* 1 Leihbibliothek deutſcher, engliſcher und franzöſiſcher Literatur von Cdnard Otlmann in Gießen, Schloßgaſſe Lit. A. Nr. 256. SLeih und geſebedingungen. 1. Oflensein der Bibliothek. Die Bibliothek ſteht zur Em⸗ pfangnahme und Rückgabe der Bücher jeden Tag von Morgens 7 Uhr bis Abends 8 lihr offen. 2. Lesepreis. Bei Rückgabe eines geliehenen Buches wird von jedem Tag 5 Pf bezahlt. Die Zeit eines Tages iſt zu 24 Stun⸗ den angenommen. 8 . 3. Caution. Unbekannte Perſonen müſſen, bei Entgegennahme eines Buches, eine dem Werthe deſſelben entſprechende Summe hinterlegen, welche bei deſſen Zurückgabe von mir zurückerſtattet wird. 4. Abonnement. Daſſelbe muß voraus bezahlt werden und beträgt: für wöchentlich 2 Bücher: 4 Bücher: 6 Bücher: auf 1 Monat: 1 Mk. — Pf. 1 Mk. 50 Pf. 2 Mt. — Pf. „3 „ 2 „ — „ — 5. Auswärtige Abonnenten haben für Hin⸗ und Zurückſendung der Bücher auf ihre eigenen Koſten und Gefahr fekbſt zu ſorgen⸗ 6. Schadenersatz. Für beſchmutzte, zerriſſene, verlorene und defecte Bücher (namentlich bei ſolchen mit Kupfern 2c.) muß der Ladenpreis erſetzt werden. — Iſt das zerriſſene, beſchmutzte, ver⸗ lorene oder defecte Buch ein Theil eines größeren Werkes, ſo iſt der Leſer zum Erſatz des Ganzen verpflichtet. 7. Ausleihezeit. Dieſelbe iſt auf 14 Tage feſtgeſetzt und wird beſonders darauf aufmerkſam gemacht, daß das Weiterverleihen der Bücher nicht ſtattfinden darf, indem Diejenigen, welche die⸗ ſelben von mir geliehen, auch dafür zu ſtehen haben. 4 v———— —— — ——— Johanne und Wuiſt oder die Familien der geportirten. Von Eugeéne Sue. Deutſch von Julius Werner. Stuttgart. Franckh'ſche Verlagshandlung. 1853. Schnellpreſſendruck der J. G. Sprandelſchen Buchdruckerei. — Vorwort. Ich mußte dieſes Buch mit äußerſter Mäßi⸗ gung ſchreiben. Hier folgen die Gründe. Der Ertrag dieſes Werkchens iſt dazu beſtimmt, einer großen Anzahl meiner theuren Landsleute, welche, durch das Exil ihrer gewöhnlichen Nahrungs⸗ quellen beraubt, nun als Flüchtlinge in Sardinien, Belgien und in der Schweiz leben, als eine brü⸗ derliche Unſterſtützung zu dienen. Damit nun mein Zweck erreicht werde, muß das Buch in der Schweiz, in Belgien und in Sar⸗ dinien offen und frei verkauft werden können; da⸗ mit es offen und frei verkauft werden könne, dür⸗ fen die Regierungen jener Länder keinerlei Gründe finden, die Verbreitung der Schrift zu unterſagen. Dieß ſind die Urſachen der äußerſten oft pein⸗ lichen Zurückhaltung, die ich mir ſtrenge auferlegt habe. — — — Ich hoffe, meine Freunde werden ſie begreifen und mir vielleicht auch Dank dafür wiſſen. Uebrigens werde ich ſpäter meinen Aufenthalt im Fort des Mont⸗Valerien mit mehreren andern Volksrepräſentanten beſchreiben und werde dann ohne Rückhalt ſprechen. Johanne und Lyuiſe. 1 2 Ich habe ſo die beſtimmte Hoffnung, daß die Regierungen, welche den franzöſiſchen Flüchtlingen eine großmüthige, oft theilnehmende Gaſtfreundſchaft erweiſen, nichts dawider haben werden, daß einer ihrer Brüder mit Hülfe ſeiner Feder und ſoviel in ſeiner ſchwachen Kraft ſteht, die ſo ehrenhaften als der Theilnahme würdigen Leiden zu lindern ſucht. Darüber ein Wort. Der Akt vom 2. Dezember (ich ſage der „Akt!!!“ ich bin, wie man ſieht, zurückhaltend, behutſam. —) Der Akt vom 2. Dezember warf⸗ dem Urtheile ihrer Richter (ich ſage ihrer „Rich⸗ ter;“ weiter, glaube ich, wird man die Mäßigung nicht treiben können!) Alſo, der Akt vom 2. De⸗ zember 1851, warf dem Urtheile ihrer Richter zu⸗ folge, die „Hefe der Parteien, den Abſchaum Frank⸗ reichs, die Gütervertheiler, die Jacques, die Räuber, die Frauenſchänder, die Brandſtifter, die Mörder und Banditen“ in das Land der Verbannung! Wohlan! Konnten, ſeit dieſe „Kommuniſten,“ dieſe „Jacques,“ dieſe „Banditen,“ in die Schweiz, nach Belgien, nach England und nach Sardinien geflohen — konnten die Regierungen dieſer Natio⸗ nen, dieſen „Jacques,“ dieſen „Kommuniſten,“ die⸗ ſen „Banditen“ ein Verbrechen vorwerfen? — — Nein, nicht ein Verbrechen — konnten ſie ihnen eine Uebelthat vorwerfen? oder keine Uebelthat, nur ein Vergehen? kein Vergehen, nur die geringſte Nichtbeachtung der Geſetze des Landes, wo dieſe + —,— 3 mit der Acht ganz Europas belegten Männer ein gaſtliches Aſyl fanden? Nein! Es handelt ſich hier um bewieſene, hervorſtehende Thatſachen, die ein Troſt für Frank⸗ reich ſind! Seine verbannten Kinder werden über⸗ all geliebt, ſein Name verehrt! Die Herzen derer ſelbſt, die am wenigſten für ſie eingenommen, werden bewegt, wenn ſie ſehen, wie ſtolz dieſe Verbannten ihre Leiden tragen, wie ſie, welche Fähigkeiten ſie auch befitzen, jede Arbeit, oft die rauheſte ergreifen, um das bittere Brod der Verbannung zu verdienen. *) O! wenn nur einer von uns wegen einer ſchlechten That oder ſchmach⸗ vollen Handlung vor ein fremdes Gericht geladen worden wäre, mit welch' grauſamer Freude, mit welchem unerbittlichen Widerhall, hätten die unter⸗ thänigen Journale der Regierung ſeiner kaiſerlichen Hoheit der ganzen Welt die Schande eines Einzigen von uns verkündigt. Habe ich nun zuviel Wohlwollen, ich dürfte ſagen, zuviel Billigkeit bei den Regierungen voraus⸗ geſetzt, die beſſer, als irgend Jemand im Stande ſind, das Zartgefühl und den Edelſinn der franzö⸗ ſiſchen Flüchtlinge zu ſchätzen, wenn ich hoffte, daß dieſe Regierungen der Veröffentlichung dieſes Büchleins kein Hinderniß in den Weg legen wür⸗ *) In Genf hat Hr. M. „ ein Lehrer von ſeltenem Verdienſt, lange als Maurer gearbeitet. * 4 den? Der Zweck dieſes Werkchens iſt geheiligt, und dann können weder der Stoff noch die Form desſelben die empfindlichſte internationale Rückſicht verwunden. Ich erkläre mich deutlicher. Der Akt (ich ſage wieder „der Akt“) der Akt vom 2. Dezember 1851 hat die Verfaſſung, das Geſetz gewaltſamerweiſe vernichtet, die Thatſache iſt anerkannt, zugeſtanden und verherrlicht worden durch die Begünſtiger des Aktes ſelbſt. Er iſt eine geſchichtliche Thatſache geworden durch den Spruch des hohen Nationalgerichtshofes vom 2. Dezember 1851. Aber zu Frankreichs unvergänglichem Ruhme ſei es geſagt, Tauſende von ehrbaren Männern, Bürger und Bauern, Künſtler und Proletarier, Schriftſteller und Volksvertreter, die alle dem Ge⸗ ſetze und dem Rechte treu blieben, wollten die Ver⸗ faſſung, welche der Obhut und dem Patrio⸗ tismus aller Franzoſen anvertraut war (Artikel 110 der Conſtitution von 1848) vertheidigen. Dieſe Tauſende von Vertheidigern des Geſetzes und des Rechts ſind heute beinahe alle in der Ver⸗ bannung; andere ſtarben auf dem Straßenpflaſter der Städte; andere in den Furchen ihrer eigenen Felder, andere auf dem Schaffot; andere ſind auf den Galeeren oder Deportirte unter dem verzehren⸗ den Himmel Afrikas und Guhennes; dieſe letztern ſind es vor Allen, welche dus Schickſal am grau⸗ ſamſten getroffen. 5 Wer in Europa in der Verbannung lebt, kann oft noch Nachrichten von ſeiner Familie em⸗ pfangen, kann ſie zuweilen zu ſich berufen und dann inmitten ſüßer Herzensergüſſe noch auf fremder Erde von ſeinem Frankreich träumen. Aber der Depor⸗ tirte, von den Gegenſtänden ſeiner Zuneigung durch die Unermeßlichkeit der Meere getrennt, wird eine Beute der Beunruhigung, der fürchterlichſten Her⸗ zensangſt, und oft iſt für ihn der vollſtändige Mangel aller Nachrichten über das Schickſal der Seinigen eine viel grauſamere Empfindung, als die ſchlimmſte Gewißheit wäre. O Gott! Man bedenke, was es heißt, in jeder Stunde des Tages und während der Ein⸗ ſamkeit ſchlafloſer Nächte ſich immer fragen zu müſſen: — Wo ſind alle meine Theuern? wo meine Frau? meine Mutter? meine Kinder? mein Vater? meine Schweſter? mein Bruder? Wo ſind ſie und was wird aus ihnen? Und wenn der Deportirte die einzige Stütze einer zärtlich geliebten Familie war — was wird aus dieſer Familie? Was aus ihr wird? — — Ach! — — was aus ihr wird? dieſes Büchlein wird es euch ſagen, und welche politiſche Meinung ihr habt, wel⸗ cher Nation ihr angehört, wenn ihr gute Menſchen ſeid, werdet ihr ein ſchmerzliches Mitleiden mit ſo vielem unverſchuldeten Unglück empfinden! mit ſo — 6 rührenden und unſchuldigen Opfern! mit ſo vielen Familien, die ihrer einzigen Stütze, ihres Hauptes beraubt ſind, deſſen Verbrechen war, eines Tages im Namen des Rechtes — — das Geſetz verthei⸗ digt zu haben. Eine unſerer Erzählungen, Johanne, bildet die Geſchichte der Familie eines deportirten Land⸗ manns; die andere Erzählung, Louiſe, iſt die Geſchichte der Familie eines deportirten Stadt⸗ bürgers. Man findet in dieſen traurigen Blättern keine“ Uebertreibung; es ſind nur Thatſachen gegeben, die von Allen anerkannt ſind, und wenn ich mir nicht aus Gründen, die ich ſchon aufgezählt habe, feſt vorgenommen hätte, die Grenzen der Mäßigung oder vielmehr des Schweigens, das ich mir für den Au⸗ genblick auferlegt habe, nicht zu überſchreiten, könnte ich eine Menge von unwiderlegbaren Thatſachen aufführen, welche die vollſtändige Wirklichkeit des Erzählten beweiſen würden. Es wäre nun mein ſehnlichſter Wunſch er⸗ füllt, wenn durch die Herausgabe dieſes Buches eine wirkſame Unterſtützung denjenigen meiner Ver⸗ bannungsgenoſſen geſchaffen würde, deren Unglück ihrem Werthe allein an Größe gleicht. Eugöne Sue. Johanne. Sylvan Birnbaum war ein Taglöhner, der neben⸗ bei noch zwei viertel Morgen Land bebaute, das er in der Nähe ſeiner Wohnung gemiethet hatte. Es war dieſe ein einſam ſtehendes, ärmliches Häuschen, das nicht weit vom Saume des großen Waldes von Mareuil lag, der ſich in geringer Entfernung von Beaugench auf dem linken Loireufer nuterhalb Orleans ausbreitet. Als Sylvan dem Vaterlande, ſeiner Bürgerpflicht zu genügen, ſein Blut zur Verfügung geſtellt und drei Jahre in Afrika gedient hatte, kehrte er in ſeine Heimath zurück und heirathete Johanna Maſſon, ein junges Mäd⸗ chen aus dem Dorfe St. Laurent⸗des⸗Eaux. Jetzt hatte er drei Kinder und bald ſollte ein viertes den kleinen Kreis vermehren. Der Vater Sylvans lebte noch. Er war lange Zeit Kohlenbrennex geweſen und hatte ganze Monate im Sommer und Winter im Walde in Erd⸗ oder Laubhütten zugebracht. Jetzt war er ein gebrech⸗ licher Greis, den die Schmerzen gelähmt hatten, daß er nur mit vieler Mühe und beinahe bis zur Erde gebengt gehen konnte. Aber Muth und Ausdauer verließen ihn nicht; ſo viel in ſeinen Kräften ſtand, half er ſeinem Sohn und ſeiner Schwiegertochter beim Anbau der zwei Viertel Landes, welche zum Lebensunterhalte der Fami⸗ lie viel beitrugen. Als Sylvan ſah, daß ſein Vater ar⸗ beitsunfähig geworden, ſagte er mit kindlicher Liebe zu ſeinem Vater: — „Kommt zu uns; Ihr habt mir das 8 Brod meiner Kindheit gegeben, ich gebe es Euch im Al⸗ ter zurück.“ Wenn der Schmerz Vater Birnbaums Arme nicht lähmte, arbeitete er noch als Holzſchuhmacher; er ſtrebte ſtets, ſeinem Sohne ſo wenig als möglich zur Laſt zu fallen. Zwar zweifelte er keineswegs an ſeinem guten Herzen, aber Sylvan hatte ſeinen Vater, ſich, ſeine Frau und drei Kinder zu ernähren, und wenn er Jahr aus Jahr ein, die Zeit der Arbeitsloſigkeit eingerechnet, 240 bis 250 Franken verdiente, ſo war dieß viel; davon mußte er noch den Zins für die zwei Viertel Landes be⸗ zahlen, auf welchen er ein wenig Korn, einige Scheffel Kartoffeln und etwas Gemüſe zog. Außerdem hatte Sylvan auch eine Kuh zur Beſorgung'), welche ihn mit Milch und dem nöthigen Dünger für ſeinen Landbau verſorgte. Die zwei ältern Kinder, der zehnjährige Peter und die dreizehnjährige Marie, laſen im Walde dürres Holz zuſammen oder ſchnitten Heidegras und forgten ſo für die Brennſtoffe des Hauſes. Kurz, die Familie ſchleppte ſich ſo durch. Sylvan Birnbaum war ein braver und ehrlicher Mann; dafür waren in der ganzen Gegend folgende Beiſpiele bekannt. Als er eines Abends vom Felde heimkehrte, fand er auf der Landſtraße von Komorantin eine wohlgeſpickte Geldkatze, die zweifelsohne ein Vieh⸗ händler von Berry verloren hatte; er brachte ſie dem Maire von St. Laurent⸗des⸗Eaux, der ſie austrommeln ließ, um den Eigenthümer ausfindig zu machen. Dann brach einmal in einem Meierhofe bei Lailly Feuer aus. *) In manchen Gegenden bei uns iſt es üblich, daß ein⸗ zelne Eigenthümer den Bauern eine Milchkuh zur Be⸗ ſorgung übergeben. Der Bauer nährt dieſelbe und be⸗ zieht dafür die Milch und hat nur die Kälber an den Eigenthümer zu liefern. „ 9 Sylvan war einer der Erſten auf der Brandſtätte und rettete eine alte Frau mitten aus den Flammen; dabei verbrannte er aber ſeine Füße ſo gefährlich, daß er über vier Wochen das Bett hüten mußte und arbeitsunfähig war. Man kannte ihn übrigens als einen Mann von ſehr ſanftem Charakter, friedlichen und ordentlichen Sit⸗ ten und als beſcheidenen, einſichtigen und thätigen Ar⸗ beiter. Kein falſcher Stolz konnte ihn bewegen, in die Weinſchenke zu gehen; er hatte kein Geld zu Vergnü⸗ gungen auszugeben, und wollte weder auf Borg trinken, noch ſich von Andern bezahlen laſſen. Sylvan war Republikaner, weil ihm ſein geſunder Sinn ſagte, daß in Frankreich die Republik die wahre Regierungsform ſei, weil ſie die Regierung für das Volk und durch das Volk wolle. Er fragte nicht, wie ſo viele Egoiſten und arme Verblendete: „Was hat uns die Republik Gutes gebracht?“ — Sylvan wußte, daß das Wickelkind groß werden muß, daß es väterlichen Schutzes bedarf, gebildet, entwickelt werden muß, um ein kräftiger Mann zu werden. Daher ſagte er: — „Laßt uns die Kindheit der Republik beſchützen; ſie wird uns Frieden, Ruhe und Brod im Alter geben, wenn wir ar⸗ beitſam und ehrlich gelebt haben. — — — Die Repu⸗ blik iſt das ſchönſte Erbtheil, das wir unſern Kindern hinterlaſſen können!“ Er liebte die Republik auch ſchon, weil ſie in der Verfaſſung ſeines Vaterlandes begründet war und weil dieſe Verfaſſung vom Volke ausging, deſſen freigewählte Vertreter das Geſetz gemacht hatten. Er war alſo Republikaner aus Ueberzeugung und von Rechtes und Geſetzes wegen. Sylvan hatte, wie man ſo ſagt, in der Lotterie der Ehe ein gutes Lvos gezogen, als er Hanne Maſſon hei⸗ rathete. Er hätte auch ſchwerlich eine beſſere Haushälterin, ein Weib gefunden, das ſie an Gleichmuth, an Offen⸗ heit und vor Allem an Munterkeit übertroffen hätte. 10 Weinten ihre Kinder, ſo zankte und ſchlug Hanne dieſel⸗ ben nicht etwa, ſondern ſie brachte es durch einen Schwank dahin, daß ſie inmitten der Thränen lachen mußten. Ebenſo machte ſie es ihrem Manne und dem guten, al⸗ ten Großvater, der dadurch oft in Gefahr kam, ſeinen Pfeifenſtumel zwiſchen den Zähnen zu zerbrechen, worauf das ganze Häuschen, Klein und Groß, noch unbändiger lachte. An Reinlichkeit, die ſich im ganzen Hausweſen wie an der Wäſche ihres Mannes, der Kinder und des Großvaters zeigte, war Hanne nnübertrefflich. Nie ſah man, ſo ärmlich die Familie auch gekleidet war, ein Glied derſelben in Lumpen, und da Hanne auf das Verdeckte ſo viel ſah, als auf das Aeußere, ſo ſorgte ſie dafür, daß die geflickten Ueberkleider ſo oft als möglich reine Wäſche deckten, und um dieß zu erlangen, ſcheute ſie das Waſchen nie. Von einer Erziehung durch ſolche Eltern mußten die Kinder großen Nutzen ziehen. So waren auch die zwei ältern, Peter und Marie, gut und thätig, wie ihr Vater, und freundlich und munter wie ihre Mutter, und arbeiteten ſchon nach Kräften. Dominik, der jüngſte, war drei und ein halbes Jahr alt und der Benjamin des Hauſes; vor Allem aber war er der Lieb⸗ ling des alten Vater Birnbaum, der ſeinem Enkel ein Paar Holzſchuhe aus feinem Nußbaumholz geſchnitzelt hatte; denn der ehemalige Kohlenbrenner verſorgte durch ſeine Nachtarbeit beinahe die ganze Familie mit Schuh⸗ werk. An einem kalten, regneriſchen Herbſtabende gegen Ende November 1851 war die Familie nach dem Abend⸗ eſſen um den Heerd verſammelt. Ihre Wohnung beſtand aus einem großen Gemach mit einem Kamine, in welchem das Bett Sylvans und ſeiner Fran ſtund, und einer Kammer daneben mit den Betten des Großvaters und der Kinder. In dem großen Gemache ſah man ein Ge⸗ ſtell mit Geſchirr, einen Schrank für Weißzeng, einen 11 Tiſch und einige Stühle; Alles glänzte vor. Reinlichkeit. Ueber dem großen Rauchfange des Kamins hing ein doppelläufiges Jagdgewehr; denn Sylvan war ein guter Schütze und wurde oft zu den Wolfsjagden berufen, welche im Winter in dem Walde von Mareuil ſtatt⸗ fanden. Der alte Vater Birnbaum, der an dieſem Abend keine Schmerzen hatte ſaß an einer Ecke des Heerdes auf einem Schemel und ſchnitzte, ſein Pfeifchen ſchmauchend, an einem Holzſchuhe; Hanne, eine ſchöne, ſchlanke, ſechsunddreißigjährige Brünette, deren Angen ſo ſchwarz waren, wie ihre Zähne weiß, war beſchäftigt, das Wickelzeug für ihr viertes Kind zuzuſchneiden und zu nähen, das in etwa zwei Monaten zur Welt kommen ſollte. Der kleine Dominik, ſaß zu ihren Füßen und ſtützte ſein Köpfchen auf die Kniee der Mutter; Marie ſtrickte und Peter bemühte ſich mit Hülfe eines Schnitz⸗ eiſens und eines Meſſers einen Heurechen zu fertigen; Sylvan las beim Schimmer einer kleinen kupfernen Schnabellampe eine halb zerriſſene Zeitung, welche ihm ein befreundeter Wirth von St. Laurent des⸗Eaux geliehen. Es war die Conſtitution, ein republikaniſches Blatt von Hrleans, das mein ausgezeichneter, jetzt flüchtiger Freund Herr Tavernier mit ebenſoviel Patriotismus als Talent und Muth redigirte. Möge ihm dieſe Erinnerung eines Verbannten in der Verbannung angenehm ſein! Je weiter Sylvan las, deſto mehr verfinſterten ſich ſeine männlichen und offenen Züge. Johanne bemerkte es zuerſt und ſagte munter: „Was fehlt Dir denn, Sylvan? Du ſiehſt ja ganz traurig ans. Du machſt ein Geſicht wie unſer Kirchen⸗ diener, wenn er ſieht, daß der Korb mit dem geweihten Brod leer iſt. Der dicke Vielfraß! — — Wart' ein wenig, ich will Dich aufheitern. — — Nun, ſieh mich einmal an! 12 Sylvan. Liebe Frau — — es ſcheint in Paris ſchlecht zu gehen. Hanne lachend. Pah! Was thut dieß; wenn es nur bei uns gut geht. Nicht wahr, altes Väterchen? Vater Birnbaum den Kopf ſchüttelnd. Wer weiß, meine Tochter — — wer weiß! — Sylvan. Siehſt Du, Hanne, wenn es in Paris ſchlecht geht, wird es hier kaum beſſer werden. Hanne. Nun, was gibts denn dort Neues? Sylvan in ernſtem Tone. Man fürchtet einen Staatsſtreich — — Hanne lachend. Was iſt das für ein Thier? Sylvan. Ein garſtiges Thier, denn es vergießt Blut. Hanne unruhig. Was ſagſt Du da? — — Sylvan. Wenn ein Staatsſtreich gemacht wird — dann ha⸗ k den Bürgerkrieg in Paris und in ganz Frank⸗ reich. Hanne. Ach Gott! mein armer Mann! — — In dieſem Moment wurde an der Hausthüre gepocht und gleichzeitig trat ein Fuhrmann von Cailly herein. Es war ein fünfundzwanzigjähriger junger Mann, der jetzt vollſtändig betrunken war und deſſen Geſichtszüge 13 faſt ſtumpffinnig waren. Sein übermäßiger Bonapartis⸗ mus hatte ihm in der Gegend den Spitznamen Ratapoil, Haarratte,*) verſchafft, und er war ihm bis heute ge⸗ blieben. Ratapoil plump die Thüre aufſtoßend und einfältig lachend. Guten Abend, Nachbarn! Es lebe der Kai⸗aiſerrr! Sylvan die Achſeln zuckend. Du biſts, loſer Kerl? Ratapoil. Ja ich! beim kleinen Korporal! ich bin's! — — Guten Abend, Vater Birnbaum! — Guten Abend, Mut⸗ ter Hanne! Er ſetzt ſich ſchwerfällig und taumelnd nieder.) Hanne. Ihr ſeid da in einem ſchönen Zuſtand! Welch' gu⸗ tes Beiſpiel für unſere Kinder! (Sie ſteht auf und nimmt den kleinen Dominik, der auf ihren Knieen ent⸗ ſchlafen war, auf die Arme. Dann ſagt ſie zu Peter und Marie, die Miene machen, ſich über Ratapoil zu belnſtigen ) Geht ſchlafen, meine Kinder. Peter und Marie der Reihe nach Vater Birnbaum und Sylvan umarmend. Gute Nacht, Großvater! Gute Rlht, Väterchen! Gut' Nacht, Rrrata⸗tapoil! (Sie ſpringen lachend in die Kammer, wohin ihnen Hanne folgt.) Ratapoil. Ja, Ratapoil! Haarratte, mit tauſend, mit zwei⸗ tanſend Haaren! und ich bin ſtolz darauf. Sylvan. Du haſt keinen Grund dazu — — — Aber was willſt Du denn bei uns? * Bezeichnung für die ſtumpfhaarigen Schnurrbärte vie⸗ ler kaiſerlichen Soldaten. 14 Ratapoil. Ich habe einen Auftrag an Dich von Kleinhans. Sylvan. Nun! wann haſt Du den braven Burſchen geſehen? Vater Birnbaum. 2 O ja! das iſt ein braver, tüchtiger Burſche, unſer Freund Kleinhans. Ratapoil. Donnerrr! ich erſticke. Habt ihr nichts zu trinken da? Beim kleinen Hütchen! — — Sylvan. Doch! Ich will Dir eine Erfriſchung geben; denn Du ſcheinſt mir tüchtig erhitzt zu ſein. (Er ſteht auf und ergreift einen Krug, aus dem er ein Glas Waſſer ein⸗ ſchenkt, das er Ratappil anbietet.) Rataypoil. Waſſer! Kaiſeradlerdonnerwetter! — Waſſer! Solche Erfriſchung bieteſt Du Freunden an! . Sylvan. Wir haben nur noch wenig Wein und der iſt für den Vater! D Ratapoil. Waſſer — — ich trinke keines, und gälte es der Geſundheit meines Kaiſers! Vater Birnbaum. Deſſen Reich hat gottlob! ein Ende. Ratapoil. Oho! Vater Birnbaum! Ihr ſeid bejahrt genug, um ein Alter von der Garde zu ſein und Ihr ſprecht ſo? Vater Birnbaum. Ja, ſo! — — das waren ſchöne Zeiten für die Bauctn, die Zeiten des Kaiſers! — — Ich habe ſie, 15 wie viele Andere, zu meinem Unglück gekannt, jene ſchlechten Tage! Alles mußte Soldat werden! Es waren kaum die nöthigen Arme übrig, um die Hälfte der Fel⸗ der zu bebauen; die andre Hälfte mußte brach liegen! das Brod koſtete vier und fünf Sous das Pfund! Ratapoil. Schlechte Tage! Kreuzdonnerrr — —! ſchlechte Tage, als unſere Adler flogen! der graue Ueberrock!! der Ruhm!! der Sieg!! Donner — — die Bienen! das kleine Hütchen! — — (ſchluchzend) und Alles — — Sylvan. Es war köſtlich — — — aber auch ſehr koſtſpielig für die armen Leute. — Aber laß hören, was iſt's für ein Auftrag, den Kleinhans gab! Ratapoil⸗ Gut — — Ich kam dieſen Abend durch St. Lau⸗ rent des⸗Eaux und begegnete Kleinhans. Er hatte ſein Pack auf dem Rücken und kam von Laferté; er trat mit in die Weinſchenke, wo ich eine Flaſche trank und ſagte zu mir: Wenn Du nach Lailly zurückkehrſt, kömmſt Du an Sylvans Haus vorbei. Sage ihm, daß er morgen früh nicht an die Arbeit gehen ſoll, ehe ich ihn getrof⸗ fen; ich werde bei Tagesanbruch bei ihm ſein ½ Sylvan. Gut: ich danke! — ich werde ihn erwarten. Ratapoil. Siehſt Du! der Kleinhans, der Strick, iſt auch ſo ein Rother wie Du. Sylvan. Nicht ſo roth wie Du mit Deinem Bausbacken⸗ geſicht! Ratapoil. Ja, ich habe auf die Geſundheit meines Kaiſers 16 getrunken, und wer getrunken hat — — — wird mehr trinken. — Halt! höre einmal! Es ſcheint warm zu werden? Sylvan. Was? Ratapoil. Die Republik hat ein Ende! „ Sylvan. Ach geh: Wirklich! Und woher weißt Du dieß? Ratapoil. Ich komme eben von Herrn Schwarzwaſſer zurück, dem ich Fäſſer gebracht habe — — — Du kennſt Schwarzwaſſer ? — im Schloß in Pliniere — ein Alter von der Garde. — — Das iſt ein Brummbär! mit ſchuhlangem Schnurrbart! Sylvan. Er war Apotheker — — doch das iſt gleichgültig — — fahre nur fort. Ratapoil. Nun denn! der hat mir geſagt: Aus iſts mit der Republik! aus iſts mit der Nationalverſammlung! Ehe lange Zeit vergeht, wird der Präſident den Fünfund⸗ zwanzigfränkigen mit Kolben lauſen und ſich zum Kaiſer machen. Donnerwetter, unſre Adler! Das kleine Hüt⸗ chen! Aus, aus iſts mit der Republik! Es lebe der Kaiſer! Sylvan wurde wieder beſorgt und warf ſeinem Va⸗ ter einen verſtändigen Blick zu, der jedoch die Achſeln zuckte und ſeinen Sohn aufzumuntern ſchien. Hanne hatte die Kinder ſchlafen gelegt und trat wieder ins Zimmer, indem ſie zu Ratapoil ſagte: — Schreit doch nicht ſo laut, ich bitte. Die Kinder können ſo nicht ſchlafen. Ratapoil. Mutter Hanne — — wenn ich ſchreie, iſt es das Geſchrei des Adlers, der ſeinen angebeteten Kaiſer ruft. Hanne. Ach geht und ſchlaft Euern Rauſch aus! Ihr wißt nicht, was Ihr ſchwatzt! — — Meine Mutter hat mir traurige und ſchlechte Geſchichten genug von der Zeit des Kaiſers erzählt. Alle Mütter verfluchten ihn, und ſie hatten nur zu ſehr Recht. Man mußte das letzte Kind, das einem blieb, drei und viermal vom Militär loskau⸗ fen. Gott weiß, wie viel wohlhäbige Bauern, die gute Ländereien und gute ſonnige Rebberge hatten, dadurch an den Bettelſtab gebracht wurden, daß ſie für ihren letzten Sohn zwei und drei Stellvertreter kaufen mußten, damit er nicht, wie ſo viele andere, Kanonenfutter wurde. Daß in vielen Dörfern nur noch Einäugige, Bucklichte und Lahme blieben, iſt bekannt. Das war eine Freude für die heirathsfähigen Mädchen! Da war, wie mir meine Mutter ſagte, in Laferté der kleine Dummdrall der Haupt⸗ hahn im Dorfe, der Angebetete, weil er nur vornen aus⸗ gewachſen war. Laßt mich im Frieden! das Kaiſerthum war die ſchöne Zeit für die Bucklichten! Sylvan lachend. Hört Ihr, Vater? So was klügelt nur die Hanne aus. Ratapoil. Donnerwetter! Kann man ſo etwas ſagen! Aber das Kaiſerthum, Mutter Hanne, war — — (ſchluchzend) — — war — Sylvan. Nun, was war es denn? Ratapoil. Donnerwetter! nun war eben — war das Kaiſer⸗ Lohanne und Loniſe⸗ 2 18 thum! Was! Kurz das Kaiſerthum mit den Alten von der Garde! unſern Siegen! unſern Adlern! dem kleinen Korporal! und dem ganzen drunter und drüber! So iſts! Und mein Kaiſer ſoll leben! Wir werden ihn be⸗ kommen, wir werden ihn haben! Sylvan. Welchen? Ratapoil. Den Andern! Den Alten! Den Onkel! Den Alten mit der Garde! Sylvan. Ach ſo! der Alte iſt alſo nicht todt? Ratapoil. Verſteht ſich! Hanne. Seht einmal an! Jetzt lebt der noch! Ratapoil. Ja freilich lebt er; verborgen auf einer wilden In⸗ ſel wartet er bis der Präſident der Republik den Gna⸗ denſtoß verſetzt. Dann wird er wieder kommen mit ſeinen Adlern und Donnerwetter! mit dem kleinen Hütchen! Sylvan zu ſeinem Vater. Hört Ihr! Er iſt voll, wie eine Droſſel im Herbſt. Vater Birnbaum lachend. So, ſo! mein ſchöner Ratapoil; und ſeine irdiſchen Ueberreſte, die man von St. Helena nach Paris ge⸗ bracht ? Ratapoil. Wie! Vater Birnbaum, Ihr, ein bejahrter Mann, 3 ſprecht von dem Firlefanz! Ihr ſprecht von ſeiner Aſche. 19 Vater Birnbaum. So war es alſo nicht ſeine Aſche 2 Ratapoil. Donnerrr! Das macht mich ſchwitzen! Rein! nein! das war falſche Aſche. Der Kaiſer wurde von St. He⸗ lena von amerikaniſchen Negern aus einer öden Inſel geholt, wo er ſich jetzt birgt, bis ſein Neffe in den Tuillerien ſein Bett zurecht gemacht, wo er, der Alte, ſchlafen will mit ſeinen Adlern, ſeinen Bienen, ſeinem klei⸗ nen Hütchen, den Alten von der Garde und dem ganzen Durcheinander! Hanne lachend. Die ganze Menagerie in einem Bette? Entſchuldigt ein wenig, da muß es ſehr groß ſein! — Schwatzt Un⸗ ſinn, wenn Ihr wollt, aber ſchreit nicht ſo laut, Ihr weckt meine Kinder. Ratapoil, der ſich kaum auf den Füßen halten kann. Nun, nun! Mutter Hanne, ich ſchreie nicht mehr, ich gehe! Es iſt ſpät! Gute Nacht, Vater Birnbaum; gute Nacht, Sylvan! Ich ſage nichts mehr, als: Aus iſts mit der Republik und der Kaiſer ſoll leben! Hanne ihn hinausſtoßend. Aber ſo geht denn doch! Ihr macht einen Höllen⸗ ſtandal! Ratapoil, der im Hinausgehen beinahe niederfällt. Es lebe mein Kai⸗aiſerrr! Ich unterſtütze ihn und werde ihn ſtets auch im Leben und Tod unterſtützen! Hanne. Unterſtützt Euch erſt ſelbſt! Sie ſchließt die Thüre zu.) Gemeiner Säufer! Muß der ſich betrinken, um ſo dum⸗ mes Zeug zu ſchwätzen. Sylvan traurig. Ach, Vater! ich bin wider Willen unruhig. 20 Vater Birnbaum. Warum denn? Sylvan. Dieſer Herr Schwarzwaſſer, von dem Ratapoil ſpricht, iſt wohl unterrichtet; er hat Freunde in Paris. Ihr werdet ſehen, Vater, es wird etwas ausgeſponnen. Die Zeitung hat Recht. — — Vater Birnbaum. Sei klug, mein Sohn! Ratapoil iſt betrunken und weiß nicht, was er ſpricht. Hanne lachend. Es war eine wahre Komödie! und wenn er nicht ſo laut geſchrieen hätte, daß ich gefürchtet hätte, die Kinder würden wach, ich hätte ihn nicht hinausgeſtoßen. (Sie ahmt Ratapoil muthwillig nach) Beim kleinen Hütchen! Während ſein Vater und ſeine Frau ſo ſprachen, war Sylvan aufgeſtanden und ließ den Kopf nachdenkend hängen. Dann nahm er den alten Doppelläufer, der über dem Kamin hing, herunter und kam mit ſtets be⸗ ſorgterer Miene mit der Waffe in den Händen zurück. Seine Frau war nicht weniger erſtaunt als der Vater Birnbaum, als er ſagte: — Gib mir einen Lumpen, meine gute Hanne, und einen Tropfen Oel. Hanne. Du willſt alſo Dein Gewehr putzen? Sylvan. Ja. Hanne. Warum? Sylvan. Ich habe es vielleicht bald nöthig. Hanne. Dein Gewehr? 21 Sylvan mit Thränen in den Augen. Ja, armes Weib! Was der Vater auch ſagen mag, ich bin ſicher, daß man komplottirt und man muß auf alle Fälle gerüſtet ſein. Hanne verſteht die Gedanken ihres Mannes und ſtößt einen Schrei des Entſetzens aus. Weinend wirft ſie ſich an ſeinen Hals. — Sylvan, mein guter Sylvan! Du willſt Dich ſchlagen, wenn es in Paris Lärm gibt! — — Vater — Vater — hört Ihr?! Vater Birnbaum, ſein Geſicht in den Händen bergend. Ich habe den Muth nicht, ihn darob zu ſchelten. Er muß ſeine Pflicht thun, wenn ein Unglück geſchieht. Hanne ängſtlich. O mein armer Mann! — — mein armer Mann! Sylvan, indem er Hanne an ſeine Bruſt drückt, mit erſtickter Stimme. O mein Weib! — meine Kinder! mein Vater! Ich kann nicht anders. Die Republik iſt das ſchönſte Erb⸗ theil, das wir unſern Kindern laſſen können! Richt weit von Beaugench auf dem linken Ufer der Loire dehnte ſich der Wald von Mareuil aus. Eines Tags ſpäter, als Sylvan beſchäftigt war, ſein Gewehr zu putzen, gingen zwei Bauern bei mächtigem Dunkel gegen Mitternacht auf einem Fußwege, den ſie nach dem blaſſen Schimmer der Sterne ſuchen mußten, 24 er ihnen bekannt ſchien, in den Wald von Ma⸗ reuil. 