Leihbibliothetk deutſcher, engliſcher und franzöſiſcher Literatur von Ednurd Ottmann in Gießen, Schloßgaſſe Lit. A. Nr. 256. Seißj und geſebedingungen. 1. Oflensein der Bibliothek. Die Biblivthek ſteht zur Em⸗ pfangnahme und Rückgabe ver Bücher jeden Tag von Morgens 7 Uhr bis Abends 8 Uhr offen. 2. Lesepneis. Bei Rückgabe eines geliehenen Buches wird von jedem Tag 5 Pf bezahlt. Die Zeit eines Tages iſt zu 24 Stun⸗ den angenommen. 3. Caution. Unbekannte Perſonen müſſen, bei Entgegennahme eines Buches, eine dem Werthe deſſelben entſprechende Summe binterlegen, welche bei veſſen Zurückgabe von mir zurückerſtattet — —— — — —— wird. 4. Abonnement. Daſſelbe muß voraus bezahlt werden und beträgt: für wöchentlich 2 Bücher: 4 Bücher: 6 Bücher: auf 1 Monat: 1 Mk. — Pf. 1 Mt. 50 Pf. 2 Mr. — Pf. „ — 5 5. Auswärtige Abonnenten haben für Hin⸗ und Zurückſendung ſ der Bücher auf ihre eigenen Koſten und Gefahr ſelbſt zu ſorgen. 6. Schadenersatz. Für beſchmutzte, zerriſſene, verlorene und deſecte Bücher (namentlich bei ſolchen mit Kupfern ꝛc.) muß der Ladenpreis erſetzt werden. — Iſt das zerriſſene, beſchmutzte, ver⸗ lorene vder defecte Buch ein Theil eines größeren Werkes, ſo iſt der Leſer zum Erſatz des Ganzen verpflichtet. 7. Ausleihereit. Dieſelbe iſt auf 14 Tage feſtgeſetzt und wird beſonders darauf aufmerkfam gemacht, daß das Weiterverleihen der Bücher nicht ſtattfinden darf, indem Diejenigen, welche die⸗ ſelben von mir geliehen, auch dafür zu ſtehen haben. — ——— Pi Geheimniſſe von Paris. Von Eugene Sue. Ueberſetzt 3 von A. Diezmann. . Siebenter Zand. Mit Illuſtrationen von Theodor Hoſemann. * Zerlin, 1843. Verlag von Meyer £ Hofmann. CXXXR. Das Gekängniſß; LTa Forct. ielleicht beſchuldigt man uns we folgenden Scenen, wir verl durch einige epiſodiſche Schild mit der Löſung wichtiger Pö das Innere eines Gefängniſſes, das entſetzliche Pa traurige Thermometerder Civiliſation, do kommen zeitgemäßes Studium ſein. Die verſchiebenarti gen der Ausdehnung der nach⸗ etzten die Einheit unſerer Geſchichte erungen; da man ſich aber jetzt überall nitentiar⸗Fragen beſchäftigt, ſo dürfte ndämonium, das ch wohl ein voll⸗ gen Phyſiognomien der Gefangenen Claſſen, die Familien⸗ und Liebesverhältniſſe, d Welt knüpfen, von der ſie durch die Gefängnißmau ſchienen uns wohl eine Jatereſſe zu verdienen. Man wird uns deshalb entſchuldigen, daß wir um mehrere Gefangene, befannte Perſonen dieſer Geſchichte, andere ſecundäre Figuren gruppirten, welche gewiſſe kritiſche Ideen herausheben und dieſe Einführung in das G efängnißleben vervollſtändigen ſollten. — — niß La Force hinein. aller ie ſie noch an die ern getrennt ſind, Treten wir in das Gefäng 4 Es hat daſſelbe nichts Schauerliches, nichts Düſteres. In der Mitte eines der erſten Höfe ſieht man einige Baum⸗ und Gebüſchgruppen, an deren Fuße hier und da bereits die grünen friſchen Triebe der Primeln und Schneeglöckchen hervordringen; eine Vortreppe mit einem gewölbten Lattendache darüber, an welchem ſich die knotigen Zweige des Weinſtocks hinſchlängeln, führt zu einem der ſieben oder acht Räume, auf welchen die ageie um⸗ hergehen dürfen. Die großen Gebäude, welche dieſe Höfe umgeben, gleichen denen einer Caſerne oder Fabrik, die ungemein ſorgfältig unterhalten wird. Es ſind große Fagaden von weißem Stein mit hohen, breiten Fenſtern, durch die eine friſche reine Luft in Menge einſtrömt. Die Steinplatten und das Pflaſter der Höfe ſind außerordentlich rein. Im Erdgſchoſſe dienen große Säle, die im Winter geheizt, im Sommer gelüftet werden, den Tag über den Gefangenen als Converſativnsplätze, Werkſtätten und Speiſeſäle. Die höhern Stockwerke find für ungeheuer große Schlafſäle von zehn bis zwölf Fuß Höhe mit ſpiegelglattem Fußboden beſtimmt; darin ſtehen zwei Reihen eiſerner Betten, vortreffliche Betten, die in einem Strohſacke, einer dicken weichen Matratze, einem Pfühl⸗ weißem Bett⸗Tuche und einer warmen wollenen Decke beſtehen. Bei dem Anblicke dieſer Anſtalten, welche alle Bedingungen des Behagens und der Geſundheit vereinigen, wird man unwill⸗ kührlich da man daran gewöhnt iſ. die Swiſ für ſmutzg und finſter ſind nur die armſeligen Woh⸗ nungen, in denen, gleich Morel dem Steinſchneider, ſo viele arme, 5 rechtſchaffene Handwerker erſchöpft hinſchmachten, die ihr ſchlechtes Lager ihrer kranken Frau überlaſſen und mit ohnmächtiger Ver⸗ zweiflung ihre bleichen, hungrigen Kinder auf fauligem Stroh vor Froſt zittern laſſen müſſen. Derſelbe Contraſt zeigt ſich zwiſchen dem Geſichte des Bewohners der beiden Orte. Der arbeitſame Handwerker, der immer nur mit der Sorge für die Bedürfniſſe ſeiner Familie beſchäftigt iſt, die er kaum von einem Tage zum andern zu befriedigen vermag, da eine unſinnige Concurrenz ſein Verdienſt ſchmälert, wird verdrießlich und muthlos ſein; die Eſſenszeit ſchlägt für ihn nicht, und nur eine ſchläfrige Er⸗ mattung