihre ſcheußlichen Lehren und ſpannten über Indien ein unendliches Netz aus.“ ———— ——— „Drei ihrer bedeutendſten Häupter und einer ihrer Adepten hatten ſich der beharrlichen Verfolgung des eng⸗ liſchen Statthalters durch die Flucht entzogen, und waren an die Südſpitze von Hinterindien an der Straße von Malarca, nicht weit von unſerer Inſel, gekommen. Ein Schleichhändler, Namens Mahal, der beiläufig Seeräu⸗ berei treibt und zu ihrer Geſellſchaft gehört, hat ſie auf ſeinen Küſtenfahrer genommen und hierher gebracht, wo ſie ſich für einige Zeit ſicher glauben. Auf den Rath des Schmugglers haben ſie ſich in einen dichten Wald gezo⸗ gen, wo mehre verfallene Tempel mit ihren vielen unter⸗ irdiſchen Gängen ihnen eine Zuflucht gewähren. Alle drei ſind ausgezeichnete Köpfe, und einer, Namens Faringhea, beſitzt ungewöhnliche Willenskraft und ſonſtige Fähigkeiten, die ihn zu einem der gefährlichſten Menſchen machen. Er iſt ein Meſtize, d. h. der Sohn eines Weißen und einer Indierin. Er hat lange in Städten gewohnt, wo ſich europäiſche Handlungen befinden, und ſpricht ſehr gut Eng⸗ liſch und Franzöſiſch. Von den beiden andern Häuptlingen iſt der eine ein Reger, der andere ein Indier. Der Adept iſt ein Malaie.“ „Der Schleichhändler Mahal bedachte, daß er durch Auslieferung dieſer drei Häuptlinge und ihres Adepten eine gute Belohnung erwerben könnte, und da er, wie alle Welt, weiß, daß ich mit einer bei unſerem Statthalter ſehr einflußreichen Perſon in naher Verbindung ſtehe, ſo hat er mir vor zwei Tagen angeboten, den Neger, den Meſtizen, den Indier und den Malaien auszuliefern. Er verlangt dafür eine bedeutende Summe und einen Platz auf einem nach Europa oder Amerika abgehenden Schiffe, um ſich der unverſöhnlichen Rache der Würger zu entzie⸗ hen. Ich habe begierig die Gelegenheit ergriffen, dreſe drei Mörder den Händen der menſchlichen Gerechtigkeit zu überliefern. Dem Mahal habe ich verſprochen, mich für ihn beim Statthalter zu verwenden, jedoch unter ge⸗ wiſſen, an ſich unſchuldigen, Bedingungen in Betreff Dſchal⸗ ma's. Hierüber werd' ich mich weitläufiger auslaſſen, wenn mein Plan gelingt. Ob er gelingt, werde ich die⸗ ſen Abend von Mahal erfahren.“ „Ehe ich meinen Bericht ſchließen kann, welcher morgen mit dem Ruyter abgeht, (auf dieſem Schiff habe ich für den Fall des Gelingens einen Platz für Mahal genom⸗ men) ſchalte ich einige Worte über eine wichtige Ange⸗ legenheit ein. In meinem letzten Brief, wo ich Ihnen den Tod von Dſchalma's Vater und die Gefangenhaltung des Prinzen durch die Engländer meldete, habe ich mir Auskunft erbeten über die Zahlungsfähigkeit des Herrn Baron Tripeaud, Banquiers und Fabrikanten zu Paris, der zu Calcutta eine Handlung hat. Dieſe Auskunft wird jetzt überflüſſig, wenn das, was ich erfahren, ſich beſtätigt, und es wird nun Ihre Sache ſeyn, den Umſtänden ge⸗ mäß zu handeln. Sein Haus zu Caleutta iſt mir und unſerem Collegium zu Pondichöry bedeutende Summen ſchuldig. Nun heißt es, Herr Tripeaud befinde ſich in ſehr üblen Umſtänden, weil er eine Fabrik habe errichten wollen, deren Concurrenz ein umfangreiches, ſchon längſt beſtehendes Geſchäft eines ausgezeichneten Induſtriellen Franz Hardy zu Grund richten ſollte. Man verſichert mich, daß Herr Tripeaud bei dieſem Unternehmen große Capitalien verloren hat. Er hat ohne Zweifel dem Herrn Hardy viel geſchadet, aber er ſoll dabei ſein eignes Ver⸗ mögen in große Gefahr gebracht haben. Wenn er fallirt, ſo wird uns ein verderblicher Schlag treffen; denn er iſt mir und den Unſrigen viel ſchuldig.“ „Unter dieſen Umſtänden wäre es zu wünſchen, daß durch die gewaltigen Mittel jeder Art, welche zu Gebote ſtehen, das Haus des Herrn Franz Hardy um ſeinen Credit gebracht und geſtürzt würde. Erſchüttert iſt es ſchon durch die Concurrenz Tripeaud's. Gelänge es, ſo würde dieſer ſehr bald Alles wiedergewinnen, was er ver⸗ loren hat. Der Sturz ſeines Nebenbuhlers würde ſeinen Wohlſtand ſichern und unſer Guthaben wäre gedeckt. Ge⸗ wiß wäre es traurig, wenn wir zu dieſem äußerſten Mit⸗ tel greifen müßten, um zu unſerem Gelde zu kommen. Aber darf man in unſeren Tagen nicht zuweilen die Mit⸗ tel anwenden, welche fortwährend gegen uns angewandt werden? Wenn man durch die Ungerechtigkeit und Bos⸗ heit der Menſchen dazu genöthigt wird, ſo muß man ſich mit dem Gedanken tröſten, daß wir nur darum ſo ſehr auf Erhaltung dieſer irdiſchen Güter ſehen, weil wir da⸗ mit die Ehre Gottes im Auge haben, während in den Händen unſerer Feinde dieſe Güter nur Mittel des Ver⸗ derbens und des Aergerniſſes ſind.“ „Uebrigens iſt dies ein unmaßgeblicher Vorſchlag, den ich Ihnen unterbreite. Auch wenn ich den erſten Schritt in Betreff jener Guthaben thun könnte, würde ich nichts für mich thun. Ich habe keinen eigenen Willen. Er ge⸗ hört, wie Alles, was ich beſitze, Denen, welchen ich blin⸗ den Gehorſam geſchworen habe.“ So weit hatte Herr Joſua geſchrieben, als er ein Geräuſch im Höfchen vernahm. Er ſtand auf und ging ans Fenſter. Es klopfte drei Mal leiſe an den Laden. „Seyd Ihr es, Mahal?“ flüſterte Joſua. „Ich bin's,“ ward von außen leiſe geantwortet. „Und der Malaie?“ fragte Joſua. „Es iſt ihm gelungen.“ „Wirklich?“ rief Herr van Dael hocherfreut. „Seyd Ihr deſſen gewiß?“ „Ganz gewiß. Es gibt keinen Teufel, der gewandter und unerſchrockener wäre.“ „Und Dſchalma?“ „Die Angaben über den letzten Brief des Generals Simon, die ich ihm machte, haben ihn überzeugt, daß ich vom Gene⸗ ral käme, und daß er ihn in den Trümmern von Tſchandi finden würde“ „Alſo jetzt?“ „Iſt Dſchalma in den Trümmern, wo er den Schwarzen, den Meſtizen und den Hindu finden wird. Dorthin haben ſie den Malaien beſtellt, welcher den ſchlafenden Prinzen tä⸗ towirt hat.“ „Habt Ihr den unterirdiſchen Gang unterſucht?“ „Geſtern war ich dort. Einer der Steine des Fußgeſtells der Bildſäule dreht ſich. Die Treppe iſt breit — hinlänglich.“ „Und die drei Häuptlinge haben keinen Verdacht gegen Euch?“ „Nicht den mindeſten. Heute Morgen habe ich ſie geſehen. Dieſen Abend iſt der Malaie gekommen und hat mir Alles erzählt, ehe er wieder zu ihnen in die Trümmer ging. Den Tag über hatte er nicht gewagt hinzugehen, und ſich im Ge⸗ büſch verborgen gehalten.“ „Mahal!“ ſprach Joſua, „wenn Ihr die Wahrheit geſagt habt, wenn Alles gelingt, ſo könnt Ihr auf Begnadigung und auf eine gute Belohnung rechnen. Auf dem Ruyter iſt ein Platz für Euch genommen. Morgen fahrt Ihr ab und kommt aus dem Bereich der Rache der Würger, die Euch bis hieher verfolgen würden. Die Vorſehung hat Euch aus⸗ erſehen, dieſe drei Böſewichter in die Hände der Gerechtig⸗ keit zu liefern. Gott wird Euch ſegnen. Geht ſogleich nach der Wohnung des Statthalters und erwartet mich am Ein⸗ gang. Ich werde Euch einführen. Die Sache iſt ſo wichtig, daß ich ihn unbedenklich in der Nacht ſtöre. Eilt! ich komme nach.“ Im Höfchen vernahm man die raſchen Tritte des wegge⸗ henden Mahal. Wieder herrſchte tiefe Stille im Haus. Jvſua ſetzte ſich wieder an ſeinen Schreibtiſch und fügte zu dem an⸗ gefangenen Bericht eilig die Worte hinzu: „Geſchehe, was da wolle, — jetzt iſt es unmöglich, daß Dſchalma Batavia verläßt. Seyn Sie verſichert, am 13. Februar des nächſten Jahres wird er nicht zu Paris ſeyn. Wie ich vorausgeſehen habe, muß ich dieſe ganze Nacht auf den Beinen ſeyn. Ich eile zum Statthalter. Morgen füge ich noch einige Worte zu dieſem langen Bericht, den de Ruhter nach Europa bringen wird.“ Herr Joſua verſchloß ſeinen Schreibtiſch, ſchellte heftig und eilte zum großen Erſtaunen ſeiner Leute, die nicht gewohnt waren, ihn bei Nacht ausgehen zu ſehen, nach der Wohnung igee ecte des Statthalters. * Fünftes Kapitel. „ Die Trümmer von Tſchandi. Auf das Gewitter, deſſen Annäherung dem Würger für ſeine Anſchläge auf Dſchalma ſo ſehr zu ſtatten gekommen, war ein ſchöner Abend und eine ruhige, heitere Nacht gefolgt. Die Mondſcheibe erhob ſich langſam hinter einer Maſſe groß⸗ artiger Trümmer auf einem Hügel in einem dichten Gehölz, etwa drei Stunden von Batavia. Umfangreiche Steinmaſſen, hohe, vom Zahn der Zeit benagte Backſteinmauern und weitläufige Säukenhallen, von Wucherpflanzen überzogen, zeig⸗ ten ihre ſcharfen Umriſſe auf der ſilbernen Lichtfluth am Ho⸗ rizont, die mit dem klaren Blau des Himmels verſchwamm. Durch die Oeffnung einer der Säulenhallen fielen die Strahlen des Mondes und beleuchteten zwei koloſſale Bild⸗ ſäulen am Fuß einer großen Treppe, deren aus den Fugen gerückte Steine faſt ganz unter Gras, Moos und Geſträuch verſchwanden. Die eine dieſer Bildſänlen war in der Mitte abgebrochen, und ihre Bruchſtücke lagen auf dem Boden um⸗ ber. Die andere war unverſehrt und bot einen erſchreckenden Anblick dar. Sie ſtellte einen Rieſen vor. Der Kopf hatte drei Fuß Höhe. Grimm war auf dem grauen Geſichte aus⸗ geprägt. Die Augäpfel waren von ſchwärzem, glänzendem Schiefer gebildet. Zwiſchen den Lippen des weitgeöffneten, großen und tiefen Mundes hatten ſich Schlangen eingeniſtet, die man im Mondſchein wimmeln ſah. Ein Gürtel mit ſym⸗ boliſchen Verzierungen unſchloß den Leib der Bildſäule, und an der rechten Seite dieſes Gürtels hing ein langes Schwert. Der Nieſe hatte vier ausgeſtreckte Arme und hielt in ſeinen vier Händen einen Elephantenkopf, eine zuſammen geringelte Schlange, einen Menſchenſchädel und einen reiherartigen Vo⸗ gel. Der Mond beleuchtete dieſe Bildſäule von der Seite und zeigte ſcharf das Profil derſelben. An den halbverfallenen Backſteinmauern ſah man hin und wieder Reſte kühn gezeich⸗ neter Basreliefs von Stein. Eins, welches mit am beſten erhalten war, ßellte einen Menſchen mit einem Elephanten⸗ kopf und Fledermausflügeln vor, welcher ein Kind verſchlingt. Es läßt ſich kaum etwas ſchauerlicheres denken, als dieſe von dunkelgrünen Baumgruppen umgebenen Trümmer mit ihgen ſchreckenerregenden Bildwerken, in der tiefen Stille der Nacht beim Mondſchein geſehen. An die eine Wand dieſes, einer geheimnißvollen, blutigen, javaniſchen Gottheit geweihten, Tempels war eine roh aus Steingebröckel errichtete Wohnung angelehnt. Die Thür, aus Rohr geflochten, ſtand offen. Durch dieſelbe drang aus dem Inneren ein röthlicher Schimmer, welcher das hohe Gras vor derſelben beleuchtete. Der Schimmer kam von einer thöner⸗ nen Lampe, in welcher ein mit Palmöl getränkter Docht von Kokosfaſern brannte. Drei Menſchen waren in dieſer ärm⸗ lichen Wohnung beiſammen. Der eine, etwa vierzig Jahre alt, war ärmlich in europäiſcher Weiſe gekleidet, und verrieth durch ſeine blaſſe, faſt weiße Hautfarbe, daß er ein Meſtize, der Sohn eines Weißen und einer Indierin war. Neben ihm ſtand ein kräftiger Neger aus Afrika, mit dicken Lippen, ſtar⸗ ken Schultern und dünnen Beinen. Sein wolliges Haar be⸗ gann grau zu werden. Er war in Lumpen gehüllt. In einem Winkel ſchlief auf einer Matte eine dritte Perſon. Dieſe drei Menſchen waren die drei Oberhäupter der Würger, welche, auf dem Feſtlande von Indien verfolgt, mit Hülfe des Schleichhändlers Mahal auf Java Zuflucht geſucht hatten. Der Meſtize hieß Faringhea und war der gefährlichſte Häuptling der Mörderſecte geweſen. Er wandte ſich zu dem Neger und ſagte: „Der Malaie kommt nicht zurück. Viel⸗ leicht iſt er bei Vollziehung unſerer Befehle von Dſchalma getödtet worden.“ „Vielleicht iſt er von einem giftigen Thier gebiſſen worden, und Schlangen hauſen jetzt in ſeinem Körper,“ äußerte der 3 Neger. „Das heutige Gewitter hat alles Gewürm aus der Erde hervorgetrieben.“ „Wer dem guten Werk dienen will, muß dem Tod zu trotzen wiſſen,“ ſagte Faringhea mit finſterer Miene. „Und ihn zu geben wiſſen,“ fügte der Neger hinzu. Ein erſtickter Schrei und einige unverſtändliche Worte lenk⸗ ten die Aufmerkſamkeit der beiden Redenden auf den Schläfer. Dieſer war höchſtens dreißig Jahr alt. Sein bartloſes gelbes Geſicht, ſein langes grobes Kleid, ſein gelb und braun ge⸗ ſtreifter kleiner Turban kündigten ihn als einen echten Hindu an. Ein Traum ſchien ſeinen Schlaf zu beunruhigen. Angſt⸗ ſchweiß ſtand auf ſeinem verzerrten Geſicht. Er ſtieß unter Zuckungen abgebrochene Worte aus. „Ewig dieſer Traum!“ ſagte Faringhea zu dem Neger. „Ewig die Erinnerung an dieſen Menſchen!“ „An welchen Menſchen?“ fragte der Schwarze. „Erinnerſt Du Dich nicht, daß vor fünf Jahren der grim⸗ mige Oberſt Kennedy, der Schlächter der Indier, mit zwan⸗ zig Pferden, vier Elephanten und fünfzig Dienern an den Ganges gekommen war, um den Tiger zu jagen?“ „Ja wohl,“ antwortete der Neger. „Und wir drei Men⸗ ſchenjäger haben eine beſſere Jagd gemacht, als er. Kennedy mit ſeinen Pferden, Elephanten und Dienern hat nicht ſeinen Tiger erlegt, und wir haben den unſrigen erlegt. Kennedy, der Tiger in Menſchengeſtalt, iſt in unſeren Hinterhalt gera⸗ then, und die Brüder vom guten Werk haben dieſe ſchöne Beute ihrer Göttin Bohwanie dargebracht.“ „Nun wirſt Du Dich auch erinnern, daß wir in dem Au⸗ genblick, wo wir zum dritten Mal den Strick um den Hals Kennedy's anzogen, plötzlich einen Wanderer gewahr wurden. Er hatte uns geſehen. Wir mußten uns ſeiner entledigen. Die Erinnerung an die Ermordung dieſes Menſchen verfolgt ihn im Traum.“ „Sie verfolgt ihn auch im wachenden Zuſtande,“ fügte der Neger mit einem bedeutungsvollen Blick hinzu. „Horch!“ ſagte Faringhea. „Eben wiederholt er die Ant⸗ worten, welche uns der Wanderer gab, als wir ihm die Wah' ließen, zu ſterben, oder mit uns dem guten Werk zu dienen. Sie gehen ihm ewig im Kopf herum.“ Der Hindu ſagte im Traum Fragen und Antworten her, wie wenn er ein Verhörprotokoll deklamirte. „Wanderer! woher dieſer ſchwarze Strich auf Deiner Stirn von einer Schläfe zur andern? Dein Blick iſt traurig, wie der Tod. Biſt Du das Opfer von Ungerechtigkeit geweſen? Komm mit uns! Bohwanie rächt die Opfer. Du haſt gelitten? — Ja, viel gelitten. — Schon lange? — Ja, ſehr lange. — Du leideſt noch? — Stets. — Was haſt Du Dem zuge⸗ dacht, der Dich geſchlagen * — Mitleid. — Willſt Du Schlag mit Schlag vergelten? — Ich will Haß mit Liebe vergelten. — Wer biſt Du denn, daß Du Böſes mit Gu⸗ tem vergiltſt? — Ich bin Der, welcher liebt, leidet und vergibt.“ „Hörſt Du, Bruder? ſagte der Neger zu Faringhea. „Er hat die Worte nicht vergeſſen, welche der Wanderer vor ſei⸗ nem Tode ſprach.“ „Das Traumgeſicht verfolgt ihn. Wie er ſo bleich iſt! — Horch! er ſpricht wieder.“ Der Hindu fuhr in ſeinem Traume fort: „Wanderer! un⸗ ſerer ſind drei. Wir ſind muthvoll. Wir haben den Tod in unſerer Hand. Du haſt uns dem guten Werke opfern ſehen. Sey mit uns — oder ſtirb! — O, welcher Blick! Nicht ſo! Sieh mich nicht ſo an!“ Bei dieſen letzten Worten machte er eine heftige Bewegung, als wollte er einen Gegenſtand, wel⸗ cher auf ihn zukäme, entfernen, und wachte auf. Er fuhr mit der Hand über ſeine ſchweißtriefende Stirn und ſah mit verſtörtem Blick umher. „Bruder! immer dieſen Traum 2“ ſagte Faringhea zu ihm. „Für einen kühnen Menſchenjäger biſt Du ſchwachköpfig. Zum Gluck ſind Herz und Arm bei Dir ſtark.“ Der Hindu bedeckte ſeine Augen mit den Händen und ſagte nach einer Pauſe: „Lange hatte ich von dieſem Wanderer nicht geträumt.“ Faringhea zuckte die Achſeln und fragte: „Iſt er nicht todt? Haſt Du ihm nicht den Strick um den Hals geworfen?“ „Ja,“ antwortete der Hindu ſchaudernd. „Haben wir nicht ſein Grab neben dem des Oberſten ge⸗ macht?“ fragte der Neger. „Haben wir ihn nicht, wie den engliſchen Schlächter, unter dem Sand und den Binſen ver⸗ — ſcharrt?“ „Ja,“ erwiederte der Hindu mit bebender Stimme „Wir haben ſein Grab gemacht, und dennoch — — Vor einem Jahr wartete ich eines Abends vor dem Thor von Bombay uf einen unſerer Brüder. Die Sonne war im Begriff, hin⸗ ter der Pagode öſtlich von dem Hügel unterzugehen. Ich ſehe das Alles noch wie heute. Ich ſaß unter einem Feigen⸗ baum. Da hörte ich einen langſamen, feſten Tritt. Ich wandt mich um. Es war er. Er kam aus der Stadt.“ „ „Traumgeſicht!“ ſagte der Neger. „Immer wieder das Traumgeſicht!“ „Traumgeſicht oder ſchwache Aehnlichkeit!“ fügte Faringhea hinzu. 8 „Rein!“ betheuerte der Hindu. „An dem ſchwarzen Strich auf der Stirn hab' ich ihn wieder erkannt. Es war er. Ich war vor Schrecken wie gelähmt. Während ich ihn anſtarrte blieb er vor mir ſtehen und heftete ſeinen traurigen Blick auf mich. Unwillkürlich rief ich: Er iſt's! — „Ich bin's,“ er⸗ wiederte er mit ſeiner ſanften Stimme. „Alle die, welche Du getödet haſt, ſtehen wieder auf gleich mir.“ — Dabei deutete er auf den Himmel — „Wozu töden? Höre. Ich komme von Java und gehe ans andere Ende der Welt in ein Land ewigen Schnees. Dort oder * hier, auf einem Gluth⸗oder Eisboden, bin ich ſtets ich. So iſt auch die Seele eines Jeden, welcher unter Deinem Strick fällt, in dieſer Welt oder † dort oben, in dieſer Hülle oder in einer andern — immer eine Seele. Du kannſt ſie nicht erreichen. Wozu töden?“ — Und er ſchüttelte traurig den Kopf und ging vorüber, immer langſamen Schrittes mit geſenktem Haupt. So ſtieg er den Hügel der Pagode hinauf. Regungslos folgte ich ihm mit den Augen. In dem Augenblick, wo die Sonne unterging, blieb er auf dem Gipfel ſtehen. Seine große Ge⸗ ₰ ſtalt war deutlich ſichtbar auf dem blauen Hintergrund des Himmels, und er verſchwand.“ Der Hindu ſchwieg eine Weile und fügte dann ſchaudernd hinzu: „O! das war er! Das war er Der Hindu hatte ſchon oft ſeinen Gefährten dies geheim⸗ £ nißvolle Abenteuer erzählt, und ſeine Erzählung war ſich ſtets gleich geblieben. Sein Beharren auf dem, was er ein Mal geſagt hatte, erſchütterte endlich ihren Unglauben, oder vielmehr ees beſtimmte ſie, eine natürliche Erklärung dieſer ſcheinbar, übernatürlichen Begebenheit zu ſuchen. Faringhea beſann ſich einige Augenblicke und ſagte: „Es iſt möglich, daß die Schlinge, welche dem Wanderer um den Hals geworfen war, irgendwo hängen geblieben und daß er demzufolge nicht völlig getö⸗ det worden iſt. Dann iſt vielleicht Luft durch die Binſen ge⸗ drungen, mit welchek wir ſein Grab bedeckt hatten, und ſo wird er wieder lebendig geworden ſeyn.“ Der Hindu ſchüttelte den Kopf und ſagte: „Nein, nein! Dieſer Menſch iſt nicht von unſerer Art.“ 5 — „Was meinſt Du damit?“ fragte Faringhea. „Jetzt weiß ich — —“ „Du weißt?“ unterbrach der Neger erſtaunt. „Hört mich an,“ ſagte der Hindu in feierlichem T ——— Zahl der Opfer, welche die Söhne Bohwanie's von Anbeginn der Welt geſchlachtet haben, iſt nichts im Vergleich mit der Unzahl von Todten, welche dieſer furchtbare Wanderer auf ſeinem mörderiſchen Gang hinter ſich läßt.“ „Er?“ riefen die beiden andern. „Er!“ wiederholte der Hindu in einem Ton der Ueberzeu⸗ gung, welcher das Erſtaunen ſeiner Gefährten noch größer machte. „Hört weiter und zittert! Als ich dieſen Wanderer * am Thör von Bombay traf, kam er, wie er mir ſagte, von Java und ging nach dem Norden. Am folgenden Tag ward Bombay von der Cholera verheert, und einige Zeit nachher erfuhr man, daß dieſe Seuche hier, auf Java, zuerſt ausge⸗ brochen ſey.“ * „Das iſt wahr,“ bemerkte der Neger. „Hört weiter!“ fuhr der Hindu fort. „Er hatte mir ge⸗ ſagt: Ich gehe nordwärts, in ein Land ewigen Schnees. Und die Cholera iſt ebenfalls nordwärts gegangen, über Mas⸗ kat, Ispahan, Tauris, Tiflis und nach Sibirien.“ „Das iſt wahr,“ ſagte Faringhea gedankenvoll. „Und die Cholera,“ fuhr der Hindu fort, „rückte täglich nur fünf bis ſechs Stunden Wegs vor — den Tagmarſch eines Mannes. Sie erſchien nie an zwei Orten zugleich. Sie ging langſam, gleichförmig vorwärts, immer einen Tagmarſch.“ Bei dieſer ſonderbaren Vergleichung ſahen Faringhea und der Neger ſich einander verwundert an. Einige Minuten herrſchte eine ängſtliche Stille. Endlich fragte der Neger entſetzt: „Und Du glaubſt, daß dieſer Menſch — —?“ „Ich glaube, daß dieſer Menſch, den wir getödet haben, von einer hölliſchen Gottheit wieder zum Leben erweckt und beauftragt iſt, dieſe Landplage über die Erde zu verbreiten und hinter ſich den Tod zu laſſen, vor welchem er ſelber geſchützt iſt. Erinnert Euch, dieſer furchtbare Wanderer iſt über Java gekommen, und die Cholera hat Java verheert; er iſt durch Bombay gekommen, und die Cholera hat Bom⸗ bay verheert; er iſt nach dem Norden gegangen, und die Cholera hat den Norden verheert.“ Der Hindu ſchwieg und es trat wieder die vorige Stille ein. Es hat ſeine Richtigkeit mit dem, was er über das bis —— —— jetzt noch unerklärte Vorrücken der Cholera ſagte. Bekannt⸗ lich iſt ſie nie mehr als fünf bis ſechs Stunden Wegs täglich vorgegangen und nie iſt ſie an zwei Orten zu gleicher Zeit aufgetreten. Es iſt wirklich ſonderbar, wenn man auf den damals entworfenen Karten das langſame Vorrücken dieſer wandernden Plage verfolgt. Man erſtaunt, hier alle Eigen⸗ heiten der Reiſe eines Menſchen zu finden. Sie kam dahin und nicht dorthin. In einem Land wählte ſie gewiſſe Pro⸗ vinzen, in den Provinzen gewiſſe Städte, in einer Stadt ein gewiſſes Quartier, in einem Quartier eine gewiſſe Straße, in einer Straße ein gewiſſes Haus, um ſie heimzuſuchen. Sie hatte Orte, an denen ſie ſich länger aufhielt und raſtete, und ſetzte dann ihren langſamen, geheimnißvollen, ſchrecklichen Gang weiter fort. Dieſe von dem Hindu hervorgehobenen Sonderbarkeiten mußten einen gewaltigen Eindruck auf den Neger und auf Faringhea machen, deren ganzes Thun auf dem Glauben an das Walten finſterer Mächte beruhte. Und wie ſtark mußte dieſer Glaube nicht ſeyn, wenn er ihnen die Mordwuth ein⸗ flößte! Sie waren Menſchen, die faſt immer ohne Veranlaſ⸗ ſung, ohne Haß tödteten, aus Mordluſt, um den Tod an die Stelle des Lebens zu ſetzen, um (wie einer der Ihrigen vor Gericht erklärt hat) aus einem Lebenden eine Leiche zu machen. Vertieft man ſich in die Frage nach der Urſache dieſer mon⸗ ſtröſen Erſcheinung, ſo kommt man zu dem Schluß, daß ein ſolches Prieſterthum des Mordes nur in Gegenden blühen kann, welche, wie Indien, mit dem Fluch der ſcheußlichſten Sklaverei, der unbarmherzigſten Ausbeutung des Menſchen durch den Menſchen beladen ſind. Eine ſolche Religion iſt der durch die Unterdrückung aufs Aeußerſte getriebene Men⸗ ſchenhaß. Vielleicht hat dieſe Mörderſecte, deren Urſprung ſich in die Nacht der Jahrhunderte verliert, ſich in dieſen Gegenden erhaltén, als die einzig mögliche Proteſtation der Sklaverei gegen den Despotismus. Oder hat vielleicht Gott nach ſeinen unerforſchlichen Rathſchlüſſen Phanſegars geſchaffen, wie er Tiger und Schlangen geſchaffen hat? Ein geheimniß⸗ volles Band verknüpft die Glieder dieſer heilloſen Congrega⸗ tion und reißt ſie von den andern Menſchen los. Sie haben ihre Geſetze und Gewohnheiten. Sisen einander bis zur Aufopferung. Vaterland und Familie kennen ſie nicht. Sie hängen lediglich von einer finſteren unſichtbaren Macht ab, deren Geboten ſie blindlings gehorchen und in deren Namen ſie ſich über die Länder verbreiten, um Leichen zu machen. *) Während die drei Würger bei ihrer Lampe in Gedanken über den todverbreitenden Wanderer verſunken waren, funkel⸗ ten draußen am nächtlichen Himmel die Sterne, und zuweilen regte ſich ein Lüftchen in den glänzenden Blättern der Palm⸗ und Bananenbäume. Der Mond warf fortwährend ſein weißes Licht und bläuliche Schatten auf die Trümmermaſſe und in die Säulenhalle, auf deren linken Seite der noch erhaltene Koloß ſtand. Das Fußgeſtell dieſes Koloſſes ruhte auf großen Stein⸗ platten, welche unter dem Geſträuch halb verborgen waren. Plötzlich ſchien eine dieſer Steinplatten zu verſinken. Dies geſchah ohne Geräuſch. Aus dem entſtandenen Loche kam ein holländiſcher Soldat bis zum halben Leibe zum Vorſchein, ſah ſich aufmerkſam um und horchte. Als er draußen auf dem Gras den Schimmer der Lampe bemerkte, welche in der Hütte brannte, wandte er ſich um und gab ein Zeichen. Zwei an⸗ dere Soldaten kamen zum Vorſchein, ſtiegen mit ihm in größ⸗ ter Stille behutſam die letzten Stufen der unterirdiſchen Treppe herauf und ſchlichen durch die Halle. Einige Augenblicke ſah man ihre Schatten. Dann verſchwanden ſie hinter verfallenen Mauern Die dicke Steinplatte nahm wieder ihre alte Stelle ein, und ehe ſie ſich ſchloß, konnte man in dem Loch die Köpfe mehrer andern Soldaten bemerken. Sechstes Kapitel. Ser Hinterh Die Worte des Hindu über den geheimnißvollen Gang der Cholera hatten in dem Meſtizen Faringhea finſtere Ge⸗ 3 Siehe die Anmen am Schluß des Bandes. — 3 danken erweckt. Um ſich ihnen zu entziehen, fing er von etwas anderem zu reden an. Eine düſtere Glut entzündete ſich in ſeinem Auge, und ſein Geſicht nahm den Ausdruck wilder Begeiſterung an, indem er rief: „Bohwanie wird ſtets wachen über uns unerſchrockene Menſchenjäger. Muth gefaßt, Brüder! Muth! Die Welt iſt groß. Die Engländer zwingen uns, Indien zu verlaſſen, uns, die drei Häupter des guten Werks. Was thut das? Wir laſſen dort unſere Brüder, ſo verborgen, ſo zählreich, ſo furchtbar wie die ſchwarzen Secorpionen, welche ihre Anweſenheit nur durch einen töd⸗ lichen Biß verrathen. — Bruder!“ ſprach er im Ton eines Sehers zu dem Hindu, „für dich Amerika!“ Und zum Neger: „Bruder! für dich Afrika. — Brüder! für mich Europa! Ueberall wo Menſchen ſind, gibt es Quäler und Gequalte. Ueberall, wo Gequälte ſind, gibt es von Haß geſchwellte Herzen. Unſere Sache iſt es, dieſen Haß zur Gluth der Rache anzufachen. Uns kommt es zu, mit Liſt und Verfüh⸗ rung an uns, Diener Bohwanie's, alle diejenigen zu ziehen, derer Eifer, Muth und Kühnheit uns nützlich ſeyn können. Unter einander wetteifern wir in Aufopferung. Uns leiſten wir wechſelſeitig Hülfe. Wer nicht mit uns iſt, ſey unſere Beute. Mitten unter Allen, wider Alle, trotz Allen ſondern wir uns ab. Für uns darf es weder Vaterland noch Familie geben. Unſere Familie ſind unſere Brüder, unſer Vaterland iſt die Welt!“ Dieſe Anrede machte einen lebhaften Eindruck auf den Neger und den Hindu. Beide warpn gewohnt, dem Einfluß des ihnen an Verſtand überlegenen ſich hinzugeben, obwohl ſie ſelber zu den vornehmſten Häuptern der blutigen Geſellſchaft gehörten. „Ja, Du haſt Recht, Bruder!“ ſagte der Hindu. „Uns gehört die Welt. Hier, auf Java, wollen wir eine Spur unſerer Durchreiſe zurücklaſſen. Vor unſerer Abfahrt wollen wir auf dieſer Inſel das gute Werk gründen. Es wird hier ſchnell wachſen, denn die Holländer ſind ſo räuberiſch wie die Engländer. Brüder, ich habe in den ſumpfigen Reisfeldern, welche ſtets ihren Anbauern tödlich ſind, Men⸗ ſchen geſehen, welche die Noth zu dieſer mörderiſchen Arbeit trieb. Sie waren leichenblaß, und einige ſielen vor Hunger 1. 3 3 — und Erſchöpfung um. Brüder! Das gute Werk wird in dieſem Land gedeihen!“ „Dieſen Morgen,“ nahm der Neger das Wort, „ſah ich ein altes Männchen, welches ſich gemächlich aus ſeinem Landhaus nach Batavia tragen ließ, während einer ſeiner ſchwarzen Sklaven blutig gegeißelt ward. Dieſer abgelebte Kaufmann nahm gleichgültig die Liebkoſungen von zwei jungen Mädchen hin, welche deren Eltern ihm für ſeinen Harem verkauft haben, weil ſie zu arm ſind, um ſie zu ernähren. Der Palankin, in welchem das Männchen mit dem Mädchen bequem ruhte, ward von zwölf jungen kräftigen Männern getragen. Brüder, es gibt hier Mütter, welche aus Noth ihre Töchter verkaufen, Sklaven, welche man zerfleiſcht, Menſchen, welche wie Laſtthiere andere Menſchen tragen. Das gute Werk wird in dieſem Land gedeihen.“ „In dieſem Land und in jedem Land, wo Unterdrückung, Elend, Verderbniß und Sklaverei ſich findet,“ fügte Faring⸗ hea hinzu. „Wenn es uns gelingt, Sſchalma zu werben, wie Mahal uns empfohlen hat,“ ſagte der Hi ſere Reiſe nach Java hätte dann einen doppelten Vorth iſe kö ten wir zu den Unſrigen di ling zählen, welcher ſo viele haſſen.“ „Er wird kommen,“ ſagte Faringhea. „Wir müſſen ſeinen Haß aufſtacheln.“ „Wir müſſen ihn an den Tod ſeines Vaters erinnern,“ meinte der Hindu. 0 „An ſeine Gefangenſchaft,“ fügte der Meſtize hinzu. „Wenn ſein Haß entbrennt, gehört er uns“ Der Reger hatte während dieſes Geſprächs ſeinen eignen Gedanken nachgehängt. Plötzlich ſagte er: „Brüder! — — Wenn Mahal uns täuſchte!“ en unternehmenden Jüng⸗ ache hat, die Menſchen zu „Er?“ rief der Hindu faſt unwillig. „Er hat uns Zuflucht 3 auf ſeinem Schiff gegeben und damit unſere Flucht vom Feſt⸗ land möglich gemacht. Er will uns hier auf ſeine Gvelette nehmen und nach Bombay führen, wo wir Fahrgelegenheit nach Amerika, Afrika und Europa finden.“ 3 „Was ſollte den Schmuggler beſtimmen, uns zu verrathen 2* — fragte Faringhea. „Er weiß doch, daß nichts ihn vor der Rache der Söhne Bohwanie's ſchützen würde.“ „Hat er uns nicht verſprochen, Dſchalma durch Liſt dieſen Abend zu uns zu bringen?“ fuhr der Hindu fort. „Und iſt Dſchalma einmal bei uns, ſo muß er der Unſere ſeyn.“ „Mahal iſt es, der uns den Plan zur Gewinnung Dſchal⸗ ma's entworfen hat,“ fügte der Meſtize hinzu. „Er hat uns geſagt: Befehlt dem Malaien, ſich in den Ajupa Dſchalma's einzuſchleichen, während dieſer ſchläft, und ſtatt ihn zu töden, ihm den Namen Bohwanie auf den Arm zu zeichnen. Dſchalma, hielt er richtig dafür, wird darnach die Entſchloſſenheit, Gewandtheit und Unterwürfigkeit unſerer Brüder beurtheilen können und begreifen, was man von ſolchen Menſchen hoffen und fürchten darf. Aus Bewunderung oder aus Schrecken wird er alſo der Unſere werden.“ „Wenn er nun aber doch, trotz ſeinen Gründen zum Men⸗ ſchenhaß, ſich weigert, der Unſere zu ſeyn?“ fragte der Neger. „Alsdann,“ erwiederte Faringhea finſter, „wird Bohwanie über ſein Schickſal entſcheiden. Ich habe meinen Plan.“ „Aber,“ wandte der Neger weiter ein, „wird es dem Ma⸗ laien gelingen, ihn im Schlaf zu überraſchen?“ „Kein Menſch iſt kühner, gewandter, behender, als der Malaie,“ erwiederte Faringhea. „Er hat die Verwegenheit gehabt, einen ſchwarzen ſäugenden Panther in ſeiner Höhle zu überraſchen. Er hat die Alte getödtet und das weibliche Junge mitgenommen und ſpäter einem europäiſchen Schiffs⸗ capitän verkauft.“ Der Hindu horchte auf einen eigenen Schrei, der durch die tiefe nächtliche Stille des Waldes hallte, und rief: „Es iſt dem Malaien gelungen!“ Der Neger horchte gleichfalls und ſagte: „Ja, das iſt der Schrei des Geiers, der ſeine Beute davon trägt. „Das iſt das Zeichen, mit dem unſere Brüder melden, daß ſie ihre Beute erhaſcht haben.“ Es dauerte nicht lange, ſo erſchien der Malaie an der Thür der Hütte. Er war in ein großes Stück geſtreiften Baum⸗ wollenzeugs von lebhaften Farben gehüllt. „Nun?“ fragte der Neger ängſtlich, „iſt es Dir gelungen?“ „Dſchalma,“ antwortete der Malaie ſtolz, „wird ſein Leben⸗ aus den Worten Dſchalma's das Mittel, welches Mahal an⸗ 6 — lang das Zeichen des guten Werks tragen. Um zu ihm zu gelangen, habe ich Bohwanien einen Menſchen vpfern müſſen, welcher mir in den Weg kam. Die Leiche habe ich unter dem Gebüſch in der Nähe des Ajupa gelaſſen. Aber Dſchalma trägt unſer Zeichen. Mahal, der Schleichhändler, iſt der Erſte, welcher es erfahren hat.“ „Und Dſchalma iſt nicht aufgewacht?“ fragte der Hindu voll Staunen über des Malaien Gewandtheit. „Wenn er aufgewacht wäre,“ antwortete der Adept, „ſo wäre ich nicht mehr am Leben, denn ich ſollte ſein Leben ſchonen.“ „Weil ſein Leben uns nützlicher ſeyn kann, als ſein Tod,“ bemerkte der Meſtize. „Bruder“ fügte er hinzu, „indem Du Dein Leben für das gute Werk aufs Spiel ſetzteſt, haſt Du heute gethan, was wir geſtern gethan haben und was wir morgen thun werden. Heute gehorchſt Du; eines Tages wirſt Du befehlen.“ „Wir alle gehören Bohwanien,“ erwiederte der Malaie. „Was ſoll ich weiter thun? Ich bin bereit.“ Bei dieſen Worten hatte er das Geſicht der Thüröffnung zugekehrt! „Seht“ flüſterte er, „dort kommt Dſchalma. Mahal hat uns nicht getäuſcht.“ Faringhea zog ſich in eine dunkle Ecke der Hütte zurück und ſagte, indem er ſich unter einer Matte verbarg: „Er ſoll mich noch nicht ſehen. Sucht ihn zu überreden. Wenn er widerſteht, ſo hab' ich meinen Plan.“ Kaum hatte Faringhea ſich verſteckt, ſo erſchien Dſchalma an der Thür. Beim Anblick der drei verdächtig ausſehenden Menſchen trat er betroffen zurück. Indeſſen fiel ihm ein, daß in dieſem Land, wo es keine Wirthshäuſer gibt, Wan⸗ derer oft die Nacht unter Zelten oder in Trümmern zubrin⸗ gen. „Vielleicht,“ dachte er, „ſind dieſe Menſchen nicht ſo ſchlimm, wie ſie ausſehen.“ Er trat ein, und da ihm die gelbe Geſichtsfarbe und die Tracht des Einen einen Lands⸗ mann verrieth, redete er ihn in indoſtaniſcher Sprache an: „Ich glaubte hier einen Europäer, einen Franzoſen zu treffen.“ Der Franzvſe iſt noch nicht gekommen,“ antwortete der Hindu. „Aber er wird nicht lange ausbleiben.“ Ex errieth) —— — 3 — gewandt hatte, um ihn hieher zu locken, und hoffte Zeit zu gewinnen, indem er ihn in ſeinem Irrthum beſtärkte. „Du kennſt dieſen Franzoſen?“ fragte Dſchalma. „Er hat uns wie Dich hieher beſtellt,“ antwortete der Hindu. „Zu welchem Zweck?“ fragte Dſchalma, deſſen Erſtaunen zunahm. „Wenn er kommt, wirſt Du es erfahren.“ „Es iſt doch der General Simon, der Euch hieher beſtellt hat?“ „Es iſt der General Simon,“ antwortete der Hindu. Dſchalma zerbrach ſich den Kopf, um ſich dieſe geheimniß⸗ volle Zuſammenkunft zu erklären. Das Schweigen der beiden Andern, die ſich ſtarr einander anſahen, kam ihm verdächtig vor. Nach einer Weile fragte er wieder mit argwöhniſcher Miene: „Und wer ſeyd Ihr?“ „Wir ſind für Dich, wenn Du für uns ſeyn willſt,“ ant⸗ wortete der Hindu. „Ich bedarf Eurer nicht, und Ihr bedürft meiner nicht.“ „Wer weiß!“ erwiederte der Hindu. „Ich weiß es,“ entgegnete Dſchalma. „Du irrſt Dich. Die Engländer haben Deinen Vater ge⸗ tödet. Er war König. Man hat Dich gefangen genommen und verbannt. Du haſt nichts mehr.“ Bei dieſer ſchmerzlichen Erinnerung verdüſterten ſich Dſchal⸗ ma's Züge. Er erzitterte, und ein bitteres Lächeln ſpielte um ſeine Lippen. Der Hindu, welcher dies bemerkte, fuhr fort: „Dein Vater war gerecht, tapfer, von ſeinen Untertha⸗ nen geliebt. Man nannte ihn den Vater des Hochherzigen, und er verdiente dieſen Namen. Willſt Du ſeinen Tod un⸗ gerächt laſſen? Soll der Grimm, welcher an Deinem Herzen nagt, unfruchtbar ſeyn?“ „Mein Vater,“ antwortete der Königsſohn, „iſt mit den Waffen in der Hand gefallen. Seinen Tod habe ich gerächt an den Engländern, die ich im Kampf getödet habe. Der⸗ jenige, welcher jetzt bei mir die Stelle meines Vaters ver⸗ tritt und der gleichfalls für ihn gefochten, hat mir geſagt, daß es jetzt ſinnlos wäre, mit den Engländern um die Wie⸗ dereroberung meines Landes kämpfen zu wollen. Als ſie mir die Freiheit gaben, habe ich geſchworen, nie mehr den Fuß nach Indien zu ſetzen, und ich halte meine Eidſchwüre.“ 5 * — „Die, welche Dich beraubt und gefangen genommen, die, welche Deinen Vater getödet haben, ſind Menſchen. Es gibt außer ihnen Menſchen, an denen Du Dich rächen kannſt. Laß Deinen Haß auf ſie fallen.“ „Biſt Du nicht auch ein Menſch?“ fragte Dſchalma. „Ich und Die, welche mir gleichen, ſind mehr als Menſchen. Wir ſind im Verhältniß zur übrigen Menſchheit, was die Jäger im Verhältniß zu den wilden Thieren ſind, welche ſie im Wald aufſpüren. Willſt Du ſeyn, wie wir — mehr als ein Menſch? Willſt Du ſicher, reichlich, ungeſtraft den Haß ſättigen, der Dein Herz verzehrt nach dem Uebel, welches man Dir zugefügt hat?“ „Deine Worte werden mir immer unbegreiflicher,“ erwiederte Dſchalma. „Ich trage keinen Haß im Herzen. Wenn ein Feind meiner würdig iſt, ſo bekämpf' ich ihn. Iſt er meiner un⸗ würdig, ſo veracht' ich ihn. Alſo haſſe ich weder die Tapfern, noch die Feigen.“ Während dieſes Geſprächs hatten Dſchalma und der Hin⸗ du ſich allmählig von der Thür entfernt, ſo daß dieſe frei war. Der Neger ſah zufällig hinaus und rief plötzlich: „Verrath!“ Auf dieſen Ruf, bei welchem der Neger nach dem Eingang deutete, warf Faringhea die Matte weg, fuhr wie ein Tiger empor und war mit einem Sprung aus der Hütte. Ein Halbkreis von Soldaten rückte vorſichtig gegen die Thür. Der Meſtize durchbohrte einen derſelben mit ſeinem Dolch, warf zwei andere über den Haufen und verſchwand in den Trümmern. Alles das war das Werk eines Augenblicks. Als Dſchalma ſich umwandte und hinaus blickte, um zu ſehen, warum der Neger Verrath gerufen hatte, war Faringhea verſchwunden. Ein Theil der Soldaten eilte dem Flüchtlinge nach, die an⸗ deren beſetzten die Thür und ſchlugen auf Dſchalma und auf die drei Würger an. Der Neger, der Hindu und der Malaie erkannten die Unmöglichkeit eines Widerſtandes. Sie wech⸗ ſelten einige Worte mit einander und reichten die Hände zum Binden dar. Als ſie gefeſſelt waren, trat der die Soldaten befehligende Hauptmann ein. Mit einem Blick auf Dſchalma fragte er: „Und dieſer da?“ . „ „Einer nach dem Andern, Herr Hauptmann,“ erwiederte der alte Sergeant. „Wir kommen jetzt an ihn.“ g Dſchalma war ſtarr vor Ueberraſchung. Er begriff nichts von dem, was um ihn her vorging. Als er aber den Ser⸗ geanten und zwei Soldaten mit Stricken auf ſich zukommen ſah, ſtieß er ſie zurück und trat zu dem Officier, welcher an der Thür ſtand. „Warum wollen Sie mich binden laſſen, wie dieſe Menſchen da?“ fragte er den Hauptmann. „Warum man Dich binden will? Elender!“ erwiederte der Officier. „Weil Du zu dieſer Mörderbande gehörſt.“ Und als er ſah, daß die Soldaten in unwillkürlicher Scheu vor der würdevollen Haltung des jungen Mannes ſtehen blieben, rief er ihnen zu: „Fürchtet Ihr Euch vor ihm? Legt ihm feſt den Strick um die Hände! Bald wird man ihm einen um den Hals legen.“ „Sie ſind im Irrthum,“ ſagte der Königsſohn mit ruhiger Würde und Kaltblütigkeit, welche dem Hauptmann auffielen. „Ich bin kaum eine Viertelſtunde hier und kenne dieſe Men⸗ ſchen nicht. Ich gedachte, einen Franzoſen hier anzutreffen.“ „Du biſt nicht ein Phanſegar, wie ſie?“ fragte der Haupt⸗ mann. „Wem wrillſt Du dieſe Lüge aufheften?“ „Sie?“ wiederholte Dſchalma mit einem ſo ne Ausdruck des Abſcheus, daß der Hauptmann ſeinen zur Feſſe⸗ lung des Jünglings bereiten Soldaten abwinkte. „Dieſe Menſchen gehören zu der abſcheulichen Mörderbande? Und Sie beſchuldigen mich, ihr Genoſſe zu ſeyn? — Nun bin ich ruhig, Herr Hauptmann,“ fügte er achſelzuckend hinzu. „Es iſt nicht genug, daß Sie ſagen: Ich bin ruhig,“ er⸗ wiederte der Officier. „Man weiß, an welchem Zeichen die Würger einander erkennen.“ „Ich wiederhole Ihnen, Herr Hauptmann, daß ich dieſe Mörder verabſcheue. Ich war hieher gekommen — —“ 1 „Du haſt Recht,“ unterbrach der Neger zum Officier ge⸗ 6 wandt. „Die Söhne des guten Werks erkennen ſich an Zei⸗ chen, die ihnen ins Fleiſch geätzt ſind. Unſere Stunde iſt ge⸗ kommen. Wir ſtecken unſeren Hals in die Schlinge. Wir haben oft genug den Strick um den Hals Derer geworfen, welche nicht dem guten Werke dienen. Betrachte unſere Arme und betrachte den Arm dieſes jungen Menſchen.