— — — —— — — — —ce Leihbiblivthek deutſcher, engliſcher und franzöſiſcher Literatur Gdnard Oltmann in Gießen, Schloßgaſſe Lit. A. Nr. 256. SLeih und eſebedingungen. 1. Oflensein der Bibliothek. Die Bibliothek ſteht zur Em⸗ pfangnahme und Rückgabe der Bücher jeden Tag von Morgens 7 Uhr bis Abends 8 lihr offen. 2. Lesepreis. Bei Rückgabe eines geliehenen Buches wird von jedem Tag 5 Pf bezahlt. Die Zeit eines Tages iſt zu 24 Stun⸗ den angenymmen. S 3. Caution. Unbekannte Perſonen müſſen, bei Entgegennahme eines Buches, eine dem Werthe deſſelben entſprechende Summe 4 hinterlegen, welche bei deſſen Zurückgabe von mir zurückerſtattet wird. 4. Abonnement. Daſſelbe muß voraus bezahlt werden und eträgt: für nnt 2 Bücher: 4 Bücher: 6 Bücher: — auf 1 Monat: 1 Wr. — Pf. 1 Wr. 57 P. 2 W —. 5. Answärtige Abonnenten haben für Hin⸗ und Zurückſendung der Bücher auf ihre eigenen Koſten und Gefahr ſelbſt zu ſorgen. 6. Schadenersatz. 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Dieſes dreimalige Klingeln, das dem Aufziehen des Vorhanges vorhergehend im Herzen von Gilberte wie⸗ dergetönt und tiefe Bangigkeiten darin erweckt hatte, hatte einen nicht minder tiefen Wiederhall im Herzen von Gilbert gefunden; er verglich die drei Töne in ſeiner Bangigkeit mit jenen drei Schlägen, welche die Zeugen eines Duells zur blutigen Stunde des Kampfes langſam in ihre Hände thun. In der moraliſchen Lage, in der er ſich befand, ſah Gilbert nicht einmal mehr eine heiße und entſcheidende Spielpartie in der guten oder ſchlim⸗ men Chance der Aufführung ſeines Werkes: er ſah darin einen Kampf, von welchem ſein Glück, ſeine Zukuntt, ſein Schriftſtellerleben abhängen ſollten. Hinter einer der Couliſſen in einem dunkeln Winkel, wo er weder von den Zuſchauern, noch von den Schauſpielern erblickt wer⸗ den konnte, ſtehend, fühlte er einen Schauer ſeinen Leib durchlaufen, als auf das leichte Geräuſche, das der Vor⸗ hang, ſich gegen die Frieſe emporrollend, macht, jener ſtille Zwiſchenraum von ein paar Secunden folgte, der den am Anfange der Sceue geſprochenen erſten Worten vor⸗ angeht. Dieſer Zwiſchenraum, ſo kurz er war, dünkte Gilbert grauſam lang; denn bei den erſtaunlichen Auf⸗ faſſungsfähigkeiten, welche unſere Sinne in gewiſſen Angenblicken der Aufregung erlangen, hörte er, daß das Stillſchweigen nicht das einer theilnehmenden oder Gilbert und Gilberte. M. 1 — nur unparteiiſchen, oder gar gleichgültigen Erwariung war, ſondern das eiſige Stillſchweigen des Unwillens. Ja, ſchon ehe das erſte Wort der erſten Seene ſeines Dramas geſprochen worden, fühlte Gilbert die außerordentliche Kälte des Publikums, und dieſe Kälte ſchrieb er der launenhaften Stimmung der Menge zu, denn er wußte nichts vom Selbſtmorde von Auguſt Clement, da die Schauſpieler in einer von der Schick⸗ lichkeit gebotenen Zurückhaltung ihn in dem für den Schriftſteller ſo ernſten Angenblick nicht von dieſem trau⸗ rigen Ereigniſſe hatten unterrichten wollen. Dieſer eiskalte Empfang erſchreckte den Dichter . Die erſte Scene ſeines Dramas war von einer kühnen und wie man zu ſagen pflegt, gewagten Originalität. Gerade aber hiedurch konnte ſie eine ergreifende Wir⸗ uf eine ſympathetiſche Zuhbrerſchaft hervorbringen ein feindſeliges Publikum ſchlecht aufgenommen d lächerlich gemacht werden. Dieſe Scene dauerte höchſtens zehn Minuten, und dennoch perlte beim erſten Worte des erſten Verſes, den der Schanſpieler ſprach, chweiß auf der Stirne von Gilbert, ſein Athem e, und das Ohr geſpannt nach dem Saale, von dem ihn eine die Couliſſe bildende leinene Scheidewand trennte, horchte er ... In Folge eben dieſer mächtigen Auffaſſungsfähigkeit, die er der übermäßigen Aufregung des Tages verdankte, hörte er abermals Alles bis auf die ſtummen Eindrücke des Publikums während dieſer Scene; einen Augenblick glaubte er, es ſei Alles ver⸗ loren; Anfangs durch das Stillſchweigen eines außer⸗ ordentlichen Erſtaunens aufgenommen, erregte die Origi⸗ nalität der Expoſition ſodann leichtes Gemurre, ſtellen⸗ weiſe beherrſcht durch die Stimmen einiger wohlwollender Zuhörer, welche riefen: „Hört! hört!“ Doch das für den Augenblick beſchwichtigte Gemurre fieng bald, beſon⸗ ders gegen das linke Centrum des Parterre, mit einem offenbaren Unwillen wieder an. Gilbert erinnerte ſich 1 des Marſeillers, ſeines Exfanatikers, der ſein unver⸗ ſöhnlicher Feind geworden. Auf eine ſehr unerwartete Entwickelung, getragen durch ungefähr zwanzig Verſe voll Energie, Erhabenheit und Schärfe, bewunderungswürdig geſprochen vom Dar⸗ ſteller und religiös angehört, folgte ein langes, billigen⸗ des Gemurmel, das in dieſem Augenblick Gilbert koſt⸗ barer dünkte, als enthuſiaſtiſches Beifallklatſchen . . . Nach dieſen glücklichen Symptomen traten verſchiedene Stillen ein, die einen beunruhigend, die andern bern⸗ higend; es erhoben ſich jedoch noch einige ſchwache Zei⸗ chen der Mißbilligung beim mittleren Centrum des Parterre, zahtreiche Beifallsrufe verkündigten aber eud⸗ lich Gilbert, daß dieſe ſo gewagte Expoſition eine günſtige Anfnahme fand. Der Dichter athmete einen Augenblick. Die Scenen des erſten Acts enthielten kein Wort, keite Si⸗ tuation, wodurch für die Feindſeligkeit des Publikums die geringſte Blöße gegeben war, doch wie viel verſchie⸗ denartige brennende, tiefe Gemüthsbewegungen hatte der Dichter während der abgelaufenen zehu Minuten erlebt! Ach ſo herb, ſo angſtvoll ſie geweſen waren, Gilbert kam bald dazu, daß er ſich nach ihnen zurückſehnte; ſie bewieſen wenigſtens, daß die Expoſition des Werkes Eindruck gemacht, die Zuſchauer ergriffen hatte; doch das Ende des erſten Aets, der zweite und der dritte Aet er⸗ regten weder Billigung, noch Mißbilligung. Sie wurden Anfangs mit einem dumpfen Stillſchweigen und dann mit einer eiskalten Gleichgültigkeit angehört; man ver⸗ nahm vom Theater aus das leichte Geſumme der Ge⸗ ſpräche, die ſich in den Logen angeknüpft hatten, und als der Vorhang fiel, riefen einige Stimmen: „„Genug! genng!““ Nach dem erſten Acte waren die Schauſpieler lä⸗ chelnd und eifrig gekommen und hatten zu Gilbert, der immer hinter einer Couliſſe aufgepflanzt war, geſagt: „Muth . . Alles geht gut.“ „Das Publikum iſt heute Abend teufelmäßig ſtätig, doch die Expoſition hat es hingeriſſen.“ * „Muth! Muth! ... Obgleich das Ende dieſes erſten Acts ein wenig kalt aufgenommen wurde, iſt doch die allgemeine Wirkung vortrefflich.“ Beſorgt, unruhig, vermieden es nach dem zweiten und dritten Acte die Schauſpieler, ſich dem Dichter zu nähern. Einer von ihnen kam indeſſen zu ihm und ſprach: „Noch darf man nicht verzweifeln . . . das Stück kann ſich im vierten Acte wieder heben . . . Doch das wird freilich kein Succeß ſein . . . und wir zählten hierauf! So ſchöne Verſe! Die Situationen allerdings einfach, aber ſo rührend! Welch ein launenhafter und über⸗ ſättigter Sultan iſt doch das Publikum! Es braucht of⸗ fenbar Vitriol, um ſeinen Geſchmack wieder zu wecken. Zum Glück ſind Sie der Mann, der ſeine Genugthuung zu nehmen weiß .. Während Gilbert mit Bitterkeit auf dieſe Alltags⸗ tröſtungen hörte, empfand Gilberte, welche unbeweglich auf ihrem Platze ſaß, einen ſeltſamen Eindruck. Um ihn beareiflich zu machen, wollen wir ein Wort dem Roth⸗ waͤlſch der Couliſſen entlehnen. Die alten Schanſpieler ſagen von gewiſſen Werken, welche große Chancen eines glücklichen Erfolges zu vereinigen ſcheinen: „Ja, das iſt ſchön . .. das iſt ſehr ſchön . . . doch man müßte das bei den Lampen ſehen“ Der in dieſer gemein ſcheinenden Aphorisme enthal⸗ tene Zweifel drückt ein ſehr richtiges Gefühl hinſichtlich der Theaterdinge und des tiefen Unterſchieds des Ge⸗ ſichtspunktes aus, in welchen man ſich ſtellen muß, um ein geleſenes oder dargeſtelltes Werk zu ſchätzen. So bringt ein Werk, das beim Leſen und im Helldunkel der Proben vollendet ſcheint, häufig eine entgegengeſetzte 5 Wirkung hervor, wenn es der blendenden Helle der Scene unterworfen wird. Dieſe Seltſamkeit findet ſich in der phyſiſchen Ordnung wieder; eine Frau von einer feinen, zierlichen, zarten Schönheit, welche von nahe geſehen wirklich reizend iſt, erſcheint oft, wenn nicht häß⸗ lich, doch wenigſtens unbedeutend, verwiſcht, erblickt man ſie bei dem brennenden Lichte des Theaters. So war es mit dem Eindrucke von Gilberte bei der Darſtellung dieſes Drama. Dieſes Werk, das von ihr und dem Dichter in ihren Stunden zarter Vertraulichkeit ſo oft geleſen und wieder geleſen worden war, dieſes Werk, das ſie ſo mit Recht entzückt hatte, dünkte Gilberte, bei der blendenden Helle der Bühne geſehen, farblos, ohne Relief und ohne Leben. Die Liebe der jungen Frau für den Dichter war zu verſtändig und ihr moraliſcher Sinn zu erhaben, als daß ſie nur den Gedanken gehabt hätte, ſich mit einem kindiſchen Trotze gegen die Wirklichkeit zu erheben, mit einem Worte, um unter jeder Bedingung zu be⸗ wundern. Nein, denn ohne das Gefühl offenbaren Wi⸗ derwillens zu mißkennen, das die Strenge des Publi⸗ kums verdoppelte, erſchien dieſe Strenge, die ſich bis jetzt nur durch ein geringſchätzendes und eiſiges Still⸗ ſchweigen kundgegeben hatte, in den Augen von Gilberte gerecht, und es hatte doch, was unbegreiflich, dieſes Schauſpiel, dem das helle Licht des Theaters ſo nach⸗ theilig war, keines von ſeinen wirklichen Verdienſten, von denen ſie beim Leſen deſſelben ergriffen geweſen, verlieren können! Ach! die Urſache dieſes ſcheinbaren Widerſpruchs wurde nur zu bald der jungen Frau durch folgendes Geſpräch enthüllt, auf welches ſie ſtillſchweigend, auf⸗ merkſam und mit Ergebung horchte. „Meine Herren,“ ſagte der alte Stammgaſt, der ſchon vor dem Anfange der Vorſtellung edelmüthig Gil⸗ bert gegen unwürdige Verleum dungen vertheidigt hatte, „ich bin gewiß nicht eines Vorurtheils gegen den Ver⸗ faſſer dieſes Stückes verdächtig, denn ich liebe und be⸗ wundere ſein Talent, allein ich geſtehe, daß außer der Erpoſitions⸗Scene, welche in der That kühn und origi⸗ nell, dieſes Werk bis jetzt aus dem ſrteniſchen Geſichts⸗ punkte beklagenswerth ſchwach iſt. Man findet darin allerdings die ſeltenen Eigenſchaften des Styls unſeres großen Schrifſtellers und eine merkwürdige Erhabenheit der Gedanken; doch alle dieſe auf die Vollkommenheit, auf das Ideate abzielenden Charaktere, dieſe Geſpräche, dieſe Monologe über die zarteſten, aber auch abſtracte⸗ ſten Gefühle der Seele, Alles dies iſt wohl edel gedacht, bewunderungswürdig geſchrieben, doch es iſt auch ver⸗ zweiflungsvoll monoton!“ „Sie könnten ſagen, mein Herr, es ſei grauſam langweilig, tödtend! Ich habe ich weiß nicht wie viel Perſonen gähnen ſehen, um ſich die Kinnbacken auszu⸗ renken. Und, wie man zu ſagen pflegt: „„Wenn man gähnt, vermöchte man nicht zu pfeifen.“ Sehen Sie, dort gähnt eine von den Prinzeſſinnen in der Erinne⸗ rung hinter ihrem Fächer .. Georges Hubert iſt ein todter, begrabener Mann!“ „Und er hat zwei Jahre gebraucht, um ein ſol⸗ ches Meiſterwerk zu zeugen! man muß ihn bemitleiden!“ „Was mich empört, iſt, daß der Mann, der ſo ſchöne Grundſätze zur Schau trägt, die Leute dahin bringt, daß ſie ſich aus Verzweiflung ertränken, und S entführt, um der ſchönen Augen ihrer Caſſette willen.“ „Und ich, wenn ich nicht für einen Capuciner zu gelten befürchtete, würde ſagen, ich ſehe den Finger des Himmels im Falle dieſes Stückes (es wird nicht zu Ende geſpielt werden) . . ein Fall, der in der Weiſe einer himmliſchen Strafe gerade am Tage des Selbſt⸗ mordes dieſes unglücklichen jungen Menſchen ſich er⸗ eignet.“ 7 „Ei! meine Herren,“ verſetzte der alte Stammgaſt, „ich bitte, miſchen wir nicht die Vorſehung in die Ko⸗ mödie! Ich behaupte, was ich geſagt habe: Georges Hubert iſt nicht mehr, als Sie oder ich, verantwortlich für den Tod dieſes armen Wahnſinnigen. Ich glaube, daß der Charakter des ausgezeichneten Schriftſtellers u der Höhe der Gefühle ſteht, die er ſeinen Helden eiht.“ „Mein Herr, Sie ſind ſein Seide *).“ „Ich?“ ſagte der Greis, die Achſeln zuckend. „Ich habe Herrn Georges Hubert in meinem Leben nicht ge⸗ ſehen. Wollen Sie aber wiſſen, was, wenigſtens mei⸗ ner Anſicht nach, die wahre Urſache der offenbaren Ab⸗ nahme iſt, die man in dieſem Werke eines einſt ſo mächtigen, ſo fruchtbaren, ſo kühnen Schriftſtellers findet ?“ „Sprechen Sie, mein Herr.“ „Ich glaube nicht an die ſchmutzigen Laſter, die das Journal, von dem Sie geſprochen, dem Verfaſſer dieſes Stückes andichtet; nein, ich glaube nicht, daß Georges Hubert eine Erbin um ihrer Thaler willen ent⸗ führt hat; doch ich bin ſehr geneigt, zuzugeben, daß unſer großer Dichter ſeit zwei Jahren völlig abgeſchieden von der Welt, unter dem Einfluße einer ohne Zweifel ſeinem Herzen theuren Verbindung, in der Zurückgezo⸗ genheit lebt, und ich glaube den Einfluß dieſer Verbin⸗ dung in dem Werke von heute Abend zu erkennen, — in einem Werke, das ſo ſchwach im Vergleiche mit den vorhergehenden iſt.“ Bei dieſen Worten bebte Gilberte, ließ ſie den Schleier herunter und hörte die Fortſetzung des Geſpräches mit einer unausſprechlichen Angſt an: * Seide, in Voltaire's Mahomet ein dem Propheten blind ergebener Fauatiker. Der Ueberſetzer. „Ah! Sie geben zu, daß Georges Hubert dem Einfluſſe einer Frau unterliegt?“ ſprach einer von den Zuſchauern, welche ſtehend eine Gruppe um den alten Stammgaſt bildeten. „Ei! mein Herr, das iſt es ge⸗ rade, was ich ſagte: Hercules zu den Füßen von Om⸗ phale ſpinnend, Georges Hubert verliebt in ſeine Er⸗ bin, mit ibr Eine Hütte und ihr Herz ſpielend! mit einem Worte, Georges Hubert, wie man zu ſagen pflegt, Haushammel geworden.“ „Ha! ha! ha!“ machten mehrere Zuſchauer. „Das iſt herrlich! ein Dichter vom Kochherde!“ „Eine Hütte und ihr Herz ſpielend, wie drollig! ha! ha! ha!“ „Und der Herr, der den Zeitungsartikel als eine Fabel behandelte, muß ſelbſt anerkennen .. .“ „Ei! meine Herren,“ verſetzte der Stammgaſt, an den man ſich wandte, „legen Sie mir nicht in den Mund, was ich nicht ſage Ich weiß nicht, ob die Perſon, welche ſeit zwei Jahren die Einſamkeit von Georges Hubert theilen ſoll, eine Erbin iſt oder nicht iſt, ob ſie dumm oder geiſtreich, ob ſie häßlich oder hübſch; aber vermöge meines Alters kenne ich die Dinge und die Menſchen. Ich wiederhole alſo, ich möchte beinahe behaupten, daß dieſe Dame ſeit ihrer Verbindung mit Georges Hubert einen ſehr mächtigen Einfluß auf das literariſche Genie dieſes Schriſſtellers üben mußte. Hö⸗ ren Sie mit zwei Worten, warum: gewiſſe große Gei⸗ ſter, — und ich glaube, daß Georges Hubert zu dieſen zu rechnen iſt, da er beſonders Beobachter und für Ein⸗ drücke tief empfänglich, — haben die ſeltene Eigenſchaft, die wechſelreichen, unbegrenzten Anſichten der Menſchheit zu reflectiren, wie der Spiegel die Gegenſtände reflec⸗ tirt. Doch dieſe wunderbare Gabe, welche die Macht der auserkorenen Genies bildet, wird dieſen oft unter gewiſſen Umſtänden nachtheilig, wenn, zum Beiſpiel, ſtatt unabläßig ihre Beobachtungen, ihre Eindrücke durch 9 ein thätiges, abwechſelndes, nach Dingen und Menſchen begieriges Leben zu ernenern und dann in ihre Ein⸗ ſamkeit zurückzukehren, um alle dieſe Elemente zu ver⸗ arbeiten, wie die Biene in ihrer Zelle den Saft von tauſend Blumen verarbeitet, aus denen ihr Honig be⸗ ſteht, dieſe großen Geiſter ſich an den Reiz e ner fried⸗ lichen, gleichförmigen, ſtubenhockeriſchen Exiſtenz gewöh⸗ nen und dadurch, erlauben Sie mir dieſen Ausdruck, verſauern. Was geſchieht dann? Ei! mein Gott, meine Herren, es geſchieht, was Georges Hubert wi⸗ derfährt. Ein Mann der Eindrücke, der Reflexion vor Allem, hat er unwillkürlich in ſeinem Werke von heute Abend die friedliche und ſanfte Einförmigkeit des Lebens reflectirt, das er ſeit zwei Jahren in ſeiner Zurück⸗ gezogenheit führt. Ein Maler nach der Natur, vor Al⸗ lem, hat er lange Zeit nur eine lachende, aber ebene und begrenzte Landſchaft vor Augen gehabt. Wie hätte er Jemand in jenen wechſelreichen, pittoresken Ge⸗ genden mit den weiten, tiefen Horizonten gemalt, die er einſt mit einem ſo wunderbaren Talente reproducirte? Wohl bewahrt er auch dieſes ſeltene Talent der Repro⸗ duction der Natur: hievon zeugt das Drama von heute Abend. Man findet allerdings darin die vortrefflichen Künſtlereigenſchaften des erhabenen Mannes; das Ge⸗ mälde iſt treu, vollkommen wiedergegeben; leider aber iſt die Landſchaft äußerſt monoton. Claude Lorrain, Ruysdael iſt es, trotz ihres Genies, nie eingefallen, ein Gemälde mit einem azurblauen Himmel und einer unun⸗ terbrochen mit Raſen bewachſenen, ſich ins Unabſehbare ausdehnenden Ebene zu machen. Es iſt doch etwas an und für ſich ſehr Angenehmes, auf einer friſchen Wieſe unter einem wolkenloſen Himmel zu luſtwandeln; aber ich wiederhole, das bildet kein Gemälde. Ich will mich indeſſen kurz faſſen, denn man kehrt zum dritten Acte in den Saal zurück. Nach dem, was ich in mehreren von ſeinen glaubwürdigen Biographien geleſen habe, 10 ſtudirte Georges Hubert, ehe er ſeine Lebensart än⸗ derte, wie man ſagt, de visu die verſchiedenſten Claſſen der Geſellſchaft; er vermengte ſich mit ihnen, reiſte, pflegte Umgang mit den Menſchen, beſuchte die Dinge, welche koſtbare Elemente ſeiner tiefen Beobachtung bieten konnten; er ſtählte und erneuerte ſo unabläſ⸗ ſig ſeine Eindrücke; dann brachte er oft ganze Mo⸗ monte in der Einſamkeit zu, beſchwor ſeine noch leben⸗ digen Erinnerungen herauf, und gab uns ſofort eines von den ſchönen und großen Werken, die ſeinen Ruhm gemacht haben, und die ihn gewiß auch noch ferner machen werden, unter einer abſoluten Bedingung: daß er den Muth hat, einen, vielleicht ſeinem Herzen theu⸗ ren, ſeinem Privatleben ſüßen, aber nachtheiligen und gewiß für ſein Genie tödtlichen Einfluß abzuſchütteln.“ „Gut, mein Herr,“ ſagte Einer von denjenigen, welche mit dem alten Stammgaſte ſprachen, „ich erkenne Ihre Ueberlegenheit in der Form, in die Sie Ihre Mei⸗ nung kleiden: was den Inhalt betrifft, ſo kommen Sie auf das zurück, was ich zuerſt geſagt hatte: Georges Hubert mit ſeiner Erbin: Eine Hütte und ihr Herz ſpielend iſt Haushammel geworden! es iſt auch mit ihm vorbei, er iſt abgelaufen, geſtorben und begraben!“ Der Vorhang ging in dieſem Augenblick auf und machte dem Geſpräche ein Ende, — und von dieſem Geſpräche, das für ſie eine erſchreckliche Offenbarung war, hatte Gilberte nicht ein Wort verloren. Die beherzte Frau ſtrafte ihren Muth nicht Lügen; unbeweglich auf ihrem Platze, ließ ſie nur den kleinen Schleier ihres Hutes herunter, um die zunehmende Ver⸗ ſtörung ihrer Züge zu verbergen; ſie trotzte der Gefahr, ſtatt ſie feige zu fliehen: ſie ahnete eine ſehr ſchwere Niederlage. Die beziehliche Schwäche des Werkes in Verbin⸗ dung mit einem unſeligen Zuſammenwirken von Umſtän⸗ 11 den: der Artikel des Spürhunds und der Selbſt⸗ mord von Auguſt Clement, — machten die Strenge des Publikums unbarmherzig; ſodann bot der allgemeine Character dieſes Stückes, ein idealiſirtes Gemälde der reinſten Gefühle, einen ſolchen Contraſt mit der Härte des Herzens und der Habgier, der die Verleumdung den berühmten Schriftſteller beſchuldigte — und das Publikum gefällt ſich immer darin, fromm an die Ver⸗ leumdungen zu glauben, — daß ſich die meiſten Zuſchauer gegen das empören mußten, was ſie die heuchleriſche Frechheit des Verfaſſers nannten. Wie die junge Frau zwei Jahre vorher, die Bühne und den Saal, ſo zu ſagen, mit einem Blicke umfaſſend, Schritt für Schritt der Entwickelung eines Succeſſes ge⸗ folgt war, der, mit einem lebhaften Intereſſe beginnend, ſich bis zur Begeiſterung erhoben hatte, als nach dem letzten Acte die berauſchte Menge dem erhabenen Dichter eine Huldigung darzubringen beſchloß, ſo legte es ſich die junge Frau an dieſem Tage als Sühnung ihres vergangenen Glückes auf, entſchloſſen bei allen Phaſen der demüthigenden Niederlage des Mannes, den ſie an⸗ betete, auszuharren, und müßte ſie jeden Angenblick ihr Herz ſich zerreißen fühlen . . . Sie bielt ſich Wort: blutend ſtieg ſie bis zum Gipfel ihrer Schädelſtätte hin⸗ auf. . Sie ſah ſchon am Anfange des vierten Actes dieſe glänzende und auserwählte Menge die Achſeln zu⸗ cken; ſie ſah eine reizende Frau, welche unfern von ihr im erſten Range ſaß, halb in ihrer Loge aufſtehen und ſich gegen eine benachbarte Loge neigen, und hörte ſie lant zu Freundinnen ſagen: „Aber das iſt erbärmlich! aber das iſt zum Ster⸗ ben langweilig! das ſetzt ſich mir auf die Nerven! .. ich kann es nicht mehr länger aushalten! .. ich gehe!“ „Bleiben Sie doch,“ erwiederte die andere Elegante, „das wird im Gegentheil ſogleich ſehr beluſtigend wer⸗ den man fängt im Parterre ſchon an zu pfeifen.“ 12 Man fing in der That im Parterre ſchon an zu pfeifen. Der Marſeiller, der Exfanatiker des Dichters, den Gilberte erkannte, hatte das Signal zu dieſem höch⸗ ſten Zeichen der Mißbilligung gegeben; ſein Beiſpiel wurde nachgeahmt: nichts iſt anſteckender, nichts electri⸗ ſcher bei den in Maſſe verſammelten Menſchen, als die Verachtung oder die Bewunderung; man pfiff im Par⸗ terre, man pfiff im Orcheſter, man pfiff in den Logen. Beſtürzt, außer Faſſung gebracht, konnten die Schau⸗ ſpieler ihre Rollen kaum ſtammeln. Ein kindiſcher, lächerlicher Vorfall verwandelle das Pfeifen in Geziſche; eine von den Schauſpielerinnen fiel in ihrer Bangigkeit beinahe in den Souffleurkaſten und zog ſich dann haſtig und ganz erſchrocken von die⸗ ſem Schlunde zurück. Auf dieſen Vorfall folgten Ausbrüche wahnſinnigen Gelächters, plumpe Witze, grauſame Anſpielungen auf die Verleumdungen, welche im Saale kreiſten. „Dieſe tugendhaften Rebus ſind ebenſo langwei⸗ lig, als unverſchämt, wenn man an das Privatleben des Verfaſſers denkt“ „Bah! er wird ſich über das Pfeifen dadurch trö⸗ ſten, daß er in den Millionen der Erbin wühlt, die er entführt hat!“ „Er ſuchte die Dunkelheit, ſie kommt zu ihm!!“ „Es iſt wenigſtens der Tod des armen jungen Men⸗ ſchen gerächt, den der Verfaſſer des Stückes in Verzweif⸗ lung gebracht hat!!!“ Die königlichen Prinzeſſinnen, welche, in einem lo⸗ benswerthen Gefühle des Wohlanſtandes, nicht einmal durch ihre Gegenwart in irgend einer Hinſicht an den Demüthigungen Theil nehmen wollten, die man nicht minder über die Perſon als über das Werk des Schrift⸗ ſtellers verhängte, verließen ihre Loge; der Tumult nahm immer mehr zu, und die Schauſpieler waren ge⸗ 13 nöthigt, den Vorhang vor dem Ende des vierten Actes fallen zu laſſen. Da ſchrie der Marſeiller, der Exfanatiker des Dich⸗ ters, mit voller Lunge: „Der Verfaſſer! der Verfaſſer! . . . Dieſer ironiſche Ruf wurde von vielen Zuſchauern mit einer ſo hartnäckigen Heſtigkeit wiederholt, daß nach einigen Minuten eines Höllenlärmes die Schauſpieler, um dem Scandal ein Ziel zu ſetzen, den Vorhang wie⸗ der aufzuziehen befahlen, wonach Einer die drei gebräuch⸗ lichen Verbeugungen machte. Sogleich trat ein tiefes Stillſchweigen ein: die Menge wollte durchaus den Dichter den Kelch der Bit⸗ terkeit bis auf die Hefe trinken laſſen; nichts gefällt dem Publikum ſo ſehr, als ſeine Ideale von einem Tage zu zerbrechen; das Publikum liebt es, ſich an ſeiner eigenen Bewunderung dadurch zu rächen, daß es diejenigen, wel⸗ che es in die Wolken gehoben hat, mit Füßen tritt. Kein Geräuſch bedeckte alſo die Worte des Schauſpie⸗ lers, als er mit zitternder Stimme ſprach: „Meine Herren, das Drama, deſſen Aufführung wir vor Ihnen zu vollenden nicht die Ehre haben konn⸗ ten, iſt von Herrn Georges Hubert.“ Kaum war dieſer ruhmwürdige, bis dahin von Sympathie und Ehrfurcht umgebene Name als Futter der Verachtung der Menge zugeſchleudert, da brach ein Sturm von Pfeifen, Schreien und Ziſchen los, und der Vorhang fiel, um ſich nicht mehr zu erheben. Nun erſt verließ Gilberte ihren Platz. Das Ge⸗ ſicht der jungen Frau verrieth, obgleich angegriffen, ent⸗ fernt keine Niedergeſchlagenheit, keine Schwäche, ſondern es hatte vielmehr einen nachdenkenden, entſchloſſenen, faſt heitern Ausdruck, und als ſie in die mit Zuſchauern ge⸗ füllten Corridors kam, war ihr Gang, wenn auch ein wenig fieberhaft, doch feſt und entſchieden. Sie erreichte raſch das Periſtyl des Theaters und den Platz des Pa⸗ 14 lais Rohal; hier nahm ſie einen Fiacre und ließ ſich nach der Barrière des Invalides führen, um vor Gil⸗ bert in ihre Einſamkeit zurückzukommen. XXII. Gilberte, während ſie nach der Wohnung zurück⸗ kehrte, wo ſie zwei Jahre lang ein ideales Glück genoſ⸗ ſen hatte, verlor ihre Zeit nicht mit elegiſchen Verglei⸗ chungen zwiſchen dieſer Fahrt und der, welche ſie einſt, noch triumphirend wegen des Sieges ihres göttlichen Dichters, obgleich ihm unbekannt, gemacht hatte. Gil⸗ berte ſchaute muthig der Wirklichkeit ins Geſicht, ſo furchtbar ſie war, und berechnete alle Folgen derſelben mit Ruhe und Ueberlegung. Der Abend war mild; die junge Frau ſtieg beim Anfange der Allee aus, um mit voller Lunge die friſche Luft einzuathmen und ihre fieberhafte Aufregung da⸗ durch zu beſchwichtigen, daß ſie den Weg, der zu ihrem Hauſe führte, vollends zu Fuß machte. Dieſer Spazier⸗ gang von einer Viertelſtunde, in der Stille und Heiter⸗ keit der Nacht, erquickte die Seele von Gilberte und ſtählte wieder ihre Kräfte, deren ſie ſo ſehr bedurfte. Sie kam zu einer Biegung der Allee ein paar Schritte von ihrem Hauſe, als ſie die Helle wahrnahm, welche von den Laternen eines bei der kleinen durchbrochenen Thüre haltenden Wagens herrührte; zwei Männer rauch⸗ ten dabei ihre Pfeife und plauderten mit dem Kutſcher. Ohne ſich viel um dieſen Umſtand zu bekümmern und nur bedenkend, wie läſtig ein Beſuch ſein müßte, den die Gegenwart dieſes Wagens anzukündigen ſchien, ſagte Gilberte mit einem bitteren Lächeln zu ſich ſelbſt: „Ah! es wird mir ohne Zweifel hier irgend ein Freund zuvorgekommen ſein, der eiferſüchtig darauf bedacht iſt, zuerſt ſeine Trö ſtungen dem ausgepfiffe⸗ nen Dichter zu bieten.“ Und ſie zog die Klingel. Frau Catherine, welche ſich nach ihren verſchiedenen Verwunderungen am Tage am Ende an die erſtaunliche Entdeckung, „Herr Dumesnil, der beſcheidene Beamte, den ſie für einen Secretaire gehalten, ſei ein berühmter Dichter,“ gewöhnt hatte, Frau Catherine lief herbei und öffnete die Thüre.. „Frau Catherine,“ fragte die junge Frau, „iſt mein Mann zurückgekommen?“ „Nein, Madame.“ „Iſt Jemand im Hauſe? Ich habe ſo eben einen Wagen bei der Hecke geſehen.“ „Madame, vor ungefähr einer Stunde ſind zwei Herren von ſehr reſpectablem Ausſehen (der Eine iſt decorirt und trägt einen dicken grauen Schnurrbart), hier⸗ her gekommen und haben nach dem Herrn gefragt; ſie ſagten, ſie müſſen ihn in einer ſehr wichtigen Angelegen⸗ heit ſprechen und werden ſeine Rückkehr abwarten; ich ließ ſie in das Cabinet des Herrn eintreten, und dort ſind ſie in dieſem Angenblick.“ Ziemlich verdrießlich über dieſen Beſuch, den ſie beim Anblick des Wagens geahnet hatte, durchſchritt Gil⸗ berte den Garten, ſtieg die Stufen der kleinen Freitreppe hinauf, ging durch das Speiſezimmer und trat in das Arbeitscabinet des Dichters ein, wo zwei Männer, ſitzend und der jungen Frau den Rücken zuwendend, plauder⸗ ten. Sie wich einen Schritt zurück, ſtieß einen Schrei des Erſtaunens aus und rief: „Mein Vater!“ Herr Rapin (er war es in Geſellſchaft des General Ponſſard) kreuzte ſeine Arme auf ſeiner Bruſt, nahm ſo viel als möglich die majeſtätiſche Haltung eines be⸗ leidigten Vaters an und rief mit ſeiner tiefſten Gräber⸗ ſtimme: 16 „Endlich finde ich Dich wieder, entartete Tochter!“ „So ſeinen alten Vater verlaſſen!“ fügte der alte Duellant mit einem nicht minder tragiſchen Tone bei, „ſeine weißen Haare entehren! Ah! mein Fräulein! .. mein Fräulein!“ Anfangs mehr verblöfft, als erſchrocken beim An⸗ blick ihres unglücklichen Vaters erwiederte Gil⸗ berte nichts auf dieſe Vorwürfe, und als ihr erſtes Er⸗ ſtannen vorüber war, blieb ſie einige Augenblicke in Ge⸗ danken verſunken. Bei der Thüre ſtehend, den Blick ſtarr auf den Boden geheftet, löſte ſie langſam und bei⸗ nahe maſchinenmäßig das Band ihres Hutes und ſchien dabei ſo ganz gleichgültig gegen die Anweſenheit ihres Vaters, als ob er gar nicht da geweſen wäre. Beſtän⸗ dig einer maſchinenmäßigen Bewegung gehorchend, denn während ſie handelte, war ihr Geiſt anderswo, durch⸗ ſchritt dann die junge Frau das Cabinet, ging an Herrn Rapin vorbei und legte ihren Hut auf einen Schrank, bei welchem ſie einei Angenblick, immer ſtillſchweigend und nachdenkend, ſtehen blieb. Der ehemalige Proviantmeiſter hatte, wie die Schau⸗ ſpieler ſagen, ſeinen Effect ganz verfehlt. Vergebens hatte er die Arme auf ſeiner Bruſt gekreuzt und ausge⸗ rufen: „Endlich finde ich Dich wieder, entartete Tochter!“ Vergebens hatte der General Pouſſard, um die Situa⸗ tion zu verſtärken, beigefügt: „So ſeinen alten Vater verlaſſen!“ Die entartete Tochter ſchien weder dieſe nie⸗ derſchmetternden Worte gehört, noch die majeſtätiſche Stel⸗ lung von Herrn Rapin wahrgenommen zu haben, und, was noch ernſter in den Augen von dieſem, die ent⸗ artete Tochter ſchien nachdenkend, aber durchaus nicht beunruhigt durch die unerwartete Anweſenheit ihres Va⸗ ters zu ſein Der Raufer ſagte auch zu ſeinem Freunde: „Deine verteufelte Tochter ſinnt auf einen hinterli⸗ ſtigen Streich; halten wir uns zur Parade bereit.“ 7 17 „Es iſt nichts zu befürchten,“ erwiederte ebenfalls leiſe Herr Rapin, „die zwei Polizeiagenten ſind mit dem Kutſcher in der Allee; ſie werden auf den erſten Wink herbeieilen, und unſer Mann iſt noch nicht nach Hauſe gekommen. Aber,“ fügte er bei, indem er auf ſeine Tochter deutete, „ſieh doch dieſe Unverſchämte! NRicht ein Wort des Bedauerns, der Reue, des ... Herr Rapin wurde plötzlich von ſeiner Tochter un⸗ terbrochen, welche, nachdem ſie lange überlegt hatte, ſich ihm näherte und mit ſehr ruhigem Tone zu ihm ſprach: „Mein Herr, ich erwartete nicht, Sie wiederzu⸗ ſehen. Was wollen Sie von mir? Ich bitte, reden Sie Ich höre.“ „Wie, entartete Tochter! Du hörſt mich an? das iſt eine ſchöne Gnade, die Du mir erweiſeſt.“ „Ah! mein Fräulein,“ ſetzte der General Pouſſard hinzu, „nachdem Sie die weißen Haare Ihres alten Va⸗ ters entehrt haben . . wagen Sie es!“ „Ich weiß nicht, wer Sie ſind, mein Herr,“ erwie⸗ derte Gilberte, die den General über die Achſel on⸗ ſchaute, „doch dieſem Herrn antworte ich . . .“ und ſie wandte ſich gegen den ehemaligen Proviantmeiſter um, „ich antworte dem Herrn, daß ich noch einmal bereit bin, ihn anzuhören.“ „Das iſt eine Unverſchämtheit ohne Gleichen!“ rief Herr Rapin. „Du Unglückliche! Du vergiſſeſt alſo di „Weit entfernt, zu vergeſſen, erinnere ich mich viel⸗ mehr!“ ſprach die junge Frau, Herrn Rapin mit Würde unterbrechend . . . „Ja, ich erinnere mich, daß Sie das Andenken meiner Mutter geſchmäht und mir gedroht haben, mich aus Ihrem Hauſe zu jagen, wozu Sie, wie Sie ſagten, berechtigt wären, weil ich nicht Ihre Tochter ſei.“ „Unglückliche!“ Gitvert und Gilberte. n. 2 18 „Nein, ich werde nie glauben, mein Herr, daß ein Mann die ruchloſe Keckheit hat, eine Frau nach ihrem Tode zu verleumden. Ich werde nie glauben, daß ein Vater den gottloſen Muth hat, zu ſeinem Kinde zu ſa⸗ gen: „„Verlaſſe mein Haus, Du biſt nicht meine Toch⸗ ter!““ Sie ſprechen von Ihren grauen Haaren, mein Herr! Ah! ich achte Sie dur zu ſehr, obgleich wir ein⸗ ander fremd ſfind, um Sie einer ſchändlichen Lüge fähig zu halten! Rein, ich bin nicht Ihre Tochter! Ihre harte Behandlung während meiner Kinderjahre, die völlige Verlaſſenheit, der Sie mich preisgaben, der gänzliche Mangel an Zuneigung zu Ihnen bei mir, Alles beweiſt mir, daß Sie wahr geſprochen. Nein, ich bin nicht Ihre Tochter! Doch Perſonen, die einander fremd, aber ſich durch gewiſſe Umſtände nahe gebracht worden ſind, können ſich, wie mir ſcheint, ruhig beſprechen. Ich habe Ihnen auch geſagt, mein Herr, ich ſei bereit, Sie anzuhören.“ „Ah! dieſes ſchlaue Perſönchen wird nicht ſehr be⸗ quem zu bändigen ſein,“ ſagte leiſe der Raufer zu ſeinem Freunde; „ſie hat eine hölliſche Dreiſtigkeit. Laß uns feſthalten, mein Alter!“ Herr Rapin warf ſeinem Gefährten einen Blick zu, der zu ſagen ſchien: „Sei unbeſorgt!“ Und er pflanzte ſich abermals mit einer olympiſchen Majeſtät vor Gilberte auf, welche immer ruhig und nach⸗ denkend, und ſprach: „Mademviſelle, kennen Sie das Geſetz?“ „Welches Geſetz, mein Herr?“ „Den Civil⸗Coder.“ „Nein, mein Herr.“ „Nun wohl! das Geſetz ſagt: 1s patèr est quem uuptiae demonstrant. Dies bedeutet: „„Derjenige iſt der Vater, welcher durch ſeine Heirath dafür angeſehen wird.“ 19 „Weiter, mein Herr?“ „Weiter, Mademoiſelle?“ „Ja, mein Herr, weiter?“ „Aus dieſer Verfügung des Geſetzes folgt, daß ich alle meine Rechte über Sie bis zu Ihrer Volljährigkeit behalte. . . . mögen Sie nun meine Tochter ſein oder nicht ſein . Dies, Mademoiſelle, folgt daraus.“ „Ah! ſehr gut!“ erwiederte Gilberte. Und ſie dachte lange nach und ſprach dann: Von Ihren Rechten über mich wollen Sie wahr⸗ ſcheinlich Gebrauch machen, mein Herr?“ „Nicht wahrſcheinlich, ſondern gewiß. Verſtehen Sie?“ „Ich verſtehe vortrefflich . . . Sprechen Sie, ich höre Sie.“ „Sie kommt immer hierauf zurück!“ rief der Gene⸗ ral mit Entrüſtung. „„Sprechen Sie, ich höre Sie.““ Es iſt eine wahre Audienz, was ſie uns bewilligt.“ Und er murmelte zwiſchen ſeinen Zähnen: „Ah! wenn ſich die Sache ordnet, wie werde ich dieſem Perſönchen die Zügel ſtraff zu halten wiſſen!“ „Da Sie mir die Gnade erweiſen, mich anzuhören, Mademoiſelle,“ ſagte der ehemalige Proviantmeiſter mit einem giftigen Lächeln, „darf ich hoffen, daß Sie auch die Gnade haben werden, auf meine Fragen zu antworten?“ „Allerdings, mein Herr.“ „Sind Sie mit dem Manne verheirathet, mit wel⸗ chem Sie ſeit zwei Jahren die Wohnung theilen?“ fragte der Proviantmeiſter. Und Herr Rapin und ſein Freund warteten mit Bangigkeit auf die Antwort der jungen Frau, welche einfach erwiederte: „Nein, mein Herr, ich bin nicht verheirathet.“ Die zwei Freunde wechſelten einen Blick des Trium⸗ phes, den ſie kaum zu beherrſchen vermochten. Herr Rapin ſagte indeſſen: 20 „Mademoiſelle, nehmen Sie ſich in Acht, man täuſcht mich nicht ungeſtraft. Ich habe mir allerdings die Trauungsregiſter der Arrondiſſements von Paris und der Bannmeile vorlegen laſſen und keine Spur von Ihrer Verheirathung gefunden. . .“ . „Ei! beim Teufel! man heirathet auch anderswo als in Paris, rief der General, „und es iſt ſehr ſchwer in den vierundvierzigtauſend Mairien von Frankreich außer Zweifel zu ſetzen, ob . . .“ „Mein Herr,“ ſprach Gilberte, den General unter⸗ brechend, zum ehemaligen Proviantmeiſter, „Sie haben eine Frage an mich gerichtet, ich habe geantwortet; das iſt genng: ich habe in meinem Leben nicht gelogen.“ „Gut! ich glanbe Ihnen. Sie leben wie in der Ehe mit Ihrem Verführer. Wiſſen Sie nun, Made⸗ moiſelle, wie das Geſetz dieſe reizenden Liebesverführun⸗ gen qualificirt?“ „ „Das Geſetz hat, wie mir ſcheint, nichts hier zu un.“ . „Wahrhaftig! es ſcheint Ihnen ſo? Nun wohl! Mademoiſelle, das Geſetz und ſeine Agenten haben im Gegentheil ſehr viel hier zu thun; denn die Verführung, deren Opfer Sie geweſen ſind, wird als Entwendung einer Minderjährigen qualificirt, wenn das verführte Mädchen weniger als einundzwanzig Jahre alt iſt . . . und Sie ſind erſt neunzehn.“ „Und dann, mein Herr?“ „Und dann, Mademoiſelle, verurtheilt das Geſetz den Verführer zu einigen Jahren Galeeren oder wenig⸗ ſtens zu ein paar Jahren Einſperrung in ein Gefängniß. Ah! ah! Sie erbleichen, Mademsiſelle?“ „Es iſt wahr, mein Herr ich erbleiche ein wenig ich fühle . . .“ „Seien Sie ruhig, ich werde Sie ſogleich ganz erbleichen machen,“ ſagte Herr Rapin mit einem grau⸗ ſamen Lächeln. 21 Und er ſuchte in ſeiner Taſche und zog eine kleine Ausgabe vom Civil⸗Codex heraus, in den er am Schnitte ein Merkzeichen geſteckt hatte; er öffnete ſodann den Band bei dieſer Stelle, hielt ihn Gilberte vor die Augen und fügte bei: „Leſen Sie dies, Mademviſelle, und Sie werden ſich überzeugen, daß das, was Sie vielleicht für eine leere Drohung gehalten haben, eine Wirklichkeit iſt. Ich hege auch die ſüße Hoffnung, daß Sie bald völlig erblei⸗ chen. Sie werden mir ohne Zweifel antworten, der berühmte Mann, der erhabene, der unſterbliche Mann (Eer iſt bei Gott von der Academie dieſer ſchöne Herre), mit dem Sie leben, habe keine Gewalt gegen Sie gebraucht, er habe Sie nicht ihren Pflichten abſpän⸗ ſtig gemacht, Sie haben ſich ihm ſchmählicher Weiſe an den Hals geworfen . . . wie ich dies wohl glaube Das iſt gut. Sie werden beifügen, von mir der Entführung meiner Tochter bezüchtigt, werde dieſer Herr (den man vorläufig, als des Verbrechens der Entwendung einer Minderjährigen angeklagt, unter Schloß und Riegel ge⸗ bracht hat), vielleicht freigeſprochen werden . . . Ich gehe weiter: ich nehme an, daß er wirklich freigeſprochen wird. Sehr gut. . . . Doch das Aufſehen, doch der Scandal, doch die Schande eines über Ihren theuren, angebeteten Dichter verhängten Criminaiproceſſes, rechnen Sie das für nichts? Nein . oh! . . nein . . . denn „ wie ich vorhergeſagt, Sie erbleichen völlig und ſehen nun aus wie eine Todte.“ Herr Rapin ſprach die Wahrheit: Gilberte wurde todesbleich, indem ſie an die erſchrecklichen Folgen eines über den Mann, welchem ſie mit der innigſten Liebe ergeben war, verhängten Criminalproceſſes dachte! — ein doppelt beklagenswerther und ärgerlicher Proceß, in dieſem Augenblicke beſonders, wo die getäuſchte öffentliche Meinung ſich gegen den berühmten Schriftſteller entfeſſelte. Und dieſer neue gräßliche Schlag ſollte ihm in 22 ihrem Namen und ihretwegen verſetzt werden! . . Die junge Frau, nachdem ſie vor Schmerz und Schrecken erbleicht war, ſchloß ſachte den Civil⸗Coder wieder, über⸗ legte abermals lange, gab den Band Herrn Rapin zu⸗ rück und ſagte zu ihm mit einer Stimme, welche bei⸗ nahe wieder ruhig geworden: „Mein Herr, Sie kommen hierher und bedrohen mich mit dieſem Proceß, um etwas von mir zu erlangen. Erklären Sie ſich.“ „Es iſt wahrhaftig ein Vergnügen, mit Ihnen zu verhandeln, Mademoiſelle, Sie gehen gerade und ohne Phraſen auf das Ziel los. Nun denn! hören Sie, wie ch die Sache verhält: vor Allem werden Sie dieſes Haus verlaſſen und mir folgen.“ „Ihnen folgen, mein Herr? Ihnen folgen . „Ah! ſchreien Sie nicht auf! Die Polizeiagenten ſind in der Allee bein Wagen.“ „Man braucht ſie nur zu benachrichtigen, — das übernehme ich,“ fügte der General Pouſſard bei, „und ſie ſind in einer Minute hier, wenn es nöthig iſt, Gewalt anzuwenden, um Sie aus dieſem Hauſe wegzuführen.“ „Keinen unnützen Widerſtand alſo!“ ſagte Herr Rapin;“ ich verhalte mich ganz nach der Ordnung; das Geſetz gewährt ſeinen Beiſtand dem Vater, welcher ſeine minderjährige Tochter dem Eutführer entreißen will, der ſie ihren Pflichten entfremdet hat. Gutwillig oder mit Gewalt werden Sie mir alſo folgen.“ „Es ſei, mein Herr,“ erwiederte Gilberte mit feſter Stimme „Und was werden Sie dann mit mir machen?“ „Ich will es Ihnen ſagen. Sie begreifen, daß es in dem Verhältniß, in welchem wir zu einander ſtehen, und nach Ihrer Entweichung fortan unmöglich für uns iſt, wieder beiſammen zu leben.“ „Das iſt auch meine Anſicht.“ „Dieſer rührende Einklang macht mich ſehr glücklich 23 Sie haben alſo zu wählen zwiſchen einem Kloſter bis zu einer unbeſtimmten Zeit. . .“ . „Bis zu meiner Volljährigkeit, denke ich?“ „Nein, beim Teufel! nein! Ihre ſchmählichen Streiche ſind mehr als hinlängliche Motive, daß ich, einen Fami⸗ lienrath verſammelnd, Ihre Interdiction erhalte, das heißt, die unbeſtimmte Verlängerung Ihrer Minderjäh⸗ rigkeit, ſowie meiner Vormundſchaft, — mit anderen Worten, den Fortbeſtand meiner unumſchränkten Rechte über Sie. Ohl der Codex ſpricht ſich förmlich aus . . . Wollen Sie ihn leſen? das iſt, wie Sie ſehen, eine ſehr intereſſante Beſchäftigung. Man lernt ſo viele Dinge aus dem Codex! Und dann überdies .. früher liebten Sie die Lecture ſo ſehr!“ „Mein Herr, ich werde alſo wählen müſſen zwiſchen dem Kloſter und . . und . . . was?“ „Und dem Heirathen .. „Heirathen?“ „Ja, Mademoiſelle.“ „Heirathen?“ wiederholte Gilberte. Dieſes Wort ſchien ſie nicht zu erſchrecken, wohl aber plötzlich in Ihrem Geiſte neue und tiefe Gedanken entſtehen zu machen. „Das iſt drollig,“ ſagte leiſe der General zu Herrn Rapin; „wir waren darauf gefaßt, Deine Tochter nur bei dem Gedanken, ſich zu verheirathen, ein lautes Geſchrei erheben zu hören, und nun ſträubt ſie ſich gar nicht beſonders.“ „Und doch,“ ſagte Gilberte nachdenkend und mit ſich ſelbſt ſprechend, „heirathen .. . „Oh! ich ſehe wohl, wo Sie der Sattel drückt,“ verſetzte Herr Rapin mit einem grauſamen Lächeln, „Sie denken an Ihren lieben Dichter; Sie „Ganz richtig, mein Herr, ich dachte an ihn,“ ſprach die junge Frau, während ſie ihren edlen Kopf, an welchem die Inſpiration der Hingebung und des 24 Opfers bis zum Märtyrthum ſtrahlte, hoch aufrichtete; „ja, ganz richtig, ich dachte an meinen theuren, angebe⸗ teten Dichter, und ich glaube auch, daß wir uns ver⸗ ſtändigen können.“ „Uns verſtändigen!“ rief Herr Rapin erſtaunt über dieſe Nachgtebigkeit, auf welche er ſo wenig rechnete; „uns verſtändigen . . . in Betreff . dieſer Heirath?“ „Ja,“ ſprach Gilberte immer nachdenkend, ja, wit werden uns vollkommen verſtändigen können . ..“ „Alſo, mein Fräulein,“ rief der General Pouſſard, würden einwilligen, ſich zu verheirathen?“ Es könnte wohl ſein,“ erwiederte Gilberte, ohne den General anzuſchauen und immer in Gedanken ver⸗ ſunken, — „ich ſage nicht nein.“ Das heißt,“ verſetzte Herr Rapin, der ſich kaum von ſeineim Erſtaunen erholen konnte, „das heißt, Sie würden eine von mir gewählte Perſon heirathen . . .“ „Ei! was iſt denn mir an der Perſon gelegen!“ rief Louiſe die Achſeln zückend. Und ſie neigte den Kopf auf ihren wogenden Buſen und fügte mit ſich ſelbſt ſpre⸗ chend bei: „Ja, dies iſt das einzige Mittel.“ Plötzlich bebte ſie, horchte gegen den Garten hin, lief nach dem Fenſter, öffnete es, neigte ſich hinaus, horchte wieder und hörte das noch entfernte Geräuſch eines Wagens, der durch die Allee kam. „Er iſt es!“ ſagte Gilberte lebhaft, „zu dieſer Stunde kann nur er es ſein! Und ſie ſchloß das Fenſter wieder, wandte ſich an Herrn Rapin und ſprach: „Mein Herr, bewilligen Sie mir eine Stunde .. Dann verlaſſe ich dieſes Haus, ich begleite Sie und Sie wer⸗ den über mein Schickſal verfügen: ich verſpreche Ihnen Sie wiſſen, daß man auf mein Wort ver⸗ trauen kann ich verſpreche Ihnen, zu heirathen, wen Sie wollen.“ „Keine Bedingungen! Sie ſtellen mir eine Falle,“ 6 25 rief Herr Rapin. „Sie werden mir auf der Stelle gut⸗ willig oder mit Gewalt folgen.“ „Sie zählt auf Ihren Schreiber, der ſie vertheidi⸗ gen ſoll!“ rief der Runfer. „Ah! ale Teufel! er mag kommen!“ „Mein Herr, nehmen Sie ſich in Acht!“ ſagte Gil⸗ berte zum ehemaligen Proviantmeiſter. „Sie kennen die Entſchloſſenheit meines Charakters: ſchlagen Sie mir ab, was ich von Ihnen verlange, ſo werde ich nie zu der Heirath einwilligen, zu der Sie mich beſtimmen wollen aus Gründen . aus Gründen .. die ich vielleicht errathe.“ „Welche Gründe?“ „Mir ſcheint, ich habe einſt von einigen Ihrer Freunde ſagen hören, meine Mutter ſei reich geweſen, ihr Vermögen müſſe eines Tags mir gehören, und Sie haben ſich in gewagte Speculationen eingelaſſen.“ „Mademviſelle!“ „Mein Herr, ich keune das Geſetz nur wenig, wie Sie ſehen konnten, doch mir ſcheint, es muß ſich nicht minder ſtreng gegen die ungetreuen Vormünder, als gegen die Verführer von Minderjährigen zeigen.“ „Wie! unwürdige Tochter! Du wagſt es, mich im Verdachte zu haben. . . .“ „Dieſen Verdacht, mein Herr, haben Sie erregt durch Ihre Drohungen, wenn ich mich gegen eine Heirath ſtränbe, welche ohne Zweifel ſehr Ihren Intereſſen ent⸗ ſpricht. Ich wiederhole Ihnen nun, nehmen Sie ſich in Acht! Wenn Sie mich mit Gewalt von hier wegführen wollen, wenn Sie Ihre Gegenwart in dieſer Wohnung bemerkbar machen, während der letzten Unterredung, die ich mit dem Manne haben will, dem ich mein Leben geweiht, den ich nun für immer zu verlaſſen im Begriffe bin; wenn Sie endlich nicht einwilligen, mich in dieſem Zimmer zu erwarten, wohin ich zurückkehren werde um Ihnen zu folgen und mich in Ihren Willen zu fügen, 26 ſo wird dieſe Heirath nicht ſtattfinden, das ſchwöre ich Ihnen bei Gott!“ Mademoiſelle!“ „Zweifeln Sie an meinem Worte? Nun wohl, wenn ich mit Herrn Georges Hubert in den obern Stock hin⸗ auf gegangen bin, bleiben Sie unten an der Treppe. Die oberen Zimmer haben keinen andern Ausgang; ich kann Ihnen alſo nicht entkommen.“ In ihrem Mißtrauen gegen Gilberte zögerten Herr Rapin und ſein Freund noch, ob ſie ſich in ihr Verlan⸗ gen ergeben ſollten. Da ſie indeſſen die Hartnäckigkeit ihres Characters kannten, ſo beriethen ſie ſich leiſe, als man an der Gartenthüre klingeln hörte. Die junge Frau rief Herrn Rapin zu: „Entſcheiden Sie ſich nun, mein Herr, willigen Sie zu dem ein, was ich fordere, ſo nehme ich dieſe Lampe mit. Laſſen Sie die Thüre des Salon ein wenig of⸗ fen, und aus der Finſterniß, in der Sie bleiben werden, ohne Ihre Gegenwart zu verrathen, können Sie mich mit Georges Hubert da hinaufſteigen ſehen; Sie erwar⸗ ten mich dann unten an der Treppe. Ich vermöchte Ihnen ſo nicht zu entkommen und verlange nur eine Stunde von Ihnen.“ „Gut, Mademoiſelle, doch glauben Sie nicht, mich hintergehen zu können,“ erwiederte der ehemalige Pro⸗ viantmeiſter in dem Augenblick, wo Tritte in der Rich⸗ tung der Freitreppe hörbar wurden. Gilberte ergriff die Lampe, ließ Herrn Rapin und den Raufer in der Finſterniß des Arbeitscabinets und ging dem Dichter entgegen. „Großer Gott! dachte ſie, „hat Frau Catherine von der Anweſenheit dieſer zwei Fremden geſprochen, ſo iſt Alles verloren.“ Kaum kam die junge Frau, nachdem ſie das Speiſe⸗ zimmer durchſchritten hatte, auf die Freitreppe, als ſie 27 ſich dem Dichter gegenüber ſah. Frau Catherine folgte ihm und ſagte zu Gilbert: 2 „Herr aber, Herr . . hören Sie mich denn nicht? Ich habe vergeſſen, Ihnen zu melden, daß zwei „„ „Es iſt gut, es iſt gut, Frau Catherine,“ unter⸗ brach Gilberte die Dienerin, „es iſt ſehr ſpät. . . Keh⸗ ren Sie nach Hauſe zurück; wir bedürfen heute Abend Ihrer Dienſte nicht mehr.“ Dann ſchloß ſie die Thüre hinter Frau Catherine, wandte ſich gegen Gilbert um, der verdrießlich, niedergebeugt, ohne ein Wort von dem zu hören, was ihm Catherine geſagt, den Garten durchſchritten hatte, und ſprach zu dem Bichter, dem ſie, ihm leuchtend, auf der Treppe voranging: „Mein Freund, wenn Du willſt, gehen wir in unſer Zimmer hinauf. Du mußt ſo ſehr Ruhe nöthig haben!“ „Laß uns hinaufgehen,“ erwiederte Gilbert nieder⸗ geſchlagen. . In der Dunkelheit verborgen, ſahen nun Hetr Ra⸗ pin und der General den Dichter und ſeine Gefäbrtin 1 ie hinaufſteigen, welche zum oberen Stocke ührte. XXIII. Kaum war der Dichter in das Schlafzimmer im erſten Stocke eingetreten, als er ſich in die Arme der jungen Frau warf und mit dem ſchmerzlichſten Tone ausrief: „Der unglückliche junge Menſch, der heute bei mir geweſen iſt, hat ſich das Leben genommen! Das iſt entſetzlich!“ „O edle, große Seele!“ ſprach Gilberte, indem ſie Gilbert leidenſchaftlich an ihr Herz drückte. „Du ver⸗ —— 28 giſſeſt Deine demüthigende Niederlage, um nur an den Tod des armen Knaben zu denken!“ „Ich habe ihn getödtet!“ murmelte der Dich'er, während die lange zurückgehaltenen Thränen im Erguſſe ſeiner Zärtlichkeit und ſeines Vertrauens floßen. „Ich hätte ihm nicht ſogleich die Wahrheit ſagen müſſen! ich mußte mit mehr Schonung bei meinem Tadel zu Werke gehen, nicht mit einem Worte ſeine unſchuldigen Illuſio⸗ nen vernichten! meine rohe Offenherzigkeit hat ihn in Verzweiflung gebracht! Armes Geſchöpf! ich ſehe noch ſein ſanftes, bleiches Geſicht, ſeinen ſchwermüthigen Blick ſein kummervolles Lächeln . . . und ich! ich habe ihn getödtet! Oh! das iſt gräßlich! gräßlich!“ „Mein Gott! Du klagſt Dich an, vergiſſeſt aber die anbetungswürdige Milde und Güte Deiner Worte. Der liebendſte, der erleuchtetſte Vater würde zu dieſem Unglück⸗ lichen nicht anders geſprochen haben, als Du!“ „Ei! was iſt daran gelegen?“ verſetzte ſchluchzend der Dichter, er hat ſich getödtet!“ „Mein Freund, ich bitte, beruhige Dich; was konn⸗ teſt Du thun? Unſelige Hoffnungen in ihm anregen? Du haſt es ihm geſagt: das hieß ihn einer Exiſtenz voll Schmerzen, der Täuſchungen und des Jammers preis⸗ eben!“ „Ach! er würde wenigſtens leben!“ „Und welches Leben würde er leben? und was be⸗ weiſt Dir, daß er bei ſeiner erſten Enttäuſchung nicht auch eine Zuflucht im Tode geſucht hätte?“ „Ich wäre wenigſtens unſchuldig an dieſem Morde! Oh! das wird für mich ein ewiger Gewiſſeusbiß ſein!“ rief Gilbert. Und er verbarg ſein Geſicht in ſeinen Hän⸗ den und murmelte mit einer von den Thränen erſtickten Stimme: Laß mich weinen, das wird mich erleichtern. Ah! armes Kind! armes Opfer!“ So in ſeinen Schmerz verſunken und halb auf ei⸗ nem Canaps liegend, auf deſſen Kiſſen er ſeine Stirne 29 ſtützte, ließ der Dichter Gilberte in einiger Entfernung von ſich ſtehen. Einen Seufzer unterdrückend und einen heldenmüthi⸗ gen Entſchluß aus ihrer Ergebenheit ſchöpfend, die ſie bis zum Opfer, bis zum Märtyrthum treiben ſollte, betrachtete die junge Frau Gilbert mit einer unaus⸗ ſprechlichen Rührung und ſagte zu ſich ſelbſt: „Lebe wohl, mein angebeteter Dichter! lebe wohl Seele meiner Seele! lebe wohl, mein Leben! Oh! geſegnet ſei der Tag, an dem ich den Muth hatte, zu widerſtehen der Hoffart, Deine Frau zu werden und auf immer Dein Geſchick an das meinige zu feſſeln! Wie groß wäre in dieſem Augenblick meine Verzweiflung! Dieſe Freiheit, die Deine Stärke und Deinen Ruhm bildete, dieſe Freiheit könnte ich Dir heute nicht zurück⸗ geben, und überdies wäreſt Du zu großmüthig, um ſie anzunehmen! Oh! ich erkenne es, der Eiufluß meiner Liebe iſt unglückſelig für Dein Genie geweſen! Man ſagte es heute Abend um mich her, und man ſprach die Wahrheit. Ja, Dein letztes Drama, dieſes Werk, das wir in unſerer Einſamkeit ſo oft voll Wonne geleſen und wieder geleſen, als das theure Kind unſerer Liebe gehätſchelt haben, dieſes Werk hat mir ſelbſt heute Abend beim erſchrecklichen Glanze der Bähne bleich und ein⸗ förmig geſchienen bleich wie meine Stirne . . einförmig wie meine ewige Ergebenheit für Dich!! Ein Wort beſonders hat man geſprochen, ein rohes, cyni⸗ ſches, aber tief richtiges Wort: Georges Hubert Haushammel geworden! Oh! ich wußte es wohl, als ich mich weigerte, Dich an mich durch die unauflös⸗ lichen Bande der Ehe zu ketten: Dein Genie, um ſeine Macht zu bewahren, muß frei ſein von jeder Feſſel, ſonſt iſt es der Adler im Käſich! Auf, mein Dichter, ſei frei!! Ueberall, wo ich auch ſein mag, aus der Tiefe der Dunkelheit wird mein entzücktes Auge von fern Deinem glorreichen Fluge folgen, der bald wieder einen neuen 30 Aufſchwung nehmen wird! Oh! mir ſcheint, wenn ich im Grabe läge, mein Blick würde Dich noch ſuchen! Lebe wohl, auf immer lebe wohl . . . mein angebeteter Dich⸗ ter! Unſere Trennung wird Dich keine Thräne koſten, nicht einmal ein Bedauern! ich will zwiſchen uns eine unüberſteigbare Schranke ſetzen, und Du wirſt mich haſſen. Diei Haß ich brauche ihn . . Dein Ruhm iſt nur um dieſen Preis möglich!“ Während dieſes ſtummen Abſchieds ſeiner Gefährtin, — ein Abſchied ſo raſch als der Gedanke, — war Gilbert gelähmt, vernichtet geblieben durch den Schmerz, den ihm der Tod von Auguſt Element verurſachte. Die junge Fran näherte ſich langſam dem Dichter und ſagte zu ihm im Tone ſanften Vorwurfs: „Armer Freund . immer die unglückliche Er⸗ innerung!“ . „Ich beſchwöre Dich, verjage dieſe granſamen Ge⸗ danken . Der Arme iſt todt. Das iſt allerdings ein Unglück! Doch was kannſt Du am Ende hie⸗ bei thun?“ Dieſe letzten Worte wurden abſichtlich von der jungen Frau mit einer Nuance von Trockenheit betont, welche für jeden andern als den Dichter, der das außerordent⸗ liche Zartgefühl ſeiner Gefährtin kannte, unauffaßbar geweſen wäre; er erhob auch ungeſtüm ſein noch in Thränen gebadetes Geſicht, ſchaute ſie mit einem peinli⸗ chen Erſtaunen an und ſagte: „Wie! Du . . . Du verſuchſt es, mich mit einem ſolchen Gemeinplatze zu tröſten;„ „Dieſer Unglückliche iſt todt; was kann mon hiebei thun?““ „Mir ſcheint, daß das, was ein Gemeinplatz, ein abſcheulicher Gemeinplatz wäre, hatteſt Du eine Schuld an dem unſeligen Ereigniſſe, ein Mittel vernünftigen Troſtes wird, da Du Pich von einer väterlichen Güte gegen dieſen jungen Menſchen gezeigt haſt.“ 31 „Mein Gott! was willſt Du! ich bin mir bewußt, als ehrlicher Mann gehandelt zu haben!! und unwill⸗ kürlich werde ich von Gewiſſensbiſſen gemartert,“ erwie⸗ derte Gilbert, der bald den peinlichen Eindruck vergaß, den auf ihn die erſten Worte der jungen Frau gemacht hatten. „Oh! ſieh,“ fügte er niedergeſchlagen bei, in⸗ dem er die Hände von Gilberte nahm und an ſeine Stirne legte, „ſieh mein Kopf brennt . . ſetze Dich hier⸗ her . zu mir mir ſcheint, ich werde weniger laß mich meinen Kopf auf Deine Schulter ützen.“ Gilberte ſetzte ſich auf das Canapé neben den Dich⸗ ter, der ſeine glühende Stirne auf die Schulter ſeiner Gefährtin legte. Oh! mein Muth!“ murmelte ſie mit ſich ſelbſt ſprechend; „in einem ſolchen Moment ſoll ich mich von ihm gehaßt machen!!! Doch es muß ſein! Ich kenne die Zartheit ſeines Herzens, den Adel feines Charakters .. ich weiß, wo ich ihn treffen muß . . . Und mit ihrer ſüßen, liebkoſenden Stimme fragte ſie: „Biſt Du gut ſo?“ . „Ah! ohne die entſetzliche Erinnerung an den Tod dieſes Kindes würde ich mich nicht beklagen! Mein Gott! wozu nützt denn das Bewußtſein, wenn es einen nicht von einem unwillkürlichen Verbrechen freiſpricht!“ „Armer Freund! es könnte auch ſein, daß ohne Dein Wiſſen die traurigen Reſultate der Vorſtellung heute Abend, und ich wage es kaum, hievon zu reden, denn ich befürchte, Deinen Kummer zu verdoppeln, — es könnte ſein, ſage ich, daß die traurigen Reſultate der Vorſtel⸗ lung heute Abend Dich für Eindrücke noch empfindlicher gemacht hätten, und daß der Tod dieſes jungen Mannes die einzige Urſache des heftigen Verdruſſes iſt, Gilberte wäre vom Dichter unterbrochen worden, der, Anfangs über ſie geneigt, ſich langſam anfrichtete, 32 und ſie, während ſie ſo ſprach, mit einem neuen und ſchmerzlichen Erſtaunen anſchaute, denn zum zweiten Male ſeit ein paar Augenblicken klangen, wenn man ſo ſagen darf, die Gedanken der jungen Frau falſch in der zarten Seele des Schriftſtellers. Doch befürchtend, er lege die Worte, von denen er ſich verletzt fühlte, falſch aus, ſagte er mit ſanftem Tone: „Verzeih' meine Freundin, ich verſtehe Dich nicht. Welche Beziehungen findeſt Du denn zwiſchen dem Falle meines Stückes und dem traurigen Ereigniß, das mich in der Erinnerung bedrückt?“ „Ich wollte ſagen, Deiner unbewußt, armer Freund, vermengeſt Du den Verdruß, den bei Dir die Nieder⸗ lage Deines Dramas veranlaſſe, mit . . .“ „Mit dem Kummer, den mir der Tod dieſes Kindes verurſache?“ „. „So daß der elende Groll meiner verletzten Eitel⸗ keit die Larve eines andern Schmerzes annehmen würde! So daß ich, um ohne Furcht über mein ausgepfiffenes Stück zu weinen, mich ſtellen würde, als hätte ich Mit⸗ leid mit dem Schickſale von Auguſt Clement!“ rief der⸗ Dichter. Und er fügte ſchmerzlich bei: „Ein ſolcher Ver⸗ dacht von Dir!. Nein, nein! das iſt unmöglich! Du haſt Deine Worte nicht überlegt!“ „Mein Gott! kannſt Du mich für fähig halten, „Ich klage Dein Herz nicht an; Du haſt ohne Ueber⸗ legung geſprochen; doch ich kann Dir nicht verbergen daß ein ſolcher Gedanke, von Dir kommend, mich ganz in Verwirrung bringt.“ „Entſchuldige mich, mein Freund; vorausſetzend, zwei heftige Bekümmerniſſe könnten ſich in einer einzigen vermengen, urtheilte ich nach mir . . .. „Wie ſo?“ „Ich geſtehe Dir, das Reſultat des heutigen Abends 33 hat mir den gräßlichſten Verdruß verurſacht, den ich je empfunden.“ 6 „Ich erwartete, in Dir mehr Muth zu finden.“ „Mein Gott! wenn Du wüßteſt, was ich gelitten habe! um mich her Deinen Namen, Deinen rühmwürdi⸗ gen Namen profaniren hören, den man bis jetzt nur mit Ehrfurcht und Begeiſterung ausſprach! ach! das hat mich ins Herz getroffen!“ „Ins Herz?“ „Oh! ja, erwiederte die junge Frau, um ſo mehr auf dieſem Worte beſtehend, als ſie errieth, welchen pein⸗ lichen Gedanken es im Geiſte des Dichters erweckte. „Oh! ja, ins Herz.“ „Ins Herz?“ wiederholte Gilbert mit einem wach⸗ ſenden, ſchmerzlichen Erſtaunen, denn er fühlte ſich abermals durch die Antwort ſeiner Gefährtin verletzt. „Und was hat das Herz mit dem Glück oder dem Unglück ei⸗ nes ephemeren Werkes gemein?“ „Dieſes Werk, Du haſt es mir oft geſagt, mein Freund, iſt unter dem Einfluſſe unſerer Liebe gedacht, geſchrieben worden.“ „Ja, ich rühme mich deſſen . . . Das Werk war gut oder ſchlecht; war es gut, ſo iſt das Publikum un⸗ gerecht geweſen; war es ſchlecht, ſo erſchöpfen ſich meine Fähigkeiten. Die Inſpiration, unter der ich geſchrieben hatte, war edel und erhaben; ich konnte nur ihre Höhe nicht erreichen; ich wundere mich auch, Dich ſagen zu hören, dieſer Fall, der entweder von der Ungerechtigkeit des Publikums oder von der Abnahme meines Geiſtes zeugt, habe Dich ins Herz getroffen! Ich glaubte, ich glaube noch, Freundin, Dein Herz über ſolchen Schlä⸗ gen ſonſt,“ fügte der Dichter mit einer gewiſſen Bitterkeit bei. „ſollten der Erfolg oder NRichterfolg ſo mächtig auf Dein Herz wirken, es würde wenigſtens die Freuden oder die Bangigkeiten dieſer Art nie mehr erfahren, denn ich werde kein Wort mehr ſchreiben.“ Gilbert und Gilberte. IM. 3 „Was ſagſt Du?“ „Iſt das Publikum ungerecht geweſen, ſo entſpricht es meiner Würde nicht, abermals ſeinen Launen zu tro⸗ tzen; ſind meine Fähigkeiten erſchöpft, ſo entſpricht es ebenſo wenig meiner Würde mich ungerechter Verachtung auszuſetzen.“ „ „Wie! Du würdeſt auf den Ruhm verzichten?“ „Oh! ohne das ewige Beklagen, das in mir der Tod dieſes unglücklichen Auguſt Clement hinterlaſſen wird, wäre mein Leben, mit Dir getheilt, Freundin, noch ſchön, ſchöner vielleicht, als in der Vergangenheit,“ fügte er mit einem traurigen Lächeln bei. „Dieſe Ruhe, dieſe Dun⸗ kelheit, die wir ſo gierig ſuchten, werden wir fortan für immer genießen! Oh! arme Freundin, ich werde bald vergeſſen ſein; ich werde mich micht mehr läſtigen Hul⸗ digungen zu entziehen haben! Was Du meinen Ruhm nennſt, wird der flüchtige Glanz eines Meteors geweſen ſein. . In wenigen Tagen haben wir Paris verlaſſen.“ „Paris verlaſſen?“ „Ich habe oft mit Dir von dem kleinen Gute im Jura geſprochen, wo meine Mutter geboren iſt. Da⸗ hin werden wir uns zurückziehen . Das wird unſer Thebais ſein. Ah! ich wiederhole Dir, ohne die grau⸗ ſame Erinnerung, die mich martert, würde mir die Zukunft nie ruhiger und lachender geſchienen haben!“ Oh!“ dachte Gilbert mit einer bewältigten Ver⸗ zweiflung, „liebte ich ihn nicht um ſeinetweilen, um ſeines Ruhmes willen, der ſein Leben iſt, mit welcher Glückſeligkeit würde ich zum ihm ſagen: Laß uns gehen! . Auf, keine Schwäche, o mein Muth!“ Und nachdem ſie einen Augenblick geſchwiegen, ſprach ſie laut: „Mein Freund, ich beſchwöre Dich, gib nicht zu haſtig und durch eine Art von Trotz einem Enſchluſſe nach, den Du ſpäter ohne Zweifel bereuen wirſt Gilbert machte eine Bewegung der Ungeduld, 35 dachte einen Augenblick nach und antwortete mit einem neuen Ausdrucke von Erſtaunen und Kummer: 8 „Nie, ſeit zwei Jahren, habe ich Dir einen einzigen von meinen Gedanken verheimlicht. Ebenſo wenig als Du, bin ich im Stande, mich zu verſtellen, meine Eindrücke zu belügen. Ich geſtehe Dir alſo, mein ar⸗ mes Kind, und dieſes Geſtändniß koſtet mich eine große Anſtrengung; ich erkenne Dich wahrhaftig heute Abend nicht.“ „Mein Gott! was habe ich denn gethan?“ „Mehrere Male ſchon verwundeſt Du mich im Herzen“ „Ich 2 „Vor einem Augenblicke erſt.“ „Was willſt Du damit ſagen?“ „Ich eröffne Dir mein reiflich erwogenes und ent⸗ ſchiedenes Vorhaben, Paris zu verlaſſen, mit Dir die Ruhe, die Einſamkeit und die Vergeſſenheit zu ſuchen. Ich erwartete, Dich dieſen Plan mit allem Eifer auf⸗ nehmen zu ſehen; es iſt nicht ſo: Deine Antwort läßt mich ſogar denken, Du glaubeſt, ich handle unter dem Eindrucke des Trotzes ein Trotz, Deiner Anſiht nach, ohne Zweifel verurſacht durch den Fall meines Stückes.. und ich werde morgen vielleicht, in einer ſchmählichen Veränderlichkeit des Geiſtes, meinen Entſchluß bereuen.“ „Mein Freund, obgleich das Geſtändniß mich auch viel Ueberwindung koſtet, ſo kann ich Dir doch nicht verbergen, daß ich Dich heute ebenfalls nicht mehr er⸗ kenne,“ erwiederte die junge Frau mit einem leichten Anſcheine von Trockenheit und Kälte . . . „Du legſt zu meinem Nachtheil alle meine Worte aus. Ich begreife den gerechten Groll, den in Dir die Ungerechtigkeit des Publikums verurſacht; doch wahrhaftig, ich verdiene nicht, darunter zu leiden, ich, die ich mir alle Mühe gebe, Dich zu tröſten.“ „Abermals,“ rief der Dichter mit Schmerz. „Nun beſchuldigſt Du mich, ich mache Dich zum Opfer meines Zornes, meines verletzten Stolzes! ... Ei! Du bedenkſt nicht! dieſer Vorwurf iſt grauſam!“ „Mein Gott! mein Gott! ich kann heute Abend kein Wort ſagen, ohne bei Dir anzuſtoßen,“ rief Gil⸗ berte, als ſie mit einer bitteren Freude den immer ſchärferen Eindruck ſah, den jedes ihrer tief berechneten Worte auf den Dichter hervorbrachte. Dann fügte ſie mit beinahe hartem Tone bei: „Iſt es meine Schuld, daß man Dein Drama ausgepfiffen hat?“ Gilbert hörte und ſchaute die junge Frau mit Ver⸗ wunderung an. Plötzlich durchzuckte ein, entſetzlicher Gedanke ſeinen Geiſt, und er verbarg ſein Geſicht in ſei⸗ nen Händen. . „Sie hat mich meines Rufes, meines Ruhmes we⸗ gen geliebt! Ruf und Ruhm erlöſchen! ſie liebt mich nicht mehr . . . ihre Liebe iſt verſchwunden in der De⸗ müthigung, deren Gegenſtand mein Name heute Abend geweſen iſt Dieſer Name, auf den ſie ſtolz war, iſt ausgepfiffen und ausgeziſcht worden! nun .. ſchämt ſie ſich dieſes Namens . . armes Kind! ich be⸗ greife ihre Abneigung, ich verzeihe ſie . . . Alles ver⸗ zeihen .. heißt Alles begreifen! . . . Und dennoch, ich geſtehe es, war ich nicht auf dieſen letzten Schlag gefaßt! . er tödtet mich!“ Und er ließ ganz niedergeſchlagen den Kopf ſinken. Gilberte errieth den geheimen Gedanken des Dich⸗ ters; dieſer Gedanke war für ſie ſo ſchmählich und für ihn ſo gräßlich, daß einen Augenblick der Muth der jungen Frau wankte. Sie war nahe daran, dem Dich⸗ ter um den Hals zu fallen, ihm das Märtyrerthum, das ſie ſich in ihrer heldenmüthigen Ergebenheit aufer⸗ legte, zu vffenbaren und mit Glückſeligkeit zu ihm zu ſagen: „Oh! komm, komm in die Einſamkeit, die Du gewählt haſt! meine Liebe wird Dich tröſten für den Ruhm, den Du nun verachteſt ..“ Doch plötzlich 37 ſich der Drohungen ihres Vaters und ſeiner Anweſenheit im Hauſe erinnernd, wich die junge Frau vor dem är⸗ gerlichen Aufſehen des Criminalprozeſſes zurück, welchen Herr Rapin gegen den ſchon durch ſeine Gewiſſensbiſſe über den Tod von Auguſt Clement ſo ſehr gequälten Dichter anhängig machen wollte, und konnte. Dieſen erhabenen Mann, den ſie ebenſo ſehr verehrte, als anbe⸗ tete, der Folter preisgegeben, ſich auf die Bank der Angeklagten ſetzen zu müſſen, und ſollte er auch von der Bezüchtigung freigeſprochen werden . . . das wäre in den Augen von Gilberte ein Verbrechen, eine Ruchloſig⸗ keit geweſen .. „Nein, nein!“ dachte ſie, „keine Schwäche! Je mehr er Haß und Verachtung gegen mich empfinden wird, deſto eher wird er mich vergeſſen haben .. . Oh! was er auch ſagen mag, von ſeinem Genie wird er Tröſtung verlangen, und, von meinem unſeligen Ein⸗ fluſſe befreit, wird dieſes Genie wieder ſeinen glänzen⸗ den Aufſchwung nehmen! Muth machen wir, daß er uns haßt.“ Gilbert, nachdem er lange ſchweigſam und nieder⸗ geſchlagen geblieben, nachdem er die Abneigung der jungen Frau immer mehr als Ueberzeugung in ſein In⸗ neres hatte eindringen laſſen, Gilbert, der keinen Zweifel über dieſe entſetzliche Täuſchung bewahren wollte, ſprach langſam, mit bebender, feierlicher Stimme: „PHören Sie, mein Kind, dieſer Augenblick muß entſcheidend für unſer Schickſal ſein. Eine unbeſchränkte, unbarmherzige Freimüthigkeit allein .. kann uns über die Zukunft aufklären, welche ſie auch ſein mag. Von dieſer unbarmherzigen Freimüthigkeit will ich Ih⸗ nen das Beiſpiel geben. Es iſt mir ſo eben ein gräß⸗ licher Gedanke gekommen. Dieſen Gedanken, ich ſpreche ihn in ſeiner Rohheit aus: der demüthigende Fall mei⸗ nes Dramas hat Sie ins Herz getroffen. Sie haben es geſagt: ins Herz. Sie liebten in mir den Mann 38 von glänzendem Rufe. Die Niederlage von heute Abend hat das Piedeſtal zerbrochen, auf das Sie mich erhoben hatten. Sie lieben mich weniger als geſtern!. . .“ „Mein Gott . ich .. „Ich beſchwöre Sie, ſehen Sie in meinen Worten nicht einen Schatten von einem Vorwurfe. Dieſe Abnei⸗ gung, ſo leicht ſie ſein mag, ich begreife, ich entſchul⸗ dige ſie: ſie liegt in der Natur der Dinge; dieſe Abnei⸗ gung iſt ſo unwillkürlich, meine arme Freundin, daß ſie ſchon, ohne Ihr Wiſſen, in mehreren Ihrer Worte, die mich verletzt haben, hervorgedrungen. Geſtern hätten Sie weder ſo gedacht, noch ſo geſprochen. ..“ „Ich glaube das wie Sie.“ „GHut, gut, mein Kind! Ihre muthige Offenher⸗ zigkeit weicht nicht von Ihnen, und obgleich verändert kann die Zukunft, die uns bleibt, noch auf eine ehrenvolle Art von uns angenommen werden . . . Ge⸗ ſtehen Sie mir, daß unſere Zurückgezogenheit, geſtern Ihrem Herzen noch ſo theuer, weil ich darin bei Ihnen das verbarg, was Sie meinen Ruhm nannten, Ihnen heute minder theuer wäre, da ich meine Niederlage da⸗ rin zu verbergen habe?“ „Das iſt wahr,“ erwiederte die junge Frau. Dann, da ſie Gilbert ſchmerzlich beben ſah, fügte ſie bei: „Sie verlangen von mir die Wahrheit . . .ich ſage ſie Ihnen . .. Ach! was wollen Sie! ich kenne mich nicht mehr.. und ich ſchäme mich meiner.“ „Warum ſchämen, meine Freundin? . . . Es iſt mein Ruhm, was Sie in mir liebten; er iſt verſchwun⸗ den . . Ihre Liebe muß mit ihm verſchwinden. Es wird mir wenigſtens Ihre Achtung, Ihre Freundſchaft bleiben Dieſe Gefühle, glauben Sie mir, bewahre ich auch für Sie. Unſer Leben wird, wenigſtens dem An⸗ ſcheine nach, durchaus nicht verändert ſein . . . Sie ſind mein Weib, verſtehen Sie wohl: mein Weib; ich brauche Ihnen nicht mehr zu ſagen . .. Gefällt es 1 1 39 Ihnen nicht, auf unſerem Gute im Jura zu wohnen, ſo bleiben wir in Paris: Ihre Wünſche ſollen die mei⸗ nigen ſein. Auf, mein Kind, Muth . . . wir werden zwei Jahre idealen Glückes genoſſen haben: danken wir Gott hiefür! Danken wir ihm auch dafür, daß gegen⸗ ſeitige Werthſchätzung und Zuneigung in uns ein feueri⸗ geres Gefühl überleben werden durch ſie, ich wie⸗ derhole es, kann vielleicht die Zukunft auf eine ehren⸗ volle Art von uns angenommen werden!“ „Hören Sie mich nun ebenfalls an, mein Freund; Sie haben geſagt, unſere Freimüthigkeit müſſe un⸗ barmherzig ſein . . „Ja.“ „Sie erinnern ſich meiner hartnäckigen Weigerung, als Sie auf immer Ihr Schickſal an das meinige feſſeln wollten?“ „Dieſe Weigerung konnte ich leider nicht beſiegen.“ „Ich hatte eine unbeſtimmte Ahnung von dem, was heute geſchieht.“ „Ich bitte, erklären Sie ſich.“ Mein Freund, ich habe mir nie Illuſionen über mich ſeibſt gemacht; es iſt peinlich, zu geſtehen, doch oft ſagte ich mir entſchloſſen: „Würde ich den Dichter, den ich anbete, weniger lieben, wenn ſein Genie ſich verdunkelte 2** Ich antwortete mir: „„Mir ſcheint, ich würde ihn weniget lieben . und ſollte ich eine Erkal⸗ tung, ſo leicht ſie auch ſein möchte, meine bis dahin ſo leidenſchaftliche Liebe ſchwächen fühlen, ſo würde ich mich aus Achtung vor ihm, aus Achtung vor mir, von ihm entfernen.“ Darum, mein Freund, habe ich Ihre Hand ausgeſchlagen „. Was ich kaum vorherzuſeben wagte hat ſich verwirklicht ... Ich befrage mein Herz; und ich füble es ich liebe Sie weniger. Dieſe unwillkürliche Empfindung hat ſich, mir un⸗ bewußt, durch Worte verrathen, die Sie verletzten . Wir müſſen uns alſo trennen 40 „Uns trennen!“ „Es wäre mir fortan unmöglich, bei Ihnen zu le⸗ ben. Die Scham würde mich tödten; denn glau⸗ ben Sie mir . . ich fühle, wie elend und feig meine Abneigung iſt!“ Habe ich Sie recht verſtanden? Sie glauben, ich werde je einwilligen, Sie zu verlaſſen?“ „Bernhigen Sie ſich, mein Freund, ich werde nicht verlafſen bleiben: mein Vater iſt ins Paris ...“ „Ihr Vater! „„Ich habe ihn geſehen . . . Er verzeiht mir mei⸗ nen Fehler und will mich wieder zu ſich nehmen.“ „Ibr Vater! das iſt unmöglich! Sie wollen mich täuſchen, unglückliches Kind! Sie befürchten, mir zur Laſt zu ſein, und wollen mich verlaſſen . . . OD Erbarmen! Sie verlaſſen .. Sie mein Weib! . . . Oh! ich habe es Ihnen bei meiner Mutter geſchworen, unſere Verbindung iſt ſo heilig, als ob ſie das Geſetz geheiligt hätte! Nein, nein! Sie gehören mir! . . . Ich werde auf Ihre Liebe zu verzichten wiſ⸗ ſen, doch im Namen der Vergangenheit habe ich das Recht, über Ihnen, über ihrer Zukunft zu wachen! . .. Hoffen Sie nicht, mich zu täuſchen. die Gegen⸗ wart Ihres Vaters in Paris iſt eine Fabel, und „Großer Gott! hier iſt er!“ rief die junge Frau, von einer furchtbaren Angſt erfaßt, als ſie Herrn Ra⸗ pin und den General Pouſſard eintreten ſahen. XXV. Müde, vergebens auf die Gefährtin des Dichters zu warten, und eine Falle befürchtend, waren Herr Ra⸗ pin und der General Pouſſard herbeigekommen, um Gilberte zu überfallen. Beim Anblick ihres Vaters hatte 41 ſie hauptſächlich bange, er werde Gilbert mit dem Criminalprozeſſe bedrohen, denn dann verlor ſie die Frucht ihres heldenmüthigen Opfers; ſie wurde vom Dichter nicht mehr gehaßt oder verachtet, er errieth leicht, daß die vorgebliche Abneigung der jungen Frau nur Verſtellung war, und daß ſie nur einen Zweck hatte: den, die Folgen eines gehäſſigen Scandals einem Manne, den ſie anbetete, zu erſparen und in ihm kein Bedauern über ihre Trennung dadurch zu hinterlaſſen, daß ſie ihn glauben machte, eine für ihn grauſam verletzende Ur⸗ ſache führe allein dieſen Bruch herbei; einmal auf dem Wege, würde er vielleicht auch ergründen, ſelbſt vor dem unvorhergeſehenen Zuſammentreffen mit ihrem Vater, und ſchon überzengt von dem leidigen Einfluſſe der auf das Genie des Dichters das häusliche Lehen geübt, in welchem er ſich ſeit zwei Jahren abſorbirte, habe die junge Frau ſich entſchioſſen, ihm ſeine für den Auf⸗ ſehn ſeines Genies unerläßliche Freiheit zurückzu⸗ geben. „Dieſe Betrachtungen boten ſich dem Geiſte von Gilberte mit der Geſchwindigkeit des Gedankens. Als der berühmte Schrifſteller, erſtaunt über den plötzlichen Eintritt von zwei Unbekannten, zu einer ſolchen Stunde der Racht, ihnen lebhaft entgegenging und ihnen zurief: „Wer ſind Sie? was wollen Sie?“ lief die junge Frau auch auf Herrn Rapin zu und ſagte laut zu ihm: „Mein Vater, ich bin bereit, Ihnen zu folgen; ich willige zu der Heirath ein, die Sie mir vorſchla⸗ gen . Dann fügte ſie leiſe bei: „Doch nicht ein Wort vom Criminalptozeß! ſonſt widerſetze ich mich Al⸗ lem, und Sie müſſen mir wohl Rechenſchaft vom Ver⸗ mögen meiner Mutter geben .. .“ Sicher, daß ſich ſeine Tochter in ſeinen Willen füge, ttwiederte Herr Rapin, der nun kein Intereſſe mehr 42 hatte, den Criminalprozeß gegen den Dichter zu verfol⸗ gen, der jungen Frau ebenfalls leiſe: „Ich werde nichts vom Prozeß ſagen, aber folge mir auf der Stelle.“ Gilbert hatte Anfangs den Worten ſeiner Gefähr⸗ tin nicht geglaubt, da ſie vor der Erſcheinung von Herrn Rapin von ihrem Zuſammentreffen mit ihm ge⸗ ſprochen; doch er war genöthigt, ſich der Augenſchein⸗ lichkeit zu ergeben, als er die junge Frau ausrufen hörte: „Mein Vater, ich bin bereit, Ihnen zu folgen; ich willige in die Heirath ein, die Sie mir vorſchlagen.“ Er fühlte ſich bei dieſen Worten von einer unbeſchreib⸗ lichen Bangigkeit ergriffen; als er Gilberte ſich an den Arm von Herrn Rapin hängen und zum Abgange an⸗ ſchicken ſah, ſtürzte er auch nach der Thüre, und dahin laufend trat er unwillkürlich dem General Pouſſard, der ſich auf dem Wege fand, auf den Fuß. „Dieſe Dame wird nicht von hier weggehen, ohne Erklärungen gegeben zu haben, die ich von ihr zu ver⸗ langen berechtigt bin!“ rief der Dichter, auf der Schwelle der Thüre ſtehend, die er ſchloß. Einen Augenblick erſtaunt über die unglaubliche Frech⸗ heit von Gilbert, der ſich erlaubt hatte, ihm unwillkür⸗ lich auf den Fuß zu treten, hob der Raufer die Hand gegen ihn auf und rief: „Wie, Civiliſt! Du wagſt es, mir auf den Fuß zu treten! Ha!“ Er war im Begriff, Gilbert, auf den er zugelau⸗ fen, zu beohrfeigen, als dieſer, der ebenſo kräftig, als behende, den ſchon aufgehobenen Arm des Raufers packte, ihn heftig niederdrückte und den General ſelbſt dann ſo kräftig zurückſtieß, daß er ein paar Schritte taumelte. Voll Wuth erkennend, daß er, wenn er ſich ſeiner na⸗ türlichen Waffen bediente, nicht gegen ſeinen jungen und kräftigen Gegner, deſſen Fauſt die Stärke eines Schraub⸗ ſtockes hatte, kämpfen konnte, ſtellte ſich der Raufer, 43 Anfangs ſtumm vor Grimm, wieder auf ſeinen Beinen feſt und rief, indem er ſich in der Raſerei in die Hände biß: Tauſend Donner! . . . mich zurückſtoßen! mich, den General Pouſſard?“ Und ſeine Augen, welche ſo⸗ gleich mit Blut unterlaufen waren, ſchleuderten dem Dichter wüthende Blitze zu. Mich,“ wiederholte er, „mich, den General Pouſſard!“ „Bei Gott!“ rief Gilbert, „das Zuſammentreffen iſt glücklich! Ah! Sie ſind der berüchtigte Duelliſt mit dem blutigen Rufe! Ich kann Ihnen alſo wohl eine Lection geben welche hoffentlich für Ihres Gleichen ein nützliches Beiſpiel ſein wird.“ „Du wirſt ſie erhalten, die Lection!“ verſetzte der General mit einer durch den Zorn erſtickten Stimme, während er es indeſſen nicht wagte, ſich Gilbert zu nähern. „Oh! ja, ich werde Dich tödten!“ Bei dieſen Worten, die der Raufer mit dem Aus⸗ drucke einer unheilvollen Ueberzengung geſprochen, beim Anblicke dieſes martialiſchen, von zwei großen, wie die eines Streitbulldoggs, blutigen Augen erleuchteten Ge⸗ ſichtes ſtieß Gilberte einen Schreckensſchrei aus; doch ſie ward zum Glück beruhigt, als ſie Gilbert dem General antworten hörte: „Sie werden Niemand tödten, elender, feiger Mör⸗ der! Lange genug haben Sie Ihre Ueberlegenheit in den Waffen mißbraucht, um ungeſtraft Ihre Opfer zu er⸗ morden!!! Schauen Sie mir wohl ins Geſicht, Herr Pouſſard, und betrachten Sie auch dieſen Stock von teſpectablem Anſehen, den ich Ihnen vorzuſtellen die Ehre habe.“ Während er dies ſagte, nahm Gilbert den Stock, den er bei ſeinem Eintritt an einen Stuhl geſtellt hatte, und ſchwang ihn vor den Augen des Generals. „Tauſend Donner! mich mit Stockſchlägen bedrohen!“ brüllte der Raufer. Und, geblendet durch die Wuth, war 44 er im Begriff, auf den Dichter zuzuſtürzen, doch Herr Rapin hielt ihn zurück und ſagte leiſe zu ihm: „Mein Alter, Du haſt zu dieſem Spiele nicht die Kraft; beruhige Dich.“ Dieſe Worte wirkten niederſchlagend auf den Ge⸗ neral; er erinnerte ſich der mächtigen Fauſt von Gilbert, ſchaute zum Plafond empor und ſtampfte in ſeinem ohn⸗ mächtigen Grimme mit dem Fuße. „Herr Menſchenfreſſer,“ ſagte der Dichter, „ſchauen Sie wohl dieſen Stock an, er iſt zugleich ſtark und ge⸗ ſchmeidig . . . Haben Sie je die Unverſchämtheit, mich zu beleidigen, ſo erhalten Sie auf der Stelle die gewal⸗ tigſte, die furchtbarſte Lection, die Ihr breiter Rückgrath aushalten kann.“ „Feige!. . feige! . feige!“ brüllte der Rau⸗ fer; „Du beſchimpfſt die Leute und nachher weigerſt Du Dich, Dich mit ihnen zu ſchlagen.“ „Wenn ich das Unglück hätte, einen wackern Mann zu beleidigen, ſo böte ich ihm gewiß jede Genugthuung an, welche von mir zu fordern ihm belieben würde, und ſollte es mich das Leben koſten,“ erwiederte Gilbert. „Sie aber kenne ich nicht, Sie dringen mitten in der Nacht bei mir ein in Begleitung eines Mannes, der mir, wie er ſagt, meine Frau entführen will; in meiner Aufregung laufe ich nach der Thüre; ich trete Ihnen unwillkürlich auf den Fuß, Sie haben die Frechheit, die Hand gegen mich zu erheben, um mich zu beohrfeigen, ich ſtoße Sie zurück und Sie ſind ſo unverſchämt, zu behaupten, ich habe Sie beſchimpft. Genug, mein Herr, genug! ich beſitze hinreichende Körperkraft, um dieje⸗ nigen, welche mich gröblich beleidigen, gehörig zu züchtigen; beleidigen Sie mich dann wieder unter dem Vorwande, daß ich mich nicht ſchlage, ſo züchtige ich Sie abermals, verſtehen Sie mich, mein Herr Men⸗ ſchenfreſſer? Laſſen Sie ſich das alſo geſagt ſein und zählen Sie auf mein Verſprechen ebenſo wohl als auf 4⁵ meinen Stock, ſollten Sie die Dreiſtigkeit haben, mich noch einmal zu ſchmähen. Ah! Sie würden nicht mehr Schrecken und Trauer in die Familien bringen, wenn man Sie behandelte, wie ich Sie behandle, und wie Sie behandelt zu werden verdienen.“ Während der General mit einer dumpfen Wuth ſei⸗ nen Verdruß verbiß, wandte ſich Gilbert an Herrn Ra⸗ pin und ſprach: „Mein Herr, es bedurfte eines ſo beklagenswerthen Vorfalls, wie der war, deſſen Zeuge Sie ſo eben gewe⸗ ſen ſind, um mich unwillkürlich von den Erklärungen abzuziehen, die ich, ich wiederhole es, berechtigt bin, von Ihnen zu erwarten und von dieſer, welche meine Frau iſt, verſtehen Sie wohl, mein Herr? meine Frau in der geheiligtſten Bedeutung dieſes Wortes!“ „Wie, mein Herr,“ rief der ehemalige Proviant⸗ meiſter, der abermals die Stellung des beleidigten Va⸗ ters annahm, „Sie haben meine Tochter verführt, meine grauen Haare entehrt, und Sie wagen es...“ „Mein Herr, ohne in irgend ein Detail über die Vergangenheit einzugehen, ohne Ihnen eine Erzählung zu geben, die Sie ſicherlich in den Stand ſetzen würde, mein Benehmen anders zu beurtheilen, als Sie es be⸗ urtheilen, erwiedere ich Ihnen nur ein Wort, es wird Ihnen beweiſen, wie meine Zuneigung für Ihre Tochter beſchaffen iſt: ich habe ihr meine Hand angeboten, ſie hat ſie ausgeſchlagen ich biete ſie ihr abermals an . Dieſe Heirath wird, glauben Sie mir, keine Genugthu⸗ ung, ſondern die Heiligung einer Liebe ſein, der ich mein Leben geweiht . . „Mein Herr „ „Ohne Hochmuth kann ich ſagen: ich bin ein ehrli⸗ cher Mann; ich ſpreche nicht von meinem Rufe, er hat heute Abend eine ſchwere Niederlage erlitten; wie dem ſein mag, die Ehrenhaftigkeit meines Namens wird im⸗ mer unangetaſtet bleiben; mein, völlig unabhängiges, 46 Vermögen iſt mehr als geuügẽſd für meine Frau und für mich, und in Betreff deſſen, was ich behaupte, wird mein Notar die Beweiſe geben.“ „Mein Herr, dieſe Anerbietungen .. 4 „Ein letztes Wort,“ ſetzte Gilbert hinzu, der ſich erinnerte, in der Erzählung des Lebens ſeiner Gefährtin geleſen zu haben, ihr Vater habe ſich gegen ſie immer von einem ſchmutzigen Geize gezeigt, „weder ich noch meine Frau, und ich glaube für ſie reden zu können, machen auf den geringſten Theil von Ihrem Vermögen Anſpruch, werden je Anſpruch darauf machen. Und nun, mein Herr, können Sie, wie ich glanbe, nicht mehr dar⸗ an zweifeln, daß ich ein Ehrenmann bin.“ Die junge Frau kannte die Habgier ihres Vaters; ſie befürchtete, ihn den großmüthigen Vorſchlag des Dich⸗ ters, der ſich erbot, auf jede Art von Mitgift zu ver⸗ zichten, annehmen zu ſehen. Ehe Herr Rapin, der mit ſich ſelbſt zu Rathe zu gehen ſchien, zu antworten Zeit gehabt hatte, ſagte Gilberte auch mit feſter Stimme: „Mein Vater, ſo ſehr ich mich dankbar, gerührt fühle von dem Antrag, der mir vor Ihnen gemacht wird, ſo bin ich doch genöthigt, ihn auszuſchlagen; ich ziehe es vor, mich nach Ihrem Plane mit der Perſon zu verbinden, von der Sie mit mir geſprochen haben.“ „Ah! das iſt zu viel!“ rief Gilbert mit ſchmerzlicher Niedergeſchlagenheit, denn trotz Alles deſſen, was er ſeiner Gefährtin vorwerfen zu dürfen glaubte, liebte er ſie immer noch leidenſchaftlich. Das iſt Verachtung, das iſt Grauſamkeit!“ „Endlich!“ dachte Gilberte, „er haßt mich!“ „Meine Tochter, überlege wohl,“ ſprach Herr Rapin ſehr angelockt durch den Gedanken, der Dichter verzichte zum Voraus auf die mütterliche Erbſchaft, welche ſeine zukünftige Frau zu fordern habe, „überlege wohl, ehe Du Dich entſcheideſt. Der Mann, von dem ich Dir ge⸗ 47 ſagt habe, kann Dir allädings einen Titel, eine ſchöne geſellſchaftliche Stellung geben .. 4 „Einen Titel!“ dachte der Dichter mit tiefem Schmerz, „eine geſellſchaftliche Stellung! ... Sollte ſie mich einer elenden Eitelkeit vpfern . . ſie ſie! .. Nein, das iſt nicht möglich! Dieſe ſo plötzlich emporgetauchten Heirathspläne ſind eine Fabel!“ i „Aber, meine Tochter, ich muß Dir erklären,“ fuhr Herr Rapin fort, „der Bräutigam, den ich Dir beſtimmte, wird für Dich immer nur ein Vater ſein, einmal wegen ſeines Alters, ſodann weil, wenn er einwilligt, Dich wotz Deiner ſchlimmen Aufführung zu heirathen, — ein edelmüthiges Opfer, das er wohl ſeiner alten Freund⸗ ſchaft für mich bringen will, — es die erſte Bedingung iſt, daß Ihr, Du und er, völlig und auf immer von einan⸗ der getrennt lebet, als ob Ihr gar nicht verheirathet wäret, obgleich Ihr in demſelben Hanſe wohnen würdet. Nur um dieſen Preis willigt er ein, einen Schleier auf die Vergangenheit zu werfen und dadurch, daß er Dir ſei⸗ nen Namen gibt, Deine Ehre wiederherzuſtellen, wobei er von Dir gegen dieſes edelmüthige Benehmen eine kind⸗ liche Zuneigung und eine fortan exemplariſche Aufführung erwartet. Dies iſt die Heirath, von der ich geſprochen habe, meine Tochter; überlege noch einmal, ehe Du Dich entſchließeſt.“ Nach dieſen Worten von Herrn Rapin trat eine all⸗ gemeine Stille ein. Gilberte ſchien tief nachdenkend; der Dichter, welcher glaubte, ſie ſchwanke in ihrem Ent⸗ ſchluſſe, und daher noch einen Schimmer von Hoffnung bewahrte, erwartete ſein Urtheil in einer ſtummen Nie⸗ dergeſchlagenheit. Der General Pouſſard, denn er war es, den Herr Rapin Anfangs ſeiner Tochter hatte vorſchlagen wollen, der General Ponſſard, als er den ſchmerzlichen Ausdruck in den Zügen des Dichters wahrnahm, empfaud eine grauſame Freude; er konnte nicht daran zweifeln, ob⸗ ¹8 gleich ihn dieſe Ueberzeugung wüthend machte: beleidigte er noch einmal ſeinen kräftigen Gegner, ſo ſetzte er ſich der Gefahr einer derben Züchtigung aus. Es gewährte ihm auch einen Troſt der Gedanke, wenn die junge Frau bei ihrem Entſchluſſe beharre, bringe ſie dem Dichter einen gräßlichen Schlag bei. Ueberdies ſehr erzürnt gegen Herrn Rapin, deſſen habgierige Hintergedanken in Be⸗ treff der unvermuthet vom Dichter vorgeſchlagenen Hei⸗ rath ohne Mitgift er errieth, wartete alſo der Raufer mit Bangigkeit auf die Antwort von Gilberte, welche immer nachdenkend daſtand. Sie war Anfangs beinahe glücklich geweſen, als ſie Herrn Rapin ihr eine Heirath vorſchlagen hörte, welche keine Heirath wäre, da ihr Gatte für ſie nur ein Vater ſein ſollte. So von ihm getrennt lebend, obgleich unter einem Dache wohnend, könnte ſie in ihrer Einſamkeit, da ſie ganz ſich allein gehören würde, beſtändig insgeheim den Mann anbeten, der ihr eine heldenmüthige Aufopferung eingab. Einen Angenblick fühlte ſie aber ihren Muth ſie verlaſſen . . . Durch die Habgier von Herrn Rapin konnte ſie den Dichter heirathen und ihm ihre Tage wie in der Vergangenheit widmen. Zuerſt war dieſe Ver⸗ ſuchung mächtig, unwiderſtehlich, doch überzeugt, ſowohl durch den Inſtinct des Wahren, als durch die traurige Erfahrung dieſes Abends, daß das zurückgezogene, einför⸗ mige, beſtändig ſitzende Leben am häuslichen Herde, das ſchon des Dichters Genie ſo nachtheilig geweſen, dieſes völlig auslöſchen würde, überwand die junge Frau ihre Schwankungen und gelobte ſich, das Opfer ganz und gar zu vollbringen. Die grauſamen, verhaßten Erinnerungen, welche ſie Gilbert hinterließe, würden bald von ihm vergeſſen ſein; er würde in ſeinen Arbeiten, in neuen Triumphen Zerſtrenung ſuchen und finden. Vergebens ſage er, die Niederlage dieſes Abends zerbreche ſeine Feder. In der ſüßen Vertraulichkeit mit der jungen Frau fortlebend, wäre er dieſem Entſchluſſe vielleicht tren 49 geblieben; aber auf immer von ihr durch die unüberſpring⸗ bare Kluft der Ehe getrenut, die ſie eingehen ſollte, aber grauſam gedemüthigt, erzürnt durch ein für ihn ſo ver⸗ letzendes Verlaſſen, würde ihm der Müſſiggang bald un⸗ erträglich ſcheinen, und fortan von jeder Feſſel befreit, würde ſein Genie neue Meiſterwerke erzeugen. „Dieſe Meiſterwerke,“ dachte die junge Frau, „wer⸗ den die Belohnung, die Verherrlichung des Opfers ſein, das ich mir auferlege. Sie werden mein Troſt, meine Freude in meiner Einſamkeit ſein, und wenn ich mit Liebe, mit Stolz die von meinem Dichter geſchriebenen Verſe leſe, werde ich mir ſagen: „„Ohne meine auf⸗ opfernde Hingebung wäre die Welt vielleicht dieſer erha⸗ benen Werke beraubt!““ Begeiſtert durch dieſen letzten Gedanken gab Gilberte die Antwort, auf welche mit glei⸗ cher Bangigkeit der Dichter, der General Pouſſard und Herr Rapin warteten: „Mein Vater, ich habe noch einmal Ihren Vorſchlag reiflich erwogen; ich begreife den Umfang der Pflichten, die mir der Edelmuth des Mannes auferlegt, der, indem er mir ſeinen Namen gäbe, einwilligen würde, meine Ehre in den Augen der Welt wiederherzuſtellen. Hält er ſein Verſprechen, iſt er für mich ein Vater, ſo werde ich, glauben Sie mir auf mein Wort, eine ehrerbietige und dankbare Tochter für ihn ſein.“ „Bei meinem Soldatenwort! die Baronin Pouſſard wird ſich nur zu mir Glück zu wünſchen haben!“ rief der Raufer, unwillkürlich bewegt durch die Würde der Sprache von Gilberte und triumphirend wegen des Schlages, den er dem Dichter verſetzte. Er näherte ſich dann Gilberte und fügte, indem er ihr den Arm bot, bei: „Kommen Sie, Baronin! kommen Sie, meine ochter!“ „Wie! Sie ſind es!“ rief unwillkürlich Gilberte, welche zurückwich und ſich eines Ausrufs der Beſtürzung 4 Gilbert und Gilberte. U. 50 und des Widerwillens nicht erwehren konute: „Sie ſind es!“ Bei dieſem Ausruf durchzuckte ein Zweifel den Geiſt von Gilbert; er eilte auf die junge Frau zu und ſagte mit dem Tone unausſprechlicher Freude zu ihr: „Ah! Du täuſchteſt mich!“ „Ich!“ verſetzte Gilberte fühlend coch zu ſpät), daß ſie ſich verrathen hatte; „ich täuſchte Sie? Ich weiß nicht, was Sie damit ſagen wollen?“ „Doch! oh doch! Du weißt es, meine Geliebte! Deine Verlegenheit beweiſt es mir. Dieſe unerklärliche, nnmögliche Veränderung, welche heute Abend in Deinen Worten, in Deinem Herzen, in Deinem Geiſte vorgegan⸗ gen iſt, dieſer Schrei, den Dir die Beſtürzung und der Schrecken entriſſen haben, ja, Alles beweiſt mir, daß Dein Benehmen ein Geheimniß verbirgt; Alles ſagt mir, daß Du noch würdig biſt, immer würdig geweſen biſt meiner Liebe, denn ich liebe Dich, oh! ich liebe Dich zärtlicher als je.“ „Oh! mein Muth!“ dachte Gilberte, als ſie die bebende Stimme des Dichters hörte und ſeine ſchönen Züge einen Augenblick durch eine letzte ſtrahlende Hoff⸗ nung erleuchtet ſah; doch ihr Geſicht abwendend, aus Furcht, ſie könnte einer Rührung welche ſie gewaltig ergriff, machte ſie eine übermenſchliche Anſtren⸗ gung, um ſich zu beherrſchen. Ohne Gilbert zu antworten, ſagte ſie dann, indem ſie ſich den Anſchein gab, als wäre ſie noch der Beſtürzung preisgegeben, welche beinahe das Geheimniß ihrer Aufopferung verra⸗ then hätte: „Wie! mein Vater . . dieſen Herrn ſchlagen Sie mir zum Gatten vor?“ „Ja, meine Tochter.“ „Dieſen Herrn, der ſo eben nur von Duellen, von Morden ſprach?“ „Ah! beruhigen Sie ſich, mein liebes Fräulein,“ verſetzte der Raufer: „für Sie werde ich ſanfter ſein⸗ 51 als ein Lamm, und mein Schwert wird Sie beſchützen, wie es meine Tochter beſchützen würde.“ „Mein Vater,“ ſagte Gilberte, „meine Heirath mit dieſem Herrn iſt unmöglich.“ „Ah! ich wußte wohl, daß Du mich täuſchteſt,“ rief Gilbert mit wachſender Trunkenheit, „ich wußte wohl, Du ſeiſt meiner würdig.“ Ich glaube, ich habe mich Ihrer Achtung nie un⸗ würdig gemacht, mein Freund,“ erwiederte die ſunge Frau mit rnhigem Tone; doch es dünkt mir unerläß⸗ lich für Sie, für mich, für meinen Vater und dieſen Herrn, der mir in einem edelmüthigen Gefühle, das ich nicht zu mißkennen vermöchte, ſeine Hand anbietet, es dünkt mir unerläßlich, mein ſcheinbar ſehr ſeltſames, ſehr geheimnißvolles und dennoch ſehr natürliches Be⸗ nehmen zu erklären.“ Sich dann an Gilbert wendend, der ſeine wiedererwachende Hoffnung abermals ſinken fühlte, fuhr Gilberte fort: „Mein Harr, ich habe in Ih⸗ nen leidenſchaftlich den Mann von Genie geliebt; trotz Ihrer, für uns Beide ehrenvollen, dringenden Zureden mußte ich Ihre Hand ausſchlagen; vernehmen Sie den Grund: ich ahnete, und ich habe Ihnen dies vorhin geſtanden, wenn dieſer große Ruhm der mich berauſcht hatte, erbleiche, werde meine Zuneigung für Sie auch erbleichen; um keinen Preis hätte ich Sie alſo ewig an mich binden mögen, da ich wußte, es könne ein Tag kommen, wo ich Sie weniger lieben werde. Leider iſt dieſer Tag gekommen.“ „Madame,“ rief Gilbert, der ſchmerzlich von der Höhe ſeiner letzten Illuſion herabfiel, „Sie mußten mich mit einem ſolchen Geſtändniß vor Fremden verſchonen!“ „Ihre Riederlage heute Abend hat mich ins Herz getroffen, wie ich Ihnen geſagt habe. Verzeihen Sie meine Feigheit, doch unwillkürlich fühlte ich mich ſchmerz⸗ lich gedemüthigt, als ich Ihren bis jetzt ruhmwürdigen Namen, auf den ich ſtolz war, beſchimpfen hörte.“ 52 „Madame, ich wiederhole, vor Fremden verletzen mich ſolche Geſtändniſſe.“ „Was haben ſie Verletzendes? Iſt damit geſagt, meine Zärtlichkeit für Sie habe plötzlich der Gleichgül⸗ tigkeit Platz gemacht? Nein, Sie glauben das nicht, doch, ich ſchäme mich, es auszuſprechen, ich fühlte, daß ich, während ich für den Adel Ihres Characters die tiefe Achtung bewahrte, die ich immer für ihn hegen werde, Sie weniger liebte! Ach! gegen dieſe elende Schwäche habe ich vergebens gekämpft. Von da an war mein Entſchluß gefaßt; ich gedachte Ihnen Ihre Freiheit zu⸗ rückzugeben; der Zufall wollte, daß ich, heute Abend hierher zurückkehrend, meinen Vater fand; er bot mir ſeine Verzeihung an, wenn ich zu einer Heirath einwil⸗ ligte, deren Bedingungen Sie gehört haben; ſie allein konnten mich zu dieſer Verbindung beſtimmen, welche ohne dieſes die Schande für mich und für den Mann, der mir ſeine Hand anbietet, geweſen wäre; doch bei redlicher Erfüllung meiner Pflichten, fand ich in dieſem neuen Leben das Vergeſſen der Vergangenheit, die Ruhe für die Gegenwart, die Sicherheit für die Zukunft, für mich unverhoffte Vortheile in der peinlichen Lage, in die ich mich einzig und allein durch meine Schuld ver⸗ ſetzt hatie . . . So eben haben Sie mir auf's Reue Ihre Hand angetragen; ich habe ſie vor zwei Jahren ausge⸗ ſchlagen, einzig und allein aus Furcht vor einer Erkal⸗ tung, die ich kaum vorherſehen durfte. Sie hat ſich verwirklicht. Iſt es möglich, daß ich Sie nun heirathe? Nein, nein, ich hatte mich auch nach den Wünſchen meines Vaters in das Band gefügt, das nur ein Aus⸗ tauſch von väterlicher Fürſorge und kindlicher Ehrfurcht ſein ſollte. Mein Benehmen, Sie werden es nun er⸗ kennen, wie ich hoffe, verbirgt kein Geheimniß, es iſt ſehr natürlich.“ „Oh!“ murmelte Gilbert in Verzweiflung, „oh! 53 welche Trockenheit des Herzens, welcher Egoismus, mein Gott! welche Tänſchung!“ i „Leider“ ſprach die junge Frau, „leider iſt die Verbindung, zu der ich mich aus Nachgiebigkeit gegen meinen Vater und aus Vernunft entſchloſſen hatte, nicht möglich.“ 1 „Und warum?“ fragte der General mit einer ſchmerzlichen Enttäuſchung, „warum iſt dieſe Heirath un⸗ möglich, mein Fräulein?“ 8 „Sie fragen mich das, mein Herr? Kann ich Sie heirathen, Sie, der Sie im Aufbrauſen Ihres heſtigen Characters den Mann ſchwer beleidigt haben, dem ich eine Achtung geweiht, welche nur mit meinem Leben en⸗ digen wird?“ „Madame,“ ſprach Gilbert mit bitterem Grame, „ich bitte, verſchonen Sie mich mit Ihrer Theilnahme.“ „Sie ſind grauſam, mein Freund, doch ich ver⸗ möchte die Schmähung nicht zu vergeſſen, deren Gegen⸗ ſtand Sie geweſen ſind, und wenn der Herr General wenigſtens anerkennen wollte, er habe, nachdem er un⸗ willkürlich von Ihnen getreten worden, Unrecht gehabt, hierin eine Beleidigung von Ihrer Seite zu ſehen, wenn er ſein Aufbrauſen bedauern wollte, ſo könnte ich viel⸗ leicht einwilligen, zu . . .“ „Nun wohl!“ rief der General, bei dem das Ver⸗ langen, über ſeinen Nebenbuhler zu ſiegen und eine Frau mit reicher Mitgift zu heirathen, die Oberhand über ſeine unbändige Streitſucht gewann, „will der Herr wiederholen, er habe mir unwillkürlich auf den Fuß ge⸗ treten, ſo werde ich bedauern, die Hand gegen ihn auf⸗ gehoben zu haben.“ „Mein Freund,“ ſagte Gilberte, „mir ſcheint, Sie können nicht mehr vom Herrn General fordern; ich, was mich betrifft, weiß ihm Dank, daß er ſich ſo ver⸗ ſöhnlich zeigt.“ „Oh! Madame,“ rief Gilbert in Verzweiflung, „es 54 iſt nicht mehr Mitleid, was Sie mir einflößen, es iſt Widerwillen! Laſſen Sie mich . . . Ihr Anblick thut mir wehe!“ „Endlich,“ ſagte Gilberte zu ſich ſelbſt . . . „er haßt mich er verachtet mich . . er wird meinen Verluſt nicht beklagen!“ Und ſie ſprach zu Herrn Rapin: „Mein Vater, laſſen Sie uns gehen! dieſe Scene iſt für mich zu peinlich.“ Dann ſich an den Raufer wendend: „Herr General, Sie haben ſich in meinen Wunſch gefügt . . empfangen Sie mein Wort ... unter den Bedingungen, die Sie ſelbſt geſtellt, willige ich in dieſe Verbindung ein.“ Endlich machte ſie einen Schritt gegen den Dichter und ſagte traurig zu ihm: „Ah! mein Freund, Sie zeigen ſich von einer ungerech⸗ ten Strenge gegen mich!“ „Laſſen Sie mich, Madame!“ rief der Dichter. „Ha! verflucht ſei der Tag, an welchem ich Sie kennen lerute! Möchte die Erinüerung an Sie auf ewig aus meinem Leben verſchwinden.“ „Kommen Sie, mein Vater, kommen Sie,“ ſagte die junge Frau zu Herr Rapin, den ſie am Arm fort⸗ zog, „ich vermöchte nicht einen Augenblick länger in dieſem Hauſe zu verweilen.“ Gilberte ging haſtig mit ihrem Vater hinaus. Der Raufer folgte ihnen, doch ſich, eines Andern beſinnend und ſeinem prahleriſchen Charakter, ſo wie dem Wunſche, ſich an der Demüthigung des Dichters zu weiden, nachgebend, wandte er ſich wieder um und ſagte zu Gilbert, den er vom Schmerz gelähmt ſah: „Und Sie, glauben Sie mir, laſſen Sie es ſich nie einfallen, der Baronin Pouſſard zwiſchen die Augen ſchauen zu wollen.“ Gilbert litt in dieſem Augenblick ſo grauſam ſo⸗ wohl dadurch, daß ihn ſeine Frau verließ, als durch die Gewiſſensbiſſe, die ihm der Tod von Auguſt Cle⸗ 55 meut verurſachte, daß er im Uebermaße ſeines Schmer⸗ zes ein Verlangen, mit ſeinem Leben ein Ende zu ma⸗ chen, in ſich fühlte. Er ſchaute auch den Raufer mit einer wilden Freude an und rief: „Sie ſind ein alter frecher Schuft, ein feiger Mör⸗ der, Herr Bräutigam meiner Frau, und trotz der Ver⸗ achtung, die Sie mir einflößen, will ich mich mit Ihnen ſchlagen“ „Wahrhaftig!“ rief der Raufer, keuchend in einer blutigen Hoffnung. „Oh! wenn Du Dich ſchlagen woll⸗ teſt, ich würde Dir Deine Beleidigungen vergeben!“ „Die Allee, welche nach dieſem Hauſe führt, iſt öde; der Tag wird bald anbrechen; holen Sie Degen; Ihre Zeugen werden auch die meinigen ſein,“ erwiederte Gilbert mit dumpfem Tone. „Sie werden mich tödten oder ich tödte Sie! denn ich haſſe Sie auf den Tod!“ „Endlich!“ ſagte der Raufer, „er ſchlägt ſich!“ „Pouſſard!“ rief die Stimme von Herrn Rapin, der, während dieſe paar Worte zwiſchen dem Dichter und dem Raufer gewechſelt wurden, ſchon die Treppe hinabgegangen war, „kommſt Du denn nicht?“ „Hier bin ich, mein Alter, hier bin ich!“ erwiederte der General. „Um meiner Braut zu gefallen, wieder⸗ holte ich dem Herrn meine Entſchuldigungen, damit wir in gutem Einvernehmen von einander ſcheiden.“ Und ſich gegen den Dichter umwendend: „In einer Stunde komme ich zurück. Oh! ich werde Dir zur Ader laſſen, elender Reimſchmied!“ XXV. Während des letzten Theils des an Vorfällen und Erſcheinungen ſo reichen Abends hatte der General Pouſ⸗ ſard völlig die geheimnißvolle und erſchreckliche Prophe⸗ 56 zeiung des mit dem Tode ringenden Marquis von Mont⸗ laur vergeſſen, die Prophezeiung, weſche alſo lautete: „Du wirſt eine grauſame Kolik bekommen, ſo oft Du den Degen in die Hand nimmſt, um Dich zu ſchlagen.“ Nach der Herausforderung des Dichters trat aber dieſer Gedanke plötzlich wieder vor den Geiſt des Rau⸗ fers, doch nach einem Augenblick der Bangigkeit machte er folgendes Raiſonnement; „Die Prophezeiung iſt, wie es mir Rapin geſagt hat (und ich bin immer mehr geneigt, dies zu glauben), entweder eine Täuſchung meines Gehirns oder ſie iſt, ſo unerklärlich das ſein mag, reell und wird ſich verwirkli⸗ chen. Geſchieht dies, bekomme ich unglücklicher Weiſe die Kolik, wenn ich in zwei Stunden den Degen gegen dieſen Reimſchmied ergreife, ſo bin ich ein verlorener, ein entehrter Mann; in dieſem Falle ſchneide ich meinen Schnurrbart ab nehme einen andern Namen an, gebe mich für einen Notar aus, der ſich aus den Geſchäften zurückgezogen baue meinen Kohl mit der Baronin in ir⸗ gend einem Provinzneſte, wo der Wein gut iſt und ſich Ueberfluß an Geflügel und Wildbret findet, und führe ein ganz gemächliches Leben, ohne von meiner Frau etwas Anderes zu verlangen, als daß ſie meine Küche beaufſichtige. Kneipt mich die ſchmähliche Erinnerung an meine Kolik zu ſtark, ſo trinke ich, um mich zu be⸗ täuben, ein paar Flaſchen alten Wein mehr bei meinem Mittagsmahle. Bin ich dagegen durch eine Sinnentäu⸗ ſchung bethört worden, und das glaube ich, denn, Don⸗ ner und Teufel! ein Menſch, der ſechs Zoll Eiſen im Leibe hat, bei dem die Augen verkehrt, die Naſenſpitze weiß und die Lippen blauroth find, ſpricht nicht; kurz, wenn ich auf dem Platze ſtehe, ich, der alte Pouſſard! der brave Ponſſard! dann werde ich dem Reimſchmied zur Ader laſſen, und nie werde ich Jemand mit größe⸗ rem Jubel zur Ader gelaſſen haben: es wäre mir viel lieber, wenn der erſte Mann der Baronin ſechs Fuß 57 Erde auf dem Gerippe hätte; ich würde mich mir ſelbſt gegenüber viel behaglicher fühlen; denn am Ende, ob⸗ gleich ich entſchloſſen bin, nur ein Vater für die Baro⸗ nin zu ſein, und die Tafelfreuden dem Weiberrocke vor⸗ ziehe, wäre mir doch der Gedanke unangenehm, der⸗ jenige, welcher der Mann meiner Frau geweſen, ohne ſie zu heirathen, lebe, wie ich, der ich ſie geheirathet, ohne ihr Mann zu ſein. „Ich muß alſo den Reimſchmied tödten und ich werde ihn tödten! Ja, ja die Kolik iſt entſchieden ein Hirngeſpenſt!“ Während er ſo ſeine finſteren Hoffnungen wieder⸗ käute, eilte der Raufer, nachdem er ſich von Herrn Ra⸗ pin und ſeiner Tochter getrennt, welche keine Ahnung von dieſem neuen Duelle hatten, nach Hanſe, um ſeine behoſten Degen zu holen, ſtieg dann kurz vor Son⸗ nenaufgang in einen Wagen und ließ ſich zu zwei von ſeinen ehemaligen Waffengefährten fahren, welche, da ſie nie etwas von den Unterſchleifen gehört hatten, in deren Folge der Commandant Pouſſard im Jahre 1814 caſſirt worden war, eine Verbindung mit ihm unterhielten und ihn als Exgeneral im Dienſte des General Bolivar em⸗ pfingen. Einer von dieſen penſionirten Officieren war der Commandant Dupont, der Andere der Ka⸗ pitän Robin. Der Raufer fand ſie noch im Bette und erſuchte ſie, ſeine Zengen in einer ſehr ernſten und nicht beizulegenden Sache zu ſein. Dieſe zwei Militäre theilten die blutige Manie ihres ehemaligen Kameraden nicht; dennoch konnten ſie es nicht ausſchlagen, ſeine Se⸗ cundanten im Namen ihrer alten Waffenbrüderſchaft zu ſein. Um das Duell regelmäßig anzuordnen, kam man überein, im Vorüberfahren aus dem Invalidenhauſe das unfern vom Rendez⸗vons, zwei alte Soldaten mitzunehmen, welche dem Gegner des Generals als Zengen dienen ſoll⸗ ten; der Zufall wollte, daß einer von den Invaliden einſt bei dem Regimente geweſen war, von dem der Rau⸗ fer lange ein Bataillon commandirt hatte. Die Wieder⸗ 58 erkennung war änßerſt rührend; die beiden Soldaten ſtie⸗ gen in einen zweiten Fiacre und folgten dem, in wel⸗ chem der General und ſeine Freunde ſaßen. Der Tag brach an, als die Wagen in die Avenue Meéricvurt ein⸗ fuhren, an deren Ende das Haus des Dichters lag. „Wer von Euch Beiden will ausſteigen, um das Huhn zu holen und mir zu bringen?“ ſagte der Raufer zu ſeinen Zengen; „ich ſehe, nicht weit von hier, links von der Straße ein Wäldchen; findet ſich darin eine Lichtung, ſo ſind wir dort wie Liebesgötter, um uns zu kämmen!“ „Teufels⸗Pouſſard!“ rief der Commandant Dupont, „immer derſelbe .. . ſtreitmüthig wie mit zwanzig Jahren!“ „Du findeſt es alſo ſehr beluſtigend, die Leute zu tödten?“ ſagte der Kapitän Robin; „ich, ich finde es äußerſt albern, abgeſehen davon, daß es immer das⸗ ſelbe iſt.“ „Mein Alter,“ ſprach der Raufer, während er den Knopf ſeiner Degen ſtreichelte, „Du würdeſt das durch⸗ aus nicht albern finden, wenn Du, wie ich, bei Deinem Zwölften wäreſt, denn der Reimſchmied iſt mein Zwölfter.“ „Nimm Dich in Acht,“ verſetzte der Commandant Dupont, „an einem ſchönen Tage wirſt Du Dich knei⸗ pen laſſen.“ „Ho! ho! derjenige, welcher den Papa Pouſſard kneipen ſoll, muß noch geboren werden,“ erwiederte la⸗ chend der Raufer. „Donner und Teufel! Ihr ſollt mich unter den Waffen ſehen, ich habe Augen, Hände und Kniebug wie zu meiner ſchönen Zeit., „Es wäre doch ſeltſam, wenn dieſer verteufelte alte Pouſſard den berühmten Schriftſteller tödten würde . ſagte der Commandant. „Ich,“ verſetzte der Kapitän Dupont, „ich fände das traurig, es gibt nicht zu viel Männer von Genie, 59 und dann wäre dies durchaus nicht ſchmeichelhaft für Dich, Pouſſard, denn ein Mann von der Feder hat nicht die Gewohnheit, den Degen zu führen . Du müßteſt ihn ein wenig ſchonen . .. Mißbrauche Deine Ueberle⸗ genheit nicht, verwunde ihn, und damit laß es gut ſein.“ ¹ „Ihn ſchonen!“ verſetzte der Raufer, ein grauſames Gelächter aufſchlagend. „So wahr ich Pouſſard heiße, ehe eine Viertelſtunde vergeht, wird der Reimſchmied einen rothen Bauch und ein weißes Auge haben.“ Als der Wagen in dieſem Augenblick unfern von der Wohnung des Dichters anhielt, ſagte der Comman⸗ dant Dupont zum General: „Ich will ausſteigen, um Deinen Gegner zu benach⸗ richtigen, daß wir mit ſeinen Zeugen da ſind.“ „Ja, und will er, zu ſpät den Tod witternd, den ich ihm bringe, zurückweichen, ſo führe mir dieſen Bur⸗ ſchen an den Ohren zu, wie man ein Kalb zur Schlacht⸗ bank führt. Wir wollen mit Robin bis zu dem Wäld⸗ chen gehen, das ich bemerkt habe; wir werden das Ter⸗ rain unterſuchen, und ich bin überzeugt, wir ſinden dort gerade den Platz, den wir brauchen; Du folgſt mir nach; wir erwarten Bich.“ Während der Commandant Dupont an der Gar⸗ tenthüre beim Hauſe des Dichters klingelte, wandten ſich der Raufer, der Kapitän Robin und die zwei Inva⸗ liden nach dem Wäldchen. „Du biſt alſo nun hier, mein alter Murrkopf?“ ſagte unter Weges der General zu dem ehemaligen Sol⸗ daten von ſeinem Regimente, einem Greiſe mit weißem Schnurrbart und einem Arme; „weißt Du, daß wir ſet der Schlacht bei Tarragona nicht mehr geſehen aben?“ „Das iſt wahr, mein Commandant.“ „Wie lange biſt Du bei 72 geblieben?“ „Ich bin in Burgos eingetreten, mein Comman⸗ 60 dant, als Sie Unterlieutenant waren, und ich habe das Regiment verlaſſen, als man Sie zum Bataillonchef ernannt hatte.“ „Du haſt ein gutes Gedächtniß.“ „Ei! ich bin teufelmäßig ſchön dafür bezahlt, daß ich mich des Datums Ihrer Grade erinnere.“ „Wie ſo, mein alter Spaßvogel?“ „Das iſt ganz einfach, mein Commandant: in der Affaire, wo Sie zum Lieutenant ernannt worden find, habe ich eine Kugel in die Lenden erhalten. Gut . . eins! Bei der Vertheidigung von Marmora, die Ihnen den Grad eines Kapitäns eingetragen hat, habe ich einen Bajonnetſtich in den Bauch bekommen. Gut . zwei. In der Schlacht bei Poytrago endlich hat mir eine Kanonenkugel den Arm weggeriſſen. Gut ... drei. Und ich ſagte mir: Auf dieſen Schuß wird mein Kapi⸗ 4. zun Bataillonchef gemacht werden. Das hat nicht efehlt.“ 4 „Du biſt ein alter Dummkopf! Und beim Regi⸗ mente hätte ich Dich einen Monat für ſolche Betrachtun⸗ gen eingeſteckt. Ah! Knaſterbart warſt Du nicht Fecht⸗ meiſter bei 727“ „Nein, mein Commandant, ich war nur Profoß.“ „Nun, Du wirſt ſehen, daß der Vater Pouſſard nicht einarmig iſt.“ „Ich glaube wohl! ich bin es, mein Comman⸗ „Ruhe im Gliede, Murrkopf! ich ſage, Du wirſt mich gegen den Schreiber, deſſen Zeuge Du biſt, vom Leder ziehen ſehen. Halt, da kommt er.“ Indem er ſo ſprach, deutete der Raufer auf den Dichter, der, mit dem Commandanten Dupont plau⸗ dernd, in der Allee herbeikam; als ein wohlerzogener Mann zeigte ſich dieſer ſehr höflich. Nachdem er Gil⸗ bert artig gegrüßt hatte, kehrte er zu General Pouſſard 61 und Kapitän Robin zurück, und ſagte dann zu den bei⸗ den Invaliden: „Meine Braven, begeben Sie ſich zu dieſem Herrn, deſſen Zeugen Sie ſein werden.“ „Und den Rock herunter!“ rief der Raufer, indem er dem Commandanten ſeine zwei behoſten Degen über⸗ gab Er warf dann ſeinen Hut auf den Boden und fing an ſeine Halsbinde, ſeinen Ueberrock und ſeine Weſte auszuziehen. „Endlich werden wir alſo dem Reimſchmied zur Ader laſſen!“ Und ſeine großen hervor⸗ ſtehenden, immer mehr von Blut unterlaufenen Au⸗ gen ſchienen ganz aus ihrer Höhle herauszutreten. „Ich werde alſo meinen Zwölften unter die Erde bringen! Vor Allem verſichere ich Euch, meine alten Kameraden: wenn er ausreißen will, zerſchmettere ich ihm das Ge⸗ ſicht mit Degenknopfſtreichen!“ „Stille, Pouſſard, keine Beleidigungen,“ verſetzte der Commandant Dupont die Achſeln zuckend. „Täuſche Dich übrigens nicht: Du haſt es mit keinem .. Feig⸗ herzigen zu thun! Ich verſtehe mich auf die Menſchen, Dein Gegner wird keine Sohle breit zurückweichen, das ſage ich Dir.“ „Er! dieſer Schreiber! Nun! ſo ſchau' ein wenig ſeine Fratze an, wenn er meine Degenſpitze in der Höhe ſeiner Augen ſieht! Während er ſo ſchwatzte, zog der Raufer einen Theil ſeiner Kleider aus und behielt nur ſeine Hoſe und ſein Hemd an, das, halb geöffnet, ſeinen Stierhals und ſeine behaarte Bruſt ſehen ließ; mit ſeiner linken Hand ſchlug er den rechten Aermel ſeines Hemdes zurück und rollte ihn auf dem Vorderarm auf. Von einer Art von Erethismus erfaßt, ſchienen ſich ſeine weißen, borſtenartig geſchnittenen Haare auf ſeinem Haupte zu ſträuben, und in ſeiner wilden Ungeduld kaute er am Ende ſeines grauen Schnurrbarts, der ſeine Lippen be⸗ e. 62 Der Dichter, nachdem er den zwei Soldaten herz⸗ lich gedankt hatte, daß ſie eingewilligt, ihm als Zeugen zu dienen, fing auch an ſich zu entkleiden. Auf ſeinem edlen, bleichen, wie eine Marmorlarve unempſindlichen Geſichte las man die Lebensverachtung; da er ſich für das Opfer einer entſetzlichen Tänſchung hielt, da er an nichts mehr glauben konnte und Gilberte und ſich ſelbſt und die Menſchheit verfluchte, ſo war ſeine einzige Hoff⸗ nung, unter dem Degen des Raufers zu ſterben oder, durch eine mehr als zweifelhaft Chance, dieſen Menſchen zu tödten, der für ihn ein verhaßter Nebenbuhler ge⸗ worden war. Als Gilbert ſeine Weſte ausgezogen hatte, näherte er ſich dem General Pouſſard. Dieſes Zuſammentreffen fand mitten auf einer Lichtung ſtatt, welche auf drei Seiten mit einem ziemlich dichten Gehölze umgeben war und durch einen mit Raſen bewachſenen Weg nach der Allee ausmündete. Es trennten ungefähr noch zehn Schritte den Dichter vom Raufer, als dieſer, trotz der Vorſtellungen ſeiner Zeugen, ungeſchlachter Weiſe ſeinem Gegner zurief: „Rücke doch vor! rücke doch vor! . . . Das riecht nach dem Tode, nicht wahr, und Da wankſt?“ Gilbert antwortete nicht, er machte noch ein paar Schritte; die zwei Invaliden, ſeine Zeugen, traten auf die Seite, und der Kapitän Robin, der die zwei be⸗ hoſten Degen, die er zuvor redlich gemeſſen, um ſich zu verſichern, daß ſie von gleicher Länge, kreuzweiſe gelegt, in der Hand hielt, reichte ſie dem Dichter; die⸗ ſer nahm einen; der andere wurde dem Raufer geboten, der ihn mit einer wilden Freude ergriff und ausrief; „Rücke vor . daß ich Dir zur Ader laſſe.“ Der Commandant, um den beleidigenden Brutalitä⸗ ten des Generals ein Ziel zu ſetzen, ſprach mit lauter Stimme: „Auf, meine Herren, legen Sie ſich aus.“ 63 Immer bleich und unempfindlich, legte ſich Gilbert⸗ aus: die Fechtkunſt war ihm nicht fremd. Der General Pouſſard ſchickte ſich an, die ganze furchtbare Macht ſei⸗ ner Stellung zu entwickeln . .. ſchon wiegte er ſich, indem er ſich auf ein Bein ſtützte und das andere vor⸗ rückte, als ſich plötzlich ſein Geſicht auf eine ſeltſame Art zuſammenzog; ſein linker Arm, den er langſam auf⸗ hob, um ſich auszulegen, während er mit ſeiner rechten Hand ſeinen Degen feſtfaßte, hielt inne, als ob er ge⸗ lähmt wäre; große Schweißtropfen floßen von ſeiner Stirne, ſein breites, illuminirtes Geſicht fing an ſich zu entfärben, zog ſich immer mehr zuſammen, ſchnitt Gri⸗ maſſen, und die rechte Hand, mit der er den Degen hielt, zitterte krampfhaft. Der Commandant Dupont, der Kapitän Robin und die zwei Invaliden ſchauten einander mit einem ſtum⸗ men, wachſenden Erſtaunen an, ſo ſehr glichen die Symp⸗ tome, die ſich bei dem wüthenden Buellanten offenbarten, der Angſt. Dieſe Symptome bemerkte der Dichter nicht, ſein Geiſt war anderswo; doch in dem fieberhaften Verlangen, entweder mit dem Leben ein Ende zu machen oder den Haß zu befriedigen, den ihm der zukünftige Gatte von Gilberte einflößte, rief er mit einer düſteren Ungeduld ſeinem Gegner zu: „Auf, mein Herr, ausgelegt!“ Pouſſard,“ ſagte ieiſe der Commandant, „was Teufels haſt Du? Du biſt ganz bleich, Deine Hand zittert, Deine Beine ſchlottern.“ „Pouſſard, ich kenne Dich, es iſt nicht die Angſt, was Dich ergreift,“ fügte leiſe der Kapitän Robin bei. „Biſt Du denn unpaß?“ „Blanchard,“ flüſterte ſeinem Kameraden der Sol⸗ dat zu, der unter dem Duellanten gedient hatte, „ſchau doch den Commandanten an. Ich war ſo bleich wie er, als ich zum erſten Male im Fener ſtand. Doch 64 daß ein ſolcher alter Cavaleriſt vor einem Degen er⸗ blaßt, das iſt doch drollig!“ Während die Zeugen dieſe Bemerkungen machten, veränderten ſich die Züge des Raufers immer mehr und drückten eine Miſchung von Wuth, Scham und einem unbeſchreiblichen Schrecken aus; die von ihm im Paro⸗ rysmus ſeiner Mordſucht vergeſſene Prophezeiung ver⸗ wirklichte ſich pünktlich. Kaum hatte er den Degen in die Hand genommen, als ſich plötzlich die wachſenden Symptome einer gräßlichen Kolik in ihm fühhlbar mach⸗ ten. Wäre es möglich geweſen, die Opfer der albernen und grimmigen Prahlerei dieſes Elenden zn vergeſſen, der in ſeiner Grauſamkeit noch ſchrecklicher als ein wil⸗ des Thier, das wenigſtens durch den Hunger angetrie⸗ ben von ſeinen Metzeleien lebt; hätte dieſer ſeit langer Zeit ſtrafloſe Mörder auf ſeinem Wege nicht ſo viele Thränen, ſo viel Blut und ſo viel Trauer hinterlaſſen, ſo würde er Mitleid erregt haben. Er ſah ſich verlo⸗ ren, entehrt in den Augen dieſer Officiere, dieſer Sol⸗ daten, welche einſt Zeugen ſeiner Tapſerkeit geweſen; ſein geſtern noch furchtbarer Name würde bald nur noch Spott und Verachtung einflößen! Was der Raufer an Energie aufwandte, um gegen die rächende Kolik zu kämpfen, iſt unglaublich: doch in dieſem Kampfe des Willens gegen den phyſiſchen Schmerz wurde er beſiegt. Eine letzte Hoffnung bewahrend, reichte er indeſſen dem Kapitän Robin ungeſtüm ſeinen Degen und ſagte zu ihm mit bebender Stimme und einer beinahe irrſinnigen Miene: „Das iſt . .. das iſt die Wirkung einer alten Wunde . . ein Magenkrampf . . . es wird nichts ſein ein wenig Luft . . . ein wenig Bewegung .. und ich kehre auf den Poſten zurück!“ Nachdem er dieſe Worte geſprochen, ging der Duel⸗ lant mit großen Schritten auf und ab und ließ ſeine Zeugen beſtürzt und in Furcht, wie man zu ſagen pflegt, 65 für die Ehre des Corps zurück. Aeußerſt verlegen ſagte auch der Commandant Dupont zu Gilbert: „Mein Herr ich bin wahrhaft in Verwirrung über das, was vorgeht, doch es hat den General eine plötzliche Unpäßlichkeit ergriffen .. . „Gut mein Herr,“ erwiederte Gilbert, indem er ſich verbeugte, „ich werde warten.“ Und er verſank wieder in ſeine ſchmerzlichen Betrach⸗ tungen. „Hm!“ machte plötzlich einer von den Invaliden, ſich an ſeinen Kameraden wendend, „ſage doch, Blanchard, der General nennt das Luft ſchöpfen.“ „Ja, Luft, um vor dem Bürger davon zu gehen!“ „Und man nannte ihn doch beim Regimente den Hen⸗ ker den Raufluſtigen! Das macht das Alter, mein lieber Blanchard!“ Der General näherte ſich indeſſen bald wieder mit feſtem, freiem Schritte. Die Erinnerung an ſeine Schmach und an Alles das, was er beim Gedanken an die Folgen dieſer Schmach gelitten, die ihn in den Augen ſeiner alten Waffengefährten entehrte, verdoppelte ſeine blut⸗ gierige Wuth. Sie packte ihn ſo gewaltig, als ſie ihn einige Minuten vorher in dem Augenblick, wo er den Degen in die Hand genommen, gepackt hatte. Er glaubte ſich auch ſicher, ſeine Ehre in den Augen ſeiner Zeugen wiederherzuſtellen. „Schon einmal verwirklicht, wird ſich die Prophe⸗ zeiung nicht abermals verwirklichen,“ dachte der Raufer, „nnd überdies war dieſe Prophezeiung (eine Täuſchung ſeines erhitzten Gehirns, er glaubte dies hartnäckiger als je) in Erfüllung gegangen vermöge der Reaction des Moraliſchen auf das Pbyſiſche, durch welche man zuweilen wirklich von den Uebeln befallen wird, deren chimäriſche Befürchtung lange unſern Geiſt erfüllt hat.“ Dieſe Gründe mußten dem Duellanten um ſo ſieg⸗ Gilbert und Gilberte. I. 5 P 66 reicher erſcheinen, je mehr es für ihn ein Bedürfniß war, daran zu glauben. Ein zweiter Unfall entehrte ihn auf immer, weil er nicht wie der erſte einer Unpäß⸗ lichkeit zugeſchrieben werden konnte. Im Gefühle von Stärke und Energie, lief der Ge⸗ neral behende und munter herbei, und ſich an den Dich⸗ ter wendend, der mit gekreuzten Armen, obgleich er im⸗ mer ſeinen Degen in der Hand hielt, düſter und träu⸗ meriſch wartete, rief der unverbeſſerliche Raufer: „Ohne den den mir eine alte Wunde verurſacht hat (Du kennſt das nicht, Du . . . die alten Wunden), wäre Deine Sache ſchon abgethan! Doch ſei ruhig, ehe fünf Minuten vergehen, wird Dir zur Ader gelaſſen ſein.