Gerolſtein. Schluß der Geheimniſſe von Paris. Von Eugene Sue. —op Deutſch von „ Heinrich Börnſtein. * Supplement-Band. „ * * „. Mit Illuſtrationen von Theodor Hoſemann.“ * Zerlin, 1843. Verlag von Meyer & Hofmann. I. Der Prinz Heinrich von Herkanſen-Oldenzaal an den Grafen Marimiliun v. Raminetz. Oldenzaal, den 25 Auguft 1840. *) „ ein guter Mar! — Ich komme ſo eben von Gerolſtein, wo ich drei Monate bei dem Großherzog und ſeiner Fumilie zuge⸗ bracht habe; ich glaubte hier einen Brief von Dir, lieber Mar! zu finden, der mir Deine baldige Ankunft in Oldenzaal melden würde. Stelle Dir meine Ueberraſchung, meinen Verdruß vor, als ich er⸗ fahre, daß Du noch mehrere Wochen lang in Ungarn zurückge⸗ halten biſt. „Seit vier Monaten konnte ich Dir nicht ſchreiben, da ich bei Deiner abenteuerlichen und ſonderbaren Art zu reiſen nie wußte, wohin ich meine Briefe adreſſiren ſollte, und Du hatteſt mir doch bei unſerer Trennung in Wien förmlich und feſt verſprochen, am 1. Auguſt hier in Oldenzaal zu ſein. — So muß ich alſo dem Vergnügen, Dich bei mir zu ſehen, entſagen, und doch fühlte ich — 3 De geneigte Leſer wolle bemerken, daß ungefähr 15 Monate ſeit dem Tage vergangen ſind, wo Rudolph nach dem Morde des Chourineurs, durch die Barrierie St. Jacob, Paris verließ. ⸗ 4 noch nie dringender das Bedürfniß, das Innere meines Herzens dem Deinigen mitzutheilen, mein guter Mar! mein älteſter Freund! Denn obwohl wir Beide noch jung ſind, ſo iſt unſere Freundſchaft doch alt! — ſie ſtammt ja ſchon aus unſerer früheſten Kinder⸗ 8 zeit her. „Wie ſoll ich es Dir ſagen? Seit drei Monaten iſt eine voll⸗ ſtändige Umwälzung in mir vorgegangen . . . Ich ſtehe an einem jener Augenblicke, die über das ganze Erdendaſein eines Menſchen entſcheiden. — Urtheile ſelbſt, wie ſehr Deine Gegenwart, Deine Rathſchläge mir fehlen. — Aber gewiß! Du wirſt mir nicht lange mehr fehlen; was Dich auch in Ungarn zurückhalten mag, Du wirſt kommen, Mar! Du wirſt kommen, ich beſchwöre Dich darum; — denn ich werde wohl eine es⸗Troſtes aus Freundesmund bedürfen, und ich kann Dich wicht aufſuchen. Mein Vater, deſſen Geſundheit immer ſchwankender wird, hat mich von Gerolſtein zurückgerufen; er wird tigich ſchwächer und hinfälliger; — ich kann ihn durchaus nicht mehr verlaſſen. — „Ich habe Dir ſo viel zu ſagen, — daß ich weitſchweifig zu werden fuͤrchte; — ich habe Dir ja den einflußreichſten, roman⸗ tiſcheſten Zeitabſchnitt meines Lebens zu erzählen. „Sonderbarer, trauriger Zufall! gerade in dieſem Zeitpunkte waren wir von einander entfernt, wir die „Unzertrennlichen“, wir die „Zwillingsbrüder“, wie man uns überall nannte, wir die zwei glühendſten, begeiſtertſten Jünger der dreimal heiligen Freund⸗ ſchaft; — wir, die wir ſtets ſo ſtolz darauf waren zu beweiſen, daß der Carlos und Poſa unſers großen Schiller keine idealen Luftgeſtalten waren, und daß wir, wie jene göttlichen Schöpfungen unſeres heimiſchen Dichters, den ſüßen Zauber eines zärtlichen und 5 innigen Freundſchaftsbandes zu ſchätzen, zu ehren, zu genießen wußten. — „Ach, mein Freund! warum biſt Du nicht da! — warum warſt Du nicht da! Seit drei Monaten ſtrömt mein Herz von unaus⸗ ſprechlich ſüßen Gefühlen über. — Und ich war allein! — ich bin es noch! — Du wirſt mich beklagen, — Du, der Du meine oft ſo launenhaft mittheilſame Empfindlichkeit kennſt, Du, der Du oft Thränen mein Auge netzen ſahſt bei der einfachen Erzählung einer edlen Handlung, oder bei dem Anblicke eines ſchönen Sonnenunter⸗ ganges, oder in dem ſtillen Zauber einer ruhigen, hellen Sternen⸗ nacht. — Erinnerſt Du Dich noch, im vergangenen Jahre, unſeres Ausfluges in die Ruinen von Oppenfeld, — am Ufer des großen Sees, — unſerer ſtillen Träumereien während dieſes herrlichen Abends voll Ruhe, Heiligkeit und Poeſie? „Sonderbarer Abend! — Es war gerade drei Tage vor jenem blutigen Duell, wo ich Dich nicht zum Secundanten nehmen wollte, — denn ich hätte zu ſehr und für Dich gelitten, wäre ich unter Deinen Augen verwundet worden. — Dieſes Duell, wo wegen eines Spielzwiſtes mein Secundant jenen jungen Franzoſen, den Vicomte von St. Remy, tödtete. — Unter Anderm! weißt Du, was aus jener gefährlichen Sirene geworden iſt, die St. Remy nach Open⸗ feld brachte und die, ich glaube, Cecily David hieß? — X „Mein Freund! ich ſehe Dich mitleidig lächeln, daß ich ſo in unbeſtimmten Erinnerungen der Vergangenheit umherſchweife, ſtatt zu jenen erſten Mittheilungen zu kommen, auf die ich Dich vor⸗ bereitet habe; — aber ich zögere, faſt gegen meinen Willen, mit dieſen Mittheilungen, ich ſchiebe den Angenblick der vertraulichen Ergießung hinaus, denn ich kenne Deine Strenge und fürchte aus⸗ geſcholten zu werden, — ja ausgeſcholten, weil ich ſtatt mit Ueber⸗ 6 legung, mit Klugheit — (ach! was iſt eine Klugheit von einund⸗ zwanzig Jahren!) — zu handeln, toll, unbeſonnen gehandelt habe; — doch nein! ich habe vielmehr nicht gehandelt, ich habe mich blindlings von dem Strome forttragen laſſen, der mich mit ſich riß; — und erſt ſeit meiner Zurückkunft von Gerolſtein bin ich aus jenem zauberiſchen Traume erwacht, in dem ich mich drei Monate lang ſorglos wiegte, — ach! und mein Erwachen iſt traurig! — „Gleichviel, — mein Freund! mein guter Mar! ich nehme meinen ganzen Muth zuſammen, — höre mich mit Nachſicht an. — Indem ich anfange, ſchlage ich meine Augen vor Dir nieder, ich wage es nicht, Dich anzuſehen, — denn ich ſehe ſchon, — indem Du dieſe Zeilen lieſeſt, Deine Züge ernſt, ſtreng werden, — kalter Stviker! „Ich hutte einen ſechsmonatlichen Urlaub erhalten, verließ Wien und blieb einige Zeit bei meinem Vater, — ſeine Geſundheit war damals noch gut; — er rieth mir, meine vortreffliche Tante, die Prinzeſſin Juliane, Oberin des Stiftes von Gerolſtein, zu beſuchen. Ich habe Dir, wie ich glaube, es ſchon geſagt, lieber Freund! daß meine Urgroßmutter eine Couſine des Urgroßvaters des jetzt re⸗ gierenden Großherzogs war, und daß dieſer, Guſtav Rudolph, Dank jener Verwandtſchaft, mich und meinen Vater ſtets mit herzlicher Freundlichkeit, als ſeine Vettern behandelte. Du weißt wohl auch, daß der Großherzog während der langen Reiſe, die er kürzlich nach Frankreich machte, meinem Vater die Regierung ſeines Landes übertrug. „Du wirſt mir glauben, lieber Freund! daß ich nicht aus Ehrgeiz von dieſen Nebenumſtänden ſpreche, ſondern nur um Dir die Urſachen jener großen Vertraulichkeit zu erklären, in der ich, 7 1 während meines Aufenthaltes in Gerolſtein, mit dem Großherzoge und ſeiner Familie gelebt habe. „Du erinnerſt Dich doch noch, daß man uns im boien Jahre auf unſerer Rhein⸗Reiſe erzählte, daß der Fürſt in Frankreich die Gräfin Mac Gregor wiedergefunden und ſich mit ihr in extremis habe trauen laſſen, um die Geburt einer Tochter, die er mit ihr, aus einer heimlichen, aber ſpäter wegen Mangel der Formen un⸗ gültig erklärten Verbindung hatte, zu legitimiren; — eine Ver⸗ bindung, die er gegen den Willen des damals regierenden Groß⸗ herzogs geſchloſſen hatte. „Dieſes junge, ſo feierlich und in ihre Rechte ein⸗ geſetzte Mädchen iſt die liebenswürdige Prinzeſſin Amalie *), von der uns Lord Dudley, der ſie vor einem Jahre in Gerolſtein geſehen hatte, im vorigen Winter in Wien eine ſo enthuſiaſtiſche Schilde⸗ rung machte, daß wir ihn der Uebertreibung kaia — Son⸗ derbarer Zufall! — wer mir geſagt hätte, daß. „Obwohl Du nun ohne Zweifel ſchon S mein Geheimniß errathen haſt, laſſ' mich dennoch Dir die Reihenfolge der Ereigniſſe, ohne etwas zu übereilen, erzählen. „Das Kloſter von St. Hermenegild, deſſen Aebtiſſin meine Tante iſt, iſt kaum eine halbe Viertelſtunde von Gerolſtein entfernt; — denn der Garten der Abtei ſtößt an die Vorſtädte der Stadt; — ein ſehr hübſches, von dem Kloſter abgeſchiedenes Haus war durch meine Tante, die, wie Du weißt, mich mit mütterlicher Zärt⸗ lichkeit liebt, zu meiner Verfügung geſtellt worden. *) Da der Name Marie in Rudolph und ſeiner Tochter zu viele traurige Erinnerungen erweckte, ſo hatte er ihr den Namen Amalie, einen der Namen ſeiner Mutter, gegeben. Gerolſtein. 1 8 „Am Tage meiner Ankunft theilte ſie mir mit, daß am andern Morgen großer Empfang und Feſt bei Hofe ſein würde, da der Großherzog an dieſem Tage ſeine baldige Vermählung mit der Marquiſe von Harville, die ſeit Kurzem mit ihrem Vater, dem Grafen von Orbigny, in Gerolſtein angekommen wat, officiell ver⸗ kündigen wolle. — „Viele tadelten den Fürſten, duß er dieſes Mal nicht eine Ver⸗ bindung mit einem ſonverainen Hauſe nachgeſtcht habe, (denn die verſtorbene Großherzogin, ſeine erſte Gemahlin, gehörte der bayeri⸗ ſchen Königsfamilie an) — Andere, und meine Tante gehörte zu dieſen, wünſchten ihm Glück, daß er, ſtatt den Lockungen ehrgeiziger Convenienzen zu folgen, eine junge liebenswürdige Frau, aus den älteſten Adelsgeſchlechtern Frankreichs und die er anbetete, gewählt habe. — Du weißt auch, mein Freund! daß meine Tante ſtets für den Fürſten Rudolph die innigſte Zuneigung gefühlt hat, mehr als jeder Andere wußte ſie ſeine ausgezeichneten Eigenſch zu ſchätzen. — — „Liebes Kind!“ ſagte ſie mir, als wir von jenem feierlichen Empfange ſprachen, dem ich am andern Tage beiwohnen ſollte, — „liebes Kind! das Merkwürdigſte, was Sie morgen bei dem Feſte ſehen werden, iſt ohne Zweifel die Perle von Gerolſtein.“ — „Wen meinen Sie damit, liebe Tante?“ — „Die Prinzeſſin Amalie!“ — „Die Tochter des Großherzogs? Wahrhaftig, Lord Dudley hat uns in Wien von ihr mit einem Enthuſiasmus erzählt, den wir der poetiſchen Uebertreibung beſchuldigten.“ — „In meinem Alter, mit meinem Charakter und in meiner Stellung“, — entgegnete meine Tante, — „exaltirt man ſich nicht ſo leicht, deßwegen werden Sie auch an die Unpartheilichkeit meines 9 Urtheils glauben, lieber Neffe. — Nun ich, — ich ſage Ihnen, daß ich in meinem ganzen Leben kein ſo bezauberndes Weſen geſehen habe, als die Prinzeſſin Amalie. Ich würde Ihnen von ihrer Engelsſchönheit erzählen, wenn ſie nicht mit einem unausſprechlichen Reize umgeben wäre, der noch hoch über der Schönheit ſteht. Stellen Sie ſich die Unſchuld in der Würde, die Anmuth in der Beſcheidenheit vor. Vom erſten Tage an, wo mich der Großherzog ihr vorſtellte, fühlte ich für die junge Prinzeſſin eine unwillkürliche Sympathie. — Uebrigens bin ich es nicht allein, — die Erzherzogin Sophie iſt ſeit einigen Tagen in Gerolſtein; — ſie iſt die ſtolzeſte und hochmüthigſte Fürſtin, die ich kenne —“ — „Es iſt wahr, liebe Tante, ihre Jronie iſt fürchterlich, nur wenige Perſonen entgehen ihrem beißenden Witze. In Wien fürchtete man ſie wie das Feuer. Und die Prinzeſſin Amalie hat Gnade vor ihren Augen gefunden?“ — „Vor einigen Tagen, als ſie das Verſorgungshaus beſucht hatte, das unter der Aufſicht und dem Schutze der Prinzeſſin ſteht, kam ſie zu mir: Wiſſen Sie, ſagte mir die gefürchtete Erzherzogin mit ihrem trockenen Freimuthe, — ich bin beſonders zur Satire geneigt, — nicht wahr? — Nun denn, wenn ich längere Zeit mit der Tochter des Großherzogs zuſammen leben würde, ſo bin ich überzeugt, daß ich ſanft, harmlos werden würde, ſo ergreifend, ſo anſteckend iſt ihre Seelengüte.“ — „Auf dieſe Art iſt ja meine Couſine eine Zauberin?“ ſagte ich lächelnd zu meiner Tante. — „Ihr mächtigſter Reiz, wenigſtens in meinen Augen,“ fuhr meine Tante fort, „iſt jene Miſchung von Sanftmuth, Beſcheidenheit und Würde, deren ich ſchon erwähnt habe und die ihrem Engels⸗ geſichte den rührendſten Ausdruck giebt.“ 1 * 10 — „Gewiß, liebe Tante! die Beſcheidenheit iſt eine ſeltene Eigenſchaft bei einer ſo jungen, ſo ſchönen und ſo glücklichen Prin⸗ zeſſin.“ — „Bedenken Sie auch, liebes Kind, daß es der Prinzeſſin Amalie um ſo mehr zur Ehre gereicht, ohne eingebildete Prunkſucht die hohe Stellung, die ſie inne hat, zu genießen, als ihre Erhebung ſich erſt von kurzer Zeit datirt *).“ — „Und hat die Prinzeſſin in ihren Unterredungen mit Ihnen, liebe Tante, nie ihrer früheren Schickſale erwähnt?“ — „Nein, aber als ich ihr, trotz meines hohen Alters, von der Achtung, die ihr, der Tochter unſeres Souverains, gebühre, ſprach, hat mich ihre unbefangene Verwirrung, die mit Erkenntlich⸗ keit und Verehrung für mich zu verſchmelzen ſchien, unendlich be⸗ wegt, — denn ihre liebenswürdige und edle Zurückhaltung bewies mir, daß die Gegenwart ſie nicht ſo ſehr berauſche, um die Ver⸗ gangenheit zu vergeſſen, und daß 8 meinem Alter was ich Ihrem Range gab.“ — „Es gehört wirklich“, Sheie ich meiner Tante, „ein feiner Takt dazu, um dieſe zarten Nüancen zu unterſcheiden.“ — „Liebes Kind! je öfter ich die Prinzeſſin geſehen habe, jemehr wünſchte ich mir zu dem erſten Eindrucke Glück, den ſie auf mich gemacht hatte. Was ſie, ſeitdem ſie hier iſt, Gutes geſtiftet hat, iſt unglaublich; — und alles dieſes mit einer Ueberzeugung, mit einer Reife des Urtheils, die mich bei einer Perſon ihres Alters ſtaunen machen. Urtheilen Sie ſelbſt! auf ihre Bitte hat der *) In Deutſchland angekommen, hatte Rudolph geſagt, daß Marien⸗ Blume, die man längſt für todt gehalten hatte, ihre Mutter, die Gräfin Sarah, nie verlaſſen hatte. 11 Großherzog in Gerolſtein eine Anſtalt für arme kleine verwaiſte Mädchen von fünf bis ſechs Jahren, und für jene verwaiſten oder verlaſſenen Mädchen gegründet, die ſechzehn Jahre alt ſind, dieſes verhängnißvolle Alter für die Unglücklichen, die nichts gegen die Verführungen des Laſters oder das Drängen der Bedürfniſſe ſchützt. Edle geiſtliche Frauen meiner Abtei beaufſichtigen und unterrichten die Zöglinge dieſes Hauſes. So vft ich es beſuche, ſehe ich, wie dieſe armen enterbten Mädchen die gute Prinzeſſin verehren, an⸗ beten. Jeden Tag bringt ſie einige Stunden in der Anſtalt zu, die unter ihrem beſondern Schutze ſteht, und ich wiederhole es Ihnen, liebes Kind! es iſt nicht bloß Achtung, Erkenntlichkeit, was die Mädchen und die geiſtlichen Frauen für die Prinzeſſin fühlen, — es iſt faſt Fanatismus.“ 1 — „Aber ſo iſt ja Prinzeſſin Amalie ein Engel!“ rief ich aus. — „Ein Engel! — ja wohl, ein Engel!“ ſagte meine Tante, „denn Sie können ſich nicht vorſtellen, mit welcher rührenden Güte ſie ihre Schützlinge behandelt, mit welcher frommen Sorgfalt ſie über ſie wacht. Nie habe ich noch die Empfindlichkeit des Unglücks mit zarterer Schonung behandeln ſehen; man möchte ſagen, daß ein unwiderſtehliches Mitgefühl die Prinzeſſin zu dieſer Klaſſe armer verlaſſener Weſen zieht. — Glauben Sie es, ſie, die Tochter unſers Fürſten, nennt dieſe jungen Mädchen nie anders, als: meine Schweſtern.“ „Ich geſtehe Dir es, Mar! bei dieſen Worten meiner Tante trat eine Thräne in meine Augen. Findeſt Du das Weſen der jungen Fürſtin nicht auch ſchön und fromm? Du kennſt meine Auf⸗ richtigkeit, — ich ſchwöre Dir, daß ich Dir hier faſt buchſtäblich die Worte meiner Tante mittheile und auch ferner mittheilen werde. — „Da die Prinzeſſin“, ſagte ich zu ihr, „ein ſo merkwürdiges 12 Weſen iſt, ſo werde ich morgen, wenn ich ihr vorgeſtellt werde, gewiß ſehr verwirrt ſein; — Sie kennen meine unüberwindliche Schüchternheit, Sie wiſſen, daß ein hochgeſtellter Charakter mir mehr imponirt, als der Rang; — ich bin alſo im Voraus gewiß, daß ich der Prinzeſſin morgen eben ſo blöde wie verlegen erſcheinen werde; — nun! ich füge mich im Voraus in mein Schickſal.“ — „Sein Sie ruhig, liebes Kind!“ ſagte meine Tante lächelnd⸗ „ſie wird Nachſicht mit Ihnen haben; — übrigens ſind Sie auch für ſie keine neue Bekanntſchaft.“ — „Ich, liebe Tante?“ — „Gewiß!“ — „Und wie das?“ — „Sie erinnern ſich doch, daß Sie, als Sie ſechzehn 3i alt waren, Oldenzaal verließen, um mit Ihrem Vater eine Reiſe nach England und Rußland anzutreten; — ich ließ Sie damals in dem Anzuge malen, den Sie bei dem erſten Maskenballe, den die verſtorbene Großherzogin gab, trugen.“ — „Ja, liebe Tante, es war ein Pagen⸗Anzug aus dem 16ten Jahrhundert.“ — unſer wackerer Maler Friedrich Mocker hatte, indem er Ihre Züge treu wieder gab, nicht nur eine Figur des 16ten Jahr⸗ hunderts gemalt, ſondern in künſtleriſcher Laune ſich auch darin gefallen, die ganze Manier, das alte Ausſehen der in dieſer Zeit gemalten Bilder nachzuahmen. Einige Tage nach ihrer Ankunft in Deutſchland beſuchte mich die Prinzeſſin mit ihrem Vater, ſie bemerkte Ihr Bild und fragte mich unbefangen, wer dieſe hübſche Geſtalt aus alten Zeiten ſei. — Ihr Vater lächelte, winkte mir und ſagte: WDieſes Portrait iſt das eines unſerer Vetter, der, wie „Du aus ſeinem Anzuge ſehen wirſt, liebe Amalie! jetzt ungefähr S 13 8 „300 Jahre alt wäre, aber der in ſeiner Jugend ſchon eine ſeltene „unerſchrockenheit und ein vortreffliches Herz gezeigt hatte; — und in der That, ſpricht nicht Muth aus ſeinem Blicke, Güte aus „ſeinem Lächeln?“ („Ich bitte Dich, lieber Marx, zucke hier nicht mit ghniger Geringſchätzung die Achſeln, indem Du ſiehſt, daß ich ſolche Dinge von mir ſelbſt ſchreibe; — es koſtet mich viel, Du magſt es glau⸗ ben; — aber die Folge dieſer Erzählung wird Dir zeigen, daß dieſe kleinlichen Umſtände, deren bitterliche Lächerlichkeit ich ſelbſt fühle, leider unerläßlich ſind. Ich ſchließe dieſen Zwiſchenſatz und fahre fort:) — „Die Prinzeſſin Amalie,“ fuhr meine Tante fort, „durch dieſen unſchuldigen Scherz getäuſcht, theilte die Anſicht ihres Vaters über den ſtolzen und doch ſanften Ausdruck Ihres Geſichtes und betrachtete das Bild lange und aufmerkſam. Später, als ich ſie in Gerolſtein beſuchte, fragte ſie mich lächelnd um Nachrichten von ihrem Vetter aus alten Zeiten. Ich geſtand ihr endlich unſern kleinen Betrug, ſagte ihr, daß der hübſche Page aus dem 16ten Jahrhundert niemand anders ſei als mein Neffe, der Prinz Heinrich von Herkauſen-Oldenzaal, gegenwärtig 21 Jahre alt und Garde⸗ Capitain S. M. des Kaiſers von Oeſtreich, übrigens, das Coſtüm ausgenommen, ſeinem Bilde ganz ähnlich. Bei dieſen Worten er⸗ röthete die Prinzeſſin und wurde wieder ernſt, wie ſie es gewöhnlich iſt. Seit dieſer Zeit hat ſie natürlich von dem Bilde nicht mehr geſprochen; Sie ſehen aber daraus, liebes Kind, daß Sie ihr nicht durchaus als Fremder erſcheinen, und Ihrer Couſine, wie der Großherzog ſagt, kein unbekanntes Geſicht zeigen werden. — Alſo beruhigen Sie ſich und machen Sie Ihrem Bilde Ehre,“ fügte meine Tante lächelnd hinzu. — . 14 „Dieſe Unterredung fand, wie ich Dir ſchon geſagt habe, lieber Mar! am Abende vor dem Tage, wo ich der Prinzeſſin, meiner Couſine, vorgeſtellt werden ſollte, ſtatt; ich verließ meine Tante und kehrte in meine Wohnung zurück. „Ich habe Dir, Mar! nie meine geheimſten Gedanken, waren ſie nun gut oder böſe, verborgen; — ich will Dir alſo nun auch geſtehen, welchen albernen und thörichten Einbildungen ich mich nach der Unterhaltung, die ich Dir eben mittheilte, hingab. — Der Prinz Heinrich von Herkanſen-Oldenzaal an den Grafen Marimilian v. Raminetz. (Fortſetzung.) u haſt mir es oft zugeſtanden, lieber Mar, daß ich frei von aller Eitelkeit bin; — ich glaube es auch ſelbſt; — ach! ich habe nöthig, es zu glauben, um in dieſer Erzählung fortfahren zu können, ohne in Deinen Augen für einen eiteln Thoren zu gelten. „Als ich allein in meinem Zimmer war, konnte ich nicht um⸗ hin, mit einer gewiſſen heimlichen Zufriedenheit daran zu denken, daß die Prinzeſſin Amalie mein vor fünf bis ſechs Jahren gemaltes Bild bemerkt, daß ſie einige Tage darnach meine Tante um Neuig⸗ keiten von ihrem Conſin aus alten Zeiten gefragt hatte. „Es war nichts thörichter als die mindeſte Hoffnung auf einen ſo geringfügigen Umſtand, wie dieſen zu bauen; — ich geſtehe es ſelbſt, — aber ich habe es Dir geſagt, ich werde gegen Dich ſtets ganz offen und freimüthig ſein; — nun denn! dieſer geringfügige Umſtand entzückte mich. — Ohne Zweifel hatte das Lob, das ich aus dem Munde einer ſo ernſten und würdigen Matrone wie meine Tante der Prinzeſſin ſpenden hörte, ſie in meinen Augen noch mehr 16 erhoben, aber auch mich empfänglicher für die Auszeichnung gemacht, die ſie mir oder vielmehr — meinem Bilde zu Theil werden ließ. — Genug! dieſe Auszeichnung erweckte in mir ſo thörichte Ideen, daß ich nun, wo ich einen ruhigern Blick auf die jüngſte Ver⸗ gangenheit werfe, mich ſelbſt frage, wie es geſchehen konnte, daß ich mich von dieſen Gedanken hinreißen ließ, die mich nothwendiger⸗ weiſe an den Rand eines Abgrundes führen mußten. „Obwohl ich mit dem Großherzog verwandt bin und von ihm ſtets mit herzlichem Wohlwollen aufgenommen wurde, durfte ich doch nie die geringſte Hoffnung auf eine Verbindung mit der Prin⸗ zeſſin hegen; — ſelbſt dann nicht, wenn ſie meine Liebe erwiedert hätte; — was übrigens mehr als zweifelhaft war. Unſere Familie behauptet ihren Rang ehrenvoll, aber ſie iſt arm, wenn man unſer Vermögen mit den ungeheuern Beſitzungen des Großherzogs ver⸗ gleicht, der der reichſte Fürſt des deutſchen Bundes iſt. Und dann — ich war kaum 21 Jahre alt, einfacher Capitain in der Garde, ohne perſönliche Stellung in der Welt wie konnte der Großherzog bei Vergebung der Hand ſeiner Tochter an mich denken! „Alle dieſe Betrachtungen hätten mich vor einer Leidenſchaft bewahren ſollen, die ich damals noch nicht fühlte, aber von der ich, ſo zu ſagen, ein ſonderbares Vorgefühl hatte. — Leider gab ich mich, im Gegentheile, neuen Kindereien hin. Ich trug einen Ring am Finger, den mir einſt Thecla gegeben hatte (die gute, liebe Gräfin, die Du kennſt); — obwohl dieſes Pfand einer leichten⸗ vorübergchenden, ja thörichten Liebſchaft mich nur wenig feſſeln konnte, ſo opferte ich es doch heldenmüthig meiner neu entſtehenden Liebe auf, und der arme Ring verſchwand in den raſch dahin rollen⸗ den Wellen des kleinen Fluſſes, der unter meinen Fenſtern vor⸗ überfließt. ſitn 17 „Dir die Nacht zu ſchildern, die ich zubrachte, wäre unnütz, — Du wirſt ſie errathen. Ich wußte, daß die Prinzeſſin Amalie blond und engelſchön ſei; — ich ſuchte mir ihre Züge, ihre Haltung⸗ den Ton ihrer Stimme, den Ausdruck ihres Blickes in Gedanken zu formen; — denn, indem mir mein Portrait einfiel, das ſie bemerkt hatte, erinnerte ich mich, daß der verwünſchte Künſtler mir unendlich geſchmeichelt hatte, mehr noch, ich verglich verzweifelnd das maleriſche Coſtüm eines Pagen aus dem 16. Jahrhunderte mit der ſtrengen Dienſtuniform eines Garde⸗Capitains Seiner kaiſerlichen Majeſtät. — Dieſen albernen Beſchäftigungen folgten, ich geſtehe es Dir, mein Freund! oft edlere Empfindungen, höhere Seelengefühle, — ich fühlte mich bewegt, tief ergriffen, wenn ich mir die himm⸗ liſche Güte der Prinzeſſin ins Gedächtniß zurückrief, die die armen Verlaſſenen, deren Kſchührrit nannte. „Endlich, — kh ein — nic er Wiberſpeuh — Du weißt, welche beſcheidene Meinung ich immer von mir ſelbſt habe, — und doch war ich eingebildet genug, um anzunehmen, der Anblick meines Bildes habe auf die Prinzeſſin Eindruck gemacht; — ich hatte zwar ſo viel richtigen Sinn, um einzuſehen, daß eine unüberſchreitbare Kluft mich auf immer von ihr trenne ... und doch fragte ich mich mit wahrer Aengſtlichkeit, — ob ſie mich nicht zu tief unter meinem Bilde finden würde. — Ich hatte ſie nie geſehen, ich war voraus überzeugt, daß ſie mich kaum bemerken würde, und doch glaubte ich ein Recht zu hahen, ihr das — meiner erſten Liebe aufzuopfern. „Ich brachte die Nacht, von der ich Dir etʒihle und einen Theil des andern Tages in wirklicher Angſt zu; — die Stunde des Hofempfangs kam heran. Ich probirte zwei, bis drei Uniformen, 18 fand, daß eine ſchlechter ſitze, als die andere, und fuhr endlich, ſehr unzufrieden mit mir ſelbſt, nach dem großherzoglichen Palaſte. „Obwohl Gerolſtein kaum eine halbe Viertelſtunde von der Abtei entfernt iſt, beſtürmten mich doch auf dieſer kurzen Fahrt tauſend Gedanken; — alle Kindereien, mit denen ich mich beſchäftigt hatte, verſchwanden vor einer einzigen, ernſten, trüben, faſt drohenden Idee ein unüberwindliches Vorgefühl kündigte mir eine jener Kriſen an, die ein ganzes Menſchenleben beſtimmen, — eine Art Ahnung ſagte mir, daß ich lieben würde, leidenſchaftlich lieben, lieben, wie man nur einmal im Leben liebt . und daß, um das Maß meines trüben Verhängniſſes voll zu machen, meine auf ſo Hohes und ſo Würdiges gerichtete Liebe mich auf immer unglücklich machen ſollte. „Dieſe Gedanken entſetzten mich ſo, daß ich auf einmal den vernünftigen Entſchluß faßte, meinen Wagen halten zu laſſen, zur Abtei um⸗ und von da zu meinem Vater zurückzukehren, meiner Tante aber die Sorge zu überlaſſen, meine raſche Abreiſe bei dem Großherzoge zu entſchuldigen. „Unglücklicherweiſe perhinderte mich eine jener geringen, ge⸗ wöhnlichen Urſachen, die oft ſo ungeheure Folgen haben, meinen Entſchluß auszuführen. Mein Wagen hatte am Eingange der Allee, die zum Pallaſte führt, angehalten; — ich bog mich aus dem Schlage, um meinen Leuten zu befehlen, umzukehren, als der Baron und die Baronin von Koller, die gleich mir nach Hofe fuhren, mich ſahen und ihren Wagen auch halten ließen⸗ Der Baron, der mich in Uniform ſah, ſagte: „Kann ich Ihnen in etwas dienen, Prinz? was iſt Ihnen geſchehen? Da Sie auch nach dem Schloſſe fahren, ſo ſteigen Sie in unſern Wagen, — wenn Ihren Pferden etwas geſchehen iſt.