Leihbibliothek deutſcher, engliſcher und franzöſiſcher Literatur von Ednard Ottmann in Gießen, Schloßgaſſe Lit. A. Nr. 256. Seih und Heſebedingungen. 1. Oflensein der Bibliothek. Die Bibliothek ſteht zur Em⸗ pfangnahme und Rückgabe der Bücher jeden Tag von Morgens 7 Uhr bis Abends 8 Uhr vffen. 2. Lesepreis. Bei Rückgabe eines geliehenen Buches wird von ledem Tag 5 Pf bezahlt. Die Zeit eines Tages iſt zu 24 Stun⸗ den angenommen. 3. Caution. Unbekannte Perſonen müſſen, bei Entgegennahme eines Buches, eine dem Werthe deſſelben entſprechende Summe hinterlegen, welche bei deſſen Zurückgabe von mir zurückerſtattet wird. 4 Abonnement. Daſſelbe muß voraus bezahlt werden und beträgt: für wöchentlich 2 Bücher: 4 Bücher: 6 Bücher: auf 1 Monat: 1 Wr. — F. 7 W f 2 W „ „ 2 5. Auswärtige Abonnenten haben für Hin⸗ und Zurückſendung der Bücher auf ihre eigenen Koſten und Gefahr ſelbſt zu ſorgen. 6. Schadenersatz. Für beſchmutzte zerriſſene, verlorene und defecte Bücher (namentlich bei ſolchen mit Kupfern ꝛc.) muß ver Ladenpreis erſetzt werden. — Iſt das zerriſſene, beſchmutzte, vert lorene oder defecte Buch ein Theil eines größeren Werkes, ſo iſt der Leſer zum Erſatz des Ganzen verpflichtet. 2 7. Ausleihezeit. Dieſelbe iſt auf 14 Tage feſtgeſetzt und wird beſonders darauf aufmerkſam gemacht, daß das Weiterverleihen der Bücher nicht ſtattfinden darf, indem Diejenigen, welche die⸗ ſelben von mir geliehen, auch dafür zu ſtehen haben. * —— 6 4 3 Die Geheimniſſe von Paris. Von Eugeène Sue. Ueberſetzt von ℳ A. Diezmann. ℳ Achter Zand. Mit Illuſtrationen von Theodor Hoſemann. Zerlin, 1843. & Berlag von Meyer & Hofmann. n n— * cxv. Die Schuldigen. SGaum hatte der Abbé die Thüre hinter ſich geſchloſſen, als Jacob Ferrand einen fürchterlichen Fluch ausſtieß. Seine Wuth und Verzweiflung, die er ſo lange hatte nieder⸗ halten müſſen, brachen ungeſtüm aus; keuchend, mit verzerrten Zügen und unſtätem Blick ging er raſch im Zimmer hin und her, wie ein wildes Thier im Käfig an der Kette. Polidori blieb vollkommen ruhig und beobachtete den Notar aufmerkſam. „Donner und Blut!“ rief Jacob Ferrand endlich mit fürchter⸗ licher Stimme, „mein ganzes Vermögen in dieſen albernen frommen Stiftungen verſchlungen! Ich, der ich die Menſchen verachte und verfluche, mein ganzes Leben lang ſie nur betrogen und beraubt habe, werde durch teufliſche Mittel gezwungen, ſogenannte Wohl⸗ thätigkeitsanſtalten zu gründen! Iſt Dein Herr der Teufel ſelbſt?“ fragte er zitternd vor Wuth, indem er vor Polidori ſtehen blieb. „Ich habe keinen Herrn,“ antwortete dieſer kalt, „ſondern, gleich Dir, einen Richter —“ 4 „Wie ein Schwachkopf den geringſten Befehlen dieſes Menſchen zu gehorchen!“ fuhr Ferrand mit ſteigender Wuth fort. „Und dieſer Pfarrer, der ſich durch meine Heuchelei täuſchen ließ, hat mir durch ſeine Lobeserhebungen mit jedem Worte einen Dolchſtoß ge⸗ geben. — Mich zu zwingen —“ „Wenn nicht das Schaffot . . .“ „Ach, daß ich dieſem Zwange mich nicht entziehen kann! Ueber eine Million habe ich nun hingegeben! Wenn mir mit dieſem Hauſe noch hunderttauſend Franes übrig bleiben, iſt es viel. — Was kann man noch wollen?“ S „Du biſt noch nicht am Ziele. — Der Fürſt weiß durch Ba⸗ dinot, daß Dein Strohmann, Petit⸗Jean, nur dem Namen für Dich hergab zu dem wucheriſchen Darlehn an den Vicomte von Saint Remy, den Du überdies (immer unter dem Namen Petit⸗Jeans) wegen ſeiner falſchen Wechſel in ſo ſtarke Contribution geſetzt haſt. Die Summen, welche Saint Remy bezahlt hat, waren ihm durch eine vornehme Dame geliehen worden; wahrſcheinlich wirſt Du auch hier zurückerſtatten müſſen. — Man verſchiebt dies ohne Zweifel, weil ſie zartfühlender iſt —“ „Hier angekettet —!“ „So feſt wie mit einem eiſernen Taue.“ „Und Du, Elender, biſt mein Kerkermeiſter!“ „Nach dem Syſteme des Fürſten iſt dies ganz in der Ordnung; er ſtraft das Verbrechen durch das Verbrechen, den Schuldigen durch den Mitſchuldigen.“ „O Wuth!“ „Leider eine ohnmächtige Wuth, denn ſo lange er mir nicht ſagt: Jaeob Ferrand darf ſein Haus verlaſſen, ſo lange bleibe ich 1 bei Dir wie Dein Schatten. Höre mich alſo an. Ich habe, wie — Sꝛ Du, das Schaffot verdient. Wenn ich gegen die Befehle handle, die ich als Dein Kerkermeiſter erhalten habe, fällt mein Kopf. Du konnteſt alſo keinen unbeſtechlichern Hüter erhalten. Fliehen können wir Beide auch nicht, denn wir ſind nicht im Stande, einen Schritt aus dem Hauſe zu thun, ohne den Leuten in die Hände zu fallen, welche Tag und Nacht an der Thüre dieſes und des Nach⸗ barhauſes wachen, durch das wir noch allein entkommen könnten.“ „Donner und Blut! Ich weiß es.“ „So faſſe Dich in Geduld, denn dieſe Flucht iſt unmöglich; gelänge ſie, ſo würde das Entkommen doch mehr als zweifelhaft ſein, da man die Polizei hinter uns her hetzte. Gehorchſt Du da⸗ gegen, und ſorge ich pünktlich dafür, daß Du gehorchſt, ſo haben wir die Gewißheit, nicht geköpft zu werden. Alſo fügen wir uns in unſer Schickſal.“ „Reize mich durch dieſe höhniſche Kaltblütigkeit nicht noch mehr, yder 6 „Oder was? Ich fürchte Dich nicht, ich bin auf meiner Hut und bewaffnet; ſelbſt wenn Du den vergifteten Dolch der Cecily ge⸗ funden hätteſt . . .“ „Schweig!“ „So würde Dir es nichts helfen; Du weißt, daß ich alle zwei Stunden Jemandem Nachrichten von Deinem koſtbaren Befinden geben muß, wodurch man von uns Beiden Nachricht erhält. Sieht man mich nicht erſcheinen, ſo würde man einen Mord ahnen und Dich ſofort verhaften. — Aber ich thue Dir Unrecht, wenn ich Dich dieſes Verbrechens fähig halte. Du haſt mehr als eine Million geopfert, um Dein Leben zu retten, und Du ſollteſt Deinen Kopf wagen für das alberne und nutzloſe Vergnügen, aus Rache mich zu ermorden? Geh, ſo dumm biſt Du nicht.“ 6 „Weil Du weißt, daß ich Dich nicht ermorden kann, verdoppelſt Du meine Leiden durch Deine höhniſchen Reden.“ ** „Deine Stellung iſt ſehr vriginell. Du ſiehſt Dich nicht, aber auf Ehre! es iſt pikant.“ „Wehe! Wehe! Wohin ich mich wende, überall Verderben, Schande und Tod! Und ich muß es ausſprechen, daß ich in der Welt nichts mehr fürchte — als den Tod! Fluch über mich, über Dich, über die ganze Welt!“ 9 „Dein Menſchenhaß iſt umfaſſender als Deine Menſchenliebe. Er begreift die ganze Welt, während ſich die andere mit einem Arrondiſſement von Paris begnügt.“ „Spotte nur, Unmenſch!“ „Soll ich Dir lieber Vorwürfe machen?“ „Mir?“ „Wer iſt ſchuld, daß wir in dieſe Lage gekommen ſind? Du. . Warum trugſt Du wie eine Reliquie meinen Brief am Halſe, der ſich auf den Mord bezog, welcher Dir hunderttauſend Thaler ein⸗ brachte, und den wir ſo geſchickt für einen Selbſtmord ausgegeben hatten?“ „Warum, Elender? Hatte ich Dir nicht funzigtauſend Francs für Deine Mitwirkung bei dieſem Verbrechen und für dieſen Brief gegeben, den ich, wie Du wohl weißt, von Dir verlangte, um eine Garantie gegen Dich zu haben und um Dich zu hindern, daß Du 1 mir ſpäter durch die Drohung, mich anzuzeigen, Geld abpreßteſt? So konnteſt Du mich nicht verrathen, ohne Dich zugleich mit zu verderben. Mein Leben und mein Vermögen hingen alſo von die⸗ ſem Briefe ab, und deshalb trug ich ihn fortwährend als einen Schatz bei mir.“ „Das iſt wahr; es war geſchickt von Dir, denn ich gewann * — nichts, wenn ich Dich verrieth, als das Vergnügen, mit Dir auf das Schaffot zu gehen. — Dennoch hat Deine Gewandtheit uns ins Unglück gebracht, während uns die meinige bisher die Straf⸗ loßgkeit für dieſes Verbrechen ſicherte.“ „Die Strafloſigkeit —“ „Wer konnte das errathen? Nach dem gewöhnlichen Verlaufe der Dinge mußte unſer Verbrechen unbeſtraft bleiben, und es iſt vurch meine Bemühung bisher unbeſtraft geblieben —“ „Durch Deine Bemühung?“ „Ja, als wir jenem Manne eine Kugel durch den Kopf ge⸗ jagt hatten, wollteſt Du ganz einfach ſeine Handſchrift nachmachen und an ſeine Schweſter ſchreiben, daß er ſich aus Verzweiflung das Leben nehme, da er ſein ganzes Vermögen verloren. Du glaubteſt äußerſt klug zu verfahren, wenn Du in dieſem untergeſchobenen Briefe von der Geldſumme, die er Dir anvertraut, gar nichts er⸗ wähnteſt. — Das war thöricht. Da die Schweſter dieſes Mannes Kenntniß von dieſem Gelde hatte, ſo mußte ſie nothwendig nach vemſelben fragen. Es mußte deshalb, wie wir gethan haben, das Geld wirklich erwähnt werben, damit, wenn man zufällig zweifeln ſollte, ob der Mann durch eigene oder eine andere Hand gefallen, ein Verdacht auf Dich ſich nicht wende. Wie ließ es ſich anneh⸗ men, daß, wenn Du einen Mann umbrächteſt, um Dich einer Summe Geld zu bemächtigen, welche er Dir anvertraut, Du ſo thöricht ſein ſollteſt, von dieſem anvertrauten Gelde in dem falſchen Briefe zu ſprechen? Und was geſchah? Man glaubte an den Selbſt⸗ mord. Dein Ruf von Redlichkeit machte Dir es leicht, das De⸗ poſitum abzuläugnen, und man glaubte allgemein, der Bruder habe ſich das Leben genommen, nachdem er das Vermögen ſeiner Schweſter vurchgebracht.“ — —— 8 „Was nützt dies uns heute? Das Verbrechen iſt entdeckt.“ „Durch weſſen Schuld? War es meine Schuld, daß mein Brief eine zweiſchneidige Waffe? Warum warſt Du ſo ſchwach, ſo albern, dieſe ſchreckliche Waffe — der teufliſchen Cecily zu über⸗ geben?“ „Schweige, — nenne dieſen Namen nicht!“ ſiel Jacob Ferrand ein, und ſein Geſicht erhielt einen entſetzlichen Ausdruck. „Nun wohl, — ich will Dich nicht wieder in epileptiſche Zuckungen verſetzen, — Du ſiehſt aber ein, daß unſere Vorſichts⸗ maßregeln, auf die gewöhnliche Juſtiz berechnet, vollkommen aus⸗ reichten. Aber die außerordentliche Juſtiz deſſen, der uns in ſeiner furchtbaren Gewalt hat, geht anders zu Werke —“ „Das weiß ich nur zu wohl —“ „Er glaubt, dadurch, daß den Verbrechern der Kopf abgeſchla⸗ gen, werde das Böſe, das ſie angeſtiftet, nicht vollkommen wieder ausgeglichen. — Mit den Beweiſen, die er in den Händen hat, könnte er uns Beide den Gerichten überliefern. Was wäre aber die Folge davon? Zwei Leichen zum Düngen des Gottesackers.“ „Ja, ja, dieſer Fürſt, dieſer böſe Geiſt verlangt Thränen, Höllenangſt und Qualen. — Aber ich kenne ihn nicht, ich habe ihm nichts zu Leide gethan. Warum iſt er ſo gegen mich auf⸗ gebracht?“ „Zuerſt meint er, er fühle das Gute und Böſe ſelbſt mit, das man den andern Menſchen erzeige, die er ſeine Brüder nennt und dann kennt er diejenigen, welchen Du Böſes gethan haſt, und er ſtraft Dich dafür auf ſeine Art —“ „Mit welchem Rechte?“ „Wir, Jacob, wollen nicht vom Rechte ſprechen; er hatte die Macht, Dir auf gerichtlichem Wege den Kopf abſchlagen zu laſſen. Was * —— — wäre die Folge davon geweſen? Deine geinzigen zwei Verwandten ſind todt; der Staat zog Dein Vermögen ein zum Nachtheile derer, welche Du in Schaden gebracht. Dadurch aber, daß er ſo verfährt, wie er verfährt, iſt Morel, der Steinſchneider, der Vater Lyuiſens, die Du entehrt haſt, mit ſeiner Familie in Zukunft vor der Noth geſichert. Die Frau von Fermont, die Schweſter des Herrn von Renneville, der ſich ſelbſt das Leben genommen haben ſoll, erhält ihre 100,000 Thlr. wieder; Germain, den Du fälſchlicher Weiſe des Diebſtahls anklagteſt, erlangt ſeinen guten Ruf wieder und eine ehrenvolle, ſichere Stellung an der Spitze der „Bank für unbeſchäftigte Arbeiter“, die Du begründen mußt zur Sühne deſſen, was Du ge⸗ gen Deine Mitmenſchen verbrochen haſt. Unter Böſewichtern kann man ſich dies wohl geſtehen; aber offen geſagt, von dem Geſichts⸗ punkte deſſen aus, der uns in ſeiner Gewalt hat, hätte die Geſell⸗ ſchaft durch Deinen Tod nichts gewonnen; durch Dein Leben ge⸗ winnt ſie viel.“ „Das eben verſetzt mich in Wuth, aber es iſt nicht meine ein⸗ zige Qual.“ „Das weiß der Fürſt recht wohl. Was er ferner über uns beſchließen wird, weiß ich nicht. Er hat uns das Leben verſprochen, wenn wir blindlings ſeine Befehle vollzögen. Er wird dieſes Ver⸗ ſprechen halten; wenn er aber glaubt, unſere Verbrechen wären noch nicht hinreichend abgebüßt, ſo wird er es dahin bringen, daß wir den Tod tauſendmal dem Leben vorziehen, welches er uns läßt. Du kennſt ihn nicht. Wenn er ſich berechtigt hält, unerbittlich zu ſein, iſt kein Henker grauſamer. Uebrigens muß ihm der Teufel behülflich geweſen ſein, das zu entdecken, was ich in der Normandie vornehmen wollte. Er hat freilich mehr als einen böſen Geiſt in ſeinem Dienſte, denn jene Cecily, die ein Donnerwetter erſchlagen möge —“ „Noch einmal, ſchweige, nenne dieſen Namen nicht.“ „Ja, das Donnerwetter erſchlage die, welche dieſen Namen führt! Sie hat Alles verdorben. Noch ſäße unſer Kopf ſicher auf unſern Schultern ohne Deine ſchwachköpfige Liebe zu dieſem Ge⸗ ſchöpſe —“ Jacob Ferrand erzürnte ſich nicht, ſondern antwortete mit tiefer Niedergeſchlagenheit: „Du kennſt dieſes Weib? Haſt Du ſie geſehen?“ „Niemals. Sie ſoll ſchön ſein, ich weiß es.“ „Schön!“ antwortete der Notar achſelzuckend. „Siehe,“ fuhr er mit verzweiflungsvoller Bitterkeit fort, „ſchweige, ſprich nicht von dem, was Du nicht weißt. Klage mich nicht an. — Du wür⸗ deſt an meiner Stelle gethan haben, was ich that.“ „Ich mein Leben in die Hände eines Weibes legen!“ „Dieſer ja. — Ich würde es noch einmal thun, wenn ich wieder hoffen was ich einen Augenblick hoffte.“ Bei der Hölle! er ſteht noch immer unter dem Zauber,“ rief Pollvori verwundert aus. „Höre mich an,“ entgegnete der Notar mit ruhiger, leiſer Stimme, in welcher ſich nur hier und da Anklänge von Verzweiflung fanden. „Du weißt, daß ich das Geld liebe, und was ich gethan habe, un Geld zu erwerben. Meine Freude, mein Glück beſtand darin, in Gedanken die Summen zu zählen, welche ich beſaß, ſie durch meinen Geiz zu verdoppeln, alle Entbehrungen zu ertragen und mich im Beſitze eines Schatzes zu wiſſen. Mein Leben hatte nur den Zweck: zu beſitzen, nicht um mir Genüſſe zu ſchaffen, ſondern um zu ſammeln. Wenn man vor einem Monate zu mir geſagt 11 hätte: „wähle zwiſchen Deinem Vermögen und Deinem Kopfe,“ ſo würde ich den Kopf hingegeben haben.“ „Warum aber beſitzen, wenn man ſterben muß?“ „So frage mich auch: warum beſitzen, wenn man das nicht benutzt, was man beſitzt? Habe ich wie ein Millionair gelebt? Nein, ich lebte wie ein Armer. — Ich wollte beſitzen — um zu beſitzen.“ „Noch einmal, warum beſitzen, wenn man ſtirbt?“ „Um im Beſitze zu ſterben, ja, um bis zum letzten Augenblicke ſich an der Wonne zu weiden, um deren willen wir Alles ertragen, Entbehrungen, Schande, Schaffot, — um noch auf dem Blutgerüſte ſagen zu können: ich beſitze! Siehſt Du, der Tod iſt ſüß in Ver⸗ gleich mit den Qualen, die man erleidet, wenn man ſich, gleich mir, bei Lebzeiten Alles entzogen ſieht, Alles, was man durch ſo viele Mühen, ſo viele Gefahren errungen hat. Ach, ſich jede Stunde, jede Minute des Tages ſagen zu müſſen: ich hatte eine Million, mehr als eine Million, ich hatte die ſchrecklichſten Entbehrungen ertragen, um dieſen Schatz zu erhalten, zu vergrößern, ich würde ihn binnen zehn Jahren verdoppelt, verdreifacht haben, und nun be⸗ ſitze ich nichts mehr, nichts, — das iſt entſetzlich, d. h. jede Stunde, jede Minute des Tages Todesſchmerz erleiden. Ja, dieſer Pein, die vielleicht Jahre lang dauert, hätte ich tauſendmal den raſchen, ſichern Tod vorgezogen, der uns erreicht, ehe ein Theilchen von unſerm Schatze uns entzogen iſt. Noch einmal, ich wäre wenigſtens mit den Worten geſtorben: „ich beſitze.“ Polidori ſah ſeinen Mitſchuldigen mit hoher Verwunderung an. „Ich verſtehe Dich nicht mehr. — Warum haſt Du dann den Befehlen deſſen gehorcht, der blos ein Wort zu ſprechen braucht, um Dir den Kopf vor die Füße legen zu laſſen? Warum zogſt Du das Leben ohne Deinen Schatz vor, wenn Dir dieſes Leben ſo entſetzlich erſcheint?“ „Weil,“ ſetzte der Notar mit immer leiſerer Stimme hinzu, „ſterben nicht mehr denken heißt, weil der Tod — das Nichts iſt. Und Cecily?“ „Du hoffſt?“ fragte Polidori ſtaunend. „Ich hoffe nicht, ich habe —“ „Was?“ „Die Erinnerung.“ „Du wirſt ſie nie wiederſehen, und ſie hat ja Deinen Kopf gleichſam unter das Beil gebracht.“ „Ich liebe ſie noch immer, und wahnſinniger als je,“ rief Ja⸗ cob Ferrand mit Thränen und unter Schluchzen. „Ja,“ fuhr er mit grauenvoller Begeiſterung fort, „ich liebe ſie noch immer, und ich mag nicht ſterben, um mich mit ſchmerzlicher Wonne in die Gluth hineinſtürzen zu können, welche mich verzehrt. Jene Nacht, jene Nacht, in welcher ich ſie ſo ſchön, ſo leidenſchaftlich, ſo be⸗ rauſchend ſah, ſteht noch immer vor meinem Gedächtniſſe. Ich habe dieſes Bild ſchrecklicher Wonne immer, immer vor meinen Augen. Sie mögen offen ſtehen oder durch eine krankhafte Schlafſucht ge⸗ ſchloſſen werden, ich ſehe fortwährend ihr ſchwarzes, flammenſprühen⸗ des Auge vor mir, welches das Mark in meinen Knochen zum Sie⸗ den erhitzt. Ich fühle noch immer ihren Athem auf meiner Stirn, ich höre ihre Stimme —“ „Das ſind grauenvolle Folterqualen.“ „Grauenvoll, ja grauenvoll! Aber der Tod, — das Nichts! — für immer dieſe Erinnerung zu verlieren, die ſo lebendig wie die Wirklichkeit vor mir ſteht! dieſen Erinnerungen zu entſagen, die mir das Herz zerreißen, aber doch ein Gefühl der Wonne durch alle — 13 * Glieder treiben! Nein! Nein! Nein! Leben — leben, arm, ver⸗ achtet, gebrandmarkt — im Zuchthauſe, aber doch leben, damit der Gedanke mir bleibe, weil jenes teufliſche Geſchöpf nun einmal alle meine Gedanken beſitzt, mein ganzer Gedanke iſt —“ „Jacob,“ ſagte Polidori in einem ernſten Tone, der von ſeiner gewöhnlichen bittern Ironie abſtach, „ich habe viele Schmerzen und Leiden geſehen, aber keine, die den Deinen nahe kamen. Der, wel⸗ cher uns in ſeiner Macht hat, konnte nicht unbarmherziger ſein. — Er hat Dich verurtheilt, weiter zu leben, oder vielmehr unter ſchreck⸗ licher Angſt den Tod zu erwarten; denn dieſes Geſtändniß erklärt mir die beunruhigenden Symptome, welche ſich jeden Tag in Dir entwickeln und deren Urſache ich bisher vergebens zu ergründen ſuchte.“ „Dieſe Symptome ſind unbedeutend, — ſie zeugen blos von giſchöpfüng j ſie ſind die Reaction meines Verdruſſes. Ich ſchwebe nicht in Gefahr, nicht wahr?“ „Nein, nein, — aber Deine Lage iſt bedenklich, man darf ſie ſich nicht verſchlimmern laſſen; manche Gedanken wirſt Du von Dir weiſen müſſen, ſonſt dürfteſt Du Dich großen Gefahren ausſetzen.“ „Ich werde thun, was Du verlangſt, wenn ich nur lebe, denn ich mag nicht ſterben. Die Pfarrer ſprechen von Verdammten; aber man hat für dieſe nie eine Strafe erdacht, die jener gleich käme, welche ich empfinde. Liebe und Habſucht peinigen mich; ich fühle eine doppelte Wunde ſtatt einer einzigen. — Der Verluſt mei⸗ nes Vermögens iſt mir ſchrecklich, aber der Tod würde mir noch ſchrecklicher ſein. Ich wollte leben, aber mein Leben kann nur eine endloſe Qual ſein, und ich wage nicht, den Tod herbeizurufen, denn der Tod vernichtet mein trauriges Glück, jenes Trugbild meiner Phantaſie, das mir unaufhörlich Cecily vorhält.“ 14 „Du haſt wenigſtens den Troſt,“ ſagte Polidori in ſeiner ge⸗ wöhnlichen Kaltblütigkeit, „daß Du an das Gute denken kannſt, welches Du zur Buße für Deine Verbrechen gethan haſt.“ „Ja, ſpotte nur, Du haſt Recht. Du weißt, daß ich die Menſchheit haſſe, Du weißt, daß dieſe Büßungen, die man mir auf⸗ erlegt und in denen ſchwache Geiſter vielleicht einigen Troſt fänden, mir nur Haß und Wuth einflößen gegen die, welche mich dazu nöthigen, und gegen die, welche Vortheil davon haben. Donner und Mord! Denken zu müſſen, daß, während ich ein entſetzliches Leben hinſchleppe und nur noch exiſtire, um mich an Leiden zu weiden welche die Unerſchrockenſten erſchrecken würden, die Menſchen, welche ich verabſcheue, durch das Geld, welches man mir genommen, ihr Elend gemildert ſehen, daß jene Wittwe mit ihrer Tochter Gott für das Vermögen danken wird, das ich ihnen zurückgebe, daß jener Morel mit ſeiner Tochter in Wohlſtand lebt, daß Germain eine ehrenvolle und geſicherte Zukunft hat! Und dieſer Pfarrer, dieſer Pfarrer, der mich ſegnete, während mein Herz in Galle und Blut ſchwamm! Ich hätte ihn ermorden können. Ach, es iſt zu viel! — Nein! nein!“ rief er aus, während er die Stirn auf beide Hände ſtützte, „mein Kopf ſpringt auseinander, — meine Gedanken verwirren ſich, ich werde ſolchen Anfällen ohnmächtiger Wuth, ſolchen immer neu ſich geſtaltenden Qualen nicht widerſtehen! Und alles dies um Deinetwillen, Cecily, Cecily! Weißt Du es wenig⸗ ſtens, daß ich jetzt ſo viel leide? Weißt Du es, Cecily, Du böſer Geiſt?“ Erſchöpft durch dieſe entſetzliche Aufregung, ſank Jacob Ferrand faſt athemlos auf ſeinen Stuhl zurück, wand die Hände und ächzte laut. 15 Polidori wunderte ſich über dieſe krampfhafte, verzweiflungs⸗ volle Wuth nicht. Er erkannte bei ſeiner großen ärztlichen Erfahrung ſehr leicht, daß die Wuth über die Entziehung des Vermögens in Verbindung mit ſeiner faſt wahnſinnigen Liebe zu Cecily in Jacob Ferrand ein verzehrendes Fieber hervorgerufen hatte. Das war aber nicht Alles. In dem Anfalle, unter welchem der Notar ſich krümmte und wand, bemerkte Polidori mit Beſorgniß gewiſſe Zeichen einer der entſetzlichſten Krankheiten, welche jemals die Menſchheit erſchreckten und die Paulus und Aretäus, die eben ſo große Beobachter wie Moraliſten waren, bewundernswürdig be⸗ ſchrieben haben. Mit einem Male wurde raſch an die Thüre des Cabinets geklopft. „Jacob,“ ſagte Polidori zu dem Notar, „Jacob, ſammle Dich; es kommt Jemand.“ Der Notar hörte es nicht. Er lag halb auf dem Schreibtiſche und krümmte ſich in krampfhaften Zuckungen. Polidori öffnete die Thüre und ſah den erſten Schreiber, der bleich und mit verſtörtem Geſichte ſagte: „Ich muß angenblicklich mit Herrn Ferrand ſprechen.“ „Er befindet ſich gerade ſehr unwohl und kann Sie nicht anhören,“ ſagte Polidori leiſe, indem er aus dem Cabinet des Notars hinaustrat und die Thüre verſchloß. „Ach, Herr,“ fuhr der erſte Schreiber fort, „Sie ſind der beſte Freund des Herrn Ferrand, kommen Sie ihm zu Hülfe, es iſt kein Augenblick zu verlieren.“ „Was giebt es?“ 16 „Ich ging nach dem Befehle des Herrn Ferrand zu der Gräfin Mac Gregor, um ihr zu ſagen, daß er heute nicht zu ihr kommen könnte, wie ſie es wünſchte.“ „Nun?“ „Die Dame, welche jetzt außer Gefahr zu ſein ſcheint, ließ mich in ihr Zimmer eintreten und ſprach in drohendem Tone: „Sagen Sie Herrn Ferrand, daß er, falls er nicht binnen einer halben Stunde hier iſt, vor Ablauf des Tages als Fälſcher ver⸗ haftet wird, denn das Kind, das er für todt ausgegeben hat, iſt nicht todt; ich weiß es, wem er es übergeben, ich weiß, wo es ſich befindet*).“ „Die Frau ſprach im Fieber,“ antwortete Polidori mit Achſel⸗ zucken. „Glauben Sie, Herr?“ „Sicherlich.“ „Ich glaubte es anfangs auch, aber die Beſtimmtheit, mit welcher die Frau Gräfin ſprach —“ „Die Krankheit hat ihren Kopf geſchwächt, und ſie hält ihre Träume für Wirklichkeit.“ „Sie haben ohne Zweifel Recht, denn ich konnte mir die Dro⸗ hungen der Gräfin gegen einen ſo achtungswerthen Mann wie Herrn Ferrand nicht erklären.“ „Es iſt ja Unſinn.“ „Ich muß Ihnen auch mittheilen, daß in dem Augenblicke, als ich fortging, ein Kammermädchen ſchnell in das Zimmer der Gräfin . *) Der Leſer weiß, daß Sarah glaubte, Marien⸗Blume befinde ſich noch in St. Lazarus, weil ihr die Eule dies geſagt hatte, bevor ſie den Mord⸗ verſuch machte. 17 trat und ſagte: Se. königl. Hoheit wird binnen einer Stunde hier ſein.“ . „Das ſagte das Mädchen?“ „Ja, und ich wunderte mich ſehr darüber, da ich nicht wußte, welche königl. Hoheit ſie meinen konnte —“ „Es iſt der Fürſt, ohne Zweifel,“ dachte Polidori bei ſich. „Er bei der Gräfin Sarah, die er nie wiederſehen ſollte! Ich weiß nicht, aber dieſe Wiederannäherung gefällt mir nicht, — ſie kann unſere Lage verſchlimmern.“ — Dann wendete er ſich an den erſten Schreiber und ſetzte hinzu: „noch einmal, die Sache iſt ganz un⸗ bedeutend, eine Einbildung einer Kranken. Dennoch werde ich Herrn Ferrand ſogleich von dem unterrichten, was Sie mir mit⸗ getheilt haben.“ Wir geleiten nun den Leſer zu der Gräfin Sarah Mac Gregor. Die Geheimniſſe von Paris. VIII. 2 CXILVI. kRudolph und Sarah. ir begleiten den Leſer zu der Gräfin Mac Gregor, welche durch eine heilſame Kriſis dem Delirium und den Leiden entriſſen worden war, die mehrere Tage lang für ihr Leben hatten fürchten laſſen. Der Tag neigte ſich zu Ende. Sarah ſaß in einem großen Seſſel, wurde durch ihren Bruder Thomas Seyton gehalten und betrachtete ſich mit großer Aufmerkſamkeit in einem Spiegel, der ihr von einem vor ihr knieenden Kammermädchen gehalten wurde. Es war in dem Zimmer, in welchem die Eule den Mord⸗ verſuch gemacht hatte. Die Gräfin ſah marmorbleich aus, ſo daß die dunkle Schwärze ihrer Augen, ihrer Brauen und ihres Haares noch mehr hervor⸗ trat. Sie war in einen weiten Ueberwurf von weißem Muslin gekleidet. „Gieb mir das Korallenband,“ ſagte ſie mit ſchwacher, aber gebieteriſcher Stimme zu einem ihrer Mädchen. „Betty wird Dir es umlegen,“ ſetzte Thomas Seyton hinzu, 19 „Du würdeſt Dich ſonſt zu ſehr anſtrengen. — Es iſt ſo ſchon ſehr unvorſichtig —“ „Das Band! das Band!“ wiederholte Sarah ungeduldig, die den Schmuck nahm und um die Stirn legte. „So — nun macht es feſt und verlaßt mich,“ ſagte ſie zu ihren Dienerinnen. In dem Augenblicke, als dieſe ſich entfernten, ſetzte ſie hinzu: „Man läßt Herrn Ferrand, den Notar, in das kleine blaue Zimmer eintreten, dann,“ fügte ſie mit einem Ausdruck kaum ver⸗ hüllten Stolzes hinzu, „geleitet man Se. königl. Hoheit den Groß⸗ herzog von Gerolſtein, ſobald er erſcheint, hierher.“ „Endlich!“ ſprach Sarah, indem ſie ſich in dem Seſſel zurück⸗ legte, ſobald ſie mit ihrem Bruder allein war, „endlich nähere ich mich dieſer Krone, dem Ziele meines ganzen Lebens. Die Pro⸗ phezeihung wird in Erfüllung gehen.“ „Sarah, beruhige Dich,“ ſagte ihr Bruder ernſt und ſtreng. „Noch geſtern zweifelte man an Deinem Aufkommen; eine letzte Täuſchung könnte Dein Leben gefährden.“ „Du haſt Recht, Tom. — Der Sturz aus ſo bedeutender Höhe wäre ein ſchrecklicher, denn meine Hoffnungen ſind nie der Erfüllung näher geweſen. Es hat mich in meiner Krankheit ſicher⸗ lich der Gedanke aufrecht erhalten, die höchſt wichtige Mittheilung zu benutzen, welche mir jenes Weib in dem Augenblicke machte, als ſie mich zu ermorden verſuchte.“ „Auch kamſt Du während des Deliriums fortwährend auf dieſen Gedanken zurück.“ „Weil dieſer Gedanke allein mein wankendes Leben aufrecht hielt. Welche Hoffnung! Souveraine Fürſtin — vielleicht Königin!“ ſetzte ſie wie im Rauſche hinzu. * 20 „Noch einmal; Sarah, keine unſinnige Hoffnungen! Das Er⸗ wachen würde zu ſchrecklich ſein.“ „Unſinnige Hoffnungen? Wie? Glaubſt Du, daß Rudolph, wenn er erfährt, daß das junge Mädchen in St. Lazarus, das dem Notar übergeben war, der das Kind für todt ausgegeben hat, unſer Kind iſt —“ Seyton unterbrach ſeine Schweſter. „Ich glaube,“ ſagte er bitter, „daß die Fürſten Gründe des Staatswohles und die politiſche Convenienz über die natürlichen Pflichten ſtellen.“ „Rechneſt Du ſo wenig auf meine Klugheit?“ „Der Fürſt iſt kein unerfahrener, leidenſchaftlicher Jüngling mehr wie damals. Jene Zeit liegt weit hinter ihm und — Dir, liebe Schweſter.“ Sarah zuckte leicht die Achſeln und ſagte: „Weißt Du, warum ich dieſes Korallenband um meine Stirn legen wollte? warum ich dieſes weiße Gewand angelegt habe? Weil ich, als Rudolph mich das erſte Mal in Gerolſtein ſah, weiß gekleidet war und daſſelbe Korallenſtirnband trug.“ „Wie?“ ſiel Thomas Sehton mit einem Blicke der Verwun⸗ derung auf ſeine Schweſter ein, „Du willſt jene Erinnerungen wieder wecken und fürchteſt nicht gerade die nachtheilige Wirkung derſelben?“ „Ich kenne Rudolph beſſer als Du. — Allerdings ſind meine durch das Alter und die Krankheit veränderten Züge nicht mehr die des ſechzehnjährigen Mädchens, das er ſo leidenſchafelich liebte, das er allein geliebt hat, denn ich war ſeine erſte Liebe. Dieſe in dem Leben des Mannes einzige Liebe läßt unvertilgbare Spuren in dem Herzen zurück. Glaube mir, Bruder, der Anblick dieſes 21 Schmuckes wird in Rudolph nicht blos die Erinnerung an ſeine Liebe, ſondern auch an ſeine Jugend wecken, und dieſe Erinnerungen ſind ja immer lieblich und koſtbar —“ „Aber an dieſe lieblichen Erinnerungen ſchließen ſich ſchreck⸗ liche an. Denke an das traurige Ende Euerer Liebe, an das Ver⸗ fahren des Vaters des Fürſten gegen Dich, an Dein hartnäckiges Schweigen, als Rudolph nach Deiner Verheirathung mit dem Grafen Mac Gregor das Kind von Dir zurückforderte, das Kind, deſſen Tod Du ihm vor zehn Jahren in einem kalten Schreiben anzeigteſt. Vergißt Du, daß der Fürſt ſeit dieſer Zeit nur Verachtung und Haß gegen Dich empfunden hat?“ „Das Mitleiden iſt an die Stelle des Haſſes getreten. — Seit er erfahren, daß ich todtkrank ſei, hat er ſich täglich durch den Baron von Graun nach meinem Befinden erkundigen laſſen.“ „Aus Menſchlichkeit —“ „Eben hat er mir ſagen laſſen, daß er zu mir kommen würde. Das iſt ein unermeßliches Zugeſtändniß, Bruder —“ „Er glaubt, Du lägſt im Sterben, — er meint, es handele ſich um einen letzten Abſchied, und kommt. — Du hätteſt ihm ſchrei⸗ ben ſollen, was Du ihm ſagen willſt.“ „Ich weiß, warum ich ſo handle und nicht anders. Dieſe Mittheilung wird ihn überraſchen, mit Freude erfüllen, und ich werde ſeine wehmüthige, weiche Stimmung zu benutzen wiſſen. Heute oder nie wird er zu mir ſagen: die Ehe muß die Geburt dieſes Kindes legitimiren. Sagt er dies, ſo hält er auch Wort, und die Hoffnung meines ganzen Lebens iſt endlich erfüllt.“ „Ja, — wenn er Dir dieſes Verſprechen giebt.“ „Es darf in dieſer entſcheidenden Stunde nichts vernachläſſigt werden, damit er es thue. — Ich kenne Rudolph; er haßt mich, 22 obgleich ich den Grund ſeines Haſſes nicht errathe, denn ich habe ihm gegenüber nie gegen die Rolle Sn ich über⸗ nommen.“ „Vielleicht, denn er iſt nicht der Mann, der Grund haßt.“ „Gleichviel! Hat er einmal die Gewißheit, ſeine Tochter wie⸗ dergefunden zu haben, ſo wird er ſeinen Widerwillen gegen mich niederkämpfen und kein Opfer ſcheuen, um ſeinem Kinde das be⸗ neidenswertheſte Loos zu ſichern und daſſelbe ſo glücklich zu machen, wie es bis jetzt unglücklich geweſen iſt.“ „Daß er ſeiner Tochter das glänzendſte Loos ſichert, — ja, aber zwiſchen dieſer Vergeltung und dem Entſchluſſe, Dir ſeine Hand zu reichen, um die Geburt des Kindes zu legitimiren, liegt ein gewaltiger Abgrund.“ „Den ſeine Vaterliebe ausfüllen wird.“ „Die Unglückliche hat bisher ohne Zweifel in einem oder armſeligen Zuſtande gelebt.“ „Rudolph wird ſie um ſo höher erheben, je tiefer ſie geſunken war.“ „Sie zu dem Range der ſouverainen Familien Europas zu erheben, ſie vor allen Fürſten und Königen, mit denen er verwandt oder verbündet iſt, als ſeine Tochter anzuerkennen —2“ „Kennſt Du ſeinen ſeltſamen, gebieteriſchen und entſchloſſenen Charakter nicht? Kennſt Du ſeine Ritterlichkeit nicht in Allem, was er für Recht und Pflicht hält?“ „Das unglückliche Kind iſt durch die Armuth, in welcher es lebte, vielleicht ſo verdorben worden, daß der Fürſt, ſtatt ſich zu ihm hingezogen zu fühlen .. .4 „Was ſagſt Du?“ unterbrach Sarah ihren Bruder. „Iſt ſie nicht ein eben ſo ſchönes junges Mädchen wie ſie ein reizendes 23 Kind war? Hat ſich nicht Rudolph, ohne ſie zu kennen, für ſie ſo weit intereſſirt, daß er für ihre Zukunft ſorgte? Hatte er ſie nicht auf ſeine Beſitzung Bouqueval geſandt, von welcher wir ſie ent⸗ führen ließen?“ „Ja, in Folge Deines fortwährenden Beſtrebens, alle Bande der Liebe des Fürſten zu zerreißen, um ihn einſt wieder zu Dir zurückzuführen.“ „Ohne dieſe Hoffnung hätte ich nicht mit Gefahr meines Lebens das Geheimniß der Exiſtenz meiner Tochter erfahren. Habe ich nicht durch das Weib, das ſie von Bouqueval entführte, den unwürdigen Betrug des Notars Ferrand erfahren?“ „Es iſt Schade, daß man mir dieſen Morgen den Eintritt in St. Lazarus verweigerte, wo ſich, wie man ſagt, das unglückliche Kind befindet; trotz meinen Bitten antwortete man mir auf keine Frage, die ich that, weil ich kein Empfehlungsſchreiben an den Director des Gefängniſſes hatte. Ich ſchrieb in Deinem Namen an den Präfecten, erhalte aber die Antwort wahrſcheinlich erſt morgen, und der Fürſt wird ſogleich hier ſein. Noch einmal, ich bedaure, daß Du ihm Deine Tochter nicht ſelbſt vorſtellen kannſt; es wäre beſſer geweſen, wenn man gewartet, bis ſie aus dem Gefängniſſe entlaſſen, bevor man den Großherzog hierher beſchied.“ „Warten! Weiß ich, ob die heilſame Kriſis, die in meinem Zuſtande eingetreten iſt, bis morgen andauert? Vielleicht hält mich nur die Energie meines Ehrgeizes auf kurze Zeit aufrecht.“ „Aber welche Beweiſe willſt Du dem Fürſt envorlegen? Wird er Dir glauben?“ „Er wird mir glauben, wenn er den Anfang der Enthüllung lieſt, die ich nach den Worten jener Frau niederſchrieb, als ſie mich verwundete, jener Enthüllung, von welcher ich zum Glück nichts 24 vergeſſen habe; er wird mir glauben, wenn er die Briefe von Dir, der Madame Seraphin und Jacob Ferrand bis zu dem angeb⸗ lichen Tode des Kindes geleſen; er wird mir glauben, wenn er die Geſtändniſſe des Notars gehört, der, durch meine Drohungen erſchreckt, ſich hier einfinden wird; er wird mir glauben, wenn er das Portrait meiner Tochter aus deren ſechstem Jahre ſieht, jenes Portrait, das, wie jene Frau ſagte, noch jetzt auffallend ähnlich iſt. So viele Beweiſe werden dem Fürſten darthun, daß ich die Wahrheit ſage, und die erſte Regung bei ihm hervorrufen, die mich — faſt zu einer Königin machen kann. Ach, wäre ich dies nur einen Tag, nur eine Stunde, ich würde zufrieden ſterben.“ In dieſem Augenblicke hörte man einen Wagen in den Hof vollen. „Er iſt es, — es iſt Rudolph!“ ſagte Sarah zu Thomas Seyton. Dieſer trat raſch an einen Vorhang, hob ihn empor und ant⸗ wortete: „Ja, es iſt der Fürſt; er ſteigt eben aus dem Wagen.“ „Laß mich allein, — der entſcheidende Augenblick naht,“ ſagte Sarah mit unveränderlicher Kaltblütigkeit, denn die einzige Trieb⸗ feder dieſes Weibes war ſtets ein übergroßer Ehrgeiz, eine rück⸗ ſichtsloſe Selbſtſucht geweſen und war es noch. Sie ſah in der faſt wunderbaren Auferſtehung ihrer Tochter nur das Mittel, end⸗ lich den Zweck ihres Lebens zu erreichen, den ſie nie aus den Augen verloren hatte. Thomas Seyton zögerte einen Augenblick, ehe er das Zimmer verließ; dann trat er raſch zu ſeiner Schweſter und ſagte zu ihr: „Ich werde dem Fürſten mittheilen, wie Deine Tochter, die er für todt gehalten, gerettet worden iſt; für Dich würde dieſes „ Geſpräch zu gefährlich ſein. Die heftige Aufregung könnte Dich umbringen, und der Anblick des Fürſten nach einer ſo langen Tren⸗ nung, die Erinnerungen aus jener Zöit „Deine Hand, Bruder!“ ſagte Sarah. Dann legte ſie die Hand des Thomas Seyton auf ihr kaltes Herz und ſprach mit ruhigem Lächeln: „Bin ich bewegt?“ „Nein — kein raſcher Schlag!“ entgegnete Seyton erſtaunt. „Ich weiß, wie ſehr Du Dich zu beherrſchen verſtehſt, aber in einem ſolchen Augenblicke, wo es ſich bei Dir um eine Krone oder den Tod handelt —, denn, bedenke es noch einmal, das Schwinden dieſer letzten Hoffnung würde für Dich tödtlich ſein. — Deine Ruhe erſchreckt mich.“ „Warum dieſes Staunen, Bruder? Bis jetzt, Du weißt es ia, hat nichts, nichts dieſes Marmorherz zu raſchern Schlägen ge⸗ bracht; es wird nur zittern, wenn ich die Fürſtenkrone auf meiner Stirn fühle. — Ich höre Rudolph, verlaß mich.“ Aber .“ „Verlaß mich,“ ſprach Sarah in ſo entſchiedenem, ſo gebiete⸗ riſchem Tone, daß ihr Bruder das Zimmer einige Augenblicke vor dem Eintreten des Fürſten verließ. Als Rudolph in das Zimmer trat, vrückte ſein Blick Mitleid aus; als er aber Sarah, faſt geſchmückt, auf dem Seſſel ſitzen ſah, wich er erſtaunt zurück, und ſein Geſicht wurde ſogleich finſter und mißtrauiſch. Die Gräfin errieth ſeine Gedanken und ſagte mit weicher, ſchwacher Stimme zu ihm: „Sie glaubten mich dem Tode nahe zu finden und kamen, um mir ein letztes Lebewohl zu ſagen?“ — 26 „Ich habe die letzten Wünſche der Sterbenden ſtets für heilig gehalten; — wenn es ſich aber um eine Täuſchung handelt —“ „Beruhigen Sie ſich,“ ſagte Sarah, indem ſie Rudolph unter⸗ brach; „beruhigen Sie ſich, ich habe Sie nicht getäuſcht, — ich habe, glaube ich, nur noch wenige Stunden zu leben. — Verzeihen Sie mir eine letzte Koketterie, — ich wollte Ihnen die traurige Umgebung einer Sterbenden erſparen, ich wollte in dem Anzuge ſterben, in welchem ich Sie das erſte Mal ſah. — Ach, endlich ſehe ich Sie wieder nach einer ſiebzehnjährigen Trennung. Dank, Dank Ihnen! Aber danken auch Sie dem Himmel, daß er Sie ver⸗ mochte, meine letzte Bitte zu erhören. — Wenn Sie dieſelbe nicht erfüllt hätten, würde ich ein Geheimniß mit mir nehmen, das Ihr Leben mit Freude und Glück erfüllen wird, wenn ſich in dieſe Frende vielleicht auch einige Trauer, einige Thränen miſchen, wie in jedes menſchliche Glück. Aber Sie würden dieſes Glück dennoch mit der Hälfte der Tage erkaufen, die Sie noch zu leben haben.“ „Was meinen Sie?“ fragte der Fürſt überraſcht. „Ja, Rudolph, wären Sie nicht gekommen, würde mir dieſes Geheimniß in das Grab gefolgt ſein, — das wäre meine einzige Rache geweſen, und doch — nein, nein, ich würde den ſchrecklichen Muth nicht gehabt haben. — Obwohl Sie mir große Schmerzen bereitet, würde ich doch dies höchſte Glück mit Ihnen getheilt haben, an dem Sie, glücklicher als ich, ſich noch lange erfreuen werden, wie ich hoffe.“ „Noch einmal, was meinen Sie?“ „Sobald Sie es kennen, werden Sie das Zögern nicht be⸗ greifen, mit dem ich Sie hinhalte, denn Sie werden dieſe Ent⸗ deckung für ein Wunder des Himmels halten; aber während ich durch ein Wort Ihnen des größte Glück gewähren kann, das Sie A vielleicht jemals empfunden haben, gewährt es mir ſeltſamer Weiſe, obgleich die Minuten meines Lebens gezählt ſind, einen un⸗ ausſprechlichen Genuß, Sie warten und warten zu laſſen. — Ich kenne aber auch Ihr Herz, und trotz Ihrem feſten Charakter ſcheue ich mich,! Ihnen ohne Vorbereitung eine ſo unglaubliche Entdeckung mitzutheilen. Auch die plötzliche große Freude hat ihre Gefahr.“ „Sie werden bleicher, Sie können mit Mühe eine große Auf⸗ regung niederhalten,“ ſprach Rudolph; „es handelt ſich, wie es ſcheint, um etwas Ernſtes, Feierliches. „Um etwas Ernſtes, Feierliches,“ entgegnete Sarah mit be⸗ wegter Stimme, denn trotz ihrer gewöhnlichen kalten Ruhe fühlte ſie ſich bei dem Gedanken an die hohe Bedeutung des Geheimniſſes, das ſie Rudolph mittheilen wollte, tiefer ergriffen, als ſie es ſelbſt für möglich gehalten hatte. Sie konnte deshalb nicht länger an ſich halten und rief aus: „Rudolph, unſere Tochter lebt!“ „Unſere Tochter!“ „Sie lebt, ſage ich Ihnen.“ Dieſe Worte und der Ton der Wahrheit, in welchem ſie geſprochen worden, erſchütterten den Fürſten bis in das Innerſte ſeines Herzens. „Unſer Kind!“ wiederholte er, indem er raſch an den Seſſel Sarahs trat, „unſer Kind? meine Tochter?“ „Iſt nicht geſtorben, ich habe unwiderlegliche Beweiſe, ich weiß, wo ſie iſt, und morgen werden Sie dieſelbe ſehen.“ „Meine Tochter! Meine Tochter!“ wiederholte Rudolph ſtau⸗ nend; „es wäre möglich? ſie lebte?“ Dann aber bedachte er plötzlich die Unwahrſcheinlichkeit dieſes Ereigniſſes, fürchtete das Opfer einer neuen Täuſchung Sarahs zu werden und ſagte: 28 „Nein, nein, es iſt ein Traum! es iſt unmöglich! Sie täuſchen mich, — es iſt eine Liſt, eine unwürdige Lüge!“ „Rudolph, hören Sie mich an.“ „Nein, — ich kenne Ihren Ehrgeiz, ich weiß, weſſen Sie fähig ſind, und errathe den Zweck dieſer Täuſchung.“ „Ja, Sie ſprechen die Wahrheit, ich bin zu Allem fähig. Ja, ich wollte Sie täuſchen, ja, einige Tage vor dem Mordanfalle, deſſen Opfer ich war, ſuchte ich ein iunges das ich Ihnen als unſer Kind vorſtellen wollte — „Genug, genug!“ „Nach dieſem Geſtändniſſe werden Sie mir vielleicht glauben, oder vielmehr genöthigt ſein, dem Augenſcheine ſich zu fügen.“ „Dem Augenſcheine?“ „Ja, Rudolph, ich wiederhole es, ich wollte Sie täuſchen, ein junges Mädchen für das ausgeben, das wir beweinten, aber Gott fügte es, daß ich in dem Augenblicke, als ich mit dieſem verbreche⸗ riſchen Plane umging, von Mörderhand getroffen wurde —“ „In dieſem Augenblicke?“ „Gott leitete es ſo, daß man mir zu dieſer Rolle, wiſſen Sie wen? — unſere Tochter vorſchlug.“ „Sprechen Sie im Fieber?“ „Nein, Rudolph. — In dem Käſtchen da werden Sie neben Papieren und einem Portrait, welche die Wahrheit deſſen, was ich Ihnen ſage, beweiſen, auch ein mit meinem Blute beflecktes Papier finden —“ „Mit Ihrem Blute?“ „Die Frau, welche mir ſagte, daß unſere Tochter noch lebt, dictirte mir dieſe Entdeckung — als mich der Dolchſtoß traf.“ „Wer war ſie? Woher wußte ſie —2“ 29 „Ihr hatte man unſere Tochter als kleines Kind übergeben, nachdem man ſie für todt ausgegeben.“ „Aber dieſe Frau? ihr Name? Kann man ihr glauben? Wo haben Sie dieſelbe kennen gelernt?“ „Ich ſage Ihnen, es zeigt ſich in Allem die Hand der Vor⸗ ſehung. Vor einigen Monaten hatten Sie ein junges Mädchen dem Elende entriſſen und auf das Land geſchickt, nicht wahr?“ „Ja, nach Bouqueval.“ „Die Eiferſucht, der Haß leiteten mich irre. Ich ließ das Mädchen durch die Frau, von der ich ſpreche, entführen —“ „Und man hat das unglückliche Kind nach St. Lazarus gebracht.“ „Wo ſie noch iſt.“ „Nein, ſie iſt nicht mehr da. — O, Sie wiſſen nicht, welches unglück Sie bereitet haben, daß Sie die Unglückliche aus dem ſtillen Frieden herausriſſen; indeß —“ „Das junge Mädchen iſt nicht mehr in St. Lazarus?“ ſprach Sarah entſetzt, „und Sie ſprechen von einem Unglücke?“ „Einem Ungeheuer von Habſucht lag viel an dem Tode des Mädchens. Man hat ſie ertränkt, — aber antworten Sie mir, ſagen Sie —“ „Mein Kind!“ unterbrach Sarah den Fürſten, indem ſie ſich erhob und gleich einer weißen Marmorſtatue daſtand. „Mein Gott, was ſagen Sie?“ fragte Rudolph. „Mein Kind!“ wiederholte Sarah, deren Geſicht Leichenbläſſe bedeckte und die entſetzlichſte Verzweiftung kund gab; „man hat mein Kind gemordet?“ „Die Nachtigall war Ihre Tochter?!“ fragte Rudolph, indem er mit Entſetzen zurückwich., 30 „Die Nachtigall, ja, dieſen Namen nannte mir jene Frau, die Eule, — todt! todt!“ wiederholte Sarah, die noch immer unbeweg⸗ lich, mit ſtierem Blicke daſtand; „man hat ſie ermordet?“ „Sarah,“ ſprach Rudolph, jetzt ſo bleich wie die Gräfin, „er⸗ holen Sie ſich, antworten Sie mir. — Die Nachtigall, jenes junge Mädchen, das Sie durch die Eule aus Bouqueval entführen ließen, war „Unſer Kind!“ „Sie!“ „Und man hat ſie ermordet?“ „Nein, nein, Sie ſprechen im Fieber, — es iſt nicht möglich. — Sie wiſſen nicht, Sie wiſſen nicht, wie ſchrecklich dies wäre. — Sarah, kommen Sie zu ſich, ſprechen Sie ruhig, ſetzen Sie ſich, beruhigen Sie ſich. — Es giebt oft Aehnlichkeiten, der Schein trügt, man glaubt ſo gern, was man wünſcht. Ich mache Ihnen keine Vorwürfe, aber erklären Sie mir, nennen Sie mir alle Gründe, welche Sie zu dieſer Annahme gebracht haben, denn es iſt nicht möglich, nein, es kann, es darf nicht ſein; es iſt nicht möglich.“ Nach einer Pauſe ſammelte die Gräfin ihre Gedanken und ſagte mit matter Stimme zu Rudolph: „Als ich Ihre Vermählung erfuhr, als ich mich ſelbſt ver⸗ heirathen wollte, konnte ich unſer Kind nicht bei mir behalten. Es war damals vier Jahre alt —“ „Um dieſe Zeit bat ich Sie, mir das Kind zu ſenden,“ fiel Rudolph mit herzzerreißendem Tone ein, „und meine Briefe blieben unbeantwortet. Der einzige, den Sie mir ſchrieben, meldete mir den Tod.“ 31 „Ich wollte mich für Ihre Verachtung rächen und weigerte mich deshalb, Ihnen das Kind zu ſenden. — Es war unwürdig; aber hören Sie mich an, — ich fühle, daß mein Ende naht, dieſen letz⸗ ten Schlag ertrage ich nicht.“ „Nein, nein, ich glaube Ihnen nicht, ich kann Ihnen nicht glauben. — Die Nachtigall — meine Tochter! Ach Gott, das kannſt Du nicht wollen.“ „Hören Sie mich an. Als ſie vier Jahre alt war, übergab mein Bruder unſere Tochter der Madame Seraphin, der Wittwe ſeines ehemaligen Dieners, mit dem Auftrage, ſie zu erziehen, bis ſie in eine Penſion gebracht werden könnte. Die Summe, welche beſtimmt war, die Zukunft des Kindes zu ſichern, übergab mein Bruder einem durch ſeine Rechtlichkeit bekannten Notar. Die Briefe dieſes Mannes und der Madame Seraphin an mich und meinen Bruder liegen da in meinem Käſichen. Nach einem Jahre ſchrieb man mir, der Geſundheitszuſtand des Kindes verſchlimmere ſich, und nach acht Monaten meldete man mir den Tod; auch ſchickte man mir den Todtenſchein. Um dieſe Zeit trat Madame Seraphin in den Dienſt Jacob Ferrands, nachdem ſie unſer Kind durch Ver⸗ mittelung eines Elenden, der ſich jetzt in dem Bagno zu Rochefort befindet, der Eule übergeben hatte. Ich fing an, dieſe Ausſage der Eule niederzuſchreiben, als ſie mir den Dolch in den Rücken ſtieß. Dieſes Papier liegt auch da — nebſt einem Portrait unſerer Toch⸗ ter, als ſie vier Jahre alt war. Prüfen Sie Alles, die Briefe, die Auslage, das Portrait; und beurtheilen Sie, da Sie — das unglückliche Kind geſehen haben —“ Sarah ſank, durch dieſe Worte erſchöpft, halb ohnmächtig auf den Seſſel. 32 Rudolph blieb, wie vom Blitze getroffen, ſtehen. Es giebt ſo unerwartete, ſo furchtbare Unfälle, an deren Wirk⸗ lichkeit man zu zweifeln ſucht, bis ein vernichtender Augenſchein zum Glauben zwingt. Rudolph, der von dem Tode der Marien⸗Blume überzeugt war, hatte nur noch eine Hoffnung, die, ſich zu überzeugen, daß ſie nicht ſeine Tochter ſei. Mit einer entſetzlichen Ruhe, die Sarah erſchreckte, trat er an den Tiſch, öffnete das Käſtchen und las die Briefe, einen nach dem andern, und prüfte mit der eeſ Aufmerkſamkeit die an⸗ dern Papiere. Dieſe durch die Poſt geſtempelten, durch den Notar und Ma⸗ dame Seraphin an Sarah und deren Bruder geſchriebenen Briefe bezogen ſich auf die Kindheit der Marien⸗Blume und auf das Geld, das für dieſelbe beſtimmt war. An der Aechtheit dieſer Briefe konnte Rudolph nicht zweifeln. Durch die Ausſagen der Eule wurden die Angaben beſtätigt, die wir im Anfange dieſer Geſchichte mitgetheilt haben, welche Rudolph er⸗ mittelt hatte und die einen gewiſſen Peter Tournemine, Sträfling in Rochefort, als denjenigen bezeichneten, welcher Marien⸗Blume aus den Händen der Madame Seraphin erhalten hatte, um ſie der Eule zu übergeben, welche ſpäter in Anweſenheit Rudolphs in der Penne von dem unglücklichen Kinde ſelbſt erkannt worden war. Rudolph konnte an der Identität dieſer Perſonen und der Nachtigall nicht länger zweifeln. Der Todtenſchein war offenbar in Ordnung; aber Ferrand ſelbſt hatte der Cerily geſtanden, daß dieſes falſche Actenſtück zur Erlan⸗ gung einer bedeutenden Summe gedient habe, welche für ein junges Mädchen ausgeſetzt geweſen ſei, das er durch Martial an der Inſel des Ausſuchers habe ertränken laſſen. 33 Rudolph erlangte alſo mit wachſender entſetzlicher Angſt die ſchreckliche Ueberzeugung, daß die Nachtigall wirklich ſeine Tochter und todt ſei. Alles ſchien dieſe Annahme zu beſtätigen. Der Fürſt hatte, bevor er Jacob Ferrand auf die durch den Notar ſelbſt der Cecily gelieferten Beweiſe beſtrafte, aus Theil⸗ nahme an der Nachtigall in Asnires Erkundigungen einziehen laſſen und erfahren, daß wirklich zwei Frauenzimmer, ein altes und ein junges, welches letztere als Bauermädchen gekleidet geweſen, auf der Fahrt nach der Inſel des Ausſuchers ertrunken wären und daß das Gerücht die Martials dieſes neuen Verbrechens beſchuldige. Wir müſſen endlich anführen, daß trotz der Pflege des Doctor Griffon, des Grafen von Saint Remy und der Wölfin Marien⸗ Blume ſehr lange gefährlich krank lag und eine Beſſerung erſt lang⸗ ſam eintrat, daß ihre körperliche und geiſtige Schwäche ſo groß war, daß ſie weder Madame Georges noch Rudolph von ihrer Lage eine Nachricht hatte geben können. Dieſes Zuſammentreffen von Umſtänden nahm dem Fürſten alle Hoffnung. Eine letzte Prüfung war ihm vorbehalten. Er ſah endlich das Portrait an, das er anzublicken ſich faſt fürchtete. Der Schlag war ſchrecklich. Er fand in dieſem reizenden, kindlichen Geſichte, das bereits eine engelgleiche Schönheit beſaß, unlengbar die Züge der Marien⸗ Blume, — die feine gerade Naſe, die edle Stirn, den kleinen ſchon etwas ernſten Mund, „denn,“ ſchrieb Madame Seraphin in einem Briefe an Sarah, den Rudolph geleſen hatte: „das Kind fragt Die Geheimniſſe von Paris. VIII. 3 34 immer nach ſeiner Mutter und iſt recht traurig.