“ „Saperment, Pouſſard,“ ſagte leiſe der Kapitän Robin, „ſei nicht ſo grob, oder ich ziehe mich mit Du⸗ pont auf der Stelle zurück!“ Meinen Degen!“ rief der Raufer, der ſich um dieſe Vorwürfe wenig bekümmerte. „Teufel! meinen Degen!“ „Hier!“ erwiederte der Commandant Dupont mit einer peinlich beſorgten Miene, „und diesmal wenigſtens bediene Dich Deines Degens! ſonſt bringſt Du uns in eine entehrende Lage!“ Tauſend Millionen Donner!“ rief der Raufer ſchäumend und ſeine blutigen Augen auf ſeinen alten Waffengefährten heftend. „Sollteſt Du an meinem Muthe zweifeln . . . Du, der Du mich im Feuer ge⸗ ſehen haſt ? . . . Wenn ich das glaubte, ich würde Dich, während ich gerade im Zuge bin „. Nimm Deinen Degen,“ erwiederte der Comman⸗ dant Dupont, die Achſeln zuckend, „und mache zuerſt ein Ende mit Deinem Gegner; wir werden hernach ſehen.“ Und er reichte die Waffe dem Duellanten, der ſie er⸗ griff. . . Der General nahm dann ſeine Stellung und 67 rief, als er Gilbert immer träumeriſch und in Gedanken verſunken daſtehen ſah: „Auf, hurtig! Wenn Du etwas in Deinem Teſta⸗ mente vergeſſen haſt, deſto ſchlimmer für Deine Erben: es iſt zu ſpät. und Sie, meine Herren,“ fügte er bei, indem er ſich an die vier Zeugen des Duells wandte, „ſehen Sie wohl dieſen Spaß, ich wette, daß ich ihm ſechs Zoll Klinge unter der linken Bruſt einbohre! Ver⸗ fehle ich ihn, iſt dem Huhne nicht in fünf Minuten zur Ader gelaſſen, ſo mögen Sie mig als dem letzten der Feigen ins Geſicht ſpucken!“ Der Dichter legte ſich wieder aus, doch in dem Angenblick, wo der Commandant Dupout die herkömmli⸗ chen Worte: „Los, meine Herren!“ ausſprach, ſah er zu ſeinem großen Verdruß denſelben Anſchein von Angſt ſich abermals auf dem erbleichenden, zuſammenge⸗ zogenen Geſichte des Raufers offenbaren. Abermals zitterte ſeine Hand krampfhaft; abermals befeuchtete ſich ſeine Stirne mit Schweiß, und ſeine Beine ſchienen un⸗ ter ihm brechen zu wollen. Dann, nach einem Augen⸗ blick, entfiel ſein Degen ſeiner Hand, und Thränen, ja, . ſchwere Thränen entfloßen ſeinen Augen. Sein Geſicht unter ſeinen Fänſten verbergend, rief er mit ei⸗ nem herzzerreißenden, verzweifelten Tone: „Verloren entehrt! .. Oh! ich „ Doch der Raufer hatte nicht Muße, noch ein Wort beizufügen; er verließ eiligſt den Kampfplatz und ver⸗ ſchwand, um nicht mehr zurückzukommen, während ihm Gilbert ſehr erſtaunt über dieſen zweiten ungeſtümen Rückzug, mit dem Degen in der Hand, nachſchaute . „Ah! Blanchard,“ ſagte der Invalide zu ſei⸗ ſen Kameraden, „wir werden lange über dieſes Duell achen.“ „Saperment rief der Kapitän Robin, außer 33 „ich gäbe zehn Jahre Sold, um anderswo als hier zu ſein“ 68 „Das iſt unbegreiflich!“ verſetzte der Commandant Dupont. „Wie! Pouſſard! er! er!“ „Das iſt unbegreiflich, doch es iſt ſo! wir können, bei Gott! nicht auf dieſe Art die Epaulette entehren laſſen!“ ſprach der Kapitän Robin. „Wir ſind Beide ſolidariſch ver⸗ bindlich für die militäriſche Ehre . . . Einer von uns, Du oder ich, muß den Platz von Pouſſard einnehmen: dieſes Duell kann nicht ſo endigen.“ „Wie! Du willſt? das iſt doch albern ... „Man ſoll nicht ſagen, ein Officier habe zweimal vor einem Bürger Ferſengeld gegeben, ohne daß ſich wenigſtens, für die Ehre der Epaulette, ein Militär an den Platz des Abweſenden geſtellt und ſeine Sache übernommen hat.“ „Aber ich wiederhole Dir, das iſt wahnſinnig!“ Ohne weiter ſeinen Gefährten anhören zu wollen, ging der Kapitän Robin raſch auf Gilbert zu, der, wie⸗ der in ſeine troſtloſen Betrachtungen verſunken, dem, was um ihm her vorging, fremd zu ſein ſchien. „Mein Herr,“ ſagte ungeſtüm der Kapitän, den das Verſchwinden des Raufers in eine ſehr böſe Laune verſetzte, „als Zeuge von Herrn Pouſſard habe ich das Recht und die Pflicht, ſogleich eine Erklärung von Ihnen zu fordern.“ Sehr reizbar gemacht durch die Verzweiflung und überdies geärgert durch den rauhen, faſt feindſeligen Ton des Kapitäns, erwiederte Gilbert trocken: „Welche Erklärung haben Sie von mir zu fordern?“ „Mein Herr, ich wünſche, daß Sie mir bei Ihrer Ehre erklären, Sie ſchreiben nicht der Feigheit das Benehmen von Herrn Pouſſard in dieſer Sache zu, ſeiſt . „Sonſt . . was, mein Herr?“ „Da ich nicht annehme, daß man einen Officier nur im Verdachte der Feigheit in meiner Gegenwart ha⸗ ben kann, ſo würde ich als eine perſönliche Beleidigung 69 Ihre Weigerung, der Erklärung, die ich von Ihnen fordere, beizutreten, anſehen . . und ich wäre ge⸗ nöthigt, auf der Stelle Genugthuung von Ihnen zu ver⸗ langen.“ rpein Herr, da Sie durchaus eine Erklärung ha⸗ ben wollen . .„ „Ja, mein Herr . . . ich will durchaus eine haben „„ „So gebe ich Ihnen folgende: Ich betrachte Herrn Pouſſard als den Feigſten der Menſchen „ „Mein Herr . .. „Als den Feigſten der Menſchen!“ wiederholte Gilbert mit einem beſonderen Nachdruck. „Ich kenne nichts Schändlicheres, Abſcheulicheres, als dieſe zahl⸗ reichen und mörderiſchen Duelle, bei welche, die Ue⸗ berlegenheit ſeiner Fechtkunſt mißbrauchend, dieſer Raufer ſeine Opfer beinahe mit voller Sicherheit ödtet.“ „Mein Herr, erlauben Sie mir,“ ſagte der Com⸗ mandant Dupont, der ſich gezwungen in das Geſpräch miſchen mußte, „unſer Kamerad Pouſſard hat ſich oft mit Gegnern von ſeiner Stärke geſchlagen „Wahrhaftig, mein Herr? dieſer Duellant, wenn er nicht mit Sicherheit ſpielt, wie ein Gauner mit ſei⸗ nen Gimpeln, iſt ſo ehrlich, bei gleicher Chance zu ſpielen? Wahrhaftig! er weiß am Ende ſeine Haut einzuſetzen, um ſich das blutige Vergnügen zu verſchaf⸗ en, einen Menſchen zu tödten? Das iſt, bei Gott! ſehr ehrenhaft!“ 8 „Mein Herr, wenn es keine Ehre iſt, ſo iſt es doch wenigſtens keine Feigheit,“ bemerkte der Comman⸗ dant Dupont, der zur Verſöhnung geneigt zu ſein ſchien. „Ich bezweifle auch nicht, Sie bedauren den Ausdruck feige auf den Officier angewendet zu haben, der uns zu eugen genommen.“ „Mein Herr, ich bereue den Ausdruck, deſſen ich 70 mich bedient, durchaus nicht: man kann verwegen um ſein Leben im Duell oder im Kriege ſpielen, und Feig⸗ heiten, Schändlichkeiten ohne Zahl begehen, wie ſie Herr Pouſſard begangen hat.“ „Mein Herr, Sie vergeſſen, daß wir die Epaulette tragen,“ erwiederte der Commandant Dupont, „und unter Soldaten ſind wir gezwungener Weiſe ſolidariſch für die militäriſche Ehre.“ „Meine Herren,“ ſagte Gilbert, „ich halte Sie für Männer von Ehre, und als ſolche können Sie nicht die geringſte Solidarität mit dieſem Raufer in Anſpruch nehmen!“ Und ich nehme ſie in Anſpruch mit Recht oder mit Unrecht, das iſt meine Sache!“ rief der Kapitän Robin . . „Und wenn Sie nicht Alles das, was Sie in Betreff unſeres Kameraden Pouſſard geſagt haben, widerrufen ſo werde ich Sie wohl zu zwingen wiſ⸗ ſen, daß Sie den Degen ergreifen.“ „Sie bedürfen hiezu keiner Anſtrengung, mein Herr,“ erwiederte Gilbert, ungeduldig, mit dem Leben ein Ende zu machen; und mit einer höhniſchen Bitterkeit ſagte er zu ſich ſelbſt: „O Eitelkeit der Entſchlüſſe des Menſchen! ich habe das Duell immer als ein rohes, albernes Vorurtheil betrachtet . . . und nun fordere ich aus Lebensüberdruß den Tod von einem Duelle!“ Gegen ſeine Hoffnung fand der Dichter den Tod nicht in dieſem Duell; der Kapitän ſchlug ſich nur für einen falſchen Punkt der Ehre er fühlte das wohl: als der Kampf begonnen hatte, ſuchte er auch nur den Dich⸗ ter leicht zu verwunden, und dies gelang ihm nach ſei⸗ nen Wünſchen. Gilbert erhielt in den Arm einen durch⸗ aus nicht gefährlichen Degenſtich. Am andern Tage las man in den Blättern: „Geſtern hat ein Duell zwiſchen dem Herrn Kapitän Robin und Herrn Georges Hubert ſtattgefunden. Der Letztere iſt verwundet worden, u. ſ. w.“ 71 Trotz ihres nnerſchütterlichen Entſchluſſes, das Opfer, das ſie ſich auferlegt, bis zum Ende zu voll⸗ bringen, wurde Gilberte von einer Todesangſt ergriffen, als ſie den Ausgang des Zweikampfes durch die öffent⸗ liche Stimme erfuhr; da ſie den Grad der Bedeutung der Wunde des Dichters nicht wußte, ſo konnte ſie dem Bedürfniſſe ihrer Seele, ſich ſelbſt nach ibm zu erkun⸗ digen, nicht widerſtehen, und ſie ließ ſich nach der Avenue Mericourt fahren. Sie fand die Thüre des Gärtchens halb geöffnet und ſtieg die Freitreppe hinauf, im Glauben, ſie werde Frau Catherine in einem der Zimmer des Erdgeſchoßes treffen, fand aber Niemand. Die Dienerin hatte ſich auf einen Angenblick entfernt. Dieſe Einſamkeit, der Anſchein von Verlaſſenheit, die Stille, welche im Hauſe herrſchte, verdoppelten die Be⸗ ſorgniſſe von Gilberte; ſie ging raſch die Stufen hinauf, welche zur Thüre des Schlafzimmers führten . horchte und hörte nichts. Düſtere Befürchtungen bela⸗ gerten ihren Geiſt. Sie bildete ſich ein, Frau Cathe⸗ rine, die Einz'ge, welche Gilbert pflegen konnte, ſei, da ſie ihn in einem verzweifelten Zuſtande geſehen, weggelanfen, um Hülfe zu holen; einer wachſenden Bangigkeit nachgebend, öffnete die junge Frau ſachte die Thüre des Schlafzimmers .. Hier . .. ſah ſie den Dichter auf ſeinem Bette ausgeſtreckt und dem De⸗ lirium des Fievers preisgegeben; von Zeit zu Zeit mur⸗ melte er abgebrochene Worte: Verflucht . ſei ſie!“ ſagte er . . . „vorher . . . mein friedliches. . ruhmvolles Leben .. Oh! theure Einſamkeit . .. von einſt!. .. Studium . Poeſie . Troſt . . ihr . . . werdet mich rächen . . . am Ver⸗ laſſen Ha verflucht! . verflucht! .. Dieſe Worte ohne Folge und unterbrochen durch wiederholtes langes Stillſchweigen bezeichneten die Auf⸗ regung des Gemüthes des großen Schriftſtellers. Seine bitteren Gefühle traten an den Tag durch die Verirrung 72 ſeines Geiſtes. Gilberte betrachtete ihn in einer from⸗ men Sammlung. Der Inſtinct ihres Herzens ſagte ihr, trotz der Gluth ſeines Fiebers ſei der Dichter keiner ernſten Gefahr preisgegeben. Zuweilen, während er ſprach, bewegte er ſeinen Arm, der von einem blutigen Verbande umhüllt war. Die Wunde mußte alſo nicht von Bedeutung ſein. Bald wurden die Worte ohne Folge, die er ſprach, durch immer längere Stillen unterbrochen; ſeine Augen, welche bis dahin nur halb geſchloſſen waren, ſchloſſen ſich völlig; ſein Athem ward weniger geſtoßen; ein wohlthätiger Schlaf fing augenſcheinlich an auſ die Hitze des Fiebers zu folgen; die Worte, die er noch zu ſprechen verſuchte, erſtarben auf ſeinen kaum durch einen ſanften und regelmäßigen Athem bewegten Lippen. Gilbert gab allmälig jenem tiefen Schlafe nach, in wel⸗ chem die Seele und der Leib, nach grauſamen Aufregun⸗ gen, eine wiederherſtellende Ruhe finden. „O mein Dichter, Du wirſt leben,“ murmelte die junge Frau, deren Augen Thränen entſtrömten, während ſie Gilbert mit einer leidenſchaftlichen Zärtlichkeit an⸗ ſchaute. „Du wirſt wiedergeboren werden für die Be⸗ wunderung Frankreichs! für die Ehre des menſchlichen Geiſtes! Ich, ein armes, unbekanntes Geſchöpf, werde mich beinahe zu Deiner Höhe durch das Opfer erhoben haben! In der Bitterkeit Deiner Täuſchung gedenkſt Du noch meiner, um mir zu fluchen. Doch die verhaßte Erinnerung an mich fliehend, wirſt Du mich hald ganz vergeſſen haben, — durch die mütterlichen Süßigkeiten des Studiums und die Beranſchung Deiner neuen Triumphe. Du wirſt vielleicht indeſſen ihrer gedenken, wie man eines entfernten Traumes gedenkt, dieſer zwei Jahre friedlicher und zärtlicher Vertraulichkeit, welche für mich mein ganzes Leben ſein werden! O mein Dich⸗ ter, ſehne Dich gerade um Deinetwillen nie nach dieſen veglückten Tagen zurück! Dein nicht erloſchenes, aber in einer ſanften Einförmigkeit eingeſchläfertes, ausgeruhtes 73 Genie wird ſich noch mächtiger als einſt in die glorrei⸗ chen Regionen emporſchwingen, wo es vor Kurzem noch unumſchränkt gebietend ſchwebte. Aus der Tiefe meiner dunklen Vergeſſenheit werde ich Dir mit den Blicken bis zu der Stunde folgen, wo der Tod meine Augenlider geſchloſſen haben wird. In dieſem äußerſten Angenblicke ſollſt Du meinen letzten Gedanken haben, o mein Dich⸗ ter, und ich werde zu mir ſagen: „„Stirb glücklich . . Nie hat eine Frau geliebt, wie Du geliebt!““ Dann wiſchte ſie die Thränen ab, die ihr Geſicht badeten, neigte ſich über den entſchlummerten Dichter und flüſterte mit geſchwächter Stimme: „Nun lebe wohl . . . auf immer lebe wohl .. Seele meines Lebens! Einen letzten Kuß auf Deine Stirne! . .„ Gilberte berührte mit ihren zitternden Lippen die Stirne des Dichters, als die ſanfte Stimme der unſicht⸗ baren Fee ſich am Ohre der jungen Leute hören ließ und zu ihnen ſprach: Gilbert und Gilberte, wollt Ihr fortwährend Georges Hubert und Louiſe ſein? Erfüllt ihr von Euch ſo beneidetes Leben Eure Wünſche?“ Plötzlich wieder ſie ſelbſt geworden und von ih⸗ rem Ich Beſitz ergreifend, während ſie die Erinnerung an die Vergangenheit behielten, riefen Gilbert und Gilberte: „Ah! Korrigan, wir wollen nicht mehr Georges Hubert und Louife ſein!“ „Wir wollen auf der Stelle in unſer Stübchen zu⸗ rücktehren.“ „Es iſt geſchehen!“ antwortete die Stimme. Gilbert und Gilberte fühlten ſich einen Augenblick von einem Schwindel erfaßt; während dieſes Schwindels verloren ſie das Bewußtſein, und ſie befanden ſich dann wieder in ihrem beſcheidenen Stübchen in der Rue de Lille. XXVI. Gilbert und Gilberte, als ſie ſich in ihrer beſchei⸗ denen Wohnung wieder einander gegenüber befanden, waren von demſelben Gefühle der Freude ergriffen, das ſie ergriffen hatte, als ſie nach ihrer erſten Metamor⸗ phoſe aus dem Leben des Marquis und der Marquiſe von Montlaur herausgetreten waren. Die Augen von ſüßen Thränen befeuchtet, umarmten ſich unſere jungen Leute. „Ah! mein armer Geliebter,“ ſagte Gilberte, „wie gut iſt es, daß wir wieder wir ſelbſt in unſerem Stübchen ſind.“ „Oh! Minette, es iſt mit dem Ruhme wie mit dem Marquiſat! ich habe ihn bis über die Ohren ſatt! Welche Galeere! Nein, ſiehſt Du, nie werde ich meine Angſt vor dieſer verdammten erſten Vorſtellung vergeſ⸗ ſen!. . . Und ich wußte nbch nicht, ob mein Stück reuſſiren würde .. Welche Qualen! Ein Angeklagter, der auf ſein Urtheil wartet, kann keiner ſolchen Folter preisgegeben ſein! Ich war buchſtäblich auf dem Roſte! Hätte mein Stück geſiegt, ich würde, ehe ich des Sur⸗ ceſſes ſicher war, nichtsdeſtoweniger wie ein Verdammter gelitten haben, durch tauſend Befürchtungen, von denen die eine immer peinlicher als die andere .. . Beurtheile auch ein wenig meine Lage, als ich am Ende das Pub⸗ likum pfeifen hörte wie eine Amſel . Was ſage ich? peißen wie fünfhundert Amſeln! Und das Geziſche und das Geſchrei und die Schmähungen! abgeſehen von dem entſetzlichen Schlage, den mir der Tod des armen Auguſt Clement beigebracht hat, der ſich, ſtatt ganz einfach Ladendiener einer Specereihandlung zu blei⸗ ben, in den Fluß ſtürzt! Endlich, in der Hoffnung, mich bei Dir zu tröſten, kehre ich nach Hauſe zurück und 75 finde Dich unkennbar in Betreff des Herzens, des Cha⸗ rakters! Du verläſſeſt mich, während ich Deine Zunei⸗ gung nie mehr nöthig gehabt hätte! Du weigerſt Dich, mich zu heirathen, um wen zum Gatten zu nehmen? den abſcheulichen General Pouſſard . . um Baronin Pouſſard zu werden! Ah! Minette, das war gar nicht artig von Dir!“ „Aber, mein Theurer, ich liebte Dich im Gegentheil leidenſchaftlicher als je.“ „Ah! bah!“ „Gewiß.“ „Und Du wollteſt einen Andern heirathen?“ „Allerdings! Denke Dir, daß ich während der verdammten Vorſtellung um mich her hatte ſagen hören: „„Georges Hubert iſt fertig, abgelaufen, ſeitdem er ſich mit einer Frau eingepuppt hat, ſeitdem er Haushammel geworden iſt.““ „Haushammel! Minette? wie behandelt man das Genie! Bei meinem Ehrenworte, das iſt ekelhaft!“ „Sprich mir nicht hievon, Bibi, ich war außer mir! Trotz meiner Liebe, habe ich indeſſen ſogleich ein⸗ geſehen, daß mein Einfluß Deinem Ruhme ſchade! Da ſagte ich mir: „Es ſcheint offenbar, daß ich denje⸗ nigen, welchen ich anbete, abſtumpfe: wir müſſen uns trennen!““ Dies, Du begreifſt es, brach mir das Herz, doch ich liebte Dich ſo ſehr um Deinetwillen, um Deines Genies willen, daß ich, um in Dir nicht einmal ein Bedauern wegen unſeres Bruches zu hinterlaſſen, mein Möglichſtes that, um zu machen, daß Du mich haſſeſt! Endlich verſprach ich, den garſtigen g ſard zu heirathen, damit Dir keine Hoffnung bleibe, wir werden uns je wiederſehen.““ k „Teufel! Minette, ſtelle Dir vor, daß ich dies einen Augenblick vermuthete! Dein Benehmen ſchien mir ſo ſeltſam, daß ich dachte, es müſſe ein Kniff da⸗ hinter ſtecken „ „Oh! ich habe wohl geſehen, daß Du auf dem Punkte warſt, mich zu errathen; doch meine Schlau⸗ + heit verdoppelnd, brachte ich Deinen Verdacht von der 2 Fährte ab.“ „Gute Minette, wie ſehr liebſt Du mich! Und der arme Georges Hubert, der Dich zu dieſer Stunde 3 * als ein nichtswürdiges Weſen betrachtet! Ich hätte bei⸗ * nahe Luſt, zu ihm zu gehen und ihm zu ſagen: „„Be⸗ „ ruhigen Sie ſich, Louiſe betet Sie an, ich weiß das durch eine Frau, welche Louiſe geweſen iſt, wie ich Sie ſelbſt, Herr Georges Hubert, geweſen bin.“ „Wir müßten in der That Beide in Kenntniß „ ſetzen . Vielleicht würde man uns aber nicht glauben.“ „Das iſt wahrſcheinlich; doch welchen Muth haſt Du gehabt! Und ich verwünſchte Dich, ich fluchte Dir! Ach! wenn ich gewußt hätte!“ „Du weißt es nun! Willſt Du mit Gilberte in das Leben von Georges Hubert und Lyuiſe zurückkehren?“ ſagte die ſanfte Stimme der unſichtbaren Korrigan. „Sprecht dieſen Wunſch aus, meine Freunde, und Ihr werdet wieder Georges Hubert und Louiſe.“ „Wir danken, Korrigan,“ erwiederte Gilbert. „Ah! Sie waren da! Nun wohl, Sie haben uns ge⸗ hört, wir ſind vom Ruhme und vom Marquiſat zurück« gekommen.“ „Oh! ja,“ ſagte Gilberte, „wir find davon zurück⸗ gckommen, und zwar für immer, liebe kleine Fee.“ wiedehote Euch, meine Freunde, was ich Euch ſagte, als Ihr darauf verzichtetet, ferner der Mar⸗ quis und die Marquiſe von Montlaur zu ſein: Georges Hubert iſt nicht der einzige berühmte Dichter dieſer Zeit, es gibt noch andere mit glänzenderem Ruhm ge⸗ krönte, in deren Leben Ihr eintreten könnt.“ 6 „Ohne Vorwurf, Korrigan, wiederholen wir Ih⸗ 77 Inen: Wir danken, denn wir kommen eben geſättigt da⸗ von her! Die Probe genügt uns. Nicht wahr, Gil⸗ berte „Gewiß, denn geſtehen Sie am Ende ſelbſt, gute Fee wollten wir ein großer Dichter und ſeine Geliebte ſein, was konnten wir Beſſeres wählen? Wie edel ſind die Charaktere von Georges und Louiſe! Gibt es viele ähnliche, Korrigan?“ „Nein, meine Freunde!“ . „Und dann, Korrigan,“ ſagte Gilbert mit nach⸗ denkender Miene, „machen wir mit zwei Worten die Rechnung des großen Dichters, wie wir die Rechnung * des vornehmen Herrn gemacht haben, weil man „„viel auf Reiſen lernt,““ wie man ſagt, und obgleich unſere zwei Reiſen durch das Marquiſat und den Ruhm nicht gerade roſenfarbig geweſen ſind . „Haben ſie uns doch immerhin ein wenig Erfahrung gegeben, nicht wahr, Bibi?“ fügte die junge Frau mit einer ſchlauen, allerliebſten Miene bei. „Wir wiſſen ſchon, daß (wenigſtens für unſern Geſchmackh) das BGlück nicht da iſt, wo wir es bis jetzt geſucht haben.“ „Und haben wir uns im Wege geirrt, ſo iſt es nuicht unſere Schuld, nicht wahr, Korrigan?“ ſagte Gilbert. „Wir ſehen einen vornehmen Herrn und ſeine Frau; Beide jung und ſchön, bewohnen ſie ein herr⸗ iiches Hotel, empfangen ſie die höchſte Geſellſchaft von Pa⸗ ris, und wir arme Leute ſagen uns natürlich: „„Ah! beim Himmel! wir möchten gern an der Stelle dieſes vornemen Herrn und dieſer vornehmen Dame ſein.““ Doch bald erfahren wir durch uns ſelbſt (denn darin liegt Alles), wir erfahren durch uns ſelbſt, wie es ſich nit dieſem vornehmen Herrn und ſeiner Gemahlin ver⸗ hält. Dann gut, ſchon genug!“ Du haſt Recht, Bibi, wenn Du behaupteſt, man mnüſſe die Erfahrung von gewiſſen Dingen haben, um ſie aus dem Grunde zu kennen. So, zum Beiſpiel, 78 hätte uns unſere liebe kleine Korrigan, welche als Fee Alles weiß, geſagt (wäre es ihr nicht verboten geweſen, uns durch ihre Rathſchläge zu leiten): „„Meine Freunde, glaubt mir, tretet nicht in das Leben des Marquis und der Marquiſe ein, und auch nicht in das von Georges Hubert und Louiſe: Ihr würdet es bereuen.“ Was hätten wir ihr geantwortet?“ „Ich will es Dir ſagen, Geliebte; wir hätten ihr geantwortet: „„Wie, Korrigan, das Glück beſteht nicht darin, daß man einen großen Namen, ein großes Ver⸗ mögen beſitzt? oder daß man eines von den berühmten Genies der Zeit iſt? Ah! Korrigan, ohne Ihnen einen Vorwurf zu machen: Sie wollten unſere Unſchuld miß⸗ brauchen. Aber, Minette und ich, wir ſind wie der heilige Thomas, wir wollen ſehen und berühren, um zu glauben!““ „Und nun, da wir geſehen und berührt haben,“ ſprach Gilberte, „nun, da wir die Dinge durch uns ſelbſt wiſſen, da wir diejenigen geweſen, welche wir zu ſein wünſchten, ſind wir ganz ſicher, ich wiederhole es, daß für uns wenigſtens das Glück nicht da iſt, wo wir es bis jetzt geſucht. Was hat uns aber dieſe Ge⸗ wißheit verſchafft? Ei! unſere kleine Erfahrung; ... ja wohl!“ „Gute Herzen!“ murmelte die Feenſtimme mit einem Ausdrucke ſüßer Befriedigung. „Endlich fängt das an.“ „Nun, Korrigan,“ verſetzte Gilbert, „was fängt an?“ „Nichts, meine Freunde.“ „Wie, nichts, Korrigan?“ „Nein, meine Freunde, nichts fängt an, weil nichts endigt. Die Ewigkeit ohne Ende iſt ohne Anfang⸗ Doch ſucht den Sinn meiner Worte nicht; ich ſprach mit mir ſelbſt.“ „Meine liebe Korrigan, um zu begreifen, daß nichts . 79 anfüngt, weil nichts endigt, muß man wohl feiner im Gehirn beſchaffen ſein, als arme einfache Sterbliche unſerer Art.“ „Alſo, meine Freunde, Ihr habt genug geſehen, genug durch Euch ſelbſt gefühlt, um nicht mehr in das Leben von Georges Hubert und Louiſe zurückkehren zu wollen? Das iſt entſchieden?“ „Erzentſchieden, Korrigan; denn . . . machen wir, wie ich ſagte, mit zwei Worten die Rechnung des Ruhmes.“ „Die Vortheile zuerſt, Bibi!“ „Einverſtanden; laß ſehen: ich hatte ein bewunde⸗ rungswürdiges Talent; wenn ich irgendwo eintrat, drängte man ſich mit aller Nengierde zu mir heran, man ſchaute mir bis in das Weiße der Augen, ſtieß ſich mit dem Ellenbogen und ſagte: „„Er iſt es . hier iſt er! der große Dichter, der berühmte Georges Hu⸗ bert!““ Die ſchönſten Frauen der vornehmen Geſell⸗ ſchaft liebäugelten mit mir; die königlichen Prinzeſſinnen ſagten mir die artigſten Dinge; die Prinzen, die Her⸗ zoge, die Marquis, die Geſandten wiederholten wie im Chor: „„Ah! Herr Georges Hubert, welches Talent haben Sie! Ah! ein Talent! ein Tglent! Gott, mein Gott! welch ein Talent! Nein, das iſt ein Unrecht, Sie haben zu viel! Es iſt nicht erlaubt, ſo viel Talent zu haben!““ Gut! ich empfand am Morgen der erſten Vorſtellung meines Dramas ein großes Vergnügen, als ich im Helldunkel eine treffliche Idee erſchaute, welche der Gegenſtand eines neuen Stückes ſein ſollte, was mich, beiläufig geſagt, einen Augenblick veranlaßte, Dich zum Henker zu ſchicken, meine arme Minette, n Du machteſt, daß ich den Faden meiner Idee ver⸗ or.“ „Ich muß übrigens ſagen, daß ich es ſogleich be⸗ tu und mir geſtand, ich ſei ein Ungezogener ge⸗ weſen.“ „Oh! gut! daran erkenne ich Dich, mein Ge⸗ liebter!“ „Setzen wir die Rechnung meines Glückes fort .. . Ah! ich vergaß: während ich meine Werke nicht ver⸗ ſchwendete, verdiente ich zwölf bis fünfzehntauſend Fran⸗ ken jährlich, was mir, in Verbindung mit meinem Erbe, ſehr gut zu leben erlaubte und die Annehmlichkeit ver⸗ lieh, meine Börſe für diejenigen, welche ſich an mich wandten, öffnen zu können. Sehr gut! Laß ſehen: was iſt noch auf Rechnung meines Glückes zu ſetzen?“ „Und die ſo ergebene, ſo zärtliche, ſo aufopfernde Liebe der armen Louiſe, vergiſſeſt Du ſie, Gilbert?“ „Nein, im Gegentheil, ich wollte das als das Beſte bis zuletzt aufbehalten. Das arme, liebe Geſchöpf, wie betete es mich an! Und dieſe Liebe verdankte ich durch⸗ aus meinem Genie, weil meine Werke dem vortrefflichen Mädchen den Kopf verdreht hatten. Sagen Sie, Kor⸗ rigan, nicht wahr, ich übergehe, was das Glück betrifft, nichts?“ „Und Dein in Europa, ſowie in den zwei anderen Welten, volksbeliebter Name?“ verſetzte die ſanfte Stim⸗ me, „Dein in allen Ländern berühmter, den Geringſten wie den Größten bekannter Name?“ „Gut, Korrigan. Hätte ich alle Sprachen Euro⸗ pas und der zwei anderen Welten verſtanden und wäre dort gereiſt ... ſo würde ich in den zwei anderen Welten, wie in Frankreich, im Chore haben wiederholen hören: „„Welch ein Talent! „„Welch ein Talent! „„Welch ein Talent! 11 Einverſtanden, liebe Korrigan, ſetzen wir auch auf die Rechnung meines Glückes. Und nun woſken wir die Rückſeite der Münze anſchauen.“ 8¹ „Ah! ja, ſie iſt hübſch, die Rückſeite, armer Ge⸗ liebter!“ „Ich ſpreche von dem, was ich ſelbſt geſehen, durch mich ſelbſt gefühlt habe,“ fuhr Gilbert fort. „Und be⸗ merken Sie beiläufig wohl, Korrigan, ich beſaß nicht für einen Liard Eitelkeit; hätte ich beſeſſen, ſo wäre es noch viel ſchlimmer geweſen! . . . Ich finde alſo für gut, mich den Huldigungen zu entziehen, welche mir, wenn ſie auch allerdings fehr ſchmeichelhaft, nicht einen Augenblick laſſen, um zu arbeiten und den Reiz des ſtillen vertranlichen Umganges mit meiner Geliebten zu genießen; ich ziehe mich mit ihr in ein abgelegenes Häuschen zurück; da man ſich aber um die geringſten Zeilen meiner Handſchrift ſtreitet, da ſich die öffentliche Nengierde an alle meine Handlungen anklammert, da ich nicht nieſen kann, ohne daß man ſich ſagt: „„Sie wiſſen nicht? Georges Hubert hat geſtern um zehn Uhr dreiundfünfzig Minuten genieſt 2. „„Ah, bah!““ „Bei meinem Ehrenwort!““ „Meinen Dank, ich will von Allem dem meinen literariſchen Correſpondenten in Mo⸗ nomotapa unterrichten,““ ſo iſt die Folge dieſer heftigen Nengierde, daß ein Teufelsjournal meine Einſamkeit ent⸗ deckt und ſeine Abonnenten mit einer halb wahren, halb falſchen Geſchichte bewirthet, in der mein Privatleben ſowie das von Louiſe, dem Publikum, die Adreſſe meiner Wohnung mit einbegriffen, als Futter gegeben werden. „Da beginnt die Proceſſion. Sie wird eröffnet durch den wüthenden Marſeiller, der mir die Thüre ein⸗ tritt, unter dem Vorwande, ich verſchließe ſie ſeiner Be⸗ wunderung, und er behandelt mich wie einen Neger, im⸗ mer während er mich bewundert. Dann kommt der an⸗ dere Wüthende: der Autographenliebhaber, der meine Handſchrift neben die der Königin Pomare oder neben die des Kaiſers von China ſetzen will, und er behandelt Wich. ungeführ ſo, wie mich der Marſeiller behandelt hat. Fer⸗ Gilbert und Gilberte. 1 6 83 es von Dir, daß Du ihn zur Kolik verurtheilteſt, ſo oft ſich dieſer böſe Menſch mit irgend Jemandſchlagen würde! Sonſt beurtheile doch! . . . ſonſt tödtete er vielleicht auch noch den armen Georges Hubert! Und wenn ich bedenke, Theuerſter, daß ich Bich ſtark genug liebte, um dieſes alte Ungeheuer von einem Pouſſard heirathen zu wollen.“ „Endlich, Korrigan, und das iſt das Schlimmſte, denn ich habe keinen von den geheimſten Gedanken ver⸗ geſſen, die mir gekommen ſind, während ich Georges Hubert war: ich erinnere mich vollkommen, daß ich, nachdem ich durch den Kapitän, der an die Stelle des Generals trat, verwundet worden war, mir ſagte, ehe mich das Fieber und das Delirinm ergriffen hatten: „„Ich werde mich über die Schändlichkeit des Benehmens von Louiſe gegen mich tröſten, wenn ich daran denke, daß ſie einen nachtheiligen Einfluß auf mein Talent hatte, wie dies der Fall meines Stückes beweiſt; die Monotonie dieſes häuslichen Lebens ſchläferte mich ein; und indem ſie unſern Bund bricht, welchen ich immer geachtet hätte, wäre ſie für mich geblieben, was ſie früher war, gibt mich Loniſe der Freiheit, dem Studium zurück, was fortan mein einziger Troſt ſein wird.““ „Ah! Geliebter, welche Lection! die Frauen, die ſich in Männer von Genie verlieben, ſind grauſam zu beklagen! Arme Loniſe! arme Märtyrin!“ „Und nun offenherzig geſprochen, liebe Korrigan,“ ſagte Gilbert, „geſtehen Sie, daß, mehr oder minder, die Exiſtenz aller Menſchen wie Georges Hubert ſich gleicht?“ Ja, abgeſehen von einigen Georges Hubert eigen⸗ thümlichen Ereigniſſen hat das Leben beinahe aller Menſchen von Genie ſeine Bitterkeiten, ſeine Verdrießlichkeiten, ſeine Tänſchungen, ſeine verborgenen Schmerzen; ja, die ver⸗ gangenen Triumphe verſchwinden für ſie vor der Furcht vor einer Niederlage oder der Gewißheit derſelben; ja, geſättigt mit Lobeserhebungen, wird ihnen der Tadel doppelt peinlich; ja, ſie verbrauchen ihren Verſtand, ihr Leben, ihre Seele damit, daß ſie in der Zurückgezogen⸗ heit die ſchönen Werke ausarbeiten, welche die Menſchheit entzücken und belehren; ja, oft opfern ſie dem Ruhme, den Studien ihre theuerſten Reigungen und Gefühle; ja, die Verleumdung, die Ungerechtigkeit, der Undank folgen oft für ſie auf die Begeiſterung, die ſie einflößten; doch ſie leben im Andenken der Menſchen, und, trotz dieſer Widerwärtigkeiten, bildet ihr glorreiches Leben die Be⸗ wunderung und den Neid Aller . .. „Aller derjenigen, welche nicht durch ſich ſelbſt dieſes glorreiche Leben kennen gelernt haben, liebe Korrigan; denn ich erinnere mich, daß ich, als ich Georges Hubert und auf dem Roſte war, vor jener verdammten erſten Vorſtellung, zu mir, was mir ſehr richtig zu ſein ſcheint, ſagte: „„Ah! wie viel glücklicher als ich ſind diejenigen, welche begabt mit einem Verſtande, der hinreicht, um die Erzeugniſſe des Geiſtes zu ſchätzen, dieſe ohne irgend eine Sorge genießen, während der Schriftſteller, um dem Publikum dieſe Genüſſe zu ſchaffen, ſich in unabläſſigen Arbeiten erſchöpft.““ „Es iſt wahr, Geliebter, als wir eines Abends, hier an unſerem Feuer, das ſchöne Drama Oetavius laſen⸗ da fühlten wir, die wir doch nur einfache Leute ohne Bildung ſind, uns wenigſtens ebenſo glücklich beim Leſen dieſes Werkes, als Georges Hubert beim Schreiben deſſelben geweſen ſein mag; und wir ſind den Arbeiten, den Bau⸗ gigkeiten, die ihn das Werk gekoſtet hat, fremd geblieben.“ „Alſo, meine Freunde,“ ſprach die ſanfte Stimme, „Ihr verzichtet darauf, wieder in das Leben von Georges Hubert oder irgend einem andern Genie eirzutreten und hierin das Glück zu ſuchen?“ „Sie begreifen, Korrigan, wenn wir durchaus wäh⸗ len müßten zwiſchen der Lage eines Lithographen und einer Blumenmacherin und der von Georges Hubert und Louiſe „ vielleicht würden wir in ihr Leben zurück⸗ kehren.. Doch, nein, nein, tauſendmal nein, denn 85 Georges Hubert wird am Ende den Ruhm haben, um ſich zu tröſten, aber die arme Louiſe! .. „Ah! mein Gott! Korrigan,“ rief Gilbert, „da fällt mir ein: wird das brave, ſo liebevolle, ſo ergebene Mädchen wirklich den abſcheulichen General Pouſſard hei⸗ rathen?“ Euer Entſchluß, nicht mehr Georges Hubert und Louiſe ſein zu wollen, wie ich ſehe, ſehr feſt iſt, meine Freunde . . 4 „Oh! ja, ſehr feſt, Korrigan . . „So kann ich Euch in Betreff der Zukunft von Louiſe antworten Ja, getreu ihrem Gelübde, bei Georges Hu⸗ bert weder ein Bedauern, noch eine Hoffnung zu hinter⸗ laſſen, wird Louiſe den General Pouſſard heirathen.“ „Ah! die Unglückliche! .. Hörſt Dn, ſie wird den garſtigen Menſchen heirathen!“ In dieſem Augenblick hörten die zwei jungen Leute die Thüre außen öffnen, und Frau Badnreau trat ein. Frau Badureau war Anfangs ſehr erſtaunt, daß ſie ihre Miethsleute in ihrem Zimmer fand, deſſen Schlüſſel ſie hatte; dann richtete ſie an ſich ſelbſt ein Lächeln des Vorwurfs und ſagte: „So iſt es mit uns! .. Junge Bauchredner, das Unglück, das ich ausgeſtanden habe, muß machen, daß ich das Gedächtniß verliere: ich vergeſſe immer, daß Sie Herr Bosco in Perſon ſind.“ „Herr Bosco?“ verſetzte Gilbert voll Verwunderung; „woher des Teufels nehmen Sie Herrn Bosco 2 Gilbert erinnerte ſich nicht mehr, daß er zwei Tage vorher im Momente ſeiner neuen Metamorphoſe, da er Frau Badureau einen Schabernack ſpielen wollte, von der Korrigan verlangt hatte, ihn ſowie ſeine Frau für die Augen der Portiöre, während ſie mit ihr ſprechen würden, unſichtbar ſein zu laſſen. Und das Wunder war geſchehen. „Sie ſind ein ausgezeichneter Bauchredner und ein trefflicher Escamvieur, da Sie ſich ſelbſt escamotiren, wie Sie das auf Ihren Zetteln ankündigen, Herr Bosco!“ hatte, als ihr erſtes Erſtaunen vorüber war, Frau Ba⸗ dureau geantwortet; denn ſo erklärte ſie ſich die überna⸗ türliche Unſichtbarkeit der beiden jungen Leute und er⸗ niedrigte ſie dieſe zum Niveau einer Bauchrednerſcene und einer feinen Escamotage. Beharrlich in Gilbert nicht mehr einen verkleideten polniſchen Fürſten, ſondern einen berühmten Taſchenſpieler ſehend, erwiederte ſie: „Herr Bosco, Sie begreifen, wenn ich nicht wüßte, daß Sie ſehr ſtark im Pfiffigkeitsſack und im Schlau⸗ heitspulver ſind, ſo hätte ich das Recht, mich über viele Dinge zu wuydern.“ „Ueber welche Dinge, Frau Badureau?“ ſagte Gil⸗ bert, der ſich nun erinnerte, welche Perſon er in den Angen der Portiöre war; „was iſt hier Außerordentliches vorgefallen?“ „Ich will es Ihnen ſagen: ich bin für meine Thüre und in meiner Loge ein wahrer Cerfeberus. Niemand geht aus und ein, ohne daß ich ihm genau ins Geſicht ſchaue. Seit drei Tagen habe ich Sie nun nicht hinausgehen ſehen, und Madame, die Ihre Gehülfin iſt, auch nicht. Ich bin zwölfmal zu Ihnen heraufgegangen, ich habe Ihre Thüre geöffnet, zu der ich allein den Schlüſſel beſitze ich fand Niemand, und ich würde doch auf die Aſche des ſeligen Badureau ſchwören, Sie haben keinen Fuß aus dem Hanſe geſetzt! Das iſt abermals ein Stückchen, das Sie aus Ihrem Pififfigkeitsſacke genommmen haben, Herr Bosco. Und dann haben Sie während dieſer drei Tage ſicherlich nicht von der Luft gelebt, Sie und Ma⸗ dame, und ich habe Ihnen nicht für einen Liard gekocht und ſie auch nicht, obgleich ſie ganz artig kochte, beſonders die Gibelotte,*) ehe ich ſie für die Toch⸗ ter eines engliſchen Mylord gehalten habe.“ ¹) Fricaſſee von jungen Hühnern u. dergl. 87 „Die Gibelotte? Tochter eines Mhlord? Frau Ba⸗ dureau!“ „Nein, Herr Bosco, Ihre Frau! Kurz, vor einer halben Stunde gehe ich hier herauf . . . ich finde Nie⸗ mand; ich gehe wieder hinab und ſetze mich unter den Thorweg, um in friſcher Luft zu ſtricken. Wären Sie ausgegangen geweſen, ſo hätten Sie, um nach Hauſe zurückzukehren, über meinen Leib ſteigen müſſen, und 6 ſind doch hier . . . Inmer der Pfiffigkeitsſack, Herr osco!“ „Frau Badureau, ich bitte, erzählen Sie dieſes Stück Niemand: es iſt neu.“ „Stille! um ſo mehr, als ich glaube, daß unten einer von Ihren Kunden iſt!“ „Einer von meinen Kunden!“ „Oh! von der großen Art! Sie ſind im Wagen. Dieſer Herr und dieſe Dame haben zu mir geſagt: „„Wir wollen mit Herrn Gilbert, dem Lithographen, und mit ſeiner Frau ſprechen.“ „„Gut,““ dachte ich, „Fſie wiſſen den falſchen Namen des Bauchredners, meines Miethmanns, und ſie wollen ihm vorſchlagen, er möge Stücke vor ihrer Geſellſchaft machen. Doch nur ſachte! ich verrathe Ihr Geheimniß nicht, Herr Bosco; und ich antwortete:„ Herr Gilbert iſt nicht zu Hauſe und ſeine Frau auch nicht; ich komme ſo eben von ihm herab, und habe ihn nicht in ſeiner Wohnung gefunden.““ „„Gehen Sie noch einmal hinauf, meine liebe Frau, vielleicht iſt er doch zu Hauſe und hat nur ſeine Thüre geſchloſſen,““ erwiederten Ihre Kunden. „„Gehen Sie immerhin; hier ſind vierzig Sous für Ihre Mühe. Klopfen Sie an und ſagen Sie, es ſei ein Müller mit goldenem Barte,*) den er im Café de Paris getroffen.““ ) Un meunier à barbe d'or, Wortſpiel mit dem Na⸗ men des uns bekannten Herrn Meunier Müller), Commis im Magazine zum goldenen Barte. 88 „Was Teufels erzählen Sie uns da, Frau Badu⸗ reau? ein Müller mit goldenem Barte?“ „Herr Bosco, ein ſolcher Müller muß allerdings ſo ſelten ſein, als eine weiße Anſel; doch ich ſagte zu mir ſelbſt: das iſt wieder ein Stückchen von Ihnen.. .“ „Oh! Geliebte, ich begreife,“ unterbrach Gilberte die Portisre, „es iſt der junge Mann, der an jenem Sonntag zugleich mit uns im Café de Paris ſpeiſte. .. und dem wir die Ueberraſchung mit der Million bereitet haben Du weißt.“ „Die Ueberraſchung mit der Million? ſchon wie⸗ der ein Taſchenſpielerſtück!“ rief Fran Badurzau, den Kopf ſchüttelnd. „Mein Gott! wie viel Stücke müſſen Sie in Ihrem Sacke haben!“ 2 „So iſt es, Minette,“ erwiederte Gilbert, „Herr Meunier, Commis im Magazine zum goldenen Barte.“ „Ah! liebe kleine Korrigan,“ ſagte die junge Frau, ohne an die Anweſenheit der Portiöre zu denken, „ſind dieſe guten jungen Lente mit der andern Million über⸗ raſcht worden?“ „Noch nicht,“ antwortete die Stimme der unſichtba⸗ ren Fee. „Befehlet, ich werde gehorchen.“ „Hm! . . hm! Minette,“ brummte Gilbert, indem er ſeiner Frau ein Zeichen des Verſtändniſſes machte, um ihr vorzuwerfen, daß ſie ſo unbedachtſam geſprochen und ſo eine Antwort der unſichtbaren Fee vor Frau Badureau hervorgerufen habe. Doch einen Augenblick erſtaunt, als ſie dieſe Stimme mit ihrem ſo ſanften, ſo ſonoren Klange hörte, welche aus einer der Ecken des Plafond zu kom⸗ men ſchien, ſchaute die Portiore in dieſer Richtung empor, ſchlug ſich dann vor die Stirne und rief: . „Ah! Herr Bosco, was für ein herrlicher Bauch⸗ redner ſind Sie! und ich vergeſſe immer, daß Sie es ſind!“ „Sie glauben, Frau Badureau?“ verſetzte Gilbert ärgerlich, beinahe zornig darüber, daß er ſein übernatür⸗ —— — — ⸗ —————————— 89 liches Verhältniß zu einer Fee ſo wenig Eindruck hervor⸗ bringen ſah. „Ah! Sie glauben, das, was Sie ſo eben gehört haben, ſei nur ein Bauchrednerſpiel?“ „Ja, Herr Bosco, und ohne Ihr Talent, das ich anbete, herunterſetzen zu wollen, muß ich Ihnen ſagen, daß ich mit meinem verſtorbenen Manne eindr Vorſtellung beigewohnt habe, wo ein Bauchredner drei Katzen in der Tabaksdoſe des ſeligen Badureau miauen ließ. So weit ſind Sie noch nicht, junger Mann, doch das wird kommen. . . Während Gilberte bis zu Thränen über dieſe Ant⸗ wort lachte, rief Gilbert, außer ſich gebracht durch die Ungläubigkeit der Portiöre, welche als ſtarker Geiſt auf⸗ trat, um ſie zu verblüffen: „Korrigan! Minette und ich wollen, daß die Com⸗ mode, bei der Frau Badnreau ſteht . . . werde . . . was werde? ah! ein Kameel; ja, ein ächtes, zehn Fuß Kameel, und daß es vor Frau Badureau nieder⸗ ier Ja,“ ſagte Gilberte mit verdoppeltem Gelächter: „ein Kameel! ein Kameel!“ — „Es iſt geſchehen!“ ſprach die Stimme der Fee; „es iſt geſchehen“ „Es iſt geſchehen . . es ſſt geſchehen! . . . junger Bauchredner, das iſt bald geſagt,“ erwiederte die Por⸗ tisre, ſich an Gilbert wendend, „wir werden das ſehen.“ Und nachdem ſie langſam eine Priſe Tabak geſchlürft hatte, bückte ſie ſich ein wenig, ſtützte ihre beiden Hände auf ihre Kniee, betrachtete die Commode mit einem ruhi⸗ gen, aufmerkſamen Auge und wiederholte: „Wir wollen das Stückchen ein wenig ſehen!“ Kaum hatte die Korrigan geſagt: „Es iſt geſche⸗ hen!“ da wuchs plötzlich die kleine Commode auf ihren Füßen, welche die gebogenen Beine des Thieres der Wüſte geworden waren, verlängerte ſich, rundete ſich, be⸗ höckerte ſich, bedeckte ſich mit ſpärlichen gelblichen Haa⸗ ren und ſtreckte an einer ihrer Extremitäten einen langen Hals vor, der in einem platten Kopfe endigte; mit einem Worte, die kleine nußbaumene Commode hatte ſich ſicht⸗ bar in ein wahres Kameel vom ſchönſten Wuchſe ver⸗ wandelt, deſſen Höcker beinahe den Plafond in dem Augenblick berührte, wo das gelehrige Thier vor Frau Badureau, ſeinen langen Hals und ſeinen unförmlichen Kopf, an welchem ſein großes, verſtändiges, ſanftes Auge glänzte, wiegend, niederkniete. Dieſe magiſche Heraufbeſchwörung bereuend und erſchrocken über die Metamorphoſe, näherte ſich Gil⸗ berte raſch ihrem Manne und ſagte betrübt und mit Bangigkeit zu ihm: „Oh! wie habe ich Angſt. . und dann unſere arme kleine Commode . . . ich legte ſo viel Werth dar⸗ auf! wir kauften ſie mit einander an unſerem Hochzeit⸗ tage und unſere Wäſche, die ich ſo ſchön in den Schubladen geordnet und mit Roſenblättern beſtreut hatte, damit ſie gut rieche . . ſie wird in einem hüb⸗ ſchen Zuſtande ſein . . . wenn ſie im Bauche dieſes gar⸗ ſtigen Thieres iſt! Korrigan, ſchicken Sie es ſogleich weg. Wir wollen unſere kleine Commode mit unſerer gut geordneten und wohlriechenden Wäſche wieder ſehen, nicht wahr, Geliebter?“ „Minette, beruhige Dich!“ erwiederte Gilbert, indem er einen ſtolzen, triumphirenden Blick auf die Portisre warf; „ich wollte nur ſehen, ob Frau Badurean glaube, dieſes Stück ſei auch aus meinem Pfiffigkeitsſacke genommen, wie ſie ſagt!!! Korrigan, das Kameel ſoll nun verſchwinden.“ „Es iſt geſchehen!“ ſprach die Stimme. Und ſichtbar kleiner werdend, ſchien das Kameel, ſo zu ſagen, in das Innere der Commode zurückzukehren, ſo wie dieſe ihre urſprüngliche Form wieder annahm, welche ihr blieb. Während ſich Gilberte nicht ohne Furcht der Com⸗ 91 mode näherte, um als gute Hauswirthin zu unterſuchen, ob ſie die Wäſche enthielte, die ſie ſo ſorgfältig darin geordnet hatte, richtete ſich Frau Badureau, welche mit weit aufgeſperrtem Auge aufmerkſam den Phaſen dieſes Wunders gefolgt war, ohne ein anderes Gefühl, als das einer ungefähr befriedigten Neugierde zu offenbaren, rich⸗ tete ſich Frau Badureau, ſagen wir, den Kopf ſchüt⸗ telnd auf. „Nun!“ ſprach Gilbert, der ſchon ſehr ärgerlich darüber war, daß er der Portiore durch dieſe magiſche Beſchwörung nicht den geringſten Schrecken verurſacht hatte, „nun! was ſagen Sie hiezu, Fran Badureau?“ Ich ſage, daß ich Beſſeres geſehen habe, als dieſes Stück,“ antwortete anmaßender Weiſe die Portidre, eine neue Priſe Tabak ſchlürfend; „ich habe viel Beſſeres ge⸗ ſehen, Herr Boscv.“ „Wie?“ verſetzte Gilbert heftig, „Sie haben Beſſe⸗ res geſehen?“ „Ja, vorgeſtern erſt, auf dem Boulevard du Temple.“ „Frau Badureau!“ „Es handelt ſich nicht um Frau Badureau! Herr Bosco, hören Sie, wie die Sache ſich verhält: ich ging zum Hauseigenthümer; ich ſehe Leute um eine Bude in freier Luft verſammelt; ich ſchlüpfe durch wie ein Mäus⸗ chen, und was erblicke ich? Einen wackern Mann, der Schachteln ſo groß wie eine Hand und ſo dick wie ein Finger verkauft: man öffnete die Schachtel, und flugs kam, als wollte er einem in die Augen ſpringen, ein großer Burſche von einem ſchwarzen Teufel daraus hervor, der ſeine rothe Zunge heransſtreckte Und mit Schweif und Hörnern verſehen war .. „Und bemerken Sie wohl, er maß einen Fuß, der Schurke, während er in einem win⸗ zigen Schächtelchen Platz hatte! Oh! Herr Bosco, zwi⸗ ſchen dieſem Stück und dem Ihrigen iſt gar kein Vergleich! Das Ihrige iſt allerdings artig; doch Sie werden mich 92 nicht glauben machen, es ſei ſchwieriger, zu bewirken, daß ein Kameel in eine Commode hineingehe, als zu bewerkſtelligen, daß ein großer Burſche von einem Teu⸗ fel, der einen Fuß hoch iſt, in einer Schachtel, welche kleiner als meine Tabaksdoſe, Raum genug habe. Oh! Herr Bosco, laſſen Sie mich!“ „Bei meinem Ehrenwort, das iſt zum Verzweifeln!“ rief Gilbert tief gedemüthigt in ſeiner übernatürlichen Macht durch die unüberwindliche Ungläubigkeit von Frau Badureau. „Alles können, was man will, und nur als ein einfacher Bauchredner oder als Herr Bosco an⸗ geſehen werden!“ Da hörte man zwei⸗ oder dreimal von außen an die Thüre klopfen; dies ſetzte den Klagen von Gilbert ein Ziel, und durch ihre aufmerkſame Inſpection des Inhalts der Commode beruhigt, rief ſeine Frau: „Herein!“ Die Thüre wurde geöffnet, und unſere jungen Leute ſahen ihre Tiſchnachbarn vom Cafs de Paris, Auguſt Meunier und ſeine Frau Juliette, Beide eben ſo präch⸗ tig als geſchmacklos gekleidet, erſcheinen. Meunier trug an ſeinem Hemde Diamantknöpfe und Rubinknöpfe an ſeiner Weſte von ſchwarzem, mit vrangefarbiger Seide brochirtem Sammet; über dieſen reichen Stoff ſchlängelte ſich eine dicke goldene Kette, an der ein mit Edelſteinen beſetztes Doppelglas hing. Juliette Meunier gab, was den Luxus der Kleidung betrifft, ihrem Manne nichts nach. Atlaßhut mit einem Paradiesvogel darauf, eng⸗ liſcher Spitzenſchleier, langer indiſcher Kaſchemirſhawl, Sammetkleid mit Zobelpelz garnirt (obgleich der Som⸗ mer nahe daran war, auf den Frühling zu folgen), dies war der Putz der jungen Frau. Dabei trug ſie an je⸗ dem von ihren Armen ein halbes Dutzend Bracelets und ungeheure Ringe über ihren Handſchuhen; ihre von Edelſteinen funkelnde Chatelaine fiel bis auf ihre Kniee herab; die arme Juliette erſtickte unter ihrem Sam⸗ 93 met, ihrem Kaſchemirſhawl und ihrem Pelzwerk, an die⸗ ſem ſchönen lauen Frühlingstage. Trotz dieſer Schau⸗ ſtellung eines hoffärtigen und geſchmackloſen Luxus offen⸗ barten die Züge von Juliette und die ihres Mannes in keiner Hinſicht die den Reichgewordenen in der Regel eigenthümliche alberne, anmaßende Geckenhaftigkeit; man las höchſtens in der ſtrahlenden Phyſiognomie der zwei jungen Leute das Verlangen, durch ihren blendenden Auf⸗ zug den Lithographen und die Blumenmacherin, welche ſie einmal im Cafs de Paris getroffen, ein wenig in Er⸗ ſtaunen zu ſetzen. Als ſie die Ankömmlinge erblickte, entfernte ſich Fran Badureau discreter Weiſe, nachdem ſie leiſe zu Gilbert geſagt hatte: „Herr Bosco, Sie können dieſe Kunden hier, welche in einer Equipage gekommen ſind, Ihr Stückchen mit der Commode und dem Kameel tüchtig bezahlen laſſen, ob⸗ ſchon ich Beſſeres geſehen habe; doch nur ſtille!“ „Herr Gilbert,“ ſagte Meunier herzlich nach dem Verſchwinden der Portisre, „Sie werden Juliette und mich ſehr ungezogen finden, daß wir ſo in ihre Wohnung eindringen, da wir aber die Portisre nicht zurückkommen ſahen und des Wartens überdrüſſig wurden, ſo wag⸗ ten wir es, bei meiner Treue, heraufzuſteigen. Oh! wir find an das Klettern gewöhnt; wir wohnten wie Sie im fünften Stock, ehe wir eine ungeheure Erbſchaft gemacht haben. Denn Sie wiſſen nicht, ſeitdem wir uns im Cafs de Paris getroffen, ſind wir Millionäre geworden.“ „Ah bah! verſetzte Gilbert, der den Erſtaunten ſpielte, „Millionäre!“ „Mein Gott, ja,“ erwiederte Juliette, „und das führt uns hieher, meine gute kleine Fran Gilbert, wir find nicht vergeßlich.“ „Nein, nein, das Vermögen hat uns nicht den Kopf verrückt,“ ſetzte Meunier hinzu, indem er Gilbert abermals die Hand reichte, „wir ſind keine Undankbare.“ 94 „Ah! Herr Meunier,“ ſagte Gilbert lächelnd, wäh⸗ rend er einen Blick des Verſtändniſſes mit ſeiner Frau wechſelte, „glauben Sie zufällig, wir haben dazu, daß Sie dieſe Erbſchaft gemacht, beigetragen?“ „Wir wünſchten es von ganzem Herzen,“ fügte Gil⸗ berte ebenfalls lächelnd bei. „Doch Sie ſehen,“ ſagte ſie, auf das beſcheidene Mobiliar des Stübchens deutend, „wir ſind ſelbſt kleine Leute, und wir hätten eine Erb⸗ ſchaft ſehr nöthig. Aber wie ſchön ſind Sie, Frau Meunier! wie herrlich ſind Ihre Juwelen!“ „Und Sie, Herr Meunier,“ rief Gilbert, „Sie ha⸗ ben ganz das Anſehen eines Mylord.“ „Bei meiner Treue, Juliette und ich, wir baben uns in den Aufwand geſtürzt und gekauft, was es Theuerſtes gab,“ erwiederte Meunier; „wir mietheten dann einen Wagen und ſagten zu einander: „Wir müſſen Herrn und Frau Gilbert einen kleinen Beſuch machen.““ Denn, obgleich Sie, wohlverſtanden, nichts zu unſerer Erbſchaft beigetragen haben, komme ich doch auf mein Wort zu⸗ rück: wir find keine Undankbare.“ „Herr Meunier,“ ſagte Gilbert heiter, „wollen Sie uns nicht die Anflöſung der Charade geben?“ „Ja,“ ſprach Gilberte, „ſagen Sie uns, was wir für Sie haben thun können.“ „Und die Flaſche Champagner,“ erwiederte Frau Meunier, Gilberte anſchauend, „die Flaſche Champag⸗ ner, mit der Sie ſich feſtlich im Café de Paris be⸗ wirthen wollten, die Sie aber nicht tranken, aus Furcht⸗ Auguſt und mich zu demüthigen.“ „Wie, Madame.“ verſetzte Gilbert lächelnd und er⸗ röthend, „Sie vermuthen . „Nein, nein, das iſt keine Vermuthung,“ entgegnete Meunier, „das iſt eine Gewißheit. . . Denken Sie ſich, daß ich an jenem Tage im Café de Paris, — da ich Sie Champagner beſtellen hörte, — gedemüthigt, bei⸗ nahe betrübt war, durch den Gedanken, daß ich Juliette 95 nicht auch dieſen kleinen Genuß anbieten konnte. Als Sie, Frau Gilbert, plötzlich ihren Wein wieder ab⸗ beſtellten, war mir auch eine Laſt vom Herzen genommen.“ „Und Sie machten mir das artige Anerbieten, Ihre Börſe mit mir zu theilen,“ ſagte Gilbert. „Sie ſprechen von Dankbarkeit: wir ſind Ihnen zu Dank verpflichtet.“ „Warten Sie doch, mein wackerer Herr Gilbert, und laſſen Sie mich vollenden,“ verſetzte Meunier; „ich biete Ihnen meine Börſe an, Sie ſchlagen Sie aus und ver⸗ ſichern mich, Sie haben genug, um Ihre Rechnung zu bezahlen.“ „Als wir das Kaffeehaus verlaſſen hatten,“ fügte Juliette bei, ſagte ich zu Auguſt, da ich mich mehrerer Umſtände erinnerte: „„Unſere Tiſchnachbarn fahen nicht aus wie Leute, die ſich erdreiſten, etwas zu verlangen, was ſie nicht bezahlen können; ich wette, das hübſche Frauchen, das ſo eben den Wein zurückgeſchickt, hat dem guten Gedanken, uns nicht zu demüthigen, nachgegeben.““ „„Das iſt augenſcheinlich,““ erwiederte mein Auguſt, „„denn ich eniſinne mich nun, daß unſer Nachbar ganz verblüfft ſchien, als er ſeine Frau zum Kelner ſagen hörte, ſie wolle keinen Champagner mehr.““ „Bei meiner Treue, Fran Meunier, ich werde nicht Beſcheidenheit auf Koſten von Minette ſpielen,“ ſagte Gilbert, „ja, mein Weibchen wollte lieber die wun⸗ dervolle Flaſche Champagner nicht trinken, als Ihnen eine Art von Kummer verurſachen.“ „Und indem wir uns dieſer ſo zarten und ſo artigen Handlung erinnerten, war es auch,“ ſprach Juliette, „ſo⸗ bald wir reich geworden, einer unſerer erſten Gedanken, daß wir uns ſagten: „„Wir ſind nun Millionäre; an falſchen Freunden wird es uns nicht fehlen; könnten wir aber wahre Freunde haben, dann wäre unſer Glück vollſtändig.““ „Und wir dachten natürlich an Sie, Herr Gilbert, und an Ihr reizendes Frauchen,“ ſprach Meunier. „Wir ſind von Lyon erſt vor kurzer Zeit nach Paris 56 gekommen, wo wir Niemand kennen, denn wir hatten weder die Neigung, noch vie Zeit, Bekanntſchaften zu machen. Ich war erſter Commis im Magazin zum gol⸗ denen Barte; meine Frau beſorgte das Comptvir, und außer unſerem Sonntag hatten wir keinen Tag für uns; unſer Patron war ſehr anſpruchsvoll.“ „Allein glücklich ſein iſt langweilig,“ bemerkte Ju⸗ liette; „Freunde haben, die uns nur unſeres Vermögens wegen lieben, iſt abſcheulich, ſagten wir uns. Da aber ein kleines Muſter genügt, um die Schönheit eines Stoffes zu beurtheilen, ſo konnten wir von dem vortreff⸗ lichen Herzen unſerer Nachbakn an jenem Tag urtheilen. Bieten wir Ihnen alſo muthig unſere Freundſchaft an.“ „Und wenn ſie ſie annehmen, ſo würde nichts un⸗ ſerem Glücke fehlen,“ fügte Meunier bei. „Herr Meunier,“ ſprach Gilbert, der ſeit einigen Au⸗ genblicken nachdenkend geworden war, „Sie ſind alſo glücklich, ſehr glücklich, äußerſt glücklich?“ „Oh! mein lieber Extiſchnachbar lich nenne ſie lieber ſo, es iſt länger, als: mein Herr, aber mein Herr ſcheint mir teufelmäßig kalt),“ ſagte Meunier heiter, „Sie fragen mich, ob . . „Ei, mein Gott! nennen Sie uns ohne alle Um⸗ ſtände Gilbert und Gilberte; unter guten Leuten keine Ceremonien! wir werden Sie Auguſt und Juliette nennen.“ „Es ſei!“ erwiederte Meunier, „und ich mache ſo⸗ gleich Gebrauch von Ihrer Erlaubniß, indem ich Ihnen antworte, mein lieber Gilbert: Wie, Sie fragen uns, ob wir glücklich ſeien, ſehr glücklich? Können Sie eine ſuh Frage an uns richten, während wir Millionäre ind?“ „Mein lieber Meunier, es iſt wahrlich reine Neu⸗ gierde! Und dann Sie wiſſen, man ſagt, das Gold mache nicht das Glück ₰ „Es iſt möglich, daß man das ſagt, ſicher aber iſt für mich, daß Juliette und ich, ſeitdem wir, ſtatt in Ab⸗ 97 hängigkeit von Anderen zu leben, Gebieter eines großen Vermögens ſind, uns die glücklichſten Leute der Welt fühlen.“ „Das iſt wahr,“ ſprach Juliette, „und wenn wir zu Freunden Gilbert und Gilberte hätten, ſo würde nichts zu dieſem ſchon ſo großen Glücke ſehlen.“ „Ihr Freundſchaftsanerbieten macht uns großes Ver⸗ gnügen, lieber Meunier, und wir nehmen es von ganzem Herzen an,“ erwiederte Gilbert. „Oh! ja,“ rief Gilberte, „von ganzem Herzen.“ „Nun wohl, unſere Freunde,“ ſagte Meunier, „Sie müſſen damit anfangen, daß Sie uns etwas verſprechen.“ „Was, mein lieber Meunier?“ „Sie müſſen uns verſprechen, heute Abend mit uns den erſten Genuß von unſerer Erbſchaft zu theilen; wir machen eine vollſtändige Partie; zuerſt gehen wir in die Oper...“ „„Ale Elemente!“ rief Gilbert, „nur das . in die große Oper!“ Man gibt eine Beneſice vorſtellung,“ fügte Meunier ei, „das wird herrlich ſein. Die berühmte Frau von Saint⸗Marceau, Künſtlerin vom Theater des Italiener, wird zwei Acte von Semiramis ſingen. Wir haben eine Loge von vier Plätzen gemiethet; hier ſind Ihre Coupons.“ „Unſern Dank, mein lieber Meunier,“ ſagte Gilbert, während er die Billets mit einer nachdenkenden Miene in die Taſche ſchob; „wir nehmen ohne Umſtände an.“ „Und wenn wir von der Oper weggehen,“ ſprach Juliette, „ſpeiſen wir im Cafs de Paris zu Nacht. .. zur Erinnerung an unſer erſtes Zuſammentreffen.“ Welch ein guter Gedanke, liebe Juliette!“ rief ilberte; „wir laſſen die zwei Tiſche zuſammenſtellen, an denen wir damals getrennt ſaßen. Wir werden dann nur einen Tiſch bilden und trinken mit einander die treff⸗ liche Flaſche Champagner!“ Gilbert und Gilberte U. 7 98 „Alſo, meine Freunde,“ ſprach Meunier, der ſich an⸗ ſchickte, das Zimmer mit Juliette zu verlaſſen, „in der Oper finden wir uns wieder!“ „Abgemacht,“ antwortete Gilbert, der immer mehr von einem Gedanken beherrſchtzu ſein ſchien, „heute Abend.“ Kaum hatten die neuen Freunde von Gilbert und Gilberte dieſe allein gelaſſen, als Gilbert, der voll Auf⸗ regung und geſticulirend im Zimmer hin und her ging⸗ ausrief: „Korrigan, ich bin ein Eſel! ein Bußhard! ein Stier! Mit einem Worte, ich bin Alles, was es Dumm⸗ ſtes, Einfältigſtes, Blödſinnigſtes auf der Welt gibt! Minette, meine arme Minette, Dein Mann ſollte Heu an einer Raufe freſſen oder Gras auf allen Vieren weiden, das dreifache Thier!“ „Oh! mein Gott, liebe kleine Fee,“ rief Gilberte ganz zitternd: „mein armer Gilbert wird ein Narr! Korigan, erbarmen Sie ſich meiner!“ XXVII. Die Beſorgniß von Gilberte, als ſie die Aufregung ihres Mannes wahrnahm und ſeine ſeltſamen Worte hörte, war begreiflich; er ging fortwährend im Zimmer umher, zuckte die Achſeln, ſchlug ſich vor die Stirne, lachte laut auf, richtete die ungereimteſten Vorwürfe an ſich, kehrte daun wieder zu ſeiner Frau zurück, küßte ſie, bat ſie um Verzeihung, und fing dann abermals an zu gehen und⸗ Worte ohne Zuſammenhang ſprechend, zu geſticuliren. „Oh! es unterliegt keinem Zweifel, er iſt ein Narr!“ murmelte Gilberte, deren Augen ſich mit Thränen füllten „Oh! mein Gilbert . .. Gute Korrigan, erbarmen Sie ſich unſerer!“ „Sei ohne Furcht,“ ſprach die ſanfte Stimme „Nein, Dein Gilbert iſt kein Nart 95 „Wie! Geliebte, Du weinſt!“ rief der junge Mann mit einem ſchmerzlichen Erſtaunen, als er die Thränen ſeiner Frau gewahr wurde; „Du weinſt!“ Dann kniete er vor ihr nieder, küßte ihre Hände voll Zärtlichkeit und ſprach: „Bin ich Schuld, daß Du weinſi?“ „Ei!“ erwiederte Gilberte, indem ſie vergebens ihre Thränen zurückzuhalten ſuchte, „Du läuſſt hin und her wie ein Beſtürzter; Du geberdeſt Dich mit den Armen, Du ſagſt . .. Du ſagſt . . „Und das arme Kind er⸗ ſticte beinahe „Du ſagſt .. Du .. Du müßteſt auf allen Vieren gehen, und . . . und und Gras freſſen . . . „Aber, meine Angebetete, das iſt ein Bild, eine Figur,“ verſetzte Gilbert, der immer noch zu den Füßen ſeiner Frau kniete, die er zärtlich mit den Armen um⸗ ſchlang; es war eine Redensart, meine Liebe, ich ſei... bis jest ſo dumm geweſen . . . wie ein Stier. und nichts Anderes.“ „Wahrhaftig!“ ſagte Gilberte, indem ſie ihre ſchönen großen, mit Thränen gefüllten Augen trocknete; dann nahm ſie zwiſchen ihre Hände das Geſicht ihres Gilbert, in welchem die Rührung unverkennbar war, betrachtete es voll Leidenſchaft und wiederholte: „wahrhaftig! . Du biſt bei Vernunft? Du erkennſt mich?“ „Ob ich Dich erkenne!“ rief der junge Mann, der nun wieder aufſtand. „Fühle mein Herz an, wie es ſchlägt nur bei dem Gedanken, ich habe Dich einen Au⸗ genblick, ohne es zu wollen, betrübt!“ „Oh! es iſt wahr,“ erwiederte die junge Frau mit einer ſanften Gemüthsbewegung, und immer mehr be⸗ ruhigt; „Dein Herz ſchlägt! Ich finde Deinen guten Blick wieder, mein Gilbert! Nein, Du biſt nicht verrückt! Ich war toll, daß ich erſchrak! .. Aber, Du böſer Bibi,“ und ſie lächelte unter ihren halb getrockneten Thränen, 6 haſt mir auch geſagt, Du müſſeſt auf allen Vieren 100 „Arme Minette! ich begreife, daß im erſten Augen⸗ blick dieſe Stellung, von der ich ſagte, ſie müßte die meinige ſein zur Strafe für meine Dummheit, Dir ſelt⸗ ſam ſchien; aber ſiehſt Du, ich war ſo aufgebracht gegen mich ſelbſt, daß ich mich mit den unangenehmſten Grob⸗ heiten nicht verſchonte.“ „Ich glaube es wohl: Du nannteſt Dich Eſel, Bußhard, Stier, was weiß ich!“ „Und wenn man bedenkt, daß ich mir noch nicht genug geſagt habe!“ „Aber was haſt Du Dir denn vorzuwerfen?“ „Was ich mir vorzuwerfen habe? Ich möchte ſagen, uns vorzuwerfen, müßte ich nicht in meiner Eigenſchaft als Herr des Hauſes die ganze Verantwortlichkeit auf mich nehmen.“ „Sprich doch: was haſt Du auf Dich zu nehmen?“ „Ein ungeheures Verſehen! eine monſtruoſe Dumm⸗ heit! eine pyramidale Eſelei!“ „Oh! Du fängſt wieder an!“ „Laß uns ein wenig vernünftig reden.“ „Mit Vergnügen . „ ich höre.“ „Der Zufall ſchickt uns eine Korrigan, eine aller⸗ liebſte kleine Fee, die ganz einfach zu uns ſpricht: „„Meine Freunde, ich werde Eure Wünſche erfüllen, bis Ihr Euch ſo vollſtändig glücklich fühlt, daß Ihr zu mir ſagt: Gehe, Korrigan!““ Das iſt einfach wie: guten Morgen! nicht wahr?“ „Gewiß.“ „Es handelte ſich alſo für uns darum, von der Korrigan zu verlangen, daß ſie die Wünſche erfülle, die uns auf immer glücklich machen konnten, und dann artig zu ihr zu ſagen: „Wir danken Ihnen, liebe Korrigan, Sie können nun Ihren Schweſtern nachfolgen.““ „Allerdings.“ „Es war unſere Aufgabe, das Glück zu ſinden . „Nicht mehr.“ 101 „Und dieſes Glück, von wem haben wir es ge⸗ fordert? wo haben wir es geſucht? Oh! meine arme Minette, wir haben es ſehr fern geſucht, und es war zu unſeren Füßen! Wir haben es von Anderen, in ihr Leben eintretend, gefordert, indeß das Glück . in uns ſelbſt war!“ „Wie ſchon?“ murmelte mit einem Ausdrucke freudigen Erſtannens und mit ſich ſelbſt ſprechend die Stimme der unſichtbaren Fee. „Wie! die Erfahrung der jüngſten Vergangenheit würde genügen, um mit Weisheit dieſe zwei guten Herzen zu begaben, und ich könnte meinen Schweſtern nachfolgen? Oh! ich wage es noch nicht, mich in einer ſo ſüßen Hoffnung zu wiegen!“ Gilbert und Gilberte, welche mit einander ſprachen, hörten die Worte der Korrigan nicht, denn dieſe mur⸗ melte ſie mit einer ſo ſchwachen Stimme, daß ſie nicht bis zu ihrem Ohre gelangten. 5 „Sprich, Gilbert, erkläre Dich,“ fragte die junge Frau; „Du ſagſt, wir haben Unrecht gehabt, das Glück anderswo, als in uns ſelbſt zu ſuchen?“ „Ei! allerdings, Geliebte. Statt wir ſelbſt zu bleiben .. und, bei allen Elementen! wir kennen uns lange genug, um zu wiſſen, wer wir ſind . . waren wir einfältig, gimpelhaft (i „Wir, Herr Bibi, wir ſünd einfältig .. gim⸗ velhaft geweſen? Sie ſind ſehr unartig!“ „Ich ſpreche für mich, Minette, doch ich ſage wir wie der Herr Polizeipräfect: „„Wir, der Polizeipräfect: ſintemal die herrenloſen Hunde umherlaufen u. ſ. w.““ Du brauchſt nur die Anſchlagzettel zu leſen“ „Oh! Du Herzkind! wie wißig biſt Du, wenn Du willſt!“ verſetzte Gilberte lachend⸗ „Ich laſſe Dir das Wort wir hingehen wegen der Erklärung.“ Ich fahre alfo fort: während wir wußten, was wir Beide waren, ſind wir ſo ... ſö 1 einfältig 102 geweſen, Andere als wir ſelbſt werden und ſein zu wollen. Wahrhaftig, das war finnlos!“ „Ich will nicht verächtlich vom Marquis und von der Marquiſe reden, obgleich ſtreng genommen. . . „Und dann, nicht wahr, mein Lieber, es genügt, daß man Jemand geweſen iſt, um dieſer Perſon nicht alle Schande und Laſter nachzuſagen?“ „Ich erkenne Minette an dieſem Benehmen! Was Georges Hubert und Louiſe betrifft, ſo reichen wir ihnen hinſichtlich des Edelmuths und der Seelengröße allerdings nicht bis an die Knöchel; doch was willſt Du! der Adel des Herzens, das Genie von Georges Hubert, die erhabene, aufopfernde Ergebenheit der armen Louiſe haben es nicht verhindert, daß Beide wie Verdammte gelitten! Wir wiſſen es nur zu genau, da wir ſie ſelbſt geweſen ſind.“ „Oh! ja, mein Gott, welche Leiden!“ „Und die Leiden, haben wir ſie uns ſelbſt zu ver⸗ danken gehabt? nein, ſondern denjenigen, in deren Leben wir uns unbeſonnener Weiſe verſetzt hatten.“ „Ja, wie arme Schmetterlinge, welche, von der Flamme des Lichtes angezogen, ſich an dieſem ver⸗ brennen!“ „So iſt es! Sieh auch: ſo lange wir wir ſelbſt ge⸗ blieben ſind, haben wir den Kummer nie gekannt . und daraus ſchließe ich, daß wir, um das Glück zu finden, fortan Gilbert und Gilberte bleiben müſſen.“ „Und ſo werden wir ſicher ſein, daß wir thun, was wir thun wollen.“ „Gut, hiedurch iſt ſchon die Hälfte unſeres Glückes ge⸗ funden.“ „Doch die andere Hälfte?“ „Gerade wegen dieſer andern Hälfte ſind wir Thiere gut, um Hen zu freſſen, geweſen (ich ſage immer wir wie der Herr Polizeipräfect). Wo haben 103 wir bis jetzt das Glück geſucht? Zuerſt im Leben eines vornehmen Herrn und einer vornehmen Dame; ſodann im Leben eines Mannes von Genie und ſeiner Ge⸗ liebten „Und Gott weiß, ob wir das, was wir geſucht, gefunden haben!“ „Das Wunderbarſte dabei aber iſt, meine Geliebte, daß wir und ich bereue es nicht . . . daß wir Anderen verſchafft haben, was wir vergebens ſuchten.“ „Wie ſo?“ „Haſt Du nicht ſo eben den wackern Meunier und ſeine Frau zu uns ſagen hören, mit Ausnahme unſerer Freundſchaft fehle ihnen nichts zu ihrem Glücke, ſeitdem ſie Millionäre ſeien?“ „Es iſt wahr, ſie haben das geſagt.“ „Und wir, die wir ſie zu Millionären gemacht haben, wir, die wir zehnmal, hundertmal, tauſend Millionen mal Millionäre ſein können, beim Henker! wir verſchaffen uns ſelbſt nicht das Glück, das wir unſerem Freunde Meunier gegeben!“ „Ach!“ murmelte mit klagendem Tone die ſanfte Stimme der Korrigan, ohne von Gilbert und Gilberte gehört zu werden, „einen Augenblick glaubte ich an die Weisheit dieſer zwei Herzen! Ach! . ich werde meine Schweſtern noch nicht wiederſehen!“ Gilberte, ſtatt ihrem Manne zu antworten, blieb kurze Zeit nachdenkend und ſagte dann: „Du haſt vielleicht Recht, Geliebter; doch . . .“ „Doch?“ „Du erinnerſt Dich, daß Du, als die Korrigan, nachdem ſie uns die zwei Millionen gegeben hatte, die ſich in Deiner Kreidenſchachtel und in meinem Blumen⸗ carton fanden, zu uns ſagte: „„Wollt Ihr noch mehr Millionen? Wollt Ihr zehn? wollt Ibr hundert?““ antworteteſt, — ich höre es noch: — „Pfui! Millionen, der Herr Polizeipräfect auszudrücken.)“ 104 bas iſt gemein: es muß etwas Beſſeres als dies zu verlangen geben.““ „Gewiß, gewiß, denn damals glaubten wir, der Reichthum bedürfe der Würze einer hohen Geburt, und dann hat uns die Erfahrung die Plackereien, die Ver⸗ drießlichkeiten der Exiſtenz eines vornehmen Herrn gezeigt. der ſelbſt das Lvos eines Mannes von Genie beneiden muß. Da verlangten wir das Glück vom Genie, vom Ruhme. „„Ich kenne es nicht!““ antwortete der Ruhm. „„Wendet Euch anderswohin.““ „In der That, wenn ich es mir recht überlege, bin ich ziemlich Deiner Anſicht, und ich mache mir folgendes kleine Raiſonnement.“ „Laß das kleine Raiſonnement von Minette hören.“ „Ehe wir durch uns ſelbſt erfahren hatten, was im Grunde das Leben der vornehmen Herren und der Männer von Genie iſt, genügte es uns nicht, Millionäre zu ſein, weil wir uns, obgleich reich, ungeheuer reich, wenn wir einen Marquis oder einen Mann. von Genie hätten vorübergehen ſehen, geſagt haben würden: „„Wir mögen immerhin Millionen haben, ſie geben uns weder die Ge⸗ burt, noch den Ruhm!““ „Vortrefflich iſt das kleine Raiſonnement von Mi⸗ nette, ganz vortrefflich! denn nun wird das Glück, welches wir dadurch, daß wir Millionäre ſind, haben werden, nicht mehr getrübt ſein durch ſchlimmen Reid, und wir werden ſagen: „Gehe, Marquis; gehe, berühmter Dichter! wir ſind vornehme Leute, wir ſind großer Dich⸗ ter geweſen! wir danken, wir wiſſen, was die Elle werth iſt.““ „Ja, und bei meiner Treue, wir werden einfache Millionäre bleiben.“ „Einfache Millionäre! geh' doch!“ rief Gilbert die Achſeln zuckend; „auch in dieſer Beziehung ſind wir wahre Gimpel geweſen. (Ich ſage wir, um mich wie 105 „Bibi, verſtändigen wir uns. NRicht wahr, wir ſind für immer vom Ruhme und von der Vornehmheit zurück⸗ gekommen?“ „Oh! ja, Gott ſei Dank!“ „Warum ſollen wir dann etwas Anderes ſein, als einfache Millionäre?“ „Arme Minette! bei meinem Ehrenworte, es thut mir leid um Dich!“ . „Und das Kameel?“ „Wie, das Kameel?“ „Und die Kolik? . „Die Kolik?“ „Wir! einfache Millionäre! wir, die wir eine Commode in ein Kameel verwandeln und die Kolik, gleichviel wem, den Hirten wie den Königen geben kön⸗ nen!“ rief Gilbert mit Begeiſterung. „Oh! meine Mi⸗ nette, was für ein ſchönes Ding iſt es um eine Kolik, wenn man ſich derſelben zu bedienen weiß! Alle Teufel! was die Geſchwindigkeit betrifft, iſt das ſo ſchön als der electriſche Telegraph! Und Du ſagſt, meine arme Geliebte, wir ſollen einfache Millivnäre ſein, während wir die Kolik dem Kaiſer von Rußland und allen Ruſſen geben können! Ah! weil wir gerade daran ſind, wollen wir die Kolik allen Ruſſen geben, nun?“ „Was fällt Dir ein! es ſind darunter ſo viele Leute, welche Niemand etwas zu Leide gethan haben!“ „Gut; Minette will es kein Ruſſe wird die Kolik bekommen. Doch da habe ich einen anderen Gedanken! Wenn es je der ruſſiſchen Armee einfaſlen würde, in Verbindung mit den Preußen und den Oeſterreichern unſere Grenze zu überſchreiten . . . halt, dieſer Gedanke vortrefflich! . . . Korrigan!“ „Sprecht,“ ſagte die ſanfte Stimme, „was be⸗ gehrt Ihr?“ * „Wir wollen, daß das ganze fremde Heer, wenn 106 es, ohne angegriffen worden zu ſein, den Fuß über unſere Grenze ſetzt, um Frankreich zu mißhandeln, eine grauſame Kolik bekomme, vom Obergeneral an bis zum letzten ruſſiſchen, öſterreichiſchen oder preußiſchen Trommler. Ja, wir wollen, daß in dem Augenblick, wo man ihnen: „Schlagt an . . Feuer!“ comman⸗ diren wird, Gemeine, Officiere, Generale, Marſchälle auf der Stelle kampfunfähig gemacht werden, wie der General Pouſſard.“ „Bei meiner Treue, ja,“ rief Gilberte, indem ſie ein ſchallendes Gelächter aufſchlug, „denn im Ganzen tödtet die Kolik Niemand, und der Krieg tödtet ſo viele arme Leute.“ „Es wird Eurem Willen gehorcht werden, wie man ihm beim General gehorcht hat,“ erwiederte die Stimme. ohne daß es Gilbert und Gilberte hörten, fügte ie bei: „Ah! warum trifft ihr Verlangen nicht alle die⸗ jenigen auf dieſer Welt, welche von der tollen Wuth⸗ die man den Krieg nennt, beſeſſen ſind! Das Verlan⸗ gen dieſer zwei guten Herzen würde es dahin bringen, daß der Friede ewig auf Erden herrſchte, der brüder⸗ liche, der fruchtbare, befreiende Friede!“ „Einfache Millionäre!“ wiederholte Gilbert in ſei⸗ ner wachſenden Begeiſterung, „wir, die wir die Unab⸗ hängigkeit Frankreichs dadurch geſichert haben, daß wir dem Ausländer die Kolik gegeben, ſo oft er es wagen wird, den Fuß über unſere Grenze zu ſetzen, ohne an⸗ gegriffen worden zu ſein! Aber, Minette, je gründlicher man die Kolik unterſucht, deſto mehr erkennt man, daß ſie, wenn ſie wohl angewandt wird, ſtreng genommen die Vorſehung erſetzen könnte, wäre unglücklicher Weiſe die Vorſehung geſtorben!“ „Ah! Gilbert!“ „Wie! ich nehme zum Beiſpiel an: ein Böſewicht, 107 5 der ſtehlen, morden will, wird von einer grauſamen Kolik in dem Augenblick gepackt, wo er ſein Verbrechen zu begehen im Begriffe iſt!“ „Das iſt wahr! i „Da kommt ein Stutzer, der den Niedlichen, den Zierlichen, den Troubadour ſpielt, um die Frau eines ehrlichen Mannes zu verführen; die Unglückliche iſt nahe daran, ihre Pflichten zu vergeſſen; die Schäferſtunde hat geſchlagen; vautz! mein Troubadonr wird von einer entſetzlichen Kolik in dem Augenblick gezwickt, wo er den Mund aufthut und ſpricht: „„Seele meiner Seele, Wolluſt des Himmels . . .““ und was dergleichen Fad⸗ heiten ſind!“ „Ha! ha! ha!“ lachte Gilberte herzlich; „ich ſehe ihn von hier aus! welch eine klägliche Miene!“ „Ach!“ murmelte die Stimme der Korrigan, ohne von den zwei jungen Leuten gehört zu werden, „dieſe Wünſche, es fällt ihnen nicht ein, ſie auszuſprechen! Sie könnten machen, daß die Tugend ewig auf dieſer Erde herrſchen würde!“ „Ich ſage Dir, Minette,“ ſprach Gilbert, „ich ſage Dir, die Macht der Kolik iſt ungehener! Und das iſt nur eines von den tauſend Mitteln, über die wir ver⸗ fügen können Doch was willſt Du! Anfangs verblendet, verblüfft durch unſer wunderbares Abenteuer . . . „Es war wohl Grund hiezu vorhanden.“ „Sind wir im Nebel herumgetappt, haben wir uns unſerer Macht nicht zu bedienen gewußt, um dadurch das Glück zu finden; es kommt aber bei uns die Er⸗ fahrung, und dies Mal halten wir ihn, den Schelm von einem Glücke!“ „Was werden wir thun?“ „Vor Allem an das Solide denken . „ Liebe orrigan, wir wollen ausgeben . . Wie viel denn? Bah! fünfzigtanſend Franken in der Viertelſtunde.“ „Ach! mein Gott! Gilbert, was ſagſt Du da?“ 108 „Ich ſage das, weil fünfzigtauſend Franken in der Viertelſtunde zweimal hunderttauſend in der Stunde oder vier Millionen achtmalhunderttauſend Franken im Tage machen; ſetzen wir fünf Millionen als runde Summe .. Genügt uns das nicht, ſo werden wir weiter ſehen . . . Das iſt mein Charakter!“ „Du biſt närriſch!“ „Und Sie, meine liebe kleine Korrigan, Sie wer⸗ den uns einen Tag zum Voraus bezahlen, und ſo wol⸗ len wir fortan jeden Mittag auf den Schlag zwölf Uhr unſere Zahlung für den andern Tag in Empfang nehmen.“ „Zweimal hunderttauſend Franken in der Stunde!“ ſagte Gilberte die Hände faltend; „das iſt nicht zu glau⸗ ben! Nein,“ fügte ſie naiv bei, „es gibt in der Welt nicht Geld genug, daß uns die Korrigan nur für einen Tag die Zahlung leiſten kann!“ „Ah! Du glaubſt, meine arme Minette? Nun denn, ſo ſage wie ich: „Korrigan, wir wollen ſogleich unſere fünf Millionen von heute haben!““ „Ah! wohl,“ verſetzte Minette mit einer Miene des Zweifels, „wir werden ſehen.“ Und ſie ſprach: „Korri⸗ gan, wir wollen ſogleich unſere fünf Millivnen von heute haben.“ „Es iſt geſchehen,“ antwortete traurig die Stimme der unſichtbaren Fee. „Ihr werdet die fünf Millionen in der erſten Schublade Eurer Commode finden . und jeden Tag empfangt Ihr, nach Euren Wünſchen, um die zwölfte Stunde eine ähnliche Summe, und auch mehr, wenn Ihr wollt!“ Gilbert und Gilberte liefen nach der Commode. Sie ſahen die erſte Schublade voll mit Bündeln von Banguebillets; Gilbert nahm eines auf den Zufall, ſtreute den Inhalt deſſelben auf der Commode umher und ſagte dann zu ſeiner Frau: „Nun Geliebte, was denkſt Du hievon?“ 109 „Ei! ich denke, daß es ſchwindelig macht, ſo große Summen zu ſehen! Mein Gott! was werden wir mit ſo viel Geld thun?“ „Es ausgeben, und zwar luſtig! ein Hotel für uns, Pferde für uns, Diamanten für Dich haben! Denn bis jetzt hatten wir am Ende nur die Verlaſſenſchaft von denjenigen, in deren Leben wir eintraten.“ „Es iſt wahr, als wir der Marquis und die Mar⸗ quiſe von Montlaur waren, hatten wir ihr Hotel und nicht das unſrige.“ „Offenbar! Ehe eine Stunde vergeht, werden wir auch, das ſchwöre ich bei allen Göttern, das Hotel Gilbert beſitzen!“ „Ohl ehe eine Stunde vergeht . . .“ „Du wirſt es ſehen, ich habe meine Idee.“ Dann nachdenkend und bebend: „Ah! Tenfel! es fällt mir in „Was haſt Du denn?“ „Haſt Du nicht in den Feenmährchen geleſen, die Geiſter machen ſich zuweilen den Spaß, ihren Schütz⸗ lingen Goldſtücke zu geben, die ſich in Baumblätter verwandeln?“ „Wie, Du hältſt unſere liebe kleine Korr igan für fähig, zu .. „Nein, nein .. Doch was würde ihr das am Ende machen? . Richt wahr, liebe kleine Fee, es verdrießt Sie nicht, wenn wir Frau Badureau fortſchicken und durch ſie ein paar von dieſen Tauſend⸗Franken⸗ Billets wechſeln laſſen,. . . nur um Münze zu haben.“ „Thue, was Du willſt,“ antwortete die Stimme, „dieſes Geld gehört Dir.“ Sogleich lief Gilbert an's Fenſter, öffnete es, neigte ſich hinaus und rief: „Frau Badureau! . . Frau Badureau! . . „Aber, Gilbert,“ ſagte die junge Frau, „Du ver⸗ giſſeſt, daß die zwei Tauſend⸗Franken⸗ Billets, die Du 110 aus Scherz der Portiere gegeben, gut waren, da ſie ſich nicht daröber beklagt hat? Und dann die Million, die wir Meunier und ſeiner Frau zukommen ließen, war doch auch ächt!“ „Das iſt wahr, ich dachte nicht hieran; doch laſſen wir dieſe Billets immer wechſeln, da es unſere liebe kleine Fee nicht übel nimmt. Nicht wahr, Korrigan?“ „Nein, meine Freunde,“ erwiederte die Stimme, „verfüget über Euer Geld nach Eurem Belieben.“ „Ah! was unſern Freund Meunier betrifft,“ ſagte Gilberte, „wir ſind ihm eine Million ſchuldig; vergeſſen wir das nicht, mein Lieber!“ „Was für eine Million?“ „Die, welche wir ihm ſpäter geben ſollten, damit ihre Freude ſich verdoppele.“ „Ganz richtig, Minette; man muß ſeine Schulden bezahlen, das iſt eine heilige Sache. Korrigan, Auguſt Meunier und ſeine Frau ſollen noch heute ihre zweite Million bekommen.“ „Ja, oh! ja!“ ſetzte Gilberte hinzu, „ſie ſind heute ſo artig gegen uns geweſen! Sie müſſen ihre Million vor der Stunde haben, zu der wir mit ihnen in der Oper zuſammentreffen ſollen; ſo werden wir den erſten Duft ihrer Freude genießen!“ „Es iſt geſchehen,“ ſprach die Stimme. „Man theilt ſo eben Auguſt Meunier mit, es ſei eine bis daher unbekannte Schuld, die ſich auf eine Million belaufe, für die Erbſchaft, die ihm gehöre, entdeckt worden.“ „Wie fröhlich werden ſie ſein!“ ſagte Gilberte. „Doch ich bedenke, warum geben wir dieſen jungen Leuten nur zwei Millionen?“ „Teufel! wie raſch biſt Du!“ „Ei! da uns das nichts koſtet. . .“ „Gleichviel! zwei Millionen ſind ein ſchöner Pfen⸗ nig! Und dann ſiehſt Du, wenn Jedermann Erzmillionär ————————————————— 111 wäre, würde es einem kein Vergnügen mehr machen, ein ſolcher zu ſein.“ „Du glaubſt, Geliebter?“ „Gewiß!“ „Ach!“ ſchon der Egoismus,“ murmelte die Stimme der Korrigan, hne von Gilbert und Gilberte gehört zu werden. „Arme gute Herzen! wird der Reichthum ihre angeborene Reinheit trüben?“ Frau Badureau lief auf den Ruf ihres Miethsmanns eilends herbei, trat ganz athemlos ein und ſagte: „Ah! Herr Bosco, Sie, der Sie ein vortrefflicher Escamoteur ſind, müßten die fünf Stockwerke der Treppe escamotiren: das wäre viel angenehmer für mich, die ich ſie erklettern muß, als Ihre Kameelſtückchen“ „Nehmen Sie ſich in Acht, Frau Badureau: wenn ich wollte, ließe ich die fünf Stockwerke verſchwinden, und dieſes Zimmer, in welchem wir ſind, würde auf der Stelle ein Erdgeſchoß . . . ha! ha!“ „Ei! das wäre auch etwas Großes!“ „Sie wollen mir vielleicht ſagen, Sie . . .“ „Ich habe dieſes Stückchen geſehen, Herr Bosco?“ unterbrach die Portidre Gilbert. „Ja, ich habe dieſes Stück in dem Feenſpiele: die Teufelspillen, geſehen. .. Die Stockwerke des Hauſes von Pierrot ſanken nieder und ſchoben ſich eines in das andere wie eine Theater⸗ lorgnette . . Bekannt, Herr Bosco, bekannt!“ „Hal ha! ha!“ machte Gilberte, lachend über das verdrießliche Geſicht ihres Mannes, dem es nicht gelang, Frau Badureau in Verwunderung zu ſetzen. „Bibi ärgert ſich!“ „Das iſt allerdings ein wenig ärgerlich,“ erwiederte Gilbert, der indeſſen am Ende lachte wie ſeine Frau. Dann gab er zwei Tauſend⸗Franken⸗Billets der Portiore und ſagte zu ihr: 1¹2 „Hier ſind zwei Tauſend⸗Franken⸗Billets, wollen Sie dieſelben ſogleich wechſeln laſſen.“ „Gut!“ verſetzte Frau Badureau, welche mit einer nachdenkenden Miene unbeweglich ſtehen blieb; „ich nehme die zwei Billets in eine Hand, ich werde dafür ange⸗ ſehen, daß ich ſie wechſeln laſſe . . . und hernach?“ „Wie, und hernach?“ „Das Stück, Herr Bosco?“ „Welches Stück?“ „Das Stück mit den zwei Billets, die ich ſoll wech⸗ ſeln laſſen. Wetten wir, daß ich es errathe: ich halte die zwei Tanſend⸗Franken⸗Billets gut geſchloſſen in meiner Hand, nicht wahr? . . Ich wette, Herr Bosco, Sie werden zu mir ſagen: „„Durch meine Zanbermacht will ich, daß ſich die Billets, welche Frau Badureau in ihrer Hand hält, in Sperlinge oder in Eidechſen ver⸗ wandeln, oder auch, daß ſie ſich in ihrem Magen finden.““ Nun wohl! bekannt! Herr Bosco: ich habe dieſes Stück von Herrn Lecomte mit dem ſeligen Badureau an dem Tage machen ſehen, wo er drei Katzen in ſeiner Tabaks⸗ doſe miauen ließ!“ „Es handelt ſich wohl ein Zauberſtück!“ rief Gilbert ungeduldig, während Gilberte herzlich lachte. „Ich brauche Münze und ſage, Sie ſollen mir holen.“ „Ah! ſehr gut, das iſt etwas Anderes,“ erwiederte die Portisre, indem ſie ſich nach der Thüre wandte. „Verzeihen Sie, Herr Bosco. Ich ſehe überall bei Ihnen Ihre Zaubergeſchichten . .. Sogleich gehe ich zum Wechsler und bringe Ihnen Münze. Wollen Sie Gold oder Silber?“ „Gold! Gold!“ rief lebhaft Gilbert; „wir wollen Gold!“ Und er fügte bei: „Ah! ich vergaß es iſt hier in der Nähe, in der Rue Saint⸗Dominique, ein Wagenvermiether?“ „Ich weiß nicht, Herr Bosco.“ „Ich weiß es,“ ſagte Gilbert zu ſich ſelbſt; „dor „ 113 hat meine Frau, als ſie Marquiſe von Montlaur war, einen Fiacre holen laſſen, um am Morgen zum Herzog von Saligny zu fahren.“ Und er ſprach laut: „Gehen Sie zu dem Wagenvermiether, Frau Badureau, und brin⸗ gen Sie uns ſogleich, was ſich Schönſtes von Equipage bei ihm findet. Wir brauchen ferner, außer dem Kut⸗ ſcher, einen Bedienten, um hinten auf den Wagen zu ſteigen . . . und Frau Badureau, glauben Sie nur nicht, es handle ſich wieder um ein Zauberſtück. . .“ „Sie wären wohl fähig hiezu, Herr Bosco. Ich habe einſt mit dem ſeligen Badureau eine Feerei ge⸗ ſehen; da verwandelten ſich die Wagen und Pferde inh . „Gehen Sie zum Teufel, Frau Badureau! Das iſt doch zu ſtark!“ rief Gilbert; „Sie mißbrauchen unſere Geduld!“ „Genug, ſtille!“ verſetzte die Portiere. „Ich laufe, Herr Bosco, um Ihr Gold und Ihren Wagen zu holen.“ Und ſie verſchwand. „Ihren Wagen! Ihr Gold! wie fröhlich das zum Ohre klingt, wie, Minette?“ ſagte Gilbert, „und wenn wir ſogleich ſagen werden: Unſer Hotel, unſere Be⸗ dienten . . .“ „Wie! ſogleich?“ „Du wirſt ſehen, ich habe meine Idee! ja, ſogleich werden wir ſagen: Unſer Hotel, unſere Leute, unſere Pferde! Denn ich komme immer darauf zurück, wir ha⸗ ben uns des Reichthums nicht durch uns ſelbſt erfreut, als wir der Marquis und die Marquiſe von Montlaur waren!“ „Darum blieben uns vielleicht unſere Reichthümer gleichgültig; wir waren daran gewöhnt.“ „Wir werden unſere Reichthümer nun um ſo mehr genießen, als wir nie durch uns ſelbſt daran gewöhnt worden find, denn mit Ansnahme der Nacht unſeres Gübert und Gilberte. n. 8 114 Marquiſats und der Zeit, die wir in den Perſonen von Georges Hubert und Louiſe zugebracht, haben wir im⸗ mer wie Bettler gelebt, meine arme Minette! Es war auch einfältig von uns, daß wir uns in das Leben An⸗ derer ſtecken wollten, ſtatt in dem unſern zu bleiben und es durch unſere Macht ſo ſchön, ſo glücklich zu machen, daß wir nichts mehr zu wünſchen haben. Sage, Minette, waren wir einfältig?“ „Ei! ei! nicht ſo ſehr einfältig, Bibi, denn wir ha⸗ ben wenigſtens durch die Erfahrung die Gewißheit er⸗ langt, das Glück beſtehe weder in der Vornehmheit, noch im Ruhme, — zwei Dinge, welche wir nicht mehr zu beneiden haben werden .. Das iſt immerhin ge⸗ wonnen.“ „Herr Bosco,“ rief Frau Badureau raſch eintretend, „Ihr Wagen iſt unten, und hier iſt das Gold, nebſt einem Bedienten, um hinten aufzuſteigen.“ „Um hinter unſerem Golde aufzuſteigen, Frau Badureau?“ „Ah! nein, Herr Bosco, um hinten auf Ihren Wagen zu ſteigen. Er iſt mit zwei herrlichen Gran⸗ ſchimmeln beſpannt, — was der Vermiether Beſtes hatte; ich habe ihn zum Voraus bezahlt; das ſind vier⸗ zig Franken, die Sie weniger in den Rollen finden werden, den Bedienten mit einbegriffen. Ah! Herr Bosco, wollen Sie nicht frühſtücken, ehe Sie wegfahren? es iſt Mittag vorüber.“ „Minette,“ ſagte Gilbert, „haſt Du Hunger 2“ „Oh! mein Gott, nein, durchaus nicht; wir haben vieſen Morgen von ſo vielen Dingen geſprochen, daß ich meinen Appetit darüber vergaß.“ „Ohne Vorwurf,“ verſetzte Fran Badureau, „das iſt nicht wie an jenem Tage beim Gansviertel, wo ich dieſen armen Herrn Bosco für einen verkleideten polniſchen Fürſten hielt; da haben Sie kaum das Gerippe übrig 11⁵5 gelaſſen!. Und nun kehre ich in meine Loge zurück, wo mich ein Dienſtmädchen des Hauseigenthümers erwartet.“ „Frau Badureau, einen Angenblick Geduld!“ ſprach mit ernſtem Tone Gilbert, der, ohne daß es die Por⸗ tière geſehen, ein Paquet zuſammengebunden hatte, in das er unter anderen Dingen ein Stück von einem zer⸗ brochenen lithographiſchen Stein ſchob, „nicht wahr, Frau Badureau, Sie lieben ſehr die Taſchenſpielerkünſte?“ „Ich bete ſie an, Herr Boscv.“ „Nun wohl!“ ſagte Gilbert, während er ſich um⸗ wandte, „nehmen Sie dieſes Paquet Schlauheitspulver; öffnen Sie es in . in . in neunundneunzig Ta⸗ gen, nicht früher, nicht ſpäter; ſonſt mißlingt das Stück.“ „Seien Sie unbeſorgt: ich werde die neunund⸗ neunzig Tage warten.“ Sprechen Sie dann die Zauberworte! Brubru. „Brubru,“ wiederholte Frau Badureau, „das iſt ſehr leicht, Brubru!“ „Babra, Babra,“ fuhr Gilbert mit einer un⸗ ſtörbaren Ruhe fort. „Bribri!“ „Babra, babra!“ wiederholte Frau Badureau. „Bribri, bribri!“ „Sehr gut,“ ſagte Gilbert, „Hhaben Sie dieſe Worte ausgeſprochen, ſo öffnen Sie das Paquet, und Sie werden ein Stück ſehen oh! ein Stück, wie Sie noch nie eines geſehen haben.“ „Nämlich . verſetzte die ſkeptiſche Portisre, in⸗ dem ſie das zuſammengebundene Päckchen in die Taſche ſchob. „Nun, in neunundneunzig Tagen werden wir ſeben, und ich ſchwöre Ihnen bei der Aſche des ſeligen Badureau, daß ich das Pogquet nicht früher öffne!“ Hienach verließ die Portisre das Zimmer; doch während ſie abging, wiederholte ſie, um dieſelben ihrem Gedächtniß einzuprägen, die magiſchen Worte: Bribri, babra, brubrn.“ 116 „Mein Lieber,“ ſagte heiter Gilberte zu ihrem Manne, der die Goldſtücke auf der Commode auszu⸗ breiten anfing, „was bedeutet denn der neue Streich, den Du dieſer armen Frau Badureau ſpielſt? Sie iſt im Grunde eine gute Frau, obgleich ſie behauptet, ſie kenne Deine Stücke. Aber Du antworteſt nicht,“ fügte die junge Frau bei, der ihr Mann, vor der Commode ſte⸗ hend, den Rücken zuwandte „Gilbert! . Gilbert! .. „Schau, berühre, laß klingen, laß glänzen, dieſes Gold, Geliebte! Und das iſt nur ein Flitter von unſe⸗ rem unerſchöpflichen Schatze!“ rief Gilbert, indem er ſeiner Frau die auf dem Marmor der Commode aus⸗ gebreiteten achtundneunzig Goldſtücke zeigte. Und er nahm und betaſtetete das glänzende Metall mit einer Art von freudigen Wuth und ließ es durch ſeine Finger laufen. „Oh! mein Gott! wie viel Gold! wie viel Gold!“ rief Gilberte geblendet. Und in ihrer kindiſchen Neu⸗ gierde ſagte ſie: „Loß es mich doch auch anrühren.“ Und, wie ihr Mann, nahm ſie das Gold handvoll⸗ weiſe und ließ es auf dem Marmor der Commode klingen. Hundert Louis d'or, die Summe war nicht beträcht⸗ lich, ſie war von keiner Bedeutung, wenn man ſie mit den fünf Mllionen in Banquebillets verglich, welche in der Schublade der Commode enthalten waren, doch die⸗ ſes trübe, oft fettige, ſchmutzige und halb zerriſſene Pa⸗ piergeld bot in ſeinem Anblick nichts, was ſich dieſem Spiegeln nähern konnte, das ſo ergötzlich in den Augen der jungen Leute, weſche bis auf dieſe Minute nie ein einziges Goldſtück beſeſſen hatten. O magnetiſche Macht des funkelnden Metalls! Kaum hatte Gilberte, Anfangs einer kindiſchen Neugierde nach⸗ gebend, ihre zarten Finger mitten in die aufgehäuften Louis d'or getaucht, als ſich ibre Hand, von ihrer ge⸗ waltigen Anziehungskraft beherrſcht, nicht mehr da⸗ 117 von trennen konnte, und mit einer fieberhaften, heftigen Bewegung ließ ſie die Stücke wieder und wieder auf dem Marmor klingen „Korrigan!“ rief Gilbert, „wir wollen auf der Stelle eine von unſeren Millionen in Gold haben!“ „Alle unſere Millionen!“ rief Gilberte mit bebender Stimme. „Wir wollen ſie haben . . . alle . . alle in Gold.“ „Es iſt geſchehen!“ antwortete mit einem ſchwer⸗ müthigen Ausdruck die ſanfte Stimme der unſichtbaren Fee. „Es iſt geſchehen!“ „ Sogleich glitt die obere Schublade der kleinen nuß⸗ baumenen Commode, welche die Millionen in Banque⸗ billets enthielt, in ihren Falzen vor, angetrieben durch die Woge der Goldſtücke, mit der ſie plötzlich gefüllt wurde, und dieſe Goldſtücke, welche über ihre Wände auszutreten anfingen, rannen in einer funkelnden Cascade herab und überſtrömten den Boden des Zimmers, der an einigen Stellen völlig unter einer dicken Goldlage ver⸗ ſchwand. Trunken, närriſch vor Freude, warfen ſich Gilbert und Gilberte auf die Kniee und fingen an, bald keu⸗ chend, bald fieberhaft lachend, im Golde zu ſtören, zu wühlen, ihren Schatz umzurühren, oder ſie tauchten ihre Hände bis an das Fanſtgelenke in das Metall, nahmen, ſo zu ſagen, ein Goldbad, wälzten ſich auf dem Golde, ſchwammen im Golde; dann ſtand Gilbert wieder auf, faßte ſeine Frau am Gürtel, und unter ſchallendem Ge⸗ lächter begannen Beide eine Art von raſendem Walzer auf dieſem Goldhaufen, einen Walzer, für den das me⸗ talliſche Klirren des Goldes den Tact bezeichnete! Drei oder vier dumpfe Schläge, die vom untern Stockwerke aus ein Miethsmann, erzürnt über den Lär⸗ men, den er über ſeinem Kopfe hörte, an den Boden des Stübchens that, machten dem zügelloſen Walzen der zwei jungen Leute ein Ende. Noch lachend und beinahe außer Athem, ſanken ſie jedes auf einen Stuhl. 118 „Werdet Ihr Euren Höllenſabbath bald beendigt haben da oben? rief der Miethsmann, der ſich, zu ſei⸗ nem offenen Fenſter hinausgeneigt, zornig an ſeine Nach⸗ barn vom obern Stockwerke wandte. Und er fügte brum⸗ mend bei: „Wie können ſich ſolche armſelige Miethsleute erdreiſten, einen ſo abſcheulichen Lärmen zu machen!“ Dann ſchloß er das Fenſter wieder. „Armſelige Miethsleute! Bei meinem Ehrenwort! es thut mir leid um ihn! ſagte Gilbert. Und auf den auf dem Boden ausgebreiteten Schatz deutend- „Wir, die wir uns auf dem Golde wälzen . . . armſelige Mieths⸗ leute! Wäre dieſer Alte nicht ein Brummbär und ein ungeſchliffener, ſo hätte ich ihm hundert Tanſend⸗ Franken⸗Billets ins Geſicht geſchlendert, um ihm zu zei⸗ gen, daß wir keine armſelige Miethsleute ſind.“ „Ah! Geliebter, nun da es vorbei iſt, kann man es wohl ſagen, ſprach Gilberte: als ich all das Gold ſah, faßte es mich wie ein Fieberwahnwitz! Und der Anblick dieſer Haufen von Banquebillets hatte doch durchaus nicht dieſelbe Wirkung auf mich hervorgebracht.“ „Und wenn wir bedenken, Minette, daß wenn nichts mehr da ſein wird, auch noch, immer noch da ſein wird! Welch ein Vergnügen, auszugeben . . . Alles zu kaufen, was man ſieht!“ „Das muß beluſtigend ſein! Oh! ich mache mir ein wahres Feſt daraus! . . . „Dann laß uns das Feſt beginnen, Minette! unſer Wagen iſt unten. . gehen wir! Der Tag ſoll vollſtändig ſein . . . wir werden alle Arten von Dingen kaufen! Vor Allem unſer Hotel.“ „Du kommſt immer hierauf zurück, mein Geliebter, doch wie iſt das möglich?“ „Du wirſt es ſehen, und ſind alle unſere Einkäufe gemacht, ſo ſuchen wir unſere Freunde in der Oper auf und . . . Ah! ein guter Gedanke! ſtatt mit ihnen im Cafs de Paris zu Nacht zu ſpeiſen, ſagen wir zu 119 Meunier und ſeiner Frau: „„Sie haben uns mit dem Theater regalirt, es iſt an uns, Ihnen Abendbrod zu bieten; nehmen Sie mit einem Gerichte Gerngeſehen in unſerem Stübchen fürlieb.“ Sie werden das, ohne etwas zu vermuthen, annehmen, und wir führen ſie zum Abendbrod in unſer prächtiges Hotel . . Das iſt eine Ueberraſchung für unſere Freunde! Ich lache zum Voraus über ihr Erſtaunen.“ „Immer dieſes Hotel! . . . Ich ſage Dir noch ein⸗ mal, es iſt unmöglich, zu . . .“ „Das iſt mein Geheimniß,“ unterbrach Gilbert ſeine Frau. „Laß uns gehen! . . Hier ſind Deine Echarpe und Dein Hut . . . Hm! das iſt ſehr ärmlich!“ ſagte Gilbert, indem er die kleine Echarpe und den leichten Crepehut anſchaute, — einſt der Putz der jungen Frau für die ſo ungeduldig erwarteten ſchönen Sonntage, — ein beſcheidener Putz erkauft um den Preis von ſo viel Arbeit, von ſo vielen Rachtwachen! „Dieſe Toilette iſt ſehr ärmlich, meine Geliebte! Unſer Kutſcher und unſere Bedienten werden eine geringe Meinung von uns haben!“ Dann ſich an die Stirne ſchlagend: „Aber wie dumm bin ich! Bei meinem Ehrenwort, wenn man nicht ge⸗ wohnt iſt, Alles zu vermögen, was man will, vergißt man dieſe Macht immer wieder! . . . Korrigan! Gilberte und ich, wir wollen nach der letzten Mode gekleidet ſein!“ „Doch nicht ſo reich wie die gute Juliette Meunier, liebe kleine Fee, ſagte Gilberte. „Ich erinnere mich⸗ daß ich mich, als ich Marquiſe war, Morgens ſehr ein⸗ fach kleidete. Ei! ei! die Erfahrung iſt immer zu etwas nütze. Liebe Korrigan, ich möchte nur eine Toilette von ſehr gutem Geſchmack haben.“ „Und ich auch, denn als ich Marquis war, hätte ich gefunden, dieſer wackere Meunier mit ſeinen goldenen Ketten, mit ſeinen Diamanten am Hemde und ſeinen Berloquen ſehe aus wie ein Zahnarzt.“ „Es iſt geſchehen!“ ſagte die Stimme, „Ihr ſeid 120 mit eben ſo viel Einfachheit, als gutem Geſchmack ge⸗ kleidet.“ „Das iſt, bei meiner Treue, wahr,“ rief Gilbert, als er die Metamorphoſe bemerkte, welche plötzlich in der Toilette von Gilberte vorgegangen war. „Ah! liebe Korrigan, alle Frauen möchten Sie gern zur Nähterin und Putzmacherin haben.“ „Ich glaube es wohl! man würde Hüte, Corſagen und Mantillen à la Korrigan tragen,“ ſprach Gilberte lachend, während ſie ſich in ihrem kleinen Spiegel be⸗ ſchaute. „Und als Schneider, welche Kundſchaft hätten Sie, liebe kleine Fee! denn mein Gilbert hat ganz das Ausſehen eines Elegant, eines Merveilleux, wie ich ſagte, als ich Marquiſe war.“ „Weſte à la Korrigan! Redingote à la Korrigan!“ verſetzte Gilbert, die Heiterkeit ſeiner Frau theklend und ſich ebenfalls im Spiegel beſchauend. Als in dieſem Augenblick ein paar Goldſtücke unter ſeinen Füßen klangen, ſprach er zu Gilberte: „Und unſern Reichthum ließen wir auf dem Boden liegen! Korrigan, wir wollen, daß unſere Millionen wieder Banquebillets werden und in die Commode zu⸗ rückkehren, mit Ausnahme von ungefähr zwanzig tauſend Franken in Billets und ungefähr hundert Louis d'or, die wir für unſere kleinen Einkäufe mitnehmen wollen . . . Etwas Beſſeres: damit wir nicht die Unannehmlichkeit haben, uns mit ſo viel Geld zu belaſten, wollen wir immer in unſerer Taſche die Summe finden, die wir ge⸗ rade brauchen, ſo bedeutend ſie auch ſein mag.“ „Du haſt Recht, Bibi, das iſt eine viel bequemere Münze Sie hören, liebe Korrigan?“ „Es wird geſchehen,“ ſprach die Stimme, „man wird Eurem Willen gehorchen.“ „Und nun, — es lebe das Gold! es lebe die Frende! — Laß uns gehen, meine Gilberte!“ „Laß uns gehen, mein Gilbert!“ 121 Ach!“ ſprach die melancholiſche Stimme der un⸗ ſichtbaren Fee, ohne von den jungen Leuten, welche in demſelben Augenblicke hinausgingen, gehört zu werden, „diesmal haben ſie kein rührendes Lebewohl an dieſe demüthige Wohnung, das Aſyl ihrer Liebe und ihrer arbeitſamen Armuth, gerichtet! Diesmal haben ſie nicht die fromme Erinnerung an ihre beſcheidene Vergangen⸗ heit heraufbeſchworen, wie ſie es thaten, als ſie, das Glück von einer vornehmen Geburt oder vom Genie for⸗ dernd, in das Leben des Marquis und der Marquiſe von Montlaur oder von Georges Hubert eintraten. Ah! trotz der Eitelkeit der Hoffnungen dieſer zwei Kinder, die das Glück da ſuchten, wo es nicht für ſie war, ging ihr Wunſch, das zu erlangen, was das Geld nicht gibt, nie geben wird: das Alter des Geſchlechts und das Genie, — ging ihr Wunſch aus einem erhabenen Ge⸗ fühle hervor. Sie bewahrten auf fromme Weiſe das Andenken an ihre Prüfungstage, ſtatt es zu vergeſſen, wie zu dieſer Stunde. Dem Goldranſche preisgegeben, hegen ſie jetzt nur materielle Begierden. Der Reichthum verſchlimmert oder verändert die beſten Naturen. Arme gute Herzen! werden ſie dem gemeinſchaftlichen Geſetze der Menſchheit entgehen? Ach! bei dem, was ſie betrifft, bei dem, was mich betrifft . . . iſt die Zukunft für mich verſchleiert. Werde ich eines Tags meinen Schweſtern nachfolgen? ich arme Korrigan!“ XXVIII. Ein ziemlich anſtändig beſpannter Miethswagen er⸗ wartete Gilbert und Gilberte vor der Thüre ihres Hau⸗ ſes; der Vermiether, obgleich es nicht gebräuchlich iſt, einen Bedienten dem Kutſcher beizugeſellen, hatte einem von ſeinen Leuten, der gerade unbeſchäftigt war, den Befehl gegeben, hinten auf den Wagen zu ſteigen, deſſen 122 Schlag er öffnete, als die jungen Leute aus dem Hauſe herauskamen. „Mein Junge,“ ſprach Gilbert zu ihm, als er an der Seite ſeiner Frau ſaß, „ſagen Sie dem Kutſcher, er ſoll nach der Rue de l'Univerſité fahren. Er wird dort vor einem großen Hotel, das in der Mitte der Straße liegt, halten. An der Thüre dieſes Hotels iſt ein An⸗ ſchlagzettel mit den Worten: Hotel zu vermiethen oder zu verkaufen.“ „Der Herr kann unbeſorgt ſein, ich werde dieſes Hotel wohl finden,“ erwiederte der Bediente. Und er ſchloß den Schlag und gab dem Kutſcher ſeine Befehle. „Ah! Geliebter, ich begreife,“ rief Gilberte in dem Augenblick, wo der Wagen ſich in Bewegung ſetzte, „die⸗ ſes Hotel iſt das, von dem Dn ſprachſt, als Du zu mir ſagteſt: „„Es iſt das unſere.““ „Ganz richtig, mehrere Male hatte ich es im Vor⸗ übergehen angeſchielt . .. Sagt es nun Minette zu, ſo kaufen wir es, und hente Abend werden wir dort mit unſerem Freunde Meunier den Tiſch rücken. *) Denke Dir ſein Erſtaunen und das ſeiner Frau! Sie werden glauben, ſie ſollen in unſerem Stübchen zu Nacht ſpeiſen.“ „Dein Gedanke iſt vortrefflich . . . das wird rei⸗ zend ſein!“ „Sage, Minette, für den Wagen eines Vermiethers iſt dieſer nicht zu ſchlecht,“ ſprach Gilbert, indem er ſich auf den Kiſſen breit machte. „Doch er wird den Effect eines abſchenlichen Fiacre auf uns hervorbringen, wenn wir unſere eigenen ſchönen Wagen beſitzen.“ „Welche Farben werden unſere Wagen haben, Bibi?“ „Wähle.“ „Azurblau, das iſt hübſch.“ „Azurblau alſo! . . . Und die Livree unſerer Be⸗ dienten, laß hören, was iſt Dein Geſchmack?“ Den Tiſch rücken, bezeichnet den alten Gebrauch, eine neue Wohnung durch ein Mahl einweihen. 128 „Roſa ſteht ſo gut zu Blau.“ „Aber, Minette, was Teufels! wir können nicht roſa gekleidete Bedienten haben.“ „Das iſt richtig! . . . Nun! ſo mögen die Bedien⸗ ten blau ſein wie die Wagen.“ „Ja, denn als wir in unſerem Marquiſat waren, hatten unſere Livreen dieſelbe Farbe wie die Wagen, und ein Marquis verſteht ſich auf Eleganz.“ „Die Kragen werden orangefarbig mit ſilbernen Borten ſein, nicht wahr, Geliebter? Dieſe Farben gehen ſehr gut zuſammen.“ „Vortrefflich!“ „Mein Gott! wie beluſtigend iſt es, ſich mit Allem dem zu beſchäftigen.“ „Ah! der Wagen hält an,“ ſagte Gilbert, indem er zum Schlage hinaus ſchaute. Dann wandte er ſich an ſeine Frau und fügte bei: Geſtehe, Minette, daß ſich unſer Hotel nicht ſchlecht präſentirt?“ Und er deutete auf einen großen Thorweg, über welchem ein von vier ſteinernen Säulen getragenes Ge⸗ fims angebracht war; an einer der Füllungen der Thüre ſah man einen Anſchlagzettel mit den Worten: Meublir⸗ tes Hotel zu verkaufen oder zu vermiethen. Der Wagenſchlag wurde geöffnet, und der Bediente agte: Zu dieſem Hotel wollte der Herr wohl gefahren ſein?“ „Ja, klopfen Sie an und fragen Sie, ob man das Haus beſichtigen könne,“ erwiederte Gilbert. Und ſich an ſeine Frau wendend: „Du begreifſt nun, das Haus iſt ganz meublirt zu verkaufen; wir können noch heute Abend hier eingerichtet ſein.“ „Das iſt bei meiner Treue wahr! Weſch ein Ver⸗ gnügen, unſere Freunde hier zu empfangen!“ Der Bediente kam bald zurück und meldete den bei⸗ den jungen Leuten, ſie können ausſteigen und das Ho⸗ 124 tel, geführt vom Schweizer, *) der ſie erwarte, be⸗ ſichtigen. „Teufel! ein Schweizer! hörſt Du, Minette? Das iſt eine beſſere Art, als die Mutter Badureau, um uns die Schnur zu ziehen.“ „Ah! ein Schweizer . . das iſt alſo wie in der Kirche?“ verſetzte Gilberte. „Wie drollig!“ Die zwei jungen Leute ſtiegen aus und traten in einen ungeheuren Hof ein, in deſſen Hintergrund ſich ein herrliches Hotel erhob, das ziemlich dem Hotel Montlaur glich, denn die alten und prächtigen Reſidenzen des Fau⸗ bvurg Saint⸗Germain bieten ungefähr denſelben Charak⸗ ter in ihrer Conſtruction. Der Herr Schweizer, ein großer, dicker, gepuderter Mann in einem Rocke mit Wappen⸗ knöpfen, kam unſern zwei jungen Leuten entgegen und ſagte: „Der Herr und die Dame wollen das Hotel beſichtigen?“ „Ja,“ antwortete Gilbert mit vollkommener Sicher⸗ heit, „weil wir dieſes Hotel zu kaufen wünſchen.“ „Dann will ich Sie zum Herrn Intendanten füh⸗ ren,“ verſetzte der Schweizer; „er iſt gerade da. „Gehen wir zum Intendanten,“ ſagte Gilbert. „Gehen wir zum Intendanten,“ wiederholte Gilberte. Und leiſe fügte ſie bei: „Sprich, Bibi, es iſt ſehr be⸗ luſtigend, ein Hotel zu kaufen.“ „Höre,“ erwiederte Gilbert, „wenn Dich das ſo ſehr beluſtigt, ſo werden wir alle Tage eines kaufen; wir können uns, bei Gott! wohl dieſe Erholung erlauben!“ Der Schweizer führte die beiden jungen Leute zum Herrn Intendanten. Dieſer Letztere bewohnte ein Gebäude, das in einem Hofe ſtand, der vom Ehrenhofe durch eine von Lindenbäumen beſchattete Mauer getrennt war. Als der Schweizer an der Thüre des Intendanten geklingelt hatte, öffnete ſeine Dienerin und führte, bald unterrichtet vom Grunde des Beſuches von Gilbert und *) Schweizer, in Frankreich eine vornehmere Art von Portiers, früher in der Regel wirklich Schweizer. 125 Gilberte, dieſe in das Cabinet ihres Herrn, eines dicken Mannes mit roſigem, glattem, lächelndem Geſichte, ein, deſſen kleine, ſchlaue, durchdringende Angen unter dem Spiegeln ſeiner reichen goldenen Brille verſchwanden. Sobald ihm ſeine Dienerin gemeldet hatte: „Der Herr und die Dame wünſchen das Hotel zu kaufen,⸗ verließ der Intendant ſeinen mit Papieren beladenen Tiſch, an vem er ſaß, ging mit einer geſchäftigen Miene auf Gil⸗ bert und Gilberte zu, verbeugte ſich tief, bezeichnete ihnen durch eine Geberde Fautenils und ſprach: „Mein Herr und Madame, wollen Sie die Güte haben, Platz zu nehmen.“ Mein Herr,“ erwiederte Gilbert, „nach dem An⸗ ſcheine dürfte dieſes Hotel Minette und mir zuſagen;“ und als der Intendant ein leichtes Erſtaunen bei dem Worte Minette offenbarte, fügte Gilbert dreiſt bei: „Minette iſt meine Frau, es iſt die Dame hier, der ich dieſen kleinen freundſchaftlichen Namen gebe.“ Der Intendant ſagte kein Wort mehr und ver⸗ beugte ſich. „Und dagegen,“ verſetzte Gilberte nicht minder dreiſt, als Gilbert, „dagegen nenne ich meinen Mann ſehr oft Bibi.“ Der Intendant verbengte ſich abermals, ohne eine Geberde der Verwunderung unterdrücken zu können. Nun, mein Herr, da Sie unſere kleinen Namen kennen, ſprechen wir von unſern Angelegenheiten,“ fuhr Gilbert fort. Der Intendant verbengte ſich zum dritten Male, indeß er fortwährend unter dem Schutze der funkelnden Gläſer ſeiner Brille dieſe Beſuche des Hotels, die ihm ſehr ſeltſam vorkamen, beobachtete. „Primo vor Allem,“ ſagte Gilbert, „falls uns das Hotel anſtünde, ſo würden wir ſchon heute Nacht hier ſchlafen.“ 5 Der Intendant ſchaute Gilbert mit Erſtannen an. „Es verſteht ſich von ſelbſt,“ bemerkte der junge 126 Mann, „daß wir, ehe wir hier ſchlafen, das Hotel baar bezahlt haben werden.“ „Auf Heller und Pfennig bezahlt!“ ſetzte Gilberte hinzu. „Ah! was koſtet das Hotel?⸗ Der Intendant betrachtete die beiden jungen Leute mit einer wachſenden Aufmerkſamkeit und Nengierde: er ſchien einen Augenblick zu zögern, ihnen zu antworten; nach kurzer Ueberlegung erwiederte er aber, zu Be⸗ freiung ſeines Gewiſſens: „Der Preis des Hotels ohne Meubles iſt achtmal⸗ hundert und ſechzigtauſend Franken, die Kaufkoſten nicht zu rechnen.“ „Gut,“ ſagte Gilbert, „ſetzen wir, wenn Sie wollen, eine Million mit den Koſten.“ „Und ſprechen wir nicht mehr hievon,“ fügte Gil⸗ berte bei. Der Intendant glaubte feſt, er habe es mit Narren oder mit ſchlechten Spaßmachern zu thun. Dieſen Ge⸗ danken, der ſich in ſeiner Phyſiognomie kundgab, errieth Gilbert, und er fragte: „Ehe wir weiter gehen, mein wackerer Herr: wie heißen Sie?“ „Guspier,“ antwortete beinahe maſchinenmäßig der Intendant. „Ah! das iſt ein drolliger Name!“ rief Gilberte lachend, „Guspier, das iſt gerade, als ob man ſagen würde, ein Weſpenneſt.“ *) „Madame,“ rief der Intendant, der die Geduld verlor, „Madame!“ „Mein wackerer Herr Guspier, beſänftigen Sie Ih⸗ ren Zorn,“ ſprach Gilbert; „bei meinem Ehrenworte, Minette hat nicht die Abſicht gehabt, Sie zu beleidigen.“ „Ach! der arme liebe Mann!“ verſetzte die junge Frau, „ich fand ſeinen Namen drollig, ich ſagte es, ich lachte, und das war Alles.“ ) Le zuspier, das Weſpenneſt. — 127 „Mein Herr,“ rief der Intendant, „machen wir ein Ende.“ „Teufel! wie raſch ſind Sie, Herr Guspier! wir haben noch nicht einmal angefangen,“ erwiederte Gilbert. Dann ſtörte der junge Mann in ſeiner Taſche, zog ein Päckchen Banquebillets heraus, warf ſie auf den Schreibtiſch des Intendanten und fügte bei: „Zählen Sie, das muß ſo etwas wie zweimalhun⸗ derttauſend Franken ſein.“ Und er tauchte ſeine Hand abermals in ſeine Ta⸗ ſchen, welche durch die Zaubermacht der Korrigan uner⸗ ſchöpflich geworden, warf nach und nach auf den Schreib⸗ tiſch von Herrn Guspier fünf Päckchen, jedes von zweimalhundertrauſend Franken, und ſagte: „Das muß ein Milliönchen machen. Und nun laſſen Sie uns mit einander reden, mein wackerer Herr Guspier.“ Ganz verblüfft, durchblätterte der Intendant auf den Zufall eines von den Päckchen, unterſuchte ein paar Bil⸗ leis, fand ſie vortrefflich und ſchaute die zwei jungen Leute mit neuem Erſtaunen an. „Mein lieber Herr Guspier,“ ſagte Gilbert, „dieſes Milliönchen iſt eine Art von Caution, die wir Ihnen geben, um Ihnen zu beweiſen, daß wir keinen Spaß mit Ihnen treiben, wenn wir vom Ankauf dieſes Hotels ſprechen.“ „Mein Herr,“ erwiederte ehrerbietig der Intendant, geblendet durch den Anblick der Billets, „ich würde mir nie erlaubt haben, zu vermuthen . . „ „Ah! Herr Guspier, ſeien Sie offenherzig; Sie ſehen ein Paar junge Leute, die einander auf die Namen Minette und Bibi antworten, was nicht wohl in der ſchönen Geſellſchaſt geſchieht . . . Dieſe zwei jungen Leute machen Ihnen den Antrag, ein Hotel um eine Million zu kaufen.“ „Da denken Sie ganz natürlich, es ſei ein Spaß,“ 128 fügte Gilbert bei. „Nichts kann einfacher ſein . wir ſind Ihnen darum nicht gram.“ „Madame,“ erwiederte der Intendant, „ich geſtehe, ich war ein wenig erſtaunt über die Leichtigkeit, mit der der Herr hier eine ſo bedeutende Angelegenheit behan⸗ delte: doch .. „Vernehmen Sie mit zwei Worten, wie ſich die Sache verhält,“ unterbrach Gilbert den Intendanten; „ich war Zeichner-Lithograph, meine Frau Blumen⸗ macherin; ich heiße Gilbert, ſie heißt Gilberte; wir haben eine ungeheure Erbſchaft gemacht. Wir gehören jedoch nicht zu den Leuten, welche, weil ſie über Nacht Millio⸗ näre geworden ſind, Herr Guspier, hören Sie wohl, Erzmillionäre . . .“ „Mein Herr,“ ſprach der Intendant, indem er ſich , verbeugte, „ich bezweifle nicht einen Augenblick, „Wir gehören nicht zu den Leuten,“ fuhr Gilbert fort, „die, weil ſie Erzmillionäre geworden ſind, ſich Zwang anthun, ſich aufblähen um ſich gute Manieren und ein vornehmes Anſehen zu geben.“ „Ich danke! . . davon kommen wir eben her und wir gehen nun auf das gute Ziel zu .. Ah! mein braver Mann, Sie grollen mir alſo nicht mehr, daß ich über Ihren Namen Gubpier gelacht habe?“ „Oh! Madame, Madame, Madame,“ rief der In⸗ tendant, als hätte er ſein mea culpa geſprochen,, dieſer liebenswürdige Scherz war ein Beweis von Ihren Kennt⸗ niſſen in der Naturgeſchichte.“ „Sehr gut, Herr Intendant,“ ſprach Gilbert; „Sie begreifen, da wir Erzmillionäre ſind, wollen wir ein ſüßes Leben führen und, um hiemit anzufangen, dieſes Hotel kaufen, wenn es uns zuſagt; — doch unter der Bedin⸗ gung, daß wir heute Nacht hier ſchlafen und zum Abend⸗ brode zwei von unſern Freunden mitbringen können.“ „Mein S rief der Intendant, plötzlich von einer 129 Eingebung ergriffen, „ich weiß nicht, wer, ich weiß nicht welchem großen König antworten „ „Ich weiß es auch nicht,“ verſetzte Gilberte lachend. „Und Du, Bibi, weißt Du es?“ „Ebenſo wenig, Minette. Fahren Sie fort, Herr Guöpier, fahren Sie fort.“ „Ich hatte alſo die Ehre, dem Herrn und Madame zu ſagen, einer von den Dienern eines großen Königs hatte dieſem geantwortet: „„Sire, wenn das, was mir Eure Majeſtät befiehlt, möglich iſt, ſo iſt es geſchehen, iſt es unmöglich, ſo wird es geſchehen.““ „Gerade, als ob er eine Korrigan zu ſeinen Be⸗ fehlen hätte,“ bemerkte Gilberte, ihrem Manne mit einer Miene des Verſtändniſſes zulächelnd. „Nicht wahr, Ge⸗ liebter?“ „Durchaus.“ Herr Guspier lächelte auch mit einer außerordent⸗ lich zufriedenen Miene, als hätte er die Unterbrechung begriffen, und fuhr dann fort: „Ich habe Vollmacht von der Frau Gräfin d'Or⸗ beval, nur . . .5 „Ah!“ rief Gilberte lebhaft, „dieſes Hotel gehört der Frau Gräfin d'Orbeval?“ „Ja, Madame.“ „Das iſt eine wackere Frau! ſie wollte lieber die Welt und ein ſchönes Hotel wie dieſes verlaſſen, als duckmäuſeriſch ihren Gatten hintergehen, wie ſo viele Andere,“ ſprach Gilberte. „Eil iſt ſie immer noch glück⸗ lich mit Herrn von Baudricourt?“ „Wie! Madame weiß . .. „He! he! es ſetzt Sie in Erſtaunen, nicht wahr, Herr Guspier, daß kleine Leute, wie wir, die Geſchichten der großen Geſellſchaft wiſſen?“ „Ich habe die Ehre, Ihnen zu erwiedern, Ma⸗ dame,“ antwortete der Intendant mit ernſtem Tone: „ge⸗ Gübert und Gilberte. U. 6 130 hört Madame nicht zu dem, was man die große Geſell⸗ ſchaft nennt, ſo hätte ſie doch dazu gehören können.“ „Ha! ha! ha! lachte Gilberte, „Sie glauben nicht, daß Sie ſo richtig ſprechen, mein lieber armer Mann; ſo wie Sie mich ſehen, habe ich zu der großen Geſell⸗ ſchaft gehört ... zur größten ſogar, mein Gott! ja . .. und Bibi auch!“ „Es iſt, wie Minette Sie zu verſichern die Ehre bat, Herr Guspier,“ ſagte Gilbert. „Das wundert Sie?“ „Durchaus nicht, mein Herr,“ antwortete uner⸗ ſchrocken Herr Guspier, „durchaus nicht. Seit dreißig Jahren bin ich Intendant, ich erlaube mir gar nie, mich über etwas zu wundern; das iſt eine von den ehrerbie⸗ tigen Gewohnheiten meiner Profeſſion. Ich habe alſo die Ehre, Madame zu erwiedern, daß, Gott ſei Dank, meine vortreffliche Gebieterin, die Frau Gräfin d'Orbeval, ſo glücklich als möglich iſt; und um auf den Wunſch des Herrn zurückzukommen, dem Alles daran liegt, heute Abend Beſitz von dieſem Hotel zu ergreifen, wenn er es kauft, ſo werde ich mir die Ehre geben, ihm zu antworten: da ich Vollmacht von der Frau Gräfin für den Verkauf dieſes unbeweglichen Gutes habe, welches ihr Privat⸗ eigenthum iſt, ſo kann ich es auf mich nehmen, wenn ich den Preis erhalten habe, den Herrn und Madame mitt⸗ lerweile, bis der Kaufvertrag beſtätigt iſt, in den Beſitz des Hotels zu ſetzen.“ Bravo! Herr Guspier, Sie ſind ein Goldmann,“ rief Gilbert. „Doch das iſt noch nicht Alles, wir wol⸗ len heute Abend unſern Freunden ein feines Souper ge⸗ ben wir wollen Blumen, Kerzen überall; es ſollen Bediente in Livree im Vorzimmer ſein . . wir wollen alles Geſchwärm und alles Gepränge, und was daraus folgt.“ „Mein Herr,“ rief Herr Guspier im Aufſchwunge 131 ſeiner Begeiſterung, „mit Geld und einem verſtändigen, ergebenen Intendanten iſt Alles in Paris möglich.“ „Der verſtändige und ergebene Intendant werden Sie fein, Herr Guspier, wenn Minette hiezu ihre Ein⸗ willigung gibt,“ ſagte Gilbert, „und was das Geld be⸗ trifft, daran ſoll es Ihnen nicht fehlen; Sie haben ſchon eine Million, hier ſind noch zweimalhunderttauſend Franken.“ „Immerzu!“ rief Gilberte. „Vorwärts mit den Nillionen; es iſt beſchloſſen: Herr Guspier ſoll unſer Intendant ſein; er hat ein gutes Anſehen!“ „Madame, wenn Sie mich mit Ihrem Vertrauen beehren,“ ſprach Herr Guspier abermals ſich verbengend, „ſo werde ich mich beeifern, daß meine Dienſte die Güte haben, die Sie in meinem Geſichte wahrzunehmen ſo freundlich ſind; doch ich wage es nicht, mich zu wiegen in der Hoffnung, in die Dienſte einer ſo guten Herr⸗ ſchaft einzutreten, denn ſollte das Hotel dem Herrn und Madame nicht gefallen oder ihnen der Preis zu hoch ſcheinen . . .“ „Alle Teufel! unſer Herr Intendant, reden Sie nie vom Preiſe von irgend Etwas!“ rief Gilbert. „Vom Preiſe der Dinge reden! Glauben Sie, Sie haben es einfach mit vornehmen Herren zu thun? Erfahren Sie, daß ein Lithograph und eine Blumenmacherin über ſol⸗ chen Erbärmlichkeiten ſtehen, und daß nichts für ſie zu theuer iſt.“ „Oh! Bibi!“ unterbrach Gilberte heiter ihren Mann, „ein Gedanke von Minette.“ „Laß hören.“ „Wir erröthen nicht über unſern Stand.“ „Bei Gott!“ „Die vornehmen Herren laſſen ſich Herr Herzog, Herr Marquis nennen, nicht wahr? Nun denn, ich, ich will, daß unſere Dienſtboten uns nennen: Frau Blumen⸗ macherin und Herr Lithograph, gerade wie man ſagt: 132 Herr Marquis und Frau Marquiſe. Ei! Jeder hat ſeine Eitelkeit!“ „Sie ſind Narren,“ dachte Herr Guspier; „die Erb⸗ ſchaftsfrende hat dieſen Gimpeln das Gehirn verrückt. Doch was auch die Daner ihrer Erbſchaft ſein mag, ich kann hier mein Glück machen .4 „Ah! Geliebte,“ ſprach Gilbert bewegt, „Dein Ge⸗ danke macht mich nicht lachen; er rührt mich, er geht von Deinem guten Herzen aus. Wenn wir uns mit den Namen unſeres Standes nennen laſſen, ſo iſt das eine Art, ihn zu ehren, zu beweiſen, daß wir nicht zu jenen albernen Schwachköpfen gehören, welche, durch den Zu⸗ fall bereichert, ſich des Gewerbes ſchämen, das ihnen Brod gab.“ „Du haſt Recht, und Du machſt Minette ganz ſtolz auf ihren Gedanken. Und dann, ſiehſt Du, hörten wir uns immer Herr Lithograph und Frau Blumenmacherin nennen, ſo würde uns dies an das erinnern, was wir benel ſind, ſollten wir je ſo albern ſein, es zu ver⸗ eſſen.“ 4 „Gute Herzen!“ murmelte die Stimme der unſicht⸗ baren Fee, ohne von den jungen Leuten oder von Herrn Guspier gehört zu werden. „Ich finde ſie wieder — gute Herzen! Ah! möchte der Reichthum ihre vortreff⸗ liche Natur nicht verändern!“ „Unſer Herr Intendant,“ ſagte Gilbert, „Sie ſpre⸗ chen vom Preiſe des Hotels: das iſt unnöthig; antworten Sie nur offenherzig: iſt es gut meublirt?“ „Ich kann den Herrn verſichern, daß „Wie, Herr Guspier, Sie nennen mich kurz Herr? Sie haben alſo meine Frau nicht gehört? Ich lege einen ebenſo großen Werth auf meinen Titel, als ein Herzog auf den ſeinigen, beim Henker!“ „Verzeihen Sie,“ erwiederte eiligſt Herr Guspier, „ich kann alſo den Herrn Lithographen verſichern...“ 133 „Sehr gut! .. . hörſt Du, Minette, wie das ſchnarrt.“ „Meiner Anſicht nach klingt das viel beſſer zum Ohr, als Herr Marquis. . .“ „Ich kann alſo den Herrn Lithographen und die Frau Blumenmacherin verſichern,“ ſprach Herr Guspier: „das Hotel d'Orbeval iſt bewunderungswürdig meublirt. Die Frau Gräfin hatte es völlig reſtauriren, friſch malen und vergolden laſſen, ehe ſie ſich vom Herrn Grafen trennte, und dieſe Arbeiten, ſowie die des Ameublement waren kaum vierzehn Tage beendigt, als die Frau Gräfin plötzlich Paris verließ .. Allein das Amenblement (ich habe hier die quittirten Rechnungen) hat zweimalhundert vierzigtauſend Franken gekoſtet. Ich gehe in die Einzel⸗ heiten ein, um die Pracht der Jimmer zu bekräſtigen. Kauft übrigens der Herr Lithograph dieſes Eigenthum meublirt, ſo werden das Weißzeng, das Silbergeſchirr (es iſt herrlich), das Glaswerk, die Tafelſervices, ſowie der ſehr wohl beſtellte Keller als zum Mobiliar gehörig be⸗ trachtet. Der Herr Lithograph und die Frau Blumen⸗ macherin hätten demnach, wie man zu ſagen pflegt, heute Abend nur ihre Nachtmütze mitzubringen . . Ich habe indeſſen nur einen Vorbehalt zu machen.“ „Welchen, Herr Guöpier?“ „Es iſt im Hotel ein Geheimniß.“ „Ho! ho! hörſt Du, Minette, das wird ſehr belu⸗ ſtigend. Sagen Sie Ihr Geheimniß.“ „Dieſes Hotel gehörte vor der Revolution dem Va⸗ ter der Frau Gräfin; er hatte zur Zeit der Schreckens⸗ regierung ein ſehr geheimes Verſteck darin anbringen laſſen, um darin Papiere, Geld und im Nothfalle ſich ſelbſt zu verbergen.“ „Und dieſe Papiere und dieſes Geld finden ſich noch hier?“ „Nein, Herr . Lithograph; doch die Frau Gräfin hat mir in dem Augenblick, wo ſie plötzlich Paris ver⸗ 134 ließ, durch ihre erſte Kammerfrau ſagen laſſen, ich ſoll dieſer ein in dem Verſtecke enthaltenes Kiſichen über⸗ geben, wobei ſie ohne Zweifel vergaß, daß ich, während mir die Exiſtenz des geheimen Winkels bekannt war, nicht wußte, an welchem Orte er ſich fand. Die Frau Gräfin könnte alſo jeden Angenblick Jemand ſchicken, um das Kiſtchen zu holen, oder mir ſchriftlich die nöthi⸗ gen Inſtructionen geben, um es zu finden.“ „Nichts kann einfacher ſein, Herr Guspier, wir kau⸗ fen das Hotel ohne das Kiſtchen.“ „Nachdem dieſer Vorbehalt gemacht iſt, ſteht hier Alles zu Ihrer Verfügung,“ erwiederte der Intendant; dann ſchlug er ſich vor die Stirne und ſagte: „Ei! da fällt mir ein: es wäre ſehr leicht, Ihren Wunſch zu befriedigen, da Sie Ihr Haus ſchon heute Abend ganz eingerichtet haben wollen: die Fran Gräfin hatte gerade die Livreen ihrer Dienerſchaft erneuern laſ⸗ ſen, für eine große Föte, die ſie kurz vor ihrer Trennung vom Herrn Grafen geben wollte: dieſe äußerſt reichen Livreen ſind nie getragen worden; ſie waren kaum ver⸗ fertigt, als die Frau Gräſin Frankreich verließ. Sie ſind hier. Der Herr Lithograph könnte heute Abend, wenn er es wünſchte, ſeine Livreebedienten in ſeinem Vorzim⸗ mer haben.