“ 19 „Nicht wahr, mein Freund, nichts wäre nun leichter ge⸗ weſen, als eine Ausrede zu erſinnen, den Baron zu verlaſſen und zu meiner Tante zurückzukehren? Nun denn! war es Ohn⸗ macht, war es der heimliche Wunſch, mich dem heilſamen Ent⸗ ſchluſſe, den ich gefaßt hatte, zu entziehen, ich antwortete mit ziemlich verlegener Miene, daß ich meinem Kutſcher befohlen habe, zu fragen, ob man durch den neuen Pavillon oder den Marmorhof vorfahre. — „Durch den Marmorhof, lieber Prinz!“ antwortete mir der Baron, „da heute Galla⸗Empfang iſt. Befehlen Sie, daß Ihr Wagen dem meinigen folge, ich werde Ihnen den Weg zeigen.“ „Du weißt, Mar, wie ſehr ich an eine Vorherbeſtimmung glaube, — ich wollte in die Abtei zurückkehren, um mir all' den Kummer zu erſparen, den ich voraus ahnte; — das Schickſal wollte es nicht, — ich überließ mich meinem Sterne .. Du kennſt den großherzoglichen Palaſt nicht? Reiſende, die alle Hauptſtädte Europas geſehen haben, behaupten, daß es, Verſailles ausgenommen, keine königliche Reſidenz gebe, die in ihrem Ganzen, wie in ihrer Um⸗ gebung einen ſo majeſtätiſchen Anblick biete. Wenn ich mich hier etwas bei dieſen Einzelnheiten aufhalte, ſo geſchieht es, weil ich, indem ich mich jetzt dieſer Herrlichkeiten erinnere, mich ſelbſt frage, wie ſie mich nicht ſogleich an mein Nichts erinnern konuten; — denn Prinzeſſin Amalie war ja doch die Tochter des Fürſten, des Herrn dieſes Palaſtes, dieſer Garden, dieſer wunderbaren Kunſt⸗ ſhitz. 6 „Der Marmorhof, ein weiter Halbkreis, ſo genannt, weil er, mit Ausnahme eines breiten Granitweges, auf dem die Wagen zu⸗ und abfuhren, ganz mit Marmorplatten von allen Farben und Zeichnungen belegt iſt, die prachtvolle Moſaiken bilden, hat in ſeiner itte ein ungeheures Baſſin von antiker Breccia, in das aus einer gr en porphyrnen Vaſe unaufhörlich mächtige Waſſerſtröme her⸗ abſtürzen. : „Dieſer Ehrenhof iſt kreisförmig mit einer Reihe weißer Marmorſtatuen umgeben, die Fackeln von vergoldetem Erz tra⸗ gen, aus denen Abends ein blendendes Gaslicht aufflammt; mit dieſen Statuen wechſeln medizeiſche Vaſen auf reich gearbeiteten Piedeſtalen, aus denen ſich ungeheure Lorbeerroſen, wahre Blüthen⸗ ſträuche, erheben, deren dunfles Laub in der hellen Beleuchtung von metalliſchem Grün erglängt. 1 „Die Wagen hielten am Fuße einer doppelten Terraſſe mit Balluſtraden, die zu der Vorhalle des Palais führte; am Fuße dieſes Aufganges waren zwei Poſten, zwei Reiter von dem Garde⸗ regimente des Großherzogs auf prächtigen Rappen; — Du weißt, daß er ſeine Garden unter den größten und ſchönſten Unterofficieren ſeiner Armee wählt. Du, mein Freund! der Du ſo ſehr echt kriege⸗ riſche Erſcheinungen liebſt, würdeſt von der ernſten, ehrfurchtgebie⸗ tenden Haltung dieſer beiden Coloſſe, deren Bruſtpanzer und Stahl⸗ helme von antiker Form, ohne Helmſchmuck und Buſch, im hellen Lichte funkelten, überraſcht worden ſein; — ſie trugen blaue Röcke mit gelbem Kragen, weiße anliegende Lederbeinkleider und hohe Stiefeln. Für Dich, lieber Mar, der Du dieſe militatriſchen De⸗ tails liebſt, will ich noch hinzufügen, daß oben vor der Vorhalle an jeder Seite des Eingangs zwei Grenadiere ſtanden, die zu dem großherzoglichen Garde⸗Infanterie⸗Regimente gehörten. Ihr Aus⸗ ſehen, bis auf die Farbe des Rockes und der Aufſchläge, war, wie man mir ſagte, ganz das der alten Grenadiere Napoleons. — „Nachdem ich die Vorhalle durchſchtitten hatte, in der die Schweizer in glänzenden Livreen mit ihren Hellebarden ſtunden, ſtieg ich eine prächtige Treppe von weißem Marmor hinauf, die zu einem Portikus führte, der von Jaspis⸗Säulen getragen wurde und über den ſich eine mit Malereien und Vergoldungen geſchmückte Kuppel erhob. Hier war in zwei langen Reihen die Dienerſchaft verſammelt. Ich trat in den Saal der Garden, an deſſen Thür ſich ein Kammerherr und ein Adjutant Seiner Hoheit aufhielten, um die eintretenden Perſonen, die das Recht hatten, ihm beſonders vorgeſtellt zu werden, zu dem Großherzoge zu führen. Meine, obwohl entfernte, Verwandtſchaft verſchaffte mir dieſe Ehre; — ein Adjutant ſchritt mir durch eine lange Galerie, voll Männern in Hofkleidung oder Uniformen und glänzend geſchmückten Frauen, voran. iat „Während ich langſam dieſe glänzende Menge durchſchritt, hörte ich einige Worte, die meine Bewegung noch ſteigerten; von allen Seiten ergoß man ſich in Bewunderung der Engelsſchönheit der Prinzeſſin Amalie, der Liebenswürdigkeit der Marquiſe von Hat⸗ ville und des wahrhaft kaiſerlichen Ausſehens der Erzherzogin Sophie, die, mit dem Erzherzog Stanislaus erſt von München an⸗ gekommen, bald wieder nach Warſchau abreiſen ſollte, — aber ſo ſehr man auch der erhabenen Würde der Erzherzogin, der anmuthigen Erſcheinung der Marquiſe von Harville Gerechtigkeit widerfahren ließ, ſo ſtimmte doch Alles darin überein, daß nichts idealer, lieb⸗ licher, reizender ſei, als die bezaubernde Geſtalt der Prinzeſſin Amalie. „Je mehr ich mich dem Orte näherte, wo ſich der Großherzog und ſeine Tochter befanden, deſto heftiger fühlte ich mein Herz ſchlagen. Als ich an der Thüre des Salons erſchien, — (ich habe vergeſſen, Dir zu ſagen, daß Hof⸗Concert und Ball war) — ſetzte ſich eben der berühmte Lißt an das Piano; — und die größte Stille 22 folgte dem leiſen Gemurmel der Unterhaltungen. Das Ende des Stückes abwartend, das der große Künſtler mit ſeiner bekannten Vollendung vortrug, hielt ich mich in der Niſche der Thüre. — „Da, mein theurer Mar! ſah ich zum erſten Male die Prin⸗ zeſſin Amalie. — Laß mich Dir dieſen Augenblick ſchildern; — ich fühle einen unwiderſtehlichen Reiz, dieſe Erinnerungen zurückzu⸗ rufen. 3% „Stelle Dir, mein Freund! einen großen, mit königlicher Pracht meublirten Salon vor, der mit reichen rothen Seidentapeten, über die eine breite goldene Guirlande hinlief, geſchmückt, von den blendendſten Lichtmaſſen erhellt iſt. In der erſten Reihe auf großen vergoldeten Armſtühlen ſaßen die Erzherzogin Sophie (der der Fürſt die Honneurs ſeines Palaſtes machte), zu ihrer Linken die Marquiſe von Harville, zu ihrer Rechten die Prinzeſſin Amalie, hinter ihnen ſtand der Großherzog in der Oberſt-Uniform ſeiner Garden; er ſchien, durch das Glück verjüngt, nicht älter als dreißig Jahre zu ſein; — der militairiſche Anzug hob die Eleganz ſeiner Geſtalt und die Schönheit ſeiner Züge noch mehr hervorz neben ihm ſtand der Erzherzog Stanislaus in Feldmarſchalls-Uniform, dann kamen die Ehrendamen der Prinzeſſin Amalie, die Ge⸗ mahlinnen der Großwürdenträger des Hofes und dieſe ſelbſt. „Habe ich Dir noch nöthig zu ſagen, daß die Prinzeſſin Amalie weniger durch ihren hohen Rang, als durch ihre Anmuth und Schönheit dieſe glänzende Menge überſtrahlte? Verdamme mich nicht, mein Freund! ehe Du nicht hier ihre Schilderung geleſen haſt. — So ſehr ſie auch noch tauſendfach unter der Wirklichkeit ſteht, ſo wirſt Du doch begreifen, daß ich ſie anbetete, daß ich ſie liebte, als ich ſie erblickte, und daß der Schnelligkeit dieſer Leiden⸗ ſchaft nur ihre Heftigkeit und ihre ewige Dauer gleichkommen. „Die Prinzeſſin Amalie in einem einfachen Kleide von ſchwe⸗ rem weißen Seidenſtoffe trug wie die Erzherzogin Sophie das große Band des kaiſerlichen St. Nepomucksordens*), welches ihr die Kaiſerin erſt vor Kurzem geſchickt hatte. Ein Diadem von Perlen umgab ihre ſchöne und edle Stirn und harmonirte trefflich mit den beiden breiten Haarflechten vom ſchönſten Blond, die ihre leicht gerötheten Wangen einſchloſſen; ihre reizenden Arme, weißer als die Fülle der Spitzen, aus denen ſie hervortraten, waren halb durch Handſchuhe verborgen, die bis an den grübchengezierten Eln⸗ bogen reichten; nichts Lieblicheres, als ihr kleines Füßchen in weißer Atlasbeſchuhung. In dem Augenblicke, wo ich ſie ſah, waren ihre ſchönen blauen Augen wie träumeriſch, ob unter dem Einfluſſe irgend eines ernſten Gedankens, oder unter dem Eindruck der traurigen Melodie, die der Künſtler vortrug, weiß ich nicht; — aber ihr halbes Lächeln ſchien mir unausſprechlich ſanft und melan⸗ choliſch. — Den Kopf ſanft zur Bruſt geneigt, entblätterte ſie maſchienenmäßig ein großes Bouquet weißer Nelken und Roſen, das ſie in der Hand hielt. — „Nie werde ich ausdrücken können, was ich damals empfand: Alles, was mir meine Tante von der unerſchöpflichen Güte der Prinzeſſin geſagt hatte, kam mir wieder in Gedanken. — Lächle, mein Freund! aber unwillkürlich fühlte ich meine Augen feucht werden, als ich dieſes junge wunderbar ſchöne Mädchen, von Ver⸗ *) Wenn der Leſer hier über einen Erzherzog Stanislaus, einen St. Nepomucksorden u. ſ. w. lächelt, ſo iſt nur zu bemerken, daß Herr Sue, der nur eine wahrſcheinliche, nicht eine wahre Geſchichte ſchreiben wollte, ſolche Verſtöße, die er nach Zuratheziehung jedes Staatshandbuches leicht hätte vermeiden können, abſichtlich beging, um Wahrheit und Dichtung zu miſchen. — Gerolſtein. 2 24 ehrung und Achtung umgeben, angebetet von einem ſolchen Vater, wie der Großherzog iſt, träumeriſch, nachdenkend, ja traurig vor mir ſah. — „Mar! ich habe Dir es geſagt: ſowie ich glaube, daß der Menſch unfähig iſt, ein gewiſſes vollkommenes, für ſeine beſchränk⸗ ten Sinne zu ungeheures Glück zu genießen, ſo gewiß glaube ich auch, ja, ich bin überzeugt, daß es einige zu überirdiſch begabte Weſen giebt, als daß ſie nicht hie und da mit ſchmerzlicher Bitter⸗ keit fühlen ſollten, wie allein, vereinſamt ſie hier auf Erden ſind, und dann ihre höhere geiſtigere Bildung bedauern, die ſie ſo vielen Täuſchungen, ſo vielen minder gewählten Naturen unbekann⸗ ten, unangenehmen Berührungen ausſetzt. — Mir war es damals, als ſei die Prinzeſſin unter der niederdrückenden Gewalt eines ſolchen Gedankens. „Plötzlich durch einen ſonderbaren Zufall (denn Alles hier auf Erden iſt Schickung) wendete ſie ihre Augen nach der Seite, wo ich mich befand. „Du weißt, wie ſtrenge bei uns die Etikette und die Hierarchie des Ranges beobachtet wird. — Dank meinem Litel und meiner Verwandtſchaft mit dem Großherzog! — die Perſonen, die mich Anfangs umgaben, hatten ſich nach und nach zurückgezogen, ſo daß ich faſt allein, auffallend ſichtbar vor dem Eingange der Galerie ſtand. „Dieſer Umſtand machte es, daß die Prinzeſſin, aus ihrer Träumerei erwachend, mich erblickte und gewiß mich auch bemerkte, denn ſie machte eine leichte Bewegung der Ueberraſchung und erröthete. „Sie hatte bei meiner Tante mein Portrait geſehen und mich erkannt; — nichts einfacher als das. Die Prinzeſſin hatte mich kaum eine Secunde angeſehen, aber dieſer Blick erregte in mir eine heftige Bewegung; — ich fühlte meine Wangen glühen, ich ſchlug die Augen nieder und blieb einige Minuten ſo, ohne zu wagen, ſie wieder zu der Prinzeſſin aufzuſchlagen .. . Als ich es endlich ver⸗ ſuchte, ſprach ſie leiſe mit der Erzherzogin Sophie, die ihr mit dem wohlwollendſten Intereſſe zuzuhören ſchien. „Liszt machte eine Pauſe von einigen Minuten zwiſchen den zwei Stücken, die er ſpielen ſollte; der Großherzog benutzte dieſen Zwiſchenraum, um ihm auf die liebenswürdigſte Art ſeine Bewun⸗ derung auszudrücken. Als der Fürſt auf ſeinen Platz zurückkehrte, bemerkte er mich, nickte mir wohlwollend zu und ſagte einige Worte zu der Erzherzogin, indem er mich mit dem Blicke bezeichnete. Dieſe, nachdem ſie mich einen Augenblick betrachtet hatte, wendete ſich gegen den Großherzog, der ſich nicht enthalten konnte, zu lächeln, indem er ihr antwortete und ſeine Tochter anredete. Die Prinzeſſin Amalie ſchien mir verlegen, denn ſie erröthete aufs Neue. „Ich war auf der Folter; — unglücklicherweiſe erlaubte mir die Etikette nicht, den Platz zu verlaſſen, wo ich ſtand, ehe das Concert zu Ende war. — Liszt begann wieder. Zwei oder drei Mal blickte ich verſtohlen die Prinzeſſin an; ſie ſchien mir nach⸗ denkend und verſtimmt; — es ſchuürte mir das Herz zuſammen, — ich litt wegen der leichten Verſtimmung, die ich ihr verurſachte, freilich gegen meinen Willen, die ich aber zu errathen glaubte. Ohne Zweifel hatte der Großherzog ſie im Scherze gefragt, ob ſie mich dem Portrait ihres Couſins aus alten Zeiten etwas ähnlich finde, und in ihrer Unbefangenheit warf ſie ſich vielleicht vor, ihrem Vater nicht gleich geſagt zu haben, daß ſie mich ſchon erkannt hatte. * 26 „Nach beendigtem Concerte folgte ich dem Adjutanten; — er führte mich zum Großherzoge, der ſo gütig war, mir einige Schritte entgegen zu gehen, mich herzlich bei der Hand nahm und mich zu der Erzherzogin Sophie führend, ſagte: — „Ich bitte Eure kaiſerliche Hoheit um die Erlaubniß, Ih⸗ nen meinen Vetter den Prinzen Heinrich von Herkauſen⸗ Oldenzaal vorſtellen zu dürfen.“ — „Ich habe den Prinzen ſchon in Wien geſehen, und ich finde ihn hier mit Vergnügen wieder,“ ſagte die Erzherzogin, indem ich mich vor ihr tief verbeugte. — „Liebe Amalie!“ ſagte der Fürſt, indem er ſich zu ſeiner Tochter wendete, „ich ſtelle Dir hier den Prinzen Heinrich, Deinen Vetter vor, er iſt ein Sohn des Prinzen Paul, eines meiner achtungs⸗ wertheſten Freunde, den ich heute nicht hier in Gerolſtein zu ſehen ſehr bedauere.“ — „Wollen Sie den Prinzen Paul wiſſen laſſen, daß ich das Bedauern meines Vaters lebhaft theile, denn ich werde mich immer ſehr glücklich ſchätzen, ſeine Freunde kennen zu lernen,“ ſagte meine Couſine mit anmuthsvoller Ungezwungenheit. „Ich hatte nie den Ton ihrer Stimme gehört; ſtelle Dir, mein Freund! den ſüßeſten, friſcheſten, harmoniſcheſten Schmelz der Stimme vor, einen jener Töne, die die zarteſten Saiten der Seele erzittern machen. — „Ich hoſſe, lieber Heinrich! daß Sie einige Zeit bei Ihrer Tante bleiben werden, die ich, wie Sie wiſſen, verehre wie eine Mutter,“ ſagte der Großherzog voll Güte. — „Kommen Sie oft in unſern Familienkreis, wenn der Morgen beendet iſt, um drei uhr; — gehen wir aus, ſo begleiten Sie uns auf unſerem 27 5 Spaziergange; Sie wiſſen, Heinrich! daß ich Sie immer liebte als eines der edelſten Herzen, die ich kenne.“ — „Ich weiß nicht, womit ich Eurer Hoheit meinen Dank für dieſen wohlwollenden Empfang abſtatten ſoll.“ — „Nun denn, um mir Ihre Erkenntlichkeit zu zeigen,“ ſagte der Fürſt lächelnd, — „laden Sie Ihre Coufine für die zweite Quadrille ein, die erſte gehört von Rechtswegen dem Erzherzog.“ — „Wollen Eure Hoheit mir dieſe Gunſt gewähren?“ ſagte ich, mich tief verbeugend, zu der Prinzeſſin Amalie. — — „Kinder! nennt Euch nach unſerer guten alten deutſchen Sitte ganz einfach: Vetter und Baſe,“ ſagte der Großherzog ſehr heiter; — „das ſteife Ceremonial paßt nicht für Verwandte.“ — „Wird meine Baſe mir die Ehre erweiſen, dieſe Quadrille mit mir zu tanzen?“ — „Mit Vergnügen, Vetter!“ antwortete mir die Prinzeſſin Amglie. III. Der Prinz Heinrich von Herkauſen- Oldenzaal an den Grafen Marimilian vou Raminetz. (Schluß des Briefes vom 25. Auguſt 1840.) „ ch kann Dir es nicht ſagen, mein Freund! wie beglückt und doch wie gequält ich durch die väterliche Herzlichkeit, das Zu⸗ trauen, das der Großherzog mir bewies, die herzliche Güte war, mit der er ſeine Mutter und mich aufgefordert hatte, die Formeln ver Etikette mit dieſen vertraulichen Familienbenennungen zu vertau⸗ ſchen, alles dies erfüllte mich mit Dankbarkeit; aber ich warf mir auch um ſo ernſter den verhängnißvollen Reiz einer Liebe vor, die der Fürſt nicht billigen konnte und durfte. „Ich hatte mir vorgenommen, — es iſt wahr, (und ich habe auch meinen Vorſatz nicht verletzt,) nie ein Wort zu ſprechen, das meine Couſine vermuthen laſſen könnte, welche Leidenſchaft ich für ſie fühle, aber ich fürchtete, daß meine Aufregung, meine Blicke mich verrathen würden ... Dieſes Gefühl, ſo ſtumm, ſo verborgen es guch bleiben ſollte, ſchien mir doch ſchuldvoll. 29 „Ich hatte Zeit, dieſe Betrachtungen anzuſtellen, während die Prinzeſſin mit dem Erzherzog Stanislaus die erſte Quadrille tanzte. Auch hier, wie überall, iſt der Tanz nur noch eine Art von Gehen nach dem Takte der Muſik; — nichts kam der würde⸗ vollen Anmuth, der ernſten S meiner 6Fanßne mehr zu Statten. „Ich erwartete mit einer von angi durchbebten Glückſeligkeit den Augenblick der Unterhaltung mit ihr, die die Freiheit des Balles mir gewähren ſollte. Ich war genug Herr meiner ſelbſt, um meine Verwirrung zu verbergen, als ich ſie von der Marquiſe ven Har⸗ ville abholte. „Indem ich an den Umſtand mit dem Bilde dachte, glaubte ich, die Prinzeſſin würde meine Verlegenheit theilen; — ich täuſchte mich nicht; — ich erinnere mich faſt Wort für Wort dieſes unſeres erſten Geſpräches; — laſſe mich Dir es mittheilen, mein Freund! — „Erlauben mir Eure Hoheit,“ ſagte ich zu ihr, „Sie meine Couſine zu nennen, wie mich bereits der Großherzog hiezu bevoll⸗ mächtigt hat?“ — „Gewiß, Couſin!“ ſagte ſie voll Anmuth, „ich werde immer ſein, meinem Vater gehorchen zu können.“ „Und ich bin um ſo ſtolzer auf die Erlaubniß, Couſine, als 6 durch meine Tante Sie kennen, das heißt, Sie ſchätzen zu lernen Gelegenheit hatte.“ — „Auch mein Vater hat oft von Ihnen geſprochen, Couſin! und was Sie noch mehr wundern wird,“ — fügte ſie ſchüchtern hinzu, — „iſt, daß ich Sie, wenn man es ſo nennen darf, ſchon vom Sehen kannte. Die Frau Aebtiſſin von St. Hermenegild, für die ich die achtungsvollſte Zuneigung fühle, zeigte eines Tages mir und meinem Vater ein Portrait —“ 30 — „Wo ich als Page in der Tracht des ſechszehnten Jahr⸗ hunderts abgebildet war?“ — „Ja, Couſin! und mein Vater machte ſich ſogar den kleinen Scherz mir zu ſagen, daß dieſes Bild einen unſerer Verwandten aus alten Zeiten vorſtelle, indem er zugleich eine ſo wohlwollende Empfehlung für dieſen Vetter „von Ehemals“ hinzufügte, daß unſere Familie ſich wahrlich Glück wünſchen darf, ihn unter ihre jetzt lebenden Verwandten zu zählen.“ — „Ach, Couſine! ich fürchte, eben ſo wenig dem moraliſchen Portrait, das der Großherzog ſo gütig war von mir zu entwerfen, zu gleichen, als einem Pagen des ſechzehnten Jahrhunderts.“ — „Sie irren ſich, Couſin!“ ſagte mir unbefangen die Prin⸗ zeſſin; „denn als ich zu Ende des Concertes zufällig einen Blick auf jene Seite der Gallerie warf, habe ich Sie trotz der Verſchie⸗ denheit des Coſtüms augenblicklich erkannt.“ „Aber dann, als wollte ſie ſchnell den Gegenſtand eines Geſpräches wechſeln, das ſie in Verlegenheit zu ſetzen ſchien, ſagte ſie: — — „Welches bewunderungswürdige Talent hat dieſer Liszt!“ — „Wirklich bewundernswerth. — Und mit welchem Ver⸗ gnügen Sie ihm auch zuhörten.“ — „Weil, wie es mir ſcheint, ein doppelter Reiz in dem An⸗ hören einer Muſik ohne Worte liegt; — man genießt nicht nur die vollendete Ausführung, — man kann auch ſeine Gedanken des Augenblickes den Melodien unterlegen, die man hört, und die ſo die Begleitung der Gedanken bilden. Ich weiß nicht, ob Sie mich ver⸗ ſtehen, Couſin?“ — „Vollkommen! Die Gedanken ſind dann die Worte, die man ſinnend den Tönen anſchmiegt, die man hört.“ 31 — „Das iſt es — das iſt es! Sie verſtehen mich,“ fagte ſie mit einer Bewegung anmuthsvoller Befriedigung, — „ich fürchtete ungenügend zu erklären, was ich ſo eben bei dieſer rührenden und klagenden Melodie empfand.“ — „Gott ſei Dank! Couſine,“ ſagte ich lächelnd, „Sie haben keine Worte, um ſie einer ſo traurigen Weiſe zu unterlegen.“ „Sei es nun, daß meine Rede ſie irgend verletzte, oder daß ſie ausweichen wollte, mir darauf zu antworten, ſei es, daß ſie ſie gar nicht gehört hatte, plötzlich ſagte die Prinzeſſin, indem ſie mir den Großherzog zeigte, der am Arme der Erzherzogin durch den Ball⸗ ſaal ſchritt: — „Sehen Sie doch meinen Vater, Couſin! wie ſchön er iſt, — welch' edles und gutes Geſicht; — wie alle Blicke ihm mit liebevoller Aufmerkſamkeit folgen; — es ſcheint mir, als ob man ihn noch mehr liebt, als man ihn verehrt.“ — „Ach!“ rief ich aus, „nicht allein hier, in der Mitte ſeines Hofes wird er geliebt. — Wenn die Segnungen des Volkes noch in die ſpäte Nachwelt hinüberklingen, ſo wird der Name „Rudolph von Gerolſtein“ mit Recht unſterblich ſein.“ „Meine Begeiſterung bei dieſen Worten war aufrichtig, denn Du weißt, mein Freund, daß man mit vollem Rechte die Staaten des Fürſten das Paradies Deutſchlands nennt. — „Es iſt mir unmöglich, Dir den dankbaren, freundlichen Blick zu beſchreiben, den meine Couſine mir zuwarf, als ſie mich ſo ſprechen hörte. — „Daß Sie meinen Vater ſo ſchätzen,“ ſagte ſie mir bewegt, „zeigt, daß Sie der Zuneigung würdig ſind, die er für Sie hat.“ — „Niemand kann ihn ſo lieben, ſo bewundern, als ich. Hat 32 er nicht außer den ſeltenen Eigenſchaften, die große Fürſten machen, jenen Geiſt der Güte, der die Fürſten anbeten macht?“ — „Sie wiſſen nicht, wie wahr Sie ſprechen,“ ſagte die Prinzeſſin noch viel bewegter. — „O ich weiß es, ich weiß es, und Alle, die er regiert, wiſſen es wie ich. Man liebt ihn ſo, daß man ſich über ſeinen Kummer betrüben würde, wie man ſich über ſein Glück erfreut; der Eifer Aller, ihre Huldigungen der Marquiſe von Harville dar⸗ zubringen, bekräftigt ebenſowohl die Wahl ſeiner Hoheit, als den Werth der künftigen Großherzogin.“ — „Die Marquiſe von Harville iſt der Zuneigung meines Vaters würdiger, als jeder Andere, wer es auch ſei; — dies iſt das ſchönſte Lob, das ich ihr vor Ihnen zollen kann.“ — „und Sie können ſie gewiß richtig beurtheilen, Cuuſine, denn Sie haben ſie ohne Zweifel ſchon in Frankreich gekannt.