22 Dieſe zwei Landleute waren Sylvan und ſein Freund Kleinhans. Bevor ich weiter erzähle, einige Worte über Klein⸗ hans. Ich kannte ihn. Niemals habe ich einen ehrbarern Charakter, eine reinere, ſo wunderſam einſichtige Hin⸗ gebung für die Sache der Republit getroffen. Hier die Geſchichte dieſes unbekannten, aber muthigen Apo⸗ ſtels des demokratiſchen Glaubens. Er war Rebmann und beſaß genug, um in einer beſcheidenen Wohlhäbigkeit leben zu können. Im Jahr 1848 war Kleinhans wie Millionen ſeiner Mitbürger ſeiner politiſchen Rechte entſetzt und bekümmerte ſich nicht um öffentliche Angelegenheiten. Aber ſobald er einmal ein Recht auszuüben hatte, beſchäftigte er ſich deſto leb⸗ hafter damit. Er hatte die geringe Bildung der wohl⸗ habenden Bauern unſerer Landſchaft erhalten und konnte leſen und ſchreiben. Ich ſah ihn zum erſten Mal kurz nach der Zeit, wo die Verordnungen über den Bücher⸗ verkauf ergangen waren, die ſo ſtreng und dem ewig gerechten Satze, daß jeder das Recht hat, ſeine Gedan⸗ ken zu veröffentlichen, ſo zuwider waren. Die Verord⸗ nungen machten die republikaniſche Propaganda, ſo weiſe, ſo gemäßigt ſie auch war, rein unmöglich. Klein⸗ hans kam damals zu mir, um meinen Rath über ein Vorhaben zu vernehmen, das er mir ungefähr in folgen⸗ den Worten auseinander ſetzte: Bürger, ſagte er zu mir, ich wünſche unſerer Sache auf nützliche Weiſe zu dienen. Ich beſitze einige Reben, die ich ſo verpachtet habe, daß ſie mir genug zum leben eintragen. Ich bin ein Bauer und kenne die Bauern. Was ſehr vielen unter ihnen fehlt, iſt der Un⸗ terricht, die Kenntniß und das Bewußtſein ihrer politi⸗ ſchen Rechte und Pflichten; die Bauern haben weder die Zeit, noch die Gelegenheit, noch die Mittel, die Jour⸗ nale zu leſen, die ſie aufklären und leiten könnten; die⸗ 23 jenigen, welche leſen können, und deren Zahl iſt be⸗ ſchränkt, leſen nur die Kalender; aber dieſes Mittel der republikaniſchen Propaganda iſt beinahe unmöglich ge⸗ worden; die Hauſirbuchhändler können auf dem Lande nichts verkaufen ohne die Erlaubniß und Beſcheinigung der Präfekten, und natürlich werden die republikaniſchen Kalender zuerſt verboten. Es iſt ſehr ſchwer, dieſe Be⸗ fehle und die Wachſamkeit der Gendarmen zu umgehen, die auf den Landſtraßen und in den Dörfern die Ballen der Buchhändler unterſuchen. Darum gedachte ich eine Auswahl von den Broſchüren zu kaufen, welche die kirch⸗ liche Buchhandlung in Tours veröffentlicht. Dieſe gehen überall durch und da würde ich dann mit meinem Pack auf dem Rücken, in die entlegenen Weiler des Depar⸗ tements gehen, in die Tiefe der Wälder und der Heiden und hauptſächlich in die einzelſtehenden Maierhöfe, wo ich des Abends zur Zeit des Nachteſſens ankommen würde, wenn die Bauern ausruhen und ſchwatzen, und man würde mich nach der gaſtlichen Sitte des Landes zum Abendſitz und dann zum Bebernachten einladen. Ganz gut! ſagte ich zu Kleinhans, ohne noch zu verſtehen, was er eigentlich wollte. Aber Bürger, was für eine republikaniſche Propaganda wollen Sie mit den kleinen Büchlein des Bisthums Tours machen? Das iſt's eben! erwiderte er mir ſchlau lächelnd. Ich zähle darauf, daß ich nicht das Unglück haben werde, ein einziges der kleinen Büchlein verkaufen zu müſſen, und daß ich mein Pack ſo ſchwer nach Hauſe zurück bringe, als es bei der Abreiſe war. Aber ſehen Sie, ich habe das Glück, ein außordentliches Gedächtniß zu beſitzen. So lernte ich in den republikaniſchen Journa⸗ len und Kalendern Alles auswendig, was mir gut, heil⸗ ſam, nützlich und für die Verſtandes- und Bildungsſtufe der Bauern zugänglich ſchien. Ueber mein Gedächtniß, Bürger, ſollen Sie ſogleich ſelbſt urtheilen. Und Kleinhans — man verzeihe mir die ſtolze Er⸗ piſ 24 innerung! — und Kleinhans rezitirte mir aus herzlicher Höflichkeit zuerſt einige Stellen meines „Republikaners vom Lande“ und des „Hirten von Kravan“*); darauf Bruchſtücke aus den Werken von Pierre Düpont und meinen ehrenwerthen Freunden und Kollegen Felix Pyat, Esquiros und Joigneaux, Schriftſtellern, die heute ver⸗ bannt ſind, damals aber hauptſächlich der Gunſt des Landvolks ſich erfreuten. Ichwar beſtürzt, überraſcht; nicht allein über das glück⸗ liche Gedächtniß des Kleinhans, ſondern auch über ſeinen eben ſo ausdrucks⸗ als gefühlvollen Accent. Sein Vor⸗ trag war ſehr verſtändlichz die Begeiſterung, der Glaube, wenn man ſo ſagen darf, gaben ſeinen Worten An⸗ ziehungskraft; unwiderſtehliche Gewalt. Er trug mir unter Anderem den berühmten Toaſt auf die Bauern von meinem theuern Freunde Felix Pyat mit ſo beweg⸗ ter Stimme und ſo tiefgerührt vor, daß mir die Thrä⸗ nen in die Augen traten. Jetzt, Bürger, nahm Kleinhans das Wort wieder, werden Sie begreifen, daß meine Büchlein vom Bisthum Tours nur mein Sicherheitspaß ſein ſollen; die Gendar⸗ men werden, ſo fein, ſo durchdringend ihre Augen auch ſein mögen, nicht ſehen können, was ich im Kopfe, im Herzen und auf der Zunge habe. Wenn ich dann ſo des Abends in einen Pachthof komme, werde ich mich an einer Ecke des Heerdes mitten unter die Pächterfami⸗ *) In den erſten Monaten des Jahres 1848, habe ich den „Republifaner vom Lande“ (Republicain des cam- pagnes) ein Gratis⸗Wochenblatt veröffentlicht; es ka⸗ men etwa 500 Exemplare ins Loiret⸗Departement und ich habe damit, wie mir verſichert wurde, einige Er⸗ folge erzielt. Meine ausgezeichneten Freunde von der Démocratie pacifque! hatten die Herausgabe des „Hirten von Kravan“ übernommen und ſie berechneten darauf gar nichts, als ihre Druckkoſten, um mich auf dieſe Weiſe in meiner Propaganda zu unterſtützen. —,— 25 lie ſetzen und einige von den Sachen vortragen, die Sie ſo eben hörten; und wenn ich ihnen daun meinen Pack mit den biſchöflichen Broſchüren zeige, ſo geſchieht es jedenfalls nur, um ihnen anzuempfehlen, niemals der⸗ gleichen Waare zu kaufen, oder um ihnen einige Stellen vorzuleſen, die ich ihnen ſo erklären werde, daß ſie einen Eckel vor aller Propaganda der Weißen und der Schwar⸗ zen bekommen ſollen. Und nun, Bürger; was ſagen Sie nun zu meinem Vorhaben? Was ich dazu ſage! rief ich von ſolcher Hingebung gerührt aus. — Ich glaube, daß Sie auf dieſe Weiſe unſerer Sache unermeßliche Dienſte leiſten können. Wohlan denn, Bürger! Sie machen mir da gu⸗ ten Muth und gute Hoffnung. Leben Sie wohl! Ich S Ihnen nach meiner erſten Rundreiſe Rechenſchaft ablegen. Seinen Vorſätzen getreu, durchwanderte Kleinhans unſer Departement, indem er, wie er ſcharfſinnig aus⸗ gedacht, hauptſächlich die von den bevölkerten Haupt⸗ orten entfernten Plätze beſuchte; denn in den Hauptver⸗ kehrsplätzen macht ſchon die Annäherung und Berührung der Männer unter ſich dieſelben, wie auch ihre Bil⸗ dungsſtufe ſei, für die Mittheilungen der Gedanken empfänglicher und tauglicher, das Gerechte und Wahre aufzufaſſen. Kleinhans Propaganda war von einem Exfolg, wie er und ich ihn erwarteten. Ich ſah ihn von Zeit zu Zeit nach ſeinen Rundreiſen und lieh ihm einige gute Geſchichtswerke, in denen er Nahrung für ſeine leiden⸗ ſchaftliche Wißbegierde fand. Er war ein entſchloſſener, gerader und äußerſt aufrichtiger Kopf, ein ehrliches, warmes Gemüth. Sein Geſicht war ſanft und bleich; ſein Körper war klein und ſehr ſchwächlich und konnte nur in der Gewalt ſeiner Ueberzeugung die Kraft ſchö⸗ pfen, von Morgens früh bis Abends ſpät niedergedrückt von der Wucht des ſchweren Ballens mit den bisthüm⸗ 26 lichen Büchern, ſeinem Paſſe, wie er frei ſagte, das Land zu durchwandern. An jenem Abend alſo wanderten Sylvan und ſein Freund Kleinhans gegen Mitternacht in tiefem Dunkel durch den Wald von Mareuil. Als ſie eben in einen großen, dunkeln Hochwald ſchritten, blieb Kleinhans ſtehen und ſagte zu Sylvan: Ehe wir weiter gehen, frage ich Dich nochmals: Biſt Du feſt entſchloſſen? Sylvan. Ja. Kleinhans. Die Sache iſt wichtig — — — Haſt Du über⸗ legt? Sylvan. Ja — und mein Gewiſſen ſagt mir, daß ich wohl thue, mich unſern Brüdern anzuſchließen, ſtatt auf eigne Fauſt zu handeln — — wenn das Unglück will, daß ge⸗ handelt werden muß. Kleinhans. Freund, noch iſt es Zeit, zurückzukehren; Du haſt Weib und Kind und einen alten Vater, deren einzige Stütze Du biſt. — — Ich bin ledig und bringe nur mich in Gefahr. Sylvan. Kleinhans! eben weil ich Weib und Kinder und ei⸗ nen alten Vater habe, die von meiner Hände Arbeit le⸗ ben, will ich die Republik unterſtützen und vertheidigen — — ſie iſt das einzige Erbtheil, das wir unſern Söh⸗ nen hinterlaſſen können. Kleinhans. So komme. Die zwei Bauern ſetzten ihren Weg fort und dran⸗ gen immer tiefer in das Dickicht des Waldes. Der 27 weißliche Strich, den der Weg bildete, diente ihnen als Wegweiſer, der aber kaum ſichtbar war inmitten der Finſterniß, welche vom Schatten großer Bäume gebildet wurde, über deren Gipfeln man hie und da einige Stern⸗ chen blinken ſah. Plötzlich blieb Sylvan ſtehen und in⸗ dem er auf eine rieſige Eiche zeigte, die einzeln inmit⸗ ten einer lichten Waldſtelle ſtand, ſagte er zu ſeinem Freund Kleinhans: Siehſt Du wohl jene Eiche? Kleinhans, Ja. Sylvan. Wirſt Du die Stelle wieder erkennen? Kleinhans. Dies ſcheint mir nicht ſchwierig zu ſein. Sylvan. Man weiß nicht, was geſchehen kann. Paſſe wohl auf! Wann man einem alten Weg folgt, der jetzt mit Kräutern überwachſen iſt und der großen Eiche gegen⸗ über ausmündet, kommt man ungefähr fünfhundert Schritte von da in eine verlaſſene Mergelgrube, deren Eingang nun mit Brombeergeſträuch bedeckt iſt. Das iſt ein gutes Verſteck. Im Hintergrunde dieſes beinahe un⸗ terirdiſchen Schlupfwinkels iſt eine kleine, ſprudelnde Quelle und wenn man ein Brod mitnimmt, kann man da ſchon einige Tage den Verfolgungen entgehen. Kleinhans. Gott ſei Dank! wir werden, wie ich hoffe, nicht nöthig haben, uns zu verbergen. Aber Du haſt Recht, man weiß nicht, was geſchehen kann; ich danke für die Mittheilung. Kleinhans und Sylvan ſetzten ihren Weg fort und nachdem ſie noch einige Zeit gewandert, entdeckten ſie am Ende des Weges eine weniger dunkle Stelle; es 28 war ein entholzter Waldplatz, in deſſen Mitte ſich ein Pfahl erhob. Sie verließen den ſchattigen Weg und ge⸗ langten auf jenen Rundplatz, der nach allen Seiten offen war, doß ſie bei dem gemilderten Dunkel die Gegen⸗ ſtände beſſer unterſcheiden konnten. Sie bemerkten bei dem Pfahle drei Männer; zwei derſelben waren in Blon⸗ ſen gekleidet, der dritte in einen Mantel gehüllt. Es war dieſer das Mitglied des Vorſtands eines geheimen Bundes, welches mit der Einweihung neuer Mitglieder beauftragt war. Kleinhans, ſich nähernd. Bürger, ich bringe hier einen unſerer Brüder, der, wie wir, die Verfaſſung und die Republik vertheidigen will, wenn ſie angegriffen werden. Der Vorſtand zu Sylvan. Bruder, was iſt die Verfaſſung? Sylwan. Das Grundgeſetz. Der Vorſtand. Wer hat dieſes Geſetz gemacht? Sylvan. Das ſouveräne Volk durch ſeine Vertreter. Der Vorſtand. Bruder, kennſt Du den Artikel 68 der Verfaſſung? Sylvan. Ich kenne ihn dem Sinne nach. Der Vorſtand. Er lautet wörtlich: Jede Maßregel, durch welche der Präſident der Republik die Nationalverſammlung auflöſt oder vertagt, oder durch welche er ſie hindert, ihr Mandat auszuüben, iſt ein Verbrechen des Hochver⸗ raths; durch dieſe That allein iſt der Präſident ſeiner 29 Funktionen enthoben, die Bürger ſind gehalten, ihm den Gehorſam zu verweigern und die Exekutivgewalt geht vollrechtlich an die Nationalverſammlung über. — Bru⸗ der, ſo lautet das Geſetz. Schwörſt Du, es auszufüh⸗ ren, wenn die Verfaſſung in Gefahr kommt? Sylvan. Ich ſchwöre es. Der Vorſtand. Kennſt Du den Artikel 110 der Verfaſſung? Sylvan. Ich kenne ſeinen Sinn. Der Vorſtand. Er lautet: Die Nationalverſammlung vertrant die Wahrung der gegenwärtigen Verfaſſung und der Rechte, welche ſie heiligt, der Obhut und der Vaterlands⸗ liebe aller Franzoſen an. — Schwörſt Du, das Geſetz, das Deiner Obhut und Deiner Liebe zum Vater⸗ lande anvertraut iſt, mit den Waffen in der Hand zu vertheidigen? Sylvan. Ich ſchwöre es! Der Vorſtand. Schwörſt Du, Dich Deinen Brüdern beim erſten Ruf anzuſchließen, wenn ein Staatsſtreich gemacht wird? Sylvan. Ich ſchwöre es! Der Vorſt and. Schwörſt Du, Deine Aufnahme in den Bund der Verfaſſungsvertheidiger vor Jedermann, ſogar vor Deinem 30 Weibe, Deinen Kindern, Deinen Anverwandten zu ver⸗ heimlichen? Sylvan. Ich ſchwöre es! . Der Vorſtand. Schwörſt Du, mit aller Kraft jede Plünderung zu verhindern, wenn ſich vielleicht einige elende, vergebliche, aber unwürdige Republikaner zu ſolchem Frevel hinreißen ließen, der den Triumph des Geſetzes und die Heiligkeit unſerer ſozial⸗demokratiſchen Sache in ein böſes Licht ſtellen könnte *)2 * Folgende Tagsbefehle und Aufrufe gingen zu jener Zeit von den „Jacques,“ den Kommuniſten,“ den „Ban⸗ diten“ und „Frauenſchändern“ aus. „das revolutivnäre ſoziale Komite von Clamech. Am 7. September 1851. Komitebefehl. Die Ehrlichkeit iſt eine Republikanertugend. Jeder Dieb und Räuber ſoll erſchoſſen werden. Diejenigen, die Waffen verheimlichen und dieſelben nicht in der Friſt von zwölf Stunden auf der Mairie niedergelegt oder ſonſt abgegeben haben, werden ge⸗ fangen genommen und bis auf weitern Befehl feſtge⸗ halten. Jeder betrunkene Bürger wird entwaffnet und ins Gefängniß gebracht. Es lebe die ſoziale Republik! Das Komite. Proklamation des ſpuveränen Volks von Bedarieux. Am 6. December 1851. Das ſiegreiche Volk muß nach dem Kampfe für die Vertheidignng der Ordnung, des Eigen thums und der Familie thätig wachen. Es mußten viele Arheiter ihre Frauen und Kinder 31 Sylvan. Ich ſchwöre es! Der Vorſtand. Bruder, reich mir Deine Hand, Du biſt der Unſrige! Kreuze Deinen Daumen mit dem meinigen und ſtütze Deinen Mittelfinger auf meine Handfläche. Dies iſt unſer Erkennungszeichen. Unſere Loſung heißt: „wie gehts der Mutter Marianne?“ Die Mutter Marianne iſt die Mutter des Volks, iſt das Geſetz, iſt die Ver⸗ faſſung, iſt die Republik. Sylvan; er reicht dem Vorſtand auf bezeichnete Weiſe die Hand. Wir wollen hoffen, es gehe der Mutter Marianne immer gut und ihre Kinder werden ſie zu vertheidigen wiſſen, wenn ſie angegriffen wird! Der Vorſtand. Haſt Du Waffen und Munition? verlaſſen, um den Beweis zu liefern, daß die Revolu⸗ tion weder Plünderung, noch den Untergang des Ge⸗ ſammtvaterlands wolle! Es lebe die Republik! Zweite Proklamativn. In Revolutionen ſtehen die Einen für das Gute, Andere für das Böſe auf! Alle ehrlichen Bürger, welche einen Diebſtahl oder einen Angriff auf die Tugendhaftigkeit begehen ſehen, ſind erſucht, die Schuldigen mit dem Tode zu beſtrafen. Es lebe die Republik! Das ſouveräne Volk. Dieſe verſchiedenen Proklamationen wurden von kaiſerlich geſinnten Journalen, „Patrie,“ „Conſtitu⸗ tionell n. ſ. w. angeführt. 32 Sylvan. Ich habe ein Gewehr und morgen werde ich Pulver kaufen und Kugeln gießen. Der Vorſtand. Ach Bruder! die Republik ſchien den Bürgerkrieg durch den friedlichen Wahlkampf des allgemeinen Stimm⸗ rechts auf ewig verdrängt zu haben; die Republik hatte den Bürgern die Freiheit verkündigt, ſich am hellen Tage in Frieden zu verſammeln und ſich zur Vertheidigung des gemeinſamen Geſetzes zu verbünden, wenn dieſes jemals in Gefahr kommen ſollte; — und jetzt laſſen uns dumpfe und drohende Gerüchte einen Staatsſtreich und neue blutige Kämpfe befürchten! Und ſo ſind wir, die Vertheidiger des Geſetzes, genöthigt, uns des Nachts wie Verbrecher in der Tiefe der Wälder zu verſammeln, um uns zur Vertheidigung der von allen Seiten unter⸗ grabenen Verfaſſung zu rüſten! Wolle der Himmel, daß wir uns in unſern Befürchtungen getänſcht! Wolle der Himmel, daß die Gräuel des Bürgerkriegs unſerm Frankreich erſpart werden! Was aber auch geſchehe, wir wollen guten Muths und guter Hoffnung bleiben. Ja, wir Alle, Arbeiter und Künſtler, Bürger und Proletarier, wir Alle wollen zur Wahrung des öffentlichen Friedens, zur Wahrung der Verfaſſung zuſammenſtehen und wir werden ſie zu vertheidigen und, wenn es ſein muß, für ſie in das Exil oder in Tod zu gehen wiſſen! Wir ſchwören es! Es lebe die Republik! Sylvan, Kleinhans und die zwei andern Zeugen des Bundes. Wir ſchwören es! es lebe die Republik! Es lag etwas Rührendes und Großes zugleich in dieſem gläubigen und hoffnungsvollen Aufrufe, den dieſe fünf Männer mitten in der Nacht in dieſer tiefen Ein⸗ ſamkeit zum Himmel aufſandten. — — — 33 Die Verbündeten trennten ſich; die Vorſtandsmit⸗ glieder kehrten auf dem Wege nach Beaugency zurück und Sylvan und Kleinhans kamen auf dem Wege, der nach St. Laurent⸗des⸗Eaux führt, nach ihrer Wohnung. Die folgende Scene ereignet ſich am vierten De⸗ cember 1851, achtundvierzig Stunden nach dem Staats⸗ ſtreiche. Der Tag beginnt zu grauen und das Innere von Sylvans Haus ſchwach zu erhellen. Die Decke auf dem Bette beider Gatten, das ſeit dem Vorabend nicht berührt worden zu ſein ſcheint, iſt an mehreren Stellen blutbe⸗ fleckt und einige blutige Hadern liegen hier und da zerſtreut auf dem Fußboden. Vater Birnbaum ſitzt an einer Ecke des Herdes, deſſen Feuer erloſchen iſt, und ſchaukelt den kleinen Do⸗ minik, der entſchlafen iſt, auf ſeinen Knien. Die Züge des Greiſes find ſehr aufgeregt und ſeine Augen von Thränen geröthet, die noch von Zeit zu Zeit fließen. Zuweilen lauſcht er nach der halb offenen Thüre hin, als plötzlich Peter draußen herbeieilt und haſtig eintritt. Des Kindes Züge ſind angegriffen und niedergeſchlagen und ſeine Augen rothgeweint, wie die des Greiſes. Peter. Großvater — — Großvater!! eben ſah ich meine Schweſter — wo die Straße ſich wendet, — — die Mutter iſt nicht fern. — — Vater Birnbaum. Ach Gott! was werde ich erfahren müſſen? Mein Sohn! — mein armer Sohn! — — (Er weint heſtig. Johanne und Louiſe. 3 34 Peter weint ebenfalls und faltet die Hände. Weine nicht, Großvater, — — weine nicht! Er wirft ſich dem Greiſe um den Hals. Der kleine Dominik, der ſchläft, bewegt ſich und ſchauert zuſammen, indem er murmelt: „Mich friert und ich bin ſchläfrig. — — Mama!“ Er macht noch einige Bewegungen und Vater Birnbaum ſchaukelt ihn wieder, bis er ruhig wird. Marie athemlos herbeieilend. Da iſt die Mutter! — — Vater Birnbaum voller Angſt. Und Dein Vater! — — Dein Vater! Marie, den Schweiß von ihrem Geſichte trocknend. Ich weiß nicht. Die Mutter hat mir geſagt, ich ſolle vor der Mergelgrube, in die wir den Vater brachten, Wache ſtehen und nicht auf ſie warten, wenn ſie heraus⸗ komme, ſondern recht weit vor ihr hergehen, um ihr zu ſagen, wenn ich Gendarmen ſehe. — — Ich habe aber keine geſehen. Vater Birnbaum in herzzerreißendem Tone. Hanne hat ihrem Kinde Nichts geſagt — — — Sylvan iſt in dieſer Höhle geſtorben! Peter und Marie, ſich vor dem Greiſe auf die Kniee werfend und weinend die Händchen zu ihm auſſtreckend. Nein! — — — nicht wahr, Großvater, Papa iſt nicht todt? In dieſem Augenblick tritt Hanne ein: ſie iſt ſehr bleich, der untere Theil ihres Kleides und ihre Schuhe ſind mit kreidigem Kothe bedeckt; die Unordnung in ihrer Kleidung zeugt von der vorgerückten Schwangerſchaft. Ihre ſchönen Züge drücken ein Gemiſch von tiefem Schmerz und feſter Entſchloſſenheit aus. Bei ihrem Anblick ſteht Vater Birnbaum auf und ſchreit mit zit⸗ ternder Stimme: — Und Sylvan? 35 Hanne ſich vor Mattigkeit übermannt, niederſetzend. Das Blut ſeiner Wunden iſt geſtillt — — er leidet weniger. Ich habe am Boden der Mergelgrube für ihn ein Bett von Heidegras gemacht, das ich ausgeriſſen habe, und habe ihn darauf gelegt. Vater Birnbaum die Blicke zum Himmel erhebend. Er lebt — — — o Gott! er lebt! Hanne. Findet man ihn nun nicht auf, ſo ſind wir gerettet — — glücklich gerettet. Der Schlupfwinkel iſt gut.— — (Sie erhebt ſich mit Ungeſtüm und ſchaut verwirrt um ſich.) Vater! wo ſind meine Kinder? Iſt Marie zurück? — — Wo ſind meine Kinder? Peter und Marie ſich nähernd. Da ſind wir ja, Mutter! Hanne. Meine lieben Kinder! ich ſeh euch nicht. (Sie um⸗ armt dieſelben leidenſchaftlich.) Gott verzeihe mir, ich glaube, mein Kopf iſt verwirrt. — — (Sie fährt mit beiden Händen an die Stirne) Rein, nein! Ruhe — — Muth — — ich habe ihn nöthig! Der kleine Dominik, der plötzlich erwacht und zuſammenſchauernd, des Greiſes Armen entſpringt. Mütterchen, mich friert ſehr — — — und ich bin ſchläfrig. Hanne, ihn auf die Arme nehmend. Ich will Dich ſchlafen legen, mein Kind, komme — — Vater Birnbaum. Er weinte, als er ſo allein im Bette war und rief nach ſeinen Geſchwiſtern; da nahm ich ihn auf den Schooß und wiegte ihn in den Schlaf. 36 Hanne, das Kind ins Nebenzimmer tragend. Ich danke, Vater! Marie zünde das Feuer ſchnell anz ich will wie gewöhnlich die Suppe für uns Alle kochen; wir dürfen keine Unbeſonnenheiten begehen. Peter. Wir haben heute Morgen keinen Hunger, Mutter. Hanne im Nebenzimmer Man muß doch eſſen, ihr Kinder, ſonſt kommt man in Gefahr, ſchwach und krank zu werden — — — — und das müßte noch geſchehen! (Zu Dominik.) Küſſe mich, kleiner Engel, und ſchlafe gut. (Sie kehrt ins Zim⸗ merzurück.) Nun auf, Marie! mache ſchnell Feuer; Du, Peter, eile zum Ziehbrunnen und hole Waſſer. (Sie nimmt den gußeiſernen Hafen, der am Keſſelbacken hängt, herab. während Peter und Marie geſchäftig die erhaltenen Befehle vollſtrecken.. Wir müſſen unſere Suppe eſſen, Vater, um bei Kräſten zu bleiben. Ach! es iſt nicht genug, daß man Kummer hat, man muß ihn auch ertragen können. Vater Birnbaum. Mein Gott! wie hat Sylvan mit der Kugel im Bein ſich bis zur Mergelgrube ſchleppen können? Hanne beſchäftigt, die Suppe zu bereiten. Mein armer Mann ſtützte ſich auf meine Kleine und mich und blieb beinahe bei jedem Schritt ſtehen; wenn er nicht mehr laufen konnte, trugen wir ihn und Marie hielt dann das verwundete Bein. Ich bin ziemlich ſtark, aber ſeht, Vater, ich fühlte mich da noch zehnmal ſtär⸗ ker! (Sie wendet ſich an ihr Töchterlein) Hole das Brod im Backtrog und bringe es mir. (Zu Vater Birnbaum:) Glücklicherweiſe war es mondhell; als wir zur Mergel⸗ grube kamen, ließ ich Sylvan und Marie unter einem Baum zurück und trat in die Höhle. Ich zündete die Kerze an, die ich mitgenommen hatte, und bemerkte im 37 Hintergrunde eine kleine Quelle. Sylvan, der in Folge der Fieberhitze vor Durſt zu ſterben drohte, muß nun wenigſtens kein Waſſer entbehren. Ich ſtieg dann wieder herauf und rupfte Haidegras, aus dem ich neben der Quelle ein dichtes Lager bereitete. Marie half mir den Vater ins Verſteck führen und dann ſandte ich ſie aus Vorſicht zurück, um draußen Wache zu halten. Ich woſch Sylvans Wunden aus und das friſche Waſſer that der Blutung Einhalt worauf ich die Binden und die Linnen feſter anzog. Er fand ſich ſehr erleichtert. Das Brod, die Flaſche und den Becher, die ich im Körbchen mitge⸗ bracht hatte, legte ich neben ihn und dann — — — Ghre Thränenrollen trotz der Anſtrengungen, die ſie macht, ruhig zu bleiben, und den Geſchäften ihrer Haushaltung nachzugehen.] dann — — küßte ich meinen armen Mann — — und ſagte bei jedem Kuſſe: dieſer iſt für den Vater! dieſer iſt für unſere Kinder! — Faſſet Muth und verzweifelt nicht. — — — Das Geſetz iſt auf unſerer Seite! — — Vater Birnbaum in Herzensangſt. Einſam — — verwundet — — — an den Bo⸗ den dieſer Höhle gebannt — — es iſt zum ſterben! Hanne ihre Thränen trocknend. Zum ſterben! ſollen denn nur die böſen Menſchen leben dürfen! Auf, Vater! Muth gefaßt! Sylvan iſt wohlge⸗ borgen. Ich werde ihn jede Nacht beſuchen und ihm nach der Reihe jedesmal eines der Kinder mit⸗ bringen. Vater Birnbaum. Aber Ihr ſeid im ſiebenten Monat Eurer Schwan⸗ gerſchaft, armes Weib! Der Muth wird Euch nicht feh⸗ len, aber die Kraft. Hanne. Damit wir nun alle bei Kräften bleiben, müſſen wir uns zwingen, unſere Suppe zu eſſen; ich weiß 38 nichts Beſſeres. — — Marie, bring mir die Erdäpfel und das Waſſer. — — Wo bleibt das Waſſer? Marie das Feuer ſchürend. Peter iſt zum Brunnen gegangen, um zu holen. Hanne. Wie lange er ausbleibt! Sehe einmal zu, wo er bleibt! Pet er außer ſich vor Schrecken eintretend. Die Gendarmen, Mutter. — — — Die Gen⸗ darmen! Hanne die Farbe wechſelnd. O Gott! e Als ich das Waſſer aus dem Brunnen heraufzog, ſah ich ſie von ferne und blieb dann ſtehen, um zu ſe⸗ hen, ob ſie den Weg hierher nähmen. (Mit großem Schre⸗ cken) Ol ſie wollen den Papa holen, um ihn zu tödten. Hanne ſtürzt aus der Mitte der entſetzten Familie auf die Thüre zu, um ſich ſelbſt von der Ankunft der Gendarmen zu überzeugen; nach wenigen Angenblicken kehrt ſie anfangs außer ſich, nach und nach aber ihren Muth und ihre Geiſtesgegenwart wiedergewinnend zurück und ſchreit: — Meine Kinder, legt euch ſchnell in eure Betten und thut, als ob ihr ſchliefet, und wenn man euch über euern Vater ausfragt, ſo antwortet immer: Wir wiſſen nichts davon — — wir wiſſen nichts! Ihr verſteht mich wohl: ihr müßt ſo antworten, wie ich euch ſage — — ſonſt — iſt euer Vater verloren. (Sie ſtößt Peter und Marie in das Nebenzimmer, ſchließt die Thüre zu und kommt dann eilends zu dem alten Manne zurück.) Jetzt dürfen wir den Kopf nicht verlieren und uns dem Schre⸗ cken nicht hingeben. Weder Ihr, Vater, noch ich werde 39 Sylvan verrathen — — — und für die Kinder ſtehe ich ein. (Man hört draußen die Hufſchläge von Pferden und Schleppſäbelgeklirre auf der Landſtraße.) Da ſind die Gendarmen! Ich will ruhig die Suppe anrichten, als wenn nichts geſchehen wäre. Hanne gibt ſich den Schein großer Fabhißzü und ſchneidet das Brod in die Schüſ⸗ ſel ein⸗ Vater Birnbaum. Ach! wie glücklich wäre ich, wenn man mich ſtatt meines Sohnes mitnähme. Der Gendarmeriebrigadier mit lauter Stimme vor dem Hanſe. Ein Mann vor an dieſes Fenſter! und Feuer! auf den Inſurgenten, wenn er ſich retten will oder Wider⸗ ſtand leiſtet! Ein anderer unterſuche das Backhaus, den Stall und den Speicher und ein dritter halte Wache an der Thüre. (Der Brigadier tritt mit einer Piſtole in der Fauſt ein.) Wo iſt Sylvan Birnbaum? Hanne, die fortfährt, ihr Brod einzuſchneiden, ohne den Brigadier anzuſchauen. Sylvan iſt auf dem Felde⸗ Der Brigadier. Ah! Sylvan iſt auf dem Felde. (Er wirft Blicke auf alle Seiten und bemerkt die mit Blut befleckte Bett⸗ decke und die auf dem Boden zerſtrent liegenden, blutigen Hadern, die er aufhebt und zu ſeiner Piſtole in die Hand nimmt.) Gut! — (Er klopft Hanne, die immer fort ihr Brod einſchneidet, auf die Achſel.) Ich fragte Euch, wo Sylvan Birnbaum iſt. Hanne⸗ Ei nun! Er iſt auf dem Felde. Vater Birnbaum. Ja, er iſt an der Arbeit — — — man hat es Euch ja ſchon geſagt. 40 Der Brigadier. Das werden wir bald ſehen. — — (Er geht gerade auf die Thüre zu, die in die Kammer führt, wo die Kinder ſchlafen, öffnet dieſelbe und ſieht hinein.) Ein Gendarme. Brigadier, es iſt weder im Backhaus, noch im Stall und auf dem Speicher Jemand. Der Brigadier. Sucht dieſes Zimmer aus. Schließt die Thüre hinter euch zu und laßt die Kinder nicht heraus. Der Gendarme geht in das Nebenzimmer und ſchließt die Thüre. Der Brigadier bückt ſich und ſchaut unter das Bett, hebt Strohſack und Matrazze in die Höhe, ſtößt an dem Geſchirr- und dem Leinwandſchrank umher, wirft einen Blick in das Innere des Rauchfangs, und klopft hier und dort mit dem Kolben ſeiner Piſtole an die Mauern, um zu ſehen, ob es nicht hohl töne. So lange dieſe Unterſuchungen dauern, birgt Vater Birnbaum, die Ellenbogen auf die Kniee geſtützt, ſein Geſicht in ſeinen Händen. Hanne möchte ſich den Anſchein von Sicherheit geben und bringt das Bett, das der Briga⸗ dier, der ſeine Forſchungen fortſetzt, in Unordnung gebracht hatte, wieder in die Reihe. Der Brigadier zu Hanne. Ihr ſeid die Fran von Sylvan Birnbaum? Hanne. Ja. Der Brigadier; er zieht eine Brieftaſche hervor und nimmt ein Papier heraus. Paßt wohl auf: ich werde Euch das Protokoll vor⸗ leſen. (Er lieſt:) Heute am dritten December eintanſend⸗ achthundertundeinundfünfzig, um acht Uhr des Morgens, iſt der Namens Sylvan Birnbaum an der Spitze eines Haufen von Räubern und Mördern, von denen die Einen 41 mit Gewehren, die Andern mit Heugabeln und Prügeln bewaffnet waren, an dem Eiſengitter der Brücke von Orleans erſchienen, die durch Linientruppen beſetzt war. — Wer da? rief die Schildwache. — „Republikaner, Vertheidiger der Verfaſſung!“ autwortete Einer, Namens Kleinhans, der auch mit einer Flinte bewaffnet war. „Soldaten, Brüder! ſchließt Euch uns an und helft das Geſetz vertheidigen.“ Auf dieſe widerlichen Schmähreden ſagte der Ofſizier der Wache unerſchrocken zu den Plün⸗ derern: Streckt die Waffen, Raubgeſindel, oder ich laſſe Feuer geben! — „Im Namen des Geſetzes! Solbaten, Brüder!“ nahm Sylvan Birnbaum das Wort; öffnet Eure Reihen, verweigert Euren Führern den Gehorſam, ſie ſind Mitſchuldige an dem Staatsſtreiche! Ihr dürft nur der Verfaſſung gehorchen!“ — — Schlagt an! Feuer! antwortete der Offizier den Plünderern, dieſen neuen Jacques, dieſen Gütervertheilern; die Truppen waren voll bewunderungswürdigem Eifer; ſie feuerten auf den Haufen von Mördern, Plünderern und Brand⸗ ſtiftern, die längs ihrem ganzen Wege Frauen geſchän⸗ det und Kirchen überfallen hatten; indem ſie die Pfarrer bei Todesſtrafe zwangen, ihnen in den geweihten Kelchen zu trinken zu geben. Neun Aufrührer fielen auf dem Platze todt nieder, ſieben andere wurden tödtlich ver⸗ wundet und gefangen genommen; die andern Räuber und Mörder hatten die Kühnheit, ſich gegen die Truppen zu vertheidigen, wobei zwei Soldaten verwundet wurden. Nach einem ſehr lebhaften Bajonettgefechte, wobei der Muth und die Ausdauer der Truppen bewundert werden mußten, nahmen die Aufrührer feige die Flucht. Unglück⸗ licherweiſe war keine Reiterei da, um ſie zu verfolgen. Der genannte Sylvan Birnbaum, der ſeit langer Zeit ſeiner volksverführeriſchen Meinungen halber angezeigt war, war mit einer doppelläufigen Jagdflinte bewaffnet, und wurde als einer der gierigſten dieſer Räuber erkannt; ebenſo einer Namens Kleinhans, Hauſirbuchhändler von 42 Beruf. Dieſer zwei furchtbaren Mörder konnte man nicht habhaft werden; allein man hat allen Grund zu hoffen, daß ſie ſchwer verwundet ſind, und daß ſie bald in die Hände der Behörde fallen müſſen.“ (Nachdem er aufgehört hat zu leſen:) Frau Birnbaum, habt Ihr gehört? Hanne, die Teller vom Geſtell herabnehmend. Das geht mich Alles nichts an; ich weiß nicht einmal, was Ihr damit ſagen wollt. Der Brigadier. Ich will ſagen, daß Sylvan verwundet hierher zurückgekommen iſt. Da ſind die Beweiſe (Erzeigt auf die blutigen Hadern und auf die blutbefleckte Bettdecke.) Ihr wißt, wo Euer Mann verborgen iſt. — — — Hanne, die Achſeln zuckend. Wenn man Euch ſagt, er ſei auf dem Felde! Der Brigadier. Ihr höhnt uns noch! ein ſchwer verwundeter Mann geht nicht aufs Feld. Antwortet: wo iſt Sylvan? Hanne. Erſtens weiß ich's nicht und dann — glaubt Ihr, wenn ich es wüßte, ich ſagte es Euch! Laßt mich in Frieden! — — Seht, — Ihr macht mich lachen. (Sie fährt fort, die durch den Brigadier in Unordnung ge⸗ brachten Möbeln zu ordnen.) Der Brigadier. Schon recht! (Er öffnet die Thüre zum Nebenzimmer und ſagt zu dem Gendarmen drinnen) Bringt die Kinder herbei! . Die Stimme des Gendarmen, einen leichten Aus⸗ druck des Mitleids verrathend. Sie ſchlafen, Brigadier. 43 Der Brigadier rauh. Vorwärts, keine Widerrede! Weckt ſie auf und bringt ſie herbei. Vater Birnbaum leiſe und erſchrocken zu Hanne. Er wird ſie ausfragen — — — und ſie werden Alles ſagen! Hanne leiſe. Ich ſtehe gut für ſie. Der Gendarme bringt Peter und Marie und den kleinen Dominik herbei, der ſich noch ſchläfrig die Augen reibt. Hanne ſpringt auf ihn zu und nimmt ihn auf die Arme, während ſie den zwei andern Kindern einen verſtändlichen Blick zuwirft; dieſe errathen den Gedanken der Mutter und antworten unbemerkt vom Brigadier mit einem Kopfnicken. Der Brigadier zu Peter und Marie. Tretet näher! Ein Gendarme beiſeite. Kinder zu zwingen, ihren Vater zu verrakhen — welch' niederträchtiges Handwerk treiben wir da! Der Brigadier zu Peter und Marie. Euer Vater iſt wo verborgen; wißt ihr, wo er iſt? Marie. Wir wiſſen es nicht. Peter. Rein, wir wiſſen es nicht. Der Brigadier wohlwollend. Habt nur keine Angſt, liebe Kleinen; zum Teufel! wir wollen Eurem Vater ja kein Leid anthun. Peter zögernd. Iſt das auch wahr? 44 Marie ihren Bruder am Bluſenärmel zupfend. Sei doch ſtille. (Zum Brigadier:) Wir wiſſen nicht, wo der Vater iſt. Peter. O Gott, nein! Der Brigadier mit drohender Stimme. Ihr ſeid Lügner!! — und wenn Ihr nicht ſagt, wo Euer Vater iſt, nehme ich Euere Mutter mit ins Ge⸗ fängniß! Peter und Marie, die entſetzt die Hände falten und weinend flehen. Gnade! für unſere Mutter, Gnade!! Hanne voll Angſt. Kinder, wenn man mich auch ins Gefängniß führt, antwortet immer das Gleiche. Der Brigadier zu Hanne. Dann nehme ich Euch mit. — — — Ihr werdet ſchon ſprechen! — Vorwärts auf den Weg! Bei dieſen Worten ſpringen Peter und Marie, die immer in heftigeren Schrecken verfallen, auf ihre Mutter zu und unſchlingen ſie mit ihren Armen. Vater Birn⸗ baum ſteht auf und geht ganz niedergebeugt auf den Brigadier zu, indem er ſagt: — Es weiß hier nur eine Perſon, wo mein Sohn iſt, und dieſe Perſon — — bin ich! Der Brigadier. Nun, wo iſt er? Vater Birnbaum. Seht, wenn Ihr mich in Stücke zerhackt, ſo ſage ich es Euch nicht. Darum führt mich ins Gefängniß, wenn Ihr wollt — — aber laßt Hanne bei ihren Kindern. Sie weiß gar nichts von dem Verſteck ihres Mannes. 4⁵5 Der Brigadier. Ibr ſeid ein alter Schlaukopf — — aber ich auch. (Zu Hanne.) Auf den Weg! Hanne. Ich! — — Gie Achſeln zuckend) Ich ſoll wohl meine Kinder im Stich laſſen? Seid Ihr nicht recht bei Sinnen? Der Brigadier zorniß. Tauſend Donnerwetter! Wenn Ihr nicht gutwillig geht, laſſe ich Euch Handſchellen anlegen und an den Schweif eines Pferdes binden. Vater Birnbaum voll Entrüſtung. Iſt das möglich!1 — Aber ſchaut ſie nur einmal an! — Großer Gott! Sie iſt in guter Hoffnung und ſoll in zwei Monaten niederkommen — — — o! Ihr habt nicht das Herz, ſie ins Gefängniß zu ſchleppen! Der Brigadier auf die Erde ſtampfend. So ſoll ſie ſagen, wo ihr Mann iſt — — — ſonſt die Handſchellen herbei und auf den Weg! Hanne, die ſeufzenden Kinder mit einer Handbewegung beruhigend. Seht, ich weiß gewiß, daß Ihr im Grunde nicht ſo bös ſeid, als Ihr Euch den Anſchein gebt. — — Ihr ſeid vielleicht verheirathet? Nun denn! laßt einmal ſehen und ſeid gerecht. — — Weun Eure Frau an meiner Stelle wäre und man ihr ſagte, ſie ſolle Euch ausliefern — — — hätte ſie nicht recht, wenn ſie Euch retten würde? Der Brigadier ungeduldig. Es handelt ſich gar nicht darum; — ich habe den Befehl, Sylvan gefangen zu nehmen und — — — Hanne. Ganz recht! aber Ihr habt den Befehl nicht, mich 46 zu verhaften, mich! O! Ihr könnt nicht ſo böſe ſein. Ich miſche mich nicht in Politik, ich lebe in meiner Haushaltung, erziehe meine Kinder und ſorge für den alten Großvater; — was ſoll aus dieſen Allen werden, wenn Ihr mich fortführt? — — Mein Kleiner da, der Jüngſte, iſt nur drei und ein halbes Jahr alt (ſie zeigt den Kleinen mit Thränen in den Augen dem Brigadier, den ſie zu rühren hofft;) ſeht einmal! nicht wahr, er ſieht ſehr ſchwächlich aus? — — Er bedarf meiner Pflege ſo ſehr! Wenn Ihr wüßtet, wie man immer um ihn ſein muß! — —denkt nur, er wil Nachts gar nicht anders ſchlafen als in meinen Armen, und dann muß man ihm ein wenig Zuckerwaſſer oder ein Stückchen Eibiſchwurzel für ſeine Zähne geben; — — — an ſeine ſchlimme Ge⸗ wohnheit, mit dem Feuer zu ſpielen, darf ich gar nicht denken — ach! ein Unglück iſt ſo bald geſchehen! Man darf ihn keinen Augenblick allein laſſen. — — — Doch, das nähme kein Ende! — Wollt Ihr nun, daß ich ein Kind in dieſem Alter verlaſſen ſoll? — — Seid doch vernünftig! Der Brigadier einen Ausdruck von Wohlwollen erheuchelnd. Aber Ihr, meine gute Frau, ſeid gar nicht ver⸗ nünftig. Ich vollziehe die Befehle, die ich habe, nach Vorſchrift. (Er nickt dem kleinen Dominik zu, der ihn an⸗ lächelt.) Er iſt wirklich recht artig, der Kleine! Hanne hoffnungsvoll. Nicht wahr? Und dann hat er ſo drollige Manieren für ſein Alter. (Zu Dominik.) Wirf dem Herrn ein Kuß⸗ händchen zu. (Das Kind gehorcht ſeiner Mutter.) O, es geſchieht ganz von Herzen, ſeht! Der Brigadier. Er iſt ſehr artig — — — ſehr artig! 