6 Leihbiblivthet deutſcher, engliſcher und franzöſiſcher Literatur . W von ( Gduard Oltmann in Gießen, Schloßgaſſe Lit. A. Nr. 256. cLeih- und eſebedingungen. 1. Oflensein der Bibliothek. Die Bibliothek ſteht zur Em⸗ pfangnahme und der Bücher jeden Tag von Morgens 7 Uhr bis Abends 8 Uhr offen. 2. Lesepreis. Bei Rückgabe eines geliehenen Buches wird von jedem Tag 5 Pf. bezahlt. Die Zeit eines Tages iſt zu 24 Stun⸗ den angenommen. 3. Laution. Unbekannte Perſonen müſſen, bei Entgegennahme eines Buches, eine dem Werthe deſſelben entſprchende Summe hinterlegen, welche bei deſſen Zurückgabe von mir zurückerſtatret wird 4. Abonnement. Daſſelbe muß voraus bezahlt werden und beträgt: für wöchentlich 2 Bücher: 4 Bücher: 6 Bücher: —— —. — — auf 1 Monat: 1 Mr. — f. 1 M. 50 Pf. 2 M. — f. 5 Auswärtige Abonnenten haben für Hin⸗ und Zuräckſendung der Bücher auf ihre eigenen Koſten und Gefahr ſekbſt zu ſorgen. 6. Schadenersatz. 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Beide waren beinahe Künſtler, er in ſeiner Eigenſchaft als Zeichner Lithograph, ſie als Arbeiterin in künſtlichen Blumen. Man konnte nichts zarter Nuancirtes ſehen, als die immer nach der Natur copirten Blumen von Gilberte; in ihrem Ausſehen, in ihrer Friſche, in ihrem Glanze würden ſich die Bienen getäuſcht haben; nichts Markigeres, Correcteres, als den Stift von Gilbert, wenn er auf dem Steine irgend einen Kupferſtich oder ein Portrait für Rechnung der Bilderhändler wiedergab. Unſere zwei jungen Leute, welche von einem mäßigen, precären Lohne lebten, hatten ſich, war es Zufall oder Glück, ſeit ihrer Verbindung nicht über einen Augenblick des Feierns zu beklagen gehabt. Gilbert konnte auch an einem ſchönen Tage ſeiner Frau ein ſeidenes Kleid und einen hübſchen Hut als Sonntagsputz bieten, und Gilberte war im Stande, ihrem Manne einen Rock von feinem Tuche (nicht im Temple gekauft, ſondern ganz neu), eine ſchottiſche Weſte, gefirnißte Stiefel, ſtroh⸗ gelbe Handſchu he und ein Stöckchen, womit ihr Gilbert, wie ſie ſagte, ganz das Anſehen eines Löwen hatte zum Geſchenke zu machen. Gilbert und Gilberte. 1. 1 2 2 Gott weiß, wie groß die Freude des jnungen Paa⸗ res war, wenn der Sonntag kam, ein ſchöner, him⸗ melblauer, durch die Sonne wohl vergoldeter Sonntag, und wenn dann, nachdem der Unterhalt für die nächſte Woche geſichert war, dieſen Kindern die Mittel blieben, um den beglückten Tag des Herrn heiter zuzubringen! Kehrten ſie am Abend nach einer Luſtpartie in ihr Stübchen zurück, ſo war der König, wie man zu ſagen pflegt, nicht ihr Herr, beſonders wenn zu ih⸗ Ohren die Worte gelangten (und ſie gelangten oft dahin ) Das iſt ein ſehr artiges Liebespaar.“ Da drückte Gilberte an ihren Buſen den Arm ihres Gilbert und ſagte ſtrahlend zu ihm: „Welch' ein Glück! Haſt Du gehört, Bibi? (Sie nannte ihn Bibi.) Wie müſſen wir uns lieben! Wir ſehen noch nicht einmal aus, als wären wir ver⸗ heirathet!“ „Ich hoffe, beim Henker, wir werden nie ſo aus⸗ ſehen,“ erwiederte Gilbert, ſeine Gilberte mit den Au⸗ gen verſchlingend. „Haben wir indeſſen neunundneunzig Jahre und ſechs Monate zurückgelegt, ſo können wir uns wohl eine etwas eheliche Miene erlauben.“ An einem ſchönen Frühlingsſonntag nun, nachdem ſie ein paar Stunden im Muſeum zugebracht, wo Gil⸗ bert die großen Meiſter und ſeine Frau die ſeltenen, aber trefflichen Blumengemälde der flämiſchen Schule bewun⸗ derte, durchſchritten unſere beiden Leute die große Allee der Tuilerien, deren Bäume zu grünen aufingen, und wandten ſich nach der Rue de la Paix. Nie war der Gang von Gilberte behender, munterer unter ihrem ſchillernden zeitfarbigen, wie das alte Feenmähr⸗ chen ſagt, Taffetkleide geweſen; nie hatte ihr friſches, hübſches Geſicht lächelnder unter ihrem, wie ihre Atlaß⸗ wangen, roſenfarbigen Crepehute geglänzt; nie hatten ihre kleine Füße mit dem Ende ihrer Stiefelchen leichter 3 die Platten des Trottvir geſtreift, zu leicht ſogar, denn von Zeit zu Zeit hüpfte die junge Frau am Arme ihres Gilbert hängend, der, ernſter und nachläſſig mit ſeinem Stöckchen ſpielend, ſich die Miene eines Löwen geben wollte und lächelnd zu ſeiner Gefährtin ſagte: „Du haſt, bei Gott! nicht das Anſehen einer verhei⸗ ratheten Frau!“ „Siehſt Du, die Füße brennen mich auch! Ach! ich möchte ſchon dort ſein, in dem ſtürmiſchen Café de Paris! Wir werden alſo endlich die wundervolle Flaſche Champagner in Eis trinken!“ Da dieſe wundervolle Flaſche Champagner eine ziemlich wichtige Rolle im Leben unſerer jungen Leute ſpielen ſollte, ſo ſehen wir uns verpflichtet, einige Er⸗ klärungen hieküber zu geben .. Seit langer Zeit wa⸗ ren ſie beſeſſen von dem ungeheuren Ehrgeize, an einem Sonntag im Cafs de Paris zu Mittag zu ſpeiſen und dieſes Mahl mit einer Flaſche Champagner als wahre Epikuräer zu begießen. Diejenigen, welche täglich dreißig bis vierzig Fran⸗ ken für ihr Mittagsbrod in den beſten Reſtaurants von Paris ausgeben, werden lächeln über dieſen naiven Ehr⸗ geiz und über die Freude des artigen Paares in dem Augenblick, wo ſie ihre Hoffnungen nach langem unge⸗ duldigem Warten verwirklicht ſahen. Mehrere Monate hindurch hatte die kleine vom Wochenlohn erhobene und den Sonntagsvergnügungen geweihte Summe nie die für dieſen Lucullus⸗Schmaus ſtreng unerläßliche Größe erreicht. Ein verdrießlicher Rechner würde ſagen: wenn Gilbert und Gilberte einige Sonntage nichts ausgaben, ſo konnten ſie genng zuſammenbringen, um ihr Laune zu befriedigen. Wir erwiedern: die Befriedigung dieſer Laune hätte ihnen durch das Verzichten auf ihre Sonn⸗ tagspartie, ſo beſcheiden ſie war, zu theuer erkauft ge⸗ ſchienen. Man muß ſich eine Woche lang vom Früh⸗ roth bis zum Abend einer unabläſſigen Arbeit gewidmet * 4 haben, um das gebieteriſche, unbeſiegbare Vergnügens⸗ bedürfniß zu begreifen, das man mit zwanzig Jahren fühlt, wenn dieſer ſelige Tag der Erholung glänzt. Sagen uns die Phyſiologen nicht, das Vergnügen werde unter vielen Umſtänden eine Frage der Geſund⸗ heit? Befehlen ſie nicht unter Androhung ernſter Un⸗ fälle den Menſchen, welche mit allem Fleiße ſitzende Gewerbe treiben, ihren Geiſt dadurch abzuſpannen, daß ſie ihn häufig durch die Muſik, durch das Schauſpiel erfriſchen? Ohne große Aerzte zu ſein, hatten Gilbert und Gilberte dieſe Phyſiologie errathen, und ſie ver⸗ wandten gewiſſenhaft ihre Erſparniſſe auf die Sonntags⸗ feier, indem ſie für ihr großes Mahl im Cafs de Paris auf eine gute Woche rechneten. Dieſer Zufall kam zur rechten Zeit; Leine von den durch die Mode von Paris im Augenblick am meiſten gefeierten Frauen, die Frau Marquiſe von Montlaur, gab einen Ball; viele eleganten Damen verlangten ihren Kopfputz von der berühmten Madame Batton, bei wel⸗ cher Güberte ihre Beſchäftigung hatte, obgleich ſie im Zimmer arbeitete, und da ſie ſich in der Verfertigung des Putzes von natürlichen und künſtlichen Blumen aus⸗ zeichnete, ſo beauftragte man ſie mit mehreren dringen⸗ den Beſtellungen. Rach drei Nachtwachen, für welche ſie durch eine Erhöhung ihres Lohnes entſchädigt wurde. konnte Gilberte ihrem Gilbert das feine Mittagsmahl im Café de Paris, d. h. an dem Orte bieten, den dieſe Kinder als das Rendez⸗vous der ſchönen Welt be⸗ trachteten. Die Leckerhaftigkeit hatte viel weniger als eine unſchuldige Eitelkeit Antheil an dem Vergnügen, das ſie ſich verſprachen, und das aus dem Geſichtspunkte ihrer einfachen Gewohnheiten eine Art von Ereigniß werden ſollte. Die Stunde dieſes Ereigniſſes erwartete Gilbert mit einer zurückgehaltenen Glückſeligkeit, die ihm ſeine Manneswürde gebot. Gilberte dagegen ſuchte ihre brauſende Ungeduld nicht zu bändigen. Die 3 5 junge Frau hüpfte auch, wie wir erwähnt haben, zu⸗ weilen vor Freude unter den Arcaden der Rue de Ri⸗ voli. Während eines dieſer Augenblicke des Ueberſpru⸗ delns ihres Glückes fuhr raſch auf der Chauſſee eine leichte Equipage vorüber: eine vierſpännige Caleche, ge⸗ führt en Paumont von zwei kleinen Poſtillons von gleichem Wuchſe, mit apfelgrünen ſeidenen Ueberweſten, ſchwarzen Sammetkappen, weißen hirſchledernen Beinklei⸗ dern und Stulpenſtiefeln; ihre Kleidung war nicht minder tadellos als die der zwei großen, gepuderten Lackeien, welche auf dem Hinterſitze des Wagens ſaßen. Die gleich großen vier Pferde, voll Race, von einem Gold⸗ braun, das in der Sonne wie Atlaß glänzte, feurig, in ihrem Gange abgemeſſen, wundervoll geſpannt, eine Roſe an jedem Ohr tragend, zogen mit Geſchwindigkeit den mit Wappen geſchmäckten Wagen. Rechts ſah man nachläſſig ausgeſtreckt, mit einer zerſtrenten, träumeriſchen Miene, eine ſehr junge und ſehr hübſche, mit einer ele⸗ ganten Einfachheit gekleidete Fran; links ſaß ein ſchöner junger Mann, der, aus Artigkeit den Kopf abwendend, um von ſeiner Gefährtin nicht geſehen zu werden, unge⸗ heuer in dem Augenblick gähnte, wo der Wagen an Gil⸗ bert und Gilberte vorbeifuhr, welche, wie andere Spa⸗ ziergänger, betroffen von der Schönheit dieſer Equipage ſtehen geblieben waren. „Ich erkenne dieſe Dame es iſt die Mar⸗ quiſe von Montlaur, unſere Nachbarin, welche heute Abend die große Feéte gibt,“ ſagte Gilberte zu Gilbert. „Haſt Du, als wir ausgingen, die großen Eiben geſehen, die man dieſen Morgen vor der Thüre des Hotels für die Belenchtung aufpflanzte?“ „Das wird für uns ein herrliches Schauſpiel ſein, und nicht theuer; heute Abend, wenn wir nach Hauſe kommen, ſehen wir die Wagen anfahren und betrachten durch die Fenſter den Putz der ſchönen Damen.“ „Haſt Du den Gemahl der Marquiſe bemerkt, wie 6 er gähnte? Gähnen an der Seite einer ſo hübſchen Frau! gähnen in einem ſo ſchönen Wagen! gähnen, wenn man am Abend eine Féte geben will! Sage, Bibi, wir würden an ihrer Stelle nicht gähnen!“ „Bei Gott! da wir an unſerer nicht gähnen! Höre, Minette, ſiehſt Du uns in dieſer Equipage? und heute Abend, wie wir in unſerem Hotel die vornehmſte Welt von Paris empfangen?“ „Ah! ich würde mir für den Ball einen hübſchen Kopfputz machen!, verſetzte treuherzig Gilberte. „Oh! ja, er wäre hübſch und zierlich und neu!“ „Wie drollig biſt Du! Würdeſt Du, wenn Du Marquiſe wäreſt, Dir Deinen Kopfputz ſelbſt machen?“ „Ah! das iſt wahr,“ erwiederte Gilberte; und ſich ſelbſt unterbrechend, drückte ſie lebhaft den Arm ihres Mannes und rief, indem ſie diesmal nicht mehr hüpfte, ſondern völlig wirbelte: „Siehſt Du es? dort iſt es, das herrliche Café de Paris!“ Plandernd, waren die zwei jungen Leute an die Ecke des Boulevard und der Rue de la Paix gekom⸗ men; von hier erblickte man das beſeligende Gaſthaus. 2 „Ah!“ ſagte Gilbert, „recapituliren wir ein wenig, damit uns keine Schmach widerfährt; wir haben acht Franken.“ „Du haſt ſie?“ „Höre,“ ſprach Gilbert, während er ſtolz an ſeine Weſtentaſche ſchlng, die einen ſilbernen Klang von ſich gab; „wir haben acht Franken: machen wir unſere Rechnung.“ „Vor Allem die wundervolle Flaſche Champagner.“ Fünf Franken.. . Ich kenne die Preiſe dieſer Dinge, denn ich habe mich bei einem Praktiker er⸗ kundigt, der im Cafs de Paris von dem Liebhaber⸗ Bildhauer, welcher ihn benützt, bewirthet worden iſt; dieſer ſchöne Herr gibt ſich das Anſehen eines Künſt⸗ lers, und der Praktiker macht die Statuen. Wir ſagen nette!“ 7 alſo; der Champagner fünf Franken; zwei kleine Brode zehn Sous. . . „Fünf Franken zehn Sous.“ „Gedämpftes Ochſenfleiſch zwanzig Sous.“ „Sechs Franken zehn Sous.“ . „Eine Meringue mit Rahm für Minette, fünfzehn Sous.“ „Sieben Franken fünf Sous,“ ſagte lüſtern ge⸗ macht Minette, indem fie mit dem Ende ihrer roſigen Zunge über ihre friſchrothen Lippen ſtrich. „Endlich fünf Sons für den Kellner; Du begreifſt, wenn mau Champagner trinkt .6 „Muß man die Dinge großartig machen.“ „Vir ſagen alſo: ſieben Franken zehn Sous. Es bleiben fünfzig Centimes; mit dieſen gehen wir, wenn das Deine Anſicht iſt. . . .⸗ „Es iſt zum Voraus meine Anſicht.“ „Wir gehen bis zum Boulevard du Temple ſpazie⸗ ren, trinken im Cafs Turc eine gute Flaſche Bier und hören ſingen.“ „Wonach wir, da der Mond herrlich ſcheint, ganz die Boulevards entlang, bis zur Rue de Richelien zurück⸗ kehren, um wieder in unſern Fauhourg Saint⸗Germain zu gelangen, wenn dies die Anſicht von Bibi iſt?“ Das iſt die Anſicht von Bibi, — und wir haben zum Schluſſe den Anblick der großen Reihe von Wagen, welche zum Balle der Marquiſe, unſerer Nachbarin, fah⸗ ren werden.“ „Du willſt die ſchönen Damen anſchauen, Unge⸗ hener, ungeheuerſtes Ungehener!“ „Ich glaube wohl . um mir ſagen zu können: Nun! trotz ihrer Diamanten und trotz ihres Staates iſt nicht eine von dieſen ſchönen Damen ſo hübſch als Mi⸗ „Seht den Schelm!“ 8 „Haben wir ſodann dieſes prächtige und nicht theuere Schauſpiel genoſſen, ſo klingeln wir an unſerer Thüre.“ „Sehr ſachte, damit Frau Badureau, die Concierge, welche viel Unglück ausgeſtanden hat, uns nicht be⸗ ſchuldigt, wir mißbrauchen ihre grauſame Lage, ein Vorwurf, den ſie immer den Leuten zuſchleudert, klingelt man zu ſtark oder ſagt man nicht: die Schnur, wenn's beliebt.“ „Oder auch, wenn man ſich beklagt, daß ſie ſich die ſchönſten Scheiter von unſerem Holze zueignet, immer im Namen des Unglücks, das ſie ausgeſtanden hat! Wir werden alſo ſehr beſcheiden in unſer Neſt hinaufſteigen, und dann „ „Und dann, Herr Bibi . . wir ſind vor dem Cafs de Paris. Schau' geſchwinde, ohne daß man es be⸗ merkt, ob meine Echarpe nicht ſchief ſitzt, und ob mein Kleid auf dem Rücken keine Falten macht.“ 7 „Die Echarpe von Minette iſt gerade und ihr Kleid macht keine Falten auf dem Rücken . ich ſchwöre es Hei den weißen Haaren, die einſt meine ehrwürdige Stirne bekränzen werden . Oh! das war ſchön geſagt!“ „Höre, Gilbert, ſprich keine Albernheiten im Gaſt⸗ hauſe; es iſt nur vornehme Welt da; wiſche doch Deine Stiefel vorne ab; ſie ſind ſo beſtaubt, daß man den Lack nicht mehr ſieht.“ „Wie ſoll ich das machen?“ „Mein Gott! reibe Deine Füße einen nach dem andern hinter Deinen Beinen unten an Deiner Hoſe ab.“ „Das iſt eine Idee . . doch um ſie auszuführen, müßte ich eine Balancirſtange haben.“ So ſprechend, lenkte Gilbert geſchickt ſeinen linken Fuß hinter ſein rechtes Bein, um das Ende ſeines Stie⸗ fels am inneren Theile ſeiner Hoſe abzuwiſchen, — eine gymnaſtiſche Uebung, die er nicht vollführen konnte, ohne das Uebergewicht zu bekommen und einen von den Stüh⸗ len des Boulevard umzuwerfen. „Mache doch keine Tollheiten, man wird uns bemer⸗ 9 ken,“ ſagte die junge Frau, ungeduldig den Mund ver⸗ ziehend. „Gut, nun iſt es genug .. endige doch, man ſieht jetzt den Firniß an Deinen Stiefeln .. gib mir den Arm und laß uns die Freitreppe hinauf gehen.“ Geſagt, gethan Das artige Paar ſtieg die Stufen hinauf, welche zum Boulevard hinab gehen. „Sage doch, Bibi,“ flüſterte die junge Frau verle⸗ zu, „wenn nur nicht zu viel Leute da iih „Bah!“ erwiederte Gilbert mit einer dreiſten Miene, „unſer Eintritt wird um ſo mehr Effect machen;“ und nachdem er dieſe anmaßlichen Worte geſprochen, drehte er, jedoch in verkehrter Richtung, den Knopf der Glas⸗ Thüre, welche in den erſten Salon Eingang gewährte. die Thüre öffnete ſich natürlich nicht. Gilbert entwi⸗ ckelte eine heldenmüthige Hartnäckigkeit, rüttelte an der Thüre und erſchütterte die Glasſcheiben, während Gil⸗ berte erröthend zu ihm ſagte: „Nimm Dich in Acht, Du wirſt Alles zerbrechen; wenn Du ſo fortfährſt, glaube ich wohl, daß unſer Ein⸗ tritt Effect machen wird.“ Zum Glück eilte ein Kellner der Unerfahrenheit von Gilbert zu Hülfe, und dieſer Kellner öffnete, geſchah es nun aus Zufall oder aus Bosheit, beide Flügel der Glasthüre. Der Kampf von Gilbert mit dem Knopfe des Schloſſes hatte ſchon die Aufmerkſamkeit der Gäſte erregt, und ſie verdoppelte ſich, als ſich die beiden Flü⸗ gel geräuſchvoll vor den zwei jungen Leuten aus einan⸗ der thaten; ſobald dieſe, bis über die Ohren roth, den Fuß in den erſten Salon ſetzten, ſahen ſie auch, daß ſich alle Köpfe der zu Mittag Speiſenden gegen ſie erhoben. und Aller Augen auf ſie gerichtet waren. Das war für Gilbert und Gilberte ein Augenblick voller Bangigkeit, ja Bangigkeit. Ich habe ſehr ent⸗ ſchloſſene, ſehr geiſtreiche, mit den Gewohnheiten einer vortrefflichen Geſellſchaft, in der ſie vollkommen gut ge⸗ 10 ſtellt waren, ſehr vertraute Männer ſagen hören, ſie ha⸗ ben immer eine Art von Bangigkeit empfunden, wenn ſie in einen der drei bis vier Eliteſalons eingetreten, welche zur Zeit meiner Jugend jeden Abend die feine Blüthe der beſten und größten Geſellſchaft vereinigten. Man wird begreifen, wie gewaltig vergleichungsweiſe die Ban⸗ gigkeit von Gilbert und Gilberte beim Anblick aller die⸗ ſer neugierig gegen ſie erhobenen Geſichter ſein mußte. Sie wären, wie man zu ſagen pflegt, gern hundert Fuß unter der Erde geweſen. Die junge Frau preßte krampf⸗ haft den Arm ihres Mannes; dieſer fing an große Tropfen zu ſchwitzen, ſchlug maſchinenmäßig mit ſeinem Stöckchen an ſein rechtes Bein, um ſich eine Haltung zu geben, und ſchaute vor ſich hin, ohne etwas zu ſehen. Mit welchen Segnungen würde er auch, wenn er es gewagt hätte, einen menſchenfreundlichen Kellner über⸗ ſchüttet haben, der auf einen ein paar Schritte von ihm entfernten Tiſch dentete und zu ihm ſagte: „Dort iſt ein unbeſetzter Tiſch; wenn ihn der Herr und Madame nehmen wollen, ſo wird man ſie bedienen.“ Um eine drückende Verlegenheit erleichtert, ſetzten ſich Gilbert und Gilberte mit einer unausſprechlichen Glückſeligkeit einander gegenüber, während der Kellner Brode und Gedecke holte, ſammelten ihre Lebensgeiſter wieder und wechſelten einen Blick und ein Lächeln, wo⸗ durch ſie einander zu ſagen ſchienen: „Endlich ſind wir da! Das iſt nicht ohne Mühe ab⸗ gegangen.“ Und nun erſt ließen ſie verſtohlen einen Blick um⸗ herlaufen. Ihre Unruhe hatte die Zahl der Gäſte in ihren Augen ſeltſam vergrößert. Es war höchſtens halb ſechs Uhr, und unſere jungen Leute wußten nicht, daß dieſe Salons früheſtens eine Stunde ſpäter ganz von dem gefüllt ſind, was man die elegante Welt zu nennen übereingekommen iſt. Um ſo mehr beruhigt, je weniger ihre Verlegenheit Zengen gehabt 11 hatte, erlangten ſie auch bald wieder ihr Selbſtvertrauen, und Gilbert ſagte halblaut: „Minette, wenn Du Deine Echarpe und Deinen Hut ablegen würdeſt es iſt hier neben uns eine junge Dame, die das gethan hat.“ „Du würdeſt auch nicht übel daran thun, wenn Du Deinen Hut abnähmteſt und Deinen Stock und Deine Handſchuhe niederlegteſt,“ erwiederte lächelnd Gilberte. Dann ſtand ſie muthig auf, befreite ihre ſchöne Taille von der Echarpe, die ſie halb verbarg, nahm ihren Hut ab und übergab dieſe Gegenſtände Gilbert. Verlegen, wie er ſie auf eine ſchickliche Art aufbewahren ſollte, ſuchte dieſer mit den Angen einen geeigneten Ort, ein Hänge⸗ brett oder dergleichen, als ein junger Mann, welcher an einem nahen Tiſche mit der ſchon von Gilbert bemerk⸗ ten jungen Frau ſaß, freundlich zu ihm ſagte: „Geben Sie, geben Sie, mein Herrz es iſt über uns ein zweites Hängebrett, an welchem noch nichts hängt.“ „Ich danke, mein Herr, Sie ſind zu gütig, und es thut mir leid, daß ich Ihnen Mühe mache,“ erwiederte Gilbert, während er die Echarpe und den Hut ſeinem Nachbar gab, deſſen zuvorkommende Höflichkeit ihm in dieſem Augenblick ein doppeltes Vergnügen bereitete. Gilberte, die ſein Gefühl theilte, richtete eine artige Geberde des Dankes an den freundlichen jungen Mann; dann ſetzte ſich Jeder wieder zu Tiſche. Dieſe zwei Perſonen waren ungefähr vom Alter von Gilbert und Gilberte und ſchienen ſehr heiter, ſehr in ihrem Behagen zu ſein; eine kleine ſilberne Schüſſel, welche, bis auf den Glanz des Metalles rein geleert, vor ihnen ſtand, zengte, wenn nicht von dem, was ein Raffinirter ihre Lebensart nennen würde, doch wenigſtens von ihrem vortrefflichen Appetit, und Gilbert hörte den jun⸗ gen Mann zu ſeiner Gefährtin ſagen: 12 „Bei meiner Treue, ich verlange noch einmal Brod! Das iſt das vierte Mal, doch gleichviel.“ Und er griff mit der Hand nach dem Halſe einer bei ihm ſtehenden und ungefähr bis zur Hälfte geleerten Flaſche, doch die junge Frau kam der Bewegung chres Tiſchgenoſſen zuvor, bemächtigte ſich der Flaſche und goß, nachdem ſie dieſelbe bis zur Höhe ihrer Augen erhoben hatte, um nach der Durchſichtigkeit zu beurtheilen, was ſie noch enthielt, langſam und mit Vorſicht ungefähr zwei Fingerhut voll Wein in das Glas des jungen Man⸗ nes; dann warf ſie ihm einen bezeichnenden Blick zu und ſtellte die Flaſche wieder auf den Tiſch. Schon zu Gunſten ihrer Nachbarn geſtimmt, verlo⸗ ren Gilbert und Gilberte nicht eine von den Einzelnhei⸗ ten der kleinen Scene. Dieſes junge Paar, das muthig dreimal Brod ver⸗ langte, den Grund der Schüſſeln herrlich glänzend ließ und es nicht wagte, die für den beſcheidenen Conſumen⸗ ten, der ſich darauf beſchränken muß, eine halbe Flaſche Wein zu trinken, geheiligte Grenze zu überſchreiten, ge⸗ hörte ebenſo wenig zu der Claſſe der prunkvollen Stamm⸗ gäſte vieſer Salons, als ſie ſelbſt dachten Gilbert und Gil⸗ berte, und ſie fühlten ſich wieder geſtärkt durch die Aehnlich⸗ keit ihrer Lage mit der ihrer Nachbarn, welche für ſie Landsleute in der Fremde geworden; und dann ſchienen dieſe jungen Leute ſo glücklich, ihre Phyſiognomie war ſo ſanft, ſo zuvorkommend, daß Gilberte leiſe zu ihrem Manne ſagte. „Ich bin überzeugt, daß dieſe kleine Dame und dieſer junge Mann wie wir zum erſten Male in das berühmte Cafés de Paris kommen.“ „Minette hat Recht,“ erwiederte Gilbert, der ſich nun ganz behaglich fühlte; „doch ich bezweifle, daß der Eintritt unſerer Nachbarn ſo viel Effect gemacht hat, als der unſere . . Ah! der Kellner vergißt uns ganz.“ „Rufe ihn, aber nicht ſo ſtark.“ 13 Gilbert nickte ſeiner Frau beruhigend zu und rief: „Kellner!“ mit einem dünnen, ganz ſonderbaren erſtick⸗ ten Stimmchen. Dieſer Ton machte, daß ungeſtüm ein dicker Mann aufſchaute, der in einiger Entfernung von unſerem Paare bei Tiſche ſaß und, mit der Naſe auf dem Teller, gierig aß; ſeine freche brutale Phyſiognomie, ſeine weißen, bürſtenartig geſchnittenen Haare, ſein dicker grauer Schnurrbart, ſeine hervorſtehenden, wie die eines für den Kampf beſtimmten Moloſſes halb mit Blut un⸗ terlaufenen Augen, ſein dreiſter, herausfordernder Blick gaben ihm ein furchtbares Ausſehen, und er fing an laut zu lachen, als ſein Nachbar dem Kellner mit einer Falſet⸗ ſtimme rief. . Der arme Gilbert, der ſich über die unglückliche Intonation, welche das ſpöttiſche Gelächter des Prah⸗ lers, ſeines Tiſchnachbars, hervorgerufen, ärgerte, wie⸗ derholte ſogleich mit einer verſtärkten Baßſtimme: „Kellner! Kellner!“ „Mein Gott!“ ſagte Gilberte, „wie ſonderbar rufſt Du dem Kellner?“ „Es iſt bei meiner Treue wahr, und ich frage mich, woher des Teufels ich die zwei Stimmen, welche ich ſo eben hören ließ, habe nehmen können.“ Der Kellner folgte dem Rufe unſerer jungen Leute, wurde aber auf ſeinem Wege von dem dicken Eſſer mit dem grauen Schnurrbarte aufgehalten, der, obgleich er den Mund noch voll hatte, ſehr laut und mit der Ent⸗ ſchiedenheit eines Stammgaſtes zu ihm ſagte: „Pierre, laſſen Sie für mich ein Dutzend ſchöne Fiüſt in Schnittchen um ein Filet von Poularde egen.“ „Ja, mein General,“ antwortete der Kellner, wäh⸗ rend er eine Bewegung machte, um ſich zu entfernen. „Warten Sie doch, Pierre,“ rief der General, mit einem ſtolzen Blicke umherſchauend, denn er wollte ohne Zweifel den andern Gäſten eine hohe Meinung von ſei⸗ 14 nem Geſchmacke geben und ſie durch ſeinen culinariſchen Aufwand niederſchmettern. „Sie werden mir ſodann noch meine Champignons à la provengale und Brockelerbſen in Zucker bringen.“ „Mein General, was wir haben, ſind die erſten Brockelerbſen von dieſem Jahre.“ „Ich weiß es wohl, alle Wetter! Würde ich ſonſt Ihre Brockelerbſen eſſen!“ Es gibt in Allem eine Art von Schamhaftigkeit oder, wenn man will, von Zurückhaltung, von der viele Lente, und häufig die am höchſten Geſtellten, nie die geringſte Einſicht haben. Der Herr, welcher ſo laut ſprach, da⸗ mit ſeine Nachbarn erführen, er eſſe ſehr theure Gerichte, ſchien in ihrem Geſchmacke beſcheidenere Eſſer zu bemit⸗ leiden. . Dieſen vollkommenen Tact, der von der Seele kommt, und den die Erziehung, der Geiſt oder das Vermögen nicht zu geben im Stande ſind, dieſen Tact, der dem Manne mit dem Schnurrbart völlig fehlte, beſaßen Gil⸗ bert und Gilberte in einem hohen Grade. Sie waren, weniger in einer Rückkehr zu ihrer demüthigen Lage, als durch ein natürliches Zartgefühl verletzt von der gaſtro⸗ nomiſchen Frechheit des Stammgaſteg. Als der Kellner endlich zum Tiſche unſerer jungen Leute kam, ſich mit ſeiner Serviette unter dem Arme vor ihnen aufpflanzte und ſie fragte: „Was ſoll ich dem Herrn und Madame bringen?“ da fühlte ſich Gilbert abermals unbehaglich für ſich und ſeine Frau, denn er dachte an die Verglei⸗ chung, welche der Kellner zwiſchen ihrem Aufwande und dem des verſchwenderiſchen Eſſers in ihrer Nähe machen würde; doch plötzlich veränderte er ſein Geſicht, richtete den Kopf auf, fuhr mit der Hand durch ſeine Haare und artikulirte mit lauter Stimme die Worte: „Vor Allem, Kellner, geben Sie uns eine Flaſche Champagner!“ und er warf auf den General, welcher wieder zu 15 ſpeiſen und zu kauen angefangen hatte, einen Blick, der zu ſagen ſchien: „Ah! Du verlangſt Trüffeln! Nun denn! ich, ich verlange Champagner. Da haſt Du es!“ „Und ſodann?“ fragte der Kellner, „was ſoll ich em Herrn und Madame ſodann ſerviren?“ „Sodann?“ verſetzte Gilbert, die Speiſekarte durch⸗ blätternd; „wir werden Ihnen ſogleich ſagen, was wir zu uns nehmen wollen, und einer Bewegung der Neu⸗ gierde nachgebend, fragte er den Kellner: „Wer iſt denn der dicke Herr mit dem grauen Schnurrbart, der die Trüffeln und die Brockelerbſen ſo ſehr liebt?“ „Mein Herr, es iſt der berühmte General Baron Pouſſard,“ erwiederte halblaut der Kellner mit einem gewiſſen Stolze darauf, daß er einen ſolchen Mann un⸗ ter den Stammgäſten des Hauſes anführen konnte. „Der Herr muß ihn dem Rufe nach kennen.“ „Wahrlich, nein,“ erwiederte Gilbert. „Was hat er denn ſo Schönes gethan?“ „Es iſt mir nicht bekannt... doch er hat im Duell, man weiß nicht wie viel Perſonen getödtet; er iſt von erſter Stärke, ſowohl auf die Piſtole als auf den De⸗ gen; ich rathe dem Herrn nicht, auf ſeine Seite zu ſchauen, der Herr General liebt das nicht.“ „Ei! ſieh doch!“ ſagte Gilberte beherzt, „ein Hund ſchaut wohl den Biſchof an.“ „Ich danke, Kellner,“ erwiederte Gilbert, während er den Kopf ſchüttelte und einen ſchiefen Seitenblick nach dem erſchrecklichen Raufer wagte. Der Kellner entfernte ſich und ſagte zu einem Auf⸗ wärter: „Holen Sie eine Flaſche Champagner.“ „Und zwar in Eis!“ rief heldenmüthig Gilbert, indem er ohne Furcht von der Seite den erſchrecklichen General Baron Pouſſard anſchaute, der, geſtehen wir es, in dieſem Augenblick den jungen Mann nicht ſehen konnte „In Eis, den Champagner!“ 6 „Ja, in Eis,“ fügte entſchloſſen Gilberte, die den 16 Gedanken ihres Mannes begriff, bei. Und ſie wandte ſich gegen das andere junge Paar, ihre Landsleute an dieſem fremden Orte, ihres Gleichen hinſichtlich des beſcheidenen Mahles, als hätten ſie dieſelben durch dieſe gegen den General gerichtete Erwiederung rächen wollen, wobei ſie leider vergaß, daß eine Erwiederung ebenſo gut ein Schlag als ein Angriff iſt, und daß ſie, ehe ſie zu ihrem Ziele gelang te, diejenigen traf, welche ſie rächen ſollte, denn Gilberte hörte den jungen Mann mit einer Miene demüthiger Reſignation ſagen: „Sie verlangen Champagner!“ Und mit einem Seufzer des Bedauerns fügte er bei: „Ah! meine arme Juliette.“ Er war dann im Begriff, ſich, ohne Zweifel in Form eines Troſtes, maſchinenmäßig ein paar Tropfen Wein einzuſchenken, als ſeine Gefährtin, welche ängſtlich über der nun gerade bis zur Hälfte leeren Flaſche wachte, lebhaft zu ihm ſagte: „Auguſt! Auguſt! was fällt Dir denn ein?“ „Du haſt Recht,“ verſetzte Auguſt, während er raſch den Hals der Flaſche losließ, und ſeufzend wiederholte er: „Ah! meine arme Juliette . . . Champagner!“ Indeß ſich Gilbert mit dem Auge auf der Karte von der Höhe der Preiſe überzeugte, mit denen ihn ſein Freund, der Praktiker, bekannt gemacht, hatte Gilberte nicht ein Wort, nicht ein Zeichen, nicht eine Geberde ihrer Nachbarn verloren. Vortrefflich bedient durch ihre Herzensgüte, durch die Zartheit ihres Inſtinctes, und auch, ſagen wir es, durch jene Art von anſchau⸗ ender Erkenntniß, welche die Gewohnheit, in einer Mitte der ähnlich zu leben, in der die Leute leben, die man beobachtet, dem Menſchen verleiht, ſagte ſich Gil⸗ berte ebenſo richtig als ſcharfſinnig: „Dieſer General, indem er ganz laut und abſicht⸗ hlich ſeine Trüffeln und ſeine Brockelerbſen verlangte, hat uns, mich und Gllbert, verletzt, wie wir, jedoch ohne ———— 5 ———— * 17 es zu wollen, unſere Nachbarn dadurch verletzt haben, daß wir Champagner verlangten. Das iſt bei ihnen keine widrige Empfindung, die vom Reide oder der Lü⸗ ſternheit herrührt; nein, nein, ich habe es an dem Blicke dieſes jungen Mannes errathen, als er ſagte: meine arme Juliette, Champagner!““ Nein, er bedauerte es, ſeiner Gefährtin nicht dieſen Wein bieten zu können, der zu theuer für ihre Börſe, da ſie nur die Hälfte von der Flaſche tranken, welche die kleine Dame mit den Augen nicht verließ. Iſt ſie nun die Geliebte dieſes ich nicht das Anſehen haben, als wären wir verheirathet) wenn er ein anderes Liebes paar, das wie ſie von der kleinen Weltiſt, ſich Champagner bezahlen ſieht! Die Frauen ſind ſo ſonderbar; dieſe kleine Dame iſt im Stande, wenn ſie von hier weggeht, dem armen Jungen eine gräßliche Scene zu machen und zu ihm zu ſagen: „Ich kenne unter dieſen kleinen Leuten wie wir Männer, wel⸗ che wenigſtens ſo viel Mittel haben, daß ſie ihrer Ge⸗ liebten Champagner anbieten können.““ Solche Scenen ſind einfältig, doch es braucht nicht mehr, um einem damit einen ſchönen Sonntag zu verderben. Oh! mein Gott! Und wenn dabei, um vie Sache noch ſchlimmer zu ma⸗ chen, dieſer junge Menſch ſchwachen Charakters iſt, kann er ſich nicht zu einer ſchlechten Handlung verleiten laſſen und die Ehrlichkeit vergeſſen, angetrieben durch die ver⸗ fluchte Eitelkeit, zu ſeiner Geliebten ſagen zu können: „„Nun! ſieh, hier iſt auch Champagner % Und na dem ſie einen Angenblick nachgedacht, machte ( ilberte eine kleine Bewegung mit dem Kopfe und ſagte ganz laut zu ſich ſelbſt: „So iſt es.“ „Ja, es iſt ſo,“ ſprach Gilbert, indem er die Karte wieder auf den Tiſch legte. „Ich habe die Rechnung Gilbert und Gilberte. 1. 2 18 gemacht, es ſind ſieben Franken fünf Sous und fünf Sous für den Kellner.“ Dann, als er den Kellner mit der Flaſche Champagner kommen ſah, deren mit Pech überzogener Hals das in dem Kühlungsgefäſſe aufge⸗ häufte Eis überragte, ſagte Gilbert heiter zu ſeinn Gefährtin: „Wir werden ihn endlich trinken, den Wunder⸗ vollen . Doch er wurde unterbrochen von Gilberte, welch entſchloſſen dem Kellner zurief: „Mein Herr, wir haben uns geirrt, wir werden keinen Champagner trinken.“ „Aber, Madame, er iſt entpfropft!“ „Wohl, ſo pfropfen Sie ihn wieder zu!“ „Aber, Madame, er iſt in Eis abgekühlt!“ „Das ſchadet nichts!“ „Aber, Madame . „Aber, mein Herr, wir glaubten mehr Geld zu ha⸗ ben, als wir habenz es kann Jedem begegnen, daß e ſich täuſcht, nicht wahr? Armuth iſt kein Verbrechen! Bringen Sie uns eine halbe Flaſche vom wohlfeilſten Wein, den Sie haben, eine Meringue mit Vanille, gedämpf⸗ tes Ochſenfleiſch für eine Perſon und keine Suppe. „Ha! ha! ha!“ machte der General, der der Hei terkeit, welche in ihm das ſeltſame Mittagsmahl un ſerer zwei jungen Leute erregte, freien Lauf ließ, dem Gilberte hatte abſichtlich laut geſprochen, um von ihren zwei Nachbarn gehört zu werden. Zum Glücke ſchenk Gilbert, erſtaunt über den Entſchluß ſeiner Frau, den wenig liebreichen Gelächter des Baron Pouſſard kein Aufmerkſamkeit und ſchaute maſchinenmäßig dem Kellnn zu, welcher ungeſtüm die ſchon auf dem Tiſche ſtehend Flaſche wieder wegnahm. „Ah! Minette,“ ſagte Gilbert, als ihm ſein Er ſtaunen zu ſprechen erlaubte, „was fällt Dir denn eiß ich habe die acht Franken „ hier ſind ſie,“ — 19 er zeigte das Geld — warum ſchickſt Du dieſen Wein wieder weg?“ „Mein Lieber weil . . .„ „Weil was?“ „Aber mein Gott, weil!!! . . . „Ah! ſehr gut, das iſt etwas Anderes,“ ſprach der junge Mann, indem er ſich vor der geheimnißvollen All⸗ macht des Weil verbengte. „ Sehr gut! nur begreife ich nichts von Allem dem.“ Das offenherzige Geſtändniß von Gilberte, welche ganz entſchloſſen zum Kellner ſagte: „Armuth iſt kein Verbrechen,“ war mit inniger Theilnahme von ihren zwei Nachbarn gehört worden, und dennoch (ſo geht es mit der menſchlichen Natur), fühlten ſie ſich ziemlich be⸗ haglich bei dem, was. vorgefallen, ohne jedoch jene bos⸗ hafte Frende zu empfinden, welche das Mißgeſchick Anderer gewiſſen Geiſtern einflößt, denn der junge Mann, nach⸗ dem er den Betrag ſeiner Rechnung bezahlt und vier Franken von zehn herausbekommen hatte, näherte ſich Gilbert und ſprach herzlich zu ihm: „Mein Herr, unter wackeren Leuten iſt es ein Ver⸗ gnügen, ſich gefällig zu ſeinz ich habe Ihre Dame ſagen hören, es fehle Ihnen an Geld . .. Wollen Sie ohne Umſtände theilen? Sie werden mir das zurückgeben, wann Sie wollen. Ich heiße Augnſt Meunier, und bin Com⸗ mis in der Barbe d'or in der Rue du Faubourg Saint Martin, beim Boulevard.“ „Sie ſind zu gut, und ich würde es mit Vergnügen aunehmen,“ erwiederte Gilbert, „doch wir haben hin⸗ reichend Geld, um unſere Rechnung zu bezahlen. Ich bin Ihnen daruin nicht minder dankbar, mein Herr. Ich heiße Gilbert, bin Zeichner⸗Lithograph, wohne in der Rue de Lille No. 22 und werde Ihre Gefälligkeit nie vergeſſen.“ Nach dieſem Austauſche freundlicher Worte ſahen Gilbert und Gilberte ihre Rachbarn in dem Augenblick 20 ſich entfernen, wo der Kellner eine Platte auf den Tiſch ſetzte und mit einem ſpöttiſchen Lächeln zu ihnen ſagte: „Der Herr und Madame ſind bedient; hier iſt das ge⸗ dämpfte Ochſenfleiſch.“ Trotz des ſarkaſtiſchen Lächelns des Kellners, nahm das junge Paar muthig das gedämpfte Ochſenfleiſch und eine halbe Flaſche gewöhnlichen Wein in Angriff, aber aus Galanterie wollte Gilbert durchaus nicht die Hälfte von der Meringue mit Vanille ſpeiſen, und gezwungen, allein dieſe Leckerei zu verzehren, ergab ſich Minette und aß mit dem ſüßen Wohlbehagen einer Katze, welche Sahne leckt. Es ſchlug halb ſieben Uhr. Die eleganten Gäſte erſchienen allmälig und nahmen da und dort unfern von unſern zwei jungen Leuten Platz. „Das iſt ſeltſam,“ ſagte Gilbert, der vom Kellner ſeine Rechnung verlangt hatte, „ſtatt die wundervolle Flaſche Champagner zu trinken, haben wir jedes nur eine Viertelsflaſche gewöhnlichen Wein getrunken, und ich fühle mich durchaus nicht verlegen für uns, von hier weg durch alle dieſe vornehmen Leute zu gehen; dies aber war, ich geſtehe es Dir, die Hauptſchwierigkeit.“ „Mein Lieber, das iſt ſo, weil wir ganz einfach nach unſerer Börſe zu Mittag geſpeiſt haben, ſtatt uns ein vornehmes Anſehen geben zu wollen . . . Und nuu, mein Herr, reichen Sie Minette ihre Echarpe und ihren Hut und laſſen Sie uns unſern hübſchen Spaziergang über die Boulevards bis zum Jardin Ture machen.“ Gilberte ſetzte ihren Hut auf, richtete ihre Echarpe zurecht, und unſere Leute gingen mit ziemlich entſchloſſe⸗ nem Schritte durch die Salons des Café de Paris und zogen, ohne zu zittern, unter den Augen des erſchreckliche General Pouſſard in dem Moment vorüber, wo dieſet⸗ nachläſſig in ſeinen Zähnen ſtochernd, einem ander Stammgaſte, der ihn über die Verwendung ſeine Abends fragte, mit lauter Stimme antwortete 21 „Mein Lieber, ich gehe zu einer herrlichen Féte, welche die Fran Marquiſe von Montlaur gibt.“ Und während er die Worte: Marquiſe von Montlaur ausſprach, blies der Raufer ſeine leuchtenden Backen auf. „Ah!“ ſagte leiſe Gilbert, „der berüchtigte Duellant ſoll zur Föte unſerer Nachbarin gehen.“ „Und er darf ſich ſchmeicheln, daß er dem Abendbrod Ehre anthun wird,“ antwortete Gilberte ihrem Manne, der diesmal ohne ein Unglück die nach der Freitreppe führende Glasthüre öffnete, und bald wanderte das junge Paar heiter auf dem Boulevard. „Meine Geliebte,“ ſagte Gilbert, „wirſt Du mir nun mittheilen, warum Du Dich geweigert haſt, Cham⸗ pagner zu trinken? Du haſt mir geſagt, weil Das iſt ein Grund, ein vortrefflicher Grund, doch es gibt am Ende vielleicht noch einen andern?“ „Ja, und dieſen andern ſollſt Du erfahren, mein lieber Gilbert,“ erwiederte die junge Frau. Und ſie fchloß noch näher an ihren Buſen den Arm ihres Gatten und erzählte ihm mit einer reizenden Naivetät, wie ſie befürchtet, ſie würden ihre Nachbarn demüthigen, wenn ſie ſich Champagner bezahlten. Gilberte würzte ihre Erzählung mit ſo viel Gemüth, mit ſo viel Liebenswürdigkeit und Heiterkeit, daß ihr Mann, nachdem er ſie aufmerkſam, ohne ſie zu unter⸗ brechen, angehört hatte, einen Angenblickſtehen blieb, ſie mit einem Ausdrucke unausſprechlicher Zärtlichkeit anſchaute und mit dem innigſten Tone zu ihr ſagte: „Höre, Geliebte, das, was Du gethan haſt, ſieht aus wie nichts, und dennoch bin ich davon gerührt! oh! ſo gerührt! Schau' meine Augen an.“ Der würdige Junge hatte wirklich von ſüßen Thränen be⸗ feuchtete Augen. „Welch ein gutes Herz biſt Du doch!“ „Sieh mich nicht ſo an, Du würdeſt mich beinahe ſtolz auf das machen, was ich gethan, und es iſt doch ſo einfach!“ 22 „Gerade, weil Du ſo einfach nach Deinem Herzen gehandelt haſt, bin ich gerührt . Eine Andere als Du, welche auch die kleine Demüthigung unſerer Nach⸗ barn bemerkt hätte, würde zu ihnen geſagt haben „„Theilen Sie ohne Unſtände unſeren Schmaus.““ Dieſes Anerbieten hätte von einem guten Gefühle aus⸗ gehen können, und dennoch wäre man dabei Gefahr ge⸗ laufen, ſie abermals zu demüthigen. Du, im Gegentheil, Du haſt. . . Du haſt Und in ſeiner Gemüthsbe⸗ wegung unterbrach er ſich abermals und fügte bei: „Siehſt Du, Gilberte, es gibt reiche Leute, welche den Armen viel geben, nicht wahr? Nun wohl! ich, ich behaupte, daß Dein Benehmen bei dieſer Sache hundert⸗ mal rührender iſt, als wenn Du Almoſen geſpendet hätteſt. Ja, man brauchte nicht mehr, um Dich richtig zu beurtheilen und zu ſagen: Dies iſt das beſte Frauen⸗ herz der Welt!“ „Das iſt wahr,“ murmelte ein Stimmchen von einem zugleich ſo milden und ſo zart ſonoren Klange, daß die zwei jungen Leute bebten und ſich raſch um⸗ wandten, denn ſie glaubten, ein ſchlechter Spaßmacher, der ihnen gefolgt und ihr Geſpräch gehört, habe dieſe Worte an ihr Ohr geworfen. Gilbert und Gilberte blieben ganz erſtaunt ſtehen. Sie ſahen Niemand in ihrer Nähe, durchaus Nie⸗ mand, obgleich ſehr viele Spaziergänger auf dem Boule⸗ vard Saint⸗Denis waren, wo ſie ſich nun befanden. II. Gilbert und Gilberte waren in dem Augenblick, w. dieſes wunderbar ſanfte Stimmchen an ihr Ohr traf und ſie in Erſtaunen ſetzte, auf dem Abhange des Boule vard, unfern von der Porte Saint⸗Denis, ſtehen ge blieben. An der Ecke dieſer Straße, unter dem dunklel 6 23 Gewölbe eines alten Thorwegs, ſah man eine von jenen Auslagen, wie man ſie ziemlich häufig nach dem Verkaufe von Mobiliaren findet, Auslagen beſtehend aus allen Arten von beſchädigten Gegenſtänden- verroſtetem Eiſen, zerſprungenen Platten, angebrochenen Taſſen, befleckten Kupferſtichen, durch den Rauch gelb gewordenen Gyps⸗ büſten, denen die Raſe fehlt, beuligem Blechgeräthe u. ſ. w. Ein Auvergnat präſidirte bei dieſer Ausſtellung; er rechnete für ſeinen Verkauf auf den Zuſtrom der Spazier⸗ gänger, die ein ſchöner Frühlingsſonntag auf die Boule⸗ vards führen müßte. Unſere jungen Leute, welche in geringer Entfernung von dieſer Bude unbeweglich daſtanden, waren noch voll von Erſtaunen, daß ſie das ſo ſanfte Stimmchen gehört, welches, dem Anſcheine nach aus einem unſichtbaren Körper hervorkommend, an ihr Ohr die drei Worte: „Das iſt wahr,“ geſprochen, als Gilbert mit thränen⸗ feuchten Augen ſeine Gilberte für das beſte Frauenherz der Welt erklärt hatte. „Es iſt ganz ſeltſam,“ ſagte der würdige junge Mann umherſchauend. „Ich träume nicht; ich habe ganz genau ſagen hören: „Das iſt wahr.“ „Ich auch,“ verſetzte Gilberte mit einer Miſchung von Erſtaunen und Unruhe. „Begreifſt Du etwas hievon?“ „Durchaus nichts . Hätten wir die wundervolle Flaſche Champagner getrunken, ſo würde ich ſagen: das iſt eine bacchiſche Illuſion aber „Ha! ha! ha!“ rief die junge Frau mit einem treuherzigen Gelächter; „wie albern ſind wir! Ich er⸗ „Was? was erräthſt Du?“ „Schau' jenen großen Baum an.“ „Gut . Und dann?“ Neben jenem Baume biſt Du ſtehen geblieben, um mir Schmeicheleien zu ſagen.“ 24 „Und hernach?“ „In Deiner Aufregung, guter Gilbert, geſticulirteſt Du, machteſt Du lange Arme.“ „Das will ich gelten laſſen . . . Aber weiter . .. „Ein ſchlechter Spaßmacher wird uns bemerkt und ſich geſagt haben: „„Das ſind Verliebte, die ſich zanken, man muß ſie belauſchen.““ Als er Dich ſodann meinen Arm loslaſſen, ſtehen bleiben und mir ins Geſicht ſchauen ſah, wird er ſich im Glanben, Du macheſt mir eine Scene, hinter dem dicken Baume verborgen haben und. ein Flötenſtimmchen annehmend . . .5 „Du haſt Recht, hundertmal Recht, Minette. Nur dieſe Erklärung iſt möglich . . . Und dennoch . das Sturihe ſo ſanft ... Haſt Du je eine ſolche Stimme ehört?“ „Eine ſchöne Geſchichte! Der Spoßmacher hatte nun einmal eine ſanfte Stimme, und dann wird ſie die Entfernung, in der er von uns war, noch geſchwächt haben.“ „So iſt es, und dennoch .. „Und dennoch?“ „Nie hat ein Menſch eine ſolche Stimme gehabt.“ „Ei! das iſt ſo, weil der Spaßmacher eine Spaß⸗ macherin war; eine Frau wird uns dieſen Schabernac angethan haben. Sprich wenn ich mir zufällig die Mühe nehmen wollte, ſehr ſanft, ſehr artig mit dem Ende meiner Lippen zu ſagen: „Das iſt wahr,“ wäre mir das verboten? Höre,“ fügte Gilberte bei. Und ſie ſprach ſehr leiſe mit ihrer lieblichſten Stimmes „Das iſt wahr.“ „Es hat etwas für ſich,“ erwiederte der junge Mann, den Kopf ſchüttelnd; „doch das iſt es nicht.“ „Wie, das iſt es nicht, Ungehener von einem Bibis“ verſetzte Gilberte lachend; „Du behaupteſt, eine ander Frau könne eine ſanftere Stimme haben, als Dein Minette!“ 3 25 „Nein, nein, doch . „Nun, Du wirſt am Ende an Zauberei glauben? Wir haben eine Stimme gehört, folglich hat Jemand geſprochen; da wir aber Niemand geſehen, ſo war der Sprecher verborgen. Komm Du da heraus, wenn Du kannſt.“ „Das iſt augenſcheinlich,“ erwiederte Gilbert, denn keine andere Erklärung war möglich. „Ja, das iſt augenſcheinlich! Eine Frau wird uns dieſen Streich geſpielt haben; doch ſie kann ſich rühmen, ſie habe eine Stimme, eine Stimme Kurz, ich behaupte, was ich geſagt, nie habe ich eine ähnliche gehört .. . und .. „ „Gilbert, ſieh doch jene Auslage unter dem Thor⸗ wege,“ ſprach die junge Fran, welche vollkommen be⸗ friedigt durch die Erklärung, die ſie ihrem Manne und ſich ſelbſt über das Phänomen gegeben, über das Beide Anfangs ſo ſehr erſtaunt geweſen waren, den Vorfall ſchon gonz vergaß. „Man findet oft ſehr gute Gelegenheiten bei dieſen Kauflenten in freier Luft,“ fügte ſie bei, indem ſie Gilbert nach dem Thorwege fortzog. „Es bleiben uns unſere hundert Sous von der wunder⸗ vollen Flaſche Champagner; wenn wir ſie anwenden würden, um etwas für unſere Haushaltung zu kaufen?“ „Das iſt eine gute Idee,“ erwiederte Gilbert, der ſchon, nicht weniger als ſeine Frau, die geheimnißvolle Stimme vergaß. Und Beide traten unter das Gewölbe des Thorweges, wo der Auvergnat in Erwartung von Käufern ſtand. Während Gilberte mit dem Auge unter den ver⸗ ſchiedenen Gegenſtänden herumſtörte, ſagte Gilbert, der eine alte Gypsbüſte erblickte, welcher die Naſe und ein Theil vom Kinn fehlten, mit einer ernſt ſpöttiſchen Miene zu dem Auvergnat: »Mein lieber Mann, dieſe Büſte, wenn ſie ähnlich iſt, muß die eines Kriegers in der Art des furchtbaren General Ponſſard ſein. Dem Helden hier hat wohl 26 eine Kugel die Naſe und das Kinn weggenommen, in der Schlacht ... „Ach! mein Herr, ich weiß nicht,“ erwiederte der Auvergnat, „ich habe Alles mit einander gekauft; doch ich könnte Ihnen dieſe Büſte um dreißig Sous überlaſſen.“ „Einen Helden um dreißig Sous! Man hat ſehr Recht, wenn man ſagt, der Ruhm ſei eine Sache ohne Preis!“ „Gilbert,“ rief plötzlich die junge Frau, indem ſie ſich, denn ſie hatte ſich gebückt, aufrichtete und ihrem Manne einen Gegenſtand zeigte, den ſie entdeckt und aus der Tiefe einer alten zerſprungenen Taſſe genommen hatte, „ſieh doch, was für ein liebliches Weibchen!“ Die Figurine, welche Gilberte ihrem Manne zeigte, war wirklich ein wunderbar niedliches Meiſterwerk. Kaum zwei Zoll hoch, ſtellte ſie eine halbnackte, mit gefalteten Händen bei einem Brunnen knieende Frau vor, welcher Brunnen durch einige grünliche Hervorragungen, die ein wie ein Spiegel glänzendes Stück Metall unregelmäßig umgaben, dargeſtellt war. Dieſe reizende kleine Frau war blond und roſenfarbig; ihre langen Haare fielen ſo ſchimmernd, ſo zart auf ihre Schultern herab, daß das dünnſte Seidenfädchen gegen ſie wie ein Kabel er⸗ ſchienen wäre; eine Art von Tunica, welche ſie halb um⸗ hüllte, ſchien von jenen ungreifbaren Fäden gewoben zu ſein, die ſich, im Thau gebadet, am Morgen auf den Wieſen ausdehnen; was die Züge dieſer Figurine betrifft, ſo entgehen ſie der Analyſe. Es fehlen die Worte, um dieſe Miſchung von Liebreiz, von Zartheit und idealer Schönheit zu ſchildern, die in ſeinem Ausdrucke eines rührenden Gebetes dieſes Geſicht bot, das kaum ſo groß wie der Nagel eines Kindes. Trotz der unglaublichen Feinheit ihrer Verhältniſſe waren jedoch die kleinſten Einzelheiten der Züge nicht nur gegeben, ſondern, was ſ unglaublich, vollkommen ſichtbar. Die Augen beſonders ſchienen lebendig; ihr durchſichtiger blauer Stern, den 27 der Knopf einer Nadel bedeckt hätte, ſchien das Mitleid anzuflehen. Welcher Stoff hatte zur Verfertigung dieſer Figurine gedient? Das ließ ſich unmöglich errathen. Leichter als die Schale von einem Zaunkönigsei, war ſie beim An⸗ rühren hart und glatt wie der Achat, und dennoch beſaß ſie beim Anſchauen die Geſchmeidigkeit, das Atlaßartige der zarteſten Haut. Wenn man ſie ſo beweglich, ſo leicht ſah, hätte man glanben ſollen, beim geringſten Hauche müſſen dieſe Haare wogen; rührte man ſie an, ſo boten ſie dem Nagel die Härte des Diamants. Ebenſo war es mit der Tunica, welche durchſichtig genug in ihrer Milchweiße, um unbeſtimmt die Umriſſe des Kör⸗ perchens errathen zu laſſen, das ſie halb verſchleierte. Gilbert, der hinreichend Künſtler, um ein Mei⸗ ſterwerk in dieſer Figurine zu erkennen, deren rüh⸗ rende Zierlichkeit beſonders Gilberte anſprach, war von Bewunderung und Erſtaunen ergriffen; die Form verur⸗ ſachte ſeine Bewunderung, der Stoff ſein Erſtaunen. „Es iſt ſeltſam,“ ſagte er, während er dieſes Kleinod, das er in ſeiner hohlen Hand hielt, prüfend betrachtete, „man ſollte glauben, meine Angen haben die Eigenſchaft eines Fernrohrs, das, ohne ſie zu ver⸗ größern, alle Gegenſtände klarer und deutlicher macht.“ „Das iſt ganz einfach,“ fügte Gilberte mit dreiſter Miene bei, „dieſes gute Frauchen iſt ſo köſtlich gearbeitet, daß man Alles mit dem Ange unterſcheidet. Höre, ohne mich, wohlverſtanden, durch eine Vergleichung rühmen zu wollen, — die letzten Roſenknoſpen, die mich drei Tage Arbeit gekoſtet haben, waren in ihrer Art ſehr vollendet. Man unterſchied ihre Staubfäden, die Zacken und die Rippen der Blätter; und Du, haſt Du nicht dieſelbe Vollendung erreicht bei der lithographirten Copie eines alten Kupferſtiches, der eine Hausfrau in ihrer Küche mitten unter Gemüſen und Früchten vorſtellt, die ſie vom Markte zurückgebracht? man hätte die Beeren Deiner Weintrauben und die Blätter Deiner Kohle zählen können; doch unſere Meiſterwerke ſind nur Stümpereien gegen dieſes liebliche Figürchen! Welch ein Glück, daß wir unſere hundert Sous nicht im Café de Paris ausgegeben haben! Ueberſtiege dieſes Kleinod unſere Mittel nicht, ſo würden wir es kaufen! wie, Gil⸗ bert? Wenn wir es auf unſern Kamin ſtellten, welchen Effect müßte es zwiſchen unſern zwei Orangen mit den Goldflindern hervorbringen!“ „Bei meiner Treue, eine Tollheit! doch gleichviel, machen wir ſie; laß uns zuerſt nach dem Preiſe des Gegenſtands fragen.“ „Das übernehme ich, die Männer können nicht handeln,“ erwiederte Gilberte, indem ſie ſich dem Au⸗ vergnat näherte; und ſie nahm, zu ſpät, eine gleichgültige Miene an und fragte, auf die Figurine deutend, welche Gilbert immer noch neugierig betrachtete: „Mein lieber Mann was koſtet dieſer Bettel?“ „Ho! ho!“ verſetzte der Auvergnat, der duckmäuſeriſch die augenſcheinliche Bewunderung der beiden jungen Leute in Betreff des Gegenſtandes, den ſie zu kaufen gedachten, beobachtet hatte, Sie fragen nach dem, was ſich Theuerſtes in meiner Auslage findet.“ „Ah! ja wohl!“ verſetzte Gilbert mit einem ver⸗ ſtellten Erſtaunen. „Dieſes gute Weibchen von gar nichts!“ 2 „Ein gutes Weibchen von gar nichts alle Teufel!. wie raſch ſind Sie!“ entgegnete der Kauf⸗ mann. „Das koſtet mich ein Heidengeld. Ich habe einen engliſchen Mylord, der mir zehn Franken dafür bezahlen wollte, zurückgewieſen.“ „Zehn Franken,“ rief Gilberte, „ei! Sie ſind nicht bei Verſtande; wir würden Ihnen vier Franken geben, und das wäre noch ſchön bezahlt!“ „Vier Franken! ah! ah! ich habe den eng⸗ liſchen Mylord mit zehn Franken zurückgewieſen; nein, 29 nein, ich will zwölf Franken für dieſen Gegenſtand .. man kann meine kleine Dame nehmen oder liegen laſſen.“ „Vier Franken und zehn Sous alſo, und ſprechen wir kein Wort mehr,“ ſagte Gilbert, während er die Figurine ſeiner Frau zurückgab und in ſeiner Weſtentaſche ſtörte. „abgemacht!“ „Zwölf Franken,“ erwiederte der Auvergnat, indem er die Hand ausſtreckte, um die Figurine, welche Gilberte mit den Angen verſchlang, zurückzunehmen, zwölf Franken und keinen Son weniger.“ „Nun denn, fünf Franken, das iſt eine runde Summe,“ ſagte die junge Frau, deren Herz vor Hoffnung und Angſt klopfte, denn ſie konnte ſich nicht entſchließen, auf ihren Schatz zu verzichten und ihn dem Auvergnat zu überlaſſen; „Gilbert, gib geſchwinde dieſem braven Manne ſeine hundert Sous.“ „Zwölf Franken,“ wiederholte hartnäckig der Handels⸗ mann, nicht einen rothen Liard weniger.“ „Nun denn,“ ſagte Gilberte, „wie . 25 Doch Gilbert unterbrach ſie und warf ihr einen bezeichnenden Blick zu. „Das iſt zu theuer für uns; komm, Minette, laß uns gehen,“ ſagte er. „Wie Schade,“ verſetzte ſeufzend die junge Frau, indem ſie noch einen Blick des Bedauerns auf die Figurine warf, ehe ſie dieſelbe dem Handelsmann zurückgab. „Sieh doch ihr armes flehendes Geſichtchen, mein Freund, ſieh ihre gefalteten Hände! Sollte man nicht glauben, ſie ſchaue uns an und bitte uns inſtändig, ſie mitzunehmen!“ „Komm, gib das Ding dem Herrn zurück und laß uns gehen.“ „Adien, armes kleines Weſen,“ ſprach freundlich Gilberte zu der Figurine. „Ach! es iſt nicht unſere Schuld, wenn wir nicht mehr Geld haben, ſonſt hätten wir dich mitgenommen Adien.“ 30 . Die junge Frau ſtieß einen ſchweren Seufzer aus, gab die Figurine dem Händler zurück, nahm den Arm ihres Mannes und ſagte: „Ich wollte ihm hundert zehn Sous, Alles, was wir beſitzen, bieten; doch Du haſt mich daran verhindert.“ „Es wird immer noch Zeit ſein; laß uns ſachte » gehen, und Du ſollſt ſehen, daß uns der Burſche zurückruft.“ Es war nicht ſo. Der Auvergnat rührte ſich nicht nach einigen Augenblicken ſagte Gilbert zu ſeiner rau: „So laß uns unſere letzten Karten ausſpielen.“ Und zum Kaufmann zurückkehrend: „Wollen ſie hundert⸗ undzehn Sous?“ „Zwölf Franken,“ wiederholte der Auvergnat, „zwölf 3 Franken, nicht einen Liard weniger.“ „Es iſt vorbei, wir müſſen auf unſern Ankauf ver⸗ zichten,“ ſprach traurig die junge Frau, während ſie ſich abermals entfernte. „Wie Schade, daß wir nicht reich ſind!“ „Bah! das war eine Phantaſie Mir lag nur 3 daran, Minette, weil ich ſah, daß Dir daran lag.“ „Das wäre ſo hübſch auf unſerem Kamine geweſen! Doch, ſagte entſchloſſen Gilberte, „doch was nicht ſein kann, kann nicht ſein. .. Im Grunde iſt das kein Anlaß, um in Perzweiflung zu gerathen; unſer Sonntag 3 wird heiter endigen, wie er angefangen hat.“ „Mein Herr!“ rief aus der Ferne der Auvergnat, 5 „he! mein Herr! he! meine kleine Dame!“ „Der Kaufmann ruft uns zurück,“ ſagte vor Frende bebend die junge Frau; „die Figurine gehört uns! Vic⸗ 1 tyria!“ „Viectoria!“ wiederholte Gilbert, nicht minder fröh⸗ 21 lich als ſeine Gefährtin; „der Burſche gibt nach!“ „Hören Sie, mein Herr,“ ſprach in der That der Auvergnat zu Gilbert, als unſere beiden jungen Leute wieder zu ſeiner Auslage zurückgekehrt waren, „nehmen — —— 31 Sie das gute Frauchen für hundertzehn Sous; man muß wohl ſeinen armſeligen Lebensunterhalt verdienen.“ Gilberte ergriff während ihr Mann den Auvergnat bezahlte, gierig die Figurine; in ihrer naiven Freude konnte ſie ſich nicht enthalten, dieſes Kleinod an ihre Lippen zu drücken und zu ſagen: „Endlich gehörſt du uns, lieber kleiner Schatz!“ Und zu Gilbert ſprach ſie: „Siehſt Du, man ſollte glauben, ſie danke uns, daß wir ſie mitnehmen; . .. und vor Allem, . ich werde ſie tragen, nicht wahr?“ „Ja, doch wohin wirſt Du ſie thun, um ſie nicht zu verlieren?“ „In meinen Schnürleib; ſie iſt nicht größer als ein Daumen.“ Und ganz freudig über ihren Ankauf, gingen unſere zwei jungen Leute an dieſem ſchönen Frühlingsabend bis zum Café Turc, und da ſie nicht in den Garten eintreten konnten, weil ihre Börſe durch die Erwerbung der Figurine erſchöpft worden war, ſo horchten ſie luſt⸗ wandelnd auf die entfernte Muſik und kehrten dann bei einem herrlichen Mondſchein nach dem Faubvurg Saint⸗ Germain zurück. Als Gilbert und Gilberte über den Pont Royal in die Rue de Lille kamen, wo ſie wohnten, rückte die Menge der Wagen, die ſich nach dem Hotel Montlaur wandten, nur langſam vor. Der Abend war lau und von einer wunderbaren Heiterkeit; mehrere von den Frauen, die ſich zu der Féte der Marquiſe begaben, hatten das Fenſter ihrer nach der damaligen Mode ſehr niedrigen Wagen heruntergelaſſen; unſere zwei jungen Leute, wel⸗ che auf dem Rande des Trottoir ſtanden, konnten auch, ihren Blick leicht in das Innere der Carroſſen tauchend, ſo wie ſie es ſich verſprochen hatten, die ſchönen Toilet⸗ ten bewundern; ſie ſahen reizende und prachtvolle; ſie ſahen Roben von Atlaß, von Gaze und von Spitzen halb ver⸗ borgen durch den Hermelin oder den Marder, welche 32 Pelze den Sammetmänteln als Futter dienten. Sie ſa⸗ hen im Halbſchatten der innen mit Seide gefutterten und durch die Strahlen der Laternen erleuchteten Wagen Sterne und Diademe von Diamanten auf der Stirne von ſchönen jungen Frauen blitzen, Edelſteine auf ihrem halbentblößten Buſen funkeln und an ihrem Leibe blin⸗ ken. Sie rochen die ſüßen Düfte des Heliotrops, des Jasmins, des Veilchens, des weißen Flieders, welche ungeheuren Sträußen entſtrömten, die dieſe eleganten Damen in ihren kleinen Händen mit den weißen Hand⸗ ſchuhen hielten, — durchdringende Düfte, die ſich mit den Odeurs des Patchouli, des Vetyver und des Eiſenkrauts, womit die Stoffe geſchwängert waren, vermengten. Kurz, ſie ſahen während des Zeitraums von einer Viertelſtunde vor ihren geblendeten Augen alle Wunder der raffinirteſten Eleganz und des glänzendſten Luxus vorüberziehen. Un⸗ ter andern bemerkten ſie eine reizende Dame mit einem Kranze von zart roſenfarbigen Camelien auf ihrem Kopfe; in der Mitte von jeder dieſer Blumen glänzte ein Diamant, einem Tropfen Morgenthau ähnlich. Der wahrhaft mit Edelſteinen geſtickte Leib des roſa Crepe⸗ kleides dieſer jungen Frau verſchwand halb unter den Falten ihres azurblauen, mit Hermelin gefütterten, Sammet⸗ mantels. Sie hielt in der Hand einen coloſſalen Strauß von Parma Veilchen. Dieſe junge Frau, welche ſich mit dem Kopfe aus dem m Wappen verzierten Wagenſchlag neigte, ſagte zu dem Bedienten, der neben ihrem nur ſehr langſam fahrenden Wagen ging: „Aber, Joſeph, ſiockt es denn? Dieſe Reihe rückt unerträglich langſam vor! Sind wir denn noch weit vom Hotel Montlaur?“ „Ja, Frau Herzogin,“ erwiederte der Lackei, indem er ſeinen galonirten Hut abnahm: „es ſind wenigſtens noch fünfzig Wagen vor dem der Frau Herzogin.“ „So befehlen Sie Williams, die Reihe zu durch⸗ „—— 33 ſchneiden,“ ſagte die junge Frau mit einem Ausdrucke von Ungeduld und übler Laune; „das iſt unerträglich!“ Und ſie warf ſich in ihren Wagen zurück, in wel⸗ chem ſie allein ſaß. „Williams, durchgeſchnitten!“ rief der Lackei, während er ſich hinten auf den Wagen ſchwang. Williams, ein dicker engliſcher Kutſcher mit weißer Perücke welcher alff der mit Wappen verzierten Decke ſeines Bockes ſaß, ließ leicht die Schnur ſeiner Peitſche an den Ohren von zwei herrlichen Rappen hinpfeifen, deren Geſchirr von ſilbernen Zierathen glänzte; das Geſpann zog ungeſtüm an, ſprang unter Funken, die unter ſeinen Hufen ſtoben, die Laterne eines benachbarten Wagens zerbrechend, aus der Reihe vor, und der Wagen gewann, trotz des Geſchreis der mit Handhabung der Ordnnng beauftragten Stadtſergenten in ſcharfem Trabe fortge⸗ zogen die Mitte der Straße, um früher nach dem Ho⸗ tel Montlaur zu kommen. „Das iſt eine kleine Ungeduld,“ ſagte Gilbert, der, wie ſeine Frau, dieſer Scene zugeſchaut hatte. „Es ſcheint, die Beine der Frau Herzogin jucken ſie wüthend nach dem Contretanz.“ „Haſt Du ſie nicht erkannt?“ rief Gilberte mit einem naiven Stolze; „und Du ſahſt ſie doch ma⸗ chen!“ Minette, Du haſt Beſe hübſche Herzogin ge⸗ macht?“ „Ich ſpreche von ihrer Coiffure, von dem reizenden Kranze von roſenfarbigen Camelien mit einem Diamant in der Mitte jeder Blume.“ „Das iſt bei meiner Treue wahr! Es ſchlug drei Uhr Morgens, als Du nit dieſem Putze fertig warſt.“ „Das laſſe ich mir gefallen! Man iſt ſtolz darauf, wenn man ſein Werk gut getragen ſieht,“ ſprach Gil⸗ berte mit Entzücken; „wie ſchön iſt ſie, dieſe junge Her⸗ Gilbert und Gilberte. 1. 3 34 zogin! Ei! ei! ich habe auch Antheil an ihrer Schön⸗ heit! Der Gedanke, natürliche Blumen mit Diamanten zu beſetzen, iſt von mir.“ „Der Gedanke von Minette iſt vortrefflich; nur lebe ich nicht, ſo lange Du Dich mit dieſen Arbeiten beſchäftigſt. Wenn man bedenkt, daß man für zehn⸗ bis zwölftauſend Franken Diamanten bei ſich hat!“ „Ah! was macht das? Kennt mich Madame Bat⸗ ton nicht? Wenn ſie mir Diamanten anvertraut, ſo ſchläft ſie ruhig, und ich auch.“ „Ich nicht, denn ginge am Ende ein Edelſtein ver⸗ „Bah ! iſt man ſorgfältig, ſo geht nichts verloren,“ er⸗ wiederte Gilberte. Dann unterbrach fie ſich und ſagte halblaut mit einer Miene der Entrüſtung: „Ah! ah! das iſt zu ſtark! Wenn ich gewußt hätte, daß ich für ein ſolches Ge⸗ ſicht arbeite! Geh'! Du Abſcheuliche!“ fügte ſie mit einer Grimaſſe des Vorwurfs bei; „man wird Dir hübſche Kränze von Stechpalmenblättern mit Büſcheln von Früch⸗ ten ſo roth wie Koralle machen! Welch ein Entſetzen! Ob das nicht verdrießlich iſt! Eine ſo elegante, ſo aus⸗ gezeichnete Coiffure, die mich einen Tag Arbeit gekoſtet hat, trägt ſie auf der Stirne wie den Schild einer Kappe! Schau doch, oh! ſchau ſie doch an jene große Blonde! Wie häßlich iſt ſie, wie mager iſt ſie mit ihrem Storchenhalſe.“ Und Gilberte zeigte ihrem Manne eine ſehr häßliche blonde Frau, die ihren Kranz beinahe auf den Augen trug, während ſie dennoch die Schöne ſpielte und von Zeit zu Zeit auf eine ganz coquette Art den Kopf aus ihrem Wagenſchlage neigte. „Bei meiner Treue, es tröſtet, daß man zu Fuß gehen muß, wenn man ſo abſcheuliche Figuren im Wa⸗ gen ſieht! Sage doch, Minette, wie hübſch müßteſt Du Dich ausnehmen mit Deinem ſo weißen Teint, mit 35 Deinen ſo roſigen Wangen und jenem reizenden grünen Kranze mit rothen Früchten auf Deinen kaſtanienbrau⸗ nen Haaren.“ „Ei!“ erwiederte die junge Frau, einen leichten Seufzer unterdrückend, „das würde mir nicht ſchlechter ſtehen als einer Andern. . . .“ „Ach!“ verſetzte Gilbert, der wie ſeine Gefährtin auch einen leiſen Seufzer erſtickte und fortwährend, wie ſie, das glänzende Defilé betrachtete, „das iſt das, was man glückliche, ſehr glückliche Leute nennt! nicht wahr, Minette?“ „Ah! ja, ſehr glücklich,“ erwiederte Gilberte. Und die zwei jungen Leute blieben einen Augen⸗ blick ſchweigſam und träumeriſch. Fühlten ſie Neid, hingeführt zu einer unwillkürli⸗ chen Rückkehr auf ihre dürftige, demüthige Lebenslage gerade durch den Contraſt dieſer Eleganz und dieſes Luxus? Drang nicht eine Art von unwillkürlicher Bitter⸗ keit in das Herz von Gilberte bei dem Gedanken ein, eine fleißige und verſtändige Arbeiterin, habe ſie gegen einen mäßigen Lohn Rächte hindurch gewacht, um die Coiffuren, Meiſterwerke des Geſchmacks und der Zier⸗ lichkeit, zu vollenden, mit denen ſie nie ihre ſiebenzehn Jahre und ihr reizendes Geſicht ſchmücken ſollte2 Gilbert betete ſeine Gilberte an; regte ſich nicht in ihm ein unbeſtimmtes Gefühl des Bedauerns, der Traurigkeit bei dem Gedanken an die unüberſteigbare Kluft, welche auf immer ſeine Frau von der glänzenden i trennte, deren Strahlung ihre Augen geblendet atte? Befanden ſich unſere jungen Leute nicht unter dem unvermeidlichen Alpdrucke, der verhängnißvoller Weiſe aus der Vergleichung des Lurus mit der Armuth ent⸗ ſpringt, eine Vergleichung, welche folgende Reflexionen herbeiführt: Warum hängt, zum Beiſpiel das Brod von dieſen von 36 der Laune Jener, einer Föte beizuwohnen, ab? Denn hät⸗ ten dieſe hübſche Herzogin und dieſe abſcheuliche Blonde keine Neigung in ſich gefühlt, dem Balle der Frau Mar⸗ quiſe von Montlaur beiznwohnen, ſo würde es Gil⸗ berte, ſtatt daß ſie ſich eine gute Woche verdiente, und ihrem Gilbert die wundervolle Flaſche Champagner bieten konnte, vielleicht am Nothwendigen gefehlt haben! Warum dies, warum dieſe ſo peinliche Ungleichheit, beſonders in den Städten wie Paris? Machten ſich unſere zwei jungen Leute nicht unbe⸗ ſtimmt, unwillkürlich dieſe furchtbaren Fragen? Gewiß thaten ſie dies, denn ſie gehörten dem Men⸗ ſchengeſchlechte an, und wir fordern Philoſophen, Mo⸗ raliſten, Geſetzgeber auf, es zu bewirken, daß man ſich nicht nur ſolche Fragen nicht macht, ſondern daß ſie ſich nicht aufdringen; ſie entſpringen aus der Natur der Dinge ſelbſt. Iſt damit geſagt, die Löſung dieſer Fragen faſſe ſich durch einen neidiſchen, wilden, raubſüchtigen Haß von Dieſen gegen Jene zuſammen? Iſt damit geſagt, diejenigen, welche leiden, ent⸗ behren und arbeiten, müſſen ſich mit dem legitimen Rechte, den Platz derjenigen einzunehmen, welche alle Koſtbarkeiten des Ueberfluſſes genießen, bekleidet glau⸗ ben? Eine herrliche Logik, kraft welcher aus fleißigen Arbeitern reiche Faullenzer würden! Wären ſolche Phantaſien nicht der höchſte Grad von Dummheit, ſo müßten ſie der höchſte Grad des Monſtruoſen ſein. Erklären wir ſogleich, daß Gilbert und Gilberte dieſe vermeintlichen Doctrinen, chimäriſche Krankhei⸗ ten erfunden von jenen großen Aerzten, die immer ſo geſchickt ſind, ihre Kunden von gräßlichen Uebeln zu heilen, welche nicht beſtehen, durchaus nicht theilen konn⸗ ten. 37 Nein, Gilbert und Gilberte hatten treuherzig, Je⸗ des für ſich, ihre Eindrücke in dem zugleich ſo tief menſch⸗ lichen und ſo nalv gutmüthigen Gedanken zuſammen⸗ efaßt: das ſind glückliche Leute! Ich möchte ſein wie ſie. Armer Gilbert, wie glücklich wäre er! Arme Gilberte, wie glücklich wäre ſie“ Und auch dieſer harmloſe und rein ſpeculative Wunſch, denn ſie wußten, daß er ſich nicht verwirklichen ließ, war bald vergeſſen von unſeren zwei jungen Leu⸗ ten in Folge der Heiterkeit von Gilbert, der ſich zum großen Erſtaunen ſeiner Frau an die Oeffnung des Schlages von einem einſpännigen Wagen neigte und mit einer Gräberſtimme rief: „Dicker Schlemmer, Du ſchläfſt, weil Du Dich mit Trüffeln und Brockelerbſen vollgeſtopft haſt.“ Gilbert wandte ſich ſo an den General Baron Ponſſard, den er erkannt hatte. Dieſer hatte alle Fen⸗ ſter ſeines Wagens niedergelaſſen, um ſeine Verdauung zu befördern, und war bei dem ſanften Schaukeln ſeines Wagens, der der Reihe folgte, tief eingeſchlafen. „Trüffeln, Brockelerbſen!“ wiederholte maſchinen⸗ mäßig der noch vom Schlafe beſchwerte Raufer. Dann aber ſammelte der Baron wieder völlig ſeine Lebensgeiſter und rief mit einer zornigen, prahleriſchen Miene, indem er den Kopf zum Schlage hinausſtreckte: „Tauſend Donner! wer iſt der Schlingel, der es gewagt hat, ſich dieſen Spaß zu erlauben? Ich werde ihm die Ohren abſchneiden.“ Doch der Baron ſprach zu den Sternen, und er mochte, indem er ſich zu ſeinem Wagen hinauslegte, ſeine blutigen, wüthenden Angen immer rings umher laufen laſſen: er ſah Niemand. Gilbert und Gilberte hat⸗ ten ſich unter lautem Gelächter ſchon weit entfernt. 3 „Ah! ein trefflicher Spaß!“ rief die junge Frau; 38 „doch das war unvorſichtig; der Kellner im Kaffeehauſe hat uns geſagt, dieſer Herr ſei ein großer Duellant.“ „Ein großer Duellant! Nun! was weiter? Ich küm⸗ mere mich den Teufel darum! Ich hätte ihm den Vor⸗ ſchlag gemacht, wir wollen uns auf . . Werk⸗ ſtücke ſchlagen! Jeder nimmt einen ſechstauſend Pfund ſchweren Werkſtein, und alle Donner! vorwärts! . Man ſucht ſich todt zu ſchmettern.“ Dieſer Scherz von Gilbert verdoppelte die Heiterkeit unſerer jungen Leute, und immer laufend, und immer lachend, wie Schüler, welche auf einem Frevel ertappt zu werden befürchten, kamen ſie vor die Thüre ihres Hauſes. Der krampfhaften Bewegung ſeines Gelächters nach⸗ gebend, zog Gilbert zwei⸗ oder dreimal an dem Knopfe, der mit der Klingel des Portier in Verbindung ſtand. „Ah! gut!“ ſagte Gilberte. „Frau Badureau wird uns eine ſchöne Scene machen! . . . Du haſt geläntet, um Alles zu zerbrechen.“ „Das iſt, bei meiner Treue, wahr; doch kühn vor⸗ wärts, Minette. Folge mir. Die alte Garde ſtirbt, ſie ergibt ſich nicht! wie jener Alte von der Atten geſagt hat.“ Der Thorweg öffnete ſich, und die zwei luſtigen Miethsleute erblickten Frau Badureau furchtbar auf der Schwelle ihrer Loge aufgepflanzt. Gilbert ging beherzt auf fie zu und ſagte mit ſei⸗ nem freundlichſten Tone zu ihr: „Guten Abend, Frau Badureau, wollen Sie uns ge⸗ fälligſt die Ehre erweiſen, uns unſere angezündete Ratte zu bewilligen, damit wir hinauf gehen können?“ „Hat man die Unſchicklichkeit begangen, Leute, welche Unglück ausgeſtanden, dadurch zu beleidigen, daß man ſo plump wie Hunde geklingelt, ſo iſt man nicht ſo frech von ihnen auch noch ſeine Ratte zu verlangen.“ Nachdem ſie dieſe Worte mit einem impoſanten Zorne 39 eſprochen, ſchloß die Portidre ungeſtüm das obere S der Thüre ihrer Loge, und ſchob den Riegel vor. „Ah! meine gute Frau Badureau,“ ſagte Gilbert, indem er an die Scheibe klopfte, „keine ſchlechte Späſſe! Was Teufels! wir können nicht ohne Licht bis in unſern fünften Stock hinaufſteigen, ohne daß wir Gefahr laufen, den Hals zu brechen; die Treppe iſt ſchwarz wie ein Ofen geben Sie uns um Gottes willen unſere Ratte!“ Vergebliche Bitten; unſere jungen Leute ſahen durch die Scheiben der Loge die ſtörrige Portisre behaglich ſich auf einen Stuhl ſetzen, ihre Lieblingskatze auf den Schooß nehmen und ſie mit allem Eifer ſtreicheln. „Altes Thier!“ rief Gilbert, die dem Alter und dem Unglück ſchuldige Achtung vergeſſend, „ich werde Deiner Katze ein Kügelchen geben!“ „Bah! laſſen wir ſie,“ verſetzte Gilberte, „wir ſteigen ſachte hinauf; Du nimmſt mich bei der Hand und gehſt voran .. .„ Geleitet durch den Mondſchein, durchſchritten Gilbert und Gilberte den Hof, in deſſen Hintergrunde ſich das hohe Haus erhob, das ſie bewohnten. Auf der Treppe herrſchte tiefe Finſterniß; doch mit Hülfe der Kenntniß der Gelegenheiten des Hauſes und mit Uuterſtützung des Geländers erreichten ſie ohne Mißgeſchick ihr Stübchen. „Ich hatte hauptſächlich bange, zu fallen, weil ich unſer liebes Frauchen zu zerbrechen befürchtete,“ ſagte Gilberte, während ihr Mann aus ſeiner Taſche den Schlüſſel der Wohnung nahm und umhertappend die Mündung des Schloſſes ſuchte, die er bald fand. „Zündhötzchen ſind auf dem Ofen,“ fügte Gilberte bei; „zünde ein Licht an, ich erwarte Dich hier.“ Nach einem Augenblick ſprang ein Funke, und das Zimmer war erleuchtet, ein beſcheidenes, aber wunderbar reinliches Zimmer; es bildete mit einem als Küche die⸗ nenden Cabinet die Wohnung des Ehepaars; die Aus⸗ 40⁰ ſtattung beſchränkte ſich auf das ſtreng Nothwendige: baumwollene Vorhänge an den Fenſtern, vier Stühle von Kirſchbaumholz, eine eiſerne Bettſtätte im Alkoven, eine ſehr glänzende Commode von Nußbaumholz zwiſchen den zwei Manſardenfenſtern; vor einem derſelben der Arbeitstiſch von Gilbert, beladen mit ſeinen lithogra⸗ phiſchen Steinen und ſeinen Stiften, zu ſeiner Rechten die Staffelei von weichem Holze, auf der er ſeine Mo⸗ delle aufſtellte; vor dem andern Fenſter der Arbeitstiſch von Gilberte mit ihren, das zur Verfertigung ihrer Blu⸗ men nothwendige Material enthaltenden Cartons, und in dem Gefäße, in welchem ſie gekeimt, eine kleine Tulpe von Thol, gelb und purpurroth, welche ſie zu copiren im Sinne hatte; ein eiſerner Ofen endlich, der ihnen ein wohl⸗ feileres Heizungsmittel bot, ſtand in dem Kamine, wel⸗ cher, wie Gilbert geſagt hatte, mit zwei Orangen, einem freundſchaftlichen, den Reujahrstag überlebenden Geſchenke, geſchmückt war. Alles bezeichnete in dieſem dürftigen Aufenthaltsorte Gewohnheiten der Reinlichkeit, der Ordnung und der Arbeit. „Ich habe gerade hier eine Schachtel mit Baum⸗ wolle, in die ich die Diamanten legte, welche ich für den Kopfputz der ſchönen Herzogin brauchte. Dieſe Schachtel wird das Dodo unſeres guten Frauchens ſein, ſagte Gilberte, während ſie die Figurine aus ihrem Leibe zog, „und morgen laſſen wir dem kleinen Weſen einen gläſernen Behälter machen. Wie hübſch wird das auf unſerem Kamine ausſehen, nicht wahr, Gilbert?