unterbricht ſeine übermäßige Arbeit. Erwacht er ſodann aus dieſem ſchmerzlichen Schlummer, ſo ſteht er denſelben nieder⸗ drückenden Gedanken über die Gegenwart, denſelben Beſorgniſſen übet die Zukunft gegenüber. Der Gefangene dagegen, den das Laſter verhärtete, dem die Vergangenheit gleichgiltig iſt, der über das Leben, das er eben führt, ſich freut und für die Zukunft geſichert iſt (er kann ſich die⸗ ſelbe durch ein Vergehen oder ein Verbrechen ſichern), der ſeine Freiheit ohne Zweifel vermißt, aber in dem materiellen Wohlbefinden, das ihm gegeben, eine reichliche Entſchädigung beſitzt, der die Gewißheit hat, bei ſeiner Entlaſſung eine hübſche Summe Geld zu erhalten, die er durch eine bequeme und mäßige Arbeit verdiente, der je nach dem Grade ſeiner Rohheit und Verderbtheit von ſeinen Genoſſen geachtet, d. h. gefürchtet wird, wird faſt immer heiter und ſorglos ſein. Waos fehlt ihm denn? Findet er nicht in dem Gefängniſſe ein gutes Obdach, ein gutes 6 Dingen Geſellſchaft nach ſeiner Wahl, Geſellſchaft, die ihm⸗ wir wiederholen es, ihre Achtung nach der Größe ſien Schand⸗ thaten zumißt? Ein verſtockter Verurtheilter kennt alſo weder Arnuth⸗ noch Hunger, noch Kälte. Was kümmert ihn der Abſcheu, den er ehr⸗ lichen Leuten einflößt? Er ſieht ſie nicht, er kennt ſie nicht. Seine Verbrechen bilden ſeinen Ruhm, ſeinen Einfluß, ſeine Stärke bei den Banditen, unter denen er von nun an ſein Leben verbringen wird. Wie ſollte er die Schande fürchten? Statt ernſter und wohlgemeinter Ermahnungen, die ihn nöthigen könnten, über ſein früheres Leben zu erröthen und daſſelbe zu bereuen, hört er rohen Beifall, der ihn zu Diebſtahl und Mord ermuthigt. Kaum hat er das Gefüngniß betreten, ſo finnt er ilpr neue Verbrechen nach. Und kann es etwas Folgerichtigeres geben? Wird er entdeckt, von neuem verhaftet, ſo findet er die ue das materielle Wohlſein des Gefängniſſes wieder und ſeine luſtigen, kühnen Genoſſen des Verbrechens und der Ausſchweifung. Iſt er weniger verdorben als die andern, äußert er die geringſte Reue, ſo ſetzt er ſich grauſamer be teufliſchem ſchrecklichen Drohungen aus. *) Hohen Verdienſt, wenn man bedenkt, daß der Sträfling, der Alles erhält, was er braucht, täglich 5 bis 10 Sous verdienen kann. Wie viele Arbeitsleute können eine ſolche Summe erſparen? Bett, gute Koſt, hohen Verdienſt *), leichte Arbeit und vor allen — „ Verläßt endlich, was ſo ſelten iſt, daß es die Ausnahme von der Regel geworden, ein Sträfling dieſes entſetzliche Pandämonium mit dem feſtem Vorſatze, durch Muth, Arbeit, Geduld und Ehrlichkeit auf den Pfad der Tugend zurückzukehren, gelang es ihm, ſeine entehrende Vergangenheit zu verheimlichen, ſo genügt das Zuſammen⸗ treffen mit einem ſeiner ehemaligen Gefängnißgenoſſen, um das ſo mühſam aufgebaute Gerüſt der Rehabilitation zum Einſturze zu bringen, und zwar auf folgende Weiſe: Ein verſtockter entlaſſener Sträfling ſchlägt einem reuige laſſenen Sträfling ein Geſchäft vor; dieſer verweigert trrz lichen Drohungen dieſe verbrecheriſche Mitwirkung, und hüllt eine anonyme Angeberei die Lebensgeſchichte lichen, der um jeden Preis ein erſtes Vergehen d Verhalten verbergen und abbüßen wollte. Dann wird dieſer Mann, der Verachty trauen derer ausgeſetzt, deren Theilnahme, ſchaffenheit erworben hatte, in Armuth tigkeit erbittert, durch die Noth verl in den Abgrund zurück verſinken herausgearbeitet hatte. In den nachfolgenden Seen; unvermeidlichen Folgen der ge verſuchen. MNach jahrhundertlang Zögerung ſcheint man ein nur eine reine geſunde dorbene Atmoſphäre einz * 8 man das Giſt verſtärkt und unheilbar macht, wenn man die ſo am Krebs leidenden Menſchen zuſammendrängt! Wie viele Jahrhunderte brauchte man, um zu erkennen, daß es gegen dieſen um ſich greifenden Ausſatz, welcher den ſocialen Körper ſelbſt bedroht, nur ein einziges Heilmittel giebt — die Abſonperung. Wit würden uns glücklich ſchätzen, wenn unſere ſchwache Stimme er allen denen, wenn auch nicht gezählt, doch gehört würde, die, irender und beredter als die unſrige, mit ſo gerechter und ſo ger Eindringlichkeit die vollſtändige, abſolute Anwendung „Syſtems verlangen. 2 s wird die Geſellſchaft vielleicht auch wiſſen, daß ällige, eine organiſche Krankheit iſt, daß die Ver⸗ aten einer Umkehrung der Inſtincte und Nei⸗ Weſen nach immer gut ſind, aber durch die t oder die Sorgloſigkeit der Regierenden und verdorben werden, und daß die des Körpers, unabänderlich von den ftigen Pflege bedingt wird. e Organe, kräftige Triebe und Geſellſchaft kommt es zu, dieſe eichgewichte zu erhalten. erkraft, guten Willen und unverjährliches Recht auf uß, aber das Nothdürftige hätig und arbeitſam, — ich glücklich fühlen wird. d der Unwiſſenheit find völkert. Man reinige S 9 dieſe Cloaken, verbreite die Bildung, den Reiz der Arbeit, billigen Lohn für Arbeit, und alsbald werden dieſe kränklichen Geſichter, dieſe