“ Der Hauptmann deutete dieſe letzten Worte falſch als eine Rechtfertigung Dſchalma's und ſagte zu dieſem: „Wenn Sie, —— ———— — — * wie der Neger ſagt, nicht das Zeichen auf dem Arm tragen (was wir ſogleich ſehen werden,) und wenn Sie Ihre An⸗ weſenheit hier genügend erklären, ſo können Sie in zwei Stunden frei ſeyn.“ „Du verſtehſt mich falſch!“ rief der Neger. „Prinz Dſchal⸗ ma iſt einer der Unſeren, denn er trägt auf dem linken Arm den Namen Bohwanie.“ „Ja, er iſt gleich uns ein Sohn des guten Werks,“ ſagte der Malaie. „Er iſt Phanſegar, wie wir,“ fügte der Hindu hinzu. Die drei Würger, beleidigt durch den Abſcheu, den Dſchalma vor ihnen zu erkennen gegeben hatte, machten ſich ein Vergnügen daraus, die Meinung zu erwecken, daß der Sohn Kadſcha Sing's zu ihrer Geſellſchaft gehöre, und ſuchten ſich damit ein Anſehen von Wichtigkeit zu geben „Was haben Sie zu erwiedern?“ fragte der Hauptmann. Dſchalma zuckte mitleidig die Achſeln, ſtreifte ſeinen linken Aermel auf und zeigte ſeinen Arm. „Welche Frechheit!“ rief der Officier, als er unter dem Armgelenk auf der innern Seite des Vorderarms in rothen indiſchen Schriftzügen deut⸗ lich den Namen Bohwanie erblickte Er eilte zu dem Ma⸗ laien und beſah deſſen Arm, auf welchem er dieſelben Zeichen fand, desgleichen den Arm des Negers und des Hindu. Wü⸗ thend kehrte er zu Dſchalma zurück und rief: „Elender! Du flößeſt noch mehr Abſcheu ein, als Deine Mitſchuldigen! — Soldaten! bindet ihn wie einen niederträchtigen Meuchler, der noch am Rand des Grabes lügt!“ Betäubt und entſetzt betrachtete Dſchalma ſeit einigen Au⸗ genblicken das Unglückszeichen. „Willſt Du noch dies Zeugniß wegleugnen?“ fragte der Offizier. „Ich kann nicht leugnen, was ich ſehe, — was iſt,“ erwie⸗ derte der Jüngling niedergeſchlagen. „Endlich geſtehſt Du denn doch, Schuft! — Soldaten! Habt fin znhe auf ihn und auf ſeine Mitſchuldigen. Ihr haftet ür ſie!“ Dſchalma glaubte zu träumen. Ohne Widerſtand ließ er ſich knebeln und wegführen. Der Offizier ſuchte noch eine Stunde lang mit einem Theil ſeiner Leute in den Trümmern nach Faringhea. Als alle Bemühungen vergebens waren, kehrte ——— 1 — er nach Batavia zurück, wohin die Gefangenen unter Bedeckung voraus gegangen waren. Einige Stunden ſpäter ſchloß Herr Joſua van Dael ſeinen langen Bericht an Herrn Rodin zu Paris mitfolgendem Nachtrag: „Die Umſtände waren von der Art, daß ich nicht an⸗ ders verfahren konnte. Kurz geſagt, es iſt ein kleines . Uebel für ein großes Gut. Drei Mörder ſind in die Hände der Gerechtigkeit ge⸗ liefert, und die zeitweilige Verhaftung Dſchalma's wird nur dazu dienen, ſeine Unſchuld in einem um ſo glänzen⸗ deren Licht erſcheinen zu laſſen. Dieſen Morgen ſchon bin ich beim Statthalter geweſen, um eine Erklärung zu Gunſten unſeres Prinzen abzugeben. Ich ſagte: Da durch mich dieſe drei großen Verbrecher in die Hände der Obrig⸗ keit gefallen ſind, ſo beweiſe man mir einige Dankbarkeit, indem man alles mögliche thut, um die Unſchuld Dſchalma's ſonnenklar zu machen, dieſes Königsſohns, welcher wegen ſeines Unglücks und ſeiner edlen Eigenſchaften ſo viele Theilnahme verdient. Als ich geſtern Abend die Anzeige machte, daß man die Würger in den Trümmern von Tſchandi beiſammen finden würde, da war ich wahrlich weit entfernt, zu erwarten, daß man mit ihnen den Adoptivſohn des Generals Simon vermengen würde, eines wackeren Mannes, mit dem ich ſeit einiger Zeit in Geſchäftsverbin⸗ dung ſtehe. Man muß alſo um jeden Preis das Geheim⸗ niß aufklären, welches den Prinzen in dieſe gefährliche Lage gebracht hat. Ich bin ſeiner Unſchuld ſo gewiß, daß ich nicht daran denke, um Gnade für ihn zu bitten. Er wird Muth und Stolz genug haben, um geduldig im Ge⸗ fängniß den Tag der Gerechtigkeit abzuwarten „Sehn Sie, ſo habe ich hier in allen Stücken die Wahr⸗ heit geſagt. Ich habe mir nicht die geringſte Lüge vorzu⸗ werfen. Denn Niemand in der Welt iſt mehr als ich von der Unſchuld Dſchalma's überzeugt. „Der Gouverneur hat mir, wie ich erwartete, geant⸗ wortet: auch er ſey, ſo gut wie ich, moraliſch von der Un⸗ ſchuld des Prinzen überzeugt. Er habe alle Achtung vor ihm; aber die Gerechtigkeit müſſe ihren Lauf haben, denn dies ſey das einzige Mittel, die Falſchheit der ag⸗ zu be⸗ weiſen und zu entdecken, durch welche unbegreifliche Fü⸗ gung dies geheimnißvolle Zeichen auf den Arm Dſchalma's gekommen ſey. „Mahal, der Schleichhändler, welcher allein der Juſtiz Auskunft über dieſen Punkt geben könnte, wird in einer Stunde Batavia verlaſſen haben und an Bord des Ruyter ſeyn, welcher ihn nach Aegypten führen wird. Er erhält 4 von mir einige Zeilen an den Schiffer, beſagend, daß Mahal die Perſon iſt, für welchen ich einen Platz auf dem Ruyter genommen habe. Er nimmt auch dieſen langen Bericht mit. Der Ruyter fährt in einer Stunde ab. Geſtern Abend ſind die letzten Briefe nach Europa an⸗ genommen worden; aber ich habe mit Fleiß meinen Be⸗ richt zurückgehalten, um zum Schluß meinen Beſuch beim Statthalter melden zu können. „Sie ſehen alſo, Prinz Dſchalma wird hier einen Monat lang mit Gewalt zurückgehalten, die Gelegenheit auf dem Ruyter iſt verloren und mithin iſt es ſchlechterdings un⸗ möglich, daß der junge Indier vor dem 13. Februar des nächſten Jahres in Paris ſey. Sie haben befohlen und † und ich habe blindlings gehorcht nach Maßgabe der Mittel, über welche ich verfügen konnte. Ich habe nur den Zweck be⸗ rückſichtigt, der ſie heiligen muß, denn es handelte ſich, wie Sie mir ſagten, um eine Sache von unermeßlicher Wich⸗ tigkeit für die Geſellſchaft. In Ihren Händen bin ich gewe⸗ ſen, was wir in den Händen unſerer Oberen ſeyn ſollen, ein Werkzeug. Denn zur Ehre Gottes machen unſere Oberen Leichen 3) aus uns, was den Willen betrifft. „Laſſen wir alſo unſere Uebereinſtimmung und unſere WMacht immerhin in Abrede ſtellen Die Zeiten ſcheinen uns ungünſtig; aber nur die Begebenheiten wechſeln; wir bleiben unverändert „Gehorſam, Muth, Heimlichkeit, Geduld, Liſt und Ver⸗ wegenheit, Einheit und Hingebung unter uns, deren Va⸗ terland die Welt, deren Familie die Brüder, deren Königin Rom ift. J V *) Siehe die Anmerkungen am Schluß des Bandes. ꝙ Mit dieſem verſiegelten Schreiben ging gegen zehn Uhr Mor⸗ gens der Schleichhändler Mahal aus der Stadt Batavia, um ſich an Bord des Ruyter zu begeben. Eine Stunde ſpäter lag ſeine Leiche, in der Weiſe der Phanſegars erdroſſelt, unter den Binſen in der Nähe des ſandigen Ufers, wo er ſeine Barke zur Ueberfahrt auf den Ruyter hatte aufſuchen wollen. Als man ſpäter nach Abgang des Dampfſchiffs den Leichnam des Schmugglers entdeckte, ließ Herr van Dael bei ihm ver⸗ gebens den Bericht ſuchen, welchen er ihm zur Beſorgung über⸗ geben hatte. Auch der Brief, welchen Mahal dem Capitän des Ruhter einhändigen ſollte, um einen Platz auf ſeinem Schiff zu erhalten, fand ſich nicht vor. Desgleichen blieben die Nach⸗ forſchungen und Treibjagden auf der Inſel zur Entdeckung Faringhea's erfolglos. Der gefährliche Häuptling der Würger iſt zu Java nie mehr geſehen worden. — 1 ZPweiter Theil. Da S c 5 o i Siebentes Kapitel. 6 Herr Rodin. Drei Monate waren verfloſſen, ſeitdem Dſchalma zu Ba⸗ tavia ins Gefängniß geworfen war, unter der Anſchuldigung, zu der Mordſecte der Phanſegars oder Würger zu gehören. Der folgende Auftritt trug ſich im Anfang des Februars 1832 in Frankreich zu, auf dem Schloß Cardoville, einem alten Edelſitz auf dem ſteilen Ufer der Picardie, nicht weit von St. Valery, an einer Stelle des Kanals, wo faſt jedes Jahr mehre Schiffe durch Windſtöße aus Nordweſt mit Mann und Maus zu Grunde gehen. heftigen Sturms, welcher ſich in der Nacht erhoben hatte. Oft iieß ſich ein Getöſe wie ferner Geſchützdonner vernehmen, elches durch das Echo des Ufers wiederholt ward. Dies war das Getöſe der Brandung am Fuß der Höhe, auf welcher das Schloß ſtand. Es war gegen ſieben Uhr Morgens. Das Tageslicht drang noch nicht durch die Fenſter eines großen Zimmers im Erdgeſchoß des Hauſes. In dieſem Zimmer war, trotz der frühen Stunde, eine etwa ſechszigjährige Frau mit einem ehrlichen Geſicht, gekleidet wie eine reiche Pächterin der Picardie, beim Schein einer Lampe mit einer Näharbeit be⸗ kleine Säckchen. Das Geſicht dieſes bereits ergrauten Man⸗ nes verrieth Verſtand, Offenheit und Rechtlichkeit, gemiſcht von grünem Tuch, ſchwarze Sammthoſen und hohen kamaſchen von gelbem Leder. Der fürchterliche Sturm, welche Im Innern des Schloſſes vernahm man das Toben eines ſchäftigt. Vor einem großen Tiſch ſaß ihr Mann, etwa eben ſo alt wie ſie, und füllte Proben von Waizen und Hafer in mit ein wenig Bauernſchlauheit. Er trug ein kurzes Rö n . — 45 — draußen wbte, gab dieſem Stillleben einen erhöhten Reiz. Ein luſtiges Feuer brannte in einem großen Kamin von weißem Marmor und warf ſein freundliches Licht auf den ſorgfältig gebohnten Fußboden. Vorhänge von uraltem weißem Zitz, mit einem rothen Muſter in chineſiſchem Geſchmack, und über der Thür Schäferſtücke im Geſchmack Wateau's gaben dem Gemach ein gar heiteres Ausſehen. Eine Uhr von mattwei⸗ ßem Sevres⸗Porcellan, grün ausgelegte Geräthe von Roſen⸗ holz von bauchiger, gewundener und geſchnörkelter Form voll⸗ endeten die Ausſtattung dieſes Gemaches. Der Mann, welcher die Getraideproben ſortirte, war Herr Dupont, Verwalter des Gutes und Schloſſes Cardoville. Als das Unwetter immer forttobte und der Wind ſich wiederholt bald in dem Kamin verfing, bald die Fenſter erſchütterte, ſagte ſeine Frau: „Heilige Mutter Gottes, was iſt das für ein Wetter! Der Herr Rodin, deſſen Ankunft uns der Intendant der Frau Fürſtin von St. Dizier meldet, hat ſeinen Tag übel gewählt.“ „Es iſt wahr,“ erwiederte ihr Mann; „einen ſolchen Orkan hab ich noch nicht oft gehört. Wenn Herr Rodin noch nie das Meer in ſeiner Wuth geſehn hat, ſo kann er heute an dieſem Schau⸗ ſpiel ſeine Augen weiden.“ „Was mag wol der Herr Rodin hier wollen?“ fragte die Alte. „Ich weiß es wahrlich nicht,“ antwortete der Mann. „Der Intendant der Fürſtin ſchreibt mir, ich ſolle Herrn Rodin mit der größten Rückſicht behandeln und ihm gehorchen, wie meiner Herrſchaft. Herr Rodin wird ſich nun zu erklären haben, und meine Sache wird es ſeyn, ſeine Befehle zu vollziehen, da er von der Frau Fürſtin kommt.“ „Genau genommen, müßte er von Fräulein Adriane kom⸗ men,“ meinte Frau Dupont. „Denn ihr gehört das Gut ſeit dem Tod ihres Vaters, des Herzogs.“ Freilich. Aber die Fürſtin iſt ihre Tante, und der In⸗ tendant der Fürſtin beſorgt die Geſchäfte des Fräuleins. a8 alſo Jemand von dieſer oder von kommen, S. — 16 eigends von Paris gekommen iſt, um das Schloß zu ſehen, ſchien große Luſt darnach zu haben.“ — Bei dieſen Worten fing der Verwalter an laut zu lachen. — „Nun, was haſt Du zu lachen, Dupont?“ fragte ſeine gute Frau, welche ſich nicht eben durch Verſtand und Scharfblick auszeichnete. „Ich lache,“ antwortete Dupont, „weil ich an das Geſicht und an die Figur dieſer dicken, ungeheuren Frau denke. Zum Teufel! wenn man ſo ausſieht, muß man nicht Frau von Sainte Colombe, Frau von der heiligen Taube heißen. Ei du mein Gott! welch heiliges Täubchen! Sie iſt rund wie ein Scheffel, hat eine Brandweinſtimme, und einen grauen Schnurrbart, wie ein alter Grenadier, und ohne daß ſie es weiß, hab' ich ſie zu ihrem Bedienten ſagen hören: Geh, Miſtfink! Und ſie heißt Sainte Colombe 4 „Du biſt ein wunderlicher Kauz, Dupont. Man gibt ſich ja nicht ſelbſt ſeinen Namen. Und was kann die Frau dafür, daß ſie einen Bart hat?“ „Freilich nichts; aber ſie kann dafür, daß ſie ſich Sainte Colombe nennt. Du bildeſt Dir wohl ein, dies ſey ihr wahrer Name? Du biſt ein rechtes Dorfkind, liebes Kathrinchen!“ Und Du, lieber Dupont, Du mußt immer dann und wann ein loſes Maul haben Dieſe Dame ſieht ſehr achtungswerth aus. Das Erſte, wornach ſie bei ihrer Ankunft gefragt hat, war die Schloßkapelle, von der man ihr geſprochen hatte. Sie hat ſogar geſagt, ſie wollte dieſelbe verſchönern laſſen. Und als ich ihr ſagte es ſey keine Kirche auf dieſer kleinen Herrſchaft, ſchien ſie ſehr unzufrieden, daß ſie keinen Pfarrer im Dorf hätte.“ „Ja wohl! das Erſte, was die Emporkömmlinge thun, iſt, die Kirchenpatronin, die vornehme Frau zu ſpielen.“ 6 „Die Frau von Sainte Colombe braucht nicht die Vor⸗ nehme zu ſpielen; ſie iſt's.“ „Sie, eine vornehme Frau?“ entgegnete Dupont. „Das verſteht ſich. Man brauchte nur zu ſehen, wie ſchö ſie geputzt war, mit ihrem hochrothen Kleid und ihren vio letten Handſchuhen, wie die Biſchöfe ſie tragen. Und als ſie den Hut abnahm, da ſah man ihre falſchen, blonden Locken, einen Bügel von Diamanten, daumendicke Diamantknöpfe in ihren Ohrringen und Diamantringe an allen Fingern. Das 3 ————————— —— — 417 — iſt wahrhaftig keine geringe Perſon, welche ſo viele Diaman⸗ ten ſehen läßt.“ „Richtig! Du verſtehſt das aus dem Grunde.“ „Das iſt noch nicht Alles.“ „Wirklich! Was denn noch weiter?“ „Sie hat mir von nichts, als von Herzogen und Grafen und Marquis und ſehr reichen Herren geredet, die bei ihr zu⸗ ſprächen und ihre Freunde wären. Und als ſie den, von den Preußen halbniedergebrannten, Pavillon ſah, den der verſtor⸗ bene Herzog nicht hat wieder aufbauen laſſen, da fragte ſie: Was ſind das für Ruinen da? Und ich antwortete: Gnädige Frau, der Pavillon iſt zur Zeit der Alliirten verbrannt worden. Und da rief ſie: Ah! lebe Frau! dieſe guten, lieben Alliirten! die und die Reſtauration haben mein Glück begründet. — Siehſt Du, Dupont, da hab' ich gleich gedacht: Das iſt gewiß eine alte Emigrantin!“ Der Verwalter lachte laut auf und ſagte: „Frau von Sainte Colombe! ei, Du mein liebes Weib!“ „Nun!“ verſetzte die Alte, „Du meinſt, Du wärſt ein Hexenmeiſter, weil Du drei Jahre in Paris geweſen biſt“ „Kathrine,“ ſagte Dupont, „laß uns abbrechen. Du könn⸗ teſt mich dazu bringen, daß ich eine Ungebührlichkeit ſagte. ESs gibt Dinge, welch brave Weiber wie Du nichtwiſſen dürfen.“ „Ich weiß nicht, was Du damit ſagen willſt. Aber lerne Dein loſes Maul halten! denn wenn Frau von Sainte Cv⸗ lombe das Gut kauft, wirſt Du Gott danken, wenn ſie Dich als Verwalter behält. Nicht wahr?“ „Das iſt wahr, Kathrinchen. Wir werden alt. Zwan⸗ zig Jahre ſind wir jetzt hier, und wir ſind zu ehrlich geweſen, um etwas für unſere alten Tage zuſammen zu mauſen In unſerem Alter wäre es hart, einen andern Dienſt zu ſuchen und wir würden ihn vielleicht nicht finden. Was mir leid thut, iſt, daß Fräulein Adriane das Gut nicht behält. Denn es ſcheint mir, ſie hat es verkaufen wollen, und die Frau Fürſtin war nicht dafür.“ „Findeſt Du es nicht ſonderbar, Dupont, daß Fräulein Adriane, noch ſo jung, ſchon über ihr Vermögen verfügt?“ „Hm! das iſt ganz natürlich. Sie hat weder Vater noch Mutter mehr, alſo iſt ſie Herrin ihres Vermögens, — ganz 5 — 48 % abgeſehen davon, daß ſie ihr Köpfchen hat. Erinnerſt Du Dich, wie vor zehn Jahren der Graf ſie hierher gebracht hat? Es war im Sommer. Welch ein kleiner Teufel! Und welche Augen! Wie funkelten ſie ſchon!“ „Es iſt wahr, das Fräulein hatte damals in ihrem Blick ſo einen Ausdruck, — der eben ganz ſeltſam für iht Alter war.“ „Wenn ſie gehalten hat, was damals ihr putziges Kobolds⸗ geſichtchen verſprach, ſo muß ſie jetzt eine ganz hübſche Perſon ſeyn, trotz der etwas kecken Farbe ihrer Haare. Denn, unter uns geſagt, wenn ſie eine Bürgerstochter wäre, anſtatt ein vornehmes Fräulein zu ſeyn, ſo würde man ſie kurz und gut einen Fuchs nennen.“ „Immer das böſe Maul!“ „Gegen Fräulein Adriane? Gott bewahre mich! Sie ſah aus, als würde ſie nicht minder gut als hübſch werden. Ich will ihr nicht damit zu nahe treten, wenn ich ſage, ſie iſt ein Fuchs. Im Gegentheil. Ich erinnere mich, ihre Haare wa⸗ ren ſo fein, ſo goldglänzend, ſie paßten ſo gut zu ihrer ſchnee⸗ weißen Haut und ihren ſchwarzen Augen, daß man ſie wirk⸗ lich nicht anders hätte wünſchen mögen. Und ich bin über⸗ zeugt, daß jetzt dieſe Haarfarbe, welche Andern geſchadet ha⸗ ben würde, ihr Geſicht noch anziehender macht. Das muß ein wahres Teufelsgeſichtchen ſeyn!“ 3 „Etwas vom Teufel hatte ſie allerdings an ſich,“ ſagte Frau Dupont. „Immer im Park herumlaufen, ihre Gyuvernante raſend machen, auf die Bäume klettern, kurz alle möglichen Streiche machen — das war ihre Liebhaberei.“ „Ich gebe Dir zu, daß ſie ein eingefleiſchtes Teufelchen war. Aber, wie witzig, wie artig, und beſonders wie gut⸗ herzig war ſie auch!“ „Gut? — Jo, das war ſie. Hat ſie ſich doch einmal ein⸗ fallen laſſen, ihren Shawl und ihr neues Merinokleid einem armen Mädchen zu geben, und iſt im Unterrock und mit blo⸗ ßen Armen ins Schloß zurückgekommen.“ „Siehſt Du, ein gutes Herz! Aber auch ein Köpfchen! „Ja wohl, ein eigenſinniges Köpfchen!“ ſeufzte Frau Du⸗ pont. „Das konnte zu nichts gutem führen. Es ſcheint, ſie macht in Paris Sachen — Sachen — —!“ Ei, was denn?“ 49 — „Ach, lieber Mann, ich getraue mich nicht — —“ „Heraus damit!“ „Nun,“ ſagte die brave Frau verlegen, und ſo, daß man ihr anſah, wie ſehr ſie ſich vor ſolchen Gräueln entſetzte, „man ſagt, Fräulein Adriane ſetzt nièe einen Fuß in eine Kirche und hat ſich ganz allein in einen Götzentempel am Ende des Gartens des Hötels ihrer Tante eingewohnt, läßt ſich von maskirten Weibern bedienen, welche ſie als Göttin aufputzen, kratzt ſie den ganzen Tag, weil ſie ſich betrinkt — zu geſchweigen, daß ſie allnächtlich auf einem Waldhorn von gediegenem Golde bläſ't — was natürlich ihre arme Tante, die Fürſtin, zur Verzweiflung bringt“ Der Verwalter unterbrach ſeine Frau durch ein lautes La⸗ chen. Nachdem er ſich ſatt gelacht hatte, fragte er: „Ei! wer hat Dir denn dieſe ſchönen Geſchichtchen von Fräulein Adriane aufgebunden?“ „Die Frau des René hat mir's geſagt. Sie war in Pa⸗ ris, um ſich ein Pflegkind zu holen, und ging in das Hötel von St. Dizier, um Frau Grivvis, ihre Pathin, zu beſuchen, Du weißt ja, die erſte Kammerfrau der Fürſtin. Nun, die Frau Grivois hat ihr ganz laut das Alles geſagt, und die muß es ja wiſſen, denn ſie iſt im Haus.“ „O, ein ſauberes Stück und eine ſchlaue Hexe iſt dieſe Grivvis! Seiner Zeit hat ſie mitgemacht, ſo gut wie eine, und jetzt macht ſie's, wie ihre Herrſchaft: eine Heilige kommt ihr ucht gleich. Wie der Herr, ſo der Diener. Die Für⸗ ſtin ſelber, welche jetzt ſo züchtig, gerecht und gottſelig lebt in dieſer Welt, hat ſich's auch ſeiner Zeit wohl ſeyn laſſen. Welch luſtige Schweſter war ſie nicht vor fünfzehn Jahren! Erinnerſt Du Dich noch des ſchönen Huſarenoberſten zu Ab⸗ beville? Es war ein Emigrant, der in Rußland gedient, und dem die Bourbonen bei der Reſtauration ein Regiment gege⸗ ben hatten.“ „Ja, ja, ich erinnere mich. Aber Du haſt ein gar zu böſes Maul.“ Nein, ich ſage die Wahrheit. Der Oberſt brachte ſeine Zeit auf dem Schloſſe zu, und jedermann ſagte, er ſtünde auf ſehr gutem Fuß mit der heiligen Fürſtin von heutzutag. Ach! das war 1 ſchöne Zeit! Jeden Tag große Geſellſchaft oder 3 — 50 — Schauſpiel im Schloß. Wie verſtand der Oberſt, das ſchöne Geſchlecht in Feuer zu bringen! Wie ſpielte er Komödie! Ich erinnere mich — —“ Der Verwalter konnte nicht fortfahren. Eine dicke Magd, in der pieardiſchen Tracht und Haube, trat haſtig ein und ſagte zu Frau Dupont: „Madame, es iſt ein Mann da, welcher auf der Stelle mit Herrn Dupont ſprechen will. Er kommt von St. Valery in der Kutſche des Poſtmeiſters. Er ſagt, er hieße Herr Rodin.“ „Herr Rodin?“ wiederholte Dupont, indem er aufſtand. „Laß ihn ſogleich eintreten.“ Einen Augenblick nachher trat Rodin ein. Er war nach ſei⸗ ner Gewohnheit mehr als einfach gekleidet, und grüßte ſehr ehrerbietig den Verwalter und deſſen Frau. Letztere entfernte ſich auf einen Wink ihres Mannes. Das Leichengeſicht Rodin's, ſeine faſt unſichtbaren Lippen, ſeine kleinen, durch ſeine ſchlaffen Augenlieder halb verdeckten, Augen, ſeine faſt lumpigen Kleider gaben ihm ein nichts we⸗ niger als einnehmendes Anſehen. Und doch verſtand dieſer Menſch, im Nothfall, mit einer teufliſchen Kunſt ſo viel Gut⸗ müthigkeit und Aufrichtigkeit zu' erheucheln, ſeine Worte wur⸗ den ſo liebevoll, ſo einſchmeichelnd, daß allmählig der unan⸗ genehme, widrige Eindruck, den ſein Anblick zuerſt gemacht hatte, ſich verwiſchte, und daß er am Ende faſt immer den von ihm Berückten unwiderſtehlich in die krummen Gänge ſeiner honigſüßen, falſchen Schwätzerei verlockte. Man möchte ſagen, das Häßliche und das Böſe haben ihren Zauber, wie das Schöne und Gute. Der ehrliche Verwalter betrachtete dieſen Menſchen mit Verwunderung, indem er an die dringenden Empfehlungen des Intendanten der Fürſtin von St. Dizier dachte. Er hatte ſich eine ganz andere Perſon erwartet. Kaum im Stande, ſein Erſtaunen zu verhehlen, ſagte er: „Habe ich wirklich die Ehre, mit Herrn Rodin zu ſprechen?“ „Ja, Herr Dupont. Hier iſt ein neuer Brief vom Inten⸗ danten der Fürſtin.“ „Treten Sie gefälligſt an das Kamin, Herr Rodin, während ich dieſen Brief leſe. Es iſt ein ſo ſchlimmes Wetter. Kön⸗ ten wir Ihnen mit etwas aufwarten?“ 1 ———— ———— — — 51 . „Danke vielmals, Herr Dupont. In einer Stunde reiſe ich wieder ab.“ Während Dupont las, warf Rodin einenprüfenden Blick auf das Innere des Zimmers. Als ein Mann, der die Welt kannte, machte er oft ſehr treffende und nützliche Schlüſſe aus gewiſ⸗ ſen Aeußerlichkeiten, die oft eine Liebhaberei, eine Gewohn⸗ heit verrathen und ſo einen bezeichnenden Begriff geben. . Diesmal jedoch führte ſeine Neugier zu nichts. Nachdem der Verwalter geleſen hatte, ſagte er: „Gut, Herr Rodin. Der Herr Intendant empfiehlt mir von Neuem, ganz Ihren Befehlen nachzukommen.“ 8 6 „Sie beſchränken ſich auf Weniges. Ich werde Sie nicht lange ſtören.“ „Herr Rodin, es iſt eine Ehre für mich — —“ „Lieber Himmel! ich weiß, wie ſehr Sie in Anſpruch ge⸗ nommen ſind. Wenn man hier ins Schloß kommt, iſt man überraſcht von der Ordnung, welche hier herrſcht, und von der Art, wie Alles im Stand gehalten iſt. Das beweiſt, welch ein trefflicher Verwalter Sie ſind.“ „Herr Rodin, Sie ſchmeicheln mir.“ „Ihnen ſchmeicheln? Daran kann ein alter armer Mann nicht wohl denken. Doch auf'unſere Sache zu kommen — es iſt hier ein Zimmer, welches das grüne Zimmer heißt?“ „Ja, Herr Rodin. Das Zimmer, welches dem verſtorbenen Herzog von Cardoville als Arbeitszimmer diente.“ „Sie werden die Güte haͤben, mich hineinzuführen.“ „Leider iſt das unmöglich,Herr Rodin. Nach dem Tod des Herzogs und nach Abnahme der Siegel, ſind in einem Kaſten in dieſem Zimmer, viele Papiere eingeſchloſſen worden, und die mitden Geſchäften betrauten Leute haben die Schlüſſel mit nach Paris genommen.“ „Hier ſind dieſe Schlüſſel,“ ſagte Rodin, indem er dem Ver⸗ walter einen großen und einen kleinen Schlüſſel aneinander⸗ gebunden, zeigte. „Ah! Herr Rodin, das iſt etwas anders. Sie wollen Pa⸗ piere holen?“ „Ja, gewiſſe Papiere und ein Käſtchen von weſtindiſchem Holz mik ſilbernen Schließen. Kennen Sie es?“ Ja, Herr Rodin. Ich habe es oft aufdem Arbeitstiſch Herzogs geſehen. Es muß ſich in dem großen lakirten Kaſten finden, zu welchem Sie den Schlüſſel haben.“ „Sie ſind alſo wohl ſo gütig, mich kaut der Vollmacht der Fürſtin von St. Dizier in dies Zimmer zu führen?“ „Ja, Herr Rodin. Die Fürſtin befindet ſich doch wohl?“ — . „Vollkommen wohl, Sie iſt ſtets in Gott.“ „Und Fräulein Adriana?“ „Ach! lieber Herr!“ ſeufzte Rodin zerknirſcht und ſchmerzvoll. „ „Um Gotteswillen! ſollte dem guten Fräulein ein Unglück zugeſtoßen ſeyn?“ „Wie verſtehen Sie das?“ „Sollte ſie krank ſeyn?“ „FRein — — nein — — Leider iſt ſie eben ſo geſund als ſchön!“ „Leider?“ wiederholte der Verwalter erſtaunt. „Ach ja! Wenn Jugend, Schönheit und Geſundheit ſich zu einem verzweifelten Geiſt der Widerſpenſtigkeit und Verkehrt⸗ heit geſellen, zu einem Charakter, der ſicher ſeines Gleichen nicht hat auf dieſer Welt, dann wäre es beſſer, dieſer gefähr⸗ lichen Güter beraubt zu ſeyn, welche eben ſo viele Urſachen des Verderbens werden. Aber ich beſchwöre Sie, lieber Herr 2 Dupont, laſſen Sie uns von andern Dingen reden. Dieſer Gegenſtand iſt mir zu peinlich,“ ſprach Herr Rodin mit tief bewegter Stimme und fuhr mit der Spitze des kleinen Fingers ſeiner linken Hand in ſeinen rechten Augenwinkel, als wollte er eine hervorquellende Thräne trocknen. Der Verwalter ſah die Thräne nicht, allein er ſah die Be⸗ wegung, und er ward ergriffen von der gebrochenen Stimme des Herrn Rodin. Er erwiederte darum in gerührtem Ton: „Herr Rodin, verzeihen Sie meine unpaſſende Frage. Ich wußte nicht — —“ „Ich bitte Sie um Verzeihung wegen dieſer unwillkürlichen Rührung. Thränen ſind ſelten bei alten Leuten. Aber wenn Sie, wie ich, die Verzweiflung dieſer trefflichen Fürſtin geſehen hätten, die nur einen Fehler hat, daß ſie zu gut, zu ſchwach gegen ihre Nichte und ſo ſchuld geweſen iſt — — Aber noch⸗ mals, ſprechen wir von etwas anderem, lieber Herr.“ Er ſchwieg einen Augenblick, wie um ſich von ſeiner Gemüthsbe⸗ wegung zu erholen, und fuhr dann fort: „Alſo, was das grüne — Zimmer anbetrifft, wären wir im Reinen. Zetzt hätte ich noch einen andern Auftrag bei Ihnen auszurichten. Bevor ich zur Sache komme, muß ich Sie an etwas erinnern, was Sie viel⸗ leicht vergeſſen haben, denn es iſtfünfzehn bis ſechszehn Jahre 3 her. Der Herr Marquis von Aigrigny, welcher damals als Huſarenoberſt in Abbeville ſtand, hat einige Zeit hier zugebracht.“ „Ja wohl, Herr Rodin. O, das war ein ſchöner Officier! 6 So eben hab' ich mit meiner Frau von ihm geſprochen. Er war die Luſt des Schloſſes. Und wie ſpielte er Komödie! beſonders die Taugenichtſe! Z. B. in den beiden Edmund war er zum Todtlachen als betrunkener Soldat. Und dabei hatte er eine herrliche Stimme. Er hat hier Joconde ge⸗ ſungen, wie man ihn in Paris nicht ſingen würde.“ Rodin hörte den Verwalter wohlgefällig an und fuhr dann fort: „Sie wiſſen nun ohne Zweifel auch, daß der Herr Marquis von Aigrigny nach einem fürchterlichen Zweikampf mit dem General Simon, einem raſenden Bonapartiſten der Welt entſagt hat und in den geiſtlichen Stand getreten iſt. Ich habe die Ehre, ſein Seeretär zu ſeyn.“ „Iſt's möglich, Herr Rodin? Dieſer ſchöne Oberſt!“ 3 „Dieſer ſchöne, tapfere, edle, reiche, gefeierte Oberſt hat alle Vortheile dieſer Welt hingegeben und ein ärmliches ſchwarzes Gewand angelegt, und ungeachtet ſeines Namens, ſeiner Stellung, ſeiner Verwandtſchaft, trotz ſeinem Ruf als großer Prediger iſt er heute noch, was er vor vierzehn Jah⸗ ren war: ſchlechtweg Abbé, anſtatt Erzbiſchof oder Cardinal zu ſeyn, wie Andere, welche weder ſeine Verdienſte, noch ſeine Tugenden hatten.“ Rodin ſprach dieſe Worte in ſo gutmüthigem, aufrichtigem Ton, daß Dupont ganz hingeriſſen ausrief: „Ei, Herr Rodin, das iſt ja ganz herrlich!“ „Herrlich? Ach nein!“ erwiederte Rodin mit einem unnach⸗ ahmlichen Ausdruck von Herzenseinfalt. „Es iſt ganz einfach, wenn man das Herz des Herrn von Aigrigny hat. Und un⸗ tteter ſeinen ſchönen Eigenſchaften iſt die ſchönſte, daß er brave, 1 rechtſchaffene, ehrliche, gewiſſenhafte Leute nie vergißt. Da⸗ „mit iſt geſagt, daß er ſich Ihrer erinnert hat, lieber Herr Wie Der Herr Marquis hatte die Gnade gehabt — —2“ Vor drei Tagen habe ich einen Brief von ihm erhalten, in welchem er von Ihnen ſprach.“ „Er iſt alſo zu Paris?“ „ „Von einem Augenblick zum andern kann er dort eintreffen. Vor etwa drei Monaten iſt er nach Italien abgereiſ't und während dieſer Reiſe hatte er eine überaus ſchmerzliche Nach⸗ 3 — richt empfangen: die Nachricht von dem Tod ſeiner Frau Mutter, welche den Herbſt auf einem der Güter der Fürſtin zugebracht hatte.“ „Ei du mein Gott! Das wußt' ich nicht!“ „Ja, das war ein bitterer Schmerz für ihn. Aber man muß ſich in den Willen des Höchſten zu ergeben wiſſen.“ „Und bei welchem Anlaß hat der Herr Marquis mir die Ehre erwieſen, Ihnen von mir zu ſprechen?“ „Das will ich Ihnen ſagen. Zuvor aber müſſen Sie wiſ⸗ ſen, daß dies Schioß verfauft iſt. Am Tag vor meiner Ab⸗ eiſe von Paris iſt der Kaufbrief unterzeichnet worden.“ „Ach, Herr Rodin! Sie verſetzen mich von neuem in Unruhe!“ „Wie ſo?“ „Ich fürchte, die neuen Eigenthümer behalten mich nicht als Verwalter.“ — „Sehen Sie, wie ſich das ſo glücklich trifft! Gerade von Ihrer Stelle wollte ich mit Ihnen ſprechen.“ „Iſt's möglich?“ „Ganz gewiß. Da ich weiß, welchen Antheil der Herr Marquis an Ihnen nimmt, ſo wünſchte ich ſehr, daß Sie dieſe Stelle behalten, und werde mein Möglichſtes thun, um Ihnen zu dienen, wenn — —“ „Ach, Herr Rodin!“ unterbrach Dupont, „wie ſoll ich h⸗ 8 nen danken! Der Himmel ſendet Sie.“ „Jetzt ſchmeicheln Sie mir. Zuvor muß ich Ihnen ſagen, daß ich eine Bedingung ſielle, unter welcher ich Ihnen meine Unterſtützung zuſage“ „O, laſſen Sie hören!“ „Die Perſon, welche dies Schloß bewohnen ſoll, iſt eine in jeder Beziehung verehrungswürdige alte Dame, Frau von Sainte Colombe — — „Wie?“ unterbrach Dupont. „Frau von Sainte Colombe hat das Schloß gekauft?“ 56 — „Und warum denn gerade dieſen und nicht den andern?“ „Warum? das will ich Ihnen ſagen. Wenn Sie und Ihre Frau es dahin bringen, daß Frau von Sainte Colombe die von mir gewünſchte Wahl trifft, ſo können Sie darauf rech⸗ nen, hier als Verwalter zu bleiben. Darauf gebe ich Ihnen mein Ehrenwort, und was ich verſpreche, das halte ich.“ „Ich zweifle nicht, daß Sie dieſe Macht haben,“ erwiederte * Dupont, dem der entſchiedene Ton Rodin's keinen Zweifel ließ. „Aber ich möchte wiſſen — —“ „Noch ein Wort,“ unterbrach Rodin. „Ich will und muß mit offener Karte ſpielen und Ihnen ſagen, warum ich dar⸗ auf beſtehe, daß Sie die Wahl des Pfarrers von Roiville bewirken. Es wäre mir unendlich leid, wenn Sie hierin den leiſeſten Schimmer eines Ränkeſpiels ſähen. Es handelt ſich bloß um ein gutes Werk. Der Pfarrer von Roiville iſt ein Mann, für welchen der Herr Abbé von Aigrigny eine beſon⸗ dere Theilnahme hegt. Er iſt ſehr arm und unterſtützt doch ſeine arme Mutter. Wenn ihm das Seelenheil der Frau von Sainte Colombe anvertraut wäre, ſo würde er wirkſa⸗ mer daran arbeiten, als jeder Andere, denn er iſt voll Sal⸗ bung und Geduld; und dann iſt es einleuchtend, daß er von der alten Dame dann und wann ein kleines Geſchenk erhielte, welches ſeiner alten Mutter zu gut käme. Da ſehen Sie das Geheimniß dieſer großen Machination! Als ich erfuhr, däß dieſe Dame geneigt ſey, dies in der Nähe der Pfarrei unſe⸗ res Schützlings gelegene Gut zu kaufen, ſchrieb ich es dem Herrn Marquis Er erinnerte ſich Ihrer und ſchrieb mir, ich ſollte Sie bitten, ihm dieſen kleinen Dienſt zu leiſten, welcher, wie Sie ſehen, nicht ohne Nutzen für Sie bleiben ſoll. Ich wiederhole Ihnen und werde es Ihnen beweiſen, daß ich die Macht habe, Ihre Beibehaltung auf der Verwal⸗ terſtelle zu bewirken.“ Dupont beſann ſich einen Augenblick und erwiederte dann: „Sehen Sie, Herr Rodin, Sie ſind ſo offen, ſo verbindlich, daß ich Ihre Offenheit nachahmen will. So ſehr der Pfar⸗ rer von Danicourt hier in der Gegend geachtet und geliebt iſt, eben ſo ſehr iſt der von Roiville, dem ich den Vorzug verſchaffen ſoll, gefürchtet wegen ſeiner Intoleranz. Und — ann — 2 † „Und dann?“ „Und dann, ſagt man — —“ „Laſſen Sie hören. Was ſagt man?“ „Man ſagt, er wäre ein Jeſuit.“ Bei dieſen Worten brach Rodin in ein herzliches Lachen aus. Dupont betrachtete ihn verdutzt denn Rodin's Geſicht 1 hatte einen ganz eignen Ausdruck, wenn er lachte. „Ein Jeſuit! ha! ha! ha! Ein Zeſuit! — Ei, lieber Herr Dupont, wie können Sie, ein verſtändiger, erfahrener Mann, an ſolche Poſſen glauben? Ein Jeſuit! Gibt's denn Jeſui⸗ ten? Zumal heutzutage? Können Sie dieſe Jacobinerhiſtör⸗ chen glauben? dieſe Schnurren des alten Liberalismus? Ge⸗ hen Sie! Ich wette, Sie haben das im Conſtitutivnnel ge⸗ leſen!“ „Indeß, Herr Rodin, man ſagt — —“ 3 „Ei Du mein Gott! Was ſagt man nicht Alles! Aber ver⸗ ſtändige, aufgeklärte Leute, wie Sie, bekümmern ſich nicht um das, was man ſagt, ſondern um ihre eigenen kleinen Ange⸗ legenheiten, ohne damit jemand ſchaden zu wollen: ſie opfern nicht einer Albernheit eine gute Stelle auf, welche ihnen ihren Unterhalt bis ans Ende ihrer Tage ſichert. Denn offen geſprochen, wenn Sie es nicht dahin bringen, daß Frau von Salnte Colombe den von mir begünſtigten Pfarrer vorzieht, ſo erkläre ich Ihnen mit Bedauern, daß Sie hier nicht Ver⸗ walter bleiben.“ „Aber, Herr Rodin,“ ſagte der arme Dupont, „wenn nun dieſe Dame den andern Pfarrer rühmen hört, und ihn dem von Ihnen begünſtigten vorzieht, iſt das meine Schuld?“ „Allerdings. Wenn Leute, die lange in der Gegend woh⸗ nen, Leute, die volles Vertrauen verdienen, und die ſie jeden Tag ſieht, der Frau von Sainte Colombe viel Gutes von mernem Schützling und alles Böſe vom anderen Pfarrer ſa⸗ gen, ſo zieht ſie meinen Schützling vor. Und dann bleiben Sie Verwalter.“ „Aber, Herr Rodin! das wäre ja Verleumdung!“ „Lieber Herr Dupont!“ ſagte Rodin mit der Miene der Betrübniß und im Tone freundſchaftlichen Vorwurfs, „wie fönnen Sie mich fähig halten, Ihnen einen ſo ſchändlichen“ Rath zu geben? Das iſt ja bloß eine Vorausſetzung, was ein Menſch thun körnte. Sie wünſchen Verwalter dieſes Gutes „ zu bleiben. Ich biete Ihnen das Mittel, das ſichere Mittel dazu. Ihre Sache iſt es, zu überlegen und zu beſchließen.“ „Aber, Herr Rodin — —“ „Noch ein Wort, oder vielmehr noch eine Bedingung, und dieſe iſt eben ſo weſentlich wie die vorhergehende. Es iſt leider vorgekommen, daß Diener des Herrn das Alter und die Geiſtesſchwäche ihrer Beichtkinder mißbraucht haben, um — auf Umwegen ſich oder andern Perſonen Vortheile zu ver⸗ ſchaffen. Ich halte unſeren Schützling einer ſolchen Schlech⸗ tigkeit nicht fähig. Indeß um außer aller Verantwortung zu ſeyn und beſonders, um Sie außer Verantwortung zu ſtellen, — inſofern Sie beigetragen hätten, die Wahl unſeres Schütz⸗ lings zu bewirken, wünſchte ich, daß Sie mir wöchentlich zwei Mal aufs genaueſte Alles ſchrieben, was Sie in dem Cha⸗ rakter, in den Gewohnheiten, in den Verbindungen und ſelbſt in der Lectüre der Frau von Sainte Colombe bemerken. Denn, ſehen Sie, der Einfluß eines Beichtvaters offenbart ſich in allen Stücken und ich wünſchte vollſtändige Kenntniß von dem Verhalten meines Schützlings zu haben, ohne daß er ſich es träumen läßt. Fällt Ihnen alſo irgend etwas auf, was Ihnen tadelnswerth ſcheint, ſo werde ich davon auf der Stelle durch Ihre umſtändliche wöchentliche Correſpondenz benach⸗ richtigt.“ 2 „Aber, Herr Rodin! Das heißt ja den Spion machen!“ „O, liebſter Herr Dupont! Können Sie mit einem ſol⸗ chen Namen eine der ſanfteſten Regungen des menſchlichen ere brandmarken? Ich verlange ja nichts anders von Ihnen, als daß Sie mir im Vertrauen Alles haarklein ſchreiben, was hier vorgeht. Unter dieſen beiden von einander unzertrennlichen Bedingungen bleiben Sie Verwalter. Wären ſie Ihnen zu ſchwer, dieſe Bedin⸗ gungen, ſo würde ich, zu meinem unendlichen Leidweſen, ge⸗ nöthigt ſeyn, der Frau von Sainte Colombe einen andern zu empfehlen.“ —— „Ich bitte Sie um Gotteswillen,“ flehte der arme Ver⸗ wolter, „ſeyn Sie edelmüthig ohne Bedingung. Ich und meine Frau haben nur dieſe Stelle, welche uns ernähren kann, Sis wir ſind zu alt, um eine andere zu finden. Bringen 1 „ ſetzen. „Ich würde es als Pflicht betrachten,“ antwortete er, — Sie nicht eine vierzigjährige Redlichkeit in Widerſtreit mit der Noth, die eine ſo üble Rathgeberin iſt.“ „Lieber Herr Dupont, Sie ſind ein großes Kind. Ueber⸗ legen Sie. Ich laſſe Ihnen acht Tage Zeit dazu.“ „Herr Rodin! Haben Sie Erbarmen!“ Ein weithallender Schlag, den bald das Echo der ſteilen Küſte wiederholte, unterbrach hier das Geſpräch. „Was iſt das?“ fragte Rodin. — Der Schlag wiederholte ſich noch lauter. Dupont ſprang auf und rief: „Die Lärmkanone! Das iſt ohne Zweifel ein Schiff, welches um Hülfe ruft oder einen Lvotſen begehrt!“ In dieſem Augenblick ſtürzte die Verwalterin zur Thüre herein und ſagte: „Lieber Freund, von der Teraſſe aus ſieht man auf dem Meer ein Dampfſchiff und ein faſt ganz ent⸗ maſtetes Segelſchiff. Die Wellen treiben es nach der Küſte. Der Dreimaſter hat die Lärmkanone gelöſt. Er iſt verloren.“ „Das iſt entſetzlich!“ rief der Verwalter, ſeinen Hut er⸗ greifend. „Und nichts zu vermögen — nichts als Zeuge des Schiffbruchs zu ſeyn!“ „Läßt ſich denn dieſen Schiffen gar keine Hülfe bringen?“ fragte Herr Rodin. „Wenn ſie hier auf die Riffe gerathen, dann iſt es nicht menſchenmöglich, ſie zu retten. Seit voriger Nachtgleiche ſind an dieſer Küſte ſchon zwei Schiffe zu Grund gegangen.“ „Zu Grunde gegangen — mit Mann und Maus? O, das iſt entſetzlich!“ ſprach Herr Rodin. „Leider,“ fuhr der Verwalter fort, „bleibt bei dieſem Sturm den Leuten auf den Fahrzeugen wenig Hoffnung auß ettung. Aber einerlei!“ ſagte er zu ſeiner Frau, „ich laufe mit den Leuten der Meierei nach dem Ufer und verſuche, einige dieſer Unglücklichen zu retten. Laß in einigen Zimmern ſtark ein heizen, lege Wäſche Kleider und Stärkungsmittel zurecht. Ich wage nicht, eine Rettung zu hoffen; aber verſuchen muß man's. Gehn Sie mit Herr Rodin?“ Herr Rodin hatte gar keine Luſt, ſich dem Sturm auszu⸗ „wenn ich Ihnen irgend etwas helfen könnte. Allein in meinem Al⸗ ter, bei meiner Schwäche kann ich nichts leiſten. Ihre Frau wird ſo gut ſeyn, mir das grüne Zimmer zu zeigen. ihres Mannes, deſſen Muth ſie kannte. hole daraus die Sachen, um derentwillen ich gekommen bin, 1 und reiſe dann augenblicklich zurück nach Paris, denn ich habe . große Eile.“ „Wie Sie befehlen. — Kathrine führe den Herrn ins grüne Zimmer, und Du,“ ſagte Dupont zu der Magd, „laß die große Glocke läuten. Alle Leute von der Meierei ſollen am Ufer unten mit Stricken und Hebeln zu mir kommen.“ . „Es ſoll geſchehen,“ ſagte Frau Dupont; „aber ſetze Dich † nicht in Gefahr, lieber Freund.“ „Küſſe mich,“ erwiederte Dupont; „dies wird mir Glück bringen.“ Und nachdem er ſeiner Frau einen Kuß gegeben, lief er hinaus und rief: „Geſchwind! geſchwind! Vielleicht iſt keine Planke mehr von den Schiffen da!“ Als der Verwalter ſich entfernt hatte, ſagte Rodin, den die Noth der Schiffbrü⸗ chigen nichts anfügte: „Liebe Frau, wollten Sie wohl ſo gü⸗ tig ſeyn, mich in das grüne Zimmer zu führen?