“ „Ja, doch wir wollen unſer kleines Meiſterwerk beim Lichte betrachten.“ „Laß mich es zuerſt auf den Kamin ſetzen, damit ich die Wirkung beurtheilen kann.“ Gilberte ſetzte die Figurine auf den Kamin zwiſchen die Orangen, die ſie an Höhe bei Weitem überragten 41 und wich dann einen Schritt zurück, um ſo, wie ſie ge⸗ ſagt hatte, den Effect ihres Ankaufs zu beurtheilen. Dieſer Effect übertraf aber weit die Erwartung der beiden jungen Leute. III. Gilberte, nachdem ſie die Figurine mitten auf das Kamingeſimſe, den in dieſem Augenblick am wenigſten beleuchteten Theil des Zimmers, geſetzt hatte, war wie Gilbert einen Schritt zurückgewichen. Plötzlich erblickten ſie um die Figurine eine ſchwache azurblaue Lichtglorie, ungefähr jenem ſauften Scheine ähnlich, den gewiſſe phosphorescirende Thiere von ſich geben; Gilbert rief auch: „Sage doch, Minette wie ſeltſam! es iſt ein Glüh⸗ wurm in unſerer Figurine!“ „Ah! das iſt wahr! Ohne Zweifel hat er ſich zwi⸗ ſchen die Steinchen geſteckt, welche das den Brunnen nachahmende Stück Spiegel umgeben.“ „Ah! ah! . ſagte Gilbert mit einer durch die Verwunderung erſtickten Stimme. „Was bedeutet das?“ „Mein Gott! mein Gott! . . .“ murmelte die junge Frau, indem ſie ihren Mann beim Arme ergriff und ſich an ihn anſchmiegte, „ich habe bange, mein Freund . Laß uns nicht hier bleiben, ich bitte Dich inſtändig . . . Fliehen wir, fliehen wir.“ Doch die zwei jungen Leute fühlten, einer Art von Schwindel preisgegeben, ihre Beine zittern, und es war ihnen nicht möglich, einen Schritt zu thun. Der ſchwache azurblaue Schimmer, der Anfangs die Figurine umgeben, hatte ſich allmälig in einen kleinen Herd von ſo lebhafter Helle verwandelt, daß dieſe das ganze Zimmer erfüllte, und daß die Flamme einer auf der Commode ſtehenden Kerze dunkelroth erſchien. Trotz ſeines Glanzes war aber das Licht, das um die kleine Figur ſtrahlte, ſo rein, ſo mild, daß es das Auge ohne Blendung anſchauen konnte, und daß man mitten in ihrem ſilbernen Kreiſe die niedliche Creatur, ſo durchſichtig als ein zwiſchen das. Auge und die Sonne gelegtes Roſenblatt, ſich mit allen möglichen Artigkeiten bewegen ſah. Sie ſtand zuerſt auf, ſchüttelte ihren blonden Kopf, reckte ihre Arme wie eine Perſon, welche . dadurch müde, daß ſie lange Zeit in derſelben Stellung geblieben iſt, und ſagte mit ihrem melodiſchen, wohl⸗ klingenden Stimmchen, von dem das Ohr unſerer jun⸗ gen Leute ſchon berührt worden war: „Ah! wie gut iſt es, die Beine nach einer zweitau⸗ ſendjährigen Unbeweglichkeit gelenk zu machen.“ Und die gute kleine, roſenfarbige Frau lief und hüpfte leicht wie ein Kolibri auf dem Kamingeſimſe um⸗ ₰ her, ſprang von einer der Hraugen, welche zweimal ſo hoch als ſie, auf die andere und trieb, immer von ihrer ſilbernen Glorie umgeben, allerlei Kurzweil. Der Leſer mag ſich, wenn er kann, die Eindrücke von Gilbert und ſeiner Frau beim Anblicke dieſes Wun⸗ ders vorſtellen; mit vorgeſtrecktem Halſe, mit ſtarren Blicken und das Herz ſchlagend, um zu zerberſten, ſtan⸗ den ſie da, von einem Erſtannen ergriffen, das dem Schrecken nahe kam Schrecken, nein Das artige Beſen der reizenden kleinen Figur konnte keinen Schrecken einflößen; doch dieſes wunderbare Ereigniß flößte den zwei jungen Leuten jene tiefe Bangigkeit, jenen Zweifel an uns ſelbſt, an der Sicherheit unſerer Sinne und unſerer Vernunft ein, dem wir preisgegeben ſind, wenn eine übernatürliche Erſcheinung unſere Angen und unſern Geiſt betrifft. 5 Der Schweiß überſtrömte die Stirne von Güber und Gilberte, die ſich an den Arm ihres Mannes ange⸗ klammert, athmete kaum und zitterte. Plötzlich begriffen Beide dieſes Wunder . ſo weit es ſich begreifen ließ⸗ 43 durch die unvergänglichen Erinnerungen, welche in uns jene anbetungswürdigen Feenmährchen hinterlaſſen, mit denen man unſere Kinderjahre gewiegt hat, und die uns in unſerem Jünglingsalter ſo oft köſtlich von dieſen bezau⸗ bernden Wundern träumen ließen. Dieſe Erinnerungen erwachten, gleichſam mit einem Schlage, in Menge in dem beunruhigten Geiſte von Gilbert und Gilberte. Eſelshaut, der blaue Vogel, die Schöne im Walde, der Prinz Perſinet, Aladin und ſo viele andere klaſſiſche Phantaſiegebilde wurden für unſere jungen Leute Wirklichkeiten, hiſtoriſche Vorgänge, unbe⸗ ſtreitbare, erwieſene Thatſachen. Durch dieſe allgemein anerkannten That⸗ ſachen erklärten ſich am Ende Gilbert und Gilberte, welche ohnedies genöthigt waren, ſich der Augenſchein⸗ lichkeit zu ergeben, dieſes Wunder, ſo weit ſich ein über⸗ natürliches Ereigniß erklären läßt; als allmälig eine verzehrende Nengierde an die Stelle der erſten Bangig⸗ keit der zwei jungen Ehelente trat, wagten ſie es, ſich dem Kamingeſimſe zu nähern, auf welchem die gute, kleine, roſenfarbige Frau ihre luſtigen Sprünge fortſetzte, beſtändig wiederholend, es ſei etwas Vortreffliches um die Bewegung nach einer zweitauſend⸗ jährigen Unbeweglichkeit. „Es iſt wahr,“ ſprach leiſe Gilbert, der, immer mehr beruhigt, entſchloſſen das Abenteuer annahm, „es iſt wahr, zweitauſend Jahre dieſelbe Stellung behaupten müſſen, das kann die Beine tüchtig erſtarren machen.“ „Nimm Dich in Acht, daß Du ſie nicht reizeſt,“ verſetzte Gilberte mit ängſtlichem Tone. „Ich habe in den Feenmährchen geleſen (die Feenmährchen wurden, ohne profane Vergleichung, das Evangelium dieſer jungen Leute), ich habe oft geleſen, es gebe nichts Reizbareres, nichts Zornſüchtigeres, als die Geiſter .. „Ich erinnere mich deſſen nicht,“ ſprach Gilbert, während er ſich die Augen rieb; „wir find alſo nun 44 mitten in der Feerei .. . Da iſt nichts mehr zu ſagen! Nein! was Teufels! wir ſehen, wir hören ..“ „Was willſt Du! man verſichert, es ſeien Wunder geſchehen, warum ſollte es keine Feerei geben?“ Und ſich unterbrechend rief die junge Frau: „Ah! mein Gott! nun iſt es etwas ganz Anderes! Sie fliegt nun wie ein Schmetterling! wenn ſie ſich an unſerem Lichte verbrennen würde!“ Die gute kleine Frau, nachdem ſie ein paar Augen⸗ blicke auf dem Kamin umhergeſprungen war, ſchwang ſich in der That in den leeren Raum, immer umgeben von der Glorie, welche von ihrem roſigen, durchſichtigen Körper auszuſtrahlen ſchien; doch dieſes Licht nahm plötzlich eine ſolche Stärke und Schärfe an, daß Gilbert und Gilberte in dem Moment, wo ſie geblendet halb die Augen ſchloßen, die gute kleine Fran gleichſam zer⸗ ſchmelzen, ſich in der uunmehr wie flüſſiges Silber fun⸗ kelnden Glorie auflöſen ſahen. Als dann ihre Blendung vorüber war, als ſie die Augen wieder öffneten, ſahen ſie nichts mehr, als einen roſenfarbigen Schein, der, ſeine leßten Reflexe an die Decke des Zimmers emporwerfend, immer matter wurde und dann völlig verſchwand, wo⸗ nach die beſcheidene Wohnung des jungen Ehepaars nur noch ſchwach durch die zitternde Flamme des in ſeinem meſſingnen Leuchter ſtehenden Lichtes erhellt wurde. „Ah! mein Gott!“ rief Gilbert mit einem Ausdrucke tiefen Bedauerns, „nun iſt ſie fort!“ „Ich ſagte es wohl,“ verſetzte traurig die junge Frau, denn Beide gewöhnten ſich vortrefflich an das Wunder, „Du wirſt ſie mit Deinem Scherze erzürnt haben . Wir ſehen ſie gewiß nicht wieder, und viel⸗ leicht hätte ſie uns Glück gebracht.“ „Ich bin da, bei Euch, meine Freunde,“ ſagte die ſanfte Stimme der kleinen Fee, „ich bin da, unſichtbar für Eure Angen, doch ich verlaſſe Euch nicht.“ 4⁵ „Welch ein Glück!“ rief Gilbert, „ſie verläßt uns nicht.“ „Es iſt immerhin Schade, daß wir ſie nicht ſehen,“ bemerkte ſeufzend Gilberte, „ſie war ſo artig!“ „Meine Freunde,“ ſprach die Stimme, „Ihr habt mir ſchon einen großen Dienſt geleiſtet. und Ihr allein konntet mir ihn leiſten, einmal weil Ihr gut ſeid, und dann aus andern Gründen, welche Ihr ſpäter er⸗ fahren ſollt; ja, Ihr allein konntet den Zauber brechen, der mich, eine arme Korrigau, ſeit zweitauſend Jahren gefeſſelt hielt; es wird von Euch abhängen, Euer Werk zu vollenden und es dahin zu bringen, daß ich dieſe Erde verlaſſen kann, um in den andern Welten mit mei⸗ nen Schweſtern, Korrigans wie ich, wieder zuſammen⸗ zutreffen. Wollt Ihr das, meine Freunde?“ „Gilberte, fragte leiſe der junge Mann, „erinnerſt Du Dich nicht, ob man in den Mährchen die Feen duzt?“ „Ich glaube nicht; mir ſcheint, man ſagt zu ihnen, um ihnen zu ſchmeicheln: „„Guter Geiſt, was fordern Sie von uns?““ „Guter Geiſt,“ wiederholte Gilbert, „was fordern Sie von uns?“ „Nennt mich Korrigan, meine Freunde: das iſt mein Name, und ich liebe ihn.“ „Verzeihen Sie, ich wußte das nicht,“ erwiederte Gilbert eiligſt. „Korrigan, was fordern Sie von uns?“ „Daß Ihr Alles von mir verlangt, was Ihr auf dieſer Welt wünſchen könnt, meine Freunde, und daß Ihr, wenn Eure Wütnſche befriedigt ſind, zu mir ſagt: Gehe, Korrigan, gehe!“ „Wie! das iſt ſo einfach!“ rief Gilbert. „Wir haben nur von Ihnen Alles zu verlangen, was wir wünſchen, und dann zu Ihnen zu ſagen . 8 „Gehe, Korrigan,“ ſprach das ſanfte Stimmchen, 46 fügte Gilberte bei, „daß es mein Mann nicht wagte, ſie zu wiederholen, liebenswürdige Fee!“ „Oh! beruhigt Euch, meine Freunde,“ ſprach die unſichtbare Korrigan, „dieſe Worte werden meine Freude und meine Befreiung ſein; nie werde ich ſie zu frühe hören, denn, wie geſagt, ſobald ſie von Euch ausge⸗ ſprochen ſind, verlaſſe ich dieſe Welt, um meine Schwe⸗ ſtern wieder aufzuſuchen.“ „Wenn ich Sie recht verſtehe, niedliche Korrigan,“ erwiederte Gilbert, „ſo würden wir, wie ich denke, von Ihnen verlangen, Millionäre zu ſein. Sie würden uns duf der Stelle zu Millionären machen, und aus Erkennt⸗ lichkeit hiefür würden wir ſagen. Verzeihen Sie, ich kann mich nicht erwehren, dies abſcheulich undankbar zu finden. Wir würden zu Ihnen ſagen: Gehe, Korrigan!“ „Ja „Und .. . dies nur ſo angenommen . . wenn wir nicht zu Ihnen ſagten, Sie ſollen gehen?“ „Dann, meine Freunde,“ erwiederte das Stimm⸗ chen mit dem Tone der Unterwürfigkeit und der Reſigna⸗ tion, „dann bliebe ich auf dieſer Welt, immer bereit, Eure Wünſche zu befriedigen, bis ſie endlich ganz er⸗ füllt wären.“ „Welcher Unterſchied der Sprache und des Beneh⸗ mens im Vergleiche mit der abſcheulichen Mutter Ba⸗ dureau, die uns heute Abend unſere Ratte verweigerte,“ ſagte leiſe Gilbert zu ſeiner Frau. „Dieſe arme Kor⸗ rigan hat auch Unglück ausgeſtanden; ihr Unglück hat zweitauſend Jahre gedauert, und dennoch macht ſie ſich gleichſam zu unſerer Magd.“ „Arme Kleine! da dies von uns abhängt, ſo müſſen wir raſch von ihr verlangen, was wir haben wollen, und ſie dann ſogleich fortſchicken, nicht wahr, Gilbert?“ Daran erkenne ich Minette, welche einſt einem Straßenjungen Schwalben abkaufte, um das Vergnügen — —— 47 zu haben, ſie fliegen u laſſen „Sei unbeſorgt, ich habe bald geſagt, was wir wünſchen, und wir geben dann der artigen Fee die Freiheit, zu gehen, wohin ſie will.“ Hienach fügte er laut bei: „Korrigan, wir wollen Millio⸗ näre ſein.“ „Es iſt geſchehen,“ erwiederte die Stimme; „ſchau' in die Schachtel, in welche Gilberte ihre Blumen legt, Du wirſt eine Million darin finden.“ Gilbert lief an die Schachtel, öffnete ſie und fand darin zehn Päckchen, von denen jedes tauſend Banque⸗ billets enthielt; er durchblätterte gierig dieſe leichten Pa⸗ piere und rief in ſeiner wahnſinnigen Freude: „Gilberte, meine Gilberte! wir find nun auf immer reich! Du wirſt nun nicht mehr Nächte hindurch arbei⸗ ten! Du wirſt im Wagen fahren! herrliche Toiletten, Diamanten wie eine Herzogin beſitzen! . . Wir werden ein Hotel haben! ein Schloß! Bedienten! Wir ſind nun reich!“ „Welch ein Glück! . . . Mein Gilbert, Du wirſt nicht mehr vom Morgen bis zum Abend auf den Stein gebückt bleiben; alle unſere Tage werden Sonntage ſ Wir können viel Geld ausgeben, ſo Viele glücklich machen.“ „Ei! ſo verlangen wir zwei Millionen . Bah! wenn man einmal dabei iſt!“ „Ah! Gilbert! das wäre Mißbrauch.“ „Mißbrauch? Was koſtet denn das der kleinen Kor⸗ rigan? Und dann .. ſie hat uns geſagt, ſobald un⸗ ſere Wünſche erfüllt ſeien und wir ihr die Freiheit ge⸗ eben haben, dann gute Nacht, Geſellſchaft! es wird zu pir ſein, noch etwas zu verlangen,“ ſprach Gilbert; und er wandte ſich an die unſichtbare Fee und ſagte: „Gute Korrigan, nicht aus Geiz verlangen wir noch eine Mil⸗ lion von Ihnen, aber es iſt ſo ſüͤß, ſeinen Freunden zu geben, daß „„ „Es iſt geſchehen,“ erwiederte die Stimme; „ſchan 48 in die Schachtel, in der Du Deine Stifte aufbewahrſt, und Du wirſt eine zweite Million darin finden.“ Gilbert lief an die Schachtel, bffnete ſie und rief: „Minette, die andere Million iſt da!“ „Ich anke! ohl ich danke, gute Fee! ſprach die junge Frau, indem ſie die Hände faltete; „alle unſere Wünſche ſind erfüllt! Wir wollen Ihnen die Freiheit wiedergeben; Sie können Ihren Schweſtern nachfolgen! Und nun gehe . . . „Gilberte!“ unterbrach Gilbert ſeine Frau in dem Augenblick, wo ſie die entſcheidenden Worte: „Gehe Korrigan!“ auszuſprechen im Begriffe war. „Warum beeilen wir uns ſo ſehr, unſern guten Geiſt wegzuſchi⸗ cken? Was iſt für ſie, welche zweitauſend Jahre auf ihre Befreiung gewartet hat, eine Viertelſtunde mehr oder weniger? Man trifft, beim Henker nicht alle Tage Kor⸗ rigans. Laß uns alſo ein wenig Zeit, daß wir uns be⸗ ſinnen können!“ „Im Ganzen,“ verſetzte Gilberte, „eine Viertel⸗ ſtunde mehr oder weniger . . „Liebe kleine Korrigan,“ ſprach Gilbert, „ſagen Sie offenherzig wenn wir Sie zum Beiſpiel, — und ich ſetze den ſchlimmſten Fall, — ſtatt Sie heute Abend wegzuſchicken, bis morgen früh behalten würden?“ „Ah! Gilbert,“ ſagte die junge Frau mit einem Ausdrucke freundſchaftlichen Vorwurfs, „erſt vor einem Augenblick noch ſprachſt Du von einer Viertelſtunde.“ „Aber, Minette, das iſt eine Annahme, eine einfache Annahme; ich ſetze das Schlimmſte.“ Und ſich an die unſichtbare Fee wendend: „Ja, wenn wir Sie bis mor⸗ gen Abend oder, im alleräußerſten Falle, bis übermorgen früh behalten würden, Korrigan, wäre Ihnen das unge⸗ hener unangenehm? Meine gute Fee, ich ſpreche ganz offenherzig mit Ihnen bei meinem heiligſten Ehrenworte, wenn Ihnen wirklich der Verzug, den dadurch Ihre Be⸗ 49 freiung erleiden würde, zu unangenehm iſt, ſo werden wir nicht darauf beſtehen.“ „Oh! nein,“ fügte Gilberte bei, „wir ſind ſchon ſo dankbar!“ „Und dann, wenn mah zweifach Millionär iſt,“ ſprach Gilbert mit einer gewiſſen Wichtigkeit, „ſo kann man ſich mit dieſer Stellung begnügenz ſollte es Sie betrüben, zu lange bleiben zu müſſen, liebe Korrigan, ſo würden wirſagen . hm! wir würden ſagen .. lich weiß nicht, was ich in der Kehle habe) wir würden ſagen „Gehe, Korrigan!“ ſetzte raſch und großmüthig Gilberte hinzu, als ſie das Zögern ihres Mannes ſah. Bebend vor Angſt, denn er befürchtete, die verhäng⸗ nißvollen Worte von Gilberte haben die Fee entfernt, fragte Gilbert mit unruhigem Tone: „Biſt Du noch da, Korrigan? „Ja, meine Freunde,“ erwiederte der unſichtbare Geiſt, „es genügt nicht, mit den Lippen zu mir zu ſa⸗ gen: „Gehe, Korrigan!““ Nein, nein, der Zauber, der mich auf dieſer Welt zurückhält, kann nur gebrochen wer⸗ den, wenn Ihr, weil Ihr nichts mehr zu wünſchen habt, mit den Lippen und mit dem Herzen zu mir ſagt: „Alde unſere Wünſche ſind erfüllt; gehe, Korrigan.““ Aber leider iſt der Augenblick noch nicht gekommen, viel⸗ leicht wird er lange nicht kommen! Vielleicht! und ſoll⸗ tet Ihr hundert Jahre leben, werdet Ihr meine Be⸗ freiung nicht vollenden.“ „Wie!“ verſetzte Gilberte mit einem leichten Aus⸗ drucke von Traurigkeit, „Sie halten uns für nnerſättlich, liebes Feechen, uns, die wir von ſo wenig und von einem Tag in den andern lebeu?“ „Ich glaube, daß Ihr, Du und Dein Gatte, gut ſeid, die höchſte Eigenſchaft unter allen Eigenſchaften. Ich glaube, daß Dein Herz, hübſche Gilberte, das beſte Gilbert und Gilberte. 1. 4 50 der Welt iſt, wie Dein Gilbert ſagte; denn, obgleich zur Unbeweglichkeit verurtheilt, konnte ich, auf welche Ent⸗ fernung es auch ſein mochte, ſehen, hören und ſprechen; doch trotz Eurer Herzensgüte, meine Freunde, gehört Ihr zur Menſchheit; Ihr ſagt vielleicht auch nie zu mir: „Gehe, Korrigan““ Werdet Ihr, ſind Eure Wünſche von heute erfüllt, den Muth haben, derjenigen, welche Eure Wünſche von morgen erfüllen kann, zuzurufen: Gehe?“ „Verzeihen Sie, Korrigan, wenn ich Sie unter⸗ breche,“ rief Gilbert: „können Sie, die Sie Alles können, von mir und Gilberte jede Krankheit entfernen?“ „Ja,“ erwiederte die Stimme. „O meine Gilberte,“ ſprach der junge Mann be⸗ wegt, „nie wirſt Du den Schmerz kennen! Und ſich an die unſichtbare Fee wendend: „Sie begreifen nun, anbetungswürdige Korrigan, ich werde die Unbeſcheiden⸗ heit nicht ſo weit treiben, von Ihnen zu verlangen, daß Gilberte und ich nie ſterben,“ ſagte der junge Mann, und er kratzte ſich am Ohre und fügte bei: „Der Tod hat indeſſen etwas Verdrießliches, was „Der Tod,“ unterbrach ihn die Stimme mit einer Art von ſpöttiſchen Ungeduld, „der Tod! „ſterben! ſiir än „Korrigan „. erlauben Sie „. erwiederte der junge Mann voll Ehrfurcht, „fern von mir ſei der Gedanke, Ihnen zu widerſprechen, und mit Ihnen zu ſtreiten, aber die Wahrheit verpflichtet mich, Ihnen zu er⸗ klären, daß man Leute hat ſterben ſehen „Nein,“ entgegnete ſanft die Stimme, „der Menſch iſt mit Leib und Seele unſterblich! . . Er verläßt dieſe Welt, um nach anderen Welten zu gehen, wie er andere verlaſſen hat, um in dieſe zu gelangen; nie ſtirbt er! Er geht nur und fährt fort, anderswo zu leben; ſeine Seele wechſelt Leib und Welt, wie Ihr Kleider und Wohnung wechſelt.“ 5¹ „Mein Gott! mein Gott! Gilbert! wie ſeltſam iſt das!“ rief trenherzig die junge Frau; „und es glaubt doch Jedermann an den Tod!“ „Das iſt die Gewohnheit!“ verſetzte Gilbert; „doch dieſe Welten, Korrigan, von denen Sie reden, wo ſind ſie2“ „Ihr ſeht ſie jeden Tag, meine Freunde.“ „Wir ſehen ſie!“ rief der junge Mann. „Verzeihen Sie, Korrigan, ich kann Sie verſichern, daß nie, gar nie Gilberte oder ich „Schlagt die Augen zum Himmel auf,“ erwiederte die ſanfte Stimme, „und Ihr werdet geblendet ſein, wenn Ihr die Tauſende von funkelnden Welten betrachtet, in denen Euch ein neues Leben erwartet.“ „Wie! gute Korrigan, wir würden nach unſerem Tode in die Sterne gehen?“ „Der Tod und immer der Tod,“ verſetzte die Stimme. „Oh! welch ein albernes, leeres Wort! welch eine alberne, leere Erfindung der Menſchen! Mit Hülfe von finſteren, einfältigen Mährchen iſt es ihnen gelungen, eine Vogelſcheuche aus einem der intereſſanteſten Augen⸗ blicke unſeres unſterblichen Lebens zu machen.“ „Dennoch, Korrigan, muß ich „Unterbrich ſie doch nicht unabläſſig!“ ſagte Gil⸗ berte zu ihrem Manne; „als Fee weiß die Korrigan ſolche Dinge beſſer als wir.“ „Guter Gilbert,“ fragte die Stimme, „nicht wahr, Du biſt nie in Indien, Perſien oder China ge⸗ weſen?“ „Nein, Korrigan, die weiteſte Reiſe von Gilberte und mir ging nach Verſailles auf der Eiſenbahn auf dem linken Ufer . . . dem unſeres Quartiers.“ „Nun wohl,“ ſprach die Stimme, „wenn Du mor⸗ gen zu mir ſagteſt: „„Korrigan, ich will Paris, das ich kenne, verlaſſen, um nach Peking zu gehen, das ich nicht kenne.““ „„Gut,““ würde ich Dir antworten, „„gehen 52 wir nach Peking.““ Wäre unn ſchon der Gedanke dieſer Reiſe für Dich ein Gegenſtand der Wehklagen, der Angſt? wäreſt Du ſo einfältig, Dir einzubilden, das Richts fange an den Barriören von Paris an, wie Du Dir vorſtellſt, es fange am Ende dieſes Lebens an? Nein, Du würdeſt Dich im Gegentheil äußerſt munter, freudig, neugierig in dem Augenblick fühlen, wo Du ein Land verließeſt, das Du kennſt, um Dich nach einem unbekannten Lande zu be⸗ eben.“ 6 „Handelte es ſich darum, Paris zu verlaſſen und nach Peking zu gehen, ſo würde ich nicht nein ſagen! dech „Ebenſo iſt es mit dieſer Welt, meine Freunde. . . Ihr verlaßt ſie, um in unbekannte Welten zu ziehen, wo Ihr mit Leib und Seele zu exiſtiren fortfahren wer⸗ det. Schwingt ſich der Schmetterling, der immer fort⸗ lebt, trotz ſeiner Metamorphoſe, nachdem er ſeine Puppe abgeſtreift hat, nicht von den Tiefen der Erde zum azur⸗ blauen Himmel empor?“ „Gute Korrigan, noch eine Frage: wenn Gilberte und ich ſterben . Nein, ich täuſche mich, wenn wir hingehen, um in den Sternen fortzuleben, werden wir immer für einander Gilbert und Gilberte ſein?“ „Allerdings, wie Ihr bei Eurer Reiſe nach Verſailles eben ſo wohl als in Paris Gilbert und Gilberte waret.“ „Und wenn ich vor ihr dieſe wunderbare Reiſe antrete?“ „Sie wird Dich wieder auffinden, wie ſich zwei Freunde finden, von denen der Eine dem Andern voran⸗ gegangen iſt.“ „Und unſere Eltern? Wir find beide Waiſen!“ „Ihr werdet auch Eure Eltern wiederfinden.“ „Das iſt reizend!“ rief treuherzig Gilberte; „alle Arten von neuen und wunderbaren Welten in Geſellſchaft von denjenigen ſehen, welche man liebt und geliebt hat⸗ 53 welch eine köſtliche Reiſe! Das müßte uns beinahe Luſt machen, ſogleich aufzubrechen, nicht wahr, Gilbert?“ „Keineswegs! Ei! Geduld! wir haben dieſe Welt, wie die gute Korrigan ſagt, nur durch das kleine Ende der Lorgnette geſehen: wir ſind Millionäre, vergeſſen wir das nicht; überdies haben wir die Gewiß⸗ heit, nie krank zu werden, alle unſere Wünſche, welche es auch ſein mögen, in Erfüllung gehen zu ſehen, nicht wahr, kleines Weſen?“ „Ja.“ „Du hörſt, Gilberte? Meiner Anſicht nach müſſen wir nun, ſtatt uns in den Sternen umzuſehen, wenn wir dort ſind, damit anfangen daß wir uns unendlich in dieſer Welt ergetzen, ohne indeſſen zu lange die zuvor⸗ kommende Freundlichkeit unſerer lieben kleinen Korrigan zu mißbrauchen; iſt das nicht auch Deine Anſicht?“ „Alles können, was man will, iſt im Ganzen ſehr verlockend!“ erwiederte lächelnd die junge Frau. Dann wandte ſie ſich an die kleine unſichtbare Fee und ſprach: „Berubigen Sie ſich indeſſen, Korrigan, wir werden nicht unerſättlich ſein, wie Sie es befürchten mögen; binnen Kurzem ſagen wir zu Ihnen die garſtigen Worte: Gehe, Korrigan! und Sie können Ihren Schweſtern nachfolgen.“ „Ich wünſche es,“ verſeßte ſchwermüthig die ſanfte Stimme; „befehlet nun; Ihr beſitzt zwei Millionen; wollt Ihr zehn, wollt Ihr hundert?“ „Pfuil!!“ rief Gilbert, indem er ſeine Frau an⸗ ſchaute, „Millionen, das iſt ſehr gemein! Jedermann hat. Man muß etwas Beſſeres zu verlangen wiſſen, wie, Minette?“ So ſind wir!“ ſprach Gilberte mit einer philoſo⸗ phiſchen Miene. „Vorhin berechneten wir unſer wunder⸗ volles Mittagsmahl im Café de Paris ſo, daß es unſere armſeligen ſieben Franken und zehn Sous nicht über⸗ ſchreiten ſollte, und nun weiſen wir ſchon Millionen 54 zurück;“ dann bei einem Gedanken verweilend, der ihr plötzlich kam, rief Gilberte freudig: „Sage doch, Bibi, den jungen Leuten, welche vorhin ſo artig im Café de Paris gegen uns waren und ſich ſo ſehr hüteten, einen halben Fingerhut voll mehr als ihre halbe Flaſche zu trinken, muß man eine Ueberraſchung bereiten.“ „Ich begreife, doch wie viel wünſchen wir dieſen jungen Leuten? Zwei Millionen?“ „Ja, doch zuerſt eine und die andere ſpäter,“ er⸗ wiederte die junge Frau: „ihr Glück wird doppelt ſein.“ „Gute Herzen!“ flüſterte die Stimme, „gute Herzen!“ „Liebe Korrigan,“ ſagte Gilbert, „wir wünſchen, daß Herr Meunier, Commis im Magazine zur Barbe d'or in der Rue Saint⸗Martin, ſogleich eine Million reich ſein möge.“ „Es iſt geſchehen, meine Freunde,“ antwortete die Stimme. „Zu dieſer Stunde ſteigt ein Courier vor dem Magazine zur Barbe d'or vom Pferde und meldet Herrn Meunier, ein unbekannter Verwandter, welcher in Indien geſtorben, hinterlaſſe ihm eine Erbſchaft, für die man ihm eine Million, zahlbar in Paris bei Herrn von Rothſchild, biete . . . Die andere Million wird kommen, wann Ihr wollt.“ . „Ich danke, Korrigan; das iſt noch nicht Alles . . „Befiehl.““ „Ich will das Vergnügen der Götter, die Rache ge⸗ nießen, die grauſame Rache! bei allen Teufeln!“ „Ah! Gilbert,“ verſetzte Gilberte, „was ſagſt Du da? Ein böſer Gedanke, während wir ſo glücklich find!“ „Korrigan,“ ſprach Gilbert mit feierlichem Tone, „ich will, daß dieſer wüthende Duellant, dieſer General Baron Pouſſard, der, um beſcheidene Gäſte wie uns und unſeren Freund Meunier zu demüthigen, mit lauter Stimme Trüffeln und Brockelerbſen verlangt hat, ich will, ich befehle, daß der genannte General Baron Pouſſard, der einer herrlichen Fete bei unſerer Nachbarin, „ — 55 der Marquiſe beiwohnt, mitten auf dem Balle von einer entſetzlichen Kolik befallen werde.“ „Es iſt geſchehen,“ antwortete die Stimme. „Der General, der ſich in dieſem Augenblick alle Mühe gibt, um der Marquiſe zu ſchmeicheln, in der Hoffnung, dem⸗ nächſt zum Eſſen eingeladen zu werden, ſtammelt, preßt die Lippen gewaltſam zuſammen und nimmt eine ſeltſam verlegene Phyſiognomie an.“ „Ha! ha! ha!“ rief Gilberte laut lachend. „Wie Schade, daß wir es nicht ſehen!“ „Eine Idee!“ ſagte Gilbert. „Korrigan, die Kolik des alten Raufers ſoll ſogleich aufhören.“ „Es iſt geſchehen,“ antwortete die Stimme: „die Lippen des Generals glätten ſich wieder, ſein Geſicht klärt ſich auf, er nimmt wieder eine lächelnde Miene an!“ „Im Ganzen,“ ſagte Gilberte, „dachte dieſer Herr, als er mit lauter Stimme ſein Mittagsbrod beſtellte, vielleicht nicht daran, uns zu demüthigen. Gleichviel, Bibi, nun, da ſeine Kolik vorüber iſt, hätte ich gern das drollige Geſicht, das er, mit der Marquiſe ſprechend, machte, ſehen mögen.“ „Beſchwichtige Dein Bedauern, Minette, wir werden uns an dieſem köſtlichen Anblick weiden,“ ſprach Gilbert, nachdem er einen Augenblick nachgedacht hatte; und er fragte die kleine Fee: „Korrigan, Du kannſt Alles 2“ „Ja.“ „Kannſt Du machen, daß Gilberte und ich der arquis und die Marquiſe von Montlaur, unſere Nachbarn werden?“ „Nichts iſt leichter,“ antwortete die Stimme; „ſo eben ſagte ich Euch, meine Freunde: der Körper iſt für die Seele, was die Kleider für den Leib ſind; Eure Seele wird alſo die Hülle des Marquis und der Mar⸗ quiſe von Montlaur annehmen, und Ihr werdet in ihr Leben eintreten. Das Schickſal, das ihrer harrt, wird das Eurige ſeinz Ihr werdet mit einem Worte ſie ſelbſt werden. Alles, was ich wünſche, iſt, Ihr möget mit dieſer Lage ſo zufrieden ſein, daß Ihr mir eines Tages ſaget: Gehe, Korrigan.“ „Und ich,“ rief Gilberte mit Thränen in den Augen, „ich widerſetze mich dieſem Plane!“ „Was ſagſt Du, Minette?“ „Gute kleine Korrigan,“ ſprach die junge Frau mit flehendem Tone, „hören Sie nicht auf Gilbert; ſeine Geſtalt gefällt mir, ich bete ihn an, ſo wie er iſt, mit ſeinen braunen Haaren, ſeinen blanen Augen, ſeinem guten, treuherzigen, offenen Geſichte, ſeinem heiteren Lächeln und ſeinen weißen Zähnen, und ich möchte immerhin wiſſen, mein Gilbert ſei unter der Hülle des Herrn Marquis, wenn mich dieſer . . . nein, fiele es Gilbert ein, mich unter der Geſtalt des Herrn Marquis umarmen zu wollen, unwillkürlich würde ich ihm die Augen auskratzen.“ „Aber, Liebe, höre mich doch!“ „Laſſen Sie mich, mein Herr; ohne Zweifel gefällt Ihnen die Hülle der ſchönen Marquiſe mehr als meine Hülle.“ „Ah! Gilberte! Gilberte!“ „Sie ziehen ihre ſchwarzen Haare meinen kaſtanien⸗ braunen Haaren, ihre Adlernaſe meiner anfgeſtülpten Naſe, ihre Taille der meinigen vor, und unter dem Vor⸗ wande, ich werde Alles dies ſein, wollen Sie, Ungehener, das Sie ſind, . ah! das iſt abſcheulich! Nein, nein! liebe kleine Korrigan, nehmen Sie alle Ihre Geſchenke, alle Ihre Millionen, die der zwei jungen Leute ausge⸗ nommen, zurück und laſſen Sie mir meinen Gilbert ſo, wie er iſt, mit ſeinem guten Herzen und ſeinem guten Geſichte“ „Aber, Minette, höre mich doch an. Ich dachte allerdings au die Einwendung der Hülle und . „Schweigen Sie, mein Herr! das iſt die Wirkung 57 der Vornehmheit. Meine Hülle genügt Ihnen nicht mehr, Sie möchten gern die der Margquiſe haben.“ „Meine Freunde,“ ſprach die Stimme, „Alles läßt ſich vereinbaren: Ihr werdet Gilbert und Gilberte inſofern bleiben, als Ihr in den Augen von Euch ſelbſt gegenſeitig Euren fleiſchlichen Anſchein behaltet; in den Angen von Allen aber werdet Ihr das Aeußere des Mar⸗ quis und der Marquiſe haben.“ „Ah! gute Korrigan, wie artig ſind Sie!“ rief Gilbert. „Nun, Minette, was haſt Du hierauf zu ant⸗ worten? Ich ſagte wohl, wir haben etwas Beſſeres zu verlangen, als Millionen, denn alle Millionen der Welt würden aus uns nicht einen wahren Marquis und eine wahre Marquiſe machen, würden uns nicht ſchöne Ma⸗ nieren, herrliche Bekanntſchaften verleihen, abgeſehen von der Wonne, uns ſagen zu können: „„Wir geben heute Abend dieſe herrliche Föte;““ wir, die wir noch vor einer Stunde zu glücklich waren, die Wagen der Eingeladenen vorüberfahren zu ſehen.“ „Das wäre allerdings äußerſt drollig und beluſti⸗ gend,“ verſetzte Gilberte, während ſie vor Vergnügen lächelte; dann, nach. kurzem Beſinnen, fügte ſie bei: „Doch vor Allem, gute Korrigan, geben Sie uns die Verſicherung, daß, wenn wir die Geſtalt des Marquis und der Marquiſe annehmen, dieſen nichts Schlimmes widerfährt?“ „Es wird ihnen nichts Schlimmes widerfahren,“ erwiederte die Stimme; „ihre Seelen, wie dies zuweilen ſogar in dieſer Welt geſchieht, werden die Hüllen wech⸗ ſeln, wie die Ihrigen ſie gewechſelt haben.“ „Dann wird das Feſt, da es Niemand ein Leid zufügt, vollſtändig ſein,“ ſprach, heiter in die Hände klatſchend, Gilberte. Ich glaube auch, liebe kleine Fee, wir weiden bald zu Ihnen ſagen: Gehe, Ko rrigan“ Und ſich an Gilbert wendend, indem ſie ſo gut ſie 58 konnte, die Miene einer vornehmen Dame annahm: „Iſt das nicht Deine Meinung, Marquis?“ „Ja wohl, Marquiſe, ja wohl,“ erwiederte Gilbert mit einem dünkelhaften Weſen; „ich glaube, bei den Göttern! wir werden uns dort wacker halten; und um anzufangen, laß uns gehen; die Föte muß jetzt am Schönſten ſein. Korrigan, vergeſſen Sie nicht die grau⸗ ſame Kolik des Raufers in dem Augenblick, wo wir in unſer herrliches Hotel eintreten. Ich will meine Augen an dem Schauſpiele des General Baron Pouſſard weiden, wenn er ſich in einer außerordentlich wenig inter⸗ eſſanten Lage befindet! Gehen wir geſchwinde, Minette.“ „Vorwärts!“ erwiederte nicht minder heiter Gilberte. „Ah!l ich vergaß unſere Millionen, Teufel! obgleich Marquis oder weil man Margquis iſt, ſind die Millionen doch nie zu viel, nicht wahr, kleine liebe Fee?“ „Bekümmere Dich nicht um das Geld,“ erwiederte die Stimme, „Du wirſt es im Hotel Montlaur wieder⸗ finden.“ „Ganz richtig, Sie ſind unſer Kaſſier, anbetungs⸗ würdige Korrigan,“ ſprach Gilbert. Und nach kurzem Nachdenken fügte er bei: „Doch ich will zwei Tauſend Franken⸗Billets behalten; es iſt heute mein Tag der Rache, und es dürſtet mich nach Opfern!“ Hienach nahm Gilbert aus dem Bunde zwei Billets und legte die andern auf den Tiſch; in einem Nu waren ſie aus ſeinen Augen verſchwunden. „Das iſt erſtaunlich,“ ſagte der junge Mann, „es macht doch immer eine gewiſſe Wirkung, wenn man ſein Vermögen wie Schnee in der Sonne zerſchmelzen ſieht.“ Gilberte ſchaute zu gleicher Zeit in ihre Blumen⸗ ſchachtel: die andere Million war auch verſchwunden. Sie konnte ſich einer leichten Bewegung der Beſorgniß nicht erwehren. „Meine Freunde,“ fragte die Stimme, „wollt Ihr Euren Schatz wiederſehen?“ 59 „Nein, nein,“ erwiederten die zwei jungen Leute, „das hieße an Ihnen zweifeln, liebe Korrigan; gehen wir.“ „Ihr habt nicht nöthig, von hier wegzugehen,“ er⸗ wiederte die Stimme, „in einem Augenblick werdet Ihr mitten in die Salons des Hotel Montlaur verſetzt ſein.“ „Gute Fee,“ ſagte Gilbert, „wenn Ihnen das gleichgültig iſt . .. ich habe eine furchtbare Rechnung mit der abſcheulichen Badureau abzumachen, die uns heute Abend unſere Ratte verweigerte.“ „Das iſt wahr, ſie hat ſie uns verweigert,“ verſetzte Gilberte. „Wie machen wir es denn, um hinabzugehen? Die Treppe iſt ſo finſter!“ „Ich werde Euch leiten, indem ich meine Helle vor Euch verbreite, erwiederte die Stimme. „Das nenne ich eine helle Stimme,“ ſagte heiter Gilbert, der es liebte, ſich in Wortſpielen zu ergehen. „Miuette, haſt Du gehört! eine helle Stimme?“ „Liebe kleine Korrigan,“ rief Gilberte, „halten Sie gefälligſt meinen ruchloſen Mann ab, daß er ſich durch ſo abſcheuliche Calembours verſündigt; das iſt ſein ein⸗ ziges Laſter.“ „Er wird keine mehr machen,“ ſprach die Stimme. „Herrlich!“ rief voll Freude Gilberte, indem ſie ein ſchallendes Gelächter aufſchlug. „Ach!“ machte Gilbert, der ſich bekümmert ſtellte. Und er öffnete die Zimmerthüre. Sogleich war der Ruheplatz durch ein ſanftes azur⸗ blaues Licht erleuchtet. „Siehſt Du, Minette? ſagte Gilbert, „man ſollte glauben, der Mond ſcheine prächtig herab; komm doch. Was machſt Du denn dort?“ Die junge Frau, als ſie auf die Schwelle getreten war, warf noch einen ſchwermüthigen Blick in ihre be⸗ ſcheidene Wohnung. „Gott befohlen!“ ſagte ſie, „Gott befohlen, armes Stübchen, wo wir achtzehn Monate ſo glücklich lebten, — 60 wo wir ſcherzten und arbeiteten vom Morgen bis zum Abend, Gilbert an ſeinem Tiſche und ich an dem meini⸗ gen, da wir vom Schickſal genug begünſtigt waren, daß es uns nie an Arbeit fehlte; wo wir oft die Nächte durchwachten, aber munter wachten, indem wir unſere Pläne für unſern lieben Sonntag entwarfen! Gott be⸗ fohlen, armes Stübchen, du, das Du uns immer ſo heiter, ſo glücklich und verliebt ſahſt, daß man nicht glauben wollte, wir ſeien verheirathet! Gott befohlen! wir ſind nun Millionäre! wir ſind nun vornehme Leute! Doch wir werden nie undankbar gegen die Vergangenheit ſein, nicht wahr, Gilbert?“ „Gute Herzen,“ flüſterte die ſanfte Stimme, „gute Herzen!“ „Es iſt ſonderbar, Geliebte, ich fühle auch eine Art von Traurigkeit in dem Moment, wo wir unſere dürftige Wohnung verlaſſen,“ ſprach nach einem Angenblick des Still⸗ ſchweigens der junge Mann, während er wie ſeine Frau auf die Thürſchwelle trat; „es ſchnürt mir das Herz zuſammen, daß ich auf immer unſere zwei Arbeitstiſche und dieſes Cabinet verlaſſen ſoll, wo Du mit Deinen weißen Händen unſer kleines Mahl bereiteteſt, das wir ſo heiter im Winter auf dem Ofen, im Sommer am offenen Fenſter im Schatten unſerer Capuciner, von demſelben Teller eſſend, aus demſelben Glaſe trinkend, zu uns nahmen. Doch, bah! wir ſind ſehr einfältig, daß wir uns ſo hierüber betrüben! . . . Werden wir nicht, wenn wir wollen, unſer Stübchen wiederfinden, da alle unſere Wünſche erhört werden ſollen!“ „Ah! das iſt wahr! Aber gleichviel, ich bitte Dich, mein lieber Gilbert, laß uns dieſes Stübchen nicht auf⸗ geben; obſchon wir Marquis und Marquiſe ſind, werden wir doch oft hierher zurückkommen, nicht wahr?“ Dann ſich an die unſichtbare Fee wendend: „Artige Korrigan, wir wollen nicht, daß unſer Zimmer zum Vermiethen angezeigt werde.“ 8 SheSeeeece 61 „Ha! ha! ha!“ verſetzte Gilbert lachend, „zum Vermiethen angezeigt! Vergiſſeſt Du denn, Minette, daß wir, um unſer Stübchen zu behalten, wenn es ſein muß, das Haus von ſeinem ruchloſen Eigenthümer und die Mutter Badureau obendrein kaufen werden! Das erin⸗ nert mich an meine Rache.“ Während er mit Gilberte, Beide geleitet durch das azurblaue Licht, das der unſichtbare Körper der Korri⸗ gan verbreitete, die Treppe hinabſtieg trällerte Gil⸗ bert auf die Melodie der Pariſienne: En avant, marchons! Contre Badureau! orons 3 la vengeance! Con . rons à la vengeance!“ „Gute Fee ſprach Gilberte lachend wie eine Tolle, „Sie vermögen Alles: halten Sie dieſes Ungeheuer von einem Bibi ab, ſolche Verſe zu machen.“ „Er wird keine mehr machen,“ ſprach die Stimme. „Ich danke, Korrigan.“ „Fluch und Verderben!“ rief Gilbert. „Ich werde Dir alſo nicht mehr ſingen, Badureau, doch ich werde mich rächen. Ah! Du haſt Unglückausgeſtanden! Warte! warte!“ Unſere zwei jungen Leute kamen an die Thüre der Loge, welche von innen verſchloſſen und völlig finſter war, denn die Mitternachtſtunde hatte geſchlagen. Gil⸗ bert umwickelte ſeine Fauſt mit ſeinem Taſchentuche, drückte langſam und ohne Erſchütterung, aber ſtark an eine der Scheiben des Fenſters der Loge und zerbrach nung von den Trümmern des Glaſes, ſtreckte den Kopf durch und rief mit einer Gräberſtimme: „Ftau Badureau! Frau Badureau!“ „Was gibt es?“ fragte die Portisre, welche, plötz⸗ lich erwachend, ſich in ihrem Bette aufrichtete, das im 62 Hintergrunde der Loge in einer Art von Halbgeſchoß ſtand, „was gibt es? Wer iſt da? wer ruft mich?“ „Derjenige, welcher Euch ruſt, v Badureau! ruft einzig und allein in der Abſicht, Euch dienſtfertig zu ſagen, daß Ihr die Miethslente ungeheuer betrügt.“ „Diebe! Feuer! zu Hülfe!“ ſchrie die Portiére, die ſich in ihre Decke wickelte, „zu Hülfe!“ „Ich wiederhole, Badureau, Ihr betrügt die Mieths⸗ leute ungeheuer, Ihr ſtehlt ihnen ihre ſchönſten Holz⸗ ſcheiter, Ihr laßt ſie eine Stunde vor der Thüre war⸗ ten oder verweigert ihnen grauſamer Weiſe ihre Ratte, Alles unter dem Vorwande, Ihr habet Unglück ausgeſtanden, was Euer ewiges und unaufhörliches Ritornell iſt. Hier ſind nun zweitanſend Frankenz der Teufel ſchickt ſie Euch, in der Hoffnung, ſie werden Euch das Unglück, das Ihr ausgeſtanden, vergeſſen laſſen, und Ihr werdet die Mieths⸗ leute nicht mehr betrügen.“ „Diebe! Feuer! Mörder! ſchrie die Portière mit erſtickter Stimme; „das iſt der ſchurkiſche Lithograph vom fünften!“ „Er ſelbſt,“ erwiederte Gilbert mit einer Gräber⸗ ſtimme, „ja . . dieſer Schurke wirft Euch zwei Tauſend Franken⸗Billets in Euer Reſt, wonach der grobe Lithograph ſich ſelbſt die Schnur zieht, ohne zu Euch zu ſagen: Wenn es gefällig wäre, v Badureau!“ Hienach verließ Gilbert das Haus wie ſeine Gil⸗ berte bis zu Thränen lachend. „O welch ein guter Spaß!“ ſagte die junge Frau; „ſiehſt Du, das iſt eine Rache, wie ich ſie liebe.“ „Gute Herzen!“ flüſterte die ſanfte Stimme, „gute Herzen!“ Unſere zwei jungen Leute befanden ſich, nachdem ſie ein paar Schritte auf der Straße gemacht hatten, vor dem großen Thore des Hotel Montlaur, an welchem zwei mit Lämpchen beladene Eibenbäume ſtanden und zwei Municipalgardiſten zu Pferde hielten. Im Hinter⸗ 63 grunde des ungehenren Hofes, in den gerade die Wagen von einigen verſpäteten Gäſten einfuhren, ſah man die glänzend erleuchtete Säulenhalle des Hotels, und durch die großen Glasſcheiben des Veſtibule Gruppen von Ge⸗ ſträuchen und Blumen, welche die Zugänge zu einer breiten Treppe von weißem Marmor mit vergoldetem Geländer ſchmückten, an deren Fuß eine zahlreiche, glän⸗ zend galonnirte Dienerſchaft aufgeſtellt war. Ein lebhaf⸗ tes Licht funkelte durch die purpurrothen ſeidenen Vor⸗ hänge, welche die Fenſter dieſes Palaſtes verſchleierten, und mehrere derſelben, die in einer großen als Ball⸗ ſaal dienenden Gallerie angebracht und fuͤr die erfriſchende Luft dieſes ſchönen Frühlingsabends geöffnet waren, lie⸗ ßen nach außen die harmoniſchen Accorde eines vortreff⸗ lichen Orcheſters gelangen, das in dieſem Augenblick ei⸗ nen köſtlichen Walzer von Strauß ſpielte. Gilbert und Gilberte blieben einen Moment ſtehen, um ſich an dem glänzenden Anblick dieſes prachtvollen Hotels zu weiden: dann ſagte die junge Frau zu ihrem Manne: „Und wenn wir bedenken, daß wir hier zu Hauſe ſind! daß wir uns in dieſen herrlichen Salons mitten unter der ſchönen Welt befinden werden. Ah! Gilbert, mein Herz ſchlägt nach ſtärker als vorhin, da wir in das Cafs de Paris eintraten.“ „Ei! meine Geliebte, in dieſem Hotel werden wir, wie Du geſagt haſt, zu Hauſe und ganz be⸗ haglich ſein, wie man es zu Hauſe iſt, denn wir ſind, der Marquis und die Marquiſe von Montlaur. Komm! komm!“ Doch in dem Augenblick, wo Gilbert den Fuß in den Hof des Hotels ſetzen wollte, blieb er abermals ſte⸗ hen und ſagte: „Ah! liebe kleine Korrigan, dieſe großen Lackeien werden uns vielleicht nicht durchlaſſen wollen. . ſollen wir in unſer Haus, in unſere Salons ein⸗ reten?“ 64 „Es iſt geſchehen,“ erwiederte die Stimme von Korrigan, „Ihr ſeid im großen Salon des Hotels, Ihr ſeid in den Angen Aller der Marquis und die Marguiſe von Montlaur.“ IV. Das von der Marquiſe von Montlaur gegebene Feſt ſtrahlte gerade in ſeinem ganzen Glanze. Wir werden die Herrlichkeit dieſes fürſtlichen, mit Allem, was der raffi⸗ nirteſte Luxus, die ausgezeichnetſte Kunſt, um die Augen zu bezaubern, ſchaffen können, geſchmückten Aufenthalts⸗ ortes nicht beſchreiben; die Elite der Pariſer und der europäi⸗ ſchen Ariſtokratie, dieſe vertreten durch die Geſandten, die Ge⸗ ſandtinnen und einige große fremde Familien, füllten die Salons, und da und vort folgten die neugierigen und bewundernden Blicke einem Löwen oder einer Löwin, wie man im Jargon der engliſchen Faſhion die Männer und die Frauen zu nennen übereingekommen iſt, welche häufig der ariſtokratiſchen Welt ſehr fremd ſind, darum aber doch von dieſer Welt kraft einer unbeſtreitbaren Celebrität aufgeſucht und gefeiert werden. Die Löwin und der Löwe des Feſtes im Hotel Montlaur waren Frau von Saint⸗Marceau und Herr Georges Hubert. Frau von Saint⸗Marceau, nachdem ſie un⸗ ter dem ſiegreichen Namen der diva Bernardi auf den erſten lyriſchen Theatern Europas denen der Mali⸗ bran oder der Paſta gleichkommende Succeſſe errun⸗ gen und ſich ein bedeutendes Vermögen erworben, hatte ſich mit dem, was man einen Mann der Welt nennt, nämlich mit Herrn von Saint⸗Marceau verbunden. Erſt ſeit einigen Tagen verheirathet und ziemlich lange von der Bühne entfernt, war dieſe blendend ſchöne, bewun⸗ derungswürdige Sängerin am Abend vorher zum erſten „ 65 Male wieder in der italieniſchen Oper mit einem coloſ⸗ ſalen Succeſſe in Semiramis aufgetreten. Die älteſten Stammgäſte dieſes Theaters erinnerten ſich nicht, Zeugen von einer ſolchen Begeiſterung geweſen zu ſein. Am Morgen nach dieſem Trinmphe erhielt Frau von Saint⸗Marceau einen Beſuch vom Marquis von Montlaur, der ſie inſtändig bat, in einem Concerte, das die Marquiſe vor ihrem Balle gab, ſingen zu wollen. Frau von Saint⸗Marceau kam dieſer Aufforderung auf das Freundlichſte entgegen, machte aber die Bedingung, daß ſie gegen den Gebrauch keine Belohnung annehmen werde. Der Marquis erwiederte ihr mit viel Tact, er wende ſich in dieſem Falle nicht mehr an die große Künſtlerin, ſondern an die Weltdame, an Frau von Saint⸗Marceau, und er wäre zu glücklich, ſollte er fie eine Einladung zu der von der Marguiſe gegebenen Fete annehmen ſehen. Um dieſes Zartgefühl des Mar⸗ quis anzuerkennen, erklärte Frau von Saint⸗Marceau entſchieden, ſie werde im Concerte ſingen, ſang darin, und übertraf ſich ſelbſt in einem Stücke aus der die⸗ biſchen Elſter. Dieſer neue Succeß verbunden mit der ſeltenen Schönheit der Prima Donna mit ihrer europäiſchen Berühmtheit, mit ihrer Stellung als Neu⸗ vermählte, — ihre Heirath hatte durch verſchiedene, ro⸗ manhafte Vorfälle großes Aufſehen erregt, — gab Frau von Saint⸗Marcean alle Anſprüche auf die Benennung: die Löwin des Abends. Herr von Saint⸗Marceau, ein Mann der Welt, hätte, unter ziemlich ercentriſchen Umſtänden an eine Künſtlerin verheirathet, wohl auch von einem gewiſſen löwiſchen Reflere geglänzt, doch er begleitete ſeine Frau nicht in das Hotel Montlaur. Herr Georges Hubert war Löwe in ſeiner Eigenſchaft als ausgezeichneter dramatiſcher Dichter von europäiſchem Rufe; dann heatte kurze Zeit vor der Feéte, Gilbert und Gilberte. 1. 5 66 welche die Marquiſe von Montlaur gab, Georges Hü⸗ bert, als Mitglied in die Akademie aufgenommen, vor der feinen Blüthe der Pariſer Welt eine Rede voll Be⸗ geiſterung, Witz und hoher Beredtſamkeit gehalten. Die Wirkung dieſer Rede war wunderbar, und man ſprach viel davon an dieſem Abend im Hotel Mont⸗ laur. Andere Gründe trugen noch dazu bei, um Geor⸗ ges Hubert zum Löwen dieſes Feſtes zu machen: die Wiederholung von Octavius, einem ſeiner ſchönſten Dramen, das man zwei Jahre früher aufgeführt, war ſo eben mit einem vielleicht noch ſtürmiſcheren Bei⸗ fall als früher aufgenommen worden. Dabei ſollte man zwei Tage ſpäter zum erſten Male ein neues Werk von dieſem großen Schriftſteller geben, der ſeit zwei Jahren der ungeduldigen Erwartung ſeiner Bewunderer nichts geboten hatte. Und ſein Ruf war ſo groß, daß dieſe nahe bevorſtehende literariſche Feierlichkeit zu einem wah⸗ ren Ereigniß wurde. Seit zwei Jahren endlich erſchien Georges Hubert, den man früher beſtändig in der Ge⸗ ſellſchaft geſehen hatte, beinahe nie mehr darin; dieſes plötzliche Verzichten auf ſeine alten Gewohnheiten, dieſe verlängerte Abſonderung von der Welt, deren Urſache man vergebens geſucht, hatte ſonderbar ſchwatzen gemacht. Gerade wegen ihrer Seltenheit brachte auch die Gegen⸗ wart des Dichters im Hotel Montlaur eine Art von Senſation hervor. Die Marquiſe, die, als ſie am vor⸗ hergehenden Donnerſtag aus der Sitzung der Akademie wegging, eine ihr befreundete Frau traf, welche mit dem berühmten Schriftſteller ſprach, hatte ihn ſich vor⸗ ſtellen laſſen und mit einer anmuthigen Dringlichkeit zu der Föte, die ſie demnächſt gab, eingeladen. Noch jung, von einem kalten Aeußern, von einer höflichen Zurückhaltung und einer ernſten, ein wenig hochmüthigen Phyſiognomie, welche zuweilen ein wohl⸗ wollendes, feines Lächeln milderte, theilte Georges Hu⸗ bert mit der großen Sängerin die Aufmerkſamkeit und — 67 die Neugierde der glänzenden Verſammlung. Beide konnten das Lob unter allen möglichen Formen genie⸗ ßen, von der aufrichtigen, zarten, erleuchteten Schätzung ihrer ſeltenen Talente bis zur alltäglichen und wortreichen Bewunderung oder zur Uebertreibung einer Schmeichelei, welche zu unverſchämt hyperboliſch, um nicht eine ge⸗ heime Eiferſucht oder einen geheimen Reid zu bemän⸗ teln. Strahlend von Glück und Schönheit verbarg, Frau von Saint⸗Marceau nicht ihre Freude darüber, daß ſie ſich in dieſer auserleſenen Geſellſchaft wenigſtens ebenſo als Welt dame, wie als Künſtlerin empfangen ſah. Mehr verſchloſſen, ſehr Beobachter und den Dingen auf den Grund gehend, erwiederte Georges Hubert die Aus⸗ zeichnungen, deren Gegenſtand er war, mit Beſcheiden⸗ heit, gutem Geſchmack und Würde. Die dem Worte Löwe im Jargon der Geſellſchaft gegebene Bedeutung iſt ſo mannigfaltig, daß ſogar der General Baron Ponſſard eine Art von Löwe in Rück⸗ ſicht auf ſeinen traurigen Ruf als wüthender Duellant war. Sah man ihn vorübergehen, ſo ſagte man ſich: „Das iſt der General Ponſſard, Sie wiſſen .. Er hat zwölf bis fünfzehn Perſonen im Duell getödtet.“ Wir müſſen indeſſen dem Leſer enthüllen, daß der Raufer ſeinen Titel und ſeinen Rang uſurpirte. Man vernehme, wie dies zuging: Herr Pouſſard, nachdem er, übrigens brav, gedient hatte, wurde wegen Veruntreu⸗ ung vor ein Kriegsgericht geſtellt und von ſeinem beſcheide⸗ nen Grade caſſirt. Herr Pouſſard verließ Frankreich und ſuchte ſein Glück in Südamerika, das damals Bürger⸗ kriegen preisgegeben war. Der Abenteurer erhielt das Commando über ein Freicorps, ſchlug ſich unerſchrocken, prellte die Sieger, plünderte die Beſiegten; dann, als er⸗ wie er ſagte, ſeine Schafe geſchoren hatte, kam er nach Frankreich zurück und hielt es für zweck⸗ dienlich, ſich Baron und Ergeneral im Dienſte von Bo⸗ 68 livar zu betiteln. Dieſer Titel und dieſer Rang wurden bei der Sorgloſigkeit und gewöhnlichen Leichtigkeit der Pariſer Welt und mit Hülſe der Frechheit des Raufers allmälig ohne Widerrede angenommen, und der Aben⸗ teurer trat ungeſtraft unter dem Namen General Baron Pouſſard auf. Das harmoniſche Orcheſter des Ballſaales ruhte, ſo⸗ wie die Tänzer, während des Zwiſchenraumes, der einen Walzer von einem Contretanz trennte. Die Männer boten ihren Arm den Frauen und führten ſie in einen ungeheuren Speiſeſaal, wo ein glänzendes Buffet, auf welchem Meiſterwerke der Silberarbeiterkunſt entweder maſſiv oder getrieben, die man dem wunderbaren Ta⸗ lente von Froment Meurice, dem modernen Cel⸗ lini, zu verdanken hatte, glänzten. Unter den Ge⸗ ſchäftigſten um dieſes Buffet bemerkte man den General Pouſſard. Er dachte ſchon nicht mehr an die Unan⸗ nehmlichkeit, welche ſein Geſpräch mit der Marquiſe un⸗ terbrochen hatte; eine verſchobene, aber immer noch dro⸗ hende Unannehmlichkeit, denn Gilbert hatte zu der Kor⸗ rigan geſagt: „Dieſer alte Raufer ſoll wieder von einer 3 gräßlichen Kolik gepackt werden, wenn Gilberte und ich in die Salons unter dem Aeußeren des Marquis und der Marquiſe eintreten, denn wir wollen uns an dem kläglichen Geſichte des General Pouſſard ergetzen.“ In ſeiner Unwiſſenheit über dieſe Gefahr und vor dem Buffet aufgepflanzt, ſtopfte ſich dieſer mit gerade aus dem Ofen kommenden Bouchées à la reine und mit Sand⸗ wichs mit Trüffeln, auf die er manches Glas Champag⸗ ner goß; dann ſagte er, mit vollem Munde ſpre⸗ chend, zu einem ſeiner Nachbarn, einem ſchönen, großen, ſchlanken, blonden jungen Manne mit hoch⸗ müthiger Miene: Die Küche iſt vortrefflich; leider habe ich nie hier geſpeiſt, doch nach dem Muſter dieſes Buffets darf man 69 wohl behaupten, daß wir in einem wahrhaft vornehmen Hauſe ſind.“ „In einem guten Hauſe, ja, in einem vornehmen Hauſe, nein,“ erwiederte trocken der blonde junge Mann, während er eine Taſſe Eischocolade ſchlürfte. Um ein vornehmes Haus zn haben, muß man, denke ich, zuerſt ſelbſt vornehm ſein.“ „Nun, Herr Herzog,“ verſetzte der General, der hinter einander zwei Bouchées à la reine verſchlang, „find die Montlaur nicht ſehr vornehme Herren? „Die ächten Montlaur waren allerdings ſehr vor⸗ nehme Herren, doch ihre Linie iſt im Jahr 1471 er⸗ loſchen.“ „Aber, Herr Herzog „ „Aber, mein Herr, ich denke, ich kenne die Geſchichte!“ ſagte hoffärtig der junge Herzog. „Mein Haus hatte einſt Verbindungen mit demalten und mächtigen Hauſe Montlaur, das, ich wiederhole es, in Ermangelung von männlichen Erben im Jahre 1471 erloſchen iſt. Damals geſchah es, daß ein armſeliger Edelmann aus dem Poiton, ein gewiſſer Gautier von Hauterive, eine Art von Abenteurer, der nichts hatte, als ſein Schwert, ſich von der letzten Erbin dieſer großen Familie heirathen ließ und ohne Umſtände den Namen, das Wappen und den Titel des Hauſes Montlaur annahm, — in jener Zeit ſehr häufig vorkommende, beklagenswerthe Uſurpationen.“ Der General dachte ein vaar Sekunden nach, zog leicht die dicken Brauen zuſammen, welche ſeine mit Blut unterlaufenen Angen überragten, und ſagte mit ziemlich derbem Tone: „Erlauben Sie, Herr Herzog, Sie ſprechen da von Uſurpation von Titein wiſſen Sie, daß das Wort Uſurpation. „Das artige Wort iſt,“ erwiederte der junge Mann mit einer zerſtreuten Dreiſtigkeit, während er ſeine leere Taſſe wieder auf das Buffet ſtellte und ein Lorgnon an 70 ſein Auge drückte, um eine Frau, welche eben eintrat, zu betrachten. „Herr Herzog!“ verſetzte der General mit einer beinahe drohenden Stimme, „was verſtehen Sie unter dem Worte artig?“ Der Herzog von Saligny, der ſich, mit ſeinem Lorgnon am Auge, vom Buffet entfernte und dem Ge⸗ neral gerade den Rücken zuwandte, drehte ſich ungeſtüm um, maß Herrn von Pouſſard von oben bis unten und erwiederte mit der unverſchämteſten Höflichkeit: „Wenn ich recht gehört habe, mein Herr, ſo erwei⸗ ſen Sie mir die Gewogenheit, mich zu befragen.“ „Ja, Herr Herzog.“ „Und mit wem habe ich die Ehre zu ſprechen?“ „Mit dem General Baron Pouſſard,“ erwiederte der Raufer, indem er die Fäuſte auf ſeine Hüften ſtemmte und ſeine Augen verdrehte, ohne Zweifel im Glauben, er werde durch ſeinen furchtbaren Namen den Herzog von Saligny meduſiren. Dem war nicht ſo, denn dieſer erwiederte mit verdoppeltem Hochmuth und zwei⸗ fach höhniſcher Artigkeit: „Darf ich den Herrn General Baron Pouſſard bit⸗ ten, mich mit dem Zwecke ſeiner Frage bekannt machen zu wollen?“ „Das iſt ſehr leicht,“ erwiederte der Raufer mit prahleriſchem Tone. „Ohne der vertraute Freund des Herrn Marguis von Montlaur zu ſein, da ich nie bei ihm zu Mittag geſpeiſt und erſt dieſen Herbſt in Baden⸗ Baden ſeine Bekanntſchaft gemacht habe, genügt es für mich, bei ihm aufgenommen zu ſein, um es ſonderbar ja, Herr Herzog, äußerſt ſonderbar, und das iſt das artige Wort, zu finden, daß Sie ſich erlauben, über die Ahnen des Marquis zu ſpotten, und feſt über⸗ zeugt, nicht von ihm Lügen geſtraft zu werden, ſage ich Ihnen in ſeinem Namen und zur Noth auch in meinem 71 eigenen, Herr Herzog . .. daß daß ich . j ſage Ihnen daß .. Gilbert hatte zur Korrigan geſagt: „Der General Pouſſard ſoll von einer gräßlichen Kolik befallen werden, ſobald wir in das Hotel eintreten . ſo daß plötzlich der General, nachdem er das Ende ſeines Geſprächs mit dem Herzog geſtammelt hatte, ſtumm blieb und ſeine Lippen unter ſeinem langen grauen Schnurrbarte zuſammenkniff, wonach ſeine Züge bald eine mit Angſt vermiſchte Unruhe ausdrückten Er ſchaukelte ſich abwech⸗ ſelnd auf dem einen und auf dem andern Beine und ſtützte ſeine plumpe, haarige, krampfhaft zuſammengezo⸗ gene Hand auf den Rand des Buffets; Schweißtropfen perlten auf ſeiner Stirne; er wollte ſich anſtrengen, um das Geſpräch fortzuſetzen, doch er konnte nur zwei oder drei Hem! hemſ . artikuliren. Und abermals erloſch das Wort auf ſeinen Lippen zum großen Erſtau⸗ nen von Herrn von Saligny, der, ohne aus ſeinem ſpöttiſchen Phlegma herauszutreten, ihn fragte: „Sie erwieſen mir, glaube ich, die Ehre, mein Herr, mir zu ſagen, im Namen von Herrn von Mont⸗ laur und zur Roth in Ihrem eigenen, was? . was? „ „Herr Herzog,“ antwortete der General mit einer keuchenden Stimme, welche die lebhafteſten Beſorgniſſe verrieth, wir werden ſogleich dieſe Unterredung wieder aufnehmen. Dort kommt der Marquis; es iſt unnöthig, ihm etwas zu ſagen, und . . .“ Doch der General Ponſſard vollendete ſeinen Satz nicht; er durchſchritt den Buffetſaal ſo raſch, als er konnte, ohne bemerkt zu werden. Sehr erſtaunt über den plötzlichen Rückzug des Ba⸗ rons, folgte Herr von Saligny dieſem mit den Angen, als ſich einer von ſeinen Freunden, Herr von Bourgueil, ein junger Geſandtſchafts⸗Secretär, der am Halſe das Band von einem fremden Orden und an ſeinem Knopf⸗ 72 loche eine goldene Kette trug, an welcher mehrere Kreuze hingen, dem Herzog ſehr eifrig näherte und leiſe zu ihm ſagte: „Mein lieber Gaſton, die Marquiſe compromittirt ſich offenbar mit Georges Hubert. Seit einer Viertel⸗ ſtunde verläßt ſie ſeinen Arm nicht mehr; übrigens iſt das eine Parkie zu Vier, denn der Marquis verläßt die göttliche Bernardi oder, wenn Du lieber willſt, Frau von Saint⸗Marceau nicht mehr! Schau! da treten ſie, jedes durch eine andere Thüre, in dieſen Speiſeſaal ein. Das iſt theatraliſch . .. Ei! ſprich, ſoll ich immer noch auf Dein Pferd gegen das des Marquis für das Steeplechaſe nach dem Kreuze von Berny, bei dieſem Gentlemen⸗Rennen, wetten? Ihr rennt Beide; es werden fünf Hecken, die Biövre und vier Gräben zum Setzen da ſein.“ „Ja, ja, wette immerhin auf mein Pferd gegen das des Marquis; ich möchte ihn gern demüthigen, verletzen, und wäre es nur durch den Aerger darüber, daß er mich bei dieſem Rennen gewinnen ſieht, denn ich haſſe ihn mehr als je,“ erwiederte der Herzog mit tiefer Gereiztheit. „Komm . troßz meiner Ruhe fühle ich mich außer mir; Du haſt Recht, und ich habe es ſchon bemerkt, die Marquiſe compromittirt ſich mit einer em⸗ pörenden Unanſtändigkeit. Sie verläßt den Arm von Georges Hubert nicht Oh! noch heute Abend ſoll ſie erfahren, daß ich nicht das Spielzeng ihrer ſchamloſen Coquetterie bin. Komm! komm! ich bin auf das Aeußerſte gebracht!“ So ſprechend, verſchwanden Herr von Saligny und Herr von Bourgueil durch eine in den Speiſeſaal aus⸗ mündende Gallerie in dem Augenblick, wo Gilbert und Gilberte, der Marquis und die Marguiſe von Montlaur geworden, durch zwei Seitenthüren, die einander gegen⸗ über angebracht waren, eintraten. Gerade in dieſem Angenblick hatte ſich durch die — —,— 73 magiſche Allmacht der Korrigan die Verwandlung unſerer jungen Leute bewerkſtelligt. Eine Sekunde vorher ſagte zu ihnen die kleine Fee, als ſie, vor der Schwelle des Hotels ſtehend, die äußeren Herrlichkeiten betrachteten: „Es iſt geſchehen. Ihr ſeid Herr und Frau von Montlaur, und in den Augen Aller, nur in den Euri⸗ gen nicht, habt Ihr den fleiſchlichen Anſchein des Mar⸗ quis und der Marquiſe.“ Kaum war die Korrigan abgegangen, als Gilbert und Gilberte eine Art von Schwindel erfaßte, ſo daß ſie ſogar das Bewußtſein ihrer Exiſtenz verloren; dann ſahen ſie einander in den Speiſeſaal des Hotels eintre⸗ ten. Geſchmückt mit einer Pracht vom beſten Geſchmack, die Stirne umſchloſſen von einem Kranze von Diamanten und Blumen, gab Gilberte dem großen Dichter Georges Hubert den Arm, während Gilbert, mit ausgezeichneter Eleganz gekleidet, die berühmte und blendende Frau von Saint⸗Marceau am Arme führte. Dieſe für den General Baron Pouſſard verhängnißvolle doppelte Erſcheinung hatte deſſen plötzlichen Abgang, wodurch das feindliche Geſpräch von Herrn von Saliguy mit dem General kurz abgeſchnitten wurde, veranlaßt. Der Marquis Gilbert und die Marquiſe Gilberte (für die Klarheit unſerer Erzählung werden wir ihnen fortan dieſe Namen geben), hatten eine ſeltſame, beinahe unerklärliche und unüberſetzbare Empfindung; verſuchen wir es indeſſen, eine Idee davon zu geben. Man denke ſich vortreffliche Schauſpieler eine Rolle ſpielend; iſt die Nachabmung der Natur für die Zu⸗ ſchauer nicht ergreifend? Nichts fehlt dabei, weder die Geberde, noch die Phyſiognomie, noch der Ton, noch die Haltung! Die Gemüthsbewegung, das Lächeln, die Freude, die Thränen, Alles ſcheint wahr. So groß iſt mit einem Worte die Macht dieſer Schauſpieler, daß ſich die Fiction mit der Wirklichkeit vereinigt. Sie ha⸗ 74 ben ſich ſo tief mit der Perſon verkörpert, die ſie vor⸗ ſtellen, ſie ſind ſo kräftig in ihre Haut einge⸗ treten (um uns eines richtigen und energiſchen Aus⸗ drucks zu bedienen), ſie haben ſich mit einem ſo wun⸗ derbaren Naturell derſelben aſſimilirt, daß ſie nicht mehr ſie ſelbſt ſind, ſondern jene Perſon mit ihrer Sprache, ihren Manieren, ihren Fehlern, ihren guten Eigenſchaf⸗ ten, ihren Laſtern oder ihren Tugenden. Und dennoch behält der Schauſpieler, wenn er ſich mit der Rolle, die er darſtellt, verkörpert, wenn er als die Seinigen die Gedanken des dramatiſchen Dichters ausdrückt, wenn er der Vollbringer aller guten, ſchlech⸗ ten, gräßlichen, rührenden oder grotesken Handlungen wird, die ihm durch den ſouveränen Willen des Dich⸗ ters auferlegt ſind, und dennoch, ſagen wir, behält der Schauſpieler immer ſein Ich, ſeine Individualität, ſeine innere Schätzung der Sprache, die er führt, der Hand⸗ lungen, die er auf der Scene begeht. Allerdings repräſentirt der Schauſpieler zum Täu⸗ ſchen Hernani, Ludwig XI., Richard III., den Spieler oder Antony. Ergriffen von der unwi⸗ derſtehlichen Hinreißung der Sitnationen, vergißt er ſich und verkörpert er ſich, wie geſagt, mit der Perſon, deren ſichtbarer, handelnder und ſprechender Ausdruck er iſt; doch trotz dieſer Hinreißungen behält der Schauſpieler ſein Ich, die Urtheilsfreiheit in Betreff des Charakters von Hernani, Ludwig XI, Richard III., An⸗ gelo und Antony. Anßer dem Theater würde er ihre Handlungen verwerfen, doch ſobald er auf der Scene, ſobald er in ihrer Rolle, ſobald er in ihrer Haut iſt, geht er, vom Verhängniß fortgezogen, nothwendig bis zum Ende. Gilbert und Gilberte, welche durch ihre Verwand⸗ lung der Marquis und die Marquiſe von Montlaur ge⸗ worden, befanden ſich nun, ſo weit es möglich iſt, eine übernatürliche Sache zu erklären, in einer einiger Maße 8 — 75⁵ der der Schauſpieler analogen Lage; ſie ſpielten vortreff⸗ lich ihre Rolle; doch von der Tiefe ihres Bewußtſeins aus, von ihrem inneren Forum aus hörten ſie ſich, ſahen ſie ſich, ſo zu ſagen, handeln und ſprechen. Rur hört hier die Vergleichung auf. Der Schauſpieler, wenn er ſeine Rolle zu peinlich, zu unausſtehlich findet, kann, auf die Gefahr, vom Publikum ausgeziſcht zu werden, die Bühne verlaſſen. Gilbert und Gilberte konnten im Gegentheil nicht mehr die Rolle verlaſſen, die ſie fortan auf dem Theater der Welt ſpielen ſollten, wo ſie den Marquis und die Marquiſe von Montlaur darſtellten. In das Leben der Letzteren eintretend (wie es die Korrigan geſagt hatte), konnten ſie in keiner Hinſicht die Ereig⸗ niſſe modificiren, die in Erfüllung gehen ſollten, und ſie nahmen vom Verhängniß die guten oder ſchlimmen Wech⸗ ſelfälle an, welche die Zukunft denjenigen vorbehielt, deren Stelle ſie vertraten. Und dann, abgeſehen von ſeltenen Ausnahmen, bei welchen der Schauſpieler, von der Situation fortgeriſſen, die Thränen ſeiner Rolle weint, ſind ſeine Thränen Ver⸗ ſtellung, wie ſeine Freuden oder ſeine Schmerzen. Es ſollte nicht ſo bei Gilbert und Gilberte ſein. Frenden oder Schmerzen, Gelächter oder Thränen, Alles ſollte aufrichtig, ächt ſein. Sie ſollten durchaus Alles empfinden, was der Marquis und die Marquiſe von Montlaur empfunden hätten; dennoch behielt das Ich, das innere Forum unſerer jungen Leute, die Fähigkeit, ihnen Bewußtſein von den aus ihrer Meta⸗ ſtſ entſpringenden Worten und Handlungen zu geben. Nach dieſen Bemerkungen kehren wir zu Gilbert und Gilberte zurück, welche in den großen Speiſeſaal durch zwei verſchiedene Thüren in dem Augenblick ein⸗ traten, wo der Herzog von Saligny aufgebracht, wie er ſagte, über die unſchicklichkeit der Marquiſe, den 76 ſeltſamen und ungeſtümen Abgang des General Baron Pouſſard vergaß. Gilbert, der Frau von Saint⸗Marceau am Arm führte, ſagte zu ihr mit einem gezügelten Eifer, wobei indeſſen der lebhafte Eindruck durchblickte, den das Ta⸗ lent und die Schönheit der berühmten Künſtlerin auf ihn machten: „Es iſt beinahe eine Trivialität, Madame, wenn ich Ihnen meine Bewunderung für das unnachahmliche Talent ausdrücke, welches Sie heute Abend in dem ſo trefflich von Ihnen geſungenen Stücke aus der diebi⸗ ſchen Elſter gezeigt haben, und dennoch bleibt mir keine andere Wahl, wenn ich aufrichtig ſein will.“ Und das Ich von Gilbert wunderte ſich, daß dieſer ſo artig ſprach, und fand nichts reizender, als Marquis zu ſein und ſo hübſche Dinge zu improviſiren. „Nehmen Sie ſich in Acht, Herr Marquis,“ erwie⸗ derte lächelnd Fran von Saint⸗Marceau; „ſprechen Sie mit mir von Muſik, ſo ſpreche ich mit Ihnen von dem wunderbaren Geſchmacke, der bei dieſein Feſte vorge⸗ herrſcht hat. Das iſt wohl auch eine Trivialität, aber Sie nöthigen mich, ebenfalls aufrichtig zu ſein.“ „Ah! Madame, die Vergleichung iſt nicht richtig,“ erwiederte Gilbert; „mit ein wenig Geld kann Jeder⸗ mann ein Féte geben; doch das wunderbare Talent, mit dem Sie ausgeſtattet ſind, iſt eine einzige, göttliche Gabe, und . . . doch ich ſchweige .. ich ſchweige! Ich begreife, daß es die Königinnen, müde der Huldigungen, mit denen man ſie erdrückt, oft lieben, ihr Königthum zu vergeſſen; ſprechen wir vom erſten, vom beneidetſten und, ich bezweifle es nicht, treuſten Ihrer Untertha⸗ nen „Wen meinen Sie, Herr Marquis?“ „Saint⸗Marceau. Warum iſt er nicht hier? Ah! wenn ich das Glück hätte, an ſeiner Stelle zu ſein,“ fügte Gilbert mit Rachdruck bei, indem er den Blick von — 77 Frau von Saint⸗Marceau ſuchte, „mit welchem ſüßen Stolze würde ich mich an Ihren Siegen weiden! Ihr Ruhm wäre der meinige! Mir ſcheint, ich wäre darauf eben⸗ ſo eiferſüchtig, als auf Ihr Herz und auf Ihre Schönheit!“ Mochte nun der Ton des Marquis eine Gemüths⸗ bewegung verrathen, welche nicht mehr Galanterie war, mochte der Name ihres Gatten die berühmte Sängerin an einen geheimen Kummer mahnen, ihr bis dahin vor Freude und Glück ſtrahlendes Geſicht verdüſterte ſich, und eine Wolke zog über ihre Stirne; doch gewohnt, ſich zu beherrſchen, verließ ſie den Arm von Gilbert, trat an das Buffet, nahm eine Taſſe Gefrorenes, die ihr ſo zu ſagen als Haltung diente, und erwiederte mit einem etwas gezwungenen Lächeln: „Was denken Sie, Herr Marquis? Herr von Saint Marceau der erſte meiner Unterthanen! Er iſt im Gegentheil mein Herr und Meiſter, und dieſe liebens⸗ würdige Herrſchaft iſt mir zu theuer, als daß ich mich nicht tauſendmal glücklich fühlen ſollte, ſie zu erdulden. Herr von Saint⸗Marceau hat mich zu ſeinem großen Bedauern heute Abend nicht begleiten können . . er leidet an . . einer nervöſen Migräne, von welcher er zuweilen befallen wird; doch,“ fügte die große Künſtlerin bei, die ſich zu freuen ſchien, daß ſie einen Anlaß fand, das Geſpräch, welches ſie in Verlegenheit ſetzte, kurz ab⸗ zuſchneiden, „doch hier iſt Herr von Bourgueil, der, glaube ich, mit Ihnen zu reden wünſcht und uns zu unter⸗ brechen befürchtet . . . Nicht wahr, mein Herr? „ fügte ſie bei, indem ſie ſich an den Freund des Herzogs von Saligny wandte. Herr von Bourgueil war wirklich, als er den Marquis mit Frau von Saint⸗Marceau ſprechen ſah, auf ein paar Schritte ſtehen geblieben und erwiederte, indem er hinzutrat und ſich verbeugte: „Madame, ich wäre ſehr ſtolz und ſehr eiferſüchtig auf ein paar Augenblicke eines Geſpräches, das Sie mir zu bewilligen die Güte hätten. Ich achte auch eine Gunſt, um die ich beneide“ Und ſich an Gilbert wendend: „Mein lieber Marquis, da Madame erlaubt, daß ich Sie unterbreche . . ich komme im Auftrage von Sa⸗ ligny, um Ihnen für morgen den Vorſchlag zu machen, beim Steeplechaſe nach dem Kreuze von Berny auf Ihr Pferd Bewerley gegen ſeine Stute Aurora zu wetten. Sie werden Beide Ihre Pferde reiten . Es ſind fünf Gräben, die Biövre und vier Hecken zum Setzen da.“ „Das ſind ſeltſame Beluſtigungen; das iſt ein Ver⸗ gnügen, um ſich hundertmal den Hals zu brechen,“ dachte das Ich von Gilbert; doch als Marquis mußte er mit einem unmerklichen Ausdruck von boshafter Ironie ant⸗ worten: „Saligny ſchlägt ſeine Wetten für das Rennen durch Geſandte vor . . Das hat wahrhaftig ganz das Anſehen eines vornehmen Mannes.“ „Es vermöchte kaum anders zu ſein,“ ſagte Herr von Bourgueil mit einer ein wenig erkünſtelten Heiter⸗ keit, „da ich Ihnen dieſe Wette im Ramen von Saligny vorſchlage, ich, der ich Geſandtſchafts⸗Secretär bin.“ „Das iſt wahr, mein lieber Bourgueil, ich ſcherzte. Ich nehme alſo den Vorſchlag von Saligny an und wette auf Bewerley gegen Aurora. Doch unter einer Bedingung: unter der, daß uns Frau von Saint⸗Marceau bei dem Rennen anweſend zu ſein verſpricht.“ „Ah! Madame,“ fügte Herr von Bourgueil bei, als er wahrnahm, daß Frau von Saint⸗Marcean zögerte, „be⸗ rauben Sie uns morgen nicht Ihrer Gegenwart, das Steeplechaſe wird herrlich ſein: ganz Paris hat ſich Rendez⸗vous beim Kreuze von Berny gegeben.“ „Offenherzig geſprochen,“ erwiede rte die Sängerin, „ich habe große Luſt, einem von den Rennen beizuwoh⸗ nen, welche heute ſo ſehr in der Mode ſind, doch leider muß ich auf dieſes Vergnügen verzichten, denn die — 79 Unpäßlichkeit von Herrn von Saint⸗Marceau würde ihm ſicherlich nicht erlanben, mich morgen zu begleiten.“ „Iſt es nur dieſes, Madame?“ verſetzte Herr von Bourgueil, indem er Gilbert mit einem Ausdrucke be⸗ friedigter Bosheit anſchaute, denn er wollte den Be⸗ wunderer der großen Künſtlerin in eine grauſam ſchwierige Lage bringen, und er fügte bei: „Mein Lieber, da Saint⸗Marceau ſeine Gemahlin nicht zum Steeplechaſe begleiten kann, ſo wird ſie, davon bin ich feſt überzeugt, das größte Vergnügen der Marquiſe bereiten, wenn ſie ſie für morgen um einen Platz in ihrem Wagen für die Fahrt nach dem Kreuze von Berny bittet. Sind Sie nicht meiner Meinung? Der Marquis konnte, trotz ſeiner Selbſtbeherrſchung, ſeine peinliche Verlegenheit nicht verbergen: ſo groß ſind die ſeltſamen Vorurtheile einer gewiſſen Welt, daß dieſe Welt über Scandal ſchreien mußte, wenn eine ſo vor⸗ nehme Dame wie die Marquiſe einen Platz in ihrem Wagen einer berühmten Sängerin gab. Allerdings war dieſe mit einem Manne von derſelben Welt verheirathet, und durch ihre ehrenhafte Aufführung hatte ſie nie zu der geringſten üblen Nachrede berechtigt; doch Frau von Saint⸗Marceau war berühmt geworden unter dem Namen Bernardi, und ſie betrat noch die Bretter. Wohl nahm man ſie vortrefflich auf; in den Salons, wo ſie empfangen wurde, verachteten es die Frauen nicht, ſich an ihre Seite zu ſetzen und ſie artig anzureden, nach einem Concerte, in welchem ihr Talent in ſeiner ganzen Herrlichkeit geglänzt hatte; doch Frau von Saint⸗ Marceau einen Platz in ſeinem Wagen geben, und zwar öffentlich vor den Angen von ganz Paris, wie man zu ſagen pflegt, das war ein Zeichen von Vertraulichkeit, beſonders von Seiten einer ſo jungen Frau, wie die Margquiſe, ſo daß der Tadel über dieſe ungeheure Un⸗ ſchicklichkeit allgemein ſein und auf den Baron zurück⸗ fallen mußte, der ſchwach genug oder ſorglos genug in Betreff ſeiner Würde, um die Ausſchweifungen ſeiner 8⁰ Gemahlin zu dulden. Dieſe aus dem Geſichtspunkte des Ichs von Gil⸗ bert albernen, aber völlig in der Logik ſeiner Perſon als Marquis liegenden Betrachtungen boten ſich ſeinem Geiſte mit der Schnelligkeit des Gedankens. Den Vorſchlag von Herrn von Bourgueil zurückweiſen hieß eine blutige Beleidigung Frau von Saint⸗Marceau zufügen, zu der eine lebhafte geheime Reigung den Marguis hinzog; der großen Künſtlerin aber einen Platz im Wagen der Mar⸗ quife anbieten, ohne nur der Einwilligung von dieſer ſicher zu ſein, hieß allen Convenienzen trotzen, und für die in der Religion der Convenienz erzogenen Lente iſt es etwas ſehr Ernſtes, ihre Geſetze zu verletzen. Gilbert zögerte indeſſen nicht zwiſchen dieſen zwei Extremitäten, denn er fand großen Geſchmack an Frau von Saint⸗ Marceau; er wandte ſich auch an ſie und ſprach: „Brauche ich Ihnen zu ſagen, Madame, daß, da Saint⸗Marcean Sie nicht zu dem Rennen begleiten kann, zu dem Sie ſich zu begeben wünſchen, Frau von Montlaur ſich ein Vergnügen daraus machen wird, Sie abzuholen? Wollen Sie die Gewogenheit haben, einen Platz in ibrem Wagen anzunehmen, ſo wird ſie morgen um eilf Uhr bei Ihnen ſein, Madame.