verkrüppelten Seelen ſich wieder aufrichten zum Guten, d. h. zur Geſundheit, dem Leben der Seele. Wir führen den Leſer in das Sprachzimmer des Gefängniſſes La Force. Es iſt ein dunkler Saal, der Länge nach durch einen ſchmalen Gang mit Oeffnungen in zwei gleiche Hälften getrennt. Ein Theil dieſes Sprachzimmers ſteht mit dem Innern des Gefängniſſes in Verbindung und iſt für die Gefangenen beſtimmt. Der andere ſtößt an das Bureau und iſt für die Fremden beſtimmt, welche die Gefangenen beſuchen. Dieſes Sehen, dieſes Sprechen geſchieht durch das doppelte eiſerne Gitterwerk des Sprachzimmers hindurch in Gegenwart eines Aufſehers, der innerhalb des Ganges und am Ende deſſelben ſich befindet. Der Anblick der Gefangenen, die an dieſem Tage in dem Sprachzimmer verſammelt waren, gewährte zahlreiche Contraſte; einige waren armſelig gekleidet, andere ſchienen der arbeitenden Claſſe anzugehören und noch andere dem wohlhabenden Bürger⸗ ſtande. Denſelben Standesunterſchied bemerkte man auch unter den Perſonen, welche die Gefangenen beſuchten; faſt alle waren Frauen. Im Allgemeinen ſehen die Gefangenen minder traurig aus als die Beſuchenden, denn es iſt eine merkwürdige, traurige und durch die Erfahrung bewieſene Thatſache, daß ſelten ein Kummer, eine Scham einer drei⸗ oder viertägigen Haft in Gemeinſchaft widerſteht. Diejenigen, welche ſich am meiſten vor der häßlichen Geſell⸗ ————— — — 10 ſchaft fürchten, gewöhnen ſich bald daran; die Anſteckung ergreift ſie; da ſie ſich von verdorbenen Geſchöpfen umgeben ſehen und nichts als ſchändliche Reden hören, ſo reißt ſie eine gewiſſe wilde Nacheiferung mit fort, und die Neuankommenden tragen gewöhnlich eine eben ſo ſchamloſe Luſtigkeit zur Schau, wie die länger Anwe⸗ ſenden, entweder weil ſie ihren Gefährten dadurch imponiren wollen, daß ſie in Rohheit mit ihnen wetteifern, oder um ſich ſelbſt durch dieſe moraliſche Trunkenheit zu betäuben. Kehren wir zum Sprachzimmer zurück. Trotz dem Geſumme vieler halblaut geführten Geſpräche von dem einen Ende des Ganges bis zum andern konnten Gefangene und Beſuchende doch nach einiger Uebung mit einander ſich unter⸗ halten, wenn ſie ſich durchaus nicht durch das Geſpräch ihrer Nach⸗ barn zerſtreuen ließen, was trotz dem lauten Austauſch von Worten eine Art Geheimniß bewirkte, da jeder aufmerken mußte, aber kein Wort von dem hören durfte, was man neben ihm ſprach. Unter den in das Sprachzimmer gerufenen Gefangenen war Nicolaus Martial am weiteſten von der Stelle wo der Aufſeher ſaß. Der düſtern Niedergeſchlagenheit, die bei ſeiner Verhaftung auf ſeinem Geſichte lag, war ein vohes Selbſtvertrauen gefolgt. Der anſteckende, verderbliche Einfluß der geu Haft trug bereits ſeine Früchte. Wäre der Elende ſofort in eine einſame Zelle gebracht F ſo würde er, unter der Einwirkung ſeiner Muthloſigkeit, mit dem Gedanken an ſeine Verbrechen, erſchreckt durch die Strafe, die ihn erwartete, wenn auch nicht Reue, doch wenigſtens die hilſum Furcht gefühlt haben, die nichts zerſtreut hätte. Und wer kann ſagen, was ein unabläſſiges erzwungenes Nach⸗ „ — 11 denken über die Verbrechen und über die Strafe bei einem Schul⸗ digen bewirkt? Da aber Nicolaus Martial mitten unter eine Schaar von Banditen kam, in deren Augen das geringſte Zeichen von Reue eine Feigheit oder vielmehr ein Verrath iſt, den ſie ſchwer büßen laſſen, — denn in ihrer Verſtocktheit, in ihrem dummen Mißtrauen halten ſie jeden der Spivnirerei für fähig, der, traurig und verſtimmt, ihre kecke Sorgloſigkeit nicht theilt und vor der Berührung mit ihnen ſchaudert, — da alſo Nicolaus unter dieſe Banditen gekommen war, da er überdies ſchon lange durch Hörenſagen das Gefängniß⸗ leben kannte, ſo kämpfte er ſeine Schwäche nieder, um eines in den Annalen des Raubes und Mordes ſchon berühmten Namens würdig zu erſcheinen. Einige alte rückfällige Verbrecher hatten ſeinen Vater, Andere ſeinen Bruder, den Galeerenſträfling, gekannt, und er wurde deshalb von dieſen Veteranen des Verbrechens mit ganz beſonderer Theil⸗ nahme empfangen und begünſtigt. Dieſe brüderliche Aufnahme des Mörders unter Mördern machte den Sohn der Wittwe ſtolz, die Lobſprüche über die in ſeiner Familie erbliche Schlechtigkeit berauſchten ihn. Er vergaß in dieſer Betäu⸗ bung bald die Zukunft, die ihm drohte, und erinnerte ſich ſeiner Verbrechen nur, um ſich derſelben zu rühmen und ſie zu übertreiben. Der Ausdruck des Geſichtes Martials war alſo frech und keck, wie der ſeines Beſuchers unruhig und beſtürzt. Dieſer ihn Be⸗ ſuchende war der Vater Micon, der Hehler in der Paſſage de la Braſſerie, in deſſen Hauſe die Frau von Fermont und deren Tochter, die Opfer der Habſucht des Notars Ferrand, eine Wohnung hatten nehmen müſſen. 