“ Es waren ihre großen ſo milden blauen Augen, und bei dem Anblicke dieſes Portraits wurden die heftigen Gefühle, welche Rudolph be⸗ ſtürmten, durch Thränen erſtickt. Er ſank gebrochen auf einen Stuhl und verdeckte ſchluchzend ſein Geſicht mit beiden Händen. CXLVHI. Rache. Sarahs ſichtbar. In dem Augenblicke, als ſie die Erfüllung des ehrgeizigen Traumes ihres ganzen Lebens endlich vor ſich ſah, entſchwand ihr die letzte Hoffnung für immer, die ſie noch aufrecht gehalten hatte. Dieſe entſetzliche Täuſchung mußte auf ihren Geſundheitszuſtand, der ſich momentan gebeſſert hatte, einen ſehr nachtheiligen Einfluß haben. Sie lag auf dem Seſſel, vom Fieber geſchüttelt, die beiden Hände feſt auf die Kniee gedrückt, ſtier vor ſich hinſtarrend, und wartete mit Entſetzen auf das erſte Wort Rudolphs. Sie kannte die Heftigkeit des Charakters des Fürſten und ahnte, daß auf den Schmerz, der dieſem ſo entſchloſſenen und un⸗ beugſamen Manne ſo viele Thränen entriß, ein entſetzliches Auf⸗ brauſen folgen würde. Mit einem Male richtete Rudolph den Kopf empor, trocknete 3 * 36 die Thränen ab, ſtand auf, trat mit auf der Bruſt übereinander⸗ geſchlagenen Armen, mit vrohender, unbarmherziger Miene zu der Gräfin, betrachtete ſie einige Augenblicke ſchweigend und ſprach dann mit dumpfer Stimme: „Es mußte ſo kommen, — ich habe das Schwert gegen meinen Vater ezogen und werde nun in meinem Kinde geſtraft. Gerechte Strafe für den Vatermörder. — Hören Sie mich an, Madame.“ Sie Vatermörder! Großer Gott! Ach, grauenvoller Tag! was werden Sie mir noch ſagen!“ „Sie müſſen in dieſem feierlichen Augenblicke alles Schreck⸗ liche erfahren, das Sie durch Ihren ruheloſen Ehrgeiz, durch Ihre vückſichtsloſe Selbſtſucht veranlaßt haben. Hören Sie es, Weib ohne Herz und Glauben! Hören Sie es, entartete Mutter!“ „Gnade, Rudolph, Gnade!“ „Keine Gnade für Sie, die Sie einſt ohne Erbarmen eine wahre und aufrichtige Liebe kaltblütig im Intereſſe Ihres ſchänd⸗ lichen Stolzes ausbeuteten, indem Sie ſich ſtellten, als theilten Sie eine edle, aufopfernde Leidenſchaft. Keine Gnade für Sie, denn Sie gaben dem Sohne die Waffe gegen den Vater in die Hand; keine Gnade für Sie, denn Sie haben Ihr Kind, ſtatt mütterlich über daſſelbe zu wachen, gemietheten Händen übergeben, um Ihre Habſucht durch eine reiche Heirath zu befriedigen, wie Sie ſonſt Ihren maßloſen Ehrgeiz zu ſtillen ſuchten, indem Sie mich bewegen wollten, Ihnen meine Hand zu reichen. Keine Gnade für Sie, denn Sie haben mein Kind meiner Liebe vorenthalten und daſſelbe dann durch ſchändliche Betrügerei in den Tod geſtürzt. Fluch über Sie, denn Sie waren mein und meiner Familie böſer Geiſt!“ 37 „Ach Gott, er iſt erbarmungslos. Laſſen Sie mich, laſſen Sie mich —“ „Sie müſſen mich anhören. — Gedenken Sie an den letzten Tag, an welchem ich Sie ſah — vor ſiebzehn Jahren — als Sie die Folgen unſerer geheimen Verbindung nicht mehr verbergen konn⸗ ten, die ich gleich Ihnen für unauflöslich hielt. — Ich kannte den unbeugſamen Charakter meines Vaters und wußte, welche Ver⸗ mählung er aus Staatsgründen für mich wünſchte. — Ich trotzte ſeinem Zorne und erklärte ihm, daß Sie vor Gott und den Menſchen meine Gattin wären, daß Sie binnen Kurzem ein Kind, die Frucht unſerer Liebe, zur Welt bringen würden. Der Zorn meines Vaters war ſchrecklich; er wollte an meine Ehe mit Ihnen nicht glauben, denn ſolche Kühnheit erſchien ihm unmöglich. Er drohte mir mit ſeinem ſchrecklichſten Unwillen, wenn ich mir noch einmal erlauben würde, von einer ſolchen Thorheit zu ſprechen. Ich liebte Sie damals mit wahnſinniger Leidenſchaft und glaubte, Ihr ehernes Herz habe wirklich auch für mich geſchlagen. Ich antwortete meinem Vater, daß ich nie eine andere Frau haben würde als Sie. Bei dieſen Worten kannite ſein Zorn keine Grenzen mehr; er überſchüttete Sie mit den beleidigendſten Worten, erklärte, daß unſere Ehe null und nichtig ſei und ſchwur, Sie zur Strafe für Ihre Kühnheit öffent⸗ lich an den Pranger ſtellen zu laſſen. In meiner rückſichtsloſen Leidenſchaft wagte ich, meinem Vater, meinem Souverain zu ver⸗ bieten, ſo von meiner Frau zu ſprechen, wagte ich, ihm zu drohen. Da erhob mein Vater die Hand gegen mich, — die Leidenſchaft blendete mich, — ich zog meinen Degen und ſtürzte mich auf ihn. Ohne Murph, der dazu kam und den Stoß ablenkte, würde ich wirklich Vatermörder geworden ſein. Hören Sie — Vatermörder! und um Sie zu vertheidigen — Sie.“ 38 „Dieſes Unglück kannte ich nicht. —“ „Vergebens habe ich bisher mein Verbrechen abzubüßen ge⸗ glaubt, — das Unglück, das mich jetzt betrifft, iſt meine Strafe —“ „Habe ich nicht auch durch die Härte Ihres Vaters gelitten, der unſere Ehe trennte? Warum beſchuldigen Sie mich, ich hätte Sie nicht geliebt, da ich doch — „Warum?“ entgegnete Rudolph, indem er Sarah unterbrach und einen Blick voll vernichtender Verachtung auf ſie warf; „ſo erfahren Sie es, und wundern Sie ſich nicht mehr über den Abſchen, den Sie mir einflößen. Nach jenem ſchrecklichen Auftritte, in welchem ich meinen Vater bedroht hatte, gab ich meinen Degen ab. Ich wurde gefangen gehalten und Polidori, durch den unſere Vermählung zu Stande gekommen, verhaftet. Er wies nach, daß dieſe Verbindung null und nichtig ſei, daß der Geiſtliche, der uns getraut, kein Geiſtlicher geweſen, daß Sie, Ihr Bruder und ich hinter⸗ gangen worden wären. Polidori that, um den Zorn meines Vaters gegen ihn zu entwaffnen, ſogar noch mehr, er übergab ihm einen Ihrer Briefe an Ihren — der bei einer Reiſe deſſelben unter⸗ ſchlagen worden war — „Himmel, wäre es möglich!“ „Erklären Sie ſich nun meine ——— „Genug — genug!“ „In dieſem Briefe ſprachen Sie Ihre ehrgeizigen Pläne ohne alle Rückſicht aus, — behandelten mich mit eiskalter Verachtung und opferten mich Ihrem teufliſchen Stolze. Ich war nur das Werkzeng, durch welches Sie das zu erreichen gedachten, was Ihnen prophezeiht worden, und machten ſogar die — daß mein Vater zu lange lebe —“ „Ich Unglückliche! Jetzt begreife ich Alles.“ 39 „Und um Sie zu vertheidigen, hatte ich das Leben meines Vaters bedroht! Als er mir den Tag darauf, ohne mir irgend einen Vorwurf zu machen, dieſen Brief zeigte, dieſen Brief der in jeder Zeile Ihre ſchwarze Seele verrieth, konnte ich nichts thun, als auf meine Kniee finken und um Gnade und Verzeihung bitten. Seit dieſem Tage bin ich durch nimmer ſchweigende Reue, durch die hef⸗ tigſte Gewiſſenspein verfolgt worden. Ich verließ Deutſchland bald, um große Reiſen zu unternehmen, und begann die Buße, die ich mir auferlegt hatte. Sie wird nur mit meinem Leben enden. Ich habe mir die Aufgabe geſtellt, das Gute zu belohnen, das Böſe zu ver⸗ folgen, die Leidenden zu unterſtützen und alle Wunden der Menſch⸗ heit zu unterſuchen, um vielleicht einige Seelen dem Verderben zu entreißen.“ „Sie iſt edel und heilig, ſie iſt Ihrer würdig.“ „Ich erwähne dieſes Gelübde,“ fuhr Rudolph mit eben ſo großer Verachtung wie Bitterfeit fort, „ich erwähne dieſes Gelübde, das ich überall, wo ich mich befand, nach Kräften zu erfüllen mich bemühte, hier nicht, um von Ihnen gelobt zu werden. Hören Sie mich an. Vor einiger Zeit kam ich in Frankreich an, und mein Aufenthalt in dieſem Lande ſollte für meine Buße nicht verloren ſein. Ich wollte redliche Unglückliche unterſtützen, aber auch jene Claſſen kennen lernen, die durch die Armuth völlig niedergedrückt und verdorben werden, da ich wohl wußte, daß eine zu rechter Zeit gegebene Beihülfe, daß einige freundliche Worte hinreichen können, einen Unglücklichen von dem Rande des Verderbens zurückzuführen. Um mir ein eigenes Urtheil zu bilden, nahm ich die Kleidung und die Sprache der Leute an, die ich zu beobachten wünſchte. Bei einer ſolchen Bevbachtung begegnete ich zum erſten Male. . aber als weiche er vor dieſer ſchrecklichen Mittheilung zurück, ſetzte X 40⁰ Rudolph nach Sögeniig hinzu: mein, nein, — — habe 85 Muth dazu nicht — „Was haben Sie mir noch mitzutheilen?“ „Sie werden es nur zu bald erfahren, aber“, fuhr er mit ſchneidender Ironie fort, „Sie nehmen an der Vergangenheit einen ſo innigen Antheil, daß ich auch von den Ereigniſſen ſprechen muß, die meiner Ankunft in Frankreich vorhergingen. Ich kehrte nach langen Reiſen nach Deutſchland zurück, gehorchte bereitwillig dem Wunſche meines Vaters und vermählte mich mit einer deutſchen Prinzeſſin. Während meiner Abweſenheit waren Sie aus dem Großherzogthume verwieſen worden. Als ich ſpäter erfuhr, daß Sie ſich mit dem Grafen Mac Gregor verheirathet hätten, forderte ich meine Tochter dringend von Ihnen zurück; Sie antworteten mir nicht, und trotz allen meinen Bemühungen konnte ich nicht ermitteln, wohin Sie das unglückliche Kind gebracht hatten, für deſſen Zu⸗ kunft mein Vater freigebig geſorgt hatte. Vor zehn Jahren endlich meldete mit ein Brief von Ihnen, daß unſere Tochter geſtorben wäre; mir wäre der unheilbare Schmerz erſpart worden, der nun mein Leben mit Verzweiflung erfüllen wird!“ „Nun“, entgegnete Sarah mit ſchwacher Stimme, „nun wundere ich mich nicht mehr über die Abneigung, die ich Ihnen eingeflößt haben muß, ſeit Sie jenen Brief geleſen hatten. — Ich fühle es, ich werde dieſen letzten Schlag nicht überleben. — Ja, ja, der Stolz und der Ehrgeiz haben mich in das Unglück geſtürzt. — Ich verbarg unter dem Scheine der Leidenſchaft ein eiskaltes Herz, — ich heuchelte Hingebung und Offenherzigkeit, kannte aber nur Ver⸗ ſtellung und Selbſtſucht. Da ich nicht wußte, mit welchem Rechte Sie mich verachteten und haßten, waren meine thörichten Hoff⸗ nungen glühender als je zurückgekehrt. — Seit ein doppelter 2. 41 Wiwenſfand uns beide wieder frei gemacht, glaubte ich von Neuem an die Prophezeihung, die mir eine Krone verhieß, und als der Zufall meine Tochter mich wiederfinden ließ, erkannte ich in dieſem unverhofften Glücke einen Fingerzeig der Vorſehung. Ja — ich glaubte ſogar, Ihre Abneigung gegen mich würde Ihrer Liebe zu Ihrem Kinde weichen, und Sie würden mir Ihre Hand reichen, um ihr den Rang zu geben, der ihr gebührt.“ „Ihr entſetzlicher Ehrgeiz werde befriedigt und geſtraft! Ja, trotz dem Abſchen, den Sie mir einflößen, ja, aus Anhänglichkeit, was ſage ich? aus Ehrfurcht vor den entſetzlichen Leiden meines Kindes würde ich, obgleich entſchloſſen, getrennt von Ihnen zu leben — würde ich durch eine Ehe, welche die Geburt unſeres Kindes legitimirt hätte, die Stellung deſſelben ſo glänzend gemacht haben, wie es bisher elend geweſen iſt.“ „Ich hatte mich alſo nicht getäuſcht? Wehe — wehe, es iſt zu ſpät!“ „Ich weiß es, — Sie beweinen nicht den Tod Ihrer Tochter, ſondern den Verluſt des Ranges, nach dem Sie mit ſo unerſchüt⸗ terlicher Ausdauer ſtrebten! Möge dieſes Bedauern Ihre letzte Strafe ſein!“ „Die letzte, ja, denn ich werde ſie nicht überleben.“ „Ehe Sie ſterben, müſſen Sie noch erfahren, welches Leben Ihre Tochter geführt hat, ſeitdem Sie dieſelbe verlaſſen.“ „Das arme Kind, wahrſcheinlich ein recht kümmerliches!“ „Erinnern Sie ſich,“ fuhr Rudolph mit entſetzlicher Ruhe fort, „erinnern Sie ſich jener Nacht, in welcher Sie mir mit Ihrem Bruder in ein ſchlechtes Wirthshaus in der Cité gefolgt waren?“ „Ich erinnere mich; aber warum dieſe Frage? Ihr Blick er⸗ ſtarrt mir das Blut in den Adern.“ wahr? an der Ecke ſchlechter Gäßchen — unglückliche Geſchöpfe, — die .. aber nein, nein — ich wage es nicht,“ ſprach Rudolph, indem er ſein Geſicht mit beiden Händen verhüllte, — „ich wage es nicht, meine Worte erſchrecken mich ſelbſt.“ „Sie erſchrecken auch mich. Mein Gott, was werde ich noch hören müſſen!“ „Sie haben die Unglücklichen geſehen, nicht wahr?“ fuhr Rudolph mit gewaltſamer Anſtrengung fort. „Sie haben dieſe Mädchen, die Schande ihres Geſchlechtes, geſehen? Nun — haben Sie unter denſelben ein junges ſechzehnjähriges Mädchen bemerkt, das ſchön war, ſchön, wie man die Engel malt, ein armes Kind, das inmitten des Verderbens, in das man es ſeit einigen Wochen geſtürzt, ein ſo reines, ſo jungfräuliches Antlitz behalten hatte, daß die Diebe und Mörder, die ſie Du nannten, Madame, ihr den Beinamen Marien⸗Blume gegeben hatten. Haben Sie dieſes junge Mädchen bemerkt, zärtliche Mutter?“ „Nein, ich habe ſie nicht bemerkt,“ antwortete Sarah faſt maſchinenmäßig, ſo bedrückt fühlte ſie ſich durch eine unklare Angſt. „Wirklich?“ entgegnete Rudolph mit bitterm Lachen. „Merk⸗ würdig! Ich — ich habe ſie bemerkt, und zwar bei folgender Gelegenheit. Bei einer Wanderung, die einen doppelten Zweck hatte“), traf ich in der Cité, nicht weit von dem Wirthshauſe, in in das Sie mir folgten, einen Mann, der eines jener unglücklichen Geſchöpfe ſchlagen wollte. Ich vertheidigte ſie gegen den rohen Menſchen; errathen Sie nicht, wer dieſes Geſchöpf war? Sprechen *) Auch den, die Spur von Germain, dem Sohne der Madame Georges, zu finden. A dem Wege nach dieſem Wirthshauſe ſahen Sie, nicht 43 Sie doch, Sie fromme, vorſorgliche Mutter, errathen Sie es nicht?“ „Nein — nein, ich errathe es nicht. — Laſſen Sie mich, laſſen Sie mich!“ . „Dieſe Unglückliche war Marien⸗Blume.“ „Mein Gott!“ „Und Sie errathen nicht, wer — Marien⸗Blume war, Sie vorwurfsfreie Mutter?“ „Tödten Sie mich! Tödten Sie mich!“ „Die Nachtigall war es, — Ihre Tochter!“ rief Rudolph mit herzzerſchneidendem Tone. „Ja, dieſe Unglückliche, die ich den Händen eines ehemaligen Galeerenſträflings entriß, war mein Kind, mein Kind, — die Tochter Rudolphs von Gerolſtein! O, es lag in dieſem Zuſammentreffen mit meinem Kinde, das ich rettete, ohne es zu kennen, ein Wink des Schickſals, der Vorſehung, ein Lohn für den Mann, der ſeinen Mitmenſchen beizuſtehen ſich be⸗ ſtrebt, eine Strafe für den Vatermörder —“ „Ich ſterbe verflucht und verdammt,“ flüſterte Sarah, indem ſie auf den Seſſel zurückſank und das Geſicht mit beiden Händen bedeckte. „Dann,“ fuhr Rudolph fort, der ſeine Gefühle kaum zu be⸗ wältigen vermochte und vergebens das Schluchzen unterdrückte, das von Zeit zu Zeit ſeine Stimme erſtickte, „als ich ſie den Mißhandlungen entzogen hatte, mit denen man ihr drohte, fiel mir die unbeſchreib⸗ liche Weichheit ihrer Stimme und der engelgleiche Ausdruck ihrer Züge auf, und ich mußte mich für ſie intereſſiren. Mit welcher tiefen Rührung hörte ich die offene, entſetzliche Erzählung von ihrem verlaſſenen, ſchmerzensreichen, elenden Leben an! Denn, Madame, das Leben Ihrer Tochter iſt wirklich ein grauenhaftes 44 geweſeu. Sie müſſen die Leiden Ihres Kindes kennen lernen; ja, Frau Gräfin, während Sie, umgeben von Reichthum, von einer Krone träumten, bettelte Ihre Tochter in Lumpen Abends in den Straßen, litt Hunger und Kälte und zitterte in den Winternächten auf ein wenig Stroh im Winkel eines Stalles, und als die ſchreck⸗ liche Frau, welche ſie mißhandelte, müde war, die arme Kleine zu ſchlagen, als ſie nicht mehr wußte, wie ſie die Unglückliche guälen ſollte, was that ſie da, Madame? — ſie riß ihr Zähne aus!“ „O, ich möchte ſterben — und kann nicht.“ „Hören Sie nur weiter. Sie entfloh endlich den Händen der Eule und irrte, kaum acht Jahre alt, ohne Obdach umher; man verhaftete ſie des Herumtreibens wegen und brachte ſie in das Ge⸗ füngniß. Das war die beſte Zeit im Leben Ihrer Tochter, Ma⸗ dame! Ja, in dem Gefängniſſe dankte ſie Gott jeden Abend, daß ſie nicht mehr friere, nicht mehr hungere und nicht mehr geſchlagen werde. In einem Gefängniſſe verbrachte ſie die koſtbarſten Jahre im Leben eines jungen Mädchens, jene Jahre, die eine zärtliche Mutter mit ſo frommer, ſo eifriger Sorgfalt bewacht. Statt unter ſchützender Sorge, unter edeln Lehren das ſechzehnte Jahr zu erreichen, kannte Ihre Tochter nur die rohe Gleichgiltigkeit des Gefängnißperſonals, und dann wurde ſie eines Tages unſchuldig und rein, ſchön und unverdorben mitten in den Schmutz der großen Stadt hinausgeſtoßen. Das unglückliche, verlaſſene Kind ſah ſich ohne Stütze, ohne Rath allen Gefahren der Armuth und des Laſters Preis gegeben. Ach!“ rief Rudolph aus, und er hemmte die Thränen nicht mehr, „Ihr Gerz iſt verhärtet, Ihre Selbſtſucht unbarmherzig, aber Sie würden geweint haben, ja, Sie würden geweint haben, hätten Sie die herzʒerreißende Erzählung Ihrer Tochter gehört. Armes Kind, 3 befleckt, doch unverdorben, keuſch noch ſelbſt mitten in der gräßlichen Entartung, die für ſie ein grauenvoller Traum warx, denn jedes Wort ſprach ihren Abſcheu gegen das Leben aus, an das ſie gekettet worden; ach, wenn Sie wüßten, welche herrliche Gefühle ſich jeden Augenblick in ihr kundgaben! welche Herzensgüte, welches rührende Mitgefühl, ja, denn um einer noch Unglücklichern beizuſtehen, hatte die arme Kleine das wenige Geld hingegeben, das ihr geblieben und das ſie von dem Abgrunde der Schande trennte, in den man ſie ſtürzte, — ja, denn es kam ein Tag, ein gräßlicher Tag, wo ſie keine Arbeit, kein Brot, kein Ohc hatte, wo entſetzliche Weiber ſie fanden, ſie berauſchten und — Rudolph konnte nicht vollenden, er ſtieß einen entſetlichen Schrei aus und ſprach dann: „Und das war mein Kind, mein Kind!“ „Fluch über mich!“ flüſterte Sarah, die das Geſicht mit den Händen bedeckte, als ſcheute ſie ſich das Tageslicht zu ſehen⸗ „Ja,“ ſiel Rudolph ein, „Fluch über Sie! Denn Sie haben das Kind verlaſſen und dadurch in dieſes entſetzliche Unglück geſtürzt. Fluch über Sie! Denn dieſe Entführung gt ſie wieder in die Hände Jacob Ferrands.“ Bei dieſem Namen ſchwieg Rudolph plötzlich und ſchauderte, als ſpräche er ihn zum erſten Male aus. Er ſprach ihn auch wirklich zum erſten Male aus, ſeit er wußte, daß ſeine Tochter das Opfer dieſes Unmenſchen war. Die Züge des Fürſten nahmen einen entſetzlichen Ausdruck von Zorn und Haß an⸗ Stumm und unheweglich ſtand er da, wie vernichtet durch den Gedanken, daß der Mörder ſeiner Tochter noch lebe. Sarah bemerkte trotz ihrer zunehmenden Schwäche und der Beſtürzung, in welche ſie die Unterredung mit Rudolph verſetzt, 46 mit Grauen den Blick und das Ausſehen des Fürſten; ſie fürchtete für ſich und flüſterte mit zitternder Stimme: „Ach, was iſt Ihnen? — Mein Gott, leide ic noch nicht genug!“ „Nein, noch nicht genug, noch nicht genug,“ ſprach Rudolph mit ſich ſelbſt als Antwort auf ſeine eigenen Gedanken. „Das habe ich bisher noch nie empfunden, nic. Welche Rachegluth, welcher Blutdurſt — welche ruhige Wuth! Als ich noch nicht wußte, daß eines der Opfer des Unmenſchen mein Kind ſei, dachte ich bei mir: der Tod dieſes Menſchen wäre unfruchtbar, ſein Leben dagegen könnte Frucht tragen, wenn er, um es zu erkaufen, die Bedingungen annähme, die ich ihm ſtelle. Es kam mir ganz gerecht vor, ihn zum Wohlthun zu verurtheilen, damit er ſeine Verbrechen abbüße. Das Leben ohne Reichthum, ohne Befriedigung ſeiner Sinnenluſt mußte für ihn eine lange doppelte Qual ſein. — Aber er hat meine Tochter als Kind allen Schrecken der Armuth, das junge Mädchen allen Gräueln der Schande Preis gegeben!“ rief Rudolph immer heftiger aus; „er hat meine Tochter ermorden laſſen, — er muß ſterben!“ Und der Fürſt eilte nach der Thüre zu. „Wohin gehen Sie? Verlaſſen Sie mich nicht!“ rief Sarah ihm nach, indem ſie ſich halb aufrichtete und die Hände flehentlich Rudolph „laſſen Sie mich nicht allein, — ich ſterbe —“ „Allein? Nein — nein, ich laſſe Sie mit dem drohenden Geſpenſt Ihrer Tochter, deren Tod Sie veranlaßt haben.“ Sarah ſank mit einem Schrei des Entſetzens auf ihre als wäre ihr ein grauenhaftes Geſpenſt erſchienen. „Erbarmen! — ich ſterbe.“ 47 „So ſterben Sie beladen mit meinem Fluche!“ entgegnete Rudolph, der in ſeinem Zorn ſchrecklich war. — „Jetzt muß ich das Leben Ihres Mitſchuldigen haben, denn Sie haben Ihre Tochter ihrem Henker überliefert.“ Rudolph ließ ſich ſogleich zu Jacob Ferrand bringen. CxMVII. Furens amoris. 5 war Nacht geworden, während Rudolph ſich zu dem No⸗ tar begab. Das Haus, welches Jacob Ferrand bewohnt, iſt von tiefem Dunkel umhüllt. Es heult der Wind. Es regnet — Der Wind heulte, es regnete auch in jener ſchrecklichen Nacht, als Cecily, bevor ſie das Haus des Notars für immer verließ, die thieriſche Sinnenluſt dieſes Mannes bis zum Wahnſinn geſteigert. Jacob Ferrand liegt auf dem Bett in ſeinem durch eine Lampe matt erleuchteten Schlafgemache; er trägt ſchwarze Beinkleider und eine ſchwarze Weſte; ein Aermel ſeines Hemdes iſt aufgeſtreift, mit Blut befleckt; eine rothe Binde um den kräftigen Arm zeigt an, daß Polidori ihm zur Ader gelaſſen hat. Dieſer ſteht an einem Bette, ſtützt ſich mit einer Hand auf und ſcheint die Jüge ſeines Mitſchuldigen beſorgt zu betrachten. , ,, 49 Es kann nichts Häßlicheres und Grauenhafteres geben als das Geſicht Ferrands, der in der ſchlafſüchtigen Erſtarrung daliegt, welche gewöhnlich auf heftige Kriſen folgt. Sein bläulich blaſſes Geſicht wird von einem kalten Schweiße überſtrömt und hat den letzten Grad von Marasmus erreicht; ſeine geſchloſſenen Augenlider ſind ſo aufgeſchwollen, ſo von Blut erfüllt, daß ſie wie zwei röthliche Lappen in dieſem leichenhaften Geſichte ausſehen. „Noch ein ſo heftiger Anfall wie dieſer, und er iſt todt,“ ſprach Polidori leiſe. „Aretäus *) ſagt, die Meiſten von denen, welche an dieſer ſeltſamen und entſetzlichen Krankheit litten, ſtürben faſt immer am ſiebenten Tage, und heute iſt der ſechſte, daß jene teufliſche Creolin das unverlöſchliche Feuer entzündete, welches dieſen Mann verzehrt —“ Nach einigen Augenblicken eines ſtillen Nachdenkens entfernte ſich Polidori von dem Bette und ging langſam in dem auf und ab. „Eben,“ ſprach er dann bei ſich, während er ſtehen blieb, „in der Kriſis, welche Jacob beinahe hingerafft hätte, glaubte ich von einem ſchrecklichen Traume gequält zu werden, als er mir mit keuchender Stimme die gräßlichen Bilder beſchrieb, die durch ſein Gehirn zogen. — Entſetzliche, fürchterliche Krankheit!! Sie unterwirft abwechſelnd jedes Organ Erſcheinungen, welche die Wiſſenſchaft in Verlegenheit bringen und die Natur erſchrecken. So war eben das *) Nam plerumqus in septima die hominem consumit. (Aret.) Man ſ. auch die Ueberſetzung von Baltaſſar (Cas. med. lib. III. Salicitas nitro curata), ſowie die vortrefflichen Worte von Ambr. Paré über die Satyria⸗ ſis, jene entſetzliche Krankheit, die, wie er ſagt, ſo ſehr einer Strafe Gottes gleicht. Die Geheimniſſe von Paris. VIII. 4 Gehör Jacobs ſo unglaublich ſchmerzhaft empfindlich, daß meine Worte, obgleich ich ſie ſo leiſe wie möglich mit ihm ſprach, ſein Ohr erſchütterten, als wäre, wie er ſagte, ſein Kopf ein Glocke, und ein ungeheurer eherner Klöppel, den das geringſte Geräuſch bewegte, zerſchlüge ihm den Kopf von einem Schlafe zum andern mit betäubendem Lärm und unter unerträglichen Schmerzen.“ Polidori blieb von Neuem nachdenkend vor dem Bette Jacob Ferrands ſtehen, an das er wiederum getreten war. Draußen tobte ein Gewitter, der Wind rauſchte und pfiff und warf den Regen an die Fenſter des Hauſes, als wollte er ſie zer⸗ trümmern. Polidori war trotz ſeiner kühnen Schlechtigkeit abergläubiſchz düſtere Ahnungen ängſtigten ihn, er empfand ein unbeſchreibliches, unbehagliches Gefühl, und das Brüllen des Sturmes, das allein die ſchauerliche Stille dieſer Nacht ſtörte, erregte in ihm ein Grauen, gegen das er ſich vergeblich ſträubte. um dieſe ſchauerlichen Gedanken zu bannen, unterſuchte er die Züge ſeines Kranken von Neuem. „Jetzt“, ſagte er, indem er ſich über ihn bog, „füllen ſich ſein Augenlider mit Blut. Das Sehorgan wird, wie eben das Gehör, wahrſcheinlich irgend eine außerordentliche Erſcheinung darbieten. — Welche Leiden! Wie lange ſie dauern! Wie verſchieden ſie ſind! Ach!“ ſetzte er mit bitterm Lächeln hinzu, „wenn die Natur grau⸗ ſam wird und die Rolle des Folterers übernimmt, überbietet ſie die gräßlichſten Erfindungen des Menſchen. So unterwirft ſie in dieſer durch wahnſinnige Sinnenluſt erzengten Krankheit jeden Sinn un⸗ erhörter, übermenſchlicher Pein, entwickelt die Empfindlichkeit jedes Organs bis zum eal, damit auch der Schmerz ein ideeller werde.“ — 51 Nachdem er einige Augenblicke die Züge ſeines Mitſchuldigen betrachtet hatte, ſchauderte er vor Ekel, trat zurück und ſagte: „Ach, dieſes Geſicht iſt grauenhaft. Die Zuckungen, die über daſſelbe hinlaufen und es mit Runzeln bedecken, machen es ent⸗ ſetzlich.“ Draußen tobte das Wetter mit verdoppelter Wuth. „Welches Wetter!“ fuhr Polidori fort, indem er auf einen Stuhl ſank und die Stirn auf die Hände ftützte. „Welche Nacht! Welche Nacht! Es kann keine ſchrecklichere geben für den Zuſtand Jacobs.“ Nach einer langen Pauſe fuhr er fort: „Ich weiß nicht, ob der Fürſt die teufliſche Macht der Ver⸗ führung Cecilys und die ſinnliche Wuth Jacobs kannte und voraus⸗ ſah, daß bei dieſem Manne von ſo kräftiger Organiſation die Gluth einer brennenden ungeſtillten Leidenſchaft in Verbindung mit einer Art Wuth die entſetzliche Nevroſis entwickeln würde, deren Opfer Jacob iſt, aber dieſe Folge mußte nothwendig eintreten — „Ach ja,“ ſagte er, indem er raſch aufſprang, als wäre er vor dieſem Gedanken erſchrocken, ja, der Fürſt hat dies ohne Zweifel vorausgeſehen. Seinem ſeltenen umfaſſenden Geiſte iſt keine Wiſſen⸗ „ſie auf die nothwen⸗ bis zur Wuth geſteigerten Nach einer andern langen Pauſe fuhr Polidori fort: „Wenn ich an die Verg die ich ſonſt mit Sarah a durch welche Ereigniſſe bin angenheit denke, an die ehrgeizigen Pläne, uf die Jugend dieſes Fürſten baute, — ich allmälig zu der verbrecheriſchen Ver⸗ 4* 52 worfenheit herabgeſunken, in der ich lebe! Ich habe geglaubt, den Fürſten verweichlichen und zu einem fügſamen Werkzeuge der Ge⸗ walt machen zu können, von der ich träumte; ich gedachte aus dem Lehrer Miniſter zu werden, und trotz meiner Gelehrſamkeit, trotz meiner Klugheit bin ich durch Schandthaten zu Schandthaten und endlich zu der äußerſten Tiefe der Schmach gefommen. Da ſtehe ich, der Kerkermeiſter meines Mitſchuldigen.“ Und Polidori verſank in düſtere Gedanken, welche ihn wieder zu Rudolph führten. „Ich fürchte und haſſe dieſen Fürſten,“ fuhr er fort, „muß mich aber zitternd vor jener Phantaſie, vor jenem allmächtigen Willen beugen, die ſtets auf einmal über alle bekannten Pfade hinausgreifen. Welcher ſeltſame Zwieſpalt in dieſem Manne, der ſo reich an Menſchenliebe iſt, daß er die „Bank für arme Arbeiter“ erdenken konnte, und wiederum ſo grauſam, daß er Jacob dem Tode entriß, um ihn allen Rachefurien der Wolluſt zu übergeben. „Es kann übrigens nichts orthodoxer ſein,“ ſetzte Polidori mit bitterer Ironie hinzu. „Unter den Gemälden, die Michel Angelo von den ſieben Todſünden in ſeinem „letzten Gerichte“ in der ſirtini⸗ ſchen Kapelle entwarf, ſah ich auch die ſchaudererregende Strafe, vie er der Wolluſt zuerkannte*) aber die häßlichen, krampfverzerrten Geſichter dieſer Verdammten des Fleiſches, die ſich unter dem ſchar⸗ *) „Michel Angelo, den ſein Gegenſtand mit fortriß, deſſen Phantaſie durch achtjähriges unausgeſetztes Nachdenken über den für einen Gläubigen ſo ſchrecklichen Tag ſich verwirrt hatte, der ſich zur Würde eines Predigers aufgeſchwungen und nur noch an ſein Seelenheil dachte, wollte das mo⸗ viſcheſte Laſter ſeiner Zeit auf die ſchrecklichſte Weiſe züchtigen. Das Grauen⸗ hafte dieſer Strafe ſcheint wirklich das Erhabene zu erreichen.“ GStendhal, HRist. de la peinture en Italie, 22. P. 354.) fen Biß der Scblangen winden, waren minder entſetzlich als das Geſicht Jacobs bei dem letzten Anfalle; ich fürchtete mich vor ihm.“ Und Polidori ſchauderte, als ſehe er das ſchreckliche Bild noch vor ſeinen Augen. — „Ach ja,“ fuhr er in Furcht und Muthloſigkeit fort, „der Fürſt iſt unbarmherzig. Für Ferrand wäre es tauſendmal beſſer geweſen, wenn er ſeinen Kopf auf das Schaffot getragen hätte; das Feuer, das Rad, das geſchmolzene Blei, das die Glieder verzehrt, wäre der Qual vorzuziehen geweſen, die der Elende erduldet. Der Anblick ſeiner Leiden erregt endlich auch in mir Grauen vor meinem eigenen Schickſale. Was wird er über mich beſchließen? was hat er mir, dem Mitſchuldigen Jacobs, vorbehalten? Daß ich der Hüter deſſelben bin, kann der Rache des Fürſten nicht genügen; er hat mir das Schaffot nicht geſchenkt — um mich leben zu laſſen. — Vielleicht erwartet mich lebenslängliches Gefaͤngniß in Deutſchland. O, das wäre immer noch beſſer als der Tod; — ich konnte mich nur blind⸗ lings der Gnade und Ungnade des Fürſten überlaſſen, das war mein einziges Rettungsmittel. Bisweilen quält mich freilich eine Beſorgniß, trotz ſeinem Verſprechen; — vielleicht überliefert man mich dem Henker, wenn Jacob ſeiner Krankheit unterliegt! Schlüge man das Schaffot für mich auf, während er lebt, ſo müßte auch er, mein Mitſchuldiger, daſſelbe beſteigen; iſt dieſer aber todt — ich weiß zwar, daß dem Fürſten das gegebene Wort heilig iſt; kann ich aber darauf bauen, da ich ſo oft gegen göttliche und menſchliche Geſetze gehandelt habe? — Wie es in meinem Intereſſe lag, die Flucht Jacobs zu verhindern, ſo liegt es jetzt in meinem Intereſſe, ſein Leben ſo lange als möglich zu erhalten. — Freilich werden die Symptome ſeiner Krankheit jeden Augenblick immer drohender, und es gehört faſt ein Wunder dazu, ihn zu retten. — Was ſoll ich thun? Was ſoll ich thun?“ In dieſem Augenblicke hatte der Sturm den höchſten Grad der Wuth erreicht, und ein Schornſtein, den der Orkan umwarf, ftürzte mit Donnergetöſe auf das Dach und in den Hof. Jacob Ferrand wurde aus ſeiner ſchlaftrunkenen Erſtarrung geriſſen und machte eine Bewegung auf ſeinem Bette. Polidori beherrſchte die unklare Angſt, die ihn ergriffen hatte, mehr und mehr. „Es iſt eine Dummheit, an Ahnungen zu glauben,“ ſprach er mit bebender Stimme vor ſich hin; „aber dieſe Nacht ſcheint mir verderblich werden zu müſſen —“ Ein dumpfes Aechzen des Notars erregte die Aufmerkſamkeit Polidoris. „Er erwacht aus ſeiner Erſtarrung,“ ſprach er bei ſich, indem er langſam an das Bett trat; „vielleicht naht ein neuer Anfall.“ „Polidori —,“ murmelte Ferrand, der noch immer mit ge⸗ ſchloſſenen Augen auf dem Bette lag, „Polidori, was iſt das für ein Getöſe?“ „Es iſt ein Schornſtein eingefallen,“ antwortete Polidori leiſe, um das ſchmerzhaft empfindliche Gehör ſeines Mitſchuldigen nicht zu ſehr zu verletzen; „ein fürchterlicher Orkan erſchüttert das Haus bis in den Grund; es iſt eine grauenvolle, entſetzliche Nacht.“ Der Notar hörte nicht auf ihn, drehte den Kopf halb herum und fragte wieder: „Polidori, Du biſt nicht da?“ „Ja, ja, ich bin da,“ ſagte Polidori lauter, „aber ich 5 wortete Dir leiſe, damit ich Dir durch laute Worte wieder Schmerz verurſache.“ 55 „Nein, jetzt höre ich Dich, ohne daß ich ſo entſetzliche, reißende Schmerzen fühle wie noch eben; da war es bei dem geringſten Ge⸗ räuſche, als ſchmettre der Donner in meinem Schädel, und dennoch unterſchied ich mitten in dieſem Getöſe und dieſen namenloſen Schmerzen die leidenſchaftliche Stimme Cecilys, die mich zu rufen ſchien —“ „Immer — dieſes teufliſche Weib — immer. — Verbanne doch dieſe Gedanken von Dir, ſie werden Dich umbringen.“ „Dieſe Gedanken ſind mein Leben, und ſie werden wie mein Leben meinen Qualen widerſtehen.“ „Aber, Unſinniger, nur dieſe Gedanken verurſachen Deine Qua⸗ len, ſage ich Dir. Deine Krankheit iſt nichts anderes als Deine Sinnenwuth in der äußerſten Entwickelung. — Noch einmal, ver⸗ treibe aus Deinem Sinne dieſe tödtlich⸗üppigen Bilder, oder Du mußt ſterben.“ „Dieſe Bilder vertreiben!“ rief Jacob Ferrand in großer Auf⸗ regung aus, „nie! nie! Ich fürchte nichts mehr, als daß mein Geiſt die Kraft verliere, ſie herauf zu beſchwören; aber, bei der Hölle! er wird ſich nicht erſchöpfen. — Je mehr mir dieſes glühende Bild erſcheint, um ſo mehr gleicht es der Wirklichkeit. — Sobald mir der Schmerz einen Augenblick Ruhe läßt, ſobald ich zwei Gedanken aneinander reihen kann, erſcheint Cecilh, dieſer böſe Geiſt, den ich liebe und verfluche, vor meinen Augen —“ „Welche unbändige Wuth! Er erſchreckt mich.“ „Siehe — jetzt,“ ſprach der Notar mit kreiſchender Stimme, und ſeine Augen richteten ſich ſtier auf einen dunkeln Punkt ſeines Alcovens, „jetzt ſehe ich dort — dort eine undeutliche weiße Geſtalt erſcheinen.“ 6r ſtreckte den knochi igen v der e ten Stelle hin. „Schweig, unglückicher Da — da iſt ſie.“ u2 n Nr 3 „Jacob, es iſt der Tod.“ „O, ich ſehe ſie,“ ſetzte Ferrand hinzu, die Zähne nirſchend auf einander drückend, ohne Polidori zu antwotten, — „da, wie ſchön ſie iſt! wie ſchön! Wie ihr ſchwarzes Haar um die Schultern fliegt! Und ihre kleinen Zähne, die man zwiſchen den halbgeffneten Lippen bemerkt, zwiſchen den Lippen ſo roth! ſo feucht! Welche Perlen! Ach, und ihre großen Augen ſcheinen bald zu — bald zu brechen. — Cecily! Cecily! ich bete Dich an!“ „Jacob! höre mich, höre mich!“ „O, ewige Verdammniß! Sie in alle Ewigkeit ſo zu n * „Jacob,“ ſprach Polidori ängſtlich, „reize Deine Augen nicht durch ſolche Trugbilder.“ „Es iſt kein Trugbild.“ „Nimm Dich in Acht, eben noch, Du neißt es, glaubteſt Du auch den üppigen Geſang dieſes Weibes zu hören, und Dein Gehör wurde plötzlich ſo ſchmerzhaft. — Nimm Dich in Acht.“ „Laß mich!“ rief der Notar in unwilligem Jorne, „laß mich! Wozu hat man das Gehör, wenn man * hören ſoll, —. die Augen, als zum Sehen?“ „Aber die Schmerzen, die vin ſalgen⸗ armer Thor?“ „Um ein ſolches Bild trotzte ich allen Schmerzen, wie ich dem Tode trotzte um der Wirklichkeit willen. Und das Bild iſt für mich Wirklichkeit. Ach, Cecily, Du biſt ſchön. — Du weißt es wohl, daß Du berauſchen kannſt! Warum noch dieſe teufliſche Lockung, die mir das Blut durchglüht? Ach, verfluchte Furie, ſoll ich ſterben? 57 Höre auf — oder ich erwürge Dich!“ ſchrie der Notar im Wahn⸗ ſinn. 5 „Du bringſt Dich ſelbſt um,“ ſprach Polidori, indem er den Notar kräftig ſchüttelte. Vergebens! Jacob fuhr in neuer Begeiſterung fort: „O, geliebte Herzenskönigin! Wolluſtteufel! Ich habe nie —“ Er vollendete nicht, ſondern ſtieß einen gellenden Schmerzens⸗ ſchrei aus und ſank zurück. ihñ „Was haſt Du?“ fragte ihn Polidori erſtaunt. „Löſche das Licht aus, ſein Glanz wird zu ſtark, — ich kann es nicht ertragen, es ſchmerzt.“ „Wie?“ ſagte Polidori, mehr und mehr überraſcht, „es iſt nur eine Lampe mit einem Schirme da, die ganz matt leuchtet.“ „Ich ſage Dir, der Glanz wird heller, da — ſiehſt Du? — noch immer — immer. O, das iſt zu viel, es wird unerträglich,“ ſetzte Ferrand hinzu, indem er die Augen mit einem Ausdrucke zu⸗ nehmenden Schmerzes ſchloß. „Du biſt nicht bei Sinnen; das Zimmer iſt faſt dunkel, ſage ich Dir; ich habe das Licht noch mehr gedämpft; ſchlage nur die Augen auf, und Du wirſt Dich überzeugen.“ „Die Augen aufſchlagen! Das flammende Licht in dem Zimmer da würde mich blenden! Hier — da — überall, Feuerſtrahlen — tauſend blendende Funken!“ rief der Notar, indem er ſich aufſetzte und dann mit einem zweiten Schmerzensſchrei die Hände auf die Augen legte. „Ich bin geblendet! — Das Licht dringt durch meine geſchloſſenen Augenlider, — es brennt — es wühlt in den Aug⸗ äpfeln! Ah, jetzt ſchützen mich meine Hände ein wenig. Aber löſche die Lampe aus — ihre große Flamme iſt nicht zu ertragen!“ „Kein Zweifel mehr,“ dachte Polidori, „die krankhaft geſteigerte 58 Empfindlichkeit, die eben ſein Gehör getroffen, hat ſich auf die Augen geworfen. — Er iſt verloren. — Ein neuer Aderlaß in dieſem Zuſtande würde tödtlich für ihn ſein. — Er iſt verloren.“ Ein neuer gellender, ſchrecklicher Schrei Ferrands zitterte durch das Zimmer. „Henker! löſche die Lampe aus! Ihr glühender Glanz dringt mir durch die Hände hindurch in die Augen. Die Hände werden durchſichtig, — ich ſehe das Blut daran fließen in dem Adern⸗ geflechte. — Wenn ich auch die Augenlider mit aller Kraft zudrücke, dieſe Lichtlava dringt doch hinein. Ach, welche Qual! Es iſt als flögen brennende Pfeile mir durch die Angen, als wühlte und bohrte man mit glühenden Eiſen darin. Hülfe! Mein Gott! Hülfe!“ ſchrie er, und er wälzte ſich in entſetzlichen Schmerzenskrämpfen auf dem Bette umher. Polidori löſchte, erſchrocken durch dieſen heftigen Anfall, raſch die Lampe aus. Beide waren im tiefſten Dunkel. In dieſem Angenblicke hörte man einen Wagen und vor der Thüre des Hauſes anhalten. CIL. Die viſionen. BMls in dem Zimmer, in welchem er ſich mit Polidori be⸗ fand, völliges Dunkel eingetreten war, ließ der ſtechende Schmerz Jacob Ferrands allmälig nach. „Warum haſt Du ſo lange gezögert, bevor Du die Lampe auslöſchteſt?“ fragte Jacob Ferrand. „Wollteſt Du mich Höllen⸗ qualen erleiden laſſen? Ach, was habe ich gelitten! Mein Gott, was habe ich gelitten!“ „Jetzt haſt Du weniger Schmerz?“ „Ich fühle noch inmer einen heftigen Reiz, aber es iſt nichts in Vergleich mit dem, was ich eben empfand.“ „Ich hatte Dir es wohl geſagt; ſobald die Erinnerung an jenes Weib einen Deiner Sinne aufregt, zeigt ſich faſt augen⸗ blicklich in dieſem Sinne eine jener ſchrecklichen Erſcheinungen, welche der Wiſſenſchaft trotzen, und welche die Gläubigen für eine grauenhafte Strafe Gottes halten könnten.“ „Sprich nicht von Gott,“ fiel der Unmenſch zähneknirſchend ein. „Ich ſprach von ihm, um Dich an ihn zu erinnern; da Du aber ſo feſt an dem Leben hängſt, ſo bedenke, ich wiederhole es, 60 daß Du bei einem dieſer heftigen Anfälle ſterben wirſt, wenn Du ſte wieder hervorrufſt.“ „Ich hänge an dem Leben, — weil die Erinnerung an Cecily mein ganzes Leben iſt.“ „Aber dieſe Erinnerung verzehrt Dich, reibt Dich auf, bringt Dich um.“ „Ich will und kann mich ihr nicht entziehen. — Jener Mann hat mir mein ganzes Vermögen genommen, aber das unvergäng⸗ liche, reizende Bild dieſer Zauberin konnte er mir nicht entreißen; dieſes Bild iſt mein; zu jeder Stunde ſteht es vor mir wie mein Sclav, — es ſagt, was ich will, — es ſieht mich an, wie ich es will,“ rief der Notar in einem neuen Anfalle wahien Leidenſchaft. 323! „Jacob, rege Dich nicht auf, gedenke an den tetzten Anul!⸗ Der Notar hörte nicht auf ſeinen Witfner der eine neue Kriſis vorherſah. Wirklich fuhr Jacob Ferrand nach einem frampfhaften guhn „Mir Cecily zu entreißen! Wiſſen ſie denn nicht, daß man das Unmögliche nur dann erreicht, wenn man die Kraft aller ſeiner Fähigkeiten auf einen Punkt richtet? So werde ich — jetzt gleich — in das Zimmer Cecilhs hinaufgehen, wohin ich mich ſeit ihrer Entfernung nicht wagte. Ach, die Kleidungsſtücke zu ſehen und zu berühren, die ihr angehörten, den Spiegel vor welchem ſie ſich anklei⸗ dete, — das iſt ſo gut, als ſähe ich ſie ſelbſt Ja, wenn ich meine Augen kräftig auf dieſen Spiegel hefte, — werde ich darin Cecilh bald erſchei⸗ nen ſehen, und es wird keine Täuſchung, kein Trugbild ſein, ſie wird es ſelbſt ſein, ich werde ſie da finden, wie der Bildhauer die Statue in dem Marmorblocke findet. — Aber bei allen Gluthen der Hölle, die mich verzehren, es wird keine blaſſe, kalte Galatea ſein —“ 4ee — 61 „Wohin willſt Du?“ fragte Polidori plötzlich, als er hörte, daß Jacob Ferrand aufſtand; denn es herrſchte das tiefſte Dunkel in dem Gemache. „Ich gehe zu Cecily.“ „Du wirſt nicht fortgehen, — der Anblick jenes Zimmers würde Dich umbringen.“ „Cecily erwartet mich oben.“ „Du wirſt nicht gehen, ich halte Dich, ich laſſe Dich nicht los,“ ſagte Polidori, indem er den Arm des Notars ergriff. Jacob Ferrand, der im äußerſten Grade erſchöpft war, konnte gegen Polidori nicht kämpfen, der ihn mit gewaltiger Hand zurück⸗ hielt. „Du willſt mich hindern, zu Cecily zu gehen?“ „Ja, und übrigens brennt eine Lampe in dem Nebenzimmer. Du weißt, welche Wirkung das Licht eben auf Deine Augen aus⸗ übte.“ „Cecily iſt oben, — ſie erwartet mich, — ich würde durch Feuer gehen, um zu ihr zu gelangen. — Laß mich los, ſie hat mir geſagt, ich ſei ihr alter Tiger, — nimm Dich in Acht, meine Klauen ſind ſcharf.“ „Du wirſt hier bleiben, — ich binde Dich im Nothfalle auf Deinem Bette feſt wie einen Tobſüchtigen.“ „Polidori, höre mich an, ich bin nicht verrückt, ich habe mei⸗ nen Verſtand noch, ich weiß, daß Cecily materiell nicht oben iſt, aber die Bilder meiner Phantaſie ſind für mich Wirklichkeit.“ „Still!“ rief plötzlich Polidori aus, indem er horchte, — „ich glaubte eben zu hören, daß ein Wagen an der Thür anhielt, — ich habe mich nicht getäuſcht, — ich höre jetzt — im Hofe ſprechen.“ „Du willſt nur meine Gedanken abziehen, — die Schlinge iſt zu deutlich ſichtbar.“ „Ich höre ſprechen, ſage ich Dir, und glaube die Stimme zu kennen.“ „Du willſt mich täuſchen,“ unterbrach Ferrand Polidori, „aber ich laſſe mich von Dir nicht irreführen.“ „Elender, ſo höre doch, hörſt Du nichts?“ „Laß mich, Cecily iſt oben, ſie ruft mich. Bringe mich nicht in Wuth. Nimm Dich in Acht, ſage ich Dir, hörſt Du? nimm Dich in Acht.“ „Du wirſt das Zimmer nicht verlaſſen.“ „Nimm Dich in Acht.“ „Du wirſt das Zimmer nicht verlaſſen; ich habe ein Intereſſe dabei, daß Du hier bleibſt.“ „Hinderſt Du mich zu Cecily zu gehen, ſo verlangt mein Intereſſe, daß Du ſtirbſt. Da!“ ſprach der Notar mit dumpfer Stimme. Polidori ſtieß einen Schrei aus. „Böſewicht, Du m Arme verwundet, aber Deine Gand war nicht feſt; die Wunde iſt leicht, Du entgehſt mir doch ni. nnſecc „Deine Wunde iſt tödtlich, — ich habe Dich mit dem ver⸗ gifteten Dolche Cecilys geſtochen. Ich trug ihn immer bei mir. Warte nur auf die Wirkung des Giftes. Ah, endlich läßt Du mich los? Du wirſt ſterben. Warum wollteſt Du mich hindern, hinauf zu Cecily zu gehen?“ ſetzte Jacob Ferrand hinzu, indem er im Dunkel herumtappte, um die Thüre zu finden. „Ach,“ murmelte Polidori, „mein Arm erſtarrt, — eine tödt⸗ liche Kälte ſchleicht durch meine Adern, — meine Kniee zittern unter 63 mir, das Blut erſtarrt, — mir ſchwindelt. Hülfe! Hülfe!“ rief der Mitſchuldige Ferrands, indem er ſeine Kräfte zu einem letzten Schrei zuſammenraffte, „zu Hülfe! zu Hülfe!“ Dann brach er zuſammen. Der Lärm einer Glasthüre, die ſo gewaltſam aufgeriſſen wurde, daß mehrere Scheiben in Scherben flogen, die laute Stimme Rudolphs und das Geräuſch eiliger Schritte ſchienen dem Angſt⸗ rufe Polidoris zu antworten. Jacob Ferrand, der endlich im Dunkel das Thürſchloß gefunden hatte, riß jetzt die Thüre des Nebenzimmers auf und ſtürzte, den gefährlichen Dolch in der Hand, hinein. In demſelben Augenblicke trat der Fürſt, drohend und furcht⸗ bar wie der Geiſt der Rache, von der entgegengeſetzten Seite in dieſes Zimmer. „Ungeheuer!“ rief Rudolph aus, indem er auf Jacob Ferrand zutrat, „meine Tochter haſt Du ermordet, Du wirſt —“ Der Fürſt vollendete nicht, — er wich entſetzt zurück. Seine Worte ſchienen Jacob Ferrand wie ein Blitzſtrahl ge⸗ troffen zu haben. Er warf den Dolch weg, fuhr mit beiden Händen nach den Augen, ſtürzte mit dem Geſicht auf den Boden nieder und ſtieß einen Schrei aus, der nichts Menſchliches hatte. In Folge der Erſcheinung, die wir bereits erwähnt haben und deren Einwirkung in dem vollſtändigen Dunkel nachgelaſſen hatte, wurde Jacob Ferrand, als er in das anſtoßende hell erleuchtete Zimmer trat, von entſetzlichen blendenden Augenſchmerzen ergriffen, die ſo unerträglich waren, als wäre er in einen ſtrahlenden Licht⸗ ſtrom getreten, als hätte er in das Sonnenlicht ſelbſt hineingeſehen. Er wand und krümmte ſich in gräßlichen Zuckungen und zer⸗ kratzte mit ſeinen Nägeln den Fußboden, als wollte er ſich in ein Loch graben, um den Schmerzen zu entgehen, welche ihm die blen⸗ dende Helle verurſachte. Rudolph, ein Diener deſſelben und ve Portier des Hauſes, welcher den Fürſten bis an die Thüre dieſes Zimmers hatte begleiten müſſen, blieben, von Grauen ergriffen, unbeweglich ſtehen. Rudolph fühlte, trotz ſeinem gerechten Haſſe, eine Anwandlung von Mitleid mit den unerhörten Leiden Jacob Ferrands und befahl, denſelben auf ein Sopha zu tragen. Es gelang dies nicht ohne Mühe, denn der Notar fürchtete dem unverhüllten Einfluſſe des Lampenlichtes ausgeſetzt zu werden und wehrte ſich ungeſtüm; da, als das Licht ſein Geſicht überſtrahlte, ſtieß er einen neuen Schrei aus, einen Schrei, der Rudolph mit Grauen erfüllte. Nach neuen und langen Martern ließ der Anfall etwas nach. Der Geſichtsſchmerz, der die äußerſten Grenzen des Möglichen erreicht hatte, ohne daß der Tod erfolgte, hörte auf, aber es folgte, nach dem gewöhnlichen Gange dieſer ſchrecklichen Krankheit, ein Anfall von Wahnſinn. Jacob Ferrand ſchien in erſtatiſche Betrachtung verſunken zu ſein; ſein Körper und ſeine Glieder blieben anfangs in völliger Unbeweglichkeit, und nur ſeine Züge wurden durch Zuckungen ver⸗ zerrt. Sein ſo verzerrtes häßliches Grſcht hatte nichts Menſchliches mehr; es war, als erlöſchten die thieriſchen Triebe den menſchlichen Verſtand und gäben den Zügen Elenden einen völlig beſtia⸗ liſchen Charakter. In dieſer tödtlichen Periode des Deliriums erinnerte er ſich noch der Worte Cecilys, die ihn ihren Tiger genannt hatte. Sein 65 Verſtand verwirrte ſich allmälig, und er bildete ſich ein, ein Tiger zu ſein. Seine einzeln ausgeſtoßenen, keuchenden Worte gaben die Störung ſeines Gehirns und die ſeltſame Abirrung kund, die ſich deſſelben bemächtigt hatte. Seine bis dahin unbeweglichen Glieder löſten ſich allmälig aus der Starrheit los, und eine plötzliche zuckende Bewegung warf ihn von dem Sopha herunter. Er wollte aufſtehen und gehen, aber die Kräfte verſagten ihm, und er kroch wie ein Wurm oder ſchleppte ſich auf den Händen und Knieen fort — hier⸗ hin und dorthin, je nachdem die Viſionen ihn trieben. Endlich kauerte er ſich in einer Ecke des Zimmers zuſammen, wie in einer Höhle. Sein heiſeres wüthendes Geſchrei, ſein Zähne⸗ knirſchen, die krampfhafte Verzerrung ſeiner Stirn- und Geſichts⸗ muskeln und ſein flammender Blick gaben ihm wirklich bisweilen eine gewiſſe grauenvolle Aehnlichkeit mit dem Tiger, der er zu ſein ſich einbildete. „Tiger — Tiger — Tiger bin ich,“ ſagte er mit rauher Stimme, indem er ſich zuſammenraffte — „ja Tiger. — Welches Blut! — In meiner Höhle — Leichen — zerriſſen! — Die Nach⸗ tigall — der Bruder jener Wittwe — ein kleines Kind — das Kind Louiſens — das ſind die Leichen. Meine Tigerin Cecily wird auch ihren Theil davon bekommen.“ Dann betrachtete er ſeine fleiſchloſen Finger, deren Nägel während der Krankheit ſehr lang gewachſen waren, und ſetzte langſam hinzu: „ah, meine Klauen ſind ſcharf — und ſpitz. Ich bin ein alter Tiger, — aber ſtark — aber muthig. — Niemand wird wagen, mir meine Tigerin Cecily ſtreitig zu machen. — Ah — ſie ruft, — ſie ruft!“ ſprach er, indem er ſein häßliches Geſicht vorſtreckte und horchte. Die Geheimniſſe von Paris. VIII. 5 Kreuzes, — hebe Dich weg von mir!“ 66 Nach einer kurzen Pauſe kauerte er ſich wieder an der Wand nieder und fuhr fort: „Nein — ich glaubte ſie zu hören, — ſie iſt nicht da, — aber ich ſehe ſie, ach immer! immer! — Da iſt ſie. Sie ruft mich — ſie brüllt, dort brüllt ſie, — ich komme! ich komme!“ Und Jacob Ferrand ſchleppte ſich auf den Knicen und Händen in die Mitte des Zimmers. Obgleich ſeine Kräfte erſchöpft waren, ſo that er doch bisweilen einen krampfhaften Sprung, dann hielt er wieder inne und ſchien aufmerkſam zu horchen. „Wo iſt ſie? — Wo iſt ſie? Ich komme, — ſie entfernt ſich. — Ah, da unten, — ah, ſie erwartet mich, — geh, geh — beiß in den Sand und ſtoße Dein klägliches Brüllen aus. — Ach, ihre großen wilden Augen werden ſchmachtend, bittend. — Cecily, Dein alter Tiger iſt Dein!“ rief er aus, und durch eine letzte Anſtrengung erlangte er die Kraft, ſich auf den Knieen empor zu richten. Mit einem Male aber ſank er mit Entſetzen wieder zurück, ſein Körper brach zuſammen, ſein Haar ſträubte ſich, ſein Blick wurde ſtier, Angſt verzerrte ſeinen Mund, ſtreckte die beiden Hände aus und ſchien mit einem unſichtbaren Gegenſtande zu kämpfen, wobei er Worte ohne Zuſammenhang ausſtieß: „Welcher Biß! — Zu Hülfe! — eiskalte Ringe — meine Arme zerbrechen, — ich kann ſie nicht wegbringen — ſpitze Zähne! Nein, nein, ach! nicht die Augen! Zu Hülfe! — eine ſchwarze Schlange! Ach — ihr platter Kopf — ihre Feueraugen! — Sie ſieht mich an, — es iſt der Teufel! Ach, er erkennt mich. — Jacob Ferrand — in der Kirche — heiliger Mann — immer in der Kirche — hebe Dich weg von mir — bei dem Zeichen 6 — ———— 67 Und der Notar richtete ſich ein wenig empor, ſtützte ſich mit der einen Hand auf den Fußboden und ſuchte mit der andern ſich zu bekreuzigen. Seine bleifarbige Stirn war in kaltem Schweiß gebadet, ſeine Augen begannen ihre Durchſichtigkeit zu verlieren, — ſie wurden matt und glaſig. Es zeigten ſich alle Symptome eines nahen Todes. Rudolph und die andern Zeugen dieſer Scene ſtanden ſtumm und unbeweglich da wie in einem gräßlichen Traume. „Ach!“ fuhr Jacob Ferrand fort, der noch immer halb auf dem Fußboden lag und ſich mit einer Hand aufſtützte, — „der Teufel — iſt verſchwunden, — ich gehe in die Kirche, — ich bin ein frommer Mann, — ich bete. He? — Man erfährt nichts — glaubſt Du? — Nein, nein, Verſucher — ganz gewiß? Das Ge⸗ heimniß? Nun — ſie mögen kommen, — alle? — alle!“ Und man konnte auf dem häßlichen Geſichte dieſes Opfers der Wolluſt die letzten Zuckungen der Sinnenluſt erkennen. Obwohl er bereits mit beiden Füßen im Grabe ſtand, das ihm ſeine wahn⸗ ſinnige Leidenſchaft geöffnet hatte, hielt ihm doch der Wahufinn noch immer üppige Bilder vor. „Ach!