“ Dieſe Antwort machte die große Künſtlerin glücklich, denn die leichte Verlegenheit wahrnehmend, die einen Augenblick der Marquis nicht verbergen konnte, befürch⸗ tete ſie eine höfliche Weigerung oder eine Ausflucht⸗ deren grauſame Schmach ſie wohl gefühlt hätte, da unſere Empfindlichkeit um ſo argwöhniſcher wird, je delicater unſere Lage iſt. Frau von Saint⸗Marceau ſagte auch voll Innigkeit zu Gilbert: Mein Herr, ich vermöchte Ihnen nicht auszudrücken, wie ſehr ich von dem Anerbieten gerührt bin, das Sie mir im Namen der Frau Marquiſe machen, und ich nehme es mit dem größten Vergnügen an. Zählen Sie 81 auf meine Pünktlichkeit; morgen um eilf Uhr werde ich bereit ſein.“ In dieſem Augenblick riefen einige in der Gallerie ertönende Accorde des Orcheſters die Mehrzahl der im Buffetſaale verſammelten Perſonen zurück; ein junger Mann, nachdem er ſich vor Frau von Saint⸗Marceau verbeugt hatte, forderte von dieſer einen verſprochenen Contretanz. Die junge Frau nahm den Arm ihres Tänzers und entfernte ſich vom Marquis in dem Angenblick, wo ein Mann von reiferem Alter ſich Herrn von Bourgueil näherte und leiſe mit einer geſchäftigen Miene zu ihm ſagte: „Mein Lieber, kommen Sie geſchwinde; Saligny Sie im chineſiſchen Salon. Die Sache iſt fehr ernſt.“ 4 „Mein Wertheſter, das iſt alſo verabredet,“ ſprach Herr von Bourgneil zu Gilbert, welcher nach dem Ab⸗ gange von Frau von Saint⸗Marceau, der er mit den Augen gefolgt, nachdenkend beim Buffet geblieben war, „Bewer⸗ ley iſt morgen gegen Aurora engagirt.“ Dann fügte er mit einer leichten Nuance von Spott bei: „Die rei⸗ zende Diva wird beim Steeplechaſe anweſend ſein, ein glückliches Vorzeichen für Ihren Sieg, mein Lieber!“ „Kommen Sie doch, Bourgneil, kommen Sie doch!“ ſagte leiſe der Mann von reiferem Alter, indem er den Geſandſchafts⸗Secretär nach dem chineſiſchen Salon führte, „es handelt ſich wohl um Bewerley und Aurora.“ „Um was handelt es ſich denn?“ „Ei! mein Gott! um ein Duell!“ „Ein Duell, und mit wem?“ „Stille,“ erwiederte der Mann von reiferem Alter, indem er Herrn von Bourgueil, mit welchem er ſich entfernte, durch einen Blick den General Baron Pouſſard bezeich⸗ nete, der ſich nun ſtrahlend, ungezwungen, ſicher ſeiner Gilbert und Gilberte, 1. 6 ſelbſt raſch dem Marquis näherte, nachdem er ihn ver⸗ gebens in den Salons geſucht hatte. Armer Gilbert! arme Gilberte! in welches Weſpen⸗ neſt ſeid Ihr, der Marquis und die Marquiſe von Mont⸗ laur werdend, gerathen! V Der Baron Ponſſard, der ſich ganz dienſteifrig Gilbert genähert hatte, ſagte zu ihm mit einer voll⸗ kommen befriedigten Miene, indem er ſich die Hände rieb: „Herr Marquis, ich ſuchte Sie; unſere Angelegen⸗ heit iſt in Ordnung; das geht gut.“ „WVelche Angelegenheit, mein Herr?“ fragte Gilbert ſehr erſtaunt, denn er kannte den General wenig; er hatte ihn nur in einer Badeſaiſon in Baden getroffen, und nach einigen ſehr oberflächlichen Begegnungen hatte ſich der Marquis für verpflichtet gehalten, auf häufige Viſitenkarten des General Baron Pouſſard durch eine Einladung zu dieſer Föte zu antworten. Immer mehr erſtaunt, fügte alſo Gilbert bei: „Wahrhaftig, mein Herr, ich weiß nicht, was Sie meinen: von welcher Angelegenheit ſprechen Sie?“ „Herr Marquis, vernehmen Sie die Geſchichte mit zwei Worten: ich bin ein alter Soldat und habe die vortreffliche Gewohnheit, wo möglich noch kitzeliger für die Ehre meiner Freunde, als für die meinige zu ſein.“ „Nun! mein Herr?“ „Nun! Herr Marguis, vor einer Viertelſtunde hat Sie hier, gerade auf dieſem Platze, ein eingebildeter Menſch beleidigt.“ „Mich?“ „Sie, Sie begreifen auch, daß ich ſogleich von dieſem Herrn Erklärungen gefordert habe; . doch da 83 die Folgen meiner alten Wunden, die ich bei der Be⸗ lagerung von Marmora erhalten, mir eine Art von Magenkrampf verurſachten, ſo mußte ich einen Augenblick an die friſche Luft gehen; bei meiner Rückkehr umkreiſte ich meinen Mann und ſagte zu ihm in Ihrem Namen und zur Noth in meinem, er ſei ein Unver⸗ ſchämter, und Sie oder ich werden ihm die Ohren ab⸗ ſchneiden. Die Angelegenheit iſt alſo in Ordnung; wir haben die Wahl der Waffen, das Rendez⸗vous iſt auf morgen früh um acht Uhr im Walde von Verriores feſt⸗ geſetzt. Wir werden unſerm Laffen wie einem Huhne zur Ader laſſen, und um eilf Uhr kommen wir zurück und frühſtücken bei Ihnen .. Nur mache ich Sie zum Voraus darauf aufmerkſam: ich werde einen Tigers⸗ hunger haben!“ Das Ich von Gilbert fing an ſeine Perſon immer weniger angenehm zu finden; er hatte in Anwartſchaft: als Vergnügen ein Wettrennen, um ſich Hals und Bein zu brechen, und ein unerwartetes Duell, heraufbeſchworen durch den verfluchten Raufer, den er zu einer grauſamen Kolik verurtheilt, verdüſterte nur noch den Horizont; in ſeiner Eigenſchaft als ein im Punkte der Ehre eiferſüchtiger Marquis hörte er aber den General Pouſſard mit mehr Erſtaunen als Furcht an. Er ant⸗ wortete indeſſen ziemlich kalt: „Mein Herr, ich habe die Gewohnheit, mich als den einzigen Richter meiner Ehre zu betrachten. War ich ſo unglücklich, Jemand zu beleidigen, ſo glaubte ich mich immer zu ſeinen Befehlen ſtellen zu müſſen. Was die Beleidigungen betrifft, über die ich mich zu beklagen habe, ſo beurtheile ich allein, ich wiederhole es Ihnen, ob ſie das Blut eines Menſchen werth ſind.“ „Nun wohl, ich,“ verſetzte der Raufer, „ich habe vor fünfundzwanzig Jahren einen neunzehnjährigen jun⸗ gen Menſchen getödtet, und zwar einfach und allein, weil er eine Flaſche Selterswaſſer im Cafs de Paris auf einem 34 Tiſche in der Nähe des meinigen entpfropfend, den Schaum ſei⸗ ner Flaſche in ein Salmis von jungen Feldhühnern, das ich aß, ſpritzte. Das Drollige dabei iſt, mein lieber Marquis, daß die Mama des Kleinen am Morgen weinend wie Magdalena zu mir kam, um mich flehentlich zu itten! „Mein Herr, ich habe Ihnen geſagt,“ unterbrach Gil⸗ bert den General, „Jeder iſt Richter ſeiner Ehre, und ich muß Ihnen bemerken, daß Sie, wie mir ſcheint, ehe Sie in meinem Namen eine ernſte Verbindlichkeit eingingen, mich in Kenntniß zu ſetzen hatten. Wahrhaftig, mein Herr, es iſt wenigſtens ſehr ſeltſam: ich habe, wie Sie ſagen, ein Duell und weiß nicht einmal den Namen meines Gegners.“ „Das iſt in der That höchſt poſſirlich, Marquis, ich will auch Ihre gerechte Neugierde befriedigen: Ihr Geg⸗ ner iſt der Herzog von Saligny.“ „Saligny!“ rief lebhaft Gilbert, deſſen Züge plötzlich eine Art von befriedigtem Groll ausdrückten; und nach⸗ dem er einen Augenblick nachgedacht, fügte er mit einem bittern Lächeln bei: „Da es ſich um Herrn von Saligny handelt, ſo iſt 6 nur ein halbes Uebel, wenn ſich die Sache der Mühe ohnt.“ „Ob ſie ſich der Mühe lohnt, mein lieber Marquis!“ verſetzte der General, der wieder vertraulich wurde. „Vor Allem hatte dieſer ſchöne Herzog die Unverſchämt⸗ heit, hier vor mir zu ſagen, Ihre Familie habe ihren Namen, ihren Titel und ihr Wappen uſurpirt!“ „Saligny hat Ihnen das geſagt, mein Herr?“ ſprach Gilbert, deſſen ariſtokratiſcher Stolz ſich bei einer ſol⸗ chen Anſchuldigung empörte; und er fügte mit dem Ans⸗ drucke einer nur mit Mühe bewältigten Gereiztheit bei: „Herr von Saligny hat Ihnen geſagt, meine Familie habe ihren Namen, ihren Titel, ihr Wappen uſurpirt!“ „So wahr ich ein alter Soldat bin, er hat mir das 85⁵ geſagt. Sie begreifen, Marquis, daß mir das wüthend die Ohren zu erhitzen anfing, denn Sie ſind ein vor⸗ trefflicher Junge, den ich ungemein liebe, bei meinem Ehrenwort. Ich erwiederte auch dem Laffen: „Mein Herr, wiſſen Sie, daß es etwas ſehr Ernſtes iſt, zu be⸗ haupten, die Familie von Jemand habe ihren Namen uſurpirt?““ „„Urſurpiren iſt das höfliche Wort,““ un⸗ terbrach mich der Gelbſchnabel. Da verurſachte mir eine von meinen Wunden einen Magenkrampf, und ich ſah mich genöthigt, einen Augenblick hinauszugehen; als mein Krampf vorüber war, fiſchte ich meinen Herzog wieder auf und ſprach zu ihm: „„Mein Herr, iſt uſurpiren, wenn es ſich um Namen und Titel handelt, das höfliche Wort, was iſt dann das unhöfliche 2“ „„Das unhöfliche Wort, mein Herr,““ antwortete mir der Herzog, „iſt ſtehlen.““ „Oh! Herr von Saligny ſoll dieſe Beleidigung be⸗ zahlen, rief der Marquis mit einer gedrängten Wuth. „Iſt mein Haus nicht ſo viel werth als das ſeinige, wel⸗ ches ſeine Erhebung nur den ſchändlichen Gefälligkeiten von einem ſeiner Vorfahren gegen Heinrich MI. zu ver⸗ danken hatte. . . . Schon lange bin ich müde der fre⸗ chen Anmaßungen dieſes hoffärtigen Herzogs, welcher durch die Geburt den Vorrang vor mir zu haben be⸗ hauptet! Iſt er heute Abend nicht ſo unverſchämt ge⸗ weſen, mir durch einen Dritten eine Wette für das Ren⸗ nen vorſchlagen zu laſſen, weil ſich der Herr Herzog ohne Zweifel für einen zu vornehmen Mann hält, um mir dieſes Anerbieten unmittelbar zu machen! .. Auch noch aus andern Gründen bin ich entzückt über das, was geſchieht.“ „Und ich, mein lieber Marquis! Doch, um wieder auf unſern Mann zurückzukommen, ich antwortete ihm: „„Mein Herr, Ihrer Behauptung nach ſind alſo die Ahnen meines Freundes, des Marquis, Diebe von Namen und Titeln?“ „„Ich danke Ihnen, Herr General, daß Sie 86 mir die Unannehmlichkeit erſpart haben, eine für das vorgebliche Hans Montlaur ſo harte Wahrheit zu ſagen,““ erwiederte der ſchöne Herzog mit ſeiner ſpötti⸗ ſchen Miene. „„Und ich, mein Herr,““ entgegnete ich, „„ich werde die Annehmlichkeit haben, Ihnen im Namen des Marquis, meines Freundes, für den ich mich verbürge, zu bemerken, daß Sie ein Laffe ſind!““ „„Mein Lieber,““ ſagte der Gelbſchnabel mit ſeinem gewöhnlichen verächt⸗ lichen Phlegma zu einem ſeiner Freunde, der bei unſerem Geſpräche gegenwärtig war, „„Du haſt gehört? das iſt ziemlich klar; ſuche Bourgueil auf, Ihr werdet Alles mit dem Herrn General verabreden; nur liegt mir da⸗ ran, daß das Rendezvous im Walde von Verriéres ſtatt⸗ findet: er iſt ganz nahe beim Krenze von Berny; mag ich nun rennen oder nicht rennen, ich will durchaus bei dem „ bei dem .. .““ Und bei meiner Treue, er kau⸗ derwälſchte Worte in der Art von Pipe und Chaiſſe.“ „Steeplechaſe?“ verſetzte lächelnd der Marguis, der dieſes engliſche Wort mit ſeinem wahren Accente ausſprach. „So iſt es! Und hienach wandte mir der Herr Herzog den Rücken zu. Dann haben wir, ich und ſein Freund, in Erwartung, daß er in Ihren Salons ſeinen andern Zeugen finden würde, Alles verabredet: die Wahl der Waffen kommt Ihnen zu; man wird ſich vor Allem um ſieben Uhr nach der Barridre dEnfer in zwei Wagen begeben; diejenigen, welche zuerſt kommen, war⸗ ten auf die Andern, und man geht ſodann in den Wald von Verrières, wo wir, wie geſagt, mein lieber Marquis, denn ſo wahr ich ein alter Soldat bin, ich habe denjenigen, deren Zeuge ich war, immer Glück gebracht, wo wir dem ſchönen Herzog wie einem Huhn zur Ader laſſen; hernach wollen wir bei Ihnenfrühſtücken, und dann.. vorwärts mit dem alten Sauterne und den Auſtern von Marennes! So wie Sie mich ſehen, Marquis, verſchlinge ich ſechs Dutzend vor dem Frühſtück, um mir die Zähne zu putzen, 87 darauf ſetze ich meine zwei Beeſſteaks, Rieren in Cham⸗ pagner gekocht, einige Schnitten Geflügel⸗Galantine, einen Kräuterſalat und meinen Roquefort-Käſe doch alle Teufel! unter der Bedingung, daß er allein geht Zum Schluß fünf bis ſechs Puros von der Havana, während wir unſern Mokka ſchlürfen, und wir ſind mit Ballaſt beladen bis zum Mittageſſen! Ah! ſagen Sie, Marquis, Sie verſtehen ſich auf den Degen?“ „Ja,“ erwiederte Gilbert mit einer träumeriſchen Miene welche bei ihm auf das erſte Aufbrauſen des Zornes folgte, und maſchinenmäßig horchte er auf die berauſchenden Accorde des Orcheſters von Strauß, das in der anſtoßen⸗ den Gallerie erklang. „Nur vom Anſehen hätte ich errathen, Marquis, daß Sie ein Fechter ſind. Ei! wenn Sie keine Duell⸗ degen haben, ſo werde ich die meinigen bringen, wahre Kleinode und behoßt Das muß man ſehen! Sechs Zoll Klinge von der Spitze au, haben ein äußerſt artiges ſchwarzrothes Färbchen, denn nach der Affaire wiſche ich nie meine Waffen ab! Das Blut trocknet in der Luft, glättet den Stahl und das iſt das, was ich einen behoſten Duelldegen nenne. Ich komme mor⸗ gen früh um fünf Uhr und mache mit Ihnen ein paar Gänge, um Sie wieder in den Waffen einzuüben, wenn Sie lange nicht mehr gefochten haben. Ah! ich weiß noch etwas Beſſeres Marquis; man breitet eine Ma⸗ tratze in Ihrem Zimmer aus, und ich bivonaquire dort. Ich bin nicht verweichlicht. Alle Teufel! ein alter Burſche wie ich hat wohl Schlimmeres in Spanien, in Deutſch⸗ land, in Rußland, überall geſehen. Das iſt abgemacht, ich bivonaquire in Ihrem Zimmer; man bringt uns in Form eines Morgenimbiſſes eine Zwiebelſuppe gut ge⸗ pfeffert, ein Stück kaltes Fleiſch, eine Flaſche alten wei⸗ ßen Wein, ein Glas Cognac; ich zünde meine Pfeife an, und, Mord und Tod! wir ſingen die Mutter Gaudi⸗ 88 chon bis zu dem Augenblick, wo wir abgehen, um dem Herrn Herzog zur Ader zu laſſen. Nun, Marqnis, ge⸗ fällt Ihnen das?“ Gilbert, deſſen Ich ſeine Marquisrolle immer bekla⸗ genswerther fand, obgleich er ſie bis zum Ende ſpielen mußte, Gilbert hatte nur zerſtreut auf die Anerbietungen des General Pouſſard gehört. Dieſer, der pfiffig genug unter ſeiner rohen Hülle, fing das Geſpräch mit: „Herr Marquis“, an endigte mit: „Mein lieber Marquis!“ und machte ſich immer vertraulicher, in der Hoffnung, ſich in dieſem reichen Hauſe, deſſen appetitliche Küche er von fern roch, einzuniſten und feſtzuſetzen. Trotz ſeiner Träu⸗ merei, hörte indeſſen Gilbert doch vollkommen den letzten Vorſchlag des Generals, der ſich erbot, in ſeinem Hauſe zu bivonaquiren, und er erwiederte: „Mein Herr, ich will Ihre Freundlichkeit nicht ſo ſehr mißbrauchen, daß ich Sie bitte, die Nacht hier zu⸗ zubringen; es wird auch dieſe Féte ſpät endigen, und da der Ausgang eines Duells immer zweifelhaft iſt, ſo habe ich noch einige Verfügungen zu treffen, die mich bis Tagesanbruch beſchäftigen werden. Ich werde einen von meinen Freunden benachrichtigen, und morgen früh um ſechs Uhr, da Sie mir die Ehre erweiſen wollen, mir als Zeuge zu dienen, erwarte ich Sie. Ich nehme das Auerbieten Ihrer Degen an, denn ich beſitze keine; bei dem einzigen Duell, das ich gehabt habe, bediente ich mich der Waffen meines Gegners.“ „Und Sie haben ihn gezwickt, Ihren Gegner?“ „Ich habe ihn ſchwer verwundet.“ „Bravo, Marquis! Sie kennen das Terrain, dies⸗ mal werden Sie Ihren Mann tödten, das ſage ich Ihnen.“ In dieſem Augenblick näherte ſich die reizende junge Herzogin, deren Grazie und Eleganz Gilbert und Gil⸗ berte aufgefallen waren, als ſie vor ihrer Verwandlung dem Anfahren der Reihe von Wagen, welche ſich nach —— —— 89 dem Hotel begaben, zuſchauten, dem Marquis und ſagte heiter zu ihm: „Nun, mein lieber Vetter, muß ich Sie daran er⸗ innern, daß Sie mir einen Walzer verſprochen haben?“ „Meine liebe Couſine,“ erwiederte Gilbert lächelnd, „ich habe nicht den Muth, mein Vergeſſen zu bedauern, ſo ſtolz bin ich, Sie zu mir kommen zu ſehen, um mich an mein Verſprechen zu erinnern.“ Und er bot ſeinen Arm der jungen Herzogin, machte dem Baron Pouſſard ein Zeichen des Verſtändniſſes und ſagte zu ihm: „Alſo, mein Herr, Alles iſt verabredet?“ „Ja, mein lieber Marquis, zählen Sie auf mich; ich werde Sie übrigens noch ſehen, ehe ich das Hotel verlaſſe.“ „Dicker Schlemmer, abſcheulicher Raufbold! Du biſt doch Schuld an dieſem Duell,“ dachte das Ich von Gilbert, indeß dieſer die Herzogin nach der Gallerie führte, wo man tanzte. Der General näherte ſich dem Buffet, von welchem er ſich während ſeiner Unterredung mit dem Marquis entfernt hatte, ſchaute dieſem nach und ſagte: „Dn Du denkſt an Dein Teſtament, lieber Mann, mit Dir iſt es aus! Du machſt auf mich ganz den Ein⸗ druck einer morſchen Birne, während mir der Herzog ein kalter und ſolider Kämpe zu ſein ſcheint. Zu dieſer Stunde, Marquis, würde ich auch keinen Napolevn um Deine Haut geben.“ Und er wandte ſich an einen der Haushofmeiſter, welche hinter dem Buffet ſtanden, und rief ihm zu: „Mein Lieber, reichen Sie mir doch von den kleinen heißen Bouchées à la reine, wie ich ſie ſchon gegeſſen habe, Sie wiſſen? Und dann wünſchte ich ein Glas Madeira zu bekommen.“ Die vorhergehenden Sceuen trugen ſich in den Sa⸗ lons des Hotel Montlaur zu, ohne im Geringſten die Aufmerkſamkeit der zu dieſem glänzenden Feſte Eingela⸗ denen zu erregen. 90 In einer gewiſſen Welt, das muß man ſagen, — iſt es ein Lob? iſt es ein Tadel? — verbergen ſich die peinlichſten und heftigſten Empfindungen durch die Le⸗ bensart und die Achtung vor dem Wohlanſtande unter einem ſo ruhigen, ſo höflichen, häufig ſo lächelnden An⸗ ſcheine, man ſetzt ſogar ſo wunderbare Dämpfer auf die Gemüthsbewegungen, daß die wichtigſten Ereigniſſe des inneren Lebens vft ohne das geringſte Aufſehen in Er⸗ füllung gehen. Gilberte, welche Marquiſe geworden, fühlte, während ſie verhängnißvoller Weiſe ihre Rolle ſpielte, ihr Ich änßerſt unruhig über viele Dinge werden. Sie durch⸗ ſchritt in dieſem Angenblick, ſich auf den Arm von Geor⸗ ges Hubert, dem berühmten Dichter, ſtützend, den Buf⸗ fetſaal; ſie führte ihn in einen kleinen Salon, der gerade beinahe verlaſſen war, und ſetzte ſich auf ein Canapé. Georges Hubert nahm neben ihr Platz. Ein angefan⸗ genes Geſpräch fortführend, ſagte Gilberte mit einem Aus⸗ druck lebhafter Neugierde zu ihm: „Sie ſind alſo glücklich?“ „Ja, Frau Marquiſe, ſo glücklich als man ſein kann, wenn man gegenſeitig ein gemeinſchaftliches Glück durch große Opfer bezahlt hat.“ „Finden Sie aber nicht, daß Frau von Orbeval mehr geopfert hat, als Herr von Bandricourt? Hat ſie nicht mit kaum fünfundzwanzig Jahren auf die Welt, auf ihre Verwandten, aufihre Freunde, auf ihre Heimath verzich⸗ tet? Iſt es nicht etwas Erſchreckliches, den Folgen eines eclatanten Aergerniſſes zu trotzen und, nachdem man eines der Idole von Paris geweſen iſt, ſich auf immer in der Einſamkeit zu begraben? Sie ſprechen von Gleichheit der Opfer . . . Sagen Sie offenherzig, welches Opfer hat denn Herr von Baudricourt, die heldenmüthige Hingebung einer reizenden Frau von der vornehmſten Welt annehmend, gebracht?“ 91 „Glauben Sie mir, Frau Margquiſe, derjenige, wel⸗ cher eine ſolche Hingebung, feſt entſchloſſen, ſich derſelben würdig zu zeigen, annimmt, geht eine Verbindlichkeit ein, welche noch ernſter iſt, als die der Fran, die ihre Zukunft der Redlichkeit dieſes Mannes anvertraut, der fortan die einzige Stütze von ihr iſt, welche die Welt mit ihrem Zorne oder ihrer Verachtung verfolgt.“ 5 „Aus dieſem Geſichtspunkte, mein Herr, haben Sie Recht. Doch welche Energie, welche Selbſtverleugunng hat Frau von Orbeval bei dieſer Sache gezeigt!“ ſprach Gilberte mit Begeiſterung. „Sie iſt in der That heldenmüthig geweſen, nicht wahr? Sie, der Sie ſie kennen, der Sie ihr beſter Freund waren, müſſen es mehr als irgend Jemand würdigen.“ „Ja, Frau Marquiſe, und mehr als irgend Jemand habe ich ſie bewundert! Zu dieſem ernſten Entſchluſſe iſt ſie nicht leichtſinnig oder aus Halsſtarrigkeit gekommen: nein, nein; ſie hat lange überlegt, lange gekämpft! Sie war nicht blind gegen die Folgen ihres Opfers, denn ſie hatte grauſam bange vor dem Aufſehen. Doch ſie mußte durchaus wählen zwiſchen der Heuchelei und dem Aerger⸗ niß, und ſie zog es vor, vffen mit der Velt zu brechen. Und dieſe hätte doch eine ſtrafbare, unter einem leichten Firniß von Heuchelei verborgene Verbindung geduldet! Seinen Gatten hintergehen, indem man hinreichend Formen beobachtet, um den Anſchein zu ſchützen und eine glän⸗ zende geſellſchaftliche Stellung zu behaupten, das iſt das, was man täglich ſieht und annimmt; aber muthig eher auf dieſe ſo beneidete Stellung verzichten, als Liſt zu gebrau⸗ chen, als frech alle Tage zu lügen, ſich eher von einem Manne trennen, der den ernſteſten Anlaß zu Klagen ge⸗ geben hat, als ihn duckmänſeriſch zu entehren . ah! das vergibt die Welt nie.“ „In der That, ich habe dieſe arme Fran von Or⸗ beval mit der äußerſten Verachtung von Damen behan⸗ deln hören, welche hinſichtlich des Herzens und des Cha⸗ rakters durchaus nicht ihren Werth beſaßen, und auf die Gefahr, mich zu compromittiren, verſuchte ich es, ſie zu vertheidigen,“ ſagte Gilberte. „Doch ihr Glück hat ſie gerächt, da ſie glücklich iſt.“ „Ich habe kürzlich von ihr einen Brief erhalten; ſie „ entwirft darin ein bezauberndes Gemälde von dem Le⸗ ben, das ſie mit Herrn von Baudricourt führt. Sie bewohnen ein kleines, vereinzeltes Haus in einer rei⸗ zenden Lage am Annech⸗See, mitten unter den pittores⸗ keſten Wäldern und Bergen Savoyens; die Lecture, der Spaziergang, die Künſte theilen ſich in ihre Augen⸗ blicke, denn Sie wiſſen, Frau Marquiſe, unſere Freun⸗ din und Herr von Baudricvurt ſind vollendete Ton⸗ künſtler und zeichnen vortrefflich; ihre Exiſtenz iſt beſcheiden, aber behaglich. Herr von Baudricourt hat einen alten Kammerdiener mitgenommen, der ſchon bei ſeiner Ge⸗ burt in ſeinem Hauſe war, und Frau von Orbeval hat zu ihrer Bedienung ein treffliches Geſchöpf, das einſt ihre Amme war; ihr Geſinde beſteht ans dieſen zwei wackern, viel erprobten Leuten. Frau von Orbeval ſchreibt mir, nie, als ſie das beſte Haus in Paris ge⸗ habt, ſei ſie mit ſo viel Fürſorge und Zuvorkommenheit umgeben geweſen.“ 8 „Ah! unwillkürlich beneidet man dieſes friedliche, zurückgezogene, ſo wundervoll ausgefüllte Leben,“ ſprach Gilberte tief träumeriſch und traurig, zum großen Er⸗ ſtaunen ihres Ichs, das ſich fragte, wie eine junge und hübſche Marquiſe traurig bei dieſem Feſte ſein könne, welches ſie der eleganteſten Geſellſchaft von Paris gab; dann, ihre Rolle fortſetzend, bebte Gilberte plötzlich und ſagte zu dem Dichter: 1 „Mein Herr, Sie werden mich ſehr phantaſtiſch ſinden; vorhin bat ich Sie, mit mir von Frau von Or⸗ beval zu ſprechen, nun erſuche ich Sie inſtändig, die 93 Unterhaltung zu wechſeln. Sprechen wir von Ihnen, und obgleich ich erſt ſeit kurzer Zeit das Vergnügen habe, Sie zu kennen, erlauben Sie mir eine vielleicht ſehr indiscrete Frage. Ich möchte gern von Ihnen er⸗ fahren, ob Sie das Glück, das Sie genießen, zu ſchätzen wiſſen?“ „In dieſem Augenblick, Frau Marquiſe, habe ich nichts zu wünſchen.“ „Ich bitte, Herr Georges Hubert, antworten Sie mir nicht durch Galanterien, Sie haben zu viel Geiſt, um Abgeſchmacktheiten zu ſagen. Geſtehen Sie doch iſt das ſchwierig? daß nichts zu Ihrem Glücke fehlt. Was haben Sie zu wünſchen, zu beneiden? Ihr Ruhm iſt europäiſch, Ihr Name in Aller Munde, Ihre gering⸗ ſten Handlungen flößen eine lebhafte Neugierde einz ſeit zwei Jahren erſcheinen Sie kaum mehr in Geſellſchaft, und Jeder bemüht ſich, um das Geheimniß der Verän⸗ derung in Ihren Gewohnheiten zu errathen; man kün⸗ digt die Aufführung eines neuen Werkes von Ihnen im Theätre frangais an, und Sie konnten hier beurtheilen, mit welcher Wichtigkeit man die ſo ſehnſüchtig erwartete Vorſtellung behandeſt? Was ſoll ich Ihnen ſagen? . Die beſte Geſellſchaft bewirbt ſich mit allem Eifer um Sie; Ihre Gegenwart, wohin Sie auch gehen, wird nicht weniger bemerkt, als Ihre Abweſenheit.“ „Frau Marquiſe . . . „Keine falſche Beſcheidenheit; Sie wiſſen beſſer als ich, Herr Georges Hubert, daß ich nicht übertreibe, und dabei empfängt man durch eine, ich muß es geſtehen, durch eine ziemlich ſeltene Ausnahme in Ihnen nicht nur einen der größten Dichter unſerer Zeit, ſondern auch den Mann der Welt, denn wir fordern Sie zurück, Herr Georges Hubert, Sie ſind einer der Unſrigen, und, ver⸗ zeihen Sie unſerem Stolze, wir glauben, daß Ihnen dieſe Ausnahme ein wenig ſchmeicheln muß. Wiel Sie lächeln? Werden Sie mir das beſtreiten?“ „Frau Margnuiſe, ich habe die Ehre gehabt, in Ih⸗ rer Geſellſchaft mit einem Wohlwollen, das weit über meinem ſchwachen Verdienſte iſt, empfangen zu werden; doch ich gehöre nicht zu Ihrer Welt, ich bin Keiner der Ihrigen, wie Sie zu ſagen die Güte haben.“ „Ich begreife Sie nicht. Was verſtehen Sie unter den Worten: Sie ſeien Keiner der Unſrigen?“ „Der Zufall bedient mich vortrefflich, Fran Mar⸗ quiſe,“ erwiederte Georges Hubert lächelnd, indem er Gilberte ein reizendes Mädchen zeigte, das am Arme eines Mannes mit weißen Haaren durch das Zimmer ging. „Fräulein von Merinville geht dort am Arme Ihres Vaters, des Fürſten von Merinville; nehmen Sie an, Frau Marquiſe, ergriffen von der Schönheit, der Anmuth, den ſeltenen Eigenſchaften von Fräulein von Merinville, verliebe ich mich in ſie; nehmen wir ferner an, was nicht wohl möglich iſt . . . Fränlein von Me⸗ rinville wünſche dieſe Verbindung auch und ihr Herr Vater habe von wir die ſchmeichelhafte Meinung, welche Sie zu haben mir die Ehre erweiſen, Frau Marguiſe; fügen wir bei, und das iſt nicht mehr eine Annahme, ſondern eine Thatſache, ſprach Georges Hubert mit einer ſtolzen Würde, „fügen wir bei, ich ſei ein ehrlicher Mann in der vollſten Bedeutung des Wortes, und dann, wenn Sie wollen, meine Geburt ſei ehrenhaft und mein Vermögen ſichere mir, verbunden mit der Frucht meiner Arbeiten, eine unabhängige Exiſtenz .. nun wohl! Fran Narguiſe, beſſer, als ich, kennen Sie die Welt, welche die Ihrige iſt „. wollen Sie mir mit aller Aufrich⸗ tigkeit antworten; würde mir der Fürſt von Merinville die Hand ſeiner Fräulein Tochter bewilligen?“ „Wahrhaftig, mein Herr, Sie nehmen ſo exceptio⸗ nelle Beiſpiele, daß man Ihnen unmöglich antworten kann,“ verſetzte Gilberte verlegen. „Wohl, Frau Marquiſe, wählen wir ein anderes 9⁵ Beiſpiel,“ ſagte Georges Hubert. „Morgen heirathe ich ein Mädchen von meinem Stande, ein Mädchen geboren aus einer ehrenhaften Bürgerfamilie und in jeder Hin⸗ ſicht würdig, meinen Namen zu führen; Sie geben über⸗ morgen ein Feſt wie dieſes; geſtehen Sie, wenn Sie mir die Ehre erweiſen, ſich meiner zu erinnern, erhalte ich eine alſo abgefaßte Einladung: Die Frau Mar⸗ quiſe von Montlaur ladet Herrn Georges Hubert ein u. ſw. u.ſ. w. Doch von Frau Georges Hubert . kein Wort.“ „Mein Gott! ich wiederhole, Sie wählen Ihre Bei⸗ ſpiele ſo ſonderbar, „Ei! Frau Marquiſe, warum wehren Sie von ſich ab, was gewöhnlich geſchehen iſt. Ladet man zu Lofe das ein, was man dort Künſtlerfrauen, Schriftſtellerfrauen nennt? Kein, nie; und wenn etwas mich in Erſtaunen ſetzt, ſo iſt es das, daß in den Künſten, in der Literatur oder in den Wiſſenſchaften ausgezeichnete Männer eine Einladung annehmen, welche durch die Ausſchließung ihrer Frauen verletzend wird.“ „Hierauf wenigſtens werde ich Ihnen ſiegreich ant⸗ worten.“ „Frau Marquiſe, ich bezweifle es nicht.“ „Was man in Ihnen empfängt, mein Herr, iſt das Verdienſt, iſt der perſönliche Ruhm. Angenommen nun — ich vermöchte das nicht zu bezweifeln — Fran Georges Hubert ſei mit den ſeltenſten Eigenſchaften ausgeſtattet, ſo muß man doch nothwendig zwiſchen ihr und Ihnen einen ſehr großen Unterſchied feſtſtellen.“ „Ich könnte Ihnen einwenden, Frau Marquiſe, ein Mann Ihrer Geſellſchaft, wirklich einer von den Ihrigen, heirathe morgen die Tochter eines bürgerlichen Millio⸗ närs, und, dumm oder geſcheit, werde ſie von Ihnen auf dem Fuße einer vollkommenen Gleichheit empfangen, kraft des Namens und der Geburt ihres Gatten; die Unter⸗ ſcheidungen, von denen Sie ſprechen, Fran Margniſe, — 96 beſtehen alſo nur für uns, die wir, verzeihen Sie meine Hartnäckigkeit, nicht zu den Ihrigen gehören. Doch ich werde etwas Beſſeres thun, ich werde mich Ihrer eige⸗ nen Worte gegen Sie bedienen.“ „Sprechen Sie, mein Herr.“ „Es ſei der perſönliche Ruhm eines Mannes, was man empfange, ſagen Sie?“ „Ja, mein Herr.“ „Woraus folgt, daß eine Frau, wenn ſie einen großen perſönlichen Ruhm hätte, auf gleichem Fuße wie ihr Mann empfangen würde?“ „Gewiß.“ „Erlauben Sie mir eine Frage,“ ſagte Georges Hubert abermals lächelnd. „Was denken Sie von Frau von Saint⸗Marceau?“ „Nun ...“ erwiederte Gilberte, leicht die Stirne faltend, „das iſt eine Frau von einem bewunderungs⸗ würdigen Talente?“ „Ihr perſönlicher Ruhm iſt alſo unbeſtreitbar, und dabei hat ihr ihre Verheirathung mit Herrn von Saint⸗ Marceau den Zutritt zu Ihrem Hauſe gegeben. Die Aufführung dieſer großen Künſtlerin iſt immer tadellos geweſen; Sie würden auch Frau von Saint⸗Marceau einen Platz in Ihrer Loge im Opernhauſe oder einen Platz in Ihrem Wagen zu einer Spazierfahrt in den Champs⸗Elyſces bewilligen. Das bezweifle ich nicht, Frau Marquiſe?“ „Mein Herr,“ erwiederte Gilberte beinahe verdrieß⸗ lich, „man kann den Charakter einer Frau ſehr ſchätzen, ihre Talente ungemein bewundern, ohne ſich darum ver⸗ pflichtet zu halten „Heffentlich mit ihr zu erſcheinen, nicht wahr, Frau Marquiſe? Und dennoch, ein wenigſtens ſeltſamer Wi⸗ derſpruch! erſcheint man mit Frauen, die einem die Mühe erſparen, ihr Talent zu bewundern, und deren Charakter und Sitten man nur mittelmäßig ſchätzt. Dies unter 97 uns geſagt, ohne irgend eine Anſpielung auf die Gräfin von Senneterre, der ſie heute Abend einen Platz in der Loge angeboten, welche von mir für die Vorſtellung über⸗ morgen zu verlangen Sie die Gewogenheit hatten.“ „Mein Gott, mein Herr, was wollen Sie,“ ver⸗ ſetzte Gilberte, die nicht mehr wußte, was ſie antworten ſene „man muß die Welt ſo anſehen und nehmen, wie e i 4 „Oh! Frau Marquiſe, das iſt tief richtig; ich glaube auch die Welt ſo anzuſehen und zu nehmen, wie ſie iſt, indem ich mir vollkommen Rechenſchaft darüber gebe, daß ich durch einen Empfang, deſſen ganzen Werth ich kenne, in Ihre Geſellſchaft zugelaſſen bin, daß aber weder Frau von Saint⸗Marceau noch ich zu den Ihrigen ſören Und ich ſage Ihnen dies, wie Sie wohl denken können, Frau Marquiſe, ohne das geringſte Gefühl von Erniedrigung, ohne daß meine Eitelkeit in irgend einer Hinſicht verletzt iſt; das iſt eine von den ſeltſamen Thatſachen, die den Geſellſchaften eigenthümlich, welche Jahrhunderte hindurch ariſtokratiſch geweſen ſind: ich bekräftige dieſe Thatſache, und nichts Anderes.“ „Es ſei, mein Herr, Sie gehören nicht zu den Unſrigen; was ſchließen Sie daraus?“ „Mein Schluß, Madame, iſt die Antwort auf Ihre Frage vorhin, ob ich nicht der glücklichſte Menſch ſei.“ „Ich ſehe nicht ein, welche Beziehung „Erlauben Sie, Frau Margniſe; eines der Geheim⸗ niſſe des Glückes liegt meiner Anſicht nach darin, daß man ſich nicht möglichen oder lächerlichen Täuſchungen ausſetzt, und dies wäre mir ſicherlich widerfahren, bätte ich, geblendet durch den Empfang, der mir in Ihren Soalons zu Theil wird, nicht Rechnung getragen, nicht der Entfernung . ich gebe keine Entfernung zwiſchen ehrenhaften und wohlerzogenen Leuten zu, ſondern dem Unterſchiede, welcher zwiſchen mir, zum Beiſpiel, und Gilbert und Gilberte. I. 7 — dem Herrn von Montlaur, Ihrem Gemahle, beſteht. Ich fühle mich alſo ſehr glücklich, Frau Marquiſe, beſonders in der Hinſicht, daß ich, wie Sie ſagten, immer die Ge⸗ ſellſchaft ſo, wie ſie iſt, zu nehmen und anzuſehen gewußt habe, ohne ihr indeſſen je eine Pflicht, ein Gefühl oder ein Vergnügen zu opfern;z ich opfere ihr wenig, weil ich wenig von ihr verlange . . . Ich ſtreite nicht gegen ihre Vornrtheile, ſetze mich aber auch nicht dem aus, daß ich darunter leide; ich weiß ihr großen Dank für ihren wohl⸗ wollenden Empfang, kehre aber mit Wonne in meine Einſamkeit zurück. Ich müßte Sie um Verzeihung bitten Frau Marquiſe, daß ich ſo lange von mir ſpreche, wäre dieſe Philoſophie nicht auf Jeden von uns anwendbar; um aber auf den erſten Gegenſtand unſerer Unterhaltung zurückzukommen —: Frau von Orbeval hat dieſe Phi⸗ loſophie ausgeübt. So lange ſie viel von der Geſellſchaft forderte, das heißt ihre Huldigungen, ihre Bewerbungen, ihre Schmeicheleien, die das Leben einer Frau der Mode ſind, hat ſie der Geſellſchaft viel geopfert; ſpäter aber, als ſie ihr ein tiefes Gefühl, mit welchem das Glück ihres Lebens verknüpft war, nicht opfern konnte, verlangte ſie nichts mehr von der Geſellſchaft, ſie verließ ſie und fand, wie ich hoffe, das Glück in ihrem Entſchluſſe; was aber auch geſchehen mag, ihr Benehmen, obgleich tadelnswerth aus dem Geſichtspunkte der menſchlichen Geſetze, wird wenigſtens rein von Heuchelei und Feigheit ſein.“ Hier unterbrach ſich Georges Hubert, welcher bemerkte, daß die Züge von Gilberte, ſeitdem er von Frau von Orbeval ſprach, eine Art von peinlicher Träumerei ver⸗ riethen; dann fügte er mit innigem Tone bei: „Ich bitte Sie tauſendmal um Verzeihung, Frau Mar⸗ quiſe, daß ich unwillkürlich auf einen Gegenſtand zurück⸗ bin, welchen zu beſeitigen Sie mich gebeten atten.“ „Das war Klugheit und Weisheit von mir,“ er⸗ wiederte Gilberte mit einem Ausdruck, der den Dichter 99 in Erſtaunen ſetzte. Er erwartete, daß die junge Frau ihren Gedanken vervollſtändige und erkläre, als das Geſpräch durch den Herzog von Saligny unterbrochen wurde. Dieſer hatte, indeß ſeine Zeugen ſich mit dem General Ponſſard wegen des Duells am andern Morgen ver⸗ ſtändigten, von einer Thüre aus mit einer gedrängten Ciferſucht die geringſten Bewegungen der Phyſiognomie der Marquiſe während ihrer langen Unterredung mit dem berühmten Schriftſteller beſpäht. Der Contretanz war beendigt, ein Walzer folgte darauf; Herr von Sa⸗ ligny näherte ſich dem Canapés, auf welchem Georges Hubert und Gilberte ſaßen, verbengte ſich vor dieſer und ſagte mit einer leichten Nuance von abſichtlicher Ironie: „Ich bin troſtlos, Frau Marquiſe; daß ich ein Ge⸗ ſpräch ſtören muß, welches viele Neider macht. es iſt etwas ſo Seltenes, daß man vertraulich mit dem Genie ſpricht!“ Nach dieſen Worten, deren Uebertreibung eine ge⸗ heime Bosheit verbarg, ſchaute der junge Herzog Geor⸗ ges Hubert ſtarr an, im Glauben, er bringe ihn durch dieſes brutale Lob in Verlegenheit; doch der Dichter wandte ſich mit der allernatürlichſten Miene halb um, als ſuchte er mit den Augen die Perſon von Genie, von der Herr von Saligny ſprach, und ſagte lächelnd zu Gilberte, welche bei der Annäherung von Herrn von Saligny erröthete und bebte: „Wie groß war unſere Täuſchung, Frau Marquiſe! wir glaubten allein zu plandern und hatten zum Zengen ein unſichtbares Genie . . „Es mag ſein, daß das Genie, welches in allen Ihren Werken glänzt, für Ihre Beſcheidenheit unſichtbar iſt, mein Herr,“ erwiederte der junge Herzog mit abge⸗ meſſenem Tone, „doch es fällt in die Augen Ihrer zahl⸗ reichen Bewunderer, und Sie werden, wie ich hoffe, mir erlauben, mich darunter zählen.“ „Gewiß erlaube ich es Ihnen und von ganzem Her⸗ zen; die Bewunderung, ſo blind ſie in ihrer Wahl 100 ſein mag, iſt ein edles Gefühl. Ich wünſche mir Glück⸗ mein Herr, daß meine Werke dieſes edle Gefühl in Ihnen erweckt haben, nur hoffe ich, Sie werden eines Tages Ihre Bewunderung Verdienſten zuwenden, welche wahr⸗ haftig würdig ſind, ſie einzuflößen.“ Dieſe kalt zurückhaltende, ein wenig hochmüthige Antwort bewies Herrn von Saligny hinreichend, daß ſich Georges Hubert nicht durch ſeine übertriebenen Lo⸗ beserhebungen bethören ließ. Der junge Herzog richtete auch an den großen Dichter kein Wort mehr, verbeugte ſich vor Gilberte und ſagte zu ihr: „Sie haben mir die Ehre erwieſen, Frau Marquiſe, den nächſten Walzer von mir anzunehmen; ich komme, um Ihnen meinen Arm zu bieten.“ Aus einer leichten Bewegung von Gilberte ließ ſich errathen, daß ſie dieſen Walzer Herrn von Saligny nicht verſprochen hatte; nichtsdeſtoweniger ſtand ſie auf, antwortete durch ein anmuthiges Nicken mit dem Kopfe Georges Hubert, welcher, ebenfalls aufſtehend, ſich vor ihr verbeugt hatte, reichte dem jungen Herzog den Arm und ſagte, während ſie ſich entfernte, leiſe zu ihm: „Ich habe Ihnen keinen Walzer verſprochen, und Ihre Aufforderung war nur ein Vorwand, um ein Ge⸗ ſpräch zu unterhrechen, das, ich weiß nicht warum, Miß⸗ trauen bei Ihnen erregte . doch ich verzeihe Ihnen dieſen niedrigen Verdacht . . .“ fügte ſie lächelnd bei; „gehen wir in den Wintergarten . . es werden wenig Leute dort ſein; ich muß friſche Luft athmen . . . . hier herrſcht eine erſtickende Hitze . . . mein Kopf brennt. . .. „Madame,“ ſprach leiſe Herr von Saligny zu Gil⸗ berte, die er in einen an den Salon anſtoßenden Wintergarten führte, „Madame, Ihr Benehmen iſt un⸗ würdig.“ „Ich bitte, reden Sie leiſer! man kann Sie hö⸗ 101 ren,“ erwiederte die junge Frau mit zitternder Stimme und mit dem Ausdrucke des Erſtaunens. „Was haben Sie mir vorzuwerfen?“ „Sie hängen ſich auf eine ſchmähliche Weiſe an Georges Hubert!“ „Sie ſind wohl verrückt, ich weiß nicht, was Sie wollen,“ verſetzte Gilberte die Achſeln zuckend, ob⸗ gleich ihr Ich ſich ernſtlich über die Rolle, die ſie bis zum Ende ſpielen ſollte, da ſie in das Leben der Mar⸗ quiſe eingetreten war, zu beunruhigen anfing. Gilberte kam ſo mit Herrn von Saligny an einen ziemlich abgelegenen Ort des Wintergartens, wo mit Blumen bedeckte acht Fuß hohe Camelias mehrere Ge⸗ büſche, beleuchtet durch die Kerzen von Luſtres von rohem Holze, bildeten. „Ich bitte, wo haben Sie geſehen,“ fügte die junge Frau bei, „wo haben Sie geſehen, daß ich mich an Herrn Georges Hubert hing?“ „Ich habe das geſehen wie Jedermann, Madame; Sie verließen den Arm . dieſes Herrn nur, um ihn an Ihre Seite ſitzen zu laſſen und ſich mit ihm vertraulich und ganz leiſe mit einem empörenden Eifer zu unterhalten. Ich erkläre Ihnen aber, Frau Mar⸗ quiſe, es liegt nicht in meinen Gewohnheiten, eine völlig lächerliche Rolle anzunehmen. .. Ich vermöchte nicht länger der Thor Ihrer Coquetterie zu ſein.“ „Mein Herr . . .“ „Madame, Sie haben mich nie geliebt! Es hat Ihnen gefallen, mich als Anbeter anzunehmen, um mich jeden Tag in der Geſellſchaft zu treffen, um Ihren Soiréen einen Zweck zu geben, um ſich für Jemand zu ſchmücken, um in der Hand einen Baliſtrauß zu halten, der nicht von einer Ihrer Kammerfrauen beſtellt war, um von Zeit zu Zeit ein Billet am Morgen zu ſchrei⸗ ben, um mich in Saint⸗Thomas⸗d'Aquin unfern von Ihrem Stuhle und in den Champs⸗Elyſées zu Pferde am Schlage, oder auch wohl hinter Ihnen in Ihrer Loge zu haben. Dies, Madame, iſt für Sie die Liebe.“ „Ah! Sie laſſen mich grauſam büßen!“ „Büßen . .. Ich bitte, was büßen? Welchen Beweis von Liebe haben Sie mir je gegeben, ein paar Briefe ausgenommen, die Sie mir von Baden aus ſchrie⸗ ben, wohin Sie mir vorangegangen waren?“ „Damit habe ich eine große Unvorſichtigkeit begangen,“ erwiederte Gilberte mit einer ſchmerzlichen Gemüthsbe⸗ wegung. „Doch, Gott ſei Dank, ich brauche mir nichts Anderes vorzuwerfen; ich ſehe nun, wie groß meine Rene, wie gräßlich mein Unglück wäre!“ „Wünſchen Sie ſich nicht ſo raſch Glück zu einer Klugheit, Madame, welche, ganz und gar, einer unwür⸗ digen Trockenheit des Herzens gleicht.“ „Mein Herr, ich vermöchte nicht länger eine ſolche Sprache anzuhören,“ perſetzte Gilberte, indem ſie einen Schritt machte, um ſich zu entfernen; „ich habe Ihnen nicht das Recht gegeben, mich ſo zu behandeln.“ „Madame, Sie müſſen mich anhören. Nehmen Sie ſich in Acht, in dem gereizten Zuſtande, in welchem ich mich befinde, werde ich nicht vor einem Eclat zurück⸗ weichen, was auch ſeine Folgen ſein mögen.“ Der Ton des jungen Mannes, als er dieſe Worte ſprach, ſeine Bläſſe, der in ſeinem krampfhaft zuſammen⸗ gezogenen Geſichte ausgedrückte Entſchluß erſchreckten Gil⸗ berte. Sie wagte es nicht, ſich zu entfernen, obgleich ſie fühlte, ein ſo ſehr verlängertes Geſpräch an dieſem abgelegenen Orte könnte zum Aergerniß bemerkt werden. „Hören Sie mich doch an, Madame,“ ſprach Herr von Saligny mit einer nur mit Mühe bewältigten Hef⸗ tigkelt; „ich wiederhole Ihnen, nehmen Sie ſich in Acht: meine Liebe für Sie und Ihre Verachtung gegen mich machen mich zu Allem fähig! . und erfahren Sie nun, daß ich mich morgen mit Ihrem Gemahl, den ich auf den Tod haſſe, ſchlagen werde.“ 103 „Großer Gott!“ rief Gilberte erbleichend, „was ſagen Sie da?“ „Da aber Ihr Gemahl mich tödten kann, ſo werde ich nicht ohne Rache ſterben, und vor dem Kampfe zeige ich ihm Ihre Briefe.“ „Ah! mein Herr! verſetzte Gilberte, beinahe ohn⸗ mächtig und mit erſtickter Stimme „das iſt ſchändlich!“ „Ja, das iſt ſchändlich! ich weiß es; doch Ihre Gleichgültigkeit gegen mich und Ihre Coquetterie gegen Andere haben mich auf das Aeußerſte gebracht. Es bleibt Ihnen ein Mittel, dieſes Duell und den Scandal, der daraus erfolgen wird, zu vermeiden. Unſere Zengen haben das Rendez⸗vous auf morgen früh um acht Uhr feſtgeſetzt; ſeien Sie um ſieben Uhr bei mir; ein Reiſe⸗ wagen wird uns bei der Barrieère d'Italie erwarten. Wir verlaſſen Frankreich, und ich weihe Ihnen mein gan⸗ zes Leben!“ „Mein Gott! mein Gott!“ ſagte Gilberte ſchauernd, „in welchen Abgrund bin ich gefallen?“ „Obſchon ich meine Proben abgelegt habe, wird „ man mich für einen Feigen halten, weil ich dieſes Duell mit Ihrem Gemahl zu fliehen ſcheine; doch Ihre Liebe wird mich für Alles tröſten.“ Und als er Jemand ſich nähern ſah, fügte der junge Herzog leiſe bei: „Ich werde meine Anſtalten für den Zweikampf oder für un⸗ ſere Abreiſe treffen. Sie mögen wählen, Madame: entweder ſind Sie um ſieben Uhr bei mir, oder ich ſchlage mich um acht Uhr mit Ihrem Gemahl und zeige ihm Ihre Briefe.“ Hienach verbengte ſich Herr von Saligny ehrerbietig vor der Marquiſe, als ob er von ihr Abſchied nähme, denn in dieſem Augenblick trat ein junger Elegant voll Eifer auf ſie zu und ſagte zu ihr: „Frau Marquiſe, man erwartet Sie, um den Co⸗ tillon zu eröffnen und zu leiten, und wenn ich ſo glücklich wäre, daß Sie keinen Tänzer hätten, ſo würde ich Sie bitten, mir die Gunſt zu bewilligen, Ihr Ca⸗ valier zu ſein; ich werde auf der Höhe meiner Functio⸗ nen ſtehen, denn Alles läßt vorherſehen, daß der Co⸗ tillon von einer tollen Heiterkeit ſein und dieſes Feſt wür⸗ dig beſchließen wird. Sehen Sie, Frau Margquiſe, jene Damen laufen herbei, um auch Ihre Anweſenheit zu ver⸗ langen.“ In der That, mehrere junge Frauen und ihre Tänzer traten in den Wintergarten ein, und die hübſche Herzogin von Mercveur, welche die Ungeduldigſte unter dieſen Ungeduldigen zu ſein ſchien, wandte ſich an Gilberte und ſagte: „Aber kommen Sie doch, liebe Schöne, man er⸗ wartet Sie . Wir werden mehr als fünſzig bei die⸗ ſem Cotillon ſein, und das wird reizend werden.“ „Entſchuldigen Sie mich, liebe Herzogin,“ ſtam⸗ melte Gilberte, „doch ich weiß nicht .. eine plötz⸗ liche Migräne .. Ich bitte, tanzen Sie ohne mich, ich fühle mich wahrhaftig leidend.“ * „Eine Migräne!“ erwiederte lachend die Herzogin von Mercoeur; „oh! wir kennen dieſe Migränen.“ lind ſie nahm munter Gilberte am Arm und fügte bei: „Kom⸗ men Sie, kommen Sie, liebe Träge, die Migränen treffen immer wunderbar zur rechten Zeit ein, wenn man ſie nöthig hat, nicht wahr?“ Dann neigte ſie ſich an das Ohr von Gilberte und flüſterte ihr zu: „Herr von Saligny iſt weggegangen, und er will nicht, daß Sie den Cotillon ohne ihn tanzen . . . Welch ein ab⸗ ſcheulicher Tyrann!“ Gilberte bebte, und befürchtend, ein längerer Wi⸗ derſtund dürfte einen Verdacht erregen, deſſen Gewicht die Ereigniſſe am folgenden Tage granſam verwickeln könnte, ließ die junge Frau ſich fortziehen . . . Einer Art von Schwindel preisgegeben, hoffte ſie, einen Angen⸗ blick die ſchmerzlichen Beſorgniſſe ihres Geiſtes in der 105 Betäubung eines geräuſchvollen, belebten Tanzes zu ver⸗ geſſen. h arner Gilbert; atme Gilbertel! was machtei Ihr im Leben des Marquis und der Marquiſe von Montlaur? VI. Der Cotillon iſt beendigt, die letzten Wagen der zu dieſem glänzenden Feſte Eingeladenen haben das Hotel Montlaur verlaſſen, die Bedienten löſchen die Kerzen der Luſtres und Girandoles aus, die Finſterniß bemächtigt ſich allmälig dieſer weiten Gallerien, dieſer kaum zuvor noch von Licht, Vergoldungen, Kryſtallen und Blumen funkelnden ungeheuren Salons. Eine düſtere Stille folgt auf die heiteren Accorde des Orcheſters. Der ſchwermüthige Glockenſchlag einer entfernten Uhr, der bis jetzt durch das freudige Geſumme dieſer Nacht des Vergnügens bedeckt war, ſcheint nun ſeine Genugthuung zu nehmen und verkündigt auf eine unheimliche Weiſe die dritte Morgenſtunde. 5 Es war, als hörte man das Todtengeläute dieſe glänzenden Feſtes. Der Marguis und die Marquiſe pflegten an den Abenden, wo ſie empfingen, nach dem Abgange der Gäſte allein in einem Speiſezimmer, welches viel kleiner als das, wo man das Buffet errichtete, zu Nacht zu eſſen. Dieſes mit hochrothem Damaſt tapezirte Zimmer war geſchmückt mit mehreren ſchönen Jagdgemälden oder Portraits der Lieblingspferde des Marquis. Ein dicker Teppich und ſorgfältig geſchloſſene Vorhänge von einem den Tapeten ähnlichen Stoffe concentrirten die Wärme des großen Feuers, welches in einem Kamine von Por⸗ phyr brannte, auf dem man oben Candelaber und einen verendenden Hirſch, ein herrliches Bronze von Barty, erblickte. 106 Das für den Marquis und die Marquiſe bereit ge⸗ haltene Gedeck bot einen bezaubernden Anblick. Zwei große Girandoles von maſſivem Silber, eine Weinrebe vorſtellend und geſtützt durch Gruppen von Figurinen, endigten ſich in Körbchen von Filigran, gefüllt mit natürlichen Blumen, aus deren Mitte die Flamme der Kerzen hervor⸗ zuſpringen ſchien; ihre Helle machte die Glätte der Glocken, des Rochauts und der ciſelirten Platten ſpiegeln, in wel⸗ chen die ausgeſuchteſten Speiſen angerichtet waren; an jedem Ende der Tafel ſah man Kühleimer von rubin⸗ farbigem böhmiſchem Glas mit ſilbernen Faſſungen, ge⸗ bildet aus Satyrn und Nymphen, welche am Fuße der Weinreben ſpielten, deren Ranken, Gäbelchen und Blätter Handhaben bildeten und die Ränder dieſer Ge⸗ fäße umſchlangen, die mit Eis gefüllt waren, worin in zierlichen Caraffen der Nectar von den Champagner⸗ hügeln von Ai und Sillery gefror. Düſter, ſchweigſam, in Gedanken verſunken, ſetzten ſich Gilbert und Gilberte an dieſe Tafel, welche mit einer Pracht ohne Gleichen beſtellt war: venetianiſches Glaswerk, Teller von altem Sovres Porzellan, jedes von einem Werthe von zehn Louis d'or, damasecirtes ſäch⸗ ſiſches Tiſchzeug u. ſ. w. u. ſ. w. Vier ſchwarzgeklei⸗ dete Haushofmeiſter mit weißen Handſchuhen, ſeidenen Strümpfen und Schuhen mit goldenen Schnallen boten nach und nach Gilberte und Gilbert die auf der Tafel ſtehenden Gerichte und Weine; die zwei Gatten, welche den Leuten ihres Hauſes Gedanken zu machen befürchteten, wenn ſie an dieſem Abend auf eine längſt angenommene Gewohnheit verzichteten, fügten ſich darein, daß ſie zu Nacht zu ſpeiſen ſchienen, aßen kaum und mit dem Ende der Lippen, tranken ein wenig mit Waſſer gemiſchten Wein, und wechſelten, um das Decorum zu beobachten, ein paar ſpärliche, unbedentende Worte; dann, als das Mahl raſch beendigt war, ſagte Gilbert zu ſeiner Frau: — — 107 „Meine liebe Freundin, ich ſollte mit Ihnen ein paar Augeublicke reden und werde Sie in ihren Sa⸗ lon begleiten, wenn Sie es mir erlauben.“ Ziemlich erſtaunt über dieſen Vorſchlag, denn ſeit geraumer Zeit hatten die zwei Gatten getrennte Woh⸗ nungen inne, ſtand die junge Frau zugleich mit ihrem Gemahl vom Tiſche auf, und nachdem ſie einige noch halb erleuchtete Gemächer durchſchritten hatten, gelangten ſie in den Salon, der vor dem Schlafzimmer der Mar⸗ quiſe kam, — ein Salon weiß und gelb, mit zartgrü⸗ nen Tapeten und köſtlichen Meubles von Roſenholz mit Sévres⸗Porzellan incruſtirt. Gilbert, obgleich in ſeinem Innern ſehr ernſt von ſeinem Duell am andern Tage mit Herrn von Saligny in Anſpruch genommen, vergaß die Zuſage nicht, welche er der ſchönen Fran von Sain⸗Marceau, die ihm eine ſehr lebhafte Neigung einflößte, hatte geben müſſen; er dachte auch nicht ohne eine gewiſſe Befriedigung, wenn er den Vortheil bei dieſem Buell mit dem Herzog da⸗ von trage, ſo werde er gleichſam als Sieger in den Angen der berühmten Sängerin bei dem Steeple⸗ cha ſe nach dem Kreuze von Beruy erſcheinen. Ohne Zweifel würde das zwiſchen ihm und ſeinem Gegner ein⸗ gegangene Wettrennen nicht ſtattfinden, da einer von Gentlemen⸗riders (um dieſen Jargon zu ſprechen) bei dem Zuſammentreffen am Morgen verwundet worden wäre; doch ginge er fiegreich hervor, ſo würde ſich Gil⸗ bert durch dieſen Triumph für den tröſten, welchen er als Jockey in Gegenwart der großen Sängerin zu er⸗ ringen gehofft hatte. Er mußte alſo die Marquiſe be⸗ ſtimmen, am andern Tage um eilf Uhr im Wagen Frau von Saint⸗Marceau in ihrer Wohnung abzuholen. An dieſer Anordnung war ihm doppeit viel gelegen, denn ſollte er verwundet und in einem beunruhigenden Zu⸗ ſtande nach Hauſe gebracht werden, ſo wäre ſeine Frau 108 abweſend und dieſer ein immer peinliches Schauſpiel erſpart. Gilberte, die ihren Mann während des Abendbrods in düſtere Gedanken verſunken ſah, zweifelte nicht mehr an der Wirklichkeit der Drohungen von Herrn von Sa⸗ ligny. Sollte ſie den Folgen dieſer Drohung durch ein redliches Geſtändniß zuvorkommen, ihren Gatten durch den unwiderſtehlichen Ausdruck der Wahrheit überzengen, daß ſie ſich, abgeſehen von ein paar unvorſichtig an den jungen Herzog geſchriebenen Briefen, keine ſtrafbare Hand⸗ lung vorzuwerfen habe? Ein ſolcher Entſchluß ſchien Gilberte ihre Kräfte zu überſteigen. Sollte ſie im Gegentheil ein Stillſchweigen über dieſe Briefe beobachten, welche Herr von Saligny vor dem Zweikampfe vorweiſen wollte? Sie ſetzte ſich un⸗ fehlbar einem ärgerlichen Eclat aus, deſſen Ausbruch ſie nur verſchob. Sollte ſie endlich dieſes Duell dadurch verhüten, daß ſie Paris mit Herrn von Salignh verließ, um mit ihm in der Zurückgezogenheit zu leben, wie die zwei Lieben⸗ den, von denen ſie ſo lange mit Georges Hubert ge⸗ ſprochen hatte? Gilberte, obgleich ſich ihre romanhafte Phantaſie zuweilen in dem Gedanken einer kühnen Trennung ge⸗ fallen hatte, betrachtete doch dieſe Extremität als er⸗ ſchrecklich. Tauſend Bangigkeiten preisgegeben, erwartete ſie auch mit Angſt die erſten Worte ihres Gatten. Meine Liebe,“ ſagte er zu ihr, „Sie wiſſen, daß morgen ein großes Steeplechaſe nach dem Kreuze von Bernh ſtattfindet?“ „Allerdings, erwiederte Gilberte ſehr erſtannt über dieſen Eingang. „Ich glaube, Sie beabſichtigen, dem Rennen beizuwohnen?“ „Ja, und ich wünſche, daß Sie auch dabei ſein möchten.“ „Gut, ich werde Sie begleiten.“ 109 „Zu meinem Bedauern, liebe Freundin, iſt das nicht möglich. Ich habe ein Pferd gegen Saligny enga⸗ girt. Wir rennen ſelbſt, und ich muß nach der Gewohn⸗ heit vor dem Rennen das Terrain unterſuchen, um mir Rechenſchaft von den Hinderniſſen zu geben, welche zu überwinden ſind. Sie werden alſo Ihrerſeits nach Berny fahren, und ich meinerſeits.“ Gilberte hörte ihrem Gatten mit wachſendem Er⸗ ſtaunen zu. Er ſprach von einem Rennen mit Herrn von Saligny; er ſollte ſich alſo nicht mit ihm ſchlagen. „Der Herzog,“ dachte die junge Frau, „der Her⸗ zog, indem er mich mit den Folgen des vorgeblichen Duells bedrohte, tänſchte mich auf eine ſchändliche Art. Wahrſcheinlich ſtellte er mir eine Falle.“ Gilbert ſprach weiter: „Ohne Zweifel wollen Sie nicht allein nach Berny fahren, meine Liebe?2“ „Nein, doch ich weiß noch nicht, wen ich mich zu begleiten bitten werde.“ Sie könnten, wie mir ſcheint, einen Platz in Ihrem Wagen Frau von Saint⸗Marceau anbieten.“ Gilberte ſprang von ihrem Stuhle auf und rief, beinahe erſtarrend vor Verwunderung: „Was ſagen Sie, mein Herr?“ „Ich ſage, Frau von Saint-Marceau könne Sie begleiten; ich habe ihr auch in Ihrem Namen Sie werden ſie morgen um eilf Uhr ab⸗ olen.“ „Sie können unmöglich im Ernſte reden, mein Herr.“ „Warum nicht?“ „Ich ſoll Frau von Saint⸗Marceau in meinem Wagen mitnehmen! Ich ſoll Sie und mich lächerlich machen! Das fällt Ihnen nicht ein, mein Herr.“ „Sie empfangen, wie mir ſcheint, Frau von Saint⸗ arceau in Ihrem Salon.“ 110 „Wahrhaftig, ich glanbe zu träumen, wenn ich Sie ſo ſprechen höre. Ich empfange bei mir auch Herrn Lablache, HerrnTamburini, Herrn Mario, wenn ſie in meinen Concerten ſingen; werde ich ihnen des⸗ halb öffentlich einen Platz in meinem Wagen geben?“ „Die Vergleichung iſt nicht richtig: Frau von Saint⸗Marceau iſt eine Frau, und dabei eine Frau der Geſellſchaft; Herr von Saint Marceau iſt von vollkom⸗ men guter Geburt.“ „Ei! mein Herr, die vollkommen gute Geburt ihres Mannes hält Frau von Saint⸗Marceau nicht ab, die Bretter zu betreten, und nie werde ich einwilligen, vor den Augen von ganz Paris einen Platz in meinem Wa⸗ gen einer . . Schauſpielerin zu geben! „Madame „Ich bitte, mein Herr, dringen Sie nicht in mich; ich habe Ihnen geſagt, nein und das iſt nein.“ “ „Hören Sie mich an: ich bin zu aufrichtig, ich kenne zu genau die Empfindlichkeiten, ich möchte nicht ſagen, die Vorurtheile der Welt, um nicht mit Ihnen, meine Liebe, darin einverſtanden zu ſein, daß etwas Un⸗ ſeunißtte in dem iſt, was ich von Ihnen verlange .. och „Warum verlangen Sie es dann von mir mit ſo viel Dringlichkeit?“ „Heute Abend ſprach ich von dem morgen ſtattfin⸗ denden Wettrennen mit Herrn von Bourgeuil in Gegen⸗ wartvon Frau von Saint⸗Marceau ; ſie drückte ihr Bedauern darüber aus, daß ſie nicht in Berny ſein könne, weil ihr leidender Gatte ſie nicht dahin zu führen vermöge; da ſagte Herr von Bourgenil unbeſonnener Weiſe zu ihr: „„Madame, das iſt gleichgültig, die Marquiſe wird ſich ein Vergnügen daraus machen, Ihnen einen Platz in Ihrem Wagen zu geben.““ „Ich weiß wahrhaftig nicht, wo Herr von Bonr⸗ geuil Lebensart gelernt hat!“ 3 11¹ „Was konnte ich antworten, als die Unbeſonnenheit begangen war?“ „Sie mußten Herrn von Bourgenil die Unziemlich⸗ keit ſeines Vorſchlags fühlbar machen.“ „Aber ich ſage Ihnen, meine liebe Freundin, dies trug ſich in Gegenwart von Frau von Saint⸗Marceau zu. Eine Weigerung von meiner Seite hätte ſie grau⸗ ſam verletzt, und ich beſaß nicht den Muth hiezu. . Ja, Madame,“ fügte Gilbert bei, „ich glaubte Frau von Saint⸗Marceau in Ihrem Namen verſprechen zu müſſen, Sie werden ſie um eilf Uhr in ihrem Hauſe abholen, um ſ zum Steeplechaſe nach dem Kreuze von Berny zu führen.“ „Ich bedaure, mein Herr,“ erwiederte Gilberte, „ich bedaure, daß ich Ihre unbegreifliche Furcht, Frau von Saint⸗Marcean zu verletzen. nicht theilen kann. Doch ſie wird ſich nach Berny begeben, wie es ihr be⸗ liebt, und ich führe ſie gewiß nicht dahin.“ „Ich bitte Sie noch einmal, meine Liebe, bedenken Sie, in welcher zarten Lage ich mich befand. „Mein Herr, obgleich gewiſſe Vorwürfe äußerſt ge⸗ ſchmacklos ſind, ſo kann ich doch nicht umhin, Ihnen zu ſagen, daß mir die Dringlichkeit, mit der Sie mich nö⸗ thigen wollen, eher mich lächerlich zu machen, als bei den ſeltſamen Anmaßungen von Frau von Saint⸗Marceau anzuſtoßen, Stoff zum Nachdenken gibt.“ „Erklären Sie ſich, Madame.“ „Ich wollte heute Abend Ihre ſehr bezeichnenden emühungen um dieſe .. Schauſpielerin nicht bemer⸗ ken, doch Ihre Bitte ſo eben beweiſt mir leider, daß ſie die unnachahmliche Prima⸗Donna völlig den Kopf ver⸗ lieren läßt.“ „Madame, wenn ich nicht, wie Sie, das Abgeſchmackte gewiſſer Vorwürfe befürchtete, ſo würde ich Ihnen eben⸗ falls ſagen, nicht erſt heute habe ich die comprom ttiren⸗ 112 den Bemühungen von Herrn von Salignh um Sie nicht bemerken wollen.“ „Dieſe Ablenkung iſt nicht ſehr geſchickt, mein Herr.“ „Dennoch drückt ſie Sie nieder.“ „Durchaus nicht! Ich empfange bei mir Herrn von Saligny, wie ich die anderen Männer meiner Geſellſchaft empfange.“ „ „Madame, betreten wir nicht den Weg der Anſchul⸗ digungen“ „Ich wünſche das auch, doch in Ihrem Intereſſe.“ „In meinem Intereſſe! Ah! ich bin doch begierig, die Vorwürfe kennen zu lernen, die Sie mir machen können.“ „Ich bitte Sie, zwingen Sie mich nicht zu einer unhöflichen Aufrichtigkeit.“ „Es iſt immer ſo! Die Frauen, um in ihren Augen zu häufig wirkliche Repreſſalien zu entſchuldigen, ſchreiben ihren Männern eingebildetes Unrecht zu, und wenn man ſie auffordert, dieſes Unrecht zu nennen, ſo macht ſie die Verwirrung ſtumm.“ „Eingebildetes Unrecht, mein Herr! Und was iſt denn mein Leben, ſeitdem ich Sie geheirathet habe? Da Sie mich auf's Aeußerſte treiben, ſo muß ich wohl am Ende reden! Haben Sie nicht, nachdem wir drei Monate auf Ihrem Gute zugebracht, wohin wir uns an unſerem Hochzeittage begaben, als wir nach Paris zurück⸗ gekehrt waren, die Gewohnheiten Ihres Junggeſellen⸗ lebens wieder aufgenommen und mich gebeten, allein in Geſellſchaft zu gehen, unter dem Vorwande, Sie ziehen es vor, Ihren Abend im Club zuzubringen, Ihre Partie Whiſt zu machen und Ihre Cigarre zu rauchen“ „Habe ich es Ihnen je vorgeworfen, daß Sie dieſe Geſellſchaft lieben, welche ir Sie ſo viele Reize hat?“ „Und was ſoll denn eine Frau mit ihren Tagen, mit ihren Abenden anfangen, wenn ſie nicht wie die 113 Lucretia Herrn von Ponſard zu Hauſe Wolle ſpinnt?“ „Ah! die Zeiten der römiſchen Matronen ſind lei⸗ der ſehr fern von uns!“ „Ich denke nicht, mein Herr, daß Sie, als Sie meinen Vormund, Herrn von Perceval, aus Convenienzen der Familie und des Intereſſes um meine Hand baten, je glaubten, Sie heirathen eine Frau, welche ihr Leben wie eine Einfältige in der Verlaſſenheit und Einſamkeit zu⸗ bringen werde.“ „Teufel! welche Einſamkeit, welches Thebais iſt die⸗ ſes Hotel Montlaur, wo Sie jede Woche ganz Paris empfangen.“ „An ſolchen Abenden, mein Herr, beehren Sie wenigſtens dieſen Ort mit Ihrer Gegenwart; was ſind außerdem die Augenblicke, die Sie mir opfern? Ich will es Ihnen ſagen; beim Frühſtück eine halbe Stunde, wo⸗ nach Sie ſich in Ihr Zimmer zurückziehen, um ihre Freunde zu empfangen. Um drei Uhr, wenn das Wet⸗ ter ſchön iſt, ſteigen Sie zu Pferde, iſt es nicht ſchön, ſo fahren Sie aus; um ſieben Uhr erſcheinen Sie beim Rittageſſen; um neun Uhr gehen Sie in den Club, und von dort kommen Sie nach Hauſe, um welche Stunde? Ich weiß es nicht, und ich bekümmere mich nicht darum, es zu erfahren . . . Begeben wir uns zur Jagdzeit auf Ihr Gut, ſo gehen Sie in der Morgen⸗ dämmerung aus und kommen am Abend abgemattet zu⸗ rück. Nach dem Mittagsbrode machen Sie eine Partie Whiſt mit einigen von Ihren Gäſten, und dann legen Sie ſich in Ihrem Zimmer ſchlafen.“ „Ei! Madame, was beweiſt Alles dies, wenn nicht, daß ich, nach meinem Gefallen lebend, Sie nach dem Ihrigen habe leben laſſen, wobei ich auf die Feſtigkeit Ihrer Grundſätze rechnete? . Doch ich befürchte ſehr, ich habe mich getäuſcht.“ „Mein Herr!“ Pil bert und Gilberte. 1, 8 „Madame, halten Sie mich für blind? Bin ich nicht geduldig geweſen ja, ſo geduldig und gedul⸗ diger vielleicht, als ich hätte ſein müſſen, denn zwanzig⸗ mal ärgerte ich mich über die Beſtrebungen von Herrn von Soaligny und über die Begünſtigung, die Sie ihm zu Theil werden ließen! Habe ich aber je den geringſten Vorwurf an Sie gerichtet? Rein; Ihr Alter entſchuldigte in meinen Augen Ihre Coquetterie; und ich wollte glau⸗ ben, ſie ſei unſchuldig, ich will es noch glauben. Und eine ſolche Zurückhaltung von meiner Seite erwie⸗ dern Sie dadurch, daß Sie mir vorwerfen, ich beſchäf⸗ tige mich mit Frau von Saint⸗Marceau, und daß Sie ſich mit Hohn und Hochmuth weigern .. „Oh! genug, mein Herr! Solche Händel empören das Herz“ „Was wollen Sie damit ſagen, Madame?“ „Ja, Sie würden die Augen gegen das ſchließen, was Ihnen die Beſtrebungen von Herrn von Saligny zu nennen beliebt, wäre ich ſo feig, die Augen gegen Ihre BVeſtrebungen bei Frau von Saint⸗Marceau zu ſchließen, und fügte ich mich, was noch beſſer iſt, darein, ihre Gefällige und . die Ihrige zu werden.“ „Ah! Madame, Madame, um bloß den Gedanken einer ſolchen Schändlichkeit zu faſſen, muß man eine herz⸗ loſe Frau ſein.“ „Mein Herr, nach ſolchen Worten habe ich Sie nur zu bitten, aus meinem Zimmer zu gehen.“ „Wie! Sie wagen es? . „Ich werde noch mehr wagen, mein Herr, indem ich Ihnen erkläre, daß es mir fortan unmöglich wäre, mit einem Manne zu leben, der mich grauſam beſchimpft hat. Nie hören Sie mich wohl, nie werde ich dieſe Beleidigung vergeſſen! Und da es unnöthig iſt, daß wir uns das Daſein einander unerträglich machen, ſo werden Sie es gut finden, wenn wir uus ohne Aufſehen trennen; morgen ſchon kehre ich zu Frau von Perceval, der Gattin meines Vormunds, zurück.“ 11⁵ „Uns trennen! Sie ſind toll, Madame!“ „Sie haben ein ſchönes Vermögen, mein Herr — ohne das meinige zu rechnen .. Doch ſeien Sie unbeſorgt, Ihre Geſchäftsführer werden die mei⸗ nigen ſehr leicht bei den Fragen finden, die das Intereſſe betreffen . ſie ſollen meine Befehle erhalten . ich werde um meine Freiheit nicht feilſchen!“ „Dieſe letzte Beleidigung iſt blutig. Ich werde mich dafür rächen, Madame! Ah! die Freiheit, die ich Ihnen laſſe, ſcheint Ihnen noch nicht genügend? . . Ah! Sie brauchen eine Trennung, um ſich den Ausſchweifungen hinzugeben, von denen Sie ohne Zweifel träumen? Wohl, Madame, ich werde von meinen Rechten Gebrauch ma⸗ chen: ſchon morgen reiſen Sie nach meinem Gute ab, und Sie verlaſſen es nicht eher, als bis der geſunde Verſtand wieder bei Ihnen eingekehrt iſt, und ich will gern glauben, daß er wiederkehrt.“ „Das iſt reizend! Sie wollen mein Vermögen be⸗ halten und mich einſperren, damit Sie ſich nach Ihrem Belieben mit Frau von Saint⸗Marceau beſchäftigen können! Dieſer Plan macht Ihrer Einbildungskraft Ehre, mein Herr; nur erlauben Sie mir, Sie in Demuth daran zu erinnern, daß die gute Zeit, wo die Männer ihre Frauen einſperrten, voruͤber iſt; ich bin keine Pen⸗ ſionnaire mehr, ich bitte alſo, verſchonen Sie mich mit dieſen lächerlichen Drohungen, mit dieſen Blaubart⸗ Mährchen.“ „Das Geſetz gibt mir Rechte, Madame, und ich werde davon Gebrauch machen! Sie gehen dahin, wohin es mir Sie zu führen beliebt! Sie leben auf meinem Gute, wie es mir zuſagt, daß Sie dort leben werden, und Sie bleiben dort auch ſo lange, als es mir gefällt, daß Sie bleiben... Wenn Sie nicht etwa Witwe werden,“ fügte Gilbert mit einem bittern Lächeln bei. „Hören Sie, Sie flößen mir ſo viel Intereſſe ein, Sie bezeigen mir eine ſo zarte Zuneigung . daß ich Ihr vortreff⸗ liches Herz durch ein ſüßes Geſtändniß erfreuen will .. Der Vitwenſtand, nach dem Sie ſich ſo glühend ſehnen, iſt nicht unmöglich.“ „Ich verſtehe Sie nicht, mein Herr.“ „Nichts kann einfacher ſein: dieſen Morgen ſchlage ich mich mit Herrn von Saligny.“ „Großer Gott!“ „Er kann mich aber ganz wohl tödten. Freilich kann auch ich ihn tödten . Ich hoffe es ſogar; doch Sie ſehen, Madame, Sie haben wenigſtens einige Chance, Witwe und frei zu werden. Wie muß Ihr Herz jauchzen!“ Bei dieſen Worten zweifelte Gilberte nicht mehr an der Wirklichkeit des Duells; der Herzog hatte ſie nicht getäuſcht. Trotz der außerordentlichen Kälte, welche ſeit ianger Zeit zwiſchen ihrem Gatten und ihr herrſchte, troß der harten Dinge, die ſie ſich im Aufbrauſen ihres Zornes geſagt hatte, empörte ſich ihr Herz bei dem Ge⸗ danken an dieſen Zweikampf, deſſen Opfer ihr Gatte, welchen ſie zu ſchätzen nicht umhin konnte, oder Herr von Saligny werden mußte, den ſie aufrichtig liebte; und fand dieſes Duell ſtatt, ſo wollte Herr von Saligny, um nicht ohne Rache zu unterliegen, wenn er auf den Kampf⸗ platz kam, ſeinem Gegner die Briefe von deſſen Frau eigen. Gilberte ſah ſich auf jede Weiſe verloren; Verloren, wenn der Kampf nicht verhindert wurde; Verloren, wenn ſie ſich, um ihn zu vehindern, zum Herzog begab und mit ihm floh, wie es Frau von Orbeval mit ihrem Geliebten gethan hatte. £ Ganz verwirrt, tauſend Aengſten preisgegeben und in ihrem Schrecken unfähig, bei irgend einem Entſchluſſe ſtehen zu bleiben, konnte Gilberte nur, in Thränen zer⸗ fließend, ausrufen: 3 „Rein, das iſt unmöglich, Sie werden ſich nicht ſchlagen! Ah! ſollte ich die unwilltürliche Urſache eines 117 ſolchen Unglücks ſein . . . das wäre die Verzweiflung meines ganzen Daſeins!“ „Sie zittern für das Leben von Herrn von Sa⸗ ligny!“ rief Gilbert; „Sie haben Recht, wenn Sie zittern, denn Alles ſagt mir, ich werde dieſen Menſchen tödten! Oh! Sie ſollen noch nicht das Glück haben, Witwe zu ſein, und ich bin wohl im Stande, fortan durch ſtrenge Maßregeln meine Ehre vor Ihrer unan⸗ ſtändigen Aufführung zu ſchützen.“ Ein wiederholtes beſcheidenes Klopfen an die Thüre des kleinen Salon unterbrach dieſe traurige eheliche Un⸗ terredung. Die junge Frau, welche in Thränen überraſcht zu werden befürchtete, ging ſogleich in ihr Schlafzimmer. „Was gibt es?“ fragte Gilbert, als er klopfen hörte. „Wer iſt da?“ „Ich, Herr Marquis, antwortete eine Stimme von außen, „ich, Joſeph.“ . „Tritt ein,“ antwortete Gilbert, als er ſah, daß ſeine Frau in ihr Schlafzimmer gegangen war, „Du kannſt herein kommen.“ Die Thüre wurde geöffnet und es erſchien ein alter Kammerdiener mit weißen Haaren, ſehr bleich und ſehr bewegt. Gilbert fragte ihn ungeſtüm, ohne die Beſtürzung in ſeinen Geſichtszügen wahrzunehmen: „Was willſt Du?“ „Herr Marquis es iſt der Herr General Pouſ⸗ ſard. . Mein Gott! er bringt. . er bringt Degen.“ Schon?“ verſetzte Gilbert, „wie viel Uhr iſt es „Halb ſechs Uhr, Herr Marquis,“ erwiederte der alte Diener; und bebend fügte er bei: „Mein Gott! mein Gott! Degen!“ „Laß den General in das Bibliothekzimmer eintreten und bitte ihn, einen Angenblick auf mich zu warten.“ 118 „Ja, Herr Marquis, doch der Herr General befiehlt mir, ihm ſogleich eine Zwiebelſuppe machen zu laſſen und ihm etwas Kaltes mit einer Flaſche Sauterne vorzuſetzen.“ „Ei laß ihm Alles ſerviren, was er haben will,“ ſagte Gilbert, während er voll Heftigkeit den Salon verließ. „Mein armer Herr!“ ſprach Joſeph, eine Thräne abwiſchend, die am Rande ſeiner Augenlider zitterte, „abermals ein Duell . . . und dieſer General . .. welch ein dicker, herzloſer Menſch! Er kommt zu den Leuten mit Degen und fordert bei ſeinem Eintritt eine Zwiebelſuppe! Der Küchenmeiſter ſchläft des Morgens um vier Uhr. Bah! ich will ſeinen erſten Gehülfen benach⸗ richtigen, das wird genügen, um eine Zwiebelſuppe zu machen.“ In dem Augenblick, wo Gilbert den Salon verließ, trat Gilberte leichenbleich, zitternd, die Angen durch Thrãä⸗ nen geröthet, die Züge entſtellt, wieder ein und ſagte zu Joſeph: „Ich weiß Alles: mein Mann ſchlägt ſich dieſen Morgen.“ „Gnädige Frau... mein Gott! ich weiß nicht, was ich der gnädigen Frau antworten ſol Ich bin „Ich weiß Alles, ſage ich Ihnen! Joſeph, ich kenne Ihre Zuneigung für Ihren Herrn, Sie ſind ſchon in ſeinem Hauſe geweſen, als er geboren wurde. — Man muß dieſes Duell um jeden Preis verhindern Ich glaube, das liegt in meiner Macht.“ „Ah! Frau Marquiſe, der Himmel höre Sie.“ „Beobachten Sie beſonders das tiefſte Geheimniß⸗ oder es iſt Alles verloren.“ „Kann die gnädige Frau an meinem Gehorſam ge⸗ gen ihre Befehle zweifeln?“ „Es iſt halb ſechs Uhr?“ „Ja, gnädige Frau.“ 119 „Um ſechs Uhr muß mich irgend ein Wagen, ein Fiacre vor der kleinen Thüre des Hotels erwarten.“ „Gnädige Frau, ich will in den Stall laufen, um die Leute zu wecken und anſpannen zu laſſen.“ „Nein, nein, Riemand ſoll hier meine Abweſenheit vermuthen; man darf mich nicht weggehen ſehen. Ich will einen Wagen außen haben, weil ich zu dieſer frühen Morgenſtunde nicht den Muth hätte, allein in den Straßen zu gehen.“ „Es wohnt ein Wagenvermiether zwei Schritte von Rue Saint Dominique; meine Frau ſoll da⸗ in gehen.“ „Warum wollen Sie Ihre Frau hiemit beauſtragen?“ „Gnädige Frau, der Herr Marquis kann mir jeden Angenblickklingeln und ich ſtehe für meine Frau, wie für mich ſelbſt.“ „Joſeph, ich wiederhole Ihnen, ſagen Sie kein Wort hievon Ihrem Herrn, oder es iſt Alles verloren.“ „Gnädige Frau, wenn man mich in einem Mörſer zerſtieße, ich würde den Mund nicht öffnen.“ „Heißen Sie Ihre Frau durch die kleine Garten⸗ thüre hinaus gehen; ſie ſoll dieſelbe offen laſſen und dorthin den Wagen zurückbringen, der mich erwarten wird.“ „Ja, gnädige Frau.“ „Um welche Stunde iſt es Tag?“ „Um halb ſieben Uhr früheſtens.“ „Alle Leute ſind ſchlafen gegangen?“ „Ja, gnädige Frau.“ „Die Lichter auf der großen Treppe, im Salon und in der Gallerie, die nach dem Garten führt, find ausgelöſcht?“ „Ja, gnädige Frau, doch die Läden der Thüren, welche auf die Freitreppe gehen, ſind mittelſt eiſerner Stangen geſchloſſen; die Frau Marquiſe könnte ſie nicht aufheben. Ich will das beſorgen.“ . vergoldetem Bronze verſchwanden. Durch die Scheiben „Gehen Sie; doch Joſeph, noch einmal: nicht ein Wort von Allem dem zu Ihrem Herrn oder zu irgend Jemand, ſonſt findet das unglückliche Duell ſtatt.“ „Ah! gnädige Frau, um es zu verhindern, würde ich die Tage hingeben, die ich noch zu leben habe.“ „Ich zähle auf Sie. Um ſechs Uhr muß mich ein Wagen an der kleinen Thüre erwarten“ ſagte Gilberte, während ſie haſtig in ihr Schlafzimmer zurückkehrte. „Wir wollen geſchwinde meine Fran unterrichten,“ ſprach der alte Diener. „Welch ein Glück, wenn die Frau Marquiſe im Stande wäre . . . Ah! vergeſſen wir nicht die Läden der Gallerie am Garten zu öffnen. Gut, und die Zwiebelſuppe des Generals! Ah bah! bei mei⸗ ner Treue, er mag warten! Man hat auch noch nie ge⸗ ſehen, daß Einer, der als Zeuge bei einem Duell dienen ſoll, gekommen iſt und ſogleich bei ſeiner Ankunft eine Zwiebelſuppe verlangt hat.“ Während Joſeph hienach raſch wegging, murmelte er noch: „Ah! mein armer Herr! mein armer Herr!“ VII. In einer ſchwarzen Halsbinde ſteckend, militäriſch bekleidet mit einem langen blauen, bis an's Kinn zuge⸗ knöpften Oberrock, hat es ſich der Baron Ponſſard mit ſeltſam vertraulichen Manieren bequem gemacht in der Bibliothek des Marquis, einem ſehr geräumigen Zimmer, deſſen Wände unter großen Bücherſchränken von Ebenholz mit Kupfer eingelegt und verziert mit Leiſtenwerk und ſah man eine Sammlung prachtvoll gebundener Bücher⸗ Der General ging, die Hände auf ſeinen Rücke gekreuzt, aus einer alten Buchsbaumpfeife den reinſter Kaſernenknaſter rauchend, deſſen ſcharfer, durchdr gender Gernch die Luft des Zimmers verpeſtete, in d 121 ſem auf und ab, blieb bald vor der Bibliothek, bald vor den Etagsren ſtehen, welche mit Florentiner Bronzen, geſchnitzten Elfenbeinwerken, Schmelzarbeiten der Re⸗ naiſſance und anderen koſtbaren Curivſitäten beladen wa⸗ ren, die er in die Hände nahm, in allen Richtungen hin und her drehte, und auf das Gerathewohl wieder auf die Tabletten ſtellte, während er, die Achſeln mit einer erhabenen Verachtung zuckend und eine Rauchwolke aus⸗ ſtoßend, murmelte: „Was für albernes Zeug iſt doch ſolcher alter Plun⸗ der!