6 Der alte Micon wußte, welche Strafen ihn bedrohten, weil er bisweilen die Frucht der Diebereien des Nicolaus und Anderer zu niedrigen Preiſen an ſich gebracht hatte. Da der Sohn der Wittwe verhaftet war, ſo konnte ihn dieſer als denjenigen bezeichnen, der ihm das Geſtohlene gewöhnlich abge⸗ kauft habe. Obgleich nun dieſe Anklage durch keine unumſtößliche Beweiſe begründet werden konnte, ſo blieb ſie doch nichts deſto we⸗ niger gefährlich, ſehr gefährlich für den alten Micou, weshalb er denn auch ſofort die Befehle vollzogen hatte, die ihm Nicvlaus durch einen das Gefängniß verlaſſenden Sträfling überbringen ließ. „Nun, wie geht es, Vater Micon?“ fragte ihn der Räuber. „Ihnen zu dienen, mein guter Herr,“ antwortete der Hehler ſofort. „Sobald die Perſon, der Sie Auftrag gegeben hatten, bei mir geweſen war, habe ich —“ „Halt! Warum nennen Sie mich nicht mehr Du, Vater Micon?“ unterbrach ihn Nicolaus höhniſch. „Verachten Sie mich, — weil ich im Gefängniſſe bin?“ „Nein, nein, mein Junge, ich verachte Niemanden,“ antwortete der Hehler. „Nun, ſo ſagen Sie Du wie immer, oder ich glaube, Sie ſind nicht mehr mein Freund, und das würde mir weh thun —“ „Ach!“ ſagte der alte Micon ſeufzend. — „Ich beſchäftigte mich alſo ſogleich mit Deinen kleinen Aufträgen —“ „So iſt es recht Vater Micon; ich wußte wohl, daß Sie Ihre Freunde nicht vergeſſen würden. — Und mein Taback?“ „Ich habe zwei Pfund in dem Bureau abgegeben, mein Junge.“ „Iſt er gut?“ „Er iſt vom beſten.“ „Und der Schinken?“ 6 — 13 „Iſt mit einem vierpfündigen weißen Brode ebenfalls abgegeben; ich habe Dir auch eine kleine Ueberraſchung bereitet, die Du nicht erwarteteſt, — ein halbes Dutzend harte Eier und holländiſchen Käſe.“ „Das nenne ich mir einen Freundſchaftsdienſt! Und Wein?“ „Ich brachte ſechs verſiegelte Flaſchen mit, aber Du weißt, daß man Dir nur eine Flaſche täglich geben wird.“ „Nun — das muß man ſich gefallen laſſen.“ „Ich hoffe, daß Du mit mir zufrieden biſt, mein Junge.“ „Gewiß, und ich werde es immer ſein, Vater Micou, denn die⸗ ſer Schinken, dieſer Käſe, dieſe Eier, dieſer Wein werden nicht lange vorhalten, aber ich denke, der Vater Micon wird mich auch ſpäter nicht vergeſſen —“ „Wie? Du meinſt —“ „Daß Sie nach zwei oder drei Tagen wieder für einige Vor⸗ räthe ſorgen, Vater Micou.“ „Der Leufel ſoll mich holen, wenn ich das thue, — einmal iſt ſchon gut.“ „Einmal iſt gut? Gehen Sie, Schinken und Wein ſind immer gut; das wiſſen Sie recht wohl.“ „Wohl möglich, aber es liegt mir nicht ob, Dich mit Lecker⸗ biſſen zu füttern.“ „Ach, Vater Mieon, das iſt ſchlecht, das iſt ungerecht. Mir Schinken zu verſagen, und ich habe Ihnen doch ſo vft Blei gebracht!“ „Schweig, Unglücklicher!“ entgegnete der Hehler erſchrocken. „Nein, ich werde die Sache dem Richter zur Entſcheidung vor⸗ legen, ich werde ihm ſagen: Denken Sie ſich, der alte Micon —“ „Schon gut, ſchon gut!“ fiel der Hehler ein, der mit ſo großem Entſetzen wie Zorn erkannte, daß Nicolaus geneigt ſei, die Gewalt 14 zu mißbrauchen, welche er über ihn als ſeinen Mitſchuldigen hatte, — „ich werde Dir viche etwas bringen, wenn das erſte fs zehrt iſt.“ „So iſt es recht. — Sie virfen aber auch nicht vergeſſen, meiner Mutter und Schweſter in St. Lazarus Kaffee zu ſchicken; ſie tranken alle Tage früh ein Paar Taſſen, und ſie würden ihn vermiſſen.“ „Auch noch? Willſt Du mich ganz uzichens⸗ „Wie S wollen, Vater Micvu. — Ich werde den Richter fragen, ob — “ . „Na, — will den Kiſe noch geben,“ — unterbrach ihn der Hehler. — „Aber hol' Dich der Teufel, und verflucht ſei der Tag, an dem ich Dich kennen lernte!“ „Alter! Alter! Ich denke gerade das Gegenthei und ſic n in dieſem Augenblick ungemein, S jennetun Ich verehre Sie wie meinen Vater und Ernährer — Mßruf „Hoffentlich haſt Du mir weiter nichts zu ſun der alte Micon bitter. „Doch, — ſagen Sie meiner Mutter und meiner Schneſter daß ich zwar zitterte, als man mich verhaftete, daß ich aber gar nicht mehr g und ſo entſchloſſen bin, wie ſie es nur immer ſein können — „Ich ſoll Ihnen ſagen .2 Iſt das Alles?“ „Warten Sie. — Ich vergaß, Sie um zwei Paar recht warme wollene Strümpfe zu bitten; Sie werden nicht wollen, daß ich mir den Schnupfen hole, nicht wahr?“ „Daß Du platzteſt!“ ½ danke, Vater Micou, ſpäter, jetzt nicht; ich will u noch 15 kange des! Lebens fteuen, wenn man mich nicht um einen Kopf kürzer macht, wie meinen Vater —“ „Du führſt ein ſchönes Leben!“ „Ein prächtiges Leben! Seit ich hier bin, bin ich vergnügt wie ein König. Wenn man hier Lampen und Racketen hätte, würde man mir zu Ehren eine Illumination und ein Feuerwerk ver⸗ anſtaltet haben, als man erfuhr, daß ich der Sohn des berühmten Martial ſei, der guillotinirt wurde.“ „Es iſt rührend! — Schöne Verwandtſchaft!“ „Nun, es giebt Herzöge und Marquis, — warum ſollten wir nicht auch unſern Adel haben?“ ſagte der Räuber mit ſchrecklicher Ironie. „Ja, Ihr bekommt den Adelsbrief von dem Henker auf dem Schaffot.