“ „Gehn Sie gefälligſt mit, Herr Rodin,“ erwiederte die Verwaltersfrau, indem ſie ihre Thränen trocknete. Sie zitterte für das Leben Achtes Kapitel. Das Meer tobte. Ungeheuere, lange, dunkelgrüne, mit wei⸗ ßem Schaum gekrönte Wogen zogen ihre Wellenlinien auf einem breiten rothen Lichtſtreifen am Horizont. Ueber ihnen waren ſchwere, pechſchwarze Wolkenmaſſen gehäuft. Leichtere, röthlich graue Wolken wurden von dem Sturm über dieſen dunkeln Grund gejagt. Die blaſſe Winterſonne, bevor ſie hinter den dicken Wolken verſchwand, unter welchen ſie auf⸗ gegangen war, warf einige ſchräge Strahlen auf das empörte Meer und vergoldete hie und da die durchſichtigen Kämme der höchſten Wellen In unabſehbare Ferne hinaus zog ſich ein Gürtel ſchneeweißen Schaumes brodelnd über die Riffe, von welchen dieſe gefährliche Kuſte ſtarrt. Auf dem Abhang — eines Felſenvorgebirgs erblickte man das Schloß Cardoville. Das matte Sonnenlicht blitzte in ſeinen Fenſtern und beleuch⸗ tete ſeine ſpitzen Schieferdächer, welche in den Wolkenhimmel emporragten. Ein großes, übel zugerichtetes Schiff trieb bloß noch unter einigen Fetzen von Segeln an Maſtſtumpfen der Küſte zu, bald auf dem Rücken der Wogen ſchaukelnd, bald in ihre Abgründe ver⸗ ſinkend. Ein Licht blitzte auf, und dieſem folgte ein dumpfer Knall, der im Getoſe des Sturmes kaum hörbar war Dies war der letzte Nothſchuß des Schiffs, welches der Küſte zu geworfen ward. In demſelben Augenblick kam von Oſten her ein Dampfſchiff mit ſeinem Wölkchen ſchwarzen Rauches und ſuchte ſich von der Küſte fern zu halten, indem es die uferklippen zu ſeiner Linken ließ. Es ſteuerte in einer ſolchen Richtung, daß das entmaſtete Schiff jeden Augenblick vor ſei⸗ nem Bugſpriet vorüber kommen konnte, indem es von Wind und Fluth getrieben auf die Felſen lief. Plötzlich warf ein Windſtoß das Dampfſchiff auf die Seite, und eine Sturzſee ſtrömte über ſein Verdeck. Sein Rauchfang ward umgeſtürzt, der eine Radkaſten zerbrochen und das Rad darunter unbrauch⸗ bar gemacht. Eine zweite Woge ſtürzte über das Schiff und beſchädigte es ſo, daß es, ohne weiter zu ſteuern, gleich dem Dreimaſter der Küſte zutrieb. Es war dem Land näher, als der Dreimaſter, aber dieſer, welcher Wind und Wellen eine größere Fläche darbot, trieb der Küſte ſchneller zu, und zwar ſo, daß ein Zuſammenſtoß beider Fahrzeuge zu befürchten ſtand. Der Dreimaſter war ein engliſches Schiff und führte den Namen Black Pagle (der Schwarze Adler). Er kam von Alexandria und hatte die Reiſenden an Bord, welche auf dem Ruyter durch das rothe Meer nach der Landenge von Suez gekommen und von da nach Alexandria gegangen waren. Nach⸗ dem er die Meerenge von Gibraltar durchſchifft, hatte er auf den Azoren angelegt und dann ſeine Richtung nach Portsmvuth genommen. Im Kanal hatte ihn der Sturm überraſcht und oſtwärts verſchlagen. Das Dampfſchiff, Wilhelm Tell ge⸗ nannt, kam von Hamburg und war auf dem Weg nach Havre⸗ Das Verdeck beider Fahrzeuge, welche vom Sturm und von der Fluth mit reißender Schnelligkeit den uferfelſen zugetrie⸗ ben wurden, bot einen entſetzlichen Anblick dar. Der Tod aller 8. —————————— — 62 — lebendigen Weſen auf denſelben ſchien gewiß, denn die See brandete furchtbar an den Klippen des ſteilen Ufers. Der Capitän des ſchwarzen Adlers ſtand auf dem Hinter⸗ ſchiff und gab, an einem Maſtſtumpf ſich feſthaltend, in dieſer äußerſten Noth ſeine letzten Befehle mit kaltblütigem Muthe. Die Boote waren von den Wellen fortgeriſſen worden. Das einzige Rettungsmittel, im Fall das Schiff nicht völlig ſcheiterte, beſtand darin, daß ein Kabel auf die Felſen gebracht wurde, . an welchem die Menſchen verſuchen konnten, ſich nach dem Land zu arbeiten. Das Verdeck war voll von Reiſenden, de⸗ ren Angſtſchreie die allgemeine Verwirrung noch vermehrten. Einige hielten ſich wie betäubt an die Staffeln der noch übrigen Maſtwände angeklammert und erwarteten gleichgültig den Tod. Andere rangen verzweifelnd die Hände. Wieder Andere wälz⸗ ten ſich fluchend auf dem Verdeck. Weiber beteten auf den Knieen; andere bedeckten ihr Geſicht mit den Händen, wie um die Annäherung des Todes nicht zu ſehen. Eine junge Mutter, bleich wie ein Geſpenſt, drückte ihr Kind an ihre Bruſt und ging von einem Matroſen zum andern, dem, welcher ihren Sohn retten wollte, einen Beutel voll Gold und Juwelen anbietend. Zu dieſen Aeußerungen der Angſt bildete die finſtere Ruhe der Matroſen einen ſcharfen Gegenſatz. Beim Anblick der nahen, unvermeidlichen Todesgefahr zogen die Einen einen Theil ihrer Kleider aus, um im entſcheidenden Augenblick mit ihrer letzten Kraft ihr Leben den Wogen ſtreitig zu machen. Andere entſagten jeder Hoffnung und trotzten dem Tod mit ſtoiſcher Gleichgültigkeit. Auf dieſem düſtern Grund eines Gemäldes der Verzweif⸗ lung traten einzelne Geſtalten und Gruppen, theils rührend, theils furchtbar, ſchärfer hervor. Eein Jüngling von achtzehn bis zwanzig Jahren, mit ſchwar⸗ zen glänzenden Haaren, gelblicher Hautfarbe und vollkommen ſchönen, regelmäßigen Zügen, betrachtete dieſe troſtloſe Scene mit der traurigen Ruhe eines Menſchen, der oft ſchon großen Gefahren getrotzt hat. In einen Mantel gehüllt, lehnte er mit dem Rücken wider die Schanzverkleidung und ſtemmte d Füße wider ein Haußtſtück des Hammers. Die unglü liche Mutter, welche mit ihrem Kind auf dem Arm und ihrem Gold in den Händen ſich vergebens an mehrere Matroſen ge⸗ „ „ wandt hatte, ward ſeiner anſichtig, warf ſich ihm zu Füßen und hielt ihm in unausſprechlicher Verzweiflung ihr Kind dar. Der Jüngling nahm es, ſchüttelte traurig den Kopf, indem er auf die empörten Wogen deutete, und verſprach ihr mit einer Gebärde, daß er verſuchen wolle, es zu retten. Voll freu⸗ diger Hoffnung benetzte die Mutter ſeine Hände mit Thränen des Dankes. Ein anderer Reiſender auf dem Schwarzen Adler ſchien von der thätigſten Theilnahme am Unglück ſeiner Gefährten beſeelt zu ſeyn. Man konnte ſein Alter auf kaum fünfundzwanzig Jahre ſchätzen. Lange, blonde Haare wallten in Locken um ſein Engelsgeſicht. Er trug ein ſchwarzes, geiſtliches Gewand und einen weißen Halskragen. An die Muthloſeſten ſich wen⸗ dend, ging er von einem zum andern und ſagte ihnen fromme Worte der Hoffnung oder Ergebung. In ſalbungsreicher, liebevoller Sprache, hier tröſtend, dort ermuthigend, ſchien er der Gefahr fremd zu ſeyn, die doch auch ihn bedrohte. Auf ſeinem milden, ſchönen Geſichte las man eine heilige Uner⸗ ſchrockenheit, eine religiöſe Losſagung von jedem irdiſchen Ge⸗ danken. Von Zeit zu Zeit erhob er ſeine großen blauen Augen voll Liebe und Seelenruhe gen Himmel, als dankte er Gott, daß er ihm Gelegenheit gegeben, ſich für ſeine Brüder auf⸗ zuopfern und, wenn auch nicht alle zu retten, doch ſie ſterbend auf den Himmel zu verweiſen. Kurz, er glich einem Engel, geſandt, um die Schläge eines unerbittlichen Schickſals erträg⸗ licher zu machen. Nicht weit von dieſem engelgleichen Jünglinge gewahrte man ein Weſen, welches dem Dämon des Böſen glich. Keck auf dem Stumpf des Bugſpriets ſitzend und ſich an einigen Reſten Tauwerk feſthaltend, überſchaute er die Scene des Entſetzens auf dem Verdeck. Eine unheimliche, wilde Freude ſtrahlte aus ſeinem mattgelben Meſtizengeſicht. Er trug am Leibe bloß ein Hemd und leinene Unterhoſen. Um ſeinen Hals hing an einer Schnur ein blecherner Köcher, von der Art, wie ihn die Soldaten zur Aufbewahrung ihres Urlaubszettels tragen. Fe mehr die Gefahr wuchs, je näher der Augenblick kam, wo der Dreimaſter auf die Klippen geworfen oder wider das Dampfſchiff geſchleudert werden mußte, deſto deutlicher offen⸗ barte ſich die hölliſche Freude dieſes Reiſenden. Es ſchien, als 6 wollte er in wilder Ungeduld das bevorſtehende Werk der Zerſtörung beſchleunigen. Bald kam der Schwarze Adler dem Wilhelm Tell ſo nahe, daß man die Leute auf dem Dampfſchiff erkennen konnte. Die Zahl der Reiſenden war nur noch klein. Die Sturzſee hatte zugleich mit dem einen Radkaſten auch faſt das ganze Dalbord auf dieſer Seite weggeriſſen. Durch dieſe weite Oeff⸗ nung nun drangen jeden Augenblick die Wogen ein, fegten das Verdeck und nahmen jedes Mal einige Menſchen mit. Unter Denen, welche dieſer Gefahr entgangen zu ſeyn ſchienen, lediglich um an den Felſen oder beim Zuſammenſtoß den beiden Schiffe zerſchmettert zu werden, war beſonders eine Gruppe des tiefſten Mitleids werth. Auf dem Hinterſchiff ſtand ein großer, alter Mann mit kahlem Vorderhaupt und grauem Schnurrbart. Um ſeinen Leib hatte er ein Tauende geſchlungen und ſich damit feſt an die Schanze angebunden. Mit ſeinen Armen unſchlang er zwei Mädchen von fünfzehn bis ſechszehn Jahren, welche halb in einen Rennthierpelz ge⸗ hüllt waren und ſich, während der Alte ſie an ſeine Bruſt drückte, dicht wider einander drängten. Zu ihren Füßen lag ein fahler, von Waſſer triefender, Hund, der grimmig die Wo⸗ gen anbellte. Anſtatt entſetzt um ſich her zu blicken, erhoben dieſe Mädchen die Augen zum Himmel, als ob ſie vertrau⸗ ensvoll in der Einfalt ihres Herzens erwartet hätten, durch das Einſchreiten einer übernatürlichen Macht gerettet zu werden. Plötzlich übertönte ein, von allen Reiſenden auf beiden Schif⸗ fen zugleich ausgeſtoßener Schrei des Entſetzens das Toben des Sturmes. Das Dampfboot, zwiſchen zwei berghohe Wel⸗ len verſenkt, hatte ſeine eine Seite dem Vorderſteven des Dreimaſters zugekehrt, und dieſer ſchwebte auf dem Gipfel des einen Waſſerbergs hoch über dem Wilhelm Lell. Es gibt ſchauerlich erhabene Schauſpiele, die ſich nicht ſchildern laſſen. Aber bei dieſen Kataſtrophen, ſchnell wie der Gedanke, erhaſcht man zuweilen ein Bild, ſo flüchtig, als hätte man es in der Nacht beim Leuchten eines Blitzes wahrgenommen. Als der Schwarze Adler im Begriff ſtand, ſich auf den Wil⸗ helm Tell herabzuſtürzen, ſtund der junge Mann mit dem Engelsantlitz auf dem Vorderſchiff des Dreimaſters, bereit, — 6 ins Meer zu ſtürzen, um im nächſten Augenblick irgend einen Sinkenden zu retten. Sein Blick fiel auf die beiden Mäd⸗ chen, welche flehend die Hände nach ihm ausſtreckten. Sie ſchienen ihn zu erkennen und betrachteten ihn mit einer Art Begeiſterung und religiöſer Verehrung. Eine Sekunde lang begegneten ſich im Toben des Sturms und im Augenblick vor dem drohenden Schiffbruch die Blicke dieſer drei Weſen. Dis Züge des jungen Mannes drückten plötzlich tiefes Mitleid 5 aus, da die Mädchen ihn wie einen erwarteten Retter anzu⸗ flehen ſchienen. Der Alte lag, durch eine einbrechende Ver⸗ kleidungsplanke niedergeworfen, auf dem Verdeck. Jetzt ſchleuderte eine Sturzſee den Schwarzen Adler in einer Schaumwolke auf den Wilhelm Tell. Mit entſetzlichem Krachen zerſchmetterten die beiden Maſſen von Holz und Eiſen ſich aneinander und ſanken unter dem Todesſchrei von hundert Menſchen in die Tiefe des Meeres. Eine Zeitlang ſah man nichts mehr. Allmälig kamen Trüm⸗ mer von beiden Schiffen zum Vorſchein. Hie und da tauchte ein krampfhaft gebogener Arm und ein bleiches Geſicht eines Unglücklichen hervor, welcher ſuchte, die Uferklippen zu errei⸗ chen, auf die Gefahr hin, an ihnen durch die Brandung zer⸗ ſchmettert zu werden. Neuntes Kapitel. Diſe S chi f re „ Während der Verwalter Dupont am Strand war, um den Schiffbrüchigen Hülfe zu leiſten, brachte Herr Rodin, ohne ſich um die Bemühungen der Schloßbewohner zur Rettung von Unglücklichen zu bekümmern, zwei Stunden im grünen Zimmer zu. Nachdem er ſeine Geſchäfte hier vollendet hatte, kehrte er über einen langen Gang in das Zimmer Dupont's zurück. Unter dem Arm trug er ein Käſtchen von weſtindiſchem Holz mtit ſilbernen, durch die Jahre geſchwärzten, Schließen. Aus ſeinem halb zugeknöpften Ueberrock ſah ei m. 3 große Brieftaſche von rothem Saffian heraus, welche in der Seitentaſche ſteckte. Er traf Niemand in dem Zimmer. Wenn das kalte, grüngelbe Geſicht des Secretärs des Abbé Aigrigny die Freude anders als durch ein ſpöttiſches Lächeln hätte ausdrücken können, ſo würde es in dieſem Augenblick ge⸗ ſtrahlt haben, denn die angenehmſten Gedanken bewegten ſeine Seele. Er ſtellte das Käſtchen auf den Tiſch und ſagte: „Alles geht gut. Es iſt klüger geweſen, dieſe Papiere bis zu dieſem Augenblick hier zu laſſen. Denn man darf dem teuf⸗ liſchen Verſtand dieſer Adriane von Cardoville nicht trauen. Sie ſcheint zu errathen, was ſie unmöglich wiſſen kann. Zum Glück naht der Augenblick, wo wir ſie nicht mehr zu fürchten haben. Ihr Loos wird ſchrecklich ſeyn und das von Rechts⸗ wegen. Dieſe unabhängigen ſtolzen Naturen ſind ſchon an und für ſich unſere gebornen Feinde; wie nun gar, wenn ſie uns noch beſonders ſchädlich und gefährlich werden? — Was die Sainte Colombe betrifft, ſo iſt der Verwalter unſer. Zwi⸗ ſchen dem, was der Tropf ſein Gewiſſen nennt, und zwiſchen der Beſorgniß, in ſeinem Alter hülflos zu ſeyn, wird er nicht lange ſchwanken. Ich will ihn gerade haben, denn er wird uns beſſer dienen, als ein anderer. Da er ſchon zwanzig Jahre hier iſt, wird er dieſer dummen, gemeinen Sainte Colombe nicht das geringſte Mißtrauen einflößen. Iſt ſie einmal in den Händen unſeres Schützlings von Rvoiville, ſo ſtehe ich für ſie. Der Lebenslauf dieſer ſchmutzigen, dummen Weiber iſt zum Voraus beſtimmt. In ihrer Jugend dienen ſie dem Teufel, im reiferen Alter weiſen ſie andere zu ſeinem Dienſte an, und im Alter haben ſie eine hölliſche Angſt vor ihm. Und bei ihr muß die Angſt ſo groß werden, daß ſie uns das Schloß Cardoville vermacht, welches ſich, vermöge ſeiner einſamen Lage, trefflich zu einem Collegium eignet. Alſo geht Alles gut. Was die Medaillen⸗ angelegenheit betrifft, ſo haben wir bald den 13. Februar. Von Joſua keine Nachrichten. Offenbar iſt Prinz Dſchalma noch immer Gefangner der Engländer in Indien, denn ſonſt hätte ich Nachricht von Batavia. Die Löchter des Generals Simon werden wenigſtens noch einen Monat in Leipzig zu⸗ rückgehalten werden. Die auswärtigen Angelegenheite aufs Beſte. Die inneren — — —“ 55 — Hier ward Rodin in ſeinen Betrachtungen unterbrochen. Frau Dupont trat ein, indem ſie zu der Magd ſagte: „Jetzt macht Feuer an im Nebenzimmer. Stellt den Glühwein dahin. Mein Mann kann jeden Augenblick zurückkommen.“ „Nun? liebe Frau,“ ſagte Rodin. „Iſt Hoffnung, einige der Unglücklichen zu retten?“ „Ach, Herr Rodin!“ antwortete die Frau, „ich weiß es nicht. Mein Mann iſt ſchon zwei Stunden weg. Ich bin in Todesangſt! Er iſt ſo muthig, ſo unbedachtſam, wenn es gilt zu helfen!“ „Muthig bis zur Unbedachtſamkeit — das gefällt mir nicht!“ dachte Rodin. „Nun,“ fuhr Frau Dupont fort, „ich laſſe einſtweilen hier neben gewärmtes Weißzeug und Stärkungsmittel zurechtlegen. Wenn's nur etwas nützt!“ „Man muß es immer hoffen, liebe Frau. Es iſt mir ſehr leid geweſen, daß mein Alter und meine Schwäche mir nicht verſtattet haben, mich an Ihren wackern Gatten anzuſchließen. Ich bedaure auch, daß ich ſeine Rückkehr nicht abwarten kann, um zu ſehen, was der Ausgang ſeiner Bemühungen geweſen iſt, und ihn zu beglückwünſchen, wenn ſie mit Erfolg gekrönt ſind. Leider muß ich abreiſen. Meine Augenblicke ſind gezählt. Sie werden mich verbinden, wenn Sie mein Cabriolet an⸗ ſpannen laſſen.“ „Ja, Herr Rodin, ich will es auf der Stelle beſorgen.“ „Noch ein Wort, liebe, gute Frau Dupont. Sie ſind eine kluge, verſtändige Frau. Ich habe Ihren Mann in Stand geſetzt, ſeine Verwalterſtelle zu behalten, wenn er will.“ „Iſt's möglich? O, wie dankbar werden wir Ihnen ſeyn! Ohne dieſe Stelle wüßten wir alten Leute nicht, was aus uns werden ſollte.“ „Ich habe dieſe Zuſage bloß an zwei Bedingungen ge⸗ knüpft — Kleinigkeiten. Er wird es Ihnen erklären.“ „Ach, Herr Rodin, Sie ſind unſer Retter!“ „Sie ſind allzu gütig. — Aber unter zwei kleinen Bedin⸗ gungen.“ „Und wenn es hundert wären, würden wir ſie annehmen. Denken Sie nur, Herr Rodin, — wir wüßten nicht aus noch ein, wenn wir dieſe Stelle nicht hätten!“ „Ich rechne alſp auf Sie. Ihrem Mann zu Liebe ſuchen Sie ihn dazu zu bringen“ Eine Magd kam in das Zimmer gelaufen und rief: „Herr Dupont kommt!“ „Sind viele Leute bei ihm?“ fragte die Frau. „Nein, er iſt allein.“ „Wie? Allein?“ „Ja, Madame.“ Es dauerte nicht lange, ſo trat Dupont in das Gemach. Seine Kleider trieften von Waſſer. Seinen Hut hatte er, um ihn im Sturm nicht zu verlieren, mit ſeinem Schnupftuch unter dem Kinn feſtgebunden. Seine Kamaſchen waren mit einem kreidigen Schmutz bedeckt. „Biſt du endlich da?“ rief ihm ſeine Frau entgegen und umarmte ihn. „Gott! wie war ich in Angſt!“ „Bis jetzt ſind drei gerettet,“ ſagte der Verwalter. „Gott ſey Dank!“ fagte Rodin. „Lieber Herr Dupont, Ihre ſind doch nicht ganz vergebens geweſen.“ „Ach Gott! nur Drei?“ ſeufzte die Verwalterin. „Ich ſpreche nur von Denen, welche ich geſehen habe bei der Mövenbucht. Hoffentlich ſind an den andern einigermaßen zugänglichen Stellen der Küſte noch andere Rettungen geglückt.“ „Du haſt Recht,“ ſagte die Frau. „Zum Glück iſt die Küſte nicht überall gleich ſchlimm.“ „Wo ſind dieſe armen Schiffbrüchigen?“ fragte Rodin, den die Neugier beſtimmte, noch zu warten. „Sie ſteigen mit Hülfe unſerer Leute das ſteile Ufer herauf. Da ſie nicht ſchnell fort können, ſo bin ich voraus gelaufen, um meine Frau zu beruhigen und einige nothwendige Anſtalten zu treffen. Vor allen Dingen müſſen weibliche Kebnn ſtücke bereit gehalten werden.“ „Es iſt alſo eine Frau unter den Geretteten?“ fragte 5rat Dupont. „Zwei Mädchen von höchſtens ſechzehn Jahren; gar hüb⸗ ſche Kinder“ „Die armen Kleinen!“ ſeufzte Herr Rodin. „Bei ihnen,“ fuhr Herr Dupont fort, „iſt der, welchem ſie das Leben verdanken. Das iſt ein wahrer ve 0 „Ein Held?“ vich Dupont. „Ja, ſtelle Dir vor — — —“ . „Du kannſt mir das nachher ſagen,“ unterbrach Frau Du⸗ pont. „Jetzt ziehe vor allen Dingen dieſen trocknen Schlaf⸗ rock an, denn du biſt ganz durchnäßt, und trinke dies Glas Glühwein.“ „Das iſt nicht zu verſchmähen, denn ich friere tüchtig. — Alſo ich ſagte Dir, Der, welcher die Mädchen gerettet hatte, iſt ein Held. Sein Muth geht über alle Begriffe. Wir waren den ſteilen Pfad von hier hinabgeſtiegen und kamen endlich bei der kleinen Mövenbucht an, welche durch ſechs große Felſen vor den hohen Wellen geſchützt iſt. Und ſiehe da! am Ende der Bucht ſaßen die zwei Mädchen an einen Felſen gelehnt, mit den Füßen im Waſſer.“ „Ach, liebe Kinder! das iſt herzzerreißend!“ warf Herr Ro⸗ din dazwiſchen, indem er mit der Spitze des kleinen Fingers ſeiner linken Hand in den rechten Augenwinkel fuhr, um eine Thräne abzuwiſchen, die nicht leicht zu ſehen war. „Was mir auffiel, war ihre außerordentliche Aehnlichkeit, Man muß gewohnt ſeyn, ſie zu ſehen, ſonſt kann man ſie nicht unterſcheiden.“ 5 „Gewiß ein Zwillingspaar,“ bemerkte Frau Dupont. „Eins der armen Mädchen,“ fuhr der Verwalter fort, hielt in den gefalteten Händen eine kleine kupferne Denkmünze, welche an einem kupfernen Kettchen um ihren Hals hing.“ Herr Rodin ſtand gewöhnlich ſehr gebückt da. Bei den letzten Worten des Verwalters, richtete er ſich raſch empor, und eine leichte Röthe färbte ſeine grüngelben Wangen, Bei jedem Andern würden dieſe Erſcheinungen wenig bedeutet ha⸗ ben. Aber bei Rodin, der ſeit langen Jahren gewohnt war, ſeine Gemüthsbewegungen zu verhehlen, deuteten ſie auf eine außerordentliche Ueberraſchung. Er trat zu dem Verwalter und fragte ihn mit etwas zitternder Stimme, aber mit der gleich⸗ gültigſten Miene von der Welt: „Das war ohne Zweifel eine Reliquie. Haben Sie nicht geſehen, was darauf ſtand?“ „Nein, Herr Rodin, ich habe nicht darauf geachtet.“ „Und dieſe Mädchen gleichen ſich — ſehr, ſagen Sie?“ „Ja, Herr Rodin, ſo daß man ſie verwechſeln kann. Ver⸗ muthlich ſind ſie Waiſen, denn ſie tragen Trauerkleider.“ „Trauerkleider?“ wiederholte Rodin⸗ — „Ach, ſo jung und ſchon Waiſen!“ ſprach Frau Dupont gerührt. „Da ſie vhnmächtig waren,“fuhr der Verwalter fort, „ſo trugen wir ſie an eine Stelle, wo der Sand trocken war. Während wir damit beſchäftigt waren, ſahen wir den Kopf eines Mannes über einer Klippe hervorragen. Er ſuchte ſie zu erklimmen, indem er ſich mit einer Hand an ihr feſthielt. Wir eilten ihm gerade noch zu rechter Zeit zu Hülfe, denn ſeine Kräfte waren erſchöpft, und er ſank in die Arme unſerer Leute. Er iſt es, von welchem ich Dir ſagte, er ſey ein Held. Nicht zufrieden, die beiden Mädchen gerettet zu haben, hatte er noch eine dritte Perſon den Wellen entreißen wollen und war in die Brandung zurückgekehrt. Aber ſeine Kräfte verließen ihn, und ohne uns wäre er gewiß weggeſpült worden von dem Felſen, an welchen er ſich klammerte.“ „Das iſt wirklich ein ausgezeichneter Muth,“ ſagte Frau, Dupont. e Rodin hatte den Kopf wieder auf die Bruſt ſinken haſſen und ſchien auf das Geſpräch nicht zu achten. Seine Beſtürzung nahm zu, je mehr er über das Gehörte nachſann. Die beiden geretteten Mädchen waren fünfzehn Jahre alt, hatten eine tänſchende Aehnlichkeit und die Eine trug am Hals eine kupferne Medaille. Es waren ohne Zweifel die Töchter des Generals Simon. Wie kamen ſie unter die Schiff⸗ brächigen? Wie waren ſie aus dem Gefängniß von Leipzig gekommen? Wie war er ohne Nachricht hiervon geblieben? Waren ſie entſprungen? Waren ſie losgelaſſen worden? Und warum keine Meldung davon? Doch alle dieſe Fragen ver⸗ ſchwanden vor dem Gedanken: „Die Töchter des Generals Simon ſind da!“ Sein mühſam angezetteltes Gewebe von Ränken war zerriſſen. Während Rodin von dieſem Gedanken gequält ward, fuhr Dupont in ſeiner Erzählung, zu ſeiner Frau gewandt, fort: „Nach dem, was ich Dir von dem Retter der Mädchen erzählt habe, ſtellſt Du Dir vielleicht einen Herkules vor. Weit ge⸗ fehlt! Er iſt faſt noch ein Knabe, ſo jung ſieht er aus mit ſeinem ſanften, ſchönen Geſicht und ſeinen langen, blonden Haaren. Ich habe ihm einen Mantel gelaſſen, denn er hatte bloß ſein Hemd an und ſchwarze kurze Hoſen und ſchwarze wollene Strümpfe. Dieſe Tracht kam mir ſeltſam vor.“ — „Freilich,“ ſagte Frau Dupont. „Seeleute ſind nicht ſo gekleidet.“ „Uebrigens glaube ich, mein Held iſt ein Franzoſe, obwohl das Schiff ein engliſches war; denn er ſpricht unſere Sprache wie Du und ich. Die Thränen traten mir in die Augen, als die Mädchen wieder zu ſich gekommen waren und ihm zu Füßen fielen und ihn anſahen mit einem Blick des Dankes, wie wenn ſie zu Gott beteten. Und dann ſahen ſie ſich um, als ob ſie Jemand ſuchten, und wechſelten einige Worte und fielen ſich ſchluchzend einander in die Arme.“ „Gott, welches Unglück!“ ſagte Frau Dupont. „Wie viele Menſchen müſſen umgekommen ſeyn!“ 5 „Als wir das Ufer verließen, hatten die Wellen ſchon ſieben Leichen ans Land geſpült und Trümmer und Kiſten. Ich habe die Zollwächter benachrichtigen laſſen. Sie werden den gan⸗ zen Tag am Ufer bleiben und, falls, wie ich hoffe, andere Schiffbrüchige das Land erreichen, ſie zu uns ſchicken. — Doch horch! Hört man nicht Stimmen? — Ja, das ſind unſere Schiffbrüchigen!“ Der Verwalter und ſeine Frau eilten nach der Thür, während Rodin, an ſeinen platten Nägeln kauend, mit grim⸗ miger Ungeduld der Ankunft der Geretteten entgegen ſah. Durch den langen, von einigen gothiſchen Fenſtern dürftig erhellten Gang kamen, von einem Bauer geführt, langſamen Schrittes Roſa und Blanca, zur Linken und zur Rechten ihres Retters, der, mühſam ſich fortſchleppend, ſich ſanft auf ſie ſtützte. Das jugendliche Geſicht dieſes Mannes verrieth nicht, daß er fünf und zwanzig Jahr alt war. Seine lan⸗ gen, hellblonden, in der Mitte geſcheitelten Haare fielen glatt und naß auf den Kragen eines weiten braunen Mantels, den man ihm umgehängt hatte. Es möchte ſchwer ſeyn, die himmliſche Milde ſeines blaſſen Geſichtes zu ſchildern, welches dem Idealſten in den Schöpfungen Rafael's glich. Nur Ra⸗ fael hätte die melancholiſche Anmuth dieſes Geſichtes wieder⸗ geben können und die Heiterkeit ſeines Blicks, welcher dem eines Engels oder eines zum Himmel emporgeſtiegenen Martyrers glich. Er war wirklich ein Martyrer, und eine blutige Heiligenkrone umzog ſein Haupt. Ueber ſeinen blon⸗ den Augenbrauen ſah man eine ſchmale, mehre Monate alte — Narbe, welche, in Folge der Erkältung ſichtbarer hervortre⸗ tend, wie ein Purpurband über ſeine Stirn lief Und was noch ſchmerzlicher anzuſehen war — ſeine Hände waren durch⸗ bohrt. Dasſelbe war mit ſeinen Füßen der Fall. Sein müh⸗ ſamer Gang kam daher, weil ſeine Wunden auf den ſpitzen Felſen wieder aufgegangen waren. Dieſer junge Mann war Gabriel, Prieſter bei den auswärtigen Miſſionen und Adop⸗ ttivſohn der Frau Dagobert's. 363 Gabriel war Prieſter und Martyrer. Auch in unſeren Tagen gibt es noch Martyrer, wie zu den Zeiten, wo die Cä⸗ ſaren die erſten Chriſten den Löwen und Tigern des Circus 3 vorwarfen. Denn geringer Leute Kinder — und bei ihnen findet ſich vorzugsweiſe heldenmüthige, uneigennützige Auf⸗ opferung — gehen heutzutage in alle Theile der Welt zur Verbreitung ihres Glaubens, ohne Furcht vor Qual und Tod, Wie viele von ihnen ſind unter den Händen der Bar⸗ ren in den Wüſteneien der beiden Welten umgekommen und vergeſſen worden! Und kommt ja einmal einer dieſer Kämpfer des Kreuzes zurück, ſo wird gewiß ſeine benarbte Stirn nicht mit der Mitra, werden ſeine verſtümmelten Glieder nicht mit dem Purpur bedeckt. Wie die meiſten Krieger unter der Fahne, ſterben ſie vergeſſen. *) Die dankbaren Töchter des Generals Simon hatten, ſo⸗ bald ſie ſich im Stand fühlten, den Felſenpfad hinanzuſteigen Niemanden die Sorge überlaſſen wollen, den wankenden Gang ihres Retters zu unterſtützen. Ihre bleichen Geſichter drückten tiefen Schmerz aus. Man ſah noch friſche Spuren von Thrä⸗ nen auf ihren Wangen. Düſteren, geſenkten Blickes, zitternd vor innerer Bewegung und vor Kälte, dachten ſie mit Ver⸗ zweiflung daran, daß ſie Dagobert nicht wiederſehen würden. Er war es, nach welchem Gabriel vergebens die rettende Hand ausgeſtreckt und den eine Woge fortgeſpült hatte, als beiden die Kräfte ausgingen. 57 46 Rodin ſtand, als die Geretteten ins Zimmer traten, auf der Seite, um Alles ruhig beobachten zu können. Der An⸗ blick Gabriel's war eine neue Ueberraſchung für ihn, aber 9 Siehe die Anmerkungen am Schluß des Bandes. 3 eine freudige. Bei dem Gedanken, den Miſſivnär vom Tod vracht hatte. Die Verzerrung ſeines Geſichtes verrieth die — gerettet zu wiſſen, milderte ſich der peinliche Eindruck, wel⸗ chen der Anblick der Töchter des Generals Simon auf ihn hervorbrachte. Denn Rodin's Plane erforderten, daß Gabriel am 13. Februar 1832 zu Paris wäre. Der Verwalter und ſeine Frau fühlten von neuem tiefe Rührung beim Anblick der Waiſen und eilten auf ſie zu, als plötzlich ein Knecht eintrat und rief: „Herr Dupont! gute Boiſchaft. Noch zwei Schiffbrüchige gerettet!“ „Gott ſey Lob und Dank! ſagte der Miſſionär. „Wo ſind ſie?“ fragte der Verwalter. „Einer kann gehen,“ antwortete der Knecht. „Er wird gleich mit Juſtin kommen. Der andere hat ſich an den Felſen ver⸗ wundet und wird auf einer Bahre von Baumäſten heraufge⸗ bracht.“ „Ich will ein Lager für ihn in dem unteren Zimmer zu⸗ rechtmachen,“ ſagte Dupont. „Du, Kathrine, ſorge einſt⸗ weilen für dieſe Mädchen.“ Der Verwolter ging hinaus und ſeine Frau fragte den Boten: „Nun wo iſt denn der Schiffbrüchige, der gehen kann?“ — „Dort,“ ſagte der Bauer, auf einen Mann deu⸗ tend, der raſch durch den Gang daher kam. „Sobald er hörte, daß die beiden Mädchen hier ſeyen, hat er trotz ſeinem Alter und einer Kopfwunde ſo große Schritte gemacht, daß ich ihm kaum vorauseilen konnte.“ Kaum hatte der Bauer dieſe Worte geſprochen, ſo ſprangen Roſa und Blanca auf und eilten nach der Thür, wo ſie auf Dagobert ſtießen. Der Soſdat, unfähig ein Wort zu ſprechen, fiel auf die Knie und ſtreckte die Arme nach den Kindern aus, während Freudenſtörer auf ſie zulief und ihnen die Hände leckte. Die Rührung war zu ſtark für den alten Soldaten. Nachdem er die Kinder in ſeine Arme geſchloſſen hatte, ſank ſein Kopf zurück und er wäre umgefallen, wenn die Bauern ihn nicht aufgefongen hätten. Die beiden Mädchen ließen ſich durch keine Vorſtellung der Frau Dupont über ihre Schwäche davon abhalten, dem ohnmächtigen Dagobert in das Nebenzimmer zu folgen, wohin er gebracht wurbe. Der Anblick des alten Soldaten ſtörte den tröſtlichen Ein⸗ druck, welchen das Erſcheinen Gabriel's auf Rodin hervorge⸗ . 3 — getäuſchte Erwartung, daß der Führer der Töchter des Generals Simon umgekommen ſey. Der Miſſionär bemerkte dies nicht. Ermattet ſich auf einen Stuhl ſtützend, hatte er überhaupt Herrn Rodin noch nicht wahr⸗ genommen. Ehe Rodin Zeit hatte, ſich von ſeinen verſchiedenen Ueberraſchungen zu erholen und ein Wort an Gabriel zu richten, trat ein Landmann ein und wies einem Mann, den er mit⸗ brachte, den Miſſionär. Dieſer Mann von mattgelber Ge⸗ ſichtsfarbe, in die Hoſen und in den Kittel eines Bauers ge⸗ büllt, trat auf Gabriel zu und ſagte ihm auf Franzöſiſch mit einer Ausſprache, die den Fremden verrieth: „Eben iſt Prinz Dſchalma hieher gebracht worden. Sein erſtes Wort war der Ruf nach Ihnen.“ Bei dem Namen Dſchalma ſprang Rodin auf Gabriel zu und ſchrie: „Was ſagt dieſer Menſch?“ Betroffen wich Gabriel zurück und rief: „Herr Rodin?“ „Herr Rodin?“ rief der Mann mit dem gelben Geſichte und heftete unverwandt den Blick auf den Correſpondenten des Herrn Joſua van Dael. Sie hier, Herr Rodin?“ ſagte Gabriel, indem er ſich ehrerbietig und ſchüchtern dem Geheimſchreiber Aigrigny's näherte. „Was hat Ihnen dieſer Menſch geſagt?“ fragte Rodin mit bebender Stimme. „Hat er nicht den Namen des Prinzen Dſchalma ausgeſprochen?“ „Ja, Herr“ antwortete Gabriel. „Prinz Dſchalma iſt ei⸗ ner von den Reiſenden auf dem engliſchen Schiff, welches mit uns untergegangen iſt. Es kam von Alexandria und legte bei den Azoren an, wo ich mich befand. Das Schiff, welches mich von Charlestown gebracht hatte, mußte, weil es ſtark beſchä⸗ digt war, bei der Inſel liegen bleiben. Ich ſchiffte mich alſo auf dem Schwarzen Adler ein, auf welchem ſich Dſchalma be⸗ fand. Wir nahmen die Richtung nach Portsmouth. Von dort gedachte ich nach Frankreich überzuſetzen.“ Dieſer neue Schlag verwirrte den Geheimſchreiber völlig. Wie ein Menſch, der einen letzten Verſuch macht, obwohl er deſſen Nutzloſigkeit vorausſieht, fragte er: „Und wiſſen Sie, wer dieſer Priaz Dſchalma iſt?“ 4 „Ein eben ſo gutherziger, als wackrer junger Mann,“ ant⸗ — 3 — wortete Gabriel. „Er iſt der Sohn eines indiſchen Königs, der durch die Engländer ſein Reich verloren hat.“ Und zu dem Mann mit dem gelben Geſicht ſich wendend, fragte er: „Wie ſteht's mit dem Prinzen? Sind ſeine Wunden ge⸗ fährlich?“ „Starke Quetſchungen,“ antwortete der Gefragte, „aber nicht tödtlich.“ „Gott ſey Dank!“ ſagte Gabriel zu Rodin gewandt. „Sie ſehen, abermals iſt ein Schiffbrüchiger gerettet.“ „Gut!“ erwiederte Rodin in barſchem Ton. „Ich will zu ihm gehen,“ ſagte Gabriel demüthig. „Haben Sie mir einen Befehl zu geben“ „Werden Sie wohl im Stande ſeyn — in zwei bis drei Stunden abzureiſen trotz Ihrer Erſchöpfung?“ fragte Rodin. „Wenn's ſeyn muß, ja“ „Es muß ſeyn. Sie reiſen mit mir ab.“ Gabriel verbeugte ſich vor Rodin und ging mit dem Bauer weg. Rodin ſank wie vernichtet auf einen Stuhl. Unbe⸗ merkt von ihm blieb der Menſch mit dem gelben Geſicht in einem Winkel des Gemachs. Dieſer Menſch war der Meſtize Faringhea, einer der drei Häuptlinge der Würger. Er hatte, nachdem er den verfolgen⸗ den Soldaten entgangen war, den Schleichhändler Mahal getödet, und ihm die von Joſua van Dael mitgegebenen Pa⸗ piere abgenommen. Mit Hülfe des Beglaubigungsſchreibens hatte er den Platz des Ermordeten auf dem Ruyter erlangt. Wie früher bemerkt, war er aus der Hütte in den Trümmern von Tſchandi entſchlüpft, ohne daß Dſchalma ihn bemerkte. Dſchalma war ſeinerſeits (wie ſpäter erklärt werden wird) entkommen, hatte Faringhea auf dem Ruyter getroffen und, da er ihn nicht als Phanſegar kannte, auf Ueberfahrt als einen Landsmann behandelt. Rodin ſaß mit ſtarrem, geſenktem Bug auf ſeinem Stuhl und kaute in ſtummer Wuth an ſeinen Nägeln. Der Meſtize trat leiſe auf ihn zu, legte ihm vertraulich die Hand auf die Schulter und fragte: „Sie heißen Rodin?“ Rodin fuhr zuſammen, warf den Kopf in die Höhes und rief: „Was iſt das?“ „Sie heißen Rodin?“ wiederholte Faringhea. Gemächern, welche dem alten Dagobert und den Waiſen — 76 — — „Ja. Was wollen Sie?“ „Sie wohnen in der Straße Milieu des Urſins zu Paris?“ „Ja. — — Aber nochmals, was wollen Sie?“ „Für jetzt nichts, Bruder. — Späterhin — allerhand.“ Fa⸗ ringhea entfernte ſich langſamen Schrittes und ließ den Corre⸗ ſpondenten Joſua's entſetzt zurück. Rodin, der vor nichts zit⸗ terte, war mit Grauen dem unheilverkündenden Blick des Würgers begegnet. Zehntes Kapitel. Die Abreiſe nach Paris. Die größte Stille herrſchte im Schloß Cardoville. Der Sturm hatte ſich allmählig gelegt, und man hörte nur noch das ferne dumpfe Getöſe der Wellen, die ſchwerfällig ans Ufer ſchlugen. Dagobert und die Waiſen waren in warmen, wohnlichen Zimmern des erſten Stodwerks untergebracht. Dſchalma war, um das Hinaufträgen zu vermeiden, in Be⸗ tracht ſeiner Wunden, in einem großen Gemach des Erdge⸗ ſchoſſes niedergelegt worden. Das vergebliche Bemühen, jenes Kind zu retten, welches eine verzweifelnde Mutter auf dem Schiff ihm anvertraute, hatte ſeine Bewegung gehemmt, und er war wider die Felſen geſchleudert worden. Faringhea der ihm Vertrauen einzuflößen gewußt hatte, vertrat bei ihm Krankenwärterſtelle. Gabriel hatte dem Verwundeten einige Troſtworte zugeſprochen und ſich dann in das ihm angewie⸗ ſene obere Zimmer begeben. Treu dem Verſprechen, welches er Rodin gegeben, wollte er ſich nicht zu Bett legen, und begnügte ſich, nachdem er ſeine Kleider zum Trocknen aufge⸗ hängt, in einem Lehnſtuhl vor dem Kaminfeuer auszuruhen, wo er bald einſchlief. Sein Zimmer befand ſich neben den angewieſen waren. Freudenſtörer, der vermuthlich in einem ſo anſtändigen Schloß durchaus keine Gefahr beſorgte, war von der die in das e Roſa's und S 3 Schlaf ohne ſein Wiſſen kund gaben. Nichtsdeſtoweniger ver⸗ — ſo einnehmender war, da nichts mehr rührt, als die leidende und wechſelten einen Blick der Beſorgnß in Bezug auf den Schlafenden. „Er ſchläft,“ flüſterte Roſa. trachten.“ „ Sieh, wie ſanft ſein Geſicht iſt!“ flüſterte Blanca. 6. . führte, weggegangen, um ſich an dem Feuer zu wärmen, vor welchem der Miſſionär ſchlief. Die Schnauze auf ſeine aus⸗ geſtreckten Pfoten gelegt, genoß er einer köſtlichen Ruhe nach ſo vielen Fahrten zu Land und zur See. Ob er wohl an den armen, alten Jovial dachte? Man könnte glauben, daß er es oft that, wenn man erfährt, daß er einen unwiderſteh⸗ lichen Hang zeigte, alle Schimmel zu beißen, die ihm ſeit dem Tod ſeines ehrwürdigen Gefährten begegnet waren, — er, ſonſt ſo harmlos gegen Pferde aller Farben Nach einiger Zeit ging eine der Thüren von Gabrieb's Zimmer auf, und die beiden Schweſtern traten ſchüchtern ein. Sie hatten ausgeſchlafen und fühlten das Bedürfniß, nach Dagobert zu ſehen, obwohl die Verwaltersfrau ihnen ge⸗ meldet hatte, daß der Dorfarzt den Zuſtand und die Wunde ihres Führers durchaus nicht beunruhigend fände. Da ſie ih⸗ ren Hund am Kamin bemerkten, ſo glaubten ſie, Dagobert ſäße auf dem Stuhl, deſſen Rücklehne ihnen den Schläfer verbarg. Sie ſchlichen auf den Zehen an das Kamin und erblickten zu ihrem großen Erſtaunen Gabriel. Ueberraſcht blieben ſie ſtehen, ohne einen Schritt vorwärts oder rückwärts zu wagen, aus Furcht, ihren Retter aufzuwecken. Die blonden Haare des Miſſionärs waren wieder trocken und fielen in natürlichen Locken um ſeinen Hals und ſeine Schultern. Die Bläſſe ſeines Geſichts trat ſtark hervor auf dem dunkelrothen Damaſt der Rücklehne des Stuhls. Seine ſchönen Züge trugen in dieſem Augenblick den Ausdruck bit⸗ terer Schwermuth, ſey es, daß ein böſer Traum ihn quälte, oder daß er im Wachen Gefühle unterdrückte, welche ſich im leugneten dieſe Züge nicht ihre Sanftmuth, die jetzt nur um Gutherzigkeit. Die beiden Mädchen ſchlugen die Augen nieder, errötheten „Das iſt gut,“ erwiederte Blanca. „Wir können ihn be⸗ „Auf dem Weg vom Meer hieher haben wir es nicht gewagt. — „Er kommt mir vor, wie Der, welchen wir im Traum ge⸗ ſehen haben.“ „Den wir im Traum ſagen hörten: er würde uns beſchützen,“ ergänzte Blanca. „Auch diesmal hat er uns nicht gefehlt. — Und wir ſehen ihn. Das iſt nicht wie im Gefängniß zu Leipzig in der fin ſteren Nacht. Ohne ihn wären wir dieſen Morgen umge⸗ kommen.“ „Aber,“ bemerkte Blanca, „ich meine, in unſern Träumen hätte ſein Antlitz von einem ſanften Lichte geſtrahlt.“ „Ja wohl,“ beſtätigte Roſa. „Es blendete uns faſt.“ „Und er ſah auch nicht ſo traurig aus.“ „Ja, da kam er auch vom Himmel, und jetzt iſt er auf der Erde.“ „Meinſt du,“ fragte Blanca, er hätte damals dieſe rothe Narbe um die Stirn gehabt?“ „Gewiß nicht,“ antwortete Roſa. „Wir würden ſie be⸗ merkt haben“ „Und ſieh! dieſe Narben an ſeinen Händen!“ „Ja. Aber wenn er verwundet iſt, möchte er doch wohl kein Engel ſeyn,“ flüſterte Roſa. „Warum nicht? Er könnte ja die Wunden empfangen haben, indem er Leuten zu Hülfe kam, welche wie wir in Todesge⸗ fahr ſchwebten!“ „Du haſt Recht,“ erwiederte Roſa. „Es wäre weniger ſchön, wenn er ohne eigne Gefahr helfen könnte. — Schade, daß er die Augen nicht öffnet! ihr Blick iſt ſo gut, ſo ſanft.“ „Warum hat er uns nur nichts von unſerer Mutter ge⸗ ſagt auf dem Weg hieher?“ fragte Blanca. „Er wird nicht gewollt haben, weil er nicht mit uns allein war, Jetzt ſind wir mit ihm allein.“ „Sollten wir ihn bitten, daß er uns von ihr erzählt?“ fragte Blaneca. „Du haſt Recht,“ erwiederte Roſa. Wir wollen ihn bitten.“ „O, wie unſer Herz klopft!“ ſagte Blaneca, denn ſie zwei⸗ felte nicht, daß ihre Schweſter genau dasſelbe fühlte, wie ſie. „Und wie wohl thut uns dies Herzklopfen. Es iſt, als ob uns ein Glück begegnen ſollte!“ Die beiden Mädchen ſchlichen dicht an Len S u ————— 5 knieten mit gefalteten Händen, die eine zur Rechten, die an⸗ dere zur Linken vor dem Prieſter und flüſterten mit einer Stimme, die ihren lieblichen Geſichtern entſprach: „Gabriel! erzählen Sie uns von unſerer Mutter!“ Der Miſſionär regte ſich, öffnete halb die Augen und war in dem Zuſtand der Schlaftrunkenheit, welcher dem vollen Erwachen vorhergeht, einen Augenblick entzückt von der zau⸗ berhaften Erſcheinung der beiden Geſtalten, die ihn anſahen. Nachdem er zu voller Beſinnung gekommen war, fragte er: „Wer ruft mich?“ „Wir. — Wir, Blanca und Roſa,“ antworteten die Mädchen. Nun war die Reihe an Gabriel zu erröthen, denn er er⸗ kannte die beiden Kinder, die er gerettet hatte. „Stehen Sie auf!“ ſagte er. „Man kniet nur vor Gott.“ Die Waiſen gehorchten und traten Hand in Hand vor ihn. „Sie wiſſen alſo, wie ich heiße?“ fragte er lächelnd. „O, wir haben Ihren Namen nicht vergeſſen,“antwortete Roſa. „Wer hat Ihnen meinen Namen geſagt?“ „Sie,“ antwortete Blanca. „Ich?“ fragte der Miſſionär erſtaunt. „Als Sie von unſerer Mutter kamen, um uns zu ſagen, daß Sie von ihr geſchickt ſeyen und uns ſtets beſchützen würden.“ „Ich?