“ „Einen Augenblick Geduld!“ ſagte Gilberte: „von welcher Farbe iſt die Livree?“ „Blau, Kragen und Aufſchläge orangefarbig, ſil⸗ berne Borten, Frau . . . Blumenmacherin.“ „Hörſt Du, Bibi?“ gerade die Farbe, die wir ha⸗ ben wollten. Wie ſich das trifft!“ „Bei meinem Ehrenworte, Minette, ein Intendant wie Herr Guspier iſt ſo viel werth als die Korrigan.“ „Nicht wahr, Geliebter? Dann muß man ſie weg⸗ ſchicken, die arme Kleine.“ „Ei! warte doch einen Angenblick!.. nur nicht ſo raſch! Wer weiß, ob wir ſie nicht noch nöthig haben.“ 135 „Ich erlaube mir, Ihnen zu bemerken, Frau Blu⸗ menmacherin,“ verſetzte ehrerbietig, der Intendant, „ich wäre troſtlos, wahrhaft troſtlos, ſollte ich die Veranlaſ⸗ ſung ſein, daß von Ihnen eine Perſon weggeſchickt würde, welche ohne Zweifel mit Ihrem Vertrauen be⸗ ehrt worden iſt.“ Gilberte lachte, ſchaute ihren Mann an und er⸗ wiederte: „Ah! Herr Guspier, ohne Vorwurf und trotz Ihrer Verdienſte, ſind Sie nur ein Stümper gegen unſere kleine Korrigan.“ „Ich werde die Ehre haben, der Frau . .. Blu⸗ menmacherin zu antworten, daß ich, ohne dieſe Perſon herunterzuſetzen, ſie Kuffordere, das zu thun, was ich heute zu thun im Stande bin. Kauft der Herr Litho⸗ graph das Hotel, erweiſt er mir die Ehre, mich in ſeinen Dienſt zu nehmen, ſo fühle ich mich zu Wundern fähig!“ rief Herr Guspier in ſeiner Eitelkeit geſtachelt. „Ho! ho! Herr Intendant,“ verſetzte Gilbert, „Sie müſſen in der That Wunder vollbringen, um mit unſe⸗ rer lieben kleinen Dienerin zu rivaliſiren.“ „Eine Dienerin!“ entgegnete Herr Gusvier. „Eine Dienerin an der Spitze eines ſo bedeutenden Hauſes wie dieſes! Der Herr Lithograph bedenkt nicht! Wird dieſe kleine Dienerin, — wozu ich mich förmlich und bei meinem Ehrenworte von jetzt bis heute Abend, wenn Sie mich mit dieſer Sorge betrauen wollen, anheiſchig mache, — das zahlreiche Perſonal des Hauſes zuſammenbringen können?“ „Sprechen Sie ſich aus über das Perſonal unſeres Hauſes, Herr Intendant!“ „Sie wolſen ein vortreffliches Haus?“ „Ein vortreffliches,“ erwiederte Gilbert. „Ein allervortrefflichſtes!“ rief Gilberte. „Dann,“ ſprach Herr Guspier, „dann werde ich es nach dem berechnen, wie das Haus der Fran Gräfin 136 war „. Sie gab ungefähr fünfmalhunderttauſend Franken jährlich aus und . . „Ah! Herr Intendant,“ rief Gilbert, „ſcherzen Sie mit Ihren fünfmalhunderttauſend Franken jährlich?“ „Haben Sie und Madame mir nicht geſagt, Sie wollen ein vortreffliches, ein allervortrefflichſtes Haus? Das ſind Ihre eigenen Ausdrücke. Mit weniger als fünfmalhunderttanſend Franken jährlich iſt es aber ſchwierig, zu „ „Fünfmalhunderttauſend Franken jährlich, hörſt Du, Minette?“ ſagte Gilbert die Achſeln zuckend, „welche Erbärmlichkeit.“ „Sprich mir nicht hievon, Bibi! man bekommt Mitleid!“ „Aber, Herr Intendant, wir wollen fünfmalhundert⸗ tanſend Franken allerwenigſtens täglich ausgeben .. . verſtehen Sie?“ „Ich verſtehe den Spaß, den der Herr Lithograph mit mir zu machen mir die Ehre erweiſt,“ erwiederte lächelnd Herr Guspier; „er will, wie man zu ſagen pflegt, ſein Geld zum Fenſter hinauswerfen; das iſt ſeine Sache. Ich, was mich betrifft, mache mich anheiſchig, mit fünfmalhunderttouſend Franken dieſes Haus auf dem großartigſten Fuße zu halten .. und zwar ſchon von heute Abend an .. . ja, ich mache mich hiezu verbindlich . . . und von heute Abend an wird das Haus ſo, wie folgt, unter meinen Befehlen zuſam⸗ mengeſetzt ſein.“ „Laſſen Sie hören,“ rief Gilberte, „das iſt ſehr beluſtigend.“ „Berechnen wir ein wenig die Zahl der für unſern Dienſt ſtreng nothwendiger Leute,“ ſagte Gilbert, „wir werden ſpäter an den Ueberfluß denken . . „Innerer Dienſt,“ ſprach Herr Guspier die Backen aufblaſend; „ein erſter Haushofmeiſter, ein 137 zweiter Haushofmeiſter, zwei Silberdiener, zwei Kam⸗ merdiener, zehn Lackeien.“ „Summe: zwanzig Perſonen für den inneren Dienſt. Bah! das iſt ziemlich filzig!“ rief Gilbert. „Minette, was ſagſt Du dazu?“ „Verſuchen wir es immerhin! Herr Guspier ver⸗ ſichert uns, daß wir ſo nicht zu ſchlecht bedient ſein werden.“ „Beſonderer Dienſt der Frau Blumen⸗ macherin,“ fuhr der Intendant fort: „zwei Kammer⸗ diener „Wie, zwei Kammerdiener!“ rief Gilberte, „Sie glauben alſo, ich werde mich vor Männern arkleiden, Herr Guspier? Das iſt eine wunderliche Idee!“ „Ich muß Madame bemerken, Ihre Kammerdiener werden für den äußeren Dienſt ihrer Gemächer beſtimmt ſein, um die Beſuche bei ihr einzuführen u. ſ. w.; ihr perſönlicher Dienſt wird gebildet werden von einer er⸗ ſten Kammerfrau und zwei weiteren Frauen. Ich ſpreche nur der Erinnerung wegen vom Weißzeugdienſte unter dem Befehle der Beſchließerin, und ich komme zum Küchendienſte.“ „Ah !ja, ſprechen Sie von unſerem Küchendienſte,“ rief Gilbert. „Wie viel Perſonen werden wir brauchen, um uns, Minette und mich, immer nach der ſtrengen Nothwendigkeit, ſpeiſen zu laſſen?“ „Einen Oberküchenmeiſter,“ fuhr Herr Guspier fort, „ein Küchenmeiſter, zwei Zwiſchenſpeiſenbereiter, einen Saucenmacher, einen Bratkoch, vier Gehülfen; dann für den Nachtiſch: einen Conditor und zwei Gehülfen; für die Keller: einen Kellermeiſter und einen Gehülfen.“ „Das iſt Alles für unſern Mund, Herr Guspier?“ „Ja, Herr Lithograph.“ „Geſammtſumme: fünfzehn Perſonen, um ihn uns zu füllen, den Mund!“ ſagte Gilbert; „wer ſollte das glau⸗ 138 ben, weun man Deinen ſo zierlichen kleinen Mund ſieht, Geliebte?“ „Sprich nicht hievon, Bibi! wir werden das Aus⸗ ſeben von Gargantuas haben; wie lächerlich! Das ſind alſo fünfzehn Burſche, welche vom Morgen bis zum Abend arbeiten werden, damit wir ſpeiſen können. Doch Herr Guspier ſagt, dies ſei das ſtreng Nothwendige. Man muß das lieber hingehen laſſen, als Hungers ſterben.“ „Ich komme zum Stalldienſte,“ ſprach Herr Gus⸗ pier, „Menſchen und Leute . . . „Laſſen Sie hören, wie viel Pferde, wie viel Leute?“ „Ein Piqueur, Chef des aus zwölf Pferden beſte⸗ henden Stalles,“ fuhr der Intendant fort; „der erſte Kutſcher des Herrn Lithographen, der erſte Kutſcher der Frau Blumenmacherin. Zwei zweite Kutſcher, vier Groomes, um als Poſtillons bei den Geſpannen à la Daumont zu dienen, hinter dem Cabriolet des Herrn aufzuſteigen oder ihm zu Pferde zu folgen. Wagen: die Berline, die Caleche und das Coupé von Madame; das Conpé, der Brongham, das Cabriolet, der Tilbury, die Americaine des Herrn.“ „Sehr gut,“ rief Gilbert, „Summe: fünfzehn Perſonen, zwölf Pferde und acht Wagen, um unſere Beine zu erſetzen.“ „So viele Wagen, ſo viele Pferde zu ſeinen Befehlen haben und nicht einmal krummbeinig oder krüppelig ſein! wie Schade! nicht wahr, Bibi?“ ſagte Gilberte. „Das iſt das nothwendige Perſonal,“ ſprach Herr Guspier, „das für ein vortreffliches Haus ſtreng nothwen⸗ dige Perſonal. Der Ueberfluß hat natürlich keine Grenzen. Was das fragliche Perſonal betrifft, ſo mache ich mich anheiſchig, es vor heute Abend zuſammenzubringen, und beſonders die Créme der Diener zu bekommen.“ „Ah! und wie Teuſels werden Sie das machen, . 139 Herr Intendant?“ fragte Gilbert ziemlich erſtaunt: „Es iſt zwei Uhr, und wir wollen um eilf Uhr zurückkommen, um hier zu Nacht zu ſpeiſen und zu ſchlafen.“ „Mit dieſem, Herr Lithograph,“ erwiederte Herr Guspier, auf die auf dem Bureau ausgebreiteten Bün⸗ del Banquebillets deutend, „mit dieſem iſt Alles möglich. Ich laufe zu einem von unſern Nachbarn, dem Herzog von Mercoeur . . .“ „Du weißt, Bibi? der Gemahl der hübſchen Her⸗ zogin, für welche ich den reizenden Kopfputz von natür⸗ lichen Blumen und Diamanten gemacht habe?“ „Ja, ja, ſie war auf dem Balle von unſerem Mar⸗ quiſat. Sie iſt, bei Gott! gekommen, um ihren Walzer von mir zu verlangen, und ich habe mit ihr getanzt, ab⸗ geſehen davon, daß ſie unſere Couſine war.“ „Sie ſind offenbar im Kopfe verrückt,“ dachte Herr Guspier; „die Frau ſagt, ſie habe einen Kopfputz für die Frau Herzogin von Mercvenr gemacht, der Mann ſagt, er habe mit dieſer vornehmen Dame gewalzt . .. und ſie ſei ſeine Conſine. Die Erbſchaft hat ihnen das Gehirn verdreht. Ich beklage mich nicht darüber, — ſie nehmen mich zum Intendanten.“ „Alſo, Herr Guspier,“ ſprach Gilbert, „Sie lau⸗ fen zu Ihrem Nachbar, dem Herzog von Mercoeur. Sehr gut . . . doch welche Beziehung hat dieſes Laufen zu unſeren zukünftigen Dienſtboten?“ „Eine ſehr große Beziehung, Herr Lithograph, und Sie werden das begreifen: der Herr Herzog von Mer⸗ cveur hat ein vortrefflich beſtelltes Haus, lauter ausge⸗ wählte Leute . . . Nun wohl! ich, ich nehme ſie ihm, ſeine Leute.“ „Wie! Sie nehmen ſie ihm?“ „Ich nehme ſie ihm!“ erwiederte Herr Guspier mit einer ſehr pfiffigen Miene: „ſeinen erſten Kutſcher, und ſäße er auf ſeinem Bock! ſeinen Küchenmeiſter, und ſtünde er an ſeinen Oefen.“ 140 „Und wie erklärt ſich dieſes Wunder, Herr Gus⸗ pier?“ fragte Gilbert, „denn Sie ſcheinen mir offenbar mit Zauberkünſten zu Werke zu gehen.“ „Das Wunder iſt ganz einfach: ich ſage zu ſeinem Piqueur, zu ſeinen Kutſchern: „„Hier ſind hundert Louis d'or Gratification für Jeden von Euch, ich ver⸗ dopple Euren Lohn und bezahle Euch ſechs Monate zum Voraus . . folgt mir!““ Der Kutſcher ſpringt von ſeinem Bock und folgt mir, der Küchenmeiſter verläßt ſeine Oefen und folgt mir.“ „Ha! ha! ha!“ lachte Gilberte, „das iſt allerdings möglich. Ich ſehe von hier aus Herrn Guöpier mit dieſem Schweife von Leuten, die er entführt, hinter ſich.“ „Ja, Frau Blumenmacherin,“ verſetzte triumphi⸗ rend der Intendant. „Ich komme hier an gefolgt von einem wahren Schweife von Köchen, Haushofmeiſtern, Lceien „Ei! beim Henker! Herr Intendant,“ rief Gilbert, „es werden ſich wohl unter dieſen Bedienten Einige finden, welche anhänglich genug an ihren Herrn ſind, um ihn nicht aus Habgier ſo flach liegen zu laſſen?“ „Ha! ha! ha!“ erwiederte lachend Herr Guspier, „exiſtirt ein ſolcher Phönix, ſo iſt er unfindbar. Be⸗ ruhigen Sie ſich, Herr Lithograph.“ „Sage, Gilbert,“ ſprach die junge Frau, welche nicht mehr lachte, „das iſt recht traurig.“ „Was, Minette?“ „Der Gedanke, daß die Menſchen ſo viel abſcheu⸗ liche Dinge um des Geldes willen thun.“ „Eil was willſt Du, das iſt traurig für diejenigen, welche ſolche abſcheuliche Dinge thun! Und auch das nicht, denn ich bin überzengt, alle dieſe Burſche werden munter ſein wie die Finken, wenn ſie Herrn Guspier im Schweife folgen.“ „Der Herr Lithograph ſagt vollkommen die Wahr⸗ heit; er wird ſehen, welches ehrerbietig entzückte Geſicht 141 ihm dieſe Leute heute Abend zeigen werden . . . Kann ich indeſſen mein Perſonal beim Herrn Herzog von Mer⸗ cveur nicht vollſtändig machen, ſo gehe ich zum Herrn Marquis von Montlaur, einem Andern von Ihren Nach⸗ barn. Die Gelegenheit iſt vortrefflich: der Herr Mar⸗ quis hat einen Degenſtich bekommen, der ſein Leben gefährdet; ſeine Leute werden alſo leicht zu entführen ſein, kann ich mein Perſonal beim Herrn Herzog von Mercoeur nicht vollſtändig machen, und wenn es ſein müßte, ſo würde ich anderswo auf Beute ausgehen. Was die Wagen, die Pferde, die Geſchirre betrifft, ſo wollen die Händler ja nur verkaufen, und in ein paar Stunden kann ein verſtändiger Piqueur ſeinen Stall ausrüſten, ſeine Remiſen, ſeine Sattelkammer gehörig verſehen. Kauft alſo der Herr Lithograph das Hotel und beehrt er mich mit ſeinem Vertrauen, ſo wird das Hotel auf den Schlag eilf Uhra giorno erleuchtet ſein, der Garten wird illuminirt ſein, die zwei Schweizer werden ſich im Säu⸗ lengange, die Lackeien unter dem Veſtibule, die Kammer⸗ diener in den Warteſälen finden, und das Souper wird ſervirt ſein. Ich gebe dem Herrn Lithographen und der Frau Blumenmacherin mein Ehrenwort, daß mein Ver⸗ ſprechen getreulich erfüllt werden wird: ſie werden dann vielleicht zugeben, die kleine Dienerin, in die ſie ihr Vertrauen geſetzt zu haben ſchienen, hätte die Sache we⸗ nigſtens nicht beſſer gemacht als ich.“ „Das werden wir heute Abend ſehen,“ erwiederte Gilbert, „denn wenn Minette einwilligt, kaufen wir das Hotel mit geſchloſſenen Augen und nehmen Sie zum Intendanten.“ . „Gut, Bibi, kaufen wir das Hotel.“ „Wie,“ rief Herr Guspier, „ohne das Haus nur zu beſichtigen?“ „Bei Gott,“ erwiederte Gilbert, „es wird viel be⸗ luſtigender für uns ſein, das Hotel heute Abend zum erſten Male zu ſehen, nicht wahr, Geliebte?“ 142 „Gewiß; das iſt eine Ueberraſchung, die wir uns machen, während wir ſie zugleich unſeren Freunden ereiten.“ „Heute Abend alſo, unſer Herr Intendant,“ ſagte Gilbert, wähtend er mit ſeiner Frau aufſtand. „Alles ſei bereit, das Abendbrod ſervirt . . . Ah!“ fügte der junge Mann in ſeiner unerſchöpflichen Taſche ſtörend, bei, „haben Sie Geld genug?“ „Ich habe mehr als hinreichend, Herr Lithograph. Ich will Ihnen einen Empfangſchein für die zwölfmal hunderttauſend Franken, die Sie mir eingehändigt, geben. Nur bitte ich Sie um Erlaubniß, die Billets, eines um das andere, in Augenſchein nehmen zu dürfen: Jedermann iſt einem Irrthume unterworfen, und 6 „Unterſuchen Sie nach Ihrem Belieben, unſer Herr Intendant,“ erwiederte Gilbert, indem er ſeinen Hut nahm und mit ſeiner Frau wegging. „Heute Abend werden Sie mir Ihren Schein geben.“ „Aber, Herr Lithograph, Sie wollen in meinen Händen eine ſo bedeutende Summe laſſen, ohne von mir nur einen einfachen Schein zu haben!“ „Herr Guspier, wenn wir Sie für einen Schelm hielten, ſo würden wir Sie nicht zum Intendanten neh⸗ men . Heute Abend alſo, und daß beſonders das Abendbrod gut iſt.“ Herr Guspier lief an die Thüre ſeiner Wohnung, öffnete ſie den beiden jungen Leuten und begleitete ſie dann bis zum großen Thore des Hotels; hier fanden ſie ihren Wagen; ſie ſtiegen ein, um Einkäufe zu machen, bis zu der Stunde, wo ſie in der Oper mit Auguſt Meu⸗ nier und ſeiner Frau zuſammentreffen ſollten. 143 XXIX. Das Ende des Tages war für Gilbert und Gilberte ein beſtändiges Entzücken. Sie ließen ſich von Maga⸗ zin zu Magazin fahren und kauften Alles, was ihnen gefiel, Diamanten, Juwelen, Stoffe, Gemälde; ſie kauften endlich, um des Vergnügens willen, zu kaufen, Alles, was ihre Blicke anzog oder ihnen ſchmeichelte, und bezahlten baar, ohne je bei den bedeutendſten Ein⸗ käufen etwas abzubrechen. Sie weideten ſich auch an den unterthänigen Beeiferungen der Kaufleute, und wenn dieſe ehrerbietig nach dem Namen und der Wohnung ihrer reichen Kunden fragten, um ſo viele prachtvolle Ankäufe zu ihnen bringen zu laſſen, antworteten unſere jungen Leute: „Frau Blumenmacherin Gilberte und Herr Lithograph Gilbert, wohnhaft in ihrem Ho⸗ tel, Rue de l'Univerſité, Nr. 112.“ Und dann lachten ſie über das Erſtaunen der Kauf⸗ eute. „Geſtehe, mein Lieber,“ ſagte Gilberte, „ſo, von Bude zu Bude herumſtöbernd, unter tauſend Gegenſtän⸗ den dieſen oder jenen auswählend; einkaufen iſt viel beluſtigender, als zu Hauſe bleiben, wie heute Morgen, da wir nach der letzten Mode gekleidet ſein wollten und nur zu ſagen brauchten: „„Korrigan, wir wollen das und das.““ „Das iſt wahr . . . So, ſtatt unſern Intendanten loszulaſſen, um in ein paar Stunden alle für unſer großes Haus nothwendigen Lente zuſammenzubringen, was wahrhaftig ein ſehr drolliges Kraftſtück ſein wird, hatten wir nur zu ſagen: „Korrigan, wir wollen auf der Stelle das herrlichſte Hotel von Paris; es muß mit Bedienten und Allem, was dazu gehört, ganz zu unſe⸗ rem Empfange bereit ſein.“ „„Es iſt geſchehen,““ hätte die Stimme unſerer kleinen Fee geantwortet; und es wäre geſchehen geweſen. Doch das iſt zu leicht, es iſt kein Vergnügen dabei.“ „Während wir heute Abend, wenn unſer Intendant ſein Verſprechen erfüllt hat, ein Vergnügen mehr haben werden.“ „Und er wird ſein Verſprechen erfüllen, dieſer ver⸗ dammte Guspier. Er hat geſagt und er hat Recht: „„Mit Geld iſt nichts unmöglich!““ „Weißt Du, warum ich entzückt bin, daß wir ſo dachten ? Weil ich vorherſehe, wir werden nächſtens, und diesmal aus guten Gründen, zu unſerer lieben, klei⸗ nen Fee ſagen: „Laſſen Sie uns viele Millionen zurück und folgen Sie Ihren Schweſtern, arme Kor⸗ rigan.““ 8 „Einen Augenblick Geduld, Minette . . . beeilen wir uns nicht! Teufel! man weiß nicht, was geſchehen kann. Im Ganzen haben wir ſie nun erſt acht Tage bei uns, dieſe gute Fee!“ „Das iſt freilich wahr! Ah! Gilbert, was hat ſich Alles in acht Tagen ereignet!“ „Und für die Korrigan, welche ſeit zwei tauſend Jahren auf ihre Befreiung wartet, ſind acht Tage nichts.“ „Oh! Bibi, ſieh dort in jener Bude auf dem Bou⸗ levard dieſe hübſchen Vögel von allen möglichen Far⸗ ben! und jene Aeffchen!“ „Kaufen wir die Vögel, Minette! kaufen wir die Affen! kaufen wir die ganze Bude, wenn Du willſt.“ Und unſere beiden jungen Leute, deren Börſe ſich nie erſchöpfte, kauften und kauften fort und fort. „Ah! Gilbert, ſiehſt Du jenes arme Mädchen, das unſerem Wagen folgt und uns Veilchenſträuße an⸗ 145 bietet! Wie unglücklich ſieht ſie aus! wir müſſen der Kleinen zwanzig Franken, vierzig Franken geben.“ „Nimm, Kleine!“ rief Gilbert, indem er den Arm zum Wagenſchlage hinausſtreckte. Und er gab zwei Lonis d'or dem zerlumpten Kinde, das in ſeinem Erſtaunen ſich zu bedanken vergaß. Und unſere zwei jungen Leute gaben und gaben, und ſtreuten das Gold auf ihrem Wege aus. So immer gebend, immer kaufend, und mehr des Kaufens, als des Gebens müde, erreichten ſie den An⸗ fang des Abends und die Stunde, zu der ſie in der Oper mit Auguſt Meunier und ſeiner Frau Juliette zuſammentreffen ſollten. „Schon ſieben Uhr,“ ſagte Gilbert auf eine präch⸗ tige Uhr, einen ihrer letzten Ankäufe, ſchauend. „Wie die Zeit vergeht! . . . Haſt Du Hunger, Minette ?“ „Nicht viel . . . Man vergißt das Mittageſſen, wenn man ſich ſo ſehr beluſtigt. Ich geſtehe indeſſen, als wir unſere letzten Einkäufe machten, war es mir ganz unbehaglich; wir wußten wahrhaftig nicht mehr, warum wir kauften.“ „Wohl denn, ſpeiſen wir nicht zu Mittag 4.. doch zu Nacht werden wir eſſen wie die Wehrwölfe . . . ja, wir werden dem Souper, das uns Herr Guspier bereiten läßt, alle Ehre anthun . .. Gehen wir in die Oper.“ „Welch ein Glück! wir ſind nie dort geweſen!“ erwiederte Gilberte. „Höre, mein Lieber, dieſer wackere Meunier und ſeine Frau werden große Augen machen, wenn ſie in unſer Hotel eintreten.“ „Oh! ich lache zum Voraus über ihr Erſtaunen und die Geſchichte, die ich Ihnen erzählen werde, um ſie zu beſtimmen, bei uns, ſtatt im Cafés de Paris, zu Nacht zu ſpeiſen.“ Die zwei jungen Leute ſtiegen unter dem Säulen⸗ Gibert und Gilberte. M. 10 146 gange des Theaters aus und ſchickten ihren Wagen weg, nachdem ſie dem Kutſcher und dem Bedienten ein fabelhaftes Trinkgeld gegeben hatten. „Wir werden alſo bei einem der Triumphe der berühmten Frau von Saint⸗Marceau ſein,“ ſagte Gil⸗ bert; „Du weißt, die ſchöne Sängerin, die Du ſein konnteſt, wenn Du gewollt hätteſt, Minette.“ „Und bei der Du, Ungeheuer, den Niedlichen ſpielteſt, als Du Marquis warſt und ich Marquiſe. Wenn nur das Publikum heute Abend Frau von Saint⸗ Marceau nicht behandelt, wie es Dich, mein armer Geliebter, vorgeſtern, als Du Georges Hubert warſt, behandelt hat.“ Das war unſere Beſtrafung dafür, daß wir al⸗ berner Weiſe in das Leben Anderer eintreten wollten, ſtatt in dem unſeren zu bleiben und es ſo köſtlich zu machen, wie es gegenwärtig iſt.“ „Zum Glück haben wir nur ein paar Tage ver⸗ loren“ So plaudernd, begaben ſich Gilbert und Gilberte in die Loge des Erdgeſchoßes, welche ihre Freunde zum Voraus gemiethet hatten, und ſie fanden dieſe anch ſchon hier. „Kommen Sie doch, kommen Sie doch!“ ſagte Mennier, während er aufſtand, um ſeinen Platz Gilberte zu geben, welche mit verdoppelter Herzlichkeit von Ju⸗ liette empfangen wurde; „kommen Sie doch!“ wieder⸗ holte Meunier, der vor Frende außer ſich war. „Bei meinem Ehrenworte, meine Freunde, man ſollte denken, Sie bringen uns ganz beſonders Glück. Es iſt unglaublich!“ „Wus denn?“ fragte Gilbert. „Was iſt Ihnen begegnet?“ „Als wir Sie verließen, kehrten wir nach Hauſe zurück. Ich laſſe Sie zehnmal, hundertmal rathen, und Sie werden doch nicht errathen, was unſerer harrte?“ „——— — „Vergebens zerbreche ich mir den Kopf,“ erwie⸗ derte Gilbert mit ernſtem Tone; „und Du, Geliebte?“ „Ich auch.“ „Stellen Sie ſich vor, meine Freunde, daß ſich un⸗ ſere Erbſchaft verdoppelt hat.“ „Ah! alle Wetter! was ſagen Sie uns da?“ „Statt einer Million haben wir zwei, mein lieber Gilbert.“ „Und, wie Ihnen Auguſt ſagte,“ fügte Juliette bei, „man ſollte wahrhaftig glauben Ihre Gegenwart bringe uns Glück, denn an dem Tage, wo wir Sie zum erſten Male im Café de Paris ſahen, machten wir unſere erſte Erbſchaft. Wir treffen heute zum zweiten Male mit Ihnen zuſammen, und unſere Erbſchaft iſt verdoppelt.“ „Wiſſen Sie, was das beweiſt?“ ſagte heiter Gilbert: „daß, ſo oft wir uns ſehen, die Gegenwart von Minette und mir eine Million werth iſt. Wir müſ⸗ ſen uns oft, ſehr oft ſehen.“ „Guter Gilbert!“ „Ich weiß indeſſen nicht, ob wir uns Glück dazu wünſchen dürfen, daß Sie noch viel vornehmer gewor⸗ den ſind, als Sie heute Morgen waren, denn wir haben Sie um etwas zu bitten.“ „Sie halten uns vielleicht für ſtolz?“ „Ei ei „Ah! Gilbert! wir ſtolz! wir!“ „So beweiſen Sie uns ſogleich das Gegenthell.“ „Wodurch?“ „Dadurch, daß Sie ohne Umſtände Abendbrod in unſerem Stübchen nach dem Theater annehmen, ſtatt uns Abendbrod in dem trefflichen Cafs de Paris zu ge⸗ ben. Das iſt ein Gedanke, der uns gekommen iſt, nachdem Sie weggegangen waren. Minette hat ſogleich ihren Proviantkorb genommen, ihre Einkäufe gemacht und dann Hand angelegt, um uns das Eſſen für heute Abend zu bereiten. Aufgemerkt! alſo lautet die Karte: 148 ein kalter Kalbsbraten, ein vortrefflicher Salat, Käſe und ein Topf mit eingemachten Früchten.“ „Ah!“ ſagte Gilberte, „das ſind freilich keine Ortolane, was wir aber bieten, kommt von gutem Herzen.“ „Und es wird ebenſo angenommen, meine Freunde,“ erwiederte Meunier; „wir ziehen hundertmal dieſes Abendbrod der Freundſchaft in Ihrem Stübchen einem feinen Souper im Café de Paris vor.“ Während unſere zwei jungen Paare ſo plauderten, füllte ſich der Saal des Opernhauſes; die eleganteſten Frauen nahmen ihre für das Jahr gemietheten Plätze ein; die Stammgäſte des Orcheſters, in deſſen Nähe die von den neuen Freunden beſetzte Loge war, nannten einige von dieſen Merveilleuſen, ſo wie ſie anka⸗ men: es waren lauter Fürſtinnen, Marquiſen oder Her⸗ zoginnen. Mit neugierigen Blicken ſchauend, wiederhol⸗ ten Meunier und ſeine Fran einander in einer naiven Bewunderung die ariſtokratiſchen Namen, die ſie um ſich her ausſprechen hörten. „Höre doch, Minette, jene große blonde Dame iſt die Prinzeſſin von Marſan.“ „Höre doch, Anguſt, jene reizende Brunette iſt die Herzogin von Mercveur.“ „Gut!“ ſagte Gilbert leiſe zu ſeiner Frau, „ge⸗ rade beim Herzog von Mercoeur macht unſer Intendant ſeine Razzia von Bedienten! . Unglückliche Herzo⸗ gin! ſie hat keine Ahnung, daß ſie bei ihrer Rückkehr ihr Hans verlaſſen finden wird, und daß vielheicht zu dieſer Stunde ihr Koch unſer Abendbrod bereitet . . . „Und ich werde ihm Ehre anthun, Geliebter, denn ich fange an Hunger zu verſpüren.“ „Ei! wie viel vornehme Herren und vornehme Da⸗ men!“ ſagte Meunier zu ſeiner Frau. „Man erkennt es ſogleich an einem gewiſſen Etwas, daß ſie zur großen Geſellſchaft gehören.“ 149 „Siehſt Du, Auguſt,“ verſetzte die junge Frau mit einem leichten Ausdruck von Verdruß, von dem Gil⸗ bert betroffen war, „man mag immerhin Millionär ſein . ſtets iſt man unter dieſer ſchönen Welt!“ „Was willſt Du machen?“ erwiederte Meunier. „Es iſt ſchon ſo hübſch, Millionär zu ſein, daß man ſich wohl darüber wöſten kann, wenn man nicht vor⸗ nehm iſt.“ „Hören Sie, mein lieber Meunier“ ſagte Gilbert, mit ſeiner Frau einen Blick des Verſtändniſſes wechſelnd, „nehmen wir an, es gebe Feen . „Sehr gut!“ verſetzte Meunier lachend; „ich nehme an, es gebe Feen, obgleich der Gedanke ſonder⸗ bar iſt.“ „Sie lachen? . Sie glauben vielleicht, es gebe keine Feen?“ „Und Sie?“ „Ich!“ „Ja, Sie, mein lieber Gilbert.“ „Oh! ich bin ſehr geneigt, an Eſelshaut zu glau⸗ ben und den blauen Vogel als höchſt wahrſcheinlich anzunehmen.“ „Spaßmacher Gilbert!“ rief Auguſt, „hörſt Du ihn, Juliette?“ „Ah! wenn es Feen gäbe,“ erwiederte die junge Frau mit einem Seufzer, „wenn es Feen gäbe . . . „Ich wette, Madame,“ ſprach Gilbert, „Sie wür⸗ den von ihnen verlangen, eine von den vornehmen Damen zu ſein, die Sie dort im erſten Range ſehen?“ „Und Herr Auguſt,“ ſetzte Gilberte hinzu, „Herr Auguſt würde natürlich verlangen, ein vornehmer Herr zu ſen⸗ wohlverſtanden, nur um ſeine Frau nicht zu ver⸗ aſſen.“ Ei! bei Gott!“ ſprach Meunier, „nun, da wir reich ſind, wenn man nur zu ſagen brauchte: „Wir 150 wollen durch unſere Geburt Leute von der hohen Ge⸗ ſellſchaft ſein „Sie würden es ſagen, nicht wahr, mein lieber Auguſt?“ verſetzte Gilbert, ſeine Frau anſchauend. „Seht doch den Ehrgeizigen!“ „Sie ſind gut!“ rief Auguſt lachend. „An mei⸗ ner Stelle hätten Sie vielleicht nicht denſelben Wunſch wie ich?“ „Und Sie, meine liebe kleine Frau Gilbert,“ fügte Juliette bei, geſtehen Sie, daß Sie auch von der Fee eine vornehme Dame zu ſein verlangen würden.“ „Oh! ja wohl,“ erwiederte die junge Frau einen neuen Blick mit ihrem Manne wechſelnd. „Oh! ja, Gilbert und ich würden uns daſſelbe wünſchen wie Sie, auf die Gefahr vielleicht, es nachher zu bereuen.“ „Es bereuen!“ rief Auguſt, „und warum?“ „Ei!“ antwortete Gilbert mit einer verſtellten Treu⸗ herzigkeit, „man ſagt, es ſei nicht Alles Gold, was glänze, und dieſe Perſonen von der vornehme Welt, welche heute Abend in der Oper erſcheinen und ſo glück⸗ lich ausſehen, ſind vielleicht . . .“ Sind es vielleicht nur dem Anſcheine nach, nicht wahr?“ verſetzte Auguſt lachend. „Wie philoſophiſch iſt er heute Abend, dieſer Teufels⸗Gilbert!“ „Oh! Auguſt und ich, wir ſind nicht ſo philoſophiſch,“ ſprach Juliette: „und gäbe es Feen, wie Herr Gilbert ſagt, ſo würden wir von ihnen verlangen . . .“ Doch ſich unterbrechend, da ſie die erſten Accorde des Orcheſters hörte und nichts von dieſem für ſie ſo neuen Vergnügen verlieren wollte, ſagte ſie: „Man fängt an . . . hö⸗ ren wir!“ Und voll Neugierde neigte ſie ſich, wie ihr Mann, gegen die Bühne. Gilbert und Gilberte ſchauten ſich an; ſie hatten ſich verſtanden; ſie ſahen eine neue Chance des Glücks in ihrer Erfahrung in Betreff des Lebens 151 der vornehmen Leute, eine Erfahrung, an der es Meu⸗ nier und ſeiner Frau gebrach. Dieſe konnten früher oder ſpäter eine geſellſchaftliche Stellung beneiden, die ſie nie zu erreichen vermöchten, und daun die Bitter⸗ keit eines eitlen Wunſches empfinden. Gilbert und Gil⸗ berte fanden endlich die Entſchuldigung ihrer vergange⸗ nen Wünſche, als ſie daſſelbe Verlangen ſich mittelbar bei ihren neuen Freunden, Leuten von einer redlichen und guten Natur, ſich bilden hörten. Da das Verlan⸗ gen, das zu beſitzen, was man nicht hat, eine von den Fatalitäten des Menſchengeſchlechts iſt, — wie ſehr wünſchten ſich Gilbert und Gilberte Glück, daß ſie for⸗ tan dieſer Fatalität entgehen konnten! Bald intereſſirten ſich unſere jungen Leute doppelt für die Vorſtellung, der ſie beiwohnten. Das Theater begann mit zwei Acten von Semiramis einem der Triumphe der ſchönen Frau von Saint⸗Marceau, in de⸗ ren Leben einzutreten Gilberte einen Angenblick den Ge⸗ danken gehabt hatte. Als die berühmte Sängerin auf der Bühne erſchien, erſchollen drei Salven von wüthen⸗ den Bravos, und während des erſten Acts übertraf ſich Fran von Saint Marceau dergeſtalt, daß, als der Vor⸗ hang fiel, der Enthuſiasmus des Publikums Wahnwitz wurde. Bewunderungsſchreie riefen die Diva, und ſie erſchien wieder unter einem Regen von Sträußen. „Welch ein herrliches Talent!“ ſagte Auguſt, als der Vorhang zum zweiten Male gefallen war. „Ich verſtehe nichts von der Muſik, und dennoch bin ich außer mir vor Bewunderung!“ „Sie hat Noten in der Stimme, welche zur Seele gehen und uns ſchauern machen,“ fügte Juliette bei. „Ich wundere mich nicht mehr über ihren Erfolg! Welch ein Trinmph! wie ſtolz muß ſie ſein!“ Und gläcklich!“ verſetzte Gilberte, einen neuen Blick mit Gilbert wechſelnd. „Man ſagt, dieſe Dame ſei mit einem Manne verheirathet, den ſie anbete, 152 und von dem ſie angebetet werde . Nichts muß ihrem Glücke fehlen!“ „Geſtehen Sie, mein lieber Mennier,“ ſprach Gil⸗ bert, „wenn es Feen gäbe . (Ich komme immer hier⸗ auf zurück. . und Sie werden über mich ſpotten . . .)“ „Durchaus nicht, mein wackerer Gilbert, fahren ie fort! es iſt etwas ſehr Beluſtigendes um die Feen⸗ mährchen.“ Geſtehen Sie doch, daß Sie, wenn es Feen gäbe, und Sie wären ſchon durch ihre Macht vornehmer Herr und Frau Meunier vornehme Dame geweſen, daß Sie vielleicht ſagen würden: „Bah! im Gaunzen ſtehen das Talent und der Ruhm noch über der Geburt. Ich möchte lieber, daß, ſtatt Marquiſe oder Herzogin zu ſein, meine Frau, die ich zärtlich liebe, dieſe bewunderungs⸗ würdige Sängerin wäre, welche Huldigungen empfängt, wie einer Königin keine zu Theil werden.“ „Oh! ich, ich bin der Anſicht von Herrn Gilbert,“ verſetzte Juliette. „Während ich dieſe ſchönen Damen der Proſceniumlogen anſchaute, dachte ich: „Sie mö⸗ gen immerhin Herzoginnen oder Marquiſen ſein, nie werden ſie die Genüſſe kennen lernen, welche Frau von Saint⸗Marceau einzig und allein ihrem Talente zu ver⸗ danken hat. Dabei jung, von einer ſeltenen Schönheit, angebetet von ihrem Gemahl . . .““ „Und beinahe Millionärin, immer durch ihr Talent, und von der großen Geſellſchaft empfangen wegen der Geburt ihres Gemahls,“ fügte Gilbert bei. „Geſtehen Sie, meine Freunde, daß Sie gern an der Stelle von Herrn und Frau von Saint⸗Marceau ſein möchten?“ „Oh! Herr Philoſoph,“ erwiederte Meunier lachend, „wollen Sie uns zufällig ſagen, Sie hätten nicht den⸗ ſelben Wunſch wie wir?“ 6 „Bah!“ . machte Gilbert, „der Ruhm, das iſt ſehr ephemer!“ —— — 153 „Welch ein abſcheulicher Cato iſt doch Ihr Mann, Frau (ilberte!“ „Ich will Ihnen ſagen, warum Bibi einen ſolchen Widerwillen gegen den Ruhm zeigt. Denken Sie ſich, daß man uns vorgeſtern Billets für das Theatre⸗Fran⸗ gais ſchenkte, wo wir bei der erſten Aufführung ei⸗ nes Stückes von Georges . . . Hubert . . waren, und „Er wurde ausgeziſcht, ausgepfiffen, angeſpieen! deſto beſſer!“ unterbrach Auguſt Gilberte. „Ei! Ma⸗ ſprechen Sie nicht von dieſem abſcheulichen Men⸗ chen!“ „Oh! mein Gott! was hat er denn gethan, Herr Meunier?“ „Was er gethan hat? Das iſt ein wahrer Tartuffe, der ſchöne Worte ſchreibt und ſich aufführt wie ein . .. wie ein Gaſſenjunge!“ „Ein Ungeheuer von einem Menſchen, der Erbin⸗ nen ihres Geldes wegen entführt!“ ſetzte Juliette nicht minder zornig hinzu. „Ein Schändlicher, der arme Leute zwingt, ſich aus Verzweiflung ins Waſſer zu ſtür⸗ zen! Das ſteht in den Tagblättern . . . und es iſt nichts dagegen zu ſagen.“ „Zum Glück lieſt man auch in den Tagblättern, daß er geſtern einen gewaltigen Degenſtich bekommen hat,, bemerkte Auguſt. „Das hat er verdient, dieſer berüchtigtigte Georges Hubert.“ „Und dennoch,“ erwiederte Gilbert, „hätte man Ihnen vor vier oder fünf Tagen, als dieſer Dichter im ganzen Glanze ſeines Ruhmes ſtrahlte, geſagt: „„Wol⸗ len Sie an der Stelle von Georges Hubert ſein?““ ſo würden Sie geantwortet haben: „Ja.““ Deſſen bin ich ſicher. Und heute behandeln Sie ihn als Gaſ⸗ ſenjunge! Das iſt die Rückſeite der Münze.“ „Darum, Herr Meunier, zeigt Bibi einen ſolchen Widerwillen gegen den Ruhm.“ 154 „Im Ganzen,“ ſagte Auguſt mit einer nachdenken⸗ den Mene und betroffen von der Reflexion ſeines neuen Freundes, die Philoſophie hat etwas Glies „Ja, glauben Sie mir, meine Freunde, ſie iſt gut . . . Ich bin kein großer Doctor, und Minette iſt ebenſo wenig eine große Doctorin, doch unſer kleines Urtheil, unſer Inſtinct leiten uns; und ſehr glück⸗ lich wären wir, brächten wir es dahin, daß Sie wie wir denken und ſich mit Ihrem Looſe begnügen würden, weil wir beinahe die Gewißheit haben, daß Sie glück⸗ lich wären,“ ſagte Gilbert. „Halt!“ rief plötzlich Juliette, „der Vorhang geht auf, und man hat nicht die drei Zeichen gegeben, und die Muſiker ſind nicht an ihrem Platze!“ „Und dann,“ ſagte Auguſt, „ſieh doch die Aufre⸗ gung unter den Zuſchauern des Orcheſters. Einer eilt hinaus, nachdem er ſeinen Nachbarn zugerufen hat: „„Ich gehe auf das Theater, um zu erfahren, was es iſt.““ Anguſt hatte kaum vollendet, als der Regiſſeur der Oper an den Rand der Bühne vortrat und unter einem tiefen Stillſchweigen der Zuſchauer, welche eiligſt wieder ihre Plätze eingenommen hatten, ſprach: „Meine Herren, zu unſerem innigen Bedauern müſſen wir Ihnen ankündigen, daß es Frau von Saint⸗ Marceau in Folge einer ernſten plötzlichen Unpäßlichkeit leider ganz unmöglich iſt, den zweiten Act von Se⸗ miramiis zu ſingen.“ Dieſe Worte des Regiſſeur wurden von einem lan⸗ gen Gemurmel peinlicher Ueberraſchung bedeckt. Die Zuſchauer drückten auch viel weniger ihren Verdruß, als eine rührende Theilnahme für Frau von Saint⸗Marceau aus. Viele Stimmen riefen mit großer Bangigkeit ſich an den Regiſſeur wendend: „Iſt der Zuſtand von Frau von Marceau wirklich beunruhigend?“ „Arme Frau! was iſt ihr denn begegnet?“ Sitee——— 155 Mitten unter dem Lärmen horchend, faßte der Re⸗ giſſeur einige von den Fragen auf, die man an ihn rich⸗ tete, und bedeutete durch ein Zeichen, er wolle ſprechen. Es wurde wieder ſtill, und der Regiſſeur antwortete: „Meine Herren, der Zuſtand von Frau von Saint⸗ Marceau flößt, obgleich bedenklich, keine ernſte Furcht den Herren Theaterärzten ein, die fich in aller Eile zu Frau von Saint Marceau verfügt haben, als ſie von einer nervöſen Kriſe befallen wurde, welche ſie noch nicht verlaſſen hat.“ Dieſe Worte, ohne das Publikum völlig zu beruhi⸗ gen, wurden doch von ihm als ein gutes Vorzeichen für die Geſundheit der trefflichen Sängerin aufgenommen, und der Regiſſeur fügte unter einer allgemeinen Unacht⸗ ſamkeit bei: „Mademoiſelle Duval, die ſich erboten hat, die Rolle von Frau von Saint⸗Marceau zu übernehmen, erlaubt ſich, die Herren um ihre huldvolle Nachſicht zu bitten.“ In dem Augenblick, wo ſich der Vorhang nach den drei Verbengungen des Regiſſeur ſenkte, kam der Stamm⸗ gaſt des Orcheſters, der haſtig ſeinen Platz verlaſſen hatte, um ſich auf der Bühne nach der großen Sängerin zu erkundigen, zurück, und von allen Seiten drängte man ſich um ihn und überfluthete ihn mit Fragen. „Nun! was iſt es?“ „Iſt es denn ernſt?“ „Geht es beſſer?“ „Es iſt alſo ein Unfall?“ Frau von Saint⸗Marceau,“ erwiederte der Stamm⸗ gaſt, „iſt einem entſetzlichen Nervenanfall preisgegeben: dieſe Kriſe verlängert ſich, und die Aerste fangen an ſehr beſorgt zu ſein.“ „Oh mein Gott! das wird beängſtigend!“ „Und weiß man die Urſache dieſes plötzlichen An⸗ alls?“ 156 Der Stammgaſt antwortete halblaut und mit einer geheimnißvollen Miene: „Meine Herren, wie es ſcheint, iſt es eine eheliche Angelegenheit!“ „Ah! bah!“ „Es hat mich Jemand verſichert,“ ſagte immer ge⸗ heimnißvoll der Stammgaſt, „er habe Herrn von Saint⸗ Marceau aus der Loge ſeiner Fran weggehen ſehen; er ſei, wie es geſchienen, wüthend geweſen.“ „Dann unterliegt es keinem Zweifel mehr,“ ſpra⸗ chen die Zuſchaner, „das iſt eine Eheſtandsgeſchichte!“ „Georges Hubert Haushammel geworden! Frau von Saint⸗Marceau bekommt einen Nervenanfall wegen einer ehelichen Angelegenheit,“ ſagte leiſe Gilbert zu ſeiner Frau. „Ah! meine arme Geliebte, wie Recht hatteſt Du, daß Du nicht Frau von Saint⸗Marcean ſein wollteſt! Dieſe Dame, welche ſo viel Bewunderung und Neid erregt, iſt ohne Zweifel in Wirklichkeit nicht glück⸗ licher, als der große Dichter.“ „Gleichviel,“ antwortete Gilberte leiſe ihrem Man⸗ ne, während ihre Freunde auf einige Geſpräche horch⸗ ten, die ſich im Orcheſter über Frau von Saint⸗Mar⸗ ceau entſponnen hatten; „gleichviel, die arme Frau! ſie intereſſirt mich, und willſt Du, ſo laden wir ſie, wenn wir in unſerem Hotel ſind, ein, um bei uns zu ſingen; ſie ſieht aus wie eine ſehr gute Perſon; das wird ein Mittel ſein, Bekanntſchaft zu machen, und wenn ſie nicht zu ſtolz iſt, können wir in nähere Ver⸗ bindung mit ihr treten.“ „Einverſtanden!“ „Aber, mein Herr, ſpielen Sie nicht den Niedlichen gegen ſie, wie zur Zeit, wo Sie Marquis waren.“ „Minette, wenn Sie ſolche Ideen haben, werde ich mich fürchterlich rächen!“ Als die Vorſtellung beendigt war, verließen die zwei Paare das Opernhaus, um den Miethwagen zn —————— 1⁵7 ſuchen, den Meunier beſtellt hatte, und Gilbert ſagte lachend zu dieſem: „Alſo unſer ärmliches Mahl macht Ihnen nicht bange?“ „Sie werden ſehen, mein wackerer Gilbert, ob Ju⸗ liette und ich vor dem kalten Braten und dem Salat zurückweichen. Wir haben einen Wehrwolfshunger.“ „Ah! Herr Meunier,“ fügte Gilberte mit einer ſchalk⸗ haften Miene bei: „wir laden ohne Umſtände und von gutem Herzen ein.“ Die jungen Leute erreichten den Wagen, und wäh⸗ rend die beiden Frauen und Auguſt in der beſchei⸗ denen Equipage Platz nahmen, gab Gilbert dem Kutſcher die Adreſſe des Hotel d'Orbeval und befahl ihm, in den Hof zu fahren und vor der Freitreppe zu halten; dann ſetzte ſich der junge Mann zu ſeinen Freunden. Alle Vier planderten fortwährend heiter. Juliette behauptete, trotz ihres Nervenanſalls und ihrer häuslichen Angelegen⸗ heit, erfreue ſich Frau von Saint⸗Marceau eines benei⸗ denswerthen Looſes. Auguſt behauptete im Gegentheil, nach der Philoſophie des Doctor Gilbert, die Vornehmheit und der Ruhm können oft einen bitteren Nachgeſchmack haben. Das Stübchen der zwei jungen Leute lag, wie das prachtvolle Hotel d'Orbeval, im Faubourg Saint⸗Ger⸗ main. Meunier und ſeine Frau hatten alſo keine Ah⸗ nung von der Ueberraſchung, die ihrer harrte. Als aber der Kutſcher, in der Rue de lUniverſité angelangt, vor dem mit beiden Flügeln geöffneten Thore des Hotels einen Augenblick anhielt, um ſeine Wendung zu nehmen, ſah Auguſt, der den Kopf aus dem Schlage hinaus⸗ beugte, im Hintergrunde eines ungeheuren Hofes das Veſtibule des Hauſes und die Fenſter des Erdgeſchoſſes glänzend erleuchtet. „Ho! ho!“ ſagte Meunier, „welch ein prachtvolles Hotel! Es ſcheint, man gibt hier eine Féte; doch die Eingeladenen ſind teufelmäßig ſaumſelig, denn man ſieht 158 noch keine Equipage . ..“ Dann ſich unterbrechend, als er ſah, daß der Wagen raſch in den Hof fuhr, rief er: „Ah! unſer Kutſcher iſt verrückt . . . Wohin fährt er denn?“ Und er wollte den Kopf abermals hinausneigen, um den Automedon auf ſeinen Irrthum aufmerkſam zu machen, als Gilbert ſeinen neuen Freund am Arme zu⸗ rückhtelt und zu ihm ſagte: „Beruhigen Sie ſich, Herr Meunier, wir fahren zu uns. Seit dieſem Morgen ſind Minette und ich ausge⸗ zogen“ XXX. Der Hof des Hotel d'Orbeval war ſo groß, daß, ehe die Pferde den nothwendigen Umkreis durchlaufen hatten, um vor die Freitreppe zu kommen, Meunier, auf ſeine Weiſe die Worte von Gilbert, die ihm von ſeinem Auszuge am Morgen unterrichtet, auslegend, Zeit fand, zu ſagen: „Sie haben alſo ein Zimmer in den Zugehören dieſes Hotels gemiethet, mein lieber Gilbert? Ich be⸗ greife die Ueberraſchung, die Sie uns vorbehalten. wir ſollen Ihnen Ihre neue Wohnung einweihen helfen „Ganz richtig, Herr Meunier,“ erwiederte Gilberte in dem Augenblick, wo der Wagen vor dem Säulen⸗ gange anhielt; „wir wollen in unſerer Manſarde den Tiſch rücken.“ „Wie artig iſt es von Ihnen, daß Sie dieſen Ge⸗ danken gehabt haben, meine gute kleine Fran Gil⸗ berte,“ rief Juliette, als der Wagenſchlag von Herrn Guspier, der ſchon in ſchwarzem Frack und weißer Halsbinde wartete. geöffnet wurde. „Nun, Herr Guspier,“ ſagte zu ihm Gilbert, der zuerſt ausſtieg, „iſt Alles bereit?“ ————— — 159 „Ja, Herr Lithograph,“ antwortete der Intendant, indem er ſich ehrerbietig verbengte, „Alles iſt bereit.“ „So werden wir ein gutes Souper haben?“ fügte Gilberte, leicht zu Boden ſpringend, bei. „Ich ſchmeichle mir mit der Hoffnung, die Frau Blumenmacherin werde mit dem Souper zufrieden ſein,“ antwortete der Intendant, indem er ſich abermals ver⸗ beugte. „Mein lieber Meunier,“ ſagte Gilbert, „geben Sie meiner Frau den Arm; ich gebe den meinigen Ihrer Frau.“ Und ſo ſprechend, bot er Juliette ſeinen Arm. Dieſe und ihr Mann waren ganz verſteinert, als ſie Herrn Guspier eiligſt die Stufen der Freitreppe hinaufſteigen und den in glänzende Livreen (blau, orangefarbig und Silber) gekleideten Lackeien ein gebieteriſches Zeichen machen ſah. Dieſe großen, weiß gepuderten, auf allen Nähten galonnirten Bedienten ſtellten ſich im Spalier auf, während die zwei Schweizer, in denſelben Livreen, einen dreieckigen Hut auf dem Kopfe, ein breites Wehr⸗ gehänge über der Bruſt, den Degen beinahe wagrecht und die Hellebarde in der Hand, dreimal mit dem Schaſte dieſer Waffe auf die Marmorplatten des Veſtibule ſtießen und die beiden Flügel der Glasthüre des Säulen⸗ ganges öffneten. „Mein lieber Gilbert,“ ſagte Meunier, verblüfft, unbeweglich vor Verwunderung, obgleich Gilberte ſich ſeines Armes bemächtigt hatte, „iſt das ein Traum?“ „Dieſes Hotel, dieſe Bedienten, dieſer ſchwarz ge⸗ kleidete dicke Herr, der Sie Herr Lithograph und Frau Blumenmacherin nennt,“ fragte Juliette, nicht minder unbeweglich, nicht minder verblüfft,, was bedeutet Alles dies? Wo ſind wir, mein Gott! wo ſind wir denn?“ „Ei! wir ſind bei uns!“ erwiederte heiter Gilbert; „Minette und ich ſind vor Kurzem, wie ich Ihnen geſagt habe, ausgezogen, und rücken heute Abend den Tiſch in unſerer neuen Wohnung, das iſt das Ganze. Zur Tafel, Frau Meunier, zur Tafel, das Abendbrod wird kalt!“ „Zur Tafel, Herr Meunier!“ rief Gilberte. „Kom⸗ men Sie geſchwinde, denn ich ſterbe vor Hunger!“ Die zwei jungen Leute ſchleppten, ſo zu ſagen, Auguſt und Juliette fort, und dieſe, welche ſich für das Spielzeug. eines Traumes hielten, folgten maſchinen⸗ mäßig ihren Freunden und durchſchritten, geführt vom Intendanten, das Veſtibule, wo die Livreedienerſchaft ſtand, fodann den Warteſaal, wo ſich die Kammerdiener ſchwarz gekleidet, mit ſeidenen Beinkleidern, ſeidenen Strümpfen und goldenen Schnallen auf ihren lacktrten Schuhen, aufhielten. Zwei von dieſen Dienern öffneten die Flügel eines zweiten Salon, und der Intendant, der die Schwelle dieſes von Vergoldungen, Lichtern und Blumen funkelnden Gemaches nicht überſchritt, ſprach, indem er ſich abermals verbeugte, ehrerbietig: „Die Frau Blumenmacherin und der Herr Litho⸗ graph werden auf der Stelle bedient ſein.“ Und die Flügel der Thüre ſchloſſen ſich wieder. Durch die Thürvorhänge von hellgrünem Damaſt, wie die mit goldenen Rahmen eingefaßte Tapete, er⸗ blickte man eine endloſe Enfilade von anderen Zimmern, welche nicht minder geräumig, nicht minder glänzend er⸗ leuchtet, nicht minder koſtbar meublirt und ausgeſchmückt waren, als der erſte Salon. Man bemerkte beſonders eine unglaubliche Verſchwendung von Blumen, die hier in chineſiſchen, fünf Fuß hohen Vaſen blühten und die Winkelfüllungen bildeten, dort wie wahre blühende Gebüſche in Jardiniören von eingelegter Arbeit oder in ungeheuren japaneſiſchen Töpfen, ſo bauchig wie Tonnen, zuſammengeſchaart waren. Die Kerzen der Luſtres, der Girandoles, der Candelaber, der goldbronzenen Fackel⸗ ſtühle von der Größe eines Mannes warfen Lichtſtröme — 161 auf dieſe Herrlichkeiten, die ſich in's Unendliche in rieſi⸗ gen Spiegeln wiederholten. Gilbert und Gilberte wunderten ſich um ſo weniger über das unbeſchreibliche Erſtaunen ihrer Freunde, als ſie es theilten, und, wie ſie, die Blicke bald dahin, bald dorthin wendend ausriefen: „Das iſt herrlich!“ „Das iſt blendend!“ „Man kann ſich nichts Schöneres vorſtellen,“ ſagte Gilbert. „Höre, Minette, haſt Du ſolche Wunder er⸗ wartet? Bei meiner Trene, wir haben keinen ſchlechten Handel gemacht.“ „Gewiß nicht!“ erwiederte Gilberte. Und zu Ju⸗ liette ſagte ſie: „Nicht wahr, meine gute Frau Meunier, es iſt prächtig hier? Wahrhaftig, es iſt nicht zu glauben!“ „Ah! Sie ſehen ſo verwundert aus als wir,“ rief Anguſt. „Ich ſage Ihnen, daß ich wahnſinnig werde, wenn Sie mir nicht erklären, wie . . . „Die Frau Blumenmacherin iſt bedient,“ meldete mit lauter Stimme der erſte Haushofmeiſter, während zwei Kammerdiener die Flügel eines Speiſeſaales öffne⸗ ten, der mit dieſem erſten Salon in Verbindung ſtand. „Meine Freunde, Sie hören, „„die Frau Blumen⸗ macherin iſt bedient,“ rief heiter Gilbert. „Zur Tafel! zur Tafel! Und dort, mein lieber Auguſt, während wir eine vortreffliche Flaſche Champagner trinken, werde ich Ihnen die Charade auflöſen.“ Es iſt unnöthig, von der Pracht und dem vortreff⸗ lichen künſtleriſchen Geſchmack des Geräthes der Tafel zu reden, an welche ſich Gilbert, ſeine Frau und ihre zwei Freunde ſetzten. Die Schüſſeln und die Rechauds von ciſelirtem Vermeil funkelten im Feuer der Kerzen. Der erſte und der zweite Haushofmeiſter, welche beauftragt waren, die Gerichte zu zerlegen und anzubieten, verſahen Gilbert und Gilberte. M. 11 ihren Dienſt um die Tiſchgenoſſen kreiſend, während hinter jedem von dieſen, bereit, ſie zu bedienen, ein Kammerdiener mit weißen Handſchuhen und eine Ser⸗ viette unter dem Arme ſtand. Dieſe Leute, als Domeſtiquen großer Häuſer, hatten längſt, wie Herr Guspier, ihr Intendant, die Gewohn⸗ heit angenommen, ſich über nichts zu wundern, oder ihr Erſtaunen wenigſtens nie zu offenbaren. Unempfindlich in ihrem officiellen Reſpect, nannten ſie, Gilbert und Gilberte bedienend, dieſe Herr Lithograph und Frau Blumenmacherin mit demſelben Ausdrucke tiefer Ehrfurcht, als hätten ſie ihnen die Titel Herr Herzog und Frau Herzogin gegeben. Zum Lobe von Gilbert und Gilberte müſſen wir ſagen, ſie zeigten ſich vollkommen frei, ungezwungen vor ihren Leuten, ein ſehr ſeltener Muth bei denjenigen, welche eine Drehung des Glücksrades zu einem plötzlichen Reichthum erhebt. Ungewohnt, bedient zu ſein, beinahe verlegen, es zu ſein, befürchtend, ſie könnten dieſe Be⸗ fangenheit durchblicken laſſen, zuweilen die Härte mit der Würde verwechſelnd, zeigen ſie ſich bald gegen ihre Leute plump, hochmüthig, bald im Gegentheil, weil ſie ſich ihre plötzliche Erhebung, ſo zu ſagen, wollen verzeihen laſſen, behandeln ſie ihre imgebung mit einer lächerlichen Vertraulichkeit. Nicht ſo war es bei Gilbert und Gil⸗ berte. Weit entfernt, über ihre frühere Lebenslage zu erröthen und ſie verbergen zu wollen, verherrlichten ſie dieſelbe nach ihren beſten Kräften, indem ſie ſich einen Titel daraus machten. Entzückt, im vollen Reichthum zu ſchwimmen, beſaßen ſie, welche durch eine der Conſe⸗ quenzen ihrer vortrefflichen Herzen ein heiteres und wohl⸗ wollendes Glück hatten, ſtatt durch das Glück anmaßend und aufgeblaſen zu werden, wie ſo viele Emporkömm⸗ linge, beſaßen ſie, ſagen wir, jene wahre Würde, welche aus dem Naturell, aus der Offenherzigkeit und dem völligen Mangel an Prätenſionen, das zu ſcheinen, was 4 163 man nicht iſt, entſpringt. Dieſe koſtbaren Eigenſchaften offenbarten ſich bei ihnen, ſobald ſie mit ihren Freunden zuſammenſaßen, deren bewunderndes Erſtaunen ſich ver⸗ doppelte beim Anblick dieſer mit einem Luxus, mit einer ausgeſuchten Pracht, wovon ſie nicht einmal einen Be⸗ griff gehabt, ſervirten Tafel. Gilbert nahm aus einem, wie der übrige Service, bewunderungswürdig ciſelirtem Kühleimer eine mit Cham⸗ pagner, der durch das Eis halb gefroren, gefüllte Carafe und ſagte zu Meunier: „Ihr Glas, mein wockerer Freund, und laſſen Sie uns vor Allem auf die Freundſchaft trinken.“ „Endlich,“ rief heiter Gilberte, indem ſie auch ihr Glas, eine Kryſtallſchale von antiker Form, darreichte, „end⸗ lich werden wir die vielbeſprochene Flaſche Champagner trinken! und daß wir ſie vollends mit Freunden trinken, u get dem Weine ſeine feinſte Blume, nicht wahr, ibi?“ Auguſt ſchaute ganz befremdet ſeine Frau an, und dieſe ſchaute ihren Mann an und fragte ihn mit den Augen: „Verſtehſt Du etwas hievon?“ „Wachen wir wirklich?“ erwiederte Meunier in der⸗ ſelben Augenſprache. Und unbeweglich, ohne die Gerichte zu berühren, die ſie maſchinenmäßig angenommen hatten, ſchienen Auguſt und Juliette die bacchiſche Aufforderung von Gilbert nicht zu hören, der, die Carafe in der Hand, den Arm ausgeſtreckt hielt; doch betroffen von dem Stillſchweigen und der Haltung ſeiner Gäſte, überlegte er eine Secunde, ſtellte die Carafe wieder in den Kühl⸗ eimer von Vermeil und ſagte heiter: „Bei allen Göttern! ich bin ſo dumm wle eine Gans.“ „Oh!“ rief Gilberte lachend, „man ſagt nicht ſolche Dinge ſich ſelbſt.“ „Minette, ich bin berechtigt, ſo mit mir zu ſprechen, 164 denn unſere Gäſte ſind dergeſtalt verwirrt durch die Ueberraſchung, die wir ihnen bereitet, daß ſie auf eine Viertelſtunde den Durſt und den Appetit verloren haben, und das iſt eine beklagenswerthe Unannehmlichkeit, wenn es ſich um das Soupiren handelt.“ „Du haſt Recht, ſagen wir ihnen ſogleich, wie wir aus kleinen Leuten, was wir waren, Millionäre, Erz⸗ millionäre geworden ſind, und der Durſt und der Appetit werden bei dieſen lieben Freunden wiederkehren.“ Vernehmen Sie mit zwei Worten, wie ſich die Sache verhält,“ ſprach Gilbert: Wir haben, wie Sie, mein lieber Auguſt, eine Erbſchaft gemacht. Dieſe gute Kunde iſt uns geſtern zugekommen; doch heute Morgen verbargen wir vor Ihnen unſer Spiel, und nach Ihrem Abgange kauften wir, mittelſt unſerer Millionen, dieſes Hotel ganz meublirt; unſer Intendant war, immer durch den Zauberſtab dieſer Millionen, im Stande, in ein paar Stunden die Dienerſchaft zuſammenzubringen, die Sie ſehen, und uns dieſes feine Abendbrod, dem wir alle Ehre anthun wollen, bereiten zu laſſen. Das iſt die Ge⸗ ſchichte, mein wackerer Meunier, ſie iſt ſehr einfach . . Ihr Erſtaunen hat nun aufgehört, und ſo komme ich auf unſern Anfang zurück. Trinken wir vor Allem auf die Freundſchaft, wonach wir, wie ich hoffe, um die Wette mit den Zähnen ſpielen werden.“ Gilbert irrte ſich; die Sache, die er für ſehr einfach hielt, ſchien Auguſt und Juliette nicht ſo. So iſt es mit der menſchlichen Natur. So ſeltſam die Zufälle ſein mögen, denen wir un⸗ glaubliche Glücksumſtände verdanken, ſie ſcheinen uns beinahe der natürlichen Ordnung der Dinge zu ent⸗ ſprechen, während ſie uns ganz exorbitant dünken, ſobald ſie Andere begünſtigen. Meunier erſtaunte nicht übermäßig darüber, daß er von einem unbekannten Verwandten geerbt hatte, aber 165 die uuvermuthet ſeinen Freunden zugefallene Erbſchaft ſchien ihm an das Wunderbare zu grenzen. 5 Das iſt noch nicht Alles: dieſe Erbſchaft, um nach den von den Käufern des Hotel ſchon gemachten Aus⸗ gaben zu urtheilen, mußte coloſſal ſein, und Meunier, obgleich zwei Millionen reich, fühlte ſich eine Art von kleinem Rentier, wenn er ſich mit ſeinen Freunden verglich. Sodann verrieth ihr großer Luxus in keiner Hinſicht den Emporkömmling, und ſo fremd Auguſt und ſeine Frau jenem Gefühle ausgewählter, erhabener Ele⸗ ganz waren, das beinahe traditionell in einer Ariſto⸗ kratie iſt, die ſich nur damit beſchäftigt, zu glän⸗ zen, zu ſcheinen, während ihr häufig auch das Ver⸗ ſtändniß und die Liebe für die Kunſt in hohem Maße zur Seite ſtehen, fühlten ſie ſich doch inſtinctmäßig betroffen von der vollſtändigen, großartigen Pracht, mit der ſich ihre Freunde mittelſt ihrer Millionen umgeben hatten. Gilbert und Gilberte, die ſich ohne Zwang Bibi und Minette vor ihren Dienern nannten und ſich von ihnen ganz ſtolz Herr Lithograph und Fran Blu⸗ menmacherin betiteln ließen, Gilbert und Gilberte, heiter, einfach, freundlich, offen und ohne einen Schatten von Befangenheit inmitten dieſes wunderbaren Vermögens, flößten gerade durch ihre Einfachheit Meunier und ſeiner Frau Ehrfurcht ein. Dieſe waren im ſtrengſten Sinne des Wortes wackere Leute, davon zeugte die Erinne⸗ rung, die ſie an ihre Freunde bewahrt hatten, ſo wie ihr herzlicher Beſuch am Morgen, doch ſie beſaßen nicht die Erhabenheit der Seele, welche dieſe über die bitteren Empfindungen eines gemeinen Neides ſtellt. Sie hatten einer ſehr lobenswerthen Gemüthsbewegung nachgegeben, als ſie, bereichert am vorhergehenden Tage, ihren Freun⸗ den von einer Stunde entgegenkamen, von denen ſie an⸗ nahmen, ſie ſeien ſo arm wie früher; doch der, welcher wohlwollend zu dem gekommen ſein wird, von welchem er glaubte, er befinde ſich in einer Lage, die unter der 166 ſeinigen, wird immer eine Art von leichtem Aerger, wenn nicht von Abneigung oder Eiferſucht, empfinden, wenn er ſich von dem, zu welchem er kurz zuvor noch herabſtieg, überflügelt ſieht. Mit einem Worte, iſt es auch leicht, ſich wohlwollend gegen diejenigen zu zeigen, die relativ in ihren Verhältniſſen unter uns ſtehen, ſo iſt es dagegen ſchwieriger, weder Verdruß, noch Neid in Betreff derer zu zeigen, welche über uns ſtehen, mag es ſich nun um Geburt, Charakter, Vermögen oder Talent handeln. Meunier und ſeine Frau fingen alſo an von tau⸗ ſend Seiten auf ihre neuen Freunde eiferſüchtig zu werden, eine noch dumpfe Eiferſucht, die ſich zuerſt nur durch das kalte Unbehagen der beiden Gäſte und durch den beinahe gänzlichen Verluſt ihres Appetits und ihrer Heiterkeit kundgab. In ihrer Güte, in ihrer Treuherzigkeit unfäͤhig, ſchlimme, ihrer Seele ſo frende Gefühle zu argwohnen, hatten alſo Gilbert und Gilberte keine Ahnung von den geheimen Gedanken ihrer Gäſte, brachten frendig ihren erſten Toaſt auf die Freundſchaft und ſtießen nach der alten guten Sitte mit Meunier und ſeiner Frau an, welche endlich, die Aufforderung ihrer Freunde erwiedernd, ihre Gläſer darreichten, aber ſie nur zur Hälfte leerten. Schon dünkte ihnen der Wein dieſer prachtvollen Gaſt⸗ freundſchaft bitter. Gilbert leerte ſeine Kryſtallſchale bis auf den Grund, und ſeine Frau, nachdem ſie zwei Fingerhut voll in Eis abgekühlten Champagner getrunken hatte, rief: „Endlich! . . . ich habe ihn gekoſtet, dieſen herr⸗ lichen Champagner! . . . Hm!“ machte ſie, indem ſie mit dem Ende ihrer roſigen Zunge über ihre friſchrothen Lippen ſtrich, „das iſt ganz vortrefflich! Nur macht das die Zähne gefrieren! Gieße mir nun Waſſer in mein Glad, Bibi, mein Kopf iſt nicht ſehr ſtark, und ich will 167 mich nicht der Gefahr ausſetzen, daß ich meine Haube ſchief drehe. Nein, nein!“ In dem Angenblick, wo die junge Frau ihr Glas ihrem Manne reichte, daß er es mit Waſſer fülle, nahm einer von den Kammerdienern eiligſt eine Carafe, um den Wunſch der Frau Blumenmacherin zu befriedigen, doch dieſe ſagte heiter: „Ich danke! ich will lieber von Bibi bedient ſein, das iſt meine Gewohnheit!“ Der Diener verbeugte ſich und ſtellte die Carafe wie⸗ der auf den Tiſch. Der erſte Haushofmeiſter, nachdem er den Gäſten andere ausgeſuchte Gerichte ſervirt hatte, reichte Gilbert, während dieſer das Glas ſeiner Frau mit Waſſer füllte, eine Platte von Vermeil, deren Rand mit einer Garnitur von weißem, hartem, wie Spitzen durchbroche⸗ nem Teig verziert war. In der Mitte dieſer Platte ſah man ein Gericht ungefähr von der Form einer Paſtete, aber halb durchſichtig gemacht durch gereifelte Ornamente von Fleiſchgallerte, welche hier topasfarbig, dort rubin⸗ farbig; dieſe Ornamente waren noch hervorgehoben durch zartgrüne Piſtacien und ebenholzſchwarze Trüffelrädchen, Kreuze und Rauten vorſtellend. Gilbert ſagte zu dem Bedienten, der ihm dieſes Gericht bot: „Unſer Herr Haushofmeiſter, dieſe Platte iſt ſehr hübſch anzuſchauen . . . doch wollen Sie mir erklären, was das iſt?“ „Ein Warmkalt von Filets von jungen Enten, Herr Lithograph.“ „Wie, ein Warmkalt?“ „Ja, Herr Lithograph,“ antwortete der Haushofmeiſter, und er wiederholte, indem er die zwei Worte, um ſie verſtändlich zu machen, trennte: ein Warmskalt.“ i „Oh! ſehr gut, das iſt etwas Warmes, was kalt ift.“ „Einen Angenblick Geduld, Bibi!“ rief Gilberte lachend: „Wenn das warm iſt, iſt es nicht kalt .. und 168 wenn es kalt iſt, iſt es nicht warm . nicht wahr, meine gute Frau Meunier?“ „Natürlich,“ erwiederte die junge Frau mit einem gezwungenen Lächeln; denn, wie ihr Mann, fühlte ſie ſich immer mehr durch den Reid erbittert. „Ich erlaube mir, der Frau Blumenmacherin zu be⸗ merken,“ ſagte ehrerbietig der Haushofmeiſter: „ein Warm⸗ kalt, ein Gericht, das gewöhnlich für die Ambigus *) und die Soupers vorbehalten bleibt, wird bereitet, als ob es warm geſpeiſt werden ſollte, doch man ſervirt es kalt, nachdem man es mit Gallerte verziert hat.“ „Ah! ja,“ verſetzte Gilberte, „das iſt wie eine Gibe⸗ lotte, die man kalt werden läßt!“ Und ſie wandte ſich an ihren Mann und rief ihm zu: „Oh! Leckermäulchen, das war Deine Liebhaberei: kalt den Ueberreſt der Gibelotte zu eſſen, die ich Dir am Tage vorher mit einem ächten Kaninchen gekocht, wenn wir genug verdient hatten, um als Fürſten zu ſpeiſen.“ „Sehen Sie, wie eitel ich auf meine Frau bin, mein wackerer Meunier,“ ſprach Gilbert heiter zu ſeinem Freunde. „Ich wette, Ihre Juliette macht die Gibelotten nicht beſſer, als Minette.“ „Und den Mironton **)!“ rief Gilberte ſtolz. „So wie Sie mich hier ſehen, fürchte ich Niemand, was den Mironton betrifft! ah! nein!“ Weder Meunier, noch ſeine Frau beſaßen die ſeltene philoſophiſche Offenherzigkeit von Gilbert und Gilberte, welche freimüthig genug, um von ihrer demüthigen Ver⸗ gangenheit ohne Furcht und ohne Affectation vor ihren Leuten zu ſprechen; bis über die Ohren erröthend, ant⸗ *) Mahlzeiten, bei denen kalte und warme Gerichte zugleich ſervirt werden. **) Eine Speiſe beſtehend aus gebratenen Fleiſchſchnitten mit allerlei Gewürzen und Kräutern zugerichtet. 169 wortete auch Madame Meunier mit einem ſüßſauren Tone, den unſere beiden jungen Leute gar nicht bemerkten: „Meine liebe Frau Gilbert, ich ſtrecke die Waf⸗ fen, was die Gibelotte und den Mironton betrifft . . . Ich habe mich nie mit der Küche beſchäftigt, denn hier, in unſerem Handelshauſe aßen wir mit unſeren Pa⸗ tronen, und in Lyon hatte Mama, Gott ſei Dank! eine Köchin.“ Und die zwei Neidiſchen warfen einen ſchiefen Blick auf die Bedienten, denen gegenüber Madame Meunier beſonders daran lag, laut zu erklären, ihre Mutter habe eine Köchin gehabt. Gilbert hatte während der Antwort von Juliette von dem Kaltwarm von Entenfilets gekoſtet, indeß Gil⸗ berte, getreu ihrer alten Gewohnheit, von demſelben Tel⸗ ler mit ihrem Manne zu eſſen, dem Haushofmeiſter, der ihr von dieſem Gerichte anbot, erwiederte: „Nein, nein, wenn mir das zuſagt, werde ich ein Stück vom Teller von Bibi nehmen,“ was ſie auch that, indem ſie ihren Ellenbogen auf den Tiſch ſetzte und mit dem Ende ihrer Gabel auf dem Teller von Gilbert zu ſtochern anfing. Zeugen von dieſen mehr als vertraulichen Manieren, zuckten Juliette und ihr Mann, die ſo ſich in der Achtung der Dienerſchaft erhöhen wollten, ſichtbar die Achſeln, um zu beweiſen, ſie ſeien genug bewandert in den Sitten der ſchönen Geſellſchaft, daß ihnen die Unanſtändigkeiten von Gilberte ein Aergerniß bereiten; doch dieſe bemerkte eben ſo wenig als ihr Mann die kritiſche Pantomime ihrer Gäſte, fuhr fort, auf dem Teller von Bibi zu ſtochern, und ſagte zum Haushofmeiſter: „Mein braver Mann, Sie behaupten, dieſes Gericht ſei Ente?“ „Verzeihen Sie, Frau Blumenmacherin,“ erwiederte ehrerbietig der Haushofmeiſter, „es iſt Filet von jungen Enten von Rouen.“ 170 „Nun! Ente iſt Ente,“ verſetzte Gilberte heiter. „Die⸗ ſes Gericht iſt ſehr gut, doch ich muß bemerken, dem Ge⸗ ſchmacke nach gleicht das nicht mehr einer Ente, als ir⸗ gend etwas Anderes.“ „Ich, was mich betrifft, finde das vortrefflich,“ ſagte Juliette, welche den Dienern zeigen wollte, ſie wiſſe dieſe ausgezeichnete Küche zu würdigen. „Das hat einen Ge⸗ ſchmack, der . einen Geſchmack, der . . . Kurz, es iſt köſtlich!“ „Ich habe ſchon einmal in Lyon beim Generalein nehmer gegeſſen,“ fügte Meunier dünkelhaft bei (und er log); „das iſt ein ſehr delicates Gericht, doch ich kannte es.“ „Sie finden das Beide köſtlich! Oh! deſto beſſer!“ ſprach herzlich Gilberte. „So oft Sie bei uns ſpeiſen, wird man Ihnen davon vorſetzen. Vergeſſen Sie das nicht, unſer erſter Herr Haushofmeiſter.“ Und ſich an Juliette wendend: „Sagen Sie doch, meine kleine Frau Meunier, wir haben einen erſten Haushofmeiſter, inſofern wir einen zweiten haben . .. Welch ein Spaß!“ Frau Meunier, welche für Gilberte beinahe vor Scham ſtarb, erinnerte ſie durch einen verſtohlenen Wink daran, daß die Leute, welche bei Tiſche ſervirten, das Geſpräch hören. Die junge Frau erwiederte naiv: „Nun! was macht das mir, daß unſere Bedienten uns hören, meine gute Juliette? Dieſe wackeren Leute, wiſſen ſie nicht, wer wir ſind, da ſie uns geradezu Herr Lithograph und Frau Blumenmacherin nennen? .. Und bei unſeren Ständen hat man nicht wohl Haushofmeiſter!“ „Was ich am Klarſten hierin ſehe, iſt,“ verſetzte heiter Gilbert, „daß unſere Freunde angeklagt und über⸗ wieſen ſind, ſie beten das Enten⸗Warmkalt an. Ich er⸗ kläre daher unſere Freunde für verurtheilt, übermorgen hierher zu kommen und von dem genannten Gerichte in Begleitung, wie heute, von meheren andern zu ſpeiſen.“ „Verurtheilt, ohne Strafnachlaß, übermorgen mit uns zu Mittag zu ſpeiſen, gut, Bibi!“ 171 „Und da wir ſehr intereſſirte Menſchen ſind,“ fügte Gilbert bei, „ſo verlangen wir von Ihnen dagegen, daß Sie uns überübermorgen Mittagbrod geben.“ „Angenommen!“ rief Gilberte, vor Freude in die Hände klatſchend. „Vollſtändige Partie! Vor dem Mit⸗ tageſſen holen wir Sie in einem von unſeren ſchönen neuen Wagen, beſpannt mit vier Pferden, ab, um im Boulogner Wäldchen ſpazieren zu fahren.“ „Und nach dem Mittageſſen ins Theater,“ ſetzte Gil⸗ bert hinzu. „Bei allen Elementen! es heißt ſeine Ver⸗ gnügungen verdoppeln, ſie mit ſeinen Freunden theilen!“ Wären unſere zwei jungen Leute nicht durch ihr Glück und ihre vertrauensvolle Zuneigung geblendet ge⸗ weſen, ſie hätten bemerkt, mit welcher Befangenheit, mit welcher Kälte ihr herzlicher Vorſchlag aufgenommen wurde, denn Meunier antwortete, indem er zu lächeln ſich anſtrengte: „Was denken Sie! bei uns zu Mittag ſpeiſen? wir armen Leute würden es nicht wagen, vornehme Herr⸗ ſchaften, wie Sie ſind, zu empfangen.“ „Der drollige Meunier!“ rief Gilbert. „Eine Ar⸗ muth von zwei Millionen. .. ich danke für die Kleinigkeit.“ „Sie fühlen wohl, meine liebe Juliette,“ ſprach Gil⸗ berte, „ich denke wie Bibi, daß Ihr Mann ſcherzt, wenn er ſagt, Sie würden es nicht wagen, uns zu empfangen.“ „Nein, im Ernſte,“ erwiederte Auguſt, „meine Frau und ich befürchten, unſere Lebensart dürfte der Ihrigen nicht entſprechen.“ „Ich möchte doch wiſſen, warum, mein wackerer Meunier?“ „Ich will es Ihnen offenherzig ſagen: Juliette und ich haben keinen Geſchmack für großen Luxus. Als uns unſere Erbſchaften vom Himmel zufielen, ſagten wir zu einander: Einen Monat wollen wir alle unſere Launen befriedigen. Und dann, ſtatt den Gimpeln, den Narren nachzuahmen, die ihr Geld dumm zum Fenſter hinaus⸗ werfen, um ſich das Anſehen von Fürſten zu geben, ſo daß ihnen bald nichts mehr bleibt, als ihre Augen, um ihre alberne Verſchwendung zu beweinen, haben wir, Juliette und ich, beſchloſſen, mit unſeren Kapitalien ein großes Handelshaus, vielleicht ein Bankgeſchäft, zu grün⸗ den und ſo unſer Vermögen zu vermehren.“ „Oh! mein wackerer Meunier, welches Vergnügen machen Sie mir, daß Sie ſo ſprechen,“ verſetzte der gute Gilbert. „Als wir Sie heute Abend im Theater die vornehmen Herrſchaften und die Lente von Genie gleichſam um ihre Exiſtenz beneiden hörten, befürchteten meine Frau und ich . .. Ihre Erbſchaft habe .. . „Unſere Erbſchaft habe uns das Gehirn verrückt, wie ſo vielen Andern?“ unterbrach Meunier, „und wir ſeien mit unſerem Looſe nicht zufrieden? Rein, nein! Teufel! wir ſind nicht ſo dumm.“ „Oh! beruhigen Sie ſich!“ ſprach Juliette. „Au⸗ guſt hat es Ihnen geſagt: wir gehören nicht zu den Narren, welche glauben ihr Schatz ſei unerſchöpflich, und weit entfernt, ihn verſchleudern zu wollen, gedenken wir ihn noch durch gute Unternehmungen und eine ſtrenge Sparſamkeit zu vermehren. Unſer einziges Ziel iſt, zwei⸗ mal reicher zu werden, als wir ſind, und wer weiß, ob wir nicht eines Tages ſo ungeheuer reich ſein werden, wie Sie und Ihr Gatte .. meine liebe kleine Gilberte.“ Der Ausdruck dumpfen Reides, von dem dieſe Worte begleitet waren, erregte eben ſo wenig die Aufmerkſam⸗ keit von Gilbert und ſeiner Frau, als die eiferſüchtigen, boshaften Anſpielungen, welche ihren Gäſten vom An⸗ fange des Abendbrods an entſchlüpft waren. Nein, im Erguſſe ihres Glückes und ihrer vertrauensvollen Zu⸗ neigung, die Urſache einer geheimen Gereiztheit, die ſie nicht bemerkten, nicht einmal ahnend, konnten Gilbert und Gilberte, die ſich Herren eines unerſchöpflichen Schatzes — vermöge der Zauberkraft der Korrigan — wußten, nicht einen Augenblick vermuthen, die Prädicate N— Narren, Gimpel, Verſchwender ſeien ihnen ertheilt. Sie fühlten ſich im Gegentheil ſehr erfreut, als ſie ihre Freunde die Hoffnung ihr Vermögen durch Arbeit und Sparſam⸗ keit zu verdoppeln, zu vervierfachen, ausſprechen hörten. Gilbert erwiederte auch mit einer Zufriedenheit, mit einer Herzlichkeit, welche die zwei Neidiſchen in Verzweiflung brachte: „Schön, ſchön, mein lieber Auguſt, bereichern Sie ſich noch mehr, bereichern Sie ſich immer, und bei jeder Vermehrung Ihres Vermögens werden wir Ihnen mit beiden Händen Beifall klatſchen! Oh! Sie und Ihre Frau, Sie ſind vernünftige, ſparſame, arbeitſame Leute; ſparen Sie, arbeiten Sie muthig, der gute Gott wird ſeinen Segen dazu geben.“ Dieſe letzten Worte, in denen ſie einen Rath ſehen wollten, einen Rath gegeben mit dem Hochmuthe eines vornehmen Mannes, der über den gemeinen Ideen der Sparſamkeit und der Arbeit ſteht, erbitterten unſere Nei⸗ diſchen auf das Aeußerſte. Und aus Furcht, ſich noch mehr zu verrathen, wechſelten ſie einen Blick und ſtan⸗ den vom Tiſche auf. „Wie! Sie wollen uns ſchon verlaſſen?“ rief Gilbert. „Sie müſſen uns entſchuldigen,“ erwiederte Meunier, „weder Juliette, noch ich ſind gewohnt, ſehr lange zu wa⸗ chen wir ſind geordnete Leute.“ „Oh! unter uns nie ein Zwang,“ ſagte freundlich Gilberte; „wir müſſen uns oft ſehen, handeln Sie alſo immer ohne Umſtände, wie man unter guten und wahren Freunden handelt.“ „Und zu Bekräftigung deſſen, was meine Frau ſagt, laſſen Sie hören, mein lieber Meunier: wann werden Sie uns Mittagbrod geben?“ „Wahrhaftig, wir wohnen im Vergleiche mit Ihnen ſo ſchlecht,“ antwortete Auguſt verlegen; „wir haben ein paar meublirte Zimmer genommen, und „Abermals dieſer Scherz!“ verſetzte heiter Gilbert. „Frau Meunier, ſagen Sie doch Ihrem Manne, er ſoll etwas Anderes finden: das wird Rococo . . . Doch im Ernſte geſprochen . . glaubten Sie nicht, Sie wer⸗ den heute Abend in unſerer Manſarde ein Gericht Gern⸗ geſehen verzehren? Bekümmerten Sie ſich nur im Ge⸗ ringſten darum, ob das kleine Mahl, das wir Ihnen von Herzen anboten, delicat ſein würde oder nicht? Warum denken Sie alſo, Minette und ich ſeien von einem an⸗ deren Schlage, als Sie?“ „Wir bitten Sie nur um Eines,“ fügte Gilberte artig bei: „beurtheilen Sie unſer Herz nach dem Ihri⸗ gen, und dann wird Alles von ſelbſt gehen.“ „Wohl denn, am Donnerstag, meine Freunde,“ ſprach Meunier, der, wenn er ſich länger dem Wunſche ſeiner Freunde widerſetzte, ſeine ſchlimmen Empfindungen zu entlarven befürchtete „Am Donnerstag, erwarten Sie aber kein Balthaſarsmahl, wie das, welches Sie uns gegeben haben. Wir ſind gegen Sie nur kleine Leute, gnädigſter Herr Gilbert.“ „Gnädigſter Herr Meunier, Sie ſind ein ſchlech⸗ ter Spaßmacher, was meine Herrlichkeit nicht abhält, Ihnen den Vorſchlag zu machen, ehe Sie weggehen, auf die Freundſchaft ein Glas von dieſem Conſtantia⸗ Wein zu trinken. Unſer Herr Haushofmeiſter verſichert mich, dieſer Wein ſei vortrefflich, und man trinke ihn beim Schluſſe der Mahlzeit.“ Die zwei Paare ſtießen zum letzten Male an, Gil⸗ bert und Gilberte mit einer offenen Herzlichkeit, Auguſt und Juliette mit einer lügenhaften Herzlichkeit; dann trennte man ſich. Unſere beiden jungen Leute wollten ihre Gäſte bis zu ihrem Wagen begleiten und ließen ſie (ein weiteres Herzeleid für die Reidiſchen) durch das Spalier von Lackeien in großerLivree gehen, welche am Wege ihrer neuen Gebieter ſtanden; endlich ſtießen die zwei Schweizer dreimal mit dem Schafte ihrer Hellebar⸗ den auf dir ſonoren Platten, nachdem ſie die beiden Flü⸗ 175 gel der großen Glasthüre vor Meunier und ſeiner Frau geöffnet hatten. . „Ich gäbe hunderttauſend Franken aus meiner Taſche, wenn ich dieſe Leute nie hätte kennen lernen!“ ſagte Meunier, während er ſich neben ſeine Frau in den Wa⸗ gen ſetzte. „Wir ſehen aus wie Bettler gegen ſie.“ „Geduld, Anguſt!“ erwiederte Juliette; „bei dem Leben, das ſie führen, werden ſie bald ruinirt ſein; ſie werden uns dann nicht mehr mit ihrem frechen Luxus erdrücken, und wer zuletzt lacht, lacht am beſten!“ „Wackere Freunde!“ ſprach treuherzig Gilbert, in⸗ deß er die Freitreppe des Hotel hinauſſtieg, nachdem er den Wagen von Meunier ſich hatte entfernen ſehen. „Was für gute Partiechen zu vier werden wir mit einander machen!“ „Oh! ja,“ rief Gilberte, „die Freundſchaft iſt etwas ſo Reizendes!“ KXXI. Gilbert und Gilberte kehrten nach dem Abgange ihrer Freunde in das Innere des Hauſes zurück und fan⸗ den hier Herrn Guspier; dieſer verbeugte ſich und ſprach: „Wollen mir die Frau Blumenmacherin und der Herr Lithograph die Ehre einer kurzen Unterredung er⸗ weiſen, ehe ſie ſich in ihre Gemächer zurückziehen?“ „Gewiß, unſer Herr Intendant, werden wir Ihnen dieſe Ehre erweiſen,“ antwortete Gilbert; „doch zuvor,“ fügte er bei, indem er ſich gegen die Livreebedienten um⸗ wandte, welche immer noch im Spalier daſtanden, „zuvor will ich dieſen wackern Leuten ſagen, und ſie mögen es ihren Kameraden wiederholen, daß wir mit ihrer Bedie⸗ nung heute Abend zufrieden ſind, und ſie werden es nicht zu berenen haben, daß ſie bei uns eingetreten.“ „Und um anzufangen,“ rief Gilberte, „wir bewil⸗ ligen Jedem von Ihnen eine Gratification . . . Von viertauſend Franken für den Mann,“ſagte Gil⸗ bert. „Doch merken Sie wohl auf, unſere Herren Die⸗ ner, und behalten Sie Folgendes: Minette und ich, wir wollen und verlangen, doß um unſeretwillen Jeder von Ihnen täglich, und zwar aus dem Grunde ſeines Her⸗ zens zu ſich ſpreche: „„Alle Sterne, wie glücklich iſt man in dieſem Hauſe! Wahrhaſtig, man kann unter dem Himmelszelte keine beſſere Lage finden, als die unſere! und bei meiner Treue! es leben die Blumenmacherinnen und die Lithographen! ſie ſind wohl ſo viel werth, als die Herzoge und die Herzoginnen!““ Und nun ſpeiſen Sie heiter zu Nacht, ſchlafen Sie wohl! . und hienach .. Ihr Diener, unſere Herren Diener!“ Gilbert und Gilberte ließen ihre Leute ganz erſtaunt über dieſe Anrede und die Freigebigkeit, die ihr vorher⸗ gegangen, zurück und gingen in Begleitung von Herrn Guspier in einen ihrer Salons. Der Intendant fragte ſie: „Sind die Frau Blumenmacherin und der Herr Lithograph zufrieden?“ „Hunderttauſend Franken Gratification für Sie, un⸗ ſer Herr Intendant! Das iſt unſere Antwort, nicht wahr, Minette?“ „Ich glaube wohl! Dieſer brave Herr Guspier hat ein wahres Kraftſtück vollbracht!“ „Wie . . hunderttauſend Franken .. Gratifica⸗ tion?“ verſetzte der Intendant, betäubt durch dieſe ver⸗ ſchwenderiſche Großmuth. „Ich wage kaum, es zu glauben.“ „Ah!“ ſagte Gilbert, in ſeiner nnverſiegbaren Ta⸗ ſche ſtörend, „haben Sie nichts mehr übrig von unſeren zwölfmalhunderttauſend Franken von heute Morgen? Sprechen Sie!“ „Ich bitte den Herrn Lithographen um Verzeihung, es werden einige tauſend Franken übrig ſein, ſelbſt anſſer 177 dieſer wahrhaft fürſtlichen Gratification, was ſage ich, königlichen Gratification!“ „Sagen Sie doch lithographiſchen, Herr Guspier,“ rief Gilberte lachend wie eine Tolle, „da Bibi weder Fürſt, noch König, ſondern ganz einfach Lithograph iſt.“ „Und hienach, Herr Jutendant,“ fügte Gilbert bei, „machen Sie es wie die Anderen, ſpeiſen Sie zu Nacht und legen Sie ſich zu Bette; morgen werden wir Ihre Kaſſe wieder füllen. Doch da fällt mir ein, wo iſt unſer Zimmer?“ „Das Gemach von Madame liegt am Ende des großen rothen Salon, des dritten von hier. Die Frauen von Madame erwarten ſie für ihre Nachttoilette. Das Gemach des Herrn liegt im erſten Stocke, ſeine Kammer⸗ diener erwarten ihn, um ihn auszukleiden.“ „Ha! ha! ha!“ rief Gilberte lachend und die Ach⸗ ſeln zuckend, „ſo ganz nahe beiſammen? Ich danke! Du hörſt, Geliebter, Madame im Erdgeſchoße der Herr im erſten Stock! Eine hübſche verliebte Wirthſchaft! Nein, mein Bibi und ich wohnen, bei meinem Ehrenworte, ſo zu nahe bei einander; das wäre unanſtändig, Herr Guspier.“ „Uuſer Herr Intendant,“ ſprach Gilbert, „Sie wer⸗ den mir das Vergnügen machen, den Frauen meiner Frau und meinen Kammerdienern zu ſagen, ſie ſollen zu Nacht ſpeiſen wie die Andern und uns in Ruhe laſſen, da wir die Gewohnheit haben, uns allein ſchlafen zu legen; zu⸗ vor wolleu wir uns aber damit belnſtigen, daß wir die ſchönen Salons unſeres Hotel durchwandern, wonach wir in das Gemach vom Erdgeſchoße zurückkehren werden; wir wählen es, weil man daraus ebenen Fußes in den Gar⸗ ten gelangt.“ „Ah! was den Garten betrifft, ſprach Herr Gus⸗ pier mit einer geheimnißvollen Miene lächelnd, „wenn es mir erlaubt wäre, meinen edlen Gebietern einen Rath zu geben, ſo würde ich ſie ermahnen, den Garten zu Gilbert und Gilberte. M. 12 beſuchen. Die Nacht iſt herrlich, und ſie würden einen Spaziergang vielleicht nicht bereuen.“ „Wir werden Ihren Rath befolgen,“ erwiederte Gil⸗ pert, „und morgen früh klingeln wir, wenn wir Etwas oder Jemand brauchen; und hienach guten Appetit und guten Schlaf, unſer Herr Intendant!“ Herr Guspier verbeugte ſich, ging ab, und unſere beiden jungen Leute blieben allein. „Ich wette, daß uns dieſer Schelm eine Ueberra⸗ ſchung im Garten bereitet hat,“ ſagte Gilbert. „Gehen wir vor Allem dahin: wir können nachher unſere Gemä⸗ cher durchwandern.“ „Du haſt Recht, Geliebter, das wird köſtlich ſein! Komm geſchwinde ... Der Abend iſt ſchön. Doch halt, dieſe Glasthüre muß nach dem Garten gehen! . .. Oeffnen wir die Läden . Kaum hatte Gilbert das Spaniolett der weißen Lä⸗ den mit vergoldetem Leiſtenwerk ſpielen laſſen, als unſere zwei jungen Leute durch die Scheiben ein wahrhaft feen⸗ artiges Gemälde erblickten Beinahe ſo groß als ein Park und mit hundert⸗ jährigen Bäumen bepflanzt, war der Garten durch Lam⸗ pen von verſchiedenen Farben: grün, weiß, roth, blau, vrangefarbig, beleuchtet; halb verſchleiert, warf ihr Licht, das ſich mit dem des Vollmonds vermengte, auf die Bäume, auf die Raſen und die Blumen phantaſtiſche Reflexe; ein Vorhang von Linden und ungeheuren Ka⸗ ſtanienbäumen begrenzte den Horizont; mitten auf einer großen Wieſe, dem Hotel gegenüber, ergoß ein Becken mit ſanftem Gemurmel in zwei untere Schaalen eine Cascatelle von klarem Waſſer; dieſe bewegliche Welle glich bald einer filbernen, bald einer goldenen flachen Maſſe, je nachdem ſie durch einen Strahl des Mondes verſilbert oder durch die Feuer der Illumination vergol⸗ det wurde. Die Zugänge des großen Baſſin, in welches — — 179 in Cascaden die Waſſer der Becken fielen, boten beſod⸗ ders einen bezaubernden Anblick. Ein Cordon von in⸗ nerlich erleuchteten Kugeln von geſchliffenem Kryſtall, ungeheuren durchſichtigen Perlen ähnlich, bezeichnete den Umkreis des Baſſin, eine ruhige Helle auf einem rieſigen Korbe von Roſenſträuchern verbreitend, die ſich in einen ſanften Abhang bis zu der Wieſe ſenkten. Sechstauſend Roſenſträuche bildeten vielleicht dieſen Korb, doch ſie ſtan⸗ den ſo nahe beiſammen und waren ſo blüthenreich, daß ſie den Anblick eines Roſenhügels boten. Man ſah auch noch ſtellenweiſe unter den Geſtränchen oder halb verbor⸗ gen im Raſen eine Menge von farbigen Gläſern, ſchil⸗ lernde Punkte von verſchiedenen Nuancen und jenen phosphorescirenden Glühwürmern ähnlich, welche im Schatten der hohen Gräſer in den Sommernächten ſchimmern. Anfangs in Erſtaunen geſetzt durch dieſe Ueberra⸗ ſchung, die ihnen die fruchtbare Einbildungskraft ihres Intendanten bereitet hatte, empfanden Gilbert und Gil⸗ berte eine tolle Freude beim Anblick der Beleuchtung, und wie aus einer Schule Entwichene ſtiegen ſie, ſich an der Hand haltend, die Stufen der Freitreppe hinab und fin⸗ gen an im Garten umherzulaufen; dann, als ſie ſich allmälig beſänftigt hatten, gewährte es ihnen einen ge⸗ heimnißvollen Reiz, allein und Schritt für Schritt in den langen Alleen ſpazieren zu gehen und, in ihrer Einſamkeit, dieſe reizende Beleuchtung zu genießen, welche für ein ſehr belebtes Feſt veranſtaltet worden zu ſein ſchien. Sie befanden ſich im Schatten eines blätterreichen Baum⸗ ganges, als ſie unfern von ihnen, und als käme es aus elnem unterirdiſchen Stockwerke des Hotels, gewaltiges Gelächter vernahmen; dann gelangten bis zu ihren Ohren die Worte: „Auf die Geſundheit des Herrn Lithographen!“ „Auf die Geſundheit der Frau Blumenmacherin!“ 180 „Bravo! bravo!“ Anfangs verblüfft, ſchauten Gilbert und Gilberte einander an; dann ſagte Gilbert lachend: „Ah! Minette, ich weiß, was es iſt! es ſind unſere Bedienten, welche zu Nacht ſpeiſen.“ „Sie trinken auf unſere Geſundheit, die wackern Leute! das iſt ſehr artig von ihnen.“ „Sage, Minette, wenn wir ſie zu belauſchen ſuchten, um zu erfahren, was ſie von uns denken?“ „Geſchwinde! das wird äußerſt beluſtigend ſein! Doch wie läßt ſich das machen?“ „Komm, folge mir!“ Die Stimmen kamen von der Seite der Freitreppe hinter einer Gruppe von Bäumen hervor. Gilbert und ſeine Frau gelangten in ein paar Au⸗ genblicken zu einem von den Luftlöchern, die das Licht in die unter dem Erdgeſchoße liegenden Küchen und Ge⸗ ſindeſtuben einließen; mit Leinwand beſpannte Rahmen⸗ welche im Sommer die Glasſcheiben dieſer niedrigen Fenſter erſetzten, erlaubten den zwei jungen Leuten, nahe hinzuzutreten, ohne geſehen zu werden, und folgendes angefangene Geſpräch zu hören: „Ich,“ ſagte eine Stimme, welche Gilbert als die ſeines erſten Haushofmeiſters erkannte, „ich behaupte, daß ſie Recht gehabt haben.“ 5 „Teufel!“ verſetzte eine andere Stimme, „die Herr⸗ ſchaft hat immer Recht, wenn ſie thut, was ihr beliebt, da ſie es thun kann; deſſen ungeachtet aber iſt es äuſ⸗ ſerſt lächerlich, ſich Herr Lithograph und Frau Blumen⸗ macherin nennen zu laſſen.“ „Warum iſt das lächerlich?“ „Ei! weil . weil es lächerlich iſt.“ „Das heißt nicht antworten! Ich behaupte, daß nichts Lächerliches hieran iſt. Ich will tauſendmal lieber bei Leuten dienen, bei denen es einem dadurch ganz be⸗ haglich wird, daß ſie offenherzig und laut ſagen: „„Wir ⸗ 181 waren Dieſes oder Jenes, ehe uns der Zufall bereichert hatte,““ ſtatt bei jenen einfältigen Emporkömmlingen, die ſich ein vornehmes Anſehen geben wollen, daß man ſich darüber zu Tode lachen könnte.“ „Was um ſo unangenehmer iſt, als wir unſern Ernſt vor unſerer Herrſchaft behaupten müſſen,“ ſprach eine andere Stimme. „Ich bin auch der Anſicht von Ger⸗ main. Ich billige es, daß unſere Gebieter zeigen, ſie ſeien entfernt nicht ſtolz, ſondern im Gegentheil gute Kinder.“ „Gute Kinder, es mag ſein!“ entgegnete der Wi⸗ derſprecher des Haushofmeiſters; „bis jetzt werfen ſie das Geld zum Fenſter hinaus, wir heben es auf und können ihre Freigebigkeit nicht leugnen; doch Sie wer⸗ den mir zugeſtehen, daß, wenn eine Frau, welche an der beſten Tafel von Paris ſitzt, vor ihren Leuten ſagt, ſie mache ſehr gut die Gibelotte und den Mironton, dies ein wenig drollig iſt.“ „Ja, es iſt drollig, doch es iſt offenherzig,“ erwie⸗ derte Germain „Wie kann man ſo dreiſt ſein, über dieſe Offenherzigkeit zu ſpotten?“ „Herr Germain hat Recht,“ ſprach eine weibliche Stimme (die Stimme von einer der Kammerfrauen); ves wäre lächerlich und würde einem Luſt machen, über Madame zu ſpotten, wenn ſie ſich das Anſehen geben wollte, als hätte ſie immer auf Vermeil von der beſten Küche von Paris geſpeiſt; höre ich aber Madame ganz einfach geſtehen, ſie mache ihre Gibelotte und ihren Mironton, bei meiner Treue, das rührt mich, das geht mir zu Herzen!“ Es iſt wahr, das iſt ein Beweis, daß Madame eine gute Perſon iſt,“ ſagten im Chor mehrere männ⸗ liche und weibliche Stimmen. „Nun, Robert, geſtehen Sie das, wie wir.“ „Ah! ah! er heißt Robert, der Ruchloſe, der ſich 182 erlaubt, es lächerlich zu finden, daß wir uns Herr Litho⸗ graph und Frau Blumenmacherin nennen laſſen,“ ſagte heiter und halblaut Gilbert zu ſeiner Frau. „Alle Ele⸗ mente! er nehme ſich in Acht!“ „Höre, Gilbert, er antwortet. . . „Oh! bei meiner Seele, was das betrifft, Sie haben Alle Recht! Daß ſich Madame ſo offenherzig zeigt, beweiſt klar, daß ſie eine gute Perſon iſt.“ „Mehr verlangen wir nicht von Ihnen,“ ſagte der erſte Haushofmeiſter. „Und dann ſehen Sie, meine Freunde, wenn man einmal dienen muß, ſo will ich lie⸗ ber wackeren Leuten wie unſerem Herrn und unſerer Frau dienen, welche im Ganzen nicht mehr ſind, als wir, und es ganz offenherzig ſagen, als im Dienſte vom Her⸗ zog und von der Herzogin von Mercveur ſein, die ich heute ganz artig im Stiche gelaſſen habe; denn dieſe ſchonen vornehmen Herrſchaften betrachten uns Domeſti⸗ quen als den Koth ihrer Schuhe.“ „Und iſt Madame hübſch?“ fragte eine von den Kammerfrauen. „Iſt ſie jung?“ „Teufel! meine liebe Anna,“ verſetzte eine andere Stimme, „gewöhnen Sie ſich nicht an; nur ganz kurz zu ſagen: Madame, ſonſt werden Sie nicht im Hauſe bleiben.“ „Darauf hat mich der Intendant aufmerkſam ge⸗ macht,“ erwiederte die Kammerfrau; „ich muß mich daran gewöhnen, Madame ihren Titel zu geben . . Nun wohl! meine Herren, Sie haben die Frau Blumen⸗ macherin geſehen, iſt ſie jung und hübſch?“ „Sie iſt ganz jung und hübſcher, als viele vor⸗ nehme Damen, ſelbſt die Frau Herzogin von Mercveur mitgerechnet,“ ſprach Germain. „Iſt das nicht die Anſicht von Euch Andern, die Ihr bei der Tafel ſer⸗ virtet?“ Die Antwort war bejahend und einſtimmig unter den Leuten. — 183 „Dieſe Halunken haben, beim Himmel! einen ſehr guten Geſchmack!“ ſagte Gilbert, indem er ſich das An⸗ ſehen eines Marquis gab. „Hörſt Du ſie, Minette?“ „Schweige, Bibi . . horch! ſie ſprechen nun von Dir.“ Eine von den Kammerfrauen ſagte in der That in dieſem Augenblick: „Und der Herr? ah! es iſt wahr, ich vergaß: gewöhnen wir uns daran, ihm ſeinen Titel zu geben; wie iſt der Herr Lithograph?“ „Oh! das iſt ein hübſcher Junge mit offener, freundlicher, heiterer Miene, und er hat dabei, bei meiner Treue! eine ſehr gute Haltung! Er ſcheint ſich, und das macht mich ganz verwirrt, ſo zu Hauſe und behaglich in die⸗ ſem prachtvollen Hotel und in unſerer Mitte zu fühlen, als ob er immer fünfmalhunderttauſend Livres Einkünfte gehabt hätte. Ich weiß auch nicht, wie des Teufels das zugeht, doch er imponirt mir mehr, als der Herr Herzog von Mercveur, von welchem ich, wie Germain, her⸗ komme. Es iſt etwas ſo Seltenes, zu ſehen, daß Je⸗ mand zugleich ſo reich und ſo gutherzig iſt.⸗ „Nun! Herr Bibi, hören Sie?“ ſagte Gilberte, indem ſie mit einem Kuſſe die Wange ihres Gilbert ſtreifte. „Bei Gott! Marquis, ſie haben einen guten Geſchmack, dieſe Halunken! Sie finden, Sie ſeien ein ſehr hübſcher Junge!“ „Fünfmalhunderttauſend Livres Einkünfte!“ ſprach eine Stimme. „Unſere Herrſchaft iſt ſo reich?“ „Der Intendant hat es mir geſagt,“ erwiederte der Kammerdiener, „und er muß es wiſſen!“ „Das nenne ich eine prächtige Erbſchaft,“ verſetzte eine von den Kammerfrauen. „Wie viel Millionen braucht man, um fünfmalhunderttauſend Livres Einkünfte zu haben?“ „Ei! meine Liebe, das iſt ganz einfach!“ antwortete 184 Germain. „Zehn Millionen zu fünf Procent angelegt geben fünfmalhunderttauſend Livres Einkünfte.“ „Wie muß unſere Herrſchaft Glück gehabt haben!“ rief eine von den Kammerfrauen. „Einem Lithographen, einer Blumenmacherin fällt eine ſolche Erbſchaft zu! Bah! im Ganzen iſt es beſſer, daß ſie ihnen zugefallen iſt, welche kleine Leute, arm wie wir, als wenn ſie ſchon zuvor reiche Leute bekommen hätten.“ „Sicher iſt, meine Freunde, daß ich nicht weiß, ob wir an ihrer Stelle einen ſo guten Gebrauch von unſerem Vermögen machen würden, und, bei meiner Treue, indem ich dieſes letzte Glas vortrefflichen Burgunder trinke, ſage ich noch einmal: Auf die Geſundheit der Frau Biumenmacherin! auf die Geſundheit des Herrn Litho⸗ graphen!“ „Und wir trinken, wie Sie, Herr Germain, auf ihre Geſundheit, denn das ſind gute Leute!“ „Munter wie die Finken!“ „Nicht ſtolz!“ „Und freigebig wie Fürſten!“ „Wie Fürſten, welche freigebig ſind, denn der Fürſt von Marſan, von welchem ich heute weggegangen bin, um hier einzutreten, war ein wahrer Filz, ein Wu⸗ cherer!“ „Auf die Geſundheit des Herrn Lithographen und der Frau Blumenmacherin!“ wiederholten im Chor die zahlreichen Stimmen der Diener, indem ſie freudig mit den Gläſern anſtießen. Gilbert und Gilberte entfernten ſich ſachte von dem kleinen Fenſter und kehrten in eine der Alleen des Gar⸗ tens zurück. „Höre, Geliebter,“ ſprach die junge Frau gerührt, „ich verberge Dir nun nicht, daß ich nicht ohne Furcht war, als wir belanſchen wollten, was unſere Domeſtiquen ſagten: hätten ſie ſchlecht von uns geſprochen, ſo wäre 185 mir das peinlich geweſen . . dieſer ſchöne Tag wäre verdorben! . . „Das iſt wahr. Es freut mich auch ſehr, zu wiſſen, daß dieſe braven Leute nicht undankbar ſind, und daß ſie uns für gute Kinder erklären, indem ſie unſern Wein auf unſere Geſundheit trinken. Das ſetzt unſerem Tage die Krone auf!“ „Oh! ja, welch ein ſchöner Tag!“ »Und wenn wir bedenken, daß ihm alle andere glei⸗ chen werden!“ „Wir gingen ſo weit, um das Glück zu ſuchen!“ „Oh! diesmal halten wir es und werden es nicht loslaſſen, das ruchloſe Weſen! Höre, Minette, mein gan⸗ zes Herz öffnet ſich, ſtrahlt, ich fühle mich nicht mehr vor Wohlbehagen! Ich habe, wie man zu ſagen pflegt, den Himmel im Herzen. Und Du?“ „Ich auch. Umarme mich!“ Gilbert und Gilberte, welche in ſanfter Umſchlingung luſtwandelten, kamen zu einer rautenförmigen Gruppe von alten blübenden Lindenbäumen, von wo aus man die von tauſend Feuern erleuchteten Alleen, ſowie die Mar⸗ morbecken erblickte, deren durchſichtige Cascaden die Lich⸗ ter reflectirten und einen friſchen Than auf den ungeheuren Korb von Roſenſträuchen warfen; in der Ferne endlich beſchien der Mond in ſeiner Fülle die monumentale Fa⸗ Lade des Hauſes, und durch die Scheiben und die halb aufgezogenen ſeidenen Vorhänge erblickte man das Innere der großen Gemächer des Erdgeſchoſſes, funkelnd von Vergoldungen und Lichtern. Tief war die Stille der Nacht, die Luft lau und von den Balſamdüften der Blu⸗ men erfüllt; einige in den Bäumen niſtende Nachtigallen ſangen, antworteten ſich und wetteiferten in melodiſchen Accorden; voll Leben, Ingend, Hoffnung und Liebe füblten ſich Gilbert und Gilberte von einem unſäglichen Entzücken erfaßt. Ihre Seele zerſchmolz in einer unbe⸗ ſchreiblichen Glückſeligkeit. Beide ſetzten ſich auf einen 166 preiten Divan von indiſchen Binſen, der durch ein zier⸗ liches Zelt beſchirmt war. „Ah! Geliebte!“ rief Gilbert, „wie gut iſt es, ſich zu lieben mitten unter dieſem Luxus, unter dieſen Herrlichkeiten! welch ein Rahmen für unſere Liebe!“ „Oh! mein Gilbert, dieſen Reichthum fürchte ich nicht; wir werden uns eben ſo zärtlich in dieſem Palaſte, als in unſerem Stübchen lieben. Wir werden hier, wenn wir wollen, allein ſein, wie wir es bei uns waren. Wir werden nach unſerem Gefallen leben und können, wenn es uns langweilt, nichts zu thun, ich an meinen Blumen, Du an Deiner Zeichnung arbeiten.“ „Wir werden Alles thun, was wir wollen, Geliebte! Was kann man mehr wünſchen? Und dann, durch das, was wir geweſen ſind, in Folge unſerer Erfahrung, wer⸗ den wir Riemand mehr beneiden, wie wir Georges Hu⸗ bert und Frau von Saint⸗Marceau beneidet haben, als wir der Marquis und die Marquiſe von Montlaur wa⸗ ren. Mit einem Worte, wir ſind hier glücklich, und auf immer! diesmal glücklich, wie wir noch nie gewe⸗ „Ja, oh! ja, denn ehe wir unſere liebe Korrigan getroffen, hatten wir ſehr gute Tage in unſerer kleinen Haushaltung.. Doch wie oſt ſagten wir uns: „„Ach! wenn das Feiern kommt, wenn es uns an Arbeit fehlt, was dann thun? was ſoll aus uns werden?““ Ich weiß daß, wenn uns dieſe Gedanken trübe ſtimmten, wir uns um⸗ armten, um unſere Befürchtungen zu vergeſſen und wieder Muth zu faſſen. Im Grunde aber fühlten wir, daß wir wie der Vogel auf dem Zweige waren, und daß Nothdurft und drückende Sorgen uns heimſuchen konnten, wie ſo viel Andere . ſtatt daß heute ... „Hente, morgen, iwmer, meine angebetete Gilberte, wird das für uns das Glück ſein: ein Glück ſo groß, ſo gewiß, daß ich geblendet bin, wenn ich an die Zukunft denke! Eine Frau wie Du, Herzen wie die unſeren⸗ 187 Freunde wie Auguſt und Juliette, die, da ſie uns für arm hielten, zu uns gekommen ſind! eine Dienerſchaft, die uns ſchon beim erſten Blicke liebt! Wir haben ge⸗ hört, wie ſie es ſagten, und das war für mich einer der beſten Augenblicke des Tags!“ „Für mich auch . . . Wackere Leute!“ „Millionen und aber Millionen reich, vermögen wir Alles, was wir wollen, — ſage, Geliebte, was fehlt un⸗ ſerem Glücke, was kann ihm je fehlen?“ „Ah! Gilbert,“ erwiederte die junge Frau, welche, von einem peinlichen Gedanken betroffen, plößlich bebte, „nein, nein, unſer Glück iſt nicht vollſtändig.“ XXXII. Bei den Worten von Gilberte: „Unſer Glück iſt nicht vollſtändig!“ ſchaute Gilbert ſeine Frau Anfangs mit Erſtaunen und dann mit Bangigkeit an, denn ſie wurde ſichtbar traurig und ſagte mit einem Ausdrucke tiefer Rührung: „Mein Gilbert, nicht wahr, wir ſind immer gut geweſen? Nie haben wir Jemand Böſes gewünſcht?“ „Nie, Gott ſei Dank! Doch was haſt Du, Geliebte? Du biſt nun ganz betrübt! ich ſehe Thränen in Deinen Augen.“ „Ach! ohne daran zu denken, werden wir undank⸗ bar, böſe!“ „Wir, undankbar . . wir, böſe!“ „Ja, mein Gilbert . . . Laſſen wir nicht jede Mi⸗ nute Jemand leiden . . . Jemand, den wir ſegnen, auf den Knieen anbeten müßten, weil uns ſeine himmliſche Güte das Glück gegeben hat, das uns heute entzückt? Und dennoch,“ fügte die junge Frau bei, die ihre Thrä⸗ nen nicht mehr zurückhalten konnte, „und dennoch zeigen 183 wir uns in der Trunkenheit unſeres Glückes ſelbſtſüchtig, unbarmherzig!“ „Du weinſt, mein Gott! Geliebte, Du weinſt Ich beſchwöre Dich, ſprich! Ah! Du weißt es, ich würde mein Leben geben, um Dir einen Kummer zu erſparen; doch ich begreife Dich nicht; Du ſagſt, wir ſeien ſelbſtſüchtig, unbarmherzig?“ „Und die Korrigan?“ „Die Korrigan?“ „Sie, die uns mit Gaben überhäuft hat; ſie, die, immer unterthänig, ergeben, allen unſern Wünſchen, allen unſern Launen gehorcht hat; die Korrigan, die uns nach unſerem Verlangen zum Marquis und zur Marquiſe ge⸗ macht, und uns ſpäter in das Leben von Georges Hubert und Louiſe hat eintreten laſſen, als wir abermals das Glück da ſuchen wollten, wo es nicht für uns war! „ die Korrigan, der wir die volle Glückſeligkeit verdanken, die wir zu dieſer Stunde genießen . ja, unſere theure, kleine Fee . . denken wir an ſie? und ſie wartet doch nur auf ein Wort von uns, um ihren Schweſtern nach⸗ zufolgen! Und dieſes Wort . . haben wir nur daran gedacht, es zu ſagen, nun, da alle unſere Wünſche für immer, für die Gegenwart und die Zukunft, erfüllt ſind? wir geſtehen es ſelbſt.“ „Für die Gegenwart, ja,“ antwortete der junge den Kopf ſchüttelnd, „doch für die Zukunft, wer weiß?“ „Oh! Gilbert, wir müſſen das wiſſen,“ verſetzte die junge Frau mit dem Tone traurigen und zugleich zärtli⸗ chen Vorwurfs, „ſonſt wären wir unwürdig unſers Glü⸗ ckes. Wie! wir haben durch uns ſelbſt die Verdrießlich⸗ keiten und Sorgen der Vornehmheit und des Ruhmes erfahren und empfunden ... wir ſind Millionen reich . wir lieben uns wir haben gute Herzen, und wir könnten nicht genug für die Zukunft ſtehen, um zu ſagen: „Gehe, Korrigan!“ „Geliebte, ich bitte, beruhige Dich, weine nicht. ₰ 189 Um nichts in der Welt möchte ich Dir widerſprechen; doch laß uns ein wenig vernünftig reden: ſogleich die Korrigan wegſchicken heißt vor Allem uns unſerer über⸗ natürlichen Macht berauben.“ Das iſt ein großer Verluſt!“ ſagte Gilberte, die Achſeln zuckend. „Eine Folge dieſer ſchönen Macht iſt, daß uns Frau Badureau für Herrn und Madame Bosco hält.“ „Ich leugne das nicht, doch . . „Gilbert, mein Gilbert, wäre der Verluſt dieſer Macht hundertmal bedauerungswürdig, ſo müßten wir doch aus gutem Herzen, aus Dankbarkeit darauf ver⸗ zichten. Mein Gott! erinnern wir uns deſſen, was wir vor acht Tagen waren; ein armer Lithograph, eine arme Blumenmacherin, von einem Tag in den andern lebend, unſicher des Brodes am nächſten Morgen; wäh⸗ rend heute . Ei! ſchau doch! dieſer mit Reich⸗ thümern angefüllte Palaſt gehört uns! Wir können, ehe ſie uns verläßt, von der Korrigan ſo viele Millionen fordern, als Dn willſt; wir können durch das Geld, wie heute, Wunder erlangen, von denen man glauben ſollte, ſie ſeien nur einem Zauber möglich! und wir ſollten nicht zu der armen kleinen Korrigan, welche ſeit zwei tauſend Jahren auf den Augenblick, ſich mit ihren Schweſtern wiederzuvereinigen, wartet, ſagen: „„Gehe, Korrigan!““ Ah! Gilbert, Du, der Du ſo gut biſt, Du, der Du mir nie etwas abgeſchlagen haſt, Du hätteſt den Muth, eine undankbare und ſchlimme Handlung zu begehen?“ „Geliebte, ich bitte Dich inſtändig, überlege nur; die Korrigan wegſchicken heißt uns ihres Beiſtandes, ihres Rathes berauben Ihres Rathes! Hat uns die arme Kleine nicht hundertmal geſagt, ſie könne uns nicht rathen?“ „Das iſt wahr . . doch . . . „Doch ſie leidet! doch ſie iſt, wie ich lange Zeit 190 von Dir getrennt wäre! ich würde von Minute zu Mi⸗ nute auf die Stunde, Dich wiederzuſinden, warten! Mein Gott! Gilbert, Du denkſt alſo nicht hieran? Wenn wir getrennt wären, wenn unſere Wieder⸗ vereinigung von Jemand abhinge, den Du mit Wohl⸗ thaten überhäuft hätteſt, würdeſt Du nicht ſagen: „„Es hängt nur von ihm ab, mich mit meiner Gilberte wiederzuvereinigen, und er läßt mich fern von ihr. Ah! der Undankbare, das ſchlechte Herz!““ „Ja, ja, ich würde es ſagen.. gerade wie ich ſage: Meine Minette iſt das beſte Herz der Welt!“ rief Gil⸗ bert beſiegt durch die edelmüthige Beharrlichkeit ſeiner Frau, die er mit einer leidenſchaftlichen Zärtlichkeit in ſeine Arme ſchloß . .„Ja, ich war ein Undankbarer, ja, ich war ein ſchlechtes Herz! Es bedurfte Deiner Stimme, Deiner geliebten Stimme, um mir das, was recht und gut iſt, in das Gedächtniß zurückzurufen. Ja, und ſollten wir morgen ſo arm ſein, als früher, wir müſſen der Korrigan ihre Freiheit wiedergeben! ihr ver⸗ danken wir das Glück; ich ſage wie Du, dieſes Glückes wären wir unwürdig, wenn wir jetzt nicht für unſere Zukunft ſtehen könnten. Ja, auf der Stelle, wenn Du willſt, bin ich bereit, nach Dir zu wiederholen: Gehe, Korrigan, gehe!“ „Gute Herzen!“ flüſterte die ſanfte Stimme der unſichtbaren Fee. „Gute Herzen! o Wunder! der Reichthum iſt ihrer natürlichen Güte nicht nachtheilig geweſen.“ „Sie haben Gilberte gehört, liebe kleine Fee,“ ſprach der junge Mann. „Sie, die Sie Alles wiſſen, müſſen wiſſen, daß ich, nachdem ich dem ſchlimmen Ge⸗ danken Sie bei uns zu behalten, nachgegeben, nun eben ſo ſehr als meine Frau entſchloſſen bin, Ihnen die Freiheit wiederzuſchenken.“ „Ja,“ antwortete freudig und gerührt die Stimme der Körrigan, „ich weiß, daß ich mich durch Euren 191 Willen endlich mit meinen Schweſtern wiedervereinigen ſoll; ich weiß, daß alle Eure Wünſche erfüllt ſind; ich weiß, daß Ihr im Begriffe ſeid, mir mit dem Herzen und den Lippen zu ſagen: Gehe, Korrigan!“ „Geliebte,“ ſprach Gilbert, „Dein Herz iſt mehr werth, als das meinige, Deine Vernunft taugt mehr, als die meinige: beſtimme Du ſelbſt die Zahl der Mil⸗ lionen, die wir von der Korrigan verlangen wollen, ehe ſie uns für immer verläßt.“ Gilberte überlegte einen Augenblick und erwiederte dann: „Als wir unſere Diener von uns ſprechen hörten, behaupteten ſie, mit zehn Millionen habe man fünf⸗ malhunderttauſend Livres Einkünfte. Iſt das wahr, Korrigan ?“ „Ja,“ antwortete die Stimme, „das iſt wahr.“ „Findeſt Du nicht, das das genug iſt, fünfmal⸗ hunderttauſend Livres Einkünfte? Unſer Intendant ſagt, und er hat es uns bewieſen, wenn man ſo viel ausgebe, könne man das beſte Haus von Paris haben.“ „Gut alſo, eine Rente von fünfmalhunderttauſend Livres. Wozu Du Dich entſcheideſt, das unterſchreibe ich zum Voraus.“ „Wollten wir von unſerer guten Korrigan zwanzig Millionen, hundert Millionen fordern, wozu würde uns das nützen? Fingen wir nicht ſchon heute, nachdem wir Anfangs mit Vergnügen gekauft und gekauft hatten, an müde zu werden, unſer Geld zum Fenſter hinaus⸗ zuwerfen? Und dann, was ſoll ich Dir ſagen, mein Geliebter? mir ſcheint, es wäre von unſerer Seite eine Art von Unverſchämtheit, wenn wir mehr verlangen würden. Dieſes Vermögen, das wir nicht verdient ha⸗ ben, das uns vom Himmel zufällt, iſt ſchon ſo bedeu⸗ tend! Fünfmalhunderttauſend Livres Einkünfte und die⸗ ſes ſchöne Hotel! iſt das nicht genug?“ „Es iſt allerdings wahr, Minette, man kann, ſtreng genommen, weniger koſtſpielig leben.“ „Liebe kleine Korrigan „ ſprach Gilberte, „wir wollen zehn Millionen haben.“ „Jehn Millionen,“ fügte Gilbert bei, „in einem Kaſten enthalten, den wir ſogleich in unſerem Schlafzim⸗ mer finden werden.“ „Es iſt geſchehen,“ antwortete die Stimme, „wenn Ihr in Eure Wohnung zurückkehrt, findet Ihr die zehn Millionén.“ „Und nun Gott befohlen, liebe kleine Korrigan,“ ſprach ſchwermüthig Gilberte; „Sie, die Sie Alles wiſſen, müſſen in unſerem Herzen leſen: nicht der Ver⸗ luſt der Macht, der wir uns durch Sie erfreuen, iſt es⸗ was wir beklagen; in dieſem Augenblick . . nein! was wir beklagen, iſt, daß wir uns auf immer von Ihnen trennen, der wir unſer Glück verdanken.“ „Oh! meine Frau hat Recht, nie, oh! nie werden wir vergeſſen, daß Sie uns zu Ihren Bevorzugten ge⸗ wählt haben unter ſo vielen armen Leuten, welche viel⸗ leicht mehr als wir Anſprüche auf Ihre Begünſtigung hatten.“ „Derjenige, welcher mich auf dieſer Welt zurück⸗ hält, hatte zu mir geſagt: „„Einmal in jedem Jahr⸗ hundert wird für Dich ein Tag ſcheinen .. ein einzi⸗ ger Tag, während deſſen Dauer Deine Befreiung mög⸗ lich iſt““ antwortete die Stimme der Korrigan; „doch an dieſem Tage kannſt Du nur befreit wer⸗ den durch zwei gute Herzen, die nach einer guten Handlung aus Güte an Deinem Schickſale Theil neh⸗ men werden und Dir aus Güte die Freiheit wieder⸗ geben, wenn bei ihnen die Güte den Sieg davon trägt über die dem Menſchengeſchlechte natürliche Begehr⸗ lichkeit.“ Zwanzig Jahrhunderte und darüber waren verlaufen, ohne daß alle für meine Befreiung nothwen⸗ digen Bedingungen zuſammengetroffen. Das Schickſal — — 153 wollte, daß dieſe Bedingungen erfüllt wurden durch Dich, Gilbert, und durch Dich, Gilberte, die Ihr gut ſeid, und Eurer Güte werde ich es zu verdanken ha⸗ ben, daß ich dieſe Welt verlaſſen kann, um anders⸗ wo wieder mit meinen Schweſtern zuſammenzutreffen.“ „Korrigan, antworten Sie mir,“ ſagte Gilbert: „als Sie uns fragten, ob wir im Leben des Marquis und der Marquiſe von Montlaur, oder im Leben von Georges Hubert und Louiſe bleiben wollten, warum ha⸗ ben Sie ſo kritiſche Augenblicke gewählt, daß wir, ohne wahnſinnig zu ſein, nur erwiedern konnten: „„Oh! um keinen Preis wollen wir in dieſem Leben bleiben.““ „Gilbert hat Recht, liebe Korrigan; Sie waren dagegen beinahe ſicher, uns ſagen zu hören: „Gehe Korrigan!““ hätten Sie uns in dem Augenblick ge⸗ fragt, wo wir uns entzückt fühlten, der Marquis und Marguiſe, oder Georges Hubert und Loniſe zu ein?“ „Ohne Zweifel würdet Ihr zu mir geſagt haben: „Gehe, Korrigan!““ doch hattet Ihr einmal dieſe verkün⸗ digenden Worte ansgeſprochen, ſo war es mir nicht mehr ge⸗ ſtattet, bei Euch zu bleiben, ſelbſt wenn ich es gewünſcht hätte; ſo, wenn Ihr mir nun alsbald ſagt: Gehe! muß ich Euch auf immer verlaſſen, auf immer!“ „Doch indem Sie ſo unangenehme Augenblicke wähl⸗ ten, um uns zu befragen, Korrigan, ſchoben Sie uſ 5 weiter die wahrſcheinliche Stunde Ihrer Befreiung inaus.“ „Ja, meine Freunde, aber Eure treuherzige, rei⸗ zende Güte rührte mich, und ich erſparte Euch das un⸗ wiederbringliche Unglück, eine ſchlechte Wahl zu treffen; es war mir verboten, Euch zu rathen, doch es war mir, auf die Gefahr, meinen Aufenthalt auf dieſer Welt zu verlängern, erlaubt, den Augenblick zu wählen, um Euch zu ftagen, ob Ihr die Exiſtenzen, in Gilbert und Gilberte. I. 1⁸ 154 welche Ihr eingetreten waret, annehmen oder verlaſſen wollet!“ „Alſo, gute Korrigan, aus Edelmuth, aus Zunei⸗ gung für uns haben Sie ſo die beinahe ſichere Stunde Ihrer Befreinng verzögert 24 „Ja, meine Freunde; die guten Herzen ſind ſo ſelten!“ „Hörſt Du, Gilbert? Und wir zögerten, dieſer lieben, kleinen Fee die Freiheit wiederzugeben?“ „Sage nicht wir, Geliebte, ich, ich allein zögerte! Oh! ich wiederhole, Dein Herz iſt hundertmal beſſer als das meinige.“ „Wir werden uns alſo ein ewiges Lebewohl ſagen, liebe Korrigan?“ „Ja. Sobald Ihr die Worte: „„Gehe, Kor⸗ rigan!““ ausgeſprochen habt, könnte ich nicht mehr auf dieſer Welt bleiben, ſeibſt wenn ich wollte.“ „Und diesmal, Korrigan, denken Sie, wir haben das Glück gefunden ?“ „Was ich hierüber denke, iſt mir nicht erlaubt, Euch mitzutheilen. Eure Zukunft iſt verſchleiert für meine Augen, wie für die Eurigen, wie ich Euch ſchon geſagt habe, meine Freunde“ „Und ich, Korrigan, bin eine viel beſſere Wahrſagerin, als Sie. Es iſt für mich eine Gewißheit, daß von die⸗ ſem Tage an unſer Glück für immer geſichert iſt, nicht wahr, Gilbert?“ „Alles läßt mich glauben, Geliebte, daß Du rich⸗ tig prophezeiſt; ich befolge Deine Rathſchläge mit ge⸗ ſchloſſenen Augen, ſicher, was auch geſchehen mag, mir ſagen zu können: „„Meine Giiberte wollte unſerer Wohlthäterin ihre Freiheit wiedergeben; das war billig und gerecht; ich habe eingewilligt. Thue, was Du ſollſt, komme, was da mag! Das Sprüchwort iſt alt, doch es iſt gut!“ 195 . Alſo, liebe Korrigan, wir werden uns nie wieder⸗ ehen?“ „Nie,“ antwortete ſchwermüthig die Stimme, „nie auf dieſer Welt!“ „Und werden wir uns nicht in der andern ſehen? liebe Korrigan?“ ſagte Gilbert, „da man nicht ſtirbt, ſondern immer wiederauflebt, von Welt zu Welt in den Sternen, wenigſtens nach Ihrer Meinung.“ „Nein, nicht nach meiner Meinung, meine Freunde, ſondern nach dem, was geweſen iſt, iſt und ſein wird von Ewigkeit zu Ewigkeit,“ antwortete die Stimme. „Habt dieſen Glauben, den die Drui⸗ den Eure Väter, die Gallier, lehrten, und wie ſie, werdet Ihr von dieſer leeren und lächerlichen Furcht vor dem Tode, die auf dieſer Welt immer traurig macht, befreit ſein; der Tod, dieſer beglückte Angenbück, wo ſich das Leben umwandelt, um ſich in einer anderen Exi⸗ ſtenz voller Myſterien und bezaubernder Nenheiten fort⸗ zuſetzen! Ja, meine Freunde, habet, bewahret dieſen Glauben an die Ewigkeit des Lebens, mit Seele und Leib, Geiſt und Materie, und was auch das Loos ſein mag, das Euch die Zukunft vorbehält, und das ich, wie Ihr, nicht kenne'“, Ihr werdet nicht bange haben, dieſe Erde zu verlaſſen. Nein! Ihr werdet voll Heiterkeit und Neugierde ab⸗ gehen, weil Ihr geheilt ſein werdet von der Furcht vor dem Tode. Lebet alſo wohl, meine Freunde, ich will Euch in einer von dieſen neuen Welten erwarten, wo Jeder diejenigen wiederfinden wird, welche er ge⸗ hat, und wo ich Euch, o Schweſtern, wiederfinden werde.“ „Und Ihre Schweſtern werden nicht lange auf Sie warten, liebe kleine Fee,“ ſagte Gilberte . . „Gott befohlen, wir werden Sie nie vergeſſen!“ Und ſich ge⸗ gen ihren Mann umwendend: „Auf, mein Gilbert, Muth gefaßt man braucht Muth, um ſich zu entſchließen, 196 eine ſolche Freundin, eine ſo anbetungswürdige Wohl⸗ thäterin zu verlaſſen!“ „Zum Glück werden wir ſie eines Tags wiederfin⸗ den, da ſie uns verſichert, daß . .“ Doch ſich unter⸗ brechend: „Korrigan, einen letzten Wunſch, wenn Sie ihn anhören können.“ „Sprecht, meine Freunde.“ „Sie ſagen uns: „„Glaubet, daß der Tod nicht exiſtirt.“ Wir glauben Ihnen ſehr gern . . . doch Sie begreifen, Korrigan, wir ſind, wie ſo viele andere gute Leute, gewohnt, alberner Weiſe zu denken, man ſterbe; das iſt einfältig, doch es iſt ſo . . Wenn Sie uns nun dieſen Glauben geben können, von dem Sie uns ſagen, Sie haben ihn . . ei! ſo geben Sie uns denſelben.“ „Ah! ja, wenn das geſchehen kann, liebe Korrigan, thun Sie es, das wird unſer einziger und letzter Wunſch ein.“ „Es iſt geſchehen,“ antwortete die Stimme. „Die⸗ ſen Glauben an die Ewigkeit des Lebens habt Ihr.“ „Wahrhaftig! es iſt geſchehen! Ei! bei Gott! das iſt doch ſeltſam, Geliebte,“ ſagte plötzlich Gilbert, der ſich gleichſam denken, fühlen und glauben hörte; „wäre ich auf dem Punkte, von hier zu ſcheiden, um anders⸗ wohin zu gehen, wie ſich die Korrigan ausdrückt, ich ſpräche heiter zu Dir: „„Auf baldiges Wiederſehen, Minette, beeile Dich nicht, ich habe Zeit und werde Dich dort erwarten, damit wir mit einander alle Wunder dieſer ſeltſamen und unbekannten Welten ſehen, wo wir wiederaufleben ſollen.““ „Und ich, Geliebter, ich fühle, daß ich nicht minder heiter zu Dir ſagen würde: „„Einen Augenblick Ge⸗ duld, Bibi, man geht nicht ſo ohne einander. Ich will nicht ſo allein auf dieſer Welt bleiben, ich gehe mit Pip““ „Oder wir würden uns auch ſagen: „„Ah bah! 197 dieſe Welt hier iſt langweilig; gehen wir in eine an⸗ dere!“ Mein Gott! ja, ſo ganz einfach! Ah! liebe kleine Fee, vermöge unſerer Millionen und beſonders vermöge des Glaubens, den Sie uns gegeben haben, ſa⸗ gen wir Ihnen von ganzem Herzen: Gehe „Gilbert!“ unterbrach die junge Frau ihren Mann in dem Augenblick, wo er die verkündigenden Worte ſprach, „ehe wir uns von unſerer lieben kleinen Fee trennen, bitten wir ſie, ſie möge ſich uns noch unter ihrer niedlichen Hülle zeigen. Oh! gute Korrigan, ma⸗ chen Sie, daß wir Sie zum letzten Male ſehen, theure, edelmüthige Wohlthäterin!“ „Eure Wünſche ſollen erfüllt werden, meine Freun⸗ de!“ erwiederte die ſanfte Stimme. Sogleich ſahen Gilbert und Gilberte in geringer Entfernung und mitten in der Klarheit dieſer ſchönen Sommernacht einen Schimmer hervorkommen, der An⸗ fangs azuren und immer lebhafter, ſowie der roſige, durchſichtige kleine Körper der Korrigan deutlicher er⸗ ſchien, bald glänzend wurde wie Silber im Fluſſe. Um⸗ geben von ihrer blendenden Glorie, lief die niedliche Fee umher, ſprang ſie im Raume und ſandte dem jungen Ehe⸗ paare Küſſe zu. Ihre bezaubernden Züge drückten die Freude, die Rührung aus, und ſie wiederholte mit ihrem ſanften, wohlklingenden Stimmchen: „Gute Herzen! ich verdanke Euch das Glück, mit meinen Schweſtern wiedervereinigt zu werden! Gute Herzen!“ Die zwei jungen Leute folgten mit einem thränen⸗ feuchten und entzückten Auge den Bewegungen der Kor⸗ rigan und ſandten ihr ihre Küſſe zurück! „Nie werden wir Ihre Wohlthaten vergeſſen, liebe kleine Fee,“ ſprach Gilbert. „Gott befohlen und auf Wiederſehen!“ „Gott befohlen und auf Wiederſehen!. alle unſere Wünſche ſind erfüllt Sie laſſen uns glücklich zurück 198 für immer glücklich!“ ſagte Gilberte. Und die junge Frau umſchlang ihren Mann mit den Armen, in einer Art von unüberwindlichen Bangigkeit, in dem Au⸗ genblick, wo ſie die feierlichen Worte ausſprechen wollte, welche die kleine Fee der Freiheit zurückgaben, und rief dann: Wir ſagen nun mit dem Herzen und den Lippen: Gehe Korrigan! „Gehe, Korrigan!“ wiederholte Gilbert, der die unbeſchreibliche Gemüthsbewegung ſeiner Frau theilte und dieſe an ſeinen Buſen drückte, während er, wie ſie, ſeine Blicke auf die Korrigan heftete. Kaum waren die feierlichen Worte geſprochen, als die niedliche Fee einen kleinen Freudenſchrei von ſich gab und ausrief: „Oh! die guten Herzen! Lebe wohl, Gilbert! lebe wohl, Gilberte! endlich werde ich mit meinen Schweſtern wiedervereinigt ſein!“ Und wie ein lange gefangen gehaltener Luſtball unwiderſtehlich ſich in die Lüfte aufſchwingt, wenn die Bande, die ihn an die Erde feſſelten, gebrochen ſind, ſo ſtieg die Korrigan mit einer ſchwindelhaften Schnelligkeit zum Himmel auf. Gilbert und Gilberte folgten ihr mit einem geblendeten Auge und erblickten bald nur noch einen leuchtenden Punkt, der, an Glanz mit den Ster⸗ nen wetteifernd, ſich zu einer unermeßlichen Höhe erhob und, ſo zu ſagen, im diamantenen Funkeln von einem von jenen Millionen von Geſtirnen, mit denen das Fir⸗ mament beſäet iſt, zerfloß. XXXIII. Sechs Monate waren ungefähr verlaufen, ſeitdem Gilbert und Gilberte vom Hotel d'Orbeval Beſitz ergrif⸗ fen hatten. 199 Die Mutter Badurean erfüllte immer noch die Func⸗ tionen einer Portidre in dem Hauſe, wo einſt der Lithograph und die Blumenmacherin gewohnt. Es hatte eben acht Uhr Morgens geſchlagen, und, ihren Gewohnheiten getren, nahm Frau Badureau ihren Milch⸗ kaffee in Geſellſchaft einer Nachbarin zu ſich, die ihr als Gehülfin bei den prunkvollen Mahlen diente, die ſie einſt für ihre jungen Miethslente improviſirte. Die Portiöre ſchien zerſtreut, mit ſorgenvollen Gedanken beſchäftigt zu ſein. Von Zeit zu Zeit unterbrach ſie ſich im Eſſen und Trinken, um einen ſchiefen, unruhigen Blick nach dem Halbgeſchoſſe zu werfen, wo ihr Beit ſtand; dann ſetzte ſie, einen Seufzer unterdrückend, ihr Frühſtück ſort. Ihre große ſchwarze Katze, die ſie Robinet nannte, ſchien nicht mehr alle ihre Gedanken in Anſpruch zu nehmen, wie früher, und während dieſer Augenblicke häufiger Zerſtreutheit, in welche ſie verſunken zu ſein ſchien, er⸗ hielt das Thier, wenn es ſich an den Beinen ſeiner Her⸗ rin rieb und ſein ſonores Spinnen hören ließ, ſtatt zärtlich von ihr auf dem Rückgrathe geſtreichelt zu wer⸗ den, zuweilen einen von der Ungeduld dietirten Fußtritt. Dieſe undankbaren Heſtigkeiten in Betreff des Schnur⸗ rens von Robinet bewieſen mehr als zur Genüge, welche tiefe Veränderung im Charakter von Frau Badureau vorgegangen war. An dieſem Morgen nun, während ſie ihren Kaffee zu ſich nahmen, ſprachen die zwei Alten alſo mit einander: „Ja, meine Liebe,“ ſagte die Nachbarin, „obgleich mehr als ſechs Monate vergangen ſind, ſeitdem ſie das herrliche Hotel d'Orbeval bewohnen, ſchwatzt man doch noch eben ſo viel über ſie im Quartier Saint⸗Germain, als am erſten Tage; man ſchwatzt ſogar mehr. Oh! Frau Badurean, es iſt nur ein Schrei, oder es ſind viel⸗ mehr tauſend Schreie, und man ſagt ſich: „„Wie ſind ein Lithograph und eine Blumenmacherin ſo reich, ſo ungehener reich geworden?““ Denn es ſcheint, ſie machen 200 Ausgaben! aber Ausgaben! . zum Beweiſe, daß .. .“ Dann, als ſie ſah, daß die Portiöre abermals ihre Augen auf das Halbgeſchoß heftete, fügte ſie bei: „Ah! gut, Frau Badureau! Sie hören mich wieder nicht und ſchauen nach Ihrem Halbgeſchoſſe!“ „Ich?“ „Bei Gott!“ „Durchaus nicht . . . ich ſuchte Robinet.“ „Er iſt auf Ihrem Schooße.“ „Ah! es iſt wahr.“ „Frau Badureau, Sie haben offenbar etwas! Seit zwei Monaten ſehen Sie ganz ſorgenvoll aus.“ „Das iſt die Folge des Unglücks, das ich ausge⸗ ſtanden . Laſſen Sie mich in Ruhe.“ „Was mich immer wundert, iſt, daß Ihre ehemali⸗ gen Miethslente, welche reich genug geworden ſind, um Ausgaben zu machen, daß ſich einem die Haare auf dem Haupte ſträuben, Ihnen nicht ein Loos geſichert haben.“ „Sie haben mir ein Lvos gemacht; denn als ſie noch polniſcher Fürſt und Tochter eines engliſchen My⸗ lords waren, ſchenkten ſie mir zweitauſend Franken, die ſie durch das Fenſter meiner Loge warfen, das ſie mit einem Fauſtſchlage zerbrochen hatten, — und dieſe zwei⸗ tauſend Franken habe ich bei der Sparkaſſe angelegt . . Wackere junge Leute! ich ließe mich für ſie zu Paſteten⸗ fleiſch zerhacken.“ Als in dieſem Augenblicke ein Mann mit dem harm⸗ loſeſten Geſichte der Welt an das Fenſter der, vorſichti⸗ ger Weiſe doppelt geſchloſſenen, Thüre klopfte, ſtand Frau Badureau auf, öffnete eine Art von beweglicher Scheibe, warf einen argwöhniſchen Blick auf dieſen Unbekannten und fragte ungeſtüm: „Was wollen Sie?“ „Herr Godard?“ „Er iſt nicht zu Hauſe.“ „Aber, Madame .„ 201 „Wenn ich Ihnen ſage, daß er nicht zu Hauſe iſt „Madame, erlauben Sie mir, Godard ſelbſt hat mir geſtern geſagt, er . . .“ „Gleichviel! er iſt dieſen Morgen ausgegangen, um ſich in ein Bad zu begeben.“ „Das iſt doch ganz ſonderbar! Godard ſagte mir geſtern ausdrücklich . „Wohl denn! er iſt geſtorben. Sie werden nun vielleicht gehen!“ „Gerechte Götter! meine liebe Frau, ſcherzen Sie nicht ſo. ein Freund von zwanzig Jahren her! .. Armer Godard!“ „Sehen Sie dieſen alten Schuft, wie hartnäckig er da bleibt, um an meiner Loge herumzuſtreichen,“ ſagte leiſe zu ihrer Nachbarin Frau Badureau mit einer im⸗ mer mißtrauigeren Miene. „Was für Angen er macht! Wenn es Piſtolen wären, würde er mich umbringen, um hier hereinzukommen.“ Das Mißtrauen machte Frau Badureau äußerſt un⸗ gerecht; denn nie war ein Menſch mit einer redlicheren, gutmüthigeren Miene begabt, als dieſer Unbekannte, und er ſagte mit dem unſchuldigſten Tone der Welt: „Da Godard ausgegangen iſt, ſo will ich ihn, wenn Sie erlauben, in Ihrer Loge erwarten . . . Er muß bald vom Bade zurückkommen.“ „Ich ſagte es Ihnen ja,“ flüſterte Frau Badureau ihrer Nachbarin zu, „er will meine Thüre ſprengen. Das iſt ſicherlich ein Dieb! Er wartet nur auf den Angenblick, um ſeinen Streich auszuführen.“ Und mit zornigem Tone ſprach ſie laut: „Treten Sie doch in meine Loge ein! Verſuchen Sie es ein wenig . . Tag Gottes! und Sie werden ſehen, ob ich nicht nach der Wache ſchreie!“ „Verzeihen Sie, meine liebe Frau . .. dann werde ich Godard im Hofe erwarten, wenn es Ihnen beliebt.“ 202 „Das beliebt mir eben ſo wenig; nur die Mieths⸗ leute haben das Recht, im Hofe zu bleiben.