47 Hanne frendig bewegt. O, ich wußte wohl, daß Ihr mich nicht von ihm trennen würdet und auch nicht von ſeinen Geſchwiſtern! Der Brigadier. In des Himmels Namen! Ihr begreift doch wohl, meine gute Fran, daß ich gar kein Jutereſſe habe, Euch wegzuführen. Darum laßt ſehen, geſteht mir ganz einfach, wo Sylvan iſt und die ganze Geſchichte hat ein Ende und ich laſſe Euch bei Euren Kindern. Ihr be⸗ hauptet, ſie zu lieben; gut, beweiſt es! thut, was ge⸗ ſchehen muß, wenn Ihr bei ihnen bleiben wollt — — — wenn nicht, ſo verhafte ich Euch. Hanne, die ihre Verzweiflung verbirgt, mit Thränen in den Augen und mit ſchluchzender Stimme. Mein Gott! was ſoll ich thun? — Ihr ſagt zu mir: Liefert Euren Mann aus, dann bleibt Ihr bei Euren Kindern und Alles iſt fertig. — — Ihr habt das gut ſagen; aber ich kann ihn nicht ausliefern, ich! ich kann es nicht! Und meine Kinder verlaſſen! ſoll mir dieß eher möglich ſein? (Mit herzzerreißendem Tone.) O Gott! wie könnt Ihr verlangen, daß man zwiſchen ſei⸗ nem Gatten und ſeinen Kindern wähle! Der Brigadier, der. ſeine drohende Mieue wieder annimmt. Dann wähle ich für Euch; denn das fangt mich endlich an zu langweilen. (Zu einem Gendarmen). Bringt die Handſchellen herbei und vorwärts — — auf den Weg! (Er nimmt Hanne beim Armet) Geht! Peter, der außer ſich vor Schrecken vor dem Brigadier niederfällt und die Hände faltet. Laßt uns unſere Mutter! ich will Euch ſagen, wo mein Vater iſt. Hanne legt haſtig den kleinen Dominik auf das Bett nieder, eilt zu Peier, nimmt ihn auf die Arme und 48 hält ibm den Mund zu, indem ſie mit vor Schrecken zitternder Stimme aufſchreit: — Sei ſtill! — — ol ſei ſtill! (varauf beruhigt ſie ihn.) Habe keine Furcht, habt keine Furcht, meine Kinder! Wenn man mich heute morgen fortführt, wird man mich heute Abend wieder freilaſſen! Der Brigadier. Zählt darauf! Hanne zu ihren Kindern. Glaubt ihm nicht, er will Euch ängſtigen! — — Was ich Euch ſage, weiß ich gewiß! dieſen Abend werde ich wiederkommen. Der Brigadier. O ja! freilich! — — — Ihr werdet ſehen. Hanne mit beißender Bitterkeit zum Brigadier. Meine Kinder werden mir doch eher glauben als Euch, geht!! (Zu Peter, den ſie küßt.) Siehſt Du — er will Dir Angſt machen, damit Du Deinen armen Vater verräthſt, den ſie tödten wollen; mir aber werden ſie kein Leid thun — — ich ſtehe dafür — — ich ſtehe dafür. Du weißt, daß ich Dich nie hintergangen habe, nicht wahr? Heute Abend oder morgen werde ich wieder kommen. — Hörſt Du, ich weiß es gewiß. — Ihr müßt alſo nur einen Tag oder im ſchlimmſten Falle noch eine Nacht ohne mich zubringen; bleibt ihr denn an den Markttagen, wenn ich in die Stadt gehe, nicht auch den ganzen Tag ohne mich allein mit dem Groß⸗ vater? Peter ſchluchzend. Ach Gott! Wenn Du aber gar nicht mehr kommſt — — gar nicht mehr? Marie beruhigter. Doch Bruder! die Mutter wird wiederkommen; ſie verſpricht es uns ja. 49 Der Brigadier. Ich ſage euch aber, daß daraus nichts wird, ihr werdet eure Mutter nicht wiederſehen. Das habt ihr von eurem Lügen! Hanne zum Brigadier. Schwatzt Ihr nur zu — meine Kinder werden ih⸗ ren Vater nicht verrathen — — aber Ihr ſeid ein recht ſchlechter Menſch! Gu dem Greiſe, der während der grau⸗ ſamen Scene wie vernichtet war.) Lebt wohl, guter, alter Vater! Ich laſſe Euch meine Kinder, wacht über ſie! — — Marie, hole mir meinen Mantel! — Weine doch nicht, mein Kind, ſei vernünftig! Du wirſt ja heute für Deine Brüder die Mutter ſein. — — Es liegt im Back⸗ trog noch ein halber Laib Brod und im Käſekorb ſind noch zwei Käſe. — — Sorge recht für den Großvater und gib Acht, daß Dominik nicht mit dem Feuer ſpielt. — Vergiß nicht Mittags und Abends die Kuh zu melken und die Hühner zu füttern, und halte Alles recht ſauber im Hauſe. (So leiſe, daß es nicht gehört werden kann:) Und wenn es dunkle Nacht geworden, ſo beſuche den Vater; ſage ihm aber nicht, daß man mich fortgeführt hat, er würde ſich umſonſt grämen; denn worgen früh werde ich zurückkommen — — Ganz laut: Vergiß auch nicht, Deinen Brüdern ſaubere Wäſche zu geben, heute iſt der Tag dazu, und am Abend kochſt Du wie gewöhn⸗ lich die Milchſuppe für den Großvater. Marie heftig ſchluchzend. Ja — — ja, Mama! Hanne zu Vater Birnbaum. Es ſind noch vier Fünffrankenſtücke da; Ihr wißt wo ſie ſind, wenn Ihr etwas nöthig habt. — — Lebt wohl, lieber Vater! (Sie küßt den Greis) Muth gefaßt! Wir werden uns bald wiederſehen. — Lebt wohl, meine Johanne und Louiſe. 6 Kinder! — — Seid vernünftig und verzweifelt nicht. (Sie küßt dieſelben leidenſchaftlich, ohne ihre Thränen zu⸗ rückhalten zu können; dann nimmt ſie den kleinen Domi⸗ nik, der ebenfalls weint, da er Bruder und Schweſter wei⸗ nen ſieht, auf die Arme.) Und Du, mein Liebling, wenn Du mir verſprichſt, nicht mit dem Feuer zu ſpielen, brav zu ſein und Deiner Schweſter zu gehorchen, ſo bringe ich Dir etwas mit aus der Stadt. — — Hörſt Du? Dominik aus Thränen lächelnd. Du bringſt mir dann ein ſchönes, kleines Wägelein? Hanne ihr Schluchzen unterdrückend. Ja — — ein ſchönes, kleines Wägelein — — — aber nur, wenn Du nicht mit dem Feuer ſpieſſt. Der Brigadier ungeduldig. Na! nimmt das bald ein Ende? — — Vorwärts, auf den Weg! Hanne, ſich in den Mantel hüllend und die Kapuze über den Kopf ziehend, um ihre Thränen vor den Kindern zu verbergen, zum Brigadier. Ich wünſche Euch das Böſe nicht, das Ihr an uns thut — — — geht voraus!! — — Ein Gendarme mit feuchten Augen bei Seite. Arme Frau! — — — welch niederträchtiges Hand⸗ werk!! — — doch — es iſt Vorſchrift ſo. Hanne verläßt das Haus. Vater Birnbaum nähert ſich wankenden Schrittes der Thüre, wo Peter und Marie auf den Knieen liegen und mit gefalteten Händen der Mutter einen letzten Blick nachſenden. Der Brigadier ſteigt zu Pferde; hinter ihm gehen zwei Gendarmen, die Hanne in der Mitte haben. Sie kehrt ſich noch einmal um, um ihren Kindern mit der Hand ein letztes Lebewohl zu⸗ zuwinken. Hinter ihr marſchieren wieder vier Gendarmen. Von Zeit zu Zeit hört man noch den Hufſchlag der 51 Pferde auf der harten Landſtraße wiedertönen, dann herrſcht in dem abgelegenen Orte düſteres Schweigen. Vater Birnbaum ins Haus zurückkehrend und mit gefalteten Händen. Eine Frau im ſiebenten Monat der Schwangerſchaft — — — muß eine ſo weite Reiſe machen — — — und bei ſolchem Wetter! es iſt zum tödten! Peter ſchluchzend beiſeite. Die Mama — — — kommt nicht mehr zurück!! — — Ich werde zum Vater gehen, ohne daß mich Je⸗ mand ſieht und ihm ſagen, daß man ſie ins Gefängniß geſchleppt hat. Ein Tag und eine Nacht ſind verfloſſen, ſeit Hanne in das Gefängniß gebracht wurde, und Hanne iſt noch nicht zurückgekehrt. Es iſt elf Uhr Abends und die Kinder ſchläfen ſchon lange. Vater Birnbaum ſigt an der Seite des halberloſchenen Feuers am Herde; ein kleines, kupfernes Lämpchen erhellt ſpärlich das Zimmer; ſchmerzgebengt heftet der Greis ſeine ſtarren Blicke auf die Kohlen, die mitten in der Aſche des Herdes noch glühen. Vater Birnbaum bekümmert. Hanne kehrt nicht zurück. — — — Sie werden ſie gefangen halten — — ja! — und doch hoffe ich wider Willen noch!! Ich will noch warten; noch iſt es nicht Mitternacht. Er wirft Holz ins Feuer.) Da kann ſie ſich wenigſtens wärmen, wenn ſie heimkommt. — — — Arme Frau! In Verzweiflung aber nein! — — nein! — — ſie kehrt nicht wieder! Er hört plötzlich draußen an 52 der einen verriegelten Thüre pochen.) O Gott! wenn es Hanne wäre! (Er ſteht mühſam auf und nähert ſich der Thüre.) Wer iſt da? Eine Stimme draußen. Ich — — Kleinhans! Vater Birnbaum mit einem Seufzer. Sie iſt es nicht — — — es iſt Sylvans Freund — — (Er öffnet die Thüre.) Statt hereinzutreten, bleibt Kleinhans auf der Hausſchwelle ſtehen; er iſt leichenblaß; ſeine graue, zer⸗ fetzte Bluſe iſt am linken Aermel mit Blut befleckt und ein Bein iſt ebenfalls am Schenkel mit blutigen Lumpen umwickelt. Er ſtützt ſich auf einen Stock und ſcheint ſich nur mühſam aufrecht halten zu können. Er iſt ganz mit Schnee bedeckt, denn draußen fallen dicke Flocken vom Himmel nieder. Vater Birnbaum. Armer Kleinhans! Ihr auch! — — Ihr ſeid auch verwundet und müßt Euch verborgen halten! — Kommt herein! — — kommt herein. „ Kleinhans. Zu Euch hineinkommen! — — — Ihr kennt alſo die Verordnung nicht? Vater Birnbaum. Welche Verordnung? Kleinhans. Wer den Aufrührern Zuflucht oder Hülfe bietet — — kommt auf die Galeeren.*) *) In ſeiner Sitzung vom 30. Derember 185 hat das zweite Krirgsgericht von Lyon unter Vorſitz des Herrn Oberſten Ambert den Bürger Brun, Gutsbeſitzer von 53 Vater Birnbaum entſetzt. Auf die Galeeren! Kleinhans. Nachdem ich die Nacht in den Wäldern zugebracht, ging ich dieſen Morgen, als der Tag grauete, in den Pachthof von Vauxelles zu Jakob Denis, einem alten Freund und braven Manne. — — Ich war ſehr er⸗ ſchöpft und bat ihn, mich zu verbergen, damit ich ausru⸗ hen könne, nur bis Abend. — — Da antwortete er mir mit Thränen in den Angen: „Geſtern hat man in der Graſſe (Dromme) zu zehnjähriger Gefangenſchaft ver⸗ urtheilt, weil er als Mitſchuldiger Aufrührer verbor⸗ gen hielt; Aſtier, Felshüter zu Loriol wurde zu zwan⸗ zig Jahren Zuchthausſtrafe verurtheilt, weil er denen, welche die Gendarmen angegriffen hatten, eine Zu⸗ fluchisſtätte anbot; n. ſ. w. (Lyoner Courrier vom 31. Dec. 1851.) In Betracht des Kriegszuſtandes befehle ich: Art. 1. Alle oben verzeichneten Aufrührer werden ſorgfältig aufgeſucht, verhaftet und in die Gefängniſſe von Ca⸗ hors gebracht. Art. 2. Jeder, der ihnen Aſyl gewährt und Hülfe leiſtet, wird gefangen genommen und als Theilnehmer am Aufſtande verfolgt. Der Oberſt⸗Befehlshaber der zehnten Gendarmeriediviſion, Kommandant der Velagerungstruppen im Cot⸗De⸗ partement Cahors 20. Dec. 1851. Pellagot. Generalquartier von Agen: Art. 1. Jeder, der den verfolgten Verbrechern Aſyl gibt oder ihre Flucht begünſtigt, wird als Mitſchuldiger betrachtet und als ſolcher vor das Kriegsgericht geſtellt. Art. 2. Der gegenwärtige Befehl wird ſogleich mit Trompeten oder Trommeln auf den Befehl des Herrn Maire veröffentlicht. 19. Dec. 1851. Der Bataillonskommandant: Bourrely. 54 Gemeinde ausgetrommelt, daß auf Befehl des Generals die, welche den Inſurgenten Zuflucht oder Hülfe bieten, zu zwanzigjähriger Galeerenſtrafe verurtheilt werden; — — willſt Du mich dem ausſetzen, Kleinhans?“ Vater Birnbaum. O Gott! — — o Gott! auf die Galeeren gehen, weil man einen Freund bei ſich aufnimmt! Aber — das iſt ja hier ſchlimmer, als bei den Wilden! Kleinhans, der ſich nicht mehr halten kann, zuſam⸗ menſinkt und auf die Thürſchwelle niederfällt. Ich will Euch nicht in Gefahr bringen. (Mit im⸗ mer ſchwächerer Stimmes) Ich kam nur, um Nachrichten über Sylvan von Euch zu erhalten, — — ſo beunru⸗ higt mich ſein Schickſal. — — Ich habe ihn ſeit der Affaire an der Brücke von Orleans, wo wir zerſprengt wurden, nicht mehr geſehen. — — Lieber ſtürbe ich in dem Dickicht des Waldes oder in einem Graben, als Euch wegen mir ins Unglück zu bringen! Vater Birnbanm. O Gott, welches Elend! Ich ſoll Euch auf der Straße ſterben laſſen, Euch — — den Freund meines Sohnes! — — Nein! — und wenn es ſich um meinen Hals handelte, nein! Kommt herein! Kleinhans; kommt herein! — — — Kleinhans mit erlöſchender Stimme. Ich will Euch nicht in Gefahr bringen; ſagt mir nur, was aus Sylvan geworden iſt — — — und gebt mir ein wenig Waſſer. — Ich werde — verſuchen — — meinen — — Weg — — fort⸗ — (Er kann nicht weiterſprechen und wird ohnmächtig.) Obgleich altersſchwach und vom Kummer niederge⸗ beugt, findet Vater Birnbaum in ſeinem Mitleiden einige Kraſt. Er hebt Kleinhans, deſſen Geſtalt klein und ge⸗ brechlich iſt, vom Boden auf und ſchleppt ihn mit Mühe 55 an den Feuerherd. In dieſem Momente hört der Greis die Stimme Marie's, welche vom Lärmen aufgeweckt, in der Kammer neben an ängſtlich ruft: — Großvater, was gibt's denn? Vater Birnbaum an der Kammer der Kinder und an der Hausthüre die Riegel vorſchiebend. Es iſt nichts! Schlaft nur, liebe Kleinen. Ich habe im Backhaus Holz geholt, um das Feuer wieder anzuzünden. Vater Birnbaum lehnt Kleinhans an einen Fuß⸗ ſchemel neben dem Herde, wo das Feuer aufflackert! dann geht er zum Geſchirrſchrank, nimmt einen Hafen herunter, und es gelingt ihm, dem Kleinhans mit Hülfe eines zin⸗ nernen Löffels einige Tropfen Wein einzuträufeln. Nach und nach kommt dieſer vom Tranke geſtärkt und vom Feuer erwärmt wieder zu ſich und wird wieder Herr ſeiner Sinne. Vater Birnbaum beobachtet dieſe beruhi⸗ genden Symptome mit Freude, aber kaum hat Sylvans Freund wieder das Bewußtſein deſſen erlangt, was um ihn her vorgeht, ſo macht er einen neuen, abermals vergeblichen Verſuch, aufzuſtehen, um ſich bis an die Thüre zu ſchleppen; dann fällt er wieder erſchöpft auf den Fußboden nieder. Kleinhans ſchmerzlich. Meine Kraft iſt gebrochen — — — meine Füße verſagen den Dienſt. — — Es iſt mir nicht möglich, da fortzukommen. Vater Birnbaum ſich zu ihm niederbeugend Armer Burſche! Verſucht Euch ein wenig aufzuhel⸗ fen — — ich will Euch auf's Bett legen, wo Ihr beſſer ruhen werdet. Kleinhans flehend. Ich beſchwöre Euch — — ſchleppt mich bis an die Thüre — und laßt mich draußen. 56 Vater Birnbaum. Verliert Ihr den Verſtand? — — — Ich ſoll Euch in einer ſolchen Racht vor die Thüre werfen, und in Euerm Zuſtande! Kleinhans verzweiflungsvoll. So wißt Ihr denn aber nicht, daß eine Truppen⸗ kolonne das Land durchſtreift und die Wälder und ein⸗ zelnſtehenden Maierhöfe durchſucht, um die ſogenannten Aufrührer ausfindig zu machen. (Bitter:) Wir! Aufrührer! — — — wir, die das Geſetz vertheidigt haben! ha! was ich gethan habe, würde ich immer wieder thun! Vater Birnbaum. Ja, — — wie mein armer Sylvan habt auch Ihr als Ehrenmann gehandelt; deßhalb müßt Ihr auch hier bleiben, und morgen, wenn Ihr im Stande ſeid zu ge⸗ hen — — da werden wir weiter ſehen. Kleinhans. Morgen! aber wenn die Streifkolonne heute Nacht kommt, oder bei Tagesanbruch, um dieſes Haus zu durch⸗ ſuchen — — und wenn man mich hier findet, dann kommt Ihr — — — ich habe es Euch geſagt — auf die Galeeren. Vater Birnbaum bitter. Pah! Galeeren!! Ein ehrlicher Mann und Galee⸗ renſträfling! Ach geht, Kleinhans; was liegt daran we⸗ gen dem Reſtchen Zeit, das mir — — entfernt von meinem armen Sylvan — — (er ſchluchzt ) — entfernt von ſeiner Frau zu leben bleibt — — ob ich im Bagno oder hier elend hinſterbe; — — — das iſt mir ganz gleichgültig!!! Kleinhans. Sylvan iſt alſo verhaftet? O das iſt's, was ich be⸗ fürchtete! 57 Vater Birnbaum. Er war in einer alten Mergelgrube im Walde ver⸗ ſteckt. — — Kleinhans. Er hatte mir dieſes Verſteck gezeigt; — — ich habe es vergeblich wieder geſucht; ich konnte den Ort nicht wiederfinden. Vater Birnbaum. Das Verſteck iſt gut, aber Ihr werdet gleich hören — — Sylvan hatte eine Kugel im Schenkel; die Gen⸗ darmen kamen und fragten uns, wo mein Sohn ſei; wir gaben zur Antwort, daß wir es nicht wüßten — — — da haben ſie Hanne ins Gefängniß geführt. Kleinhans. Eine Frau!! Die Mutter einer Familie! Ach das iſt zu viel — — zu viel! — — 1 Vater Birnbaum. Freilich ja; ſie fragen viel nach der Familie, nach den kleinen Kindern und den armen Alten, die weinen, — — geht!!! Kurz der Peter war in Verzweiflung, als er ſeine Mutter fortführen ſah, und lief zu meinem Sohn, um ihm zu ſagen, daß Hanne im Gefängniß ſei. — „Fürchte nichts, mein Sohn,“ antwortete ihm Syl⸗ van, „man wird Deine Mutter nicht im Gefängniß laſ⸗ ſen. Kehre ſchnell nach Hauſe zurück und beruhigt euch Alle!“ Ganz zufrieden kam der Kleine zurück und er⸗ zählte dieß. — „Ach, armer Kleiner,“ rief ich aus, „Du haſt wider Willen Deinen Vater ausgeliefert.“ Kleinhans. Was ſagt Ihr? Vater Birnbaum. Ich kenne Sylvan; ich wußte, daß er ſich eher aus⸗ liefern, als die Mutter ſeiner Kinder im Gefängniß laſ⸗ ſen würde — — — Der Beweis iſt da; ſobald uns 4 58 Peter dieß geſagt hatte, lief ich, ſo ſchnell ich konnte, mit Marie nach der Mergelgrube — — — Eylvan war nicht mehr da. — — — (Er weint heiße Thränen.) Er wird ſich bis nach Orleans geſchleppt haben, um ſich aus⸗ zuliefern, damit man Hanne in Freiheit ſetze — — — wenn er nicht gar durch ſeinen Blutverluſt trotz ſeinem Muth außer Stand war, den Wald zu verlaſſen und im Dickicht eines Gebüſches geſtorben iſt — — — wo die Wölfe ſeinen armen Leib in Fetzen zerreißen werden! — — Welches Unglück kommt über mich! Warum mußte ich ſo lange leben!!! Gottes Zorn hat mich jetzt ſo ſchwer getroffen und doch habe ich nie Jemand ein Leid gethan. (Er weint.) Kleinhans. Guter Vater! — — Eure Familie hat ſchon Un⸗ glück genug erfahren — — — Ihr ſeht, Hanne iſt im⸗ mer noch im Gefängniß, ſei es nun, daß man ſie mit Sylvan eingeſperrt hält, ſei es, daß mein armer Ka⸗ merad, wie Ihr fürchtet, den Tod im Walde gefunden habe — — kurz, Eure drei kleinen Kinder haben Nie⸗ mand mehr auf der Welt, als Euch. — — — Wenn man mich in dieſem Hauſe findet, werdet Ihr verhaftet. — — Was ſoll dann aus ihnen werden? — — Sie werden dann Niemand mehr haben, die armen Waiſen — — Niemand mehr! — — Ich ſage Euch, ich will fort aus dieſem Hauſe, ich bleibe keine Minute mehr hier — — nein! (Er verſucht nochmals aber, umſonſt, ſich bis an die Thüre zu ſchleppen.) Feſt gebannt hier — — ach Gott! — — feſt gebannt hier! Es iſt mir unmög⸗ lich, hier fort zu kommen. Welches Unglück über mir! warum bin ich nicht auf der Landſtraße geſtorben. Arme Waiſen! ihr werdet Eure letzte Stütze verlieren und durch meinen Fehler — — durch meinen Fehler! Vater Birnbaum bitter. Pah! was nütze ich ihnen, den armen Kindern? Sie 59 beſorgen ja mich, ich bin eher eine Laſt für ſie — — und ich habe nicht mehr lange zu leben! — — Ich fühle es wohl! Und wenn ſie keinen Vater, keine Mutter, keinen Großvater mehr haben werden, wird man ſie nicht tödten, die kleinen Unglücklichen! So weit iſt es doch noch nicht gekommen, glaube ich! Man wird ſie in die Verwahrungsanſtalt für Bettelkinder ſchicken — — und von dort ins Gefängniß für junge Vagabunden — — wo ſie, wie ſo viele andere, zu ſchlechten Kerlen aus⸗ gebildet werden, — ſie!! (er weint); die armen, lieben Geſchöpfe! Bisher wurden ſie ſo ehrbar, ſo gut erzo⸗ gen, daß es eine Freude war, ſie zu ſehen und zu lieben. — Kleinhans. Vater Birnbaum — — habt Mitleiden! Hört mich an! Vater Birnbaum. Alles, was Ihr mir ſagen könnt und Nichts iſt gleich viel! Ihr zürntet mir gar, daß ich es nicht über das Herz bringen kann, Euch bei einem ſolchen Wetter draußen zu laſſen! Statt ſo ſtarrſinnig, die Nacht auf dem Boden liegen zu bleiben, helft Euch lieber auf, ich werde Euch zu Bette bringen; da könnt Ihr ausruhen und wieder zu Kräften kommen, und wenn Ihr morgen im Stande ſeid zu gehen, kann Euch eines der Kinder in die Mer⸗ gelgrube führen. — — Das iſt ein guter Schlupfwinkel, denn mein armer Sylvan blieb ja auch dort unentdeckt. Auf, Kleinhans! ſeid vernünftig! Ob die Soldaten Euch hier auf der Erde oder im Bette liegend finden! wird man mich nicht ſo wie ſo verhaften, wenn ich einmal ver⸗ haftet werden ſoll! Wenn Ihr aber eine gute Nacht habt ſtatt einer ſchlechten, ſeid Ihr morgen früh im Stande, das Haus zu verlaſſen. Kleinhans. Ich muß wohl thun, was Ihr wollt — — ich fühle mich außer Stand, einen Schritt zu machen; — — ich 60 will mit Eurer Hülfe verſuchen, mich auf's Bett zu legen und vielleicht kann ich nach einigen Stunden Ruhe weiter gehen. Es gelingt Kleinhans mit Hülfe des Greiſes, das Bett zu beſteigen und er legt ſich mit einem Wohlbeha⸗ gen, mit einer Erholung nieder, die ihm nach den zwei Tagen, wo er im Walde umhergeirrt war, unbeſchreib⸗ lich waren. Vater Birnbaum ſorgfältig eine wollene Decke über Kleinhans ausbreitend. Es iſt Brod im Hauſe, wollt Ihr ein Stück eſſen? Kleinhans. Ich danke. Jakob Denis hat mir dieſen Morgen einigen Mundvorrath gegeben, da er gezwungen war, mir ein Aſyl zu verweigern; ich hatte genug bis dieſen Abend, aber ich habe großen Durſt. — — Vater Birnbaum. Ich will Woſſer zu dem Wein gießen, der noch im Hafen iſt — — das gibt ein gutes Getränk für Euch. Er beſorgt dies.) Und was machen Eure Wunden, armer Mann? Kleinhans. Die am Beine ſchmerzt noch ziemlich, aber von der am Arme verſpüre ich nicht mehr viel. Vater Birnbaum. Soll ich verſuchen, Euch zu verbinden? Kleinhans. Ich danke, guter Vater! Ich fürchte, daß beim Wegreißen der Leinwand, welche durch das geſtockte Blut wie angeleimt feſt klebt, meine Wunden wieder empfind⸗ licher würden; — die Ruhe wird mir wohl thun; — ich fühle mich vom Schlaf überwältigt; — — meine Angen ſchließen ſich wider Willen. (Sein Kopf ſinkt ſchwer 61 auf das Kopfkiſſen nieder; aber einen Angenblick darauf ſagte er heftig zitternd:) Mein Gott! wenn man mich bei Euch finden würde! Vater Birnbaum ihm zu trinken anbietend. Denkt nicht daran, — — trinkt und ſchlaft wohl. Kleinhans, nachdem er getrunken hat. O! ich möchte ſo gerne, um in einigen Stunden von hier fort zu kommen. Vater Birnbaum. Wir werden dies ſpäter ſehen. Verſucht zuerſt zu ſchlafen und auszuruhen. Kleinhans mehr und mehr dem Schlaf nachgebend, der ihn überwältigt. Ich danke, guter, alter Vater! ich — — bin — ſo — ermüdeti Ach! wie — iſt — ein — — Bett ſo gut! Ach Gott! — — wenn man — mich — bei Ench — — Kleinhaus fährt nicht fort; ſeine Stimme erlöſcht auf ſeinen Lippen; er fällt bald in tiefen Schlaf. Nach⸗ dem der Greis den Freund ſeines Sohnes mit einigen Lacken bedeckt, die er auf die Bettdecke hinlegt, löſcht er die Lampe aus und geht an den Herd zurück, wo er einen Schemel umſtürzt, der ihm als Kopfkiſſen dienen ſoll; darauf ſtreut er trocknes Heidegras über den Boden hin und ſtreckt ſich auf daſſelbe nieder, indem er mit kummervoller Stimme ſich hinſetzt: Ach! in den Wäldern ſchlief ich einſt ſo die ganze Nacht auf der harten Erde — — aber an jedem Sonn⸗ tage ſtieg ich ins Dorf hernieder, um meinen Sylvan zu beſuchen. — — Ach, mein armer Sohn! — — mein armer Sohn! Es iſt vorbei — — ich werde ihn nicht wiederſehen.“ Der Greis ſchließt die Angen, die in Thränen über⸗ fließen; er hofft Schlaf und vorübergehende Vergeſſenheit ſeines Schmerzes zu finden, wenn er ſich das Licht ent⸗ 62 zieht, das ſich vom Herd aus verbreitet. Wie Klein⸗ hans ſchläft er nach und nach ein. Die tiefſte Stille herrſcht im Hauſe; der letzte Schimmer der erlöſchenden Gluth wirft ſeinen röthlichen Widerſchein auf den entſchla⸗ fenen Greis und das Bett, in dem Kleinhans ruht, der von Traumbildern geweckt bald darauf laut murmelt: — Soldaten! Es lebe das — — Geſetz — — die Republik! — — Sylvan, mein Freund! — — o! wenn man — — mich — — bei dir fände — — o, deine Frau — deine Kinder — — ich — — Kleinhans ſtammelt mit immer ſchwächerer Stimme noch einige Worte; tiefes Schweigen kehrt zurück und bald ſchlägt es in der Ferne auf dem Kirchthurm von St. Laurent⸗des⸗Eanx zwölf Uhr. * Der Tag beginnt zu grauen. Kleinhans und Vater Birnbaum ſchlafen immer noch. Plötzlich erſchüttern Kol⸗ benſchläge die Hausthüre und man hört draußen die Hufſchläge von Pferden und Wagengeraſſel, und ein ver⸗ wirrtes Geſumme, das die Gegenwart einer anſehnlichen Streifkolonne verkündigt. Aufgeſchreckt vom Getöſe der Kolbenſchläge, durch welche die Thüre erſchüttert wird, erwacht Vater Birn⸗ baum, deſſen Schlaf leichter war als der des Kleinhans, den die Müdigkeit zuſammengebrochen hatte, und ſchaut erſtaunt und beunruhigt um ſich; da hört er die im Nebenzimmer eingeſperrten Kinder entſetzt ſchreien: — Großvater! die Soldaten ſind da! Reiter! Ka⸗ nonen! wir ſehen ſie durchs Fenſter! In dieſem Augenblick wird wieder mit Gewehrkolben 6³ an die Thüre geſchlagen und mehrere Stimmen rufen: — Oeffnet! — — öffnet! Vater Birnbaum, ſich mühſam von ſeinem Lager von Heidegras erhebend. Kleinhans befürchtete es; es iſt eine Streifkolonne, die das Land durchſucht. Es iſt keine Hoffnung mehr, daß ich ihn entrinnen laſſen kunn. — — Armer Burſche, (ihn mitleidig betrachtend.) — wie ſchade iſt's um ihn! er ſchläft mit ſolcher Gewiſſensruhe; Kleinhans ſchläft wirk⸗ lich ſo feſt, daß er gar nichts gehört hat.) O! es iſt vorbei mit ihm! (Er geht beinahe bis zur Erde gekrümmt auf die Thüre zu) Und wie es ſcheint, gibt es für mich die Galeeren — die Galeeren! weil ich einem Freunde ein Aſyl bot! Welche Zeit! Unglück über mich! ich habe zu lange gelebt. Vater Birnbaum öffnet die Thüre und bei dem bleichen Schimmer der Morgendämmerung, welcher von einem dichten Schnee, der in großen Flocken niederfällt, verdunkelt wird, tritt ihm folgendes Bild entgegen: Ein Generalſtabsoffizier, der in einen überſchneiten blauen Kapuzenmantel gehüllt iſt, hat in geringer Eut⸗ fernung von einer Kompagnie Huſſaren mit langen weißen Mäntein Halt gemacht; ein Bataillon Infanterie mit rothen Hoſen und grauen Kaputröcken hält auf der Land⸗ ſtraße; etwas mehr entfernt ſtehen zwei Berghaubitzen⸗ von Trainſoldaten am Schleppſeil geführt und von einem Piket reitender Artilleriſten umgeben, die blaue, roth ausgeſchlagene Mäntel tragen, und endlich halten auf der Landſtraße in geringer Entfernung vom Hauſe zwei große, dreiſpännige Wagen, die mit Gefangenen überfüllt ſind. Mehrere derſelben ſind verwundet; die Einen haben den Kopf mit blutiger Leinwand halb verhüllt; Andere haben einen Arm mit einem Taſchentuche umwickelt, das ſie in Form einer Schärpe zuſammengedreht. Bürger und reiche Gutsbeſitzer, Aerzte, Advokaten und Pächter, 64 alle feſtgeknebelt, ſitzen oder liegen auf dem Wagen an der Seite von Bauern, die Bluſen oder ſonſt ländliche Kleidung tragen. Mitten unter dieſem Haufen von In⸗ ſurgenten jedes Standes und jedes Alters bemerkt man auch mehrere Bäuerinnen. Alle ſind mit Schnee bedeckt und zittern, blau vor Kälte, an allen Gliedern; die Einen ſind düſter und niedergeſchlagen, die andern voll ruhiger Verachtung und Entſchloſſenheit. Mehrere Ge⸗ fangene, die auf dem Wagen nicht mehr Platz finden konnten, ſtehen und liegen, zu zwei und zwei mit Stricken an einander gefeſſelt, in der Nähe der Wagenräder am Boden. An den Wagenleitern hängen einige Jagdflinten und Gewehre von der Nationalgarde, die den Inſurgen⸗ ten abgenommen wurden. Die Soldaten ſind meiſt ſchweigſam und düſter; man hört keine jener freudigen Scherze, die ſonſt bei dem Halt einer Truppe gewöhn⸗ lich herumgeboten werden; ſie ſind zwar durch die ge⸗ wöhnte Disciplin zuſammengehalten, aber ein unbe⸗ ſtimmtes, heimliches Reuegefühl laſtet auf ihrem Ge⸗ wiſſen; denn ſie, des Volkes Kinder und beinahe ſelbſt alle Landleute, ſind nun gezwungen, ihre Brüder als Feinde zu behandeln. Nur wenige der Aelteren, haupt⸗ ſächlich wenn ſie in der Nähe der Offiziere ſind, lachen höhniſch und machen ihre Kaſernenwitze über dieſe „Be⸗ duinenjagd“ und einige reinigen am Graſe neben der Landſtraße ibre blutgerötheten Bajonette. Die Offiziere geben ſich, je mehr ihr Rang ſie den höhern Graden nähert, den Anſchein ruhiger Haltung, und zwingen ſich mehr und mehr, eine recht wilde Sprache zu führen. Aber die Unterlieutenants, die Lieutenants und eine große Anzahl der Hauptleute, die hartherzigen, wie die gefühlvolleren, führen dieſe blutige Bürgerhetze mit ſoldatiſcher Ergebung ins Unvermeidliche oder mit paſſivem, maſchinenmäßigem Gehorſam aus; ſie führen blindlings und weil es ſein muß, die Befehle aus, die nicht zu umgehen ſind. Das Gefühl für Recht, Ge⸗ 65 rechtigkeit und Freiheit wurde in ihnen erſtickt durch die Disciplin; aber ſie beſchimpfen die Aufrührer, die helden⸗ müthigen Vertheidiger des Rechts, der Gerechtigkeit und Freiheit wenigſtens nicht. Die Oberoffiziere dieſer Streifkolonne, die augen⸗ ſcheinlich mehr Ausſicht haben, zu avanciren, zeigen ſich dagegen, um es zu verdienen, drohend und unbarmhersig. Einer davon, ein Mann mit blutunterlaufenen Augen und langem rothen Schnurrbarte, der Kommandant des Infanteriebataillons, entfernt ſich von der Gruppe, in deren Mitte der Generalſtabsoffizier hält, ſteigt vom Pferde und gibt es einem Grenadiere zu halten, während er mit lauter, rauher Stimme ſeinen Soldaten zuruft: Vier Mann vor! um dieſes Haus zu durchſuchen. Vater Birnbaum, der an der Thüre des Hauſes ſteht und ſich ſeitwärts wendet, um die Soldaten einzulaſſen, für ſich. Infanterie — — Kavallerie — — Kanonen — — und ein General, um die Hütte Sylvans zu belagern! — — Ein ſchöner Krieg dies! Der Oberoffizier zum Greiſe Biſt Du der Herr dieſes Hauſes? Vater Birnbaum. Mein Sohn hat es in der Miethe. — — Der Oberoffizier mit ſeinen Leuten, denen der Greis folgt, in das Zimmer tretend. Wenn Du das Unglück gehabt haſt, hier einen Auf⸗ rührer zu verbergen — — dann iſt Deine Rechnung gemacht! Der Oberoffizier ſchreitet vor Vater Birnbaum her ins Zimmer und bemerkt ſogleich das Bett, in dem Kleinhans liegt, der immer noch tief ſchläft; er nähert ſich und hebt die Decke und die Lacken empor, unter Johanne und Loniſe. 5 66 welchen der Inſurgent in den Kleidern ruht, und bemertt das Blut am linken Aermel ſeiner grauen Bluſe. Der Oberoffizier ſich zu dem Greiſe wendend und ihm einen fürchterlichen Blick zuſendend. Dieſer Mann iſt verwundet! es iſt ein Räuber, ein Aufrührer! — — Du haſt ihn verborgen⸗ alter Krüppel! Vater Birnbaum. Ihr fragt und antwortet zugleich ſelbſt; was ſoll ich Euch darauf ſagen? Der Oberoffizier, der mit einer Hand Klein⸗ hans roh an ſeinem verwundeten Arme ſchüttelt und dem Greiſe mit der andern die Fauſt macht. Du! — — Dir ſollen Deine zwanzig Jahre Ga⸗ leeren nicht fehlen! Vater Birnbaum die Achſeln zuckend. Ich danke, Herr! Darnach müßte ich gerade ein Alter von fünfundneunzig Jahren erreichen, — — da ich ſchon fünfundſiebenzig alt bin. Ich dachte nicht, ſo alt werden zu müſſen. (Er betrachtet Kleinhans mit Thränen in den Angen.) Armer Burſche! — — er ſchlief ſo gut! welches Erwachen! — — Der Oberoffizier zu Kleinhans, den er immer noch am verwundeten Arme ſchüttelt. Ich will Dich lernen, ſo ein Morgenſchläfchen zu machen, ſchuftiger Gütervertheiler! — Kleinhans von dem Schmerze erweckt, mit der rechten Hand nach ſeiner Wunde fahrend und einen herzzerreißenden Schrei ausſtoßend. O! Ihr thut mir ſehr weh! — — Er ſetzt ſich aufrecht hin und wirft beſtürzte Blicke rings um ſich her; als er dann vollſtändig erwacht bei ſeinem Bette den Ober⸗ offizier und durch die Thüre eine Menge Soldaten ſieht, begreift er Alles und ſchreit verzweifelt auf:) — Ach Vater Birnbaum — — ich habe es Euch geſagt! Ihr ſeid ver⸗ 67 loren und ich bin ſchuld daran! (Er verbirgt ſein Geſicht in dem Kopfkiſſen und ſtößt heftige Seufzer aus.) Mein Gott! — daran bin ich ſchuld! Der Oberoffizier zum Greiſe. Wie, Elender! Du wußteſt, welcher Strafe Du Dich ausſetzteſt, als Du den Spitzbuben da verbargſt? Vater Birnbaum unerſchrocken. Ja, ich wußte es! Der Oberoffizier. Und Du haſt es gewagt? Vater Birnbaum ſtolz den Kopf erhebend. Kleinhans war der Freund meines Sohnes — — — Der Oberoffizier. Wenn Dein Sohn ſolche Freunde hat, muß er auch ein ſchöner Lump ſein! — — Wo iſt er? Vater Birnbaum in ein ſchreckliches Gelächter ausbrechend. S wer iſt Er iſt im Gefäng⸗ niß 1 — — ſein Weib auch — — und ich komme auf die Galeeren — — im Alter von fünfundſiebenzig Jahren, nachdem ich mein ganzes Leben lang ein ehrlicher Nenſch war. — — Ich danke ſchön, Herr! — ich ſ ſchön, daß Ihr für den alten Vater Birnbaum ſorgt. — — Verdammt! — — ich werde einen armſeligen Galeerenſträfling abgeben und es wird nicht gar lange dauern; aber das iſt nicht meine Schuld. (Er ruft.) He! Peter! He! Marie! — — kommt herbei und umarmt euren Großvater zum letzten Mal! Arme theure Kleine! ihr werdet ihn nie wiederſehen. Zwei Soldaten, die während dem Geſpräche zwiſchen dem Greiſe und dem Oberoffizier das Zimmer unter⸗ ſ wo Peter und Marie ſchliefen, kehren zurück und agen: 68 „Herr Kommandant! es ſind nur drei Kinder darin. Wie die Kinder die Stimme Vater Birnbaums hören, eilen ſie beſtürzt und verwirrt hinter den Sol⸗ daten her und werfen ſich dem Greiſe um den Hals. Vater Birnbaum umarmt die Kinder und weint ſo heſtig, daß er anfänglich kein Wort mehr herausbringen kann! vor Allem iſt der kleine Dominik, ſein Benjamin, der Gegenſtand ſeiner herzergreifenden Liebkoſungen und der Greis murmelt unter beſtändigem Schluchzen: — Es iſt aus, lieber Kleiner! der Großvater wird Dir Abends bei Licht keine ſchöne Holzſchühlein mehr machen! — — Lebt wohl, meine Kinder! — Marie, gib recht auf Deine Brüder Acht! — — Ihr ſeid jetzt alle drei arme Verlaſſene und habt keinen Vater und keine Mutter. Kleinhans vom Bette herabſpringend mit flehender Stimme zum Kommandanten. Herr! — — habt Mitleiden! Laßt dieſen Kindern ihren Großvater — — er iſt der einzige Verwandte, der ihnen übrig bleibt. Der Oberoffizier. Halte das Maul, Kommuniſtenſchuft! 