“ „Nun freilich von dem Pfaffen nicht. — Und ein hoher Diebes, Adel muß in den Gefängniſſen ſein, ſonſt hält man uns für gar nichts. Sie ſollten einmal ſehen, wie man mit dem Nicht⸗Adel da umgeht. — So iſt hier z. B. ein gewiſſer Germain, ein kleiner junger Mann, der thut, als verabſcheue und verachte er uns. Er mag ſeine Haut in Acht nehmen, er iſt ein Duckmäuſer, und man hält ihn für einen Spion. Wenn das wahr iſt, ſo ſchlägt man ihm die Naſe nebſt einem Paat Zähnen ein.“ „Germain? Dieſer junge Mann heißt Germain?“ „Ja — Kennen Sie ihn? Gehört er zu uns? Dann muß er trotz ſeinen —“ „Ich kenne ihn nicht; wenn es aber der Germain iſt, von dem ich gehört habe, ſo ſteht ſeine Sache gut —“ „Wie ſo?“ „Er iſt ſchon einmal beinahe in einen Hinterhalt gerathen, in den ihn der Haarige und der dicke Lahme vor einiger Zeit locken wollten.“ „Warum denn?“ „Das weiß ich nicht. — Sie ſagten, er in der Provinz Einen von ihrer Bande verrathen.“*) „Das dachte ich mir. — Germain iſt e ein Spion. — Er ſoll es empfinden. — Ich werde das meinen Freunden ſagen. — Spielt der dicke Lahme Ihren Miethsleuten noch immer Streiche?“ „Gott ſei Dank, ich bin ihn los! Du wirſt ihn morgen oder übermorgen hier ſehen —“ „Nun, da wird es was zu lachen geben!“ „Weil er hier Germain wiederfinden wird, ſagte ich, die Sache des jungen Mannes ſtehe gut, — wenn es derſelbe iſt —“ „Warum hat man den dicken Lahmen eingeſteckt?“ „Wegen eines Diebſtahls, den er mit einem andern Entlaſſenen unternommen hat, der ehrlich werden und arbeiten wollte. Der Dicke ließ ihm keine Ruhe! Ich bin überzeugt, daß er den Koffer der beiden Frauenzimmer erbrochen hat, die in dem vierten Stocke meines Hauſes wohnen.“ „Welcher Frauen? Ach ja —, zwei Frauenzimmer, von denen die eine Sie ganz in Flammen ſetzte, ſo hübſch fanden Sie ſie.“ *) Man erinnert ſich, daß Germain, der durch einen Freund ſeines Vaters, des Schulmeiſters, zum Verbrecher erzogen wurpe, ſich weigerte, einen Dieb⸗ ſtahl zu begünſtigen, der bei dem Bankier zu Nantes, bei welchem er ſich be⸗ fand, unternommen werden ſollte, ſeinen Principal von dem beabſichtigten Unternehmen unterrichtete und ſich nach Paris flüchtete. Einige Zeit nachher begegnete er hier dem Elenden, deſſen Mitſchuldiger er in Nantes nicht hatte werden mögen, und wäre beinahe das Opfer eines nächtlichen Hinterhaltes geworden. Eben um neuen Gefahren zu entgehen, hatte Germain ſeine Wohnung in der Rue du Temple verlaſſen und ſeine neue geheim gehalten. 17 „Sie werden Niemand mehr in Flammen ſetzen; denn jetzt wird die Mutter todt ſein, und mit der Tochter ſteht es nicht viel beſſer. — Ich werde um eine vierzehntägige Miethe kommen aber, keinen Pfennig gebe ich zu ihrem Begräbniſſe! Ich habe ſo Ver⸗ luſte genug gehabt, ungerechnet was ich Dir und Deiner Familie auf Deine Bitten zu geben habe. — Ich mache das Jahr gute Geſchäfte!“ „Bah! Sie klagen immer, Vater Micou, und ſind doch reich wie ein Kröſus. — Doch, ich will Sie nicht länger aufhalten —“ „Sehr gütig!“ „Sie bringen mir Nachrichten von meiner Mutter und Schwe⸗ ſter, wenn Sie mich wieder mit Lebensmitteln verſorgen?“ „Nun ja, ich muß es wohl —“ „Beinahe hätte ich etwas vergeſſen! Kaufen Sie mir doch eine neue carrirte Sammetmütze mit einer Troddel; ich kann die meinige nicht mehr aufſetzen —“ „Du willſt mich zum Narren haben?“ „Nein, Voter Micvu, eine carrirte Sammetmütze wick ich haben. — Ich habe mir das mun einmal in den Kopf geſetzt.“ „Willſt Du mich geradezu an den Bettelſtab bringen?“ „Nun, nun, Vater Miecou, ereifern Sie ſich nicht; ſagen Sie ja oder nein, wie Sie wollen. Ich zwinge Sie nicht, aber —“ Der Hehler wußte wohl, daß er in den Händen Martials war, und ſtand auf, da er fürchtete, wenn er länger bleibe, mit noch mehreren Anforderungen beſtürmt zu werden. „Du ſollſt Deine Mütze haben,“ ſagte er, „aber wenn Du mehr verlangſt, bekommſt Du nichts; es mag geſchehen, was da will, Du haſt ſo viel dabei zu verlieren wie ich.“ Die Geheimniſſe von Paris. VII. 2 „Nur ruhig, Vater Micvu. — Ich werde Sie nicht gleich verrathen.“ Der Hehler ging achſelzuckend fort, und der Aufſeher brachte Nicolaus wieder in das Innere des Gefängniſſes.— In dem Augenblick, als der alte Micon das Sprachzimmer verließ, trat Lachtaube ein. Der Aufſeher, ein Mann von vierzig Jahren⸗ ehemaliger Sol⸗ dat, trug ein frackähnliches Jäckchen, eine Mütze und blaue Bein⸗ kleider; auf ſeinem Kragen und auf dem Aufſchlage ſah man zwei mit Silber geſtickte Sterne. Bei dem Anblicke des Mädchens klärte ſich das Geſicht dieſes Mannes auf und nahm einen liebevollen, wohlwollenden Ausdruck an; es war ihm ſchon früher die Anmuth, die Freundlichkeit und die rührende Theilnahme aufgefallen, mit welcher Lachtaube Ger⸗ main tröſtete, wenn ſie in das Sprachzimmer kam, um mit ihm zu ſprechen. Germain ſeinerſeits war ein ganz ungewöhnlicher Ge⸗ fangener; ſeine Beſcheidenheit, ſeine Sanftmuth und ſeine Traurig⸗ keit ſlößten den Gefängnißbeamten eine innige Theilnahme ein, die man ihn allerdings nicht merken ließ, um ihn nicht ſchlechterer Behandlung von Seiten ſeiner häßlichen Genoſſen auszuſetzen, die ihn, wie wir bereits erwähnt haben, mit mißtrauiſchem Haſſe betrachteten. Draußen regnete es in Strömen; Lachtaube hatte aber, durch Ueberſchuhe und ihren Regenſchirm geſchützt, muthig dem Winde und dem Regen getrotzt. „Welch' böſes Wetter, arme Demviſelle!