“ „Kaum hatte ich dieſe letzten Worte geſagt, als, ich weiß nicht, welcher Gedanke plötzlich die Prinzeſſin ergriff; ſie ſchlug die Augen nieder, und eine Secunde lang nahmen ihre Züge den Ausdruck einer Traurigkeit an, die mich ſtumm vor Ueberraſchung machte. — „Wir waren in dieſem Augenblicke am Ende des Tanzes; — die letzte Figur trennte mich auf einen Augenblick von meiner Couſine; — als ich ſie zu Frau von Harville ſchienen mir ihre Züge noch leicht umwölkt. „Ich glaubte und ich glaube es noch, daß meine Anſpielung auf den Aufenthalt der Prinzeſſin in Frankreich, ſie an den Tod ihrer Mutter erinnernd, ihr jenen peinlichen Eindruck ſt hatte, von dem ich Dir ſo eben erzählte. „Während dieſes Abends bemerkte ich einen Umſtand, der Dir vielleicht kindiſch ſcheinen wird, mir aber ein neuer Beweis von der 33 Zuneigung, die dieſes junge Mädchen Allen einflößt, war. — Ihr Perlenreif hatte ſich etwas verſchoben, die Erzherzogin Sophie, der ſie gerade den Arm gab, hatte die Güte ihr ſelbſt den Schmuck wieder zu richten. Nun! für den, der den ſprüchwörtlich gewordenen Stolz der Erzherzogin kennt, ſcheint ein ſolches zuvorkommendes Benehmen von ihrer Seite kaum glaublich. Uebrigens ſchien die Prinzeſſin Amalie, die ich genau beobachtete, in dieſem Augenblicke ſo verwirrt, ſo von Erkenntlichkeit durchdrungen, — ich möchte faſt ſagen, ſo verlegen über dieſe liebenswürdige Aufmerkſamkeit, daß ich eine Thräne in ihren Augen glänzen zu ſehen glaubte. „So, mein Freund! war mein erſter Abend zu Gerolſtein. Wenn ich ihn Dir mit allen ſeinen Einzelnheiten erzählt habe, ſo geſchah es, weil alle dieſe Umſtände für mich ihre Folgen hatten. „Jetzt werde ich mich kürzer faſſen, ich werde Dir nur noch einige Thatſachen bezüglich auf mein öfteres Zuſammenſein mit der Prinzeſſin und ihrem Vater mittheilen. „Am zweiten Morgen nach dieſem Feſte war ich unter der ſehr kleinen Zahl der zur Vermählung des Großherzogs mit der Mar⸗ quiſe von Harville eingeladenen Perſonen. Nie habe ich das Geſicht der Prinzeſſin Amalie freudeſtrahlender, heiterer geſehen, als wäh⸗ rend dieſer feierlichen Handlung. Sie betrachtete ihren Vater und die Marquiſe mit einer Art von frommem Entzücken, das ihren Zügen einen neuen Reiz verlich; — man hätte ſagen können, daß ſie das unausſprechliche Glück des Fürſten und der Marquiſe ab⸗ ſpiegelten. „An dieſem Tage war meine Coufine ſehr fröhlich, ſehr mit⸗ theilſam. Ich gab ihr auf dem Spaziergange, den man nach dem Diner durch die prächtig beleuchteten Gärten machte, den Arm. Sie ſagte mir in Bezug auf die Verbindung ihres Vaters: 34 — „Ich glaube, daß das Glück derer, die wir lieben, uns noch ſüßer iſt, als unſer eigenes Glück; denn es liegt doch immer etwas Egvismus in dem Genuſſe perſönlichen Glückes.“ „Wenn ich Dir unter tauſend andern dieſe Bemerkung meiner Couſine anführe, lieber Mar! ſo geſchieht es, damit Du das Ge⸗ müth dieſes anbetungswürdigen Geſchöpfes kennen lernſt, welches, wie ihr Vater, den Geiſt der Güte in ſich trägt. „Einige Tage nach der Vermählung des Großherzogs hatte ich mit ihm eine lange Unterredung; er befragte mich über meine Vergangenheit, über meine Pläne für die Zukunft; er ertheilte mir die weiſeſten Rathſchläge, die ſchmeichelhafteſten Ermunterungen, ſprach mit mir ſogar über einige ſeiner Regierungs-Projekte mit einem Vertrauen, das mich eben ſo ſtolz machte, als es mir ſchmeichelte. — Endlich — was ſoll ich Dir ſagen! — einen Augen⸗ blick durchkreuzte der thörichteſte Gedanke mein Gehirn, — ich glaubte, daß der Fürſt meine Liebe errathen habe und in dieſem Geſpräche mich prüfen, ausforſchen, zu einem Geſtändniſſe bringen wollte. — „Unglücklicherweiſe dauerte dieſe wahnſinnige Hoffnung nicht lange; der Prinz ſchloß unſere Unterhaltung, indem er mir ſagte, daß die Zeit der großen Kriege zu Ende ſei, daß ich meinen Namen, meine Verbindungen, die Erziehung, die ich genoſſen hatte, und die innige Freundſchaft, die meinen Vater mit dem Fürſten Metternich, erſten Miniſter des Kaiſers, verband, be⸗ nutzen ſollte, um ſtatt der militairiſchen Laufbahn die diplomatiſche zu wählen, indem er hinzufügte, daß alle die Fragen, die einſt auf dem Schlachtfelde entſchieden wurden, künftig durch Congreſſe geſchlichtet werden würden, daß die winkelzügigen und doppelzün⸗ gigen Ueberlieferungen der alten Diplomatie einer weitausſehenderen —,— —Si —,— ——. 35 und humaneren Politik Platz machen würden, die mehr im Ein⸗ klange mit den wahren Intereſſen der Völker ſtehe, welche überdies täglich mehr das Bewußtſein ihrer Rechte erlangten, daß ein er⸗ habener, erleuchteter und edler Geiſt in einigen Jahren berufen ſein dürfte, eine ſchöne und große Rolle in den politiſchen An⸗ gelegenheiten zu ſpielen und ſo viel Gutes wirken könne; — er bot mir endlich ſeinen Schutz und ſeine unumſchränkte Unterſtützung an, um mir die Anfänge einer Laufbahn zu erleichtern, die zu betreten er inſtändig in mich drang. — „Du begreifſt, mein Freund, daß wenn der Fürſt die mindeſte Abſicht mit mir gehabt hätte, er mir dieſe Eröffnungen nicht gemacht haben würde; — ich dankte ihm mit lebhafter Erkenntlichkeit für ſein Anerbieten und fügte hinzu, daß ich den Werth ſeiner Rath⸗ ſchläge vollkommen zu ſchätzen wiſſe und entſchloſſen ſei, ihnen zu folgen. „Ich hatte Anfangs in meinen Beſuchen im Palaſte die größte Zurückhaltung beobachtet; aber Dank ſei es dem Drängen des Groß⸗ herzogs! bald kam ich faſt jeden Tag um drei Uhr. Man lebte im Schloſſe in jener reizend einfachen Weiſe unſerer deutſchen Höfe. Es war das Leben der großen Schlöſſer Englands, noch anziehender gemacht durch die gemüthliche Einfachheit, die ſanfte Ungezwungenheit deutſcher Sitten. Wenn das Wetter es erlaubte, machten wir lange Spazierritte mit dem Großherzoge, der Großherzogin, meiner Cou⸗ ſine und den Haus-Cavalieren. Blieben wir im Schloſſe, ſo be⸗ ſchäftigten wir uns mit Muſik; ich ſang mit der Großherzogin oder mit meiner Couſine, deren Stimme einen unendlich reinen Wohlklang, einen unvergleichlichen Zauber hat, und die ich nie hören konnte, ohne bis in das Innerſte meiner Seele bewegt zu ſein. Ein anderes Mal betrachteten wir mit der genaueſten Aufmerkſamfeit die merk⸗ 36 würdigen Sammlungen von Gemälden und Kunſtgegenſtänden des Fürſten oder ſeine reichen Bibliotheken, oft ſpeiſte ich im Schloſſe, und an den Operntagen begleitete ich die großherzogliche Familie ins Theater. „Jeder Tag verging wie ein ſchöner Traum; nach und nach behandelte mich meine Couſine mit geſchwiſterlicher Vertraulichkeit, ſie verbarg mir ihr Vergnügen, mich um ſich zu ſehen, nicht, ſie vertraute mir Alles an, was ſie intereſſirte, zwei oder drei Mal bat ſie mich, ſie zu begleiten, wenn ſie mit der Großherzogin die jungen verwaiſten Mädchen zu beſuchen ging, ſie ſprach mit mir von meiner Zukunft mit einer Verſtandesreife, mit einem ernſten und überlegten Intereſſe, welche mich bei einem jungen Mädchen von ihrem Alter befremdeten, ſie liebte es, mich über meine Kind⸗ heit, über meine ach ſo oft beweinte Mutter zu befragen; ſo oft ich meinem Vater ſchrieb, bat ſie mich, ihn an ſie zu erinnern; — endlich, da ſie ausgezeichnet ſchön ſtickte, gab ſie mir eines Tages für ihn eine herrliche Stickerei, an der ſie lange gearbeitet hatte. Was ſoll ich Dir noch ſagen, mein Freund! ein Bruder und eine Schweſter, die ſich nach jahrelanger Trennung wiedergefunden haben, können nicht einer ſüßeren Vertraulichkeit genießen. Uebrigens wenn wir durch einen höchſt ſeltenen Zufall allein zuſammenblieben, konnte das Eintreten eines Dritten nie weder den Gegenſtand, noch den Ton unſerer Unterhaltung ändern. — „Du wirſt vielleicht, lieber Freund, über ein ſo geſchwiſterliches Verhältniß zwiſchen zwei jungen Leuten ſtaunen, beſonders nach den Geſtändniſſen, die ich Dir gemacht habe; aber je mehr meine Couſine mir Offenheit und Vertrauen zeigte, deſto mehr war ich auf meiner Hut, deſto mehr beherrſchte ich mich, aus Furcht, dieſe anbetungswürdige Vertraulichkeit könnte aufhören. Und was meine 37 Zurückhaltung noch ſteigerte, war, daß die Prinzeſſin in ihre Be⸗ ziehungen zu mir ſo vielen Freimuth, ſo viel edles Vertrauen, und doch ſo wenig Koketterie legte, daß ich faſt gewiß bin, ſie habe meine heftige Leidenſchaft für ſie nie geahnt. Doch bleibt mir hier⸗ über noch ein leichter Zweifel wegen eines Umſtandes, den ich Dir ſogleich mittheilen werde. „Hätte dieſe geſchwiſterliche Vertraulichkeit ſtets fortdauern können, ſo würde mir dieſes Glück vielleicht genügt haben, aber eben, indem ich die Seligkeiten deſſelben genoß, dachte ich daran, daß bald mein Dienſt oder die neue Laufbahn, die der Fürſt für mich wünſchte, mich nach Wien zurückrufen oder ins Ausland ſen⸗ den könnte; ich dachte endlich daran, daß der Tag herannahe, wo der Großherzog daran denken würde, ſeine Tochter auf eine ihrer würdige Weiſe zu vermählen. „Dieſe Gedanken quälten mich um ſo mehr, als der Augen⸗ blick meiner Abreiſe herannahte. Meine Couſine bemerkte bald die Veränderung, die in mir vorging. Am Tage vor meiner Ab⸗ reiſe ſagte ſie mir, daß ſie mich ſeit einiger Zeit finſter, trübe, ver⸗ ſtimmt finde. Ich ſuchte ihren Fragen auszuweichen, ich ſchrieb meinen Trübſinn einer unbeſtimmten Unbehaglichkeit zu. — „Das kann ich Ihnen nicht glauben,“ ſagte ſie, „mein Va⸗ ter behandelt Sie faſt wie einen Sohn; — Alles liebt Sie, — ſich dann noch unglücklich zu finden, wäre doch Undankbarkeit.“ — „Nun denn,“ ſagte ich zu ihr, ohne meiner Bewegung Meiſter werden zu können, „nein, es iſt nicht Unbehagen, es iſt ein Kummer, ein tiefer Kummer, den ich empfinde.“ — „Und warum? was iſt Ihnen geſchehen?“ fragke ſie mich mit Theilnahme. — „So eben ſagten Sie mir, Cuufine, daß Ihr Vater mich 38 wie einen Sohn behandle, daß Alles hier mich liebe. — Nun alſo! binnen Kurzem werde ich mich allen dieſen liebevollen Zuneigungen entziehen, ich werde — Gerolſtein verlaſſen müſſen, und, ich geſtehe es Ihnen, dieſer Gedanke bringt mich zur Verzweiflung.“ — „Und iſt denn die Erinnerung an Jene, die uns theuer ſind, nichts, lieber Couſin?“ — „O gewiß! aber die Jahre, die Ereigniſſe führen oft ſo viele plötzliche Veränderungen herbei.“ — „Nun, ſo giebt es wenigſtens noch Zuneigungen, die nicht veränderlich ſind; — die, die mein Vater für Sie hat, . .. die, die ich für Sie fühle, gehören zu dieſer Zahl; Sie wiſſen es doch — man iſt Bruder und Schweſter, um ſich nie zu vergeſſen,“ fügte ſie hinzu, indem ſie ihre großen blauen, thränenfeuchten Angen zu mir aufſchlug. „Dieſer Blick machte mich ganz verwirrt, — ich war auf dem Punkte, mich zu verrathen; — zum Glück bezwang ich mich. — „Es iſt wahr, daß die Zuneigung fortdauert,“ entgegnete ich verlegen, „aber die Stellungen verändern ſich. Sehen Sie, liebe Couſine, glauben Sie, wenn ich in einigen Jahren wieder⸗ kehre, daß dieſe reizende Vertraulichkeit zwiſchen uns wird fort⸗ beſtehen können?“ — „Und warum ſollte ſie es nicht?“ — „Weil Sie dann ohne Zweifel vermählt ſein werden, Coufine! andere Pflichten haben und Ihren armen Bruder bald vergeſſen haben werden.“ „Ich ſchwöre Dir es, mein Freund! ich ſagte ihr kein Wort mehr, ich weiß nicht, ob ſie in jenen Worten ein Geſtändniß fand, das ſie verletzte, vder ob ſie wie ich traurig ergriffen war von dem 39 Gedanken an die Veränderungen, die die Zukunft in ünſerm Ver⸗ hältniſſe herbeiführen mußte, — ſtatt mir zu antworten, blieb ſie einen Augenblick ſchweigend, niedergeſchlagen, dann ſtand ſie plötzlich mit bleichem, tiefergriffenen Geſichte auf und ging fort, nachdem ſie einige Augenblicke lang die Stickerei der jungen Gräfin von Oppenheim, einer ihrer Ehrendamen, betrachtet hatte, die während unſers Geſprächs in einer der Fenſterniſchen des Salons — hatte. „Am Abende deſſelben Tages erhielt i von meinem Vater abermals einen Brief, der mich ſchleunigſt hierher zurückrief. Am andern Morgen ging ich zum Großherzoge, um mich zu beurlauben. Er ſagte mir, daß meine Couſine etwas leidend ſei, daß er meine Abſchiedsgrüße für ſie übernehmen wolle, dann umarmte er mich väterlich, bedauerte meine ſchnelle Abreiſe, mehr aber noch, daß ſie durch den wankenden Geſundheitszuſtand meines Vaters bedingt werde, erinnerte mich an ſeine Rathſchläge in Bezug der neuen Laufbahn, die ich antreten ſollte, und fügte hinzu, daß er nach der Rückkehr von meinen Miſſionen oder bei Urlauben mich ſtets mit lebhaftem Vergnügen in Gerolſtein wieder ſehen werde⸗ „Glücklicherweiſe fand ich bei meiner Ankuft hier den Geſund⸗ heitszuſtand meines Vaters etwas beſſer; — er iſt noch angegriffen und ſehr ſchwach, aber er flößt mir keine ernſtlichen Beſorgniſſe mehr ein. Leider bemerfte er meine Niedergeſchlagenheit, meinen Trübſinn, mehrere Male drang er vergebens in mich, ihm die Urſache meines Kummers anzuvertrauen. Ich wagte es, trutz ſeiner großen Zärtlichkeit für mich, nicht; — Du kennſt ſeinen ſtrengen Wider⸗ willen gegen Alles, was einen von oder Ver⸗ heimlichung hat. „Geſtern wachte ich allein bei ihm; — ich glubte ihn einge⸗ Gerolſtein. 3 40 ſchlafen; trübe nachdenkend, konnte ich die Thränen nicht zurück⸗ halten, die bei der Erinnerung an die ſchönen Tage in Gerolſtein ſtill über meine Wangen herabrollten. — Er ſah mich weinen, denn er ſchlummerte kaum, und ich, in meinen Schmerz vertieft, bemerkte ſein Erwachen nicht; — mit der rührendſten Güte befragte er mich, — ich ſchob die Schuld meiner Traurigkeit auf die Unruhe, die mir ſein Geſundheitszuſtand einflöße, aber er ließ ſich durch dieſe Ausflucht nicht täuſchen. „Nun, da Du Alles weißt, mein guter Mar! ſage ſelbſt, iſt meine Lage nicht verzweifelt, — was ſoll ich thun? — wozu mich entſchließen? — „O, mein Freund! ich kann Dir meine Angſt nicht ſchildern! — Mein Gott! was wird noch geſchehen! — Alles iſt auf immer verloren! — Ich bin der unglücklichſte der Menſchen, wenn mein Vater ſein Vorhaben nicht aufgiebt. — „Höre, was geſchehen iſt. — „So eben beendigte ich dieſen Brief, als zu meinem größten Erſtaunen mein Vater, den ich auf ſeinem Lager glaubte, in das Cabinet trat, wo ich ſchrieb; — er ſah auf dem Schreibtiſche den erſten Briefbogen ſchon liegen und mich ſchon am Ende des zweiten. — „An wen ſchreibſt Du ſo viel?“ fragte er mich lächelnd. — „An Marx, lieber Vater!“ — „O!“ ſagte er zu mir mit dem Ansvruc liebevollen Vor⸗ wurfs, „ich weiß es, er beſitzt Dein volles Vertrauen, — er iſt recht glücklich.“ „Er ſprach dieſe letzten Wort: in einem ſo ſchmerzbewegten 41 Tone aus, daß ich, tief ergriffen, ihm, ohne zu überlegen, meinen Brief an Dich hinreichte und ausrief: — „Leſen Sie, mein Vater!“ „Mein Freund! er hat Alles geleſen. Weißt Du, was er mir ſagte, nachdem er einige Zeit in tiefem Nachdenken verſunken war? — „Heinrich! Ich werde dem Großherzog ſchreiben, was wäh⸗ rend Deines Aufenthalts in Gerolſtein vorgegangen iſt.“ — „O, mein Vater! ich beſchwöre Sie, — thun Sie es nicht.“ — „Was Du Mar hier mittheilſt, iſt es Alles buchſtäblich ſo wahr?“ — „Ja, mein Vater!“ — „In dieſem Falle war Dein Betragen durchaus rechtlich und ehrenhaft. Der Fürſt wird es zu würdigen wiſſen. Aber Du ſollſt Dich auch in Zukunft ſeines edlen Vertrauens nicht un⸗ würdig zeigen, was unfehlbar geſchehen würde, wenn Du von ſeinem Anerbieten Gebrauch oder vielmehr Mißbrauch machteſt, um nach Gerolſtein zurückzukehren und Dich von ſeiner Tochter lieben zu laſſen.“ — „Aber können Sie glauben, Vater —2“ — „Ich glaube, daß Du mit Leidenſchaft liebſt und daß die Leidenſchaft früher oder ſpäler eine ſchlechte Rathgeberin iſt.“ — „Wie, mein Vater! und Sie würden dem Fürſten ſchreiben, daß —“ — „Daß Du raſend in Deine Couſine verliebt biſt.“ — „Um Gotteswillen, Vater! thun Sie das nicht.“ — „Liebſt Du Deine Couſine?“ — „Ich bete ſie an, aber —“ „Mein Vater unterbrach mich: „Dann werde ich dem Großherzog ſuriibeinu und für Dich die ſeiner Tochter verlangen.“ — „Vater! Ein ſolches Begehren wäre unſinnig von meiner — „Es iſt wahr. — Aber doch muß ich dieſes Geſuch offen und frei an den Fürſten ſtellen, ihm die Gründe auseinander ſetzen, die mich zu dieſem Schritte beſtimmen. Er hat Dich mit der herz⸗ lichſten Gaftfreundſchaft aufgenummen, ſich mit väterlicher Güte gegen Dich benommen, — es wäre meiner und Deiner unwürdig, ihn zu täuſchen. — Ich kenne den Adel ſeiner Seele, er wird das Offene, Ehrliche meines Schrittes fühlen; wenn er Dir dann die Hand ſeiner Tochter abſchlägt, wie dies faſt unzweifelhaft iſt, ſo wird er wenigſtens künftig, wenn Du nach Gerolſtein zurückfehrſi, wiſſen, daß Du nicht mehr mit der Prinzeſſin in ſo naher Ver⸗ traulichkeit leben kannſt. Du haſt mir, mein Sohn!“ fügte mein Vater voll Güte hinzu, „freiwillig den Brief gezeigt, den Du an Mar ſchriebſt. Ich weiß nun Alles; — es iſt nun meine Pflicht, dem Großherzog zu ſchreiben, — und ich werde es thun.“ „Du weißt es, mein Freund! mein Vater iſt der Beſe der Menſchen, aber er iſt von eiſerner Willensfeſtigkeit, wenn es ſich um das hanelt, das er ſeine Pflicht nennt; — ſtelle Dir daher meine Angſt, meine Furcht vor. Obwohl der Schritt, den er thun will, offen und ehrenhaft iſt, beunruhigt er mich darum doch. — Wie wird der Großherzog dieſes thörichte Verlangen aufnehmen? — Wird er ſich nicht beleidigt fühlen? — Wird die Prinzeſſin Amalie ſich nicht auch verletzt fühlen, daß ich meinen Vater ohne ihre Zuſtimmung einen ſolchen Schritt thun ließ? — 43 „O mein Freund, bedaure mich! — Ich weiß nicht, was ich denken ſoll. — Es ſcheint mir, daß ich in einen Abgrund hinab⸗ ſtarre, — und daß der Schwindel mich erfaßt .. „Ich ſchließe eiligſt dieſen langen Brief; — bald werde ich Dir wieder ſchreiben. Noch einmal! bedaure mich, denn ich werde noch wahnſinnig, wenn das Fieber, das in mir wüthet, noch lange fortdauert. Lebe wohl! — Lebe wohl! — Von ganzem Herzen und für immer Dein Freund Heinrich.“ Und nun wollen wir den Leſer in das Schloß Gerolſtein führen, das Marien⸗Blume ſeit ihrer Rückkehr aus Frankreich bewohnt. — IV. Die Prinzeſſin Amalie. as Gemach, das Marien-Blume (die wir nur officiell die Prinzeſſin Amalie nennen werden) im großherz. Schloſſe bewohnte, war durch Rudolphs Sorgfalt mit außerordentlichem Geſchmacke und großer Eleganz eingerichtet worden. Vom Balkon des Bet⸗ zimmers der jungen Prinzeſſin erblickte man in der Ferne die beiden Thürme des St. Hermenegilds-Kloſters, die, über hohen Baum⸗ Maſſen emporragend, ſelbſt wieder durch ein waldiges Gebirge überragt wurden, an deſſen Fuße ſich die Abtei erhob. An einem ſchönen Morgen ließ Marien⸗Blume ihre Augen über dieſe reizende Landſchaft, die ſich in maleriſcher Fernſicht vor ihr entwickelte, hinſchweifen. — Die Haare glatt anliegend und ſehr einfach friſirt, trug ſie ein leichtes Frühlingskleid mit blaß⸗ blauen, zarten Streifen auf weißem Grunde, ein breiter, über die Schultern einfach zurückſchlagender Battiſt⸗Kragen ließ die Enden und den Knoten einer leichten Halsbinde ſehen, die blau war, wie der Gürtel ihres Kleides. 2 — — 8 In einem großen künſtlich geſchnitzten Armſtuhle von Ebenholz mit reichem rothſammtnen Rückenpolſter ſaß ſie, den Arm auf eine der Lehnen des Stuhls geſtützt, den Kopf etwas geſenkt und ihn mit ihrer kleinen weißen, von leichtblauen Adern n Hand etwas unterſtützend. Die niedergeſchlagene Stellung Marien⸗Blumens, ihre Bläſſe, ihr ſtarrer unverwandter Blick, die Bitterkeit ihres halben Lächelns zeigten von einem tiefen Trübſinne. Nach einigen Augenblicken erleichterte ein tiefer, ſchmerzlicher Seufzer ihre gepreßte Bruſt. Sie ließ die Hand, mit der ſie bisher den Kopf unterſtützt hatte, in den Schooß ſinken, und ihr Antlitz neigte ſich immer mehr auf ihre Bruſt herab. Man würde geſagt haben, daß die Arme ſich unter der Laſt eines großen Unglückes niederbeuge. In dieſem Augenblicke trat eine ſchon etwas bejahrte Dame, von ernſtem und ausgezeichnetem Aeußern, mit geſchmackvoller Ein⸗ fachheit gekleidet, ſchüchtern und zögernd in das Betzimmer und huſtete leiſe, um die Aufmerkſamkeit Marien⸗Blumens auf ſich zu ziehen. Dieſe, aus ihrer Träumerei erwachend, hob lebhaft ihr Köpſchen empor und ſagte, indem ſie die Eintretende voll Anmuth grüßte: — „Was bringen Sie, liebe Gräfin?“ — „Ich komme Ew. Hoheit zu benachrichtigen, daß der gndigit Herr Sie bittet ihn zu erwarten; er wird in einigen Minuten hier ſein,“ ſagte die Ehrendame der Prinzeſſin mit achtungsvoller Förmlichkeit. — „Ich habe mich ſo eben gewundert, meinen Vater heute noch nicht umarmt zu haben; — ich etwarte ſeinen täglichen Mor⸗ genbeſuch mit Ungeduld. — Aber ich hoffe doch nicht, daß ich das 46 Vergnügen, Sie, liebe Gräſin! ſchon zwei Tage nach einander bei mir zu ſehen, einer Unpäßlichkeit des Fräuleins von Harneim zu⸗ ſchreiben ſoll. „Mögen Ew. Hoheit ganz meſent ſein, Frinlein von Harneim hat mich gebeten, heute ihre Stelle bei Ew. Hoheit zu vertreten, morgen wird ſie die Ehre haben, ihren Dienſt bei Ew. Hoheit wieder anzutreten, die dieſe kleine Verwechſelung gewiß entſchuldigen werden.“ — „Gewiß! denn ich verliett ja nichts dabei; chben ich das Vergnügen gehabt habe, Sie zwei Tage in meiner Geſellſchaft zu ſehen, werde ich zwei andere Fräulein von Harneim bei mir haben.“ „Ew. Hoheit ſind zu gütig,“ — entgegnete die Ehrendame mit einer tiefen Verbeugung, „Ihre außerordentliche Güte ermuthigt mich, Sie um eine Gnade zu bitten.“ — „Sprechen Sie, liebe Gräfin, ſprechen Sie; Sie kennen ja meine ſtete Bereitwilligkeit Ihnen gefällig zu ſein.“ — „Es iſt wahr, daß Ew. Hoheit mich längſt an ſo viele Güte gewöhnt haben; — aber es handelt ſich hier um einen ſo pein⸗ lichen Gegenſtand, daß ich nicht den Muth haben würde, davon anzu⸗ fangen, wenn hier nicht ein außerordentliches gutes Werk zu thun wäre; — auch rechne ich diesfalls gunz auf die äußerſte Nachſicht Ew. Hoheit.“ — „Sie haben meine Nachſicht nie nöthig, liebe Gräfn! ich bin Ihnen im Gegentheil ſtets hoch verpflichtet für jede Gelegen⸗ heit, die Sie mir bieten, ein wenig Gutes thun zu können.“ — „Es handelt ſich um ein armes Geſchöpf, welches unglück⸗ licherweiſe Gerolſtein ſchon verlaſſen hatte, ehe Ew. Hoheit Ihr ſo nützliches und mildthätiges Werk für arme verwaiſte oder verlaſſene 47 Mädchen, die nichts vor den böſen Shnſien ſch it hatten.“ — „Und was — ſie gethant — was wünſchen Sie für ſie?“ — „Ihr Vater, ein ſehr abenteuerlicher Menſch, ging nach Amerika, ſein Glück zu ſuchen; — er ließ ſeine Frau und ſeine Tochter in höchſt bedrängten Umſtänden zurück. Die Mutter ſtarb, die Tochter, kaum 16 Jahre alt, ſich ſelbſt überlaſſen, verließ ihre Heimath und folgte einem Verführer nach Wien; — er verließ ſie bald, und wie das immer zu geſchehen pflegt, ſonführte dieſer erſte Schritt auf dem Wege des Laſters die Unglückliche bald an den Abgrund der Verworfenheit, — binnen Kurzem wurde ſie, wie ſo viele andere elende Geſchöpfe, die Schande ihres Geſchlechts.“ Marien⸗Blume ſchlug die Augen nieder, erröthete und konnte einen leiſen Schander nicht verbergen, der ſie überlief und den auch die Ehrendame bemerkte; — dieſe, fürchtend, daß ſie die keuſche Empfindlichkeit der Prinzeſſin verletzt habe, fuhr verlegen fort: — „Ich bitte Ew. Goheit tanſend Mal um Vergebung, wenn ich Sie unangenehm berührt habe, indem ich Ihre Blicke auf ein ſo entartetes Weſen lenkte, aber die Unglückliche zeigt eine ſo auf⸗ richtige Reue 4. daß ich glaube es wagen zu dürfen, ſie um etwas Mitleid zu bitten.