“ — rief er mit keuchender Stimme aus. — „Dieſe Weiber — dieſe Weiber! — Aber ſtill! geheim muß es bleiben. — Ich bin ein frommer Mann. — Geheim muß es bleiben. — Ah, da ſind ſie — drei. — Drei ſind es. — Was ſagt die da? — Ich bin Louiſe Morel. — Ach ja, — Louiſe Morel, — ich weiß. — Ich bin nur ein Mädchen von niederm Stande. — Sieh, Jacob, — welcher Wald von braunem Haar auf meine Schultern fällt. — Du fandeſt mein Geſicht ſchön. — Da nimm es — be⸗ halt' es. — Was giebt ſie mir? — Ihren Kopf, — den der 5 68 Henker abgeſchnitten hat. — Dieſer todte Kopf — ſieht mich an. — Dieſer todte Kopf ſpricht; — ſeine blauen Lippen bewegen ſich — komm! komm! komm! — wie Cecily, — nein, ich will nicht, — ich will nicht, Teufel, — laß mich — hebe Dich weg von mir! — hebe Dich weg von mir! — Und die andere? O ſie iſt ſchön! — ſchön! — Jacob — ich bin die Herzogin — von Lucenay. — Sieh — meinen Götterwuchs, — mein Lächeln, — meine kecken Augen! — Komm — komm! — Ja, — ich komme, — aber warte! — Und dieſe da? — die ihr Geſicht abwendet? Ach — Cecily! Cecily! — Ja — Jacob — ich bin Cecily. — Du ſiehſt — die drei Grazien, — Louiſe, — die Herzogin und mich. — Wähle! — Schönheit aus dem Volke, — Patrizier⸗ Schönheit, — wilde Schönheit der Tropen. — Die Hölle mit uns — Komm! — komm!“ „Die Hölle mit Euch! — Ja,“ rief Jacob Ferrand aus, in⸗ dem er ſich auf den Knieen aufrichtete und die Arme ausbreitete, um dieſe Trugbilder zu faſſen. Dieſem letzten krampfhaften Aufzucken folgte eine tödtliche Er⸗ ſchütterung. Er ſank alsbald rückwärts, ſteif und leblos um; ſeine Augen ſchienen aus ihren Höhlen herauszutreten; gräßliche Zuckungen ver⸗ zerrten ſein Geſicht, wie das Geſicht der Leichen unter der Voltai⸗ ſchen Säule verzerrt wird; ein blutiger Schaum trat auf ſeine Lippen; z ſeine Stimme wurde pfeifend, wie die eines Waſſer⸗ ſcheuen, denn dieſe entſetzliche Krankheit, die grauenhafte Strafe der Sinnenluſt, hat in ihrem letzten Stadium dieſelben Symptome wie die Wuth. Das Leben des Unmenſchen erloſch vor einer letzten gräßlichen Viſion, denn er ſtammelte die Worte: 69 „Schwarze Nacht! — ſchwarz — Geſpenſter — eherne Ske⸗ lette, im Feuer geglüht, — umſchlingen mich, — ihre brennenden Finger, — mein Fleiſch räucht, — mein Mark verkohlt, — gieriges Geſpenſt — nein! — nein! — Cecily! — Feuer! — Cecily!“ Das waren die letzten Worte Jacob Ferrands. Rudolph entfernte ſich ſchaudernd. Ak—— CL. Das Hospital ). an erinnert ſich, daß Marien⸗Blume, durch die Wölfin gerettet, in das Landhaus des Doetor Griffon, eines Arztes an dem Civilhospitale, gebracht worden war, in das wir den Leſer führen woollen. Der gelehrte Doetor, der durch hohe Protection eine Anſtellung an dieſem Hospitale erhalten hatte, ſah deſſen Säle für eine Art Probeort an, wo er an den Armen die Behandlungsarten verſuchte, *) Der Name, den ich die Ehre habe zu beſitzen und den mein Vater, mein Großvater, mein Großoheim und mein Urgroßvater Einer der gelehr⸗ teſten Männer des 17. Jahrhunderts) durch ſchöne und große practiſche und theoretiſche Arbeiten über alle Zweige der Heilkunſt berühmt gemacht haben, würde mir den geringſten Angriff und jede unüberlegte Anſpielung auf die Aerzte verbieten, wenn mir es auch die Wichtigkeit des Gegenſtandes, den ich behandele, und der gerechte, große Ruf der franzöſiſchen mediziniſchen Schule nicht unterſagten. Ich habe in dem Doctor Griffon nur einen jener ſonſt achtbaren Männer darſtellen wollen, die ſich bisweilen durch ihren Eifer für die Kunſt zu Verſuchen, zu ſchweren Mißbräuchen der ärzt⸗ lichen Gewalt, wenn ich mich ſo ausdrücken darf, hinreißen laſſen und vergeſſen, daß es noch etwas Höheres giebt als die Wiſſenſchaft, — die Humanität. Eugen Sue. * — . 71 die er dann bei ſeinen reichen Patienten anwendete, da er nie bei dieſen ein neues Heilmittel verſuchte, bevor er es mehrmals in anima vili probirt hatte, wie er ſich mit jener naiven Rohheit ausdrückte, zu welcher die verblendete Liebe für die Kunſt und namentlich die Gewohnheit und die Macht führen können, ohne Scheu und ohne Controle an einem Geſchöpfe Gottes alle launenhafte Ver⸗ ſuche, alle gelehrten Einfälle eines erfinderiſchen Geiſtes zur Aus⸗ übung zu bringen. Wollte ſich der Doector z. B. von der vergleichenden Wirkung einer gewagten neuen Heilart überzeugen, um daraus günſtige oder ungünſtige Folgerungen für dies oder jenes Syſtem zu ziehen, ſo nahm er eine gewiſſe Anzahl von Kranken und behandelte einige nach der alten, andere nach der neuen Methode. In manchen Fällen überließ er alle andern ausſchließlich der Naturkraft. Dann zählte er die Ueberlebenden. Dieſe ſchrecklichen Verſuche waren, ſo zu ſagen, ein Menſchenopfer auf dem Altare der Wiſſenſchaft *). *) Dieſe Zeilen waren ſeit einigen Tagen unter der Preſſe, als in dem Sieche Gom 6. Aug. 1843) ein von mehreren Chirurgen an Pariſer Hospitälern unterzeichneter Artikel erſchien, worin es unter anderm heißt: „Dieſes Eindringen, das wir beklagen (es handelt ſich um Aerzte, welchen durch Gunſt Säle in den Civilhospitälern zugewieſen werden) muß auch noch unter einem andern Geſichtspunkte, unter dem der Moralität, betrachtet wer⸗ den. Es iſt ein unſeliges Wort ausgeſprochen worden, das Wort Verſuch, — Aerzte werden gegen den Geiſt und den Buchſtaben des Regle⸗ ments ermächtigt, Verſuche mit ihrer Heilmethode zu machen. Man ſtaunt über eine ſolche Sprache in einer Zeit wie die unſerige, wo Nie⸗ mand das Recht hat, die armen Kranken als Mittel zu einem Verſuche irgend einer Art zu betrachten. Und wie lange ſollen übri⸗ gens dieſe Verſuche dauern? an wie vielen Kranken ſollen ſie gemacht werden? Müſſen ſie nicht immer durch eine permanente Commiſſion überwacht wer⸗ den, welche eingeſetzt ſein muß, um von den Reſultaten Kenntniß zu nehmen? Es wäre eine unbegreifliche Sorgloſigkeit, wenn man ſolche Fragen ungelöſt —— Der Doetor Griffon dachte gar nicht daran. In den Augen dieſes Fürſten der Wiſſenſchaft, wie man in unſern Tagen ſich ausdrückt, waren die Kranken in ſeinem Hospitale nur Gegenſtände des Studiums, der Erxperimentation, und da bisweilen aus dieſen Verſuchen in anima vili eine nützliche Thatſache, eine Entdeckung für die Wiſſenſchaft ſich ergab, ſo war der Doetor ſo aufrichtig glücklich und ſtolz darauf, wie ein Feldherr nach einem Siege, der viele Soldaten koſtete. Die Homöopathie hatte bei ihrem Auftauchen keinen heftigern Gegner gehabt, als den Doctor Griffon. Er nannte dieſe Heil⸗ methode abſurd, verderblich, menſchenmörderiſch. In ſeiner feſten Ueberzeugung und um die Homöopathen, wie er ſagte, ad absur- dum zu führen, erbot er ſich mit ritterlicher Loyalität, ihnen eine gewiſſe Anzahl von Kranken zu überlaſſen, an denen die Homöopathie in Anwendung gebracht werden möchte. Aber er behauptete in voraus, feſt überzeugt, durch die Erfahrung nicht Lügen geſtraft zu werden, daß von zwanzig ſo behandelten Kranken fünf davon kommen würden. laſſen wollte. Und wer weiß, wo man aufhören wird, wenn man einmal dieſe unglückliche Bahn der Verſuche betreten hat? Die Homöopathie, die Hydroſudopathie, der Magnetismus, die Maſchinen zum Zerbrechen der Enkiloſen, alle werden ſicherlich ihr ½ in Anſpruch ne⸗ men, Verſuche zu machen.“ Und weiter hin: „Man hat ſehr bedeutende Koſten mit ſehr zweifelhaftem Nitzen auf win⸗ richtungen und Verſuche in Hospitälern gewendet, denen es oft am Noth⸗ wendigſten fehlt. Während die Verwaltung an Selterwaſſer, an dem Syrup zu den Getränken für die armen Fieberkranken, an Charpie zc. ſparen muß, bewilligt man außerordentliche Ausgaben, die bedeutend ſind, wenn man bedenkt, wie geringen Nutzen man davon gehabt hat. 73 Die Homöopathen gingen in dieſen Vorſchlag nicht ein zum großen Aerger des Doctor Griffon, der lebhaft bedauerte, die Nichtigkeit der homövpathiſchen Behandlung nicht durch Zahlen nachweiſen zu können. Man würde den Doctor Griffon in das größte Staunen ver⸗ ſetzt haben, wenn man in Bezug auf die ſo freie und autokratiſche Verfüguna über ſeine Subjecte geſagt hätte: „Bei einem ſolchen Zuſtande der Dinge könnte man die Bar⸗ barei jener Zeit zurückwünſchen, wo an den zum Tode Verurtheilten die neuerlich entdeckten chirurgiſchen Operationen, welche man an Lebenden noch nicht auszuführen wagte, vollzogen wurden. Gelang die Operation, ſo wurde der Verurtheilte begnadigt. „Dieſe Barbarei war, mit dem verglichen, was Sie thun, die größte Menſchlichkeit. „Man gab einem Elenden, den der Henker bereits erwartete, doch eine Möglichkeit, mit dem Leben davon zu kommen, und machte überdies einen Verſuch möglich, der vielleicht für das Wohl Aller von Wichtigkeit war. „Abenteuerliche Heilmethoden aber an unglücklichen Handwerkern zu verſuchen, deren einzige Zuflucht das Hospital iſt, wenn ſie er⸗ kranken, — eine vielleicht ſchädliche Behandlung an Menſchen zu probiren, welche die Armuth Ihnen ſchutzlos in die Hände giebt, die in Ihnen ihre einzige Hoffnung ſehen, während Sie nur Gott für das Leben derſelben verantwortlich ſind, heißt die Liebe zur Wiſſenſchaft bis zur Unmenſchlichkeit treiben. „Wie? Die armen Claſſen bevölkern ſchon die Werkſtätten, die Felder, die Armee; ſie kennen von dieſer Welt nichts als Armuth und Entbehrungen, und wenn ſie, erſchöpft durch Leiden und An⸗ ————— 74 ſtrengung, halbtodt niederſinfen, ſoll ſie nicht einmal die Krankheit vor einer letzten und ſchändlichen Benutzung ſchützen? „Ich appellire an Ihr Herz; wäre das nicht ungerecht und grauſam?“ Ach, der Doctor Griffon wäre durch dieſe ſtrengen Worte viel⸗ leicht gerührt, gewiß aber nicht überzeugt worden. Der Menſch iſt nun einmal ſo: der Feldherr gewöhnt ſich auch daran, ſeine Soldaten nur als Figuren in dem blutigen Spiele an⸗ zuſehen, das man eine Schlacht nennt. Und weil der Menſch ſo iſt, muß der Staat denen Schutz ge⸗ währen, welche das Schickſal der Gefahr ausſetzt, von dieſer menſch⸗ lichen Nothwendigkeit zu leiden. Giebt man den Charakter des Doctor Griffon zu (und man kann ihn recht wohl zugeben), ſo wird man auch erkennen, daß die Kranken in ſeinem Hospitale keine Garantie gegen die wiſſenſchaft⸗ liche Barbarei ſeiner Experimente hatten, denn in der Organiſation der Civilhospitäler beſteht eine traurige Lücke. Wir wollen ſie hier angeben. Gebe Gott, daß man auf uns höre! Die Militairhospitäler werden jeden Tag von einem höhern Officier beſucht, welcher die Klagen der kranken Soldaten anzu⸗ hören und denſelben abzuhelfen hat, wenn er ſie begründet findet. Dieſe von der Verwaltung und der ärztlichen Behandlung ganz ver⸗ ſchiedene Ueberwachung iſt vortrefflich und hat immer die beſten Reſultate gegeben. Man kann auch ſchwerlich beſſer unterhaltende Anſtalten ſehen als die Militairhospitäler. Die Soldaten werden mit der größten Sorgfalt und Liebe gepflegt und behandelt. Warum wird nicht auch in den Civilhospitälern eine ähnliche Ueberwachung eingeführt gleich der, welche die höhern Officiere in * 75 den Militairhospitälern ausüben? und zwar durch Männer, die von der Verwaltung gänzlich unabhängig ſind? vielleicht durch eine aus den Maires und deren Adjuncten ausgewählte Commiſſion? Die Reclamationen der Armen würden (wenn ſie gegründet) auf dieſe Weiſe ein unpartheiiſches Organ finden, während dieſes Organ jetzt ganz fehlt; es giebt keine der Verwaltung gegenüberſtehende Controle. Hatte ſich die Thüre des Krankenſaales des Doctor Griffon einmal hinter einem Kranken geſchloſſen, ſo gehörte dieſer mit Leib und Seele der Wiſſenſchaft an. Kein freundliches und uneigen⸗ nütziges Ohr konnte ſeine Klagen vernehmen. Man ſagte ihm geradezu, da er in ein allgemeines Krankenhaus aufgenommen ſei, ſo gehöre er von nun an zu dem Experimentalgebiete des Doctors, Kranker und Krankheit müßten zum Studium, zur Beobachtung, zur Analyſe oder Belehrung der jungen Zöglinge dienen, welche den Herrn Griffon bei den Krankenbeſuchen begleiteten. Das Subjeet hatte denn auch wirklich bald in oft ſehr pein⸗ lichen und ſchmerzlichen Examen Rede und Antwort zu geben, und nicht blos unter vier Augen mit dem Arzte, der, wie der Geiſtliche, ein Prieſteramt bekleidet und das Recht hat, Alles zu wiſſen; nein, er mußte laut und vor einer neugierigen Menge antworten. Ja, in dieſem Pandämonium der Wiſſenſchaft mußten Alle, Junge und Alte, Frauen und Mädchen, jedes Gefühl der Schaam und Schande ablegen, die geheimſten Offenbarungen machen, ſich den peinlichſten materiellen Unterſuchungen vor einem zahlreichen Publicum hingeben, und dieſe grauſamen Formalitäten verſchlim⸗ merten die Krankheiten faſt immer. Das war weder human, noch gerecht; der Kranke, der in ein Hospital, eine milde Stiftung, aufgenommen wird, muß mit Mit⸗ 76 leid und mit Achtung behandelt werden, denn auch das Unglück hat ſeine Majeſtät. *) *) Dies iſt nicht übertrieben; wir entlehnen die folgenden Stellen aus einem Artikel des Censtitutionnel vom 19. Jan. 1836, der ſein Beſuch im Hospitale“ überſchrieben und mit Z. unterzeichnet iſt. Wir wiſſen, daß dieſer Anfangsbuchſtabe den Namen eines ſehr berühmten Arztes verbirgt, der in der Frage über die Civilhospitäler der Parteilichkeit nicht beſchuldigt werden kann: „Wenn ein Kranker im Hospitale ankommt, ſo wird alsbald ſein Name, die Nummer des Bettes, die Krankheit, das Alter des Kranken, ſein Gewerbe und ſeine Wohnung auf eine Tafel geſchrieben, welche man über dem Bette aufhängt. Dieſe Maßregel hat große Nachtheile für die, welche durch unvor⸗ hergeſehene Unglücksfälle genöthigt werden, in dieſe letzte Zufluchtsſtätte des Armen ſich aufnehmen zu laſſen. Ich habe junge und alte Leute geſehen, welche dieſe Veröffentlichung ihrer Armuth und ihres Namens in die größte Betrübniß verſetzte. Der Tag, an welchem der Kranke in dem Hospitale aufge⸗ nommen wird, iſt ein ſchwerer Frohntag. Bedenken Sie, ob der Kranke erſchöpft werden muß, wenn er ſich binnen vierundzwanzig Stunden nacheinander examinirt ſieht: 1) durch ſeinen eigenen Arzt, 2) durch die Aerzte des Verwaltungsbureaus, 3) durch den Chirurgen, 4) durch den Unterarzt, 5) durch den im Hospitale wohnenden Arzt und endlich 6) am andern Tage durch den Oberarzt und durch zehn oder zwanzig eifrige Studirende, welche den liniſchen Curſus machen. Allerdings mag dies für die jetzt bei den jungen Aerzten ſo frühzeitige Erfahrung, ſowie für die Kunſt förderlich ſein, aber es verſchlimmert die Leiden und verzögert ſicherlich die Heilung des Kranken. Einer dieſer Kranken ſagte eines Tages: „wenn ich angeklagt vor dem Aſſiſengerichte ſtände, ich würde in vierzehn Tagen nicht mehr ausgefragt wor⸗ den ſein; funfzig Perſonen haben mich ſeit geſtern durch Fragen, faſt immer dieſelben, gequält. Als ich ankam, hatte ich nur leichtes Seitenſtechen, aber urch die unerſättliche Neugierde ſo vieler Perſonen werde ich wohl eine völlige Lungenentzündung bekommen.“ Eine Frau ſagte mir: man beſtürmt mich jeden Augenblick; man will mein Alter, mein Temperament, meine Conſtitution, die Farbe meiner Haare und meiner Haut, ob ſie weiß oder dunkel iſt, meine Lebensweiſe, die Geſund⸗ heitsumſtände meiner Aeltern und Großältern, die Umſtände, unter welchen 77 Bei dem Leſen der nachfolgenden Zeilen wird man begreifen, warum wir dieſe Bemerkungen vorausſchickten. Es giebt nichts Betrübenderes als das Ausſehen des großen Krankenſaales, in den wir den Leſer führen wollen, in der Nacht. Längs der großen düſtern Mauern hin, in denen ſich hier und da wie in einem Gefängniſſe vergitterte Fenſter befinden, ſtehen zwei Reihen Betten, welche durch eine an der Decke hängende Lampe matt beleuchtet werden. Die Luft iſt ſo unrein, ſo voll von Krankenausdünſtungen, daß die neuen Patienten, die man hineinbringt, nicht ohne Gefahr ſich daran gewöhnen. Dieſe Steigerung des Leidens iſt gleichſam die Prämie, die jede Nenankommende an den ſchauerlichen Aufenthalt im Hospitale entrichten muß. ich geboren wurde, meine Vermögensverhältniſſe, meine geheimſten Herzens⸗ gefühle und die muthmaßliche Urſache meines Kummers wiſſen; man forſcht nach meinen Gefühlen, die ich ſorgſam in meinem Herzen verſchließen ſollte, und über die ich erröthe, wenn ich glaube, man ahnt ſie. — Man klopft an zwanzig verſchiedenen Stellen — vor allen Leuten auf meine Bruſt, man macht Bezeichnungen mit Dinte darauf, offenbar um anzudeuten, welche Fortſchritte das Leiden gemacht hat. — Die jetzigen Aerzte gleichen Inquiſi⸗ toren; man heilt jetzt, wie man ſonſt ſtrafte, und das kränkt mich. Weiterhin ſetzt Z., nachdem er die Formalitäten des Beſuchs beſchrieben hat, hinzu: An dem Bett der alten Kranken, die auf dem Wege der Heilung und Geneſung begriffen ſind, zeigt ſich der Doctor nur; kommt er aber an eines der Betten, in welchem ſich ein neuer oder gefährlicher Kranker befindet, ſo kann er ſich nur durch die doppelte Reihe der Studenten hindurch zu ihm drängen, die ſeit dem frühen Morgen ihren Poſten als aufmerkſame Beob⸗ achter da behaupten. Der Kranke bleibt ſtill und ſtumm in dieſer neugierigen und aufmerkſamen Menge, und oft verſchlimmert ſich die Krankheit in Verhältniß zu der Anzahl der Anweſenden. 78 Nach einiger Zeit verräth eine krankhafte Bläſſe, daß der erſte Einfluß dieſer verderblichen Luft gewirkt hat. Die Luft in dieſem großen Saale iſt alſo ſchwer und übel⸗ riechend. Hier und da wird die Stille der Nacht bald durch ächzendes Wehklagen, bald durch tiefe Seufzer der ſchlafloſen Fieberkranken unterbrochen. Dann iſt Alles wieder ruhig und ſtill, und man hört nichts als das monotone und regelmäßige Schwingen des Pendels einer großen Uhr, welche die Stunden anzeigt, die für den ſchlummer⸗ loſen Schmerz ſo lang, ach! ſo lang ſind. Das eine Ende dieſes Saales war faſt ganz finſter. Mit einem Male vernahm man dort ein Geräuſch von eiligen Schritten; es öffnete ſich eine Thüre, und ſie wurde mehrmals wieder geſchloſſen; eine barmherzige Schweſter, deren große weiße Haube und ſchwarze Kleidung man in dem Lichte der Lampe erkannte, welche ſie in der Hand trug, trat an eines der letzten Betten in der rechten Reihe. Einige der Kranken wurden aus dem Schlafe geweckt, ſetzten ſich auf und horchten aufmerkſam auf das, was geſchehen würde. Bald öffneten ſich die beiden Flügel der Thüre. Es trat ein Geiſtlicher mit einem Crucifir herein, und die beiden Schweſtern knieten nieder. In dem Scheine des Lichtes an dieſem Bette konnte man den Geiſtlichen des Hospitales ſich üher das Lager des Schmerzes beugen ſehen. Die Worte, die er leiſe ſprach, verklangen in der Stille der Nacht. Nach einer Viertelſtunde hob der Geiſtliche das Ende eines Tuches auf, mit dem er das Bett wieder ganz verdeckte. Dann entfernte er ſich. 79 Eine der Schweſtern, die da geknieet hatten, ſtand auf, zog die Vorhänge zuſammen; dann betete ſie wieder neben ihrer Gefährtin. Dann verſank Alles wieder in Ruhe und Stille. Es war eine Kranke geſtorben. Unter den Frauen, die nicht ſchliefen und dieſer ſtummen Scene beigewohnt hatten, befanden ſich drei Perſonen, deren Namen im Verlaufe dieſer Geſchichte ſchon genannt worden ſind: Fräulein von Fermont, die Tochter der unglücklichen Wittwe, welche durch die Habſucht des Notars Ferrand um ihr Vermögen gekommen war; Die Lothringerin, eine arme Wäſcherin, welcher Marien⸗Blume früher das wenige Geld gegeben hatte, das ihr noch übrig geblie⸗ ben war, und Johanne Duport, die Schweſter des Spitzigen, des Erzählers in dem Gefängniſſe La Force. Das Fräulein von Fermont und die Schweſter des Erzählers kennen wir. Die Lothringerin war eine Frau von etwa zwanzig Jahren mit ſanftem, regelmäßigem, aber außerordentlich bleichem und abgemagertem Geſichte. Sie ſtand im letzten Stadium der Schwindſucht, und ihre Rettung war unmöglich. Sie wußte es und verloſch allmälig. Der Raum, welcher die Betten der beiden Frauen trennte, war ſo klein, daß ſie leiſe mit einander ſprechen konnten, ohne von den barmherzigen Schweſtern gehört zu werden. „So iſt wieder eine dahin,“ agte die Lothringerin halblaut vor ſich hin. „Sie leidet nicht mehr, — ſie iſt glücklich.“ „Sie iſt glücklich, — ſie hat kein Kind,“ antworteie Johanna. „Sie ſchlafen nicht, Nachbarin?“ ſagte die Lothringerin zu ihr. „Wie geht es Ihnen in Ihrer erſten Nacht hier? Geſtern 80 Abend, als man Sie hierherbrachte, wagte ich nicht mit Ihnen zu ſprechen, und dann hörte ich Sie ſchluchzen.“ „Ach ja, ich habe viel geweint.“ „Es geht Ihnen alſo recht traurig?“ „Ich bin an das Unglück gewöhnt und weinte aus Kummer. Endlich war ich eingeſchlafen, als mich das Oeffnen der Thüre wie⸗ der weckte. Als der Geiſtliche hereinkam und die guten Schweſtern niederknieten, ſah ich wohl, daß eine Frau ſtarb, und ich betete ſtill für ſie ein Pater und ein Ave.“ „Ich auch, und da ich an derſelben Krankheit leide, an welcher die Frau dort geſtorben iſt, ſo mußte ich unwillkührlich ausrufen: „ſo iſt wieder eine dahin! Sie iſt glücklich!“ „Ja, wie ich Ihnen ſagte, ſie hat kein Kind.“ „Sie, — Sie haben alſo Kinder?“ „Drei,“ antwortete die Schweſter des Spitzigen mit einem Seufzer. „Und Sie?“ Ich hatte ein kleines Mädchen, habe es aber nicht lange be⸗ halten. — Ich hatte während meiner Schwangerſchaft zu viel ge⸗ litten. Ich bin Wäſcherin und arbeitete, ſo lange ich an den Fluß gehen konnte. Aber Alles hat ein Ende; als mich die Kräfte ver⸗ ließen, hatte ich auch kein Brot mehr. Man jagte mich aus meinem Stübchen, und ich weiß nicht, was aus mir geworden wäre ohne eine arme Frau, die mich mit ſich in einen Keller nahm, wo ſie ſich vor ihrem Manne verſteckte, der ſie ermorden wollte. Da kam ich auf dem Stroh nieder. Glücklicherweiſe kannte aber jene brave Frau ein junges ſchönes Mädchen, das mitleidig war wie ein Engel des lieben Gottes. Dieſes Mädchen beſaß einiges Geld, nahm mich aus dieſem Keller heraus, brachte mich in ein Stübchen, das ſie auf einen Monat voraus bezahlte, und gab mir überdies eine Korbwiege 81 für mein Kind und vierzig Francs für mich nebſt etwas Wäſche. So konnte ich mich wieder erholen und meine Arbeit fortſetzen —“ „Das gute Mädchen! Ich lernte zufällig auch eines kennen, eine junge Näherin, die ihr Gegenſtück iſt. Ich hatte meinen armen Bruder beſucht, der — gefangen iſt,“ ſagte Johanna nach einiger Zögerung, „und in dem Sprachzimmer traf ich die Näherin. Sie hatte mich zu meinem Bruder ſagen hören, daß ich ſehr unglücklich ſei, und kam ganz verlegen zu mir, um ſich zu erbieten, mir nach ihren Kräften nützlich zu ſein.“ „Wie gütig!“ „Ich nahm es an; ſie gab mir ihre Adreſſe, und zwei Tage ſpäter machte das liebe Mädchen, Mamſell Lachtaube, ſo heißt ſie, eine Beſtellung bei mir.“ „Lachtaube!“ rief die Lothringerin; „wie das ſich trifft!“ „Kennen Sie das Mädchen?“ „Nein, aber die, welche mich ſo edelmüthig unterſtützte, hat mir mehrmals den Namen Lachtaube genannt. Sie waren Freun⸗ dinnen.“ „Ach,“ ſagte Johanna mit traurigem Lächeln, „da wir Bett⸗ nachbarinnen ſind, ſo ſollten wir auch Freundinnen ſein wie unſere beiden Wohlthäterinnen.“ „Recht gern; ich heiße Annette Gerbier, bin Wäſcherin und werde die Lothringerin genannt.“ „Und ich heiße Johanna Duport und mache Franſen. Ach, es iſt ſo gut, wenn man im Hospitale Jemanden findet, der nicht ganz fremd iſt, beſonders wenn man das erſte Mal dahin kommt und wenn man ſoviel Kummer hat! Aber ich will nicht daran denken. Die Geheimniſſe von Paris. vlll. 6 — Sagen Sie mir, Lothringerin, wie hieß das inge Mädchen, das ſo gut gegen Sie war?“ „Sie hieß die Nachtigall, und es betrübt mich ſehr, daß ich ſie ſeitdem nicht wieder geſehen habe. Sie war ſchön wie die heilige Jungfrau und hatte ſchönes blondes Haar und ſo ſanfte, ſo liebe blaue Augen! Leider iſt mein armes Kind, trotz ihrer Unterſtützung, nach zwei Monaten geſtorben; es war ſo ſchwächlich!“ Und die Lothringerin wiſchte ſich eine Thräne aus dem Auge. „Und Ihr Mann?“ „Ich bin nicht verheirathet, — ich wuſch im Lohne bei einer reichen Frau aus meiner Heimath und war immer ordentlich ge⸗ weſen, bis ich mich durch den Sohn vom Hauſe beſchwatzen ließ, und dann —“ „Ach ja, ich verſtehe —“ „Als ich ſah, in welchem Zuſtande ich mich befand, wagte ich nicht, in der Gegend zu bleiben. Julins, der Sohn der reichen Frau, gab mir funfzig Francs, damit ich nach Paris kommen könnte, und ſagte, er würde mir alle Monate zwanzig Francs ſchicken. Aber ſeit ich fort bin, habe ich von ihm nichts mehr er⸗ halten, nicht einmal einen Brief. Einmal ſchrieb ich ihm, aber er antwortete nicht, und ich ſchwieg nun auch, da ich wohl ſah, daß er nichts mehr von mir wiſſen wollte.“ „Gleichwohl iſt er an Ihrem Unglücke ſchuld. Er iſt reich?“ „Seine Mutter beſaß ein großes Vermögen, aber — ich war nicht mehr dort und — er hat mich vergeſſen.“ „Er hätte Sie nicht vergeſſen ſollen, ſchon ſeines Kindes wegen.“ „Gerade deshalb wird er böſe geweſen ſein, weil dies in Verlegenheit brachte.“ 83 „Arme Lothringerin!“ „Ich bedaure, daß mein Kind geſtorben iſt, aber nur meinet⸗ wegen, nicht des Kindes wegen; es würde zu viel Noth haben er⸗ tragen müſſen und zu bald eine Waiſe geworden ſein, — denn ich habe nicht lange mehr zu leben —“ „In Ihrem Alter darf man keine ſolche Gedanken haben. Sind Sie ſchon lange krank?“ „Beinahe drei Monate. — Als ich für mich und mein Kind verdienen mußte, war ich doppelt fleißig und fing die Arbeit zu bald wieder an. Der Winter war ſehr kalt, und ich erkältete mich. Zu der Zeit verlor ich mein kleines Mädchen. Als ich das Kind pflegte, vernachläſſigte ich mich ſelbſt, — und dann der Kummer, — kurz, ich bin bruſtkrank und muß ſterben, wie die Schauſpielerin dort.“ „In Ihrem Alter kann man immer hoffen.“ „Die Schauſpielerin war nur zwei Jahre älter als ich.“ „Die Verſtorbene dort war alſo eine Schauſpielerin?“ „Ja. — Sie war ſchön wie der Tag, hatte viel Geld gehabt, Equipagen und Diamanten ; aber ſie bekam die Blattern und wurde verſtellt; da wurde ſie vernachläſſigt, ſie gerieth in Armuth und iſt nun im Hospital geſtorben. Sie war übrigens nicht ſtolz, im Gegentheil gegen Jedermann im Saale freundlich. Niemand hat ſie beſucht, ob ſie gleich, wie ſie vor einigen Tagen ſagte, an einen Herrn geſchrieben, den ſie in ihrer ſchönen Zeit gekannt und der ſie ſehr geliebt hatte. Sie ſchrieb ihm, um ihn zu bitten, er möge ihre Leiche begraben laſſen, weil ihr der Gedanke fürchterlich ſei, in der Anatomie in Stückchen zerſchnitten zu werden.“ „Und der Herr — kam?“ * „Nein.“ „Das iſt ſehr ſchlecht.“ 84 „Jeden Augenblick fragte die Arme nach ihm, und immer ſagte ſie: er wird kommen, er kommt gewiß. Und doch iſt ſie geſtorben, . ohne daß er kam.“ „Der Tod wird ihr um ſo ſchwerer geworden ſein.“ v „Ach ja, was ſie ſo ſehr fürchtete, wird geſchehen, ihr armer Körper — „Hier ſn zu müſſen, nachdem ſie reich und guut ge⸗ weſen, iſt traurig! Bei uns iſt es doch eine andere Noth — „Ich möchte Sie wohl bitten, daß Sie mir eine Gefälligkeit erzeigten,“ ſagte die Lothringerin nach langer Zögerung. „Sprechen Sie.“ „Wenn ich, wie es wahrſcheinlich iſt, ſterbe, ehe Sie wieder entlaſſen werden, ſo möchte ich, daß Sie mich begraben ließen. Ich fürchte mich wie die Schauſpielerin; ich habe das wenige Geld, das ich noch habe, zu den Begräbnißkoſten aufgeſpart.“ „Denken Sie doch nicht an ſolche Dinge.“ „Verſprechen Sie es mir?“ „Es wird, Gott ſei Dank! nicht dahin kommen.“ „Wenn es aber doch geſchieht, ſo werde ich daſſelbe Unglück haben wie die Schauſpielerin, wenn Sie ſich meiner nicht annehmen.“ „Die Arme! So zu enden, nachdem ſie reich geweſen!“ „Nicht blos die Schauſpielerin in dieſem Saale war reich ge⸗ weſen, Madame Johanne.“ „Nennen Sie mich kurzweg Johanne, wie ich Sie die Lothrin⸗ — gerin nenne.“ „Sie ſuk ſehr gutig!“ „Wer iſt denn noch reich geweſen?“ „Ein jenges Mädchen von höchſtens funfzehn Jahren, das man geſtern Abend hierhergebracht hat, ehe Sie kamen. Sie war ſo „ „— —— — 85 ſchwach, daß man ſie tragen mußte. Die Schweſter ſagt, das junge Mädchen und ihre Mutter wären ſehr vornehm, aber ganz verarmt.“ „Die Mutter iſt auch hier?“ „Nein, die Mutter war ſo krank, ſo krank, daß man ſie nicht transportiren konnte. Das arme junge Mädchen wollte ſie nicht verlaſſen, und man benutzte eine Ohnmacht, um ſie hierher zu bringen. Der Beſitzer der ſchlechten Wohnung, die ſie inne hatten, machte Anzeige, weil er fürchtete, ſie würden bei ihm ſterben.“ „Und wo iſt ſie?“ „Da, in dem Bette Ihnen gegenüber.“ „Und ſie iſt funfzehn Jahre alt?“ „Höchſtens.“ „Wie meine älteſte Tochter,“ ſagte Johanna, die ihre Thränen nicht zurückhalten konnte. — CLI. Der B etuch. S ohanna Duport vergoß bei der Erinnerung an ihre Tochter bittere Thränen. „Verzeihen Sie,“ ſagte die Lothringerin zu ihr, „verzeihen Sie, daß ich, ohne es zu wollen, Ihnen Schmerz gemacht habe. Sind Ihre Kinder auch krank?“ „Ach, mein Gott, ich weiß nicht, was aus ihnen werden wird, wenn ich acht Tage hier bleiben muß.“ „Und Ihr Mann?“ Nach einer Pauſe fuhr Johanna fort, indem ſie ihre Thränen abtrocknete: „Da wir Freundinnen find, Lothringerin, ſo kann ich Ihnen meine Noth erzählen, wie Sie mir die Ihrige mitgetheilt haben, — es wird mich erleichtern. Mein Mann war ein guter Arbeiter, er hat ſich aber auf eine ſchlechte Seite geworfen und mich und meine Kinder verlaſſen, nachdem er Alles verkauft, was wir be⸗ ſaßen. Ich arbeitete fleißig, gute Menſchen unterſtützten mich, und es ging mir ſo ziemlich gut; ich erzog meine Kinder nach Kräften, —— * als mein Mann wieder kam mit einer ſchlechten Frau, die ſeine Geliebte war, um das Wenige wieder zu nehmen, was ich mir erworben hatte.“ „Arme Johanne! Konnten Sie das nicht verhindern?“ „Ich hätte mich von ihm ſcheiden laſſen müſſen, aber die Ge⸗ richte ſind theuer, wie mein Bruder ſagt. Ach, Du lieber Gott, Sie werden ſehen, was es mir koſtete, daß die Gerichte für uns arme Leute zu theuer ſind. Vor einigen Tagen beſuchte ich meinen Bruder wieder; er gab mir drei Franes, die er in dem Gefängniſſe durch Geſchichtenerzählen verdient hatte —“ „Man ſieht, daß Alle von Ihrer Familie gutherzige Leute ſind,“ ſagte die Lothringerin, die aus Zartgefühl Johanna nicht fragte, warum der Bruder derſelben ſich im Gefängniſſe befinde. „Ich faßte wieder Muth, denn ich glaubte, mein Mann würde ſo bald nicht wieder kommen, denn er hatte uns Alles genommen, was er uns nehmen konnte. — Nein, ich irre mich,“ ſetzte die Un⸗ glückliche ſchaudernd hinzu, „meine Tochter, meine arme Katharine war noch da.“ „Ihre Tochter?“ „Sie werden ſehen, — Sie werden ſehen. Vor drei Tagen arbeitete ich mit meinen Kindern, da trat mein Mann herein. — Ich ſah es ihm an, daß er zu viel getrunlen hatte. Ich will Ktharine holen, ſagte er. Ich faßte meine Tochter am Arme und antwortete Duport: wohin willſt Du ſie führen? — Das geht Dich nichts an; ſie iſt meine Tochter; ſie mag ihre Sieben⸗Sachen zu⸗ ſammenpacken und mir folgen. — Da ſtieg mir das Blut in den Kopf, denn ſehen Sie, Lothringerin, die ſchlechte Frau, die mit meinem Manne lebt, — ich kann es kaum über die Lippen bringen, — treibt meinen Mann an, von unſerer Tochter, die jung und 88 hübſch iſt, Gewinn zu ziehen. Iſt das nicht eine abſcheuliche Frau?“ „Ja, eine abſcheuliche Frau!“ „Katharine mitnehmen! antwortete ich Duport, — nie; ich weiß, was das ſchlechte Weib, das Du bei Dir haſt, aus ihr machen möchte. — Höre, ſagte da mein Mann, deſſen Lippen vor Wuth ſchon ganz weiß waren, ärgere mich nicht, oder ich ſchlage Dich todt. Und da nahm er meine Tochter am Arme und ſagte zu ihr: vorwärts, Katharine! Das arme Kind fiel mir um den Hals, weinte bitterlich und ſagte: ich will bei der Mutter bleiben. Als Duport dies ſah, wurde er ganz wüthend, riß die Tochter von mir weg, gab mir einen Schlag mit der Fanſt an die Bruſt, daß ich niederfiel, und als ich dalag, — als ich dalag, — aber ſehen Sie, Lothringerin,“ ſetzte die unglückliche Frau ſich unterbrechend hinzu, „er war nur ſo böſe, weil er getrunken hatte, — da trat er mich mit Füßen, ſchimpfte und verwünſchte mich —“ „Er muß ein recht ſchlechter Mann ſein.“ „Die armen Kinder fielen vor ihm auf die Kniee nieder und baten ihn um Gnade, auch Katharine, und er ſagte da zu meiner Tochter mit einem ſchrecklichen Fluche: „wenn Du nicht mit mir gehſt, trete ich Deine Mutter todt!“ Ich erbrach Blut, es war mir, als müſſe ich ſterben, ich konnte mich kaum noch rühren, ſagte aber doch zu Katharinen: „laß mich lieber todt machen.“ — „Wirſt Du ſchweigen!“ fiel da Duport ein, indem er mir einen neuen Fußtritt gab, ſo daß ich ohnmächtig wurde.“ „Welche Noth! Ach Gott, welche Noth!“ „Als ich wieder zu mir kam, ſah ich nur meine beiden Knaben bei mir, die weinten.“ „Und Ihre Tochter?“ 89 „War fort!“ ſprach die unglückliche Mutter mit herzzerreißendem Tone und Schluchzen, „ja, fort. Meine andern Kinder ſagten mir, ihr Vater habe ſie geſchlagen und überdies gedroht, mich um's Leben zu bringen. Da verlor das arme Kind den Kopf, warf ſich auf mich, um mich zu küſſen, küßte auch weinend ihre Brüder, und — dann zog ſie mein Mann mit ſich fort. Ach, ſeine ſchlechte Frau erwartete ihn auf der Treppe — ich zweifle nicht daran.“ „Und Sie konnten nicht bei dem Polizeicommiſſär klagen?“ „Im erſten Augenblicke dachte ich an nichts weiter als an den Kummer, Katharine verloren zu haben, aber bald fühlte ich heftige Schmerzen im ganzen Körper. Ich konnte nicht gehen. Ach, großer Gott, was ich ſo ſehr gefürchtet, war geſchehen. Ja, ich hatte es ſchon zu meinem Bruder geſagt, eines Tages wird mein Mann mich ſo ſehr, ſo ſehr ſchlagen, daß ich werde in das Hos⸗ pital gehen müſſen. — Was ſoll dann aus meinen Kindern wer⸗ den? Nun bin ich in dem Hospitale, und ich ſage: was wird aus meinen Kindern werden?“ „Giebt es denn keine Gerechtigkeit für die Armen?“ „Sie iſt zu theuer, zu theuer für uns, wie mein Bruder ſagt,“ fuhr Johanna Duport bitter fort. „Die Nachbarn hatten nach dem Commiſſär geſchickt, und ſein Secretair kam. — Es wider⸗ ſtrebte mir, meinen Mann anzuklagen, aber meiner Tochter wegen mußte ich es doch thun. Ich ſagte blos, er habe bei einem Zanke, weil er meine Tochter mir habe fortnehmen wollen, mich geſtoßen, es wäre nichts, aber ich wollte Katharine wiederſehen, weil ich fürchtete, eine ſchlechte Fran, mit der mein Mann lebe, würde ſie verführen.“ „Und was ſagte der Seeretair?“ 90 „Mein Mann habe das Recht, ſeine Tochter mit ſich zu neh⸗ men, da er von mir nicht geſchieden ſei; es wäre ein Unglück, wenn meine Tochter durch ſchlechten Rath verführt würde, aber ich vermuthete dies doch nur, und das reiche nicht hin, gegen meinen Mann zu klagen. „Es bleibt Ihnen nur ein Mittel,“ ſagte der Secretair, „klagen Sie auf Scheidung; da wird die Mißhandlung, die Sie von Ihrem Manne erlitten haben, und der Umſtand, daß er mit einer ſchlechten Frau lebt, zu Ihren Gunſten ſprechen; man wird ihn nöthigen, Ihnen die Tochter zurück zu geben. Außerdem iſt er ganz in ſeinem Rechte, wenn er ſie bei ſich behält.“ — „Ja, du lieber Gott, ich habe kein Geld zum Klagen, ich muß meine Kinder ernähren.“ — „So kann ich nichts thun; es iſt nun einmal ſo,“ antwortete der Seeretair. „Ja,“ fuhr Johanna ſchluchzend fort, „er hatte Recht; es iſt nun einmal ſo, und weil es ſo iſt, wird meine Tochter nach drei Monaten vielleicht ein ſchlechtes Mäd⸗ chen ſein, während das nicht geſchehen ſein würde, wenn ich Geld hätte, um klagen zu können.“ „Es wird nicht geſchehen, Ihre Tochter muß Sie zu ſehr lieben.“ „Sie iſt ſo jung; in dieſem Alter hat man keinen Schutz, — und dann die Furcht, die Mißhandlungen, der ſchlechte Rath, ſchlechte Beiſpiele —. Mein armer Bruder hatte Alles vorans⸗ geſehen, wie es gekommen iſt; er ſagte zu mir: glaubſt Du, daß Deine Tochter nicht wird nachgeben müſſen, wenn jenes ſchlechte Weib und Dein Mann darauf beſtehen, ſie ins Unglück zu ſtürzen? Ach mein Gott! Die arme, ſanfte Katharina! Und ſie ſollte bald communiciren!“ „Sie haben große Noth! Und ich beklagte mich!“ ſagte die Lothringerin, indem ſie die Augen wiſchte. „Und Ihre anderen Kinder?“ — — „ 91 „Ich habe gethan, was ich thun konnte, um den Schmerz zu überwinden, damit ich mich nicht in das Hospital müßte bringen laſſen, — aber es gelang mir nicht. Ich brach des Tages drei⸗ bis vier Mal Blut, ich habe das Fieber und kann nicht arbeiten. Wenn ich nur bald wieder hergeſtellt würde, daß ich zu meinen Kindern zurückfehren könnte, ehe ſie verhungern oder wegen Bet⸗ telns eingeſteckt werden. Wer ſoll ſich ihrer annehmen, wer ſoll ſie ernähren, da ich hier bin?“ „Es iſt ſchrecklich! Haben Sie keine guten Nachbarn?“ „Sie ſind ſo arm wie ich und haben ſchon fünf Kinder. Noch zwei Kinder mehr, — das iſt eine große Laſt; indeß ſie haben mir verſprochen, ihnen etwas Brot zu geben, acht Tage lang. Weiter können ſie nichts thun. Sie entziehen ſich dadurch ſelbſt das Brot. Ich muß alſo binnen acht Tagen wieder hergeſtellt werden oder fortgehen, wenn ich auch nicht geſund bin.“ „Warum haben Sie nicht an die gute Näherin gedacht, Mamſell Lachtaube, die Sie in dem Gefängniſſe kennen lernten? Sie würde ſich der Kinder gewiß angenommen haben.“ „Ich habe wohl daran gedacht, und obgleich das arme Mädchen vielleicht auch nicht viel zu leben hatte, ſchickte ich doch eine Nach⸗ barin zu ihr, um ihr meine Noth erzählen zu laſſen. Leider iſt ſie auf dem Lande, wo ſie ſich verheirathen wird, wie die Portiers⸗ frau in dem Hauſe ſagte.“ „Alſo werden in acht Tagen — Ihre armen Kinder, — aber nein, Ihre Nachbarn werden es nicht über das Herz bringen kön⸗ nen, ſie fortzuſchicken.“ „Was ſollen ſie thun? Sie können ſich jetzt ſchon nicht ſatt eſſen und müſſen es den ihrigen entziehen, wenn ſie den meinigen etwas geben. Nein, nein, ich muß nach acht Tagen geheilt ſein. 92 Ich habe es ſchon allen Aerzten geſagt, die mich ſeit geſtern era⸗ minirten, aber ſie antworteten lachend: Da müſſen Sie ſich an den Oberarzt wenden. Wann kommt der Oberarzt, Lothringerin?“ „Still! Ich glaube, er kommt eben. Während er da iſt, darf nicht geſprochen werden,“ antwortete die Lothringerin leiſe. Es war wirklich während des Se der beiden Frauen allmälig Tag geworden. Eine lärmende Bewegung kündigte die Ankunft des Doctors Griffon an, der bald mit ſeinem Freunde, dem Grafen von St. Remy, eintrat, der bekannklich ein lebhaftes Intereſſe an der Fran von Fermont und deren Tochter nahm, aber weit entfernt war zu glau⸗ ben, dieſes unglückliche junge Mädchen in dem Hospitale zu finden. Als der Doctor in den Saal trat, ſchienen ſich ſeine kalten, ſtrengen Züge aufzuheitern; er ſah ſich zufrieden um und beantwor⸗ tete den Gruß der barmherzigen Schweſtern mit einem protegiren⸗ den Kopfnicken. In dem ernſten, finſtern Geſichte des alten Grafen von St. Remy lag tiefe Trauer. Seine vergeblichen Bemühungen, die Spur der Frau von Fermont zu finden, und die ſchmachvolle Feig⸗ heit des Vicomte, der dem Tode ein mit Schande belaſtetes Leben vorgezogen hatte, erfüllten ſein Herz mit Kummer. „Nun,“ ſagte der Doctor mit triumphirender Miene zu dem Grafen, „was ſagen Sie zu meinem Hospitale?“ „Ich weiß wirklich nicht,“ antwortete der Graf von St. Remy, „warum ich Ihrem Wunſche nachgegeben habe; es giebt keinen traurigern Anblick als Säle voll von Kranken. Ich fühle mein Herz ſeit meinem Eintritte hier beklommen.“ „Bah! In einer Viertelſtunde iſt das vergeſſen. Sie ſind Philoſoph und werden hier reichlichen Stoff zu Beobachtungen 93 finden, und dann war es ja auch eine Schande, daß Sie, Einer meiner älteſten Freunde, den Schauplatz meines Ruhmes und meiner Arbeiten nicht kannten, und mich nie bei der Arheit geſehen hatten. Meine Beſchäftigung iſt mein Stolz. Habe ich Unrecht?“ „Gewiß nicht, und nach Ihrer trefflichen Behandlung der Marien⸗Blume, die Sie gerettet, konnte ich Ihnen nichts abſchlagen. Das arme Kind! Welcher rührende Zauber liegt in ihren Zügen trotz der Krankheit!“ „Sie hat mir ein ſehr intereſſantes mediciuiſches Factum ge⸗ liefert; ich bin höchſt erfreut über ſie. Wie hat ſie die Nacht ver⸗ bracht? Haben Sie ſie dieſen Morgen geſehen, ehe Sie Asnidres verließen?“ „Nein, aber die Wölfin, die ſie mit einer Aufopferung ohne Gleichen pflegt, ſagte mir, ſie habe ganz gut geſchlafen. Könnte man ihr heute erlauben zu ſchreiben? Nach kurzem Bedenken antwortete der Doctor: „Ja. — So lange das Subject nicht vollkommen wieder hex⸗ geſtellt war, fürchtete ich die geringſte Aufregung, die geringſte geiſige Anſtrengung. Jetzt ſehe ich nichts, was das Schreiben verbieten könnte.“ „Sie wird wenigſtens die Perſonen benachrichtigen können, die ſich für ſie intereſſiren.“ „Allerdings. — Neuerdings haben Sie nichts über das Schickſal der Frau von Fermont und deren Tochter erfahren?“ „Nichts,“ antwortete der Graf von Saint Remy ſeufzend. „Meine eifrigen Nachforſchungen ſind ohne Erfolg geblieben. Ich ſetze meine einzige Hoffnung nun noch auf die Frau Marquiſe von Harville, die ſich, wie man mir geſagt hat, ebenfalls ſehr für die beiden Unglücklichen intereſſirt; vielleicht beſitz ſie einige Andentungen 94 die mich auf die Spur der Geſuchten bringen. Ich ging vor drei Tagen zu ihr, und man ſagte, daß man ſie jeden Augenblick erwarte. Ich habe ihr auch geſchrieben und ſie gebeten, mir ſo bald als möglich zu antworten.“ Während dieſes Geſprächs des Herrn von Saint Remy und des Doctors Griffon hatten ſich allmälig mehrere Gruppen um eine große Tafsk in der Mitte des Saales gebildet. Auf dieſer Tafel lag ein Regiſter, in welchem die Zöglinge im Hospitale, die man an ihren langen weißen Schürzen erkannte, nach einander das Präſenzblatt unterzeichneten. Eine große Anzahl Studirender fand ſich ebenfalls allmälig ein, um ſich der wiſſenſchaftlichen Be⸗ gleitung des Doctor Griffon anzuſchließen, der einige Minuten vor der gewöhnlichen Stunde ſeines Beſuchs gekommen war und wartete, bis ſie geſchlagen. „Sie ſehen, lieber Saint Remy, daß mein Generalſtab ziemlich beträchtlich iſt,“ ſagte der Doetor Griffon mit Stolz, indem er auf die Menge zeigte, die ſeinem practiſchen Unterrichte beiwohnen wollte. „Und dieſe jungen Leute folgen Ihnen an jedes Krankenbett?“ „Sie kommen nur deshalb hierher.“ „Aber ich ſehe hier nur kranke Frauen.“ „Nun?“ „Die Anweſenheit ſo vieler Männer muß ſie in peinliche Ver⸗ legenheit bringen.“ „Ein Patient iſt geſchlechtslos —“ „In Ihren Augen vielleicht, aber in denen der Kranken hier — die Scham —“ . „Alle dieſe ſchönen Dinge muß man draußen laſſen; hier be⸗ 95 ginnen wir an dem Lebenden Verſuche und Studien, die wir in dem anatomiſchen Theater an dem Leichnam beendigen.“ „Sie ſind der beſte und redlichſte Menſch, Doctor, ich verdanke Ihnen das Leben, ich erkenne Ihre vortrefflichen Eigenſchaften an, aber die Gewohnheit und die Liebe zu Ihrer Kunſt veranlaſſen Sie, manche Dinge unter einem Geſichtspunkte zu betrachten, der mich empört. — Ich verlaſſe Sie,“ ſagte der Graf von St. Remy, indem er nach der Thüre des Saales zuſchritt. „Welche Kinderei!“ rief der Doctor Griffon aus, indem er ihn zurückhielt. „Nein, nein, es giebt Dinge, die mir in's Herz ſchneiden, die mich empören; ich ſehe ein, daß es eine Strafe für mich ſein würde, Ihrem Umgange in dem Saale beizuwohnen. — Ich will bleiben, aber hier an der Tafel auf Sie warten.“ „Welcher Menſch ſind Sie mit Ihren Bedenklichkeiten! Sie ſind noch nicht los. — Ich gebe zu, daß es langweilig für Sie wäre, mir von einem Bette zum andern zu folgen; bleiben Sie alſo hier, ich will Sie bei zwei oder drei merkwürdigen Fällen rufen.“ „Da Sie darauf beſtehen, ſo wird mir dies vollkommen ge⸗ nügen; ich bleibe alſo.“ Es ſchlug halb acht Uhr. „Kommen Sie, meine Herren,“ ſagte der Doctor Griffon, und er begann ſeinen Umgang mit der zahlreichen Begleitung. Bei dem erſten Bett in den rechten Reihen, deſſen Vorhänge zugezogen waren, ſagte die barmherzige Schweſter zu dem Arzte: „Herr Doctor, Nr. 1 iſt dieſe Nacht halb fünf Uhr früh geſtorben.“ „So ſpät? Das wundert mich. Geſtern früh hätte ich ihr 96 nicht noch vierundzwanzig Stunden gegeben. Hat man die Leiche reclamirt?“ „Nein, Herr Doctor.“ „Deſto beſſer; ſie iſt ſchön, und ich werde Jemanden dadurch glücklich machen.“ Dann wendete er ſich an einen ſeiner Schüler und ſagte: „mein lieber Dunoyer, Sie wünſchen ſchon lange ein Subject, Sie ſtehen auf der Liſte oben an; dieſer Cadaver gehört Ihnen.“ „Sie ſind ſehr gutig, Herr Doctor.“ „Ich möchte Ihren Eifer öfter belohnen; aber bezeichnen Sie ſich das Subject, nehmen Sie Beſitz davon, denn es ſind ſo viele Andere dahinterher.“ Der Doctor ging weiter. Der Schüler ſchnitt mit dem Scalpel ein zierliches F und D (Franz Dunoyer) auf den Arm der verſtorbenen Schanſpielerin, um, wie der Doctor ſagte, von der Leiche Beſitz zu nehmen. Der Umgang wurde fortgeſetzt. „Lolhringerin,“ ſagte Johanna Duport leiſe zu ihrer Nach⸗ barin, „wer ſind denn die vielen Leute, welche den Doector begleiten?“ „Studenten —“ „Ach, Du lieber Gott, und die werden alle dabei ſein, wenn der Arzt mich ausfragt und unterſucht?“ „Leider ja.“ „Ich leide ja an der Bruſt. — Man wird mich doch nicht vor allen dieſen jungen Herren unterſuchen?“ „Gewiß, wenn es nöthig iſt, wenn ſie es webe Ich habe das erſte Mal viel geweint und kam vor Scham faſt um. Ich ſträubte mich, man drohte mich aus dem Hauſe zu jagen, und ich mußte envlich nachgeben; aber es griff mich ſo ſehr an, daß ich viel — 97 kränker wurde. Bedenken Sie nur, faſt nackt, vor ſo vielen Leuten, — es iſt recht ſchlimm.“ „Vor dem Arzte allein laſſe ich es gelten, wenn es nöthig iſt, und da auch wird es einem ſchwer. Aber warum vor allen dieſen jungen Leuten?“ „Sie lernen an den Kranken und erhalten Unterricht an uns. Was können wir thun? Wir ſind einmal hier und werden nur unter dieſer Bedingung in dem Hospital aufgenommen.“ „Ich verſtehe,“ ſagte Johanna Duport bitter, „man giebt uns Armen nichts umſonſt. — Und doch können Fälle eintreten, wo es nicht ſein ſollte. Wenn meine arme Tochter Katharina, die funfzehn Jahre alt iſt, in das Hospital käme, würde man doch nicht vor allen dieſen jungen Männern —* Nein, ich glaube, ich ließe ſie in dieſem Falle lieber bei mir zu Hauſe ſterben.“ „Wenn ſie hierher käme, müßte ſie ſich gefallen laſſen, was ſich die Andern gefallen laſſen, auch Sie und ich; aber wir wollen ſchweigen. Wenn es das arme Mädchen hörte, die, wie man ſagt, ſonſt reich war, die vielleicht ihre Mutter nie verlaſſen hat! Es wird auch an ſie die Reihe kommen. Wie verlegen wird ſie ſein! „Ja, mich ſchaudert es, wenn ich daran denke. Das arme Kind!“ „Still, Johanna, der Arzt kommt!“ ſagte die Lothringerin. . Die Geheimniſſe von Paris. VII. — CIM. Fräulein von Fermont. . W. der Doctor ſchnell mehrere Kranke beſucht hatte, die ihm nichts Merkwürdiges darboten, kam er endlich bei Johanna Duport an. Bei dem Anblicke der eifrigen Menge, die, begierig zu ſehen und zu lernen, ſich um ihr Bett drängte, hüllte ſich die unglückliche Frau, die vor Scham und Furcht zitterte, feſt in die Bettdecke. Das ernſte, nachdenkende Geſicht des Doctors Griffon, ſein ſcharfer Blick, ſeine in Folge des fortwährenden Nachdenkens immer zuſammengezogenen Augenbrauen und ſeine barſche Redeweiſe er⸗ höhten die Angſt Johannas noch. „Ein neues Subject!“ ſagte der Doctor, indem er das Täfelchen überblickte, auf welchem die Krankheit der Frau aufgeſchrieben war. Dann warf er einen langen forſchenden Blick auf Johanna. Es herrſchte eine tiefe Stille, während die Studirenden wie „der Fürſt der Wiſſenſchaft“ die Kranke neugierig betrachteten. Dieſe wendete, um ſich ſo viel als möglich den peinlichen Ge⸗ fühlen zu entziehen, welche alle dieſe auf ſie gerichteten Blicke in 99 ihr erregten, ihre Augen von denen des Doctors nicht ab, den ſie mit ängſtlicher Spannung betrachtete. Nach mehreren Minuten trat der Doctor, der etwas Abnormes in der gelblichen Farbe des Augapfels der Kranken bemerkte, näher zu ihr, drückte mit dem Finger das Augenlid zurück und betrachtete ſchweigend das Auge. Dann unterſuchten auch mehrere ſeiner Schüler auf die ſtill⸗ ſchweigende Aufmunterung ihres Lehrers das Auge Johannas. Endlich begann der Doctor das nachſtehende Eramen: „Ihr Name?“ „Johanna Duport,“ murmelte die Kranke, vor Angſt zitternd. „Ihr Alter?“ „Sechsunddreißig.“ „Lauter! — Ihr Geburtsort?“ „Paris.“ „Ihr Stand?“ „Franſenmacherin.“ „Sind Sie verheirathet?“ „Ach ja, Herr Doctor,“ antwortete Johanna Duport mit einem tiefen Seußzer. „Seit wann?“ „Seit achtzehn Jahren.“ „Haben Sie Kinder?“ Die arme Mutter ließ jetzt, ſtatt zu antworten, den lange ver⸗ haltenen Thränen freien Lauf. „Hier iſt nicht der Ort zu weinen. Antworten Sie. Haben Sie Kinder?“ „Ja, Herr Doctor, zwei Fleine Knaben und eine Tochter von ſechzehn Jahren.“ — 100 Nun folgten mehrere Fragen, die wir hier nicht wiederholen fönnen und die Johanna beantwortete, nachdem der Doetor mehr⸗ mals ſtreng und ernſt dazu aufgefordert hatte. Die unglückliche Frau verging faſt vor Scham, da ſie genöthigt war, auf ſolche Fragen vor ſo vielen Leuten ganz laut zu antworten. Der Doctor, der einzig und allein mit ſeiner Wiſſenſchaft be⸗ ſchäftigt war, dachte nicht im Entfernteſten an die Verlegenheit Johannas und fuhr fort: „Seit wie lange ſind Sie krank?“ „Seit vier Tagen,“ antwortete Johanna, indem ſie ihre Thränen abwiſchte. „Erzählen Sie, wie Ihre Krankheit ſich eingeſtellt hat. . „Herr Doctor, vor ſo vielen Leuten wage ich nicht —“ „Wo kommen Sie her, gute Frau?“ fragte der Doctor un⸗ geduldig. „Soll ich einen Beichtſtuhl daherbringen laſſen? Reden Sie und halten Sie uns nicht auf. „Ach Gott, Herr Doctor, es ſind Familien⸗Angelegenheiten.