6zu ſeinen Leuten.) Führt den Alten und den Jungen fort. (Er geht inaus. Kleinhans mit ſchallender Stimme. Schufte ſind die, welche das Geſetz gewaltthätig verletzen! Ehrenmänner ſind die, welche, wie wir es vertheidigt haben! (Er wendet ſich zu den beiden Solda⸗ ten, die ſich ihm genähert haben, um ihn fortzuſchleppen.) meine Freunde, zu welchem Handwerk zwingt man nch! Ein Grenadier leiſe. Ei! Herrgott Donnerwetter! Was ſollen wir An⸗ dere denn machen! man würde uns wie Hunde zuſam⸗ 69 menſchießen laſſen, wenn wir nicht gehorchten! — Hal⸗ tet Euch an unſern Befehlshaber! Der andere Grenadier, ſich Vater Birnbaum nähernd, den die beiden Kinder ſchluchzend umfaßt halten, beiſeite: Schweineſchickſal!! So habe ich in Afrika doch nie gehauſt und die Bedninen ſprechen wenigſtens nicht fran⸗ zöſiſch! Caut:) Vorwärts, armer Alter, auf den Weg! — es iſt noch Platz auf dem Wagen. Kleinhans, dem Greiſe ſeine Arme bietend. Ich ſagte es Euch ja! — — ich! ich habe Euch ins Unglück geſtürzt! Ach! ich werde es mir nie ver⸗ zeihen! Vater Birnbaum, plötzlich freudig aufſchreiend. Was fällt mir ein! Wenn mein Sohn in der Ge⸗ fangenſchaft iſt — — in Orleans — da werde ich ihn noch einmal wiederſehen!! — — ich werde ihn wieder⸗ ſehen! — o welches Glück! Die Soldaten führen den Greis und den Aufrührer fort. Die Kinder Sylvans fallen an der Thürſchwelle auf die Kuiee nieder und falten wimmernd die Hände. Draußen feſſelt man Kleinhans mit einem Stricke an einen andern Bauer; Vater Birnbaum erhält einen Platz auf dem Wagen. Nachdem der Oberoffizier ſich mit dem General berathen, erhebt er den Degen; die Tambouren ſchlagen einen langen Wirbel und die Streif⸗ kolonne ſetzt ſich wieder in Marſch. Kleinhans mit ſchallender Stimme Es lebe das Geſetz! es lebe die Verfaſſung! es lebe die Republik!!! ſ6 Alle Gefangenen mit Begeiſternng. Es lebe die Republik! es lebe die Verfaſſung! es lebe das Geſetz! 70 Der Oberoffizier, ſich mit vrohender Miene an die Gefangenen wendend. Das Geſetz! (Er zeigt auf ſeinen Degen) Das iſt das Geſetz! Räuberbande! Die Kolonne entfernt ſich und verſchwindet bei der Wendung der Landſtraße. Peter, Marie und der kleine Dominik liegen immer noch mit gefalteten Händen an der Thürſchwelle auf den Knieen und zerfließen in Thränen. „Ach Gott! ach Gott! Jetzt ſind wir ohne Vater, ohne Mutter — — ganz allein! Seit der Verhaftung des Vater Birnbaum ſind zwei Tage verfloſſen. Es iſt dunkle Nacht; der Sturm, der Schnee und Hagel durcheinander peitſcht, heult draußen und ſchüttelt heftig an der Thüre zu Sylvans Hanſe. Das große Zimmer iſt durch ein kleines, kupfernes Schnabellämpchen ſchwach erleuchtet und Hanne liegt von ihren Kindern umringt auf dem Sterbebette. — — — Ja! — — auf dem Sterbebette. Der Schrecken, die Verzweiflung, die Anſtrengung während ihrer Reiſe nach Orleans, die ſie zwiſchen zwei Gendarmen zu Fuß, im Kothe, bei eiſig feuchtem Wetter zurückgelegt, und endlich die ſtrenge Gefangenſchaft brachten dem un⸗ glücklichen Weibe, das hochſchwanger war, den tödtlichen Streich bei Vater Birnbaum hatte ſich in ſeinen Vermuthungen nicht getäuſcht. Sylvan hatte von ſeinem Sohne über die Gefangennahme Hanne's benachrichtigt, die Mergel⸗ grube im Walde von Mareuil verlaſſen, um ſich in Or⸗ —— 71 leans als Gefangener zu ſtellen und auf dieſe Weiſe die Freilaſſung der Mutter ſeiner Kinder zu bewirken. Mit jeder Hand auf einen Stab geſtützt, ſchleppte er ſich mehr, als er ging, dahin und war hundertmal gend⸗ thigt, ſtille zu ſtehen, ſo grauſam peinigte ihn ſeine Wunde. Von dem Heldenmuth und der Hingebung eines Vaters aufrecht erhalten, gelang es ihm, den Wald zu verlaſſen und die Heerſtraße nach Orleans zu erreichen. Aber da wurde ſeine Wunde wieder offen und er verlor ſo viel Blnt, daß er taumelte und er⸗ und beſinnungslos am Rande der Straße nieder⸗ ank. Da kam ein Fuhrmann vorbei; es war Ratapoil. Dieſer Burſche, der eher dumm als bösartig war und ſich an dieſem Tage nicht betrunken hatte, fand Sylvan ohnmächtig am Fuße eines Baumes hingeſtreckt. Er hatte Mitleiden mit dem Unglücklichen, ſprang ihm bei und brachte ihn wieder zu ſich ſelbſt; dann hob er ihn auf und legte ihn auf ſeinen Wagen. Zu ſeiner großen Verwunderung bat ihn Sylvan, ihn in das Ge⸗ fängniß nach Orleans zu führen. „Aber Unglücklicher!“ ſchrie Ratapoil auf; „Du willſt Dich gefangen geben?“ „Sei ſtile!“ amwortete Johanne's Gatte; »ich weiß, was ich thue.“ „Gut denn!“ ſagte Ratapoil. Und er lenkte auf Orleans zu. In der Umgegend von St. Mesmin ſtieß das Fuhr⸗ werk auf eine Gendarmeriepatrouille. Als der Offizier einen verwundeten Mann auf dem Karren ausgeſtreckt ſah, ließ er denſelben Halt machen, um den Verwunde⸗ ten auszufragen, den er der Theilnahme am Aufſtande verdächtig hielt. Sylvan machte die vollſtändigſten Geſtändniſſe und bat um die Gnade, daß ſeine Frau ihren Kindern zurück⸗ gegeben werde, weil er ſich ja ſelbſt ausliefere. Der 72 Offizier glaubte es über ſich nehmen zu können, dem Inſurgenten die Freilaſſung Hannes zu verſprechen, wenn gegen ſie keine Klage vorliege. Von den Gendarmen bewacht, langte der Wagen bei dem Gefängniß in Orleans an, wo man Sylvan, der nicht gehen konnte, bald hineintrug. Ratapoil dachte nun mit ſeinem Wagen zurückkehren zu können; aber zur großen Beſtürzung des glühenden Bonaparti⸗ ſten wurde er als der Förderung der Flucht eines Auf⸗ rührers beſchuldigt, eingeſperrt; er hatte gut aus vol⸗ lem Halſe ſchreien: Es lebe der Kaiſer! oder ſich mit der Innigkeit ſeiner Meinungen rechtfertigen wollen — man antwortete ihm, das Kriegsgericht werde ſein Schickſal entſcheiden. Am Tage nach Sylvans Verhaftung wurde dem Verſprechen des Ofſiziers gemäß Hanne in Freiheit ge⸗ ſetzt und ſie erkundigte ſich ſogleich, welches Loos ihrem Gatten beſchieden ſei. Da erfuhr ſie, daß wenn er nicht als Mörder guillotinirt werde, da er angeklagt ſei, das Feuer der Truppen erwiedert zu haben, man ihn ſicher nach Algier oder nach Guyana depor⸗ tire. — — — Hanne war im ſiebenten Monat ihrer Schwanger⸗ ſchaft und niedergedrückt von dem Kummer und der Schlafloſigkeit der zwei Nächte im Gefängniß, die ſie in ſchwerer Herzensangſt zubrachte, welche ihr der Gedanke an ihre Kinder verurſachte, die zum erſten Male ſo lange Zeit von ihr getrennt waren, — Hanne war vom Schickſale ſchon grauſam getroffen; — — aber als ſie jene ſchrecklichen Worte hörte: Schaffott oder De⸗ portation, das heißt: den Tod oder die Verbannung Sylvans, da fiel ſie wie vom Blitz zerſchmettert re⸗ gungslos nieder; und von demſelben Schlage gettoffen, ſtarb das Kind, das ſie unter dem Herzen trug, ehe es geboren wurde. — — — Als die Unglückliche nach fürchterlichen Krämpfen 73 wieder zu ſich gekommen war, bat ſie flehte ſie um die hohe Gunſt, ihren Gatten ſehen zu dürfen; man ant⸗ wortete ihr, dieß könne nicht geſchehen vor dem Spruche, kraft deſſen Sylvan — — guillotinirt oder deportirt würde. Nach dieſer Zurückweiſung hoffte Hanne — welche Hoffnung!? — hoffte ſie ihren Gatten nunmehr am Vorabende ſeines Todestags oder bei ſeiner Abreiſe in die Verbannung noch einmal zu ſehen, und es blieb ihr nur ein Wunſch, nur ein Troſt noch möglich: — ihre Kinder um ſich zu ſehen. Sie verließ eilends Orleans, um nach Hauſe zurück⸗ zukehren; ſie mußte ſechs Meilen weit bei anhaltendem Regen, in den ſich Reif und Hagl miſchte, auf einer von halbgeſchmolzenem Schnee aufgeweichten Straße da⸗ hinwandern. Der Tag neigte ſich ſeinem Ende zu. Die muthige Mutter machte ſich auf den Weg, von einem brennenden Fieber überfallen; ſie fühlte, wie man ſagt, daß das Kind, das ſie unter dem Herzen trug, ſich nicht mehr bewegte. Ach! dieſe innerlichen Pulsſchläge, welche die baldige Geburt eines unſchuldigen Geſchöpfes anzeigen, das nach dem Leben ſtrebte, übten nicht mehr ihren ſanf⸗ ten Druck aus, ſchlugen nicht mehr wonnig an Hannes Herz! Nein! ſie hatten aufgehört! Schmerzen waren ihnen gefolgt, Schmerzen, die anfänglich dumpf — dann ſtechend — dann herzzerreißend waren. — — — Oft taumelte Hanne von der Schwäche überwältigt und die Stirne in kaltem Schweiße gebadet, auf der Landſtraße hin und her. Dann lehnte ſie an einen Baum und preßte mit ihren runzeligen Händen ihre mütterlichen Lenden zuſammen, die in grauſem Schmerze zuckten; dann fiel ſie auf die Kniee, wenn ſie wieder zu Athem kam, und hob ein wenig Schnee auf, um damit ihren verzehrenden Durſt zu ſtillen, und ſich immer wie⸗ der muthig erhebend, ſagte ſie: 74 „Das Kind, das ich unter dem Herzen trage, iſt todt! aber noch habe ich drei, die leben — — — ich glaube es wenigſtens — — ach Gott! wenn nur Do⸗ minik nicht mit dem Feuer geſpielt hat und ihm kein Unglück begegnet iſt. Darauf ſetzte ſie ihren Weg fort. Die entſetzliche Angſt, ihr Dominik könne mit dem Feuer ſpielen und lebendig verbrennen, hatte die Un⸗ glückliche im Gefängniß beſtändig in Gedanken be⸗ ſchäftigt. Marie ließ es zwar nicht an Sorgfalt fehlen, — dachte Hanne; — aber ſie war allein zu Hauſe und hatte den Großvater und die zwei Kinder zu beſorgen; — — ſie konnte nicht auf Alles zugleich achten und ein Unglück iſt ſo bald geſchehen. So von Herzensangſt gemartert, ſo von immer heftigeren Körperleiden gefoltert, verfolgte das Weib des Inſurgenten ſeinen Weg. Einer ihrer Holzſchuhe ſpaltet und ſpringt auseinander. „Deſto beſſer!“ ſagt ſie bei ſich; „da werde ich um ſo ſchneller gehen.“ Sie wirft den andern Holzſchuh weit von ſich, und nur mit ihren Strümpfen an den Füßen ſetzt ſie im halbgeſchmolzenen Schnee und bei einem eiſigkalten Re⸗ gen ihren Weg mehrere Meilen weit ſort.— Hanne ſchritt durch das Dorf Cailly und war nur noch eine halbe Meile von ihrer Wohnung entfernt. Obgleich die Nacht noch nicht weit vorgerückt war, be⸗ merkte man doch nirgends in den Häuſern ein Licht; Alles war finſter, düſter, ſchweigſam. Der Schrecken, den der Durchmarſch der Streifkolonne verbreitet hatte, ruhte noch auf dieſem armen Dörfchen. Als Hanne an der Pfarrei vorbeiging, gedachte ſie, daß ſie in dieſer Kirche ihre Trauung mit Sylvan gefeiert, — — daß in dieſer Kirche ihre Kinder getauft worden. — — Als fie ſo unwillkürlich ihre Erinnerungen ſammelte, fielen ihr auch die beſcheidenen, ländlichen Feſte der Hochzeit — — 75 und der Taufe ein, welche die Familie, die ſie dann ſtets durch ihre natürliche Munterkeit beluſtigt, ſo ſehr erfreut hatten. — — Hanne war ſo fröhlich geweſen in jenen Zeiten! — Ja! — — und nun drohte dem Vater, drohte dem Gatten die Verbannung oder das Schaffot! — — Für Frau und Kinder hieß dies: — das Elend — — die Verlaſſenheit! — hieß dieß: — verzweif⸗ lungsvolle Erinnerungen oder blutige Träume! Sylvan ſollte auf ewig in das Land der Verban⸗ nung gefeſſelt werden — — da drüben — — da drüben, jenſeits unermeßlicher Meere: in jenen tödtlichen Ländern, aus denen man nicht wiederkehrt; — — oder aber ſein Kopf mußte in den rothen Korb der Guillotine rollen. — — — Und doch war Sylvan ein Ehrenmann geweſen bis ans Ende. — — Hanne miſchte ſich nicht in Politik, aber ſie fühlte wohl, daß ihr Gatte, der ſeinen Vater, ſein Weib und ſeine Kinder ſo ſehr liebte, die Waffen ebenſoſehr aus Liebe zu ſeiner Familie, als aus Pflicht⸗ gefühl ergriffen hatte. — Die Republik iſt das Erbtheil unſerer Kinder! — ſagte Sylvan, und Hanne verſtand wohl, was er damit ſagen wollte. Aber als ſie an die Vernichtung ſo großer Hoffnun⸗ gen dachte; — als ihr der Anblick der Kirche jenen ſchrecklichen Contraſt zwiſchen Gegenwart und Vergan⸗ genheit ins Gedächtniß zurückrief; da brach Hannes Herz. Sie zerfloß in Thränen; ſeit ihrer Abreiſe von Orleans hatte ſie nicht mehr geweint. Dieſe Thränen erleichterten ſie; aber bald wurden ihre körperlichen Leiden noch peinigender — — wurden ſo peinigend, daß ſie inmitten dieſes nächtigen Dunkels und dieſer Stille vor Schmerzen laut aufſchrie; ſie ſchrie! — ſie, die ſo gefaßt, ſo muthig war! und einen Augenblick glaubte ſie, ſterben zu müſſen. — — — Sterben? — — nein, noch nicht! eine Mutter wie ſie kann ſich nicht auf den Tod gefaßt machen, ehe ſie ihre Kinder wiedergeſehen hat und ſo lange ſie noch 76 einen Lebenshauch übrig hat, — — ſo lange ihr noch die verzehrenden Schmerzen an Leib und Seele ihr Daſein beweiſen. — — Sie geht — — ſie geht dahin, wo ihre Kinder ſie rufen! Sie geht — ſo gut ſie kann, die arme Mutter! Unfähig weiter zu gehen, ſchleppt ſie ſich dahin, kriecht ſie auf den Knieen, auf den Händen, — — aber ſie geht! Indeſſen fühlte ſich Hanne nach jenem grauſen Schmerzensſchrei, der ſich ihrer Bruſt entrungen, trotz ihrem Muthe vernichtet und unfähig, mehr einen Schritt zu thun. Sie fiel auf ihre Kniee nieder — und ſie war nur noch eine halbe Meile von ihrer Wohnung entfernt. „Hier will ich nicht ſterben!“ ſagte Hanne für ſich, indem ſie ſich mit großer Mühe wieder aufrichtete. — — „Nein, ich kann nicht auf der Straße liegen bleiben, — — ich werde meine Kinder wiederſehen! Da fiel ihr Dominiks Taufpathe, eine gute, brave Bäckersfrau ein, deren Haus auf dem Kirchenplatz ſtand. Ich will zu Magdalene gehen, dachte Hanne; dort kann ich mich wärmen und ein Viertelſtündchen ausruhen, da werde ich meine Kräfte wieder ſammeln und kann dann bis nach Hauſe gehen. Es gelang ihr, ſich bis zur Thüre Magdalenens zu ſchleppen, aus deren Wohnung kein Lichtſchimmer her⸗ ausdrang. „Sie liegen ſchon zu Bette,“ ſagte Hanne leiſe; „doch ich will immerhin klopfen.“ Sie pocht an. „Wer iſt da?“ „Ich — — Hanne; — ich bin ſehr müde. — Oeff⸗ net mir, Magdalene; ich kann nicht weiter.“ „Gehe fort von hier! Nähere Dich nicht dem Hauſe, Du könnteſt uns Allen Unglück bringen!!“ „Magdalene, um Gotteswillen! laßt mich ein, daß ich mich einen Augenblick bei euch wärmen und aus⸗ ruhen kann.“ „Willſt Du fortgehen! — o Gott! — WVillſt Du — — 77 fortgehen! die Gendarmen brauchten nur vorüberzugehen und Dich an unſerer Thüre zu ſehen — und wir wärenverloren.“ „Magdalene, habt Erbarmen mit mir! Ich bitte nur, mich eine Viertelſtunde ausruhen zu laſſen — — nur eine Viertelſtunde — — „Gehe fort! Und wenn Du meine Schweſter wäreſt, Du würdeſt nicht zu uns herein kommen! Gehe fort!“ Wenn phyſiſcher und moraliſcher Schmerz ihre höchſte Stufe erreichen, bieten ſie oft eigene, erſchreckliche Er⸗ ſcheinungen dar. Man hat im Kriege tödtlich verwundete Männer ſich plötzlich wieder erheben und mit Erbitterung weiter kämpfen ſehen, indem ihre Kraft, ihr Muth ſich bei jeder neuen Wunde verdoppelte; indem ſie jeden Streich mit einem verzweifelten Sprunge erwiederten; indem ſie endlich in der Wuth des Todeskampfes eine übermenſch⸗ liche Kraft ſchöpften, um erſt nach einem Kampfe ihr Leben auszuhauchen, den ſie bis beinahe über die Grenzen des Möglichen hinaus verlängneten! Man hat auf der Jagd Thiere geſehen, die tödtlich getroffen und bluttriefend noch große Strecken mit ſchwindelerregender Schnelligkeit durchrannten, um die Höhle zu erreichen, wo ihre Jungen lagen. Aber was iſt der Muth eines Soldaten? aber was der dunkle Trieb eines wilden Thieres, gegen den Muth und die Zärtlichkeit einer Mutter? Als Hanne von der Zufluchtsſtätte, die ſie nur für wenige Augenblicke erfleht, zurückgeſtoßen wurde, empfand ſie eine Art electriſcher Erſchütterung. Sie wandte ſich raſch um, und das Weib, das eben noch von Müdigkeit, von Schmerzen vernichtet und außer Stand war, zu gehen, — dieſes Weib fand plötzlich die Kraft, bis zu ihrem Haufe zu ſpringen, wohin ihre Kinder ſie riefen. Sie lief fieberhaft, keuchend, raſend, außer ſich, und hielt dabei ſo zu ſagen das Leben, das bereit war zu entfliehen, gewaltſam zurück; ſie lief ſo in einem fort bis zu ihrem Hauſe. Sie klopfte an der Thüre und 78 nannte ſich. Marie kam und öffnete, und Hanne ſtürzte in das Zimmer mit dem Rufe: „Meine Kinder!“ Darauf fiel ſie nieder. Sie hätte keine zwei Schritte mehr machen können. Die Kinder legten Hanne zu Bette; Hülfe konnte man in dieſen Tagen der Verwirrung und des Bürger⸗ kriegs weder verlangen noch erwarten, und dann war das Haus ſehr entfernt vom Dorfe. Auch zeigte die ungaſt⸗ liche Aufnahme bei Magdalene zur Genüge, daß ein ſolches Entſetzen im Lande herrſchte, daß Niemand, weder Mann noch Weib, gewagt hätte, nach den Verhaftungen der Frau, des Kleinhans und des Vater Birnbaum auch nur einen Fuß in das Haus Sylvans zu ſetzen⸗ Hanne war kaum zu Hauſe angekommen, als ſie ein todtes Kind gebar. Dieſe Geburt hatte in ihren Ur⸗ ſachen und ihren Wirkungen die traurigſten Folgen. Vom Blutverluſt erſchöpft und unfähig, das Bett zu verlaſſen, mußte die unglückliche Mutter das unſchuldige Geſchöpf, das ſtarb, ehe es geboren wurde, mit eigenen Händen in frommer Sorgfalt in eine der Windeln einhüllen, die ſie mit ſo viel Liebe für daſſelbe gefertigt hatte. Da Prieſter, Gottesacker und Todtengräber fehlten, mußte die unglückliche Mutter noch Mariechen bitten, das Kind in einer Ecke des Gartens, wo Peter ein kleines Grab geſchaufelt, zu beerdigen. — — O dieſe nächtliche Beſtattung, dieſes nächtliche Be⸗ gräbniß an dem einſamen Orte war etwas Schreckliches für die Hanne, für ihren Sohn und ihre Tochter! — — Ja! das war ſchrecklich! Und Sie, meine Leſerin, die vielleicht umgeben von ihren vielgeliebten Kindern, welche ein Gemahl, der Ihrem Herzen theuer iſt, mit Frende und Zärtlichkeit deträchtet, dieſes Büchlein leſen — bedenken Sie, ach! bedenken Sie, daß nicht nur eine einzige, ſondern tau⸗ ſend Familien von Inſurgenten in unſerm Frankreich 79 ſolches unerbittliche Unglück erlitten und noch erleiden! Hanne liegt alſo ſeit dem Augenblicke, wo ſie das todte Kind gebar, im Bette. — — — Die Racht iſt angebrochen. — — — Vor dem Hauſe peitſcht der Sturm heulend Schnee und Hagel; innen erhellt das kleine Kupferlämpchen, das am Erlöſchen iſt, ſchwach das große Zimmer; der Feuer⸗ heerd iſt kalt und ſchwarz. Hanne hat die Wiege des kleinen Dominik vor das Bett bringen laſſen, wo ſie liegt. Er ſchläft und lächelt im Traume, Peter und Marie, die ſeit zwei Tagen immer auf den Füßen ſind und ſich alle Mühe gegeben haben, für die Mutter Alles zu beſorgen, haben ſo ſehr geweint, ſo ſehr geweint, daß ſie erſchöpft von den Thränen und entkräftet durch die Anſtrengungen und Gemüthsbewe⸗ gungen, die über die Kräfte ihres Alters gingen, ſich nicht mehr aufrecht erhalten können. Trotz dem Schmerze, trotz der Angſt, welche ihnen die Krankheit der Mutter, die ſie indeſſen nicht für tödtlich halten, verurſacht, ſind ſie nach und nach unwillkührlich dem Bedürfniß eines Erholungsſchlafes unterlegen, wie er ſich in ihrem Alter dringend und unwiderſtehlich geltend zu machen pflegt. Peter hat ſich ganz unten am Bette niedergeſetzt und iſt tief entſchlafen; Marie hat nahe am Kopfende des Bettes der Mutter einen Schemel hingeſtellt und lehnt, dem unbeſiegbaren Bedürfniß des Schlafes nach⸗ gebend, ihre Stirne auf das Kopfkiſſen, wo der Kopf Hannes ruht, die im Sterben liegt. Hannes ſchönes Geſicht, das eben noch weiß wie Wachs war, fängt an mit blauſchwarzen Flecken geſprenkelt zu werden; ihre Lippen, denen in langen Zwiſchenräumen heftige Athem⸗ ſtöße unter Keuchen entſchlüpfen, werden bläulich und kalt; ihre halbgeſchloſſenen Augen ſind ſtarr und glaſig. Plötzlich öffnet ſie dieſelben in ihrer ganzen Größe, — — ihre Züge verzerren ſich, — — und nehmen einen fürch⸗ terlichen Ansdruck des Haſſes an. Sie hebt ihre rechte Hand halb empor und verſucht ſie zu ſchließen, als wollte ſie einem Geſpenſte, das mitten im Fiebertraume des Todtenkampfes vor ihr aufſteigt, mit der Fauſt drohen; ihre Zähne ſchließen ſich knirſchend; — — dann ſtammelt ſie mit erloſchener Stimme: „Gemeine Verbrecher! o, dieſer Mann! — Wenn — ich — — könnte — — o mein Gott! — o! dieſer Mann — — ich — — Sie vollendet ihre Worte nicht; — — ein dumpfes und rauhes Röcheln hebt zum letzten Male ihre Bruſt: die Todesſtuude hat geſchlagen. Hanne fühlt den Tod nahen und ruft im Sterben: „Mein armer Sylvan! — — — meine Kinder! — — Peter liegt in einem tiefen Schlafe und kann auf dieſen ſchwachen, letzten Ruf der ſterbenden Mutter nicht antworten. — — Marie, die näher bei Hanne liegt, hat die Stimme gehört und iſt halb erwacht; ſie macht eine leichte Bewegung, um das Köpſfchen zu erheben und murmelt ſchlaftrunken: „Ja — — Mama — — Darauf ſchläft ſie wieder ein. — — — Hanne bewegt unwerklich ihre Lippen; ihr Kopf neigt ſich langſam auf die Schulter nieder gegen die Mauer hin; — — Hanne ſtirbt. Hanne iſt todt! — — — — — Bald erlöſcht das Flämmchen der kleinen Lampe, das ſchon lange hin und hergeſchwankt war; — — das Feuer auf dem Heerde iſt auch erloſchen; Finſterniß überzieht dieſes Sterbezimmer, und wenn draußen der Sturm für einen Augenblick aufhört zu heulen und au die Thüre zu ſchütteln, kann man durch die Stille der Nacht die ſanften und ruhigen Athemzüge der Kinder hören, die um den Leichnam der Mutter entſchlafen ſind. Der weitere Schluß dieſer Erzählung knüpft ſich an die folgende Epiſode: Louiſe oder die Familie eines deportirten Stadtbürgers. Louiſe. Edmund Morand, Bürger der Stadt Orleans, wurde wie Sylvan Birnbaum und wegen deſſelben Verbrechens zur Deportation nach Afrika verurtheilt. Die beiden urtheile wurden an demſelben Tage gefällt. Edmund Morand verſah ſeit zwölf Jahren die Stelle eines Kaſſirers in einem der erſten Handlungshäuſer von Drleans; er beſaß keine andere Hülfsquelle als dieſen Platz und er behauptete ihn mit ebenſoviel Eifer und Einſicht als Ehrlichkeit; er hatte die Achtung und Liebe aller derer verdient, die ihn kannten. Während ſeiner Verbannung ſchrieb ihm ſeine Frau oft; hier folgen einige dieſer Briefe; ſie werden uns über den Werth dieſes Mannes und ſeiner Familie aufklären. An Herrn Edmund Morand, politiſcher Verurtheilter, Poſte reſtante, in Breſt. . December 1851. Als Du uns verließeſt, mein Theurer, ſagteſt Du zu mir, meine Briefe würden, wie man gegen Gefan⸗ gene zu thun pflege, geöffnet werden, ehe man ſie Dir übergeben. Ich habe nicht nöthig, meine Gedanken zu ver⸗ bergen; indeſſen legt mir dieſe Maßregel, die Du mir zum Voraus angezeigt, in Hinſicht auf gewiſſe Umſtände eine äußerſte Zurückhaltung auf; Du wirſt dieſelbe be⸗ greifen, wie ich die Deinige begreifen werde, weil auch Deine Briefe mir nicht zukommen werden, ohne daß ſie Johanne und Loniſe. 6 3 82 vorher von einer fremden Perſon geleſen werden, wenn dies nicht vielleicht mit Hülfe einer außerordentlichen Ge⸗ legenheit, auf die wir wenig zählen können, in etwas zu n iſt. Dieſen Brief wirſt Du bei Deiner Ankunft in Breſt finden, wo Du nach Afrika eingeſchifft werden ſollſt. Du haſt verſprochen, mir auf dem Wege von hier bis dorthin zu ſchreiben, wenn es möglich ſei. Brauche ich Dir, mein armer Freund, zu ſagen, mit welcher Herzensangſt wir dieſen erſten Brief von Dir erwarten? Beſonders muß ich Dich über den Geſundheitszu⸗ ſtand Deiner Mutter beruhigen; Du haſt mir ja haupt⸗ ſächlich empfohlen, in Allem, was die Geſundheit unſerer Lieben berührt, eine vollſtändige Offenheit zu zeigen; ich werde dieſe Empfehlung nicht vergeſſen. Ich kenne Dei⸗ nen Muth und Deine Ergebung, mein Edmund; wenn uns irgend ein neues Unglück treffen ſollte, werde ich ſtre⸗ ben, Dir an Feſtigkeit zu gleichen. Der Geſundheitszuſtand Deiner Mutter, die nach Deiner Verbaunung und Abreiſe ſo gefährlich angegriffen war, hat ſich verbeſſert; indeſſen verläßt ſie ihr Bett noch nicht; ſie iſt noch jenen langen Anfällen von Ab⸗ ſpannung unterworfen, während denen ſie weder zu ſehen noch zu hören ſcheint, was ring, um ſie vorgeht; aber ihre Schlafloſigkeit hat theilweiſe aufgehört. Dieſe Nacht habe ich bei ihr gewacht; ſie hat von zwei Uhr Morgens bis zum Tagesanbruch wohl geruht. Sie muß einen glücklichen Traum gehabt haben, indem ſie an Dich dachte, mein Freund; ihr ſanftes, ehrwürdiges Geſicht heiterte ſich während dem Schlafe auf und ſie ſprach zweimal Deinen Namen aus. — — — Unſere Kinder ſind wohl und zu meinem Erſtaunen ſcheint Albert, welcher ſonſt ſo lebhaft, ſo unbeſonnen und leichtſinnig iſt, obgleich er jünger iſt als ſeine Schwe⸗ ſter, die Folgen Deiner Verbannung beſſer einzuſehen. Albert iſt,wie Du weißt, ſonſt ſorglos genug; geſterm — 83 half er uns nun die Vorbereitungen zum Ausziehen treffen und machte einen Riß in ſeine Blonſe; er war troſtlos darüber; Honorine verſuchte ihn zu beruhigen. „Unſer armer Papa iſt nicht mehr da, um mir neue Blouſen zu geben,“ — antwortete er unſerer Magd, — „und Mama und meine Schweſter werden die Mübe ha⸗ ben, dieſen Riß auszubeſſern, weil Du ja fortgehſt. Ho⸗ norine.“ Dagegen iſt Julchen, ſtatt ſich ihrer Gewohnheit gemäß ruhig, bedachtſam und zurückhaltend zu zeigen ſeit Deiner Abreiſe ſehr lärmend und aufgeregt gewor⸗ den; es geht und kommt; es kann keinen Augenblick an einer Stelle bleiben; es ſpricht ſehr laut, zu oft ohne zu wiſſen, was es ſagt. — — — Ich habe am Ende entdeckt, daß das arme Kind ſich über Deine Abweſen⸗ heit zu zerſtreuen ſucht. Du erinnerſt Dich, als wir Dich von der Gefangen⸗ ſchaft bis zum Wagen begleitet, zerfloß Albert, wie Deine Mutter und ich, in Thränen. Julchen allein weinte nicht, aber es war außerordentlich bleich. Du haſt mich traurig angeſehen, als ob Du unwillkürlich einen Augen⸗ blick an der Zärtlichkeit Deines Töchterchens gezweifelt hätteſt; ich war weit entfernt daran zu zweifeln; als wir nach Hauſe zurück gekehrt waren, warf ſich das liebe Kind an meinen Hals und ſagte: — „Verzeihe, Mama! — — ich konnte nicht wei⸗ nen, — — ich kann nicht weinen — — Ach Gott! es iſt nicht meine Schuld.“ Daraufwurde es von einer Art Krämpfe befallen, allein ſeine Augen blieben immer trocken. Honorine, die im Zimmer der Kinder ſchläft, ſagte mir, daß ſie während der Nacht gegen drei Uhr mor⸗ gens Julchen ſchluchzen gehört habe; dieſer lebhaft em⸗ pfundene, aber lange zurückgehaltene, zuſammengedrängte Schmerz erklärt ſich aus dem Charakter des theuren Kindes, der im Allgemeinen ſeine Gefühle nicht aus⸗ 84 ſchweifen, nicht nach außen um ſich greifen läßt, und doch iſt es nnendlich empfindſam, wie Du weißt. Uebri⸗ gens wiederhole ich Dir, mein Freund, daß es und ſein Bruder ſich wohl befinden. Geſtern haben wir unſere Vorbereitungen zum Aus⸗ ziehen getroffen, was mich hauptſächlich wegen Deiner Mutter ſchmerzte, die ſchon ſeit ſo langer Zeit an unſer kleines Gärtchen gewöhnt iſt, wo ſie ihre Blumen pflegte, welche ſie ſo ſehr liebte! — — — Und daun ihr Zim⸗ mer, das gegen Mittag gelegen, jeden Sonnenſtrahl auf⸗ fing! Aber, mein armer Freund, Du haſt es ja ſelbſt gefühlt; in der mehr als unſichern Stellung, in die wir geriethen, weil Du nicht mehr hier biſt, Du, deſſen Ar⸗ beit uns Alle ernährte, iſt eine Wohnung für neunhun⸗ dert Franken im Jahre jetzt ein unmöglicher Luxus. Der Zufall wollte, daß ich unſern Miethsvertrag für die noch übrige Zeit unter der Bedingung abtreten konnte, daß die neuen Miethsleute unſere Wohnung ſo⸗ gleich benutzen könnten; auch habe ich dann geſtern in der Vorſtadt Banier zwei Zimmer und ein kleines Ge⸗ mach gemiethet, das als Küche dienen kann; die Miethe beträgt hundert und dreißig Franken im Jahr und die⸗ ſer Preis iſt vielleicht noch zu hoch für unſere ſchwachen Hülfsquellen; was mich aber doch beſtimmte, iſt die Lage eines der beiden Zimmer gegen Morgen und mit Aus⸗ ſicht auf den Garten; ſo wird unſere gute Mutter doch ein wenig Sonne und das Grüne vor ihren Augen ha⸗ ben; das andere Zimmer werde ich mit den Kindern einnehmen. So bald wir in unſerer neuen Wohnung eingerichtet ſein werden, werde ich dieſelbe ſehr genau beſchreiben, damit Du, mein Freund, uns fern aus dei⸗ ner Verbannung ſo zu ſagen wie zu Hauſe ſehen kannſt⸗ Ich bin zum Vorſteher und zur Vorſteherin des Inſtituts der Kinder gegangen, um ihnen zu melden, daß dieſelben ihren Schulkurs nicht fortſetzen werden, da uns unſere Lage die Ausgabe dafür nicht mehr er⸗ — 85 taube; ich werde mich, wie wir in Deinem Gefängniß übereingekommen ſind, beſtreben, über die Unterrichts⸗ ſtufe Alberts und Julchens recht ins Klare zu kommen, um ſie mit Hülfe ihrer Schulbücher arbeiten zu laſſen. Wie ſchade, daß man ihre Erziehung ſo unterbrechen muß! und zwar in dem Momente, wo ſie anfingen, ſo merkliche Fortſchritte zu machen! — — Aber ach! es geht mit der Bildung unſerer Kinder wie mit dem kleinen Garten Deiner Mutter: ſie iſt ein unmöglicher Anfwand für uns. Ich habe auch Honorine mitgetheilt, daß es uns unglücklicherweiſe unmöglich ſei, ſie in unſerm Dienſte zu behalten; ich kann Dir den Schmerz nicht beſchreiben, den das ausgezeichnete Mädchen bei dem Gedanken em⸗ pfand, uns verlaſſen zu müſſen; ſie bot mir an, ohne Lohn bei uns zu bleiben, indem ſie nichts verlange, als Koſt und Wohnung. — „Meine gute Honorine, — ſagte ich zu ihr, — wir, meine Mutter, meine Kinder und ich, wir ſind kaum ſicher, mit der äußerſten Sparſamkeit Tag für Tag leben zu können. — — Wie ſollten wir es ma⸗ chen, um Euch bei uns zu behalten?