“ n — „Und Sie haben vollkommen Recht. — Fahrn Sie fort! — Ich bitte Sie darum,“ — ſagte Marien⸗Blume, ihre innere Bewegung überwindend, — „alle Verirrungen ſind unſeres Mit⸗ leides würdig, wenn ihnen Reue folgt.“ — „Was hier auch geſchehen iſt, wie ich es bereits die Ehre hatte, Ew. Hoheit zu verſichern. Nach zwei Jahren dieſes ſchänd⸗ lichen Lebens kam das Licht der Gnade über die arme Verlaſſene. Von ſpäten Gewiſſensbiſſen gequält, iſt ſie hierher zurückgekehrt. 48 Der Zufall wollte es, daß ſie nach ihrer Ankunft hier eine Wohnung bei einer würdigen Wittwe bezog, deren Frömmigkeit und Sauft⸗ muth allgemein bekannt ſind. Ermuthigt durch die fromme Güte dieſer Frau, geſtand ihr das arme Geſchöpf alle ihre Verirrungen mit der Verſicherung, daß ſie einen tiefen Abſcheu gegen ihre ver⸗ gangene Lebensweiſe fühle und daß ſie gerne mit der härteſten Buße das Glück erkaufen wolle, in einem Kloſter aufgenommen zu wer⸗ den, um ſich durch fromme Werke mit Gott und den Menſchen aus⸗ zuſöhnen. Die würdige Matrone, der ſie ſich anvertraute, wußte, daß ich die Ehre habe der nächſten Umgebung Ew. Hoheit anzu⸗ gehören; ſie ſchrieb mir, um mir dieſe Unglückliche zu empfehlen, vaß ſie durch die allvermögende Vermittlung Ew. Hoheit bei der Prinzeſſin Juliane, Oberin des Kloſters, als Laienſchweſter in St. Hermenegild eintreten könne; — ſie bittet zu den beſchwerlichſten Arbeiten verwendet zu werden, damit ihre Buße um ſo verdienſt⸗ licher ſei. Ich wollte mit dieſem Mädchen erſt einige Male ſpre⸗ chen, ehe ich mir erlauben konnte, Ew. Hoheit Gnade für ſie in Anſpruch zu nehmen, und ich habe mich feſt überzeugt, daß ihre Neue ernſt und dauerhaft iſt. Nicht Elend, nicht Alter führen ſie auf den Pfad des Guten zurück, ſie iſt kaum 18 Jahre alt, ſehr ſchön und beſitzt eine kleine Summe Geldes, die ſie zu einem mild⸗ thätigen Zwecke verwenden will, wenn ſie die erlangt, um die ſie bittet.“ — „Ich übernehme die Sorge für Shren Schützling,“ ſagte Marien⸗Blume, indem ſie ihre Verwirrung nur ſchwer verbarg, denn ihr eigenes Leben bot ja eine ſo vollſtändige Aehnlichkeit mit dem der Unglücklichen, für die ihre Gnade in Anſpruch genommen wurde; dann fügte ſie hinzn: „Die Reue dieſer Armen iſt zu lobenswerth, um ſie nicht zu unterſtützen.“ 49 — „Ich weiß nicht, wie ich Ew. Hoheit meine Erkenntlichkeit ausdrücken ſoll. Ich wagte es kaum zu hoffen, daß Sie ſich herab⸗ laſſen würden, ſo mildthätig Antheil an dem Looſe eines ſolchen Geſchöpfes zu nehmen.“ — „Sie hat gefehlt, — ſie bereut . . ., ſagte Marien Blume mit einem unausſprechlichen Ausdruche des Erbarmens und der Traurigkeit, — „s iſt nicht mehr als gerecht, Mitleid mit ihr zu haben. Je aufrichtiger ihre Reue iſt, deſto ſchmerzlicher muß ſie ſein, liebe Gräfin.“ — „Ich glaube, ich höre Se. Hoheit!“ — ſagte plötzlich die Ehrendame, ohne die heftige und ſtets ſteigende Bewegung Marien⸗ Blumens zu bemerken. Wirklich trat in dieſem Augenblicke auch Rudolph, einen großen Roſenſtrauß in der Hand, in den Salon vor dem Betzimmer. Bei dem Anblicke des Fürſten zog ſich die Gräfin beſcheiden zurück. Kaum war ſie verſchwunden, als Marien⸗Blume an die Bruſt ihres Vaters ſtürzte, ihre Stirne an ſeine Schulter lehnte und ſo einige Augenblicke ohne zu ſprechen blieb. — „Guten Tag, — guten Tag, mein liebes Kind!“ ſagte Rudolph, indem er ſeine Tochter zärtlich in ſeine Arme ſchloß, ohne ihre Tranrigkeit zu bemerken, — „ſieh doch dieſen Roſenſtrauß an, ich habe heute ſchon Ernte für Dich gehalten, und das hat mich verhindert früher zu kommen; — ich meine, daß ich Dir noch nie einen ſchönern Strauß gebracht habe; nun ninen! —“ Und mit dieſen Worten machte der Fürſt, der noch immer ſein Bouquet in der Hand hielt, eine leichte Bewegung zurück, — um ſich ſanft von ſeiner Tochter loszumachen und ſie zu betrachten; — aber als er ſie in Thränen ſah, warf er die Blumen auf einen Liſch, preßte Marien⸗Blumens Hände feſt in die ſeinigen und rief: — 1 — 50 — „Du weinſt! Mein Gott! Was iſt Dir denn?“ — „Nichts, nichts, mein guter Vater!“ ſagte Marien⸗ Blum, ihre Thränen trocknend, indem ſie zu lächeln verſuchte. — „Ich beſchwöre Dich, ſage mir, was Du nß Was kann Dich ſo betrübt haben?“ . — „Ich verſichere Sie, lieber Buter nichts was Sie beun⸗ ruhigen könnte. Die Gräfin hat meine Theilnahme für ein armes — unglückliches — mitleidwerthes Mädchen in Anſpruch genommen, — und gegen meinen Willen hat mich ihre Sihhung ſo ge⸗ wührti % — „Wirklich! und weiter iſt es nichts?“ — „Nichts weiter!“ ſagte Marien-Blume, indem ſie das Bouquet von dem Tiſche nahm, auf den es Rudolph geworfen; — „aber Sie verderben mich wirklich,“ fügte ſie hinzu; „welcher prächtige Strauß, — und wenn ich daran denke, daß Sie mir jeden Tag — einen ſolchen bringen — von Ihnen ſelbſt gepflückt — „Liebes Kind!“ ſagte Rudolph, ſeine Tochter ängſtlich betrach⸗ tend, — „Du verbirgſt mir etwas. Dein Lächeln iſt ſchmerzlich, gezwungen, — ich beſchwöre Dich, — ſage vr⸗ was Dich betrübt, — laß dieſe Blumen jetzt.“ — „Oh! Sie wiſſen es ja, dieſer Strauß it meine tägliche Morgenfreude, — und dann liebe ich die Roſen ſo ſehr, — ich habe ſie immer geliebt, — Sie erinnern ſich ja noch,“ fuhr ſie mit ſchmerzlichem Lächeln fort, — „Sie erinnern ſich doch meines armen, kleinen Roſenſtockes, — von dem ich die Ueberbleibſel immer bewahrt habe.“ Bei dieſer peinlichen — an nir vnonge rief Rudolph: — „Unglückliches Kind! ſo iſt mein Argwohn doch gegründet? 51 In der Mitte all' des Glanzes, der Dich umgiebt, denkſt Du noch manchmal an jene ſchreckliche Zeit? Ach! und ich hatte geglaubt, ſie Dich durch meine Zärtlichkeit ganz vergeſſen zu machen.“ . — „Verzeihung! Verzeihung, lieber Vater! Ich wußte nicht was ich ſagte. Ich betrübe Sie — n — „Ich betrübe mich, armer Engel,“ ſagte Rndolph traurig „weil dieſe Rückblicke in das Vergangene ſchrecklich für Dich ſein müſſen; — weil ſie Dein Leben verhiften würden, wenn Du ſo ſchwach wärſt, Dich ihnen hinzugeben.“ — „Mein Vater! es geſchah zufällig — ſeit unſerer Ankunft hier iſt es das erſte Mal, daß — mülni in 5 „Es iſt das erſte Mal, daß Du mit mir davon ſprichſt, aber es iſt wahrſcheinlich nicht das erſte Mal, daß dieſe Gedanken Dich quälen. Ich hatte längſt ſchon Deine Anwandlungen von Trübſinn bemerkt und klagte oft die Vergangenheit an, daran Schuld zu ſein. — Aber meiner Sache ungewiß, wagte ich es nicht, den verderblichen Einfluß dieſer Erinnerungen zu bekämpfen, Dir das Nichtige derſelben zu zeigen, ja ihre Ungerechtigkeit; — denn wenn Dein Kummer einen andern Grund hatte, wenn die Ver⸗ gangenheit für Dich ſo war, wie ſie ſein ſollte, ein böſer ver⸗ ſchwundener Traum, ſo befürchtete ich in Dir erſt die Gedanken zu erwecken, die ich verſcheuchen wollte.“. üfohi⸗ Sun — „O, wie gut Sie ſind, — wie. ſelbſt dieſe Furcht mir Ihre liebevolle Zärtlichkeit für mich zeigt.“ 3 iE m — „Gewiß. — Meine Lage Dir gegenüber war ſchwierig. Noch einmal; — ich ſagte Dir nichts, aber ich war ſtets mit dem beſchäftigt, was Dich verſtimmte. Indem ich dieſe Heirath ſchloß, die alle meine Wünſche krönte, glaubte ich Deiner Ruhe eine neue Bürgſchaft gegeben zu haben. Ich kannte das außerordentliche 52 Zartgefühl Deines Herzens zu gut, um zu hoffen, daß Du nie — gar nie mehr an das Vergangene zurückdenken würdeſt, allein ich dachte mir immer, daß, wenn Deine Gedanken ſich zufällig dahin zurückwenden ſollten, — indem Du Dich von der edlen Frau, die Dich gekannt und mütterlich geliebt, als Du im tiefſten Unglücke warſt, als ihre Tochter behandelt ſähſt, Du das Vergangene als hinlänglich abgebüßt durch Deine Leiden betrachten und ſelbſt nach⸗ ſichtig, ja gerecht gegen Dich ſein würdeſt. — Hat meine Frau nicht durch ihre ſeltenen Eigenſchaften die Achtung Aller? — nun, wenn Du für ſie eine geliebte Tochter, eine theure Schweſter biſt, muß Dich das nicht hinlänglich beruhigen? Iſt ihre zärtliche Zu⸗ neigung nicht Deine vollſtändigſte Rechtfertigung? Sagt ſie Dir nicht, daß ſie, wie ich, weiß, daß Du Schlachtopfer, nicht Sünderin warſt, daß man Dir nichts vorwerfen kann, als das Unglück, das Dich ſchon von Deiner Geburt an verfolgte? Und hätteſt Du ſelbſt große Fehler begangen, wären ſie nicht bereits tauſendfach abgebüßt, gut gemacht durch Alles, was Du Gutes gethan haſt, was ſich an herrlichen, edlen Anlagen in Dir entwickelt hat? . — „Lieber Vater!“ — „Nein, ich bitte Dich, laß mich Dir meine Gedanken ganz mittheilen, da ein Zufall, den ich ohne Zweifel ſegnen werde, dieſes Geſpräch herbeigeführt hat. — Seit langer Zeit wünſchte ich es und bebte doch davor zurück. — Gott wolle nur, daß es eine heil⸗ ſame Wirkung habe! Ich habe Dich noch ſo vielen ſchmerzlichen Kummer vergeſſen zu machen, ich habe an Dir eine ſo hohe, heilige Sendung zu erfüllen, daß ich in mir die Kraft und den Muth gefühlt hätte, meine Liebe zu Frau von Harville, meine Freundſchaft für Murph Deiner Ruhe zu opfern, wenn ich mir hätte denken können, daß ihre An⸗ weſenheit Dir zu ſchmerzlich das Vergangene zurückruft.“ 53 — „Ach, mein guter Vater! können Sie es glauben? Ihre Anweſenheit, — ſie, die wiſſen, — was ich war, — und die doch mich zärtlich lieben, bildet ſie nicht im Gegentheil für mich das Symbol des Vergeſſens und des Vergebens? Endlich, theurer Vater! wäre mein ganzes Leben nicht troſt- und freudenlos ge⸗ weſen, wenn Sie der Verbindung mit Frau von Harville entſagt hätten? —“ — „Nicht ich allein wollte Deinem Glücke dieſes Opfer bringen. — Du weißt nicht, welche Entſagung Clemence ſich ſchon freiwillig auferlegt hatte, weil auch ſie das ganze Gewicht meiner Pflichten gegen Dich begreift.“ — „Ihre Pflichten gegen mich?! — O mein Gott! Was habe ich denn gethan, um ſo viel Rückſicht zu verdienen? —“ — „Was Du gethan haſt, armer, geliebter Engel? — Bis zu dem Augenblicke, wo Du mir zurückgegeben wurdeſt, war Dein ganzes Leben nur Kummer, Elend, Leiden, und ich werfe mir allen den Schmerz, den Gram, die Du empfandeſt, vor, als habe ich ſie verurſacht. Deßwegen auch glaube ich, wenn ich Dich lächelnd, zufrieden ſehe, daß mir vergeben iſt, — mein einziger Wunſch — mein einziges Ziel iſt, Dich ſo unendlich glücklich zu machen, als Du unglücklich warſt, Dich ſo zu erheben, als man Dich erniedrigt hat, und ich glaube, daß die letzten Spuren der Vergangenheit ſich verwiſchen ſollten, wenn Du ſiehſt, daß die ehrenhafteſten Perſonen Dir die Achtung zollen, die Dir gebührt.“ — „Mir Achtung? — o nein, nein, mein Vater, nicht mir nur meinem Range, oder vielmehr dem, der mir ihn gegeben hat.“ — „Nein, nicht Dein Rang iſt es, den man liebt und achtet, — Du biſt es, hörſt Du mich wohl, mein liebes Kind! Du biſt es, Du ganz allein. Es giebt Bandlungen, die man dem Range 54 bringt, aber es giebt auch andere, die man dem Reize, der Anmuth zollt. Du kannſt dieſe nicht unterſcheiden, weil Du nicht weißt, daß Du durch eine wunderbare Miſchung von Geiſt und Takt, die mich ſo ſtolz auf Dich macht, — in dieſe für Dich ſo neuen cerc⸗ moniöſen Verhältniſſe ſo viele Würde, Beſcheidenheit und Anmuth egſt, daß ſelbſt die hochmüthigſten Charaktere Dir nicht widerſtehen können.“ — Sie lieben mich ſo ſehr, mein Vater! und man liebt Sie ſo ſehr, daß man Ihnen zu gefallen wünſcht, indem man mir Achtung zeigt —“ — „O, Du böſes Kind,“ rief Rudolph, ſeint Tochter unter⸗ brechend und ſie zärtlich umariend. „Du böſes Kind! die Du meinem Vaterſtolze auch nicht die mindeſte Genugthuung gönnen — „ſt dieſer Stolz nicht befriedigt, mein guter Vater, wenn Sie all' das Wohlwollen, das man mir zeigt, nur auf ſich be⸗ ziehen? —“ ur u id mn m nth — „Nein, gewiß nicht, mein Fräulein,“ ſagte der Fürſt, ſeine Tochter anlächelnd, um ihre Traurigkeit zu vetſcheuchen, „nein, mein Fräulein, das iſt nicht einerlei, denn ich darf nie auf mich ſelbſt ſtolz ſein, aber ich kann und ſoll auf Sie ſtolz ſein, — ja ſtolz. — Noch ein Mal, Du weißt nicht, mit⸗ welchen göttlichen Anlagen Du begabt iſt. — In fünfzehn Monaten wurde Deine Erziehung ſo wunderbar vollendet, daß ſelbſt die gewiſſenhafteſte Mutter enthuſiaſtiſch zufrieden mit Dir ſein würde, und eben dieſe Erziehung hat den unwiderſtehlichen Einfluß, den Du auf Alles, was Dich umgiebt, vhne es zu wiſſen, übſt, nur noch vermehrt.“ — „Mein Vater! . Ihr Lob macht mich verwirtt .. — „ch ſage die Wahrheit — nur die Wahrheit. Willſt Du 55 Beiſpiele? Nun denn, ſprechen wir frei von der Vergangenheit; — ſie iſt ein Feind, den ich Mann gegen Mann bekämpfen will, dem man frei in's Antlitz blicken muß. — Nun, erinnerſt Du Dich an die Wölfin, — an jene muthige Frau, die Dich gerettet hat? Er⸗ innere Dich an jenen Auftritt im Gefängniſſe, den Du mir erzählt haſt; — eine Menge weiblicher Gefangener, mehr blödfinnig, als böſe, hatten ihre Luſt daran, eine ihrer kranken und ſchwachen Ge⸗ fährtinnen zu quälen, die ihnen als Spielwerk, als Marterwerk diente; — Du erſcheinſt, Du ſprichſt, — und dieſe Furien, über ihre feige Grauſamkeit erröthend, zeigen ſich nun gegen ihr Opfer eben ſo milde und liebevoll, als ſie eben noch bös und grauſam waren. Iſt das nichts? Endlich, iſt es nicht Dir, nur Dir allein zu danken, daß die Wölfin, dieſes unbezähmbare Weib, die Reue kennen lernte und ſich ein ehrliches arbeitſames Leben wünſchte? Glaube mir, mein liebes Kind, diejenige, die die Wölfin und ihre wilden Gefährtinnen bloß durch die Macht der Güte und das Ueber⸗ gewicht der Geiſteshoheit beherrſcht hat, wird und muß in einer andern Sphäre, in andern ganz entgegengeſetzten Verhältniſſen, durch denſelben Reiz (ächeln Sie nicht über die Vergleichung, mein Fräulein!) die ſtolze Erzherzogin Sophie und meine ganze Um⸗ gebung bezaubern, denn Große oder Kleine, Gute oder Böſe unter⸗ werfen ſich ſtets dem Einfluſſe größerer, edlerer Seelen. — Ich will Dir nicht ſagen, daß Du, in der ariſtokratiſchen Bedeutung des Wortes, eine „geborne Prinzeſſin“ biſt, das wäre nur eine armſelige Schmeichelei für Dich, mein Kind! — aber Du ge⸗ hörſt zu der kleinen Zahl jener bevorzugten Weſen, die geboren ſind, um eine Königin zu lehren, was zu thun ſei um zu bezaubern und ſich lieben zu machen; — und auch einem armen, verlaſſenen, Gerolſtein. 4 — 56 entwürdigten Geſchöpfe ſagen zu können, was zu thun iſt, um ſie zu beſſern, zu tröſten und ſich von ihr anbeten zu machen.“ — „O mein guter Vater, aus Mitleid —“ — „Deſto ſchlimmer für Sie, mein Fräulein, — es dauert ſchon zu lange Zeit, daß mein Herz überfließt, — bedenke, mit meiner Furcht, in Dir Erinnerungen an die Vergangenheit zu er⸗ wecken, die ich verſcheuchen wollte, die ich für immer verſcheuchen werde, — wagte ich es nie mit Dir von dieſen Vergleichungen, dieſen Annäherungen zu ſprechen, die Dich in meinen Augen an⸗ betungswürdig machen. Wie oft waren Clemenre und ich entzückt über Dich, wie oft hat ſie mir nicht tiefgerührt, mit Thränen in den Augen, geſagt: „Iſt es nicht wunderbar, daß dieſes theure Kind das iſt, was ſie geworden iſt, nach alle dem Unglücke, das ſie ver⸗ folgt hat, oder vielmehr,“ — fuhr Clemence fort, — „iſt es nicht wunderbar, daß das Unglück, ſtatt dieſe edle und ſeltene Natur zu ſchwächen, im Gegentheile Alles, was an Edlem und tiſin in ihr lag, nur um ſo ſchärfer hervortreten ließ? — Bei dieſen Worten öffnete ſich die Thüre des Salons, und Cle⸗ mence, Großherzogin von Gerolſtein, trat mit einem Briefe in der Hand herein. — „Hier, mein Freund!“ — ſagte ſie zu Rudolph, — „hier iſt ein Brief aus Frankreich. Ich habe ihn Dir ſelbſt bringen wollen, um mein faules Kind zu umarmen, das ich dieſen Morgen noch gar nicht geſehen habe,“ — ſetzte Clemence hinzu, indem ſie Marien⸗Blume zärtlich umarmte. — „Dieſer Brief kommt gerade recht,“ — ſagte Rudolph heiter, nachdem er ihn flüchtig durchblickt hatte, — „wir ſprechen gerade eben von der Vergangenheit, — von dieſem Ungeheuer, das 5 . wir unaufhörlich bekämpfen wollen, — meine gute Clemence! — denn es bedroht die Ruhe und das Gläck unſeres Kindes.“ — „Wäre es wahr, mein Freund? Dieſe Anfälle von Trüb⸗ ſinn, die wir bemerkten —“ — „Hatten keinen andern Grund, als ſchlimme Erinnerungen; aber glücklicherweiſe kennen wir jetzt unſern Feind, — und wir werden ihn beſiegen.“ — „Aber von wem iſt denn der Brief, mein Freund?“ — fragte Clemence. — „Von der guten Lachtaube, von Germain's Frau —“ — „Lachtaube!“ — rief Marien-Blume, „welches Glück von ihr etwas zu erfahren!“ — „Mein Freund!“ ſagte Clemence leiſe zu Rudolph, nach Marien-Blume blickend, „fürchteſt Du nicht, daß dieſer Brief — ihr zu peinliche Erinnerungen zurückruft?“ — „Grade pieſe Erinnerungen ſind es, die ich vernichten will, und ich bin gewiß, daß ich in dem Briefe der guten Lachtaube herr⸗ liche Waffen gegen ſie finden werde; — denn dieſes liebenswürdige, ſeelengute Geſchöpf betete ja unſer Kind an und ſchätzte es, wie es geſchätzt zu werden verdient.“ Und Rudolph las mit lauter Stimme folgenden Brief. „Pacht⸗Meierhof von Bouqueval, am 15. Aug. 1841. „Gnädigſter Herr! „Ich nehme mir die Freiheit Ihnen zu ſchreiben, um Ihnen „ein großes Glück mitzutheilen, das uns geworden iſt, und um „Sie, dem wir ſchon ſo viel verdanken, oder vielmehr dem wir „das Paradies verdanken, in dem wir leben, mein Germain, ich „und ſeine gute Mutter, — um eine neuc Gunſt zu bitten. 4* 58 „und nun hören Sie, gnädigſter Herr! um was es ſich handelt; „ſeit zehn Tagen bin ich wie närriſch vor Freuden, denn ſeit zehn „Tagen habe ich einen kleinen Engel von einer Tochter; — ich „finde, daß ſie das ganze Ebenbild Germain's iſt; — er meint, ſie „wäre mein Bild, und unſere gute Mama Georges ſagt, daß ſie „uns allen Beiden ähnlich iſt; — im vollen Ernſte aber hat die „Kleine ſo liebe blaue Augen wie Germain, und kohlſchwarze „allerliebſte Haare, ſo wie ich⸗ Unter Anderm, mein Mann iſt, „gegen ſeine Gewohnheit, ganz unbillig; er will unſere Kleine „immer auf dem Schooße haben . während ich — und das 3 „iſt doch mein Recht; nicht wahr, gnädigſter Herr?“ — „Wackere junge Leute!“ ſagte Rudolph, „wie glücklich ſie ſein müſſen! Wenn es je ein paſſendes Ehepaar gab, ſo iſt es dieſes.“ — „und wie ſehr verdient Lachtaube ihr Glück!“ — agte Marien⸗Blume. — „Ich habe auch immer den Zufall geprieſen, der mich ihr begegnen ließ,“ — entgegnete Rudolph und fuhr fort: „Aber ich bitte Sie um Verzeihung, gnädigſter Herr! Sie „von ſolchen kleinen Ehſtands⸗Scenen zu unterhalten, die immer „mit einem Kuſſe endigen. nebrigens müſſen Ihnen, gnädiger „Herr! die Ohren ſchön klingen, denn es vergeht nicht ein Tag, „wo wir uns nicht Beide betrachten, — uns beide Germains, — „und ſagen: Sind wir glücklich! — Mein Gott! — ſind wir glück⸗ „lich! . . . . und natürlich kommt dann Ihr Name gleich nach „dieſen Worten Verzeihen Sie dieſe Ausſtreicherei hier, „gnädiger Herr, es iſt eine Dummheit von mir, — ich hatte, ohne „daran zu denken, hingeſchrieben: „Herr Rudolph“ wie ich ſonſt „zu Ihnen ſagte, — und ich habe das, als unſchicklich, wieder aus⸗ 59 „geſtrichen. Ich hoffe, daß Sie bei dieſer Gelegenheit finden werden, „daß meine Schrift ſich ſo gebeſſert hat, wie meine Orthographie; — „denn Germain zeigt mir immer, wie ich es machen muß, — und „ich mache jetzt auch keine ſo großen Haken mehr, krumm und „quer, — wie damals, als Sie mir noch meine Federn ſchnitten.“ — „Ich muß geſtehen,“ ſagte Rudolph lachend, „daß mein kleiner Schützling ſich hierin etwas täuſcht, und ich bin gewiß, daß Germain ihr gewiß öfter die Hand küßt, als ſie beim Schreiben leitet.“ — „Geh, mein Freund, Du biſt ungerecht,“ — ſagte Clemence den Brief betrachtend, — „es iſt etwas dick geſchrieben, aber recht leſerlich.“ — „Ja es iſt einiger Fortſchritt da,“ — fuhr Rudolph fort; — „ſonſt hätte ſie acht Seiten gebraucht, um das auf den Brief zu bringen, was ſie jetzt auf zweien ſchreibt.“ Er fuhr fort: „Es iſt doch wahr, daß Sie mir meine Federn geſchnitten „haben, gnädiger Herr! Wenn wir daran denken, wir beide Germains, „ſo ſind wir noch immer ganz beſchämt, weil wir uns erinnern, „wie wenig ſtolz Sie damals waren . .. Ach mein Gott! da ge⸗ „ſchieht es mir ſchon wieder, daß ich Ihnen von ganz etwas An⸗ „derem vorſchwatze, als warum ich Sie bitten will; — oder viel⸗ „mehr, als wir Sie bitten wollen, gnädiger Herr! denn mein Mann „bittet auch, und die Sache iſt wichtig. Wir knüpfen ſo manches „daran. — Sie werden ſehen! — Wir bitten Sie alſo, gnädigſter „Herr! ſo gütig zu ſein, unſerer kleinen lieben Tochter einen Namen „zu wählen und zu geben; — ſo haben wir es mit dem Pathen „und der Pathin ausgemacht, — und wiſſen Sie, gnädiger Herr! „wer der Pathe und die Pathin ſind? Zwei von den Perſonen, 60 „die Sie und die Frau Marquiſe von Harville aus dem Unglücke „gezogen und glücklich gemacht haben, — ſo glücklich wie uns. — „Mit einem Worte: es iſt der Steinſchneider Morel und Johanna „Duport, die Schweſter eines armen Gefangenen, des Spitzigen, — „eine gute Frau, die ich im Gefängniſſe geſehen hatte, als ich meinen „armen Germain beſuchen ging, und die die Frau Marquiſe dann „aus dem Spitale genommen hat. „Jetzt, gnädiger Herr! will ich aber, daß Sie auch wiſſen, „warum ich Herrn Morel zum Pathen und Johanna Duport zur „Pathin gewählt habe. — Wir haben zu einander geſagt, wir beide „Germains: das wird eine Art ſein, Herrn Rudolph für ſeine Güte „zu danken, wenn wir zu den Pathen unſeres Kindes brave Leute „nehmen, die ihm und der Frau Marquiſe auch Alles danken, un⸗ „gerechnet, daß der Steinſchneider Morel und Johanna Duport ein „wahrer Ausbund von Ehrlichkeit ſind. — Sie ſind von unſerm „Stande, und was mehr iſt, ſie ſind, wie ich und Germain immer „ſagen, unſere „Verwandten im Glücke“, denn ſie gehören, „wie wir, zu der Familie Ihrer Schützlinge, gnädiger Herr!“ — „Ach, lieber Vater!“ ſagte Marien⸗Blume tief bewegt, „finden Sie nicht, daß dieſer Gedanke von dem liebenswürdigſten Zartgefühle zeugt? Zu Pathen ihres Kindes Leute zu wählen, die Ihnen und meiner zweiten Mutter Alles verdanken.“ — „Sie haben Recht, liebes Kind,“ ſagte Clemence, — „dieſe EFrinnerung rührt mich tief.“ — „Und ich bin glücklich, meine Wohlthaten ſo gut angewendet zu haben,“ fiel Rudolph ein, indem er weiter las: „Uebrigens, Herr Rudolph! iſt Morel mit dem Gelde, das „Sie ihm haben geben laſſen, Händler in Edelſteinen geworden, er „gewinnt genug, um ſeine Familie ordentlich zu erziehen und jedes 61 „ſeiner Kinder ein Gewerbe lernen zu laſſen. Die gute arme „Louiſe wird, wie ich glaube, einen wackern Handwerker heirathen, „der ſie liebt und verehrt, wie ſie es verdient, denn ſie war ſehr „unglücklich, aber nicht ſchuldig, und ihr Bräutigam hat Herz genug, „um das einzuſehen.“ — „Nun, wußte ich es nicht,“ — rief Rudolph ſich zu ſeiner Tochter wendend, — „daß ich in dem Briefe dieſer lieben guten Lachtgube Waffen gegen unſern Feind finden würde! — Du hörſt, — das iſt der Ausdruck des ſchlichten, geſunden Sinnes dieſer guten ehrlichen Seele. Sie ſagt von Louiſen: „Sie war ſehr un⸗ glücklich, aber nicht ſchuldig, und ihr Bräutigam hat Herz genug, um das einzuſehen.