“ „Wir ſind hier auch in Familie, in einer zahlreichen Familie, wie Sie ſehen,“ antwortete der Fürſt der Wiſſenſchaft, der an dieſem Tage ſehr gut gelaunt war. — „Reden Sie! Reden Sie!“ Johanna ſagte, mehr und mehr eingeſchüchtert, ſtammelnd und bei jedem Worte zögernd: „Ich hatte — einen Zank mit meinem Manne gehabt — über meine Kinder, — oder vielmehr wegen meiner älteſten Tochter, — die er mit ſich fortnehmen wollte. Das wollte ich nicht zugeben, Herr Doctor, wegen einer ſchlechten Frau, mit der er lebt, und die meiner Tochter ein ſchlechtes Beiſpiel geben kann, — da hat mich mein Mann —, der betrunken war, — ſonſt würde er es 101 nicht gethan haben — ſehr ſtark geſtoßen, ich fiel und — bald darauf ſpuckte ich Blut.“ „Ihr Mann hat Sie geſtoßen, und Sie ſind gefallen? Sie ſagen die Wahrheit nicht, er hat gewiß noch mehr gethan, er muß Sie mehrmals gerade auf die Bruſt geſchlagen haben, — vielleicht hat er Sie gar mit den Füßen getreten. — Antworten Sie, ſagen Sie die Wahrheit!“ „Herr Doctor, ich verſichere Sie, er war betrunken, ſonſt würde er nicht ſo ſchlecht geweſen ſein.“ „Gut oder ſchlecht, betrunken oder nicht, davon iſt die Rede nicht, meine gute Frau; ich bin kein Inſtructionsrichter und will nur wiſſen, wie die Sache geweſen iſt; Sie wurden niedergeworfen und wüthend mit Füßen getreten, nicht wahr?“ „— Ach ja, Herr Doctor,“ ſagte Johanna, der die Thränen über die Wangen ſtrömten, „und doch hatte ich ihm keine Ver⸗ anlaſſung dazu gegeben. — Ich arbeite ſo viel ich kann und —“ „Die Magengegend iſt ſchmerzhaft? Sie fühlen da eine große Wärme?“ unterbrach der Doctor Johanna Duport. „Sie fühlen eine Mattigkeit, Uebelkeit?“ „Ja, Herr Doctor. — Ich kam erſt hierher, als mich alle Kräfte verließen, ſonſt würde ich meine Kinder nicht verlaſſen haben, um die ich mich ängſtige, da ſie nur mich haben. Und dann Katharine, ach ſie beunruhigt mich beſonders, Herr Doctor; wenn Sie wüßten —“ „Ihre Zunge!“ ſagte der Doctor, indem er die Kranfe von Neuem unterbrach. Dieſe Forderung kam Johannen, welche das Mitleid des Doctors erregt zu haben glaubte, ſo ſeltſam vor, daß ſie nicht antwortete, ſondern ihn verblüfft anſah. 102 „Zeigen Sie Ihre Zunge, die Sie ſo gut zu brauchen wiſſen,“ ſprach der Doctor lächelnd, dann drückte er mit der Fingerſpitze die untere Kinnlade Johannas hinab. Nachdem er die Zunge des Subjectes durch ſeine Schüler lange hatte betaſten und unterſuchen laſſen, damit ſie ſich von der Farbe und Trockenheit derſelben überzeugen möchten, ſammelte der Doctor ſich einen Augenblick. Johanna nahm allen ihren Muth zuſammen und ſagte mit zitternder Stimme: „Herr Dortor — Nachbarn, die ſo arm ſind wie ich, haben zwei meiner Kinder zu ſich genommen, aber nur auf acht Tage. — Dies iſt ſchon viel. — Nach dieſer Zeit muß ich nach Hauſe zu⸗ rücktehren. — Ich bitte Sie deshalb, um der Liebe Gottes willen, ſtellen Sie mich ſo bald als möglich her, einigermaßen wenigſtens, daß ich nur aufſtehen und arbeiten kann. — Ich habe nur acht Tage Zeit, denn —“ „Entfärbtes Geſicht, vollkommenes Darniederliegen aller Kräfte, dennoch ſtarker, harter und raſcher Puls,“ ſagte der Doctor un⸗ erſchütterlich, indem er auf Johanna zeigte. „Bemerken Sie wohl, meine Herren: Druck und Hitze in dem Epigaſtrium; alle dieſe Symptome deuten auf eine Hämatomäſe hin, vielleicht in Ver⸗ bindung mit Leberentzündung in Folge von Gram, wie es die gelbliche Farbe des Auges anzeigt. Das Subject hat heftige Stöße in das Epigaſtrium und an den Unterleib erhalten; das Blutbrechen iſt nothwendig durch eine organiſche Verletzung ge⸗ wiſſer Eingeweide verurſacht. Ich richte dabei Ihre Aufmerkſamkeit auf einen ſehr intereſſanten Punkt. Die Sectionen von Subjecten, die an der Krankheit ſtarben, an welcher dieſe Frau da leidet, bieten ſehr verſchiedenartige Reſultate dar; oft rafft die ſehr heftige Krankheit den Kranken in wenigen Tagen hinweg, und man findet 103 durchaus keine Spur von ihrer Exiſtenz, während in andern Fällen die Milz, die Leber, das Panereas mehr oder minder bedeu⸗ tende Verletzungen zeigen. Wahrſcheinlich hat das Subject, mit dem wir uns beſchäftigen, auch einige ſolche Verletzungen erlitten; wir wollen uns deshalb davon zu überzeugen ſuchen, und Sie mögen ſich ſelbſt durch eine aufmerkſame Unterſuchung der Kranken überzeugen.“ Mit einer raſchen Bewegung warf der Doctor Griffon die Bettdecke zurück und entblößte ſo Johanna Duport faſt gänzlich. Wir mögen den ſchmerzlichen Kampf dieſer Unglücklichen nicht ſchildern, die vor Scham weinte und ſchluchzte und den Doctor um Schonung bat. Aber nach der Drohung: man wird Sie aus dem Hos⸗ pitale bringen, wenn Sie ſich den beſtehenden Ge⸗ bräuchen nicht unterwerfen, einer Drohung, welche ſchrecklich für die iſt, deren einzige und letzte Juflucht das Hospital bleibt, unterwarf ſich Johanna einer öffentlichen Unterſuchung, die lange, ſehr lange dauerte, denn der Doctor Griffon analyſirte und er⸗ klärte jedes Symptom, und die Eifrigſten ſeiner Schüler wollten dann die Prarxis mit der Theorie verbinden und ſich ſelbſt von dem Zuſtande des Subjectes überzengen. Dieſe grauſame Scene erſchütterte Johanna Duport ſo ſehr, daß eine Kriſis eintrat und der Doctor Griffon gegen dieſe eine beſondere Verordnung geben mußte. Der Umgang wurde nun fortgeſetzt. Der Doctor Griffon kam bald an dem Bette des Fräuleins Clara von Fermont an, die, wie ihre Mutter, ein Opfer der Habſucht des No⸗ tars Ferrand war; ein neues und ſchreckliches Beiſpiel von den Folgen, 104 welche ein Mißbrauch des Vertrauens, jenes Vergehen nach ſich zieht, das durch das Geſetz ſo leicht geſtraft wird. Clara von Fermont, die eine von dem Hospitale gelieferte Nachtmütze trug, ließ den Kopf matt auf dem Kiſſen ihres Bettes ruhen. Trotz der Krankheit und ihren Folgen erkannte man in dem lieblichen Geſichte die Spuren ſeltener Schönheit. Das arme Kind war nach einer in heftigen Schmerzen verbrachten Nacht in eine Art Schlummer geſunken, bevor der Doctor mit ſei⸗ nem wiſſenſchaftlichen Gefolge in den Saal getreten. Auch hatte das Geräuſch ſie noch nicht geweckt. „Ein neues Subject, meine Herren,“ ſagte der Fürſt der Wiſſen⸗ ſchaft, indem er das Täfelchen überblickte, das ein Schüler ihm vor⸗ hielt. — „Krankheit: ſchleichendes nervöſes Fieber. Der Tauſend!“ rief der Doctor aus, und auf ſeinem Geſichte zeigte ſich innige Freude, „wenn ſich der Arzt in ſeiner Diagnoſtik nicht ge⸗ täuſcht hat, ſo iſt das ein herrlicher Fund; ich wünſchte ſchon lange ein ſchleichendes nervöſes Fieber, denn es iſt meiſt keine Krankheit armer Leute. Dieſe Leiden entſtehen faſt immer in Folge bedeuten⸗ der Störungen in der geſellſchaftlichen Stellung des Subjects, und es verſteht ſich von ſelbſt, daß die Störung um ſo bedeutender, je höher die Stellung iſt. Die Krankheit iſt übrigens wegen ihrer eigenthümlichen Charaktere höchſt merkwürdig. Sie reicht bis in das graueſte Alterthum zurück; die Schriften des Hippocrates laſſen keinen Zweifel übrig, und es iſt auch ganz natürlich. Das Fieber wird, wie ich bereits erwähnte, faſt immer durch ſehr ſtarken Gram verurſacht. Der Gram iſt ſo alt wie die Welt. Merkwürdiger⸗ weiſe iſt jedoch dieſe Krankheit vor dem achtzehnten Jahrhundert durch keinen Schriftſteller genau beſchrieben worden ; erſt Hurham, welcher die Arzneifunſt jener Zeit in ſo vielfacher Hinſicht ehrt, erſt ——— 105 Burham, ſage ich, hat eine Monographie von dem nervöſen Fieber gegeben, die claſſiſch geworden iſt, und doch war die Krankheit von ſehr alter Familie,“ ſetzte der Doctor lachend hinzu. „Sie gehört zu der großen alten und berühmten Familie febris, deren Urſprung ſich in dem Dunkel der Zeit verliert. Doch freuen wir uns nicht zu ſehr, überzeugen wir uns erſt, ob wir wirklich das Glück haben, dieſe merkwürdige Krankheit hier zu beſitzen. Es wäre dies doppelt wünſchenswerth, denn ich habe ſchon längſt gewünſcht, den Phosphor innerlich anzuwenden. — Ja, meine Herren,“ fuhr er fort, als er unter ſeinen Zuhörern eine neugierige Bewegung bemerkte, „ja, meine Herren, Phosphor, — es iſt ein ſehr merkwürdiger Verſuch, den ich machen will, ein kühner Verſuch, aber audaces fortuna juvat, und die Gelegenheit wäre vortrefflich. Zuerſt wollen wir unterſuchen, ob das Subject an allen Theilen des Körpers, namentlich auf der Bruſt, ienen nach Hurham ſo ſymptomatiſchen hirſenförmigen Ausſchlag beſitzt, und Sie mögen ſich ſelbſt durch das Gefühl von der Rauh⸗ heit überzeugen, welche dieſer Hautausſchlag verurſacht. Aber wir wollen die Haut des Bären nicht eher verkaufen, bis wir ihn wirk⸗ lich haben,“ ſetzte der Fürſt der Wiſſenſchaft hinzu, der außerordent⸗ lich vergnügt war. Er rüttelte das Fräulein von Fermont leicht an der Achſel, um ſie zu wecken. Das junge Mädchen erſchrak und ſchlug die großen tief ein⸗ geſunkenen Augen auf. Man denke ſich ihren Schrecken, ihr Staunen. Während eine ziemliche Anzahl junger Männer um ihr Bett her ſtand und ſie betrachtete, fühlte ſie die Hand des Doctors, welche unter ihre Decke ſchlüpfte, um ihre Hand zu faſſen und nach dem Pulſe zu fühlen. 106 Clara von Fermont nahm alle ihre Kräfte in einen Angſt⸗ und Schreckensſchrei zuſammen und rief aus: „Mutter! Hülfe! Mutter!“ Durch einen faſt wunderbaren Zufall wurde in dem Augen⸗ blicke, als auf den Hülferuf des Fräuleins von Fermont der alte Graf von St. Remy von ſeinem Stuhle aufſprang, denn er erkannte dieſe Stimme, die Thüre des Saales geöffnet, und es trat raſch eine ſchwarz gekleidete junge Dame in Begleitung des Directors des Hospitals herein. Die Dame war die Marquiſe von Harville. „Ich bitte Sie dringend, mein Herr,“ ſagte ſie in der größten Angſt zu dem Director, „führen Sie mich zu dem Fräulein von Fermont.“ „Wollen Sie mir gefälligſt folgen, Frau Marquiſe,“ antwortete der Director ehrerbietig. „Das Mädchen befindet ſich in dem Bette Nr. 17 dieſes Saales.“ „Unglückliches Kind! Hier — hier!“ ſprach die Frau von Harville, indem ſie Thränen aus ihren Augen wiſchte, „ach, es iſt ſchrecklich!“ Die Marquiſe, vor welcher der Doctor ging, näherte ſich ſchnell der Gruppe, die ſich an dem Bette des Fräuleins von Fermont ge⸗ bildet hatte, als man die Worte in Unwillen ſprechen hörte: „Ich ſage Ihnen, das iſt ein ſchändlicher Mord! Sie werden ſie ums Leben bringen.“ „Aber, mein lieber Saint Remy, ſo hören Sie mich doch nur an 6 „Ich wiederhole Ihnen, daß Ihr Benehmen grauſam iſt. Ich betrachte das Fräulein von Fermont wie meine Tochter und verbiete Ihnen, derſelben nahe zu kommen. Ich werde ſie augenblicklich fortbringen laſſen.“ „Aber, lieber Freund, es iſt ein ſehr ſeltenes ſchleichendes ner⸗ vöſes Fieber. — Ich wollte einen Verſuch mit Phosphor machen. Es war eine einzige Gelegenheit. Erlauben Sie mir wenigſtens, daß ich ſie behandele. Wohin Sie das Mädchen bringen, iſt mir gleichgiltig, da Sie meiner Klinik ein ſo koſtbares Subject ent⸗ ziehen.“ „Wenn Sie nicht ein Narr wären, wären Sie ein Unmenſch,“ entgegnete der Graf von Saint Remy. Clemence hörte dieſe Worte mit zunehmender Angſt, aber die jungen Männer ſtanden ſo dicht gedrängt um das Bett herum, daß der Director mit lauter Stimme ſagen mußte: „Platz, meine Herren, Platz für die Frau Marquiſe von Har⸗ ville, die Nr. 17 ſehen will.“ Vei dieſen Worten traten die Schüler des Doctors ſchnell und mit ehrerbietiger Bewunderung bei Seite, als ſie das geröthete, reizende Geſicht der Marquiſe ſahen. „Frau von Harville!“ rief der Graf von Saint Remy aus, indem er den Doctor bei Seite ſchob und auf Clemence zueilte. „Ach, Gott ſendet hier einen ſeiner Engel! Madame, ich wußte, daß Sie Antheil an dieſen beiden Unglücklichen nahmen. Sie waren glücklicher als ich und haben ſie gefunden, während mich — der Zufall hierher geführt hat, um einem Auftritte von unerhörter Bar⸗ barei beizuwohnen. Sehen Sie, Madame, ſehen Sie! Und Sie, meine Herren, haben Sie, im Namen Ihrer Töchter oder Schweſtern, Mitleid mit einem Kinde von ſechzehn Jahren, ich beſchwöre Sie, laſſen Sie das Mädchen mit der Dame und den frommen Schweſtern 108 da allein. Sobald ſie wieder zu ſich gekommen iſt, werde ich ſie fortbringen laſſen.“ „Es ſei, ich will es erlauben, daß ſie fortgebracht werde,“ ſagte der Doctor, „aber ich werde ihr folgen, ich werde mich an ſie anklammern. Das Subject gehört mir an, und was Sie auch thun mögen, ich behandle es; ich will keinen Verſuch mit dem Phosphor machen, aber ich wache die Nächte, wenn es ſein muß, undankbarer Saint Remy, denn dieſes Fieber iſt ſo merkwürdig wie das, welches Sie ſelbſt hatten. Es ſind zwei Schweſtern, die Shen Anſpruch an mich haben.“ „Abſcheulicher Mann, warum beſitzen Sie ſo viel Wiſſen⸗ ſchaft?“ fiel der Graf ein, der wohl wußte, daß er Clara von Fer⸗ mont keinen geſchickteren Händen anvertrauen konnte. „Nun, das iſt ſehr einfach,“ antwortete der Doctor leiſe, „ich beſitze große Wiſſenſchaft, weil ich Verſuche mache, weil ich wage und an meinen Subjecten viel probire. — Ich werde alſo mein ſchleichendes Fieber behalten, alter Brummbär?“ „Ja, kann aber das Mädchen transportirt werden?“ „Gewiß.“ „So — entfernen Sie ſich.“ „Meine Herren,“ ſagte der Fürſt der Wiſſenſchaft, „unſerer Klinik entgeht ein koſtbares Studium, indeß ich werde Ihnen den Verlauf der Krankheit regelmäßig mittheilen.“ Der Doctor Griffon ſetzte mit ſeinen Schülern den Umgang fort und ließ den Grafen von Saint Remy und die Frau von Harville bei dem Fräulein von Fermont. CLIIH. WMarien -Blume. S ährend des Auftrittes, den wir geſchildert haben, war Clara von Fermont, noch immer ohnmächtig, der Pflege der Frau von Harville und der beiden barmherzigen Schweſtern überlaſſen wor⸗ den; eine derſelben hielt den bleichen chweren Kopf des jungen Mädchens, während Clemence, über das Bett gebeugt, mit ihrem Taſchentuche den kalten Schweiß von der Stirn der Kranken wiſchte. Der Graf von Saint Remy betrachtete, tief bewegt, dieſes ergreifende Bild, als ein trauriger Gedanke ihm plötzlich in den Kopf kam und er leiſe zu der Frau von Harville ſagte: „Und die Mutter der Unglücklichen?“ Die Marquiſe drehte ſich nach dem Grafen von Saint Remy um und antwortete ihm traurig: „Das Kind — hat keine Mutter mehr —“ „Großer Gott, ſie iſt todt?“ „Ich erfuhr erſt geſtern Abend bei meiner Rückkehr die Adreſſe der Frau von Fermont und — ihren hoffnungsloſen Zuſtand. Früh 110 ſo bald als möglich war ich mit meinem Arzte bei ihr. — Ach, Herr, welches Bild! — Die Armuth in allen ihren Schrecken — und keine Hoffnung, die arme ſterbende Mutter zu retten!“ „Ach, wie ſchrecklich muß ihr Todeskampf geweſen ſein, wenn ſie an ihre Tochter dachte!“ „Ihr letztes Wort war: meine Tochter!“ „Welcher Tod, mein Gott! Sie, eine ſo zärtliche, aufopfernde Mutter! Es iſt entſetzlich.“ Eine der barmherzigen Schweſtern unterbrach das Geſpräch des Herrn von Saint Remy und der Frau von Harville und ſagte zu der letztern: „Das junge Mädchen iſt ſehr ſchwach, — ſie hört kaum; vielleicht kommt ſie eben etwas wieder zu ſich. — Wenn Sie ſich nicht ſcheuen, Madame, hier zu bleiben, bis die Kranke ihr Be⸗ wußtſein völlig wieder erhalten hat, ſo biete ich Ihnen meinen Stuhl an.“ „Geben Sie her,“ antwortete Clemence, indem ſie ſich an dem Bette niederſetzte; „ich werde Fräulein von Fermont nicht ver⸗ laſſen und wünſche, daß ſie wenigſtens ein wohlwollendes Geſicht ſehe, wenn ſie die Augen aufſchlägt; dann werde ich ſie mit mir nehmen, da der Arzt meint, ſie könne ohne Gefahr transportirt werden.“ „Ach, Madame, Gott ſegne Sie für das Gute, das Sie thun!“ ſprach der alte Graf von Saint Remy, „und verzeihen Sie mir, daß ich Ihnen meinen Namen noch nicht genannt habe. — Ich bin der Graf von Saint Remy, Madame; der Gemahl der Frau von Fermont war mein vertrauteſter Freund. — Ich wohnte in Angers und habe dieſe Stadt verlaſſen, weil ich keine Nachricht von den beiden edeln und würdigen Frauen erhielt. Sie 111 hatten bis dahin auch in jener Stadt gewohnt, und man ſagte, ſie hätten ihr ganzes Vermögen verloren. Dies mußte für ſie um ſo ſchrecklicher ſein, da ſie bis dahin im Wohlſtande gelebt hatten.“ „So wiſſen Sie nicht Alles. — Die Frau von Fermont iſt auf unwürdige Weiſe betrogen und beraubt worden.“ „Durch ihren Notar vielleicht? Ich argwohnte dies einen Augenblick.“ „Dieſer Mann war ein Unmenſch. — Ach, er hat nicht dieſes Verbrechen allein begangen; zum Glück,“ fuhr Clemence begeiſtert fort, da ſie an Rudolph dachte, „zum Glück iſt ihm ſein Recht geſchehen, und ich konnte der Frau von Fermont die Augen zu⸗ drücken, nachdem ich ſie über die Zukunft ihrer Tochter beruhigt. — Ihr Tod war deshalb minder ſchmerzlich —“ „Ich begreife das; meine arme Freundin wird ruhiger geſtor⸗ ben ſein, da ſie wußte, ihre Tochter habe in Ihnen eine Stütze gefunden.“ „Das Fräulein von Fermont hat nicht blos für immer meine innige Theilnahme erworben, ſie wird auch ihr Vermögen zurück erhalten.“ „Ihr Vermögen? Wie? der Notar —?“ „Iſt gezwungen worden, das Geld herauszugeben, das er ſich durch ein ſchreckliches Verbrechen angeeignet hatte.“ „Durch ein Verbrechen?“ „Er hatte den Bruder der Frau von Fermont ermordet und das Gerücht verbreitet, derſelbe habe ſich ſelbſt das Leben genom⸗ men, nachdem er das Vermögen ſeiner Schweſter verloren.“ „Das iſt entſetzlich! — unglaublich, obgleich ich immer an den Selbſtmord nicht recht glauben konnte, da Renneville die Ehrenhaftig⸗ keit ſelbſt war. Und das Geld, das der Notar zurück erſtattet hat?“ 112 „Liegt bei einem achtungswürdigen Geiſtlichen, dem Pfarrer des Kirchſpiels des Notars; es wird dem Fräulein von Fermont übergeben werden.“ „Dieſe Erſtattung genügt nicht, Madame. Dieſer Notar muß das Schaffot beſteigen, denn er hat nicht einen Mord, ſondern zwei begangen. — Der Tod der Frau von Fermont und die Leiden, welche ihre Tochter in dieſem Bett im Hospitale erduldet, wurden durch den ſchändlichen Mißbrauch des Vertrauens dieſes Elenden veranlaßt.“ „O, er hat einen noch weit entſetzlichern Mord begangen.“ „Was ſagen Sie?“ „Wie er den Bruder der Frau von Fermont durch einen an⸗ geblichen Selbſtmord bei Seite gebracht, um ſich Strafloſigkeit zu ſichern, ſo räumte er auch vor wenigen Tagen ein unglückliches junges Mädchen aus dem Wege, das er ertränken ließ — damit man ihren Tod, an dem ihm viel gelegen war, einem unglücklichen Zufalle zuſchreibe.“ Der Graf von Saint Remy ſchauderte, ſah die Frau von Harville verwundert an, dachte an Marien⸗Blume und ſagte: „Welche ſeltſame Aehnlichkeit!“ „Was meinen Sie?“ „Wo wollte man jenes junge Mädchen ertränken?“ „In der Seine, — bei Asnidres, wie man mir geſagt hat.“ „Sie iſt es! Sie iſt es!“ rief der Herr von Saint Remh aus. „Von wem ſprechen Sie?“ „Von dem jungen Mädchen, an deren Tode dem Unmenſchen viel gelegen war.“ „Von Marien⸗Blume!?“ „Sie kennen ſie, Madame?“ 113 „Ich liebte das arme Kind. — Ach, wenn Sie wüßten, Herr Graf, wie ſchön und rührend ſie war! Aber wie geht es zu, daß —“ „Der Doctor Griffon und ich haben ihr den erſten Beiſtand geleiſtet.“ „Den erſten Beiſtand? ihr? und wo?“ „Auf der Inſel des Ausſuchers, — als ſie gerettet war.“ „Gerettet? Marien⸗Blume iſt gerettet?“ „Durch ein braves Mädchen, die mit Gefahr ihres Lebens ſie aus der Seine herauszog. Aber was iſt Ihnen, Madame?“ „Ach, Herr Graf, ich wage kaum an ſo großes — Glück z glauben und fürchte einen Irrthum. Ich beſchwöre Sie, ſagen Sie mir, wie ſieht dieſes junge Mädchen aus?“ „Sie iſt außerordentlich ſchön, hat ein wahres Engelsgeſicht.“ „Große blaue Augen? blondes Haar?“ „Ja, Madame.“ „Und als man ſie ertränken wollte, war eine bejahrte Frau bei ihr?“ „Erſt ſeit geſtern kann ſie ſprechen (denn ſie iſt noch ſehr ſchwach), und ſie hat dies allerdings erwähnt. Eine bejahrte begleitete ſie.“ „Gott ſei gelobt!“ rief Clemence aus, indem ſie ihre Sime faltete. — Ich werde ihm mittheilen können, daß ſeine Schutz⸗ befohlene noch lebt*). — Welche Freude für ihn, da er in ſeinem *) Die Frau von Harville, die erſt am Tage vorher angekommen war, wußte nicht, daß Rudolph die Entdeckung gemacht, die Nachtigall (die er für todt iein ſei ſeine Tochter. Einige Tage vorher hatte der Fürſt der Marquiſe in einem Briefe die neuen Verbrechen des Notars, ſowie den Umſtand gemeldet, daß er ihn genöthigt habe, die unterſchlagenen Gelder Die Geheimniſſe von Paris. VIII. 8 4 114 letzten Briefe an mich mit ſo ſchmerzlichem Bedauern von ihr ſprach! Verzeihen Sie, Herr Graf, aber wenn Sie wüßten, wie glücklich mich das macht, was Sie mir mittheilen, und anch eine andere Perſon, welche Marien⸗Blume noch mehr geliebt und be⸗ ſchützt hat! Aber — wo iſt ſie jetzt?“ „Bei Asnidres, in dem Hauſe eines Arztes dieſes Hospitales, des Doctors Griffon, der trotz den Seltſamkeiten, die ich beklage, treffliche Eigenſchaften beſitzt, denn zu ihm iſt Marien⸗Blume ge⸗ bracht worden, und er hat ſie mit unausgeſetzter behandelt.“ „Und fie iſt außer Gefahr?“ „Ja, Madame, aber erſt ſeit zwei oder drei Tagen. Heute wird man ihr erlauben, an ihre Beſchützer zu ſchreiben.“ „Dies, dies werde ich übernehmen, oder ich werde vielmehr die Freude haben, ſie zu denen zu begleiten, die ſie für todt halten und ſie ſo ſchmerzlich betrauern.“ „Ich begreife dieſe Trauer, denn man kann Marien-Blume nicht kennen, ohne den Zauber dieſes engelgleichen Charakters zu empfinden; ihre Anmuth und Sanftmuth üben auf Alle, die ſich ihr nahen, eine unbeſchreibliche Gewalt aus. Das Mädchen, das ſie gerettet hat und ſie ſeitdem pflegt, wie ihr Kind, iſt eine muthige aufopfernde Perſon, aber von ſo heftigem Charakter, daß man ſie die Wölfin genannt hat. — Ein Wort von Marien⸗ ume ind ert ſie völlig um; ich habe ſie ſchluchzen und ver⸗ zweiflungsvo oll weinen ſehen, als der Doctor Griffon nach einer heftigen Kriſis an dem Leben der Marien⸗Blume faſt verzweifelte.“ wieder zu erſtatten. Die Wohnung der Frau von Fermont war durch die Bemühungen des Herrn Badinot entdeckt worden, und Rudolph hatte die Frau von Harville ſofort davon benachrichtigt. 115 „Das wundert mich nicht, — ich kenne die Wölfin.*)“ „Sie, Madame?“ entgegnete Saint Remy verwundert, „Sie kennen die Wölfin?“ „Das muß Sie freilich wundern, Herr Guf, ſagte die Marquiſe lächelnd, denn Clemence fühlte ſich ſo glücklich, ach ſo glücklich in dem Gedanken an die ſüße Ueberraſchung, welche ſie dem Fürſten bereiten konnte. Wie groß würde erſt ihre Freude geweſen ſein, wenn ſie ge⸗ wußt hätte, daß ſie Rudolph eine Tochter, die er verloren hielt, zurückbringen ſollte! „Ach, Herr Graf,“ ſagte ſie zu Saint Remy, „dieſer x09 iſt ſo ſchön für mich, daß ich auch Andere beglücken möchte. Ich glaube, hier giebt es manche Unglückliche zu tröſten, und es wäre dies eine würdige Feier der vortrefflichen Nachricht, die Sie mir gaben.“ Dann wendete ſie ſich an die barmherzige Schweſter, welche dem Fräulein von Fermont eben einen Löffel voll Medicin gereicht hatte, und fragte: „nun, kommt ſie wieder zu ſich?“ — „Noch nicht, Madame; ſie iſt ſo ſchwach! Man fühlt kaum das Klopfen ihres Pulſes.“ „Ich werde warten, bis ſie in meinem Wagen fortgebracht werden kann. Aber ſagen Sie mir, gute Schweſter, kennen Sie unter den unglücklichen kranfen Frauen hier vielleicht Einige, die ganz beſonders Theilnahme und Mitleiden verdienen und denen ich nützlich ſein könnte, bevor ich das Hospital verlaſſe?“ „Ach, Madame, Sie ſendet Gott!“ ſprach die Schweſter; „es liegt da,“ ſetzte ſie hinzu, indem ſie nach dem Bette der * Die Frau von Harville hatte bei ihrem Beſuche in St. Lazarus durch Madame Armand die Wölſin erwähnen hören. 8* 116 Johanna Duport zeigte, „eine arme ſehr kranke Frau, die recht zu beklagen iſt; ſie kam erſt hierher, als alle ihre Kräfte erſchöpft waren, und iſt troſtlos, weil ſie zwei kleine Kinder verlaſſen mußte, deren einzige Stütze ſie in der Welt war. Sie ſagte eben zu dem Doetor, nach acht Tagen wollte ſie fort, ſie möge geſund ſein oder nicht, weil ihre Nachbarn ihr verſprochen hätten, ihre Kinder eine Woche lang zu behalten, aber länger nicht, weil ſie nicht im Stande wären, länger für ſie zu ſorgen.“ „Führen Sie mich an ihr Bett, gute Schweſter,“ ſagte die Frau von Harville, indem ſie aufſtand und der barmherzigen Schweſter folgte. Johanna Duport, die ſich von der heftigen Erſchütterung in Folge der Unterſuchung durch den Doctor Griffon kaum erholt, hatte den Eintritt der Marquiſe von Harville in den Saal nicht bemerkt. Wie groß war alſo ihr Erſtaunen, als Clemence die Bett⸗ vorhänge zurückſchob und mit einem Blicke voll Mitleid und Liebe zu ihr ſagte: „Aengſtigen Sie ſich nicht um Ihre Kinder, gute Frau; ich werde für ſie ſorgen. Denken Sie nur an Ihre Geneſung, um ſo bald als möglich zu ihnen zurücktehren zu können.“ Johanna Duport glaubte zu träumen. An derſelben Stelle, wo ſie durch den Doctor Griffon und deſſen wiſſenſchaftliches Gefolge eine ſo grauſame Unterſuchung hatte beſtehen müſſen, erblickte ſie eine junge Dame von entzückender Schönheit, die Worte des nn⸗ es xoſto und der Hoff⸗ nung zu ihr ſprach. Die Rührung Johannas war ſo groß, daß ſie kein Wort „ ie 117 ſprechen konnte; ſie faltete blos die Hände wie zum Gebet ud ſah ihre unbekannte Wohlthäterin anbetend an. „Johanna! Johanna!“ rief ihr leiſe die Lothringerin zu, „antworten Sie der gütigen Dame doch —“ Dann ſetzte ſie, zu der Marquiſe gewendet, hinzu: „ach, Madame, — Sie wiſſen es, ſie würde vor Verzweiflung bei dem Gedanken an ihre Kinder, die ſie ſo verlaſſen ſah, umgekommen ſein. Nicht wahr, Johanna?“ „Noch einmal, beruhigen Sie ſich, gute Frau, ſorgen Sie für nichts,“ wiederholte die Marquiſe, indem ſie die brennende Hand der Johanna Duport in ihren kleinen weißen Händen drückte. „Beruhigen Sie ſich und ſorgen Sie ſich nicht mehr wegen Ihrer Kinder. — Wenn Sie es wünſchen, ſollen Sie ſogar heute noch aus dem Hospitale gebracht und in Ihrer Wohnung behandelt werden. Es ſoll Ihnen an nichts fehlen, und Sie brauchen ſich dann von Ihren lieben Kindern nicht zu trennen. Wenn Ihre Wohnung ungeſund oder zu klein iſt, ſo ſoll ſogleich eine paſſen⸗ dere andere geſucht werden, damit Sie ein Stübchen und Ihre Kinder ein anderes haben. Sie ſollen eine gute Krankenwärterin erhalten, die für Alles ſorgt und ſie pflegt. Sind Sie dann her⸗ geſtellt, und es fehlt Ihnen an Arbeit, ſo werde ich Sie in den Stand ſetzen, auf Arbeit warten zu können. — Für die Zukunft Ihrer Kinder will ich ſorgen.“ „Ach, Du lieber Gott, was höre ich! — Die Engel ſteigen von dem Himmel herab wie in den Gebetbüchern!“ ſagte Johanna Duport zitternd, außer ſich und indem ſie kaum wagte, ihre Wohl⸗ thäterin anzublicken. „Warum ſo große Güte für mich? Was habe ich gethan, daß ich ſie verdiene? — Es iſt nicht möglich! Ich ſoll aus dem Hospitale gebracht werden, wo ich ſchon ſo viel geweint, ſo viel gelitten habe, meine Kinder nicht mehr verlaſſen, 118 eine Krankenwärterin erhalten? Das iſt ja ein Wunder vom lieben Gott!“ Und die arme Frau hatte Recht. Wenn man nur wüßte, wie ſüß und wie leicht es oft iſt, mit geringen Koſten ſolche Wunder zu thun! Ach, muß nicht für manche verlaſſene oder von allen vwoen Unglückliche eine unverhoffte Rettung mit wohlwollenden Worten ein Wunder ſein? So war es in menſchlicher Hinſicht der Johanna Dupprt wohl erlaubt, die Wahrſcheinlichkeit des unerhörten Glückes, das die Frau von Harville ihr zuſicherte, für einen Traum zu halten. „Es iſt kein Wunder, meine gute Frau,“ antwortete Clemence tiefbewegt; „was ich für Sie thue,“ ſetzte ſie bei der Erinnerung an Rudolph leicht erröthend hinzu, „was ich für Sie thue, giebt mir ein edelmüthiger Geiſt ein, der mich gelehrt hat, Mitleid mit dem — zu haben. Ihm müſſen Sie danken, ihn müſſen Sie ſegnen —“ „Ach, Madame, werde Sie und die Ihrigen ſegnen!“ ſprach Johanna weinend. — „Verzeihen Sie mir, daß ich mich ſo ſchlecht ausdrücke, aber ich bin an ſo große Freude nicht — ich fühle ſie zum erſten Male.“ „Nun, ſehen Sie, Johanna,“ fiel die Lothringerin geriyrt ein, „es giebt auch unter den Reichen Lachtauben und Nachtigallen — im Großen freilich, aber dem guten Herzen nach iſt es doch einerlei.“ Die Frau von Harville drehte ſich raſch nach der Lothringerin um, als ſie dieſe beiden Namen ausſprechen hörte. „Sie kennen die Nachtigall und die junge Näherin — fragte Clemence die Lothringerin. 119 „Ja, Madame. — Die Nachtigall, der liebe kleine Engel, hat im vorigen Jahre, freilich nach ihren geringen Mitteln, das für mich gethan, was Sie für Johanna thun. Ja, Madame; ach, ich erzähle es ſo gern und ſo oft allen Leuten! Die Nachtigall hat mich aus einem Keller erlöſt, wo ich auf Stroh niedergekommen war; der kleine liebe Engel brachte mich und mein Kind in ein Stübchen mit einem guten Bette und einer Wiege. Die Nachtigall that dies aus reiner Menſchenliebe, denn ſie kannte mich kaum und war ſelbſt arm. Das iſt ſchön, nicht wahr, Madame?“ ſprach die Lothringerin begeiſtert. „Ach ja, das Mitleid des Armen mit dem Armen iſt groß und heilig,“ ſagte Clemence mit thränenfeuchten Augen. „So war es auch mit Mamſell Lachtaube, die nach ihren Mitteln als arme Näherin,“ fuhr die Lothringerin fort, „vor eini⸗ gen Tagen der Johanna ihre Dienſte angeboten hat.“ „Welch ſeltſames Zuſammentreffen!“ dachte Clemence, die tiefer und tiefer ergriffen wurde, denn jeder der beiden Namen, Nachtigall und Lachtaube, erinnerte ſie an eine edle Handlung Rudolphs. „Und was kann ich für Sie thun, mein Kind?“ ſagte ſie zu der Lothringerin. „Ich wünſche, daß die Namen, die Sie ſo dankbar ausgeſprochen haben, auch Ihnen Glück bringen.“ „Ich danke Ihnen, Madame,“ entgegnete die Lothringerin mit dem Lächeln der Ergebung, „ich hatte ein Kind, — es iſt geſtorben; ich bin bruſtkrank und muß ſterben; — ich bedarf nichts mehr.“ „Welche traurige Gedanken! In Ihrem Alter, ſo jung, giebt es immer noch Hoffnung.“ „Ach nein, Madame; ich kenne mein Schickſal — und beklage mich nicht; ich habe noch dieſe Nacht in dem Saale da eine Bruſt⸗ 120 kranke ſterben ſehen, — man ſtirbt ſehr ſanft. — Ich danfe Ihnen für Ihre Güte.“ „Sie ſtellen ſich S Zuſtand zu ſchlimm vor.“ „Ich täuſche mich nicht, Madame, — ich fühle es wohl. — Aber da Sie ſo gütig ſind, — und eine ſo . Dame wie Sie vermag Alles .. „Sprechen Sie, was wünſchen Sie?“ „Ich habe Johanng um eine Gefälligkeit gebeten, da ſie aber mit Ihrer und Gottes Hülfe fortkommt — „Nun, kann ich Ihnen dieſe Gefälligkeit erweiſen?“ „Gewiß, Madame, ein Wort von Ihnen an die barmherzigen Schweſtern oder den Arzt würde Alles in Ordnung bringen.“ „Ich werde dieſes Wort verlaſſen Sie ſich darauf. Was meinen Sie?⸗ „Seit ich die Schauſpielerin, die nun geſtorben iſt, ſich ſo mit der Furcht ängſtigen ſah, nach ihrem Tode in Stücke zerſchnitten zu werden, quält mich derſelbe Gedanke. — Johanna hatte mir verſprochen, — mich beerdigen zu laſſen.“ „Ach, das iſt gräßlich!“ ſprach Clemence ſchaudernd. „Man muß hierherkommen, um zu erfahren, daß die Armen noch ſelbſt nach dem Tode Elend und Schrecken erwartet.“ „Verzeihen Sie, Madame,“ ſprach die Lothringerin ſchüchtern; „für eine große, reiche und glückliche Dame, wie Sie es zu ſein verdienen, iſt ein ſolches Anſinnen ſehr traurig, ich — nicht davon ſprechen ſollen.“ „Im Gegentheil, ich danfe es ich lerne dadurch ein Uebel kennen, das mir unbekannt war. — Beruhigen Sie ſich; obgleich der Tod gewiß noch fern von Ihnen iſt, ſo gebe ich Ihnen 13 —— — 121 doch die Verſicherung, daß Sie, wenn er eingetreten, in geweihter Erde ruhen ſollen.“ „Ach, ich danfe Ihnen, Madame!“ rief die Lothringerin aus. — „Darf ich Sie um die Erlaubniß bitten, Ihre Hand zu küſſen?“ Clemence hielt ihre Hand den ausgetrockneten Lippen der Lothringerin hin. „Ach, ich danke Ihnen, Madame, ich habe nun doch Jeman⸗ den, den ich lieben und ſegnen kann bis zu meinem Ende nebſt der Nachtigall, und ich werde mich nicht mehr ängſtigen, nach mei⸗ nem Tode —“ Dieſe Abgezogenheit von dem Leben und dieſe über den Tod hinausreichenden Beſorgniſſe hatten die Frau von Harville ſchmerzlich ergriffen. Sie neigte ſich zu dem Ohre der barmherzigen Schweſter, die ihr meldete, daß das Fräulein von Fermont vollſtändig wieder zu ſich gekommen ſei, und fragte: „Steht es mit der armen Kranken hier wirklich ſo hoffnungs⸗ los?“ „Ach ja, Madame, die Lothringerin muß ſterben; ſie hat viel⸗ leicht nicht acht Tage mehr zu leben.“ Eine halbe Stunde nachher nahm die Frau von Harville in Begleitung des Grafen von Saint Remy die junge Waiſe mit ſich, der ſie den Tod der Mutter noch verheimlicht hatte. An demſelben Tage miethete ein Mann, dem die Frau von Harville ihr Vertrauen ſchenkte, nachdem er in der armſeligen Woh⸗ nung der Johanna Duport geweſen und die beſten Nachrichten über die würdige Frau erhalten hatte, auf dem Schul⸗Kai zwei große Zimmer nebſt einem luftigen Cabinet, meublirte binnen zwei Stun⸗ den dieſe beſcheidene, aber geſunde Wohnung aus, und am Abende 122 wurde Johanna Duport dahin gebracht, wo ſie ihre Kinder und eine treffliche Krankenwärterin fand. Derſelbe Mann erhielt den Auftrag, die Lothringerin begraben zu laſſen, wenn dieſelbe ihrer Krankheit unterliegen ſollte. Nachdem die Frau von Harville Clara von Fermont in ihr Haus gebracht hatte, fuhr ſie mit dem Grafen von Saint Remy ſogleich nach Asnidres, um Marien-Blume abzuholen und ſie Ru⸗ dolph zuzuführen. CLIV. Fokfnung. ie erſten Tage des Frühlings nahten; die Sonne erhielt neue Kraft, der Himmel war rein und die Luft lau und mild. Marien⸗Blume prüfte, auf die Wölfin geſtützt, ihre Kräfte, indem ſie in dem Garten am Häuschen des Doctor Griffon umherging. Die belebende Wärme der Sonne und die Bewegung bei dem Spaziergange gaben dem bleichen, abgemagerten Geſichte der Nach⸗ tigall eine ſchwache Röthe; ihr Bauernmädchenanzug war bei der erſten eiligen Hülfe, die man ihr geleiſtet hatte, zerriſſen worden, und ſie trug ein dunkelblaues Merino⸗Kleid, das blouſenartig ge⸗ macht und um die ſchlanke Taille durch eine wollene Gürtelſchnur zuſammengehalten war. „O die liebe Sonne!“ ſagte ſie zu der Wölfin, indem ſie an dem Fuße einiger Bäume an einer Steinbank ſtehen blieb. „Wollen wir uns einen Augenblick hier niederſetzen, Wölſin?“ „Brauchen Sie mich zu fragen, ob ich will?“ antworttte die Geliebte Martials barſch und achſelzuckend. 124 Dann nahm ſie ein Tuch ab, legte es vierfach zuſammen, kniete nieder, breitete es auf dem etwas feuchten Sande aus und ſagte zu der Nachtigall: „Stellen Sie die Füße darauf.“ „Aber, Wölfin,“ ſagte Marien⸗Blume, welche die Abſicht ihrer Begleiterin zu ſpät bemerkt hatte, als daß ſie dieſelbe an der Aus⸗ führung hindern konnte, „aber, Wölfin, Sie verderben Ihr Tuch.“ „Das iſt kein Grund! Die Erde iſt kühl,“ antwortete die Wölfin, welche die kleinen Füße der Marien⸗Blume na hm und dieſelben auf das Tuch ſtellte. „Sie verwöhnen mich, Wölfin —“ „Hm! Sie verdienen es nicht. Immer ſträuben Sie ſich gegen das, was ich zu Ihrem Wohle thun will. Sind Sie nicht müde geworden? Wir gehen nun ſchon eine gute halbe Stunde. Es hat eben in Asniéres zwölf Uhr geſchlagen.“ „Ich bin ein wenig müde, — aber ich fühle auch, daß der Spaziergang mir wohlgethan hat.“ „Sehen Sie, Sie waren müde; konnten Sie eher zu mir ſagen, daß Sie ſich ſetzen wollten?“ „Zürnen Sie mir nicht, — ich bemerfte meine Müdigkeit nicht. Es iſt ſo angenehm zu gehen, wenn man lange im Bett gelegen hat, die Sonne, die Bäume, das Feld zu ſehen, wenn man glaubte, ſie nimmer wieder zu erblicken.“ „Ja, zwei Tage lang war Ihr Zuſtand hoffnungslos. — Arme Nachtigall! Ja, jetzt kann man es ſagen, man . Hoffnung aufgegeben.“ „Und denken Sie ſich, Wölſin, als ich nich unter dem Waſſer ſah, erinnerte ich mich unwillkürlich an eine böſe Frau, die mich gepeinigt hatte, als ich ein kleines Kind war, mir immer drohte, — ———— — — — 125⁵ mich den Fiſchen vorzuwerfen, und auch ſpäter mich ertränken wollte. Ich dachte da bei mir: ich habe kein Glück und kann meinem Schickſale nicht entgehen.“ „Arme Nachtigall! Das waren Ihre letzten Gedanken, als Sie ſterben zu müſſen glaubten?“ „Ach nein!“ antwortete Marien⸗Blume begeiſtert; „als ich fühlte, daß ich ſterben mußte, galt mein letzter Gedanke dem, wel⸗ chen ich für meinen Gott halte, wie mein erſter Gedanke ſich zu ihm erhob, als ich mich wieder erholte.“ „Es iſt eine wahre Freude, Ihnen Gutes zu thun, — Sie vergeſſen es nicht.“ „Ach nein! Es iſt ſo ſüß, mit ſeiner Dankbarkeit einzuſchlafen und mit ihr wieder zu erwachen!“ 6 „Man ginge deswegen auch für Sie durch das Feuer.“ „Gute Wölfin! Ich gebe Ihnen die Verſicherung, daß eine Urſache, warum ich mich freue, daß ich noch lebe, die Hoffnung iſt, Ihnen Glück zu bringen, mein Verſprechen halten zu können, — wiſſen Sie? die Luftſchlöſſer von St. Lazarus.“ „Sie ſind wieder auf den Beinen, und ich habe das Meinige gethan, wie mein Mann ſagt.“ „Wenn mir nur der Graf von St. Remy bald ſagt, daß der Arzt mir erlaube, an Madame Georges zu ſchreiben! Sie muß ſo beſorgt ſein — und vielleicht Herr Rudolph auch!“ ſetzte Marien⸗ Blume hinzu, die bei dem Gedanken an ihren Gott die Augen niederſchlug und von Neuem erröthete. „Sie halten mich vielleicht für todt.“ „Wie die, welche Sie ertränken ließen, arme Nachtigall! O die ſchlechten Menſchen!“ 126 „Sie glauben alſo noch immer, Wölfin, daß es kein zufälliges Unglück geweſen?“ „Ein zufälliges Unglück? Freilich nennen es die Martials ſo! Wenn ich ſage die Martials, ſo meine ich meinen Mann nicht mit, denn er gehört nicht zu der Familie, wie auch und Aman⸗ dine nicht dazu gehören ſollen.“ „Aber welches Intereſſe konnte man an meinem Tode haben? Ich habe nie Jemandem etwas zu Leide gethan; Niemand kennt mich.“ „Das bleibt ſich gleich. Wenn die Martials ſchlecht genug ſind, Jemanden zu ertränken, ſo ſind ſie doch nicht ſo dumm, dies zu thun, ohne ein Intereſſe dabei zu haben. — Einige Worte, welche die Wittwe zu meinem Geliebten in dem Gefängniſſe geſagt, beweiſen es —“ „Er hat alſo ſeine Mutter beſucht, die ſchreckliche Frau?“ „Ja, und man hat keine Hoffnung mehr für ſie, für ihre Tochter und für ihren Sohn Nicolaus. Man hat Vieles entdeckt, und der ſchlechte Nicolaus hat, in der Hoffnung, mit dem Leben davon zu kommen, ſeine Mutter und Schweſter noch wegen eines andern Verbrechens angezeigt. Deshalb werden ſie alle auf das Schaffot kommen, — der Advveat hat keine Hoffnung mehr. Die Leute A Juſtiz ſagen, es müſſe ein Exempel ſtatuirt werden — „Das iſt ſchreclich! Faſt eine ganze Familie!“ „Ja, wenn Nicolaus nicht entflieht. Er iſt in demſelben Gefängniſſe mit einem ſchrecklichen Böſewichte, der das Skelett heißt und ein Complott angezettelt hat, um ſich und die Andern zu retten. Nicolaus hat dies Martial durch einen Gefangenen ſagen laſſen, der entlaſſen wurde, denn mein Mann war ſo ſchwach, 127 auch ſeinen ſchlechten Bruder in dem Gefängniſſe zu beſuchen. Durch dieſen Beſuch hat der Elende den Muth und die Frechheit bekommen, meinem Manne ſagen zu laſſen, er könnte jeden Augen⸗ blick entfliehen, und Martial möge bei dem alten Micou Geld und inen ändern Anzug bereit halten.“ „Ihr Martial beſitzt ein ſo gutes Herz!“ „Gutes Herz hin, gutes Herz her, Nachtigall; der Teufel ſoll mich holen, wenn ich meinen Mann einem Mörder beiſtehen laſſe, der ihn umbringen wollte! Martial wird den Plan zur Flucht nicht verrathen, das iſt ſchon viel. Uebrigens werden wir, da Sie nun wieder geſund ſind, Nachtigall, von hier fortgehen, mein Mann, ich und die Kinder, und niemals Paris wieder betreten. Es war für Martial immer ſo ſchrecklich, der Sohn des Gerichteten genannt zu werden. Wie würde es erſt werden, wenn Mutter, Bruder un Schweſter auch geköpft ſind!“ „Sie werden wenigſtens ſo lange warten, bis ich mit Herrn Rudolph, wenn ich ihn wieder ſehe, über Sie geſprochen habe. — Sie haben ſich wieder zum Guten gewendet —; ich habe geſagt, Sie ſollten Ihren Lohn dafür erhalten, und ich will mein Wort halten. Wie könnte ich ſonſt vergelten, was Sie an mir gethan haben? Sie haben mir das Leben gerettet und mich während meiner Krankheit mit einer Aufopferung gepflegt .. „Sehen Sie doch! Ich würde eigennützig erſcheinen, wenn ich Sie etwas für mich von Ihren Gönnern erbitten ließe. Sie ſind gerettet, und ich wiederhole, ich habe nur das Meinige gethan.“ „Gute Wölfin, beruhigen Sie ſich. — Sie werden nicht eigen⸗ nützig erſcheinen, ich werde nur dankbar ſein.“ „Hören Sie einmal!“ ſagte plötzlich die Wölfin, indem ſie aufſtand; „es iſt, als käme ein Wagen. Ja, ja, er kommt näher; 128 da — haben Sie ihn vor dem Gitter vorbeifahren ſehen? Es ſitzt eine Dame darin.“ „Ach Gott!“ 6 Marien⸗Blume bewegt, — „es iſt mir, als kenne ich ſie — j „ „Wer iſt ſie?“ „Eine junge ſchöne Dame, vie ich in St. eni „ und die ſehr gütig gegen mich war.“ „Sie weiß alſo, daß Sie hier ſind?“ „Ich weiß es nicht, aber ſie kennt die Perſon, von der ich immer ſpreche und die, wenn ſie will, und ſie wird hoffentlich wollen, unſere Luftſchlöſſer von St. Lazarus verwirklichen kann.“ „Eine Stelle als Jagdaufſeher für meinen Mann mit einem Häuschen für uns mitten im Walde,“ ſagte die Wölfin ſeufzend. „Das ſind Träume, — es iſt zu ſchön und kann nicht geſchehen.“ Man hörte ſchnelle Schritte; Franz und Amandine, welche vurch die Güte des Grafen von Saint Remy bei der Wölfin hatten bleiben dürfen, kamen athemlos herbei und ſagten: „Wölfin, es kommt eine ſchöne Dame mit dem Herrn von Saint Remy; ſie wollen ſogleich Marien⸗Blume ſehen.“ „Ich hatte mich nicht geirrt!“ ſprach die Nachtigall. Faſt in demſelben Augenblicke erſchien der Graf von Saint Remy mit der Frau von Harville. Kaum hatte dieſe Marien⸗Blume erblickt, ſo eilte ſie auf die⸗ ſelbe zu, ſchloß ſie liebevoll in ihre Arme und ſagte: „Armes, liebes Kind, da ſind Sie ja — ach und gerettet, wunderbar von einem ſchrecklichen Tode gerettet. — Mit Freuden ſehe ich Sie wieder, da ich und Ihre Freunde Sie für todt hielten und ſo ſehr betrauert haben.“ „Auch ich freue mich ſehr, Sie wieder zu ſehen, Madame, denn ich habe nicht vergeſſen, wie gütig Sie gegen mich waren,“ ſagte Marien⸗Blume, indem ſie die Liebkoſungen der Frau von Harville mit reizender Anmuth und Beſcheidenheit erwiederte. „Ach, Sie wiſſen nicht, wie groß die Ueberraſchung und die Freude Ihrer Freunde ſein wird, die Sie jetzt ſo bitter beweinen.“ Marien⸗Blume nahm die Wölfin, welche bei Seite getreten war, an der Hand, ſtellte ſie der Frau von Harville vor und ſagte: „Da meine Rettung meinen Wohlthätern ſo erfreulich iſt, Madame, ſo erlauben Sie mir, Sie um Ihre gütige Theilnahme für meine Freundin zu bitten, die mich mit Gefahr ihres Lebens gerettet hat.“ „Beruhigen Sie ſich, mein Kind, Ihre Freunde werden der braven Wölfin beweiſen, daß ſie wiſſen, ſie verdanken ihr das Glück, Sie wieder zu ſehen.“ Die Wölſin wurde roth und verlegen, wagte weder zu ant⸗ worten, noch die Frau von Harville anzuſehen, einen ſo gewaltigen Eindruck machte die Anweſenheit einer ſo vornehmen Dame auf ſie, hatte aber ihre Verwunderung nicht bergen können, als ſie ihren Namen von der Marquiſe nennen hörte. „Aber es iſt kein Augenblick zu verlieren“ fuhr die Marquiſe fort. „Ich ſterbe vor Ungeduld, Sie mit mir zu nehmen, Marien⸗ Blume; ich habe in meinem Wagen einen Shawl und einen war⸗ men Mantel mitgebracht; kommen Sie, mein Kind.“ Dann wen⸗ ſich an den Grafen und ſagte: „Haben Sie die Güte, dem Mädchen da meine Adreſſe zu geben, damit ſie morgen ſen⸗Blume Abſchied nehmen kann. — Auf dieſe Weiſe wer⸗ noch einmal zu uns kommen müſſen,“ ſetzte die Frau von Harville zur Wölfin hinzu. „Ich komme gewiß, Madame,“ antwortete dieſe, „da ich Ab⸗ Die Geheimniſſe von Paris. VII. 9 130 ſchied von der Nachtigall nehmen ſoll; es würde mir gar zu leid thun, wenn ich ſie nicht noch einmal ſähe.“ Einige Minuten ſpäter waren die Frau von Harville und die Nachtigall auf dem Wege nach Paris. Rudolph hatte ſich, nachdem er dem Tode Jacob Ferrands beigewohnt, der auf ſo entſetzliche Weiſe für ſeine Verbrechen ge⸗ ſtraft worden war, in ſehr trüber Stimmung in ſeine Wohnung begeben. Nach einer langen und ſchlafloſen Nacht berief er Sir Walter Murph zu ſich, um dieſem alten und treuen Freunde die ſchreckliche Entdeckung über Marien⸗Blume, die er am vorigen Tage gemacht, mitzutheilen. Der würdige Squire war wie vom Blitz getroffen. Er konnte mehr als irgend Jemand den unermeßlichen Schmerz des Fürſten begreifen und theilen. Dieſer hatte, bleich, muthlos, mit rothgeweinten Augen Nunh die ſchreckliche Nachricht mitgetheilt. „Faſſen Sie Muth!“ ſagte der Squire, indem er die Augen trocknete, denn auch er hatte trotz ſeinem Phlegma geweint. „Ja, faſſen Sie Muth, königl. Hoheit! Freilich muß der Kummer un⸗ heilbar ſein —“ „Du haſt Recht. — Was ich geſtern fühlte, iſt nichts inzPer⸗ gleich mit dem, was ich heute empfinde.“ „Geſtern wurden Sie durch den entſetzlichen Schlag äubt, — die Nachwirkung wird täglich ſchmerzlicher werden. aſſen Sie alſo Muth! — die Zukunft iſt traurig, — ſehr trautig.“ „Und dann geſtern — die Verachtung und der Abſcheu, die 131 mir jenes Weib einflößte! — aber Gott erbarme ſich ihrer, ſie ſteht jetzt vor ſeinem Richterſtuhle. — Geſtern endlich drängten die Ueber⸗ raſchung, der Haß, das Entſetzen, ſo viele heftige Leidenſchaften die Gefühle der verzweiflungsvollen Zärtlichkeit, die ſich heute mit Macht regen, zurück. — Ich konnte kaum weinen. — Jetzt — bei Dir — vermag ich es. — Ich bin kraftlos, — ich bin ſchwach, verzeihe mir. — Thränen! — noch immer! Ach, mein Kind — mein armes Kind!“ „Weinen Sie, weinen Sie, königl. Hoheit, — der Verluſt iſt unerſetzlich.“ „Und ſie war für ſo viel Elend zu entſchädigen!“ rief Rudolph mit herzzerreißendem Tone aus. „Bedenke, welches Schickſal ſie erwartete!“ „Vielleicht wäre dieſer Uebergang zu plötzlich für die ſchon ſo ſchwer geprüfte Unglückliche geweſen.“ „Ach nein, nein! — Mit welcher Schonung würde ich ihr hr Herkommen erzählt, wie vorſichtig ſie auf dieſe Entdeckung vor⸗ bereitet haben! — Es war ja ſo einfach, ſo leicht. Wenn es nur das wäre,“ ſetzte der Fürſt mit traurigem Lächeln hinzu, „ſo würde ich ganz ruhig und gar nicht verlegen geweſen ſein! Ich würde vor dieſem angebeteten Kinde auf die Kniee gefallen ſein und geſagt haben: Du biſt bis jetzt ſo hart geprüft worden, — ſei nun endlich glücklich, — für immer glücklich, — Du biſt meine Tochter. — Nein,“ unterbrach ſich Rudolph, „nein, ſo nicht, das wäre zu raſch, zu übereilt geweſen. — Ja, ich hätte an mich gehalten, ich hätte ruhig zu ihr geſagt: mein Kind, ich muß Dir etwas mittheilen, das Dich überraſchen wird. — Mein Gott! Ja, — denke Dir, man hat die Spur Deiner Eltern gefunden, — Dein Vater lebt, und Dein Vater — bin ich.“ Hier unterbrach ſich der Fürſt von 9 — 132 Neuem: — „nein, nein, das iſt noch immer zu plötzlich, — aber es iſt nicht meine Schuld, dieſe Mittheilung tritt mir ſogleich auf die Lippen, — es gehört ſo viel Selbſtbeherrſchung dazu, — Du kannſt Dir das denken, Freund. — Da vor ſeiner Tochter zu ſtehen und ſich Zwang anthun zu müſſen!“ Dann überließ ſich Rudolph von Neuem ſeiner Verzweiflung und rief aus: „Aber wozu! warum dieſe nutzloſen Worte? Ich werde ihr ja nichts zu ſagen haben. Ach, fiehſt Du, beſonders ſchrecklich iſt mir der Gedanke, daß ich meine Tochter einen ganzen Tag lang, an dem ewig verfluchten und heiligen Tage bei mir hatte, als ich ſie nach Bouqueval brachte, als ſich mir alle Schätze ihrer Engelsſeele in ihrer ganzen Rein⸗ heit enthüllten! Ich ſah das Erwachen dieſer göttlichen Natur und nichts in meinem Herzen ſprach: ſie iſt Deine Tochter! Nichts, nichts! O, wie blind, wie dumm war ich! Ich begreife mich nicht. — Ach, ich war nicht werth, Vater zu ſein!“ „Aber,“ rief der Fürſt aus, „kam es auf mich an, ob ich ſie verlaſſen wollte oder nicht? Freilich, — warum behielt ich das unglückliche Kind nicht bei mir, ſtatt daß ich es zu der Madame Georges ſandte? — Heute brauchte ich ihr nur die Arme zu öffnen, um ſie an meine Bruſt zu drücken. — Warum that ich es nicht? warum? Ach, weil man das Gute immer nur halb thut, weil man die Wunder erſt recht würdigt, wenn ſie verſchwunden ſind — auf immer, — weil ich, ſtatt dieſes bewundernswürdige junge Mädchen, das trotz der Armuth und der Verlaſſenheit durch ihren Geiſt und ihr Herz größer und edler vielleicht war, als ſie es durch die Vor⸗ züge der Geburt und der Erziehung jemals geworden wäre, zu der ihr gebührenden Höhe zu erheben, viel für ſie zu thun glaubte, wenn ich ſie auf ein Landgut, zu guten Menſchen brächte, wie ich es für die erſte beſte intereſſante Bettlerin gethan haben würde, die mir begegnet. — Es iſt meine Schuld! Es iſt meine Schuld! Hätte ich gehandelt, wie ich handeln mußte, ſo wäre ſie nicht todt. Ach! ja, ich bin mit Recht geſtraft, — ich habe es verdient, denn ich war ein ſchlechter Sohn und — ein ſchlechter Vater —“ Murph wußte, daß es für ſolchen Schmerz keinen Troſt giebt und ſchwieg. 