“ Dann fügte er mit demTone heftiger Anſchuldigung bei: „Du biſt ein Schuft von einem Koche, der tenfel⸗ mäßig lange braucht, um eine Zwiebelſuppe zu machen!“ So ſeinen Spaziergang und ſeine Unterſuchungen fortſetzend, blieb der Baron dann wieder vor einem Bü⸗ cherſchranke ſtehen und las: Voltaire, Montesquien, Des⸗ cartes, Ronſſeau, Locke, Leibnitz. Er zuckte abermals die Achſeln und wiederholte mit ſtolzer Verachtung: „Was für albernes Zeug ſind doch dieſe Schriſt⸗ ſteller!“ und mit immer ungeduldigerem, zornigerem Tone fügte er bei: „Schuft von einem Koche! eine halbe Stunde, um eine Zwiebelſuppe zu bereiten! Ah! wenn ich Dein Herr wäre, ich wollte Dir gehörig Füße ma⸗ chen ... Doch der Marquis muß in Allem und für Alles eine weiche Birne ſein! ich frage doch ein wenig, ein Burſche, der im Augenblick eines Duells ſein Teſtament ſchreibt! Oh! Du biſt gemeſſen, Rekrut! Du brauchſt Dir unr noch vom Feldeaplan die Stiefel ſchmieren zu laſſen! Ich bleibe bei dem, was ich geſagt habe: ich gäbe nicht einen Napoleon für Deine Haut, armes Männ⸗ chen! Es iſt Schade; das Haus des Marquis verſprach! Welch ein trefflicher Tiſch! Ich hätte hier zwei⸗ bis dreimal in der Woche mein Couvert gehabt.“ Dann, da dieſer culinariſche Gedanke ihn an ſeiuen Groll gegen den Koch erinnerte, nahm er ungeſtüm ſeine Pfeife aus den Zähnen, legte ſie, obgleich ſie noch brannte, 122 auf einen koſtbaren ſeidenen Teppich von Smyrna, der einen mit Folianten beladenen langen Tiſch bedeckte, und rief: „Ah! dieſer elende Küchenjunge hält mich offenbar für einen Rekruten!“ Und da er eine Klingelſchnur über dem Kamin er⸗ blickte, läutete er heftig zu wiederholten Malen. Beinahe in demſelben Augenblicke erſchien Joſephz er brachte auf einem ſilbernen Brette eine in einem Topfe dampfende Zwiebelſuppe, flanquirſt von einem kalten jungen Feld⸗ huhn, einer Gänſeleberpaſtete und einer Bologneſer Wurſt; eine durch das Alter beſtaubte Flaſche erhob ſich mitten unter dieſen Gerichten, deren Anblick den Zorn des Generals beſänftigte, und er ſagte mit einem minder mürriſchen Tone zu Joſeph, der das Brett auf ein Tiſch⸗ chen in der Nähe des Kamins ſetzte: „Auf, alter Trändler! alle Wetter, auf! Sie haben ſich Zeit genommen, um mich zu bedienen!“ ch bitte den Herrn General um Verzeihung,“ erwiederte Joſeph, während er zum Tiſche einen Lehn⸗ ſtuhl rückte, in den ſich bald der vorgebliche Vertheidiger von Marmora verſenkte. „Alle Leute ſchliefen. Ich mußte den Koch, den Kellermeiſter und den Silberdiener auf⸗ wecken.“ „Ah! das iſt aus der guten Ecke? wie?“ verſetzte der General, auf die Flaſche deutend, von der er ſich vorläufig ein Glas einſchenkte, um es ſogleich mit einem Zuge zu leeren; dann tauchte er ſeinen Löffel in den Napf und fragte zu gleicher Zeit: „Und wo iſt der Marquis?“ „Der Marquis iſt in ſeinem Cabinet,“ antwortete der alte Diener, und ohne ſich eines ſchmerzlichen Seuf⸗ zers erwehren zu könuen, fügte er bei: „er ſchreibt!““ „Immer ſein Teſtament. Morſche Birne!“ murmeite der Raufbold zwiſchen den Zähnen. 6 Dann aß er weiter von ſeiner Suppe; bald aber 123 winkte er Joſeph, den Napf wegzunehmen, griff die Feldhuhngalantine an und fragte: „Hat der Margquis ſeinen Wagen beſtellt?“ „Ja, Herr General,“ erwiederte Joſeph mit einem neuen Seufzer. „Der Herr Marquis hat ſeine Pferde auf ſieben lihr verlangt.“ „Die Zwiebelſuppe war nicht ausgezeichnet, es fehlte ihr an Pfeffer,“ ſagte der Raufer, der mit vollem Munde ſprach, „dagegen iſt dies ein ganz vortreffliches junges Feldhuhn; Ah! da fällt mir ein: hat der Herr Marquis ſeinen Wundarzt benachrichtigen laſſen?“ „Ich weiß es nicht, Herr General,“ antwortete der alte Diener, den jede von dieſen Fragen auf die Folter ſpannte, obgleich er hoffte, das Duell werde durch den Dazwiſchentritt der Marquiſe unmöglich gemacht werden. Hilbert trat in dieſem Augenblick in die Bibliothek ein; er hieß den Diener durch einen Wink weggehen, und der General, der ſeine Serviette auf den Tiſch warf, holte eiligſt von einem Stuhle, auf den er ſie gelegt hatte, zwei Duelldegen. Nie hatten Mordinſtrumente ein ſo Grauen erregen⸗ des Anſehen. Es gibt Degen, deren künſtlich ciſelirtes, vergoldetes Stichblatt einen glücklichen Contraſt mit dem Blau der Damascirung und dem ſpiegelnden Glanze der Klinge bildet; wenn die Sonne dieſes Gold, dieſes Azurblau, dieſen Stahl auch nur ein wenig ſchimmern läßt, ſo kann es nichts Gefälligeres für das Auge geben, doch ſo waren die Waffen des Raufers nicht. Vollkom⸗ men behoſt, wie er in ſeinem cyniſchen Jargon ſagte, mit einem durch die Zeit geſchwärzten Stichblatte ver⸗ ſehen, leicht, vortrefflich gehärtet, dreieckig, ſtellenweiſe bei ihrer Schärfe ſchartig durch das Aneinanderſtoßen in den Kämpfen, bei denen ſie gedient hatten, verſchmälerten ſich dieſe, unter ihrem Griffe ſehr breiten, Degen bis zu ihrer beinahe nadelartigen Spitze; ihre trübe, ſchwärzliche Klinge wurde da und dort roſtfarbig und war drei bis 124 vier Zoll über der Spitze röthlich braun geadert. Dieſe Behoſung rührte von der immer zerfreſſenden Thätig⸗ keit des auf dem Eiſen vertrockneten Blutes her. „He, he, mein lieber Marquis, was ſagen Sie zu dieſem Spielzeug?“ rief der Baron Ponſſard, indem er Gilbert einen von den Degen bot, den er aus ſeiner le⸗ dernen Scheide zog. „Nehmen Sie das und ſehen Sie, wie leicht es iſt, wie das gut in der Hand liegt!“ Das Ich des armen Gilbert ſchauerte beim Anblick der Mordwaffe und verfluchte den Raufer, die erſte Ur⸗ ſache dieſes Duells; da er aber verhängnißvoller Weiſe ſeine Marquisrolle bis zum Ende ſpielte, ſo nahm Gil⸗ bert den Degen, wog ihn, beſchrieb in der Luft einige Contres, Cercles und Halbeerles mit einer von ſeiner Uebung in der Fechtkunſt zengenden Leichtigkeit, dann gab er dem General die Waffe zurück und ſagte: „Dieſer Degen liegt in der That ſehr gut in der Hand!“ „Ah! Marquis, ich will Ihnen einen guten Rath geben. Sie gehören nicht zu den Rekruten, welche man an geheime Stücke glauben macht, doch hören Sie etwas, was mir neunmal unter zehn geglückt iſt. Sie debutiren mit ein paar Finten, um das Spiel Ihres Gegners zu ſondiren, und während Sie die Finten machen, ſuchen Sie ihn in die Hand zu ſtechen; treffen Sie dieſe, ſo wird der Schmerz machen, daß er raſch die Pfote zurückzieht. Beinahe immer entblößt er ſich bei dieſer unwillkürlichen Bewegung; dann fallen Sie weit aus, ſtoßen ihm ſechs Zoll tief in den Bauch, und ſein Blut wird fließen. . . So habe ich meinem neunten Indivi⸗ duum, einem übrigens wackern Fechter, das Lebenslicht ausgeblaſen.“ „Der Rath iſt gut, mein Herr, und ich danke Ihnen dafür,“ erwiederte Gilbert; „im Nothfalle werde ſch mich deſſelben erinnern; wenn Sie wollen, gehen wir nun; wir haben auf unſerem Wege noch meinen Arzt 125 Herrn Doctor Dufour, und Herrn von Bonrepos, meinen zweiten Zeugen, mitzunehmen.“ Ich leere mein Glas Sauterne, ich zünde meine Pfeife wieder an und bin dann zu Ihren Dienſten. Ah! ſagen Sie, haben Sie die Sohlen Ihrer Stiefel ein wenig mit dem Reibeiſen bearbeiten laſſen?“ „Wozu?“ „Teufel! das iſt ſehr nützlich! der Fuß hält feſter auf dem Voden, und man läuſt nicht Gefahr, auszuglit⸗ ſchen, wenn man weit ausfällt.“ „Ich halte dieſe Vorficht für überflüſſig, mein Herr; überdies drängt die Zeit, es iſt bald ſieben Uhr.“ „Mein lieber Marquis, noch ein Wort: Sie ſehen, ich handle ohne alle Umſtände; ich habe Ihren Kam⸗ merdiener um eine Zwiebelſuppe und etwas Kaltes gebe⸗ ten; das iſt eine Morgendiät, die mir mein Arzt ver⸗ ordnet hat, und an die ich mich halten muß, will ich meine Wunden nicht wieder ſich bffnen ſehen; als alter Soldat kenne ich nur meine Vorſchrift . . .“ „Mein Haus iſt zu Ihren Befehlen . .. „Ich nehme Ihre Elnladung an, doch ſeien Sie nicht ungehalten, wenn ich öſter zum Mittageſſen, als zum Frühſtück zu Ihnen komme. Sehen Sie, ich liebe es, da zu frühſtücken, wo ich mich gerade befinde, nach⸗ dem ich den Morgen herumgeſchlendert bin. Sie können aber überzeugt ſein, daß ich oft Ihrem Mittagsbrode Ehre anthun werde. Hören Sie nun, um was es ſich handelt, mein Lieber; ſtellen Sie ſich vor, daß ich heute Nacht, als ich nach Hauſe kam, einen Brief fand oh! einen Brief! . Marquis, ich bin nicht zart, doch die Thränen ſind mir in die Angen getreten und . „Nun, mein Herr?“ „Dieſer Brief war an mich von der Witwe eines Mamelucken⸗Officiers geſchrieben. Die arme Frauiſt blind, ohne Brod und mit ſieben Kindern belaſtet, — Kinder ihrer vor langer Zeit geſtorbenen Tochter. Unter uns 126 geſagt, ich bin nicht reich, ich habe nur meinen Ruhege⸗ halt und einige Erſparniſſe, die ich in Spanien am Kir⸗ chengeräthe der Caraccos von Andaluſien gemacht habe. Ich ſagte auch zu mir ſelbſt: „„Bei meiner Treue, friſch gewagt: dieſer liebe Marquis iſt ſechs⸗ bis ſieben⸗ mal Millionär; ich entlehne von ihm ganz einfach tau⸗ ſend Franken, die ich ihm demnächſt zurückgebe, und ich kann die arme Witwe des wackeren alten Mamelucken unterſtützen.““ „Wollen Sie einen Angenblick warten; ich komme ſogleich wieder, mein Herr,“ erwiederte Gilbert, indem er ſich nach ſeinem Cabinet wandte; „ich fühle mich zu glücklich, Ihnen dieſen kleinen Dienſt leiſten zu können.“ Und beinahe in derſelben Secunde kam er mit einem Banquebillet in der Hand zurück und reichte es dem Baron Pouſſard, der gerade ſeine Pfeife anzündete. „Ich danke tauſendmal, mein lieber Marquis,“ er⸗ wiederte der Raufer, während er das Billet einſteckte; „alle Teufel! Duellkameraden ſind Waffenbrüder, und unter Waffenbrüdern thut man ſich keinen Zwang an; wir werden auch fortan ein Herz und eine Seele ſein. Und nun“ fügte der General, indem er die Degen nahm, ke⸗ „nun wollen wir dem Herrn Herzog zur Ader aſſen!“ Gilbert klingelte, Joſeph erſchien. „Meinen Wagen!“ ſagte Gilbert; nach kurzem Ueber⸗ legen rief er aber in dem Angenblick, als der Diener weggehen wollte: „Sage Tom, er ſoll mich mit dem Wagen vor der kleinen Gartenthüre erwarten, ich werde durch die Galle⸗ rie gehen.“ Und zum Baron: „Ich will nicht von mei⸗ nen Leuten in dieſem Anzuge geſehen werden.“ „Sehr gut, mein Lieber, doch Sie vergeſſen das Weſentlichſte.“ „Was denn, mein Herr?“ „Das Frühſtück, alle Wetter! Unſere Spazierfahrt 127 nach dem Walde von Verrisres wird mir einen Tigers⸗ hunger machen; ich habe Sie hievon in Kenntniß geſetzt, Marquis.“ „Joſeph,“ ſagte der Marquis, der ſich einer Bewe⸗ gung der Ungeduld nicht erwehren konnte, „Du wirſt dem Haushofmeiſter die Befehle geben.“ „Und vergeſſen Sie beſonders die Auſtern von Ma⸗ rennes nicht, mein Alter,“ rief der Raufer, während er ſich mit dem Marquis nach der Thüre wandte, „wenig⸗ ſtens einen halben Korb.“ „Er denkt nur an das Eſſen!“ murmelte Joſeph, als er den General ſich mit dem Marquis entfernen ſah. „Oh! Vielfraß!“ Dann ſeufzend: „Gleichviel! ich würde dieſen dicken Schlemmer von Herzen gern ſich vollſtopfen ſehen wenn die Frau Marquiſe das un⸗ glückſelige Duell verhindern könnte. . . Vor einer Stunde iſt ſie vom Hotel in einem Fiacre weggefahren. Zum Glück hat Niemand die Bnädige Frau bemerkt. Oh! möchte es ihr gelungen ſein! Doch wir wollen ſchnell Tom ſagen, daß er den Herrn Marquis vor der kleinen Gartenthüre erwarten ſoll.“ Ein düſterer Morgen beleuchtete kaum die Gipfel der Bäume im Garten des Hotel Montlaur, als Gilbert und der Baron Pouſſard zu der kleinen Thüre kamen, an welche ſie plötzlich heftig klopfen hörten. Erſtaunt, ging der Marquis raſch an die Thüre, öffnete ſie und befand ſich einem Fiacrekutſcher gegenüber. Der ſtark alkoho⸗ liſche Geruch, der dem Munde dieſes Menſchen bei den erſten Worten, die er ſprach, entſtrömte, ſein rothes Ge⸗ ſicht, ſeine heiſere Stimme deuteten an, daß er ſchon reichlich getrunken hatte; er ſagte auch zu Gilbert mit einem frechen, zornigen Tone: „Das iſt doch am Ende abſcheulich! Ich bin müde, vor dieſer Thüre zu warten! Seit zehn Rinuten klopfe ich! Wer bezahlt denn hier?“ „Wie! wer hier bezahle?“ verſetzte Gilbert, „was ſoll man Ihnen denn bezahlen?“ „Ei alle Hagel! die Fahrt der kleinen Dame!“ „Welcher kleinen Dame?“ „Ei! der Dame, die ich vor dieſer Thüre abgeholt habe.. ſie weinte (die kleine Dame) und ich fuhr ſie nach der Rue de Varennes Nr. 27. Sie ſprang dort in das Haus wie eine Hirſchkuh und ſchloß die Thüre vor meiner Naſe, ohne mir meine Fahrt zu bezahlen; da kehrte ich hier⸗ her zurück, und man muß mich bezahlen, alle Hagel! . oder es geht ſchlimm!“ „Wenn Du nicht ſchweigſt, wüſter Geſell, ſo werde ich Dir eine Abſchlagszahlung geben, indem ich Dir die Knochen zerſchmettere!“ rief der Baron, der den Kut⸗ ſcher am Kragen packte und gewaltig ſchüttelte, ohne die Beſtürzung zu bemerken, die ſich des Marquis bemächtigt hatte. Dieſer, nachdem er mit beiden Händen über ſeine Stirne geſtrichen war, als wollte er ſeine Lebensgeiſter ſammeln, ſtörte in ſeiner Weſtentaſche, nahm zwanzig Franken heraus, gab ſie dem Kutſcher und ſagte zu ihm: „Sprich, vor einer Stunde haſt Du eine Dame von hier weggeführt?“ „Ja, Herr.“ „Jung 2* „Ja, Herr.“ „Brünett, mit ſehr ſchwarzen Augenbrauen2“ „Ja, Herr; ſie ſchluchste und hatte einen roſa Hut.“ „Und Du haſt ſie nach der Rue de Varennes, Rr. 27, gefahren?“ „Ja, Herr.“ „Rummer ſieben und zwanzig, Du täuſcheſt Dich nicht?“ 6 „Nein, Herr; das Haus hat zwei Säulen vor der üre.“ 3 „Es unterliegt keinem Zweifel, meine Frau iſt bei Saligny! ſie ſind einverſtanden! Und ich wollte nach dem WMarguis, der ſie einſchob 1²9 Walde von Verrisres fahren, im Glauben, den ſchönen Herzog dort zu finden! Oh! das iſt ſchändlich!“ rief Gilbert ungeſtüm. Dann ſich gegen den Raufer um⸗ wendend: „General, erwarten Sie mich; ich komme zurück.“ Und da er ſich mit ſeinen eigenen Augen von der Wirklichkeit ſeines Verdachtes überzeugen wollte, verſchwand er durch den Garten laufend. „Was Teufels bedeutet denn Alles dies 2“ fragte ſich der General Pouſſard; als er ſodann den Kutſcher, ſorg⸗ fältig das Goldſtück des Marquis in die Taſche ſteckend, ſich entfernen ſah, rief der Raufer: „He! Burſche, und die Münze?“ „Welche Münze?“ „Schuft! die Münze von dem Napoleon, den Dir mein Freund gegeben? Hältſt Du mich für einen Re⸗ kruten ?“ „Oh! ich glaubte, die 20 Franken ſeien für mich! Ich muß Ihnen alſo zurückgeben ?“ „Fünfzehn Franken! und mein Freund, der Mar⸗ quis, thut dabei noch Alles als vornehmer Mann.“ Fluchend, gab der Kutſcher fünfzehn Franken dem In dieſem Angenblicke lief der Marquis mit leichen⸗ bleichem, durch die Wuth verſtörtem Geſichte herbei und rief, raſch am Baron vorübereilend: „Ich wußte es, ſie hat das Hotel verlaſſen! es iſt vielleicht noch Zeit, ſie bei Saligny zu finden. Kommen Sie, kommen Sie.“ VIII. Der General Ponſſard, der die Worte des Marquis nicht begriff, folgte ihm ſchleunigſt und ſtieg wie dieſer Gilbert und Gilberte. 1. 9 13⁰ in das kleine Coups, deſſen kräftige Pferde mit aller Ge⸗ ſchwindigkeit abgingen, denn Gilbert hatte zu ſeinem Kutſcher geſagt: „Rue de Varennes Nr. 27, im Galopp!“ „Dieſer Unglückliche wird uns umwerfen,“ rief der Vertheidiger von Marmora, der ſich, nicht mit jeglichem Muthe ausgerüſtet, innen an den Kutſchenſchlag an⸗ klammerte. „Alle Teufel! Marquis, laſſen Sie doch Ihren Wagen halten! Wir werden zu Brei zermalmt werden! Dieſer Schuft von einem Kutſcher hat den Schwindel! Tauſend Donner! ich will ausſteigen!“ „Die Elende! ſie flieht zu ihm,“ murmelte Gilbert in der Bitterkeit ſeiner Wuth, ohne auf die Lamentationen ſeines Gefährten zu hören. „Oh! ich werde Beide tödten! Hölle! kommen wir noch nicht an!“ Und er drückte voll Heftigkeit das Fenſter nieder, vor welchem der Sitz des Kutſchers angebracht war, und rief dieſem zu: „Vorwärts! Fahre doch, daß Alles in Trüm⸗ mer geht!“ „Ich bin verloren!“ murmelte, bleich vor Angſt und die Stirne in Schweiß gebädet, mit einer zitternden Stimme der Raufer; „der Marguis hat den Schwindel wie ſein Kutſcher! Ich bin todt!“ Und auf das Keußerſte getrieben durch den Wahn⸗ witz der Furcht, ergriff er den Baron mit der einen Hand am Kragen, bedrohte ihn mit der andern mit einem von den Degen und rief: „Wenn Du Deinem Kutſcher nicht zu halten befiehlſt, bringe ich Dich um wie einen Hund!“ Leere Drohung, denn faſt in demſelben Angenblick warf ein furchtbarer Stoß das Coupé beinahe um; man hörte Schreckensſchreie und das ſchallende Geräuſch der Hufeiſen der auf das Pflaſter niederſtürzenden Pferde; der Kutſcher fielſich überſchlagend von ſeinem Bocke, und der Wagen kam nach einem heftigen Stoße, durch den er ſich 131 auf die Seite neigte, wieder ins Gleichgewicht und blieb unbeweglich, während Gilbert, der ſeinen Kopf ſeit eini⸗ ger Zeit aus dem Wagenſchlage geneigt hatte, dieſen öffnete, auf die Straße ſprang und mit einem Ausdrucke wilder Frende ausrief: „Hier ſind ſie! Es war Zeit.“ „Die fünfhundert Millionen Donnerwetter des Teu⸗ fels ſollen mich erſchlagen, wenn ich je wieder einen Fuß in den Wagen dieſes Rarren ſetze,“ ſagte der Baron Pouſſard, während er eiligſt das Coupé verließ, ohne jedoch die zwei Degen zu vergeſſen. „Wo läuft er denn nun hin?“ Folgendes war die Urſache dieſes Unfalles: Die Pferde des Marquis, welche im haſtigſten Laufe in die Rue de Parennes kamen, konnten, trotz der An⸗ ſtrengungen des Kutſchers, nicht genug von dieſem bemei⸗ ſtert werden, um ein paar Schritte von der Thüre von Nr. 27 anzuhalten, und in ihrem Ungeſtüm ſtieß ihre Bruſt mit aller Gewalt an die Seite eines andern Ge⸗ ſpanns, das gerade aus dieſem Hauſe heraustrat; der Zuſammenſtoß war furchtbar, die zwei Paare Pferde ſtürzten nieder, zerriſſen ihre Zugriemen, zerbrachen die Deichſeln, und in Folge der heftigen Rückbewegung, die ihr der Fall ihres Geſpannes gab, wurde die andere Equipage unter das Gewölbe des Thores, aus welchem ſie hervorkam, zurückgedrängt. In dieſem Wagen befanden ſich der Herzog von Saligny und Gilberte. Nahe daran, bei Nr. 27 anzufahren, hatte Gilbert, der ſich aus ſeinem Coupé geneigt, einen raſchen, durch⸗ dringenden Blick in den halb aus dem Gewölbe heraus⸗ gezogenen Wagen geworfen und ſeine Frau und Herrn von Soligny in dem Angenblick erkannt, wo dieſer kluger Weiſe die Vorhänge niederlaſſen wollte, hoffend, er werde bald ſeine Reiſeberline erreichen, die ihn, mit vier Poſt⸗ pferden beſpannt, vor der Barrière dItalie erwartete. 132 * Vom General gefolgt, durchſchritt Gilbert die Grup⸗ pen der Neugierigen und Dienſtfertigen, welche mit allem Eifer den zwei Kutſchern ihre Pferde wieder auf die Beine bringen halfen, trat unter das Gewölbe, off⸗ nete haſtig den Schlag des Wagens, in dem ſich die zwei Flüchtlinge verbargen, ließ den Fußtritt nieder und ſagte mit einem erſchrecklichen Lächeln zu Gilberte: * „Madame, ich biete Ihnen meine Hand an, damit Sie ausſteigen können.“ Dann ſchleuderte er dem jun⸗ gen Herzog einen Blick unverſöhnlichen Haſſes zu und ſprach zu ihm: „Wird mir Herr von Saligny wohl die Ehre erweiſen, mich bei ſich zu empfangen?“ „Ich bin zu Ihren Befehlen, mein Herr,“ erwie⸗ derte der Herzog, indem er ſich verbeugte, während Gil⸗ berte, bleich wie eine Todte, ohnmächtig, kaum die Kraft hatte, die Stufen des Fußtrittes von ihrem Gemahl un⸗ terſtützt hinabzuſteigen. Dieſer wandte ſich um, als ſuchte er Jemand mit den Augen, erblickte den Raufer, der hinter ihm ſtand, und ſagte mit einer wilden Freude zu ihm: „Ah! Sie ſind da, General, ich ſuchte Sie,“ und leiſe fügte er bei: „Sie haben die Degen, wir werden uns derſelben bedienen. Ein Salon iſt wohl ſo gut als die Lichtung eines Waldes.“ „Ein Salon? . die Lichtung eines Wäldes?“ verſetzte ſehr erſtaunt der noch athemloſe Baron Pouſſard, während er ſich den von ſeiner Stirne fließenden Schweiß abwiſchte. „Was wollen Sie damit ſagen?“ Mein Herr,“ wandte ſich Gilbert abermals an Herrn von Saligny, „wollen Sie die Gewogenheit haben, uns den Weg zu zeigen, denn minder glücklich als Madame,“ — und er bezeichnete mit dem Blicke ſeine Frau, — „weiß ich nicht, wo Ihre Wohnung iſt.“ Herr von Saligny ſchritt dem Ehepaare voran und ſtieg die Stufen einer breiten, mit einem dicken Teppi bedeckten Marmortreppe hinauf; hinter dem Hersog ging 133 langſam Gilbert mit ſeiner Frau am Arme, welche bei jedem Schritte ohnmächtig zu werden ſchien; dann kam der Raufer, welcher, indeß er ſich die Stirne ab⸗ trocknete, zwiſchen den Zähnen brummte: „Schuft von einem Kutſcher! ich bin noch gut weg⸗ gekommen.“ Getäuſcht durch den Anſchein eiskalter Höf⸗ lichkeit, die ſich die zwei Gegner bezeigten, fügte er dann geringſchätzend in dem Angenblicke bei, wo der Herzog an der Thüre ſeiner im Entreſol liegenden Wohnung klingelte: „Ich begreife ungefähr, wie und warum die kleine Marquiſe ſich hier befindet . . . Das iſt ein tüchtiges Weib! Doch gleichviel, in Gegenwart einer Frau wird ſich die Sache arrangiren. Dieſe Rekruten werden wohl Entenrupfen.“ Als der Kammerdiener von Herrn von Saligny die Thüre der Wohnung des Herzogs geöffnet hatte, ließ dieſer artiger Weiſe Gilberte und ihren Gemahl voran gehen. Gilbert ſchaute nun Herrn von Saligny ins und ſagte leiſe mit einem beleidigenden Lächeln zu ihm: „Mein Herr, muß ich den General bitten, den Schlüſſel Ihrer Wohnung in ſeine Taſche zu nehmen?“ „Warum dies, mein Herr?“ „Damit Sie nicht noch einmal feiger Weiſe vor dem Kanpfe fliehen! . . .5 „Mein Herr, Sie wollen . . .“ „Wich hier ſchlagen und zwar auf der Stelle.“ „Ich bin immer zu Ihren Befehlen, mein Herr,“ erwiederte Herr von Salignh. Und er verbeugte ſich vor dem General, welcher ein paar Schritte zurückgeblieben war, und bedeutete ihm durch einen Wink, er möge ihm vorangehen und der Marquiſe folgen. Die Thüre ſchloß ſich hinter ihnen. Die Wohnnng von Herrn von Saligny war, wie man zu ſagen pflegt, eine wahre Bonbouniere; man konnte nichts Zierlicheres, Eleganteres, Geſchmackvolleres ſehen, als den Salon, in welchen er Gilbert, Gilberte und den Baron Ponſſard einführte. In der Vertiefung der Fenſter angebrachte Jardinidren von Roſenholz ent⸗ hielten Blumenkörbchen vom lachendſten Ausſehen; ſie erfüllten das Zimmer mit Balſamdüften; die ebenholz⸗ nen Thüren mit ihren Incruſtativnen von Kupfer u ihrem Leiſtenwerk von vergoldetem Bronze contraſtirten mit der Hrangefarbe des Damaſts der Vorhänge und der Tapeten. Da und dort ſah man in ihren mit Wappen ge⸗ ſchmückten Rahmen eine ziemlich große Anzahl von Fa⸗ milien⸗Portraits buntſcheckig mit Kreuzen und Bändern behängte Perſonen vorſtellend; anderswo, auf Spie⸗ geltiſchen von vergoldetem Holze oder ächtem Boule, ent⸗ zückten herrliche Vaſen von blauem oder zartgrünem altem Sdövres, evenfalls mit friſch erblühenden Blumen gefüllt, den Blick durch den Wechſel ihrer Nuancen; kleine an den Seiten des Spiegels vom Kamin hängende Rahmen von rothem Sammet dienten als Grund für Medaillons gemalt von Petitot und ſtellten mehrere Ahnen des Herzogs, wichtige Männer unter der Regie⸗ rung von Ludwig XKIV., vor. Als frommes kindliches Andenken hatte endlich Herr von Saligny, unter dem Portrait ſeines mit der Uniform eines Generals beklei⸗ deten Vaters, in einer mit einem Glaſe bedeckten Ein⸗ faſſung die Inſignien eines Ritters der Ordens des Kö⸗ nigs, welche zu ſeinen Lebzeiten der verſtorbene Herzog von Saligny getragen, aufbewahrt. Dieſe ariſtokratiſchen Erinnerungen, dieſer Luxus, dieſe Eleganz, dieſe Blumen contraſtirten ſeltſam mit der Phyſiognomie der nun im Salon vereinigten vier Perſonen. Das Geſicht in ihrem Taſchentuche verbergend und die Stirne auf das Kiſſen eines Canaps ſtützend, auf 135 das ſie erſchöpft, gelähmt durch die Heftigkeit dieſer letz⸗ ten Gemüthsbewegungen geſunken war, ſchluchzte Gilberte, noch ſchrecklichere Ereigniſſe erwartend. Der Raufer legte ſeine Degen auf einen Tiſch, und Gilbert, nachdem er zweimal mit ſeiner Hand über ſeine im Schweiße gebadete Stirne gefahren war, ſtand leichenbleich, mit krampfhaft zuſammenzogenem Geſichte, da und wollte Herrn von Saligny anreden, als er die⸗ ſen ſich nach dem Fenſter wenden und die Schnüre der Vorhänge losmachen ſah, welche ſodann zuſammenfallend die Scheiben verbargen; das Tageslicht gelangte in den Salon nur noch durch die Durchſichtigkeit dieſes orangefarbigen Stoffes, und es herrſchte im Zimmer ein zweifelhaftes, unheimliches Licht. von Saligny näherte ſich Gilbert und ſagte zu ihm: „Ich habe die Vorhänge geſchloſſen, weil meine Mutter eine Wohnung mir gegenüber inne hat, und weil man von ihr aus ſehen kann, was bei mir vorgeht.“ „Sehr gut, mein Herr, und nun den Rock herun⸗ ter,“ verſetzte Gilbert mit dumpfer Stimme. „General die Degen!“ „Ho, ho!“ murmelte der Raufer, während er ſich nach dem Orte wandte, wo er bei ſeinem Eintritte die Waffen niedergelegt hatte. „Sie rupfen offenbar die Enten nicht. Zum erſten Male werde ich ein Duell in einem Salon geſehen haben; das iſt mir wegen der Seltenheit der Sache gar nicht unangenehm.“ Bei den Worten ihres Gatten: „General, die De⸗ gen!“ bebte Gilberte und richtete ungeſtüm ihr Geſicht auf, in welchem das Gepräge einer unſäglichen Angſt zu leſen war; während die Bänder ihrer Haare halb auf⸗ gelöſt unter ihrem Hute vordrangen, hob ſie, das Auge ſtarr, zum Plafond ihre durch ein krampfhaftes Zittern bewegten Hände auf und wiederholte mit Entſetzen: „Die Degen! die Degen!“ als könnte ſie nicht glauben, was ſie hörte. Sie wollte dann einen Schritt gegen Gilbert ma⸗ chen, aber es fehlten ihr die Kräfte; ſie ſank am Fuße des Canapé auf die Kniee, wandte ſich an Gilbert und rief: „Gnade! mein Herr, Gnade!“ Gilbert, der, nachdem er ſeine Weſte ausgezogen, nur noch ſeine Hoſe und ſein Hemd anhatte, deſſen rech⸗ ten Aermel er zurückſchlug, drehte in dieſem Augenblick ſeinen Kopf gegen ſeine Frau um und ſagte mit grim⸗ migem Hohne zu ihr: „Sie bitten um Gnade für Ihren Liebhaber, Ma⸗ dame! es iſt zu ſpät!“ „Mein Herr,“ erwiederte die junge Frau, die ſich zu den Füßen ihres Gatten geſchleppt, „ich ſchwöre Ihnen, außer drei Briefen, die ich unvorſichtiger Weiſe an Herrn von Saligny geſchrieben, habe ich mir nichts vorzuwerfen. Dieſen Morgen verlor ich den Kopf we⸗ gen der Vorwürfe, die Sie mir heute Nacht machten, und eilte hierher, um dieſes Duell zu verhindern. Oh!“ rief ſie mit herzzerreißendem Tone: „befragen Sie Herrn von Saligny, Sie werden vielleicht mehr ſeinen Worten, als den meinigen glauben; er wird Ihnen, wie ich, ſchwören, daß ich Ihren Namen⸗ nicht entehrt habe!“ Dann wandte ſie ſich, immer auf den Knieen, an den Herzog: „Iſt das wahr, mein Herr? . . . So antwor⸗ ten Sie doch, mein Gott! antworten Sie doch, ſprechen Sie die Wahrheit. . . .“ „Madame,“ erwiederte Herr von Saligny, während er vom General einen von den Degen in Empfang nahm, „ich habe in dieſem Angenblick keine Erklärung zu geben.“ Er verbeugte ſich dann halb vor Gilbert, der ſich Bon ausgelegt hatte, und ſchwang ungedulbig ſeine affe. * 137 Als der Kampf eben beginnen ſollte, konnte Gil⸗ berte nur einen verzweifelten Schrei ausſtoßen; ſie ver⸗ barg ihr Geſicht in ihren Händen und blieb tief gebengt knieen. „Einen Augenblick Geduld, meine Herren!“ rief der Raufer, „das Duell iſt ſchon ſehr unregelmäßig, da ich der einzige Zenge bin; binden Sie die Klingen nicht, bevor ich das Signal gegeben habe; ich werde dreimal in meine Hände klatſchen, und beim dritten Male . .. los! alle Wetter!“ Während der paar Secunden Zwiſchenraum, welche die drei vom General gegebenen Signale trennten, herrſchte im Saale eine erſchreckliche Stille, nur unterbrochen durch das krampfhafte Schluchzen von Gilberte; träge, eiskalt, ſterbend, unfähig, eine Bewegung zu machen, lebte ſie nur noch durch das Herz und das Herz entſchwand ihr. Der Raufer ſchlug zum dritten Male in die Hände und rief mit ſeiner heiſeren Stimme: „Los, meine Her⸗ ren!“ Der Kampf entſpann ſich raſch, erbittert, ſtille. Man hörte nichts als das Klirren der Degen, das keuchende Athemholen der zwei Gegner, ihr durch die Dicke des Teppichs gedämpftes Stampfen mit den Fü⸗ ßen, und von Zeit zu Zeit das Röcheln der jungen Frau oder die Stimme des Generals, der, mit den Händen auf dem Rücken, in einer Fenſtervertiefung ſtand und mit einer billigenden Miene den Kopf ſchüttelnd ſagte: „Sie machen es gut, ſehr gut! .. Alle Hagel! das geht wie der Teufel!“ Während eines Duells ſcheinen die Minuten Stun⸗ den zu ſein. Der Kampf dauerte höchſtens ſeit vierzig Se⸗ eunden, als Gilbert und Herr von Saligny, welche Beide ſchon ſchwer verwundet waren, ihrer wachſenden Wuth nachgebend, ſich Leib an Leib angriffen. 138 Meine Herren, nicht Leib an Leib,“ rief der Ge⸗ neral, „das iſt ein ſchlechtes Spiel. Ich . . . S Doch er unterbrach ſich, klatſchte in die Hände und agte: „Ah! alle Elemente! ſie haben ſich gerannt.“ Kaum ſprach der Raufer dieſe Worte, als Gilbert und Herr von Saligny auf den Teppich rollten. Der Herzog ſtammelte verſcheidend: „Oh! meine Mutter! . meine Mutter!. . Gilbert ſiel zuerſt auf die Kniee, dann auf die Seite und ſtreckte ſich endlich halb auf dem Boden zu den Füßen ſeiner Frau aus. . Sie fühlte ein war⸗ mes, rauchendes Blut ihre Hände überſtrömen und hörte die mit dem Tode ringende Stimme ihres Gatten zu ihr ſagen: „Sie ſind nun Witwe . . . doch ich habe Ihren Liebhaber getödtet.“ „Teufel!“ rief der General, während er einen Schritt gegen die zwei Körper machte und ſich, die Hände auf ſeine Kniee ſtützend, zu ihnen neigte, „das war, bei Gott, ſchön! Sie haben einen herrlichen gleich⸗ zeitigen Stoß gethan, und Beiden iſt zur Ader gelaſſen. Ich will den Bedienten benachrichtigen, denn die Marquiſe kann nicht hier bleiben,“ fügte der Raufer bei, indem er ſich nach der Thüre wandte. „Ich werde zurückkommen, um meine Degen zu holen, und dann meine Anzeige beim Polizei⸗Commiſſär machen. . .. Man muß thun, was das Geſetz mit ſich bringt. Und ſtatt bei dem Marquis zu frühſtüͤcken, werde ich im Cafs de Paris frühſtücken, und zwar tüchtig. Die Zwi⸗ belſuppe hat mir Hunger gemacht“ Der General ging hinaus und ſchloß die Thüre. Plötzlich erfüllte ein abwechſelnd voſenfarbiger und azurblauer Schimmer den Salon mit ſeinem ſanften Lichte. . 5 Gilbert und Gilberte hörten, beinahe ſterbend, ſie 139 vor Schmerz, er an ſeiner Wunde, in dieſem änßerſten Angenblick die Stimme der Korrigan. S „Die Wunde von Gilbert ſoll nicht tödtlich, nach der Sprache der Menſchen, ſein ſagte die kleine Fee. „Gil⸗ berte wird die erſchrecklichen Gemüthserſchütterungen überleben, die ſie in dieſem Augenblicke lähmen. . Wollt Ihr Beide noch ferner der Marquis und die Mar⸗ quiſe von Montlaur bleiben?“ Während die Stimme der Korrigan an ihr Ohr drang fühlten ſich die zwei Gatten wieder ſie fekbſt werden, wie der Schauſpieler, wenn der Vorhang gefal⸗ len und das Stück aufgeführt iſt, wieder von ſeinem Ich, von ſeiner Perſönlichkeit Beſitz ergreift, während er die Erinnerung an die geringſten Vorkommenheiten ſeiner Rolle behält. Gilbert und Gilberte hatten auch die Empfindung eines auf einen erſchrecklichen Traum folgenden ſanften Erwachens. Ihre moraliſchen und vhyſiſchen Schmerzen beſänftigten ſich durch Zauber; ſie ſchauten umher und ſahen den Salon des Herzogs von Saligny erleuchtet durch den roſenfarbigen und azurblauen Schimmer, wel⸗ cher die Gegenwart der für ihre Angen unſichtbaren Fee verkündigte. Die blutige Leiche des auf dem Rücken ausgeſtreck⸗ ten Herzogs, der noch in ſeiner durch den Tod krampfhaft zuſammengezogenen Hand ſeinen Degen hielt, traf die Blicke von Gilberte. Sie rief: „Ah! Korrigan, habe Mitleid! laß uns von hier weggehen und in unſer Stübchen zurückkehren.“ „Oh! ja!“ ſagte Gilbert, „genug, zu viel des Marquiſat, Korrigan!“ In dieſem Augenblick kam der Raufer in Beglei⸗ tung des Kammerdieners von Herrn von Saligny zurück; weinend ſagte der Kammerdiener: „Oh! mein armer junger Herr! und ſeine Mutter, mein Gott! ſeine Mutter, welche da gegenüber wohnt!“ 140 „Ah! mein Junge, ſo geht es! In dieſem Spiele ſticht man ſich,“ ſprach der General, indem er ſich bückte, um ſeine blutigen Degen aufzuheben, die ſich bei dieſem Spiele abermals behoſten. Der Raufer mußte die bleichen, ſtarren Finger von Herrn von Saligny öffnen, um ihm ſeine Waffe aus der Hand zu ziehen, wonach der General ſeine zwei Degen unter den Arm nahm, ſich an den Diener wandte, welcher, die Hände gefaltet und bei dem Leichnam knie⸗ end, in ein Schluchzen ausbrach, und zu ihm ſagte: „Mein Lieber, wo wohnt der Polizei⸗Commiſſär von dieſem Quartier?“ In Erwartung der Antwort des Kammerdieners blickte der General Pouſſard neugierig nach dem Körper des Marquis; ſeine halbgeſchloſſenen Augen, ſeine bläu⸗ lichen und ein wenig geöffneten Lippen, aus denen eine Art von Röcheln hervorkam, ſchienen anzudeuten, der Verwundete berühre ſeine letzte Stunde. Wie groß war das Erſtaunen, der Schrecken des Generals, als er folgende Worte mit einer ſonoren Stimme, obgleich ſie aus dem unbeweglichen, entfärbten Munde des Marquis zu tönen ſchienen, ausſprechen hörte: „Korrigan, ich will, daß dieſer Raufer General Pouſſard, der noch mehr grauſam als Schlemmer, eine gräßliche Kolik bekomme, ſo oft er den Degen in die Hand nimmt, um ſich zu ſchlagen.“ „Es iſt geſchehen,“ erwiederte die ſanfte Stimme der Korrigan, „Dein Wille wird in Erfüllung gehen.“ „Oh!“ rief der General, erbleichend vor Schrecken, „die Todten ſprechen hier.“ „Ja,“ ſagte die Stimme von Gilbert, eine Stimme, welche immer weiter entfernt tönte und vom Himmel zu kommen ſchien, „ja, die Todten ſprechen, und ſie weiſſagen Dir, abſcheulicher Ranfbold, eine granſame Kolik, ſo oft Du auf den Kampfplatz gehen wirſt.“ 141 IX. Einen Augenblick, nachdem Gilbert und Gilberte zur Korrigan geſagt hatten: „Wir wollen in unſer Stübchen zurückkehren und wieder werden, was wir geſtern waren,“ fühlten ſich die jungen Eheleute kurze Zeit von einem Schwindel ergriffen, der ihnen das Bewußtſein ihrer Exiſtenz benahm; dann ſahen ſie ſich in ihre Wohnung verſetzt, gekleidet, wie ſie es am Tage vorher geweſen. Kaum befanden ſie ſich einander gegenüber, als ſie ſich weinend vor Freude in die Arme warfen und lange um⸗ fangen hielten. „Mein Gilbert!“ ſagte die junge Frau. „Meine Gilberte!“ ſprach der junge Mann. Und ihre Thränen floſſen abermals unter leiden⸗ ſchaftlichen Umarmungen. „Arme Minette, mir ſcheint, ich ſehe Dich nach einer langen Abweſenheit wieder.“ „Ah! Geliebter, welch eine gräßliche Reiſe im Lande der Marquiſat.“ „Gott ſei Dank, nun ſind wir zurückgekehrt und zwar für immer, wie, Marquiſe?“ „Ah! nenne mich nicht mehr ſo; ich glaube, die Erinnerung an dieſe eutſetzliche Nacht wird mir acht Tage lang das Alpdrücken machen! Dich ganz blutig zu meinen Füßen fallen ſehen . . . Doch dieſe Wunde, Du fühlſt nichts mehr davon?“ „Nicht das Geringſte; der Degen des Herzogs iſt durch die Haut des Marquis und, Gott ſei Dank, nicht durch die meinige gedrungen.“ „Laß ſehen!“ verſetzte Gilberte mit einem Aus⸗ drucke treuherziger, reizender Zärtlichkeit. Die junge Frau ſchob dann den Unſchlag der Weſte und die Falten vom Hemde ihres Mannes auseinander, deſſen Bruſt ſie ſo theilweiſe entblößte, und beruhlht durch dieſe prüfende 142 »Beſchauung, fortgeriſſen von einem leidenſchaftlichen Erguſſe, küßte ſie die Stelle ſeiner Wunde. „Ei! potz Tauſend!“ rief Gilbert, „wenn ich ver⸗ wundet worden wäre, Du hätteſt mich geheilt!“ „Ah! mein armer Freund, welche Nacht!“ „Und es fing doch ſo hübſch an! Du warſt ſo ſchön mit Deinem glänzenden Putze, mit Deiner Guirlande von Blumen und Diamanten und Deinem Kleide von roſa Crepe!“ „Und Du? Wie gut ſtand Dir der hellblaue Frack mit vergoldeten Knöpſen! Du hatteſt wahrhaftig das Anſehen eines Marquis.“ „Und wie ſich dieſe ganze vornehme Welt um uns beeiferte . . „Oh! das iſt wahr; doch ſage, Gilbert, wie drol⸗ li „Was denn?“ „Ich erinnere mich Alles deſſen, was uns begegnet iſt, als ob ich noch Marquiſe wäre.“ „Ich ebenſo, ich habe auch nichts vergeſſen.“ „Sage, bereiteten Dir die Huldigungen dieſer ſchönen Welt ein großes Vergnügen?“ „Bei meiner Treue, nein; das machte mir als Mar⸗ quis gar nichts; die zu unſerem Feſte eingeladenen Perſonen waren mir dieſe Rückſichten, dieſe Zuvorkom⸗ menheiten ſchuldig, und ich nahm ſie ganz einfach als Etwas, was mir gebührte, an.“ „Fühlteſt Du Dich ungeheuer glücklich, als Du unſere herrlichen Salons ſo glänzend von Vergoldungen, Blumen und Lichtern ſahſt?“ „Ich dachte gar nicht daran, meine arme Minette.“ „Ich auch nicht. Das iſt ſeltſam, und als wir uns mit dieſen großen Fenſtervorhängen von Cotonnade regaliren konnten, die ich ſelbſt geſchnitten und genäht habe (die junge Frau deutete darauf), machten wir es uns doch zum Vorwurf, daß wir oft unſere Zeit mit 143 Betrachtung dieſer armen Vorhänge verlieren und uns ſagen werden: „Wie ſchön das ausſieht! wie das medblirt! Nein, wahrhaftig, nicht weil wir es haben, aber das iſt zu üppig!““ Du haſt Recht. Doch etwas Anderes: erinnerſt Du Dich, mit welcher Ungeduld wir Monate lang auf den Angenblick, im Cafs de Paris die vielbeſprochene Flaſche Champagner zu trinken, warteten?“ „Dieſe Flaſche, die wir nicht getrunken haben.“ „In Folge Deiner Gutherzigkeit! Nun wohl, heute Nacht, als wir, nachdem unſere Gäſte weggegangen waren, in unſerem ſchönen Speiſeſaal an der mit ſo herr⸗ lichem Silberzeug, daß ich noch davon geblendet bin, bedeckten Tafel ſoupirten, war ſicherlich Champagner in Eis da, und zwar trefflicher! Doch ich hatte nicht einmal Luſt, davon zu koſten; einer von unſern Haushofmeiſtern mit weißen Handſchuhen ſchenkte mir von dieſem Rectar ein, aber ich trank nicht, ſo ſehr war ich in meinem Geiſte mit meinem Duell mit dem Herzog und mit meiner Idee, Dich zu zwingen, Frau von Saint⸗Marceau einen Platz in Deinem Wagen anzubieten, beſchäftigt, arme Geliebte!“ „Und ich, ich habe nur ein Glas Waſſer getrunken, um eine Art von Fieber zu beſänftigen, das mir die Drohungen von Herrn von Saligny verurſachten, der ſich mit Dir ſchlagen und Dir meine Briefe zeigen wollte, mein armer Bibi!“ „Was die Speiſen betrifft, ſo thaten wir ihnen ebenſo wenig Ehre an als den Weinen! Ein anderer von unſeren Haushofmeiſtern ſervirte mir, ich weiß nicht was; das war ganz mit Trüffelſchnitten verziert; es hatte ſo ungefähr den Geſchmack von Geflügel und mußte vortrefflich ſein. Doch es kam mir bitter vor, denn ich hatte nicht den geringſten Appetit, und, beiläufig geſagt .. das iſt nicht wie hente Morgen.“ ——— B ſagte freudig Gilbert .. „Es lebe die Badureau!“ Und 144 „Oh! trotz unſerer Abenteuer heute Nacht, hun⸗ gert mich nun ganz entſetzlich!“ „Und dieſe ruchloſe Badureau bringt uns unſere Milch und unſer Brod nicht! Es muß ſchon lange neun Uhr geſchlagen haben.“ „Nein, Liebchen . es ſchlägt gerade! . Unſer Hunger eilt der Zeit voran.“ In dieſem Augenblick hörten unſere jungen Leute, welche, abwechſelnd unter dem Eindrucke ihrer nächtlichen Erinkerungen und unter dem Einfluſſe ihrer beſcheidenen Gewohnheiten von jedem Tage, immer wieder auf dieſe zurückkamen, leiſe an die Thüre klopfen. „Das iſt die Portiere, die uns unſere Milch bringt,“ nach dieſer Canteline rief er: „Herein!“ „Sie muß etwas ausgeſtanden haben, daß ſie ſiich ſo pünktlich zeigt! dieſe Alte bringt uns unſer Frühſtück auf den Schlag neun Uhr 1 verſetzte Gilberte lachend. Die junge Frau vergaß wie ihr Mann die ſo diaboliſch in der vergangenen Nacht in die Loge der Portiere geworfenen zweitauſend Franken . .. Wie groß war auch das Erſtaunen der jungen Ehe⸗ leute, als ſie die Alte mit abgemeſſenen Schritten, unter ihrem Arm einen langen vierpfündigen Laib Brod, mit der einen Hand eine Flaſche, mit der anderen eine Schüſſel haltend, eintreten⸗ ſodann auf den kleinen Ofen, der als Speiſetiſch diente, zugehen und auf dieſes Meuble das Brod, die Flaſche und die Schüſſel, welche ein Viertel kalte Gans, zwei gebratene Aepfel und ein Stück Gruydre⸗Käſe enthielt, ſetzen ſahen. Gilbert und Gilberte riſſen die Augen weit auf beim Anblick dieſes glänzenden Frühſtücks, das, wenn gleich nicht vorhergeſehen, doch ganz nach Wünſchen kam, um ihren Appetit zu befriedigen. Die jungen Leute ſchauten auch bald dieſe Gerichte, bald Frau Badureau an und ſagten mit wachſendem Erſtaunen: — 145 „Ein Viertel gebratene Gans!“ „Gebratene Aepfel!“ „Käſe!“ „Eine Flaſche verſiegelten Wein!!!“ Frau Badureau nahm dann das Wort und drückte ſich folgender Maßen mit einem abwechſelnd geheimnißvollen und gerührten Tone aus: „Ich habe viel Unglück gehabt, doch nie das, meine Wohlthäter zu vergeſſen! Junger Mann, Sie ſind eben⸗ ſo wenig mehr Lithograph, als Mademoiſelle Blumen⸗ macherin iſt. Sie ſind ein verkleideter polniſcher Fürſt, der die Tochter eines engliſchen Mylords, welcher ſo reich wie ein Cröſus, entführt hat, und Sie verbergen Ihre Liebſchaft in einer Manſarde Junger Mann! ich habe den Spaß heute Nacht verſtanden; die zweitauſend Franken, die Sie mir in meine Loge geworfen, waren eine Art, mir zu ſagen: „Madame Badurean, warten Sie unſerer, und Sie werden gleichviel an jedem Ziele für Ihre Mühe erhalten.““ Das iſt abgeſchloſſen, junger Mann, Sie ſollen bedient werden als ein polniſcher Fürſt, was Sie ſind, denn Sie ſind nicht gemacht, um jeden Morgen für zwei Sous Miſch aus einem Pfännchen wie die Katzen zu ſich zu nehmen! Hier iſt das Früh⸗ ſtück, Sie werden das Mittagsbrod ſehen . . . Es kom⸗ men Auſtern, gedämpfte Kalbsnieren und . Huh. uhn!“ Es iſt unmöglich, anders die pomphafte Ausſprache von Frau Badureau, als ſie dieſes glänzende Mahl an⸗ kündigte, zu accentuiren. Sie fügte dann bei: „Junger Mann, zählen Sie auf mich auf Leben und Tod. Doch ſtille.“ Frau Badureau zog ſich dann mit leiſen Schritten auf den Fußſpitzen zurück, drehte ſich um, indem ſie ihren Zeigefinger auf die Livpen legte, wie der Gott des Stillſchweigens, und verſchwand, während ſie wiederholte: „Doch ſtille.“ Girbert und Gilberte. 1. 10 146 Kaum war die Portisre weggegangen, als Gilbert, Anfangs ganz erſtaunt, ein trenherziges Gelächter auf⸗ ſchlug und ausrief: „Bei meinem Ehrenworte, Gilberte, wir ſind verrückt!“ „Warum?“ „Wir vergeſſen, daß wir Alles können, was wir wollen.“ „Was willſt Du damit ſagen?“ „Und die Korrigan? und die zweitauſend Franken, die ich aus Spaß heute Nacht in das Neſt der Badureau geworfen habe, welche mich in Betracht meiner Frei⸗ gebigkeit für einen verkleideten polniſchen Fürſten hält!“ „Ah! das iſt bei meiner Treue wahr!“ rief Gil⸗ berte in die Hände klatſchend. „Unſere Abenteuer heute Nacht müſſen uns verdummt haben! Zum Glück haben ſie uns nicht den Appetit genommen.“ „Ah! Bibi, wie gut ſieht dieſes Viertel Gans aus.“ „Ein Viertel Gans!“ verſetzte Gilbert mit einer ſtolzen Verachtung, „pfui! pfui! geh doch! Ein Viertel Gans, während wir von der Korrigan verlangen können . . Und den Kopf nach allen Seiten drehend: „Sind Sie da, Korrigan?“ „Ja,“ antwortete die ſanfte Stimme. „Du ſiehſt wohl, die Korrigan iſt da „ und wir können „Bah! bah!“ erwiederte Gilberte, welche, nachdem ſie raſch zwei Meſſer und zwei eiſerne Gabeln, glänzend wie Silber, geholt hatte, ſich ſchon damit beſchäfligte, für ihren Gilbert das Knäuschen von einem zarten, krachenden, goldgelben Brode abzuſchneiden. „Ich wi vor Allem wiſſen, was ich eſſe, und weun ich mich aller der Gerichte erinnere, die man mir geſtern zum Abend⸗ brod in ſilbernen Schüſſeln vorſetzte, ſo wüßte ich ni einmal zu ſagen, ob es Fiſch oder Fleiſch war. Höre Bibi, Du wirſt wenigſtens ſicher ſein, daß Du Gans iſſeſt. 147 Hiernach bot Gilberte ihrem Manne das Knäuschen, auf welches ſie ein appetitliches Stück Gansflügel legte, das ſie ſorgfältig mit weißem Salz beſtreut hatte. „Du haſt im Ganzen Recht,“ verſetzte Gilbert, kräftig anbeißend; „wir haben einen Tigershunger, wie der abſcheuliche Schlemmer, Baron Pouffard, ſagte .. Da iſt Gans . Nun! ſo laß uns Gans eſſen, wir werden immer noch Zeit haben, alle Arten von Lecker⸗ biſſen zu verſpeiſen, wenn uns die Luſt ankommt.“ „Hm! wie gut iſt die Haut gebraten,“ rief Gilberte mit einem kleinen Beben der Lüſternheit, indem fie muthig mit dem Ende ihrer roſigen Finger ein Stück von der goldgelben Haut der Gans nahm und ſie dann knar⸗ pelte, während Gilbert zu der unſichtbaren Fee ſagte: „Ach! liebe Korrigan, in welch einen abſcheulichen Backtrog haben Sie uns, ohne es zu wollen (wir be⸗ zweifeln es nicht), geworfen, indem Sie uns nach unſerem Willen in einen Marquis und eine Marquiſe verwan⸗ delten.“ „Ihr habt befohlen,“ erwiederte die Stimme, „ich habe gehorcht.“ „Oh! es iſt kein Vorwurf, den wir Ihnen machen, gute kleine Fee,“ verſetzte Gilberte; „wir glaubten, das höchſte Glück beſtehe darin, daß man vornehm ſei; doch wir täuſchten uns, das iſt das Ganze.“ „Und man wird uns, ſo wahr ich lebe, nicht mehr dabei erwiſchen, daß wir Marquis und Marquiſe ſind!“ fügte Gilbert bei, während er die roth geſiegelte Flaſche entpropfte und das Glas füllte, das ihm und ſeiner Gülberte diente. Dieſe trank muthig drei Fingerhut voll puren Wein und gab dann das Glas ihrem Manne, der es auf einen Zug leerte; nachdem er ſich die Lippen abgewiſcht, ſagte Gilbert: „Das iſt ein kleiner Burgunder, den ich viel mehr liebe, als unſern Champagner in Eis heute Nacht. Was, Minette?“ 148 „Ah! ſprich mir nichts mehr von dieſer entſetzlichen Nacht, Du würdeſt mir den Appetit benehmen, und ich ſpare ihn für die gebratenen Aepfel auf.“ „Ach! die Teufelsnacht! Ich ſchaudere noch . . . Brrrr!“ „Warum laßt Ihr Euch ſo bald entmuthigen?“ ſprach die Stimme der Fee. „Was beweiſt Euch, daß das Glück nicht in einer hohen Geburt und einem großen Vermögen beſteht? Ich habe Euch geſagt, der Marquis von Montlaur und ſeine Frau werden, ſie ihren Kum⸗ mer, er ſeine Wunde überleben. Wollt Ihr nicht noch einmal in ihr Leben eintreten, ſo gibt es noch 3 . vornehme Leute, deren Stelle Ihr einnehmen önnt.“ „Ich danke, Korrigan! Wären Minette und ich durchaus genöthigt, zwiſchen dem Gewerbe einer Blu⸗ menmacherin und dem eines Lithographen oder der Stellung eines Marquis und einer Margquiſe zu wählen, ſo würde ich Ihnen vielleicht antworten: „„Korrigan, verſuchen wir es noch einmal mit der Vornehmheit.“ Doch es bleibt uns Muße für unſere neue Wahl, und unter uns geſagt: Gebrannte Kinder ſcheuen das Feuer.“ Dann reichte Gilbert ſeiner Frau die gebratenen Aepfel und ſagte: „Hier iſt der Nachtiſch von Minette; da ſie keinen Käſe ißt, ſo ſchneide ich ihn mir zu; ein gutes Gläschen Wein darauf und wir haben gefrühſtückt wie Könige.“ Sprich doch, Gilbert,“ verſetzte die junge Frau wie eine Hauswirthin, welche über einen koſtſpieligen Verbrauch den Kopf ſchüttelt, „weißt Du, daß die Hälfte von unſerem vierpfündigen Laibe Brod darauf gegangen ſein wird?“ Und ſie verbiß vollends mit Appetit ihren letzten Apfel, ſtand auf und ſprach: „Ich will unſere Meſſer und unſere Gabeln putzen . . „Korrigan,“ ſagte Gilbert abermals lachend, „hören Sie meine kleine Frau? Sie vergißt immer, daß ich 149 wenigſtens ein verkleideter Fürſt bin, und daß ſie die Tochter eines engliſchen Mylords iſt, wie es die Badu⸗ reau behauptet. Minette ſpricht davon, daß ſie unſere Gabeln und unſere Meſſer putzen wolle.“ „Es iſt wabr,“ verſetzte Gilberte, „ich vergeſſe unſere Macht. Doch gleichviel, es beluſtigt mich, unſere kleine Haushaltung zu beſorgen. Ich kangweile mich vor Allem wenn ich nichts zu thun habe.“ Hienach trat die junge Frau in das Cabinet ein, wo man bald das leichte Knirſchen des Sandes auf dem Eiſen der Meſſer und Gabeln hörte. „Was das Faulenzen betrifft, ſo geſtehe ich auch, daß mir das zum Sterben langweilig ſcheint, und wäre unſer Brod nicht am Ende unſerer Finger, ſo glanbe ich, daß ich lieber gratis arbeiten, als müſſig bleiben wollte. Eine gut ausgefüllte Woche iſt wahrlich das Salz eines heitern Sonntags.“ „Wackere Herzen!“ flüſterte die Stimme der Fee. „Gute Herzen!“ „Sage doch, Liebchen,“ rief Gilbert, nachdem er einen Augenblick nachgedacht hatte, „eine Idee!“ „Laß hören,“ erwiederte Gilberte, immer im Ca⸗ binet mit dem Putzen ihrer Beſtecke beſchäftigt, „welche Idee?“ „Wir haben mit unſerer lieben Korrigan über die Wahl des neuen Standes zu ſprechen, in welchem wir unſer Glück ſuchen und diesmal ſicherlich finden werden. Willſt Du, daß wir uns (nur um unſere Zeit auszu⸗ füllen), ich an meinen Stein, Du an Deine Blumen ſetzen? Wir werden, wie gewöhnlich, während wir ar⸗ beiten, plaudern.“ „Eine herrliche Idee,“ verſetzte freudig die Stimme von Gilberte, „oh! herrlich! Und für die Mühe werde küſſen, wenn ich unſere Beſtecke vollends geputzt abe.“ „Korrigan,“ ſagte Gilbert, indem er an den Tiſch 150 ging, auf welchem ſein lithographiſcher Stein und ſeine Stifie lagen, „ſollte Ihnen das nicht unhöflich erſchei⸗ nen, wenn wir, indeß wir mit Ihnen planderten, arbeiten würden?“ „Nein, meine Freunde,“ erwiederte die ſanfte Stimme. Und ſie flüſterte: „Wackere, gute Herzen!“ „Wo iſt er, dieſer Bibi, daß man ihn für ſeine gute Idee küſſen kann!“ ſagte heiter Gilberte, während ſie mit einem muntern Ungeſtüm aus dem Cabinet her⸗ vortrat. „Wo iſt er, daß man ihn küſſen kann, ge⸗ ſchwinde! geſchwinde!“ „Hier!“ erwiederte Gilbert, und das Geräuſch meh⸗ rerer genommener und erwiederter Küſſe ertönte im Zim⸗ mer; wonach ſich unſere zwei jungen Leute heiter jedes an ſeinen Arbeitstiſch ſetzten. „Ah! ah!“ ſprach Gilberte zu der orangefarbigen und purpurrothen Tulpe von Ithol, welche ihr, in einem Scherben vor ihr ſtehend, als Modell diente, „guten Morgen, liebes Blümchen! Du erwarteteſt ebenſo wenig als ich, daß wir uns wiederſehen würden .. . Ich will heute dein Portrait zu vollenden ſuchen.“ Dann ſtörte die junge Frau in ihren Cartons und fügte mit jenem Schauern des Verlangens vder der Lüſternheit, das ihre Natur war, bei: „Hm! welch ein Glück, wenn ich zum Täu⸗ ſchen dieſe hübſchen orangefarbigen, mit einem ſo leb⸗ haften Purpur eingefaßten Blumenblätter nachahmen könnte! Das iſt unendlich ſchwierig!“ Und mit einer gewiſſen Eitelkeit, es iſt nicht zu leugnen, rief ſie: „Schwer . . ſchwer . . . Doch man wird ſehen!“ Gilbert ſeinerſeits näherte ſich dem Tiſche, auf wel⸗ chem ſein vor dem Staube durch ein leichtes Seidenpa⸗ pier bewahrter lithographiſcher Stein lag; hob das Pa⸗ pier auf und eutblößte eine angefangene Zeichnung, zwei mit einem großen Neufundländer Hunde ſpielende Kin⸗ 151 der vorſtellend; der herrliche engliſche Stich, der ihm als Modell diente, war auf einer Staffelei in der Nähe des Tiſches, an welchen der junge Mann ſich ſetzte, auf⸗ geſtellt. Gilbert betrachtete ſein Werk und ſprach mit einer tiefen Befriedigung: „Wahrhaftig, es macht Vergnügen, eine ſo gut angefangene Arbeit wiederzuſehen! Ja, ja, nicht ſchlecht angefangen,“ fügte er bei, indem er ſich, ſo zu ſagen, wohigefällig in ſeiner lithographiſchen Arbeit ſpiegelte. „Gilbert,“ verſetzte Gilberte, immer an ihrem Tiſche ſitzend, „Du weißt, daß ich den Hund anbete! Man ſollte wahrhaftig glauben, er betrachte mit ſeinen großen, verſtändigen, ſanſten Augen voll Zärtlich⸗ keit die zwei Kinder, welche mit ſeinen Pfoten ſpielen.“ „Jedes nach ſeinem Geſchmacke! Ich verachte den Hund gewiß nicht, doch die zwei Kinder ſind mir lieber, und ich gebe noch einem ganz entſchieden den Vorzug; mein bevorzugtes iſt das Kind, das die Pfote des Hun⸗ des hält; ich habe mir alle Mühe gegeben, daß mir der krauſe Kopf dieſes Bürſchchens gelinge, weil ihm Minette gleichen mußte, als ſie noch ein kleines Frätz⸗ chen war.“ „Laß ſehen,“ ſagte Gilberte, während ſie mit ihrer Scheere und einem Stücke orangefarbiger Gaze, aus welcher ſie die Aehnlichkeit der Tulpe ſchnitt, in der Hand aiſtand. Die junge Frau ſtützte ſich mit dem Ellenbogen auf die Schulter ihres Mannes, neigte ihren Kopf ſo nahe an den ſeinigen, daß ihre Haare ſich ver⸗ t und rief, nachdem fie die Zeichnung betrachtet atte: „Ah! Schelm, Du ſchmeichelſt mir, damit ich Deine ungerechte Bevorzugung entſchuldige! Welch ein böſer Va⸗ ter, der ſeine Kinder nicht gleichmäßig liebt! Nun, ich behaupte, daß dieſer Cherub, der ſich an den Hals des großen Hundes hängt, ebenſo hübſch ſein wird, als der 15² andere, wenn Du Dir genug Mühe geben willſt, daß er Dir auch gelingt.“ „Bei Gott! ich glanbe wohl, daß er mir gelingen wird, da wir Alles können, was wir wollen, und zum Beweiſe . . .“ ſagte Gilbert, indem er den Kopf gegen ſeine Frau umwandte und ihr ſeine Stirne bot, „zum Beweiſe: ich will, daß mich Gilberte küßt.“ „Es iſt geſchehen,“ erwiederte, die Stimme der Fee nachahmend, Gilberte, die ihrem Manne den Kuß gab. „Nicht wahr, liebe kleine Korrigan, es bedarf nicht Ihrer Macht, daß ich meinen Mann gern küſſe?“ Dann ſchaute ſie nach ihrem Arbeitstiſche und fügte bei: „Nun ſchwöre ich, Bibi nicht mehr in ſeiner Arbeit zu ſtören.“ „Und ich ſchwöre, Minette nicht zu zerſtreuen,“ verſetzte Gilbert. „Korrigan, laſſen Sie uns nun, wenn es Ihnen beliebt, ein wenig von unſern kleinen Ange⸗ legenheiten reden.“ X. Mit ihren gewöhnlichen Arbeiten beſchäftigt und jedes an ſeinem Tiſche ſitzend, unterhielten ſich Gilbert und Gilberte fortwährend mit der unſichtbaren Fee. „Wir ſagten alſo, liebe Korrigan,“ ſprach Gilbert, indeß er ſorgfältig ſeine zarte Kreide ſchnitt, „wir ſag⸗ ten alſo, wir haben genug an dem Stande eines Mar⸗ quis und einer Marquiſe. Nicht wahr, Geliebte?“ „Ah! ich glaube wohl!“ „Meine Freunde,“ verſetzte die Stimme der Kor⸗ rigan, „ich wiederhole Euch, die Verkettung der Ereig⸗ niſſe hat gewollt, daß Ihr in einem verhängnißvollen Augenblick in das Leben von Herrn und Frau von Montlaur eintratet.“ 153 „Und von dieſem Verhängniß wußten Sie nichts, liebe Korrigan, davon ſind wir überzengt.“ „Ich kann Euch hierüber keine Antwort geben, denn ich bin beſtimmt, Euch zu gehorchen; doch es liegt nicht in meiner Gewalt, Euch zu rathen: Eurem Willen un⸗ terthan, erwarte ich den Angenblick, wo Ihr, weil Ihr keine Wünſche mehr habt, zu mir ſagen werdet: „Gehe, Korrigan.“ Ohne Euch zu rathen, iſt es mir in⸗ deſſen erkaubt, Euch davon zu unterrichten, daß die Ereigniſſe dieſer Nacht im Allgemeinen nur eine Aus⸗ nahme im Leben der vornehmen Welt ſind.“ „Verzeihen Sie, Korrigan, wir wollen unterſcheiden, wenn es Ihnen beliebt,“ erwiederte Gilbert, während er zeichnete. „Laſſen wir die Drangſale der Leute der vornehmen Welt bei Seite, obſchon ich in dieſer verfluch⸗ ten Nacht wüthend gelitten habe! Henker! wie zornig, wie gedemüthigt war ich, daß der Herzog von Saligny behauptete, meine Ahnen haben ihren Namen und ihren Titel geſtohlen! Ich glanbe, das peinigte mich ebenſo ſ. als meine eiferſüchtigen Empfindungen gegen den erzog.“ ug ich, Gilbert, ſiehſt Du, nein, nie wirſt Du begreifen können, welche Wuth ich gegen Dich hatte, als Du mich nöthigen wollteſt, Frau von Saint⸗Mar⸗ ceau einen Platz in meinem Wagen zu geben! Und das war noch nichts gegen die Bangigkeiten, gegen die Schre⸗ cken, die mir das entſetzliche Duell einflößte! Ohne Dich zu ſehr geliebt zu haben (wohlberſtanden, ich als Mar⸗ guiſe Dich den Marquis), zitterte ich beinahe ebenſo ſehr für Dich, als für Herrn von Saligny. Ich hatte ihn nur aus Langwzile, aus Mangel an Beſchäftigung ge⸗ liebt, und dennoch wollte ich mit ihm fliehen. Ah! wel⸗ che Nacht, mein Gott! ich ſchaudere, wenn ich nur daran denke.“ „Minette, ich antworte auch unſerer lieben Korri⸗ gan: Gut! ich gebe zu, es mag nicht allen vornehmen 154 Herren begegnen, daß ſie ſich in einem Salon ſchlagen und ſich mit ihrem Gegner durchbohren wie geſpießte Hühner ... Einverſtanden! Sprechen wir nun ein we⸗ nig von den Vergnügungen der großen Welt, meine liebe Korrigan. Was Teufeis! ich kenne ſie! Minette und ich, wir haben als Eigenthum das Hotel Montlaur, einen wahren Palaſt, gehabt. Sagten wir uns jeden Augen⸗ blick: „Ah! Sapperment, wie glücklich ſind wir, daß wir ein ſo ſchönes Hotel beſitzen?““ „Oh! mein Gott, nein. Gewohnt, dieſes ſchöne Hotel zu beſitzen, dachten wir nicht mehr an ſeine Herr⸗ lichkeiten.“ „So viel olſo, was die Wohnung betrifft, liebe Kor⸗ rigan, ſprach Gilbert. „Gehen wir zur Kleidung über: Blieben wir, Minette und ich, die wir uns rühmen konn⸗ ten, wir ſeien wüthend gut angezogen, vor den Spiegeln ſtehen, um uns darin zu beſchauen und zu ſagen: „„Alle Sterne, wie ſchön ſind wir gekleidet!““ Fühlten wir uns behaglicher, als wir es ſind, wenn Minette am Sonn⸗ tag ihr hübſches ſeidenes Kleid trägt und ich meinen feinen Ueberrock von Elboeuf, meine gefirnißten Stiefel und mein Stöckchen nicht zu rechnen?“ „Ah! ja wohl! ich bekümmerte mich etwas um meinen ſchönen Putz!! Denke Dir, Geliebter, als ich den alten Bedienten bewogen hatte, mir einen Wagen zu holen, um zum Herzog zu fahren, kehrte ich in mein Schlafzimmer zurück. Ich entließ meine Kammerfrauen, die mich erwarteten, um mich auszukleiden (ſie ſollten mich nicht weggehen ſehen), und zerriß mein ſchönes Gewand beinahe in Fetzen, ſo ſehr beeilte ich mich, die Klei⸗ der zu wechſeln, um zum Herzog zu ſchren; ich warf dahin und dorthin auf den Teppich mein Diamanten⸗ halsband, mein Diadem, meine mit Edelſteinen beſetzten Armſpangen, und mir ſcheint, ich hatte mitten unter mei⸗ nen erſchrecklichen Bangigkeiten etwas wie einen Angen⸗ blick des Glücks, als ich mich in einem ganz einfachen 155 ſeidenen Kleide, mit einer Mantille und einem Hut von Sammet ſah, ſo ſehr laſtete mein Putz auf mir.“ „Dies alſo, liebe Korrigan, was die Wohnung und die Kleidung betrifft; gehen wir zur Nahrung über: Sie werden mir ſagen, Minette und ich ſeien zu ſehr beängſtigt und gefoltert geweſen, um dem Souper Ehre anzuthun; das iſt wahr, doch man ſpeiſt am Eude nur einmal, und wenn man alle Tage in Eis abgekühlten Champagner trinkt, ſo muß man ſich endlich daran ge⸗ wöhnen, wie an das Uebrige. Hätte ich nun auch zu Nacht gegeſſen mit der Gefräßigkeit des General Pouſ⸗ ſard (ich bitte, vergeſſen Sie nicht die Kolik dieſes gräß⸗ lichen Raufers, ſo oft er auf den Kampfplatz geht).“ „Dein Wunſch wird erfüllt werden,“ erwiederte die Stimme, „ſo oft er auf dem Kampfplatz geht, wird er die Strafe erdulden, die Du ihm zugedacht haſt.“ „Das würde mir Luſt machen, ihn herauszufordern, um mich an ſeinem kläglichen Geſichte zu weiden,“ ſprach lachend Gilbert . . . „Ich ſagte alſo, Korrigan, wenn ich geſtern Abend auch wie ein Wehrwolf gegeſſen, wie ein Schwamm getrunken hätte, mein Durſt und mein Hunger wären nicht beſſer befriedigt geweſen, als ſie dieſen Morgen mit dem vortrefflichen Gansviertel der Mutter Badureau und ihrer feinen Flaſche Wein befriedigt wurden!“ „Ah! das iſt wahr, das Gansviertel war köſtlich, und die gebratenen Aepfel oh! wahrer Zucker!“ verſetzte Gilberte, welche ſich ein wenig zurücklegte, um mit Be⸗ friedigung die Tulpe zu betrachten, die zwiſchen ihren kleinen Fingern zu wachſen und zu blühen ſchien. „Gehen wir nun zu den Vergnügungen der großen Herrſchaften über,“ ſagte Gilbert, „oh! ſie ſind ſehr ar⸗ tig, ich muß es ſagen. Herr von Bourgeuil ſchlägt mir ein Rennen vor, bei welchem über fünf Gräben, drei Hecken und einen Fluß geſetzt werden ſoll. Ich danke 156 für die Kleinigkeit! Vergnügungen, um ſich tauſendmal den Hals zu brechen! Was gibt es ferner noch? Ah! den Club, den man beſucht, um zu rauchen und ein Höl⸗ lenſpiel zu ſpielen.“ „Was geſchieht dann?“ verſetzte Gilberte. „Die Frau bleibt allein, und aus Mangel an Beſchäftigung, weil ſie nicht weiß, wie ſie ihre Zeit zubringen ſoll, läßt ſie ſich den Hof machen, compromittirt ſich, und an ei⸗ nem ſchönen Morgen will ſie mit einem jungen Manne davonlaufen!“ „Sprechen Sie, liebe Korrigan, iſt das nicht mit geringen Unterſchieden das Leben der vornehmen Welt? Ich vermuthe es wenigſtens ſehr ſtark. Und was die Heirathen betrifft, gleichen ſie nicht meiſtens, abgeſehen von der tragiſchen Entwickelung, der Verbindung des Mar⸗ quis und der Marquiſe: Gleichgültigkeit auf einer Seite und Coquetterie auf der andern.“ „Es iſt allerdings oft ſo,“ erwiederte die Stimme, „doch was liegt daran, ob dieſe Leute glücklich ſind?“ „Aber, Korrigan, hier ſteckt gerade der Knoten. Sind ſie glücklich?“ „Du biſt ein vornehmer Herr geweſen,“ erwiederte die Stimme. „Erinnere Dich und urtheile . . . Ueber⸗ dies gleichen ſich nicht alle Geſchicke; es gibt, wie ich Euch geſagt habe, meine Freunde, andere vornehme Leute, in deren Leben Ihr eintreten könnt. Welche Zukunft bereitet Euch dieſe neue Verwandlung? Ich vermöchte weder Euch davon zu unterrichten, noch es zu ändern . Ich wiederhole, meine Freunde, ich kann alle Eure Wünſche erfüllen, doch wenn Ihr andere Per⸗ ſonen werdet, ſo ſeid Ihr den Zufällen ihres Geſchickes, was dieſe auch ſein mögen, unterworfen. Wählt alſo das Leben, das in Euren Angen am beneidenswertheſten iſt, und wenn es allen Euren Wünſchen entſpricht, ſo werdet Ihr zu mir ſagen: Gehe, Korrigan.“ „Ahl mein Gott!“ rief, ihre Arbeit unterbrechend, 157 7 Gilberte mit Bangigkeit, „ich denke jetzt erſt daran und bebe. Heute Morgen, liebe kleine Fee, als Gilbert durch ſeine Wunde dem Tode nahe war und ich meinem Kum⸗ mer unterlag. . . würden wir alſo geſtorben ſein, wenn Sie nicht gekommen wären?“ „Arme Minette, Du haſt Recht,“ verſetzte Gilbert, auch ſeine Arbeit unterbrechend. „Und dann, wenn wir unſere Macht über die Korrigan dadurch verlieren, daß wir, wie ſie ſagt, in das Leben anderer Perſonen eintreten, ſo haben wir nicht einmal mehr die Hoffnung, unſere gute Fee zu rufen, um uns aus einem abſcheulichen Weſpen⸗ neſte, wie das heute Morgen, herauszubringen, da wir nicht mehr Gilbert und Gilberte, ſondern der Marquis und die Marquiſe waren.“ „Nein, Ihr konntet mich nicht rufen,“ ſprach die Stimme, „doch ich, ich bin gekommen und werde immer kommen, um Euch in einem gegebenen Augenblicke zu fragen, ob das Verhältniß, das Ihr gewählt habt, Eure Wünſche befriedige.“ „Ohne Vorwurf, liebe Korrigan, Sie wählten heute Morgen Ihren Augenblick ſonderbar. Wie konnte es ſich fragen, ob wir der Marquis und die Marquiſe zu ſein fortfahren wollten, in dem Moment, wo wir, jedes ſeinerſeits von Mißgeſchicken erdrückt, gleichſam mit dem Tode rangen!“ „Meine Freunde,“ ſprach ſanft die Stimme, „nicht wahr, meine Befreiung hängt von der völligen Befriedi⸗ gung Eurer Wünſche ab?“. „Ja, Korrigan.“ „Und damit Ihr mir ſaget: Gehe! müßt Ihr noch auf dieſer Welt leben, nicht wahr?“ „Das iſt klar.“ „Meine Freunde, ſo ſeltſam er Euch auch geſchienen hat und vielleicht noch ſcheinen wird, der Augenblick, den ich gewählt habe, und die, welche ich wählen werde, um Euch zu fragen, ob alle Eure Wünſche erfüllt ſeien, 158 befragt doch mich nicht über dieſen Gegenſtand, ich vermöchte Euch nicht zu antworten. Es genüge Euch, ſicher zu ſein, daß Ihr mich, welchen Stand und welches Verhältniß Ihr auch gewählt haben möget, und obgleich Ihr das Geſchick erdulden und die Eindrücke der Leute empfinden müßt, in deren Leben Ihr eingetre⸗ ten ſein werdet, daß Ihr mich, ſage ich, in einem gegebenen Augenblicke, möget Ihr mich nnn gerufen oder nicht gerufen haben, bei Euch finden werdet, und daß meine Stimme Euch fragen wird: „„Sind Eure Wün⸗ ſche erfüllt? Erlaubt Ihr mir, meinen Schweſtern nach⸗ zufolgen?““ „Arme kleine Korrigan, ſeien Sie unbeſorgt,“ ver⸗ ſetzte Gilberte, „wir werden Sie nicht lange zurückhal⸗ ten. Oh! nein! aus Unerfahrenheit hatten wir dies Mal ſchlecht gewählt! Was wollen Sie! alle Welt würde ſich ſo getäuſcht haben, wie wir: man ſieht einen vornehmen Herrn und eine vornehme Dame, jung, ſchön, reichz iſt nicht der erſte Gedanke, der einem kommt, daß man ſich ſagt: Ah! ich möchte gern ſein wie ſie.“ Gilbert, welcher ſeit einigen Augenblicken nachdenkend und jauf ſeinen Stein gebückt daſaß, hatte die Be⸗ wegung ſeiner Kreide unterbrochen; es herrſchte tiefe Stille in dem Stübchen, und man hörte die erſten Tro⸗ pfen eines Frühlingsregens die Fenſter peitſchen. Plötzlich erhob Gilbert das Haupt und ſagte zu ſeiner Frau: „Du haſt Recht, Minette, der Anſchein hat uns bei unſerer erſten Wahl getänſcht, doch es gibt Lebeus⸗ verhältniſſe, in deren Glück man ſich unmöglich täuſchen kann.“ „Welche, Bibi?“ „Geſtern Abend, als ich Marquis war, weißt Du⸗ welche Perſon unſerer glänzenden Geſellſchaft ich am meiſten beneidete?“ „Pon wem ſprichſt Du?“ 159 „Von Georges Hubert, dem großen Dichter.“ „Er ſieht allerdings ſehr ſanft, ſehr liebenswürdig aus und ſcheint, trotz ſeines Genies, durchaus nicht ſtolz zu ſein; er hat lange mit mir geſprochen, und ich erinnere mich, zu ihm geſagt zu haben: „Wie glücklich müſſen Sie ſein, Herr Georges Hubert!““ Er erwiederte mir, das Geheimniß des Glückes beſtehe darin, daß man ſich kei⸗ nen Illuſionen hingebe, daß man nie den Anſprüchen der Welt ſeinen Geſchmack, ſeine Neigungen, ſeine Ge⸗ ſeine Pflichten opfere, und dieſes Geheimniß be⸗ itze er.“ „Alle Sterne! wenn dieſer nicht wahrhaftig glück⸗ lich iſt, Minette, wer ſollte es dann ſein? Gerade ge⸗ ſtern, als Georges Hubert mit Dir plauderte, ſagte ich mit einem gedrängten Aerger zu mir ſelbſt: „„Ich bin vornehmer Mann, jung, nicht dumm, Herr eines unge⸗ heuren Vermögens, in der Welt ſo gut geſtellt, als man es ſein kann; ich gebe dieſes prachtvolle Feſt, und dennoch ſind alle Blicke, alle Lobeserhebungen, alle Beſtrebun⸗ gen für Herrn Georges Hubert. Er empfängt die Huldigungen mit einer Art von kalter Zurückhaltung, welche beweiſt, daß er dieſe Schmeichelelen entbehren könnte. Ich habe fünfmalhunderttauſend Livres Ein⸗ künfte.““ (Sprich doch, Minette, wir hatten fünfmalhun⸗ derttauſend Livres Einkünfte! ... Welch ein Spaß)! „„Ich habe einen großen Namen, und dennoch, wenn man mich in einem Salon meldet“ dreht Niemand den Kopf um, meldet man dagegen Herrn Georges Hubert, ſo ſuchen ihn Aller Augen, und man ſagt ſich leiſe: Hier iſt er! Hier iſt er! Der Einfluß dieſes Namens iſt überall derſelbe; ja, in unſeren Salons, bei dem Bürgerſtande und ſogar im Dachſtübchen der Griſette oder des Arbeiters, wel⸗ che bei den Dramen von Georges Hubert geweint haben, erweckt dieſer Name bei Allen ein Gefühl der Bewunde⸗ rung und der Sympathie. Ich bin in England, in Deutſchland, in Spanien, in Jtalien gereiſt, und überall war es daſſelbe: immer der Name dieſes Georges Hu⸗ bert! Es iſt grauſam, ſich das geſtehen zu müſſen; doch man mag der vornehmſte Herr Europas ſein, ſobald man ſich außerhalb ſeines Landes befindet, iſt man dem Publikum ebenſo wenig bekannt, als wenn man Hans oder Peter wäre, während der Name von Georges Hubert europäiſch iſt.“ „Nun wohl, mein Lieber, was Du von Herrn Geor⸗ ges Hubert dachteſt, dachte ich von Frau von Saint⸗ Marceau; ich bemerkte, daß Du den Galanten bei ihr ſpielteſt, doch ſie flößte mir noch mehr Reid als Eifer⸗ ſucht ein; ich erinnerte mich ihres Triumphes am vor⸗ hergehenden Tage in der italieniſchen Oper, wo ich in meiner Loge war. (Höre, Bibi; es ſcheint, wir hatten unſere Loge bei den Italienern ²) Ichſagte mir: „„Nein, nie habe ich einer ſolchen Huldigung beigewohnt: das war Wuth, Wahnſinn! Ich konnte mich ſelbſt nicht enthalten, Frau von Saint⸗Marceau meinen Blumenſtrauß zuzuwerfen! Nur eine Königin empfängt ſolche Huldigungen, und auch ſie nicht, denn die Huldigungen, die man einer Königin bezeigt, ſind oft eigennützig, erzwungen oder erkünſtelt, während nichts dieſe abgöttiſche Menge nöthigt, die große Künſtlerin in die Wolken emporzuheben. Ah! welch ein Unterſchied zwiſchen ihrem Leben und dem Le⸗ ben von uns Frauen der Geſellſchaft, die wir keine an⸗ dere Siege kennen, als die der Coquetterie, keine andern Vergnügungen, als die, welche man durch ein großes Vermögen erkauft! Und um das Maß ihres Glückes voll zu machen, hat dieſe Theaterdame, nachdem ſie durch ihr Talent ein bedeutendes Vermögen gewonnen, einen ausgezeichneten jungen Mann der Geſellſchaft geheirathet, der ſie ebenſo ſehr liebt, als er von ihr geliebt wird. ... Wie glöcklich iſt ſie, dieſe Frau von Saint⸗Marceau, o wie glücklich!““ Ja, mein lieber Gilber, das ſagte ich mir mit einem ſehr böſen Gefühle von Neid. Beurtheile dann meinen Verdruß, meinen Zorn, als Du mich nö⸗ 161 thigen wollteſt, dieſer Frau einen Platz in meinem Wa⸗ gen zu geben.“ „Mit einem Wort, Geliebte, Du beneideteſt Frau von Saint⸗Marceau ebeuſo ſehr um ihre Lebensſtellung, als ich Georges Hubert um die ſeinige beneidete.“ „Ah! mein Gott, ja!“ „Eine Idee! WVie glücklich wäre ich, Dich von einer durch Dein herrliches Talent begeiſterten Menge mit Beifall überſchüttet, vergöttert zu ſehen. Welche Trunkenheit für mich, Gilberte, wenn ich mir ſagen würde: Es iſt meine Frau, welche dieſe Entzückungen verurſacht!“ „Ah! das iſt ſchlimm, Herr Bibi, ſehr ſchlimm!“ „Was denn?“ „Sie haben Minette ihren Gedanken geſtohlen, mein Herr! Ja, ſo eben wollte ich Dir ſagen: Wie glücklich, wie ſtolz wäre ich, wenn ich meinen Gilbert bewundert, mit Beifall überſchüttet ſehen würde, wie es Georges Hubert iſt! Erinnerſt Du Dich ſeines Dramas bei der Porte Saint⸗Martin: Antonia? Wir ſind an einem Sonntag in dieſes Theater gegangen. Welche Bewun⸗ derung flößte ſein Stück ein, obgleich es wenigſtens drei bis vier Jahre alt war! Und mit wie großer Begeiſte⸗ rung ſprach man beim Ausgange vom Verfaſſer! Jeder rief: „„Welch ein genialer Mann! Wie kennt er die menſchliche Seele! Welch ein gutes, edles Herz muß er haben, um mit ſo viel Wahrheit die Schmerzen einer Mutter zu ſchildern! Und in dem Character vom Helden des Stückes, welcher Edelmuth, welche Größe! Man vermöchte nicht ſolche Perſonen zu ſchaffen, ihnen ſo bewunderungswürdige Gefühle zu leihen, ohne ſie ſelbſt zu hegen!“ „Und dann, erinnerſt Du Dich, Minette, jenes Herrn, der auf der dritten Gallerſe bei uns ſtand? Er ſagte während eines Zwiſchenactes, er wohne in demſelben Gilbert und Gilberte. 