“ ſagte der Aufſeher freundlich zu ihr. „Es gehört Muth dazu, bei ſolchem Wetter auszugehen.“ „Wenn man auf dem ganzen Wege an die Freude denkt, die 19 man einem armen Gefangenen bereiten wird, kümmert man ſich nicht um das Wetter.“ „Ich brauche Sie nicht zu fragen, wen Sie beſuchen wollen —“ „Allerdings. — Und wie geht es dem armen Germain?“ „Sehen Sie, meine liebe Demviſelle, ich habe viele Gefangene geſehen; ſie waren einen Tag, zwei Tage traurig, dann machten ſie es allmälig wie die Andern, und die traurigſten wurden vft ſpäter die luſtigſten. — So iſt es mit Germain nicht, — er ſieht immer betrübter aus.“ „Das betrübt mich ſo ſehr.“ „Wenn ich den Dienſt im Hofe habe, ſehe ich mich von der Seite nach ihm um; er iſt immer allein. — Ich habe es Ihnen ſchon geſagt, Sie ſollten ihm empfehlen, ſich nicht ſo abzuſondern, ſondern es über ſich zu gewinnen, mit den Andern zu ſprechen; er wird ſie ſich noch alle auf den Hals ziehen. — Die Höfe werden zwar beaufſichtigt, aber ein Schlag iſt bald gegeben —“ „Ach, mein Gott, Herr, iſt er noch mehr in Gefahr?“ fragte Lachtaube. „Das nun wohl nicht; aber dieſe Banditen ſehen, daß er nicht iſt wie ſie, und ſie haſſen ihn, weil er wie ein ehrlicher Mann ausſieht.“ „Ich habe ihm ſchon empfohlen, das zu thun, was Sie mir ſagten: mit denen zu ſprechen, die weniger ſchlecht ſind; aber er kann ſeinen Widerwillen nicht überwinden —“ „Er thut Unrecht. — Eine Schlägerei iſt bald angefangen.“ „Mein Gott! kann man ihn nicht von den Andern trennen?“ „Seit den zwei Tagen, daß ich ihre ſchlechten Abſichten gegen ihn bemerkte, rieth ich ihm, ſich in ein einzelnes Zimmer geben zu laſſen —“ 20 „Nun?“ „Ich hatte vergeſſen, daß eine ganze Reihe von Zellen ausge⸗ beſſert wird und die übrigen ſämmtlich beſetzt find. „Aber die ſchlechten Menſchen ſind im Stande ihn umzubrin⸗ gen!“ rief Lachtaube aus, deren Augen ſich mit Thränen füllten. „Was könnten wohl Gönner für ihn thun, guter Herr?“ „Weiter nichts, als daß er das erhielte, was die Gefangenen erhalten, die bezahlen können, — eine Zelle für ſich.“ „Ach, er iſt verloren, wenn man ihn in dem Gefängniſſe haßt. —“ „Beruhigen Sie ſich, man wird noch aufmerkſamer auf ihn ſein. — Aber ich wiederhole Ihnen, liebe Demoiſelle, rathen Sie ihm, ſich Einigen näher anzuſchließen, — nur der Anfang iſt ſchwer —“ „Ich werde ihm dies dringend empfehlen; aber einem recht⸗ ſchaffenen Menſchen wird es freilich ſchwer, mit ſolchen Leuten ver⸗ traulich umzugehen.“ „Man muß von zwei Uebeln immer das geringere wählen. — Ich werde Germain holen. — Aber da fällt mir etwas ein,“ ſagte der Aufſeher; „es ſind nur noch zwei Fremde da, warten Sie, bis ſie fort ſind, heute wird ſonſt Niemand kommen. Sie können dann ungeſtörter mit Germain ſprechen; ich könnte ihn ſogar, wenn Sie allein ſind, in den Gang hier hereinlaſſen, ſo daß Sie nur durch ein Gitter von ihm getrennt ſein würden.“ „Ach, Herr, wie gut ſind Sie! Ich danke Ihnen.“ „Still, damit man Sie nicht hört; die Anderen würden neidiſch werden. — Setzen Sie ſich da unten nieder, am Ende der Bank, und ſobald der Mann und die Frau da fort ſind, werde ich Ger⸗ main rufen.“ — —— — „ 21 Der Aufſeher begab ſich auf ſeinen Poſten, und Lachtaube ſetzte ſich traurig am Ende der Bank nieder, auf welcher die Fremden ſaßen. Während das Mädchen auf die Ankunft Germains wartet, wollen wir den Leſer dem Geſpräche der Gefangenen beiwohnen laſſen, die noch in dem Sprachzimmer geblieben waren. 40) CXXXI. Der Spitzige. „ er Gefangene, welcher ſich neben Nicolaus befand, war ein hagerer Mann von ungefähr fünfundvierzig Jahren, mit einem ſchlauen, verſtändigen, jovialen, ſpöttiſchen Geſichte; er hatte einen ſehr großen Mund, faſt ohne Zähne; ſobald er ſprach, verzerrte er ihn von der rechten zur linken Seite, wie es meiſt alle die Leute thun, welche das gemeine Volk auf den Plätzen anzureden gewöhnt ſind; ſein maßlos dicker Kopf war faſt gänzlich kahl; er trug eine alte graue Weſte, Beinkleider von einer nicht zu ermittelnden Farbe, die zerriſſen und an tauſend Stellen ausgebeſſert waren; an den bloßen rothen Füßen, die zur Hälfte mit Lumpen umwickelt waren, hatte er hölzerne Pantoffeln. Dieſer Mann, Gobert mit Namen, ein ehemaliger Taſchenſpie⸗ ler, war wegen Ausgabe von falſchem Gelde in das Gefängniß ge⸗ kommen, aber entlaſſen worden und jetzt von neuem verhaftet, weil er den ihm angewieſenen Aufenthaltsort verlaſſen hatte und einen Diebſtahl in der Nacht mit Einbruch begangen