2 Nach einer ziemlich langen Pauſe fuhr Rudolph mit bewegter Stimme fort: „Ich bleibe nicht hier. — Paris iſt mir verhaßt, — morgen reiſe ich ab —“ „Sie haben Recht, königl. Hoheit.“ „Wir machen einen Umweg und reiſen über Bouqueval. — Ich will mich auf einige Stunden in dem Zimmer einſchließen, in welchem meine Tochter die einzigen glücklichen Tage ihres traurigen Lebens verbracht hat. Hier ſammele man Alles, was von ihr übrig iſt, — die Bücher, die ſie zu leſen anfing, die Hefte, in denen ſie ſchrieb, die Kleidungsſtücke, die ſie trug, — Alles, — ſelbſt die Meubles, — die Tapeten dieſes Zimmers, von dem ich ſelbſt eine genaue Zeichnung nehmen will. — In Gerolſtein, in dem Park, wo ich dem Andenken meines beleidigten Vaters das Denkmal errichten ließ, laſſe ich ein Häuschen bauen und in dieſem Häuschen jenes Zimmerchen genau nachahmen. Dort will ich meine Tochter beweinen. Eines dieſer Trauerdenkmäler wird mich an mein Verbrechen gegen meinen Vater, das andere an die Strafe erinnern, die mich an meinem Kinde betroffen hat.“ — Nach einer langen Pauſe ſetzte ſodann Rudolph hinzu: „halte alſo Alles auf morgen bereit.“ Murph wollte die traurigen Gedanken des Fürſten auf einen Augenblick zerſtreuen und ſagte zu ihm: „Alles ſoll bereit ſein, aber Sie vergeſſen, daß morgen in Bouqueval die Hochzeit des Sohnes der Madame Georges mit Mademviſelle Lachtaube gefeiert werden ſoll. — Sie haben nicht blos die Zukunft Germains geſichert und die Braut deſſelben prächtig ausgeſtattet, Sie haben ihnen auch verſprochen, ihrer Hochzeit bei⸗ zuwohnen, denn bei dieſer Gelegenheit erſt ſollen ſie den Namen ihres Wohlthäters erfahren.“ „Ja, das iſt wahr, ich hatte das verſprochen. — Sie ſind in Bouqueval, — und ich kann morgen nicht dahin gehen ohne dem Feſte beizuwohnen; gleichwohl beſitze ich nicht den Muth —“ „Der Anblick des Glückes dieſer jungen Leute würde Ihren Kummer vielleicht einigermaßen lindern.“ „Nein, nein, der Schmerz iſt ſelbſtſüchtig und ſucht die Ein⸗ ſamkeit. Du magſt mich morgen entſchuldigen, meine Stelle bei ihnen vertreten und Madame Georges bitten, Alles zu ſammeln, was meiner Tochter angehörte. Man ſoll das Zimmer genau ab⸗ zeichnen laſſen und die Zeichnung mir nach Deutſchland nachſenden.“ „Sie wollen alſo abreiſen, ohne die Frau Marquiſe von Harville noch einmal zu ſehen?“ Rudolph zuckte bei dem Namen Clemences zuſammen. — Die aufrichtige Liebe zu ihr lebte immet warm in ihm, aber in dieſem Augenblicke war ſein Herz von zu großem Schmerze erfüllt — Der Fürſt fühlte, daß nur die zärtliche Liebe der Frau von Harville ihn in dem Unglücke, das ihn betroffen, aufrecht erhalten könnie, und gleichwohl machte er ſich Vorwürfe wegen dieſes Ge⸗ dankens, der, meinte er, ſeines tiefen Vaterſchmerzes unwürdig ſei. „Ich reiſe ab, ohne die Frau von Harville zu ſehen,“ ant⸗ wortete Rudolph. — „ Ich ſchilderte ihr vor einigen Tagen den Schmerz, den ich über den Tod der Marien-Blume empfinde. — Wenn ſie erfährt, daß dieſes Mädchen meine Tochter war, wird ſie „ 135 einſehen, daß man den Muth beſitzen muß, gewiſſe Schmerzen, oder vielmehr manche Strafen allein zu tragen, ja, allein, damit ſie eine Buße werden. Ach, die Buße, welche mir das Schickſal auf⸗ erlegt, iſt ſchrecklich, denn ſie beginnt bei mir in dem Augenblicke, da auch das Leben abzunehmen anfängt.“ In dieſem Augenblicke wurde leiſe an die Thüre des Zimmers geklopft, und Rudolph machte eine ungeduldige Bewegung. Murph ſtand auf, um zu öffnen. Durch die halbgeöffnete Thüre hindurch ſagte ein Adjutant des Fürſten einige Worte leiſe zu dem Squire. Dieſer antwortete kopf⸗ nickend, wendete ſich ſodann zu Rudolph um und ſagte: „Erlauben Ew. königl. Hoheit, daß ich mich einen Augenblick entfernen darf? Es wünſcht Jemand im Dienſte Ew. königl. Hoheit mit mir zu ſprechen.“ „Gehe,“ antwortete der Fürſt. Kaum hatte ſich Murph entfernt, ſo ſchlug Rudolph die Hände über das Geſicht und ſeufzte tief. „Ach!“ rief er aus, „was ich fühle, erſchreckt mich. — Mein Herz ſtrömt über von Bitterkeit und Haß; die Anweſenheit meines beſten Freundes iſt mir eine Laſt, die Erinnerung an eine edle und reine Liebe beunruhigt mich, und dann — es iſt unwürdig! Geſtern habe ich mit barbariſcher Freude den Tod Sarahs erfahren, jener unnatürlichen Mutter, welche den Tod meiner Tochter verurſacht hat, und ich denke gern an das ſchreckliche Ende des Weibes, das mein Kind umbrachte. — O, ich bin zu ſpät gekommen!“ rief er aus, während er von dem Stuhle aufſprang. — Geſtern litt ich dies nicht, und gleichwohl hielt ich geſtern meine Tochter auch für todt. Ach ja, aber ich ſprach da nicht jene Worte zu mir, die von nun an mein Leben vergiften werden: ich habe meine Tochter ge⸗ 136 ſehen, ich habe mit ihr geſprochen und Alles bewundert, was liebens⸗ würdig an ihr war. — Ach, welche Zeit habe ich auf dieſer Meierei verſäumt! Nur dreimal bin ich dort geweſen, nicht mehr. — Und ich konnte alle Tage dort ſein, ich konnte meine Tochter alle Tage ſehen, ſie ſogar immer bei mir behalten. — Das wird meine Strafe ſein, daß ich mir dies immer und immer wiederhole!“ Und der Unglückliche fand ein grauſames Vergnügen darin, immer und immer wieder auf dieſen Gedanken zurück zu kommen. Der große Schmerz hat das Eigenthümliche, daß er ſich unauf⸗ hörlich durch ſich ſelbſt erhält. Mit einem Male wurde die Thüre des Cabinets geöffnet, und Murph trat bleich, ſo bleich herein, daß der Fürſt ſich halb erhob und ausrief: „Murph, was haſt Du?“ „Nichts, königl. Hoheit.“ „Du ſiehſt aber ſehr blaß aus.“ „Aus Verwunderung.“ „Welche Verwunderung?“ „Die Frau von Harville!“ „Die Frau von Harville? Großer Gott! ein neues Unglück?“ „Nein, königl. Hoheit, beruhigen Sie ſich, ſie iſt — hier, in dem Zimmer —“ „Sie — hier — bei mir? Nicht möglich!“ „Die neberraſchung, königl. Hoheit —“ „Ein ſolcher Schritt von ihrer Seite? Was giebt es? In des Himmels Namen ſprich!“ „Ich weiß nicht, aber ich kann mir von dem, was ich fühle, keine Rechenſchaft geben.“ ——— —— —— 137 „Du verheimlichſt mir etwas.“ „Bei meiner Ehre, königl. Hoheit, bei meiner Ehre, — nein, ich weiß nicht, was die Frau Marquiſe mir geſagt.“ „Was hat ſie Dir geſagt?“ „Sir Walter,“ und ihre Stimme war bewegt, während die höchſte Freude aus ihren Augen ſtrahlte, „meine Anweſenheit hier „muß Sie in Erſtaunen ſetzen. — Aber es giebt gebieteriſche Um⸗ „ſtände, in denen man nicht an das denken kann, was ſich ſchickt „und was ſich nicht ſchickt. Bitten Sie Se. königl. Hoheit, mir eine „urze Audienz in Ihrer Gegenwart zu bewilligen, denn ich weiß, „daß der Fürſt keinen beſſern Freund in der Welt hat als Sie. — „Ich hätte ihn um die Gnade bitten können, zu mir zu kommen, aber „das wäre eine Verzögerung von vielleicht einer Stunde geweſen, „und der Fürſt wird mir es Dank wiſſen, daß ich dieſe Beſprechung „auch nicht eine Minute verſchob —,“ ſetzte ſie mit einem Aus⸗ druck hinzu, bei dem ich erbebte. „Aber,“ entgegnete Rudolph mit bewegter Stimme, während er noch bleicher wurde als Murph, „ich errathe die Urſache Deiner Unruhe, — Deiner Bewegung, — Deiner Bläſſe nicht. — Es giebt etwas, — dieſe Beſprechung —“ „Auf Ehre, ich — weiß nicht mehr. — Dieſe Worte der Marquiſe haben mich erſchüttert. — Warum, weiß ich nicht. — Sie ſelbſt ſind blaß geworden, königl. Hoheit.“ „Ich?“ ſprach Rudolph, indem er ſich auf einen Stuhl ſtützte, denn die Füße wollten ihn nicht mehr tragen. „Ich ſage Ihnen, königl. Hoheit, daß Sie ſo beſtürzt ſind wie ich.“ „Müßte ich auch auf der Stelle ſterben, — erſuche die Frau von Harville einzutreten,“ ſprach der Fürſt. 138 Merkwürdigerweiſe hatte der ſo unerwartete, ſo ungewöhnliche Beſuch der Frau von Harville bei Murph und bei Rudolph dieſelbe unklare, thörichte Hoffnung geweckt, aber dieſe Hoffnung kam ihnen ſo unſinnig vor, daß ſie ſich Keiner geſtehen wollte. Die Marquiſe von Harville trat ein. CLv. pater und Tochter. ie Frau von Harville, welche, wie bereits erwähnt, nicht wußte, daß Marien⸗Blume die Tochter des Fürſten ſei, hatte in ihrer Freude, ihm ſeine Schutzempfohlene zuzuführen, geglaubt, ſie ihm nicht ohne beſondere Vorbereitung vorſtellen zu können; nur hatte ſie dieſelbe im Wagen gelaſſen, da ſie nicht wußte, ob Ru⸗ dolph ſich dem Mädchen zu erfennen geben und ſie bei ſich empfan⸗ gen wolle. Als Clemence die große Veränderung in den Zügen Rudolphs bemerkte, welche eine düſtere Verzweiflung verriethen, als ſie in ſeinen Augen Spuren von Thränen bemerkte, glaubte ſie, er ſei von einem Unglück heimgeſucht worden, das ſchwerer für ihn ſei als der Tod der Nachtigall. Sie vergaß deshalb die Veranlaſſung ihres Beſuches und rief aus: „Großer Gott! Königl. Hoheit, was iſt Ihnen?“ „Sie wiſſen es nicht, Frau Marquiſe? Ach, jede Hoffnung iſt verloren. — Ihr Wunſch, ſofort mit mir zu ſprechen, erweckte in mir den Glauben —“ 140 „Oh, ich bitte Sie, ſprechen wir nicht von der Veranlaſſung, die mich hierher geführt hat — im Namen meines Vaters, dem Sie das Leben gerettet haben! Ich habe faſt ein Recht, Sie nach der Urſache der Trauer zu fragen, in die Sie verſunken zu ſein ſcheinen. — Ihre Niedergeſchlagenheit, Ihre Bläſſe erſchrecken mich. — Sprechen Sie, königl. Hoheit, aus Mitleid mit meiner Angſt, ſprechen Sie!“ „Warum, Frau Marquiſe? Meine Wunde iſt unheilbar.“ „Dieſe Worte verdoppeln meine Angſt. — Erklären Sie ſich! Sir Walter, — mein Gott! — was iſt ihm?“ „Nun,“ antwortete Rudolph, „ſeit ich Sie von dem Tode der Marien⸗Blume benachrichtigt, habe ich erfahren, daß ſie meine Tochter war.“ „Marien⸗Blume Ihre Tochter!“ rief Clemence in einem Tone aus, der ſich unmöglich beſchreiben läßt. „Ja, und als Sie mir ſagen ließen, Sie wünſchten mich ſogleich zu ſehen, um mir etwas mitzutheilen, was mich mit großer Freude erfüllen würde, — bemitleiden Sie meine Schwachheit, — aber ein Vater, den der Schmerz über den Verluſt ſeines Kindes niederbengt, iſt jeder thörichten Hoffnung fähig. — Ich glaubte einen Augen⸗ blick, daß — aber nein, nein, ich ſehe es — daß ich mich geirrt hatte. — Verzeihen Sie mir, ich bin meiner Sinne kaum mächtig.“ Rudolph ſank auf einen Stuhl und verbarg ſein Geſicht mit ſeinen Händen. Die Frau von Harville ſtand erſtaunt, unbeweglich und ſtumm da; ſie wagte kaum zu athmen, gab ſich bald einer entzückenden Freude, bald der Furcht vor der vielleicht nachtheiligen Wirkung der Entdeckung hin, welche ſie dem Fürſten zu machen hatte, und dankte begeiſtert der Vorſehung, die ſie — ſie in den Stand geſetzt, Ru⸗ 141 dolph mittheilen zu können, daß ſeine Tochter noch lebe, und daß ſie ihm dieſelbe zuführe. Sie vermochte in dem Sturme ſo verſchiedener Gefühle keine Worte zu finden. Murph, der einen Augenblick die Hoffnung des Fürſten getheilt hatte, war ſo niedergeſchlagen wie dieſer. Mit einemmale ſank die Marquiſe, die einem innern Drange nicht zu widerſtehen vermochte, trotz der Anweſenheit Rudolphs und Murphs, auf ihre Kniee nieder, faltete die Hände und rief im Ge⸗ fühle inniger Dankbarkeit aus: „Gelobt ſeiſt Du, mein Gott! Ich erkenne Deinen allmächtigen Willen und danke Dir, denn Du haſt mich erwählt, ihm anzuzeigen, daß ſeine Tochter gerettet iſt.“ Murph und der Fürſt hörten dieſe Worte, ob ſie gleich leiſe, wie in inbrünſtigem Gebete, geſprochen wurden. Der Fürſt richtete raſch den Kopf empor, als Clemence ſich wieder erhob. Der Blick, die Geberde, der Ausdruck des Geſichtes Rudolphs, als er die Frau von Harville anſah, ſind nicht zu beſchreiben. Die Marquiſe, in deren reizenden Zügen ſich eine himmliſche Freude malte, ſtützte ſich mit der einen Hand auf den Marmor einer Conſole, hielt mit der andern den hochwallenden Buſen nieder und antwortete durch ein bejahendes Kopfnicken dem Blicke Rudolphs, der nicht zu ſchildern iſt. „Und — wo iſt ſie?“ fragte der Fürſt, zitternd wie ein Espenblatt. „Unten, in meinem Wagen.“ Der Fürſt würde ſofort hinausgeeilt ſein, wäre er nicht ſchnell von Murph zurückgehalten worden. „Königl. Hoheit, Sie würden ſie umbringen!“ ſprach der Squire. „Seit geſtern erſt befindet ſie ſich in der Geneſung. — Bei ihrem Leben — nicht unvorſichtig!“ ſetzte Clemence hinzu. „Sie haben Recht,“ antwortete Rudolph, der ſich kaum zu faſſen vermochte, — „Sie haben Recht. — Ich werde ruhig ſein, — ich werde ſie noch nicht ſehen, — ich will warten, bis meine erſte Aufregung vorüber iſt. — Ach! das iſt zu viel, zu viel an einem Tage!“ ſetzte er mit bewegter Stimme hinzu. Dann wen⸗ dete er ſich an die Frau von Harville, reichte ihr die Hand und ſprach mit unnennbarer Dankbarkeit: „Ich habe Vergebung gefunden. — Sie ſind der Engel der Erlöſung.“ „Sie haben mir meinen Vater wiedergegeben, Königl. Hoheit, Gott wollte, daß ich Ihnen Ihr Kind zuführe,“ antwortete Cle⸗ mence. „Aber ich bitte Sie auch um Verzeihung meiner Schwäche. — Dieſe ſo plötzliche, — jo unerwartete Entdeckung hat mich er⸗ ſchüttert. — Ich geſtehe, daß ich nicht den Muth haben werde, Marien⸗Blume zu holen, — meine Unruhe würde ſie erſchrecken.“ „Und wie iſt ſie gerettet worden? Durch wen?“ fragte Ru⸗ dolph. — „Sehen Sie da meine Undankbarkeit, ich habe Ihnen dieſe Frage noch nicht vorgelegt.“ „In dem Augenblicke, als ſie ertrinken wollte, wurde ſie durch ein muthiges Mädchen aus dem Waſſer gezogen.“ „Kennen Sie das Mädchen?“ „Sie wird morgen zu mir kommen.“ „Die Schuld iſt unermeßlich,“ ſprach der Fürſt, „aber ich werde ſie zu tilgen ſuchen.“ „Wie gut, daß ich Marien⸗Blume nicht ſogleich mit mir 143 brachte!“ ſagte die Marquiſe; „dieſer Auftritt hätte die nach⸗ theiligſten Folgen für ſie haben können.“ „Es iſt allerdings ein Glück, daß ſie nicht hier iſt,“ ſagte Murph. „Ich wußte nicht, ob Se. königl. Hoheit ſich ihr zu erkennen geben wollte und mochte ſie ihm nicht vorſtellen, ohne ihn vorher befragt zu haben.“ „Jetzt“ ſprach der Fürſt, der ſich unterdeß bemüht hatte, ſeine Aufregung niederzukämpfen, und deſſen Züge faſt ruhig ausſahen, — „jetzt, bin ich meiner Herr. — Murph, hole — meine Tochter!“ Dieſe Worte „meine i. ſprach der Fürſt in einem un⸗ beſchreiblichen Tone. „Sind Sie wirklich Ihrer ſicher, königl. Hoheit?“ fragte Clemence. „O, beruhigen Sie ſich, — ich kenne die Gefahr, der ich ſie ausſetzen würde. — Ich werde ſie ſchonen, guter Murph, und bitte Dich, geh, hole ſie.“ „Ja, ſie kann kommen,“ antwortete Murph, der den Fürſten aufmerkſam beobachtet hatte, „Se. königliche Hoheit wird ſich be⸗ herrſchen.“ „So geh, geh ſchnell, mein alter Freund!“ „Ja, königl. Hoheit. — Ich bitte nur um eine Minute, — man iſt nicht von Eiſen,“ ſagte der brave Mann, indem er die Spuren ſeiner Thränen zu entfernen ſuchte; „ſie darf nicht ſehen, daß ich geweint habe.“ „Vortrefflicher Menſch!“ entgegnete Rudolph, indem er die Hand Murphs drückte. „Jetzt, — jetzt gehe ich. — Ich wollte nicht durch das Vor⸗ zimmer gehen mit Thränen in den Augen wie eine Magdalene.“ Der Sgquire ſchritt nach der Thüre zu, blieb aber noch einmal ſtehen und ſagte „Aber — was ſoll ich ihr ſagen?“ „Ja, was ſoll er zu ihr ſagen?“ fragte der Fürſt die Mar⸗ quiſe. „Herr Rudolph wünſche ſie zu ſehen, weiter nichts, — meiner Meinung nach.“ „Sie haben Recht. — Herr — Rudolph wünſche ſie zu ſehen, — weiter nichts. — Geh mun!“ „Das iſt gewiß das Beſte, was ihr geſagt werden kann,“ ſprach der Squire. — „Ich werde ihr einfach ſagen, Herr Rudolph wünſche ſie zu ſehen. — Sie kann dabei nichts beſonders ahnen, nichts erwarten, — es iſt das Klügſte ſo.“ Murph rührte ſich aber nicht von der Stelle. „Sir Walter,“ ſagte Clemence lächelnd zu ihm, — „Sie fürchten ſich.“ . „Sie haben Recht, Frau Marquiſe. So groß und alt ich auch bin, ſo kann ich mich doch einer tiefen Rührung noch immer nicht * erwehren.“ „Lieber Freund, ſieh Dich vor,“ ſagte Rudolph zu ihm, „warte lieber noch einen Augenblick, wenn Du Deiner nicht gewiß biſt.“ „Jetzt bin ich fertig,“ antwortete der Squire, nachdem er mit ſeinen beiden Hereules „Fäuſten über die Augen gefahren war; — „in meinem Alter — iſt eine ſolche Schwachheit wirklich lächerlich. — Fürchten Sie aber nichts, königl. Hoheit.“ Murph ging feſten Schrittes, mit ruhigem Geſichte hinaus. Es folgte nach ſeiner Entfernung eine Pauſe und Clemence 145 dachte erröthend daran, daß ſie in der Wohnung Rudolphs und mit ihm allein ſei. Der Fürſt trat zu ihr und ſagte faſt ſchüchtern: „Wenn ich dieſen Tag, dieſen Augenblick wähle, um Ihnen ein aufrichtiges Geſtändniß abzulegen, ſo wird die Feierlichkeit dieſes Tages und dieſes Angenblickes die ernſte Bedeutung dieſes Geſtänd⸗ niſſes noch erhöhen. Seit ich Sie geſehen habe, — liebe ich Sie. So lange ich dieſe Liebe verbergen mußte, habe ich ſie verborgen; jetzt ſind Sie frei, Sie haben mir meine Tochter wiedergegeben, wollen Sie — die Mutter derſelben ſein?“ „Ich, königl. Hoheit!“ rief die Frau von Harville aus. „Was ſagen Sie?“ „Ich beſchwöre Sie darum; ſchlagen Sie meine Bitte nicht ab, laſſen Sie dieſen Tag über das Glück meines ganzen Lebens entſcheiden,“ fuhr Rudolph zärtlich fort. Auch Clemence liebte den Fürſten ſchon längſt und mit Leiden⸗ ſchaft. Jetzt glaubte ſie zu träumen; das Geſtändniß Rudolphs, dieſes ſo einfache und doch ſo wichtige, ſo rührende Geſtändniß, das er unter ſolchen Umſtänden machte, beglückte ſie im höchſten Grade. Sie antwortete zögernd: „ich muß Sie — an den Abſtand erinnern, der uns trennt, an die Intereſſen Ihres Fürſtenhauſes —“ „Laſſen Sie mich vor allem an die Intereſſen meines Herzens und an die meiner Tochter denken; machen Sie uns Beide glücklich, — ſie und mich; ſetzen Sie mich, der ich eben noch ohne Familie war, in den Stand, daß ich ſagen kann: meine Frau, — mein Kind; machen Sie es möglich, daß das arme Kind, das eben auch noch ohne Familie war, ſagen kann: mein Vater — meine Mutter, — meine Schweſter, denn Sie haben ja eine kleine Tochter, welche die meinige werden ſoll.“ Die Geheimniſſe von Paris. VIII. 10 Ach, königl. Hoheit, — auf ſo edle Worte giebt es kein andere Antwort als Thränen des Dankes,“ ſprach Clemence. Dann zwang ſie ſich und ſetzte hinzu: „man kommt; es iſt — Ihre Tochter.“ „Ach, ſchlagen Sie mir meine Bitte nicht ab,“ entgegnete Rudolph mit bewegter, bittender Stimme, „im Namen meiner Liebe, ſagen Sie unſere Tochter —“ „Nun — unſere Tochter!“ flüſterte Clemence in dem Augen⸗ blicke, als Murph die Thüre öffnete und Marien⸗Blume herein⸗ führte. Das junge Mädchen, das vor dem Periſtyl dieſes Palaſtes aus dem Wagen der Marquiſe geſtiegen, war durch ein erſtes Vor⸗ zimmer gegangen, in welchem ſich Diener in großer Livrée befan⸗ den, dann durch ein Wartezimmer, in dem ſich die Kammerdiener aufhielten, dann durch den Saal der Huiſſiers und endlich durch das Zimmer, in welchem ein Kammerherr und die Adjutanten des Fürſten in großer Uniform dienſtbereit ſich aufhielten. Man denke ſich das Staunen der armen Nachtigall, die keinen andern Glanz kannte, als den in der Meierei Bouqueval, als ſie durch dieſe von Gold, Spiegeln und Gemälden ſtrahlenden fürſtlichen Zimmer ſchritt. Sobald ſie erſchien, eilte ihr die Frau von Harville entgegen, nahm ſie an der Hand, ſchlang einen Arm um ſie, gleichſam um ſie zu halten, und führte ſie zu Rudolph, der an dem Kamine ſtand und keinen Schritt hatte thun können. Murph verſchwand ſos gleich, nachdem er Marien⸗Blume der Frau von Harville übergeben hatte, hinter einen der großen Vorhänge am Fenſter, da er ſeiner nicht recht ſicher war. Bei dem Anblicke ihres Wohlthäters, ihres Retters, ihres 147 Gottes, der ſie mit ſtummem Entzücken betrachtete, fing die ſchon ſo bewegte Marien⸗Blume zu zittern an. „Beruhigen Sie ſich, mein Kind,“ ſagte die Frau von Har⸗ ville zu ihr. „Da iſt Ihr Freund, Herr Rudolph, der Sie mit Ungeduld erwartete und ſehr beſorgt um Sie geweſen iſt —“ „Ja, — ja, ſehr beſorgt,“ ſtammelte Rudolph, der noch im⸗ mer unbeweglich da ſtand und bei dem Anblicke des bleichen lieb⸗ lichen Geſichtes ſeiner Tochter die Thränen kaum zurückzuhalten vermochte. Trotz ſeinem feſten Vorſatze ſah er ſich doch genöthigt, einen Augenblick das Geſicht abzuwenden, um ſeine innere Bewegung zu bergen. „Sie ſind noch ſehr ſchwach, mein Kind, ſetzen Sie ſich,“ ſagte Clemence, um die Aufmerkſamkeit des Mädchens abzulenken, und ſie führte ſie zu einem großen Seſſel von vergoldetem Holze, auf welchen die Nachtigall ſich vorſichtig niederſetzte. Ihre Befangenheit nahm mehr und mehr zu; die Stimme verſagte ihr, und ſie war troſtlos darüber, daß ſie Rudolph kein Wort des Dankes ſagen konnte. Endlich auf einen Wink der Frau von Harville, die, auf die Stuhllehne geſtützt, ſich zu Marien⸗Blume bog und eine Hand der⸗ ſelben in der ihrigen hielt, trat der Fürſt langſam näher an die andere Seite des Stuhles. Er hatte die Herrſchaft über ſich wieder erlangt und ſagte zu Marien⸗Blume, die ihr liebliches Geſicht nach ihm hinwendete: „Endlich, mein Kind, biſt Du da, um — Deine Freunde nie wieder zu verlaſſen. Du ſollſt ſie nie wieder verlaſſen. Du mußt vergeſſen lernen, was Du gelitten haſt.“ „Ja, mein Kind, das beſte Mittel,“ ſetzte Clemence hinzu, „uns zu beweiſen, daß Sie uns lieben, iſt, die traurige Vergan⸗ genheit zu vergeſſen.“ „Glauben Sie mir, Herr Rudolph, glauben Sie mir, Ma⸗ dame, daß, wenn ich pisweilen unwillkürlich daran denke, ich mir auch ſtets ſagen werde, daß ich ohne Sie — recht unglücklich ſein würde.“ „Ja, aber wir werden dafür ſorgen, daß Du keine ſolchen traurigen Gedanken mehr haſt. — Unſere Liebe wird Dir keine Zeit dazu laſſen, meine liebe Marie,“ ſprach Rudolph; „Du weißt, daß ich Dir dieſen Namen gegeben habe — in der Meierei.“ „Ja, Herr Rudolph. Befindet ſich Madame Georges wohl, die mir erlaubte, — ſie meine Mutter zu nennen?“ „Sehr wohl, mein Kind. — Aber ich habe Dir wichtige Nach⸗ richten mitzutheilen.“ „Mir, Herr Rudolph?“ „Man hat, ſeit ich Dich nicht geſehen, wichtige Entdeckungen — öber Deine Familie gemacht.“ „Ueber meine Familie?“ „Ja, man weiß, wer Deine Aeltern waren. Man kennt Dei⸗ nen Vater —“ Rudolph hatte ſo viele Thränen in den Augen, als er dieſe Worte ſprach, daß Marien-Blume ſich bewegt nach ihm umſah; glücklicher Weiſe fonnte er das Geſicht abwenden. Ein anderer halb komiſcher Vorfall zerſtreute die Nachtigall ehenfalls und hinderte ſie, die große Bewegung Rudolphs ganz zu bemerfen. Der würdige Squire, der noch immer hinter dem Vor⸗ hange ſtand und that, als ob er aufmerkſam in den Garten hin⸗ unterſehe, mußte ſich außerordentlich heftig ſchneuzen, denn er weinte wie ein Kind. 149 „Ja, liebe Marie,“ ſetzte Clemence raſch hinzu, „man kenn Ihren Vater, und er lebt —“ „Mein Vater!“ rief die Nachtigall mit einem Ausdrucke, der den Muth Rudolphs auf eine neue Probe ſtellte. „Sie werden ihn ſehen, bald vielleicht,“ fuhr Clemence fort. „Wundern werden Sie ſich, daß er ein ſehr hoch geſtellter Mann iſt —“ „Und meine Mutter, Madame? Werde ich ſie auch ſehen?“ „Auf dieſe Frage wird Ihr Vater antworten, mein Kind. — Werden Sie ſich nicht ſehr freuen, ihn zu ſehen?“ „Ach ja, Madame,“ antwortete Marien⸗Blume mit nieder⸗ geſchlagenen Augen. „Wie ſehr werden Sie ihn lieben, wenn Sie ihn kennen!“ fuhr die Marquiſe fort. „Von dieſem Tage an wird ein neues Leben für Dich beginnen, nicht wahr, Marie?“ ſetzte der Fürſt hinzu. „Ach nein, Herr Rudolph,“ antwortete die Nachtigall naiv. „Mein neues Leben begann an dem Tage, als Sie ſich meiner erbarmten und mich nach der Meierei brachten —“ „Aber — Dein Vater liebt Dich,“ ſagte der Fürſt. „Ich — ich kenne ihn nicht, und Ihnen verdanke ich Alles, Herr Rudolph.“ „Alſo — liebſt Du mich eben ſo, — vielleicht mehr noch als Du Deinen Vater lieben würdeſt?“ „Ich ſegne Sie und verehre Sie wie Gott, Herr Rudolph, weil Sie für mich gethan haben, was nur Goit allein hätte thun können,“ antwortete die Nachtigall begeiſtert und ihre gewöhnliche Schüchternheit vergeſſend. „Als Madame die Güte hatte, in dem Gefängniſſe mit mir zu ſprechen, habe ich es ihr geſagt, wie ich 150 es Jedermann ſagte; ja, Herr Rudolph, zu den Perſonen, die recht unglücklich waren, ſagte ich: hoffet, Herr Rudolph ſteht den Un⸗ glücklichen bei; zu denen, welche zwiſchen dem Guten und Böſen ſchwankten, ſagte ich: faſſet Muth und ſeid gut⸗ Herr Rudolph belohnt die, welche gut ſind. Zu den Böſen aber ſagte ich nehmet Euch in Acht, Gerr Rudolph ſtraft die Böſen. Als ich glaubte ſterben zu müſſen, dachte ich bei mir: Gott wird ſich meiner erbar⸗ men, denn Herr Rudolph hat mich — Theilnahme würdig ge⸗ halten.“ Marien⸗Blume hatte, in ihrem Danke für ihren Wohlthäter, ihre Furcht überwunden, eine leichte Röthe färbte ihre Wangen, und ihre ſchönen blauen Angen, die ſie zum Hin auſſchiug⸗ als bete ſie, ſtrahlten in mildem Glanze. Auf die begeiſterten Worte der Marien⸗Blume folgte eine lange Pauſe; alle Anweſenden waren tief ergriffen⸗ „Ich ſehe, mein Kind,“ ſprach endlich Rudolph, der ſeine Freude kaum bergen konnte, „daß ich in Deinem Herzen die Stelle Deines Vaters eingenommen habe.“ „Das iſt nicht meine Schuld, Herr Rudolph. Vielleicht iſt es ſchlecht von mir, aber ich habe es ſchon geſagt, ich kenne Sie, und meinen Vater kenne ich nicht; dann,“ ſetzte ſie erröthend und mit niedergeſchlagenen Augen hinzu, „kennen Sie die Vergangen⸗ heit, Herr Rudolph, und Sie haben mich dennoch mit Güte über⸗ häuft; mein Vater kennt — die Vergangenheit nicht. Vielleicht bedauert er, mich gefunden zu haben, und da er, wie Madame ſagt, ein hochgeſtellter Mann iſt, ſo wird er ſich — meiner ſchämen.“ „Deiner ſich ſchämen?“ rief Rudolph, indem er ſich mit ſtolzer Stirn und ſtolzem Blick emporrichtete. „Beruhige Dich, armes Kind, Dein Vater wird Dir eine ſo glänzende, ſo hohe Stellung 151 geben, daß die Größten unter den Großen dieſer Welt Dich von nun an mit tiefer Ehrfurcht anblicken werden. Deiner ſich ſchämen? nein, nein. Nach den Königinnen, mit denen Du blutsverwandt biſt, wirſt Du in gleichem Range mit den edelſten Prinzeſſinnen Eurvpas ſtehen.“ „Königl. Hoheit!“ riefen Murph und Clemente gleichzeitig aus, da ſie über die Aufregung Rudolphs, ſo wie über die zuneh⸗ mende Bläſſe der Marien-Blume erſchraken, die ihren Vater ſtau⸗ nend anſah. £ „Deiner ſich ſchämen?“ fuhr er fort, „ach, bin ich jemals ſtolz auf meine Stellung und glücklich durch dieſelbe geweſen, ſo bin ich es jetzt, weil ich durch dieſe Stellung Dich ſo hoch erheben kann, wie Du tief geſunken warſt, hörſt Du, mein liebes Kind, meine theure Tochter? — Denn ich, ich bin Dein Vater.“ Und der Fürſt, der ſeine Bewegung nicht länger bergen konnte, ſank vor den Füßen des Mädchens nieder, die er mit Thränen und Küſſen bedeckte. „Gott ſei gelobt!“ rief Marien⸗Blume aus, während ſie die Hände faltete. „Ich darf meinen Wohlthäter ſo lieben, wie ich ihn liebe. — Er iſt mein Vater, — ich darf ihn lieben, ohne mir Vorwürfe machen zu müſſen. — Sei gelobt — nein —“ Sie konnte nicht vollenden. — Die Erſchütterung war zu ge⸗ waltig. Marien⸗Blume ſank ohnmächtig in die Arme des Fürſten. Murph eilte an die Thüre des Zimmers, öffnete ſie und ſagte: „Der Doetor David — ſogleich — zu Sr. königl. Hoheit, — es iſt Jemand unwohl geworden.“ „Fluch über mich! ich habe ſie umgebracht!“ rief Rudolph ſchluchzend und auf den Knieen vor ſeiner Tochter aus. „Marie, mein Kind, höre mich! Dein Vater ruft. Vergieb, 152 vergieb, ich konnte das Geheimniß nicht länger in mir verſchließen. — Ich habe ſie umgebracht, mein Gott, ich habe ſie umgebracht!“ „Beruhigen Sie ſich,“ fiel Clemence ein; „es iſt wahrſcheinlich nichts zu fürchten. — Schen Sie, ihre Wangen ſind noch roth, — es iſt nur eine leichte Ohnmacht.“ „Aber ſie war noch ſo ſchwach, — ſie wird ſterben. — Wehe, wehe über mich!“ In dieſem Augenblicke trat David, der ſchwarze Arzt, raſch mit einem Käſtchen voll Fläſchchen und einem Papiere herein, das er Murph übergab. „David, — meine Tochter ſtirbt. — Ich habe Dir das Leben gerettet, Du mußt mein Kind retten,“ rief Rudolph ihm zu. Obwohl in hohem Grade über die Worte des Fürſten erſtaunt, der von ſeiner Tochter ſprach, trat David doch ſogleich zu Marien⸗ Blume, welche die Frau von Harville in ihren Armen hielt, fühlte den Puls des jungen Mädchens, legte die Hand auf ihre Stirn, vrehte ſich dann zu Rudolph um, der bleich und erſchrocken auf den Ausſpruch des Arztes wartete, und ſagte: „Es iſt keine Gefahr vorhanden. — Ew. königl. Hoheit können ganz ruhig ſein.“ 2 „Sprichſt Du Wahrheit? Es iſt keine Gefahr vorhanden?“ „Keine. — Einige Tropfen Aether und der Anfall wird vor⸗ übergehen.“ „Ich danke Dir, David, mein guter David!“ rief der Fürſt bewegt. Dann wendete er ſich an Clemence und ſetzte hinzu: „ſie lebt, unſere Tochter wird leben —“ Murph hatte unterdeß das Billet geleſen, das ihm David bei dem Eintreten übergeben; er zuckte zuſammen und ſah den Fürſten erſchrocken an. 153 „Ja, mein alter Freund,“ fuhr Rudolph fort, „in kurzer Zeit wird meine Tochter zu der Frau Marquiſe von Harville — Mutter ſagen können.“ „Königl. Hoheit,“ entgegnete Murph zitternd, „die geſtrige Nachricht war falſch —“ „Welche Nachricht?“ „Eine heftige Kriſis, der eine Ohnmacht folgte, war die Ur⸗ ſache, daß man die Gräfin Sarah — für todt hielt.“ „Die Gräfin —2“ „Heute hofft man ſie retten zu können.“ „Mein Gott! Mein Gott!“ rief der Fürſt aus wie vom Blitze getroffen, während Clemence ihn ſtaunend anſah. David, der ſich unterdeß mit Marien⸗Blume beſchäftigt hatte, ſagte jetzt: „Es iſt nicht die geringſte Gefahr vorhanden; aber die freie Luft wird nöthig; man könnte den Seſſel auf die Terraſſe hinausrollen, die Ohnmacht würde ſodann ſogleich verſchwinden.“ Murph öffnete ſogleich die Glasthüre, welche auf eine große Terraſſe ging, und rollte ſodann mit David vorſichtig den Seſſel dahin, auf welchem die noch bewußtloſe Nachtigall lag. Rudolph und Clemence blieben allein. OLVI. Aufopkerung. ch, Madame! rief Rudolph aus, ſobald Murph und David ſich entfernt hatten, „Sie wiſſen nicht, was die Gräfin Sarah iſt; ſie iſt die Mutter Mariens.“ „Großer Gott!“ „und ich hielt ſie für todt.“ Es folgte eine lange Pauſe. Die Frau von Harville wurde ſehr blaß, — ihr gech brach. Sie wiſſen auch nicht“ fuhr Rudolph bitter fort, „daß dieſes eben ſo ſelbſtfüchtige wie ehrgeizige Weib, das in mir nur den Fürſten liebte, in meiner Jugend mich zu einer Verbindung verleitet hatte, die ſpäter wieder gelöſt wurde. Die Gräfin, die ſich dann wieder verheirathen wollte, hat alles Unglück ihres Kindes veran⸗ laßt, indem ſie daſſelbe fremden Händen überließ.“ „Ach, jetzt begreife ich Ihre Abneigung gegen ſie.“ „Sie werden auch begreifen, warum ſie Sie zweimal durch ſheujlihe Verläumdung ins Unglück zu ſtürzen verſuchte. In ihrem Ehrgeize glaubte ſie mich zu zwingen zu ihr wenn ſie mir jede Liebe abſchneide.“ 155 „O, welche ſchreckliche Berechnung!“ „Und ſie iſt nicht todt!“ 51 „Königl. Hoheit, dieſes Bedauern iſt Ihrer nicht würdig.“ „Ach, Sie kennen die Leiden nicht, welche ſie über mich gebracht hat! Jetzt eben, als ich meine Tochter wiedergefunden, wollte ich ihr eine ihrer würdige Mutter geben. Ach nein, nein, dieſes Weib iſt ein Racheengel, der mich unabläſſig verfolgt.“ „Faſſen Sie Muth!“ ſprach Clemence, indem ſie die Thränen abwiſchte, die ſich aus ihren Augen ſtahlen; „Sie haben eine große, eine heilige Pflicht zu erfüllen. — In gerechter und edler Regung von Vaterliebe haben Sie eben ſelbſt geſagt, Ihre Tochter ſolle von nun an ſo glücklich ſein, wie ſie unglücklich geweſen, ſo hoch geſtellt werden, wie ſie tief geſunken war. Wenn dies geſchehen ſoll, — müſſen Sie ihr eine eheliche Geburt geben und alſo — ſich mit der Gräfin Mac Gregor vermählen.“ „Nie, nie! Ich würde dadurch den Eidbruch, die Selbſtſucht und den maßloſen Ehrgeiz dieſer unnatürlichen Mutter belohnen. — Ich werde meine Tochter anerkennen, ſie adoptiren und ſie wird, hoffe ich, bei Ihnen mütterliche Liebe finden.“ „Nein, königl. Hoheit, das werden Sie nicht thun, nein, Sie werden die Geburt Ihres Kindes nicht im Dunkel laſſen. Die Gräfin Sarah ſtammt aus einer alten Adelsfamilie. — Die Ver⸗ mählung mit ihr ſteht zwar mit Ihrem Range nicht in dem richtigen Verhältniſſe, aber ſie iſt noch ehrenvoll. Durch dieſe Verbindung wird Ihre Tochter zwar nicht legitimirt, aber doch von ehelicher Geburt, und ſie wird ſich, welche Zukunft ſie auch erwarten möge, ihres Vaters rühmen und ihre Mutter laut nennen können.“ „Aber Ihnen entſagen? Das vermag ich nicht. — Ach, Sie können ſich nicht denken, welches Glück mir das Leben zwiſchen 156 Ihnen und meiner Tochter, den beiden Weſen in der Welt, die ich allein liebe, gewährt haben würde!“ „Es bleibt Ihnen Ihr Kind. — Gott hat es Ihnen auf wunderbare Weiſe wieder zugeführt. — Es würde undankbar ſein, wenn Sie Ihr Glück für unvollſtändig halten wollten.“ „Ach, Sie lieben mich nicht, wie ich Sie liebe!“ „Glauben Sie dies, — glauben Sie dies, und das Opfer, das Sie ihren Pflichten bringen, wird Ihnen minder ſchwer werden.“ „Aber wenn Sie mich lieben, wird Ihr Bedauern eben ſo ſchmerzlich ſein, wie das meinige. — Was bleibt Ihnen dann übrig?“ „Das Wohlthun, königl. Hoheit —, jenes Mitgefühl mit An⸗ verer Leiven, das Sie ſelbſt in meinem Herzen weckten, über dem ich bereits ſchweren Kummer vergaß und dem ich ſüßen Troſt ver⸗ danke.“ „Hören Sie mich an. Es ſei, ich will mich mit jenem Weibe vermählen, aber werde ich bei ihr leben können, wenn das Opfer vollbracht iſt? bei ihr, gegen die ich nur Widerwillen und Ver⸗ achtung fühle? Nein, nein, wir werden ſtets getrennt bleiben; ſie darf nie meine Tochter ſehen, und Marie verliert an Ihnen die zärtlichſte Mutter.“ „Es bleibt ihr der zärtlichſte Vater. — Durch jene Heirath wird ſie die eheliche Tochter eines ſouverainen Fürſten Europas, und ihre Stellung wird, wie Sie es ſelbſt ſagten, ſo glänzend ſein, wie ſie ſonſt dunkel war.“ „Sie ſind unbarmherzig, und ich, ich bin ſehr unglücklich!“ „Sprechen Sie nicht ſo, Sie ſind ja ſo gerecht, verſtechen Ihre Pflicht, die Aufopferung und Selbſtverläugnung auf ſo edle Weiſe. Wenn man zu Ihnen geſagt hätte, als Sie Ihr Kind in ſo großem 157 Schmerz beweinten: ſprechen Sie einen Wunſch aus, einen einzigen und er ſoll verwirklicht werden, — ſo würden Sie unbedenklich aus⸗ gerufen haben: meine Tochter, meine Tochter möge leben! Dieſes Wunder iſt geſchehen, Sie haben Ihre Tochter wieder erhalten, und — Sie nennen ſich unglücklich! Möge Marie Sie nicht hören!“ „Sie haben Recht,“ ſprach Rudolph nach einer langen Pauſe, „ſo viel Glück — wäre der Himmel auf der Erde geweſen, und — das verdiene ich nicht. — Ich werde thun, was ich thun muß. — Ich beklage mein Zögern nicht, denn ich habe dabei eine neue ſchöne Seite Ihres Herzens kennen gelernt.“ „Sie haben dieſes Herz erhöhet. Wenn das, was ich thue, gut iſt, ſo gebührt Ihnen der Ruhm, wie ich Ihnen ſtets das Verdienſt der guten Gedanken zugeſchrieben habe, die ich hatte. — Muth, königl. Hoheit! Bringen Sie Marie hinweg, ſobald ſie die Reiſe ertragen kann. In Deutſchland, dem ernſten, ruhigen Lande, wird ihre Umwandlung vollſtändig werden und ihre Vergangenheit für ſie nur ein trauriger Traum ſein.“ „Aber Sie? Sie?“ „Ich — kann Ihnen dies jetzt ſagen, weil ich es immer mit Stolz und Freude werde ſagen können: meine Liebe zu Ihnen wird mein Schutzengel, meine Zukunft ſein. Alles Gute, das ich thue, geht aus ihr hervor. Jeden Tag werde ich Ihnen ſchreiben, — ver⸗ zeihen Sie dieſe Beläſtigung. — Bisweilen antworten Sie mir, — um mir Nachricht von der zu geben, die ich wenigſtens einen Augenblick meine Tochter genannt habe,“ ſprach Clemence, ohne ihre Thränen zurückhalten zu können, „und die es in meinen Gedanken immer ſein wird. — Haben endlich die Jahre uns das Recht ge⸗ geben, uns die unveränderliche Liebe zu geſtehen, die uns verbindet, ſo werde ich, ich ſchwöre es bei Ihrer Tochter! wenn Sie es 158 wünſchen, nach Deutſchland kommen, in einer Stadt mit Ihnen leben, um Sie nie wieder zu verlaſſen, und ſo ein Leben beſchließen, das vielleicht nach unſern Leidenſchaften ein anderes hätte ſein können, das aber doch ehrenhaft und würdevoll war.“ „Königl. Hoheit!“ ſprach Murph, indem er raſch eintrat, „die, welche Ihnen Gott wiedergegeben hat, iſt zu ſich gekommen. Ihr erſtes Wort war: „mein Vater!“ Sie wünſcht Sie zu ſehen.“ Wenige Augenblicke nachher hatte die Frau von Harville den Palaſt des Fürſten verlaſſen. Dieſer begab ſich in Begleitung Murphs, des Barons von Graun und eines Adjutanten zu der Gräfin Mae Gregor. — CxVM. Die vermählung. eit Rudolph der Gräfin Sarah Mac Gregor die Nachricht von dem Tode der Marien-Blume mitgetheilt hatte, die alle ihre Hoffnungen zertrümmerte und enplich Gewiſſensbiſſe in ihr weckte, hatte ſie an heftigen Nervenerſchütterungen gelitten. Ihre halb⸗ vernarbte Wunde hatte ſich wieder geöffnet, ſie war in eine lang⸗ dauernde Ohnmacht geſunken, und man hatte ſie für todt gehalten. Ihre ſtarke Conſtitution hielt ſie indeß auch diesmal noch aufrecht, und die Flamme des Lebens ſchlug noch einmal auf. Sarah ſaß in einem Seſſel, weil ſie liegend eine unerträgliche Beklemmung empfand, war ſeit einiger Zeit in trübe, ſchwere Ge⸗ danken verſunken und wünſchte ſich faſt den Tod, dem ſie ent⸗ gangen war. Mit einemmale trat Thomas Seyton in das Zimmer der Gräfin. Er konnte eine gewaltige Aufregung kaum bergen und winkte den beiden Kammermädchen Sarahs ſich zu entfernen. Dieſe ſelbſt ſchien die Anweſenheit ihres Bruders kaum zu bemerken. 160 „Wie befindeſt Du Dich?“ fragte er ſie. „Es iſt noch immer derſelbe Zuſtand; ich fühle eine große Schwäche, und bisweilen wird mir ſchmerzlich die Bruſt zum Er⸗ ſticken zuſammengeſchnürt. Warum hat mich Gott nicht von dieſer Welt hinweggenommen?“ „Sarah,“ fuhr Thomas Seyton nach einer kurzen Paufe fort, „Du ſchwebſt zwiſchen Leben und Tod, eine heftige Aufregung könnte Dir den Tod geben, aber auch Dich retten.“ „Ich habe keine Aufregung mehr zu erwarten, Bruder.“ „Wer weiß!“ „Ich würde bei dem Tode Rudolphs gleichgiltig bleiben, — das Geſpenſt meiner ertränkten, durch meine Schuld ertränkten Tochter ſteht immer vor mir und verläßt mich nicht. — Das iſt keine Aufregung, ſondern unaufhörliche Gewiſſenspein. — Ich bin wirklich Mutter, — ſeit ich kein Kind mehr habe.“ „Ich ſühe lieber den kalten Ehrgeiz wieder an Dir, in dem Du Deine Tochter nur für ein Mittel hielteſt, den Traum Deines Lebens zu verwirklichen —“ „Die entſetzlichen Vorwürfe des Fürſten haben dieſen Ehrgeiz erſtickt, — das Muttergefühl iſt in mir erwacht bei der Schilderung der grauſamen Leiden meiner Tochter—“ „Und,“ fuhr Thomas Seyton zögernd und gleichſam jedes Wort abwägend fort, „wenn Du durch einen Zufall — wir wollen annehmen, durch ein Wunder erfahren ſollteſt, Deine Tochter lebe noch, wie würdeſt Du dieſe Nachricht ertragen?“ „Ich würde ſterben vor Scham und Verzweiflung bei ihrem Anblicke.“ „Glaube das nicht, der Triumph Deines Ehrgeizes würde Dich 161 zu ſehr berauſchen, — denn wenn Deine Tochter noch lebte, würde Dir der Fürſt ſeine Hand gegeben haben, wie er zu Dir ſagte.“ „Wenn ich dieſen unmöglichen Fall gelten laſſe, ſo — würde ich das Recht zu leben nicht haben. Nachdem ich die Hand des Fürſten erhalten, würde es meine Pflicht ſein, ihn von einer un⸗ würdigen Gattin, meine Tochter von einer unwürdigen Mutter zu befreien.“ Die Verlegenheit des Thomas Seyton nahm jeden Augenblick zu. Er hatte von Rudolph, der ſich in dem Nebenzimmer befand, den Auftrag erhalten Sarah mitzutheilen, daß Marien⸗Blume lebe, und er wußte nicht, wozu er ſich entſchließen ſollte. Das Leben der Gräfin war ſo ſchwach, daß es jeden Angenblick erlöſchen konnte, es durfte alſo mit der Verheirathung auf dem Sterbebette, welche die Geburt der Marien⸗Blume zu einer ehelichen machen ſollte, nicht gezögert werden. Der Fürſt hatte ſich wegen dieſer traurigen Ceremonie von einem Geiſtlichen, von Murph und dem Baron von Graun als Zeugen begleiten laſſen; der Herzog von Lucenay und Lord Douglas, die eilig durch Seyton benachrichtigt worden waren, ſollten die Zeugen der Gräfin ſein und waren eben angekommen. Die Zeit drängte, aber die Gewiſſensbiſſe der Mutter, welche bei Sarah an die Stelle des unerbittlichen Ehrgeizes getreten wa⸗ ren, machten die Aufgabe Sehtons noch ſchwieriger. Seine ganze Hoffnung beruhte darauf, daß ſeine Schweſter ihn oder ſich ſelbſt täuſche, und daß der Stolz dieſer Frau weder erwache, ſobald ſie die ſo lange erſehnte Krone berühre. „Liebe Schweſter,“ ſprach Thomas Seyton mit ernſter, feier⸗ licher Stimme, „ich beſinde mich in einer ſchrecklichen Verlegenheit. Ein Wort von mir kann Dir vielleicht das Leben wiedergeben fann Dich aber auch umbringen. Die Geheimniſſe von Paris. vIII. 11 „Ich habe Dir bereits geſagt, daß ich keine Aufregung mehr zu fürchten habe.“ „Doch — eine einzige.“ „Welche?“ „Wenn es ſich — um Deine Tochter handelte?“ „Meine Tochter iſt todt.“ „Und wenn ſie es nicht wäre?“ „Wir haben eben von einem ſolchen Falle geſprochen. — Genug, Bruder, — meine Gewiſſenspein iſt groß genug.“ „Wenn aber jener Fall wirklich einträte? Wenn durch einen glücklichen, unverhofften Zufall Deine Tochter dem Tode entriſſen worden wäre, — wenn — ſie lebte?“ „Du machſt mir Schmerz, — ſprich nicht ſo.“ „Nun, Gott verzeihe mir und richte Dich! — ſie lebt!“ „Meine Tochter?“ „Sie lebt, ſage ich Dir. — Der Fürſt iſt mit einem Geiſt⸗ lichen da. — Ich habe zwei Deiner Freunde kommen laſſen, um Deine Zeugen zu ſein, — der Wunſch und das Streben Deines Lebens ſind erfüllt, die Prophezeihung geht in Erfüllung, — Du biſt Fürſtin.“ Thomas Seyton hatte während dieſer Worte ſeine Schweſter beſorgt angeblickt, um jedes Zeichen einer ungewöhnlichen Erregung zu beobachten. Zu ſeiner großen Verwunderung blieben die Züge Sarahs völlig unverändert; ſie legte blos ihre beiden Hände auf ihr Herz, lehnte ſich in ihrem Seſſel zurück, erſtickte einen leichten Schrei, der ihr durch einen plötzlichen heftigen Schmerz entriſſen zu werden ſchien, und dann wurde ihr Geſicht wieder völlig ruhig. „Was iſt Dir, Schweſter?“ 163 „Nichts, — die Ueberraſchung, — eine ungehoffte Freude. — Endlich gehen meine Wünſche in Erfüllung.“ „Ich habe mich nicht getäuſcht,“ dachte Thomas Seyton. „Der Ehrgeiz herrſcht vor, ſie iſt gerettet.“ Dann wendete er ſich an Sarah und ſprach: „nun, Schweſter, was ſagte ich?“ „Du hatteſt Recht,“ entgegnete ſie mit bitterm Lächeln, da ſie den Gedanken ihres Bruders errieth, — „der Ehrgeiz hat noch einmal das Muttergefühl in mir erſtickt.“ „Du wirſt leben und Deine Tochter lieben.“ „Ich zweifle nicht daran, — ich werde leben. . . Sieh nur, wie ruhig ich bin.“ „Iſt dieſe Ruhe nicht erzwungen?“ „Wie könnte ich bei meiner Schwäche die Kraft dazu finden?“ „Du begreifſt nun mein Zögern?“ „Nein, ich wundere mich darüber, Du kannteſt doch meinen Ehrgeiz. — Wo iſt der Fürſt?“ „Hier.“ „Ich möchte ihn ſehen — vor der Ceremonie.“ Dann ſetzte ſie mit erzwungener Gleichgiltigkeit hinzu: „meine Tochter iſt ohne Zweifel auch da?“ „Nein, Du wirſt ſie ſpäter ſehen.“ „Nun ja — ich habe ja Zeit. — Laß den Fürſten herein⸗ kommen.“ „Schweſter, ich weiß nicht, Du ſiehſt ſo ſeltſam aus —“ „Du wirſt doch nicht verlangen, daß ich lache? Glaubſt Du, der befriedigte Ehrgeiz ſehe ſanft und zärtlich aus? Laß den Für⸗ ſten hereintreten.“ Seyton war unwillkürlich über die Ruhe Sarahs beſorgt. Einen Augenblick glaubte er verhaltene Thränen in ihren⸗ Augen 164 zu ſehen. — Nach einigem Zögern öffnete er indeß eine Thüre und ging hinaus. „Jetzt,“ ſprach Sarah bei ſich, „bin ich zufrieden, wenn ich nur meine Tochter ſche und umarme. — Das wird freilich ſchwer zu erlangen ſein. Rudolph wird mir es verweigern, um mich zu ſtrafen, aber ich werde es erlangen — oh, ich werde es erlangen. — Da kommt er.“ Rudolph trat ein und ſchloß die offengebliebene Thüre zu. „Ihr Bruder hat Ihnen Alles geſagt?“ fragte er Sarah kalt. „Alles.“ * „Ihr Ehrgeiz — iſt — befriedigt.“ Eiſt befriedigt.“ „Der Geiſtliche und die Zeugen ſind bereit.“ „Ich weiß es.“ „Sie können alſo eintreten?“ „Vorher ein Wort noch —“ „Sprechen Sie!“ „Ich möchte meine Tochter ſehen.“ „Das iſt nicht möglich.“ „Ich ſage Ihnen, ich will meine Tochter ſehen!“ „Sie hat ſich von dem Unfalle noch nicht erholt, hat ſchon vieſen Morgen eine heftige Gemüthsbewegung gehabt, und dieſes Zuſammentreffen fönnte ſehr verderblich für ſie ſein.“ „Sie wird aber doch ihre Mutter wenigſtens küſſen —“ „Warum? Sie ſind ſouveraine Fürſtin —“ „Noch bin ich es nicht, und werde es erſt meine Tochter geküßt.“ Rudolph ſah die Gräfin mit großer Verwunderung an⸗ ſein — nachdem ich 165 „Wie!“ rief er aus, „Sie unterwerfen die Befriedigung Ihres Stolzes —“ „Der Befriedigung meiner Mutterliebe. — Das überraſcht „Allerdings.“ „Werde ich meine Tochter ſehen?“ „Aber —“ „Sehen Sie ſich vor, — die Augenblicke ſind vielleicht ge⸗ zählt. — Dieſe Kriſis kann, wie mein Bruder ſagte, mich retten, wie ſie mich tödten kann. — In dieſem Augenblicke nehme ich alle — meine Kräfte zuſammen, — meine ganze Energie — und ich bedarf ihrer — um gegen die Gemüthsbewegung zu kämpfen, welche eine ſolche Entdeckung bewirkt. — Ich will meine Tochter ſehen, oder — ich ſchlage Ihre Hand aus, und wenn ich ſterbe — bleibt ein uneheliches Kind.“ „Marie — iſt nicht hier, — ich müßte ſie holen laſſen —“ „Laſſen Sie ſie ſogleich holen — und ich willige in Alles. — Da die Augenblicke vielleicht gezählt ſind, wie ich ſchon ſagte, — ſo mag die Vermählung erfolgen — während man meine Tochter hierher abholt.“ „Obgleich dies Gefühl mich bei Ihnen überraſcht, ſo iſt es doch zu lobenswerth, als daß ich es nicht beachten ſollte. Sie wer⸗ den Marie ſehen — ich werde ihr ſchreiben —“ „Hier — an dem Schreibtiſche, — an welchem ich verwundet wurde.“ Während Rudolph eilig einige Worte ſchrieb, wiſchte die Gräfin den kalten Schweiß ab, der über ihre Stirn rann; ihre bis dahin ruhigen Züge verriethen ein geheimes heftiges Leiden. Es war als 166 ob Sarah, weil ſie ſich feinen Zwang mehr anthat, von einer ſchmerzlichen Verſtellung ausruhte. Nachdem der Brief geſchrieben war, ſtand Rudolph auf und ſagte zu der Gräfin: „Ich werde dieſen Brief durch einen meiner Adjutanten an meine Tochter ſenden. — Nach einer halben Stunde kann ſie hier ſein; darf ich mit dem Geiſtlichen und den Zeugen eintreten?“ „Sie können es, — oder klingeln Sie lieber, — laſſen Sie mich nicht allein. — Geben Sie Sir Walter dieſen Auftrag. Er mag die Zeugen und den Geiſtlichen holen.“ Rudolph ſchellte, und es erſchien eine Dienerin Sarahs. „Mein Bruder ſoll Sir Walter Murph hierher ſenden,“ ſprach die Gräfin. Die Dienerin entfernte ſich. „Dieſe Verbindung — iſt traurig, Rudolph,“ ſprach die Gräfin bitter, — „traurig für mich.— Sie wird dieſelbe glücklich machen.“ Der Fürſt machte eine Bewegung. „Sie wird glücklich für Sie ſein, Rudolph, denn — ich werde ſie nicht überleben.“ In dieſem Augenblicke trat Murph ein. „Lieber Freund,“ ſagte Rudolph zu ihm, „ſchicke ſofort durch den Oberſt dieſen Brief an meine Tochter; er ſoll ſie in meinem Wagen hierher begleiten. — Bitte den Geiſtlichen und die Zeugen, in das Nebenzimmer zu treten.“ „Ach Gott!“ ſprach Sarah im Tone des Gebetes, als der Sauire ſich entfernt hatte, „erhalte mir ſo viel Kraſt, daß ich ſie ſehen kann. Laſſe mich nicht ſterben vor ihrer Ankunft!“ „Ach, warum ſind Sie nicht immer eine ſo gute Mutter ge⸗ weſen!“ 167 „Ich kenne, Dank ſei Ihnen, wenigſtens die Reue, — die Aufopferung, — die Selbſtverleugnung. — Ja, — eben, als mein Bruder mir ſagte, daß unſere Tochter lebe, — laſſen Sie mich ſagen: unſere Tochter, ich werde es nicht lange ſagen — fühlte ich ein ſchreckliches Weh im Herzen. — Ich fühlte, daß es der Tod war, aber ich verbarg es, — ich war glücklich. — Die Geburt unſers Kindes wird legitimirt werden, — dann ſterbe ich.“ „Sprechen Sie nicht alſo.“ „Ach, diesmal täuſche ich mich nicht, — Sie werden ſehen.“ „Und keine Spur jenes unerlöſchlichen Ehrgeizes, der Sie ins Verderben ſtürzte! Warum mußte Ihre Reue ſo ſpät kommen!“ „Sie kommt ſpät, aber ſie iſt tief und wahr, ich ſchwöre es. — Ich danke Gott in dieſem feierlichen Augenblicke, daß — er mich aus dieſer Welt hinwegnimmt, — weil Ihnen mein Leben eine entſetzliche Laſt geweſen iſt.“ „Sarah!“ „Rudolph — eine letzte Bitte — Ihre Hand!“ Der Fürſt reichte mit abgewandtem Geſichte ſeine Hand der Gräfin, die ſie lebhaft ergriff. „O — Ihre Hände ſind kalt!“ ſprach Rudolph ſchaudernd. „Ja, ich fühle die Nähe des Todes. — Vielleicht ſoll ich als letzte Strafe meine Tochter nicht mehr ſehen —“ „Gott — wird durch Ihre Reue ſich bewegen laſſen —“ „Werden Sie bewegt durch dieſelbe? Verzeihen Sie mir? Ach, ſprechen Sie es aus! Wenn unſere Tochter da iſt, — im Fall ſie zeitig genug kommt — werden Sie in ihrer Gegenwart die Ver⸗ zeihung nicht ausſprechen können, weil ſie dadurch erführe, — wie ſchwere Schuld ich auf mich geladen, und dies — werden Sie nicht — 168 wollen. — Was ſchadet es Ihnen, daß ſie mich liebt — wenn ich todt bin?“ „Beruhigen Sie ſich, — ſie wird nichts erfahren.