1. 11 „ 162 Hauſe wie Georges Hubett. Mit welcher Begierde be⸗ fragte man auch dieſen Herrn. Man fragte nichts An⸗ deres, als „„Iſt Herr Georges Hubert alt? — iſt er jung? — iſt er ſchön oder häßlich? — iſt er braun oder blond? — groß oder klein?““ „Es iſt wahr, dieſer brave Mann wurde nur durch den Umſtand, daß er im Hauſe des großen Dichters wohnte, eine Perſon von Bedeutung.“ „Wie glücklich waren wir, als wir an dieſem Tage erfuhren, Georges Hubert ſei ebenſo gut, als er be⸗ rühmt iſt.“ „Das iſt ganz einfach, meine Liebe; man freut ſich immer, wenn man weiß, daß diejenigen, welche man bewundert, auch bewundert zu werden verdienen. Georges Hubert muß allerdings ein gutes Herz haben, denn heute Racht, als ich mit ihm plauderte, war ich betrof⸗ fen von dem rührenden Ausdrucke ſeines Geſichtes, da er mit mir vom Glücke von Frau von Orbeval und von Herrn von Baudricourt, dieſem Liebespaare, ſprach?“ „Was für ein Liebespaar iſt dies?“ „Ein Herr und eine Dame, welche, in einander ver⸗ liebt, entflohen, um frei und unbekannt in der Einſam⸗ keit einer ſchönen Gegend zu leben. Das ſind auch Liebende, deren Glück geſichert iſt. Georges Hubert war ein Freund der Dame, und er ſprach mit mir von der Glückſeligkeit dieſer zwei Liebenden mit einem ſolchen Zauber, daß mir ſeine Erzählung den Kopf verdrehte les ſcheint, er war nicht ſehr feſt,) und dieſe Erzählung hat wenigſtens ebenſo viel als meine Eiferſucht gegen Frau von Saint⸗Marceau zu meinem Entſchluſſe, mit Herrn von Saligny zu fliehen, beigetragen.“ „Nun! Minette wird dieſe große Künſtlerin nicht mehr zu beneiden haben.“ „Was willſt Du damit ſagen?“ „Wenn dieſe Ehe nicht glücklich iſt, ſo darf man nicht länger ſuchen oder nie in ſeinem Leben rufen: 163 Gehe Korrigan! Treten wir in das Leben von Herrn und Frau von Saint⸗Marceau ein! Ah! Geliebte, wie ſtolz wäre ich, Dir Beifall zu klatſchen und mich an Deinen Triumphen zu weiden!“ „Was denkſt Du?“ „Ich thue etwas Beſſeres: ich verlange von der Korrigan, daß Du dieſe Sängerin biſt und daß ich ihr Mann bin.“ „Nein, Gilbert, nein, mein Traum wäre, Dich an der Stelle von Georges Hubert zu ſehen. Wie glücklich und hoffärtig wäre ich!“ „O meine kleine Minette, ich bitte Dich, willige ein, Frau von Saint⸗Marceau zu ſein!“ „Nein, nein, Geliebter, Du wirſt Georges Hubert ſein; ich will Dich durchaus bewundern das entſpricht mehr meinem Charakter, als bewundert zu werden; und dann ſcheint mir der Mann einer berühmten Frau .. das iſt eine Rolle .. kurz, eine höchſt alberne Rolle. Und ich will nichts von dieſer Rolle für meinen Gilbert, es iſt alſo beſchloſſen, Du wirſt Georges Hubert ſein, nicht wahr, Korrigan?“ „Eure Wünſche ſeien einhellig, und es wird geſche⸗ hen, was Ihr beſchließt,“ erwiederte die Stimme. „Vor Allem, Minette,“ ſagte Gilbert, „Du weißt nicht, ob Georges Hubert verheirathet iſt.“ „Das iſt wahr, ich weiß es nicht. Iſt Georges Hubert verheirathet, liebe kleine Korrigan?“ „Nein,“ antwortete die Stimme, „er iſt nicht ver⸗ heirathet.“ „Ah! ah!“ verſetzte Gilbert mit triumphirendem Tone; „da wir uns zu ſehr lieben um uns zu trennen, ſo folgt hieraus, daß Du Frau von Saint⸗Marcean ſein wirſt.“ „Alſo,“ ſagte Gilberte mit einem Seufzer des Be⸗ dauerns, „alſo Georges Hubert iſt nicht verheirathet, Korrigan?“ * „Nein,“ erwiederte die Stimme, „doch dieſer große 164 Dichter hat eine Geliebte, und ihre edle Liebe gibt in keiner Hinſicht der von zwei Gatten nach, welche durch die zärtlichſte Zuneigung mit einander verbunden ſind.“ „Hörſt Du, Gilbert,“ rief die junge Frau freudig in die Hände klatſchend, „Geliebter und Geliebte! . . Wie gut das uns ſtehen muß, uns, die wir gar nicht wie verheirathet ausſehen!“ „Boch „Oh! ich bitte Dich inſtändig, ſchlage dies Deiner Minette nicht ab! Wünſche wie ich, daß wir Georges Hubert und ſeine Geliebte ſeien. Wie glücklich muß ſie ſein! einen ſo großen Dichter lieben und von ihm geliebt werden! Oh! gewähre mir, was ich von Dir verlange.. theurer Bibi!“ „Was ſoll ich ſagen,“ verſetzte der gute Gilbert, „wenn Du mich zugleich Theurer und Bibi nennſt, ſo habe ich kein Mittel der Abwehr mehr.“ „Korrigan, Sie hören, Gilbert und ich, wir wol⸗ len Georges Hubert und ſeine Geliebte ſein.“ „Man gehorcht Euch,“ erwiederte die Stimme, „die Verwandlung wird ſogleich vor ſich gehen.“ „Einen Augenblick Geduld,“ ſagte Gilberte nach⸗ denkend. Dann fügte ſie bei: „Sprich, Geliebter, wenn wir bis morgen warten würden? Ich möchte gern mein Blümchen vollenden; dieſe Arbeit gefällt mir ſo ſehr! Ich glaube, ich habe nie ſo viel Vergnügen an meinem Beſchäfte gefunden, und dann regnet es in Strömenz wir ſind ſo gut in dieſem Stübchen! Bleiben wir in unſerem Neſte bis morgen; willſt Du?“ „Oh! das iſt eine Idee von Minette; es wäre mir auch nicht unangenehm, meine Zeichnung zu fördern. Das Bürſchchen, das ſich an den Hals des guten großen Hundes hängt, kommt wahrhaftig nicht ſchlecht, und Du wirſt nicht eiferſüchtig darauf ſein, daß ich dem andern Knaben den Vorzug gebe. Ich bin wie Du, nie habe ich mehr Vergnügen an der Arbeit gefunden. Es regnet 165 in Strömen, es weht ein heftiger Wind, das macht es uns behaglich bei uns . . ohne von dem trefflichen Mittagbrode zu reden, das uns die Badureau angekün⸗ digt hat . . „Es wird Hu . .. uhn geben!“ ſagte Gilberte, welche mit einem ſchallenden Gelächter Frau Badureau nachahmte. „Und, bei meiner Treue, wenn es ſechs Uhr ſchlägt, wird mein Hunger ſo groß ſein als dieſen Morgen.“ „Gut, gut, wir machen ein artiges kleines Mahl, wir zünden ein Feuerchen in unſerem Ofen an, wir ſetzen unſer Geplauder bis um zehn Uhr fort, und dann gute Nacht, Geſellſchaft! Wie, Minette?“ „Korrigan, ſchauen Sie meinen Mann nicht an, wenn er ſolche Augen macht,“ ſagte die junge Frau zu⸗ gleich lächelnd und erröthend, „Sie würden Angſt be⸗ konmmen.“ „Ja, ja! doch Du ſagſt nicht zu unſerer lieben kleinen Korrigan, wie in Betreff der Witze: „Korri⸗ gan, ich will, daß Gilbert mir nie mehr ſolche Augen mache.““ „Ah! ich glaube wohl,“ verſetzte Gilberte naiv; „und dann, ſiehſt Du Bibi, wenn Du mir ſolche Augen machſt, ſchauſt Du Deinen Stein nicht an, und Du ver⸗ lierſt Deine Zeit.“ Unſere zwei jungen Leute vollendeten, ſo mit der kleinen unſichtbaren Fee plandernd, ihr Tagewerk, Gil⸗ bert indem er an ſeiner Zeichnung, Gilberte, indem ſie an ihrer künſtlichen Blume arbeitete. Der Regen fiel immer in Strömen, und ſein mono⸗ tones mit den Windſtößen vermiſchtes Geränſch ſchien dem jungen Ehepaare dieſe friedlichen, vertraulichen, wohl ausgefüllten Stunden noch ſüßer und raſcher zu machen. Um ſechs Uhr trat Frau Badureau, ihrem Verſpre⸗ chen getren, majeſtätiſch mit dem Mittageſſen ein; eine Nachbarin, die ihr bei dieſer Veranlaſſung als Gehülfin 166 diente, folgte ihr. Das Programm übertreffend, beſtand der Küchenzettel aus zwei Dutzend Auſtern, einer Schüſ⸗ ſel mit gedämpften Kalbsnieren, einem gebratenen Huhn, einem Salat, einem Topfe mit eingemachten Früchten und einer Flaſche verſiegeltem Wein. Auf ein geheimnißvolles Zeichen von Frau Badu⸗ reau überſchritt die Nachbarin die Schwelle der Wohnung nicht und verſchwand, als die Schüſſeln entweder auf den Ofen oder auf die Kaminplatte, welche ſo in ein Buffet verwandelt wurde, niedergeſetzt waren. „Wiſſen Sie, Frau Badureau, daß Sie ein ächter Blauſtrumpf ſind,“ ſagte Gilbert, während ſeine Frau ein Licht anzündete und die Gedecke holte. „Das iſt ein wahres Balthaſarsmahl.“ Ah! junger Mann,“ erwiederte ſchwermüthig Frau Badureau, „ich hätte gern das Glück haben mögen, Ihnen ein polniſches Mahl vorzuſetzen, doch ich kenne die Leckerbiſſen Ihres Landes nicht.“ „Meines Landes . welches Land meinen Sie?“ „Es iſt wahr, ich vergaß, daß Sie verkleidet ſind. Nur ſtille!“ ſprach die Portiöre, und ſie drückte ihren Zeigefinger auf die Lippen. „Oh! junger Fremder, ich würde eher ſterben, als Ihre Liebſchaft mit der Toch⸗ ter des Mylord verrathen.“ „Ich zähle darauf, Frau Badureau,“ erwiederte Gilbert ernſt, „ſonſt käme der Mylord an der Spitze ſeiner ſchottiſchen Clans und würde Minette und mich trennen.“ „Er ſie von ihrem Polen trennen! Er hätte dieſe Frechheit! Wenn er es je wagte! . .. Alte Canaille. von einem Mylord!“ „St! Badureau, meine Frau könnte Sie hören, und im Ganzen iſt der Mylord ihr Vater.“ „Das iſt richtig! Man kann dergleichen Dinge von ſeinen Eltern denken, aber man darf ſie nie laut ſagen. 167 Stille! da kommt die Tochter von Mylord und bringt Ihre Gedecke,“ ſprach die Portidre, als ſie Gilberte zu⸗ rückkehren ſah. Dann wandte ſie ſich mit einem Zeichen des Verſtändniſſes an Gilbert und fügte ſchlau bei, als ob ſie ein angefangenes Geſpräch fortſetzte: „Ja, junger Mann, der Marquis, Ihr Nachbar, der Eigenthümer von jenem herrlichen Hotel iſt dieſen Morgen halb maſſacrirt von einem Herzog, welcher ge⸗ ſtorben iſt, zurückgebracht worden.“ „Ah! mein Gott! was erzählen Sie uns da, Frau Badureau?“ erwiederte Gilbert mit einem verſtellten Erſtaunen; „der Marquis iſt halb maſſacrirt!“ „Ja, junge Lente, und er hat nur noch den Athem.“ „Und die Marquiſe,“ fragte Gilberte, „dieſe hübſche, junge, ſo elegante Frau?“ „Um Gpotteswillen, ſprechen Sie mir nicht von ihr, junge Leute, ſprechen Sie mir nicht von dieſem nichts⸗ nutzigen Weibsbild!“ „Frau Badureau, ohne Ihnen einen Vorwurf zu machen. dieſer Ausdruck iſt ein weiig „Ein wenig! ſagen Sie nicht genug! Stellen Sie ſich vor, daß ſie die Urſache von allen dieſen Metze⸗ leien geweſen iſt.“ „Ah bah!“ „Junge Leute, ich bin in Folge der Unglücksfälle, die mir zugeſtoßen ſind, genöthigt, die Schnur zu zie⸗ hen, nie aber habe ich das Unglück gehabt, zu machen, daß der ſelige Badureau maſſacrirt worden iſt .. weil . . „Frau Badureau, wenn Sie mit uns von Ihren Unglücksfällen und dem ſeligen Badureau ſprechen, ſo werden Sie es dahin bringen, daß wir unſer Mahl mit unſern Thränen begießen,“ ſagte Gilbert, — „was ſehr be⸗ deutend dieſe köſtliche Sauce mit kleinen Zwiebeln ver⸗ derben würde.“ „Ein Gedanke!“ rief Gilberte freudig. „Meine 168 gute Frau Badureau,“ laſſen Sie uns heute Abend in's Theater gehen, ohne daß wir uns von unſerem Stüb⸗ chen trennen. „Ah! Liebe, Du hältſt Frau Badureau für eine Korrigan?“ „Korrigan! .. kenne nicht,“ verſetzte die Portière, „das iſt ohne Zweifel ein polniſches Wort. Ah! junge Leute, nehmen Sie ſich in Acht, bei einer Andern, als bei mir wären Sie verrathen! . . . Stille!“ „Meine gute Frau Badureau,“ ſagte Gilberte mit ſchmeichelndem Tone, „Sie wiſſen, wo das Leſecabinet hier in der Nähe iſt? haben Sie die Güte, ſogleich dort Octavius zu verlangen.“ Octavius? wahrſcheinlich ein anderer ver⸗ kleideter Pole. Ich fliege, um ihn zu holen. Nur be⸗ denken Sie, daß dies vielleicht unvorſichtig iſt!“ „Oh! nein, Frau Badureau, Octavins iſt ein Ko⸗ mödienbuch: es iſt das letzte Drama von Georges Hu⸗ bert, das man vor zwei Jahren gegeben und kürzlich mit dem größten Erfolge wieder aufgenommen hat!“ „Georges Hubert? Ah! der ruchloſe Menſch! wie hat er mich weinen gemacht in der Porte⸗Saint⸗Martin mit ſeinem Stücke Antonia!“ ſagte die Portiöre. „Georges Hubert! Ah! junge Leute, das iſt mein Gott! ich bete ihn an und trotz meines Alters und meines Geſchlechtes, wenn ich ihm auf der Straße be⸗ gegnete, bei meinem Ehrenworte ich würde ihm nachlaufen! Nun! im Ganzen bin ich Witwe vom ſe⸗ ligen Badureau und kann frei ſchalten und walten. „Frau Badureau, nehmen Sie ſich in Acht, daß Sie ſich nicht compromittiren,“ verſetzte Gilbert; wenn Georges Hubert das Geheimniß Ihres Herzens wüßte er könnte es mißbrauchen.“ „Ah! junge Leute, ich werde nie dieſes Glück ha⸗ ben!“ erwiederte Frau Badureau, während ſie ſich gegen der Thüre wandte. „Ich fliege nach dem Leſecabinet und 169 hole Oetavius. Haben Sie ihn zu Ende geleſen, ſo werden Sie ihn mir zukommen laſſen, damit ich ihn auch verſchlinge.“ „Sieh in welchen Abgrund Du mich wirfſt, indem Du willſt, daß ich Georges Hubert ſein ſoll!“ ſagte Gilbert heiter zu ſeiner Frau, nachdem die Portiöre weggegangen war. „Du ſetzeſt mich der Gefahr aus, daß mir die . . Badureau nachläuft! . . . Und ſie kann frei ſchalten und walten!“ „Ah! Gilbert! welcher Ruhm für Georges Hubert, er wird, wie wir geſehen, in der höchſten Geſellſchaft empfangen und verdreht zugleich einer armen Portisre den Kopf! . Wie allgemein wird dieſer geniale Mann verherrlicht! Wie ſtolz muß die Frau ſein, die ihn liebt. Oh! diesmal, mein Gilbert, werden wir zur Fee ſagen: Gehe, Korrigan! Und dann ſiehſt Du, wie das zur gelegenen Zeit kommt! . . „Was denn?“ „Geſteru in unſeren Salons (in unſeren Salons!.. 5 habe ich ſagen hören, man gebe übermorgen ein Drama von Georges Hubert, der ſeit den zwei Jahren, die er in der Zurückgezogenheit lebte, nichts für das Theater geſchrieben hatte Alle verſicherten, dieſes Drama ſei erhaben wie die anderen. Sieh alſo, wie ſich das gut findet! Die⸗ ſes Drama, das man mit Ungeduld erwartet, wirſt Du gemacht haben! Du wirſt in das Leben von Georges Pubert durch einen nenen Triumph eintreten, und ich, ich werde glücklich ſein!“ . „Und ich werde ſtolz durch Dich ſein! es iſt mir, als ſähe ich Dich in einer Loge und hörte am Ende des Stückes das Publifum wahnfinnig Beifall klatſchen und den Verfaſſer herausrufen! . . . den Verfaſſer! Du haſt Recht, Minette, diesmal werden wir ſagen können: ehe, Korrigan!“ Das junge Chepaar vollendete ſein Mahl, mit eben ſo viel ſtrahlender Hoffnung, als Nengierde über die 170 nahe bevorſtehende Metamorphoſe plaudernd. Als es Nacht geworden war, zündeten ſie ein Feuerchen in dem kleinen Ofen an, deſſen munteres Schnarchen mit dem Stöhnen des Windes und dem Geräuſche des außen fallenden Regens contraſtirte. Frau Badureau brachte das Drama Octavius, und die zwei jungen Leute, welche einander gegenüber ſaßen, laſen abwechſelnd mit einer mit Begeiſterung gemiſchten Gemüthsbewegung dieſes bewunderungswürdige Werk, in welchem die tieſſten Gefühle des Herzens mit großer Macht in Relief gebracht waren; entzückt, electriſirt, die Augen von Thränen befeuchtet, das Herz pochend von verſchiedenen Bewegungen fanden Gilbert und Gilberte einen unendlichen Reiz in dieſem Leſen. „Oh! mein Gilbert,“ ſagte die junge Frau, „welch eine Freude, zu denken, morgen werdeſt Du es ſein, der dieſe ſchönen Dinge geſchrieben hat, und mir habeſt Du ſie gewidmet, denn haſt Du nicht bemerkt, was auf die erſte Seite des Buches gedruckt iſt?“ „Nein Was denn?“ „Schau': die achte Ausgabe dieſes Drama, ge⸗ druckt, als man es kürzlich wieder aufnahm, iſt einer Dame gewidmet. Ohne Zweifel kannte ſie Georges Hubert noch nicht, als man vor zwei Jahren Oetavius zum erſten Male ſpielte.“ Man las in der That am Anfange des Buches eine alſo abgefaßte Widmung: Gewidmet ** Jetzt und immer! Georges Hubert! „Dieſe Madame Drei Sterne iſt ſicherlich ſeine Geliebte,“ ſprach Gilberte. „Jetzt und immer! Das 17¹ will beſagen, er liebe dieſe Dame jetzt und werde fie immer lieben. Doch wer kann Madame Drei Sterne ſein?“ Dann, nachdem ſie einen Augenblick nachgedacht hatte; „Liebe kleine Korrigan, wir kennen das Leben von Georges Hubert, ſein Genie, ſein gutes Herz ge⸗ nug, um nach ſeinem Geſchicke zu verlangen, denn wir ſind beinahe ſicher, daß wir darin unſer Glück finden werden. Doch von Madame Drei Sterne wiſſen wir nichts. Sie, die Sie Alles können, Korrigan, kön⸗ nen Sie uns nicht über dieſe Dame belehren?“ „Minette hat Recht, man läuft ſonſt Gefahr, eine Katze im Sack zu kaufen, wie es uns bei unſerem Mar⸗ quiſat begegnet iſt.“ „Die Zukunft ſoll unerforſchlich für Eure Augen ſein,“ erwiederte die Stimme. „Nicht daſſelbe iſt es bei der Vergangenheit . . . Ich werde Euern Wunſch befriedigen. Gerade zu dieſer Stunde fängt die Ge⸗ liebte von Georges Hubert an die Erzählung ihres Lebens bis auf dieſen Tag zu ſchreiben. Wolit Ihr dieſe Erzählung leſen, während ſie dieſelbe nieder⸗ ſchreibt?“ „Gewiß, liebe Korrigan; doch wie ſollen wir das machen? Es iſt wahr, meine Frau und ich, wir haben Beide vortreffliche Augen. Beſitzen wir aber nicht eine Siebenmeilenbrille, ſo weiß ich nicht, wie wir. „Schau' auf den Schooß von Gilberte,“ erwiederte die Stimme. Die zwei jungen Eheleute ſenkten gleichzeitig den Kopf, und die junge Frau gab einen kleinen Schrei der Verwunderung von ſich, als ſie auf ihrem Schooße ein Heft liegen ſah; ſie nahm daſſelbe, öffnete es und ſagte dann verdrießlich: „Aber, Korrigan, es ſteht nichts auf dieſen Blät⸗ ern „Weil die Geliebte von Georges Hubert noch nicht 172 zu ſchreiben angefangen hat,“ erwiederte die Fee. „Doch nun müßt Ihr leſen.“ Gilberte, welche das Heft hielt, ſah in der That Buchſtaben ſich bilden, als ob eine unſichtbare Hand ſie geſchrieben hätte, und las laut: Geſchichte eines jungen Mädchens. „Welch ein Glück!“ rief Gilberte, „das Leſen die⸗ ſer Erzählung wird unſern Abend auf eine reizende Art beſchließen, und ich werde doch wenigſtens wiſſen, wer ich ſein ſoll, da ich morgen die von Georges Hubert ſo ſehr geliebte Madame Drei Sterne ſein werde.“ Unſere zwei jungen Leute laſen folgende Erzäh⸗ lung, ſo wie ſie eine unſichtbare Hand vor ihren Augen ſchrieb. Kl. Gilberte fing alſo an zu leſen, wie folgt: Geſchichte eines jungen Mädchens: „„Louiſe verlor noch als ein Kind ihre Mutter und wurde nie von ihrem Vater geliebt. In früher Ju⸗ gend in eine Koſtſchule geſchickt, ſchüchtern und ſtolz, tief empfänglich für Eindrücke, hartnäckig in ihren Ent⸗ ſchlüſſen, die Lüge verachtend und die Offenherzigkeit bis zur Unart treibend, wenn die Artigkeit eine Lüge gebot, ſuchte Louiſe unter ihren Mitſchülerinnen heran⸗ wachſend die Einſamkeit und hatte keine Freundinnen. Ihr Herz war indeſſen weder ſelbſtſüchtig, noch kalt, nein, oh! nein, durchaus nicht! Doch aus Furcht, durch ihre unbändige Offenherzigkeit Jemand zu verletzen, aus Furcht auch, ihre Zuvorkommenheiten zurückgewieſen zu ſehen, konnte ſich Louiſe nicht enſchließen, den erſten Schritt zu thun und ſich um die Zuneigung ihrer Ge⸗ fährtinnen zu bewerben, und Niemand bewarb ſich um die ihrige. Warum hätte man ſich auch darum bewerben ſollen? „„Louiſe bot durch ihren Charakter und ihren Geiſt nichts Anziehendes; ſchweigſam und verſchloſſen, zeigte ſie ſich äußerſt empfindlich. Beinahe immer ſchlecht oder lächerlich gekleidet, denn ihr Vater, der ſie nicht liebte, beauſtragte mit dem Ankaufe ihrer Kleider eine alte Magd des Hauſes; unvermögend, ihren Gefährtinnen kleine Geſchenke anzubieten oder mit ihnen jene Leckereien zu theilen, mit denen die Liebe der Eltern gewiſſe Kin⸗ der überhäuft, unbeliebt bei den Lehrerinnen, weil ſie ſich bei den geringſten Ungerechtigkeiten empörte, floh Louiſe die Spiele ihres Alters und zog die Einſamkeit und die Lecture denſelben vor: die Lecture, welche ihre Seele ganz in Anſpruch nahm und ſie den Kum⸗ mer, daß ſie ſo jung ihre Mutter verloren und in ihrem Vater nur Gleichgültigkeit oder Abneigung gefunden, vergeſſen ließ.““ „Armes Mädchen! ſagte Gilbert, Gilberte unter⸗ brechend, welche las, ſo wie die unſichtbare Hand ſchrieb, „ſie intereſſirt mich ſchon, obgleich ſie ſich meiner Anſicht nach ein wenig muckiſch zeigt. Was denkſt Du da⸗ von, Minette?“ „Mich intereſſirt ſie auch; eine mutterloſe Waiſe, hat ſie einen ſchlechten Vater, das iſt ſo traurig! Doch laß mich fortfahren: ſieh, die Buchſtaben werden raſcher geſchrieben, als wir ſie leſen.“ „„Noch ſehr jung, fühlte Louiſe eine Art von leiden⸗ ſchaftlicher Dankbarkeit gegen diejenigen, welche, begabt mit dem Talente, zu ſchreiben, durch die Ratur ihrer Werke den Geiſt anzuziehen und das Herz zu befriedigen wußten. 174 Der Verfaſſer von jedem Buche, das ihr gefiel, wurde für ſie ein unbekaunter Freund; je mehr ſie heranwuchs, je mehr ihr Geiſt ſich entwickelte, deſto mehr ſchätzte, be⸗ wunderte Louiſe jene geheimuißvolle und wohlthätige Macht des Schriftſtellers, der Tauſenden von Zuſchauern oder Leſern unbekannt, doch täglich mit ihnen im Ver⸗ kehr ſteht, ſie bewegt, erſchreckt, bezaubert oder rührt, leichſam Beſitz ergreift von ihrer Seele, deren zarteſte ibern er beben läßt, und der häufig einen entſcheiden⸗ den Einfluß auf ihr Schickſal dadurch erlangt, daß er ſie mit ſeinen Grundſätzen und Gedanken durchdringt „Was ſie da ſagt, iſt ſehr wahr,“ fügte Gilbert bei; „und wie ruhmvoll iſt das für den Schriftſteller!“ Man darf ſich auch gar nicht wundern, daß ſich Louiſe bei einer ſolchen Geſinnung in Georges Hubert verliebt hat.“ „Das werden wir ohne Zweifel ſehen. „„ Doch mittlerweile kann man ſagen, daß dieſe zwei Liebenden wirklich für einander geboren waren.“ „In dieſer Hinſicht fängt das gut an.“ „Fahre fort, Minette, Du wirſt mich darauf auf⸗ merkſam machen, wenn Du müde biſt.“ „„Louiſe verließ mit ſechzehn Jahren die Koſtſchule, um das Haus ihres Vaters zu deaufſichtigen und zu leiten, um mit einem Worte ſeine erſte Magd zu ſein. In dieſe Pflichten, die Louiſe mit Glück bei einem lie⸗ denden und geliebten Vater erfüllt hätte, fügte ſie ſich als in eine der Nothwendigkeiten ihrer traurigen Lage, und ſie entſprach denſelben nach ihren beſten Kräſten, nicht aus kindlicher Zuneigung, ſondern in Folge der Redlich⸗ keit, mit der ſie bei allen Dingen zu Werke ging. Waren dann ihre Functionen als Haushälterin beendigt, hatte ſie über ihre Zeit durch die hänfigen Abweſenheiten ihres 175 Vaters, den ſeine Geſchäfte oft von Hauſe entfernt hiel⸗ ten, zu verfügen, ſo konnte ſie ſich in ihrer Einſamkeit ihrem Lieblingsgeſchmacke hingeben: die benachbarte Stadt beſaß ein Leſecabinet mit einer ziemlich vollſtändigen Bibliothek⸗ „Ohne Führer bei der Wahl ihrer Bücher kannte Louiſe nur zwei Arten derſelben: die guten und die ſchlechten. „„Gute waren die Bücher, die ſie intereſſir⸗ ten und, unter welcher Form es auch ſein mochte, in ihr erhabene, edle Gefühle erweckten, ihre inſtinetartige Liebe für das Gerechte und Gute und ihre Abneigung gegen das Böſe und Ungerechte verdoppelten. „„Schlechte. . waren ohne Gnade und Barmher⸗ zigkeit die Bücher, welche ſie langweilten.““ „Und Mademoiſelle Louiſe hatte ſehr Recht,“ ſagte Gilbert. „Alles, was nicht unterhaltend iſt, iſt lang⸗ weilig . .. Dabei bleibe ich.“ „Ich möchte wohl wiſſen, ob ſie ſchon zu dieſer Zeit die Werke von Georges Hubert kannte.“ „Welche Ungeduld iſt doch Minette! Wir werden das ſogleich erfahren.“ „Du haſt Recht, leſen wir weiter.“ „„Loniſe lebte ſo einige Monate weder glücklich noch unglücklich; abgeſehen von der Sorge, welche ſie für das Hausweſen ihres Vaters trug war ſie, ſo zu ſagen, nicht von dieſer Welt; — ihre Seele und ihr Geiſt ſchweiften beſtändig in den Räumen umher, in welche ſie ihre Lieblingsſchriftſteller führten. „„Louiſe täuſcht ſich indeſſen, wenn ſie ſagt, ſie ſei nicht unglücklich geweſen. Sie will nicht von der Härte und Kälte ihres Vaters gegen ſie ſprechen. Nein, es gibt Charaktere, die ſo beſchaffen ſind, daß man ihnen beinahe Dank weiß für den Widerwillen, den ſie uns bezeigen. Nein, Loniſe betrübte ſich nicht über die väterliche Ab⸗ 176 neigung, aber ſie konnte nicht ohne Angſt jede Woche einen gewiſſen Donnerſtag kommen ſehen, den ihr Vater gewählt hatte, um ſeine Freunde zu empfangen und ihnen eines von jenen endloſen Mittagsmahlen zu bieten, welche zu den Gewohnheiten der Provinz gehö⸗ ren. (Louiſe wohnte in der Provinz in der Nähe einer ziemlich großen Stadt). „„Der Vater von Louiſe hatte bei der Admini⸗ ſtration des Heeres gedient, — vollkommen friedliche Functionen, die ihn immer von den Schlachtfeldern fern gehalten; er gefiel fich aber darin, ſoldatiſche Erinne⸗ rungen zu affectiren, die er in einem Kaſernenjargon ausdrückte, der nach ſeiner Anſicht ganz geeignet war, ſeinen Gäſten eine hohe Meinung von ſeinen militäriſchen Erlebniſſen zu geben, und er führte immer zur Unter⸗ ſtützung deſſen, was er erzählte, einen von ſeinen alten Waffengefährten, genannt der General Pouſſard, an.“ „Ah!“ ſagte Gilbert, „das iſt ein ganz ſeltſames Zuſammentreffen. Der Vater von Loniſe kannte den ge⸗ fräſſigen Raufer, dem ich eine Kolik gegeben habe!“ „Der Vater von Louiſe hatte da keine ausgezeich⸗ nete Bekanntſchaft; doch ich leſe weiter: „„Während dieſer Donnerſtage beklagenswerthen Andenkens mußte Louiſe fünf Stunden lang zuhören, wie ſich ihr Vater in wahrſcheinlich übertriebenen Er⸗ zählungen von mörderiſchen Schlachten, von Städten, die man in Brand geſteckt, geplündert, allen Greueln der Erſtürmung preisgegeben, gefiel. Es waren Geſchichten von unglücklichen Völkern, welche ihren Boden, ihre Religion, ihren Herd heldenmüthig vertheidigten, aber erdrückt durch die Ueberzahl oder durch eine unwiderſteh⸗ liche Tapferkeit genöthigt waren, die Schmach der Er⸗ oberung zu erdulden, welche ſahen, wie der Fremde ſich mit allem Hohn als Herr und Gebieter in ihr Haus ſetzte, wie er ihre Frauen und Töchter erröthen machte, 177 ſeine Kriegsroſſe unter Ernten befruchtet durch zohlloſe Arbeiten weiden ließ und ſich in ſeiner Trunkenheit damit beluſtigte, daß er armes Vieh, die Freude, den Stolz und das Vermögen des Landmanns, niedermetzelte!““ „Man ſollte glauben, man ſähe den General Ponſſard,“ ſagte Gilbert; „wie mußte dieſer Vieh und Geflügel niedermetzeln, nur um die Todten zu verſchlin⸗ gen der Schlemmer!“ „Dafür ſtehe ich Dir! Doch ich fahre fort; ich liebe ungemein den Charakter von Loniſe, er ſcheint mir ori⸗ ginell zu ſein,“ ſprach Gilberte. Und die junge Frau las weiter: „„Lyuiſe will glanben, daß die Erzählungen ihres Vaters übertrieben waren; es lag ihm ohne Zweifel daran, ſich als ſiegreicher Kriegsmann vor den geblen⸗ deten Augen ſeiner wohlwollenden Freunde aufzupflanzen; nichtsdeſtoweniger bekam Louiſe, während ſie der Ueber⸗ treibung bei dieſen kläglichen Eroberungsgeſchichten, deren Grund reell war, einen Theil zur Laſt legte, Louiſe bekam eine ſeltſame Abneigung gegen einen Ruhm, der ſich für den Menſchen, welcher ihn verfolgt, darin zuſammenfaßt: tödten oder getödtet werden. Hat Gott nur, um zu tödten oder getödtet zu werden, ſeinen Geſchöpfen den göttlichen Verſtand zugeſchieden, der ſie dem Schöpfer nähert? „„Louiſe verweilt ſo lange bei dieſen unglücklichen Donnerſtagen, weil das, was ſie an dieſen Tagen ſah, hörte, ihren Abſchen gegen den Cultus der Gewalt ver⸗ doppelnd, den religiöſen Cultus vermehrte, den Louiſe dem Verſtande gewidmet hatte .. Der Verſtand, eine göttliche Gabe, durch die der Menſch der Größe Gottes theilhaftig iſt! „„Wenn Louiſe die Tafel ihres Vaters in dem Augenblick verließ, wo ſeine Freunde und er ihre Pfeifen Gilbert und Gilberte. 1. 12 178 ſtopften und, während ſie tolle Lieder ſangen, die Flaſche von Hand zu Hand kreiſen ließen, kehrte ſie auch in ihr Zimmer zurück, und hier fand ſie mit einem unausſprech⸗ lichen Glücke die Bücher wieder, die ihre Einſamkeit be⸗ zauberten. Mit welcher frommen Sammlung dachte ſie dann an den wundervollen und fruchtbaren Einfluß dieſer unſterblichen Genies, die den Geiſt der Menſchen ent⸗ zücken, ihre Seele vergrößern, erheben, ſie beſſern und endlich das entwickeln, was das Heiligſte in uns iſt: den Verſtand. „„Dieſe Genies, dachte Loniſe, ſie wiſſen auch in ihrem Jahrhundert und in den zukünftigen Jahrhunder⸗ ten Millivnen von Unterthanen zu erobern! Doch dieſe Eroberung, dieſe anbetungswürdige Herrſchaft der Son⸗ veränetät des Geiſtes macht keine andere Thränen flie⸗ ßen, als die der Rührung oder der Bewunderung. „„Oh! kommt! ſagte Louiſe, kommt zu mir, Ihr ſchö⸗ nen, reinen Genies mit der von einem wahren Ruhme ſtrah⸗ lenden Stirne! Kommt Ihr, deren Triumphe die Freude, der Stolz, die heilſame Lehre der Menſchheit ſind! Eine Feder, ein paar Tropfen Tinte, ein Blatt Papier, das ſind Eure Waffen! Und Eure Eroberungen ſind unver⸗ gänglich, und alle Herzen gehören Euch, und Euer erha⸗ bener Name wird, durch die Jahrhunderte hinziehend, ſ zu Zeitalter mit Liebe und Ehrfurcht be⸗ rüßt! „„Dies waren die Gefühle von Louiſe, als ein ſcheinbar kindiſcher Vorfall über ihr Geſchick entſchied. „Eines Tages befanden ſich unter den Büchern, welche ſie vom Leſecabinet erhielt, die Werke von Georges Hubert. „Ah! endlich u Georges Hubert in Scene,“ ſagte Gilbert, „und man muß geſtehen, nicht wahr, Mi⸗ nette? Mademoiſelle Louiſe war tüchtig vorbereitet auf das Zuſammentreffen.“ 179 „Oh! ja, und das begreiſt ſich. Ganz allein le⸗ bend, ohne von irgend Jemand geliebt zu ſein, betete ſie den Geiſt an, und ſo mußten die Werke von Georges Hubert einen großen Eindruck auf ſie machen. Ich brenne auch vor Begierde, zu erfahren, was aus dieſen Büchern, die ſie durch Zufall erhält, entſpringen wird.“ „Biſt Du nicht müde, zu leſen?“ „Nein, nein, höre.“ „Louiſe kannte dem Rufe nach Georges Hu⸗ bert. „„Man hatte in der benachbarten Stadt mit gro⸗ ßem Erfolge mehrere von ſeinen in Paris gefeiertſten Schauſpielen aufgeführt, doch da der Vater von Louiſe dieſe nie in's Theater führte, ſo waren ihr die dramati⸗ ſchen Werke ihres großen Dichters unbekannt, ebenſo auch eine Sammlung von Gedichten und ein kleines Buch betitelt: Gedanken eines ehrlichen Man⸗ nes. „„Dieſe (bis auf den Tag ihrer Veröffentlichung) vollſtändigen Werke waren geſchmückt mit dem Portrait des Verfaſſers und einem Facſimile ſeiner Handſchrift. Louiſe war ſehr erfreut darüber, daß ſie das Portrait dieſes berühmten Mannes beſaß; doch in einer ſeltſamen Phantaſie beſaß ſie den Muth, ſein Bild nicht anzu⸗ ſchauen, bevor ſie ſeine Werke geleſen. „„Dieſe Phantaſie hatte eine der Manien von Louiſe zum Grunde: ſie gefiel ſich darin, in ihrem Geiſte nach dem Charakter der Werke die Phyſiognomien der Schriftſteller, die ſie las, zu bilden. Sie wollte durch die Prüfung erfahren, ob diesmal ihre Einbildungskraft mit der Wirklichkeit im Eintian ſtehe. „„Loniſe las wieder und wieder mit einer unerſätt⸗ lichen Gierde die Werke von Georges Hubert, Schau⸗ ſpiele, Gedichte und Proſa. Es wäre ihr unmöglich, auszu⸗ drücken, was ſie von Bewunderung, Begeiſterung und Ehr⸗ 180 furcht bei dieſer Lecture empfand, — ja ihre Begeiſter⸗ ung vermiſchte ſich mit Ehrfurcht. „„Der Mann, der fähig war, ſich ſo viel herrliche Schöpfungen entſtrömen zu laſſen, mußte durch den Adel, durch die Erhabenheit ſeines Charakters die Ehrfurcht Aller verdienen. Beſonders in dem unter ſeinem zugleich beſcheidenen und würdigen Titel: Gedanken eines ehrlichen Mannes, erſchienenen Buche glaubte Loniſe ihr ſich ganz und gar die Seele von Georges Hubert öffnen zu ſehen. Auf jeder Seite fühlte man gleichſam die Schläge eines feſten, edlen, warmen Herzens; nie wurde das Schöne, das Gerechte, das Redliche in einer überzeugteren Sprache verherrlicht. Beobachtungen von einem tiefen Scharfſinn, Gefühle von außerordentlicher Zartheit oder von einer ſtrahlenden Erhabenheit, uner⸗ ſchütterlicher Glaube an die großen Pflichten des Men⸗ ſchen gegen den Menſchen, rührende Milde gegen die Schwachen, die Unwiſſenden und die Enterbten; ein⸗ fache, klare, heilſame Lehren, treffliche Früchte einer langen Ausübung des Guten, das war dieſes kleine Buch; es enthielt eine ganze Philoſophie, und ſeine Leſung konnte und mußte, wie es Louiſe ſpäter erfuhr, die Böſen beſſern und die Guten noch beſ⸗ ſer machen.““ „Ei! das ſetzt mich gar nicht in Erſtaunen,“ unter⸗ brach Gilbert ſeine Frau. „Minette, erinnerſt Du Dich jener Dame, welche bei der Vorſtellung von Antonia bei uns ſaß und bei der Entwickelung weinend vor Rüh⸗ rung, wie wir auch weinten, zu Dir ſagte: „Würden Sie glauben, Madame, ich bevorzugte eines von meinen Kindern, doch nachdem ich in dieſem Drama geſehen, welche entſetzliche Folgen eine ungerechte Bevorzugung herbeiführen kann, bin ich, das ſchwöre ich Ihnen, für immer geheilt!““ „Das iſt wahr, Ind nichts nöthigte doch dieſe 181 Dame, uns ein ſolches Geſtändniß zu machen, wenn nicht die Wirkung, welche auf ſie das Schauſpiel von Georges Hubert hervorbrachte. Ich wundere mich auch gar nicht über das, was Louiſe don dem Einfluſſe ſagt, welchen ſpäter auf ſie dieſes Buch geübt hat. Wie be⸗ gierig bin ich, zu erfahren, ob ſie richtig erräth, wenn ſie ſich das Portrait von Georges Hubert vorſtellt!“ „Ich theile Deine Ungeduld und ſage mir: Das iſt doch drollig! Morgen wird es meine Gilberte ſein, wel⸗ che Alles das, was wir zu dieſer Stunde leſen, ſo wie es die unſichtbare Hand unter unſern Angen ſchreibt, gedacht, empfunden und geſchrieben hat“ „Ah! biſt Du verrückt, Geliebter?“ „Wie! wenn ich Georges Hubert werde und Du wirſt Louiſe, — unter uns geſagt, das ſcheint mir ganz dieſe Wendung zu nehmen, — wird dann nicht Alles das, was Louiſe begegnet iſt, Dir begegnet ſein?“ „Es iſt wahr, ich dachte nicht hieran. Mein Gott! wie beluſtigend iſt es, ſeine Zukunft in verkehrter Richtung zu leſen! Ich fahre raſch fort: „Louiſe bedurfte auch eines gewiſſen Muthes nach dem Leſen dieſes kleinen Buches, ſowie der Dramen und der Gedichte von Georges Hubert, um der glühenden Luſt, die Züge des Schriftſtellers zu betrachten, deſſen Genie ſie entzückte, zu widerſtehen. Bei jedem tiefen oder reizenden Gedanken, bei jedem Rufe des Herzens bei jedem durch eine göttliche Sprache verdol⸗ metſchten Aufſchwung der Seele ſtarb Louiſe vor Ver⸗ langen, zu dem an der Spitze des erſten Bandes befind⸗ lichen Portrait zu eilen, doch ſie wußte der Verſuchung zu widerſtehen und gab erſt nach, nachdem ſie die Werke des Dichters mit jenem doppelten Vergnügen geleſen, das man empfindet, wenn man eine reizende Landſchaft, deren Anblick einen tiefen Eindruck auf uns hervorge⸗ bracht hat, abermals durchwandert. Dann erſt ſchätzt 182 man, genießt man mit Muße tauſend Schönheiten, tau⸗ ſend Einzelnheiten, die ſich beim erſten Anblick in der Größe des Geſammtweſens verloren haben. „Nachdem ſie ihre Leſung beendigt, ſchloß Louiſe das Buch, ſann lange nach und ſagte zu ſich ſelbſt: Georges Hubert muß dreißig bis ſechsunddreißig Jahre alt ſein; nur ein Mann von dieſem Alter kann die tiefe Kenntniß des menſchlichen Herzens beſitzen, welche die großen Werke dieſes Dichters auszeichnet; der Ausdruck ſeiner Pyyſiognomie muß ernſt und nachdenkend, geiſt⸗ reich und wohlwollend ſein. „„Ernſt und nachdenkend, weil dies der Charakter iſt, den ſeinen Zügen die Gewohnheit der Ar⸗ beit und des Nachſinnens einprägen mußte. „G eiſtreich, weil der Geiſt in den Dialogen gewiſſer Perſonen in ſeinen Dramen ſprüht. „„Wohlwollend endlich, weil ſeine Seele ſich bei jedem ſeiner Gedanken eines ehrlichen Man⸗ nes offenbart, und weil Georges Hubert weſentlich gut ſein muß . mit jener himmliſchen Güte, welche in den Augen Gottes den einfältigen Menſchen zu der Höhe des Mannes von Genie erhebt, deſſen Macht ſie ver⸗ doppelt. „„Louiſe hob mit einer gewiſſen Unruhe langſam das weiße Seidenpapier auf, durch das unbeſtimmt das Bild des Dichters erſchien; hätten der Ausdruck und der Charakter dieſes Portraits nicht dem Bilde entſprochen, das ſie träumte, ſo würde Louiſe, ſie geſteht es, eine peinliche Enttänſchung empfunden haben. Wie groß war daher ihre Freude, als ſie, ſo wie ſie das durchſichtige Blatt aufhob, ein junges und edles Geſicht erſcheinen ſah, deſſen männliche Feſtigkeit ſich mit der Milde und der Sanſtmuth paarte. „„Wie lange blieb Loniſe in dieſe Betrachtung verſunken? Sie weiß es nicht, doch als die Nacht gekom⸗ men war, betrachtete ſie noch das Portrait von Georges 183 Hubert, oder ſie betrachtete vielmehr Georges Hubert ſelbſt, denn von einer Art von Sinnentäuſchung erfaßt, glaubte ſie dieſes Bild ſich belebeff, das Colorit des Le⸗ bens an die Stelle der dunklen Tinten des Stiches tre⸗ ten, die nachdenkenden Augen in ihrer Höhle, ſich auf ſie heftend, glänzen und den friſchrothen Mund voll Güte ihr zulächeln zu ſehen.““ „Ah! deſto beſſer,“ ſagte Gilberte, „die arme Louiſe hatte richtig errathen . Siehſt Du, Bibi, von dieſem Augenblick an wird ſie ſich ohne Zweifel in Georges Hubert verliebt haben; doch wie hat ſie Bekanntſchaft mit ihm gemacht?“ „Das wirſt Du durch mich erfahren, denn nun werde ich auch leſen; Du ſollſt Dich nicht ermüden.“ Ich verſichere Dich, daß mich das nicht ermüdet.“ „Minette, ich bitte Dich, es wird für mich ein Ver⸗ gnügen ſein.“ „Oh! ſo lies, mein Lieber,“ ſagte Gilberte. Dann fügte ſie, auf den durch das Geräuſch des Regens und das Pfeifen des Windes halb verſchleierten Klang einer in der Ferne ſchlagenden Uhr horchend, bei: „Hörſt Du, ſchon neun Uhr! Mein Gott! wie ſchnell die Zeit vergeht! Welch ein guter Abend!“ „Und welch ein guter Tag! Plandernd arbeiten, heiter zu Mittag ſpeiſen und dann bei einem behaglichen Feuer eine anziehende Lecture machen!“ „Bibi, lies beſonders nicht zu raſch.“ „Sei unbeſorgt und höre nun: „„Eine leichte Unpäßlichkeit vorſchützend, erſchien Louiſe an dieſem Abend nicht am Tiſche ihres Vaters; ſie trennte das Portrait aus dem Innern des Buches los und ſchloß es in ein Kiſtchen, in welchem ſie ihre koſtbarſten Gegenſtände aufbewahrte: ein Medaillon, Haare 184 von ihrer Mutter enthaltend und einige Juwelen von ziemlich großem Werthe, die dieſe getragen. „Obgleich wach, träumte Loniſe die ganze Nacht hindurch von Georges Hubert. Warum hatte er mehr als irgend ein anderer gleichzeitiger und ebenſo berühm⸗ ter Schriftſteller einen ſo tiefen Eindruck auf das Mäd⸗ chen hervorgebracht? Loniſe ſuchte Anfangs dieſe Em⸗ pfindung nicht zu analyſiren, ſo glücklich und ſtolz fühlte ſie ſich, daß ſie von derſelben erfüllt war. Später aber ſagte ſie ſich nicht ohne Grund, kein anderer Schriftſteller, wie groß auch ſeine Genie ſein mochte, habe bis dahin ſo völlig den geheimen Sympathien ihre Seele entſpro⸗ chen und ganz und gar die Verwandtſchaften ihres Gei⸗ ſtes befriedigt; ſie dachte, es ſei mit den Werken des Dichters wie mit denen des Malers oder des Muſikers: obſchon von gleichem Verdienſte, gefallen dieſe oder jene Symphonie, dieſes oder jenes Gemälde Allen, flößen aber nur Einigen Leid enſchaft ein, und dann erklärte ſie ſich noch die Exaltation ihrer begeiſterten Bevorzugung von Georges Hubert durch das Leſen einer biographiſchen Notiz, die oben an ſeinen Werken ſtand und von einem Freunde geſchrieben war, der nicht weniger berühmt als derjenige, welchem er ſeine Zeilen gewidmet hatte. „„Dieſe, von jeder lobredneriſchen Uebertreibung freie, Biographie gab hochſt intereſſante Einzelnheiten über das Leben von Georges Hubert. Er war nicht ver⸗ heirathet, brachte oft Monate lang in einer völligen Zurückgezogenheit zu, wo er ſeine Schriften verfaßte, miſchte ſich dann abermals in die Welt, in ihre Feſte, beſuchte die verſchiedenſten Claſſen der Geſellſchaft, reiſte, und ſeine Exiſtenz wurde dann ſo thätig, ſo weltlich, ſo velebt, als ſie zuweilen einſam und verſchloſſen war⸗ Nach ſeiner Biographie verdankte Georges Hubert ſeiner ſeltenen Beobachtungsgabe die tiefe Kenntniß des menſch⸗ lichen Herzens, die ſich in ſeinen Werken offenbarte: der Biene ähnlich, welche, in ihre Zelle zurückgezogen, ihren 185 Honig aus den Säften von tanſend verſchiedenen Blu⸗ men zuſammenſetzt, kehrte der Dichter, nachdem er wäh⸗ rend der Perioden ſeines thätigen Lebens viel geſehen, viel gefühlt, viel erfahren hatte, in ſeine Einſamkeit zu⸗ rück, wo er nach Muße dieſe zahlreichen Früchte ſeiner Beobachtung ausarbeitete und eines von ſeinen großen, mit Recht bewunderten Werken erzeugte. Einige ver⸗ trauliche Bemerkungen über die Familie, über die erſte Jugend, hüber die Arbeitsgewohnheiten von Georges Hubert ſchloßen dieſes Studium, eine ſehr gerechte und ſehr erhabene Würdigung des Talentes dieſes großen Schrifiſtellers und ſeiner edlen Eigenſchaften als Pri⸗ vatmann. „„Nichts fehlte alſo der Bekanntſchaft, welche Louiſe mit Georges gemacht hatte. Schon vertraut mit ſeinen Zügen, von ſeinem Alter, ſeinem Geburtsorte, der Lage ſeiner Familie, den Einzelnheiten ſeines Lebens unterrichtet, fing das Mädchen, das beſonders tief in ſeine Seele durch ſeine Schriften eingedrungen war, an Georges Hubert leidenſchaſtlich zu lieben. „„Weit entfernt, wahnſinnig zu ſcheinen, war dieſe Liebe, wenn man darüber nachdenkt, natürlich, richtig, logiſch. Was liebt man bei einem Menſchen? Seinen Geiſt, ſein Herz, ſein Geſicht. Loniſe konnte Alles dies bei Georges Hubert lieben, weil ſie ihn durch den Glanz ſeiner Berühmtheit, der ſein Bild, ſein inneres Leben, ſeinen Charakter, ſeine Gewohnheiten beleuchtete, ohne ihn je geſehen zu haben, tauſendmal beſſer kannte, als viele Frauen den Mann kennen, den ſie heirathen. „Die Liebe von Louiſe nahm immer mehr zu: mehrere Male des Tags öffnete ſie ihr Kiſtchen, um die Züge des Mannes zu betrachten, der ihren Geiſt, ſo zu ſagen, abſorbirte; ſie lernte ſeine Verſe auswendig, ſchrieb wieder und wieder gewiſſe Stellen von ſeinen Werken ab, in denen ſie ganz beſonders den perſönlichen 186 Gedanken des Dichters zu errathen glaubte; bei Nacht endlich träumte ſie von ihm. „„Jede tiefe Leidenſchaft zerſtreut von dem, was in keiner Beziehung zu dieſer Leidenſchaft ſteht; ſo war es bei der Liebe von Louiſe. Sie beſchäftigte ſich weniger ſorgfältig mit der Beaufſichtigung des Hausweſens ihres Vaters, und an einem Donnerſtag, als nach dem Mit⸗ tageſſen die Gäſte ſich anſchickten, die Flaſchen munter kreiſen zu laſſen, fanden ſich die Flaſchen leer, wie ſie ſeit dem vorhergehenden Donnerſtag geblieben waren. „„Der Zorn des Vaters von Louiſe war furchtbar; er behandelte ſie vor ſeinen Gäſten mit einer demüthi⸗ genden Härte. Unfähig ſich zu verſtellen und an ſich zu halten, autwortete Louiſe mit Stolz; belebt durch den Wein, aufgeregt durch die Gegenwart ſeiner Freunde, vergaß ſich ihr Vater, der ſich ohne Zweifel in ſeiner Eigenſchaft als alter Soldat, wie er ſich wohlgefällig nannte, heftig und unbarmherzig zu ſein verpflichtet glaubte, ſo weit, daß er ihr folgende Worte ſagte: — Sie ſind eine Elende, Sie werden, wie Ihre Mutter . . ein ſchändliches Weib werden. Ich weiß nicht, was mich zurückhält, Sie aus meinem Hauſe zu jagen! Dazu hätte ich das Recht, verſtehen Sie! . Ja, ich hätte das Recht, Sie aus meinem Hauſe zu jagen, denn wenn ich Sie als meine Tochter betrachte, ſo ge⸗ ſchieht dies aus Mitleid . . . . Denken Sie über dieſe Worte nach und hüten Sie ſich, meine Geduld zu er⸗ müden! —“ „Auf dieſe dem Andenken ihrer Mutter vor trun⸗ kenen Menſchen zugefügte Veleidigung antwortete Louiſe nichts; ſie verließ den Speiſeſaal, ging in ihr Zimmer hinauf, überlegte einen Theil der Racht, und als der Morgen anbrach, war ihr Entſchluß gefaßt. Von Zeit zu Zeit entfernte ſich ihr Vater in Geſchäften von Hanſe. Eine von dieſen Reiſen fand am zweiten Tage nach dem Abend ſtatt, wo er, nachdem er das Andenken ihrer Mut⸗ — —— 187 ter geſchmäht, Louiſe drohte, er werde ſie aus ſeinem Hanſe jagen, und ihr zu verſtehen gab, ſie ſei nicht ſeine Tochter, und er habe ſie bis jetzt nur aus Mitleid bei ſich behalten. „„Da ſie, als mütterliches Erbe, mehrere werth⸗ volle Juwelen beſaß, die ihr ihr Vater beim Austritt aus der Koſtſchule gegeben hatte, um, wie er ſagte, die letzten Wünſche ſeiner Frau zu erfüllen, ſo konnte ſich Loniſe eine ziemlich bedeutende Summe verſchaffen; ſie hatte ſich durch ihre Güte die Zuneigung von einer der Die⸗ nerinnen des Hauſes erworben, und ſie erſuchte dieſes Mädchen, ihre Flucht zu erleichtern. Die Dienerin wil⸗ ligte ein und übernahm es, unter einem entlehnten Na⸗ men einen Platz auf der Diligence nach Paris zu be⸗ ſtellen und zwei Diamantohrringe zu verkaufen, welche die Koſten der Reiſe und wohl auch noch darüber decken ſollten. Die Dienerin ſchaffte aus der Wohnung, als ob er ihr gehörte, einen Koffer, der einen Theil der Kleider von Louiſe enthielt, und ihr Kiſtchen mit ihren Juwelen und dem Portrait von Georges Hubert fort. Als der Augen⸗ blick der Abreiſe gekommen war (die Diligence verließ die Stadt um acht Uhr Abends), ging Louiſe mit der Dienerin aus, um, wie ſie ſagte, eine Freundin in der Nachbarſchaft zu beſuchen. — Wenige Augenblicke nach⸗ her batte ſie für immer die Wohnung ihres Vaters ver⸗ laſſen, und ſie begab ſich auf den Weg nach Paris.““ „Da ſteckt der Knoten!“ rief Gilbert. „In Paris wird Loniſe ohne Zweifel Georges Hubert treffen.“ „Gleichviel,“ verſetzte Gilberte, „dieſes arme Mäd⸗ chen bedurfte eines tüchtigen Entſchluſſes, um ſich ſo ganz allein auf den Weg nach Paris zu begeben; ich ſage das nicht meinetwegen, denn wir Leute von der kleinen Welt, die wir unter der Obhut des guten Gottes leben, ſind nicht gewohnt, immer eine Dienerin auf den Ferſen zu haben, wenn wir ausgehen; doch für ein ſolches Fräu⸗ lein iſt es peinlich, ſich ſo dem Zufalle preiszugeben. An 188 der Stelle von Loniſe hätte ich es übrigens gemacht wie ſie; es koſtet keine Ueberwindung, um einen ſo boshaf⸗ ten Vater zu verlaſſen, der abſcheuliche Dinge von un⸗ ſerer Mutter ſagt, welche todt iſt, und uns vorwirſt, er habe uns nur aus Mitſeid bei ſich behalten! . . . Sprich, iſt denn das ein Vater?“ „Du haſt ganz Recht, Minette, und dieſer alte Bur⸗ ſche, der ins Gelag mit den Schlachten prahlt, die er nur von Weitem geſehen, macht auf mich ganz den Ein⸗ druck eines bürgerlichen Pouſſard.“ „Das iſt wahr, doch wie wird Louiſe mit Georges Hubert zuſammentreffen?“ „Wir werden das ſehen, Minette.“ XII. Gilbert las weiter: „Als Louiſe nach ihrer Ankunft in Paris in einem beſcheidenen Hotel ein Zimmer gemiethet hatte, war ihre erſte Sorge, daß ſie ſich nach der Wohnung von Georges Hubert erkundigte; bei der Berühmtheit des Dichters erhielt ſie leicht hierüber Auskunft; durch einen ſeltſamen, glücklichen Zufall erfuhr ſie zu gleicher Zeit, daß man an dieſem Abend im Theatre⸗Frangais zum erſten Male ein Drama von Georges Hubert aufführte. Couiſe ſchreibt dieſe Erzählung gerade zwei Jahre nach der erſten Vor⸗ ſtellung von Octavins.) Sie konnte ihr lebhaftes Ver⸗ langen, dieſer Vorſtellung beizuwohnen, nicht verbergen, und nahm das Anerbieten eines Aufwärters von ihrem Hotel, einen Balconſperrſitz für ſie zu miethen, an. Doch der Bote kam mit einer ſchlimmen Nachricht zurück; alle Plätze waren längſt genommen, denn wenn man ein Stück von dieſem berühmten Schriftſteller gab, ſo pflegte ſich das Publikum hinzuzudrängen; er habe jedoch, fügte der Auf⸗ 139 wärter bei, unter dem Säulengange des Schauſpielhauſes einen von jenen Menſchen getroffen, welche mit Theater⸗ billets handeln, und dieſer habe ihm einen Balconſperrſitz um den ungeheuren Preis von hundert Franken au⸗ getragen. Entzückt, zu ſehen, mit welcher Gierde man die Werke des Dichters, den ſie anbetete, aufnahm, über⸗ gab Louiſe dem Boten die hundert Franken und war bald im Beſitze des erſehnten Billets. Sie wählte aus ihrem beſcheidenen Gepäcke ihr friſcheſtes Kleid, putzte ſich, ſo gut ſie nur immer konnte, aus Eitelkeit für Georges Hubert, den ſie nie geſehen, und erwartete mit einer fieberhaften Ungeduld den Augenblick, ſich ins Thea⸗ ter zu begeben. Als die Stunde geſchlagen hatte, ſtieg ſie in einen Fiacre, und bald ſaß ſie auf dem von ihr gemietheten Platze. „„Das Aufziehen des Vorhangs erwartend, betrachtete Louiſe mit Verwunderung und Neugierde die glänzende Geſellſchaft, welche allmälig in den zum Voraus gemie⸗ theten Logen Platz nahm: jeden Augenblick traten Frauen in großer Toilette ein, und das Mädchen hörte unter dieſen ſeine Nachbarn die am meiſten von der Mode des Tages gefeierten oder durch ihre Geburt durch ihr Ver⸗ mögen am höchſten geſtellten Damen bezeichnen. Die Männer, von denen ſie begleitet wurden, vertraten, nach dem geheiligten Ausdruck, die Elite der Geſellſchaft: es erſchienen Herren vom hohen Adel, Gelehrte, Mini⸗ ſter, Schriftſteller und berühmte Künſtler; endlich ſah Louiſe in eine prachtvoll geſchmückte Loge ihr gegenüber die Prinzen und die Prinzeſſinnen von königlichem Ge⸗ blüte eintreten, welche die Ungeduld der niedrigſten Zu⸗ ſchauer theilten. Dieſe vornehmen Perſonen begaben ſich auch ins Theater, ehe der Vorhang aufging. O wunderbare Macht des Geiſtes,“ dachte Louiſe, „„weil es Georges Hubert gefallen hat, ein Schauſpiel zu ſchreiben und es heute aufführen zu laſſen, laufen hohe Damen, von der Mode gefeierte Frauen, Dichter, Künſtler, vornehme Herren, königliche Prinzen und Prin⸗ zeſſinnen, kurz, es läuſt die feine Blüthe dieſer Ariſto⸗ kratie des Talentes, des Rangs, des Vermögens oder der Eleganz, die nicht ihres Gleichen bei irgend einem Volke von Europa hat, nur beim Namen des Dichters neu⸗ gierig, ungeduldig herbei, um dieſer literariſchen Feier⸗ lichkeit beizuwohnen! Zu den Plätzen, welche um einen mäßigen Preis verkauft werden, drängt ſich dann die Elite einer arbeitſamen, verſtändigen, erleuchteten und die Kunſt liebenden Bevölkerung; leidenſchaftlich, glühend, enthuſiaſtiſch, iſt ſie auch beim Namen von Georges Hu⸗ bert, ihrem Lieblingsdichter, herbeigeeilt, denn ſie verehrt ihn, weil jedes von ſeinen Werken eine Lehre iſt, — eine Lehre, groß wie das Volk, dem er ſie gibt! „Dieſen Zuſammenſtrom von Perſonen von ſo ver⸗ ſchiedenen Ständen und Lebenslagen, welcher Millionär, welcher Fürſt, welcher König hätte die Macht, ihn einzig und allein durch die Zauberkraft ſeines Namens anzu⸗ ziehen? Wie kindiſch ſind dieſe Empfangsfeierlichkeiten bei Hofe, dieſe militäriſchen Paraden, dieſe weltlichen Feſte, zu denen die Etiquette, die Pflicht oder die Eitel⸗ keit die Geladenen ziehen, gegen dieſes Feſt der Intelli⸗ genz, welches ſich an das wendet, was wahrhaft Göttli⸗ ches der Menſchheit iſt: an die Seele, den Geiſt, das Herz ? „— Ein paar Worte von einem der Nachbarn von Louiſe, einem alten Stammgaſte des Theaters, vèrwan⸗ delten in Bangigkeiten die Trunkenheit, die Extaſe, in die ſie wonniglich verſunken war. „Ich liebe und bewundere gewiß ſo ſehr als ir⸗ gend Jemand das Talent von Georges Hubert,“ ſagte der alte Stammgaſt zu andern Zuſchauern, „aber ich wage es nicht, zu hoffen, daß er abermals einen Succeß erlangt; man erwartet zu viel von dieſem neuen Drama. Und wäre es auch noch vortrefflicher als das erſte, was 191 nicht wahrſcheinlich iſt, ſo erlahmt doch die Bewunderung und das Glück wird müde. —“ „„Dieſe Worte, obgleich ſie fern von aller Bosheit waren, verletzten Louiſe; ſie fand ihren Nachbar ſehr dünkelhaft und wußte ihm ſchlechten Dank dafür, daß er den neuen Triumph von Georges Hubert in Zweifel ſetzen wollte; da ſie aber bedachte, daß das Genie im Ganzen auch fehlen kann, ſo fand ſie ſich von einer Herz⸗ beklemmung ergriffen, welche zu einer wahren Qual wurde, als, nachdem die drei herkömmlichen Zeichen hin⸗ ter dem Vorhange der Bühne gegeben waren, der Vor⸗ bon langſam unter einem religiöſen Stillſchweigen aufging. 35 dieſem feierlichen Augenblick fühlte Louiſe, wie es ihr ganz ſchwach ums Herz wurde, wie ihr Blick ſich trübte. Hätte ſie die Kraft gehabt, aufzuſtehen, ſie würde ihren Platz verlaſſen haben, um dieſer für ſie neuen Marter zu entgehen. Doch ſie konnte keine Bewegung machen und blieb bezaubert durch das Schauſpiel, das ſich vor ihr zu entrollen anfing. „„Den Blick ſtarr, den Hals geſpannt, den Buſen wogend, die Hände krampfhaft auf die Randleiſte des Balcon gepreßt, empfand Louiſe bald einen ſeltſamen Eindruck. Es ſchien ihr, als vervielfältigten ſich bei ihr die Sinne des Geſichts und des Gehörs ins Unend⸗ liche. Den Kopf unabläßig der Bühne zugewendet, ver⸗ lor ſie nicht eine Geberde der Schauſpieler, und dennoch ſah ſie den ganzen Saal; ſie verlor nicht eine Geberde, nicht einen Athemzug, nicht einen Hauch dieſes phanta⸗ ſtiſchen, nervöſen, empfänglichen, empfindlichen, mißtraui⸗ ſchen, argwöhniſchen und dennoch gefühlvollen, ſympa⸗ thetiſchen Weſens, welches man das Publicum nennt.. . „„Dieſen Abend, und von Anfang an war das Publi⸗ cum während des erſten Acts kalt; die Zuſchauer ſchienen durch ihren Eifer, durch die Pünktlichkeit, mit der ſie dem Rufe des Dichters gefolgt waren, hinreichend ihre 192 Theilnahme für ſein neues Werk bewieſen zu haben, und abgeſehen von einem ſpärlichen, einige Male ſich wiederholenden Klatſchen, erhielt der erſte Act, indeß er eine lebhafte Neugierde, erregte, kein glänzendes Zeichen von Billigung. „„Als der Vorhang heruntergelaſſen war, hörte Louiſe unter dem Geſumme der einzelnen Geſpräche Worte, welche abwechſelnd ihre Bangigkeiten beſänftigten oder verdoppelten. „Hm!“ ſagte der alte Stammgaſt, der Louiſe ſo dünkelhaft geſchienen hatte, „das Publicum iſt heute Abend ſchwer zu erregen, es hält ſich in der Defenſive und will ſich mit gutem Vorbedacht nicht ergeben; doch es iſt im Ganzen im Intereſſe von Georges Hubert ſelbſt beſſer, daß der erſte Act nicht wärmer aufgenom⸗ men wurde. Man darf den erſten Acten, welchen zu viel Beifall geſpendet wird, nicht trauen; oft erdrücken ſie die andern.“ „Der Herr hat ganz Recht,“ ſagte ein anderer Nachbar von Louiſe, „erſt im dritten Acte erklärt ſich der Beifall; bis jetzt erregt dieſes Drama hinreichend die Neugierde; die Charaktere ſind ſcharf hervorgeſtellt, einige davon ſind neu und ſehr originell; man muß nun war⸗ ten. wir werden ſehen.“ „Der Gedanke des Stückes, ſo weit man ihn er⸗ rathen kann, ſcheint mir zu philoſophiſch,“ bemerkte ein anderer Zuſchauer, „und die Philoſophie im Theater läuft ſehr Gefahr, langweilig zu werden.“ „Ich ziehe das nicht in Abrede, doch wenn ſich der philoſophiſche Gedanke mit einer ergreifenden dramatiſchen Handlung verbindet?“ „Ah! dann iſt es etwas Anderes: bis jetzt aber iſt die Handlung des Dramas beinahe keine; warten wir indeſſen. . . wir werden ſehen.“ „„Während dieſer Geſpräche, von denen ihr kein Wort entging, empfand Loniſe hald grauſame Ohnmachten, 193 bald unausſprechliche Hoffnungen; was ihre perſönlichen Eindrücke betrifft, ſo dünkte ihr dieſer Act äußerſt an⸗ ziehend, erhaben und erregte lebhaft ihre Neugierde. „Bald herrſchte abermals eine religiöſe Stille im Saale und zum zweiten Male hob ſich der Vorhang. „Man denke ſich die Freude, die wachſende Trun⸗ kenheit des Mädchens! Vem Ende dieſes zweiten Actes bis zur Entwickelung ging das Anfangs kalte, zurück⸗ haltende, mißtrauiſche Publicum durch alle Phaſen der Bewunderung und des Enthuſiasmus! „„Oh! wie viele Thränen floßen an dieſem Abend durch die Rührung und die Gemüthserſchütterung ent⸗ riſſen! welche wüthende Bravos! welche Entzückungen! Die eleganteſten Frauen, die ernſteſten Männer, die Prinzen und die Prinzeſſinnen von königlichem Geblüte klatſchten nicht minder warm Beifall, als die im Par⸗ tetre ſitzen Zuſchauer, und als nach dem fünften Acte, der dikſen ungeheuren Saal ſtumm, bebend und zu leidenſchaftlich bewegt hielt, als daß die Zuſchauer an lante Zeichen des Beifalls hätten denken können, ein Ausbruch von wüthendem Geſchrei den Verfaſſer verlangte da laſſen ſich die ruhmvollen Acclamationen nicht ſchildern, mit denen ſein Name begrüßt wurde, ſobald einer der Schauſpieler die einfachen Worte ſprach: „„Meine Herren, das Drama, das wir vor Ihnen aufzuführen die Ehre gehabt haben, iſt von Herrn Georges Hubert.“ „„Zwei von den königlichen Prinzeſſinnen warfen im unwillkürlichen Erguſſe ihrer Bewunderung ihre Sträuße als eine dem großen Schriftſteller dargebrachte Huldigung auf die Bühne. Dieſes Beiſpiel wurde von den Frauen nachgeahmt, welche in den andern Logen in der Nähe der Stene ſaßen, und bald kreiſten die Worte von Mund zu Mund unter den Zuſchauern: „„Da iſt Georges Hubert . . da iſt er in der königlichen Loge!““ Gilbert und Gilberte. 1. 1³ 194 „„Alle diejenigen, welche ſo ſaßen, daß ſie den Dich⸗ ter erſchauen konnten, erhoben ſich neugierig auf ihren Sigen oder neigten ſich aus ihren Logen und ſie ſahen Georges Hubert im Hintergrunde der königlichen Loge. Obgleich durchaus kein Hofmann, hatte der Dichter doch den Wünſchen der Prinzeſſinnen entſprechen müſſen, welche nicht einen ihrer Cavaliere, ſondern ihren Bru⸗ der abgeſchickt und Herrn Georges Hubert hatten bitten zu laſſen, er möge zu ihnen kommen, um ihre innigſten Glückwünſche zu ſeinem glänzenden Trinumphe zu empfan⸗ gen. Eine ſolche zugleich wohlwollende und ehrenvolle Zuvorkommenheit konnte der ausgezeichnete Mann nur durch Willfährigkeit erwiedern; er begleitete alſo in die königliche Loge den Bruder der Prinzeſſinnen und erhielt von ihnen die zarteſten Lobſprüche. In dieſem Augen⸗ blicke wurde er von mehreren Zuſchauern bemerkt, und abermals erſchollen enthuſiaſtiſche Bravos zugleich an den Schriftſteller und an die Prinzeſſinnen gerichtet, welche ſo öffentlich dem Genie ihre Huldigung darbrachten. „„Georges Hubert nahm, mit vollkommenem Tact, dieſen Beifallsſturm zum Vorwand, um ehrerbietig aus der Loge wegzugehen, nachdem er gegen die Prinzeſſin ausgedrückt hatte, wie ſehr er von ihrem Empfange ge⸗ rührt ſei. „„Hätte Louiſe noch einige Gewiſſensbiſſe wegen ihrer leidenſchaftlichen Liebe für Georges Hubert em⸗ pfunden, ſo würden die Begeiſterung, die er aufs Neue erregt, und die verdienten Auszeichnungen, deren Ge⸗ genſtand er war, aus ihrer Seele jede Bedenklichkeit ver⸗ jagt haben; doch weit entfernt, über ihre Liebe zu er⸗ röthen, fühlte ſie ſich ſtolz darauf, daß ſie ſich zu einer ſolchen Wahl zu erheben gewußt: in ihrer Exaltation verließ ſie auch haſtig das Theater, durchſchritt die Menge, in der ſie abermals den Dichter verherrlichen hörte, ſtieg in einen Fiacre und ließ ſich vor die Thüre des Hanſes von Georges Hubert fahren, nach deſſen 15⁵ Adreſſe ſie ſich ſogleich bei ihrer Ankunft in dem Hotel, wo ſie wohnte, erkundigt hatte.““ „Oh! mein Gilbert,“ rief Gilberte mit einer treu⸗ herzigen Freude, ihren Mann unterbrechend, „welches Glück gewährt mir der Gedanke, morgen werdeſt Du der bewunderte, gefeierte Dichter ſein, dem die Prinzeſſinnen, nachdem ſie ihn durch ihren Bruder, auch einen Prinzen! hatte holen laſſen, reizende Dinge geſagt haben müſſen. Welche Begeiſterung hat dieſes Drama Octavius hervor⸗ gebracht! Darüber wundere ich mich nicht, wenn ich nach der Gemüthsbewegung urtheile, die uns an jenem Abend, als wir ihn lafen, erfaßte. Geſtehe auch Deiner Minette offenherzig, wie ſtolz Du morgen darauf ſein wirſt, daß Du Georges Hubert biſt!“ „Bei meiner Treue, ich leugne es nicht,“ erwiederte Gilbert, der ſich in die Bruſt warf: „ein ſolcher Triumph muß einen um hundert Fuß erhöhen, und von dieſer Höhe herab, ich geſtehe es, werde ich ſehr gern Mar⸗ quis, Prinzen, Millionäre, Miniſter und Andere wie niedriges Volk ſehen. Oh! nein, nein, es gibt auf der Welt kein glücklicheres Loos, als das von Georges Hu⸗ bert, beſonders wenn ſeine Louiſe ihn liebt, wie Du mich liebſt, meine Gilberte.“ „Kann da nur ein Schatten von einem Zweifel beſtehen? Arme Loniſe! Ah! ich begreife, daß, nachdem ſie Zenge eines ſolchen Triumphes geweſen, Georges Hubert ihr den Kopf vollends verrücken mußte; es war aller Grund da, um vor Liebe toll zu werden; . doch ich finde ſie ſehr kühn, daß ſie zu dem Dichter geht .. ich hätte es an ihrer Stelle nicht gewagt. Und dann, was wird ſie ihm ſagen? Einem ſo erhabenen Manne ge⸗ rade ins Geſicht reden! Das iſt erſchrecklich! Ich glaube, in einer ſolchen Lage könnte ich nicht zwei Worte hinter einander finden.“ „Ich auch nicht, oder, was noch ſchlimmer iſt, ich 156 würde befürchten, nur alberne Worte zu finden, wie an dem Tage, wo man mir zum erſten Male Herrn Ingres, zeigte . . den großen Ingres, den modernen Raphael! Er ging durch die Rue Saint⸗Honors wie ein ganz ein⸗ facher Menſch, die Hände auf dem Rücken, ſeinen Regen⸗ ſchirm unter dem Arm haltend; er läßt den Schirm fallen, ich ſtürze darauf, hebe ihn auf und gebe ihm den⸗ ſelben zurück, ganz glücklich darüber, daß ich den Regen⸗ ſchirm des großen Ingres aufheben durfke und einen ſo berühmten Mann anſehen konnte. Artig ſagt er zu mir: „„Mein Herr, ich danke Ihnen tauſendmal, duß Sie ſich bemüht haben.““ Da ſchlägt mein Herz, ich ſehe ſechs und dreißig Lichter, bin ganz verwirrt, ſtammle ohne zu wiſſen, was ich ſage, antworte dem großen Mann, als ob er ſich nach meinem Befinden erkundigt hätte, und artikulire mit Mühe die Worte: „„Sehr wohl! und Sie? ich danke.““ „Armer Bibi! Herr Ingres wird Dich für einen Einfaltspinſel gehalten haben.“ „Dieſer große Mann hatte hiezu das Recht, Mi⸗ nette! Doch er iſt ſo gutmülhig, daß er mit meiner Ver⸗ legenheit Mitleid gehabt haben wird. Welch ein vor⸗ trefflicher Maler! einen Augenblick hatte ich Luſt, von der Korrigan zu verlangen, der große Ingres zu ſein. Für mich, einen armen Lithographen, müßte mit einem Schlage Ingres werden geweſen ſein als ob ein Rekrut Marſchall von Frankreich geworden wäre.“ „Das glaube ich wohl!“ „Doch ich habe mich wieder eines andern großen Malers erinnert. . . Du weißt, Leopolld Robert .. . ich ſprach mit Dir von ihm.“ „Ja, ja, der Unglückliche hat ſich das Leben ge⸗ nommen . aus Verzweiflung . . . wegen eines ver⸗ fehlten Bildes.“ „Ach! ja und das hat es mir entleidet, Herr Ingres ſein zu wollen, — obſchon ich feſt überzengt 197 bin, daß er nicht endigen wird, wie Leopold Robert. Denn der Papa JIugres verfehlt ſeine Bilder nicht. Doch gleichviel ich fühlte mich ſehr abgekühlt in Betreff meines Wunſches, großer Maler zu ſein, indem ich mich des Schickſals von dieſem armen Leopold Robert erinnerte.“ „Und dann, bedenkſt Du auch? hört je ein Maler, und wäre ſo berühmt wie dieſer Herr Ingres, ſo wü⸗ thende Bravos wie die, welche Georges Hubert gehört hat? Und es iſt mir Alles daran gelegen, daß man Dir Beifall klatſcht, Bibi, daß man Dir voll Begeiſterung zujauchzt!“ „Ei! meine Minette, das werde ich ſehr gern zu⸗ geben!. .. Doch wo ſind wir? Ich glaube, bei dem Augenblick, wo Louiſe vor der Thüre von Georges Hu⸗ bert ausſteigt.“ „So iſt es! Ah! mein Herz klopft für dieſe arme Louiſe!“ Und ſie las alſo weiter: „„Georges Hubert wohnte am Ende der Rue Blanche, in welchem Quartier ſich noch große und zahlreiche Gär⸗ ten fanden; Louiſe ließ ihren Wagen unfern vom Hauſe des Dichters halten und ſtieg aus „„Die Nacht war herrlich, eine Nacht am Ende des Mai, erleuchtet durch einen glänzenden Mond. „„In Erwartung von Georges Hubert, ging das Mädchen an einer Mauer auf und ab, hinter der gerade blühende Acacien und Eibenbäume ſtanden. Ihr ſüßer Wohlgeruch verbreitete ſich fernhin in der Straße. Einige in den Bäumen niſtende und mit einander in melodiſchen Accorden wettſtreitende Nachtigallen ſangen, antworteten ſich und ſtörten allein die Stille der in dieſem Quartier immer ſo ruhigen Nacht. „Louiſe fühlte ſich von tiefen, verſchiedenartigen Ge⸗ müthöbewegungen ergriffen. Der ſo lange erſehnte Augen⸗ 198 blick war nahe! ſie ſollte endlich Georges Hubert ſehen und ihn ſprechen. Was konnte ſie ihm ſagen? Sie wußte es noch nicht und wollte nicht daran denken! Ein unbe⸗ ſtimmtes Vorgefühl ſagte ihr indeſſen, ihr Schickſal müſſe von dieſer Unterredung mit dem Dichter abhängen. Die Stunde rückte vor, und er war doch noch nicht nach Hauſe zurückgekehrt; vergebens horchte das Mädchen, ſchaute es weit hinaus in die Straße, welche durch den Mond beinahe ſo glänzend erleuchtet war, als wenn die Sonne geſchienen hätte: Georges kam nicht. „„Ein Gedanke, der ſich ſchon zwanzigmal dem Geiſte von Louiſe hätte bieten müſſen, machte ſie beben und erfüllte ihre Seele mit einer unausſprechlichen Traurigkeit. „„Dieſer berühmte, junge, ſchöne, bewunderte Mann beſaß ohne Zweifel eine Geliebte. (Louiſe hatte in ſeiner Biographie geleſen, er ſei nicht verheirathet.) Dieſe Ge⸗ liebte wohnte ohne Zweifel dem neuen Succeſſe ihres Geliebten bei, und hatte ihn triumphirend im Rauſche ihrer Zärtlichkeit und ihres Stolzes mit ſich nach Hauſe führen müſſen. „„Dieſe Vermuthung zernagte das Herz von Louiſe obgleich ſie, die arme Unbekannte, nie die eitle Anmaßung gehabt hatte, zu glauben, ſie werde ihre Liebe von Geor⸗ ges Hubert getheilt ſehen, von ihm, der nur unter den ſchönſten und geiſtreichſten Frauen zu wählen hatte. Louiſe fühlte alſo nicht Eiferſucht. Nein, ſie war nicht berechtigt, eiferſüchtig zu ſein, doch ſie dachte mit einer ſchmerzlichen Herzbeklemmung an die Seligkeit der Frau, welche ſo glücklich, von Georges Hubert geliebt zu werden. „Plötzlich entzog das Geräuſch langſamer und ent⸗ fernter Schritte Louiſe ihren ſchmerzlichen Träumereien, und eine Ahnung ſagte ihr: das iſt Georges Hubert Sogleich verbarg ſie ſich im Schatten der Mauer, an welcher ſie aufund abgegangen, und blieb unbeweglich unfern 199 von dem Fiacre, der ſie gefahren hatte. Der Kutſcher ſchlief auf ſeinem Bocke. „Louiſe hatte richtig errathen: es war Georges. Er ging langſam, ein wenig gebückt, mit bloßem Kopfe, ſtützte ſich mit einer Hand auf ſeinen Stock und hielt in der andern ſeinen Hut; er ſchien mit Wonne die Heiter⸗ keit dieſer Frühlingsnacht zu genießen. Von Zeit zu Zeit hielt er an und betrachtete den Himmel, was er nun wieder that, indem er ein paar Augenblicke nach⸗ denkend und unbeweglich ziemlich nahe bei Louſſe, die er nicht erſchauen konnte, ſtehen blieb. Sie war eben ſo betroffen, als erſtaunt über den ſchwermüthigen Ausdruck ſeiner Züge Statt auf ſeiner Stirne, wie ſie es er⸗ wartete, einen ſtolzen Reflex ſeines neuen Triumphes zu finden, gewahrte ſie in dem edlen, ſchönen Geſichte des Dichters das Gepräge einer ſanften, zarten Traurigkeit. Er blieb ſo ein paar Secunden nachdenkend, dann ſtrich er mit der Hand über ſeine Angen, in denen Loniſe eine Thräne zu bemerken glaubte, ſeufzte, verfolgte langſam, den Kopf auf ſeine Bruſt geneigt, ſeinen Weg und ſtieß maſchinenmäßig mit dem Ende ſeines Stockes auf die ſchallenden Pflaſterſteine. „„Seltſamer Eindruck! Louiſe, nachdem ſie unwill⸗ kürlich die unbeſtimmte, geheime Traurigkeit des Dichters wahrgenommen, fühlte ſich beinahe beruhigt, ſie will nicht ſagen, beinahe glücklich! Würde ſie ihn, wie ſie es erwar⸗ tet, die Stirne hoch, den Blick glänzend, als hörte er noch das entfernte Echo des wüthenden Beifalls, mit dem ſein Name von einer abgöttiſchen Menge begrüßt worden war, haben nach Hauſe kommen ſehen, ſo hätte ſie viel⸗ leicht ihre Verlegenheit, ihre Furcht nicht überwinden und dieſen ſtolzen Triumphator nicht anreden können, doch ſie errieth bei ihm einen Kummer oder eine Sehn⸗ ſucht; denkend, die Traurigkeit oder die Rührung machen jedes edle Herz zur Rachſicht geneigt, ging Louiſe nun entſchloſſen aus dem Schatten hervor, in dem ſie ſich 200 verborgen hielt, holte Georges Hubert bald ein, trat an ſeine Seite und ſprach mit bewegter, zitternder Stimme: „„Mein Herr . . . Herr Georges Hubert . . . ich „Doch die Worte erſtarben auf ihren bebenden Lip⸗ pen, ſo heftig wurde wieder ihre einen Augenblick über⸗ wältigte Unruhe, und das Mädchen blieb ſtumm und ließ den Kopf ſinken. „„Sehr erſtaunt, warf Georges Hubert einen durch⸗ dringenden Blick auf die Unbekannte und . . . (Loniſe hat dies ſpäter erfahren) und betroffen von dem unſchul⸗ digen Geſichte und der außerordentlichen Jugend der Armen, welche, den Kopf auf ihre pochende Bruſt ge⸗ ſenkt, in einer peinlichen Verlegenheit zu ſein ſchien, glaubte der Dichter Anfangs, eine von den in Paris ſo zahlreichen Unglücklichen wende ſich an ihn. Ach! wie viel ehrenhafte und geehrte junge Frauen und Mäd⸗ chen finden ſich plötzlich in dieſer großen Stadt, wo auf jedem Schritte der Luxus mit dem Ellenbogen an das Elend ſtößt, durch nunerwartete Unglücksfälle in eine Dürftigkeit verſunken, welche um ſo gräßlicher, als ſie dieſelbe aus Achtung vor dem Urtheile der Menſchen vor Aller Augen verbergen müſſen; ſie wagen es auch nur bei Nacht, ſich an die Wohlthätigkeit der Vorüber⸗ gehenden zu wenden, um mit einer peinlichen Schüchern⸗ heit von ihnen das Brod einer Mutter oder eines Kindes zu fordern! „HGeorges Hubert glaubte alſo, Louiſe flehe ſeine Mildthätigkeit an. Er ſagte auch freundlich zu ihr: „„Mademoiſelle, was kann ich für Sie thun?““ „„Mein Herr . ich möchte .. ich möchte gern mit Ihnen ſprechen.““ „„Neden Sie Mademoiſelle.““ „„Aber ich wünſchte Sie . . . in Ihrem Hauſe zu ſprechen, Herr Georges Hubert.““ 201 „In meinem Hauſe?““ verſetzte der Dichter ſehr erſtaunt, indem er die Unbekannte abermals mit einem forſchenden Blicke anſchaute; dann, als er ſah, daß ſie immer mehrzitterte, und überdies in geringer Entfernung den Fiacre gewahrte, der ſie gebracht hatte, dachte Geor⸗ ges Hubert, man fordere nicht Almoſen in einem Wagenz durch ihre beſcheidene Haltung, durch ihr treuherziges Aeußeres glich auch das Mädchen durchaus keiner Aben⸗ teurerin, und nach kurzer Ueberlegung ſagte der Dichter, obgleich er dieſes ſeltſame Zuſammentreffen nicht begrei⸗ fen konnte, artig zu dem Mädchen: „„Mein Fräulein, wenn Sie mich ſchlechterdings in meinem Hauſe zu ſprechen wünſchen, ſo werde ich, trotz der vorgerückten Stunde, die Ehre haben, Sie zu em⸗ pfangen. Wollen Sie dagegen dieſe Unterredung auf morgen verſchieben, ſo werde ich Sie zu der Stunde erwarten, die Sie mir gefälligſt bezeichnen wollen, mein Fräulein.““ „Herr Georges Hubert, wäre es Ihnen nicht zu unangenehm, ſo wüßte ich Ihnen großen Dank .. wenn Sie die Güte haben wollten, mich jetzt anzu⸗ hören.““ „„Ich bin zu Ihren Befehlen, mein Fräuleinz wir ſind nur ein paar Schritte von meiner Wohnung ent⸗ fernt.. Wollen Sie meinen Arm annehmen?“ „„Oh! ja, mein Herr,““ erwiederte das Mädchen mit einem naiven Erguſſe der Freude, indem ſie, — ein für ſie unverhofftes Glück! — den Arm des Dichters ergriff. Doch ihre, in ihrer Lebhaftigkeit ſo aufrichtige, erſte Bewegung bereuend, fing ſie wieder an ſo ſtark zu zu zittern, daß Georges Hubert den Arm des Mädchens auf dem ſeinigen ſchwanken fühlte. Gerührt von dieſer Erſchütterung, ſagte der Dichter mit doppelt wohlwollen⸗ dem, ehrerbietigem Tone: „„Mein Fräulein, ich weiß die Urſache Ihrer Un⸗ ruhe nicht; ich kenne auch den⸗Gegenſtand der Unterre⸗ 202 dung nicht, die Sie von mir verlangt haben, aber glauben Sie mir, Sie werden mich des ehrenden Vertrauens, das Sie vielleicht in mich ſetzen wollen, würdig finden.