“ Dieſen Morgen habe ich den Miethsleuten, die uns hier folgen, einen großen Theil unſeres Mobiliars ver⸗ kauft, das des Zimmers Deiner Mutter ausgenommen; ich habe ihnen auch unſer Küchen⸗ und Tafelgeſchirr außer einigem Porzellan abgetreten, deſſen ſich unſere Mutter zu bedienen gewöhnt iſt; unſer Silbergeſchirr — habe ich als letzte Hülfsquelle behalten; aber die Ge⸗ ſchmeide, die Du mir jedes Jahr zum Neujahr oder zu meinem Geburtsfeſte geſchenkt haſt, habe ich dem Gold⸗ ſchmied verkauft; ich fand auch Gelegenheit, den ſchönen Shawl und den hübſchen Stoff zu einem Kleide, die Du nir dieſen Sommer von Deiner Reiſe nach Paris mitgebracht haſt, abzutreten. Große Mühe hat es mich gekoſtet, Deine Bücher 86 zu veräußern; ich nahm aber einige Deiner Lieblings⸗ werke aus, die ja auch die meinigen ſind, die in grünen Saffian gebundenen Bände. Sei es nun, daß ich mich nicht zuwohl auf den Verkauf verſtehe, oder daß die Käufer auf die Gelegen⸗ heit ſpekulirten, oder endlich, was wahrſcheinlich iſt, daß Luxusgegenſtände drei Viertheile ihres Werthes verlieren, wenn man ſie veräußert — kurz alle dieſe verſchiedenen Verkäufe haben im Ganzen uns neunzehnhundert und dreißig Franken eingebracht. Wir beſaßen einige Er⸗ ſparniſſe im Betrage von ſechs hundert Franken, von denen Du, mein armer Freund, nur hundert Franken mitnehmen wollteſt; es bleiben uns alſo 2430 Franken; ich ſende dir 300 Franken in einem Wechſel auf die Poſt in Breſt, und Zweifelsohne wirſt Du mir darob zürnen; allein es ſcheint mir, das Bißchen Geld könne das Harte Deiner Lage lindern helfen. Ich hatte noch keine Ausgabe zu machen, als für das Schulgeld der Kinder für den laufenden Monat, weil wir glücklicherweiſe die ſehr gute Gewohnheit hat⸗ ten, unſern Hauszins vorauszubezahlen und unſere Aus⸗ gaben alle vierzehn Tage zu regeln; dann habe ich auch den Arzt der guten Mutter bezahlt, ſeine zwei Beſuche von geſtern mit eingerechnet. Endlich habe ich die Rech⸗ nung des Apothekers, einige kleine Noten und eine Jah⸗ resmiethe für unſer neues Logis berichtigt; ich glaubte dieſe Vorausbezahlung machen zu müſſen, um ruhiger zu ſein. Unſere Mutter, die Kinder und ich, wir find doch unn wenigſtens verſichert, während einem Jahre ein Obdach zu haben. — — — Es blriben uns nun ſiebenzehnhundert Franken, uuſere zwölf Silbergedecke, die ſechs Kaffeelöffelchen und der Suppenſchöpflöffel; das Ganze hat, wie man mir ſagte, im Gewichte einen Werth von ungefähr dreihun⸗ dert Franken; wir haben Kleider, Weißzeug und Schuh⸗ werk auf ein Jahr Wie Du ſiehſt, kannſt Du, mein 87 Edmund, über unſer materielles Wohl während einem Jahre vollſtändig beruhigt ſein. Ich habe mir ſchon Mühe gegeben, einige Näh⸗ arbeit für Julchen und mich zu findenz unglucklicherweiſe ſind diejenigen Perſonen, welche in dieſer Beziehung uns vorzüglich nützlich hätten ſein können, nicht mehr hier, und aus Gründen, die Du errathen wirſt, möchte es nahe⸗ zu unnöthig ſein, an andern Thüren zu pochen;z indeſſen macht mir Frau Dübreul, unſere Weißzeugnäherin, Hoff⸗ nung, daß ſie mich unter der Bedingung, daß ich ein vollſtändiges Stillſchweigen beobachte (ſo ſehr fürchtet ſie, eine große Zahl ihrer Kunden zu verlieren), zu be⸗ ſchäftigen ſuchen werde; wenn wir wenigſtens ſo gut nähen können, daß ſie uns Arbeit anvertrauen kann. Um über unſere Befähigung urtheilen zu können, wird ſie uns ein ganz zugeſchnittenes Hemd ſchicken, welches wir anfertigen ſollen und ich hoffe, daß Frau Dübreul trotz unſerer Unerfahrenheit in dieſem ziemlich ſchwierigen Fache mit unſerem Verſuche zufrieden ſein wird. Jul⸗ chen und ich würden ſo eine nützliche Erwerbsquelle fin⸗ den, die uns erlaubte, unſere kleine Baarſchaft zu ſcho⸗ neu; übrigens werden wir in ſtrengſter Sparſamkeit le⸗ ben. Ich werde die Beſorgung Deiner Mutter über mich nehmen; ich kenne ihre Gewohnheiten, ihren Geſchmack, und ich werde alle meine Kräfte anſtrengen, damit ſie ſo wenig als möglich eine Aenderung in unſern Vermö⸗ gensumſtänden bemerke. Um die vielen Einzelheiten in der Kücheneinrichtung und die Unannehmlichkeiten des Kochens in einer kleinen Wohnung zu erſparen, werde ich unſer beſcheidenes Mittagsmahl durch einen Koſtgeber bringen laſſen; ich denke, das wird am Ende wohlfeiler ſein. Julchen wird mir in den anderu Haushaltungsge⸗ ſchäften beiſtehen; das liebe Kind iſt wie ſein Bruder vom beſten Willen erfüllt, dieſer hat ſich ſchon die Dienſte eines Zimmerreinigers und Schuhputzers angeeignet und 88 ſoll eui der aufmerkſame Diener ſeiner Großmutter werden. Du ſiehſt, mein Freund, daß unſer Schickſal, un⸗ vorhergeſehene Fälle ausgenommen, keineswegs zu be⸗ klagen iſt. Ach Gott! wäre es hundertmal nnſicherer, es wäre noch ſchön, wenn Du es theilteſt! Aber nein! Du wirſt von jetzt an weit von uns entfernt, unter einem feurigen Himmel leben; Du wirſt das Land bebauen müſſen — eine Arbeit, die mit Deinen Gewohnheiten, Deinen Kräften, Deinem Geſundheitszuſtande ſo wenig uetträglich iſt — — Ach! und welches iſt Dein Verbre⸗ chen? Verzeihe, mein Freund, verzeihe! Glaube nicht, daß ich Deine letzten, feierlichen Worte im Augenblicke unſerer Trennung vergeſſe. Nein! ich vergeſſe ſie nicht. — Lebe wohl, meine gute Mutter; lebe wohl, meine ſüße Louiſe; lebt wohl, meine vielgeliebten Kinderi — — ſo ſagteſt Du zu uns, als Du gebunden in den Wagen ſtiegſt, der Dich weit von uns wegbrachte; — die Verbannung wird mir weniger peinlich ſein, wenn ich die Gewißheit mitnehmen kann, daß ihr, wenn ihr auch im Grund euerer Seele einen Sohn, einen Gat⸗ ten, einen Vater bedauert, daß ihr mich nicht be⸗ klagt. — —“ . O, mein Edmund! ich höre noch den ſanften, aber feſten Ausdruck Deiner Stimme, als Du dieſe letzten Worte ſprachſt, die den Adel, die Reinheit Deiner Seele aus⸗ drücken. — — Dieſe letzten Worte werden mir, wie Deinen Kindern ſtets vorſchweben; die Würde meiner Ergebung ins Schickſal wird der Deinigen gleichen, und dieſe Ergebung wird mir leicht ſein: bin ich nicht von denen umgeben, die unſern Herzen theuer ſind ? — — während Du allein, weit von uns Allen entfernt — — vielleicht ohne Freund ſein mußt! — — Aber ich er⸗ rathe Deine Antwort. Nein! Du biſt nicht allein! nein, Du biſt nicht verlaſſen! — Du haſt einen Begleiter, wel⸗ ———— — 89 cher zu jeder Stunde Deines rauhen Tagewerks, zu jeder Stunde Deiner ſchlafloſen, langen Nächte Dich in der Verbannung tröſten und aufrichten wird. Dieſer Begleiter iſt Dein gutes Gewiſſen. Ach, mein Freund! dieſer Gedanke wird meine Fe⸗ ſtigkeit in dieſen Tagen der Prüfung verdoppeln. Ich unterbreche meinen Brief. — — Albert und Julchen treten ſoeben in mein Zimmer. — Du weinſt, — ſagte Julchen zu mir, — Du ſchreibſt gewiß dem Papa? — Ja, meine Kinder, ich ſchreibe eurem Vater. — Wir möchten ihm gerne ein Wort unten an Deiuen Brieſ ſchreiben, — fügte Albert bei. — Schreibt, Kinder, — antwortete ich ihnen und trat ihnen meinen Platz ab, damit ſie Dir ſchreiben konnten. „Liebes Väterchen! Wir denken immer an Dich. Wir werden nun nicht mehr in das Inſtitut gehen, aber wir werden bei der Mutter unſere Pflicht thun und uns beſtreben, ſie zu⸗ frieden zu ſtellen, damit ſie es Dir ſchreibt und Du — — dort drüben — auch zufrieden mit uns ſeieſt. Ich küſſe Dich, wie ich ſonſt immer bei Dir im Bette gethan, Du weißt noch, morgens früh — — — Albert.“ „Theurer Papa! Ich kann mich nicht an den Gedanken gewöhnen, daß Du nicht mehr hier biſt. Geſtern um fünf Uhr, zur Stunde, wo Du gewöhnlich nach Hauſe kamſt, hat man geläutet. Ich lief, um die Thüre zu öffnen und rief: es iſt der Papa — — und — —“ Ich ergreife die Feder wieder, mein Freund. Jul⸗ chen konnte nicht fortfahren, Dir zu ſchreiben; die Thrä⸗ nen blendeten ſie, ihre Stimme erſtickte. Wirklich, mein Freund, wollte der Zufall, wie das 50 arme Kind Dir ſchrieb, daß man geſtern gegen fünf Uhr an der Thüre unſerer Wohnung läutete, gerade zur Zeit, wo Du gewöhnlich vom Büreau nach Hauſe kamſt. Dieſer Glockenklang ging uns Allen zu Herzen. — — — Fünf Uhr! Es war ſonſt für uns einer der ſchönſten Augenblicke des Tages! Die Kinder eilten, jedes wollte das erſte ſein, um die Thüre zu öffnen; das eine er⸗ haſchte Dein Portefeuille, das andere Deinen Hut; und dannfandeſt Du uns, Deine Mutter und mich, in der ſchönen Jahreszeit mit unſern Blumen im kleinen Garten beſchäf⸗ tigt, wo Du beim Eintreten uns zuriefſt: — „Gu⸗ ten Tag, gute Mutter! — Guten Tag, meine Loniſe!“ — — Ach Gott! Es iſt jeden Tag ein ſo ſüßer, ſo hei⸗ liger Augenblick, wenn der Familienvater heimkehrt! wenn er nach vollendetem Tagewerk in die Mitte der Seinigen kommt, zu Mutter, Weib und Kindern, welche ſeine Arbeit ernährt! er iſt der Schutzgeiſt des heimi⸗ ſchen Herdes! — — — Dieß warſt Du für uns! — und nun! Das Glöcklein in unſerer neuen Wohnung wird uns gottlob! keine Erinnerung zurückrufen! Ich unterbreche mich wieder. Albert iſt zur Groß⸗ mutter gegangen und hat ihr geſagt, daß er Dir eben geſchrieben. Und obgleich ſie noch ſehr ſchwach iſt, wünſcht ſie doch, einige Worte an Dich zu richten. Ich will ihr meinen Brief ins Bett bringen, wo ſie Dir ſchreiben wird. „Mein Edmund, beſter der Söhne; ich küſſe Dich von ganzer Seele! Beruhige Dich, es geht mir beſſer. Unſere Louiſe iſt ein Engel — — ein En⸗ ge — — Mein Freund! die Kinder und ich haben Deine Mutter im Bette unterſtützt, damit ſie Dir ſchreiben —— — —— —— 91 konnte; denn ſie iſt noch äußerſt ſchwach, wie Du es an dem Zittern ihrer Handſchrift bemerken wirſt; aber es iſt eine große Verbeſſerung ihres Zuſtandes eingetreten und der Arzt verſichert das Beſte, wenn ſie gut beſorgt wird, Ruhe hat und ihr jede heſtige Gemüthsbewegung vermieden wird. Auf baldiges Wiederſehen, mein Theu⸗ rer! ich küſſe Dich mit aller Liebe! Louiſe. N. S. Sage mir, auf welchem Wege ich Dir viele Dinge ſenden kann, die Dir fehlen werden. Du wirſt dieſe Gegenſtände bei Deiner Ankunft in Breſt vorfinden. Ich vergaß, Dir zu ſagen, daß unſer ausgezeichneter Freund, Szipiv David, bis jetzt glücklicherweiſe allen Rachforſchungen entgangen iſt; allem Anſchein nach iſt er über die belgiſche Grenze entkommen; Gott ſtehe ihm bei! — Ich küſſe Dich nochmals zärtlich. Noch am Abende ſeiner Abreiſe hatte Edmund Mo⸗ rand während eines Haltes Gelegenheit, ſeiner Frau einige Worte zu ſchreiben, und in dieſem Briefe fand ſich folgende Stelle: — — — Nun, meine vielgeliebte Louiſe, handelt es ſich darum, einem ehrlichen Mann einen Dienſt zu leiſten, einem Vater, der über das Schickſal ſeiner Frau und ſeiner Kinder in grauſamer Unruhe iſt. Ich habe unter meinen Reiſe- und Verbannungsgenoſſen einen Tagelöhner aus unſerem Departement, Ramens Sylvan Birnbaum, gefunden. Die Vertraulichkeit unter uns war bald hergeſtellt; wir haben ja beide alte Eltern, Frauen und heißgellebte Kinder. Aber er iſt weniger 92 glücklich als ich: er hat die bittern Freuden des Lebe⸗ wohls nicht gekoſtet und hat allen Grund zu fürchten, daß ſeine Frau, die ſich im Zuſtande vorgerückter Schwan⸗ gerſchaft befand, ſchwer erkrankt ſei; dann fürchtet er auch für die Geſundheit ſeines Vaters, eines Greiſes von fünf und ſiebenzig Jahren. Er wußte nicht, an wen er ſich wenden ſollte, um ſichere Nachrichten über ſeine Familie zu erhalten; das Haus, welches er be⸗ wohnte, iſt vom Gemeindehauptort ſehr weit entfernt und der Schrecken iſt überall ſo groß, daß er nicht ohne Grund glaubt, diejenigen, an welche er ſchreiben könnte, würden ihm nicht antworten. Ich bitte Dich daher, meine gute angebetete Louiſe, ſobald Du dieſen Brief erhalten haſt und wenn es der Geſundheitszuſtand Deiner guten Mutter erlaubt, Dich auf einige Stunden zu ent⸗ fernen, Dich nach dem Dorfe Lailly zu begeben. Wenn Du durch dieſes Dorf gekommen biſt, wirſt Du ungefähr eine halbe Stunde weit immer der Landſtraße folgen; da wirſt Du an einem Platze, wo die Straße einen Winkel bildet, ein Kreuz erblicken, und ungefähr zwanzig Schritte von dieſem Kreuz links vom Wege wirſt Du das Haus Sylvan Birnbaums finden. Du kannſt Dich nicht irren, dieſe Wohnung ſteht von allen Seiten ent⸗ blößt einzeln da. In dieſes Haus gehſt du nun, um Dich über die Lage der Familie meines Verbannungsge⸗ noſſen ſelbſt unterrichten zu laſſen. Der Mann iſt von ziemlich feſtem Charakter und muß wünſchen, die Wahr⸗ heit zu erfahren, die ganze Wahrheit; ſo peinlich ſie ſein könnte, iſt ſie immer noch der Ungewißheit vorzuzie⸗ hen. Du wirſt mir alſo ſo ſchnell als immer möglich das Ergebniß Deiner Erkundigungen (immer poste restante nach Breſt) berichten und ich werde dieſelben Sylvan Birnbaum mittheilen; ſeiner Familie kannſt Du ſagen, daß er ſich wohl befindet und daß ſeine Wunde anf dem Wege der Heilung iſt. 93 Nachdem Luiſe dieſen Brief empfangen hatte, ſchrieb ſie Folgendes zurück: Dezember 1851. Deinen unerwarteten Brief, mein Edmund, habe ich tauſendmal geküßt; ich habe nicht zu hoffen gewagt, ſobald NRachrichten von Dir zu erhalten. Gott ſei Dank, ſie ſind günſtig geweſen; Du haſt von den Anſtrengungen der Reiſe nicht zu viel gelitten. Ich will Dir vor Allem mittheilen, daß der Zu⸗ ſtand unſerer guten Mutter, obgleich ſie noch äußerſt ſchwach iſt, ſich noch ein wenig verbeſſert hat; der Arzt fährt fort, hanptſächlich die Vermeidung heftiger Ge⸗ müthsbewegungen anzurathen; ebenſo eine ſtrenge, aber ſtärkende Diät, ſtark eingekochte Fleiſchbrühe und ein wenig guten, alten Bordeauxwein. Unglücklicherweiſe verordnete er dies vor Deiner Mutter. „Ich will keinen Bodeauxwein,“ ſagte ſie, „er iſt zu theuer für uns.“ „Gute Mutter! das Uebel iſt geſchehen,“ antwortete ich ihr; „der Herr Doktor hatte mir geſtern davon ge⸗ ſprochen und der Wein iſt ſchon angekauft.“ Ich mußte zu dieſer kleinen Lüge Zuflucht neh⸗ men, um die Bedenklichkeiten Deiner Mutter zu be⸗ ſchwichtigen. Uebrigens hat ſich ihr Zuſtand, ich wieder⸗ hole es Dir gerne, trotz der leichten Anſtrengung, welcher ihr unſer Umzug verurſachte, noch merklich gebeſſert, denn wir ſind ſeit heute früh in unſerer neuen Wohnung eingerichtet. Im Badhaus habe ich einen wohlgeſchloſ⸗ ſenen Tragſtuhl gefunden, den wir mit Kiſſen ausgelegt haben, ſo daß man unſere gute Mutter wohl eingehüllt bis zur Treppe unſerer Wohnung tragen konnten; darauf haben wir ſie in ihren Lehnſtuhl geſetzt und ſie ſo bis zu ihrem Bette getragen, wo ſie beinahe ſogleich ent⸗ ſchlief und während drei Stunden ſanft ruhte. Julchen — beunruhige Dich darob nicht etwa, mein 94 Geliebter! — Julchen hatte dieſe Nacht ein wenig Fie⸗ ber; aber der Arzt ſagte, es ſei nur ein Ermattungs⸗ fieber; das Kind hat mir geſtern und vorgeſtern bei unſerm Vorkehren zum Ausziehen und heute bei den An⸗ ordnungen hier vielleicht ein wenig über ſeine Kräfte beigeſtanden; aber zwei oder drei Tage Ruhe werden es wieder herſtellen. Der Arzt hat nur Diät, warme Limo⸗ nade und Fußbäder verordnet, weil es ſich über ein ſehr heftiges Kopfweh beklagte. Darum, mein Freund, beunruhige Dich nicht; ich habe Dir verſprochen, offen zu ſein. Julchen iſt nur wenig unwohl, es iſt nur vor Müdigkeit ſteif; zur Stunde, wo ich Dir ſchreibe (eilf Uhr Abends), liegt es, wie ſein Bruder, wenige Schritte von mir in tiefem Schlafe. Wie ich es verſprochen habe, will ich Dir unſere neue Wohnung beſchreiben, damit Du von dort drü⸗ ben aus uns hier ſehen kannſt. Wir bewohnen den dritten und letzten Stock eines alten baufälligen Hauſes; unſere Zimmer ſind keine Dach⸗ zimmer, aber der Dachvorſprung iſt ganz nahe über unſern Fenſtern. Zuerſt tritt man in eine Kammer, die von einem gedämpften Lichte erhellt wird; dieſes Gemach iſt mit einem andern verbunden, das ich inne habe; das letztere iſt ziemlich groß und ſeine graue Tapete mit kleinen gelblichen Blumen iſt nicht unſauber; der Fuß⸗ boden iſt gewürfelt; links von der Thüre öffnet ſich ein Fenſter, durch welches man die Mauern und Dächer der benachbarten Häuſer ſieht; dieſem Fenſter gegenüber be⸗ findet ſich eine andere Thüre (die zum Zimmer Deiner Mutter); auf beiden Seiten derſelben ſind Alkoven, in den einen habe ich mein Bett und das Julchens, in den andern das Alberts geſtellt; das Fenſter habe ich mit den Vorhängen von grün und weißem Zitz aus unſerem ehemaligen Speiſezimmer behängt. Das Zimmergeräthe beſteht aus unſerer Komode, unſerem Sekretär, dem großen Schrank von Nußbaumholz, einem Tiſch und — 95 einigen Stühlen. Den Reſt unſeres Mobiliars habe ich, wie geſagt, verkanft. Das Zimmer Deiner Mutter iſt etwas weniger groß, als das unſrige, und liegt gegen Sonnenaufgang. Es bietet Ausſicht auf den Garten; das Bett ſteht dem Ka⸗ min gegenüber; das Fenſter iſt in gerader Richtung von der Thüre; die blaue Tapete mit dunkelblauen Streifen iſt ziemlich friſch; beim Kamin ſteht der große Lehnſtuhl der Mutter und zur Seite der Leuchterſtuhl von Mahagoni, auf welchem gewöhnlich ihr Arbeitskörbchen, ihre Brille und ihre Bücher liegen; vor dem Lehnſtuhl ſteht ihr Schemel. Rechts von dem kleinen Spiegel über dem Kamine hängt das Bild Deines Vaters, links das Dei⸗ nige, wie Du als Kind warſt, und unter beiden Rahmen iſt auf einer Seite der Sekretär, auf der andern die Komode; endlich ſteht in einem Winkel und nahe beim Fenſter der kleine Schreibtiſch, deſſen ſich unſere gute Mutter zum Schreiben bedient. Mit einem Worte, den Garten vor dem Hauſe und den Unterſchied in den Ta⸗ peten ausgenommen, kannſt Du Dir vollſtändig dieſelben Einrichtungen vorſtellen, wie in dem Zimmer, das Deine Mutter in unſerer alten Wohnung in Beſitz hatte; ſie wird hier wenigſtens Alles, was ſie gewohnt iſt, vor⸗ finden, was in ihrem Alter von großem Werthe iſt. Nun werde ich Dir — damit Du von dort drü⸗ ben uns hier betrachten kannſt — ſagen, wie wir unſere Tage verleben werden. Bei Tagesanbruch werden die Kinder und ich auf⸗ ſtehen und die Haushaltung beſorgen und dann werde ich mich mit ihrer Ankleidung beſchäftigen; darauf ſagen wir Deiner Mutter guten Morgen und ich gebe den Kin⸗ dern ihre Morgenlektion vor ihrem Bette, wie wir mit ihr übereingekommen ſind, das wird ſie zerſtreuen. Zum Frühſtück, dem einzigen Mahle, das wir zuſammen be⸗ reiten — die Zubereitung wird eine kleine Erholung für die Kinder ſein —, werden wir Kaffee mit Milch nehmen; 96 dann gehen ſie zu einem Spiele in den Hof hinunter, der leider dunkel und enge iſt; aber ſie können dort doch friſche Luft ſchöpfen und ſich ein wenig Bewegung ma⸗ chen. Während dieſer Zeit werde ich mich mit unſerer guten Mutter beſchäftigen ihr Zimmer in Ordnung brin⸗ gen und ihr Bett machen, wie ſie es gerne hat. Die Kinder werden dann von Neuem mit mir arbeiten bis drei Uhr und darauf wieder in den Hof gehen, um zu ſpielen bis Nacht. Uu ſechs Uhr bringt uns der Koſt⸗ geber unſer Mittageſſen und während der Abende werden Julchen und ich uns mit der Näharbeit beſchäftigen, welche man uns verſprochen hat, während Albert ſeiner Ge⸗ wohnheit gemäß ſich mit Zeichnen unterhalten oder ſeiner Großmutter etwas vorleſen wird. Unſere Unterhaltung wird ſich, wie Du Dir denken kannſt, ſtets um Dich drehen, um unſere Erinnerungen, unſer Leid, unſere Hoffnungen! — — — Zu hoffen iſt uns, glaube ich, nicht verboten? — — — Um neun Uhr endlich werde ich die Kinder zu Bette bringen und dann bei unſerer guten Mutter bleiben, bis ſie ſchlafen will; darauf kehre ich in mein Zimmer zurück, küſſe Julchen und Albert, und wie immer, mein Edmund, wird mein letzter Gedanke Dir gehören. Siehſt Du, ſo werden wir leben. Muß ich beifügen, daß weder ich, noch die Mutter, noch die Kinder unſern frühern Wohlſtand in Etwas bedauern? Du ſagteſt uns ſtets ſehr weiſe: Um mit unſerem Schickſal zufrieden zu ſein, müſſen wir nicht über, ſondern unter uns ſchauen. Wir fühlen die Wahrheit dieſer Worte jetzt mehr als je. Wenn wir keinen Ueberfluß haben, beſitzen wir doch das Nothwendige, und wie viele gibt es, die, mehr zu be⸗ klagen als wir, das Nothwendige entbehren! — — — Ach! das Nothwendige für unſer Herz — — das warſt Du! — — — — doch ſtille!! An dieſer Stelle meines Briefes, mein Freund, wirſt Du ſehen, daß ich geweint habe. Ja, ich geſtehe es, ich habe lange geweint — — — aber weder Deine Mutter noch die Kinder haben mich geſehen; ſie ſchlafen und ich vermeide immer, ſoviel mir möglich iſt, in ihrer Gegenwart zu weinen, um ihren Kummer nicht zu ver⸗ mehren. Gute Nacht, mein Geliebter! Ich ſchließe dieſen Brief nicht, denn morgen werde ich einen Wagen miethen, um Deinen Vorſchriften gemäß die Erkundigungen für Deinen Verbannungsgenoſſen einzuziehen. Julchen wird zweifelsohne im Stande ſein, mich zu begleiten, ſowie auch Albert; es wird für mich eine Zerſtreuung und für die Kinder eine Spazierfahrt werden. Nach meiner Rückkehr hoffe ich, Dir gute Nachrichten über die Familie des Sylvan Birnbaum geben zu können, der nach dem, was Du mir von ihm ſagſt, würdig iſt, ein lebhaftes Intereſſe einzuflößen. Nochmals gute Nacht, mein ſüßer Freund! auf Morgen! Es iſt acht Uhr Morgens und ich komme eben aus dem Zimmer Deiner Mutter; ſie hatte eine gute Nacht, aber Inlchen ſchlief ſehr unruhig; ſein Fieber verdoppelte ſich gegen zwei Uhr Morgens, es klagte über heftiges Kopfweh und hatte einen brennenden Durſt. Ich gab ivm mehrmals zu trinken, da bekam es wieder Schlaf und ſchlief dieſen Morgen ſo feſt, daß es mich nicht aufſtehen hörte. Du ſiehſt, mein Theurer, daß nichts beſonders Gefährliches an ſeinem Zuſtande iſt; indeſſen verzichte ich auf mein Vorhaben, es und ſeinen Bruder mitzunehmen; es handelt ſich darum, eine Strecke von nahe an zwölf Stunden im Wagen zuzubringen, das Wetter iſt wübe und kalt und ich fürchte die Anſtrengung für das ohnedieß unwohle Kind; es wird alſo mit Albert und Deiner Mutter zu Hauſe bleiben. Lohanne und Louiſe. 9⁸ Der Zufall hat heute Morgen Honorine herbeigeführt; das ausgezeichnete Mädchen kann ſich unſerer nicht ent⸗ wöhnen, wie es ſo natürlich ſagt. Sie hat mich um die Gunſt gebeten, ihr zu erlauben, täglich die Erholungs⸗ ſtunden mit den Kindern zubringen zu dürfen, bis ſie einen Platz habe; ſie wohnt vorläufig bei ihrer Tante und weiß, wie ſie ſagt, nicht, was ſie mit der Zeit an⸗ fangen ſoll. Armes Mädchen! Ich begreife es, es iſt ſo thätig, ſo arbeitſam! Ich habe ſein Anerbieten ange⸗ nommen und es wird heute den ganzen Tag bei unſerer guten Mutter bleiben; auf dieſe Art kann ich mich ohne Furcht für einige Stunden entfernen. Ich will abreiſen. Auf kurze Zeit Lebewohl, mein Freund! Eben komme ich zurück: — — es iſt elf Uhr Abends! Der Zuſtand Deiner Mutter iſt ſehr befriedigend und Julchen hat, obgleich es abgemattet iſt, ſeit heute früh keinen Fieberanfall gehabt. Aber was für einen Tag habe ich zugebracht! Welche Dinge, welche traurigen Dinge habe ich Dir, mein Freund, mitzutheilen. Wie ſehr beklage ich Dich, Deinen unglücklichen Verbannungs⸗ genoſſen davon benachrichtigen zu müſſen. Ach! noch ſchauert mir, wenn ich daran denke, was ich geſehen habe, — — — was ich zu thun genöthigt war! O Gott! wenn ich bedenke, daß ich unſere Kinder hätte mitnehmen können, für welche ich dieſe kleine Reiſe als eine Zerſtreuung betrachtet. Dieſen Morgen beſtieg ich alſo einen Fiaker, den ich für den Tag gemiethet hatte, da kein öffentlicher Wagen jene Straße fährt, die Du mir angegeben. Der Nebel war dicht und kalt und der Weg in Folge des geſchmol⸗ zenen Schnees ſehr ſchlecht. Wir haben nahe an drei Stunden dazu gebraucht, um das Dorf Lailly zu er⸗ reichen; dort wollte der Kutſcher ſein Pferd einige Angenblicke ruhen laſſen und ihm Hafer geben. Das 99 Haus des Herrn Sylvan Birnbaum befand ſich Deinem Briefe zufolge ungefähr eine Viertelſtunde von Lailly. Ich ſtieg auf dem Kirchenplatze aus dem Wagen und wünſchte über den Wohnort Deines Verbannungsgenoſſen Erkundigungen einzuziehen. Da bemerkte ich auf dem Platze den Laden eines Bäckers und dachte, der müßte beſſer als jeder Andere die einzelſtehenden Wohnungen kennen, in welche er vielleicht Brod trage. Ich trete bei ihm ein und wende mich an eine noch junge Frau, welche ich frage, ob man die Wohnung eines Tagelöh⸗ ners, Nameus Sylvan Birnbaum antreffe, wenn man der Landſtraße folge. Kaum hatte ich aber dieſen Namen ausgeſprochen, als die Frau erröthete, mit erſchrockener Miene von einer Seite auf die andere blickte und auf mich einen miß⸗ trauiſchen Blick warf, während ſie eben ſo übereilt als verwirrt antwortete: „Ich war die Pathe des letzten Kindes Sylvans,“ aber ich ſchwöre bei allen Heiligen, daß ich ſeit mehr als einem Monat weder Sylvan noch ſonſt jemand von ſeinen Lenten geſehen habe; denn eines Tages bat ſeine Frau, bei mir einen Augenblick ausruhen zu dürfen und ich wollte ihr nicht einmal die Thüre öffnen, obgleich es Nacht und ſchlechtes Wetter war. „Und warum dieß?“ ſagte ich, mehr und mehr über ihr mißtrauiſches und beſtürztes Ausſehen verwundert, zu der Frau, „warum haben Sie das Obdach ver⸗ weigert, um das man Sie bat.“ „Weil man uns verhaftet haben würde, wenn man Johanne bei uns gefunden hätte, wie man Kleinhans und den Vater Sylvans verhaftet hat,“ antwortete ſie zitternd, „und der arme, alte Mann hat ſeine zwanzig Jahre Galeeren!“ „Auf den Galeeren!“ rief ich aus, „der Vater des Herrn Sylvan Birnbaum.“ „Ja, er kam kürzlich mit vielen andern Gefangenen auf einem Wagen von den Soldaten geführt, hier vorbei, weil er einem Inſurgenten Aſyl gegeben hatte; — — und mir wäre daſſelbe begegnet, wenn man die Frau Sylvans bei uns gefunden hätte, den man überall in den Wäldern ſuchte. „Aber wo iſt ſeine Frau? Was iſt aus ihr ge⸗ worden?“ „Davon weiß ich nichts, das geht mich nichts an!“ antwortete mir die Bäckersfrau, die mehr und mehr von meinen Fragen aufgeregt zu werden ſchien, heftig; „es iſt nicht nöthig, daß man daher kommt, um mich in Gefahr zu bringen, indem man mich über Sylvan reden macht!“ Dieſe Frau ſchien mir ſo erſchrocken, daß ich keine Erkundigung von ihr zu erhalten hoffen konnte, und ich verließ ſie. Das Pferd hatte ausgernht und ich ſtieg wieder in den Wagen, und Dank Deinem Briefe konnte ich das Haus Sylvan Birnbaums aufs Beſte bezeichnen. Nach einer Viertelſtunde kamen wir an. Ach, mein Freund! bei dieſer Erinnerung zittert meine Hand ſo ſtark, meine Aufregung iſt ſo heftig, daß ich genöthigt bin, dieſen Brief einen Augenblick zu unter⸗ brechen — — — Ich fahre fort. Wir kommen an eine Biegung der Straße, wo ein Kreuz ſteht. Zwanzig Schritte von da ſollte ſich, wie Du mir ſchriebſt, links am Wege das Haus befinden; wirklich bemerke ich es nicht weit von dieſem Orte; ich bezeichne es dem Kutſcher und er führt mich hin. Faſt der Thüre gegenüber ſteige ich aus dem Wagen; dieſelbe war geſchloſſen; ich klopfe mehrmals, man antwortet nicht. Endlich ſehe ich durch das Gitter eines kleinen Fenſterchens das Geſicht eines Mädchens erſcheinen, das ungefähr dreizehn bis vierzehn Jahre alt, alſo beinahe im Alter unſeres Julchens, aber bleich und abgemagert war und tieftiegende, gerbthete Augen hatte. Seine aufgelöſten, emporgeſträubten Haare verbargen zur 101 Hälfte ſein Geſichtchen; es hielt ſich mit beiden Händen an den Gitterſtangen und heftete auf mich einen furcht⸗ ſamen, verſtörten, beinahe ſtumpfſinnigen Blick; — — — es ängſtigte mich. — — — „Mein Kind,“ ſagte ich, mich dem Fenſter nähernd, zu ihm, „iſt dieſes Haus das des Herrn Sylvan Birn⸗ baum? Biſt Du ſeine Tochter?“ Es antwortete mir nichts und fuhr fort, mich mit einem unruhigen und ſcheuen Blicke zu betrachten. Beim Anblick dieſes armen kleinen bleichen und welken Ge⸗ ſichtchens, deſſen faſt unheilvoller Ausdruck mit der ge⸗ wöhnlichen Lebhaftigkeit der Kinder ſeines Alters in ſehr granſamem Contraſte ſtand, und als ich unwillkürlich an Julchen dachte — da kamen mir die Thränen in die Augen. Ich ahnte irgend ein Unglüc Indeſſen ergreife ich durch das Gitter eines der Händchen des kleinen Mädchens und ſage zu ihm: „Wenn Du die Tochter des Herrn Sylvan Birn⸗ baum biſt, ſo öffne mir, ich bitte Dich. Ich möchte gern Eure Mutter ſehen. — — — Kaum habe ich den Namen ſeiner Mutter ausge⸗ ſprochen, ſo entzieht mir das Kind raſch ſeine Hand, die es mir maſchinenmäßig überlaſſen hatte, und verſchwindet am Fenſter; ich höre im Hauſe einige Augenblicke lang leiſe ſprechen; darauf öffnet ſich die innen verriegelte Thüre plötzlich vor mir. Ach! mein Theurer, das war ſchrecklich! — — ſchrecklich! — — doch höre, was ich da ſah! Marie (das iſt, wie ich ſpäter erfuhr, der Name des kleinen Mädchens), Marie und ihre beiden Brüder, der ältere von zehn bis elf Jahren, der jüngere höchſtens vier Jahre alt, waren in eine dunkle Ecke eines großen Zimmers zuſammengedrängt und betrachteten mich von ferne mit jenem ſcheuen, furchtſamen und beinahe ſtumpf⸗ ſinnigen Ausdruck, der mich in den Mienen Mariens ſo betroffen gemacht hatte; im Hintergrunde des Zimmers 102 ſah ich ein Bett — — — und in dem Bette durch die Falten der Linnen gezeichnet, eine menſchliche Geſtalt. Eine neue, furchtbare Ahnung preßte mir das Herz; ich näherte mich dem Bette. Die Perſon, die darin lag, hatte den Kopf der Mauer zugewendet: ich ſah nur ihre Haube von Kattun, unter welcher lange, ſchwarze Haare hervordrangen, die ungeordnet auf die Schultern nieder⸗ hingen. Die vollſtändige Bewegungsloſigkeit des Tuches, welches die aufgezogenen Kniee der unglücklichen Frau bedeckte, brachte meine unheilvollen Ahnungen auf ihren Höhepunkt; ſie hatte einen Arm außer dem Bette, nur halb in der Decke verborgen; ich berührte ihre Hand. — — — Ach! mein Freund! — — Dieſe Hand war erſtarrt — — war eiſigkalt! — — „Aber ſie iſt ja todt!“ rief ich aus, indem ich entſetzt zurücktrat und mich gegen die Kinder kehrte, die ſtets in dem dunkeln Winkel des Zimmers an einander gedrängt blieben und kein Auge von mir abwandten; „aber eure Mutter iſt ja todt, unglückliche Kinder!!“ „Ja,“ ankwortete Marie, „ſie iſt todt — — ſeit zwei Tagen.“ — „Ach Gott! und ihr habt keine Hülfe herbeigeholt?“ „Wir ſind eingeſchlafen und als wir am Tage wieder aufwachten, war unſere Mutter geſtorben. „Aber ſeither? Seid ihr nicht ins Dorf gegangen, — — um das Unglück zu melden?“ „Wenn mein älterer Bruder hingegangen wäre, würde ich mit dem kleinen Bruder allein bei der Leiche der Mutter geblieben ſein und da hätte ich mich zu ſehr gefürchtet!“ antwortete mir Marie. Dieß, mein Freund, iſt Alles, was ich im Stande war, aus dieſen Unglücklichen herauszubringen. Man ſah in ihren niedergeſchlagenen Zügen und ihren tiefliegenden trocknen, brennenden Augen, daß der Tod ihrer Mutter alle Thränen aus ihrem Herzen gepreßt; ſie antworteten kaum und nur einſilbig auf die Fragen, die ich an ſie 103 richtete; ich erfuhr nur — — — Ach! mein Freund; ich ſagte Dir ja, dies Alles ſei ſchrecklich, ſchrecklich“ — — Ich erfuhr nur, daß dieſe unglückliche Frau in einem Fuſtande vorgerückter Schwangerſchaft ein todtes Kind zur Welt gebracht und daß dieſes Kind in Folge der Einſamkeit des Hauſes und bei dem Mangel aller Hülfe zuerſt von ſeiner Mutter eingehüllt — — — von ſeiner Mutter!! — — und darauf von ſeinem Bruder und ſeiner Schweſter in einem Winkel des Gartens be⸗ graben worden ſei. — — — Ich konnte dieſe armen Waiſen nicht in der Nähe des Leichnams ohne Grab laſſen. Ich fragte ſie, ob ſie mich begleiten wollten; was ſie mir zuſagten. Sie waren von dem Uebermaß ihrer Leiden, wie ich Dir ſagte, ſo niedergebengt, daß ſie keine Wünſche, keinen Willen, keine Empfindungen mehr zu haben ſchienen. Ich ließ ſie zu mir in den Wagen ſteigen. In dem Augenblicke, als Marie das Haus verlaſſen wollte, wandte ſie ſich noch⸗ mals nach dem Sterbebette um und ſagte thränenlos, aber mit einem Ausdruck, der mich zu Thräuen rührte: „Lebewohl, mein Mütterchen!“ Darauf wurde ſie wieder düſter und ſchweigſam, wie ihr Bruder. Das kleinſte der drei Kinder hatte die Sorgioſigkeit ſeines Alters wiedergefunden und ſchien zufrieden, in den Wagen ſteigen zu dürfen, wo es auf meinem Schooße ſpielte. Ich ließ mich nun zum Maire von Lailly führen, der glücklicherweiſe zu Hauſe war. Dieſem zeigte ich den Tod der Frau Sylvan Birnbaums an und daß die Kinder bei der Leiche zwei Tage allein zugebracht, — — zwei Tage! — — der Maire ver⸗ ſprach mir, ſogleich Befehl zu geben, daß die Leiche weggeholt und begraben werde, was des andern Tags geſchehen ſolle. „Aber die Kinder?“ fragte ich ihn; „was wird aus denen werden? Sie können ſich doch nicht ſo ſelbſt über⸗ laſſen bleiben? Haben ſie keinen Anverwandten?“ „Kei⸗ nen,“ erwiederte mir der Maire. Da erinnerte ich mich der Bäckerin, die Pathe einer der Waiſen war. „Wenn Sie dieſer Frau, die ſehr erſchrocken zu ſein ſcheint, verſprächen, daß ſie wegen einer etwaigen Auf⸗ nahme der Kinder nicht bennruhigt werde,“ ſagte ich zum Maire, „ſo würde ſie vielleicht einwilligen, dieſelben zu ſich zu nehmen.“ „Dieß wäre eine zu ſchwere Bürde für Magdalene,“ antwortete er mir, „denn ſie hat eine zahlreiche Familie; aber ſie könnte denſelben doch ein Unterkommen gewäh⸗ ren, bis ich ſie in die Bettlerverwahrungsanſtalt ſende. Man wird ſie ſonſt nirgends hinzubringen wiſſen.“ Arme Kinder! ach, mein Freund! ich wiederhole und Du ſiehſt es ja: dieß Alles iſt ſchrecklich! O! wären wir nicht ſelbſt in einer ſo unſichern Lage, ich hätte mich dieſer Waiſen angenommen; aber Du weißt ja, ob uns dies möglich iſt. Ich bat den Maire, mich zur Bäckersfrau zu be⸗ gleiten und ſie zu ihrer Beruhigung ſelbſt zu veranlaſſen, die unglücklichen Verlaſſenen für einige Zeit aufzuneh⸗ men. Er willigte ein. Und dieſe Frau, die mir im Grund ihres Herzens gut zu ſein ſchien, verſprach die Kinder eine Zeit lang bei ſich zu behalten.. „Das iſt aber nicht Alles,“ ſagte ich zu ihr, „es bleibt gegen die Mutter derſelben noch eine letzte Pflicht zu erfüllen. — — Man muß ſie in das Leichentuch hüllen und mit ihr auch das arme Kind, das ſie zur Welt gebracht. Es war mir unmöglich, in dieſer Sache etwas von Magdalene zu erlangen; ſie ſagte, ſie fürchte ſich zu ſehr vor Todten. „Aber Herr Maire,“ ſagte ich zu dieſem, „wer ſoll denn dieſe Frau in das Leichentuch hüllen?“ „Da weiß ich wirklich gar keinen Rath, werthe 105 Frau; ich weiß nicht, an wen ich mich hier wenden ſoll,“ antwortete er mir. Da, mein Freund, betrachtete ich es als meine Pflicht, den ftommen Dienſt gegen diejenige zu über⸗ nehmen, welche das Weib Deines Verbannungsgenoſſen war; die Beerdigung konnte erſt am folgenden Tage ſtattfinden und es ſchmerzte mich der Gedanke, daß dieſer arme Leichnam noch während einer Nacht in der Einſam⸗ keit jenes Hauſes gelaſſen würde. Durch inſtändige Bitten und Verabreichung einigen Geldes gelang es mir, eine alte Frau aus dem Dorfe zu bewegen, mit mir zu gehen und mir die Leiche einkleiden zu helfen, bei welcher ſie dann auch bis zum andern Tage wachen ſollte. Ich beſtieg mit dieſer Frau wieder den Wagen und kehrte zu dem Hauſe des Herrn Sylvan zurück und Du kannſt ihm mittheilen, — ach! ein trauriger Troſt! — daß ich die Augenlider ſeiner Frau zugedrückt und daß ich das Kind, das ſie jüngſt geboren, mit ſeiner Mutter in das gleiche Leichentuch eingehüllt habe. Nachdem ich dieſe traurigen Pflichten erfüllt hatte, machte ich mich bei der Nacht auf den Weg. Ich hielt bei der Bäckerin an und bat ſie, mir zu ſchreiben, wenn man die Kinder nach der Bettlerverwahrungsanſtalt in Orleans bringe. Sie verſprach es mir und fügte bei, daß ſie, wenn ihr Mann einwilligen wolle, ihr Pathchen, das jüngſte der drei Waiſenkinder, das Dominik heißt, gerne bei ſich behalten würde. Ich ermuthigte ſie in dieſem großmüthigen Entſchluß. Darauf verließ ich das Dorf und konnte erſt um halb elf Uhr des Nachts hier zurück ſein. Deine Mutter und unſere Kinder harrten S in lebhafter Unruhe; meine Ankunft hat ſie be⸗ ruhigt. O! mein Edmund, mit welcher doppelten Zärtlich⸗ keit habe ich dieſe drei, unſerm Herzen ſo theuren Weſen als ich ſie nach dieſem grauſen Tage wiederge⸗ unden. ————— ——— — —— 106 Trotz der Angſt, welche ihr meine verlängerte Ab⸗ weſenheit verurſachte, befindet ſich Deine Mutter, wie ich Dir geſagt habe, in einem befriedigenden Zuſtande. Julchen ſchläft zur Stunde, wo ich Dir ſchreibe (Mitter⸗ nacht); — — ich will auch verſuchen, zu ruhen; denn die traurigen Gemüthsbewegungen während des heutigen Tages haben meine Kräfte gebrochen. — — Gute Nacht, mein Edmund! Dieſer Brief wird erſt morgen abgehen und ich werde noch einige Zeilen beifügen. — Mein Freund! werde nicht unruhig — aber ich habe Dir vollkommene Offenheit verſprochen. Julchen hatte eine ſehr böſe Nacht und gegen zwei Uhr Morgens zeigte ſich ſein Fieberanfall wieder; er war viel heftiger als derjenige der vorigen Nacht und war, bevor er nachließ, von Geiſtesverwirrung begleitet. Das arme Kind rief weinend nach Dir und wollte die Stricke zer⸗ ſchneiden, mit welchen Du im Wagen gebunden warſt. — — Dieſer Gedanke verfolgte es ſtets und ich gab mir alle Mühe, ſein Klagegeſchrei zu unterdrücken, aus Furcht, es könnte Deine Mutter und Albert wecken. Un⸗ glücklicher Weiſe konnte ich das, was ich befürchtet, nicht verhindern; unſere gute Mutter, die unfähig war aufzu⸗ ſtehen, frug mich mit Herzensangſt, was Julchen fehle? Sein Bruder wurde ebenfalls aus dem Schlafe aufge⸗ ſchreckt und fing an, es weinend zu küſſen; es kannte ihn nicht, ſo wenig wie mich; es koſtete mich Mühe, es in ſeinem Bette zurückzuhalten, es wollte aufſtehen, um Dich in Afrika aufzuſuchen, wie es ſagte. Die Stärke des Fieberaufalls ſelbſt erſchöpfte es endlich und es ward ruhiger; ein kalter Schweiß klebte ſeine Haare an die Schläfe; aufänglich glühte es vor Hitze und dann ſchauerte es zuſammen. Ich hüllte es warm ein. Es hatte die Augen geſchloſſen und lag wie vernichtet da; nur von Zeit zu Zeit ſagte es zu mir: „Verzeihe, Mama, verzeihe!