“ wiederholte der Miſſionär. „Sie irren Sich. Heute habe ich Sie zum erſten Mal geſehen.“ „Und in unſeren Träumen?“ ſagte Blanca. „Erinnern Sie ſich nur.“ — „Vor drei Monaten zum erſtenmal in Deutſchland,“ fügte Roſa hinzu. „Betrachten Sie uns nur.“ Gabriel mußte lächeln über die Zumuthung, ſich eines Traumes zu erinnern, den Andere gehabt hatten. „In Ihren Träumen?“ fragte er verwundert. „Ei freilich,“ antwortete Blanca. „Sie gaben uns ſo gute Rathſchläge.“ „Ihre Worte ſagte Roſa, „haben uns ſpäter, als wir uns ihrer im Mißgeſchick, im Gefängniß erinnerten, Troſt und Muth gegeben.“ „Haden Sie uns nicht aus dem Gefängniß zu Leipzig ge⸗ holten?“ fragte Blanca, — „in der Racht, die ſo finſter war, daß wir Sie nicht ſehen konnten?“ — S — „Ich?“ fragte der junge Geiſtliche. „Wer anders als Sie, hätte uns und unſerm alten Freund zu Hülfe kommen ſollen?“ „Wir ſagten ihm, Sie würden ihn lieben, weil er uns liebte. Er wollte nicht an Engel glauben.“ „Darum hatten wir auch dieſen Morgen im Sturm faſt gar keine Angſt. Wir erwarteten Sie.“ „Ja, dieſen Morgen,“ ſprach der Prieſter, „hat mir Gott die Gnade erwieſen, mich Ihnen zu Hülfe zu ſchicken. Ich komme von Amerika. In Leipzig aber bin ich nie ge⸗ weſen. Alſo bin ich es nicht, der Sie aus dem Gefängniß geführt hat. Sagen Sie mir doch,“ fragte er lächelnd, „wofür halten Sie mich denn?“ „Für einen guten Engel, den wir ſchon im Traum geſehen haben, und den unſere Mutter vom Himmel geſandt hat, um uns zu beſchützen.“ „Liebe Kinder!“ erwiederte Gabriel, „ich bin nur ein armer Prieſter. Zufällig gleiche ich dem Engel, den Sie im Traum geſehen haben und den Sie nur im Traum ſehen konnten, denn es gibt keine für uns ſichtbaren Engel.“ „Es gibt keine ſichtbare Engel?“ ſagte Blanca! und beide Schweſtern fahen ſich ſchmerzlich überraſcht einander an. „Das hat nichts zu ſagen, liebe Schweſtern,“ ſagte Gabriel, indem er liebevoll die Hände der Mädchen faßte. Die Träume kommen, wie Alles, von Gott. Und da die Erin⸗ nerung an Ihre Mutter in dieſen Traum gemiſcht war, ſo freuen Sie ſich doppelt deſſelben.“ In dieſem Augenblick ging die andere Seitenthür auf und Dagobert trat ein. Eine ſchwarze Binde bedeckte zur Hälfte ſeine Stirn und vermehrte ſein finſteres Ausſehen. Deun obwohl er hartnäckig behauptete, ſeine Wunde ſey eine Niete, ſo hatte doch der Wundarzt des Dorfs ſie ſorgfältig verbun⸗ den. Er war ſehr erſtaunt, einen Unbekannten zu ſehen, der die Hände Roſa's und Blanca's in den ſeinigen hielt. Daß der Miſſionär die Mädchen gerettet hatte, wußte nicht, auch erinnerte er ſich nicht, daß derſelbe ihm die re tende Hand gereicht, denn er hatte ihn nur undeutlich Strudel der Wellen geſehen. Er runzelte alſo die S über die Vertraulichkeit eines Unbekannten mit Roſa — 5 Blanca, als dieſe in ſeine Arme eilten. Ihre kindlichen Lieb⸗ koſungen verſcheuchten ſeinen Unmuth einigermaßen. Doch warf er von Zeit zu Zeit einen finſtern Blick auf den Schwarz⸗ rock, der aufgeſtanden war. „Und Deine Wunde?“ fragte Roſa theilnehmend. „Man hat uns geſagt, ſie ſey nicht gefährlich.“ „Schmerzt ſie Dich noch?“ fragte Blanca. „Nein, Kinder,“ antwortete der Soldat. „Der Oberchirurg des Dorfs hat mich ſo bewickelt. Wenn ich ein ganzes Retz von Säbelhieben auf dem Kopf hätte, könnte ich nicht ärger eingewindelt ſeyn. Ich muß ausſehen, wie ein Zärtling. Es iſt bloß eine Niete, wie Ihr Vater zu ſagen pflegte. Ich habe Luſt — —“ Dagobert fuhr mit der Hand nach der Binde. Roſa ſiel ihm in den Arm und ſagte: „Willſt Du das laſſen! Wie biſt Du ſo unverſtändig in Deinem Alter!“ „Gut! gut!“ ſagte der Alte. „Schelten Sie mich nur nicht. Ich will Ihnen den Willen thun und die Binde laſſen.“ Hierauf führte er die Mädchen in einen Winkel des Zimmers und fragte, nach dem jungen Prieſter ſchielend: „Was iſt das für ein Herr da, der Ihre Hände in den ſeinigen hatte, als ich eintrat? Er ſieht mir aus, wie ein Pfarrer. Sehen Sie, Kinder, man muß ſich in Acht nehmen — weil — —“ „Vor ihm?“ riefen die Mädchen. „Bedenke doch, daß wir ohne ihn Dich jetzt nicht umarmen würden.“ . „Wie ſo?“ fragte der Soldat, ſich emporrichtend und den Miſſionär anblickend. „Das iſt unſer Schutzengel,“ ſagte Blanca. — „Ohne ihn würden wir dieſen Morgen beim Schiffbruch umgekommen ſeyn,“ fügte Roſa hinzu. „Er? — — Er iſt es, — der — —“ ſtammelte Dago⸗ bert. Und mit Thränen in den Augen eilte er auf den Prie⸗ ſter zu und rief mit ausgeſtreckten Armen: „Herr, ich ver⸗ danke Ihnen das Leben dieſer Kinder! Ich weiß, wozu mich das verpflichtet. Mehr ſage ich Ihnen nicht, denn das ſagt es nicht, der mir die Hand reichte, als ich mich an den Felſen klammerte? — Ja freilich! Ihr blondes Haar, Ihr jugend⸗ liches Geſicht — — Sie ſind's. Jetzt erkenn' ich Sie. . Alles. — — Doch halt! Jetzt entſinn' ich mich. Waren Sie „Leider,“ erwiederte der Prieſter, „ging mir die Kraft aus, ich hatte den Schmerz, Sie wieder ins Waſſer fallen zu ehen.“ „Ich kann Ihnen nicht weiter meinen Dank ausſprechen, als ich gethan habe,“ ſagte der Soldat. „Indem Sie dieſe Kinder retteten, haben Sie mir mehr gethan, als wenn Sie mir das Leben gerettet hätten. Welcher Muth! So jung, und ſieht aus wie ein Mädchen!“ „Alſo,“ rief Blanca frendig, „unſer Gabriel iſt auch Dir zu Hülfe gekommen?“ „Gabriel?“ wiederholte Dagobert. „Sie heißen Gabriel?“ „Ja. . „Und Sie ſind Prieſter?“ „Prieſter der auswärtigen Miſſionen.“ „Und wer hat Sie erzogen?“ „Eine treffliche Frau, die ich als die beſte Mutter verehre. Sie hat ſich meiner, des verlaſſenen Kindes, erbarmt und mich behandelt wie ihren Sohn.“ „Nicht wahr, Franeisca Baudoin?“ „Ja, Herr,“ antwortete Gabriel erſtaunt. „Aber woher wiſſen Sie — —“ „Die Frau eines Soldaten?“ unterbrach Dagobert. „Ja, eines braven Soldaten, welcher mit bewunderungs⸗ würdiger Aufopferung ſein Leben in der Verbannung zu⸗ bringt — fern von ſeiner Frau und von ſeinem Sohn, meinem guten Bruder, — denn ich bin ſtolz darauf, ihn ſo zu nennen.“ „Memen Agricola — meine Frau — wann haben Sie dieſelben verlaſſen ?“ „Alſo Sie ſind der Vater Agricola's? — O, ich wußte nicht, wie vielen Dank ich noch Gott ſchuldig ſey!“ „Meine Frau — — wein Sohn wiederholte Dagobert mit zitternder Stimme. — „Wie geht es ihnen? Haben Sie Nachricht von ihnen?“ „Die letzten, welche ich vor drei Monaten empfangen habe waren ſehr gut. „Das iſt zu viel Freude!“ rief Dagobert und ſank iber⸗ wältigt auf einen Stuhl. Jetzt erſt erinnerten ſich Roſa und Blanca, die bisher ſtutz darauf geweſen von eldem Engel v ſie in einem Brief ihres Vaters geleſen hatten, nämlich daß ein Findling, Namens Gabriel, von Dagobert's Frau an Kin⸗ desſtatt angenommen und Miſſionsprieſter geworden ſey. Hocherfreut riefen ſie ihrem alten Freund zu: „Unſer Gabriel iſt der Deinige! — Es iſt derſelbe! O, wie ſchön!“ „Ja, liebe Kinder!“ ſagte Dagobert. „Er gehört Ihnen, wie mir. Wir haben beiderſeits Theil an ihm. Deine Hand, mein wackerer Sohn. Ich ſage Du, denn mein Agricvla iſt Dein Bruder.“ „O, wie gütig ſind Sie!“ ſagte Gabriel. „Nun, das fehlt noch, daß Du mir dankſt!“ erwiederte Dagobert. „Iſt meine Mutter von Ihrer Ankunft unterrichtet?“ fragte der junge Mann, um den Lobſprüchen des alten Kriegers zu entgehen. „Ich habe ihr vor fünf Monaten geſchrieben, und zwar, daß ich allein käme. Warum das, will ich Dir ſpäter ſagen. Sie wohnt doch noch immer in der Briſe⸗Miche⸗Gaſſe, wo nein Agricola geboren iſt?“ „Dort wohnt ſie noch.“ „Dann wird ſie auch meinen Brief empfangen haben. Ich hatte ihr auch aus dem Gefängniß zu Leipzig ſchreiben wollen, aber es war unmöglich.“ „Aus dem Gefängniß? Sie kommen aus dem Gefängniß?“ „Ja, aus Deutſchland, die Elbe herab über Hamburg. Ich wäre noch in Leipzig, ohne eine Begebenheit, die mich faſt an den Teufel glauben läßt — aber an den guten Teufel.“ „Was wollen Sie damit ſagen? Erklären Sie — —“ „Das iſt eine Kunſt; ich kann es mir ſelber nicht erklären. Dieſe kleinen Mädchen da glaubten weiter zu ſehen als ich, und ſagten immer: Der Engel iſt uns zu Hülfe gekommen; ſiehſt Du Dagobert? und Du ſagteſt immer, Frendenſtörer wäre Dir eben ſo lieb zu unſerer Vertheidigung.“ „Gabriel! Ich erwarte Sie!“ rief eine befehlende Stimme, vor welcher der Miſſionär erbebte. Der Gerufene, Dago⸗ bert und die Mädchen wandten ſich raſch um. Freudenſtörer knurrte. In der auf den Gang gehenden Thür ſtand Herr Rodin. Auf ſeinen Geſichtszügen lag unbefangene Ruhe. Er warf einen flüchtigen, duschdringenden Blick auf den — Soldaten und auf die beiden Schweſtern. Dagobert fand ſein Geſicht verdächtig und fragte den Pflegſohn ſeiner Frau: „Was iſt das für ein Menſch? Was will er mit Dir?“ „Ich reiſe mit ihm ab,“ antwortete Gabriel mit einem Aus⸗ druck des Bedauerns und des Zwanges. Und zu Rodin ſagte er: „Verzeihen Sie. Den Augenblick gehe ich mit Ihnen.“ „Was?“ rief Dagobert erſtaunt. „Du reiſeſt ab in dem Augenblick, wo wir Dich wiederfinden? Bei Gott! nein, Du reiſeſt nicht ab! Ich habe Dir noch viel zu viel zu ſagen und Dich noch gar Manches zu fragen! Wir reiſen mitein⸗ ander! das ſoll mir eine Freude ſeyn.“ „Unmöglich, er iſt mein Vorgeſetzter. Ich muß ihm gehorchen.“ „Dein Vorgeſetzter? Er trägt ja bürgerliche Kleidung.“ „Er iſt nicht verbunden, das geiſtliche Gewand zu tragen.“ „Ah bah! da er nicht in Uniform iſt, und da es in Deinem Stand keinen Polizeiſaal gibt, ſo laß ihn zum — —“ „Ich würde keinen Augenblick ſchwanken, wenn ich bleiben könnte,“ erwiederte Gabriel. „Das Geſicht des Burſchen hat mir gleich nicht gefallen.“ murmelte Dagobert. Und dann fragte er leiſe: „Soll ich ihm ſagen, daß er uns einen Gefallen thäte, wenn er ſich allein fortſcherte?“ „Thun Sie es ja nicht,“ erwiederte Gabriel. „Es wäre nutzlos. Ich kenne meine Pflicht. Der Wille meines Vor⸗ geſetzten iſt der meinige. In Paris beſuche ich Sie und meine Mutter und meinen lieben Bruder Agricola.“ „Meinetwegen denn,“ erwiederte Dagobert ärgerlich. „Ich bin Soldat geweſen und weiß, was Subordination heißt. Alſo übermorgen früh in der Briſe⸗Miche⸗Gaſſe, mein Junge! Morgen Abend ſoll ich in Paris ſeyn. Es ſcheint, bei Euch iſt ſcharfe Disciplin.“ „Sie iſt ſtreng,“ antwortete Gabriel bebend und einen Seufzer unterdrückend. „Komm, küſſe mich. — — Auf baldiges Wiederſehen! Vier⸗ undzwanzig Stunden ſind ja bald herum.“ „Leben Sie wohl!“ antwortete der Miſſionär. „Leben Sie wohl, Gabriel!“ riefen die Waiſen ſeufzend und mit Thränen in den Augen. „Leben Sie wohl!“ erwiederte Gabriel und ging weg mit „ — Rodin, der kein Wort und nicht den kleinſten Umſtand von dieſem Auftritt verloren hatte. Zwei Stunden ſpäter verließen Dagobert und die Waiſen das Schloß, um ſich nach Paris zu begeben. Dſchalma, vvn dem ſie nichts wußten, mußte ſeiner Wunden wegen zu Car⸗ doville bleiben. Bei ihm blieb Faringhea, der, wie er ſagte, ſeinen Landsmann nicht im Stich laſſen wollte. Yritter Theil. Die Briſe⸗Miche⸗Gaſſe. Elftes Kapitel. Die Frau Dagobert's. Wir führen nun den Leſer in die Briſe⸗Miche⸗Gaſſe zur Frau Dagobert's, wo die folgenden Auftritte am Tage nach dem Schifbruch bei Cardoville ſtattfanden. Es läßt ſich kaum etwas denken, was ſo unheimlich wäre, wie der Anblick der Gaſſe oder vielmehr des Gäßchens Briſe⸗ MWiche, welches auf der einen Seite in die Saint 2 Straße, auf der andern neben der Kirche am Kloſterplätzchen ausmündet. Dies Gäßchen iſt nicht mehr als acht Schuh breit und iſt auf der Seite nach dem Kloſterplätzchen von zwei hohen, ſchwarzen, riſſigen Mauern eingeſchloſſen. Kaum in den längſten Sommertagen kann die Sonne einige Strahlen in dieſen Schacht werfen, und im naßkalten Winter liegt ſtets ein eiſiger Nebel über dem kothigen Pflaſter. — Etwa um acht Uhr Abends des bezeichneten Tages, während das ſchwache, röthliche Licht der Laterne kaum durch den Win⸗ ternebel drang, wechſelten zwei Menſchen, welche an der Ecke der einen jener hohen Mauern ſtanden, etliche Worte. „Alſo wohlver⸗ ſtanden!“ ſagte der Eine; „Ihr bleibt in der Gaſſe, bis Ihr ſie in No. 5. hineingehen ſeht.“ „Ganz recht,“ erwiederte der Andere. „Und wenn Ihr ſie hineingehen ſeht, ſo geht Ihr hinter ihnen hinauf zu Francisea Baudoin, um Euch vollkommene Gewißheit zu verſchaffen.“ „Und ich frage, ob da nicht die buckelige Schweſter der Königin Bacchanal wohnt.“ „Richtig. Was letztere betrifft, ſo ſucht bei der Buckeligen genau zu erfahren, wo ſie wohnt, denn das iſt ſehr wichtig. — Die Weiber dieſes Schlags wechſeln ihre Neſter wie die Vö⸗ gel. Man hat ihre Spur verloren.“ „Seyd außer Sorgen. Ich werde mein Möglichſtes thun, um von der Buckeligen die Wohnung ihrer Schweſter zu er⸗ fahren.“ „Um Euch Muth zu geben, werd' ich Euch in der Schenke, dem Kloſter gegenüber, erwarten, und bei Eurer Rückkehr trinken wir ein Glas Glühwein.“ „Das iſt nicht zu verachten. Dieſen Abend iſt es teufel⸗ mäßig kalt.“ „Ich weiß es, dieſen Morgen iſt mir das Waſſer auf mei⸗ nem Weihwedel gefroren, und ich war ſteif, wie eine Mumie auf meinem Stuhl an der Kirchenthür. Ja, lieber Freund, ein Weihwaſſerſpender iſt nicht auf Roſen gebettet.“ „Aber es fällt auch etwas bei ſeinem Geſchäftchen ab.“ „Nun, auf gut Glück! Vergeßt nicht: No. 5. der kleine Gang bei dem Färber.“ „Ja, ja,“ antwortete der Beauftragte, und die Beiden tren⸗ ten ſich. Der Eine ging auf das Kloſterplätzchen, der Andere nach der Seite der Saint Merry Straße zu, wo er bald die geſuchte Nummer an einem ſchmalen, hohen Hauſe fand und nun vor dieſem auf und ab ging. Wenn ſchon das Aeußere dieſer Wohnungen abſtoßend war, ſo war das Innere derſelben über alle Beſchreibung wider⸗ wärtig. Das Haus No. 5. zumal befand ſich in einem jäm⸗ merlich verfallenen und unſaubern Zuſtand. Das aus den Wänden ſchwitzende Waſſer floß auf die dunkle Treppe und machte ſie kothig. Auf dem engen Vorplatz lag ein Arm⸗ voll Stroh zum Abkratzen der Schuhe. Dies Stroh, in Mißt verwandelt, vermehrte noch den muffigen Geruch, den Feuch⸗ tigkeit und Mangel an Luft, verbunden mit den Ausdünſtungen der heimlichen Gemächer, hervorbrachte. Durch einige kleine Oeffnungen im Treppenhaus fiel hie und da ein ſchwacher Lichtſchimmer. Das Haus gehörte zu der großen Zahl unge⸗ ſunder Wohnungen in dieſem ſtark bevölkerten Theil von Paris, wo die arbeitende Klaſſe zuſammengedrängt lebt. Im Erd⸗ geſchoß wohnte ein Färber. Die böſen Ausdünſtungen ſeiner Werkſtätte vermehrten noch den Geſtank in dem elenden Gebände. In den oberen Stockwerken wohnten kleine Haushaltungen von Handwerkern und eine Anzahl Leute, die auf gemeinſchaftliche Rechnung je fünf oder ſechs zuſammen arbeiteten. Ein Zim⸗ mer des vierten Stockwerks hatte Francisca Baudoin, die Frau Dagobert's, inne. Ihr Sohn Agricola hatte für ſich eine Dachkammer. Ein Talglicht erhellte dies Stübchen, deſſen riſſige Wände mit einer alten, grauen, hin und wieder geſprungenen Tapete bekleidet waren. Kleine Vorhänge an Eiſenſtangen verhüllten die Fenſter. Der Fußboden, welcher nicht gebohnt, ſondern aufgewaſchen war, hatte ſeine natürliche Backſteinfarbe. Am einen Ende des Zimmers ſtand ein kleiner, gußeiſerner Ofen, mit einem metallenen Kochtopf. Auf einer tannenen, gelb mit braunen Adern angeſtrichenen, Commode ſtand ein eiſernes Häus⸗ chen, ein Werk der Geduld und Geſchicklichkeit von Agricola Baudoin. Ein an der Wand hängendes Chriſtusbild von Gyps, umgeben mit geweihten Buchszweigen, und einige ſchlecht olorirte Heiligenbilder zeugten für die Frömmigkeit der Sol⸗ datenfrau. Zwiſchen den zwei Fenſtern ſtand ein hoher, vor Alter faſt ſchwarzer Nußbaumſchrank mit gewundenen Verzie⸗ rungen. Ein Bett, ein mit grünem Utrechter Plüſch über⸗ zogener, alter Seſſel (das erſte Geſchenk, welches Agricola ſei⸗ ner Mutter gemacht hatte), einige Strohſtühle und ein Arbeits⸗ tiſch, auf welchem mehre Säcke von grober, grauer Leinwand lagen, bildeten die Mobilien dieſes durch eine wurmſtichige Thür ſchlecht verſchloſſenen Stübchens. In einem Kämmerchen befanden ſich verſchiedene Küchen⸗ und Haushaltungs⸗ geräthe. So traurig und ärmlich auch das Innere dieſer Stube erſcheint, ſo kann doch nur eine kleine Zahl nicht ganz armer Handwerksleute ſich rühmen, alles das zu beſitzen, was in ihm ſich vorfand. Das Bett hatte zwei Matratzen, weiße Lein⸗ tücher und eine warme Decke. Der große Schrank enthielt Weißzeug. Und die Frau Dagobert's hatte für ſich allein ein Zimmer, eben ſo groß, wie die, in welchen ganze Familien ehrlicher, fleißiger Handwerker beiſammen wohnen und ſchlafen — glücklich, wenn ſie den Mädchen ein beſonderes Bett geben können und den Knaben eins, — glücklich, wenn die Betkdecke oder eins der Leintücher nicht im Pfandhaus verſetzt iſt! Francisca Baudvin ſaß vor dem kleinen Ofen, welcher bei dieſem Wetter das ſchlecht verſchloſſene Zimmer nur unvoll⸗ kommen erwärmte, und bereitete das Abendeſſen für ihren Sohn Agricola. Sie war etwa fünfzig Jahr alt. Sie trug eine blaue, weißgeblümte Jacke von Kattun, einen Rock von Barchent und eine weiße Haube. Ihr Geſicht war blaß und abgemagert. Auf den regelmäßigen Zügen des⸗ ſelben war Gutmüthigkeit und Ergebung ausgeprägt. Eine beſſere Mutter, als ſie, war nicht zu finden Lediglich mit ihrer Hände Arbeit, hatte ſie nicht bloß ihren Sohn Agricvla, ſondern auch den Findling Gabriel ernährt und erzogen. In ihren jüngeren Jahren hatte ſie ſo zu ſagen die Geſundheit ihrer alten Tage vorweggenommen, um in zwölf Jahren über⸗ mäßiger Arbeit und harter Entbehrungen ſich einen reichlichen Erwerb zu verſchaffen. Zu einer Zeit, wo der Lohn im Ver⸗ hältniß gegen jetzt noch gut war, hatte ſie manchmal in 24 Stunden 50 Sous (etwa 15 gute Groſchen) verdient. Nach Ablauf dieſer zwölf Jahre war ſie kränklich und ſchwach ge⸗ worden. Aber ihre beiden Kinder waren erzogen. Agricola kam in die Lehre zu Herrn Hardy, und etwas ſpäter fand Gabriel Aufnahme im Seminar durch die eifrige Fürſprache des Herrn Rodin, welcher, ſeit 1820 etwa, mit dem Beicht⸗ vater der Frau Baudoin in häufigem Verkehr ſtand. Dieſe Frau gehörte zu jenen Weſen, deren himmliſche Ein⸗ falt und Gutherzigkeit ſie zu heldenmüthigen Aufopferungen treibt, von denen die Welt nichts erfährt, zu jenen unſchuldi⸗ gen Seelen, bei welchen der Drang des Herzens die Stelle des Verſtandes vertritt. Der einzige Fehler Francisca's, oder vielmehr die natürliche Folge ihrer unerleuchteten Fröm⸗ migkeit, war ein unüberwindliches Feſthalten an Dem, was ihr Beichtvater ihr gebot. Nichts in der Welt konnte ſie da⸗ von abbringen. Kam es zu Erörterungen darüber, ſo ereiferte ſie ſich nie. Ihr Widerſtand war ſanft, wie ihr ganzes We⸗ ſen, ruhig — aber auch unerſchütterlich — wie ihr Gewiſſen. Mit einem Wort: Francisca Baudvin war eins jener ſchuld⸗ loſen, unwiſſenden, leichtgläubigen Geſchöpfe, welche zuwei⸗ len furchtbare Werkzeuge in den Händen durchtriebener Men⸗ ſchen werden können. Da ihre Schwächlichkeit und beſonders die Abnahme ihres Geſichtes ihr kaum zwei oder drei Stun⸗ den täglich zu arbeiten erlaubte, ſo brachte ſie ihre übrige Zeit in der Kirche zu. Nachdem die Speiſe beinahe bereitet war, ſtand Francisca auf, ſchob die Säcke von der einen Seite des Tiſches weg und deckte dieſe Seite. Dann nahm ſie aus einem ledernen Säckchen im Schrank einen kleinen, alten, beuligen Becher und Meſſer, Gabel und Löffel — alles von Silber, aber ſehr abgenutzt, leicht und von geringem Werth. Sie wiſchte dies Silberzeug ſorgfältig ab, und ſtellte und legte es neben den LTeller ihres Sohnes. Es war das Koſtbarſte, was ſie hatte, weniger wegen ſeines Geldwerthes, als wegen der ſich daran knüpfenden Erinnerungen; denn es war das Hochzeitsgeſchenk Dagobert's, und ſie hatte bittere Thränen vergoſſen, ſo oft ſie es im Fall großer Noth ins Pfandhaus hatte tragen müſ⸗ ſen. — Sodann nahm ſie von dem unteren Brett des Schranks eine Flaſche mit Waſſer und eine zu drei Vierteln gefüllte Weinflaſche, und ſtellte dieſelben neben den Leller ihres Soh⸗ nes. Nachdem dies geſchehen war, ging ſie wieder an den Ofen und ſah nach dem Eſſen Agricola's, der um dieſe Zeit nach Haus zu kommen pflegte. Unruhe und Beſorgniß ſprach ſich aus auf dem Geſicht der alten Frau, und ihre Augen waren verweint. Sie hatte nach langem Zweifeln endlich die Gewißheit erlangt, daß ihr ge⸗ ſchwächtes Geſicht ihr bald nicht mehr verſtatten würde, auch nur zwei Stunden täglich, wie bisher, zu arbeiten. In ihrer Jugend war ſie ſehr geſchickt im feinen Nähen geweſen. Aber, als ihr Geſicht abnahm, mußte ſie ſich allmählig auf immer gröbere Arbeit beſchränken, welche natürlich weniger eintrug, — zu⸗ letzt auf Anfertigung von Säcken für die Heerverwaltung, das Stück zu zwei Sous. Höchſtens drei Stück konnte ſie in einem Tage nähen und ſomit ſechs Sous verdienen, Bofür ſie ſich noch Garn und Nadeln ſtellen mußte. So nimmt bei armen Leuten der Verdienſt in demſelben Maße ab, wie in Folge von Schwäche und Alter ihre Bedürfniſſe zunehmen. Indeſſen Francisca Baudvin hätte ſich in ihren alten Ta⸗ gen weder zu plagen, noch zu grämen brauchen. Ihr Sohn war ein guter Arbeiter und verdiente bei Hardy, wo jeder erhielt, was ihm nach Billigkeit zukam, täglich fünf bis ſechs 5 — Franken, mehr als doppelt ſo viel, wie ein Arbeiter in an⸗ dern Fabriken. Seinen Wochenlohn gab er regelmäßig jeden Samstag ſeiner Mutter in die Hände. Aber anſtatt ſich da⸗ mit das Leben leicht zu machen, verſchwendete die einfältige Frau den größten Theil dieſes Geldes in der Sacriſtei. Es verging faſt kein Tag, wo ſie nicht eine oder zwei Meſſen leſen und Wachskerzen verbrennen ließ, bald für Dagobert, von dem ſie ſo lange getrennt war, bald für ihren Sohn, den ſie auf dem Weg zur Hölle glaubte. Agricola war ſo gut⸗ müthig, und liebte ſeine Mutter ſo ſehr, daß er ihr nicht vor den Kopf ſtoßen wollte. Dann und wann ſtellte er ihr ehrerbietig und liebevoll vor, wie unrecht ſie thue, ſich in ih⸗ rem Alter und bei ihrer Kränklichkeit Entbehrungen aufzule⸗ gen, um ihr Geld in die Kirche tragen zu können. Die Alte erwiederte mit Thränen in den Augen: „Mein Kind, es ge⸗ ſchieht für das Seelenheil Deines Vaters und für das Dei⸗ nige!“ Und Agricola ſchwieg, denn über die Wirkſamkeit vvn Meſſen und Kerzen für das Seelenheil Dagobert's wollte er nicht mit ihr ſtreiten. Während Dagobert's Frau, betrübt über die Ausſicht auf Verminderung ihrer Mittel zu frommen Ausgaben beim Koch⸗ topf ſaß, klopfte es leiſe an der Thür. „Herein!“ ſagte ſie. Zwölftes Kapitel. Die Schweſter der Königin Bacchanal. Auf den Ruf der Frau Baudvin trat eine kleine, mißgeſtal⸗ tete Perſon von achtzehn Jahren ein, die zwar nicht im ei⸗ gentlichen Sinn des Wortes bucklig, aber doch entſetzlich ver⸗ krümmt war. Ihre Bruſt war eingezogen, ihr Rücken aus⸗ gebogen, und ihr Kopf ſteckte tief zwiſchen ihren Schultern. Auf den regelmäßigen Zügen ihres langen, blaſſen, magern, pockennarbigen Geſichtes drückte ſich große Sanftmuth und große Traurigkeit aus. Aus ihren blauen Augen ſprach Verſtand * — 92 — und Gutherzigkeit. Das ſchönſte Weib hätte ſtolz ſeyn können auf das prächtige, lange braune Haar, welches in einer dicken Flechte, um das Hinterhaupt des mißgeſtalteten Mädchens gewunden war. In ihrer dürftigen Kleidung ſah man, wie Sorgſamkeit und Reinlichkeit mit großer Armuth kämpften. Bei dem kalten Wetter trug ſie ein Kattunkleidchen mit weiß⸗ lichen Tupfen, deſſen Grundfarbe ſich in Folge des vielen Waſchens nicht mehr erkennen ließ. Auf ihrem ergebungsvollen Geſichte las man, daß ſie an Noth, Elend und Geringſchätzung gewöhnt war. Seit ihrer Geburt hatte der Spott ſie verfolgt und ihr frühzeitig den Namen Mayeux gegeben. Dieſer Name kam ſo ausſchließlich in Gebrauch, daß ſelbſt Agricola Baudvin und ſeine Mutter, die weit entfernt waren, ihrer zu ſpotten, ſie nie anders nannten. Die Mayeux (ſo wollen wir ſie ebenfalls nennen) war in dem Haus geboren, wo die Frau Dagobert's ſeit mehr als zwanzig Jahren wohnte, und war mit Agricvla und Gabriel aufgewachſen. Ihre Mutter Perrine Solivean, Wittwe eines zu Grunde gegangenen kleinen Kaufmanns, behandelte ſie mit Widerwillen und Härte, und wandte ihre ganze verblendete und widerſinnige Liebe ihrer andern Tochter zu, welche ſehr hübſch war. . Das zurückgeſetzte Kind ſchüttete ſeinen Schmerz in den Buſen der Frau Baudoin aus, welche ſie tröſtete und Abends im Leſen und Nähen unterrichtete. Agricola und Gabriel, durch das Beiſpiel ihrer Mutter an Mitleid gewöhnt, ahmten nicht die andern Kinder nach, welche die kleine Mayeux gern neckten und oft ſchlugen, ſondern liebten und ſchützten ſie. Sie war fünfzehn und ihre Schweſter Cephiſe ſiebzehn Jahre alt, als ihre Mutter ſtarb und beide in großer Armuth zurückließ. Cephiſe war klug, regſam und gewandt, aber im Gegenſatz zu ihrer ſtillen Schweſter äußerſt kebhaft. Sie gehörte zu ven Naturen, welchen Luft, Bewegung und Vergnügungen Bedürf⸗ niß ſind. Sie war im Grund ein gutes Kind, aber unſinnig 6 verhätſchelt. Anfangs hörte ſie auf die weiſen Rathſchläge der Frau Bandvin, that ſich Zwang an, lernte nähen und ar⸗ beitete wie ihre Schweſter. Dies dauerte ein Jahr. Bann konnte ſie nicht länger die Entbehrungen ertragen, welche die ienſtes ihr auflegte, und welche ſo Geringfügigkeit ihres Verd — 93 — weit gingen, daß ſie trotz anhaltender Arbeit hungern und frieren mußte. Jung, ſchön und lebenskräftig, gab ſie den Verführungen Gehör, und den für ſie glänzenden Zuſicherungen, ſich ſatt eſſen zu können, nicht zu frieren, reinlich gekleidet zu ſeyn und nicht fünfzehn Stunden täglich in einer finſteren, ungeſunden Spelunke arbeiten zu müſſen. Ihr Verführer war der Schreiber eines Advokaten. Dieſer ließ ſie nach einiger Zeit ſitzen. Dann machte ſie die Bekanntſchaft eines Handlungscommis, welchem ſie ihrerſeits untreu ward, um eines Handlungsreiſenden willen, und den Handlungsreiſenden vertauſchte ſie mit andern Günſtlingen. Nach einer Reihe von Wechſeln ward ſie in Jahresfriſt der Abgott einer Welt von Griſetten, Studenten und Commis, und erlangte durch ihr entſchiedenes Weſen, ihren wahrhaft originellen Geiſt, ihre unermüdliche Luſt an allen Vergnügungen, und beſonders durch ihre tolle, lärmende Fröhlichkeit einen ſolchen Ruf auf den Bällen an den Barriéren, daß man ihr einſtimmig den Namen Königin Bacchanal beilegte. Dieſes tollen König⸗ thums zeigte ſie ſich in allen Stücken würdig. Seit dieſer Erhebung bekam die arme Maheux nur ſelten mehr etwas von ihrer Schweſter zu hören. S bedauerte dieſelbe aufrichtig und fuhr fort, anhaltend zu aibeiten Sie hatte bei Frau Baudoin nähen gelernt und machte grobe Hemden für geringe Leute und Soldaten. Für das Dutzend erhielt ſie drei Franken. Mit täglich zwölf⸗ bis fünfzehn⸗ ſtündiger Arbeit konnte ſie in acht Tagen vierzehn bis ſech⸗ zehn Hemden fertig bringen, mithin verdiente ſie wöchentlich im Durchſchnitt vier Franken. Tauſende von Arbeiterinnen verdienten damals und verdie⸗ nen noch jetzt nicht mehr. Bei der Bezahlung weiblicher Handarbeiten herrſcht eine empörende Ungerechtigkeit und Fühl⸗ loſigkeit. Weiber erhalten zweimal weniger als Männer, welche nähen (wie Schneider, Weſtenſchneider, Handſchuhma⸗ cher), ohne Zweifel, weil ſie eben ſo viel arbeiten, und weil ſte ſchwach ſind, und weil ſie oft als Mütter doppelte Be⸗ dürfniſſe haben. Die Mayeux lebte mit vier Franken die Woche, d.h. wenn ſie käglich zwölf bis fünfzehn Stunden fleißig arb wann ſie ſo viel, daß ſie nicht gradezu vor Hunger, Kälte und Entbehrungen ſterben mußte. Entbehrung iſt eigent⸗ lich ein zu ſchwacher Ausdruck für dieſen ſteten, entſetzlichen Mangel an Allem, was zur Erhaltung der Geſundheit und des von Gott geſchenkten Lebens erforderlich iſt: an Luft gutem Obdach, geſunder und hinlänglicher Nahrung und war⸗ mer Kleidung. Abtödung wäre bezeichnender für den Mangel an dem, was eine nach den Forderungen der Billig⸗ keit eingerichtete Geſellſchaft einem ehrlichen, fleißigen Arbei⸗ ter zu verſchaffen ſchuldig wäre, weil die Civilifation ihm jedes Recht auf den Grund und Boden entzogen hat, und weil ſeine Arme ſein einziges Erbtheil ſind. Der Wilde ge⸗ nießt nicht die Vortheile der Civiliſativn, aber wenigſtens hat er die Thiere des Waldes, die Vögel in der Luft und die Fiſche im Waſſer zu ſeiner Nahrung, und die Bäume zum Obdach und zur Feuerung. Der Civiliſirte, welcher die Erb⸗ ſchaft dieſer Gottesgaben verloren hat, und das Eigenthum heilig hält, kann alſo wohl für ſeine harte, tägliche Arbeit, die das Land bereichert, einen Lohn verlangen, der ihm ver⸗ ſiattet, geſund zu leben, nicht mehr und nicht weniger. Denn heißt das leben: ſich ſtets auf der Grenze, die das Leben vom Grab ſcheidet, herumſchleppen, mit Kälte, Hunger und Krankheit kämpfend?! Um zu zeigen, wie weit die Abtödung gehen kann, welche die Geſellſchaft unerbittlich Tauſenden ehrenhafter und fleißiger Weſen auflegt, durch ihre herzloſe Gleichgültigkeit gegen alle Fragen über gerechte Belohnung der Arbeit, wollen wir nach⸗ weiſen, wie ein armes Mädchen mit vier Franken wöchentlich leben kann. Vielleicht wird man es dann wenigſtens ſo vielen unglücklichen Geſchöpfen Dankwiſſen, daß ſie mit ſo viel Er⸗ gebung das jämmerliche Daſeyn ertragen, welches ihnen ge⸗ rade ſo viel Leben gibt, daß ſie alle Schmerzen der Menſchheit fühlen können. Zu dieſem Preis leben, iſt wahrlich Tugend. Eine Geſellſchaft, welche vermöge ihrer Einrichtung ſolches Elend duldet oder auflegt, verliert das Recht, die Unglückliche zu verdammen, welche ſich verkauft, nicht aus Lüderlichkeit, ſondern weil ſie friert und hungert. Die Mayeur lebte folgendermaßen mit ihren vier Franken die Woche: 8 Sechs Pfund Brod zweiter Qualität . . 84 Cent. Zwei Bütten Wäſſer Fett oder Schmalz (Butter iſt zu theuer) 50 „ Slätes Siz F Ein Stheſſeoh Ein halbes Geſcheid trockene Hülſenfrüchte 30 „„ Anderthalb Geſcheid Kartoffeln 20 „ Et S end Rabelm „ 3 Summa 3 Fr. Cent. Um Kohlen zu ſparen, kochte die Mayeux nur zwei oder drei Mal wöchentlich ihre Suppe in einer Pfanne und an den übrigen Tagen aß ſie dieſelbe kalt. * Es blieben alſo der Mayeux für Wohnung, Kleibung und Heizung 91 Centimen die Woche *), alſo im Jahr 47 Fr. 32 Cent. Davon hätten eigentlich dreißig Franken für die Wohnung abgehen ſollen; allein zum Glück für ſie, verſtand ſich Agricvla heimlich mit dem Vermiether und bezahlte dieſem 18 Fr. jähr⸗ lich. Somit erhielt die Mayeux für 12 Fr. eine Dachkammer, in welcher eben Platz für ein Bettchen, einen Tiſch und einen und Agricvla erſparte ihr ſomit monatlich 1 Fr. 70 Cent. 5 Wenn eine Arbeiterin mit einem ſolchen Verdienſt nicht einen geheimen Wohlthäter hat, wie die Mayeux, ſo muß ſie auf eine eigene Wohnung verzichten und für einen oder zwei Sous die Nacht mit einer Unglücksgefährtin zuſammen ſchla in einer elenden Kammer, wo fünf bis ſechs Betten ſtehen, darunter mehre für Männer. Der Abſcheu eines ordentli⸗ chen Mädchens gegen eine ſolche Gemeinſchaftlichkeit hilft nichts: der Logirer kann ſein Haus nicht in Mannskammern und Weibskammern abtheilen. Um ſich nothdürftig zu möbliren, braucht ein armes Mädchen 30 — 40 Fr. baar. Woher dieſe nehmen bei einem Wochenverdienſt von vier oder fünf Fr.2 Sie muß ſich zu dem ekelhaften Zuſammenwohnen entſchließen. Das Schamgefühl ſtumpft ſich ab, und ſie ſieht am Ende in em Laſter nur ein Mittel, ihr unerträgliches Loos ein wenig *) Siehe die Anmerkungen am Schluß des Bandes. zu verbeſſern. Und jeder Papierſpeculant, der ſeinen Töchtern eine Gouvernante halten kann, ſchreit über die Verderbtheit der niederen Klaſſen! — Wie wird es erſt, wenn die Arbeit einen oder zwei Tage fehlt? Wie wird es, wenn die unzu⸗ reichende oder ungeſunde Nahrung, der Mangel an Ruhe und friſcher Luft eine Krankheit erzeugt, die zwar das Arbeiten unmöglich macht, aber nicht ſchwer genug iſt, um einen Platz im Spital zu verdienen? Was wird dann aus den Unglücklichen? Der allzugeringe Lohn, die Quelle ſo vieler Schmerzen und Laſter iſt nicht das Unglück einzelner Menſchen, ſondern ganzer Klaſſen. Das Bild, welches wir in der Mayeur aufſtellen, ſchildert die Lage von Tauſenden in Paris. Die arme, verwachſene Nätherin führte alſo trotz der heim⸗ lichen Unterſtützung Agricola's ein jämmerliches Leben. Ihre an ſich ſchon ſchwächliche Geſundheit litt unter ſo vielen verderb⸗ lichen Einflüſſen immer mehr. Die Folge davon war ein überreiztes Ehrgefühl. Um Anerbietungen von Unterſtützung abſeiten der Familie Baudvin vorzubengen, gab ſie vor, et⸗ was mehr zu verdienen, als ſie wirklich erwarb. Uebrigens lebte in ihrem mißgeſtalteten Körper eine liebevolle, edle Seele und ein gebildeter Geiſt. Sie hatte die erſte vertrau⸗ liche Mittheilung der ppetiſchen Verſuche des jungen Schmie⸗ pe empfangen. Einſt ſprach Agricola mit Entzücken von der Erholung, welche nach einem harten Tagwerk die dichteriſche Träumerei ihm verſchaffte. Sie bekam Luſt; ſich ebenfalls eine ſolche Erholung zu verſchaffen, und bald las ſie ihm gleichfalls nach einigem Erröthen, Stammeln und ſchüchternem Lächeln einen Verſuch in Verſen vor, welche vielleicht nicht ganz kunſtgerecht waren, aber⸗ einfach und rührend, wie eine Klage ohne Bitterkeit, dem Freundesherzen anvertraut. Von dieſer Zeit an fragten ſie ſich einander um ihr Urtheil und ermuthigten ſich wechſelſeitig. Außer Agricola erfuhr kein Menſch etwas von den Dichtergaben der Mayeur, welche in 8 ihrer Schüchternheit für dumm galt. Nie kam in ihren Gefängen ein Wort des Grimms über ihr Geſchick vor, ſon⸗ gen, Ausdrücke des Mitgefühls für alle Weſen, die gleich i die doppelte Laſt der Häßlichkeit und der Armuth tra Zuweilen drückte ſie eine kindliche Bewunderung der S dern nur ſanfte, zwar hoffnungsloſe, aber ergebungsvolle Kla⸗ 3 heit aus, ohne Neid und ohne Bitterkeit. Und ach! gar viele Verſe der Mayeux blieben dem jungen Schmied ein Ge⸗ heimniß. Das mit ihm aufgewachſene, arme Geſchöpf liebte den wackeren, aufgeweckten Jüngling mit dem zwar nicht regelmäßig ſchönen, aber männlichen und ehrlichen Geſicht,— wie eben eine ſolche Unglückliche lieben kann, die aus Furcht, ſich entſetzlich lächerlich zu machen, ihre Liebe im Refſten Herzen vergraben muß. Auszutilgen aber ſuchte ſie dieſe Liebe nicht. Jedermann betrachtete ihre Theilnahme an ihm, wie eine ſchweſterliche Zuneigung, und Niemanden fiel ihre tödtliche Angſt auf, als Agricola aus dem Kampf in den Julitagen 1830 blutend zu ſeiner Mutter zurückgebracht ward. Agricvla ſelber vermuthete ſo wenig, wie die Andern, die Liebe der Mayeux. Dies alſo war das ärmlich gekleidete Mädchen, welches, mit einem alten Korb am Arm, bei Frau Baudoin eintrat, als diee das Abendeſſen ihres Sohnes bereitete. „Du biſt's, arme Mayeux?“ ſagte die Alte. „Ich habe Dich heute noch nicht geſehen. Du biſt doch nicht krank ge⸗ weſen? Komm her und küſſe mich.“ Das Mädchen küßte ſie und erwiederte: „Ich hatte eine ſehr dringende Arbeit, Frau Baudoin. Ich wollte keinen Au⸗ genblick verlieren, und eben erſt bin ich damit fertig gewor⸗ den. Ich will Kohlen holen. Haben Sie nichts mitzu⸗ bringen?“ „Nein, liebes Kind,“ antwortete Francisca. „Ich danke. Nicht wahr, Du ſiehſt, daß ich unruhig bin. Es iſt ſchon halb neun, und Agricola iſt noch nicht zu Hauſe.“ Sie ſeufzte und fuhr fort: „Der arme Junge arbeitet ſich zu Tod für mich. Ach! arme Mayeux, ich bin recht unglücklich! Meine Augen ſind hin. Wenn ich eine Viertelſtunde gearbeitet habe, wird es mzr ſchwarz vor den Augen, und ich ſehe nicht ein⸗ mal ſo vich um meine Säcke zu nähen. Meinem Sohn zur Laſt zu ſeyn — das macht mich unglücklich!“ g „Ach, Frau Baudoin, wenn Agricola das hörte!“ „Ich weiß, das liebe Kind denkt nur an mich, und das ermehrt meinen Kummer. Ich denke immer daran, daß er ir zu Liebe auf den Vortheil verzichtet, den ſeine Kamera⸗ ei ihrem braven Meiſter genießen. Anſtatt hier in ſei⸗ — — 98 — ner Dachkammer zu wohnen, wo es kaum um Mittag hell iſt, könnte er, wie die andern, um ein geringes Geld, ein helles, im Winter wohl gewärmtes, im Sommer wohl gelüf⸗ tetes Zimmer haben, mit der Ausſicht auf Gärten. Und er hat die Bäume ſo gern! Und es iſt ſo weit von hier nach feiner Werkſtätte vor Paris, daß es ihn anſtrengen muß, hie⸗ her zu kommen.“ 1 „Aber er vergißt dieſe Anſtrengung, wenn er Sie umarmt, Frau Baudvin. Er weiß auch, wie ſehr Sie an dieſem Hauſe hängen, wo er geboren iſt. Herr Hardy hatte Ihnen ja eine Wohnung für Sie und Agricola im Pleſſis angeboten.“ „Ja, mein Kind; aber da hätte ich meine Pfarrei verlaſſen müſſen, und das konnt' ich nicht.“ „Hören Sie, da kommt er!“ ſagte die Mayeur erröthend. Ein heiterer, volltönender Geſang ließ ſich die Treppe her⸗ auf vernehmen. „Er ſoll mich wenigſtens nicht weinen ſehen,“ ſagte die Alte, indem ſie die Thränen von ihren Augen ab⸗ wiſchte. „Er hat nur dieſe Ruheſtunde nach ſeiner ſchweren Arbeit, und dieſe will ich ihm nicht verbittern.“ Dreizehntes Kapitel. Agricvola Baudoin. Der dichtende Schmied war ein großer Burſch, von etwa vierundzwanzig Jahren, munter und kräftig, von bräunlicher Geſichtsfarbe, mit ſchwarzen Augen und Haaren, einer Adler⸗ naſe und einem ausdrucksvollen, offenen Geſicht, in welchem ſich Herzhaftigkeit ausſprach. Seine Aehnlichkeit mit Dago⸗ bert war um ſo größer, da er, nach der damaligen Mode, einen dicken, braunen Schnurrbart, und einen ſpitzen Kinnbart trug, während ſeine Wangen bis zu den Schläfen glatt geſchoren waren. Bekleidet war er mit vlivengrünen Sammethoſen einem blauen, am Feuer gebräunten Kittel, einer nach um den kräftigen Hals geknüpften Binde und einer Tuchmütz mit kleinem Schild. Seltſam ſtach gegen dieſe Arbe i —35 — dung eine prächtige Blume ab von dunkler Purpurfarbe mit ſilberweißen Staubfäden, die der Schmied in der Hand trug. „Guten Abend, Mutter!“ ſagte er, als er eintrat, und um⸗ armte die alte Frau. Dann nickte er dem Mädchen freundlich zu und ſagte: „Guten Abend, kleine Mayeur!“ „Ich meine, Du wärſt heute lange ausgeblieben,“ ſagte die Alte, indem ſie nach dem Oefchen ging, auf welchem das Eſſen für ihn ſtand. „Es wurde mir ſchon Angſt.“ „Um mich, oder um mein Abendeſſen?“ fragte Agricola. „Du kannſt mir nicht verzeihen, daß ich das Eſſen auf mich warten laſſe, weil Du Angſt haſt, es möchte ſeinen guten Geſchmack verlieren. Nicht wahr, Leckermaul? „Hör auf, Nichtsnutz!“ ſagte die Alte zu Agricola, der ſie nochmals umarmen wollte. „Du wirſt machen, daß ich die Pfanne nmſtoße.“ „Das wäre Schade, liebe Mutter, denn es riecht köſtlich⸗ Laß ſehen, was es iſt.“ „Nein, warte!“ „Ich wette, es iſt mein Leibeſſen, Kartoffeln mit Speck.“ „So? Auf einen Samstag?“ erwiederte die Alte im Ton ſanften Vorwurfs „Es iſt wahr,“ ſagte Agricvla, indem er mit der Mayeur ein ſchalkhaftes Lächeln wechſelte. „Aber da wir vom Sams⸗ tag reden — da! Mutter; hier iſt mein Wochenlohn.