haben ſollte. Ob er gleich erſt ſeit wenigen Tagen in La Force war, ſo machte doch Gobert bereits, zur allgemeinen S ſeiner Gefängnißgenoſſen, den Erzähler. „ i 1X — 23 Jetzt ſind die Erzähler ſehr ſelten; ſonſt hatte jeder Saal ſei⸗ nen offiziellen Erzähler, der als ſolcher eine gewiſſe Entſchädigung von den Andern erhielt und durch ſeine Improviſationen in den langen Winterabenden den Gefangenen, die beim Dunkelwerden ſich niederlegen müſſen, die Langeweile vertrieb. Es iſt gewiß merkwürdig, daß ſich bei dieſen Elenden das Ver⸗ langen nach erfundenen Geſchichten, nach rührenden Erzählungen findet; es iſt für Denker gewiß eine beachtungswerthe Erſcheinung. Dieſe bis in's Mark verdorbenen Menſchen, dieſe Räuber und Mör⸗ der ziehen beſonders die Geſchichten vor, in denen ſich edle, herviſche Gefühle ausſprechen, Schilderungen, in denen die unterdrückte Schwäche und die Tugend gerächt erſcheinen. Ebenſo iſt es bei den gefallenen Mädchen; ſie lieben nament⸗ lich. die Lectüre der naiven, rührenden und elegiſchen Romane und verabſcheuen faſt immer obſcöne Schilderungen. Erregt nicht der natürliche Inſtinct des Guten, verbunden mit dem Bedürfniſſe, die Gedanken von allem abziehen zu laſſen, was ſie an die Entwürdigung erinnert, in welcher ſie leben, bei dieſen unglück⸗ lichen Mädchen die geiſtige Zu⸗ und Abneigung, die wir meinen? Gobert zeichnete ſich alſo in jener Art heroiſcher Erzählungen aus, in denen die Schwäche nach tauſend Hinderniſſen und Gefah⸗ ren endlich über ihren Verfolger triumphirt. Er beſaß überdies eine beſondere Anlage zur Ironie, die ihm ſeinen Beinamen ver⸗ ſchafft hatte, da ſeine Antworten oft beißend waren. Er war eben in das Sprachzimmer getreten. Ihm gegenüber, an der andern Seite des Gitters, ſah man eine Frau von ungefähr fünfunddreißig Jahren mit blaſſem, ſanf⸗ ten, intereſſanten Geſichte, die ärmlich, aber reinlich gekleidet war; ſie weinte bitterlich und hielt ihr Ta chentuch vor die Augen. 24 Der Spitzige ſah ſie mit Ungeduld und Liebe zugleich an. „Na, Johanna,“ ſagte er zu ihr, „ſei kein Kind. — Wir ha⸗ ben uns ſeit ſechszehn Jahren nicht geſehen, und wenn Du immer das Tuch vor die Augen hältſt, werden wir uns nicht wieder er⸗ kennen.“ „Bruder, Armer Du, — ich erſticke, — ich kann nicht re⸗ den —“ „Was fehlt Dir denn?“ Seine Schweſter, denn die Frau war ſeine Schweſter, unter⸗ drückte ihr Schluchzen, trocknete ihre Augen, ſah ihn ſtaunend an und ſprach: „Was mir fehlt? Wie! Ich finde Dich im Gefängniſſe wieder, nachdem Du ſchon funfzehn Jahre darin geweſen biſt!“ „Das iſt freilich wahr, ich bin vor einem halben Jahre aus dem Gefängniſſe in Melun entlaſſen worden, um Dich in Paris auf⸗ zuſuchen —“ „Und ſchon wieder in dem Gefängniſſe! Mein Gott, was haſt Du wieder verbrochen? Warum haſt Du Beaugench verlaſſen, das Dir zum Aufenthalt angewieſen war?“ „Warum? — Du ſollteſt mich fragen, warum ich dahin gegan⸗ gen bin!“ „Du haſt Recht.“ „Erſtlich, liebe Johanna, ſtelle Dir vor, da uns dieſe Gitter trennen, ich hätte Dich geküßt und in meine Arme geſchloſſen, wie es ſein muß, wenn man ſeine Schweſter nach einer Ewigkeit wie⸗ derſieht. — Nun laß uns plaudern. — Ein Gefangener in Melun, den man den dicken Lahmen nannte, hatte mir geſagt, in Beau⸗ gench wohne ein ehemaliger Sträfling, den er kenne und der Ent⸗ laſſene in einer Bleiweißfabrik beſchäftige. Weißt Du, was Blei⸗ weißfabrication iſt?“ „Nein, Bruder.“ „Das iſt ein ſehr hübſches Geſchäft; diejenigen, welche ſich da⸗ mit abgeben, bekommen nach ein Paar Monaten die Bleikolik, und von drei Kolikkranken ſtirbt regelmäßig einer; die andern beiden ſterben nun freilich auch, man muß gerecht ſein, aber nach ihrer Bequemlichkeit, ſie nehmen ſich Zeit dazu, ſie erholen ſich wieder und halten es ein Jahr, höchſtens anderthalb Jahr aus . Das Geſchäft wird indeſſen nicht ſo ſchlecht bezahlt wie manches an⸗ dere, und manche Menſchen haben die Eigenſchaft, daß ſie es zwei bis drei Jahre dabei aushalten, aber das ſind die alten, die hun⸗ dertjährigen Greiſe der Bleiweißmacher. Du ſiehſt, man ſtirbt jeden⸗ falls dabei, aber man hat keine große Anſtrengung.“ „Und warum ergriffſt Du ein ſo gefährliches Gewerbe, bei dem man ſtirbt, armer Bruder?