“ — — Darauf fiel es in einen tiefen Schlum⸗ 107 mer. Es war dieß aber kein guter Schlaf; von Zeit zu Zeit bewegte es ſich und wälzte ſich in ſeinem Bette umher, indem es ohne Unterlaß vor ſich hin ſprach. Der Arzt hatte es am Abend zuvor während meiner Abweſenheit beſucht und ſich begnügt, fortwährend Fuß⸗ bäder und warme Limonade zu verordnen; er ſagte, ehe er etwas Anderes verordne, wolle er ſehen, ob die An⸗ fälle regelmäßig würden oder nicht. Die Anfälle wurden nun unglücklicher Weiſe regelmäßig! Es war kaum Tag und es koſtete mir Mühe, Albert ſo früh morgens allein ausgehen zu laſſenz allein da ich Niemand hatte, den ich zum Arzt ſchicken konnte, bat ich das liebe Kind, ſich ſogleich dorthin zu begeben und denſelben herbeizuführen, wenn es ihn fände; dann ging ich hinein zu unſerer guten Mutter, um ſie zu beruhigen. Du kennſt ihre herzliche Verehrung für unſere Kinder; ſie wehklagte, indem ſie die Folgen von Julchens Unwohlſein — gottlob! — übertrieb. Endlich, mein Freund, — denn ich errathe Deine Ungeduld — endlich führte Albert den Atzt herbei; Du kennſt ihn, er iſt ein raſcher Mann; er ſpricht ohne Schonung und täuſcht nicht über die Wirklichkeit. Ich habe ihm die verſchiedenen Erſcheinun⸗ gen von Julchens Anfall erzählt und er prüfte lange. Dann ſagte er zu mir — ich wiederhole wörtlich ſeinen Ausſpruch: „Die Sache iſt ernſt.“ „Aber, Herr Doktor, wir müſſen uns doch keiner ernſtlichen Unruhe hingeben, nichtwahr?“ Ich weiß es nicht. — — Dieſes Fieber kann ein Schwitzfieber werden, — — aber einſtweilen muß man ſich auf vorbereitende Arzneimitttel beſchränken; — — — ich werde dieſen Abend wieder kommen.“ Dieß ſind ſeine Worte, mein Freund. Er ſchrieb eine Verordnung, die Albert ſogkeich in die Apotheke trug. Zum Glück kam Honorine, die noch keinen Platz hat; ſie konnte Deine Mutter beſorgen, während ich bei 108 Julchen blieb, das trotz ſeiner Schlafſucht faſt immer eine meiner Hände in den ſeinigen halten wollte. Seit einer halben Stunde iſt nun jene Erſchlaffung einem wirklichen Schlafe gewichen; ich entzog meine Hand ſanft derjenigen Julchens und ſchickte mich an, dieſen Brief zu endigen. Dieß, mein Freund, iſt die Wahrheit; aber ich bitte, beunruhige Dich nicht über die Maßen; der Arzt ſagte wohl: die Sache iſt ernſt; aber er weiß noch nicht, ob ſie wirklich ernſtlich beunruhigend wird; die Hoffnung iſt uns alſo ohne alle Selbſttänſchung noch erlanbt⸗ Die Lebenskraft der Kinder ſolchen Alters iſt ſo mächtig, daß ſie oft beinahe ebenſo ſchnell wieder aufgerichtet ſind, als ſie niedergeworfen wurden. Erinnerſt Du Dich noch des Söhnchens unſeres braven Freundes Scipio David? Der Kleine war in Julchens Alter; man ver⸗ zweifelte an ſeinem Anfkommen und drei Tage ſpäter trat vollſtändige Geneſung ein. — — Julchen iſt eben erwacht; es ruft mir — — Hoffe das Beſte! Unſer liebes Kind iſt ruhiger; ſeine Haut iſt feucht und ſeine Kopfſchmerzen haben nach⸗ gelaſſen; es ſah von ſeinem Bette aus mein Schreibe⸗ pult und bat mich Dich zärtlich für es zu umarmen und Dich zu verſichern, — daß es ſich viel beſſer befinde und morgen ſicher das Bett verlaſſen könne.“ Albert verlangt von mir die Erlaubniß, Dir auch von ſich aus beſtätigen zu dürfen, daß es ſeiner Schwe⸗ ſter viel beſſer geht. Ich laſſe ihn ſchreiben. „Gutes Väterchen, ängſtige Dich nicht; ich verſichere Dich, daß es Julchen beſſer geht und daß es morgen ficherlich aufſtehen wird — — ganz ſicherlich. — Ich küſſe dich von ganzem Herzen. Albert.“ Arme, theure Geſchöpfe! Sie wollen Dir jede Un⸗ 109 ruhe erſparen, mein Freund; aber ich mußte Dir die Wahrheit ſagen und die Wahrheit iſt: daß man trotz Julchens ernſthaftem Unwohlſein Alles hoffen muß. Lebewohl, mein Freund; bald werde ich wieder von mir hören laſſen. Luiſe.“ N. S. „Sobald ich Nachricht über das Schickſal der Kinder des Herrn Sylvan Birnbaum habe, werde ich Dir ſchreiben.“ — — — Und nun! werden Sie, meine Leſerin, die Sie dieſe Briefe einer Gattin und einer Mutter leſen, die Serzensangſt und die Unruhe eines Verbannten begreifen und fühlen können; eines Verbannten, der Sohn, Gatte und Vater iſt und der dort drüben — — — in Afrika, durch die Unermeßlichkeit des Meeres von ſeiner Familie getrennt, jene traurigen Nachrichten erhält, welche ihn in einer ſchrecklichen Unruhe über das Wohl ſeiner Mut⸗ ter, ſeiner Gattin und ſeiner Kinder laſſen? Wie manche Tage werden vergehen, ehe ein neuer Brief kommt, der ihn beruhigen, — — — oder ihm jede Hoffuung be⸗ rauben wird? Mit welch' ſchmerzlicher Ungeduld harrt auf dieſen Brief, den er zugleich fürchtet und ſo her⸗ eiſehnt! pů Und wenn er eines Tages folgenden Brief er⸗ ält! — — — — 11⁰ Dezember 1851. „Edmund! — — mein heißgeliebter Edmund! Der Arzt verzweifelt noch nicht an Julchens Rettung, obgleich das Schwitzfieber ſich nun erklärt hat. — Albert iſt ein Engel. Er zeigt eine Hingebung, die ſein Alter überſteigt. Und ich! ich ſchöpfe aus dieſen Umſtänden eine dop⸗ pelte Kraft; ich befinde mich wohl. Bis hierher findeſt Du in dieſem Briefe nur Beru⸗ higendes für Dich. — — Und doch, mein Edmund, wirſt Du niemals — — — verſtehſt Du wohl! — — nie⸗ mals mehr Muth, mehr Ergebung ins Schickſal als heute nöthig haben. Edmund, ich errathe deine Herzensangſt; — — ich ſpreche von unſern Kindern und von mir, — — und ich ſpreche Dir nicht von Deiner Mutter; — — — ich ſpreche nicht mehr von Deiner Mutter! — — — Du haſt mich verſtanden. — — — Ach! — — — wenn ich mich nicht an eine ſo feſte Seele wie die Deinige zu wenden hätte, ich würde mehr Vorſicht gebraucht haben, um Dir dieſen fürchterlichen Schlag anzukündigen. Und nun, mein Freund, weine! beweine dieſe ver⸗ ehrungswürdige Mutter, wie wir ſie beweinen; laß Deine Zähren fließen! laß die Thränen hervorſtürzen, die Dein Herz zerreißen! — — — Dann wirſt Du im Leſen dieſes Briefes fortfahren können; denn in dieſem Angenblicke könnteſt Du es nicht. — — — Der Schlag iſt fürchterlich, nicht wahr, mein Ed⸗ mund? — So fürchterlich, als unerwartet!! Auch für uns kam er unerwartet! Arme, gute Mutter! Wenn auch noch ziemlich ſchwach, war ſie doch auf dem Wege der Beſſerung. Gute Beſorgung, Ruhe und hauptſächlich die Vermeidung jeder lebhaften Gemüths⸗ bewegung, ſagte uns ſtets der Arzt, genügten, ſie zu retten. — — Ja! ſie wäre gerettet worden; die zärt⸗ lichſte Sorgfalt würde ihr nicht gemangelt haben, — — — aber eine ſchreckliche Gemüthsbewegung hat ſie ge⸗ tödtet! — — — — Ich theile Dir hier, mein Freund, die Einzelnheiten dieſes Ereigniſſes mit; Deine ungeduldige, ſchmerzliche Angſt wünſcht dieſelbens ſie werden Deinen heiligen Schmerz nicht vermehren können! — aber ſie werden ihn noch heiliger machen; denn dieſe Ceie wer⸗ den Dir den erhabenen Tod Deiner Mutter därſtellen. Lies, — — — bewundere, — — und bete für ſie! — Vor vier Tagen (ich ſchrieb Dir an jenem Morgen, um Dir die Krankheit Inichens anzuzeigen), vor vier Tagen wachte ich gegen halb drei Uhr Morgens bei unſerem Töchterlein; der Augenblick ſeines Anfalls, den der Arzt vorausgeſehen hatte, näherte ſich; Albert lag iu tiefem Schlaf; auch unſere gute Mutter ſchlief, ich hörte ihre ruhigen Athemzüge durch die Thüre ihres Zimmers, die halb offen geblieben war. Honorine hatte gewünſcht, auch dieſe Nacht, wie gewöhnlich, in unſerm Hauſe zuzubringen; aber da ich ſah, daß das arme Mäd⸗ chen von Müdigkeit überwältigt war, und ich wünſchte, daß es eine ganze Nacht ruhen könne, ſo beſtand ich darauf, daß es zu ſeiner Tante gehe, um dort zu ſchla⸗ fen. So wachte ich alſo um halb zwei Uhr morgens bei Julchen. Ich habe Dir unſere Wohnung beſchrieben. Man betritt beim Eingang in dieſelbe ein kleines, düſteres Gemach. Plötzlich höre ich an der äußern Thüre ſehr ſanft pochen, ſo ſanft, daß weder Deine Mutter noch die Kinder erwachten; ich ſtehe auf, gehe auf die Thüre zu und frage mit leiſer Stimme: „Wer iſt da?“ „Ich, Fran Morand,“ — antwortete man eben⸗ falls mit leiſer Stimme, — „ich — — die Pförtnerin des Hauſes; es handelt ſich um eine dringende Beſtellung.“ Ich öffne ohne Mißtrauen und befinde mich gegen⸗ über der Pförtnerin und einem Gendarmeriehauptmann, der von mehreren Soldaten begleitet iſt, die auf die Stufen der Treppe gereiht daſtehen. Einer derſelben trug eine Laterne. Sie Alle hatten ein ſo tiefes Schwei⸗ gen beobachtet, daß, wie ich Dir ſchon ſagte kein Ge⸗ räuſch bis zu mir gedrungen war; ich ſtieß einen Schrei der Ueberraſchung und des Schreckens aus: da legt der Hauptnlänn ſeine Hand auf meinen Mund, ergriff mich bei einem Arme und ſagte zu ſeinen Leuten: — „Jezt geht ſchnell hinein, — — — ſucht Alles aus, — — — er kann nicht gewarnt worden ſein; — — — er kann nicht Zeit gehabt haben, zu entkommen! Auf dieſen Befehl ihres Anführers ſtürzen fünf bis ſechs Gendarmen, die einen mit dem Säbel in der Hand, die andern mit der Piſtole in der Fauſt, in das Zim⸗ mer, wo unſere Kinder ſchliefen. — — Ich kann mir das Entſetzen derſelben und dasjenige Deiner Mutter denken, als ſie unſere Wohnung ſo von bewaffneten Sol⸗ daten überfallen ſahen, wie an jenem Tage, als ſie ka⸗ men, um Dich zu verhaften. Durch das Erſcheinen dieſer Männer, die bei ihr tauſend ſchmerzliche Erinnerungen erweckten, aus dem Schlafe aufgeweckt, mußte Deine Mutter einer ſchrecklichen Gemüthsbewegung verfallen, — — — wvelche für ſie vielleicht tödtlich ſein konnte! Mir ſchaudert vor den Folgen, die dieſes Ereigniß haben kann, und ich will hinter den Gendarmen herſtürzen; da hält mich der Offizier zurück und ſagt zu mir: — Frau Morand, ich muß meine Befehle vollzie⸗ hen: Scipio David wird uns dießmal nicht entrinnen; Er iſt hier verborgen — — — längnen Sie es nicht, ich weiß es.“ — — — Man verfolgte alſo einen Deiner beſten Freunde und man wähnte ihn hier verborgen; dieß war irrig; denn 113 ſeit den Dezember⸗Ereigniſſen hatte ich Herrn Scipio David, der, wie man mir ſagte, nach Belgien geflohen iſt, nicht mehr geſehen. Aber ſchon hörte ich das Schre⸗ ckensgeſchrei der Kinder, die nach mir riefen, und ich unterſchied die Stimme Julchens, welche durchdringender war als die ihres Bruders und deren Ausdruck herzzer⸗ reißend wurde. Die Stunde ihres Fieberanfalls war gekommen und der Schrecken mußte ſeine Heftigkeit ver⸗ doppeln. Ich machte eine verzweifelte Anſtrengung, mich den Händen des Hauptmanns zu entziehen und rief: „Es iſt ja Niemand hier verborgen, ich“ ſchwöre es bei dem Leben meiner Kinder! — — Mein Töchter⸗ lein iſt krank, meine Mutter iſt kaum auf dem Wege der Geneſung; laſſen Sie mich los, mein Herr, aus Mitleid laſſen Sie mich los! Da der Hauptmann ohne Zweifel vorausſetzte, daß es mir nun nicht mehr möglich wäre, den Flüchtling, den man ſuchte, zu warnen, hielt er mich nicht länger zurück und ſagte: „Meine Befehle ſind ſtreng, Frau Morand, and ich muß ſie vollziehen: Seipio David iſt hier, — — — liefern Sie ihn aus und ich ziehe mich zurück.“ Ich antwortete ihm nichts, ſo aufgeregt war ich. Er folgt mir, ich ſpringe in mein Zimmer: Julchen, eine Beute fiebriſcher Geiſtesverwirrung, war mit bloßen Füßen und im Hemde, mit über die Schultern zerſtreut herabhängendem Haare ans dem Bette geſprungen, und ſchrie in ſeiner Verwirrung: „Vater! — — Vater! — — zerſchneide die Stricke, die Deine Hände feſſeln! — — — Zerſchneide ſie, — — — da iſt ein Meſſer!“ Albert, wie ſeine Schweſter halb entblößt aufge⸗ ſtanden, ſchluchzte laut und machte vergebliche Anſtren⸗ gungen, ſie zurückzuhalten, während er mir zurief: „Mutter! ach Gott! Julchen iſt verrückt!“ Während dieſer troſtloſen Scene warfen die Solda⸗ Johanne und Louiſe. 8 114 ten Alles in der Wohnung unter einander; fie ſtießen die Geräthe umher, unterſuchten die Schränke und war⸗ fen unſere Betten über den Haufen, daß die Matrazen hier und dort auf dem Fußboden herumlagen — um ſich zu verſichern, daß Niemand in unſern Betten verborgen ſei. Einer der Gendarmen öffnete das Fenſter, um auf das Dach zu ſehen, da er ohne Zweifel glaubte, der Flüchtige habe auf dieſer Seite entrinnen können. Dran⸗ ßen wehte ein eiſiger Nordoſt und dieſer traf nun das halbnackte Julchen, das im Schweiße gebadet war und deſſen Ahfall ſeinen Höhepunkt erreicht hatte. Da ver⸗ lor ich, ich geſtehe es, mein Freund, einen Augenblick den Kopf. Ich vergaß unſere Mutter, um mich mit meiner Tochter allein zu beſchäftigen. Ich hüllte fie in der Eile in einen Mantel und obgleich ſie um ſich ſchlug und ſich mit einer krampfhaften Gewalt ausreckte, gelang es mir doch, ihre Bewegungen zu bemeiſtern und ſie auf eine der Matrazen zu betten, welche die Soldaten beim Unterſuchen der Betten auf die Erde geworfen. Meine Verwirrung., mein Schrecken, hatten mich, wie ich Dir ſagte, armer Freund, unſere Mutter vergeſſen laſſen; das Geſchrei Alberts, der zu ihr geflohen war, rief mir dieſelbe wie⸗ der ins Gedächtniß zurück. Es war mir unmöglich, Julchen in dem beunruhigenden Zuſtande, in welchem es ſich befand, zu verlaſſen; ich nahm es auf meine Arme wie ein Kind aus der Wiege, ohne daß ich bis jetzt begriffen hätte, wie ich die Kraft gehabt, und ſprang in das Zimmer unſerer Mutter. — — — Muth! mein Freund, Muth! wir haben ihn beide nöthig! — — — ich, um dieſen Brief fortzuſetzen, — — — Du, um ihn weiter zu leſen! — — Beim Eintritt in das Zimmer unſerer Mutter ſah ich, daß das Bettgeſtelle umgeworfen war, und daß ſie ſelbſt, kaum in eine Decke gehüllt, am Boden auf einer Matraze ausgeſtreckt lag; ihre aufgelöſten weißen Haare verdeckten ihr Geſicht beinahe ganz; fie zitterte 115 vor Froſt, denn zwei Schritte von ihr ließ ein Fenſter, das die Soldaten geöffnet hatten, wie dasjenige in un⸗ ſerm Zimmer, eine eiſige Kälte einſtrömen. Ein Bein unſerer Mutter, das nackt und abgemagert unter dem Tuche hervorſah, wäre beinahe unter dem beſpornten Abſatze eines der Gendarmen gebrochen worden, der ſich bückte, um mit der Laterne in der Hand das Innere des Rauchfangs zu unterſuchen. Unſere Mutter ſtieß einen Schrei des Schmerzes aus; als ſie mich dann aber mit Julchen, das ſich in meinen Armen ſträubte, eintreten fah, beruhigte ſie ſich und ſagte zu mir: „Luiſe, was wir dulden, iſt nichts gegen das⸗ jenige, was mein Sohn leidet, — — — was mein Sohn noch leiden wird!“ „Albert“ — rief ich aus, „ſchließe ſchnell das Fenſter, deſſen Luftzug Deine Großmutter erſtarren macht“ Das Kind gehorchte. In dieſem Angenblicke ſagte der Hauptmann, der über die Nutzloſigkeit ſeiner Nach⸗ forſchungen wüthend war, mit faſt drohender Miene zu mir: „Scipio David war hier, — — Frau Morand, Sie waren von unſerer Ankunft benachrichtigt und ha⸗ ben ihn entſpringen laſſen!“ „O! mein Herr!“ ſchrie deine Mutter, — „genügt es denn nicht, die Wohnung zweier Frauen, von denen eine in meinem Alter iſt — — und die andere bei einem kranken Kinde wacht, auf dieſe Weiſe zu überfallen? — — Dürft ihr es noch wagen, uns zu drohen? — (Zu mir gewendet): — Ach welches Glück, daß Edmund nicht hier iſt!“ „Scipio David muß ſich vorfinden!“ ſchrie der Hauptmann mit dem Fuße ſtampfend. „Ihr ſeid für ſeine Flucht verantwortlich.“ Bei dieſen ungerechten und harten Worten ward unſere Mutter von einer erhabenen Würde erfüllt; ſie ſetzte ſich aufrecht hin; ihr ehrwürdiges, von dem langen weißen Haare umgebenes Geſicht drückte einen vernich⸗ tenden Unwillen aus, und ſie rief: „Hinaus, mein Herr! hinaus! Sie achten weder das Alter, — — noch die Kindheit. Sie werden verflucht ſein vor Gott und den Menſchen. — — Gehen Sie hinaus!“ „Madame,“ antwortete der Hauptmann, ſeine Augen vor dem impoſanten Blicke Deiner Mutter nieder⸗ ſchlagend, — ich bin genöthigt, meine Befehle zu voll⸗ ziehen. „ — „Der, den Sie ſuchen, iſt nicht hier,“ nahm Deine Mutter mit geſchwächter Stimme wieder das Wort; „ich habe es Ihnen geſagt und ich verbiete Ihnen, an dem Worte ziner Sterbenden zu zweifeln; denn ich fühle es, — — — ich werde die Gemüthserregung dieſer Nacht nicht überleben. — — Gehen Sie fort, mein Herr! Laſſen Sie mich wenigſtens in Frieden in den Armen meiner Tochter und ihrer Kinder ſter⸗ ben. — — Die Stimme, der Ausdruck und die Haltung Deiner Mutter übten ſolche Gewalt auf dieſe Soldaten aus, daß ſie nicht länger zu widerſtehen wagten und ſich zu⸗ rückzogen. Ich blieb mit unſerer Mutter und den Kindern allein in unſerer zerſtörten Wohnung. Ich hielt immer noch Julchen in meinen Armen; ſeine weniger krampf⸗ haften Bewegungen verkündeten das Ende ſeines An⸗ falls; aber ſein Geſicht, welches das meinige berührte, ſeine Schultern, ſeine Hände und ſeine Füße waren er⸗ ſtarrt von der Kälte der Mitternacht. Die letzten Worte Deiner Mutter hatten ihre Kräfte erſchöpft; ſie fiel auf ihre Matraze zurück. Ach! kaum war ſie auf dem Wege der Wiedergeneſung, nur ſorgfältige und vorſich⸗ tige Behandlung konnte ſie aufrecht erhalten, da mußte ſie gus dem Schlafe gufgeſchreckt und von ſolchem Schre⸗ 117 cken überfallen, beinahe ohne alle Verhüllung einem durchdringenden Nordoſtwinde ausgeſetzt werden! Dieß konnte für eine Frau von ihrem Alter ein tödtlicher Schlag werden. — — Ich ſagte auch zu Albert: „Mein Kind, wir müſſen Alle Muth faſſen! Kleide Dich ſchnell an und hole für Deine Großmutter eiligſt den Arzt herbei. Fürchte Dich nicht; in dieſen Zeiten ſind die Straßen ſicher, man begegnet bei jedem Schritte Soldaten.“ „Sei ruhig, Mama, ich werde mich nicht fürchten,“ antwortete mir der arme Knabe entſchloſſen, indem er ſich haſtig ankleidete. In dieſem Augenblicke lag Julchen, das nun eben ſo abgemattet als vorher aufgeregt war, bewegungslos in meinen Armen. Da ich keine Zeit hatte, ſein Bett wieder zu machen, weil ich zu Deiner Mutter zurück⸗ kehren wollte, deren Zuſtand mich mit Schrecken erfüllte, ſo hüllte ich unſer Töchterlein in eine Decke und legte es auf eine der Matrazen in unſerm Zimmer nieder; dann eilte ich zu Deiner Mutter. Ich hob ihr Bettgeſtell wieder auf und richtete das Bett, ſo gut ich kounte, wieder ein. Dann nahm ich ſie, die ganz ohnmächtig war, auf meine Arme und legte ſie nieder, nachdem ich ihr verwirrtes Haar wieder geordnet hatte. Es verging einige Zeit bis zur Ankunft des Arztes, den Albert herbeiholte. Unſere Mutter wurde ſchwächer und ſchwächer und trotz meiner Bemühungen, ſie wieder zu erwärmen, zitterte ſie fortwährend und blieb eiſig kalt. Eine halbe Stunde vorher hatte ich ſie vergeſſen, um an meine Tochter allein zu denken, und in dieſem Angenblicke vergaß ich ob ihr meine Tochter. Ich ſuchte ſie wieder zu beleben, indem ich ihre Schläfe mit kölniſchem Waſſer rieb und ſie einige Tropfen einathmen ließ, als ich Julchen nach mir rufen und klägliche Seufzer ausſtoßen hörte. Was ſollte ich thun? mein Gott! was ſollte ich thun! Ich war allein und hatte 118 ſie beide zu beſorgen! Da erwachte Deine Mutter aus ihrer Ohnmacht und öffnete die Augen; ſie nahm meine Hand in die ihrige, die ſchon kalt war, und ſagte zu mir mit erloſchener Stimme: „Luiſe, — — ich ſterbe, — — verlaſſe mich nicht. — — —“ „Mutter, beruhigen Sie ſich, der Arzt wird gleich kommen.“ — — — Es iſt zu ſpät. — — — mein Kind, — — — das Leben entflieht mir; — — höre meine letzten Worte, — — — Du mußt ſie meinem Sohne — — meinem Edmund wiederſagen.“ Sie hielt meine Hand mit ſchwacher Kraft in der ihrigen zurück und ſchien ſich zu ſammeln. O! mein Freund! ich möchte Dir den Ausdruck ihres ehrwürdigen Geſichtes in dieſem letzten Augenblicke malen können. — — In Deinem Schmerze mußt Du, ich fühle es, begierig wünſchen, die Umſtände dieſes impoſanten Todes bis ins Kleinſte kennen zu lernen, um Dein Andenken an die, welche wir beweinen, zu bereichern. Ihre bleichen Geſichtszüge drückten kein körperliches Leiden aus; die Schlingen ihrer weißen Haare umrahmten ihre ſchöne Stirne; ihre ſo ſanft blauen Angen waren halb ge⸗ ſchleſſen; aber das Leben, aber der Geiſt leuchtete noch daraus hervor; ihr Haupt ruhete nach mir gewendet auf dem Pfühl; ſie betrachtete mich ſtillſchweigend mit einem Ausdruck wahrer Engelsgüte. Meine Kräfte verließen mich; ich ſiel am Kopfende ihres Bettes auf die Kniee nieder und bedeckte mit Thränen und Küſſen ihre armen, erkalteten Hände, aus denen ich ſozuſagen das Leben ſich nach und nach zurückziehen fühlte, um nach dem Herzen zurückzuſtrömen, das zuletzt ſterben ſollte. In dieſem doppelt grauſamen Augenblicke hörte ich Julchen mit kläglicher Stimme murmeln: „Mama!! „Mama!“ — — Ach! ich konnte Deine Mutter nicht ver⸗ laſſen. Ihr geſchwächtes Gehör ließ ſie den kläglichen 119 Ruf meines Kindes nicht hören und ſie ſagte langſam, ihren Athem und ihre entfliehenden Kräfte ſchonend, zu mir: „Meine Luiſe! — — Sage meinem Edmund, daß ich ihn von Grund meines Herzens als den beſten der Söhne, — — — als den beſten der als den ehrbarſten der Männer ſegne. — — Niemals hat ſich ſeine zärtliche Liebe für mich, niemals die Achtung vor ſeinen Pflichten verläugnet. — — Ich liebte meinen Sohn — — wie ich ihn ehrte.“ Sie unterbrach ſich wieder einen Augeublick, um ihre letzten Gedanken, ihre letzten Kräfte zu ſammeln. — — Ich hörte die heftigen, heiſeren, unregelmäßig hervorgeſtoßenen Athemzüge Julchens; es rief mir nicht mehr. — — Ich glaubte, ſein Schrei ſei der des Todes⸗ kampfes geweſen! O Gott! ich glaubte, es werde ſterben, wie ſeine Großmutter. Mein Freund, ich bin muthig; — — — aber ſiehſt Du, was ich in jenem Angenblicke gelitten habe, läßt ſich nicht ausdrücken. Von der Herzensangſt, in die mich Julchens Zuſtand verſetzte, überwältigt, rief ich aus: „Mutter! laſſen Sie mich Ihnen mein Töchterlein herbeibringen!“ — — — . Sie antwortete mir mit einem Kopfnicken, indem ſie ohne Zweifel fürchtete, durch das Sprechen ihre letzten Kräfte zu erſchöpfen. Ich eilte in das andere Zimmer; da fand ich Julchen mit keuchender Bruſt, halbgeöffneten, vertrockneten Lippen, brennend heißer Haut und ſtieren, funkelnden Angen; es erkannte mich nicht; ich hoh es auf meine Arme und trug es auf das Bette ſeiner Großmuiter. Da hatte ich ſie wenigſtens alle beide in meiner Nähe. Als ich an die Seite Deiner Mutter zurückgekehrt war, waren ihre Angenlider ge⸗ ſchloſſen; ſie öffnete ſie halb und als ſie fühlte, daß ich ihre Hand ergriff, um ſie nach meinen Lippen zu führen, 120 ſagte ſie zu mir, als ob ihr Geiſt ſchon anfinge ver⸗ wirrt zu werden: „Luiſe — — — biſt Du es?“ „Ja, meine gute Mutter.“ „Höre meine letzten Worte, — — — ſie ſind ernſt. — — — Du und Deine Kinder haben vielleicht viel zu leiden. — — — Luiſe, Du warſt mir ein Engel, — — — verſpreche mir, niemals meinen Sohn anzu⸗ klagen wegen Deinem Unglück und dem Deiner Kinder.“ „O, meine Mutter!“ ſagte ich weinend, „niemals! niemals!“ „Edmund hat ſich der Pflicht geopfert; er hat der Pflicht geopfert, was ihm das Theuerſte war, — — ſeine Familie. Tadle ihn nicht, verherrliche ihn in ſeinen und Deinen Leiden. Ehre ihn, wie ich, ſeine Mutter ihn ſtets geehrt habe. Luiſe, — — — meine zärtliche Tochter, ich“ — — — Sie hielt inne und machte eine letzte Anſtrengung. Sie bewegte die Hände, die wie ihre Stimme, wie ihr Blick die Kraft verloren, ſchwach um ſich her und murmelte: „Die Kinder — — — ich will — — die Kinder umarmen, die“ — — Sie vollendete nicht; ihre Stimme erloſch voll⸗ ſtändig. Ihr letzter Wunſch, mein Freund, iſt erhört wor⸗ den. Im Augenblicke, als ſie nach den Kindern fragte, trat Albert athemlos herein und rief: „Mutter, da iſt der Arzt!!“ „Es iſt zu ſpät,“ ſagte ich zu ihm, während ich, in Thränen zerfließend, ihn zum Bette führte. „Küſſe Deine Großmutter zum letzten Male.“ Der arme Knabe warf ſich außer ſich und ſchluch⸗ zend an den Hals unſerer Mutter, der ich auch Julchen herbeiholte, obgleich daſſelbe nicht wußte, was um es her geſchah. Deine Mutter fühlte die beiden Kinder in 121 ihrer Nähe; es war ihr noch ein Schimmer von Be⸗ wußtſein geblieben; ſie konnte ihre Hand auf die Schulter Alberts erheben und machte darauf eine leichte Bewe⸗ gung, um ihn an ſich zu drücken. — — — Dann ent⸗ wand ſich ein letzter Seufzer ihrer Bruſt und ſie ſprach Deinen Namen aus. — ₰ — Ja, das letzte Wort, das ſie ausſprach, war Edmund. Ihr Todeskampf und ihr Ende, mein Freund, waren wenigſtens ſanft. — — — Um drei Uhr und zehn Minuten Morgens hat ſie dem Himmel ihre Seele zurückgegeben. Der Arzt, den Albert herbeigeführt hatte, verſicherte mir — trauriger Troſt! — daß nach den heftigen Auf⸗ regungen dieſer Nacht keine Hülfe der Kunſt mehr im Stande geweſen wäre, unſere Mutter zu retten. — —— — Ich hatte Julchen in ſein Bett zurückgetragen und der Arzt prüfte ſeinen Zuſtand. — Es blieb für ihn kein Zweifel mehr, es war von einem Schwitzfieber an⸗ gegriffen. Er ſchrieb nun ſehr ſtarke Arzneimittel vor und fährt damit heute noch fort; ſeit drei Tagen kam er täglich vier bis fünf Mal. Er zweifelt nicht, daß Julchen gerettet werden kann, aber es iſt Alles zu fürch⸗ ten bis zum achten Tage, der Zeit, wo eine entſcheidende Kriſe dieſer Krankheit eintritt. — — — Da beim Schwitzfieber bei den Kindern eine Anſteckung unver⸗ meidlich iſt, hat der Arzt förmlich erklärt, Albert würde davon überfallen, wenn man ihn nicht von ſeiner Schwe⸗ ſter entferne. So mußte ich mich denn auch von dieſem theuren Kinde trennen, dem einzigen Troſte, der mir noch blieb, da Deine Mutter todt und mein Töchterlein ſterbenskrank war. Dieſer Entſchluß marterte mein Herz⸗ aber ich zögerte nicht. Jede fernere Stunde, die er in der Nähe Julchens zubrachte, wurde für ihn gefahrbrin⸗ gend. Sobald es Tag wurde, ſchrieb ich dem Vorſteher des Inſtituts, in dem unſer Sohn war, und bat ihn, denſelben während einiger Zeit zu ſich zu nehmen; er 122 war damit einverſtanden, und der arme Knabe verließ uns troſtlos, aber ſich einſichtsvoll der Nothwendigkeit fügend, in Begleitung Honorinens. Auf dieſe Weiſe war er wenigſtens nicht Zeuge Alles Desjenigen, was für mich in der Erfüllung der letzten Pflichten, die ich gegen Deine Mutter hatte, Herzzerreißendes lag. Ach! unſere Wohnung iſt ſo ärmlich, daß eine einzige Thüre das Sterbezimmer von dem ſchied, — — wo ich bei Julchen wachte. Mein Freund! Keine fremde Hand hat die irdiſchen Ueberreſte derjenigen berührt, die wir beweinen; ich habe mit Hülfe Honorinens dieſe fromme Pflicht erfüllt. In dem Momente, als wir unſere Mutter mit dem Leichentuche verhüllten, habe ich noch in religiöſem Ge⸗ fühle ihre Stirne geküßt. Sie ſchien zu ſchlafen, keine Verzerrung der Züge entſtellten die Sanftheit ihres edlen, ſchönen Geſichtes. Ich ſchnitt zwei Locken ihres Haares ab lich ſende Dir eine derſelben in dieſem Briefe); dann drückte ich ihre Augenlider zu — — — — und Alles war zu Ende. — Während der zweiten Nacht wachten Honorine und ich abwechſelnd bei ihr; wir wechſelten ſo zwiſchen der Sorgfalt für dieſe Leiche und der Sorgfalt, die wir unſerem Töchterchen widmeten. — — — — Am Morgen hat man den Sarg gebracht; man hörte Alles in dem Zimmer, in welchem ich bei Julchen war. In dieſem Augenblicke wurde ich ohnmächtig; — — — — dieſe Hammerſchläge drangen mir ins Herz — und ich befand mich übel. — — Honorine ſprang mir bei. Als ich wieder zu mir kam, war der Sarg ſeit einer halben Stunde entfernt. Ich wollte der Trauermeſſe beiwohnen. Julchen ſchien mir ein wenig ruhiger; ich ließ es unter Hono⸗ rinens Obhut zurück und begab mich in die Kirche. Unter dem Portal fand ich Albert, den der Vorſteher des Inſtituts mit einem Diener des Hauſes zu der trau⸗ rigen Feierlichkeit geſchickt hatte. Das Herz that mir ————— —.— —zzz—— —— —— 123 weh um den armen Knaben; er bat mich, den Leichen⸗ zug bis auf den Todtenacker begleiten zu dürfen, und ich zögerte, ſeinem Wunſche zu willfahren, da ich bei ihm die grauſame Gemüthserregung bei dem Anblicke der Beerdigung fürchtete Da ſagte er zu mir: Aber wenn ich meine Großmutter nicht bis auf den Gottesacker begleite, wird ja Niemand bei dem Lei⸗ chenzuge ſein und ſie wird von aller Welt verlaſſen ſcheinen.“ Dies iſt eine traurige Wahrheit: alle unſere Freunde find geächtet und von unſern einfachen Bekannten wollte Niemand dem Todtenamte beiwohnen, aus Furcht, ſich bloß zu ſtellen nicht einmal Hr. Heurtier, deſſen Kaſ⸗ ſirer Du zwölf Jahre lang warſt!! Als die Meſſe vorbei war, gab Dein Sohn dem Bedienten aus dem Inſtitute die Hand und folgte allein dem Leichenzuge ſeiner Großmutter bis zu ihrer letzten Ruheſtätte. Ich hatte dem Bedienten empfohlen, nach der Feierlichkeit meinen Sohn auf dem Rückwege zu mir zu führen, ihn aber unten im Hofe des Hauſes zu laſſen und es mir oben zu melden; denn ich fürchtete für Albert die Anſteckung des Schwitzfiebers. Als ich nach der Meſſe nach Hauſe kam, fand ich Julchen in demſelben Zuſtande, in welchem ich es beim Weggeben gelaſſen hatte. Zwei Stunden ſpäter ging ich hinunter, um Albert zu küſſen, der mich im Hofe erwartete. Der liebe Knabe zeigt — ich kann es Dir nicht oft genug wiederholen — einen Muth, eine Einſicht, die über ſeinem Alter ſtehen. Was ſein Gemüth ſtets peinigt, iſt die Krankheit ſeines Schwe⸗ ſterchens; ich beruhigte ihn ſehr darüber, da ich den Kummer, welchen ihm der Tod ſeiner Großmutter und unſere momentane Trennung verurſachten, nicht noch vermehren wollte. Darauf kehrte er traurig in ſein Inſtitut zurück. Geſtern kam der Arzt dreimal und heute war er ſchon zweimal da. Auf meine Frage, was ſich von 124 Julchens Zuſtand hoffen laſſe, antwortet er ſtets: „Vor dem achten Tage kann ich nichts Entſcheidendes aus⸗ ſprechen.“ Ach Gott! wann kommt er denn, dieſer achte Tag? — — Und uun, armer Freund, werde ich auf jenen Muth, jene Ergebung, jene Seelenſtärke angewieſen ſein, welche ich im Anfang meines Briefes anrief und von denen Du ſchon ſo manche Probe abgelegt haſt! Und nun werde ich Dir zurufen: Widerſtehe der Wucht des ſchrecklichen Schlages, der Dich trifft! Erhalte Dich uns, die auf der Welt Niemand mehr haben als Dich! Ich will nicht etwa verſuchen, Dich über den Ver⸗ luſt unſerer guten Mutter zu tröſten! Man tröſtet ſich über einen unerſetzlichen Verluſt nicht, man tröſtet ſich darüber niemals! Und ſie wird in unſerer Familie eine Leere laſſen die von nun an nichts mehr ausfüllen kann. Deine Mutter war unſere Führerin, unſere Stütze, unſere Ermuthigung im Gerechten und Guten. Wir wandten uns immer an ihre hohe Einſicht, an ihre zärtliche Liebe zu uns, die ſie erleuchtete, wenn wir in unſerer Lebens⸗ richtung oder in der unſerer Kinder irgend einen Zweifel empfanden. — — — Mit einem Worte: ſie zeigte uns den Weg, dem wir zu folgen hatten, und dieſer Weg wich niemals von dem engen Pfade der Fflicht ab; die Pflicht, dieſes einzige Wort umfaßte alle Lehren der⸗ jenigen, die wir beweinen. Du wurdeſt von ihr aufer⸗ zogen und haſt Dich ſtets als ihr würdiger Sohn gezeigt. Auch ich werde mich nun beſtreben, Deiner würdig zu ſein. O! glaube mir, mein Edmund! welches auch das Loos ſei, das die Zukunft uns vorbehält, wir werden, wie unſere Mutter im Sterben ſagte, „Dich ſegnen, Dich verherrlichen ſelbſt in Deinen und unſern Leiden,“ edler Märtyrer der Pflicht, die immer der Führer durch Dein Leben als Sohn, als Gatte, als Vater und als Bür⸗ ger war. O Edmund! welch' ein heiliger Tag wird der ſein, —. —. 