“ „Dann werde ich mit Ihrer Erlaubniß auf der Straße warten,“ erwiederte der gutmüthige Beſuch, wäh⸗ i er ſich zurückzog und die Hausthüre hinter ſich zu⸗ machte. „Dieſer Schurke wird auf der Lauer bleiben, das Haus beſpähen, um ſeinen Streich auszuführen,“ ſagte Frau Badureau. „Was für ein ſchlimmes Geſicht hat er „Wenn dieſer ein ſchlimmes Geſicht hat, nun! ...“ „Ich bin überzengt, daß er ſich nicht von der Thüre rühren wird.“ „Ei! da er Herrn Godard erwartet, ſo iſt das ganz natürlich. Sie ſehen überall Diebe, und man ſollte glauben, Sie befürchten, man nehme Ihnen einen Schatz.“ „Ha! ha! ha! das iſt gut,“ verſetzte Frau Badu⸗ reau, mit einer erzwungenen Heiterkeit lachend; „welchen Schatz ſoll ich denn haben, meinen Sparkaſſenſchein aus⸗ genommen, den ich meinen ehemaligen zwei Miethsleuten verdanke?“ „Für ſo reiche Leute haben ſie Ihnen nicht ſehr viel gegeben; denn, um auf ihre verſchwenderiſchen Ausgaben zurückzukommen, — man ſagt im Quartier, ſie ſpeiſen nun auf maſſivem Golde, ſie ſchlafen in Bettzeug, das mit Edelſteinen geſtickt ſei, ſie nehmen Bäder in purem Cölniſchem Waſſer, und jedes Bad koſte ſie über zehntau⸗ ſend Franken! Wie, Frau Badureau, das iſt ein Luxus!“ Dieſes Geſpräch wurde abermals durch das Klingeln der äußeren Glocke unterbrochen. Frau Badureau zog die Schnur, die Thüre öffnete ſich, ſchloß ſich wieder, und ein ſchwarz gekleideter Mann, mit ſtrengem Geſichte, klopfte an das Fenſter der Loge mit einer gewiſſen Au⸗ torität. „Das iſt Einer, der klopft nicht mehr, nicht minder, 203 als ob er der Hauseigenthümer wäre,“ ſprach Frau Ba⸗ dureau, während ſie aufſtand. Und ſie wandte ſich un⸗ geſtüm an den Ankömmling und fragte ihn: „Was wol⸗ len Sie?“ „Oeffnen Sie,“ antwortete gebieteriſch der Unbe⸗ kannte, „öffnen Sie.“ „Oeffnen Sie, öffnen Sie! Ei! Sie ſind ſehr gut! Und warum ſollte ich Ihnen denn öffnen?“ „Weil ich der Polizeicommiſſär vom Quartier bin.“ „Der Commiſſär?“ rief die Portiere mit jenem Ausdrucke einer Ehrfurcht, welche immer die Anweſenheit dieſer Functionäre hervorbringt. „Sie ſehen es wohl,“ erwiederte der Beamte, in⸗ dem er das Ende einer Schärpe aus ſeiner Taſche zog und zeigte. Als ſie dieſe Auszeichnung erblickte, öffnete die Portiere haſtig ihre Thüre, nachdem ſie jedoch zuvor einen neuen Blick der Beſorgniß auf das Halbgeſchoß geworfen hatte. Der Commiſſär trat in die Loge ein und ſagte zu der Nachbarin: „Madame, wollen Sie uns allein laſſen.“ Die Nachbarin entfernte ſich, ſehr verdrießlich dar⸗ über, daß ſie einem Geſpräche nicht beiwohnen konnte, das ihre Neugierde im höchſten Maße reizte. Der Be⸗ amte und Frau Badureau blieben allein. „Madame,“ ſagte der Commiſſär, indem er ſich ſetzte: ich bitte, beantworten Sie mir einige Fragen.“ „Ich höre, Herr Commiſſär.“ „Sie hatten hier als Miethsleute einen jungen Mann und ſeine Frau, welche die Gewerbe eines Litho⸗ graphen und einer Blumenmacherin trieben?“ „Ja, mein Herr.“ „Dieſer Lithograph hieß Gilbert?“ „Ja, mein Herr.“ „Wie waren die Aufführung, die Sitten, die Ge⸗ wohnheiten des jungen Paares?“ 204 „Wahre Turteltauben, Herr Commiſſär; ſie trieben in den erſten Zeiten ganz artig ihr Handwerk, bezahlten ihren kleinen Miethzins bei Heller und Pfennig, arbei⸗ teten die ganze Woche, ſahen nie einen Menſchen bei ſich, gingen nur am Sonntag aus, feierten nie am Montag, und „„ „Verzeihen Sie, Sie ſagen, ſie haben ſich in den erſten Zeiten ſo aufgeführt. Sie würden alſo ſpäter einige Veränderungen bemerkt haben, welche in der Auf⸗ führung dieſer zwei jungen Leute vorgegangen wären?“ „Natürlich, Herr Commiſſär; es iſt eine Verände⸗ rung vorgegangen, als Herr Gilbert ein verkleideter pol⸗ niſcher Fürſt wurde.“ „Wie! ein verkleideter polniſcher Fürſt?“ „Ja, doch das war, ehe er ſich durch ſeine Taſchen⸗ ſpielerſtücke als den berühmten Herrn Bosco in Perſon zu erkennen gegeben hat.“ „Was Teufels erzählen Sie mir da?“ „Oh! Herr Commiſſär, ich erzähle Ihnen, was ich weiß FAn ich Sie recht verſtehe, ſagen Sie, nachdem er lange ſein Gewerbe als Lithograph getrieben, habe Herr Gilbert Sie glauben laſſen, oder Ihnen zu glan⸗ ben gegeben, er ſei ein verkleideter polniſcher Fürſt?“ „Gewiß, da ſeine Frau die Tochter eines engliſchen Mylords war . . .“ „Was berechtigte Sie aber, dieſe Dinge zu glauben?“ „Die Freigebigkeit von Herrn Gilbert. Eines Tages ſchenkte er mir auf einmal zweitauſend Franken, und für einen Lithographen, der fünfzig Thaler Mieth⸗ zins bezahlte und mit ſeiner Frau für einen Sou Milch frühſtückte, wie Katzen iſt ein Geſchenk von zwei⸗ tauſend Franken . . . Sie begreifen . . .“ „Hat Ihnen HerrGlibert irgend Etwas geſagt, was Sie bekräftigen konmte in dem Glanben, er ſei wirklich ein 205 polniſcher Fürſt und ſeine Frau die Tochter eines eng⸗ liſchen Lords?“ „Ja, mein Herr; er hat mir geſagt, er befürchte, der Vater ſeiner Dame komme an der Spitze ſeines Clans, um ſie ihm mit Gewalt zu entreißen; ich habe ſogar hierauf bemerkt, „„das wäre eine alte Canaille von einem Mylord;““ doch das war in der Zeit, wo ich Herrn Gilbert noch nicht als den berühmten Bosco er⸗ kannt hatte.“ „Und woran haben Sie erkannt, Herr Gilbert ſei der angebliche Herr Bosco?“ „Ich habe ihn an ſeinen Taſchenſpielerſtückchen er⸗ kannt.“ „Ah! Herr Gilbert machte alſo Taſchenſpieler⸗ ſtücke 2“ „Herrliche. So habe ich, die ich mit Ihnen rede, ihn eine Commode in ein Kameel verwandeln ſehen, wie ich Sie ſehe, Herr Commiſſär; und ein ander Mal, als Herr Gilbert und ſeine Frau mehrere Nächte auswärts zugebracht hatten . . .“ „Warten Sie einen Augenblick! Laſſen Sie uns bei dieſem Umſtand verweilen. Sie ſagten mir zuerſt, Herr Gilbert und ſeine Frau haben das regelmäßigſte Leben geführt?“ „Ja, mein Herr.“ „Wenn man Sie aber hört, würde es ſcheinen, ſeit⸗ dem ſie Ihnen zu glauben gegeben, Anfangs ſie ſeien verkleidete vornehme Leute, dann Taſchenſpieler, habe ihre Aufführung ſich geändert, verſchlimmert, da ſie meh⸗ rere Nächte auswärts zugebracht .. Kamen dieſe nächt⸗ lichen Abweſenheiten häufig vor?“ „Was das betrifft, mein Herr, das weiß ich nicht.“ „Es iſt ſeltſam, daß Sie als Portière damals die Miethsleute, von denen Sie ſprechen, weder ein⸗ noch ausgehen ſahen, und daß Sie dennoch behaupten, ſie ha⸗ 206 ben mehrere Nächte außer dem Hauſe zugebracht. Sind Sie dieſer Thatſache ſicher?“ „Ei! mein Herr, ich hatte ihren Schlüſſel .. ich ging am frühen Morgen hinauf, fand ſie nicht, nahm den Schlüſſel wieder mit herab und ſtieg eine Stunde nachher wieder hinauf. Diesmal waren ſie in ihrem * Zimmer, und ich hatte ſie doch nicht nach Hauſe kommen ſehen, obſchon ich mich nicht aus meiner Loge gerührt.“ „Da hatten fie wohl zu ihrer Verfügung einen an⸗ dern Ausgang als den des Thorwegs?“ „Nein, mein Herr.“ „Das iſt unmöglich. Doch ſagen Sie mir, ging das Fenſter ihres Zimmers auf eine Terraſſe, mittelſt welcher es ihnen leicht geweſen wäre, die benachbarten Häuſer zu erreichen?“ „Ah! ja wohl! Um aus ihrer Manſarde auf die Dächer hinauszukommen, hätten ſie Katzen ſein müſ⸗ ſen, und dabei hätten ſie ſich noch der Gefahr ausgeſetzt, den Hals zu brechen.“ „Wie erklären Sie ſich dann dieſe nächtlichen Aus⸗ flüge? Wie können Sie beſonders glauben, Ihre Mieths⸗ leute ſeien im Stande geweſen, aus dem Hauſe wegzu⸗ gehen oder dahin zurückzukehren, ohne von Ihnen ge⸗ ſehen zu werden?“ „Das war einfach die Wirkung des Pfiffigkeits⸗ pulvers, Herr Commiſſär.“ „Ich bitte, laſſen Sie uns ernſthaft reden.“ „Ich ſchwöre Ihnen bei der Aſche des ſeligen Ba⸗ dnreau, Herr Commiſſär, daß ich meine zwei Mieths⸗ leute ſich ſelbſt habe escamotiren ſehen, wie dies Herr Bosco auf ſeinen Zetteln ankündigte, ſo daß ich, ohne ſie zu ſehen, ihre Stimmen hörte, die mir gleichſam ins Ohr ſprachen.“ „Herr Gilbert und ſeine Frau waren alſo Bauch⸗ er?“ W „Unvergleichliche Bauchredner, Herr Commiſſär.“ v— 207 „Sie ſind ſeit langer Zeit in keiner Beziehung mehr zu Herrn und Frau Gilbert geſtanden?“ „Nein, mein Herr, ſie ſchickten zur Zeit ihren In⸗ tendanten, um den letzten laufenden Miethzins zu be⸗ zahlen und ihr kleines Mobiliar, an dem ihnen viel lag, abholen zu laſſen . . . Kurz, ich kann Ihnen nur ſagen, ſie waren das Allerbeſte der Leute.“ Der Commiſſär ſchwieg einen Augenblick nachden⸗ kend und fragte dann: Iſt das Zimmer, das Herr Gilbert und ſeine Frau inne hatten, bewohnt?“ „Nein, mein Herr.“ „In welchem Stocke iſt es?“ „Im fünften, die Thüre der Treppe gegenüber.“ „Haben Sie den Schlüſſel zu dieſem Zimmer?“ „Ja, mein Herr.“ „Geben Sie mir ihn, ich will dieſe Manſarde ſelbſt in Augenſchein nehmen.“ „Hier iſt der Schlüſſel, Herr Commiſſär; wenn ich meine Loge verlaſſen könnte, würde ich Sie führen.“ „Das iſt unnöthig. Dieſes Zimmer liegt alſo im fünften Stocke, die Thüre der Treppe gegenüber?“ „Ja, Herr Commiſſär.“ Der Commiſſär nahm den Schlüſſel und verließ die während die Portisre folgendes Selbſtgeſpräch ielt: „Warum kommt der Herr Polizeicommiſſär hierher, um mit mir über meine ehemaligen Miethslente zu plappern? Er iſt nengierig wie eine Elſter.“ Hierauf, nachdem ſie einen neuen ängſtlichen Blick auf das Halb⸗ geſchoß geworfen, fuhr ſie fort: „Wenn ich dem Polizei⸗ commiſſär mittheilte, ich habe dort .. Im da wäre ich von einer ſchweren Laſt befreit . . denn ich zehre mich ganz ab, ich ſchlafe nicht mehr . . . Robinet kann keiner Maus nachlaufen, ohne daß ich glanbe, es 208 ſei ein Dieb.“ Dann, nachdenkend: „Nein, nein, nur ſachte! Das iſt läſtig, doch es iſt heilig! Eher den Tod!“ Und ſie verſank wieder in ihre Reflexionen, denen ſie jedoch bald entzogen wurde, denn der Commiſſär kam zurück, übergab ihr den Schlüſſel und ſagte: „Es iſt gut, ich habe das Zimmer in Augenſchein genommen. Hat das Dach des Hauſes einige Ausbeſſe⸗ rungen erhalten, ſeit Herr und Madame Gilbert dieſe Manſarde nicht mehr bewohnen?“ „Nein, mein Herr.“ „Das Dach iſt alſo durchaus in demſelben Zuſtande, wie es war, als ſie dieſes Haus verließen?“ „Ja, mein Herr!“ „Wiſſen Sie, für welches Bilderhändlers Rechnung Herr Gilbert arbeitete, als er Lithograph war?“ „Sein Patron hieß Herr Maurice, Bonulevard Saint⸗Denis.“ „Herr Manrice, Bonlevard Saint⸗Denis,“ wieder⸗ holte der Commiſſär, während er den Namen auf ein Blatt ſeiner Brieftaſche ſchrieb; und er fragte weiter: „Wiſſen Sie auch, für welchen Kaufmann Madame Gilberte arbeitete, als ſie noch Blumenmacherin war?“ „Ja, mein Herr, Madame Batton, welche in der Rue de Richelien wohnt, beſchäftigte Madame Gilberte.“ „Madame Batton, Rue de Richelien,“ notirte ſich der Commiſſär; dann ſteckte er ſeine Brieſtaſche wieder ein und ſagte zu Frau Badureau, während er wegzu⸗ gehen ſich anſchickte: „Sie ſind ſicher, daß Ihnen Ihr Gedächtniß in Betreff der Auskunft, die Sie mir über Ihre ehemaligen Miethsleute gegeben, getreu iſt?“ „Ich würde meine Hand dafür ins Feuer halten, Herr Commiſſär.“ „Gut! Auf Wiederſehen, Frau Badureau, denn ich werde Sie vielleicht noch um weitere Auskunft zu er⸗ ſuchen haben.“ 209 „Zu Ihren Dienſten, Herr Commiſſär,“ erwiederte Frau Badureau, indem ſie dem abgehenden Beamten die Schnur zog. Wonach die Portisre mit einer nachden⸗ kenden Miene zu ſich ſelbſt ſagte: „Auf wen hat er es denn abgeſehen mit ſeinen Erkundigungen, dieſer Schwätzer von einem Commiſſär?“ Dann ſich vor die Stirne ſchlagend: „Ich habe es, ich wette, die Regierung will Herrn Gilbert decoriren. Bei meiner Treue! ein ſo reicher Mann, das wäre man ihm wohl ſchuldig! Doch zuvor läßt die Regierung Erkundigungen einziehen! Das iſt es!“ XXXIV. Mehrere Tage nach der Unterredung des Polizei⸗ commiſſärs mit Frau Badureau über Gilbert und Gil⸗ berte waren der General Pouſſard und ſeine Frau, welche am Tage vorher von Anjon, wo ſie nun reſidirten, angekommen, nach dem Wunſche von Louiſe in demſelben Hotel garni abgeſtiegen, in das ſich dieſe bei ihrer erſten Reiſe nach Paris begeben hatte, — eine Reiſe unternom⸗ men, um Georges Hubert zu ſagen: Ich liebe Sie.“ Es ſchlug eilf Uhr; die beiden Ehegatten frühſtückten in einem Salon, der die zwei Schlafzimmer trennte, die ſie in dieſem Gaſthauſe inne hatten. Der General war moraliſch und phyſiſch unkennbar; ſein raſirter Schnurrbart und Knebelbart, ſein ziemlich langes, hinter ſeinen Ohren herabfallendes Haar, ſein breites, glänzendes, illuminirtes Geſicht, ſeine blaue Brille, ſein violetter Ueberrock, bis an den Hals enge zugeknöpft, ſeine ſchwarzen Beinkleider, ſeine wollenen Strümpfe von derſelben Farbe, ſeine geſchnürten Schuhe, ſein breitkrämpiger Hut gaben ihm die Haltung und die Phyſiognomie eines dicken Canonicüs in weltlichem Gilbert und Gilberte. I. 14 210 Gewande. Getreu ſeinen Plänen, die er entworfen in der Vorausſetzung, es könnte ſich die Prophezeiung verwirklichen, „er werde die Kolik bekommen, ſo oft er ſich ſchlagen wolle,“ hatte der Exraufbold am andern Tage nach ſeinem Zuſammentreffen mit Georges Hubert Paris in Geſellſchaft von Herrn Rapin und von Louiſe ver⸗ laſſen, welche übrigens ſehr zufrieden mit dieſer Abreiſe, in der ſie eine Garantie gegen jede Verſuchung oder Gelegenheit, den Dichter wiederzuſehen, fand. Mit den zweimalhunderttauſend Franken Mitgift ſeiner Frau, die ihr Vater am Tage ihrer Hochzeit, welche ſehr im Stillen in Angers ſtattfand, ausbezahlte, kaufte der Ge⸗ neral unfern von der Stadt in dieſer durch ihren Ueber⸗ fluß an culinariſchen und Weinbau⸗Producten berühmten Provinz ein abgelegenes, mit Waldungen bewachſenes und an Wildbret reiches Landgut. Er lebte hier mit Louiſe in einer völligen Zurückgezogenheit, aß wie ein Wehrwolf, trank wie ein Schlauch ſchlief wie ein Mur⸗ melthier, jagte wie ein Nimrod und machte ſich ſo das Vergnügen, noch den Pulvergeruch einzuathmen. Im Frühjahr und im Sommer gärtelte er, ſeine Pfeife rauchend, und widmete ſich leidenſchaftlich dem Aufziehen von Kaninchen, — eine unſchuldige Zerſtreuung. Wäh⸗ rend der langen Herbſt⸗ und Winterabende ſpeiſte er langſam, reichlich bei der Rückkehr von der Jagd zu Mittag und fing beim Deſſert an ſich zu berauſchen, indem er Nüſſe aß und vier bis fünf Flaſchen alten Vouvray⸗Wein trank, wonach ihn eine kräftige Magd, welche ganz beſonders für den Dienſt des Generals beſtimmt war, bis zu ſeinem gehörig gewärmten Bette führte, in welchem er bald in den Schlaf des Gerechten verſank. Trotz der Genüſſe dieſes animaliſchen Lebens, hatte der Exduellant zuweilen, wie man zu ſagen pflegt, „ſchlimme, ſehr ſchlimme Viertelſtunden,“ eine unvoll⸗ ſtändige Sühnung des von ihm vergoſſenen Blutes. 211 Vor Allem dachte er oft mit Bitterkeit an die Schmach, an die Lächerlichkeit, durch die ſein bis zum Tage ſeines unglücklichen Duells ſo furchtbarer Name befleckt worden war. Dann, obgleich er in einer völligen Vereinzelung lebte, befürchtete er immer, wenn er irgend einem Nach⸗ bar begegnete, die Andern nach ſich ſelbſt beurtheilend, man ſuche Streit mit ihm und mißbrauche ſo das, was er ſeine Schwäche nannte. Dieſe Furcht wurde eine Art von Monomanie, denn er erinnerte ſich mit Schrecken ſeiner Gemüthsbewegungen bei jenem Duell, wo er ſich mit Schmach bedeckt geſehen hatte. Eines Tags ver⸗ wirklichten ſich ſeine Befürchtungen grauſam. Er jagte an der Grenze ſeines Gutes unfern von einer Eiufriedi⸗ gungshecke. Sein Hund (er nannte ihn Tambour zur Erinnerung an den Krieg), ſein Hund ſteht eine Kette Rebhühner; ſie fliegen auf und ſtreichen über die Hecke; der General feuert mit beiden Läufen; eines von den Rebhühnern fällt, während ein anderes, angeſchoſſen, ſchwerfällig ſeinen Flug ſenkt. Beinahe gleichzeitig wird zweimal hinter der Hecke geſchoſſen, durch welche Tambour ſchon gedrungen war, um das von ſeinem Herrn. getöd⸗ tete Wildbret zu holen; doch plötzlich ſtößt Tambour ein ſchmerzliches Geheul aus. Der Exraufer umgeht die Einfriedigung und ſiht fich einem jungen Manne gegen⸗ über, der, ſeine Flinte beim Laufe haltend, mit Kolben⸗ ſtreichen den unglücklichen Hund bearbeitete, dem er ver⸗ gebens das todte Rebhuhn entreißen wollte, welches das verſtändige Thier hartnäckig ſeinem Herrn zurückzubringen ſich anſtrengte. Dieſer läuft im erſten Augenblicke ſeines Zorns auf den jungen Mann zu und ſchreit mit einer drohenden Stimme: „Tauſend Millionen Donner!“ „Alle tauſend Millivnen Donner des Teufels werden mich nicht abhalten, zu erklären, daß ich dieſes Rebhuhn geſchoſſen habe, und ich nehme es,“ antwortete der Jäger, dem es gelang, den Vogel aus dem Maule des 212 Hundes zu reißen, welchem er mit einem heftigen und letzten Kolbenſtreich eine Pfote zerſchmetterte. Bei dieſer Verwundung ſtieß Tambonr entſetzliche Schreie aus, während ſich der Jäger dreiſt an den leichenbleichen und vor Wuth zitternden General wandte und ſagte: „Ich behaupte, daß ich dieſes Rebhuhn geſchoſſen und das andere verwundet habe; ſind Sie nicht hiemit zufrieden, ſo ſprechen Sie.“ Die Opfer des Duellanten hätten gebebt vor Wonne in ihren Gräbern, wären ſie im Stande geweſen, die Qual kennen zu lernen, welche er in dieſem Augenblicke empfand. Das gute Recht war für ihn, doch der andere Jäger, der einige Momente ſpäter vergebens nach dem⸗ ſelben Wilde geſchoſſen hatte, nahm es in Anſpruch und, was noch ſchlimmer, verſtümmelte den Hund, der es ſeinem Herrn brachte. Dieſer Jäger endlich, ein junger Menſch von zwanzig Jahren, beleidigte gröblich einen Mann mit weißen Haaren, denn das Alter bleichte das Haupt des Erduellanten. Nein, es iſt nicht möglich, auszudrücken, was dieſer empfand, als er ſah, wie ſich Tambour heulend und ſeine verwundete Pfote halb auf⸗ gehoben haltend zu ihm ſchleppte. Der General fühlte, wie ihm das Blut zu den Augen emporſtieg; die Wuth verblendete ihn; er ergriff ſein Pulverhorn, um haſtig ſein Gewehr wieder zu laden, indem er zu ſich ſelbſt ſagte: „Oh! das iſt hier kein Duell; ich werde nicht die Kolik bekommen, wenn ich dieſem Halunken, der Tambour die Pfote zerſchmettert hat, einen Flintenſchuß in die Rippen jage.“ Doch in dem Augenblicke, wo er das Pulver in den Lauf ſeiner Flinte ſchüttete, wich dieſer entſetzliche Raufer, der unter Andern ein achtzehnjähriges Kind⸗ trotz der Thränen ſeiner Mutter, von der nächſten Nähe erſchoſſen hatte, dieſer Raufer, ein unerklärlicher Wider⸗ ſpruch, wich vor dem neuen Morde zurück, der mit ſeinen 213 anderen Morden verglichen wenigſtens erklärlich geweſen wäre. Er warf mit Verzweiflung ſein Gewehr fern von ſich, nahm den Hund in ſeine Arme und trug ihn, wei⸗ nend vor Schmerz und Wuth, fort, indeß ihm der junge Jäger von fern hohnlachend nachrief: 3 „Viele Grüße zu Hauſe, Herr Moriſſet! Als ehe⸗ maliger Notar werden Sie mir vielleicht einen Prozeß machen, doch ich bekümmere mich den Teufel um Sie, mein Alter!“ Der General hatte den Namen Moriſſet angenom⸗ men und gab ſich für einen ehemaligen Notar aus, um ſeinen Namen und ſeine Schande zu verbergen, denn in ſeinem prahleriſchen Stolze hielt er ſich für viel mehr bekannt, als er in Wirklichkeit war. Dieſe gerechte, aber unvollſtändige Sühne ſo viel von ihm vergoſſenen Blutes erweckte zum erſten Male in ſeiner Seele, nicht einen Gewiſſensbiß, ſondern eine Art von Rückkehr auf die Vergangenheit. Während er, Tambour auf ſeinen Schul⸗ tern tragend, nach ſeinem Hauſe zurückging, ſagte er auch mit einer ſchmerzlichen Bitterkeit, ſeine Thränen verſchlingend, zu ſich ſelbſt: „Ah! an Jeden kommt die Reihe, mein armer Alter! Man thut Dir, was Du den Andern gethan haſt!“ Die moraliſche Reaction brachte eine mächtige Wir⸗ kung auf den General hervor und gab ihm die Gelb⸗ ſucht. Seine Galle, erhitzt durch das Kochen ſeines ge⸗ waltſam zurückgehaltenen Zorns, drang in ſein Blut ein. Dieſe Krankheit währte lange, aber den Pflichten getreu, die ſie ſich ſelbſt auferlegt hatte, pflegte Louiſe mit allem Eifer und aller Ausdauer ihren Gatten, der ſehr erſtaunt war, bei ihr eine beinahe kindliche Sorgſamkeit zu finden. Louiſe lebte ſo glücklich, als ſie es bei der Um⸗ wandlung des Raufers ſein konnte. Getren den Bedin⸗ gungen ihrer Heirath, hatte er immer völlig getrennt von 2¹4 ſeiner Frau gelebt, ohne etwas Anderes von ihr zu verlangen, als die Beaufſichtigung ſeines Hausweſens; denn in Folge der Dämpfung ſeines früher ſo heftigen, ſo brutalen Charakters zeigte er ſich gegen ſie von einer beinahe unterthänigen Ehrerbietung, beſonders ſeit einem gewiſſen Tage, wo der General, bei dem ſein altes Naturell die Oberhand gewonnen, außerordentlich zornig über einen verbrannten Braten, ſich in groben Worten an Luuiſe gerichtet, Luft gemacht hatte, worauf dieſe ſehr feſt Folgendes geantwortet: „Einmal für allemal wollen wir dahin übereinge⸗ kommen ſein, daß ich mein Möglichſtes thun werde, wie ich es bis jetzt gethan habe, um Ihre Küche zu über⸗ wachen, damit Ihr Eſſen gut iſt; ich werde bemüht ſein, Ihr Hausweſen vernünftig zu ordnen, in keiner Hinſicht Ihrem Geſchmacke, Ihren Gewohnheiten zuwider zu handeln; ich werde Sie pflegen, wenn Sie krank ſind; dagegen aber, und ich habe das Recht, dies zu verlangen, werden Sie mich bei mir in der Einſamkeit leben laſſen und mich nicht verantwortlich machen für die Fehler Ihrer Küche; ſonſt . . . wenn Sie noch einmal die mir ſchuldige Achtung vergäßen, würde ich mich genöthigt ſehen, ich, die ich bis jetzt immer die Zurückgezogenheit aufgeſucht habe, würde mich genöthigt ſehen, einige von unſeren Nachbarn zu beſuchen, und vielleicht würde es mir in der Hinreißung des Geſpräches begegnen, ſie davon zu unterrichten, Herr Moriſſet, der Notar, der ſich aus den Geſchäften zurückgezogen, ſei kein Anderer, als der Herr General Pouſſard, deſſen Name eine neue Celebrität ſeit einem gewiſſen ziemlich ärgerlichen Duelle erlangt hat.“ Dieſe Drohung machte den Exduellanten von da an wunderbar geſchmeidig; er glaubte, das Geheimniß deſſen, was er ſeine Schwachheit nannte, ſei ſeiner Frau unbekannt, bei der er politiſche Gründe vorge⸗ ſchützt hatte, um ſein Incognito zu erklären; aber Loniſe 21⁵ war unwillkürlich von der Wahrheit untertichtet worden, als ſie den General ein paar Tage nach dem Duell bei Herrn Rapin ſich über die Umſtände beklagen hörte, welche fortan der Lächerlichkeit und der Schande den furchtbaren Namen Pouſſard preisgaben. Zu evelherzig, um dieſes Geheimniß zu mißbrauchen, erfüllte Louiſe redlich die Pflichten, die ſie, indem ſie ſich verheirathet, übernommen hatte, überwachte ſein Haus als gute Wirthin, zeigte ſich freundlich in ihren nicht ſehr zahl⸗ reichen ehelichen Beziehungen, verließ aber den Tiſch, ſobald man dem General ſeine Flaſchen alten Wein, ſeine Nüſſe, ſeine Pfeife, ſeinen Tabak und ſeinen Branntwein brachte, — eine Tröſtung, von der er Gebrauch machte, bis ihn ſeine kräftige Magd zu Bette führte. In ihre Erinnerungen verſunken, genoß alſo Louiſe in der Tiefe der Einſamkeit die bitteren Freuden des Oyfers. Sie hatte aus einem kleinen, an ihr Schlafzimmer anſtoßenden Salon eine Art von Allerheiligſtem ge⸗ weiht der Vergangenheit. Hier fanden ſich die Werke von Georges Hubert, die ſie beſaß, als ſie ein Mädchen war; das Portrait des Dichters, einige Blätter von ſeinen Mannſcripten, Ueberreſte von Abſchriften, die ſie, die Arbeiten von Madame André theilend, gemacht hatte; endlich ſorgfältig unter Glas gebrachte und getrocknete Heliotropblüthen, heimlich aus dem Garten des Dichters genommen in jener Racht, wo ſie fich zum erſten Male zu ihm begeben hatte. Der General zeigte eine philoſophiſche Gleichgültig⸗ keit in Betreff des Cultus, den Louiſe ihren Erinnerungen widmete, und er that ihr in dieſer Hinſicht durchaus keinen Zwang an. Vollkommen daran gewöhnt, ſeine Frau nur zur Stunde der Mahle zu ſehen, wußte er, daß ſie Niemand empfing und ihre theure Einſamkeit nur verließ, um ſpazieren zu gehen in dem ſchattigen großen Garten des Hauſes, den ſie mit Wohlgefallen ungefähr ſo geordnet und eingetheilt hatte, wie der 216 Garten von Georges Hubert bei ſeiner Wohnung in der Rue Blanche war. Louiſe lebte, wir wiederholen es, ſo glücklich, als es ihr fortan zu leben möglich war. Ihre Vernunft und der Inſtinct ihres Herzens ſagten ihr, ihr heldenmüthiges Opfer werde nicht unfruchtbar ſein, und ſeiner Freiheit, ſeinem früheren Leben zurückgegeben, werde ihr geliebter Dichter bald ſeine Niederlage durch einen glänzenden Sieg rächen. Dieſe Vorgefühle, dieſe Hoffnungen ſollten bald verwirklicht werden. Eines Tages las Louiſe Folgendes in einer Zeitung: „Man zeigt an, in Folge der Abreiſe von Herrn Georges Hubert nach Italien werde das Mobiliar des Hauſes, das er in der Rue Blanche bewohnte, dem⸗ nächſt verkauft. Ohne Zweifel wird dieſer Verkauf eine große Anzahl von Bewunderern herbeiziehen, welche ſich beeifern werden, einige von den Meubles, die dem berühmten Schriftſteller gehört haben, in ihren Beſitz zu bekommen.“ Loniſe wunderte ſich über dieſe Art von Prunk, mit dem der Verkauf ſtattfinden ſollte, ein Prunk, der der Beſcheidenheit, der gewöhnlichen Zurückhaltung des Dich⸗ ters ſo ſehr widerſprach; doch am andern Tage wurde dieſer Widerſpruch durch folgende paar Zeilen aufgeklärt, welche in daſſelbe Blatt auf das Verlangen von einem der Freunde des Dichters eingerückt worden waren: „Herr Redacteur, erlauben Sie mir, in Abweſenheit meines Freundes, des Herrn Georges Hubert, gegen den Mißbrauch zu proteſtiren, den man von ſeinem Namen in Betreff eines geſtern in Ihrem Journal angekündigten Verkaufs gemacht hat. „Herr Georges Hubert, der auf einige Monate Frankreich verlaſſen hat, um neue Inſpirationen vom claſſiſchen Lande der ſchönen Künſte zu verlangen, hat das Haus, das er in der Rue Blanche bewohnte, nicht behalten und das Mobiliar dem Tapezirer abgetreten, 217 der es ihm einſt geliefert. Dies ſind die Thatumſtände in ihrer außerordentlichen Einfachheit. Brauche ich bei⸗ zufügen, daß Herr Georges nicht wußte, es ſollte durch eine auf die gerechte Berühmtheit ſeines Namens gegründete Speculation ſodann dieſes Mobiliar öffentlich wieder⸗ verkauft werden, und man werde dieſen Verkauf auf eine ſchallende Weiſe ankündigen? „Eine blinde und erbitterte Verleumdung gefällt ſich ſeit einiger Zeit darin, ſo elendiglich die unbedeutendſten oder ehrenvollſten Handlungen des großen Dichters zu verketzern, auf deſſen Freundſchaft ich ſtolz bin, daß ich mich genöthigt ſehe, gegen die fragliche Annonce, welche die Böswilligkeit ausbeuten kann, zu proteſtiren. „Es iſt wahrhaft ſchmerzlich, daß man Männer von einem ſo erhabenen, ſo untadelhaften Charakter, wie es der von Georges Hubert iſt, vertheidigen muß. Doch, Gott ſei Dank! der redliche Mann ſiegt am Ende über die Verleumdung, und ich habe das feſte Vertrauen, daß, einen Augenblick verirrt, die öffentliche Meinung, bald von ihrem Irrthume zurückkommend, einem der ausge⸗ zeichnetſten Schriftſteller unſerer Zeit Gerechtigkeit wird widerfahren laſſen, und daß das neue Werk, das er von ſeiner Reiſe zurückbringen wird, ihn auf eine edle Weiſe an den Verleumdern ſeines Genies und ſeines Privat⸗ lebens rächt. „Genehmigen Sie u. ſ Louiſe fing an für ihr heldenmüthiges Opfer be⸗ lohnt zu werden; ihre Vorherſehungen verwirklichten ſich. Sein thätiges, wechſelreiches Leben wieder aufnehmend, würde Georges Hubert ohne Zweifel ein Werk ſo ſchön, ſo mächtig als ſeine Vorgänger erzeugen. Der Inſtinct ihres Herzens ſagte auch der jungen Frau, und er täuſchte ſie nicht, ſeine Wohnung in der Rue Blanche verlaſſend, von der er nicht einmal das Mobiliar behal⸗ ten wolle, beabſichtige der Dichter, ſchmerzlich gereizt 218 gegen eine Frau, die er nun ebenſo ſehr haſſe, als er ſie geliebt, ſelbſt die materiellen Erinnerungen an ihre Verbindung zu vertilgen. Seine erſte Zuſammen⸗ kunft mit Louiſe, eine für Beider Schickſal ſo entſchei⸗ dende Zuſammenkunft, hatte in der Rue Blanche ſtatt⸗ gefunden, und hier waren auch die erſten Zeiten ihrer Ehe vergangen, ehe ſie ihr Haus in der Avenne Meéri⸗ cvurt bewohnten. Der Anblick der materiellen Gegen⸗ ſtände, mit denen theure oder grauſame Erinnerungen verknüpft ſind, übt auf gewiſſe träumeriſche und die Einſamkeit liebende Geiſter einen außerordentlichen Ein⸗ fluß aus. Georges und Louiſe gehörten zu dieſen Gei⸗ ſtern, und dabei mußten ſie ihre Gewohnheiten mehr als irgend Jemand für ſolche Empfindungen zugänglich machen. So wurde der Dichter, der, in ſein Cabinet zu⸗ rückgezogen, nachſann, ein neues Werk ausarbeitete und darin Troſt, das Vergeſſen ſeines Kummers ſuchte, durch den Anblick der äußeren Gegenſtände unwillkürlich an die Wirklichkeit erinnert, die er floh. Louiſe hatte ſich, bei ihrem erſten Beſuche beim großen Schriftſteller, in dieſen Lehnſtuhl geſetzt. Louiſe liebte beſonders die Ecke dieſer Cauſeuſe, wenn ihr Dichter, bei ihr ſitzend und häufig ſeinen Kopf auf ihre Schulter geneigt, ihr von ihrer gegenſeitigen Liebe eingegebene Verſe vorſprach. Louiſe ſetzte ſich gewöhnlich an dieſes Tiſchchen, entweder um unter dem Dictate von Georges Hubert zu ſchreiben, oder um ſeine Manuſcripte zu copiren, wäh⸗ rend er ſeinerſeits arbeitete. Die Augen des Dichters mußten alſo jeden Moment dieſen Dingen begegnen, deren Anblick, unabläßig ver⸗ haßte Erinnerungen wiederbelebend, ihn grauſam in ſeinen Meditationen, ſeiner einzigen Zuflucht gegen die Vergangenheit, zerſtreute. Georges Hubert entſchloß ſich alſo, Frankreich zu 219 verlaſſen und für immer ſein Haus, das voll von Erin⸗ nerungen, welche für ſeine Blicke und ſeinen Geiſt ſo peinlich, aufzugeben. Louiſe, im Gegentheil, flüchtete ſich, um der Ge⸗ genwart zu entgehen, in die Vergangenheit. Jeder von dieſen Gegenſtänden, welche, Zeugen ihres verſchwunde⸗ nen Glückes, frommer Weiſe in ihrer Wohnung vereinigt waren, erinnerte die junge Frau an die heroiſche Größe ihres Opfers, ſchmeichelte dem gerechten Stolze ihres Herzens und verſenkte ſie in endloſe, ſchwermüthig rei⸗ zende Träume. Als ſie eines Tags in einem Blatte las, man werde das Mobiliar des Hauſes der Rue Blanche zum Verkaufe ausſetzen, ergriff ſie auch das lebhafteſte Verlangen, einige von den Meubles zu be⸗ ſitzen, mit welchen für fie ſo viele koſtbare Erinnerungen verknüpft waren; — ein kindiſcher Wunſch, wird man ſagen, wenn man nicht weiß, welche Allmacht auf die Gefangenen oder die freiwilligen Einſiedler eine fixe Idee übt, wenn ſie dieſelben mit Leib und Seele beſitzt. Loniſe drückte, ohne Rückhalt oder Umwege, ihren Wunſch gegen ihren Gatten aus und ſagte einfach zu ihm, indem ſie ihm das Blatt zu leſen gab, welches die Anzeige vom Verkaufe der Meubles des Dichters enthielt: „Georges Hubert iſt nach Italien abgereiſt, man wird in Paris binnen Kurzem mehrere Gegenſtände verkaufen, die ihm gehört haben; ich möchte gern einige davon kaufen, und ich wüßte Ihnen viel Dank, wenn Sie mich zu dieſem Ende nach Paris führen wollten.“ Der General, für den das menſchliche Herz und be⸗ ſonders das von Louiſe ein verſchloſſenes Buch blieb, begriff dieſe Laune ſeiner Frau nicht, welche, um ihn, Pouſſard, zu heirathen, die Hand des Dichters ausge⸗ ſchlagen hatte. Er mußte übrigens bei ihr vortreffliche Eigenſchaften anerkennen; ſie hatte ihn mit aller Sorg⸗ falt während der Gelbſucht gepflegt, welche bei ihm durch den Zorn über eine ohne Rache verſchluckte Belei 220 digung verurſacht worden war. Der General ergab ſich alſo ziemlich gutwillig in die Bitte ſeiner Frau; er fand ſogar dieſe Gelegenheit äußerſt günſtig, um ſein Kanin⸗ chengehege mit zwei Angora⸗Kaninchen zu vermehren, die er noch nicht beſaß, und ſeine Speiſekammer mit gewiſſen Specereien und Gewürzen, mit gewiſſen geſal⸗ zenen und geräucherten Eßwaaren, ſowohl in Fleiſch als in Fiſchen, zu bereichern, die man nur in Paris haben konnte. Die einzige Furcht des Exraufers, und er hatte große Mühe, ſie zu beſiegen, war, man werde Streit mit ihm auf der Reiſe ſuchen. Er verfiel, wie man ſieht, in die Monomanie. Doch ein leuchtender Gedanke erhellte ſeinen Geiſt; er ließ ſich einen langen veilchen⸗ blauen Uieberrock machen, ſtrich ſeine weißen Haare hinter ſeine Ohren zurück, gab ſich ſo viel als möglich ein geiſtliches Ausſehen, und der alte Plünderer der Kirchen und Klöſter Spaniens bat Loniſe, um die Illuſion ſei⸗ nes prieſterlichen Anſcheins zu vermehren, inſtändig, ihn während der Reiſe von Angers nach Paris Herr Abb6 zu nennen. Das Coupé der Diligence wurde zum Vor⸗ aus vom General beſtellt, welcher ſo jede Berührung mit, vielleicht ſtreitſüchtigen, Fremden vermeiden wollte. Endlich ſollte, — eine letzte Vorſichtsmaßregel, — jeine dicke angeviſche Magd den dritten Platz im Coupé einneh⸗ men, belaſtet mit einem Korbe, der hinreichend Eßwaaren enthalten würde, daß der General und Loniſe, oder viel⸗ mehr der Herr Abbé und ſeine Nichte, im Wagen ſich ſtärken könnten, ohne an der Table d'hote zu ſpeiſen, denn die Tables dhote waren, nach der Anſicht des in dieſer Materie ſehr erfahrenen Generals, wahre Zank⸗ neſter. In der Hoffnung, von Niemand während ſeines kurzen Aufenthaltes in Paris erkannt zu werden, ſetzte endlich der General eine blaue Brille, verſtärkt durch Seitengläſer, auf. Durch dieſe Vorſichtsmaßregeln und ſeine halb geiſtliche Kleidung wurde der General, der ſeinen Schnurrbart und ſeinen Knebelbart abraſirt hatte, 221 wirklich unkennbar. Trotz der Bangigkeiten, die ihn in Betreff der Händel marterten, kam der Exraufer ohne Hinderniß in Paris mit Louiſe an, welche, wie geſagt, in demſelben Hotel wohnen wollte, wo ſie abgeſtiegen war, als ſie, das Haus ihres Vaters verlaſſend, nach Paris kam, um zu Georges Hubert zu ſagen: „Ich liebe Sie!“ XXXV. Der General Pouſſard und ſeine Frau, welche am Tage vorher in Paris angekommen waren, frühſtückten nun mit einander in einem Salon ihres Hotel garni, und ſetzten alſo ein angefangenes Geſpräch fort: „Geſtern bin ich in der Rue Blanche geweſen im Glauben, der Verkauf werde dort ſtattfinden“ ſagte Louiſe, „und ich habe erfahren, das ganze Mobiliar von Herrn Georges Hubert ſei von einer Millionen reichen Perſon gekauft worden.“ „Dann, Freundin,“ erwiederte der General Pouſſard mit einem Ausdrucke beinahe unterwürfiger Ehrerbietung, „wenn Sie mir glauben wollen, reiſen wir ſo ſchnell als möglich wieder ab, ſobald wir bei Chevet und bei Bontoux unſere kleinen Einkäufe für die Speiſekammer und die Küche gemacht haben. Ich möchte auch gern ein Paar Angora⸗Kaninchen kaufen, um mein Gehege zu vermehren, denn die Kaninchenzucht beluſtigt mich unge⸗ mein. Ich ſoll dieſe Thüre bei den Händlern in der Rähe des Louvre finden. Iſt dies geſchehen, ſo be⸗ ſchwöre ich Sie, nach Angers zurückzukehren; die Füße brennen mich in Paris; ich befürchte immer, trotz meiner blauen Brille, meines violetten Ueberrocks und der Ab⸗ weſenheit meines Schnurrbarts, erkannt zu werden.“ Ich wünſchte wenigſtens, ehe wir Paris verlaſſen, einen Beſuch bei der Perſon zu machen, welche dieſe Meubles ohne Zweifel einzig und allein aus Neugierde, oder um eine von den den Millionären eigenthümlichen Launen zu befriedigen, gekauft hat.“ „Einen Verſuch? welchen Verſuch?“ „Dieſe Perſon zu bewegen, daß ſie mir einige von den Gegenſtänden abtritt, welche ich beſonders zu be⸗ fitzen wünſche.“ „Wahrhaftig, liebe Freundin, und das iſt kein Vorwurf, da ich, um Ihnen angenehm zu ſein, zu dieſer Reiſe nach Paris eingewilligt habe . .. Doch der Teu⸗ fel ſeu mich holen, wenn ich Ihre ſeltſame Laune be⸗ greife „Erlauben Sie, mein Herr; es wäre, glaube ich, überflüſſig, in Erklärungen über dieſen Gegenſtand ein⸗ zugehen; dulden Sie, daß dieſe Reiſe, zu der Sie ein⸗ gewilligt, wofür ich Ihnen großen Dank weiß, für mich nicht unnütz ſei.“ „Wie Sie wollen, liebe Freundin; es iſt nicht meine Abſicht, Ihnen zu widerſprechen; nur ſehe ich nicht ein, auf welche Art Sie ſich werden benehmen können, um bei einer ungeheuer reichen Perſon es dahin zu bringen, daß ſie an Sie wieder verkauft, was ihr zu kaufen be⸗ liebt hat.“ „Ein großes Vermögen löſcht nicht nothwendig im Herzen von denjenigen, welche es beſitzen, die edlen und zarten Gefühle aus, und an dieſe Gefühle werde ich mich mit um ſo mehr Hoffnung wenden, als die Per⸗ ſon, um die es ſich handelt, eine Frau iſt.“ „Eine vornehme Dame ohne Zweifel?“ „Es ſoll eine Blumenmacherin ſein.“ „Liebe Freundin dieſer Scherz .. „Nichts kann im Gegentheil ernſter ſein: die Per⸗ ſon, welche das ganze Mobiliar von Herrn Georges Hubert gekauft hat, ſoll ſich eines ungeheuren Reichthums erfreuen; ſie iſt oder war Blumenmacherin und heißt Madame Gilbert,“ 223 „Eine Blumenmacherin? Madame Gilbert? ich habe nie in Paris von Millionären dieſes Namens und dieſes Standes gehört und befürchte ſehr, daß man Sie zum Beſten gehabt hat!“ „Ich glaube es nicht, und überdies werde ich ſogleich erfahren, was an der Sache iſt, da ich dieſe Dame im Hotel d'Orbeval, wo ſie wohnt, beſuchen will.“ „Hotel d'Orbeval? das iſt eines der ſchönſten Ho⸗ tels von Paris! Wie kann eine Blumenmacherin ein ſolches Haus bewohnen?“ „Ich weiß es nicht und wie Ihnen, mein Herr, ſcheint mir das ſonderbar; doch wenn Sie mich zu be⸗ gleiten wünſchen, ſo werden wir ohne Zweifel die Er⸗ klärung dieſer Seltſamkeit erhalten.“ „Gewiß, liebe Freundin, werde ich Sie begleiten. Ein Mann, der den Arm einer Frau gibt, flößt immer mehr Reſpect ein, als ein Mann allein. Man ſchaut ihn zweimal an, ehe man ihn beleidigt. Ich weiß wohl, daß ich andererſeits alt bin; daß ich ausſehe wie ein Meßner; daß Sie jung und hübſch ſind und daß es ſo grobe, ungezogene Burſche gibt! Ah! verdammte Reiſe! doch.. da der Wein abgezogen iſt, trinken wir ihn. Wir werden nur ausfahren: und dann müßte es mit dem Teufel zugehen, wenn man mich erkennen oder Streit mit mir ſuchen würde!“ So ſprechend, ſtand der General Ponſſard vom Tiſche auf. Während Louiſe in ihr Zimmer zurückging, um hier ihre Mantille und ihren Hut zu holen, befeſtigte der Erduellant ſeine Brille, ſtrich ſorgfältig ſeine Haare hinter ſeine Ohren zurück, drückte ſeinen breitkrämpigen Hut beinahe auf die Augen nieder und rief: e . Toinon! Toinon!“ „Die ſtarke angeviſche Magd, welche mitgereiſt war, lief auf die Stimme ihres Gebieters herbei. „Hier bin ich, Herr; was gibt es?“ 224 „Sage einem von den Kellnern des Hauſes, er ſoll einen Fiacre holen.“ „Ich gehe, Herr.“ „Warte doch. . . . Sage dem Kellner, er ſoll, wenn das möglich iſt, einen Fiacre wählen, deſſen Kutſcher ein gutes Geſicht hat . „Wie, ein gutes Geſicht?“ „Ja, er ſoll nicht frech⸗ unverſchämt, ſondern ſehr ſanft ausſehen, denn wir wollen ihn auf die Stunde nehmen, und zuweilen ſträuben ſich dieſe Burſche, nach der Stunde zu fahren; ſie machen Lärmen, die Menge ſchaart ſich zuſammen, und es können Streitigkeiten da⸗ raus entſtehen. Gehe geſchwinde.“ „Aber, Herr „ „Was?“ „Ei! man wird über mich ſpotten, wenn ich zu dem Kellner ſage, er ſoll einen Kutſcher wählen, der ein ſehr ſanftes Geſicht habe.“ „Hat man je ein ſolches unvernünftiges Thier ge⸗ ſehen! Kannſt Du nicht ſagen, der Hert Abbs da wir übereingekommen ſind, daß ich Herr Abbé genannt werden ſoll . . . „Hi hi hi!“ verſetzte Toinon, auf ihre Weiſe lachend. „Hi hi.. hi!. es iſt wahr . hi. hi!. Welch ein Faſchingsſpaß! Sie, unſer Herr ein bb „Willſt Du wohl ſchweigen, Unglückliche, und nicht ſo laut ſprechen! Man kann Dich hören, die Wahrheit errathen! Es braucht nicht mehr, um mich zum Geſpötte des Hotels zu machen . und findet ſich zufällig in dieſem Hauſe irgend ein hölliſcher Handlungsreiſender, ſo iſt er im Stande, vor der Thüre auf mich zu war⸗ ten, um mich zu verhöhnen und zu beleidigen.“ „Ah! das iſt gut, Herr Abbs hi . hi. . . ich lache nicht mehr hi. hi. . 225 „Schon wieder!“ 1 Herr! das iſt ſtärker als ich! h hi hi. „Tauſend Millionen Donner! wirſt Du ſchweigen!“ „Hi hi hih Der Herr Abbés, der hi hi bi bei allen Donnerwettern ſchwört! hi . hi „Oh! welche Geduld!“ murmelte der Exraufer, der vor Wuth die Fäuſte ballte und die Angen zum Pla⸗ fond aufſchlug. „Wenn ich bedenke, daß meine Solda⸗ ten zitterten, ſo oft ſie mich anſchauten!“ Und ſich an Toinon wendend: „Wenn Du noch einmal lachſt, jage ich Dich fort; verſtehſt Du?“ „Gut, man wird nicht mehr lachen!“ „Höre mich an und thue, was ich Dir befehle, ſonſt . . nimm Dich in Acht. Du wirſt alſo dem Kellner ſagen, Dein Herr, der Herr Abbé, wünſche, da er in Betracht ſeines Alters und ſeines Standes einige Schwierigketen bei einem groben Kutſcher zu haben be⸗ fürchte, er wünſche, daß man, wenn es möglich ſei, einen Kutſcher von ſehr ſanftem, redlichem Ausſehen wähle. In dieſem Auftrage liegt nichts, worüber man ſich wun⸗ dern könnte. Gehe alſo geſchwinde, und wenn der Wa⸗ gen vor der Thüre des Hotels iſt, komm zurück und melde es mir.“ „Ja, Herr . . Abbé bi hi antwortete Toinon. Und unwillkürlich vor Lachen beinahe erſtickend, ging ſie hinaus. „Dieſe Elende wird mir hier eine Beſchimpfung zu ziehen!“ rief der General Ponſſard voll Zorn. „Ver⸗ dammte Reiſe! fluchwürdige Reiſe!“ Louiſe kehrte in dieſem Angenblick zurück, nachdem ſie ihre Mantille umgenommen und ihren Hut aufgeſetzt hatte. Ziemlich erſtannt über den zornigen Ausdruck, Gilbert und Gilberte. M. 1⁵ 226 in den Zügen des Generals wahrnahm, ſagte ſie zu ihm: „Was haben Sie? Sie ſcheinen ärgerlich zu ſein.“ „Gehen Sie zum Teufel! Sie ſind Schuld an allen meinen Widerwärtigkeiten mit Ihrem ſataniſchen Reiſe⸗ gedanken!“ „Mein Herr, mir ſcheint, wir waren übereingekom⸗ men, Sie werden mich mit ſolchen Grobheiten verſcho⸗ nen. Ich erkläre Ihnen, daß ich ſie nicht zu ertragen vermöchte, und es wäre mir ſehr peinlich, müßte ich Sie daran erinnern, daß ich, wenn Sie alle mir gebühren⸗ den Rückſichten vergeſſen, genöthigt ſein werde, meinerſeits die Verſchwiegenheit auch zu vergeſſen, die ich Ihnen verſprochen in Betreff . . . „Verzeihen Sie, liebe Freundin, ich habe Unrecht gehabt,“ erwiederte eiligſt der General, wie durch einen Zauber beſänftigt; „dieſe dumme Toinon hat mich ſo wüthend gemacht.“ „Es mag ſein, mein Herr; doch ich bitte, machen Sie mich nicht mehr ſolidariſch verbindlich für die Dumm⸗ heiten der Toinon.“ „Herr, der Wagen iſt unten,“ meldete die Magd, welche eben zurückkam. „Der Kellner hat mich verſichert, es ſei ein Cherub von einem Kutſcher, dem der Herr Beichte geben könnte. Hi .. „Dieſe dicke Perſon wird mit ihrem Gewäſche ein albernes Verſehen begangen haben,“ murmelte der Ge⸗ neral. Dann ſich an Louiſe wendend: „Kommen Sie, liebe Freundin, geben Sie mir den Arm und verlaſſen Sie mich nicht. Uind Du,“ ſagte er zu der Magd: öffne garz ſachte die Thüre und ſchau, ob Niemand im Gange iſt.“ „Ja, Herr, ich eile.“ Ich begreife den Zweck dieſer Vorſicht nicht,“ ſagte 227 Louiſe zum General, nachdem die Magd abgegangen war. „Was liegt Ihnen daran, ob Jemand im Gange iſt?“ „Es iſt mir lieber, wenn ſch Niemand begegne. Das iſt eine Chance mehr, keinen Streit zu bekommen. Es giebt ungezogene Burſche, welche ſich ſo herausfor⸗ dernd benehmen!“ „Das wird eine Bangigkeitsmonomanie,“ dachte Loniſe. „Dieſe Strafe iſt nur zu ſehr verdient.“ „Herr!“ meldete Toinon, welche, eine geheimniß⸗ volle Miene annehmend, ganz leiſe eintrat, „es iſt kein Menſch im Gange.“ „Geſchwinde, geſchwinde, liebe Freundin, benützen wir den Augenblick,“ ſagte der Exraufer, während er Louiſe ſeinen Arm reichte, „und verlaſſen Sie mich be⸗ ſonders nicht.“ Der General verließ, den Arm ſeiner Frau feſt un⸗ ter dem ſeinigen preſſend, ſeine Wohnung, nachdem er abermals, und zwar von der Thürſchwelle aus, mit einem aufmerkſamen Blicke den langen Gang erforſcht hatte, durch welchen er gehen ſollte und in den er ſich endlich wagte, jedoch nicht ohne Furcht, obgleich er Niemand darin ſah. Er hatte kanm ein paar Schritte gemacht, als eine von den Thüren, die nach dem Corridor führten, ungeſtüm geöffnet wurde. Ein junger Mann kam ſo unbedachtſam, während er dabei trällerte, heraus, daß er heftig den General ſtieß und Louiſe, die ſich eines leichten Schreis des Schmerzes nicht erwehren konnte, auf den Fuß trat. „Aber, meine Richte, nehmen Sie ſich doch in Acht! Sie hätten beinahe dieſen Herrn umgeworfen!“ rief der falſche Abbs mit einem Tone voll von Bangigkeit und Vorwurf Louiſe zu. Dann wandte er ſich gegen den lungen Mann um, der, verlegen über ſeine Unbeſonnen⸗ heit ſich entſchuldigen wollte grüßte ihn zweimal auf das Allerdemüthigſte und fügte bei: „Ich bitte Sie Mil⸗ lionenmal um Verzeihung, mein Herr, ich bin ganz ver⸗ 228 wirrt, troſtlos über die Unachtſamkeit meiner Nichte, welche nicht raſch genug auf die Seite getreten iſt, als ſich Ihre Thüre öffnete. Oh! verzeihen Sie, mein Herr, es iſt auch einwenig mein Fehler, denn ich hätte vorher⸗ ſehen müſſen, Sie werden aus Ihrem Zimmer heraus⸗ kommen; doch Sie entſchuldigen wohl einen armen alten Geiſtlichen von meinen Jahren.“ „Aber, Herr Abbé, ich bin im Gegentheil beſtürzt, troſtlos über meine Unbeſonnenheit, und ich bitte Ma⸗ dame inſtändig, ſie mir zu verzeihen,“ erwiederte der junge Mann. „An mir iſt es, Madame, ſowie Sie, Herr Abbé, zu bewegen, meine tiefſten Entſchuldigungen genehmigen zu wollen.“ „Mein Herr, wir werden Alles, was Ihnen beliebt, genehmigen, da Sie es ſo wünſchen, und ich fühle mich ſehr beglückt durch dieſe Gelegenheit, Sie meiner Ehr⸗ urcht und Hochachtung zu verſichern,“ beeilte ſich der Fraufer zu antworten, indem er ſich wieder zweimal verbeugte. Dann nahm er den Arm von Louiſe und entfernte ſich haſtig von dem jungen Manne, der ſehr erſtaunt mit den Augen dem ſo unglaublich artigen Abbé folgte. „Ich habe keinen Blutstropfen in den Adern . .. der Schweiß ſtrömt mir von der Stirne!“ ſagte der General zu ſeiner Frau, während er die Treppe hinab⸗ ſtieg, um zu dem Wagen zu gehen. „Zum Glück war dieſer junge Mann kein Zänker! Wäre er es geweſen ah! nur bei dieſem Gedanken läuft es mir kalt den Rücken hinab.“ „Mein Herr, dieſer Fremde müßte einen ſeltſamen Charakter haben, um mit Ihnen zu zanken, weil er mir auf den Fuß getreten hatte.“ „Ah! beim Teufel, an ſeiner Stelle hätte ich mir wohl Zwang angethan, vor meiner Schwachheit!“ er⸗ wiederte treuherzig der Raufer. . „Ihre Schwachheit hat wenigſtens das Gute, 229 . daß ſie Sie zu einer wahrhaftig bis zum Uebermaße getriebenen Hoflichkeit veraulaßt . . . Doch erholen Sie ſich. Sie ſehen ganz bleich aus, Sie zittern und ſcheinen ſich kaum halten zu können . .. Ruhen Sie ei⸗ nen Angenblick.“ „Nein, nein, liebe Freundin, kommen Sie, wir könn⸗ ten noch Jemand begegnen. Beeilen wir uns, in den Wagen zu ſteigen . . dort werde ich ruhiger ſein . . . Mein Gott, wenn nur der Kutſcher nicht unverſchämt wird, da wir ihm ſagen wollen, wir werden ihn auf die Stunde behalten! Er kann laut ſprechen, die Menge um uns verſammeln, und es gibt Leute, welche im Stande ſind, gegen uns Partei für ihn zu ergreifen. Ich zittere vor den Folgen eines ſolchen ſchmählichen Streites. Doch Sie allein, nicht wahr, liebe Freundin, werden mit die⸗ ſem Kutſcher ſprechen? Schmeicheln Sie ihm ein wenig. Dieſe Burſche haben immer mehr Rückſicht gegen die Frauen als gegen die Männer.“ Loniſe übernahm es nach dem Wunſche des Gene⸗ rals, den Kutſcher davon in Kenntniß zu ſetzen, daß er nach der Stunde zu fahren habe. Dey Kutſcher, ein wahrer Cherub, wie Tvinon geſagt hatte, machte keine Einwendung und ſchlug auf das Allerfreundlichſte den Weg nach dem Hotel d'Orbeval ein. . . . Herr Guspier, der Intendant von Gilbert und Gil⸗ berte, hatte immer noch ſeine Wohnung beim Hotel d'Or⸗ beval inne. An ſeinem Schreibtiſche ſitzend, machte der würdige Mann ſeine Rechnungen und mit ſich ſelbſt ſpre⸗ chend, ſagte er: „So iſt es: nachdem Alles bis auf dieſen Tag be⸗ zahlt iſt, bleiben ihnen noch ſieben Millionen und neun⸗ undſechzigtanſend Franken, zu fünf Procent angelegt beim taatsſchatze oder in Actien der Banque von Frankreich, worüber die Titel in meiner Kaſſe liegen . Sie ha⸗ ben alſo ſeit ſechs Monaten mehr als drei Millionen ausgegeben, von denen ich redlich meine zehn Procent⸗ 230 . chen erhob; Summe: 300,000 Franken Erſparniſſe, die ich ohne die geringſten Gewiſſensſerupel einſacke. Andere würden es an meiner Stelle auch thun und ſich ſicher⸗ lich nicht ſo beſcheiden zeigen als ich; doch dieſe wackern jungen Leute intereſſiren mich! Indeſſen wäre ich zu naiv, nähme ich nicht meinen Theil von dieſem leckeren goldenen Kuchen, in den alle Welt mit kräftigen Zäh⸗ nen beißt; denn, bei meiner Ehre! es iſt unmöglich, auf eine unverſchämtere Art ausgebentet, dupirt, beluchſt, betrogen, beſtohlen zu werden, als dies bei dem Herrn Lithographen und der Frau Blumenmacherin der Fall iſt! Und Gott weiß, welche Dankbarkeit ihnen für ihre Großmuth zu Theil wird! Sie artet auch in Einfalt, um nicht zu ſagen, in Dummheit aus. Geben Jedem, der verlangt, und Alles, was man verlangt, ohne je etwas abzuſchlagen, das iſt unglaublich, fabelhaft! Un⸗ terrichtet ohne Zweifel durch die Erfahrung, fangen je⸗ doch, wie ich glaube, meine Gebieter an ſich zu beſſern. Seit einiger Zeit, ſtatt Jedem zu geben, der verlangt, und Alles zu geben, was man verlangt (wenn ich be⸗ denke, daß ſie mich ſo bis 200,018 Franken an einem Tage haben austheilen laſſen!), erkundigen ſie ſich nach dieſen ſchamloſen Steifbettlern großer und kleiner Art, von denen ſie belagert werden. Dann bringt mich eine gewiſſe weitere Veränderung in der Lebensart meiner Patrone auf die Vermuthung, daß ſie, ſtatt immer die Hand offen zu haben, wohl darauf bedacht ſein könnten, ſie ein wenig zu ſchließen. Wer weiß! vielleicht werden ſie ſogar (erſtaunliche Metamorphoſe), ſie werden dazu kommen, daß ſie meine Rechnungen prüfen, die ſie bis jetzt blindlings angenommen haben. Ich habe alſo klug gehandelt, daß ich zum Voraus meine zehn Procentchen von den Ausgaben für mich zurückbehalten!“ Herr Guöpier wurde in ſeinen ehrlichen Betrachtun⸗ gen durch ſeine Dienerin unterbrochen, welche zu ihm ſagte: . 231 „Mein Herr, der erſte Herr Haushofmeiſter und der Herr Piqueur kommen, um die Befehle zu holen.“ „Laß ſie eintreten,“ erwiederte Herr Guspier. Die Dienerin ging hinaus und führte bald den erſten Haushofmeiſter ein. XXXVI. Der erſte Haushofmeiſter wandte ſich an den Inten⸗ danten und ſprach: „Guten Morgen, Herr Guspier. Was ſind die Befehle für heute?“ „Dieſelben wie geſtern, mein lieber Germain: zwei Gedecke, und empfehlen Sie beſonders Ihren Unterge⸗ benen eine außerordentlich bürgerliche Küche; geſtern hat ſich der Herr beklagt, er finde noch zu viel Koſtbares in dem, was Sie ihm haben vorſetzen laſſen.“ „Aber, Herr Guspier, wenn er nicht eine Portier⸗ Küche will . . . „Das iſt das richtige Wort. unſere Patrone wol⸗ len dieſe Küche! Eine gute Suppe, einen guten Fiſch, einen guten Braten, einen Salat, eine Platte Gemüſe, eine Cröme; gehen Sie nicht darüber hinaus.“ „Ei! Herr Guöpier, wozu nützt es uns dann, daß wir die beſten Küchenmeiſter und Conditoren von Paris haben?“ „Wozu das nützt, mein lieber Germain? Das nützt dazu, daß dieſen wackern Leuten Löhne und Profite, welche dreimal beträchtlicher als anderswo, zu Theil werden.“ „Das Haus iſt allerdings vortrefflich; die Gebieter ſind wie das Haus: vortrefflch; ich habe das ſchon am erſten Tage geſagt und widerrufe es nicht, im Gegen⸗ theil, denn Alle lieben wir ſie und dienen ihnen mit 232 einem wahren Vergnügen; doch ſie ſind, das müſſen Sie geſtehen, ſehr ſeltſam.“ „Sie bezahlen dieſes Vergnügen, um es ſich zu ver⸗ ſchaffen, theuer genug. Ah! ſagen Sie beſonders dem Kellermeiſter, er ſoll einige Fäſſer ſehr leichten Burgun⸗ der anſchaffen. Der Herr und Madame wollen nur ſol⸗ chen; laſſen Sie alſo keinen andern ſerviren.“ „Welche Laune! Wie kann man Treberwein trin⸗ ken. Und Sie haben einen vortrefflichen Keller, die be⸗ ſten Weine! Champagner vom Kometenjahr! Sillery ſec, den man mit zwei Louis d'or die Flaſche bezahlen würde.“ „Sprechen Sie nie etwas mit ihnen vom Champag⸗ ner ſie haben einen Widerwillen dagegen gefaßt.“ „Ah! wie hat ſich das Haus ſeit einiger Zeit ver⸗ ändert, Herr Gubpier! Es waren nichts als Feſte und Gallas, als Herr von Saint⸗Marceau die Einladungen machte.“ „Wahrſcheinlich haben dieſe Feſte und Gallas un⸗ ſere Patrone auf die Länge ermüdet; das iſt ganz na⸗ türlich: ſie kannten nicht Einen von ihren Gäſten.“ „Sie waren in dieſer Hinſicht wie ſo viele andere reich gewordene Perſonen, welche, da ſie keine Bekannt⸗ ſchaften in der Welt haben, ein Mann oder eine Frau der hohen Geſellſchaſt bitten, für ſie die Einladungen zu machen. Nur, was ſelten iſt, erſchienen unſer Herr und unſere Frau durchaus nicht gezwungen mitten unter dieſer großen Welt.“ „Das iſt bei meiner Treue wahr: ſie ließen ſich von ihren Gäſten, wie von uns Herr Lithograph und Frau Blumenmacherin ſchlechtweg nennen und lachten auf das Fröhlichſte, da ſie Herzoge und Herzoginnen ſich dieſer Laune unterwerfen ſahen. Es verſteht ſich von ſelbſt, daß ihrerſeits Herzoge und Herzoginnen tüchtig über die Amphitryone ſpotteten; da dieſe aber die 233 ſchönſten Feſte und die beſten Diners von Paris gaben, ſo waren ihre Einladungen ſehr geſucht.“ „Wie oft habe ich auch unſere Patrone, wenn ich ſie bei Tiſche bediente, am andern Tage nach einer gro⸗ ßen Féte ſagen hören: „„Wie mußten ſich heute Nacht, als ſie weggingen, unſere Gäſte über uns luſtig machen! — Und wir geben es ihnen zurück!““ rief Madame la⸗ chend wie eine Tolle. „„Dieſe Leute von der ſchönen Welt ſind Marionetten, die wir, wann es uns beliebt, vor uns tanzen, piröuettiren und ſoupiren laſſen!““ „Und Madame hatte ganz Recht!“ „Nur am Ende, da ſie es überdrüſſig waren, die Marionetten tanzen zu laſſen, ſchloſſen unſere Gebieter das Theater, und mit Ausnahme von Herrn und Madame Meunier, mit denen ſie ſich aber nach einiger Zeit ent⸗ zweiten, empfingen ſie Niemand mehr, als Herrn und Fran von Saint⸗Marceau . die Getreuen!“ „Man kann ſich in der That keine lebhaftere Freund⸗ ſchaft vorſtellen, als die unſerer Gebieter für Frau von Saint⸗Marceau. Ich höre ſie oft wiederholen: „„Welch eine würdige und vortreffliche Freundin! Dieſe liebt uns nicht, wie ſo viele Andere, unſeres Geldes wegen; wir ſind ihrer ſicher wie unſerer ſelbſt!“⸗ „Es iſt wahr, Frau von Saint⸗Marceau ſcheint viel Freundſchaft für unſere Patrone zu hegen; doch ich habe mir nie genaue Rechenſchaft von den Urſachen dieſer Verbindung gegeben.“ „Das iſt doch ganz einfach.“ „Woher wiſſen Sie das?“ „Der Herr und Madame ſcheuen ſich nicht, vor ihren Leuten davon zu ſprechen.“ „Oh! gewiß nicht.“ „Eines Tags, in der erſten Zeit, wo ſie das Hotel bewohnten, ſagte Madame zu unſerm Herrn: „„Ich denke mir, Frau von Saint⸗Marceau muß eine gute Perſon ſein; wir müſſen in Verbindung mit ihr treten; bitten 234 wir ſie, in einem Concerte zu ſingen, das wir geben werden; die Bekanntſchaft iſt dann gemacht, und wir werden ſie oft ſehen.““ 2 „Ah! ich erkläre mir unn, wie ſich dieſe Vertrau⸗ lichkeit gebildet: Herr von Saint⸗Marceau hat wohl un⸗ ſerer Herrſchaft vorgeſchlagen, er wolle die Einladungen zu den Föten beſorgen, und da er ein Mann der Ge⸗ ſellſchaft iſt, ſo hat er hierher gebracht, was ſich Beſtes in Paris ſindet. Hören Sie, weun ich Alles ſagen ſoll, da wir von Herrn von Saint⸗Marceau reden: ich hatte Anfangs geglaubt . . „Vollenden Sie, Herr Guspier!“ „Man kann Ihnen das wohl geſtehen, Germain, da Sie kein Schwäßer ſind: ich hatte geglaubt, Herr von Saint⸗Marceau wolle unſerer Frau den Hof machen.“ „Ah! ja wohl! er wäre ſchön angekommen! denn das iſt abermals eine Seltſamkeit von unſern Gebietern: ſie ſind wie Turteltauben, wie wahre zwanuzigjährige Verliebte.“ „Wem ſagen Sie das! Ich ſah ſie einander hundert⸗ mal im Garten küſſen. Seit einiger Zeit jedoch ſcheinen ſie nicht mehr ſo heiter zu ſein, wie früher!“ „Ich habe dieſe Bemerkung gemacht, wie Sie, Herr Guspier; auch habe ich beobachtet, daß ſie, wenn ſie in eine ſolche trübe Stimmung geriethen, zuweilen ganze Tage in einer der Manſarden des Hauſes zubrachten, wohin ſie ihre kleine Haushaltung, wie ſie ſagen, das heißt das armſelige Mobiliar bringen ließen, welches ſie beſaßen, als ſie noch Blumenmacherin und Lithograph waren. Das iſt auch eines von den Dingen, die mich rühren und mir zu Herzen gehen.“ „Ah! mein lieber Germain, Sie erinnern mich ge⸗ rade an etwas ſehr Wichtiges, was ich faſt vergaß; un⸗ ſere Herrſchaft will heute Morgen in dieſer Manſarde frühſtücken.“ „Ein neuer ſonderbarer Gedanke!“ 235 „Warten Sie, ſie ſind noch nicht beim Ende.“ „Wie ſo?“ „Das Frühſtück ſoll beſtehen: 1) aus einem Gans⸗ viertel; 2) aus gebratenen Aepfeln; 3) aus Gruyore⸗ Käſe.“ „Sie ſagen, Herr Guspier,“ verſetzte der erſte Haus⸗ hofmeiner ganz erſtaunt, „Sie ſagen?“ „Ich wiederhole: 1) ein Gansviertel . . .“ „Aber, Herr Guspier, nie iſt Gans in die Küchen des Hotels gekommen, und ſeit zwanzig Jahren, daß ich Küchenzettel abfaſſe, hat ſich nie das Wort Gans unter meiner Feder gefunden. Unſer Küchenmeiſter end⸗ lich, davon bin ich feſt überzeugt, hat in ſeinem Leben nie Gans ſervirt.“ „Alles dies iſt ſchön und gut, doch ſo lauten die Befehle. Ueberdies brauchen Sie, um dieſes kräftige Frühſtück zu ſerviren, eiſerne Beſtecke. Diejenigen, welche unſere Herrſchaft beſaß, ſind, wie es ſcheint, beim Aus⸗ zuge verloren gegangen.“ „Eiſerne Beſtecke? Es ſind keine hier! Das Geſinde ſogar ißt mit dem kleinen Silberzeug.“ „Sie werden alſo zwei eiſerne Beſtecke bei dem erſten dem beſten Eiſenkrämer kaufen.“ „Die Beſtecke will ich noch hingehen laſſen! Doch es iſt ſchon neun Uhr. Wo Teufels findet man Gänſe? Ah! ich werde ſchleunigſt einen von den Küchengehülfen nach der Vallée ſchicken. Er ſoll ein Cabriolet nehmen und ein ſolches Geflügel zurückbringen, wenn man das Geflügel nennen kann.“ „Und hanptſächlich ſoll der Küchenmeiſter nichts An⸗ deres ſerviren laſſen, als das Gansviertel, gar gebraten, ohne Verkleidung oder Begleitung, kurz, was es Ein⸗ fachſtes und Natürlichſtes von Gans gibt. Ah! ich ver⸗ gaß noch: Sie werden bei einem Weinhändler eine Flaſche Fünfzehner kaufen laſſen; das ſind die eigenen Worte unſeres Herrn; und gießen Sie beſonders dieſen Nectar 236 nicht in eine Carafe; füllen Sie auch mit Waſſer eine andere Flaſche, damit man den köſtlichen Fünf⸗ zehner zur Noth verdünnen kann. Sie werden dieſes elegante Glasgeſchirr mit einem einzigen Glaſe, einem einzigen Teller und den eiſernen Beſtecken auf ein Tafel⸗ brett ſtellen, und auf dieſes auch den Gruyore⸗Käſe, die gebratenen Aepfel und das Gansviertel ſetzen; dieſes delicate Mahl bringen Sie ſodann in die Manſarde, wo unſere Herrſchaft allein bleiben wird.“ „Fünfzehner, ein Gansviertel!“ wiederholte der Haushofmeiſter, der ſich ganz beſtürzt entfernte; „welche Phantaſie von überſättigten Leuten! . . . Ein Gans⸗ viertel!“ „Und heißen Sie Thompſon eintreten,“ rief Herr Gubpier dem Haushofmeiſter nach. Tompſon trat ein; das war der Piqueur, der Chef der Stallungen. ein Engländer von Geburt, der aber, abgeſehen von einem leichten Accente, vollkommen Fran⸗ zöſiſch ſprach. „Nun, Herr Guspier,“ ſagte er zum Intendanten, „wird man heute anſpannen?“ „Ebenſo wenig als geſtern und an den andern Tagen, mein lieber Thompſon!“ „Ah! die Pferde ſind alſo nur hier, um die Breaks*) ſpazieren zu führen. Zwölf Pferde im Stall, ſechs Wagen in den Remiſen, zehn Lackeien im Vorzimmer, und ſeit faſt einem Monat ſind weder Herr noch Frau ausgefahren.“ „Das Wetter iſt herrlich; ſie ziehen es vor, zu Fuße zu gehen, das iſt ihnen wohl erlaubt.“ „Nein, Herr Guspier, vorgeſtern war es ihnen nicht erlaubt, denn es regnete in Strömen, und dennoch ſind ſie zu Fuße ausgegangen.“ *) Leichter Wagen, an welchen man die Zugpferde ſpannt, um ſie ſpazieren zu führen. 237 „Das iſt wahr, Sie hatten einen reizenden Regen⸗ ſchirm kaufen laſſen, den ſie einweihen wollten. Doch beruhigen Sie ſich: es iſt morgen Sonntag, alle Ihre Pferde, ſowie alle Ihre Wagen werden hinauskommen.“ „Alle Wagen zugleich?“ „Alle! Unſere Herrſchaft will, daß jeden Sonntag unſere Leute fortan ohne Ausnahme eine gute Land⸗ partie in die Umgegend von Paris machen.“ „Wie! die Bedienten werden in die Wagen der Herrſchaft ſteigen?“ „Ja, ſo viel Leute dieſe Wagen fahren können, werden ſie fahren. Wenn man ein wenig nahe zuſam⸗ rückt, können alle Dienſtboten Platz finden. Die Kutſcher werden mit der Perrücke und in großer Livree, die Po⸗ ſtillons in ihren Atlaßüberweſten erſcheinen. Kurz, alle Ihre Leute müſſen in fochi ſein, als ob die Herrſchaft ausfahren würde.“ „Herr Guöpier, meine Kutſcher und meine Poſtil⸗ lons werden nie in Galla Domeſtiquen ſpazieren fahren wollen, und ich, was mich betrifft, werde nie meine Wagen offen mit Leuten beladen abgehen laſſen, wie Ta⸗ piſſiöres, *) welche nach dem Markte von Saint⸗Clond fahren. Es dürften nur Leute, die mich kennen, dieſer ſchönen Equipage begegnen . mein Ruf wäre ver⸗ loren, und ich würde es nicht mehr wagen, mich zu zeigen!“ Die Dienerin des Intendanten kam zurück und mel⸗ dete ihm: „Es iſt ein Herr da, der Sie in Geſchäften zu ſpre⸗ chen wünſchte.“ „Laſſen Sie den Herrn eintreten, und Sie, mein lieber Thompſon, überlegen Sie . . . die Befehle der Herrſchaft müſſen vollzogen werden.“ *) Hängende Wagen, um Meubles zu führen. 238 „Ich werde mit der Herrſchaft ſprechen,“ rief der Piqueur, während er wegging .. „Ich werde mit ihr ſprechen. Ja, lieber verlaſſe ich das Haus, als daß ich mich ſo lächerlich mache!“ „Glauben Sie mir, mein Freund, ſetzen Sie ſich nicht der Gefahr aus, einen vortrefflichen Platz durch übertriebene Empfindlichkeit zu verlieren,“ erwiederte der Intendant. Kaum war der Piqueur weggegangen, als Georges Hubert bei Herrn Guspier eintrat. Die ſchönen Züge des Dichters trugen das Gepräge einer tiefen Schwermuth an ſich. Da jedoch die verbaßte Frinnerung an Louiſe ſich immer mehr in ſeinem Geiſte verwiſchte, ſo fing Georges Hubert aufs Neue an ſich der mütterlichen Tröſtungen des Studiums zu erfreuen. Er hatte glückliche Zerſtrenungen in einer bald unterbroche⸗ nen Reiſe gefunden, der traurige Tod von Anguſt Cle⸗ ment laſtete aber immer noch auf ſeinem Herzen. Sehr erſtaunt über den Beſuch von Georges Hu⸗ bert, ſagte der Intendant mit einem Ausdrucke tiefer Ehrerbietung zu dem Eintretenden: „Sie hier, mein Herr? Ich hatte durch die Blätter Ihre Abreiſe nach Italien erfahren.“ „Ich war in der That nach dieſem Lande abgereiſt und hatte meinen Weg durch Savoyen genommen, um die Gräfin d'Orbeval zu beſuchen.“ „Sie haben alſo die Fran Gräſin geſehen? Wie geht es ihr?“ „Vortrefflich!“ „Und die Frau Gräfin fühlt ſich immer noch glücklich?“ „Sehr glücklich.“ „Gott ſei gelobt! Doch, mein Herr, erlauben Sie mir eine vielleicht indiscrete Frage.“ „Sprechen Sie, Herr Guspier.“ „Ihre Reiſepläne haben ſich alſo geändert? Sie 239 können nicht Zeit gehabt haben, ganz Italien zu be⸗ ſuchen.“ „Ich traf in den Bädern von Aix in Savoyen einen meiner Freunde, der im Begriffe war, in ſeine Heimath nach Schottland zurückzukehren. Er rühmte dergeſtalt ſeine Seeen und Gebirge, daß er mich beſtimmte, ihn zu begleiten; da es mir hauptſächlich nur um eine Reiſe zu thun war, ſo gefiel mir dieſe wie eine andere, doch ich wollte Savoyen nicht verlaſſen, ohne der Gräfin d Orbeval einen Beſuch zu machen, und ich habe ſie, wie ich Ihnen ſagte, Herr Guspier, glücklich, vollkommen glücklich, in ihrer köſtlichen Einſamkeit am Annecy⸗See gefunden.“ „Ich danke Ihnen tauſendmal, daß Sie die Güte gehabt haben, mir die Frage zu beantworten, die ich an Sie zu richten mir erlaubte .. Doch darf ich wiſſen, was mir die Ehre, Sie bei mir zu ſehen, ver⸗ ſchafft?“ „Die Gräfin d'Orbeval, da ſie hörte, daß ich durch Frankreich reiſen ſollte, um nach Schottland zu gehen, hat mir einen wichtigen Auftrag gegeben, und ich komme, um Sie zu bitten, Sie mögen mir ihn beſorgen helfen.“ „Mein Herr, ich bin zu Ihren Befehlen.“ „Die Gräfin war gerade von einem ziemlich langen Ausflug in die Alpen zurückgekehrt, als ich ſie beſuchte. Sie hat auch erſt bei ihrer Rückkehr den Verkauf ihres Hotels erfahren, obgleich er vor mehreren Monaten ſtatt⸗ gefunden.“ „In der That, mein Herr; nachdem ich Anfangs ſehr beunruhigt dadurch geweſen war, daß ich von der Fran Gräfin keine Antwort in Betreff dieſer Angelegen⸗ heit erhielt, wurde ich beruhigt durch einen Brief, in welchem ſie die Gnade hatte, mir zu erklären, warum ſie mir nicht früher geſchrieben.“ „Hier iſt eine Zeile von der Gräfin hinſichtlich des Auftrags, mit dem ſie mich betraute.“ „Mein Herr, es bedarf dieſer Zeile nicht. Was Sie 346 mir ſagen, genügt mir,“ erwiederte Herr Guspier, wel⸗ cher ſich weigerte, den Brief anzunehmen, den ihm der Dichter darbot. „Ich weiß, daß Sie einer der beſten Freunde der Frau Gräfin waren, und . . . „Gleichviel, Herr Guspier, ich bitte, leſen Sie.“ ſu Der Intendant entſiegelte den Brief und las, wie olgt: „Herr Georges Hubert hat es gefälligſt übernom⸗ men, mir ein Kiſtchen zuzuſchicken, das ich im Hotel d'Orbeval an einem Orte zurückgelaſſen, mit dem ich ihn bekannt gemacht habe. Ich bitte Herrn Gnöpier, Herrn Georges Hubert die Nachſuchung, die er für mich vornehmen will, zu erleichtern. „Marie von Saint⸗Geran d'Orbeval.“ „Sie erinnern ſich wohl, Herr Guspier,“ ſprach der Dichter, „daß in der durch ihre haſtige Abreiſe verur⸗ ſachten Verwirrung, als ſie ihr Haus verlaſſen mußte, um ſich zu einer ihrer Verwandtinnen zurückzuziehen, die Gräfin d'Orbeval ihre vertraute Kammerfrau hieher ſchickte, um das Kiſtchen zu verlangen, das wichtige Papiere enthält?“ „Ja, mein Herr, doch die Frau Gräfin vergaß, daß ich den Ort nicht kannte, wo dieſes Kiſichen aufbe⸗ wahrt war.“ „Die Gräfin hatte in der That leider nicht Zeit, ihre Kammerfrau noch einmal zu ſchicken, und ſie ent⸗ fernte ſich von Paris.“ „Was mich immer in Erſtaunen ſetzte, iſt der Um⸗ ſtand, daß mir die Frau Gräfin nicht ſpäter die nöthi⸗ gen Andeutungen gegeben hat, die es mir möglich ge⸗ macht hätten, ihr dieſe Papiere zukommen zu laſſen . Es wäre mir ſchmerzlich, wenn ich denken müßte, die Frau Gräfin habe mich nicht für würdig gehalten, zu. L4 „Ich vermöchte Ihnen hierüber keine Antwort zu 241 geben; Alles, was ich Ihnen ſagen kann, iſt, daß die Gräfin v'Orbeval, ſo lange das Hotel nicht verkauft war, ruhig über die Exiſtenz dieſer an ſicherem Orte ver⸗ borgenen Papiere, als ich zu ihr kam, gerade im Begriffe war, hierher, obgleich es ſie viel Ueberwindung koſtete, ſich ihrer Dienſte zu berauben ihre vertraute Kammer⸗ frau zu ſchicken, um dieſe Caſſette holen zu laſſen. Ich machte der Gräfin den Vorſchlag, die Sache bei meiner Durchreiſe durch Paris zu beſorgen, und erfülle nun mein Verſprechen.“ „Mein Herr, ich bin ganz zu Ihrer Verfügung. Was habe ich zu thun?“ „Sie ſind in den Dienſt der Käufer dieſes Hotels getreten; es handelt ſich einfach darum, von ihnen das zu erlangen, was ſie nicht zu verweigern vermöchten: die Erlaubniß, das Kiſtchen aus dem Orte zu nehmen, wo es aufbewahrt iſt.“ „Die Eigenthümer dieſes Hotels werden ſich unend⸗ lich freuen, Ihnen angenehm ſein zu können, mein Herr. Sie ſchwärmen, wie ſo viele Andere, für Ihr Genie. Erſt vor wenigen Tagen haben ſie aus Bewunderung für Sie in Maſſe, der Verſteigerung zuvorkommend, Ihr ganzes Mobiliar angekauft; zwei Salons ſind allein mit dieſem Mobiliar gefüllt; man nennt ſie die Salons von Georges Hubert.“ „Ja,“ verſetzte der Dichter mit Bitterkeit, „ich weiß, daß man bei dieſem Verkaufe ohne mein Wiſſen auf meinen Namen ſpeculirt hat.“ „Oh! beruhigen Sie ſich, mein Herr, die Behaup⸗ tung Ihrer Theilnahme an dieſem Handel iſt öffentlich in den Zeitungen durch einen Ihrer Freunde Lügen ge⸗ ſtraft worden.“ „Das habe ich bei meiner Ankunft in Paris erfah⸗ ren; doch gleichviel! Kommen wir auf unſere Angele⸗ genheit zurück: Sie ſind ſicher des guten Willens der Gilbert und Gilberte. M. 16 242 Eigenthümer des Hotels in Betreff deſſen, was ich von ihnen zu verlangen habe?“ „Ob ich ſicher bin? ah! wenn ſie erfahren, daß der berühmte Georges Hubert ſelbſt hieher kommt .. „Verzeihen Sie, Herr Guspier, doch Sie werden mich ungemein verbinden, wenn Sie mich nicht nennen und mir dadurch die Verlegenheit erſparen, daß ich ohne Zweifel ebenſo ſchmeichelhafte als wenig verdiente Compli⸗ mente anhören muß. Wollen Sie alſo nur Ihre neuen Gebieter davon in Kenntniß ſetzen, einer der Freunde der Frau Gräfin d'Orbeval wünſche die bewußten Nach⸗ ſuchungen vorzunehmen, und zwar noch heute, wenn das ſein kann, denn ich möchte gern Paris ſpäteſtens morgen verlaſſen.“ „Mein Herr, ich werde das Incognito, das Sie zu beobachten wünſchen, reſpectiren . . Könnten Sie mir aber angeben, in welchem Zimmer des Hotels ſich das fragliche Verſteck findet?“ „Vernehmen Sie die Unterweiſung, welche mir hierüber die Gräfin d'Orbeval gegeben hat,“ erwiederte der Dichter, indem er ein Papier las, das er aus ſei⸗ nem Portefeuille zog: „„Es exiſtirt im großen Salon (genannt der Gobelins⸗Salon) eine Tapetenfüllung, Diana und Aktäon vorſtellend . . . „Oh! ich ſehe das von hier aus; die Füllung findet ſich links auf der Seite des Gartens,“ ſagte Herr Gus⸗ pier. „Der Gobelins⸗Salon iſt vom großen Cabinet durch eine Scheidemauer getrennt.“ „„Drückt man ſtark auf den inneren Theil der Ein⸗ faſſung von vergoldetem Holz auf der Seite der Gruppe der Nymphen,““ las Georges Hubert weiter, „ ſo wird die Füllung auf ihrem Falze zurückgleiten und einen in der Dicke der Mauer angebrachten Winkel enthüllen. Dieſer ſchmale Durchbruch mündet gegen einen andern Ausgang in der Mitte des großen Cabinets, von dem eines der Getäfel beweglich iſt und ſich mittelſt eines 243 Gegengewichts öffnen läßt. Man wird das Kiſichen im Hintergrunde eines alterthümlichen Schreines finden, welcher am Ende dieſes Durchbruchs bei dem Ausgange ſteht, der in das große Cabinet führt.““ „Dieſe Andeutungen ſind vollkommen klar für mich, der ich des Hauſes Gelegenheit kenne,“ erwiederte Herr Guspier; „wollen Sie die Güte haben, mich hier zu erwarten, mein Herr; ich gehe, um Ihren Wunſch Herrn Gilbert (das iſt der Name des neuen Eigenthümers des Hotels), mitzutheilen, komme ſogleich zurück, und hole Sie zu unſerer kleinen Expedition ab.“ „Ich bitte aber, Herr Guspier, nennen Sie mich nicht.“ Seien Sie unbeſorgt, mein Herr, ich werde ganz einfach, wie wir dies verabredet haben, ſagen, ein Freund der Frau Gräfin d'Orbeval wolle das Kiſtchen holen. Das wird übrigens die Käufer des Hotels durchaus nicht in Erſtaunen ſetzen, denn als ſie es kauften, machte ich ſie auf die wahrſcheinliche Eventualität der Nachſuchungen, die Sie heute vornehmen wollen, aufmerkſam, und ſie erwiederten mir, daß ſie das ſehr gern zugeben werden.“ „Ich erwarte Sie alſo hier, doch ich wiederhole, nennen Sie mich nicht.“ „Mein Herr, ich hafte für meine Discretion.“ Herr Guspier begab ſich zu Gilbert und Gilberte. XXXVII. Während Louiſe ſich mit dem General Pouſſard nach dem Hotel d'Orbeval begab und Georges Hubert mit Herrn Guspier obige Unterredung hatte, las Gilbert, welcher an einem großen Tiſche von eingelegter Arbeit ſaß, der mitten in ſeinem prachtvoll meublirten Zimmer ſtand, halblaut mehrere Briefe, die ſo eben einer von ſeinen Leuten auf einem Brette von Vermeil gebracht 244 hatte. Die Züge des Gatten von Gilberte boten nicht mehr jenen Ausdruck guter Laune, der einſt ſo freund⸗ lich, ſo lieblich ſeine offenherzige Phyſiognomie gemacht hatte; ein höhniſches, ſchmerzliches Lächeln zog ſeine Lippen beim Leſen folgenden Briefes zuſammen, den er von dem Brette, auf welchem noch andere aufgehäuft wa⸗ ren, genommen hatte: Herr Lithograph, „Auf Ihre Großmuth und Ihr ungeheures Vermögen vertrauend, wende ich mich an Sie, um ein Anlehen von zehntauſend Franken zu erhalten; es handelt ſich um eine heilige Schuld, von der meine Ehre abhängt! und da mir die Ehre tauſendmal theurer iſt, als das Leben, ſo erwarte ich Ihre Antwort, daß ich erfabe ob ich mich von dieſer Exiſtenz, der einzigen Hülfsguelle meiner unglücklichen fünf kleinen Kinder, befreien ſoll. „Es hängt von Ihnen ab, Herr Lithograph, ob Sie ihre ewigen Segnungen verdienen oder dieſelben zu Waiſen machen wollen. „ehrerbietiger Diener „Cochard.“ „N. S. Ich werde mich heute Abend an der Thüre Ihres Hotels einfinden, um Ihre Antwort und die zehn⸗ tauſend Franken, die mir die Ehre und das Leben retten können, in Empfang zu nehmen.“ „Er gibt ſeine Adreſſe nicht an. Er befürchtet alſo, ich könnte Erkundigungen über ihn einziehen laſſen? Hm! ich bin feſt überzengt, daß dieſer Menſch mit ſeinen fünf kleinen Kindern ein Lügner iſt! Ah! ja wohl, das iſt eine Fabel! Fünf Kinder, warum nicht zwölf?“ ſagte Gilbert. „Und vielleicht lügt er doch nicht, dieſer Menſch? 245 Aber der Zweifel iſt mir erlaubt. Ich bin ſo oft lä⸗ cherlich übertölpelt, betrogen und beſtohlen worden, daß ich aller Welt mißtraue.“ Bann nachdenkend: „Eine Idee! ich muß die Summen zuſammenrechnen, die man heute von mir verlangen wird. Das Gemälde wäre äußerſt intereſſant, hätte ich alle Summen aufgeſchrieben, welche bis jetzt von mir erbettelt worden ſind. Gleichviel, fan⸗ gen wir an.“ Und er nahm ein Blatt Papier, ſchrieb die erſte ſu von zehntauſend Franken auf und ſagte zu ſich elbſt: „Nun zu einem andern!“ Dann las er folgenden Brief: „Sie ſind groß! oh! ja, Sie ſind groß! Sie, der Sie trotz Ihres ungeheuren Vermögens ſich nicht ſchämen, daß Sie die Kreide zu gehandhabt, wie wir, Ihre demüthigen und armen Collegen! Ich wiederhole, ja, Sie ſind groß! Ihre bewunderungswürdigen Tugenden werden von der Velt angeſtaunt! Ich brauche eintauſend achthundert ſiebenund⸗ ſiebenzig Franken und dreiundvierzig Centimes, um meh⸗ rere Jahre rückſtändige Miethzinſe zu bezahlen, die Steuern und meinen perſönlichen Antheil mitgerechnet. „Sie werden dieſen Pfennig einem ehemaligen Col⸗ legen nicht verweigern, Sie, der Sie Ihr Vermögen nach Millionen zählen. „Mirabel, „Alter Lithograph.“ „N. S. Schicken Sie mir gefälligſt die genannte Summe (tauſend achthundert ſiebenundſiebzig Franken und dreiundvierzig Centimes) durch eine Anweiſung auf die Poſt. Mein ſchurkiſcher Hauswirth droht mir, meine Meubles zu verkaufen, um mich auf das Stroh zu ſetzen. Haben Sie die Güte, mir zu antworten unter der 246 Adreſſe: Charon, Weinhändler, Rue des Singes, an Herrn Mirabel zu übergeben.“ „Das iſt der hundert und dritte angebliche arme Lithograph, der ſich feit dem Anfange der Woche an mich wendet,“ ſprach Gilbert, die Achſeln zuckend. „Dieſer iſt wenigſtens naiv und rechnet ſehr auf meine Einfalt; er bittet mich, ihm ſo bald als möglich eine Antwort zu ſchicken . . . zu einem Weinhändler.“ Und ſeufzend: „Lüge und Bettelei! Notiren wir die achtzehnhundert und ſiebenundſiebzig Franken. Und nun zu einem andern.“ Gilbert nahm von dem Brette ein Brieſchen mit ei⸗ nem bläulichen, atlaßartigen Umſchlag mit rothem Siegel. Der Umſchlag enthielt ein Billet, geſchrieben auf ein Papier mit Vignetten. „Ah!“ rief Gübert mit einem Ausdrucke des Ekels, „abermals ein Brief von einem Weibe!“ Und er las: „So ſeltſam Ihnen mein Schrittſcheinen mag, ſo bitte ich Sie doch, faſſen Sie kein Vorurtheil, ehe Sie mich geſehen haben. „Ich kenne Sie nicht, alles Gute aber, was ich von Ihnen höre, gibt mir den glühenden Wunſch ein, Sie kennen zu lernen. „Ich habe vielleicht ſchon zu viel geſagt, doch meine Feder hat meinen Gedanken geoffenbart. Werden Sie ihn errathen? „Seien Sie morgen Vormittag um zehn Uhr auf der Terraſſe am Waſſer. Sie werden auf der dritten Bank rechts ſitzend, wenn Sie durch das Gitter eintre⸗ ten, eine Frau mit einem roſa Hute und einer ſchwarzen Mantille ſehen. 4 „Dieſe Frau iſt ſehr jung . vielleicht werden Sie ſie hübſch finden. „Dieſe Frau werde ich ſein. 247 „Wollen Sie kommen? „Mein Herz ſagt mir ja; ſtrafen Sie es nicht lügen. „Eine Unbekannte.“ „Und ich kenne Dich, ſchamloſe Perſon mit Deinem roſa Hute und Deiner ſchwarzen Mantille,“ murmelte Gilbert; „die Schande empört mich bei einer Frau mehr als hei einem Manne. Ah! das Geld!“ Und er legte den Brief auf die Seite und fügte bei: „Meine arme Minette ſoll dieſes duftende Billet leſen, wie ſie ſo viele andere geleſen hat.“ Gilbert, der ſeine Correſpondenz zu entſiegeln fort⸗ fuhr, las Folgendes: „Mein Herr, „Sie ſind mächtig reich und ich habe keinen Sou. Was macht das Ihnen, wenn Sie mir ein Dutzend Billets von tauſend Franken, oder ſogar mehr ſchenken? Das koſtet Sie nur die Mühe, ſie in einen Unſchlag zu ſtecken. Was Teufels! eine gute Regung des Herzens! Ihre ſprüchwörtliche Großmuth iſt mir eine ſichere Ge⸗ währſchaft für eine günſtige Antwort, und ich erwarte fie mit Vertrauen. Adreſſiren Sie dieſelbe (die Billets mit eingeſchloſſen) an Herrn B. V. Poste restante in aris. „Iſt die Wohlthat empfangen, ſo wird mein Wohl⸗ thäter meinen Namen kennen lernen.“ „Ah! gut, dieſer liebe B. V. thut ſich gar keinen Zwang an, er geht ganz unbefangen zu Werke. Sie ſind reich, was macht das Ihnen, mir ein Dutzend Tauſend⸗ Franken⸗Billets und mehr zu ſchenken? Er hat im Gan⸗ zen Recht, was würde es mir machen, wenn ich ihm auch zwölftauſend Franken ſchenkte?“ Nach einem kurzen Nachdenken: „Das würde mir machen, daß er von mir 248 ſagte, wie ſo viele Andere geſagt haben: „Welch ein leichtgläubiger Menſch iſt doch dieſer Dummkopf von ei⸗ nem reich gewordenen Lithographen!““ Ich danke, ich habe genug an dieſen Erkenntlichkeiten! Nichtsdeſtoweniger wollen wir die zwölftauſend Franken aufſchreiben.“ Gilbert nahm ſodann einen neuen Brief, der auf grobes Papier geſchrieben war und folgende Worte enthielt: „Mein Herr, „Ich bin Witwe, ich habe drei Kinder, von denen das älteſte ſieben Jahre alt iſt; mein Elend iſt groß, meine Arbeit ungenügend, obſchon ich ſiebzehn bis acht⸗ zehn Stunden täglich arbeite. Auch für das Geringſte, was Sie für uns thun mögen, wird Sie unſere Dank⸗ barkeit ſegnen. Ich wohne in der Rue Granges⸗aux⸗ Belles Nro. 7. Ich bitte Sie, mein Herr, laſſen Sie alle mögliche Erkundigungen über mich einziehen; ich fürchte das nicht, ich wünſche es im Gegentheil, weil ich die Ueberzeugung habe, Sie werden dann ſehen, daß ich eine ehrliche Frau bin. „Ihre „ehrfurchtsvolle Dienerin „Jeanne Buiſſon, „verheirathete Olivier.“ „N. S. Ich arbeite ſeit fünf Jahren für Rechnung der Weißzeughändlerin Frau Duval Rue Saint⸗Honors Nro. 101. Sie können ſich auch bei ihr nach mir er⸗ kundigen laſſen.“ „ „Arme Frau!“ ſprach Gilbert, während er mit Rührung den Brief betrachtete. „Sie weinte, indem ſie ſchrieb. Man ſieht die Spur der Thränen auf einigen halb verwiſchten Worten. Dieſe gibt ihre Adreſſe an und bittet, man möge ſich nach ihr erkundigen laſſen. Ihre 249 Armuth muß wahr ſein und Theilnahme verdienen. Sie werden wir unterſtützen und zwar reichlich! Oh! es trö⸗ ſtet, wenn man wenigſtens ein redliches Geſuch findet.“ Und traurig lächelnd fügte er bei: „Welch ein ſüßer Troſt, die Gewißheit haben, daß dieſe arme Witwe und ihre drei Kinder ſich wirklich in einer gräßlichen Noth befinden!“ Gilbert nahm einen andern Brief, betrachtete auf⸗ merkſam die Adreſſe und ſprach: „Was für ein abſcheuliches Gekritzel! Das muß ein Brief von einem Gelehrten ſein; ich kenne das. Laß ſehen.“ Und er las: „Mein lieber Herr, „Ihr Vermögen iſt ungehener.“ „Immer derſelbe Eingang,“ unterbrach ſich Gilbert. „Ihr Vermögen iſt ungeheuer. Das wird am Ende un⸗ erträglich. Was will dieſer von meinem ungeheuren Vermögen!“ Gilbert las weiter: „Mein lieber Herr, Ihr Vermögen iſt ungeheuer, wollen Sie es verdoppeln, vervierfachen? Bewilligen Sie mir eine Unterredung von fünf Minuten und hundert⸗ tauſend Franken, eine Bagatelle für Sie. „Es handelt ſich um eine unglaubliche Entdeckung, an welcher ich ſeit ſiebenunddreißig Jahren arbeite, und deren Nutzen fabelhaft ſein wird. Vir theilen ihn ge⸗ wiſſenhaft; doch vorläufig brauche ich die genannten hun⸗ derttauſend Franken, um meine Erfindung zu vollenden, die mich ſchon zweimalhundert und ſiebenzehntauſend Franken koſtet. Dieſe werden mein Zubringen in die Geſellſchaft bilden, die mit mir zu ſchließen ich Ihnen ehrerbietigſt den Vorſchlag mache. 250 „In der Erwartung einer raſchen und günſtigen Antwort habe ich die Ehre zu ſein „Ihr Diener „De la Piſtole, „Civil⸗Ingenieur.“ „N. S. Wollen Sie Ihre Antwort bei Ihrem Herrn Portier hinterlaſſen; ſobald Sie mir ein Rendez⸗ vous beſtimmt haben, bringe ich Ihnen das Modell mei⸗ ner Maſchine.“ „Ich ſehe ſie von hier aus Deine Maſchine, Robert Maraire!“ rief Gilbert, indem er den Brief auf den Tiſch warf. „Das iſt eine kleine, ſehr ſinnreiche Maſchine, Herr Civilingenieur, mit deren Hülfe Sie mein Geld recht artig aus meiner Taſche in die Ihrige übergehen zu machen hoffen! Bekannt! gebrannte Kinder ſcheuen das Fenuer. Du biſt nicht der erſte Erfinder, der ſich an mich wendet, Burſche! Was für ein abſcheulicher Lügner war unter andern der vorletzte! Er hatte das Mittel gefunden, die Spinnen zu benützen, und ließ ſie durch ein ganz beſonderes Verfahren herrlichen Batiſt weben. Er beſaß, wie er ſagte, neunmalhundert dreiundſechzig⸗ tauſend ſiebenhundert und eilf! Das hatte ein we⸗ nig den Anſchein von Wahrheit, dieſer Bruch von 3711¹) Sie arbeiteten wie kleine Liebesgötter, und ſo⸗ bald wir ihm ſagten, die Spinne ſei das Thier, das Minette und mir Grauen errege, wollte er uns mit aller Gewalt in die Werkſtätte dieſer abſcheulichen kleinen Beſtien führen! Das Gute dabei war, daß der Ha⸗ lunke mich am Ende überredete. „Man benützt wohl die Seidenraupen! “ wiederholte er unabläſſig. „„Wa⸗ rum ſollte man nicht auch die Spinnen benützen?““ Was ließ ſich im Ganzen hierauf antworten? Doch man mußte ſie ernähren, und da ſie nur Fliegen freſſen, ſo wurde es ſehr ſchwierig, die Million Spinnen meines 251 Schelms von einem Erfinder zu füttern. Aber nichts brachte ihn in Verlegenheit. Er hatte eine Dampfma⸗ ſchine erſonnen, welche die Fliegen mittelſt eines mit Caſſonade⸗Zucker gefüllten Behälters anlocken und durch ungeheure Retze von Gaze fangen ſollte. Er könnte ſo fünf bis ſechs Millionen täglich anziehen und fangen. Das war ein herrlicher Nutzen und klar wie der Tag. Die Spinnen koſteten nichts, ihr Futter auch nicht, und man hatte als Profit . . . vortreffliche Batiſtleinwand! Er zeigte mir davon, der Schuft! Doch um ſeine Ma⸗ ſchine zu vollenden, fehlten ihm achtundſiebenzigtauſend ſiebenhundert dreiundſechzig Franken fünfundſiebenzig Cen⸗ times. (Dieſer Erfinder war ſehr ſtark in den Brüchen) Ich war dumm genug, ihm achtzigtauſend Franken zu geben, und in meinem Leben habe ich den Spinnen⸗ mann nicht wieder geſehen. Uebrigens hatte er wenig⸗ ſtens und zwar ganz gewiß das Mittel erfunden, Ein⸗ faltspinſel meines Schlags in Ermangelung von Fliegen zu erwiſchen! Es iſt nicht der Verluſt des Geldes, was ich bedaure. Minette und ich kümmern uns den Teufel um achtzigtauſend Franken, aber es iſt abſcheulich, auf eine ſo ſchmähliche Weiſe belogen und übertölpelt zu werden; ſo peinlich iſt das Gefühl, auf dieſe Art dupirt worden zu ſein, daß man am Ende aller Welt miß⸗ traut. Es wird zum Ekel und Ueberdruß, das Patent erhabener Blödſinnigkeit, welches einem zu ihrem Ver⸗ gnügen alle Spitzbuben verleihen, wenn ſie wiſſen, daß man ungeheuer reich iſt. Oh! dann iſt man ge⸗ meſſen und taxirt, man iſt ein einfältiges Thier, ein Crétin, an den man ungeſtraft die ſchamloſeſten, unge⸗ reimteſten Geſuche richten kann. Wie ſchmeichelhaft iſt es, ein ſo liebenswürdiges Vertrauen einzuflößen. Ah! das Geld! . . Fügen wir dieſe hunderttauſend Franken den andern verlangten Summen bei. Dus fängt an einen hübſchen Pfennig zu machen. Fahren wir fort, ſchreiben wir auf.“ 252 Gilbert nahm einen andern Brief, deſſen Umſchlag und Siegel er einen Augenblick betrachtete. „Ho! ho!“ ſagte er zu ſich ſelbſt, „das iſt ein ſehr unheimliches Siegel und ganz würdig des berüchtigten General Pouſſard, ehe ich ihm die Kolik gegeben hatte: ein Todtenkopf und zwei Schwerter im Kreuze, obendrein auf ſchwarzes Siegelwachs gedrückt! . . „Wahrlich, äuſ⸗ ſerſt heiter! doch mir ſcheint, ich kenne dieſe Handſchrift. Leſen wir.“ „Mein Herr, „Ich habe Ihnen vor vierzehn Tagen zum erſten Male geſchrieben in Betreff des Löwen, einer täglich erſcheinenden Revne der eleganten Welt, welche ich unter der Mitwirkung Ihrer Capitalien zu gründen wünſchte; ich denke, mein Verlangen hatte nichts Uebertriebenes in Betracht der notoriſchen Unermeßlichkeit Ihres Ver⸗ mögens. Ich forderte von Ihnen zweimalhunderttauſend Franken als erſte Anlage. Sie haben ſich aber nicht herabgelaſſen, meinen erſten Brief mit einer Antwort zu beehren, und ebenſo wenig iſt dies bei den fünf andern, die ihm gefolgt, der Fall geweſen. Wird dieſer glück⸗ licher ſein? ich glaube es; nicht, als hoffte ich, es werde Ihnen eine Antwort durch das allgemeine Gefühl der Höflichkeit dictirt werden, ein Gefühl, das Ihnen völlig fremd zu ſein ſcheint .. „Ah! ſehr gut!“ unterbrach ſich Gilbert. „Ah! äußerſt gut! . Dieſer mit ſeinem Löwen iſt we⸗ nigſtens kein Schmeichler! . .. Ich bete die Offenher⸗ zigkeit an!“ Und er las weiter: „ Doch ich habe Grund, zu denken, mein Herr, die Furcht vor dem Scandal werde hinreichend Einfluß auf Sie üben, um Sie diesmal zu beſtimmen, daß Sie mir antworten. 253 „Und ich will mich erklären. „Nach meinem Gedanken war der Löwe (wie ich Ihnen dies geſchrieben habe), durch die Publicität, welche mit Hülfe Ihrer Capitalien enropäiſch werden konnte, beſtimmt, den größten Wiederhall Ihren Föten zu geben, den Lurus Ihres Hauſes, die Eleganz Ihrer Geſpanne, die Delicateſſe Ihrer Tafel u. ſ. w. zu rühmen, mit ei⸗ nem Worte, Sie in den Augen der großen Welt von Paris, von Frankreich und von Europa als den Protv⸗ typus des Geſchmacks und des prunkvollen Aufwandes aufzuſtellen! Ihre Frau hätte natürlich ihren Antheil an dieſen Lobeserhebungen erhalten, und die gefeiertſten Modedamen wären neidiſch geweſen auf die Publicität, die ich ihren geringſten Toiletten gab. Ich machte end⸗ lich aus Ihnen Perſonen, mit andern Worten: Ich ſäuberte Sie!“ „Es iſt ein unverſchämter Burſche, dieſer Herr Saint⸗Calandar,“ rief Gilbert. „Er hatte mich in der That um die Bagatelle von zweimalhunderttauſend Fran⸗ ken gebeten, um ſeinen Löwen zu gründen. Nach den erſten Briefen, die dieſer Herr an mich richtete, war ich ein bewunderungswürdiger Mann, ein Mäcenas und Alles, was daraus folgt. Und nun habe ich nöthig, daß man mich ſäuberti In der That, ein ſchamlos fre⸗ cher Geſelle! Sehen wir, worauf ſein Brief hinausläuft. Dos muß intereſſant ſein,“ fügte Gilbert bei; und er las weiter im Briefe: „Mein Herr, Sie haben mit einem ungezogenen Stillſchweigen auf die wohlwollenden Anerbietungen eines wackern Mannes geantwortet; dieſe Impertinenz (wenn nicht eine Abbitte geſchieht, auf welche ich bis übermor⸗ gen warte), dieſe Impertinenz wird beſtraft werden, wie ſie es verdient. „Ich beſitze die nöthigen Mittel zu Veröffentlichung 254 der paar erſten Nummern des Löwenz damit ſage ich Ihnen, mein Herr, ſie werden ausſchließlich, ſpeciell Ihnen und Ihrer Fran gewidmet ſein. Ich bin, darauf mache ich Sie im Voraus aufmerkſam, entſchloſſen, in meinen Schätzungen ſehr boshaft, ſehr beißend zu werden und die Satyre bei jedem Angriff gegen den Herrn Litho⸗ graphen zu ſteigern und zu ſchärfen.“ Prahleriſche Drohungen, ich war darauf gefaßt,“ ſagte Gilbert mit Ekel. Ich möchte doch wiſſen, auf welche Melodie Herr von Saint⸗Calandar ſeine Lieder auf mich in ſeinem Löwen zu ſingen gedenkt. Ein ſchmach⸗ volles Benehmen, daß es einem übel dabei wird! Gehen wir indeſſen bis zum Ende . . . Es iſt belehrend.“ Gilbert fuhr fort: „ Nehmen Sie ſich in Acht, mein Herr, ich habe die wohlverdiente Prätenſion, daß ich die Waffe der Lächerlichkeit ebenſo gut führe, als den Degen. Dies vorausgeſtellt, mein Herr, finden Sie mich bereit⸗ Ihnen jede Art von Genugthuung zu bieten, falls (und ich zähle ſehr darauf), falls die erſten Nummern des Lö⸗ wen Ihnen blukig in Beziehung auf Sie und Ihre Frau ſcheinen ſollten. „Damit Sie übrigens im Stande ſind, die Sache zu ſchätzen, wird die erſte Nummer des Löwen über⸗ morgen ohne Band oder Unſchlag dem Portier Ihres Hotels übergeben werden, wodurch Ihre Leute den Früh⸗ genuß dieſer Satyre über ihren geehrten Gebieter und ihre nicht minder geehrte Gebieterin empfangen. „Ich endige, mein Herr, dieſen zu langen Brief, in⸗ dem ich Ihnen unumwunden folgende Alternative ſtelle: „Vor morgen Mittag werden Sie mir die für die Gründung des Löwen nöthigen Fonds (zweimalhun⸗ derttauſend Franken) ausbezahlen laſſen. „Thun Sie das nicht, ſo erhalten Sie übermorgen 255 die ſpeciell Ihnen gewidmete erſte Nummer dieſes Blattes. „Im erſten Falle werde ich Ihre vergangene Unge⸗ zogenheit vergeſſen und mich nur mit der Verherrlichung Ihres glanzvollen Lebens beſchäftigen. „Im zweiten Fall werde ich mich zu Ihrer Verfü⸗ gung ſtellen, wenn Sie nach meinem Erwakten grauſam verletzt ſind durch meine Angriffe gegen Sie. „Charlemagne von Sai nt⸗Calandar, „Literat.“ „Hotel de Grenade, rue d'Amboiſe.“ „Ich kümmere mich den Teufel um Deinen Löwen wie um Dich! verſtehſt Du, Herr Charlemagne von Saint⸗Calandar?“ rief Gilbert, indem er fern von ſich voll Verachtung den Brief warf. „Und wenn Du die Unverſchämtheit haſt, mich anders als auf dem Papiere zu beleidigen, ſo werde ich mich deſſen erinnern, was ich, als ich Georges Hubert war, zu dem abſcheulichen Rau⸗ fer Pouſſard geſagt habe, der mich zwingen wollte, mich mit ihm zu ſchlagen. Ja, ich würde Ihnen die Lenden zerſchmettern mit Stockſtreichen, mein Heber Herr Char⸗ lemagne von Saint⸗Calandar, in Betracht, daß ich ein ſolides Fauſtgelenke habe . Und mit einem Aus⸗ drucke ſchmerzlichen Widerwillens fügte Gilbert bei: „Ah! welch eine gemeine Rate iſt doch das Menſchengeſchlecht! Bei meiner Treue, abgeſehen von meiner Minette und unſerer vortrefflichen Frau von Saint⸗Marcean, welche uns wenigſtens um unſerer ſelbſt willen liebt, glaube ich nach dem, was ich ſehe, ſeitdem ich reich bin, daß alle Welt verfault iſt! Ah! das Geld und immer das Geld! Nun bin ich abermals für den ganzen Tag traurig geſtimmt, und das übt wohl auf meine Frau den Einfluß, daß ſie nicht minder traurig iſt! Wir machten uns eine Freude daraus, da oben in unſerm Stübchen wie einſt ein Gans⸗ 256 viertel zu frühſtücken, und nun iſt unſer Vergnügen verdorben! . . . Wir wollen die zweimalhunderttauſend Franken des Löwen von Herrn von Saint⸗Calandar den übrigen Summen beifügen; wir werden dann ſogleich das Ganze addiren, das wird poſſirlich ſein!“. Gilbert, der noch zwei Briefe auf dem Breite ſah, ſagte dann zu ſich ſelbſt: „Ah! das Beſte kommt zuletzt.“ Und einen vvn den Briefen nehmend: „Abermals eine Frauenhand⸗ ſchrift!“ Und er las wie folgt: „Geſtern habe ich bei Janiſſet einen reizenden Schmuck von Rubinen und Brillanten geſehen; dieſes Ungehener Janniſſet verlangt achtzehntauſend Franken für ſeinen Schmuck; ich habe ſie nicht, doch Sie haben ſie, Sie Spaßmacher, der Sie ſo reich ſind! Kaufen Sie mir alſo geſchwinde, geſchwinde dieſen göttlichen Schmuck und bringen Sie mir denſelben, Sie ſollen ſehr artig empfangen werden, und wir machen Bekanntſchaft. „Celeſte.“ „N. S. Ich ſpiele heute Abend in einem Vaude⸗ ville und tanze darin; miethen Sie eine Loge der Vor⸗ bühne; ſehen Sie mich ſpielen, ehe Sie den Schmuck kaufen (nicht wahr, ich bin ehrlich 2), und nachdem Sie mich haben meinen Pas chicard tanzen ſehen, lau⸗ fen Sie, deſſen bin ich zum Voraus ſicher, zu Janniſ⸗ ſet, Sie bringen mir den Schiuck, und wir ſoupiren zuſammen. Dran, dran, dran!“ „Dran, dran, dran! Mademoiſelle Celeſte, mit Recht ſo genannt, Sie, die Sie einen Pas chicard tanzen,“ rief Gilbert, nachdem er dieſe ſeltſame Epiſtel geleſen hatte; „trotz Ihres dran, dran, dran werden Sie weder meinen Beſuch, um den Sie ſich wenig bekümmern, noch den Schmuck erhalten, um den Sie ſich ſehr viel bekümmern! Ich liebe nut meine Minette! Ah! Sie glauben, Made⸗ moiſelle Celeſte, weil man ein Erzmillionär iſt, ſei man dem Rechte und der Sache nach ein Couliſſenläufer? Sehr verbunden für die gute Meinung, die Sie von mir insbeſondere und von den Millionären im Allgemei⸗ nen haben! Dieſer Brief weicht von den andern Schänd⸗ lichkeiten ab. Er iſt wenigſtens drollig und wird Mineite lachen machen. Das ſind abermals achtzehntanſend Fran⸗ ken den Geſuchen von heute beizufügen. Recapituliren und addiren wir, es muß intereſſant ſein.“ Und Gilbert las von dem Papiere, auf welches er die genannten Zahlen geſchrieben hatte: „Einem Herrn für eine Ehrenſchuld 10,000 Frk. „Einem alten Lithographen für ſeinen Wieh „Einem Herrn, welcher behauptet, es müſſe mir gleichgültig ſein, wenn 12,000 „Irgend einem Erfinder 100,000 „Herrn von Saint⸗Calandar für ſeinen 200,000 „Mademviſelle Celeſte für dran, dran, a 1,800 „ 18,000 „ „Summe 541,800 Fri. „Preimalhunderteinundvierzigtauſend Franken! Das iſt alſo die beſcheidene Zahl von dieſem Tag. Und ich habe fünfmalhunderttaufend Livres Einkünfte! Ich bin feſt überzeugt, daß, wenn ich ſeit ſechs Monaten alle Ge⸗ ſuche aufgeſchrieben hätte, zehn Millionen, zwanzig Mil⸗ lionen nicht genügt haben würden, um ſie zu erfüllen!“ Dann die Achſeln zuckend: „Sehen wir auch dieſen leg⸗ ten Brief an . Was ſagt er?“ Und Gilbert las: Gilbert und Gilberte. I. 17 258 „Mein Herr, „Sie ſind unermeßlich reich, Sie können das Glück einer ehrlichen Familie machen: mein Mann iſt blind, ich bin verkrüppelt; aus Herzensgüte haben wir eine Nichte zu uns genommen. Sie iſt nun vierzehn und ein halbes Jahr alt . . . .“ „Arme Leute!“ unterbrach ſich Gilbert, „alt und gebrechlich!“ Und er fuhr fort: „Unſere Nichte hat uns nie verlaſſen; ſie iſt un⸗ ſchuldig und rein wie ein nengebornes Kind; in Betreff ihrer Schönheit ſage ich Ihnen nichts; Sie werden ſelbſt darüber urtheilen, wenn Sie die Güte haben, uns mit einem Beſuche zu beehren . . . “ „Ah, das iſt gräßlich!“ rief Gilbert, indem er die⸗ ſen Brief, der Anfangs ſein Milleid erregt hatte, zu Ende las und dann mit Abſcheu zerknitterte. „Das iſt ſchändlich! man braucht alſo nur reich zu ſein, um für ein Ungehener der Verdorbenheit gehalten zu werden! Das iſt, um aus dieſer Welt zu fliehen und ſich in die⸗ jenige zu flüchten, von welcher Korrigan ſprach!“ In dieſem Augenblick trat einer von den Kammer⸗ dienern von Gilbert ein und ſagte: „Herr Lithograph, ein Herr iſt da mit einem Kiſt⸗ chen; er wünſcht Sie ſogleich wegen einer ſebr wichtigen Angelegenheit, welche keinen Aufſchub dulde, zu ſehen.“ „Laſſen Sie ihn eintreten,“ erwiederte Gilbert außer ſich. Ah! ich habe es nöthig, mich durch irgend Etwas von ſo vielen ſchwarzen, häßlichen Gedanken zu zerſtrenen.“ 259 XXXVIII. Von Bitterkeit erfüllt, ſah Gilbert bald einen wohl— gekleideten Mann eintreten, der unter ſeinem Arme ein flaches, ungefähr zwei Quadratfuß großes Kiſtchen von Acajon trug. Kaum war er eingeführt, als er auf eine preciöſe Art ſein Kiſtchen auf einen Stuhl ſetzte; dann verbeugte er ſich bis auf die Erde vor Gilbert und ſprach: „Herr Lithograph, ich komme, um Ihnen ein Ge⸗ ſchenk mit einem Schatze zu machen.“ „Hm!“ ſagte Gilbert zu ſich ſelbſt, „dieſes Debut iſt neu, es verſpricht etwas! Ohne Zweifel eine neue Art von Schurkerei! Und ich hoffte mich von ſo vielen andern Schändlichkeiten zu zerſtrenen! Ahl! gehen wir,bis zum Ende! ich habe Galle im Herzen für den ganzen Tag.“ er wandte ſich an den Mann mit dem Kiſtchen und prach: „Mein Herr, Sie wollen mir alſo einen Schatz ſchenken?“ „Ja, mein Herr, einen Schatz, auf den Könige nei⸗ diſch wären .. Denn zwei Souverains verlangen von mir — ich kann dies ohne Eitelkeit ſagen, — ver⸗ langen von mir dieſen Schatz auf den Knieen. Darum, mein Herr, habe ich mir erlanbt, ſo ſehr darauf zu dringen, daß mir die ausgezeichnete Ehre zu Theil werde, mich bei Ihnen eingeführt zu ſehen.“ „Ho! ho! und dieſen Schatz, welchen zwei Könige auf den Knieen von Ihnen verlangen, bieten Sie nur ſo ganz einfach mir an?“ „Herr Lithograph, ich thne meine Pflicht. Bin ich dieſe Bevorzugung nicht dem erſtaunlichen Manne, dem außerordentlichen Manne, dem unvergleichlichen Manne ſchuldig, der durch ſein wunderbares Vermögen der groß⸗ 260 müthige, der glänzende, der erhabene Beſchützer der Künſte iſt?“ „Laß ſehen,“ dachte Gilbert, „laß ſehen, bis zu wel⸗ chem Grade gemeiner Schmeichelei ein wohlgekleideter Menſch hinabſteigen kann; denn dieſer Herr hat ſehr ſchöne Wäſche, eine Uhr mit goldener Kette und Rubin⸗ knöpfchen an ſeinem Hemde. Laß auch ſehen, bis zu welchem Grade albernen Uebermuths ein Mann, der wie ich Millionen mit der Schaufel umrührt, hinaufſteigen kann.“ Und er ſprach laut mit dem Tone unverſchämter, plumper Hoffart: „Mein Lieber, wie nennt man Sie?“ „Guillaumin, Ihnen zu dienen, Herr Lithograph.“ „Nun wohl, mein lieber Guillaumin, ich finde Sie knauſerig in den Lobeserhebungen, die Sie ſo eben an mich gerichtet haben.“ „Mein Herr, ich bin hierüber troſtlos,“ erwiederte unerſchrocken der Mann mit dem Kiſtchen, „doch leider war ich nie im Stande, Jemand zu ſchmeicheln.“ „Deſto ſchlimmer für Sie, mein Beſter, denn ich liebe es, daß man mir ſchmeichelt. In dieſer Hinſicht ſage ich ganz laut, was Andere ganz leiſe denken. Das ſcheint Ihnen originell? Doch das iſt nun einmal mein Charakter: man kann es nehmen oder kann es laſſen. Wenn Sie mir alſo nicht ſchmeicheln, ſo werden Sie mir das Vergnügen machen, aus meinem Hotel wegzugehen und Ihren Schatz mitzunehmen . . . „Herr. Lithograph . . . erlauben Sie!“ „Und dann, ich bedenke! Halten Sie mich für einen Bettler? Sie wollen mir ein Geſchenk machen, mir, der ich ebenſo viel Millionen beſitze, als Sie vielleicht Sous in Ihrer Taſche haben! Bei meiner Ehre, Sie ſind ein drolliger Burſche mit Ihrem Schatze.“ „Mein Herr, ah! ich bitte, legen Sie meinen Schritt nicht zu meinem Nachtheile aus! „. Erlauben Sie mir, daß ich mich erkläre . . . „Weiß ich übrigens nur, wer Sie ſind? Sie drin⸗ 261 gen in mein Hotel ein, unter dem Vorwand, mir ein Geſchenk zu machen. Hm! Sie könnten wohl nur ein Glücksritter oder etwas noch Schlimmeres ſein „ „Mein Herr,“ erwiederte mit einer triumphirenden Miene und ſeiner ſelbſt ſicher Herr Guillaumin, indem er aus ſeiner Taſche ein Portefeuille zog, welches er öff⸗ nete, um ein Papier daraus zu nehmen, „der Zufall bedient mich nach Wünſchen! Ich habe gerade hier dieſe Einſchreibung von ſiebentanſend Livres Rente, die ich ſo eben mit dem Kapital von hundertſechsundſechzig⸗ tauſend Franken gekauft habe „. Der Sortenzettel meines Wechſelagenten iſt dieſem Rententitel, der nur die Hälfte meines Vermögens bildet, beigelegt . . Ich bin alſo kein Glücksritter, doch ich geſtehe in Demuth, ich bin nur ein Wurm, ein armer Erdenwurm im Vergleiche mit einem bewunderungswürdigen Kapitaliſten wie Sie, mein Herr, der Sie alle Gaben mit denen ei⸗ nes coloſſalen Vermögens verbinden, das noch viel rieſen⸗ haft coloſſaler wäre, wenn es Ihrem unermeßlichen Ver⸗ dienſte gleichkäme.“ „Ah! ſchön,“ das iſt beſſer! So liebe ich es, daß man mit mir ſpricht,“ verſetzte Gilbert, der ſich in die Bruſt warf. Und zu ſich ſeibſt ſagte er: „Dieſer Schuft iſt, wie ich es vermuthete, wohlhabend. Es iſt nicht ein⸗ mal der Hunger, was ihn zu dieſen ſchmählichen Gemein⸗ heiten antreibt! Was für eine abſcheuliche Race iſt doch das Menſchengeſchlecht!“ Dann ſprach er laut: „Aber, mein Lieber, es iſt darum nicht minder wahr, daß ein Erdenwurm wie Sie, das ſind Ihre eigenen Worte, ſich die unglaubliche Frechheit erlaubt, einem bewunderungs⸗ würdigen Kapitaliſten wie mir ein Geſchenk machen zu wollen! Das ſind abermals Ihre eigenen Ausdrücke.“ „Ich bitte, unterſcheiden wir, Herr Lithograph, un⸗ terſcheiden wir! Dulden Sie, daß ich die Ehre habe, eine Frage an Sie zu richten, und ſeien Sie nachſichtig genug, um mir gütigſt darauf zu antworten. Was iſt 262 für Sie, mein Herr, die elende Summe von zweimal⸗ hunderttauſend Franken?“ „Mein Herr, das iſt eine eben ſo freche, als müßige Frage. Sie wiſſen meine Antwort zum Voraus. Ein Mann, der ſo coloſſal reich iſt, kümmert ſich um zweimal⸗ hunderttauſend Franken eben ſo wenig, als um Sie.“ „Bravo, bravo!“ rief Herr Guillaumin, indem er ſich freudig die Hände rieb. „Zweimalhunderttauſend Franken ſind nichts, durchaus nichts für einen erhabenen Kapitaliſten wie Sie. Wenn ich mir alſo erlanbe, Ihnen einen wunderbaren miraculoſen Kunſtgegenſtand anzu⸗ bieten, ſo mache ich Ihnen kein Geſchenk . . . Zurück, zurück mit dieſem vermeſſenen Gedanken, da Sie mir den Kauſpreis dieſes unvergleichlichen Kunſtgegenſtandes be⸗ zahlen! Und deſſen ungeachtet, mein Herr, bei meiner Treue, ich ſage es Ihnen gerade heraus, denn ich beſitze den Muth meiner Meinung, und deſſen ungeachtet habe ich die Ehre, das Glück, den Ruhm, die Freude, Ihnen ein Geſchenk zu machen, da ich Ihnen gegen eine Baga⸗ telle von zweimalhunderttanſend Franken, welche nichts für Sie ſind, ein unnachahmliches Gemälde, eine heilige Familie von Raphael gebe, für die mir die Abge⸗ ſandten Ihrer Majeſtäten des Kaiſers von Rußland und des Königs von Holland zweimalhunderttauſend Franken baar Geld geboten haben. Doch ich ſchrie auf: Zurück! zurück! Dieſer göttliche Raphael gehört von Rechtswegen dem König, was ſage ich, dem Gotte der Kapitaliſten.“ „Ah!“ verſetzte Gilbert, „da Sie mich Gott nennen⸗ mein Lieber, ſo wollen wir den Raphael betrachten.“ Kaum hatte Snit Worte geſprochen, als Herr Guillaumin an ſeik mit Schlöſſern von Vermeil verziertes Kiſtchen von Acajon lief, dieſes mit einem Schlüſſel von Vermeil öffnete und daraus ein herrlich ge⸗ ſticktes Etui von blauem Sammet zog, welches eine au⸗ dere Umhüllung von Gaze enthielt, aus dem endlich Herr Guillaumin ein Gemälde mit einem zart ciſelirten Rah⸗ 263 men von Vermeil heraushob. Dieſes Gemälde mit eben ſo viel Ehrfurcht nehmend, als am Altar ein Prieſter das heilige Ciborium hält, ging ſodann der Verkäufer von Raphael einige Augenblicke im Cabinet umher und ſuchte ein für die Ausſtellung des Meiſterwerks günſtiges Licht, wonach er es beim Fenſter auf einen Stuhl in Form einer Staffelei ſetzte. Er näherte ſich dann Gilbert und ſagte halblaut und mit geheimnißvollem Tone zu ihm: „Und nun, Herr Lithograph, treten Sie hinzu: Sie werden entzückt, geblendet, verſteinert ſein vor Bewun⸗ derung bei dieſer heiligen Familie.“ „Oh! herrlich!“ rief Gilbert, während er hinzutrat, „herrlich! bewunderungswürdig!“ „Nicht wahr, mein Herr? Doch erlauben Sie mir, daß ich Ihnen das Geſchichtliche dieſes Schatzes mittheile, um Ihnen ſeine Aechtheit darzuthun.“ „Ah! mein Lieber, halten Sie mich für einen Ein⸗ faltspinſel? Wenn ich ſage, daß es herrlich iſt, ſo iſt Alles geſagt.“ „Mein Herr, Sie haben einen Adlersblick und den Laconismus von Cäſar!“ „Und Sie, mein Herr, ſind ein Dummkopf. Die⸗ ſer Raphael iſt fünfmalhunderttauſend Franken mehr werth, als um welchen Preis Sie ihn verkaufen wollen, und da ich es liebe, die Dinge königlich abzumachen,“ fügte Gilbert bei, indem er auf ſeinen Schreibtiſch zu⸗ ging und ein Bündel Banquebillets heranusnahm, die er zählte, „ſo will ich Ihnen zweimalhundertfünfzigtauſend Franken geben. Und, bei meiner Treue, ich geſtehe, Sie werden mir ein wahres Geſchenk gemacht haben!“ „Ich ſagte ja, mein Herr, Sie ſeien der Gott der Kapitaliſten,“ rief Guillaumin mit einer vor Gierde zit⸗ ternden Stimme, während Gilbert die Banguebillets zählte. „Doch ich füge bei, mein Herr, Sie ſind der Gott der Kenner in der Malerei und der Gott der Be⸗ ſchützer der Künſte.“ 264 „Gleichſam eine Art von Dreieinigkeit, nicht wahr, mein Lieber?“ verſetzte Gilbert, während er, das Bündel Banquebillets in der Hand haltend, aufſtand. „Hier iſt alſo Ihr Geld, Sie werden die Billets zählen.“ „Ah! mein Herr, was denken Sie? Ich nehme ſie mit geſchloſſenen Augen an,“ erwiederte Guillaumin, in⸗ dem er gegen Gilbert ſeine vor Gierde zitternden Hände ausſtreckte. „Ich will Ihnen einen Empfangſchein für die Summe geben.“ „Einen Angenblick Geduld,“ verſetzte Gilbert, der ſich eines Andern zu befinnen ſchien, jedoch immer die Banquezettel in der Hand behielt; „ich habe Launen und bin reich genug, um ſie mir hingehen zu laſſen. Im Allgemeinen liebe ich es nun, daß man mir ſchmeichelt; in dieſer Hinſicht bin ich ziemlich zufrieden mit Ihnen.“ „Ich, ein Schmeichler! Streichen Sie das von Ihren Papieren,“ verſetzte Herr Guillaumin, der immer mit den Augen auf die Banquebillets ſchielte und einen trotzigen Ton affectirte. „Ich habe es Ihnen ganz un⸗ umwunden geſagt: in meinem Leben bin ich nicht im Stande geweſen, Jemand zu ſchmeicheln. Schlimm für Sie, wenn Sie die Wahrheit mit der Schmeichelei ver⸗ mengen. Schlimm, ſehr ſchlimm!“ „Es mag ſein, mein Lieber; Sie haben mich einen außerordentlichen, erſtaunlichen, wunderbaren, rieſigen Mann genannt! Sie haben mich als Adler, als Cäſar, als Gott, als Dreieinigkeit behandelt! Auf den erſten Anblick ſchien mir das ein wenig übertrieben, doch wenn ich es mir überlege, finde ich, daß Sie die Wahrheit ſprechen. Nur, ſehen Sie, liebe ich zuweilen die Con⸗ traſte. Nichts gefällt mir, nachdem ich tüchtig gelobt worden bin, mehr, als geſchmäht und beleidigt zu wer⸗ den. Das iſt eine Verdorbenheit des Geſchmacks, doch es beluſtigt mich. Ehe Sie alſo dieſe zweihundert und fünfzig Tauſend Franken⸗Billets einſtecken,“ und er zeigte ſie abermals Herrn Guillaumin, „werden Sie mir Fol⸗ 265 gendes ſagen: „„Herr Gilbert, Sie find nur ein einfäl⸗ tiges Thier!““ „Ah! mein Herr!“ „Nach Ihrem Belieben, mein Beſter! Unſer Han⸗ del hängt ganz hievon ab.“ „Aber, mein Herr, es iſt mir unmöglich, ſo ſchmäh⸗ lich, ſo beleidigend, ſo feig gegen mein Gewiſſen zu lügen! Ich wollte lieber ſterben, als . . . „Leben Sie wohl, mein Lieber,“ rief Gilbert, indem er ſich anſchickte, die Banquebillets wieder in die Schub⸗ lade ſeines Schreibtiſches zu legen, „nehmen Sie Ihren Raphael mit.“ „Aber, mein Herr, ich beſchwöre Sie . . . „Genug, mein Lieber! Ich dulde nie den Wider⸗ ſpruch. Machen Sie mir das Vergnügen, mich in Ruhe zu laſſen.“ „Ah! ich habe es!“ rief plötzlich Herr Guillaumin, indem er ſich vor die Stirne ſchlug. „Ich begreife! Das iſt ein Scherz, eine Atelier⸗Poſſe . Oh! dann einverſtanden! Mein Herr, Sie beſitzen das erhabene Genie eines großen Malers, um den Werth der Bilder zu erkennen, zu ſchätzen; es verſteht ſich von ſelbſt, daß Sie ſich die unſchuldige Zerſtreuung einer Poſſe gewäh⸗ ren, und ich bin ganz zu Ihren Befehlen, um meinen Theil an dieſem Scherze zu übernehmen. Er iſt wahr⸗ haft anbetungswürdig.“ „Mein Lieber, ich ſcherze nur zu meinen Stunden und mit wem es mir beliebt. Ich bin in dieſem Augen⸗ blick ſehr ernſt. Sie werden alſo ſehr ernſt zu mir ſagen: „„Herr Gilbert, Sie ſind nur ein einfältiges Thier.““ Herr Guillaumin machte Gilbert ein Zeichen des Ver⸗ ſtändniſſes, welches beſagen wollte: „Ich errathe! die ern⸗ ſten Scherze ſind die drolligſten“ Und er wiederholte: „„Herr Gilbert, Sie ſind nur ein einfältiges Thier!““ „„Ich habe Sie mit den albernſten Lobeserhebungen 266 überſchüttet,“ fuhr Gilbert fort, „„und als ein Dumm⸗ kopf ſind Sie mir ins Garn gegangen.““ „Aber, mein Herr,“ rief Guillaumin, „es iſt mir un⸗ möglich, mir auch nur im Scherze zu erlauben . . „Mein Lieber, ich mache Sie auf Eines aufmerkſam: wenn Sie mich noch einmal unterbrechen, wenn Sie nicht Wort für Wort wiederholen, was ich Ihnen vor⸗ ſage, und zwar ohne die geringſte Ueberlegung, ſo laſſe ich Sie ſammt Ihrem Raphael vor die Thüre werfen.“ Gilbert betonte dieſe Worte ſo, daß Herr Guillau⸗ min nicht an der Verwirklichung ſeiner Drohung zwei⸗ feln konnte, und er fügte ſich darein, zu wiederholen: „Herr Gilbert, ich habe Sie mit den albernſten Lobeserhebungen überſchüttet, und als ein Dummkopf ſind Sie ins Garn gegangen.“ „„Herr Lithograph, Sie ſind grob, tölpelhaft und unverſchämt geweſen wie ein Emporkömmling, welcher glaubt, es ſei ihm Alles erlaubt, weil er Millionen be⸗ ſitzt,“ fuhr Gilbert fort. „Sie haben endlich die An⸗ maßung bis zum Ideal getrieben!““ Herr Guillaumin ſchwitzte große Tropfen; er fing an zu glauben, es handle ſich nicht um eine Poſſe. Den⸗ noch wiederholte er auf das Gerathewohl: „Herr Lithograph, Sie ſind grob, tölpelhaft und unverſchämt geweſen wie ein Emporkömmling, welcher glaubt, es ſei ihm Alles erlaubt, weil er Millionen be⸗ ſitzt. Sie haben endlich die Anmaßung bis zum Ideal getrieben.“ „Aber,““ fügte Gilbert bei, „ich⸗ Guillaumin, ſpottete in meinem Innern über Sie, denn ich verkaufte an Sie für einen Raphael einen abſcheulichen Schinken, der nicht ſo viel werth iſt, als ſein Kiſtchen von Aca⸗ jon und ſein Rahmen von Vermeil, welche dazu be⸗ ſtimmt ſind, die Sache herauszuputzen und Einfaltspin⸗ ſeln Ihrer Art, Herr Lithograph, Sand in die Augen zu ſtreuen. Ich ertrug auch ſehr geduldig Ihre Unver⸗ 267 ſchämtheiten und verdoppelte meine Kriecherei, indem ich zu mir ſagte: Schon gut, Dummkopf, ich werde Dein Geld einſacken!““ Hier ſchaute Gilbert Herrn Guillau⸗ min, der ſehr beſtürzt ſchien, an und ſagte mit einer bittern Ironie: „Der Satz kommt Ihnen ein wenig lang vor, wie, mein Lieber? . . . Gleichviel, wieder⸗ holen Sie ihn immerhin; wenn es Ihnen an Gedächt⸗ niß fehlt, ſo werde ich nachhelfen.“ „Mein Herr,“ ſtammelte der Verkäufer von Ra⸗ phael, „nicht im Scherze vermöchte ich ein Meiſterwerk herabzuſetzen, das ..4 „Hinaus! Sie ſind nur ein Elender,“ rief Gil⸗ bert, der ſeiner lange zurückgehaltenen ſchmerzlichen Entrüſtung freien Lauf ließ. „Es iſt nicht einmal das Bedürfniß, was Sie zu ſo vielen Schändlichkeiten an⸗ treibt. Sie beſitzen Renten, und aus Habgier wollen Sie mich beſtehlen! Ja, mich beſtehlen! Heißt es nicht ſtehlen, daß Sie es wagen, um zweimalhundert⸗ tauſend Franken eine ſchlechte Copie zu verkaufen, die keine fünfhundert Franken werth iſt! Zum Glück bin ich Zeichner und hinreichend Kenner, um Ihre Schur⸗ kerei aufzudecken! Doch wie ſo viele Andere, und weil ich Millionen reich bin, hielten Sie mich für einen drei⸗ fachen Einfaltspinſel, für ein Thier, das man frecher Weiſe bis auf das lebendige Fleiſch ſcheeren könne, für einen Gänſerich gut, um ihn an der Leimruthe der gemeinſten Schmeicheleien zu fangen. Hinaus! ſage ich Ihnen! Sie machen mir übel! . . . Ah! das Geld! welchen Begriff gibt es von uns! und welchen Begriff gibt es uns von den Andern! Oh! das iſt um den Reichthum zu verfluchen!“ Gilbert erhob, einem wachſenden Zorne preisgege⸗ ben, immer mehr die Stimme. Gilberte hörte ihn im anſtoßenden Zimmer, wo ſie ſich gerade befand, und lief herbei. Herr Guillaumin, nachdem er un⸗ empfindlich die Vorwürfe des jungen Mannes angehört 268 hatte, ſagte zu ihm mit einer frechen Ruhe, indem er ſeinen Hut nahm: „Mein Herr, Sie haben meinen Raphael gekauft, ich will es beweiſen! Ich laſſe alſo das Bild hier, und heute Abend erhalten Sie eine Anweiſung, welche Sie bezahlen werden.“ . „Wie, Sie Dieb, Sie haben die Frechheit!. „Dieb! oh! ſehr gut!“ rief Herr Guillaumin. „Dieb! eine Injurie mehr! ſie wird im Prozeß aufge⸗ führt werden.“ „Ein Prozeß!“ ſagte Gilberte mit Bangigkeit. „Warum will man Dir einen Proceß machen?“ „Ah! das überſchreitet alle Grenzen!“ rief Gilbert außer ſich. Dann ſich an Herrn Guillaumin wendend, welchen durchzuprügeln er große Luſt hatte: „Wie! Sie wollen ſo unverſchämt ſein, zu behaupten, ich habe die⸗ ſen abſcheulichen Schinken gekauft, und mir hierüber ei⸗ nen Prozeß zu machen?“ „Ganz richtig, mein Herr; alles plaidirt ſich,“ er⸗ wiederte Herr Guillaumin. Und das Erſtaunen be⸗ nützend, in das ſeine unverſchämte Drohung Gilbert ver⸗ ſenkte, machte er ſich, ſeinen Raphael auf dem Stuhle zurücklaſſend, aus dem Staub. „Mein Gott,“ ſagte die junge Frau zu ihrem Manne, „was bedeutet denn das? Du biſt ganz bleich, mein armer Freund!“ „Ah! welch ein Morgen! . . Abermals iſt ein Tag getrübt! . . . Mein Herz iſt voll Bitterkeit und Zorn! . . . Ach! wir machten uns ein Feſt daraus, da oben in unſerer kleinen Haushaltung wie einſt zu frühſtücken. . .“ „Ein Grund mehr, mein Gilbert! Tröſten wir uns nicht da oben über die abſcheulichen Dinge, deren Zeugen wir beinahe jeden Tag ſind?“ „Nein, laß mich . . . Dich ausgenommen, verab⸗ ſcheue ich die ganze Welt! . Mein Gott! ich, der 265 ich mich einſt ſo frendigen Gemüthes fühlte! Ah! wenn Du wüßteſt, dieſen Morgen . Gilbert wurde durch einen Kammerdiener unterbro⸗ chen, welcher meldete: „Frau von Saint⸗Marceau fragt, ob die Frau Blumenmacherin ſie empfangen könne.“ „Oh! ſie komme ſogleich,“ antwortete Gil⸗ berte dem Bedienten. Und ſie wandte ſich an ihren Mann und fügte bei: „Ah! der Himmel ſchickt uns dieſe vortreffliche Freundin; ſie konnte nicht zu gelege⸗ nerer Zeit kommen! Sie wird mir Dich zur Vernunft bringen, beruhigen helfen, mein armer Gilbert.“ „Du haſt vielleicht Recht,“ erwiederte niedergeſchla⸗ gen der junge Mann. „Man darf nicht verzweifeln, wenn man wenigſtens eine ſo würdige Freundin hat. Dieſe iſt, Gott ſei Dank, erprobt! . . . Wir wiſſen, ſie liebt uns um unſeretwillen und nicht wegen unſeres Geldes!“ „Ja, und ſie liebt uns trotz unſeres Geldes. Sie iſt nicht wie Meunier und ſeine Frau, dieſe abſcheulichen Neidiſchen . . .“ „Höre, Gilberte, ſprich mir nicht von ihnen, Du wirſt mich abermals in Wuth bringen! Die Schändli⸗ chen, die Undankbaren! . . .“ In dieſem Augenblick erſchien Frau von Saint⸗ Marceau. Die berühmte Sängerin war immer noch von einer ſeltenen Schoͤnheit; doch ihre Bläſſe und die tiefe Verſtörung ihrer Geſichtszüge verriethen eine ſei Gemüthsbewegung. Sie trat haſtig ein und agte: „Meine liebe Gilberte! . . .“ Als ſie aber Gilbert erblickte, machte ſie eine Ge⸗ berde des Erſtaunens und fügte bei: „Verzeihen Sie, meine Freundin, ich glaubte Sie allein zu finden . . . Dann ſich an den Mann der jungen Frau wendend, 270 indem ſie zu lächeln ſuchte: „Guten Morgen, Hert Gilbert.