““ „„Oh! Herr Georges Hubert (Louiſe gefiel ſich da⸗ rin, dieſen Namen auszuſprechen), es hat mir nie am Vertrauen zu ihnen gemangelt, . . . ſeitdem .. ſeitdem „ich . . Doch eine tödtliche Verlegenheit ver⸗ hinderte das Mädchen abermals, den mit einer bebenden Stimme angefangenen Satz zu vollenden. „„Wie unglücklich bin ich!““ dachte ſie; „„ich werde ihm immer einfältiger ſcheinen, als ich bin!““ „„Georges Hubert, deſſen Mitleid die Verwirrung der Unbekannten erregte, ſtellte ſich, als bemerkte er nichts, ließ ihren Arm los, deutete auf eine kleine Thüre, welche in einer Mauer angebracht war, über der die Gipfel mehrerer großer Bäume emporragten, und agte: „„Wir ſind nun bei mir, mein Fräulein; wenn ich ſpät, wie zu dieſer Stunde, nach Hauſe komme, darf man mich nicht erwarten, und ſtatt am Thorwege in klopfen, gehe ich hier hinein. Verzeihen Sie, ich will öffnen.“ „„Der Dichter zog hierauf aus ſeiner Weſtentaſche einen kleinen Sicherheitsſchlüſſel, bat die Unbekannte, voranzugehen, und ſchloß die Thüre, die er geöffnet hatte, wieder. „„Louiſe glaubte zu träumen: ſie war bei Georges Hubert. „„Eben ſo ſehr, um ſich über ihre Lage zu betäuben, als um ihre glühende Reugierde zu befriedigen, ſchaute Louiſe, wie man zu ſagen pflegt, mit allen ihren Angen, oder vielmehr mit ihrem ganzen Herzen, und ſah beim Mondſcheine einen großen Garten; ſein grüner Raſen dehnte ſich vor dem Hauſe aus, halb verborgen unter mehreren Grnppen von Acacien und blühenden Eiben⸗ bänmen, deren ſüßer Gernch ſich bis auf die Straße 203 verbreitete. Mit dieſem Geruche verband ſich, durchdrin⸗ gender, der von zahlreichen Heliotropen und Roſenſtöcken, welche an den Grenzen des Raſens gepflanzt waren. Jasmine und Je länger je lieber vermengten, dem Aeu⸗ ßeren eines ländlichen, unter einer Pflauzung von großen grünen Bäumen beſchirmten Pavillon als Tapete dienend, anch ihre Wohlgerüche mit dieſen Düften; in der Ferne erblickte man das Haus; ein ſchwacher Schein beleuchtete innen die Fenſter eines kleinen Veſtibule, welches den Eingang in das Erdgeſchoß bildete. „„Das iſt alſo ſe in Haus, ſein Garten!““ dachte Louiſe, die, in ihre Gedanken verſunken, unbeweglich ein paar Schritte von der Thüre ſtehen blieb. „„Das iſt ſein Garten, wo er mit ſeinen Meditationen und ſeinen Träumereien ſpazieren geht! Das iſt ſein Haus, wo er ſo viele Meiſterwerke geſchrieben hat! . . Welche Rnhe! welche lachende Einſamkeit . . und ich armes, unbe⸗ kanntes Mädchen bin hier bei ihm . . bei ihm . .. bei Georges Hubert!““ „Als der Dichter ſah, daß Louiſe nach einigen Schrit⸗ ten ſtille ſtand, blieb er aus Artigkeit auch ſtehen. Da aber der Stillſtand der Unbekannten ſich übermäßig ver⸗ längerte, ſagte der Dichter, der ſich die Urſache dieſer ſchweigſamen Betrachtung nicht erklären konnte, zu dem Mädchen, welches ſich ſo wenig als eine Bildſäule rührte: „„Dort, mein Fräulein, iſt das Haus, das ich be⸗ wohne.““ Und er deutete auf das Erdgeſchoß, deſſen Veſtibnle ſchwach erleuchtet war. „„Erlauben Sie, daß ich Ihnen den Weg zeige.““ „„Durch dieſe Worte zu ſich ſelbſt zurückgerufen, füblte Loniſe, daß ſie Georges Hubert ſeltſam beſchwerlich ſcheinen mußte, und ſie erwiederte verwirrt: „„Entſchuldigen Sie, mein Herr. . es iſt .. es iſt ich betrachtete Ihren Garten. ..“ „„Und ich fühle mich ſehr glücklich, daß ich ihn habe, mein Fräulein, denn die Gärten werden immer ſeltener 204 im Paris, “ verſetzte Georges Hubert, und er fügte an⸗ dere Worte über denſelben Gegenſtand bei, um einige Nahrung dem Geſpräche auf dem kurzen Wege zu geben, den man noch zurückzulegen hatte, um in ſeine Wohnung zu gelangen. Doch Loniſe, welche langſam an der Seite des Dichters ging, fand kein Wort der Erwiedernng; dann, als ſie ihn einige Schritte vorangehen ſah, bückte ſie ſich und pflückte raſch, aus Furcht, man könnte es be⸗ merken, ein paar Heliotropblüthen, welche am Rande des Raſens wuchſen, und ſteckie dieſe Blumen in ihren Leib. „„Was anch geſchehen mag, und wenn ich Georges Hnbert nie wiederſehen ſoll,““ dachte das Mädchen, „„dieſe Blumen ſind für mich die Zeugen des heutigen Tages, deſſen Andenken nur mit meinem Leben erlöſchen wird!““ * „„Und ſie folgte dem Dichter, der ſich, nachdem er die Thüre des Veſtibule geöffnet hatte, gegen ſie umwandte. Als Louiſe in dieſe Wohnung eintrat, fühlte ſie ihre Neu⸗ gierde ſich verdoppeln, ſo viel Intereſſe flößte ihr der Anblick des Aufenthaltsortes des Dichters ein. „Das äußerſt einfache Veſtibule führte zu einer gro⸗ ßen Bibliothek, welche gerade ſchwach durch den Schein einer halb durch einen grünen Dämpfer verſchleierten Lampe erleuchtet war. Zahlloſe mit Büchern beladene Fächer füllten drei von den Seiten dieſe Zimmers; zwi⸗ ſchen zwei Fenſtern, ſowie an dem nicht durch die Bü⸗ cherſchränke verborgenen Täfelwerk bemerkte Louiſe mehrere große Familiengemälde, welche zum Anfang des vorigen Jahrhunderts zurückgingen: ſie ſtellten verſchiedene Per⸗ ſonen vor, die nach ihrer ſtrengen Tracht dem Beam⸗ tenſtande oder den freien Gewerben angehört zu haben ſchienen; unter den Frauenportraits waren zwei in Or⸗ denskleidern des achtzehnten Jahrhunderts. Sie hatten zu dem berühmten Kloſter Port Royal gehört, denn mehrere Verwandte von Georges Hubert hatten ſich unter den glühendſten Adepten des Janſenismus hervorgethan. 205 Eines von den Frauenportraits, das mehr in die Augen fallend als die andern aufgehängt war, ſtellte eine rei⸗ zende Geſtalt vor; ſie mußte wirklich reizend geweſen ſein, um ſo zu erſcheinen, trotz der völlig häßlichen Mode, welche die allgemein angenommene unter dem Kaiſer⸗ reiche war; abgeſehen von der Verſchiedenheit des Alters und der weiblichen Zartheit der Züge, beſtand genug Aehnlichkeit zwiſchen dem Geſichte des Dichters und die⸗ ſem Portrait, daß Louiſe die Mutter von Georges Hu⸗ bert erkannte. Auf dem breiten, flachen, matt vergoldeten Rahmen des Portraits bemerkte Loniſe zu ihrem Erſtau⸗ nen einige mit Tinte geſchriebene Buchſtaben, deren Bedeutung ſie von fern nicht unterſcheiden konnte. Be⸗ queme, aber ſehr einfache Meubles, eine bronzene Kamin⸗ garnitur von trefflichem, künſtleriſchem Geſchmacke vervoll⸗ ſtändigten das Anſehen dieſes Cabinets, in deſſen Mitte ein mit einem grünen Teppich bedeckter und mit Büchern aller Art überladener Tiſch ſtand. „„Noch mehr ergriffen durch die Betrachtung des Allerheiligſten von Georges Hubert, als ſie es beim Anblicke ſeines Gartens geweſen war, verſank Louiſe wieder in eine tiefe Träumerei, der ſie durch die Stimme des Dichters entzogen wurde, als dieſer zu ihr ſagte: „„Mein Fräulein, wollen Sie die Güte haben, ſich zu ſetzen.. Darf ich den Gegenſtand der Unter⸗ redung wiſſen, die Sie von mir zu verlangen die Güte hatten?““ „Oh! arme Louiſe,“ unterbrach Gilberte die Le⸗ ſung, „nun iſt der verhängnißvolle Augenblick da! . Was wird ſie Georges Hubert ſagen können? Bibi, es überläuft mich ein Schauer!“ „Die Lage der Dinge iſt freilich äußerſt zart! Louiſe iſt nun genöthigt, dem Dichter zu ſagen, ſie komme, um ſich ihm an den Hals zu werfen.“ „Ei! ich habe ſo viel Vertrauen zum Charakter von 206 Louiſe und von Georges Hubert, daß ich überzengt bin, Beide werden ſich ganz artig aus der Verlegenheit ziehen.“ „Hm! Minette.“ „Was willſt Du? das iſt meine Anſicht!“ „Alle Sterne! mir kommt die Lage wüthend ſchwie⸗ rig vor! Doch wir werden ſehen!“ XIII. Gilbert und Gilberte laſen alſo in der Geſchichte eines jungen Mädchens weiter: „„Als Louiſe den Dichter nach dem Gegenſtande der Unterredung, die ſie von ihm gewünſcht, fragen hörte, ſchauerte ſie. Der verhängnißvolle Augenblick war gekommen, und ſie zitterte wieder am ganzen Leibe; es wurde ihr ſchwach ums Herz, ihre Kniee wankten, und ſie mußte ſich mit einer Hand auf die Lehne des Stuhles ſtützen, der ihr angeboten war, ohne daß ſie ſich ſetzte; bald aber überwand ſie ihre Bangigkeit, ihre Schüchtern⸗ heit, ihre Scham, faßte einen verzweifelten Entſchluß, richtete den Kopf auf, ſchaute den Dichter mit unver⸗ wandten Angen an und ſagte mit einer beinahe feſten Stimme zu ihm: „„Herr Georges Hubert, ich zähle ſiebenzehn Jahre, heiße Louiſe, mein Herz hat noch Niemand gehört, ich bin Herrin meiner Handlungen .. ich liebe Sie.““ „„Auf die ungeheure Anſtrengung, die Louiſe der Entſchluß gekoſtet, ein ſolches Geſtändniß auszuſprechen, folgte eine ſolche Erſchlaffung, daß ſie, bleich, vernich⸗ tet, ihr Geſicht in ihren beiden Händen verbarg und bei⸗ nahe ohnmächtig, in Thränen zerfließend, in den Lehn⸗ ſtuhl ſank. „„Bei dieſem ſo ungeſtümen Geſtändniſſe von Louiſe * 207 fühlte ſich Georges Hubert Anfangs beinahe ſo verwirrt, als ſie es ſelbſt war; dann, da er ſich durch ſeine lange Gewohnheit des Beobachtens und durch ſein tiefes Studium des menſchlichen Herzens eine Sicherheit des Urtheils angeeignet hatte, die ihn ſelten täuſchte, folgte auf ſeine Verlegenheit eine rührende Theilnahme für die Unbekannte; er bezweifelte nicht, daß ſie aufrichtig war;z ihre außerordentliche Jugend, ihre Erſchütterung, das Beben ihrer Stimme, ihre Unruhe, ihre Befangenheit, ihr Schweigen ſogar, Alles bewies, daß ſie unter dem Einfluſſe einer unüberwindlichen Leidenſchaft ſtand. „Georges Hubert war unter allen Männern der am wenigſten eitle, der am wenigſten von ſich eingebil⸗ dete, denn er ſchätzte ſich weit unter ſeinem Werthe, doch er fühlte, daß, übertrieben oder nicht übertrieben, ſein glänzender Ruf einem ſiebzehnjährigen Kinde, wie man zu ſagen pflegt, den Kopf verrückt haben könnte, und wäre er auch nicht der Held des Aben⸗ teners geweſen, es würden ihn doch Theilnahme, Mitleid und Ehrfurcht für das junge Mädchen erfaßt haben. „Er näherte ſich Loniſe; das Geſicht in ihren Hän⸗ den verbergend, weinte dieſe immer und wartete mit einer Todesangſt auf ſeinen Ausſpruch. Ihr Schickſal ſollte von den erſten Worten des Dichters abhängen. Als ſie ſeine Stimme hörte, glaubte ſie auch, die Schläge ihres Herzens ſtehen ſtille; ihr Leben ſchien an den Lippen von Georges Hubert zu ſchweben. „„Mein Fräulein,“ ſprach er mit bewegtem, inni⸗ gem, beinahe feierlichem Tone, „„ich bitte, beruhigen Sie ſich. Das Geſtändniß, das Sie mir ſo eben gemacht haben, rührt mich tief; glauben Sie mir, ich bin ſtolz, oh! ja! ſehr ſtolz darauf. Wiſſen Sie, warum? Weil dieſes Geſtändniß, ich bin feſt davon überzeugt, nicht an den Menſchen, ſondern an den Schriftſteller, oder vielmehr an die edlen Gefühle gerichtet iſt, die er in 208 ſeinen Werken auszudrücken vielleicht das Glück gehabt hat. Bereuen Sie alſo dieſes Geſtändniß nicht, mein Fräulein, es hat nichts, was nicht rein und ehrenhaft wäre; was Sie in mir lieben, ſind die erhabenen Ge⸗ fühle, die der menſchlichen Natur gehören, deren ge⸗ weuer Maler ich zuweilen geweſen bin. Derjenige, wel⸗ cher mit Ihnen ſpricht, mein Fräulein, iſt ein ehrli⸗ cher Mann. Dieſe Behauptung hat er durch ſein ver⸗ gangenes Leben gerechtfertigt, er wird ſie durch ſein zu⸗ künftiges Leben rechtfertigen. Damit ſage ich Ihnen, mein Fräulein, daß ich das tieſſte Geheimniß über un⸗ ſere Zuſammenkunft beobachten werde, und ich ſchätze, wie er es verdient, Ihren offenherzigen und entſchkoſſe⸗ nen Schritt, — einen Schritt, der, ich wiederhole es, von Ihnen ehrenhaft, für mich ehrenvoll iſt, und über den weder Sie, noch ich zu erröthen haben werden.““ „„Auf die Bangigkeiten von Louiſe folgten bald eine unbeſchreibliche Rührung, ein unausſprechliches Glück. Mit einem vollkommenen Takt und einer unvergleichli⸗ chen Güte erhob Georges Hubert Louiſe in ihren eige⸗ nen Augen, befreite er ſie von der Laſt ihrer Verwirrung, machte er es ihr, ſo zu ſagen, bequem, indem er glaubte, oder ſich den Anſchein gab, als glanbe er, das Geſtänd⸗ niß, das ſie an ihn richtete, ſei nicht an den Menſchen gerichtet, ſondern an die Gefühle, zu deren Organ er ſich ſo oft gemacht. Er verſprach dem Mädchen voll⸗ kommene Verſchwiegenheit und wollte in einem, in Al⸗ ler Augen im höchſten Maße bloßſtellenden, Schritte nur den kühnen Entſchluß eines redlichen Herzens ſehen. „Die Bangigkeiten des Mädchens zerſchmolzen in eine unausſprechlich ſüße Dankbarkeit: ſie ergriff auch die Hand von Georges Hubert, zog ſie raſch an ihre Lippen und ſagte: „„Sie ſind gut oh! Sie ſind gut!““ „„Das iſt wahr,“ erwiederte er gerührt von der 209 Treuherzigkeit von Louiſe, welche, ganz verwirrt durch ſein vertranliches Weſen, die Hand des Dichters, nach⸗ dem ſie ſie an ihre Lippen gezogen, wieder fallen ließ. „„Es iſt wahr, ich bin gut . . Ich vergaß dieſe zweite Anmaßung, die ich immer gerechtfertigt zu haben glaube . . . Weil ich gut bin, intereſſiren Sie mich auch ungemein, armes Kind. Erlauben Sie mir, daß ich ſo mit Ihnen ſpreche,““ fügte er mit einer väterli⸗ chen Freundlichkeit bei. „„Denn ich bin noch einmal ſo alt als Sie und könnte Ihr Vater ſein.“ Dann ſprach er lächelnd, um die Unterredung immer mehr zu erleichtern und die Verlegenheit von Louiſe zu vermin⸗ dern: „Es iſt ein Vater von ſechsunddreißig Jahren, der die Beichte ſeines ſiebenzehnjährigen Kindes hört; die Altersverſchiedenheit iſt vollkommen im Verhältniß; ſie geſtattet den Ernſt des Vaters, und dennoch, da er noch ein wenig an die Jugend grenzt, fühlt er ſich ge⸗ neigt, ſeiner Tochter die zärtlichſte Nachſicht zu bezeigen. Und vor Allem, mein Kind, eine ernſte Frage: . . es iſt bald zwei Uhr. Sie vergeſſen das ohne Zweifel. Haben Sie bedacht, daß zu einer ſo weit vorgerückten Fu⸗ nach Hauſe kehren eine Unvorſichtigkeit begehen eißt?““ „„Ich habe Ihnen geſagt, Herr Georges Hubert, ich bin Herrin meiner Handlungen . . . Ich wohne allein in einem Hotel, wo ich dieſen Morgen abgeſtie⸗ gen bin „„Sie ſind alſo fremd in Paris?““ „„Und Ihre Eltern?““ „„Ich bin eine Waiſe.““ „„Armes Kind! . . Und was wollten Sie in Paris machen?““ „„Sie ſehen, Herr Georges Hubert, es verſuchen, zu Ihnen zu gelangen und Ihnen zu ſagen daß daß da Gilbert und Gilberte. 1.. 14 210 „Daß Sie meine Werke geleſen haben,““ ver⸗ ſetzte der Dichter immer mehr bewegt durch die Treu⸗ herzigkeit des Mädchens, dem er die Verlegenheit eines neuen Geſtändniſſes erſparen wollte. „„Dieſe Sympa⸗ thie, dieſe Werthſchätzung für meine Schriften und für meinen Charakter ehren mich, wie ich Ihnen geſagt habe, mein Kind, und legen mir zugleich Pflichten gegen Sie auf . Durch Ihre Offenherzigkeit ermächtigt, werde ich meinerſeits auch offenherzig ſein; Ihre Sprache, Ihre Manieren zengen von einer ausgezeichneten Er⸗ ziehung; haben Sie alle Folgen Ihrer Reiſe nach Pa⸗ ris, wo Sie ſich, wie Sie mir ſagen, allein, ganz al⸗ lein befinden, wohl erwogen?““ „„Seit beinahe einem Jahre, Herr Georges Hu⸗ bert, habe ich nur an Eines gedacht: Sie ſehen und Sie ſprechen. Ohne nur ſicher zu ſein, ob ich dieſes Glück haben werde, verließ ich die Provinz Sie dürfen glauben, daß ich mich wenig um die anderen Folgen meiner Reiſe bekümmere; ich habe Mittel, um einige Zeit beſcheiden in Paris zu leben, und ich werde hie leiben.“ % „„Armes Kind, Ihre Unſchuld, Ihre Redlichkeit dringen aus jedem Ihrer Worte hervor. Seien Sie aufrichtig bis zum Ende; Sie haben mich nun geſehen, Sie haben mich nun geſprochen ich habe die Theil⸗ nahme, die Sie mir einflößen, nicht verborgen. was ſind Ihre Abſichten?““ „„Ich habe keine, da mein Schickſal nur von Ih⸗ nen abhängt.““ „„Wie ſo?““ „„Von zwei Dingen eines: entweder Sie erlauben mir, Sie zuweilen zu beſuchen und zwar nur, wenn Ihnen dies genehm ſein wird „denn nie würde ich es wagen, ohne Erlaubniß bei Ihnen zu erſcheinen, oder Sie weiſen mich mit Nachſicht ab⸗ und nie werden Sie mich wiederſehen.“ . 211 „„Nun, im erſten Falle, wenn wir uns wiederſehen ſollen, was hoffen Sie?““ „Ich bin nur ein armes, unbekanntes, verlaſſenes Mädchen, doch durch meine Ergebenheit und meine Ehr⸗ furcht wird es mir vielleicht gelingen, Ihnen ein wenig Zuneigung einzuflößen . . und dann ſind die theuer⸗ ſten Wünſche meines Herzens erfüllt . . . Verlangen Sie dagegen, daß ich Sie nie wiederſehe . . . ſo werde ich gehorchen und mich, von Ihnen, Herr Georges Hu⸗ bert, wenigſtens ein Andenken, das nur mit meinem Leben erlöſchen wird, mit mir nehmend, entfernen.““ „„Der Dichter hörte Loniſe mit ebenſo viel Erſtau⸗ nen, als wachſendem Intereſſe zu. Dieſe ſeltſame Mi⸗ ſchung von Treuherzigkeit, von Kühnheit, von Selbſt⸗ verleugnung ergriff ihn ungemein; er fühlte ſich bis zu Thränen von dieſer unbegrenzten Ergebenheit gerührt. „„Mein liebes Kind,““ ſprach er zärtlich und zu⸗ gleich ernſt, „wären Sie nicht Waiſe, würde ſich ir⸗ gend ein Verwandter, irgend ein Freund für Sie in⸗ „„Ich bin allein in der Welt, Herr Georges Hu⸗ bert,““ unterbrach das Mädchen den Dichter. „„Nie⸗ mand intereſſirt ſich für mich; und iſt mir das Glück, Sie wiederzuſehen, beſchieden, ſo bitte ich Sie, nie von meiner Familie zu ſprechen; ihr Name muß Ihnen unbekannt bleiben. Für Sie werde ich Louiſe ſein .. Louiſe . die Waiſe.““ „„Gut, ich werde fortan Ihr Geheimniß ehren.““ „„Fortan? . Ich ſoll Sie alſo wiederſehen?““ „„Oſt ſehr oft.““ „„Ah! mein Gott!““ rief das Mädchen mit einer Geberde der Anbetung die Hände faltend, „wie gut ſind Sie, Herr Georges Hubert!““ „Das iſt wahr; ich bin ſchon mit Ihnen einig, und weil ich gut bin, könnte ich Sie nicht allein, ohne Rath ohne Unterſtüßtung in Paris laſſen. Hätten Sie, 212 wie ich ſo eben ſagte, einen Verwandten, einen Freund in Paris, ſo würde ich den Einfluß, den Sie mir ge⸗ währen, benützen, um Sie zu beſtimmen, zu denjenigen zurückzukehren, welche durch Ihr Verſchwinden ohne Zweifel in Angſt und Sorgen gerathen ſind; doch Sie find allein in der Welt . .. Der Zufall hat Sie in meine Rähe gebracht, Ihre Gefühle für mich legen mir Pflichten auf; ich werde ſie, daran zweifeln Sie nicht, erfüllen.““ „„Herr Georges Hubert, ich glaube zu träumen,““ ſagte Louiſe, in eine Art von köſtlicher Extaſe verſun⸗ ken. „„Iſt es denn wahr? Ich werde Sie wiederſehen? Sie intereſſiren ſich für mich? Sie, der Sie heute Abend eine Begeiſterung erregten, auf die ich mich ſo ſtolz fühlte . . . verzeihen Sie dieſe Eitelkeit!““ „„Wie! Sie waren heute Abend .. . „Ja, ich war im Theatre-Frangais; das Glück wollte, daß man gerade heute, am Tage meiner An⸗ kunft, Ihr Drama gab. Denken Sie ſich meine Freude zuerſt und meinen Triumph hernach. Oh! über die⸗ ſen ungeheuren Erfolg jubelte ich gewiß mehr als Sie Sn denn. 2 „„Warum unterbrechen Sie ſich?““ „Es iſt ſchlimm, Jemand zu beſpähen, und die⸗ ſen Fehler habe ich begangen.““ „„Sie haben mich beſpäht?“ „Heute Abend, als ich auf Sie wartete, ging ich in Ihrer Straße auf und ab; immer verborgen durch den Schatten der Mauer ſah ich Sie langſam kommen, ohne Zweifel ergriffen von der Schönheit der Nacht, ſtille ſtehen, dann die Augen zum Himmel mit einem ſo ſchwermüthigen Blicke aufſchlagen, daß ich. dachte: Wie! nach einem ſolchen Abend kommt Herr Georges Hubert nicht entzückt, ſtrahlend nach Hauſe? Ich ſagte Ihnen auch: ich jubelte über Ihren ungeheuren Trinmph mehr als Sie ſelbſt . 213 „„Der Dichter wandte ſich ein wenig ab und deutete auf das Portrait der Frau, der er ſo ſehr lich. u6 „„Mein Kind,““ ſprach Georges Hubert zu Louiſe, „„dieſes Portrait iſt das meiner Mutter; ich liebte ſie und ſie betete mich an. Ich glaube nicht, daß ich ihr in ihrem Leben einen ernſten Kummer gemacht habe, als ich aber das Unglück hatte, ſie zu verlieren, war ich ungefähr in Ihrem Alter, und ich hatte nie ihren Stolz ergetzt, einen Stolz, der ſo groß als ihre Zärt⸗ lichkeit für mich . . Erſt mehrere Jahre nach ihrem Tode fing mein Name an bekannt zu werden. Würde ich Ihnen ſagen, ich ſei unempfindlich für den Succeß heute Abend, der alle meine Hoffnungen übertroffen hat, ſo wäre dies eine Lüge und ein Undank gegen das Publikum, das ſich ſo wohlwollend gegen mich gezeigt; doch ich bedaure, ich werde immer bedauern, daß ſich meine Mutter nie meiner Trinmphe erfreuen konnte; ſie wären ſo ſüß für ihr Herz geweſen! Als Sie mich heute Abend beinahe traurig ſtille ſtehen und den Him⸗ mel anſchauen ſahen, dachte ich auch an ſie, und ich ſagte mir: Wie groß wäre mein Glück geweſen, wenn ich an dieſem für mich ſo ſchmeichelhaften Abend nach Hauſe kommend meine Mutter getroffen hätte, welche mich mit jener Stimme, deren Ton meinem Ohre ſtets gegenwärtig ſein wird, gefragt haben würde: Nun, ſhe hat dieſes Drama einen glücklichen Erfolg ge⸗ a t 24 „„Während er dieſe Worte ſprach, bebte die Stimme des Dichters; er ſrich mit ſeiner Hand über ſeine feuch⸗ ten Augen und ſchwieg einen Moment. „„Nicht minder gerührt, wagte es Louiſe nicht, die fromme Sammlung von Georges Hubert zu unterbre⸗ chen. Dieſer trat bald wieder aus ſeiner Träumerei her⸗ vor und ſagte: „„Verzeihen Sie, mein Kind das Andenken 2¹4 an meine Mutter ſcheint, Gott ſei Dank, neit entfernt, ſich in mir zu ſchwächen, im Gegentheil mit dem Alter zuzunehmen und beſtändiger, lebendiger zu werden.““ „„Der Dichter ſtand dann auf, nahm eine Feder, tauchte ſie in das Tintenfaß, näherte ſich dem Portrait und ſchrieb auf den breiten Rahmen die Worte: Meiner Mutter. Und darunter fügte er den Namen Octavins, den Titel des am Abend aufgeführten Stückes, und das Datum der Vorſtellung bei. „„Louiſe begriff nun die Bedeutung der auf den Rahmen geſchriebenen Charaktere. „Georges Hubert kehrte zu ihr zurück, lächelte ihr voll Güte zu und ſagte: „„Wir ſind ſchon beinahe alte Freunde; Sie ſehen auch, ich gehe ohne Umſtände zu Werke. Ich habe es mir zum Geſetze gemacht, wenn eines von meinen Wer⸗ ken von einem glücklichen Erfolge begleitet wird, es ſo⸗ gleich, wenn ich nach Hauſe komme, dem Andenken mei⸗ ner Mutter zu weihen.““ „„Ach! Herr Georges Hubert, ein Kummer wie der Ihrige iſt ohne Troſt, ohne Erſatz.. laſſen Sie mich aber Ihnen wenigſtens ſagen, daß ein glühendes, ergebenes, obgleich Ihnen unbekanntes Herz, heute Abend in ſeiner demüthigen Dunkelheit die köſtliche Freude empfunden hat, die Ihre Frau Mutter leider nicht ſollte kennen lernen.““ „„Man ſpricht von Genüſſen, welche der Ruf gibt,““ erwiederte Georges Hubert bewegt; „oh! ich werde Ihnen einen der ſchönſten Augenblicke meines Lebens zu verdanken haben.““ „„Mir?.. Mein Gott! ich könnte glauben 4 „Glauben Sie mir, liebes Kind, ich kenne das menſchliche Herz, ſelten hat mich mein Scharfſinn ge⸗ 21⁵ „ täuſcht. Es iſt mir nicht möglich, an der Aufrichtigkeit Ihrer Eindrücke, Ihrer Gefühle zu zweifeln. In Ihrem blinden Vertrauen zu mir, in dieſer völligen Hingebung, welche bis zur Verwegenheit geht, ſehe ich auch den edelſten, den reinſten, den ſüßeſten Triumph, den eines Menſchen Herz erſtreben kann! Sträuben Sie ſich nicht dagegen, wir ſchmeicheln uns nicht. Ich beweiſe es Ihnen dadurch, daß ich Ihnen ſage: Ihr Schritt zu mir iſt, in ſeiner Treuherzigkeit, unüberlegt, verwegen ge⸗ weſen, er würde genügen, um Ihren Ruf in den Angen der Welt zu Grunde zu richten, und dennoch bin ich ſtolz auf dieſen Schritt. Ah! um ein ſolches Vertrauen zu verdienen, muß der Charakter eines Menſchen wirk⸗ lich geliebt, geehrt ſein! Ich wiederhole Ihnen, wenn ſich ſolche Gefühle in einer Ergebenheit wie die Ihrige, mein Kind, verperſönlichen, ſo erfreut ſich der Menſch, der ſie einflößt, des reinſten und ſüßeſten Triumphes!““ „„Ich verſtehe Sie, Herr Georges Hubert: ja, es muß ſüß und ruhmwürdig für einen Menſchen ſein, über eine, wenn auch beſcheidene, Exiſtenz zu verfügen „ „Nun deun, mein liebes Kind, da Sie mich zum Herrn dieſer Exiſtenz machen, ſo müſſen Sie mir ver⸗ ſprechen, meine Rathſchläge zu befolgen.““ „„Oh! das verſpreche ich Ihnen von Herzen.““ „„Und vor Allem, da es bald zwei Uhr iſt, will ich Sie nach Ihrem Hotel zurückführen.““ „ Ich bin ganz verlegen, daß ich Ihnen dieſe Stö⸗ rung verurſache. Mein Gott! Sie wollen ſich dieſe Mühe für mich machen!““ „„Ich werde Sie zu einer ſolchen Stunde der Nacht nicht der Willkür eines Kutſchers überlaſſen. Ich erſuche Sie auch, nicht mehr in einem Hotel garni zu wohnen; ein ſolcher Aufenthalt ſchickt ſich nicht für eine junge Perſon.““ „„Ich werde thun, was Sie wollen.““ „„Hören Sie meinen Plan: ich kenne in dieſer 216 friedlichen, abgelegenen Straße eine treffliche Frau, eine äußerſt ehrbare Witwe; ſeit langer Zeit habe ich ſie mit dem Abſchreiben meiner Manuſcripte betraut. Sie bewohnt ein kleines Erdgeſchoß mit der Ausſicht auf einen Garten; ich bezweifle nicht, daß Ihnen Frau André (ſo heißt ſie) auf meine Empfehlung ein Zimmer abtritt und Sie in die Koſt nimmt, unter der ausdrücklichen Be⸗ dingung, liebes Kind, daß Sie ihr den Zweck Ihrer Reiſe nach Paris verbergen; ſie könnte deßhalb ärgerliche Vorurtheile gegen Sie faſſen, denn ohne übermäßig ſtreng zu ſein, hat ſie doch feſte Grundſätze. Wir werden uns alſo zu einer Lüge entſchließen müſſen: wir werden ſa⸗ gen, eine Waiſe, ſeien Sie nach Paris gekommen, um einen Prozeß zu betreiben, und Sie ſeien mir beſonders empfohlen geweſen; ich bin nach dem, was ich von Ih⸗ rem Charakter und dem der Witwe weiß, überzeugt, daß Frau André bald für Sie eine faſt mütterliche Zu⸗ neigung hegen wird.““ „„Ich kann Ihnen nur wiederholen, Herr Georges Hubert: Sie ſind gut! in Ihrer Fürſorge für mich den⸗ ken Sie an Alles .. Sie verſprechen mir alſo, daß ich Sie zuweilen ſehen werde . . . Verzeihen Sie, wenn ich hierauf beſtehe, für mich iſt dies . . . das Leben.““ „„Sie werden mich oft ſehen, und ſogar . . .“ „„Sagen Sie mir nicht mehr, mein Ehrgeiz iſt be⸗ friedigt. . ich bin nun glücklich,““ fügte Louiſe bei, indem ſie ihre von Thränen feuchten Angen trocknete. „„Oh! ich bin die Glücklichſte der Frauen!““ „„Es ſchlug zwei Uhrz das Mädchen ſtand auf. „„Welche koſtbare Zeit haben Sie durch mich ver⸗ loren, Herr Georges Hubert! Dieſe Lampe erwartete Sie, ohne Zweifel wollten Sie heute Racht arbeiten?““ „Nie, das glauben Sie mir, wird eine Nacht beſſer für mich angewendet geweſen ſein; ſie wird eine Stelle in meinen ehrenvollſten Erinnerungen einnehmen.““ „„Und Sie . . Sie, deſſen Name und Gegen⸗ 6* — — 217 wart eine ſo große Begeiſterung in der Menge erregten! Sie, den Prinzeſſinnen mit ſo viel Zuvorkommenheit empfingen! Sie zeigen ſich ſo nachſichtig, ſo edelmüthig gegen ein armes Mädchen meiner Art . . . „„Dieſer ſchmeichelhafte Empfang, dieſer vielſeitige Beifall verherrlichten die ephemeren Arbeiten des Schrift⸗ ſtellers,““ erwiederte Georges Hubert; „„Ihre Gegen⸗ wart hier verherrlicht ſein Herz und ſeinen Charakter, und dieſen letzten Triumph ziehe ich vor. Doch kommen Sie, die Nacht rückt vor; nach Ihrer Reiſe, nach ſo ver⸗ ſchiedenartigen Gemüthsbewegungen müſſen Sie der Ruhe bedürfen; ich will Sie nach Ihrem Hotel führen; mor⸗ gen früh werde ich Frau André beſuchen, eine Ueberein⸗ kunft mit ihr treffen, und ich hoffe Sie am Nachmittag ab⸗ holen und dieſer wackern Frau vorſtellen zu können; haben Sie nur die Güte, mich in Ihrem Hotel zu erwarten.““ „„Dies war das erſte Zuſammentreffen von Loniſe mit Georges — es entſchied über ihre Zukunft.““ Gilbert und Gilberte hatten ſich ſo ſehr für dieſe Erzählung und die zarte und zugleich peinliche Lage von Loniſe intereſſirt, daß ſie, fortgeriſſen durch den Gang der Ereigniſſe, nicht daran dachten, die für ſie ans mehr als einem Grunde ſo anziehende Lecture zu unterbrechen; da aber das Ende dieſer Epiſode, ſo zu ſagen, einen Ruhe⸗ punkt in der Erzählung bildete, ſo rief Gilberte trium⸗ phirend: „Nun, Geliebter, ich ſagte doch, Georges Hubert und Loniſe werden ſich ganz artig und anſtändig aus dieſer, Deiner Anſicht nach, peinlichen Verlegenheit ziehen!“ „Das iſt bei meiner Treue wahr! ich erwartete es Beorges Hubert darf ſich rühmen, tüchtig geliebt zu ſein!“ „Geſtehe, daß er es verdient! Welches Zartgefühl! wie raſch hatte er Louiſe, die ſich ihres Geſtändniſſes ganz ſchämte, das Herz erleichtert, da er ſie ſein liebes 218 Kind nannte und beinahe wie ein Vater mit ihr ſprach. Oh! mein Gilbert, wie ſtolz macht mich der Gedanke, morgen werden wir, Du dieſer geniale, ſo rührend gute Mann, ich dieſe vortreffliche Louiſe ſein, welche, was die Liebe und die Ergebenheit betrifft, ein wahrer guter Hund iſt, der nur Eines kennt: ſeinen Herrn lieben und ihm gehorchen. Wie glücklich werden Beide ſein! welch ein Paradies iſt eine ſolche Verbindung!“ „Wenn das Glück hier nicht iſt, ſo iſt es bei meiner Treue nirgends: Ruhm, Liebe, Jugend, Vermögen, — denn Georges Hubert bewohnt ein Haus mit einem Garten. „Und ich erinnere mich, daß er mir, als ich Mar⸗ quiſe war, ſagte, ſeine Arbeit ſichere ihm in Verbindung mit ſeinem Erbe eine ſehr unabhängige Exiſtenz. Nicht als ob wir einen großen Werth auf ein ungeheures Ver⸗ mögen legten . . . wir hatten ein bedeutendes Vermögen in unſerem Marquiſat, und . .. „Und wir haben geſehen, was es am Ende war, nicht ſo, meine arme nio Dieſes Vermögen machte nicht, daß wir zweimal Fü Nacht ſpeiſten, im Gegentheil, da wir gar nicht ſpeiſten; indeſſen, obgleich ich von dieſen Ideen eines großartigen Luxus, an den man ſich gewöhnt wie an etwas Anderes zurückgekom⸗ men bin, iſt es mir doch für uns nicht unangenehm, daß dieſer berühmte Mann, ohne coloſſal reich zu ſein, ſich einer ſchönen Wohlhabenheit erfreut; ſo kann man einen Freund oder arme Leute unterſtützen; kurz, das dient zur Vervollſtändigung eines Looſes, und Georges Hubert und Louiſe vereinigen, wie geſagt, Alles: Ruhm, Genie, Jugend, Liebe, Vermögen; Beide haben die beſten Herzen der Welt, die edelſten Charaktere. Ich wiederhole, hier muß das Glück ſein, es iſt ganz gewiß da, und worgen wer⸗ den wir ſicherlich unſerer lieben kleinen Fee zurufen kön⸗ nen; Gehe Korrigan!“ „Für Euch und für mich wünſche ich es, meine 219 Freunde,“ verſetzte die ſanfte Stimme. „Möchte ich, nachdem Eure letzte Wünſche erfüllt find, meinen Schwe⸗ ſtern nachfolgen dürfen!“ „Oh! ſeien Sie unbeſorgt, gute Korrigan, ich denke wie mein Gilbert; ich bin beinahe ſicher, daß wir Ihnen morgen, wenn wir Louiſe und Georges Hu⸗ bert ſind, die Freiheit wiedergeben .. Aber, Bibi, nun wollen wir weiter leſen. Louiſe ſchreibt im⸗ mer; während wir ſchwatzen, muß ſie uns ein gutes Stück vorangeeilt ſein. „Wir waren bei dem Augenblick, wo Georges Hu⸗ bert ſie nach Hauſe führte und ihr rieth, nicht mehr in einem Hotel garni zu wohnen, ſondern ſich bei einer würdigen Witwe, Frau André, in Koſt und Miethe zu geben.“ XIV. Fortſetzung der Geſchichte eines jungen Mädchens. „Louiſe wurde wie eine Tochter von Frau André aufgenommen, der ſie Georges Hubert vorſtellte. Nie wird ſie die faſt mütterliche Sorgſamkeit vergeſſen, mit der ſie dieſe treffliche Frau behandelte. Um das Maß ihres Glückes voll zu machen, konnte ihr Louiſe bald bei den Abſchreibearbeiten helfen, die ihr der Dichter gab. „Mit welcher Gemüthsbewegung, mit welcher ehr⸗ furchtsvollen Reugierde betrachtete Loniſe, ganz ſtolz, die erſte Vertraute der von einer gierigen Menge mit Unge⸗ duld erwarteten Werke zu ſein, dieſe mit der Schrift von Georges Hubert bedeckten Blätter! Eine Schrift ſo ſchnell und geläufig wie die Welle der überſtrömenden Inſpiration, — anderswo aber wieder langſam, durch⸗ ſtrichen, ſorgfältig, wenn die Ueberlegung, die Analyſe, 220 die gewiſſenhafte Aufſuchung des Beſſern, die unbeugſame Kritik gegen ſich ſelbſt beim Dichter auf die Improvi⸗ ſation folgten. „Wie viele beglückte Stunden brachte Louiſe ſo bei dieſer ihrem Herzen und ihrem Geiſte theuren Beſchäfti⸗ gung zu, — mit einem aufmerkſamen, entzückten Auge durch das Labyrinth von geiſtreichen Stellen und Zu⸗ rückweiſungen, mit denen das Manuſeript von Georges Hubert beladen war, den ſtufenweiſen Umwandlungen ſeines Gedankens folgend, der, zuweilen weitſchweifig und unbeſtimmt bei ſeinem Aufkeimen, bei jeder Verbeſſerung aber immer klarer und beſtimmter wurde. Oft — Wun⸗ der des menſchlichen Geiſtes, ein Wunder, das Loniſe mehr als einmal anſtaunte, — oft erleuchtete ein Wort, ja ein einziges Wort in einer dramatiſchen Stene beigefügt oder verändert, ein einziges Wort, ein Genieblitz erleuch⸗ tete einen Charakter bis in ſeine letzten Tiefen. „Mehrere Monate lang beſuchte Georges Hubert Louiſe beinahe jeden Tag; er behandelte ſie mit einer väterlichen Güte, er gefiel ſich darin, ihren Verſtand zu cultiviren, zu entwickeln, zur Reife zu bringen, ihren Geſchmack zu bilden, zu läutern, ihre Seele durch freund⸗ liche Geſpräche oder doch ſorgfältig ausgewählte Lecture zu erheben: zuweilen bat er, nöthigte er Loniſe, ihm die günſtigen oder ungünſtigen Eindrücke zu ſagen, welche in ihr das Abſchreiben eines vor Kurzem erſt von ihm abgefaßten Werkes hervorgebracht hatte. Ihre Schüch⸗ ternheit überwindend, antwortete Louiſe mit ihrer ge⸗ wöhnlichen Aufrichtigkeit, und mehr als einmal benützte Georges Hubert ihre Bemerkungen. Oſt machte er auch lange Promenaden in der Umgegend von Paris mit Louiſe und Frau André: das Studium und die vernünf⸗ tige Bewunderung der großen Gemälde der Natur waren der Gegenſtand ihrer Unterhaltungen. Kam der Abend, ſo ſpeiſte man heiter in irgend einem Dorfwirthshauſe und kehrte dann in die Stadt zurück. 221 „„So köſtlich ausgefüllt, vergingen die Tage von Louiſe; ihre leidenſchaftliche Liebe für den Dichter ſchlug immer tiefere Wurzeln in ihrem Herzen, und dennoch hatte ſie es ſeit ihrem erſten Geſtändniſſe nie mehr gewagt, von dieſer Liebe wieder mit Georges Hubert zu ſprechen, eine ſolche Ehrfurcht flößte er ihr ein, — nicht als wäre er hochmüthig, gleichgültig oder ſtreng geweſen, nein, nein, er bezeigte Louiſe immer eine zärtliche Zuneigung und umgab ſie mit Zuvorkommenheiten, und in ſeinen Unter⸗ haltungen mit ihr ließ er einer reizenden Heiterkeit freien Lauf; doch nie ſprach er auch nur ein Wort, das Louiſe bätte können vermuthen laſſen, er habe die geringſte Erinnerung an das Geſtändniß ihrer Liebe bewahrt. Dann ſagte ſie ſich: „„Georges hat eine Geliebte; er intereſſirt ſich für mich, weil er der beſte Menſch der Welt iſt; er gefällt ſich darin, meinen Verſtand zu cultiviren, meine Seele zu erheben, weil vom edlen, glänzenden Geiſte dieſes erhabenen Mannes das Gerechte, das Gute, das Schöne ausſtrahlt, wie das Licht von einer Glorie; nie aber wird er mich lieben. Ich bin weder ſchön, noch geiſtreich genug, um ihm zu gefallen, ihm, der unter den Schön⸗ ſten, den Eleganteſten und den Geiſtreichſten wählen kann. Gleichviel! So wie es iſt, iſt mein Lvos ſo glück⸗ lich, ſo beneidenswerth, daß ich weder albern, noch eitel genng bin, um mein Glück durch ausſchweifende Wünſche zu ſtören. Vergeht nicht beinahe mein ganzes Leben in einem köſtlichen, vertrauten Umgang mit dieſem Genie, auf das Frankreich ſtolz iſt? Was kann ich mehr ver⸗ langen?““ „„Trotz dieſer vernünftigen Reflexionen, die ſie in Ausübung brachte, trotz ihres feſten Willens, ſich nicht in chimäriſchen Hoffnungen zu wiegen, trotz des wirkli⸗ chen Glückes, das ſie genoß, verſank Louiſe, untergraben vom Fieber und von brennenden Schlafloſigkeiten, allmä⸗ lig in finſtere Melancholien: ſie magerte ab, verlor den 222 Appetit und überließ ſich oft einer entnervenden Nieder⸗ geſchlagenheit. Man hätte glauben ſollen, in dieſen Stunden trauriger Erſchlaffung geſtehe ihr Blut, bleibe ihr Leben ſchwebend; beſchäftigte ſie ſich mit Arbei⸗ ten für Georges Hubert, ſo ſtand ihre Feder ſtille und entſchlüpfte ihren Fingern; ihre Gedanken trübten, verſchleierten ſich; aus dieſer Abſpannung des Körpers, aus dieſer Verdunkelung des Geiſtes ging ſie dann er⸗ ſtaunt, betrübt hervor, wie wenn man aus einem böſen Traume erwacht, und ſie ſagte ſich weinend: „„Das iſt Wahnſinn oder Krankheit! Nie iſt eine Frau glücklicher geweſen, als ich, und ich kann dieſe Nie⸗ dergeſchlagenheit nicht beſiegen und fühle, daß ich von Tag zu Tag an Geiſt und Körper abnehme.““ „„Louiſe ſtemmte ſich dann mit allen Kräften gegen dieſes Hinſchmachten an, doch ſie konnte nicht widerſtehen, gerade wie man an einem Sturmtage unwillkürlich der niederdrückenden Gewalt eines ſchweren, lange bekämpften Schlafes nachgibt. „„Mit dieſem peinlichen, ſeltſamen Zuſtande verbanden ſich für ſie grauſame Bangigkeiten. „„Bald befürchtete ſie, die wahre Urſache ihres Wel⸗ kens werde dem Scharfſinne von Georges Hubert nicht entgehen, und da er ſie nicht lieben könne, ſo werde er ſich aus einem Gefühle von Mitleid von ihr entfernen, — auf das Vergeſſen, auf die Zeit rechnend, um ſie von ihrer tollen Leidenſchaft zu heilen. „Bald bemerkte ſie, daß ihr getrübter, unruhiger, oft bis zur Abirrung zerſtreuter Geiſt ihr nicht mehr er⸗ laubte, ſich anhaltend mit den Arbeiten zu beſchäftigen, welche einſt ihre Frende und ihr Stolz geweſen; meh⸗ rere Male machte ſie ſich eines Unſinns oder unglaub⸗ licher Verſehen ſchuldig, wenn ſie die Manuſcripte von Georges Hubert abſchrieb. Anfangs ſchalt er ſie heiter aus, wie man ein verwöhntes Kind ausſchilt; dann, als ſich ihre Verſehen wiederholten, ſprach er nicht mehr 223 davon und ließ insgeheim die Copien von Louiſe durch Frau André neu machen. Vergebens bat dieſe treffliche Frau, deren wahrhaſt mütterliche Zärtlichkeit ſich nicht verleugnete, Louiſe inſtändig, ihr die Urſache ihres Kummers anzuvertrauen . Louiſe begrub ihr Geheimniß in die tieſſte Tiefe ihres Herzens und be⸗ wahrte es hier. „„Ein letzter Schlag war ihr vorbehalten „Sie bemerkte gewiſſe Veränderungen in dem Ver⸗ hältniß von Georges Hubert zu ihr; er war bald ſor⸗ genvoll, in Gedanken verſunken, bald ernſt, zurückhaltend, kalt, und ſeine Heiterkeit verſchwand. Er beſuchte oft Louiſe mehrere Tage nicht, kam er wieder zu ihr, ſo ſchien er beſtändig einer Befangenheit preisgegeben zu ſein; oft gewahrte ſie, daß er ſeinen durchdringenden Blick auf eine unerklärbare Art auf ſie heſtete. Endlich blieb er einen ganzen Monat von ihr entfernt, ohne daß Louiſe etwas von ihm hörte. „„Es iſt um mich geſchehen,““ dachte ſie mit einer finſtern Verzweiflung; „„ich werde ihn nicht wiederſehen! er hat meine wahnſinnige Liebe errathen und kann mir meine feige Schwäche nicht verzeihen . . und ſeine Strenge iſt nur zu gerecht! Ihm hatte ich das glück⸗ lichſte Loos zu danken: ich wußte deſſelben mich nicht würdig zu machen und es mir zu erhalten. Das iſt meine Schuld, das iſt meine Schuld .. . Oh! was auch ge⸗ ſchehen mag, und müßte ich verſchmachten, ich werde we⸗ nigſtens das Glück einige Monate lang gekannt haben. Nicht eine Klage wird aus meiner Seele kommen, denn was hatte ich gethan, um dieſes Glück zu verdienen? Ich habe es verloren. das iſt meine Schuld „das iſt meine Schuld!““ Als Louiſe Georges Hubert nach dieſer Abweſen⸗ heit von einem Monat wiederſah, — eine Abweſenheit, die ſie als das Vorzeichen einer entſchiedenen Trennung betrachtete, — war ſie erſtaunt über die Veränderung, 224 die ſie im Geſichte und in den Manieren des Dichters bemerkte; die Freude, die Zuverſicht, die Heiterkeit glänzten auf ſeiner Stirne; er ging auf Louiſe zu, nahm ihre Hände und küßte ſie (er hatte ſich bis dahin noch nie dieſe unſchuldige Vertraulichkeit erlaubt); dann ſetzte er ſich an ihre Seite und ſagte mit einem Ausdrucke un⸗ ausſprechlicher, beinahe leidenſchaftlicher Zärtlichkeit: „„Loniſe, laſſen Sie uns ein wenig von der Ver⸗ gangenheit, viel von der Gegenwart und noch mehr von der Zukunft reden.““ „Dieſe Worte, ihre Betonung, die ſtrahlende Miene des Dichters machten, daß das Herz von Louiſe hüpfte und ſich allen Hoffnungen öffnete. „Siefühlte ſich gerettet. „„Nur dieſe Worte vermögen den Eindruck zu be⸗ zeichnen, den ſie empfand, als ſie den Dichter wieder⸗ ſah, ihn hörte. „Loniſe,““ ſprach er, „„ſeit mehreren Monaten habe ich Sie anfmerkſam ſtudirt .. erforſcht und be⸗ ſonders gewürdigt; allmälig folgte auf meine faſt väter⸗ liche Zuneigung für Sie ein anderes Gefühl; mit einem Worte, Louiſe, ich liebte Sie, ich liebe Sie!““ „„Sie lieben mich!““ rief das Mädchen mit einem unbeſchreiblichen Entzücken . . . es hatte den Himmel im Herzen. „„Sie lieben mich! mich? mich, Louiſe?““ „Ich liebe Sie leidenſchaftlich! Ach! gegen dieſes Gefühl habe ich lange gekämpft, doch Ihr Herz hat mich beſiegt „ „„Sie haben gekämpft ich 4 „„Hören Sie mich, Louiſe,““ unterbrach Georges Hubert das Mädchen . . . „ Diejenige von Ihrem Eigen⸗ ſchaften, welche mich am meiſten entzückt hat, iſt die Of⸗ fenherzigkeit. Die meinige kommt der Ihrigen gleich⸗ Unter uns alſo nie eine Verſchweigung! Ja, lange habe ich gegen dieſe Liebe gekämpft, welche ſeden Tag eine W e 225⁵ neue Herrſchaft über mich gewann. Ich habe gekämpft, wiſſen Sie, warum? Weil ich mir nach tiefen Reflexio⸗ nen nie zu heirathen gelobt hatte. Auf dieſe gegen mich ſelbſt eingegangene Verpflichtung verzichtete ich nicht ohne Beſorgniſſe, ohne Kämpfe. Zur Reife des Alters gelangt, gewohnt, meine Zukunft unter einem gewiſſen Anblick zu betrachten, mußte ich mich an einen andern Horizont ge⸗ wöhnen, einen andern Weg einſchlagen, ein anderes Ziel ins Auge faſſen, und dies in einem Alter, wo man eine ſo plötzliche Veränderung nicht ohne Furcht anſieht. Das iſt noch nicht Alles, Louiſe: eine andere, weil ſie Sie perſönlich betrifft, ernſte Erwägung vermehrte noch mein Zögern. Die Ehe iſt meiner Anſicht nach die feier⸗ lichſte Verbindlichkeit, die gewichtigſte Verantwortlichkeit, die ein ehrlicher Mann auf ſich nehmen kann, denn nach meiner Ueberzeugung ſind es beinahe nie die Frauen, ſondern die Männer, welche die Ehen unglücklich machen; und wenn ich zuweilen gerade die vertraulichen Klagen gewiſſer Ehemänner anhören ſollte, erwiederte ich: „Ich weiß nicht, was Sie mir erzählen wollen, doch ich bin zum Voraus überzeugt, vaz Sie nur ſich ſelbſt die Verdrießlichkeiten, über welche Sie klagen, zuzuſchreiben haben.“ Und ich täuſchte mich ſelten. Damit bezeichne ich Ihnen meine Unſchlüſſigkeit, meinen Zweifel an mir ſelbſt bei dem Gedanken, daß Ihr Glück und das meinige von der unwiderruflichen, gemeinſchaftlichen Verbindlichkeit, welche man die Ehe nennt, abhängen ſollen. Endlich, nachdem ich eine nach der andern alle Folgen unſeres Bündniſſes reiflich erwo⸗ gen und lange über Ihren Charakter und den meinigen nachgedacht hatte, gewann ich die Ueberzeugung, daß wir alle Chancen eines möglichen und wünſchenswerthen Glückes vereinigen werden, wenn Sie meine Hand an⸗ nehmen; und dieſe Hand . Lyuiſe, ich biete ſie Ihnen mit Liebe, mit Stolz an!““ Gilbert und Gilberte. 1. 1⁵ „Ah! ich athme!“ rief Gilbert mit einem Seufzer der Erleichterung ſein Leſen unterbrechend; „welch Angſt hatte ich für die arme Louiſe! Einen Augenblick hielt ich ſie für verloren!“ „Armes, liebes Mädchen! ich zitterte auch,“ ſagte Gilberte. . . Welche ſanfte Reſignation! welche Liebe! welcher Muth! und wie hat dieſer würdige Georges Hubert das wackere, gute Herz von Lyuiſe, indem er ſie heirathete, zu ſchätzen gewußt!“ „Oh! ja; doch Eines begreife ich nicht.“ „Was, Bibi?“ „Die Korrigan hat uns geſagt, Georges Hubert ſei nicht verheirathet.“ „Nun?“ „Und nun iſt er doch im Begriffe, ſie zu heira⸗ then!“ „Halt! halt! Du haſt Recht! Wie geht das zu? Zum Glück werden wir es ſogleich erfahren; wir ſind dei dem Augenblick, wo Georges Hubert ſeine Hand der armen Louiſe anbietet, welche vor Liebe für ihn ſtarb.“ Gilbert las alſo weiter: „„Louiſe hatte Georges Hubert mit einer unſägli⸗ chen Trunkenheit angehört. Süße Thränen entfloßen ihren Augen. Sie ergriff beide Hände des Dichters, bedeckte ſie mit Küſſen und ſprach dann mit einer vor Freude bebenden Stimme zu ihm: „„Georges . dieſe Hand dieſe edle Hand bieten Sie mir an?“ „„Ich habe es Ihnen geſagt, Louiſe, ich biete ſie Ihnen mit Glück und Stolz n 3 „„Ah! mein Gott, ich danke Dir! “ rief Louiſe, während ſie auf die Kniee ſank: dann erhob ſie gegen den Dichter ihr von Liebe und Dankbarkeit ſtrahlendes Geſicht und ſprach: „„Georges Hubert bietet mir ſeine Hand an!““ 227 „„Der Dichter weidete ſich voll Wonne an der Glück⸗ ſeligkeit von Loniſe, deren Geſicht in milden Thränen gebadet war, neigte ſich zu ihr hinab, ſetzte ſie wieder an ſeine Seite und ſprach: „„Ich müßte vor Ihnen knieen, meine geliebte Louiſe; an dem, welcher empfängt, iſt es, zu danken „ und das Geſchenk Ihrer Hand ſichert das Glück meines Le⸗ bens „„Das Mädchen, nachdem es ſtillſchweigend Georges Hubert angeſchaut hatte, erwiederte mit einem Ausdrucke tiefer, leidenſchaftlicher Liebe: „„Dieſe Hand, die Sie mir anbieten „ mein Georges . . ich ſchlage ſie aus.““ „Was ſagſt Du?“ rief Gilberte ganz erſtaunt, „Louiſe weigert ſich, Georges Hubert zu heirathen?⸗ „Laß mich doch leſen, Minette,“ verſetzte Gilbert fortgeriſſen durch das Intereſſe der Erzählung, und er winkte ſeiner Frau, daß ſie ihn nicht mehr unterbrechen möge, und wiederholte die letzten Worte von Loniſe: „„Dieſe Hand, die Sie mir anbieten, mein Georges, ich ſchlage ſie aus!““ „„Lyuiſe,““ rief der Dichter, der das, was er hörte, nicht glauben konnte, und beſonders betroffen von dem Ausdrucke tiefer, leidenſchaftlicher Zärtlichkeit, mit dem ſie ihm erklärte, ſie ſchlage die Heirath aus: „„Louiſe, dieſe Worte .bedenken Sie? Oh! ich bitte, faſſen Sie ſich!““ „„Seien Sie unbeſorgt, Georges, das Glück läßt mich nicht den Verſtand verlieren, ich beweiſe es Ihnen dadurch, daß ich dieſe Heirath nicht annehme.““ „„Louiſe . . . Ihre Sprache iſt unerklärlich! Sie lieben mich, ſagen Sie? . . . und dieſe Heirath.. .“ „„Ich weiſe ſie zurück, weil ich Sie liebe, Geor⸗ ges! weil ich Sie liebe oh! ſehen Sie, wie nie ein Menſch geliebt worden iſt! „. Ich werde Ihre Geliebte, Ihre Magd, Alles, was Sie wollen, ſein! doch Ihre Frau nie! oh! nie!““ „„In der That, meine Vernunft geräth in Verwir⸗ n mein Geiſt erſchöpft ſich, um Sie zu begrei⸗ en „„Wie, mein Georges, Sie, der Sie das menſch⸗ liche Herz in ſeinen geheimſten Falten kennen, Sie be⸗ greifen mich nicht?““ ſagte Louiſe, und lächelnd fügte ſie bei: „Oh! mein göttlicher Dichter, wie glücklich und ſtolz iſt die arme Louiſe, Ihnen, dem tiefen Denker, eine von den tauſend Nuancen, eines von den tauſend Ge⸗ heimniſſen der Liebe zu offenbaren.““ „„Der Liebe?““ verſetzte der Dichter mit ſchmerzli⸗ chem Tone. „„Nein, nein, Sie lieben mich nicht.““ „Ich liebe ihn nicht!“ ſagte Louiſe, und ſie zuckte die Achſeln mit einer Bewegung mitleidsvoller Zärt⸗ lichkeit; dann nahm ſie die Hand des Dichters und ſprach mit einem Tone der Ueberlegenheit, die ſie aus der Tiefe ihrer aufopfernden, hochherzigen Ergebenheit ſchöpfte: „„Ich liebe Sie nicht! Ah! mein Georges . laſ⸗ ſen Sie uns vernünftig reden . . . Nicht wahr, dieſe Heirath iſt für Sie der Gegenſtand langer Kämpfe ge⸗ gen das Gelübde Ihres Herzens geweſen? Sie haben mir das geſagt!““ „Ja, und ich habe Ihnen die Urſache dieſes Zau⸗ derns, dieſes Kampfes genannt.““ „„Oh! ich weiß es, und dieſes Gefühl ehrt Sie, wie alle die, welche Ihr edles Herz ſchlagen machen; doch daß eine ſo erhabene, ſo geſtählte Seele wie die Ihrige zweifelt und zaudert.. „„Oh! Sie Kind!““ rief ungeſtüm der Dichter, „im Namen Ihres Glückes, Ihrer Zukunſt zauderte ich „Glauben Sie, ich ſei fähig, hieran zu zweifeln, Georges? Oh! nein, nein, und gerade, um in keiner Beziehung meine Zukunft, mein Glück zu gefährden, 229 ſchlage ich es aus, Ihre Gattin zu werden Was wollen Sie! ich bin ſelbſtſüchtig!““ „„Louiſe!““ „Hören Sie mich an, Sie haben mich ſtudirt, ge⸗ würdigt, wie Sie ſagen; Sie beſitzen einen außerordent⸗ lichen Scharſſinn, Sie müſſen mich kennen, Sie kennen mich. Antworten Sie mir nun aufrichtig: glauben Sie, ich wäre glücklich, wenn ich mir alle Tage ſagte: Geor⸗ ges wollte nicht heirathen. . . er hat mich ſterbend durch eine wahnſinnige Leidenſchaft für ihn geſehen und in der Großmuth ſeines anbetungswürdigen Herzens hat er mir ſeine Hand angeboten.““ „„Wie! Sie denken, das Mitleid . . .“ „„Nein, nein, die Liebe hat auch Ihren Entſchluß herbeigeführt. Ja, Sie lieben mich, ich glaube es, ich fühle es doch die Liebe vergeht. Oh! antworten Sie mir nicht, die Zuneigung überlebe ſie. Ich be⸗ zweifle es nicht, doch was beweiſt dies? Hat es mir je an Ihrer Zuneigung, an Ihren Bemühungen, an Ihrer Fürſorge gefehlt, ſeitdem ich zu Ihnen gekommen bin? und dennoch war ich nicht Ihre Fran! Noch ein Wort, mein Georges, und ich endige,“ fügte Loniſe bei, als ſie ſah, daß der Dichter ſie unterbrechen wollte: „Rein, ich wäre nicht glücklich, wenn ich dächte, Ihr Leben ſei an das meinige durch ein, in den Augen eines Mannes wie Sie immer heiliges, Band gefeſſelt; nein, ich wäre nicht glücklich, weil ich mir jeden Tag ſagen würde: Das glänzende Genie hat ſein Geſchick an das meinige gekettet, und das Genie muß frei und unumſchränkter Ge⸗ bieter über ſeinen Willen, über ſeine Zukunft ſein.““ „„Ei! unglückliches Kind, gebe ich nicht einen Be⸗ weis von dieſem Willen, von dem Sie reden, indem ich Sie um Ihre Hand bitte!““ „„Ja, doch an mir, ſo niedrig ich auch bin, iſt es, Sie zu verhindern, mein Georges, daß Sie ſich dieſer Freiheit entäußern.““ 230 „„Seltſame Anmaßung!““ rief der Dichter mit Bitterkeit. „Sie will beſſer als ich wiſſen, was mich glücklich machen kann.““ „„Was kann Sie glücklich machen, mein Georges?““ fragte Louiſe mit dem Tone zärtlicher Ergebenheit. „„Sie wollen mich heirathen? Warum? um Ihr Leben mit mir hinzubringen, um eine ergebene, liebende, eifrige, glückliche Frau bei ſich zu haben! Alles dies biete ich Ihnen an . . . nur keine Heirath . . .““ „„Wohl aber die Schande, unglückliches Kind! . . Ah! ich liebe Sie, ich achte Sie zu ſehr, ich achte mich ſelbſt zu ſehr, um der Mitſchuldige Ihrer Entehrung zu werden.““ „„Mein Georges, das ſind Worte und nichts An⸗ deres.““ „„Worte?“ „„In weſſen Augen ſollte ich entehrt ſein? In den Ihrigen? “ „„Nein, nicht in den meinigen, wenn ich Ihre Schwäche theilte, doch früher oder ſpäter wären ſie in Ihren eigenen Augen entehrt, und morgen ſchon in denen der Welt““ „„Die Welt! die Welt, das iſt für mich der Ort, wo Sie ſind, Georges; für mich, — und ich habe die Anmaßung, mich in dieſer Hinſicht beſſer zu kennen, als Sie mich kennen, — für mich wäre es nicht die Schande, ſondern der Stolz meines Lebens, von Georges Hubert geliebt zu ſein.““ „„Louiſe, ich beſchwöre Sie mit gefalteten Händen, überlegen Sie! laſſen Sie ſich nicht verblenden durch die Luftſpiegelung einer Ergebenheit, einer Selbſtver⸗ . leugnung, welche zu bewundern ich nicht umhin kann; doch die Grundſätze meines ganzen Lebens gebieten mir, zu widerſtehen. Louiſe, ich flehe Sie an, machen Sie nicht durch Ihre Weigerung mein Unglück und das Ihrige vielleicht!““ 231 „Georges, Sie haben die Hartnäckigkeit meines Charakters in ſeinen guten vder ſchlimmen Entſchlüſſen zuweilen gelobt, zuweilen mit Recht getadelt: mein Ent⸗ ſchluß iſt gefaßt, ich gehöre Ihnen, verfügen Sie über nich⸗ über mein Schickſal, doch nie werde ich Ihre Frau ein „„Louiſe, ich beſchwöre Sie.““ „„Glauben Sie mir, ich handle nicht leichtſinnig, die Schwärmerei der Selbſtverlengnung verblendet mich nicht, das wiederhole ich Ihnen zum letzten Male, mein geliebter Georges. Alles Glück, das ich Ihnen, Ihre Frau werdend, zu danken haben könnte, wäre ver⸗ giftet durch den Gedanken aller Augenblicke, Sie wer⸗ den vielleicht eines Tags den Verluſt Ihrer Freiheit be⸗ klagen.““ „„Louiſe, nehmen Sie ſich in Acht, mein Charakter iſt ſo entſchloſſen, als der Ihrige, und ich erkläre Ihnen, nie werde ich die gemeinſchaftliche Verbindlichkeit Ihrer Verirrung annehmen, nie werde ich der Mitſchuldige Ihrer Schande ſein.“ „„Sie werden mich verlaſſen, Georges „nicht wahr, meine Weigerung, Sie zu heirathen, wird mich Ihre Liebe koſten? Ich werde mich zu fügen wiſſen.““ „Und ich armer Wahnſinniger, ich, der ich alle Hoffaungen meines Lebens auf Sie ſetzte, was ſoll aus mir werden?““ rief der Dichter, deſſen Augen ſich mit Thräuen füllten, mit einem ſo ſchmerzlichen Ausdruck, daß Louiſe bebte und ihre Thränen auch nicht mehr zu⸗ rückhalten konnte. „„Louiſe,“ fügte er mit einer leiden⸗ ſchaftlichen Dringlichkeit bei, als er die Gemüthsbewe⸗ gung des Mädchens wahrnahm, „„Louiſe, meine Bitte ſrührt Sie, aus Mitleid für mich, aus Mitleid für Sie, weiſen Sie mich nicht zurück!““ „Einem grauſamen Kampfe preisgegeben, zerfloß Louiſe in Thränen und ſchwieg einige Augenblicke; dann, nach einer beinahe übermenſchlichen Anſtrengung gegen 232 ſich ſelbſt, erwiederte ſie mit einer durch das Schluchzen erſtickten Stimme: . „„Mein Georges, nie!““ „„Nein! nein! ſehen Sie, ich erinnere mich deſſen, was ich gelitten habe, als ich glaubte, Sie wollen ſich auf immer von mir entfernen. Aber, großer Gott! was wäre dieſer Schmerz im Vergleiche mit meinen Bangig⸗ keiten in jeder Stunde nur bei dem Gedanken, unſere Ehe könnte Ihnen eines Tags zur Laſt ſein! Ver⸗ gebliches Bereuen, das Sie durch Ihren Edelmuth vor mir zu verbergen den Muth hätten! Georges, und ſollte ich Sie heute auch zum letzten Male ſehen, ich vermöchte Ihnen nur zu wiederholen: Ich gehöre Ihnen! verfügen Sie ſüber mein Schickſal, aber nie werde ich Ihre Frau „„Gott befohlen! wahnſinniges Geſchöpf!““ rief Georges Hubert in ſeiner heftigen Verzweiflung. „„Gott befohlen .. und auf immer Lebewohl!““ „Gott befohlen!“ erwiederte Louiſe mit dem un⸗ erſchütterlichen Bewußtſein der Ergebenbeit und einer wohl überlegten Selbſtverleugnung. „„Leben Sie wohl, mein Georges, nie hat Sie eine Frau mehr geliebt, nie wird Sie eine Frau mehr lieben, als ich „Ah! das iſt ſehr wahr,“ ſagte Gilberte, während ſie ihre von Thränen befeuchtete Augen trocknete. „Arme Louiſe! welcher Muth! welche Aufopferung! Die Hand von Georges Hubert ausſchlagen! ſich weigern, einen ſo ruhmwürdigen Namen zu führen, während ſo viele Frauen auf das Heirathen wie wüthend ſind!“ „Bei meiner Treue, Minette, Du haſt mich zur rechten Zeit unterbrochen. Ich konnte nicht mehr leſen, die Thränen verblendeten mich. Welche muthige Herzen! Richt weil ich Georges Hubert ſein ſoll, aber ich finde ¹ ————————— — ——— 233 ſo erhaben, als das von Louiſe. Und Du?“ „Ich auch. Sie kommen ſich ſicherlich an Werth gleich und ſind für einander gemacht. Mein Gott! nun ſind ſie getrennt; wie wird das endigen?“ „Wir werden es bald erfahren,“ verſetzte Gilbert, indem er ſeine naſſen Augen abwiſchte. „Ah! Geliebte, wir haben oft mit einander Romane an der Ecke unſeres Feuers geleſen, doch mir ſcheint, nie hat uns eine Ge⸗ ſchichte ſo ſehr intereſſirt, wie dieſe.“ „Ei! das iſt ganz einfach: wir leſen unſere eigene Geſchichte, da wir Louiſe und Georges ſein werden.“ „Du haſt Recht. Laß doch ein wenig ſehen, was uns wird, oder vielmehr was uns begeg⸗ net iſt.“ „Wir waren bei dem Angenblick, wo Georges und Louiſe ſich Lebewohl ſagten und im Begriffe waren, ſich zu trennen.““ „Ja . . und ich wiederhole den letzten Satz: „„Gott befohlen,““ erwiederte Louiſe mit dem un⸗ erſchütterlichen Bewußtſein der Ergebenheit und einer wohl überlegten Selbſtverleugnung; „leben Sie wohl, mein Georges, nie hat Sie eine Frau mehr geliebt, nie wird Sie eine Frau mehr lieben, als ich.““ „„Georges Hubert, nachdem er ſich raſch von Louiſe entfernt hatte, blieb auf der Thürſchwelle unbeweglich ſtehen, verbarg ſein Geſicht in ſeinen Händen und murmelte mit erſtickter Stimme: „„Ich kann Sie doch nicht ſo verlaſſen!““ „Dann, nach einem langen Zögern, fügte er wie gebrochen durch den Kampf bei: „D menſchliche Schwäche! o unbeſiegbare Gewalt der Liebe!““ „Er machte hierauf eine Bewegung, um ſich Louiſe 234 zu nähern; doch er widerſtand der erſten Hinreißung, ging haſtig weg und rief: „„Nein, nein, dieſe ſträfliche Schwäche werde ich zu überwinden wiſſen. Gott befohlen, Louiſe, Sie ſehen mich nicht wieder.““ „„Louiſe folgte ihm mit einem verzweifelten Blicke; dann, als er verſchwunden war, fühlte ſie ſich ohnmächtig werden und ſank zu Boden. „„Von dieſem Tage aneinem hitzigen Fieber preis⸗ gegeben, wurde Louiſe ſo gefährlich krank, daß man bei⸗ nahe jede Hoffnung, ſie zu retten, verlor. Frau André, die ihrer mit der Sorgſamkeit der zärtlichſten Mutter pflegte, verließ ihr Bett nicht; als Georges Hubert durch einen Brief dieſer vortrefflichen Frau erfuhr, das Leben von Louiſe ſei in Gefahr, eilte er herbei, blieb Tag und Nacht im Hauſe, ſpähte an der Thüre der Kranken, und ſuchte ihre geſchwächte Stimme, ihren Athemzug zu ver⸗ nehmen, denn er wagte es nicht, vor ihren Angen zu erſcheinen, weil er unheilvolle Gemüthsbewegungen bei ihr zu verurſachen befürchtete. Die Wiſſenſchaft eines, mit Georges befreundeten, berühmten Arztes, die Jugend von Louiſe, das Wiedererwachen einer unbeſtimmten Hoff⸗ nung, da ſie (als ihr Zuſtand der Frau André ſie hievon in Kenntniß zu ſetzen geſtattete) erfuhr, mit welcher ſchmerz⸗ lichen Bangigkeit Georges Hubert, der das Haus nicht verlaſſen, den verſchiedenen Phaſen dieſer Krankheit, die man Anfangs für tödtlich gehalten, gefolgt war, führten allmälig die Wiedergeneſung von Louiſe herbet. „„Es kam enplich der Tag, wo Georges Louiſe ohne Gefahr für ſie ſehen konnte. „„Louiſe,““ ſagte der Dichter zu ihr, „„wir lieben uns zu ſehr, um von einander getrennt zu leben; Ihre Liebe hat mich abermals beſiegt „ Die Verpflichtung, die ein ehrlicher Mann gegen ſich ſelbſt übernimmt, iſt eben ſo heilig, als die, welche er vor dem Geſetze über⸗ nimmt Sie ſchlagen meine Hand aus, Loniſe; Sie 4 — —————— 235 werden nichtsdeſtoweniger meine Fran ſein! hören Sie wohl: meine Frau! in der heiligſten Bedeutung dieſes ſüßen Namens, das gelobe ich hier. Ja, wenn Sie wiederhergeſtellt ſind, kommen Sie zu mir, und dort, vor dem Bilde meiner Mutter, werde ich Ihre Hand in die meinige nehmen und einen Eid ſchwören, daß ich unſere Verbindung als unauflösbar betrachte . . . Sie kennen mich, Loniſe, Sie wiſſen, welche fromme Ehrfurcht ich für das Andenken meiner Mutter hege: Sie werden mei⸗ nem Schwure glauben! . . „„Das Mädchen erlangte bald ſeine Geſundheit wie⸗ der. Georges Hubert hielt ſein Verſprechen, und ſeit jenem Augenblicke bis zu der gegenwärtigen Stunde, wo Louiſe dieſe Zeilen ſchreibt, iſt ihr Leben wie ein Zauber geweſen; das unausſprechliche Glück, deſſen ſie ſich er⸗ freut, wird von ihrem geliebten Georges getheilt. „„Dieſes Glück iſt von Geheimniß und Einſamkeit umgeben, in Folge einer reizenden Idee von Georges; nichts kann ſeltſamer und köſtlicher ſein, als ſeine doppelte Eyiſtenz. „„Dort, in der Stadt, der geräuſchvolle Tumult des Ruhmes und der dem Genie dargebrachten Huldigungen. „„Hier in dieſem Winkel die Ruhe und die demü⸗ thigſte Dunkelheit. „„Während Du unfern von mir beim Scheine Deiner Studirlampe wachſt, mein Georges! einziger Gott mei⸗ nes Herzens und meines Lebens, wollte ich anfangen und vollenden dieſe einfache Erzählung des Lebens eines jungen Mädchens, das Du zur Glücklichſten, zur Stolzeſten der Frauen gemacht haſt. „„Ich habe die heutige Nacht gewählt, um dieſe paar Zeilen zu ſchreiben, weil ich vor zwei Jahren, um die⸗ ſelbe Zeit, auch in der Racht, noch berauſcht von Dei⸗ nem neuen Triumphe, Dich vor der Thüre Deines Hanſes erwartete, um mit einer ſchüchternen, zitternden Stimme zu Dir zu ſagen: 236 „Herr Georges Hubert .. ich möchte Sie gern ſprechen!““ „ Vor zwei Jahren hörte ich, wie ich es in dieſem Angenblicke höre, zwei Uhr Morgens ſchlagen, als ich mich, tief durchdrungen von Deiner anbetungswürdigen Güte, nach unſerer langen Unterredung beinahe närriſch vor Glück und Hoffnung auf Deinen Arm ſtützte und 3 Dein Haus verließ, in das ich ſo furchtſam, ſo gelähmt eingetreten war. „„In dieſer Erzählung, die Du morgen leſen wirſt, mein Georges, ſieh nichts Anderes, als den leider un⸗ genügenden und entfärbten Ausdruck meiner Liebe und frommen Dankbarkeit gegen Dich. „„Loniſe.“ Es ſchlug gerade auch zwei Uhr Morgens in der Ferne, als Gilbert und Gilberte die vor ihren Augen von einer unſichtbaren Hand geſchriebenen Zeilen zu Ende terzeichnet, da ſchien das Manuſcript zwiſchen den ſchwand. „Welch eine Liebe iſt die von Georges und Louiſe!“ rief Gilberte mit Entzücken. „Sage, begreifſt Du, mein Freund, daß man eine Glückſeligkeit, die der dieſer zwei Liebenden gleich iſt, träumen kann?“ „Ich kenne nur einen Mann von ganz einfältigem Geiſte, der fähig iſt, ſeine Frau zu lieben, wie Georges Gilberte mit den Armen umſchlang. „O mein Gilbert!“ verſetzte Gilberte, die ſich mit einem ſanften Schmachten dem verliebten Umfangen ihres Mannes hingab, „o mein Gilbert, dieſer gute Tag der Arbeit, der Plauderei und der Liebe wird wenigſtens einer der beſten des Lebens geweſen ſein, das wir zu geleſen hatten. Kaum war der Namen Louiſe un⸗ Händen des jungen Ehepaars zu zerſchmelzen und ver⸗ Hubert ſeine Louiſe liebt, und dieſer Mann bin ich, Theuerſte,“ ſagte Gilbert, während er ſich vorbeugte und 237 verlaſſen im Begriffe ſind, um in das ſo ſchöne, ſo ruhm⸗ volle Leben einzutreten, welches unſerer harrt, und auf das ich für Dich und für mich ſtolz bin!“ Dann fügte die junge Fran mit leidenſchaftlichem Tone bei: „Ich liebe Dich ſo ſehr, mein Theurer! Oh! ich liebe Dich! ich liebe Dich! ich liebe Dich!“ „Gute Racht, Korrigan,“ ſprach die bebende Stimme von Gilbert, „gute Nacht, liebe kleine Fee. Morgen alſo! Einſtweilen, bis wir Georges und Lyuiſe ſein werden, ſind wir noch Gilbert und Gilberte.“ Bald war die beſcheidene Stube in Finſterniß ver⸗ ſunken; die Gluth des Ofens erloſch allmälig und warf nur noch eine ſterbende Helle auf die rothen Flieſen des Bodens, indeß man außen den Wind ſtöhnen und den Regen die Fenſterſcheiben peitſchen hörte. „Arme, gute Herzen!“ ſagte mit ſchwermüthigem Tone die Korrigan; „redliche, unſchuldige Seelen! nach einem ſolchen Tage fragen ſie, wo das Glück ſei! Der Schatz liegt zu ihren Füßen, ſie gehen daran vorbei und ſuchen ihn in der Ferne mit einem ungeduldigen Blicke durch die Luftſpiegelungen eines trügeriſchen Horizonts! Ach! das iſt alſo das unſelige Geſetz der Menſchheit auf dieſer Welt! „Eine ſchmerzliche Erfahrung gibt allein die Weisheit. „Der Menſch kann zur Mäßigung nur durch die Sättigung gelangen. „Um die trügeriſchen Güter zu verachten, muß man ſie beſeſſen haben. Werden Gilbert und Gilberte zur rechten Zeit in ihren Nachforſchungen inne zu halten wiſſen? Ach! ich verzweifle, meine Schweſtern wiederzuſehen! ich arme Korrigan!“ XV. Am folgenden Tage nach dem Abend, wo Gilbert und Gilberte die Geſchichte von Loniſe, von dieſem Georges Hubert ſo leidenſchaftlich liebenden Mädchen, ge⸗ leſen hatten, traten zwei Männer in ein auf dem Platze des Palais⸗Bourbon liegendes Kaffeehaus ein. Der Eine von dieſen Männern war der ſich ſo nennende Ge⸗ neral Baron Ponſſard. Der Raufer ließ ſich zwei Gläſer unfehlbaren Ab⸗ ſinthe geben. Der Freund des Generals hieß Rapin; er war Proviantmeiſter während der letzten Kriege des Kaiſerreichs geweſen. Herr Rapin beſaß eine Phyſio⸗ gnomie, welche zugleich an der des Fuchſes und der des Geiers Theil hatte; wie der letztere hatte er einen kah⸗ len Schädel, einen langen Hals, ein rundes, klares, durch⸗ dringendes Auge, aber ſeine Naſe war beweglich und ſpitzig wie die des Fuchſes; ſein dicker, grauer, halbmond⸗ förmig geſchnittener Backenbart umgab ſeine Wangen wie der weißliche Pelz die Schnauze des allzu geſcheiten reie Thieres umgibt, das der Liſt als Prototyp dient. Herr Rapin ſah, von Müdigkeit niedergebengt, ſor⸗ genvoll und erzürnt aus; ſeine beſtaubten Stiefel, eine leichte Unordnung in ſeinen Kleidern, der Schweiß, in dem ſeine glänzende Stirne gebadet war, ſein noch ein wenig keuchender Athem zeugten genug davon, daß der ehemalige Proviantmeiſter einen langen und raſchen Lauf gemacht hatte. Der in ſeinem Innern viel beſchäftigte General Pouſſard vergaß zuweilen unter zahlreichen Zerſtreuungen das Pergnügen, einen alten Kameraden nach langer Tren⸗ nung wiedergefunden zu haben. Die zwei Freunde nah⸗ men Platz an einem Tiſche in einem abgelegenen Winkel 239 des in dieſem Augenblick ziemlich leeren Kaffeehauſes, und als ihnen der Kellner die zwei Gläſer Abſinthe ge⸗ bracht hatte, ſetzten ſie alſo ein außen angefangenes Ge⸗ ſpräch fort: „Um auf dieſe beklagenswerthe, verfluchte Geſchichte zurückzukommen,“ ſagte Herr Rapin, der maſchinenmäßig mit dem Brettchen ſpielte, an welchem, wie gewöhnlich, eines der Journale des Tags befeſtigt war „als ich Dir zu meinem großen Erſtannen auf dem Boulevard des Invalides bei Deiner Rückkehr von jener Beerdigung be⸗ gegnete, hatte ich zehn Minuten vorher meine Tochter erblickt . . das weiß ich gewiß . . . „Warum haſt Du ſie dann nicht feſtgehalten?“ ver⸗ ſetzte der Raufer mit einer ſo merkbaren Zerſtreuung, daß er, ſtatt in das Glas die Ueberfülle des Abſinthe zu gießen, welche in einer kleinen ſilbernen Unterſchaale ſchwamm, den Inhalt auf den Marmor des Tiſches ſchüt⸗ tete, ohne ſeinen Mißgriff zu bemerken. „Alle Teufel!“ mein alter Kamerad,“ fügte er bei, „Du hätteſt Deine einfältige Tochter feſtnehmen und mit der gehörigen Strenge zurückführen müſſen.“ „Ah! Pouſſard, an was denkſt Du denn?“ ſprach Herr Rapin mit eben ſo viel Erſtannen als Ungeduld⸗ „Sagte ich Dir denn nicht, ich ſei dem Fiacre nach⸗ gelaufen und habe gerufen: Halt, Kutſcher, halt! Doch ohne Zweifel einem von meiner Tochter gegebenen Be⸗ fehle gehorchend peitſchte der Schuft ſeine Pferde aus Leibeskräften. Ich folgte dem verdammten Fiacre, ſo lange ich konnte, in unſerem Alter hat man aber nicht mehr ſeine fünfzehnjährigen Beine, und als mich der Zufall Dir begegnen ließ, hatte ich den Wagen auf der Höhe der Rue Plumet aus dem Geſichte verloren. Mein Zorn, meine Müdigkeit waren ſo groß, daß Du mich wüthend und außer Athem auf einem Weichſteine ſitzend fandſt. Wie kannſt Du mir dann ſagen: Du mußteſt dieſen Wagen anhalten?“ 240 „Das iſt wahr,“ verſetzte der General, aus ſeiner Träumerei erwachend, „ich hatte das vergeſſen . . . Und Du weißt gewiß, daß Du Deiner Tochter begegnet biſt?“ „Ja, obgleich ich ſie kaum einen Augenblick ſah.“ „Sie war allein in dieſem Wagen?“ „Ich habe Louiſe (ich ſagte Dir, ſie heiße Louiſe), erſt in dem Augenblick erſchaut, wo ſie den Kopf ein wenig herausbengte; ich konnte auch nicht in den Hin⸗ tergrund des Fiaere ſehen; doch ich glanbe, daß ein Mann bei ihr war.“ „Tauſend Donner! mein Alter, wir werden dem Verführer zur Ader laſſen, nicht mehr, nicht weniger als einem Huhne, und ich bin es, der. . . ich bin es, der! . . . „Du biſt es, der . . Vollende doch!“ ſagte der ehemalige Proviantmeiſter, ſehr erſtaunt, als er ſah, daß der General ſich plötzlich unterbrach und ſeine großen Augen mit einer ſcheuen Miene umherlaufen ließ. „Ah! Pouſſard, ich kenne Dich nicht mehr, Du ſprichſt nicht vier Worte hinter einander, ohne in unglaubliche Zer⸗ ſtreunngen zu verfallen.“ „Rein!“ rief der Raufer, „das kann nicht ſo fort⸗ dauern, heute noch muß ich mein Herz ausſchütten, alle Teufel!“ „Dein Herz ausſchütten, worüber?“ „Ueber nichts,“ erwiederte ungeſtüm der General. „Du ſagteſt mir alſo, Deine nichtsnutzige Tochter. . „Höre, Pouſſard,“ ſprach Herr Rapin mit einer gereizten Miene, „obgleich wir Freunde ſind, will ich Dich doch nicht mit meinen Wehklagen ermüden; Du nimmſt ſie, ohne Zweifel unwillkürlich, mit ſo viel Zer⸗ ſtreuung auf, daß ich bedaure, einen ſolchen Gegenſtand berührt zu haben. Doch was willſt Du! in meiner Erbitterung gegen meine Tochter überſtrömte mein Herz⸗ als ich Dich nach einer Abweſenheit von mehreren Jah⸗ ren wiederfand; verzeihe mir dieſen unbeſcheidenen Er⸗ 241 8 guß, ich werde nicht mehr von meinem Kummer ſpre⸗ chen laß uns von etwas Anderem reden.“ „Wie, Rapin, Du erzürnſt Dich über eine ſolche Kleinigkeit! Du biſt gereizt, Du zweifelſt an dem In⸗ tereſſe, das mir Deine Lage einflößt! Alle Teufel, das iſt albern! Du kennſt mich lange genug, um von meiner Freundſchaft überzeugt zu ſein; ich leugne es nicht, ich war ein wenig zerſtreut, während ich Dich anhörte; entſchuldige mich, ich werde keiner Zerſtreuung mehr preisgegeben ſein, und ſetze Deine vertrauliche Mittheilung fort; im Nothfalle bin ich, wie Du weißt, ein Mann von gutem Rath.“ „Sicherlich! darum wollte ich mich auch Dir eröffnen, Du kennſt Paris, ſeine Gänge und Wege, ſeine Mit⸗ tel, während ich in dieſer Stadt ſeit den fünfzehn Jahren, die ich auf meinen Gütern bei Bordeaux lebe, völlig fremd geworden bin.“ „Ich wiederhole Dir, mein Alter, zähle auf mich in Allem und für Alles; ſprich, ich höre Dich an, dies⸗ mal ohne Zerſtreuung, das darfſt Du glauben. Und damit wir uns wohl erinnern, nimm, ich bitte Dich, die Dinge von ein wenig weit zurück.“ „Du weißt, daß ich meine Frau vor zwölf Jahren verſoren habe?“ „Und ſie mußte Dir, beiläufig geſagt, ein hüb⸗ ſches Vermögen hinterlaſſen: ſie hatte Dir mehr als zweimalhunderttauſend Franken Mitgift gebracht.“ „Ja, doch über dieſes Vermögen muß ich meiner Tochter am Tage ihrer Volljährigkeit Rechenſchaft able⸗ gen,“ erwiederte Herr Rapin, einen Seufzer unter⸗ drückend und die Stirne faltend; „zur Zeit des Todes meiner Frau war Louiſe acht Jahre alt, da ſie nun neunzehn zählt; ich brachte ſie in Penſivn nach Bor⸗ deaux, wo ich ſie bis zu ihrem ſechszehnten Jahre ließ; dann rief ich ſie zu mir zurück, um Jemans zu haben, Gilbert und Gilberte. 1. 16 242 der mein Hausweſen beaufſichtigen und meine Dienſtbo⸗ ten mich zu beſtehlen verhindern ſollte. Eine Zeit lang erfüllte meine Tochter ihre Aufgabe ziemlich gut, und dann an einem Morgen, das iſt zwei Jahre her, ver⸗ ſchwand ſie aus meinem Hauſe.“ „Mit kaum ſiebenzehn Jahren! das iſt ſrühzeitig. Sie hat ſich wohl durch einen Liebhaber verführen laſ⸗ ſen. .. Und Du haſt keinen Verdacht in Betreff des Räubers?