125 an dem Du zu uns zurückkehrſt; zwar nicht um den Preis feiger Nachgiebigkeit — Dein Bewußtſein wie das unſrige weiſen dieſe zurück! — aber wo Du zurückkehrſt im Namen Deines Rechts! Meine Hoffnung wird in Er⸗ füllung gehen und keine Macht der Welt wird mir dieſen Glauben an die ſtrenge Gerechtigkeit Gottes nehmen können! Ich weiß es, wir werden Dich wiederſehen, verbrannt don der Sonne Afrikas, abgemagert durch eine Arbeit, die Deine Kräfte überſteigt, geprüft durch die Entbehrungen, durch das Elend der Verbannung; aber wir werden Dich wiederſehen mit erhobener Stirne, ſtol⸗ zem Herzen und heiterer Seele, weil Du niemals von der Bahn der Ehre abgewichen biſt. Auch uns, armer Freund, wirſt Du verändert finden! Auch unſere Züge werden den Ausdruck langen Kummers, vielleicht unſeres Elends tragen — —! Auch wir werden gelitten haben, — aber wir werden auch ſtolz ſein, wir, Deine Kinder und ihre Mutter werden ſtolz darauf ſein, mit Dir Dein ruhmreiches Märtyrerthum getheilt zu haben! — — Wie werden wir uns dann umarmen, mein Edmund! Unſere Herzen alle werden an dem Deinigen ſchlagen; alle unſere Leiden werden vergeſſen ſein, alle — — — nur der Tod unſerer Mutter nicht; aber ihr geheiligtes Andenken wird uns ſtets umſchweben, wir werden von ihr ſtets wie von einer fernen, theuren Frenndin ſpre⸗ chen; denn wenn der erſte Stachel des Schmerzes abge⸗ ſtumpft iſt, ergiebt man ſich gerne dem melaucholiſchen Reize, ſich von denen zu unterhalten, die nicht mehr ſind. Alſo muthig, mein Edmund, muthig! Ach! ohne Julchens Krankheit würde ich in den Hoffnungen auf⸗ leben, — — — und iſt denn nicht in einem Kinde ſeines Alters eine ſo große Fülle von Lebenskraft! — — — Laß uns hoffen! — — es wird leben, mein Edmund, es wird leben! — — — — — — 126 Ich unterbrach meinen Brief, da ich eben ein paar Zeilen von jener armen Frau erhielt, welche die Kinder Deines Verbannungsgenoſſen, Herrn Sylvan, bei ſich hatte. Das Jüngſte der Kinder bleibt bei ſeiner Pathe, die Andern wurden heute in die Bettlerverwahrungs⸗ anſtalt von Orleans gebracht. — — Arme Weſen! — Ich ſchließe meinen Brief heute Abend noch nicht und wenn Julchen keine zu böſe Nacht gehabt hat, werde ich dieſe Kinder morgen früh beſuchen; Du wirſt ihrem Vater dann Nachricht von ihnen geben können. — — — Gute Nacht, mein Freund! Ich bin müde; aber ich ſage Dir, ich ſchöpfe eine große Kraft aus der Schwierig⸗ keit der Verhältniſſe ſelbſt und finde in der braven Ho⸗ norine eine ebenſo nützliche als ergebene Stütze. Ich werde auch genöthigt ſein, dieſelbe noch einige Zeit in meinem Dienſte zu behalten, denn es muß Tag und Nacht bei Julchen gewacht werden und ich fürchte, ihm die vielfältige Sorgfalt, welche ſein Zuſtand erheiſcht, allein nicht widmen zu können. Eben ging ich zum Bette des lieben Kindes. Seine Haut iſt immer noch glühend und trocken, ebenſo ſeine ſonſt ſo friſchen rothen Lippen; es iſt entſchlafen; wenn keine Beſſerung eingetreten iſt, ſo iſt doch wenigſtens auch keine Verſtärkung des Uebels erfolgt. Der Donnerſtag iſt der achte Tag, — — — da wird ſich Alles entſcheiden. — — — Noch drei Tage voll ſolcher Herzensangſt! Doch hoffen wir! — — Hoffen wir! Gute Nacht, mein Edmund! Auf Morgen! Während dieſer Nacht lag Julchen bald in tiefem, dumpfen Schlafe; bald war es ſehr aufgeregt; gegen drei Uhr Morgens ſtand ich auf, um Honorine abzu⸗ löſen und bei unſerm Kinde zu wachen. Daſſelbe hat einen Schimmer von Bewußtſein wiedergefunden, denn es drückte mir ſanft die Hand und ſagte: „Mama!“ Seit zwei Tagen iſt dies das erſte Mal, daß es mich wiedererkannte; das muß ein glückliches Anzeichen ſein⸗ 127 „Wie befindeſt Du Dich, mein Kind?“ fragte ich es. Es antwortete mir mit einem langen Seufzer; ich fürchtete es aufzuregen, wenn ich weiter ſpräche und ſetzte mich an ſein Bett. um ſieben Uhr kam der Arzt und ſagte, wie immer: „Der Zuſtand des Kindes hat ſich nicht verſchlim⸗ mert, aber er iſt auch nicht beſſer geworden; am Donnerſtag wird die entſcheidende Kriſe eintreten.“ Trotz der Hartnäckigkeit, mit der ich hoffe, war dieſe Antwort weit entfernt, mich zu beruhigen. Ich bat den Arzt um die Erlaubniß, zwei andere der beſten Aerzte von Orleans zu einer Berathung beiziehen zu dürfen, und er machte dagegen keine Einwendung; er fügte noch bei: „Wenn Sie nicht vor der Ausgabe zurückſchrecken, Frau Morand, würde ich Ihnen eher rathen, Herrn Le⸗ fsvre, meinen ehemaligen Profeſſor, von Paris kommen zu laſſen. Er iſt ohne Seinesgleichen in der Behandlung von Kinderkrankheiten; ich könnte ihm dieſen Morgen noch ſchreiben und morgen würde er mit der Eiſenbahn um Mittag hier ſein; aber ich ſage Ihnen zum Voraus, er entfernt ſich nie von Paris unter einer Vergütung von wenigſtens dreihundert Franken. Brauche ich Dir beizufügen, mein Freund, daß ich keinen Augenblick gezögert habe, darauf einzugehen; der Arzt hat mir auch verſprochen, daß Herr Lefövre morgen hier ſein werde. Darauf glaubte ich mich, wenn auch mit Bedauern, einige Angenblicke entfernen zu können, um die Kinder des Herrn Sylvan in der Bettlerverwahrungsanſtalt zu beſuchen, wobei ich mir zugleich verſprach, auf dem Rück⸗ wege Albert in ſeinem Inſtitute zu umarmen. Ich ließ Honorine bei Julchen zurück und begab mich zum Vor⸗ ſteher der Anſtalt. Sobald er erfahren hatte, welches 128 Intereſſe ich an den beiden Unglücklichen nahm, ließ er dieſelben zu mir kommen. Ich fand ſie minder nieder⸗ geſchlagen und beſtürzt als vor wenigen Tagen, aber in niefer Traurigkeit. Sie haben ihr ganzes Gefühlsver⸗ mögen wieder erlangt; Marie hauptſächlich weinte viel. Ich tröſtete ſie aufs beſte und verſicherte ſie, daß ich Dir heute noch ſchriebe und daß ihr Vater ſodann Nachrichten von ihnen bekommen werde. Ich überließ ihnen ein wenig Geld, damit ſie ſich einige kleine An⸗ nehmlichkeiten verſchaffen könnten. Als ich darauf die Anſtalt verließ, fragte ich den Vorſteher, ob die Kinder darin blieben. Er antwortete mir verneinend; ſie müß⸗ ten, wenn Niemand von ihrer Verwandtſchaft ſie heraus⸗ verlange, bis zu ihrem achtzehnten Jahre in eine Zucht⸗ anſtalt für umherſtreichende oder verlaſſene Kinder ge⸗ ſperrt werden. „In ein Zuchthaus!“ rief ich aus; „aber, mein Herr, dieſe Waiſen ſind keiner ſchlechten Handlung ſchuldig.“ „Das iſt wahr, geehrte Frau; aber man wird ſie ſonſt nirgends hinſchicken können und dort werden ſie wenigſtens eine Zufluchtsſtätte finden. Dieß, mein Freund, iſt das Schickſal, das den Kindern Deines Verbannungsgenoſſen vorbehalten iſt. — — Mir blutet das Herz, daß ich Dir dies mittheilen muß. Aber was ſoll ich thun? mein Gott, was ſoll ich thun? Hierauf ging ich in Alberts Inſtitut und umarmte denſelben mit einem Gefühle unausſprechlichen Glückes. Es war dieß für mich inmitten meiner Herzensqualen ein Moment köſtlichen Genuſſes. — Der Vorſteher des Inſtituts iſt ſehr zufrieden mit Albert. „Siehſt Du, Mama,“ ſagte dieſer zu mir, als er mich beim Weggehen begleitete, „ich arbeite ſo gut ich kann; denn die Arbeit läßt mich den Kummer vergeſſen, meine Großmutter verloren zu haben und nicht mehr 129 bei Euch zu ſein, und dann lerne ich ſo viel als möglich iſt und in meinen Kräften ſteht, da wir nach der Ent⸗ fernung des Vaters zu arm geworden find, als daß ich lange in dem Inſtitute bleiben könnte. Dies, mein Freund, ſind die eignen Worte des lieben Knaben; ich beruhigte ihn noch über Julchens Schickſal und kehrte dann nach Hauſe zurück. Als ich durch die lange Straße ging, begegnete ich Deinem ehe⸗ maligen Geſchäftsherrn, Herrn Heurtier. „Ei nun, Frau Morand,“ ſagte er in triumphiren⸗ dem Tone zu mir, „hatte ich Unrecht, als ich Ihrem Gatten unaufhörlich wiederholte: Miſchen Sie ſich nicht in die Politik!“ — Er hat nicht auf mich gehört; — — jetzt ſehen Sie, was ihm begegnet iſt.“ „Mein Herr,“ antwortete ich ihm, „waren Sie wäh⸗ rend der Zeit, als mein Mann Ihre Kaſſe führte, zufrie⸗ den mit demſelben?“ „Zweifelsohne! und unglücklicher Weiſe werde ich ihn nie erſetzen können,“ erwiederte er mir in grämlichem Tone, „er war die Klugheit und die Ehrlichkeit in Perſon. — — Aber er hatte eine wahre Sucht, ſich in die Politik zu miſchen.“ „Mein Herr, ein Jeder handelt nach ſeinem Ge⸗ wiſſen; wenn mein Gatte ſeine Pflichten gegen Sie erfüllt hatte, blieben ihm noch andere zu erfüllen, die er als geheiligt betrachtete.“ „Eine Pflicht!“ ſchrie Herr Heurtier mit Unwillen, „eine Pflicht! ſich gegen ſeine Behörde auflehnen! Gehen Sie, Madame! Ihr Gatte hat nun, was er verdient hat! Und ich bin entzückt, Ihnen bei dieſer Gelegenheit erklären zu können, daß ich einer der wärmſten Anhänger der jetzigen Regierung bin.“ Was, mein Freund, ſollte ich darauf antworten? die Achſeln zucken und meines Weges gehen! — — Dieß that ich und kehrte eiligſt nach Hauſe zurück, un⸗ 9 Johanne und Lyuiſe. 130 ruhig, zu erfahren, wie es Julchen gehe. Als ich eintrat, legte eben Honorine dem armen Kinde Seufpflaſter auf. Seine Beine ſind von dem häufigen Gebrauch dieſes Mittels ſo abgemagert und ſchmerzhaft, daß wir gar nicht mehr wiſſen, an welche Stelle wir es ihm auflegen ſollen. Obgleich Julchen ſich wehrte — ach! freilich nur! ſchwach, denn es iſt ſehr abgemattet! — gelang es uns endlich, das Senfpflaſter etwas unterhalb des Knies aufzulegen; bald darauf ſtieß es mehrmals einen kläg⸗ lichen Schrei aus, der mir jedesmal das Herz zerriß und mich dennoch beruhigte; denn der Arzt hat mir oſt wiederbolt, daß man immer noch hoffen könne, ſo lange die örtlichen Mittel wirkten. Wirklich verſchwand nach dieſer höchſt ſchmerzlichen Kriſe die ſchlafſüchtige Betäu⸗ bung Julchens ein wenig und ſein Köpfchen wurde leichter. Ich ſah in ſeinem Blicke, daß es mich wieder⸗ erkannte; aber es war ſo abgemattet, daß es mir kaum leicht zunicken konnte. Mein Freund, ich muß nun dieſen langen und traurigen Brief endigen; er ſoll heute abgehen und ſchon iſt es bald zwölf Uhr Mittags, die Stunde des Poſt⸗ abgangs. Auf, Freund! und Muth gefaßt! Wir wollen nicht verzweifeln! — — — Ach! wir haben die beſte der Mütter verloren, aber noch bleiben uns unſere Kinder. — — — O! könnte ich wenigſtens bei Dir ſein, um durch meine zärtliche Fürſorge den Schlag zu ſchwächen, den Dir dieſer Brief beibringen wird. — — Edmund! ich beſchwöre Dich, laß' Dich nicht niederbeugen! — — — Gedenke unſerer! Leb wohl, armer Freund! — — Ich küſſe Dich mit aller Kraft meiner Seele. Louiſe. N. S. Morgen ſogleich nach der Ankunft des Herrn Lefovre von Paris werde ich Dir das Ergebniß der Berathung mittheilen. December 1851. Es iſt drei Viertel auf zwölf Uhr und die Poſt geht um zwölf Uhr ab. — — Nur ein Wort, aber ein Wort der Berubigung, ein Wort der Hoffnnng! Mein Edmund, die ärztliche Berathung fand dieſen Morgen ſtatt. Herr Lefövre, der berühmte Pariſer Arzt, geht eben von uns fort. Höre, was er mir ſagte, als er mich verließ: „Hoffen Sie das Beſte, Madame, Ihr Kind wurde vollkommen richtig behandelt. Ich habe allen Grund zu glauben, daß die neuen Verordnungen, für welche wir übereingekommen ſind, die entſcheidende Kriſe beſchleuni⸗ gen werden und daß dieſe Kriſe günſtig ausfallen wird.“ Mein Freund, ich habe nur noch Zeit, dieſen Brief zu ſchließen, Dich zu küſſen und Dir aus vollem Mutter⸗ herzen zuzurufen: — — Wir wollen hoffen! hoffen! * Deine Louiſe. Der Briefwechſel zwiſchen Louiſe und ihrem Gatten wurdefortgeſetzt; Julchen genaß von dem Schwitzfieber, das ſein Leben gefährdet hatte, und es bedurfte nach Hebung der Krankheit einer langen Zeit zur vollſtändigen Wiedergeneſung, welche eine Menge zarter, und wegen der Spärlichkeit der Hülfsmittel koſtſpieliger Fürſorgen erheiſchte. Den grauſamſten Kummer im Leben verurſachen gewiß materielle Fragen, die man inmitten betäubender Schmerzen vergaß, deren Gewicht aber nicht weniger zu 132 fürchten iſt. So denke man an die Koſten während der Krankheit und nach dem Tode von Edmunds Mutter! Welche traurigen aber unvermeidlichen Ausgaben! Die Begräbnißkoſten, die Trauerkleider für Loniſe, für ihre Kinder und für die Magd, welche, vorübergehend in den Dienſt der Familie zurückgekehrt, ob ihrer Hingebung wohl verdiente, die Trauer ihrer Herrin theilen zu dür⸗ fen, — welche Koſten verurſachte dies Alles! Man denke an die Koſten während der Krankheit Julchens, an die unzähligen Beſuche der Aerzte, von denen einer (derjenige des Doktors aus Paris) allein dreihundert Franken gekoſtet hatte! Man denke an die Koſten für das Inſtitut, in welchem Albert nahezu zwei Monate bleiben mußte! Man denke an die Koſten für den Lohn und die Koſt Honorinens, welche Louiſe bis zur vollſtän⸗ digen Geneſung ibres Töchterleins bei ſich zu behalten genöthigt war. Denn trotz ihrem Muthe, trotz der lei⸗ denſchaftlichen Zärtlichkeit gegen khre Kinder, trotz der beinahe übermenſchlichen Kraft, welche ſie, wie ſie ſagte, aus der Schwierigkeit der Umſtände ſelbſt ſchöpfte, — fühlte ſich dieſes muthige Weib nach ſo vielen Schlägen des Schickſals, nach ſo vielen Seelenleiden eines Tages am Ende ihrer Kräfte. Louiſe erlag gegen das Ende der Wiedergeneſung ihres Töchterleins der ſpäten Nach⸗ wirkung ſo vieler Auſtrengungen, ſo manchen heldenmü⸗ thig bekämpften Kummers und wurde krank. Ihre Krank⸗ heit, eine Folge der Erſchöpfung, dauerte nur einige Wochen; allein ſie mußte Honorine in ihrem Dienſte hehalten und Albert, mit dem ſie ſich, da ſie bettlägerig war, nicht beſchäftigen konnte, in ſeinem Penſionate laſſen. Mit Schrecken ſah ſie auch, wie ihre letzten Hülfs⸗ mittel, die durch die Ausgaben, von welchen wir ſpra⸗ chen, ſchon zu drei Viertheilen verringert waren, noch täglich abnehmen. So verſchwenderiſch ſie für die ärzt⸗ lichen Beſuche geweſen, als es ſich um Julchen handelte, ſo geizig zeigte ſie ſich nun, als es ſie betraf; denn ein 133 Beſuch koſtete ſo viel, als das Brod der Familie in zwei Tagen. Louiſe, die über die Zukunft ihrer Kinder ſchon beun⸗ ruhigt war, empfand auch lebhafte und heſtige Unruhen in Betreff ihres Gatten, den ſie anbetete. Edmund Morand war an rubige Arbeit im Zimmer gewöhnt und an jene geſchäftige Fürſorge, jene ſüßen Zuvorkommen⸗ heiten, mit denen ein geliebter Familienvater von den Seinigen überhäuft wird. Edmund war nicht ſehr kräf⸗ tig gebaut und keineswegs fähig, die harte Landarbeit auszuhalten, die Arbeit der er nun unter einem heißen Himmelsſtriche und unter den unglücklichſten Umſtänden obliegen mußte. Sein Muth, ſeine Würde, das Be⸗ wußtſein, ſeine Pflicht gethan zu haben, — dieſe allein hielten dieſen Mann der Pflicht noch aufrecht. In ſeinen Briefen verrieth er niemals die geringſte Schwäche, niemals die geringſte Klage; dieſelben waren ſtets er⸗ hebend und erfüllt von Heiterkeit, ſo weit ſie ſeine Per⸗ ſon betrafen. Seine einzige Gedankenpein war die Sorge um das Schickſal ſeiner Familie; er hatte die Rachricht von dem Tode ſeiner Mutter mit Ergebung und Feſtig⸗ keit vernommen; aber der ſchreckliche Schlag hatte, ſo beherzt er ihn entgegengenommen, die unſeligſten Folgen: der Kummer vereinigte ſich mit der Anſtrengung und mit der ungeſunden Beſchaffenheit des Klima's, um das Leben Edmunds zu gefährden Sylvan Birnbaum gab ihm Beweiſe einer brüderlichen Hingebung; die Gleich⸗ heit ihres Unglücks erzeugte eine innige, freundſchaftliche Annäherung unter den beiden Geächteten, die von allen Weſen, die ihrem Herzen theuer, getrennt waren. Als Edmund Morand in das Spital gebracht wor⸗ den, geſellte ſich ihm dort Sylvan bald wieder bei. Der robuſte Taglöhner, deſſen Kräfte ſchon durch die Ueber⸗ anſtrengung bei den Feldarbeiten gebrochen waren, ſah bald, daß ſeine Kräfte unter dem Einfluſſe jener ſchlei⸗ chenden, ſchrecklichen Krankheit, dem Heimweh, das 134 die kräftigſten Naturen, die abgehärtetſten Charaktere niederwirft, ſich allmälig erſchöpften. Als er von der Verurtbeilung des Vater Birnbaum und von dem kläg⸗ lichen Ende Johanne's benachrichtigt wurde, die Peter, Marta und Dominik als Waiſen zurückließ, von denen letzterer aus chriſtlicher Liebe bei ſeiner Pathe aufge⸗ nommen worden, während die beiden andern in einer Zuchtanſtalt eingeſperrt waren, da ſagte Sylvan, der ſchon vom Heimweh niedergebeugt war, einfach zu Ed⸗ mund: Eine Flucht von hier iſt nicht möglich und ich darf nicht hoffen, zu meinen Kindern zurückkebren zu können: für mich iſt alſo Alles verloren. Herr Morand, ich bin ins Herz getroffen, — — — ich werde daran ſterben. Wrrklich verlor er hierauf den Schlaf und die Eßluſt volluändig. Ein ſchleichendes Fieber unterwühlte die Geſundheit dieſes einſt ſo kräftigen Mannes: man führte ihn in das Spital, wo er ſeinen Leidensgefährten wieder fand. Sylvan lag Tag und Nacht auf dem Bauche ausgeſtreckt und das Geſicht in das Kopfkiſſen gedrückt auf dem Bette, um kein Licht zu ſehen. Wenn er ſich zeitweiſe erhob, wenn er ſprach, ſo geſchah dies nur, um Edmund zu ermuthigen und ihm einige brüderliche Sorgfalt zu widmen. Dann fiel er wieder in die düſtere Verſchloſſenheit ſeiner Verzweiflung zurück. Er hatte gehofft, Kleinhans in Afrika wiederzufinden; aber er erfuhr, daß der Bücherhauſirer nach Cavenne deportirt worden war, wo er übrigens, ohnedies ſchwächlich und gebrechlich, raſch von einem jener endemiſchen Fieber weggerafft, ſtarb, die in jenen tropiſchen Regionen ſo häufig ſind. Als Edmund Morand, von ſtechenden Schmerzen gepeinigt, ſich außer Standes ſah, mit ſeiner Frau Briefe zu wechſeln, bat er Sylvan, Louiſen zu ſchreiben und ſie zu beruhigen. Dieſer Brief kam gegen das Ende von Julchens Wiedergeneſung in Frankreich an und man kann 135 ſich die Herzensangſt und Beſtürzung Louiſens denken, die genöthigt war, das Beit zu hüten, — eine Herzensangſt, eine Beſtürzung, die noch peinlicher wurden durch die Ungewißheit und die Unmöglichkeit, aus einem fernen Lande häufige Nachrichten zu erhalten⸗ Endlich kam der Tag, an dem der wiedergeneſende Edmund an Louiſe ſchrieb; ſeine Krankheit war vollſtän⸗ dig gehoben; aber er kündigte Louiſen mit lebhafter Be⸗ kümmerniß den Tod Sylvan Birubaums an, deſſen letzte, an ſeinen Verbanuungsgenoſſen gerichteten Worte waren: „Wenn Sie jemals nach Frankreich zurückkehren⸗ Herr Morand, empfehle ich Ihnen meine armen Kinder an. — — — Ich ſpreche nicht von meinem Vater, deſſen Schickſal ich vorausſehe; er wird, in ſeinem Alter auf die Galeeren geſchleppt, geſtorben ſein, ehe er dort an⸗ kommt. — — — Wenn ich keine Familie hinterließe, ſtürbe ich ohne Herzeleid: denn ich werde den Sturz der Republik nicht ſehen — und die war das einzige Erbe, das ich meinen Kindern hinterlaſſen konnte!“ So erfuhr Louiſe auf einmal die Wiederherſtellung der Geſundheit ihres Gatten und den Tod Sylvans. Sie meldete denſelben dem Direktor des Gefängniſſes, in welchem Peter und Marie eingeſperrt waren, und ſchrieb dieſen Waiſen einen rührenden Brief, der ſie von dem Tode ihres Vaters benachrichtigen und ſie wenig⸗ ſtens verſichern ſollte, daß ſie nicht ganz verlaſſen ſeien und daß ein Freundesherz ſich um ſie bekümmere- Für Louiſe war es ein großes Glück, Edmund außer Gefahr zu wiſſen, aber dieſes Glück ward durch troſt⸗ raubende Gedanken getrübt. Das Weib des Deportirten betrachtete mit Schrecken den wirklichen Zuſtand ihrer Geldverhältniſſe. Julchen befand ſich in voller Wiedergeneſung und Albert konnte ſein Inſtitut verlaſſen. Nun mußten für die letzte Zeit die Ausgaben gemacht werden, welche die Krankheiten und Alberts Aufenthalt in der Anſtalt ver⸗ 136 urſacht hatten, und endlich mußte der Lohn für beinahe drei Monate an Honorine ausbezahlt werden. Das we⸗ nige Geld, das Louiſen blieb, konnte für die verſchiedenen Zahlungen nicht ausreichen; ſie mußte ihre Silbergedecke, die ſie als letzten Nothanker bewahrt hatte, und auch das Geräthe aus dem Zimmer von Edmunds Mutter, obgleich ihr dies beinahe eine Entweihung ſchien, eben⸗ falls verkaufen. Als dieſe Schulden bezahlt waren, blieben der Frau des Deportirten ungefähr hundert und fünfzig Franken und einige Möbeln, mit denen das Zimmer ausgerüſtet war. Dieſe beſcheidene Summe reichte kaum aus für den Unterhalt der Familie während zwei Monaten, und da mußte ſie ſich noch zufrieden geben, mit einer Spar⸗ ſamkeit zu leben, die an das Elend ſtreift. Es geſchah dies ſo: Louiſe wuſch ihre und ihrer Kinder Wäſche ſelbſt; die Familie aß Brod, ein wenig Wurſt oder dergleichen und trank Waſſer dazu; Heizung und Belenchtung ent⸗ behrten ſie beinahe vollſtändig, obgleich die Witterung noch kalt und die Tage ſehr kurz waren. Statt wie ſonſt mit einer leichten Arbeit oder mit Leſen beſchäftigt des Abends beim Feuer und beim Scheine einer Lampe zu wachen, ging die Familie des Deportirten mit dem Sonnenuntergang zu Bette; da hatten die Armen we⸗ nigſtens nichts von der Kälte zu leiden. Da Louiſe über den Geſundheitszuſtand ihres Gatten und denjenigen ihrer Kinder beruhigt war, hätte ſie die für ſie neuen Entbehrungen muthig ertragen, wenn ſich nicht Tag für Tag die Zukunft drohender geſtaltet hätte. Sie ſah den Moment herannahen, wo ihre letzte Ma⸗ traze verkauft, ihr letzter Sou ausgegeben ſein und ſie und ihre Kinder in eine fürchterliche Noth gerathen würden. In ſolchen Nöthen iſt der Zuſtand einer Frau, der Mutter einer Familie ſchrecklich, verzweiflungsvoll! — — — Wenn einem Manne trotz ſeinem Muthe, trotz 137 ſeinem guten Willen die Arbeit zeitweiſe fehlt, — ein Mann findet wenigſtens in ſeiner körperlichen Beſchaffen⸗ beit, in ſeiner Stärke eine Stütze; er kann als Hand⸗ langer Steine tragen, als Auflader oder Ausläufer Laſten ſchleppen. Aber eine Frau! beſonders eine Frau, die an Wohlſtand gewöhnt iſt, eine Frau, die Mutter von zwei Kindern iſt — welche Hülfs⸗ quellen hat ſie in dieſer äußerſten Noth? — — — Sie hat keine, — — — oder denn, — — wenn ſie ſchön und jung iſt, hat ſie eine einzige, aber verab⸗ ſcheuungswürdige Hülfsquelle. — — — Ach! man weiß gar nicht, wie viele Frauen, die lange unbeſcholten waren, aber eines Tages von ihrem Gatten verlaſſen oder durch das Wittwenthum ins Elend geführt wurden, — wie viele Frauen leider in jener ſchrecklichen, äußer⸗ ſten Noth ſind, wo ſie ihre Kinder vor Kälte und Hunger ſterben oder um den Preis ihres mütterlichen Schamgefühls leben ſehen müſſen; — — — und dieſe Frauen — — ſchrecklicher Heldenmuth! — — wählen die Schande!! Obgleich Loniſe noch jung und ſchön war, dieſer häßliche Gedanke kam ihr nicht in den Sinn; aber wenn ſie bedachte, daß vor Ablauf eines Monats ihr letzter Sou verausgabt ſein werde und daß ſie doch für den Unterhalt ihrer Kinder ſorgen müſſe, deren eines zwölf, das andere vierzehn Jahre alt war, da fragte ſie ſich: „Was ſoll ich thun?“ Konnten ſie und ihre Tochter eine gewinnreiche Be⸗ ſchäftigung durch Näharbeiten finden? Auf dieſe Hoffnung mußte man Verzicht leiſten; die Weißzengnäherin, an die ſich Louiſe gewendet, hatte der Mutter und der Tochter ein feines Hemd zu nähen gegeben, um ihre Arbeit be⸗ urtheilen zu können; da that ſich bald ihre Unerfahren⸗ heit in dieſer Art von Arbeit dar, welche ſchon eine ge⸗ wiſſe, geübte Fertigkeit verlangt. Es iſt gewiß, daß ihnen mit der Zeit und mit Geduld dieſe Arbeiten auch 138 gelungen wären; aber die Noth war dringend und die Weißzengnäherin konnte zum Lernen keine Hemden zu nähen geben. Als dieſe Hoffnung vernichtet war, gab ſich Louiſe den bizarrſten Entwürfen hin. „Zur Zeit meines Glückes,“ dachte ſie, „hatte ich, wie man ſagte, eine ſchöne Stimme, wohlan denn! ich werde des Abends ausgehen, meinen Kopf mit einem Schleier verhüllen und mich in die Tiefung einer dunkeln Thüre ſtellen, um zu ſingen, wie ſo viele Unglückliche, um von der chriſtlichen Liebe der Vorübergehenden ein Almoſen zu erflehen. — — — „Aber was werde ich dabei verdienen? — — Kaum einige Sous — — — Bald dachte ſie daran, Muſikſtunden zu geben, aber ſie betrog ſich nicht ſelbſt; ſie ſang zwar zur Begleitung des Piano recht angenehm, aber in der Stadt war eine große Anzahl Muſiklehrerinnen, die mit einem wahren Talente begabt waren und deren Schülerzahl ſich ſeit langer Zeit gebildet hatte. Auch auf dieſer Seite blieb alſo keine vernünftige Hoffnung. Bald erinnerte ſich dann Louiſe ihres Muths und ihrer Sorgfalt, mit denen ſie die Mutter ihres Gatten und ihre Tochter während ihrer Krankheiten gepflegt hatte, und ſagte bei ſich: Ich könnte vielleicht mein und meiner Kinder Brod als Krankenwärterin verdienen. — — — Unſer Arzt hat mich am Werke geſehen, er wird mich empfehlen und mir vielleicht einige Patienten verſchaffen. . Aber dieſer traurige Beruf war ſo manchen Wechſel⸗ fällen unterworfen, daß ſie bald auf dieſe Hoffnung verzichtete. Bald wollte ſie dann Dienſtmagd werden und dieſer Vorſatz kam ihr oft wieder zu Sinn. War ſie denn nicht für die Mutter ihres Gatten eine Magd geweſen? 139 Die zärtlichſte, zuvorkommendſte, ergebenſte aller Mägdes Dann kanute ſie als ausgezeichnete Haushälterin alle Einzelheiten des Dienſtes und ſogar die Küchenwirtbſchaft aufs Genaueſte. Hatte ſie nicht zur Zeit ihres Glückes Freude daran gehabt, einige bei der Familie beſonders beliebte Gerichte ſelbſt zu bereiten? Das alberne Vor⸗ urtheil der Erniedrigung, das allgemein und ſehr falſcher Weiſe an die gewöhnlichen Dienſtverrichtungen geknüpft iſt, berührte Luiſe wenig; denn was ſie vor Allem er⸗ ſtrebte, war die Sicherung der Epiſtenz ihrer Kinder. Wenn ſie aber auch zugab, daß es ihr gelingen könnte, einen Platz zu finden, ſo würden doch ihre Löhne, die in der Provinz ſtets ſo gering ſind, wie ſie einſah, nicht ausreichen, um die Exiſtenz Julchens und Alberts zu ſichern. Und da ſie in ihrer Stellung als Magd dieſelben nicht bei ſich behalten könnte, wo ſollte ſie dieſelben unterbringen? — — — So ſtieß die Fran des Deportirten in ihrer ver⸗ zweifelten Lage bei jedem Anlaufe, den ihr Herz und ihr Verſtand zu einer möglichen und ehrbaren Löſung der Schwierigkeiten nahmen, jedesmal auf eine Unmög⸗ lichkeit. Die unerbittliche Zukunft geſtaltete ſich drohend vor ihr. Sollte ſie ſich an Freunde wenden? Sie hatte keine Freunde mehr, ſie waren alle geächtet. Und was hätte ſie von ihnen verlangen ſollen, wenn ſie auch nicht im Exil geweſen wären? Für ihre und ihrer Kinder Bedürfniſſe zu ſorgen? Ein ſolches Verlangen wäre un⸗ ſinnig geweſen. Einen Augenblick gedachte Loniſe auch, ſich an Herrn Heurtier den ehemaligen Geſchäftsherrn Edmunds, zu wenden und die Demüthigung, vor ihm mit einer Bittſchrift zu erſcheinen, machte ihr ſonſt wenig Sorge, denn es handelte ſich um ihre Kinder; aber ſie war ſicher, eine abſchlägige Antwort zu erhalten, indem ſie ſich an ihre Begegnung mit dem Kaufherrn erinnerte. Und hätte er ihr auch eine geringe Hülfeleiſtung gewährt, 140 dieſe Hülfe hätte nur einen Vernichtungskampf auf einige Wochen verlängert, der mit einem verzweiflungsvollen Elende endigen mußte. Dieſe Angſt, dieſe Herzensqualen hatte Louiſe alle vor ihrem Gatten verborgen, obgleich dieſer bei ſeiner Geſchäftskunde in Geldſachen die Noth ſeiner Familie lange vorausgeahnt hatte, indem er die Ausgaben, welche die Krankheiten ſeiner Frau und ſeiner Tochter und die Begräbnißkoſten für ſeine Mutter verurſacht hatten, wohl berechnete. Aber Louiſe beruhigte ihn; ſie hatte, wie ſie ſagte, einige Näharbeit gefunden, die ziemlich gewinn⸗ bringend war. Endlich kam der Tag, wo die Frau des Deportirten ihm Folgendes ſchrieb: April 1852. Mein Edmund, Du mußt mir verzeihen! Zum erſten Male in meinem Leben und nur aus Furcht, Deinen Kummer zu vermehren, betrog ich Dich. Deine Ahnun⸗ gen waren richtig. Die ungluͤcklichen Ereigniſſe, die uns Schlag auf Schlag getroffen, haben unſere beſcheidenen Hülfsmittel erſchöpft; es war mir unmöglich für meine Tochter und mich irgendwelche Näharbeit zu finden und nachdem wir lange unter harten Entbehrungen gelebt, naht der Augenblick, wo ich gezwungen ſein werde, die wenigen Möbeln, die uns noch bleiben, zu verkaufen, um nicht Hungers zu ſterben. — — — Mein Freund, ich ſehe von hier aus Deine Thränen fließen, — — ich errathe Deine Herzensangſt! Beruhige Dich! beruhige Dich! Ich habe die Bosheit gehabt, Dir dieſen Moment des Schreckens zu bereiten, um Dir nachher die Empfindung des Glückes noch ſüßer zu machen, die Du haben wirſt, wenn Du erfährſt, daß wir alle drei gerettet ſind, ja gerettet! — Und weißt Du, durch wen? Durch einen Engel, und dieſer Engel iſt — — — Dein Sohn, iſt Albert! denn ihm gebührt die 141 Ehre, den erſten Gedanken zu unſerer Rettung gehabt zu haben. Und nun, mein Freund, trockne Deine Thränen und lies dieſen Brief weiter; Dein Herz wird entzückt ſein, wenn Du ihn lieſeſt, wie es das meinige iſt, da ich ihn ſchreibe. Vorgeſtern Abends hatten wir, die Kinder und ich, nachdem wir etwas Brod und kalte Milch zum Mittags⸗ mahl genommen, — denn wir feuern ſeit langer Zeit nicht mehr, weil uns das Holz fehlt, — uns mit Son⸗ nenuntergang zu Bette gelegt, um das Licht zu ſparen. Julchen und Albert täuſchten ſich nicht über unſere Lage; ſie wußten, daß ſie verzweifelt war und ſie ſahen ſo gut als ich, daß das Elend ſich mit großen Schritten näherte; aber ich ſchwöre es Dir bei meiner Liebe zu Dir und unſern Kindern, daß niemals, mein Edmund, o! niemals die geringſte Klage über ihre Lippen kam. Die letzten, heiligen Worte unſerer Mutter waren unſer Evangelium; ja, bis ans Ende haben wir Dich in Deinen Leiden verherrlicht, armer, edler Märtyrer der Pflicht! Ja, auch wir waren ſtolz, für die geheiligte Sache des Gerechten und Guten zu leiden. Vorgeſtern Abend hatten wir uns alſo beim An⸗ bruch der Nacht ſchlafen gelegt; da ſagte Albert, der ſeit wenigen Aügenblicken Stillſchweigen beobachtet hatte, plötzlich zu mir: „Aber, mein Gott! Mutter, was fällt mir da ein — —“ „Was, mein Kind?“ „Erinnerſt Du Dich nicht, als wir mit Dir gingen, um das Silbergeſchirr zur Goldwaarenhändlerin zu tra⸗ gen, ein kleines Mädchen geſehen zu haben, welches die Frau, während wir dort waren, ausſchalt, indem ſie zu ihm ſagte: „„Wenn Du mich wieder urzufrieden machſt. behalte ich Dich nicht mehr bei mir.“ 142 „Ich erinnere mich daran, mein Kind; jenes kleine Mädchen war, wie mir die Frau ſagte, ihr Lehr⸗ mädchen.“ „Nun denn, Mama! Könnten denn Julchen und ich nicht auch Lehrlinge in irgend einem Berufe werden? Ich bin kein Kind mehr, ich bin jetzt über zwölf Jahre alt — — und dann, weißt Du, wenn mir unſer Vater an ſeinem Geburtsfeſte oder als Renjahrgeſchenk ein Spielzeug geben wollte, bat ich ihn immer um kleine Schreinerwerkzeuge. Das würde mich auch recht beluſti⸗ gen wenn ich Tiſchlerlehrling ſein könnte. Wohrlich! wahrlich! nnd ich rechne noch nicht einmal, daß ich Dich auf dieſe Weiſe vielleicht nichts mehr koſten würde — — nun, da wir ſo arm ſind — — —“ „Ach Gott! Mutter, Albert hat Recht!“ rief Jul⸗ chen aus. „Wenn man uns irgend wo als Lehrlinge annehmen wollte, hätteſt Du nichts mehr für uns aus⸗ zugeben.“ Dann fügte es mit einem Seufzer bei: „Das würde uns von Dir entfernen, es iſt wahr — — —“ „Aber Schweſterchen, wenn wir wie ſo viele andere Kinder in einem Inſtitute wohnten, wie ich ja auch während den letzten Monaten,“ erwiederte Albert, „wären wir nicht auch von der Mama getrennt?“ Hieranf fügten die Kinder. da ich nicht antwortete, über mein Stillſchweigen erſtaunt bei: „Mutter! Mutter! Du antworteſt uns ja gar nicht. — — Biſt Du erzürnt?“ O mein Edmund! mein Herz zerfloß in Thränen in köſtlichen, ſüßen Thränen. — — Sage mir, mein Freund; iſt dieſer Gedanke, der ſich den Kindern guf⸗ drängte, dieſer Gedanke voll Verſtand, Hingebung, Muth und Arbeitsluſt, iſt derſelbe nicht eine ſüße Be⸗ lohnung für die Lehre und Beiſpiele, die wir ihnen ge⸗ geben haben? Ihr gutes Herz, ihre zärtliche Liebe fanden die Löſung der furchtbaren Schwierigkeiten, die mich ſeit langer Zeit mit Eutſetzen erfüllt hatten. 143 „Mein Albert! — — mein Julchen!“ rief ich aus, „kommt, umarmt mich, meine Kinder — — kommt! — — ihr rettet uns.“ Sie liefen im Dunkeln herbei und warfen ſich an meinen Hals. Mit welch' trunkenem Entzücken drückte ich ihre lieben, angebeteten Kövfchen an mich! Sie fingen an zu weinen, als ſie hörten und fühlten, daß auch ich weine, denn mein Geſicht berührte die ihrigen. Aber welche ſüßen Thränen! Als die erſte Gemüthsbewegung vorüber war, hiel⸗ ten wir uns in meinem Bette alle drei unſchlungen und ſchwatzten über unſere Entwürfe. Der Gedanke Alberts, den ſeine Schweſter ſo gut verſtanden und aufgefaßt hatte, war für mich ein Lichtſtreifen. Waren einmal unſere Kinder geborgen, ſo mußte ſich doch auch für mich ſelbſt eine Stelle finden und wäre es als Dienſt⸗ magd. Dieſer Gedanke hatte ſich mir oft aufgedrängt, aber ich hatte mir dann immer geſagt: „Und unſere Kin⸗ der? Was ſoll aus ihnen werden fern von mir?