“ Und ſie reichte ihm liebreich die Hand; Gilbert drückte ſie herzlich ußd erwiederte: „Sie wünſchen, mit meiner Frau zu reden; ich laſſe Sie allein.“ „Nein, bleiben Sie,“ verſetzte Frau von Saint⸗ Marceau nach einer kurzen Ueberlegung; „ich bitte, blei⸗ ben Sie . . . Ich habe Gilberte nichts zu ſagen, was Sie nicht hören könnten, ſollten.“ „Mein Gott, liebe Antonia, Sie ſcheinen leidend,“ ſprach Gilberte, welche nun erſt die Veränderung in den Zügen der berühmten Künſtlerin wahrnahm. „Was ha⸗ ben Sie?“ „In der That, Madame,“ ſetzte Gilbert nicht minder beſorgt hinzu . .. „Sie ſcheinen ganz ange⸗ griffen .. „Ah! meine Freunde!“ rief Frau von Saint⸗Mar⸗ ceau mit bebender Stimme; doch das Schluchzen erſtickte ie, ſie unterbrach ſich und verbarg ihr in Thränen gebadetes Geſicht in ihrem Taſchentnch. Abermals erſchien ein Kammerdiener und ſagte von der Thürſchwelle aus: „Herr Guöpier fragt, ob er den Herrn ſprechen könne.“ „Nein, jetzt nicht,“ antwortete Gilbert ungeduldig. „Er ſoll ſpäter wieder kommen, und Niemand trete hier ein, ohne daß ich geklingelt habe.“ Der Kammerdiener entfernte ſich. Gilbert und Gilberte waren allein mit Frau von Saint⸗Marceau. . XXXIX. Gilbert und Gilberte blieben unbeweglich vor Er⸗ ſtaunen, als ſie Frau von Saint⸗Marceau, ohne daß 271 ſie ein Wort ſprechen konnte, in Thränen zerfließen ſahen. Sie brach zuerſt dieſes traurige Stillſchweigen, trocknete ihre Augen und ſagte zu den beiden jungen Leuten mit einer tief bewegten Stimme: „Meine Freunde, ich bitte, bewilligen Sie mir ei⸗ nige Augenblicke Ihre Aufmerkſamkeit und ſeien Sie be⸗ ſonders nachſichtig. Oh ja! ich bedarf ſehr Ihrer lie⸗ bevollen Rachſicht! Laſſen Sie mich mit wenigen Wor⸗ ten Sie an die Umſtände erinnern, denen ich Ihre koſt⸗ bare Freundſchaft verdanke. Dieſer auf die Vergangen⸗ heit zurückgeworfene Blick wird mich ermuthigen, wird mir die Kraft geben, Ihnen ſchmerzliche Geſtändniſſe zu machen. Eines Tags bitten Sie mich, in einem Ihrer Concerte zu ſingen; ich füge mich Ihrem Wunſche. Von dieſem Abend datirt unſere Verbindung. In ein paar Stunden vermochte ich Ihr ausgezeichnetes Naturell, meine liebe Gilberte, den freundlichen, offenen Charak⸗ ter Ihres Mannes und das vortreffliche Herz von Ihnen Beiden zu ſchätzen! Durch den Zufall einer ungehen⸗ ren Erbſchaft bereichert, waren Sie rein geblieben von den Lächerlichkeiten, den Fehlern oder Laſtern, welche ge⸗ wöhnlich allen Emporkömmlingen ankleben. Weit ent⸗ fernt, über die demüthige, von Arbeit erfüllte Lage zu erröthen, in der Sie lange gelebt hatten, ſtellten Sie dieſelbe vielmehr mit einem originellen und reizenden Stolze hervor. Das war gut, das war ſchön!“ „Liebe Antonia,“ erwiederte Gilberte mit einer be⸗ ſcheidenen Verlegenheit: „ſprechen Sie nicht ſo. Sie ſchmeicheln uns.“ „Ah! dieſes Wort benimmt mir allen Muth,“ ver⸗ ſetzte Frau von Saint⸗Marceau düſter und niedergeſchla⸗ gen. Und mit einer tiefen Bangigkeit fuhr ſie fort: „Meine Freundin, ich wende mich an Ihre Aufrichtig⸗ keit, an die gute Meinung, die Sie vielleicht von mir gefaßt haben; mein Gott, mein Gott! halten Sie mich für ſo niedrig, daß ich Ihnen ſchmeicheln wollte?“ „Nein, nein, meine liebe Frau von Saint⸗Mar⸗ ceau,“ erwiederte Gilbert, gerührt von der Gemüths⸗ erſchütterung der Sängerin, indem er ſich zugleich der gemeinen Kriechereien von Herrn Guillaumin erinnerte. „Oh! wir werden Ihnen nie die Beleidigung anthun, Sie zu beſchuldigen, Sie ſeien eine Schmeichlerin. Nur denken wir, Ihre Freundſchaft für uns übertreibe ein wenig unſern Werth.“ „Es mag ſein, doch Sie halten mich wenigſtens nicht fähig, daß ich Ihnen ſchmeichle. Oh! in dieſem Augen⸗ blick beſonders wäre mir ein ſolcher Verdacht von Ihrer Seite gräßlich,“ verſetzte Frau von Saint-Marceau, indem ſie ihre von Thränen gebadeten Augen abtrocknete. Dann, nach einigen Secunden peinlichen Nachſinnens, machte ſie eine Bewegung, als wollte ſie weggehen, und ſagte: „Ach! meine Freunde, entſchuldigen Sie mich, ich fühle mich ein wenig leidend .. Guten Tag!“ „Oh! verzeihen Sie, wenn wir Ihnen, ohne es zu wollen, wehe gethan haben!“ rief die junge Frau, die Sängerin an der Hand zurückhaltend. „Nicht wahr, Gilbert, wir lieben ſie zärtlich, dieſe theure Antonia?“ „Ach! wir ſagten es gerade, als Sie eintraten, Sie ſind unſere einzige Freundin, Madame,“ ſprach traurig Gilbert. „Wenn Sie uns mit Unrecht aufge⸗ bracht verlaſſen, ſo dürfen wir alſo nicht mehr an Ihre Zuneigung glauben, an dieſen unſern einzigen Troſt un⸗ ter allen den Schändlichkeiten, von denen wir jeden Tag Zengen ſind.“ Der warme, innige Ton der beiden jungen Leute, die Bangigkeit, die in ihrem Geſichte ausgedrückt war, beruhigten Frau von Saint⸗Marceau. Sie näherte ſich ihnen und ſagte mit einem ſchmerzlichen Lächeln: „Ja, Sie lieben mich, ich glaube es; Sie zweifeln nicht an mir, Sie halten mich nicht für ſo elend, daß ich Ihnen ſchmeicheln wollte. Verzeihen Sie auch mir daß ich Sie einen Augenblick für fähig gehalten habe, Sie 273 könnten einen ſolchen Verdacht faſſen. Ah! ſehen Sie, meine Freunde, das Unglück macht uns oft unwillkür⸗ lich ſo ungerecht, ſo mißtrauiſch.“ „Das Unglück!“ riefen gleichzeitig Gilbert und Gilberte, „Sie ſind unglücklich?“ „Die Unglücklichſte der Frauen!“ rief die Sänge⸗ rin in Thränen zerfließend. Und ſie fügte bei, indem ſie ihr Taſchentuch an ihre zitternden Lippen drückte: „Ja, die Unglücklichſte der Frauen .. . Gilbert und Gilberte waren ſchmerzlich betroffen von dieſem mehr unerwarteten, als unvorhergeſehenen Ge⸗ ſtändniß; ſie erinnerten ſich der von uns erwähnten Vorſtellung in der Oper, welche durch einen Nervenan⸗ fall von Frau von Saint⸗Marceau unterbrochen wurde, ein Anfall, den man ehelichen Verhältniſſen zugeſchrie⸗ ben; doch ſeit ihrer Verbindung mit der berühmten Sängerin hatte nichts die Erneuerung ihres häuslichen Kummers unſere jungen Leute vermuthen laſſen. „Sie, unglücklich! theure Antonia!“ ſagte Gil⸗ berte im Tone zärtlichen Vorwurfs, nachdem ſie einen Augenblick geſchwiegen hatte. „Und wir wiſſen nichts von Ihren Leiden!“ „Es wäre an uns, Ihnen Vorwürfe zu machen wegen dieſes Mangels an Vertrauen,“ fügte nicht min⸗ der liebevoll Gilbert bei. „Wozu nützen die Freunde, kommt man nicht zu ihnen, wenn man leidet? Doch was Sie uns da ſagen, macht mich ganz verwirrt. Sie unglücklich! .. Sie, deren Talent und Ruhm . „Das Talent, der Ruhm!“ rief die Sängerin mit einer bitteren Ironie. „Ah! meine armen Freunde, wenn Sie wüßten! wenn Sie wüßten! „ „Oh! wir wiſſen,“ ſagten ſich mit den Augen Gilbert und Gilberte, einen ausdrucksvollen Blick wech⸗ ſelnd, während Frau von Saint⸗Marceau, in ſchmerz⸗ liche Gedanken verſunken, ein düſteres Stillſchweigen beob⸗ Gilbert und Gilberte. n. 18 achtete; dann, nach einer heftigen Anſtrengung gegen ſich ſelbſt, ſprach ſie: „Meine Freunde, beſchuldigen Sie mich nicht ei⸗ nes Mangels an Vertrauen gegen Sie, denn durch ei⸗ nen Zufall, in welchem meine abergläubiſche Freund⸗ ſchaft Ihren guten Einfluß ſehen will, hatte ſich mein Kummer, ſeitdem ich Sie kennen gelernt, beinahe zer⸗ ſtreut; doch heute drückt er mich aufs Neue nieder, er lähmt mich, er tödtet mich.“ „Um des Himmels willen, erklären Sie ſich.“ „Hören Sie mich an: es wird zu dieſer Stunde meine Pflicht, Ihnen ein grauſames Geſtändniß zu ma⸗ chen. Kaum iſt es ein Jahr, daß ich mich aus Liebe verheirathet habe . . . dieſe Liebe wurde getheilt; wenig⸗ ſtens war dies lange meine Illuſion; Herr von Saint⸗ Marceau öffnete mir durch ſeine Geburt die Salons, die er vor unſerer Verbindung beſuchte. Bald mußte ich an tauſend beinahe unmerklichen, aber für meine Würde verletzenden Nuancen wahrnehmen, welche Entfernung die Frauen der großen Welt zwiſchen ſich und mich ſetzten.“ „Ja,“ ſprach Gilbert, „dieſe ſchönen Damen em⸗ pfingen Sie in ihrem Salon, doch ſie hätten es als eine Ungeheuerlichkeit betrachtet, ihnen öffentlich einen Platz in ihrem Wagen oder in ihrer Loge im Schau⸗ ſpiethauſe anzubieten.“ „Die Affen!“ fügte Gilberte die Achſeln zuckend bei. „Sie würden ſich für compromittirt gehalten haben, wenn ſie ſich öffentlich mit einer Schauſpielerin⸗ mit einer Frau gezeigt hätten, welche die Bretter betrat, wie Sie ſagten, dieſe abſcheulichen Neidi⸗ ſchen, die auf Ihre Schönheit, Ihr Talent und Ihre Triumphe eiferſüchtig waren.“ Frau von Saint⸗Marckau vergaß einen Augenblick ihren Kummer in ihrem Erſtaunen darüber, daß ſie Gilbert und Gilberte, ergriffen von der Erinnerung an 275 ihre Eindrücke, als ſie der Marquis und die Marquiſe von Montlaur waren, ſo ſprechen hörte. „Meine Freunde,“ ſagte die Sängerin, „dieſe ſo zarten Ruancen einer Geſelſſchaft, welche nicht die Ih⸗ rige war, wie haben Sie dieſelben errathen können 2“ „Dieſe Geſellſchaft, welche pfui über eine ehrliche und vortreffliche Frau wie Sie macht, die Alles Ihrem Talente verdankt, dieſe Geſellſchaft, welche ſo hoffärtig zu Hauſe, bettelte ſie nicht um Einladungen bei Heirn von Saint Marceau, um bei uns, bei Minette, einer Blumenmacherin „und bei mir, einem Lithographen, empfangen zu werden, einzig und allein in der Abſicht, unſer Eis zu eſſen, bei unſerem Souper zu ſchwelgen, in unſern Salons zu tanzen und ſich hernach über uns luſtig zu machen?“ So haben wir Beide, ohne ſehr ſchlau zu ſein, viele Dinge errathen oder erfahren,“ ſagte Gilberte, Manne einen Blick des Verſtändniſſes zu⸗ warf. „Oh! ja, Sie haben ſie errathen, dieſe in ihren hoffärtigen Unterſcheidungen umbarmherzige Welt,“ er⸗ wiederte Frau von Saint⸗Marceau. „Doch über die Vorurtheile, unter denen ich zuweilen zu leiden die Schwäche hatte, würde ich durch die Verachtung trium⸗ phirt haben, wäre mein Gatte nicht noch viel mehr als ich verletzt und beſonders erzürnt über dieſe Imperti⸗ nenzen geweſen; aber ach! ich war täglich das Opfer ſeines Zornes.“ „Ah! arme Frau!“ rief voll Mitleid Gilbert. „Ich begreife nun die Urſache Ihres Kummers!“ „Nein,“ verſetzte Frau von Saint⸗Marteau nieder⸗ geſchlagen, „nein, Sie können meinen Kummer nicht begreifen, denn Sie wiſſen nicht Alles.“ „Ach!“ rief Gilberte die Hände faltend, „es war doch hieran genug.“ 276 „Nein, zu meinem Unglück war das nicht genug,“ entgegnete Frau von Saint Marceau, welche kaum ihre Thränen zurückzuhalten vermochte. „So ſagte mein Gatte, als wir von einer der glänzenden Féten zurück⸗ kehrten, zu denen er mich Anfangs begleitete, eines Ta⸗ ges zu mir: „„Die verletzenden Diſtinctionen, die man „ zwiſchen den Frauen der großen Welt und Ihnen, die Sie meinen Namen führen, feſtſtellt, ſind für mich eine beſtändige Beleidigung, die ich nicht länger geduldig zu ertragen vermöchte. Sie werden fortan allein in die Geſellſchaft gehen.“ Doch das war noch nichts! Herr vou Saint⸗Marceau wurde bald eiferſüchtig auf meine Triumphe. „„Was für eine elende, alberne Rolle ſpiele ich doch! Man nennt mich den Mann der Bernardi, Ihr Name verdunkelt und verſchlingt den meinigen, ich bin nur durch Sie etwas.““ „Das war unfinnig,“ rief Gilbert; „warum hatte! er nicht einen Namen, der ſo ruhmwürdig als der Ihrige!“ „Oh! meine Freunde, dieſen Ruhm bezahlte ich theuer! Ich fürchtete ihn beinahe, ſeitdem mein Mann ſich darüber ärgerte, beleidigt fühlte, und ſich in der Ver⸗ irrung ſeines eiferſüchtigen Geiſtes durch mich verringert, vernichtet glaubte! Doch ich litt in der Stille; ich be⸗ klagte mehr noch, als ich ihn tadelte, dieſen armen, mür⸗ riſchen, bizarren Charakter, der mir die Triumphe zum Vorwurf machte, in denen er ſich vor unſerer Verhei⸗ rathung berauſchte ... Ah! wie oft habe ich in Folge eines in der Entmuthigung, in der Traurigkeit zuge⸗ brachten Tages, und dennoch genöthigt, auf dem Theater zu ſingen, wahre Thränen in meinen Rollen geweint! Man klatſchte mir mit Entzücken Beifall. „„Sie hat Thränen in der Stimme,“ ſagte man. Ach nein! ich hatte ſie im Herzen!“ „Ah! arme Antonia! Und ſo viele Frauen beneide⸗ ten Sie um Ihr Loos.“ 277 „Ein einziger Gedanke half mir meinen Kummer ertragen ich glaubte mich geliebt, ich glaubte, die Liebe allein habe Herrn von Saint⸗Marceau mehrere Züge einer beinahe romanhaften Leidenſchaft eingegeben, die mich beſtimmten, ihn zu heirathen; die'e ſetzte Illuſion ſollte ich nicht lange hegen .. . Ein entſetzlicher Schlag war mir vorbehalten!“ „Wie!“ rief Gilbert, „Herr von Saint⸗Marceau hat Sie nicht aus Liebe geheirathet?“ „Ei! warum hat er ſich dann mit Ihnen verhei⸗ rathet?“ fragte Gilberte. „Um mein Vermögen zu genießen, um das Geld, das ich verdiene, zu verſchwenden,“ murmelte Frau von Saint-Marceau in Thränen zerfließend; und von der Scham gefoltert, verbarg ſie ihr Geſicht in ihrem Taſchen⸗ tuch. „Mein Gott, mein Gott!“ ſagte ſie ſchluchzend, „und ich glaubte, es ſei ein Mann von ſo edlem, ſo er⸗ habenem Charakter!“ „Meine arme Anionia,“ ſprach Gilberte bis zu Thränen gerührt durch den Schmerz ihrer Freundin, vielleicht täuſchen Sie ſich. Haben Sie den Beweis von einem ſo niedrigen Benehmen?“ „Hh! das Geid und immer das Geld!“ ſeufzte Gilbert; „welche Gemeinheiten, welche Lügen, welche ſchändliche Gefühle flößt es ein! Wir haben das Geld beim Werke geſehen, ſeitdem wir es im Ueberfluß be⸗ ſtzen. Oh! man könnte elnen Ekel am Reichthum be⸗ kommen, meine arme Frau von Saint⸗Marcean. Doch Minette hat Recht: haben Sie ſich, ehe Sie ſo verzweifeln, wohl überzeugt, daß Ihre Befürchtungen gegründet waren?“ „Ach! ſeit geſtern iſt mir kein Zweifel mehr erlanbt. Sie ſollen erfahren, warum. Bewilligen Sie mir noch ein paar Augenblicke Ihre Aufmerkſamkeit. Ich heirathete Herrn von Saint⸗Marceau ohne mich nach dem Stande ſeines Vermögens zu erkundigen. Anders handelnd, 278 würde ich ihn zu beleidigen geglaubt haben. Er beſaß, wie er mich verſicherte, zwölftauſend Livres Einkünſte. Ich glaubte es. Was lag mir übrigens hieran? Ich ver⸗ diente über hunderttauſend Franken jährlich. Bald nach unſerer Verheirathung ſagte mir mein Mann, dadurch, daß er ſich für einen ſeiner Freunde verbürgt verliere er nicht nur Alles, was er beſitze, ſondern er habe überdies noch eine Verbindlichkeit von zweimalhunderttauſend Franken. Ich übergab ihm dieſe Summe, denn ich traute ſeinem Worte. Er log. Ein zügelloſer Spieler, hatte er raſch ſein Erbe vergendet, und bei unſerer Ver⸗ heirathung war er dieſe von mir bezahlten zweimalhun⸗ derttauſend Franken ſchuldig.“ „Bei Ihrem Edelmuthe, liebe Antonia, war es ſo leicht, Sie zu tänſchen . .. „Dieſe Entdeckung betrübte mich auch hauptſächlich, weil es meinem Manne an Vertrauen zu mir zu mangeln ſchien; doch bald fragte er mich nicht einmal mehr um meine Einwilligung bei den Verkäufen, welche zu machen er für dienlich erachtete; er verfügte allein über mein Vermögen, deſſen ununſchränkte Verwaltung er ſich nach unſerem Ehevertrage, den ich unterzeichnet, ohne ihn zu leſen, vorbehalten hatte. Was ſoll ich Ihnen ſagen, meine Freunde? Alles, was ich beſaß, iſt vom Abgrunde des Spiels verſchlungen worden . . .“ „Ah! mein Gott!“ rief Gilberte, „iſt es möglich! Hörſt Du, Geliebter?“ „Ich höre,“ antwortete trocken Gilbert, deſſen Herz ſich zuſammenſchnürte Sein Geſicht, in welchem bis dahin das Gepräge einer rührenden Theilnahme am Kummer der Sängerin ſichtbar war, verdüſterte ſich; ein bitteres, mißtraniſches Lächeln umſchwebte ſeine Lippen; er glaubte zu ahnen, das Vertrauen von Frau von Saint⸗Marceau, ihrer vortrefflichen Freundin⸗ werde auf eine Bitte um Geld hinauslaufen. Er hörte 279 auch die Fortſetzung des Geſpräches mit einer wachſenden Bangigkeit an. „Gott ſei Dank!“ ſagte die Sängerin, „kurze Zeit, nachdem ein Zufall, den ich ewig ſegnen werde, unſere Verbindung herbeigeführt hatte, meine liebe Gilberte, ſah Herr von Saint⸗Marceau, der immer ſo unglücklich im Spiele, die Chance ſich auf ſeine Seite wenden, und er gewaun wieder beträchtliche Summen! . . . „Ah! ich athme,“ dachte Gilbert. Und ſein Herz erleichterte ſich, ſein Geſicht klärte ſich anf. „Frau von Saint⸗Marceau kommt nicht, um Geld zu verlangen ... Es wäre mir zu grauſam geweſen, in ihr, der einzigen Freundin, die uns bleibt, eine Freundin unſeres Ver⸗ mögens zu ſehen.“ „Dieſe glückliche Chance, die Herrn von Saint⸗ Morceau begünſtigte,“ ſprach die Sängerin, „und das Vergnügen, welches es ihm bereitete, nach Ihrem Wunſche die Honneurs Ihres Hanſes zu machen, übten den beſten Einfluß auf ihn aus. Nachdem er viel gewonnen hatte, ſpielte er wenig, und da er nicht mehr beſtändig durch den Verluſt erbittert war, ſo machte er mir das Leben erträglich. Noch einige Illuſionen bewahrend, ſagte ich zn mir ſelbſt: „„Ich habe einen Spieler, einen Mann von mürriſchem Geiſte, von wunderlichem Charakter ge⸗ heirathet; doch er hat mich leidenſchaftlich geliebt, er liebt mich noch, eine günſtige Veränderung iſt in ſeinen Gewohnheiten vorgegangen: hoffen wir!““ Das ſagte ich mir noch geſtern; aber heute! . Fran von Saint Marceau konnte nicht vollenden, die Thränen erſtickten abermals ihre Stimme. „Ich bitte, liebe Antonia,“ ſprach Gilberte zärtlich, „vollenden Sie. Was iſt heute vorgefallen?“ „Heute Nacht,“ erwiederte Frau von Saint⸗Marceau, „heute Nacht hat mein Mann im Spiele Alles verloren, was er wieder gewonnen; er iſt überdies eine bedentende Sunmme ſchuldig und außer Stande, ſie zu bezahlen.“ 280 „Ah! . . ich täuſchte mich nicht!“ dachte Gilbert mit einer verdoppelten Bitterkeit. „Dieſe Frau ſpecu⸗ lirte auch auf unſere Reichthümer! Ich kann nun nicht mehr daran zweifeln Sie iſt hieher gekommen, um uns zu bitten, die Spielſchuld ihres Mannes zu bezahlen. . . Mein Gott! daß man auf dieſer Welt nicht ein einziges uneigennütziges Herz finden ſoll! Das iſt abſcheulich! Ah! ich möchte hundertmal lieber anderswo leben, wie die Korrigan ſagte.“ Ganz durch die Erzählung von Frau von Saint⸗ Marceau, welche ſie mit den Augen nicht verließ, in Anſpruch genommen, bemerkte Gilberte die Verdüſterung der Züge ihres Mannes nicht, der wieder Gedanken voll von Traurigkeit und Mißtrauen preisgegeben war. Die Sängerin fuhr mit einer immer mehr bebenden Stimme alſo in ihrer Erzählung fort: „In Betreff dieſes neuen Verluſtes machte ich Herrn von Saint⸗Marceau ernſte, aber gemeſſene, wohl über⸗ dachte Vorwürfe, und ich bemerkte ihm, daß dieſe un⸗ geheure Schuld uns in die granuſamſte Verlegenheit bringe. Er antwortete mir aufbrauſend, brutal, und ſagte endlich folgende Worte, welche für mich eine ent⸗ ſetzliche Offenbarung geweſen ſind: „Berichtigen Sie dieſe leßte Spielſchuld, zahlen Sie mir hunderttauſend Franken vaar, verſichern Sie mir auf Ihren Gehalt eine Penſion von zwölftauſend Franken, und ich gebe Ihnen wieder Ihre Freiheit! . . . Sie werden von mir befreit ſein, und ich werde von Ihnen befreit ſein!““ „Oh! das iſt entſetzlich!“ rief Gilberte, während Frau von Saint-Marteau ſchluchzte. „Ach! es iſt nur zu wahr: ein Mann, der fähig iſt, Ihnen einen ſolchen Vorſchlag zu machen, hat Sie nie um Ihretwillen ge⸗ liebt; nicht wahr, Gilbert?“ „Ah! das Geld! das Geld! . . .“ erwiederte der junge Mann mit Betrübniß und Ekel, indeß Frau von Saint⸗Marceau, ganz niedergeſchmettert, es nicht wagte⸗ die Augen zu ihren Freunden aufzuſchlagen. — ——— 281 Plötzlich ſagte Gilberte lebhaft: „Antonia, mir ſcheint, an Ihrer Stelle würde ich dieſen unwürdigen Vorſchlag annehmen. Sie wären von dem abſcheulichen Menſchen befreit; Sie würden wenigſtens ruhig leben, ſtatt der Gefahr ausgeſetzt zu ſein, alle Tage Scenen zu haben, welche Sie zum Er⸗ barmen unglücklich machen. Bei meiner Treue, j ich würde den Handel annehmen . . . Was ſagſt Du dazu, Geliebter?“ „Ich ſage,“ erwiederte der junge Mann, indem er verſtohlen auf Frau von Saint⸗Marcean einen Blick ſchmerzlicher Verachtung warf, „ich ſage, man vermöchte ſich nicht raſch genug der Leute zu entledigen, auf deren Zuneigung man lange gerechnet hat . . . die uns aber nur unſeres Geldes wegen lieben.“ In ihrer Rührung nur darauf bedacht, ihre Freun⸗ din zu tröſten, welche durch ihre Bläſſe, durch die Ver⸗ ſtörung ihrer Geſichtszüge, durch ihr nervöſes, beinahe krampfhaftes Zittern immer mehr ihr Mitleid erregte, bemerkte Gilberte weder die doppelſinnige Antwort ihres Mannes, noch ſeine düſtere Phyſiognomie, und ſie ſagte zu der Sängerin: „Arme Freundin! . . . Sie hören Gilbert . . . Wie ich denkt er, Sie müſſen ſo bald als möglich dieſen garſtigen Menſchen verlaſſen, der Sie nur Ihres Geldes wegen liebt.. Könnten Sie nur zögern, ſich von ihm zu trennen?“ „Vermag ich es!“ rief Frau von Saint⸗Marceau mit herzzerreißendem Tone . . . „Ah! heute beſonders beklage ich den Verluſt dieſes von mir durch die Arbeit angehäuften und auf eine tolle Weiſe von meinem Manne verſchlenderten Vermögens! In Ermangelung des Glückes, das ich geträumt, würde ich wenigſtens die Ruhe und die Freiheit finden. Doch die bedeutende Summe, welche Herr von Saint⸗Marcean verlangt, um ſich von mir zu trennen, beſitze ich nicht.“ 282 „Da haben wir es!“ dachte Gilbert. „Oh! die Komödiantin iſt geſchickt! ſie ſpielt zum Täuſchen dieſe Rolle, wie ſie ſo viele andere auf der Bühne geſpielt hat. Sie beſitzt die Gewohnheit: Thräneu, Schluchzen, Er⸗ ſtickungen, nichts fehlt der Scene. Und meine arme Frau läßt ſich durch dieſes gemeine Gaukelſpiel bethören.“ „Wie! Antonia,“ rief Gilberte, „es iſt nur das Geld, was Sie in Verlegenheit ſetzt? Haben wir denn nicht Geld, wir zwei Gilbert, tauſendmal mehr, als wir brauchen? Wie! Sie konnten uns nicht ſogleich und ganz einfach ſagen: „Meine Freunde, ich brauche hundert⸗, zweimalhundert⸗, dreimalhundertttanſend Franken, um ruhig zu ſein; geben Sie mir dieſe Summe!““ Oh! liebe Antonia, das iſt nicht artig von Ihnen! . . Ge⸗ liebter, hilf mir doch dieſe böſe Freundin ausſchelten!“ Meine Frau hat Recht,“ ſagte Gilbert mit einem eiskalten, höhniſchen Lächeln. „Sie brauchen Geld, Ma⸗ dame; Sie wiſſen, daß wir die Hülle und die Fülle haben, und Sie konnten einen Augenblick zögern, von uns, Ihren Freunden, die Summe, die Sie brau⸗ chen, zu verlangen? . .. Ah! Madame, das werde ich nun und nimmermehr glauben!“ Und er trat an ſeinen Schreibtiſch, öffnete die mit Banguebillets gefüllte Schub⸗ lade und fügte dann bei: „Wie viel brauchen Sie, Madame?“ „Oh! meine Freunde,“ rief Frau von Saint⸗ Marceau, die Hände faltend und Thränen der Dankbar⸗ keit vergießend, ohne in ihrer Aufregung den ironiſchen Ton zu bemerken, der auch Gilberte in ihrer Gemüths⸗ bewegung entging, „oh! meine Freunde, Ihnen werde ich das Leben, die Ruhe zu verdanken haben, denn die⸗ ſer Qual aller Angenblicke hätte ich nicht widerſtehen können . . . Das wäre über meinen Kräften geweſen. Oh! meinen Dank, edle Herzen!“ „Abſcheuliche Freundin, wollen Sie wohl nicht von Dank ſprechen!“ rief Gilberte. „Es fehlte nur das 283 noch! Was macht uns das Geld? Iſt uns daran ge⸗ legen? Und wenn uns ſogar daran gelegen wäre, iſt es nicht ein Vergnügen, eine Pflicht, ſich Freunde zu ver⸗ binden?“ „Gewiß, hat man Freunde, ſo iſt dies ſo, daß man ſich derſelben bedient,“ ſprach Gilbert immer höhniſch und kalt; dann wiederholte er die Frage: „Wie viel brauchen Sie, Madame?“ Im Erguſſe ihrer Freude, ihrer Dankbarkeit hörte die Sängerin die letzten Worte des jungen Mannes nicht, und ſie ſagte: „Nein, ich habe nie an Ihrem Herzen gezweifelt, zärtliche, edelmüthige Gilberte! Ich kam zu Ihnen in der Abſicht, Sie ganz unumwunden um dieſen ungeheuren Dienſt zu bitten und Ihnen zu ſagen: „„Leihen Sie mir die Summe. Mit Gottes Hülfe werde ich in we⸗ nigen Jahren meine Schuld an Sie abtragen können. Meine Engagements in Paris und London bieten Ihnen alle wünſchenswerthe Bürgſchaften!““ „Antonia, was denken Sie? unter uns Bürgſchaften? Ah! das iſt ſchlimm!“ „Das iſt meine Sache, und ich fühle, was ich zu thun habe, liebe Gilberte. Aber wiſſen Sie, was mich abgehalten hat, Sie ſogleich um dieſen Dienſt zu bitten? Daß Sie mir am Anfang unſerer Unterredung ſagten: „„Antonia, Sie ſchmeicheln mir.““ Da kam mir ein gräßlicher Gedanke.“ „Sie befürchteten, wenn wir Sie um einen Dienſt bitten ſehen, könnten wir die ſchlimme Idee haben, Ihre Freundſchaft für eigennützig zu halten, unterbrach Gil⸗ bert die berühmte Sängerin. „Oh! Madame, wenn wir einen ſo granſamen Zweifel hegten, ſo hätten wir Grund, unſern Reichthum auf immer zu verfluchen.“ „Ah! ich glaube wohl,“ rief Gilberte. „Zweifeln an Ihnen, Anionia, an Ihnen, unſerer beſten Freun⸗ 284 din, unſerer einzigen Freundin, das wäre gräßlich! Mein Gott! an Ihnen zweiſeln!“ „Zum Glück iſt uns der Zweifel nicht erlaubt,“ ſprach Gilbert. Und ſich an Frau von Saint⸗Marceau wendend, welche mit einem innigen Erguſſe die Zärtlich⸗ keiten der jungen Frau erwiederte, fügte er mit kurzem, gezwungenem Tone bei, als hätte er Eile, dieſer Unter⸗ redung, die einen ſo ſchmerzlichen Eindruck auf ihn hervorbrachte, ein Ende zu machen: „Meine Frau hat es Ihnen geſagt, und ich bin ganz ihrer Anſicht: man vermöchte ſich nicht raſch genug von den Leuten zu be⸗ freien, welche uns unſeres Geldes wegen lieben; ihre Gegenwart empört und macht einem übe „Das iſt ſehr wahr,“ verſetzte treuherzig Gilberte. „Antonia, befreien Sie ſich alſo raſch von Ihrem ab⸗ ſcheulichen Gatten.“ „Herr von Saint Marteau verlangt hunderttauſend Franken, um ſich von Ihnen zu trennen?. . . Hier ſind ſie,“ ſagte Gilbert, indem er die Billets auf den Tiſch legte. „Er verlangt ferner, daß Sie ſeine letzte Spiel⸗ ſchuld bezahlen . . . Wie hoch belänft ſie ſich?“ „Oh! meine Freunde, welche rührende Großmuth!“ ſprach die Sängerin, ganz niedergebeugt unter der Laſt ihrer Dankbarkeit. „Wie werde ich Ihnen je bezeigen können, was Alles mein Herz . . „Mein Gott, Madame, wir wiſſen, was das Herz einer Freundin wie Sie werth iſt! doch die Zeit drängt: Ihr Gemahl kann anſpruchsvoller werden; ſagen Sie uns geſchwinde, welche Suume er im Spiele ver⸗ loren hat, und beeilen Sie ſich, dieſe Sache zn Ende zu bringen.“ „Edle Herzen!“ rief die berühmte Künſtlerin. „Ich ſehe, der Ausdruck meines Dankes iſt Ihrer in ihrer Beſcheidenheit ſo rührenden Freundſchaft peinlich. Nach⸗ dem der Dienſt geleiſtet iſt, wollen Sie ſich meiner Dank⸗ barkeit entziehen.“ 285 „Vielleicht,“ erwiederte Gilbert mit einer kaum be⸗ wältigten Ungeduld. „Doch ich frage Sie noch einmal, wie viel beträgt die Summe, welche Herr von Saint⸗ Marceau im Spiele verloren hat?“ „Wahrhaftig . . . das iſt Mißbrauch,“ ſtammelte die Sängerin mit einer Miſchung von Scham und Bangig⸗ keit. „Die Summe . iſt ſo bedeutend . . ich wage es nicht . . .“ „Madame!“ rief Gilbert, der kaum ſeine verachtende Entrüſtung überwinden konnte, „Madame, ſprechen Sie doch!“ „Ja, Geliebter, ärgere Dich! ſchilt ſie, dieſe garſtige Freundin, die uns ſo in unſerem Vergnügen, ſie zu verbinden, ſchmachten läßt.“ „Die Spielſchuld von Herrn von Saint Marceau,“ antwortete die berühmte Sängerin mit einer zitternden Stimme, „beträgt, wie er mir geſagt hat, achtzigtauſend Franken.“ „Eine ſchöne Geſchichte!“ verſetzte Gilberte, die Ach⸗ ſeln zuckend; „es war wohl der Mühe werth, theure An⸗ tonia, ſo zu zögern.“ „Endlich!“ rief Gilbert mit einem Seufzer der Er⸗ leichterung. Und er zählte mit fieberhafter Geſchwin⸗ digkeit, die Billets übergab ſie, wie das erſte Päck⸗ chen von hunderttauſend Franken, Frau von Saint⸗ und ſagte: „Hier iſt das Geld, gehen Sie raſch.“ „Ja, ja, ich gehe,“ erwiederte die Sängerin mit einem Ausdrucke unausſprechlicher Rührung. „Ich be⸗ freie Sie von dem Anblicke einer Frau, der Sie das Leben retten. Aber laſſen Sie mir wenigſtens die Zeit, um Ihnen einen Empfangſchein für dieſe Summe zu geben. Was die Garantien auf mein Engagement be⸗ trifft, ſo wird mein Rotar heute noch eine Urkunde ab⸗ faſſen, welche . 266 „Aber, Madame,“ rief Gilbert faſt außer ſich, „Sie haben das Geld, das Sie brauchen, und . . .“ „Und Sie verlieren eine koſtbare Zeit, Bibi hat Recht,“ beeilte ſich Gilberte, naiver Weiſe beizufügen. „Bedürfen wir Ihres Empfangſcheins, Ihrer Garantien? Gehen Sie geſchwinde, befreien Sie ſich eiligſt von Herrn von Saint⸗Marceau. Doch Sie müſſen uns ver⸗ ſprechen, heute Abend bei uns zu ſpeiſen.“ „Oh! von Herzen gern,“ antwortete die Sängerin, indem ſie die junge Frau voll Innigkeit umarmte. .. „Ich werde wenigſtens ausdrücken können, was ich Alles . Doch ich ſchweige. Sie erlauben mir vielleicht dann, mein Herz frei zu ergießen. Gott befohlen, große, edel⸗ müthige Freunde!“ Frau von Saint⸗Marceau, nachdem ſie zum letzten Male den zwei jungen Leuten die Hände gedrückt hatte, ging haſtig hinaus, gefolgt von Gilberte, welche ſie bis in das Veſtibule begleiten wollte. „Oh! das Geld!“ rief Gilbert mit einer verzwei⸗ felten Bitterkeit, während er ganz gelähmt in einen Lehnſtuhl fiel. „Verflucht ſei das Geld!“ XL. Schmerzlich verletzt durch das, was er als eine grauſame Täuſchung in Betreff der Freundſchaft von Frau von Saint⸗Marceau betrachtete, ſah Gilbert ſeine Frau, ſtrahlend vor Glück, zurückkehren. Sie hatte die Sängerin bis zu ihrem Wagen begleitet. „Oh! mein Gilbert,“ rief die junge Frau, während ſie auf ihren Mann zulief, „wie glücklich iſt man, wenn man ſeine Freunde zu verbinden vermag! Arme Antonia! ſie konnte kaum an den Dienſt glauben, den wir ihr lei⸗ ſteten.“ 287 „Ja,“ erwiederte ſpöttiſch der junge Mann, „Frau von Saint⸗Marcean hat ihre Rolle vortrefflich geſpielt.“ „Welche Rolle?“ „Es iſt eine geſchickte Komödiantin; doch trotz alles ihres Talents, hätte ich ſie, wäre ſie noch einen Augen⸗ blick länger geblieben, mit ihrer Dankbarkeit hinausge⸗ worfen.“ „So ſprichſt Du von Frau von Saint⸗Marceau! Ich begreife Dich nicht, mein Gilbert . . Mein Gott! wie verdrießlich und zornig ſcheinſt Du zu ſein!“ „Es iſt vielleicht kein Grund hiezu vorhanden? Dieſe Frau, welche wir für unſere Freundin hielten, be⸗ trachtete uns als Melkkühe! Das Iutereſſe allein zog ſie zu uns! Oh! das iſt ſchmählich, das iſt ſchändlich! . . . Man bekommt einen Abſchen vor dem Reichthum, wenn man ſieht, welchen Täuſchungen er uns ausſetzt! Und Du, die Du weder irgend Etwas, noch irgend Jemand mißtrauſt, überhäufſt mit Zärtlichkeiten diefe ſo gemein intereſſirte Fran!“ „Antonia intereſſirt! ſie, welche uns täglich Beweiſe ihrer Freundſchaft gibt!“ „Welche Beweiſe? Daß ſie täglich mit uns zu Mit⸗ tag ſpeiſt, daß ſie ſich unſerer Logen im Theater, unſe⸗ rer Wagen bedient, daß ſie ihre Geſellſchaften zu uns einladet, — bewies uns Frau von Saint⸗Marceau etwa hiedurch ihre Freundſchaft? Oh! dann iſt es wahr! ſie bewies ſie uns alle Tage, und zwar eher zweimal als einmal, ihre ſchöne Freundſchaft!“ „Ah! Gilbert! . „Und um der Sache die Krone aufzuſetzen, entlehnt dieſe zartfühlende und aufrichtige Freundin zweimalhun⸗ derttauſend Franken von uns.“ „Alſo Du . . der Du immer ſo gut, ſo edelmü⸗ thig, Du beklagſt dieſe Summe, welche dazu angewendet wurde, unſerer beſten Freundin einen Dienſt zu leiſten?“ „Ich! ich kümmere mich den Henker um die zwei⸗ malhunderttaufend Franken! Hätte ſie viermalhundert⸗ tauſend von mir verlangt, ich würde ihr ſie ebenſo ge⸗ geben haben. Was macht das mir! Beſitzen wir keinen Sou Vermögen mehr, ſo werden wir wenigſtens die Annehmlichkeit erreicht haben, von dieſer Bande von Lumpen, Betrügern, Bettlern, großer und kleiner Art befreit zu ſein, die unſer Vermögen anlockt, und die mir durch ihre Plattheit, Frechheit oder Falſchheit übel ma⸗ chen, — mit Deiner Frau von Saint⸗Marceau anzu⸗ fangen.“ „Aber was hat ſie Dir denn gethan, dieſe unglück⸗ liche Frau, daß Du ſo über ſie erbittert biſt? Höre, ich erkenne Dich nicht mehr, Gilbert; man ſollte glauben, Du werdeſt mißtrauiſch, boshaft, ungetecht.“ Und Du, Du ſiehſt nicht weiter, als bis zu Dei⸗ ner Naſenſpitze. Du biſt nur eine arme Thörin!“ „Ich will lieber eine Thörin, als ungerecht ſein.“ „Zu dieſer Stunde lacht Deine Frau von Saint⸗ Marceau über Dich.“ „Jeder nach ſeinem Geſchmacke,“ verſetzte Gilberte, welche die Thränen in ihre Augen treten fühlte. „Gehe, Du biſt ein Abſcheulicher, ein Boshafter!“ „Oh! das iſt doch zu ſtark! Nun wohl! Du, Du biſt nur . . denn es iſt unmöglich, ſich ſo behandeln zu laſſen, Du biſt nur Doch trotz der Heftigkeit ſeines Zornes zögerte Gil⸗ bert noch, Gilberte die entſetzliche Beleidigung zuzu⸗ ſchleudern, die ihm in Form von Repreſſalien auf die Lippen kam; ſeine Erbitterung riß ihn aber fort, und er rief wüthend: „Ja, Du biſt nur und wirſt immer nu ſein eine kleine Pute! die man immer bethört hat und immer bethören wird.“ Bei dieſer Abſcheulichkeit, welche Gilbert durch ſei⸗ nen Zorn entriſſen wurde, zerfloß Gilberte, die ſeit eini⸗ gen Angenblicken nur mit Mühe ihren Drang, zu weinen, bewältigte, in ſchmerzliche Thränen. Peinlich ergriffen durch ihren Schmerz, zerriſſen von der Reue darüber, 289 daß er ſich ſo weit vergeſſen, ſeine Gilberte als eine kleine Pute zu behandeln, die erſte, die einzige Be⸗ leidigung, die ſich der würdige junge Mann gegen ſeine Frau erlaubt hatte, warf ſich Gübert flehend zu den Füßen von Gilberte und rief mit Thränen in den Au⸗ gen und in der Stimme: „Meine geliebte, meine angebetete Minette! ver⸗ zeihe mir! ich bin abſchenlich geweſen! ich bin ein Un⸗ glücklicher! ich habe die Schändlichkeit begangen, Dich als die Letzte der Letzten zu behandeln!“ Und der gute Gilbert weinte und verabſcheute ſich ſelbſt in der vollen Aufrichtigkeit ſeines vortrefflichen Herzens. „Ich ſchwöre es Dir auf den Knieen, Geliebte, das wird mir nicht mehr begegnen! nie mehr! gar nie mehr! Verzeihe mir, meine gute kleine Gilberte! Ich war verwirrt! außer mir! wahnfinnig! Ahl wenn Du wüßteſt, wie viel ſchmähliche, ſchamloſe Briefe ich heute Morgen erhalten habe! immer wegen dieſes verdammten Geldes! Meine Seele war voll Galle! Doch was beweiſt dies? Berech⸗ tigte mich das, Dich auf eine unwürdige Weiſe zu be⸗ leidigen, meine arme geliebte Minette? Empfangen wir nicht täglich ſolche Briefe! Nein! das iſt für mich keine Entſchuldigung! Aber was ſoll ich Dir ſagen, ich war nicht mehr bei Sinnen, ich war ein Raſender, ein Un⸗ geheuer!“ Während ſo ihr Gilbert ſich anſchuldigte und auf eine ſo naive, ſo demüthige Art ſeine Raſerei und ſein ungeheuerliches Benehmen bereute, fühlte Gilberte mit einer unausſprechlichen Süßigkeit ihre Thränen ſich trocknen, ihr Herz ſich ausdehnen, und kaum hatte Gil⸗ bert in ſeiner Troſtloſigkeit ſein klägliches mea culpa ollendet, als ihm feine Frau um den Hals fiel, ihn mit Küſſen bedeckte und mit einer von einer köſtlichen Ge⸗ müthsbewegung erſchütterten Stimme zu ihm ſagte: Gilbert und Gilberte. M. 19 290 „Weine nicht mehr, mein armer Geliebter, verzeihe mir! ich hatte Unrecht.“ „Du hatteſt Unrecht! weil ich, grob wie Gerſten⸗ brod, ſo ſchändlich war, Dich zu beleidigen! Und Du gibſt Dir Unrecht! Du biſt alſo ein Engel, der vom Himmel herabgeſtiegen, meine angebetete Minette?“ „Ich ſage Dir, daß ich Unrecht gehabt habe, zu weinen wie eine Magdalena, weil Du mich eine kleine Pute nannteſt.“ „Höre, Geliebte, ich flehe Dich an, wiederhole nicht dieſe gräßlichen Worte, Du flößeſt mir ein Entſetzen vor mir ſelbſt ein.“ „Aber, mein Gott! was bedeuten denn im Ganzen dieſe gräßlichen Worte? daß ich eine kleine Gutmüthige, eine Leichtglänbige war? Iſt das etwas Erſchreckliches ? Griff das mein Herz oder meine Liebe für Dich an? Du ſprichſt von Vorwürfen, mein armer Geliebter 2 Ich ſollte mir machen! Bin ich denn nicht Pute genug geweſen, denn das iſt wahrhaftig das richtige Wort .. . Ah! ja! bin ich denn nicht Pute genug geweſen, um Dich boshaft, ungerecht zu nennen? Das ſind plumpe, abſcheuliche Worte, die man bereuen muß . wie ich ſie bereue. Denn Du haſt ja viel mehr Scharfſinn und Geiſt, als ich.“ „Ah! Minette!“ „Mein Gott! gewiß, Bibi. Einmal ſagſt Du oſt ſehr drollige Worte.“ „Und Du?“ „Wenn mir das zufällig begegnet, ſo geſchieht es, weil Du mir Witz gabſt. Doch ich komme wieder auf das Vorhergehende zurück; Du beſitzeſt mehr Scharſ⸗ ſinn als ich, und vielleicht haſt Du Recht in Beziehung auf Frau von Saint⸗Marceau, wie Du hundertmal Recht hatteſt in Betreff der Neidiſchen, — ich meine Meu⸗ nier und ſeine Frau.“ „Ich brauchte nicht ſo ſchlan zu ſein, um zu erra * 291 then, daß ſie der Neid zerfraß, als ſie ohne allen Grund, nachdem ſie mehrere Male zu uns gekommen waren, Streit ſuchten, um ſich mit uns zu entzweien. Sie wa⸗ ren von der Eiferſucht beſeſſen, die ihnen unſer Vermö⸗ gen, ein wahres Herzeleid für ſie, einflößte. Und bei⸗ nahe der erſte Gebranch, den wir von unſern überna⸗ türlichen Kräften machten, war doch der, daß wir dieſe Undaukbaren mit zwei Millionen beſchenkten! Sie wiſſen allerdings nicht, daß wir ſie bereichert haben, doch das war kein Grund, um ſich ſo boshaft neidiſch auf uns zu zeigen.“ 2 „Immerhin haſt Du zuerſt den Roſentopf entdeckt. Ich, ich glanbte einfältiger Weiſe an die Freundſchaft von Meunier und ſeiner Frau, als eine ächte Pute, die ich war.“ „Oh! abermals!“ „Gewiß, denn ich war zu albern mit meinem blin⸗ den Vertrauen zu dieſen abſcheulichen Leuten. Ei! die wahren Freunde ſind ſelten, und man kommt langſam da⸗ zu, daß man ihnen mißtraut! Als Auguſt und Juliette durch Deine Scharfſichtigkeit entlarvt und entfernt wa⸗ ren, blieb uns nur noch Frau von Saint⸗Marceau, und Du verſicherſt mich, ſie ſei nicht mehr werth als die An⸗ dern! Was willſt Du, mein armer Bibi, dieſer Gedanke hat mir Anfangs ſo viel Kummer verurſacht, daß ich eher, als ich mich darein fügte, es zu glauben, ſo toll war, Dich als boshaft und ungerecht zu behandeln.“ „Mein Gott! im Ganzen habe ich vielleicht Unrecht gehabt, Frau von Saint⸗Marceau anzuklagen Laß uns indeſſen ein wenig vernünftig reden. Nicht wahr, Kei⸗ nes von uns Beiden hat auch nur für einen Liard Ei⸗ telkeit?“ „Oh! ſicherlich nicht.“ „Ich frage mich auch, was an uns ſo Reizendes, ſo Anziehendes ſein könne, daß uns Frau von Saint⸗Mar⸗ 292 ceau mit der zärtlichen, ergebenen Freundſchaft liebe, die ſie für uns zu hegen behauptet.“ „Ich ſehe allerdings nicht . ..4 „Wir ſind gute Kinder, Lacher und ohne Umſtände. Wohl! doch iſt das ein genügender Grund, daß Frau von Saint⸗Marcean gewohnt, in Paris mit dem zu le⸗ ben, was es Beſtes an Künſtlern und Leuten der ſchö⸗ nen Welt gibt, ein außerordentliches Vergnügen in unſerer Geſellſchaft findet? Glaubſt Du, wenn wir ganz einfach die Gilberte und der Gilbert von einſt, die ganze Woche hindurch in unſerer Manſarde arbeitend, um unſern Le⸗ bensunterhalt zu verdienen, wären, glaubſt Du, Frau von Saint⸗Marceau würde uns beinahe jeden Tag be⸗ ſuchen? Glanbſt Du, ſie hätte dieſe Freundſchaft, die ſie für Gilbert und Gilberte, welche Millionen reich, zu haben behauptet?“ „Ah! mein Freund, dieſe Betrachtung ergreift mich; ich befürchte, Du haſt nur zu ſehr Recht . .. Die große Künſtlerin wird uns nur unſeres Vermögens wegen geliebt haben!“ „Und wenn das Gegentheil der Fall wäre . . und das iſt möglich . . . das wäre noch ſchlimmer.“ „Nehmen wir an, aus Laune, aus Herzensgüte, kurz aus irgend einem Grunde habe uns Frau von Saint⸗Marceau bis jetzt aufrichtig, ohne einen eigen⸗ nützigen Hintergedanken geliebt, ſo ſind wir doch da⸗ durch, daß wir wieder und wieder bethört, beſtohlen und betrogen wurden, dahin gelangt, daß wir dieſe arme Frau als eine unwürdige Creatur betrachten! Und wa⸗ rum? Weil ſie, durch die Plackereien ihres Mannes auf — das Aeußerſte getrieben, einen Freundesdienſt von uns verlangte, den wir ihr, ohne uns zu beläſtigen, lei⸗ ſten konnten und ihr ſelbſt, wenn wir uns dadurch be⸗ läſtigten, leiſten mußten, ſobald ihre Anhänglichkeit fir uns ächt war. „Ach! es iſt troſtlos, wenn man hieran denkt, meit 293 Gilbert. Und wie ſoll man die Wahrheit ergründen? Ah! wenn wir unſere liebe kleine Fee noch bei uns hät⸗ ten, ſo würden wir zu ihr ſagen: „„Korrigan! Sie, die Sie Alles wiſſen, offenbaren Sie uns, ob uns Frau von Saint⸗Marceau wirklich liebt.““ „Ja, doch wir haben zu unſerer kleinen Fee geſagt: „„Gehe, Korrigan!““ „Und wir werden es nie bereuen, nicht wahr, Gil⸗ bert? denn durch uns iſt ſie nun bei ihren Schweſtern, in jenen unbekannten Welten, wo wir ſie eines Tags wiederſehen werden.“ „Ah! Geliebte! mehr als einmal ſagte ich heute zu mir, als ich Zeuge ſein mußte von den Schändlichkei⸗ ten, von denen mein Herz empört war: „„Wahrhaftig, das wäre, um dieſe abſcheuliche Welt zu verlaſſen und in die andere zu fliehen.““ „Bei meiner Treue, es wäre für uns wenigſtens nicht beklagenswerth, aus dieſer Welt zu ſcheiden. Mein Gott! Niemand, auf den wir zählen können! Denn an⸗ genommen, Du habeſt Frau von Saint⸗Marceau ſchlecht beurtheilt, ſo wird uns alſo, wenn wir ſie wiederſehen, immer ein grauſamer Zweifel im Herzen bleiben, denn dieſer Zweifel erfaßt mich nun unwillkürlich, nachdem ich ein blindes Vertrauen zu ihr gehabt habe.“ „Ja, wir müſſen auf unſere letzte Freundſchaft ver⸗ zichten oder ſie für immer durch das Mißtrauen vergif⸗ tet ſehen.“ „Oh! Geliebter! wie traurig iſt das!“ „Ah! das Geld! das Geld In dieſem Angenblick klopfte man beſcheiden an die Thüre des Cabinets. „Ei! was will man wieder von uns?“ ſagte Gil⸗ bert ungeduldig. Und er rief: Wer iſt da?“ ch Guspier, Herr Lithograph,“ antwortete die Stimme des Intendanten. „Herein!“ 294 Herr Guspier trat ein und ſprach zu Gilbert: „Gemäß den Befehlen, die ich erhalten, wagte ich es nicht, den Herrn und Madame in ihrer Unterredung mit Frau von Saint⸗Marceau zu unterbrechen; doch nach dem Abgange dieſer Dame glaubte ich, ich könne . „Zur Sache, zur Sache! Was wollen Sie, Herr Guöpier?“ „Sie erinnern ſich, daß ich beim Ankaufe des Hotels einen Vorbehalt gemacht habe.“ „Welchen Vorbehalt?“ „In Betreff eines im Hanſe angebrachten Verſte⸗ ckes, enthaltend . . .“ „Ein Kiſtchen, das der Gräfin d'Orbeval gehört,“ verſetzte Gilbert; „ja, ich erinnere mich.“⸗ „Die Fran Gräfin hat einen ihrer Bekannten, der auf der Rückkehr von Savoyen durch Paris reiſt, gebe⸗ ten, ſelbſt dieſes Kiſtchen aus dem geheimen Orte, wo es ſich befindet, zu nehmen. Der Beauſtragte iſt in dieſem Angenblick in meiner Wohnnng, er hat die erforderlichen Kenntniſſe von der Lage des Ortes, um heute noch die genannte Sendung zu vollführen, und ich komme, um den Herrn und Madame zu ſragen, ob die Nach⸗ forſchung noch dieſen Morgen vorgenommen werden dürfe.“ „Gewiß,“ erwiederte Gilbert; „doch an welchem Orte befindet ſich das Verſteck?“ In dem Augenblick, wo Herr Guspier antworten wollte, erſchien ein Kammerdiener auf der Thürſchwelle und ſagte: „Madame Louiſe Pouſſard fragt, ob ſie die Frau Blumenmacherin empfangen köune.“ Beim Namen Loniſe bebten die zwei jungen Lehte vor Erſtaunen, und gleichzeitig fühlten ſie den Wunſch ſie zu ſehen und zu hören, dieſe junge Frau, deren er⸗ habene Eigenſchaften ſie um ſo mehr ſchätzten, als Gil⸗ berte, welche Loniſe geweſen war und ſo die ge⸗ 295 heimſten Gedanken, die geringſten Regungen des Herzens von derjenigen kannte, in deren Leben ſie eingee⸗ treten, beſſer als irgend jemand die Zartheit, den Muth und die Erhabenheit dieſer ſchönen und großen Seele zu beurtheilen vermochte. „Louiſe hier!“ rief Gilbert. „Ah! wir ſprachen von zweifelhafter oder eigennütziger Freundſchaft! Wenn Louiſe unſere Freundin ſein wollte! ihrer Zuneigung wären wir ſicher! Doch was kann ſie uns zu ſagen ha⸗ ben? Welcher Beweggrund führt ſie hierher?“ „Gleichviel! da'ſie uns der Himmel ſchickt, ſo müſ⸗ ſen wir die brave Loniſe ſogleich empfangen.“ „Bitten Sie auf der Stelle dieſe Dame, einzutre⸗ ten,“ ſagte Gilbert zu dem Kammerdiener, der alsbald verſchwand. „Sie geſtatten alſo die fraglichen Nachſorſchungen,“ ſprach der Intendant, „und der Beauftragte kann noch dieſen Morgen . „Ei! allerdings,“ erwiederte Gilbert, der nur noch an die unvorhergeſehene Ankunft von Loniſe dachte. „Man nehme alle Nachforſchungen vor, die man machen l doch ich bitte, Herr Guspier, laſſen Sie uns allein.“ Der Intendant verbeugte ſich und ging ab, wäh⸗ rend Gilberte zu ihrem Manne ſagte: „Welch ein Glück! wir werden ſie ſehen, dieſe theure Loniſe. Wir zwei alein beſitzen das Geheimniß ihres Benehmens gegen Georges Hubert. Wie erſtaunt wird ſie ſein, hört ſie uns unſere Bewunderung für dieſen Be⸗ weis aufopfernder Ergebenheit ausdrücken, von der ſie glaubt, ſie ſei Jedermann unbekannt, und die auch Nie⸗ mand zu kennen vermag, ohne, wie ich, Loniſe ſelbſt geweſen zu ſein.“ Gilberte wurde unterbrochen durch die Rückkehr des Kammerdieners, der Louiſe in das Cabinet einführte und mit lauter Stimme meldete: „Madame Loniſe Pouſſard.“ 296 XLI. Gilbert und Gilberte gingen Louiſe mit dem herz⸗ lichen Eifer entgegen, den man der uns thenren, längſt bekannten Freundin bezeigt. Das Glück, das ihnen ihre Erſcheinung gewährte, die Sympathie, die Bewun⸗ derung, die ſie ihnen einflößte, waren ſo ſichtbar in ihren offenen, treuherzigen Geſichtern zu leſen, daß Louiſe Anfangs ganz erſtaunt blieb, und dieſes Erſtaunen nahm immer mehr zu, als ſie die zwei jungen Eheleute nach und nach mit jenem unwiderſtehlichen Ausdrucke von Offenherzigkeit ſagen hörte: „Ah! nun ſind Sie da!“ „Wie freut es uns, Sie zu ſehen!“ „Sie konnten zu keiner ſchicklicheren Zeit kommen!“. Welch ein glücklicher Tag iſt für uns der heutige!“ Die junge Frau erklärte ſich nach einer kurzen Ue⸗ berlegung dieſen Empfang dadurch, daß ſie ihn einem Irrthume zuſchrieb, und ſie ſagte zu Gilberte: Verzeihen Sie, Madame, ich glaube, Sie halten mich für eine andere Perſon.“ „Oh! nein, mein Mann und ich kennen Sie, Gott ſei Dank! ganz genau. Wir irren uns nicht. Sie hie⸗ ßen Fräulein Loniſe Rapin.“ „Ja, das war Ihr Name, ehe Sie den abſcheuli⸗ chen Pouſſard geheirathet hatten,“ fügte Gilbert bei. „Ich ſage abſcheulich in phyſiſcher Hinſicht, doch auch in moraliſcher kann man ihn ſo nennen und ich bin feſ überzengt, Sie werden meiner Anſicht ſein, Fral Louiſe, wenn nicht etwa ſeine Kolik dieſen alten Raufer tüchtig geändert hat, und für Sie wünſchen wir vol ganzem Herzen dieſe glückliche Veränderung.“ „Wir lieben Sie, wir beten Sie an!“ rief Gil⸗ berte mit einem innigen Erguſſe. „Ah! glauben Sie, wir gi⸗ 297 ben Alles in der Welt, um Sie ſo glücklich zu ſehen, wie Sie es zu ſein verdienen.“ „Dieſer Empfang iſt offenbar nur die Folge eines Irrthums,“ dachte Louiſe. „Die zwei jungen Leute find aber ſogar von einigen beſonderen Umſtänden meines Lebens unterrichtet. Warum ſollte ich mich hierüber im Gan⸗ zen wundern? Ich habe zwei Jahre die Exiſtenz von Georges Hubert getheilt, und durch die Oeffentlichkeit, von der alle Handlungen des Lebens dieſes berühmten Mannes begleitet waren, bin ich ohne Zweifel dieſen Fremden trotz meines dunklen Daſeins bekannt gewor⸗ den Der Zufall bedient mich vortrefflich. Die Theilnahme, die mir die zwei Perſonen bezeigen, an deren Gefälligkeit ich mich wenden muß, wird ſie viel⸗ leicht günſtig für meine Bitte ſtimmen, und dann ſind die Seelengüte, die Treuherzigkeit, die Einfachheit in ihren Zügen zu leſen. Muth alſo! . „Hierauf wandte ſie ſich an Gilberte und ſprach: „Ich weiß nicht, wodurch ich die Ehre habe, Ihnen bekannt zu ſein, Madame, und obgleich wenig von mir verdient, läßt mich doch Ihr wohlwollender Empfang hoffen, daß Sie mir nicht abſchlagen werden, um was ich Sie zu erſuchen mir erlauben will.“ „Sie auch,“ dachte Gilbert mit einem ſchmerzlichen Erſtaunen, indem er mit ſeiner Frau einen Blick wech⸗ ſelte, welchen ſie verſtand. Louiſe auch! ſie kommt hierher, um zu betteln wie die Andern! Ach! das Geld! das Geld! . . . Gilberte, obgleich ſie den Verdruß ihres Mannes theilte, antwortete doch Loniſe nicht ohne Verlegenheit und ſehr erröthend: „Madame gewiß . . . was von uns abhängt, um Ihnen gefällig zu ſein, werden wir thun, und wenn Sie uns ſagen wollen, welche Summe Sie bedürfen. . .“ „Madame!“ rief Louiſe mit Entrüſtung und pur⸗ purroth vor Scham, „ehe Sie mich durch ein ſolches Anerbieten beleidigen, müßten Sie mich anhören!“ „Wie!“ rief Gilbert ſtrahlend, „es iſt nicht Geld, was Sie von uns verlangen?“ „Mein Herr,“ antwortete Louiſe mit Würde, indem ſie ſich gegen die Thüre wandte, „nach einem ſo ver⸗ letzenden Verdachte habe ich mich nur zurückzuziehen.“ „Zurückziehen! Ah ja wohl!“ riefen gleichzeitig Gilbert und Gilberte, von einer unbeſchreiblichen Freude ergriffen. Dann liefen ſie auf die junge Frau zu, Je⸗ des von ihnen nahm ſie an einer Hand, und ſie ſagten: „Nein, nein! unſer guter Engel ſchickt Sie, und wir behalten Sie.“ „Gewiß! wir behalten Sie! wir zählen auf Ihr edles, vortreffliches Herz.“ Dieſe Worte, ihre Betonung, das erleichterte, ſtrah⸗ lende Geſicht der zwei jungen Leute, ihre naive Vertrau⸗ lichkeit, der herzliche Eifer, mit dem ſie ſich dem Ab⸗ gange von Louiſe widerſetzten, rührten dieſe tief. In ihrer Gemüthsbewegung ließ ſie ſich beinahe maſchinenmäßig von Gilbert und Gilberte zurückführen, welche voll Trun⸗ kenheit zu einander ſagten: m ⸗ „Es iſt nicht Geld, was ſie von uns verlangen will.“ „Oh! unſere Lyuiſe iſt nicht wie die Andern!“ „Ein ſo edler Charakter!“ „Eine ſo erhabene Seele!“ „Wie konnten wir ſie nur im Verdachte haben, meine arme Minette?“ „Sprich mir nicht hievon, Bibi! das war ſchändlich von uns!“ „Doch ſie wird uns verzeihen .. ſie iſt ſo gut!“ „Sie wird die Lage von uns Erzmillionären be⸗ greifen! Ach! Zeugen von ſo vielen Gemeinheiten, deren ürſache unſer großes Vermögen iſt, ſind wir dahin ge⸗ kommen, daß wir aller Welt, ſelbſt Loniſe mißtrauen!“ 299 „Doch ſie ſteht über einem ſolchen Verdachte und wird uns entſchuldigen.“ „Ja, ich werde Sie entſchuldigen,“ erwiederte die junge Fran, weniger erſtaunt, als bewegt durch dieſe Vertraulichkeit, welche ſo treuherzig, ſo reizend, daß man ſich unmöglich dadurch verletzt fühlen konnte. „Ja,“ fügte ſie bei, indem ſie abwechſelnd die zwei Gatten mit einem wachſenden Intereſſe anſchaute, „ich verzeihe Ihnen einen verletzenden Verdacht, zu dem ſie leider durch grauſame Täuſchungen, deren Oyfer Sie geweſen zu ſein ſcheinen, berechtigt waren; doch erklären Sie mir wenigſtens, wie es kommt, denn Ihre Aufrichtigkeit iſt für mich augen⸗ ſcheinlich, daß Sie mich als Freundin, als erprobte ſe behandelten, mich, die ich Sie nie geſehen abe.“ „Frau Louiſe,“ ſprach Gilbert, „hierauf werden wir Ihnen antworten, wenn Sie uns mitgetheilt haben, was Sie von uns wünſchen, denn es drängt uns die Ungeduld, den Gegenſtand Ihres Verlangens zu er⸗ fahren.“ „Sie ſcheinen mich ſo genau zu kennen, daß ich Ihnen ohne Zweifel nicht zu ſagen brauche, nachdem ich lange die Exiſtenz von Georges Hubert getheilt, habe ich mit ihm brechen müſſen . Doch meine tiefe Achtung für den Charakter dieſes berühmten Mannes und beſon⸗ ders meine Bewunderung für ſein Genie überlebten un⸗ ſere Verbindung, deren Andenken ich bewahrt habe, immer bewahren werde Sie haben, glaube ich, das Mobiliar des Hauſes von Herrn Georges Hubert gekauft?“ „Das iſt wahr,“ antwortete Gilbert. „Eines Mor⸗ gens laſen wir, Minette und ich, in den Journalen die Ankündigung dieſes Verkaufs, und da wir Herrn Georges Hubert beinahe eben ſo ſehr lieben und be⸗ nunderſ⸗ als wir Sie lieben und bewundern, Ma⸗ anie 300 „So kauften wir dieſes Mobiliar, um ein An⸗ denken an Sie und an unſern großen Dichter zu beſitzen,“ ſfiel Gilberte ein. „Wir haben hier das, was wir die Zimmer von Georges Hubert und Louiſe nennen.“ „Dahin ziehen wir uns, um die Schändlichkeiten, welche uns täglich betrüben, zu vergeſſen, oft zurück und leſen die Werke dieſes berühmten Mannes, die uns eben ſo ſehr entzücken, als wenn wir ſie in unſerer Manſarde an der Ecke unſeres kleinen Ofens laſen, da meine Frau noch Blumenmacherin war und ich Lithograph.“ „Wir haben unſere kleine Haushaltung von einſt nicht verachtet.. oh! nein,“ ſagte Gilberte; „wir ließen ſie hierher bringen, in eine Stube in der Nähe der Zim⸗ mer von Georges Hubert, und dort tröſten wir uns auch oft über die gemeinen Dinge, deren Zeugen wir jeden Tag ſind.“ „Nichts kann in meinen Augen rührender ſein als dieſe der beſcheidenen Vergangenheit dargebrachte Huldi⸗ gungz nichts kann für Sie und für Herrn Georges Hu⸗ bert ehrenvoller ſein, als dieſe Huldigung, die Sie ſeinem Genie darbringen,“ erwiederte die junge Frau bewegt und in ihren Gefühlen immer mehr mit dem jungen Ehe⸗ paare übereinſtimmend. „Es iſt eine Wolluſt voll Zart⸗ heit, die Werke eines berühmten Dichters unter den Ge⸗ genſtänden zu leſen, die ihm gehört haben.“ „Und die Ihnen auch gehört haben, verſetzte Gilbert. „Sehen Sie, unter Anderem iſt da ein ganz einfaches Tiſchchen von Acajou; Sie wiſſen?“ „Oh! dieſes Tiſchchen würden mein Mann und ich nicht um ſein Gewicht in Gold hergeben, denn auf dieſem Tiſchchen, Madame, haben Sie (in der Nacht, die der er⸗ ſten Vorſtellung des letzten Stückes von Georges Hubert vorangegangen iſt), die Erzählung Ihrer Liebe für ihn geſchrieben, dieſe Erzählung, die uns ſo viel weinen ge⸗ macht hat.“ 301 * „Oh!“ fügte Gilbert bei, „von dieſem Tage an haben wir Sie geliebt, geachtet, bewundert; Sie ſind in unſern Augen das muthigſte Herz der Welt geweſen.“ „Ich kann nicht an das glauben, was ich höre!“ rief Louiſe wie betäubt; „dieſe ſo geheimen Einzelnheiten über mein Leben . . . In des Himmels Namen, wie ſind Sie hievon unterrichtet worden?“ „Wir werden es Ihnen ſagen, ſobald Sie uns mit⸗ getheilt haben, was Sie von uns wünſchen.“ „Was ich von Ihnen wünſche,“ wiederholte Louiſe, immer mehr erſtaunt, als ſie Gilbert und Gilberte ſo gut von allen Einzelnheiten ihres Lebens nnterrichtet ſah; „ich wage es kaum, es Ihnen zu ſagen, nun, da ich weiß, welchen Werth Sie auf einzelne Gegenſtände vom Mobiliar von Georges Hubert legen. Sie aber, die Sie ſo religibs den Cultus der Vergangenheit üben, Sie be⸗ greifen ohne Zweifel mein lebhaftes Verlangen, gewiſſe Dinge zu beſitzen, die demjenigen gehörten, welchen ich nicht mehr liebe, da ich freiwillig zu heirathen mich ent⸗ ſchloſſen habe, deſſen Andenken mir aber ſtets koſtbar ſein wird: ſo wollte ich Sie bitten, mir unter andern Meubles das Tiſchchen abzutreten, von dem Sie ſprechen. Dies war der Zweck meines Beſuches.“ „Oh! welch ein Glück, Ihnen angenehm ſein zu können!“ rief Gilberte. „Wählen Sie, nehmen Sie Alles, was Ihnen in den Zimmern von Georges Hubert gefällt! Es gehört Ihnen, verfügen Sie darüber! Nicht wahr, Bibi?“ „Einen Augenblick Geduld! Oh! ich bin nicht ſo uneigennützig, als Minette, ich ſtelle eine Bedingung bei dem Anerbieten, das ſie Ihnen macht, Madame, die, daß Sie uns Ihre Freundſchaft bewilligen, daß Sie uns Rathſchläge geben, die wir leider nöthig, ſehr nöthig haben, wir Erzmillionäre!“ „Oh! mein Gott, ja!“ fügte Gilberte mit einem 302 Seufzer bei, „denn wir haben oft grauſame Augenblicke durchzumachen.“ „Und Sie, die Sie ein ſo vortreffliches Urtheil, einen ſo guten Geiſt, ein ſo edles Herz beſitzen, Frau Louiſe,“ ſagte Gilbert, „Sie werden uns, davon bin ich feſt überzengt, weiſe rathen können, wenn Sie ſich für uns intereſſiren wollen.“ „Und wie ſollte ich mich nicht für Sie intereſſiren?“ rief die junge Frau. „Sie ſind mir Beide unbekannt, und dennoch nimmt ſeit den paar Augenblicken, die wir mit einander reden, meine Sympathie für Sie immer mehr zu; was ſoll ich Ihnen ſagen? ich ſehe Sie heute zum erſten Male, und dennoch ſcheint mir ein ge⸗ heimnißvolles Band uns zu vereinigen. Beruht dieſes Band auf unſerer gemeinſchaftlichen Bewunderung für den berühmten Dichter, den Sie, wie ich, lieben? Ich glaube es, doch was auch die Urſache des eben ſo plötz⸗ lichen als liebevollen Vertrauens ſein mag, das Sie mir einflößen, dieſes Vertrauen beſteht. Sprechen Sie alſo in voller Aufrichtigkeit mit mir, und ich werde Ihnen aufrichtig antworten.“ „Nun denn, in voller Aufrichtigkeit wiederholen wir Ihnen: wir ſind arme, ſehr zu beklagende Erzmil⸗ lionäre.“ „Rathen Sie uns, Madame, ſtehen Sie uns bei. Von Tag zu Tag leidet unſer Herz immer mehr, zieht es ſich immer mehr zuſammen.“ „Wie! Sie ſind jung, Sie lieben ſich, Sie ſind, Alles ſagt es mir, einfach und gut geblieben, trotz Ihres Reichthums, und Sie fühlen ſich nicht glück⸗ lich? Welchen Gebrauch machen Sie von Ihrem unge⸗ heuren Vermögen?“ „Bei meiner Treue, wir geben es mit beiden Händen und ſo leicht aus, als es uns zugekommen iſt; wir ſuchen unſere Umgebung glücklich zu machen und leben mit einem fürſtlichen Aufwande,“ erwiederte Gilbert. „Sie ſehen 303 welcher Luxus bei uns herrſcht. An dieſem großen Luxus ergötzten wir uns Anfangs . . „Wie arme Kinder, welche nie Spielzeug beſeſſen haben, und denen man zu Weihnachten eine kleine Haushaltung ſchenken würde,“ fügte Gilberte bei. „In der erſten Zeit ſpielen ſie den ganzen Tag mit der Küche, und dann allmählig macht ihnen die hübſche kleine Haushaltung, nach deren Beſitz ſie ſo ſehr verlang⸗ ten, kein Vergnügen mehr.“ „Meine Gilberte hat Recht. Sie wird es Ihnen ſagen wie ich: ſind die Angen einmal an das vergoldete Täfelwerk gewöhnt, ſo kümmert man ſich nichts mehr darum! Man zieht am Ende eine einfache Nahrung allen ausgeſuchten Leckereien einer geſchminkten Küche vor. Die Gegenwart zahlreicher Dienſtboten, ſo wackere Leute es ſein mögen, da man ſie immer auf den Schultern hat, iſt in die Länge beſchwerlich. Jung und leicht, hat man gute Beine, und es wird einem nach einiger Zeit zum Ueberdruß, ſich wie gebrechliche Menſchen im Wagen ſchleppen zu laſſen. Geht man alle Abende ins Theater, ſo gähnt man darin oder man ſchläft noch viel öfter. Man wird am Ende müde, zu kaufen, nur um des Ver⸗ gnügens willen, zu kaufen. Man wird noch viel ſchneller müde, Föten Leuten zu geben, die ſich nachher über uns luſtig machen. Man gibt es ihnen allerdings doppelt zurück, doch dieſe Entſchädigung iſt traurig! Man kann auch, um ſich zu zerſtrenen, Länder ſehen, als große Herrſchaft reiſen, mit zwei bis drei Wagen, einem Cou⸗ rier und fünf bis ſechs Bedienten. Unſer Intendant wollte uns mit einer ſolchen Reiſe regaliren, doch als wahre Kinder von Paris ziehen Minette und ich unſere große Stadt allen Hanptſtädten der Welt vor. Dies ſind die Vergnügungen des Reichthums. Wir kennen ſie! Wiſſen Sie auch, Frau Louiſe, was uns am meiſten gefällt? Bei einem ſchönen Sonnenſchein Arm in Arm einen Spa⸗ ziergang auf den Bonlevards zu machen und alsdann 304 beim Reſtaurant in einem beſondern Cabinet für unſere fünf bis ſechs Franken zu Mittag zu ſpeiſen, wie Verliebte, welche mehr Liebe als Geld haben! Geſtehen Sie, daß es kaum der Mühe werth iſt, fünfmalhunderttanſend Bvres Einkünfte zu beſitzen, wenn man ſie ſo ſchlecht zu benützen weiß! . „Aber gibt es nicht eine edlere Anwendung des Reichthums? Und Sie, deren Herz, ich bezweifle es nicht, ſo gut iſt .. . „Verzeihen Sie, daß ich Sie unterbreche, Frau Louiſe, nicht wahr, Sie wollen von der Wohlthätigkeit, von der Freigebigkeit reden?“ „Allerdings.“ „Hören Sie,“ ſprach Gilbert mit einem Lächeln voll ſchmerzlicher Bitterkeit, indem er auf ſeinen Schreibtiſch zuging und auf das Päckchen Briefe deutete, die er am Morgen erhalten hatte, „hier ſind die Geſuche von heute, und täglich empfange ich ähnliche. Wiſſen Sie, was ſie enthalten dieſe Anrufungen meiner Freigebigkeit, meiner Wohlthätigkeit? Der Eine ſagt mir: „„Sie ſind reich, ſchicken Sie mir Geld.“ Eine junge und geheimniß⸗ volle Unbekannte gibt mir Rendez vons in den Tuilerien⸗ Ein Anderer bedroht mich mit ſeinem Journal der Löwe und ſeinem Degen, wenn ich ihm die Bagatelle von zweimal⸗ hunderttauſend Franken verweigere, gegen die er die Pracht meiner Feſte und die Eleganz der Toilette meiner Frau beſingen will. Eine intereſſante Schauſpielerin eines kleinen Theaters, Mademvoiſeille Celeſte, mit Recht ſo genannt, kündigt mir an, ſie werde heute Abend einen Pas chicard tanzen und erwarte mich zum Abendbrode nach dem Theater, unter der Bedingung, daß ich zu die⸗ ſem galanten Picknick für meinen Theil einen Schmuck von einem Werthe von achtzehntauſend Franken bringe. Endlich, werden Sie es glauben, Frau Louiſe? ein — elendes Weib macht mir den Antrag, an mich ſeine Nichle⸗ ein vierzehnjähr iges Kind, zu verkaufen!“ — 305 „Oh!“ rief Louiſe mit Abſcheu, „das iſt entſetzlich!“ „Ei! was wollen Sie!“ ſagte Gilbert mit einer ſchmerzlichen Ironie, „ich bin ungeheuer reich! Es ſcheint ihnen, ich müſſe nothwendig ein ausſchweifender Menſch, ein Feigherziger, ein Dummkopf ſein, da ich jeden Tag Anerbietungen, Drohungen oder Bitten im Geſchmacke der heutigen erhalte. Doch nein! keine Ungerech⸗ keit. Unter dieſen Geſuchen iſt eines redlich; es iſt das einer mit Familie belaſteten Witwe. Oh! dieſer werden wir geben, wie wir Andern, die es wahrhaft verdienen, gegeben haben; denn oft müde, bethört und betrogen zu werden, wollten wir uns ſelbſt von der Lage der Perſo⸗ nen überzeugen, die ſich an unſere Freigebigkeit wandten; wir ſind in abſcheuliche Dachkammern gegangen, und hier haben wir ſo gräßliches Elend gefunden, daß wir zuweilen acht Tage kang betrübt blieben, und daß Mi⸗ nette den Appetit und den Schlaf verlor. Das iſt noch die beſte Seite des Reichthums. Man kann wohl nicht behaupten, daß er außerordentlich heiter iſt.“ „Kurz, Fran Luuiſe, dadurch, daß wir beſtändig betrogen und gebrandſchatzt wurden, ſind wir ſo weit ge⸗ kommen, daß wir Jedermann mißtrauen und uns, wenn uns Jemand die geringſte Zuneigung bezeigt, ſagen: „„Früher oder ſpäter werden wir dieſe Freundſchaft mit ſchönen baaren Thalern bezahlen müſſen!““ „Ah! das Geld! ich komme immer darauf zurück!“ rief Gilbert mit Ekel und Eutrüſtung „Das Geld! welche Gemeinheiten läßt es begehen, welche ſchlechte Meinung gibt es von uns! welche ſchlechte Meinung gibt es von den Andern! Nein, immer im Mißtrauen oder in der Verachtung der Menſchen leben heißt nicht leben! Sehen Sie, Madame, das iſt das Betrüblichſte in unſerer Lage. Andere würden über dieſe Schändlichkeiten lachen oder ihren Entſchluß faſſen und ihre Reichthümer als ſorgenloſe Menſchen genießen; doch wir gehören nicht zu Gilbert und Gilberte. U. 20 306 dieſen, und die Gemeinheiten, deren Zeugen wir täglich ſind, vergiften alle unſere Freuden.“ „Was iſt hiebei zu thun, Frau Louiſe?“ fragte Gilbert; „ſagen Sie es uns, Sie, die Sie ein ſo gutes Herz, einen ſo großen Verſtand haben. Rathen Sie uns, leiten Sie uns, uun, da Sie unſere Beichte gehört!“ Loniſe hatte, ohne ſie zu unterbrechen, die B eichte! des jungen Ehepaares angehört. Nach kurzer Ueberle⸗ gung erwiederte ſie: „Unter Ihren Bekenntniſſen hat mich eines in Er⸗ ſtaunen geſetzt. Nicht an den Reichthum gewöhnt, haben Sie ihn Anfangs mit Trunkenheit genoſſen, dann iſt der Ueberdruß gekommen. Bereichert durch den Zufall einer Erbſchaft, wie man ſagt, verſchwenden Sie ohne Vergnügen ein ohne Arbeit gewonnenes Vermögen, wäh⸗ rend einſt die Arbeit Ihren beſcheidenen Vergnügungen Reiz verlieh . Ihre Sättigung liegt in der natürlichen Ordnung der Dinge. Die von ihrer Kindheit an al den Luxus gewöhnten Menſchen haben ſcheinbare Bedürf⸗ niſſe, welche ſo gebieteriſch als die Nothwendigkeiten des Lebens. Dieſe Bedürfniſſe, entſprungen aus einer lau⸗ gen Gewohnheit und nur durch den Reichthum zu be⸗ friedigen, erzengen ſich immer wieder wie Durſt und Hunger. Die Leute, von denen wir ſprechen, fühlel auch beinahe nie die Ueberſättigung, über die Sie ſich beklagen . Was Sie aber hauptſächlich grauſam be trübt, nicht wahr, das ſind die Gemeinheiten, di Schändlichkeiten, deren Zeugen Sie täglich ſein müſſen es iſt das unheilbare Mißtrauen, es iſt die ſchmerziih Verachtung der Menſchheit, die Sie erfüllt, ſeitdem S⸗ ein großes Vermögen beſitzen?“ „Oh! gewiß, denn Gilbert und ich ſahen einf Alles roſenfarbig, und wir hatten Vertrauen zu Jedel⸗ mann.“ „Nichts kann an Ihnen lobenswerther ſein, al dieſe Empfindlichkeit eines Herzens von höchſt ſeltenen 307 Zartgefühle Oh! ja, äußerſt ſelten, denn wenn Leute, die der Zufall der Geburt ſehr reich gemacht hat, die Menſchen gauz und gar verachten, ſo dient dieſe Verachtung, weit entfernt, denſelben ſchmerzlich zu ſein, wie Ihnen, weit entfernt, ihre Vergnügungen zu vergiften, als Entſchuldigung für ihren unbarmherzigen Cgvismus Was die Emporkömmlinge betrifft, welche beinahe alle durch für ſie neue Genüſſe abgeſtumpft werden, ſo verbringen ſie ihr Leben im Schooße eines unvorhergeſehenen Reichthums, ohne ſich um die Schänd⸗ lichkeiten zu bekümmern, welche Sie niederbeugen und troſtlos machen.“ „Ja, ja, das iſt hauptſächlich unſer Uebel, Frau Louiſe, denn wenn wir uns nicht einkerkern, ſo kön⸗ nen wir dem Schauſpiele dieſer Niederträchtigkeit, de⸗ ren Urſache oder Vorwand unſer großes Vermögen iſt, nicht entgehen „Sie empören ſich mit Recht darüber, daß Sie das Geld, welches Sie verſchwenden, in unwürdige oder uudankbare Hände fallen ſehen,“ fuhr Louiſe fort, „denn Sie haben mir geſagt, wenn Sie in Folge eigener An⸗ chaunng und Ueberzeugung ein der Theilnahme würdi⸗ ges Unglück erleichtern, ſo bereuen Sie nie die Sum⸗ men, welche Sie folchen Wohlthaten weihen.“ „Oh, nein, gewiß nicht, im Gegentheil; in dieſen Augenblicken ſagen wir: „„Es nützt uns doch wenigſtens etwas, reich zu ſein!““ „Nun denn, Sie müſſen es ſo machen, und das iſt meiner Anſicht nach leicht, daß Sie, ſtatt in der edlen itterkeit Ihrer Seele einen in Ihren Händen unfrucht⸗ baren Reichthum zu verfluchen, ſich mit Glück, mit Trunkenheit, und zwar nicht mehr von Zeit zu Zeit, ſondern jeden Tag fagen „Es nützt uns zu etwas es nützt uns zu viel, daß wir reich ſind!““ „Und wie ſollen wir hiezu gelangen rau Loniſ⸗ . ſ hiez gelang F 308 „Statt blindlings Jedem, der kommt, zu geben und ſo von Betrügern, von Undankbaren oder von ei⸗ gennützigen Zuneigungen bethört zu werden, geben Sie immer nur mit Unterſcheidung; behalten Sie für ſich nur das, was Sie brauchen, um ſich eine der Einfach⸗ heit Ihres früheren Geſchmackes entſprechende Exiſtem, zu ſichern, zu welcher Einfachheit Sie durch Gewohnheit hinſtreben, und ſogleich werden Sie von ſich die Leute entfernen, deren niedrige Habgier Sie empört und in Verzweiflung bringt. Ihr Reichthum zog ſie an, die Beſcheidenheit Ihrer neuen Lebensart wird ſie fliehen machen.“ „Das iſt ein vortrefflicher Gedanke Fran Louiſe! Wir werden ſo von dieſer Bande von kleinen und großen Bettlern, die uns belagern, befreit ſein.“ „Iſt Ihr Herz fortan durch ihre Anweſenheit nicht mehr beſchwert, ſo widmen Sie Ihre Zeit, Ihre Reich⸗ thümer, Ihren Verſtand der Erleichterung, der Ver beſſerung des Looſes von Ihres Gleichen; ziehen Sie, wie Sie es zuweilen gethan haben, Erkundigungen über das wirkliche Elend ein; beſuchen Sie jeden Tag di Dachſtube des armen Kranken oder des Gebrechlichen; geben Sie Arbeit denjenigen, welche kräftig ſind, dei das Almoſen verſchlechtert die Menſchen, die ihr tägli ches Brod verdienen können; ſichern Sie der Kindhei eine verſittlichende Erziehung; ſichern Sie den Greiſn die Ruhe und das Aſyl ihrer alten Tage; was weiß ic, man kann der Menſchheit durch die vernünftige Anwe dung eines großen Vermögens ſo viele Dienſte leiſten Ah! glauben Sie mir, dieſe edle und ſüße Aufgab wird nicht einen Ihrer Augenblicke ohne Beſchäftigu laſſen. So beträchtlich Ihre Reichthümer auch ſin mögen, ſo werden ſie Ihnen doch, weit entfernt, Si zu beſchweren, immer ungenügend ſcheinen.“ „Frau Louiſe,“ erwiederte Gilbert, traurig de Kopf ſchüttelnd, „der Rath iſt gewiß vortrefflich un 309 Ihrer würdig; doch was ſoll ich Ihnen ſagen? ſo oft Minette und ich Zeugen grauſamen Elends geweſen ſind, wurden wir ſelbſt auf acht Tage unglücklich! Mein Gott, wie wäre es erſt, wenn unſer Leben damit hinginge, daß wir immer unter den Augen Schanſpiele hätten, die uns das Herz zerreißen würden! Und welche Mühſelig⸗ keit wäre es, uns zu erkundigen, ob es Dieſen oder Jenen an Arbeit fehle, und den Kindern die Erziehung, den Greiſen ein Aſyl zu ſichern, und ſo viele andere Dinge!“ „Ich habe es Ihnen geſagt, das iſt ein Leben der Selbſtverleugnung und der Aufopferung. Es erfordert einen großen Muth, eine ſeltene Ausdauer und ein noch viel ſelteneres Verſtändniß der Menſchen und der Dinge⸗ Doch welche göttliche Zufriedenheit wird es auch in Ih⸗ rem Herzen hinterlaſſen, mit welchem ſanften Stolze wird es Ihre Seele erfüllen! Oh! ein ſo angewendetes Leben iſt erhaben.“ „Ach! Frau Louiſe, ich befürchte ſehr, daß Mi⸗ nette und ich nicht für das Erhabene geſchaffen ſind! Sehen Sie, wir wollen uns weder ſchlimmer, noch beſ⸗ ſer machen, als wir ſind; wir haben ein gutes Herz, doch offen geſtanden, wir würden eben ſo gern wieder, ich Lithograph, Minette Blumenmacherin werden und wenigſtens heiter unſern Unterhalt durch die Arbeit ver⸗ dienen, als unſer Leben unter kranken, gebrechlichen oder in Thränen zerfließenden Leuten hinbringen und uns vom Morgen bis zum Abend damit beſchäftigen, daß wir die Ausſpender unſerer Reichthümer wären. Was wollen Sie ? Wir würden durchaus nichts von dieſer erhabenen Verwendung unſeres Vermögens ver⸗ ſtehen, erhaben, oh! ja, doch unſere Fähigkeiten über⸗ ſteigend. Mit dem beſten Willen der Welt würden wir nichts als Dummheiten machen, hätten wir nicht um uns viele Perſonen, welche die Geſchicklichkeit beſäßen, uns zu leiten. Wiſſen wir etwas von der Erziehung der 310 Kinder? Sind wir im Stande, das Zufluchtshaus der Greiſe zu bewundern? Können wir uns durch uns ſelbſt über diejenigen belehren, denen es an Arbeit fehlt, und die Mittel finden, ihnen zu verſchaffen? Welche Geſchäfte! welche Einzelheiten! Wenn ich nur daran denke, bin ich ganz betäubt! Ei! entſchuldigen Sie uns, man kann von den Leuten nur das verlangen, was ſie zu geben im Stande ſind! Oh! wenn es ſich einfach um Geld handelte, das gut angewendet werden ſollte, aber durch Andere als durch uns, ſo würden wir ſo viel oder mehr geben, als man wollte.“ „Und ohne hiedurch ein großes Opfer zu bringen, Frau Loniſe,“ fügte Gilberte bei. „Es liegt uns nicht viel am Gelde. Doch mein Mann hat es Ihnen geſagt, die ſchönen Dinge, die Sie uns rathen, wären herrlich zu thun, aber wir ſind zu einfach, zu unwiſſend, um ſo Großes im Reiche des Guten ſelbſt zu vollbrin⸗ gen. Oh! wenn es Andere übernehmen wollten, es an unſerer Stelle und mit unſerem Gelde zu thun, ſo wür⸗ den wir ſogleich ſagen: Ja, ja, und zwar von ganzem Herzen, nicht wahr, Geliebter?“ „Bei Gott!“ Gerührt von dieſem naiven Edelmuth, dachte Loniſe einige Angenblicke nach und ſagte dann: „Es gäbe, wie mir ſcheint, Mittel, Ihren Wunſch, einen nützlichen und edlen Gebrauch von Ihrem Vermö⸗ gen zu machen, die Verdrießlichkeiten, die Sie betrüben zu vermeiden und das Glück zu finden, das Ihnen der Sn nicht gegeben hat, in Erfüllung gehen zu laſſen.“ „Oh! ſprechen Sie, Frau Louiſe.“ „Faſſen wir in wenigen Worten unſere Unterredung zuſammen. Als Sie arm und arbeitſam waren, hatten Ihre beſcheidenen Zerſtrenungen, die Sie Ihrem Fleiße verdankten, einen Reiz, den Ihre heutigen prunkhaften Vergnügen nicht bieten, und trotz vieler Entbehrungen 311 waren Sie glücklich, da Sie heiter das tägliche Brod und die Beluſtigungen am Sonntag verdienten.“ „Gewiß, und unſere Vergnügungen waren nicht koſtſpielig. Eine Lecture am Abend bei unſerem Ofen, nach der Arbeit des Tages, machte uns ſehr oft zu⸗ frieden.“ „Unſere einzige Sorge war die Furcht vor dem Feiern, durch das wir wie durch ein Wunder nie gelitten haben; denn wir ſind wahrhaftig unter einem glücklichen Sterne geboren . . .“ „Nun denn,“ ſprach Louiſe, „nehmen Sie an, zur Zeit, wo Sie arm und der Zukunft unſicher waren, hätte man Ihnen geſagt: „Nie werden Sie den Man⸗ gel an Arbeit, das heißt die Nothdurft zu befürchten haben, und wenn das Alter kommt, werden Sie von Ihren langen Arbeiten in einem ſüßen und beſcheidenen Wohlſtande ausruhen können.““ „Ah! Fran Loniſe, wir wären vor Freude wahn⸗ ſinnig geworden.“ „Wir hätten uns, ich weiß nicht, wie oft umarmt und geküßt Das war die Art, auf welche wir uns unſere Zufriedenheit bezeigten oder uns tröſteten, wenn uns das Feiern traurig ſtimmen wollte.“ „Vortrefflich! Sie können ſich nnn denken, ich werde Ihnen nicht rathen, Ihr Vermögen hinzugeben und Ihr früheres precäres Leben wieder aufzunehmen: das wäre wahnſinnig; nein, ich ſage Ihnen: Schützen Sie ſich auf immer vor der Nothdurft; noch beſſer: ſichern Sie ſich einen beſcheidenen Wohlſtand, nach mei⸗ ner Anſicht die einzige Mitte, wo ſich das wahre Glück findet, beſonders wenn man wie Sie, ein unſchätzbarer Vorzug, aus der Erfahrung ſo viele vom gemeinen Laufen beneideten Dinge kennt! Vor Allem aber kehren Sie zur Arbeit zurück; dieſe allein wird Ihnen das ruhige, heitere Gewiſſen, die ſtolze Seele, das anziehende Vergnügen wiedergeben! Ich ſpreche nicht von einer 312 Arbeit ohne Folge, in der Sie eine vorübergehende Zerſtreuung finden würden: ich ſpreche von einer ernſten, fortdauernden, lucrativen Arbeit. Damit ſie ſo ſei, ver⸗ langen Sie von ihr, wenn nicht die Geſammtſumme, doch einen Theil von dem, was Sie nöthig haben, um zu leben. Der Zufall hat gewollt, daß die Gewerbe von Ihnen Beiden durch mehrere Seiten die Kunſt be⸗ rühren; fortan vor der Noth geſchützt, nicht mehr ge⸗ zwungen, das tägliche Brod zu verdienen, vervollkomm⸗ nen, pflegen Sie mit Liebe Ihre Werke; Sie, Herr Gilbert, verwenden Sie einen Monat, zwei Monate und mehr, wenn es ſein muß, auf die Reproduction eines Stiches; Sie, Frau Gilberte, widmen Sie die ganze erforderliche Zeit dem Beſtreben, in Ihren Blu⸗ men die Nachahmung der Natur vollendet zu machen. Es gibt in Allem Meiſterwerke. Zielen Sie auf die Meiſterſchaft ab; Sie werden Ihr Ziel erreichen, und Ihre Werke, davon ſeien Sie feſt überzengt, werden ihren gerechten Lohn erlangen. Durch die Nothwendig⸗ keit bedrängt, unterwarfen Sie ſich dem Geſetze der⸗ jenigen, welche Sie ausbeuteten; Sie werden ihnen Ihrer⸗ ſeits das Geſetz machen im Namen der Vollkommenheit Ihrer Werke.“ „Ah! Frau Louiſe, man ſollte glauben, Sie ſeien Blumenmacherin ... und Lithograph geweſen! Wie oft ſagten mein Mann und ich zu einander: „Müßten wir dieſen Stein oder dieſe Blumen nicht morgen ab⸗ liefern, um das Geld für unſere Woche zu empfangen, wie viel Zeit würden wir noch auf dieſe Beſtellungen verwenden!““ So erinnere ich mich, daß ich einen Kopf⸗ putz von weißen Margarethenblümchen und roſenfar⸗ bigem Heidekraut unternommen hatte: das war aller⸗ liebſt! Nur um die Blüthen eines Heidekrautbüſchelchens nachzuahmen, hatte ich einen halben Tag zugebracht, ſo ſchwierig und zart war die Arbeit, doch wie anziehend war ſie auch! Nach der Zeit aber, die ich darauf ver⸗ 313 wandte, und nach dem Preiſe, den man mir bezahlte, hätte ich höchſtens, mit ſo viel Gewiſſenhaſtigkeit und Vergnügen arbeitend, fünf bis ſechs Sous täglich ver⸗ dient. Da ſah ich mich zu meinem großen Bedauern genöthigt, darauf zu verzichten, die Vollkommenheit zu ſuchen, und ich mußte mich mit dem Ungefähr be⸗ gnügen. Man belohnte mich danach, doch . . wir lebten wenigſtens!“ „Und ich, erinnerſt Du Dich, Minette, der Copie des herrlichen Kupferſtiches nach Greuze, den man von mir verlangt hatte?“ „Oh! ja! die gute Mutter, eine ſchöne große Frau, umgeben von ſieben bis acht Kindern jeden Alters; ich ſehe ſie noch: die kleinſten, die ihr auf den Schul⸗ tern und auf dem Schoße herumkletterten, ſtritten ſich artig, welches ſie umarmen dürfe, während die zwei größten ihr die Hände küßten.“ „Kurz, Frau Louiſe, das war ein Meiſterwerk Ich war ſo begeiſtert dafür, daß ich zu mir ſagte: „„Beim Himmel, ich will mir mit dieſer Copie ſo viele Mühe geben, und ſollte ich drei bis vier Monate an meinem Steine zubringen, daß ich werde vielleicht ein Eremplar davon im Muſeum ausſtellen können . .. Denken Sie ſich in der Ausſtellung! das war der Ehrgeiz von uns Beiden.“ „Ich glaube wohl, den Ramen meines Gilbert mit großen Buchſtaben im Verzeichniſſe gedruckt ſehen! ſogar mit unſerer Adreſſe. Ah! Fran Louiſe, das wäre ruhmwürdig geweſen.“ „Ja,“ ſagte Gilbert, „doch leider legte mein Herr keinen Werth auf Meiſterwerke, er wollte nur Alltags⸗ waare. Ich machte Alltagswaare, doch ſie gab mir Brod.“ Sobald Ihr Brod geſichert ſein wird, können Sie zugleich arbeiten, um zu leben, und um Ihrer Kunſt willen; denn das Schöne findet immer Käufer. Sehen wir nun, was Sie nothwendig brauchen, um ſich 314 6 Hülfe Ihrer Arbeit einen beſcheidenen Wohlſtand zu ichern.“ „Frau Louiſe, das erinnert mich an den Tag, wo unſer Intendant mit uns berechnete, was wir aus⸗ geben müſſen, um uns das zu verſchaffen, was er das ſtreng Nothwendige nannte.“ „üngefähr fünfmalhunderttauſend Franken jährlich,“ fügte Gilberte bei, „nicht mehr!“ „Prüſen wir, ob es Ihnen möglich wäre, mit geringen Koſten das Nothwendige und ſogar ein wenig Ueberfluß zu finden,“ ſagte Loniſe lächelnd. „Und vor Allem, wie viel denken Sie Beide durch Ihre Arbeit verdienen zu können?“ „Ein Jahr in das andere fünfzehn bis achtzehn⸗ hundert Franken, Beide, nicht wahr, Minette?“ „Ja, wenn wir nicht feiern müſſen. Setzen wir für den niedrigſten Fall fünfzehnhundert Franken.“ „Mit dieſer Summe lebten ſie allerdings beſcheiden, doch Sie konnten ſich ſogareinige Vergnügungen verſchaffen? Nun denn, fügen wir dieſen fünfzehnhundert Franken, die Ihnen Ihre Arbeit eintragen muß, zweitauſend fünf⸗ hundert Franken bei. Summe viertauſend Franken.“ „Oh!“ erwiederte Gilberte naiv, „mir ſcheint, das iſt viel!“ „Sagen Sie doch, meine gute Frau Louiſe,“ ſprach Gilbert kachend, „geſtehen Sie, das iſt ſeltſam⸗ Wir haben noch, ich glaube, ſieben bis acht Millionen Vermögen, und dieſe arme Minette findet, es ſei viel, viertauſend Franken jährlich auszugeben.“ „Es iſt wahr, das iſt ſeltſam; doch dieſe Eiufach⸗ heit iſt von ihrer Seite noch viel mehr ehrenvoll, als ſeltſam; nur muß ich Ihrer lieben, artigen Frau bemer⸗ ken, daß die Summe, welche ich vorſchlage, nicht über⸗ trieben iſt. Bedenken Sie wohl, das Feiern kann ein⸗ treten, lange dauern, Sie der Hülfsmittel Ihrer Arbeit berauben und Sie dann auf Ihre zweitauſend fünfhun⸗ 315 dert Franken beſchränken; auch dürfen Sie nicht Ihr ganzes Einkommen ausgeben; Sie müſſen immer zu Ihrer Verfügung eine kleine Erſparniß für die unvor⸗ hergeſehenen Fälle behalten.“ Gut, wir werden jeden Monat etwas in die Sparkaſſe legen; das war immer unſer Verlangen.“ „So viel alſo, was die zweitauſend fünfhundert Franken Rente betrifft, welche in Verbindung mit dem, was wir verdienen, viertauſend Franken jährlich geben werden. Nun alſo die Verwendung!“ „Vor Allem hatten wir nur ein Zimmer mit einem kleinen Cabinet, wo ich kochte; wir werden ein beſſeres Quartier nehmen können, nicht wahr, Gilbert?“ „Bei Gott!“ „Madame Louiſe,“ ſagte die junge Frau, nachdem ſie einen Angenblick nachgeſonnen hatte, „wie viel bezahl⸗ ten Sie für Ihr hübſches Häuschen in der Avenue Meé⸗ ricourt? ich erinnere mich nicht mehr.“ Erſtaunt über dieſe letzten Worte, in denen Gil⸗ berte gleichſam ihre Verwunderung darüber ausdrückte, daß ſie ſich nicht mehr des Miethpreiſes des Hauſes das ſie, Louiſe, bewohnt, erinnere, antwortete ſie: Dieſes Haus koſtete uns tauſend Franken jährlich Miethzins.“ „Hm! das iſt zu theuer für uns, nicht wahr, Bibi? Schade! „„ In dieſem Augenblick trat ein Kammerdiener ein und ſagte zu Gilbert: „Der Piqueur des Herrn Lithographen fragt, ob der Herr heute mit Vieren ausfahren wolle, und ob man, um vom Bock zu fahren oder en Daumont anſpan⸗ nen ſoll?“ „Mein Junge, ſagen Sie unſerm Herrn Piqueur, unſer Intendant habe unſere Befehle wie gewöhnlich.“ „Verzeihen Sie, Herr Lithograph, Herr Thompſon 316 wünſcht die Befehle aus dem Munde des Herrn ſelbſt zu erhalten.“ „Mein Junge, bitten Sie Herrn Thompſon, uns in Ruhe laſſen zu wollen; wir haben Geſchäfte, wir ſpre⸗ chen über Haushaltungsangelegenheiten.“ Der Kammerdiener verbeugte ſich und ging ab. „Arme Leute!“ ſeufzte Gilberte, „ſie ſind ſo glück⸗ lich in unſerem Dienſte! Welches Herzeleid für ſie, wenn ſie erfahren, daß wir ſie verlaſſen! .. Wir müſſen freigebig gegen ſie ſein, nicht wahr, Geliebter?“ „Jedem ein paar tauſend Franken Gratification, damit ſie eben ſo zufrieden weggehen, als ſie bei ihrem Eintritte geweſen ſind,“ erwiederte Gilbert. „Aber, Minette, kommen wir auf unſere Rechnungen zurück, und bei meiner Treue, dieſes Budget iſt mehr nach meinem Geſchmacke, als das, welches wir vor ſechs Monaten mit unſerem Intendanten feſtſetzten.“ XLII. Je tiefer Louiſe in den Charakter von Gilbert und Gilberte eindrang, deſto mehr fühlte ſie ihr Erſtaunen und ihre Gemüthsbewegung zunehmen. Das Naturell der zwei jungen Eheleute offenbarte ſich in ſeiner reizen⸗ den Treuherzigkeit bei jedem ihrer Worte oder bei jeder ihrer Handlungen; ihre Losmachung vom Reichthum war ſo aufrichtig, daß ſie gar nicht an den rührenden und ſeltſamen Contraſt dachten, den die freiwillige Beſchei⸗ denheit ihrer Entwürfe für die Zukunft im Vergleiche mit ihrem gegenwärtigen Ueberfluſſe bot. „Ich ſagte alſo,“ fuhr Gilberte fort, „tauſend Franken Miethzins ſei zu theuer für uns, und ich hätte doch um das Leben gern ein Häuschen wie das von Frau Loniſe gehabt. Welche Wonne, ganz nahe bei un⸗ ⸗ ——— — —— 317 ſerem Paris wohnen, das wir ſo ſehr lieben, und einen kleinen Garten haben, wie auf dem Lande!“ „Das iſt köſtlich! Ich ſehe von hier aus unſere Werkſtätte, welche auf den Garten ginge und ſomit ein gutes Licht hätte, ein großer Vortheil für meine Arbeit!“ „Und ich, ich hätte immer hübſche Blumen gefun⸗ den, um ſie als Modelle zu benützen; ich hätte nur wählen dürfen unter denen unſeres Luſtſtückes, das wir ſelbſt gebaut und gepflegt haben würden! Wie Schade, daß ein Miethzins von tauſend Franken zu theuer für uns iſt!“ „Aber, meine arme Geliebte, hierauf kommt es nicht an: ſtatt zweitauſend fünfhundert Franken Rente nehmen wir dreitauſend, viertauſend, zehntauſend, wir haben ge⸗ hörig Muße dazu!“ „Wahrhaftig!“ verſetzte Gilberte. Dann nachdenkend: „Und dennoch . . andererſeits, ſiehſt Du, wenn wir aus dem beſcheidenen Wohlſtande heraustreten, von dem Frau Louiſe ſpricht, wenn wir tauſend Franken Rente für Dieſes, tauſend für Jenes beifügen, wo werden wir ſtehen bleiben? Unſer halber Reichthum wird uns noch Sorgen machen; er wird abermals um uns her eine Menge intereſſirter Menſchen herbeiziehen, die uns be⸗ lagern werden. Wir werden wieder anfangen aller Welt zu mißtrauen, und wir verfallen wieder in den Wirr⸗ warr von ekelhaften Dingen, aus dem wir gerade heraustreten wollen. Glaube mir, mein Gilbert, über⸗ ſchreiten wir unſere viertauſend Franken nicht; iſt das nicht genügend? Und dann, bedenkſt Du, wenn man uns geſagt hätte zur Zeit, da wir von einem Tag in den andern lebten: „„Ihr habt zweitanſend fünfhun⸗ dert Franken Rente!““ Wir hätten zu träumen geglaubt. Ah! Du haſt wie gewöhnlich mehr geſunden Verſtand als ich; ſeien wir vernünftig. Ueberſchreiten wir unſere viertauſend Franken nicht.“ 318 „Ich vermöchte Ihnen nicht zu ſagen, wie ſehr mich dieſe kleine Debatte rührt und intereſſirt,“ ſprach Louiſe, „und wie ſehr ſie ein glückliches Vorzeichen für Ihre Zukunft iſt. Uebrigens läßt ſich Alles vereinbaren. Ich erinnere mich, daß ich in der Avenne Mériceurt eine hübſche Wohnung mit Garten beſichtigt habe; man wollte ſie um fünfhundert Franken vermiethen, doch ſie enthielt nicht genug Raum, und ich zog ein anderes Haus vor.“ „Welch ein Glück! fünfhundert Franken! das wäre nicht zu theuer für uns!“ rief Gilberte. Und mit einer kindiſchen Reugierde fragte ſie: „Frau Louiſe, wie viel Zimmer hat das Häuschen?“ „Es hat nur ein Erdgeſchoß, und, ſo viel ich mich erinnern kann, beſteht es aus Folgendem: rechts vom Eingange die Küche und das Speiſezimmer; links zwei Zimmer, von denen das eine ſehr groß iſt; und darüber eine für eine Dienerin ganz gut bewohnbare Manſarde.“ „Vortrefflich!“ rief Gilbert, „das iſt gerade, was wir brauchen. Das kleine Zimmer nehmen wir zum Schlafzimmer und aus dem großen machen wir unſere Werkſtätte.“ Und der Garten!“ rief Gilberte, die ſich vor Freude nicht faſſen konnte, „der Garten iſt hübſch, Frau Louiſe?“ „Er iſt vielleicht viermal ſo groß als dieſer Salon,“ erwiederte Louiſe, während ſie in dem durch ſeine Ver⸗ goldungen blendenden, ungeheuer großen Gemache umher⸗ ſchaute; „und es findet ſich darin ein ſchönes Bosquet von Acacien und Linden.“ Ein Bosquet von Acacien? Wir miethen das Haus!“ rief Gilbert, nicht minder entzückt, als ſeine Frau. „Ich will unſern Intendanten abſchicken, um den Mieth⸗ vertrag zu ſchließen.“ „Aber, Gilbert, wenn es unglücklicher Weiſe ver⸗ miethet iſt?“ „Wenn es vermiethet iſt, ſo kaufe ich es! Was macht das mir? Ich bezahle dafür zwanzigtauſend Franken, hunderttauſend Franken, wenn es ſein muß, um ſogleich einziehen zu können.“ „Ein Haus um hunderttanſend Franken kaufen, während wir nur fünfhundert Franken Miethzins aus⸗ geben können! Du biſt verrückt, mein guter Gilbert.“ „Es iſt wahr! das iſt die Gewohnheit, die Millio⸗ nen zum Fenſter hinauszuwerfen!“ „Und dann, angenommen, dieſes Haus ſei vermie⸗ thet, können wir nicht ein anderes um denſelben Preis und auch in der Nähe von Paris finden?“ „Du haſt Recht; gut alſo: fünfhundert Franken Miethe für dieſes Häuschen oder für ein anderes. Und nun wollen wir unſer Budget fortſetzen. Wir können uns ein gutes Dienſtmädchen erlauben, um Dich in den Haushaltungsgeſchäften zu unterſtützen.“ „Genehmigt! denn die Zeit, die ich damit zubrächte, daß ich Haus und Küche allein beſorgen würde, wäre für die Arbeit verloren, was mich indeſſen nicht abhalten wird, Herrn Bibi, die Mirontons und die Gibelottes, nach denen Sie ſo ſehr lüſtern ſind, ſelbſt zu bereiten.“ „Darauf rechne ich . .. Alſo zwei hundert und fünfzig Franken Lohn für das Dienſtmädchen und fünf⸗ hundert Franken Miethe, das macht ſiebenhundert fünf⸗ zig Franken .. Wie viel müſſen wir nun für unſere Koſt rechnen, Frau Wirthſchafterin?“ „Für drei Perſonen .. ſetzen wir ſiebenzig bis achtzig Franken im Monat .Das iſt ſehr anſtändig in Betracht, daß wir vor der Barriore wohnen werden, wo man keine Eingangsabgaben bezahlt, was eine un⸗ geheure Erſparniß iſt.“ tSeben wir hundert Franken monatlich mit den xtra.“ „Hören Sie, Frau Louiſe, was für ein genußſüch⸗ tiger Menſch er iſt! er denkt ſchon an die Extra!“ 320 „Laſſen Sie ihm dieſen kleinen Fehler hingehen,“ erwiederte Loniſe lächelnd. „Das Reſultat iſt, daß Sie für Ihre Miethe, für Ibre Bedienung und für Ihren Tiſch neunzehnhundert und fünfzig Franken auszugeben haben. Das ſind die ſchweren Ausgaben: es blei⸗ ben Ihnen alſo, den Ertrag der Arbeit von Ihnen Beiden mitgerechnet, ungefähr zweitanſend Franken, um Ihre anderen Bedürfniſſe, Ihre beſcheidenen Vergnügun⸗ gen zu beſtreiten und eine kleine Erſparniß zu machen.“ „Und ſollte es zufällig uns Beiden ein Jahr an Arbeit fehlen, ſo ſchicken wir unſere Dienerin weg, wir ſchränken unſere Vergnügungen ein und leben vortrefflich mit unſeren zweitauſend fünfhundert Franken Rente.“ „Und ſind wir alt und nicht mehr im Stande, zu arbeiten, ſo wird unſere Rente auch für uns hin⸗ reichen,“ ſagte Gilbert, „weil wir, wenn wir einmal gute alte Leute geworden ſind, kaum mehr an den Putz und an die Vergnügungen denken werden. Im Sommer die heiteren Sonnenſtrahlen in unſerem Gärtchen genießen, im Winter an der Ecke unſeres Kamins bleiben, von der vergangenen Zeit plaudern oder lange Lecturen mit Hülfe unſerer Brillen machen, das werden unſere Ver⸗ gnügungen ſein.“ „Ich ſehe ſchon Minette vor mir mit der Brille auf dem Ende ihres roſigen Näschens! Was für eine nied⸗ liche Alte wird ſie ſein!“ „Oh! ich ſage nicht nein! Doch ſicher iſt, daß ich keine alte Zänkerin, keine Keiferin ſein werde!“ „Und dann an einem ſchönen Tage,“ ſprach Gilbert, indem er ſeiner Frau ein Zeichen des Verſtändniſſes machte, „an einem ſchönen Tage werden wir mit einander heiter und nengierig, wie die Elſtern, abgehen, um zu ſehen, ob anderswo die alten Leute auch Brillen tragen. Frau Louiſe, unſer Budget iſt alſo abgeſchloſſen, wir werden vortrefflich mit unſeren viertauſend Franken leben. Was werden wir aber mit dieſem Haufen von Millionen 321 machen, die uns heute bleiben, uud die zu uns die Schaaren von Lumpen, Bettlern und Spitzbuben ziehen würden, wie der Honig die Fliegen anzieht?“ „Sie haben ein Rittel, Ihre Reichthümer zu Er⸗ leichterung der Leidenden anzuwenden, ohne ſich um die tauſend Einzelheiten, um dieſe Art von Verwaltung zu bekümmern, zu der Sie ſich unfähig fühlen. Sie ſprachen ſo eben von der ſüßen Ruhe, die Ihr beſcheidener Wohlſtand Ihren alten Tagen ſichern würde. Dieſe Ruhe, wie Viele können auf ſie hoffen unter denen, welche, wie Sie, Blumenmacherinnen ſind, Fran Gil⸗ berte? unter denen, welche, wie Sie, Lithographen ſind, Herr Gilbert? Nicht wahr, eine ſehr kleine Zahl?“ „Ah! ja, leider, Frau Louiſe, denn bei unſeren Gewerben ermüdet ſich das Geſicht ungemein und nutzt ſich raſch ab. Sind aber einmal die Angen verloren, ſo tangt man für nichts mehr! Ach! wie kann es halb blinden, armen alten Leuten ergehen!“ „Oh! Frau Louiſe, wenn meine Frau und ich nach einer langen Nachtarbeit bei der brennenden Helle unſerer Lampe Blendungen fühlten, da wurden wir ganz traurig, indem wir uns ſagten: „„Wenn eines Tags unglücklicher Weiſe unſer Geſicht ſo ſchwach würde, daß es uns nicht mehr möglich wäre, zu arbeiten, mein Gott! was wäre unſer Lvos?““ „„Denken wir nicht hieran, das iſt zu gräßlich!““ antworteten wir, und wie gewöhnlich umarmten wir uns, um unſere Befürchtungen zu vergeſſen.“ „Das Loos, das Sie befürchteten, iſt leider das einer großen Anzahl von Ihren Arbeitsgefährten Nun denn! da Sie in einer rührenden Originalität Ihr Ge⸗ werbe dadurch verherrlichten, daß Sie ſich einen Titel daraus machten, wodurch Ihr Reichthum geehrt wurde, ſo wögen ſich die zwei Worte: Blumenmacherin und Lithograph in dem Gedanken Ihrer mitleidigen Gübert und Gilberte. I. 21 322 Großmuth wiederfinden. Ja, das große Vermögen, das auf Ihnen laſtet, und von dem dieſe Täuſchungen, dieſe ſchmerzliche Verachtung der Menſchheit, unter der Sie ſo ſehr gelitten haben, herrühren, dieſes große Vermögen, wenden Sie es zu Gründung eines Aſyls für das Alter und die Gebrechlichkeiten derjenigen an, welche Ihr Ge⸗ werbe getrieben haben.“ „Ah! Minette, das iſt ein herrlicher Gedanke!“ Vortrefflich; doch wir haben Ihnen geſagt, Frau Louiſe, wir werden ſo viel Geld geben, als man will, aber wir ſind unfähig, uns mit einer ſolchen Stiftung zu beſchäftigen.“ „Dieſe Stiftung wird Ihnen keine Sorge machen; treten Sie Ihr Vermögen der Stadt Paris ab, die Sie ſo ſehr lieben; ihr Gemeinderath iſt redlich, erleuchtet, dem öffentlichen Wohle ergeben; er wird es übernehmen, Ihren Wunſch zu verwirklichen, dieſes Aſylhaus, einen friedlichen Zufluchtsort für die durch das Alter oder die Ge⸗ brechen gebengten Lithographen und Blumenmacherinnen zu gründen und zu leiten Dieſe armen Leute werden durch Ihren Beiſtand ſo die Ruhe und die Wohlfahrt während ihrer letzten Tage kennen und genießen, und der Name von Gübert und Gilberte wird von Zeitalter zu Zeitalter geſegnet ſein, da Sie dieſe Stiftung wie das Andenken an Ihre Wohlthaten überleben wird!“ „Wie, Frau Louiſe, das iſt ſo einfach? Man braucht nur ſein Geld zu geben und zu ſagen; „„Ich will dieſe oder jene Anſtalt gründen;““ und der vortreffliche Gemeinderath von Paris hat die Gefälligkeit, das Uebrige zu beſorgen? man hat das Vergnügen, ohne die Mühe zu haben? Aber, Minette, das iſt köſtlich!“ „Ich glanbe wohl! der gute Gemeinderath von Paris wird bei dieſer Stiftung ſein, was Herr Guspier, unſer Intendant, bei unſern Ausgaben war. Mein Gott! wie leicht und bequem und angenehm iſt es, Gutes zu thun!“ 323 „Sie fühlen ſich alſo entſchloſſen, den Rath, den ich Ihnen gebe. zu befolgen?“ „Oh! von ganzem Herzen, Frau Loniſe, nicht wahr, Gilbert?“ „Bei meiner Treue, ja! Ich glaube, das wird einen gewiſſen Effect bei uns machen in dem Augenblick, wo wir von Erzmillionären ganz kleine Rentiers werden. Doch iſt dieſer Augenblick vorüber, ſo werden wir, weit entfernt, unſern Entſchluß zu berenen, uns darüber freuen, wenn wir vor Allem an das Glück denken, das uns auf ewige Zeiten ſo viele arme Leute zu verdanken haben ſollen, und uns der Widerwärtigkeiten, der Betrübniſſe erinnern, die uns unſer verfluchtes Geld verurſachte.“ . Gilbert wurde durch einen Kammerdiener unter⸗ rochen, welcher eintrat und meldete: Herr Lithograph, der Herr, der die Dame begleitet,“ und er bezeichnete Louiſe mit dem Blicke, „bittet die Dame, zu ihm zurückkommen zu wollen.“ „Das iſt Herr Pouſſard. Er muß in der That unſere Unterredung ſehr lang finden,“ ſagte Louiſe, „doch ich werde mich bald zum General begeben.“ „Wie kommt er hierher?“ rief Gilbert; „und er erlaubt ſich, Ihnen nachzujagen, Frau Loniſe! Warten Sie einen Augenblick. Ich will den Herrn General Lebensart lehren.“ Und er lief an ſein Bureau und ſchrieb folgende Worte auf ein Blatt Papier: „Dicker Unglücklicher, „Wenn Sie ſich noch einmal einfallen laſſen, mich aran zu erinnern, daß Sie ſich in meinem Hauſe befin⸗ den, wenn Sie ſich noch einmal einfallen laſſen, nicht gegen Frau Loniſe die Rückſichten und die Ehrfurcht zu beobachten, welche Sie einer ſo vortrefflichen und be⸗ 324 wunderungswürdigen Dame ſchuldig ſind, ſo vernehmen Sie wohl Folgendes, was ich unterſtreiche: „Verfehlten Sie ſich je gegen meine Er⸗ mahnungen, ſo bekämen Sie eine gräßliche Kolik, ſo oft Sie eſſen oder trinken wollten, abſcheulicher Schlemmer, der Sie ſind! „Das wäre Ihre gerechte Beſtrafung. „Zittern Sie! „Und ich unterzeichne: „Gilbert.“ „N. S. Ich bin derjenige, welcher im Salon des Herzogs von Saligny, in dem Augenblick, wo der Mar⸗ quis von Montlaur gleichſam ſterbend war, die grauſame Kolik über Sie verhängt hat, die Sie bekommen haben und immer bekommen werden in dem Moment, wo Sie ſich ſchlagen wollen. „Die Vergangenheit diene Ihnen als Lehre!“ „Wohl dem, der das verſteht und ſich zu Nutze macht!“ Gilberte, als ſie ihren Mann ſchreiben ſah, näherte ſich ihm und las, indeß er ſchrieb. Sie brach auch in ein ſchallendes Gelächter aus, als das Billet be⸗ endigt war. „Wir haben allerdings nicht mehr die Macht, dieſen abſcheulichen Pouſſard die Kolik zu geben,“ ſagte Gilben leiſe zu ſeiner Frau; „doch da wir ſie ihm ſchon einm gegeben, ſo wird er ſich fürchten und es nie wagen, ſein arme Frau zu quälen.“ Er faltete dann das Billet zuſammen, währeid Louiſe die zwei jungen Leute mit Erſtaunen anſchaute denn ſie konnte ſich nicht vorſtellen, in welcher Beziehung der General Pouſſard zu ihnen ſtehen dürfte, übergab den Brief dem Bedienten und ſagte zu ihm: 325 „Bringen Sie das dem dicken Herrn.“ Der Bediente ging ab. „Oh! Fran Louiſe,“ ſprach Gilbert, indem er zu der jungen Frau zurückkehrte, „welchen Muth haben Sie nöthig gehabt, um dieſen abſcheulichen Ponſſard zu hei⸗ rathen, Sie, die Sie Georges Hubert ſo zärtlich, ſo heroiſch liebten!“ „Oh! ja, das war ein heldenmüthiges Opfer von Ihnen,“ fügte Gilberte bei. „Sie heirathen dieſen garſti⸗ gen Menſchen, während Sie im Grunde Ihres Herzens mehr als je Ihren geliebten Dichter, wie Sie ſagten, anbeteten.“ XLIII. Als Louiſe Gilbert und Gilberte von ihrer Liebe für Georges Hubert und von dem heldenmüthigen Opfer, das ſie ſich auferlegt, ſprechen hörte, war ſie ganz ver⸗ ſteinert; ſie erbleichte und zitterte vor Schrecken. Fremde beſaßen ihr Geheimniß, und ſie hielt es für ſo uner⸗ forſchlich, daß ſie geglaubt hatte, ſie könne ſich an die jungen Leute wenden, um die Abtretung mehrerer Gegen⸗ ſtände, welche dem Dichter gehört hatten, zu erlangen. Da ſie ihr Geheimniß in der Gewalt von Gilbert und Gilberte ſah, welche ſchon von gewiſſen Einzelheiten ihres Lebens unterrichtet waren, fühlte Louiſe auch ihre Angſt ſich vermehren, denn ſie dachte, die Frucht ihrer Aufopferung könnte durch eine Indiscretion verloren gehen. Voll Bewunderung für Louiſe, tief gerührt von der Theilnahme, die ſie ihnen durch ihre weiſen und edlen Rathſchläge bezeigte, waren Gilbert und Gilberte in leſem Angenblick auch darauf bedacht, ſie wegen ihrer beldenmüthigen Liebe zu preiſen und zu verherrlichen, wobei ſie vielleicht auch dem unſchuldigen Verlangen nachgaben, ſie dadurch in Erſtannen zu ſetzen, da ſie ihr 326 die Thatſachen offenbarten, welche nur ihnen allein bekannt, weil ſie Georges Hubert und ſeine Geliebte geweſen. Als Gilbert die Verſtörung in den Geſichtszügen der jungen Frau wahrnahm, die er der Anweſenheit des Generals im Hauſe zuſchrieb, ſagte er: „Seien Sie unbeſorgt, Frau Louiſe, ich habe ihm geſchrieben und zwar mit guter Tinte, dieſem abſcheu⸗ lichen Pouſſard, und wenn er ſo ſchändlich geweſen iſt, Sie unglücklich zu machen, ſo wird er nicht mehr an⸗ fangen, dafür ſtehe ich Ihnen.“ „Ah! arme Frau Louiſe,“ ſprach Gilberte mit mitleidigem Tone, „welch eine entſetzliche Nacht war die Nacht, wo Sie, um ſich bei Georges Hubert verhaßt zu machen, ihm Alles zu ſagen ſuchten, was ihn verletzen könnte!“ „Und mit welcher Geſchicklichkeit, mit welchem Muthe haben Sie dieſe Rolle geſpielt, die Ihnen jeden Augen⸗ blick das Herz brach!“ „Die Worte, welche auszuſprechen Sie vielleicht am meiſten Ueberwindung gekoſtet haben, waren die, wo Sie Georges Hubert ſagten, Sie haben ihn immer nur aus Eitelkeit geliebt . . . und . . Gilberte unterbrach ſich beim Anblick von Loniſe, die, bleich wie eine Todte, krampfhaft zitterte und ganz beſtürzt umherſchaute. Sie machte ein paar Schritte, um aus dem Salon wegzugehen, doch es fehlte ihr an Kräften, und ſie wäre vielleicht des Bewußtſeins beraubt, niedergefallen, ohne Gilbert, der hinzulief, ſie in ſeinen Armen aufnahm und auf ein Canaps legte, mit Hülfe von Gilberte, welche, nicht minder beängſtigt als ihr Mann, wie er die unkluge Offenbarung, deren traurige Folgen ſie ſahen, berente. „Mein Gott! mein Gott! was haben wir gethan?“ murmelte Gilberte in Thränen zerfließend und vor den Canapé knieend, auf welchem Louiſe beinahe des Gefühls 327 beraubt ausgeſtreckt lag. Dann nahm ſie eine von ihren Händen, bedeckte ſie mit Küſſen und fügte bei: Wir haben ihr, ohne es zu wollen, einen erſchrecklichen Schlag beigebracht!“ „Verflucht ſeien wir!.. Das iſt, um ſie wahn⸗ ſinuig zu machen! wir ſagen ihr Dinge, die un⸗ möglich eine Andere, als ſie ſelbſt wiſſen kann!“ „Ach! das iſt für ſie, um darüber die Vernunſt zu verlieren,“ verſetzte Gilberte. Dann, da ſie die eiskalte Hand von Louiſe wieder einige Wärme annehmen fühlte und ihr bleiches Geſicht allmählig ſich färben ſah, rief ſie; „Sie kommt zu ſich! ihr Nervenzittern hat aufge⸗ hört! ihre Wangen werden wieder roſenfarbig!“ „Und wenn ſie wieder bei ſich ſein wird,“ flüſterte Gilbert ſeiner Fran zu, neben die er gekniet war, „wenn ſie uns fragt, wie wir ihr Geheimniß beſitzen, was antworten?“ „Wir müſſen ihr geſtehen, daß wir Georges Hubert und ſie ſelbſt geweſen find.“ „Sie wird uns nicht glauben.“ „Ohl doch da es die Wahrheit iſt.“ „Wenn Sie uns glaubt, wird es noch ſchlimmer ſein. . . ſie wird uns für den Teufel halten ſie wird wahnſinnig werden.“ „Oh! Geliebter,“ rief plötzlich Gilberte, deren rei⸗ zendes Geſicht unter ihren Thränen ſtrahlte, „eine Idee von Minette wir ſind gerettet!“ „Was ſagſt Du? „Alles wird ſich auf eine natürliche Art erklären.“ „Das iſt unmöglich!“ Stille. ſie öffnet die Angen . .. ſie erhebt ſich!“ Dieſe leiſe von Gilbert und Gilberie ausgetauſchten paar Worte waren von Louiſe nicht gehört worden. Sie trat kaum aus der Nervenkriſe hervor, in welche ſie die erſtaunliche Offenbarung ihres Geheimniſſes verſetzt hatte. Ihr Blut fing indeſſen wieder an zu kreiſen, ihr noch 32⁸ verworrener Geiſt machte ſich frei von ſeiner vorüber⸗ gehenden Vernichtung, ſie erhob ſich langſam auf dem Canapé und ſchaute mit ſcheuen Blicken umher. Plötzlich hefteten ſie ſich auf die zwei jungen Leute, welche zu ihren Füßen knieten. Sie betrachtete ſie dann mit einem Ausdrucke wachſender Bangigkeit, und ihre Erinnerungen ſammelnd, warf ſie ſich ungeſtüm zurück, verbarg ihr Geſicht in ihren Händen und gab einen Ausruf des Schreckens von ſich. „Laſſen Sie mich!“ rief ſie, „oh! laſſen Sie mich, Sie machen mir bange.“ Kaum hatte ſie dieſen Ausruf von ſich gegeben, kaum hatte ſie ſo geſprochen, als plötzlich ein dumpfer Wiederhall, ähnlich dem eines ziemlich gewichtigen Ge⸗ genſtandes, den man würde fallen laſſen, hinter einer Füllung des Täfelwerks, ganz in der Nähe des Canapé, auf welchem ſich Louiſe befand, hörbar wurde. Anfangs erſtaunt über dieſes Geräuſch, das aus dem Inneren der dicken Wand zu kommen ſchien, wech⸗ ſelten ſodann Gilbert und Gilberte einen Blick, den ſie gegenſeitig begriffen. „Es iſt ohne Zweifel die Perſon, welche ſich mit der geheimnißvollen Nachſuchung beſchäftigt, die wir ihr erlaubt haben,“ dachten ſie. Dann vergaßen ſie dieſen Vorfall und waren nur darauf bedacht, Loniſe zu tröſten. Gilberte hatte ihrem Manne (der ſehr an der Erfüllung dieſes Verſprechens zweifelte), verſprochen, auf eine ganz natürliche Weiſe Louiſe zu erklären, wie die zwei jungen Cheleute in den Beſitz ihres Geheimniſſes gekommen. „Frau Louiſe,“ rief Gilberte, indem ſie die Hände faltete und ſich an die junge Frau wandte, welche ih⸗ ren Schrecken ſo deutlich kundgegeben hatte, „beruhigen Sie ſich, mißtrauen Sie uns nicht, wir ließen uns lie⸗ ber tödten, als daß wir Ihr Geheimniß verrathen würden!“ 329 „Man könnte uns in einem Mörſer zerſtoßen, meine Frau und ich würden nicht: uff! ſagen.“ „Ich bitte, hören Sie mich an, Frau Louiſe! Sie werden erfahren, wie wir von Ihrem Geheimniß unter⸗ it worden ſind .. Mein Gott! das iſt ganz ein⸗ d „Das iſt das Allereinfachſte der Welt! Sie werden ſich hievon überzeugen,“ fügte Gilbert bei, obgleich er ſich vergebens den Kopf zerbrach, um zu errathen, was ſeine Frau Louiſe ſagen würde, welche, trotz ihrer Ban⸗ gigkeit, auf die Worte der jungen Leute horchte. „Hören Sie, wie das zugegangen iſt,“ ſprach Gilberte. „Vor einiger Zeit laſen wir in einem kleinen Journal, Herr Georges Hubert lebe unter einem angenommenen Namen mit einer Dame, die er an⸗ e „Und das Journal hieß ſogar der Spürhund,“ ſetzte Gilbert hinzu, um durch dieſes Detail die Erzäh⸗ lung von Gilberte zu verſtärken; „ein abſcheuliches, em⸗ pörend indiscretes Journal.“ „Am Abend deſſelben Tages, wo wir dies laſen, planderten mein Mann und ich, ehe wir uns zu Bette legten, von Herrn Georges Hubert und dieſer Dame, die er liebte.“ „Ja, wir planderten bis um halb drei Uhr Mor⸗ gens, und ich ſagte zu Minette: „Gehen wir doch zu Bette, kleine Schwätzerin, gehen wir zu Bette.““ „Dieſe lange Plauderei war ſehr natürlich . . . wir hegten eine wahre Anbetung für Georges Hubert, wegen ſeiner Güte, wegen ſeines Talents⸗ Alles, was ihn in⸗ tereſſirte, berührte auch uns.“ „Weiter, weiter!“ rief Louiſe mit einer angſtvollen Ungeduld. Vollenden Sie!“ „Wo des Tenfels will deun Minette hinaus?“ dachte der junge Mann. „Nie wird ſie ſich da her⸗ 330 ausziehen können. Ich ſehe nur Feuer und ſchwitze ſchwere Tropfen.“ „Nun, am Abend, ehe wir uns zu Bette legten, haben wir ſo viel, und ſo gut und ſo lange von Herrn Georges Hubert geſprochen und von der Dame, welche keine Andere war, als Sie, Frau Louiſe,“ fuhr Gil⸗ berte fort, „daß . . . und das geſchieht alle Tage, nicht wahr ? „daß ich ganz natürlich von Herrn Georges Hubert und von Ihnen träumte . . . Das Seltſame dabei aber iſt, daß ich in meinem Traume Sie war, Fran Louiſe, und daß mein Mann Georges Hubert war.“ „Bravo! Minette,“ dachte Gilbert; „bravo! das iſt ſehr ſtark! Ich hätte das nie ganz allein gefunden.“ Dieſe, übrigens ziemlich wahrſcheinliche, Erklärung, die einzige, welche ein für den Geiſt von Loniſe unbe⸗ greifliches Geheimniß aufhellen konnte, ergriff ſie, ſie fing an ſich zu beruhigen und hörte Gilberte mit ver⸗ doppelter Aufmerkſamkeit zu. „Und ſo träumend, bekam ich, wie Sie ſehen, ganz natürlich Kenntniß von ſehr vielen Umſtänden des Lebens von Herrn Georges Hubert und des Ihrigen, da ich Sie ſelbſt war. So war ich zum Beiſpiel Sie ſelbſt an dem traurigen Abend, wo Sie dem Falle des Dramas Ihres Freundes beiwohnten, ein Fall, der nach der An⸗ ſicht Ihrer Tbeaternachbarn durch Ihren leidigen Ein⸗ fluß auf den großen Dichter, den Sie zum Hausham⸗ mel machten, verurſucht wurde.“ „Das war widerwärtig,“ fügte Gilbert bei, „denn als ich Georges Hubertwar, — immer nach dem Traume von Mi⸗ nette, — haben Sie mich zum glücklichſten Sterblichen ge⸗ macht.“ „Ich bitte, fahren Sie fort,“ ſagte die junge Frau zu Gilberte; „ich kann kaum glauben, was ichhöre.“ „Vom Theater zurückkehrend (es verſtebt ſich, daß ich immer Sie ſelbſt zu ſein träumte), fand ich meinen Vater . . nein, das heißt den Ihrigen . . . ich werde ganz verwirrt. Er wollte Sie holen, drohte Ihnen 331 Sie in ein Kloſter einzuſperren, Herrn Georges Hubert als Entführer gerichtlich zu verfolgen, ihm einen Pro⸗ zeß anzuhängen, und andere Schändlichkeiten, ſollten Sie ſich weigern, das Ungeheuer Pouſſard zu heira⸗ then. Statt ſich gegen dieſen Vorſchlag zu empören, ſagten Sio ſich (immer nach meinem Traume): „Ich übe auf den Dichter, den ich anbete, einen ſchlimmen Einfluß, ich löſche ſein Genie aus. Mein Vater droht mir, den Mann, für den ich mein Leben geben würde, gerichtlich zu belangen. Wohlan! ich heirathe den Ge⸗ neral Ponſſard: das iſt das einzige Mittel, meinen Georges Hubert vor den Verfolgungen zu bewahren, deren Opfer er ſein kann, und ihn von mir zu entfernen, da ich auf ſein Talent ſo nachtheilig wirke.““ „Nein,“ rief die junge Frau, „nein, ein Traum vermöchte ſich nicht bis auf dieſen Grad der Wirklichkeit zu nähern! Das iſt unmöglich! Es iſt hiebei ein er⸗ ſchreckliches Geheimniß, das mein Geiſt vergebens zu ergründen trachtet. Mein Gett! ich zweifle an meinen Sinnen, an mir ſelbſt!“ „Ei! ich theile Ihnen ganz einfach das mit, was ich geträumt habe, Fran Loniſe.“ „Unddieſen Traum hatmir Minette bei ihrem Erwachen ſo erzählt, wie ſie ihn zu dieſer Stunde Ihnen erzählt.“ „Und dennoch,“ ſagte Louiſe nach neuen unmächti⸗ gen Verſuchen, ſich Rechenſchaft über dieſes Wunder zu geben, „dieſer Traum, ſo ſeltſam er iſt, kann allein das erklären, was ſonſt unerklärlich, unmöglich, über⸗ natürlich bleibt.“ „Nun,“ fuhr Gilberte fort, indem ſie einen Blick des Trinmphes auf Gilbert warf, „ſobald Sie entſchloſſen waren, ſich, dieſen abſchenlichen Pouſſard heirachend, zu opfern, ſagten Sie ſich: „Das iſt nicht Alles: mein Georges liebt mich, wie ich ihn liebe; er muß mich ebenſo ſehr haſſen, verach⸗ ten, als er mich angebetet hat!““ Oh! arme Frau 332 Louiſe, das hat Sie (immer nach meinem Traume) am meiſten gekoſtet! Sie von Georges Hubert gehaßt machen!“ „Und ich war, wie es ſcheint, trotz meines Genies, gutmüthig genug, um zu glauben, Sie, die Perle der Frauen, könnten ſo ganz mit einem Male eine haſſens⸗ werthe Creatur werden! Zu meinem Lobe muß ich übri⸗ gens ſagen, daß ich einigen Verdacht gehabt habe, Sie täuſchen mich!“ „Doch Sie ſpielten ſo muthig dieſe Rolle, die Ihnen jeden Augenblick das Herz brach, daß Ihr Georges am Ende glaubte, Frau Louiſe, Sie haben ihn immer nur aus Eitelkeit geliebt. Und Sie machten, daß er ſie ver⸗ abſchente; das war Alles, was Sie wollten. Sie zer⸗ riſſen ſo aus aufopfernder Ergebenheit die Bande, die das Genie Ihres Dichters feſſelten, um ihn dem Ruhme, der Freiheit wiederzugeben. Dann ſuchte er in ſeinen Arbeiten das Vergeſſen der Vergangenheit, indem er nicht einmal Ihren Verluſt beklagte, da er Sie für eine ſeiner unwürdige Frau hielt, und Sie beteten ihn im Gegen⸗ theil mehr als je an. Sie ſehen, es iſt nicht meine Schuld, wenn wir durch dieſen Traum Ihr Geheimniß beſitzen. Beruhigen Sie ſich jedoch, wir werden es ge⸗ treulich bewahren und . . . Gilberte konnte nicht vollenden. Plötzlich ſchlüpfte die erwähnte Füllung, in deren Nähe Loniſe ſaß, raſch in ihren Falzen zurück und gewährte Georges Hubert Eingang. Bleich, das Geſicht in Thränen gebadet, ſtürzte er zu den Füßen der jungen Frau und rief mit einem herzzerreißenden Ausdruck „Gnade, Louiſe! oh! Gnade! Verzeihung! Mein Leben . . . mein Leben ganz Dein! um dieſen unſeligen Irrthum zu ſühnen.“ „Georges!“ rief die junge Fran betäubt: „wo bin ich? . mein Verſtand geräth in Verwirrung! . . mein Gott, habe Mitleid mit mir!“ 333 Gilbert zog ſich raſch mit ſeiner Frau in den Hin⸗ tergrund des Zimmers zurück, um Loniſe und den Dich⸗ ter ſo viel als möglich allein zu laſſen, und ſagte leiſe: „Ah! Geliebte, Herr Georges Hubert war derjenige, welcher das Kiſtchen in dem Verſtecke ſuchte!“ „Er hat uns gehört, er weiß nun Alles.“ „Louiſe, Verzeihung!“ murmelte der Dichter mit einer durch das Schluchzen ſtockenden Stimme, indem er mit Thränen und Küſſen die Hände der jungen Frau be⸗ deckte. „Oh! meine angebetete Louiſe! arme Märtyrin!“ „Georges . . . laſſen Sie mich,“ erwiederte die junge Frau mit ohnmächtigem Tone. „Sie tödten mich.“ „Oh! der erſte Schrei meines Bewußtſeins, meines Herzens iſt geweſen: „„Nein, Louiſe kann nicht ihrer unwürdig werden!““ Ach! die Tiefe Deiner Ergeben⸗ heit hat mich getänſcht! Doch ich finde Dich wieder, Seele meines Leben! ich finde Dich wieder, und für immer!“ „Um des Himmels willen, hören Sie mich an,“ ſprach die junge Frau mit bebender Stimme, während Gilbert und Gilberte, welche ſich an der Hand haltend bei der Thürſchwelle ſtanden, in der Stille weinten; „hören Sie mich an.“ „Siehſt Du, ich muß Dich wohl durch die Macht des Glücks vergeſſen laſſen, was Du gelitten haſt, arme Märtyrin!“ ſagte der Dichter in einer Trunkenheit, die an den Wahnwitz grenzte. „Durch meine Zärtlichkeit beſiegt, mußt Du mir wohl verzeihen, daß ich einen Tag, einen einzigen Tag an Dir gezweifelt habe.“ „Aber, Wahnſinniger, ich bin verheirathet . . . mein Gatte iſt hier . . er erwartet i „Dein Gatte! . . . Biſt Du ſein Weib! Gehörſt Du nicht mein, wie ich Dir gehöre!“ „Georges, ich habe den Muth gehabt, ein großes Opfer zu vollbringen; ich werde den Muth haben, die Treue, die ich freiwillig geſchworen, rein zu erhalten!“ 1 334 „Nein, Du haſt ſie nicht freiwillig geſchworen! Nein, geblendet durch den Heldenmuth des Opfers hat Deine Seele kein Bewußtſein von ihrer Handlung gehabt. Du konnteſt über Dein Leben verfügen, aber nicht über das meinige . . . „Gott weiß, daß ich den Tod der Offenbarung meines Geheimniſſes vorgezogen hätte,“ unterbrach Louiſe den Dichter mit dem Ausdrucke einer unerſchütterlichen Feſtigkeit, die ſie aus dem ſchöpfte, was ſie als ihre Pflicht betrachtete. „Ein beinahe unerklärliches Ver⸗ hängniß unterrichtet Sie davon, daß ich mich Ihrer Zärtlichkeit nicht unwürdig gemacht habe; nie werde ich mich Ihrer Achtung dadurch unwürdig machen, daß ich mich gegen frei von mir angenommene Pflichten verfehle.“ „Frei! . kannſt Du das ſagen! . . „Sie kennen mich: keine Sophiſterei wird im Stande ſein, meinen Entſchluß zu ändern. Unſer Geſchick wollte dieſes heutige Zuſammentreffen; wir müſſen muthig ſeine Folgen zu erdulden wiſſen . . . Wir werden uns nicht wiederſehen . .. Gott befohlen!“ „Louiſe . . . Du bedenkſt nicht! . . für mich wird das Leben fortan gräßlich ſein!“ „Und das meinige noch gräßlicher, wenn Sie, ehe wir uns verlaſſen, meine einzige und letzte Bitte zurück⸗ weiſen.“ „Ah! das heißt zu viel leiden!“ murmelte der Dich⸗ ter in Thränen zerfließend; „es iſt zu viel! es iſt zu viel!“ „Hören Sie mich an, Georges; mein Opfer iſt groß geweſen, doch das, was es mich gekoſtet hat, wäre nichts gegen meine zukünftigen Leiden, würden Sie meine Auf⸗ opferung unfruchtbar machen.“ „Mein Gott! Dich wiederfinden, um Dich auf ewig zu verlieren!“ „Und um mich auf immer unglücklich zu machen, wenn Sie meine letzte Hoffnung täuſchen. Wiſſen Sie, was, indem ich mich für Sie opferte, mein Troſt war? Der Ge⸗ 335 danke: Ihnen ſelbſt, der Freiheit zurückgegeben, werden Sie aufs Neue Meiſterwerke ſchreiben, welche die Freude meiner Einſamkeit, der Lohn für meine Leiden wären.“ „Ah! verflucht ſei der Ruhm! für immer verzichte ich darauf; er koſtet mich das Glick meines Lebens.“ „Alſo,“ rief Louiſe in der qualvollſten Verzweiflung, „mein Opfer wird alſo unnütz geweſen ſein . . . unnütz, wie die letzte Bitte, die ich an Se richte.“ Wie! Sie wollen, daß ich an den Ruhm denke, während meine Cxiſtenz nur ein langer Kummer ſein ſoll!“ „Georges, würde dieſer Kummer nicht wenigſtens gemildert durch die Ueberzeugung, eine Frau, die Sie Ihrer unwürdig geglaubt, habe nichts verſchuldet, um Ihre Achtung dadurch zu verlieren, — Sie ſeien wie in der Vergangenheit der Gegenſtand ihrer ewigen Anbetung?“ „Warum haben Sie mich dann glauben gemacht, Sie lieben mich nicht mehr? Warum haben Sie die⸗ ſen Menſchen geheirathet? „O Widerſpruch der Weiber! ihre Seele iſt ein Abgrund!“ „Nein, Georges, in meinem Benehmen iſt kein Wider⸗ ſpruch: ich habe dieſen Menſchen geheirathet, um Ihnen einen gehäſſigen Prozeß zu erſparen, mit dem Sie mein Vater bedrohte. Ich habe Sie an meine Abneigung glau⸗ ben gemacht, weil ich wußte, daß ein Herz wie das Ihrige raſch eine Frau vergeſſen muß, welche nicht mehr ſchätzbar zu ſein ſcheint. Der Zufall hat Ihnen mein Geheimniß preisgegeben: ſtatt mich in Ihrer Verachtung zu vergeſſen, werden Sie mich beklagen. Dieſes Bekla⸗ gen wird Ihnen zuweilen ſchmerzlich ſein, ich weiß es, da ich es Ihnen um den Preis Ihrer Liebe hatte er⸗ ſparen wollen, doch aus Mitleid ſagen Sie mir nicht, Ihr Kummer werde unheilbar ſein, er werde Ihr Genie vernichten! Mein Gott! was wird mir dand bleiben? Sie wollen alſo mein Leben der Verzweiflung überant⸗ worten?