“ „Keinen; ich empfing zu meinem vertrauten Um⸗ gange nur ein paar Rachbarn, verheirathete Leute von unſerem Alter. Auch hat keiner die Gegend ſeit jenem Ereigniß verlaſſen ich kann ſie alſo nicht im Ver⸗ dacht haben.“ „Deine Tochter hatte keine Urſache, ſich über Dich zu beklagen?“ „Ich zeigte mich allerdings gegen ſie nicht von ei⸗ ner übertriebenen Zärtlichkeit, denn Du weißt, daß einſt ihre Mutter . . . „Was willſt Du, mein Alter, das iſt ein kleines Unglück, doch man ſtirbt nicht daran, und dann laſſen zweimalhunderttauſend Franken Mitgift über manche Dinge weggehen. Und, alle Wetter! ſo wie Du mich ſiehſt, Ra⸗ pin, fände ich eine Mitgiſt . . hm! das iſt ein hüb⸗ ſcher Pfennig, zweimalhunderttauſend Franken! Das ſind viele getrüffelte Poularden, Auſtern von Marennes und Fäßchen Chambertin! Bei Gott, ich würde um dieſen Preis eine Baronin Pouſſard machen! um ſo mehr, als ich der Küche der Reſtaurants müde zu werden an⸗ fange. Doch verzeih', mein Alter, dieſe eulinariſche und eheſtandliche Unterbrechung. Ich höre Dich.“ „Ich ſagte alſo, die Erinnerung an meine Frau habe mich nicht zu einer tollen Zärtlichkeit gegen meine Tochter bewogen, wenn Louiſe überhaupt meine Tochter iſt, was ich ſehr bezweifle.⸗ „Bah! mein Alter, es iſt immer die Tochter der 243 Mitgift ihrer Mutter, und das iſt das Wichtigſte. Was das Uebrige betrifft, ſo würde ich es mir aus dem Sinne ſchlagen.“ „Du ſprichſt beſtändig von dieſer Mitgift,“ ver⸗ ſetzte ungeduldig der ehemalige Proviantmeiſter, „und Du weißt nicht . . .“ „Was denn?“ „Warte ein wenig, Du ſollſt es erfahren. Was Teufels! jedes Ding zu ſeiner Stunde, Du unterbrichſt mich immer! Ich wiederhole Dir, daß ſich meine Toch⸗ ter, ſtreng genommen, nicht über mich zu beklagen hatte; mit meinen Weinbergen, mit meinen Angelegen⸗ heiten beſchäftigt, ſah ich ſie gewöhnlich nur zur Zeit des Mittageſſens. Sie war von einem ſchweigſamen, verſchloſſenen Charakter und liebte die Welt ſo wenig, daß ich zuweilen von meinem Anſehen Gebrauch machen mußte, um ſie in einige Geſellſchaften unſerer Nach⸗ barn zu führen; ſie beaufſichtigte indeſſen hinreichend mein Haus und brachte ihre übrige Zeit mit Leſen zu, denn ſie hatte eine wüthende Leidenſchaft für die Lecture.“ „Ah! mein Alter, ich komme immer wieder auf mein Wort zurück: was für ein abſcheuliches Zeug ſind doch die Bücher! Deiner Tochter wird der Kopf durch Romane verrückt worden ſein. . . Sie hat Dich alſo plötzlich verlaſſen, ohne daß Du auch nur entfernt ihren Fluchtplan ahnen konnteſt?“ „Durchaus nicht. Ich hatte zwei Tage in Bor⸗ deaux zugebracht; bei meiner Rückkehr erfahre ich, daß am Abend vorher Louiſe unter dem Vorwande, eine Nachbarin zu beſuchen, ausgegangen und nicht wieder erſchienen iſt. Ich laufe in ihr Zimmer und finde auf ihrem Kamine einen Brief von ein paar Zeilen, unge⸗ fähr in folgenden Worten abgefaßt: 244 „„Mein Herr, „„Sie haben keine Zuneigung für mich, ich fühle keine für Sie, ſeitdem Sie von meiner Mutter in Ausdrücken geſprochen, die ich nie vergeſſen werde. Sie haben mir geſagt, ich ſei nicht Ihre Tochter und Sie behalten mich nur aus Mitleid bei ſich. Der Aufenthalt in Ihrem Hauſe iſt mir unerträglich geworden, Sie wer⸗ den mich nicht mehr ſehen. Ich nehme die Juwelen meiner Mutter mit, die Sie mir bei meinem Austritte aus der Penſion übergeben haben.““ „Das iſt ein wahrhaft huſarenartiges Betragen für ein Hühnchen von kaum ſiebenzehn Jahren! Alle Nach⸗ forſchungen waren alſo. . „Vergeblich. Ich wandte mich an die Polizei von Bordeaux und durch Correſpondenz an die von Paris: unmöglich, die Adreſſe von Lonuiſe zu entdecken! Nach⸗ dem ich ſeit zwei Jahren auf die Hoffnung, ſie wieder⸗ zufinden, verzichtet hatte, komme ich geſtern in Paris an, um einige Angelegenheiten in Ordnung zu bringen, und vorhin, ich wiederhole es Dir, gewahre ich Loniſe in einem Wagen, und wenige Augenblicke nachher be⸗ gegnete ich Dir, als Du von jener Beerdigung zurück⸗ kamſt.“ Bei dieſer traurigen Erinnerung bebte der Raufer, der bis dahin ſehr aufmerkſam auf die Erzählung ſei⸗ nes Freundes geweſen war, und ſchien abermals tief zerſtreut, während der Vater der Flüchtigen alſo fort⸗ uhr: ſi „Du begreifſt nun, mein alter Kamerad, daß ſich nach der ſchändlichen Flucht von Louiſe meine geringe Zuneigung für ſie in Abneigung verwandelt hat. Ich defürchte nur, ſie hat ſich durch einen Schlauſopf verführen laſſen, der ihre Mitgift gewittert haben wird, denn beim Eintritt ihrer Volljährigkeit hat ſie von — 24⁵ über fünfmalhunderttauſend Franken Capital und Inter⸗ eſſen zu fordern, da ihre Mutter ſeit mehr als zwölf Jahren todt iſt.“ Die Zauberworte: eine Mitgift von fünfmal⸗ tPndertinuſend Franken, hatten die Gewalt, den Raufer ſeinen Träumereien zu entziehen. Er riß ſeine großen Augen weit auf, erhob ſich halb von ſeinem Sitze, faßte ſeinen Freund am Arm und rief: „Wie, mein Alter, was ſagſt Du da? Deine leichtfertige Tochter werde fünfmalhunderttauſend Franken Mitgift bekommen!“ „Nein. Ich ſage, ſie werde von mir dieſe Summe zu fordern haben, und das iſt ein großer Unterſchied.“ „Wie ſo?“ 7 „Wir ſind nun zu der Geſchichte dieſer Mitgift ge⸗ kommen, von der Du beſtändig ſprichſt. Du biſt mein alter Freund; ich darf Dir nichts verbergen, da ich Dich bitte, mich mit Deinem Rathe zu unterſtützen. Ich geſtehe Dir, ich habe Speculativnen gemacht, ich habe an der Börſe geſpielt; die Chancen ſind gegen mich geweſen; beinahe die Hälfte des Vermögens von Loniſe iſt in meinen Geſchäften gefährdet und verloren; und ich zittere, indem ich den Augenblick näher kommen ſehe, wo ich meiner Tochter oder dem Schlaukopf, der ſie im Hinblick auf ihre Mitgift verführt oder ge⸗ heirathet hat, werde Rechenſchaft geben müſſen. Du begreifſt dieſe Beſorgniſſe, nicht wahr?“ „Vollkommen,“ erwiederte der Raufer, während er mit ſeinen Fingern über ſeinen Schnurrbart mit einer nachdenkenden Miene ſtrich, denn ſeine Träumereien hat⸗ ten ihren Gegenſtand gewechſelt. „Deine Tochter würde alſo ſtatt fünfmalhunderttauſend Franken Mitgift nur ungefähr die Hälfte haben?“ „Ja, doch da ich ein ſchlauer Fuchs bin und vor⸗ herſehe, daß ich früher oder ſpäter Louiſe wiederfinden 246 könnte, ſo habe ich mich eines für den Fall ver⸗ ſichert.“ „Was willſt Du mit Deinem für den Fall ſagen?“ „Ich habe in Bordeaux einen Anwalt, einen pſif⸗ figen Burſchen, gefunden, der, wenn ich Louiſe wieder erwiſchte, ſich herbeiließe, ſie zu heirathen und meine Vormundſchafts⸗Rechnungen mit geſchloſſenen Augen zu billigen, unter der Bedingung, daß meine Tochter ihm zweimalhunderttauſend Franken baar Geld mitbringt; ich ſchätze aber zu wenigſtens zweimalhunderttauſend Fran⸗ ken das durch meine Speculationen im Vermögen von Loniſe herbeigeführte Deficit. Es bleiben ihr ungefähr zweimalhundert und achtzigtauſend Franken, welche je⸗ den Tag zu realiſiren ſind; gebe ich nun zweimalhun⸗ derttauſend Franken meinem zukünftigen Schwiegerſohne gegen eine Quittung von ihm über meine vormund⸗ ſchaftliche Verwaltung, ſo begreifſt Du, daß ich von meinen Aengſten befreit bin, und daß mir noch ein an⸗ genehmes Sümmchen bleibt; wie, Pouſſard?“ „Gewiß,“ erwiederte der General, immer mehr nachdenkend. „So daß am Ende Deine Tochter eine Mitgift von zweimalhunderttauſend Franken in run⸗ der Summe haben wird. . .“ „Ja wenn ſie noch zu verheirathen iſt .. doch ich befürchte einzig und allein, daß ſie der Schlau⸗ kopf, der ſie wegen ihrer Mitgift verführt haben wird, geheirathet hat.“ „Teufel das iſt wahr!“ „Andererſeits ſage ich mir: Vielleicht hat der Ver⸗ führer als ein vorſichtiger Menſch die Volljährigkeit von Louiſe abwarten wollen, um nicht eine Katze im Sacke zu kaufen und um vor der Trauung ſich des Betrags vom Vermögen ſeiner Frau zu verſichern. Meine letzte Hoff⸗ nung iſt, daß er ſo gehandelt haben wird; denn iſt einmal meine Tochter in meiner Gewalt, ſo ſtecke ich ———————————— 247 ſie, da ich alle meine Rechte über ſie bis zu ihrer Voll⸗ jährigkeit behalte, vorläuſig in ein Kloſter, um ſie für ihre Entweichung zu beſtrafen; wonach ich eine Crimi⸗ nalklage gegen den Schlaukopf wegen Entführung einer Minderjährigen anhängig mache: das Uebrige geht von ſelbſt. Habe ich dieſe verdammte Louiſe unter meiner Hand, ſo werde ich ſie wohl nöthigen, meinen Anwalt zu heirathen. Du begreifſt nun, von welchem Intereſſe für mich die Feſtnahme von Louiſe wäre; ich habe auf meiner Seite das Recht und das Geſetz. Doch das iſt noch nicht Alles, und es gäbe vielleicht ein Mittel, zu...“ Hier unterbrach ſich Herr Rapin, der maſchinenmäßig mit dem Jvurnal ſpielte, welches er im Verlaufe dieſes Geſpräches mehrere Mal genommen und wieder auf den Tiſch gelegt hatte; er dachte einige Secunden nach und ließ ſeinen zerſtreuten Blick auf dem Blatte umherirren, das er in ſeinen Händen hielt, ohne daß es ihm einfiel, daſſelbe zu leſen. Plötzlich bebte er vor Erſtaunen; ſeine Augen hatten ſich zufällig auf den Titel des kleinen Tagblatts, der Spürhund, gerichtet, — ein in großen Buchſtaben gedruckter Titel, der in dieſem Au⸗ genblick um ſo mehr die Neugierde des ehemaligen Pro⸗ viantmeiſters erregen mußte, als der Inhalt auf fol⸗ gende anlockende Weiſe bezeichnet war: Entführung einer reichen Erbin durch einen berühmten Schriftſteller. Schon betroffen von dieſem Titel, las der Vater von Louiſe mit einer, jeden Augenblick wachſenden, Neu⸗ gierde den alſo abgefaßten Artikel: „Der Spürhund ſpürt ſowohl durch Geburtsrecht als durch Naturrecht. „Spürend, hat unſer Spürhund folgende Anek⸗ dote aufgeſpürt; wir geben unſere Aufſpürung unſe⸗ 248 ren Leſern mit jedem Vorbehalte, obgleich wir behaupten daß wir, wie gewöhnlich, vollkommen unterrich⸗ tet ſind. „Es war einmal ein berühmter Schriftſteller, ein ausgezeichneter dramatiſcher Dichter. „Oh! neugieriger Leſer, uns ſcheint, wir hören Dich ſchon ungeduldig rufen: „Sein Rame? Wie heißt dieſe Celebrität? “ „Sein Name? „Wir werden die Indiscretion nicht ſo weit treiben, daß wir Dich damit bekannt machen, lieber Leſer, wir werden nicht einmal den gewöhulichen Anfangsbuchſtaben geben . einen ſo gerechten und heiligen Abſcheu haben wir vor dem Aergerniß! „Nur ſagen wir Dir leiſe, ganz leiſe Folgendes: „1. Die Echos der franzöſiſchen Academie ertönen noch von dem academiſchen Triumphe, der unlängſt dem fraglichen großen Dichter zu Theil geworden iſt. „2. Man hat kürzlich in der Comédie Frangaiſe ei⸗ nes von den Dramen dieſes großen Mannes wieder auf⸗ genommen, ein Drama, das vor zwei Jahren mit ei⸗ nem betäubenden Sucteſſe gegeben worden iſt, und die Wiederholung dieſes Werkes zieht eine ebenſo große Menge herbei, als es bei ſeiner Neuheit der Fall war. „3. Dieſer ausgezeichnete Dichter, der zum großen Bedauern des Pubiikums ſeiner Bewunderung ſeit zwei Jahren kein nenes Werk übergeben hatte, wird demnächſt zum erſten Male ein Schauſpiel in fünf Acten und in Verſen, ein coloſſales, pyramidales, ſcnpturales, monu⸗ mentales Werk aufführen laſſen, deſſen unglaublicher, ungeheurer, unermeßlicher, unerhörter Succeß alle ver⸗ gangene, gegenwärtige und zukünftige Succeſſe über⸗ ſteigen wird! „Nehehehmen Sie Ihre Billets! nehehehmen Sie Ihre Billets! „Die einfachen Orcheſterſperrſitze werden an der 249 Börſe, mit einer Prämie von eilftauſend neunhundert neunundneunzig Franken und fünfundſiebzig Centimes verkauft! Man glaubt allgemein, die Prämie, werde die fabelhafte Summe von zwölftauſend Franken erreichen! „Nehehehmen Sie Ihre Billets! nehehehmen Sie Ihre Billets! . . . Bumm! Bumm! Zinn . Zinn Zinn . . Nehehehmen Sie Ihre Billets! „Lieber Leſer, wenn Du unn nicht errathen haſt, von welchem Fürſten der Literatur die Rede iſt, ſo können wir nur Deinen Mangel an Scharfſinn bedauern; um Dich indeſſen zu unterſtützen, fügen wir als letzte Belehrung bei, daß das Portrait unſeres Helden in al⸗ len Auslagen der Bilderhändler mit einem Faſſimile ſeiner Handſchrift hängt und den Vorübergehenden an⸗ muthig zulächelt. „Nachdem dies vorausgeſtellt iſt, lieber Leſer, kom⸗ men wir auf unſere Aufſpürung zurück. „Es war alſo einmal ein berühmter Schriftſteller, der ſeit langer Zeit das Bedürfniß fühlte, eine reiche Erbin zu heirathen: er wollte den grünen Lorbeeren von Apollo das goldene Diadem von Plutus beifügen. Dieſe Erbin (man ſpricht von mehreren Millionen Vermögen) fand unſer berühmter Schriftſteller. 0 * „„Wann? „„Wie? „Wirſt Du rufen, lieber Leſer. „Doch der Spürhund, als ein wohldreſſirter Hund, weiß zur Noth verſchwiegen zu ſein; überdies iſt das nicht das Reizende des Abenteuers. „Das Reizende vernimm: „Unſer großer Dichter iſt eins und er iſt zwei. „Schreie nicht auf, Leſer, ſetze dieſe wahrhaftige Lecture fort, und Du wirſt das Geheimniß der ſelt⸗ ſamen Dualität haben. „Ein oder zweimal in der Woche thront unſer be⸗ rühmter Schriftſteller mehrere Stunden königlich unter den Strahlen ſeiner Glorie in der officiellen Behauſung, die er inne hat in der Straße . . . „„In welcher Straße?““ „An der Straße iſt nichts gelegen, lieber und zu neugieriger Leſer. „Doch bald nimmt der König der modernen Poeſie ſeine Krone ab, der Genins legt ſeine bunten Flügel nieder zieht einen einfachen Paletot an und begibt ſich vor die Barrière des Invalides. (Wir fordern Dich auf, durch Dich ſelbſt die topographiſche Genauigkeit dieſer Erzählung außer Zweifel zu ſetzen, lieber Leſer; der Frühling iſt reizend, Du wirſt einen zugleich angenehmen und intereſſanten Spaziergang machen.) Der große Dichter, ſagen wir, begibt ſich von der Barrisre des Invalides nach der Mericourt-Allee, geht längs dieſer einſamen und beinahe unbewohnten Allee hin und bleibt vor einer grünen mit Hagebuchen umgebenen Thüre ſte⸗ hen, über welcher die Nummer drei zu ſehen iſt. Die Thüre öffnet ſich, und .. . „O wunderbare und plötzliche Matamorphoſe! „Kaum iſt die Thüre wieder hinter ihm geſchloſſen, da wird unſer berühmter Dichter, deſſen Name von einem Ende der civiliſirten Welt zum andern erſchallt, in dieſen demüthigen Winkel eintretend Herr Dumesnil (vergiß den Pfendonymen nicht lieber Leſer), ein beſcheidener Kanzleibeamter, der ſehr beſcheiden in einem ſehr be⸗ ſcheidenen, aber ſehr freundlichen Häuschen mit ſeiner Gattin wohnt, welche unterſtützt durch eine Dienerin Namens Catherine, (oh! der Spürhund hat wohl ge⸗ ſpürt), für alle Bedürfniſſe des Hauſes genügt und alle Pflichten erfüllt, welchen gewöhnlich von der Frau eines Angeſtellten mit achtzehnhundert Franken Genüge zu leiſten iſt. 251 „Dieſe thätige Hausfrau iſt keine Andere, als die fragliche reiche Erbin. . „Der beſcheidene Angeſtellte iſt kein Anderer, als unſer berühmter Schriftſteller. „Die Chronik ſchweigt über die Urſache dieſes Ge⸗ heimniſſes, und der Spürhund ahmt der Chronik nach. „Alles, was der Spürhund ſeinen Leſern mitzu⸗ theilen vermag, iſt, daß der Prolog dieſes häuslichen Dramas hätte . . (wir wenden die dubitative Form an) hätte können in der Gegend von Bordeaur ſpielen. „Spürt der Spürhund einige neue Umſtände auf, ſo werden wir unſern Leſern die Erſtlinge dieſer Auf⸗ ſpürung bieten.“ XVI Herr Rapin, nachdem er dieſen Artikel des kleinen Journal: der Spürhund, geleſen, ſprang von ſeinem Sitze auf; der Prolog dieſes häuslichen Dramas, ſagte der Spürhund, habe ſich in der Gegend von Bor⸗ deaux zugetragen, ſo daß, abgeſehen von der bezüg⸗ lichen Uebertreibung des Vermögens der Erbin, die Bezeichnung der Oertlichkeit, das Geheimniß, in das ſich der Dichter und ſeine Gefährtin hüllten, den ehe⸗ maligen Proviantmeiſter mit großer Wahrſcheinlichkeit vermuthen ließen, die durch den berühmten Schriftſteller entführte Erbin ſei keine Andere als Louiſe. Im Er⸗ guſſe der Frende, die ihm dieſe Entdeckung verurſachte, rief er auch, indem er mit einer Hand den General beim Arm faßte und ihm mit der anderen das kleine Journal reichte: „Lies das lies das . . .“ Und er fügte mit keuchender Stimme bei: „Ah! Pouſſard, es gibt einen Gott für die Väter!“ 252 Trotz der verſchiedenen tiefen Gedanken, die ihn in Anſpruch nahmen, war der Raufer doch ſo betroffen von den Worten und dem Ausdrucke der Phyſiognomie ſeines Gefährten, daß er den Spürhund nahm und den Ar⸗ tikel las. Der General hatte nur mit einer außerordentlichen Zerſtrentheit die Erzählung von Herrn Rapin angehört; nichtsdeſtoweniger theilte er die Hoffnungen des Letztern in Folge gewiſſer Umſtände und beſonders der Angabe einer Oertlichkeit in der Nähe von Bordeaux als Scene des Prologs dieſes Abenteuers. „Du haſt, beim Teufel! Recht, ſagte der Raufer, dieſe Erbin könnte wohl Deine leichtſinnige Tochter ein!“ „Oh! wenn es möglich wäre, zu erfahren, wer der berühmte Schriftſteller iſt, von dem man ſpricht .. . ich hätte meine Zweifel bald aufgeklärt!“ „Warte doch!“ erwiederte lebhaft der General, der ſich vor die Stirne ſchlug; und er nahm wieder das Journal und las abermals die Stelle, in der die Rede war von der kürzlich erfolgten Aufnahme des großen Dichters in die franzöſiſche Academie, von dem glänzen⸗ den Succeſſe der Wiederaufnahme von einem ſeiner Dramen und von der Ungeduld, mit der das Pub⸗ likum ein neues, für die nächſte Zeit verſprochenes Werk erwartete. „Es unterliegt keinem Zweifel!“ rief er. „Er iſt es . . Vorgeſtern erſt bei dem Feſte des Marquis .. hörte ich . Doch der Raufer unterbrach ſich und ſagte: „Rapin! die Sache iſt ernſt, verdient Aufmerkſam⸗ keit und flößt mir ſelbſt ein Intereſſe ein deſſen Urſache Du ſpäter erfahren wirſt. Doch um unſere Marſchord⸗ nung und unſeren Schlachtplan reiflich zu erwägen, mein alter Kamerad, muß ich den Geiſt frei haben, und das habe ich nicht.“ 253 „Was willſt Du damit ſagen?“ „Ich habe Dir meine Zerſtreuung, meine Bangig⸗ keiten nicht verbergen können, ich muß mein Herz aus⸗ ſchütten. Eine Erinnerung drückt mich, macht mich dumm, verdreht mich zum Eſel, wie der Oberſt Soupiot zu ſagen pflegte. Höre mich alſo an, ohne mich als einen Narren, als einen Geiſterſeher zu behandeln, und dann gehöre ich Dir, ganz Dir, um Dir zu rathen und, wenn es Noth thut, zu handeln, denn die Sache fängt an mich perſönlich zu berühren, ich werde Dir ſa⸗ gen warum und was eintretenden Falles meine Pläne ſein dürften: ich bin feſt überzeugt, wir werden uns verſtändigen, denn Deine Teufelstochter ſcheint mir. .. Doch laß uns ſpäter hievon ſprechen; noch einmal be⸗ merke ich Dir, um Alles wohl zu überlegen, muß ich den Geiſt frei haben und Dir ein Geſtändniß machen.“ „Es ſei!“ verſetzte der ehemalige Proviantmeiſter mit Ungeduld; doch bedenke, daß die Angenblicke koſt⸗ bar ſind.“ „Vor Allem: glaubſt Du an übernatürliche Ereigniſſe?“ „Wie, Pouſſard! um mir ſolche alberne Poſſen zu erzählen, unterbrichſt Du unſer Geſpräch über einen für mich ſo wichtigen Gegenſtand?“ „Teufel! das ſind keine alberne Poſſen! . .. Wenn ich von einem übernatürlichen Ereigniſſe rede, ſo rede ich von dem, was ich mit meinen zwei Ohren ge⸗ hört und mit meinen zwei Augen geſehen habe iſt das klar?“ „Wie? was haſt Du gehört? was haſt Du geſehen?“ „Vorgeſtern am Morgen war ich Zeuge von einem Duell, wobeider junge Herzog, deſſen Beerdigung ich heute aus Schicklichkeit beigewohnt habe, getödtet wurde. Die⸗ ſes Duell fand aus Gründen, deren Erklärung zu lang wäre, in einem Salon ſtatt; höre mich wohl an: der Herzog und ſeine Gegner fallen zu gleicher Zeit aus, rennen ſich und ſtürzen Beide nieder; der Eine, der Her⸗ zog, ſtirbt auf der Stelle; der Andere, der Marquis, verdreht das Auge; ſeine Naſe und ſeine Lippen werden weiß, er erſtarrt; mit einem Wort, er hat nur noch den Athem. . . Du verſtehſt mich, er hat nur noch den Athem, und er fängt an im Todeskampfe zu röcheln. „Weiter? . . wo iſt denn hierin etwas Ueber⸗ natürliches ? „Warte doch! Der Marquis liegt verſcheidend da; ich ſehe ihn noch auf dem Rücken ausgeſtreckt, das Auge ſtarr und halb geſchloſſen, den Mund bläulich, ein wenig geöffnet und kaum ein leichtes Röcheln durchlaſſend . . Ich hob einen von meinen Duelldegen auf, der neben den Marquis gefallen war, als . . als . . .“ „Vollende doch . .. Was Teufels haſt Du denn? Der Schweiß läuft Dir von der Stirne!“ „Alle Teufel! es iſt wohl Grund vorhanden, große Tropfen zu ſchwitzen, wenn man ſich erinnert, daß man mit lauter Stimme, ohne die Lippen zu bewegen, einen Sterbenden, dem, wie ich Dir geſagt, nur der Athem geblieben, hat ſprechen hören.“ „Ah! Pouſſard! wirſt Du verrückt, mein armer Alter?“ „Da haben wir es! Ich wußte es wohl, ich bin verrückt! Aber, tauſend Donner und Teufel! wenn ich Dir ſage, daß dieſer Marquis, obgleich röchelnd, geſprochen hat; ja, er hat geſprochen ohne die Lippen zu bewegen, und zwar mit einer ſo vollen, ſo ſonoren Stimme, daß man ihn auf zwanzig Schritte gehört hätte, und ſeine Worte, vernimm ſie . . . würde ich tauſend Jahre leben, ich vergäße ſie nicht: „„Korrigan! ich will, daß dieſer Raufer, General Pouſſard, der noch mehr grauſam als gefräßig iſt und alle dieſe Uebel verurſacht 255 hat, eine entſetzliche Kolik bekommen ſoll, ſo oft er im Begriffe ſein wird, ſich zu ſchlagen.““ „Ha! ha! ha! ein guter Spaß,“ verſetzte Herr Ra⸗ pin, der ſich des Lachens nicht erwehren konnte; doch ſeine unzeitgemäße Heiterkeit ſchien ſeinem Freunde ſo viel Verdruß und Zorn zu machen, daß er wieder ernſt wurde, dem General die Hand reichte und beifügte: „Verzeih' mein alter Kamerad, aber . . „Du lachſt!“ ſagte mit einem bittern Zorne der Rau⸗ fer, „Du lachſt bei dem Gedanken, daß der General Pouſſard, dem bis jetzt noch Niemand in das Weiße der Augen zu ſchauen gewagt, und der Jedermann darein ſchaut, daß der General Ponſſard, der eilf Menſchen im Duell getödtet hat, für den letzten Wicht gelten könnte! Du lachſt bei dem Gedanken, ich werde nicht mehr im Stande ſein, den Degen in die Hand zu nehmen, ohne die Kolik zu bekommen!“ „Höre mich doch an.“ „Tauſend Millionen Donner! die Kolik! in dem Augenblick, wo ich mich ſchlagen ſoll! ich ein Braver, von dem der Marſchall Soult geſagt hat: „„Der Com⸗ mandant Pouſſard würde mit ſeinem Bataillon zehn tauſend Mann angreifen und Alles bis auf ſeinen letzten Rekruten zuſammenhauen laſſen ohne zu weichen! das iſt die Tapferkeit ſelbſt!““ „Ich ſage Dir noch einmal, nicht über Dich habe ich gelacht, mein Kamerad! und überdies bereue ich meine augenblickliche Heiterkeit, da ſie Dich verdroſſen hat; nur begreife ich nicht, daß Du im Glauben, Du habeſt einen Sterbenden ſprechen hören . „Wie! im Glauben? Ich wiederhole Dir, ich habe ihn mit meinen beiden Ohren gehört! . 4 „Dieſer Menſch war wohl nicht ſo ſterbend, als er zu ſein ſchien!“ „Ei! den Teufel! ich verſtehe mich ein wenig dar⸗ auf, denn ich habe Leute genug tödten ſehen, um das 256 Geſicht einer Leiche oder eines Sterbenden von dem eines Lebenden zu unterſcheiden! Willſt Du mir etwa behaup⸗ ten, man könne mit einer klaren Stimme ſprechen, wenn man mit ſechs Zoll Klinge im Leibe röchelt! „Was ſoll ich Dir ſagen? die Sache dünkt mir unmöglich. Du verſicherſt mich, Zeuge davon geweſen zu ſein; ich glaube Deinem Worte, nur ſcheint mir das unbegreiflich!“ „Unbegreiflich? ja, von einer Seite, doch von der andern, alle Wetter! iſt es nur zu klar! Die Kolik! das begreift ſich! und ich, der ich mich immer eines Straußenmagens und eiſerner Eingeweide erfreute, habe vorgeſtern Abend bei dem Feſte, das dieſes Duell zur Foige gehabt hat, die Kolik bekommen! ah! mein Al⸗ ter, das iſt grauſam! es wird einem ſchwach um das Herz, der Schweiß tritt auf die Stirne, die Beine wanken, und wäre man ein Cambronne, man muß ſchlottern, und zwar auf der Stelle! Ah! Rapin, wenn ich bedenke, daß morgen, heute irgend ein Kerl mich beleidigen kann, und daß, wenn ich auf den Kampf⸗ platz komme „ich, ich, der General Pouſſard! . . . die Haare ſträuben ſich auf meinem Haupte!“ „Ei! im ſchlimmſten Falle ſchlage Dich nicht mehr! ſuche mit Niemand mehr Streit!“ „Kann ich mich zurückhalten? Das liegt im Blute, Ich vermag der Luſt, ein Geſicht, das mir mißfällt dder das mich mit einer gewiſſen Miene anſchaut, zu be⸗ ohrfeigen nicht zu widerſtehen.“ „Was willſt Du dann „Ich nehme an, ich könne meine Gewohnheiten be⸗ ſiegen. Was wird man von mir ſagen? „„Sie wiſſen nicht: der bekannte General Pouſſard, der früher ſo tüchtig auf der Hüfte war, altert, er ſchlägt ſich nicht mehr, er wird eine morſche Birne.““ Wohl! ich füge mich in dieſe Schmach, doch, tauſend Donner! wenn man mich beleidigt!“ . 257 „Ei! wer ſoll Dich beleidigen? Deine Proben haſt Du abgelegt, Dein Name iſt furchtbar, Dein Geſicht iſt wie Dein Name, Dein dicker Schnurrbart, Dein kühner Blick imponiren und erſchrecken. Man müßte ein Narr ſein, um ſich an einem Wildſchweine Deiner Art zu reiben! Du wirſt auf Deinem alten Rufe eines ent⸗ ſetzlichen Duelliſten leben!“ „Alle Teufel! wenn aber .. . „Ei! was willſt Du denn machen? ich bin hie⸗ rin wie die Gottesfürchtigen: ich glaube, was Du mir ſagſt, ohne etwas davon zu begreifen; mit einem Worte, Du haſt nur die Wahl zwiſchen zwei Entſchlüſſen: ent⸗ weder verſichere Dich, ob die Unannehmlichkeit, mit der Du bedroht biſt, reell iſt, und fordere den Erſten den Beſten heraus .. „Hundertmal habe ich ſeit geſtern hieran gedacht, doch wenn ich auf dem Kampſplatze die Kolik bekomme, bin ich entehrt, tauſend Donner!“ „Dann füge Dich in den andern Entſchluß, ſei nicht mehr ſtreitſüchtig und lebe, wie ich Dir geſagt habe, auf Deinem alten Rufe. Suche Dich vor Allem dieſer Gedanken zu entſchlagen, welche vielleicht von einer Sinnentäuſchung herrühren.“ „Eine Sinnentäuſchung!“ „Ja, ich habe bei der Armee die Doctoren ſagen hören, die Leute von heftigem, ſanguiniſchem Tempera⸗ mente (und unter uns geſagt, Du haſt gehörig dieſes Temperament), ſeien gewiſſen Sinnentäuſchungen unter⸗ worfen, welche beſonders ihre Augen und ihre Ohren erleiden. Dies iſt meiner Anſicht nach die einzige Er⸗ klärung der Sache, die Dich beunruhigt; doch ich wie⸗ derhole Dir, folge meinem Rathe ſtatt Dich durch dieſe Erinnerung niederbengen zu laſſen, ſuche ſie aus Deinem Geiſte zu entfernen.“ »Glaubſt Du, das ſei leicht?“ Hilbert und Gilberte. 1. 17 . 255 „Verſuche es wenigſtens, und Du haſt eine vor⸗ treffliche Gelegenheit zu einem Verſuche: Du kannſt! Deinen Geiſt zerſtreuen und mir einen Dienſt leiſten; Du haſt den Artikel des Tagblatts geleſen, das mir ein glücklicher Zufall vor die Angen gebracht hat. Alles ſagt mir, und Du theilſt meine Hoffnung, die Erbin, von der die Rede iſt, ſei meine Tochter „ und vor⸗ hin warſt Du, glaube ich, im Begriffe, gegen mich Deinen Verdacht in Betreff des in dieſem Artikel bezeich⸗ neten berühmten Schriftſtellers auszuſprechen?“ „Du haſt vielleicht Recht, ich muß es zu vergeſſen ſuchen, dieſes verfluchte Abenteuer, denn wenn ich da⸗ ran denke, kenne ich mich nicht mehr, ſo ſtumpfſinnig fomme ich mir vor,“ erwiederte der Raufer, während er ſich mit aller Anſtrengung zuſammenzuraffen ſuchte. „Gib mir das Blatt, ich will es noch einmal leſen, um mich zu verſichern, daß ich mich in meiner Vermuthung nicht täuſche.“ Und nachdem er den Artikel abermals geleſen, ſagte der General: „Es iſt ſo! er iſt es offenbar!“ „Du weißt, wen man meint?“ „Vorgeſtern bei dem Feſte, bei welchem ich war, fand ſich auch ſolch ein Schmierer; man hatte nur für ihn Augen und Ohren. Begreifſt Du das 2 Ich fühlte mich auch ſo gereizt, ſo ärgerlich über die Huldigun⸗ gen, die man dieſem Burſchen darbrachte, daß ich ihm unter die Raſe geſchaut hätte, wäre mir nicht das Duell des Marquis dazwiſchen gekommen.“ „Sage mir doch ſeinen Namen, da Du glaubſt, dieſer Schriftſteller ſei derienige, welchen man in dem Artikel des Tagblatts bezeichnet, verſetzte der ehemalige Proviantmeiſter, welcher ſeinen Freund wieder in ſeine düſtere Gedanken verfinken zu ſehen befürchtete. „Dieſer Herr heißt Georges Hubert,“ erwiederte der Raufer; „denn ich hörte um mich her ſagen, man 25⁵9 habe mit großem Erfolge ein Stück, das früher von ihm in der Comsdie Frangaiſe aufgeführt worden, wie⸗ dergegeben; er ſei in die franzöſiſche Academie aufge⸗ nommen worden, und man ſei im Begriffe, ein neues Stück von ihm aufzuführen. Du ſiehſt, dieſe Anzeigen ſtimmen vollkommen mit denen überein, welche das Blatt gibt.“ „Ah! es unterliegt keinem Zweifel mehr .. er iſt es . . Georges Hubert! Nun erinnere ich mich!“ „Erkläre Dich!“ „Ich habe Dir von der Leidenſchaft von Louiſe für die Lecture geſagt; ich entſinne mich nun, daß ſie die Dramen von dieſem verdammten Georges Hubert nicht nur las, ſondern auswendig lernte . die Unglück⸗ liche! ja, ſie declamirte ſie wie eine Schauſpielerin. Mehrere Male, wenn ich mich der Thüre ihres Zim⸗ mers näherte, hörte ich meine Tochter laut ſprechen; ich glaubte, es ſei Jemand bei ihr; nichts: ſie decla⸗ mirte!“ „Die Tiraden dieſes Burſchen werden ihr den Kopf verrückt haben. Ah! Rapin, was für ſchlechtes Zeug ſind doch die Bücher! Dieſer Civiliſt iſt alſo in Bor⸗ deaur geweſen?“ „Nie, daß ich wüßte!“ „Wie hat er aber dann, wenn er es iſt, um den es ſich handelt, Louiſe entführen können?“ „Das weiß ich gerade nicht, wie ich auch nicht weiß, ob ſie verheirathet ſind.“ „Das iſt das Wichtigſte für uns,“ ſagte nachden⸗ kend der General. „Ich ſage für uns, denn ſiehſt Du Rapin, ich wäre ebenſo geneigt, als Dein Anwalt in Vordeaux, Dir eine Quittung für Deine Vormund⸗ ſchaftsrechnungen gegen zweimalhunderttauſend Franken Mitgift zu geben.“ 260 „meine Tochter heirathen, während Du weißt .. „Ich weiß, daß ich der Letzte der Wichte wäre, wenn ich die Schändlichkeit beginge, Deine Tochter zu heirathen, um meine Frau aus ihr zu machen nach ihrer Entweichung.“ „Was willſt Du damit ſagen?“ „Gegen ihre Mitgift gebe ich ihr meinen Namen, mache ich ſie zur Baronin Pouſſard, und nicht mehr; wir leben immer getrennt, obgleich wir unter demſelben Dache wohnen, und wenn ſie meine Küche gut beauf⸗ ſichtigt, wenn ſie lebt wie eine Klausnerin, ſo wird Deine Tochter in mir, ſo zu ſagen, einen Vater finden; wenn nicht, ſo mag ſie ſich hüten! ich werde ſie gehörig zu recht ſetzen! Auf jede Weiſe ziehe ich Dich aus der Verlegenheit, und ich gebe Dir eine Quittung für Deine Vormundſchaftsrechnungen.“ „Ich ſage nicht nein,“ erwiederte Herr Rapin mit einer nachdenkenden Miene, „ich ſage nicht nein.“ „Doch ich wiederhole, Deine Tochter und ich werden nur der Form wegen verheirathet ſein; denn nach ihrem Abenteuer würde ich mich als einen Elenden betrach⸗ ten, wenn ich wirklich meine Frau aus ihr machte.“ „Wir werden wieder hievon reden, mein Alter, doch alle unſere Pläne ſind auf Sand gebaut, ſo lange wir nicht wiſſen, ob Louiſe mit Georges Hubert verhei⸗ rathet iſt oder nicht iſt.“ „Das iſt wahr.“ „Binnen Kurzem werden wir es erfahren; wir ſind auf der Spur; wir haben ſchon den Namen und die Adreſſe des Verführers, und wird ſein Signalement füt uns vothwendig, ſo ſagt das Blatt, man finde das Portrait dieſes Schriftſtellers bei allen Kunſthändlern! Ah! ah! meine große Herren!“ fügte der ehemalige Proviantmeiſter bei, indem er ſich mit einem höhniſchen Lächeln die Hände rieb, „ah! Ihr wollt Berühmtheit! 261 Ihr habt ſie hoffentlich! Man beſchäftigt ſich mit Euch! Ja, Herr Georges Hubert, trotz des Geheimniſſes, in das Sie ſich hüllen, iſt das Publikum von Ihren ver⸗ borgenſten Handlungen unterrichtet, und in fünf Minu⸗ ten werde ich Ihr Geſicht kennen lernen, um Sie im Nothfall beim Kragen packen zu können! Komm, Pouſ⸗ ſard, laß uns gehen; wir wollen vor Allem das Por⸗ trait dieſes großen Mannes kaufen; ich bin begierig, das Geſicht des Räubers kennen zu lernen, gegen den ich, täuſchen uns unſere Vermuthungen nicht, eine Criminal⸗ klage wegen Entführung einer Minderjährigen anhängig machen werde. Komm, komm, wir wollen, wie Du ſagſt, unſere Marſchordnung und unſern Schlachtplan klug combiniren.“ Hienach verließen die zwei Freunde das Kaffeehaus. XVII. „Wir wollen Georges Hubert und Louiſe ſein,“ hatten am Tage vorher Gilbert und Gilberte zu der Korrigan geſagt; „doch wir wollen warten bis morgen früh, um in dieſes neue Leben einzutreten.“ Die Nacht ging vorüber. Als der Tag kam, hatte der Regen aufgehört und eine heitere Frühlingsſonne ſandte ihre goldenen Strah⸗ len durch die Vorhänge des Stübchens der jungen Leute. „Es iſt entſchieden, Bibi! Welches Glück! wir werden Georges Hubert und Louiſe ſein!“ ſprach Gil⸗ berte, die vor ihrem kleinen Spiegel ſtand und ihren reizenden, zarten Leib in ſeinem Corſet von Baſin zu⸗ rückbog, um hinter ihrem Kopfe ihre kaſtanienbraunen, ſeidenartigen, feinen, glänzenden iangen Haare auf⸗ zurollen. „Oh! diesmal, ich bezweifle es nicht, wer⸗ den wir zu unſerer guten kleinen Fee ſagen: Gehe, Korrigan!“ 262 Gilbert, der in dieſem Augenblick ſeine Cravate vor demſelben Spiegel, deſſen ſich ſeine Frau bediente, umband und ſich auf ſeine Fußſpitzen erhob, um über den Kopf von Gilberte zu ſehen, antwortete nicht; in Verſuchung geführt durch den Anblick der weißen Schul⸗ tern mit ihren Grübchen, welche ſeine Augen entzück⸗ ten, drückte er einen Kuß darauf; Gilberte wandte ſich lächelnd um und ſagte zu ihrem Manne mit einer aller⸗ liebſten Mundverziehung: „Sie können alſo nicht einen Augenblick vernünftig ſprechen, Herr Bibi?“ „Ich finde, daß es nichts Vernünftigeres gibt, als mit dem Ende der Lippen zu den hübſchen Schultern von Minette zu reden. Das iſt mein Charakter!“ „Dein Charakter iſt artig! Doch nun keine Poſ⸗ ſen mehr; ſind wir feſt entſchloſſen, Georges Hubert und ſeine Geliebte zu werden? Ich, was mich betrifft, ich zogere nicht. Ich werde ſo ſtolz auf Deinen Ruhn ſein!“ den Ruhm zu fügen; denn am Ende iſt man Marquis durch den Zufall der Geburt, Millionär durch den Zu⸗ fall des Vermögens, aber Schriftſteller von Genie, eil das iſt ein teufelmäßiger Unterſchied: weder das Vermö⸗ gen, noch die Geburt geben uns das Genie.“ „Georges Hubert und Louiſe alſo!“ „Einverſtanden! . Sie hören, liebe kleine Kor⸗ rigan?“ „Ich höre,“ erwiederte die ſanfte Stimme, „Eure Wünſche ſollen in Erfüllung gehen.“ „Das iſt drollig, Minette,“ ſagte Gilbert, wäh⸗ rend er ſich am Ohr kratzte, „der Gedanke dieſer neuen Verwandinng macht eine ſeltſame Wirkung auf mich. Wenn wir in ein Weſpenneſt ähnlich dem von unſerem Marquiſat gerathen würden?“ „Liebe Korrigan,“ ſprach Gilberte „Sie können „* 6 „Bei meiner Treue, ich gedenke mich ſehr gut in 263 uns alſo nicht ſagen, ob wir, um glücklich zu ſein, Recht oder Unrecht haben, wenn wir in das Leben von Georges Hubert und Louiſe eintreten?“ „Ich wiederhole Euch, meine Freunde,“ autwortete die Stimme, „ich muß Euch gehorchen, doch es iſt mir nicht erlaubt, Euch zu führen bei Eurer Pilgerfahrt zu Aufſuchung der Glückſeligkeit auf dieſer Welt; ſonſt würde ich Euch ſagen, wo das wahre Glück für Euch Gilbert und Gilberte, und auf der Stelle wäre ich rei.“ „Sie wiſſen alſo, wo für uns das Glück wäre?“ Ja „d. . „Und Sie wollen uns dieſes koſtbare Geheimniß nicht mittheilen?“ „Ach! zu meinem Unglück, und trotz meines guten Willens für Euch, meine Freunde, bin ich genöthigt, dieſes Geheimniß zu bewahren.“ „Aber, Korrigan, wir werden alſo noch nicht das Glück im Leben von Georges Hubert und Loniſe finden ?“ „Ihr möget ſelbſt urtheilen.“ „Was Georges Hubert und ſeiner Geliebten be⸗ gegnen ſoll, wird alſo unfehlbar uns begegnen ?“ fragte Gilbert; „Sie können nichts an dieſem Geſchicke ändern ?“ „Nichts ſobald Ihr in ihr Leben eingetreten ſeid, wie ich nichts an dem Geſchicke des Marquis und der Marquiſe, als Ihr dieſe geworden waret, ändern konnte; das Schickſal von Georges Hubert und ſeiner Geliebten wird das Eurige ſein.“ „Bahl immerhin!“ verſetzte Gilberte entſchloſſen; „wer nichts wagt, gewinnt nichts! Seien wir alſo Georges Hubert und Loniſe⸗“ In dieſem Angenblick klopfte man außen an die Thüre des Stübchens, und man hörte die Stimme von Frau Badureau rufen: 264 „Junge Leute, ich bin es; ich bringe Ihnen Ihr S Frühſtück; eine vortreffliche Taſſe Kaffee mit ahne.“ „Oh! Minette,“ ſagte Gilbert, „einen guten Spaß der Badureau! Korrigan, wir wollen Georges Hubert und Louiſe ſein; doch bevor wir dieſe neue Reiſe an⸗ treten, wollen wir der Frau Badureau, während wir mit ihr ſprechen, unſichtbar bleiben.“ „Es iſt geſchehen,“ antwortete die Fee. „Sie klopfen, Frau Badureau?“ ſagte die Stimme von Gilbert, denn ihre Körper waren verſchwunden; „find Sie es wirklich?“ „Ich bin es in Fleiſch und Knochen, junge Leute; fürchten Sie ſich nicht!“ „Ich will Ihnen öffnen,“ ſprach die Stimme von Gilbert. Und als der Riegel der Thüre gezogen war, trat Frau Badureau in das Stübchen ein, wo ſie zu ihrem großen Erſtaunen Niemand ſah, obgleich ſie ganz nahe bei ſich die Stimmen von Gilbert und Gilberte hörte, welche abwechſelnd zu ihr ſagten: „Guten Morgen, Frau Badureau.“ „Oh! wie gut ſieht Ihr Kaffee aus!“ „Und dieſes kleine Milchbrod, wie ſchön goldgelb iſt es, Fran Badureau!“ Die Portiöre blieb Anfangs mit aufgeſperrtem Munde und großen Augen unbeweglich mitten im Zim⸗ mer ſtehen, ſchaute mit einem wachſenden Erſtaunen da⸗ hin und dorthin, ſuchte ſich dann von ihrer Verwunde⸗ rung zu erholen und ging in den kleinen Alkoven; ſie ſah hier ebenfalls Niemand, und man ſagte ihr doch beinahe ins Ohr: „Wollen Sie den Kaffee auf den Ofen ſtellen, Fran Badureau.“ „Es iſt dieſen Morgen ſchönes Wetter, Fran Ba⸗ dureau.“ 265 Nach einer kurzen Ueberlegung ſchüttelte die Por⸗ tiere, wohlgefällig ihrem tiefen Scharffinne zulächelnd, den S ſetzte das Brod und den Kaffee auf den Ofen und rief: „Junger Mann ich habe viel Unglück ausgeſtanden, doch das hat mich nicht dumm gemacht, wie eine Gans! Junger Mann, ich begreife! Sie ſind kein verkleideter polniſcher Fürſt, Sie ſind ein Bauchredner und ein Ta⸗ ſchenſpieler; Sie ſind vielleicht Robert Houdin oder der berühmte Bosco in Perſon; ja, Sie müſſen Bosco ſein, Sie ſind Bosco! denn ich habe auf Ihren Zetteln gele⸗ ſen, daß Sie eine Perſon escamotiren, wie man ein Taſchentuch escamotirt; es iſt aber das Wenigſte, daß Einer, der die Andern escamotirt, ſich ſelbſt escamotirt. Herr Bosco das iſt Ihr Name, und ich gebe Ih⸗ nen denſelben zurück! Das Stückchen iſt herrlich, Sie müſſen im Liſtſack geboren und mit Fififfigkeitspulver genährt worden ſein. Nur ſachte! Sie haben ſich hieher zurückgezogen, um im Verborgenen mit Madame Bosco, Ihrer Frau, welche zugleich Ihre Gehülfin iſt, Ihre Kniffe vorzubereiten, die Sie ſodann mit ihr im Publikum ausführen wollen! Nur ſtille! Zählen Sie auf meine Ver⸗ ſchwiegenheit. Ihr zweites Frühſtück wird um neun Uhr ſervirt ſein; ich ſage Ihnen nichts vom Mittagbrode: Sie werden ſehen, Herr Bosco!“ Und nach ihrer Gewohnheit ging die Portisre ge⸗ heimnißvoll aus dem Zimmer weg; in dieſem Augenblick wurde das junge Ehepaar wieder ſichtbar. „Gut!“ rief Gilberte bis zu Thränen lachend; „nun ſind wir aus unſerer Größe herabgeſtürzt . .. Du biſt nicht mehr ein polniſcher Fürſt, ich nicht mehr die Tochter eines Mylord! Wir ſind Herr und Madame Bosco!“ „Ah! wie entſchloſſen iſt dieſe Badureau!“ verſetzte Gilbert. „Haſt Du geſehen, Minette, als ihr erſtes Erſtaunen vorüber war, verzog ſie keine Miene 266 Der General Pouſſard war ganz anders verblüfft, als ich ihm vorgeſtern Morgen weiſſagte, er werde die Kolik bekommen, ſo oft er auf den Kampſfplatz gehe, um ſich zu ſchlagen. Vergeſſen Sie das nicht, Korrigan!“ „Eure Wünſche ſollen erfüllt werden,“ erwiederte die Stimme. „Meine Freunde, wollt Ihr nun entſchie⸗ den in das Leben von Georges Hubert und Louiſe ein⸗ treten?“ „Ja, Korrigan,“ antworteten gleichzeitig Gilbert und Gilberte, und dennoch preßte dieſe, welche eine un⸗ beſtimmte Angſt nicht überwinden konnte, an ihren Bu⸗ ſen den Arm ihres Mannes. „Ja,“ antworteten fie, „wir wollen Georges Hubert und ſeine Geliebte ſein.“ „Es iſt geſchehen,“ ſprach die ſanfte Stimme, „Ihr ſeid Georges Hubert und Louiſe Rapin, ſeine Geliebte!“ Gilbert und Gilberte fühlten ſich einen Augenblick von einem Schwindel ergriffen, während welcher Zeit ſie das Bewußtſein ihrer Exiſtenz verloren. Die Ver⸗ wandlung war vollendet. Die zwei jungen Lente, die (nur nicht in ihren eigenen Augen) die Züge von Georges Hubert und Louiſe angenommen hatten, befanden ſich in dem beſchei⸗ denen Häuschen, das vor der Barrière des Invalides lag und in dem Artikel des Tagblattes: der Spür⸗ hund, bezeichnet worden war. Dieſes Häuschen erhob ſich am Ende einer einſa⸗ men Allee; in der ganzen Länge der Straße, welche ein Gehölze durchzog, erblickte man nur ein paar durch un⸗ beſtimmtes oder angebautes Terrain von einander ge⸗ trennte Wohngebände: der beſcheidene Winkel, wo das Incognito des Dichters ſein Aſyl fand, bot dem Auge einen reizenden Anblick; der von Hagebuchen umſchloſ⸗ ſene Garten, in welchen man durch eine kleine Gitterthüre eintrat, ging rings um das Häuschen, das im Süden von einer Gruppe von Acacien beſchattet und mit ſpa⸗ niſchem Flieder und eben in voller Blüthe ſtehenden 267 Roſenſträuchen umgeben war; etwas entfernter ſah man einige Rabatten von Blumen, mit Liebe gepflegt durch den Dichter und ſeine Gefährtin, die fortan Gilbert und Gilberte ſein werden: außer dieſem, dem Vergnügen geweihten, Theile des Bodens war der Garten für den Nutzen beſtimmt. Ein guter Gärtner würde die Eigen⸗ thümer um die ſchönen Gemüſebeete beneidet haben, welche ſymmetriſch von Einfaſſungen von Dragun, Thy⸗ mian und Pimpinelle, nicht minder ſorgfältig als die Blumen von den zwei Bewohnern des Häuschens ge⸗ pflegt, begrenzt waren; verliebt in die Gärtnerei, fan⸗ den ſie in dieſer Cultur, der Eine ſüße Erholungen von feinen geiſtigen Arbeiten, die Andere eine reizende Zer⸗ ſtreuung; ein kleiner ganz dem Winde ausgeſetzter Obſt⸗ garten, beſtehend aus ungefähr zwanzig Bäumen, ver⸗ vollſtändigte dieſe Anlage. Das Haus entſprach durch ſein Aeußeres und durch ſein Inneres der ländlichen Einfachheit des Gartens: im Erdgeſchoſſe eine Küche, ein Speiſezimmer und ein kleiner Salon, der dem Dich⸗ ter als Arbeitscabinet diente, im oberen Stocke ein Schlaf⸗ zimmer und zwei Ankleidecabinets, das war die Ein⸗ richtung dieſes ohne allen Luxus, aber mit Bequemlich⸗ keit meublirten und von einer ängſtlichen Reinlichkeit glänzenden Häuschens. In dem Augenblick, wo Gilbert und Gilberte durch die Macht der Korrigan ihre Verwandlung erlitten hat⸗ ten, ſaß Gilbert (der Georges Hubert geworden) in ſeinem Arbeitscabinet, träumte und dachte über ſein neues Drama nach, deſſen Vorſtellung an demſelben Abend ſtattfinden ſollte; er beſchwor in ſeiner Erinne⸗ rung die wichtigſten Scenen dieſes nenuen Werkes herauf, um die guten und ſchlimmen ſeiner Arbeit vorbehaltenen Chancen einer letzten kritiſchen Schätzung zu unterwerfen und zum Voraus zu beurtheilen (ſo weit ſich der Zufall zum Voraus beurtheilen läßt); dann, durch eine von jenen ſtufenweiſen Verkettungen des Geiſtes, die ihn all⸗ 268 mälig von ſeinem Ausgangspunkte abweichen laſſen und unmerklich zu einem völlig entgegengeſetzten Punkte füh⸗ ren, dachte der Dichter, nachdem er damit angefangen, daß er von ſeinem vollendeten Stücke geträumt hatte, unbeſtimmt an das Drama, welches er hernach ſchreiben wollte; da wurde er plötzlich von einem jener ſeltenen Au⸗ genblicke tiefer, beinahe die Extaſe erreichenden Freude ergriffen, welche der Dichter empfindet, wenn eine neue, mächtige, fruchtbare, emſig, aber vergebens von ihm Tage, Monate lang von der Inſpiration verlangte Idee vor ſeinem Innern zu erſcheinen anfängt; er empfängt ſie noch nicht, doch er hat das Vorgefühl derſelben. Es iſt weder der Tag, noch die Morgendämmerung: es iſt jener ungreif⸗ bare Schein, der ihr vorhergeht und die Herrlichkeit der nahen Sonne verkündigt; einige Augenblicke mehr, und die noch verworrene Idee trat allmälig aus ihrem Nebel hervor, wie die Gottheit aus ihrer Wolke, und enthüllte ſich vor Gilbert in ihrer lenchtenden Klarheit, als plötzlich die Thüre ſeines Arbeitscabinets geöffnet wurde und Louiſe (wir werden ſie fortan Gilberte nen⸗ nen) mit einem vor Glück ſtrahlenden Geſichte eintrat und ſich Gilbert auf den Fußſpitzen näherte. Sie hielt in der Hand mehrere beſchriebene Blätter; ſie legte ſie vor den Dichter, küßte ihn dann auf die Stirne und wieder weg, nachdem ſie ihm heiter zugerufen atte: „Du arbeiteſt? Ich fliehe! Lies dies, wenn Du einen Augenblick frei haſt.“ Und da ſie ſich raſch entfernte, ſo bemerkte ſie nicht, daß ihr ungeſtümer Eintritt bei Gilbert, der ſo ſeinen Meditationen entzogen wurde, eine Geberde der Un⸗ geduld zur Folge gehabt hatte. Ach! Sie ſind ſehr beweglich, dieſe Luftſpiegelungen der Einbildungskraft, ſie ſind ſo ungreifbar als der Schat⸗ ten und das Licht! „ Ach! er iſt ſehr zerreißbar, der geheimnißvolle Faden, das Band des Geiſtes, das 269 ihn bis in die unbekannten Räume erhebt, wo die Idee erſcheint! Bald blendend, ſchnell aber flüchtig wie der Blitz, erleuchtet dieſe plötzlich den Geiſt oder läßt ihn in die Finſterniß verſinken, wenn er nicht raſch genug ge⸗ weſen iſt, um ſie zu erhaſchen; bald auch nebelig, wie ein Stern bei ſeiner Entſtehung, enthüllte ſie ſich nur allmälig dem geſpannten, aufmerkſamen, geſammelten Geiſte und entgeht ihm bei der geringſten Zerſtreuung. So war es bei dem Dichter; plötzlich ſeinen Ge⸗ danken entzogen, verlor er den koſtbaren Faden, welcher ihn bis zu der einen Augenblick erſchauten Jdee geführt hatte, die ihm für lange Zeit, für immer vielleicht ent⸗ ging! Doch es gibt etwas ſo tief Selbſtſüchtiges, etwas ſo Reizbares in der Seele des Dichters in Betreff ſei⸗ ner Empfängniſſe, daß in dieſen Augenblicken mühſamer Geburt die Ankunft eines theuren Freundes, einer ange⸗ beteten Frau, einer verehrten Mutter oder eines gelieb⸗ ten Kindes immer läſtig oder drückend für ihn iſt. Gilbert ſtand auf, ſtampfte zornig mit dem Fuße, ging voll Heftigkeit, ſeine verſchwundene Idee aufſu⸗ chend, in ſeinem Cabinet auf und ab, öffnete ſein Fen⸗ ſter, ſchaute den Himmel, die Bäume an, ſetzte ſich wie⸗ der, ſtützte ſeine Stirne auf ſeine Hände und ſchloß die Augen, um ſich von den äußeren Gegenſtänden zu tren⸗ nen, doch die Idee, die er einen Augenblick zu ergreifen geglaubt hatte, kam nicht wieder, und, wie dies gewöhn⸗ lich geſchieht, gerade die Hartnäckigkeit der chimäriſchen Verfolgung des Schriftſtellers ermüdete, trübte, erſchöpfte ſeinen Geiſt. Die Inſpiration, ein göttliches Feuer, aber ſo vorübergehend als ein Meteor, erkaltete, erloſch, und Gilbert fiel verdrießlich, niedergeſchlagen aus den hohen Regionen herab, in denen er kurz zuvor noch ſtrahlend ſchwebte . . . Abermals ſtampfte er zornig mit dem Fuße und rief: „Verflucht ſei ſie, daß ſie mich ſo geſtört hat! 270 Man kann nicht einen Augenblick mehr auf eine völlige Einſamkeit zählen.“ Dieſe Gereiztheit, dieſer wahre geiſtige Schmerz war eben ſo tief als von kurzer Dauer. Die natürliche Güte des Menſchen beherrſchte bald den ſelbſtſüchtigen Zorn des Dichters, und ſein Aufbrauſen bereuend, ſprach er mit einem Seufzer der Erleichterung: „Zum Glück hat das arme Kind den Aerger nicht bemerkt, den mir einen Augenblick ſeine Gegenwart ver⸗ urſachte. Doch was für Blätter find dies?“ fügte er bei, während er ſie vom Tiſche nahm: und er las fol⸗ gende Worte, welche oben auf dem Manuſeripte ſtan⸗ den: . Geſchichte eines jungen Mädchens. „Großer Gott!“ rief er mit einer Art von Unge⸗ geduld, aus der noch ein wenig von ſeinem Aerger, daß er ſeinen Gedanken entzogen worden, hervordrang, „hält ſie ſich für eine Schriftſtellerin, weil ich ſie liebe? Will ſie ein Blauſtrumpf werden und durch eine unglückliche Anmaßung das treffliche, reizende Naturell gefährden. das ich in ihr anbete? NRichts hat mich bis jetzt vermu⸗ then laſſen, ſie fülle ſo ihre Mußeſtunden aus.“ Und er las abermals den auf dem erſten Blatte ſtehenden Titel: Geſchichte eines jungen Mädchens. „Was kann das ſein? „ Lies das,“ ſagte ſie zu mir. Wohlan!“ fügte er mit einem Seufzer bei, „entweder muß ich die unſchuldige Eitelkeit der Armen dadurch verletzen, daß ich offenherzig ſtreng gegen ſie bin, oder ich muß aus Furcht, ſie zu betrüben, ihr lügen, ſchmei⸗ cheln, ſie wegen dieſes erſten Verſuches aufmuntern; andere werden darauf folgen und . Nein, nein, ich liebe ſie zu ſehr, um mich nicht aufrichtig zu zeigen. Viele Verſuche ſind mir durch Leute, welche meinem Herzen ſehr gleichgültig waren, anvertraut worden, und 271 ich habe es immer als eine Pflicht betrachtet, ihnen die Wahrheit zu ſagen, ſie mit meiner ganzen Macht in ihrem Berufe zu ermuthigen, wenn er mir wirklich vor⸗ handen zu ſein ſchien, gefährliche Illuſionen aber kurz abzuſchneiden. So muß ich auch gegen dieſes liebe Kind handeln Ich werde ſie ſchon bei ihrem erſten Auſtreten auf dieſem Wege ohne Ausgang zurückhalten, da ſie hier wie ſo viele Andere nichts finden dürfte, als Sorgen, Täuſchungen und .4 Doch Gilbert unterbrach ſich, zuckte die Achſeln und ſprach im Tone des Vorwurfs: „O Dichter! mit welcher Naivetät verräthſt Du die Natur Deiner reizbaren, grollſüchtigen Race! Meine Lebensgefährtin, dieſe anbetungswürdige Frau, welche nur Liebe und Hingebung iſt, hat das gräßliche Verbre⸗ chen begangen, meine Inſpirationen zu ſtören, und ohne nur ein Wort von dem, was ſie geſchrieben, geleſen zu haben, bewaffne ich mich zum Voraus mit einer furchtbaren Strenge gegen dieſe armen Zeilen, die ſie mir vertrauensvoll und glücklich gebracht hat. Mit wel⸗ chem Rechte erkläre ich ſie für talentlos? Entzückt mich ihr ſo lebhafter und offener Geiſt nicht ebenſo ſehr als die Güte ihres Herzens? Sind der Geiſt und das Herz nicht die erſten Elemente des Talents? Wahrhaf⸗ tig, ich müßte mich an mir ſelbſt ſchämen, wäre ich wenig⸗ ſtens nicht ſo vernünſtig, wahrzunehmen, daß ich ab⸗ ſcheulich lächerlich bin. Ich will alſo die Erzählung zur Strafe für meine Albernheit leſen, — eine zu ſüße Strafe! Und um ſie vollſtändig zu machen, wünſche ich, daß die Erzählung reizend ſein möge!“ Und er las die von der jungen Frau in der vor⸗ hergehenden Nacht geſchriebenen Blätter, Blätter, in de⸗ nen ſie die rührende Geſchichte ihrer Liebe erzählte; ſo⸗ wie er immer weiter las, vermehrte ſich ſeine Rührung, und als er geendigt hatte, verließ er ſein Cabinet, und er erblickte unfern davon unter einer grünen Laube Gil⸗ 272 berte, die ſich mit den Vorbereitungen zu einem beſchei⸗ denen Frühſtück beſchäftigte: ohne ein Wort zu ſagen, ſchloß ſie Gilbert leidenſchaftlich in ſeine Arme. Sie wandte ſich um und ſah die Augen von Gilbert von Thränen befeuchtet. „Du haſt ſchon geleſen?“ fragte den Dichter Gilberte, nicht zum Vorwurf, daß ich Blauſtrumpf werden will.“ „Doch, dies iſt mein erſter Gedanke geweſen. Meine Offenherzigkeit wird mich indeſſen von meinem albernen Vorurtheile abſolviren, denn dieſe von Dir geſchriebene einfache Erzählung wird das ſchönſte Blatt meines Le⸗ bens ſein.“ „Du machſt es mir auch nicht zum Vorwurf, daß ich Dich in dieſem Bekenntniſſe in Unwiſſenheit über meinen Familiennamen laſſe?“ „Ich habe Dein Geheimniß immer geachtet, ich die ſeine Gemüthsbewegung theilte, „Du machſt es mir werde es immer achten; Du haſt nur einen Namen für mich: Angebetete! Dieſer Name wird ſtets der Deinige ſein. Oh! Du kannſt nicht begreifen, was ich dieſer Erzählung verdanke, beſonders unter den gegenwärtigen Umſtänden; ich ſehe darin ein glückliches Vorzeichen .. Was willſt Du! der Dichter iſt wie der Spieler aber⸗ gläubiſch.“ „Ich verſtehe Dich nicht . . .“ „Und heute Abend . „Heute Abend?“ „Die erſte Vorſtellung . . .“ „Nun?“ „Seit unſerer Verheirathung, oder wenn Dir dieſes Wort als eine Lüge anſtößig iſt, ſeit un ſerem Glücke über dieſe Wahrheit werden wir wenigſtens einver⸗ ſtanden ſein iſt das Drama von heute Abend das erſte, das ich aufführen laſſe. Du weißt, welches Gewicht ich lege auf dieſes Werk eines neuen, durch Dich verſchönerten, verwandelten Lebens, dieſes bezaubern⸗ 273 den Lebens, in dem ich zum erſten Male die ſtillen Freuden des häuslichen Herdes genoſſen habe, — köſtliche Gewohn⸗ heiten des Geiſtes und des Herzens, welche, jeden Tag gefühlt, jeden Tag theurer werden und mich ein wahres Mitleid mit meiner früheren, immer ſo thätigen, ſo ge⸗ räuſchvollen und bewegten Exiſtenz haben faſſen laſſen! Ja, dieſes Drama, an welchem ich ſeit achtzehn Monaten in unſerer Einſamkeit unter Deinen Angen, unter Deiner Eingebung mit ſo viel Liebe und Eifer gearbeitet habe, wird gleichſam der Ausdruck, die Verherrlichung dieſer beglückten Vertraulichkeit ſein. Ah! ſoll mein Ruf nicht eines Tages ephemer und vergeſſen hingehen, ſo wird ihn vielleicht dieſes Werk allein vor der Vergeſſenheit ſchützen! .. Ich habe dieſes Vorgefühl, ich, der ich bis jetzt immer ein unüberwindliches Mißtrauen gegen meine Werke hegte.“ „Mein Freund, dieſe Hoffnung auf einen günſtigen Erfolg theile ich, und ich bin darauf viel ſtolzer, als Du, denn unter meiner Eingebung, ſagſt Du, ſei dieſes Drama empfangen, ausgearbeitet und vollendet worden; doch ich habe das Bewußtſein, Dich ſo leidenſchaftlich zu lieben, Dich ſo ſehr um Deiner ſelbſt willen, um Deines Ruhmes willen zu lieben, daß ich mich auch nicht er⸗ wehren kann, an den guten Einfluß meiner Liebe zu glauben.“ „Ich ſagte Dir, abergläubiſch wie der Spieler, ſucht oder ſieht der Dichter, wie dieſer, überall Vor⸗ zeichen, und ich ſehe eines der glücklichſten in dieſer rüh⸗ renden Erzählung, geſchrieben von Dir in der vergan⸗ genen Nacht, am Jahrestage unſeres Zuſammentreffens, dem ich das Glück meines Lebens verdanke, auch am Jahrestage des Succeſſes, deſſen Zeuge Du geweſen biſt! Alles dies iſt meiner Anſicht nach ein vortreffliches Vorzeichen, und wenn ich, wie ich hoffe, einen günſtigen 1 Erfolg erlange, mit welcher Trunkenheit werde ich Dir Gilbert und Gilberte. 1. 18 1 ——— 274 gen „„Dieſer Triumph iſt der Deinige, meine Ange⸗ etete!““ Das Geſpräch der zwei Liebenden wurde unterbro⸗ chen durch ihre Dienerin, welche mit einer beinahe ängſt⸗ lichen Miene zu dem Dichter ſagte: „Herr! Herr!“ „Was gibt es, Frau Catherine?“ „Aber, Herr, Sie vergeſſen die Stunde.“ „Welche Stunde?“ „Die Stunde Ihrer Kanzlei. Es iſt heute Ihr Tag, dahin zu gehen. Schon hat es zehn Uhr geſchla⸗ gen; Sie werden zu ſpät kommen und von Ihren Chefs einen Verweis erhalten.“ „Beruhigen Sie ſich, gute Catherine,“ erwiederte Gilbert lächelnd und einen Blick des Verſtändniſſes mit Gilberte wechſelnd; „ich habe heute Erlaubniß, erſt um Mittag auf meine Kanzlei zu kommen. Es gibt gegen⸗ wärtig ſehr wenig Geſchäfte bei meiner Adminiſtration.“ „Das wundert mich nicht, denn Sie gehen höchſtens zwei⸗ bis dreimal in der Woche dahin. Im Ganzen, da man Sie dennoch bezahlt, iſt Ihnen das gleichgültig, nicht wahr? Doch verzeihen Sie, Herr, daß ich Sie un⸗ nöthig geſtört habe. Sehen Sie, Sie ſind ein ſo gutes Kind (mit aller Ehrfurcht geſprochen), daß es mir ſehr ärgerlich wäre, wenn Ihnen Unangenehmes wegen Ihrer Kanzlei widerführe.“ „Ich danke Ihnen für dieſen Beweis von Aufmerk⸗ ſamkeit, Frau Catherine,“ erwiederte Gilbert; „doch ich habe das Glück, ſehr gut mit meinen Chefs zu ſtehen.“ „Sie müßten hübſch ſchwierig ſein, wenn ſie nicht zufrieden wären,“ ſagte die Dienerin, während ſie die Taſſen und die Teller wegnahm, welche zum Früh⸗ ſtück gedient hatten; „ich fordere ſie auf, einen Beamten zu finden, der ſo pünttlich iſt wie Sie und eine ſo ſchone Handſchrift hat . ſo war der Brief, den Sie 275 mir vor drei Tagen für meine Nichte zu ſchreiben die Güte hatten, wie geſtochen.“ „Geſtehen Sie, Frau Catherine, daß Sie mit der Abfaſſung nicht ſo zufrieden geweſen ſind, als mit der Schrift,“ verſetzte lächelnd Gilberte, „denn Sie haben einen von Ihnen ſelbſt dictirten Brief dem, welchen mein Mann Anfangs geſchrieben, vorgezogen.“ „Ei! ohne mir einzubilden, ich dietire viel beſſer, als der Herr, fand ich ſeinen Brief zu. zu weich⸗ Ich wollte meine NRichte ſchelten, weil ſie mir ſo lange keine Nachricht von ſich gibt, und, bei meiner Treue, ich glaube ohne Eitelkeit, ich habe die Epiſtel beſſer geſalzen, als der Herr. Man ſollte wahrhaftig denken, weil Claudine Köchin bei einem Journaliſten iſt, halte ſie ſich für berechtigt, aus Hoffart ihre Verwandten zu ver⸗ leugnen.“ „Ah!“ verſetzte Gilbert erſtaunt, „Ihre Nichte iſt Köchin bei einem Journaliſten?“ „Ja, ſie iſt im Hauſe von Herrn Duport, dem Ober⸗ redacteur des Tagblatts: der Spürhund.“ „Das iſt wenigſtens ein viel verſprechender Titel,“ rief lächelnd Gilberte, „und wenn er hält, was er ver⸗ ſpricht, ſo muß dieſes Blatt von Indiscretionen über⸗ fließen.“ „Ich vermöchte das nicht zu ſagen, Madame, denn ich kann weder ſchreiben, noch leſen. Doch ſeit dem ſie in jenem Hauſe iſt, ſpielt meine Nichte die Stolze und die Undankbare. Denn Sie erinnern ſich des Kof⸗ fers neulich, Madame?“ „Welches Koffers, Frau Catherine?“ „Des alten Koffers, Sie wiſſen es wohl, der auf dem Boden ſtand; ich meine nicht den ledernen, ſondern den andern, auf den noch eine von den Diligencekarten genagelt war, welche den Abgang und die Ankunft der Effecten bezeichnen.“ „Oh! Frau Catherine,“ ſagte Gilberte, „dieſer 276 Koffer, den ich einſt gebraucht hatte, war nicht viel werth. Sie baten mich darum, und ich gab Ihnen denſelben, ohne Ihnen damit ein ſehr ſchönes Geſchenk zu machen.“ „Nun, Madame, der Koffer konnte noch dienen: Claudine ſchrieb mir (oh! ſie weiß mir zu ſchreiben, wenn ſie mich um etwas zu bitten hat), Clandine ſchrieb mir, ſie brauche einen Koffer, um ihre Effecten darein zu packen, wenn ſie zum Redacteur des Spürhunds gehe. Ich hatte den alten Koffer auf dem Boden ge⸗ ſehen, bat Sie darum, und Sie ſchenkten ihn mir. Ich ſchickte ihn meiner Nichte, und ſtatt mir für dieſen Koffer zu danken, antwortet ſie mir nicht einmal „Wir wollen hoffen, Frau Catherine, daß Ihre Nichte ſich beſſert, ſagte der Dichter, der, nachdem er mit einer heldenmüthigen Geduld die Erzählung der Dienerin angehört hatte, ihr Geſpräch offenbar zu lang fand. „Ich bitte, wollen Sie dieſen Tiſch vollends abräumen.“ „Ja, Herr,“ erwiederte Catherine, während ſie ſich entfernte, „doch vergeſſen Sie Ihre Kanzleiſtunde nicht. Um Mittag müſſen Sie dort ſein, und ks hat halb eilf Uhr geſchlagen.“ „Ich geſtehe,“ ſagte Gilberte, „ich finde Dein In⸗ cognito immer ſehr belnſtigend. Sollte man es glau⸗ ben? Dieſer beſcheidene Beamte, der im Nothfall Fran Catherine als Secretär dient, iſt ein großer Dichter von europäiſchem Rufe; ſein glorreicher Name iſt auf allen Lippen, und heute Abend noch wird ihm die Menge in ihrer Begeiſterung zujauchzen!“ „Wie Du, theure Angebetete, finde ich dieſes In⸗ cognito auch piquant, und es iſt überdies unerläßlich für unſere Ruhe, für meine Arbeiten und beſonders für den Zauber unſerer Einſamkeit; wäre ohne dieſes In⸗ coguito unſere Wohnung nicht immer überſchwemmt? und dann fahre wohl, Vergnügen, am Ende der ſchönen Sommertage zu gärteln! fahret wohl, unſere langen 277 Plaudereien, unſere Leſungen am Abend! Wenn Du wüßteſt, welchen Beläſtigungen, welchen Exceſſen einer oft kindiſchen Reugierde ich mich unterwerfe, wenn ich zwei⸗ bis dreimal in der Woche in der Rue Blanche, wie Du ſagſt, throne, in dem Hauſe, das ich behalten habe, um die Leute glauben zu machen, ich wohne dort! Mein alter Kammerdiener und der Portier, welche, allein in unſer Geheimniß eingeweiht, unbarmherzig gegen die Beſuche ſind, antworten dieſen unabänderlich: „„Der Herr iſt ausgegangen!““ Doch dieſe zwei Cerberuſſe humaniſiren ſich während der paar Stunden, die ich von Zeit zu Zeit in der Rue Blanche zubringe, um das zu empfangen, was Du meinen Hof nennſt.“ „Ja gewiß, biſt Du nicht einer von den Herrſchern der Intelligenz unſerer Zeit? Königthum verbindet . . .“ „Ich will nicht ſagen, Königthum, aber Höflichkeit, Dankbarkeit verbinden, denn es liegt etwas ſo Ehrenvolles, nicht für mich perſönlich, ſondern für die Würde der Intelligenz gerade in dieſen Belagerungen, daß ich mich tief davon gerührt fühle, obgleich ich ſolchen eifrigen Huldigungen dieſen unbekannten, mit Dir getheilten Winkel vorziehe“ „O ſtolze Verachtung der Größe!“ „Verachtung, nein doch Benußtſein.“ „Bewußtſein von was, mein Fürſt des Geiſtes?“ „Von dem Wenigen, was ich werth bin, wenn ich mein Verdienſt mit dem Lobe vergleiche.“ „Du biſt aufrichtig, denn nie iſt ein ausgezeichnetes Talent zugleich beſcheidener und ſtolzer geweſen, als Du. Oh! ich kenne Dich! und Als aber die junge Frau Gilbert, welcher ſchon mehrere Male den Kopf nach der vier Fuß hohen Hagenbuchen⸗ hecke, die den Garten umſchloß, umgedreht hatte, eine Bewegung der Ungeduld machen ſah, unterbrach ſie ſich und fragte: „Mein Freund, was haſt Du denn?“ * 278 „Das iſt in der That unerträglich!“ „Was meinſt Du?“ „Schon zwei⸗ oder dreimal ſtreckt ein Herr, der vor jener Hecke auf und ab geht, den Kopf darüber und ſchaut uns mit einer unbegreiflichen Unbeſcheidenheit an.“ „Oh! vergib ihm; der lachende Anblick unſeres Gartens wird ihn verführt haben, und er bewundert dieſen. Das iſt Deine Schuld; warum biſt Du ein ſo guter Gärtner? und dann habe ich Dich ſehr im Verdacht, daß Du, indem Du Dich gegen dieſen armen Reugieri⸗ gen erzürnſt, eine geſchickte Ablenkung machen willſt, um den Wahrheiten zu entgehen, die ich Dir zu ſagen im Zuge bin.“ „Welche Wahrheiten?“ „Ich nehme unſer Geſpräch wieder auf: Du biſt zugleich der Beſcheidenſte und der Stolzeſte der Menſchen.“ „Stolz ich? Allerdings, meine Angebetete, wenn ich an Deine Liebe denke . doch außer dem. ..“ „Hören Sie, mein Fürſt, als Sie an jenem Abend, meinen dringenden Bitten nachgebend, die Einladung bei Frau von Montlaur annahmen, wo Ihre Gegenwart, gerade dadurch, daß Sie jetzt beinahe nie in Geſellſchaſt gehen, ich bin es feſt überzeugt, ohne es geſehen zu ha⸗ ben, eine gewiſſe Senſation gemacht hat, da wa⸗ ren Sie, geſtehen Sie es, ſtolz auf die Huldigungen, die dem Geiſte die glänzendſte Welt von Paris darbrachte?“ „Oh! was das betrifft, ja, meine Freundin, ich bin ſtolz wie ein Geſandter, der, was auch ſein Verdienſt ſein mag, hoch und feſt die Würde des Souverain trägt, den er vertritt, und wie zurückhaltend und wohlwollend auch mein Charakter ſein mag, ich werde unbarmherzig an⸗ maßend, wenn man mir die Achtung nicht bezeigt, die man meiner Souveraine, der Intelligenz, ſchuldig iſt.“ „Ja, ja, das iſt der edle Stolz, den ich liebe und bewundere! Du biſt der beſcheidenſte und, ich möchte bei⸗ nahe ſagen (verzeih, mein Dichter), der unwiſſendſte Menſch⸗ 279 handelt es ſich darum, Deinen perſönlichen Werth zu ſchätzen. Doch Du biſt der hoffärtigſte, anmaßendſte (verzeih, mein Fürſt), vornehme Mann, wenn man nicht mit der ihr gebührenden Ehrfurcht die ſonveraine Ariſtokratie behan⸗ delt, zu der Du gehörſt.“ „Ich geſtehe, Freundin, daß . . .“ doch ſich unter⸗ brechend, rief der Dichter, indem er ärgerlich aufſtand und abermals nach der Hecke ſchaute: „Ah! das iſt zu ſtark! Da ſind nun zwei Frauen, die uns mit Theater⸗ gläſern lorgniren, den andern Ueberläſtigen nicht zu rechnen!“ „Oh! mein Gott!“ fügte Gilberte bei, „und jener ganz junge Menſch, der auf die Ulme klettert, von wo aus man die Hagenbuchenhecke überſchaut: er läuft Ge⸗ fahr, herabzufallen und ſich zu verletzen, denn er ſchaut beſtändig nur uns an.“ XVII. Gilbert und Gilberte waren ebenſo erſtaunt, als verdrießlich über die plötzliche, unerwartete Erſcheinung dieſer Neugierigen, welche, vor der Hecke aufgepflanzt, ſie mit den Augen verſchlangen; der erſte Aergerliche, der ſich mit dem halben Leibe über die Hecke neigte, auf die er momentan ein ungeheures Album gelegt hatte, machte ſich mit der linken Hand einen Schirm vor der Stirne, um ſich vor den Sonnenſtrahlen zu ſchützen, und verließ den Dichter und ſeine Gefährtin nicht mit dem Blicke. Zwei Frauen, von denen die eine jung und hübſch, die andere von reiferem Alter, an ihrer Haltung und an ihren Manieren leicht als Engländerinnen erkennbar, ſtanden auch vor der Hecke; die Jüngere von Beiden be⸗ diente ſich eines Doppelglaſes, die Aeltere einer unge⸗ heuren Theaterlorgnette, ohne Zweifel, um die Züge 280 des berühmten Schriftſtellers und der Frau, die ſeine Einſamkeit theilte, beſſer zu unterſcheiden⸗ Ein ganz junger, höchſtens achtzehn Jahre alter Menſch, mit einem bleichen, ſanften, von langen Haaren umrahmten Geſichte, hatte ſich, nachdem er mit dem Eifer und der Behendigkeit ſeines Alters eine Ulme erklettert, rittlings auf einen großen Aſt geſetzt und bemühte ſich, eine Papierrolle, welche ihm bei ſeinem Aufſteigen bei⸗ nahe entfallen wäre, wieder in die Taſche ſeines Paletot zu ſchieben. Plötzlich ſahen Gilbert und Gilberte, welche über dieſe aufeinanderfolgenden Erſcheinungen ſchon ſehr er⸗ ſtaunt waren, Frau Catherine ganz athemlos herbeilau⸗ fen, und ſie hörten ſie rufen: „Ah! Herr, was für eine Geſchichte iſt das! man muß die Narren von Charenton losgelaſſen haben. Zum Glück iſt die kleine Gartenthüre geſchloſſen. Doch hören S Herr, hören Sie? er ſchellt, um Alles zu zer⸗ reißen!“ Gilbert und Gilberte hörten in der That das wie⸗ derholte Klingen eines Glöckchens. „Um des Himmels willen, Frau Catherine,“ ſagte Gilberte, „was ſoll das bedeuten?“ „Das bedeutet, daß dieſer Menſch ein Narr iſt, wenn er es nicht etwa darauf abgeſehen hat, unſerem armen Herrn Dumesnil (das war der angenommene Name von Gilbert), einen Poſſen zu reißen. Dieſer Wahnſin⸗ nige, der ſo gräßlich klingelt, muß ein Provengal oder ein Marſeiller ſein; mit einer wüthenden Miene und mit ſeinem ſüdlichen Acceent hat er zu mir geſagt: „„Ich will Herrn Georges Hubert ſprechen.““ Der berühmte Schriftſteller bebte vor Beſtürzung, wechſelte einen troſtloſen Blick mit ſeiner Gefährtin und rief, vor Aerger auf den Tiſch ſchlagend: „Zum Teufel! unſer Incognito iſt entdeckt! unſer Zufluchtsort iſt bekannt!“ 281 „Mein Freund, wie Du beklage ich dieſes Mißge⸗ ſchick,“ ſagte die junge Frau; „doch wie ſind alle unſere Vorſichtsmaßregeln vereilelt worden?“ „Ich,“ ſprach die Dienerin, ihre Erzählung fortſetzend, „ich antworte dem Marſeiller: „„Herr Ge⸗ orges Hubert wohnt nicht hier.“ „„Alle Donnerwetter!““ ſchreit er, „wenn Ihr mir die Thüre nicht öffnet, ſo ſprenge ich ſie! ich ſage Euch, daß Herr Georges Hubert hier wohnt, Herr Georges Hubert der Schriftſteller.““ „„Ich weiß wohl, daß Herr Georges Hubert Schrift⸗ ſteler iſt,“ erwiedere ich dem Marſeiller, „ich habe genug in ſeinen Stücken geweint, doch ich ſage Ihnen, mein Herr, daß er nicht hier wohnt; dieſes Haus hat Herr Dumesnil, ein Beamter, inne.“ „„Gerade das iſt es,““ entgegnet der Marſeiller. „„Georges Hubert wohnt hier verborgen unter dem Namen Dumesnil, und Doch die Dienerin unterbrach ſich, als ſie die Neugierigen erblickte, welche ſich außerhalb der Hecke aufgepflanzt hatten und fortwährend beobachteten, was im Garten vorging, und fügte dann bei: „Ach! dieſe Damen, welche mit Lorgnetten hierher ſchauen, und der junge Menſch, der einen Baum geklettert iſt! Sehen Sie, Madame!“ „Komm, laß uns hineingehen,“ ſagte Gilbert ver⸗ drießlich zu Gilberte; „wir können unmöglich ſo der Nengierde der Vorübergehenden ausgeſetzt bleiben. Ah! verflucht ſeien dieſe Ueberläſtigen!“ Kaum hatten der Dichter und ſeine Gefährtin die Freitreppe des Erdgeſchoſſes erreicht, als der Marſeiller, der hartnäckig ohne Erfolg klingelte, die Drohung, die er gegen die Dienerin ausgeſprochen, vollführte; mit einem Fußtritt ſprengte er die zerbrechliche Thüre, und wie ein Menſch handelnd, dem der Egvismus völlig fremd, rief er den andern vor der Hecke gruppirten Reu⸗ gierigen zu: 282 „Victoria! der Platz iſt im Sturme genommen! Alle Donnerwetter! kommt! kommt!“ „Herr!“ rief Frau Catherine ganz beſtürzt, „der wüthende Marſeiller hat die Thüre eingetreten, der junge Menſch rumpelt von ſeinem Baume herunter und ſ laufen mit dem dicken Herrn mit der Brille erbei.“ Beinahe erſchrocken über dieſe dem Genie des großen Dichters dargebrachten tollen Huldigungen, wollte Gil⸗ berte die ſeltſame Scene nicht durch ihre Gegenwart verwickeln und zog ſich in ein Zimmer in der Nähe des Arbeitsrabinets, in das ſich der Dichter begab, zurück⸗ Wohl fühlend, was Ehrenvolles für ihn in der ſchmei⸗ chelhaften Neugierde lag, die er einflößte, aber aus Be⸗ ſcheidenheit floh, ſchickte ſich Gilbert an, mit Höflichkeit und Würde die enthuſiaſtiſchen Erſtürmer ſeiner theuren Einſamkeit zu empfangen; mit großer Mühe beſchwichtigte er die Beſtürzung von Frau Catherine, und er bat ſie, eine nach der andern, in ſein Cabinet die Perſonen eintreten zu laſſen, welche ſich ſo unverſehens bei ihm eingeführt hatten. Der erſte Beſuch, der durch das Recht der Er⸗ oberung im Arbeitscabinet des Dichters erſchien, war der Marſeiller, ein kleiner, brauner, ſehr lebhafter Mann, deſſen ſtark ausgeprägter ſüdlicher Accent ſich vortrefflich mit einer unglaublichen Zungenfertigkeit verband. Gilbert ging ihm zuvorkommend einige Schritte entgegen und ſagte mit einer vollkommenen Höflichkeit, ohne eine An⸗ ſpielung auf ſeinen ſeltſamen Einfall zu machen: „Mein Herr, darf ich wiſſen, was mir die Ehre, Sie zu ſehen, verſchafft?“ „Alle Teufel! mein Herr, wenn es einem gelingt, Sie zu treffen, ſo geht das nicht ohne Mühe ab!“ rief der Marſeiller mit einem Ausdrucke zornigen Vorwurfs; „ich bin genöthigt, Ihre Thüre zu ſprengen! „das iſt ſchändlich!“ 283 „Mein Herr, ich erlaube mir, Ihnen zu bemerken, daß ich hier keinen Beſuch erwartete; es war alſo ganz natürlich, wenn Sie meine Thüre geſchloſſen fanden,“ erwiederte Gilbert mit verdoppelter Höflichkeit, „und S „ „Mein Herr . . . ein Mann von Ihrer Celebrität gehört nicht ſich, er gehört dem Publikum, das ſeinen Ruf gemacht hat!“ unterbrach ungeſtüm der Marſeiller den Dichter. „Sich verbergen, wie Sie es thun, heißt Verachtung, Undank gegen Ihre Bewunderer zeigen.