“ Marien-Blume, die beim Anhören dieſes Briefes immer be⸗ wegter und trauriger geworden war, bebte bei dem Blicke zuſammen, den ihr Vater auf ſie richtete, als er dieſe letzten Worte ausſprach, die wir hier hervorgehoben haben. Der Fürſt fuhr fort: „Ich muß Ihnen noch ſagen, gnädiger Herr! daß Johanna „Duport durch die Großmuth der Frau Marquiſe ſich von ihrem „Manne hat trennen können, von dieſem abſcheulichen Manne, der „ihr Alles durchbrachte und ſie noch ſchlug; — ſie hat ihre ältere „Tochter zu ſich zurückgenommen und hält jetzt einen kleinen Laden „von Poſamentierarbeit, wo ſie verkauft, was ſie mit ihren Kindern „verfertigt; — ihr Geſchäft gedeiht. Es giebt gar keine glücklicheren „Menſchen! und durch wen? durch Sie, gnädiger Herr! durch die „Frau Marquiſe, die Alle Beide zu geben wiſſen und ſo richtig zu „geben. „Richtig, gnädiger Herr! Germain wird Ihnen, wie gewöhnlich, „am Ende des Monats ſchreiben, wegen der „Bank für erwerb⸗ „loſe Arbeiter“ und der „Leihanſtalt ohne Zinſen“; — „es wird faſt immer pünktlich zurückgezahlt, und man merkt ſchon, „wie viel Gutes das in der ganzen Gegend verbreitet. Jetzt können „arme Familien doch wenigſtens die arbeitsloſe Jahreszeit überdauern, „ohne' ihre Wäſche und ihre Betten in das Verſatzamt tragen zu „müſſen. — Wenn aber dann die Arbeit wieder anfängt, da muß „man auch ſehen, mit welcher Luſt ſie dazu gehen, — ſie ſind ſtolz „darauf, daß man Vertrauen auf ihre Ehrlichkeit und ihre Arbeit „gehabt hat; — mein Gott! ſie haben ja nichts Anderes. Aber, „wie ſegnen ſie Sie auch, daß Sie ihnen auf dieſe Sicherheit haben „Geld vorſtrecken laſſen. Ja, gnädiger Herr! ſie ſegnen Sie, ſie „ſegnen Sie, denn obwohl Sie ſagen, daß Sie bei dieſer Stiftung „für nichts ſind, außer daß Sie Germain zum leitenden Caſſier „ernannt haben, und daß es ein Unbefannter iſt, der dieſe große „Wohlthat gegründet hat, ſo glauben wir doch lieber, daß wir das „auch Ihnen danken; — es iſt viel natürlicher. „Aber wir haben auch eine famöſe Trompete hier, um es nach „allen vier Weltgegenden auszublaſen, daß man Sie ſegnen ſoll; — „dieſe Trompete iſt die Madame Pipelet, die zu Jedem ſagt, daß „es keinen Menſchen giebt, als ihren „König aller Mieth⸗ „bewohner“ (Sie verzeihen, Herr Rudolph! aber ſie nennt Sie „immer ſo), der ſo ein mildthätiges Werk geſtiftet haben kann, „und ihr „lieber Alter“ von Alfred iſt immer ihrer Meinung. „Was ihn betrifft, er iſt ſo zufrieden, ſo ſtolz auf ſeinen Poſten „als Hüter der „Arbeiter⸗Bank“, daß er behauptet, ſelbſt die Ver⸗ „folgungen des Herrn Cabrion wären ihm jetzt gleichgültig. Und „damit ich Ihnen Alles erzähle von der großen „Familie Ihrer „Schützlinge“, ſo muß ich noch hinzuſetzen, daß Germain in den „Zeitungen geleſen hat, daß ein gewiſſer Martial, ein Coloniſt in 63 „Algier, mit großen Lobeserhebungen genannt wird, weil er an der „Spitze ſeiner Meierknechte einen Schwarm plündernder Araber „muthig zurückgeſchlagen hat, und daß ſeine Frau, eben ſo un⸗ „erſchrocken wie er, an ſeiner Seite, wo ſie wie ein Grenadier un⸗ „verdroſſen ihre Flinte abfeuerte, leicht verwundet worden iſt. Seit „ieſer Zeit, ſagt das Journal, heißt man ſie dort nur: Madame „Musketierin! „Entſchuldigen Sie dieſen langen Brief, gnädiger Herr! aber „ich habe mir gedacht, daß Sie nicht böſe ſein werden, Nachrichten „von denen zu erhalten, deren ſchützende Vorſehung Sie geweſen „ſind. Ich ſchreibe Ihnen von dem Meierhofe von Bouqueval, „wo wir ſeit dem Frühjahre mit unſerer guten Mutter ſind. Ger⸗ „main geht des Morgens ſeinen Geſchäften nach und kommt Abends „wieder. Im Herbſte kehren wir wieder nach Paris zurück. Wie „das komiſch iſt, Herr Rudolph, ich, die ich das Land nicht leiden „konnte, ich bete es jetzt an. — Ich erkläre mir das daraus, weil „Germain es ſo gerne hat. — Richtig! bei Gelegenheit des Meier⸗ „hofes, Sie werden gewiß wiſſen, Herr Rudolph, wo die gute „kleine Nachtigall iſt; wenn Sie dazu Gelegenheit haben, ſo ſagen „Sie ihr doch, daß man ſich hier immer auf ſie als das ſanfteſte „und beſte Weſen von der Welt erinnert, und daß ich z. B. nie „an unſer Glück denke, ohne mir zu ſagen: Da der Herr Rudolph „auch der Herr Rudolph dieſer lieben Marien⸗Blume war, ſo „wird ſie durch ſeine Güte gewiß eben ſo glücklich ſein, wie wir „Andern; — und das läßt mich mein Glück noch ſchöner finden. „Mein Gott! mein Gott, was ich da zuſammenſchwatze, was werden Sie ſagen, gnädiger Herr! Ah bah! Sie ſind ſo gut „Und ſehen Sie, das iſt Ihre Schuld, wenn ich ſo viel plappre „und ſo luſtig bin wie Papa Cretu und Ramonette, die es nicht 64 „mehr wagen, es mit mir im Geſang aufzunehmen. Glauben „Sie mir, Herr Rudolph, ich ſage es Ihnen, ich ſchlage ſie ganz „zu Boden. „Sie werden uns unſere Bitte nicht abſchlagen, nicht wahr, „gnädiger Herr? Wenn Sie unſerm lieben kleinen Mädchen einen „Namen geben, ſo muß ihr das Glück bringen, es wird wie ihr „guter Stern ſein; — ſehen Sie, Herr Rudolph! ich und mein „guter Germain, wir wünſchen uns oft Glück, auch das Mißgeſchick „kennen gelernt zu haben, weil wir nun doppelt fühlen, wie glücklich „unſer Kind ſein wird, nicht zu wiſſen, was das Elend iſt, das „wir durchgemacht haben. „Wenn ich damit ſchließe, Ihnen zu ſagen, Herr Rudolph, „daß wir ſo viel als möglich ſuchen, hier und dort, nach unſern „Mitteln, armen Leuten beizuſtehen, ſo geſchieht das nicht, um „uns damit zu prahlen, ſondern damit Sie wiſſen mögen, daß wir „nicht für uns allein behalten, was uns das Glück durch Sie ge⸗ „geben hat, und wir ſagen auch immer zu denen, denen wir helfen: „Nicht uns müßt ihr danken und ſegnen .. . ſondern Herrn Rudolph, „dem beſten, edelmüthigſten Menſchen, den es auf der Welt giebt; „und ſie halten Sie für einen Heiligen, — wenn nicht für mehr. „Leben Sie wohl, gnädiger Herr! und glauben Sie mir, daß, „wenn unſere Kleine einmal zu buchſtabiren anfängt, das erſte „Wort, das ſie leſen lernt, Ihr Name ſein wird, und dann die „Worte, die Sie auf meinen Brautkorb haben ſchreiben laſſen: „Arbeit und Tugend! Ehre und Glück!“ „Dank dieſen vier Worten, unſerer Zärtlichkeit und unſerer „Sorgfalt! — mit ihnen hoffen wir, gnädiger Herr! unſer Kind „ſo zu erziehen, daß es ſtets würdig ſein wird, den Namen des⸗ 65 „jenigen zu nennen, der unſere und aller Unglücklichen, die er ge⸗ „kannt hat, ſchützende Vorſehung war. „Verzeihung, gnädiger Herr! aber ich habe, indem ich jetzt „ſchließe, große Thränen in den Augen .. . aber das ſind Thränen, „die wohlthun. — Entſchuldigen Sie, — es iſt nicht meine Schuld .. „aber ich ſehe nicht mehr recht, was ich kritzle. „Ich habe die Ehre, gnädiger Herr! Sie mit ebenſo viel Verehrung, als Erkenntlichkeit zu grüßen. Ihre ergebenſte Lachtaube, Frau Germain.“ „N. S. Ach mein Gott, gnädiger Herr, indem ich meinen „Brief noch einmal durchleſe, ſehe ich, daß ich Sie oft Herr „Rudolph genaunt habe. Sie werden mir das vergeben, — „nicht wahr? Sie wiſſen doch, daß wir Sie unter dieſem oder einem andern Namen verehren und immer ſegnen.“ V. Erinnerungen. Jute kleine Lachtaube!“ ſagte Clemence gerührt durch den Brief, den Rudolph ſo eben vorgeleſen hatte. „Dieſer einfache Brief iſt voll Gefühl.“ — „Gewiß,“ ſagte Rudolph, „eine Wohlthat war hier gut angewendet. — Unſer Schützling iſt mit einer herrlichen Natur begabt, ihr Herz iſt Gold, — und unſer liebes Kind ſchätzt ſie wie wir,“ — fügte er hinzu, ſich gegen ſeine Tochter wendend. Plötzlich aber erſchrocken über ihre Bläſſe und Niedergeſchlagen⸗ heit, rief er aus: — „Aber, was iſt Dir denn?“ — „Ach! welcher ſchreckliche Abſtand zwiſchen meiner Lage und der der guten Lachtaube. — Arbeit und Tugend, Ehre und Glück; — ach! dieſe vier Worte ſagen Alles, was ihr Leben war, was es ſein wird. Als Mädchen tugendhaft und arbeitſam, als Gattin geliebt, als Mutter glücklich, als Frau geehrt, — das iſt ihr Lvos, während ich —“ — „Großer Gott! was ſagſt Du?“ 67 „Verzeihung, mein guter Vater! Klagen Sie mich nicht des Undankes an, aber trotz Ihrer unerſchöpflichen Zärtlichkeit, trotz der Liebe meiner zweiten Mutter, trotz der Verehrung und des Glanzes, die mich umgeben, ja ſelbſt trotz Ihrer Fürſtenmacht, — meine Schande iſt unauslöſchlich. — Nichts kann das Vergangene ungeſchehen machen. — Noch einmal, Verzeihung, mein Vater, ich habe es Ihnen bis jetzt verborgen, — aber die Erinnerung an meine frühere Entwürdigung macht mich verzweifeln und wird mich tödten.“ — „Clemence! — hören Sie! —“ rief Rudolph faſt ver⸗ zweifelt. — „Aber, unglückliches Kind!“ — ſagte Clemence, indem ſie liebevoll Marien⸗Blumens Hände in den ihrigen preßte, — „be⸗ weiſt Ihnen denn nicht unſere Zärtlichkeit, die verdiente Zuneigung Aller, die Sie umgeben, daß das Vergangene für Sie nur ein leerer, böſer Traum ſein ſoll?“ — „O welch bitteres Verhängniß!“ — fuhr Rudolph fort — „wie verwünſche ich jetzt meine Furcht, mein Stillſchweigen, — dieſer unglückliche Gedanke, nur zu lange ſchon in ihrem Geiſte eingewurzelt, hat fürchterliche Verheerungen in ihrer Seele ange⸗ richtet: und es iſt zu ſpät, dieſen bedauernswerthen Irrthum zu bekämpfen. — Oh! ich bin ſehr unglücklich!“ — „Muth, mein Freund!“ ſagte Clemence zu Rudolph, — „Du ſagteſt ja eben noch: es iſt beſſer, den Feind zu kennen, der uns bedroht. Wir wiſſen jetzt die Urſache des Grames unſeres lieben Kindes, und wir werden darüber ſiegen, denn wir haben die Vernunft, die Gerechtigkeit und unſere Liebe für uns.“ — „Und dann, würde ſie nicht ſehen, daß, wenn ihr Trüb ſinn unheilbar wäre, es auch der unſere werden würde, — fuhr 68 Rudolph fort, — „denn wahrlich, es hieße an aller göttlichen und menſchlichen Gerechtigkeit verzweifeln, wenn dieſes unglückliche Kind nur die Art ihrer Qualen vertauſcht haben ſollte.“ Nach einem langen Stillſchweigen, während dem Marien⸗ Blume ſich zu faſſen ſchien, nahm ſie Rudolph bei der einen, — Clemence bei der andern Hand und ſagte mit tief ergriffener Stimme: — „Hören Sie mich, mein guter Vater, und auch Sie, meine liebe Mutter! — es iſt ein feierlicher, entſcheidender Tag heute. — Gott hat gewollt, daß es mir unmöglich ſein ſoll, Ihnen länger noch zu verbergen, was ich fühle. — Binnen Kurzem hätte ich Ihnen doch das Geſtändniß abgelegt, das Sie hören werden, denn jedes Leiden hat ſein Ziel und — ſo verborgen auch das meinige war, — ich hätte es nicht länger mehr verſchweigen können.“ — „Oh! ich begreife Alles,“ — ſchrie Rudolph ſchmerzlich, — es iſt keine Hoffnung mehr für ſie.“ „Ich hoffe auf die Jukunft, mein Vater, und dieſe Hoffnung gibt mir die Kraft, ſo zu Ihnen zu ſprechen.“ „Und was kannſt Du von der Zukunft erwarten, armes aud, da Dir die Gegenwart nur Kummer und Schmerz ver⸗ urſacht?“ — „Ich will es Ihnen ſagen, mein Vater, — aber erlauben Sie mir früher noch, Ihnen die Vergangenheit zurückzurufen und Ihnen vor Gott, der mich hört, zu geſtehen, was ich bis jetzt ge⸗ fühlt habe —“ — „Sprich — ſprich — wir hören Dich,“ ſagte Rudolph, indem er ſich mit Clemence zu Marien⸗Blume ſetzte. — „So lange ich in Paris blieb, — bei Ihnen, mein Vater!“ ſagte Marien⸗Blume, — „war ich ſo glücklich, — oh! ich war vollkommen glücklich, ſo daß dieſe ſchönen Tage ſelbſt durch jahre⸗ 69 lange Leiden nicht zu theuer erkauft ſein dürften. — Sie ſchen alſo — ich habe wenigſtens das Glück kennen gelernt.“ — „Einige Tage nur!“ — „Ja, aber welches reine, ungetrübte Glück! Sie umgaben mich, wie immer, mit der zärtlichſten Sorgfalt. Ich überließ mich ohne Rückhalt den Ausbrüchen meiner Erkenntlichkeit und Zuneigung gegen Sie. — Die Zukunft bezauberte mich, — ein Vater, den ich anbeten, eine zweite Mutter, die ich doppelt lieben ſollte, — da ſie mir die erſte erſetzte, die ich nie gekannt hatte. — Und dann, — ich will es Ihnen geſtehen, — wider meinen Willen er⸗ hob ſich mein Stolz darauf, Ihnen anzugehören. Als die kleine Zahl jener Perſonen, die Sie in Paris umgaben, mich „Hoheit“ nannten, wenn ſie mit mir ſprachen, wurde ich unwillkührlich durch dieſen Titel geſchmeichelt. Wenn ich damals unbeſtimmt an die Vergangenheit zurückdachte, ſo geſchah es, um zu mir ſelbſt zu ſagen: Ich, einſt ſo erniedrigt, bin die geliebte Tochter eines mäch⸗ tigen Fürſten, den Jeder ſegnet und verehrt; ich, einſt ſo elend, ich erfreue mich alles Glanzes des Ueberfluſſes und eines faſt könig⸗ lichen Daſeins. — Ach! was wollen Sie, mein Vater! — mein Glück war ſo überraſchend, — Ihre Macht umgab mich mit ſo hellem Glanze, daß ich zu entſchuldigen bin, wenn ich mich ſo blenden ließ.“ — „Zu entſchuldigen! — Oh! nichts iſt natürlicher, armer geliebter Engel! War es denn Unrecht, auf einen Rang ſtolz zu ſein, der Dir gebührte, Dich der Vorzüge einer Stellung zu er⸗ freuen, die ich Dir wiedergegeben hatte? Oh, ich erinnere mich wohl, damals warſt Du ſo herzlich fröhlich, wie oft ſankſt Du, uberwältigt vom Glücke, in meine Arme und riefſt mit bezaubern⸗ dem Tone jene Worte, die ich leider nicht mehr hören werde: 70 „Mein Vater! — es iſt zu viel — zu viel des Glückes!“ — unglücklicherweiſe haben eben dieſe Erinnerungen mich ein⸗ geſchläfert, — mich in eine ſorgloſe Sicherheit gewiegt, und ſo habe ich mich ſpäter über die Urſachen Deines Trübſinnes nicht beunruhigt.“ — „Aber ſagen Sie mir doch, mein Kind,“ — ſiel Clemence ein, — „was hat die ſo reine, ſo gerechte Freude, die Sie damals empfanden, in Traurigkeit verwandeln können?“ — „Ach! ein trauriger, unvorhergeſchener Umſtand.“ — „Welcher Umſtand?“ — „Sie erinnern ſich doch, mein Vater,“ ſagte Marien⸗Blume, indem ſie ſich eines Bebens voll Entſetzen nicht erwehren konnte, — „Sie erinnern ſich jenes fürchterlichen Auftrittes, der unſerer Ab⸗ reiſe von Paris vorherging, — als Ihr Wagen an der Barrière angehalten wurde —“ — „Ja wohl!“ — ſagte Rudolph traurig — „Wackerer Chourineur! — nachdem er mir noch einmal das Leben gerettet hatte, iſt er geſtorben, — dort — vor uns — ſeine letzten Worte waren: der Himmel iſt gerecht, — ich habe getödtet, man tödtet mich.“ — „Nun, mein Vater! in dem Augenblicke, wo dieſer Un⸗ glückliche ſeinen Geiſt aushauchte, — wiſſen Sie, wen ich da er⸗ blickte, — ſah, das ſtarre Auge auf mich gerichtet? — O, dieſer Blick — dieſer Blick — hat mich ſeitdem immer verfolgt,“ fügte Marien⸗Blume ſchaudernd hinzu. — „Welcher Blick? — Von wem ſprichſt Du?“ ſchrie Rudolph. — „Von der Wirthin vom weißen Kaninchen,“ — murmelte Marien-Blume kaum hörbar. ——— 71 — „Dieſes Ungeheuer! — Du haſt ſie wiedergeſehen? — und wo?“ — „Sie haben ſie nicht bemerkt, — in der Wirthsſtube, wo der Chourineur geſtorben iſt; — ſie war unter den Frauen, die ihn umgaben.“ — — „Ach!“ — ſagte Rudolph ſchmerzlich erſchüttert, — „jetzt begreife ich. Vom Schrecken über den Mord des Chourineurs er⸗ griffen, glaubteſt Du einen höheren Fingerzeig in dieſer ſchreck⸗ lichen Begegnung zu ſehen?“ — „Es iſt nur zu wahr, mein Vater! bei dem Anblicke der Wirthin fühlte ich einen Todesſchauer mich überlaufen, es ſchien mir, als ob mein damals von Freude und Glück überſtrömendes Herz unter ihrem Blicke erſtarre. — Ja, dieſer Frau in dem Augenblicke zu begegnen, wo der Chvurineur ſterbend ſagte: der Himmel iſt gerecht; dies ſchien mir ein Tadel, eine Zurecht⸗ weiſung der Vorſehung wegen meines übermüthigen Vergeſſens der Vergangenheit, — einer Vergangenheit, die ich nur durch Reue und Demuth abbüßen ſollte.“ — „Aber dieſe Vergangenheit wurde Dir ja aufgezwungen; — Du biſt, vor Gott, nicht verantwortlich dafür.“ — „Sie wurden bethört, — verlockt, — gezwungen, armes Kind.“ — „Einmal willenlos in dieſen Abgrund geſtürzt, konnteſt Du trotz Deiner Gewiſſensbiſſe ihn nicht wieder verlaſſen, Dich trotz Deines Abſcheus und Deiner Verzweiflung nicht dieſer ſchrecklichen Geſellſchaft entziehen, deren Schlachtopfer Du warſt. — Du ſahſt Dich für immer an dieſe Hölle gefeſſelt; — und Dich aus ihr zu befreien, mußte mich der Zufall in Deinen Weg führen.“ — „Und dann, mein Kind! — Ihr Vater ſagt es eben — Gerolſtein. 5 72 Sie ſind ein Opfer, aber nicht eine Mitſchuldige dieſer Schändlich⸗ keiten,“ — ſetzte Clemence hinzu. — „Aber dieſe Schändlichkeiten, — ſie haben mich berührt, vergiftet, — meine Mutter,“ — fuhr Marien⸗Blume ſchmerzlich fort. — „Nichts kann dieſe ſchmerzlichen Erinnerungen vernichten — ſie verfolgen mich ohne Unterlaß — nicht wie ſonſt in der Mitte friedlicher Landbewohner oder gefallener Frauen, meiner Gefährtinnen in St. Lazarus, — nein, ſie verfolgen mich bis in dieſen Palaſt, — den Sitz der Edelſten Deutſchlands. Sie ver⸗ folgen mich bis in den Armen meines Vaters, — bis an den Stufen ſeines Thrones.“ Und Marien⸗Blume brach in bittere Thränen aus. Rudolph und Clemence blieben ſtumm vor dieſem ſchrecklichen Ausdrucke unüberwindlicher Gewiſſensbiſſe; — ſie weinten auch, — denn ſie fühlten die Unmacht ihres Troſtes. — „Seitdem,“ ſagte Marien⸗Blume, ihre Thränen trocknend, „ſagte ich mir in jedem Augenblicke des Tages mit bitterer Scham: man ehrt, man achtet mich, die ausgezeichnetſten, ehrwürdigſten Perſonen umgeben mich mit Hochachtung; — im Angeſichte des ganzen Hofes hat die Schweſter eines Kaiſers ſich herabgelaſſen mein Stirnband zu befeſtigen; — und ich habe in dem Schmutze der Cité gelebt, gedutzt von Dieben und Mördern. — O mein Vater, verzeihen Sie mir, aber je mehr ſich meine Stellung er⸗ hoben hat, — deſto mehr wurde ich von der tiefen Entwürdigung ergriffen, in die ich geſunken war; — bei jeder Huldigung, die man mir zuollt, fühle ich mich einer Entweihung ſchuldig, — be⸗ venken Sie es doch ſelbſt, mein Gott, geweſen zu ſein, was ich war, — und nun es zu dulden, daß ehrwürdige Greiſe ſich vor mir beugen, daß junge edle Mädchen, achtungswerthe Frauen ſich 73 geſchmeichelt fühlen, mir zu nahen, — ja zuzugeben, daß durch ihren Charakter und ihre geweihte Stellung doppelt erhabene Für⸗ ſtinnen mich mit Güte und Lobſprüchen überhäufen, — iſt das nicht Frevel, — Gottesläſterung? — O wenn Sie es wüßten, mein Vater, — was ich gelitten habe, — was ich noch jeden Tag bei dem Gedanken leide: wenn nun Gott wollte, daß meine Ver⸗ gangenheit bekannt würde, — mit welcher verdienten Verachtung würde man die behandeln, die man jetzt ſo hoch erhebt! — O, welche ſchreckliche und gerechte Strafe!“ — „Aber, unglückliches Kind, meine Gattin und ich, — wir kennen Deine Vergangenheit, — wir ſind unſerer Stellung würdig, — und doch lieben und verehren wir Dich.“ — „Sie haben für mich die blinde Zärtlichkeit liebevoller Aeltern.“ — „Und all das Gute, das Du ſeit Deinem Aufenthalte hier gethan haſt, jene ſchöne und fromme Anſtalt, jener durch Dich ge⸗ gründete, allen armen verwaiſten oder verlaſſenen Mädchen offene Zufluchtsort, jene liebevolle und aufmerkſame Sorgfalt, mit der Du ſie umgiebſt — Dein Beharren darauf ſie„Deine Schweſtern“ zu nennen, zu wollen, daß ſie Dich Schweſter nennen, da Du ſie auch als ſolche behandelſt —: iſt denn das alles nichts, um Fehl⸗ tritte abzubüßen, die nicht die Deinigen waren? Und jene Zu⸗ neigung, die Dir die würdige Aebtiſſin von St. Hermenegild zeigt, die Dich doch erſt ſeit Deiner Ankunft hier kennt, dankſt Du ſie nicht blos der Erhebung Deines Geiſtes, der Schönheit Deiner Seele und Deiner aufrichtigen Frömmigkeit?“ — „Sobald die Lobſprüche der frommen Frau nur mein gegen⸗ wärtiges Leben betreffen, erfreue ich mich ihrer ohne Bedenken, mein Vater! aber wenn ſie mein Beiſpiel den edeln Fräulein im Kloſter als Muſter aufſtellt, — wenn dieſe in mir ein Vorbild aller Tugenden ſehen, — vann fühle ich mich vor Scham und Ver⸗ wirrung vergehen, als ſei ich Mitſchuldige einer unwürdigen Lüge.“ Nach einem langen Stillſchweigen begann Rudolph mit ſchmerz⸗ licher Niedergeſchlagenheit: — „Ich ſehe, daß ich es aufgeben muß, Dich zu überreden; — alle Vernunftgründe ſind ohnmächtig gegen eine ſo unüberwind⸗ liche Uebetzeugung, die aus einem edeln und erhabenen Gefühle herſtammt, da Du immer und immer Deine Blicke auf die Ver⸗ gangenheit zurückrichteſt. — Der Abſtand zwiſchen dieſen Erinne⸗ rungen und Deiner gegenwärtigen Stellung muß für Dich wirklich eine beſtändige Marter ſein. — Verzeihe mir, was ich daran Schuld trage, armes Kind.“ — „Ich Ihnen verzeihen, mein Vater? — Ja, großer Gott! was denn?“ — „Deine zarte Empfindlichkeit nicht vorher berückſichtigt zu haben. — Da ich Dein weiches, feinfühlendes Herz kannte, hätte ich das Alles vorausſehen ſollen. — Und doch — was konnte ich thun? — Es war meine Pflicht, Dich feierlich als meine Tochter anzuerkennen, und ſo mußten Dich dieſe Auszeichnungen, dieſe Ehrenbezeugungen umgeben, die Dich ſo ſchmerzlich berühren. — Ja! — aber ich habe ein Unrecht gehabt, — das, zu ſtolz auf Dich zu ſein, — ich wollte mich zu ſehr des anziehenden Reizes erfreuen, den Dein Geiſt, Dein Charakter auf alle die ausüben mußten, die Dich umgaben. — Ich hätte meinen Schatz verbergen, faſt in der Zurückgezogenheit mit Dir und Clemence leben ſollen, — allen dieſen Feſten, dieſen feierlichen Empfängen entſagen müſſen, wo ich Dich ſo gerne glänzen ſah, weil ich thörichterweiſe glaubte, Dich ſo hoch — ſo hoch erheben zu können, daß das Vergangene 75 Deinen Augen entſchwinden würde. — Aber, ach! das Gegentheil iſt eingetroffen, und, wie Du es ſagteſt, je mehr ich Dich erhob, deſto mehr erſchien Dir der Abgrund, dem ich Dich entriſſen hatte, tief und ſchrecklich. — Noch ein Mal! das iſt meine Schuld. 2 Und ich glaubte doch gut zu thun,“ — ſagte Rudolph, ſeine Thränen trocknend, — „aber ich habe mich getäuſcht. — O ich glaubte mir zu frühe vergeben, — die Rache des Himmels iſt noch nicht be⸗ friedigt, — ſie verfolgt mich in dem Glücke meiner Tochter.“ Es wurde leiſe an der Thüre des Vorſaales geklopft; dieſer Schall unterbrach das traurige Geſpräch. Rudolph ſtand auf und öffnete die Thüre. Er erblickte Murph, der zu ihm ſagte: — „Ich bitte Ew. Hoheit um Vergebung Sie geſtört zu haben, aber ein Courrier des Prinzen von Herkauſen-Oldenzaal bringt dieſes Schreiben, das, wie er ſagt, ſehr wichtig iſt und Ew. Hoheit ſogleich übergeben werden ſoll.“ — „Ich danke Dir, mein guter Murph! — Entferne Dich nicht,“ — ſagte Rudolph mit einem Seufzer, — „ich werde bald nöthig haben, mit Dir zu ſprechen.“ Nachdem der Fürſt die Thüre wieder geſchloſſen hatte, blieb er einen Augenblick in dem Vorſaale, um den Brief, den Murph gebracht hatte, zu leſen. Er lautete, wie folgt: „Ew. Hoheit! „Darf ich hoffen, daß die Verwandtſchaftsbande, die mich an „Ew. Hoheit knüpfen, und die Freundſchaft, mit der Sie mich „ſtets beehrt haben, einen Schritt entſchuldigen werden, der eine „große Kühnheit wäre, würde er mir nicht durch mein Bewußtſein „als ehrlicher Mann anbefohlen? 