“ In dieſem Augenblick ſahen Gilbert und Gilberte, 336 welche aus Discretion beſtändig im Hintergrunde des Salon geblieben waren, — troſtlos über ihre Unbe⸗ dachtſamkeit, und dennoch wieder einen Troſt darin fin⸗ dend, daß ſie ſich ſagten, die heldenmüthige Selbſtver⸗ leugnung von Louiſe ſei nun wenigſtens demjenigen be⸗ kannt, welcher ſie eingegeben, — Gilbert und Gilberte ſahen einen Kammerdiener eintreten. Er meldete, indem er Louiſe mit dem Blicke bezeichnete: Der Herr, der die Dame begleitet, verlangt durch⸗ aus eingelaſſen zu werden.“ „Mein Mann!“ rief Louiſe. Dann fügte ſie bei, indem ſie aus einer Geberde von Georges errieth, welche Beſorgniſſe er für ſie hatte: „Bleiben Sie! befürchten Sie nichts für mich! Ich habe nichts von dem, was hier geſagt worden iſt, zu verbergen!“ „Oh! dieſer Menſch!“ ſagte der Dichter voll Wuth, „warum habe ich dieſen Menſchen nicht getödtet!“ „Wie!“ fragte Gilbert den Bedienten, „trotz des Briefes, den ich ihm geſchrieben, will der General durch⸗ aus eintreten?“ „Seitdem ich ihm den Brief vom Herrn Lithogra⸗ phen übergeben,“ erwiederte der Kammerdiener, „irrt dieſer Herr im Salon umher, wie eine Seele im Feg⸗ feuer; er ſcheint in einer tödtlichen Unruhe zu ſein und Der Bediente unterbrach ſich, als er haſtige Tritte hinter ſich börte; er wandte ſich um und ſah den Ge⸗ neral Pouſſard, bleich, zitternd, beſtürzt herbeilaufen. Die Drohung von Gilbert: „Ich werde Ihnen die Kolik geben, ſo oft Sie trinken und eſſen wollen,“ Hatte einen um ſo gewaltigeren Eindruck auf den ſchon geſchwächten Geiſt des Epraufers gemacht, als dieſe Drohung unterzeichnet war: „Derjenige, welcher Dir ſchon die Kolik gegeben hat, ſo oft Du Dich ſchlagen wollteſt.“ — n n ſe 337 Dieſe Prophezeihung hatte ſich furchtbar verwirklicht, ſo daß, um nach der erſten Thatſache zu urtheilen, ſo unbegreiflich ſie für den Verſtand des Generals geblie⸗ ben war, die zweite Drohung, nach ſeiner Anſicht, eben⸗ ſo in Erfüllung gehen konnte, und er hielt ſie für noth viel erſchrecklicher, als die erſte. In der That, „von einer entſetzlichen Kolik befallen werden, ſo oft man ſich anſchickt, zu trinken oder zu eſſen,“ das heißt einfach zum Hunger⸗ und Durſttode verdammt ſein. Man begreift alſo die Befürchtungen, die Bangigkeiten von Herrn Pouſ⸗ ſard, als er das Billet von Gilbert erhalten, geleſen und wieder geleſen hatte. iner wachſenden Angſt preisgegeben, vergaß der Exraufer das ausdrückliche Verbot, das er erhalten, das eſpräch der Gebieter des Hauſes zu ſtören; er konnte dem Verlangen nicht widerſtehen, den Ueheber dieſer Drohung zu ſprechen, welche eben ſo wohl auch ein ſchlech⸗ ter Spaß ſein konnte, in Betreff deſſen der General ſich ſehr wenig empfindlich gezeigt haben würde. Er lief auch beſtürzt, erſchrocken, verwirrt dem Kammerdiener nach. Gilbert, als er den Baron erblickte und zugleich an die Gegenwart von Georges Hubert dachte, welche Ge⸗ genwart ſo gefährdend für Louiſe, eilte dem Eindringling entgegen, um ihn zu verhindern, die Schwelle zu über⸗ ſchreiten, und verſperrte ihm den Weg. „Mein Herr!“ rief kenchend und mit flehender Stimme Pouſſard, in deſſen leichenblaſſem, in Schweiß gebadetem Geſichte das Gepräge der Angſt ſichtbar war, „mein Herr, ich bitte, erlauben Sie mir, Sie in Demuth zu fragen, ob dieſes Billet,“ und er zeigte es mit einer krampfhaft zuckenden Hand, „ob dieſes Billet . von Ihnen geſchrieben worden iſ „Ich habe es geſchrieben,“ erwiederte Gilbert, da er ſah, die Wirkung ſeiner Drohungen überſteige ſeine —— Hoffnungen; ja, ich habe im Salon des Herzogs von 22 Gilbert und Gilberte. H. — 358 Saligny eine grauſame Kolik über Dich verhängt, ſo oft Du Dich werdeſt ſchlagen wollen.“ „Oh! die Stimme! es iſt dieſelbe Stimme!“ mur⸗ melte der General, dem ſich die Haare vor Schrecken ſträubten, als er die Stimme von Gilbert erkannte, der in jener verhängnißvollen Nacht, und zwar in dem Au⸗ genblick, wo er aus dem Leben des Marquis von Montlaur heraustretend wieder er ſelbſt wurde, den Raufer der Kolik preisgegeben hatte. „Dieſer Ton!.. dieſe Stimme, ich erkenne ſie!“ fuhr der General fort, dem die Zähne vor Angſt klapperten. „Nie, nie .. habe ich ſie vergeſſen; es iſt dieſelbe Stimme!“ „Ahl trotz meiner Befehle biſt Du eingetreten, dicker Unglücklicher!“ ſprach Gilbert mit einem furcht⸗ baren Tone. „Ah! Du willſt mir trotzen!“ „Gnade! Gnade!“ „Keine Gnade! Du biſt eben ſo grauſam, als ge⸗ fräßig geweſen; Du wirſt da beſtraft werden, wo Du ge⸗ ſündigt haſt.“ „Ein Wort, hören Sie mich au,“ rief der Epraufer, die Hände faltend, „ein einziges Wort . . . aus Barm⸗ herzigkeit!⸗ „Barmherzigkeit für Dich, entſetzlicher Schlemmer, der Du ſo ſchändlich geweſen biſt, eine Zwiebelſuppe in dem Augenblick zu verlangen, wo ich mich, da ich der Marquis von Montlaur war, in einem Duelle ſchlagen ſollte, das Du veranlaßt hatteſt, abſcheulicher Raufer!“ „Mein Herr, laſſen Sie mich Ihnen nur ſagen..“ „Alle Teufel! ſchweige und höre Dein Urtheil an früher habe ich Dir, um Deine Grauſamkeit zu beſtra fen, eine gräßliche Kolik gegeben, ſo oft Du Dich werdeſt ſchlagen wollen; heute, um Deine Schlemmerei zu be⸗ ſtrafen, will und befehle ich, daß Du von dieſem Augen⸗ blicke an, da ich mit Dir ſpreche, eine entſetzliche Kolik bekommen ſollſt, ſo oft Du wirſt trinken oder eſſen wol⸗ len . . . Es iſt geſchehen!“ 339 „Ich bin verloren!“ ſtammelte der General, der ſeine Beine ſchlottern fühlte. „Ich bin todt!“ Und er fiel vernichtet in einen Lehnſtuhl in der Se⸗ eunde, wo Herr Guspier beſtürzt herbeilief und Gilbert zurief: „Herr, Herr, es iſt ein Gerichtsbeamter mit einem Polizeicommiſſär da. Sie wollen Sie auf der Stelle ſprechen; ſie folgen mir, ſie haben zwei Agenten als ache vor der Thüre meines Cabinets gelaſſen, wo ſich meine Kaſſe findet; Stadtſergenten ſind im Hofe des Ho⸗ tels, ſie haben Befehl, Niemand aus dem Hauſe weg⸗ gehen zu laſſen; Niemand, nicht einmal Sie, mein Herr! nicht einmal Sie, Madame!“ Als Gilbert und Gilberte Herrn Guspier mit ei⸗ ner beſtürzten Miene melden hörte, ein Polizeicommiſſär und ein Gerichtsbeamter ſeien im Hotel erſchienen und haben befohlen, Niemand hinauszulaſſen, ohne nur die ebieter des Hauſes von dieſer Maßregel auszunehmen, waren unſere jungen Eheleute weniger beſorgt, als er⸗ taunt, denn ſie dachten, ſie haben nichts mit der Poli⸗ zei zu ſchaffen. Georges und Louiſe gaben auch einiges Erſtaunen kund. Schon zerſtreut von ihrem Schmerze durch die Ankunft des Generals und die ſeltſame Aurufung von Gilbert, der über den Exraufer eine gräßliche Kolik ver⸗ hängte, ſo oft er würde eſſen oder trinken wollen, hatten ſie ſich Anfangs gefragt, ob der Eigenthümer des Hotel dOrbeval verrückt werde. Sie erinnerten ſich indeſſen, jedes für ſich, der Schwachheit des Generals, wie er es nannte, und ſeines letzten Duells, und Georges und Loniſe wußten, daß ſich die erſte Drohung von Gilbert unbegreiflicher Weiſe verwirklicht hatte; ihre Verwunde⸗ rung verdoppelte ſich auch beim Anblick eines Gerichts⸗ beamten, welcher in Begleitung eines Gerichtsſchreibers einahe auf den Feiſen des Intendanten eintrat. Als Louiſe wahrnahm, daß ihr Gatte ein paar Schritte von 340 ihr unbeweglich auf dem Stuhle ſaß, in den er auf die Stimme von Gilbert vernichtet gefallen war, ſagte ſie leiſe zum Dichter: „Gott beſohlen, Georges .. wenn Sie nicht mein unglückliches Leben auf immer der Verzweiflung preisge⸗ ben wollen, machen Sie, daß Ihr Name wieder glor⸗ reich zu mir gelange!“ „Wie! ein ewiges Lebewohl!“ rief der Dichter, da er die junge Frau ſich raſch gegen ihren Gatten wenden ſah. „Louiſe! Loniſe.“ Doch ohne Georges Hubert zu antworten, näherte ſich Loniſe dem General, während der Beamte gerade auf Gilbert zuging und zu ihm ſagte: „Mein Herr, Sie ſind Herr Gilbert, der Eigenthümer dieſes Hotels?“ „Ja, mein Herr.“ „ünd Madame iſt Ihre Frau?“ „Ja, mein Herr!“ „Sehr gut,“ ſprach der Beamte. Und ſich an den Polizeicommiſſär wendend: „Die Identität iſt erwieſen.“ „Mein Herr,“ fragte Gilbert, „wer ſind Sie und was wollen Sie von uns?“ „Mein Herr, ich bin der Inſtructionsrichter,“ aut⸗ Tone der Gerichtsbeamte, „und i wortete mit ernſter und ich komme, um das Mandat zu vollziehen, mit dem ich be⸗ auftragt bin.“ Gilbert und Gilberte ſchauten ſich ganz verblüfft an als ſich plötzlich der Exraufer mit allem Ungeſtüm erhob und rief: ² „Herr Beamter, ich bin der Baron Ponſſard⸗ ſionirter General.“ Der Beamte verbeugte ſich leicht und ſagte: „Was ſteht zu Ihren Dienſten, Herr Genera „Mein Herr, ich verlange Gerechtigkeit gegen dieſen Menſchen.“ Und er bezeichnete mit der Geberde bert, der ſich gerade anſchickte, die Gerichtslente zu fro⸗ . u⸗ ſen il⸗ ra⸗ 341 gen, was ſie von ihm wollten. „Mein Herr,“ ſtammelte der General immer mehr verſtört, „beſchützen Sie, ver⸗ theidigen Sie mich gegen die Hexereien dieſes Menſchen; ich ſage Ihnen, er iſt erſchrecklich.“ „Ich bitte, beruhigen Sie ſich,“ ſprach Louiſe zu ihrem Gatten; „nehmen Sie meinen Arm und laſſen Sie uns gehen!“ „Ich werde nicht von hier weggehen, ehe ich Ge⸗ rechtigkeit gegen dieſen erſchrecklichen Menſchen erlangt habe, erwiederte der General, indem er ſeine Frau zu⸗ rückſtieß, welche ſich ſeines Armes bemächtigen wollte. „Gerechtigkeit, mein Herr Beamter, Gerechtigkeit!“ „Gerechtigkeit, in welcher Hinſicht?“ fragte der Be⸗ amte; „welche Klage haben Sie vorzubringen?“ „Dieſer hölliſche Menſch hat mir ſchon die Kolik gegeben, als ich mich duelliren wollte!“ „Bei Gott!“ rief Gilbert, „und ich rühme mich deſſen.“ „Mein Herr Beamter, Sie hören ihn!“ ſagte der General, „er rühmt ſich deſſen! Nun wohl! das war nicht genug: er hat mir ſo eben erklärt, ich werde die Kolik bekommen, ſo oft ich eſſen oder trinken wolle; er verurtheilt mich zum Hungertode“ „Ja,“ ſprach Gilbert mit ſtolzem Tone, ohne die immer weniger wohlwollenden Blicke zu bemerken, die der Beamte auf ihn warf. „Ja, und das wird die Strafe für Deine vergangene Schlemmerei ſein, dicker Unglücklicher.“ „Mein Herr,“ ſagte Louiſe raſch zu dem Beamten⸗ „Herr Pouſſard, mein Mann, iſt ein wenig leidend, er⸗ lauben Sie, daß ich mich mit ihm entferne.“ Und ſie bedeutete dem Richter durch eine Geberde, das Gehirn des Generals ſei etwas in Unordnung. Der Beamte verſtand die Geberde, wunderte ſich nicht mehr über die ſeltſame Angabe des Exraufers, 342 antwortete Louiſe durch ein Zeichen des Verſtändniſſes und ſagte: „Madame, ehe Sie ſich eutfernen, wollen Sie mir erklären, ob Sie oder der Herr General Verwandte von Herrn oder Fran Gilbert ſind.“ „Verwandte von dieſem teufliſchen Menſchen!“ rief der Baron; „wir wären alſo Verwandte von Beelzebub!“ „Weder der Herr General, noch ich ſind mit Herrn und Frau Gilbert verwandt,“ antwortete Loniſe. „Sie kennen ſie ſeit langer Zeit?“ fuhr der Be⸗ amte fort. „Haben Sie häufig Umgang mit ihnen gehabt?“ „Nein, mein Herr, ich habe heute zum erſten Male die Ehre gehabt, Herrn und Frau Gilbert zu ſehen.“ „Sie mögen ſich entfernen, Madame; haben Sie nur die Güte, mir Ihre Adreſſe zurückzulaſſen; ſie könnte mir nöthig ſein.“ „Meine Adreſſe?“ „Ja, Madame; es iſt möglich, daß man Sie als vorfordert, falls eine Criminalunterſuchung ſtatt⸗ udet.“ Gilbert und Gilberte, obgleich ſie nichts vom Ge⸗ richtsjargon verſtanden, fühlten ſich doch allmälig von einer unbeſtimmten Unruhe erfaßt und rückten, ſich mit den Augen befragend, einander näher. „Eine Criminalunterſuchung! . . ha! Ruchloſer, ich werde Gerechtigkeit gegen Dich erlangen! rief der Ge⸗ neral im Glauben, es handle ſich darum, ſeiner Klage gegen Gilbert Folge zu geben. Und er wandte ſich an den Beamten und ſagte: „Mein Herr, die Zeit drängt; die Stunde des Mittageſſens naht, und Sie be⸗ greifen . . . Sollte ich in dem Augenblick, wo ich mich zu Tiſche ſetze, wie mir dieſer Menſch gedroht hat . . . die Kolik bekommen . ich . .“ „Seien Sie unbeſorgt,“ antwortete der Beamte 343 mit dem Tone, deſſen man ſich bedient, um die Narren zu beruhigen. „Wollen Sie Madame begleiten.“ „Wir wohnen im Hotel de Bordeaux, Rue Mont⸗ martre,“ erwiederte Loniſe, indem ſie mit einem trauri⸗ gen Erſtaunen ihre Blicke von Gilbert und Gilberte ab⸗ wandte, gegen die, nach den Worten des Beamten, eine Criminalunterſuchung eingeleitet werden konnte. „Greffier, ſchreiben Sie dieſe Adreſſe auf,“ ſagte der Richter zu einem Schreiber, von dem er begleitet war. „Herr und Madame Pouſſard, wohnhaft im Hotel de Bordeaux, Rue Montmartre.““ Nun, Madame,“ fügte er bei, indem er ſich an Louiſe wandte, „Sie können ſich nun mit dem Herrn General entfernen.“ Die junge Frau beeilte ſich, ihren Gatten wegzu⸗ führen, deſſen ſchon ſehr geſchwächter Geiſt durch die letzte Prophezeiung von Gilbert vollends ganz aus den Fugen gebracht zu werden drohte. Aber Georges, der Louiſe weggehen ſah und die unerſchütterliche Entſchloſ⸗ ſenheit ihres Charakters kannte, machte, ganz außer ſich vor Verzweiflung, ein paar Schritte, um ihr zu folgen, wurde indeſſen durch den Beamten aufgehalten, der zu ihm ſagte: „Verzeihen Sie, mein Herr, ehe Sie von hier weg⸗ gehen, wollen Sie mir Ihren Namen angeben und mir ein paar Fragen beantworten.“ „Ei! mein Herr!“ verſetzte ungeduldig der Dichter, als er Louiſe mit dem General durch die Thüre eines anſtoßenden Salon verſchwinden ſah, „ich heiße Georges Hubert.“ „Ah! mein Herr,“ ſprach der Beamte, „ich fühle mich beglückt durch die Gelegenheit, die mir den Vor⸗ theil verſchafft, den berühmten Schriftſteller zu ſehen welche „Wenn Sie einige Fragen an mich zu machen ha⸗ 344 ben,“ ſagte der Dichter mit doppelt ſchmerzlicher Unge⸗ duld, „ich bin zu Ihren Befehlen.“ „Sie ſind nicht verwandt mit Herrn und Frau Gilbert?“ „Nein, mein Herr, ich habe ſie heute zum erſten Male geſehen.“ „Greffier, ſchreiben Sie die Antwort von Herrn Georges Hubert auf,“ ſagte der Gerichtsbeamte zu ſei⸗ nem Schreiber. „Die Frau Gräfin d'Orbeval, der früher dieſes Hotel gehörte,“ fuhr der Dichter fort, „hatte mich ge⸗ beten, für ſie ein Kiſtchen aufzuſuchen und ihr zuzu⸗ ſchicken, welches Kiſtchen in dieſem geheimen Verſtecke hier auſbewahrt war.“ Und er deutete auf die noch halb offene Füllung; dann ſagte er zum Intendanten, der von dieſer Scene, welcher er ſtillſchweigend bei⸗ wohnte, immer mehr erſchüttert war: „Herr Guspier, wollen Sie das Kiſtchen, das ich im Gange habe fallen laſſen, holen und mir geben.“ „Dieſer Gang muß alſo zwei Oeffnungen haben?“ verſetzte der Beamte, als er Herrn Guspier ſich nach dem Verſtecke wenden ſah. „Greffier, begleiten Sie den Herrn.“ Der Schreiber begleitete den Intendanten, während der Beamte ſich an den Dichter wandte: „Herr Georges Hubert, es iſt mir nicht möglich, dieſes Kiſtchen von hier wegbringen zu laſſen, ohne mich verſichert zu haben, was es enthält; ich beklage die Förmlichkeit, doch ſie iſt unerläßlich.“ „Ich werde mich derſelben unterwerfen, mein Herr. Hier iſt der Schlüſſel, den mir die Frau Gräfin d'Or⸗ beval übergeben hat.“ „Ah! Herr Richter,“ ſagte Gilbert, der die Geduld verlor, „werde ich endlich erfahren, was Sie hier wol⸗ len? Wir ſind die Gebieter des Hauſes und ſehr erſtaunt über das, was bei uns vorgeht, — hier unter unſern 345 Augen, ohne daß Sie das Wort anders an uns gerichtet, als um uns nach unſeren Namen zu fragen.“ „Sogleich werde ich zu Ihrem Verhöre ſchreiten, mein Herr,“ erwiederte trocken der Jyſtizmann; „wollen Sie Geduld faſſen.“ „Wie, unſer Verhör?“ rief Gilbert. „Ja, Ihr Verhör,“ ſprach der Beamte, indem er einen beſondern Nachdruck auf dieſe Worte legte. Wäh⸗ rend ſodann die zwei jungen Leute einander immer mehr beſtürzt anſchauten, kam Herr Guöpier mit dem Kiſtchen von eingelegter Arbeit zurück; der Unterſuchungsrichter öffnete es, und da er nichts darin fand, als das Por⸗ trait eines Mannes und eine ziemlich große Anzahl zu⸗ ſammengebundener Briefe, ſo ſagte er zum Dichter: „Dieſes Kiſtchen enthält nichts von Werth; Sie kön⸗ nen es mitnehmen und ſich entfernen, nachdem ſie die Güte gehabt haben, mir Ihre Adreſſe zu geben.“ „Meine Adreſſe wird Ihnen unnütz ſein, denn ich verlaſſe Paris noch heute Abend,“ antwortete der Dich⸗ ter mit einem ſchmerzlichen Ausdruck; „ich wohne in⸗ indeſſen im Hotel Voltaire, Quai Voltaire.“ „Es iſt nicht mehr, als billig, daß das Genie un⸗ ter dem Schilde des Genies wohnt verſetzte der Be⸗ amte mit dem freundlichſten Tone. „Mein Herr, ich grüße Sie,“ erwiederte der Dich⸗ ter, der das Kiſtchen unter den Arm nahm. Und er ging hinaus, wie Louiſe hinausgegangen war, verſunken in ſeinen Schmerz und ohne nur einen Blick auf Gilbert und Gilberte zu werfen, welche allein mit Herrn Gus⸗ pier, dem Gerichtsbeamten, ſeinem Schreiber und dem Polizeicommiſſär blieben. Der Inſtrurtionsrichter, nachdem er einen Augen⸗ blick geſchwiegen, ſagte zu Gilbert: „Mein Herr, es iſt allgemein bekannt und erwieſen, daß ſeit mehreren Monaten Sie und ihre Frau Ge⸗ mahlin ſich ungeheure Ausgaben erlauben.“ 346 „Es iſt, bei meiner Treue, wahr, Herr Richter, wir haben ungeheuer viel ausgegeben,“ erwiederte Gil⸗ bert, nicht minder erſtaunt als ſeine Frau über dieſen Eingang. „Das ſind aber, wie mir ſcheint, unſere An⸗ gelegenheiten, und unſere Ausgaben gehen Sie nichts an.“ „Ihre Ausgaben, mein Herr, haben endlich durch ihr Uebermaß die Aufmerkſamkeit der Behörde auf ſich gezogen.“ „Viel, mein Herr, und ſogar viel mehr, als Sie wahrſcheinlich vermuthen . „Die Behörde erweiſt uns zu viel Ehre; doch was will ſie von uns?“ Der Gerichtsbeamte heſtete auf die zwei jungen ſam und jedes Wort abwägend: „Die Behörde verlangt, daß Sie das Gericht mit dem Urſprunge des ungeheuren Vermögens, welches Sie beſitzen, bekannt machen.“ ſchwiegen Gilbert und Gilberte ein paar Secunden, indeß der Unterſuchungsrichter einen bezeichnenden Blick mit dem Polizeicommiſſär wechſelte. „Ah! Minette,“ ſagte Gilbert, „begreifſt Du etwas hievon? Was macht das der Behörde, daß ſie weiß, auf welche Art wir reich geworden ſind?“ „Was willſt Du? man fragt uns, und wir müſſen es ſagen, das iſt ganz einfach!“ „Ja wohl!“ Und ſich an den Beamten wendend: „Mein Herr, die Behörde will alſo nur ſchlechtwes wiſſen, auf welche Art wir Erzmillionäre geworden ſind?“ „Ja, mein Herr.“ „Wahrhaftig! die Behörde beſchäftigt ſich mit uns?“ Leute einen durchdringenden Blick und erwiederte lang⸗ Erſtaunt über dieſe Frage, welche ſie ſo wenig er⸗ warteten, um die ſie ſich aber auch durchaus nicht be⸗ kümmerten, da ſie ihre Tragweite nicht vorherſahen t 3 347 „Wohl! wir haben eine Erbſchaft gemacht, was nicht gerade das Schlimmſte iſt,“ ſagte Gilbert mit leichtem, ungezwungenem Tone. „Bei meinem Ehrenworte, ich finde es auch unglaublich, daß die Behörde ſo viele Leute, uns Beide mitbegriffen, beläſtigt, um ſich darüber zu unterrichten, wie wir reich geworden ſind.“ “ „Bei Gott! das ſpringt in die Augen,“ fügte Gil⸗ berte bei. „Wie ſollten wir reich geworden ſein, wenn wir nicht geerbt hätten?“ „Ah!“ ſprach der Beamte, indem erwieder auf Gilbert und Gilberte ſeinen forſchenden Blick heftete, „ah! Sie haben geerbt?“ „Vollkommen geerbt!“ von wem?“ fuhr langſam der Richter ort. „Ei! von einem unſerer Verwandten.“ „Und dieſer Verwandte, wie hieß er?“ „Wie er hieß?“ Ja, was war ſein Name? in welchem Grade wa⸗ ren Sie mit ihm verwandt? wo wohnte er? was war ſein Gewerbe? iſt er geſtorben?“ Vei dieſen kurzen, haſtigen Fragen ſchwiegen die zwei jungen Eheleute abermals. Rie, ſeit ihrer Berei⸗ cherung, waren ſolche Fragen an ſie gerichtet worden. Sie waren ſehr in Verlegenheit, was ſie darauf antwor⸗ ten ſollten. Bis an das Weiße der Augen erröthend, ſchaute Gilberte mit Bangigkeit ihren Mann an; aber nachdem ſein erſtes Erſtaunen vorüber war, ſchien dieſer in ſeinem Innern einem ſehr drolligen Gedanken zuzulä⸗ cheln, denn fort vährend begriff er nicht die Tragweite des Verhöres des Inſtructionsrichters. Dieſer, nachdem er ein paar Worte leiſe mit dem Polizeicommiſſär ge⸗ wechſelt hatte, brach zuerſt das Stillſchweigen und ſagte mit einem ſpöttiſchen Tone: „Es dünkt mir ſehr ſeltſam, daß Sie ſo lange brauchen, um ſich des Namens des edelmüthigen Ver⸗ 348 wandten zu erinnern, dem Sie, wie Sie ſagen, Ihr ungeheures Vermögen verdanken.“ „Minette, Du wirſt lachen,“ flüſterte Gilbert ſeiner Frau zu; und laut ſprach er mit einem komiſch klägli⸗ chen Ausdruck, indem er die Spitze ſeines Fingers an die Ecke ſeines Auges drückte, als wollte er eine feh⸗ lende Thräne abwiſchen: „Ah! mein Herr Beamter, die Gemüthsbewegung erſtickte mich und verhinderte mich, Ihnen zu antworten! Ach! ich dachte an unſern treffli⸗ chen Oheim Galnchard, der leider an den Ufern des Miſſiſippi geſtorben iſt und uns ſein ganzes Vermögen vermacht hat.“ Immer heiter und lannig, je nach den Eindrücken ihres Mannes, konnte Gilberte, welche den Scherz auch ſehr beluſtigend fand, kaum einen Ausbruch von Gelächter zurückdrängen und erſticken, während Gilbert alſo fortfuhr: „Herr Richter, ich gebe Ihnen in Folgendem die verlangte Auskunft: wir haben von unſerem Oheim von väterlicher Seite Galuchard geerbt. Taufname: Bor⸗ romäus Methuſalem; Alter: ſieben und neunzig Jahre und neun Tage; Gewerbe: ehemaliger Gaukeimänuchen⸗ Fabrikant im Großen für das Ausland; Domicil und Sterbeort; die Ufer des Miſſiſippi . ſo iſt es!“ „So iſt es!“ wiederholte Gilberte laut auflachend. „Wackerer Oheim Galuchard Der am wenigſten hellſehende Menſch hätte auf det Stelle erkannt, daß die zwei jungen Lente logen und ſich luſtig machten, indem ſie ſich für die Erben des ſeligen Galuchard ausgaben. Mit ſeinem Gewerbe ver⸗ traut, konnte auch der Gerichtsbeamte nicht einen Augel⸗ blick durch dieſe groteske Fabel bethört werden. Mit den Polizeicommiſſär einen Blick wechſelnd, der zu beſag' ſchieu: „Ich wußte es wohl!“ ſprach er mit eruſter, drohender Stimme: „Es iſt kein wahres Wort an der albernen Ge⸗ ſchichie, die Sie mir erzählen: Nehmen Sie ſich in Acht. S — — — et nd es em en er ze⸗ ht 349 denn wenn ſie nicht durch Rechtstitel, durch vollkommen authentiſche und legale Acten nachweiſen, auf welche Art Sie in den Beſitz der ungeheuren Summen gekommen ſind, welche Sie auf eine tolle Art ſeit ſechs Monaten verſchleudern, ſo wird das Gericht damit anfangen, daß es mit Sequeſter dieſes Vermögen belegt, deſſen recht⸗ mäßiges Zukommen Sie nicht beweiſen können.“ „Sequeſter?“ verſetzte Gilbert, ſeine Fran anſchauend. „Was iſt das, Segueſter, wie, Minette?“ „Ich kenne das nicht, Bibi.“ „Mit anderen Worten,“ fuhr der Beamte fort, „die Behörde wird von Ihrem Vermögen Beſitz ergreifen, bis ſie gehörig von ſeinem Urſprunge unterrichtet iſt.“ „Wahrhaftig?“ rief Gilbert frendig, „die Behörde wird unſer ganzes Vermögen nehmen?“ „Ja,“ erwiederte der Beamte, ſehr erſtaunt über die Freude von Gilbert; „ja, die Behörde wird vorläufig Alles, was Sie beſitzen, mit Beſchlag belegen.“ „Oh! meine arme Geliebte, hörſt Du dieſen würdi⸗ gen Mann? Welchen Dienſt leiſtet uns dieſe vortreffliche Behoörde!“ „Sieh doch, Gilbert, wie ſich das trifft! nun, da wir uns gerade nach dem Rathe der guten Frau Loniſe Alles deſſen entledigen wollten, was uns noch von dieſem Haufen von Millionen bleibt, welche uns ſo viel Verdruß und Ekel bereitet und die Welt unter einem ſo garſtigen Lichte gezeigt haben!“ „Man kann wahrhaftig nicht köſtlicher liebenswürdig ſein, als die Behörde, denn ſoll ich Dir Eines geſtehen?“ „Ich war wie Du dafür entſchieden, daß wir uns fortan mit einer Rente von zweitauſend fünfhundert Franken begnügen, heiter die Arbeit unſerer Gewerbe wieder aufnehmen und unſer Vermögen der Stadt Paris ſchenken, damit dieſe das Aſylhaus für die armen Leute von unſeren Ständen gründe; doch wer weiß! in dem Augenblick, wo wir unſere Millionen abtreten ſollten, 350 hätten wir vielleicht trotz des Kummers, den es uns verurſachte, gezögert, auf ein ſo großes Vermögen zu verzichten.“ „Oh! ich, ich hätte nicht einen Angenblick gezögert.“ „Du, das glaube ich wohl; denn Du haſt einen beſſeren Kopf als ich; und dennoch . . .“ „Oh! ſei unbeſorgt, ich kenne mich . . .“ „Es mag ſein . . . doch wenn ich im letzten Augenblick ſehr artig meine vielgeliebte Minette gebeten hätte, mir zu erlauben, vier bis fünfmal hunderttauſend Franken zu behalten, ſtatt uns auf unſere kleine Rente zu beſchränken, ſo hätteſt Du vielleicht meiner Bitte nachgegeben, und wir verfielen wieder in die Sorgen eines halben Reichthums. Und dann, wohlhabend genug, um müßig zu bleiben, wären wir nicht zu unſerer theuren Arbeit zurückgekehrt, die uns ſo ſehr gefiel und noch viel mehr gefallen wird.“ „Du haſt vielleicht Recht, Bibi . . . Im Ganzen kommt die Behörde wie gerufen zu uns Es iſt nun nicht mehr zurückzuweichen. Verlangen wit von Herrn Guspier unſere fünfzigtauſend Franken, um unſere Rente zu ſichern, und dann, bei meiner Treue, eine gute Racht der ganzen Geſellſchaft!“ „Ah! wenn das Haus, von dem Frau Louiſe ſprach, zu miethen wäre!“ „Welch ein Glück! wir würden ſchon morgen dort einziehen.“ 6 „Wir nähmen unſere kleine Haushaltung von einſt mit.“ Der Veamte, ein erfahrener Mann, ließ Gilbert und Gilberte ganz nach ihrem Gefallen plandern, ohne ſie zu unterbrechen; er wußte längſt, wie ſehr die Schwatzhaftigkeit der Angeklagten beim Geſchäfte der Unterſuchungsrichter dienlich iſt, während ſich nichts ſo ſchwer durchdringen und ergründen läßt, als ein wort⸗ karger oder in ein unſtörbares Stillſchweigen verſchanzter 351 Angeklagter. Der Beamte ſprach alſo kein Sterbens⸗ wörtchen während der Unterredung der zwei jungen Leute und beſpähte nur jede Bewegung ihrer Phyſio⸗ gnomie, wonach er ſein Urtheil über ſie in den Worten zuſammenfaßte, die er dem Polizeicommiſſär ins Ohr ſagte: . „Das ſind abgefeimte Schelme!“ „Freche Gauner!“ erwiederte der Commiſſär; „der Plan, ihr Vermögen abzutreten, iſt nicht ſchlecht er⸗ ſonnen.“ „Ja, doch ich bin ein alter Fuchs, der die Falle wittert,“ verſetzte der Beamte. „Uebrigens darf man ſich nach den beklagenswerthen Antecedentien, welche den Acten⸗ fascikel dieſer ehrenwerthen Haushaltung bilden, über nichts wundern; auf dieſe Antecedentien werden wir ſogleich kommen. Doch laſſen wir ſie reden.“ „Mein Herr,“ ſprach Gilbert zu dem Beamten, „es iſt alſo beſchloſſen: liefern wir nicht die Beweiſe, daß wir nicht die Erben des ſeligen Herrn Galuchard, unſeres vortrefflichen Oheims, ſind, ſo wird die Behörde von unſerem Vermögen Beſitz ergreifen?“ „Ja, das wird die erſte Förmlichkeit ſein.“ „Sehr gut, wir geben hiezu unſere Einwilligung!“ „Oh! von Herzen gern,“ fügte Gilberte bei; „unter der Bedingung, daß die Behörde unſer Vermögen zur Stiftung eines Aſylhauſes für Lithographen und Blumenmacherinnen verwendet, welche das Alter und die Gebrechen zur Arbeit unfähig machen.“ „Und hienach Ihr Diener, meine Herren von der Behörde!“ ſprach Gilbert, der ſich, wie ſeine Frau, an⸗ ſchickte, aus dem Salon wegzugehen. „Wir verlangen fünfzigtauſend Franken von Herrn Guspier, unſerem Intendanten, und ſagen ihm, daß er Ihnen den Fond unſerer Kaſſe zu übergeben habe.“ „Eine gute Nacht der Geſelſſchaft! Komm, Bibi, wir wollen ſehen, ob das kleine Haus der Avenue 4 ½ 352 Mericourt zu miethen iſt. Das Wetter iſt herrlich! ſieh doch die ſchöne Sonne!“ „Abgemacht, Minette, und dieſer hübſche Spazier⸗ gang iſt wohl mehr werth, als die Fahrten, die wir gähnend in unſeren Wagen machten.“ In dem Augenblick, wo Gilbert, unter ſeinem . Arme den Arm von Gilberte, welche vor Frende hüpfte, haltend, ſich nach der Thüre wandte, ſtellte ſich der Polizeicommiſſär, auf einen Wink des Gerichtsbeamten, auf die Schwelle des Salon, verſperrte, ſeine Schärpe zeigend, den zwei jungen Leuten den Weg und ſagte: „Im Namen des Geſetzes: Sie werden nicht von hier weggehen!“ „Wie!“ rief Gilbert, „wir werden nicht weggehen! Das iſt ein wenig zu ſtark! Wir überlaſſen Ihnen Alles, was wir beſitzen, und Sie wollen uns hier zurückhalten! Ei! alle Teufel, Sie treiben am Ende Ihren Spaß mit den Leuten!“ Erhitze Dich nicht, Gilbert, das iſt ein Mißver⸗ ſtändniß, Du wirſt es ſehen,“ ſagte Gilberte; „nicht wahr, Herr Richter?“ „Es iſt in der That ein Mißverſtändniß,“ erwiederte troniſch der Beamte, „ein ſehr großes Mißverſtändniß! Sie bilden ſich ein, Alles ſei beendigt mit dem gezwun genen Abgeben Ihres Vermögens? So geht es nicht. Hören Sie mich wohl an: Von zwei Dingen eines: entweder gehörten die ungeheuren Summen, die ſie zum Theil verſchleudert haben, rechtmäßig Ihnen, und Sie werden leicht die Legitimität dieſes Beſitzes beweiſen⸗ oder es wird Ihnen unmöglich ſein, dieſen Beweis bei⸗ zubringen, und in dieſem Falle wird das Gericht, deſſen Organ ich bin, ermächtigt ſein, zu glanben, Sie haben ſich dieſer Werthe auf betrüglichem Wege, vielleicht durch verbrecheriſche Mittel, habhaft gemacht. . . und dann wird es darauf bedacht ſein . . . „Wir bereichert durch verbrecheriſche Nittel!“ rief 353 Gilbert mit Erſtaunen und Entrüſtung. „Ah! follten Sie uns zufällig für Diebe halten?“ „Wir ſind ſo ehrlich als Sie, verſtehen Sie wohl?“ ſagte Gilberte nicht minder entrüſtet, als ihr Mann. „Oh! ja wohl! Laſſen Sie ſich bei Madame Batton erkundigen, bei der ich meine Lehre gemacht und für die ich dann gearbeitet habe; ſie wird Ihnen ſagen, daß ſie mir zwanzigmal Diamanten für Summen von zehn bis fünfzehntauſend Franken anvertraut hat. Das beweiſt wohl, daß ich ehrlich bin! Erkundigen Sie ſich auch bei derrn Maurice, dem Bilderhändler, für den mein Mann arbeitet, und Sie werden ſehen, ob wir unredliche Leute ſind. Ein ſolcher Verdacht iſt ſchändlich.“ Und das Auge glänzend, die Wange mit Purpur übergoſſen, den Buſen wogend von edlem Zorne, ver⸗ mochte die junge Frau nicht mehr an ſich zu halten. Es war dies Mal an ihrem Manne, ſie zu befänftigen, und er ſagte zu ihr: 3 „Beruhige Dich doch, Geliebte, Alles wird ſich auf⸗ ären.“ „Ah! Sie haben die Frechheit, Ihre Antecedentien anzurufen!“ ſprach der Beamte mit einer furchtbaren Stimme. „Erfahren Sie, daß ſich die Juſtiz, ehe ſie ſich zu dieſem ernſten Schritte entſchloß, mit dem ich beauf⸗ tragt bin, gewiſſenhaft über Ihre Lebensvorgänge unter⸗ richtet hat, und was ſie durch ihre Nachforſchungen über Sie erfahren, iſt abſcheulich!“ „Das iſt nicht wahr!“ rief Gilberte, die eine Löwin wurde, wenn man ihre Ehrlichkeit und die ihres Mannes angriff. Und ſich an den Unterſuchungsrichter wendend: „Sie ſind ein altes Thier!“ „Mein Gott, ja, das iſt wahr, liebe Minette,“ ſagte Gilbert, der vergebens ſeine Frau zu beſchwichti⸗ gen ſuchte. „Aber erzürne Dich nicht ſo, Du ſchadeſt Dir!“ „Er wagt es, zu behaupten, unſere Aufführung ſei Pubert und Gilberte. I. 23 354 abſcheulich geweſen! Wenn das nicht das Blut in den Adern kochen macht! Komm, komm, laß uns gehen . . ich bin außer mir vor Zorn!“ rief die junge Frau. Und ſie lief raſch nach der Thüre gefolgt von ihrem Manne, der ſie maſchinenmäßig begleitete; doch die Thüre wurde abermals durch den Polizeicommiſſär verſperrt, und dieſer ſagte zum Gerichtsſchreiber: „Holen Sie unſere Leute.“ Dann wandte er ſich an Gilberte, faßte ſie beim Arme und ſprach: „Madame, ich verhafte Sie im Namen des Geſetzes.“ Alle Wetter! Sie wagen es, Hand an meine Frau zu legen!“ rief wüthend Gilbert⸗ indem er den Polizei⸗ commiſſär beim Kragen packte. „Ah! keine ſolche Späße!“ Und er ſtieß kräftig den Mann der Polizei zurück, der, den Arm von Gilberte loslaſſend⸗ ein paar Schritte fortſtolperte, während der junge Mann, als er den Weg frei ſah, ſeiner Frau zurief: „Auf, laß uns fliehen!“ In dieſem Augenblick kam der Gerichtsſchreiber in Begleitung mehrerer Polizeiagenten zurück. Als ſie der Polizeicommiſſär eintreten ſah, rief er ihnen zu, indem er auf Gilbert und Gilberte deutete: „Laßt ſie nicht hinaus, und wenn ſie ſich rühren, legt ihnen Handfeſſeln an.“ XLIV. In ihrem Hotel verhaftet und mit Handfeſſeln bedroht, ſollten ſie den geringſten Widerſtand verſuchen⸗ plieben Gilbert und Gilberte unbeweglich, erſchroken, preßten ſich an einander und fingen an unbeſtimmt den ſchweren Ernſt ihrer Lage zu erſchauen, beſonders, als der Beamte zu ſeinem Schreiber ſagte: — „Greffier, ſchreiben Sie das Verhör der Ange⸗ 355 ſchuldigten auf, denn nun ſtehen ſie unter einer doppelien Anklage: 1) unter der der Beleidigung und der Gewalt⸗ that gegen Beamte in der Ausübung ihrer Functionen; 2) unter der, ſich durch unerlaubte Mittel in den Beſitz beträchtlicher Werthe geſetzt zu haben.“ „Gilbert, mein Gilbert!“ rief die junge Frau er⸗ ſchrocken, „was wird man mit uns machen?“ „Sei unbeſorgt, Geliebte, wir haben uns durchaus nichts vorzuwerfen, wenn nicht, daß Du den Herrn einen alten Lügner und ein altes Thier genannt haſt, und daß ich den Commiſſär beim Kragen gepackt habe; hierin haben wir Unrecht gehabt, doch ich will das ſchon bei⸗ legen.“ Dann ſich an den Beamten wendend: err Richtet „Sie werden ſprechen, wenn ich Sie frage,“ unter⸗ brach der Beamte mit ſtrengem Tone den jungen Mannz „und nehmen Sie ſich in Acht daß Sie Ihre ſo ſchwere Lage nicht verſchlimmern. Angeklagter,“ fügte er bei, während er ein Actenfascikel durchblätterte, „antworten Sie nun, und Sie, Greffier, ſchreiben Sie die Antworten der Inquiſiten auf. Angeklagter Gilbert, Sie wohnten vor ſechs Monaten mit Ihrer Frau in der Rue de l'Uni⸗ verſits No. 17.“ „Ja, Herr Richter.“ „Sie arbeiteten für Rechnung von Herrn Maurice, Bilderhändler auf dem Boulevard Saint⸗Denis.“ „Ja, mein Herr.“ „Nachdem Sie vom Ertrage Ihrer Arbeit gelebt und wie Ihre Frau ſich ziemlich regelmäßig aufgeführt hatten, änderten Sie, ohne Zweifel müde der Rittel⸗ mäßigkeit ihrer arbeitſamen Exiſtenz, plötzlich Ihr Leben, und dieſes wurde äußerſt geheimnißvoll, verdächtig und problematiſch.“ „Problematiſch! Du hörſt, meine arme Minette?“ „Angeklagter, ſchweigen Sie. Es iſt notoriſch, daß 356 Sie mit der Angeklagten mehrere Nächte außer Ihrem Hauſe zugebracht haben?“ „Das iſt wahr, mein Herr.“ „Das Factum wird von Ihnen anerkannt? Es bleibt für die Unterſuchung erwieſen; Sie können ſich ſpäter erklären, und überdies werden wir hierauf zurückkommen. Das iſt noch nicht Alles: Sie haben durch ſtrafbare Uſurpation von adeligen Titeln die Leichtgläubigkeit ver⸗ ſchiedener Perſonen zu mißbrauchen geſucht.“ „Ich, Herr Richter?“ verſetzte Gilbert mit Erſtau⸗ nen, „ich habe Jemand zu mißbrauchen geſucht?“ „Ja, unter Anderen die Portidre des Hauſes, wo Sie wohnten. Während Sie ein verkleideter polniſcher Fürſt zu ſein behaupteten, gaben Sie Ihre Frau für die Tochter eines reichen und vornehmen engliſchen Herrn aus. Das ſind von den Lügen, welche immer ſehr ſchlimme Abſichten bezeichnen Man fängt damit an, daß man ſeine Thoren blendet, um ſie beſſer betrügen zu können.“ „Aber, Herr Richter, das war ein Scherz! Stellen Sie ſich vor, daß ſich die Mutter Badureau, welche nichts von dem, was ſie bei uns ſah, begreifen konnte, ein⸗ vildete, ich ſei ein verkleideter polniſcher Fürſt und meine Frau die Tochter eines engliſchen Mylords; da ließen wir (eine Geſchichte zum Lachen, wir waren damals immer ſehr heiter), da ließen wir die Mutter Badureau bei ihrem Irrthume.“ „Greffier,“ ſagte der Richter, „Sie haben die Ant⸗ wort des Angeklagten geſchrieben?“ „Ja, mein Herr.“ „Angeklagter Gilbert, Sie haben ſo eben ein ſehr wichtiges Geſtändniß gemacht, indem Sie ſagten, die Portidre Ihres Hauſes habe nichts von dem, was ſie bei Ihnen geſehen, begriffen!!“ „Allerdings, Herr Richter,“ erwiederte Gilberte, „das iſt ganz einfach: mein Mann und ich, wir 357 „Angeklagte, Sie haben nicht das Wort; Sie wer⸗ den antworten, weun ich Sie befrage. Angeklagter Gilbert, es iſt alſo für die Inſtructivn dargethan, daß ſeit der Zeit, wo Sie ſowie Ihre Frau mehrere Nächte außer Ihrem Hanſe zuzubringen anfingen (wir werden ſogleich auf dieſe lichtſchenen Excurſionen zurückkom⸗ men), Ihre Wohnung der Schauplatz ſo flagrant mit der Mittelmäßigkeit Ihrer gewöhnlichen Lebens⸗ lage im Widerſpruche ſtehender Begebenheiten war, daß Ihre Portidre in Ihnen einen verkleideten polniſchen Fürſten zu ſehen glaubte, und daß Sie zu Vollführung weiterer Projecte liſtiger Weiſe die genannte Portisre in ihrem Irrthume erhalten haben.“ „Ja, mein Herr . immer eine Geſchichte zum Lachen, aber . . .“ „Die Thaiſache iſt beſtätigt, Sie werden fie ſpäter erklären. Das iſt noch nicht Alles: nachdem Sie ſich frecher Weiſe das Anſehen eines der Mitglieder der höchſten polniſchen Ariſtokratie gegeben, nachdem Sie mehrere Nächte außer Ihrem Hauſe zugebracht, wechſelten Sie plötzlich die Rollen . . . Sie ſind nicht mehr ein verkleideter polniſcher Fürſt . . . Ihre Fran iſt nicht mehr die Tochter eines engliſchen Pornehmen . . . „Ah! gut! Und was werden wir dann?“ „Sie uſurpiren den Namen eines ehrenwerthen Taſchenkünſtlers; Ihre Frau wird abermals die Mit⸗ ſchuldige dieſer neuen Machination: Sie geben ſich frecher Weiſe für Herrn und Madame Bosco aus.“ „Bei meinem Ehrenworte, wenn die arme Minette nicht ſo traurig wäre, man müßte berſten vor La⸗ chen! Das iſt wieder die Mutter Badureau, welche .. Angeklagter, ſchweigen Sie und hören Sie. Sie und Ihre Frau haben alſo den Namen von Herrn und adame Bosco uſurpirt. Die Combination iſt äußerſt geſchickt und die Illuſion möglich, denn es iſt erwieſen, * 6 358 daß Sie eine ſeltene Gewandtheit in den Taſchenſpieler⸗ ſtücken und Bauchrevnerſcenen beſitzen.“ „Ich!“ rief Gilbert außer ſich. „Der Teufel ſoll mich holen, wenn ich je Taſchenſpielerei getrieben habe oder Bauchredner geweſen bin.“ „Angeklagter, nehmen Sie ſich in Acht! Die An⸗ gaben der Portidre Ihrer letzten Wohnung ſind in die⸗ ſer Hinſicht förmlich, niederſchmetternd.“ „Bei Gott! ich glaube es wohl, ſie hat mich eine Commode in ein Kameel verwandeln ſehen.“ „Und ein andermal,“ fügte Gilberte bei, „ſprachen wir mit der Mutter Badureau, während wir unſichtbar für ſie blieben.“ „Doch Alles dies,“ verſetzte Gilbert, „beweiſt nicht, daß „Abermals Geſtändniſſe! immer Geſtändniſſe!“ ſprach der Beamte mit triumphirender Miene. Und Gilbert unterbrechend: „Unwillkürlich kommt die Wahr⸗ heit über Ihre ſchuldbefleckten Lippen; einerſeits leng⸗ nen Sie Beide, in der Taſchenſpielerei und der Bauch⸗ reduerei erfahren zu ſein, und andererſeits geſtehen Sie, mit der genanuten Portière, indem Sie ſich für ihre Augen unſichtbar gemacht, geſprochen und eine Com⸗ mode in ein Kameel verwandelt zu haben! Itſt es „ nicht angenſcheinlich, daß ſolche Geſchicklichkeitsſtücke nur von vollendeten Praktikern in der Kunſt, die Sie nicht zu kennen behanpten, ausgeführt werden können?“ „Aber, Herr Richter . „Die Thatſache iſt erwieſen, Sie werden ſie ſpäter —— erklären. Ich bemerke Ihnen nur, daß aus dieſem eine höchſt ernſte Präſumtion entſpringt: es iſt durch alle im Ramen des Gerichtes eingezogene Erkundigungen be⸗ wahrheitet, daß Sie die Perſonen, von denen Sie, Sie, Angeklagter, bei lithographiſchen Arbeiten, Sie, Angeklagte, als Blumenmacherin verwendet wurden, 359 gar nie von fern vermuthen ließen, Sie ſeien ſo ſehr in der Bauchrednerei und in der Taſchenſpieler⸗ unſt.“ „Bei Gott! ich glanbe wohl, da meine Frau und ich, ich wiederhole es Ihnen, Herr Richter, weder Taſchenſpieler, noch . . . „Ah! Sie gerathen wieder in lügenhaſte und Widerſprüche. Nehmen Sie ſich in „Aber beim Teufel! das iſt, um toll zu werden .. . Wenn ich Ihnen ſage, daß . .. „Angeklagter, ſchweigen Sie!“ „Ja, ſchweige, Gilbert; wir werden ſogleich die Wahrheit ſagen; Alles wird ſich erklären, und man wird uns gehen laſſen.“ „Die Thatſachen verketten und entrollen ſich voll⸗ kommen,“ ſprach der Gerichtsbeamte: „Ihre Exiſtenz iſt Anfangs voller Geheimniſſe, Sie geben ſich für das aus, was Sie nicht ſind, und Sie verbergen das, was Sie ſind, mit einer unglaublichen Verſtellungsgabe; hievon zeugt Ihr ſich widerſprechendes Leugnen in Betreff Ih⸗ rer Geſchicklichkeit als Taſchenſpieler und Bauchredner. Ich komme zu einem der Hauptpunkte der auf Ihnen laſtenden Anſchuldigungen . . . ich meine Ihre nächt⸗ lichen Ausflüge. Es iſt für die Unterſuchung erwieſen, daß Sie mit Ihrer Frau mehrere Tage und mehrere Nächte außer Ihrer Wohnung zugebracht haben.“ „Ja, Herr Richter, und das iſt ganz klar .. enn „Das iſt durchaus nicht klar, dieſe nächtlichen Ausflüge ſind im Gegentheil höchſt dunkel! Sie haben dieſelben mit einem ſo tiefen Geheimniß, mit ſo viel geſchickten Vorſichtsmaßregeln umgeben, daß es Ihnen gelungen iſt, bei Tag oder bei Nacht auszugehen oder nach Hauſe zu kommen, ohne daß die Portisre etwas davon wußte, während doch der Wachſamkeit dieſer Frau 360 von allen Miethsleuten einſtimmig das vortheilhafteſte Zeugniß gegeben wird.“ „Ich ſchließe mich ihnen an, um im Chor die Wachſamkeit der Mutter Badureau zu beſingen: das iſt ein wahrer Cerberus, ein Argus, aber .. . „Und dieſer Cerberus, dieſer Argus, ſollte Sie nicht haben ausgehen oder nach Hauſe kommen ſehen? Sie fallen immer wieder in einen Abgrund von Wider⸗ ſprüchen! Kommen wir auf die Thatſachen zurück. Um ohne das Wiſſen der Portiére aus⸗ und einzugehen, wel⸗ chen Weg nahmen Sie?“ „Keinen, Herr Richter denn . . „Welche Antwort! Sie gingen auf keinem Weg! Nun wohl, ich will Ihnen ſagen, wo Sie hinaus⸗ gingen.“ „Ah! das möchte ich wohl wiſſen.“ „Sie ſollen befriedigt werden. Nach langen Nach⸗ forſchungen, nach einer aufmerkſamen Unterſuchung der Oertlichkeiten, wobei ſie ſich mit competenten Leuten umgab, hat die Juſtiz, von einer Folgerung zur andern fortſchreitend, die Gewißheit erlangt, daß Sie auf die Gefahr, hundertmal des Todes zu ſein, wie Ihre Frau zum Fenſter Ihrer Manſarde hinausgingen und, auf dem Abhange des Daches mit einer unglaublichen Ge⸗ wandtheit fortſchreitend . . . „Ah! ſehr gut! rief Gilbert die Achſeln zuckend. „Du ſollſt ſogleich ſehen, meine arme Minette, daß wir Dachdecker geweſen ſein werden.“ „Warum nicht Seiltänzer ohne Balancirſtange?“ verſetzte Gilberte. „Ei! um auf den Dächern zu gehen, ohne ſich den Hals zu brechen, muß man dieſes Hand⸗ werk getrieben haben.“ „In der That, eine ſolche Geſchicklichkeit, während es höchſt gefährlich, auf den Dächern zu gehen, ohne zu fallen, läßt ſich nur durch eine lange Uebung erwerben,“ ſprach der Beamte. „Die Juſtiz war betroffen von dieſer 361 Betrachtung; Ihre Lebensvorgänge find ſchon ſo dunkel, ſo verdächtig, daß ohne Zweifel die Unterſuchung dieſes an⸗ dere Geheimniß aufklären wird.“ „Aber, Herr Richter, dieſes Geheimniß wollen wir Ihnen mit einem Worte erklären.“ „Sie werden zu rechter Zeit und am geeigneten Orte ſprechen. So viel iſt gewiß, daß, nachdem Sie zum Fenſter Ihrer Manſarde hinausgeſtiegen und über den jähen Abhang des Daches gegangen waren, zu einer ſchmalen bleiernen Dachrinne einer andern höchſt ge⸗ fährlichen Paſſage kommen mußten, gegen die ſich das Fenſter eines Speichers öffnete, welcher zu einem benachbarten Hauſe gehörte, deſſen Treppe Sie ſo er⸗ reichten. Dieſes Haus hatte mehrere Ausgänge, und ſo war es Ihnen leicht, bei Ihren nächtlichen Excurſionen unbemerkt aus⸗ und einzugehen Auf dieſe Art erklärt ſich vollkommen das Geheimniß, in das Sie gehüllt ſfind, und dieſe Erklärung iſt die einzige mögliche.“ „Aber, Herr Richter, das iſt ja ſinnlos!“ rief Gilbert mit einer verdoppelten Ungeduld; „bei der allereinfachſten Sache der Welt iſt man, ſtatt in der Nähe zu ſuchen, bis an das Ende der Erde gegan⸗ ßen „Oh! Ihnen ſcheint Alles ſehr einfach! Wir werden ſogleich ſehen, ob das ſo einfach iſt, als Sie behaupten.“ „Sie müſſen ſich ſelbſt überzengen, Herr Rich⸗ wenn Sie die Wahrheit erfahren!“ erwiederte Gil⸗ erte. Sie werden erſtannen, daß Sie uns einen Augen⸗ blick ſo abſcheulicher Dinge ſchuldig glauben konnten; mein Gott! uns, die wir nie einem Menſchen etwas zu Leide gethan oder Jemand Schaden zugefügt haben.“ „Angeklagte Gilberte, hoffen Sie nicht, mich durch Ihre unſchuldige Miene zu hintergehen! ich kenne meine Leute! ſchweigen Sie! So iſt es für mich erwieſen, 362 daß Sie während dieſer nächtlichen Ausflüge, welche mit ſo vielen Vorſichtsmaßregeln umgeben, ſo geheim⸗ nißvoll und zugleich ſo gefährlich waren, da Sie, auf den Dächern gehend, mehrere Male Ihr Leben gewagt haben, die Machinationen vollführten, mit deren Hülfe es Ihnen gelungen iſt, ſich zu Beſitzern von ungeheuren Werthen zu machen. In der That, — ein auffallendes Zuſammentreffen, — nach der letzten von dieſen licht⸗ ſcheuen Excurſionen verlaſſen Sie plötzlich Ihre beſchei⸗ dene Wohnung, Sie kaufen dieſes Hotel und geben ſich ſo tollen Verſchwendungen hin, daß am Ende die Ge⸗ richte darüber in Bewegung gerathen. Sie handeln in⸗ deſſen mit einer außerordentlichen Vorſicht; ehe ſie eine ſehr ernſte Anklage über Ihnen ſchweben laſſen, for⸗ ſchen ſie nach Ihren Lebensvorgängen; dieſe Lebensvor⸗ gänge ſind höchſt ärgerlich und Sie konnten die Mehr⸗ zahl der Anſchuldigungen, die gegen Sie daraus entſprin⸗ gen, nicht leugnen. Von dieſem Augenblicke an iſt der Verdacht der Juſtiz, das nnermeßliche, von Ihnen mit einer Art von Wuth vergendete Vermögen gehöre Ihnen nicht rechtmäßig, in hohem Grade begründet. Nach den öffentlichen Gerüchten hat Sie plötzlich eine ungeheure Erbſchaft bereichert; es handelt ſich darum, dies aufzu⸗ klären, zu ergründen, und ich bin mit dieſer Sendung betraut. Ich befrage Sie über den Urſprung Ihrer Reichthümer, da antworten Sie mir, den Spott bis zur empörendſten Frechheit treibend, dieſes ungeheure Ver⸗ mögen ſei Ihnen von irgend einem Oncle Galuchard, Gaukelmännchen Fabrikant, der am Miſſiſippi geſtorben. vermacht worden. Ah! nehmen Sie ſich in Acht! Sie ſtellen ſich, als mißkenneten Sie Ihre Lage! ſie iſt er⸗ drückend für Sie! denn wenn Sie nicht auf eine authentiſche Weiſe den urſprung Ihres großen Vermö⸗ gens rechtfertigen, ſo wird das Gericht daſſelbe nicht nur mit Sequeſter belegen, ſondern auch von Ihnen eine ſtrenge Rechenſchaft über die betrüglichen, vielleicht 363 verbrecheriſchen Machinationen fordern, mit deren Hülfe Sie dieſe Reichthümer erlangt haben . . Sie werden ſo⸗ gleich ins Gefängniß geführt! Eine Criminalunterſu⸗ chung wird gegen Sie eingeleitet, unbeſchadet der cor⸗ rectionellen Klage in Betreff Ihrer Beleidigungen und Ihrer Gewaltthätigkeit gegen zwei Beamte in der Aus⸗ übung ihrer Functivnen! Angeklagter Gilbert, ant⸗ worten Sie nun: Beharren Sie bei Ihrer Erklä⸗ rung, Ihre Reichthümer ſeien Ihnen durch Erbſchaft zu⸗ gefallen?“ „Nein, mein Herr.“ „Ah! endlich,“ rief der Gerichtsbeamte triumphi⸗ rend. „Sie geſtehen alſo?“ „Ja, Herr Richter; ich geſtehe ſogar, daß Minette und ich Unrecht gehabt haben, einen ſchlechten Spaß zu machen und von einem verſtorbenen Onele Galuchard zu ſprechen . . .“ „Dieſe Reue kommt ſpät, nie aber iſt es zu ſpät, die Wahrheit zu ſagen; ſo erklären Sie mir nun, wie ſich dieſe ungeheuren Werthe, die ſich nach Millionen zählen, in Ihren Händen befinden,“ „Ich will es Ihnen erklären, Herr Richter.“ „Und Sie werden ſehen, daß, wie mein Mann ſagte, nichts einfacher ſein kann. Rie in unſerem Leben haben wir gelogen, und wir werden nicht heute anfan⸗ gen. Wenn Ihnen Gilbert die volle Wahrheit geſagt hat, Herr Richter, werden Sie der Erſte ſein, welcher anerkennt, daß wir ehrliche Leute ſind, und nicht wahr, dann werden Sie mir verzeihen, daß ich die Achtung gegen Sie verletzte, als Sie uns beſchuldigten, wir ha⸗ ben einen ſchlechten Lebenswandel geführt? Bei dieſem Vorwurf bin ich gegen Sie in Hitze gerathen, Herr Richter; ich habe Unrecht, großes Unrecht gehabt, denn Sie ſind ein betagter Mann . . Hören Sie nur Gil⸗ bert an, ich verlange nichts Anderes von Ihnen, und 364 wenn Sie ihn gehört haben, deſſen bin ſicher, werden Sie gut und nachſichtig gegen uns ſein.“ „Welch eine ſchlaue Schelmin mit ihrem frommen, heuchleriſchen Geſichtchen!“ ſagte leiſe der Commiſſär zum Gerichtsbeamten; „man könnte ſich wahrhaftig nur durch ihr ſüßes Stimmchen allein fangen laſſen!“ „Das ſind große Verbrecher, wenn mich nicht A les täuſcht,“ erwiederte der Beamte. „Sie haben eine eherne Stirne und geben ſich den Anſchein, als wäre es ihnen ganz behagiich. Schauen wir ein wenig, wie ſie ſich aus der Sache herauszuziehen hoffen.“ Gilbert und Gilberte ſahen ſich ſchon frei, es han⸗ delte ſich für ſie nur darum, den Urſprung ihrer Reich⸗ thümer zu erklären. Der junge Mann wandte ſie auch an den Unterſuchungsrichter mit einer aufrichtigen und vollkommen beruhigten Miene und ſprach „Vernehmen Sie, Herr Richter, auf welche Art wir Millionäre geworden ſind. Vor ungefähr ſechs Mo⸗ naten, an einem Sonntag, als ich mit meiner Frau auf dem Boulevard Saint⸗Denis ſpazieren ging, kauf⸗ ten wir bei der Ansſtellung eines ambulanten Krämers ein gutes, roſenfarbiges Weibchen, ſo groß wie ein Daumen. Dieſem Weibchen verdanken wir unſere Reich⸗ thümer . . . Anfangs erſtaunt, ſprang der Beamte bei dieſer Erklärung ſchnell von ſeinem Sitze auf und rief: „Welche Frechheit! . . wie! Sie wagen es, Ihre garſtigen, empörenden Späſſe fortzuſetzen?“ „Aber, Herr Richter,“ ſprach Gilberte, „mein Mann ſagt Ihnen die reine Wahrheit . . . die gute kleine Frau hat uns hundert oder hundert und zehn Sous gekoſtet, ich erinnere mich nicht mehr genau . .. Kurz ein Auvergnat hat ſie an uns verkauft . . . er wollte zwölf Franken.“ „Schweigen Sie,“ rief der Beamte immer mehr, und zwar nicht ohne Grund, überzengt, die Angeſchul⸗ 365 digten treiben ihren Spott mit ihm. Wie! Sie ſagen, Sie wollen mir den Urſprung Ihrer Reichthümer erklä⸗ ren, und Sie ſprechen von einer guten kleinen Frau, die Sie hundert Sous gekoſtet habe!“ „Gewiß,“ erwiederte Gilbert, „da es dieſe gute kleine Frau geweſen iſt, welche uns, ich wiederhole es Ihnen, unſere Millionen gegeben hat.“ „Wie!“ verſetzte der Richter ganz betäubt, deun er konnte nicht glauben, was er hörte, „wie! das iſt die Erklärung, die Sie mir geben? Sie wollen mich alſo in Verzweiflung bringen?“ „Ah! Herr Richter, verſtehen wir uns. Sie ver⸗ langen von mir die Wahrheit, ich ſage ſie Ihnen, und Sie ſind darüber außer ſich, das iſt nicht meine Schuld.“ „Ich ſchwöre Ihnen, daß Gilbert die Wahrheit ſpricht, Herr Richter“ Dieſe gute kleine Frau war eine Korrigan, eine Fee, welche alle unſere Wünſche befrie⸗ digte und uns ſo viel Millionen gab, als wir haben wollten.“ „Hören Sie!“ rief der Beamte immer zorniger, indem er ſich an den Commiſſär wandte. „NRun ant⸗ worten ſie mir mit Mährchen der Mutter Gans! mit Feenmährchen!“ „Ei! Herr Richter, es iſt aber eine Fee zu uns gekommen! Das hat uns Anfangs eben ſo ſehr in Erſtaunen geſetzt, als dies bei Ihnen der Fall iſt; doch was wir Ihnen ſagen, iſt nichtsdeſtoweniger die Wahrheit.“ „Angeklagter, Sie beharren alſo bei dieſer alber⸗ nen Fabel? Sie weigern ſich, zu erklären, auf he Art Sie Beſitzer eines ſo bedeutenden Vermögens ind ?“ „Im Gegentheil!“ rief Gilbert, „wir erklären es Ihnen, da es die Korrigan iſt, die uns dieſes Vermö⸗ gen gegeben hat.“ 366 „Wir wollen doch ſehen, wie weit Ihre Frechheit gehen wird,“ ſprach der Beamte mit einer kaum bewäl⸗ tigten Entrüſtung; „fahren Sie fort.“ „Nachdem wir dieſe gute kleine Frau, welche von einer Art von Porzellan verfertigt zu ſein ſchien, gekauft haben, tragen wir ſie fort und ſtellen ſie, ſo bald wir zu Hauſe angekommen ſind, auf unſern Kamin. Hier aber belebt ſie ſich, hüpft ſie ſpricht ſie! .. Und dann verwandelt ſie ſich in Licht, verſchwindet, und es bleibt von ihr nichts mehr als ihre Stimme, welche zu meinem Manne und zu mir ſagt: „„Meine Freunde, ich werde auf dieſer Welt ſeit mehr als zweitauſend Jahren zurückgehalten. Verlangt von mir, was Ihr wollt, ich werde es Euch bewilligen, bis Ihr mit Eurem Looſe ſo zufrieden ſeid, daß Ihr zu mir ſagt: Gehe, Korri⸗ gan! Dann erſt wird der Zauber, der mich auf dieſer Welt zurückhält, gebrochen ſein, und ich werde meinen Schweſtern nachfolgen können.““ „Das iſt gerade, als ob Sie die Korrigan hör⸗ ten, Herr Richter. Sie begreifen auch, daß wir, da wir der kleinen Fee nur zu befehlen batten, alle Arten von Dingen von ihr verlangten, zum Beiſpiel, der Marquis und die Marquiſe von Montlaur zu ſein.“ „Und wir ſind es geweſen, wir ſind in ihr Leben eingetreten: wir ſind, ich Marquiſe und Gilbert Mar⸗ quis geworden. Das ſcheint Ihnen vielleicht ganz Herr Richter? Und dennoch iſt es wahr.“ „Aber bald der Vornehmheit überdrüſſig, wollten wir den Ruhm verſuchen, und mit Hülfe der Korrigan bin ich Georges Hubert geweſen, der ſo eben hier war, und meine Frau iſt die Baronin Pouſſard geweſen vor ihrer Verheirathung mit dem General, welchem auf meinen Befehl die Korrigan die Kolik gegeben hatte, ſo oft er ſich duelliren wollte. Sie haben gehört, wie mir dieſer alte Raufer ſeine Kolik vorgeworfen, Herr Richter? Ich 367 habe nicht gemacht, daß er dies gethan, und dies muß Ihnen augenſcheinlich beweiſen, daß wir Ihnen die Wahrheit geſagt. „So ſind wir mehrere Tage und mehrere Nächte von Hauſe abweſend geblieben, Herr Richter, denn da wir der Marquis und die Marquiſe von Montlaur oder Georges Hubert und Loniſe waren, ſo konnten wir nicht zugleich ſie und wir ſein und uns in unſerem Hauſe und in ihrem befinden.“ „Die Mutter Badureau hat ſich auch Anfangs ein⸗ gebildet, ich ſei ein verkleideter volniſcher Fürſt, weil ich ihr zweitanſend Franken geſchenkt, und ſpäter, wir ſeien Herr und Madame Bosco, wegen unſeres Ver⸗ ſchwindens das ſie ſich nicht erklären konnte, abgeſehen von einigen kleinen Wundern, die wir der Korrigan zu unſerer Privatbeluſtigung zu verrichten befahlen, um die Portisre ein Erſtaunen zu ſetzen, unter Anderem die Ver⸗ wandlung einer Commode in ein Kameel, was durchaus keine Illuſion von einem Kameel war, ſondern ein ächtes, wahres Kameel in Fleiſch und Knochen, ſo wahr, als Sie, Herr Richter, ohne Vergleichung, ein ächter reſpectabler Gerichtsbeamter in Fleiſch und Knochen nd.“ „Endlich des Ruhmes müde, wie wir der Vor⸗ nehmheit müde geweſen waren, verlangten Gilbert und ich von der Korrigan zehn Millionen, die ſie uns auch gab; dann entließen wir aus Gutherzigkeit unſere „ kleine Fee, daß ſie ihren Schweſtern nachfolgen onnte.“ „Und was uns von dieſen zehn Millionen bleibt, Herr Richter, wollten wir einem Aſhlhauſe für alte Ar⸗ eiter von unſern Ständen weihen, wobei wir uns nur zweitauſendfünfhundert Livres Rente vorbehielten.“ „Weil wir ebenſo, wie wir der Vornehmheit und des Ruhmes müde geworden, Millionäre zu ſein müde wurden, denn das Glück iſt für uns nicht hierin! oh! nein, 368 nein, Herr Richter!. Das iſt die volle Wahrheit! Wir treten von Herzen gern unſere Millionen ab, um ſo viele arme alte Leute davon Gebrauch machen zu laſſen. Un⸗ ſer einziges Trachten iſt nun, ſehr ruhig, ſehr glücklich von unſerer Arbeit und unſerer kleinen Rente zu leben. Das beweiſt Ihnen, Herr Richter, daß wir brave Leute ſind, und Sie verzeihen uns, nicht wahr, daß wir in Hitze geriethen, da Sie uns, ehe Sie uns kannten, als unredliche Leute behandelten!“ Der Richter und der Commiſſär hatten nur mit großer Mühe, wie man leicht begreift, dieſe naiven Er⸗ klärungen angehört. Sie hatten unter ſich Blicke gewech⸗ ſelt, worin nach und nach das Erſtaunen, der Zorn und die Verachtung zu leſen, welche ihnen ſowohl dieſe in ihren Augen ſo unglaublich ausſchweifende Fabel, als die Unverſchämtheit der zwei jungen Leute einflößten, die dieſen Haufen von unmöglichen Dingen mit einer unglaublichen Dreiſtigkeit preisgaben. Als ſie ihre Er⸗ zählung beendigt hatten, ſprach auch der Beamte mit einer höhniſchen Miene: „Angeklagte, haben Sie nichts mehr beizufügen?“ „Nein, Herr Richter.“ „So unterzeichnen Sie Ihr Verhör.“ „Ja, Herr Richter.“ Und ſie ſetzten ihre Namen, Gilbert und Gilberte, unter das Gekritzel des Schreibers. „Das geht gut,“ ſagte der junge Mann leiſe zu ſeiner Frau. „Man wird uns ſogleich frei laſſen, meine arme Minette.“ „Gott ſei Dank, Bibi! Siehſt Du, man gewinnt immer, wenn man die Wahrheit ſpricht.“ „Herr Commiſſär,“ ſagte der Richter, „laſſen Sie den Intendanten eintreten.“ Der Commiſſär holte den Intendanten, der bis da⸗ hin in ein anſtoßendes Zimmer eingeſchloſſen geweſen war. 369 Herr Guspier trat bleich und beſtürzt ein. Der Beamte fragte ihn: „Mein Herr, Sie waren der Intendant von Herrn Gilbert?“ „Ja, mein Herr.“ „Können Sie dem Gerichte einige Aufklärung über den Urſprung des Vermögens Ihrer Herrſchaft geben?“ „Der Herr Lithograph hat mir geſagt, dieſes Ver⸗ mögen komme von einer Erbſchaft her. Die Sache ſchien mir ſo natürlich, daß ich mir hierüber nicht den gering⸗ ſten Zweifel erlaubte.“ „Auf welche Summe beliefen ſich die von den An⸗ geklagten in Ihre Hände übergebenen Werthe, als Sie in ihren Dienft eintraten?“ „Auf zehn Millionen, ohne zwölfmalhunderttauſend Franken zu rechnen, welche für den Ankauf dieſes Hotels und für verſchiedene Ausgaben verwendet wurden.“ „Wie viel bleibt ihnen in Kaſſe?“ „Sechs Millionen und neunundſechzigtauſend Fran⸗ ken, angelegt in Staatskaſſenſcheinen, fünfprocentigen Renten und Banqueactien, und zweiunddreißigtauſend ſieben⸗ hundert Franken in baarem Gelde für die laufenden Aus⸗ gaben.“ „Wo finden ſich dieſe Werthe?“ „In meiner Kaſſe, mein Herr, bewacht von zwei Agenten, welche Sie bei Ihrer Ankunft vor die Thüre meines Cabinets geſtellt haben.“ „Herr Polizeicommiſſär,“ ſprach zu dieſem der Unterſuchungsrichter, „Sie werden den Herrn Intendan⸗ ten begleiten und dieſe Werthe, ſowie das baare Geld, unter Siegel legen; wir bringen das Ganze in die Depots⸗ und Conſignationen⸗Kaſſe. Sie legen ſodann Siegel an die Thüren der Zimmer und der Zugehören dieſes Hotels, und ſie werden daran bleiben? bis die Adminiſtration mit dem Sequeſter beauſtragte Wächter hieher geſchickt hat.“ Gilbert und Gilberte. M. 24 370 „Vorwärts, mein Herr,“ ſprach der Commiſſär zu Herrn Guspier, „wollen Sie mich zu Ihrer Kaſſe führen.“ „Einen Augenblick!“ rief Gilbert, der noch nicht an ſeine Verhaftung und die ſeiner Frau glanben konnte, „wir wollen uns fünfzigtauſend Franken zum Ankauf unſerer kleinen Rente vorbehalten; vergeſſen Sie das nicht, Herr Guspier!“ Der Beamte zuckte die Achſeln und ſagte zum Com⸗ miſſär: „Sie haben meine Inſtructionen; ich brauche nicht beizufügen, daß nicht ein Centime von der Summe, die Sie in der Kaſſe des Intendanten finden, zerſtreut wer⸗ den darf.“ „Das verſteht ſich von ſelbſt,“ erwiederte der Com⸗ miſſär, und Herrn Guépier rief er zu: „Vorwärts, mein Herr!“ „Oh! meine arme Herrſchaft!“ murmelte der In⸗ tendant, während er dem Commiſſär folgte; „meine arme Herrſchaft!“ „Wie, Herr Richter,“ fragte Gilbert, „werden wir nicht wenigſtens unſere fünfzigtauſend Franken bekom⸗ men, um unſere kleine Rente kaufen zu können?“ „Ah! das iſt nicht artig, da wir Alles hergeben,“ fügte Gilberte bei. Der Beamte wandte ſich, ohne hierauf zu antwor⸗ ten, gegen die Polizeiagenten um und ſprach: „Geht auf den nächſten Platz und holt einen Fiacre. Zwei von Euch werden mit den Angeklagten einſteigen und Ihr folgt meinem Wagen bis zum Depot der Po⸗ lizeipräfectur.“ XLV. —— Einer von den Agenten ging hinaus, um den Be⸗ fehl des Inſtructionsrichters zu vollziehen, während Gil⸗ 371 bert und Gilberte ſich mit Erſtaunen und Schrecken än⸗ ſchauten. Sie hatten die Wahrheit, ſo unglaublich ſie war, über den Urſprung ihrer Reichthümer geſagt; ſie hatten auf die Milde des Beamten gerechnet, daß er ihnen einen Augenblick des Aufbrauſens verzeihen werde, und ſie ſahen ſich auf dem Punkte, ins Gefängniß ge⸗ führt zu werden. Gilbert rief: „Aber, Herr Richter! wir ſind unſchuldig! wir haben erklärt, wie die Korrigan . . .“ „Genug!“ unterbrach der Beamte Gilbert mit Ver⸗ achtung. Sie und Ihre Mitſchuldige geben ſich ſehr ge⸗ ſchickt den Anſchein der Narrheit.“ „Narrheit!“ „Doch ich ſage Ihnen zum Voraus, dieſe Liſt, wel⸗ che ſo häufig von Verbrechern angewendet wird, hat man ſogleich gewittert. Da ſie den ſtrafbaren Urſprung Ihres Vermögens nicht erklären wollen, ſo ſtellen Sie ſich, als wären Sie von einer Verrückung des Verſtan⸗ des befallen, und ſprechen von Ihren übernatürlichen Beziehungen zu einer Fee. und andere empörende Al⸗ bernheiten; ich wiederhole Ihnen, dieſe Liſt iſt ganz durchſchaut; die Unterſuchung wird das Geheimniß auf⸗ klären, mit dem Sie ſich umgeben, und entdecken, durch welche Mittel dieſe ungeheuren Werthe ſich in Ihrem Beſitze befinden! Sie verdanken ſie ohne Zweifel dem Diebſtahl . . . und vielleicht dem Morde.“ „Wir Diebe!“ „Wir Mörder!“ riefen gleichzeitig Gilbert und Gilberte verſteinert vor Schrecken und nun erſt die ganze Gefahr ihrer Lage begreifend. Sie konnten den Beſitz ihrer Reichthümer nur auf eine unglaubliche, unzuläßige Weiſe erklären, welche vollkommen die Vorurtheile des Beamten gegen ſie und den furchtbaren Verdacht, den er über ihnen ſchweben ließ, rechtfertigte. In ihrer nai⸗ ven Unwiſſenheit in den Dingen der Juſtiz, die An⸗ klage, das Urtheil und die Verurtheilung 372 vermengend, fühlten ſie ſich auch unfähig, ihre Unſchuld zu beweiſen; ſie ſahen ſich ſchon von der entehrenden Strafe getroffen, die über den, welcher ſtiehlt, verhängt wird, getroffen vielleicht ſogar von der Strafe, zu der man den Mörder verurtheilt, da man ſie beſchuldigte, ſie verdanken ihr Vermögen dem Diebſtahl, vielleicht dem Morde. Sie warfen ſich einander in die Arme und rie⸗ fen weinend: „Man wird uns auf die Galeeren bringen!“ „Man wird uns zur Guillotine ſchicken!“ Herr Gusöpier kam in dieſem Angenblicke zurück in Begleitung des Polizeicommiſſärs; der Letztere brachte meh⸗ rere große verſiegelte Umſchläge, welche die verſchiedenen Werthe in Titeln und Banguebillets, die man in der Kaſſe des Intendanten gefunden, enthielten; er übergab die Papiere dem Unterſuchungsrichter, während der Po⸗ lizeiagent, der einen Wagen zu holen beauftragt gewe⸗ ſen, auch zurückkam und dem Beamiten meldete: „Mein Herr, der Fiaere iſt unten.“ „Folgen Sie mir,“ ſagte der Unterſuchungsrichter zu dem jungen Ehepaare. „Verſuchen Sie es nicht, Widerſtand zu leiſten, denn ich wäre genöthigt, Ihnen Handfeſſeln anlegen zu laſſen.“ Die Unglücklichen dachten nicht an einen Widerſtand; ſie hofften nicht einmal mehr ihren Richter zu rühren; ſie begriffen endlich, daß ihre übernatürliche Verbindung mit der Korrigan, über die ſie ſich am Ende nicht mehr gewundert hatten, in den Augen Aller als eine alberne Fabel erfunden von Schuldigen, denen man zu Leibe rückt, erſcheinen mußte. Nein, ſie dachten nur an Eines, was das Entſetzlichſte für ſie bei ihrem gemeinſchaftlichen Unglück: an eine mögliche Trennung! Bleich, das Geſicht in Thränen gebadet, fiel Gil⸗ berte dem Richter zu Füßen, ſtreckte ihre Hände flehend gegen ihn aus und ſagte unter heftigem Schluchzen zu ihm: 373 „Herr Richter . . . wir haben die Wahrheit ge⸗ ſprochen . . . Sie glauben uns nicht . . . Sie können uns nicht glauben . . . wir wiſſen es wohl . . Sie werden mit uns machen, was Sie wollen; doch ſeien Sie barmherzig und trennen Sie uns nicht.“ „Seit unſerer Verheirathung haben wir uns nie verlaſſen,“ fügte Gilbert ebenſo ſchluchzend wie ſeine Frau bei. „Uns trennen . . . mein Gott! das hieße uns auf der Stelle den Tod geben!“ „Sie werden in das Männergefängniß gehen,“ ant⸗ wortete der Richter die Achſeln zuckend, „und Ihre Frau geht in das Weibergefängniß: das iſt die Regel. Vor⸗ wärts . . . vorwärts!“ Und ſich zum Polizeicommiſſär umwendend: „Mein Herr, laſſen Sie überall hier die Siegel anlegen, nehmen Sie ein Inventar auf, für das der Herr Intendant verantwortlich ſein wird . . . Und Sie, Angeklagte, folgen Sie mir!“ „Herr Richter!“ rief Gilbert, in Thränen zerfließend, „ich ſchwöre Ihnen vor Gott, wir haben Niemand Un⸗ recht gethan! wir ſind unſchuldig!“ „Korrigan!“ murmelte Gilberte im Wahnwitze der Verzweiflung, „gute kleine Fee wir ſchickten Sie aus Gutherzigkeit zu Ihren Schweſtern zurück . . . wenn Sie von den andern Welten, wo Sie ſind, hören, haben Sie Mitleid mit uns! retten Sie uns, Korrigan!“ „Erbarmen Sie ſich unſerer, Korrigan!“ Die Korrigan antwortete nicht: ſie hatte die zwei jungen Leute für immer verlaſſen . Doch indem ſie die Fee in dieſem äußerſten Angenblicke anrief, fühlte Gilberte in ſich den Glauben an die Fortdauer des Le⸗ ens wiedererwachen, einen Glauben, den ſie, wie Gil⸗ bert, der Korrigan verdankte. Alsbald verwandelten ſich die Züge der jungen Frau, ihre Thränen trockneten, ihre Angen glänzten, ihre Stirne ſtrahlte, und ihren Gatten mit ihren Armen umſchlingend, rief ſie plötzlich von einem Gedanken betroffen; 374 „Wir ſind wahnſfinnig, daß wir ſo verzweifeln . . Komm,“ fügte ſie bei, indem ſie auf ein gerade offenes Fenſter des im erſten Stocke liegenden Salon deutete; „komm, laß uns aus dieſer abſcheulichen Welt gehen!“ „Oh! wir ſind gerettet!“ ſprach Gilbert, den Glau⸗ ben und die Hoffnung ſeiner Frau theilend. „Ja, ſterben wir mit einander, um anderswo wiederaufzuleben!“ Und die zwei jungen Gatten, den Tod verachtend, durchdrungen von dem männlichen, geiſtvollen Glauben unſerer Väter an die Auferſtehung der Leiber und der Seelen, welche beſtändig wiederaufleben in den unbe⸗ kannten Welten, wo die Böſen beſſer und die Guten noch beſſer werden, ſo daß ſich in ihren unabläſſigen Wan⸗ derungen die unvergängliche Menſchheit auf dieſe Art von Sphäre zu Sphäre erhebt, bis zu einer Vollkommen⸗ heit, welche unbeſchränkt, unendlich wie die Gottes, — die zwei jungen Gatten waren im Begriffe, ſich aus dem Fenſter zu ſtürzen, um dieſe Welt zu verlaſſen, als ſie von den Polizeiagenten gefaßt und getrennt wurden; den Beamten auf der Ferſe folgend, zogen dann dieſe Menſchen, von denen jeder bei einer Hand Gilbert und Gilberte hielt, die jungen Gatten aus dem Salon fort. Strahlend, denn ſie hegten die Hoffnung, bald zu ſterben, mit heiterer Stirne, ein Lächeln auf den Lippen, durchſchritten die zwei jungen Leute mit ruhigem, feſtem Gange ihre prachtvollen Gemächer. „Geliebter,“ ſprach Gilberte zu ihrem Manne, „wenn heute Nacht in Deinem Gefängniß die zwölfte Stunde ſchlägt, gehe Deinerſeits und ich werde meiner⸗ ſeits gehen, und einen Augenblick nachher werden wir uns wieder zuſammenfinden und mit einander die wun⸗ derbare Reiſe durch neue, ſeltſame und reizende Welten antreten, in denen wir wiederaufleben ſollen.“ „Das iſt beſchloſſen, Geliebte,“ antwortete frendig Gilbert. „Mit dem Schlage zwölf Uhr ziehen wir Beide heiter aus dieſer abſcheulichen Welt aus, wo Vor⸗ — 375 nehmheit, Ruhm und Reichthum im Herzen nur Sätti⸗ gung, Bitterkeit oder Ekel hinterlaſſen!“ „Um Mitternacht alſo, mein Gilbert!“ „Um Mitternacht, meine Gilberte.“ „Haben Sie ſie gehört?“ fragte halblaut der Po⸗ lizeicommiſſär den Unterſuchungsrichter, während man Gilbert und Gilberte in den für ſie beſtimmten Fiacre ſteigen ließ. „Sie ſprechen davon, daß ſie ſich tödten wollen! Es ſcheint offenbar etwas Blutiges bei ihrer Sache zu ſein. Sie hoffen durch den Selbſtmord der ſchweren Strafe, die ſie verdienen, zu entgehen.“ „Sie werden ſich in ihrer Hoffnung täuſchen,“ ver⸗ ſetzte der Gerichtsbeamte. „Es ſollen Befehle dem ge⸗ mäß gegeben werden; man wird ſie in Zellen bringen und ihnen jedes Mittel, ſich das Leben zu nehmen, ent⸗ ziehen; die Gerechtigkeit muß ihren Lauf haben, und die Unterſuchung wird ohne Zweifel ein blutiges Ge⸗ heimniß enthüllen. Die über ſie eingezogenen Erkun⸗ digungen, ihre verſtellte Narrheit, ihre Selbſtmordpläne beweiſen nur zu ſehr, daß ſie ſich durch ein Verbrechen in den Beſitz des ungeheuren Vermögens geſetzt haben, das ſie ſo toll vergendeten.“ Geführt von den Polizeiagenten, waren Gilbert und Gilberte die Stufen der breiten Freitreppe des Hotels, mitten durch ihre zahlreiche, über die Verhaftung ihrer von ihnen angebeteten Gebieter beſtürzte Diener⸗ ſchaft, hinabgeſtiegen. Die Kammerfrauen von Gilberte ſchluchzten, und ebenſo Gamin, der erſte Haushofmeiſter; andere Diener äußerten ihr Beklagen durch dumpfe Drohungen gegen die Polizeiagenten, und fünf bis ſechs große Teufel von Engländern von herculiſchem Körper⸗ bau, welche mit der Wartung der Pferde unter den Be⸗ fehlen von Thompſon, dem Piqueur, beauftragt waren, machten ihren Kameraden in ſchlechtem Franzöſiſch den Vorſchlag, aus dem Stalle Heugabeln zu holen und ihre Herrſchaft mit Gewalt zu befteien. Doch die Anzahl 376 der Stadtſergenten gebot den Leuten des Hotels Achtung und verhinderte die ganze feindſelige Kundgebung. Die zwei jungen Gatten bemerkten zu ihrer Freude die rüh⸗ rende Theilnahme, welche ſie ihren Dienern einflößten, und in dem Augenblicke, wo ſich der Fiacre in Bewe⸗ gung ſetzen wollte, neigte Gilberte ihr reizendes freundli⸗ ches Geſicht aus dem Schlage und ſagte zu den auf der Freitreppe gruppirten Leuten: „Lebet wohl, meine Freunde! Wir haben Euch ſo glücklich gemacht, als wir dies thun konnten. Wir ſind hiefür dadurch belohnt, daß wir ſehen, welchen Kummer es Euch macht, von uns getrennt zu werden . . Gott befohlen. . gedenket meines Mannes, Gilberts des Lithographen, der ein ſo gutes Herz hatte.“ „Und beruhigt Euch beſonders, meine Feunde, und beklagt uns nicht,“ fügte Gilbert bei, der ſeinen Kopf neben dem ſeiner Frau vorſchob. „Minette und ich werden heunte Abend eine bezaubernde Reiſe antreten. Gott befohlen, meine Freunde! Gedenket meiner Frau, der Blumenmacherin, welche ein ſo gutes Herz atte!“ „Vorwärts!“ rief einer von den Polizeimenſchen mit einer groben, heiſeren Stimme dem Kutſcher des Fiacre zu, in welchem ſich das junge Ehepaar in Ge⸗ ſellſchaft eines andern Agenten befand, der den Vorder⸗ ſitz des Wagens inne hatte. „Vorwärts! ſie ſind einge⸗ packt .. Du fährſt nach dem Depot der Conciegerie, mein Alter!“ Der Fiarre ſetzte ſich in Bewegung, während die auf der Freitreppe des Hauſes verſammelten Dienſtboten beinahe Alle weinten und mit gerührter Stimme Gilbert und Gilberte nachriefen: „Leben Sie wohl, Frau Blumenmacherin! Gott be⸗ fohlen, Herr Lithograph! . .. Oh! nie, nie werden wir wieder eine ſo gute Herrſchaft finden!“! „ — * 377 XLVI. Auguſt Meunier und ſeine Frau Oieſe zwei durch Gilbert und Gilberte bereicherten Neidiſchen), bewohnten oben in der Rue Saint⸗Lazare ein kleines Haus vom düſterſten Ausſehen. Dieſes Gebäude erhob ſich, an eine große ſchwärzliche Mauer angelehnt, im Hintergrunde eines Hofes, in welchen man durch einen Thorweg ein⸗ trat, an deſſen Seiten zwei niedergedrückte Pavillons ſtanden. Der eine hatte als Wohnung für einen Con⸗ cierge, der andere als Stall gedient; aber Meunier beſaß weder Pferde, noch Concierge. Unſere zwei Nei⸗ diſchen waren von einem ſchmutzigen Geize beſeſſen, an⸗ geſtachelt durch die unerſättliche Gierde, ihr ſchon be⸗ trächtliches Vermögen zu vermehren, und in der Hoffnung, daſſelbe eines Tags vielleicht die Summe von dem ihrer ehemaligen Freunde erreichen zu ſehen. Um ihren verzehrenden Burſt nach Gold zu ſtillen, ertrugen Auguſt und Juliette ſtoiſch die härteſten Entbeh⸗ rungen. Juliette beſorgte allein die Haushaltungz ſie kaufte alle paar Tage einen Laib Brod, ein wenig dürftige Fleiſchwaaren, und füllte, wenn ſie ausging, an einem benachbarten Brunnen einen Krug mit Waſſer. Sie flickte ihre alten Kleidungsſtücke, ſowie die ihres Mannes, be⸗ ſorgte ſeine Schreibereien und führte ſeine Kunden ein, welche durch vas Geräuſch einer vom Thorwege mit dem Erdgeſchoße des, nur einen Stock hohen, Hauſes in erbindung ſtehenden Klingel angekündigt wurden. Die Kundſchaft von Meunier war ziemlich zahlreich. Scheinbar machte er, wie man zu ſagen pflegt, den Disconto, in Wirklichkeit trieb er aber einen unbändigen Wucher. Durch ſeine ehemaligen Beziehungen mit einer großen Anzahl von Kaufleuten vertraut, den Platz aris ganz genau kennend, lieh er ſein Geld nur mit 378 gutem Vorbedacht und gegen übermäßiges Intereſſe aus, wobei er ganz beſonders auf die furchtbaren Anſprüche der Enden des Monats, die fortwährende Angſt der kleinen Handelsleute, ſpeculirte. Das war noch nicht Alles: verbunden mit andern Unterhändlern, welche ihre Stelle in einer gewiſſen Welt haben, borgte Meunier Familienſöhnen Geld, doch nicht leichtſinnig, ſondern mit einer außerordentlichen Vorſicht und nie ohne ſo ſichere Garantieen der Zahlungsfähig⸗ keit, daß er noch nicht Fleiſchbrühe getrunken hatte, wie er in ſeiner pittoresken Sprache ſagte. Er hielt ſich überdies ſehr geſchickt auf der Hut in Betreff der gerichtlichen Folgen, welche ſeine im Strafcoder ſtrenge gualificirten Speculationen haben konnten, und mit Hülfe der Combinationen, mit denen die Leute ſeiner Art ſo ſehr vertraut ſind, wußte er ſich vollkommen vor allen Proceſſen das Vergehen des Wuchers betreffend zu ſchützen. Die zwei Geizigen befanden ſich im Beſitze ihres Hauſes, das ſie allein bewohnten, in Folge einer Zwangs⸗ veräußerung, herbeigeführt durch ein von ihnen gemachtes hypothekariſches Anlehen. Anfangs hatten ſie gezögert, Beſitzer eines unbeweglichen Gutes von einem aus dem Geſichtspunkte ihres Geizes ſo bedeutenden Preiſe zu bleiben; doch dieſes im Hintergrunde eines Hofes lie⸗ gende, von hohen Mauern umgebene, vereinzelte kleine Haus, in das man nur durch einen Thorweg gelangen konnte, der immer ſorgfältig verſchloſſen und mit einer vergitterten Luke verſehen war, durch welche Juliette mit einem mißtrauiſchen Auge die Kunden, ehe ſie dieſelben einließ, prüfend beſchaute; dieſes kleine Haus hatte dem Ehepaare genug Vortheile zu vereinigen geſchienen, daß es daſſelbe zu behalten ſich entſchloß. Das Erdgeſchoß war mehr als genügend für die Wohnung der zwei Gatten; ſie ließen den erſten Stock unbewohnt. Die Treppe⸗, 379 welche dahin führte, war zu größerer Sicherheit ver⸗ mauert worden. Nichts kann einen Begriff von der Traurigkeit die⸗ ſes auf allen Seiten durch die Mauern der benachbarten Häuſer beherrſchten einſamen Wohngebäudes geben; es war eine Art von Grab, in das die Sonne ihre Strah⸗ len nur im Sommer warf, während im Winter (und man hatte dieſe Jahreszeit erreicht), die ſchwarze Feuchtigkeit des Nebels oder das weiße Leichentuch des Schnees be⸗ ſtändig das Pflaſter des Hofes bedeckte. Es war ſeit kurzer Zeit Racht. In ihr Schlafzim⸗ mer zurückgezogen, vollendeten Meunier und ſeine Frau ihr Mahl beim Scheine eines mageren Lichtes. Trotz der außerordentlich ſtrengen Kälte ſah man keinen Fun⸗ ken Feuer im Kamine dieſer großen, düſtern, verfallenen Stube. Durch das Alter entfärbt, durch die Feuchtigkeit da und dort von der Wand losgetrennt, hing die Pa⸗ piertapete an gewiſſen Stellen in Fetzen herab. Ein eiſernes Bett ohne Vorhänge, verſehen mit einem Stroh⸗ ſacke, einer dünnen Matratze, ſchmutzigen Leintüchern und einer von jenen groben Decken, wie man ſie in den Ka⸗ ſernen und'in den Gefängniſſen ſieht, nahm den Hinter⸗ grund der Stube ein. Neben dieſem ſchmutzigen Lager diente ein hinkender Nachttiſch als Depot für die Waffen von Meunier, beſtehend aus einem Paar geladener und mit Zündkraut verſehener Doppelpiſtolen, einem langen Dolche und einem Caſſe⸗téte. Die Zweckmäßigkeit dieſes Arſenals erklärte ſich durch die Gegenwart einer mit Eiſen überzogenen und gefütterten Sicherheitskaſſe, welche das am meiſten in die Augen fallende Meuble dieſer Stube bildete. Männer⸗ und Frauenputzſachen, die ein Lum⸗ penſammler von der Straße aufzuheben gezögert hätte, hingen in einer Ecke an Mantelträgern, und auf einem rette darüber ſtanden mehrere Paare alte, verkrümmte, ausgetretene, kothige Schuhe und Stiefel. Ohne Vor⸗ änge, wie das Bett, und äußerlich durch dicke eiſerne 380 Stangen geſchützt, waren die Fenſter innen mit Läden verſehen, an denen man von oben bis unten Eiſenblech befeſtigt und zwei enge Schießſcharten angebracht hatte, durch welche Meunier im Falle eines Einbruchsverſuches feuern konnte. Die Platten des früher rothen, nun aber erdfarbigen und an zwanzig Stellen zerſprungenen Bo⸗ dens ſchwitzten die eiſige Feuchtigkeit dieſer Wohnung aus, eine Feuchtigkeit, welche ſo gewaltig war, daß die gelbliche Flamme des auf dem Speiſetiſch ſtehenden Lich⸗ tes unter einer Art von nebeliger Umkreiſung flackerte. Auf dieſem fettigen Tiſche ſah man eine halb mit Waſſer gefüllte Flaſche, zwei zerſprungene Teller, die Hälfte von einem ſechspfündigen Laibe Brod, das ſo hart wie Schiffszwieback; dann in der Mitte eine angebrochene Fayenceplatte, Brocken von ranziger Speckwaare enthal⸗ tend, deren Ausdünſtung den im Zimmer verbreiteten ſcharfen Geruch noch mehr Ekel erregend machte. Die zwei Geizigen, welche, auf ſich zuſammenge⸗ krümmt, einander gegenüber ſaßen, zitterten vor Kälte, obgleich Meunier über ſeine Kleider einen alten gelblichen Carrick, deſſen aufgeſchlagener Kragen bei weitem ſeine durch eine ſchwarze ſeidene Mütze verborgenen Ohren überragte, angezogen und Juliette in Form einer Capuze auf ihren Kopf einen alten fettigen Tartanſhawl gebun⸗ den hatte. Beide hatten eine ſcharlachrothe Naſe und violette Hände. Ihre Sorgloſigkeit in Betreff ihrer Per⸗ ſon wurde doppelt widrig, denn ſie waren jung, und dem Geſichte von Frau Meunier fehlte es nicht an Regel⸗ mäßigkeit. Doch die glühende Habgier, welche dieſe Frau und ihren Mann verzehrte, die harten Entbehrungen⸗ die ſie ſich auflegten, gaben ihren abgemagerten Zügen einen zurückſtoßenden Ausdruck von Trockenheit und Härte. Die zwei Ehegatten ſetzten alſo ein angefangenes Ge⸗ ſpräch fort: „Wir, wie ſie zehn Millionen reich!“ ſagte Juliette im Tone der Ungläubigkeit; „das iſt unmöglich!“ 381 „Das iſt im Gegentheil ſehr möglich .. Rechnen wir ein wenig, und Du wirſt ſehen. Nicht wahr, wir beſitzen zu dieſer Stunde zwei Millionen? Ich ſpreche nicht einmal von den Intereſſen, die wir ſie haben ſchwitzen laſſen, ſeitdem ich Werthe discontire. Setzen wir alſo zwei Millionen in runder Summe.“ „Sehr gut!“ „Du weißt, wie eine Summe durch ihre zu fünf Procent capitaliſirten Intereſſen ſich in zehn Jahren ver⸗ doppelt.“ „Nun?“ „Sind unſere zwei Millionen zu fünf Procent angelegt und eapitaliſirt worden, ſo werden wir in zehn Jahren vier Millionen beſitzen. Da ich aber im Durch⸗ ſchnitt zu fünfzehn bis achtzehn Procent leihe, ſo werden wir, die Capitaliſirung dieſer Intereſſen zu fünfzehn Pro⸗ dent angeſchlagen, in zehn Jahren fünf Millionen be⸗ ſigen, welche fünf Millivnen, während zehn weiterer Jahre rapitaliſirt (wobei ich ihr Intereſſe nur zu fünf Procent erechne), uns ein Vermögen von zehn Millionen bilden.“ „Das iſt wirklich wahr! Ich bin fünfundzwanzig Jahre alt, Du biſt ſechsundzwanzig, und wir werden vor dem Alter von fünfundvierzig bis ſechsundvierzig Jahren zehn Millionen reich ſein.“ „Ja, meine Gute, und erreichen wir nur das ſech⸗ zigſte oder ſiebenzigſte Jahr, was gar nichts Erſtaun⸗ liches wäre bei dem nüchternen, geordneten Leben, das wir führen, ſo urtheile ein wenig, bis zu welcher unge⸗ euren Summe unſer Vermögen ſteigen kann.“ „Auguſt, wenn ich hieran denke, ſo bemächtigt ſich meiner eine Art von Blendung! .. Zehn Millionen .. . fünfzehn Millionen vielleicht.“ „Ahl das iſt die Ordnung und die Sparſamkeit“ So ſprechend, blies Meunier, der ſich ohne Zweifel nur halb geſättigt fühlte, in ſeine bläulichen, durch die Kälte erſtartten Finger und nahm vom Tiſche ein ver⸗ 382 roſtetes Meſſer, um ſich ein Stück Brod abzuſchneiden, gegen das er ſeine Hand ausſtreckte; doch Juliette kam plötzlich mit ihrem knochigen Arme unter ihrem Shawl hervor, ſtreckte auch auf das Brod ihre magern, an den Nägeln ſchwarz unkreiſten Finger aus und ſagte mit gebieteriſchem Tone zu ihrem Manne: „Genug gegeſſen; unſere ſechs Pfunde müſſen bis übermorgen ausreichen.“ „Das iſt wahr,“ erwiederte Meunier, den Kopf Fütelnd, während er maſchinenmäßig ein paar um ihn her zerſtreute Krümchen auflas; „welch eine Frau von Ordnung biſt Du! Dann ſuchte er zu lachen, um ſeinen Hunger zu vergeſſen, und ſprach: „Du wachſt über Deinem Brode, wie der Drache der Heſperiden über ſeinem Schatze! Das erinnert mich an jenes Mittagbrod im Cafs de Paris (beglückter Tag, an welchem wir unſere erſte Million erbten), das erin⸗ nert mich, ſage ich, an jenes Mittagbrod im Cafs de Paris, wo Du mit einer ſo ſtrengen Sorgſamkeit über unſerer Flaſche wachteſt, damit ich nicht mehr als die Hälfte trinke .. . He! he! he! gedenkſt Du noch deſſen? Dort haben wir zum erſten Male den großen Gilbert getroffen, der, Gott ſei Dank, in dieſem Augenblick „Legen wir uns zu Bette und löſchen wir unſer Licht aus, das umſonſt brennt,“ unterbrach Juliette ihren Mann, während ſie aufſtand; „wir werden im Bette wärmer haben, und man plaudert ebenſo gut, ohne ſo hell zu ſehen, als beim Lichte.“ „Ah! liebe Gute! ich vermöchte Dir nicht oft genug zu wiederholen, Dich darüber zu preiſen; Du biſt die vorzugsweiſe Frau von Ordnung; Du haſt Recht, legen wir uns zu Beite und plandern wir in der Dunkelheit.“ Meunier, nachdem er die Verſchließungen des Zim⸗ mers inſpieirt und ſich verſichert hatte, daß ſeine Piſtolen geladen waren, fing an ſich auszukleiden, während ſeine 388 würdige Gefährtin ſorgfältig in eine der Schubladen der Commode, welche als Speiſeſchrank diente, die Brocken der ranzigen Speckwaare und den Ueberreſt vom Brode legte, um dieſe Commeſtibilien der Gefräßigkeit den Ratten zu entziehen, von denen das alte Haus heim⸗ geſucht warz als dann Auguſt kaum im Bette lag, blies Juliette behende das Licht aus und ſagte: „Oh! ich entkleide mich vortrefflich, ohne hell dabei zu ſehen.“ „Du haſt Recht, keine Verſchleuderung!“ erwiederte nguſt. Und das Geſpräch der zwei Ehegatten wurde alſo in der Finſterniß fortgeſetzt: „Ah! was den famoſen Gilbert und ſeine nicht minder famoſe Gilberte betrifft, ihr Proceß, von dem alle Zeitungen ſprechen, endigt alſo nicht? Man zögert ſehr lange, um das Urtheil über unſere theuren Freunde zu fällen,“ ſagte Juliette mit einem gehäſſigen Ausdruck. „Erinnerſt Du Dich jenes Souper, das ſie uns gaben, um ihr herrliches Hotel einzuweihen?“ „Ob ich mich erinnere? gewiß! und mit Wonne erinnere ich mich, denn ohne die grauſame De⸗ müthigung, die uns dieſer freche Luxus verurſachte, wä⸗ ren wir, davon bin ich feſt überzengt, nicht auf dieſem Wege wunderbarer Bereicherung, auf welchem wir heute gehen! . Geſtehe, liebe Gute, vor unſerer Erbſchaſt, als wir nur tauſend Thaler Gehalt hatten, lebten wir als wahre Verſchwender im Vergleiche mit unſerem ge⸗ genwärtigen Leben; doch das Verlangen, eines Tags ſo reich zu werden, als dieſer famoſe Gilbert, der uns mit ſeiner Pracht erdrückte, hat uns providentiell den Sinn für die Ordnung und die Sparſamkeit gegeben.“ „Oh! meine Ahnungen täuſchten mich nicht, als ich nach dieſem erſten Souper, zu dem ſie uns eingeladen atten, um uns zu plagen, die Wuth im Herzen zu Dir agte: „Geduld, Geduld, ſie geben ſich das Anſehen 384 von vornehmen Leuten, aber früher oder ſpäter wird ihnen nichts mehr bleiben, als ihre Augen, um zu wei⸗ nen! Wer zuletzt lacht, lacht am beſten.““ „Das iſt wahr, Du haſt es mir geſagt, und wir lachen in der That zuletzt.“ „Und wir werden noch viel mehr lachen, wenn man ſie auf die Galeeren ſchickt als Diebe, was ſie ſind, da ſie die Millionen, auf die ſie ſo ſtolz waren, geſtoh⸗ len haben . . . Aber warum zögert man ſo ſehr, ſie zu verurtheilen?“ „Ein Gerrichtsdiener, der die Tribunalzeitungen lieſt, hat mir geſagt, die Unterſuchung werde unabläßig verfolgt, doch man habe noch nicht genug belaſtende Anzeigen gegen ſie gefunden, um die Sache ſpruchreif zu machen.“ „Dann muß die Juſtiz ſehr gutmüthig ſein,“ ver⸗ ſetzte Juliette mit herbem Tone. „Wie, dieſe Unglück⸗ lichen haben im Augenblick ihrer Verhaftung die Abſicht, ſich in der folgenden Nacht das Leben zu nehmen, geof⸗ fenbart, und das ſollte nicht genügen, um zu beweiſen, wie ſehr ſie ſtrafbar ſind?“ „Zum Glück ſind ſie, jedes in ſeinem Gefängniß, ſo ſcharf bewacht worden, daß ſie ihr Vorhaben nicht ausführen konnten.“ „Nichtsdeſtoweniger zeigt ihr Selbſtmordplan, daß ſie ſich ein Verbrechen vorzuwerfen haben. Ich komme auch immer hierauf zurück: wie kann die Juſtiz ſo gut⸗ müthig ſein, daß ſie keine Beweiſe gegen ſie findet?“ „Sie wird ohne Zweifel finden, liebe Gute, hoffen wir es. Oh! ich gebe etwas, um der Verurtheilung⸗ der Schmach dieſer Leute beizuwohnen, die ſich darin gefallen haben, uns durch ihren Luxus einer vornehmen Herrſchaft zu demüthigen! ein Luxus, unter dem ſie eine ſo freche Ungezwungenheit affectirten, als ob ſie dieſer fürſtlichen Exiſtenz gewohnt geweſenwären, während 385 wir uns in den erſten Zeiten unſeres unerwarteten Glückes gleichſam deſſelben ſchämten!“ „Ich bin wie Du, Auguſt: ich gebe etwas, um mich an ihrer Schande zu weiden und ſie unter meinen Füßen zu ſehen.“ „Die Unverſchämten! . .. Wenn man bedenkt, daß ſie, als wir uns mit ihnen entzweiten, weil, ſo oft wir ſie beſuchten, ihr Reichthum uns gleichſam beohrfeigte, die Frechheit hatten, zu uns zu ſagen: „Ei! ſuchen Sie keine Vorwände; ſprechen Sie offenherzig: geſtehen Sie, daß Sie uns um unſern Reichthum beneiden, daß er für Sie ein Herzeleid iſt, und daß dies die Urſache Ihres Bruches mit uns iſt!““ Ha! ha! ha! er iſt nun ſchön, dieſer Reichthum, famoſer Gilbert!“ „Ha! ha! ha!“ ſagte Juliette, ebenfalls höhniſch und boshaft lachend, „ſie ſind friſch, die hübſchen Toi⸗ letten, die Du in Deinem Gefängniſſe machſt, famoſe Gilberte! Du, die Du immer wie eine Herzogin geklei⸗ det warſt!“ „Ha! ha! ha! Ihr habt zu dieſer Stunde erſte und zweite Haushofmeiſter, die Euch kaltwarme junge Enten ſerviren, nicht wahr?“ „Und in dem Hofe Eures Gefängniſſes promenirt Ihr ohne Zweifel im Wagen mit vier Pferden, gefahren von Eurem erſten engliſchen Kutſcher! Ha! ha! ha!“ Während einiger Secunden ſtörte allein das ſcharfe, ſchrille Gelächter der in ihrem Haſſe Triumphirenden die Stille der Finſterniß. Plötzlich verband ſich mit dieſem grauſamen Gelächter das Geräuſch der Klingel, welche vom Thorwege mit dem Erdgeſchoße in Verbindung ſtand. In dieſem Augenblickſchlug es zehn Uhr in einem entfernten Glockenthurme. „Wer kann um dieſe Zeit kommen?“ ſagte Juliette. „Wir empfangen nie einen Menſchen am Abend.“ „Wohl! derjenige, welcher ſich vor unſerer Thüre Gilbert und Gilberte. II. 25 386 befindet, wird dort bleiben! Der Teufel ſoll mich holen wenn ich aufſtehe, um ihm zu öffnen! Klingle, Burſche, klingle!“ „Klingle . . . klingle! .. Wahrhaftig, ich bewun⸗ dere Deine Kaltblütigkeit,“ verſetzte bitter Juliette. „Und wenn man die Glocke zerbricht . . . Ah! mein Gott, man wird ſie zerbrechen,“ fügte ſie voll Angſt bei. — „Hörſt Du dieſes hölliſche Geläute! Man zer⸗ bricht Alles. Einen Augenblick Geduld! Ich, ich will keinen ſolchen Schaden . . Sogleich werde ich der Sache ein Ende machen.“ „Welch eine Frau von Ordnung!“ rief Auguſt, der Juliette aus dem Bette eilen fühlte. „Aber Du wirſt Dir den Schnupfen zuziechen, wenn Du durch den Hof gehſt: es ſchneit. Laß mich ſtatt Deiner gehen.“ „Mein Gott, mein Gott! man wird Alles zerbre⸗ chen! Abermals Reparaturen, als ob es nicht genug an denen des Daches wäre, welche vorgeſtern erſt beendigt worden ſind!“ rief voll Angſt Juliette, die in der Finſterniß mit bloßen Füßen umherging und Zündhölz⸗ chen ſuchte, um ihr Licht anzuzünden, während das Glockenſpiel ſeine Thätigkeit verdoppelte und immer be⸗ drohlicher für die Exiſtenz der Klingel wurde. „Aber ich wiederhole Dir, Du wirſt den Schnupfen bekommen, liebe Gute; ich will aufſtehen!“ „Ah! ich habe ſie!“ rief Juliette. Doch vergebens rieb ſie auf dem Tiſche das phosphorescirende Ende der Zündhölzchen: die fünf erſten fingen kein Feuer. „Fünf Zündhölzchen verloren!“ murmelte voll Aerger die Gei⸗ zige. Es iſt ſo feucht hier! Feuer wäre aber noch vie koſtſpieliger, als der Verluſt von ein paar Zündhölzhen. Endlich!“ fügte fie bei, da ſie den Funken dies⸗ mal hervorſpringen ſah. Sie zündete das Licht anz dann kauerte ſie ſich auf die Erde, hob ſorgfältig die fünf Zündhölzchen auf, legte ſie auf den Tiſch und ſagte zu ihrem Manne: „Du wirſt ſie an ihrem Ende ſpalten 387 und dann zuſpitzen; ſie mögen Dir als Zahnſtocher die⸗ nen; Du, der Du immer verlangſt, kannſt Dich nun damit bewirthen.“ „Welch eine Frau von Ordnung! Und wie zuvor⸗ kommend iſt ſie! rief Meunier. Im Aufſchwunge ſeiner Bewunderung machte er auch abermals eine Bewegung, um aus dem Bette zu gehen, und ſagte: „Nein, liebe Gute, Du ſollſt nicht hinaus. Du kannſt Dich erkälten, krank werden.“ „Und wenn Du krank wirſt?“ erwiederte Juliette, indeß ſie haſtig ihren ſchmutzigen Unterrock anzog und mit ihren nackten Füßen in alte Schlappen ſchlüpfte. Ja, wenn Du krank biſt, wie wird es hernach mit dem Disconto gehen?“ Dann ſtieß ſie einen Angſtſchrei aus, als ſie das Geklingel immer heſtiger werden hörte, und rief: „Ah! diesmal wird die Glocke nicht widerſtehen!“ Sie täuſchte ſich in ihren Befürchtungen, doch das Geklingel dauerte mit derſelben Heftigkeit fort. Juliette hüllte ſich haſtig in einen geflickten Mantel und hob mit einer männlichen Hand die eiſernen Haken auf, welche die Thüre von innen feſthielten, während ihr Meunier zurief: „Und vor Allem, öffne nicht! Sieh und ſpähe nur durch die Luke . Aber wie! Du gehſt ohne Licht . . . Du läufſt Gefahr, Dich an der Leiter zu ſtoßen, welche die verfluchten Dachdecker im Hofe gelaſſen haben!“ „Oh! ich werde mich in Acht nehmen . Ich brauche kein Licht, der Wind würde es nur ablaufen machen oder gar auslöſchen, und ich müßte abermals Zündhölzchen nehmen, um es wieder anzuzünden,“ er⸗ wiederte Juliette. „Sei unbeſorgt, ich kenne des Hauſes Gelegenheit!“ Ja wohl! mißtraue aber dieſer Teufelsleiter!“ rief Meunier Juliette zu, die haſtig hinausging. „Ah! welch eine Frau! welch eine Frau!“ wiederholte er, 388 während er ſich unter ſeine Decke ſteckte, um dem eis⸗ kalten und eindringenden Nordwinde zu entgehen, der durch die von ſeiner Ehehälfte offen gelaſſene Thüre blies. „Sie geht ohne Licht hinaus, aus Furcht, das Unſchlitt ablaufen zu ſehen, und räth wir, unbrauchbare Zünd⸗ hötzchen zu benützen, um Zahnſtocher daraus zu machen! Ah ich geſtehe in Demuth, gegen Juliette bin ich nur ein Verſchwender.“ Dann horchend: „Gott ſei Dank, unſere Klingel iſt gerettet! . . . Dieſes hölliſche Geläute hat aufgehört . . . Aber wer kann zu dieſer Stunde kommen?“ Bald kehrte Frau Meunier in aller Haſt zurück. Sie war häßlich anzuſchauen; dicke Schneeflocken bedeck⸗ ten den alten Tartan, in den ſie halb ihren Kopf ge⸗ hüllt hatte, und der ein paar auf ihr, durch die Kälte blan gewordenes, Geſicht fallende Haardöchte ſehen ließ. Dieſe Megäre, in deren Zügen eine abſcheuliche Freude ausgeprägt war, rief, als ſie in das Zimmer zurückkam, mit einer keuchenden Stimme: „Auguſt! . .. Auguſt! es iſt der famoſe Gilbert!“ „Was ſagſt Du?“ rief Meunier, indem er ſich raſch aufſetzte, „Gilbert?“ Ich habe ihn durch die Luke beim Scheine der Straßenlaterne geſehen . . . er ſieht aus wie ein Bett⸗ ler! er iſt in Lumpen! er ſtirbt vor Hunger! ... We ein Glück!“ „Er iſt alſo aus dem Gefängniß entſprungen! Man muß ihn verhaften laſſen!. .. Was will er hier?“ „Frau Meunier, haben Sie Erbarmen, öffnen Sie mir! Ich wende mich an Sie im Namen unſerer altel Freundſchaft! Ich ſterbe vor Hunger, Müdigkeit und Kälte!““ hat er zu mir geſagt ... Ich habe ihm geant⸗ wortet: „„Warten Sie hier, ich will mit meinem Manne 389 ſprechen 4ℳ. Nun, Auguſt, iſt er tief genug geſun⸗ ken, iſt er genug niedergebengt, dieſer famoſe Gilbert! Wir müſſen ihn empfangen, um ihn unter unſeren Füßen zu treten! Wir wollen uns rächen!“ „Ihn hereinlaſſen? Was denkſt Du! Er kommt vielleicht, um uns zu beſtehlen!“ erwiederte Meunier, wäh⸗ rend er einen Blick auf ſeine geladenen Piſtolen warf. „Sicherlich iſt er aus dem Gefängniß entſprungen.“ „Ein Grund mehr. Laſſen wir ihn bei uns eintre⸗ ten, und indeß er ohne das geringſte Mißtrauen mit Dir ſpricht, hole ich die Wache.“ „Ah! das iſt ein guter Gedanke!“ „Doch zuvor werden wir das Glück gehabt haben, ihn unter unſern Füßen zu ſehen, dieſen ünverſchämten, der uns ſo ſehr gedemüthigt hat! Schade, daß es nicht ſchöner hier iſt, damit er noch mehr gepeinigt würde!“ „Und das dort?“ verſetzte Juliette, indem ſie auf die ihren Schatz enthaltende eiſerne Kaſſe deutete; „iſt das nicht ſo viel werth, als die ſchönſten Meubles? .. Oh! wir miſſen unſere Kaſſe vor ihm öffnen, damit ihm das Herz blutet.“ „Warte ich ſtehe auch auf,“ ſagte Auguſt, der in Eile einige Kleidungsſtücke anzog. „Gilbert känn, trotz ſeines bettleriſchen Ausſehens, in der Umgegend einige Banditen verſteckt haben, welche, ſobald die Thüre offen wäre, mit Gewalt mit ihm eindringen würden, um uns zu beſtehlen und zu ermorden. Ich will meine Pi⸗ tolen unter meinen Carrick nehmen.“ „Oh! das iſt unnöthig! Er ſieht ganz niedergeſchla⸗ gen, ganz angegriffen vor Kummer und Elend aus.“ „Gleichviel! keine Unvorſichtigkeit! Seien wir auf unſerer Hut!“ „Und ſo bald er eingetreten iſt, wollen wir uns das Anſehen geben, als vergäßen wir unſer altes Zer⸗ würfniß, um ihn zutraulich zu machen.“ 390 „Ja, denn ſonſt würde er uns ſeinen Kummer und ſeine Leiden nicht erzählen.“ „Und wenn er uns Alles geſagt hat, ſchmettern wir ihn unter unſerer Verachtung nieder. Und ſiehſt Du, iſt er aus dem Gefängniſſe entwichen, ſo wird er es uns geſtehen, da er uns nicht mißtraut, und dann laſſen wir ihn verhaften . . Ich gebe mir das Anſehen, als ginge ich aus irgend einem Grunde hinaus, und laufe nach dem nächſten Poſten, um die Wache zu holen.“ „So iſt es gut; empfangen wir ihn zuerſt als Freund, damit er uns ſeine Bekenntniſſe macht.“ „Unſer Licht wird bei dieſer Komödie aufgebraucht werden, doch in Rückſicht auf die Umſtände können wi uns dieſen Luxus erlauben, um uns die Komödie des zum Bettler gewordenen famoſen Gilbert zu verſchaffen. Wie Schade nur, daß ſeine nichtsnutzige Frau bei dem Feſte fehlt!“ „Was willſt Du, liebe Gute, man muß ſich mit dem begnügen, was uns der Himmel ſchickt. Komm! komm!“ ſagte Meunier, der ſich während dieſes Geſprä⸗ ches, wie Juliette, völlig angekleidet hatte. „Wir ſtellen das Licht auf den Boden hinter die Thüre des Hauſes ſein Schein wird genügen, um den famoſen Gilbert bis hieher zu leiten.“ So ſprechend, verließen die zwei Geizigen die Stube; Juliette trug das Licht, das ſie mit ihrer Hand beſchirmte, Außuſt hatte unter ſeinem Carrick ſeine geladenen Pi“ ſtolen. Außen herrſchte tiefe Finſterniß, es weht⸗ ein eiskalter Wind; der Schnee, der in großen Flocken fiel bildete eine dicke Lage und verbarg das Pflaſter des kleinen Hofes Juliette ließ ihr Licht bei der Schwelle des Hauſes und folgte ihrem Manne. Dieſer näherte ſich der im Hofthore angebrachten Lnke und ſah beim Scheine einer nahen Laterne Gilbert, welcher in der Vertiefung des Gewölbes vom Thorweg ſtand. Meunier nahm dann einen mitleidigen Ton an und ſagte durch die Oeffnung in es 391 „Wie, Sie ſind es, mein armer Gilbert?“ „Meunier, haben Sie Erbarmen! öffnen Sie mir!“ erwiederte mit ſchmerzlichem Tone der Unglückliche, deſſen Zähne vor Kälte klapperten. „Sie ſind meine letzte Hoff⸗ nung!“ Ich werde Ihnen öffnen, mein guter Freund; doch dieſes Hais iſt ganz vereinzelt, wir fürchten die Nacht⸗ ſchwärmer; ſehen Sie Niemand auf der Straße?“ „Nein, antwortete Gilbert, ſchnatternd unter ſeinen Lumpen; „Sie können ſich durch ſich ſelbſt überzeugen, daß Niemand auf der Straße iſt.“ Meunier befolgte den Rath, und die Hand am rücker von einer der Piſtolen, die er unter ſeinem Carrick verborgen hielt, öffnete er ein wenig das Thor, warf raſch einen Blick hinaus, trat dann auf die Seite und ſagte zu Gilbert: „Kommen Sie geſchwinde, mein armer Freund, und nehmen Sie ſich vor der Leiter in Acht, welche dort beim Hauſe ſteht.“ Gilbert trat ein, und der ſchwere Thorflügel ſchloß ſich wieder. Er folgte den Schritten ſeiner Freunde und kam in ihr Zimmer, deſſen ſchmutziges Ausſehen ihm Anfangs nicht auffiel. Der Mann von Gilberte ſchien den letzten Grad des Schmerzes und des Elends erreicht zu haben. Eine mit Schnee bedeckte Mütze auf dem Kopfe, bekleidet mit einer zerlumpten Blouſe und einer von Koth befleckten Hoſe, welche kaum auf ſeine Knöchel fiel und ſeine halbnackten, durch die Kälte blaurothen Füße ſehen ließ, an denen er ausgetretene, zerriſſene, durch Schnüre feſtgebundene Schuhe trug; das Geſicht leichenbleich, den Bart lang und ſtraubig, ſeine Haare durch die Feuchtigkeit des ge⸗ ſcmolzenen Schnees an die Schläfe geklebt und in den igen das Gepräge der finſterſten Verzweiflung, würde dieſer Unglückliche den härteſten Herzen Mitleid einge⸗ ößt haben. Die zwei Neidiſchen wechſelten auch ein 392 Lächeln triumphirenden Haſſes, indem ſie ſich mit dem licke dieſen Mann zeigten, der einſt durch ſeinen fürſtichen Lurus ſo grauſam ihren Reid erregt hatte. Meunier legte vorſichtig ſeine geladenen Fiſtolen auf den Nachttiſch, zu dem er ſich ſetzte, denn er fühlte ſich wenig beruhigt durch den erſchrecklichen Arblick von Gilbert, und ſagte dann zu dieſem in dem Augenblick, wo er vernichtet auf einen Stuhl fiel: „Nun alſo, mein armer Freund, Sie haben ent⸗ ſchieden Ihr prachtvolles Hotel verlaſſen?“ „Und die hübſche Frau Gilberte,“ fügte Juliette bei, „wie befindet ſie ſich? Ich hoffe, ſie ſſt immer noch reizend und zierlich geputzt.“ Die zwei Neidiſchen, trotz ihres Entſchluſſes, von Anfang ihre ſchlimmen Gefühle zu verbergen, verriethen ſie unwillkürlich; doch von ihren Worten gelangte nur ein einziges zum Herzen von Gilbert: das war der Name ſeiner Frau. Bei dieſem Namen ſtieß er einen herzzer⸗ reißenden Schrei aus, verbarg ſein Geſicht in ſeinen Händen und zerfloß in Thränen. Es trat ein Stillſchweigen von einigen Augen⸗ blicken ein. Auguſt und Juliette hatten ſo Zeit, über die unkluge Art, wie ſie das Geſpräch eröffnet, nachzudenken und zu erkennen, daß ſie ſchon mit ihren erſten Worten bei⸗ uahe den geheimen Gedanken ihrer gemeinen Seele ent⸗ hüllt und ſo ſich der Gefahr ausgeſetzt hatten, die Ge⸗ ſtändniſſe ihres Gaſtes zurückzudrängen, ſtatt ſie durch ein geheucheltes Mitleid anzuziehen. Meunier machte daher ſeiner Frau ein Zeichen des Verſtändniſſes⸗ nahm die Hand von Gilbert und ſprach zu ihm mit einer Stimme, die er liebreich klingen zu laſſen ſuchte: „Muth, mein armer Freund, Muth! Wir haben unſer Unrecht gehabt, Sie haben das Ihrige gehabt, doch heute iſt Alles vergeſſen, bei meinem Ehrenworte!“ 393 „Gewiß!“ ſagte Juliette; „wir gedenken nur noch der erſten Tage unſerer Freundſchaft.“ „Auf, theurer Freund, erzählen Sie uns Ihre Leiden.“ „Verbergen Sie uns nichts oh! Sie müſſen uns Alles ſagen, durchaus Alles, wonach Anguſt und ich auf die Mittel ſinnen werden, Ihnen nützlich zu ſein, wenn wir es können, mein guter Herr Gilbert.“ Nichts iſt ſo ſehr für die Rührung und das Ver⸗ trauen zugänglich, als eine troſtloſe Seele. Der Un⸗ glückliche erhob auch ſein in Thränen gebadetes Geſicht und erwiederte mit Erguß: „Ah! meine Theuren, ich täuſchte mich nicht, indem ich auf Ihre alte Freundſchaft für uns rechnete . . .“ Dann ſich mit einem Seufzer unterbrechend: „Mein Gott, mein Gott! ich ſage immer wir, als ob meine kleine Gilberte da, hier bei mir wäre, wie einſt . . . Doch nein, nein! ſie iſt nicht mehr da!“ murmelte er mit dem ſchmerzlichſten Tone. „Und wo iſt ſie denn?“ fragten gleichzeitig die zwei Neidiſchen; „was iſt denn aus ihr geworden?“ „Ach! ich weiß es nicht!“ antwortete Gilbert, den das Schluchzen beinahe erſtickte. „Ich weiß nicht, wo ſie gegenwärtig iſt.. Paris iſt ſo groß! . . . Wo ſie ſuchen? wo ſie finden? .. Einen Angenblick hoffte ich, ſie werde denſelben Gedanken wie ich gehabt haben und auch zu Ihnen gegangen ſein, doch ich täuſchte mich: Sie haben ſie nicht geſehen?“ „Ach, nein!“ erwiederte Juliette. „Arme Frau Gilberte! . .. In ihrem Alter und ſo hübſch, allein in dieſem großen Paris, entfernt von Ihnen, der Sie ſie nie verließen! Was kann ihr begegnet ſein? Wenn man nur daran denkt, ſchmiedet man ſich alle Arten von dü⸗ ſtern, ſchwarzen Ideen! . . . Das iſt erſchrecklich! . . .“ „Oh! ja, das iſt erſchrecklich!“ wiederholte ſchauernd 394 Gilbert. Und er rief mit der Miene eines beinahe Irr⸗ ſinnigen: „Sprechen Sie nicht hievon; man ſoll nicht hievon ſprechen! Das iſt zu gräßlich!“ Dann ſuchte er ſich zu faſſen und fügte mit flehendem Tone bei: „Doch, doch, ſprechen wir hievon, meine Freunde, ſprechen wir von meiner Frau! . . Verzeihen Sie, haben Sie Mitleid mit mir, ich bin wie ein Wahnſinniger .. Ah! wehe mir!“ Und er drückte ſeine krampfhaft zuſam⸗ mengezogenen Fäuſte an ſeine Schläfe. „Wehe mir, das heißt zu ſehr leiden!“ Auguſt und Juliette ſchlürften gleichſam dieſen verzweiflungsvollen Schmerz, ſie tranken dieſe bitteren Thränen, doch ihr Rachedurſt reizte ſich dadurch immer mehr. „Beruhigen Sie ſich, mein guter Gilbert,“ ſagte Meunier. „Auf, erzählen Sie uns Ihre Leiden. Wohl wiſſen wir das größte von allen wahrſcheinlich: Ihre Trennung von Ihrer Frau .. Doch das iſt noch nicht Alles. Was iſt Ihnen denn begegnet ſeit jener Föéte, der wir in Ihrem prachtvollen Hotel beigewohnt haben?“ „Sie wiſſen, Herr Gilbert, die herrliche Féte? . .. Ihr liebes Frauchen trug an jenem Abend einen blen⸗ denden Schmuck von Rubinen und Diamanten . . . und ein Kleid von . . . Doch verzeihen Sie,“ fügte Juliette bei, „wir ſind übereingekommen, nicht mehr von Ihrer liebenswürdigen Gefährtin zu ſprechen, um nicht Ihren Kummer zu vermehren. Sie war auch bei jener Föte ſo reizend, ſo ſtrahlend, Ihre ſchöne Gilberte, daß mir die Erinnerung daran immer gegenwärtig geblieben iſt.“ Der Unglückliche ſchauerte, ſo oft man von ſeiner Frau ſprach, ſo ſchmerzlich wie ein Verwundeter, über deſſen offene Wunde man mit einem glühenden Eiſen fahren würde. Doch dieſen grauſamen Schmerz über⸗ windend und ſeine erſchöpften Kräfte zuſammenraffend, antwortete er mit gepreßter Stimme: 395 „Ich ſehe, Sie wiſſen nicht, daß Gilberte und ich verhaftet geweſen ſind. . „Ah! mein Gott! verhaftet! . . . Und warum?“ „Man fragte uns nach dem Urſprunge unſeres Ver⸗ mögens: wir antworteten mit der Wahrheit. Sie war, ich geſtehe es, ſo ſeltſam, daß man uns nicht glaubte, nicht glanben kounte. In das Gefängniß gebracht, Jedes in eine abgeſonderte Zelle, hatten wir, meine Frau und ich, zuvor gemeinſchaftlich beſchloſſen, uns beim erſten Schlage der zwölften Stunde zu tödten.“ „Sie wollten ſich tödten!. . Das iſt entſetzlich! Und warum hatten Sie im Sinne, ſich zu tödten?“ „Um anderswohin zu gehen.“ Was wollen Sie hiemit ſagen, mein lieber Freund? Erklären Sie ſich.“ „Das iſt unnütz: Sie würden mich nicht verſtehen, Unſer Vorhaben, das wir leider nicht verborgen gehalten hatten, konnte nicht vollführt werden. Als ich in meine Zelle kam, zog man mir die Zwangsjacke an. Es ſchlug Mitternacht . . die Stunde war vorüber.. WMeine Frau behandelte man in ihrer Zelle gerade wie mich. Die Zuſammenkunft, die wir verabredet hatten, um mit einander aus dieſer abſcheulichen Welt zu gehen, war verfehlt, wir konnten nicht für eine andere Abreiſe übereinkommen, da wir von dieſem Tage an bis zu dem, an welchem wir in Freiheit geſetzt wurden, immer eingeſperrt waren, Gilberte in Saint Lazare, ich in der Force. Keine mündliche oder ſchriftliche Mittheilung war zwiſchen uns möglich, und man verhörte uns ge⸗ trennt, damit wir unſere Antworten nicht in Einklang bringen könnten .. „Sie ſind alſo aus dem Gefängniß entlaſſen worden?“ „Ja, meine Freunde nachdem wir mehrere Monate unter Vanditen zugebracht. Man hatte uns bezüchtigt, wir verdanken unſer Vermögen dem Diebſtahle, vielleicht 396 ſogar dem Morde; aber nach zahlreichen Verhören und nach den ängſtlichſten Nachforfchungen, die man über uns anſtellte, war man genöthigt, anzuerkennen, daß wir weder geſtohlen, noch getödtet hatten, und wir wurden in Freiheit geſetzt.“ „Doch Ihr Vermögen?“ „Alles iſt vorläufig unter Sequeſter geblieben; wohl konnte man keine Thatſache zu unſerer Belaſtung finden, aber das Gericht bleibt überzeugt, unſer Vermögen ge⸗ höre Anderen als uns, und behält daſſelbe, um es eines Tags denjenigen, welche, wie ſie glauben, einen rechtli⸗ chen Anſpruch darauf zu machen vermögen, zurückgeben zu können.“ „Das Gericht hat Ihnen doch wenigſtens genug gelaſſen, daß Sie und Ihre Frau davon zu leben im Stande ſind?“ fragte Meunier. „Nein, man hat uns nichts gelaſſen, durchaus nichts,“ antwortete Gilbert niedergeſchlagen. „Darum, meine Freunde, habe ich mich, trotz unſeres Bruches und nach langem Zögern, entſchloſſen, zu Ihnen zu gehen.“ „Wie, Herr Gilbert,“ verſetzte Juliette mit einem geheuchelten Ausdrucke verletzter Freundſchaft, „Sie ha⸗ ben gezögert, zu uns zu kommen?“ „Oh! das iſt ſchlimm, ſehr ſchlimm!“ fügte Meu⸗ nier bei. „Ich geſtehe, ich habe Unrecht gehabt, an Ihrer Freundſchaft zu zweifeln, denn im Ganzen, — und viel⸗ leicht war mein Vorwurf nicht einmal gegründet, — wenn Sie uns einſt um unſere Pracht beneideten . . ah! heute muß dieſes Gefühl dem Mitleid Platz ma⸗ chen. Doch ich bedenke,“ ſagte Gilbert, der allmälig das elende Ausſehen dieſer Wohnung wahrnahm und mit einem erſtaunten Blicke umherſchaute; „mein Gott! vielleicht ſind Sie auch in Ihrem Vermögen betroffen worden?“ „Oh! beruhigen Sie ſich!“ beeilten ſich die beiden 397 Gatten gleichzeitig zu erwiedern. „Sie haben uns nicht zu beklagen, im Gegentheil . . .“ „Deſto beſſer, meine Freunde, ich hatte befürchtet „Wir ſeien zu Grunde gerichtet, weil wir armſelig wohnen? Nein, nein, erinnern Sie ſich deſſen, was Ju⸗ liette und ich Ihnen einſt ſagten: „„Wir haben keinen Sinn für den Luxus; wir ſind Leute von Ordnung.“ „Zwei Worte, meine Freunde, um Ihnen zu er⸗ klären, welchen Dienſt ich von Ihnen verlangen will.“ „Sprechen Sie, mein Freund.“ „Da die Unterſuchung nicht den geringſten begründe⸗ ten Anklagepunkt gegen uns finden konnte, ſo ſah man ſich genöthigt, uns wieder in Freiheit zu ſetzen. Meine erſte Frage an den Kerkermeiſter der Forte war, in wel⸗ chem Gefängniſſe ſich meine Frau befinde. Er antwor⸗ tete mir, ſie ſei ohne Zweifel in Saint⸗Lazare. Ich laufe nach Saint⸗Lazare und erfahre, daß Gilberte die⸗ ſes Haus am Morgen in Geſellſchaft einer wie ſie frei gewordenen Frau verlaſſen hat, welche Frau es, wie man mir ſagte, übernommen, ſie an den Ort zu führen, wo ich gefangen ſein ſollte. Ich kehre in aller Eile nach der Force zurück: meine Frau iſt nicht hier erſchienen. Ich warte indeſſen ziemlich lange auf ſie, doch am Ende des Wartens müde, denke ich mir, ſie ſuche mich in den andern Gefängniſſen, und begebe mich raſch dahin, in der Hoffnung, ſie in der Umgegend des einen oder des andern derſelben zu finden! Vergebliche Hoffnung! Bei Einbruch der Nacht kehre ich endlich zur Force zurück: ach! zwei Stunden vorher iſt Gilberte hier geweſen, doch von meinem Abgange unterrichtet, hat ſie ſich, in Thränen zerfließend, wieder entfernt. Meine Freunde, beurtheilen Sie meine Verzweiflung!“ „Ohl wir beurtheilen ſie, wir begreifen ſie, wir würdigen ſie; ſie mußte entſetzlich ſein!“ „Was thun? was beſchließen? Wo und wie meine 398 Frau in der Unermeßlichkeit von Paris wieder⸗ finden?“ „Welche gräßliche Angſt mußten Sie ausſtehen?“ „Sie mußten hundertmal unglücklicher ſein, als im Gefängniß, nicht wahr?“ „Oh! ja, ich habe wahrlich grauſam gelitten, meine Freunde! Vom Morgen bis zum Abend durchmaß ich Paris, ohne fortan auf etwas Anderes rechnen zu kön⸗ nen, als auf den Zufall, um Gilberte wiederzufinden. Wenn es Nacht geworden war, zog ich mich, gelähmt vor Müdigkeit, in ein abſcheuliches Haus zurück, wo Betten für die Nacht vermiethet wurden, doch ich konnte nicht einmal ſchlafen, ſo ſehr war ich gepeinigt. Bald ſagte ich mir in Verzweiflung: „Meine Frau, weil ſie mich nicht wiedergeſehen, hat ſich vielleicht entſchloſſen, aus dieſer Welt wegzugehen, um mich anderswo zu er⸗ warten.““ „Wenn ich Sie recht verſtehe, befürchteten Sie, ſie habe ſich ſelbſt getödtet?“ „Ja, und ich war auf dem Punkte, mich auch vom Leben zu befreien. Bald aber ſagte ich mir: „„Und wenn im Gegentheil Gilberte in der Hoffnung, wieder mit mir zuſammenzutreffen, in dieſer Welt geblieben iſt, und ich gehe daraus weg?““ „Natürlich, das war nicht das Mittel, zuſammenzu⸗ kommen, mein armer Freund!“ „Ich fügte mich alſo in das Leben, doch welch ein Leben! Bei meiner Verhaftung hatte ich kein Geld bei mir. Der einzige Gegenſtand von Werth, den ich beſaß, wareu ein paar goldene Hemdknöpſfchen mit Rubi⸗ nen: ich verkaufte ſie um vierzig Franken. Ich erhielt auch noch eine mäßige Summe aus dem Verkaufe mei⸗ ner durch meinen Aufenthalt im Gefängniß ſchon ſehr abgetragenen Kleider; dagegen kaufte ich die Kleidungs⸗ ſtücke, die Sie auf mir ſehen, und die nun in Fetzen zerfallen. Gott weiß, ob ich ſparſam mit meinen Mit⸗ 399 teln umging! Ich ſchlief um vier Sous in abſcheulichen Löchern, durcheinander mit Landſtreichern und Dieben, ich aß für zwei Sons Brod und trank Waſſer vom runnen.“ „Ah! mein lieber Gilbert, das war nicht mehr die Zeit der warmkalten jungen Enten, ſervirt in Schüſſeln von Vermeil durch Ihren erſten Haushofmeiſter . wie?“ „Das war nicht mehr die Zeit Ihres herrlichen, mit hochrothem Damaſt ausgeſchlagenen Schlafzimmers mit ſeinem großen Bette von vergoldetem Holz und ſei⸗ nen drei Fenſtern, welche auf Ihren ſchönen Garten gingen,“ fügte Juliette, nicht minder boshaft als ihr Mann, bei. Dieſe Bosheiten bemerkte Gilbert nicht. Verſunken in ſeine Verzweiflung, ſah er in der Erinnerung an ſeine Herrlichkeit eine ziemlich natürliche Vergleichung zwiſchen der Gegenwart und der Vergangenheit, ohne Zweifel ſeinen Freunden entriſſen durch ein rührendes In⸗ tereſſe für ſeine augenblickliche Lage. Er erwiederte auch: „Ja, mein Fall iſt grauſam geweſen! Rie hatte ich die gräßliche Armuth gekannt, in die Sie mich verſetzt ſehen! Nie hatte ich von der Kälte oder dem Hunger gelitten! Nie hatte ich im Kothe der Gaſſen meine ge⸗ guetſchten und beinahe unbekleideten Füße geſchleppt! Meine Arbeit hatte mich zum Glück immer vor ſolchem Elend geſchützt. Doch, ach! meine Bangigkeiten, meine Leiden verdoppelten ſich durch den Gedanken, meine Frau theile ſie vielleicht! Mein Gott! ſie auch, ſie hat Hun⸗ ger und ſchnattert unter ihren Lumpen! Sie auch, ſie ſucht mich, fie läuft ſich ihre Füße ab auf dem Pflaſter, ohne mich finden zu können! Wehe mir! wehe mir!“ rief Gilbert. Und er brach abermals in ein Schluch⸗ zen aus. 400 „Ei! mir fällt ein, mein armer Freund,“ ſagte Meunier, „Sie haben vielleicht Hunger?“ „Welch ein ärgerliches Mißgeſchick!“ fügte Juliette haſtig bei. „Es bleibt uns kein Biſſen Brod mehr im Hauſe, und es iſt ſo ſpät, daß alle Buden geſchloſſen ſinh Seit geſtern Abend .. . habe ich nur Waſſer ge⸗ trunken,“ verſetzte Gilbert. „Als ich vorhin bei Ihnen eintrat, fühlte ich ein ſchmerzliches Reißen im Magen, es hat ſich ein wenig beſchwichtigt; die Gemüthsbewe⸗ gung, die mir unſer Wiederſehen verurſachte, die Ge⸗ wißheit, in der ich nun lebe, daß Sie mir beiſtehen werden, meine Freunde, haben mich vielleicht meinen Hunger vergeſſen laſſen!“ Bei dieſen Worten, die von der Hoffnung zeugten, welche Gilbert auf ſie ſetzte, wechſelten die zwei Nei⸗ diſchen einen Blick grauſamen Hohnes, und Meunier ſagte: „Warum haben Sie ſich nicht in Ihrem Unglück an alle die Leute von der vornehmen Welt gewendet, die ſich bei Ihren Feſten einfanden? Denn Sie em⸗ pfingen in Ihrem Hauſe Herzoge, Prinzen, Marquis!“ „Prinzeſſinnen, Marguiſen, Herzoginnen!“ fügte Juliette bei, um ihrem Gaſte die in dieſem Augenblick ſo höhniſche ariſtokratiſche Aufzählung noch grauſamer zu machen. „Glauben Sie, dieſe ganze ſchöne Welt, wel⸗ che einſt Ihr Hotel füllte, hätte Sie wie einen Bettler weggejagt, mein armer Herr Gilbert?“ „Und dann,“ fragte Meunier, „konnten Sie von den vielen Perſonen, die ſie ſich edelmüthig durch Ihre Börſe verpflichtet haben, nicht Etwas wiederver⸗ langen?“ „Ich dachte Anfangs an unſern Intendanten, den wir mit Freigebigkeiten überhäuft hatten, als ich mich aber nach ihm im Hotel d'Orbeval erkundigte, erfuhr ich durch die Wächter des Sequeſters, Herr Guspier habe Paris 401 Lerlaſſen. Es blieb mir einige Hoffnung auf Fran vott Saint⸗Marceau 4 „Die große Sängerin, die in Ihren Concerten ſang, wo man ſo gute Muſik machte?“ ſagte Inliette. „Mein Gott, wie ſchön war das! Man hätte glauben ſollen, man wäre in der Oper. Nun, Frau von Saint⸗ arcean, was hat ſie Ihnen geantwortet?“ „Wir hatten ihr ungefähr zweimalhunderttauſend Franken geliehen, um ſie in den Stand zu ſetzen, ſich von ihrem Manne zu trennen, der ihr das Leben uner⸗ wäglich machte. Ich begab mich zu dieſer Dame, und ier erfuhr ich unglücklicher Weiſe, gerade an dem Tage, wo wir ihr dieſen Dienſt geleiſtet, von dem ich ſpreche, abe ſie mit Herrn von Saint Marceau eine letzte, ſo ſchmerzliche Zuſammenkunft gehabt, daß nach einer er⸗ ſchrecklichen Nervenkriſe die arme Frau gefährlich krank geworden. Die Aerzte verzweifeſten einen Augenblick an ihrer Rettung. Sie ſtarb indeſſen nicht, blieb aber ſehr leidend und mußte Paris verlaſſen, um den Win⸗ ter in Italien zuzubringen, und auf das Theater, wenn nicht auf immer, doch wenigſtens anf lange Zeit ver⸗ zichten. Sie zählte darauf, ihre Schuld von ihrem BGehalte zurückzubezahlen. Die Summe iſt alſo für mich verloren. Als ich mich zu Frau von Saint⸗Marceau begab, beſaß ich noch ungefähr zwanzig Franken, durch welche ich demüthigende Schritte, die mich ſchon im Ge⸗ danken empörten, hinausſchieben konnte. Vor fünf Ta⸗ gen, nachdem ich, wie gewöhnlich, Gilberte aufſuchend in Paris umhergeirrt war, brachte ich die Nacht in einem hlechten Garni NMder Rue de la Bibliotheque zu, und zum erſten Male ſeit mehreren Rächten verſank ich in einen tiefen Schlaf. Mein Bettkamerad benützte meinen chlaf und ſfahl mir das Wenige, was mir an Geld . * Haus zum Vermiethen von Schlafſtellen. 2 Gilbert und Gilberte. M. 6 402 btieb. Als es Tag geworden, erwachte ich ohne einen Son. „Sodann, ehe ich mich zum Betteln entſchloß,“ fuhr Gilber fort, „ging ich zu dem Kaufmann, der mir früher zu arbeiten gab...