“ Wenn ſie nun aber als Lehrlinge angeſtellt würden, wäre dieſe Schwierigkeit gehoben. Da nun einmal meine Einſicht durch die glückliche Eingebung Alberts geweckt war. ſchien mir ſein Wunſch ſehr ausführbar. Du erinnerſt Dich, der theure Knabe liebte es ſehr, Bretterſtücke auf dem kleinen Werkbank, den wir ihm als Spietzeug zum Reujahrsgeſchenk gaben, aufzunageln, zu hobeln und aufeinanderzupaſſen; er hatte ziemliche Begriffe vom Zeichnen, die ihm beim Erlernen eines Berufes nützlich ſein konnten, deſſen vollſtändige Aneignung Kenntniſſe im Linealzeichnen ver⸗ langt. Da erinnerte ich mich des Herrn Müller, des Kunſtſchreiners, der uns mehrmals Möbeln geliefert hatte; er iſt ein tüchtiger und ehrbarer Handwerker und eine Frau, die gewöhnlſch zu uns ins Haus kam, um die Beträge der Rechnungen einzuziehen, ſchien mir eine vortreffliche Perſon zu ſein. Ich erinnerte mich da⸗ 144 bei an eine Probe von Zartgefühl von ihrer Seite. Als ich eines Tages eine ihrer Rechnungen bezahlte, gab ich ihr zehn Franken zu viel; zwei Stunden ſpäter brachte ſie mir die zehn Franken zurück. Die Ehrlichkeit iſt faſt immer das Anzeichen eines guten Herzens und unſer Kind würde bei dieſer ehrbaren Arbeiterfamilie würdig verſorgt ſein. „Wir werden verſuchen, Albert als Lehrling bei dem Kunſtſchreiner unterzubringen,“ ſagten wir. „So⸗ mit wäre Albert verſorgt. — —“ (Wir wünſchten die Ausführung dieſes Planes ſo ſehnlich, daß wir gar nicht an ſeinem Gelingen zweifelten.) In Betreff Julchens wurde unſere Hoffnung beinahe zur Gewißheit. Die Goldwaarenhändlerin, der ich unſer Silberzeug verkauft hatte, iſt Wittwe und wie uns Al⸗ bert ins Gedächtniß zurückgerufen, hatte ſie ihrem Lehrmädchen vor uns gedroht, es nicht mehr zu behal⸗ ten, wenn es ſie nicht beſſer befriedige. Wäre dieſe Stelle vielleicht vakant geworden? Mein Freund, Du begreifſſt, mit welcher Gluth wir dieß wünſchten. Welche ungehoffte Gelegenheit! Man konnte Julchen bei einer Wittwe unterbringen und das Erlernen der Goldarbeiterei mußte nicht mühſam ſein; Albert erin⸗ nerte ſich, daß das kleine Mädchen, das die Herrin ge⸗ ſcholten, Teller polirte. „Das wäre alſo für Julchen,“ ſagten wir. Wir kannten die Lehrbedingungen für Kinder noch nicht; aber wenn man auch genöthigt geweſen wäre, während dem erſten Arbeitsjahre ein mäßiges Koſtgeld zu bezahlen, ſo hoffte ich, dieſe Ausgabe beſtreiten und wenigſtens ein Halbjahr voraus bezahlen zu können. Denn es blieb uns noch das Mobiliar nuſeres Zimmers und eine große Menge Bettſtücke und Tafelzeug übrig und der Verkauf dieſer letzten Gegenſtände trug ohne Zweifel genug ein, um das Lehrgeld zu entrichten. Ich kann Dir, mein Freund, die Frende nicht be⸗ 14⁵ ſchreiben, die dieſe lleben Geſchövfe bei dem Gedanken empfanden, ſie möchten mir vielleicht beinahe gar uicht mehr zur Laſt fallen und könnten aufangen ihren Lebens⸗ unterhalt zu verdienen. Ihre Köpfchen erhißten ſich, begeiſtert durch unſere Hoffnungen, dermaßen, daß ih gebieteriſch verlangen mußte, (ich begleitete dieſen Befehl mit den zärtlichſten Küſſen, die ich ihnen jemals gegeben habe!) daß ich gebieteriſch verlangen mußte, daß Albert und Julchen in ihre Betten zurückkehrten. Geſtern Morgen bei Tagesanbruch kleidete ich mich an, um mich zu dem Kunſtiſchler Müller zu begeben; ich habe ihm in zwei Worten unſere peinliche Lage und meinen Wunſch aus einander geſetzt, Albert bei ihm als Lehrling unterzubringen, und bürgte ihm für die Ein⸗ ſicht, den Eifer und die Gelehrigkeit des lieben Knaben. Die erſte Entgegnung war für mich grauſam. Herr Müller beſchäftigte zwei bis drei Arbeiter, deren Zahl ihm genügte, ſo daß er die Hülfe eines Lehrburſchen entbehren konnte, für den er ohnedieß keine Wohnſtätte gehabt hätte. Zum Glück für uns kam Frau Müller dazu und als dieſelbe erfahren hatte, um was es ſich handelt, daß mit einem Worte die Noth mich zwang, meinen Sohn in die Lehre zu thun, da kamen ihr die Thränen in die Angen und ſie machte ihrem Manne folgende Bemerkung, welche, wie Du Dir denken kannſt, mir ſehr vernünftig ſchien: „Aber, Freund,“ — ſagte ſie, „erinnere Dich doch, daß Du Dich oft beklagſt, daß hier ſo manche kleinliche Arbeiten vorkommen, welche ein Lehrburſche übernehmen könnte, und daß unſere Arbeiter, die nun genöthigt ſind, ſich an deſſen Stelle damit abzugeben, auf dieſe Art eine Zeit vertieren, welche ſie beſſer an⸗ wenden könnten.“ „Das iſt wahr,“ antwortete Herr Müller, „wenn man es ſtrenge betrachtet, würde ein Lehrburſche Johanne und Lyuiſe. 10 146 bei uns nicht zu viel ſein; aber Du weißt ja wohl, daß wir keinen Platz haben, um ihn unterzubringen.“ „Freilich!“ erwiederte Frau Müller nach we⸗ nigen Momenten des Nachdenkens. „Haben wir nicht die Kammer, in welcher Du Dein Fournierholz trockneſt? dieſelbe iſt ſehr luftig und es iſt ein Ofen darin. Wenn man nun das Holz ordnet, ſtatt es verzettelt umher lie⸗ gen zu laſſen, ſo wird man in dem Gemache leicht Platz für ein Bett, für einen Stuhl und eine Kommode finden.“ „Du haſt Recht,“ nahm der Kunſtſchreiner wie⸗ der das Wort, „daran dachte ich nicht.“ „Der Knabe der Frau Morand wird ſich dort ſehr wohl befinden,“ fügte die Frau des Schreiners bei, „denn ich würde dort meinen Sohn unterbringen, wenn ich einen hätte.“ Darauf ſagte ſie zu mir: „Sie dürfen mir glauben, Frau Morand, Ihr Kind wird hier wie ein Kind vom Hauſe gehalten ſein.“ „Und welche Summe verlangen Sie als Lehr⸗ geld?“ fragte ich die wackere Frau. „Gewöhnlich, Frau Morand, zahlt man hundert bis hundert und zwanzig Franken für das erſte Jahr, wovon man den Betrag für ſechs Monate voraus ent⸗ richtet,“ erwiederte Herr Müller. „Und wenn der Lehr⸗ ling geſchickt iſt, verdient er nach Ablauf eines Jahres durch ſeine Arbeit dieſes Geld. Aber dabei iſt nur Koſt, Wohnung und Wäſche verſtanden; ſein ſonſtiger Unterhalt fällt ſeinen Eltern zur Laſt.“ „Sie würden alſo,“ ſagte ich zu ihm, „meinen Sohn für hundert und zwanzig Franken auf ein Jahr zu ſich nehmen?“ „Ja, Frau Morand, und herzlich gerne,“ er⸗ wiederte mir Fran Müller. „Sie ſind in Noth und bringen ein großes Opfer, da Sie ſich von Ihrem Knaben trennen; wir werden ſorgen, daß weder Sie noch er es zu bereuen haben werden.“ „Und ich,“ antwortete ich, „hoffe und bin ver⸗ ſichert, daß Sie meinen Albert lieben werden, wie Sie Ihren Sohn lieben würden.“ Als unſere Uebereinkunft ſoweit getroffen war, wünſchte ich das Gemach zu ſehen, in dem Albert ſchla⸗ fen ſollte. Ach, mein Freund! da muß man das hüb⸗ ſche Zimmerchen unſerer Kinder aus der glücklichen Zeit vergeſſen! denn demſelben gleicht nichts weniger, als die Kammer, die ich da beſichtigte; aber es iſt wenigſtens eine in jeder Beziehung ſo geſunde Wohnung, als man ſie wünſchen kann. Es iſt wahr, die Wände ſind nackt und ohne Tapeten, aber ein großes Fenſter erhellt dieſes Gemach, das im Winter durch einen Ofen geheizt wird, der zum Trocknen des Holzes gebraucht wird. Ich wie⸗ derhole Dir, die Wohnung iſt geſund und ſehr luftig. Uebrigens habe ich auf den erſten Blick bemerkt, daß in der Wohnung der Frau Müller Alles äußerſt reinlich gehalten iſt; überall erkannte ich, daß da eine ſorgſame und ordnungsliebende Haushälterin geſchäftig geweſen. Darum wird der liebe Knabe, glaube mir, mein Ed⸗ mund, bei dieſen braven Leuten ſich ſo wohlbefinden, als es ein Lehrburſche immer kann, da er ja dieſe Stel⸗ lung entſchloſſen antritt. Ich verließ den Kunſtſchreiner und wollte mich zu der Goldſchmids Wittwe begeben, als ich zufällig Frau Dübreul, unſrer Weißzengnäherin, begegnete. Es gibt einen Gott für die Mütter, mein Freund! „Gerade wollte ich zu Ihnen gehen, meine gute Frau Morand,“ ſagte Fran Dübreul zu mir. „Sie wiſſen, es war nicht Mangel an gutem Willen, wenn ich Sie und Ihre Fräulein Tochter nicht beſchäftigen konnte; nun habe ich Ihnen aber etwas vorzuſchlagen, das Ihnen vielleicht anſtändig ſein könnte, wenn Sie nicht zu ſtolz ſind.“ „Ich muß meinen Lebensunterhalt verdienen,“ 148 antwortete ich ihr, „damit habe ich Ihnen Alles ge⸗ ſagt. Um was handelt es ſich?“ „Frau Zimmermann, meine Baſe, hält, wie Sie wiſſen, einen Modewaarenladen,“ ſagte die Weißzeug⸗ näherin zu mir. Ihr Gatte iſt Reiſender für dieſel⸗ ben Stoffe. Sie hat nun kürzlich ihr Ladenmädchen verabſchiedet; dieſe Stelle iſt alſo frei; man hat dabei Nahrung, Wohnung und freie Wäſche und der Lohn beträgt dreihundert Franken. Das iſt die ſchöne Seite der Sache. Aber ich verberge es Ihnen nicht und es wird vielleicht für eine Perſon wie Sie, die nicht an Anſtrengung gewöhnt iſt, peinlich ſein, daß Sie der Magd helfen müſſen, den Laden auszukehren, aufzuräumen, zu öffnen und zu ſchließen; denn die Magd hat wegen den Kindern viel im Hauſe zu ſchaffen. Dann muß man von Morgens bis Abends am Ladentiſch ſtehen, verkau⸗ fen und ſich mit den kaufmänniſchen Schreibereien befaſſen⸗ weil meine Baſe, die ſehr kränklich iſt, nicht immer in den Laden herunter kommen kann. Dieſelbe hat mich nun gefragt, ob ich Jemand kenne, dem man Vertrauen ſchenken dürfe, und da dachte ich an Sie. Ich muß noch beifügen, daß Sie die Sonntage frei haben wer⸗ den.“ „Da werde ich alſo jede Woche meine Kinder ſe⸗ hen können!“ rief ich aus und glaubte zu träumen, mein Freund, ſo glücklich war ich über dieſes unerwar⸗ tete, gute Geſchick; und mit Thränen in den Augen drückte ich die Hände unſerer Weißnäherin in den mei⸗ nigen und fuhr fort: „Ach Gott! wenn nur Ihre Baſe einwilligt, mir dieſe Stelle zu geben!“ „Dieß hängt ganz vollſtändig von Ihnen ab; ich ſagte meiner Baſe, Sie ſeien die Frau des Herrn Morand, der früher bei Herrn Heurtier Kaſſier geweſen; da hat fie ſich ſogleich entſchloſſen, aber ſie wünſcht, daß Sie, wenn es ſein kann, die Stelle ſo ſchnell als möglich antreten. Endlich muß ich Ihnen noch mittheilen, daß meine Baſe, 149 die im Grunde eine gute Frau iſt, ſeit langer Zeit krank iſt und daß ſie zuweilen in eine bittere Gemüthsſtim⸗ mung verfällt. — — — Ich ſage Ihnen dieß unter uns, damit Sie ſich darnach richten können.“ „Arme Frau! ſie leidet,“ ſagte ich zu unſerer Weißnäherin, „da intereſſire ich mich ſchon um ſie. Bin ich ihr nicht eine lebhafte Erkenmtlichkeit ſchuldig, kommt ſie mir nicht in einem beinahe verzweifelten Au⸗ genblicke zu Hülfe? O! ich werde ſie ſtets mit ſo zärt⸗ licher Sorgfalt behandeln, daß ihr Charakter, weit ent⸗ fernt, aufgereizt zu werden, ſanfter werden wird.“ Ich wiederhole Dir, mein Edmund, ich glaubte zu träumen. Alles Glück kam auf einmal! Ich begleite die Weißnäherin zu Frau Zimmermann, die künftig meine Herrin ſein ſollte. Es iſt eine Frau in ungefähr meinem Alter mit einem krankhaften Geſichte. Sie hat mich ſehr gefällig empfangen, und als unſre Bedingun⸗ gen feſtgeſetzt waren, führte ſie mich in das Zimmer, welches ich im oberſten Stockwerke des Hauſes bewoh⸗ nen ſoll. Dieſes Zimmer iſt klein, aber ſehr wohnlich. Es wurde ausgemacht, daß ich am folgenden Tag in das Geſchäft trete. Ich war nun ſicher, jährlich dreihundert Franken zu verdienen, dreihundert Franken! Mein Freund, ich kann es kaum glauben! da dachte ich auf meinen Vor⸗ ſatz, Julchen in die Lehre zu thun, verzichten zu müſ⸗ ſen. Es iſt über vierzehn Jahre alt und ein Stand als Lehrmädchen würde nothwendigerweiſe verlangen, daß es oft Ausgänge in der Stadt umher machte. Nun kennſt Du ja, mein Freund, die unüberwindliche Schüch⸗ ternheit unſeres lieben Kindes, und obgleich es entſchloſſen iſt, die Hingebung ſeines Bruders zu theilen, ſo würde es doch in ſeiner Stellung als Lehrmädchen mehr als eine grauſame Probe zu beſtehen haben. Da habe ich mich dann zu etwas Anderem entſchloſſen. Ich erinnerte mich von einer beſcheidenen Mädchen⸗ 150 Erziehungsanſtalt gehört zu haben, die außerhalb der Stadt liegt. Die Summe, die dafür jährlich zu ent⸗ richten iſt, ſoll, wie man ſagt, ſehr gering ſein, da die Schülerinnen dieſes Inſtituts hauptſächlich aus Töchtern von Arbeiteraufſehern oder wohlhäbigen Pächtern beſtehen. Ich begab mich ſogleich in das Inſtitut, das ſich eine Viertelſtunde von Orleans auf der Straße von Olivet in einer reizenden und geſunden Lage befindet. Es ſind fünfzig Schülerinnen darin und der jährliche Preis be⸗ trägt zweihundert Franken, Alles einbegriffen. Dieſe beſcheidene Forderung erklärt ſich auf folgende Weiſe: Es ſind in dem Inſtitut nur zwei Mägde, welche die ſchwerſten Arbeiten verſehen; alle Schülerinnen, machen, ſobald ſie das zwölfte Altersjahr erreicht haben, ſelbſt ihre Betten und die andern häuslichen Verrichtungen und beſchäftigen ſich unter der Leitung einer Unterlehre⸗ rin der Reihe nach mit den Haushaltungsgeſchäften von der Beſorgung des Weißzeuges an bis zu der der Küche. Noch beſſer, das Inſtitut übernimmt von auswärts viele Näh⸗, Stickerei⸗ und Teppicharbeiten, und ſobald eine Schülerin im Stande iſt, geſchickt genng zu arbeiten, ſo daß ihre Arbeit einigen Gewinn einträgt, wird der⸗ ſelben eine Rechnung eröffnet und am Ende des Jahres wird ihr Gewinn, der freilich oft ſehr gering iſt, aber dennoch auf dreißig, vierzig und fünfzig Franken ſteigen kann, von dem Koſtgelde abgerechnet. Die Vorſteherin hat mir einige junge Mädchen genannt, deren Koſtgeld auf dieſe Weiſe ihre Eltern nur hundertzwanzig bis hun⸗ dertdreißig Franken koſtete. Ich war betroffen von den Vortheiten einer ſolchen Erziebung: man muß ſich da beſonders gut an Ordnung, Arbeitſamkeit, Sparſamkeit und die praktiſche Kenntniß aller Einzelnheiten der Haus⸗ haltung gewöhnen Die Vorſteherin ſchien mir eine wahrhaft merkwür⸗ dige Frau zu ſein. Sie zeigte mir das Programm des Lehrkurſes, der nicht eben gerade glänzend genannt wer⸗ 15¹1 den kann, aber genügt, um einen gründlichen Unterricht zu ertheilen. Die blos unterhaltenden Lehrfächer find durch nützliche Belehrung in der Buchhaltung und dem Rechnungsweſen erſetzt. Das Haus iſt in vollkommen utem Stande, obgieich die Dienſtverrichtungen beinahe 6 ansſchließlich von den Schülerinnen beſorgt werden. Ich zögerte auch keinen Augenblick, Julchen in dieſes Inſti⸗ tut zu thun. Es mußte ein Vierteljahr vorausbezahlt und das Kind vollſtändig ausgeſtattet werden. Der Verkauf unſerer letzten Möbeln mußte genug eintragen, um das verlangte Vierteljahr, ſowie das Lehrgeld Alberts für ſechs Monate zu entrichten. Was die Ausſtattung be⸗ traf, ſo mangelte Julchen gottlob! nichts. So wird nun, Dank dieſen Hülfsquellen, mein Gehalt ausreichen, um für dieſes Jahr wenigſtens die kleine Summe zu ergänzen, die zur Verſorgung unſerer Kinder nöthig iſt. Ich kam eilig und ganz glücklich nach Hauſe zurück, um den Kindern mitzutheilen, welchen Erfolg meine Schritte in Betreff der Lehre Alberts gehabt und welcher unverhoffte Zufall mir eine Stelle als Ladendienerin ge⸗ ſichert habe. Albert war entzückt und Julchen ein wenig eiferſüchtig über ſeinen Bruder, deſſen Lehre uns nur hundert und zwanzig Franken koſtete, während ſein Koſt⸗ geld im Juſtitute zweihundert Franken betrug. Aber ich tröſtete es, indem ich ihm mittheilte, daß es einigen † Schülerinnen oft gelungen ſei, einen Theil ihres Koſt⸗ geldes durch den Ertrag ihrer Arbeit zu bezahlen und daß es ſicherlich zu der Zahl dieſer arbeitſamen gebören werde. Mein Edmund! Du mußt Dir unſere Zufriedenheit vorſtellen und begreifen können, welche Herzenserleichte⸗ rung auf die granſame Angſt folgte, die mich ſeit ſo langer Zeit gemartert hatte! Wir kamen überein, daß wir jeden Sonntag zuſammen in meinem Zimmer ver⸗ bringen, wenn ſchlechtes Wetter uns hindern ſollte auszu⸗ gehen, und daß wir an den ſchönen Tagen große Spazier⸗ 15⁵² gänge in der Umgebung von Orleans machen wollten. Unſere Kinder nahmen ſich ſchon vor, wenn der Frühling gekommen, dann einige Lebensmittel in einem Korbe mitzunehmen, um an den ſchönen, ſchattigen Ufern des Loiret das Veſperbrod zu genießen. Aber da wurde Julchens Geſicht plötzlich traurig und es ſagte zu ſeinem Bruder: „Nein, — — — man wird einen andern Spazier⸗ gang als den an die Ufer des Loiret wählen müſſen; dahin gingen wir ehemals mit dem Vater, und wenn wir an dieſelben Orte kämen, würden wir nichts thun als weinen, — — — und Mama würde weinen wie wir. — — — Ich füge dieſer Betrachtung der Kinder nichts bei, mein Freund! Du erräthſt, wie ſehr ich aufgeregt war. Gegen Mittag kleidete ich Julchen und Albert an, um ihn ſeinem künftigen Lehrherrn, es der Vorſteherin des Inſtituts vorzuſtellen. Auch wünſchte ich unſere Kinder zu Frau Zimmermann zu führen, die mir einen ungehofften Dienſt leiſtet, indem ſie mich als Ladendiene⸗ rin anſtellt. Die lieben Kinder gewannen durch ihre Artigkeit, durch ihren Anſtand und ihre Beſcheidenheit die Herzen der Perſonen, mit denen ſie und ich von nun an leben mußten. Darauf befaßte ich mich mit dem Verkauf unſerer Möbeln, Matrazen u. ſ. w., und Bettzeug, Vorhängen u. ſ. w. Dieſer Verkauf trug zweihundertundzehn Franken ein. Von unſerm Hausherrn, dem ich ein Jahr voraus⸗ bezahlt hatte, und bei dem wir nur ein und ein halbes Quartal wohnten, erhielt ich eine Rückvergütung von vierzig Franken. Dann bezahlte ich einen Vierteljahrs⸗ betrag für das Inſtitut Julchens und Alberts Lehrgeld für ſechs Monate; den Ueberſchuß der Summe behielt ich für Dich, armer Freund, zurück. In Deinem letzten Briefe theilſt Du mir freilich mit, daß das Geld, welches ich Dir im Monat December „ ——— 15⁵³ geſendet, beinahe noch unberührt in den Händen des Offiziers ſich befinde, der beauftragt iſt, die Geldſendun⸗ gen für die Deportirten zu überwachen. Aber, mein Freund, ich fürchte, daß Du Dir wegen uns Entbeh⸗ rungen auferlegſt und Du ſiehſt nun doch, daß das Schickſal von uns allen Dreien nach ſo grauſamer Un⸗ gewißheit endlich geſichert iſt. Geſtern Abend, dem letzten Abende, den wir bei⸗ ſammen zubrachten, ſchweiften die Kinder und ich ein wenig aus; wir machten ein Feuer, zündeten eine Kerze an und wachten bis zehn Uhr Abends, wie in der guten Zeit. Leider, armer Freund! waren zwei Plätze in unſerer Mitte leer: derjenige Deiner Mutter und der Deinige! Aber wie immer, waret ihr in unſern Gedan⸗ ken anweſend. Ich habe es Dir ſeit dem unerſetzlichen Verluſt, den wir erlitten. oft geſchrieben, armer Freund, daß wir einen ſchwermüthigen Reiz empfinden, uns über unſere Mutter zu unterhalten. Die Kinder ſagten mir faſt täglich: — „Erinnerſt Du Dich, als die Großmutter uns dieſes oder Jenes ſagte? Erinnerſt Du Dich noch an den Tag, wo die Großmutter uns ſpazieren führte, u. ſ. w, u. ſ. w.“ Und dieſe unaufhörlich durch uns zurückgerufenen Erinnerungen haben, wie ich Dir ſchon ſagte, jenen ſüßen, zugleich traurigen Reiz, den man bei der Unterhaltung über eine abweſende, theure Perſon empfindet. Während dieſem letzten Abende hat mich ein Zug ausgezeichneter Herzensgüte von Julchen bis zu Thränen gerührt. Unſere Kinder hatten von mir das Schickſal der Waiſen erfahren, welche Dein Verbannungsgenoſſe hinterlaſſen hat. Sie fühlten ein doppeltes Intereſſe, welches ihnen deren Unglück und die Gleichheit im Alter einflößte, und ſprachen oft von Peter, von Marie und dem kleinen Dominik, deren Namen ſie im Gedächtniß behalten hatten. Während unſerer Unterhaltung geſtern prieſen ſich nun unſere Kinder glücklich vb den Verhält⸗ 154 niſſen, durch welche wir von nun an unſere Zukunft wenigſtens geſichert finden. Nach einem Augenblicke des Nachdenkens ſeufzte Julchen und ſagte: „Es liegt etwas Kummererregendes in dem Glücke, das uns begegnet — — — wenn man bedenkt, daß dieſes Glück nicht auch Andern zu Theil wird.“ — — — Darauf ſah es mich an und fügte, während eine Thräne unter ſeinen langen Wimpern hervorrollte, bei: — Müt⸗ terchen, — — — ich ſage dies in dem Gedanken an die Kinder des Herrn Sylvan! — — — die nun und auf immer ohne Vater und ohne Mutter ſind! Findeſt Du nicht, mein Edmund, daß dieſe Erinne⸗ rung an das Schickſal jener armen Waiſen von einer rührenden und erhabenen Herzensgüte zeugt. Ach! mein Freund, wenn Du das verehrungswürdige Herz Deiner Mutter haſt, ſo haben Deine Kinder das Deinige; ich finde Dich in ihnen in jedem Augenblicke wieder und dieß tröſtet, ſtärkt und ermuthigt mich. — — Wolle der Himmel, daß mich meine Hoffnung nicht getäuſcht habe, und ſie wird es nicht, denn Gott iſt gerecht! Wolle der Himmel, daß Du zu uns zurückkehrſt und wir werden dann, ſoviel in unſerer Macht liegt, jene letzte Bitte Deines Verbannungsgenoſſen mit frommem Gefühle er⸗ füllen. Derſelbe ſagte: „Herr Morand, wenn Sie jemals nach Frankreich zurücktehren, ſo empfehle ich Ihnen meine armen Kin⸗ der an.“ Ich bat, wie Du weißt, den Vorſteher der Bettler⸗ verwahrungsauſtalt, die Güte zu haben, von Zeit zu Zeit Nachrichten über den Sohn und die Tochter des Herrn Sylvan einzuholen und mir dieſelben mitzutheilen. Er nahm meine Bitte ſehr gefällig auf und ſein letzter Brief meldet mir, daß Peter und Marie für alle als Muſter daſtänden und daß dieſe armen Kinder, von ſo vielen andern, armen Verlaſſenen eine Ausnahme bildend, weit entfernt, ihre guten Eigenſchaften zu verlieren, weit — —— 15⁵ entfernt, ſich verführen zu laſſen, das bleiben, was ſie waren: ausgezeichnete Geſchöpfe. Ich ſchreibe ihnen von Zeit zu Zeit, damit ſie wiſſen, dieſe armen Waiſen, daß ſich wenigſtens Jemand auf der Welt um ſie intereſſirt. Du haſt in dem kleinen Briefe, den mir Marie als Antwort ſchrieb und den ich Dir ſchickte, ſehen müſſen, wie erkeuntlich ſie gegen uns ſind. Leider! kann ich nichts mehr für ſie thun, als ſie beklagen, als ſie lieben; aber wenn Du zurückkehrſt, werden wir ſtreben, ihnen nützlich zu werden. Dieſen Morgen kam die Stunde unſerer Trennung; wir waren alle drei ſehr muthig. Indeſſen wage ich nicht, zu ſehr auf unſerm Heldenmuth zu beharren, denn heute iſt Donnerſtag und den Sountag ſchon ſollen wir wieder beiſammen zubringen. Ich fübrte Albert zu ſeinem Lehrherrn, deſſen brave Frau die Aufmerkſamkeit gehabt hatte, für den neuen Lehrling eine kleine Schürze von grüner Leinwand zuzuſchneiden und zu nähen, ſeine Tiſchlerſchürze, wie er ſtolz ſagte; und um ſein Glück vollſtändig zu machen, knüpft ſich die Schürze auf dem Rücken mittelſt einer kupfernen Agraffe, die einen Löwen darſtellt. Dieſer Löwe und dieſe Schürze waren die Freude Alberts. Ich kaufte ihm vier blaue Bluſen, die für ihn paßten, um ſeine Kleider zu ſchonen. Dieſen Morgen trug er eine dieſer Bluſen und ſein Hemden⸗ kragen war über ſeine ſchwarze Halsbinde zurückgeſchla⸗ gen. Was ſoll ich Dir ſäcen — Er war ſchön wie ein Engel in dieſer Arbeitertracht. Nach einer zärtlichen Umarmung ließ ich ihn in ſeiner Werk⸗ ſtätte zurück und führte Julchen in ſein Inſtitut, wo es von der Vorſteherin vortrefflich empfaugen wurde. Darauf begab ich mich in meinen Laden und wünſchte, obgleich mir Frau Zimmermann den erſten Tag zu meiner Verfügung laſſen wollte, im Gegentheil denſelben zu benutzen, um ſogleich in meine Verrichtungen gänzlich eingeweiht und mit dem Preis der Gegenſtände, deren 156 Verkauf mir anvertraut war, ſowie mit allen Kleinig⸗ keiten in dieſem Geſchäft bekannt zu werden. Am Abende zur Stunde, wo der Laden geſchloſſen wird, war die Dienſtmagd bei ihrer Herrin beſchäftigt und da habe ich ſelbſt den Laden zugemacht. Hierauf ging ich zu Frau Zimmermann hinauf und fragte ſie, ob ſie meine Dienſte nicht mehr nöthig habe; endlich gelangte ich in mein kleines Zimmerchen zurück, wo ich Dir eben ſchreibe, mein Edmund. . Damit Du mich nun von dort drüben aus hier ſiehſt, will ich Dir in zwei Worten meine Woh⸗ nung beſchreiben. Es iſt ein Dachzimmer; die Wände find mit einer gelben Tapete mit grünen Blümchen aus⸗ geſchlagen; neben der Thüre ſteht eine grau angeſtrichene Kommode und der Thüre gegenüber iſt das Fenſter, unter welchem der Tiſch mit einer Waſchſchüſſel und einem Waſſerhafen ſteht; mein Bett mit eiſernem Geſtell und ohne Vorhänge, ſtebt im Hintergrunde und auf jeder Seite des Bettes öffnet ſich ein Schrank. Es iſt kein Kamin in dieſem Zimmer, aber da ich nur hinein⸗ gehe, um zu ſchlafen, ſo habe ich keineswegs Feuer nöthig. Du ſiehſt, mein Freund, dieß iſt kein Palaſt Mit welch' ſüßer Sicherheit werde ich indeſſen in dieſem be⸗ ſcheidenen Kämmerlein des Abends einſchlafen! Mit welcher ſüßen Sicherheit werde ich des Morgens wieder erwachen! — — — Endlich bin ich nun für lange Zeit über mein und meiner Kinder Schickſal beruhigt. Gute Nacht, mein Edmund! Dieſer lange Brief zeigt Dir, wie Du ſiehſt, eine Umgeſtaltung, und eine glück⸗ liche Umgeſtaltung in unſerem Leben an. Mit Ungeduld erwarte ich Deine Antwort, um zu erfahren, ob Du, wie ich hoffe, billigſt, was ich in Betreff unſerer Kinder gethan habe. Nochmals lebe wohl, ſüßer Freund. Es iſt jetzt Nitternacht und ich fühle mich ein wenig ermüdet; aber y—— — 2 —— — ————— — —— 157 es iſt jene wohlthätige Ermüdung, die zum Schlafe ruft. Morgen muß ich um ſieben Uhr den Laden öffnen, und meine neue Stellung iſt mir ſo koſtbar, ſo unverbofft ge⸗ kommen, daß ich meinen Platz behalten will, und wenn ich mich mit unerdenklichem Eifer anſtrengen muß. Lebe herzlich wohl! Lebe wohl! Ich küſſe Dich mit aller Liebe. Loniſe. Wir hören nun auf, Auszüge aus dieſer Korreſpon⸗ denz zu geben. Dieſe Zeit, in welcher der Kummer und das Elend, welche die Deportation des Geächteten über ſeine Fa⸗ milie gebracht, aufhörten weiterzugreifen, verlieh Louiſen wenigſtens einige Wochen der Ruhe. Aber wenn ihre und ihrer Kinder Exiſtenz materiell nahezu geſichert ſchien, ſo hatte das arme Geſchöpf bald eine wahre Seelenqual auszuſtehen, die um ſo grauſamer, als das Zartgefühl des Opfers viel feiner war; ſie hatte zahlloſe und vft peinigende Demüthigungen zu erdulden in ihrer neuen Stellung als Ladendienerin, einer Stellung, die derjenigen der Dienerſchaſt ſo nahe ſteht, wenn der Herrin Herz, Takt und Erziehung fehlen: und alſo war es bei Frau Zimmermann. Dieſe Frau war von unfreundlichem, mürriſchem Charakter, der noch durch eine ſchleichende Krankheit ge⸗ reizt wurde; und ſie verbitterte Louiſen das Brod, das ſie verdiente, oft, indem ſie dieſelbe ihre untergeordnete Stellung ſchwer fühlen ließ. Sie empfand eine boshafte Schadenfreude, die Frau des Herrn Morand, des ehe⸗ 15⁸ maligen Kaſſirers des Hauſes Heurtier, als Ladendie⸗ nerin in ihrem Lohne zu haben; denn das Amt eines Kaſſirers ſichert durch ſeine Wichtigkeit und ſeine Beſol⸗ dung (ungefähr fünftanſend Franken mit den Geſchenken) Inhaber deſſelben ſowie ſeiner Frau einen gewiſſen ang. Die Frau des Deportirten unterdrückte dieſe unauf⸗ hörlichen Qualen beimlich, aus Furcht, eine für ſie und ihre Kinder ſo werthvolle Stelle zu verlieren; ſie beant⸗ wortete die Unverſchämtheit, die Härte ihrer Herrin mit Verdoppelung ihrer Sorgfalt, ihres Eifers und ihrer Unterwürfigkeit. Aber Leute von boshafter Gemüthsart ſind weit entfernt, ſich durch eine rührende Ergebung erweichen zu laſſen; ſie vetrachten dieſelbe oft nur als einen Beweis von Niedrigkeit, und da ſie ſicher find, ungeſtraft zu bleiben ſchmettern ſie gerne diejenigen nie⸗ der, welche die Noth zwingt, ſich vor ihnen unterthänig zu beugen. So war es mit Louiſen der Fall; ihr Schmerz, den ſie wie ein Engel ertrug, ihre Thätigkeit, ihre Einſicht, ſie entwaffnete Frau Zimmermann nicht. „Dieſe Frau Morand, ſagte die Krämerin, „hat ſehr wenig Herz, daß ſie lieber leidet, als ihren Platz verliert!“ Und darnach handelte ſie auch. Andere Demüthigungen, die weiter von unten aus⸗ gingen, machten die Lage der Frau des Deportirten noch peinlicher. Die Magd des Hauſes, die neidiſch war, weil ſie die Neuangekommene an dem Tiſch ihrer Herrin eſſen ſah; die auch neidiſch war über die frühere Stel⸗ lung Louiſens, machte ſich ein grauſames Vergnügen daraus, dieſelbe bei tauſend Gelegenheiten zu verwun⸗ den. Sie wies die geringſte Hülfeleiſtung in der Be⸗ ſorgung des Ladens zurück; ſo wuſch Louiſe die Stein⸗ platten im Laden auf und kehrte denſelben aus; kurz, ——— ——— ¹⁵9 ſie erfüllte mit einer ſtandhaſten, unveränderlichen Er⸗ gebung den härteſten Dienſt. Und Frau Zimmermann verbündete ſich halb mit ihrer Magd zu dieſer kindiſchen, verächtlichen und feigen Verſchwörung gegen die Laden⸗ dienerin. Ein viel ernſterer Umſtand noch trieb dann die Her⸗ zensangſt Louiſens auf die Spitze. Der Gatte der Frau Zimmermann, der Reiſender für Modeartikel war, kehrte von einer ſeiner üblichen Rundreiſen nach Hauſe zurück. Er war ein gemeiner Menſch, der die Freiheit zu ſcherzen bis zur zügel⸗ loſeſten Grobheit übertrieb. Da er an eine Frau ver⸗ heirathet war, die immer kränkelte, ſo machte er gewöhn⸗ lich den Ladenmädchen den Hof, und aus einigen Worten, die dem Munde der Magd entſchlüpft, merkte Louiſe, daß die Perſon, welche ſie im Laden erſetzt, das Haus in Folge einer Eiferſucht der Frau Zimmermann hatte verlaſſen müſſen, einer Eiferſucht, die übrigens ſehr ge⸗ gründet war. Als der Mann zurückgekehrt war, wurde er ſehr böſe über die Fortweiſung des jungen Mädchens, welches Louiſe erſetzt, und glaubte dieſe als eine Art Enſchädigung betrachten zu dürfen; ſie war noch jung und ſchön, und eines Tages erklärte er ihr unverſchämterweiſe, das, was er ſeine Liebe nannte, mit dem empörenden Cynismus des Mannes, der ſich ſagt: „Am Ende bin ich's, der ihr den Lohn gibt!“ Die Frau des Deportirten war entſetzt. Bei dem geringſten Verdachte der eiferſüchtigen Frau Zimmermann mußte ſie erwarten, aus dem Hauſe gejagt zu werden. Sie benutzte daher auch einen Augenblick, wo ſie mit ihrem Herrn allein war, und ſagte, ſtatt den Elenden, den ſie zu ſchonen gezwungen war, nit ihrer Verachtung niederzuſchmettern, mit Thränen in den Augen zu ihm: „Herr, üben Sie Großmuth aus! Meine zwei Kin⸗ der und ich würden in ein furchtbares Elend gebracht, 160 wenn man mich hier wegſchickte. Ich bitte Sie mit ge⸗ falteten Händen, beſtehen Sie nicht auf Ihren nutzloſen Verfolgungen, deren Er ebniß, für mich beweinenswerth, wenn dieſelben unglücklicherweiſe von Frau Zimmermann bemerkt würden, mich dieſer Stelle verluſtig machte, welche meine letzte und einzige Hülfsquelle iſt!“ Dieſer Mann hatte die ſchändliche Frechheit, Louiſe Folgendes zu antworten: „Hören Sie wohl auf mich: ich bin ſehr verliebt in Sie. Ich gehe nun wieder auf eine Reiſe von drei Wochen; nach meiner Rückkehr werde ich Sie in den Angen meiner Frau ſo verdächtigen, daß Sie von hier weg müſſen. Wenn Sie dann keine Hülfsquelle mehr haben, ſo zählen Sie auf mich; ich werde Ihnen ein angenehmes Leben bereiten, wie es Ihrer ſchönen Augen würdig iſt, und ich werde dann das Koſt⸗ und Lehrgeld für Ihre Kinder bezahlen, wenn Sie artig ſind. Dieſer Elende verreiſte. Man denke ſich nun die ſchrecklichen Beſorgniſſe Louiſens, während ſie die Rückkehr desjenigen erwartete, der das Schickſal der Famllie des Deportirten in ſeinen Händen hatte. Dieſe ſchrecklichen Beſorgniſſe und die erniedrigende Geringſchätzung, mit weicher Frau Zimmermann und ihre Magd ſie behandelten, ſuchte Louiſen inmitten der Liebkoſungen ihrer Kinder zu vergeſſen, die ſie an jedem Sonntage ſah. Dieſe entſprachen allen ihren Hoffnun⸗ gen; man verehrte Julchen in ſeinem Inſtitute, und Herr Müller, der Kunſttiſchler, lobte den Eifer, die Einſicht und die Gelehrigkeit Alberts, des Muſterlehrlings, wie er ſagte, täglich mehr. Aber wenn dann die Frau des Deportirten ihre Tochter in das Inſtitut und ihren Sohn zu ſeinem Lehrherrn zurückgeführt hatte und Abends in ihren Laden zurückkam, fühlte ſie, wie ihr Herz ſich ſchmerzhaft zuſammenſchnürte, wenn ſie an die grauſa⸗ men Kränkungen dachte, die ihrer harrten; wenn ſie 161 hauptſächlich des ſchändlichen Vorſchlags und der ſchreck⸗ lichen Drehung dieſes Menſchen gedachte, der ſie nach ſeiner Rückkehr aus dem Hauſe jagen laſſen und ſie ſo ihrer letzten Hülfsquelle berauben wollte, wenn ſie ſich weigerte, auf ſeine abſcheulichen Anträge zu hören. Von dieſem Augenblicke der Erwartung an, welche jede Lebensſtunde der Frau des, Deportirten mit Angſt und Entſetzen füllte, wiſſen wir nicht mehr, was ans ihr und ihren Kindern geworden iſt. — — — — Man wird fragen: Warum haben Sie dieſer trau⸗ rigen, aber wahren Geſchichte keine glückliche Löſung beigefügt? Wir haben die Erzählung unterbrochen, weil wir einerſeits ihre wahre Weiterentwicklung nicht kennen und weil wir andererſeits hoffen, dem Leſer eine troſtloſe und fürchterliche Ungewißheit begreiflich, ja fühlbar zu machen, die in dieſen Tagen nicht allein auf dieſer Familie, — — — ſondern auf Tauſenden von Familien laſtet, welche das Mißgeſchick in nicht weniger herzzer⸗ reißende, nicht weniger verzweiflungsvolle Verhältniſſe gebracht durch die Deportation oder die Verbannung ihrer Hänpter, — — — dieſer Männer, deren einziges Verbrechen war, eines Tages im Namen des Rechts das Geſetz vertheidigt zu haben. Ende. 8 14 SEME