76 „Es ſind jetzt fünfzehn Monate, gnädiger Herr, daß Sie aus „Frankreich zurückkehrten und eine Ihnen um ſo theurere Tochter „mitbrachten, als Sie ſie ſchon verloren glaubten, während ſie nie „ihre Mutter (die Sie in Paris in extremis geheirathet hatten, „um die Geburt Ihrer Tochter zu legitimiren) verlaſſen hatte. „Ihre Geburt iſt alſo fürſtlich, ihre Schönheit unvergleichlich, „ihr Herz eben ſo würdig ihrer Abkunft, als ihr Geiſt ihrer Schön⸗ „heit, wie mir meine Schweſter die Aebtiſſin von St. Hermenegild „ſchreibt, die die vielgeliebte Tochter Ew. Hoheit ſo glücklich iſt, „oft zu ſehen. „Jetzt, gnädiger Herr! gehe ich frei an den Gegenſtand dieſes „Briefes, da unglücklicherweiſe eine ernſte Krankheit mich in Olden⸗ „zaal zurück⸗ und abhält, perſönlich bei Ew. Hoheit zu erſcheinen. „Während des Aufenthaltes meines Sohnes in Gerolſtein hat „er faſt täglich die Prinzeſſin Amalie geſehen, — er liebt ſie mit „voller Gluth ſeiner Seele, — aber er hat ihr ſeine Liebe ſtets „verbo gen — „Ich hielt es für meine Pflicht Sie hiervon zu unterrichten. „Sie haben die Güte gehabt meinen Sohn mit väterlichem Wohl⸗ „wollen bei ſich aufzunehmen, Sie haben ihn eingeladen, wieder in „den Kreis Ihrer Familie zurückzukehren und dort in jener freund⸗ „lichen Vertraulichkeit zu leben, die ihm ſo thener war; — ich „würde Ihres Zutrauens unwürdig zu handeln glauben, wenn ich „Ihnen dieſen Umſtand verſchwiege, der auf den künftigen Empfang „meines Sohnes weſentlichen Einfluß haben muß. „Ich weiß, daß es von uns thöricht wäre, auf eine noch engere „Verbindung mit der Familie Ew. Hoheit zu hoffen. „Ich weiß, daß die Tochter, auf die Sie mit vollem Rechte „ſo ſtolz ſind, gnädiger Herr! ein höheres Loos anſprechen kann. 77 „ „Aber ich weiß auch, daß Sie der zärtlichſte Vater ſind, und „daß, wenn Sie je meinen Sohn der Hand Ihrer Tochter für würdig „und ihn für fähig halten ſollten, die Prinzeſſin Amalie glücklich „zu machen, Sie ſich nicht durch das große Mißverhältniß, das „zwiſchen unſerer Stellung und unſerem Vermögen herrſcht, abhalten „laſſen würden. „Es kömmt mir nicht zu, Heinrichs Lobredner zu ſein, gnädiger „Herr! aber ich berufe mich auf die Lobſprüche und Ermuthigungen, „die Sie ſo gütig waren ihm vft zu Theil werden zu laſſen. „Ich kann nichts mehr ſagen, und wage es auch nicht, gnädiger „Herr! meine Bewegung iſt zu groß. „Wie auch immer Ihre Entſcheidung ausfallen mag, ſo wollen „Sie glauben, daß wir uns derſelben achtungsvoll unterwerfen „werden und ich ſtets unverändert in der ergebenſten Geſinnung „erharre, mit der ich die Ehre habe zu zeichnen „Ew. königlichen Hoheit „Ergebenſter Freund und Diener „Guſtav Paul, Prinz von Herkauſen⸗Oldenzaal.“ WVI. Geſtändniſſe. Ph. dem Leſen dieſes Briefes des Fürſten, Heinrichs Vater, blieb Rudolph einige Zeit traurig und nachdenkend; dann leuchtete ein Strahl von Hoffnung auf ſeinem Geſichte und er kehrte zu ſeiner Tochter zurück, an die Clemence vergebens die zärtlichſten Troſtesworte verſchwendete. — — „Mein Kind, Du haſt es ſelbſt geſagt, — Gott hat ge⸗ wollt, daß der heutige Tag der der feierlichen Erklärungen ſein ſollte,“ ſagte Rudolph zu Marien⸗Blume, — „ich ahnte es nicht, daß ein neuer, unvorhergeſehener Umſtand Deine Worte rechtfertigen ſollte.“ — „Um was handelt es ſich, mein Vater?“ — „Mein Freund! was haſt Du?“ — „Neue Urſache zu Befürchtungen.“ — „Für wen denn, mein Vater?“ Ft Dich Für nich?“ „Du haſt mir nur die Hälfte Deines Kummers geſtanden, armes Kind.“ 79 — „Lieber Vater!“ — ſagte Marien-Blume erröthend, — „ſein Sie ſo gütig — ſich zu erklären.“ — „Ich kann es jetzt, — ich durfte es früher nicht Wan da ich nicht wußte, bis zu welchem Grade Du über Dein Loos ver⸗ zweifelteſt. Höre zu, meine geliebte Tochter, — Du glaubſt Dich, oder vielmehr, Du biſt ſehr unglücklich. Als Du mir beim Be⸗ ginne unſerer Unterredung von Hoffnungen ſprachſt, die Dir blie⸗ ben, — habe ich Dich verſtanden, — mein Herz brach; — denn es handelte ſich für mich darum, Dich auf immer zu verlieren, — Dich in einem Kloſter eingeſchloſſen, — Dich lebend in das Grab 6 zu ſehen. — Du wollteſt in's Kloſter gehen? . . — „Mein Vater —“ — „Mein Kind, iſt es ſo?“ — „Ja! — wenn Sie es mir erlauben!“ — rief Marien⸗ Blume mit erſtickter Stimme. — „Uns verlaſſen?“ — ſchrie Clemence. — „Das Kloſter von St. Hermenegild iſt fo nahe an Gerol⸗ ſtein, daß ich Sie oft ſehen werde, Sie und meinen Vater.“ — „Aber bedenken Sie doch, liebes Kind, daß dieſe Gelübde ewig ſind, — daß Sie noch achtzehn Jahre alt ſind, — und daß vielleicht — eines Tages — — „Oh! ich werde den Entſchluß, den ich faſſe, nie ich werde Ruhe und Vergeſſenheit nur in der ſtillen Einſamkeit eines Kloſters finden, wenn nur Sie, mein theurer Vater, und Sie, meine gute Mutter, mir Ihre Zärtlichkeit erhalten.“ — „Die Pflichten und Tröſtungen eines gottgeweihten Lebens,“ ſagte Rudolph, „könnten die Schmerzen Deiner armen nieder⸗ gedrückten und zerriſſenen Seele allerdings, — wenn nicht heilen, 80 — doch ſtillen. — Und obwohl es ſich um mein halbes Lebensglück handelt, ſo iſt es möglich, daß ich Deinen Eniſchluß billige. Ich weiß, daß Du leideſt, und ich will nicht behaupten, daß Dein Ent⸗ ſagen der Welt und ihrer Freuden nicht das verhängnißvolle un⸗ vermeidliche Gränzziel Deines Daſeins ſein ſollte.“ — „Wie! — auch Du, Rudolph?“ — rief Clemence. — „Erlaube mir, liebe Freundin, mich ganz zu erklären,“ — fuhr Rudolph fort; — dann ſich zu ſeiner Tochter wendend, ſagte er: „aber ehe wir dieſen äußerſten Entſchluß faſſen, müſſen wir prüfen, ob nicht eine andere Zukunft Deinen und unſern Wün⸗ ſchen mehr entſprechen dürfte. In dieſem Falle würde ich kein Opfer ſcheuen, welches es auch ſein möge, um Dir dieſe Zukunft zu gründen.“ Marien⸗Blume und Clemence machten eine Bewegung der neberraſchung; — Rudolph fuhr, ſeine Tochter feſt anblickend, fort: — „Was denkſt Du . von Deinem Couſin, dem Prinzen Heinrich?“ Marien⸗Blume bebte und wurde purpurroth. Nach einem Augenblicke des Schwankens warf ſie ſich weinend in die Arme ihres Vaters. — „Du liebſt, armes Kind?“ — „Sie haben mich nie darum gefragt, mein Vater!“ — antwortete Marien⸗Blume, ihre heißen Thränen trocknend. — „Mein Freund! — wir haben uns nicht getäuſcht“ — ſagte Clemence. — „Du liebſt ihn alſo?“ — fuhr Rudolph fort, indem er beide Hände ſeiner Tochter in die ſeinigen preßte, — „Du liebſt ihn ſehr, mein ſüßes Kind?“ — „Oh! wenn Sie wüßten,“ entgegnete Marien⸗Blume, — 81 „was es mich gekoſtet hat, dieſes Gefühl vor Ihnen zu verbergen, als ich es in meinem Herzen entdeckte. — Ach! bei der geringſten Frage hätte ich Alles geſtanden. — Aber die Scham hielt mich zurück — und hätte mich ſtets zurückgehalten.“ — „Und glaubſt Du, daß Heinrich — Deine Liebe für ihn kennt?“ fragte Rudolph. — „Großer Gott! — mein Vater, — ich glaube es nicht!“ — ſchrie Marien⸗Blume mit Entſetzen. — „Und er — glaubſt Du, daß er Dich liebt?“ „Nein, mein Vater! — nein! — O, ich hoffe, daß nicht — er würde zu viel leiden —“ „Und wie iſt dieſe Liebe entſtanden, mein geliebter Engel?“ — „Ach! faſt mir unbewußt — Sie erinnern ſich doch eines Pagen⸗Portraits —“ — „Welches in dem Zimmer der Aebtiſſin von St. Hermene⸗ gild war; — das war Heinrichs Bild.“ — „Ja, mein Vater. In dem Glauben, daß dieſes Bild einer längſt entſchwundenen Zeit angehöre, verbarg ich eines Tages, in Ihrer Gegenwart, mein Vater, nicht, wie ſehr ich von der Schönheit dieſes Bildes ergriffen ſei. Sie ſagten mir damals ſcherzend, daß dieſes Bild einen unſerer Verwandten aus alten Zeiten vorſtelle, der in früher Jugend ſchon großen Muth und vor⸗ zügliche Eigenſchaften entwickelt habe. — Die Anmuth dieſer Geſtalt und das, was Sie mir von dem edlen Charafter dieſes Verwandten geſagt hatten, erhöhte noch den Eindruck, den das Bild auf mich machte. Seit jenem Tage hatte ich mir oft darin gefallen, die Züge dieſes Bildes in mein Gedächtniß zurückzurufen, und dies ohne das mindeſte Bedenken, da ich es für das Bild eines längſt verſtorbenen Vetters hielt. — Nach und nach gewöhnte ich mich an 82 dieſe füßen Gedanken, und da ich wußte, daß es mir nicht erlaubt ſei, Jemanden auf Erden zu lieben,“ — ſagte Marien⸗Blume mit ſchmerzlichem Ausdrucke und unter neuen Thränen, — „ſo bildete ich mir aus dieſen ſonderbaren Träumereien eine Art von melancho⸗ uſcer Theilnahne, — hlb Lächein, halb Thränen, — ich be⸗ trachtete den ſchönen mittelalterlichen Pagen als einen Verlobten jenſeits des Grabes, — den ich vielleicht einſt in der Ewigkeit wiederfinden würde, und es ſchien mir, daß nur eine ſolche Liebe für ein Herz paſſe, das ganz Ihnen gehörte, mein Vater. — Ver⸗ geben Sie mir dieſe traurigen Kindereien.“ — „Im Gegentheile, armes Kind! — nichts iſt rührender,“ — ſagte Clemence tief bewegt. — „Nun begreife ich,“ entgegnete Rudolph, „warum Du mir eines Tages mit fummervoller Miene vorwarſſt, Dich wegen dieſes Bildes getäuſcht zu haben.“ — „Ach ja, mein Vater! Stellen Sie ſich meine Verwirrung vor, als ich ſpäter von der Aebtiſſin erfuhr, daß dieſes Bild das ihres Neffen, eines unſerer lebenden Verwandten ſei. — Meine Be⸗ ſtürzung war groß, — ich ſuchte meine erſten Eindrücke zu ver⸗ geſſen, aber jemehr ich dies wollte, deſto feſter wurzelten ſie in meinem Herzen, eben durch die Heftigkeit meiner Bemühungen. — unglücklicherweiſe hörte ich auch Sie, mein Vater, oft den Geiſt, das Herz und den Charakter des Prinzen Heinrich rühmen.“ — „Du liebteſt ihn ſchon, mein gutes Kind, da Du noch nichts als ſein Bild geſehen und nur von ſeinen ſeltenen Eigen⸗ ſchaften ſprechen gehört hatteſt.“ — „Ohne ihn zu lieben, mein Vater, fühlte ich mich zu ihm auf eine Art hingezogen, die ich mir bitter vorwarf, aber ich tröſtete mich, indem ich mir dachte, daß kein Menſch auf Erden 83 dieſes traurige Geheimniß erfahren würde, welches mich vor mir ſelbſt mit Schande bedeckte. Zu lieben wagen, — ich? — ich? — mich nicht zu begnügen mit Ihrer Liebe, mit der meiner zweiten Mutter? Dankte ich Ihnen nicht ſo viel, daß ich Alles aufbieten mußte, alle Tiefen meiner Seele erſchließen, um Sie Beide zu lieben? O glauben Sie mir, unter den Vorwürfen, die ich mir machte, waren die letzteren die ſchmerzlichſten. Endlich — bei ienem großen Feſte, das Sie der Erzherzogin Sophie gaben, — ſah ich meinen Vetter zum erſten Male. Prinz Heinrich glich ſeinem Bilde auf ſo überraſchende Weiſe, daß ich ihn augenblicklich erkannte. — Am ſelben Abende ſtellten Sie, lieber Vater! mir meinen Couſin vor und erlaubten uns jene Vertraulichkeit, die durch unſere Verwandſchaft gerechtfertigt wird. — „Und bald habt Ihr Euch geliebt?“ 1 — „Ach lieber Vater, er ſprach von ſeiner Achtung, ſeiner Anhänglichkeit, ſeiner Bewunderung für mich auf eine Art, — und dann hatten Sie ſelbſt mir ſo viel Gutes von ihm geſagt —“ — „Er verdiente es. — Es giebt keinen edleren Charakter, kein beſſeres, muthigeres Herz.“ — „Ach! um Gotteswillen! — mein Vater! — loben Sie ihn nicht ſo — ich bin ja ohnehin ſchon unglücklich genug.“ — „Und mir liegt daran, Dich von allen vorzüglichen Eigen⸗ ſchaften Deines Vetters vollkommen zu überzeugen. — Du ſtaunſt über das, was ich ſage, mein Kind. — Fahre fort! — Ich begreife Dich.“ — „Ich fühlte jeden Tag mehr, welche Gefahr mir drohte, indem' ich den Prinzen Heinrich ſah, und doch konnte ich dieſe Gefahr nicht fliehen. Ungeachtet meines blinden Zutrauens zu Ihnen, mein Vater! wagte ich es doch nicht, meine Befürchtungen 84 gegen Sie auszuſprechen. — Ich bot meinen ganzen Muth auf, um dieſe Liebe zu verbergen, und doch — ich geſtehe es Ihnen, mein Vater — hatte ich, trotz meiner Gewiſſensbiſſe, in dieſen Tagen geſchwiſterlicher Vertraulichkeit Augenblicke des Glückes, wo ich die Vergangenheit vergaß; — aber dieſe flüchtigen Strahlen eines mir bis dahin unbekannten Glückes wurden bald von finſterer Verzweiflung verdrängt, ſobald ich wieder in die Gewalt meiner traurigen Erinnerungen zurückfiel. — Denn ſie verfolgten mich ja mitten unter den Huldigungen und Achtungsbezengungen mir gleich⸗ gültiger Perſonen, um wie viel größer mußten daher meine Qualen ſein, wenn Prinz Heinrich mir die zarteſten Lobſprüche ertheilte, — mich mit frommer Verehrung umgab, indem er die geſchwiſter⸗ liche Anhänglichkeit an mich, wie er ſagte, mit der zärtlichen Er⸗ innerung an ſeine früh verlorene gute Mutter verband. — Ich ſuchte den ſüßen Namen Sch weſter, den er mir gab, zu ver⸗ dienen, indem ich ihm für ſeine Zukunft Rathſchläge ertheilte, ſo gut ich ſie nach meiner ſchwachen Einſicht geben konnte, indem ich an allem, was ihn berührte, herzlichen Antheil nahm, indem ich mir verſprach ſtets Ihr Wohlwollen, mein Vater! auf ihn zu lenken. — Aber welche Qualen empfand ich nicht auch oft, welche bittere Thränen verbarg ich nicht, wenn Prinz Heinrich mich zu⸗ fällig über meine Kindheit, über meine erſte Jugendzeit befragte. — Täuſchen! — immer täuſchen — immer fürchten — immer lügen — immer beben vor dem Blicke desjenigen, den man liebt und achtet, wie der Verbrecher zittert vor dem unerbittlichen Blicke ſeines Richters! — O mein Vater! ich war ſchuldig, ich weiß es, — ich hatte nicht das Recht zu lieben, aber ich büßte dieſe traurige Leidenſchaft auch durch tauſend Schmerzen ab. — Was ſoll ich Ihnen noch ſagen! Die Abreiſe des Prinzen Heinrich, die mir neue 85 und heftige Schmerzen verurſachte, klärte mich vollends auf, — ich ſah jetzt erſt, daß ich ihn noch mehr liebte als ich glaubte. — Auch hätte ich Ihnen“, — fügte Marien-Blume niedergeſchlagen und als hätte dieſes Bekenntniß ihre ganze Kraft erſchöpft, hinzu, — „Alles geſtanden, denn dieſe unglückliche Liebe machte das Maß meiner Leiden voll. — Nun, da Sie Alles wiſſen, mein Vater, ſagen Sie ſelbſt, — giebt es für mich eine andere Zukunft als das Kloſter?“ — „Es giebt eine andere, mein Kind! — ja! — und dieſe Zukunft iſt ſo ſchön, ſo heiter, ſo glücklich, als die des Kloſters finſter und traurig iſt.“ . — „Was ſagen Sie, mein Vater?“ — „Höre auch mich jetzt an! Du fühlſt wohl, daß ich Dich zu ſehr liebe, daß meine Zärtlichkeit für Dich zu hellſehend iſt, als daß Deine und Heinrich's Liebe mir entgangen wären; — ſchon nach einigen Tagen war ich gewiß, daß er Dich liebte, — liebt, und vielleicht mehr noch, als Du ihn liebſt —“ — „O nein — nein, mein Vater! — das iſt unmöglich! — er liebt mich nicht ſo —“ — „Er liebt Dich, ſage ich Dir. Er liebt Dich mit Leiden⸗ ſchaft, — bis zum Wahnſinne.“ — „O mein Gott! — mein Gott!“ — „Höre mich an! — Als ich jenen Scherz wegen des Bildes machte, wußte ich nicht, daß Heinrich bald ſeine Tante in Gerol⸗ ſtein beſuchen ſollte. Als er kam, folgte ich der Zuneigung, die er mir ſtets eingeflößt hatte, — ich lud ihn ein, uns oft zu beſuchen. — Ich hatte ihn immer wie meinen Sohn behandelt, — ich änderte nichts in meinem Benehmen gegen ihn. Nach einigen Tagen konnten ich und Clemence nicht mehr an dem Gefühle zweifeln, das Ihr 86 attet. Wenn Deine Lage ſchmerzlich war, mein armes für einander h Kind, ſo war die meinige auch peinlich, und dazu noch äußerſt zart. — da ich die ſeltenen und vorzüglichen — mich nur durch ſeine Neigung hätte ich mir einen Deiner Als Vater konnte ich, Eigenſchaften Heinrich's kannte, für Dich glücklich fühlen, denn nie würdigeren Gatten träumen können —“ — „O mein Vater! — Erbarmen — Erbarmen!“ „Aber als Ehrenmann dachte ich an die traurige Ver⸗ gangenheit meines Kindes. — Weit entfernt, Heinrich's Hoffnungen zu begünſtigen, gab ich ihm in mehreren Geſprächen ganz entgegen⸗ geſetzte Rathſchläge von denen, die er von mir zu erwarten ge⸗ habt hätte, wenn ich geſonnen geweſen wäre, ihm die Hand meiner Tochter zu geben. In ſo zartgeſtellten umſtänden mußte ich, als Vater und Mann von Ehre, eine ſtrenge Neutralität bevbachten, die Liebe Deines Vetters nicht ermuthigen, aber ihn mit derſelben Leutſeligkeit behandeln wie früher. Du warſt, biſt jetzt ſo un⸗ glücklich, mein liebes Kind, daß ich, — als ich Dich unter dem Ein⸗ fluſſe dieſer reinen und edeln Liebe, ſo zu ſagen, wieder aufleben ſah, — ich um keinen Preis der Welt Dir dieſe ſo ſchönen und ſo ſeltenen Freuden hätte rauben wollen. — Wenn ich auch annahm, daß dieſes Liebesband ſpäter getrennt werden ſollte, — ſo hatteſt Du wenigſtens einige Tage unſchuldigen Glückes kennen gelernt. Und endlich — konnte eben dieſe Liebe ja Deine künftige Ruhe begründen —“ — „Meine Ruhe?“ — „Höre mich ganz an. Heinrich's Vater, der Prinz Paul, ſchreibt mir ſo eben, — hier iſt ſein Brief. — Obwohl er dieſe Verbindung als ein nicht zu hoffendes Glück betrachtet, — bittet 87 er mich doch um Deine Hand für ſeinen Sohn, der, wie er ſagt, für Dich die heißeſte, aufrichtigſte Liebe empfindet.“ — „O mein Gott! mein Gott!“ — rief Marien⸗Blume, indem ſie ihr Geſicht in Hände verbarg, — „ich hätte ſo glücklich werden können — — „Muth! meine liebe Tochter! — wenn Du willſt, iſt dieſes Glück Dein,“ rief Rudolph zärtlich. — „O nein, — nein! — haben Sie vergeſſen —“ — „Ich vergeſſe nichts. Sieh! wenn Du morgen in das Kloſter trittſt, ſo verliere ich Dich nicht nur auf immer . . ſon⸗ dern Du verläßt mich auch für ein Leben voll Thränen und Traurig⸗ keit. Nun, wenn ich Dich verlieren ſoll, ſo laß mich wenigſtens Dich glücklich und mit dem Manne verbunden wiſſen, den Du liebſt — und der Dich anbetet.“ — „Mit ihm verbunden? — vermählt! — ich, mein Vater?“ „Ja, — aber unter der Bedingung, daß Ihr ſogleich nach Eurer Heirath, die hier Nachts, ohne andere Zeugen, als Murph für Dich und den Baron von Graun für Heinrich, geſchloſſen werden ſoll, abreiſt um in irgend einem friedlich ſtillen Orte Ita⸗ liens oder der Schweiz zurückgezogen, unbekannt als einfache Privat⸗ leute zu leben. Und, meine geliebte Tochter, weißt Du, warum ich mich entſchließe Dich von mir zu laſſen, weißt Du warum ich wünſche, daß Heinrich ſeinen Rang und Litel ablegt, ſo wie er Deutſchland verläßt? Weil ich ſicher bin, daß Du in der Mitte eines ſtillen abgeſchloſſenen Glückes, in einem einfachen, glanzloſen Leben nach und nach dieſe verhaßte Vergangenheit vergeſſen wirſt, die Dir darum doppelt peinlich iſt, weil ſie mit den Huldigungen und Ehrenbezeugungen, die Dich hier umgeben, ſo grell abſticht.“ — „Rudolph hat Recht,“ — rief Clemence. „Allein mit Gerolſtein. 6 88 Heinrich, — immer glücklich in ſeinem Glücke, — wird Ihnen, liebes Kind, keine Zeit bleiben, an Ihre früheren Leiden zu denken.“ — „Und da es mir unmöglich ſein dürfte, lange zu leben, ohne Dich zu ſehen, ſo würden jedes Jahr Clemence und ich Dich beſuchen.“ — „Und wenn eines Tages die Wunden, an denen Sie ſo viel leiden, arme Kleine, vernarbt ſein werden, — wenn Sie im Glücke Vergeſſenheit gefunden haben, — und dieſer Augenblick wird früher kommen, als Sie glauben, — dann kehren Sie zu uns zurück, dm uns nie mehr zu verlaſſen.“ — „Vergeſſen, — im Glücke?“ — murmelte Marien⸗Blume, nie ſich unwillkührlich von dieſen ſchönen Träumen einwiegen ließ. — „Ja, — ja, mein Kind,“ fuhr Clemence fort, — „wenn Sie ſich in jedem Augenblicke des Tages geſegnet, verehrt, ange⸗ betet durch den Mann Ihrer Wahl, durch den Mann, deſſen edles und großes Herz Ihr Vater ſo oft gerühmt hat, ſehen werden, — werden Sie da noch Zeit haben, an die Vergangenheit zu denken? Und ſelbſt wenn Sie daran denken würden, wie könnte Sie dieſe Vergangenheit noch betrüben? — wie könnte ſie Sie hindern an vas unausſprechliche Glück Ihres Gatten zu glauben?“ — „Gewiß, es iſt wahr! — Dann ſage mir, mein Kind!“ — fiel Rudolph ein, der kaum ſeine Freudenthränen verbergen konnte, als er ſeine Tochter ſchwanken ſah, — „in Gegenwart der innigen Verehrung Deines Mannes für Dich, — da Du das Bewußtſein, die Ueberzeugung des Glückes, das er Dir verdankt, vor Augen haſt, — welche Vorwürfe könnteſt Du Dir da noch machen?“ — „Mein Vater!“ — ſagte Marien-Blume, die bei dieſer entzückenden Hoffnung alles Vergangene vergaß, — „mir ſollte noch ein ſolches Glück vyrbehalten ſein?“ — 89 — „Oh! ich war deſſen gewiß,“ — rief Rudolph in einem Ausbruche triumphirender Freude, — „und ſollte denn ein Vater, wenn er es ernſilich will, ſein angebetetes Kind nicht glücklich machen können?“ — „Sie verdient ſo viel Glück, daß unſer Gebet erhört werden muß, mein Freund!“ ſagte Clemence, die das Entzücken ihres Ge⸗ mahls theilte. — „Heinrich heirathen? — eines Tages vielleicht mein Leben zwiſchen ihm und Ihnen theilen — mein guter Vater, meine zweite Mutter!“ — wiederholte Marien⸗Blume, die ſich immer mehr von der ſüßen Trunkenheit dieſer reizenden Gedanken übermannen ließ. — „Ja mein geliebter Engel! wir werden Alle glücklich ſein; — ich werde Heinrichs Vater antworten, daß ich in dieſe Heirath willige,“ — rief Rudolph, indem er in unausſprechlicher Bewegung Marien⸗Blume an ſein Herz drückte, — „beruhige Dich, unſere Trennung wird nur vorübergehend ſein. Die neuen Pflichten, die Dir Deine Heirath auferlegt, werden Deine Schritte auf dieſer Bahn des Vergeſſens und des Glückes, die Du künftig betreten wirſt, beſtärken, — und wenn Du eines Tages Mutter biſt, ſo wirſt Du nicht bloß für Dich allein glücklich zu ſein brauchen.“ — „Ach!!“ — rief Marien⸗Blume mit einem herzzerreißenden Schrei, denn das Wort Mutter hatte ſie aus dem bezaubernden Traume geweckt, in dem ſie ſich wiegte, — „Mutter! — ich? Nimmermehr! — ich bin dieſes heiligen Namens unwürdig. — Ich würde aus Scham vor meinem Kinde ſterben, — wenn ich nicht ſchon aus Scham vor ſeinem Vater geſtorben wäre, — indem ich ihm das Geſtändniß meiner Vergangenheit ablegte.“ — „Was ſagt ſie? — mein Gott!“ rief Rudolph, vernichtet von dieſer plötzlichen Veränderung. 90 — „Ich — Mutter?“ — fuhr Marien⸗Blume mit ver⸗ zweifelnder Bitterkeit fort, — „ich, geſegnet, verehrt von einem unſchuldigen, reinen Kinde? — Ich, ſonſt der Gegenſtand allgemeiner Verachtung, ich ſollte den heiligen Namen einer Mutter ſo ent⸗ weihen! — Elende Thörin, die ich war, daß ich mich zu einer ſo unwürdigen Hoffnung hinreißen ließ!“ — „Um Gottes willen! meine Tochter, höre mich!“ Marien⸗Blume richtete ſich, blaß und ſchön, mit aller Majeſtät eines unheilbaren Unglücks auf: — „Mein Vater! — vergeſſen Sie nicht, — daß Prinz Heinrich, — che er mich heirathete, mein ganzes vergangenes Leben erfahren müßte.“ — „Ich habe es nicht vergeſſen,“ — rief Rudolph, — „er ſoll Alles wiſſen, — er wird Alles erfahren.“ — „Und Sie wollen alſo, daß ich ſterbe, — mich in ſeinen Augen ſo erniedrigt zu ſehen?“ — „Aber er wird auch erfahren, welches unwiderſtehliche Ver⸗ hängniß Dich in dieſen Abgrund riß, — er wird wiſſen, wie Du Dich wieder daraus erhoben haſt —“ — „uUnd er wird fühlen,“ — ſagte Clemence, indem ſie Marien⸗Blume zärtlich in ihre Arme ſchloß, — „daß wenn ich Sie mit Stolz meine Tochter nenne, er Sie ohne zu erröthen ſeine Gattin nennen kann.“ — „Und ich, meine Mutter, — ich liebe den Prinzen Heinrich zu ſehr, — ich ſchätze ihn zu hoch, um ihm jemals eine Hand zu geben, die vyn den verworfenſten Banditen der Cité berührt worden iſt.“ 91 Kurze Zeit nach dieſem ſchmerzlichen Auftritte las man in der officiellen Zeitung von Gerolſtein: „Geſtern fand in der großherzoglichen Abtei von „St. Hermenegild, in Gegenwart Sr. königl. Hoheit „des regierenden Großherzogs und des ganzen Hofes, „die feierliche Einkleidung Ihrer Hoheit der ſehr ho⸗ „hen und ſehr mächtigen Prinzeſſin Amalie von Gerol⸗ „ſtein ſtatt. „Das Noviziats⸗Gelübde wurde von den ehrwür⸗ „digſten Herren Carl, Marimus, Erzbiſchofe von Oppen⸗ „heim, Hannibal, Andreas Montano, Fürſten von Delft, „Biſchofe von Ceuta in partibus infidelium und apo⸗ „ſtoliſchen Nuntius empfangen, die Novize erhielt den „Gruß und päpſtlichen Segen. „Die Predigt wurde durch den ehrwürdigen Herrn „Peter von Asfeld, Domherrn des Kapitels zu Cöln, „und Reichsgrafen, gehalten. „Veni ereator optime!!“ —— — VII. Das Gelübde. Rudolph an Clemence. S i Gerolſtein am 12. Januar 1843.¹). 