“ „Ohne Vorwurf,“ unterbrach ihn Meunier, „mir ſcheint, an Ihrer Stelle wäre mir dieſer Gedanke früher gekommen, um haushältig mit Ihren kleinen Mitteln umzugehen, ſtatt daß Sie ſich damit beluſtigten, müßig auf dem Pflaſter von Paris herumzuſchlendern.“ „Ich habe mich beluſtigt, müßig herumzuſchlendern!“ wiederholte Gilbert mit Bitterkeit. „Ach! ich mußte es wohl! Wie konnte ich ſonſt hoffen, meine Frau wieder⸗ zufinden? Mein Gott! Sie vergeſſen alſo, daß ich an nichts Anderes dachte! Und dann waren bei meiner Seelenpein Kopf und Geiſt ruhig genug, daß ich mich hätte ganz ſtill zur Arbeit ſetzen können?“ Das iſt richtig! Verzeihen Sie, ich dachte nicht hieran.“ „Ach! dieſe Arbeitsunfähigkeit wurde mir nur zu bald dargethan. Herr Maurice, mein ehemaliger Brod⸗ herr, empfing mich Anfangs ſehr ſchlecht: die Polizei hatte bei ihm Erkundigungen über mich eingezogen; die Zeitungen hatten das Gerücht von meiner Verhaftung verbreitet, und obgleich er mich in Freiheit ſah, behielt er doch einigen Lweifel über meine Ehrlichkeit. Durch meine Bitten beſiegt, willigte er indeſſen ein, mir Ar⸗ beit in ſeinem Hanſe zu geben, da ich ohne Aſyl war. Ich nehme meinen Platz ein, habe einen Kupferſtich un⸗ ter meinen Augen, meinen Stein vor mir, meine Krei⸗ den an meiner Seite. Doch welche Qual! „„Indeß ich daſitze,“ ſagte ich zu mir, „bätte mich der Zufal vielleicht Gilberte treffen laſſen!““ Oh! dieſer Gedanke⸗ ſehen Sie, belagerte mich unabläßig. So lange ich an meinem Tiſche ſaß, ſchweifte mein Geiſt in Aufſuchung von Gilberte umher. Ich weinte; mein Geſicht verdun⸗ 403 kelnd, erlaubten mir die Thränen kaum, mein Modell zu unterſcheiden. Meine Kreide ſchwankte in meiner Hand; ich zitterte, als ob ich das Fieber hätte; meine Beine bebten vor Ungeduld. Hier unbeweglich feſtge⸗ nagelt ſein, während ich uur in den Straßen umher⸗ ſchweifend meine Frau zu finden hoffen durſte!“ „Mein armer Freund, das mußte allerdings für Sie eine ſchwere Marter ſein!“ „Und es konnte Ihnen doch die Arbeit allein Brod und vielleicht das Mirtel geben, die Nachforſchung nach Ihrer Frau wiederzubeginnen,“ fügte Juliette bei. „Sie haben Recht, Herr Gilbert, das war eine grau⸗ ſame Qual.“ „Oh! das war gräßlich, meine Freunde! Ich konnte nichts thun; die Zeit verging, ich wartete mit Angſt auf die Rückkehr meines Patrons . . . Endlich tritt er ein; mein Blut ſtockt. „„Nan,““ fragt er mich, indem er ſich meinem Tiſche nähert, „„wie weit ſind wir?“““ Und er wirft einen Blick auf meinen Stein und ſieht den Anfang einer Skizze, der ſich ein Schüler geſchämt hätte. „Wie!““ rief er zornig, „ich treibe das Mit⸗ leid ſo weit, daß ich Ihnen Arbeit gebe, und das iſt die Anerkennung meiner Güte! Sie verderben mir einen Stein, den ich wieder muß abſchleifen laſſen!“ Da er⸗ klärte ich ihm weinend, warum mir die Arbeit unmög⸗ lich wurde. „Ich beklage Sie,““ ſagte er mir, „doch ich vermag nichts hiebei. Hier ſind zwanzig Sous. Kommen Sie wieder, wenn Ihr Geiſt ruhig genng iſt, daß Sie arbeiten können. Ich werde Sie zu verwenden ſuchen .. Mit Hülſe dieſer zwanzig Sous lebte ich vier Tage. Um mit dieſer letzten Hülfs⸗ guelle ſo ſparſam als möglich zu Werke zu gehen, ſchlief ich von zwei Nächten nur eine in einem Garni; die an⸗ deren Nächte irrte ich, trotz der Kälte, auf den Straßen unher, bei jedem Schritte vor Müdigkeit, Schlaf und Schmerz ſtoipernd, denn aus Mangel an Strümpfen 404 und guten Schuhen ſind meine Füße in Folge des vielen Laufens geſchunden, blutend. Ich habe ſie ſo gut ich konnte in Lumpen gewickelt die ich aufſammelte. Geſtern Abend blieb mir noch ein Son: ich kaufte mir ein Stück Brod und brachte die Nacht unter dem kleinen Bogen der Notre⸗Dame⸗Brücke zu. Dieſen Morgen bei meinem Erwachen, denn betäubt durch die Kälte war ich eingeſchlafen, betrachtete ich den Fluß . . . Ohne die Ungewißheit über das Loos meiner armen Gilberte wäre ich keine Minute mehr in dieſer entſetzlichen Welt geblieben. Ah! wäre meine Frau bei mir geweſen, längſt würden wir abgegangen ſein! Ich verzweifelte aber nicht, ſie wiederzufinden. Meine mit Schmerzen aller Art behafteten Füße vermochten mich kaum zu tragen: ich rieb ſie mit Schnee. Das hat mich ein we⸗ nig erleichtert. Da entſchloß ich mich, trotz meines Wi⸗ derwillens, gegen einen von den Leuten der vornehmen Welt, die wir bei uns empfingen, die Hand auszuſtrecken. Der Fürſt von Marſan hatte mir zur Zeit ein guter Mann zu ſein geſchienen. Ich klopfe an die Thüre ſei⸗ nes Hotels; ich verlange mit ihm, mit ihm ſelbſt zu ſprechen. Der Concierge, der meine Lumpen ſieht, jagt mich mit Verachtung aus dem Hofe. Eine ſolche Auf⸗ 4 nahme ſollte mich überall erwarten! Ganz niedergedrückt vor Verzweiflung, legte ich mich auf eine von den ſtei⸗ nernen Bänken, welche zu beiden Seiten der Thüre des Hotel Marſan ſtehen, und auf mich ſelbſt zuſammenge⸗ zogen, blieb ich hier in einer Art von Todeskampf, wo⸗ bei ich zuweilen die Vorübergehenden von mir ſagen hörte: „Das iſt ein Trunkener, der ſeinen Rauſch ausſchläft!“““ Ich weiß nicht, wie, nach einigen Stun⸗ den der Vernichtung, meine Gedanken ſich auf Sie hef⸗ teten. Die Urſache unſerer Entzweiung iſt eine leichte geweſen, ſagte ich mir; im Grunde iſt ihr Herz gut; ſie ſind einſt zu uns gekommen, als ſie uns für arm hielten, und heute, davon bin ich feſt überzengt, werden — — 405 ſie Mitleid mit mir haben. Als ich dieſen Entſchluß faßte, war es Nacht: ich ſchleppte mich bis zu der Woh⸗ nung, die Sie inne hatten, da wir uns ſo oft gegen⸗ ſeitig beſuchten; dort habe ich Ihre Adreſſe erfahren, und ich bin hierher gekommen . Dies, meine Freunde, iſt meine traurige Geſchichte. Was ich von Ihnen ver⸗ lange, ſind ein paar Kleidungsſtücke, Strümpfe, Schuhe, ein Stück Brod am Morgen, ehe ich mich auf den Weg begebe, um Gilberte aufzuſuchen; am Abend bei meiner Rückkehr etwas zu eſſen und für die Nacht eine Matratze in einer Ecke Ihres Hauſes . .. Das iſt wenig für Sie, das wird Alles für mich ſein. Mit Ihrer Hülfe kann ich ohne Zweifel meine Frau wieder aufſinden und dann, meine Freunde, werden wir Ihnen nicht lange zur Laſt ſein . . . Wir werden hingehen, um erswo zu leben, denn wir haben genug an dieſer ölt Die zwei Neidiſchen hatten dieſe Erzählung von Gilbert mit einer gehäſſigen Freude angehört. Juliette ſagte in der Hoffnung, dem Unglücklichen einen letzten Schlag beizubringen: „Sie ſind aiſo auf das Almoſen angewieſen, Sie, der Sie einſt ſo reich waren? .. Mit welcher Wuth müſſen Sie den Verluſt Ihres ungeheuren Vermögens eklagen? „Wir hatten freiwillig darauf verzichtet, ehe man kam, um uns zu verhaften,“ antwortete Gilbert, ſchwer⸗ müthig den Kopf ſchüttelnd: „Wir wollten uns nur zwei⸗ tauſend fünfhundert Livres Rente ſichern und unſer früh⸗ eres Leben wiederaufnehmen.“ Freiwillig auf Ihre Millionen verzichten!“ riefen gleichzeitig die zwei Geizigen; „das iſt unmöglich.“ „Sie ſuchen ſich zu tröſten, indem Sie ſich das en!“ „Sie belügen ſich ſelbſt.“ 406 „Ah! meine Freunde, dieſer Entſchluß würde Sie nicht in Erſtaunen ſetzen, wenn Sie wüßten, welche Sorgen, welche Verdrießlichkeiten, welche Sättigung welcher Ekel bei meiner Frau und bei mir auf den erſten Rauſch unſeres Vermögens gefolgt waren! Ich beklage ſeinen Verluſt nicht um unſeretwillen, ſondern wegen der armen Leute, denen es Unterſtützung gewährt hätte: wir wollten es der Stadt Paris abtreten; ſie hätte es übernommen, unſere Reichthümer nützlich zu verwenden. Ah! was ich bitter beklage, was meine arme Gilberte, wenn ſie noch auf dieſer Welt iſt, beklagt wie ich das iſt der mit Arbeit gemiſchte beſcheidene Wohlſtand, — dieſes friedliche Leben, in dem wir vielleicht das Glück gefunden hätten, das wir ſo lange da geſucht, wo es nicht für uns war! Ja, dies war unſer letzter Wunſch: ein beſcheidener mit Arbeit verbundener Wohl⸗ ſtand, deſſen Werth ich mehr als je zu dieſer Stunde fühle, nachdem ich die Schmerzen, die Demüthigungen einer gräßlichſten Nothdurft ausgeſtanden habe, die wir Beide nie gekannt, und die meine Frau ohne Zweifel nun auch erduldet“! Dieſer Gedanke brach Gilbert abermals das Herz; er verbarg ſein Geſicht in ſeinen Händen und murmelte ſchluchzend: „Wehe mir! wehe mir!“ Die zwei Reidiſchen ſchauten ſich mit einem Aus“ drucke von Verdruß und Zorn an. Der Unglückliche be klagte nicht einmal den Verluſt des ungehenren Reich thums, deſſen Beſiß ihm entzogen war; er trachtete n nach einem beſcheidenen Wohlſtand. neberzeugt durch den unwiderſtehlichen Ausdruck von Aufrichtigkeit, der in den Worten ihres Freundes herrſchte daß wirklich eine ſo einfache Zukunft der Wunſch vol Gilbert war, ergrimmten ſie immer mehr gegen ihn: ihr Rache entging ihnen! Vergebens würden ſie ihm ſagen „Du biſt zu einer gräßlichen Armuth herabgeſunkel 407 Du, der Du einſt von Herrlichkeit ſtrahlteſt; wir ſind Millionäre geblieben und weiden uns an Deiner Er⸗ niedrigung, an Deinem wüthenden Schmerze, daß man Dich Deines großen Vermögens beraubt hat!““ Da dieſe Täuſchung den Haß von Anguſt und Ju⸗ liette verdoppelte, ſo wollten ſie Gilbert wenigſtens bei einer Stelle treffen, welche empfindlicher war, als der Ver⸗ luſt ſeines Vermögens. Meunier ſchob den Nachttiſch zurück, auf den er ſeine Waffen legte, zog ihn ans dem Bereiche von Gilkert, deſſen nahe bevorſtehende Entrü⸗ ſtung er fürchtete, nahm eine Piſtole, näherte ſich ſtill⸗ ſchweigend ſeiner eiſernen Kaſſe und öffnete ſie. Bei dieſem Geräuſch erhob Gilbert ſein in Thränen gebadetes Geſicht; er täuſchte ſich in der Abſicht von Meunier, denn als er ihn ſeine Kaſſe öffnen ſah, ſagte er im Erguſſe ſeiner Dankbarkeit: Nein, nein, edelmüthige Freunde, ich brauche durch⸗ aus kein Geld. Ich wiederhole Ihnen: etwas Kleider, Schuhe, ein Stück Brod und ein Obdach, das iſt Alles, was ich bedarf, ſo lange ich Gilberte nicht wiederge⸗ funden habe.“ Nun erſt bemerkte er die Piſtole, welche Meunier in der Hand hielt, und er fragte ſehr erſtaunt: „Wozu ſoll die Waffe, die Sie in der Hand haben, mein lieber Auguſt?“ „Merken Sie nicht darauf, mein lieber Gilbert: es iſt eine einfache Vorſichtsmaßregel.“ „Gegen wen?“ „Gegen Sie vielleicht, mein zärtlicher Freund.“ „Gegen mich! . . . Was wollen Sie damit ſagen?“ „Sie ſehen die in dieſer Kaſſe enthaltenen Werthe?“ Und er deutete mit dem Finger auf Fächer, in denen von Thalern ſtrotzende Säcke, zahlreiche Goldrollen und nicht minder zahlreiche Päckchen von Banguebillets auf⸗ gereiht lagen. „Sie ſehen dieſe Reichthümer,“ fuhr Meunier fort; „ſie bilden nicht den zehnten Theil unſe⸗ 408 res Vermögens; dieſes wird vervollſtändigt durch unge⸗ henre Portefeuille⸗Werthe, das beſte Papier von Paris enthalten in jenen Cartons; ich werde ſie Ihnen von fern zeigen, wenn Sie wollen.“ „Ich frage Sie noch einmal,“ rief Gilbert, „wozu iſt es nöthig, dieſe Kaſſe zu öffnen?“ „Sehen Sie, wir wohnen ſo ſchlecht, mein vortreff⸗ licher Freund, daß Sie ſich vielleicht, trotz unſerer Verſiche⸗ rungen, einbilden könnten, wir ſeien faſt ebenſo ſehr Bett⸗ ler als Sie.“ „Gott ſei Dank, dem iſt nicht ſo,“ fügte Inliette bei; „unſere zwei Millionen haben uns ſchon über hun⸗ dertundachtzigtauſend Franken eingetragen. Am Ende des Jahres werden ſie uns mehr als zweimalhundert⸗ fünfzigtauſend Franken eingetragen haben, und in zwan⸗ zig Jahren werden wir zehn Millionen reich ſein, gerade die Summe, die Sie beſaßen, als Sie uns durch Ihren frechen Luxus erdrückten!“ rief die Megäre, deren Geſicht ſich im Triumphe ihres Haſſes immer garſtiger geſtaltete. Und da ſie ihre abſchenlichen Gefühle nicht länger zu bewältigen vermochte, ſo fügte ſie, während Meunier ſeine Kaſſe ſorgfältig wieder ſchloß, in ein höhniſches Gelächter ausbrechend, bei: „Ha! ha! ha! nun müſſen ſie heute Lumpen in den Goſſen ſchleppen und Hungers ſterben, dieſer famoſe Gilbert, der ſich das Anſehen eines Fürſten gab, und dieſe famoſe Gilberte, die ſich geberdete wie eine Her⸗ zogin, mit ihren Falbeln und ihren Diamanten! Oh! wie glücklich bin ich, daß ich ſie in dieſem großen Elend ſehe! Mein Gott, wie glücklich bin ich!“ Dieſe letzten Worte wurden von Juliette mit einem Ausdrucke ſo erſchrecklicher Aufrichtigket geſprochen, daß Gilbert einen ſchmerzlichen Schrei nicht zurückzuhalten vermochte, ſo grauſam war ſein Zartgefühb ſah nun erſt ein, daß ihn die Neidiſchen ſcheinbar herz⸗ lich aufgenommen hatten, um ſein Vertrauen zu gewin⸗ verletzt. Er 409 en und ihm ſodann, ihn in ſeinem Elende verhöhnend, einen doppelt entſetzlichen Schlag beizubringen. Einen Angenblick völlig niedergebengt, verbarg er auch ſein Geſicht in ſeinen Länden, um Juliette nicht mehr zu ſehen, und ſank ſeufzend auf ſeinem Stuhle zuſammen. „Ah! edler Herr Gilbert!“ ſprach ſeinerſeits Meu⸗ nier, der, immer bewaffnet, ſich gleichſam in Vertheidi⸗ gungsſtand ſetzte und Juliette durch einen Wink bedeu⸗ tete, ſie möge ſich hinter ihm verſchanzen! „ah! Sie haben die Frechheit, Almoſen von uns zu fordern, nachdem Sie uns durch Ihren prunkvollen Aufwand auf eine ver⸗ letzende Art gedemüthigt! Ah! Sie haben uns unver⸗ ſchämter Weiſe vorgeworfen, wir ſeien Neidiſche! . „Wahr⸗ haftig, edler Herr Gilbert, wir waren neidiſch auf Ihre herrlichen Wagen? nun wohl, jetzt beneiden Sie uns um unſere alten Schlappen! Ah! wir waren neidiſch auf Ihre Eleganz und die hoffärtigen Toiletten Ihrer Fraun? . nun wohl, jetzt beneiden Sie uns um unſere abgelegten Kleider! Ah! wir waren neidiſch auf Ihre koſtbare, mit Vermeil ſervirte Tafel? .. nun wohl, jetzt beneiden Sie uns um die Krümchen unſeres Brodes! Ah wir waren neidiſch auf Ihre fürſtliche Wohnung? . . . nun wohl, jetzt ſind Sie neidiſch auf eine Handvoll Stroh, um in unſerem Speicher darauf zu liegen!. Ha! ha! ha! das iſt ſehr drollig, wir werden lange dar⸗ über lachen.“ „Ha! ha! ha! wir werden immer darüber lachen,“ ſagte Jnliette. „Denn ſehen Sie, edler Herr Gilbert, es iſt ſehr drollig, beſonders aber ſehr dumm von Ihnen, aß Sie uns um unſere alten Schlappen beneiden, weit ie unſere alten Schlappen nicht bekommen werden!“ „Auch keinen Fetzen von unſeren abgetragenen Klei⸗ dern, Herr Gilbert!“ „Anch kein Krümchen von unſerem Brode, edler Herr Gilbert!“ „Auch keine Hand voll Stroh auf unſerem Speicher, 410 edler Herr Gilbert! Und Sie werden ſich auf der Stelle entfernen, denn, wenn Sie es wagen, bleiben zu wollen und uns zu bedrohen, nehmen Sie ſich in Acht, ich bin bewaffnet . . . Ja, wenn Sie nicht auf der Stelle von hier weggehen, ſo holt meine Frau die Wache, und wir laſſen Sie verhaften, elender Bettler.“ Die Befürchtungen von Mennier waren leer. Gil⸗ bert gerieth nicht in Hitze, er drohte nicht; gelähmt vor Müdigkeit, erſchöpft vor Noth, hätte er nicht einmal die Kraft gehabt, in heftige Bewegungen des Zorns auszu⸗ brechen, aber er war auch nicht einmal entrüſtet! Seinen Ellenbogen auf ſein Knie ſtützend, ſeine Stirne in ſeiner Hand haltend, heſtete er auf die zwei Neidiſchen, ohne ſeine Stellung zu verändern, einen Blick, in welchem Traurig⸗ keit, Ekel, Verachtung, jedoch nnancirt von tiefem Mit⸗ leid, lesbar waren, und ſprach mit dumpfer Stimme: „Ah! das Geld! . immer das Geld! . . . Und dieſen Mann und dieſe Frau hat doch unſer gutes Herz bereichert. Wir haben ſie zu doppelten Millionären ge⸗ macht. . . „Sie!“ rief Meunier, „Sie haben uns bereichert! .. Welche Frechheit!“ „Laß ihn doch ſprechen!“ ſagte Juliette. „Sein Kopf geräth in Verwirrung, das Elend und die Wuth machen ihn zum Narren.“ „Welch ein unſeliges Geſchenk haben meine arme Minette und ich dieſen Leuten gemacht, indem wir ihnen zwei Millionen gaben,“ fuhr Gilbert fort, ohne bei der Unterbrechung von Auguſt und ſeiner Frau zu verweilen⸗ „Ehe wir ſie bereichert hatten, waren dieſer Mann und ſeine Fran gut. Dieſe Güte hat ſogar bei ihnen die erſten Tage ihres Reichthums überlebt . . . Da ſie uns arm glanbten, kamen ſie zu uns doch von unſerem großen Reichthum unterrichtet, haben ſie uns darum beneidet. Das mußte ſo ſein, ich kann ihnen darum nicht grollel Der Reichthum erregt faſt bei allen Menſchen einen ge⸗ 411 häſſigen Neid. Einmal in das Herz dieſer zwei Unglück⸗ lichen eingetreten, hat ſie der Reid entartet, entſittlicht! Er hat den Haß, den Geiz, die Treuloſigkeit erzeugt! Um Schätze zu ſammeln, damit ſie ſo reich würden als wir, ſind ſie Schelme, Wucherer geworden! Sie haben ſich des Nothwendigen beraubt. Beinahe in Lumpen ge⸗ kleidet, leben ſie im Kothe! Sie haben den Schlaf ver⸗ loren, ſie ſchlafen nur mit einem Auge, in der Furcht, beſtohlen zu werden! Sie umgeben ſich mit Waffen, ſie vertheidigen ihre Höhle durch eine gewaltige Verſtärkung von Riegeln und eiſernen Stangen! Aume Leute! arme Leute! . . . Welch ein trauriges Geſchenk haben wir ihnen gemacht, indem wir ihnen zwei Millionen gaben! Ah! das Geld! das Geld!“ „Siehſt Du, Juliette, dieſer Schuft ſpielt den Nar⸗ ren, um uns ungeſtraft beleidigen zu können,“ ſagte Meunier, den die ruhigen, traurigen Worte von Gilbert uf das Schärfſte peinigten. Und voll Wuth rief er die⸗ em zu: 5 Fort von hier, Bettler, oder ich werfe Dich vor die Thüre!“ „Ah!“ ſprach Gilbert, ſchwermüthig den Kopf ſchüt⸗ telnd, „Sie begreifen mein zahmes Weſen nicht. Sehen Sie, die völlige Lostrennung von dieſer entſetzlichen Welt und die Gewißheit, aus ihr wegzugehen, ſo bald ſie uns zu ſehr zuwider iſt, machen uns ſehr mitleidig . . . Und dann von gut, wie Sie waren, habe ich Sie boshaft ge⸗ macht, indem ich Sie bereicherte, das iſt meine Schuld. . . Ich habe unter dieſen verfluchten zwei Millionen erſtickt, was an edlen Gefühlen in Ihrer Seele war, ich habe Sie auf immer aller Arten von ſanften Gemüthsbewe⸗ gungen beraubt. Mein Gott, ja! Hören Sie unter Anderem: geſtehen Sie, daß an jenem Tage, wo Sie im Café de Paris, gerührt vom Zartgefühle meiner Gilberte, die ſich geweigert hatte, Champagner zu trinken, aus Furcht, Sie zu demüthigen, uns herzlich Ihre Börſe an⸗ 412 boten, geſtehen Sie, daß Sie damals in Ihrem Innern etwas Gutes, Süßes empfanden, was Sie in dieſem Augenblick entfernt nicht empfinden! Und Sie befriedigen doch Ihren Haß, und Sie triumphiren doch beim Au⸗ blick des Elends von mir, der ich einſt ſo reich und glän⸗ zend! Und Sie jagen mich doch, ſterbend vor Hunger und Kälte, in dieſer Winternacht aus Ihrem Hauſe! Nun, trotz Allem dem ſind Sie nicht glücklich, nein, und im Grunde der Seele ziehen Sie jene gute Gemüthsbe⸗ wegung vor, die Sie uns im Café de Paris näherte.“ „Wirſt Du wohl gehen!“ rief Meunier außer ſich, denn er geſtand ſich, daß Gilbert die Wahrheit ſprach. „Laß ihn doch faſeln!“ rief Juliette, aufgebracht über den geheimen Gewiſſensbiß ihres Mannes, ein Ge⸗ wiſſensbiß, den ſie errieth, ohne ihn zu theilen. „Dieſer Barfüßige will den Philoſophen ſpielen! Welch ein Tropf! Er vergleicht das Vergnügen, das wir gehabt haben, als wir ihm ein Anlehen von vierzig Sous anboten, mit dem Entzücken, das wir heute empfinden, indem wir dieſen großen Gilbert niederſchmettern, deſſen Luxus uns ſo oft beohrfeigt hat! Das iſt albern! Würde er ſagen, es fehle unſerem Glücke die Wonne, die große Gilberte wie ihn im Kothe vor unſeren Augen zu ſehen, oh! das ließe ich mir gefallen: er würde die Wahrheit ſprechen.“ „Das iſt ein ſchändliches Gefühl!“ ſagte Gilbert, den Kopf ſchüttelnd. „Armer Meunier, Du lebſt mit einer ſolchen Frau! Oh! Du biſt offenbar mehr werth, als ſie! Und wenn ich bedenke, daß ſie Beide ziemlich gute Leute waren, ehe ihnen dieſe verfluchten zwei Millionen zukamen! Doch das Geld! . . . ah! das Geld!“ Gilbert machte eine Bewegung, um vom Stuhle aufzuſtehen und das Haus zu verlaſſen; doch ſeine von den Schmerzen angegriffenen Füße, ſeine geſchwächten Beine vermochten ihn nicht zu tragen: er ſchwankte, ſtrauchelte und fiel auf ſeinen Stuhl zurück. „Sie ſehen, es iſt nicht der Wille, von hier wegzu⸗ 4¹⁵ gehen, woran es mir fehlt,“ fügte er bitter lächelnd bei, während er mit einer peinlichen Anſtrengung aber⸗ mals ſich zu erheben verſuchte. „Meunier, ich bitte, Ihren Arm, mein alter Freund! Helfen Sie mir wenigſtens mich vor die Thüre Ihres Hauſes ſchleppen!“ Bei dieſen von Gilbert ohne Galle, ohne Spott und mit einer rührenden Reſignation geſprochenen Worten fühlte ſich Meunier bewegt. Er ſchlug die Augen nieder vor dem Blicke ſeines Gaſtes und zögerte vor der ab⸗ ſcheulichen Grauſamkeit: „die Unterſtützung ſeines Ar⸗ mes einem ehemaligen Freunde geben, der beinahe außer Stande, ſich aufrecht zu erhalten, um ihn aus dem Hauſe zu führen, aus dem man ihn jagte.“ Der Geizige ſuchte ſogar in ſeiner Taſche ein Zehn⸗Sous⸗Stück. Doch Juliette errieth die Gemüthsbewegung und den edeln edanken ihres Mannes, packte ihn beim Arme und ſagte mit ſcharfer Stimme zu ihm: „Leuchte uns! ich übernehme es, ihn vor die Thüre zu führen, dieſen großen Gilbert.“ Der Geizige, der ſich ſeiner guten Gemüthsbewegung ſchämte, antwortete nicht, ſenkte den Kopf, nahm das Licht und ſchickte ſich an, vorauszugehen. „Und Deine Piſtolen?“ ſagte Juliette. „Wenn auf der Straße ein Böſewicht im Hinterhalte wäre und die Thüre in dem Augenblicke, wo wir ſie öffnen, erzwingen wollte?“ Meunier ging zu dem Nachttiſch, auf welchem ſeine Waffen lagen, und wandte ſich dann, in einer Hand die Piſtole, in der andern das Licht haltend, nach der Stu⸗ benthüre, während Juliette zu Gilbert fagte: „Auf, auf! wenn Sie den Müden machen, ſo werden wir ſie auf einem Stuhle wegtragen!“ 6 Und ſie reichte ihren knochigen Arm ihrem Gaſte; dieſem gelang es durch eine letzte Anſtrengung, ſich zu erheben; er ſtützte ſich gewichtig auf den Arm von Juliette, 414 die ſich nicht unter der Laſt bog, und verließ mit ihrer Hülfe, mehr ſich ſchleppend als gehend, das Zimmer. „Hören Sie, Frau Mennier,“ ſprach er, indeß er langſam fortſchritt, „wir gaben uns auch den Arm an jenem ſchönen Abend, wo wir die Freitreppe des Hotel d'Orbeval hinaufſtiegen, um unſere neue Wohnung durch ein Mahl einzuweihen.“ . „Ich wollte Ihnen das gerade ſagen . . Sie haben mir dieſe Erinnerung geſtohlen!“ verſetzte Juliette mit einem grauſamen Aerger. „Ihre Leute erwarteten Sie in großer Livree im Spalier aufgeſtellt, und die Hele⸗ barde in der Hand, öffneten Ihre zwei Schweizer beide Flügel der Thüre des Veſtibule. Das iſt ein Unglück Sie werden hier keine Schweizer haben, um Ihnen die Thüre zu öffnen, die ſich ſogleich hinter Ihnen ſchließen ſoll, edler Hert Gilbert!“ „Ich weiß es wohl, mein Gott, ich weiß es wohl, Frau Meunier! Doch laſſen Sie ſich Eines ſagen, ehe wir ſcheiden: Sie haben vorhin ſo grauſame, ſo nair grauſame Worte geſprochen⸗ daß ich genöthigt bin, an⸗ zuerkennen, es ſei in Ihnen ein Fond von ſchlechter Natur.“ „Wahrhaftig! Sie glauben das „Wahrhaftig, ich glaube das, doch ich glaube auch⸗ daß ohne den Neid, der Ihnen das Herz angefreſſen⸗ und ohne die Millivnen, deren Beſitz in ihrer Seele ſchlummernde ſchlimme Inſtincte entwickelt hat, dieſe wahr⸗ ſcheinlich immer ſchlafen geblieben wären. Ja, aus Mangel an Gelegenheit, eine böſe Frau zu werden, wären Sie faſt eine gute geblieben. Damit ſage ich, daß ich Ihnen, indem ich mich von Ihnen trenne, verzeihe, Frau Meunier. Sehen Sie, dieſe verfluchten Millionen haben alles Uebel verurſacht . .. Und dennoch ſchwöre ich Ihnen, daß wir, als wir Sie bereicherten, einer edleu Femüthsbewegung folgten. Ah! wenn wir damals ge⸗ wußt hätten, wie jetzt, was das Geld iſt, ſeien Sie ruhis, 41⁵ Sie wären keine Millionäre! Sie müſſen uns alſo ver⸗ zeihen, Frau Meunier, wie ich Ihnen verzeihe.“ „Sehen Sie doch, großer Gilbert, was für ein ab⸗ ſcheuliches Wetter!“ rief Juliette, welche, außer ſich durch die Milde ihres Gaſtes, nicht wußte, was ſie anworten ſollte Und ſie deutete mit dem Finger, durch die von Mennier geöffnete Thüre, auf die weißen Schneewirbel, die ein eiskalter Nordwind in der Finſterniß peitſchte. „Welch eine kalte, ſchwarze Nacht! Wie es ſchneit!“ fügte ſie mit einem Ausdruck wilden Triumphes bei, während ihr Mann ſein Licht hinter die Thüre des Hauſes ſtellte und zu ſeiner Frau ſagte: „Nimm Dich in Acht vor der Teufelsleiter, welche die Dachdecker bei der großen Mauer haben ſtehen laſſen.“ „Es iſt gut, es iſt gut!“ erwiederte trocken Juliette, „man iſt nicht blind!“ lind ſie durchſchritt den mit Schnee gefüllten Hof und wandte ſich, immer Gilbert unter⸗ ſtützend, gegen das Thor, deſſen ewichtige Riegel von geg 8 Meunier gezogen wurden, wonach er behutſam ein wenig bffnete. Juliette ließ nun den Arm von Gilbert los und ſagte zu ihm mit einem unbarmherzigen Stimmausbruche: „Gute Nacht, großer Gilbert!“ Und das Thor ſchloß ſich wieder hinter dieſem Un⸗ glücklichen, der, geblendet durch den Schnee, mitten in die Straße ſtolperte und auf das mit Glatteis bedeckte Pflaſter fiel. Er fühlte nun, wie ihn ſeine Kräfte ver⸗ ließen, und murmelte mit einer erloſchenen Stimme: Oh! meine Gilberte, ich will vorangehen oder Dir nachfolgen in eine der unbekannten Welten, wo man wiedergeboren werden ſoll . .. Ich bedaure nur, daß ich dieſe Reiſe allein antrete! . In dem Augenblick, wo ſich der Thorweg öffnete und hinter Gilbert wieder ſchloß, hatten ſich drei Männer mit finſtern Geſichtern im Winkel einer Mauer in der 416 Nähe des Hanſes der zwei Geizigen in den Hinterhalt gelegt. XLVII. Die drei in der Vertiefung der Mauer verborgenen Männer, als ſie Gilbert aus dem Hauſe der zwei Gei⸗ zigen kommend ſtolpern, dann mitten auf die Straße fallen und einige Augenblicke bewegungslos auf dem Pflaſter ausgeſtreckt bleiben ſahen, hielten dieſen Un⸗ glücklichen für einen Betrunkenen. Seine Lumpen be⸗ nahmen ihnen jede Verſuchung, ihn zu beſtehlen, und ſie beſprachen ſich mit leiſer Stimme und ſagten: „Man iſt noch wach im Hauſe, da man dieſen Be⸗ trunkenen hinausgejagt hat.“ „Die wachen Leute ſchlafen ein; es iſt noch nicht Mitternacht, wir müſſen warten.“ „Wenn wir uns zur kurzen Leiter machen, werden wir leicht die Ecke der Mauer erklettern, welche zwiſchen dem Pavillon links und dem benachbarten Hanſe iſt.“ „Und Du glaubſt, daß der Kamin? . . .“ „Du biſt dicker als ich und Du würdeſt durchkom⸗ men. Ich habe ihn unterſucht, als ich vor ſechs Tagen den Schiefer auf dem Dache ausbeſſerte. Abſichtlich ließ ich die Leiter im Hofe . . . .“ „Stille! ziehen wir uns zurück. Der Trunkenbold rührt ſich!“ Nach einigen Angenblicken der Vernichtung ſetzte ſich Gilbert wirklich auf. Die Kälte des Schnees, auf den er gefallen war, belebte ihn wieder. Er ſammelte ſeine Lebensgeiſter und ſagte zu ſich ſelbſt: Ich werde diesmal noch nicht ſterben; gehen wir bis zum Ende, ſuchen wir Gilberte, bis meine Füße mich nicht mehr tragen können . . . Muth! . . . Aber was thun? wohin gehen? Ah, einſt waren wir arm, doch wir hatten wenigſtens ein Obdach! Oh! dürſtiges Stüb⸗ chen, wo wir ſo glückliche Tage zubrachten, wie ſehne ich mich nach dir zurück! „ Dieſer Gedanke brachte in den Geiſt von Gilbert die Erinnerung an die Mutter Badureau, ein gutes und ehrliches Geſchöpf, trotz ihrer Epcentricitäten. „Klopfen wir an ihre Thüre,“ ſagte er ſich plötz⸗ lich. „An dem Tage, wo wir das Haus verließen, be⸗ reicherte ich dieſe wackere Frau dadurch, daß ich ihr fünfz igtauſend Franken enthalten in einem Papier gab, * das ſie erſt lange nachher, gewiſſe kabbaliſtiſche Worte aus⸗ ſprechend, öffnen ſollte. Ah! wir waren damals ſo hei⸗ ter! Vielleicht wird ſie mir das nicht verweigern, was mir Meunier und ſeine Frau ſo eben verweigert haben: ein Obdach und Brod! . Wenn ſie nur noch Portière unſerer ehemaligen Wohnung geblieben iſt! Wenn nur das Geld dieſe nicht auch verdorben hat! Auf! einen letz⸗ ten Verſuch, um mich, wenn ich kann, bis dorthin zu ſchleppen!“ Entſchloſſen, nach der Rue de [Univerſité zu gehen, erhob ſich Gilbert hienach langſam. Kurze Zeit, nachdem Gilbert die Zugänge des Hau⸗ ſes der Geizigen verlaſſen hatte, ſchickten ſich die drei Männer, welche bis dahin in der Vertiefung der Mauer im Hinterhalte ſtanden, an, indem ſie einander die kurze Leiter machten, die Mauer zu erklettern. Gilbert, der faſt alle hundert Schritte ausruhte, denn ſeine kranken Füße verurſachten ihm ſcharfe Schmerzen, legte nur ſehr langſam den weiten Weg von der Zue Saint⸗Lazare nach der Rue de l'Univerſité zurück. „Wenn nur Frau Badureau noch Portière des Hau⸗ ſes iſt,“ wiederholte er ſich voll Angſt, denn er befürchtete den Untergang ſeiner letzten Hoffnung. Endlich kommt er vor ſeine alte Wohnung zu einer Gilbert und Gilberte. I. 27 418 vorgerückten Stunde der Nacht. Erſchöpft durch dieſe große Anſtrengung, klingelt er zu wiederholten Malen die Thüre bleibt geſchloſſen. Ganz in Verzweiflung un völlig gelähmt, iſt der Unglückliche nabe daran, auf die Schwelle des Hauſes zu fallen, da öffnet ſich plöhlich ein kleines Fenſter, welches äußerlich auf die Straße und innerlich in das Halbgeſchoß der Portiere geht, und n hört dieſe mit einer zornigen Stimme rufen: Wenn Ihr noch einmal meine Klingel anrührt, Ihr Böſewicht, der Ihr ſeid, ſo ſchreie ich Feuer und Mörder!“ Ich bin es, meine gute Frau Badureau, ich, Gil⸗ bert, Ihr ehemaliger Miethsmann; erkennen Sie meine Stimme nicht mehr?“ „Sie ſind es endlich! Oh! Tag Gottes, das iſt ein Glück! .. Warten Sie einen Augenblick, ich ziehe einen Rock und ein Kamiſol an, denn, junger Mann „ Sie ſind ein junger Mann. Ah! Sie können ſich rüh⸗ men, daß Sie mir manchen ſchweren Alp verurſacht haben,“ fügte die Portiere bei, während ſie das kleine Fenſter wieder ſchloß. „Ich bin gerettet!“ ſagte Gilbert, ſeine Leiden ver⸗ geſſend, zu ſich ſelbſt, „ich werde ein Oödach, Ruhe fin⸗ den und die Aufſuchung meiner Frau wieder fortſetzen können.“ Bald öffnete ſich das Thor. Gilbert ſtieß es zurück und wandte ſich, nachdem er es wieder geſchloſſen hatte, nach der Loge, auf deren Schwelle Frau Badureau, ihr Licht mit ihrer Hand beſchirmend, ſtand; doch beim Anblick ihres ehemaligen Miethsmannes, der abgezehrt und bleich, in Lumpen gekleidet, mit Schnee bedeckt, mit einem Worte unkenubar vor ſie trat, ſtieß ſie einen Schreckensſchrei aus und rief: „Das iſt ein Dieb! Er hat nich betrogen! .. Wache! Mörder!“ Befürchtend, dieſes Geſchrei könnte die Bewohner H 4¹9 des Hauſes in Bewegung bringen, entſchloß ſich Gitbert nicht ohne Bedauern, die Portihre in das Innere der Loge zurückzudrängen, und dann ſagte er zu ihr: „Erkennen Sie mich doch ſchauen Sie mich doch wohl an .. fürchten Sie nichts . In des Himmels Namen, beruhigen Sie ſich!“ Bei jedem von dieſen Worten beſchwichtigte ſich die Angſt von Frau Badureau immer mehr, und zurückwei⸗ chend, ſo wie Gilbert vorrückte, erhob ſie ihr Licht mit einer noch zitternden Hand bis zu der Höhe des Geſich⸗ tes des Ankommenden, um ihn beſſer zu betrachten, und als ſie keinen Zweifel mehr über ſeine Identität haben konnte, ſagte ſie mit einem zugleich ſchmälenden und erleichterten Tone, ohne daß es ihr einfiel, ſich über das elende Ausſehen ihres ehemaligen Miethsman⸗ nes zu wundern: „Endlich ſind Sie da! Sie ſind auch ein hübſcher Junge mit Ihren Bri⸗bri, Ihren Bra⸗bra, Ihren ru⸗bru und Ihren fünfzigtauſend Franken, die mich ſeit ſo vielen Nächten auch nur ein Auge zu ſchließen verhindert und mir Träume gegeben haben, daß ſich die Haare auf meinem Haupte ſträubten.“ Und ohne das Erſtaunen von Gilbert wahrzuneh⸗ nen, ſtürzte ſie gegen ihr Halbgeſchoß, kletterte hinauf und warf aus ihrem Bette ihre Decken, ihre Betttücher, ihre Matratzen, ſelbſt das arme Thier, deſſen ſie ſich als Eiderdunen bediente, ihre Katze Robinet, welche von oben herabfallend ein zorniges Miauen von ſi Lab, für das Frau Badureau tief unempfindlich blieb. ann ſtörte ſie in ihrem Strohſacke, und zog daraus ein in einem alten, ſorgfältig zugebundenen Strumpfe verwahrtes Päckchen, wonach ſie, trotz ihres Alters, ehende die Treppe herunterlief und dem erſtaunten Gil⸗ ert den alten Strumpf übergab, indem ſie mit einem Ausdrucke unausſprechlicher Erleichterung zu ihm ſagte: „Hier haben Sie wieder das mir anvertraute Gut. 420 Tag Gottes! Sie nehmen mir ein ſchweres Gewicht vom Magen, ein Gewicht von fünfzigtauſend Livres *)!“ Und entzückt über dieſes Wortſpiel fügte ſie bei: „Oh! ein Calembour! Ich habe viel Unglück ausgeſtanden, doch das iſt das erſte Wortſpiel, das ich mir in mei⸗ nem Leben erlanbe. Das macht die Freude, junger Mann!“ Die Worte des ehrlichen Geſchöpfes: „nehmen Sie wieder das mir anvertraute Gut,“ waren für Gilbert eine Offenbarung. Frau Badureau, welch nicht an die Schenkung einer, im Verhältniß zu ihrer beſcheidenen Lage, ſo bedeutenden Summe hatte glau⸗ ben können, hatte als ihrer Ehrlichkeit anvertraut das Geld betrachtet, über das ſich ihr ehemaliger Miethsmam einſt nur unbeſtimmt erklärt, und dieſes Depot gab ſe ihm unberührt, ganz freudig, daß ſie von einer au ihr laſtenden Verantwortlichkeit befreit ſein ſollt, zurück. Die Thränen traten Gilbert in die Augen. „Ah!“ dachte er, „wie ſehr beklage ich es, daß durch meine Freigebigkeit ſo viele reiche Spenden in un⸗ würdige Hände gefallen ſind! Ich hätte eine ſo ſelten Ehrlichkeit belohnen können . . . Doch im Ganzen ge hört dieſe in meinem Geiſte für Frau Badureau bo⸗ ſtimmte Summe ihr; zurücknehmen, was ſie als ein al⸗ vertrautes Gut betrachtet, heißt beinahe ſie beſtehlen Nein, nein, nie! Und dennoch, ſeltſamer Zufall! dieſe Geld bildet die Rente, welche in Verbindung mit de Früchten unſerer Arbeit uns den beſcheidenen Wohlſan ſichern ſollte, in dem wir durch die Rathſchläß von Frau Louiſe endlich das Glück zu finden hofften *) Unüberſetzbares Wortſpiel: un poids de einquau⸗ mille livres, ein Gewicht von fünfzig tauſend Liprei Franken) oder: von fünfzig tanſend Pfund. 421 Und wenn es mir gelänge, meine Gilberte wiederaufzufin⸗ den, wer weiß, ob wir nicht einen letzten Verſuch wa⸗ gen würden, ehe wir dieſe Welt verließen „Oh, Hoffnung, du machſt, daß ich vom geraden Wege ab⸗ gehe! Ich bin ſchwach! ich beſitze nicht die Kraft, mich bis zum Heldenmuthe der unumſchränkten Pflicht zu er⸗ heben. Aber Gilberte! Gilberte! . . . Ah! ich werde wenigſtens nach meinem beſten Vermögen die Ehrlichkeit dieſes vortrefflichen Geſchöpfes, das mich der Hoffnung, dem Leben zurückgibt, anzuerkennen wiſſen!“ Dieſe Betrachtungen hatten ſich dem Geiſte von Gilbert mit der Geſchwindigkeit des Gedankens geboten. und er hatte kaum das Depot aus den Händen der Portiere empfangen, als dieſe zu ihm ſagte: „Raſch! raſch . junger Mann . zählen Sie das Geld und ſehen Sie, ob nichts bei dem Schatze fehlt ich will ein reines Gewiſſen haben.“ „Wackere, würdige Frau, thun Sie mir die Be⸗ leidigung nicht an, zu glauben, ich zweifle an Ihrer Ehrlichkeit .. „Junger Mann, Sie ſcheinen ein ſehr hartes Herz zu haben! . Sie müſſen vermuthen, es jucke mich auf der Zunge, Sie zu fragen, wie es komme, daß Sie in den Straßen von Paris bei einem Wetter, wo man keinen Hund hinausjagen würde, gekleidet wie ein Bett⸗ ler, herumlaufen. Ich kann hierüber und über andere Dinge nur mit Ihnen ſprechen, wenn Sie dieſen Schatz unterſucht und richtig befunden haben, wo⸗ nach mein Geiſt ruhig ſein wird . . und Sie thun das nicht!“ „Gut, Frau Badureau; doch indeß ich das Geld zähle, da Sie es durchaus verlangen, haben Sie die Güte, mir ein Stück Brod und ein Glas Waſſer zu geben. Ich ſterbe vor Durſt, Hunger und Müdigkeit; ich habe ſeit geſtern Abend nichts gegeſſen!“ „Mein Gott! iſt das möglich?“ rief die Portisre. 422 Und ſie lief an einen kleinen Speiſeſchrank und zog dar⸗ aus einen Napf mit kalter Fleiſchbrühe, ein Stück Kalbsbraten, Käſe, Brod, eine halbe Flaſche Wein, nahm aus ihrer Commode eine ſehr weiße Serviette, einen ſilbernen Becher und ein ſilbernes Beſteck, Gegen⸗ ſtände, deren ſie ſich nur an großen Tagen bediente, und war voll Eifer beſchäftigt, auf einem kleinen Tiſche dieſes Mahl zuzurichten. Gilbert öffnete mittlerweile den alten Strumpf und fand darin das Depot in fünf bis ſechs Umſchlägen, welche, aus Papier und Lumpen beſtehend, mit allen Arten von Schnüren umbunden waren. In ihrer Furcht, beſtohlen zu werden, war Frau Badureau naiver Weiſe darauf bedacht geweſen, wenigſtens den Inhalt durch das Enthaltende zu be⸗ ſchützen. Endlich entrollte er das Papier, in welches er ſelbſt einſt die fünfzig Tauſend-Franken⸗ Billets gelegt hatte. Keines fehlte, wie man ſich denken kann. Der Beſitz dieſer gegen das Vermögen, deſſen Herr er einſt geweſen, ſo unbedeutenden Summe gewährte Gilbert eine tiefe Befriedigung. Es war nicht mehr die für den Geiſt und die Seele ungeſunde, ſchwindelartige Blendung, welche der unvorhergeſehene, unverdiente Beſitz eines Vermögens, das man nicht durch ſich ſelbſt gewonnen hat, gibt; es war nicht mehr die ſchimmernde Luftſpiegelung, durch welche man nur materielle, unge⸗ ordnete Genüſſe ohne andere Grenzen, als die der Sät⸗ tigung und des Unmöglichen, ſieht. Nein, in dieſer Sumie, der nothwendigen Ergänzung ſeiner Thätigkeit, ſah Gilbert nur den beſcheidenen Wohlſtand, der die Erholung nach der Arbeit erlaubt, die edlen und heilſa⸗ men Vergnügen des Geiſtes, die für den lange beſchäf⸗ tigten Menſchen unerläßlichen Zerſtreuungen, eine ein⸗ fache und geſunde Nahrung, eine Sicherheit gegen das Fiiet⸗ eine Erſparniß, welche die Freundſchaft zu ver⸗ inden oder das Unglück zu unterſtützen geſtattet. Mit einem Worte, in dieſem mit der Arbeit verbundenen 423 Wohlſtande ſah Gilbert das Glück, dieſes Ideal ſo hartnäckig, ſo inſtinctartig geträumt, geſucht, begehrt, weil es der Endzweck des Menſchengeſchlechts iſt, und weil der Menſch vermöge der Erziehung, der Arbeit, und der Redlichkeit ein Recht auf das in beſcheidene Grenzen eingeſchloſſene Glück hat. Iſt es nöthig, zu bemerken, daß für Gilbert dieſe Glückſeligkeit nur mit Gilberte getheilt beſtand? Er hatte die letzten Banquebillets vollends durch⸗ blättert, als Frau Badureau, den ſilbernen Becher, den ſie mit gezuckertem Weine gefüllt, in der Hand haltend, auf ihn zutrat und ihn fragte: Junger Mann, iſt die Rechnung richtig?“ „Ja, Frau Badureau, ich wußte es, ehe ich die Billets gezählt hatte.“ „Gut, nun hafte ich, Gott ſei Dank! nicht mehr für den ruchloſen Schatz, und auf der Stelle verſchlucken Sie mir das, es iſt gezuckerter Wein, und das wird Ihnen den Magen wieder einrichten; ich gebe Ihnen nicht ſogleich zu eſſen: das wäre Ihnen ſchädlich; Sie müſſen bei Ihrem Hunger bleiben, bis der Wein ſeine Wirkung gethan hat.“ Gilbert befolgte dieſen weiſen Rath und befand fich wohl dabei; wiederbelebt, erwärmt durch ein ſtär⸗ kendes Getränke, fühlte er die ſchmerzhaften Zuſammen⸗ ziehungen ſeines Magens abnehmen; dann unterſtützten die Hoffnung und der plötzliche Umſchlag ſeines Mißge⸗ ſchics mächtig die von Frau Badureau angefangene Cur. Dieſe, als ſie das Geſicht ihres ehemaligen Miethsmannes leicht ſich färben ſah, obgleich er noch zuweilen unter ſeinen mit Rauhreif und Schnee bedeckten Lumpen ſchauerte, ſagte, plößlich von einer Idee be⸗ troffen: „Ich habe hier in meinem Schranke beinahe neue Effecten, welche dem ſeligen Badureau gehört haben: es ſind dabei ganz weiße Hemden; ich leihe Ihnen ein 424 Paar Sahlbandſchuhe; wollen Sie wechſeln? ich gebe Ihnen die Sachen und klettere wieder in mein Halbge⸗ ſchoß hinauf. Seien Sie aber unbeſorgt, was die Schicklichkeit betrifft, junger Mann: ich werde meine Vorhänge ſchließen und nicht ſchauen.“ Gilbert nahm das Anerbieten dankbar an, und in⸗ deß die Portiore behende wieder in ihr Halbgeſchoß hin⸗ aufſtieg, konnte er mittelſt des Nachlaſſes des ſeligen Badurean, der ungefähr von ſeinem Wuchſe geweſen ſein mußte, ſeine Lumpen gegen trockene Kleider ver⸗ tauſchen. Nach dieſem Wechſei trat bei ihm bald das Gefühl des Wohlbehagens und der Erholung ein. „Iſt es geſchehen?“ fragte die Stimme der hinter ihren Vorhängen verſchanzten würdigen Frau; „kann ich wieder kommen?“ „Gewiß, Frau Badureau.“ „Ah! junger Mann,“ rief ſie, während ſie ihre Leiter herabſtieg, „wenn die Nachbarn wüßten, daß ein hübſcher Junge wie Sie in meiner Loge ſeine Toilette gemacht hat, welche Witze! Ei! was iſt es aber im Ganzen? Habe ich nicht frei über mich zu ſchalten und zu walten? . Ah! nun ſind Sie getrocknet; nehmen Sie einige Löffel voll kalte Fleiſchbrühe, ein wahre Gelée, wie Sie ſehen; zwei Tröpſchen Wein darauf, und in einer Viertelſtunde werde ich Ihnen eine Schnitte Kalbsbraten und ein Stückchen Brod erlauben.“ „Welch ein gutes Herz haben Sie!“ erwiederte Gilbert, der ſich ganz nach den Inſtructionen richtete, die ihm Frau Badureau mit einer faſt mütterlichen Für⸗ ſorge gab; „wie ſind Sie für mich beſorgt!“ „Junger Mann, ſind Sie nicht mein Wohl⸗ thäter?“ „Ich?“ „Und Ihre zweitauſend Franken?“ „Welche zweitauſend Franken?“ „Die, welche Sie mir in einer Nacht durch eine 425 der Scheiben meiner Loge geworfen haben, als Sie ein verkleideter polniſcher Fürſt waren; Sie zerbrachen ſo⸗ gar die Scheibe mit einem Fauſtſchlage, und ich habe das Geld bei der Sparkaſſe angelegt. So daß ich, wenn ich nicht mehr dazu tauge, eine Thüre zu hüten, — ein Hundehandwerk, das iſt wahr! . doch wo die Ziege angebunden iſt, da muß ſie freſſen, — mich in meinen beſcheidenen Ruheſtand zurückziehen kann, ſtatt die Goſſen zu fegen, wie ſo viele alte Weiber. „Und man iſt am Ende noch ſehr glücklich, wenn man in ſei⸗ nen alten Tagen in den Goſſen arbeiten kann.“ „Ich hoffe, wenn ich meine arme Frau wiederfinde, werden Sie ein Ruheplätzchen bekommen, das Sie je⸗ dem andern vorziehen.“ „Wie! wenn Sie Ihre Frau wiederfinden? Sie haben ſie alſo verloren? In der That, ſie iſt nicht mit Ihnen, und es kommt mit ganz drollig vor, daß ich Sie nicht beiſammen ſehe, Sie, die Sie nie das eine ohne das andere gingen. Und dann Ihr dürftiges Aus⸗ ſehen, während Sie wußten, daß hier noch fünfzigtau⸗ ſend Franken für Sie aufbewahrt wurden das be⸗ greife ich Alles nicht, gar nicht; das macht mich ganz verwirrt.“ „Vernehmen Sie mit ein paar Worten unſere Geſchichte. Sie mußten erfahren, daß meine Frau und ich verhaftet worden ſind, da Sie durch das Gericht befragt wurden?“ „Sprechen Sie nicht hievon, das iſt eine abſcheu⸗ liche Geſchichte! Als der Commiſſär das erſte Mal hier⸗ er kam, um mich ſchwatzen zu machen, ſagte ich Alles, was ich wußte, ohne an etwas Schlimmes zu denken, dies um ſo mehr, als ich glaubte, die Regierung laſſe Erkundigungen über Sie einziehen, weil ſie Sie decori⸗ ren wolle, junger Mann. Wie einfältig war ich! zwanzigmal hatte ich es auf der Zungenſpitze, dem Commiſſär zu ſagen, ich beſitze den Schatz, ſo ſehr 4²6 machte er mir das Alpdrücken. Doch ich ging mit mir zu Rathe, ich befragte mich und antwortete mir: Sachte! Herr Gilbert, mein Wohlthäter, hat mir geſagt: „Frau Badureau, nehmen Sie dieſes Paquet. Sie werden es in neunundnennzig Tagen öffnen und dabei dreimal ſprechen: Bri⸗bri, bra⸗bra, bru⸗bru, und Sie ſollen ein Stück ſehen, wie Sie noch keines geſehen haben.“ Sie müſſen aber nun wiſſen, was ich in die⸗ ſer Hinſicht gethan habe. Sobald der neunundneunzigſte Tag gekommen iſt, ſage ich dreimal: Bri⸗bri, bra⸗ bra, bru⸗bru. Ich öffne das Pagquet, was finde ich darin? Fünfzigtanſend Franken. Ich hatte allerdings nie ein Stück von fünfzigtauſend Franken geſehen. An⸗ fangs glaube ich, es ſei ein Spaß; ich nehme ein Bil⸗ let; ich gehe zum Wechsler, doch er verbürgt ſich dafür, daß das Billet gut iſt. Da habe ich zu mir geſagt: „„Sachte! ich begreife nichts von Allem dem, doch wenn mir mein Wohlthäter dieſes Geld übergeben hat, ſo iſt es geſchehen, damit ich es ihm bewache. Das iſt verteufelt läſtig, doch iſt es heilig!“ Ich ſage, das ſei verteufelt läſtig, junger Mann, wegen der Furcht, die man hat, beſtohlen zu werden. Später erfuhr ich die Gerichte haben ſchlimme Abſichten gegen Sie! Man befragte mich. Ich antwortete die Wahrheit. Dann hörte ich im Quartier, man habe Sie mit Ihrer Frau ins Gefängniß gebracht, und man bezüchtige Sie, Sie haben Ihre Reichthümer geſtohlen. „„Herr und Frau Gilberte wären Diebe! Gehti ich glaube kein Wort von dieſem Mährchen!““ wiederholte ich meinen Nach⸗ barn. So lange ich Sie im Gefängniß wußte, wun⸗ derte ich mich nicht darüber, daß Sie nicht kamen, um Ihr Geld zu holen, und ich dachte bei mir, ich habe ſehr Recht gehabt, den Gerichten nichts von dem Schatze zu ſagen, der für Sie eine Birne für den Durſt ſein werde. Als man aber im Quartier erfuhr, Sie ſeien aus dem Gefängniſſe entlaſſen, da erwartete ich jeden —— 427 Tag, Sie zu ſehen, in der Hoffnung, Sie werden mich von der Unruhe befreien, die mir Ihr ſataniſches De⸗ pot verurſachte. Gott ſei Dank! endlich haben Sie es wieder zu ſich genommen. Aber, mein Gott! wie kommt es, daß ich Sie zerlumpt wie einen Bettler und Hun⸗ gers ſterbend wiederſehe? was mich denken läßt, Sie können nun dieſes Schnittchen Kalbsbraten eſſen. Beei⸗ len Sie ſich aber nicht, junger Mann, das wäre Ihnen ungeſund.“ „Sie haben meine Frau und mich gut beurtheilt, indem Sie ſich weigerten, zu glauben, wir ſeien Diebe, meine liebe Frau Badureau,“ erwiederte Gilbert, wäh⸗ rend er ſachte aß „Das Gericht hat unſere Unſchuld er⸗ kannt: es hat uns in Freiheit geſetzt, ließ aber den Sequeſter über unſer Vermögen fortbeſtehen, was uns nicht viel bekümmerte. Meine Frau und ich waren in zwei verſchiedene Gefängniſſe eingeſchloſſen, ohne die geringſte Communication zu haben, ſo daß wir, an demſelben Tage frei geworden, nicht zuſammentreffen konnten. Seit dieſer Zeit ſuche ich meine arme Gilberte in ganz Paris!“ „Oh! junger Mann, verzweifeln Sie nicht,“ rief die Portisre, als ſie Thränen in die Augen von Gil⸗ hert treten ſah, der ſich im Eſſen unterbrach, „Muth! werden Ihre ſchöne Frau wiederfinden . uth!“ „Oh! nun, da ich wieder Kräfte geſchöpft habe, und es mir nicht an Geld fehlt, erwache ich zu neuer Hoffnung!“ „Aber warum haben Sie es ſo weit kommen laſ⸗ ſen, daß Sie beinahe Hungers geſtorben ſind, ſtatt den Schatz von mir zurückzufordern? Und dann mach⸗ ten Sie ſo hübſch Ihre Taſchenſpielerſtückchen! Sie hatten Geld ſo dick wie Sie in Ihrem Pififfigkeitsſacke .. ären Sie auf ein Theater gegangen . das Stück mit dem Kameel war ſo herrlich!“ 428 „Ich werde Ihnen eines Tags erklären, warum ich meine Zuflucht nicht zu dieſem Mittel habe nehmen kon⸗ nen; was das Ihnen anvertraute Gut betrifft,“ erwie⸗ derte Gilbert erröthend, denn er log, „ſo vergaß ich die Sache, als ich beinahe ohne Geld aus dem Gefängniß kam, in der Unruhe, in dem Kummer, den mir die Ent⸗ fernung meiner Frau verurſachte; heute Abend erſt erin⸗ nerte ich mich dieſes Depot.“ „Das wundert mich im Ganzen nicht, junger Mann. Als ich das Unglück hatte, den ſeligen Badureau zu ver⸗ lieren, ging in meinem Kopfe Alles drunter und drüber; ich konnte mich auf gar nichts mehr beſinnen . . Doch, Gott ſei Dank! nun fehlt es Ihnen nicht mehr au Geld. . . und ſollten Sie alle Tage an alle vier Ecken von Paris zu laufen haben, Sie müſſen wohl am Ende Ihre kleine Dame treffen.“ „Oh! habe ich dieſes Glück, ſo werden wir Sie zu uns nehmen, Frau Badureau, wenn Ihnen das zu⸗ ſagt, und wir werden uns nicht mehr verlaſſen.“ „Wahrhaftig!“ rief die Portière ganz frendig, „was ſagen Sie mir da? Ich wäre Ihre Concierge?“ „Wir werden zu einfach leben, um eine Portiere zu haben. Es iſt unſere Abſicht, ein kleines Haus mit einem Garten in der Bannmeile von Paris zu miethen und unſer Gewerbe als Blumenmacherin und Lithograph wieder aufzunehmen; Sie werden meiner Frau bei den Haushaltungsſorgen helfen, und 4 „Sie können nicht glauben, wie mir das anſteht,“ verſetzte die Portière immer ſtrahlender; „denn ſeitdem Sie mir (ohne Vorwurf) Ihren Satansſchatz zu hüten gegeben haben, war ich wie verrückt; ich ließ Niemand auch nur den Fußboden in meiner Loge anſchauen, ich hielt alle Menſchen für Diebe, ich ſchnauzte die Mieths⸗ leute an, und einer von ihnen hatte die Gemeinheit, mich beim Hauseigenthümer zu verklagen. Dieſes Ungehener von einem Denuncianten heißt Godard. Er bezüchtigie 42⁰ nich, ich habe geſagt, er ſei todt, um mir einen ſeiner Freunde vom Halſe zu ſchaffen, den ich im Verdachte hatte, es ſei bei ihm auf Ihren Schatz abgeſehen, weil er durchaus in meine Loge herein wollte. Der Hauseigen⸗ thümer drohte mir, mich vor die Thüre zu ſetzen, wenn ich noch einmal behaupte, ſeine Miethsleute ſeien todt. Auf das Aeußerſte gebracht durch dieſe Drohung, nannte ich ihn einen alten Pierrot! Seit dieſem Augen⸗ blick ſtehen wir ſehr kalt. Denken Sie ſich auch meine Freude, junger Mann, wenn ich bei Ihnen und Ihrer kleinen Dame eintreten könnte!“ „Laſſen Sie mich nur Gilberte wiederfinden, und wir werden uns nicht mehr trennen, meine gute Frau Badureau. . Aber ſagen Sie mir, es wird bald Tag werden, ich fühle mich gänzlich wiedergeſtärkt; ich will mich raſiren laſſen, ein Bad nehmen, und dann, da ich außer Stande bin, zu gehen, werde ich mir ein Cabriolet miethen, um die Straßen von Paris zu durchfahren.“ „Das iſt ein guter Gedanke; Sie werden ſo zwei⸗ oder dreimal mehr Weg machen, Sie müſſen alſo zwei bis drei Chancen mehr haben, Ihre Dame zu treffen.“ „Iſt das Zimmer, das wir hier bewohnten, ver⸗ miethet?“ „Es war nur ein Vierteljahr vermiethet; jetzt iſt es vacant.“ „Können Sie dieſen Morgen Ihre Loge verlaſſen?“ „Gewiß, die Mutter Ramichon, welche da oben wohnt, wird meine Stelle einnehmen.“ „Hören Sie, was ich von Ihrer Gefälligkeit erwarte: während ich in ein Bad und zum Barbier gehe, haben Sie die Güte, ſich nach dem Temple zu begeben, und kaufen Sie mir ein wenig Wäſche und einen voll⸗ ſtändigen, reinlichen, aber nicht zu theuern Anzug; wir müſſen haushälteriſch mit unſerer Börſe umgehen. Sie laſſen mir auch ein Gurtbett, eine Matratze und Lein⸗ tücher hierher bringen; ich will den halben Termin be⸗ 430 zahlen, um in unſerem alten Zimmer zu wohnen, bis ich meine Frau wiedergefunden habe. Ich werde am Mor⸗ gen abgehen und erſt am Abend zurückkommen und Ih⸗ nen dann Nachricht vom Verlaufe des Tages geben.“ „Das iſt abgemacht, junger Mann. Bewachen Sie ein wenig die Loge: ich will die Mutter Ramichon ho⸗ len; ſie ſoll mich erſetzen, und ehe es dieſen Morgen acht Uhr geſchlagen hat, werden Ihre Aufträge beſorgt ſein, und Sie können in das Cabtiolet ſteigen.“ Vermöge ihrer Thätigkeit hielt Frau Badureau ihr Verſprechen; ausgeruht, beſänftigt, erquickt durch das Bad, reinlich gekleidet, ſtieg Gilbert um acht Uhr in ein Miethecabriolet. „Herr,“ fragte ihn der Kutſcher, „wohin fahren wir?“ „Wohin Sie wollen, mein Braver, fahren Sie aber nicht zu raſch, damit ich die Vorübergehenden anſchauen kann.“ „Gut!“ ſagte der Kutſcher zu ſich ſelbſt, „das iſt ein Verrückter; er nimmt mich auf die Stunde und will, daß ich ſachte fahre; ich beklage mich nicht über die Kundſchaft.“ „ 63 XLVIII. Gegen das Ende dieſes Tages, an dem Gilbert durch die Ehrlichkeit von Frau Badurean wieder in den Beſitz ſeiner fünfzigtauſend Franken gekommen, war, zo⸗ gen und ſchoben zwei Frauen, von denen die eine alt und von zurückſtoßendem Geſichte, die andere jung und reizend von Geſicht, obgleich bleich und abgemagert, einen kleinen Handwagen, der voll von Aepfeln, wel⸗ che die Aeltere von den zwei Frauen an die Vorüber⸗ gehenden verkaufte, während ihre Gefährtin angeſpannt blieb in der Gabel mittelſt lederner Zugbänder, die 431 in einem durch einen Haken und einen Ring am Vorder⸗ geſtelle befeſtigten Riemen endigten. Dieſe ſo angeſpannte junge Frau war Gilberte. Ein um ihren Kopf gebundenes rothes Taſchentuch mit Vierecken bedeckte ihre ſchönen Haare, von denen man nur zwei Streifen erblickte; ihr Kamiſol von Zitz unſchloß ihre zierliche Taille, und ihr aus Furcht vor dem Kothe ein wenig aufgehobener Barchentrock ent⸗ blößte halb ihr hübſches Bein und ließ ihren kleinen Fuß ſehen, der mit blauen Strümpfen und Holzſchuhen bekleidet wat. Dieſe Kleider waren trotz ihrer Dürf⸗ tigkeit ſo reinlich gehalten, die Schönheit der jungen Frau bot einen ſo anziehenden Reiz, daß oft die Vor⸗ übergehenden ſtehen blieben, um ſie anzuſchauen, oder Aepfel kauften, um ein Wort an die hübſche Händlerin zu richten. An ihren Karren angeſpannt, erſchöpfte ſich Gilberte keuchend, um den jähen Abhang des Bonlevard zu er⸗ ſteigen, der ſich von der Porte Saint⸗Denis bis in die Gegend des Gymnaſe erſtreckt. Das Pflaſter dieſes Ab⸗ hangs war ſchlüpfrig gemacht durch das Glatteis. Die alte Frau, die den Wagen von hinten ſchob, ſagte von Zeit zu Zeit zu Gilberte mit einem keifenden, heiſeren Tone: „Hüe! hüe! Faule!“ Doch die Kräfte der jungen Frau waren zu Ende; athemlos, erſchöpft vor Müdigkeit, ſah ſie ſich genöthigt, einen Augenblick anzuhalten; indem ſie ſich mit einer Hand auf die Gabeldeichſel ſtützte, wiſchte ſie mit ihrer umgekehrten andern Hand ihre Stirne ab, die der Schweiß badete, obgleich eine ſehr ſcharfe Kälte herrſchte. So unbeweglich ein paar Augenblicke daſtehend, benützte ſie dieſe Zeit des Anhaltens, um dahin und dorthin, um ſich her und auf die Vorübergehenden unruhige, gierige Blicke laufen zu laſſen, als ſuchte ſie Jemand. Ihre Augen trafen ſo zufällig das Gewölbe des Thorweges, wo, un⸗ gefähr ein Jahr vorher, unſere jungen Leute, als ſie von ihrem vielbeſprochenen Diner im Café de Paris kamen, von einem Auvergnat das Figürchen der Korrigan gekauft hatten. Bei dieſer Erinnerung erwachten tau⸗ ſend ſchmerzliche Gedanken im Geiſte von Gilberte; ihre Thränen, die ſie nicht mehr zurückhalten konnte, floßen langſam über ihre durch die Kälte gemarmorten Wan⸗ gen, und ſie verſank in eine tiefe Träumerei. Doch die alte Frau, ihre Gefährtin, rief ihr bald mit einer heiſeren Stimme und mit zornigem Tone zu: „Nun! haſt Du genug ausgeruht? . . . Hiüe, Faule! hüe!“ Und in ihrem Zorne den Karren heftig von hinten antreibend, gab ihm die Alte eine ſo ungeſtüme Bewe⸗ gung, daß der Stoß Gilberte ſtraucheln machte und bei⸗ nahe zu Boden warf; doch ohne eine Klage vorzubrin⸗ gen, ſtellte ſie ſich wieder auf ihren Füßen feſt und warf fern hinaus auf die Vorübergehenden einen ſuchenden Blick; dann nahm ſie wieder mit jeder von ihren Hän⸗ den die Gabel des kleinen Wagens und kletterte weiter den jähen Abhang hinauf. Wie war Gilberte die Gefährtin oder vielmehr das Laſtthier der Mutter Maillard, der ambulanten Aepfel⸗ händlerin, geworden? Wir werden es mit wenigen Wor⸗ ten ſagen. Gilberte hatte während ihrer Gefangenſchaft in Saint⸗Lazare völlig abgeſondert von ihren Gefängniß⸗ gefährtinnen gelebt. Unbekümmert um die Gegenwart war ſie ganz und gar abſorbirt durch den einzigen Ge⸗ danken, durch die einzige Sofſuuns, „nach ihrer Frei⸗ laſſung mit Gilbert wiedervereinigt zu werden, um hei⸗ ter mit ihm abzugehen zu der großen, endloſen Reiſe durch neue und unbekannte Welten, wo man unabläſſig wiederaufleben ſoll.“ Dieſer unerſchütterliche Glaube, den ſie der Korri⸗ gan verdankte, machte Gilberte gleichgültig gegen das, 433 was um ſie her vorging, und nicht minder gleichgültig gegen ihre Zukunft auf dieſer Erde, welche zu verlaſſen ſie vor Begierde brannte. Sie baute auch fortwährend, wie man zu ſagen pflegt, Schlöſſer in den an⸗ dern Welten, preisgegeben der glühenden, immer un⸗ geſtillten Nengierde, die denjenigen eigenthümlich iſt, welche in dem, was man gemeiniglich den Tod nennt, den äußerſten, ungeduldig erwarteten Augenblick ſehen wo endlich die verzehrende Neugierde, von der ſie beſeſſen ſind, befriedigt werden ſoll. Man wird begreifen, daß durch dieſen mächtigen Glauben Gilberte, gleichgültig gegen die Gegenwart und die Zukunft, die Zeit ihrer Gefangenſchaft wie einen Traum vorübergehen ſah. Eine einzige Sorge trübte zuweilen ihre Träumereien in Betreff der andern Welten: ſie be⸗ fürchtete, bei ihrem Abgang aus dem Gefängniß nicht mit Gilbert zuſammenzutreffen, da, wie man weiß, jede mündliche oder ſchriftliche Communication zwiſchen den zwei Gatten abgeſchnitten war. Am Tage ihrer Freilaſſung erfuhr die junge Frau, als ſie ſich beim Director ihres Gefängniſſes nach dem Orte, wo Gilbert eingeſperrt war, erkundigte, er ſei wahrſcheinlich in der Force eingeſperrt und werde an demſelben Tage der Freiheit zurückgegeben werden. Bilberte wartete in der Kanzlei auf ihren Entlaſ⸗ ſungsſchein, als ſie die Bekanntſchaft der Mutter Maillart, einer aus dem Gefängniß frei gewordenen Frau, machte, 3 welche, der Verhehlung geſtohlener Gegenſtände bezüch⸗ tigt, eingeſperrt geweſen war, die man aber in Erman⸗ gelung von Beweiſen trotz ſchwerer Vermuthungen wieder hatte frei laſſen müſſen“ In einem andern Theile des Hanſes eingeſperrt, als Gilderte, ſah ſie dieſe zum erſten ale in der Kanzlei, aber betroffen von der Schönheit ihrer jungen Gefährtin, bot die Mutter Maillart, welche ier die gute Frau ſpielte und ſich für ein Opfer eines Gilbert und Güberte. M. 28 Irrthums der Juſtiz ausgab, Gilberte ihre kleinen Dienſte zn. Als ſie hörte, die Mutter Maillart ſei fälſchlich angeſchuldigt geweſen, glaubte Gilberte an ihre Ehrlich⸗ keit, ſetzte ſich mit ihr ins Vertrauen und ſprach offen⸗ herzig gegen ſie ihr lebhaftes Verlangen aus, ihren Gat⸗ ten wiederzufinden, der, nach einer Gefangenſchaft von e mehreren Monaten, wie ſie an demſelben Tage ſeiner Haft entlaſſen worden. „Seien Sie unbeſorgt, Sie werden ihn wieder⸗ finden, meine kleine Schöne,“ ſagte die Mutter Maillart mit der Miene einer vollkommen Unterrichteten; „die Weiber kommen aus dem Gefängniß des Morgens zwi⸗ ſchen acht und zwölf Uhr, aber die Männer dürfen im⸗ mer nur Nachmittags zwiſchen zwei und vier Uhr weg⸗ gehen; das iſt die Regel; ich weiß das; ich habe einen Verwandten bei der Verwaltung. Es iſt erſt zehn Uhr, Sie haben alſo Zeit, mit Ihrem Manne zuſammenzu⸗ treffen . . . Doch da fällt mir ein: ſoll ich Sie beglei⸗ ten? Durch die Protection meines Verwandten (der bei der Verwaltung iſt), wird es mir leicht ſein, Ihnen Ein⸗ tritt in das Gefängniß Ihres Mannes zu verſchaffen⸗ ſtatt daß Sie außen warten müſſen.“ Man denke ſich die Freude von Gilberte, die ſo ihren Gilbert ein paar Stunden früher ſehen ſollte! Gerührt von der Zuvorkommenheit der Alten, nahm ſie ihr Anerbieten voll Eifer an. „Liebe kleine Schöne,“ fragte die Mutter Maillart, „in welchem Gefängniß iſt Ihr Mann?“ „Man hat mir geſagt, er werde wahrſcheinlich in der Force ſein.“ „Mir ſcheint aber, Sie haben mir mitgetheilt, er ſei nach einer Haft von mehreren Monaten in Freiheit geſetzt worden?“ „Ja, Madame.“ „Dann kann er unmöglich in der Force ſein; man hat Sie getäuſcht; Ihr Mann muß in der Roquette oder Si 435 in der Conciergerie ſein, das iſt die Regel. Ich weiß ſte von meinem Verwandten, der bei der Adminiſtra⸗ ion iſt.“ „Man hat mir jedoch geſagt, mein Mann müſſe in der Force ſein,“ verſetzte Gilberte. „Welch ein Unglück für mich, wenn, während ich ihn in einem Gefängniß ſuchte, er ſich in einem andern befände!“ „Arme Kleine, Sie intereſſiren mich; doch beruhigen Sie ſich und hören Sie, was wir thun wollen: es iſt kaum zehn Uhr; die Männer werden, wie ich Ihnen geſagt habe, erſt nach zwei Uhr freigelaſſen. Wir haben alſo, wenn wir von hier weggehen, Zeit, uns bei der Roguette und in der Coneiergerie zu erkundigen, ob Ihr Mann hier eingeſperrt iſt: durch meine Protectionen werde ich es dann dahin bringen, daß Sie zu ihm gelangen.“ „Aber, Madame, wenn er in der Force iſt?“ „Ich wiederhole Ihnen, das iſt unmöglich; nie, gar nuie hat man einen Angeſchuldigten in dieſes Gefängniß eingeſperrt. Wenn aber, wie doch nicht möglich, dies der Fall wäre, ſo könnten wir in die Force noch vor der Stunde kommen, wo man die Männer in Freiheit ſetzt.“ Die Sicherheit der Mutter Maillart imponirte Gil⸗ berte; unfähig, ſich vorzuſtellen, welches Intereſſe ihre Gefährtin haben könnte, ſie zu täuſchen, glaubte ſie ih⸗ ren Behauptungen, denen es auch nicht an einer gewiſſen Wahrſcheinlichkeit gebrach, und die zwei Befreiten gingen von Saint⸗Lazare weg, indem ſich Gilberte Glück wünſchte zu dem günſtigen Zufall, der ſie dieſe wackere, ſo zuvorkommende Fran hatte finden laſſen. „Dieſe intereſſirt ſich wenigſtens nicht meines Geldes wegen für mich,“ dachte ſie. Es bedarf nicht der Bemerkung, daß alle Angaben der Mutter Maillart erlogen waren. Sie hatte einen abſcheulichen, aber ſehr einfachen Zweck: die junge Frau in ihren Nachforſchungen irre führen, um ſie zu ver⸗ hindern, ihren Gatten zu finden, den ſie anzubeten ſchien, daß ſie ſchändlichen Anträgen ein Gehör ſchenke. Gilberte geht alſo von Saint⸗Lazare ab, um ſich nach der Roquette und ſodann in die Conciergerie zu begeben. Dieſe Gänge und Wanderungen durch Paris find bedeu⸗ tend. Die Mutter Maillart wollte genug Zeit gewinnen oder vielmehr verlieren, daß nach ihrer geheimen Hoff⸗ nung Gilbert vor der Ankunft ſeiner Frau die Foree⸗ wenn er wirklich hier in Haft geweſen, verlaſſen hätte. Nachdem man eine Stunde gegangen war, fühlte ſich die Alte, wie ſie ſagte, ſchwach werden; man mußte in eine Schenke eintreten und hier frühſtücken; ſie hoffte Gilberte betrunken zu machen; doch dieſe nahm nur ein Glas Waſſer und ein Stück Brod an und wollte ſich ſogleich wieder auf den Weg begeben. „Seien Sie unbeſorgt,“ antwortete beſtändig die Mutter Maillart, „wir haben Zeit.“ Endlich verließ man die Schenke. Die Alte be⸗ klagte ſich über ihre Leichdorne und ging nur langſam Man kam zur Roguette; kein Gefaugener vom Namen Gilbert war hier in Haft. „Sie ſehen wohl, ich hatte Recht! er iſt in der Force!“ ſagte Gilberte troſtlos. „Gehen wir nach dieſem Gefängniß!“ „Verſichern wir uns zuerſt, ob er ſich nicht in der Conciergerie befindet,“ erwiederte die Alte: „er miß dort ſein, ich bin deſſen ſicher, das iſt das Reglement!“ „Nein, nein!“ rief Gilberte, „irgend Etwas ſagt mir, er ſei in der Force; ich will dahin.“ „Gut!“ ſprach die Altez „aber um Gottes willen, gehen Sie nicht ſo ſchnell, liebe, kleine Schöne! meine Leichdorne ſtechen mich, als ob ich auf Nadeln ginge!“ Gilberte war in ihrer Uungeduld verſucht, ihre Ge⸗ fährtin zu perlaſſen, doch zurückgehalten durch ihr gutes Herz, mochte ſie das nicht; dann war es noch nicht zwe Uhr, und nach der Behauptung der Mutter Maillart dann ihr ein Aſyl bieten und ſie endlich dahin bringen, 437 wurden die Gefangenen erſt noch zwei Uhr in Freiheit geſetzt. Endlich kommt die junge Frau in die Force und erfährt, ihr Mann ſei an demſelben Morgen frei gelaſſen worden. Dieſer grauſame Schlag ſchmetterte Gilberte zu Boden. „Das iſt unglaublich“ rief die Mutter Maillart. „Das Reglement muß geändert worden ſein, ſeitdem mein Verwandter bei der Verwaltung iſt.“ Gilbert wiederfinden, das war von nun an der ein⸗ zige Gedanke von Gilberte. Aber was ſollte aus ihr, ſo in Paris ohne Geld, ohne Zufluchtsort verloren, werden? £ Sie gedachte zuerſt, ſich zu Madame Batton zu be⸗ geben, in der Hoffnung, hier Arbeit zu erhalten, troßz der ärgerlichen Vorurtheile, welche ihre Einkerkerung im Geiſte ihrer ehemaligen Patronin hatte hinterlaſſen müſ⸗ ſenz doch die junge Frau ſtellte dieſelbe Betrachtuug an wie ihr Mann, und ſie ſagte zu ſich: „Nicht, indem ich zwölf bis fünfzehn Stunden in einem Zimmer bleibe, werde ich Gilbert finden; er muß mich ſuchen, wie ich ihn ſuche: alſo nur wenn ich den Tag hindurch in den Straßen umherlaufe, darf ich hof⸗ fen, ihn durch Zufall zu treffen.“ Doch um den Tag hindurch in den Straßen von Paris umherzulaufen, muß man wenigſtens Brod und ein ſicheres Obdach haben. Gilberte beſaß weder das Eine, noch das Andere. Bald hatte ſie den Gedanken, die ganze, in dieſer Jahreszeit lange, Nacht zu arbeiten und den Tag der Aufſuchung von Gilbert zu widmen, bald wollte ſie ſich an Fran von Saint⸗Marceau wen⸗ den, die dem jungen Ehepaare eine bedeutende Summe ſchuldig war. Die Mutter Maillart, die Zeugin und Ver⸗ traute der Verlegenheiten der jungen Frau, ſagte zu ihr: „Ich bin nur eine arme Gemüſehändlerin im Früh⸗ jahr und im Sommer; im Winter verkaufe ich Aepfel, indem ich, ſo gut ſch kann, meinen Handkarren ziehe; 438 ich habe meine Stube behalten und biete Ihnen an, ſie mit mir zu theilen. Es bleiben mir ein paar Sous; ſo lange ich ein Stück Brod habe, wird es Ihnen auch nicht daran fehlen; denn ich nehme Antheil an Ihnen, als ob Sie mein eigenes Kind wären! Wohnen Sie bei nun wir werden dann⸗auf etwas Beſſeres bedacht ein!“ Durchdrungen von Dankbarkeit für dieſes edelmi⸗ thige Anerbieten, wollte Gilberte, ehe ſie es annahm wie es Gilbert gethan, einen Schritt bei Frau von Saint⸗Marceau verſuchen. Sie begab ſich zu ihr in Be⸗ gleitung der Mutter Maillart und erfuhr die Abreiſe der berühmten Sängerin nach Italien. Dieſe Abreiſe war der Untergang der letzten Hoffnung der jungen Frau, denn hellſehender als ihr Gatte, ahnete ſie, mit welcher unbarmherzigen Grauſamkeit ſie von den Mennier em⸗ pfangen worden wäre. Sie nahm als ein unerwartetes Glück den Vorſchlag ihrer Gefährtin an. Plötzlich von einer Idee betroffen, ſagte ſie unter Weges zu ihr: „Meine liebe Frau, haben Sie die Abſicht, Ihr Gewerbe als Aepfelhändlerin wieder aufzunehmen?“ „Gewiß, liebe Kleine; das iſt mein Broderwerb im Winter, wie im Sommer der Verkauf von Gemüſen. Ich werde auch ſchon morgen nach dem Notre⸗Dame Hafen gehen, um Waare zu kaufen, die Räder meines Karren ſchmieren laſſen, meine ledernen Zugbänder zurecht richten und mich anſpannen „Um Ihre Aepfel zu verkaufen, durchlaufen Sie die Straßen von Paris?“ „Ich muß es wohl! heute gehe ich in ein Quar⸗ tier, morgen in ein anderes; doch ich halte mich beſon⸗ ders auf den Boulevards auf, weil hier am meiſten Leute vorübergehen.“ „Und am Abend verkaufen Sie auch?“ „Ja, wenn das Wetter ſchön iſt, zünde ich meine 4³9 Loterne an, und zuweilen ſtelle ich erſt um zehn Uhr oder elf Uhr ein.“ * „Meine liebe Frau, wollen Sie mir einen Gefallen thun, für den ich Sie mein ganzes Leben ſegnen werde?“ „Welchen, liebe Kleine?“ „Sie ſind alt: es muß Sie ſehr ermüden, den gan⸗ zen Tag Ihren Karren mit Aepfeln zu ziehen.“ „Oh! ja, denn oft fühle ich mich am Abend wie gerädert an allen Gliedern.“ „Ich bin, wie Sie ſehen, weder ſehr groß noch ſehr ſtark, aber ich habe Muth wie eine Löwin; nehmen Sie mich ich werde Ihren Karren ziehen.“ „Sie!“ „Ja, ich; und ſtatt jedes Lohnes verlange ich von Ihnen ein Stück Brod, ein Glas Waſſer, einige von Ihren ſchlechteſten Aepfeln und eine Zufluchtsſtätte in Ihrer Stube, wo ich ſehr gut auf einem Stuhle ſchla⸗ fen werde.“ „Ah! gehen Sie doch! Sie, die Sie jung und hübſch ſind wie ein Engelchen, anſpannen! Ei! Sie ſind nicht für dieſes Handwerk gemacht . . . und wol⸗ len Sie mir glauben, ſo werde ich Ihnen das Mittel nennen . „Aber ſtellen Sie ſich doch vor, daß ich nur einen Gedanken auf der Welt habe: meinen Mann wiederfin⸗ den!“ rief Gilberte in dem Augenblick, wo die Alte ihr ſchändliche Rathſchläge zu geben im Begriffe war. „Um ihm zu begegnen, muß ich in Paris umherlaufen, wo er mich ſeinerſeits auch ſucht, davon bin ich feſt überzengt. Nun denn! gerade Ihr Gewerbe ſetzt mich in den Stand, die Straßen vom Morgen bis zum Abend und ſogar einen Theil der Nacht zu durchlaufen. Ich habe alſo hie⸗ durch die Chance, oder ich werde ſie' nie haben, mit meinem armen Gilbert wiedervereinigt zu werden.“ „Aber, meine arme Kleine, Sie wiſſen nicht, wie 440 lähmend es iſt, den ganzen Tag am Zugbande einen Karren zu ſchleppen.“ „Bah! bah! man kann, was man will. Ich habe Muth. Und dann, wenn ich zu müde ſein werde, unter⸗ ſtützen Sie mich, indem Sie von hinten ſchieben. Oh! meine liebe Frau,“ fügte Gilberte mit Thränen in den Angen bei, „ich bitte Sie inſtändig, ſchlagen Sie nir das nicht ab! Sie können mir das Mittel geben, mein Brod zu verdienen und meinen Mann zu ſuchen; was ſoll ſonſt aus mir werden? Ich bin Blumenmacherin meines Staudes, und ſelbſt wenn man mir ſogleich Ar⸗ beit geben würde, ich könnte nicht arbeiten, ich hätte nicht den Kopf bei dem, was ich machen müßte! ich würde nur an Gilbert denken, während ich, wenn ich Ihren Karren ziehe, ich wiederhole es Ihnen, die Chance habe, ihn wiederzufinden.“ Der Muth, die Reſignation, der überzeugte Aus⸗ druck von Gilberte waren der Beweis von einer ſo tie⸗ ſen Liebe für ihren Gatten, daß die Mutter Maillart, trotz ihres plumpen Verſtandes, einſah, ſie müſſe wenig⸗ ſtens für den Augenblick ihre Pläne vertagen, wobei ſie, um ſie zu verwirklichen, auf die Strapazen und Entbeh⸗ rungen rechnete, welche Gilberte bei ihrer harten neuen Handthierung ausſtehen müßte. Dann war ſie reizend; ſie könnte durch ihr hübſches Geſicht die Kunden zu der ambulanten Bude der Aepfelhändlerin ziehen. So ver⸗ dorben dieſe Megäre war, ſo fühlte ſie ſich doch endlich auch gerührt durch die Ingend, durch die Herzhaftigkeit und die Sanſtmuth ihrer Gefährtin. In Folge dieſer Miſchung von gemeinen Hoffnungen, perſönlicher Berech⸗ nung und wahrem Mitleid gab auch die Mutter Mail⸗ lart dem Wunſche von Gilberte nach, und ſie kamen in die Kammer, welche die Alte vor ihrer Gefangenſchaft bewohnte. Gilberte ſpannte ſich ſchon am andern Tage ent⸗ ſchloſſen an den Karren, nachdem ſie zuvor gegen einen 441 ihrer gegenwärtigen Lage angemeſſenen Anzug, die Klei⸗ it die ſie das Gefängniß verlaſſend trug vertauſcht atte. Die junge Frau bedurfte während der erſten Tage ihres Geſpanns die unglanbliche Energie ihrer Hoff⸗ nung und die muthige Entſchloſſenheit ihres Willens, um nicht zu erliegen unter der niederdrückenden Anſtren⸗ gung, der ſie ſich unterzog und deren Gegenwirkung ſie erſt am Abend empfand, denn am Tage vergaß ſie, un⸗ abläſſig mit dem Blicke Gilbert ſuchend, Alles und hörte kaum die oft plumpen Complimente, die man an ihr reizendes Geſicht richtete. Die Vorherſehungen der Mutter Maillart gingen in Erfüllung, die Schönheit der kleinen Aepfelverkäuferin zog bei den häufigen Stationen des Karrens genug Käufer an, daß die Waare vor dem Eintritte der Nacht erſchöpft war. Hierauf führte die Alte den leeren Wagen zurück, und Gilberte blieb bis zu einer ziemlich vorgerückten Stunde des Abends, immer vergeblich nach ihrem Manne forſchend; dann begab ſie ſich traurig, aber nicht entmuthigt, wieder nach Hauſe. Eines Tags indeſſen, — ein unerhörtes Glück, das wir eben ſo wenig, als die entſetzliche Tänſchung, welche darauf folgte, zu ſchildern verſuchen werden, — ſah ſich die junge Frau nahe daran, für ihre muthige Er⸗ gebenheit belohnt zu werden. Es war bei Einbruch der Nacht; der Karren hielt an einer Ecke des Boulevard dn Temple. Gilberte, welche zwiſchen der Gabel ihres kleinen Wagens ſtand, warf rings umher ihre ſuchenden Blicke; da gab ſie plötzlich einen Schrei von ſich; — ſie gewahrte in der Ferne ihren Gilbert in elender Kleidung. Sie ſtreckt die Arme aus, ſie will zu ihm laufen, doch ſie wird zurückgehalten durch ihre ledernen Zugbänder, welche in einem Riemen und in einem Ringe endigen, der an einem am Vordergeſtelle beſeſtigien Haken angehängt iſt. Dieſe plötzliche Spannung hemmt den Sprung, den Gilberte 442 begonnen; ſie will ſich ihrem Manne hörbar machen, während ſie haſtig den Ring vom Haken des Vorderge⸗ ſtelles zu löſen ſucht, doch die Erſchütterung, die Thränen erſticken ihre Stimme, und in ihrer verzweifelten Eile, ſich von ihren Zugbändern zu befreien, verwickelt ſie die⸗ ſelben dergeſtalt, daß es ihr erſt nach einigen Minuten gelingt, ſich von ihren Banden loszumachen. Da ſtürzt ſie fort, ſie gelangt auf den Kreuzweg, wo ſie von fern Gilbert erblickt hatte . . . Er war verſchwunden! . Welcher von den drei Straßen, die gegen dieſen Kreuz⸗ weg mündeten, war er gefolgt? Das ließ ſich unmöglich errathen: ihre hervorſpringenden und eingehenden Winkel widerſetzten ſich, daß ſie der Blick in ihrer ganzen Aus⸗ dehnung umfaſſen konnte; überdies wurde die Nacht immer dunkler. Die junge Frau glaubte ſich, — Täuſchung oder Wirklichkeit, — zu erinnern, ihr Mann habe ſich nach der Rue du Faubourg⸗du⸗Temple zu wenden ge⸗ ſchienen. „Laufen wir!“ ſagte ſie zu ſich ſelbſt; „er hat nur ein paar Minuten Vorſprung vor mir!“ Und auf die Gefahr, von den Wagen zermalmt zu werden, läuft ſie kenchend fort, um Gilbert zu ereilen. Vergeblicher Verſuch! ſie erblickt ihn nicht mehr! Anfangs troſtlos, aber bald bedenkend, durch ihr hartes ambulan⸗ tes Gewerbe könne ſich das, an dieſem Tage fruchtloſe, Begegnen erneuern, fühlte die junge Frau ihre Hoffnung ſich wiederbefeſtigen, ihren Muth ſich verdoppeln. Sie ſollte indeſſen noch grauſam geprüft werden; ſie hatte bis jetzt durch die hartnäckige Ergebenheit ihrer Liebe der Mutter Maillart Achtung genug eingeflößt, daß dieſe ihre ſchändlichen Rathſchtäge vertagte; doch dem Köder einer Geldſumme nachgebend, die ihr einer der Mieths⸗ lente des Hauſes bot, in welchem ſie wohnte, hatte die Alte mit Gilberte am Morgen nach dem Tage, wo dieſe von fern ihren Gatten erblickt, folgendes Geſpräch; „Meine liebe Kleine,“ ſagte die Mutter Maillart, 44⁸ indem ſie einen ſchmeichelnden, liebkoſenden Ton annahm, „es zerſchneidet mir entſchieden das Herz, wenn ich Sie, die Sie ſo jung und hübſch, wie das Pferd eines Waſſerträgers an unſerem Karren angeſpannt ſehe.“ „Ich beklage mich nicht über dieſe Unannehmlichkeit. Geſtern habe ich meinen Gilbert erblickt.“ „Das iſt ein Zufall.“ „Ja, doch durch einen andern Zufall werde ich ihm abermals begegnen, und dann werde ich es zu machen wiſſen, daß ich ihn erreiche.“ „Das iſt nicht ſehr wahrſcheinlich; ich glaube, es gäbe ein ſichereres Mittel, Ihren Mann wiederzufinden, ohne daß Sie ſich zwölf bis fünfzehn Stunden des Tags in der Gabel lendenlahm abarbeiten müßten.“ „Welches Mittel iſt dies?“ „Liebe Kleine, wenn man ſeinen Hund verloren hat (ohne Vergleichung), wie ſtellt man es an, um ihn wiederzufinden? Man macht es bekannt, nicht wahr?“ „Allerdings.“ „Nun denn! ich würde an Ihrer Stelle an den Mauern aller Straßen von Paris ungeheure Zettel mit Zoll großen Buchſtaben gedruckt anſchlagen laſſen, auf denen man leſen könnte: Frau Gilberte erwartet Herrn Gilbert in der und der Straße, Num⸗ mer ſo und ſo viel. Ihr Mann, der, wie Sie ſagen, auch in Paris umherläuft, um Sie aufzuſuchen, würde unfehlbar einen von dieſen Zetteln leſen, und Sie würden ihn an einem ſchönen Morgen zu Ihnen kommen ſehen. Was ſagen Sie hiezu, meine Riedliche“ „Mutter Maillart, ich ſage, daß das Mittel, ſo ſeltſam es ſcheint, gut wäre, wenn es möglich wäre.“ „Und warum ſollte es nicht möglich ſein?“ „Müßte man nicht die Zettel bezahlen, müßte man nicht die Menſchen bezahlen, die ſie in allen Quartieren von Paris anſchlagen würden? Das ſind Ausgaben, die ich nicht machen kann, wie Sie wiſſen.“ 444 „Gut! Es iſt alſo nur das Geld, was Ihnen fehlt?“ „Nichts Anderes.“ „Wohl! meine liebe Kleine, ſagen Sie ein Wort, und Sie werden ſo viel Geld haben, als Sie für die Zettel und auch noch für andere Dinge brauchen.“ „Ich verſtehe Sie nicht.“ „Haben Sie nie die Treppe herauf oder hinabſtei⸗ gend Herrn Soufflot bemerkt?“ „Wer iſt das, Herr Soufflot?“ „Der Miethsmann des erſten Stockes von unſerem Hauſe; ein Herr ſchon etwas bei Jahren, aber ſehr reinlich, immer in ſchöner Wäſche, trägt eine goldene Kette mit Berlocken; er hat eine Haushälterin, Silber⸗ zeug, kurz, dieſer würdige Mann iſt Alles, was ſich Reſpectabelſtes, Beſtes auf der Welt finden läßt . .. er iſt der wahre Rahm der guten Leute.“ „Und dann, Frau Maillart?“ „Stellen Sie ſich vor, daß dieſer würdige Mann Sie mehrere Mal vor unſeren Karren geſpannt hat weggehen ſehen. Dieſen Morgen, als ich mit meiner Milch die Treppe heraufſtieg, begegnete ich dem würdigen Herrn Soufflot auf ſeinem Ruheplatze. Er ſagte zu mir: „„Es iſt mir ſo peinlich, die reizende Perſon, die Sie begleitet, ſich an einen Karren ſpannen zu ſehen⸗ daß ich, wenn dieſe Perſon einwilligte, mich dafür zu belohnen, denn ich bete ſie an, ihr ein hübſches kleines Loos ſichern würde; im zweiten Stocke iſt ein ſchönes Zimmer zu vermiethen, ich würde es ihr ſehr zierlich in Rußbaumholz meubliren laſſen, es wäre eine Pendeluhr auf dem Kamin.““ Hier ſich unterbrechend, ſchüttelte die Alte den Kopf und rief: „Wie, meine Kleine? In Nußbaumholz meublirt ſein! eine Pendeluhr haben! ab⸗ geſehen davon, daß Sie dieſer würdige Mann ganz gewiß im Fiaere ſpazieren führen würde! Ah! ah! da würden Sie wohl die Augen weit aufreißen!“ Trotz ihrer Traurigkeit, trotz der Schändlichkeit der 445 Vorſchläge der Alten, fand Gilberte, indem ſie ſich ihres früheren Reichthums erinnerte, die glänzenden und ver⸗ führeriſchen Anerbietungen von Herrn Suufflot ſo luſtig, daß ſie ſich eines Lächelus nicht erwehren konnte. Die Mutter Maillart, die ſich im Ausdrucke dieſes Lächelns täuſchte, rief triumphirend: „Ich wußte es wohl, meine Kleine, Sie konnten einem Ameublement von Nußbaumholz und einer Pendel⸗ uhr nicht widerſtehen!“ „Das iſt allerdings ſehr verlockend; doch das ſteht in keiner Beziehung zu den Anſchlagzetteln, von denen Sie vorhin ſprachen.“ „Ei! die Zettel werden nachher kommen, nehmen Sie vor Allem die Anträge von Herrn Suufflot an . . belohnen Sie ihn dafür, Sie werden ihn an der Naſe herumführen.“ „Ich danke, Mutter Maillart,“ erwiederte Gilberte, während ſie aufſtand, ohne daß ſie ſich nur zornig über dieſen ſchändlichen Antrag fühlte. „Ich danke, ich eſſe nicht von dieſem Brode.“ „Liebe Niedliche, bedenken Sie doch.“ „Es ſchlägt acht Uhr . . . das Wetter iſt ſchön, laſſen Sie uns gehen.“ „Ich ſage Ihnen aber, daß Herr Soufflot ein Mann von Jahren iſt. Er iſt wahnſinnig in Sie verliebt, und Sie werden von ihm Alles bekommen, was Sie wollen.“ „Mutter Maillart, hören Sie mich wohl an: Sie haben mir ein Obdach und Brod gegeben; ich entledige mich meiner Schuld gegen Sie ſo gut ich kann; ich ziehe Ihren Karren, und Sie haben mir geſagt, die kleine Aepfelhändlerin trage zum Verkaufe Ihrer Waare bei; ich beſorge Ihre Haushaltung, ich kehre Ihr Zimmer aus: es war eine wahre Unrathskammer, und durch meine Bemühungen iſt es nun reinlich und geordnet. Am Abend, wenn wir nach Hauſe kommen, flicke ich Ihre Wäſche, und an den Tagen, wo das Wetter zu 446 ſchlecht iſt, daß wir ausgehen könnten, waſche ich Ihre Kleider aus und die meinigen; kurz, ich bin Ihre Magd, wofür Sie mir Koſt und Wohnung geben. Ich beklage mich nicht über mein Loos: ich werde mein Möglichſtes thun, daß Sie mich bei ſich behalten; nachdem ich Ihnen dies erklärt habe, können Sie, wenn es Ihnen Vergnü⸗ gen macht, ſo viel Sie wollen von Ihrem Herrn Suuff⸗ lot, von ſeinen Nußbaummeubles und ſeiner Pendeluhr ſprechen. Das iſt mir ſehr gleichgültig, weil ich auf der Welt nur einen Gedanken habe: meinen Gilbert wiederfinden, und ich werde ihn wiederfinden!“ „Du biſt nur eine Faule, eine Ungeſchickte, eine Nichtsnutzige!“ rief die Alte außer ſich, denn vertraut mit der Entſchloſſenheit von Gilberte ſah ſie ihre ſchänd⸗ lichen Pläne ſcheitern. „Dü verdienſt das Brod nicht, das Du iſſeſt!“ „Verzeihen Sie, Mutter Maillart, ich verdiene es, und ich rühme mich deſſen.“ „Hinaus, Landſtreicherin! ich ſetze Dich auf das Pflaſter, wo ich Dich aufgeleſen habe.“ „Gut! ich kann nicht mit Gewalt bei Ihnen bleiben.“ „Nein, doch, im Ganzen, Du wirſt bleiben! und ſiehſt Du, ich werde Dir das Leben ſo hart und das Brod ſo bitter machen, daß Du Herrn Soufflot wohl Gehör ſchenken mußt.“ „Wir werden das ſehen, Mutter Maillart; nun iſt es aber halb neun Uhr, das Wetter iſt ſchön, gehen wir ſchleunigſt.“ Obgleich wüthend gegen Gilberte, fühlte die Alte, was ſie, wenn ſie ſie verlaſſen, verloren hätte, und die⸗ ſen Verluſt konnte allein die von Herrn Soufflot ange⸗ botene Summe in den Augen der ſchändlichen Kupplerin erſetzen. Sie hatte ſich an die Dienſte der jungen Frau gewöhnt, die ihr die Sorgen für die Haushaltung und die Mühe, den kleinen Wagen zu ziehen, erſparte; auch 447 zog ſie Käufer durch ihr hübſches Aeußeres und ihr ar⸗ tiges Weſen an, und ſie erhielt die gemeinſchaftliche Stube in wohnlichem Stande. Die Mutter Gaillart behielt alſo Gilberte bei ſich; doch getreu ihrer Hoffnung, ſie ihre ſchändlichen Rathſchläge befolgen zu ſehen, machte ſie ihr das Leben ſo hart und das Brod ſo bitter, daß es des Heldenmuths der jungen Frau und ihter uner⸗ ſchütterlichen Hoffnung, ihren Gatten wiederzufinden, bedurfte, um eine ſolche Lage zu erlangen. Ein einzi⸗ ges Mal vergaß ſich die Mutter Maillart ſo weit, daß ſie Gilberte ſchlagen wollte, doch behende und entſchloſ⸗ ſen, ergriff die junge Frau ihr dickes ledernes Zugband und bedeutete der Alten unumwunden, ſie werde ſie mit Riemenhieben züchtigen, wenn ſie es noch ein Mal wage, ihr zu drohen. Von da an auf jeden Miß⸗ handlungsverſuch verzichtend, entſchädigte ſich die Mut⸗ ter Maillart für dieſen Zwang dadurch, daß ſie ihre Gefährtin fortwährend ſchmähte, wie ſie es noch an dem Tage that, wo Gilberte mühſam den kleinen Wa⸗ gen auf dem Boulevard Saint⸗Denis zog, während ihr die Alte brutaler Weiſe zurief: „Hüe! Faule! hüe!“ Als die Nacht eintrat und der Schnee wie am vor⸗ hergehenden Tage zu fallen anfing, gab die Händlerin, welche nichts mehr zu verkaufen hoffte, ihrer Gefährtin Befehl, umzudrehen und nach ihrer Wohnung zurückzu⸗ kehren, welche im Faubourg du Temple lag. Sie ka⸗ men ſo in die Gegend der Porte Saint⸗Denis, zu dem⸗ ſelben jähen, ſchlüpfrigen Abhange des Boulevard, den e hatten erklettern müſſen, und wo ſie zu dieſer Stunde wieder hinabſteigen mußten. Indem ſie ſich mit allen Kräften in der Gabel anſtrengte, um dem Impulſe des Wagens zu widerſtehen, rief Gilberte den Kopf gegen ihre Gefährtin umwendend: „Halten Sie doch den Wagen zurück, Mutter Mail⸗ 448 lart! Er reißt mich fort! . . . es iſt hier Glatteis! . ich werde fallen!“ Hüe!“ erwiederte die Alte, „hüe, Faule!“ Außer Stande, länger dem Impulſe des Wagens das Gegengewicht zu halten, ſiel die junge Frau bald, einen Schreckensſchrei ausſtoßend, auf das Pflaſter. Sie ſahein Cabriolet ungeſtüm ſo nahe bei ihr anhalten, daß es nur noch ein paar Schritte gebraucht hätte, und ſie wäre unter den Füßen des Pferdes getreten worden. Doch auf dieſen Schreckensſchrei folgte ein Ausruf, deſ⸗ ſen unbeſchreiblichen Ton widerzugeben wir nicht verſu⸗ chen werden. Dieſer Ausruf war der: „Gilbert!“ Unfähig, der Heftigkeit ihrer Gemüthserſchütterung zu widerſtehen, wurde die junge Frau dann ohnmächtig⸗ und Gilbert, der mit einem Sprunge aus dem Cabriv⸗ let war, hob ſie auf und trug ſie fort. XLIX. Als Gilberte aus ihrer Ohnmacht erwachte, nach⸗ dem ſie beinahe unter den Rädern des Cabriolets zer⸗ malmt worden wäre, aus welchem Gilbert geſprunget, um ſeine Frau in ſeinen Armen aufzunehmen, öfet. ſie die Angen und ſah ſich in dem kleinen Salon eines an der Ecke des Bonlevard und der Rue Saint Denis liegenden Kaffeehauſes. Sie war auf einem Canapé ausgeſtreckt, auf das man ſie gebracht hatte; ihr Gatte kniete, ihren Kopf unterſtützend, an ihrer Seite, und unfern davon ſtand in Trauerkleidern Loniſe, welche ein Taſchentuch mit einer in einem Flacon enthaltenen gei⸗ ſtigen Flüſſigkeit tränkte. Kaum war Gilberte wieder völlig zum Bewußtſein gelangt, als ſie Gilbert um den Hals fiel und ihn mit = — — = * *„ 44⁰ Thränen und Küſſen bedeckte. In ihrer leidenſchaftlichen Umarmung ſprachen die zwei jungen Gatten mit beben⸗ der Stimme nur die Worte: „Endlich! . Du biſt da!“ „Ich finde Dich wieder!. ich ſehe Dich! „ Tief bewegt, weinte Louiſe die zwei jungen Leute anſchauend. „Nein,“ ſagte ſie zu ſich ſelbſt, „nein, ſie konnten ſich nicht einer entehrenden Handlung ſchuldig machen! So naive, ſo zarte, ſo muthig einander ergebene Herzen vermöchten nicht laſterhaft zu ſein! Aber dennoch ſchwebt ein unerklärliches Geheimniß über dem Urſprunge ihres Vermögens.“ „Meine arme angebetete Frau,“ murmelte Gilbert, in Thränen zerfließend, „Du, mein Gott, Du, an einen Karren angeſpannt! „Oh! ich war feſt überzeugt, dieſes Gewerbe trei⸗ bend, das mir Brod gab, werde ich Dir früher oder ſpäter in den Straßen von Paris begegnen.“ „Alſo um mich zu ſuchen, fügteſt Du Dich . Der würdige junge Mann konnte nicht vollenden: ſeine Stimme erloſch in ſeinen Thränen, und er mur⸗ melte nur: „Sie! ſie! an einen Karren geſpannt! mein Gott! mein Gott!“ „Ich hatte Dich ſchon einmal erblickt „ am Boulevard du Temple.“ „Vor acht Tagen, bei Einbruch der Nacht.“ „Ganz richtig. Ich täuſchte mich nicht. Durch welche Straße biſt Du gegangen?“ „Durch die Rue des Foſſés⸗du⸗Temple.“ „Und ich, ich lief Dir in der Rue du Faubourg⸗du⸗ Temple nach. Ich verlor Dich auch; aber dies Mal oh! dies Mal haite ich Dich . ich werde Dich nicht mehr verlieren!“ fügte die junge Frau bei, indem ſie Gilbert und Gilberte. N. 29 450 ihren Gatten in einer neuen Umarmung abermals un ihren Buſen drückte. „Und Du in Deinem Cabriolet, Du ſuchteſt mich auch?“ Dann Gilbert aufmerkſamer an⸗ ſchauend: „Mein Gott! wie bleich und abgemagert biſt Du! Du heaſt alſo viel gelitten, armer Geliebter?“ „Ja, ich habe nicht immer ein Cabriolet gehabt, um Dich durch alle Straßen aufzuſuchen! . . erſt ſeit heute Morgen . Denn Du weißt nicht ich „Und Frau Louiſe iſt da . . . und ich ſage nichts zu ihr,“ unterbrach die junge Frau ihren Mann. „Ver⸗ zeihen Sie, Frau Louiſe . . . Sie begreifen . in erſten Augenblick der Freude verliert man den Kopf.. und dann ich bedenke nun „ durch welchen glücklichen Zufall ſind Sie bei uns?“ „In dem Augenblick, wo Ihr Gatte Sie ohnmächtig aufhob, kam ich auf dem Boulevard vorüber; mein Wagen hielt vor der verſammelten Menge anz; ich neigte den Kopf aus dem Schlage, erkannte ſie, Frau Gilberte ſtieg aus, in der Hoffnung, Ihnen nützlich zu ſein, und begleitete Sie in dieſes Haus, in welches man Sie brachte.“ „So viel Güte ſetzt mich von Ihrer Seite nicht in Erſtaunen,“ erwiederte Gilberte. Als ſie aber nun erſt die ſchwarze Kleidung der jungen Frau wahrnahm, rief ſie „Oh! mein Gott! Sie find in großer Trauer . . Sie tragen eine Witwenhaube?“ „Das iſt wahr! ich hatte es nicht bemerkt,“ ſagte Gilbert. „Sollte der General Pouſſard? „Der General iſt todt,“ antwortete Louiſe; „ich habe meine Pflicht gegen ihn bis zum Ende erfüllt; bis zum letzten Tage umgab ich ihn mit treuer Fürſorge, brachte ihn von Anjon nach Paris, wo ich die berühm⸗ teſten Aerzte zu ihm berief . . . Doch ihre Kunſt ſchei⸗ terte an der Verrückung ſeines Geiſtes, der auf den To getroffen war durch die Prophezeiung, die Sie, Herr — — — — 451 Bilbert, in einem Augenblicke traurigen Scherzes ihm gemacht hatten.“ „Wie! Fran Louiſe . . . der General hat, ſo oft et eſſen oder trinken wollte, die Kolik bekommen?“ „In Folge einer ſeltſamen Reaction des Moraliſchen auf das Phyſiſche, kraft der man, nach der Anſicht der Aerzte, oft gewiſſe Uebel empſfindet, mit denen man ſich lange und ängſtlich im Geiſte beſchäftigt hat, iſt es ge⸗ ſchehen, daß der General, um ſo mehr beunruhigt durch Ihre Prophezeiung, als ſich ſchon eine vorhergehende Droh⸗ ung verwirklicht hatte, in dem Augenblick, wo er eſſen oder rinken ſollte, ſolche Baugigkeiten, ſolche Beſorgniſſe be⸗ kum, daß ſeine Geſundheit raſch abnahm. Vor einem onat iſt er geſtorben .. nach einem erſchrecklichen Lodeskampfe; er glaubte in ſeinem Delirium das Ge⸗ ſpenſt der zahlreichen Opfer ſeiner Duelle zu ſehen Angenblicke waren entſetzlich! . ent⸗ etzlich! . . .“ „Bei meiner Treue! wäre der verſtorbene General Ponffard nicht ein grauſamer Raufer geweſen, ich würde einen Scherz beklagen, den er zu ſehr im Ernſte genom⸗ nen hat; doch .. er iſt todt .. ſprechen wir nicht nehr hievon!“ „Und Herr Hubert, Frau Louiſe?“ fragte Gilberte; enn er erfährt, daß Sie Witwe ſind, wie groß wird ſine Freude ſein!“ „Herr Georges Hubert reiſt, wie ich glaube, in Shottland.“ erwiederte die junge Witwe; dann ſetzte ſie nit einer peinlichen Beklemmung hinzu: „Ich bitte, kein ort mehr von Herrn Georges Hubert oder von mir⸗ luſſen Sie uns von Ihnen ſprechen.“ „Wohl! Frau Louiſe, Sie finden uns auf dem⸗ ſlben Punkte, wo wir waren, als Sie uns riethen, nſet Vermögen abzutreten und von unſerer Arbeit und unſerer kleinen Rente zu leben. Iſt meine Gilberte weiner Anſicht, ſo werden wir, ehe wir das Glück an⸗ 45⁵² derswo als hienieden ſuchen, danach trachten, daß wir es Ihren Rath befolgend finden. Das Gericht hat unſer Vermögen mit dem Sequeſter belegt . . Minette und ich ſind nun für immer wiedervereinigt „. Wit haben große Luſt, zu arbeiten. Ich beſitze hier (und et zog aus ſeiner Taſche eine Portefenille), ich beſitze hie die Mittel, um uns eine Rente von zweitauſend fünf hundert Franken zu kaufen, und das kleine Haus de Avenue Meéricourt iſt vielleicht noch zu miethen.“ „Was fagſt Du?“ rief Gilberte, „Du haſt Mitte um uns Renten zu kaufen?“ „Ich habe fünfzigtauſend Franken, das nicht g⸗ rechnet, was ich heute ausgegeben, um mich von Koy zu Fuß zu kleiden, ein Bad zu nehmen und die Fah ſtunden von drei Cabriolets, die ich ſeit heute Morgel gemiethet, zu bezahlen; denn als ich Dich traf, mein arme Minette, hatte ich ſchon zwei Pferde zum Un⸗ fallen müde gemacht.“ „Aber das Geld, von dem Du ſprichſt?“ „Stelle Dir vor, nachdem ich ſeit meinem Abganß aus dem Gefängniſſe meinen letzten Son aufgebranc hatte, entſchloß ich mich, Hungers ſterbend, kaum i Sn mich weiter zu ſchleppen, zu Meunier gehen.“ „Einen Augenblick war das auch mein Gedank doch ich ſagte mir: Dieſe Leute haben ein zu ſchlecht Herz, ſie werden ohne Mitleid ſein.“ „Sprechen Sie von einem Herrn Meunier, der ſehr reicher Banquier?“ fragte lebhaft Louiſe, Gilbe unterbrechend. „Wohnt er nicht in der Rue Soail Lazare?“ „Ja, Frau Louiſe; kennen Sie ihn?“ „Dieſer Herr Meunier wohnt unfern von meine Notat. Als ich mich vor einigen Stunden zu dem Letzi“ in Angelegenheiten die Verlaſſenſchaft des Generals b. i i ſi ten b 45³ treffend begab erfuhr ich, daß heute Nacht ein bedeutender Diebſtahl bei Herrn Meunier ſtattgefunden.“ „Welch ein Schlag für dieſe Geizigen!“ rief Gilbert. „Dieſer Diebſtahl ſoll mit einer außerordentlichen Frechheit begangen worden ſein,“ fuhr Louiſe fort. „Die Diebe ſind durch den Kamin eingeſtiegen mittelſt einer Dachdeckerleiter, welche man abſichtlich im Hofe hatte ſtehen laſſen. Im Schlafe üllerfallen, wurden Meunier und ſeine Frau in ihrem Bette geknebelt. Alles, was ſie beſaßen, ward ihnen geſtohlen, denn ihr Vermögen beſtand, wie man ſagt, ganz in Geld, Banguebillets und Portefeuillewerthen.“ „Ah! Gilberte, es gibt eine Vorſehung!“ „Ja,“ ſagte Louiſe, „denn die Urheber dieſes frechen Diebſtahls hatten nicht ſobald ihr Verbrechen begangen, als ſie verhaftet wurden; ſie haben die vollſten Geſtänd⸗ niſſe abgelegt; doch man hat in ihrem Beſitze weder das Geld, noch die Banquebillets gefunden, und die Porte⸗ feuillewerthe hatten ſie ſchon vernichtet, ſo daß Herr Meunier völlig zu Grunde gerichtet iſt.“ „Ah! Frau Louiſe, da hat die Vorſehung mit einem Stein zwei Schläge gethan. Die Diebe ſind entdeckt, Meunier und ſeine Frau ſind beſtraft, mit Recht beſtraft worden, denn dieſe Geizigen, dieſe Neidiſchen haben, nach⸗ dem ſie unſere Freunde geweſen, den Muth gehabt, mich geſtern bei einem abſcheulichen Wetter aus ihrem Hauſe zu jagen, mir ein Obdach zu verweigern und mich über mein Elend zu verſpotten.“ „Ah! das iſt ſchändlich!“ rief Louiſe. „Das ſind ſo ſchlechte Herzen, daß ich ahnete, ſie werden ohne Erbarmen ſein,“ fügte Gilberte bei. „Meine letzte Hoffnung beruhte auf Frau von Saint⸗Marceau, wir gegen zweimal hunderttauſend Franken geliehen atten.“ „Oh! mein Gott! Du weißt nicht? Die arme Frau iſt todt.“ „Was ſagſt Du?“ „Vorhin trat ich, um einen Biſſen zu eſſen, in ein Kaffeehaus ein; ich durchlief eine Zeitung und las unter den Nachrichten aus Italien: „„Die berühmte Sängerin Frau von Saint⸗Marceau iſt geſtorben in Neapel, wo⸗ hin ſie die Aerzte zu Wiederherſtellung ihrer Geſundhei geſchickt hatten.““ „Sterben in der Blüthe ihrer Jahre und im ganzen Glanze ihres Talentes!“ rief Louiſe. „Arme Frau von Saint⸗Marcean!“ „Ihr Tod wird ewig auf dem Gewiſſen ihres Gatten laſten!“ ſprach Gilbert. „Er hat ſie durch ſein unwür⸗ diges Benehmen getödtet. Aber, Minette, — um wieder auf meine Erzählung zu kommen, — von Meunier zu⸗ rückgeſtoßen, hatte ich den Gedanken, mich an Frau Ba⸗ dureau zu wenden. Ich gelange in unſere ehemalige Wohnung, ich klingle; ſie öffnet mir, ſie erkennt mich⸗ und ihre erſten Worte ſind: „„Sie ſind mir ein hübſcher Junge mit Ihren fünfzigtauſend Franken!““ „„Welcht fünfzigtauſend Franken?““ .. Du erinnerſt Dich, daß ich, ehe wir unſere Manſarde verließen, um ſie mit den Hotel d'Orbeval zu vertauſchen, der Mutter Badurea ein zugebundenes Paquet übergeben habe?“ „Ja, wobei Du ihr ſagteſt, ſie müſſe ein paal Worte ausſprechen, wenn ſie dieſes Paquet nach Verlan von, ich weiß nicht, wie viel Tagen öffne.“ „Dieſes Paquet enthielt fünfzig Tauſend⸗Franken Billets; es war eine Ueberraſchung und ein Geſchen das ich ihr machen wollte. Da ſie ſich aber eine ſolche Freigebigkeit nicht erklären konnte, ſo betrachtete ſie dieſe Summe als ein anvertrautes Gut, das ſie mir getre lich zurückgab.“ „Wackere, ehrliche Frau! Nach unſerer Abſicht ge⸗ in er in 0 it 4⁵⁵ hört jedoch dieſes Geld ihr; wir haben vielleicht Unrecht, es zurückzunehmen.“ „Ich habe Anfangs Dein Bedenken getheilt; doch ich ſagte mir: Mit dieſer Summe können wir es nach dem Rathe von Frau Louiſe verſuchen, in einem arbeit⸗ ſamen Leben mit beſcheidenem Wohlſtand das Glück zu finden, das wir bis jetzt nirgends gefunden haben. Und dann haben wir einſt zweitauſend Franken Frau Ba⸗ dureau geſchenkt; ſie hat dieſelben angelegt, ſie werden genügen, um ihr, wie ſie mir geſagt hat, ein Aſyl in ihrem Alter zu ſichern. Mehr noch, ich habe ihr den Antrag gemacht, ſie zu uns zu nehmen: ſie hat dieſen Antrag mit Freuden angenommen. Glauben Sie, Frau Louiſe, Sie, deren Herz ſo zart iſt, daß wir unter ſolchen Umſtänden dieſe fünfzigtauſend Franken behalten können, ohne uns gegen die Redlichkeit zu verfehlen, ohne un⸗ dankbar zu ſein gegen die würdige Perſon, welche dieſe Fhn als ein anvertrautes heiliges Gut betrach⸗ e at 2“ „Dieſe ehrliche Frau verdankt Ihrer Freigebigkeit ein Aſyl für ihre alten Tage, ſie nimmt mit Erkenntlich⸗ keit Ihr Anerbieten, Sie bei Ihnen zu behalten, an. Rir ſcheint, in der extremen Lage, in der Sie ſich be⸗ finden, können Sie von dieſer Summe wieder Beſitz er⸗ greifen.“ „Dann iſt unſere Freude vollſtändig, Frau Louiſe; Ihre Billigung hebt unſere letzten Bedenken,“ ſagte Gil⸗ berte. „Wir können alſo nach ſo vielen Mißgeſchicken, nach ſo vielen Widerwärtigkeiten, nach ſo vielen Täu⸗ ſchungen es verſuchen, in dieſer Welt glücklich zu ſein! Aber Sie, werden Sie nicht auch das Glück von Herrn Georges Hubert machen? Sind Sie jetzt nicht Witwe und frei?“ Ich war auch frei, ehe ich den General Pouſſard heirathete,“ erwiederte Louiſe mit einer Miſchung von Schwermuth und Feſtigkeit. „Ich war auch frei, als 456 ich zu Georges Hubert kam, und ich habe ſeine Hand ausgeſchlagen, ich mußte ſie ausſchlagen; ich werde ſie heute abermals ausſchlagen!“ „Wie!“ riefen gleichzeitig die zwei jungen Leute, „Sie werden den Muth haben, zu „ „Ich habe immer den Muth gehabt, das zu er⸗ füllen, was ich als meine Pflicht betrachte, und dieſe Pflicht werde ich bis zum Ende erfüllen; doch ich bitte, reden wir nicht von mir, reden wir von Ihnen.“ „Mein Gott! wenn Herr Georges Hubert erfährt, daß Sie Witwe ſind, wird er wollen . „Dieſes Geſpräch iſt mir peinlich, ſehr peinlich, das verſichere ich Sie,“ ſagte die junge Witwe mit einem ſo entſchiedenen Tone, daß die jungen Gatten, befürchtend, ſie zu verletzen oder ihren Kummer zu vermehren, nicht weiter bei dem Dichter beharren zu dürfen glaubten. Sie ſchwiegen, und Louiſe fuhr alſo fort: „Ich verlaſſe Sie in Glücksumſtänden, welche noch günſtiger, als die, in denen Sie ſich vor Ihren grau⸗ ſamen Prüfungen befanden . .„ „Warum günſtiger, Frau Louiſe?“ „Ehe Sie auf die Höhe des Reichthums gelangten⸗ hatten Sie arm gelebt, aber wenigſtens geſchützt vor der gräßlichen Nothdurft, unter der Sie zuletzt gelitten, Herr Gilbert. Sie kannten das harte, mühevolle Leben nicht, in das Sie ſich muthig fügten, Frau Gilberte, in der Hoffnung, Ihren Gatten wiederzufinden. So werden Sie durch die Erfahrung die bitteren Täuſchun⸗ gen des höchſten Reichthums und die Schmerzen der äußerſten Armuth kennen gelernt haben. Der beſcheidene Wohlſtand, deſſen Sie ſich fortan erfreuen, wird Ihnen alſo doppelt koſtbar ſcheinen, verglichen mit der einen oder der andern Ihrer vergangenen Exiſtenzen.“ „Das iſt wahr, hieran dachten wir nicht, meine Gilberte. In dieſem Falle kann man wohl ſagen: Das Unglück iſt zu Etwas gut.“ 457 „Ja, denn wenn wir in unſerer beſeligenden klei⸗ nen Häushaltung ſein werden und uns erinnern, daß Du, mein armer Gilbert, ohne Zufluchtsort in Paris umherirrend, beinahe vor Kälte und Hunger geſtorben wäreſt, und daß ich, die elende Kammer einer abſcheu⸗ lichen Alten, deren Magd ich war, theilend, einen Karren im Koth und im Schnee ſchleppte, mit welcher Wonne werden wir unſern Wohlſtand genießen!“ „Frau Lyuiſe,“ ſprach Gilbert, „s iſt ein trauriger Gedanke, man müſſe, um die Mitte des wahren Glücks auf dieſer Welt zu finden, nach und nach die Leiden des äußerſten Elends und die Eitelkeiten der Größen des Reichthums und des Ruhmes kennen gelernt haben „Ach! ja. Darum finden ſich die meiſten Menſchen, denen dieſe Erfahrung fehlt, nie durch ihr Loos befrie⸗ digt, oder ſie wiſſen ſeinen Werth nicht richtig zu ſchätzen. Doch ehe wir uns trennen, gebietet mir meine Offen⸗ herzigkeit eine, vielleicht indiserete, Frage.“ „Sprechen Sie . oh! ſprechen Sie, Frau Louiſe.“ „Die Redlichkeit, die Seelengüte, das Zartgefühl enthüllen ſich in jedem Ihrer Worte; es iſt mir auch unmöglich, das ſeltſame Geheimniß zu begreifen, das über dem Urſprunge Ihres Vermögens ſchwebt . .. Ich geſtehe, als in meiner Gegenwart ein Gerichtsbeamter bei Ihnen eintrat und von der Möglichkeit einer Cri⸗ minalunterſuchung ſprach . . . „Hielten Sie uns für unredliche Leute? 4 „Nein, doch ohne ſo weit zu gehen, fühlte ich daß ſich in mir ärgerliche Vorurtheile gegen Sie erhoben, und ohne die Unruhe, in die mich Ihre Offenbarungen über das wichtigſte Geheimniß meines Lebens verſetzten, ohne die unerwartete Anweſenheit von Herrn Georges Hubert hätte ich zu ergründen geſucht, was Wahres oder Falſches an der gegen Sie vorgebrachten Anſchuldi⸗ gung ſein konnte. Die Anklage iſt indeſſen aufgegeben, 458 Ihre Freilaſſung beweiſt Ihre Unſchuld; Ihr Vermögen, don dem Sie einen ſo edelmüthigen Gebrauch machen wollten, bleibt unter Sequeſter . . . was war aber der Urſprung dieſes Vermögens?“ „Frau Louiſe, Sie wiſſen natürlich nicht, was eine Korrigan iſt?“ „So viel ich mich erinnere, und nach der Sage, ſind dies hübſche kleine Feen, die einen beſonderen Ge⸗ fallen daran finden, ihre blonden Haare am Rande der Quellen zu kämmen.“ „Wie, Frau Louiſe, Sie wiſſen, was eine Korri⸗ gan iſt?“ „Sie haben auch geſehen?“ „Oh! dann werden Sie uns glauben.“ „Ich habe keine Korrigan geſehen, da dies einge⸗ bildete Weſen ſind,“ erwiederte lächelnd Louiſe, „doch dieſe kleinen Feen gehören zu den reizendſten Fietionen der celtiſchen oder galliſchen Mythologie. Herr Georges Hubert hat ſich lange tiefen Studien über die Vorzeiten unſerer Geſchichte gewidmet. Ich theilte dieſe Studien; ſie erfreuten uns und belehrten uns über den männlichen Glauben unſerer Väter, welche, nach der druidiſchen Religion, überzeugt, man ſterbe nie, ſo vom Uebel des Todes befreit waren. Dieſer ſo tröſtliche, ſo heilſame Glaube entzückte Herrn Georges Hubert und mich, und wir ſtrebten mit allen Kräften unſeres Geiſtes und unſe⸗ rere Seele nach dieſem erhabenen Glauben hin.“ „Wahrhaftig, Frau Louiſe! Sie glauben, wie wir, man werde anderswo wiederaufleben und immer wiedergeboren werden von Welt zu Welt bis ins Un⸗ endliche?“ „Sie haben ſich alſo mit dieſen ſo abſtracten Fra⸗ gen beſchäftigt?“ ſagte Louiſe ſehr erſtaunt. „Sollten Sie die bewunderungswürdigen Blätter von Jean Raynaud über den Druidismus geleſen haben?“ „Jean Raynaud?“ 459 „Ja, das iſt eine der höchſten Intelligenzen, einer der edelſten Charaktere unſerer Zeit.“ „Wir glauben es, wenn Sie ihn ſo beurtheilen, Frau Louiſe; Sie verſtehen ſich auf große Geiſter und auf große Herzen! . . Doch wir ſind zwei arme Unwiſſende und haben den Glauben an die Ewigkeit des Lebens nicht in den Büchern geſucht.“ „Wo haben Sie denn dieſen Glauben geſchöpft?“ „Die Korrigan hat ihn uns gegeben.“ „Welche Korrigan?“ „Hören Sie, Frau Louiſe, auf die Gefahr, daß meine Frau und ich in Ihren Augen für Narren gelten mögen, ſage ich Ihnen, daß wir eine Korrigan geſehen haben, ja eine wahre Korrigan. Durch ſie ver⸗ mochten wir zu einer Zeit, was wir wollten. So wa⸗ ren wir, meine Frau und ich, da wir es mit der Vor⸗ nehmheit verſuchen wollten, der Marquis und die Mar⸗ quiſe von Montlaur.“ „Als wir es ſodann mit dem Ruhme verſuchen woll⸗ ten, waren wir Herr Georges Hubert, wir waren Sie ſelbſt, Frau Loniſe . . . Auf dieſe Art erfuhr ich Ihr Geheimniß . . . Die Geſchichte vom Traume habe ich er⸗ ſonnen, um Sie nicht zu erſchrecken.“ „Des Lebens der Vornehmheit und des Ruhmes überdrüſſig, verlangten wir, da wir das Glück in einem großen Vermögen zu finden glaubten, von der Korrigan Millionen, die ſie uns auch gegeben hat; wonach wir ſie frei ließen, denn ſie ſollte nur bei uns bleiben, bis wir mit unſerem Looſe zufrieden genug wären, um ihr den Abſchied zu geben.“ „Doch bis zu ihrem Abgange vermochten wir Alles, was wir wollten. So hat Gilbert die Kolik dem Ge⸗ neral Pouſſard gegeben, ſo oft er ſich zu ſchlagen im Begriffe war.“ „Frau Louiſe, das iſt die reine Wahrheit. Sie können uns nicht glauben; das Gericht konnte uns auch 460 nicht glauben; was wir Ihnen ſagen, würde uns ſelbſt unmöglich, unſinnig ſcheinen, wenn wir es nicht geſehen hätten; doch . ſo iſt es.“ „Ich weiß, daß Sie unfähig ſind, zu ſpotten oder zu lügen, und Alles beweiſt mir, daß Sie ſich Ihrer Vernunft erfreuen,“ erwiederte Louiſe nach einem Au⸗ genblicke des Erſtaunens. „Die Offenbarung dieſes Ge⸗ heimniſſes, das ich allein wiſſen konnte. . Ihre erſte Drohung in Betreff des Generals, welche ſo ſeltſam in Erfüllung gegangen iſt.. Alles bleibt unbegreiflich für meinen Geiſt, und es iſt mir ebenſo wenig möglich, Sie der Lüge zu beſchuldigen, als Ihnen zu glauben.“ „Wie dem ſein mag,“ ſagte Gilberte, „Sie halten uns für ehrliche Leute?“ „Können Sie daran zweifeln?“ „Dann, Frau Louiſe, geben Sie uns noch einen Beweis von Theilnahme.“ „Welchen?“ „Wir ſind mehr als ie entſchloſſen, Ihre Rath⸗ ſchläge zu befolgen; doch wer weiß, ob wir Sie nicht noch um ſolche zu bitten haben werden? Erlauben Sie uns, wenn Sie in Paris wohnen, Ihnen von Zeit zu Zeit am Sonntag einen kleinen Beſuch zu machen ...5 „Hätte ich hier bleiben ſollen, ſo würde ich zuerſt die Forſetzung der Beziehungen gewünſcht haben, in welchen für mich ein ſo großer Reiz liegt, doch binnen Kurzem werde ich Paris verlaſſen, und ich weiß nicht, ob ich je wieder dahin zurückkehre.“ „Wo werden Sie denn Ihren Wohnort nehmen?“ „Ich weiß es nicht, ich habe keine beſtimmten doch ich will in einer völligen Zurückgezogenheit leben.“ „Ah! das verdirbt unſeren ſchönen Tag! Sie nicht mehr ſehen! . . Sie, der wir vielleicht 461 das Glück unſeres Lebens zu verdanken haben, Frau Louiſe .„ „Die Elemente dieſes Glückes waren in Ihnen: ich habe ſie Ihnen nur entdecken helfen.“ „Mein Gott! und wir werden keine Nachrichten mehr von Ihnen erhalten können?“ „Ich wiederhole Ihnen, es wäre mir ſehr ſchmerz⸗ lich, alles Zuſammenhangs mit Ihnen beraubt zu ſein,“ erwiederte die junge Frau nachſinnend. Dann fügte ſie bei. „Wenn Sie mir ſchreiben wollen, adreſſiren Sie Ihre Briefe an meinen Notar, deſſen Adreſſe ich Ihnen dier gebe (und ſie gab Gilbert eine Karte). Laſſen Sie ihn Ihre Wohnung wiſſen, und durch ſeine Vermittelung werden wir leicht correſpondiren können. Nun aber Gott befohlen!“ ſprach Louiſe mit einer nachdenkenden Miene. „Beide werden Sie ohne Ihr Wiſſen eine mächtigen Einfluß auf mein Leben geübt haben, indem ſie Herrn Georges Hubert ein Geheimniß, das ihm im⸗ mer unbekannt bleiben ſollte, enthüllten und durch eine ſeltſame Prophezeiung das Ereigniß herbeiführten, das mich zur Witwe gemacht hat. Dieſe Thatſachen ſchrei⸗ ben Sie übernatürlichen Urſachen zu, deren Wirklichkeit meine Vernunft nicht zugeben kann; werden dieſe That⸗ ſachen gute oder ſchlimme Folgen für das Geſchick von Herrn Georges Hubert und das meinige haben? Gott allein weiß es; doch was auch geſchehen mag, ich werde Sie immer im beſten Andenken behalten . „ Noch ein⸗ mal Gott befohlen!“ rief Louiſe mit einer lebhaften Gemüthsbewegung, indem ſie Gilberte wiederholt zärt⸗ lich küßte; dann reichte ſie ihre Hand Gilbert, der ſie eherbietig drückte, und verließ das junge Ehepaar. Gilbert und Gilberte ſtiegen in einen Fiacre und ließen ſich nach ihrer alten dürftigen Wohnung fahren, wo ſie vorläuflg bleiben wollten bis zu ihrer Niederlaſ⸗ ſung in dem kleinen Hauſe der Avenue Möéricourt oder 162 in jedem andern vor der Barrisre und nahe bei Paris liegenden Hauſe. Epilog. Es waren ungefähr drei Jahre ſeit den von uns erzählten Begebenheiten vergangen. An dieſem Abend wurde ein neues Werk in der Comédie Frangaiſe aufgeführt. Der Saal war gedrängt voll; die ganze königliche Familie wohnte dieſer lite⸗ rariſchen Feierlichkeit bei. Der Vorhang war nach dem vierten Aecte unter enthuſiaſtiſchen Bravos her⸗ untergelaſſen worden, und nach dem Gebrauche benütz⸗ ten die Zuſchauer den Zwiſchenact, um ihre Eindrücke über das Stück, das man gab, oder ihre Bemerkungen über gewiſſe in dem, was man die Welt zu nennen übereingekommen iſt, ſehr bekannte Perſonen auszutau⸗ ſchen. Folgendes Geſpräch war ganz beſonders letzteren Bemerkungen gewidmet, denn diejenigen, welche es führten, waren mehr weltlich, als der Gelehrſamkeit und den Wiſſenſchaften zugethan, obgleich ſie reichlich ihren Theil Beifall dem neuen Stücke geſpendet hatten. Zwei ſehr elegante Frauen, die Eine von reiferem Alter, die Andere jung, und drei Männer, die hinter dieſen Merveillen ſen ſtanden, welche die Vorderpläße von einer der Logen einnahmen, unter denen ſich der Balcon befindet, führten alſo folgendes Ge⸗ präch: „Ich ſagte Ihnen wohl, Frau Herzogin, es iſt Herr von Baudrichurt. Ich war ſicher, daß ich mich 468 nicht täuſchte; ſogleich habe ich ihn erkannt, als er ſich in der herrlichen Scene des vierten Actes, in der Ma⸗ demoiſelle Rachel ſo vortrefflich geweſen iſt, nicht enthal⸗ ten konnte, aus dem Hintergrunde ſeiner dunklen Loge hervorzutreten.“ „Wahrhaftig, das iſt nicht zu glauben. Wie kann er nach ſeinem abſcheulichen Benehmen gegen die un⸗ glückliche Gräfin d'Orbeval die Frechheit haben, hierher zu kommen und ſich öffentlich mit dieſer ſpaniſchen Tänzerin, die er von Italien bringt, zur Schau zu ſtel⸗ len! Das iſt ſchändlich!“ „Schändlich? Das finde ich bei meiner Ehre höchſt ſonderbar,“ verſetzte der Herzog. „Ei! war denn zufällig Baudricourt mit der Gräfin dOrbeval verhei⸗ rathet?“ „Oh! mein Herr, wäre er ihr Gatte geweſen, ſo hätte ſein unwürdiges Benehmen wenigſtens eine Ent⸗ ſchuldigung gehabt.“ „Meine liebe Freundin, erlauben Sie mir, Ihnen zu ſagen; das ſind höchſt ſeltſame Grundſätze.“ „Nein, mein lieber Herzog. Madame, wenn ich Ihre Worte gut auslege, denkt mit Recht, Baudricourt, da er die Opfer angenommen, die ihm die Gräfin d'Or⸗ beval gebracht hat, ſei doppelt ſtrafbar, daß er ſo grauſam mit ihr gebrochen . . .“ „Das iſt augenſcheinlich.“ „Meiner Anſicht nach,“ ſprach die junge Frau, „iſt die Gräfin d'Orbeval ſehr mit Recht beſtraft. Nach dem ärgerlichen Eclat ihres Benehmens verdient ſie kein Mitleid.“ „Meine liebe Alix,“ verſetzte die Herzogin, „ſeien Sie mildherziger; Sie waren noch nicht in die Welt ein⸗ getreten, als die Gräfin d'Orbeval dieſelbe verließ; und wären Sie wie ich ihre Freundin geweſen, ſo würden Sie ſie beklagen, das verſichere ich Sie! Bedenken Sie nur; auf ſeine Familie, auf die Geſellſchaft, auf die 464 großartigſte Eriſtenz verzichtet haben, um ſich einer Zu⸗ neigung zu weihen, von der man glanbt, ſie werde ewig währen, und nach mehreren Jahren des Glückes verlaſ⸗ ſen werden, wem zu Liebe 2 einer Tänzerin der niedrigſten Stufe zu Liebe!“ „Tänzerin der niedrigſten Stufe, ſo lange Sie wollen,“ eutgegnete der Herzog, der in dieſem Momente ſeine Doppellorgnette nahe an ſeine Augen hielt; „ich ſehe ſie gerade vortrefflich, dieſe große Teufelin. Sie hat herrliche ſchwarze Augen, glänzend wie glühende Kohlen, Perlzähne, die ſie herzlich lachend zeigt. Ihre blutrothen Lippen bilden einen ſeltſamen Contraſt mit ihrem matten, olivenfarbigen Teint. Und dann, welche dichte Augenbrauen, ſo ſchwarz wie ihre Haare! eine wahre gekräuſelte Mähne! ſie fallen bis auf ihren Leib. Sie iſt wie gedrechſelt! welcher Wuchs! und dabei die Hand eines Kindes! Sie ſoll eine Zigeunerin ſein⸗ das wundert mich nicht!“ „Mein Herr, finden Sie nicht auch einen mildern⸗ den Umſtand für das ſchändliche Benehmen von Herrn von Baudricvurt in der ſchönen Entſchuldigung, daß die⸗ ſes Mädchen eine Zigeunerin iſt ?“ „Bei meiner Treue, meine Liebe, man ſagt, wenn man einmal unter dem Zauber, oder vielmehr unter der Klaue dieſer Geſchöpfe ſei, werde es einem ſehr ſchwer⸗ ſich wieder loszumachen. Es muß ſo ſein: dieſer Baudrirourt iſt wohl geblendet, bezaubert worden, denu ich halte ihn für den biederſten Mann der Welt; ja, wenn er plötzlich mit der Gräfin d'Orbeval gebrochen hat, ein Bruch, der meiner Anſicht nach ſo unerhört iſt, daß ich nicht daran glauben würde, ſähe ich ihn nicht dort, ſo iſt dies der Fall geweſen, weil der arme Junge, ich wiederhole es, von der großen Teufelin bezaubert worden ſein muß.“ „Sie werden nun wohl Herrn von Baudritourt 465 beklagen! Ei! Sie ſind verrückt! was Sie da ſagen, iſt abſcheulich.“ „Ah! Madame, Ihre Neugierde wird endlich be⸗ friedigt werden,“ ſagte die andere Perſon, welche hinter der Herzogin ſtand. „Man öffnet ſo eben die Thüre der Loge der zweiten Gallerie gegenüber, welche bis jetzt unbeſetzt war, obgleich der Saal gedrängt voll iſt und die Leute bis in den Gängen ſtehen.“ „Ah! mein Gott!“ rief die Gräfin Alix; „die zwei Männer, welche in dieſe Loge eintreten, ſind betrunken! Einer wäre beinahe ins Parterre gefallen!“ „Gut! das iſt Montlaur mit ſeinem getreuen Saint⸗Marceau! . .. Armer Montlaur! . . . So iſt er alle Abende und oft auch des Morgens!“ „Befindet man ſich in einem ſolchen Zuſtand, ſo verläßt man das Gaſthaus nicht, wo man zu Mittag geſpeiſt hat.“ „Sie werden ſicherlich machen, daß man ſie vor die Thüre wirft. Alle Welt ſchaut nach ihnen.“ „Ah! nun grüßen ſie das Publikum und ſchicken ihm Küſſe zu.“ „Das iſt empörend: Männer der guten Geſellſchaft verurſachen einen ſolchen Scandal und ſtellen ſich ſo zur Schau aus!“ „Was wollen Sie, Frau Herzogin! der Kum⸗ „Wie, der Kummer?“ 3 „Ich kenne Montlaur ſeit zehn Jahren, Madame. Vor ſeinem unglücklichen Duell mit Saligny war er der glücklichſte Mann der Welt; freigebig ohne Verſchwen⸗ dung, ſein Vermögen in ſchönſter Ordnung erhaltend, hatte er das trefflichſte Haus von Paris und lebte auf das Beſte mit Frau von Montlaur.“ „Herr von Surville, ich bitte Sie, ſprechen Sie den Namen dieſer Frau nicht aus. Sie iſt durch ihre Güvert und Gilberte. I. 3⁰ 466 Sittenloſigkeit die Schande ihrer Familie und unſerer Geſellſchaft geworden. Gott ſei Dank, ſie hat Frank⸗ reich verlaſſen mit demelenden kleinen Komödianten, in den ſie ſich verliebt. Gebe der Himmel, daß ſie nie zurück⸗ kommt.“ „Wenn ich den Namen von Frau von Mont⸗ laur ausgeſprochen habe, Frau Herzogin, ſo iſt dies geſchehen, weil ihre Aufführung, welche Sie mit Recht empört, ihrem Gatten den grauſamſten Kummer verur⸗ ſacht hat. Obgleich er von Tiſch und Bett von der Marquiſe getrennt war, führte ſie nichtsdeſtoweniger ſeinen Namen, und dieſen Namen entehrte ſie öffentlich durch die gemeinſten Liebſchaften. Tief betrübt, fing auch Herr von Montlaur an im Trunke Betäubung zu ſuchen, und dieſes Laſter iſt leider für ihn eine Gewohn⸗ heit geworden.“ „Eine Gewohnheit, welche Saint⸗Marceau theilt, wenn er ſie nicht begünſtigt, der ſchamloſe Schmarotzer! Er hat ſich an dieſen armen Montlaur angehängt, er wohnt bei ihm, verläßt ihn nicht einen Augenblick und entlehnt von ihm alles Geld, was er verſpielt.“ „Ich begreife nicht, daß noch ein Menſch Herrn von Saint⸗Marceau grüßt. Rachdem er ſeine unglück⸗ liche Frau zu Grunde gerichtet, hat er gemacht, daß ſie vor Verzweiflung geſtorben iſt. . . „Das iſt aber doch höchſt ärgerlich! ſehen Sie, welchen Lärmen Montlaur und ſein Freund in ihrer Loge machen! Man fängt an ſie auszuziſchen!“ „Das ganze Parterre ſteht!“ „Oh! Montlaur beginnt wieder der Menge Küſſe zuzuſchicken!“ 1 „Die Thüre öffnet ſich . ein ſchwarz gekleideter Herr tritt ein und ſpricht mit Saint⸗Marceau, der mehr Kaltblütigkeit behalten zu haben ſcheint.“ „Das iſt ohne Zweifel ein Polizeicommiſſär, der ſie wegzugehen auffordert.“ 467 „Gott ſei Dank! ſie hören auf ihn und gehen!“ „Meine Liebe,“ ſagte plötzlich leiſe der Herzog zu ſeiner Frau, „ſehen Sie ſie unter den Zuſchauern des Balcon, welche aufgeſtanden waren, als ſie den Lärmen der zwei Trunkenbolde hörten? Erkennen Sie ſie.“ „Wen denn?“ „Die Blumenmacherin und den Lithographen.“ „Sprechen Sie mir nicht von dieſen Leuten!“ ver⸗ ſetzte die Herzogin mit einer hoffärtigen Ungeduld; „es iſt auch eine von den Großthaten von dieſem Herrn von Saint⸗Marceau, daß er den unanſtändigen Gedan⸗ ken gehabt hat, ſolches Volk zu patroniſiren.“ „Ei! meine Liebe, ſie hatten wahrlich die beſte Tafel von Paris; und dann, . . . ſind Sie nicht zu ihnen gegangen, wie ſo viele Andere?