“ „Danke, liebes Kind. Leg' ihn in den Schrank.“ „Ja, Mutter.“ „Ach!“ rief das Mädchen, als Agricvla ſich nach dem Schrank wandte, „was haſt Du da für eine ſchöne Blume in der Hand! So hab' ich in meinem Leben keine geſehen. Und gar im mitten Winter! Sehen Sie einmal, Frau Baudvin.“ „Nicht wahr, Mutter, das iſt ſchön?“ ſagte Agricola, in⸗ dem er ihr die Blume hinhielt. „Und riech' einmal. Kannſt Du Dir einen lieblicheren Geruch denken? Es iſt wie Vanille und Orangenblüthe.“ *) „Ja es iſt wahr, ſie riecht herrlich. Und wie ſchön! Wo haſt Du ſie denn gefunden?“ „Gefunden?“ wiederholte Agricola lachend. „Meinſt Du, ie prächtige Blume von der Treibhauspflanze orinum amabile. ——— —ů· ˖ ů˖· ˖ů ů“ ˖̃·Ü˖ÜÜF§⅛†FYH—˖˖˖ — 100 — man fände ſolche Sachen auf dem Weg vom Mainer Thor nach der Briſe⸗Miche⸗Gaſſe?“ „Nun, wie biſt Du denn dazu gekommen?“ fragte die Mayeur. „Nicht wahr, das möchtet ihr wiſſen? Nun, ich will's euch ſagen. Damit erfährſt Du auch, warum ich ſo ſpät komme, Mutter. Es hat mich freilich auch noch etwas Anders auf⸗ gehalten; denn das iſt wahrhaft der Abend der Abenteuer. Ich war auf dem Heimweg bis an die Ecke der Babylonſtraße gekommen, da hört' ich ein leiſes Winſeln. Ich ſah zu und fand ein Hündchen, nicht größer als meine Hand, ſchwarz und gelb mit langen Haaren und Ohren, die bis auf die Pfoten herunterhingen.“ „Das Hündchen hatte ſich gewiß verlaufen,“ bemerkte Fra Baudvin. „Ganz recht. Ich hob alſo mein Thierchen auf. Es leckte mir die Hände und ich ſah, daß es ein breites, rothes Atlas⸗ band um den Hals hatte mit einer großen Quaſte. Daran konnte ich den Namen ſeines Herrn nicht ſuchen. Ich ſah unter das Band und fand ein Halsband von goldnen Kett⸗ chen, mit einer kleinen Platte. Ich nahm ein Zündhölzchen, ſtrich es und las beim Schein desſelben: Lutine gehört Fräu⸗ lein Adriana von Cardoville, Babylonſtraße, No. 7.“ „In der Straße warſt Du gerade,“ bemerkte die Mayeux. „Wie geſagt. Ich nahm mein Thierchen unter den Arm, ſah mich um nach den Hausnummern, ging längs einer Gar⸗ tenmauer hin, die kein Ende nehmen wollte, und fand endlich die Thür eines kleinen Pavillon, der zu einem großen Hötel am andern Ende der Mauer des Gartens oder vielmehr des Parks gehören muß. Ich ſah in die Höhe und fand friſch angemalt Nro. 7 über einer kleinen Thür mit einem Guckfen⸗ ſter. Ich ſchellte und nach einigen Augenblicken, während welcher ich zwei mich belugende Augen hinter dem Gitter des Fenſterchens zu bemerken glaubte, ward mir aufgemacht. Das Weitere aber werdet Ihr mir nicht glauben.“ „Ei, warum denn?“ fragte Frau Baudoin. „Weil es wie ein Feenmährchen klingt.“ „Ein Feenmährchen?“ wiederholte die Mayeux. „Gerade ſo. Ich bin noch ganz geblendet und erſtaunt von . dem, was ich geſehen habe. Es iſt mir wie ein Traum.“ „Nun, laß hören,“ ſagte die Alte neugierig und merkte nicht, daß das Eſſen anbrannte. „Erſtlich,“ ſagte Agricola, lächelnd über die von ihm er⸗ weckte Neugier, „erſtlich öffnete mir eine junge Dame, ſo hübſch, ſo reizend gekleidet, daß man ſie für ein Bild aus vergangenen Zeiten hätte halten mögen. Noch ehe ich ein Wort ſagen konnte, rief ſie: „Ach, lieber Herr! das iſt Lutine! Sie haben ſie gefunden und bringen ſie wieder. Fräulein Adriane wird ganz glücklich ſeyn! Kommen Sie gleich mit. Sie würde untröſtlich ſeyn, wenn ſie nicht ſelbſt Ihnen dan⸗ ken könnte.“ Und ohne mir Zeit zur Antwort zu laſſen, winkte ſie mir, daß ich mit ihr kommen ſollte. Von der Pracht, welche ich nun in einem kleinen, halb erleuchteten Saal voller Wohlgerüche geſehen hatte, kann ich Euch nichts ſagen, denn das Mädchen lief zu ſchnell mit mir hindurch. Nun ging eine Thür auf. Das war aber eine Pracht! Ich war ſo geblendet, daß ich mich nur eines Geflimmers von Gold und Licht und Kryſtall und Blumen erinnere. Und mitten in dieſem Gefunkel ſaß eine junge Dame von einer Schönheit — wunderbar! — Ihre Haare waren roth oder vielmehr goldglänzend — ganz herrlich! In meinem Leben hab' ich keine ſolche Haarenn geſehen. Dabei hatte ſie ſchwarze Augen, rothe Lippen und eine ſchneeweiße Haut. Das iſt Alles, deſſen ich mich erinnere; denn, wie geſagt, ich war ſo geblendet, daß ich, wie durch einen Schleier ſah. „Fräulein,“ ſagte das Mädchen, das ich, ſeiner Kleidung nach, nicht für eine Kammerjungfer gehalten hätte, „hier iſt Lutine. Der Herr da hat ſie gefunden und bringt ſie zurück.“ — „O,“ ſagte das goldhaarige Fräulein mit ſanfter, heller Stimme, „wie dankbar bin ich Ihnen. Ich bin in Lutine ganz ver⸗ narrt.“ Aus meiner Kleidung ſchloß ſie vermuthlich, daß ſie mir mit bloßen Worten nicht danken könne, nahm ein ſeidenes Beutelchen und ſagte — aber doch zögernd: „Ohne Zweifel hat es Ihnen Mühe gemacht, mir meinen Hund zurückzubrin⸗ gen Vielleicht haben Sie eine für Sie koſtbare Zeit verloren. — Erlauben Sie mir — —“ Und ſie hielt mir den Beutel hin.“ „Das Fräulein war in einem großen Irrthum,“ bemerkte die Mayeur. „Warte das Ende ab, und Du wirſt dem Fräulein verzei⸗ — 102 — hen. Ohne Zweifel ſah ſie mir gleich an, daß das Anerbieten mich beleidigte. Sie nahm aus einem prächtigen Porcellange⸗ fäß neben ihr dieſe Blume und ſagte in einem Ton, der verrieth, daß es ihr leid that, mich verletzt zu haben: „Wenig⸗ ſtens werden Sie dieſe Blume annehmen.“ „Beſſer,“ ſagte die Mayeur, „ließ ſich freilich der Fehler nicht gut machen.“ „Ein braves Fräulein!“ fügte die Alte hinzu. „Sie ver⸗ ſtand meinen Agricola.“ „Ich nahm die Blume und wagte nicht aufzuſehen. Denn obwohl ich von Natur nicht ſchüchtern bin, ſo hatte doch das Fräulein bei ſeiner Güte etwas, das mir Ehrfurcht ein⸗ flößte. In demſelben Augenblick ging eine Thür auf und ein anderes ſchönes, braunes, großes Mädchen in ſeltſamer aber zierlicher Kleidung ſagte zu dem rothen Fräulein: „Er iſt da, Fräulein!“ Sie ſtand auf und ſagte: „Verzeihen Sie. Ich werde nie vergeſſen, daß ich Ihnen einen Augenblick lebhaften Vergnügens verdanke. Erinnern Sie ſich unter allen Um⸗ ſtänden meiner Wohnung und meines Namens, Adriane von Cardoville.“ — Damit verſchwand ſie. Ich wußte keine Sylbe zu antworten. Das Mädchen führte mich wieder zurück, machte mir an der Thür eine artige Verbeugung, und ich war wieder in der Babylonſtraße, ſo geblendet, ſo erſtaunt, als ob ich aus einem Zauberpalaſt käme.“ „Wahrhaftig, das klingt wie ein Feenmährchen,“ ſagte die Alte. „Nicht wahr, Mayeur?“ „Ja, Frau Baudoin,“ erwiederte das Mädchen in einem Ton träumeriſcher Zerſtrenung, den Agricola nicht bemerkte. „Was mir beſonders gefallen hat,“ fuhr der Schmied fort, „das war, daß das Fräulein, ſo entzückt ſie auch war, ihr Thierchen wiederzuſehen, mich nicht über dem Hund vergaß, wie ſo viele Andere an ihrer Stelle gethan haben würden, ſondern ſich in meiner Gegenwart gar nicht mit ihm beſchäf⸗ tigte. Das beweiſt, daß ſie ein Herz und Zartgefühl hat. Nicht wahr, Mayeur? Ich halte dieſe Dame für ſo gut und ſo edelmüthig, daß ich im Nothfall iicht Anſtand nehmen würde, mich an ſie zu wenden.“ „Ja — — Du haſt Recht,“ erwiederte die Mayeux, im⸗ 5 mer mehr zerſtreut. Sie empfand durchaus keinen Haß un immer gefällig. Da, nimm die Blume für Deine Mühe.“ — 108 — keine Eiferſucht gegen die unbekannte Perſon, die durch ihre Schönheit, ihren Reichthum und ihr Benehmen voll Zartge⸗ fühl auf einer ihren Augen unerreichbaren Höhe zu ſtehen ſchien. Aber indem ſie unwillkürlich an ſich dachte, fühlte die Unglückliche die Laſt der Häßlichkeit und Armuth ſo ſchmerz⸗ lich, wie vielleicht noch nie. Das einzige, was ihr einen Au⸗ genblick an Adriana von Cardoville mißfallen hatte, war das Anerbieten von Geld; aber die Art, wie dieſelbe ihren Feh⸗ ler wieder gut gemacht, ſöhnte ſie vollkommen mit ihr aus. Und doch wollte ihr das Herz brechen, und ſie konnte ihre Thränen nicht zurückhalten beim Anblick der prächtigen duften⸗ den Blume, welche von ſchöner Hand gegeben, ihrem Freund ſo werth ſeyn mußte. Agricvla bemerkte nicht die Gemüthsbewegung des Mäd⸗ chens. „Jetzt, Mutter,“ ſagte er lachend, „haſt Du das Beſte von meinen Geſchichten vorweg genoſſen. Eine Urſache mei⸗ nes Ausbleibens weißt Du; jetzt höre die andere. Hier un⸗ ten an der Treppe iſt mir der Färber aufgeſtoßen, mit präch⸗ tig zeiſiggrünen Armen, und hat mir ganz beſtürzt erzählt, es ſey ihm vorgekommen, als ſchliche ein ziemlich gut gekleideter Mann, wie um zu ſpioniren, vor dem Haus herum. „Nun, was liegt Ihnen daran, Meiſter Loriot?“ ſagte ich. „Fürch⸗ ten Sie vielleicht, man möchte Ihnen das Geheimniß ablau⸗ ſchen, wie Sie das ſchöne Grün machen, welches Ihnen wie ein Fechthandſchuh bis an den Ellenbogen geht?“ was mag das wohl für ein Mann ſeyn?“ fragte ie Alte. „Das weiß ich wahrlich nicht, Mutter, und ich bekümmere mich auch nichts darum. Der alte Loriot iſt geſchwätzig wie ein Häher. Ich rieth ihm, wieder an ſeine Küpe zu gehen, ſintemal ihm das Spioniren ſo gleichgültig ſeyn könnte, wie mir.“ Bei dieſen Worten legte Agricola das lederne Beutelchen, welches ſeinen Wochenlohn enthielt, in eine Schublade des Schranks. Seine Mutter ſtellte die Pfanne von dem Ofen auf den Tiſch. Die Mayeur nahm einen Kübel, goß Waſſer hinein und ſagte ſanft und ſchüchtern, indem ſie ihn dem Schmied hinreichte: „Agricola, für Deine Hände.“ „Danke, kleine Mayeur,“ ſagte Agricola. „Du biſt doch S 0 — „Du gibſt mir ſie?“ ſagte das arme Mädchen, lebhaft er⸗ röthend. „Dieſe herrliche Blume, welche das ſchöne, reiche, gute, freundliche Fräulein Dir gegeben hat?“ „Was Teufels, ſollt' ich denn damit machen 2“ erwiederte Agricola lachend. „Soll ich ſie auf meinem Herzen tragen ? Soll ich ſie in eine Nadel faſſen laſſen? Allerdings hat mir die Art, wie das Fräulein gedankt hat, ſehr wohl gethan. Es iſt mir ſehr lieb, daß ich ihr ihr Hündchen wieder geſchafft habe, und es macht mir Vergnügen, Dir die Blume zu geben, weil ſie Dir gefällt. Du ſiehſt, wir haben einen guten Tag gehabt.“ . Die Mayeux nahm zitternd vor Freude und Ueberraſchung die Blume. Agricola wuſch ſeine von Feilſpänen und Kohlen⸗ dampf geſchwärzten Hände, und in einem Augenblick war das reine Waſſer ſchwarz. Lächelnd und mit einem Blick auf das Waſſer, flüſterte er der Maheur zu: „Das iſt wohlfeile Dinte für uns Papierverſchmierer. Geſtern hab' ich Verſe fertig ge⸗ bracht, mit denen ich nicht ganz unzufrieden bin. Ich werde ſie Dir vorleſen.“ Dabei trocknete er die Hände an ſeinen Kittel ab, während die Mayeux den Kübel auf die Kommode ſtellte und ihre ſchöne Blume wie ein Heiligthum an den Kü⸗ bel anlehnte. „Kannſt Du nicht ein Handtuch verlangen?“ ſagte Frau Baudoin. „Die Hände an den Kittel abzutrocknen!“ „Der Kittel wird den ganzen Tag an der Eſſe gebrannt,“ erwiederte Agricvla. „Es ſchadet ihm nichts, wenn er Abends ein wenig erfriſcht wird. Nicht wahr, ich bin ungehorſam? Schilt mich, Mutter, wenn Du das Herz haſt!“ Statt aller Antwort faßte Francisca den Kopf ihres Soh⸗ nes, betrachtete das treuherzige, mannhafte, verſtändige Ge⸗ ſicht mit mütterlichem Stolz und drückte ihm mehre Küſſe auf die Stirn. „Komm, ſetz Dich!“ ſagte ſie. „Den ganzen Tag ſtehſt Du an der Eſſe, und es iſt ſpät.“ „Richtig, Dein Seſſel. Wieder unſer Streit von alle Abendl Geh weg! Ich ſitze eben ſo gut auf einem Stuhl.“ „Nein, wenigſtens ſollſt Du Dich nach der ſchweren Arbeit ausruhen.“ „Was das für eine Quälerei iſt, gute Mahyeux!“ ſagte Agrievla ſcherzend, indem er ſich niederſetzte. Ich laß mir halt Alles gefallen. Indeß es ſitzt ſich ganz gut auf Deinem Seſſel, Mutter. Seitdem ich mir's auf dem Thron in den Tuilerien bequem gemacht, habe ich noch nicht wieder ſo gut geſeſſen, wie hier.“ Francisca Baudoin ſtand auf der einen Seite des Tiſches und ſchnitt ihrem Sohn ein Stück Brod ab. Auf der andern Seite ergriff die Mayeux die Flaſche und ſchenkte ihm ein in den ſilbernen Becher. Es lag etwas Rührendes in der em⸗ ſigen Sorgfalt dieſer guten Geſchöpfe für den, welchen ſie ſo innig liebten. „Willſt Du nicht miteſſen?“ fragte Agricola die Mayeux. „Ich danke,“ antwortete die Nätherin verſchämt. „Ich habe eben gegeſſen.“ „Ich habe nur ſo geſagt, weil es üblich iſt; denn Du haſt Deine Eigenheiten und würdeſt um keinen Preis je mit uns eſſen. Du machſt's wie meine Mutter. Sie ißt lieber allein und thut ſich dabei zu kurz, ohne daß ich es erfahre.“ „Früh eſſen,“ erwiederte die Alte, „iſt beſſer für meine Geſundheit. — Nun, findeſt Du das Eſſen gut?“ „O! vortrefflich! Stockfiſch und weiße Rüben. Du weißt, Stockfiſch iſt meine Paſſion; ich bin eigentlich zum Reufund⸗ landfahrer geboren.“ — Dieſe Worte waren nichts weniger als ernſt gemeint. Der gute Junge fand nach einer harten Tagesarbeit dies fade, obendrein noch angebrannte, Ragout ſehr unerquicklich. Aber er wußte, daß ſeine Mutter ſeelen⸗ vergnügt war, wenn er ſich Faſtenſpeiſen gefallen ließ, und that darum, als ſchmeckte ihm der Fiſch köſtlich. „Ja,“ ſagte die Alte, „man ſieht, wie es Dir ſchmeckt. Nächſten Freitag und Samstag mach' ich Dir wieder.“ „Danke, Mutter. Nur nicht zwei Tage hintereinander! Das wäre des Guten zu viel. Jetzt aber wollen wir davon ſprechen, was wir morgen am Sonntag treiben wollen. Wir müſſen uns einmal recht luſtig machen. Seit einigen Tagen find' ich Dich traurig, Mutter, und ich verſtehe das nicht. 39 ſtelle mir vor, Du biſt nicht zufrieden mit mir.“ „O, liebes Kind! Biſt Du nicht der beſte — —“ „Genug,“ unterbrach Agricola. „Beweiſe mir, nß Du glücklich biſt, indem Du Dich ein wenig mit mir zerſtreuſt. — 5 thut uns auch die die Sht an, uns zu be⸗ eee——— — — um ſich eine erträgliche Haube und ein Halstuch kaufen zu können, damit Agricoia und ſeine Mutter ſich ihrer nicht zu — 16 — gleiten, wie das letztemal,“ fügte er hinzu, ſich gegen die Mayeux verbeugend. Das Mädchen erröthete und ſchlug die Augen nieder. Ihr Geſicht nahm den Ausdruck des Schmerzes an. Die Alte erwiederte: „Liebes Kind, Du weißt, ich habe den ganzen Tag meine Gebetſtunden.“ „Nun, und den Abend? Ich will Dir nicht vorſchlagen, ins Theater zu gehen; aber es ſoll ein ſehr unterhaltender Ta⸗ ſchenſpieler zu ſehen ſeyn.“ „Ich danke Dir, mein Kind. Schauſpiel.“ „Liebe Mutter, das heißt aber doch die Sache übertreiben!“ „Liebes Kind, hindere ich jemals Andere, zu thun, was ihnen gefällt?“ „Du haſt Recht. Verzeihe, liebe Mutter. Nun, wenn es ſchön Wetter iſt, wollen wir hübſch auf den Boulevards ſpa⸗ zieren gehen mit der armen Mayeur, die ſeit einem Viertel⸗ jahr nicht mit uns ausgegangen iſt, und ohne uns geht ſie gar nicht aus.“ „Nein, gehe allein aus, mein Kind; halte Deinen Sonntag.“ „Komm, Mayeux, hilf mir, meine Mutter bereden.“ Abermals erröthete die Nätherin und ſchlug die Augen nie⸗ der. „Du weißt, Agricola,“ ſagte ſie, daß ich nicht mehr mit Dir und Deiner Mutter ausgehen darf.“ „Ei, warum denn, Mamſell?“ fragte Agricola ſcherzend. Kann man, ohne unbeſcheiden zu ſeyn, nach der Urſache dieſer Weigerung fragen?“ „Weil ich Dich nicht mehr in den Fall bringen will, um meinetwillen Streit zu bekommen,“ antwortete das Mädchen. Der Fall, an welchen die Mayeux erinnerte, war folgen⸗ der. Einige Male war das arme Mädchen mit Agricola und ſeiner Mutter ausgegangen. Dies waren Feſttage für ſie. Manche Nacht hatte ſie durchwacht, manchen Tag gefaſtet, Das iſt immer eine Art ſchämen brauchten. Dieſe fünf oder ſechs Spaziergänge, am Arme deſſen, den ſie insgeheim vergötterte, waren die ein gen Glückstage ihres Lebens geweſen. Beim letzten dieſe Spaziergänge hatte ein roher Menſch ſie ſo heftig mit der — 107 — Ellenbogen geſtoßen, daß ſie einen leiſen Ausruf des Schmer⸗ zes nicht unterdrücken konnte. Darauf hatte der Kerl erwie⸗ dert: „Du buckeliges Thier!“ Agricola, geduldig und gutmü⸗ thig, wie ſein Vater und wie die meiſten kraftbewußten See⸗ len, aber auch heftig, wenn es ſich um Züchtigung einer Nie⸗ derträchtigkeit handelte, ließ den Arm ſeiner Mutter los, und gab dem Lümmel ein paar derbe Ohrfeigen. Der Geohr⸗ feigte wollte ſich zur Wehr ſetzen, erhielt von Agricvla eine neue Züchtigung und ging unter dem Hohn des Volks davon. Agricola war bei ſeiner Mannskraft gefühlvoll, wie ein Kind. Als er ſah, welch eine ſchmerzliche Erinnerung er bei der Mayeux erweckt hatte, ſchlug er ſich vor die Stirn und Thränen traten ihm in die Augen. Er reichte ihr brüderlich die Hand und ſagte: „Vergib meine Dummheit. Komm, küſſe mich.“ Und er drückte zwei Küſſe auf die mageren Wan⸗ gen des Mädchens und ſagte: „Nicht wahr, Du verzeihſt mir?“ Das Herz des armen Mädchens ſchlug heftig, ſie zitterte und mußte ſich an dem Tiſche halten⸗ „Ja ja,“ ſagte ſie. „Verzeihe vielmehr mir meine Schwäche. Aber die Erinnerung an dieſen Streit überwältigt mich. Ich war ſo in Angſt um Dich. Wenn die Leute ſich des Menſchen angenommen hät⸗ ten — — —“ Die Mayeur war während dieſer Worte in der größten Verlegenheit. Agricola's Mutter kam, ohne es zu wollen, ihr zu Hülfe, indem ſie ſagte: „In meinem Leben hab' ich keine ſolche Angſt gehabt.“ „Warum nicht gar?“ erwiederte Agricola. „Du, eine Soldatenfrau? die Frau eines alten reitenden Grenadiers der Kaiſergarde? — Ach, der gute Vater! — Doch nein! Ich will an ſeine Rückkehr nicht denken; das verwirrt mir den Kopf!“ „Seine Rückkehr!“ ſeufzte die Alte. „Gott gebe es!“ „Gott gebe es, ſagſt Du? Er muß es wohl geben. Du haſt Meſſen genug dafür leſen laſſen.“ Die alte Fran ſchüttelte den Kopf und ſagte: „Agricola, ſprich nicht ſo. Es handelt ſich um Deinen Vater.“ „Still! heute Abend ſchwatz' ich lauter dummes Zeug und muß immer von neuem um Verzeihung bitten. Du weißt, enn mir Worte über gewiſſe Dinge entſchlüpfen, ſo geſchieht wider meinen Willen. Ich weiß, wie weh es Dir thut.“ — 108 — „Mich beleidigſt Du nicht, liebes Kind,“ ſagte die Alte. „Das iſt einerlei. Ich kenne nichts ſchlimmeres, als ſeine Mutter zu beleidigen. Uebrigens an der baldigen Ankunft meines Vaters iſt nicht zu zweifeln.“ „Aber ſeit vier Monaten haben wir keinen Brief von ihm erhalten.“ „Erinnere Dich nur. In dem Brief, den er hatte ſchreiben laſſen, (denn, wie er ſagte, ging ihm das Leſen beſſer von Statten, als das Schreiben) in dieſem Brief ſagte er, mit Ende Januars würde er in Paris ſeyn, und etliche Tage vor ſeiner Ankunft würde er uns wiſſen laſſen, zu welchem Thor er herein käme, damit ich ihm entgegen gehen könnte.“ „Das iſt wahr. Aber wir ſind ſchon im Februar und es iſt noch keine Meldung da.“ „Eben darum werden wir nicht mehr lange auf ihn zu war⸗ ten haben. Noch mehr! Ich würde mich nicht wundern, wenn auch unſer guter Gabriel um dieſelbe Zeit käme. Sein letzter Brief aus Amerika ließ mich's hoffen. Welches Glück, wenn die ganze Familie beiſammen wäre!“ „Gott erhöre Dich, mein Kind! Das wäre ein ſchöner Tag für mich.“ „Und dieſer Tag wird bald kommen. Glaube mir. Keine Nachrichten vom Vater — gute Nachrichten.“ „Erinnerſt Du Dich Deines Vaters noch recht?“ fragte die Mayeux. „Die Wohrheit zu ſagen, erinnere ich mich hauptſächlich nur ſeiner großen Bärenmütze und ſeines Schnurrbarts, die mir eine teufelmäßige Angſt einjagten. Nur das rothe Band ſei⸗ nes Kreuzes auf den weißen Bruſtaufſchlägen ſeines Rockes und der glänzende Griff ſeines Säbels ſöhnten mich ein we⸗ nig mit ihm aus. Nicht wahr, Mutter ? — Was iſt Dir denn? Du weinſt ja!“ „Ach, der arme Baudoin! Was mag er Alles ausgeſtanden haben, ſeitdem er von uns getrennt iſt — in ſeinem Alter — über ſechzig Jahre. Ach, liebes Kind! Das Herz will mir zerſpringen, wenn ich daran denke, daß er vielleicht nur ein Elend mit dem andern vertauſchen wird!“ 3 „Wie ſo?“ „Ach! ich verdiene nichts mehr!“ — 10 — „Und ich? Iſt hier nicht ein Zimmer für ihn und für Dich und ein Tiſch für Euch beide? — Nur, liebe Mutter,“ fuhr er in ſanfterem Ton fort, „da wir eben von Haushaltung ſprechen, ſo laß mich Dir ein Wort ſagen. Wenn der Vater zurück iſt, und Gabriel ebenfalls, dann brauchſt Du nicht mehr für ſie Meſſen leſen und Kerzen verbrennen zu laſſen. Nicht wahr? und mit dieſer Erſparniß kann der Vater jeden Tag ſeine Flaſche Wein trinken und ſeinen Tabak rauchen. Und Sonntags laſſen wir ihm ein gutes Eſſen beim Speiſe⸗ wirth machen.“ Ein mehrmaliges Klopfen an der Thüre unterbrach den jungen Mann. „Herein!“ rief er. Die Thür ging halb auf und ein glänzend grüner Arm ſtreckte ſich herein und winkte dem jungen Schmied. „Ach, das iſt Meiſter Lorivt, der Färber aller Färber. Kommen Sie doch herein, und machen Sie keine Umſtände!“ „Nicht möglich, mein Junge,“ erwiederte der Färber. „Ich triefe von Farbe vom Kopf bis zu Fuß. Ich würde den gan⸗ zen Fußboden der Frau Baudvin grün machen.“ „Und wie ſchön wäre das! Das ſähe aus, wie eine Wieſe, und ich bin ein leidenſchaftlicher Liebhaber des Landes.“ „Spaß bei Seite, Agricola. Ich muß augenblicklich mit Euch ſprechen.“ „Von wegen des Menſchen, der ſpionirt? Seyn Sie doch ruhig! Was liegt uns daran?“ „Nein. Ich glaube, er iſt weg — oder vielmehr der Ne⸗ bel iſt ſo dick, daß ich ihn nicht mehr ſehe. Aber es iſt etwas anders. Kommt doch geſchwind! Es iſt wegen einer wichtigen Sache — wegen einer Sache, die Euch allein angeht.“ „Mich allein?“ ſagte Agricvla verwundert, und ſtand auf, als er die geheimnißvolle Miene des Färbers ſah. „Was kann das ſeyn?“ „Nun ſo geh' und ſieh',“ ſagte ſeine Mutter.“ „Ich will es thun; aber der Teufel ſoll mich holen, wenn ich aus dem Ding klug werde.“ Und er ging hinaus und ließ ſeine Mutter mit der Mayeur gllein. Vierzehntes Kapitel. Nach fünf Minuten kam Agricola in das Zimmer ſeiner WMutter zurück. Er ſah blaß und angegriffen aus. Thränen ſtanden ihm in den Augen, und ſeine Hände zitterten. Aber es war nicht Kummer, was man auf ſeinem Geſichte las, ſondern freudige Rührung. Die Augen ſeiner Mutter waren ſo ſchwach, daß ſie dieſe Erſcheinungen nicht bemerkte und bloß neugierig fragte: „Nun, Agricola, was gibt's?“ Die Mayeux hingegen, welche ſchärfer ſah, rief, noch ehe Agricola antworten konnte: „Um Gottes willen, wie biſt Du ſo blaß!“ Der junge Mann eilte auf ſeine Mutter zu und ſagte mit bebender Stimme: „Mutter, Du mußt Dich auf etwas außer⸗ ordentliches gefaßt machen. Verſprich mir, vernünftig zu ſeyn.“ „Was ſoll das heißen?“ fragte die alte Frau. „Du zit⸗ terſt ja. Sieh mich doch an. Die Mayeur hat Recht, Du biſt ganz blaß.“ Agricvla kniete vor ſeiner Mutter nieder, nahm ihre bei⸗ den Hande in die ſeinigen und ſagte: „Liebe Mutter, — Du mußt . . Du weißt nicht aber.“ Er konnte vor Weinen nicht reden. „Du weinſt, lieber Sohn? Um Gotteswillen, was iſt Dir denn? Du machſt mir Angſt!“ „Angſt? Nein im Gegentheil. Du wirſt eine große Freude erleben.“ Er trocknete ſeine Thränen und fuhr fort: „Aber nochmals, Du mußt vernünftig ſeyn, denn die allzu⸗ große Freude iſt eben ſo gefährlich, wie der allzugroße Schmerz.“ „Was meinſt Du denn?“ „Hab' ich nicht geſagt, er würde kommen?“ „Dein Vater?“ rief die alte Frau und ſtand von ihrz Sitz auf. Aber ihre freudige Ueberraſchung war ſo größ, daß ſie die Hand aufs Herz legte, um deſſen heftige Sch zu unterdrücken, und taumelte. Ihr Sohn unterſtü und ſetzte ſie wieder nieder. Die Mayeur hielt ſich während dieſes Auftritts, welcher Agricola und ſeine Mutter völlig in Anſpruch nahm, in be⸗ ſcheidener Entfernung. Jetzt trat ſie behutſam näher, weil ſie ſah, daß die Gemüthsbewegung der alten Frau zunahm, und ſie für möglich hielt, daß ihr Beiſtand erforderlich ſeyn önnte. „Muth, liebe Mutter,“ ſagte Agricola. „Der erſte Schrecken iſt überwunden. Jetzt haſt Du nur das Glück des Wieder⸗ ſehens zu genießen.“ „Mein armer Baudvin! Nach achtzehnjähriger Abweſen⸗ heit! — — Ich kann es nicht glauben. O Gott! Iſt es denn wirklich wahr?“ „Es iſt ſo wahr, daß, wenn Du mir verſprichſt, Dich nicht zu ſehr angreifen zu laſſen, ich Dir ſage, wann Du ihn ſehen wirſt.“ 3 „O, bald! Nicht wahr?“ „Ja, bald.“ „Aber, wann kommt er?“ „Er kann von einem Augenblick zum andern kommen — morgen — heut' vielleicht.“ „Heute!“ „Ja, Mutter; ich will Dir's nur ſagen: er kommt, — er iſt gekommen.“ „Er iſt — — er iſt — —“ ſtammelte die gute Frau. „Eben war er unten. Ehe er heraufging, bat er den Fär⸗ ber, mich zu benachrichtigen, damit ich Dich auf ſein Erſchei⸗ nen vorbereitete. Der gute Vater fürchtete, eine allzuſtarke Ueberraſchung möchte Dich zu ſehr angreifen.“ 5 „O Gott!“ murmelte die alte Frau. „Und jetzt iſt er da. Er wartet. Ach, Mutter, ich halt' es nicht mehr aus. Seit zehn Minuten klopft mein Herz, als wollt' es mir die Bruſt zerſprengen.“ Er eilte nach der Thür und öffnete ſie. Dagobert erſchien mit Roſa und Blanca an der Hand auf der Schwelle. Fran⸗ cisca ſtürzte nicht in ſeine Arme, ſondern kniete nieder und betete. Sie dankte Gott aus Herzensgrund, daß er ihr Fle⸗ hen erhört und ihre Opfer belohnt habe. Alle Anweſenden blieben einige Augenblicke ſtumm und regungslos. Agricola bemeiſterte den Drang ſeiner kindlichen Liebe, welche ihn trieb, X * ——— 6 — 112 — ſeinem Vater um den Hals zu fallen. Dagobert wollte eben⸗ falls das Gebet ſeiner Frau nicht ſtören. Der erſte Blick, welcher zwiſchen Vater und Sohn gewechſelt ward, drückte ihre Liebe und Verehrung gegen die Frau aus, welche in ih⸗ rer Frömmigkeit das Geſchöpf ein wenig zu ſehr über den Schöpfer vergaß. Roſa und Blanca betrachteten gerührt die knieende Frau. Die Mayeux weinte ſtille Freudenthränen über das Glück Agricola's und zog ſich in den dunkelſten Win⸗ kel des Zimmers zurück, da ſie fühlte, daß ſie bei dieſer Fa⸗ milienſcene nichts zu thun hatte. Die alte Frau ſtand auf und ſchritt auf ihren Mann zu, der ſie mit offenen Armen empfing. Das feierliche Schwei⸗ gen dauerte fort. Dagobert und ſeine Frau ſagten kein Wort zu einander. Man vernahm bloß einige Seufzer und Schluch⸗ zen. Und als die beiden alten Leute wieder aufſahen, war ihr Antlitz heiter und ruhig, denn die Befriedigung einfacher, reiner Gefühle hinterläßt nie eine heftige, fieberhafte Auf⸗ regung. Nachdem die erſte Rührung vorüber war, betrachtete die alte Frau verwundert die beiden Mädchen. „Kinder,“ ſagte Dagobert zu dieſen, „das iſt meine brave, gute Frau. Sie wird den Töchtern des Generals Simon ſeyn, was ich ihnen geweſen bin.“ „Sie werden uns alſo wie Ihre Kinder behandeln,“ ſagte Roſa, indem ſie mit ihrer Schweſter zur Frau Dagobert's herantrat. — „Die Töchter des Generals Simon?“ rief dieſe erſtaunt. „Ja, gute Francisca, das ſind ſie. Ich habe ſie weit her⸗ gebracht und nicht ohne Mühe. Ich werde Dir das ſpäter erzählen.“ „Arme Mädchen! Eine wie die andere, — wie zwei Engel!“ ſagte die Alte, indem ſie die Waiſen mit Theilnahme und Bewunderung betrachtete. Unterdeſſen hatte Dagobert ſich zu ſeinem Sohn gewandt und ſagte: „Jetzt kommen wir zwei an die Reihe!“ Die Umarmung der beiden Männer war eben ſo ſtürmiſch, als die zwiſchen Mann und Frau ſtill geweſen war. Dagobert kü und herzte ſeinen Sohn; dann legte er die Hände auf breiten Schultern, betrachtete ſein offenes, männliches in ihrem Winkel ſtehende Maheur. Gemäß dem Sprichwor 8 — 113 — und ſeinen ſtattlichen Wuchs und rief: „Ob's ein hübſcher Junge iſt!“ Und dann drückte er ihn von neuem an ſein Herz. Die Mayeur ſtand in ihrem Winkel und freute ſich über das Glück Agricola's. Aber ſie fürchtete, ihre bis jetzt un⸗ bemerkte Gegenwart möchte unpaſſend ſeyn. Gern hätte ſie ſich weggeſchlichen, aber ſie konnte nicht, weil Dagobert und ſein Sohn die Thür verſperrten. Sie blieb alſo, wo ſie war, die Augen unverwandt auf Roſa und Blanca geheftet. Sie hatte nie etwas Schöneres geſehen, als dieſe Geſichter, deren Aehnlichkeit ihre ſtaunende Bewunderung noch vermehrte. Aus ihren ſehr einfachen Trauerkleidern ſchloß ſie auf Armuth, und fühlte ſich darum um ſo mehr zu ihnen hingezogen. Frau Baudvin hatte die Hände der Waiſen ergriffen und fühlte, daß ſie kalt waren. „Ach!“ ſagte ſie, „die lieben Kin⸗ der frieren; ihre Händchen ſind eiskalt, und leider iſt das Feuer ausgegangen.“ Und während Dagobert und ſein Sohn ſich herzten, ſuchte ſie die Hände der Kinder in den ihrigen zu wärmen. Kaum hatte ſie das Wort ausgeſprochen: „Das Feuer iſt ausgegangen“, ſo ſchlüpfte die Mayeur in das Kämmer⸗ chen, holte etwas Holz und Kohlen und legte ſie in den Ofen, wo noch ein wenig Feuer unter der Aſche glimmte. Der Ofen zog und brummte, und die dienſtfertige Freundin der ganz in das Glück des Wiederſehns verſunkenen Familie füllte eine Kaffeekanne mit Waſſer und ſtellte ſie in den Ofen für den Fall, daß ein warmes Getränk für die Kinder bereitet werden ſollte. Das Alles geſchah ſo geränſchlos, daß Frau Baudvin das erneuerte Brennen des Feuers nur an der ſauften Wärme und dann an dem Sieden des Waſſers merkte. Sie war ganz von der Frage in Anſpruch genommen, wie ſie die beiden Mädchen unterbringen ſollte, deren Ankunft ſo unvermuthet erfolgt war. 8 Plötzlich ließ ſich ein Bellen vor der Thür vernehmen. „Das iſt mein alter Frendenſtörer!“ ſagte Dagobert und öff⸗ nete die Thür. „Er will herein und ebenfalls die Familie kennen lernen.“ Freudenſtörer ſprang herein, rieb ſeine lange Schnauze an Dagobert's Hand, ging wedelnd zu Roſa und Blanca, dann zu Agricola und deſſen Mutter. Da ſich nie⸗ mand mit ihm abgab, ſah er ſich weiter um und bemerkte die zu ſprechen.“ „ Morgen, Vater,“ bemerkte Agricola, „finden Sie in der Fabrik „Unſerer Freunde Freunde ſind unſere Freunde,“ ging er zu ihr und leckte der von Allen Vergeſſenen die Hände. Dieſe Lebkoſung that dem armen Mädchen in der Seele wohl. Sie ſtreichelte mehrmals mit ihrer langen, mageren, weißen Hand den Kopf des guten Hundes. Da ſie alle die kleinen Dienſte geleiſtet hatte, welche ſie leiſten zu können glaubte, nahm ſie die ſchöne Blume, welche Agricola ihr geſchenkt hatte, öffnete leiſe die Thür und ging fo behutſam hinaus, daß niemand † ihre Entfernung bemerkte. Nach ihren Herzensergießungen begann die Familie Bau⸗ voin an die Leibesnothdurft zu denken. Als Dagobert mit einem Blick auf die Kinder äußerte: „Nicht wahr, Francisca, auf eine ſo angenehme Ueberraſchung warſt Du nicht gefaßt?“ erwiederte ſeine Frau: „Ich bedauere nur, daß die Fräulein Töchter des Generals Simon keine beſſere Wohnung ſinden, als dies armſelige Stübchen. Denn mit der Dachkammer Agricola's — — —“ „Das iſt unſer Hötel,“ unterbrach Dagobert, „und es gibt noch ſchönere. Aber ſey ruhig; die armen Kinder ſind ge⸗ wöhnt, es nicht ſo genau zu nehmen. Morgen früh gehe ich mit meinem Jungen Arm in Arm aus, und ich ſtehe dafür, ſeine Haltung ſoll nicht gerader und ſtolzer ſeyn, als die meinige. Wir beſuchen den Vater des Generals Simon in der Fabrik des Herrn Hardy, um über gewiſſe Angelegenheiten weder den Herrn Hardy noch den Vater des Marſchalls Simon.“ „Was ſagſt Du da?“ unterbrach Dagobert. Des Mar⸗ ſchalls?“ „Allerdings. Seit 1830 haben Freunde des Generals Simon bewirkt, daß der Rang und der Titel anerkannt wurden, welche der Kaiſer ihm nach der Schlacht bei Ligny ertheilt hatte.“ „Wirklich?“ rief Dagobert. „Wiewohl, ich ſollte mich dar⸗ über nicht wundern, denk es iſt nicht mehr wie billig. Und wenn der Kaiſer etwas geſagt hat, ſo kann man nicht wenig thun, als ſagen, wie er. Aber einerlei! Es thut mir in d le wohl. — Hören Sie, liebe Kinder? Sie kommen na is, als Töchter eines Herzogs und Marſchalls. Freil ſollte man es nicht glanben, wenn man Sie in dieſem Stüb⸗ chen ſieht, Sie arme kleine Herzoginnen! Aber Geduld! Al⸗ les wird ſich machen. Der alte Herr Simon wird nicht wenig froh geweſen ſeyn, zu hören, daß ſein Sohn wieder ſeinen Rang eingenommen hat. Nicht wahr, mein Junge?“ „Er hat uns geſagt, er würde alle Rangſtufen und Titel in der Welt darum geben, wenn er ſeinen Sohn wiederſehen könnte. Denn der General war abweſend, als ſeine Freunde dieſe Gerechtigkeit für ihn erlangten. Indeß erwartet man jeden Augenblick ſeine Ankunft, denn ſeine letzten Briefe aus Indien kündigen an, daß er kommen werde.“ Roſa und Blanca ſahen ſich einander an, und Freudenthrä⸗ nen glänzten in ihren Augen. Dagobert rief aus: „Gott ſey Dank! Ich und meine Kinder rechnen auf dieſe Rückkehr. Aber warum finden wir morgen Herrn Hardy und Herrn Simon nicht in der Fabrik?“ „Sie ſind vor acht Tagen abgereiſt, um eine engliſche Fa⸗ brit im Süden zu beſehen. Aber ſie können von einem Tag zum andern wiederkommen.“ „Teufel! das iſt mir ärgerlich. Ich rechnete darauf, den Vater des Generals zu treffen, um mit ihm über wichtige Angelegenheiten zu reden. Uebrigens wird man doch wiſſen, wohin man ihm ſchreiben kann. Morgen, mein Junge, wirſt⸗ Du ihn wiſſen laſſen, daß ſeine Enkelinnen angekommen ſind. Vorläufig, meine Kinder, wird meine Frau Ihnen ihr Belt geben, und da wir ein Lagerleben gewohnt ſind, ſo werden Sie hier nicht ſchlechter gebettet ſeyn als unterwegs.“ „Du weißt,“ erwiederte Roſa, „daß wir uns bei Dir und bei Deiner Frau immer gut aufgehoben finden.“ — „Und dann,“ fügte Blanca hinzu, „denken wir nur an das Glück, endlich in Paris zu ſeyn, da wir hier bald unſern Vater finden ſollen.“ „Und mit dieſer Hoffnung geduldet man ſich,“ ſagte Da⸗ gobert. „Aber nicht wahr, nachdem, was Sie ſich von Paris vorgeſtellt haben, ſind Sie nicht wenig verwundert? Bis jetzt haben Sie noch nicht die Goldſtädt gefunden, von der Sie geträumt. Aber Gebuld, Geduld! Sie werden ſehen, vaß Paris nicht ſo garſtig iſt, wie es ausſieht.“ „Und jedenfalls,“ fügte Agricvla hinzu, Ankunft — 6 — des Marſchalls Simon Paris für dieſe Fräulein in eine wahre Goldſtadt verwandeln.“ „Sie haben Recht, Agricvla,“ ſagte Roſa. „Sie haben uns errathen.“ „Wie, Fräulein? Sie wiſſen meinen Namen?“ „Gewiß“ antwortete Blanca. „Wir haben oft von Ihnen mit Dagobert geſprochen und ganz kürzlich noch mit Gabriel.“ „Mit Gabriel?“ riefen Agricvla und ſeine Mutter erſtaunt. „Ei freilich,“ antwortete Dagobert. „Wir werden Euch vierzehn Tage lang zu erzählen haben und unter andern, wie wir Gabriel gefunden. Alles, was ich Euch ſagen kann, iſt, daß er in ſeiner Art ſo gut iſt, wie mein Junge — ich kann nicht anders ſagen, als mein Junge — und daß ſie würdig ſind, ſich einander als Brüder zu lieben. — Du biſt doch ein braves Weib, Franeisca! Das iſt ſchön von Dir, was Du da gethan haſt, in Deiner Armuth, das arme Kind zu Dir zu nebmen und es mit dem Deinigen zu erziehen.“ „Sprich doch nicht ſo, lieber Freund. Das iſt ja ganz natürlich.“ „Du haſt Recht; aber ich werde es Dir ſpäter vergelten. Es ſteht auf Deiner Rechnung. Uebrigens morgen früh wirſt Du ihn gewiß wiederſehen.“ „Mein lieber Bruder iſt alſo auch da!“ ſagte Agricola. Nun ſoll mir noch Einer ſagen, daß es keine Glückstage gäbe! Wie haben Sie ihn getroffen, Vater?“ . „Sie! Sie! Sag' einmal, hältſt Du Dich, weil Du Verſe machſt, für einen zu großen Herrn, um mich zu duzen?“ „Vater — — —“ „Ich ſag'Dir, Du ſollſt mich friſchweg das Du hören laß⸗ ſen, damit ich die vielen Du nachträglich höre, die Du mir ſeit achtzehn Jahren hätteſt ſagen ſollen. — Was Gabriel betrifft, ſo will ich Dir heute noch erzählen, wo und wie wir ihn gefunden haben. Denn, wenn Du meinſt, Du wollteſt ſchlafen, daun biſt Du im Irrthum. Du überläßt mir die Hälfte Deiner Dachkammer und wir plaudern. Freudenſtörer wird hier vor dieſer Thüre bleiben. Es iſt ſeine alte Gewohn⸗ heit, in der Nähe dieſer Kinder zu ſeyn.“ „Ach, lieber Freund!“ rief plötzlich Frau Bandoin, ich venke doch an gär nichts! Aber freilich in einem ſolchen Au⸗ ——————— ——————— genblick! Dieſe Fräulein und Du werdet zu Nacht eſſen wollen. Agricola ſoll etwas beim Speiſewirth holen.“ Haben Sie Luſt, Kinder?“ fragte Dagobert. „Nein, wir danken, Dagobert. Wir haben keinen Hunger, wir ſind ganz zufrieden.“ „Wenigſtens werden Sie etwas warmes Zuckerwaſſer mit Wein zu ſich nehmen, um ſich zu erwärmen,“ ſagte die Alte. „Leider hab' ich nichts beſſeres.“ „Du haſt Recht, Francisca. Die lieben Kinder ſind müde. Lege ſie zu Bett. Ich gehe mit meinem Jungen hinauf und morgen früh, ehe Roſa und Blanca aufwachen, komme ich herunter und plaudere mit Dir, um unſerem Agricola ein wenig Ruhe zu gönnen.“ In dieſem Augenblicke klopfte es ſtark an der Thüre. „Das iſt die gute Mayeur,“ ſagte Agricola. „Sie wird fragen wollen, ob wir etwas brauchen.“ „Ich meine doch,“ ſagte die Alte, „ſie wäre hier geweſen, als der Vater kam.“ 6 „Du haſt Recht, Mutter. Das arme Mädchen wird un⸗ bemerkt fortgegangen ſeyn, aus Beſorgniß zu ſtören. Aber ſie klopft nicht ſo ſtark.“ „Nun ſo ſieh', wer es iſt,“ ſagte die Alte. Noch ehe der junge Schmied die Thüre erreichte, ging die⸗ ſelbe auf und ein anſtändig gekleideter Mann mit achtung⸗ erweckendem Geſicht trat ein und warf einen Blick ins Zim⸗ mer, und beſonders auf Roſa und Blanca. „Erlauben Sie mir die Bemerkung,“ ſagte Agricola, der vor ihm ſtand, „daß Sie nach dem Anklopfen hätten warten ſollen, bis man „herein“ gerufen hätte. Was wünſchen Sie 2“ „Ich bitte Sie um Entſchuldigung, verehrter Herr,“ ſagte in ſehr höflichem Tone der Eingetretene und dehnte ſeine Worte, um möglichſt lange im Zimmer bleiben zu können. „Ich muß Sie viel tauſendmal um Verzeihung bitten, mein lieber Herr. Ich bedauere unendlich meine Unbeſonnenheit. Ich bin beſchämt — —“ „Genug!“ unterbrach Agricola. „Was wollen Sie% „Verehrter Herr, wohnt nicht hier in dieſem Hauſe eine Mademviſelle Soliveau, eine Nätherin, die etwas bucke⸗ 3 iſt? 2 — u8 — „Oben,“ ſagte Agricola. „O, mein kteber, werther Herr!“ rief der höfliche Mann unter tiefen Bücklingen, „ich bin beſchämt über meine Unge⸗ ſchicklichkeit. Ich hatte geglaubt, ich würde hier dieſe junge Perſon antreffen, denn ich wollte ihr Arbeit antragen von Seiten einer äußerſt achtbaren Perſon.“ Verwundert entgegnete Agricola: „Es iſt ſehr ſpät. Wir kennen dieſe Perſon. Kommen Sie morgen wieder. Sie liegt ſchon zu Bette.“ „In dieſem Fall, verehrter Herr, wiederhole ich Ihnen meine Entſchuldigungen.“ „Allzugütig,“ fagte Agricola und griff nach der Thür. „Ich bitte Sie, Mavame, und Sie, Fräulein, und Sie, verehrter Herr, überzeugt zu ſeyn — —“ „Wenn Sie ſo fortfahren,“ unterbrach Agricola, „ſo müſ⸗ ſen Sie ſich wegen der Länge Ihrer Entſchuldigungen ent⸗ ſchuldigen, und das könnte dauern bis morgen früh.“ Roſa und Blanca lächelten. Dagobert ſtrich ſich vergnügt den Schnurrbart und ſagte leiſe zu ſeiner Frau: „Der Junge iſt nicht auf den Kopf gefallen. Dich wundert das nicht; Du biſt daran gewöhnt.“ Der Umſtandskrämer warf einen letz⸗ ten langen Blick auf die Mädchen, auf Agricvla und Dago⸗ bert, und ging hinaus. 