5 Sun Du mich heute ganz wegen der Geſundheit Deines Vaters beruhigſt, liebe Freundin, läßt Du mich hoffen, daß Du ihn bis zu Ende dieſer Woche hieher zurück zu führen gedenkſt. Ich hatte es ihm vorausgeſagt, daß er in dem mitten im dichten Forſte gelegenen Schloſſe Roſenfeld, trotz aller möglichen Vorſichts⸗ maßregeln, dem ſcharfen Einfluſſe unſeres rauhen Winters aus⸗ geſetzt ſein würde; unglücklicherweiſe hat ſeine Leidenſchaft für die Jagd ihn taub für meine Rathſchläge gemacht. Ich beſchwöre Dich, Clemence, ſobald es der Geſundheitszuſtund Deines Vaters uns erlaubt, dieſe rauhe Gegend und dieſen finſtern Aufenthalt mit ihm zu verlaſſen, die nur für das abgehärtete, aber nun ausgeſtorbene Geſchlecht unſerer germaniſchen Urältern bewohnbar waren. „Ich zittere, daß Du nicht auch noch krank wirſt; — die Anſtrengung dieſer ſchnellen Reiſe, die Beſorgniſſe, die Dich, bis *) Sechs Monate ſind vergangen, ſeit Marien⸗Blume als Novize in das Kloſter von St. Hermenegild getreten iſt. 3 93 zu der Ankunft bei Deinem Vater, quälten, alles dieſes muß fürchterlich auf Dich gewirkt haben. Ach warum konnte ich Dich nicht begleiten! „Clemence! ich bitte Dich darum, — keine Unbeſonnenheit! — Ich weiß, wie entſchloſſen und hingebend Du biſt, — ich weiß mit welcher aufmerkſamen Sorgfalt Du Deinen Vater umgiebſt, aber ich würde verzweifeln, wenn Deine Geſundheit bei dieſer Reiſe auf das Spiel geſetzt würde. Ich bedauere die Krankheit des Grafen doppelt, da ſie Dich in einem Augenblicke von mir entfernt, wo ich in Deiner Zärtlichkeit ſo vielen Troſt gefunden hätte. „Die Ceremonie des Profeſſes unſeres armen Kindes bleibt auf morgen feſtgeſetzt, auf morgen den 13ten Januar — ein ver⸗ hängnißvoller Tag! — Am dreizehnten Januar ich den Degen gegen meinen Vater gezogen. „O meine Freundin! — ich glaubte mir zu frühe vergeben, — die ſüße Hoffnung, mein Leben zwiſchen Dir und meiner Tochter theilen zu können, hatte mich vergeſſen machen, daß bis jetzt nur ſie, nicht ich geſtraft worden war, — und daß meine Züchtigung noch kommen ſollte. „Und ſie iſt gekommen, — als uns vor ſechs Monaten die Unglückliche die doppelte Marter ihrer Seele enthüllt hat, — ihre unheilbare Schande der Vergangenheit, — ihre un⸗ glückliche Liebe zu Heinrich an dieſe Schande geknüpft. „Dieſe zwei bitteren, brennenden Gefühle, eines durch das andere noch geſteigert, mußten durch eine verhängnißvolle Schluß⸗ folge ihren unerſchütterlichen Entſchluß, den Schleier zu nehmen, herbeiführen. Du weißt es, liebe Freundin, daß wir bei aller Kraft unſerer Liebe für ſie, mit der wir dieſen unglückſeligen Vorſatz zu bekämpfen ſuchten, uns doch nicht verbergen konnten, daß wir, in ihrer Lage, auch ſo würdig, ſo muthig gehandelt hätten. Was ließe ſich auch jenen ſchrecklichen Worten entgegnen: „„Ich liebe den Prinzen Heinrich zu ſehr, um ihm „„eine Hand zu geben, die die verworfenſten Banditen der Cité berührt haben.““ 94 7 unauslöſchlichen Erinnerung ihrer Schande ihre Liebe zur Sühne bringen, — ſie hat es muthig gethan, — ſie hat dem Glanze dieſer Erde entſagt, ſie iſt von den Stufen des Thrones herab⸗ geſtiegen, um im Bußgewande auf dem kalten Marmorpflaſter einer Kirche zu knien, ſie hat ihre Hände über ihre Bruſt gekrenzt, ihr Engelsköpfchen zur Erde gebeugt, — und ihre ſchönen blonden Haare, die ich ſo ſehr liebte und die ich wie einen Schatz bewahre, — ſind unter dem kalten Eiſen gefallen. „O meine Freundin, Du kennſt unſern vernichtenden Schmerz in dieſem traurigen und feierlichen Augenblicke; — dieſer Schmerz iſt in dieſem Augenblicke noch eben ſo lebhaft und herzzerſchneidend als damals. Indem ich Dir dieſes ſchreibe, weine ich wie ein „ 5 „Ich habe ſie dieſen Morgen geſehen; obgleich ſie mir dieſes Mal weniger blaß ſchien, als ſonſt, und obgleich ſie behauptet, nicht zu leiden ſo fürchte ich doch für ihre Geſundheit. — Ach! wenn ich unter dem Schleier und dem Stirnbande, die ihre edle Stirne umgeben, ihre abgemagerten, marmorweißen und marmorkalten Züge ſehe, aus denen ihre blauen Augen noch größer hervortreten, kann ich mich nicht enthalten an den ſüßen und reinen Glanz zu denken, in dem ihre Schönheit bei unſerer Vermählung ſtrahlte. Nicht wahr, nie haben wir ſie reizender „Sie hat ſich dieſen edeln Bedenken aufopfern müſſen, der 4 — —————— 95 erblickt? Unſer Glück ſchien auf ihrem himmliſchen Geſichte wieder⸗ zuſtrahlen. „Wie ich es Dir ſagte, ich habe ſie dieſen Morgen geſehen; ſie wußte noch nicht, daß die Prinzeſſin Juliane für ſie der Würde der Aebtiſſin entſagt; — morgen alſo am Tage ihres Gelübdes wird unſer geliebtes Kind zur Oberin gewählt werden, da hierüber volle Einſtimmigkeit unter den geiſtlichen Frauen herrſcht, ihr dieſe Würde zu übertragen *). „Seit dem Beginne ihres Noviziates herrſcht nur eine Stimme über ihre Frömmigkeit, ihre Mildthätigkeit, ihre gewiſſenhafte Genauigkeit, alle Regeln des Ordens zu erfüllen, deren Strenge ſie oft noch übertreibt. — Sie hat im Kloſter denſelben Einfluß auf Alle ausgeübt, den ſie überall übt, ohne es zu wollen und zu wiſſen, was ihre Macht noch erhöht. „Die Unterhaltung mit ihr an dieſem Morgen hat mich in dem, was ich befürchtete, beſtärkt; ſie hat in der Einſamkeit des Kloſters und in der ſtrengen Ausübung des Ordens⸗Lebens die Ruhe und Vergeſſenheit nicht gefunden. — Doch wünſcht ſie ſich zu ihrem Entſchluſſe Glück, den ſie als die Erfüllung einer gebie⸗ teriſchen Pflicht betrachtet. Sie iſt für dieſe myſtiſchen Betrach⸗ tungen nicht geboren, unter deren Einfluſſe einige Perſonen alle irdiſchen Neigungen und Erinnerungen vergeſſen und ſich in ascetiſche Entzückungen verſenken. „Nein! Marien⸗Blume glaubt, ſie betet, ſie unterwirft ſich *) Unter gewiſſen Umſtänden erhob man oft eine Nonne gleich am Tage ihrer Einkleidung zur Würde einer Aebtiſſin. Man ſehe das „Leben der hohen und ehrwürdigen Prinzeſſin Caroline Flandrine von Naſſau, Aebtiſſin des königl. Kloſters vom heiligen Kreuze“, die mit neunzehn Jahren zur Aebtiſſin gewählt wurde. der ſtrengſten und härteſten Obſervanz ihres Ordens; — ſie ver⸗ ſchwendet die frömmſten Tröſtungen, die demüthigſten Sorgen an die armen kranken Frauen, die in dem Spitale der Abtey auf⸗ genommen werden; — ſie hat ſogar die Hülfe einer Laienſchweſter zurückgewieſen, die ihr in der beſcheidenen Beſorgung ihrer kalten und nackten Zelle helfen ſollte, — jener Zelle, wo wir, erinnerſt Du Dich noch, meine Freundin? mit ſchmerzlichem Erſtaunen die vertrockneten Zweige ihres kleinen Roſenſtockes unter ihrem Chriſtus⸗Bilde aufgehängt ſahen. Sie iſt das geliebte Beiſpiel, das angebetete Muſter der ganzen Gemeinde. — Aber ſie hat mir dieſen Morgen geſtanden, indem ſie ſich zugleich dieſe Schwachheit mit Bitterkeit vorwarf, daß ſie durch die gewiſſenhafte Ausübung und den ſtrengen Ernſt des klöſterlichen Lebens nicht ſo getröſtet ſei, — daß ihr nicht unaufhörlich die Vergangenheit erſcheine nicht nur wie ſie war, — ſondern auch wie ſie hätte ſein können⸗ — „Ich klage mich deſſen an, mein Vater,“ ſagte ſie mit jener ſanften und ruhigen Eutſagung, die Du an ihr kennſt, — „aber ich kann mich nicht enthalten, zu denken, daß wenn Gott mir jene Entwürdigung, die meine ZJukunft auf ewig vernichtet hat, hätte erſparen wollen, ich immer bei Ihnen hätte leben können, glücklich, geliebt von dem Manne meiner Wahl. Wider meinen Willen theilt ſich mein Leben zwiſchen dieſen ſchmerzlichen Kummer und die fürchterlichen Erinnerungen der Cité, vergebens bitte ich Gott, mich von dieſen Verſuchungen zu befreien, mein Herz nur mit ſeiner frommen Liebe, ſeinen heiligen Hoffnungen zu erfüllen, mich ganz anzunehmen, da ich ganz ihm angehören will. — Er erhört meine Wünſche nicht, — ohne Zweifel, weil meine irdiſchen Gedanken mich unwürdig machen, mit ihm in Gemeinſchaft zu treten.“ 97 — „Aber dann,“ rief ich mit thörichtem Hoffnungsſchimmer aus, — „dann iſt es ja noch Zeit, — heute endigt dein Noviziat, und erſt morgen ſollſt Du Dein feierliches Gelübde ablegen, — Du biſt noch frei, — entſage dieſem ernſten und ſtrengen Leben, welches Dir doch nicht die Tröſtungen bietet, die Du hoffteſt, — leiden um zu leiden iſt thöricht. — Leide wenigſtens in unſeren Armen, unſere Zärtlichkeit wird Deinen Kummer lindern.“ „Sie ſchüttelte traurig den Kopf und antwortete mir mit jener unbeugſamen Verſtandesſchärfe, die uns ſo oft an ihr überraſcht hat: — „Die Einſamkeit des Kloſters, mein guter Vater, iſt ohne Zweifel traurig für mich ... für mich, die ich in jedem Augen⸗ blicke an Ihre Zärtlichkeit gewöhnt war. Ohne Zweifel bin ich von bitteren Schmerzen, von nagenden Erinnerungen verfolgt, aber wenigſtens habe ich doch das Bewußtſein, eine Pflicht zu erfüllen, — ich ſehe ein, ich begreife, daß ich an jedem andern Orte nicht an meinem Platze wäre, daß ich mich wieder in jener grauſamen, falſchen Stellung befinden würde, — in der ich ſo viel gelitten habe, — für mich und für Sie, — denn auch ich habe meinen Stolz. — Mein Vater! Ihre Tochter wird das ſein, was ſie ſein ſoll, — thun, was ſie thun ſoll, — erdulden, was ſie erdulden muß. — Wenn morgen auch Alle erführen, aus welchem Schmutze Sie mich gezogen haben, — ſo würden ſie, wenn ſie mich bereuend zu den Füßen des Kruziſires ſähen, — mir vielleicht in Rückſccht meiner jetzigen Buße und Demuth das Vergangene verzeihen. Aber wenn es nicht ſo wäre, — nicht wahr, mein guter Vater — wenn man mich, wie vor einigen Monaten, mitten in der Pracht Ihres Hofes glänzen ſähe! — und den gerechten und ſtrengen Anforde⸗ rungen der Welt genügen, iſt das nicht mir ſelbſt genug thun? — Auch preiſe und danke ich Gott täglich aus dem tiefſten Grunde X meiner Seele, indem ich denke, daß er allein Ihrer Tochter, mein Vater, einen Zufluchtsort und eine Stellung bieten konnte, die Ihrer und meiner würdig ſind, — eine Stellung, die nicht einen ſo grellen Abſtand mit meiner früheren Entwürdigung bildet; — und die mir vielleicht die einzige Achtung verſchaffen kann, auf die ich Anſpruch machen darf, — diejenige, die man der aufrichtigen Reue und Demuth zollt.“ . „Ach, Clemence! — was ſollte ich ihr hierauf antworten? „Verhängniß! fürchterliches Verhängniß! — denn dieſes unglück⸗ liche Kind iſt, in Allem, was das Zarigefühl des Herzens und der Ehre betrifft, mit einer ſo unerbittlichen Logik begabt, daß man ihr nichts erwiedern kann. — Bei einem ſolchen Geiſte und einer ſolchen Seele muß man es aufgeben, dieſe Wunden heilen, falſche Stellungen wenden zu wollen, — man muß die unabwendbaren Folgen derſelben ertragen. „Ich habe ſie, wie immer, mit gebrochenem Herzen verlaſſen. „Ohne daß ich die mindeſte Hoffnung auf dieſe Unterredung geſetzt gehabt hätte, die die letzte vor Ablegung ihres Gelübdes iſt, hatte ich mir doch geſagt: — „Sie kann heute noch dem Kloſter entſagen.“ — Aber Du ſiehſt nun ſelbſt, meine Freundin, ihr Wille iſt unwiderruflich; — und leider muß ich mit ihr übereinſtimmen und ihre Worte wiederholen. „„Gott allein konnte ihr einen, meiner und ihrer würdigen, Zufluchtsort bieten.““ „Noch einmal: ihr Entſchluß iſt, von dem Geſichtspunkte der Geſellſchaft aus, in der wir leben, bewunderungswürdig richtig und logiſch ... Mit der außerordentlichen Empfindlichkeit Marien⸗ Blumens giebt es für ſie keinen andern möglichen Stand. Aber ich habe Dir es oft geſagt, meine Freundin! Wenn nicht heilige — — — — — 1 99 Pflichten, heiliger noch, als meine Familienpflichten, mich in der Mitte meines Volkes zurückhielten, das mich liebt und deſſen ſchützende Vorſehung ich gewiſſermaßen bin, ich wäre fortgezogen mit Dir, meiner Tochter, Heinrich und Murph, um glücklich und unbekannt in ſtiller Zurückgezogenheit in irgend einem Winkel der Erde zu leben. Dorten, ferne von den gebieteriſchen Geſetzen einer Geſellſchaft, die unfähig iſt, die Wunden zu heilen, die ſie ſchlägt, die Uebel zu heben, die ſie verurſacht, hätten wir unſer armes Kind wohl zum Vergeſſen, zum Glücke gezwungen; — während dies hier in der Mitte des Glanzes, des noch ſo beſchränkten Hof⸗ Ceremonials unmöglich war. — Oh! noch ein Mal! — Verhäng⸗ niß! — Verhängniß! — fürchterliches Verhängniß! — Ich kann nicht abdiciren, ohne dem Glücke meines Volkes zu nahe zu treten, das auf mich baut; — wackere gute Leute, — die nicht wiſſen, was mich ihr Glück koſtet. „Lebe wohl, lebe recht wohl, meine vielgeliebte Clemence! Faſt tröſtet es mich, Dich eben ſo betrübt über das Loos meines Kindes zu ſehen, als ich es bin, denn ſo kann ich doch ſagen, — unſer Kummer, — und es iſt kein Egvismus in meinem Leiden. „Oft frage ich mich mit Entſetzen, was ich ohne Dich gewor⸗ den wäre, ohne Dich, in der Mitte dieſer ſchmerzlichen Ereigniſſe. — Oft machen mir dieſe Gedanken Mariens Loos noch bedauerns⸗ werther; — denn mir bleibſt Du doch. — Aber ihr, — ihr! wer bleibt ihr? „Adieu! — Adieu! — ein trauriger Gruß, ſüße Freundin! guter Engel meiner ſchlimmen Tage! Komm bald zurück! Dieſe Abweſenheit muß auf Dir ebenſo laſten, wie auf mir. „Dir mein Leben und meine Liebe! — Herz und Seele nur Dir! Rudolph. 100 „Ich ſchicke Dir dieſen Brief durch einen Courrier; — wenn nicht etwas Unvorgeſehenes eintritt, ſo ſchicke ich Dir morgen nach der traurigen Ceremonie abermals einen. Meine beſten Wünſche und Hoffnungen für die Geneſung Deines Vaters. Ich vergaß Dir Nachrichten von unſerm armen Heinrich mitzutheilen; — ſein Zu⸗ ſtand beſſert ſich und bietet keine ernſtlichen Beſorgniſſe mehr dar. Sein guter Vater hat, obwohl ſelbſt krank, Kraft gefunden, um ihn zu pflegen; ein wahres Wunder der Vaterliebe, — uns macht es nicht ſtaunen; nicht wahr, Clemence? „Nun alſo, — morgen, — morgen, — o unglücklicher, — trauriger Tag für mich! „Immer der Deinige! R. Kloſter St. Hermenegild, 4 Uhr Morgens! „Beruhige Dich, Clemence! — beruhige Dich, obgleich die Stunde, in der ich Dir dieſen Brief ſchreibe, und der Ort, von wo er geſchrieben iſt, Dich erſchrecken müſſen. „Gott ſei Dank! Die Gefahr iſt vorüber, — aber die Kriſis war ſchrecklich — „Nachdem ich Dir geſtern geſchrieben hatte, ſandte ich, von irgend einem traurigen Vorgefühle getrieben, indem ich mich an die Bläſſe, den leidenden Zuſtand meiner Tochter, ihre Schwäche, ihr Kränkeln ſeit einiger Zeit, endlich an den Umſtand erinnerte, daß ſie dieſe ganze Nacht im Gebete in der weiten, eiſig kalten Kirche zubringen ſollte, Murph und David in die Abtei, um die Prin⸗ zeſſin Juliane zu bitten, daß ſie Beiden erlauben möge, bis morgen in dem äußern Hauſe zu bleiben, welches Heinrich früher bewohnte. — So konnte meine Tochter doch augenblickliche Hülfe und ich ſchnelle Nachricht von ihr haben, wenn, wie ich es fürchtete, ihr 101 die Kraft fehlen ſollte, dieſe ſtrenge, — ich will nicht ſagen, grau⸗ ſame — Pflicht zu erfüllen, in einer ſtrengen Januar⸗Nacht in der Kirche in Gebeten zu wachen. Ich hatte Marien-Blume auch ge⸗ ſchrieben, ich hatte ſie gebeten, ſo ſehr ich auch die Ausübung ihrer geiſtlichen Pflichten achtete, doch auch an ihre Geſundheit zu denken und ihre Nacht in Gebeten in ihrer Zelle und nicht in der Kirche zuzubringen. „Lies, was ſie mir antwortete: „Mein guter Vater! „Ich danke Ihnen aus dem Innerſten meines Herzens für die⸗ „ſen neuen und zärtlichen Beweis Ihrer Theilnahme; ſeien Sie „ganz unbeſorgt; ich glaube mich im Stande, meine Pflicht zu „erfüllen. — Ihre Tochter, mein guter Vater, darf weder Schwäche, „noch Furcht zeigen, — die Regel iſt ſo, — ich muß mich ihr „fügen. Wenn auch einige körperliche Leiden darauf folgen ſollten, „ſo werde ich ſie mit Freuden Gott als Opfer bringen. — Ich „hoffe, Sie werden mir Recht geben, Sie, der Sie immer die „Pflicht und die Entſagung mit ſo viel Muth geübt haben. — „Leben Sie wohl, mein guter Vater — ich ſage Ihnen nicht, daß „ich für Sie beten werde, wenn ich zu Gott bete, bete ich immer „für Sie, denn es iſt mir unmöglich, Sie von der Goitheit zu „trennen, die ich anrufe; — Sie waren für mich auf Erden das, „was Gott, wenn ich es verdiene, für mich im Himmel ſein wird. „Segnen Sie, mein guter Vater! heute Abend in Gedanken „Ihre Tochter, — die morgen die Braut des Herrn ſein wird. „Sie küßt Ihre Hand mit ehrfurchtsvoller Achtung. „Schweſter Amalie.“ „Dieſer Brief, den ich nicht leſen konnte, ohne in heiße Thrä⸗ 102 nen auszubrechen, beruhigte mich doch etwas; — auch ich ſollte eine traurige Nachtwache vollbringen. „Als es Nacht geworden war, verſchloß ich mich in den Pa⸗ villon, den ich unweit des der Erinnerung an meinen Vater ge⸗ weihten Monumentes bauen ließ, — als Sühnung für jene ver⸗ hängnißvolle Nacht. „Gegen ein Uhr des Morgens hörte ich Murphs Stimme; ich bebte vor Entſetzen, — er kam in aller Eile aus dem Kloſter. „Was ſoll ich Dir ſagen, meine Freundin? — Wie ich es vorhergeſehen hatte, hat das unglückliche Kind, trotz ihres Muthes und ihres Willens, nicht die Kraft gehabt, dieſen barbariſchen Ge⸗ prauch ganz zu erfüllen, ein Gebrauch, von dem es ſelbſt der Prin⸗ zeſſin Juliane unmöglich war, ſie zu befreien, ſo ſtrenge iſt die Regel. „Um acht Uhr Abends kniete Marie auf den kalten Steinen der Kirche nieder; — faſt bis Mitternacht hat ſie gebetet. — Aber um dieſe Zeit, — ihrer Schwäche, der fürchterlichen Kälte, ihrer Aufregung, denn ſie hatte lange und ſtill geweint, unterliegend, ward ſie ohnmächtig. — Zwei geiſtliche Frauen, die auf Befehl der Prinzeſſin Juliane mit ihr gewacht hatten, hoben ſie auf und brachten ſie in ihre Zelle. „David wurde ſogleich benachrichtigt, Murph ſtieg in den Wagen und jagte zu mir, um mich zu holen, — ich wurde durch die Prinzeſſin Juliane empfangen. Sie ſagte mir, David fürchte, daß mein Anblick einen zu lebhaften Eindruck auf meine Tochter machen könnte, daß ihre Ohnmacht, von der ſie wieder zu ſich ge⸗ kommen ſei, nichts Beunruhigendes darbiete und nur durch ihre große Schwäche verurſacht worden ſei. „Zuerſt kam mir ein fürchterlicher Gedanke in den Kopf — * 103 Ich glaubte, — daß man mir irgend ein großes Unglück verbergen, oder wenigſtens mich vorbereiten wollte, es zu vernehmen, aber die Aebtiſſin ſagte mir: 3ch verſichere Sie, gnädigſter Herr! daß „die Prinzeſſin Amalie außer Gefahr iſt, eine leichte Stärkung „die Doctor David ſie nehmen ließ, hat ihre Kräfte wieder belebt.“ „Ich konnte an dem, was die würdige Frau mir verſicherte, nicht mehr zweifeln, und. ich erwartete mit ſchmerzlicher Ungeduld Nachrichten von meiner Tochter. „Nach einer Viertelſtunde voll Angſt kam David zurück, — Gott ſei Dank! es ging beſſer, — ſie hatte ihre Nachtwache in der Kirche fortſetzen wollen und nur eingewilligt, auf einem Polſter zu fnicen. — Und als ich mich darüber empörte, daß die Aebtiſſin und er dieſem Verlangen nachgegeben hatten, als ich ſagte, daß ich es durchaus nicht dulden würde, antwortete mir David, daß es gefährlich geweſen wäre, dem Willen meiner Tochter in einem Augenblicke entgegen zu ſein, wo ſie unter dem Einfluſſe einer lebhaften nervöſen Anfregung war, und daß er mit der Prinzeſſin Juliane außerdem übereingekommen wäre, daß das arme Kind die Kirche zur Stunde der Morgen⸗Hora verlaſſen ſolle, um etwas zu ruhen und ſich für die Ceremonie vorzubereiten. — „So iſt ſie jetzt in der Kirche?“ fragte ich. — „Ja, gnädiger Herr! — aber in einer halben Stunde wird ſie ſie verlaſſen haben.“ „Ich ließ mich ſogleich in unſere Tribüne führen, von wo man das ganze Schiff der Kirche überſieht. „Da, in dem dämmernden Halbdunkel der weiten, nur von der matten Lampe des Allerheiligſten erleuchtetrn Kirche ſah ich ſie, — am Gitter — kniend, die Hände gefaltet und mit Inbrunſt betend. Gerolſtein. — „Auch ich kniete nieder und dachte an mein Kind. „Es ſchlug drei Uhr; — zwei Schweſtern, die in den Chor⸗ ſtühlen ſaßen und ſie nicht aus den Augen gelaſſen hatten, traten auf ſie zu ſprachen leiſe mit ihr . .. „Nach einigen Augenblicken machte ſie das Zeichen des Kreuzes, ſtand auf und ging mit feſten Schritten durch den Chor, — und doch, meine Freundin, als ſie unter der Lampe dahin ging, ſchien mir ihr Geſicht ſo weiß, als der lange Schleier, der ſie umgab — „Ich verließ ſogleich die Tribüne und wollte zu ihr, — allein ich fürchtete, daß eine neue Aufregung ſie hindern würde, einige Augenblicke der Ruhe zu genießen. — Ich ſchickte David, um zu wiſſen, wie ſie ſich befände; — er kam mit der Nachricht zurück, daß ſie ſich beſſer fühle, und daß ſie ſuchen wolle, etwas zu ſchlafen. „Ich bleibe in der Abtei, — zu der Ceremonie, die dieſen Morgen ſtattfindet — „Ich denke eben, liebe Freundin! — daß es unnöthig iſt, Dir dieſen unbeendeten Brief zu ſchicken; — morgen werde ich ihn ſchließen, um Dir die traurigen Ereigniſſe dieſes verhängnißvollen Tages mitzutheilen. „Auf baldiges Wiederſehen, liebe Freundin! — Ich bin von Schmerz zerriſſen, — mein Herz iſt gebrochen; — beklage mich! Dein Rudolph.“ — * ———— — VMI. Der dreizehnte Jannar. Rudolph an Clemence. er dreizehnte Januar! — Doppelt unglücklicher Jahrestag! — „Meine Freundin! wir haben ſie auf immer verloren! — „Alles iſt aus! — Alles! — „Erfahre den Hergang! „Es iſt alſo doch wahr: — man empfindet eine grauſame Wolluſt, wenn man einen ſchrecklichen Schmerz erzählen kann. „Geſtern klagte ich den Zufall an, der Dich fern von mir hält, — Clemence! — heute preiſe ich mich glücklich, daß Du nicht hier biſt; — Du würdeſt zu viel leiden. „Ich war dieſen Morgen kaum einen Augenblick eingeſchlum⸗ mert, als mich das Geläute der Glocken erweckte; — ich ſchauderte zuſammen, — es klang ſchauerlich, — wie ein Todtengeläute. „Meine Tochter iſt todt für uns, — todt, hörſt Du? — Von heute an, Clemence, mußt Du beginnen in Deinem Herzen Trauer für ſie zu tragen, in Deinem Herzen, das ſtets für ſie mit mütter⸗ licher Liebe ſchlug. 3 72 Marmor eines Grabſteines „Ob unſer Kind unter dem kalten oder unter der Wölbung eines Kloſters für uns begraben iſt; welchen Unterſchied bietet das für uns? „Von heute an, hörſt Du, Clemence! — müſſen wir ſie als todt betrachten. — Uebrigens iſt ſie ſo ſchwach, — ihre Geſundheit, vurch ſo vielen Kummer, durch ſo viele Erſchütterungen angegriffen, iſt ſo ſchwankend. — Warum nicht auch noch jener andere Tod, — der vollſtändigere? — O, das Verhängniß iſt noch nicht müde. „Und dann wirſt Du nach meinem geſtrigen Briefe begreifen, daß es vielleicht beſſer für ſie wäre, — wäre ſie todt. „Todt! — Dieſe vier Buchſtaben haben ein ſchauerliches Ausſchen, — findeſt Du das nicht? — wenn man ſie in Bezug auf eine angebetete Tochter, — ein ſo ſchönes, — ſo reizendes, — ſo engelgutes Kind hinſchreibt. — Kaum achtzehn Jahre — und todt für vie Welt! — wozu dient es ihr und uns, daß ſie in der „Im Grunde! traurigen Einſamkeit eines Kloſters langſam, leidend dahinwelkt? Was hilft es, daß ſie lebt, wenn ſie für uns verloren iſt? O, ſie muß das Leben, das ihr ein böſes Verhängniß geſchaffen hat, auch ſehr lieben. „Was ich da ſage, iſt ſchrecklich. — Es liegt doch ein barbariſcher Egoismus in der väterlichen Liebe. „Um die Mittagsſtunde hat ihre Einkleidung mit feierlichem Pompe ſtattgefunden. — „Hinter den Vorhängen unſerer Tribüne verborgen, habe ich verſelben beigewohnt. — „Ich habe noch ein Mal, aber mit noch mehr Bitterkeit, alle —— 107 jene herzzereißenden Erſchütterungen empfunden, die wir bei dem Antritte des Noviziats erlitten. „Sonderbar! — Sie wird angebetet, — Alles glaubt, daß ſie durch einen unwiderſtehlichen Beruf zu dem geiſtlichen Stande ge⸗ zogen iſt, man ſollte alſo in ihrer Einkleidung ein glückliches Er⸗ eigniß für ſie ſehen, — und doch laſtete, im Gegentheil, eine nieder⸗ drückende Traurigkeit auf der Menge. „Im Hintergrunde der Kirche, — mitten unter dem Volke, ſah ich zwei alte, rauhe, kampfabgehärtete Soldaten meiner Garde — weinen wie Kinder. „Man könnte ſagen, daß ein trauriges Vorgefühl in der drückenden Luft der Kirche lag. — Wenn es begründet iſt, ſo iſt es doch nur erſt halb erfüllt. „Nach abgelegtem Gelübde wurde unſer Kind in den Kapitel⸗ ſaal zurückgeführt, wo die Ernennung der neuen Aebliſſin ſtatt⸗ finden ſollte. „Dank meinem fürſtlichen Vorrechte! auch ich begab mich in den Saal, um Marien⸗Blume's Rückkehr aus dem Chor zu er⸗ warten. — „Bald trat ſie ein . .. „Ihre Aufregung, ihre Schwäche waren ſo groß, daß zwei Schweſtern ſie unterſtützten. „Ich erſchrak — weniger über die Bläſſe und die auffallende Entſtellung ihrer Züge, als über den Ausdruck ihres Lächelns. — Er ſchien mir auf eine traurige Zufriedenheit zu deuten. „Clemence! — ich wiederhole Dir es, — bald vielleicht werden wir Muth — viel Muth nöthig haben. Ich habe das innere Ge⸗ fühl, daß unſer Kind tödtlich getroffen iſt. „Und doch — ihr Leben wäre ja ſo unglücklich — . 