“ „Ich habe allerdings dieſes Unglück gehabt, und ich ſchäme mich deſſen noch . . . „Meine liebe Alix, Sie waren noch nicht in die Welt eingetreten, als zwei Abenteurer, die ſich lächerli⸗ cher Weiſe Herr Lithograph und Frau Blumenmacherin nennen ließen, ihr Haus unter dem Patronat von Herrn von Saint⸗Marceau öffneten. Ein Mann der Geſell⸗ ſchaft, obgleich er eine Frau vom Theater geheirathet hatte, übernahm er nicht nur die Einladungen dieſer Leute, ſondern er war auch dafür beſorgt, was nicht leicht, daß dieſen Einladungen entſprochen wurde; denn hätten dieſe Unbekannten einen fremden Namen ange⸗ nommen, ſo mochte dies noch paſſiren: man geht zu einem Fremden nicht mehr oder nicht minder, als man nach England oder nach Italien geht, ohne darum Eng⸗ land oder Italien als zu ſeiner Geſellſchaft gehörig zu betrachten; aber zu Leuten gehen, die ſich einen frechen Titel aus ihrem ehemaligen Handwerk machten, das war vollkommen lächerlich und äußerſt nnanſtändig!“ „Aber, Frau Herzogin, der Herzog ſagte ſo eben, Sie ſeien auch zu dieſen Leuten gegangen?“ 468 „Ei! mein Gott, ja, aus Schwäche, und ich erröthe varüber. Die unerträgliche Prinzeſſin von Marſan hat mich wider meinen Willen verleitet! Herr von Saint⸗ Marceau hatte die Kunſt beſeſſen, dieſer Prinzeſſin, ſo⸗ wie ihrem Manne die Schelle anzuhängen, denn dieſer⸗ wenn er nur vortrefflich ſpeiſt, würde, glaube ich, bei einem Henker ſpeiſen, wie die Prinzeſſin, wenn man nur ihre fünfundvierzig Jahre und ihre Beleibtheit tanzen, walzen, pirouettiren läßt, ich weiß nicht zu wem auf den Ball ginge. Herr von Saint⸗Marceau hatte auch dieſer dicken Korybante ſo viele Walzer und Con⸗ tretänze als ſie wollte, zu ziehen auf den Herrn Litho⸗ graphen, wie unſere Geſchäftsleute ſagen, garantirt. Dem Prinzen und der Prinzeſſin fügte Herr von Saint⸗ Marcedu den Ragout der hirnloſen Frau von Bellefon⸗ taine bei, die in Betreff der Féten, welche es auch ſein mögen, ungefähr eben ſo viel Beurtheilungskraft und Zurückhaltung zeigt, als ein Nachtſchmetterling den Ker⸗ zen gegenüber. Dieſe Tolle zog natürlich in ihren Kreis Herrn von Blainville und ſeine arme Frau, denn er hatte die Grauſamkeit, ſie überall hinzuſchleppen, wo ſich Frau von Bellefontaine fand, mit der er ſich mehr als offen beſchäftigte. Dieſer Kern gebildet aus Leu⸗ ten von der beſten und höchſten Geſellſchaft, wie Sie ſehen, liebe Alir, zog noch andere Perſonen an. Man ſagte ſich: „„Im Ganzen, da man dahin geht, warum ſolten wir nicht gehen?““ Das war die Geſchichte der Schafe von Panurgos; viele Männer und Frauen ſprangen einander nach über den Graben und liefen nach dem ehemaligen Hotel d'Orbeval, wo dieſes Volk, mit Hülfe des Intendanten der armen Gräfin, wirklich ein vortreffliches Haus machte. Ich war, das verſteht ſich von ſelbſt, dieſen ſchönen Albernheiten, die mich em⸗ pörten, fremd geblieben, da kommt die Prinzeſſin eines Morgens zu mir und unternimmt es, mich zu beſtim⸗ men, die Föten des Hotel d'Orbeval zu beſuchen. Die 469 Achſeln zuckend, bitte ich ſie, mich in Ruhe zu laſſen und mich nicht ärgerlich zu machen. Sie bleibt beharrlich und ſagt mir: „„Oh! kommen Sie doch, meine Liebe! Unſere ganze Geſellſchaft geht dahin! Das iſt ſehr be⸗ luſtigend! man hört dort die beſte Muſik von Paris! man tanzt dort bis Morgens um ſechs Uhr! man ſou⸗ pirt dort auf das Ueppigſte! Alles iſt mit einer unglaub⸗ lichen Pracht ſervirt, und das verbindet zu nichts, zu gar nichts gegen die Gebieter des Hauſes, welche Nie⸗ mand empfängt, und mit denen man nicht vier Worte am Abend ſpricht. Man nennt ſie Frau Blumenmache⸗ rin und Herr Lithograph; hat man ihnen aber den Rücken zugewendet, ſo lacht man laut auf; ihr Haus iſt nichts Anderes, als ein herrliches Caſino, deſſen Ko⸗ ſten ſie auf eine glänzende Art tragen, ausſchließlich für unſere Geſellſchaft, denn Sie fühlen wohl, daß Herr von Saint⸗Marceau ihnen nie erlauben würde, es zu wagen, irgend Einen, der nicht zu den Unſerigen ge⸗ hörte, einzuladen. Sprechen Sie, woran ſtoßen Sie ſich? Gehen Sie nicht auch, wenn Sie in Aix oder in Baden ſind, in's Caſino? Empfangen wir bei uns die Leute, welche die Koſten des Caſino tragen? Durchaus nicht. Nun! es iſt hier ganz daſſelbe: das Hotel dOr⸗ beval iſt unſer Caſino, meine Liebe.“ Was ſoll ich Ihnen ſagen? die unerträgliche Prinzeſſin ſchwatzte mir ſo viel von ihrem Caſino vor (und die Vergleichung war im Ganzen ziemlich richtig), daß ich es am Ende machte wie die anderen ſchafartigen Thiere: ich ſprang über den Graben. Was wollen Sie, liebe Alix! dieſes Volk gab reizende Frühlingsfeſte; der Angenblick, auf unſere Güter oder in die Bäder zu gehen, war noch nicht ge⸗ kommen; alle Häuſer, wo man empfing, waren geſchloſ⸗ ſen: ich ließ mich alſo wie ſo viele Andere zu dieſer Albernheit bewegen, doch ich wurde bald und mit Recht für meine Schwäche beſtraft.“ „Was iſt Ihnen denn begegnet, liebe Herzogin?“ 47⁰ „Ich gedachte mich eines Abends zu einer Föte zu begeben, welche in unſerem Caſino d'Orbeval, wie wir ſagten, ſtattfinden ſollte, da ſah ich die Prinzeſſin ſo dunkelroth, ſo wüthend, ſo erſtickend, als ob ſie zwölf Contretänze verſäumt hätte, zu mir kommen. „„Sie wiſſen nicht, meine Liebe? “ ſagte dieſe Hurliburli zu mir. „„Die Föte heute Abend findet nicht ſtatt! Dieſe pöbelhaften Menſchen ſchließen ihr Haus unter dem un⸗ verſchämten Vorwande, ſie haben uns für ihr Geld ge⸗ ung tanzen und eſſen ſehen, und das beluſtige ſie ganz und gar nicht mehr. Begreift man eine ſolche Frech⸗ heit!““ „„So werden wir mit Recht für unſer niedri⸗ ges Benehmen beſtraft,““ erwiederte ich Frau von Marſan, „„und ich werde nie vergeſſen, daß ich Ihren Caſinover⸗ gleichungen und anderen Albernheiten meinen Theil an dieſer ſchändlichen Demüthigung verdanke.““ „Liebe Herzogin, ein ſolches Verfahren von Seiten dieſſes Volks war eine unerhörte Ungezogenheit!“ „Doch Sie ſind noch nicht beim Ende; dieſe Leute waren Diebe oder etwas Gleichbedeutendes!“ „Ah! mein Gott!“ „Sie hatten, man wußte nicht wo, und man weiß es noch nicht, das Geld, das ſie vergeudeten, genom⸗ men: die Polizei miſchte ſich darein; ſie wurden in's Gefängniß gebracht; man hat ſie allerdings nachher wieder freigelaſſen, doch ihr Vermögen iſt unter der Hand der Gerichte geblieben.“ „Ich habe ſagen hören,“ fügte der Herzog bei, „die Zeit der Verjährung, wie ſie das, glaube ich nennen, ſei gekommen, und es ſei nicht unmöglich, daß man ihnen das ungeheure Vermögen, das Niemand in Anſpruch nimmt, zurückgebe.“ „Das iſt mir ſehr gleichgültig; immerhin aber bleibt es exorbitant, daß ſo viele Perſonen unſerer Ge⸗ ſellſchaft und ich zuerſt zu Leuten gegangen ſind, die man gerichtlich verfolgt hat. Und dahin, liebe Alix⸗ 471 kann das Vergeſſen des Wohlanſtandes und der Selbſt⸗ achtung führen.“ „Frau Herzogin,“ fragte Herr von Surville leiſe, ſ Sie begierig, die Frau von Georges Hubert zu ehen?“ „Gewiß . Wo iſt ſie denn?“ „Gerade zwiſchen dem Lithographen und der Blu⸗ menmacherin. Sehen Sie, in dieſem Augenblick dreht ſie den Kopf um: der Triumph von heute Abend muß ſie ſehr glücklich und ſtolz machen.“ „Dieſe Frau Georges Hubert iſt aber ſehr hübſch,“ erwiederte die Herzogin lorgnirend; „ ſie ſieht wahrhaf⸗ tig vortrefflich aus! Das iſt unglaublich!“ „Sie iſt mit einer geſchmackvollen Einfachheit ge⸗ kleidet, bemerkte die Gräfin Alix „Doch wie ſteht ſie in Verbindung mit dem Volke, von dem Sie ſprachen, liebe Herzogin? .. Da plaudert ſie aber⸗ mals mit dieſen Leuten!“ „Sie müſſen bedenken, liebe Alix, daß die Frau eines Schriftſtellers nicht ſehr ſchwierig bet der Wahl ihrer Bekanntſchaften ſein dürfte.“ „Mir ſcheint jedoch, ich habe ſagen hören, Herr Georges Hubert ſei einſt ſehr gut in der Geſellſchaft aufgenommen worden!“ „Allerdings. Leider iſt er ſeit langer Zeit äußerſt ſchen und ungeſellig geworden. Wir ſehen ihn nicht mehr, und das iſt Schade, denn, trotz ſeines Mangels an Geburt und mancher Starrheit im Charakter, war er zuweilen ſehr liebenswürdig und immer ein vortreff⸗ licher Geſellſchafter.“ 3 „Vielleicht wird er nun, da er verheirathet iſt, wie⸗ der in die Welt kommen.“ S „Ich befürchte in Gegentheil, daß er für uns ver⸗ oren ſſt; da ſeine Frau nicht in unſerer Geſellſchaft em⸗ ſns werden kann, ſo werden wir ihn nicht mehr ehen.“ 472 „Warum würde man Fran Georges Hubert nicht empfangen, Fran Herzogin?“ „Wie, warum? Weil, wenn man Herrn Georges Hubert in ſeiner Eigenſchaft als großen Dichter em⸗ pfängt, nicht der geringſte Vorwand vorhanden iſt⸗ um ſeine Frau eine Bürgerliche, zu empfangen.“ „Das iſt richtig, liebe Herzogin. Wahrhaftig, ich weiß nicht, woran ich dachte, als ich ſo fragte.“ Während des vorhergehenden Geſpräches befanden ſich Gilbert und Gilberte auf dem Balcon; ſie hatten zwiſchen ſich Loniſe, welche auf demſelben Platze ſaß, wo ſie mehrere Jahre früher das erſte Mal dem Triumphe und das zweite Mal der Riederlage ihres Dichters bei⸗ gewohnt. Die Phyſiognomie der drei Freunde offen⸗ barte ein tiefes Glück und das Gefühl inniger Freude über den glänzenden Erfolg des neuen Stückes des be⸗ rühmten Schriftſtellers, ein Erfolg, der ihrem Herzen in ſo vielen Beziehungen theuer. Reizender als je, war Gilberte mit einer eleganten Einfachheit gekleidet. Gilbert hatte, freudig wie an ſei⸗ nen ſchönſten Tagen, fortwährend, nach dem Ausdrucke ſeiner Frau, noch nicht das Anſehen eines Verheirathe⸗ ten, urkheilte man nach den zärtlichen Liebesblicken, die er von Zeit zu Zeit Gilberte zuwarf, von der er durch Frau Georges Hubert getrennt war. „Meine liebe Louiſe,“ ſagte plötzlich die junge Frau zu ihrer Freundin, indem ſie ſich an ihr Ohr neigte, „horchen wir, horchen wir. Ich ſehe dort, unfern von uns, ſich eine Gruppe um den alten Stammgaſt bilden, Sie wiſſen? derjenige, welcher an jenem unglücklichen Abend ſo edelmüthig die Vertheidigung von Herrn Georges Hubert übernahm.“ „Ja, ich erinnere mich ſeiner,“ erwiederte Louiſe; doch, heute werde ich ihn ohne Furcht anhören.“ Und die junge Frau, wie ihre zwei Freunde lauſch ten mit einer wachſenden Aufmerkſamkeit auf die Wor 473 des alten Stammgaſtes, der dem Platze getreu, welchen er immer an der Ecke des Balcon inne hatte. „Meine Herren,“ ſagte der alte Stammgaſt, „es ſind ein paar Jahre her, daß ich auf eben dieſem Sperr⸗ ſige dem merkwürdigen Durchſalle des letzten Stückes, das Georges Hubert vor dieſem geſchrieben hatte, bei⸗ wohnte. Ich ſage merkwürdiger Durchfall, weil das die einzige Niederlage iſt, die der berühmte Schriftſteller je erlitten hat . . .“ „Und dieſe Niederlage ſoll ſehr hart und äußerſt wohlverdient geweſen ſein,“ unterbrach einer der Nach⸗ barn des Stammgaſtes. „Hart, ja, doch meiner Anſicht nach unverdient. Die öffentliche Meinung, welche oft höchſt launenhaft und leidenſchaftlich in ihrer Sympathie oder in ihrer Un⸗ gunſt iſt, und die Sie heute enthuſiaſtiſch für Georges Hubert ſehen, hatte ſich damals gegen dieſen berühmten Mann entfeſſelt, deſſen Charakter ebenſo erhaben, als ſein Talent. Man rechnete ihm zum Verbrechen den Selbſtmord eines unglücklichen Knaben auf, den er ver⸗ nünftiger Weiſe von einem falſchen Berufe für die Poeſie batte ablenken wollen. Man beſchuldigte Georges Hu⸗ bert anch, er habe eine reiche Erbin den ſchönen Au⸗ gen ihrer Caſſette zu Liebe entführt. Was ſoll ich Ihnen fagen, meine Herren? ſeit vierzig Jahren wohne ich erſten Vorſtellungen bei, und nie bin ich Zeuge eines ſo ärger⸗ lichen, für einen Schriftſteller ſo verletzenden Falles ge⸗ weſen. Das war für unſern Dichter eine Art von Aus⸗ ſtellung am Pranger, welche ebenſo grauſam, als un⸗ gerecht.“ „Aber das Stück war, wie es ſcheint, abſcheulich „Abſcheulich! nein, meine Herren: es enthielt ſeltene Schönheiten des Styls, große Gedanken; doch das Werk ar kalt, eintönig, ſagen wir es gerade heraus, lang⸗ e Der Aufſchwung, die Bewegung, die Erfindung ſehlten.“ 474 „Gerade aber durch die Originalität, durch die Macht der Erfindung zeichnet ſich Georges Hubert ſo ſehr aus!“ „Mein Gott! meine Herren, wenn ich nicht befürch⸗ tete, es könnte ſcheinen, ich wolle meinen Sperrſitz zum Lehrſtuhle eines Profeſſors der dramatiſchen Kunſt er⸗ heben, ſo würde ich Ihnen mit ein paar Worten ſagen...“ „Wir bitten, mein Herr, ſprechen Sie, ſprechen Sie, wir hören Ihnen mit dem größten Vergnügen zu.“ „Ich möchte wohl den Namen dieſes wackeren Man⸗ nes wiſſen,“ ſagte Gilbert zu Loniſe; „er hat ein vor⸗ treffliches, edles Geſicht mit ſeinen langen weißen Haa⸗ ren. Wenn wir ihn heute Abend zum Eſſen einladen würden?“ „Was denkſt Du, Gilbert? ihn einladen, ohne ihn zu kennen! . . . Höre ihm doch zu!“ „Meine Herren,“ ſprach der alte Stammgaſt zu ſeinen um ihn gruppirten Nachbarn, während Louiſe, Gilbert und Gilberte nicht eines von ſeinen Worten ver⸗ loren, „meine Herren, Sie haben ohne Zweifel vor einiger Zeit in den Journalen die Nachricht geleſen: „„Uinſer berühmter Dichter, Herr Georges Hubert, hat ſo eben geheirathet und zwar die Witwe des General Ponſſard, eines der ruhmwürdigen Ueberreſte u. ſ. w. u ſ. w „Der General Pouſſard, das war wohl der be⸗ kannte Duellant, der zehn bis zwölf Perſonen im Duell getödtet hat?“ „Ja, meine Herren, er ſelbſt. Bemerken Sie nun Etwas, was Ihnen bald ſehr contradictoriſch ſcheinen wird; ich ſprach vorhin von der Erbin, welche, Milli⸗ nen reich, wie die Verleumdung ſagte, und von unſerem großen Dichter aus gemeiner Habgier entführt . . . „In der That, mein Herr, Sie erinnerten uns an dieſen Umſtand.“ 475 „Dieſe reiche Erbin nun (die, beiläufig geſagt, kaum ein Vermögen von zweimalhunderttauſend Franken beſaß), iſt keine Andere, als Madame Ponſſard, welche unſer Dichter geheirathet hat . . . „Ah bah!“ „Das iſt ſeltſam.“ „Ich bitte, mein Herr, fahren Sie fort.“ „Mein Notar iſt zufällig auch der Notar von Ma⸗ dame Pouſſard. Ich habe nicht die Ehre, ſie perſönlich zu kennen, hörte aber ſo oft von ihr ſprechen. Das wird Ihnen erklären, meine Herren, wie ich von einigen vertrauten Einzelheiten unterrichtet bin, von denen ich ohne Bedenken Gebrauch machen werde, da ſie eben ſo ehrenvoll für Herrn Georges Hubert, als für die ausge⸗ zeichnete Frau ſind, die er geheirathet.“ „Liebe Louiſe, hören Sie dieſen würdigen Mann?“ ſagte leiſe Gilberte zu ihrer Freundin. „Ich, ich bin wie Bibi, ich ſchwärme für dieſen guten Greis.“ „Ich beſchwöre Sie, Gilberte,“ erwieberte die Gattin des Dichters erröthend, „nehmen Sie ſich in Acht, daß Sie nicht die Aufmerkſamkeit auf uns ziehen! Wenn ich erkannt würde, wie groß wäre meine Verlegenheit!“ Ah! Loniſe, ſchmälen Sie nicht; ich werde ver⸗ nünftig ſein und nicht mehr ſchwatzen.“ „Meine Herren,“ fuhr der alte Stammgaſt fort, „hören Sie, was Ihnen ohne Zweifel contradictoriſch ſcheinen wird: wiſſen Sie, was, wenigſtens nach meinem Dafürhalten, und ich täuſchte mich nicht, wiſſen Sie, was die wirkliche Urſache vom Falle des Stückes war, von dem wir ſo eben ſprachen?“ „Nein, mein Herr.“ „Dieſe Niederlage rührte vom Einfluſſe der langen Verbindung von Herrn Georges Hubert mit der genann⸗ ten Erbin her, eine allgemein bekannte Verbindung, von der ich alſo ohne Indiseretion reden kann.“ 476 „Wie wirkte aber dieſer Einfluß nachtheilig auf das Genie des großen Dichters, mein Herr?“ „Entſchuldigen Sie mich, meine Herren, wenn ich mich eines trivialen Ausdrucks bediene, den ich am Abend der Niederlage dieſes Dramas, an demſelben Platze, wo wir heute ſind, habe ausſprechen hören; dieſer Ausdruck iſt, trotz ſeiner Niedrigkeit, äußerſt richtig: mit einem Worte, die Verbindung, von der wir ſprechen, hat Herrn Georges Hubert zum Haushammel gemacht.“ „Sehr gut, wir begreifen.“ „Ihrer Anſicht nach, mein Herr, hätte ſich unſer großer Dichter eingepuppt, er wäre hingeſchmachtet, er⸗ loſchen in dieſer ſtubenhockeriſchen Verbindung, er, der nach ſeinen Biographien die Gewohnheit eines be⸗ wegten und beweglichen Lebens hatte?“ „So iſt es, meine Herren, und wie ich damals ſagte: Georges Hubert, vor Allem ein Mann der Re⸗ flerion, hat in dieſem Werke die ſanfte, friedliche Monotonie ſeines Lebens relectirt: eine ruhige Exiſtenz, welche, bemerken Sie das wohl, meine Her⸗ ren, weſentlich im Widerſpruche ſtand mit dem Bedürf⸗ niſſe der Thätigkeit, der Abwechſelung, das er unwillkür⸗ lich zu jener Zeit noch fühlte, aber der Liebe opferte⸗ Das fragliche Werk trug auch das Weſen von dieſen zwei ſich widerſprechenden Tendenzen an ſich: es war eine Baſtardarbeit ohne Aufſchwung, ohne Leidenſchaſt. Sprechen wir nicht mehr hievon. Meine Herren, was denken Sie nun von dem Drama von heute Abend?“ „Es iſt herrlich!“ „Nie hatte ſich Georges Hubert bis zu dieſer Höhe emporgeſchwungen!“ „Es iſt ein betäubender Succeß!“ „Die anderen Sucteſſe von Georges Hubert er⸗ bleichen gegen dieſen.“ 3 „Haben wir nicht am Ende des vierten Actes, den — 5 477 man ſo eben geſpielt, die ganze königliche Familie in einer Bewegung des Enthuſiasmus ſich erheben ſehen?“ „Und der Provengal, der unter uns im Parterre ſaß, auf ſeine Bank ſprang und vor Bewunderung ſo außer ſich war, daß er nur: „Tron de lair!“ ausrufen konnte, wonach er einen ſo heftigen Rervenanfall bekam, daß man ihn wegbringen mußte!“ „Frau Louiſe,“ ſagte leiſe und lachend Gilbert, „das iſt der wüthende Marſeiller vom Café de Grenette. Er⸗ innern Sie ſich ſeiner? er hat die Thüre mit einem Fuß⸗ tritte geſprengt, als ich Georges Hubert war, um mir zu erklären, er werde fortan mein Erfanatiker ſein.“ „Armer Mann!“ erwiederte Louiſe; „er konnte dem neuen Meiſterwerke von Georges Hubert nicht Stand halten“ „Er iſt wohl ausdrücklich von Marſeille hierher ge⸗ kommen, um dieſer erſten Vorſtellung beizuwohnen,“ ſigte Gilberte bei; „doch der würdige alte Herr ſpricht wieder, hören wir.“ 3 „Meine Herren,“ fuhr der alte Stammgaſt fort, „meine Herren, bis jetzt wenigſtens (und, unter uns ge⸗ ſagt, ich weiß von den Herren Schauſpielern, daß der fünfte Act auf der Höhe der vier erſten iſt), bis jetzt iſt der Succeß des neuen Werkes von Georges Hubert unbeſtritten.“ „Und unbeſtreitbar. Es iſt nur ein Schrei im ganzen Saale das iſt bewunderungswürdig!“ „Wiſſen Sie nun, meine Herren, wem ein guter Theil von dieſem glänzenden Trinmphe zukommt?“ „Wem denn?“ „Frau Georges Hubert.“ „Wie? ihr, welche, ehe ſie die Frau des General Pouſſard geweſen iſt, einen ſo ärgerlichen Einfluß auf das Genie von Georges Hubert gehabt hat?“ 1 „Ja, meine Herren.“ „Das ſcheint in der That ſehr contradictoriſch.“ 478 „Und dennoch, meine Herren, kann nichts natürli⸗ cher ſein.“ „Erklären Sie ſich, mein Herr. Sie reizen unge⸗ mein unſere Neugierde.“ * „Zur Zeit ihrer erſten Verbindung mit unſerem großen Dichter, wollte ihn dieſe Dome, obgleich ſie ihn wahnſinnig liebte, der unabhängigen Exiſtenz zurückge⸗ ben, in der er bis dahin die Elemente ſeiner Triumphe geſchöpft hatte; ſie beſaß den ſeltenen Muth, den General Pouſſard zu heirathen, für den ſie keine Zuneigung fühlte: dieſer war übrigens für ſie nur ein Vater, und ſie benahm ſich gegen ihn bis zu ſeinem Tode wie die Würdigſte der Töchter.“ „Die aufopfernde Ergebenheit für Georges Hubert iſt heldenmüthig!“ „Erhaben!“ „Eine ſolche Frau verdient eben ſo viel Achtung, als Bewunderung!“ „Gewiß, meine Herren; denn dieſe Gefühle hege ich für Frau Georges Hubert, obſchon ich, wie geſagt, nicht die Ehre habe, ſie perſönlich zu kennen.“ „Theure Louiſe,“ ſagte leiſe Gilbert zu der Frau des Dichters, „wir ſind nicht die Einzigen, die Sie lieben⸗ bewundern.“ „Ah! meine Freunde,“ erwiederte ſeufzend Fral Georges Hubert, „es iſt peinlich für die Schamhaftigkeit der Seele, die Acte unſeres inneren Lebens, unſere geheimen Gedanken ſo der öffentlichen Reugierde preis⸗ gegeben zu ſehen! Doch man muß ſich darein fügen die Strahlung des Genies ſetzt nothwendig die Ergeben⸗ Ui die es einflößt, ſo dunkel ſie ſein mögen, ins icht.“ „Mein Herr, erlauben ſie,“ ſprach Einer von der Gruppe des alten Stammgaſts, Folgendes ſcheint mir abermals contradictoriſch zu ſein: dieſe Dame hatte ſich während ihrer erſten Verbindung mit unſerem berühmten — — — — — — — „— — — 479 Schriftſteller, eine Verbindung, die ich eine wahre Ehe nennen möchte, überzengt, wie Sie ſagen, die friedliche Exiſtenz am häuslichen Herde feſſele die Entwickelung des Genies von Georges Hubert; warum hat ſie dann, als ſie Witwe geworden, eingewilligt, ihn zu heirathen? „Der Herr hat Recht, das hieß in das Leben eines Haushammels zurückfallen, von dem die muthige Frau in aufopfernden Ergebenheit den Dichter hatte befreien wollen.“ „Ich ſagte Ihnen auch, meine Herren, es finde ein Wi⸗ derſpruch ſtatt, er beſtehe indeſſen nur auf der Oberfläche.“ „Wie ſo?“ „Hören Sie: und vor Allem erfahren Sie, meine Herren, daß Herr Georges Hubert, ſchon vor der Witwen⸗ ſchaft von Madame Pouſſard durch einen ſeltſamen Zufall von der heldenmüthigen Aufopferung dieſer Dame unter⸗ richtet, als ein Mann von Herz ſie heirathen wollte, wenn ſie frei wäre, denn er liebte ſie mehr als je!“ „Ich glaube es wohl! es war Anbetung, was ſie nach ihrem heldenmüthigen Opfer einflößen mußte.“ „Ja, meine Herren, doch die junge Witwe weigerte ſich, Georges Hubert zu heirathen.“ „Sie weigerte ſich?“ „Ah! das heißt die Liebe für das Opfer zu weit treiben!“ „Das heißt übertreiben!“ „Das iſt faſt lächerlich.“ „So ſind die Frauen! ſie wiſſen weder im Guten, noch im Böſen eine richtige Mitte zu beobachten.“ „Sie ſteigern Alles auf das Extreme.“ „Sie brauchen vor Allem das Excentriſche!“ „Von ſich ſprechen machen!“ „Die Bewunderung, was es auch koſten mag, er⸗ zwingen!“ „Erlauben Sie, meine Herren,“ entgegnete der alte Stammgaſt, „eplauben Sie, Sie find, wie mir ſcheint, 480 ſtreng in Ihrer Würdigung des Benehmens von Frau Georges Hubert. Ich bitte, antworten Sie mir auf die Frage: für was hatte ſich bis dahin dieſe Dame ge⸗ opfert?“ „Für den Ruhm unſeres großen Schriftſtellers.“ „Vortrefflich! Folgendes hat nun Herr Georges Hubert zu der Witwe geſagt, nachdem es ihm, nicht ohne lange Nachforſchungen, gelungen war, den Ort zu ent⸗ decken, wo ſie in der Zurückgezogenheit lebte; „„zur Zeit Ihrer Verheirathung, deren geheimen, muthi⸗ gen Beweggrund ich nicht kannte, glaubte ich, Sie lie⸗ ben mich nicht mehr; ich verſuchte es, Sie zu vergeſſen, indem ich in neuen Arbeiten eine Zerſtreuung für meinen Kummer ſuchte; bald aber von der wahren Triebfeder eines Benehmens unterrichtet, über das ich Anfangs entrüſtet geweſen war, erfüllten die Liebe, das Bekla⸗ gen, die Verzweiflung meine traurigen Tage und ließen keinen Platz mehr darin für das Studium, für die Be⸗ geiſterung. Heute ſind Sie ftei; ſagen Sie mir nicht, der Einftuß des häuslichen Lebens werde abermals nach⸗ theilig für mein Talent ſein. Nein! während der letzten Zeiten haben die Jahre meinen Charakter modiſicirt⸗ deinahe verwandelt: mit der Reife des Alters ſind mein Geſchmack, meine Bedürfniſſe anders geworden, als ſie in meiner Ingend warenz mit einem Worte, wenn Sie mich heirathen, werde ich, ich fühle es, ein Meiſterwerk ſchreiben. Verweigern Sie mir Ihre Hand, ſo zerbreche ich⸗ ich ſchwöre es, meine Feder für immer. Ihr Opfer wird unnütz ſein; es wird nur das Unglück von uns Bei⸗ en gemacht haben!““ Ich füge nur bei, meine Her⸗ ren, daß die Drohung des Dichters nicht leer war; hätte er auch ſeine Arbeiten wieder aufnehmen wollen, er würde weder moraliſch, noch phyſiſch die Mocht dazu be⸗ ſeſſen haben. Mein Notar, von dem ich alle die erwähn⸗ ten Einzelheiten habe, und an den ſich Georges Hubert oft wandte, um ihn inſtändig zu bitten, er möge ihm — — 481 den Widerſtand der jungen Witwe beſiegen helfen, hat mir damals geſagt, ſein Anblick ſchmerze ihn. Es war nur noch der Schatten von ihm ſelbſt; ſeine finſtere, tiefe Verzweiflung war gräßlich.“ „Armer Georges Hubert!“ „Allerdings zeigte ſich Madame Pouſſard heldenmü⸗ thig wie eine wahre Spartauerin; doch mit dieſem Hel⸗ denmuthe, mein Herr, kann man das Unglück der Leute machen!“ „Ja, die Frauen ſagen aber: „„Ich habe etwas Außerordentliches, etwas ſehr Starkes gethan!““ „Ich, an der Stelle von Georges Hubert, hätte Madame Pouſſard und ihren Stoicismus liegen laſſen.“ „Kurz, das häusliche Leben hat nicht wie früher einen nachtheiligen Einfluß auf das Talent von Georges Hubert gehabt; denn nie, um nach den vier erſten Acten zu urtheilen, hat ſich ſein Genie auf dieſe Höhe emporgeſchwungen.“ „Und hören Sie, warum, meine Herren,“ ſprach der alte Stammgaſt: „„Verweigern Sie mir Ihre Hand, ſo zerbreche ich meine Feder für immer. Heirathen Sie mich, ſo ſchreibe ich ein Meiſterwerk,““ hatte Georges Hubert geſagt. Nach langem Zögern gab die junge Witwe endlich nach.“ „Das iſt wahrlich ein Glück!“ uſt „Es iſt wohl der Mühe werth, ſich ſo bitten zu aſſen!“ „Ja, doch man hat das Vergnügen, zu ſeinen Füßen einen Mann von Genie flehend, troſtlos zu ſehen!“ „Oh! die Weiber! die Weiber! man muß ſie immer mit gefalteten Händen beſchwören, das zu bewilligen, was ſie zu geben vor Verlangen brennen!“ „Es war offenbar für Madame Pvouſſard eine herr⸗ liche Stellung, Georges Hubert zu heirathen, doch man mußte ſich lange bitten laſſen . Gilbert und Gilberte. I. 31 482 „Meine Herren,“ ſprach der alte Stammgaſt, „ich verſichere Sie, Sie täuſchen ſich in Betreff der Motive der Entſcheidung dieſer Dame. Immerhin bleibt es ge⸗ wiß, daß wir ihr ein Meiſterwerk verdanken, denn Georges Hubert hat Wort gehalten: er hat Madame Ponſ⸗ ſard geheirathet und ein Meiſterwerk geſchrieben!.. Nur noch zwei Worte man fängt an wieder ſeinen Platz für den fünften Act zu nehmen; nein, die Ehe hat dem Genie unſeres berühmten Schriftſtellers nicht ge⸗ ſchadet, ſondern ihm im Gegentheil einen neuen herrli⸗ chen Aufſchwung gegeben. Abermals ein Widerſpruch! werden Sie vielleicht ſagen, meine Herren, indem Sie an die Vergangenheit denken. Erlauben Sie mir jedoch nicht wahr, es ſind ungefähr vier Jahre, daß Georges Hubert die Niederlage erlitten hat, von der wir vorhin ſprachen? Glauben Sie etwa, vier Jahre, beſonders in der Epoche des Lebens, zu der Georges Hubert ge⸗ langt iſt (er hat nun das vierzigſte Jahr zurückgelegt), bringen keine tiefe Modification im Charakter, in der Gewohnheiten eines Menſchen und im Ausdrucke ſeines Talentes hervor? So lange unſer Dichter noch jung ge⸗ weſen iſt, war dieſes abwechſelnd nomadiſche, aben⸗ teuerliche Leben, das ſich ſo wunderbar in ſeinen Wer⸗ ken reflectirt, gleichſam nothwendig für die Entwickelung ſeines Genies; doch es iſt das reifere Alter gekommen, und mit ihm ſind eine tiefere Sammlung der Gedanken, meht bewältigte Aufſtrebungen der Seele, eine feſtere Neigung für eine ſitzende Lebensart gekommen; eine Verwandlung, die ſich durch den männlichen, gemäßigten und mächtigen Cha⸗ rakter des Werkes von heute Abend überſetzt hat, — ein Werk⸗ das einen ganz andern Anblick bietet, als die aus ſeiner Ju⸗ gend. Dieſe gleichen meiner Anſicht nach üppigen, wech⸗ ſelreichen, waidigen, grünen, von Luft und Sonne glän⸗ zenden Landſchaſten: die ſchäumenden Sturzbäche, die ſchattigen Gehölze, die ſchroffen Berge, die weiten Ho⸗ rizonte entzücken unſer Auge durch ihre großartige — — 483 Schönheit. Beim Anblick dieſer reichen, abwechſelnden, lebendigen Natur möchten wir gern umherſchweifen un⸗ ter diefen kühlen Schatten, luſtwandeln an dieſem Fluſſe, dieſen Berg erklettern und dann den zweiten, und die andern, welche man dort am äußerſten Horizont erblickt. Wir fühlen uns jung, glühend, bereit, eine endloſe Wanderung durch ſo viele maleriſche Landſchaften zu un⸗ ternehmen. Doch das Werk von heute Abend, das erſte vom reiferen Alter des Dichters und von ſeiner zweiten Manier (da die Reife des Alters tief bei den großen Meiſtern, und zwar zur Fortdauer ihres Ruhmes, den erſten Charakter ihres Talentes modificirt), das Werk von heute Abend erinnert mich an den Anblick eines herrli⸗ chen engliſchen Kupferſtichs, den ich geſtern in einem La⸗ den des Boulevard bemerkt habe: meine Herren, ſtellen Sie ſich den innern Hof von jenen, in Schottland noch ſo zahlreichen, gothiſchen Schlöſſern vor, welche dem Hofe eines Kloſters ziemlich ähnlich; die ſinkende Sonne warf ihre letzten Strahlen auf einen von Blumen umge⸗ benen Brunnen, den Mittelpunkt dieſes Hofes, an deſſen Sei⸗ ten ſchon in den Schatten getauchte gewölbte Gallerien hinlie⸗ fen; durch einen ihrer Bögen erblickte man in der Ferne die Gipfel einiger Berge mit einfachen, ſtrengen Linien, hinter denen die Sonne bald verſchwinden ſollte. Bei dem Brunnen ſitzend, die Stirne auf ſeine Hand geſtützt, ein Buch auf ſeinem Schvoße, einen ſchönen Windhund zu ſeinen Füßen liegend, betrachtete ein Mann von reife⸗ rem Alter mit einer ſanften Sammlung des Geiſtes ſeine Frau, welche ein Kind ſtillte. Der Anblick dieſes Bildes verſetzte mich in eine ernſte und zugleich zarte Ge⸗ müthsbewegung; ich hätte meine Tage in dieſem edlen Aſyl beſchließen mögen, wo Alles den Frieden, den Zauber, die heitere Größe des häuslichen Herdes ath⸗ mete! Nun! meine Herren, dieſen Eindruck macht das Drama von heute Abend auf mich. Kurz geſagt: die erſten Werke von Georges Hubert reflectirten die aben⸗ 484 teuerliche Gluth und die anbetungswürdigen Verwegen⸗ heiten der Jugend ſein letztes Werk reflectirt die Ruhe, die Stärke und die Majeſtät des reiferen Alters.. Doch der Vorhang geht auf, meine Herren; ſehen wir, ob, wie man verſichert, der fünfte Act auf der Höhe der vier erſten ſteht.“ Nachdem er ſo geſprochen, nahm der alte Stamm⸗ gaſt voll Eifer ſeinen Platz wieder ein, und ſeine Nach⸗ barn ahmten ihm nach. Iſt es nöthig, zu ſagen, mit welchem Intereſſe Gilbert und Gilberte auf das hier wiederholte Geſpräch horchten? Loniſe aber fühlte ſich, bei ihrer außerordentlichen Zartheit, grauſam verletzt durch die indiscrete Oeffentlichkeit, die man den Acten ihres inneren Lebens gab, Acte ſo ver⸗ ſchiedenartig und häufig ſo falſch ausgelegt durch diſe Unbekannten, welche ganz in ihrer Nähe von ihr ſpra⸗ chen und, nachdem ſie ihre Hingebung für den Dichter in den Himmel erhoben hatten, ſie tadelten, ſie anſchuldigten, ſie übertreibe in ihren Grundſätzen, ſie ziele auf das Heldenthum ab, ſie fordere den Preis verzweifelter Bit⸗ ten von Georges Hubert für eine Heirath, welche zu ſchließen ſie vor Begierde brenne. Doch in dieſe Wun⸗ den der Seele fügte ſie ſich. Es mußte ſo ſein; ſi wußte es; das war eine von den Bitterkeiten, welcht unzertrennlich vom Ruhme des Dichters, den ſie anbe⸗ tete, und mit dem ſich die öffentliche Neugierde auf das Lebhafteſte beſchäftigte; Alles, was ihn betraf, wurde, wel man ſo ſagen darf, außer das Geſetz der gewöhnliche Discretion geſtellt, durch ſeine Feinde oder dur ſeine bekannten und unbekannten Freunde. Die Letzteren⸗ wie der alte Stammgaſt, konnten nicht der (für den Dichter ſo ſchmeichelhaften) Eitelkeit widerſtehen, ſich un⸗ terrichtet zu zeigen über die geringſten Einzelheiten der Exiſtenz dieſes berühmten Mannes, denn wie Louiſe zu Gilbert geſagt hatte: „Die Strahlung des Ge⸗ nies ſeßt immer die Ergebenheiten, die er — — — — — —.— —— n 485 einflößt, ſo dunkel ſie ſein mögen, ins Licht.“ Louiſe beſaß im höchſten Grade jene mißtrau⸗ iſche moraliſche Schamhaftigkeit, welche noch viel ſchmerz⸗ licher empfindlich, als die phyſiſche Schamhaftigkeit. WMan denke ſich auch, was ſie am Ende dieſes Abends empfand, der doch Georges Hubert den glänzendſten Tri⸗ umph eintrug! Wir müßten das Bewunderungswörterbuch er⸗ ſchöpfen, um den durch den fünften Act des neuen Stückes hervorgebrachten Eindruck zu ſchildern; er machte die vorhergehenden Triumphe des Dichters erbleichen, und der Vorhang ſenkte ſich unter einem Beifallsdonner und einem wüthenden den Verfaſſer verlangenden Geſchrei. Der Vorhang ging wieder auf; da ereignete ſich aber ein ſehr unvorhergeſehener Vorfall, der von der Haſt der Maſchiniſten herrührte. In dem Augenblicke, wo dieſe, ohne den Befehl des Regiſſeur abzuwarten, den Vorhang wieder zu den Frieſen aufziehen zu laſſen ſich beeilten, erblickten die Zuſchauer im Hintergrunde des Theaters Georges Hubert umgeben, bedrängt, aufgeho⸗ ben von einer Gruppe von Schauſpielern im Coſtume und auf der Bühne zugelaſſener Literaten, die ihn ab⸗ wechſelnd in die Arme ſchloſſen, ohne in ihrem Enthu⸗ ſismus zu bemerken, daß ſie ſich im Angeſichte des Publikums befanden. Eine keuchende, durch den Paroxismus einer an den Fieberwahnwitz grenzenden Bewunderung gehemmte, Stimme erhob ſich in dieſem Moment mitten auf dem Parterre und rief: „Georges Hnbert! Donner und Teufel! Er ſoll erſcheinen! Georges Hubert! Georges Hubert!“ „Minette, das iſt der wüthende Marſeiller!“ ſagte Gilbert zu ſeiner Frau. „Es ſcheint, dieſer wackere Fa⸗ natiker unſeres Freundes iſt von ſeinem Nervenanfall geweſen.“ Es war in der That der würdige Marſeiller. Sein 486 Geſchrei brachte eine elektriſche Wirkung hervor; der ganze Saal wiederholte unter fortwährendem Beifall⸗ klatſchen: „Georges Hubert! er erſcheine! .. Georges Hubert!“ Durch dieſen Tumult vom unzeitigen Aufziehen des Vorhangs unterrichtet, widerſetzten ſich die Schau⸗ ſpieler und Literaten, die den Dichter umgaben, als ſie ihn mit gewaltigem Geſchrei rufen hörten, der Anſtren⸗ ung, die er machte, um in die Couliſſe zurückzukehren, und unternahmen es, gegen ſeinen Willen, ihn vorne nach der Bühne zu führen, um den Wünſchen des Publikuns zu entſprechen. Länger widerſtehen und ſich gegen dieſe ſo herzliche, ſo ehrenvolle Gewalt ſträuben wäre von Georges Hubert lächerlich und abgeſchmackt geweſen; ſein Beſcheidenheit und ſeinen aufrichtigen Widerwillen gege Alles, was ihn in die Augen ſtellen konnte, überwindend, fügte er ſich auch. Da war es ein edles, rührendes Gemälde. Ein anderer Dichter dieſer Zeit und derjenige vol den Schanſpielern, welcher die bedeutendſte Rolle des neuen Stückes gegeben hatte, nahmen Jeder Georgel Hubert bei der Hand und führten ihn langſam vorn auf die Bühne. Ein religiöſes Stillſchweigen folgte plötzlich auf de Tumult, und durch eine unwillkürliche Bewegung erhoben ſich alle Zuſchauer ehrerbietig; nach dieſer dem Genie dar⸗ gebrachten ſtummen, feierlichen Huldigung erſchüttert neuer Beifallsdonner das Gewölbe des Saales unter den tauſendfach wiederholten Rufe: „Bravo, Georges Hubert! das iſt erhaben! Bravo! bravo! Georges Hubert!“ Bleich, tief erſchüttert, verbeugte ſich der Dichter lehnte durch eine Geberde die ausgezeichnete Ehre einel ſoichen Huldigung von ſich ab und zog ſich zurück. Der Vorhang war längſt heruntergelaſſen, als das Beifal⸗ 487 klatſchen, die ſtürmiſchen Rufe, die Bravos immer noch erſchollen. Es verſuchen, die Empfindungen von Louiſe, von Gilbert und Gilberte zu ſchildern, wozu? „ man er⸗ räth ſie. Kaum war der Vorhang gefallen, als die Gefährtin des Dichters zu Gilbert ſagte: „Geſchwinde, geſchwinde Ihren Arm. Erwarten wir, nach unſerem Verſprechen, Georges beim verab⸗ redeten Rendez⸗vous.“ Gilbert reichte den Arm Louiſe, neben der Gilberte ging, und verließ den Balcon; die drei Freunde hatten einen breiten Gang zu durchſchreiten, der ſich hinter den Logen des erſten Rangs hinzog, von wo nun eine eles gante Menge herauskam. Einer aus dieſer Menge ſagte halblaut, indem er Loniſe mit dem Blicke bezeichnete: „Da iſt Frau Georges Hubert.“ Dieſe Worte kreiſten von Mund zu Mund, und ehrerbietig auf die Seite tretend, öffnete ſich plötzlich die Menge vor Louiſe; die Männer begrüßten ſie mit Ach⸗ tung und viele Frauen verneigten ſich leicht. Mit einem ausgezeichneten Tacte begabt, gehörte Louiſe nicht zu den Frauen, welche anmaßend den er⸗ habenen Namen, den ſie ihrem Gatten verdanken, tragen und ſich in ſeinen Ruhm hüllen wie in ein auffallendes Kleid, das gemacht iſt, um die Augen anzuziehen; nein, ſie trieb im Gegentheil ihre zarte Zurückhaltung in dieſer Hinſicht ſo weit, daß ſie, würde ſie nicht aus Geſchmack die einfachſten, die am wenigſten bemerkbaren Toiletten vorgezogen haben, dieſe gewiß ſeit ihrer Verheirathung mit dem Dichter angenommen hätte. Sie durchſchritt alſo die glänzende Menge mit einem haſtigen Gange, erröthend und wie ſich biegend unter dem großen Namen, an welchen die Huldigungen gerichtet waren, mit denen man ſie umgab. Eine einzige Frau theilte dieſe allgemeine Sym⸗ 488 pathie, dieſes Gefühl der Ehrfurcht gegen die Gefährtin des berühmten Schriftſtellers nicht. Das war die ſtolze Her⸗ zogin, welche, im Zwiſchenacte ſich mit ihrer jungen Freundin, der Gräfin Alix, unterhaltend, dieſer mit einer ariſtokratiſchen Impertinenz ihre Unannehmlichkeiten in Beziehung auf das erzählte, was ſie das Caſino d'Orbeval nannte. In dem Augenblick, wo Louiſe an der Herzogin ſich auf den Arm von Gilbert ſtützend vor⸗ überging, hörte dieſer die vornehme Dame mit einer hoffärtigen, ſpöttiſchen Miene, auf die an Frau Georges Hubert verſchwendeten Zeichen der Ehrerbietung anſpie⸗ lend, zu ihrer Freundin ſagen: „Wahrhaftig, meine Liebe, ich frage mich, was man mehr beim Vorübergehen einer Prinzeſſin von Geblüt thun könnte! Alle dieſe Fuchsſchwänzereien find völlig lächerlich.“ „Verzeihen Sie, Fran Herzogin,“ erwiederte Gil⸗ bert, indem er ſie feſt anſchaute, „etwas völlig Lächer⸗ liches, denn es hatte keine Entſchuldigung, waren die Fuchsſchwänzereien von denjenigen, welche zur Zeit, um zu ſchwelgen, in unſer Hotel kamen.“ Purpurroth vor Aerger, wandte die Herzogin Gil⸗ bert ungeſtüm den Rücken zu, und dieſer ging weiter durch die Gruppen mit Louiſe und Gilberte, welche wie eine Tolle über die Erwiederung ihres Mannes lachte. Bald erreichten die drei Freunde, das Theater ver⸗ laſſend, den Platz des Palais⸗Royal und ſtiegen in einen Fiacre, der auf ihren Befehl ſodann an der Ecke der Rue de Valvis anhielt, wo Georges Hubert, welcher aus dem Theatre⸗Francais durch den den Schauſpielern ſpe⸗ ciell vorbehaltenen Ausgang weggehen würde, mit ihnen zuſammentreffen ſollte. Der Wagen hatte kaum angehalten, als Gilbert den Schlag aufſtieß und frendig ausrief: „Hier kommt unſer Freund Georges mit ſeinem Ruhme; der eine trägt den andern!“ 469 Der Dichter ſprang beinahe in demſelben Augenblick in den Wagen; er ergriff und küßte die Hände ſeiner 6 Frau, und ſeine erſten Worte waren: „Ah! Loniſe, ah! meine Freunde! welch ein Abend! welche Qual! . was habe ich gelitten!“ Und er warf ſich auf den Vorderſitz und blieb einen Augenblick ſtumm und wie gelähmt, während er den Schweiß abwiſchte, in dem ſein bleiches, verſtörtes Ge⸗ 5 ſicht gebadet war. Endlich, nachdem er einige Augen⸗ blicke geſchwiegen, ſprach er mit ſchwacher Stimme: „Ich bin vernichtet!. das tödtet! das tödtet!“ „Georges!“ rief Gilbert immer mehr beſorgt, „was iſt Ihnen denn begegnet? Welches Unglück trübt Ihren unerhörten Triumph?“ „Ah! meine Freunde,“ erwiederte der Dichter mit einem Ausdrucke unbeſchreiblicher Bangigkeit, „ich hatte zu Louiſe geſagt: Sei meine Frau, und ich werde ein Meiſterwerk ſchreiben.“ „Ja,“ ſprach Louiſe voll Trunkenheit, „und dieſes Meiſterwerk iſt durch einſtimmigen Zuruf begrüßt wor⸗ den, mein glorreicher Georges.“ „Und wenn man es ausgeziſcht hätte, dieſes Meiſter⸗ werk!“ murmelte der Dichter mit einer Stimme, in der noch das Echo ſeiner vergangenen Bangigkeiten bebte. Man hätte glauben ſollen, er ſchaudere bei der Erinnerung an eine Todesgefahr, der er kaum entgangen. Die Worte: „Und wenn man es ausgeziſcht hätte, dieſes Meiſterwerk!“ faßten die furchtbaren Beklemmun⸗ gen, die moraliſchen Qualen zuſammen, denen Georges Hubert während dieſer Vorſtellung bis zu dem Angen⸗ blick, wo ihr Erfolg geſichert ſein mußte, preisgegeben geweſen war. „Oh! der Ruhm!“ dachten Gilbert und Gilberte. „Nach einer Huldigung ohne Gleichen in den Jahrbüchern des Theaters kommt dieſer große Dichter zu einer ange⸗ beteten Gattin, zu ergebenen Freunden zurück. Ach! die erſten Worte, die er ausſpricht, ſind die Worte: Leiden! Qnal! Oh! der Ruhm, der Ruhm!“ „Georges! mein Georges! ich begreife, was Du haſt ausſtehen müſſen,“ erwiederte Louiſe bis zu Thränen bewegt, indem ſie leidenſchaftlich die Hände ihres Gatten in den ihrigen drückte. „Gott ſei Dank! nun haben wir den glücklichen Ausgang nur zu genießen.“ „Und dieſen glücklichen Ausgang, dieſen Triumph werden wir nach unſern beſten Kräften feiern,“ ſagte Gilbert heiter. „Meine Freunde, ich beſchwöre Sie, laſſen Sie das Abendbrod der Mutter Badureau nicht warten; ſie wäre wie eine Löwin, und Minette und ich würden es nicht wagen, ihre erſchrecklichen Blicke zu er⸗ tragen! Ah! wahrlich, ich glaube, ich habe einen Vers gemacht. So iſt es, wenn man mit Apollo in einem Fiacre fährt.“ „Herr,“ fragte der Kutſcher Gilbert, „wohin fah⸗ ren wir?“ „Avenue Méricourt, bei der Barrière des Invali⸗ des,“ antwortete Gilbert; „und raſch!“ Das in der Avenue Méricourt gelegene kleine Haus, von dem Loniſe mit Gilbert und Gilberte geſprochen, hatte ſich zufällig unbewohnt gefunden, als das junge Ehepaar mittelſt der durch die Ehrlichkeit von Frau Ba⸗ dureau erhaltenen fünfzigtauſend Franken eine Rente von zweitanſend fünfhundert Franken gründen konnte, wobei es ſogar noch einen Ueberſchuß von tauſend Tha⸗ lern hatte, da die Rente zur Zeit ihres Ankaufs weit unter pari ſtand. Vernünftig angewendet, diente den jungen Leuten dieſe letztere Summe dazu, ihre Haus⸗ haltung vollſtändig einzurichten. Sie verdankten ihrer Vertrautheit mit dem koſtbaren Leben, in Verbindung mit ihrem natürlichen guten Geſchmacke, Gewohnheiten der Eleganz, die ſich ſehr leicht mit einer beſcheidenen Criſtenz vereinbaren laſſen und einer ihrer größten Reize 491 ſind. Iſt es nicht reizend, mit geringen Koſten das zu haben, was alle Welt haben könnte, und was beinahe Niemand zu haben weiß? Gilbert und Gilberte, welche nicht mehr als fünf⸗ hundert Franken für Miethzins ausgeben wollten, hatten ſich wohl gehütet, ſich in Paris im vierten Stocke in irgend einer finſtern, traurigen, oft verpeſteten, der Luft und der Sonne beraubten, jedes andern Horizonts als des der Dächer und der Kamine entbehrenden Straße einzuquartieren; nein, Gilbert und Gilberte hatten ſich um denſelben Preis von fünfhundert Franken außerhalb der Barridre eingemiethet, und ihre Wohnung bot einen bezaubernden Anblick für das Auge. Sie beſtand aus einem Erdgeſchoße mit einem theilweiſe manſardirten Boden darüber; der Garten war höchſtens hundert Qua⸗ dratklafter groß, doch eine einfache Unfriedungshecke trennte ihn von den andern Gärten. Die nackten, kahlen Wände des Häuschens waren äußerlich geſchmückt mit einem durchaus nicht koſtſpieligen Gitterwerk und um⸗ geben von einem Luſtſtücke, in welches am Ende des Winters unſere zwei jungen Leute indiſche Jelängerjelie⸗ ber, Jasmine, immerblühende Roſenſtöcke und ſchottiſchen Ephen pflanzten. Ein Dutzend Franken genügte für den Ankauf dieſer Gewächſe, welche in ein paar Jahren völ⸗ lig das Häuschen im Sommer mit einem Netze von Blät⸗ terwerk und wohlriechenden Blumen, im Winter mit einem grünen Mantel bedeckten. Vor dem Häuschen hatte Gilbert mittelſt einiger Eichenſtämme und einer Anzahl Stängchen von Kaſtanienholz, unterſtützt durch einen Zimmermann, eine ländliche Rotunde mit einem Strohdache gebaut, welche ſich an die Eingangsthüre des Hauſes anlehnte und in der ſchönen Jahreszeit als Salon und Speiſezimmer diente. Die durch Pfeiler von rohem Eichenholze getrennten und wie die Mauern von empor⸗ rankenden Pflanzen bedeckten gitterartigen Füllungen der Rotunde bildeten einen für die Sonnenſtrahlen undurch⸗ 492 dringlichen grünen Vorhang. Im Sommer ließ ſich nichts Schattigeres, Kühleres, Duftenderes als dieſer ländliche Salon finden. Die Thüre, die er beſchirmte, führte in ein kleines Vorzimmer, auf deſſen linker Seite ein Speiſe⸗ zimmer und eine Küche waren; dieſe ſtand durch eine Treppe mit der von Frau Badureau bewohnten Man⸗ ſardenſtube in Verbindung. Ein Speiſetiſch, ein Schrank zu Aufbewahrung des Tiſchgeräthes, eine Etagère und Stühle von ſehr glänzendem Nußbaumholz, Vorhänge von blau und weiß geſtreiftem Trilch, mit einer rothen wol⸗ lenen Borte eingefaßt, ein Fayence⸗Ofen in ſeiner Ri⸗ ſche glänzend wie Porzellan, ſo war die Ausſtattung dieſes Zimmers, deſſen Boden unter einer Rohrgeflechte nach⸗ ahmenden Wachsleinwand verſchwand, ein durchaus nicht theurer und leicht ſehr ſauber zu erhaltender Gegenſtand. Eine dem Trilch eines Zeltes gleichende Papiertapete, ähnlich dem Stoffe der Vorhänge, ſowie die Thüren und das Holz der Fenſter, bemalt mit der Farbe des natür⸗ lichen Nußbaumholzes, harmonirten mit dem Ameuble⸗ ment. Es kam endlich die Küche, das Gebiet vom Frau Badurean. Unter ihren thätigen Händen funkelte das Kupfer der Caſſerollen wie polirtes Gold und das Weißblech der Kaffeekannen und der andern Geräthſchaf⸗ ten ſpiegelte wie Silber. Das Porzellan und das Glas⸗ werk, ſehr einfach und um einen geringen Preis gekauft, aber mit Geſchmack ausgewählt, füllten einen Schrank von weißem Holze, und ihre glänzende Reinlichkeit, die Kunſt ihrer Aufſtellung auf jedem Brette gaben dieſen Dingen den Anſchein der Auslage eines Kaufmanns. Rechts von der kleinen Hausflur fanden ſich die Werkſtätte und das Schlafzimmer. Durch zwei auf den Garten gehende Fenſter erlenchtet, ſchien die Werkſtätte zugleich ein Arbeitszimmer, ein Salon und ein Muſeum zu ſein. Die grüne Papiertapete war beinahe gänzlich verborgen unter einer großen Anzahl Rahmen von weißem, gefirnißtem, das Citronenholz zum Täuſchen nachahmen⸗ 493 dem Holze; dieſe Rahmen enthielten unter ihren Gläſern die beſten Lithographien von Gilbert und eine Auswahl vortrefflicher alter Kupferſtiche, die er mit geringen Ko⸗ ſten bei ambulanten Auslagen auf ſeinen Sonntagsſpazier⸗ gängen mit ſeiner Frau gekauft hatte. In einer der Ecken der Werkſtätte erhob ſich auf ihrem breiten Sockel ein Gypsabguß des unnachahmlichen Meiſterwerks der griechiſchen Kunſt: Venus von Milo; in einer an⸗ dern Ecke und ein Gegenſtück hiezu bildend, ſah man einen Abguß des kleinen Flötenſpielers, auch ein wunderbares Meiſterwerk, das Phidias zugeſchrieben wird. Dieſe zwei Statuen boten dem entzückten Auge, obgleich ſie nur vierzig Franken gekoſtet, denſelben An⸗ blick wie die Originalien mit ihrem unſchätzbaren Werthe. Auf einer Etagère von gefirnißtem Eichenholze, welche an die Wand im Hintergrunde der Werkſtätte angelehnt ſtand, erblickte man eine Sammlung von Statuetten und Abformungen von Medaillen, von Schaalen aus der Renaiſſance oder antiken Kameen von der größten Schön⸗ heit; Alles in Gyps⸗ oder Schwefelabguß koſtete höch⸗ ſtens hundert und fünfzig Franken; doch abgeſehen von der Materie, hatte dieſe Sammlung durchaus denſelben künſtleriſchen Werth wie die Originalien, nach denen man dieſe Gegenſtände geformt hatte, und deren Preis eine Million überſtiegen haben würde. Ueber dieſer Etagdre zog eine Panoplia die Blicke auf ſich. Sie beſtand aus einem prächtigen Helme aus dem Mittelalter, einem ungeheuren Schilde und zwei Streitkolben: dieſe Waffen, Wunder der florentiniſchen Kunſt (der Schild ſtellte den Kampf der Lapithen und der Centauren in erhabener Arbeit vor), waren von Stein⸗ pappe, überzogen mit einer leichten Lage von Bleierz, und hatten ganz den Anſchein von eiſelirtem Eiſen. Ihr Kaufswerth belief ſich nicht auf zwei Louis d'or, und die Originalien, von denen ſie ſich in keiner Hinſicht durch die koſtbare Vollendung der Arbeit unterſchieden, hätten fünfzigtauſend Franken gekoſtet. Die Verzierung des Kamins beſtand aus einem Block von Ebenholz, das Gehwerk einer Pendeluhr enthaltend und überragt von der Polyhymnia, einem andern Wunder der griechiſchen Bildhauerkunſt, einer, wie die zwei Vaſen, die ſich der Uhr anſchloſſen, aus Zink gegoſſenen Figur. Zwei Sträuße von künſtlichen Blumen, Meiſterwerke von Gil⸗ berte, prangten die Natur zum Täuſchen nachahmend unter Glas in Vaſen, erheiterten mit ihren lebhaften, lachenden Farben die künſtleriſche Strenge der Verzie⸗ rung des Kamins und reflectirten ſich in einem mit einer einfachen ſchwarzen Eiufaſſung umgebenen Spiegel. Auf jeder Seite dieſes Spiegeis glänzten, in einen kleinen Rahmen von rothem Sammet eingefügt, zwei ſilberne Medaillen, von denen die eine Gilbert für zwei bei der Ausſtellung des Louvre zugelaſſene Lithographien, die andere Gilberte bei der Induſtrieausſtellung zur Beloh⸗ nung für zwei wunderbare Blumenſträuße erhalten hatte. Ein runder Tiſch, bedeckt mit einem geſtickten Tep⸗ pich, einer Arbeit von Gilberte, ſtand in der Mitte der Werkſtätte, beladen mit lithographiſchen Albums, und mitten auf dieſem Tiſche erhob ſich, gefüllt mit einer Garbe von Blumen aus dem Garten, eine von jenen ſchönen Vaſen von rothem Steingut, ein wahrer Kunſtgegenſtand von anßerordentlicher Eleganz, zugleich aber von einem ſehr geringen Kaufspreiſe. Zwiſchen den zwei Fenſtern enthielt ein äußerſt ein⸗ facher Bücherſchrank von polirtem Eichenholz eine Aus⸗ wahl beſcheiden eingebundener guter Bücher. Nur die Werke von Georges Hubert, ein Geſchenk des Verfaſſers, machten ſich durch ihren prachtvollen Ein⸗ band bemerkbar. In der Vertiefung von jedem dieſer Fenſter fanden ſich endlich der Arbeitstiſch von Gilberte und der ihres Mannes, beide mit den für das Gewerbe der zwei jungen Leute nothwendigen Gegenſtänden verſehen. Da und dort in der Werkftätte ſtanden einige 495 Lehnſtühle und Seſſel überzogen mit einer zierlichen, von Gilberte herrührenden Stickerei und vervollſtändigten die Ausſtattung. Im Sommer wie im Winter lag ein Tep⸗ pich über dem ganzen Boden. Die Fenſtervorhänge von hellgrünem Wollendamaſt, ihrer Farbe nach der Tapete ähnlich und mit einer breiten ſchwarzen Borte eingefaßt, waren mit ähnlichen Spiralfranſen verziert und an ge⸗ drehten eichenen Roſetten befeſtigt. Die zwei jungen Leute hatten ſo viel Gold beſeſſen, daß ſie die geringſte Vergoldung aus ihren Augen entferuten. Dies war der materielle Anblick der Werkſtätte. In ihrer außerordentlichen Einfachheit (der Teppich allein konnte als ein koſtſpieliger Gegenſtand betrachtet werden), entlehnte ſie einzig und allein der Kunſt den edelſten, den ausgeſuchteſten und zugleich wohlfeilſten Luxus. Doch um dieſe reizende Einſamkeit zu beleben, um derſelben ihren moraliſchen Eindruck zu geben, bedurfte es der Ge⸗ genwart von Gilbert und Gilberte, wenn ſie ſich mit ihren Arbeiten beſchäftigten oder am Abend beim Scheine ihrer Lampe an der Ecke des friedlichen Herdes ſaßen. Man trat aus der Werkſtätte in das Schlafzimmer ein, deſſen Fenſter ſich auch gegen den Garten öffnete. Es läßt ſich nichts Einfacheres, Friſcheres, Zierlicheres denken, als dieſes Allerheiligſte der Liebe des jungen Ehepaars: ein köſtlicher Kattunſtoff mit perlgrauem Grunde und roſa und weißen Deſſins, viel wohlfeiler als eine gewöhnliche Papiertapete, bekleidete die Wände und den Plafond, der durch vier Felder von Stoff ver⸗ ziert war, welche, von ſeinen Ecken ausgehend, ſtrah⸗ lenförmig gegen eine als Mittelpunkt dienende Troddel zuſammenliefen. Hier hing an Kettchen von Bronze eine kleine Alabaſterlampe. Ein anmuthig gedrehter Träger von polirtem Eichenholz hielt die zierlich drapirten Vor⸗ hänge des breiten, eiſernen, völlig unter einem der Ta⸗ pete ähnlichen neberwurf von Kattun verborgenen Bettes. Statt um einen thenren Preis Meubles von Acaſon 496 von unfreundlichem Ausſehen und garſtiger Form zu kaufen, hatten ſich Gilbert und Gilberte gegen eine mäßige Summe eine Commode, eine Chiffonniöre und einen Se⸗ cretaire aus der Zeit von Ludwig XV. von eingelegter Arbeit in exotiſchem, roſenfarbig und grünem Holze gekauft. Der Friſirtiſch von Gilberte beſtand aus einem Tiſche von weißem Holze mit gerundeten Ecken, bedeckt mit einem Kattunſtoffe und überragt von einem eiförmi⸗ gen Spiegel, den lange weiße Ueberhänge von Monuſſeline umgaben. Der Toilette gegenüber ſtand ein Canapé, und Gilberte hatte in ihren Abenden für dieſes Aller⸗ heiligſte vier hübſche Stühle mit weißem Grunde, beſtreut mit Roſenſträußen, welche von kleinen Bändern zuſammen⸗ gehalten wurden, ſorgfältig gearbeitet. Der Boden ver⸗ ſchwand unter einem Teppiche dem der Werkſtätte ähn⸗ lich. Auf dem Kamin endlich, über welchem ein Spiegel angebracht war, ſah man eine Pendeluhr mit Figuren und zwei kleine Candelaber bildende Gruppen, das Ganze von mattweißem Sovres⸗Porzellan, ein in unſern Tagen ſehr verachteter Zierath, ohne Zweifel wegen ſeines niedri⸗ gen Preiſes, obgleich man die Modelle davon beinahe alle dem reizenden Talente von Houdon⸗ einem der aus⸗ gezeichnetſten Bildhauer des vorigen Jahrhunderts, ver⸗ dankt. Der ungefähr hundert Quadratklafter große Garten war, in einer von ſeinen Ecken mit einer rautenförmigen Gruppe von Acacien und Linden bepflanzt, dem Vergnü⸗ gen geweiht. An den Zugängen eines kleinen Raſens, der ſich vor der ländlichen Rotunde erſtreckte, ſah man einige Körbe von Roſenſträuchen und ausdauernden Pflan⸗ zen, mit Liebe gepflegt von den zwei jungen Lenten. Die Erfahrung benützend, die ſie während ihres prunk⸗ vollen Aufenthaltes im Hotel d'Orbeval erlangt hatten, da ſie ihre Gärtner bei der Arbeit ſahen, hatten ſie einen Winkel des Bodens beſonders zum Einſäen vor⸗ behalten; ſpäter ſtachen ſie dann die Pflanzen heraus 497 und verſetzten ſie in Blumentöpfen halb blühend in die Körbe des Raſens, welche ſo immer mit ſriſchen neuen Gewächſen geſchmückt waren, wie die Jardinièren, mit denen man die Zimmer verziert. Der Tag von Gilbert und Gilberte wurde unab⸗ änderlich alſo verwendet: Im Winter ſtanden ſie beinahe mit der Dämmerung auf; die junge Frau brachte das Schlafzimmer in Ordnung, ſtäubte die Meubles aus, kehrte den Teppich. Dieſe ängſtliche Sorge für eine tadelloſe Reinlichkeit wollte ſie Niemand anvertrauen. Gilbert ſeinerſeits war ebenſo für die Ordnung und Rein⸗ lichkeit in der Werkſtätte bemüht, während ſich Frau Badureau mit dem Vorzimmer, dem Speiſezimmer und der Küche beſchäftigte. Um neun Uhr frühſtückte man. Frau Badureau ſervirte, ſetzte ſich aber auch mit den zwei jungen Eheleuten zu Tiſche, ein patriarchaliſcher Gebrauch, der ſich in vielen kleinen Wirthſchaften erhalten hat und das Verhältniß von Herr und Diener ſehr vertraulich und ſüß macht. Nach dem Frühſtück be⸗ gab ſich Gilbert zu ſeinem Arbeitstiſche, Gilberte zu dem ihrigen. Um Mittag ergingen ſich Beide im Garten, um ihre durch eine lange Anſtrengung ermüdeten Augen aus⸗ ruhen zu laſſen; und nach einer halben Stunde der Erholung ſetzten ſie ihr Geſchäft bis zum Einbruch der im Winter ſo frühe herabſinkenden Nacht fort. Dann, was auch die Ungunſt der Jahreszeit ſein mochte, denn ſie fanden ſogar einen gewiſſen Reiz darin, dem Regen und dem Schuee zu trotzen, um bei ihrer Rückkehr die milde Behaglichkeit des Herdes zu genießen, dann ver⸗ ließen ſie ihr Haus, erreichten die breiten, glänzend er⸗ leuchteten Trottoirs, die ſich an der Seine, auf der Seite der Jena⸗Brücke hinziehen, ſpazierten bis um ſechs Uhr umher, kamen in ihre Wohnung zurück und machten ihre Toilette für das Rittageſſen. Jedes zog ſeine feuchten oder naſſen Kleider aus, um einen bequemen, ſehr ein⸗ Gilbert und Gilberte. n. 32 498 fachen Schlafrock, jedoch von zierlichem Schnitte, anzu⸗ ziehen; Gilberte ordnete noch einmal ihre Haare, ſetzte eine hübſche Haube auf und bekleidete ihre Füße mit niedlichen Pantoffeln; Gilbert gab ſich auch ein gefälliges Aeußeres, und man ſpeiſte mäßig, aber heiter bei der lauen Wärme des Ofens zu Mittag, wonach man in die Werkſtätte zurückkehrte. Ein gutes Feuer flammte im Kamine; ſorgfältig geſchloſſen hielten die Fenſter und die Vorhänge den außen wehenden Nordoſt ab; eine Lampe verbreitete ihre muntere Helle auf den Statuen, den Kupferſtichen, den Büchern der Bibliothek, Gegenſtänden der Kunſt und der Literatur, von denen unſere zwei jun⸗ gen Leute die reinen und edlen Genüſſe ihres Abends, unerſchöpfliche und immer neue Genüſſe forderten! Bald bewunderten ſie unter verſchiedenartiger Beleuchtung Stunden lang die einen und die andern von ihren klei⸗ nen Kunſtſchätzen, bald widmeten ſie ſich dem Leſen älterer und neuerer Schriftſteller. Die zwei jungen Leute hegten eine beſondere Vorliebe für la Fontaine und für Moliéère, dieſe zwei unſterblichen Genies von einer ſo einfachen Größe, von einer ſo naiven Tiefe und zugleich ſo be⸗ wunderungswürdig menſchlich, daß ſie für alle Intelli⸗ genzen zugänglich ſind! Gilbert und Gilberte laſen als ächte Feinſchmecker an einem Abend immer nur eine Fa⸗ bel oder nur eine Komödie; doch mit welch einer klugen, geſchickten Sinnlichkeit, wenn man ſo ſagen darf, ver⸗ koſteten ſie, genoßen ſie das Werk ihres Schriftſtellers! Gilberte zeichnete ſich im Leſen der Fabeln von treu⸗ herzigem, zartem und rührendem Charakter aus, Gil⸗ bert im Leſen der Luſtſpiele von Moliöre, die oft bis zu Thränen Frau Badureau lachen machten, denn wenn dieſe ihren Dienſt beendigt hatte, geſellte ſie ſich den zwei jungen Leuten bei und beſchäftigte ſich mit dem Ausbeſ⸗ ſern der Wiſche des Hauſes, wobei ſie von Gilberte unterſtützt wurde, wenn dieſe nicht, während ſie auf die Vorleſung ihres Mannes hörte, von einer Stickerei oder — „ 499 einem dringenden Auftrage in Anſpruch genommen wak. Dann kamen Plaudereien über die vergangene Zeit, eine unerſchöpfliche Quelle von anziehenden und wechſelrei⸗ chen Erinnerungen. Das waren abermals lange Ge⸗ ſpräche, in denen, wie man ſich denken kann, zahlloſe Schlöſſer in den andern Welten aufgebaut wurden, denn obgleich Gilbert und Gilberte keine Eile mehr hatten, dieſe Welt zu verlaſſen, ſo blieb doch ihr glühendes Verlangen in Betreff jener wunderbaren Sphären, wo man nach ihrem Glauben wiederaufleben ſoll, ſelbſt zu ſchauen und zu wiſſen, immer ungeſtillt, ſo daß ſie, ohne gerade den Tod zu wünſchen, ihn heiter und mit einem Gefühle unbeſchreiblicher Reugierde hätten kommen ſehen. Am Sonntag reiſten ſie, wie ſie ſagten, nach ihrem lieben Paris ab, beſuchten die verſchiedenen Muſeen ge⸗ füllt mit Schätzen, die den Pariſern beinahe unbekannt ſind, und ſpeiſten dann in einem der Wirthshänſer zu Mittag, welche ausſchließlich von den kleinen Rentiers beſucht werden, und wo man um geringe Koſten vortreff⸗ lich ißt; ſie beendigten ihren Abend im Theater; der Omnibus führte ſie bis zur Barrisre, und von da wan⸗ derten ſie muthig nach ihrer Wohnung. Einmal in der Woche überließen ſie Frau Badureau die unumſchränkte Verfügung über ihren Tag und Abend, damit ſie ſich erholen und ihre Freundinnen beſuchen könnte. Durch ihren früheren Betuf als Portisre ſehr an eine ſitzende Lebensart gewöhnt, benützte dieſe würdige Frau ſelten ihren Ferientag, wenn ſie ihn aber benützte, ſo war dies ein kleines Feſt für die jungen Leute. Gilberte beſorgte an dieſem Tage das Eſſen; Gilbert half ihr bei ihren culinariſchen Functionen, und Gott weiß, wie viel hiebei gelacht und getollt wurde. Kam die ſchöne Jahreszeit, ſo brachte der Anbau des Gärtchens Abwechſelung in die Vergnügungen der jun⸗ gen Eheleute. Sie ſtanden um fünf Uhr auf, und nachdem 500 ſie das Innere des Hauſes in Ordnung gebracht hatten, gärtelten, pflanzten, begoſſen ſie, oder banden ſie die ſich rankenden Gewächſe an. Man frühſtückte ſodann unter der ländlichen Rotunde und begab ſich zur gewöhnlichen Stunde zur Arbeit, nach der unſere zwei jungen Leute ihren Spaziergang, ſtatt ihn wie im Winter auf die Um⸗ gebung ihrer Wohnung zu beſchränken, bis zu den Champs⸗ Elyſces oder den Boulevards ausdehnten, welche im Som⸗ mer einen ſo reizenden Anblick bieten. Sie kehrten erſt gegen acht Uhr zurück, gärtelten abermals ein wenig und ſpeiſten unter der ländlichen, von Schatten, Kühle und Wohlgerüchen erfüllten Rotunde. Dies war das einfache, friedliche, beſchäftigte, ver⸗ ſtändige und beſonders glückliche Leben von Gilbert und Gilberte. Die Vorherſehungen von Louiſe verwirklichten ſich. Da ſie nicht mehr gedrängt durch das Bedürfniß arbeiteten, ſo vervollkommneten ſie ihre Arbeit mit einem geduldigen Eifer, pflegten ſie dieſelbe mit Liebe, und der Erfolg überſtieg ihre Erwartungen. Eine vortreffliche Lithographie von Gilbert, welche zur Ehre des Louvre zugelaſſen wurde, erhielt, wie geſagt, eine ſilberne Me⸗ daille, und Gilberte ward eine andere für einen wunder⸗ vollen Blumenſtrauß von naturgetreuen Blumen, den ſie zur Induſtrieausſtellung geſchickt hatte, zugeſchieden. Ihre Producte, welche nicht zahlreich, aber von einem vollen⸗ deten Kunſtgeſchmacke, trugen ihnen einen Gewinn ein, der weit über dem war, was ſie früher verdient. Sie hatten die Früchte ihrer Arbeit auf fünfzehnhundert Franken jährlich berechnet. Der Ertrag überſtieg immer dieſe Zahl und erreichte in einem einzigen Jahr ungefähr zwei⸗ tauſend fünfhundert Franken. Dieſer Zuwachs erlaubte ihnen, da und dort wirkliches und beſcheidenes Unglück zu erleichtern. Sie konnten ſich auch einige Genüſſe des inneren Comfort verſchaffen und ihre kleine Erſparniß vermehren. Zwei ſo gleiche, wie man ſagt, ſo wunderbar für — 501 einander gemachte Herzen, die ſich ſelbſt genügten, ſon⸗ derten ſich in ihrem Glücke ab. Einſt ſo grauſam getäuſcht in ihren Zuneigungen, hatten ſie keine neue Verbindung geſchloſſen, ſie ſahen aber beſtändig Georges Hubert und ſeine Frau. Da dieſe ſeit ihrer Verheirathung wieder in der Avenue Meéricourt das Haus bewohnten, welches einſt Zeuge ihrer Liebe und ihres Kummers geweſen, ſo waren ſie auf dieſe Art Nachbarn von Gilbert und Gilberte. Durch ſeine Lebensgefährtin von den weiſen Rath⸗ ſchlägen, die ſie den zwei jungen Leuten gegeben, ſowie von ihrer vertraulichen Mittheitung hinſichtlich ihrer über⸗ natürlichen Beziehungen zu der Korrigan unterrichtet, fühlte der Dichter, der ihnen weder glauben, noch ſie der Lüge beſchuldigen, noch ſie als Narren oder ſchlechte Spaßmacher betrachten konnte, gegenüber von ihnen jene ſeltſame Anziehung, welche immer, wenn nicht durch das Wunderbare, doch wenigſtens durch das Unbegreifliche und das Geheimnißvolle eingeflößt wird. Georges konnte nicht bezweifeln, obgleich es ihm unmöglich war, ſich Rechenſchaft über dieſe unglaubliche Thatſache zu geben, Gilbert ſei in das Leben von ihm, Georges Hubert, eingetreten! Hatte ihm Gilbert nicht mit einer Staunen erre⸗ genden Genauigkeit die geheimſten Gedanken ſeines Her⸗ zens, die unbeſtimmteſten Regungen ſeiner Seele, die innerſten Evolutionen ſeines Geiſtes während jenes Mor⸗ gens erzählt, wo er in dem Augenblick, da er eine lange geſuchte, aber plötzlich durch Gilberte unterbrochene Idee erſchaute, den Leitfaden dieſer Idee verlor? Haitte ihm nicht Gilbert mit einer nicht minder Staunen erregenden Treue ſeine fieberhaften Bangigkei⸗ ten, ſeine bitteren Ohnmachten, ſeine verzehrenden Ge⸗ müthsbewegungen während der Vorſtellung jenes Dra⸗ mas, deſſen Fall für ihn ſo verletzend war, erzählt? Durch welches pſychologiſche Phänomen hatte ſich 502 Gilbert ſo eines Tages in abſoluter Verbindung des Geiſtes, der Eindrücke mit ihm, Georges Hubert, befun⸗ den? Genöthigt, ſich in die Evidenz der Thatſache zu fügen, erſchöpfte auch der Dichter vergebens ſeinen Geiſt in der Aufſuchung der unbegreiflichen Urſache dieſer That⸗ ſache, denn ſeine Vernunft weigerte ſich als möglich die übernatürliche Vermittelung der Korrigan anzunehmen. Die ſeltſame Anziehungskraft, welche die zwei jun⸗ gen Eheleute auf den Dichter und ſeine Lebensgefährtin übten, verband ſich noch mit einem ganz beſondern Reize. Gilbert und Gilberte waren nicht ungeſtraft in das Leben des Marquis und der Marquiſe von Mont⸗ laur, ſo wie in das von Georges Hubert und Louiſe eingetreten; ſo kurz ſie dieſe verſchiedenen Perſonen ge⸗ weſen, ſo hatten ſie doch etwas von ihnen in ihrer Spra⸗ che, in ihrer Gewohnheiten, in ihrer Art, zu ſein, zu ſehen und zu fühlen, bewahrt. Abgeſehen von dem, was völlig Unbegreifliches in gewiſſen Theilen ihres Daſeins lag, machten eine Miſchung von Erfahrung und von Unſchuld, von Erhabenheit und Niedrigkeit der Sprache, ihre Heiterkeit, ihre unſtörbar gute Laune, ihre rührende Liebe, ihr außerordentlicher Kunſtverſtand, ihr arbeitſames Leben, das ſie mit ſo edlen Erholungen verſüßten, die vollkommene Eleganz ihres beſcheidenen Wohlſtandes den Umgang mit ihnen Georges Hubert und Louiſe äußerſt angenehm, und es vergingen wenig Tage, ohne daß die zwei Paare, welche in ſehr geringer Entfernung von einander wohn⸗ ten, ſich beſuchten... Es war nun an dieſem Tage zwi⸗ ſchen ihnen verabredet worden, daß nach der Vorſtellung des neuen Drama Georges Hubert und ſeine Frau bei unſern jungen Leuten Abendbrod nehmen ſollten. Dieſes Abendbrod wurde, wie man ſich denken kann, für Frau Badurean eine wichtige Angelegenheit, obgleich es nur aus wenigen und einfachen Gerichten beſtand. Die Ankunft der Gäſte erwartend, warf Frau Ba⸗ 503 dureau einen Blick auf den gedeckten Tiſch, der im Sommerſpeiſezimmer ſtand, denn der Abend war milde und heiter. Eine Lampe von Bronze erleuchtete innerlich dieſe Rotunde, und nach einem von Gilberte angenommenen reizenden Gebrauche verbargen einige biegſame Zweige von Epheu und blühenden Waldreben, die ſich um die Hängeketten der Lampe geſchlungen hatten und ſtellen⸗ weiſe niederfielen, halb ihre mattgeſchliffene gläſerue Kugel. Das Licht gab einen beinahe metalliſchen Glanz dem Grün der Pflanzen, die ſich an das Gitterwerk angehängt oder um die ländlichen Pfeiler der Thüre ge⸗ rollt hatten. Blüthen von Roſenſtöcken, Jasmin und Geisblatt ſchaukelten ſich, wie eben ſo viele luſtige Sträuße, bewegt von einem leichten Nachtwind und ver⸗ breiteten ihre ſüßen Wohlgerüche in dem Sommer⸗ ſpeiſezimmer. In der Mitte von dieſem ſtand, wie ge⸗ ſagt, der Tiſch bedeckt mit einem Baumwollendamaſt⸗ tuche von blendender Weiße und ſervirt um geringe Ko⸗ ſten mit einem Geſchmack und einer Elegans, daß man über dem einfachen, aber funkelnden Silberzeug, über der zierlichen Form des Porzellans, das zum beſtändi⸗ gen Wechſeln, wie die glänzenden Beſtecke, in mehr als genügendem Vorrath aufgeſtellt war, die üppigen Ge⸗ nüſſe eines prachtvollen Aufwands vergaß. Ein Binſen⸗ körbchen nahm den Mittelpunkt des Tiſches ein und ent⸗ hielt Blumen aus dem Garten, welche Gilberte mit Kunſt gruppirt und mit Weinblättern und Epheuzweigen vermengt hatte. Gehen wir indeſſen nicht in weitere Einzelheiten über die Tafel, ihre Beſtellung und Umge⸗ bung ein. Bemerken wir nur noch, daß Alles in ſeiner Einfachheit, in ſeiner geſchmackvollen Anordnung, in der Auswahl des Geſchirrs und der Geräthſchaften davon zeugte, welchen Grad von elegantem Comfort man er⸗ reichen kann, ohne die Gränze eines beſcheidenen Wohl⸗ ſtandes zu überſchreiten. 504 Während der Kapaun briet, warf Frau Badureau einen letzten Blick auf die Tafel, um ſich zu verſichern, daß nichts bei dem Service fehlte. Die würdige Frau hatte keinen außerodentlich entwickelten poetiſchen Sinn; dennoch erging ſie ſich in folgendem Selbſtgeſpräch: „Iſt das hübſch! iſt das heiter! iſt das friſch! iſt das angenehm für das Auge! Dieſer kleine Tiſch mit ſeinem Blumenkörbchen in der Mitte, ſeinem ſchneewei⸗ ßen Tuche, ſeinem Silberzeng, ſeinen Gläſern, ſeinen Flaſchen, welche glänzen, um ſich darin zu ſpiegeln! Und dieſes ſo reinliche Gedecke in dem duftenden Zimmer⸗ chen bei der ſchönen Sommernacht mit dem Monde, der dort hinter den Höhen von Meudon aufgeht. Nein; mein junger Herr und ſeine junge Frau, als ſie Millionen und Milliarden, und Hotels und Bedienten, und den ganzen Troß hatten, nein, mein junger Herr konnte kei⸗ nen zierlicher beſtellten Tiſch haben! kein beſſeres ge⸗ dämpftes Ochſenfleiſch! keinen beſſeren Kapaun! keinen beſſeren Salat! keine beſſere Créme! keine beſſeren Pfir⸗ ſiche, und beſonders keine beſſere Geſellſchaft, da heute zum Abendbrod hierher der große, der berühmte Georges Hubert kommt, der mir trotz meines Alters und mei⸗ nes Geſchlechts einſt Luſt gemacht hat, ihm nachzu⸗ laufen. Doch ich höre einen Wagen. Sie ſind es .. Oeffnen wir ihnen ſchnell! Sie kommen zu rechter Zeit⸗ denn mein verdammter Kapaun iſt gar gekocht.“ * * X Frau Badurean öffnete eiligſt ihren Gebietern eine kleine Gitterthüre. Bald traten die zwei Paare in den Garten ein. „Guten Abend, meine gute Frau Badureau,“ ſagte heiter der Dichter. „Zanken Sie Gilbert nicht, denn wenn wir im Verzuge ſind, ſo iſt es meine Schuld.“ 505 „Herr Georges Hubert, und das Stück heute Abend?“ fragte Frau Badureau mit Bangigkeit; „iſt es geglückt? das Publikum iſt zuweilen ſo ſchändlich!“ „Ein berauſchender Triumph, Frau Badureau!“ er⸗ wiederte Gilbert. „Unſer Freund Georges mußte auf der Bühne erſcheinen. Nie habe ich eine ſolche Begei⸗ ſterung geſehen.“ „Herr Georges Hubert!“ rief die Erportiöre im Erguſſe ihrer Bewunderung, einen der größten Reize ihres Geſchlechtes, die ſchamhafte Zurückhaltung, vergeſ⸗ ſend, „oh! ich muß Sie umarmen; ſeit Jahren ſterbe ich vor Verlangen, dies einmal zu thun.“ „Von Herzen gern, Frau Badureau,“ verſetzte der Dichter, der ſich auf das Allerfteundlichſte dieſer Um⸗ armung hingab. „Nie werde ich eine redlichere und vor⸗ trefflichere Frau umarmt haben!“ „Ich habe den berühmten Georges Hubert umarmt! ich bete meine zwei jungen Leute an! ſie haben gemacht, daß ich das Unglück vergeſſen, welches mir widerfahren iſt! Es gibt auf Erden kein glücklicheres Geſchöpf, als ich bin!“ rief die würdige Frau mit Rührung und einer grotesken Exaltation, welche jedoch aus einem ſo aufrich⸗ tigen Gefühle hervorging, daß ihr die Thränen in die Augen traten; dann aber ſchämte ſie ſich dieſer Schwäche, raffte ſich raſch zuſammen und rief: „Und ich vergeſſe meinen Kapaun! Er iſt im Stande, zu verbrennen, um mir einen Streich zu ſpielen, dieſer Schuft! Junge Leute, ich will nun das gedämpfte Ochſenfleiſch auftragen. Sie werden immerhin hiemit anfangen.“ Georges und Louiſe, Gilbert und Gilberte folgten der mit Sand beſtreuten kleinen Allee und näherten ſich der Rotunde. „Ah! meine Freunde,“ ſagte der Dichter, welch eine reizende Idee habt Ihr gehabt, daß Ihr uns unter dieſer grünen Laube ſpeiſen laßt! .. Das iſt zum Ent⸗ zücken. Dieſer ſo zierlich gedeckte Tiſch, dieſe Stille, 506 dieſe balſamiſch duftenden Blumen, dieſe herrliche Nacht, dieſer friſche Garten, den der Mond zu beſcheinen an⸗ fängt . . . ich wiederhole, das iſt zum Entzücken!“ „Ich weiß nicht, ob zu dieſer Stunde viele Perſo⸗ nen zu Nacht ſpeiſen,“ ſagte Louiſe, „doch ich fordere den tollſten Reichthum heraus, mit dieſem wahrhaft be⸗ zaubernden Gemälde, das wir vor Angen haben, zu rivaliſiren.“ „Ei! mein Gott, Frau Louiſe,“ erwiederte Gil⸗ bert, „dies faßt ſich hierin zuſammen: Das haben, was alle Welt haben könnte, und was Niemand in unſerer be⸗ ſcheidenen Lage zu haben weiß.“ „Mein lieber Gilbert, das iſt ſo, weil nicht Jeder⸗ mann Ihre Erfahrenheit hat und haben kann; dieſe Theſe werden wir philoſophirend nach dem Abendbrodentwickeln.“ „Ah! ſchön, Georges, wir werden philoſophiren! Es iſt morgen Sonntag, Minette und ich können erſt bei Tag zu Bette gehen und ſpät aufſtehen.“ „Zu Tiſche, meine liebe Louiſe,“ ſprach Gilberte, indem ſie mit einer ſanften Vertraulichkeit die Lebensge⸗ fährtin des Dichters beim Arme nahm. „Ich fühle mich ſehr in der Stimmung, Ihnen das Beiſpiel zu geben und unſerem kleinen Abendbrod alle Ehre anzuthun.“ „Zu Tiſche,“ wiederholten Gilbert und Gilberte, „zu Tiſche!“ Die beiden Paare ſetzten ſich an die kleine Tafel und ſpeiſten köſtlich unter dem grünen Blätterwerk und den Blumen in dieſer ſo lauen, ſo heiteren, ſo von Wohl⸗ gerüchen erfüllten Nacht, welche noch verſchönert wurde durch die ſtrahlende Klarheit des Mondes, der bald auf⸗ ing. 8Ruch dem Abendbrode philoſophirten alſo, wie der Dichter geſagt hatte, die beiden Freundespaare, während ſie die Schönheit der Nacht genoßen, unter der ländli⸗ chen Rotunde verſammelt; doch dieſes Philoſophiren wurde geſtört durch einen ſeltſamen Vorfall. Das Geſpräch 507 dauerte noch fort und die Sterne fingen ſchon on im Oſten zu erbleichen; ein roſiger, beinahe unmerkbarer Schimmer verkündigte die Rückkehr des am Ende des Monat Juni ſo raſch und frühe eintretenden Morgens. „Ja,“ ſprach Georges Hubert, „dieſer Glaube der Gallier, unſerer Voreltern, an die Fortdauer des Lebens mit Leib und Seele war ein erhabener Glanbe! Er befreite den Menſchen von der Furcht vor dem kör⸗ perlichen Tode, ein unſeliger Hintergedanke, der die edel⸗ ſten Gefühle und Empfindungen vergiftet. Wir lieben einen Vater, eine Mutter, eine Schweſter, eine Gattin. . . eine zärtliche Zuneigung verbindet uns mit einem Freunde, doch am Horizont unſeres kurzen Lebens erhebt ſich im⸗ mer das unbarmherzige Geſpenſt des Todes, der in ei⸗ nem gegebenen Angenblick in Trauer, in Verzweiflung dieſe anbetungswürdigen Genüſſe des Herzens verwan⸗ delt! Allerdings verſprechen uns gewiſſe Theogonien die Wiedergeburt der Seelen; doch der Leib, der ſo innig mit der Seele verbunden iſt, daß er auf ſie reagirt, wie ſie auf ihn reagirt, der Leib ſollte, einer ewigen Zer⸗ ſtörung anheimgegeben, nicht wiedergeboren werden? Irrthum! dachten unſere Väter; der Menſch iſt nicht nur Geiſt, er iſt auch Materie. Der Geiſt iſt unſterb⸗ lich, der Leib muß es auch ſein.“ „„Plunder, wenn man will!““ hat unſer Molisre geſagt,“ fügte Gilbert bei, „und er hatte ganz Recht! denn mit welchem Undank behandelt man dieſen angeb⸗ lichen Plunder, dieſe angebliche Hülle, der die griechiſche Kunſt die Eingebung ihrer göttlichſten Werke zu verdan⸗ ken gehabt hat! Ja, wenn unſere Seele den Leib ver⸗ läßt, um nach dem Glauben der Gallier einen neuen zu beleben, ſo ſcheint man dieſem Plunder, dieſer Puppe von einer unſerer endloſen Verwandlungen zu ſagen: „Gehe und verweſe auf immer in der Erde, gehe, Ab⸗ ſcheuliche, du biſt nur ein Nichts, du biſt nur Unrath, gut für das Beinhaus und um die Erde zu düngen! 508 Endlich iſt die Seele für die Ewigkeit von dir befreit, Verfluchte.““ „In der That, was beſonders zu der beklagens⸗ werthen Angſt vor dem Tode beiträgt, iſt das Leichen⸗ gepränge, mit dem man die Hingeſchiedenen umgibt, es find die Todtenklagen, die ſchwarzen Draperien,“ ſprach Louiſe. „Die Seele iſt aber, wie Georges ſagt, ſo enge mit dem Leibe verbunden, mit ihm vermiſcht, daß der Gedanke der ewigen Zerſtörung unſerer fleiſchlichen Hülle ſelbſt auf die feſteſten Geiſter einen erſchütternden Ein⸗ druck hervorbringen muß.“ „Unſere Väter,“ ſprach der Dichter, „unſere Väter, die Gallier, machten aus dem Ende unſeres Lebens das lachendſte Bild. Erinnerſt Du Dich, Louiſe, jenes reizen⸗ den Gemäldes, das Jean Reynand nach einem druidiſcheu Geſange geſchaffen hat? Es ſind Barken voll von Kin⸗ dern, Mädchen, Frauen, jungen oder alten Männern in glänzenden Gewändern und mit Blumen bekränzt. Alle verlaſſen ſtrahlend von Heiterkeit und Neugierde, ſchwim⸗ mend in dem Raume, wo die Sterne gravitiren, eine Welt, um in eine andere einzutreten. Welch ein reizen⸗ des Bild von dem, was man den Tod nenut!“ „Und dann,“ verſetzte Gilberte, „ich habe mit Bibi geleſen, daß die Alten die Todten verbrannten. Das iſt gut! das gefällt mir! Ein ſchöner Scheiterhaufen, eine glänzende Flamme, die zum Himmel auflodert, und hernach ein wenig weiße Aſche! Doch dieſe abſcheulichen Leichenträger! dieſer Sarg! dieſes ſchwarze Loch! dieſe feuchte Erde! pfui! pfui! Ah! wie häßlich iſt das! dies allein würde genügen, um einen Ekel gegen das Sterben beizubringen.“ „Abgeſehen davon, daß die Todten am Ende die Le⸗ bendigen nöthigen werden, auszuziehen,“ fügte Gilbert bei. „Die Gräberſtädte dehnen ihre Ringmauern jeden Tag auf Koſten der Häuſerſtädte aus. Obgleich man es mit ſchwerem Gelde bezahlt, verkauft man doch nicht 509 mehr Boden auf ewige Zeit. Um den Preis der eiskalten Wohnung eines Verſtorbenen könnte man hundert Le⸗ benden vortreffliches Quartier geben. Ich begreife auch nicht, warum man nicht, wie Minette ſagt, die Todten verbrennt.“ „Sie haben, bei meiner Treue, Recht, mein lieber Gilbert,“ ſagte Georges, „dieſe Zerſtörung durch das Feuer hat wenigſtens etwas Edles für die Hülle, die wir verlaſſen. Sie löſt ſich ſo in den Flammen auf und ſteigt in glänzenden Atomen zum Himmel empor; ihre unterirdiſche Auflöfung erſcheint mir im Gegentheil de⸗ müthigend für das Geſchöpf, das Gott, wie man ſagt, nach ſeinem Bilde gemacht hat. Die Edelleute forderten die Ehre, durch das Schwert getödtet zu werden, indem ſie den Galgen als eine Schande betrachteten. Ich, ich würde ſagen: verbrennt meinen Leib, aber beerdigt ihn nicht.“ Wiſſen Sie auch, Georges, was ich bewunderungs⸗ würdig an dem Glauben finde, den uns die Korrigan gegeben hat?“ ſprach Gilbert; „das iſt der Gedanke, der beſonders uns arbeitſamen Leuten, den erklärten Feinden des Müſſiggangs, theuer, „„der Menſch werde unabläßig wiedergeboren, um bis ins Unendliche die nützliche Thätigkeit ſeines moraliſchen und materiellen Lebens fortzuſetzen;““ ich ſage nützlich, weil Gott den en nur zu Endzwecken des Nutzens hat ſchaffen önnen.“ „Nichts kann wahrer ſein,“ erwiederte der Dichter; „der Aufſchwung der ſichtbaren und unſichtbaren Menſch⸗ heit iſt unendlich. In dieſer Welt, wie außer derſelben, beſſert ſich, erhebt ſich die Menſchheit nur durch ſtufen⸗ weiſe, unabläſſige Umwandlungen. Ei! mein Gott, meine Freunde, ich ſehe ein Beiſpiel von dieſem göttlichen Ge⸗ ſetze in der Geſchichte von Euch Beiden. Ja! Ihr ſeid ein lebendiger Beweis von dem, was man durch ſtufen⸗ weiſe Verwandlungen gewinnen kann: Ihr waret gut, und Ihr ſeid noch beſſer geworden während Eurer Wanderungen durch andere Lebenslagen als Eure ur⸗ ſprünglichen. Nachdem Ihr lange Zeit Lithograph und Blumenmacherin geweſen, waret Ihr, wie Ihr ſagt, ich, Georges Hubert, und Louiſe (und wahrhaftig, Ihr habt zu Unterſtützung Eurer Angabe ſo geheime Einzelnheiten über meine Frau und mich angeführt, daß ſie ganz un⸗ erklärlich ſind, ſchreibt man ſie nicht der myſteriöſen Macht eines noch unbekannten Agenten zu, der vielleicht einige Analogie mit dem heute noch in ſeiner Wiege be⸗ findlichen Magnetismus hat); immerhin iſt es ſicher, daß Ihr nach Eurer Anſicht nach und nach vornehmer Herr und große Dame, Dichter von einigem Ruf und ſtoiſche Frau geweſen ſeid. Eine unlengbare Thatſache iſt es, daß Ihr Millionäre und dann arm und in die äußerſte Noth verſetzt geweſen ſeid. Nun wohl! glaubt Ihr, wenn Ihr Lithograph und Blumenmacherin geblieben wäret, Ihr hättet ſie erlangt, dieſe tiefe und ſeltene Kenntniß der Menſchen und Dinge, dieſe Verachtung der vom gemeinen Haufen ſo ſehr beneideten Eitelkeit, dieſes Be⸗ wußtſein der von dem, was man den Ruhm nennt, un⸗ zertrennlichen Qualen und Täuſchungen, dieſe aufrichtige Geringſchätzung der Reichthümer, dieſen edlen Widerwil⸗ len gegen die Schändlichkeiten, welche auf eine beinahe verhängnißvolle Weiſe der Reichthum nach ſich ſchleppt, dieſes Bedürfniß nach den reinen Genüſſen des Geiſtes und, dem zu Folge, dieſe unglaubliche geiſtige Entwicke⸗ lung, die Euch zu dieſer Stunde erlaubt, zu philoſophiren, die höchſten Fragen anzugreifen, welche dem Menſchen zu erörtern, wenn nicht zu löſen gegeben ſind während Euch der Zufall der Wohlthaten des Unterrichts beraubt hatte? Glaubt Ihr endlich, Ihr hättet dieſe Weisheit er⸗ langt, welche aus der Erfahrung hervorgeht, und das Glück, das aus der Weisheit hervorgeht? Ja, Ihr ſeid Beide weiſe, tief weiſe geweſen, denn um Eure Sprache zu ſprechen und eine Unmöglichkeit annehmend: 511 wäret Ihr Beide im Leben von Louiſe und mir ge⸗ blieben, ſo würdet Ihr allerdings ſo glücklich ſein, als wir ſind; doch dieſes Glück, ſtatt, wie das Eurige, von einer unbegrenzten Seelenruhe erfüllt zu ſein, wäre ge⸗ rade durch die Natur der Dinge harten Schlägen aus⸗ geſeßzt. Sie ſind, wie Sie ſagen, ich ſelbſt geweſen, mein lieber Gilbert, Sie haben mir wenigſtens mit ei⸗ ner unfaßlichen Treue meine Bangigkeiten, meine Qualen bei der Aufführung jenes Drama erzählt, das einen ſo großen Durchfall erlitten hat. Nun denn! heute Abend, meine Freunde, heute Abend ſind dieſe Bangigkeiten, dieſe Qualen noch viel peinlicher geweſen, als in der Ver⸗ gangenheit! Ja, denn ich hatte zu Louiſe geſagt: „ „Hei⸗ rathe mich, und ich ſchreibe ein Meiſterwerk!““ „Armer großer Dichter!“ verſetzte Gilbert mit einem zärtlichen Mitleid. „In der That, heute Abend, als Sie nach einem wahren Triumphe zu Ihrer Frau und zu uns, Ihren Freunden, die wir noch von Ihrem uner⸗ hörten Succeſſe berauſcht, zurückkehrten, waren Ihre erſten Worte: „Leiden und Qual!““ Und ich ſagte zu mir ſelbſt: Oh! der Ruhm! der Ruhm!“ „Meine Freunde, in dieſer Hinſicht glücklicher als Louiſe und ich, erfreut Ihr Euch der göttlichen Genüſſe des Geiſtes, ohne die verzehrenden Bangigkeiten von denjenigen zu empfinden, welche ſich, wie wir Dichter, er⸗ ſchöpfen, um ſich dieſe Genüſſe zu verſchaffen.“ „Ihr ſeid auch dadurch glücklicher,“ fügte Louiſe bei, „daß Eure reizende Liebe, geſchützt durch eine ſanfte Dunkelheit, nicht an das Tageslicht geſchleppt und der öffentlichen Nengierde preisgegeben wird! Ihr wer⸗ det nie empfinden, was ich, wie ich Euch geſagt, heute Abend empfunden habe, als Unbekannte, ſo wohlwollend ſie ſich auch gegen Georges Hubert und mich zeigten, laut über unſere innerſten Gefühle ſprachen! Rein, nein, meine Freunde! Ihr werdet ſie nie kennen lernen, dieſe für eine Frau unbeſchreibliche Qnal, den ſchamhaften und 512 heiligen Vorhang, mit dem ſie frommer Weiſe die theuer⸗ ſten Zuneigungen Ihres Herzens verhüllt, aufheben zu ſehen! Wenn Ihr wüßtet, was ich gelitten habe, da ich von Fremden, als wäre es eine oͤffentliche Neuigkeit, meinen Entſchluß, Georges zu heirathen, colportiren, er⸗ örtern, leichtſinnig oder falſch beurtheilen hörte während ich doch dieſen Entſchluß in der heiligen Sammlung meines Gewiſſens, nach ſchlafloſen Nächten, nach Tagen tiefer, beinahe furchtbarer Reflexionen, denn meine Zu⸗ kunft und die von Georges Hubert hingen von dieſer feierlichen Entſcheidung ab, gefaßt habe. Ah! wir em⸗ pören uns nicht gegen dieſe Leiden! Sie entſpringen aus der Natur der Dinge, ſie ſind eine von den unſeligen Folgen des Ruhmes, der ſie kaum ausgleicht! Wir unter⸗ ziehen uns denſelben mit Feſtigkeit; aber glücklich, ſehr glücklich macht uns der Gedanke, daß Ihr ſie nie werdet kennen lernen.“ „Und dennoch, Frau Loniſe, iſt die Exiſtenz von Ihnen und von dieſem theuren Georges ein Paradies im Vergleiche mit der, in welche wir auch eingetreten ſind oder in die wie einzutreten gewaltig Luſt hatten; denn würden wir im Leben des Marguis und der Mar⸗ guiſe von Montlaur geblieben ſein, ſo frage ich Sie, was wäre ich zu dieſer Stunde?. ein unglücklicher Menſch, den der Kummer zur verthierenden Verderbniß der Trunkenheit geführt hat . Und meine arme Gil⸗ verte, was wäre ſie? „. Eine von jenen ſittenloſen Frauen, deren Namen man unr mit Ekel und Mitleid ausſpricht. Wären wir in das Leben von Frau von Saint⸗Marceau und ihrem Maune eingetreten, wie wir dies zu thun große Luſt hatten, ſo wäre meine Frau geſtorben vor Kummer in der Blüthe des Alters, nach einem langſamen Todeskampfe und genöthigt, auf die Kunſt zu verzichten, die ihr den Reichthum und den Ruhm gab, indeß ich wäre, was Herr von Saint⸗Mar⸗ cean iſt, ein gemeiner und ſchamloſer Schmarotzer! Wären wir endlich in das Leben der Gräfin d Orbeval und das von Herrn von Baudricourt eingetreten, wie wir dies auch einen Augenblick, verführt durch das ideale Glück, das dieſe zwei Liebenden in ihrer köſtlichen Ein⸗ ſamkeit am Annech⸗See genoſſen, zu thun gedachten, ſo wären wir zu dieſer Stunde, ich unter der Klaue einer großen ſpitzbübiſchen Gauklerin, auf die heute Abend im Theater alle Welt, entrüſtet über das Benehmen von Herrn von Baudricourt, deutete, und. .. „Und Frau Gilberte,“ fiel Georges Hubert ein, „lebte in dieſem Augenblick in ein Kloſter in Italien zurückgezogen, wo ſie, einer Art von Fanatismus preis⸗ gegeben, der an Wahnſinn grenzt, ein paar Jahre des Giücks in entſetzlich ſtrengen Uebungen büßen würde.“ „Mein Gott, Herr Georges,“ fragte Gilberte, „Sie, der Sie die Gräfin d'Orbeval und Herrn von Baudri⸗ court ſo genau kennen, wie erklären Sie ſich ihren Bruch? Leute, die einander bis dahin ſo ergeben waren! „Meine Freunde, ich vermöchte Euch nicht das zu erklären, was, wie ich glaube, ſelbſt für Herrn von Baudricourt unerklärlich iſt. Ich habe kürzlich die ver⸗ traute Kammerfrau der Gräfin d Orbeval geſehen, welche dieſe, nachdem ſie ihr freigebig ihre Zukunft geſichert, weggeſchickt hat; denn die arme Gräfin, die ein Muſter ausgeſuchter Eleganz war, ſchleppt ſich jetzt mit nackten Füßen auf den Steinplatten ihrer Zelle und ſchläft mit einem härenen Hemde auf der Haut in der Aſche.“ Das iſt gräßlich.“ „Ach! ja, meine liebe Frau Gilberte. Doch um auf die zwei Liebenden zurückzukommen, — die Kammer⸗ frau hat mir die Sache erzählt; ſie iſt von einer ent⸗ ſetzlichen Einfachheit; hören Sie: Bandricourt und die Gräfin hatten für den Angenblick ihre Einſamkeit ver⸗ laſſen, um einen Ausflug nach Italien zu machen; ſie kommen in Venedig ſo verliebt als je an. Eines Abends Gilbert und Gilberte. H. 33 514 haben Sie den Einfall, in irgend ein kleines Theater zu gehen, wo eine Truppe von ſpaniſchen Zigennern eine Vorſtellung gab. Eines von dieſen Mädchen tanzt einen andaluſiſchen Pas, der kaum zehn Minuten dauert; Herr von Baudricourt ſcheint ſehr gleichgültig gegen dieſe Tänzerin und applaudirt ihr nicht einmal; er ſchützt eine Migräne vor, bittet die Gräfin, mit ihm in ihr Hotel zurückkehren zu wollen, geht wieder nach einigen Angen⸗ blicken von hier weg, wobei er ſeine Creditbriefe mitnimmt, läuft um zehn lihr Abends zu ſeinem Banguier, läßt ſich fünfzigtauſend Franken ausbezahlen, begibt ſich aber⸗ mals nach dem Theater, beſtimmt, was äußerſt leicht iſt, die Tänzerin, noch in derſelben Nacht mit ihm von Ve⸗ nedig abzureiſen, und ſchreibt an die Gräfin nur die paar Worte: „„Ich bin ein elender Wahnſinniger, ich verlaſſe Sie, ich verdiene nicht einmal Ihr Mitleid⸗ Vergeſſen Sie mich!““ „Dieſer Mann war alſo, wie er es in ſeinem Briefe ſagte, wirklich wahnſinnig!“ rief Gilberte. „Sind Sie nicht meiner Anſicht, Louiſe?“ „Das war in der That Schwindel; denn nach dem, was uns Georges erzählt hat, war Herr von Bandricourt bis dahin ein redlicher, biederer Mann in der vollen Bedentung des Wortes geweſen.“ „Und ein Mann von unendlich viel Geiſt,“ fügte der Dichter bei, „ein Mann von ansgezeichnetem Urtheil⸗ von einem feſten Charakter und einem vortrefflichen Her⸗ zen. Ich bin auch feſt überzeugt, früher oder ſpäter wird Herr von Bandricourt den Eindruck eines nüchter⸗ nen Mannes empfinden, den man wider ſeinen Willen trunken gemacht hätte, und der mit Erſtannen, Ekel und Schrecken aus eiuem unwillkürlichen Rauſche erwachen würde.“ „Welch ein Abgrund iſt doch das menſchliche Herz!“ ſagte Gilbert. „Das Benehmen von Herrn von Bandri⸗ „ 515 iſt wahnſinnig, grauſam, und dennoch begreife ich es. „Wie, Du Ungehener!“ rief heiter Gilberte. „Hören Sie, meine Freunde, dieſer Herr Bibi begreift eine ſolche Abſcheulichkeit!“ „Minette, ich begreife vollkommen, daß unſer Freund Georges Meiſterwerke macht, wie das von heute Abend, und dennoch wäre ich ebenſo unfähig, ein Meiſterwerk zu ſchreiben, als dem beklagenswerthen Streiche von Herrn von Baudricourt nachzuahmen.“ „Das laſſe ich mir gefallen, Geliebter; doch ich be⸗ haupte, daß ſein Benehmen unbegreiflich iſt, — ſo iſt mein Charakter!“ „Ho! ho! Frau Gilberte,“ verſetzte lachend der Dichter, „das iſt von Ihrer Seite weder gerecht, noch liebreich, noch dankbar!“ „Was wollen Sie damit ſagen, Herr Georges Hubert?“ „Sie weigern ſich, die Möglichkeit meiner Erzäh⸗ lung zuzugeben, und wir, Louiſe und ich, geben das noch ganz anders und furchtbar unerklärbare Factum zu, daß Sie und Gilberte wir geweſen ſind, nachdem Sie der Marquis und die Marquiſe von Montlaur ge⸗ weſen waren.“ „Was das betrifft, Herr Georges Hubert, das iſt ein Unterſchied.“ „Gut!“ ſprach Gilbert, „unſer ewiger Streit über die Wirklichkeit der Macht unſerer Korrigan wird wie⸗ der anfangen. Wenn wir übrigens auch über hundert Jahre lebten, dieſer Streit würde immer fortwähren. Deſto beſſer! wir ſind doch wenigſtens ſicher⸗ lange ßet der Gegenſtand einer Controverſe geweſen zu in „Oh! mein lieber Gilbert,“ ſagte der Dichter, in⸗ dem er ſich vor die Stirne ſchlug, „ich vergaß gans⸗ 516 Ihnen eine wichtige Nachricht mitzutheilen; es ſcheint gewiß, daß Ihnen Ihr Vermögen zurückgegeben wird.“ „Ah! bah! wahrhaftig?“ „Ich bin heute Abend einem hochgeſtellten Beam⸗ ten begegnet. „Sie kennen Herrn Gilbert,““ ſagte er zu mir. „„Es iſt nun bald die Verjährungsfriſt in Betreff der unter Sequeſter gelegten ungeheuren Werthe gekom⸗ men, welche Niemand reclamirt; offenbar gilt aber für diejenigen, welche Beſitzer waren, der Beſitz als Eigen⸗ thumsrecht, und dieſe Werthe müſſen demnächſt Herrn Gilbert zurückgegeben werden.““ „Oh! Geliebter!“ rief Gilberte, mit Thränen in den Augen, während ſie ihrem Manne um den Hals fiel, „welch ein Glück für die armen alten Leute von unſeren Ständen!“ Dieſer Erguß war ſo naiv, die Worte, die ihn be⸗ gleiteten, wurden mit einer ſolchen Aufrichtigkeit geſpro⸗ chen, daß Georges und Louiſe tief bewegt einander an⸗ ſchauten.“ „Oh! meine Geliebte,“ ſprach Gilbert, deſſen Augen ſich auch mit Thränen befeuchteten, indem er ſeine Frau mit einer leidenſchaftlichen Zärtlichkeit in ſeine Arme ſchloß, „welch ein Herz haſt Du! wie iſt es im⸗ mer mehr werth, als das meinige!“ „Was willſt Du damit ſagen?“ 5 „Meine Freunde, ich will offenherzig ſein,“ ſprach Gilbert: „als mir ſo eben Georges mittheilte, unſere Millionen werden uns zurückgegeben werden, iſt da mein erſter Gedanke aus freien Stücken edel geweſen, wie der von Gilberte? Ach! nein.“ „Pfui! der Abſcheuliche! er ſagt mir das, um mir auf ſeine Koſten zu ſchmeicheln!“ verſetzte Gilberte; „glaubt ihm nicht, meine Freunde!“ „Arme Geliebte, Dir ſchmeicheln!“ rief Gilbert mit dem Ausdruck unausſprechlicher Liebe, „haſt Du es nöthig, daß man Dir ſchmeichelt? Nein, nein, ich ſage 517 die Wahrheit, meine Freunde; als mir Georges von der Zurückgabe unſeres Vermögens ſprach, erfaßte mich unwillkürlich eine Art von Blendung, da ich ſah, wir ſeien auf dem Punkte, wieder ungehener reich zu wer⸗ den, gerade wie ich, als wir uns nach dem weiſen Rathe von Frau Louiſe entſchloſſen hatten, unſer Vermögen der Stadt Paris abzutreten, eine Art von Herzensangſt empfand. Die Habgier hat und hatte ge⸗ wiß keinen Theil an dieſen beiden Empfindungen! Das unſtörbare Glück, das wir ſeit mehreren Jahren unſe⸗ rem beſcheidenen Wohlſtande und unſerer Arbeit verdan⸗ ken, macht mich mehr als je zum Todfeinde dieſer ver⸗ fluchten Millionen, die uns ſo viel Kummer verurſacht haben; doch der Menſch iſt nun einmal ſo beſchaffen, meine Freunde, daß ihm dieſes Teufelsgeld immer mehr oder weniger Schwindel gibt. Dieſer Schwindel iſt nun vorbei; ich ſage wie meine Gilberte: „„Welch ein Glück für die armen Leute von unſeren Ständen!““ Oh! ja, das wird für ſie ein großes Glück ſein! wir wiſſen, was ſie leiden müſſen, wenn wir nach dem grau⸗ ſamen Elend urtheilen, deſſen Qualen wir ausgeſtanden haben, als meine Frau und ich uns in der Unermeß⸗ lichkeit von Paris ſuchten! Und wir waren noch jung! wir wurden anfrecht gehalten durch die Hoffnung, uns eines Tags wiederzufinden, und durch die Hoffnung, bald gleichzeitig aus dieſer Welt wegzugehen, wo wir zu viel Unglückliche fanden. Ich wiederhole auch, meine Gilberte: „Unſer Vermögen wird uns zurückgegeben, welch ein Glück für die armen alten Leute von unſeren Ständen!““ Doch dieſer hochherzige Gedanke iſt Dir zuerſt gekommen, meine angebetete Frau!“ „Gute Herzen!“ ſagte plötzlich die ſanfte Stimme der Korrigan unter dem Stillſchweigen, das auf die letzten Worte von Gilbert gefolgt war. „Die Korrigan!“ riefen Gilbert und Gilberte mit 518 einem Erſtaunen und mit einer Freude, die an den Wahnwitz grenzte; „die kleine Fee!“ Die Verwunderung von Georges und Louiſe zu ſchildern, wäre unmöglich. Bei den erſten Worten, welche dieſe Stimme ſprach, deren unbeſchreibliche Me⸗ lodie nichts Menſchliches hatte, ſchlugen ſie die Augen zum Himmel auf, von wo ſie herabzukommen ſchien; dann ſtumm vor Erſtaunen, fragten ſie ſich mit dem Blicke, ob ſie nicht das Spielzeug einer Sinnentäuſchung ſeien. Gilbert errieth ihren Gedanken und ſagte la⸗ nd: „Ich wette, ſo ſteptiſch als unſere wackere Badureau, welche zu dieſer Stunde den Schlaf der Gerechten ſchläft, glaubt Ihr, meine Freunde, ich ſpiele den Bauchredner?“ „Ich glaube, daß dieſe Stimme nichts Menſchli⸗ ches hat,“ rief bebend der Dichter; „ich glaube, daß etwas Uebernatürliches hier vorgeht!“ „Das iſt, bei Gott! ganz einfach!“ ſagte Gilbert mit ungezwungenem Tone. „Oh! liebe Louiſe,“ ſprach Gilberte, „wenn ſich die Korrigan Ihnen zeigen wollte, Sie würden ſehen, wie niedlich ſie iſt! Ich will ſie bitten, ſich ſehen zu laſſen, pielleicht wird ſie mir das nicht abſchlagen.“ Und die Stimme erhebend, rief Gilberte zur großen Verwunderung von Louiſe und Georges; „Liebe kleine Fee, Gilbert und ich bitten Sie in⸗ ſtändig, zeigen Sie ſich unſern Freunden; wir bitten Sie, weil wir nicht mehr die Macht haben, Ihnen zu befehlen.“ „Ihr ſollt befriedigt werden, meine Freunde,“ ant⸗ wortete die ſanfte Stimme, „Ihr ſollt befriedigt wer⸗ den, denn Georges und Louiſe find gut wie Ihr““ Dann, ein neues Phänomen, enthüllte ſich die Ge⸗ genwart der kleinen Fee nicht mehr durch einen plötzli⸗ chen, ſanften, ſilbernen Schimmer, ſondern durch eine un⸗ — 519 ermeßliche Strahlung von Sternenhelle, welche blendend an dem Orte, wo der kleine, roſige, durchſichtige Kör⸗ per der Korrigan erſchien, die Intenſität ihres leuchten⸗ den Streifens vermindernd, in der diamantenen Lauf⸗ bahn von einem der noch im Oſten ſichtbaren Sterne zerſchmolz. „Das iſt unſere liebe kleine Korrigan,“ rief Gil⸗ berte freudig und bis zu Thränen gerührt. „Sehen Sie, ſehen Sie, Louiſe, wie niedlich ſie iſt?“ „Run, mein lieber Georges,“ ſprach Gilbert mit Wohlbehagen, denn er fühlte ſich in bekanntem Lande, „werden Sie endlich an die Korrigan glauben?“ „Ah!“ rief die Stimme von Frau Badureau, welche athemlos herbeilief, „junge Leute das iſt nicht artig von Ihnen. Sie machen wieder Taſchenſpielerſtücke wie zur Zeit, da Sie Herr und Madame Bosco waren, und laden mich nicht ein? Die Helle hat mich aufge⸗ weckt da oben in meiner Stube, wo ich, um dieſen Morgen früher bereit zu ſein, ganz angekleidet auf ei⸗ mnem Stuhle ſchlief.“ „Beim Himmel! Sie kommen zu rechter Zeit,“ rief Gilbert triumphirend, denn er ſah ſchon die unbe⸗ zähmbare Ungläubigkeit von Frau Badureau durch die übernatürliche Erſcheinung beſchämt. „Was ſagen Sie zu dieſem Wunder?“ „Das?“ verſetzte unerſchrocken die Zweiflerin, wäh⸗ rend ſie vor dem leuchtenden Strahle mit den Augenli⸗ dern blinzelte: „obgleich es die Augen flimmern macht, iſt dieſes Stück ſchön, ſehr ſchön, aber bekannt.“ „Was?“ verſetzte Gilbert verſteinert. „Wie ? . Sie ſagen?“ „Ich ſage: bekannt! . .. weil ich dieſes Stück auf dem Pont⸗Neuf geſehen habe.“ „Auf dem Pont⸗NReuf?“ „ „Bei Gott in einer der kleinen Buden, welche über dem Fluſſe ſind: ſie nennen dieſes Stück das .. 520 elep . elec . ah! ja, das elektriſche Licht: Das war ein großer Teufel von einem Strahle, wie der, den ich hier ſehe; das blendete bei der Stelle, wo es anfing . . und dann endigte es in einem Fiſchſchweife und im Unabſehbaren, in den Sternen, immer wie hier. Nur war im andern elep . . elec. . . Satansname! nicht wie in dieſem ein Frauchen, das mit den Beinen zappelte, doch ich habe ſchon gute Weibchen von dieſer Art geſehen; ſie waren im Glaſe und tanzten auf Waſ⸗ ſerſtrahlen, was ganz dasſelbe iſt, wenn auch nur dieſe hier mitten im Lichte zappelt. Gleichviel, das Stück iſt artig, aber bekannt!“ „Korrigan!“ rief Gilbert außer ſich: „ich beſchwöre Sie, werden Sie wieder unſichtbar, denn ich glaube, beim Himmel! ich würde unſere vortreffliche Badureau ſchla⸗ gen, ſo ſehr bringt mich ihre Ungläubigkeit in Ver⸗ zweiflung, ſo grauſam macht ſie mich.“ „Du ſollſt befriedigt werden,“ antwortete die Stimme mit einem Ausdrucke ſanften Spottes; „ich werde Dir das entſetzliche Verbrechen erſparen, zu wel⸗ chem Du Dich hinreißen zu laſſen befürchteſt.“ Und allmälig abnehmend, verſchwand der Strahl wie die Korrigan unter dem erſten Schimmer der Mor⸗ genröthe. „Ah! gut,“ ſagte Frau Badureau, welche die Stimme der wieder unſichtbar gewordenen Fee gehört hatte; „jun⸗ ger Mann, Sie fangen abermals an den Bauchredner zu ſpielen, wie einſt! Bekannt!.. Ich will meine Küche in Ordnung bringen, denn es wird Tag.“ Und die unbändige Skeptikerin kehrte in das Innere des Hauſes zurück, während Georges und Louiſe, das Auge ſtarr, den Hals geſpannt, den Athem ſtockend, un⸗ fähig, ein Wort zu ſprechen, zu träumen glaubten. „Korrigan,“ ſprach Gilberte, „Sie ſind alſo nicht Ihren Schweſtern nachgefolgt?“ „ „Doch, meine Freunde,“ antwortete die Stimmes 52¹ „aber von der Welt, wo ich bin, höre ich, ſehe ich, weiß ich, was in dieſer Welt vorgeht, und von da oben habe ich den Prüfungen beigewohnt, die Ihr muthig ausge⸗ ſtanden, wackere, gute Herzen!“ „Ah! Korrigan, Gilbert und ich haben Sie in ei⸗ nem der kritiſchſten Augenblicke unſeres Lebens um Ihren Beiſtand angerufen.“ „Ja, als man Euch ins Gefängniß führte,“ ant⸗ wortete die Stimme, „ich habe Euren Ruf gehört.“ „Und Sie ſind uns nicht zu Hülfe gekommen, gute kleine Fee, Sie, die Sie uns immer beſchützt hatten!“ „Es war mir nicht mehr erlaubt, zu Cuch zu kom⸗ menz doch würde ich auch die Macht gehabt haben, Euch beizuſtehen, ich hätte Euer Geſchick in Erfüllung gehen laſſen. Dieſe grauſamen Prüfungen ſollten eines der Ele⸗ mente Eures zukünftigen Glückes ſein, indem ſie Euch noch ſüßer und theurer das arbeitſame und beſcheidene Daſein machten, in dem Ihr endlich das Glück findet,“ erwiederte die Stimme. „Und dann hatte ich Euch den Glauben an die Ewigkeit des Lebens gegeben, und die⸗ jenigen, für welche der Tod nicht iſt, lachen über das Mißgeſchick; ſie verlaſſen die Welt ohne Bedauern, und wären ſie in ihr ſo tief glücklich geweſen, als Ihr, Gil⸗ bert und Gilberte, es ſeid.“ „Korrigan, Sie wiſſen Alles, Sie kennen die Zu⸗ kunft, welche uns, uns und unſeren Freunden, vorbehal⸗ ten iſt. Können Sie uns nun die Zukunft enthüllen?“ „Ja, das Leben von Euch, Gilbert und Gilberte, wird friedlich, glücklich, beſchäftigt verlaufen, wie es ſeit ein paar Jahren verlaufen iſt. Euer Vermögen wird Euch zurückgegeben werden, und dieſe Reichthümer ver⸗ achtend, die Euch ſo viel Sorgen verurſacht haben, wer⸗ det Ihr Euren edelmüthigen Entſchluß gegen die armen Leute von Euren Ständen erfüllen. Kommt Ihr an das Ziel eines lachenden Alters, ſo werdet Ihr heiter mit einander abgehen, um anderswo wiederaufzuleben.“ 522 „Oh! geſegnet ſeien Sie, Korrigan!“ „Aber Georges?“ „Aber Louiſe?“ „Immer eines des andern würdig,“ erwiederte die Stimme, „werden Georges und Louiſe noch einige Jahre die edlen Qualen des Ruhmes, die männlichen Bangig⸗ keiten des Genies kennen; dann wird der große Dichter, nachdem er für die Belehrung der Menſchheit die müh⸗ ſame and heilige Aufgabe erfünt, welche Gott ſeinen Be⸗ vorzugten für den göttlichen Geiſt, mit dem er ſie be⸗ ſchenkt, auferlegt hat, der große Dichter wird die ſieg⸗ reiche Ruhe des alten Athleten nach einer langen Lauf⸗ bahn der Kämpfe und der Triumphe genießen. Ihre Tage in Eurer Rähe im Zauber einer unveränderlichen Freund⸗ ſchaft hinbringend, werden Georges und Louiſe, welche wie Ihr den Glauben an die Fortdauer des Lebens haben, leichten Sinnes und voll Hoffnung und Neugierde dieſe Welt verlaſſen“ In dem Angenblick, wo die Fee ſo ſprach, ging die Sonne herrlich auf; unter die mit grünem Laub⸗ werk und bunten Blumen, welche noch feucht vom Thau der Nacht, geſchmückte Rotunde eindringend, ſchienen ihre erſten Strahlen mit einer goldenen Glorie die zwei Freun⸗ despaare zu umgeben. „Gute Herzen,“ murmelte die Stimme der Korri⸗ gan, welche immer ſchwächer wurde, je höher ſie zum Himmel emporſtieg, „Gilbert und Gilberte Georges und Louiſe „ Ihr ſeid gut . .. glücklich werdet Ihr ſein. Und die ſanfte Stimme der unſichtbaren Fee verlor ſich im Raume, wiederholend: „Glücklich werdet Ihr ſein . . Ihr ſeid gut. .. glücklich werdet Ihr ſein.“ Nachwort. An die Leſer. Unſere phantaſtiſche Erzählung iſt beendigt. Wird es uns erlaubt ſein, aus dieſer Erzählung den philoſophiſchen und moraliſchen Gedanken, der ſie eingegeben, hervorzuheben? So zuſammengefaßt und frei von den Vorfällen und Fictionen der Fabel, wird dieſer Gedanke, wir hoffen es, einen praktiſchen Nutzen zu bieten ſcheinen. Die Weiſen, die Denker aller Jahrhunderte haben auf verſchiedene Weiſe anerkaunt, aber allgemein aner⸗ kannt die Wahrheit: Das Glück liegt in der Mittelmäßigkeit der Verhältniſſe. Nur iſt Folgendes geſchehen, mußte es geſchehen: Dieſes Axiom, eine Verherrlichung der Mittelmäßig⸗ keit, ein gründlich wabres, tief moraliſches Axiom, wie⸗ derholt von Jedermann bis zur Alltäglichkeit, wird von Niemand geübt, oder wird wenigſtens freiwillig, wiſ⸗ ſentlich nur von einer kleinen Anzahl von Leuten geübt, welche in beſondere und ſehr ſeltene Lebensumſtände ge⸗ ſtellt ſind. Erklären wir uns. Wir haben Menſchen gekannt, welche, nachdem ſie allen Ueberfluß eines ungeheuren Reichthums genoſſen, benützt und mißbraucht hatten, am Ende dieſem Reich⸗ thum ein äußerſt einfaches Leben vorzogen und, eben⸗ ſo wohl aus Sättigung, als in einer geſunden Wür⸗ 524 digung der Dinge einen großen Reiz in der Einfachheit fanden. Wir haben Männer von einem erhabenen Genie gekannt. Grauſam geprüpft durch die Bangigkeiten, durch die Täuſchungen, durch die Verdrießlichkeiten, durch die Verleumdungen, durch die launenhaften Umſchläge der öffentlichen Meinung, durch jene bis zur Tyrannei getriebenen indisereten Reugierden, durch die ſieberhaf⸗ ten und erſchöpfenden, vom Ruhme in den Künſten oder in den Wiſſenſchaften unzertrennlichen Arbeiten, geſtan⸗ den uns die Einen von dieſen Männern von Genie mit der unbezweifelbaren Aufrichtigkeit eines ehrlichen Ge⸗ müthes: ſie finden nie in einem glänzenden Erfolge, ſo ſehr er auch über ihrem Verdienſte ſein möchte, einen Erſatz für ihre Sorgen im Augenblick des Hervortretens von jedem Werke, und ſie beklagten es, daß das Ver⸗ hängniß ſie antrieb, eine zugleich ſchmerzliche und thenre Laufbahn zu verfolgen. Andere, mehr logiſch, mehr ab⸗ ſolut, welche den Gipfel eines europäiſchen Rufes er⸗ reicht hatten, verzichteten gänzlich auf die Kunſt und zo⸗ gen es vor, ihr Leben fortan in der Seelenruhe und in der Ruhe der äußeren Verhältniſſe zuzubringen. Gegen das Ende der Reſtauration haben wir ſehr vornehme Herren gekannt, welche müde, überdrüſſig ihrer glänzenden Höflingsexiſtenz ihre Tage auf irgend einem einſamen Gute, in der Tiefe der Provinz, beſchloßen und hier glücklich das einfache ländliche Leben eines wohlhabenden Pächters lebten. Wir haben Politiker gekannt, bewunderungswürdige Intelligenzen, edle Herzen, allmächtige Redner, voll Glau⸗ ben und Hingebung für ihre Sache, geadelt durch die Verfolgung, eine ungeheure gerechte Popularität genießend, geehrt ſelbſt von ihren Gegnern, und wir haben ſie mit einer tiefen Befriedigung, mit einer unausſprechlichen Er⸗ leichterung auf die Bürde der öffentlichen Angelegenheiten 525 verzichten und mit einer wahren Wonne in ihre Einſam⸗ keit zurückkehren ſehen. Aber dieſe reichen Leute, dieſe vornehmen Herren, dieſe erhabenen Genies, dieſe berühmten Politiker waren nur gelangt, konnten und mußten nur gelangen zu dieſer weiſen und philoſophiſchen Losreißung von den menſch⸗ lichen Eitelkeiten unter der Urbedingung, daß ſie durch ſich ſelbſt die Nichtigkeit der von der Menge ſo ſehr be⸗ neideten eitlen Dinge erfahren hatten. Ja, dieſes vernünftige und glückliche Verzichten auf den Ruhm, die Größen oder die Reichthümer konnte nur in Erfüllung gehen vermöge der Täuſchungen, der Ver⸗ drießlichkeiten, der Sättigung, welche ſie beinahe immer in ihrem Gefolge haben. Iſt es nun möglich, iſt es begreiflich, daß der große Haufen, wenn er aus der Tiefe ſeines Elends oder ſeiner Dunkelheit vor ſeinen geblendeten Augen ſo viele ſchim⸗ mernde Exiſtenzen auf der Firſte des ſocialen Gebäudes glänzen ſieht, ſie nicht beneide? Iſt es begreiflich, iſt es möglich, daß der große Haufen den Weiſen auf das Wort glaube und nicht glü⸗ hend diejenigen zu ſein wünſche, deren Lage ihm die Summe aller denkbaren Glückſeligkeiten zu repräſentiren ſcheint? Nein, nein, wiederholen wir: man muß durchaus das Leben von denjenigen gelebt haben, nach deren Loos man gierig verlangt, um ſo durch ſich ſelbſt zu wiſſen, ob dieſes Loos wirklich wünſchenswerth iſt, und ob uns nicht durch ſeine verführeriſche Luftſpiegelung täuſcht. Es iſt die Moral: die durch die Erfahrung erlangte Weisheit, was wir in Thätigkeit zu ſetzen verſucht haben, und wäre uns ein ſolcher Wunſch erlaubt geweſen, ſo hätten wir gehofft, mit Gilbert und Gilberte in das Leben gewiſſer Perſonen eintretend, deren Lage ien Allgemeinen ſehr beneidenswerth ſcheint, werde der 526 Leſer nach und nach und, wenn man ſo ſagen darf, durch ſich ſelbſt die Reichthümer, die Vornehmheit und den Ruhm, dieſe drei Culminationspunkte des menſchlichen Trachtens verſuchend, wie unſere Helden, durch die Aus⸗ übung, durch die Empfindung dieſer verſchiedenen Exiſten⸗ zen zu der unerſchütterlichen Ueberzeugung gelangen: Das wahre Glück beſtehe in einem beſcheidenen Wohlſtande Geheiligt durch die Arbeit, Verſchönert durch die Liebe und die Freundſchaft, Poetiſirt durch den guten Geſchmack, Bezaubert durch das Verſtändniß der Künſte, Erhöht durch die edlen Genüſſe des Geiſtes, Geläntert durch das Bewußtſein des Gerechten und des Guten, Und über Alles dies geheilt von dem Uebel des Todes durch einen göttlichen Glauben an die Fortdauer des Lebens. Mit einem Worte: das ruhige, heitere, arbeitſame und zugleich anmuthige Leben, in welchem Gilbert und Gilberte endlich das Glück gefunden haben, dieſes Leben muß unſerer Anſicht nach der Mittelweg, das Nothwen⸗ dige ſein, worauf das geſunde und gerechte Trachten von Jedem abzielen ſoll. Wir ſind überzengt, daß die fried⸗ liche Löſung der ſocialen Probleme, welche die Welt agi⸗ tiren, auf eine gebietende Weiſe eines Tags für die Mehrzahl dieſes Ideal des Nothwendigen verwirklichen wird, inſofern es alle Bedürfniſſe der Seele, des Geiſtes und des Körpers befriedigt. Iſt es nicht wahr, daß in einem auf die zwei gött⸗ lichen Principien, die Gerechtigkeit und die Humanität, gegründeten ſocialen Staate die Geſetzgebung und die ökonomiſchen Inſtitutionen immer darauf hinſtreben wer⸗ den: „daß vor Allem das Nothwendige, das heißt, das Leben des Körpers, der Seele und des Geiſtes Jedem mittelſt der Erziehung, der Arbeit und der Rediichkeit 527 geſichert ſei, weil ſodann der Ueberfluß nothwendig aus einem Zuſtande der Dinge entſtehen muß, wo Jeder, im Genuſſe des Nothwendigen, kraft des Geſetzes des unbe⸗ grenzten Fortſchrittes der Menſchheit nach der Erwerbung des Ueberflüſſigen trachten wird.“ Verſchafft aber der ſociale Körper der Allgemeinheit ſeiner Mitglieder die Mittel, ſich das Nothwendige durch ihre Arbeit zu ſichern, ſo bleibt hiebei ſeine collective Aufgabe ſtehen; es iſt an der einzelnen Perſon, es iſt an demjenigen, welcher den Ueberfluß wünſcht, pefliſſen zu ſein, ihn durch ehrliche Mittel, durch ſeinen perſön⸗ lichen Werth zu gewinnen, ohne in irgend einer Hitſicht das allgemeine oder beſondere Intexeſſe zu verletzen; auf dieſe Art wird der von ihm erworhene Ueberfluß, über den er nach ſeinem Belieben verfügt, ein eben ſo legitimer Beſitz, als das Nothwendige Was die ſo ſehr ſtreitige Frage betrifft: Bei welchen Grenzen bleibt das Nothwendige ſtehen? Bei welchen Grenzen fängt der Ueberfluß an? So werden wir uns ſicht erlauben, ſie auf eine ab⸗ ſolute Art zu löſen; wir beiührken nur als Vergleichungs⸗ punkt: Der heberfluß für Gilhert und Gilberte wat der fürſtliche Reichthum, in dem ſie nur Ueberdruß, Ekel, Täuſchungen und die Verachiung der Menſchheit fanden. Das Nothwendige für Gilbert und Gilherte war die Mitte, in der ſie das Glück fanden, nachdem ſie den außerordentlichen Reichthum und die äußerſte Nothdurft durch die Erfahrung hatten keunen lernen. Und in dieſer Hinſicht noch ein Wort. Man hat zu einer gewiſſen Zeit die bei den Maſſen erzengte Ueberreizung materieller und unmäßiger Begier⸗ den viel getadelt Mehr als irgend Jemand würden wir auch eine ſolche Ueberreizung tadeln, gegen welche wir zur Noth durch dieſes Buch proteſtiren könnten. 528 Es gäbe in der That für ein Volk nichts Abſcheu⸗ licheres, als Alles der Unmäßigkeit ſeiner materiellen Begierden zu opfern. In dieſem ſchmählichen Treiben würde es ſeine Würde, ſein Bewußtſein, ſeine Unabhängig⸗ keit verlieren; es würde ſein Erſtgeburtsrecht um ein Gericht Linſen verkaufen. So ſehr wir aber gegen ein nach dem Ueberfluſſe gieriges Volk entrüſtet wären, eben ſo ſehr würden wir als gerecht und heilig ſein Streben nach dem Nothwen⸗ digen betrachten. Und um auf unſern Vergleichungs⸗ punkt zurückzukommen: wir denken, daß das legitime, mög⸗ liche Nothwendige, auf das jeder arbeitſame, ehrliche, durch die Erziehung verſittlichte, entwickelte Menſch müßte Anſpruch machen können, der beſcheidene Wohlſtand wäre, deſſen Gemälde wir entworfen haben. Fehlt nun dieſem Menſchen in dem Augenblick, wo er danach verlangt, wenn er Hunger hat, wenn er friert, wenn er durch eine erdrückende und undankbare Arbeit erſchöpft, durch das Elend geknechtet, durch die Unwiſſenheit entartet iſt, nicht wirklich das Nothwendige? ſind ſeine Begierden, wenn er es fordert, nicht legitim? und iſt es nicht Sache des Geſetzgebers, auf ihre Befriedigung nach Maßgabe der Grenzen des Gerechten und Nothwendigen bedacht zu ſein? Ah! diejenigen, welche unſerer Anſicht nach einen Beweis, und zwar einen ſchmählichen Beweis von un⸗ mäßigen Begierden geben würden, wären die unerſätt⸗ lichen Leute, welche, da ſie die Schmerzen der Armuth nie gekannt, die beſcheidene und geſicherte Exiſtenz, die ſie durch ihr ererbtes Vermögen oder durch ihre Arbeit genießen könnten, verachten, nur vom Lurns, von fal⸗ ſcher Größe, von Flittergold, von ſalarirter Faulenzerei oder abenteuerlichen Agiotagen träumen und, um zu die⸗ ſem Ziele zu gelangen, ihre Ehre, ihr Glück wegwerfen würden. Seit bald fünfzig Jahren, und zwar unter allen 529 Regierungen *), haben ſich die redlichen Leute, welche nichts vom Staate erwarten, gegen die exorbitante und beſtän⸗ dig wachſende Ziffer des Budget erhoben; wir denken (und wir ſprechen hier nur von 1815 bis 1848), wir denken, nichts habe mächtiger zur Entwicklung dieſer gemeinen und ſchmutzigen Gierden in Betreff des durch die Intrigue oder die Erniedrigung erlangten Keberflnſſes beigetragen⸗ als die Schöpfung dieſer Sinecuren, wahrer Müſſiggangs⸗ präbenden, wo die Stiftsherren des Budget dieſer Zeiten in ihrer ſchamloſen Faulheit, in ihrer frechen Unbrauch⸗ barkeit und Nußloſigkeit ſtolzirten! Es war, wie uns dünkt, Sache der Regierungen, ſelbſt das Beiſpiel der Mäßigung in den Begierden, vor Allem die Gefräßig⸗ keit der Functionäre zügelnd, zu geben. Ihr Einfluß, ihr Anſehen mußte ſich ſichern, pffenbaren, ausüben ver⸗ möge ihres Verdienſtes, ihrer Leiſtungen, und durchaus nicht vermöge der Ziffer ihrer Gehalte. Aber weit hie⸗ von enifernt, wäre ein boher Beamter zu jener Zeit er⸗ röthet über die beſcheidene Exiſtenz von Gilbert und Gil⸗ berte; der hohe Herr Beamte und ſeine Frau Gemahlin mußten nothwendig ein Hotel, Lackeien, Wagen“ offene Tafel für lintergebene oder Creaturen haben, einzig und allein, damit der hohe Herr Beamte und ſeine Frau Ge⸗ mahlin beſtändig von einem Schmarotzertroſſe befuchs⸗ ſchwänzt würden. Sounabläßig den Appetit dieſer Fanatiker des Rechtes auf das Budget, welches entfernt nicht das Recht auf die Arbeit war, übermäßig anreizend, begünſtigten die da⸗ maligen Regierungen die ſchlimmſten Inſtinete, und ihre Befriedigung zog die traurigſten Folgen nach ſich. 1 Sue ſpricht hier, wie dies beſonders auch aus den nachſtehenden Jahreszahlen 1815 uud 1845 hervorgeht, ur on ſeinem Vaterlande. Der üß erſetzer. „ Girbert und Gilberte. I. ke 530 Zum Schluſſe wiederholen wir alſo: in Ermange⸗ lung einer Allen gegebenen moraliſchen und rationellen Erziehung kann die Erfahrung allein (bei geſunden und guten Naturen, wie die von Gilbert und Gilberte), die vernünftige, überlegte Losreißung von den Eitelkeiten nach vorangegangener Enttäuſchung herbeiführen. Wir wür⸗ den uns auch zum reinſten, zum ſüßeſten Erfolge Glück wünſchen, wenn Einer von unſern Leſern, nachdem er un⸗ beſtimmt nach einer von den glänzenden, ansnahmsweiſen Lebenslagen begehrt, welche der Zielpunkt aller Blicke ſind, inſofern ſie alle Glückſeligkeiten des Geiſtes und der Ma⸗ terie zuſammenzufaſſen ſcheinen, wenn Einer von unſern Leſern, ſagen wir, ein Einziger, fortan eingeweiht in die geheimen Bitterkeiten dieſer beneideten Exiſtenzen, unter⸗ richtet, zur Erfahrung gelangt in Geſellſchaft von Gil⸗ bert und Gilberte, ſein gerechtes Verlangen darauf be⸗ ſchränken würde, daß er ſich ihren beſcheidenen Wohlſtand wünſchte, wenn er ihn nicht beſäße, und beſonders, wie unſere beiden jungen Leute, für immer vom Uebel des Todes geheilt bliebe. Anneey⸗le Vienx (Savoyen) den 17. Juli 1852. *) Eugone Sue. — Ende. *) Damit der Leſer nicht glauben möge, wir hinken der Verüffentlichung von einem der geiſtreichen Wer von Sue im Belletriſtiſchen Ausland um drei Viert jahre nach, müſſen wir bemerken, daß Sue zwar den Schluß von Gilbert und Gilberte ſchon im Juli 485 geſchrieben, aber erſt im April 1853 durch den Druck hat erſcheinen laſſen. „ Der Ueberſetzer e14 vece