6 Die Hausmutter dachte nun an die Bereitung des Nacht⸗ lagers. Sie legte eine ihrer Matratzen auf die Erde und legte auf die in der Bettſtelle gelaſſene, friſche Leintücher. Dagobert und Agricvla wünſchten gute Nacht und gingen hinauf in die Dachkammer. Als Agricola mit dem Licht in der Hand an der Thür der Mayeux vorüber kam, flüſterte dieſe ihm zu: „Große Gefahr für Dich. Ich muß mit Dir ſprechen.“ Dagobert hörte nichts davon, ſah aber, daß Agri⸗ cola ſtehen blieb und zuſammenfuhr. „Was iſt Dir?“ fragte er. — „Nichts,“ antwortete Agricola. „Ich will Dir nur ordentlich leuchten.“ — „Halt Dich nicht auf, mein Junge,“ ſagte Dagobert. „Ich habe heute Abend junge Augen u junge Beine.“ Und er ging mit ſeinem Sohn in deſſen D kammer, dhne etwas zu merken. Der höfliche Mann aber, welcher bei Frau Baudoin „ der Mayeux gefragt hatte, begab ſich aus dem Ha S — 119 — Färbers nach dem Kloſterplätzchen und trat an einen offenen Miethwagen, welcher dort hielt. Auf dem Rücſſitz dieſes Wa⸗ gens ſaß Herr Rodin, in einen Mantel gehüllt. Als dieſer ſeinen Getreuen erblickte, fragte er: „Nun?“ „Die zwei Mädchen,“ flüſterte der Höfliche, „und der Grau⸗ bart ſind hineingegangen zu Francisca Baudoin. Ehe ich anklopfte, konnte ich einige Minuten horchen. Die Mädchen werden dieſe Nacht im Zimmer der alten Frau zubringen, und der Graubart in der Kammer des Schmieds.“ „Sehr gut!“ ſagte Rodin. „Ich habe nicht gewagt, mich länger aufzuhalten, um die buckelige Nätherin wegen der Königin Bacchanal zu fragen,“ fuhr der Höfliche fort. „Morgen gehe ich wieder hin, um zu ſehen, welchen Eindruck der Brief in Betreff des jungen Schmieds gemacht hat, den ſie mit der Poſt erhalten ha⸗ ben muß.“ ⸗ „Verſäumt das nicht,“ ſagte Rodin. „Und jetzt geht zum Beichtvater der Francisca Baudoin und ſagt ihm, ich er⸗ warte ihn in der Straße Milien des Urſins. Er ſolle den Augenblick hinkommen. Ihr begleitet ihn. Falls ich nicht zu Hauſe wäre, ſoll er auf mich warten. Sagt ihm, es handele ſich um höchſt wichtige Dinge.“ „Das ſoll pünktlich geſchehen,“ erwiederte der Höfliche und machte eine tiefe Verbeugung. Der Wagen rollte mit Rodin raſch von dannen. Fünfzehntes Kapitel. Agricvla und die Mayeur. Eine Stunde nach den erzählten Auſtritten herrſchte die tiefſte Stille in Nro. 5 der Briſe⸗Miche⸗Gaſſe. Ein flackern⸗ des Licht, welches durch die zwei Scheiben einer Glasthür in einen ſchmalen Gang unter dem Dach fiel, verrieth, daß die Mayeur noch wachte. Ein ſchlechtes Bett, ein Tiſch, ein alter Koffer und ein ommt er!“ — Stuhl füllten das kalte Kämmerchen aus. Wenn zwei Per⸗ ſonen darin fitzen wollten, ſo mußte eine auf dem Bett Platz nehmen. Auf dem, voll Leinwand liegenden, Tiſch ſtand in einem Glas Waſſer die prächtige Blume, welche Agrievla der Mayeur gegeben, und verbreitete aus ihrem Purpurkelch ihren lieblichen Duft in dem engen Raum zwiſchen den grauen Gypswänden, den ein dünnes Talglicht dürftig erhellte. Die Mayeux ſaß, mit verſtörtem Geſicht und mit Thränen . in den Augen, angekleidet auf dem Bett, ſtützte ſich mit der einen Hand auf das Kopfkiſſen und neigte den Kopf horchend der Thür zu. Ihr Herz ſchlug heftig. Ihr ganzes Weſen war ſo aufgeregt, daß ihr ſonſt immer blaſſes Geſicht einen leichten Anflug von Röthe hatte. Zuweilen warf ſie einen Blick des Entſetzens auf einen Brief, den ſie in der Hand hielt. Dieſer am Abend abgegebene Brief war von dem Färber auf den Tiſch der Mayeux gelegt worden, während dieſe bei der Zuſammenkunft Dagobert's mit ſeiner Familie zugegen war. Endlich hörte ſie, wie eine Thür in der Nähe der ihrigen ſachte aufgemacht ward, und ſprach: „Da Agricvla trat ein und ſagte leiſe: „Ich habe gewartet, bis mein Vater eingeſchlafen war. Was gibt's denn, gute Mayeur? Du ſiehſt ja ganz angegriffen aus. Du weinſt? Was geht denn vor? Von welcher Gefahr willſt Du mir denn ſprechen?“ „Da — lies!“ erwiederte die Mayeux mit zitternder Stimme, indem ſie ihm den Brief hinhielt: Agricola trat an das Licht und las Folgendes: „Jemand, der ſich nicht nennen kann, der aber die ſchweſter⸗ liche Theilnahme kennt, welche Sie für Agricola Baudvin hegen, benachrichtigt Sie, daß dieſer ehrliche, junge Mann vermuthlich morgen verhaf⸗ tet werden wird.“ — „Ich?“ rief Agrievla, ſein Leſen unterbrechend. „Was ſoll das heißen?“ „Lies nur weiter!“ erwiederte die Nätherin dringend mit gefalteten Händen. Agricola traute ſeinen Augen nicht und las weiter: Geſang „der befreiten Arbeiter“, iſt Gege einer Unterſuchung geworden. Man h Exemplare davon unter den Papieren einer ge⸗ heimen Geſellſchaft gefunden, deren Häupter wegen des Complotts von der Prouvaires⸗Straße verhaftet worden ſind.“ „Ach!“ unterbrach die Nätherin weinend, „jetzt verſteh' ich Alles. Dieſer Menſch, der, wie der Färber ſagte, heute Abend unten herumgeſchlichen iſt, war ohne Zweifel ein Po⸗ lizeiſpivn, der Dir auflauerte.“ „Geh'!“ ſagte Agricola. „Dieſe Unterſuchung wäre wider⸗ ſinnig. Quäle Dich nicht, liebe Mayeux. Ich befaſſe mich nicht mit Politik. Meine Verſe athmen bloß Vebe zur Menſch⸗ heit. Iſt es meine Schuld, wenn man ſie unter den Papie⸗ ren einer geheimen Geſellſchaft gefunden hat?“ Und er warf den Brief mit Verachtung auf den Tiſch.“ „Ich bitte Dich, lies weiter,“ ſagte die Mayeur. Agricola nahm den Brief wieder auf, ſuchte die Stelle, bis zu welcher er gekommen, und las: „Ein Haftbefeht iſt gegen Agricola Baudoin erlaſſen. Ohne Zweifel wird ſeine Unſchuld früher oder ſpäter anerkannt werden. Aber er wird wohl thun, ſich vorläufig der Verfolgung zu entziehen und einer zwei⸗oder dreimonatlichen Sicherheitshaft, welche für ſeine Mutter, deren einzige Stütze er iſt, ein ſchrecklicher Schlag ſeyn würde. Ein aufrichtiger Freund, der unbekannt bleiben muß.“ Agricola ſchwieg einen Augenblick, zuckte dann die Achſeln und ſagte lachend: „Beruhige Dich, liebe Mayeux. Der ſchlechte Witzbold hat einen falſchen Monat gewählt. Er will mich im Februar in den April ſchicken.“ „Um's Himmels willen, Agricola,“ flehte die Nätherin, „nimm das nicht ſo leicht. Meine Ahnung trügt mich nicht. Befolge dieſen Rath.“ „Ich ſage Dir,“ erwiederte Agricola, „mein Lied iſt ſchon länger als zwei Monate gedruckt und enthält nichts politi⸗ ſches. Wenn man mich deswegen zur Verantwortung zie⸗ hen wollte, würde man nicht gewartet haben bis jetzt.“ „Aber, bedenke doch, daß die Umſtände nicht mehr dieſelben „ — ſind. Vor kaum zwei Tagen iſt hier in der Nähe in der Prouvaires⸗Straße ein Complott entdeckt worden. Und wenn Deine, bis jetzt vielleicht unbekannten Verſe bei den Verhafte⸗ ten gefunden worden ſind, ſo iſt das genug, um Dich in die Unterſuchung wegen der Verſchwörung zu verflechten.“ „Verſe, in welchen ich Liebe zur Arbeit und Milde predige, ſollten mich in eine Unterſuchung verwickeln? Da müßte doch wahrlich die Gerechtigkeit blind ſeyn, daß man ihr einen Stock und einen Hund geben müßte, um ſie zu leiten!“ „Agricvla,“ ſagte das Mädchen, tief betrübt, daß der junge Mann in einem ſolchen Augenblick ſcherzte, „ich beſchwöre Dich, höre mich an. Freilich predigſt Du in Deinen Verſen Ar⸗ beitsliebe, aber Du beklagſt auch das ungerechte Loos der armen Arbeiter, welche hoffnungslos allem Elend des Lebens preisgegeben ſind. Du predigſt evangeliſche Bruderliebe, aber Dein gutes Herz empört ſich auch gegen die Herzloſen. Du drückſt Sehnſucht nach der Erlöſung der Arbeiter aus, welche, minder glücklich als Du, nicht einen ſo edlen Brodherrn haben, wie Herr Hardy iſt. Sage nun ſelbſt, ob dies nicht in dieſer Zeit der Unruhen genügt, Dich in eine Unter⸗ ſuchung zu verwickeln, wenn Abdrücke Deiner Lieder bei Ver⸗ hafteten gefunden worden ſind!“ Dieſe verſtändigen Worte beſtimmten den jungen Mann zu ernſterem Nachdenken. Die Mayeux bemerkte es und fuhr fort: „Denke nur an Remi, Deinen Kameraden.“ „Remi?“ wiederholte Agricola. „Ja freilich. Ein ganz unbedeutender Brief von ihm ward bei einem Menſchen gefunden, welcher wegen der Verſchwörung im vorigen Jahr verhaftet war, und er mußte einen Mona im Gefängniß ſitzen.“ „Das iſt wahr, liebe Mayeux. Aber man hat bald die Ungerechtigkeit des auf ihn geworfenen Verdachts erkannt und ihn in Freiheit geſetzt.“ „Nachdem er einen Monat im Gefängniß geſeſſen. Eben das räth man Dir zu vermeiden. Agricola, bedenke, — einen Monat im Gefängniß — und Deine Mutter!“ Dieſe Worte machten einen tiefen Eindruck auf Agricola Er nahm den Brief und las ihn nochmals aufmerkſam. „Und der Menſch, welcher den ganzen Abend vor dem Haus — — ————— —— —— —— 12 — herumgeſchlichen iſt?“ fuhr das Mädchen fort. „Ich komme immer darauf zurück: das iſt nicht von Ohngefähr. Gott! welch ein Schlag für Deinen Vater, für Deine arme Mutter, die nichts mehr verdient! Biſt Du nicht ihre einzige Stütze? Bedenke, was ſollte ohne Dich und ohne Deine Arbeit aus ihnen werden!“ „Wahrhaftig, das wäre ſchrecklich!“ ſagte Agricola, indem er den Brief auf den Tiſch warf. „Was Du mir von Remi ſagſt, iſt richtig. Er war ſo unſchuldig wie ich. Ein Irr⸗ thum der Juſtiz — ohne Zweifel ein unwillkürlicher, bleibt immer verderblich. Aber man verhaftet nicht einen Menſchen, ohne ihn anzuhören.“ „Erſt verhaftet, dann verhört man ihn. Und nach zwei oder drei Monaten ſetzt man ihn in Freiheit. Und wenn er Weib und Kind hat, die von ſeiner täglichen Arbeit leben ſollen, was machen dieſe während er gefangen ſitzt? Sie hungern, frieren und jammern.“ Agricvla erbebte. „Ein Monat ohne Arbeit!“ ſagte er mit beſorgter Miene. „Und meine Mutter! Und mein Vater! Und dieſe beiden Mädchen, welche zu unſerer Haushaltung gehören, bis ihr Vater oder ihr Großvater zurück gekommen ſind! Du haſt Recht. Dieſer Gedanke erſchreckt mich.“ „Agricola,“ ſagte die Mayeux, „wenn Du Dich an Herrn Hardy wendeteſt? Er iſt ſo gütig, ſo geachtet, daß das Anerbieten ſeiner Bürgſchaft die gerichtliche Verfolgung be⸗ ſeitigen würde.“ „Leider,“ erwiederte der junge Mann, „iſt Herr Hardy nicht hier. Er iſt mit dem Vater des Marſchalls Simon verreiſt.“ Er ſchwieg und ſuchte ſeine Furcht zu bekämpfen. Etwas beruhigt, ſagte er: „Nein, ich kann den Inhalt dieſes Briefs nicht glauben. In jedem Fall will ich abwarten, was kommt. Es bleibt mir dann der mögliche glückliche Fall, in einem erſten Verhör meine Unſchuld zu beweiſen. Verſtecke ich mich, ſo hört meine Arbeit ja eben ſo gut auf, wie wenn ich im Gefängniß bin.“ „Ach! das iſt freilich wahr,“ ſagte die Rathgeberin. „Gro⸗ ßer Gott! was iſt da zu machen?“ „Ach, mein guter Vater!“ ſeufzte Agricola. „Wenn das Unglück morgen einträfe! Welch ein Erwachen wäre das für — ihn, der ſo vergnügt eingeſchlafen iſt!“ Troſtlos bedeckte er ſeine Augen mit der Hand. Die Angſt der Mayeur war nicht übertrieben. Um dieſe Zeit vor und nach dem Complott von der Prouvairesſtraße wurden in Folge einer heftigen Reaction gegen die demokra⸗ tiſchen Beſtrebungen eine Menge vorbeugende Verhaftungen in der Arbeiterklaſſe vorgenommen. Einige Augenblicke herrſchte düſteres Schweigen in dem Kämmerchen. Plötzlich erröthete die Mayeux. Ein Gemiſch von Schmerz, Verlegenheit und Hoffnung drückte ſich in ihrem Geſicht aus, und ſie rief: „Agricola, Du biſt gerettet!“ „Was meinſt Du?“ fragte Agricola. „Das ſchöne, gute Fräulein, welches mit ſo viel Zartgefühl ein verletzendes Anerbieten gut zu machen wußte, indem es Dir dieſe Blume da gab, das Fräulein muß ein edles Herz haben. An ſie mußt Du Dich wenden.“ Bei dieſen Worten floſſen zwei große Thränen über die Wangen der Nätherin. Es koſtete ſie viele Mühe, dieſe Worte hervorzubringen. Zum erſten Mal in ihrem Leben empfand ſie eine ſchmerzliche Eiferſucht. Ein anderes Weib war ſo glücklich, dem zu Hülfe kommen zu können, welchen ſie, das arme Geſchöpf, vergötterte. „Was denkſt Du?“ fragte Agricola verwundert. „Was kann das Fräulein bei der Sache thun?“ „Hat ſie nicht geſagt: Erinnern Sie ſich meines Namens und wenden Sie ſich unter allen Umſtänden an mich?“ „Das iſt wahr,“ erwiederte der junge Mann. „Dies Fräulein mag bedeutende Perſonen kennen, welche im Stand ſind, Dich zu beſchützen und zu vertheidigen. Gehe morgen früh gleich zu ihr, geſtehe ihr offen, was Dir begeg⸗ net iſt und bitte ſie um ihre Unterſtützung.“ „Aber was ſoll ſie denn eigentlich thun?“ „Ich erinnere mich, daß ſeiner Zeit mein Vater ſagte, er habe die Verhaftung eines ſeiner Freunde verhindert, indem er eine Caution für ihn hinterlegte. Es wird Dir leicht ſeyn, dies Fräulein von Deiner Unſchuld zu überzeugen. Si ſoll Dir den Gefallen thun, Bürgſchaft für Dich zu leiſte und dann, glaube ich, haſt Du nichts mehr zu fürchten.“ „Ach, liebes Kind,“ ſagte Agricola, „wie kann man ſo et⸗ — 125 — was verlangen? — von einer Perſon, die man uicht kennt? Das iſt hart!“ „Glaube mir, Agricola,“ ſagte die Maheux, „ich werde Dir nie etwas rathen, was Dich in irgend jemandes Augen herabſetzen kann, und vornehmlich in den Augen dieſer Per⸗ ſon. Es handelt ſich nicht darum, von ihr Geld für Dich zu verlangen, ſondern eine Bürgſchaft, die Dir verſtattet, Deine Arbeit fortzuſetzen, damit Deine Angehörigen nicht brodlos werden. Eine ſolche Zumuthung iſt ehrenvoll von Deiner Seite. Dieſe Dame hat ein edles Herz. Sie wird Dich verſtehen. Die Caution iſt für ſie ſo viel wie nichts; für Dich iſt ſie Alles: das Leben der Deinigen.“ „Du haſt Recht, gute Mayeux,“ ſagte Agricola niederge⸗ ſchlagen. Vielleicht iſt es beſſer, dieſen Schritt zu wagen. Wenn das Fräulein ſich dazu verſteht, mir dieſen Dienſt zu leiſten und wenn eine Caution mich wirklich vor dem Ge⸗ fängniß bewahren kann, dann bin ich auf Alles gefaßt. — — Aber nein!“ ſagte er aufſtehend; „ich habe nicht das Herz, mich an dieſe Dame zu wenden. Mit welchem Recht könnte ich es. Was will der kleine Dienſt, den ich ihr geleiſtet, be⸗ deuten, neben dem, was ich von ihr verlangen ſoll?“ „Glaubſt Du denn,“ fragte das Mädchen, „daß eine edle Seele die Dienſte, welche ſie leiſten kann, nach denjenigen abmißt, welche ſie empfangen hat? Ich bin nur ein arm⸗ ſeliges Geſchöpf, welches ſich mit niemand vergleichen kann. Ich bin und vermag nichts. Aber ich bin überzeugt, dieſe Dame, welche ſo hoch über mir ſteht, wird in dieſem Fall daſſelbe empfinden, wie ich. Sie wird das ganze Unglück Deiner Lage begreifen, und ſie wird mit Vergnügen das thun, was ich thun würde, wenn ich etwas anders könnte, als mich ohne Erfolg aufopfern.“ Sie ſprach dieſe letzten Worte mit ſo ſchmerzlicher Rührung. Der Vergleich, den die arme, ſchwache, verachtete Unglückliche zwiſchen ſich und der reichen, ſchönen Adriana von Cardoville anſtellte, war ſo erſchütternd, daß Agricola, zu Thränen ge⸗ rührt, ihr die Hand reichte und mit zitternder Stimme ſäßtét „Wie gut biſt Du! Wie edel, verſtändig und zartfühlend!“ „Leider kann ich nur Rath geben!“ ſeufzte ſie. „Und Dein Rath ſoll befolgt werden, gute Magenx. Er iſt der Rath der ſchönſten Seele, die ich kenne. Du haſt mich beruhigt über dieſen Schritt, indem Du mich verſicherſt, daß das Herz des Fräuleins von Cardoville ſo gut ſey, wie das Deinige.“ Bei dieſem aufrichtig gemeinten Vergleich, vergaß die Arme faſt alle ihre Schmerzen. Wenn Geſchöpfe, welche, wie ſie, zu Leiden geboren ſind, Schmerzen haben, die der Welt un⸗ hekannt bleiben ſo gibt es auch eben ſo unbekannte, beſchei⸗ dene Freuden für ſie. Ein liebreiches Wort, welches ſie in ihren eigenen Augen erhebt, thut ſolchen, an Schmach und Zweifel an ſich ſelbſt gewöhnten Weſen unendlich wohl. „Alſo es bleibt dabei?“ ſagte ſie. „Du gehſt morgen früh dem Fräulein? Mit Tagesanbruch ſieh' ich auf und gehe r an die Thür, um zu ſehen, ob nichts verdächtiges da iſt.“ „Gutes, treffliches Kind!“ ſagte Agricvla gerührt. „Du mußt ſuchen, vor dem Erwachen Deines Vaters fort⸗ zukommen. Das Quartier, in welchem die Dame wohut, iſt ſpo einſam, daß ein Gang dorthin faſt ſo gut iſt, wie ſich verſtecken.“ . „Ich meine, ich hörte die Stimme meines Vaters,“ ſagte Agricola. Er und die Mayeux horchten und vernahmen die Worte Dagobert's: „Schläfſt Du denn, mein Sohn? Mein ai Schlaf iſt vorbei, und die Zunge juckt mich teufel⸗ mäßig.“ „Geſchwind, Agricola!“ flüſterte die Mayeux. „Deine Ab⸗ wefenheit könnte ihn beunruhigen. Gehe aber ja morgen nicht eher aus, als bis ich Dir geſagt habe, daß ich nichts beunruhißendes geſehen habe.“ „Agricola!“ rief Dagobert lauter, „biſt Du denn nicht da?“ „Hier bin ich, Vater!“ rief der junge Mann, aus der Kammer der Mayeur heraustretend. „Ich habe einen Laden auf dem Boden zugemacht, den der Wind auf⸗ und zuſchlug. Ich fürchtete, der Lärm möchte Dich wecken.“ „Danke, mein Sohn. Aber nicht der Lärm hat mich ge⸗ weckt, ſondern ein raſender Hunger, mit Dir zu ſchwaßzen Ein alter Knaſterbart von Vater, der ſeinen Sohn in acht⸗ zehn Jahren nicht geſehen hat, der iſt nicht ſo leicht ſalt zu machen!“ 2 4 „Willſt Du Licht, Vater?“ fragte Agricola. „Wozu? Das wäre Lurus. Wir plaudern im Dunkeln. Wenn ich Dich dann morgen bei Tagesanbruch wiederſehe, ſo iſt das, als ob ich Dich zum zweiten Mal zum erſten Mal ſähe.“ . Agricola machte ſeine Thüre zu und die Mayeux hörte nichts weiter. Das arme Geſchöpf warf ſich in den Kleidern auf das Bett und that die ganze Nacht kein Auge zu. Mit Angſt erwartete ſie den Anbruch des Tages, um über Agri⸗ cola zu wachen. Trotz ihrer lebhaften Beſorgniſſe für den folgenden Tag, überließ ſie ſich zuweilen ſchwermüthigen Träu⸗ mereien. Sie verglich die Unterredung, welche ſie in der Stille der Nacht mit dem insgeheim von ihr angebeteten Manne gehabt, mit dem, was dieſe Unterredung geweſen ſeyn würde, falls Schönheit des Leibes ihr zu Theil geworden wäre, falls ſie geliebt wäre, wie ſie liebte. Dann aber er⸗ gab ſie ſich in den Gedanken, daß ſie nie die Süßigkeit er⸗ wiederter Liebe ſchmecken dürfe, und fand ihren Troſt in der Hoffnung, ihrem Freund nützlich geweſen zu ſeyn. Mit Tagesanbruch ſtand die Mayeux auf und ging ſachte die Treppe hinab, um zu ſehen, ob außen nichts den jungen Bandvin bedrohte. . Sechzehntes Kapitel. D a 3 E 1 Das Wetter, welches am Abend feucht und nebelig gewe⸗ ſen, war gegen Morgen trocken und kalt geworden. Durch das Fenſterchen der Dachkammer Agrievla's bemerkte man ein Stückchen blauen Himmel. Das Innere dieſer Kammer war eben ſo ärmlich, wie die Wohnung der Mayeux. Die einzige Verzierung beſtand in dem Bild Béranger's, des unſterblichen Dichters, welchen das Volk liebt und ehrt, weil er es geliebt und aufgeklärt, und ſeinen Ruhm und ſein Unglück heſungen hat. Es hing an — 128 — der Wand über dem Tiſchchen, auf welchem Agricola ſeine poetiſchen Eingebungen niederzuſchreiben pflegte. Auf dem Rand des kleinen Bettes ſaß jetzt Pagope, der mit mili⸗ täriſcher Pünktlichkeit bei Tagesanbruch aufgeſtanden war, ſich angekleidet und raſirt hatte, neben ſeinem Sohne und hielt deſſen Hände in den ſeinigen. Agricola, deſſen Beſorgniſſe über ſeine Verwickelung in die Unterſuchung wegen des neu⸗ lichen Complotts ſich durch Nachdenken noch geſteigert hatten, verhehlte dieſelben vor ſeinem Vater. Das Geſicht des Alten ſtrahlte vor Freude. Er konnte nicht müde werden, ſeinen Sohn zu betrachten. „Du wirſt über mich lachen,“ ſagte er; „aber ich habe die Nacht zum Teufel gewünſcht, um Dich am hellen Tag zu ſehen, wie ich Dich jetzt ſehe. Eine andere Narrheit von mir iſt, daß es mich freut, Dich einen Schnurr⸗ bart tragen zu ſehen, Du hätteſt einen prächtigen Grenadier zu Pferd gegeben. Haſt Du nie Luſt gehabt, Soldat zu werden?“ „Und die Mutter?“ entgegnete Agricvla. „Du haſt Recht. Und zudem glaube ich, die Zeit des Sä⸗ bels iſt vorüber. Wir Alten taugen zu nichts mehr, als . neben den Ofen geſtellt zu werden, wie ein alter, voſtiger Karabiner. Wir haben unſere Zeit ausgedient.“ „Ja, Eure Zeit des Heldenmuths und des Ruhms,“ er⸗ Agricola begeiſtert. Und mit Rührung ſetzte er hin⸗ : „Es iſt doch etwas ſchönes und gutes, Dein Sohn ſeyn.“ „Schön — das S ich nicht; gut — das muß wohl ſeyn, denn ich liebe Dich herzinnig. Und wenn ich bedenke, daß es erſt anfängt! Ich bin wie ein Hungriger, der Tage⸗ lang nichts gegeſſen hat. Nur allmählig kommt er wieder zu ſich und genießt. Du kaunſt Dich darauf gefaßt machen, „genoſſen zu werden, mein Junge — Abends und Morgens, alle Tage. Ich darf nicht daran denken. Alle Tagel... das blendet mich! Alles verwirrt ſich vor meinen Augen.“ 3 Dieſe Worte machten einen ſchmerzlichen Eindruck auf Da⸗ grobert; ſie däuchten ihm, wie ein Vorgefühl der droh Trennung. „Du biſt alſo glücklich?“ fuhr fort. Hardy iſt alſo ſtets gut gegen Dich?“ — 129 — „Er?“ erwiederte Agricola. „Es gibt keinen beſſeren, bil⸗ ligeren, edleren Mann, als ihn. O, wenn Du wüßteſt, welche Wunder er in ſeiner Fabrik gewirkt hat. Im Vergleich mit den andern iſt ſie ein Paradies inmitten der Hölle.“ „Wirklich?“ „Du wirſt ſehen, welches Wohlſeyn, welche Luſt, welche Liebe auf den Geſichtern aller Leute, die er beſchäftigt, aus⸗ gedrückt iſt, und wie man mit Freude und Eifer bei ihm arbeitet!“ „Das muß ja ein Hexrenmeiſter ſeyn, Dein Herr Hardy!“ „Ein großer Zanberer, lieber Vater. Er weiß die Arbeit anziehend zu machen; daher die Luſt und Freude. Außer einem billigen Lohn, gibt er uns noch einen Antheil am Ge⸗ winn, je nach unſerer Fähigkeit; daher der Eifer. Und das iſt noch nicht Alles. Er hat große, ſchöne Gebäude errichtet, in 8 welchen die Arbeiter wohlfeiler, als anderwärts, freundliche und luftige Wohnungen finden und alle Annehmlichkeiten des Zu⸗ ſammenlebens genießen. Aber, wie geſagt, Du wirſt ſehen.“ „Man hat Recht, Paris die Stadt der Wunder zu nennen. Endlich bin ich da, um Dich nicht mehr zu verlaſſen und auch die gute Mutter nicht.“ Agricola unterdrückte einen Seufzer und ſagte: „Nein, Vater! wir werden uns nicht mehr verlaſſen. Ich und die Mutter werden ſuchen, Dich Deine Leiden vergeſſen zu machen.“ t „Leiden!“ wiederholte der Alte. „Wer zum Teufel hat denn gelitten? Sieh' mich einmalordentlich an! Seh' ich denn leidend aus? Sapperment! ſeitdem ich den Fuß hieher geſetzt habe, fühl' ich mich verjüngt. Du ſollſt mich gleich marſchi⸗ ren ſehen. Ich wette, ich mache Dich müde. Nicht wahr, Du 3 putzeſt Dich heraus, und da ſollen die Leute einmal Augen machen, wenn ſie uns ſehen. Ich wette, wenn ſie Deinen ſchwarzen und meinen grauen Bart ſehen, werden ſie ſagen: „ „Das iſt Vater und Sohn.“ Jetzt wollen wir den Plan 2 1 zu unſerm Tagwerk machen. Du ſchreibſt dem Vater des WMarſchalls Simon, daß ſeine Enkelinnen angekommen ſind, und daß er ſchnell nach Paris kommen ſolle, denn es handle 1 ſich um Angelegenheiten, die für ſie ſehr wichtig ſeyen. Wäh⸗ rend Du ſchreibſt, gehe ich hinunter und ſage meiner Frau und meinen Kleinen guten Morgen. Dann wir et⸗ — — 6 was zu uns. Deine Mutter geht in ihre Meſſe; denn ich ſehe, ſie beißt noch immer am geiſtlichen Köder an, — wenn's ihr nur Spaß macht, dann iſt's ſchon gut. Unterdeſſen machen wir unſern Gang miteinander.“ „Vater,“ ſagte Agricola verlegen, „dieſen Morgen kann ich Dich nicht begleiten.“ „Was? Du kannſt nicht? Es iſt ja Sonntag?“ „Ja, Vater,“ antwortete Agricola zögernd; „aber ich habe verſprochen, heut den ganzen Morgen in der Werkſtätte zu ſeyn, um eine dringende Arbeit fertig zu machen. Durch mein Ausbleiben würd' ich Herrn Hardy Schaden zufügen. Aber am Mittag werd' ich fertig ſeyn.“ „Das iſt was anders,“ ſagte der Soldat mit einem Seuf⸗ zer. „Ich hoffte, Paris mit Bir dieſen Morgen zu begrüßen. Es muß alſo ſpäter ſeyn. Denn die Arbeit iſt heilig, da ſie Deine Mutter ernährt. Es iſt aber doch verteufelt ärgerlich! — Da ſiehſt Du, wie man ſich ans Glück gewöhnt! Ich brumme wie ein alter Brummtopf wegen eines um ein paar Stunden verzögerten Spaziergangs, nachdem ich achtzehn Jahre darauf gewartet habe, Dich zu ſehen, ohne ſehr darauf zu rechnen!“ Um ſich zu tröſten, umarmte der alte Soldat herzlich ſeinen Sohn. Dieſe Umarmung ſchmerzte den jungen Mann, denn er fürchtete jeden Augenblick, die Beſorgniſſe der Mayeur möchten ſich verwirklichen. „Jetzt bin ich wieder in der Reihe“ fuhr Dagobett fort. „Jetzt laß uns von Geſchäften ſprechen. Weißt Du wohl, wo ich die Adreſſen aller Notare in Paris finde?“ „Ich weiß es nicht,“ antwortete Agricvla; „aber es kann nicht ſchwer zu erfahren ſeyn.“ ch will Dir ſagen, warum,“ fuhr Dagobert fort. „Ich habe auf Geheiß der Mutter der zwei Mädchen wichtige Pa⸗ piere aus Rußland an einen hieſigen Notar geſchickt. Je ſollte gleich nach meiner Ankunft zu ihm gehen und ha darum ſeinen Namen in meiner Schreibtafel aufgemerkt. meine Brieftaſche iſt mir unterwegs geſtohlen worde ich habe den Teufelsnamen vergeſſen. Ich denke ab ich ihn auf einer Liſte fände, würd' ich mich ſeiner erinnern.“ — — Es klopfte zweimal an der Thür der Dachkammer. Agricola erbebte, denn er dachte an einen Haftbefehl. Sein Vater be⸗ merkte dies nicht, indem er den Kopf nach der Thür wandte und rief: „Herein!“ Die Thür ging auf und herein trat Gabriel im ſchwarzen Prieſterrock und runden Hut. Agrievla flog in ſeine Arme und rief: „Bruder!“ „Agricola!“ „Gabriel!“ „Nach langer Trennung!“ „Endlich biſt Du da!“ Dies waren die Worte, welche der Schmied und der Miſ⸗ ſionär in brüderlicher Umarmung wechſelten. Dem alten Da⸗ gobert ſtanden die Thränen in den Angen. Es lag etwas Rührendes in der brüderlichen Liebe der beiden jungen Män⸗ ner, deren Herz ſo gleich und deren Character und Aeußeres ſo verſchieden war. Das männliche Geſicht Agricola's hob die Zartheit der Züge Gabriel's noch mehr hervor. „Ich war von meinem Vater auf Deine Ankunft vorberei⸗ tet,“ fuhr nach einer Pauſe Agricvla fort. „Ich war jeden Augenblick gefaßt, Dich zu ſehen, und doch iſt mein Glück . hundertmal größer, als ich erwartete.“ „Und meine gute Mutter?“ fragte Gabriel, dem alten Spl⸗ daten liebevoll die Hand drückend. „Sie haben ſie doch ge⸗ ſund angetroffen?“ „Ja, wackeres Kind! und ſie wird noch hundertmal geſün⸗ der werden, wenn ſie uns alle wieder beiſammen ſieht. Nichts iſt ſo geſund, wie die Freude.“ Und zu Agrievla gewandt, der, ſeine Angſt vor Verhaftung vergeſſend, den Miſſionär mit dem Ausdruck brüderlicher Liebe betrachtete, fuhr Dagobert fort: „Und wenn man bedenkt, daß Gabriel mit ſeinem Mäd⸗ chengeſicht einen Löwenmuth beſitzt! Ich habe Dir's ja geſagt, mit welcher Unerſchrockenheit er die Töchter des Marſchalls Simon gerettet und auch mich zu retten verſucht hat.“ Gabriel hatte beim Eintreten ſeinen Hut abgelegt und ſtand jetzt am Fenſter, ſo daß das Licht auf ſein bleiches Geſicht fiel und die rothe Narbe auf ſeiner Stirn deutlich hervortre⸗ ten ließ. Agritola, der ihn aufmerkſam betrachtete, rief plötz⸗ ich „Aber Gabriel, was haſt Du denn auf der Stirn?“ das. Wer hat Dich ſo verwundet?“ Er faßte die Hand des hatte eine Miſſionsreiſe in das Felſengebirg unternommen, und die — 133 — „Wahrhaftig! Was iſt denn das für eine Wunde auf Dei⸗ ner Stirn?“ fragte auch Dagobert, welcher die Narbe wäh⸗ rend ſeiner kurzen Unterredung auf dem Schloß Cardoville nicht bemerkt hatte. „Und an den Händen? Sieh' einmal Vater!“ rief Agricola, die Hand ergreifend, welche der Prieſter, wie um ihn zu beruhigen, gegen ihn ausſtreckte. „Gabriel, wackeres Kind!“ ſagte Dagobert, „erklär' uns Prieſters, und, indem er die Wunde gleichſam mit einem Kennerblick prüfte, bemerkte er: „In Spanien wurde einer meiner Kameraden von einem Kreuz am Weg abgenommen, an welches die Mönche ihn genagelt hatten, um ihn vor Hun⸗ ger und Durſt umkommen zu kaſſen. Seitdem hat er eben ſolche Narben gehabt, wie dieſe.“ „Mein Vater hat Recht,“ ſagte Agricola, ſchmerzlich ergrif⸗ fen. „Man ſieht, Deine Hände ſind durchbohrt. Armer Bruder!“ „Achtet doch darauf nicht!“ erwiederte Gabriel verlegen. „Ich dortigen Wilden haben mich gekreuzigt. Sie begannen mich zu ſcal⸗ piren, als die Vorſehung mich aus ihren Händen rettete.“ „Unglückliches Kind!“ rief Dagobert. „Warſt Du denn ohne Waffen? Hatteſt Du denn keine hinreichende Bedeckung?“ Sanft lächelnd erwiederte Gabriel: „Wir können keine Waf⸗ fen führen und haben nie eine Bedeckung.“ „Und warum haben Deine Kameraden, Deine Begleiter Dich nicht vertheidigt?“ fragte Agricola. „Ich war allein, Bruder.“ „Allein?“ „Ja, allein mit einem Führer.“ „Wie?“ rief Dagobert, der ſeinen Ohren nicht traute. „Du biſt allein und unbewaffnet in dies wilde Land gegangen?“ „Der Glaube kann nicht aufgezwungen werden,“ antwortete 4 Gabriel, „Nur die Ueberredung kann die evangeliſche Milde † unter jenen armen Menſchen verbreiten.“ „Aber, wenn die Ueberredung erfolglos bleibt?“ fragte Agricola. „Dann ſtirbt man für ſeinen Glauben und beklagt die, welche ihn, dieſe Wohlthat für die Menſchheit, zurückſtoßen.“ Einen Augenblick herrſchte tiefes Schweigen. Dagobert, der wußte, was Muth heißt, betrachtete den Pflegſohn ſeiner Frau mit achtungsvoller Bewunderung. Gabriel, fern vom leeren Schein der Beſcheidenheit, ahnte nicht die Gefühle, welche er erweckt hatte und fragte den alten Soldaten: „Was iſt Ihnen denn?“ „Was mir iſt?“ erwiederte der Alte. „Es iſt mir, als hätt' ich meinen Meiſter gefunden. Nach dreißig Kriegsjahren glaubte ich, ziemlich eben ſo tapfer zu ſeyn, wie irgend ein Menſch in der Welt, und in Dir find' ich meinen Meiſter.“ „In mir? Was hab' ich denn gethan?“ „Gotts ſchwere Noth! Dieſe Wunden da ſind doch eben ſo rühmlich — rühmlicher noch, als die Wunden, welche wir Fechter von Profeſſion aufzuweiſen haben!“ Und der alte Krieger ergriff begeiſtert die Hände des Prieſters. „Ja, mein Vater hat Recht,“ ſagte Agricola. „So mag ich die Prieſter leiden, ſo verehr' ich ſie.“ „Ich bitte Euch, preiſ't mich nicht ſo,“ ſagte Gabriel ver⸗ egen. „Warum nicht?“ erwiederte Dagobert. „Wenn ich in's Feuer ging, war ich da allein? Sah mich mein Rittmeiſter nicht? Waren meine Kameraden nicht da? Schon die Eitel⸗ keit mußte mich treiben, zu geſchweigen den Kriegsruf, den Pulvergeruch, das Trompetengeſchmetter, das Kanonendonnern, das Feuer meines Pferdes, welches mir zwiſchen den Beinen dahin ſauſ'te — und zu geſchweigen, daß ich den Kaiſer nicht weit wußte, der mir für meine durchlöcherte Haut ein Stück Borte oder Band als Pflaſter geben würde. Und Du gehſt allein und unbewaffnet hin und bieteſt Feinden die Stirn, welche hundertmal grimmiger ſind, als die, welchen wir Schwa⸗ dronweiſe mit Pallaſchhieben und unter Begleitung von Kar⸗ tätſchen und Granaten zu Leib gingen.“ „Wie ſchön iſt es von dem Vater, daß er Dir dieſe Ge⸗ rechtigkeit widerfahren läßt!“ ſagte Agricola. „Bruder,“ erwiederte Gabriel, „ſeine Güte überſchätzt, was ſo natürlich iſt.“ 8 „Natürlich?“ ſagte der Soldat. „Freilich, für Burſchen von Deinem Sthlag! Aber dieſer Schlag iſt nicht häufig.“ „Das will ich meinen,“ ſagte der Schmied. „Du gehſt 5 — einem faſt gewiſſen Tod entgegen, — allein, mit dem Kreuz in der Hand, um Bruderliebe bei den Wilden zu predigen. Sie nehmen Dich und quälen Dich, und Du erwarteſt den Tod, ohne Klage, ohne Haß, Zorn noch Rachſucht, Worte der Ver⸗ gebung im Munde. Und das geſchieht im Dunkel der Wäl⸗ der, ohne daß man es ſieht oder erfährt, ohne andere Hoff⸗ nung für den Fall Deines Davonkommens, als Deine Wun⸗ den unter Deinem beſcheidenen, ſchwarzen Kleid zu verbergen!“ „Und obendrein,“ bemerkte Dagobert, „thut das arme Kind das alles für den König von Preußen, denn, wie Du ſagſt, ſein Muth und ſeine Wunden werden ſeinen ſchwarzen Rock nie in ein Biſchofskleid verwandeln.“ Lächelnd erwiederte Gabriel: „Ich bin nicht ſo nneigen⸗ nützig, wie ich ſcheine. Eine große Belohnung kann meiner dort oben warten.“ „Davon verſteh' ich nichts,“ ſagte Dagobert, „und darüber will ich mit Dir nicht ſtreiten. Ich behaupte nur, mein altes Kreuz würde wenigſtens eben ſo gut auf Deinen Prieſterrock paſſen, wie auf meinen Soldatenrock.“ „Solche Belohnungen ſind nicht für ſchlichte Prieſter, wie Gabriel,“ bemerkte der Schmied. „O, wenn Du wüßteſt, Vater, wie viel Tugend und wackerer Sinn ſich bei der von der Pfaffenpartei ſogenannten niederen Geiſtlichkein fin⸗ det! wie viel verborgenes Verdienſt, wie viel unbekannte Auf⸗ vpferung bei den von ihren Biſchöfen unter einem eiſernen Joch gehaltenen Landpfarrern! Wie wir, ſind dieſe armen Prie⸗ ſter Arbeiter, deren Befreiung alle edlen Herzen begehren müſſen. Sie ſind Söhne geringer Leute, wie wir, und nütz⸗ lich, wie wir. Möge ihnen Recht werden, wie uns. Du wirſt mir nicht widerſprechen, Gabriel; denn ich weiß, Dein höchſter Wunſch wäre eine kleine Landpfarrei geweſen, weil Du wüßteſt, wie viel Gutes Du da wirken könnteſt.“ „Mein Wunſch iſt ſtets derſelbe geblieben,“ ſagte Gabriel traurig; „aber leider — —“ Und als wollte er ſichteines peinlichen Gedankens entſchlagen und dem Geſpräch eine an⸗ dere Wendung geben, wandte er ſich an Dagobert mit den Worten: „Setzen Sie Ihren Muth nicht auf Kyſten des mei⸗ nigen herab. Ihr Muth iſt gewiß groß; . der Anblick der niedergemetzelten Menſchen muß entſetzlich ſeyn für ein — 133 — fühlendes Herz. Wenn wir auch getödtet werden, ſo tödten wir wenigſtens nicht.“ Bei dieſen Worten fuhr der Soldat empor und ſah den Prieſter verwundert an. „Sonderbar!“ ſagte er. „Was denn, Vater?“ fragte Agricola. „Was Gabriel da ſagt,“ erwiederte der Soldat, „das habe ich im Krieg empfunden, als ich älter ward.“ — Er ſchwieg einen Augenblick und fuhr dann in einem, bei ihm ungewöhn⸗ lichen, traurig ernſten Ton fort: „Seht Kinder, mehr als ein Mal, wenn ich am Abend nach einer großen Schlacht Schildwacht ſtand — allein, in der Nacht, im Mondſchein auf dem Schlachtfeld, das uns geblieben war und das mit ſieben⸗ oder achttauſend Leichen bedeckt lag, darunter Leichen von alten Kriegskameraden, dann fühlte ich, wie mir der Rauſch des Säbelns verging (denn es iſt ein Rauſch wie ein anderer) und ich ſagte für mich: „Da ſind einmal wieder Menſchen die Menge geſchlachtet. Wofür? wofür?“ — Wohl verſtan⸗ den, das hinderte mich nicht, am folgenden Morgen, wenn zum Angriff geblaſen ward, wieder zu ſäbeln, wie ein Menſch, der nichts ſieht und nichts hört. Und wenn ich dann wieder ermüdet meinen blutigen Pallaſch an der Mähne meines Pfer⸗ des abwiſchte, da kam mir wieder der Gedanke: „Ich habe ge⸗ tödtet — getödtet — getödtet. Wofür?“ Bei dieſem Rückblick des Soldaten in ſeine Vergangenheit ſahen Gabriel und Agricvla einander an. Der erſtere ſagte dann zu Dagobert: „Alle edlen Herzen empfinden das, was Sie in jenen feierlichen Stunden empfanden, wo der Rauſch des Ruhms verſchwunden war, und der Menſch nur die guten Regungen fühlte, welche Gott in ſein Herz gelegt hat.“ „Eben das, liebes Kind, beweiſ't, daß Du beſſer biſt als ich, denn dieſe edlen Regungen haben Dich nie verlaſſen. — Aber, wie biſt Du denn den Klauen der raſenden Wilden ent⸗ gangen, welche Dich ſchon gekreuzigt hatten ?“ . Bei dieſer Frage Dagobert's erröthete und zitterte Gabriel. Der Alte bemerkte es und ſagte: „Wenn Du auf meine Frage nicht antworten kannſt oder nicht darfſt, ſo denke, ich hätte ſie nicht geſtellt.“ „Ich habe Ihnen und meinem Bruder nichts zu verhehlen, erwiederte der Miſſionär mit bebender Stimme. „Nur möchte — 136 — es mir ſchwer halten, Euch begreiflich zu machen, was ich ſel⸗ ber nicht begreife.“ „Wie ſo?“ fragte Agricvla verwundert. „Ohne Zweifel,“ antwortete Gabriel erröthend, bin ich von meinen Sinnen betrogen worden. In dem Augenblick, wo ich den Tod mit Ergebung erwartete, mag mein geſchwächter Geiſt durch einen Schein getäuſcht worden ſeyn. Was mir unbegreif⸗ lich war und geblieben iſt, hätte mir doch ſpäter offenbart werden müſſen. Ich hätte doch erfahren müſſen, wer dies ſonderbare Weib war.“ „Von welchem Weib ſprichſt Du denn?“ fragte Agricola. „Von meiner Retterin.“ „Alſo ein Weib hat Dich aus den Händen der Wilden gerettet?“ fragte Dagobert erſtaunt. Es fiel ihm ſeine eigne unerwartete Befreiung aus dem Leipziger Gefängniß ein, für welche auch er vergebens nach einer Erklärung fuchte. „Ja,“ antwortete Gabriel in ſeine Gedanken verſunken. „Ein junges, ſchönes Weib.“ „Und wer war ſie 2“ fragte Agricvla. „Das weiß ich nicht,“ antwortete Gabriel. „Als ich ſie darum fragte, antwortete ſie: Ich bin die Sch weſter der Betrübten.“ E „Woher kam ſie? wohin ging ſie?“ fragte Dagobert geſpannt. „Auf dieſe Frage hat ſie mir geantwortet: Ich gehe hin, wo man leidet. — Und darauf hat ſie ihren Weg nach Norden fortgeſetzt in die öden Länder, wo der Schnee ewig iſt und die Nächte endlos ſind.“ „Wie, in Sibirien!“ bemerkte Dagobert nachdenkend. „Aber,“ fragte Agricola, „wie iſt denn jenes Weib Dir zu Hülfe gekommen?“ Gabriel wollte eben antworten, als ein leiſes Anklopfen die Beſorgniſſe erneuerte, welche Agricola ſeit der Ankunft ſeines Adoptivbruders vergeſſen hatte. Eine ſanfte Stimme ſprach vor der Thür: „Agricola, ich möchte den Augenblick mit Dir ſprechen.“ S Agricvla öffnete die Thür. Die Mayeur trat nicht ein, ſondern ging mehr zurück in den dunkeln Gang und flüſterte: „Schon ſeit einer Stunde iſt es Tag, und Du biſt immer da! Ich habe unten Schildwacht geſtanden und bis jetzt in der Gaſſe nichts beunruhigendes bemerkt. Aber die Polizei kann jeden Augenblick kommen. Ich bitte Dich um Gottes⸗ willen, mache, daß Du zu Fräulein von Cardoville kommſt. Du haſt keine Minute zu verlieren.“ „Wenn Gabriel nicht gekommen wäre, würd' ich ſchon fort ſeyn,“ erwiederte Agricola. „Wie hätt' ich mir verſagen können, einige Augenblicke bei ihm zu ſeyn!“ „Gabriel iſt hier?“ „Ja, ſeit einer halben Stunde iſt er bei mir und meinem Vater.“ „Wie glücklich werd' ich ſeyn, ihn wiederzuſehen! Wahr⸗ ſcheinlich iſt er gekommen, während ich bei Deiner Mutter nachfragte, ob ſie etwas zu beſorgen hätte für die Mädchen. Aber ſie ſind ſo müde, daß ſie noch ſchlafen. Deine Mutter hat mir dieſen Brief, der eben angekommen iſt, für Deinen Vater gegeben. — Nun, da Du Gabriel geſehen haſt, halte Dich nicht länger auf. Was wäre das für ein Schlag für Deinen Vater, wenn Du vor ſeinen Angen verhaftet würdeſt!“ „Du haſt Recht, liebe Mayeur. Ich muß fort. Bei ihm und Gabriel hatte ich meine Beſorgniſſe vergeſſen.“ „Eile! Wenn das Fräulein Dir den großen Dienſt leiſtet, kommſt Du vielleicht in zwei Stunden, über Dich und die Deinigen beruhigt, zurück.“ „Es iſt wahr. Noch einige Minuten und dann geh' ich.“ „Ich ſtelle mich wieder an die Thür auf die Lauer. Wenn ich etwas ſehe, komm' ich wieder herauf. Aber ſäume nicht.“ „Sey unbeſorgt.“ Die Mayeux eilte die Treppe hinab und Agricola kehrte in ſeine Kammer zurück. „Vater,“ ſagte er, „da ſchickt Dir die Mutter einen Brief, der ihr eben zugekommen iſt.“ „Lies ihn vor,“ ſagte Dagobert. Agricola las: „Ich höre Ihr Gatte iſt vom General Si⸗ „mon mit einer wichtigen Angelegenheit beauftragt. Sagen „Sie ihm, ſo bald er nach Paris kommt, er möchte auf der „Stelle nach Chartres auf meine Schreibſtube kommen. Ich „bin beauftragt, ihm, und nur ihm, Urkunden zu über⸗ „liefern, welche für den General unentbehrlich ſind. „Durand, Notar zu Chartres.