108 „Zum zweiten Male ſage ich mir es ſchon, indem ich an den möglichen Tod meiner Tochter denke, daß dieſer Tod doch wenigſtens ihren fürchterlichen Leiden ein Ende machen würde. — O, dieſer Gedanke ſchon iſt ein fürchterliches Vorzeichen! — Aber wenn uns dieſes Unglück treffen ſoll — iſt es nicht beſſer, darauf vorbereitet zu ſein, — nicht wahr, Clemence? „Sich auf ein ſolches Unglück vorbereiten! — Das heißt, langſam, voraus alle peinlichen Qualen deſſelben erdulden. — Es iſt eine Verſchärfung dieſes unerhörten Schmerzes. — Es iſt noch tauſend Mal fürchterlicher als der Schlag, der uns unvorbereitet trifft. Dort erſparen doch wenigſtens die Vernichtung, die Be⸗ täubung, das Entſetzen uns einen Theil des herzzerreißenden Schmerzes. „Aber die Gebräuche des Mitleids wollen, daß man uns vor⸗ bereitet. — Wahrſcheinlich würde ich ſelbſt nicht anders handeln, meine arme Freundin, — wenn ich Dir das traurige Ereigniß an⸗ zukündigen hätte, von dem ich ſpreche. — Erſchrick daher, — wenn Du bemerkſt, — daß ich von ihr mit der Zurückhaltung, den Um⸗ ſchweifen einer verzweifelten Traurigkeit ſpreche, nachdem ich Dir demungeachtet verkündigt hatte, daß mir ihre Geſundheit keine ernſt⸗ lichen Beſorgniſſe mehr einflöße .— „Ja, erſchrick, wenn ich zu Dir ſpreche, wie ich jetzt ſchreibe, — denn obwohl ich ſie vor einer Stunde ziemlich ruhig verlaſſen habe, um dieſen Brief zu beendigen, ſo wiederhole ich Dir es, Clemence, ein inneres Gefühl ſagt mir, daß ſie leidender iſt, als ſie ſcheint. — Gebe der Himmel, daß ich mich täuſche, und daß das, was ich für ein banges Vorgefühl halte, nur die Nachwirkung der verzweifelten Traurigkeit iſt, die jene trübe Feierlichkeit in mir erregte. 109 „Marien-Blume trat nun in den großen Kapitelſaal — „Alle Chorſtühle füllten ſich nach und nach mit den geiſtlichen Frauen — „Sie begab ſich beſcheiden auf den letzten Platz der linken Reihe; ſie ſtützte ſich auf den Arm einer Schweſter, — denn ſie ſchien noch immer ſehr ſchwach. „Am oberſten Ende des Saales ſaß die Prinzeſſin Juliane, zu ihren Seiten die Großpriorin und eine andere Würdenträgerin des Kloſters, — die Aebtiſſin hielt ihren goldenen Hirtenſtab, das Zeichen ihrer kirchlichen Würde, in der Hand. „Es wurde todtenſtill; die Prinzeſſin Juliane erhob ſich und ſagte mit ernſter und bewegter Stimmer — „Meine lieben Töchter! Mein hohes Alter nöthigt mich, „jüngeren und kräftigen Händen dieſen Stab, dieſes Zeichen meiner „geiſtlichen Macht, zu übergeben; — ich bin durch eine Bulle „unſers heiligen Vaters hierzu bevollmächtigt; — ich werde alſo „Diejenige unter Euch, meine theuern Töchter, der Einſegnung des „Herrn Erzbiſchofs von Oppenheim und der Genehmigung S. k. H. „unſers regierenden Großherzogs vorſtellen, die durch Euch gewählt „werden wird, um mir im Amte nachzufolgen. Unſere Großpriorin „wird Euch das Reſultat der Wahlen mittheilen und ich werde der „durch Euch Erwählten meinen Ring und meinen Stab über⸗ „geben.“ . „Ich ließ meine Tochter nicht aus den Augen. „Aufrecht in ihrem Stuhle ſtehend, die Hände auf der Bruſt gekreuzt, mit niedergeſchlagenen Augen, halb verdeckt durch ihren weißen Schleier und die ſchleppenden Falten ihres ſchwarzen Ordens⸗ kleides, blieb ſie unbeweglich und nachdenkend; — ſie hatte auch nicht einen Augenblick daran gedacht, daß man ſie wählen würde; 110 — nur ich wußte durch die Aebtiſſin um ihre bevorſtehende Er⸗ hebung, „Die Großpriorin nahm ein Regiſter und las: — „Jede unſerer Schweſtern iſt vor acht Tagen aufgefordert „worden, ihre Stimme in die Hände unſerer heiligen Mutter nieder⸗ „zulegen und gegenſeitig ihre Wahl ſtreng geheim zu halten bis „zu dieſem Augenblicke. Im Namen unſerer heiligen Mutter er⸗ „kläre ich, daß eine aus Euch, meine theuern Schweſtern! durch ihre „exemplariſche Frömmigkeit, durch ihre evangeliſchen Tugenden ſich „die einſtimmige Wahl der ganzen Gemeinde erworben hat und „dieſe iſt unſere Schweſter Amalie, — in ihrem irdiſchen Leben „die hohe und mächtige Prinzeſſin von Gerolſtein.“ „Bei dieſen Worten durchlief ein freudiges Gemurmel ange⸗ nehmer Ueberraſchung und allgemeiner Zufriedenheit den ganzen Saal; die Blicke aller geiſtlichen Frauen wendeten ſich mit zärt⸗ licher Theilnahme, mit liebevollen Ausdrucke auf meine Tochter; — trotz meiner trüben Stimmung ward ich ſelbſt von dieſer Eruennung lebhaft ergriffen, die einzeln und heimlich gemacht eine ſo rührende Einſtimmigkeit darbot. „Marien-Blume, ganz erſtaunt, wurde noch bläſſer, ihre Knie zitterten ſo ſtark, daß ſie ſich mit einer Hand auf die Armlehne des Stuhles ſtützen mußte. „Die Aebtiſſin begann nun mit erhobener und ernſter Stimme: — „Meine theuern Töchter! iſt es wirklich die Schweſter „Amalie, die Ihr für die würdigſte und verdienſtvollſte von Euch „Allen erklärt? Iſt ſie es, die Ihr als Euere geiſtliche Oberin „anerkennt? Daß jede von Euch nach der Reihe antworte, meine „theuern Töchter!“ „Und jede Schweſter ſagte mit lauter Stimme: — —— 111 2 — „Frei und aus eigenem Vlllen habe ich gewählt und wähle „ich zu meiner heiligen Mutter und Oberin die Schweſter Amalie.“ „Von einer unbeſchreiblichen Bewegung ergriffen, ſank mein armes Kind auf die Knie, faltete ihre Hände und blieb ſo, bis alle Stimmen abgegeben waren. „Die Aebtiſſin übergab hierauf Ring und Stab der Groß⸗ priorin und ſchritt gegen meine Tochter vor, um ſie bei der Hand zu nehmen und ſie zum Sitze der Aebtiſſin zu führen. „Meine Freundin! meine liebe Freundin! — ich habe hier den Brief unterbrochen; ich mußte mich erholen, neuen Muth faſſen um Dir dieſe herzzerreißende Scene ganz zu erzählen. — „Stehe auf, meine theure Tochter,“ — ſagte die Aebtiſſin zu ihr, — „nimm den Platz ein, der Dir gebührt; — wicht Dein „Rang in der Welt, Deine evangeliſche Tugenden haben Dir ihn „erworben.“ „Indem ſie dieſe Worte ſprach, beugte ſich die ehrwürdige Prinzeſſin zu meiner Tochter und half ihr aufzuſtehen. „Marien⸗Blume machte zitternd einige Schritte vorwärts, — aber in der Mitte des Saales angelangt, blieb ſie ſtehen und * ſagte mit einer Stimme, deren Ruhe und Feſtigkeit mich in Staunen ſetzten: — „Vergeben Sie mir, heilige Mutter; — aber ich wünſchte zu meinen Schweſtern zu ſprechen.“ — „Beſteige erſt Deinen Sitz, meine liebe Tochter, von dort haſt Du ſie Deine Stimme hören zu laſſen. — „Dieſer Platz, heilige Mutter, — kann nicht der meinige ſein,“ — ſagte Marien-Blume mit leiſer und zitternder Stimme. — „Was ſagſt Du, meine theure Tochter?“ 6 — „Eine ſo hohe Würde iſt nicht für mich, heilige Mutter!“ — „Aber die Wünſche aller Schweſtern berufen Dich zu der⸗ ſelben.“ — „Erlauben Sie mir, heilige Mutter! hier kniend eine öffentliche, feierliche Beichte abzulegen; — meine Schweſtern und auch Sie, heilige Mutter, werden bald ſehen, daß die niedrigſte, demüthigſte Stellung für mich noch nicht niedrig und demüthig genug iſt.“ — „Deine Beſcheidenheit täuſcht Dich, meine liebe Tochter,“ ſagte die Oberin mit Güte, indem ſie wirklich glaubte, daß das unglückliche Kind ſich einer übertriebenen Beſcheidenheit hingebe, — aber ich errieth, welches Bekenntniß Marien⸗Blume ablegen wollte. — Von Entſetzen ergriffen, rief ich mit bittendem Tone: — „Mein Kind — ich beſchwöre Dich —“ „Kann ich Dir es ſagen, meine Frenndin, was ich bei dieſen Worten in dem tiefen Blicke las, den Marien⸗Blume mir zuwarf; — nein! es wäre unmöglich. — Wie Du es ſogleich erfahren wirſt, war es — ſie hatte mich verſtanden. Ja, ſie hatte einge⸗ ſehen, daß ich die Schande dieſer ſchrecklichen Enthüllung theilen würde. Sie hatte begriffen, daß nach einem ſolchen Geſtändniſſe man mich der Lüge anklagen konnte, — denn, hatte ich nicht ſtets glauben laſſen, daß Marien⸗Blume nie ihre Mutter verlaſſen habe? „Bei dieſen Gedanken hielt ſich das arme Kind des ſchwärzeſten Undanks gegen mich ſchuldig; — ſie hatte nicht die Kraft fortzu⸗ fahren, — ſie ſchwieg und ſenkte ihr Haupt, tiefgebeugt, zur Erde. — „Noch einmal, meine theure Tochter,“ — fuhr die Aeb⸗ „tiſſin fort, — „Deine Beſcheidenheit täuſcht Dich, — die Ein⸗ „ſtimmigkeit der Wahl Deiner Schweſtern beweiſt Dir, wie wür⸗ „dig Du biſt, mich zu erſetzen. — Selbſt dadurch, daß Du Theil 2 — 113 „an den Freuden dieſer Welt genommen haſt, iſt Deine Entſagung „dieſer Freuden um ſo verdienſtlicher. — Nicht Ihre Hoheit die „Prinzeſſin Amalie iſt gewählt worden; — ſondern die „Schweſter Amalie. — Für uns hat Dein Leben von dem „Tage begonnen, wo Du in das Haus des Herrn getreten biſt, — „und dieſes exemplariſche und heilige Leben belohnen wir. — Mehr „noch, meine theure Tochter! wäre auch Dein Leben, vor Deinem „Eintritte in den Orden, ſo voll Verirrungen geweſen, als es im „Gegentheile rein und löblich war, ſo hätten doch Deine evangeliſchen „Tugenden, von denen Du uns während Deines Aufenthaltes hier „das Beiſpiel gegeben haſt, in den Augen des Herrn ſelbſt die „ſchuldvollſte Vergangenheit geſühnt und abgebüßt. Und nun ur⸗ „theile, meine theure Tochter, ob Deine Beſcheidenheit beruhigt ſein „kann.“ „Dieſe Worte der Aebtiſſin waren, wie Du Dir es denken kannſt, liebe Freundin! um ſo wohlthuender für Marien⸗Blume, als ſie die Vergangenheit unauslöſchlich glaubte. Unglücklicherweiſe hatte ſie dieſer Auftritt heftig angegriffen, und obgleich ſie Ruhe und Feſtigkeit zeigen wollte, ſchienen mir doch ihre Züge auf be⸗ unruhigende Art verändert. — Sie ſchauderte einige Male zuſammen. indem ſie mit ihrer armen abgemagerten Hand über die Stirn fuhr — — „Ich glaube Dich hinlänglich überzeugt zu haben, meine theure Tochter,“ — fuhr die Prinzeſſin Juliane fort, — „und Du wirſt Deinen Schweſtern nicht das tiefe Leid anthun, indem Du vieſen Beweis ihres Zutrauens und ihrer Neigung zurückweiſeſt.“ — „Nein, heilige Mutter,“ — ſagte ſie mit einem Ausdrucke, der mich ergriff und mit einer immer ſchwächer werdenden Stimme, — „ich glaube jetzt annehmen zu können. — Aber da ich mich ſehr erſchöpft und etwas leidend fühle, ſo bitte ich Sie, heilige Mutter! wenn Sie es erlauben, die Ceremonie meiner Einweihung um einige Tage zu verſchieben.“ — „Es wird geſchehen, wie Du es wünſcheſt, meine theure Tochter, — aber bis Deine Würde geweiht und geheiligt wird, — nimm dieſen Ring, komm auf Deinin Platz, — unſere theuern Schweſtern werden Dir, nach unſerer Regel, ihre Huldigung dar⸗ bringen.“ „Und die Aebtiſſin ſteckte ihr ihren Hirtenring an den Finger und führte Marien⸗Blume auf den Stuhl der Aebtiſſin. „Es war ein einfaches und rührendes Schauſpiel. „Vor dieſem Stuhle, an deſſen Seite ſich die Groß⸗Priorin mit dem Hirtenſtabe und die Prinzeſſin Juliane hielten, kniete eine geiſtliche Frau nach der andern vor unſerm Kinde nieder und küßte ihr ehrfurchtsvoll die Hand. „Ich ſah ihre Bewegung mit jedem Augenblicke ſteigen, ihre Züge ſich immer mehr entſtellen; — endlich überſtieg der Eindruck dieſes Auftrittes ihre Kräfte, — denn ſie wurde ohnmächtig, ehe die Ceremonie der Huldigung beendigt war. „Stelle Dir meinen Schrecken vor. — Wir trugen ſie in das Zimmer der Aebtiſſin. „David hatte das Kloſter nicht verlaſſen; er kam ſchnell und verwendete ſeine Sorgfalt an ihr. Möge er mich getäuſcht haben, äber er hat mich verſichert, daß dieſer neue Zufall nur von einer außerordentlichen, durch das Faſten, die Anſtrengungen und die Entbehrung des Schlafes entſtandenen Schwäche herrühre, die meine Tochter ſich während ihres langen und ſtrengen Noviziates auferlegt hatte. „Ich habe ihm geglaubt, — weil ihre engliſchen Züge, obgleich — ——— ——— ———— 115 erſchreckend blaß, kein Leiden mehr zeigten, als ſie wieder zu ſich gekommen war. — Ich war ſogar von der Heiterkeit überraſcht, die von ihrer ſchönen Stirne ſtrahlte. — Aber dieſe Ruhe erſchreckte mich abermals; ſie ſchien mir die heimliche Hoffnung einer baldigen Erlöſung zu bergen. „Die Oberin war in das Kapitel zurückgekehrt, um die Sitzung zu ſchließen; — ich blieb allein bei meiner Tochter. „Nachdem ſie mich einige Augenblicke lang ſchweigend betrach⸗ tet hatte, ſagte ſie! — „Mein guter Vater, können Sie meine Undankbarkeit ver⸗ geſſen? Können Sie vergeſſen, daß in dem Augenblicke, wo ich jenes peinliche Geſtändniß ablegen wollte, Sie mich um Gnade baten?“ — „O ſchweige davon, — ich beſchwöre Dich —“ — „Und ich hatte nicht daran gedacht,“ — fuhr ſie mit Bit⸗ terkeit fort, — „daß, indem ich vor den Augen Aller enthüllte, aus welchem Abgrunde der Erniedrigung Sie mich gezogen haben, — dies ein Geheimniß entdecken hieß, das Sie aus Zärtlichkeit für mich verborgen hatten; — daß es hieß, Sie, mein Vater, öffentlich einer Heuchelei anklagen, zu der Sie ſich nur entſchloſſen haben, um mir ein glänzendes, ehrenvolles Leben zu bereiten. — Oh! können Sie mir vergeben?“ „Statt ihr zu antworten, preßte ich meine Lippen auf ihre Stirne; — ſie fühlte, wie meine Thränen floſſen — „Nachdem ſie mehrere Male meine Hand geküßt hatte, ſagte ſie: — „Jetzt fühle ich mich beſſer, mein guter Vater! — jetzt wo ich hier, — wie unſere Regel ſagt, — todt für die Welt bin, möchte ich einige Anordnungen zu Gunſten mehrerer Perſonen treffen; — aber, da Alles, was ich beſitze, Ihnen gehört, mein Vater, — erlauben Sie es?“ — „Kannſt Du daran zweifeln?“ — antwortete ich, — „aber ich bitte Dich, laſſe dieſe traurigen Gedanken. — Später wirſt Du Dich mit dieſer Sorge beſchäftigen; — haſt Du nicht Zeit?“ — „Gewiß, mein guter Vater, ich habe noch lange zu leben,“ — fügte ſie in einem Tone hinzu, der mich unwillkürlich ſchaudern machte; — ich betrachtete ſie aufmerkſamer, aber keine Veränderung ihrer Züge rechtfertigte meine Unruhe; — „ja ich habe noch lange zu leben,“ — fuhr ſie fort, — aber ich ſollte mich nicht mehr mit irdiſchen Dingen beſchäftigen, — denn heute entſage ich ja Allem, was mich an die Welt knüpft. — Ich bitte Sie, ſchlagen Sie mir es nicht ab.“ — „Befiehl! — ich werde thun, was Du wünſcheſ — „Ich wünſchte, daß meine gute Mutter meinen Stickrahmen mit der Stickerei, die ich angefangen habe, immer in dem kleinen Saale behielte, wo ſie ſich gewöhnlich aufhält.“ — „Deine Wünſche ſollen erfüllt werden, mein Kind! Dein Zimmer iſt ſo geblieben, wie es an dem Tage war, wo Du das Schloß verlaſſen haſt; denn alles, was Dir angehört hat, iſt für uns der Gegenſtaud einer frommen Verehrung. — Dein Wunſch wird Clemence tief rühren —“ — „Was Sie betrifft, mein guter Vater, ſo nehmen Sie, ich bitte Sie darum, den Armſtuhl von Ebenholz, in dem ich ſo viel nachgedacht, ſo viel geträumt habe,“ — „Er ſoll neben dem meinen in meinem Arbeits⸗Cabinette ſtehen und ich werde Dich jeden Tag in Gedanken darin ſitzen ſehen wie Du ſo vft bei mir ſaßeſt!“ — ſagte ich ohne meine Thränen verbergen zu können. 117 — „Und nun wünſchte ich auch Jenen einige kleine Andenken zu hinterlaſſen, die mir ſo viele Theilnahme zeigten, als ich un⸗ glücklich war. Der guten Madame Georges wünſchte ich das Schreibzeug zu geben, das ich zuletzt hatte. Dieſe Gabe wird etwas Paſſendes haben,“ fügte ſie mit ihrem ſanften Lächeln hinzu, „denn ſie iſt es ja, die mich auf dem Meierhofe ſchreiben lehrte. — Was den ehrwürdigen Pfarrer von Bougqueval betrifft, der mich in der Religion unterrichtete, ſo beſtimme ich ihm das ſchöne Chriſtusbild aus meinem Betzimmer.“ — „Gut, mein Kind —“ — „Mein Perlen⸗Stirnband wünſchte ich meiner guten kleinen Lachtaube zu ſchicken. — Es iſt ein einfacher Schmuck, den ſie auf ihren ſchönen ſchwarzen Haaren tragen kann; — und dann, wenn es möglich wäre, da Sie ja wiſſen, wo Martial und die Wölfin ſich in Algier befinden, jo wünſchte ich, daß dieſe muthige Frau, die mir das Leben gerettet hat, mein goldenes Kreuzchen erhalte. Dieſe verſchiedenen Pfänder der Erinnerung, dieſe Andenken, mein guter Vater, ſollen den Perſonen, denen ich ſie ſchicke, von Seiten Marien⸗Blume's zugeſtellt werden.“ — „Ich werde Deinen Willen erfüllen; — vergißt Du auch Niemand?“ — „Ich glaube nicht — mein guter Vater!“ — „Denke nach — iſt unter denen, die Dich lieben, nicht einer, der ſehr unglücklich, — der ſo unglücklich iſt, wie Deine Mutter, wie ich, — jemand, der eben ſo ſchmerzlich Deinen Eintritt ins Kloſter beweint?“ „Das arme Kind verſtand mich, — ſie drückte mir die Hand, — eine leichte Röthe färbte ihre blaſſen Wangen auf einen Augenblick. 118 „Einer Frage zuvorkommend, die ſie ſich ohne Zweifel fürchtete an mich zu richten, ſagte ich: — „Er beſiudet ſich beſſer, — man fürchtet für ſein Leben nicht mehr.“ — „Und ſein Vater?“ — „Lebt mit der wiederkehrenden Geſundheit ſeines Heinrich neu auf; — auch er befindet ſich beſſer. — Und was giebſt Du Heinrich? — ein Andenken an Dich — wird ihm eine theure koſt⸗ bare Tröſtung ſein.“ — „Mein Vater! geben Sie ihm meinen Betſchemel. — Ach, oft habe ich ihn mit meinen Thränen benetzt, wenn ich den Himmel um die Kraft bat, Heinrich zu vergeſſen, da ich unwürdig ſeiner Liebe ſei.“ — „Er wird glücklich ſein zu wiſſen, daß Du auch an ihn gedacht haſt.“ — Was das Zufluchtshaus für Waiſen und arme von ihren Aeltern verlaſſene Mädchen betrifft, ſo wünſchte ich, mein guter Vater, daß .. (Gier war Rudolph's Brief durch die faſt unleſerlich geſchrie⸗ benen Worte unterbrochen:) „Clemence!! — Murph wird dieſen Brief beenden, — ich habe nicht mehr die Kraft dazu, — ich bin wahnſinnig. — Oh! der dreizehnte Januar!!! Der Schluß dieſes Briefes von Murph's Schrift lautete alſo: „Gnädige Frau! „Nach den Befehlen Sr. königl. Hoheit beendige ich dieſe traurige Erzählung. Die beiden Briefe unſeres gnädigſten Herrn — ———————— — —— „—————— 119 mußten Ew. Hoheit ja ſchon auf die betrübende Nachricht vorbe⸗ reiten, die ich Ihnen mitzutheilen habe. „Es werden jetzt drei Stunden ſein: der gnädigſte Herr war beſchäftigt, an Ew. Hoheit zu ſchreiben; ich erwartete in dem an⸗ ſtoßenden Zimmer, daß er fertig ſei, um den Brief ſogleich durch einen Eilboten fortzuſenden. Plötzlich ſah ich die Prinzeſſin Ju⸗ liane mit beſtürzter Miene eintreten. „Wo iſt Se. königl. Hoheit?“ fragte ſie mich mit bewegter Stimme. — „Der gnädigſte Herr ſchreibt an J. H. die Frau Großherzogin und berichtet ihr die Vor⸗ gänge des heutigen Tages.“ — „Sir Walter,“ ſagte die Aebtiſſin, „Se. Hoheit — muß ein — ſchreckliches Ereigniß erfahren. — Sie ſind ſein Freund, — unterrichten Sie ihn davon. — Aus Ihrem Munde wird Ihn der Schlag minder fürchterlich treffen.“ „Ich begriff Alles; — ich hielt es für rathſam, das traurige Geſchäft zu übernehmen, — da die Aebtiſſin hinzugefügt hatte, daß die Prinzeſſin langſam verlöſche, und daß der gnädigſte Herr ſich beeilen müſſe, um noch die letzten Seufzer ſeiner Tochter aufzu⸗ fangen. — Ich hatte alſo unglücklicherweiſe keine Zeit, mit zögern⸗ der Schonung zu verfahren. Ich trat in das Zimmer, — Se. königl. Hoheit bemerkten meine Bläſſe ſogleich: — „Du bringſt mir die Nachricht eines Unglücks!“ — „Ein unerſetzliches Unglück! gnädigſter Herr! haben Sie Muth.“ — „O, meine Ahnungen!“ rief er, und ohne mehr ein Wort zn ſprechen, eilte er in das Kloſter, — ich folgte ihm. „Die Prinzeſſin Amalie war nach ihrer letzten Unterredung mit ihrem Vater aus dem Zimmer der Acbtiſſin in ihre Zelle ge⸗ bracht worden. Eine der Schweſtern wachte bei ihr; — nach Ver⸗ lauf einer Stunde bemerkte dieſe, daß die Stimme der Prinzeſſin Amalie, die von Zeit zu Zeit mit ihr ſprach, immer ſchwacher und Gerolſtein. 8 20 immer gepreßter wurde. Die Schweſter ſetzte ſogleich die Aebtiſſin davon in Kenntniß. — Doctor David wurde gerufen; — er glaubte dieſem neuen Verluſte der Kräfte durch ein ſtärkendes Mittel ent⸗ gegen wirken zu können, — aber vergebens, — der Puls war kaum mehr fühlbar. — Mit Verzweiflung ſah er ein, daß die wieder⸗ holten Aufregungen das letzte Bischen Lebenskraft, das der Prin⸗ zeſſin geblieben war, aufgerieben hatten, und daß jede Hoffnung, ſie zu retten, verloren ſei. „In dieſem Augenblicke kam der gnädige Herr; die Prinzeſſin Amalie hatte ſo eben die letzten Sacramente empfangen, ein ſchwa⸗ cher Schimmer von Bewußtſein war ihr noch geblieben, — in ihren auf der Bruſt gefalteten Händen hielt ſie die Ueberreſte ihres kleinen Roſenſtockes. „Der gnädigſte Herr ſtürzte an dem Kopfende des Bettes auf die Knie, — er ſchluchzte: — „Mein Kind! — mein theures Kind!“ — rief er mit herzzerreißender Stimme. „Die Prinzeſſin Amalie hörte ihn, ſie wendete leicht den Kopf nach ſeiner Seite, — öffnete die Augen, — ſuchte zu lächeln, — und ſagte mit verlöſchender Stimme: — „Verzeihung, mein guter Vater! . . auch Heinrich .. auch meiner guten Mutter .. . . . Vergebung . „Dies waren ihre letzten Worte. „Nach einer Stunde eines ſtillen, faſt ſo zu ſagen, friedlichen Todeskampfes .. hauchte ſie ihre Seele in Gott aus. „Als ſeine Tochter ihren letzten Seufzer ausgehaucht hatte, ſagte der gnädigſte Herr nicht ein Wort; — ſeine Ruhe und ſein Schweigen waren ſchrecklich; er ſchloß ſeiner Tochter die Augen, küßte ſie mehrere Male auf die Stirn, nahm ſorgſam die Ueber⸗ — ———— 5 121 reſte ihres kleinen Roſenſtockes aus ihren erkalteten Händen und verließ die Zelle. „Ich folgte ihm, er kehrte in das äußere Kloſterhaus zurück und zeigte mir den Brief, den er an Ew. Hoheit zu ſchreiben an⸗ gefangen hatte, und dem er vergeblich noch einige Worte hinzufügen wollte, denn ſeine Hand zitterte convulſiviſch; — endlich ſagte er: — „Es iſt mir unmöglich zu ſchreiben. — Ich bin vernichtet, mein Kopf zerſpringt. — Schreibe der Großherzogin, daß ich keine Tochter mehr habe.“ „Ich habe den Befehl Sr. Hoheit erfüllt. „Es möge nun auch mir als Ihrem älteſten Diener erlaubt ſein, Ew. Hoheit zu beſchwören, Ihre Zurückkunft ſo ſehr zu be⸗ ſchleunigen, als es die Geſundheit des Herrn Grafen von Orbigny geſtatten dürfte. Nur die Gegenwart Ew. Hoheit könnte die Ver⸗ zweiflung unſeres gnädigſten Herrn beruhigen; — er will jede Nacht bei dem Leichnam ſeiner Tochter wachen, bis ſie in der groß⸗ herzoglichen Gruftkapelle beigeſetzt wird — „Ich habe mein trauriges Amt erfüllt, — entſchuldigen Sie das Unzuſammenhängende dieſes Briefes, und empfangen Sie die Verſicherung meiner ehrfurchtsvollſten Hochachtung, mit der ich die Shehale En. königl. Hoheit gehorſamſter Diener Walter Murph.“ „ Am Vorabende des feierlichen Trauergottesdienſtes für die Prin⸗ zeſſin Amalie kam Clemence mit ihrem Vater in Gerolſtein an. Rudolph war am Tage des Begräbniſſes Marien⸗Blume's — nicht allein. — (Ende.) —— Druck von Louis Humblot in Berlin.