“ „Mein Herr, glauben Sie im Gegentheil, daß. . „Wiſchi waſchi! Ich glaube das, was ich ſehe! Ich gehe von Marſeille vor vierzehn Tagen ab, um eine Ge⸗ ſchäftsreiſe nach Paris zu machen; meine Freunde vom Kaffeehauſe zur Grainette ſagen zu mir: „„Marius, Du gehſt nach Paris, das iſt eine vortreffliche Gelegen⸗ heit, Georges Hubert, den berühmten Georges Hubert zu ſehen, dem wir ſo ſehr im Theater applaudirt haben.““ „Mein Herr, ich fühle mich außerordentlich geſchmei⸗ chelt, daß. .. „Geſchmeichelt? Ah! ja, es ſcheint ſo! Ich bin in fünf Tagen mehr als eilfmal zu Ihnen nach der Rue Blanche gegangen; ja, eilfmal, um gegen Sie die Achtung und Ehrfurcht meiner Freunde vom Kaffeehauſe zur Grainette auszudrücken, und jedes Mal hat man mir die Thüre vor der Naſe geſchloſſen! Sie glauben, das ſei angenehm . . . „Aber, mein Herr . ..“ „Aber, mein Herr, Ihretwegen wäre mir beinahe das Auge ausgeſchlagen worden, und das iſt nun meine Belohnung!“ „Ich bin troſtlos, wenn. . .“ „Ja, mein Herr, das Auge beinahe ausgeſchlagen. Es war bei der erſten Vorſtellung von Octavius im großen Theater von Marſeille; ich und alle meine Freunde von der Grainette hatten nicht zu Mittag geſpeiſt, um 234 die erſten Bänke vom Orcheſſer einzunehmen. Es war uns zu Ohren gekommen, daß ſich hier Cabalenmacher einniſten ſollten, angeführt von einem Dichterlinge unſerer Stadt, der eiferſüchtig auf Sie! auf Sie! der doppelte Eſel! der dreifache Tropf! Eiferſüchtig auf Sie, der Sie eine der Glorien Frankreichs ſind.“ „Mein Herr .. wahrhaftig, ich verdiene nicht. ..“ „Ah! ja wohl, allerdings verdienen Sie nicht, daß man ſich der Gefahr ausſetzt, ſich das Auge ausſchlagen zu laſſen, und das wäre mir beinahe geſchehen, in dem Momente, wo die Cabalenmacher unter Anführung des Dichterlings ſchon im erſten Acte zu murren anfingen und ſagten: „Oh! ſchlecht . . . ſchlecht!““ „ Hinaus die Cabale!““ riefen wir, ich und meine Freunde von der Grainette. „Nieder mit der Claque,“ entgegneten die Parteigänger des Dichterlings. „„Alle Teufel ich ſteige aufmeine Bankundrufe:„„Der Erſte, der von Claque ſpricht, bekommt einen! 4 Ich war auch außer mir. Wie kann man nicht mit Aufmerkſamkeit und Ehrfurcht Oe⸗ tavius, Ihr Drama, anhören! Ich habe es fünfmal geſehen, und zwar mit noch mehr Vergnügen das letzte Mal, als das erſte Mal, wo mir allerdings beinahe das Auge ausgeſchlagen worden wäre.“ „Ich bin hierüber um ſo troſtloſer, mein Herr, als Ihr Beifall mir . . .“ „Laſſen Sie mich doch in Ruhe, Sie kümmern ſich den Henker um meinen Beifall! . So daß einer von den Cabalenmachern aufſteht und ruft: „„Wer ſpricht hier davon, daß er Kläpfe geben will?““ „Ich,““ ant⸗ wortete ich, „„und ich werde den erſten Dummkopf, der gegen Georges Hubert zu cabaliſiren wagt, beklapfen, mit Ihnen anzufangen.““ Da hat dieſer Dummkopf von einem Cabalenmacher, welcher ſich unfern von den Mu⸗ ſikern befindet, die Gemeinheit, eine Poſaune zu ergreifen und mir damit einen Schlag quer über das Geſicht zu verſetzen. Alle Teufel! ich ſiel von Blut bedeckt nieder⸗ Anfangs glaubte ich, es ſei mir ein Auge ausgeſchlagen; 285 Sie können auch ſehen, daß mir eine tüchtige Narbe ge⸗ blieben iſt. Entrüſtet, warf das Publikum die Cabalen⸗ macher vor die Thüre, denn in Marſeille, wie in Paris, wie überall, ſchwärmt man für Sie. Man brachte mich in das Kaffeehaus vom Theater, um mich zu verbinden. Doch kaum war der Verband angelegt, da konnte mich nichts mehr zurückhalten; trotz meiner Freunde von der Grainette, wollte ich mit der Binde vor dem Auge wieder ins Theater gehen, um der Vorſtellung Ihres Meiſterwerkes beizuwohnen, um es wahnſinnig zu be⸗ klatſchen . . . Und zur Belohnung muß ich Ihre Thüre eintreten, um mir das Vergnügen zu verſchaffen, Sie zu ſehen. Alle Teufel! iſt das glanblich?“ „Mein Herr, ich bitte, laſſen Sie mich die Urſache erklären, warum.“ „Und ohne den Artikel im Spürhunde, den ich geſtern geleſen, hätte ich Sie nicht einmal ausfindig machen können.“ „Was für einen Artikel meinen Sie, mein Herr?“ „Ei! einen Artikel, in welchem der Spürhund ſagt, Sie wohnen hier in der Avenue Mericourt, Numero 3, mit einer Millionen reichen Erbin aus der Gegend von Bordeaux. Die Erbin iſt mir gleichgültig; wohnen Sie mit ſo viel Erbinnen, als Sie wollen, es lag mir nur daran, Ihnen ins Geſicht zu ſagen: Herr Georges Hubert, Sie ſind ein Undankbarer!“ „Mein Herr!“ „Ja, mein Herr, ein Undankbarer, und dabei auch ein Hoffärtiger. Ich, der ich Ihretwegen beinahe ein Auge verloren hätte, ich, der ich für Sie ſchwärmte, ich, der ich mich, wie meine Freunde vom Kaffeehauſe zur Grainette hätte in Stücke hauen laſſen, um Sie ge⸗ gen Männiglich in Schutz zu nehmen!..“ „Aber, mein Herr, laſſen Sie mich doch Ihnen ant⸗ worten und erklären, warum ich genöthigt bin . . . „Sehen Sie, trotz Ihres Talentes habe ich nun 286 ehenſo viel Abneigung gegen Sie, als ich früher Bewun⸗ derung für Sie hegte! Das iſt albern, doch man iſt in dieſer Beziehung nicht Herr über ſich, und da man heute Abend ein Stück von Ihnen zum erſten Male aufführt, gut, gut, ſchon genng! Ah! alle Teufel, Sie kön⸗ nen ſicher ſein, daß ich diesmal nicht Gefahr laufen werde, mir ein Auge ausſchlagen zu laſſen, um die Ca⸗ bale zu verhindern. Im Gegentheil, wenn ich von Mittag an Queue machen und einen Parterreplatz mit vierzig Franken bezahlen müßte, ich werde heute Abend in der Comeédie Franeaiſe ſein; ich habe ausdrücklich meine Ab⸗ reiſe um einen Tag verſchoben. Abermals Ausgaben, zu denen Sie mich genöthigt, denn das Leben iſt entſetzlich theuer in Paris; doch gleichviel, heute Abend in Ihrer erſten Vorſtellung werde ich meine Koſten herausſchlagen, wie wir im Kaffeehauſe zur Grainette zu ſagen pflegen. Und hienach Ihr Diener, mein Herr, ich über⸗ falle Sie nicht als ein Verräther! Ich war Ihr Schwär⸗ mer, doch nun kenne ich Ihren Undank, und ich verabſcheue Sie ebenſo ſehr, als ich Sie bewundert habe!“ Nachdem er ſo geſprochen, verließ der enttäuſchte und aufgebrachte Bewunderer von Gilbert das Cabinet noch wüthender, als er eingetreten. Beinahe in dem⸗ ſelben Augenblick erſchienen die zwei Engländerinnen. Die Eine, groß und knochig, trug unter ihrem Hute falſche Bänder von blonden Haaren, geſchmückt mit einer Diamantenferronnidre, und zeigte alle Augenblicke Zähne von einer furchtbaren Länge. Ihre viel jüngere Gefähr⸗ tin war ſehr hübſch. Beide rückten im Cabinet von Gil⸗ bert mit gleichem Schritte und einer automatiſchen Steif⸗ heit vor, als ob ſie dem Impulſe einer und derſelben Feder gehorcht hätten; dann blieben ſie unfern von dem be⸗ rühmten Schriftſteller ſtehen; die Jüngere von Beiden hielt ihr Doppelglas vor die Augen, und ſie fingen an überall umherzuſchauen und mit einer unbeſcheidenen⸗ 237 phlegmatiſchen Neugierde die Wohnung des Dichters und ſeine Perſon prüfend zu betrachten, wobei ſie leiſe Eng⸗ liſch ſprachen und nur von Zeit zu Zeit die Stimme er⸗ hoben, um ſich zu ſagen: „0 Jes. „O no.“ Schon gepeinigt durch das Geſchwätze ſeines Exbe⸗ wunderers und ungeduldig gemacht durch die Prüfung⸗ deren Gegenſtand er war, vergaß Gilbert jedoch nicht, daß er es mit Frauen zu thun hatte, trat auf die zwei Engländerinnen zu, begrüßte ſie höflich und ſprach: „Meine Damen, darf ich wiſſen, was mir die Ehre Ihres Beſuches verſchafft?“ Die zwei Engländerinnen beriethen ſich mit dem Blicke und flüſterten abermals; dann machten ſie gleich⸗ zeitig und immer, als ob ſie von derſelben Feder in Be⸗ wegung geſetzt würden, dem Dichter auch ein paar Schritte entgegen, blieben wieder ſtehen, und die Aeltere ſagte mit einer liebenswürdigen Miene lächelnd und ihre langen Zähne zeigend zu Gilbert, indem ſie ihm äußerſt freundlich mit dem Kopfe zunickte: „Der Spürhund . „ „Madame,“ verſetzte der Dichter, „Sie erweiſen mir die Ehre, mir zu ſagen?“ „Der Spürhund das „kleine Thier! 4 „0 no, no,“ verſetzte die Jüngere, ihre Gefährtin anſchauend, „nicht das kleine Thier . . . das kleine Journal.“ „0 yes,“ verſetzte die Andere; und ſie wandte ſich, ihre wahrhaft phänomenalen Zähne bis an das Zahn⸗ ſleiſch entblößend, an Gilbert und ſagte: „0 Jes .. der Spürhund das kleine Journal, wir haben es geſtern geleſen und daraus erfahren die Wohnung von Ihnen „ und wir kommen, um Sie zu ſehen und das Innere von Ihnen.“ 288 Und nach einem neuen Blicke, den ſie auf den Dich⸗ ter und ſein Inneres (das Innere ſeines Cabinets) warfen, nickten ihm die zwei Engländerinnen ſehr freund⸗ lich mit dem Kopfe in Form eines Abſchieds zu, wand⸗ ten ſich auf den Ferſen um und verließen das Cabinet mit dem ihnen eigenthümlichen ſteifen, abgemeſſenen, auto⸗ matiſchen Schritte. „Der Teufel hole das Journal, das mir ſo ärger⸗ liche Beſuche zuführt!“ rief Gilbert. „Doch wie konnte man erfahren . .“ Dann, als plötzlich eine Erinnerung ſeinen Geiſt erleuchtete: „Es unterliegt keinem Zweifel⸗ die Nichte von Catherine iſt Köchin beim Redacteur des Spürhunds. Durch die überall verbreiteten Faeſimile erkannte dieſer Journaliſt meine Handſchrift in dem Briefe, den mir unſere Haushälterin dictirt hat, und ein Geheimniß vermuthend wird er ſeine Dienerin befragt haben, und dieſe hat ihm wohl geantwortet, der Brief ſei ohne Zweifel von einem Angeſtellten geſchrieben wor⸗ den, deſſen Haushaltung ihre Tante beſorge. Als hie⸗ durch die Neugierde des Redacteur erregt war, wird er um dieſes Haus herumgeſtrichen ſein und mich erkannt haben, und davon wird ſeine indiserete Mittheilung über meinen mit einer reichen Erbin von Bordeaux ge⸗ theilten Zufluchtsort herrühren. .. Warum von Bor⸗ deaux? Ah! ich begreife, auf dem alten Koffer, den meine Frau Catherine ſchenkte, waren noch der Ort des Abgangs und der der Ankunft des Reiſenden bezeichnet! und mehr brauchte der Spürhund nicht, um ſeine Ge⸗ ſchichte aufzubauen . . . um dem Publikum als Futter Vorfälle aus meinem Privatleben zuzuwerfen, meine Frau in eine reiche Erbin zu verwandeln und mich zu nöthigen, dieſen Winkel zu verlaſſen, deſſen Lage uns ſo ſehr geſiel, wo wir glücklich und unbekannt lebten! Ja, dieſer von mir geſchriebene verdammte Brief hat das ganze Uebel verurſacht. . . Was iſt zu thun? Meine geringſten Billets haben den Ruhm, Autographa zu wer⸗ 289 den, und die Facſimile meiner Handſchrift find ſo ver⸗ breitet als mein Portrait! Hienach behanpte man ſein Incognito! Oh! verflucht ſei der Ruf. Seine Freuden werden mir nicht zu Theil, ich fühle nur ſeine Ver⸗ drießlichkeiten.“ 2 Während Gilbert ſchmerzlich ergriffen ſo ſeinen Klagen freien Lauf ließ, hatte er den dicken Mann mit der Brille, den Träger eines ungeheuren Albums, nicht auf ſich zukommen ſehen; dieſer war, auf den Fußſpitzen gehend, ſogleich nach dem Abgange der Engländerinnen in das Cabinei geſchlüpft. Um die Aufmerkſamkeit des berühmten Schriftſtellers zu erregen, der ihm den Rücken zuwandte und ſeine Gegenwart nicht wahrnahm, huſtete der Ueberläſtige zweimal. Bei dieſem Geränſche drehte ſich Gilbert ungeſtüm um, der Mann mit der Brille näherte ſich ihm mit dem einſchmeichelndſten Lächeln und ſprach, indem er auf ſein Album deutete: „Ich komme zu dem berühmteſten Dichter unſerer Zeit, ohne das Glück zu haben, ihm bekannt zu ſein, und nachdem ich mich vergebens ſehr oft in ſeiner Woh⸗ nung in der Rue Blanche eingefunden, um mir die Gunſt von zehn Zeilen von ſeiner Hand zu erbitten; ſie wer⸗ den die Diamanten meines ſchon ſo reichen Albums ſein. Dieſes enthält unter Anderem Spicimina der Handſchrift von allen Souverains Europas; es fehlt meiner Samm⸗ lung, um derſelben ihren ganzen Werth zu geben, nur ein Autographon von dem großen Dichter, der zugleich auch der König durch das Genie iſt.“ Unter anderen Umſtänden würde Gilbert nach ſeiner Gewohnheit dieſe ſchmeichelhafte Bitte um ein paar Zei⸗ len von ſeiner Hand höflich aufgenommen haben, doch dieſe Bitte kam ſo zur Unzeit gerade in dem Augenblick, wo der Dichter im Zuge war, die ſeinen geringſten Bil⸗ lets gegebene ruhmvolle Heffentlichkeit zu verfluchen, daß er, nur mit Mühe ſeine Ungeduld bewältigend, zu dem Mann mit dem Album ſagte: Gülbert und Gilberte 1. 19 290 „Mein Herr, ich bedaure unendlich, daß ich einem für mich ſo ehrenvollen Wunſche nicht entſprechen kann, doch ich habe mir unwiderruflich gelobt, ſo wenig Werth Schrift beſitzen mag, Niemand mehr davon zu eben.“ „Ah! mein Herr, Sie werden nicht den Muth .. . was ſage ich, Sie werden nicht die Barbarei haben, mich abzuweiſen.“ „Ich beſchwöre Sie, mein Herr, erſparen Sie mir die Nothwendigkeit, Ihnen eine mir peinliche Weigerung zu wiederholen.“ „Mein Herr! ah! mein Herr, bedenken Sie, daß ich einen unſchätzbaren Werth auf dieſe paar Zeilen von Ihrer Hand lege. Dieſe Zeilen allein werden meiner Sammlung ihr wahres Intereſſe geben.“ „Mein Gott! mein lieber Herr, ich fühle, wie ſehr mir Ihre Dringlichkeit ſchmeicheln muß, doch ich kann nicht thun, was Sie wünſchen.“ „Mein Herr, ich flehe Sie an!“ „Ich habe die Ehre, Ihnen zu wiederholen, mein Entſchluß iſt unerſchütterlich.“ „Mein Herr, erlauben Sie mir nur, Ihnen dieſes mit Vignetten verzierte ſchöne Blatt von weißem Velin zu zeigen, das ich Ihnen vorbehielt,“ ſagte der Mann mit der Brille, indem er haſtig ſein Album aus ſeinem Saffianetui zog und auf dem Schreibtiſche des Dichters auflegte. „Sehen Sie, mein Herr, Ihre Handſchrift wird ihre Stelle zwiſchen der Ihrer Majeſtät der Königin von England und der Ihrer Majeſtät der Königin von Spanien haben.“ „Mein Herr, ich habe ſchon die Ehre gehabt, Ihnen zu ſagen, daß . „Ziehen Sie die Nachbarſchaft der Königin Po⸗ mare vor? Hier iſt ein Billet von ihr, geſchrieben an Herrn Pritchard in Betreff der Geburt des ſiebenzehnten Kindes dieſer fruchtbaren Majeſtät.“ 291 „Mein Herr, ich muß leider ausgehen .. und „ „Das wird ſo ſchnell geſchehen ſein . Ich bitte, nur Ihre Unterſchrift . . . Oh! hier liegt Ihre Feder, dieſe unvergleichliche, herrliche Feder, welche ſo viele Meiſterwerke geſchrieben hat.“ Und der Autographenliebhaber tauchte die Feder in die Tinte und reichte ſie dem Dichter. „Oh! mein Herr, das iſt die Sache eines Augenblicks.“ „Aber, mein Herr . 4 „Ziehen Sie die Nachbarſchaft Seiner Majeſtät des Kaiſers von Rußland vor? Es iſt ein weißes Blatt übrig neben dem wo . „Mein Herr, ich habe die Ehre gehabt, Ihnen zu ſagen, und wiederhole Ihnen zum letzten Male, daß ich bedaure, nicht thun zu können, was Sie von mir verlangen.“ „Gut, mein Herr,“ verſetzte mit zornigem Tone der Autographenliebhaber, während er ungeſtüm ſein Album ſchloß und wieder in ſein Etui ſteckte. „Ich glaubte nicht einen ſolchen Empfang hinſichtlich einer Bitte zu verdie⸗ nen, durch die ſich ſo viele andere Perſonen, welche viel⸗ leicht nicht minder ausgezeichnet und berühmt als Sie, erlauben Sie mir, dies Ihnen zu bemerken, unendlich geehrt fühlen würden.“ „Ich kann das nicht bezweifeln, mein Herr, nur lehne ich dieſe Ehre ab.“ „Gott ſei Dank, obgleich Ihres Namens beraubt, mein Herr, wird mein Album darum doch ſeinen Werth nicht verlieren.“ „Dffenbar, mein Herr . .. Ein paar Zeilen von mir hätten den Reichthum Ihrer Sammlung durchaus nicht vermehrt.“ „Bei meiner Treue,“ ſprach der Aergerliche, indem er den Riemen vom Etui ſeines Bandes wieder zu⸗ ſchnallte, „ich muß Ihnen geſtehen, daß mein Album 292 durch die Namen, welche auf ſeinen Blättern figuriren, genug verherrlicht iſt, um ſtreng genommen des Ihrigen vollkommen entbehren zu können.“ „Ei! mein Herr,“ erwiederte Gilbert ungeduldig, warum haben Sie dieſe Ueberzengung nicht früher ge⸗ habt! Sie hätte Ihnen eine Bitte und mir eine Wei⸗ gerung erſpart.“ „Mein Herr, Sie können überzeugt ſein, daß ich nie, oh! nie vergeſſen werde, mit welcher Freundlich⸗ keit ich von Ihnen aufgenommen worden bin,“ ſprach der Autographenliebhaber mit ſpöttiſchem Lächeln. Dann nahm er ſeinen Hut, ging raſch ab und kreuzte ſich mit einem jungen Menſchen, welcher, als er die Thüre öffnen hörte, in das Cabinet des Dichters ſtürzte. XIX. Der Jüngling, der beim Dichter ſogleich nach den grimmigen Abgange des Autographenliebhabers erſchien, war höchſtens achtzehn Jahre alt: man vermöchte ſich kein reizenderes Geſicht als das ſeinige vorzuſtellen, ein Geſicht doppelt intereſſant durch ſeine leichte Bläſſe, durch den ſchüchternen, ſanften Blick ſeiner großen blauen Augen und durch das ſchwermüthige Lächeln, das ſeine Lippen umſchwebte. Der Jüngling hielt in ſeinen Hän⸗ den die dicke Papierrolle, welche beinahe aus ſeiner Taſche gefallen wäre, als er in der Hitze ſeines Alters den Baum erklettert hatte, um den Dichter, den Gegenſtand ſeiner jugendlichen Begeiſterung, ſeines re⸗ ligiöſen Cultus, beſſer zu betrachten. Nachdem er haſtig in das Cahinet eingetreten war, blieb er auch, voll Bangigkeit, erröthend, mit pochendem Herzen, ſtehen und wagte es nicht, die Augen zu dem berühmten Manne aufzuſchlagen, deſſen Gegenwart eine ſo tiefe Gemüthshewegung bei ihm hervorbrachte. — w S S *— 293 Gerührt von der Verlegenheit und der Jugend des literariſchen Debutanten, betroffen vom Ausdrucke ſeiner Züge, den Zweck ſeines Beſuches beim Anblick des Ma⸗ nnſcriptes, das er in den Händen hielt, errathend, ging ihm Gilbert ein paar Schritte entgegen und ſagte zu ihm, während er auf einen Stuhl neben dem ſeinigen deutete: „Mein Herr, wollen Sie die Güte haben, ſich zu etzen.“ Der junge Menſch ſetzte ſich ganz auf den Rand des Stuhles, rollte ſein Manuſcript in ſeinen Händen hin und her und erwiederte, indem er die Angen nie⸗ derſchlug, mit einer ſo ſchwachen Stimme, daß man es kaum hörte: „Mein Herr ich bin . ich bin Auguſt Clement.“ „Anguſt Clement?“ „Ja, mein Herr.“ „Verzeihen Sie, ich erinnere mich nicht . . . „Mein Herr, ich habe Ihnen ein Drama betitelt: Der Tod im Leben, geſchickt. Ich bin ſehr oft bei Ihnen in der Rue Blanche geweſen, ohne Sie treffen zu können. Ich habe Ihnen auch ſehr oft geſchrie⸗ ben, ohne je eine Antwort zu erhalten.“ Der Jüngling ſchien ſo betrübt, als er dieſe letzten Worte ſprach, daß ihm der Dichter doppelt wohlwollend und höflich erwiederte: „Mein Herr, ich muß mich bei Ihnen entſchuldi⸗ gen. Ich erinnere mich nun Ihres Namens und Ihres Dramas, das ich geleſen, ſehr aufmerkſam geleſen habe. Wenn ich ſo lange gezögert, Ihnen zu antworten, worüber ich Sie tauſendmal um Verzeihung bitte, ſo iſt dies die Folge davon, daß ich ſeit geraumer Zeit ſehr mit den Proben von einem Werke, das man hente Abend gibt, beſchäftigt geweſen bin. Nachdem ich Ihnen dies geſagt habe, nachdem meine Entſchuldigungen, wie ich hofft⸗ 294 von Ihnen angenommen ſind „ laſſen Sie uns von Ihrem Drama reden.“ „Ah! mein Herr,“ verſetzte der Jüngling, der, einer tiefen Bangigkeit preisgegeben, abwechſelnd errö⸗ thete und erbleichte, „wie mein Herz ſchlägt! Sie werden über mein Schickſal entſcheiden.“ „Ich wünſchte wenigſtens, daß Sie meine Meinung anhörten. Erlauben Sie mir auch, offenherzig zu ſprechen, und ſagen Sie mir vor Allem, — ſchreiben Sie dieſe Frage nur dem wahren Intereſſe zu, das Sie mir einflößen, — ſagen Sie mir, was iſt Ihre Lage? Beſchäftigen Sie ſich mit der Literatur nur aus Ge⸗ ſchmack und als Zeitvertreib?“ „Ich wohne bei meinen Eltern, mein Herr, ſie ge⸗ hören dem Handelsſtande an und wünſchen, daß ich mich ihrem Gewerbe widmen möchte. Nie werde ich mich hierein fügen können; ich habe nur für die Litera⸗ tur Neigung,“ ſprach Auguſt Clement, und mit einer etwas ruhigeren Stimme fügte er bei: „Mir ſcheint, die Literatur iſt mein einziger Beruf.“ Der Dichter betrachtete das ſanfte, intereſſante Geſicht mit einer Art von zartem Mitleiden, und nach⸗ dem er einen Augenblick geſchwiegen, ſagte er mit einem zugleich liebevollen und ernſten Tone: „Herr Clement, ich habe es immer für eine Ehren⸗ pflicht gehalten, durch eine volle Aufrichtigkeit das Ver⸗ trauen der Dubutanten auf der Laufbahn der Literatur zu erwiedern, wenn ſie mir die Ehre erweiſen, mir ihre erſten Verſuche mitzutheilen und mich um Rath zu fragen; meine Schätzung, ich wünſche mir hiezn Glück hat mich bis jetzt ſelten getäuſcht. Fand ich bei den Einen wirkliche Fähigkeiten, ſo ermuthigte, erleichterte ich mit meiner ganzen Macht ihren Beruf, und oft ha⸗ ben die günſtigen Erfolge ihrer Arbeiten meine Vorher⸗ ſehungen gerechtfertigt; fand ich bei Andern nicht ein⸗ mal den Keim oder das Anzeichen von den für den * S er ie te h⸗ m r⸗ ut it zu c, en rte ⸗ er⸗ in⸗ en 295 Dichter oder den Schriſſteller unerläßlichen Fähigkeiten, ſo ſagte ich ihnen: „Glauben Sie mir, verzichten Sie auf gefährliche Illuſionen, verlaſſen Sie eine Laufbahn, auf der Sie nur granſame Täuſchungen, bittere Reue und Armuth finden würden; geben Sie aber darum den Cultus der Intelligenz nicht auf. Nein! nein! ſo unvollkommen Ihre Verſuche ſind, ſo kändigen ſie doch wenigſtens einen ausgeſprochenen Geſchmack ſir die Wiſſenſchaften an. Cultiviren Sie dieſen Geſchmack während der Augenblicke der Muße, die Ihnen ein nütz⸗ liches, ehrenwerthes Gewerbe läßt, das Ihnen das täg⸗ liche Brod ſichern wird. Oh! dann, unter ſolchen Be⸗ dingungen, wird der Sinn für die Literatur eine edle Erholung für Sie werden: dieſe heilſame Zer⸗ ſtreuung wird Sie vor, oft verderblichen, Hinreißungen Ihres Alters bewahren und Ihnen die reinſten, die er⸗ habenſten Ergötzungen gewähren, welche die Seele ge⸗ nießen kann.“ Das iſt es, Herr Clement, was ich immer zu denjenigen geſagt habe, welche durch einen, übrigens der Theilnahme würdigen, Irrthum als einen wirklichen Beruf ihren leidenſchaftlichen Geſchmack für die Literatur betrachteten; Sie gehören zu dieſen, Herr Clement, ich ſage es Ihnen aufrichtig, ohne Umſchweife, überzeugt, daß Sie als ein Menſch von Gemüth meine Offenherzigkeit ſchätzen werden.“ Der Jüngling hatte Anfangs mit einer Miſchung von Hoffnung und Bangigkeit, die ſich nicht ſchildern läßt, den Dichter angehört; ein leichtes Zittern bewegte ſeine Hände, der Schweiß perlte auf ſeiner unſchuldi⸗ gen Stirne, und, ſeine Schüchternheit überwindend⸗ heftete er ſeine großen, ſchwermüthigen blauen Augen auf die des Mannes, der über ſein Schickſal entſcheiden ſollte; doch bei den letzten Worten, die ihm jede Hoff⸗ nung benahmen, wurde Auguſt Clement noch bleicher, als gewöhnlich, ſeine Lippen bewegten ſich, ohne einen Ton hören zu laſſen, und die Thränen überſtrömten ſein 296 Geſicht, das er in ſeinen Händen verbarg. Dann mur⸗ melte er mit verzweiflungsvollem Tone: „Mein Gott! mein Gott!“ Schmerzlich bewegt, nahm der Dichter eine von den Händen des Jünglings und ſprach mit einer väterlichen Güte zu ihm: „Ah! mein armes Kind, glauben Sie mir, ich muß in meinem Gewiſſen Muth ſchöpfen, um mich zu entſchließen, ſo, wie ich es in dieſem Angenblicke thue, jugendliche Jllufionen, lachende Hoffnungen zu zerſtören, ſtatt ihnen durch einige alltägliche, unbedachte Lobſprüche zu ſchmeicheln; ich ſcheine Ihnen vielleicht in dieſem Augenblicke ſtreng, verletzend, ungerecht, und dennoch erfüͤlle ich nur die gebieteriſche Pflicht, welche mir Ihr Ver⸗ trauen auferlegt hat. Auf, faſſen Sie Muth, verzwei⸗ feln Sie nicht ſo. Gibt es in der Welt keine andere Laufbahn als die der Literatur?“ Auguſt Clement erhob ſein von Thränen, welche er mit der rechten Hand abwiſchte, überſtrömtes Geſicht und ſagte mit einer durch das Schluchzen gehemmten Stimme: „Alſo mein Herr. . dieſes Drama .. dieſes Drama . „Ihr Drama, mein Kind, ich habe es geleſen; hier iſt es,“ erwiederte Gilbert, während er ein Manu⸗ ſcript aus einer Schublade ſeines Tiſches nahm. „Ich habe es ſehr aufmerkſam geleſen Durch mehrere von i and geſchriebene Randbemerkungen werden Sie die hauptſächlichſten Keitiken kenten lernen, und leider ſind dieſe Kritiken von einem Gewichte, daß ich Sie, im Intereſſe Ihrer Zukunft, beſchwöre, ſich in die Wünſche Ihrer Eltern zu fügen, wie ſie die nütz⸗ liche Laufbahn des Handels zu ergreifen und ſich, wie ich Ihnen ſagte, mit der Literatur nur zu beſchäſti⸗ ſiu⸗ um Ihre Mußeſtunden auf eine edle Art auszu⸗ üllen“ 297 „Ah! mein Herr,“ ſprach der Jüngling mit einem Ausdrucke tiefen Schmerzes, zugleich aber auch der Er⸗ gebenheit, „ich beklage mich nicht . doch ohne es zu wollen, machen Sie mich ſehr unglücklich! Ach! . nicht ein Wort! nicht ein einziges Wort der Ermu⸗ thigung!“ „Ermuthigung ?. . Wozu Sie ermuthigen, mein armes Kind? Bamit Sie eine Laufbahn verfolgen, zu der Sie keine Fähigkeiten haben? Laſſen Sie uns ein we⸗ nig vernünſtig reden,“ ſagte der Dichter, immer mehr vom Mitleid bewegt. „Sie ſprechen von Ermuthigung. Nehmen wir an, ſtatt Ihr Drama aufmerkſam zu leſen und es mit einer gewiſſenhaften Strenge zu beurtheilen, habe ich daſſelbe in dieſer Schublade gelaſſen, ſodann nach einiger Zeit und ohne daß ich nur einen Blick auf Ihr Manuſcript geworfen, es Ihnen zurückgeſchickt, mit einem Billet folgende oder gleichbedeutende Worte enthaltend: „„Mein Herr, ich habe Ihr Drama gele⸗ ſen, es berechtigt zu den glänzendſten Hoffnungen, ich bin überzeugt, daß ſie ſich bald verwirklichen werden; Sie ſind ein Mann von Styl und Gedanken; . die Zukunft gehört Ihnen u. ſ. w.“ „Oh! mein Herr!“ rief der Jüngling die Hände faltend, „ein ſolcher Brief von Ihnen würde mich ſo glücklich gemacht . . . mir ſo viel Muth verliehen haben, ſelbſt wenn ich dieſes Lob von Ihrer Seite nicht ver⸗ dient hätte!“ „Ah! armes Kind, wie ſehr find Sie-im-Jirthum! Sie denken Aiſo nicht. au⸗die traurigen Folgen eines lügenhaften Lobes? Wiſſen Sie, was geſchehen wäre 2 Ermuthigt durch meinen Brief, trunken vor Freude und Hoffnung, würden Sie ſogleich Ihr Drama an irgend einen Director geſchickt und von Tag zu Tag eine gün⸗ ſtige Antwort erwartet haben: hatte ich Ihnen nicht ge⸗ ſchrieben, Ihr Drama ſichere Ihnen eine ruhmwürdige Zukunft? — ſo daß Sie ſchon von den Berauſchungen 298 eines nahen Triumphes träumten, und dennoch vergin⸗ gen die Tage, die Wochen, die Monate, und die Ant⸗ wort des Directors kam nicht; dann folgten auf Ihre bezaubernden Träume die Entmuthigung, die Traurig⸗ keit, der Zweifel an Ihnen ſelbſt, doch nein! nein! leider konnten Sie nicht an Ihrem Berufe zweifeln; hatte ich Sie nicht ermuthigt, verherrlicht? In Folge meiner unvorſichtigen und lügneriſchen Lobeserhebungen, laſen Sie bei jeder nenen Täuſchung abermals meinen Brief mit einem bitteren Stolze und ſagten zu ſich ſelbſt: „Und dennoch habe ich Talent! Ein Schrift⸗ ſteller von Ruf, ein Mann, der kein Intereſſe dabei hatte, mich zu täuſchen, mich, der ich mich auf eine redliche Weiſe an ihn wandte, hat mir eine ruhmwür⸗ dige Zukunft verſprochen, und dieſe Zukunft wäre die meinige ohne den böſen Willen, ohne die Ungerechtig⸗ keit der Menſchen. Ich bin ein unbekanntes, bei ſeiner Geburt erſticktes Talent . .. Ich bin ein unbe⸗ griffenes Talent!““ Ach! mein Kind, ich entrüſte mich, wenn ich an das verächtliche Gelächter denke, das dieſe Worte: ein unbegriffenes Talent, immer her⸗ vorrufen. Sie wiſſen alſo nicht, dieſe albernen, rohen Spötter, daß für denjenigen, welcher ſich für ein unbe⸗ griffenes Talent hält, das Leben eine Marter aller Au⸗ genblicke iſt! Die Eiferſucht, der Haß zernagen ſein in Galle getauchtes Herz! So gerecht ſie ſein mögen, die Succeſſe der Andern erſcheinen dieſem Unglücklichen als ein an ſeinem verkannten Genie begangener Raub, als eine ſeinem unverdienten Elend zugefügte Beleidigung; er verflucht Gott und die Menſchen und ſich ſelbſt. Ein unbegriffenes Genie! das iſt der Neid, die Ohnmacht, die Wuth, der Schmerz! Es iſt die Hölle! Und es können einige aus Schwäche, aus Gleichgültigkeit oder einem elenden Trachten nach Popularität bewilligten Schmeicheleien auf immer in dieſe Hölle eine Anfangs vertrauensvolle und gute Seele verſenken! Nein, nein, 299 ich würde mich ſelbſt verabſcheuen, wenn ich je mich der Gefahr ausſetzte, ein ſolches Verbrechen zu begehen. Und nun, mein liebes Kind, ſagen Sie, werden Sie ſich noch wundern, daß Sie mich ſo ſtreng in meiner Offenherzigkeit finden? Werden Sie mir es noch vor⸗ werfen, daß ich Ihnen nicht die geringſte Ermuthigung auf die Geſahr, aus Ihnen ein unbegriffenes Dalent zu machen, gegeben habe?“ Dieſe warmen, herzlichen, überzeugten Worte des Dichters brachten einen großen Eindruck auf den Jüng⸗ ling hervor; ſein engeliſches Geſicht, ein Wiederſchein al⸗ ler Bewegungen ſeines Gemüthes, hatte abwechſelnd den Schmerz oder die Angſt ausgedrückt, ſo wie ihm Gilbert die furchtbaren Folgen der alltäglichen Lobſpenden zeigte, welche zuweilen ſo gefällig an literariſche Anfänger durch berühmte Schriftſteller verſchwendet werden. Die Augen in Thränen gebadet, rief auch Anguſt Clement mit einer bebenden Stimme: „Oh! Dank, mein Herr, Dank für Ihre Offenher⸗ zigkeit, ſie wird mich von den gräßlichen Qualen, denen die unbegriffenen Talente preisgegeben ſind, gerettet haben; es wird mir wenigſtens keine Illuſion bleiben! Und nach einem letzten Beweiſe von Edelmuth von Ihrer Seite wird mein Schickſal entſchieden ſein. Ah! mein Herr! dieſen letzten Beweis von Güte, geben Sie ihn mir aus Mitleid!“ „Von Herzen gern. Um was handelt es ſich?“ „Mein Drama taugt nichts, nicht wahr, mein Herr?“ verſetzte der Jüngling mit einem erſtickten Seuf⸗ zer, „durchaus nichts?“ „Nein, mein Kind, wenigſtens meiner Anſicht nach, und ich habe Ihnen geſagt, Sie werden Randbemerkun⸗ gen zu Unterſtützung meines Urtheils finden.“ „Mein Herr, ich glaube Ihren Worten, wie ich denen Gottes glauben würde, wenn er mit mir ſpräche. Und dann, wie gut ſind Sie, nachdem Sie ſich die 300 Mühe genommen, ſelbſt Bemerkungen zu einem Werke zu machen, das für das Theater keine Anlage zeigt, nicht wahr, mein Herr? keine, nicht die ge⸗ ringſte ? „ „Nicht die geringſte.“ „Selbſt wenn man der bei einem erſten Werke na⸗ türlichen Unerfahrenheit Rechnung tragen würde?“ ver⸗ ſetzte Auguſt Clement mit einer Miſchung von rührender Reſignation, von bewältigter Verzweiflung und, wenn man ſo ſagen darf, einer mit dem Tode ringenden Hoffnung; „kurz, mein Drama geſtattet Ihnen nicht, zu hoffen, ich werde eines Tags etwas Beſſeres machen, und durch Anſtrengung, Ausdauer, Studien, Arbeit .. Oh! ich würde mit ſo großem Eifer arbeiten, wenn Sie mir ſagten: Arbeiten Sie!“ „Mein Kind, durch die Arbeit würde es Ihnen gelingen, Ihre Sprache correct zu ſchreiben, eine Wiſ⸗ ſenſchaft, die Ihnen bis jetzt durchaus fehlt; doch we⸗ der das Studium, noch die Arbeit geben uns je die Erfindung, dieſe Fähigkeit, Charactere, Perſonen zu ſchaffen und ſie unter dramatiſchen Situationen, die Sie auch ſchaffen müſſen, handeln zu laſſen Dieſe Fäligkeit, eine, ſo zu ſagen, natürliche Gabe analog mit den Anlagen, welche den Maler und den Muſiker machen, dieſe Fähigkeit beſitzen Sie nicht .. . Ich kann nicht entſchieden behaupten, daß ſie ſich nicht ſpäter entwickeln wüd aber „Wahrhaftig, Sie glauben!“ rrief der Jüng⸗ ling mit dem Ausdrucke einer naiv zähen Hoffnung, „Sie glauben, daß ſpäter .. „Armes Kind!“ erwiederte Gilbert, ſchwermüthig den Kopf ſchüttelnd, „es iſt mir unmöglich, Sie zu verhindern, eine eitle Hoffnung zu hegen; doch weit ent⸗ fernt, Sie darin zu ermuthigen, wiederhole ich Ihnen, obgleich mit Bedauern: nichts, durchaus nichts in Ihrem Drama läßt mich annehmen, die Gabe der Erfindung 301 werde eines Tags in Ihnen etiſtiren, denn wenn es ſo ſein ſollte, ſo hätte ſich dieſe Gabe in irgend einem Theile Ihres Dramas geoffenbart, und ich habe leider darin nicht das geringſte Merkmal von einem literari⸗ ſchen Berufe gefunden.“ „Ich glaube Ihnen, mein Herr,“ erwiederte der Jüngling mit einer dumpfen, düſteren Niedergeſchlagen⸗ heit, „ich glaube Ihnen.“ Dann, nach einer gewaltigen Anſtrengung gegen ſich ſelbſt, ſetzte er hinzu: „So eben habe ich es gewagt, mir von Ihnen einen letzten Be⸗ weis von Güte zu erbitten.“ „Sprechen Sie, verfügen Sie über mich.“ „Ich beſitze, Sie haben mich hievon überzengt, keine Anlage fuͤr das Drama. Ich verzichte darauf. Indeſſen bleibt mir unwillkürlich eine Hoffnung,“ ſagte der Jüngling, und er reichte ſchüchtern dem Dichter die Papierrolle, die er in ſeiner Hand hielt, und fügte mit zitternder Stimme bei: „Wenn Sie ſpäter, wenn Sie eines Tages Zeit hätten, dies zu leſen; es ſind Oden Oden gerichtet an eine Perſon, eine Perſon Na⸗ mens Lucile.“ * Erröthend, ſprach Clement dieſe letzten Worte und den Namen von Lucile mit einem ſo ſanften und zugleich ſchmerz⸗ lichen Tone, daß Gilbert zu ſich ſelbſt ſagte: „Armes Kind! ohne Zweifel eine naive und erſte Liebe. Für Lucile träumte er den Ruhm! Vielleicht werden mir dieſe unter der Eingebung einer geliebten Frau geſchriebenen Oden irgend ein Anzeichen, ſo ſchwach es ſein mag, von einem ernſten Berufe offenbaren. Oh! dann! mit welchem Glücke würde ich zu dieſem leiden⸗ ſſiſet Herzen ſagen: Muth gefaßt! Muth ge⸗ aßt!“ Und einer edelmöthigen Hoffnung nachgebend, ſprach der Dichter laut, indem er mit einer ungeduldigen Neu⸗ gierde das Manuſeript entrollte: „Wir wollen die Oden anſehen, und zwar ſogleich.“ 302 „Wie, mein Herr! ich habe ſchon ſo lange Ihre Zeit mißbraucht und Sie wollen noch . „Mein Kind, ich errathe Ihre Bangigkeiten, ich werde nicht dieſe Art von moraliſchem Todeskampf ver⸗ längern; Sie werden wenigſtens, wenn wir uns nachher trennen, Gewißheit über Ihre Zukunſt haben, vorausge⸗ ſest, daß Sie meine Entſcheidung annehmen.“ „Mein Herr, was auch Ihr Urtheil ſein mag, ich nehme es zum Voraus an, es wird mein Loos beſtim⸗ men,“ erwiederte der junge Mann mit einem dumpfen, aber doch feſten Tone und mit einem Ausdrucke beinahe finſterer Reſignation, der dem Dichter, welcher ſchon mit dem Leſen der Oden beſchäftigt war, entging. Wir müſſen darauf verzichten, die Phyſiognomie, die Haltung, die gräßlichen. . oh! ja gräßlichen Ban⸗ gigkeiten von Auguſt Clement, während Gilbert ſeine Oden, nicht mit einer gleichgültigen Haſt, ſondern mit einer bedächtlichen Langſamkeit las, zu ſchildern. Bleich, die Stirne in Schweiß gebadet, mit gepreß⸗ tem Athem, den Dichter unabläßig mit ängſtlichem Blicke bewachend, beſpähte der Jüngling mit einer unruhigen Gierde die geringſte Falte des Mundes, das leichteſte Beben der Brauen ſeines erhabenen Schiedsrichters. Ach! Gilbert hatte es wohl geſagt: es mußte für Auguſt Clement ein Todeskampf ſein, der ſtummen Le⸗ ſung ſeiner Oden beizuwohnen, der Todeskampf ſeiner ſterbenden Hoffnung! Doch vor ſeiner gänzlichen Ver⸗ nichtung, welche Bangigkeiten, welche ſchmerzliche Con⸗ vulſionen! Bald ſah der Jüngling ſeinen Richter das Manuſcript näher an die Augen halten, als hätte er einige Verſe noch einmal leſen wollen, dann nachdenkend ſeine Blicke zum Plafond erheben, wobei er ſich zu fra⸗ gen ſchien: Was bedeutet das? und dann bezeichnete eine Geberde, er begreife nicht oder er begreife nur zu ſehr! bald ließ er entmuthigt ſeine beiden Hände, die das Manuſcript hielten, niederfinken und auf dem Tiſche 303 ausruhen, als hätten ihm unwillkürlich die Kräfte ge⸗ fehlt, um dieſe Leſung fortzuſetzen; bald endlich offen⸗ barten ſeine Züge ein ſchmerzliches Mitleid mit der Ver⸗ irrung dieſes unglücklichen Kindes, dem ſein formloſes, albernes Werk, auf welches er ſo glorreiche Hoffnungen ſetzte, ſo viele Nachtwachen hatte koſten müſſen. Alle dieſe beinahe unmerklichen Nuancen des Ge⸗ ſichtes, der Geberde, der Haltung von Gilbert konnte nur allein der Blick von Auguſt Clement, nur der Blick eines Verfaſſers erlauern, denn in ſeiner zarten Zurück⸗ haltung gab ſich der Dichter alle Mühe, ſeine Eindrücke bis zum Ende ſeiner Leſung zurückzuhalten oder zu ver⸗ bergen Als er geendigt hatte, legte er langſam das Manuſcript auf den Tiſch und wandte ſich gegen den Jüngling. Dieſer, deſſen Lippen ein bitteres Lächeln zuſammenzog, das ſeinem in ſeiner Reſignation bis da⸗ hin ſo engeliſchen Geſichte einen Ausdruck düſterer Ver⸗ zweiflung gab, heftete auf Gilbert ſeine durch die Thrä⸗ Augen und ſprach mit bebender Stimme zu ihm: „Nicht wahr, mein Herr, die Oden ſind nicht mehr werth, als das Drama? Oh! ich war darauf gefaßt. Somit iſt Alles für mich vorbei!“ Schmerzlich ergriffen, nahm der große Schriftſteller liebevoll die Hand des Jünglings und ſagte zu ihm: „Mein Kind, erlauben Sie mir ein paar Fra⸗ gen.“ „Wozu? Alles iſt für mich vorbei.“ „Nein, es iſt nicht Alles für Sie vorbei; ich bitte Sie dringend, antworten Sie mir; ſind Ihre Eltern wohlhabend?“ „Ja, mein Herr.“ „Was für ein Geſchäft treiben ſie?“ „Sie ſind. . ſie ſind Specereihändler.“ „Haben ſie es bis jetzt an Zärtlichkeit gegen Sie ermangeln laſſen?“ „Nie Mein Vater ſchilt mich nur, wenn ich, ſtatt im Laden zu bleiben, in mein Zimmer hinaufgehe, um zu leſen oder zu arbeiten,“ „Und Ihre Mutter? ſie iſt, ich bin es feſt über⸗ zeugt, nachſichtiger.“ „Sie entſchuldigt mich bei meinem Vater.“ „Sie lieben Ihre Mutter zärtlich?“ „Oh! ja, mein Herr, ihretwegen und wegen einer andern Perſon möchte ich gern . . „Vollenden Sie.“ Ich ſagte mir: wenn ich Talent hätte, wie . wären meine Mutter und und. eine andere Perſon ſtolz auf mich! .. Doch bah!“ ſetzte er mit einem krampfhaften Gelächter hinzu, „Illuſion! Wahn⸗ ſinn! Ich bin nur gemacht, um Ladendiener eines Spe⸗ tereihändlers zu ſein! Das iſt ſo ruhmwürdig!“ „Ja, es iſt ruhmwürdiger, auf eine ehrliche Art ein beſcheidenes Gewerbe zu treiben, als ſeine Jugend in unfruchtbaren Arbeiten zu verbrauchen. Hören Sie, mein Kind, glauben Sie mir, täuſchen Sie ſich beſon⸗ ders nicht im Sinne meiner Worte, hüten Sie ſich, darin eine Anregung zu gefährlichen Hoffnungen zu ſehen.“ „Ah! ſeien Sie unbeſorgt,“ erwiederte der junge Menſch mit einer düſteren Riedergeſchlagenheit: „ich habe keine Hoffuungen mehr, ich kann keine mehr ha⸗ ben; ſie ſind todt, ſehr todt, Sie haben ſie getödtet!“ „Deſto beſſer, denn ſie wären das Unglück Ihres Lebens geweſen; nachdem ich aber, ſo viel an mir war⸗ Ihnen die Nichtigkeit unſeliger Illuſivnen zu zeigen ge⸗ ſucht habe, ſage ich Ihnen Folgendes: Ihre Oden kün⸗ digen ebenſo wenig als Ihr Drama in irgend einer Hinſicht den geringſten poetiſchen Beruf an, doch ſie zeu⸗ gen von Ihrem Geſchmacke für die Literatur. Dieſer Geſchmack iſt an und für ſich vortrefflich; ich wieder⸗ hole, pflegen Sie ihn in den Augenblicken der Muße, die Ihnen das Gewerbe, für weiches Sie Ihre Eltern 305 beſtimmen, laſſen wird. Dieſes Gewerbe, ergreifen Sie es entſchloſſen; entſprechen Sie den Wünſchen Ihres Paters! Unter dieſer Bedingung ſage ich Ihnen: ſchrei⸗ ben Sie auch eine ſolche Zerſtreunng, vorausgeſetzt, daß es nur eine Zerſtreuung iſt, iſt gut und geſund. Kom⸗ men Sie jeden Sonntag zu mir, ich werde Ihre Verſuche leſen, wir werden darüber plaudern, und wenn ich zufäl⸗ lig, — ich müßte ſagen, was unmöglich iſt, — ſpäter in Ihren Schriften Symptome von irgend einer litera⸗ riſchen Fähigkeit entdecken würde, ſo wäre ich ebenſo aufrichtig in meiner Aufmunterung, als ich ſtreng in meinem Tadel geweſen bin. Doch vor Allem, ich wie⸗ derhole es Ihnen, widmen Sie ſich thätig dem Gewerbe, das Sie aus einem kindiſchen Vorurtheile verachten — Ich kenne die Adreſſe Ihrer Wohnung, und wenn Sie wollen, daß wir unſer Verhältniß fortſetzen, ſo müſſen Sie mir erlauben, Ihren Vater zu beſuchen, mich nach ihm zu erkundigen . Befolgen Sie meinen Rath, ſo halte ich mein Verſprechen, und wir werden uns oft ſehen, um über Literatur zu plaudern. Auf, mein Kind, legen Sie dieſe düſtere, troſtloſe Miene ab! Wiſ⸗ ſen Sie, daß Ihr Kummer eine Schmähung des Un⸗ glücks ſo vieler jungen Leute iſt, welche in dem Elend, in dem ſie leben, mit allem Eifer, mit allem Ehrgeiz nach dem friedlichen und glücklichen Leben, das Sie zu verachten ſcheinen, ſtreben würden! Doch wie! Sie ant⸗ worten mir nicht!“ fügte Gilbert bei, als er Auguſt Clement mit ſtierem Auge die Blätter ſeines Manu⸗ ſi⸗ ſammeln und maſchinenmäßig zuſammenrollen ah. „Mein Kind,“ ſetzte der Dichter hinzu, diesmal bei⸗ nahe erſchrocken über den Geſichtsausdruck des Jüng⸗ lings, „Sie haben mich alſo nicht gehört?“ „Doch oh! doch,“ erwiederte der unglückliche junge Mann mit einem erzwungenen Gelächter, „ich tange Gilbert und Gilberte. 1. 20 306 nur für einen Ladendiener.“ Dann ſchlug er ſeine troſt⸗ loſen Augen zum Plafond auf und murmelte mit einer verzweifelten Stimme: „O meine Träume! o Lucile!! es iſt vorbei! es iſt vorbei!“ Und nachdem er einen Augenblick geſchwiegen hatte, ſtand er ungeſtüm auf und ſagte zu Gilbert im Tone des Vorwurfs und ſchmerzli⸗ cher Bitterkeit: „Mein Herr, andere arme junge Leute werden vielleicht wie ich, angezogen durch Ihren Ruf des Edel⸗ muths, kommen, um Ihnen Ihre Verſuche anzuvertrauen abſcheuliche, klägliche Verſuche, wie es die meini⸗ gen ſind! Ich bin ſehr dumm, ſehr jung und, ich geſtehe es Ihnen, ſogar unfähig, Ladendiener einer Specerei⸗ handlung zu werden, denn dieſer ſchöne Stand wird nicht der meinige ſein; laſſen Sie mich Ihnen indeſſen einen Rath geben, mein Herr: ein anderes Mal nehmen Sie ſich in Acht, hören Sie, nehmen Sie ſich in Acht, die Leute dadurch zu tödten, daß Sie dieſelben heilen wollen!“ Und nach dieſer ungeſtümen Anrede, über welche der Dichter einen Augenblick ganz erſtaunt war, preßte Auguſt Clement ſeine Manuſeripte krampfhaft in ſeinen Händen zuſammen und verließ haſtig das Cabinet von Gilbert. Dieſer fühlte ſich Anfangs unwillkürlich ver⸗ letzt durch den bittern Abſchied des Jünglings, den er mit einer weiſen und väterlichen Güte behandelt hatte. Doch bald machte er ſich dieſe Bewegung des Unwillens zum Vorwurf und er ſprach zu ſich ſelbſt: „Wir wollen nachſichtig ſein: nicht ohne Schmerz ſieht man in dieſem Alter ſeine Illuſionen zerſtört: „„Nehmen Sie ſich in Acht,““ hat er voll Bitterkeit zu mir geſagt, „„nehmen Sie ſich in Acht: oft, indem man die Leute heilen will, tödtet man ſie.““ Armes Kind, möchte ich in ihm ſeinen falſchen und unſeligen Beruf getödtet haben! er hätte ſein Leben mit Ekel und Ver⸗ druß getränkt!“ 307 Gilberte erſchien an der Thüre des anſtoßenden Zimmers, in welchem ſie ſich bis dahin aufgehalten hatte, und ſagte halblaut, indem ſie ein wenig über die Schwelle vortrat: „Freund, Du haſt Niemand mehr zu empfangen?“ „Nein, nicht daß ich wüßte, Gott ſei Dank!“ Mit einem Sprunge war die junge Fran bei Gil⸗ ſie ſchloß ihn in ihre Arme, küßte ihn zärtlich und prach: „Mit welcher zarten, erleuchteten, geduldigen Güte haſt Du dieſen jungen Menſchen berathen! welch ein er⸗ ſchreckliches und wahres Gemälde haſt Du ihm von den unbegriffenen Talenten, dieſen Opfern trügeri⸗ ſcher Schmeicheleien, entworfen! Oh! mein Freund, mit welchem Entzücken hörte ich Dir zu! Du erfüllſt es wür⸗ dig, das religiöſe Prieſterthum, welches Dir das Genie auferlegt.“ Dann lächelnd: „Und die Antwort, die Du dem wüthenden Autographenliebhaber gegeben? wie piquant und gerecht war ſie! Und die zwei Engländerin⸗ nen! nein, es gibt auf der Welt nur die Engländerin⸗ nen, welche ſo dreiſt excentriſch, daß ſie es wagen, zu einem Manne zu kommen, um ihn zu ſehen und Doch hier unterbrach ſich Gilberte, und ſie fügte dann bei? „Darf ich mich wundern über das excentriſche Weſen die⸗ ſer armen Engländerinnen! Bin ich nicht, wie ſie, vor zwei Jahren gekommen, und zwar allein, bei Nacht, um den großen Dichter zu bewundern? Liebe Schweſtern in der Bewunderung! verzeiht mir, daß ich einen Au⸗ genblick erſtaunt war, in Euch ein Gefühl zu finden, das mein Leben bildet! O mein Geliebter, wie groß iſt Dein Ruhm! Dein Name iſt nicht mehr ein Name, ſon⸗ dern ein Titel über allen leeren Adelstiteln! Alles, bis auf den würdigen Marſeiller, der ſo wunderlich und ungeſchlacht in ſeiner Begeiſterung für Dich, zeugt von dem unbegreiflichen oder vielmehr ſehr begreiflichen Ein⸗ fluſſe, den Dein Name übt. O mein Fürſt des Geiſtes 308 wie berühmt biſt Du! wie groß ſind Deine Reiche und wie zahllos Deine Unterthanen!“ „Kind!“ verſetzte Gilbert, ſchwermüthig lächelnd bei der ſtolzen Freude ſeiner Frau, „daß der von mir geübte Einfluß verdient ſei, darüber bin ich nicht einer Anſicht mit Dir; doch, mit Recht oder mit Unrecht, die⸗ ſer Einfluß beſteht, und ich fühle mich dadurch geehrt; nur geſtehe mir, zärtliche Freundin: wenn alle meine Tage dieſem glichen, und ich weiß es aus Erfahrung, ſie würden ihm beinahe alle gleichen, wenn unſere Thüre für Jeden geöffnet bliebe, — geſtehe, daß unter ſo ein⸗ genommenen Tagen meine Arbeiten, meine Studien, un⸗ ſere zarten Vertraulichkeiten, unſere lieben, ſüßen Erho⸗ lungen für immer unmöglich würden?“ „Das iſt wahr. Boch da fällt mir ein . . wie hat dieſes verdammte Blatt Dein Incognito entdecken können?“ „Die Nichte von Catherine iſt in den Dienſten des Re⸗ dacteur vom Spürhund. Den Brief, den ich für unſere Haushälterin geſchrieben, wird der Journaliſt ge⸗ ſehen haben; er kennt meine Handſchrift durch die im Publikum verbreiteten Facſimile, und geleitet durch dieſes Merkmal . „Ich begreife nun Alles. Das iſt ein kleines Unglück! Was willſt Du? wir werden einen andern Zufluchtsort auskundſchaften, denn ich würde zuerſt den Verluſt der Reize unſerer Einſamkeit beklagen, in der wir uns ſo köſtlich zu beſchäftigen wußten.“ „Und dennoch ſage ich Dir, ich fühle zuweilen einen Gewiſſensbiß, daß ich mich ſo hartnäckig den eif⸗ rigen Bemühungen entziehe, deren Gegenſtand ich bin. Das iſt beinahe Undank, wie der würdige, aber aufbrau⸗ ſende Marſeiller, mein Exfanatiker, ſagte. Ich gehöre faſt dem Publikum, dem ich meinen Ruf verdanke. Ah! die⸗ ſer Ruf hat ſeine Pflichten, ſeine Laſten, ſeine Verbind⸗ lichkeiten und ſeine Gefahren!“ 309 „Wie erfreut bin ich, daß ich Dich ſo am Vorabend ⸗eines neuen Triumphes ſprechen höre!“ ſagte lächelnd die junge Frau. „Dieſe Verachtung des Ruhmes in ei⸗ nem ſolchen Momente iſt in meinen Augen eine Vorbe⸗ deutung mehr für den glücklichen Ausgang unſeres Abends. Doch was Deinen Triumph betrifft, ich bereite mich darauf vor, ihn mit aller Wonne zu genießen; Du haſt meinen Sperrſitz nicht vergeſſen?“ „Nein, er iſt beſtellt.“ „Es iſt derſelbe, auf dem ich vor zwei Jahren bei jener erſten Vorſtellung ſaß, welche über das Schickſal meines Lebens entſchieden hat. Oh! ich will keinen andern Platz, als dieſen!“ „Du wirſt ihn haben, mein Kind, ich ſage Dir, es iſt derſelbe der dritte Balconſperrſitz des erſten Rangs, rechts vom Zuſchauer.“ „Vortrefflich . . ſo iſt es.“ „Du willſt alſo durchaus dieſen Platz haben und ziehſt ihn einer Loge vor, wo Du allein wäreſt?“ „Kannſt Du eine ſolche Frage an mich machen? Ich, heute Deine geliebte, ſtolze Gefährtin, ſoll mich wiever an demſelben Platze befinden, wo ich vor zwei Jah⸗ ren, Dir unbekannt, ſterbend vor Angſt nur bei dem Gedanken, vor Dir zu erſcheinen, Zeuge des ungeheuren Succeſſes war, dem nur der von heute Abend gleichen wird. Denn Du haſt es geſagt, dieſes Drama, an dem Du ſeit zwei Jahren mit ſo viel Liebe arbeiteſt, wird der Ausdruck, wird die Frucht des unausſprechlichen Glückes ſein, deſſen wir uns ſeit zwei Jahren erfreuen.“ „O geliebtes Weib!“ rief Gilbert mit einer ſüßen Trunkenheit, „Schwäche, Stolz oder Bewußtſein! ich nehme Deine Vorbedeutung an! ja, ich fühle es, dieſes Werk wird ich ſage nicht die Bewunderung, doch, deſſen bin ich ſicher, die Sympathie Aller verdienen. Geſchrie⸗ ben in der ſüßen Sammlung des ſtillen, vertraulichen 310 Lebens, iſt es mir von der Zuneigung, von der Liebe, kurz von Dir, meine Angebetete, eingegeben worden!“ Am Abend, gegen fünf Uhr, ſtiegen Gilbert und Gilberte in den Wagen, um nach der Comédie Frangaiſe zu fahren. Der Dichter begab ſich im Theater auf die Bühne, ſeinen Kampfplatz, und ſtrahlend von Hoffnung beeilte ſich die junge Frau, den Sperrſitz einzunehmen, den ſie bei der erſten Vorſtellung von Octavius, dieſem Drama, das mit ſo großer Begeiſterung aufgenommen worden war, inne gehabt hatte. XX. Der Dichter, während ſeine Gefährtin ihren Sperr⸗ ſitz einnahm, gelangte auf die Bühne, in die Couliſſen, wie man gewöhnlich ſagt. So wie der feierliche Augenblick, wo der Vorhang aufgezogen werden ſollte, immer näher rückte, erloſchen allmälig die vertrauensvollen Hoffnungen von Gilbert auf den günſtigen Erfolg ſeines Dramas. Ja, ſo groß iſt die unbeſiegbare, aber ruhmwürdige Begehrlichkeit des menſchlichen Geiſtes, wenn man mit Eifer und Ge⸗ wiſſenhaftigkeit dieſe edle literariſche Laufbahn voller Kämpfe und Gefahren verfolgt, daß ihn die Furcht vor einer einzigen Niederlage alle ſeine Triumphe vergeſſen läßt. Dieſe Bangigkeit mußte unſer Dichter mehr als jeder Andere empfinden; da er ſich den ſchmeichelhaften Folgen des Trinmphes entzog, ſo genoß er weniger als irgend Jemand davon: ſein Genie und das Schickſal hatten ihn nach Wünſchen bedient. Haushälteriſch mit ſeinen Werken, von einer unbarmherzigen Strenge gegen dieſelben, übergab er ſie dem Publikum immer erſt nach einer langen und gewiſſenhaften Arbeit; alle hatten einen mehr oder minder glücklichen Erfolg gehabt, obgleich er bei jeder erſten Vorſtellung die Befürchtungen hinſichtlich des 311 Durchfallens immerwieder aufs Neue hatte kennen lernen. Gerade darauf, daß er auf jedes Werk dieſelbe Sorgfalt verwandte, mußte eine Niederlage, tauſendmal empfindli⸗ cher für ſein Bewußtſein, als für ſeinen Schriftſtellerſtolz, in ſeinen Augen das Symptom der Abnahme ſeines Ge⸗ nies ſein, oder vielleicht, wenn es ihm gelang, die Skrupel ſeiner Beſcheidenheit zu beherrſchen, mußte der Dichter dieſe Niederlage der phantaſtiſchen Verirrung des Geſchmacks im Publikum zuſchreiben; bei dieſen zwei Hypotheſen nun waren das Zartgefühl und die natürliche Würde des Dichters ſo groß, ſo groß war beſonders ſeine religiöſe Verehrung der Gottheit der Intelligenz, daß er in dieſem äußerſten Augenblicke zu ſich ſagte: „Dieſes Drama, in dem ich, zwei Jahre hindurch, die ganze Macht meines Gemüthes und meines Geiſtes zuſammengedrängt habe, dieſes Drama, geſchrieben mit ſo viel Liebe, iſt gut oder es iſt ſchlecht. Iſt es ſchlecht, ſo muß ich anerkennen, daß mein Verſtand ſchwach zu wer⸗ den anfängt; jeder Dichter, der dieſes Namens würdig, iſt mit einer gewiſſen ſchaffenden Gewalt begabt; iſt ſie erſchöpft, ſo bringt er nur noch gebrechliche Werke, Miß⸗ geburten ſeines frühzeitigen Alters hervor. Verhält es ſich ſo bei mir, ſo werde ich fortan nicht mehr der gerechten Verachtung des Publikums das ſchmähliche Schauſpiel meines Unvermögens bieten. Von dieſem Tage an iſt meine Feder zerbrochen, aus Achtung vor der göttlichen Gabe, die meinen Ruhm gemacht hat. „Iſt mein Drama aber gut, — und die geheimniß⸗ volle Stimme des Bewußtſeins, welche manchmal den Dichter unter ſeinen langen Arbeiten anfeuert und zu ihm ſpricht: „„Es iſt gut!““ dieſe Stimme hat zuwei⸗ len zu mir geſagt: „„Muth! der Gedanke Deines Wer⸗ kes iſt edel und groß; es muß die Seele für alle hochherzigen Gefühle öffnen, Thränen fließen machen und die Bewunderung deſſen, was bis zum Ideale ſchön iſt, wiederbeleben .. iſt mein Drama gut, und 312 das Publikum ziſcht es aus, ſo ſchreibt mir die ſouve⸗ raiue Würde det Literatur meine Pflicht vor. Ich werde mich nicht mehr der Gefahr ausſetzen, das Spielzeng der Lannen der Menge zu ſein, und von dieſem Tage an iſt meine Feder zerbrochen. So wird mein Unvermögen oder die lingerechtigkeit des Publikums heute Abend über mein Schriftſtellerlvvs entſcheiden.“ Uebertreibung, wird man ſagen. Nein, es iſt eine erhabene Wirklichkeit, dieſe Miſchung von rührender De⸗ muth und ſtolzem Hochmuth. Will man ein Beiſpiel hievon? Man denke an eines der größten Genies der neueren Zeiten: Roſſini!. Eines von ſeinen unſterbli⸗ chen Werken, ſein Meiſterwerk vielleicht, Wilhelm Tell, dieſe Freiheitshymne, welche die Throne beben gemacht hat, — Wilhelm Tell wird bei der erſten Vorſtellung mehr als kalt aufgenommen . . . Roſſini entfernt ſich für immer vom Theater. Vergebens macht ſich die Menge, Anfangs geblendet durch die Strahlen dieſes Meiſterwerks, nach und nach vertraut mit dem Glanze ſeiner Schönheiten, begreift ſie, ſchätzt ſie, bewundert ſie; vergebens folgt auf ihr erſtes Erſtaunen die Begeiſterung, die Vergötterung; vergebens ruft die Menge, flehend und troſtlos, den Gott der Har⸗ monie zurück: der Gott bleibt taub, unbarmherzig. Roſ⸗ ſini ſchreibt, in der allmächtigen Reife ſeines Genies, nicht ein Wort mehr, und ſein mißtrauiſcher, gerechter Stolz beraubt die Nachwelt neuer Meiſterwerke. Dieſes Beiſpiel und noch andere würden zur Noth den Entſchluß unſeres Dichters rechtfertigen: ſeine Feder zu zerbrechen im Namen der ſouverainen Würde des Gei⸗ ſtes, ſollte ſich das Publikum ungerecht zeigen, und ſeine Feder ebenfalls ſeiner Würde wegen zu zerbrechen, ſollte er glauben, er müſſe ſeine Niederlage der Abnahme ſei⸗ nes Genies zuſchreiben. Jeder Schriftſteller, der die fieberhaften Bangig⸗ keiten, welche den Freuden des Triumphes vorhergegan⸗ 31 gen ſind, oder die bitteren Entmuthigungen der Nieder⸗ lage erduldet hat, bietet, wie der Dichter zu ſeiner Gefährtin ſagte, mit dem Spieler die auffallende Aehn⸗ lichteit, daß für den Spieler, der immer weniger em⸗ pfinvlich für den Gewinn als für den Verluſt, das Ver⸗ zweiflungsvollſte weniger noch iſt, zu verlieren, als nicht mehr zu ſpielen, zu verzichten auf die her⸗ vi brennenden Gemüthsbewegungen, die ſein Leben ind. So iſt es mit dem dramatiſchen Dichter: ſein Geiſt, ſeine Seele ſtehen durch das Organ der Schauſpieler in einer unmittelbaren Verbindung mit den Zuſchauern. Eine erſte Vorſtellung wird ſo für ihn eine gräßliche Spielpartie und er er leidet die glühenden Entwickelungen davon: niederſchlagende Zweifel, ſtrahlende Hoffnungen! Wie das Spiel, hängt ein dramatiſches Werk, was auch das Talent des Schriftſtellers oder ſeiner darſtellenden Künſtler ſein mag, ebenfalls vom Zufalle, einem phantaſti⸗ ſchen, ungreifbaren Gotte, ab, der die tiefſten, die ge⸗ ſchickteſten Combinationen des Spielers und des Dich⸗ ters vereitelt. Und wenn ſie verlieren! und wenn ſie aus Unvermögen oder Zorn keinen neuen Einſatz wa⸗ gen! Oh! für Beide iſt der Verluſt nichts gegen dieſes Verzichten. Verzichtet der Schriftſteller darauf, zu ſchreiben, weil er das Bewußtſein der Erſchöpfung ſeines Geiſtes hat, ſo iſt das entſetzlich! Er überlebt ſich ſelbſt. Seine Triumphe von geſtern dünken ihm ebenſo viele Be⸗ leidigungen ſeiner Unmacht von heute zugefügt; er be⸗ neidet ſich, er haßt ſich, wie ein Neidiſcher einen Neben⸗ buhler haßt! Einſt erfüllt von Studien, von der Schöpfung von tauſend tiefen, wechſelreichen Gefühlen, vergeht nun ſein Leben müßig, unruhig, hinſchmachtend, unfruchtbar. Es iſt nicht mehr das Leben und es iſt noch nicht der Tod. Es iſt eine namenloſe Mitte, welche am Leben Theil hat durch ihre Klagen, durch ihre 314 Schmerzen und am Tode durch das eiſige Erkalten einſt ſo glühender, ſo lebendiger Fähigkeiten! Verzichtet der Schriftſteller, verletzt in ſeinem ge⸗ rechten und mißtrauiſchen Stolze, darauf, zu ſchreiben, ſo iſt dies eine andere Qual aller Tage, aller Augen⸗ blicke! Das göttliche Feuer des Geiſtes, das fortan keinen Ausgang hat, brennt dumpf in ihm und ver⸗ zehrt, zernagt, untergräbt ihn langſam, ſtatt in fun⸗ kelnden, durch die großen Strömungen der öffentlichen Meinung angefachten Flammen hervorzuſpringen. Ein Schrifſteller ſchreibt nicht für ſich ſelbſt; er kann die Stunde, ſein Werk zu Tage ausgehen zu laſſen, näher rücken oder verſchieben; doch er ſchreibt immer nur im Hinblicke auf dieſe Veröffentlichung. Ein unbekanntes Werk exiſtirt nicht; vergebens belagert auch die Einbil⸗ dungskraft des Dichters, welcher nicht mehr zu ſchreiben entſchloſſen iſt, ſeinen Geiſt; vergebens zeigt ſie ihm in den geheimnißvollen Hüllen der Erfindung tauſend noch unbeſtimmte, ſchwebende Geſtalten, welche aber nur auf den befruchtenden Hauch des Genies warten, um ſich zu bilden, um einen Leib, eine Seele, eine Phyſiognomie, einen Charakter, Leidenſchaften, einen Namen anzuneh⸗ men! um endlich dieſes Leben zu leben, das der Dich⸗ ter, ein neuer Prometheus, unter die Kinder ſeiner Schöpfung austheilt. Der Dichter widerſteht, und in ſeinem Stolze wendet er den Blick von dieſer verführe⸗ riſchen Luftſpiegelung ab. Nein, nein, dieſe Werke, welche nichts Anderes verlangen, als ſich erſchließen zu dürfen, werden in ihrer Umhüllung bleiben und we⸗ nigſtens nicht von der Laune des Publikums ſchmählich behandelt werden! Dann fahre wohl, arbeitſames, bewegtes Daſein, deſſen Bangigkeiten ſogar einen heſtigen Reiz ha⸗ ben; fahret wohl, Triumphe, Lobeserhebungen, Huldi⸗ gungen und ſelbſt Belagerungen, welche einſt läſtig, vft unerträglich waren, nun aber, da ſie von ihm gewichen 315 ſind, von dem Dichter in ſeiner freiwilligen Verbannung bitter beklagt werden! Bewunderer und ſchelſüchtige Tadler werden ſeinen Namen nicht mehr zur Fahne neh⸗ men! Dieſer Name, um den ſo viel Geräuſch herrſchte, wird allmälig in Vergeſſenheit gerathen und weder Sympathie noch Haß mehr erregen; dieſer Mann, von dem Europa in ſeiner begeiſterten Neugierde das Pri⸗ vatleben, die Gewohnheiten, den Aufenthaltsort, die äußere Erſcheinung kennen lernen wollte; dieſer Mann, der keine Zeile ſchreiben konnte, ohne daß ſie ein benei⸗ detes Autographon wurde, dieſer Mann wird bald aus dem Gedächtniſſe der Menſchen verſchwunden ſein. Man wird vielleicht noch die Werke, denen er ſeinen Ruf zu verdanken hatte, ſchätzen, doch er wird außer der Wirk⸗ lichkeit bleiben, das heißt, außer der Bewegung, dem Geſchmacke, den Bedürfniſſen, den Tendenzen, den Lei⸗ denſchaften des Tages, und obgleich noch voll Kraft Saft, wird er fortan in einer dunkeln Verlaſſenheit eben. Dies waren die Bangigkeiten, mit denen ſich der Geiſt von Gilbert quälte, als er in der Furcht vor ei⸗ ner Niederlage, in der er das Sympton ſeiner Abnahme oder eine verletzende Ungerechtigkeit ſehen mußte, an die Zukunft dachte. In dieſe Betrachtungen verſunken ging er auf der noch öden Bühne bald mit langſamem, bald mit haſtigem Schritte am heruntergelaſſenen Vorhange auf und ab. Dann fiel ihm Gilberte ein, und er hielt ſein Ange an eine von den im Vorhange angebrachten zwei kleinen Oeffnungen, welche den Schauſpielern den Saal mit dem Blicke zu unfaſſen geſtatten.. Sie em⸗ pfand einen naiven Stolz, indem ſie ſich ſagte, ihren Nachbarn unbekannt, werde ſie angebetet von dem be⸗ rühmten Manne, dem Alles einen neuen Triumph pro⸗ phezeite. Man zählte in der That ſehr auf dieſes Drama, wie es ein alter Stammgaſt der Comédie Frangaiſe ſagte, der, getren ſeiner Gewohnheit, in der 316 Nähe der hrhe Frau den Platz einnahm, auf dem er auch zwei Jahre vorher ſaß. „Ich habe dieſen Morgen einen von den Herrn Schauſpielern geſehen,“ ſprach der Stammgaſt, „und er verſicherte mich, im Theater glaube man an einen ſehr großen Succeß.“ Dann entſpann ſich folgendes Geſpräch zwiſchen dem Stammgaſte und ſeinen Nachbarn, ein Geſpräch, auf das Gilberte, halb verborgen unter ihrem Schleier, neugierig horchte. „Georges Hubert hat Zeit gehabt, ſein Werk zu feilen,“ erwiederte ein anderer Zuſchauer, „denn fet zwei Jahren hat er dem Publikum nichts mehr ge⸗ geben.“ „Oh! er feilte auch zu den Füßen von Omphale.“ „Mein Herr, woher nehmen Sie Omphale, wenn's beliebt?“ „Sie haben alſo den Spürhund von vorgeſtern nicht geleſen?“ „Nein.“ „Er erzählte eine vortreffliche Geſchichte über Georges Hubert und über eine reiche Erbin.“ „ „Ah bah!“ „Es ſcheint, daß er dieſe Erbin in der Gegend von Bordeaux eutführt hat, und daß ſich das Ver⸗ mögen dieſer ſchönen Bordelaiſe nach Millionen zählt.“ „He! he! he! . . die Dichter denken an das So⸗ lide, dieſe ſchlauen Burſche! Der Rauch des Ruhmes genügt Ihnen nicht!“ „Hören Sie das Piquante von dieſem Aben⸗ teuer. Stellen Sie ſich vor, meine Herren, ſeit zwei Jahren lebt Georges Hubert mit der ſchönen Erbin aus Bordeaux in einem tiefen Incognito unter dem Namen Herr Dumesnil; völlig von der Welt abgeſondert, ſehen die zwei Verliebten keine lebende Seele bei ſich und ver⸗ laſſen beinahe nie ihre theure Einſamkeit, ein beſcheide⸗ 317 nes Häuschen bei der Barriere des Invalides, denn die⸗ ſer Teufel von einem Spürhund weiß Alles: er gibt ſogar die Nummer des Hauſes an!“ „Das iſt in der That intereſſant. Und warum be⸗ obachtet Georg Hubert dieſes Incognito und lebt, ſo zu ſagen, eingekloſtert, er, der nach Biographien früher ein ſehr weltliches und thätiges Leben führte?“ „Ohne Zweifel hoffte er auf dieſe Art den Nach⸗ forſchungen der Verwandten der Erbin zu entgehen.“ „Ja, ja, es ſcheint die Dichter zielen auf das So⸗ lide ab un lieben ungemein die Proſa der Thaler⸗ Hei h „Ich, meine Herren,“ verſetzte ungeduldig der alte Stammgaſt, „ich glaube nicht ein Wort von dieſer ſcan⸗ dalöſen Geſchichte.“ 4 „Aber, mein Herr, wenn der Spürhund verſichert, a 5 . „Der Spürhund erfindet zur Noth Geſchichten, meine Herrn. Der Character von Georges Hubert iſt als ſo ehrenhaft bekannt, daß es nicht einmal nöthig iſt. ihn gegen die Anſchuldigung einer ſchmutzigen Habgier zu vertheidigen. Nein, nie werde ich ihn für fähig hal⸗ ten, eine Erbin zu verführen und zu entführen, um in den Beſitz ihres Vermögens zu gelangen.“ „Wenn aber wirklich der Spürhund, wie dieſer Herr ſagt, Thatſachen angibt, die Adreſſe ſeines Hau⸗ ſes nennt . „Bei Gott! dem Spürhund fehlt es nie an Ein⸗ bildungskraft; ich ſage auch noch einmal, meine Herren⸗ ich kann dieſer lächerlichen Geſchichte keinen Glauben ſchenken.“ „Ah! meine Herren,“ rief einer der Zuſchauer, der, während er das ſo eben erſchienene Journal vom Abend las, zugleich auf das vorhergehende Geſpräch hörte, „ah! meine Herren, das iſt abſchenlich!“ „Was denn?“ 318 „Armer junger Mann!“ „Um was handelt es ſich denn?“ „Wahrhaftig, Georges Hubert hat Unglück. . .“ „Wie! es iſt abermals von ihm die Rede?“ „Hören Sie, meine Herren, was das Abendjonrnal, ein halb officielles und folglich ernſtes Blatt berichtet,“ ſprach der Zuſchauer. Und er las ſeinen Nachbarn leiſe Folgendes vor: „In dem Augenblick, wo wir unſer Blatt unter die Preſſe geben, werden wir von einem äußerſt ſchmerz⸗ lichen Ereigniſſe unterrichtet. Heute Nachmittag gegen zwei Uhr hat ſich ein ſehr junger Mann, welcher einer gewaltigen Aufregung preisgegeben zu ſein ſchien, auf die Bruſtwehr der Jena⸗Brücke geſchwungen und von da in die Seine hinabgeſtürzt. Er hatte auf die Bruſt⸗ wehr zwei Papierrollen, ſowie einen an ſeine Eltern, ehrenwerthe Handelsleute der Rue des Prouvaires, adreſſirten Brief niedergelegt. Einige Vorübergehende und unter ihnen der Augenzeuge der Thatſache, welche wir berichten, riefen mit gewaltigem Geſchrei Schiffs⸗ leute herbei und beſchworen ſie, dem unglücklichen jungen Manne zu Hülfe zu eilen. Die Schiffer entſprachen edelmüthig der an ihre Menſchlichkeit ergangenen Auf⸗ forderung. Doch der Unglückliche, den ſie dem Tode entreißen wollten, verſchwand leider in einem Wirbel, und einige Augenblicke nachher, als es gelang, ſeinen aus dem Fluſſe zu ziehen, hatte er zu leben auf⸗ ge ört „Das iſt allerdings ein großes Unglück,“ verſetzte der Stammgaſt, die Leſung unterbrechend. „Doch ich ſehe in dieſer Erzählung nichts, was Georges Hubert betrifft.“ „Warten Sie, mein Herr, wir ſind ſchon dabei,“ erwiederte der Leſer. Und er fuhr fort: „„Der Unglückliche, der ſich ſelbſt entleibt, hatte auf der Bruſtwehr zwei aufgerollte Manuſeripte zurück⸗ 3¹9 gelaſſen, von denen das eine ein Herrn Georges Hubert gewidmetes Drama, das andere Oden enthielt. In dem an ſeine Familie gerichteten Briefe ſagte dieſer junge Mann, welcher Auguſt Clement hieß, einen unwiderſteh⸗ lichen Beruf für die literariſche Laufbahn in ſich fühlend, habe er Herrn Georges Hubert über ſeine Verſuche um Rath gefragt, doch es ſei ihm von dem berühmten Dich⸗ ter erwiedert worden, er beſitze kein Talent und werde nie eines beſitzen; dieſe Enttäuſchung habe bei ihm eine ſo heftige Verzweiflung hervorgebracht, daß ihm das Le⸗ ben zur Laſt geworden, und nach dem Verluſte ſeiner Illuſionen ſei ihm nichts Anderes mehr übrig geblieben, als zu ſterben . . . Auguſt Clement iſt nur zu beharr⸗ lich bei ſeinem unſeligen Entſchluſſe geweſen, und ſein Leichnam, den man Anfangs in der Morgue niedergelegt, wurde am Abend von der troſtloſen Familie dieſes kaum achtzehn Jahre alten Jünglings abgeholt.““ „Das iſt ein trauriges Ereigniß,“ ſagte einer von den Zuhörern, „und ohne Zweifel wird es ſich Georges Hubert immer zum Vorwurfe machen, daß er ſo unwill⸗ kürlich die Urſache dieſes Selbſtmords geweſen iſt.“ „Unwillkürlich, es mag ſein, doch ſo viel iſt gewiß, daß ohne die Härte der Beurtheilung, deren Gegenſtand wahrſcheinlich ſeine Verſuche geweſen ſind, dieſer Unglück⸗ liche, welcher ſich ertränkt hat, noch leben würde.“ „Ah! ſo ſind die Menſchen! Man iſt auf dem Gipfel des literariſchen Ruhmes angelangt, und ſtatt den Anfängern eine wohlwollende Hand zu reichen, ent⸗ muthigt man ſie auf eine rohe Weiſe . Jedes ent⸗ ſtehende Talent ſtellt man in den Schatten!“ „Das iſt abſcheulich!“ „Das iſt empörend!“ „So geht es in der Welt! Armer junger Mann!“ „Bei Gott!“ meine Herren, „Sie ſind ſehr wenig liebreich!“ rief lebhaft der alte Stammgaſt, der immer 320 die Vertheidigung des Dichters übernahm. „Iſt Georges Hubert verantwortlich für die Handlung eines unglück⸗ lichen Wahnſinnigen, der den Kopf verliert und ſich in den Fluß ſtürzt, weil man ihm ſagt, er habe kein Ta⸗ lent zur Ppeſie und er werde nie eines haben?“ „Jeder hat ſeine Anſicht, mein Herr. Ich, ich finde, es iſt die Pflicht der Männer, die zu einer hohen lite⸗ rariſchen Stellung gelangt ſind, diejenigen, welche auf dieſer Laufbahn debutiren, zu unterſtützen.“ „Der Herr hat Recht, vollkommen Recht, und ich, hätte ich die Ehre, Georges Hubert zu ſein, würde im⸗ mer auf dem Gewiſſen den Tod dieſes unglücklichen jun⸗ gen Mannes haben.“ „Meine Herren, die königliche Familie tritt ſo eben vollzählig in ihre Loge ein.“ Die Aufmerkſamkeit der Nachbarn von Gilberte er⸗ regend, machten dieſe letzten Worte dem Geſpräche ein Ende, von dem jedes Wort ſie entrüſtete und tief ver⸗ letzte. So hatte alſo, wenn man ſeinen Verleumdern laubte, der Dichter aus Habgier eine reiche Erbin ent⸗ ſihrtz ſo hatte der Dichter aus Verachtung, aus Eifer⸗ ſucht vielleicht auf ein entſtehendes Talent — warum nicht? — auf eine ſo ungeſchlachte Art einen jungen literariſchen Debutanten entmuthigt, daß er ſich ans Verzweiflung ſelbſt den Tod gegeben, — ein entſetzlicher zit der ewig auf dem Gewiſſen des Dichters laſten mußte. . Zwanzigmal war Gilberte auf dem Punkte, ſich in dieſes alberne und gehäſſige Geſpräch zu miſchen, doch eine unbeſiegbare Schüchternheit hielt ſie zurück, und mit dieſer Schüchternheit tröſtete ſie ſich, indem ſie ſich ſagte, ihr geliebter Dichter bedürfe der Vertheidigung nicht. Roch einige Augenblicke, und er werde würdig, herrlich gerächt ſein! Selbſt ſeine Neider, ſeine Verleumder wer⸗ den die Begeiſterung der Menge für das Werk, das man ſpielen ſollte, theilen. — 321 um ſich den durch das Geſpräch ihrer Nachbarn in ihr erregten peinlichen Gedanken zu entziehen, flüchtete und verſenkte ſich die junge Frau in ihre Erinnerungen; ſie entſann ſich, mit welcher Trunkenheit ſie ſich zwei Jahre vorher an dem Triumphe des Dichters, dem ſie damals noch unbekaunt, geweidet hatte. Wie viel berau⸗ ſchender wäre ihre Freude, wenn Gilbert an dieſem Tage, da ſie ſich von ihm angebetet wußte, ein neuer Triumph zu Theil würde! Mit Hülfe ihrer Hoffnungen ſuchte ſie in der Menge, mit der das Theater gefüllt war jene Merk⸗ male einer ſympathetiſchen Erwartung und einer ſchmei⸗ chelhaften Ungeduld zu finden, welche von einer ſo glück⸗ lichen Vorbedeutung für den günſtigen Erfolg des Wer⸗ kes ſind, das dargeſtellt werden ſoll. Die Elite der Pariſer Geſellſchaft drängte ſich wieder an dieſem Abend in den glänzend erleuchteten Logen; elegante Frauen kamen jeden Augenblick an; der Saal war voll; Zu⸗ ſchauer häuften ſich in den Gängen, bei den Thüren des rcheſters und der Gallerien an; Andere, die ſich auf Tabourets geſtellt hatten, ſuchten einen Winkel der Bühne durch die Luftlöcher der Logen zu erſchauen. Viele Plätze waren, ohne mit lächerlich übertriebenen Prämien „auf der Börſe gezeichnet“ worden zu ſein, wie der Spür⸗ hund ſagte, zu übermäßigen Preiſen verkauft worden. Der Eifer der durch den Ruf des Schriftſtellers herbei⸗ gezogenen Zuſchauer war vielleicht noch bedeutender als er es zwei Jahre vorher, bei ſeinem letzten Triumphe, geweſen, und dennoch fühlte ſich Gilberte plötzlich von einer unbeſtimmten Angſt ergriffen; ſie bemerkte, daß im Orcheſter, auf den Gallerien und in den erſten Logen die Zuſchauer ſich von Hand zu Hand das Abendjour⸗ nal reichten, in welchem der Selbſtmord von Auguſt Clement erzählt war. So wie die Nachricht von dieſem traurigen Ereigniſſe kreiſte und im Saale ſich verbreitete, gewahrte, fühlte Gilbert und Gilberte. 1. 21 Gilberte, ſo zu ſagen, allmälig das eiſige Erkalten dieſer Menge, welche einen Augenblick zuvor noch eine ſo große Theilnahme für den Schriftſteller gezeigt hatte. Die Ge⸗ ſichter verdüſterten ſich hinter einander unter dem Ein⸗ drucke eines dumpfen Unwillens und einer wachſenden Entrüſtung. Die junge Frau bemerkte auch, daß das Abendjournal ſeinen Weg ſogar in die königliche Loge gefunden hatte; eine von den Prinzeſſinnen, nachdem ſie es geleſen, gab es ungeſtüm und mit einer Geberde ſchmerzlichen Mitleids einem von den Prinzen, ihrem Bruder, zurück. Plötzlich ertönte das dreimalige herkömmliche Ge⸗ klingel hinter dem Vorhange; es fand ein Echo im Her⸗ zen von Gilberte und erfüllte es mit Bangigkeiten⸗ Der entſcheidende Augenblick war gekommen. Den Buſen wogend, das Ange ſtarr auf die Bühne geheftet, ſah nun die junge Frau den Vorhang langſam unter einem finſteren Stillſchweigen aufgehen, und ſie bekümmerte ſich nicht mehr um das, was um ſie her vorging. — , — — — * — 78 SI6 onendae