“ * — Dagobert ſah ſeinen Sohn n an und ſagte: „Woher konnte der Herr meine bevorſtehende Ankunft in Phoſeviſſen 2“ „Vielleicht,“ meinte Agricola, „iſt das der Notär, an den Du die Papiere geſchickt haſt, und deſſen Name Dir ent⸗ fallen war.“ „Nein,“ ſagte Dagobert, „der heißt nicht Durand, und ich weiß gewiß, daß er Notar zu Paris iſt und nicht zu Char⸗ tres. — Aber freilich, wenn er wichtige Papiere hat, die er nur mir überliefern darf — —“ „Ich glaube, Du mußt auf der Stelle abreiſen,“ ſagte Agri⸗ evla, der ſich faſt Glück wünſchte, ſeinen Vater entfernt zu wiſſen für die nächſten Tage, in welchen ſein Schickſal ſich auf eine oder die andere Art entſcheiden mußte.“ „Dein Rath iſt gut.“ ſagte Dagobert. „Nicht wahr, das durchkreuzt Ihre Abſichten?“ fragte Gabriel. „Ein wenig, liebe Kinder; denn ich hatte darauf gerechnet, meinen Tag mit Euch zuzubringen. Aberdie Pflicht geht Allem vor. Ich bin aus Sibirien nach Paris gekommen, und da darf ich denn wohl nicht Anſtand nehmen, einen Sprung von Paris nach Chartres zu machen, wenn es eine wichtige Angelegen⸗ heit gilt. In zweimal vierundzwanzig Stunden bin ich zu⸗ rück. Es iſt aber doch ſonderbar! Der Teufel ſoll mich ho⸗ len, wenn ich mir habe träumen laſſen, daß ich Euch heute verlaſſen ſollte und nach Chartres reiſen! Glücklicher Weiſe laſſ ich Roſa und Blanea bei meiner guten Frau; und ihr Gabriel, wie ſie ihn nennen, wird ihnen Geſellſchaft eiſten.“ „Das wird mir leider unmöglich ſeyn,“ ſagte der Miſſionär betrübt. „Dieſer Beſuch des Wiederſehens bei meiner guten Mutter und bei Agricola iſt auch ein Abſchiedsbeſuch.“ „Wie? Ein Abſchiedsbeſuch?“ fragten Dagobert und Agricvla. „Leider ja!“ „Schon wieder auf eine neue Miſſion?“ ſagte der Alte. „Das iſt nicht möglich!“ „Ich kann Euch nichts darüber ſagen,“ erwiederte Gabriel, einen Seufzer unterdrückend. „Aber für einige Zeit kann und darf ich nicht wieder in dies Haus kommen.“ „Höre, liebes Kind,“ ſagte Dagobert, „ich finde in Dei⸗ nem Benehmen etwas, das auf Zwang und Unterdrückung ſchließen läßt. Ich kenne die Menſchen. Der, welchen Du Deinen Vorgeſetzten nennſt, und den ich nach dem Schiff⸗ bruch einige Augenblicke auf dem Schloß Cardoville geſehen, hat ein bösartiges Geſicht und es iſt mir meiner Seele leid, d5 in der Compagnie eines ſolchen Hauptmanns ſtehen zu ehen.“ „Auf dem Schloß Cardoville?“ fragte erſtaunt Agricola. „Alſo auf dem Schloß Cardoville habt Ihr nach dem Schiff⸗ bruch Aufnahme gefunden?“ „Ja mein Junge. Was findeſt Du ſonderbares daran?“ „Richts, lieber Vater. Wohnen die Eigenthümer auf dem Schloß?“ „Nein. Der Verwalter, den ich darnach gefragt habe, um mich bei ihnen für die gute Aufnahme zu bedanken, ſagte mir, die Perſon, der das Schloß gehörte, wohne zu Paris.“ „Welches Zuſammentreffen!“ dachte Agricola. „Wie, wenn das Fräulein Eigenthümerin des Schloſſes wäre, das ihren Namen führt!“ Dabei fiel ihm das der Mayeux gegebene Verſprechen ein. „Vater,“ ſagte er, „es iſt ſchon ſpät, und um acht Uhr ſoll ich in der Werkſtätte ſeyn.“ „Du haſt Recht, mein Sohn. Nun, aufgeſchoben iſt nicht aufgehoben. Alſo, wenn ich wieder von Chartres zurückkomme! Küſſe mich noch einmal und dann lauf!“ Seitdem Dagobert zu Gabriel von Zwang und Unter⸗ drückung geſprochen hatte, war letzterer in Gedanken verloren. Als Agricola ihm die Hand reichte, ſagte er ihm in feierlich ernſtem Ton: „Lieber Bruder, noch ein Wort. Ich war mit deswegen hierher gekommen, um Dir zuſagen, das ich in eini⸗ gen Tagen Deiner bedürfen würde — und auch Ihrer, Vater. Erlauben Sie mir, daß ich Ihnen dieſen Namen gebe.“ „In welchem Ton ſagſt Du uns das?“ rief Agricola. „Ja“, ſagte Gabriel, „ich werde Rath und Hülfe nöthig haben — von zwei ehrlichen, entſchloſſenen Männern. Ich kahn doch wohl auf euch beide rechnen? — — Zu jeder Stunde, an jedem Tag werdet ihr auf ein Wort von mir kommen?“ . Dagobert und ſein Sohn ſahen ſich erſtaunt einander an. Dem letzteren ward es ſchwül bei dem Gedanken, daß er im Gefängniß ſitzen könnte, wenn Gabriel ſeiner bedürfte. Da⸗ gobert hingegen erwiederte getroſt: „Zu jeder Stunde des Tages und der Nacht kannſt Du auf uns zählen. Du haſt einen Vater und einen Bruder. Nimm ſie in Anſpruch.“ „Ich danke,“erwiederte Gabriel. „Ihr macht mich glücklich.“ „Weißt Du was?“ ſagte der alte Krieger. „Wenn Du nicht dieſen langen Rock trügſt, ſo würde ich glauben, es handele ſich um einen Zweikampf — auf Leben und Tod, — nach der Art, wie Du mit uns ſprichſt.“ „Um einen Zweikampf!“ wiederholte der Miſſionär be⸗ bend. „Ja, es handelt ſich vielleicht um einen ſeltſamen, furchtbaren Zweikampf, zu welchem ich zwei Zeugen brauche wie Ihr: einen Vater und einen Bruder.“ Agricola ſagte nochmals Lebewohl und eilte in ſteigender Unruhe zum Fräulein von Cardoville. gewinden und pausbackigen Amoretten zeigte. — 1 — Pierter Theil. Siebzehntes Kapitel. Der Pavillon. Das Htel St. Dizier war eine der geräumigſten und ſchönſten Behauſungen in der Babylonſtraße zu Paris. Das altfränkiſche Gebände hatte etwas Strenges, Finſteres, Ehr⸗ furchtgebietendes in ſeinem Aeußeren. Hohe Fenſter mit kleinen Scheiben und ſilbergrauen Rahmen ließen die von der Zeit geſchwärzten Steinmaſſen noch düſterer erſcheinen. Das Hötel glich allen um die Mitte des vorigen Jahrhun⸗ derts gebauten. Es beſtand aus einem großen Wohnhaus mit einer breiten Freitreppe, die ins Erdgeſchoß führte, mit einem dreieckigen Giebel und mit einem gebrochenen Dach über dem erſten und einzigen Stockwerk. Die eine Hauptſeite ging in einen großen Hof, mit Bogengängen zu beiden Sei⸗ ten, welche zu den Wohnungen der Dienerſchaft, den Küchen u. ſ. w. führte. Die andere Hauptſeite hatte die Ausſicht auf einen Garten von zwölf bis fünfzehn Morgen, und an ſie ſchloſſen ſich im rechten Winkel zwei Flügel an, welche zwei Seitengalerien bildeten. Wie in allen großen Behaufungen dieſes Quartiers, ſo ſah man auch in dieſer am Ende des Gartens das ſogenannte kleine Hötel oder kleine Haus. Es war eine in dem lieblichen ſchlechten Geſchmack der Pompadourzeit gebaute Rotunde, die üherall, wo ein behauener Stein ſich hatte anbringen laſſen, ein Uebermaß von Wegwartblättern, Bandſchleifen, Blumen⸗ Adriana von Cardoville bewohnte Pavillon beſtand aus einem Erdgeſchoß, in welches man auf einigen Stufen durch eine Dieſer, von — 142 Säulenhalle gelangte. Ein kleiner Vorſaal führte zu einem runden Saal, der ſein Licht von oben empfing. Mit dieſem ſtanden durch Thüren vier andere Gemächer in Verbindung. Verborgene Treppen führten zu einigen Zimmern in dem verſteckten Halbſtockwerk. Solche Nebengebäude großer Be⸗ hauſungen ſtehen in unſern Tagen unbenutzt da, oder werden zu Treibhäuſern verwandt. Eine Ausnahme war es, daß der Pavillon des Hötels St. Dizier ausgebeſſert und abgekratzt *) worden war. Seine weißen Steine ſchimmerten wie pariſcher Marmor, und ſein zierliches, verjüngtes Ausſehen ſtach ſcharf ab gegen das düſtere Gebände, welches man am Ende eines langen, hie und da mit Gruppen hoher Bäume beſetzten Raſenplatzes erblickte. Im Hötel St. Dizier fand folgender Auftritt ſtatt am Morgen nach der Ankunft Dagobert's und der Töchter des Generals Simon in der Briſe⸗Miche⸗Gaſſe. Auf der benachbarten Kirche hatte es acht Uhr geſchlagen. Eine helle Winterſonne war an dem wolkenloſen Himmel hinter den großen kahlen Bäumen aufgegangen, welche im Sommer ein grünes Laubgewölbe vor dem kleinen Pompa⸗ dourpavillon bildeten. Die Thür des Vorſaals ging auf, und die Strahlen der Sonne beleuchteten ein liebliches Geſchöpf, oder vielmehr zwei ſolche Geſchöpfe. Denn das eine, obwohl eine beſcheidene Stelle auf der Stufenleiter der Weſen ein⸗ nehmend, beſaß in ſeiner Art eine ausgezeichnete Schönheit. Mit andern Worten: ein Mädchen und ein allerliebſtes eng⸗ liſches Hündchen von der Gattung King's Charl's) erſchienen unter der Vorhalle der Rotunde. Das Mädchen hieß Geor⸗ gette, das Hündchen Lutine. Georgette war achtzehn Jahr alt. Nie hatte eine Florine oder Marton, nie hatte eine Soubrette von Marivaux ein ſchalkhafteres Geſicht, ein leb⸗ hafteres Auge, ein ſchelmiſcheres Lächeln, weißere Zähne, ro⸗ ſigere Wangen, einen zierlicheren Wuchs, einen niedlicheren Fuß, eine reizendere Haltung. Obwohl es Foch ſehr frühe war, ſo erblickte man doch Georgette ſorgfältig geputzt. Ein Spitzenhäubchen von halb ländlicher Fyrm mit glattem Bart, ) In Patis werden die Häuſer abgekratzt, ſtatt friſch angeſtrichen, da ſie aus glatten Steinen ohne Verputz beſtehen. Anm eberſ * — — 143 — beſetzt mit roſenrothen Bändern und etwas rückwärts ſitzend auf Flechten herrlicher blonder Haare, faßte das friſche, an⸗ ziehende Geſicht ein. Ein Kleid von grauer Levantine und befeſtigtes Halstuch verhüllte und zeigte die runden Formen ihres Oberleibs. Eine ſchneeweiße Schürze von holländiſcher Leinwand, mit drei Säumen unten und Spitzeneinſätzen zwi⸗ ſchen denſelben, umgab ihre runde ſchlanke Hüfte. Kurze glatte Aermel, mit einer Spitzenkrauſe eingefaßt, ließen ihre vollen, feſten, weißen Arme ſehen, welche bis an den Ellen⸗ bogen reichende Handſchuhe von ſchwediſchem Leder wider die Kälte ſchützten. Als Georgette ihren Rock etwas aufhob, um ſchneller die Stufen der Vorhalle herabzuſteigen, zeigte ſich den gleichgültigen Blicken Lutinens der Anfang ſtarker Wa⸗ den, ein feines Unterbein unter einem ſeidenen Strumpf und ein niedliches Füßchen in ſchwarzen Stiefelchen von Satin turc. Dieſe muntere, zierliche Dienerin, welche am Abend zuvor Agrievla in den Pavillon eingeführt hatte, war die erſte Kam⸗ merjungfer von Fräulein Adriana von Cardoville, der Nichte der Fürſtin von St. Dizier. Lutine, durch den Schmied glücklicher Weiſe wiedergefunden, kläffte luſtig und ſprang und rannte auf dem Raſen. Sie war etwas größer als eine Fauſt. Ihr wellenförmiges, ſchwarzes Haar glänzte wie polirtes Ebenholz unter dem brei⸗ ten, rothen Atlasband an ihrem Hals. Ihre mit langen Haa⸗ ren beſetzten Beine waren feuergelb, desgleichen ihre über⸗ aus ſtumpfe Schnauze. Ihre lockigen Ohren hingen bis zur Erde herab. Aus ihren großen Augen leuchtete Verſtand. Georgette ſah eben ſo lebhaft und muthwillig aus wie Lu⸗ tine, mit welcher ſie ſich herumtummelte, bald ihr auf der Wieſe nachlief, bald ſich von ihr verfolgen ließ. Plötzlich blieben beide ſtehen beim Anblick einer zweiten Perſon, welche ernſthaft des Weges daher kam. Die kleine King's Charls', welche etliche Schritte voraus war, ſtellte ſich, ihrem Namen getreu, mit großer Keckheit hin, erwartete ſtolz den Feind, und zeigte zwei Reihen eben ſo ſpitzer, als weißer Zähuchen. einem Wickelſchwanz, glattem Haar und ſperrbeinigem, gravi⸗ Der Feind beſtand in einem Weib von reiferem Alter und einem fetten Mops von Milchkaffeefarbe, mit ſchiefem Hals, ein auf der Bruſt mit einer dicken Schleife von Roſaſatin 2 —— — 4 tätiſchen Gang. Seine ſchwarze, mürriſche Schnauze, aus deren linken Seite zwei Zähne gefletſcht herausſtanden, gab ihm ein gar tückiſches Ausſehen. Dies widerwärtige Thier, welches das Muſter zu der Gattung Betſchweſterhund abgeben könnte, hörte auf den Namen Monſieur. Die Herrin des Monſieur, ein Weib von etwa fünfzig Jahren, mittelgroß und feiſt, hatte eine eben ſo düſtere, ernſte Tracht, als die Georgettens ſchmuck und hell war. Dieſelbe beſtand aus einem braunen Kleid, einem ſchwarzſeidenen Mäntelchen und einem ſchwarzen Hut. Die Züge dieſes Weibes mußten in der Jugend angenehm geweſen ſeyn. Ihre blühenden Wan⸗ gen, ihre ſcharfgezeichneten Brauen und ihre noch ſehr leb⸗ haften, ſchwarzen Augen wollten nicht recht zu der ſtrengen Miene paſſen, die ſie ſich zu geben ſuchte. Dieſe bedachtſam einherſchreitende Matrone war Frau Auguſtine Grivois, erſte Kammerfrau der Fürſtin von St. Dizier. Nicht genug, daß das Alter, die Geſichtszüge und die Tracht dieſer beiden Perſonen einen auffallenden Gegenſatz bildeten, — dieſer Gegenſatz erſtreckte ſich auch auf die beiden Hunde, von denen ſie begleitet waren. Als Frau Grivvis die kleine Lutine bemerkte, konnte ſie einen Ausdruck der Ueberraſchung und des Aergers nicht zurückhalten, welcher dem Mädchen nicht entging. Lutine, welche ſeit dem Erſcheinen Monſieurs keinen Zollbreit gewichen war, ſah dieſen herausfordernd an und rückte ihm jetzt mit ſo feindſeliger Miene zu Leibe, daß der dreifach größere Mops einen Angſtſchrei ausſtieß und hin⸗ ter Frau Grivois Schutz ſuchte. Mit Bitterkeit ſagte dieſe zu Georgette: „Ich denke, Mamſell, Sie könnten es unter⸗ laſſen, Ihren Hund auf den meinigen zu hetzen.“ „Vermuthlich, um Ihr ſchlechtes Vieh vor dergleichen zu ſchützen, haben Sie geſtern Abend Lutine zum Gartenthürchen hinausgejagt,“ erwiederte Georgette. „Glücklicher Weiſe hat ein braver Burſche das Thierchen gefunden und zurückge⸗ bracht. — Aber, was verſchafft mir das Glück, Madame, Sie ſo früh zu ſehen?“ Mit triumphirendem Lächeln erwiederte Fran Grivvis: „Ich bin von der Fürſtin beauftragt, zu Fräulein Adriana zu ge⸗ hen. Es handelt ſich um eine wichtige Sache, die ich ihr ſelber ſagen ſoll.“ — Georgette wurde feuerroth, und konnte einen Ausdruck der Beſorgniß nicht bergen, welcher zum Glück von Frau Grivois nicht bemerkt ward, da ſie beſchäftigt war, über das Heil des von Lutine bedrohten Monſieur zu wachen. Das Mädchen überwand ſeinen Schrecken und entgegnete mit Zuverſicht: „Das Fräulein iſt ſehr ſpät zu Bett gegangen und hat mir verboten, vor Mittag zu ihr zu gehen.“ „Das mag ſeyn. Aber da ein Befehl ihrer Tante, der Fürſtin, vorliegt, ſo werden Sie, Mamſell, die Gefälligkeit haben, Ihr Fräulein auf der Stelle zu wecken.“ „Mein Fräulein hat von Niemand Befehle zu empfangen. Sie iſt hier in ihrem Hauſe, und ich werde ſie nach ihrem Befehl nicht vor Mittag wecken.“ „Nun, dann geh' ich ſelber hin,“ ſagte Frau Grivois. „Florine und Hebe werden Ihnen nicht aufmachen. Hier iſt der Schlüſſel zum Saal, und nur durch den Saal kann man zum Fräulein kommen.“ „Was? Sie unterſtehen ſich, mich an Vollziehung der Be⸗ fehle der Fürſtin zu hindern?“ „Ja, ich unterſtehe mich, das große Verbrechen zu begehen, mein Fräulein nicht wecken zu wollen.“ „Da haben wir die Folgen der verblendeten Gutherzigkeit der Fürſtin gegen ihre Nichte!“ ſprach die Matrone zerknirſcht. „Fräulein Adriana achtet nicht mehr die Befehle ihrer Tante und umgibt ſich mit flatterhaften Mädchen, die ſchon in aller Frühe aufgeputzt ſind wie Reliquienkäſtchen.“ „O, Madame! wie mögen Sie über den Putz läſtern! Sie, die Ihrer Zeit die gefallſüchtigſte, flatterhafteſte unter den 8 Kammerfrauen der Fürſtin geweſen ſind. Das wird von Geſchlecht zu Geſchlecht bis auf den heutigen Tag hier im Hauſe erzählt.“ „Von Geſchlecht zu Geſchlecht?“ wiederholte die Kammer⸗ frau. „Klingt das nicht, als ob ich hundert Jahr alt wäre? Unverſchämtheit!“ „Ich ſpreche von Generationen von Kammerjungfern. Denn mit Ausnahme von Ihnen kann Eine höchſtens zwei bis drei Jahre bei der Fürſtin bleiben. Sie hat zu viele Qualitäten für die ärmen Mädchen.“ „Mamſell, ich verbiete Ihnen, ſich ſo über meine Gebie⸗ 1. 1 terin zu äußern, deren Namen man nur auf den Knien aus⸗ ſprechen ſollte.“ „Jedoch, wenn man ein böſes Maul haben wollte — —“ „Sie unterſtehen ſich — —?“ „Nicht ſpäter als geſtern Abend halb Zwölf — —“ „Geſtern Abend?“ „Hat ein Miethwagen einige Schritt von dem großen Hötel angehalten, und eine geheimnißvolle Perſon, in einen Mantel gewickelt, iſt ausgeſtiegen, hat behutſam, nicht an der Thür, ſondern am Fenſter des Hausmeiſters geklopft — und um ein Uhr Morgens hielt der Miethwagen noch in der Straße und wartete auf die geheimnißvolle Perſon im Man⸗ tel, welche zweifelsohne während dieſer ganzen Zeit den Na⸗ men der Frau Fürſtin auf den Knien ausſprach.“ Sey es, daß Frau Grivvis nichts von dem Beſuch wußte, den Rodin, ſobald er die Ankunft von Simon's Töchtern in Paris erfahren, der Fürſtin abgeſtattet hatte, oder ſey es, daß ſie ſich das Anſehen geben ſollte, als wüßte ſie nichts da⸗ von, — genug, ſie zuckte verächtlich die Achſeln und ſprach: „Ich weiß nicht, was Sie wollen, Mamſell. Ich bin nicht hierhergekommen, Ihre impertinenten Poſſen anzuhören. Noch⸗ mals — wollen Sie mich bei Fräulein von Cardoville einführen?“ „Ich wiederhole Ihnen, Madame: mein Fräulein ſchläft und hat mir verboten, vor Mittag ihr Zimmer zu betreten.“ Plötzlich ſtreckte Frau Grivois die Hand nach einer Baum⸗ gruppe aus, welche kreuzweis gepflanzt, vor der Halle den Schluß einer langen Allee bildete. „Iſt's möglich?“ rief ſie. „Was hab' ich da geſehen?“ „Nun, was haben Sie denn geſehen?“ fragte Georgette ſich umwendend. „Wen — — ich geſehen habe — —2“ ſtammelte Frau Grivvis. „Ja, wen?“ „Fräulein Adriana!“ „Und wo?“ „Ich habe ſie raſch die Stufen der Halle hinaufſteigen ſe⸗ hen. An ihrem Gang, ihrem Hut, ihrem Mantel, häb' ich ſie erkannt. Um acht Uhr Morgens nach Haus zu kommen Es iſt unerhört!“ 7 66 — 14 — „Das Fräulein? — — Das Fräulein haben Sie eben ge⸗ ſehen Ha ha! ha! Ah! jeßt verſteh' ich. Sie wollen meine wahre Geſchichte vom Miethkütſchlein geſtern Abend überbie⸗ ten. Das iſt pfiffig.“ „Ich wiederhole Ihnen, dieſen Augenblick hab' ich geſe⸗ — 3 „Wenn das Ernſt ſeyn ſoll, dann ſind Sie verrückt.“ . „Ich bin verrückt, weil ich gute Augen habe. Das Thür⸗ chen nach der Straße führt in die Kreuzgruppe vor dem Pa⸗ men ſeyn. Ei Du grundgütiger Gott! Es iſt um in die Erde zu ſinken! Was wird die Fürſtin ſagen? Ihre Ahnun⸗ . gen haben ſie nicht getäuſcht. Da ſieht man, wohin ihre Nachſicht gegen die Launen ihrer Nichte ſie geführt haben! Das iſt entſetzlich! — ſo entſetzlich, daß ich es noch nicht glauben kann, obwohl ich es mit meinen eigenen Augen ge⸗ ſehen habe!“ „Nun, wenn dem ſo iſt, ſo dringe ich jetzt darauf, Sie zu dem Fräulein zu führen, um Sie zu überzeugen, daß Sie ein Traumgeſicht gehabt haben.“ „O, Sie ſind ſchlau, mein Herzchen, aber nicht ſchlauer als ich. Jetzt fordern Sie mich auf, hineinzugehen. Ganz natür⸗ lich! Sie wiſſen, daß ich ſie jetzt zu Hauſe treffe.“ „Madame, ich verſichere Sie —“ „Ich verſichere Sie, daß Sie und Florine und Hebe keine vierundzwanzig Stunden mehr im Haus bleiben. Die Für⸗ ſtin wird einem ſo ſcandalöſen Unfug ein Ende machen. Den hier vorgeht. Bei Nacht ausgehen! Ei Du grundgütiger Gott! Um acht Uhr Morgens wiederkommen! — Nein! ich bin ganz auseinander! Nein! wenn ich's nicht geſehen, wenn ich's nicht mit meinen eigenen Augen geſehen hätte — könnte ich es nicht glauben! — Aber konnte es anders kommen? Darf man ſich darüber wundern? Nein, wahrhaftig nicht! zu verwundern. Ach! welcher Schmerz für dieſe verehrungs⸗ würdige Fürſtin! Welch' entſetzlicher Schlag für ſie“ Alſo ſprechend wandte Frau Grivvis ſich um nach dem gro⸗ ßen Hötel, begleitet vvn Monſieur, der eben ſo erzürnt zu 10* . — villon; durch dies Thürchen muß das Fräulein hereingekom⸗ Augenblick geh' ich zu ihr und unterrichte ſie von dem, was und alle, denen ich es erzähle, werden ſagen: Das iſt nicht — 118 — ſeyn ſchien, wie ſeine Herrſchaft. Georgette ihrerſeits hüpfte . 6 nach dem Pavillon, um Fräulein Adriana von Cardoville zu 5 benachrichtigen, daß Frau Grivois ſie zum Gartenthürchen habe hereinſchlüpfen ſehen, — oder ſie zu ſehen geglaubt habe. 8 Achtzehntes Kapitel. * 6 Die Toilette Adrianals⸗ Etwa eine Stunde war vergangen, ſeitdem Frau Gri⸗ vvis Fräulein Adriana von Cardoville in den Pavillon des Hötels St. Dizier hatte zurückkehren ſehen, oder zurückkeh⸗ ren zu ſehen geglaubt hatte. um die Ungewöhnlichkeit der folgenden Erſcheinungen be⸗ greiflich zu machen (nicht um ſie zu entſchuldigen), müſſen einige hervorſtechende Seiten des Charakters des Fräuleins von Cardoville geſchildert werden. Die Originalität dieſes Charakters beſtand in einem vollkommen unabhängigen Sinn, verbunden mit einem natürlichen Abſcheu vor dem Häßlichen und Widerwärtigen und einem unabweislichen Bedürfniß, ſich mit Allem zu umgeben, was ſchön und anziehend war⸗ Kein Maler, der eine reiche Farbengebung, kein Bildhauer, der vollkommene Formen liebt, konnte inniger, als Adriana, die Begeiſterung empfinden, welche der Anblick vollendeter Schönheit in beſſeren Naturen erweckt. Und nicht bloß die Luſt ihrer Augen mochte das Mädchen gern befriedigen, auch die Modulationen des Geſangs, die Melodie der Inſtrumente und der Wohlklang der Verſe bereiteten ihr Augenblicke des Entzückens. Dagegen eine gellende Stimme, ein mißtönen⸗ der Lärm machten auf ſie denſelben widrigen, faſt ſchmerz⸗ lichen Eindruck, wie der Anblick eines häßlichen Gegenſtandes⸗ Eben ſo leidenſchaftlich wie Muſik und plaſtiſche Schönheit, liebte ſie Wohlgerüche und duftende Blumen. Und ſollen wir den Gräuel geſtehen? Adriana war lecker u vußte beſſer, als irgend jemand, das friſche Fleiſch eine Frucht, den feinen Wohlgeſchmack eines gutgekochte — — S — 149 — faſans und das Bouquet eines edlen Weines zu ſchätzen. Aber ſie genoß das Alles mit großer Mäßigkeit. Sie ſetzte ihre Religivn in die Pflege und Verfeinerung der gottgege⸗ benen Sinne. Sie würde es als ſchwarzen Undank gegen die Vorſehung betrachtet haben, dieſe Geſchenke derſelben durch Uebermaß abzuſtumpfen oder durch unpaſſende Wahl herab⸗ zuwürdigen. Vor letzterer blieb ſie durch ihren überaus fei⸗ nen Geſchmack bewahrt. Das Schöne und das Häßliche vertraten bei ihr die Stelle des Guten und des Böſen. Ihre Vergötterung des Anmuthigen, Zierlichen, der phyſiſchen Schönheit hatte ſie zur Verehrung des ſittlich Schönen geführt. Denn, wenn der Ausdruck einer böſen Leidenſchaft die ſchönſten Geſichter entſtellt, ſo werden die häßlichſten durch den Ausdruck edler Gefühle verſchönert. Mit einem Wort: Adriana war die vollkommene ideale Perſonification der Sinnlichkeit, nicht der gemeinen, dummen, ungezogenen, rohen, ausgearteten, durch die Gewohnheit oder Nothwendigkeit grober Genüſſe verdorbenen Sinnlichkeit, ſondern jener verfeinerten, welche . bei den Sinnen das iſt, was der Atticismus bei dem Geiſt. Groß war die Unabhängigkeit ihres Charakters. Gewiſſe Zurückſetzungen, welche dem Weib ſeine Stellung in der Ge⸗ ſellſchaft auflegt, empörten ſie, und ſie war entſchloſſen, ſich denſelben zu entziehen. Uebrigens hatte ſie nichts manns⸗ mäßiges. Sie war das weiblichſte Weib, welches man ſich denken kann, — weiblich in ihrer Anmuth, in ihren Launen, in ihrer blendenden Schönheit, — weiblich in ihrer Schüch⸗ ternheit wie in ihrer Verwegenheit, — weiblich in ihrem Haß gegen die gewaltthätige Herrſchaft des Mannes, wie in dem Bedürfniß, ſich blind für den aufzuopfern, welcher eine ſolche Aufopferung verdiente, — weiblich in ihrem ſcharfen, etwas paradoxen Witz, — weiblich in ihrem verachtenden Spott über gewiſſe hochſtehende oder ſehr geſchmeichelte Männer, welche ſie in dem Salon ihrer Tante getroffen, als ſie mit dieſer zuſammenwohnte. Nach dieſen Vorbemerkungen führen wir den Leſer bei Adricns vyn Cardoville ein, in dem Augenblick wo ſie aus —————— im ſechzehnte 5 geſtiegen war. Dieſer reizende Auftritt ſchien eher n Jahrhundert in einem Falaſt zu Florenz ode⸗ — Bologna, als zu Paris in der Vorſtadt St. Germain im Schule beſitzen. Toilettengeräthe von Perlmutter, Schildkröte und Elfenbein ——— — 150 — Februar 1832 vorzugehen. Um ihn gehörig zu ſchildern, müßte man die lebhafte Farbengebung der venetianiſchen Das Toilettenzimmer Adriana's war eine Art kleiner Tem⸗ pel, der zum Dienſt der Schönheit errichtet zu ſeyn ſchien, aus Dankbarkeit gegen Gott, der dem Weib ſo viel Reize ₰ verliehen hat, nicht, auf daß es dieſelben vernachläſſige oder mit Aſche bedecke, oder durch ein ſchmutziges, härenes Ge⸗ wand verderbe, ſondern auf daß es dieſelben mit dem Zau⸗ ber der Anmuth, mit dem Glanz des Putzes umgebe und das Gotteswert vor Aller Angen verherrliche. In dies halbkreis⸗ förmige Gemach fiel das Licht von Süden durch ein Dop⸗ pelfenſter, wie man ſie verſtändiger Weiſe den Deutſchen nachgeahmt hat. Die dicke Umfangsmauer des aus gehaue⸗ nen Steinen erbauten Pavillon machte, daß die Fenſteröff⸗ nung ſehr tief war. Außen war dieſelbe durch einen Rah⸗ men mit einer einzigen großen Scheibe geſchloſſen, und in⸗ wendig durch ein mattes Spiegelglas. Zwiſchen dieſen bei⸗ * den Gläſern war ein Raum von etwa drei Schuh Tiefe. In dieſem ſtand ein Kaſten mit Haideerde, aus welchem Schlingpflanzen ſich an dem Spiegelglas emporrankten, und um daſſelbe ein dickes Gewinde von Blättern und Blumen bildeten. Die Wände bedeckten Vorhänge von granatrothem Damaſt mit etwas helleren Arabesken, und über den Fußbo⸗ den war ein gleichfarbiger dicker Teppich gebreitet. Auf die⸗ ſem dunklen Grund hoben ſich alle Farben der Bekleidung trefflich hervor. ünter dem Fenſter befand ſich der Putztiſch Adriana's, ein Meiſterſtück der Goldarbeiterkunſt. Auf einer breiten Tafel von Laſurſtein ſtanden Büchſen von vergoldetem Silber mit koſtbar emaillirten Deckeln, Flacons von Bergkryſtall, andere mit geſchmackvollen Goldverzierungen. Ein ovaler, in Zapfen ſich drehender, Spiegel war, ſtatt mit einem eiſelirten Gold⸗ rahmen, mit natürlichen, jeden Tag erneuerten Blumen um⸗ geben und ward von zwei großen, ſilbernen Figuren, von antiker Reinheit, getragen. Zu beiden Seiten des Putztiſches ſtanden auf dem Teppich zwei große, japaniſche Vaſen, blau, — — Gold und Purpur, von drei Fuß Durchmeſſer voll Camel⸗ lien, Ibiscus und Gardenien in voller Blüthe, welche zwei dichte, mit den lebhafteſten Farben geſchmückte Gebüſche bil⸗ deten. An der Wand, dem Fenſter gegenüber, erblickte man, von einer andern Blumenmaſſe umgeben, in weißem Mar⸗ mor, eine verkleinerte Nachbildung der herrlichen Gruppe Daphnis und Chloe, dem reinſten Ideal der züchtigen An⸗ muth und der Jugendſchönheit. Dieſe Figuren ſtanden auf einem Sockel von Malachit, und auf diefem Sockel brannten zwei goldne, duftende Lampen. Der Toilettenkaſten war von Silber, geſchmückt mit farbigen Edelſteinen und vergoldeten, kleinen Figuren, auf vier Füßen von vergoldetem Kupfer ruhend. Zwei Pſycheſpiegel mit Girandolen geſchmückt, einige treffliche Copien von Rafael und Tizian, von Adriana's Hand, ausgezeichnete männliche und weibliche Schönheiten vorſtellend, mehre Pfeilertiſche von morgenländiſchem Jaspis, mit goldnen und ſilbernen Gefäßen voll wohlriechenden Waſ⸗ ſers, ein weicher Divan, etliche Stühle, und ein Tiſch von vergoldetem Holz waren die übrigen Stücke der Ausſtattung dieſes mit den lieblichſten Düften erfüllten Gemaches. — Adriana, welche eben aus dem Bad gehoben worden war, ſaß vor ihrem Putztiſch. Um ſie waren ihre drei Dienerin⸗ nen beſchäftigt. In einer Laune oder vielmehr in einer natürlichen Folge ihres Sinnes für Schönheit und Harmonie hatte Adriana gewollt, daß ihre Dienerinnen ſehr hübſche Mädchen und ſehr gefällig und originell gekleidet ſeyn ſollten. Die eine der⸗ ſelben, die blonde Georgette, kennen wir bereits. Ihre bei⸗ den Gefährtinnen ſtanden ihr an Anmuth nicht nach. Flo⸗ rine, eine ſchlanke Dianengeſtalt, war blaß und braun. Ihr dickes ſchwarzes Haar lag in Flechten an ihrem Hinterkopf, durch eine große goldne Nadel feſtgehalten. Gleich den bei⸗ den andern hatte ſie die Arme entblößt, um behender in ihrem Dienſt zu ſeyn Sie trug ein Kleid von dem bei den vene⸗ tianiſchen Malern ſo beliebten heiteren Grün. Der Rock deſſelben war ſehr weit und der Leib eng mit viereckigem Ausſchnitt, über welchem die feinen Falten eines durch fünf goldne Knöpfe geſchloſſenen Vorhemdes Bruſt und Nacken be⸗ deckten. Das dritte Kammermädchen batte ein ſo friſches — 5 — 152 — offenes Geſicht, einen ſo niedlichen, tadelloſen Wuchs, daß ihre Gebieterin ſie Hebe nannte. Ihr Kleid von blaßroſa Farbe hatte einen griechiſchen Schnitt und ließ Hals und Arme vollſtändig entblößt. Die Mienen aller dieſer Mäd⸗ chen waren fröhlich. Auf ihren Zügen ſah man nicht den Ausdruck mürriſcher Bitterkeit, widerwilligen Gehorſams, ab⸗ ſtoßender Vertraulichkeit oder niedriger Kriecherei, welche die gewöhnlichen Folgen der Dienſtbarkeit ſind. In dem Eifer, mit welchem ſie Adriana bedienten, ſchien eben ſo viel Zunei⸗ gung als Achtung zu liegen. Es ſchien ihnen das größte Vergnügen zu gewähren, ihre Gebieterin reizend zu machen. Man mußte glauben, ſie zu ſchmücken, ſey für dieſe Diene⸗ rinnen eine angenehme Kunſtarbeit, die ſie mit Luſt und Liebe und Stolz verrichteten. „ Die Sonne beleuchtete hell den dem Fenſter gegenüberſte⸗ henden Putztiſch. Adriana ſaß auf einem Stuhl mit niedriger Lehne. Sie trug ein langes Morgenkleid von blaßblauem, blätterförmig broſchirtem Seidenſtoff, welches mit einer flie⸗ genden Knotenſchnur um ihre Taille, fein wie die eines zwölf⸗ jährigen Kindes, befeſtigt war. Ihr Hals, zierlich wie der eines Vogels, war entblößt, ebenſo ihre unvergleichlich ſchö⸗ nen Arme und Schultern. Nur mit dem reinſten Elfenbein ließ ſich die blendende Weiße ihrer ſevengete Haut ver⸗ gleichen, über deren feſtes Gewebe einige in den Häaren hän⸗ gen gebliebene Waſſertropfen, gleich Kryſtallperlen äuf wei⸗ ßem Marmor, herabrollten. Der Reiz dieſer wunderbaren, den Rothen eigenthümlichen Hautfarbe, ward verdoppelt durch das dunkle Purpurroth ihrer feuchten Lippen, d ch das durchtheinende Roſenroth ihrer kleinen Ohren, iheb Rafen⸗ ſcheb und ihrer glänzenden Nägel. Ueberall, wo ihr reints, lebensvolles, warmes Blut die Oberhaut färben konnte, kün⸗ digte es Geſundheit und Ingendfriſche anu. Ihre großen ſammtſchwarzen Augen ſtrahlten bald von Geiſt und Witz, bald öffneten ſie ſich ſchmachtend zwiſchen zwei Franſen lan⸗ ger, gebogener Wimpern von eben ſo tiefem Schwarz wie ihre feinen ſchön gewölbten Brauen. Dunrch ein liebliches Spiel der Natur hatte ſie bei einem rothen aupthaar ſchwarze Brauen und Wimpern. Ihre Stirn, klein wie die der grie⸗ — 153 — ihres Geſichts. Ihre feine Adlernaſe war leicht gekrümmt. Der Schmelz ihrer Zähne glänzte, und ihr rother Mund ſchien ſüße Küſſe, freudiges Lächeln und feine Leckerei zu begehren. Man konnte keine freiere, ſtolzere, zierlichere Haltung des Kopfs ſehen, als die ihrige, — Dank der großen Entfernung zwiſchen ihren Ohren und Schultern. Wie geſagt, Adriana hatte rothes Haar, aber ſolches wie mehre bewunderungswürdige Frauenbilder von Tizian und von Leonardo da Vinci. Das flüſſige Gold konnte nicht lich⸗ ter flimmern, als ihr natürlich gelocktes, ſeidenweiches Haar, welches bis auf die Erde reichte, wenn ſie aufrecht ſtand, ſo daß ſie ſich darin verhüllen konnte, wie Aphrodite. In die⸗ ſem Augenblick beſonders war dies Haar reizend anzuſehen. Georgette, mit bloßen Armen hinter ihrer Gebieterin ſtehend, hatte mit Mühe in einer ihrer kleinen weißen Hände dieſen glänzenden Hauptſchmuck zuſammengefaßt deſſen Lichtglanz die Sonne noch verdoppelte. Als das hübſche Kammermäd⸗ chen dem elfenbeinernen Kamm durch die goldnen Wellen die⸗ ſes Haarwuchſes zog, da war es, als ob tanſend Funken aus demſelben hervorſprühten. Und Licht und Sonne ſpiegelten ſich in den zahlloſen Löckchen, welche, die Stirn frei laſſend, längs den Wangen Adriana's, auf ihren ſchneeweißen Buſen herabfielen. Während Georgette ſtehend die Haare ihrer Gebieterin kämmte, hatte Hebe das eine Knie auf die Erde geſetzt und hielt auf dem andern den niedlichen Fuß Adriana's, den ſie mit einem kleinen Schuh vom ſchwarzem Satin bekleidete. Sie kreuzte die Bänder desſelben auf einem durchſichtigen ſeidenen Strumpf, welcher die roſige Weiße der Haut errathen ließ und den feinſten Knöchel zeigte, der ſich denken läßt. Hinter Hebe ſtand Florine und reichte Adriana einen duften⸗ den Teig, mit welchem dieſe leicht ihre Hände und ihre fei⸗ nen, an den Spitzen roſigen, Finger einrieb. Schließlich dürfen wir Lutine nicht vergeſſen, die, auf dem Schvoß ihrer Herrin liegend, ihre großen Rugen weit aufriß und die ver⸗ ſchiedenen Stufen des Ankleidens mit ernſthafter Aufmerkſam⸗ keit zu verfolgen ſchien. Der Silberklang eines Glöckchens ertönte von Außen⸗ Auf ein Zeichen Adriana's ging Florine hinaus und brachte — — — auf einem Teller von vergoldetem Silber einen Brief. Adriana nahm den Brief, und während die Dienerinnen in ihrem Ge⸗ ſchäft des Ankleidens fortfuhren, las ſie denſelben. Er lau⸗ tete folgendermaßen: „Fräulein! „Da ich Ihr gutes Herz und Ihren Edelmuth kenne, ſo erlaube ich mir, an Sie im Vertrauen zu ſchreiben. Zwanzig Jahre lang habe ich Ihrem Vater, dem Her⸗ zog von Cardoville, ehrlich und eifrig gedient. Das Schloß iſt verkauft, und ich und meine Frau ſtehen auf dem Punkt, fortgeſchickt zu werden, ohne daß wir irgend etwas hätten, wovon wir leben könnten. Das iſt hart in unſerem Alter!“ „Arme Leute!“ ſagte Adriana, ihr Leſen unterbrechend. „Mein Vater hat mir wirklich ſtets ihre Ehrlichkeit und Er⸗ gebenheit gerühmt.“ Sie las weiter: „Es bliebe uns allerdings ein Mittel, unſere Stelle zu behalten. Aber dies Mittel beſtünde darin, daß wir eine Niederträchtigkeit begingen. Und mag kommen, was da wolle, weder ich, noch meine Frau wollen ein Brod eſſen, welches um dieſen Preis erkauft wäre.“ „Schön! ſchön!“ unterbrach ſich Adriana. „Immer die⸗ ſelben. Würdiger Sinn bei Armuth. Das iſt wie der Duft von Feldblumen.“ „Um Ihnen die Niederträchtigkeit begreiflich zu machen, welche man uns zumuthet, muß ich Ihnen vorerſt ſa⸗ gen, daß vor zwei Tagen Herr Rodin von Paris ge⸗ kommen iſt. ..“ „Ah! Herr Rodin? Der Seeretär des Abbé von Aigrigny? Da wundr' ich mich nicht weiter, daß es ſich von einer Falſchheit oder von finſteren Ränken handeln ſoll. Wir wollen ſehen.“ Adriana las weiter: „Daß vor zwei Tagen Herr Rodin von Paris ge⸗ kommen iſt und uns angekündigt hat, das Gut ſey ver⸗ kauft, mit dem Bemerken, er könne uns das Verbleiben auf unſerer Stelle zuſichern, wofern wir ihm behülflich wären, der neuen Eigenthümerin einen verrufenen Prie⸗ ſter zum Beichtvater zu geben, und falls wir zu dem Ende einen anderen Pfarrer, welcher ein wackerer Mann . und als ſolcher in der Gegend geachtet und geliebt iſt, verleumden wollten. Das iſt noch nicht Alles. Ich ſollte wöchentlich zwei Mal heimlich an Herrn Rodin Alles ſchreiben, was im Schloß vorginge. Ich muß übrigens bemerken, daß dieſe ſchmählichen Zumuthungen ſo gut wie möglich bemäntelt waren und verhüllt unter ſcheinbaren Vorwänden. Allein trotz der Bemäntelung iſt und bleibt die Sache, ſo wie ich die Ehre gehabt habe, Ihnen zu ſagen.“ „Beſtechung, Verleumdung und Angeberei! Ich kann an dieſe Menſchen nicht denken, ohne daß in mir die Vorſtellun⸗ gen von Finſterniß, Gift und garſtigem, ſchwarzem Gewürm erwachten. Wie viel lieber denke ich an die ſanften, ruhigen Geſichter Dupont's und ſeiner Frau!“ Nach dieſer Betrach⸗ tung fuhr Adriana fort zu leſen: „Sie können ſich denken, Fräulein, daß wir keinen Augenblick geſchwankt haben. Wir werden Cardoville verlaſſen, wo wir ſeit zwanzig Jahren ſind; aber wir werden es als ehrliche Leute verlaſſen. Fräulein, wenn Sie bei einer der begüterten Perſonen, welche Sie ken⸗ nen, uns durch Empfehlung eine Stelle verſchaffen könn⸗ ten, ſo würden wir vielleicht, Dank Ihrer Güte, aus einer entſetzlichen Lage gerettet werden“ „Gewiß, die ehrlichen Leute ſollen ſich nicht vergebens an mich gewandt haben. Wackere Leute aus den Klauen des Herrn Rodin zu reißen, iſt eine Pflicht und ein Vergnügen. Es iſt recht und zugleich gefährlich, und ich trotze gern der Macht und der Unterdrückung.“ Adriana las weiter: „Nachdem wir Ihnen von uns geſprochen haben, er⸗ lauben Sie uns, Ihren Beiſtand für Andere in Anſpruch zu nehmen, denn es wäre unrecht, nur an ſich zu den⸗ ken. An unſerer Küſte ſind zwei Schiffe geſcheitert, und nur einige Reiſende konnten gerettet und hieher gebracht werden. Ich und meine Frau haben Alles für ſie ge⸗ than, was ihr Zuſtand erforderte. Die meiſten von ihnen ſind nach Paris abgereiſt. Einer iſt zurück geblie⸗ ben, weil ſeine Wunden ihn bis jetzt verhindert haben, das Schloß zu verlaſſen und ihn auch wohl noch einige Tage hier zurückhalten werden. Dies iſt ein junger in⸗ . — — diſcher Prinz von etwa zwanzig Jahren, der eben ſo gut zu ſeyn ſcheint, wie er ſchön iſt, vbwohl er eine gelbe Hautfarbe hat, wie alle Leute bei ihm zu Land.“ „Ein indiſcher Prinz von zwanzig Jahren! — jung, ſchön und gut!“ rief Adriangs. „Das iſt ja herrlich und gewiß nichts alltägliches. Dieſer ſchiffbrüchige Prinz beſitzt ſchon . meine ganze Zuneigung. Aber was vermag ich für dieſen Adonis von den Ufern des Ganges, der auf die Küſte der Picardie geworfen iſt?“ Bei dieſen Ausrufungen Adriana's ſahen die drei Diene⸗ rinnen ſie an, ohne ſehr erſtaunt zu ſeyn, denn ſie waren an ihre Sonderbarkeiten gewöhnt. Georgette und Hebe lächelten ein wenig. Florine, die große blaſſe Braune, lächelte eben⸗ falls, aber etwas ſpäter und wie nach vorgängiger Ueberle⸗ gung, und als ob ſie vor allen Dingen bedacht wäre, jedes Wort ihrer Gebieterin zu hören und im Sinn zu behalten. Adriana, höchſt geſpannt auf Weiteres über den Adonis vom Ganges fuhr fort zu leſen: „Ein Landsmann des indiſchen Prinzen, welcher bei ihm geblieben iſt, um ihn zu verpflegen, hat mir zu verſtehen gegeben, daß der Prinz beim Schiffbruch ſeine ganze Habe verloren hat und nicht weiß, wie er nach Paris kommen ſoll, wo ſeine Anweſenheit wegen einer wichtigen Sache nöthig iſt. Ich wiederhole: nicht von dem Prinzen weiß ich das (denn er ſcheint zu würdevoll und zu ſtolz, um zu klagen); ſondern ſein Landsmann, der mittheilender iſt, hat mir es geſagt und dabei be⸗ merkt, der junge Mann habe ſchon großes Unglück er⸗ lebt; ſein Vater, König eines Landes in Indien, ſey kürzlich von den Engländern entthront und getödtet worden.“ „Sonderbar!“ ſagte Adriana nachdenkend. „Dieſe Angaben erinnern mich, daß mein Vater mir oft von einer Verwandten geſprochen hat, welche einen König in Indien geheirathet und daß bei dieſem König der kürzlich zum Marſchall gemachte General Simön gedient habe. — Wie ſeltſam wäre das Nur mir, welche die Leute vriginell nennen, kann ſo etwa begegnen. Nicht ich, ſondern die Vorſehung zeigt ſich wei⸗ — 187 — len eycentriſch! — Laß ſehen, ob der arme Dupont mir den Namen dieſes ſchönen Prinzen ſchreibt.“ „Sie werden ohne Zweifel die Freiheit, welche wir „ uns genommen haben, entſchuldigen. Wir würden uns ſehr eigennützig vorgekommen ſeyn, wenn wir Ihnen bloß von unſerer Noth geſprochen hätten, während wir bei uns einen wackeren Königsſohn haben, der, wie es ſcheint, ebenfalls ſehr zu beklagen iſt. Ich bin alt und „ habe Menſchenkenntniß. Schon auf den bloßen Anblick ſeines edlen und ſanften Geſichts hin möchte ich ſchwö⸗ ren, daß er Ihrer Theilnohme würdig iſt. Es würde ℳ genügen, ihm eine kleine Summe Geldes zu ſchicken, da⸗ mit er ſich europäiſche Kleider kaufen kann, denn ſeine indiſchen Kleider hat er beim Schiffbruch verloren.