“ „Rudolph — verzeihen Sie mir, — verzeihen Sie mir! Sind Sie unbarmherzig? Bin ich nicht ſo ſchon unglücklich genug?“ „Nun — Gott verzeihe Ihnen alles Böſe, das Sie Ihrem Kinde gethan haben, wie ich Ihnen vergebe, was Sie mir gethan haben — Unglückliche!“ „Sie verzeihen mir — von Herzen?“ „Von Herzen!“ ſprach der Fürſt mit bewegter Stimme. Die Gräfin drückte die Hand Rudolphs mit einer Regung der Freude und des Dankes lebhaft an die zitternden Lippen und ſagte dann: „Laſſen Sie den Geiſtlichen eintreten — und ſagen — Sie ihm, — daß er ſich — dann nicht entferne. — Meine Kräfte — ſchwinden.“ Dieſe Scene war tief ergreifend. — Rudolph öffnete die Thüre und der Geiſtliche trat herein mit Murph und dem Baron von Graun, den Zeugen Rudolphs, ſowie dem Herzoge von Lucenay und Lord Douglas, den Zeugen der Gräfin. Thomas Seyton folgte. Alle Anweſenden waren ernſt, traurig, andächtig. — Selbſt der Herzog von Lucenay hatte ſeine gewöhnliche Ausgelaſſenheit vergeſſen. * Der Ehecontract zwiſchen Sr. königl. Hoheit Guſtav Rudolph V, regierendem Großherzoge von Gerolſtein, und Sarah Seyton von Halesbury, Gräfin von Mac Gregor (der Contract, welcher die Geburt Mariens legitimirte) war durch den Baron von Graun 169 entworfen, wurde durch denſelben vorgeleſen und dann durch die Gatten und deren Zeugen unterſchrieben. Trotz der Reue der Gräfin blitzte der ſterbende Blick derſelben noch einmal auf, als der Geiſtliche mit feierlicher Stimme Rudolph fragte: „Wollen Ew. königl. Hoheit Madame Sarah Schton von Halesbury, Gräfin von Mac Gregor als eheliches Gemahl annehmen?“ und der Fürſt mit lauter, feſter Stimme das: Ja! ſprach. Ein flüchtiger Ausdruck ſtolzen Triumphes zog über ihre Züge, — der letzte Blitz des Ehrgeizes, der mit ihr ſtarb. Es wurde während dieſer traurigen und impoſanten Ceremonie zwiſchen den Anweſenden kein Wort geſprochen. Als ſie beendigt war, verbeugten ſich die Zeugen Sarahs, der Herzog von Lucenay und Lord Douglas, tief vor dem Fürſten und entfernten ſich. Auf einen Wink Rudolphs folgten ihnen Murph und der Baron von Graun. „Bruder,“ ſagte Sarah leiſe, „bitte den Geiſtlichen, Dich in das Nebenzimmer zu begleiten und dort gefälligſt einen Augenblick zu warten.“ „Wie befindeſt Du Dich, Schweſter? Du biſt ſehr bleich.“ „Ich lebe nun gewiß noch länger, — bin ich nicht Großherzogin von Gerolſtein?“ ſetzte ſie mit bitterm Lächeln hinzu. Als ſie mit Rudolph allein war, flüſterte ſie mit erſchöpfter Stimme, während ihre Züge ſich eutſetzlich veränderten: „Meine Kräfte — ſind zu Ende, — ich fühle, — daß ich ſterbe; — ich — werde — ſie nicht ſehen.“ „Beruhigen Sie ſich, Sarah, Sie werden ſie ſehen.“ „Ich — hoffe es — nicht mehr. — O dieſer — Zwang! — Es gehörte eine übermenſchliche — Kraft dazu. — Meine Augen — werden ſchon trübe.“ 17⁰ indem er raſch zu der Graͤfin trat „Sarah! ſprach der Fürſt, — „ſie kommt, — ſie muß und ihre Hände in die ſeinigen nahm, ſogleich hier ſ ein.“ „Gott — will mir — dieſen — letzten Troſt — nicht ge⸗ währen. . „Sarah! hören Sie? — Mir iſt, als rolle ein Wagen heran. Ja, ſie iſt es! Ihre Tochter kommt!“ „Rudolph — Sie werden — ihr nicht ſagen, — daß ich — eine — ſchlechte Mutter — war,“ ſprach langſam die Gräfin, welche bereits nicht mehr hörte. Es rollte ein Wagen über das Pflaſter des Hofes. Die Gräfin hörte es nicht. — Ihre Worte wurden immer unzuſammenhängender; Rudolph hatte ſich über ſie gebogen; er ſah, wie ihre Augen glaſig wurden. „Verzeihung — meine Tochter — meine Tochter ſehen — Verzeihung — wenigſtens — nach dem Tode — die Ehre — meines Ranges,“ flüſterte ſie kaum hörhar. Das waren die letzten verſtändlichen Worte Sarahs. Die fire Idee, welche ihr ganzes Leben beherrſcht hatte, ſtellte ſich trotz ihrer aufrichtigen Reue im Sterben wieder ein. Mit einemmale trat Murph ein: „Königl. Hoheit — die Prinzeſſin Marie —“ „Nein,“ entgegnete Rudolph raſch, „ſie ſoll nicht hereinkommen. — Sage Seyton, er möge den Geiſtlichen eintreten laſſen —“ Dann zeigte er auf Sarah, die allmälig erloſch, und ſetzte hinzu: „Gott verſagt ihr den letzten Troſt, ihre Tochter zu ſehen —“ Eine halbe Stunde nachher h Gregor aufgehört zu leben. atte die Gräfin Sarah Mac ——— — . * 2 SS waren vierzehn Tage vergangen, ſeit Rudolph dutch die Vermählung mit der ſterbenden Sarah d Gennrt Mariens zu einer chelichen gemacht hatte. Es war Mitfaſten, und wir geleiten den Leſer an dieſem Tage nach Bicétre. Dieſe große Anſtalt, in welcher bekanntlich Geiſtes⸗ kranke behandelt werden, dient auch als Zufluchtsort für ſieben⸗ bis achthundert arme Alte, die in dieſe Art Civil⸗Invalidenhaus aufgenommen werden, wenn ſie ſiebenzig Jahre alt ſind oder an ſehr bedeutenden Gebrechen leiden. Man gelangt in Bicétre zuerſt in einen großen Hof, der mit Bäumen bepflanzt und mit grünen Raſenplätzen geſchmückt iſt, an denen ſich im Sommer auch Blumenbeete befinden. Es kann nichts Lachenderes, Ruhigeres, Geſünderes geben als dieſen Platz, der beſonders für die erwähnten Greiſe beſtimmt iſt. Er umgiebt die Gebäude, in denen ſich im erſten Stock geräumige luftige Schlaf⸗ ſäle mit guten Betten und im Erdgeſchoſſe äußerſt reinliche Speiſe⸗ ſäle befinden, in welchen die Penſionaire von Bicétre gemein⸗ „ 172 ſchaftlich eine geſunde, reichliche, angenehme Nahrung genießen, auf deren ſorgfältige Zubertitung pie Vorſteher dieſer ſchönen Anſtalt ſtets bedacht ſind Ein ſolcher Zufluhh Sort könnte der Wunſch des verwittweten oder Lheloſck n der nach einem langen Leben voll Entbehrungen, Arbeit und Shtſchaffenheit hier die Ruhe und das Behagen fünden könntè, die er nie gekannt hat. Leider hat ſich der Favoritismus, der ſich in unſern Tagen auf Alles erſtreckt und Alles ergreift, auch der Freiſtellen in Bicétre bemächtigt, die meiſt im Beſitze ehemaliger Bedienten ſind, welche dieſelben durch den Einfluß ihrer letzten Herren er⸗ hielten. Wir halten dies für einen empörenden Mißbrauch. Es giebt nichts Verdienſtlicheres ais lange und treue häusliche Dienſte, nichts des Lohnes Würdigeres als jene Diener, die, durch jahrelange Treue geprüft, ſonſt endlich faſt zu der Familie gehörten; aber ſo lobenswerth alles dies auch ſein mag, ſo fommt die Be⸗ lohnung doch nicht dem Staate, ſondern dem Herrn zu, der den Vortheil hatte. Wäre es nicht gerecht, moraliſch, menſchlich, daß die Frei⸗ ſtellen in Bicötre und andern ähnlichen Anſtalten von Rechts⸗ wegen Handwerkern zukämen, die unter denen ausgewählt würden, welche durch das größte Unglück und das ehrenvollſte Leben den größten Anſpruch darauf hätten? Für ſie würden dieſe Zufluchtsſtätten, ſo beſchränkt auch ihre Zahl iſt, eine ferne Hoffnung ſein, die ihnen ihre Anſtrengung, ihre Noth jedes Tages ein wenig erleichterte, eine heilſame Hoff⸗ nung, die ſie zum Guten ermunterte, indem ſie ihnen, wenn auch in ferner, doch in ſicherer Zukunft ein wenig Ruhe und Glück zum 173 Lohne zeigte. — Und da ſie auf dieſe Zufluchtsſtätten keinen An⸗ ſpruch machen könnten, wenn ſie nicht untadelig lebten, ſo müßten ſie gut bleiben. Iſt es zu viel gefordert, wenn man verlangt, daß die wenigen Arbeitsleute, die bei Entbehrungen aller Art ein ſo hohes Alter erreichen, wenigſtens die Ausſicht haben ſollten, eines Tages in Bicotre Brot, Ruhe und ein Obdach in ihrem erſchöpften Alter zu finden? Allerdings würden durch eine ſolche Maßregel in Zukunft von dieſer Anſtalt die hochbetagten Literaten, Gelehrten und Künſtler ausgeſchloſſen, die keine andre Zuflucht haben — Ja, in unſern Tagen erhalten Männer, deren Talent, deren Wiſſenſchaft und Intelligenz zu ihrer Zeit geachtet waren, mit Mühe einen Platz unter dieſen alten Bedienten, welche durch den Einfluß ihrer Herrn nach Bicötre kommen. Iſt es zu viel verlangt, wenn man im Namen derer, welche zu dem Ruhme und dem Vergnügen Frankreichs beitrugen, deren Ruf durch die allgemeine Stimme begründet wurde, für ihr hohes Alter eine beſcheidene, aber würdige Zufluchtsſtätte in Anſpruch nimmt? Ohne Zweifel iſt es zu viel, und dennoch — wollen wir ein Beiſpiel unter tauſenden herausheben. Man hat acht oder zehn Millionen für die Magdalenen⸗Kirche ausgegeben, die weder ein Tempel, noch eine Kirche iſt. Was hätte man mit dieſer Summe bewirken können! Man konnte z. B. eine Zufluchtsſtätte gründen, in welcher 250 bis 300 Perſonen eine ehrenvolle Aufnahme fänden, die ſich früher als Gelehrte, Dichter, Muſiker, Verwalter, Aerzte, Advveaten z. ar. auszeichneten, denn faſt alle dieſe Stände haben nach einander ihre Vertreter unter den Penſionairen in Bicétre. 174 Das wäre ohne Zweifel eine Sache der Humanität und der Rückſicht auf die Nationalwürde eines Landes, das an der Spitze der Künſte, der Intelligenz und der Civiliſativn ſtehen will, aber man hat nicht daran gedacht — denn Hégéſippe Morcau und ſo viele andere ſeltene Genies ſind im Hospitale oder in ded tiefſten Armuth geſtorben, und edle Geiſter, die ſonſt in reinem, hellem Lichte glänzten, tragen jetzt in Bicötre den Anzug der Armen, — 3 denn es giebt bei uns nicht wie in London eine milde Anſtalt, in welcher der hülfloſe Fremde wenigſtens für eine Nacht ein Ob⸗ dach, ein Bett und einen Biſſen Brot findet, — denn die Arbeiter, die Arbeit ſuchen und auf einem bekannten Platze ſich aus dieſer Abſicht verſammeln, haben nicht einmal zum Schutze gegen das Wetter einen Schuppen, wie das Vieh auf den Märkten. Und doch iſt dies die Börſe der Arbeitsleute ohne Be⸗ ſchäftigung, und doch werden in dieſer Börſe nur rechtliche Ge⸗ ſchäfte gemacht, — denn — Aber man würde kein Ende finden, wenn man alles das auf⸗ zählen wollte, was ſtatt dieſes grotesken Einfalls eines griechiſchen Tempels, der endlich für den katholiſchen Cultus beſtimmt wurde, hätte gewirkt werden können. Wir kehren nach Vicötre zurück und erwähnen zur Vervoll⸗ ſtändigung der verſchiedenen Zwecke, für die dieſe Anſtalt benutzt wird, daß zur Zeit, in welcher unſere Geſchichte ſpielt, die zum Tode Verurtheilten, nachdem das Urtel geſprochen war, dahin⸗ gebracht wurden. In einem Gefängniſſe dieſes Hauſes warteten deshalb auch die Wittwe Martial und deren Tochter auf den Augen⸗ 175 blick ihrer Hinrichtung, die auf den nächſten Tag feſtgeſetzt war. Mutter und Tochter hatten weder um Gnade bitten, noch Appella⸗ tion einlegen mögen. Nicolaus, das Skelett und mehrere andere Miſſethäter waren am Tage vor ihrer Abführung nach Bicétre glücklich aus La Force entkommen. Es giebt, wie wir bereits erwähnt haben, nichts Freundlicheres als das Ausſehen dieſes Gebändes, wenn man von Paris her in den Hof der Armen eintritt. Der Frühling trat zeitig ein, und die Ulmen und Linden be⸗ deckten ſich bereits mit jungen grünen Blättern; die großen Raſen⸗ plätze ſahen außerordentlich friſch aus, und hier und da ſchmückten ſich die Beete bereits mit Schneeglöckchen und Primeln; die Sonne vergoldete den glänzenden Sand in den Gängen; die armen Alten, in grauen Röcken, wanderten umher oder ſaßen auf Bänken und plauderten mit einander; ihre heitern Geſichter verriethen im All⸗ gemeinen Seelenruhe und eine gewiſſe glückliche Sorgloſigkeit. Es hatte elf Uhr geſchlagen, als zwei Fiaeres an dem äußern Gitterthore anhielten; aus dem erſten ſtiegen Madame Georges, Germain und Lachtaube, aus dem zweiten Louiſe Morel und deren Mutter. Germain und Lachtaube waren bekanntlich ſeit vierzehn Tagen verheirathet. Der Leſer mag ſich die heitere Laune und das Glück denken, die aus dem blühenden Geſichte der jungen Frau ſtrahlten, deren Lippen ſich nur öffneten, um zu lachen oder Madame Georges zu küſſen, die ſie Mutter nannte. Die Züge Germains verriethen ein ruhigeres, ſelbſtbewußteres Glück, in das ſich ein Gefühl des innigen Dankes, faſt der Ach⸗ tung für das gute, muthige junge Mädchen miſchte, das ihm ſo erquickenden Troſt in das Gefängniß gebracht hatte, — woran 176 . aber Lachtaube gar nicht mehr zu denken ſchien. Sobald ihr Ger⸗ mainchen das Geſpräch darauf brachte, ſprach ſie ſogleich von etwas Anderem und meinte, dieſe Erinnerungen ſtimmten ſie trau⸗ rig. Ob ſie gleich Madame Germain geworden war und Ru⸗ dolph ihr eine Mitgift von 40,000 Franes gegeben, hatte Lachtaube, mit Zuſtimmung ihres Mannes, ihr Griſettenhäubchen doch nicht mit einem Hute vertauſchen mögen. Und allerdings kam die Be⸗ ſcheidenheit der unſchuldigen Koketterie niemals beſſer zu Statten, denn nichts konnte anmuthiger und eleganter ſein als ihr Häubchen mit Barben, das an jeder Seite mit zwei großen vrange Schleifen ausgeputzt war, welche das glänzende Schwarz ihres ſchönen Haares noch mehr hervorhoben, das ſie in langen Locken trug, ſeit ſie Zeit hatte Lockenwickel anzulegen. Ein reichgeſtickter Kragen um⸗ gab den reizenden Hals der jungen Frau; ein franzöſiſcher Lang⸗ ſhawl von derſelben Farbe wie die Häubchenbänder verhüllte ihre zierliche Taille zur Hälfte, und ob ſie gleich kein Corſet trug wie gewöhnlich (trotzdem, daß ſie Zeit hatte ſich einzuſchnüren), warf ihr hochhinaufgehendes Laffetkleid doch nicht das kleinſte Fältchen. Madame Georges betrachtete ihren Sohn und Lachtaube mit tiefempfundenem, immer neuem Glücke. Louiſe Morel war nach einer ſorgfältigen Inſtruction und nach der Unterſuchung ihres Kindes durch die Aerzte von der Anklage entlaſſen worden, und die ſchönen Züge d r Tochter des Steinſchnei⸗ ders zeugten von milder, trauriger Ihre Mutter, die ſie begleitete, hatte, Dank ſei es der Freigebigkeit Rudolphs und der Pflege, die ſie in Folge davon gefunden, ihre Geſundheit wie⸗ der erlangt. Der Thorwärter fragte Madame Georges, was ſie wünſche, und ſie antwortete, einer der Irrenärzte habe ſie um halb zwölf * „ —— 177 3 Uhr, ſo wie die Perſonen, die ſie begleiteten, hierher beſtellt. Sie konnte nach ihrer Wahl den Dockor entweder in einem Bureau erwarten, das man ihr bezeichnete, vder in dem erwähnten großen Hofe. Sie entſchied ſich für das letztere, ſtützte ſich auf den Arm ihres Sohnes und ging im Geſpräche mit der Frau des Stein⸗ ſchneiders in den Gängen umher. Louiſe und Lachtaube folgten ihnen in geringer Entfernung. „Wie freue ich mich, Sie wieder zu ſehen, liebe Louiſe!“ ſagte Lachtaube. „Ich wollte, als wir von Bouqueval an Ihrem Hauſe ankamen, zu Ihnen hinauf gehen, aber mein Mann gab es nicht zu, indem er ſagte, es ſei zu hoch; ich wartete alſo in dem Fiacre. Ihr Wagen folgte dem unſrigen, und ich ſehe Sie alſo jetzt erſt wieder.“ „Seit Sie mich im Gefängniſſe beſuchten, um mich zu tröſten. — Ach, Mamſell Lachtaube,“ rief Louiſe bewegt aus, „welch gutes Herz, welch —“ „Zuerſt, meine gute Louiſe,“ unterbrach Lachtaube heiter die Tochter des Steinſchneiders, um dem Danke derſelben zu entgehen, „zuerſt bin ich nicht mehr Mamſell Lachtaube, ſondern Madame Germain. — Ich weiß nicht, ob es Ihnen bekannt iſt, aber ich halte auf meinen Titel —“ „Ja ich wußte, daß Sie verhelralhtt ſind. — Aber laſſen Sie mich Ihnen noch einmal danken — „Gewiß wiſſen Sie aber noch nicht, meine gute Louiſe,“ un⸗ terbrach Madame Germain die Tochter Morels von Neuem, um deren Gedanken ganz zu ändern, „gewiß wiſſen Sie nicht, daß wir durch die Freigebigkeit deſſen verheirathet wurden, der unſer Aller Vorſehung war, die Ihrige, die Ihrer Familie, die meinige, Germains und der Mutter Germains — 5 Die Geheimniſſe von Paris. VII. 12 178 „Herr Rudolph! Ach, wir ſegnen ihn jeden Tag. — Als ich das Gefängniß verließ, ſagte mir der Advocat, der mich im Auf⸗ trage des Herrn Rudolph beſuchte, um mir Muth einzuſprechen und mich mit ſeinem Rathe zu unterſtützen, Herr Ferrand — und die Unglückliche konnte dieſen Namen nicht ohne Beben ausſprechen — ſei durch Herrn Nudolph veranlaßt worden, um ſeine Grau⸗ ſamkeiten wieder gut zu machen, mir und meinem Vater eine Rente auszuſetzen. — Mein Vater iſt leider noch immer hier, aber es geht, Gott ſei Dank! täglich beſſer mit ihm.“ „Und er wird heute mit Ihnen nach Paris zurückkehren, wenn die Hoffnung des würdigen Arztes in Erfüllung geht.“ „Gebe es Gott!“ „Er wird es geben. Ihr Vater iſt ja ſo gut und ſo recht⸗ ſchaffen! Ich bin überzeugt, daß wir ihn werden mit uns nehmen fönnen. Der Arzt glaubt jetzt ſeinen Hauptſchlag führen zu können und iſt der Meinung, die unerwartete Anweſenheit der Perſonen, welche Ihr Vater vor ſeiner Krankheit täglich ſah, würde ſeine Heilung beendigen. — Ich für meine Perſon halte dies für aus⸗ gemacht —“ „Ich wage es noch nicht zu glauben, Mademviſelle.“ „Madame Germain, — Madame Germain, wenn es Ihnen einerlei iſt, liebe Louiſe. um aber wieder auf das zurückzukom⸗ men, was ich Ihnen ſagte, Sie wiſſen wohl nicht, wer Herr Ru⸗ dolph iſt?“ „Er iſt die Vorſehung der Unglücklichen.“ „Zuerſt ja, aber dann? — Das wiſſen Sie nicht. Ich will es Ihnen ſagen.“ Lachtaube wendete ſich darauf an ihren Mann, der vor ihr ging, ſeine Mutter führte und mit der Frau des Stein⸗ ſchneiders ſprach: „geh nicht ſo ſchnell, lieber Mann, Du ermüdeſt 179 unſere gute Mutter, und dann — habe ich Dich auch lieber in k Nähe —“ Germain drehte ſich um, ging etwas langſamer und lächelte ſeiner jungen Frau zu, die ihm ein Kußhändchen zuwarf. „Wie allerliebſt mein Germainchen iſt! Nicht wahr, Louiſe? — Er hat etwas ſo Nobles! — und eine ſo ſchöne Taille! Hatte ich nicht Recht, daß ich ihn hübſcher fand als meine andern Nach⸗ barn, Gireaudeau, den Reiſenden und Cabrion? Bei Cabrion fällt mir ein, wo iſt Pipelet mit ſeiner Frau? Der Arzt hatte geſagt, ſie würden auch kommen, weil Ihr Vater oft ihren Namen erwähnt hätte —“ „Sie werden bald kommen. Als ich das Haus verließ, waren ſie ſchon längſt fort —“ „So werden ſie gewiß ſich einfinden; Pipelet iſt ja ſo pünktlich wie eine Uhr. — Aber auf meine Heirath und Herrn Rudolph zurückzukommen! Denken Sie ſich, Louiſe, daß er zuerſt Germain durch mich den Befehl überbringen ließ, der dem Armen die Frei⸗ heit gab. Sie können ſich unſere Freude denken, als wir aus dem verwünſchten Gefängniſſe fortgingen! Wir kamen in mein Stüb⸗ chen, und da machte ich, mit Germains Hülfe, ein Eſſen zurecht, ein Eſſen, ſage ich Ihnen, wie es ſich Gutſchmecker nicht beſſer wünſchen können. Freilich half es nicht vigl, denn als es fertig war, aßen wir ſo gut wie gar nichts, — wir waren beide zu glücklich. Um elf Uhr ging Germain fort mit dem Verſprechen, den andern Tag früh wieder zu kommen. Um fünf Uhr war ich ſchon auf und an der Arbeit, denn ich hatte wenigſtens zwei Tage verſäumt. Um acht Uhr klopfte es; ich mache auf, und wer tritt herein? Herr Rudolph. Ich danfte ihm vor allen Dingen aus Herzensgrunde für Alles, was er für Germain gethan, er ließ 16 nih aber nicht ausreden und ſagte: „Liebe Nachbarin, Germain wird kommen, übergeben Sie ihm doch den Brief da. Sie nehmen dann beide einen Fiaere und fahren ſogleich in das kleine Dorf Bouqueval bei Ecouen, auf der Straße nach St. Denis. Dort fragen Sie nach Madame Georges — und ich wünſche viel Ver⸗ gnügen!“ — Herr Rudolph, ich muß Ihnen ſagen, da wird noch ein Tag verloren gehen, und das macht dann drei. — „Beruhigen Sie ſich, Nachbarin, Sie werden bei Madame Georges Arbeit finden und an ihr eine vortreffliche Kundſchaft erhalten.“ — Wenn es ſo iſt, ſo danke ich Ihnen, Herr Rudolph. — „Adien, Nach⸗ parin.“ — Leben Sie wohl, Herr Nachbar, und nehmen Sie noch⸗ mals meinen beſten Dank. — Er ging, Germain kam und ich erzählte ihm die Sache; Rudolph konnte uns nicht täuſchen, wir ſetzten uns alſo ganz verguügt in den Wagen, nachdem wir den Tag vorher ſo traurig geweſen, und kamen an. Ach, meine gute Lyniſe, ſchen Sie, die Thränen treten mir noch jetzt unwillkührlich in die Augen. Die Madame Georges, die da vor uns geht, war die Mutter Germains.“ 4 „Seine Mutter?“ „Du lieber Gott, ja, ſeine Mutter, der man ihn als kleines Fund geraubt hatte und die nicht mehr hoffte, ihn wieder zu ſehen. Denken Sie ſich, wiez glücklich beide waren! Nachdem Madam Georges viel geweint und ihren Sohn geküßt und umarmt hatte, fam die Reihe an mich. Herr Rudolph hatte ihr ohne Zweifel Gutes von mir geſchrieben, denn ſie ſagte, als ſie mich umarmte ſie wiſſe, was ich ſür ihren Sohn gethan habe. „Und wenn Du es willſt, liebe Mutter,“ ſagte Germain, „wird das Mädchen auch Deine Tochter ſein.“ — „Ob ich es will, meine Kinder! Von ganzem Herzen; ich weiß es, daß Du nie eine beſſere und hübſchere — — 181 Frau finden würdeſt.“ Wir wohnten alſo jetzt auf dem hübſchen Gute, Germain, ſeine Mutter, ich und meine Vögel, die ich auch holen ließ, die armen Thiere! damit ſie auch dazu gehörten. Ob ich gleich das Landleben eigentlich nicht liebe, ſo vergingen doch die Tage ſo ſchnell wie ein Traum; ich arbeitete nur zu meinem Ver⸗ gnügen, ging der Madame Georges zur Hand, machte Spazier⸗ gänge mit Germain, ſang und ſprang. Endlich wurde unſere Hochzeit auf geſtern vor vierzehn Tagen feſtgeſetzt. Wer kam den zweiten Tag vorher in einem ſchönen Wagen an? Ein großer dicker kahlköpfiger Herr, der recht gutmüthig ausſah und mir von Herrn Rudolph ein Hochzeitsgeſchenk brachte, denken Sie ſich, Louiſe, einen großen Kaſten von Roſenholz, auf dem auf blauem Porzellan die Worte in goldenen Buchſtaben ſtanden: Arbeit und Ehrlichkeit, Liebe und Glück. Ich mache den Kaſten auf und was finde ich darin? kleine Spitzenhäubchen wie die, welche ich trage, Kleiderzeuge, Schmuckſachen, Handſchuhe, einen Lang⸗ ſhawl und einen großen Shawl, kurz es war wie ein Feen⸗ mährchen.“ „Das iſt wahr, aber ſecheghie⸗ wie es Ihnen Glück gebracht hat, daß Sie — ſo gut, ſo fleißig waren.“ „Was das Gut⸗ und Fleißigſein betrifft, meine liebe Louiſe, ſo habe ich gar nichts dabei gethan, — es fand ſich von ſelbſt, und das war für mich um ſo beſſer. Aber hören Sie nur weiter, ich bin noch nicht fertig. Ganz unten, auf dem Boden des ſchönen Käſichens, finde ich ein ſehr hübſches Portefeuille mit der Aufſchrift: Der Nachbar ſeiner Nachbarin. Ich mache es auf und finde darin zwei Packetchen, eins für Germain, eins für mich. In dem für Germain finde ich ein Papier, das ihn zum Director einer Bank für die Armen mit 4000 Franes Gehalt ernannte, und er 1 182 findet in dem für mich beſtimmten Packetchen eine Anweiſung von 40,000 Fres auf — auf, ja auf den Schatz, ſo hieß es. Das ſollte meine Mitgift ſein. Ich wollte das nicht annehmen, aber Madame Georges, die mit dem großen kahlköpfigen Herrn und mit Germain geſprochen hatte, ſagte zu mir: mein Kind, Du kannſt und mußt das Geſchenk annehmen; es iſt der Lohn für Deine Recht⸗ ſchaffenheit, Deinen Fleiß und Deine Aufopferung für die Unglück⸗ lichen; denn Du mußteſt Dir von dem Schlafe abbrechen, auf die Gefahr hin krank zu werden und ſo Deine alleinigen Exiſtenzmittel zu verlieren, um Deinen unglücklichen Freunden Troſt bringen zu können.“ „Ja, das iſt wahr,“ fiel Louiſe ein, „es kommt Ihnen Niemand gleich, Mademoi —, Madame Germain.“ „Ich ſagte zu dem großen kahlköpfigen Herrn, was ich gethan, hätte ich gern und mit Vergnügen gethan, und er antwortete: das bleibt ſich gleich; Herr Rudolph iſt außerordentlich reich, das Ge⸗ ſchenk, das er Ihnen ſendet, iſt ein Zeichen ſeiner Achtung und Freundſchaft, und er würde ſich ſehr grämen, wenn Sie es ablehnen wollten; er wird ſich übrigens ſelbſt bei Ihrer Hochzeit einfinden und Sie dann nöthigen, das Geſchenk anzunchmen. 4 „Welches Glück, daß ein ſo wohlthätiger Mann wie Herr Rudolph ſo reich iſt!“ „Er iſt ohne Zweifel ſehr reich, aber das war noch nicht Alles. Ach, meine gute Louiſe, wenn Sie wüßten, wer Rudolph iſt! Und ich habe ihn meine Packete tragen laſſen! Aber Geduld, Sie werden gleich hören. — Den Tag vor der Hochzeit, Abends ſehr ſpät, kam der große kahlköpſige Herr wieder; Herr Rudolph konnte nicht kommen, er befand ſich unwohl, und der große kahlköpfige Herr ſollte ſeine Stelle vertreten. Erſt da, meine gute Louiſe, erfuhren 183 wir, daß Ihr und unſer Wohlthäter, — rathen Sie einmal! — ein Fürſt ſei.“ „Ein Fürſt?“ „Was ſage ich? — eine königl. Hoheit, ein regierender Groß⸗ herzog, ein König im Kleinen. — Germain hat mir das erklärt.“ „Herr Rudolph?“ „Ach, arme Louiſe, und ich hatte ihn aufgefordert, mir mein Stübchen bohnen zu helfen!“ „Ein Fürſt? Faſt ein König? Deswegen konnte er ſo viel Gutes thun!“ „Sie können ſich meine Verlegenheit denken, meine gute Louiſe. — Ich wagte, als ich erfahren, daß er faſt ein König ſei, die Mitgift nicht auszuſchlagen. — Wir wurden getraut .. . Vor acht Tagen ließ mir Herr Rudolph ſagen, uns beiden Germains und Madame Georges, es würde ihm angenehm ſein, wenn wir ihm einen Beſuch machten. Wir machten uns auf den Weg. Das Herz klopfte mir gewaltig, das werden Sie mir glauben; wir kamen in der Rue Plümet an und traten in einen Palaſt hinein; wir gingen durch Säle, in denen ſich betreßte Diener, ſchwarz ge⸗ kleidete Herren mit einer ſilbernen Kette am Halſe und einem Degen an der Seite, Officiere in Uniform und was weiß ich wer noch, befanden, und dann Gold überall, ſo daß man faſt geblendet wurde. Endlich trafen wir den großen kahlköpfigen Herrn in einem Zimmer mit andern Herren in geſtickten Uniformen; er führte uns in ein großes Zimmer, wo wir Herrn Rudolph, das heißt den Fürſten, ſahen, der ganz einfach gekleidet war und ſo herzensgut, gar nicht ſtolz ausſah, kurz ganz wie der ſonſtige Herr Rudolph, ſo daß ich gleich wieder Muth faßte und daran dachte, daß er mir meinen 184 Shawl angeſteckt, mir Federn geſchnitten und mich auf der Straße geführt hatte.“ „Sie fürchteten ſich nicht mehr? Ach, ich hätte gejttertl⸗ „Ich nicht. Nachdem er Madame Georges anßerordentlich gütig empfangen und Germain die Hand gereicht hatte, ſagte der Fürſt lächelnd zu mir: „nun, liebe Nachbarin, wie geht es Papa Cretu und Ramonette? (So heißen nämlich meine Vögel. Er dachte ſogar an ſie!) Gewiß“, fuhr er fort, „ſingen Sie und Germain jetzt mit Ihren Vögeln um die Wette?“ — „Ja, gnädig⸗ ſter Herr (Madame Georges hatte uns unterwegs geſagt, wir müßten ihn gnädigſter Herr oder kgl. Hoheit nennen), ja, gnädigſter Herr, wir ſind ſehr glücklich und wir freuen uns unſeres Glückes noch viel mehr, weil wir es Ihnen verdanken.“ — „Sie verdanken es nicht mir, mein Kind, ſondern Ihren und Germains Tugenden,“ u. ſ. w. u. ſ. w., ſeine übrigen Complimente übergehe ich. Endlich verließen wir den guten Herrn mit recht ſchwerem Herzen, denn wir werden ihn nicht wiederſehen. Er ſagte, er würde nach wenigen Tagen nach Deutſchland zurückkehren, vielleicht iſt er ſchon fort; aber er mag hier oder dort ſein, wir werden immer an ihn denken.“ „Seine Unterthanen müſſen recht glücklich ſein.“ „Ja, denken Sie nur, er hat uns, die wir ihm doch fremd ſind, ſo viel Gutes gethan! Ich vergaß Ihnen zu ſagen, daß in Bouqueval eine meiner ehemaligen Gefängnißgenoſſinnen gewohnt hatte, ein recht gutes und braves Mädchen, die zu ihrem Glücke Herrn Rudolph auch kennen lernte; aber Madame Georges hatte mir verboten, ſie gegen den Fürſten zu erwähnen, ich weiß nicht warum, wahrſcheinlich weil er es nicht gern hört, daß man von ſeinen Wohlthaten ſpricht. — Die licbe Nachtigall ſcheint übrigens ihre Aeltern wiedergefunden zu haben, die ſie weit, weit mit ſich 185 fortgenommen haben. Ich bedaure nur, daß ich nicht von ihr Abſchied nehmen konnte.“ „Nun,“ ſagte Louiſe bitter, „ſie iſt auch glücklich, ſie —“ „Meine gute Louiſe, nehmen Sie mir es nicht übel, ich denke nur an mich und ſpreche von nichts als von Glück, obgleich Sie noch ſo viele Urſache haben, traurig zu ſein.“ „Wenn ich mein Kind behalten hätte, „unterbrach Louiſe traurig Lachtaube, „ſo würde es mir ein Troſt geweſen ſein, denn welcher rechtliche Mann wird mich nun noch haben wollen, ob ich gleich Geld beſitze?“ „Im Gegentheile, Louiſe, nur ein rechtlicher Mann wird Ihre Lage begreifen können, und wenn er Alles weiß, wenn er Sie kennt, wird er Sie beklagen, Sie achten müſſen und die Ueberzeugung erlangen, daß er eine gute und würdige Frau an Ihnen erhält.“ „Sie ſagen dies nur, um mich zu tröſten —“ „Nein, ich ſage es, weil es wahr iſt.“ „Nun, wahr oder nicht wahr, es thut mir doch wohl, und ich danke Ihnen dafür. — Aber wer kommt da? Pipelet mit ſeiner Frau! Mein Gott, wie gläcklich er ausſteht, während er doch in der letzten Zeit wegen der Späße Cabrions immer ſo melancholiſch war!“ Herr und Madame Pipelet kamen wirflich ganz vergnügt heran. Alfred, den „unabſetzbaren“ Hut auf dem Kopfe, trug einen prächtigen frühlingsgrünen Frack, der noch im Jugendglanze ſtrahlte; über ſein weißes Halstuch mit geſtickten Zipfeln ragte ein fürchter⸗ licher Kragen hinweg, der die Hälfte ſeiner Wangen bedeckte; eine lange hellgelbe Weſte mit großen braunen Streifen, ſchwarze etwas zu kurze Beinkleider, blendend weiße Strümpfe und ſonntäglich gewichste Schuhe vervollſtändigten ſeinen Anzug. * 186 Anaſtaſia breitete ſich in einem Kleide von amaranthfarbigem Merinos, von dem ein dunkelblauer Shawl grell abſtach. Sie trug ſtolz vor allen Blicken ihre friſchgelockte Perrücke zur Schau und trug am Arme wie ein Täſchchen ihr Häubchen, deſſen grüne Bänder ſie zuſammengeſteckt hatte. Das gewöhnlich ſo ernſte, ſo nachdenkende und in der letzten Zeit ſo niedergeſchlagene Geſicht Alfreds ſtrahlte, jubelte vor Freude, und ſobald er Louiſe und Lachtaube von weitem erblickte, eilte er auf ſie zu und ſagte leiſe: „Befreit! — Fort iſt er!“ „Ach, Herr Pipelet,“ ſagte Lachtaube, „wie Sie vergnügt aus⸗ ſehen! Was iſt Ihnen ſo Freudiges widerfahren?“ „Er iſt fort, Mamſell oder vielmehr Madame, wollte, konnte, ſollte ich ſagen, denn es iſt jetzt mit Ihnen juſtement ſo wie mit Anaſtaſia, ſowie es mit Ihrem Manne juſtement iſt wie mit mir.“ „Sie ſind ſehr freundlich, Herr Pipelet,“ antwortete Lachtaube lächelnd; „aber wer iſt fort?“ „Cabrion!“ ſprach Pipelet, und er holte mit unbeſchreiblicher Freude tief Athem, als wäre ihm eine ungeheure Laſt abgenommen worden. — „Er verläßt Frankreich auf immer, — für alle Ewig⸗ keit, — kurz er iſt fort.“ „Wiſſen Sie das gewiß?“ „Ich habe ihn mit meinen eigenen leibhaftigen Augen geſtern in den Straßburger Eilwagen mitſammt ſeinen Effecten einſteigen ſehen.“ „Was ſchwatzt Ihnen mein Alter da vor?“ ſiel Anaſtaſia ein, die athemlos herbeikam, denn ſie hatte ihrem Manne nicht zu folgen vermocht. „Ich wette, daß er Ihnen von der Abreiſe Ca⸗ 187 brions erzählt. — Er hat ſchen auf dem ganzen Wege weiter nichts im Kopfe gehabt und konnte keinen Angenblick ſtill ſitzen.“ „Weil ich nicht mehr auf der Erde bin, Anaſtaſta. Vorher war es, als ſei mein Hut mit Blei ausgefüttert, jetzt kommt mir es vor, als hätte ich Flügel, als trüge mich die Luft empor. — Er iſt fort, er iſt fort und wird nicht wiederkommen.“ „Gott ſei Dank, daß der Böſe fort iſt.“ „Rede nichts Böſes von den Abweſenden, Anaſtaſia; das Glück macht mich nachſichtig.“ „Und wie erfuhren Sie, daß er nach Deutſchland reiſte?“ fragte Lachtaube. „Durch einen Freund meines beſten Miethers. — Bei dieſem prächtigen Manne fällt mir etwas ein; wiſſen Sie es ſchon, daß Alfred durch die Empfehlung des Herrn Rudolph zum Aufſeher bei dem Leihhauſe und der Bank für die Armen ernannt worden iſt, welche in unſerm Hauſe durch eine gute Seele errichtet wird, welche gewiß die iſt, bei der Herr Rudolph Reiſender „in guten Thaten“ war?“ „Das trifft ſich ja herrlich!“ fiel Lachtaube ein; „mein Mann iſt Director dieſer Bank geworden, ebenfalls durch Vermittelung des Herrn Rudolph.“ „Sehen Sie! Sehen Sie!“ rief Madame Pipelet vergnügt aus. „Deſto beſſer! Deſto beſter! Ich ſehe immer lieber alte be⸗ kannte Geſichter als neue. Um aber auf Cabrion zurückzukommen, denken Sie ſich, ein großer kahlköpfiger Herr, der uns die Ernennung Alfreds zu dem neuen Poſten anzeigte, fragte uns, ob nicht ein gewiſſer Cabrion, ein äußerſt talentvoller Maler, bei uns gewohnt hätte. Bei dem Namen Cabrion fuhr mein Alter mit ſeinem Stiefel zuſammen; glücklicherweiſe ſetzte der große dicke Herr 188 hinzu: Dieſer junge Maler wird nach Deutſchland reiſen; ein ſehr reicher Mann nimmt ihn mit dahin, um von ihm Arbeiten aus⸗ führen zu laſſen, die ihn Jahrelang beſchäftigen werden; vielleicht bleibt er auch ganz dort. Darauf nannte der Herr meinem Alteu den Tag und die Stunde der Abreiſe Cabrions.“ „Und ich hatte das unverhoffte Glück, in dem Einſchreibebureau zu leſen: Herr Cabrion, Maler, reiſt nach Straßburg und in das Ausland.“ „Die Abreiſe war auf heute früh feſtgeſetzt.“ „Und ich begab mich mit meiner Gattin in den Poſthof.“ „Wir ſahen den Böſewicht in das Coupé neben den Condurtenr ſteigen.“ „In dem Augenblicke, als die Pferde anzogen, erblickte und erkannte mich Cabrion, er bog ſich heraus und rief mir zu: „ich reiſe auf Nimmerwiederſehen fort! Der Deinige für ewig!“ Zum Glück erſtickte das Poſthorn die letzten Worte und das unanſtändige „Du“ beinahe, das ich verachte; Gott ſei geprieſen, er iſt fort!“ „Und für immer, glauben Sie es, Herr Pipelet,“ ſagte Lachtaube, die ſich nur mit Mühe des Lachens enthalten konnte. „Aber was Sie nicht wiſſen und was Sie wundern wird, — Herr Rudolph war —“ „War?7“ „Ein verkleideter Fürſt, — eine königliche Hoheit.“ „Poſſen! Poſſen!“ entgegnete Anaſtaſia. „Ich ſchwöre es bei meinem Manne!“ ſprach Lachtaube ſehr ernſt. 1 „Mein beſter Miethsmann — eine königl. Hoheit!“ rief nun Anaſtaſia aus. „Gehen Sie weg! Und ich habe ihn gebeten, auf 189 unſere Stube Acht zu geben! Ich bitte um Verzeihung, — um Verzeihung!“ Und ſie ſetzte ihr Häubchen auf, als glaubte ſie, es ſchicke ſich nicht, von einem Fürſten zu ſprechen, während ſie das Häubchen in der Hand hielt. Nach einer der Form nach ganz entgegengeſetzten, der Sache nach aber ganz gleichen Manifeſtation, nahm dagegen Alfred, ganz wider ſeine Gewohnheit, ſeinen Hut ab, verbeugte ſich tief und rief aus: „ein Fürſt! — eine Hoheit in unſerm Stübchen! Und er hat mich im Bette geſehen!“ In dieſem Augenblicke drehte ſich Madame Georges um und ſagte zu ihrem Sohne und Lachtaube: „Da kommt der Herr Doctor, meine Kinder.“ CIx. Der Schulmeitter. er Doctor Herbin, ein ſchon bejahrter Mann, hatte ein außerordentlich geiſtreiches und ausgezeichnetes Geſicht, einen un⸗ gemein tiefen, ſcharfen Blick und ein äußerſt gutmüthiges Lächeln. Seine von Natur wohlklingende Stimme wurde faſt liebkoſend, wenn er mit den Irren ſprach, und die Lieblichkeit ſeines Tones, ſowie ſeine ſanften Worte ſchienen oft die natürliche Reizbarkeit dieſer Unglücklichen zu beruhigen. Er war einer der erſten geweſen, welcher bei der Behandlung der Geiſteskrankheiten Milde und Wohl⸗ wollen an die Stelle der ſonſt angewendeten ſchrecklichen Zwangs⸗ mittel hatte treten laſſen; er machte — außer in wenigen Ausnahms⸗ fällen — keinen Gebrauch mehr von Ketten, Schlägen, Douchen und einſamer Einſperrung. Sein hoher Verſtand hatte eingeſehen, daß die Monomanie, das Irrſein, die Tobſucht durch einſame Einſperrung und durch rohe Behandlung geſteigert werden, daß dagegen, wenn die Irren in der gewöhnlichen Lebensweiſe blieben, tauſend Zerſtreuungen, —— — — 191 tauſend Vorfälle, die der Augenblick bringt, ſie verhindern, ſich einer firen Idee hinzugeben, die um ſo verderblicher wird, je aus⸗ ſchließlicher Einſamkeit und Einſchüchterung ſie machen. Die Er⸗ fahrung beweiſt, daß bei Irren die einſame Einſperrung ſo ver⸗ derblich, wie ſie bei den Verbrechern heilſam iſt, indem die Seelen⸗ ſtörung der Erſtern in der Einſamkeit zunimmt, wie die moraliſche Verdorbenheit der Letztern in dem Umgange mit Gleichverdorbenen ſich verſchlimmert und unheilbar wird. Ohne Zweifel wird in einigen Jahren das gegenwärtige Pöni⸗ tentiarſyſtem mit ſeinen gemeinſamen Gefängniſſen, die wirkliche Verbrecherſchulen ſind, mit ſeinen Zuchthäuſern, Ketten, Prangern und Schaffoten ſo verkehrt, ſo roh, ſo grauſam erſcheinen, wie die ehemalige Behandlung der Irren jetzt für abſurd und grauſam an⸗ geſehen wird. „Herr Doctor,“ ſagte Mad. Georges zu Herbin, „ich habe geglaubt, meinen Sohn und meine Schwiegertochter begleiten zu können, ob ich gleich Herrn Morel nicht kenne. Ich nehme ſo innigen Antheil an dem Schickſale dieſes vortrefflichen Mannes, daß ich dem Wunſche nicht widerſtehen konnte, mit meinen Kindern dem völligen Erwachen ſeines Verſtandes beizuwohnen, das, wie Sie hoffen, nach der Prüfung erfolgen wird, der ſie ihn unterwerfen wollen.“ „Ich rechne wenigſtens viel auf den günſtigen Eindruck, den die Anweſenheit ſeiner Tochter und der Perſonen, die er gewöhnlich ſah, auf ihn machen wird.“ „Als man meinen Mann verhaften wollte,“ ſagte die Frau Morel mit Rührung, indem ſie auf Lachtaube zeigte, „ſtand unſere liebe Nachbarin da eben mir und meinen Kindern bei —“ 192 „Mein Vater kannte auch Germain, der immer ſehr freundlich gegen uns geweſen war,“ ſetzte Louiſe hinzu. Dann deutete ſie auf Alfred und Anaſtaſia und ſagte: „dieſe beiden braven Leute ſind die Portiers unſeres Hauſes; ſie hatten auch oftmals, ſo viel ſie konnten, unſere Familie unterſtützt.“ „Ich danke Ihnen,“ ſagte der Doctor zu Alfred, „daß Sie hierher gekommen ſind; nach dem aber, was man mir geſagt hat, wird Ihnen dieſer Beſuch nicht ſchwer geworden ſein.“ „Mein Herr Doctor,“ antwortete Pipelet mit einer ernſten Verbeugung, „der Menſch muß hienieden dienſtwillig ſein, er iſt Bruder, ungerechnet, daß der Vater Morel der beſte Menſch war, — ehe er ſeinen Verſtand nach ſeiner und der lieben Louiſe Ver⸗ haftung verloren hatte.“ „Ich bedaure noch immer,“ ſetzte Anaſtaſia hinzu, „daß die heiße Suppe, die ich den Häſchern auf den Kopf goß, kein ge⸗ ſchmolzenes Blei war. Nicht wahr, Alter, reines geſchmolzenes Blei?“ „Das iſt wahr, ich bin dieſes Zeugniß der Anhänglichkeit meiner Gattin an die Morels ſchuldig —“ „Wenn Sie, Madame,“ ſagte der Doctor Herbin zu der Mutter Germains, „vor dem Anblicke der Irren ſich nicht ſcheuen, ſo wollen wir durch mehrere Höfe gehen, um in das äußere Ge⸗ bäude zu gelangen, in welchem ich Morel unterbringen ließ, denn ich habe Befehl gegeben, ihn dieſen Morgen nicht, wie gewöhnlich, auf die Meierei zu führen.“ „Auf die Meierei?“ fragte Mad. Georges; „Sie haben eine Meierei hier?“ „Darüber wundern Sie ſich? Ich begreiſe das. Ja, wir 193 haben hier ein Landgut, deſſen Ertrag für das Haus eine große Beihülfe iſt und das von den Irren beſtellt wird ).“ „Sie arbeiten dort? ganz frei?“ „Allerdings, und die Arbeit, die Stille der Felder, der Anblick der Natur gehören zu unſern beſten Heilmitteln. Ein einziger Aufſeher begleitet ſie dahin, und man kennt faſt kein Beiſpiel von einem Fluchtverſuche; ſie gehen mit wirklicher Freude dahin, und das Wenige, was ſie dabei verdienen, trägt zur Verbeſſerung ihrer Lage bei, da ſie ſich davon einige kleine Annehmlichkeiten verſchaffen können. — Doch wir ſind hier an der Thüre eines der Höfe. —“ Der Doctor bemerkte eine leichte Spur von Aengſtlichkeit in den Zügen der Mad. Georges, und er ſetzte hinzu: „fürchten Sie nichts, Madame, nach wenigen Minuten werden Sie ſo ruhig ſein wie ich —“ „Ich folge Ihnen. — Kommt, Kinder.“ „Anaſtaſia,“ ſagte Pipelet, der mit ſeiner Frau zurückgeblieben war, leiſe zu derſelben, „ich denke eben daran, daß wenn die teuf⸗ liſche Verfolgung Cabrions fortgedauert hätte, Dein Alfred verrückt geworden und dann unter die Unglücklichen gekommen ſein würde, die wir hier ſehen werden in den ſeltſamſten Anzügen, an Ketten liegend oder in Käſigen eingeſperrt wie die wilden Thiere in dem Jardin des Plantes.“ „Sprich nicht davon, Alter. — Man ſagt, die, welche aus Liebe den Verſtand verloren hätten, wären wie Affen, ſobald ſie ein Frauenzimmer ſehen, rüttelten ſie an den Stäben ihrer Käfige und jammerten erſchrecklich. — Sie müſſen dann durch Schläge oder 3 Dieſes Landgut, eine treffliche liegt in ganz geringer Ent⸗ ſernung von Bicétre. Die Geheimniſſe von Paris. VIII. 13 194 vurch kaltes Waſſer beruhigt wrrden, das man ihnen auf den Kopf fallen läßt —“ „Anaſtaſia — gehe nicht zu nahe an die Käſige dieſer Tollen,“ ſagte Alfred ernſthaft; „wie bald iſt ein Unglück geſchehen!“ „Es wäre auch nicht vecht von mir, ſie gewiſſermaßen zu reizen, denn,“ ſetzte Anaſtaſia hinzu, „unſere Reize machen die Männer ſo. Ich zittere, Alfred, wenn ich bedenke, daß Du jetzt vielleicht auch aus Liebe verrückt geworden wäreſt, wenn ich Dir Dein Glück ver⸗ ſagt hätte, daß Du auch an den Stäben Deines Käſigs rüttelteſt, ſobald Du ein Frauenzimmer erblickteſt, und ſie anſchrieſt, lieber Alter, während Du jetzt ausweichſt, wenn ſie Dich locken.“ „Meine Züchtigkeit iſt allerdings mißtrauiſch, und ich habe mich nie ſchlecht dabei befunden, aber Anaſtaſia, die Thüre wird jetzt aufgemacht, und es überläuft mich ein Schauer. Wir werden ſchreck⸗ liche Geſichter ſehen, Kettengeraſſel und Zähneknirſchen hören —“ Herr und Mad. Pipelet, die, wie man ſieht, die Worte des Doctor Herbin nicht gehört hatten, theilten die gewöhnlichen falſchen Anſichten, die im Volke noch immer über die Irrenhäuſer verbreitet ſind, Anſichten, die vor vierzig Jahren allerdings richtig waren. Die Thüre öffnete ſich. Der Hof, in den man eintrat und der ein langes Parallelogramm pildete, war mit Bäumen bepflanzt und mit Bänken verſehen; an jeder Stite zog ſich eine zierliche Galerie hin; luftige Zellen öffneten ſich auf dieſe Galerie, und etwa funfzig Männer in gleicher grauer Kleidung gingen umher, ſprachen mit einander oder ſaßen ſtill und nachdenklich in der Sonne. Es war ein gewaltiger Contraſt mit der Vorſtellung, die man ſich gewöhnlich von dem ſeltſamen Aufputze und Ausſehen der Geiſteskranken macht; es gehörte ſogar eine lange Beobachtung dazu, um auf manchen dieſer Geſichter ſichere Spuren des Wahnfinns zu erkennen. Bei der Ankunft des Doctor Herbin eilten ihm viele Irre ent⸗ gegen und reichten ihm mit einem rührenden Ausdrucke von Ver⸗ trauen und Dankbarkeit die Hand. Er dagegen ſprach herzlich: „Guten Tag, guten Tag, Kinder —“ Einige der Unglücklichen, die zu entfernt von dem Doctor ſtanden, als daß ſie ſeine Hand hätten ergreifen können, boten die ihrige mit zögernder Schüchternheit den Perſonen, die ihn begleiteten. „Guten Tag, Freunde,“ ſagte Germain, indem er ihnen die Hand mit einer Freundlichkeit drückte, die ſie ganz glücklich zu machen ſchien. „Sind dies Irre, Herr Doctor?“ fragte Mad. Georges. „Das ſind ſo ziemlich die Gefährlichſten im Hauſe,“ antwortete der Doctor lächelnd. „Den Tag über läßt man ſie bei einander und ſchließt ſie nur in der Nacht in den Zellen ein, die Sie da offen ſtehen ſehen.“ „Dieſe Leute ſind völlig verrückt? Aber wann ſind ſie tobſüchtig?“ „Im Anfange, im Beginn ihrer Krankheit, wann man ſie hierher bringt; dann wirkt allmälig die Behandlung, der Anblick ihrer Genoſſen beruhigt und zerſtreut ſie, die Milde beſänftigt ſie, und die heftigen Kriſen, die anfangs häufig wiederkehren, werden immer ſeltener. — Sehen Sie, das iſt einer der Schlimmſten.“ Es war ein kräftiger ſtarker Mann von ungefähr vierzig Jahren mit langem ſchwarzem Haar, breiter Stirn, galligem Aus⸗ ſehen und ſehr verſtändigem Geſichte. Er trat gravitätiſch zu dem Doctor und ſagte im Tone vollkommener Artigkeit, obgleich man ihm etwas Zwang anmerkte: „Herr Doctor, ich muß nun auch einmal das Recht haben, den 13 196 ren und zu unterhalten; ich werde die Ehre haben, daß es eine unverzeihliche Ungerechtig⸗ keit iſt, dieſem Unglücklichen meine Unterhaltung zu entziehen, um ihn (und der Irre lächelte mit bitterer Verachtung) dem albernen Geſchwätz eines Blödſinnigen zu überlaſſen, der, das glaube ich behaupten zu können, durchaus keine Begriffe von irgend einer Wiſſenſchaft hat, während meine Unterhaltung den Blinden zerſtreuen würde. So,“ ſetzte er mit außerordentlicher Zungenfertigkeit hinzu. „würde ich ihm meine Meinung von den iſothermiſchen und recht⸗ winkeligen Flächen mitgetheilt und ihm bemerklich gemacht haben, daß die Gleichungen mit partiellen Differenzen wegen ihrer Com⸗ plicirtheit gewöhnlich nicht eingerichtet werden können. Ich würde ihm bewieſen haben, daß die conjugirten Flächen nothwendig alle iſothermiſch ſind, und wir würden mit einander unterſucht haben, welche Flächen ein dreifach iſothermiſches Syſtem bilden können. Wenn ich mich nicht irre, ſo vergleichen Sie dieſe Unterhaltung mit den Dummheiten, die man dem Blinden vorſchwatzt“ ſetzte der Irre athemſchöpfend hinzu, „und ſagen Sie mir, ob es nicht ein Mord iſt, ihm meine Unterhaltung zu entziehen.“ „Halten Sie das, was er geſagt hat⸗ Madame, nicht für Einfälle eines Irren,“ ſagte leiſe der Doctor; „er ſpricht oft von den höchſten Fragen der Gebmetrie u“ Aſtronomie mit einem Scharfſinne, der den berühmteſten Gelehrten zur Ehre gereichen würde. — Seine Kenntniſſe ſind unermeßlich. Er ſpricht alle lebenden Sprachen, aber er iſt auch leider! ein Märtyrer des Wunſches und Sehnens alles zu wiſſen, er bildet ſich ein, daß er alle menſchlichen Kenniniſſe in ſich allein aufgenommen habe und daß man dadurch, daß man ihn hier zurückhalte, die Menſchheit Blinden zu füh Ihnen bemerklich zu machen, 197 wieder in die Finſterniß der tiefſten Unwiſſenheit zurückverſinken laſſe.“ Dann ſprach der Doctor laut zu dem Irren, der mit ehrer⸗ bietiger ängſtlicher Spannung auf die Antwort zu warten ſchien: „Mein lieber Herr Charles, ich halte Ihre Forderung gerecht, und der arme Blinde, der, wie ich glaube, ſtumm, aber zum Glück nicht taub iſt, würde gewiß ein großes Vergnügen an der Unter⸗ haltung eines ſo gelehrten Mannes, wie Sie ſind, finden. Ich werde es nicht vergeſſen, Ihnen Gerechtigkeit widerfahren zu laſſen.“ „Uebrigens — verharren Sie noch immer dabei, indem Sie mich hier zurückhalten, der Welt alle menſchlichen Kenntniſſe zu ent⸗ ziehen, die ich mir angeeignet und mit mir verſchmolzen habe,“ ſagte der Irre, der allmälig wärmer wurde und heftig zu geſticuliren anfing. „Beruhigen Sie ſich, mein guter Herr Charles; die Welt hat glücklicher Weiſe noch nicht bemerkt, was ihr fehlt; ſobald ſie re⸗ elamirt, werden wir ihre Forderung ſofort befriedigen; ein Mann von Ihren Fähigkeiten und Ihren Kenntniſſen kann zu jeder Zeit große Dienſte leiſten —“ „Aber ich bin für die Wiſſenſchaft, was die Arche Noahs für die phyſiſche Welt war,“ rief er zähneknirſchend und mit wildem Blicke aus. 2. „Ich weiß es, lieber Freund —“ „Sie wollen das Licht unter den Scheffel ſtellen!“ ſprach er und ballte die Fäuſte. „Aber ich werde Sie zermalmen wie Glas,“ ſetzte er mit drohendem Blicke, mit zorngeröthetem Geſichte und angeſchwollenen Adern hinzu. „Ach, Herr Charles,“ antwortete der Doctor, indem er den Irren ruhig, ſcharf und unverwandt anſah und ſeiner Stimme einen 198 ſchmeichelnden Ton gab, „ich glaubte, Sic wären der größte Ge⸗ lehrte der neueſten Zeit — „Und der vergangenen,“ fiel der Irre ein, indem er über ſei⸗ nem Stolze ſogleich ſeinen Zorn vergaß. „Sie laſſen mich nicht ausreden, — ich glaubte, Sie wären der größte Gelehrte der vergangenen und gegenwärtigen Zeit —“ „Und der zukünftigen,“ ſetzte der Irre ſtolz hinzu. „O, der Schwätzer, der mich immer unterbricht!“ ſagte der Doctor lächelnd, indem er ihn freundſchaftlich auf die Achſeln klopfte. „Sollte man nicht glauben, ich kenne die Bewunderung nicht, die Sie einflößen und verdienen! — Wir wollen den Blinden beſuchen, führen Sie mich zu ihm.“ „Doctor, Sie ſind ein braver Mann; kommen Sie, Sie ſollen ſehen, was man ihn anhören läßt, während ich ihm ſo ſchöne Dinge ſagen könnte,“ ſprach der Irre vollkommen beruhigt, indem er zu⸗ frieden vor dem Doctor herging. „Ich geſtehe,“ ſagte Germain, der näher an ſeine Frau ge⸗ treten war, deren Angſt er bemerkt hatte, als der Irre heftig ſprach und geſticulirte, „ich fürchtete einen Augenblick einen An⸗ fall —“ „Sonſt würden bei dem erſten heftigen Wort, bei der erſten drohenden Geberde des Unglücklichen die Aufſeher über ihn herge⸗ fallen ſein, ihn gebunden, geſchlagen, mit Waſſer begoſſen haben, — eine der grauſamſten Qualen, die man erdenken kann. Stellen Sie ſich die Wirkung einer ſolchen Behandlung auf einen kräftigen und reizbaren Menſchen vor! Er würde in einen der entſetzlichſten Wuthanfälle gerathen ſein, welche den ftärkſten Zwangsmitteln ſpotten, nach häufiger Wiederkehr immer heftiger und endlich faſt 199 unheilbar werden, während, wie Sie ſehen, wenn man dieſes mo⸗ mentane Aufbrauſen nicht gleich unterdrückt, wenn man ihm mittelſt der außerordentlichen Beweglichkeit des Geiſtes, die man bei vielen Geiſteskranken bemerkt, eine andere Richtung giebt, das augenblick⸗ liche Aufwallen ſo ſchnell verſchwindet, wie es eintritt. „Und wer iſt der Blinde, von dem er ſpricht? Iſt derſelbe auch nur eine Illuſion ſeines Geiſtes?“ fragte Mad. Georges. „Nein, Madame, das iſt eine ſehr ſeltſame Geſchichte,“ ant⸗ wortete der Doctor. „Dieſer Blinde wurde in einer Diebshöhle in den elyſäiſchen Feldern gefunden, wo man eine Bande Räuber und Mörder verhaftetete; er war in einem Keller neben der Leiche einer bis zur Unkenntlichkeit verunſtalteten Frau an eine Kette gelegt —“ „Das iſt ja gräßlich!