“ „Himmel! europäiſche Kleider!“ rief Adriana lachend. „Ar⸗ mer junger Prinz! Der Himmel ſoll mich und dich davor bewahren. Der Zufoll ſchickt mir aus dem fernen Indien einen Sterblichen, welcher ſich des Glücks rühmen kann, nie die abſcheuliche europäiſche Tracht auf dem Leib gehabt zu haben, dieſe garſtigen Fräcke, dieſe ſcheußlichen Hüte, welche die Männer ſo lächerlich und häßlich machen, daß wahrlich keine Tugend dazu gehört, ſie nicht verführeriſch zu finden⸗ Endlich kommt mir ein ſchöner junger Prinz aus dem Mor⸗ genland, wo die Männer ſich in Seide, Muslin und Kaſchmir kleiden. Dieſe Gelegenheit werd' ich nicht verſäumen, mich eeernſtlich in Verſuchung führen zu laſſen .. Alſo keine euro⸗ päiſchen Kleider, was auch der arme Dupont ſagen mag! Aber der Name, der Name dieſes lieben Prinzen! Wie ſon⸗ derbar müßte es ſich gefügt haben, wenn dies der Vetter von jenſeits des Ganges wäre! Ich habe als Kind ſo viel Gu⸗ tes von ſeinem Vater gehört, daß es mir Freude machen würde, ihn wohl zu empfangen.“ Sie las weiter: — „Wenn Sie außerdem die Güte haben wollten, ihm und ſeinem Landsmann Mittel zur Reiſe nach Paris zu verſchaffen, ſo würden Sie dem in ſo großer Noth be⸗ 3 findlichen Prinzen einen großen Dienſt erweiſen. Ich kenne Ihr Zartgefühl hinlänglich, um zu vermuthen, daß Sie dem Prinzen dieſe Unterſtützung ſenden werden, ohne ſich zu erkennen zu geben. Für dieſen Fall rechnen — 158 — Sie auf mich und auf meine Verſchwiegenheit. Für den Fall indeß, daß Sie vorziehen ſollten, ihm die Unter⸗ ſtützung direet zu ſchicken, theile ich Ihnen ſeinen Na⸗ men mit, wie ſein Landsmann mir denſelben aufgeſchrieben hat: Prinz Dſchalma, Sohn Kadſcha Sing's, Königs von Mundi.“ „Dſchalma!“ rief Adriana nachſinnend: „Kadſcha Sing! — Richtig. Das ſind die Namen, welche mein Vater mir oft genannt hat, wenn er äußerte, es gebe keinen ritteriicheren Helden, als dieſen alten, indiſchen König, unſern Verwand⸗ ten. Der Sohn ſcheint nicht aus der Art geſchlagen zu ſeyn. Ja, Dſchalma, Kadſcha Sing, das ſind die Ramen. Sie ſind nicht ſo gewöhnlich, daß man ſie vergeſſen oder mit andern verwechſeln könnte. Alſo, Dſchalma iſt mein Vetter! Er iſt tapfer und gut, jung und einnehmend. Er hat nie den ab⸗ ſcheulichen Frack getragen, und iſt mittellos. Das iſt bezau⸗ bernd; das iſt zu viek Glück auf einmal. Geſchwind! wir müſſen ein Feenmährchen aus dem Stegreif dichten, deſſen Held dieſer ſchöne, liebe Prinz ſeyn ſoll. — Armer Vogel von Gold und Azur, der ſich in unſeren traurigen Himmels⸗ ſtrich verirrt hat! Möge er wenigſtens hier etwas finden, was ihn an ſein Land des Lichts und der Wohlgerüche erin⸗ — Georgette, nimm Papier und ſchreibe, was ich Dir age.“ . Das Mädchen ging an den Liſch von vergoldetem Holz, auf welchem ein Schreibkäſtchen ſtand, ſetzte ſich nieder und ſagte: „Fräulein, ich erwarte Ihre Befehle.“ Adriana die⸗ tirte mit⸗freudeſtrahlendem Geſicht folgenden Brief an einen guten, alten Maler, der ihr lange Uinterricht im Zeichnen und Malen gegeben hatte: „Mein lieber Tizian, mein guter Veroneſe, mein bra⸗ ver Rafael! Sie ſollen mir einen großen Dienſt leiſten, und ich bin überzengt, Sie werden es thun mit der Ge⸗ fälligkeit, die ich ſtets bei Ihnen gefunden habe. „Gehen Sie ſogleich zu dem kenntnißreichen Künſtler, welcher meine letzten Trachten des fünfzehnten Jahr⸗ hunderts gezeichnet hat. Verſtändigen Sie ſich mit ihm wegen Anfertigung moderner, indiſcher Kleidungen einen jungen Mann. Nach der Vorſtellung, die ich mi —2 2 von dieſem jungen Manne mache, können Sie das Maß über den Antinvus vder noch beſſer über den indiſchen Bacchus nehmen laſſen. Dieſe Kleidung ſoll ſehr genau den indiſchen Muſtern nachgebildet, ſehr reich und ſehr geſchmackvoll ſeyn. Wählen Sie die ſchönſten Stoffe, die zu haben ſind, und zwar ſolche, welche die größte Aehnlichkeit mit indiſchen Geweben haben. Fügen Sie für Gürtel und Turbane hinzu ſechs Kaſchmirſhawls: zwei weiße, zwei rothe, zwei vrangegelbe, — denn dieſe Farben paſſen am beſten zu einer braunen Haut. „Wenn Sie das gethan haben (wozu ich Ihnen höch⸗ ſtens drei Tage Zeit gebe), ſo fahren Sie mit Extra⸗ poſt in meiner Berline auf das Ihnen wohlbekannte Schloß Cardoville. Dort wird der ehrliche Dupont, Ihr alter Freund, Sie zu einem indiſchen Prinzen, Na⸗ mens Dſchalma, führen. Dieſem großmächtigen Herrn, aus einer andern Welt, ſagen Sie, Sie kämen aus Auf⸗ trag eines unbekannten Freundes, der ihm brüderlich dasjenige ſchicke, was er brauche, um den oabſcheulichen eurvpäiſchen Moden zu entgehen. Fügen Sie hinzu, daß dieſer Freund ihn mit Ungeduld erwartet, und ihn beſchwört, auf der Stelle nach Paris zu kommen. Wen⸗ det mein Schützling ein, er ſey noch ſchwach, ſo ſagen Sie ihm, mein Wagen ſey zum bequemen Liegen einge⸗ richtet. Laſſen Sie das Bett darin aufſchlagen, und er wird ſich ganz behaglich darin finden. Es verſteht ſich, Sie entſchuldigen demüthig den unbekannten Freund, daß 1 er dem Prinzen weder koſtbare Palankine, noch auch nur einen Elephanten ſchickt. Denn leider gibt es Palan⸗ kine nur in der Oper und Elephanten nur in der Me⸗ nagerie, — ein Umſtand, der uns in den Augen meines Schützlings als halbe Wilde erſcheinen laſſen wird. So⸗ 7 bald Sie ihn zur Reiſe beſtimmt haben, werden Sie ſich 1 ſchnell mit ihm auf den Rückweg machen, und ihn zu mir bringen in meinen Pavillon in der Babylonſtraße. Welches Spiel des Schickſals, daß ich in der Babhlon⸗ ſtraße wohne! Hier iſt doch wenigſtens ein Name, der einen guten Kl⸗ einen Orientalen, für einen Soyhn des Lands Diamanten und der Sonne — 160 — „Vornehmlich, lieber, alter Freund, werden Sie die Gefälligkeit haben, ſich nicht über dieſe neue Laune zu verwundern und ſich keinen ſeltſamen Vermuthungen in Betreff derſelben zu überlaſſen. Ernßtlich geſprochen, der Umſtand, daß ich Sie, den ich liebe und ehre, zu dieſem Geſchäft anserſehen, beweiſ't zur Genüge, daß hinter demſelben etwas mehr ſteckt, als eine Poſſe“ Beim Dictiren dieſer letztern Worte war der Ton Adria⸗ na's eben ſo ernſt und würdevoll, als er vorher ſcherzend und luſtig geweſen. Jetzt fiel ſie wieder in den heiteren Ton und ließ weiter ſchreiben: „Leben Sie wohl, alter Freund. Ich gleiche ein we⸗ nig dem Feldherrn der Vorzeit, deſſen Heldennaſe und deſſen Erobererkinn Sie mich ſo oft haben zeichnen laſſen. Ich ſcherze unbefangen im Augenblick des beginnenden Kampfts. Denn in einer Stunde liefere ich meiner lie⸗ ben Tante Betſchweſter eine große Schlacht. Zum Glück fehlt es mir nicht an Muth und Verwegenheit. „Leben Sie wohl. Tauſend freundliche Grüße an Ihre treffliche Frau. Wenn ich ſie hier erwähne, ſo können Sie um ſo mehr beruhigt ſeyn über die Folgen der Entführung eines bezaubernden, jungen Prinzen, die zu meinen Gunſten geſchehen ſoll. Ich muß ſchlie⸗ ßen mit der Bemerkung, mit welcher ich hätte beginnen ſollen, daß er bezanbernd iſt.“ „Haſt Du geſchrieben, Kleine?“ fragte Adriana. Geor⸗ gette bejahte und Adriana fagte: „Füge noch folgende Nach⸗ ſchrift hinzu“: * „ch ſchicke Ihnen eine Anweiſung auf meinen Ban⸗ quier für alle dieſe Ausgaben. Sparen Sie nichts. Sie wiſſen, daß ich dozu ein hinlänglich großer Herr bin. Ich muß mich wohl dieſes männlichen Ausdrucks bedie⸗ nen, da Ihr Tyrannen Euch ausſchließlich dies Wort zur Bezeichnung einer edlen Freigebigkeit angemaßt habt.“ „Jetzt, Georgette/ reiche mir ein Blatt Papier und dann den Brief zum Unterzeichnen.“ Georgette brachte eine Feder und ein Blatt Papier. Adriana ſchrieb auf dies Blatt fwaviſcheAnweiſung auf ihren Banquier: der Vorſtellung — ,,—————— — 161 — „Man wird Herrn Norval gegen ſeine Beſcheinigung die Summe bezahlen, welche er verlangen wird für Aus⸗ gaben, die er in meinem Namen macht. Adriana von Cardoville.“ Dieſe Anweiſung ſchloß das Fräulein in den Brief ein, nachdem ſie denſelben unterzeichnet hatte. Während ſie mit dem Dietiren beſchäftigt war, hatten Florine und Hebe ſie vollſtändig angekleidet zum Beſuche bei ihrer Tante, der Fürſtin. Wer die geſpannte, obwohl verhehlte Aufmerkſam⸗ keit Florinens hätte beobachten können, der würde erkannt haben, daß dies Mädchen ſich alle Worte des Briefes an Norval merken wollte. Während Adriana den Brief zuſammenlegte, ſagte ſie zu Hebe: „Laß dieſen Brief augenblicklich zu Herrn Norval bringen“ In dieſem Augenblick ertönte wieder das Silber⸗ glöckchen. Hebe ging nach der Thüre, um zu ſehen, wer es wäre. Florine, welche ſah, daß es dem Fräulein um ſchnelle Ueberlieferung des Briefs zu thun war, fragte: „Soll ich vielleicht den Brief zur Beſorgung mitnehmen? Ich muß ohnedem ins große Hötel.“ „Thue das,“ ſagte das Fräulein. „Hebe, ſieh', wer da iſt, und Du, Georgette, verſiegele den Brief.“ Georgette verſiegelte den Brief. Hebe ging hinaus und kam zurück mit der Meldung: „Der Handwerker, welcher geſtern Lutine zurückgebracht hat, bittet einen Augenblick um Gehör. Er iſt ſehr blaß und ſieht traurig aus.“ „Sollte er ſchon meiner bedürfen?“ ſagte Adriana heiter. „Das wäre gar glücklich getroffen. Loß den wackeren Burſchen in den kleinen Saal treten. Und Du, Florine, ſchicke auf der Stelle dieſen Brief ab.“ Florine ging mit dem Brief weg. Adriana begab ſich mit Lutine in den kleinen Saal, wo Agricola ſie erwartete. . ⸗ kxxctit Kh &i diigeh cxi „ Kittel, welcher den kräftigen braunen Hals frei ließ und, die Vaſe?“ Verlegen antwortete er: „Sehr ſchön, Fräulei Neunzehntes Kapitel. Die Unterredung. Als Adriana von Cardoville in den Saal trat, wo Agricola ſie erwartete, war ſie ſehr einfach, aber geſchmackvoll angezo⸗ gen. Ein Kleid von blauem Kaſimir nach der damaligen 5 Mode vorn mit ſchwarzer Seidenſtickerei in Form von Schlin⸗ gen, mit glattem Leib zeigte ihren vollen-Buſen⸗und ihre ſchlanke Hüfte. Ein kleiner, glatter, viereckiger Batiſtkragen fiel herab. auf ein breites, ſchottiſches Band mit einer Roſettenſchleife, welches die Stelle einer Halsbinde vertrat Ihr prächtiges Goldhaar umwallte in reichen Locken ihr weißes Geſicht und fiel faſt bis auf die Bruſt herab. Agricola hatte, um ſeinen Vater in dem Wahn zu beſtär⸗ ken, daß er wirklich in die Fabrik Hardy's ginge, ſeine Ar⸗ beitskleider anziehen müſſen. Er hatte jedoch einen neuen Kittel gewählt. Der weiße Kragen ſeines reinen, groben Hemdes fiel über ein nachläſſig um den Hals geknüpftes ſchwarzes Tuch herab. Unter ſeinen weiten grauen Hoſen ſa⸗ hen wohlgewichste Stiefel hervor und in ſeiner nervigen Hand hielt er eine hübſche, neue Tuchmütze. Der blaue, rothgeſtickte Breite ſeiner Schultern hervorhebend, in ſchönen Falten her⸗ abfiel, ohne irgend die freie Bewegung zu hemmen, kleidete ihn viel beſſer als ein Keberrock vder gar ein Frack es gethan haben würde. . — Während der junge Schmied das Fräulein von Cardoville erwartete, betrachtete er zum Zeitvertreib eine prächtige, kunſt⸗ reich eiſelirte Vaſe von Silber, auf deren Sockel von antikem Mengſtein eine ſilberne Platte befeſtigt war mit der Inſchrift: Ciſelirt von Johann Maria, Ciſelirer. 1831. Adriana war ſo leicht über den Teppich ihres, bloß durch einen Vorhang vom Rebenzimmer getrennten, Saals hinweg⸗ gegangen, daß Agricola ihre Ankunft nicht merkte. Er f thr zuſammen und wandte ſich raſch um, als er eine Silberſtimme vernahm, welche ſagte: „Richt wahr, das iſt eine ſchöne — — 4165 — „Sie ſehen, daß ich die Billigkeit liebe,“ fuhr Adriana fort, indem ſie auf die ſilberne Platte deutete. „Ein Maler ſetzt ſeinen Namen auf ſein Gemälde, ein Schriftſteller auf ſein Buch So will ich auch, daß ein Handwerker ſeinen Namen auf ſein Werk ſetze.“ N „Alſo dieſer Name, Fräulein — —“ . „Iſt der Name des armen Ciſelirers, der dies ſeltene Mei⸗ ſterwerk einem reichen Goldſchmied gearbeitet hat. Als dieſer mir die Vaſe verkaufte, wunderte er ſich über meine Sonder⸗ barkeit, faſt hätte er geſagt Ungerechtigkeit, als ich, nachdem ich mir den Urheber dieſes wundervollen Werks hatte nennen laſſen, darauf beſtand, daß deſſen Name, und nicht der des Goldſchmieds, auf den Sockel geſetzt würde. In Ermange⸗ lung des Reichthums ſoll der Arbeiter wenigſtens ſeinen ver⸗ dienten Ruhm haben. Finden Sie das nicht recht?“ Freundlicher konnte Adriana die Unterredung nicht einleiten. Der Schmied faßte Muth und antwortete: „Da ich ſelber Gehülfe bin, ſo muß ich von einem ſolchen Beweis von Billigkeit doppelt gerührt ſeyn.“ „Ich freue mich, daß Ihr erſter Blick auf jene Inſchrift gefallen iſt. Aber ſetzen Sie ſich gefälligſt,“ ſagte ſie leut⸗ ſelig, auf einen mit golddurchwirkter Purpurſeide überzogenen Seſſel deutend, und nahm ſelber Platz auf einem Plauderſtuhl von gleichem Ueberzug. Da Agricola zauderte und verlegen die Augen niederſchlug, deutete ſie, um ihn zu ermuntern, auf Lutine und ſagte ſcherzhaft: „Dies arme Thierchen, an wel⸗ chem ich ſehr hänge, wird mir ſtets ein lebendiges Andenken an Ihre Gefälligkeit ſeyn. Ihr Beſuch dünkt mich eine Sache von guter Vorbedeutung. Ein angenehmes Vorgefühl ſagt mir, daß ich Ihnen vielleicht nützlich ſeyn kann.“ „Fräulein,“ ſagte Agricola, „ich heiße Baudoin und bin Schmied bei Herrn Hardy im Pleſſis bei Paris. Geſtern haben Sie mir Geld angeboten, und ich habe es ausgeſchla⸗ gen. Heute komme ich, von Ihnen vielleicht zehn⸗, vielleicht zwanzigmal ſo viel zu erbitten, als Sie mir geſtern freigebig angeboten haben. Ich ſage Ihnen das von vorn herein, Fräulein, weil das mir am ſchwerſten fällt. Die Worte aben mich auf den Lippen gebrannt; jetzt fühl' ich mich er⸗ leichtert.“ 3 11* „Ich weiß Ihre Bedenklichkeit zu würdigen,“ ſagte Adria⸗ na. „Aber wenn Sie mich kennten, würden Sie ſich unbe⸗ ſorgt an mich gewandt haben. — Wie viel brauchen Sie?“ „Ich weiß es nicht, Fräulein.“ „Wie? Sie wiſſen nicht, welche Summe?“ „Nein, Fräulein. Ich komme nicht bloß, die Summe zu begehren, ſondern auch die Angabe der Summe, welche ich brauche.“ „Erklären Sie mir das,“ ſagte Adriana. „Sie ſehen, trotz meinem guten Willen, errathe ich nicht ganz, was Sie meinen.“ „Fräukein, die Sache iſt die. Ich habe eine gute, alte Mutter, welche in ihrer Jugend ihre Geſundheit aufgeopfert hat, um mich und einen Findling zu erzirhen. Jetzt iſt an mir die Reihe, ſie zu erhalten, und ich vermag es glücklicher Weiſe. Aber ich vermag es nur durch meine Arbeit. Wenn ich ohne Arbeit bin, ſo iſt meine Mutter hülflos.“ „Ihrer Mutter ſoll es an nichts fehlen. Ich bekümmere mich um ſie.“ „Sie bekümmern ſich um ſie, Fräulein?“ „Gewiß.“ „Sie kennen ſie alſo?“ „Jetzt, ja“ „O, Fräulein!“ ſagte Agricola nach einer Pauſe gerührt, „ich verſtehe Sie. Sie haben ein edles Herz. Die Mayeur hatte Recht.“ „Die Mayeur?“ wiederholte Adriana und ſah den Schmied verwundert an. Agricola, der ſich ſeiner Freunde nicht ſchämte, fuhr herz⸗ haft fort: „Ich will Ihnen das erklären, Fräulein. Die Mayeux iſt eine arme, fleißige Nätherin, die mit mir erzogen worden iſt. Sie iſt verwachſen; darum wird ſie die Mayeux genannt. Sie ſehen, daß ſie in einer Beziehung eben ſo nie⸗ drig ſteht, wie Sie hoch ſtehen. Aber was das Herz, was das Zartgefühl betrifft, ſo bin ich überzeugt, Sie, Fräulein, ſind eben ſo, wie dies arme Mädchen. Das war gleich ihr Gedanke, als ich ihr erzählte, wie Sie mir geſtern die ſchöne Blume gegeben haben.“ Aufrichtig gerührt, erwiederte Adriana: „Ich verſichere Sie, daß dieſe Vergleichung mir ſchmeichelt und mich mehr ehrt — ——— — 165 — als Alles, was Sie mir ſagen könnten. Ein Herz, welches bei ſchwerem Unglück gut und zartfühlend bleibt, iſt ein ſelt⸗ ner Schatz. Es iſt leicht gut zu ſeyn, wenn man Jugend und Schönheit —, zartfühlend und edel, wenn man Reichthum be⸗ ſitzt. Ich laſſe mir Ihre Vergleichung gefallen, aber unter der Bedingung, daß Sie mich ſchnell in Stand ſetzen, ſie zu verdienen. Fahren Sie alſo gefälligſt fort.“ Dies zutrauliche Weſen des Fräuleins von Cardoville hin⸗ derte nicht, die natürliche Würde wahrzunehmen, welche Un⸗ abhängigkeit des Charakters und edle Geſinnung verleihen. Agricola vergaß die ideale Schönheit ſeiner Beſchützerin und empfand bald für ſie eine Art liebevoller Achtung, welche kaum zu der Jugend und Munterkeit dieſer Perſon zu paſſen ſchien. In dieſem Gefühl ſprach er weiter: „Fräulein, wenn ich bloß meine Mutter hätte, ſo würd' ich mich genau genommen nicht ſo ſehr wegen eines gezwungenen Feierns grämen. Arme Leute helfen ſich einander. Meine Mutter iſt in dem Haus, wo ſie wohnt, allgemein geliebt, und unſere wackeren Nach⸗ barn würden ihr zu Hülfe kommen. Freilich ſind ſie ſelber nicht im Wohlſtand. Sie müßten um ihretwillen ſich Ent⸗ behrungen auflegen, und ihre kleinen Dienſte würden meiner Mutter peinlicher feyn, als ihre eigne Noth. Aber die Haupt⸗ ſache iſt, ich muß nicht bloß für meine Mutter arbeiten, ſon⸗ dern auch für meinen Vater, den wir ſeit achtzehn Jahren nicht geſehen hatten, und der geſtern aus Sibirien zurückge⸗ kommen iſt, wo er aus Hingebung für ſeinen General geblie⸗ ben war, für den jetzigen Marſchall Simon.“ „Den Marſchall Simon“ fragte Adriana überraſcht. „Kennen Sie ihn, Fräulein?“ „Perſönlich nicht; aber er hat ein Frauenzimmer aus unſerer Familie geheirathet.“ „Welches Glück!“ rief Agricvla. „Alſo die zwei Fräulein, welche mein Vater aus Sibirien gebracht hat, ſind Ihre Ver⸗ wandten?“ „Der Marſchall hat zwei Töchter?“ fragte Abriana mit ſteigender Verwunderung und Theilnahme. „O, Fräulein! — zwei Engel von fünfzehn bis ſechzehn Jahten — ſo hübſch, ſo ſanft, — Zwillinge, die ſich ſo ſehr gleichen, daß man ſie verwechſelt. Ihre Mutter iſt in der — 166 — Verbannung geſtorben. Ihre geringe Habe iſt evnfiseirt wor⸗ den, und ſie ſind kümmerlich reiſend aus Sibirien hieher ge⸗ kommen mit meinem Vater, der ſich bemühte, ſie ſo viele Ent⸗ behrungen durch ſeine zärtliche Hingebung vergeſſen zu machen. Sie glauben nicht Fräulein, wie gutherzig er bei ſeinem Lö⸗ wenmuth iſt, — gutherzig, wie eine Mutter!“ „Und wo find dieſe lieben Kinder?“ fragte Adriana. „Bei uns, Fräulein. Eben das macht meine Lage ſo miß⸗ lich und hat mich zu Ihnen gettieben. Mit meiner Arbeit kann ich auch unſere ſo vergrößerte Haushaltung ernähren. Aber wenn man mich verhaftet?“ „Sie verhaftet? Warum? Agricola überreichte Adriann den der Mayeux zugekomme⸗ nen Brief und ſagte: „Haben Sie die Güte, dieſe Warnung zu leſen. Sie iſt der armez Nätherin zugekommen, von wel⸗ cher ich Ihnen vorhin geſpp ochen habe, und welche mir eine Schpeſter iſt.“ riana las. „Vies“ agte ſie, „Sie ſind Dichter?“ „Fräulein,“ antwortete der Schmied, „ich mache weder An⸗ auf dieſen Namen, noch ſtrebe ich darnach. Wenn ich von der Arbeit nach Haus zu meiner Mutter komme, und oft auch während des Schmiedens, reime ich zum Zeitvertreib oder zur Erholung Oden und Lieder.“ „Der Geſang der Arbeiter, von welchem in dieſem ſeyn?“ b nein, Frehteſ. Im Gegentheil, ich habe das Glück, bei Herrn Hardy beſchäftigt zu ſeyn, der die Lage ſeiner Ar⸗ beiter eben ſo glücklich macht, als die unſerer ſonſtigen Stan⸗ desgenoſſen ſchlimm iſt. Zu Gunſten dieſer, welche die Maſſe bilden, z ich, mit Wärme und Ueberzeugung, Billigkeit ver⸗ langt. Das iſt das Ganze. Aber Sie wiſſen vielleicht, Fräu⸗ lein, daß in dieſer Zeit der Verſchwörungen und des Aufruhrs Leute oft auf leichten Verdacht hin in Unterſuchung gezogen und eingeſperrt werden. Wenn ein ſolches Unglück mir be⸗ gegnete, was ſollte aus meiner Mutter werden, aus meinem Vater und aus den zwei Waiſen? Denn letztere müſſen wir bis zur Rückkehr des Marſchalls Simon als Glieder unſerer snht beirachten Um nun ſolchem Unglück zu entgehen, vief die Rede iß, muß wohl höchſt aufreizend und gefährlich — zu viel hat, muß Denen zu Hülfe kommen, welche nicht genug — 167 — ich zu Ihnen gekommen, um Sie zu bitten, im Fall, daß man mich verhaften wollte, Bürgſchaft für mich zu ſtellen. Wenn Sie das thäten, dann wäre ich nicht genöthigt, die Werkſtätte mit dem Gefängniß zu vertauſchen, und meine Ar⸗ beit würde für alle Bedürfniſſe genügen.“ „ „Gott ſey Dank!“ ſagte Wrians heiter; „das läßt ſich vor⸗ trefflich in Ordnung bringen. In Zukunft, Herr Dichter, ſollen Sie Ihre Eingebüngen aus dem Glück ſchöpfen und nicht aus der Trübſah, denn dieſe iſt eine ſchlimme Muſe! Vor allen Dingen, Ihre Bürgſchaft ſoll geſtellt werden.“ „O, Fräulein, Sie retten uns!“ ₰ „Ferner ſteht zufällig inſer Hausärzt auf ſehr gutem Fuß mit einem ſen Miniſter, (verſtehen Sie das, wie Sie wollen; Sie werden ſich nicht irren). Der Doctor hat auf dieſen großen Staatsmann“ großen Einfluß, denn ihm glücklicher Weiſe ſtets den Tag zuvor, ehe man ihm ſe Portefeuille nahm, ſeiner Geſundheit halber, die Annehmli keiten des Lebens ohne Amt empfohlen. Seyn Sie alſo kommen ruhig. Wenn die Bürgſchaft nicht genügte, wü wir andere Mittel erſinnen.“ „Fräulein,“ ſagte Agricola gerührt, „ich verdanke Ihnen die Ruhe, vielleicht das Leben meiner Mutter. Sie ſolle mich nie undankbar finden.“ „Das verſteht ſich von ſelbſt. Jetzt etwas anders. Wer haben. Die Tüöchter des Marſchalls Simon ſind von meiner Familie Sie ſollen hier bei mir wohnen; das iſt paſſender. Sagen Sie das Ihrer guten Mutter. Dieſen Abend will ich hingehen, um ihr für die gaſtliche Aufnahme meiner Ver⸗ wandten zu danken, und die Mädchen abholen.“ Plötzlich hob Georgette den Vorhang auf, welcher den Saal vom Nebenzimmer trennte, kam hereingelaufen und rief be⸗ ſtürzt: „Fräulein, es geht etwas ungewöhnliches auf der Straße vor!“ „Was denn?“ fragte Adriana. „Ich hatte eben meine Nätherin bis an das Thürchen ge⸗ leilet, als ich Leute von verdächtigem Ausſehen wahrnahm, welche aufmerkſam die Wände und Fenſter des an den Pz — 168 — villon anſtoßenden Häuschens betrachteten, als ob ſie dort je⸗ mand erſpähen wollien.“ „Fräulein,“ ſagte Agricola niedergeſchlagen, „ich hatte mich nicht getäuſcht. Mich ſucht man hier.“ „Wie?“ fragte Adriana. „Es kam mir vor, als ob mir jemand von der St. Merrg⸗ Straße nachginge. Es iſt nicht zu bezweifeln, man wird mich hier ins Haus haben gehen ſehen und will mich verhaften. Jetzt, Fräulein, wo Ihre Theilnahme meiner Mutter geſichert iſt, jetzt, wo ich für die Töchter des Marſchalls Simon außer Sorgen ſeyn darf, jetzt will ich mich auf der Stelle der Po⸗ lizei in die Hände liefern, um Ihnen nicht die geringſte Un⸗ annehmlichkeit zu machen.“ „Laſſen Sie das fein bleiben,“ erwiederte Adriana. „Die Freiheit iſt ein zu ſchätzbares Gut, als daß man ſie freiwillig ingeben ſollte. Uebrigens kann Georgette ſich irren. In edem Fall liefern Sie ſich nicht aus. Vermeiden Sie, ver⸗ te werden. Dies wird meine Schritte für Sie ſehr chtern, denn ich glaube, die Gerechtigkeit hegt eine über⸗ 3 Anhänglichkeit für die, welche ſie einmal in ihren Hän⸗ at.“ In dieſem Augenblick trat auch Hebe ein und ſagte ängſt⸗ ich: „Eben hat ein Mann an das Thürchen geklopft und ge⸗ fragt, ob nicht ein junger Mann in blauem Kittel hereinge⸗ gangen wäre. Agricvla Bandoin hieße der, welchen er ſuchte. Er habe ihm etwas ſehr wichtiges mitzutheilen.“ „Das iſt mein Name, ſagte Agricola. „Es iſt eine Liſt, um mich hinauszulocken.“ „Offenbar!“ ſagte Adriana. „Wir müſſen ſie vereiteln. — Was haſt Du dem Menſchen zur Antwort gegeben, Hebe?“ „Ich habe geſagt, ich wüßte nicht, von wem er da ſpräche.“ „Gut. Und der Frager?“ „Iſt weggegangen.“ Zweifel, um bald wiederzukommen,“ bemerkte Agri⸗ „Das iſt ſehr wahrſcheinlich,“ ſagte Adriana. „Daxum müſſen Sie ſich gefallen laſſen, einige Stunden hier zu blei⸗ ben. Leider muß ich mich dieſen Augenblick zu meiner te, der Fürſtin von St. Dizier, „um eine wichtige —— — — ſammenkunft mit ihr zu halten, welche nicht verſchoben wer⸗ den könnte, und welche noch dringender geworden iſt in Folge der Mittheilung, die Sie mir in Betreff der Töchter des Mar⸗ ſchalls Simon gemacht haben. Bleiben Sie alſo hier. Denn wenn Sie hinausgingen, würden Sie unfehlbar verhaftet werden.“ „Fräulein — verzeihen Sie, wenn ich nein ſage. Ich kann dies edelmüthige Anerbieten nicht annehmen.“ „Und warum nicht?“ „Man hat verſucht, mich hinauszulocken, um nicht die Die⸗ ner der Polizei in Ihr Haus zu ſchicken. Wenn ich aber jetzt nicht hinausgehe, ſo wird die Polizei hereinkommen und um keinen Preis will ich Sie dieſer Unannehmlichkeit ausſetzen. Jetzt, wo ich für meine Mutter außer Sorgen bin, iſt die Ge⸗ fangenſchaft mir gleichgültig.“ „Aber der Kummer Ihrer Mutter? ihre Unruhe, ihre Be⸗ ſorgniſſe? Iſt das nichts? Und Ihr Vater? Und das arme Nähmädchen, das Sie wie einen Bruder liebt, und deren Herz, wie Sie ſagen, ſo gut iſt, wie das meinige? Erſparen Sie den Ihrigen dieſe Qualen. Bleiben Sie hier. Vor Abend habe ich die Gewißheit, Sie, ſey es durch Caution, ſey es auf anderem Weg von dieſen Feinden zu befreien.“ „Aber, Fräulein, geſetzt, ich nähme Ihr edelmüthiges Er⸗ bieten an, ſo wird man mich ja doch hier finden!“ „Keineswegs. In dieſem Pavillon, der früher zu gebeimen Vergnügen diente, — Sie ſehen, ich bewohne einen Unheiligen Lr äſo in dieſem Pavillon befindet ſich ein ſo vörfeff⸗ ſictẽ Verſteck, daß alle Nachſuchungen zu Schanden werden müſſen. Georgette wird Sie in daſſelbe führen Sie werden darin alle Bequemlichkeiten finden und ſogar im Stande ſeyn, einige Verſe für mich zu ſchreiben, wenn die Umſtände Sie dazu einladen.“ „Fräulein, welche Güte! Wie hab' ich verdient, 2“ „Wie?“ unterbrach Adriana. „Das will ich Ihnen ſagen. Angenommen, Ihre Geſinnung und Ihre Lage flößten keine Theilnahme ein, angenommen, ich hätte nicht eine heilige Schuld an Ihren Valer gbzutragen, wegen ſeiner rührenden Sorgfalt für meine Verwandten, die Töchter des Marſchalls Simon, — ſo denken Sie wenigſtens an Lutine hier, welche — 170 — Sie ihrer liebenden Herrin wiedergegeben haben. Ernſtlich geſprochen, wenn ich lache, ſo geſchieht es, weil nicht die ge⸗ ringſte Gefahr für Sie iſt, und weil ich eine Anwandlung von Wonne empfinde! Alſo, Wertheſter, ſchreiben Sie mir ge⸗ ſchwind Ihre und Ihrer Mutter Adreſſe in dieſe Brieftaſche, gehen Sie mit Georgetten und machen Sie mir recht hübſche Verſe, wofern Sie ſich nicht zu ſehr langweilen in dieſem Gefängniß, in welches Sie fliehen vor einem Gefängniß.“ Georgette führte den Schmied in das Verſteck. Hebe brachte ihrer Gebieterin einen kleinen, grauen Caſtorhut mit grauer Feder. Denn Adriana mußte durch den Park gehen, um in das große Hötel zu kommen welches die Fürſtin von St. Di⸗ zier bewohnte. Eine Viertelſtunde nach dieſem Auftritt, trat Florine ge⸗ heimnißvoll in das Gemach der Frau Grivvis, der erſten Kammerfrau der Fürſtin von St. Dizier. „Nun?“ rief Frau Grivois ihr entgegen. „Hier ſind die Bemerkungen, welche ich den Morgen ge⸗ macht habe,“ ſagte Florine, indem ſie der Kammerfrau ein Papier überreichte. „Zum Glück hab' ich ein gutes Ge⸗ dächtniß.“ welche Zeit — genau! iſt ſie dieſen Morgen nach Haus gekommen?“ fragte lebhaft Frau Grivvis. „Wer?“ „Fräulein Adriana.“ „Sie iſt nicht ausgegangen. Um neun Uhr haben wir ſie ins Bad gelegt.“ — „Aber vor neun Uhr iſt ſie nach Haus gekommen, nachdem ſie die Nacht außer dem Haus zugebracht hatte. So weit iſt es mit ihr gekommen!“ Fiorine ſah die Kammerfrau erſtaunt an und ſagte: „Ich verſtehe Sie nicht.“ „Was?“ entgegnete die Grivvis giftig. „Das Fräulein iſt nicht dieſen Morgen durch das Gartenthürchen zurückgekom⸗ men? Wollen Sie lügen 2 „₰ch bin geſtern unwohl geweſen,“ ſagte Florine. um neun Uhr bin ich heruntergekommen, um der Georgett und Hebe zu helfen, das Fräulein aus dem Bade heben. a — 11 vorher vorgegangen iſt, weiß ich nicht; darauf kann ich ſchwö⸗ ren, Frau Grivvis.“ „Das iſt etwas anders. Sie werden ſich nach dem, was ich Ihnen eben geſagt habe, bei den andern Mädchen erkun⸗ digen. Sie mißtrauen Ihnen nicht und werden Ihnen Alles ſagen.“ „Ja, Frau Grivois.“ „Was hat das Fräulein dieſen Morgen gemacht, ſeitdem Sie dieſelbe zuerſt geſehen haben?“ „Sie hat durch Georgette einen Brief an Herrn Norval ſchreiben laſſen. Ich habe ſie gebeten, mir die Beſorgung zu überlaſſen, um einen Vorwand zu haben, hinauszugehen und aufzuſchreiben, was ich mir gemerkt hatte.“ „Gut. Und dieſer Brief?“ „Eben iſt Hieronymus damit weggegangen, um ihn auf die Poſt zu tragen.“ „Ungeſchicktes Ding!“ rief die Kammerfrau. Konnten Sie ihn nicht mir bringen?“ „Das Fräulein hat den Brief laut dictirt, ſo daß ich den ganzen Inhalt weiß, und ihn hier aufgeſchrieben habe.“ „Das iſt nicht einerlei! Es iſt möglich, daß eine verſpätete Abſendung des Briefs ſich als wünſchenswerth gezeigt hätte. Die Fürſtin wird ſehr ärgerlich darüber ſeyn.“ „Ich habe geglaubt, ich hätte es ſo am beſten gemacht,“ erwiederte Florine demüthig. „Ich weiß wohl, daß es Ihnen an gutem Willen nicht fehlt. Seit ſechs Monaten iſt man mit Ihnen zufrieden. Aber dies Mal haben Sie einen ſehr dummen Streich gemacht.“ „Seyn Sie nachſichtig, Frau Grivvis!“ bat Florine, einen Seufzer unterdrückend. „Was ich thue, iſt ſehr peinlich.“ Frau Grivvis ſah das Mädchen ſcharf an und ſagte ſpöt⸗ tiſch: „Wenn Sie das meinen, ſo brauchen Sie es nicht fer⸗ ner zu thun. Wenn Sie Bedenklichkeiten haben, ſo hält Sie niemand. Sie können gehen.“ „Sie wiſſen wohl, daß ich nicht gehen kann,“ erwiederte Florine erröthend und mit einer Thräne im Ange. „Ich bin abhängig von Herrn Rodin, der mich hierher gebracht hat.“ „Wozu alſo das Seufzen?“ 8 „Unwillkürlich,“ antwortete das Mädchen, „fühlt man Reue⸗ Das Fräulein iſt ſo gut, ſo vertrauensvoll!“ * —— ,— ——— 5 anz vortrefflich. Aber Sie ſind „Sie iſt ohne Zw ihr Lob zu ſingen. Was gibt's nicht dazu hier, um weiter?“ „Der Arbeitsmann, welcher geſtern Lutine gefunden und wiedergebracht hat, iſt vorhin gekommen und hat verlangt, mit dem Fräulein zu ſprechen.“ „Iſt dieſer Menſch noch bei ihr?“ „Das weiß ich nicht. Er kam eben ins Haus, als ich mit dem Brief hieher ging.“ „Sie werden es ſo einrichten, daß Sie erfahren, was der Arbeitsmann bei dem Fräulein gemacht hat. Sie werden einen Vorwand finden, um im Lauf des Tages wieder hieher zu kommen und mir zu berichten.“ „Ja, Frau Grivois,“ ſagte Florine. „Haben Sie das Fräulein gedankenvoll, unruhig, beſorgt gefunden wegen der Unterredung, welche ſie heute mit der Fürſtin haben ſoll? Sie verhehlt ſo wenig ihre Gedanken und Empfindungen, daß Sie es wiſſen müſſen.“ „Das Fräulein iſt heiter geweſen wie gewöhnlich. Sie hat ſogar darüber geſcherzt.“ „So? — Sie ſcherzt?“ ſagte die Kammerfrau. Und zwi⸗ ſchen den Zähnen murmelte ſie, ohne daß Florine es hören konnte: „Wer zuletzt lacht, lacht am beſten. Trotz ihrer Ver⸗ wegenheit, trotz ihrem teufliſchen Character würde ſie zittern und auf den Knien um Gnade bitten, wenn ſie wüßte, was ſie heute erwartet.“ Dann wandte ſie ſich wieder zu dem Maädchen und ſagte: „Gehn Sie wieder hinüber in den Pa⸗ villon und erwehren Sie ſich ja dieſer ſchönen Bedenklichkei⸗ ten, die Ihnen einen ſchlimmen Streich ſpielen könnten. Ver⸗ geſſen Sie das nicht“ . „Ich kann nicht vergeſſen, daß ich nicht mehr mein eigner Herr bin,“ erwiederte Florine. „Gut. Auf baldiges Wiederſehen,“ ſagte Frau Grivvis. Florine verließ das große Hötel und ging durch den Park zurück nach dem Pavillon. Frau Grivois aber verfügte ſich eilends zur Fürſtin von St. Dizier. Anmerkungen. ) Ueber die unglaubliche Gewandtheit dieſer Menſchen, lieſ't man Folgendes in den Briefen des verſtorbenen Victor Jacquemont über Indien: „Sie kriechen in den Gräben, in den Furchen hin. Sie ahmen alle möglichen Stimmen nach, und verſtehen über ein Geräuſch in Folge einer unvorſichtigen Bewegung dadurch zu täuſchen, daß ſie den Schrei eines Schakals oder eines Vogels ausſtoßen, dann ſchwei⸗ gen und einen ähnlichen Schrei in einiger Entfernung durch einen 3 Kameraden ausſtoßen laſſen. Sie quälen einen im Schlaf durch Ge⸗ räuſch, durch Berührungen und machen, daß der Körper des Schla⸗ fenden und jedes Glied deſſelben diejenige Lage annimmt, welche ihrem Zweck entſpricht.“ Aehnlich ſagt Graf Eduard von Warren in ſeinem trefflichen Werk über das engliſche Indien: „Sie ziehen Dir, ohne Dich zu wecken, die Decke vom Leib, in welche Du eingewickelt biſt. Die Be⸗ wegungen des Bheel ſind die einer Schlange. Du ſchläfſt in Deinem Zelt, und quer vor jeder Thür liegt ein Diener. Der Bheel kausrt ſich außen im Dunkeln in einen Winkel, wo er das Athemholen eines jeden hören kann. So wie er merkt, daß der Europäer ein⸗ nicht lange der Verſuchung zum Schlaf. Glaubt er, daß es Zeit ſey, ſo macht er an der Stelle, wo er ſitzt, einen ſenkrechten Schnitt in die Zeltleinwand und ſchlüpft hindurch, wie ein Geſpenſt. Kein Sandkorn knarrt unter ſeinen Füßen. Er iſt vollkommen nackt und eingeölt. An ſeinem Hals hängt ein Dolchmeſſer. Er kauert ſich neben Deinem Lager nieder und legt mit unglaublicher Ruhe und Srhenigkeit das Tuch neben dem Körper ſo zuſammen, daß es wie ſchläft, iſt er ſeiner Sache ſicher. Die aſiatiſchen Diener widerſtehen 5 — 174 ein Fn in daliegt. Dann geht er auf die andere Seite des Schläfers und kitzelt ihn leiſe, als ob er ihn magnetiſirte, ſo daß vieſer ſich unwillkürlich zurückbiegt und am Ende herumwendet. Durch dieſe Wendung kommt das zuſammengelegte Tuch frei hinter den Schläfer zu liegen, und der Bheel kann es wegnehmen. Wacht der Schläfer auf und greift nach dem Dieb, ſo faßt er einen glatten Körper, der ihm wie ein Aal entſchlüpft. Und wehe ihm, wenn es ihm gelingt, den Dieb feſtzuhalten. Der Dolch deſſelben durchbohrt ſein Herz und der Mörder verſchwindet.“ Der Graf Eduard von Warren ſagt in ſeinem Werk über In⸗ dien (LIndie anglaise en 1831. 2 vol. Paris 1844) unter andern Fol⸗ gendes: „Außer den Räubern, welche morden, um Beute zu machen, gibt es eine Gattung von Mördern, die eine gegliederte Geſellſchaft bilden. Dieſe Geſellſchaft hat ihre Häupter, eine Wiſſenſchaft, eine Freimaurerei und ſogar eine Religion, welche Fanatismus und Hin⸗ gebung einflößt, welche ihre Sendlinge ausſchickt und ſich theils auf kämpfende Schaaren ſtützt, theils auf friedliche Mitarbeiter, die mit ihrem Geld zum guten Werk beitragen. Das iſt die Geſellſchaft der Thugs oder Phanſegars (Berücker oder Würger von lhugna, berücken, und phansna, erdroſſeln). Der Urſprung dieſer Geſellſchaft verliert ſich ins graue Alterthum. Bis zum J 1810 war ihr Daſeyn nicht bloß den europäiſchen Eroberern, ſondern ſogar den einheimiſchen Re⸗ girungen unbekannt. In dem Zeitraum zwiſchen 1816 und 1830 wa⸗ ren mehre ihrer Banden auf der That ertappt und beſtraft worden. Allein die Berichte, welche während dieſer Zeit erfahrne Beamte in Betreff derſelben erſtatteten, ſchienen dem Publikum ſo monſtrös, daß es keinen Werth auf dieſelben legte und ſie als Träume einer tollen Einbildungskraft zurückwies. Niemand wollte glauben, daß dieſer Krebsſchaden ſeit vielen Jahren (wenigſtens ſeit einem halben Jahr⸗ an der Bevölkerung Indien's genagt hatte, vom Fuß des Simalahn bis zum Cap Comorin, und von Cutſch bis Aſſam Im 8. 1830 aber enthüllte ein berühmter Häuptling, welchem das Leben ward unter der Fſunz daß er ſeine an⸗ — — darbringt, der wird in jener Welt belohnt mit geiſtigen und ſinnlichen Genüſſen, mit ewig ſchönen Frauen und ſtets neuen Vergnügungen. Er beſteigt das Schafott mit der Begeiſterung eines Märtyrers, dem vie Palme winkt. Seiner Göttin gehorſam, mordet er ohne Zorn und ohne Bedauern den Greis, das Weib und das Kind. Gegen ſeine Glaubensgenoſſen iſt er liebreich, theilt ſeine Habe mit ihnen und opfert ſich für ſie, weil ſie gleich ihm Diener und Kinder Bohwanie's ſind. Sein Zweck iſt Verminderung des Menſchengeſchlechts, ſo weit es nicht zu ſeiner Geſellſchaft gehört. Wenn er beim Mord raubt, ſo iſt das nur Nebenſache. Umbringen iſt ſein himmliſcher Beruf. Die luſtigſte Jagd iſt ihm die Menſchenjagd. Einen von ihnen, der verur⸗ theilt war, habe ich ſagen hören: „Ihr findet ein großes Vergnügen daran, das Wild in ſeine Höhle zu verfolgen, den Keuler und den Tiger anzugreifen, weil dabei Gefahren zu beſtehen, Kraft und Muth zu entwickeln ſind. Dieſer Reiz iſt doppelt im Kampf mit dem Men⸗ Ueberredungskunſt. Alle Springfedern müſſen in Bewegung geſetzt, alle Leidenſchaften, ſelbſt die Gefühle der Liebe und Freundſchaft müſſen angeregt werden, um die Beute ins Netz zu locken. Das iſt eine göttliche Jagd! 2 . Wer in den Jahren 1831 und 1832 in Indien geweſen iſt, wird ſich des Entſetzens erinnern, welches die Enideckung dieſer großen Höllenmaſchine in der ganzen Geſellſchaft verbreitete. Viele Richter und Vorſteher von Provinzen wollten nicht daran glauben, weil ſie ſich zu verrathen. ³) Bekanntlich iſt die Lehre vom unbedingten, leidenden Gehorſam, auf welcher die Geſellſchaft Jeſu hauptſächlich beruht, zuſammenge⸗ faßt in den Worten des ſterbenden Loyola: „Jedes Mitglied des Or⸗ (perinde ac cadaver). zzwei oder drei Jahren von einem jener muthvollen Wiſſionäre dem Sohn armer Bauersleute in der Beauce, aus Japan an ſeine Mutter nicht begreifen konnten, daß ein ſo weit verbreitetes Unweſen ſo lange unter ihren Augen im Geſellſchaftskörper gewüthet haben ſollte, ohne dens ſoll in den Händen ſeines Oberen ſeyn, wie eine Leiche *) Wir denken immer noch mit Rührung an den Schluß eines, vor ſchen. Hier gilt es nicht bloß Muth, ſondern ſchlaue Berechnung und geſchriebenen Briefes: „Lebt wohl, liebe Mutter! Man ſagt es . — 176 — viele Gefahr dort, wohin ich geſchickt werde. Betet zu Gott für mich und ſagt allen unſeren guten Nachbarn, daß ich ſie lieb habe und oft an ſie denke.“ — Iſt dieſe kindliche Bitte, welche vom Ende Aſien's her an arme Bauersleute eines Weilers in Frankreich gerichtet iſt, nicht rührend in ihrer Einfachheit 2 5) Einige dieſer Angaben, die wir ſcharf haben prüfen laſſen, und die als hinter der traurigen Wichtigkeit zurückbleibend befunden wur⸗ den, ſind einem Aufſatz des Mechanikus Janoma entlehnt, in der Ruche populaire (einer von Geſellen geſchriebenen und vom Buch⸗ druckergeſellen Duguesne gedruckten Zeitſchrift voll Mäßigung und Aufrichtigkeit). Janoma bemerkt, daß Weiber und Kinder Monate lang von ungeſchmelzter Suppe lebten die bloß aus Brod, mit einer Handvoll Salz in Waſſer gekocht, beſtand. Ferner: daß eine Arbei⸗ terin, weil ſie nicht immer Arbeit hat, ſich oft nur ein Pfund Brod, 6 für einen Sou Salz ein einzeles Licht u. ſ. w. kaufen⸗fann, und daß die Bruchtheile immer zum Vortheil des Verkäufers ſind. — Und wir bemerken, daß der Arme faſt Alles doppelt ſo theuer bezahlt, wie der Reiche, weil er im Kleinen kauft. Ein ſo gekaufter Karren Holz z. B. kommt auf mehr als 75 Franken. 6 Ende des zweiten Bandes.