“*) ſprach Mad. Georges ſchaudernd. „Der Mann iſt entſetzlich häßlich, und ſein ganzes Geſicht durch Vitriolöl zerfreſſen. Er hat ſeit ſeiner Ankunft hier kein Wort geſprochen. Ich weiß nicht, ob er wirklich ſtumm iſt oder ſich nur ſo ſtellt. Merkwürdiger Weiſe ſind die wenigen Kriſen, die er ge⸗ habt hat, ſtets während meiner Abweſenheit und in der Nacht vor⸗ gekommen. Leider bleiben alle Fragen, die man ihm vorlegt, ohne Antwort, und es iſt ſo unmöglich, etwas über ſeine Lage zu er⸗ fahren; ſeine Anfälle ſcheinen durch eine Wuth veranlaßt zu werden, deren Urſache nicht zu ermitteln iſt, da er kein Wort ſpricht. Die andern Irren behandeln ihn mit großer Aufmerkſamkeit, führen ihn und unterhalten ihn nach dem Grade ihres Verſtandes. — Da iſt er.“ — *) Rudolph hatte Mad. Georges über das Schickſal des Schulmeiſters, ſeit derſelbe aus dem Bagno in Rochefort entflohen, in Unkenntniß erhalten. 200 Alle Perſonen, welche den Arzt begleiteten, wichen bei dem Anblicke des Schulmeiſters zurück, denn er war es. Er war nicht wahnſinnig, ſtellte ſich aber ſtumm und irrſinnig. Er hatte die Eule keineswegs in einem Anfalle von Wahn⸗ ſinn, ſondern in dem hitzigen Fieber ermordet, das ihn ſchon ein⸗ nal in Bouqueval befallen. Nach ſeiner Verhaftung in dem Wirthshauſe in den elyſäiſchen Feldern war der Schulmeiſter aus ſeinem Fieberanfalle in einer Zelle in der Conciergerie erwacht, wo die Wahnſinnigen vorläufig eingeſchloſſen werden. Als er um ſich herzſagen hörte: „er iſt ein tobſüchtiger Wahnſinniger“ entſchloß er ſich, dieſe Rolle weiter zu ſpielen und zugleich völlige Stummheit zu heucheln, um ſich durch ſeine Antworten nicht zu compromittiren für den Fall, daß man an ſeinem Wahnſinne zweifeln ſollte. Dieſe Liſt gelang. Er wurde nach Bicstre gebracht, erheuchelte hier bisweilen heftige Wuthanfüälle, wählte aber dazu immer die Nacht, um der ſcharfſichtigen Beobachtung des Oberarztes zu ent⸗ gehen. Auch der im Hauſe wohnende Arzt, der jedesmal ſogleich gerufen wurde, kam immer erſt zu Ende des Anfälles an. Die ſehr kleine Anzahl der Mitſchuldigen des Schulmeiſters, die ſeinen wirklichen Namen und ſeine Flucht aus Rochefort kann⸗ ten, wußten nicht, was aus ihm geworden, und hatten übrigens kein Intereſſe dabei, ihn zu verrathen; ſeine Identität konnte alſo ſchwerlich nachgewieſen werden, und er hoffte, ſo immer in Bicétre zu bleiben. Ja immer, das war ſein einziger Wunſch, da ſeine Unfähigkeit zu ſchaden ſeine böſen Gelüſte lähmte. In der Einſamkeit, in welcher er in dem Keller Roth⸗Arms hatte leben müſſen, war, wie ——— — 201 man weiß, die Reue allmälig in das Eiſenherz dieſes Mannes eingedrungen. Sein fortwährendes Nachdenken, die Erinnerung an ſeine frü⸗ hern Verbrechen und die Abgeſchiedenheit von der Außenwelt gaben ſeinen Gedanken bisweilen eine Geſtalt, und es erſchienen ihm dann die Züge ſeiner Oypfer; aber es war dies nicht Wahnſinn, ſondern die alf das höchſte geſteigerte Macht der Erinnerung. So mußte dieſer Mann, der noch in der Kraft der Jahre ſtand und von rieſenhafter Stärke war, dieſer Mann, der ohne Zweifel noch viele Jahre leben konnte, der ſeinen Verſtand ungetrübt beſaß, Jahrelang unter Irren, völlig ſtumm, verbringen, wenn er nicht entdeckt und wegen neuer Verbrechen auf das Blutgerüſt ge⸗ bracht oder zu lebenslänglicher Einſperrung unter Uebelthätern verurtheilt wurde, gegen die er einen Abſcheu empfand, der in gleichem Maße wie ſeine Reue zunahm. Der Schulmeiſter ſaß auf einer Bank; ein Wald von grauem Haar hedeckte ſeinen häßlichen großen Kopf; er hatte die Elnbogen auf ſeine Kniee und das Kinn auf die Hand geſtützt. Obgleich das ſchreckliche Geſicht des Blickes entbehrte, obgleich zwei Löcher die Naſe erſetzten und ſein Mund verunſtaltet war, ſo gab ſich doch in dieſem monſtröſen Geſichte eine niederdrückende, unheilbare Ver⸗ zweiflung kund. Ein Irrer mit traurigem, wohlwollendem und jugendlichem Geſichte, der vor dem Schulmeiſter kniete, hielt deſſen große Hand in der ſeinigen, ſah ihn liebevoll an und wiederholte fortwährend die Worte: „Erdbeeren! — Erdbeeren! — Erdbeeren!“ „Das alſo,“ ſagte ernſthaft der gelehrte Irre, „iſt die einzige Unterhaltung, welche dieſer Blödſinnige dem Blinden zu gewähren vermag. — Wenn auch die Augen des Körpers bei ihm geſchloſſen, 202 ſo ſind doch ohne Zweifel die Augen ſeines Geiſtes offen, und er wird mir es Dank wiſſen, wenn ich mich mit ihm in Verbindung ſetze.“ „Ich zweifle nicht daran,“ ſagte der Doctor, während der arme Irrſinnige mit melancholiſchem Geſichte das häßliche Geſicht des Schulmeiſters mitleidig betrachtete und mit ſeiner ſanften Stimme wiederholte: — Erdbeeren! — Erdbeeren! — Erdbeeren! „Dieſer Irre,“ ſagte der Doctor zu Madame Georges, welche den Schulmeiſter mit Grauen betrachtete, „hat, ſeit er hierherge⸗ kommen, kein anderes Wort geſprochen, und ich habe es noch nicht ergründen können, welches geheimnißvolle Ereigniß ſich an dieſe einzigen Worte knüpft, die er ausſpricht.“ „Gott, Mutter,“ ſagte Germain zu Madame Georges, „wie niedergebeugt dieſer Blinde ausſieht!“ „Ja, mein Sohn,“ antwortete Mad. Georges, „mein Herz wird beklommen. — Ach, wie traurig iſt es, Menſchen in ſolchem Zuſtande zu ſehen.“ Mad. Georges hatte dieſe Worte kaum ausgeſprochen, als der Schulmeiſter zuſammenfuhr; ſein zerriſſenes Geſicht erbleichte unter den Narben, er ſtand auf und wendete ſo raſch das Geſicht nach der Seite, wo die Mutter Germains ſtand, daß dieſe einen Ausruf des Schreckens nicht unterdrücken konnte, ob ſie gleich nicht wußte, wer dieſer Unglückliche war. Der Schulmeiſter hatte die Stimme ſeiner Frau erkannt, und die Worte der Madame Georges bewieſen ihm, daß ſie mit ihrem Sohne ſpreche. „Was iſt Dir, Mutter?“ fragte Germain. „Nichts, mein Sohn, — aber die Bewegung dieſes Mannes, der Ausdruck ſeines Geſichtes, alles das hat mich erſchreckt. — 203 Verzeihen Sie meine Schwäche,“ ſetzte ſie zu dem Doctor hinzu, „ich bedaure faſt, meiner Neugierde nachgegeben und meinen Sohn begleitet zu haben.“ „Es iſt nichts zu bedauern, Mutter — „Gewiß kommen wir Alle nicht wieder —— Germainchen, nicht wahr?“ ſagte Lachtaubt; „es iſt zu traurig; es geht Einem ans Herz.“ „Du biſt ein kleiner Haſenfuß. Nicht wahr, Herr Doctor,“ ſagte Germain lächelnd, „meine Frau iſt ſehr furchtſam?“ „Ich geſtehe,“ antwortete der Arzt, „daß der Anblick dieſes unglücklichen blinden Stummen ſogar mich ergriffen hat, der ich doch viel Elend geſehen habe.“ „Was für eine Fratze, he, Alter?“ ſagte Anaſtaſia leiſe. „Nun, neben Dir kommen mir doch alle Männer ſo häßlich vor wie dieſer ſchreckliche Menſch da. Deshalb kann ſich auch keiner rühmen, — Du verſtehſt mich ſchon, Alfred!“ „Von dem Geſichte träume ich, — ich bekomme den Alp —“ „Wie geht es, lieber Mann?“ ſagte der Doctor zu dem Schulmeiſter. Der Schulmeiſter blieb ſtumm. „Sie hören mich nicht?“ fuhr der Doctor fort, indem er ihn leicht auf die Achſeln klopfte. Der Schulmeiſter antwortete nicht und eß den Kopf ſinken; nach einigen Augenblicken fiel aus ſeinen blickloſen Augen eine Thräne. „Er weint —,“ ſagte der Doctor. „Armer Mann!“ ſetzte Germain mitleidig hinzu. Der Schulmeiſter ſchauderte; er vernahm von neuem die Stimme ſeines Sohnes. — Sein Sohn äußerte Mitleiden mit ihm. 204 „Was iſt Ihnen? Was betrübt Sie?“ fragte der Doctor. Der Schulmeiſter antwortete nicht, ſchlug aber beide Hände über ſein Geſicht. „Wir werden nichts von ihm erfahren,“ ſagte der Doctor. „Laſſen Sie mich, ich werde ihn tröſten,“ ſiel der gelehrte Irre ernſt und wichtigthuend ein. „Ich werde ihm beweiſen, daß alle Arten rechtwinkeliger Flächen, in denen die drei Syſteme iſo⸗ thermiſch ſind, 1) die der Flächen der zweiten Ordnung, 29 die der Ellipſolden der Umdrehung um die kleine und die große Achſe, 3) die — aber nein,“ unterbrach ſich der Irre nach einigem Nach⸗ den, „ich werde ihn von dem Planetenſyſteme unterhalten.“ Dann wendete er ſich an den jungen Geiſteskranken, der noch immer vor dem Schulmeiſter kniete, und ſagte: „geh weg da — mit Deinen Erdbeeren!“ „Mein Sohn,“ ſagte der Arzt zu dem jungen Kranken, „Einer nach dem Andern von Euch muß den armen Mann da führen und unterhalten. Laß jetzt Deinen Cameraden da an Deine Stelle.“ Der junge Irre gehorchte ſogleich, ſtand auf, ſah ſchüchtern den Doctor mit ſeinen großen blauen Augen an, bezeigte ihm ſeine Ehrfurcht durch eine Verbeugung, winkte dem Schulmeiſter Ab⸗ ſchied zu und entfernte ſich, während er mit kläglicher Stimme rief: — Erdbeeren! — Erdbeeren! Der Doctor bemerkte den peinlichen Eindruck, den dieſer Auf⸗ tritt auf Mad. Georges machte, und ſagte: Wir kommen nun zum Glück zu Morel, und wenn meine Hoffnung mich nicht trügt, werden Sie ſich erheitert fühlen durch den Anblick des Mannes, der ſeiner würdigen Frau und Tochter zurückgegeben werden kann.“ und der Arzt ging mit den ihn begleitenden Perſonen weiter. 205 Der Schulmeiſter blieb allein mit dem verruckten Gelehrten, der anfing, ihm ſehr gelehrt und ſehr beredt den impoſanten Lauf der Geſtirne zu erklären, welche ſtill einen ungeheuern Bogen am Himmel beſchreiben, deſſen Normalzuſtand die Nacht iſt — Aber der Schulmeiſter hörte nicht auf ihn. Er dachte mit tiefer daran, daß er die Stimme ſeines Sohnes und ſeiner Frau nicht wieder hören würde. Da er überzeugt war von dem gerechten Abſcheu, den er ihnen einflößte, von dem Unglücke, der Schande und dem Entſetzen, in die ſie die Offenbarung ſeines Namens ſtürzen müßte, ſo würde er lieber tauſendfachen Tod erduldet, als ſich ihnen entdeckt haben. — Ein einziger, ein letzter Troſt war ihm geblieben: er hatte einen Augen⸗ blick ſeinem Sohne Mitleiden eingeflößt. Und unwillkührlich gedachte er jener Worte, die Rudolph zu ihm geſprochen, ehe er die ſchreckliche Strafe vollziehen ließ: „Jedes Deiner Worte iſt eine Gottesläſterung, — jedes Deiner „Worte wird ein Gebet ſein, — Du biſt kühn und grauſam, weil „Du ſtark biſt; Du wirſt ſanft und demüthig werden, weil Du „ſchwach ſein wirſt. — Dein Herz iſt der Reue verſchloſſen, — „eines Tages wirſt Du Deine Opfer beweinen. — Du haſt den „Verſtand entwürdigt, den Gott in Dich gelegt, Du haſt ihn er⸗ „niedrigt zu einem Raub⸗ und Mordinſtinct; aus einem Menſchen „haſt Du Dich zu einem wilden Thiere gemacht, — eines Tages „wird ſich Dein Geiſt durch die Reue wieder ſtärken und durch die „Buße aufrichten. — Du haſt ſelbſt das nicht geachtet, was die „wilden Thiere achten, — ihr Weibchen und ihr Junges; nach einem „langen der Buße für Deine Verbrechen gewidmeten Leben wird „Dein letztes Gebet Gott anflehen, Dir das unverhoffte und unver⸗ 206 „diente Glück zu gewähren, zwiſchen Deiner Frau und Deinem „Sohne zu ſterben —“ „Wir gehen an dem Hofe der Blödſinnigen vorüber und ge⸗ langen zu dem Gebände, in welchem ſich Morel befindet,“ ſagte der Doetor, indem er aus dem Hofe trat, in welchem der Schul⸗ meiſter ſaß. CILX. Morel, der Steinſchneid er. 2 G. der Traurigkeit, in die ſie der Anblick der Irren verſetzt hatte, blieb Madame Georges doch unwillkührlich vor einem ver⸗ gitterten Hofe ſtehen, in welchem ſich die unheilbaren Blödfinnigen befanden. Arme Geſchöpfe, die oft nicht einmal den Inſtinct des Thieres haben und deren Herkunft man faſt immer nicht kennt! Allen und ſich ſelbſt unbekannt, ſchleichen ſie ſo durch das Leben, ohne etwas von Gefühlen und Gedanken zu wiſſen, und haben nur die beſchränk⸗ teſten thieriſchen Bedürfniſſe. Die häßliche Verbindung der Armuth und der Ausſchweifung in den widerwärtigſten ſtinkendſten Höhlen bringt gewöhnlich dieſe entſetzliche Entartung des Menſchengeſchlechts hervor, die im all⸗ gemeinen die armen Claſſen trifft. Wenn im Allgemeinen der Irrſinn dem oberflächlichen Beob⸗ achter ſich nicht auf den erſten Blick in dem Geſichte des Geiſtes⸗ kranken zeigt, ſo iſt es leider! nur zu leicht, die phyſiſchen Kenn⸗ zeichen des Blödſinnes zu erkennen. 208 Der Doctor Herbin hatte nicht nöthig, Madame Georges auf den Ausdruck von Verthierung, von dummer Gefühlloſigkeit oder blödſinnigem Vorſichhinſtieren aufmerkſam zu machen, welcher den Zügen dieſer Unglücklichen ein zugleich häßliches und widerwärtiges Ausſehen gab. Faſt alle trugen lange, ſchmutzige, zerriſſene Kutten, denn trotz der äußerſten Wachſamkeit kann man dieſe Geſchöpfe, welche Inſtinct und Vernunft entbehren, nicht hindern, ihre Klei⸗ dungsſtücke zu zerreißen und zu beſchmutzen, indem ſie wie Thiere in dem Schmutze der Höfe kriechen und ſich wälzen, in denen ſie ſich den Tag über aufhalten. Einige hatten ſich in den dunkelſten Winkeln eines S der ſie ſchützte, zuſammengekauert, neben und übereinandergelegt wie Thiere in Höhlen, und ließen ein gewiſſes dumpfes fortwähren⸗ des Röcheln hören. Andere lehnten unbeweglich und ſtumm an der Mauer und ſahen ſtier in die Sonne. Ein übermäßig feiſter alter Mann ſaß auf einem hölzernen Stuhle und verzehrte ſein Gericht mit thieriſcher Gier, indem er ſich unwillig nach allen Seiten hin umſah. Einige gingen raſch in einem kleinen Raume im Kreiſe herum, und dieſer ſeltſame Lauf dauerte ohne Stunden lang fort. Andere ſaßen auf der Erde, wiegten ſich unaufhörlich, indem ſie ihren Oberkörper bald vor, bald rückwärts bogen und unter⸗ brachen dieſe einförmige Bewegung nur, um laut aufzulachen in dem kreiſchenden, tief aus der Kehle kommenden Lachen des Blödſinns. Noch Andere endlich öffneten in völliger Stumpfheit die Augen nur während der Eſſenszeit und bliehen träge, wie leblos, taub, ————— 209 ſtumm, blind, ohne daß ein Laut oder eine Geberde das Leben in ihnen verrathen hätte. — Der gänzliche Mangel an mündlicher oder verſtändlicher Mit⸗ theilung iſt eines der traurigſten Kennzeichen einer Geſellſchaft von Blödſinnigen; die Irren ſprechen doch wenigſtens, wenn auch ihre Worte und Gedanken keinen Zuſammenhang haben, ſie erkennen einander, ſuchen einander auf; unter den Blödſinnigen dagegen herrſcht eine ſtupide Gleichgiltigkeit, ein ſcheues Abſondern. — Nie hört man ſie ein articulirtes Wort ausſprechen, nur rohes Lachen oder Aechzen oder Geſchrei hört man bisweilen, das nichts Menſch⸗ liches hat; kaum kennen einige Wenige unter ihnen ihre Aufſeher. Und doch, man muß es mit Bewunderung, mit Achtung für den Menſchen ſagen, doch werden dieſe Unglücklichen, die gar nicht mehr zu unſerm Geſchlechte, ja wegen des gänzlichen Mangels an Geiſtes⸗ kräften nicht einmal zu dem Thiergeſchlechte zu gehören ſcheinen, dieſe unheilbaren Geſchöpfe, die mehr von den Mollusken haben und doch oft lange Jahre leben und alt werden, mit einer Sorg⸗ falt gepflegt, von der ſie nicht einmal ein Bewußtſein haben. Es iſt ohne Zweifel ſchön, ſo das Prinzip der Menſchenwürde ſelbſt in dieſen Unglücklichen zu ehren, die von dem Menſchen nur die äußere Hülle haben, aber, wir wiederholen es immer, man ſollte auch an die Würde derjenigen denken, die, mit allem ihrem Verſtande begabt, eifrig und thätig ſind und die Kraft des Staates bilden; man ſollte ſie zum Bewußtſein ihrer Würde bringen, indem man ſie ermuthigt und ſie belohnt, wenn ſie ſich durch die Liebe zur Arbeit, durch Ergebung und Rechiſch affenheit äußerte, kurz man ſollte nicht mit einem halborthodoren Egoismus ſagen: wir wollen hier unten ſtrafen, oben wird Gott belohnen. Die Geheimniſſe von Paris. VIII. 14 „Die armen Menſchen!“ ſprach Madame Georges, indem ſie dem Doctor folgte, nachdem ſie einen letzten Blick in den Hof der Blödſinnigen geworfen hatte; „es iſt recht traurig, wenn man weiß, daß es gegen ihre Leiden keine Heilmittel giebt.“ „Leider, keins, Madame,“ antwortete der Dortor, „beſonders wenn ſie ſchon zu dieſem Alter gelangt ſind, denn die blödſinnigen Kinder erhalten jetzt, Dank ſei es den Forſchritten der Wiſſen⸗ ſchaft, eine Art Erziehung, die wenigſtens das Atom von unvoll⸗ ſtändigem Verſtande entwickelt, das ſie bisweilen beſitzen. Wir haben hier eine Schule“), die mit eben ſo großer Ausdauer wie Scharfſinn geleitet wird und bereits ſehr befriedigende Reſultate gegeben hat; durch äußerſt finnreiche und ausſchließlich für ihren Zuſtand berechnete und geeignete Mittel übt man gleichzeitig den Körper und die Seele dieſer armen Kinder, und Viele bringen es dahin, daß ſie die Buchſtaben, die Jahlen kennen, die Farben unter⸗ ſcheiden lernen; man hat es ſelbſt möglich gemacht, ſie im Chore ſingen zu laſſen, und ich gebe Ihnen die Verſicherung, Madame, es liegt ein gewiſſer trauriger und rührender Reiz darin, dieſe kläglichen, bisweilen ſchmerzlichen Stimmen in einem Liede, deſſen Wotrte ſie nicht verſtehen, zum Himmel ſich erheben zu hören. — Doch wir ſind hier an dem Gebäude, in dem ſich Morel befindet. — Ich habe empfohlen, ihn dieſen Morgen allein zu laſſen, damit der Eindruck, den ich auf ihn hervorzubringen hoffe, deſto tiefer greife.“ „Worin beſteht ſein Irrſinn?“ fragte Madame Georges leiſe den Arzt, um nicht von Louiſen verſtanden zu werden. „Er bildet ſich ein, wenn er den Tag nicht dreizehnhundert *) Es iſt dies eine der merkwürdigſten und intereſſanteſten Anſtalten. 211 Franes verdiene, um eine Schuld an einen gewiſſen Notar Ferrand bezahlen zu können, müſſe Loniſe wegen Kindesmordes auf dem Schaffot ſterben.“ „Ach, Herr Doctor, dieſer Notar — war ein Unmenſch!“ ſprach Madame Georges. — „Louiſe Morel und ihr Vater ſind nicht ſeine einzigen Opfer, — er hat auch meinen Sohn mit un⸗ erbittlichem Eifer verfolgt.“ „Louiſe Morel hat mir Alles erzählt, Madame,“ entgegnete der Doctor; „Gott ſei Dank, der Elende iſt todt! Aber warten Sie einen Augenb hie, ich will hineingehen und ſehen, wie ſich Morel befinde ann wendete er ſich an die Tochter des Stein⸗ ſchneiders und ſu e: „Ich bitte Sie, merken Sie recht genau auf, Louiſe; ſobald ich rufen werde: herein! müſſen Sie erſcheinen, aber allein. — ich zum zweiten Male: herein! ſo treten die Uebri⸗ 3 gen ein. „Ach das Herz iſt mir beklommen,“ antwortete Louiſe, die ihre Au mißlänge! „Ich hoffe, retten wird. Ich bereite ihn ſchon ſeit langem vorz alſo higen Sie ſich und denken Sie an das, was ich Ihnen empfohlen habe.“ Der Doctor trat in ein Stübchen hinein, deſſen vergitterte Fenſter in einen Garten ſahen. In Folge der Ruhe, der geſunden Koſt und der Abwartung war das Geſicht des Steinſchneiders Morel nicht mehr bleich, fahl und eingefallen, ſondern leicht geröthet und zeugte von wieder er⸗ langter Geſundheit; aber ein melancholiſches Lächeln und etwas Stieres in ſeinem Blicke verriethen, daß ſein Geiſt noch nicht wieder gänzlich geneſen ſei. ocknete. er Vater! wenn auch dieſer Verſuch 14 * Als der Doctor eintrat, ſaß Morel gebengt vor einem Tiſche, bewegte den einen Arm, als ſei er mit ſeiner gewöhnlichen Arbeit beſchäftigt, und ſprach vor ſich hin: „Dreizehnhundert Franes — dreizehnhundert Francs — oder Lyuiſe muß auf das Schaffot. — Dreizehnhundert Francs! Arbeiten, — arbeiten, — arbeiten!“ Dieſer Anfall, der bis dahin immer ſeltener und ſeltener vor⸗ gekommen, war immer das erſte Symptom ſeines Wahnſinns ge⸗ weſen. Der Arzt, dem es anfangs leid that, Morel in dieſem Augenblicke gerade unter dem Einfluſſe ſeiner e zu finden, faßte bald Soffung, dieſen Wmſtanp ſeinch L ſchäftigt war und die Ankunft des Dortors ni „Es iſt nun genug gearbeitet, mein lieber M — Sie haben endlich die dreizehnhundert Frane i tung Louiſens brauchen; da ſind Und der Doctor legte die Handvo „Louiſe iſt gerettet!“ rief der S aus, indem er das Geld gierig zuſammenraffte. „Ich laufe nun gleich zu dem Notar.“ Damit ſtand er auf und ging nach der Thüre zu. „Herein!“ rief der Doctor in geſpannter Erwartung, denn die augenblickliche Heilung des Steinſchneiders konnte von dieſem erſten Eindrucke abhängen. Kaum hatte er „Herein!“ gerufen, als Louiſe in dem blicke, da Morel hinauswollte, in der Thüre erſchien. Morel prallte erſtaunt einige Schritte zurück und ließ das Gold fallen. 213 Einige Minuten betrachtete er Lyuiſe verwundert, denn er er⸗ kannte ſie noch nicht. Doch ſchien er ſich zu bemühen, ſeine Er⸗ innerungen zu ſammeln, dann trat er näher an ſie — allmälig, und ſah ſie mit ſcheuer, unruhiger Neugierde an. Louiſe, die vor innerer Bewegung zitterte, konnte kaum ihre Thr änen zurückhalten, während der Arzt, der ihr durch eine Geberde empfahl zu ſchweigen, aufmerkſam alle Bewegungen in den Zügen des Steinſchneiders beobachtete. Dieſer bog ſich noch immer zu ſeiner Tochter hin und begann zu erbleichen; er ſtrich mit beiden Händen über die ſchweißbedeckte Stirn, dann trat er wieder einen Schritt an ſie und wollte ſie an⸗ reden; aber die Stimme erſtarb ihm auf den Lippen, ſeine Bläſſe nahm zu, und er ſah ſich verwundert um, als wenn er allmälig aus einem Traume erwache. „Gut — gut!“ ſagte der Doctor leiſe zu Louiſen. „Das iſt ein gutes Zeichen; wenn ich nun wieder ſage: „herein!“ ſo ſinken Sie ihm in die Arme und ihn Vater.“ Der Steinſchneider legte die Hände auf die Bruſt, indem er ſich, wenn ich ſo ſagen darf, vom Kvpfe, bis zu den Füßen betrachtete, als wolle er ſich überzeugen, ob er auch wirklich er ſei. Seine Züge drückten eine ſchmerzliche Ungewißheit aus; ſtatt ſeine Augen auf ſeine Tochter zu richten, ſchien er ſich den Blicken derſelben entziehen zu wollen. Dann ſprach er mit leiſer Stimme und langſam: „Nein! — — ein Traum! — Wo bin ich? — Un⸗ möglich! — Ei „— ſie iſt es nicht.“ Und als ſeine Blicke auf die G auf dem Fußboden umher fielen, fuhr er fort: „Und dieſes Gold, — ich erinnere mich nicht. — Ich wache doch? Es geht Alles im Kreiſe mit mir herum, — ich wage nicht hinzuſehen, — ich ſchäme mich, — es iſt nicht Louiſe —“ 214 „Herein!“ rief der Doctor laut. Mein Vater — erkenne mich doch, — ich bin Louiſe, Deine Tochter!“ ſprach ſie, und die Thränen rannen ihr über die Wangen, und ſie ſank in die Arme des Steinſchneiders, als eben die Frau Morels, Lachtaube, Madame Georges, Germain und die Pipelets hereintraten. „Mein Gott!“ rief Morel aus, den Luuiſe liebkoſte, — „wo bin ich? was will man von mir? — was iſt geſchehen? — ich kann es nicht glauben.“ — Nach einer Pauſe nahm er ſodann den Kopf Louiſens zwiſchen ſeine beiden Hände, ſah ſie unverwandt an und rief, während ſeine Bruſt ſich höher und höher hobs „Louiſe!“ i „Er iſt gerettet!“ ſprach der Doctor. „Mein Mann, mein armer Morel!“ rief die Frau des Stein⸗ ſchneiders, indem ſie auch zu ihm trat. n „Meine Frau!“ ſprach Morel, — „meine Frau und meine Tochter!“ „Und ich auch, Herr Morel,“ fiel Lachtaube ein; „alle Ihre Freunde ſind da.“ 1 ſei pi unnn „Alle Ihre Freunde! Schen Sie nur, Herr Morel,“ ſetzte Germain hinzu. ſn Mannſell Lachtaube! Herr Germain!“ ſagte der Steinſchneider, der alle Anweſenden mit neuem Staunen ertan un n „und die alten Freunde aus der Portierſtube!“ ſagte Anaſtaſia, vie auch mit Alfred hinzutrat; „da ſind aue Pipelets, — die alten Pipelets, Freude auf Leben und Tod! Sie weg, Vater Morel! Das iſt ein ſchöner Tag!“ Fio anft „Herr Pipelet — und ſeine Frau! Soviel Leute bei mir! Es kommt mir ſo lange vor — Und — aber — aber, Du biſt es, Louiſe — nicht wahr?“ rief er nochmals aus und ſchloß ſeine Tochter entzückt in ſeine Arme. „Du biſt es, Louiſe? gewiß?“ „Ja, armer Vater, ich bin es, und da iſt meine Mutter, da ſind alle Deine Freunde, und Du wirſt uns nicht mehr verlaſſen. Wir werden keinen Kummer mehr haben, ſondern glücklich, ganz glücklich ſein.“ „Glücklich! — Aber, wartet, ich muß mich erſt beſinnen. — Es iſt mir doch, als hätte man Dich in das Gefängniß abführen wollen, Louiſe —“ „Ja, Vater, aber ich bin aus dem Gefängniſſe entlaſſen, frei⸗ geſprochen, ich bin ja hier — bei Dir.“ „Wartet, — wartet, — ich beſinne mich.“ Dann fuhr der Steinſchneider mit Schrecken fort: „und der Notar?“ „Iſt todt, todt, Vater,“ flüſterte Lyuiſe. „Todt! Er! Dann, ja, nun glaube ich Dir, dann können wir glücklich ſein. — Aber wo bin ich? Wie bin ich hierher gekommen? wie lange bin ich hier — und warum? Ich erinnere mich nicht —“ „Sie waren ſo krank,“ antwortete der Arzt, „daß man Sie hierher — aufs Land gebracht hat. Sie hatten ein — ſehr heft 5. Fieber und — redeten irre.“ „Ja, — ja, ich erinnere mich — des letzten Umſtandes — vor meiner Krankheit. — Ich ſprach mit meiner Tochter und — — wer doch? — ach ja, ein ſehr edler Mann, Herr Rudolph, ver⸗ hinderte, daß ich verhaftet wurde. — Was von da an geſchehen iſt, weiß ich nicht.“ „Ihre Krankheit — war mit einem Schwinden des Gedächt⸗ niſſes verbunden,“ ſagte der Arzt. „Der Anblick Ihrer Tochter, Ihrer Frau und Ihrer Freunde hat Ihnen daſſelbe wiedergegeben. 6 „Und hei wem bin ich hier? 216 „Bei einem Freunde — des Herrn Rudolph,“ entgegnete Germain ſchnell; „man glaubte, dieſe Luftveränderung würde vor⸗ theilhaft für Sie ſein.“ „Sehr gut!“ ſagte leiſe der Arzt, der ſich dann zu einem Aufſeher wendete und hinzuſetzte: „Schicken Sie den Fiacre an das Gäßchen am Garten, damit er nicht durch die Höfe zu fahren braucht.“ Morel erinnerte ſich, wie dies nach Geiſteskrankheiten bisweilen der Fall iſt, durchaus nicht an ſein Irrſein. Was ſollen wir noch mehr ſagen? Nach einigen Augenblicken ſtieg Morel, geführt von ſeiner Frau und Tochter und in der Begleitung eines Unterarztes, den der Doctor aus Vorſorge bis Paris mit⸗ ſchickte, in den Fiaere und verließ Bicétre, ohne zu ahnen, daß er als Verrücktre dageweſen. „Sie halten den armen Mann für vollkommen geheilt?“ fragte Madame Georges den Doctor, der ſie bis an das Hauptthor von Bicötre begleitete. „Ich glaube es und wollte ihn abſichtlich unter dem heilſamen k Einfluſſe der Wiedervereinigung mit ſeiner Familie laſſen, von der ich ihn zu trennen fürchtete. Uebrigens wird ihn einer meiner Schüler nicht verlaſſen und das Verhalten angeben, das nun zu befolgen ſein wird. Ich ſelbſt werde ihn alle Tage beſuchen, bis ſeine Geneſung vollendet iſt, denn ich nehme nicht blos innigen An⸗ theil an ihm, er iſt mir auch bei ſeiner Ankunft in Bicötre durch den Geſchäftsträger des i von Gerolſtein beſonders empfohlen worden.“ Germain und ſeine Mutter ſahen einander bedeutungsvoll an. „Ich danke Ihnen, Herr Doctor,“ ſagte Madame Georges, * „für Ihre Güte, mit der Sie mir erlaubt haben, dieſe ſchöne An⸗ ſtalt zu beſuchen, und wünſche mir Glück, der rührenden Scene bei⸗ gewohnt zu haben, die Ihre Wiſſenſchaft ſo geſchickt vorbereitet hatte.“ „Ich freue mich, Madame, doppelt über den Erfolg, der einen ſo vortrefflichen Mann ſeiner Familie zurückgiebt.“ Einige Minuten ſpäter hatten Madame Georges, Lachtaube und Germain wie Herr und Madame Pipelet Bicétre ebenfalls verlaſſen. In dem Augenblicke, als Doctor Herbin wieder in dem Hofe erſchien, begegnete ihm ein höherer Beamter der Anſtalt, der zu ihm ſagte: „Lieber Doctor, Sie können ſich nicht vorſtellen, welchem Auf⸗ tritte ich beigewohnt habe! Für einen Bevbachter wie Sie würde dies eine unerſchöpfliche Quelle geweſen ſein.“ „Welcher Auftritt? „Sie wiſſen, daß wir zwei zum Tode verurtheilte Frauen⸗ zimmer hier haben, Mutter und Tochter, die morgen hingerichtet werden ſollen.“ „Ja. „Ich habe in meinem Leben eine ſolche Frechheit und Kalt⸗ blütigkeit nicht geſehen wie bei dieſer Mutter. Sie iſt ein teufliſches Weib.“ „Die Wittwe Martial gewiß, die während der gerichtlichen Verhandlungen ſich ſo frech und roh benahm?“ „Dieſelbe.“ „Und was hat ſie noch gethan?“ „Sie verlangte mit ihrer Tochter bis zu ihrer Hinrichtung in 218 Einen Kerker eingeſchloſſen zu werden. Man bewilligte ihr Geſuch. Ihre Tochter, die weit weniger verſtockt und verhärtet iſt, ſcheint weicher zu werden, je näher der letzte Angenblick kommt, während die diabvliſche Frechheit der Wittwe womöglich noch zunimmt. Eben trat der ehrwürdige Gefängnißgeiſtliche in ihren Kerker, um ihnen die Tröſtungen der Religion zu bringen. Die Tochter wollte die⸗ ſelben annehmen, die Mutter aber, die keinen Augenblick ihre eis⸗ kalte Ruhe verlor, überhäufte ſie und den Geiſtlichen mit ſo entſetzlichem Hohn und Spott, daß der ehrwürdige Mann den Kerker verlaſſen mußte, nachdem er vergebens verſucht hatte, einige fromme Worte vor der unbändigen Frau zu ſprechen.“ „Am Tage vor der Hinrichtung! Eine ſolche Frechheit iſt aller⸗ dings teufliſch,“ ſagte der Doctor. „Uebrigens iſt es eine Familie, die gleichſam von dem alten Fatum verfolgt wird. — Der Vater iſt auf dem Schaffot geſtorben, ein Sohn iſt im Zuchthauſe, ein anderer, der ebenfalls zum Tode verurtheilt war, iſt vor Kurzem entwichen. Nur der älteſte Sohn und zwei jüngere Kinder ſind dieſer ſchrecklichen Peſt entgangen. Dennoch hat dieſes Weib dieſen älteſten Sohn, den einzigen ehr⸗ lichen Menſchen in der ſchrecklichen Familie, auf morgen früh zu ſich beſchieden, um ihm ihren letzten Willen mitzutheilen.“ „Welches Wiederſehen!“ „Wollen Sie ihm nicht beiwohnen?“ „Offen geſtanden, nein. — Sie kennen meine Anſichten über die Todesſtrafe, und ich bedarf keines neuen ſchrecklichen Schauſpieles, um mich darin noch mehr zu beſtärken. Wenn dieſe entſetzliche Frau ihren unbändigen Charakter bis auf das Schaffot beibehält, welches beklagenswerthe Schauſpiel für das Volk!“ „Es iſt bei dieſer zweifachen Hinrichtung noch etwas, was mir N — v — — 219 ſeltſam vorkommt, nämlich der Tag, welchen man dazu gewählt hat. 2 „Wie ſo?“ „Es iſt heute Mitfaſten.“ „Nun?“ „Morgen findet die Hinrichtung um ſieben Uhr Statt. — Schaaren von Masken, welche die Nacht über auf Bällen vor den Barriören verbracht haben, werden ſich nothwendig mit dem Zuge zum Schaffot kreuzen.“ „Sie haben Recht, — es giebt dies einen häßlichen Contraſt.“ „Ungerechnet, daß man von dem Richtplatz, Barrière St. Jacob, aus die Muſik in den Wirthshäuſern umher hören wird, denn an dieſen Orten tanzt man, um den letzten Tag des Carneval zu feiern, bis zehn und elf Uhr früh.“ Am andern Morgen ging die Sonne ſtrahlend auf. Um vier Uhr früh beſetzten mehrere Infanterie⸗ und Cavgllerie⸗ Pikets die Zugänge von Bicétre. Wir führen den Leſer in den Kerker, in velchtm ſ ich die Wittwe des Gerichteten mit ihrer Tochter S d. CNLXRI. Die Toilette. hn Bicötre führte ein dunkler Gang, in dem ſich nur hier und da einige vergitterte Fenſter befanden, in den Kerker der zum Tode Verurtheilten. Der Kerker erhielt ſein Licht nur durch eine Oeffnung im obern Theile der Thüre, welche auf den eben erwähnten auch lich dunkeln Gang ging. . In dieſem Kerker mit niedriger Decke feuchten und grünlichen Wänden und kaltem ſteinernen Fußboden iſt die Wittwe Martial mit ihrer Tochter eingeſperrt. Das eckige Geſicht der Wittwe des Gerichteten erſcheint hart, ſtarr und bleich wie ein Marmorbild in dem Halbdunkel, das in dieſem Kerker herrſcht. 8 Da ſie die Hände nicht gebrauchen kann, denn ſie trägt über ihrem ſchwarzen Kleide die Zwangsjacke, eine Art Kutte von gro⸗ bem grauen Zeuge, die auf dem Rücken zuſammengeſchnürt und deren Aermel ſich wie Säcke endigen und zugezogen werden, ſo verlangt ſie, daß ihr die Haube abgenommen werde, weil ſie eine — 22¹ drückende Wärme beläſtige. — Ihr graues Haar fällt auf die Achſeln herab. So ſitzt ſie auf ihrem Bett, ſtützt die Füße auf den ſteinernen Fußboden und ſieht unverwandt ihre Tochter an, welche ſich an dem entgegengeſetzten Ende des Kerkers befindet. Dieſe trägt ebenfalls die Zwangsjacke und lehnt ſich in halb⸗ liegender Stellung an die Wand. Ihr Kopf iſt auf die Bruſt ge⸗ ſunken, ſie athmet kurz, und die Augen ſtarren ſtier gerade aus. Bis auf ein krampfhaftes Zittern, das von Zeit zu Zeit ihre untere Kinnlade bewegt, ſehen ihre Züge ziemlich ruhig aus, trotz der blei⸗ chen Farbe des Geſichtes. Am Ende des Kerkers neben der Thüre, unter der Oeffnung in der Thüre, ſitzt ein mit dem Kreuze der Ehrenlegion geſchmückter Veteran mit rauhem, ſonnverbrannten Geſicht, kahlem Scheitel und langem grauen Schnurrbarte auf einem Stuhle. Er bewacht die Gefangenen. „Es iſt eiskalt hier! Und doch brennen mir die Augen, und dann habe ich Durſt, immer Durſt!“ ſagte die Tochter der Wittwe nach einigen Augenblicken. Dann wendete ſie ſich an den Veteranen und ſetzte hinzu: „Waſſer, wenn Sie ſo gefällig ſein wollen!“ Der alte Soldat ſtand auf, nahm von einer Bank einen zinner⸗ nen Krug voll Waſſer, ſchenkte daraus ein Glas voll, trat zu dem Mädchen und ließ dieſelbe langſam trinken, da ſie ſich wegen der Zwangsjacke der Hände nicht bedienen konnte. Nachdem ſie getrunken hatte, ſagte ſie: „Ich danke Ihnen.“ „Wollen Sie trinken?“ — fragte der Soldat die Wittwe. Dieſe machte ein verneinendes Zeichen. Der Veteran ſetzte ſich wieder nieder. Es trat eine neue lange Pauſe ein. 222 „Welche Zeit iſt es?“ fragte das Mädchen. „Bald halb fünf Uhr,“ antwortete der Soldat. „In drei Stunden!“ fuhr das Mädchen mit ſchauerlichem er⸗ zwungenen Lächeln fort und deutete ſo die zu ihrer Hinrichtung beſtimmte Zeit an. — „In drei Stunden! — Sie wagte nicht weiter zu ſprechen. Die Wittwe zuckte die Achſeln. — Die Tochter errieth die Gedanken ihrer Mutter und ſprach: „Mutter — Du haſt mehr Muth als ich. — Du nie ſchwach — nie.“ „Nie!“ „Ich weiß es, — ich ſehe es. — Dein Geſicht iſt 5 vuhig, als wenn Du am Heerde in unſerer Küche ſäßeſt und nähteſt. — Ach, dieſe gute Zeit iſt vorbei!“ t Schwatze nicht!“ „Stutt da ſr ſitzen und nur zu denken — ſpreche lieber, will ich lieber — „Dich betäuben, Memme!“ „Wenn dies nun auch wäre! Es veſitt nicht Jedermann Dei⸗ nen Muth, Mutter. — Ich habe mein Mögliches gethan, um Dir gleich zu ſein, habe nicht auf den Geiſtlichen gehört, — weil Du es nicht gern ſaheſt. — Ich habe aber doch vielleicht nicht Recht daran gethan, denn“ — die Verurtheilte e — „nachher — wer weiß? — und nachher iſt bald, in — „In drei Stunden.“ „Wie kaltblütig Du das ausſprichſt, Mutter! Mein Gott! Mein Gott! Und es iſt doch wahr, daß wir beide — nicht krank ſind, nicht ſterben möchten und — nach drei Stunden —“ „Nach drei Stunden biſt Du geſtorben als eine ächte Martial! 23 Es iſt Dir ſchwarz vor den geworden, das iſt Alles. — Miiht Muth!“ „Es iſt nicht Recht, daß Sie ſo mit Ihrer Tochter ſprechen,“ ſiel der alte Soldat mit langſamer, tiefer Stimme ein. „Sie wür⸗ den beſſer gethan haben, wenn Sie den Geiſtlichen mit ihr reden ließen!“ Die Wittwe zuckte von neuem verächtlich die Achſeln und ſprach weiter zu ihrer Tochter, ohne nur nach dem Veteranen hinzuſehen: „Muth, meine Tochter! Wir wollen zeigen, daß Weiber mehr Herz im Leibe haben, wie die Männer — mit Ihren Die Memmen!“ „Der Commandant Lebleu war der tapferſte Officier des dritten Jägerregiments. Ich habe ihn in der Breſche zu Saragoſſa von Wunden bedeckt ſich bekreuzigend ſterben ſehen,“ ſagte der Veteran. „Waren Sie ſein Sacriſtan?“ fragte die Wittwe wild und höhniſch auflachend. „Ich war ſein Soldat,“ antwortete der Veteran mild. „Ich wollte Ihnen nur ſagen, daß man bei dem Sterben auch beten kann, ohne feig zu ſein.“ Die Tochter der Wittwe ſah den Mann mit ſonnverbranntem Geſichte, ein vollendetes Muſterbild der Soldaten aus dem Kaiſer⸗ reiche, aufmerkſam an; eine tiefe Narbe zog ſich über ſeine linke Wange und verlor ſich in dem grauen Schnurrbart. Die einfachen Worte des Veteranen, deſſen Züge, Wunden und rothes Band im Knopfloche die ruhige und in Schlachten erprobte Tapferkeit zu verrathen ſchienen, machten einen tiefen Eindruck auf das Mädchen. Sie hatte die Tröſtungen des Geiſtlichen mehr aus falſcher Scham und aus Furcht vor dem Hohne ihrer Mutter, als aus Verſtocktheit zurückgewieſen. Jetzt hielt ſie in ihren ſchwanfenden 224 Gedanken dem gottesläſterlichen Spott der Wittwe die Zuſtimmung des Soldaten entgegen. Dieſe unterſtützte ſie, und ſie glaubte nun, ohne feig zu ſcheinen, dem religiöſen Gefühle nachgeben zu können, dem auch unerſchrockene Männer gehorcht hatten. „Ja,“ fuhr ſie ängſtlich fort, — „warum habe ich eigentlich den Geiſtlichen nicht anhören wollen? — Das iſt keine Schwach⸗ heit. Uebrigens würde es mich auch betäubt haben und dann — endlich — nachher, wer weiß?“ „Doch!“ ſprach die Wittwe mit ſchneidendem Hohne. — „Es iſt keine Zeit mehr, — Schade! — Du würdeſt noch eine Nonne geworden ſein! Die Ankunft Deines Bruders Martial wird Dich vollends bekehren! Aber er wird nicht kommen, — der chrliche Mann, der gute Sohn!“ In dem Augenblicke, als die Wittwe dieſe Worte ſprach, knarrte das ungeheure Schloß, und die Thüre wurde geöffnet. „Schon!“ rief die Tochter der Wittwe, indem ſie ſich mit einem krampfhaften Rucke aufrichtete. „Ach Gott, man hat uns hintergangen, — es ſoll zeitiger geſchehen!“ Und ihre Züge begannen ſich auf eine grauenhafte Weiſe zu verändern. „Deſto beſſer — wenn die Uhr des Henkers vorgeht. Deine Beterei und Kopfhängerei kann mir ſo keine Schande machen.“ „Ihr Sohn iſt da,“ ſagte ein Gefängnißbeamter mild, „wollen Sie ihn ſehen?“ „Ja,“ antwortete die Wittwe, ohne ſich zu bewegen. „Treten Sie ein!“ ſagte der Beamte. Martial trat ein. Der Veteran blieb in dem Kerker und ließ zu noch größerer Vorſicht die Thüre deſſelben offen. In dem Halbdunkel des Corridors, der durch den beginnenden Tag und durch eine Wandlampe erleuch⸗ tet wurde, ſah man mehrere Soldaten und Aufſeher, die theils auf einer Bank ſaßen, theils ſtanden. Martial war ſo bleich wie ſeine Mutter. Seine Züge drückten große Angſt und tiefen Abſcheu aus, und ſeine Kniee zitterten unter ihm. Trotz den Verbrechen dieſes Weibes, trotz dem Widerwillen, den ſie immer gegen ihn gezeigt, hatte er ihrem letzten Willen kommen zu müſſen geglaubt. Sobald er in den Kerker eintrat, warf die Wittwe einen durch⸗ bohrenden Blick auf ihn und ſagte mit zorniger Stimme, gleichſam um einen heftigen Haß in dem Herzen ihres Sohnes zu wecken: „Du ſiehſt, — was man — mit Deiner Mutter und Deiner Schweſter — vornehmen will.“ „Ach, Mutter, es iſt ſchrecklich, aber ich hatte Dir es wohl geſagt!“ Die Wittwe drückte zornig die bleichen Lippen zuſammen; ihr Sohn verſtand ſie nicht, ſie fuhr deshalb fort: „Man wird uns umbringen, wie man Deinen Vater umge⸗ bracht hat.“ „Mein Gott! Mein Gott! — und ich kann nichts thun! Was ſoll ich jetzt noch thun? Warum haſt Du mit meiner Schweſter nicht auf mich gehört? Ihr würdet nicht hier ſein —“ „Ach ſo,“ fuhr die Wittwe in ihrer gewöhnlichen Jronie fort, „Du findeſt das ganz in der Ordnung?“ „Mutter!“ „Du biſt zufrieden, Du wirſt — ohne zu lügen — ſagen können, Deine Mutter ſei todt, und Dich ihrer nicht mehr ſchämen.“ „Wenn ich ein ſchlechter Sohn wäre,“ antwortete Martial Die Geheimniſſe von Paris. VIII. 15 226 ſchnell, den die ungerechte Härte ſeiner Mutter empörte, „ſo würde ich nicht hier ſein.“ „Du kommſt — aus Neugierde.“ „Ich komme, um Dir zu gehorchen.“ „Ach, wenn ich auf Dich gehört hätte, Martial, und nicht auf die Mutter, — würde ich nicht hier ſein,“ ſagte die Tochter der Wittwe mit herzzerreißender Stimme, denn ſie konnte ihre Angſt und ihr Entſetzen nicht mehr verbergen. — „Es iſt Deine Schuld, Mutter — und ich verfluche Dich!“ „Sie bereut, — ſie klagt mich an, — Du mußt Dich freuen, nicht wahr?“ ſagte die Wittwe mit einem teufliſchen Lachen zu ihrem Sohne. Martial trat, ohne zu antworten, zu ſeiner Schweſter, die mit der Todesangſt kämpfte, und ſagte mitleidig: „Arme Schweſter, — nun iſt es — zu ſpät.“ „Um feig zu ſein, iſt es nie zu ſpät!“ ſagte die Mutter mit verbiſſenem Ingrimm. — „Welche Art! Welche Familie! Zum Glück iſt Nicolaus entwichen, zum Glück werden Franz und Aman⸗ dine — von Dir laufen. — Sie ſind ſchon angeſteckt, und die Ar⸗ muth wird ſie vollends zu dem machen, was ſie werden ſollen.“ „Ach, Martial, ſorge für die Kinder — oder ſie enden wie ich und die Mutter, — man ſchlägt ihnen den Kopf herunter!“ rief das Mädchen dumpf wehklagend. „Mag er immer ſorgen,“ rief die Wittwe in ſchrecklicher Freude aus, „das Laſter und die Armuth werden ſtärker ſein als er, und eines Tages werden die Kinder Vater, Mutter und Schweſter rächen.“ „Deine ſchreckliche Hoffnung wird nicht in Erfüllung gehen, Mutter,“ antwortete Martial mit Unwillen. „Sie haben von jetzt 27 an eben ſo wenig wie ich Armuth und Noth zu fürchten. — Die Wölfin hat das junge Mädchen gerettet, das Nicolaus ertränken wollte, — die Verwandten des Mädchens haben uns die Wahl ge⸗ laſſen zwiſchen viel Geld oder weniger Geld und Ländereien in Al⸗ gier neben einer Meierei, die ſie bereits einem Manne gegeben haben, der ihnen große Dienſte leiſtete. — Wir haben die Lände⸗ reien vorgezogen. — Es iſt etwas Gefahr dabei, aber das iſt meine und der Wölfin Sache. — Morgen reiſen wir mit den Kindern fort, und wir werden nie wieder nach Europa zurückkommen.“ „Iſt das wahr?“ fragte die Wittwe Martial im Tone zor⸗ niger Verwunderung. „Ich lüge nie.“ „Heute lügſt Du, um mich zu ärgern.“ „Dich zu ärgern, weil die Zukunft der Kinder geſichert iſt?“ „Ja — man wird aus jungen Wölfen Lämmer machen. Das Blut Deines Vaters, Deiner Mutter und Deiner Schweſter wird nicht gerächt werden —“ „Sprich — in dieſem Augenblicke nicht ſo.“ „Ich habe getödtet, man tödtet mich, — wir ſind quitt.“ „Mutter, — die Reue —“ Die Wittwe lachte laut auf. 3 „Ich lebe ſeit dreißig Jahren im Verbrechen, und um dieſe dreißig Jahre zu bereuen, giebt man mir drei Tage, dann den Tod. Habe ich Zeit? Nein, nein, — wenn mein Kopf fällt, ſoll er noch Wuth und Haß ausdrücken.“ „Bruder, hilf mir, — führe mich fort, ſie kommen,“ murmelte die Schweſter Martials, deren Gedanken ſich zu verwirren begannen. „Willſt Du ſchweigen!“ rief die Wittwe, über die Schwachheit 15* 2²8 ihrer Tochter empört; „willſt Du ſchweigen! Und ſie iſt meine Tochter!“ „Mutter, Mutter!“ ſprach Martial, von dieſem Auftritt er⸗ ſchüttert, „warum haſt Du mich hierher berufen?“ „Weil ich glaubte, Dir Muth und Haß einſprechen zu können, — aber bei Dir iſt Alles vexloren.“ „Mutter!“ „Feige Memme!“ In dieſem Augenblicke hörte man viele Tritte auf dem Gange vor dem Gefängniſſe. Der Veteran zog ſeine Uhr heraus, ſah nach der Zeit und ſtand auf. Die Sonne ging draußen ſtrahlend und glänzend auf und warf jetzt einen Strom goldenen Lichtes durch das ſchmale Fenſter im Corridor der Kerkerthüre gegenüber. Die Thüre wurde weit geöffnet, ſo daß der Eingang des Ker⸗ kers hell erleuchtet war. Aufſeher brachten zwei Stühle, dann fam der Secretair und ſagte mit bewegter Stimme zu der Wittwe: „Es iſt Zeit —“ Vier Männer traten ein. Drei von ihnen, die ziemlich ſchlecht gekleidet waren, hielten Päckchen ſehr dünner, aber ſehr feſter Schnur in der Hand. Der größte dieſer vier Männer, der ganz ſchwarz gekleidet war, einen runden Hut und ein weißes Halstuch trug, übergab dem Secretair ein Papier. Dieſer Mann war der Nachrichter und das Papier eine — Quittung über zwei für die Guillotine in Empfang genommene Frau en. 229 Der Nachrichter übernahm dieſe beiden Geſchöpfe Gottes; er allein bürgte von nun an für ſie. Auf die ruheloſe Verzweiflung des Mädchens war eine ſtarre Stumpfheit gefolgt. Zwei Knechte des Henkers mußten ſie auf ihr Bett ſetzen und ſie da halten. Der Kinnbackenkrampf hielt ihren Mund ſo feſt geſchloſſen, daß ſie kaum einige Worte ohne Zuſammen⸗ hang ſprechen konnte. Ihre Augen waren bereits matt und glaſig, das Kinn ruhte auf der Bruſt, und ihr Körper würde, wenn er nicht von den beiden Männern gehalten S wäre, wie eine todte Maſſe umgefallen ſein. Martial umarmte die Unglückliche noch einmal, dann ſtand er unbeweglich da, denn er konnte ſich nicht rühren, einen ſo entſetz⸗ lichen Eindruck machte dieſe grauenvolle Scene auf ihn. Die kaltblütige Keckheit der Wittwe verleugnete ſich nicht, und ſie war ſelbſt behülflich, die Zwangsjacke, die ihre Bewegungen hemmte, abzulegen. Dieſe Hülle fiel, und erſchien nun in einem alten ſchwarzen Kleide. „Wohin ſoll ich mich ſtellen?“ fragte ſe mit feſter Stimme. „Setzen Sie ſich auf einen dieſer Stühle,“ ſagte der Nach⸗ richter, indem er auf einen der Stühle an S Thüre des Kerkers zeigte. Da die chire oſen gellihen war, ſo ſah man auf dem G Corri⸗ dor mehrere Aufſeher, den Divector des Gefängniſſes und 5 bevorzugte Neugierige. Die Wittwe ging mit ſicherem Schritte nach der ihr angezeigten Stelle hin. Als ſie vor ihre Tochter gelangte, blieb ſie ſtehen, trat zu ihr und ſagte mit leicht bewegter Stimme: „Meine Tochter — umarme mich.“ Als die Tochter die Stimme ihrer Mutter hörte, erwachte ſie 6 230 aus ihrem Stumpfſinne, richtete ſich auf und rief mit einer Geberde der Verfluchung: „Wenn es eine Hölle giebt, — ſo fahre dahin, verfluchte Mutter!“ „Meine Tochter — umarme mich!“ ſprach die Mutter noch einmal. „Komm' mir nicht zu nahe! — Du haſt mich in das Unglück geſtürzt!“ flüſterte die Unglückliche, indem ſie die Hände abwehrend ausſtreckte. „Verzeihe mir!“ „Nein! — Nein! —“ ſprach das Mädchen mit krampfhafter Stimme, dann ſank ſie erſchöpft und faſt bewußtlos in die Arme der Gehülfen des Nachrichters. Ueber die ungebeugte Stirn der Wittwe zog eine Wolke; ihre brennenden Augen wurden einen Augenblick feucht. Zugleich be⸗ gegnete ſie dem Blicke ihres Sohnes, und nach kurzer Zögerung, gleich als gäbe ſie einem innern Kampfe nach, fagte ſie zu ihm: „Und Du?“ Martial ſank ſchluchzend in die Arme ſeiner Mutter. „Genug!“ ſprach die Wittwe, die ihre Rührung niederkämpfte und ſich aus der Umarmung ihres Sohnes frei machte; — „der Herr da wartet,“ ſetzte ſie auf den Nachrichter deutend hinzu. Damn ſchritt ſie raſch nach dem Stuhle hin, auf den ſie ſich entſchloſſen niederſetzte. Der Schein von Muttergefühl, welcher einen Augenblick die dunkle Tiefe dieſes verdorbenen Herzens erleuchtete, erloſch plötzlich wieder. „Lieber Mann,“ ſagte der Veteran zu Martial, dem er ſich 231 theilnehmend näherte, bleiben Sie nicht da. — Kommen Sie, — kommen Sie —“ Martial folgte unwillkührlich dem Soldaten. Zwei Knechte des Nachrichters hatten die faſt bewußtloſe Tochter der Wittwe auf den Stuhl getragen; einer hielt den ſchon faſt leb⸗ loſen Körper, während der andere ihr mit ſehr dünnem Bindfaden die Hände auf dem Rücken zuſammenband und auch um die Füße ſolche Feſſeln legte, doch ſo, daß die Verurtheilte mit kleinen Schritten gehen konnte. Dieſe Operation war ſeltſam und grauenvoll zugleich; es ſchien, als ob die langen dünnen Feſſeln, die man im Schatten kaum erkannte und mit denen dieſe ſchweigenden Männer die Ver⸗ urtheilte eben ſo raſch wie gewandt umſchlangen und banden, aus ihren Händen hervorgingen, wie die Faden, mit denen die Spinnen ihr Opfer umſchnüren, ehe ſie daſſelbe verzehren. Der Nachrichter und ein anderer Gehülfe deſſelben feſſelten mit gleicher Geſchicklichkeit die Wittwe, ohne daß ſich in den Zügen dieſes Weibes irgend eine Veränderung zu erkennen gegeben hätte. Sie huſtete nur bisweilen leicht. Nachdem die Verurtheilte ſo in die Unmöglichkeit verſetzt war, eine Belegung zu machen, nahm der Henker eine große Scheere aus der Taſche und ſagte artig: „Beugen Sie gefälligſt den Kopf.“ Die Wittwe that es und ſagte: „Wir ſind gute Kunden; Sie haben ſchon meinen Mann ge⸗ habt; jetzt bekommen Sie die Frau und die Tochter.“ Der Henker nahm, ohne zu antworten, das lange graue Haar der Verurtheilten in die linke Hand und fing an, daſſelbe ſehr kurz abzuſchneiden, namentlich am Nacken. 232 U „Das iſt nun das drittemal, daß man mir meinen Kopf ver⸗ ziert,“ ſagte die Wittwe mit einem gräßlichen Lächeln, „bei meiner erſten Communion, als man mir den Schleier anſteckte; bei meiner Verheirathung, als man mir den Brautkranz aufſetzte, und nun heute, nicht wahr, Todtencviffeur?“ Der Nachrichter antwortete nicht. Da das Haar der Verurtheilten dicht und ſtarr m ſo währte das Abſchneiden ſo lange, daß der Nachrichter damit kaum halb zu Ende war, als das Haar ihrer Tochter bereits vollſtändig abge⸗ ſchnitten war. „Sie wiſſen gewiß nicht, woran ich jetzt denke,“ ſagte die Wittwe zu dem Nachrichter, als ſie ihre Tochter von neuem be⸗ trachtet hatte. 6 Der Nachrichter ſchwieg fortwährend. Man hörte nichts als das Knirſchen der Scheere und eine Art Schluchzen vder Röcheln, das von Zeit zu Zeit die Bruſt der Toch⸗ ter der Wittwe hob. In dieſem Augenblicke ſah man auf dem Corridor einen Geiſt⸗ lichen mit ehrwürdigem Antlitz zu dem Director des Gefängniſſes treten und leiſe mit demſelben ſprechen. Er wollte einen letzten Verſuch machen, die Seele der Wittwe der Verſtocktheit zu ent⸗ reißen. „Ich denke,“ ſagte die Wittwe nach einigen Angenblicken, da der Nachrichter ihr nicht antwortete, „ich denke, daß meine Tochter, der man nun den Kopf abſchlagen will, vor fünf Jahren das ſchönſte Mädchen war, das man ſehen konnte. Sie hatte blondes Haar und ein Geſicht wie Milch und Blut. Wer ihr damals hätte ſagen ſollen, daß —“ Nach einer weitern Pauſe rief ſie mit lautem 233 Lachen und einem unmöglich zu beſchreibenden Ausdrucke: „welche Comödie iſt doch das Schickſal!“ In dieſem Augenblicke fielen die letzten Haarbüſchel der Ver⸗ urtheilten. „Es iſt geſchehen,“ ſagte der Nachrichter artig. „Ich danke — und empfehle Ihnen meinen Sohn Nicolaus,“ entgegnete die Wittwe; „Sie werden ihn bald auch unter die Hände bekommen.“ Ein Aufſeher ſagte der Verurtheilten leiſe einige Worte. „Nein, ich habe es ſchon geſagt, daß ich nichts hören mag,“ antwortete ſie barſch. Der Geiſtliche hörte dieſe Worte, erhob die Augen gen Siumeh faltete die Hände und entfernte ſich wieder. „Wir werden nun S wollen Sie nichts fragte der Nachrichter. „Ich danke, — heute Abend wird man mir den Mund mit Erde ſtopfen.“ Nach dieſen Worten ſtand die Wittwe auf; ihre Hände waren auf dem Rücken zuſammengebunden, und eine ziemlich ſtarke Schnur hielt die Füße zuſammen, doch ſo, daß ſie gehen konnte. Obgleich ihr Tritt feſt und entſchloſſen war, wollten der Nachrichter und Einer ſeiner Knechte ſie doch unterſtützen; ſie machte eine ungeduldige Bewegung und ſagte mit harter, gebieteriſcher Stimme: „Rührt mich nicht an! Ich bin gut zu Fuße und ſehe gut. — Auf dem Schaffot wird man ſich überzeugen, ob . eine Stimme habe und ob ich Worte der Reue ſpreche — Die Wittwe ſchritt zwiſchen dem Nachrichter und einem Ge⸗ hülfen deſſelben aus dem Kerker in den Corridor hinaus. 234 Die beiden andern Gehülfen des Nachrichters mußten das Mädchen auf dem Stuhle tragen, da ſie faſt todt war. Nachdem man über den langen Corridor gegangen, ſtieg man eine ſteinerne Treppe hinauf, die in einen äußern Hof führte. Die Sonne übergoß mit ihrem warmen goldenen Lichte die hohen weißen Mauern, welche den Hof umgaben. Der Himmel war blau, die Luft lau und lind; es war ein lachender, herrlicher Frühlingsmorgen. In dem Hofe befand ſich ein Gensd'armerie-Piket, ein Fiacre und ein langer ſchmaler Wagen mit gelbem Kaſten, der von drei Poſtpferden gezogen wurde, welche luſtig wieherten und mit ihren Glöckchen klingelten. Man ſtieg in dieſen Wagen, wie in einen Omnibus, durch eine an der hintern Seite befindliche Thüre hinein. Dieſe Aehnlichkeit veranlaßte die Wittwe zu einem letzten Spotte. „Der Conducteur wird nicht ſagen — voll!“ ſprach ſie, wor⸗ auf ſie ſo gewandt, als es ihre Feſſeln erlaubten, auf den Tritt hinaufſtieg. Ihre Tochter wurde in den Wagen gehoben und der Mutter gegenüber geſetzt, dann ſchloß man die Thüre. Der Fiacrekutſcher war eingeſchlafen; der Nachrichter ſchüttelte ihn. „Nehmen Sie es nicht übel,“ ſagte der Kutſcher, als er erwachte und ſchwerfällig von dem Bocke herunterſtieg, „aber in einer Faſt⸗ nachtsnacht hat man ein bös Stück Arbeit. Ich habe eben erſt eine luſtige Geſellſchaft gefahren. — Als Sie mich ſtundenweis miethete, wollte ich —“ „Schon gut. — Fahren Sie dieſem Wagen nach — auf den Boulevard St. Jacob.“ ——.—— — . 235 „Nehmen Sie's nicht übel; vor einer Stunde zum Balle, nun zur Guillotine! hm! hm!“ Die beiden Wagen, vor und hinter welchen Gens darmen ritten, fuhren aus dem Thore von Bicétre hinaus und im Trabe auf der Straße nach Paris hin. OLXIHI. Wartial und der Chourineur. 3 ir haben „die Toilette“ der Verurtheilten in ihrer ſchreck⸗ lichen Wahrheit geſchildert, weil ſich aus dieſer Schilderung ſtarke Gründe zu ergeben ſcheinen, gegen die Todesſtrafe, gegen die Art, wie dieſe Strafe angewendet wird, und gegen die Wirkung auf das Volk, die man von ihr erwartet. Dieſe „Toilette“ iſt, ob ihr gleich die zugleich furchtbaren und religiöſen Ceremonien fehlen, die mit der höchſten Strafe verbunden ſein ſollten, welche das Geſetz ausſpricht, das Schrecklichſte bei der Vollſtreckung des Todesurtheils, und gerade dies — verbirgt man der Menge. In Spanien z. B. bleibt dagegen der Verurtheilte drei Tage lang in einer Kapelle ausgeſtellt; ſein Sarg ſteht ihm fortwährend vor Augen; die Geiſtlichen ſprechen die Gebete für die Sterbenden, und die Kirchenglocken werden Tag und Nacht geläutet. Man begreift, daß dieſe Art Einweihung in den nahen Tod auch die verſtockteſten Verbrecher erſchrecken und der Menge, die ſich hinzudrängt, ein heilſames Entſetzen einflößen kann. — — 237 Dann iſt der Tag der Hinrichtung ein Tag der öffentlichen Trauer; die Glocken aller Kirchen läuten das Sterbegeläute; der Verurtheilte wird langſam mit einem impoſanten ſchauerlichen Pompe zu dem Schaffot geführt; man trägt ſeinen Sarg vor ihm her; die Geiſtlichen ſingen Begräbnißlieder und gehen neben ihm; dann folgen hie religiöſen Brüderſchaften und endlich Bettelmönche, welche von der Menge Geld einſammeln, damit Meſſen für die Nuhe der Seele des Gerichteten geleſen werden können. Das Volk bleibt bei dieſer Auffordexung nie taub. Das Alles iſt ohne Zweifel ſchauerlich, der Sache entſprechend, impoſant und beweiſt, daß man ein Geſchöpf Gottes voll Leben und Kraft nicht aus dieſer Welt hinausſtößt, wie man einen Stier abſchlachtet; die Volksmenge wird zum Nachdenken genöthigt, denn ſie beurtheilt das Verbrechen immer nach der Größe der Strafe, und ſie erkennt, daß der Mord doch ein entſetzliches Verbrechen ſei, da die Beſtrafung deſſelben eine ganze Stadt in Aufregung und Trauer verſetzt. Dieſes furchtbare Schauſpiel kann ernſte Gedanken wecken, einen heilſamen Schrecken erregen und das Barbariſche, das in einem ſolchen Menſchenopfer liegt, wird wenigſtens durch die ſchreckliche Majeſtät der Ausführung verdeckt. Was aber, fragen wir, kann es nützen, wenn es genau ſo hergeht, wie wir erzählt haben (und bisweilen ſelbſt noch minder ernſt)? Man nimmt den Verurtheilten früh am Morgen, bindet ihn, wirft ihn in einen verſchloſſenen Wagen, bringt ihn ſo an das Schaffot, und der Kopf fällt in einen Korb — unter entſetzlich en Späßen des gemeinſten Pöbels. 238 Wo liegt das Beiſpiel, wo liegt das bei dieſer raſchen verſtohlenen Hinrichtung? Da ferner die Hinrichtung gleichſam bei verſchoſenen Thüren, an einem abgelegenen Orte, eilig abgethan wird, ſo weiß die ganze Stadt nichts von dieſer blutigen feierlichen That, verräth ihr nichts, daß man an dieſem Tage einen Menſchen tödtet. Die Theater lachen und ſingen, und die Menge bewegt ſich ſorglos und lärmend wie gewöhnlich. Dieſer Juſtizmord im Intereſſe Aller muß doch Allen von Wichtigkeit ſein, man mag die Sache im Geſichtspunkte des Staates, der Religion oder der Humanität betrachten. Wir wiederholen es, und wiederholen es immer, wir ſehen die Strafe, aber wo bleibt der Lohn? Erſt wenn man neben der Strafe auch den Lohn zeigt, wird die Lehre vollſtändig und fruchtbringend ſein. Wenn am Tage nach dieſem Trauer- und Bluttage das Volk, das das Blut eines großen Verbrechers vergießen ſah, den ausgezeichnet braven Mann belohnen ſähe, würde es die Strafe des erſtern um ſo mehr fürchten, als es nach dem Triumphe des letztern ſtrebte; der Schrecken hindert kaum das Verbrechen, nie aber führt er zur Tugend. Betrachtet man die Wirkung der Todesſtrafe auf die Verur⸗ theilten ſelbſt, ſo findet man, daß ſie derſelben mit kecker Rohheit trotzen, oder ſie halbtodt über ſich ergehen laſſen, oder ihren Kopf mit tiefer und aufrichtiger Reue darbieten. Die Todesſtrafe iſt alſo: unzureichend für die, welche ihr trotzen, nutzlos für die, welche geiſtig ſchon todt ſind, übertrieben für die, welche aufrichtige Reue fühlen. 239 Der Staat bringt den Mörder nicht um, damit er Schmerzen leide, und auch nicht, um Wiedervergeltung an ihm zu üben; er tödtet ihn, um es ihm unmöglich zu machen, ferner zu ſchaden; er tödtet ihn, damit das Beiſpiel der Strafe künftige Mörder zurück⸗ halte — Wir unſeres Theiles glauben, die Todesſtrafe iſt zu barbariſch und ſchrecket doch nicht genügend ab. Wir glauben, daß bei einigen Verbrechen, z. B. Aeltermord, die Blendung und lebenslängliche einſame Haft einen Verurtheilten in die Unmöglichkeit verſetzen würden zu ſchaden und daß dieſe Strafe tauſendmal furchtbarer wäre, weil ſie ihm Zeit zum Nach⸗ denken und zur Reue ließe. Zweifelt man an dieſer Behauptung, ſo erinnern wir an viele Thatſachen, welche von dem unüberwindlichen Widerwillen der ver⸗ härteten Verbrecher gegen die einſame Haft zeugen. Weiß man nicht, daß Einige Mordthaten begangen haben, um zum Tode ver⸗ urtheilt zu werden, weil ſie dieſe Strafe der einſamen Einſperrung vorzogen? Wie groß würde ihr Entſetzen ſein, wenn die Blendung neben der einſamen Haft dem Verurtheilten jede Hoffnung auf Flucht benähme, die Hoffnung, die er ſtets bewahrt und die er ſelbſt in der einſamen Zelle, wo er mit Ketten beladen iſt, zur Ausführung bringt? * Die Aufhebung der Todesſtrafe würde wahrſcheinlich eine noth⸗ wendige Folge der einſamen Haft ſein, da die Furcht vor dieſer * Haft, welche die Menſchen fühlen, die gegenwärtig die Gefängniſſe und Zuchthäuſer füllen, ſo groß iſt, daß viele dieſer Unverbeſſerlichen lieber die Todesſtrafe als die einſame Einſperrung wählen würden. Ehe wir in unſerer Erzählung weiter fortfahren, müſſen wir * * 240 einige Worte über die Bekanntſchaft ſagen, die kürzlich zwiſchen dem Chourineur und Martial eingetreten war. Als Germain das Gefängniß verlaſſen hatte, wies der Cyon⸗ rineur leicht nach, daß er ſich ſelbſt beſtohlen; auch geſtand er dem Inſtructionsrichter den Zweck dieſer ſeltſamen Myſtification und wurde in Freiheit geſetzt, nachdem der Richter ihm eine ernſte tadelnde Vermahnung gehalten hatte. Da Rudolph damals Marien⸗Blume noch nicht wiedergefunden hatte und dem Chourineur, dem er bereits das Leben verdankte, für dieſe neue aufopfernde Handlung danken wollte, ſo hatte er ſeinen rohen Schützling, nach deſſen eigenem Wunſche, in ſeine Wohnung in der Rue Plumet aufgenommen und ihm verſprochen, ihn mit nach Deutſchland zu nehmen. Der Chourineur fühlte, wie bereits erwähnt, für Rudolph die blinde ausdauernde Anhänglich⸗ keit des Hundes gegen ſeinen Herrn. Der Ehrgeiz und das Glück des Chourineurs beſchränkten ſich darauf, unter einem und demſelben Dache mit dem Fürſten zu wohnen, denſelben bisweilen zu ſehen und mit Ungeduld auf eine neue Gelegenheit zu warten, ſich für ihn oder die Seinigen aufzuopfern, und er zog dieſe Lage tauſend⸗ mal dem Gelde und dem Beſitze der Meierei in Algier vor, die Nudolph zur Verfügung geſtellt hatte. Dies änderte ſich, als der Fürſt ſeine Tochter wiedergefunden hatte; er konnte ſich trotz ſeinem lebhaften Danke für den Mann, der ihm das Leben gerettet hatte, nicht entſchließen, dieſen Zeugen der Schande der Marien⸗Blume mit nach Deutſchland zu nehmen. Mit dem Entſchluſſe, alle Wünſche des Chourineurs zu erfüllen, ließ er ihn noch einmal zu ſich rufen und ſagte ihm, er erwarte einen neuen Dienſt von ſeiner Liebe. Das Geſicht des Chourineurs ſtrahlte bei dieſen Worten vor Freude, aber es drückte bald die 241 größte Beſturzung aus, als er erfuhr, daß er dem Fürſten nicht nur nicht nach Deutſchland folgen könnte, ſondern ſogar den Palaſt noch denſelben Tag verlaſſen müßte. Es iſt unnöthig, von den glänzenden Entſchädigungen zu ſprechen, welche Rudolph dem Chourineur anbot, — von dem Gelde, das ihm beſtimmt ſei, von der Meierei in Algier ꝛc. Der Chourineur war tief verletzt und ſchlug alles aus, ja er weinte, vielleicht zum erſtenmale in ſeinem Leben. Rudolph mußte ſeinen ganzen Ein⸗ fluß aufbieten, um ihn zu bewegen, ſeine erſten Wohlthaten an⸗ zunehmen. Am Tage darauf ließ der Fürſt die Wölfin und Martial kommen, ohne ihnen zu ſagen, daß Marien-Blume ſeine Tochter ſei; er fragte ſie, was er thun könne, und verſicherte, daß alle ihre Wiünſche erfüllt werden ſollten. Als er ſah, daß ſie zögerten, er⸗ innerte er ſich an das, was Marie ihm von den etwas rohen Nei⸗ gungen der Wölfin und Martials erzählt hatte, und trug dem kecken Paare eine bedeutende Geldſumme oder die Hälfte dieſer Summe und die fruchtbaren Ländereien einer Meierei an, welche an die⸗ jenige grenzte, die er für den Chourineur gekauft hatte. Bei dieſem Anerbieten ging der Fürſt auch von der Vorausſetzung aus, daß Martial und der Chourineur um ſo lieber darauf eingehen würden, als ſie Gründe hatten, die Einſamkeit zu ſuchen, der eine wegen ſeiner Vergangenheit, der andere wegen der Verbrechen ſeiner Familic. Er irrte ſich nicht, Martial und die Wölfin nahmen das An⸗ erbieten mit Freuden an, und als er ſie durch Murph mit dem Chourineur bekannt gemacht hatte, wünſchten ih alle Drei Glück, in Algier Nachbarn zu werden. Der Chourineur erwiederte trotz ſeiner tiefen Traurigkeit oder Die Geheimniſſe von Paris. VIII. 16 242 vielmehr wegen derſelben das herzliche Entgegenkommen Martials und der Frau deſſelben. Bald waren die künftigen Anſiedler auf⸗ richtige Freunde geworden, denn Leute dieſes Schlages durchſchauen und lieben einander ſchnell. Obwohl nun die Wölfin und Martial trotz ihren liebevollen Bemühungen den neuen Freund aus ſeiner Traurigkeit nicht hatten herausreißen fönnen, ſo rechneten ſie doch auf die Zerſtreuung auf der Reiſe und auf ihr künftiges thätiges Leben, denn wenn ſie in Algier angekommen, mußten ſie, das wußten ſie wohl, ihre ganze Zeit und Aufmerkſamkeit darauf verwenden, die Art kennen zu lernen, wie ihre Beſitzungen am zweckmäßigſten zu bewirthſchaften wären. Nachdem wir dies vorausgeſchickt haben, wird man leicht be⸗ greifen, daß der Chourineur, als er von dem traurigen Gange nach dem Gefängniſſe und dem Abſchiede von Mutter und Schweſter gehört hatte, ſeinen neuen Freund Martial bis an das Thor von Bicötre begleiten wollte, wo er in dem Fiacre wartete, der ſie dahin gebracht hatte und der ſie nach Paris zurück fuhr, nachdem Martial in Entſetzen den Kerker verlaſſen hatte, in welchem man die ſchreck⸗ lichen Vorbereitungen zur Hinrichtung ſeiner Mutter und Schweſter machte. Das Ausſehen des Chourineurs war gänzlich verändert. und an die Stelle des Ausdrucks von Keckheit und guter Laune, der dieſes männliche Geſicht gewöhnlich charakteriſirte, war eine düſtere Niedergeſchlagenheit getreten; ſelbſt ſeine Stimme hatte etwas von ihrer Rohheit verloren, venn ein Seelenſchmerz, den er bis dahin nicht kannte, hatte dieſe kräftige Natur gebrochen. Er ſah Martial mitleidig an. „Muth, Martial!“ ſagte er; „Sie haben gethan, was ein guter Sohn thun konnte. — Es iſt vorbei. — Denken Sie an 243 Ihre Frau und an die Kinder, die Sie abgehalten haben, ſchlecht zu werden wie Vater und Mutter. — Und dann — dieſen Abend verlaſſen wir ja Paris für immer, und Sie werden nichts mehr von dem hören, was Sie betrübt.“ „Gleichviel; ſehen Sie, Chourineur, ſie bleibt doch meine Mutter, — es iſt doch meine Schweſter.“ „Nun ja, aber es iſt nun einmal nicht anders, und wenn es nicht anders iſt, muß man ſich fügen,“ ſagte der Chourineur, der einen Seufzer unterdrückte. Nach einer kurzen Pauſe ſagte Martial herzlich zu ihm: „Ich ſollte Sie eigentlich auch tröſten. — Immer dieſe Trau⸗ rigkeit —!“ ⸗ „Immer, Martial.“ „Ich und meine Frqu hoffen, daß es beſſer werden wird, wenn wir erſt Paris hinter uns haben.“ „Ja,“ ſagte der Chvurineur nach einigen Augenblicken, indem er faſt unwillkührlich ſchauderte, „wenn ich aus Paris fortkomme —“ „Wir reiſen dieſen Abend ab —“ „Sie ja, Sie reiſen dieſen Abend ab.“ „Und Sie? Haben Sie ſich wieder anders beſonnen?“ „Nein.“ Nun?“ „ Der Chourineur antwortete eine Zeitlang nicht, dann raffte er ſich gewaltſam auf und ſagte: „Sehen Sie, Martial, — Sie werden die Achſeln zucken, aber ich ſage es Ihnen doch. — Wenn mir etwas begegnet, wird es ein Beweis ſein, daß ich mich nicht irrte.“ „Nun?“ „Als — Herr Rudolph uns fragte, ob wir miteinander nach 244 Algier reiſen und dort Nachbarn ſein wollten, wollte ich Sie und Ihre Frau nicht täuſchen. — Ich ſagte Ihnen, — was ich geweſen bin —“ „Sprechen wir nicht mehr davon. — Sie haben Ihre Strafe beſtanden und ſind ſo gut und brav wie irgend Einer. — Ich be⸗ greife aber, daß Sie wie ich lieber weit weg gehen, was uns unſer edler Beſchützer möglich gemacht hat, als hier bleiben, wo man uns, ob wir gleich in Wohlſtand lebten und rechtſchaffen wären, immer Vorwürfe machen würde, Ihnen wegen des Vergehens, das Sie abgebüßt haben und das Sie noch immer bereuen, und mir wegen der Verbrechen meiner Familie, für die ich doch nicht verantwortlich bin. — Unter uns — iſt die Vergangenheit vergangen. — Beruhigen Sie ſich, wir rechnen auf Sie, wie Sie auf uns rechnen können.“ „Unter uns — ja, iſt die Vergangenheit vergangen, aber, wie ich zu Herrn Rudolph geſagt habe, es giebt da oben ein Etwas, — und ich habe einen Menſchen umgebracht.“ „Das iſt ein großes unglück, aber Sie waren in jenem Augen⸗ blicke nicht Herr über ſich, Sie waren wahnſinnig und dann — haben Sie andern Perſonen das Leben gerettet, das wird Ihnen auch angerechnet werden.“ „Hören Sie mich an, Martial, ich ſpreche aus einem beſondern Grunde von meinem Unglücke. — Sonſt plagte mich oftmals ein Traum, — in welchem in den Feldwebel ſah, — den ich umge⸗ bracht habe. Seit langer Zeit hatte ich dieſen Traum nicht mehr, — in voriger Nacht kam er wieder —“ „Das iſt ein Zufall.“ „Nein, — das kündigt mir für heute ein Unglück an.“ „Sie ſind nicht recht klug, lieber Freund.“ „Ich ahne, daß ich aus Paris nicht fortkommen werde —“ 245 „Noch einmal, Sie ſind nicht recht bei Sinnen. — Ihr Kummer“ unſern Wohlthäter zu verlaſſen, — der Gedanke, mich heute nach Bicstre zu begleiten, wo mich ſo Trauriges erwartete, alles das wird Sie dieſe Nacht beunruhigt haben, und ſo ſtellte ſich natürlich Ihr Traum wieder ein —“ Der Chourineur ſchüttelte den Kopf. „Er ſtellte ſich gerade am Tage vor der Abreiſe des Herrn Rudolph ein, — denn heute reiſt er ab.“ „Heute?“ „Ja. — Geſtern habe ich Jemanden in ſeinen Palaſt geſchickt, — da ich nicht ſelbſt hinzugehen wagte, — er hatte mir es ver⸗ boten. Man ſagte, der Fürſt reiſe dieſen Vormittag um elf Uhr ab und werde durch die Barridre von Charenton hinausfahren. — Sind wir in Paris angekommen, ſo werde ich mich dorthin ſtellen, damit ich ihn noch einmal, das letztemal! — ſehe, das letztemal!“ „Er ſcheint ſo gütig zu ſein, und ich wundere mich nicht, daß Sie ihn lieben —“ „Ihn lieben!“ — ſagte der Chourineur mit tiefem Gefühle, „ach ja. — Sehen Sie, Martial, wenn ich auf der Erde liegen, ſchwarzes Brod eſſen, ſein Hund ſein müßte, aber bei ihm bleiben dürfte, würde ich nicht mehr verlangen. — Aber, das war zu viel, — er wollte es nicht —“ „Er iſt ſo freigebig gegen Sie geweſen!“ „Ich liebe ihn nicht deshalb ſo ſehr, ſondern weil er mir ge⸗ ſagt hat, ich hätte ein Herz und Ehre im Leibe; ja, zu einer Zeit, wo ich wild war wie ein Vieh und wo ich mich ſelbſt wie den ſchlechteſten Auswurf verachtete, hat er mir gezeigt, daß noch etwas Gutes in mir war, weil ich nach meiner Beſtrafung Reue gefühlt, die äußerſte Noth ertragen, ohne zu ſtehlen, und muthig gearbeitet * 246 hatte, um chrlicher Weiſe meinen Lebensunterhalt zu verdienen, ohne Jemandem übel zu wollen, obgleich Jedermann mich für einen. ausgemachten Spitzbuben hielt, was gewiß keine Ermuthigung war.“ „Ja, man muß bisweilen einige ermuthigende Worte hören, um wieder aufgerichtet, und auf den rechten Weg geführt zu werden —“ „Nicht wahr, Martial? Sehen Sie, als Herr Rudolph dieſe Worte ſagte, ſchlug mir das Herz hoch und ſtolz. — Seit dieſer Zeit wäre ich für das Gute ins Feuer gegangen. — Wenn eine Gelegenheit kommt, wird man es ſehen. — Und wem verdanke ich das? — Dem Herrn Rudolph.“ „Gerade weil Sie kauſendmal beſſer ſind als Sie waren, dürfen Sie ſich nicht mit ſolchen traurigen Ahnungen ängſtigen. — Ihr Traum bedeutet nichts —“ „Nun, wir werden ſehen. — Ich ſuche nicht abſichtlich ein unglück auf, denn es giebt für mich kein größeres als das, was mich betrifft, — niemals den Herrn Rudolph wiederzuſehen, da ich hoffte, immer bei ihm bleiben zu können. — Ich würde, in meiner Art natürlich, mit Leib und Scele ihm zugethan, immer zur Stelle und bereit geweſen ſein. — Schen Sie, Martial, ich bin nur ein Wurm neben ihm, aber bisweilen können doch auch die Kleinſten den Größten von Nutzen ſein. — Wenn dies einmal eintreten ſollte, ſo würde ich es ihm nie verzeihen, ſich meiner Hülfe ent⸗ ſchlagen zu haben —“ „Wer weiß! Vielleicht ſchen Sie ihn einſt wieder —“ „Ach nein; er hat mir geſagt: „guter Freund, Du mußt mir verſprechen, nie den Verſuch zu machen, mich wiederzuſehen, Du wirſt mir dadurch einen großen Dienſt erzeigen.“ Sie können —— — — 247 ſich denken, Martial, ich habe es verſprochen, und ein Mann, ein Wort, ich werde es halten, ſo hart es auch iſt —“ „Sind Sie erſt da drüben, ſo werden Sie allmälig vergeſſen, was Sie bekümmert. Wir arbeiten und leben allein, ruhig, wie gute Landleute, bis auf die Flintenſchüſſe, die es bisweilen mit den Arabern zu wechſeln giebt. Deſto beſſer, das paßt für mich und meine Frau, denn die Wölfin hat Muth.“ „Die Flintenſchüſſe ſind meine Sache, Martial,“ ſagte der Chourineur, etwas weniger niedergeſchlagen. — „Ich bin nicht ver⸗ heirathet und war Soldat —“ „Ich war Wilddieb.“ „Aber Sie — Sie haben Ihre Frau und die beiden Kinder, bei denen Sie Vaterſtelle vertreten müſſen. — Ich habe nur meine Haut, und da ich mit ihr Herrn Rudolph nicht mehr decken kann, ſo lege ich auch keinen Werth mehr darauf. Wenn es alſo Flin⸗ tenſchüſſe giebt, ſo nehme ich ſie auf mich —“ „Sie gehen uns Beide an.“ „Nein, mich allein, Donnerwetter! Die Beduinen ſind mein.“ „So höre ich Sie lieber reden als eben jetzt. — Chourineur, wir werden wie Brüder leben, und Sie können uns von Ihrem Kummer erzählen; wenn er nicht aufhört, ich werde den meinigen 7 auch haben, denn den heutigen Tag vergeſſe ich in meinem Leben nicht. — Man ſieht ſeine Mutter und ſeine Schweſter nicht ſo, wi ich die meinigen geſehen habe, ohne daß ſie Einem im Traume wie⸗ der erſcheinen. Wir ſind einander Beide in vielen Stücken zu ähnlich, als daß wir uns nicht wohl neben einander befinden ſollten. — Wir werden Beide die Gsfahr nicht fürchten und halb Bauern, halb Soldaten ſein. — Es giebt Jagd da drüben, — wir jagen alſo. — Wollen Sie allein wohnen, ſo ſteht es Ihnen frei, und 248 wir bleiben gute Nachbarn; wollen Sie es nicht, ſo wohnen wir Alle bei einander, erziehen die Kinder zu braven Menſchen, und Sie mögen gleichſam ihr Onkel ſein — weil wir ja Brüder ſind. Nicht wahr?“ fragte Martial, indem er dem Chourineur die Hand bot. „Ja, mein braver Martial, und dann — der Gram bringt mich um, oder ich bringe ihn um, wie man zu ſagen pflegt —“ „Er wird Sie nicht umbringen. — Alle Abende wollen wir da drüben ſagen: „Bruder — durch Rudolphs Güte,“ das ſoll unſer Gebet für ihn ſein.“ „Es wird mir ordentlich wohl bei Ihren Worten.“ „Nicht wahr, Sie denken nicht mehr an den dummen Traum?“ „Ich will es verſuchen.“ „Sie holen uns um vier Uhr ab? Um fünf Uhr geht die Poſt ab.“ „Topp! Aber da ſind wir bald bei Paris; ich will den Fiacre halten laſſen und zu Fuß an die Barrière von Charenton gehen, um Herrn Rudolph vorüber kommen zu ſehen.“ Der Wagen hielt, und der Chourineur ſtieg aus. P „Vergeſſen Sie nicht — um vier Uhr!“ rief ihm Martial ½ Der Chourineur hatte vergeſſen, daß es der Tag nach Mit⸗ faſten war, und er wunderte ſich deshalb nicht wenig über das ſelt⸗ ſame und häßliche Schauſpiel, das ſich ihm darbot, als er über einen Theil des äußern Boulevard hingegangen war, um zu der Varrière von Charenton zu gelangen. — — — CxMn. Der Finger Gottes. er Chourineur ſah ſich nach einigen Augenblicken unwill⸗ kührſich durch eine compacte Menge, einen Volksſtrom, mit fortge⸗ riſſen, der aus den Wirthshäuſern der Vorſtadt Glacidre kam und an dieſer Barrière ſich ſammelte, um ſich dann auf den Boulevard St. Jacob zu verbreiten, wo die Hinrichtung ſtattfinden ſollte. Ob es gleich heller Tag war, ſo hörte man doch in der Ferne die ſchallende Muſik der Orcheſter in den Schenken, namentlich die hallenden Töne der Klappenhörner. Nur der Pinſel Callots, Rembrandts oder Goyas könnte das ſeltſame, häßliche, faſt phantaſtiſche Ausſehen dieſer Menge wieder⸗ geben. Faſt alle, Männer, Frauen und Kinder, trugen Maskar anzüge; diejenigen, welche ſich nicht bis zu dieſem Luxus hatten hinaufſchwingen können, hatten ihre Anzüge wenigſtens mit Lum⸗ pen von hellen Farben herausgeputzt; einige junge Burſche erſchie⸗ nen in halbzerriſſenen und ſchmutzigen Frauenkleidern; in allen die⸗ ſen durch Ausſchweifung und Laſter gezeichneten Geſichtern ſtrahlte eine wilde Freude, wenn ſie bedachten, daß ſie nach einer durch⸗ 250 ſchwärmten Nacht zwei Frauen auf dem bereits aufgeſchlagenen Schaffotte vom Leben zum Tode bringen ſehen ſollten. Dieſe unermeßliche Volfsmenge, der ſchmutzige, ekelhafte Ab⸗ ſchaum der Bevölkerung von Paris, beſtand aus Räubern und lieder⸗ lichen Weibern, die ihr tägliches Brod von dem Verbrechen erwar⸗ ten und jeden Abend geſättigt in ihre Höhlen zurückkehren. *) Da der äußere Boulevard an dieſer Stelle ſehr ſchmal iſt, ſo ſtockte der Menſchenſtrom und hemmte jede Circulation vollſtändig. Der Chourineur mußte trotz ſeiner Rieſenkraft in dieſer compacten Maſſe faſt unbeweglich ſtehen bleiben. Er fügte ſich. — Da der Fürſt, wie man ihm geſagt hatte, um zehn Uhr aus der Straße Plumet abfuhr, konnte er erſt gegen elf Uhr an der Barrière von Charenton ankommen, und jetzt war es erſt ſieben Uhr. Der Chourineur empfand einen unüberwindlichen Abſcheu, als er ſich ſo unter dieſem Pöbel befand, ob er gleich früher nothge⸗ drungen mit den niedrigſten Claſſen umgegangen war. Er wurde durch den Menſchenſtrom bis an die Mauer eines der Wirthshäuſer gedrängt, von denen es auf dieſen Boulevards wimmelt, und ſo ſah er unwillkührlich durch die offenen Fenſter hindurch, aus denen die betäubenden Töne von Mefſinginſtrumenten hervordrangen, ein ſelt⸗ ſames Schauſpiel mit an. In einem großen niedrigen Saale, an deſſen einem Ende ſich befanden, und an dem ſich Bänke und Tiſche mit Speiſe⸗ überreſten, zerbrochenen Tellern, umgeſtürzten Flaſchen hinzogen, überließen ſich etwa zwölf halbbetrunkene, verkleidete Männer und Frauen mit allem Ungeſtüme jenem tollen, unzüchtigen Tanze, der *) Nach Fregier, dem vortrefflichen Geſchichtſchreiber der gefährlichen Claſſen der Geſellſchaft, giebt es in Paris ungefähr 30,000 Perſonen, die nur von Diebſtahl leben. 251 Chahut heißt und den einige Gäſte dieſer Oerter erſt zu Ende des Balles tanzen, nachdem die aufſichtführenden Nationalgardiſten ſich entfernt haben. Unter den gemeinen Paaren, welche an dieſen Saturnalien theilnahmen, bemerkte der Chourineur zwei, die durch ihre empören⸗ den Geberden, Stellungen und Worte beſondern Beifall erlangten. Das erſte Paar war ein ſo ziemlich in einen Bär verkleideter Mann, denn er trug eine Jacke und Beinkleider von ſchwarzem Schaffell. Der Kopf des Thieres, der wahrſcheinlich zu läſtig ge⸗ worden, war durch eine Art Kapuze mit langem Haar erſetzt wor⸗ den, welches das Geſicht ganz verhüllte; zwei Löcher in der Gegend der Augen und ein breiter Spalt an dem Munde erlaubten das Sehen, Sprechen und Athmen. Dieſer Vermummte, Einer der aus La Force entwichenen Gefangenen (unter denen ſich auch Bar⸗ billon und die beiden Mörder befanden, die in der Penne zu An⸗ fang dieſer Erzählung verhaſtet wurden), war Nicvlaus Martial, der Sohn und Bruder der beiden Frauen, die auf dem wenige Schritte entfernten Schaffot geköpft werden ſollten. Dieſer Elende, der zu dieſer Handlung grauenhafter Unempfindlichkeit und kecker Prahlerei durch einen ſeiner Gefährten, einen ebenfalls entwichenen und verkleideten gefürchteten Banditen, aufgereizt worden war, wagte ſich unter dieſer Vermummung den letzten Freuden des Carnevals hinzugeben. Das Mädchen, das mit ihm tanzte und als Marketenderin ge⸗ kleidet war, trug einen Lederhut voll Beulen und mit zerriſſenen Bändern, eine Art Wams von verſchoſſenem rothen Tuche mit drei Reihen Kupfer-Knöpfen wie auf einem Huſaren-Dolman, einen grünen Rock und Beinkleider von weißem Kattun; ihr ſchwarzes Haar fiel verworren auf die Stirn, und ihr bleiches Geſicht verrieth ſchamloſe Frechheit. Das Vis⸗d⸗vis dieſer Tänzer war nicht minder gemein. Der Mann, faſt ein Rieſe, war als Robert Macaire verkleidet und hatte ſein knochiges Geſicht ſo mit Ruß beſchmiert, daß er ganz unkenntlich war: übrigens bedeckte eine Binde ſein rechtes Auge, und das matte Weiß des rechten Augapfels, das von dieſem ſchwar⸗ zen Geſichte abſtach, machte es noch häßlicher. Der untere Theil des Geſichtes des Skeletts (man hat den Banditen ohne Zweifel erkannt) verſchwand ganz in einer hohen Cravate von einem alten rothen Shawl. Auf dem Kopfe trug er, wie es nach dem Her⸗ kommen dem Robert Macaire gebührt, einen grauen, abgeſchabten, plattgedrückten, ſchmutzigen Hut ohne Boden; ferner war er mit einem zerriſſenen grünen Fracke und rothen an tauſend Stellen ge⸗ flickten Pantalons bekleidet, die unten mit Bindfaden zuſammen⸗ gebunden waren. So herausſtaffirt übertrieb dieſer Mörder die groteskeſten und frechſten Stellungen des Chahut, warf ſeine lan⸗ gen, eiſenharten Glieder rechts und links, vor⸗ und rückwärts, und legte ſie in allen möglichen Formen mit einer Kraft und Elaſticität zuſammen, als würden ſie mit Stahlfedern in Bewegung geſetzt. Seine Tänzerin, ein großes, gewandtes Geſchöpf mit frechem Geſichte, einer Soldatenmütze auf dem Ohre auf einer gepuderten Perücke mit langem Zopfe, trug eine Jacke und Pantalons von abgeriebenem grünen Sammet und um die Taille eine orange Schärpe mit langen Enden, die um ſie herflatterten. Ein dickes gemeines Weib, die Wirthin aus der Penne, ſaß auf einer Bank und hatte auf den Knieen die rarrirten Mäntel die⸗ ſes Geſchöpfes und der Marketenderin, während ſie Beide in den 253 Sprüngen und frechen Stellungen mit eim Skelett und Nicolaus⸗ Martial wetteiferten. Unter den andern Tänzern bemerkte man noch einen kleinen Lahmen, der ſich als Teufel verkleidet hatte und zwar durch einen ſchwarzen Tricotanzug, der für ihn viel zu groß und weit war, rothe kurze Beinkleider und eine häßliche grüne Maske. Das kleine Ungeheuer beſaß, trotz ſeinem Gebrechen, eine bewundernswürdige Gewandtheit; ſeine frühzeitige Verdorbenheit war eben ſo groß, wenn nicht größer, wie die ſeiner ſchrecklichen Genoſſen, und er hüpfte ſo frech wie keiner vor einer dicken Frau herum, die als Schäferin gekleidet war und die Schamloſigkeit ihres Tänzers durch lautes Lachen ermuthigte. Da keine Klage gegen den kleinen Lahmen (den man auch er⸗ kannt hat) erhoben worden war und Roth⸗Arm proviſoriſch in dem Gefängniſſe hatte bleiben müſſen, ſo war der Knabe auf Verlangen ſeines Vaters durch den alten Micou, den Hehler, reclamirt worden, den ſeine Mitſchuldigen nicht verrathen hatten. Als untergeordnete Figuren in dieſem Bilde, das wir zu ſchil⸗ dern verſucht haben, denke man ſich das Gemeinſte, Schmachvollſte, Gräßlichſtel in dieſem faulen, kecken, raubſüchtigen, blutdürſtigen, gottloſen Pöbel, der immer feindlicher gegen die ſociale Ordnung ſich auflehnt und auf den wir die Aufmerkſamkeit der Denker am Schluſſe dieſer Erzählung noch einmal hinlenken wollten. Möge dieſe letzte und gräßliche Scene ein Symbol der Gefahr ſein, welche die Geſellſchaft bedroht! Ja, wie man auch darüber denken möge, die beunruhigend Vermehrung dieſes Volkes von Dieben und Mördern iſt gewiſſer⸗ maßen eine lebendige Proteſtation gegen die repreſſiven Geſetze und namentlich gegen den Mangel vorbeugender Maßregelen 254 einer vorſorglichen Geſetzgebung und großer Bewahr⸗ anſtalten, welche die Beſtimmung hätten, dieſe Menge von Un⸗ glücklichen, welche verlaſſen oder durch ſchreckliche Beiſpiele ver⸗ dorben werden, von Jugend auf zu überwachen und zum Beſſeren zu leiten. Noch einmal, dieſe enterbten Weſen, welche Gott nicht ſchlechter und nicht beſſer geſchaffen hat als die andern Geſchöpfe, werden ſo unverbeſſerlich erſt in dem Schmutze der Noth, der Un⸗ wiſſenheit und Rohheit verderben, in dem ſie ſich von der Geburt an herumſchleppen. Die Mitwirkenden in dieſer abſcheulichen Orgie, die wir ſchil— dern, riefen, durch das Lachen und den Beifall der Menge an den Fenſtern aufgereizt, dem Orcheſter zu, noch einen, den letzten, Ga⸗ lopp zu ſpielen. Die Muſiker, erfreut, das Ende einer für ihre Lungen ſo anſtrengenden Arbeit vor ſich zu ſehen, fügten ſich dem allgemeinen Wunſche und ſpielten mit Feuer einen Galopp mit raſchem Tact. Der Jubel verdoppelte ſich bei dieſen Tönen der Meſſing⸗ inſtrumente, alle Paare umfaßten einander feſt, folgten dem Skelett und der Tänzerin deſſelben und begannen unter wildem Geſchrei einen wahren Höllentanz. Von dem Fußboden des Saales erhob ſich unter den wüthenden Tritten eine dicke Staubwolke und breitete eine röthliche dunkle Wolke über dieſen Wirbel feſtverſchlungener Männer und Frauen, die ſich mit ſchwindelnder Geſchwindigkeit drehten. Bald war es für dieſe von dem Weine, der Bewegung und dem eigenen Geſchrei erhitzten Köpfe nicht bloße Trunkenheit mehr, ſondern Wahnſinn, Tollheit; es ſehlte ihnen an Platz, und das Skelett rief mit keuchender Stimme: 255 „Vorgeſehn! — Die Thüre! Wir tanzen hinaus auf den Boulevard.“ „Ja, ja!“ rief die dichte Menge an den Fenſtern, „Galopp bis an die Barridre St. Jacob!“ „Die Zeit kommt, wo man die beiden Weiber um einen Kopf kürzer machen wird.“ „Der Henker hat einen Doppelſchlag.“ „Mit Begleitung von Klapphörnern.“ „Wir tanzen den Guillotine-Contretanz. „Vorwärts Frau ohne Kopf!“ rief der kleine Lahme. „Das wird den Verurtheilten noch einen Spaß machen —“ „Ich ziehe die Wittwe auf —“ „Ich die Tochter —“ „Der alte Henker wird lachen.“ „Er tanzt auf der Guillotine mit ſeinen Leuten den Chahut.“ „Tod allen Ehrlichen! Es leben die Diebe und Mörder!“ rief das Skelett mit durchdringender Stimme. Dieſe kannibaliſchen Spöttercien und S begleitet von obſeönen Geſängen, Geſchrei und Pfeifen, nahmen noch zu, als die Geſellſchaft des Skeletts durch gewaltſames Andrängen eine Oeffnung in der compacten Menge gemacht hatte. Es entſtand ein entſetzliches Gedränge; man hörte Gebrüll, Flüche und lautes Lachen, das nichts Menſchliches hatte. Durch zwei neue S wurde der Tumult auf das Höchſte geſteigert. In der Ferne, an der Ecke des Boulevard, zeigte ſich der Wagen der Verurtheilten mit der Cavalleriebedeckung, und die ganze Pöbelmaſſe ſtürzte ſich unter frendigem Geſchrei nach dieſer Rich⸗ tung hin. 256 In dieſem Augenblicke erſchien bei der Menge ein Courier, der vom Boulevard der Invaliden kam und im Galopp nach der Barrière von Charenton ritt. Er trug ein hellblaues Jäckchen mit gelbem Kragen und ſilbernen Treſſen auf allen Nähten; zum Zeichen tiefer Trauer trug er ſchwarze kurze Beinkleider; die Mütze mit den breiten ſilbernen Treſſen war von Krepp umſchlungen. An dem Zügel ſah man in Relief das großherzogliche Wappen von Gerolſtein. Der Courier ließ ſein Pferd im Schritt gehen, mußte aber bald ganz anhalten, als er mitten in den erwähnten Pöbelhauſen gekommen war. Ob er gleich rief: vorgeſehen! und ſein Pferd mit der äußerſten Vorſicht lenkte, ſo ließen ſich doch bald Schimpfreden und Drohungen gegen ihn hören. „Will der mit ſeinem Kameele über uns hinwegreiten?“ „Hat der Silber auf dem Leibe!“ rief der kleine Lahme unter der grünen Maske mit rother Zunge. „Wenn er uns wild macht, reißen wir ihn vom Pferde her⸗ unter!“ „Und ſchneiden ihm die Treſſen ab, um ſie einzuſchmelzen,“ ſagte Nicolaus. „Und ſtoßen dem Bedientenpack ein Eiſen in den Leib, wenn es nicht gehorcht,“ ſetzte das Skelett zu dem Courier gewendet hinzu, während er den Zügel des Pferdes ergriff; denn das Volks⸗ gedränge war ſo dicht geworden, daß es der Bandit aufgegeben hatte, bis an die Barrière zu tanzen. Der Courier, ein kräftiger und entſchloſfener Mann, ſagte zu dem Skelett, indem er den Peitſchenſtiel ſchwang: „Wenn Du den Zügel nicht losläßt, gebe ich Dir einen Hieb über's Geſicht.“ „Du?“ „Ja. — Ich reite im Schritt und rufe: vorgeſehen! Du haſt das Recht nicht, mich anzuhalten. Der Wagen meines gnädigſten Herrn kommt hinter mir, ich höre ſchon die Peitſchen knallen. — Laß mich durch.“ „Dein Herr?“ entgegnete das Skelett. — „Was 6c mich Dein Herr an? Ich ſteche ihn todt, wenn mir es gefällt; ich habe ſo noch keinen großen Herrn kalt gemacht.“ „Es giebt keine Herren mehr. — Es lebe die Charte!“ rief der kleine Lahme, und während er den Vers aus der Pariſienne ſang: En avant, marchons contre leurs canons, faßte er einen Stiefel des Couriers und hing ſich mit ſeiner ganzen Laſt daran, ſo daß der Mann in dem Sattel wankte. Ein tüchtiger Schlag mit dem Peitſchenſtiele auf den Kopf ſtrafte den Buben für ſeine Keckheit, aber alsbald ſtürzte ſich auch der Pöbel auf den Courier; ob er gleich dem Pferde die Sporen einſetzte, um es vorwärts zu treiben, ſo gelang es ihm doch nicht, eben ſo wenig wie er ſeinen Hirſchfänger ziehen konnte. Er wurde von dem Pferde heruntergeriſſen, unter allgemeinem Hohngeſchrei niederge⸗ worfen und würde erſchlagen worden ſein, wäre nicht der Wagen Ru⸗ dolphs angekommen, der die Aufmerkſamkeit dieſer Elenden ablenkte. Der mit vier Poſtpferden beſpannte Wagen des Fürſten führ ſeit einiger Zeit im Schritt, und Einer der beiden Diener in Trauer (wegen des Todes Sarahs), die hinten ſaßen, war ſelbſt klüglicher⸗ weiſe abgeſtiegen und ging neben einem Kutſchenſchlage, da der Wagen ſehr niedrig war. Die Poſtillone riefen: vorgeſehen! und fuhren mit aller möglichen Vorſicht Rudolph, der im Traueranzug war wie ſeine Tochter, deren Hände er in den ſeinigen hielt, ſah ſie mit inniger Freude anz das Die Geheimniſſe von Paris. VIII. 17 1 258 ſanfte, liebliche Geſicht Mariens war von einem kleinen ſchwarzen Krepphute umgeben, welcher die blendende Weiße ihres Teints und den Glanz ihres ſchönen blonden Haares noch mehr hervorhob. In ihren großen Augen, die nie ſo klar geweſen waren, ſchien ſich der blaue Himmel des ſchönen Tages zu ſpiegeln. — Obgleich ihr mild lächelndes Geſicht Ruhe und Glück ausdrückte, wenn ſie ihren Vater anſah, ſo breitete doch ein Anflug von Melancholie, bisweilen ſelbſt von unbeſchreiblicher Traurigkeit, einen Schatten über die Züge Mariens, wenn die Augen ihres Vaters nicht auf ihr ruhten. „Du zürneſt mir nicht, daß ich Dich ſo früh aus Deiner Ruhe ſtören ließ und den Augenblick unſerer Abreiſe beſchleunigte?“ fragte Rudolph lächelnd. „Ach nein, mein Vater, der Morgen iſt ſo ſchön —“ „Ich glaubte, wir würden die Reiſe eintheilen können, wenn wir frühzeitig aufbrächen, und Du würdeſt weniger angegriffen werden. — Murph, meine Adjutanten und der Wagen mit dem Gefolge, in dem ſich Deine Dienerinnen befinden, werden uns bei dem erſten Anhaltpunkte einholen, wo Du ausruhen kannſt.“ „Guter Vater, — Sie denken immer nur an mich.“ „Ja, ich kann keinen andern Gedanfen haben,“ entgegnete der Fürſt lächelnd; dann ſetzte er zärtlich hinzu; „ich liebe Dich ſo ſehr, ſo ſehr, — Deine Stirn!“ Marie neigte ſich zu ihrem Vater, und Rudolph küßte ſie auf die ſchöne Stirn. In dieſem Augenblicke näherte ſich der Wagen der Menge und ſing an ſehr langſam ſich zu bewegen. Rudolph ließ erſtaunt das Fenſter herunter und ſagte deutſch zu dem Diener, der neben dem Schlage ging: „Was giebt es, Franz? Was bedeutet der Tumnlt?“ 2⁵9 Es iſt ein ſo ne Gedränge, daß die Pferde nicht nnen — „Was will das Volk?“ „Königl. Hoheit!“ „Nun?“ „Königl. Hoheit, weil —“ „So rede doch!“ „Ich höre eben, es fände dort unten eine Hinrichtung ſtatt.“ „Das iſt entſetzlich!“ rief Rudolph aus, indem er ſich in dem Wagen zurücklegte. „Was iſt Ihnen, mein Vater?“ fragte Marie beſorgt. „Nichts — nichts, mein Kind.“ „Aber das drohende Geſchrei? Hören Sie? Man kommt näher. — Mein Gott, was bedeutet das?“ „Franz, befiehl den Poſtillonen umzukehren und auf einem andern Wege nach Charenton zu fahren,“ ſagte Rudolph. „Es iſt zu ſpät, — wir ſind mitten in dem Gedränge. — Man hält den Wagen an, — verdächtige Menſchen —“ Der Mann konnte nicht weiter ſprechen. Die Menge, die durch die blutigen Prahlereien des Skeletts und des Nicolaus auf⸗ gereizt worden war, umringte plötzlich ſchreiend den Wagen. Die Pferde wurden trotz den Drohungen und Bemühungen der Poſtillone angehalten, und Rudolph ſah ringsherum ſchreckliche, wüthende, drohende Geſichter und das Skelett, über alle hinwegragend, an den Kutſchenſchlag treten. „Mein Vater — nehmen Sie ſich in Acht!“ rief Marie, indem ſie ihre Arme um den Hals Rudolphös ſchlang. „Sie alſo ſind der Herr?“ ſagte das Skelett, indem der Räuber ſeinen häßlichen Kopf in den Wagen hineinſteckte. 3 6 — 260 Rudolph würde ohne die Gegenwart ſeiner Tochter ſeinem auf⸗ brauſenden Charakter nachgegeben haben; er hielt aber an ſich und antwortete kalt: „Was wollen Sie? Warum halten Sie meinen Wagen an?“ „Weil es uns ſo gefällt!“ antwortete das Skelett, während er die knochigen Hände auf den Schlag legte. „Einer nach dem An⸗ dern; — geſtern mißhandelteſt Du die Canaille, heute wird Canaille ſich rächen, wenn Du Dich rührſt. * „Mein Vater, wir ſind verloren!“ flüſterte Marie. „Beruhige Dich, — ich errathe“, ſagte der Fürſt, — „es iſt der letzte Tag des Carnevals. — Die Leute ſind betrunken, — ich werde mich bald von ihnen frei machen —“ „Er muß ausſteigen und ſeine Frau auch!“ rief Nicolaus. „Warum fahren ſie mitten in das arme Volk hinein?“ „Sie ſcheinen mir zu viel getrunken zu haben und doch noch mehr trinken zu wollen,“ ſagte Rudolph, indem er eine Börſe aus der Taſche zog. „Da — nehmen Sie das, und halten Sie meinen Wagen nicht länger auf —.“ Er warf die Börſe hin. Der kleine Lahme fing ſie auf. „Du reiſeſt fort, Du mußt viel Geld bei Dir haben; heraus damit, oder ich ermorde Dich! Ich habe nichts zu wagen; ich fordere bei hellem Tage Dein Leben oder Dein Geld. Das iſt ſpaßhaft,“ ſprach der Bandit, von Wein und Blutdurſt berauſcht. Und er riß den Wagenſchlag auf. Die Geduld Rudolphs war zu Ende; beſorgt um Marie, deren Angſt jede Minute zunahm, und in der Meinung, ein Beweis von Kraft würde den Elenden, den er für betrunken hielt, einſchüchtern, ſprang er aus dem Wagen, um den Räuber an der Kehle zu faſſe. — 261 Anfangs wich dieſer lebhaft zurück und nahm in langes Dolch⸗ meſſer aus ſeiner Taſche, dann ſtürzte er auf Rudolph zu. Marie ſtieß, als ſie den Dolch des Banditen gegen ihren Vater geſchwungen ſah, einen herzzerreißenden Schrei aus, ſprang aus dem Wagen und umſchlang Rudolph. Es wäre um ſie und ihren Vater geſchehen geweſen, wenn nicht der Chourineur, der ſogleich die Livrée des Fürſten erkannt hatte, ſich durch übermenſchliche Anſtrengung zu dem Skelett ge⸗ drängt hätte. In dem Augenblicke, als der Bandit den Fürſten mit dem Meſſer bedrohte, hielt ihm der Chourineur den Arm mit der einen Hand, während er ihn mit der andern am Kragen packte und halb niederdrückte. Der Räuber konnte ſich, obgleich unverſehens von hinten ge⸗ faßt, umdrehen, erkannte den Chourineur und rief aus: „Der Mann mit der grauen Blouſe aus La Force! Diesmal entgehſt Du mir nicht!“ Und er ſtürzte ſich wüthend auf den Chon⸗ rineur und ſtieß ihm das Meſſer in die Bruſt. Der Chourineur wankte, aber fiel nicht, — die Menge ſtand zu gedrängt. „Die Wache! Die Wache kommt!“ riefen einige Stimmen. Bei dieſen Worten und bei dem Anblicke der Ermordung des Chourineurs zerſtreute ſich die ſo dicht gedrängte Menge, um bei dem Morde nicht gefährdet zu werden, wie durch einen Zauberſchlag und entfloh nach allen Seiten hin. Auch das Skelett, Nicolaus Martial und der kleine Lahme verſchwanden. Als die Wache mit dem Courier ankam, der entſchlüpft war, als ihn die Menge verlaſſen hatte, um den Wagen des Fürſten zu 262 umringen, war auf dem Schauplatze dieſes traurigen Ereigniſſes Niemand mehr anweſend als Rudolph, Marie und der im Blute ſchwimmende Chourineur. Die beiden Diener des Fürſten hatten ihn an einen Baum gelehnt. Alles war tauſendmal raſcher geſchehen, als es ſich erzählen läßt, und zwar einige Schritte von dem Wirthshauſe, aus welchem das Skelett mit ſeiner Geſellſchaft gekommen war. Der Fürſt hielt, bleich und bewegt, ſeine halb ohnmächtige Tochter umſchlungen, während die Poſtillone das Geſchirr ihrer Pferde wieder in Ordnung brachten. „Schnell!“ ſagte der Fürſt zu ſeinen Leuten, die ſich um den Chourineur bemühten; „traget den Unglücklichen in das Wirths⸗ haus. Und Du“ ſetzte er zu ſeinem Courier hinzu, „ſteige auf den Bock und fahre, was die Pferde laufen wollen, in mein Haus und hole den Doetor David; da er erſt um elf Uhr abreiſen ſollte, wird er noch zu finden ſein.“ Einige Minuten nachher fuhr der Wagen im Galopp davon. Die beiden Diener trugen den Chourineur in den niedrigen Saal, in welchem die Orgien gefeiert worden waren, und wo ſich noch einige Frauenzimmer befanden, die daran Theil genommen hatten. 3 „Armes Kind!“ ſagte Rudolph zu ſeiner Tochter, „ich will Dich in ein Zimmer dieſes Hauſes bringen, da magſt Du auf mich warten, denn ich kann den muthigen Mann, der mir noch einmal vas Leben gerettet hat, nicht blos meinen Leuten überlaſſen.“ „Ach, Vater, verlaſſen Sie mich nicht!“ ſprach Marie er⸗ ſchrocken, indem ſie den Arm Rudolphs ergriff; „laſſen Sie mich 263 nicht allein, — ich würde ſterben vor ich will bei Ihnen bleiben.“ „Aber der Anblick iſt gunbolt⸗ 4 „Ich verdanke es dieſem Mann, daß Sie noch für mich leben, Vater; erlauben Sie, daß ich ihm mit danken und ihn tröſten darf.“ Die Verlegenheit des Fürſten war gxßy ſeine Tochter äußerte mit Recht ihre Beſorgniß, allein in einem Zimmer dieſes gemeinen Wirthshauſes zu bleiben, ſo daß er ſich entſchloß, mit ihr in den Saal zu treten, in welchem ſich der Chourineur befand. Der Beſitzer des Wirthshauſes und mehrere Frauen, die noch in demſelben geblieben waren (unter ihnen auch die Wirthin vom weißen Kaninchen), hatten ſchnell den Verwundeten auf eine Ma⸗ tratze gelegt und verſuchten mit Servietten u. dergl. das Blut zu ſtillen. Der Chourineur hatte eben die Augen aufgeſchlagen, als Ru⸗ dolph eintrat. Bei dem Anblick des Fürſten belebtc ſich ſein todtbleiches Geſicht etwas; er lächelte und ſagte mit matter Stimme: „Ach, Herr Rudolph, wie ſich das gut traf, daß ich da war!“ „Muthig und aufopfernd wie immer!“ ſagte der Fürſt in ſchmerzlichem Tone zu ihm; „Du haſt mich noch einmal gerettet.“ „Ich wollte — an die Barridre von Charenton — gehen, um Sie — vorüberfahren zu ſehen; — zum Glück wurde ich — von dem Gedränge aufgehalten. — Uebrigens mußte mir — ſo etwas begegnen, — ich habe es zu Martial geſagt; ich ahnte es.“ „Du ahnteſt es?“ 264 „Ja, Herr Rudolph, — der von dem Feldwebel, m ich die Nacht wieder gehabt habe — „Vergiß das und hoffe; die Wunde wird nicht un ſein —“ „Ach ja; das Skelett hat gut gezielt. — Es ſchadet auch nichts; ich hatte doch Recht, als ich zu Martial ſagte, ein Wurm wie ich könnte manchmal einem — großen Herrn wie Sie £ nützlich ſein —“ „Ich verdanke Dir noch einmal das Leben!“ „Wir ſind quitt — Herr Rudolph. — Sie haben mir geſagt, ich hätte ein Herz und Ehre im Leibe, — dieſe Worte, — ſehen Sie — ach, ich erſticke. — Gnädigſter Herr — ohne Ihnen vor⸗ ſchreiben zu wollen — erzeigen Sie mir die Ehre — und reichen Sie mir die Hand; — ich fühle, daß es — zu Ende geht.“ „Nein, es iſt nicht möglich!“ rief der Fürſt aus, indem er ſich über den Chourineur bog und die kalte Hand des Verwundeten drückte, — „nein, Du wirſt leben, Du wirſt leben!“ „Herr Rudolph, — ſehen Sie, — es giebt — da oben etwas! — Ich habe getödtet — durch einen Meſſerſtich und — ich ſterbe — durch einen — Meſſerſtich,“ ſagte der Chourineur mit immer ſchwächer werdender Stimme. In dieſem Augenblicke fiel ſein Blick auf Marien⸗Blume, die er noch nicht bemerkt hatte. — Auf ſeinem Geſichte malte ſich Er⸗ ſtaunen, er machte eine Bewegung und ſagte: „Ach — mein — Gott! — die Nachtigall!“ „Ja — ſie iſt meine Tochter! Sie ſegnet Dich dafür, daß Du ihr den Vater erhalten haſt!“ „Sie — Ihre Tochter! — das — erinnert mich daran — 265 — wie — wir mit einander — bekannt — wurden, — Herr Ru⸗ dolph — und — an die — Fauſiſchläge — aber — dieſer Meſſer⸗ ſtoß — iſt auch gut. — Ich habe das Meſſer gebraucht — und ſterbe durch — ein Meſſer. — Es iſt ganz — recht.“ Dann holte er noch einmal tief Athem und ließ den Kopf zu⸗ rückſi nken. Er verſchied. Draußen hörte man Pferdegetrappel und Wagengeraſſel; der Wagen Rudolphs war dem Murphs und Davids begegnet, die ebenfalls früher abgefahren waren, als beſtimmt geweſen. David und der Squire traten ein. „David,“ ſagte Rudolph, indem er ſeine Thränen abtrocknete und auf den Chourineur zeigte, „iſt keine Hoffnung?“ „Keine, königl. Hoheit,“ ſagte der Arzt nach kurzer Unter⸗ ſuchung. Während dieſer Minute war eine ſchreckliche ſtumme Scene zwiſchen Marien und der Wirthin „vom weißen Kaninchen“ erfolgt, die Rudolph nicht bemerkt hatte. Als der Chourineur halblaut den Namen der Nachtigall aus⸗ geſprochen, hatte jene Wirthin raſch emporgeſehen und die Nachtigall erblickt. Die ſchreckliche Fran hatte bereits Rudolph erkannt; man nannte ihn „gnädigſter Herr, königl. Hoheit“, — er nannte die Nachtigall ſeine Tochter; — eine ſolche Verwandlung ging über die Begriffe der Frau, welche ihr ehemaliges Opfer unverwandt anſtierte. Marie ſtand bleich und unbeweglich da und ſchien durch dieſen Blick gleichſam feſtgebannt zu ſein. Der Tod des Chourineurs und das unerwartete Erſcheinen — 266 ſicher als je wieder erweckte, erſchienen ihr als traurige Vorbedeutung. Marie konnte von dieſem Augenblicke an eine der Ahnungen nicht niederkämpfen, welche oftmals auf Charaktere gleich dem ihrigen einen unabweislichen Einfluß haben. 8 Bald nach dieſen traurigen Ereigniſſen hatte Rudolph mit ſei⸗ ner Tochter Paris für immer verlaſſen. — der Wichi, welches die g an ihr früheres Leben ſchmerz⸗ 2 Druck von Louis Humblot in Berlin. 4