“ „Was ſollte ich thun? Als ich wegen der Geſchichte mit dem falſchen Gelde, wie Du weißt, nach Melun kam, war ich Taſchen⸗ ſpieler. Da es in dem Gefängniſſe keine Gelegenheit zum Betrei⸗ ben meiner Kunſt gab und ich nicht mehr Kraft habe als ein Floh, ſo mußte ich Kinderſpielſachen machen. Ein Pariſer Fabrikant fand es vortheilhafter, ſeine Zappelmänner, ſeine hölzernen Trompeten, ſeine hölzernen Säbel von Sträflingen verfertigen zu laſſen. Wie viele ſolche Sächelchen habe ich in dieſen funfzehn Jahren geſchnitzt! Ich glaube, ich habe die Kinder eines ganzen Stadtviertels von Paris verſorgt; — beſonders in Trompeten war ich groß! Und Schnurren machte ich Dir! Schnurren, ſage ich!. . Als meine Straf⸗ zeit abgelaufen, war ich Meiſter im Trompetchenmachen. Man ließ mich zwiſchen drei oder vier kleinen Städten vierzig Stunden von 26 Paris wählen, und Alles, was ich beſaß, war meine Geſchicklichkeit in der Verfertigung von Spielzeug. Angenommen nun, alle Ein⸗ wohner des Städtchens, von den Greiſen bis zu den Wickelkindern, hätten die Paſſion gehabt, auf meinen Trompetchen zu blaſen, ſo würde ich doch Noth gehabt haben, ſo viel zu verdienen, daß ich ein Paar Tage hätte leben können; aber ich konnte doch unmöglich einer ganzen Stadt einreden, von früh bis Abend auf Trompeten zu bla⸗ ſen, — man würde mich für einen Intriganten gehalten haben —“ „Mein Gott, Du lachſt noch immer —“ „Lachen iſt beſſer als weinen. Kurz und gut, da ich auch ein⸗ ſah, daß vierzig Stunden von Paris meine Taſchenſpielerkunſt nicht mehr einbringen würde als die hölzernen Trompeten, ſo entſchied ich mich für Beaugency, da ich unter die Bleiweißer gehen wollte. Man bekommt als ſolcher freilich gräuliches Bauchgrimmen, aber ehe man daran ſtirbt, lebt man doch, und ſo iſt immer ein Vortheil dabei. Das Bleiweißgeſchäft gefiel mir eben ſo gut wie das Steh⸗ len und beſſer, denn zum Stehlen habe ich weder Courage genug noch Kraft, und ſo habe ich denn auch die Sache, von der ich ſo⸗ gleich reden werde, rein aus Zufall gethan.“ „Wenn Du auch Courage und Kraft hätteſt, Du würdeſt ab⸗ ſichtlich nicht geſtohlen haben.“ „Ah! Glaubſt Du das?“ „Ja, im Grunde biſt Du nicht ſchlecht, veun zu der unglück⸗ lichen Geſchichte mit dem falſchen Gelde wurdeſt Du gegen Deinen Willen gezogen, faſt gezwungen, wie Du weißt.“ „Ja, Schweſterchen, aber, fiehſt Du, funfzehn Jahre in einem Centralgefängniſſe machen einen Menſchen wie meinen Pfeifenſtum⸗ mel da, wäre er auch blank und weiß wie eine neue Pfeife hinein⸗ 27 gekommen. Als ich in Melun entlaſſen wurde, hatte ich keine Cou⸗ rage zum Stehlen.“ „Du hatteſt aber den Muth, ein tödtliches Gewerbe zu betrei⸗ ben? — Du willſt Dich nur ſchlechter machen, als du biſt, Bruder.“ „So wenig Courage ich auch beſaß, ſo bildete ich mir doch ein — der Teufel ſoll mich holen, wenn ich weiß warum — ich würde der Bleikolik ein Schnippchen ſchlagen, ſie fände an mir zu wenig zu nagen und würde deswegen weiter gehen; kurz ich würde einer von den Alten der Bleiweißer. Ich verthat zuerſt das im Gefängniſſe verdiente Geld, zu dem das noch kam, was ich durch Geſchichtenerzählen verdient hatte —“ „Wie Du uns ſonſt erzählteſt? — Die arme Mutter freute ſich immer ſo darüber, erinnerſt Du Dich noch?“ „Die gute Frau! Und ſie hat nie geahnt, daß ich in Me⸗ lun ſei?“ „Nie; bis zu ihrem letzten Stündchen glaubte ſie, Du wäreſt nach Amerika gegangen.“ 1 „Siehſt Du, Schweſterchen, an meiner Dummheit iſt mein Vater ſchuld, der mich erzog, den Bajazzo zu ſpielen, ihn in ſeinen Taſchenſpielerſtückchen zu unterſtützen, Werg zu freſſen und Feuer zu ſpeien; das benahm mir die Zeit, mit Söhnen franzöſiſcher Pairs umzugehen, und ich machte ſchlechte Bekanntſchaften. Ich komme aber wieder auf Beaugench. Als ich in Melun entlaſſen war, verjubelte ich zuerſt das erhaltene Geld; natürlich — wenn man funfzehn Jahre eingeſperrt geweſen iſt, muß man doch einmal wie⸗ der friſche Luft ſchöpfen und ſich des Lebens freuen, zumal mir das Bleiweiß doch den Magen gefährlich verderben konnte; was hätte mir dann mein Geld aus dem Gefängniſſe genützt, frage ich Dich? — Ich kam in Beaugench an, ohne einen Pfennig in der Taſche 28 und fragte nach dem Haarigen, dem Freunde des dicken Lahmen, dem Vorſteher der Fabrik. Gehorſamer Diener! In Beaugency gab es eben ſo wenig eine Bleiweißfabrik wie in meiner flachen Hand da; es waren elf Perſonen jährlich geſtorben, und der ehemalige Sträf⸗ ling hatte die Bude zugemacht. Da war ich denn in dem Städt⸗ chen, — mit meinem Talente für Trompetenfabrication und meiner Karte aus dem Gefängniß als Empfehlung. — Ich ſah mich nach meinen Kräften um, und da ich keine Kräfte hatte, ſo kannſt Du Dir leicht denken, wie man mich empfing; Dieb — hieß es da, Lump — dort, entlaſſener Sträfling — überall. Sobald ich mich irgendwo zeigte, hielt ſich Jedermann die Taſchen zu; ich mußte alſo in einem ſolchen Loche verhungern, das ich binnen fünf Jahren nicht verlaſſen ſollte. Ich entfernte mich deshalb, um nach Paris zu gehen und da meine Talente nützlich anzuwenden. Da ich die Mittel nicht beſaß, in einem Wagen mit vier Pferden dahin zu fahren, ſo bettelte ich mich durch bis dahin, ging den Gensd'armen aus dem Wege wie der Hund den Prügeln, hatte Glück und kam ohne Hinderniß bis Auteuil. Ich war müde, hatte teufelmäßigen Hunger und war, wie Du ſiehſt, ohne allen Lurus gekleidet —“ Er warf dabei einen lächelnden Blick auf ſeine Lumpen. „Ich hatte keinen Pfennig Geld und konnte als Vagabond arretirt werden. — Da zeigte ſich eine Gelegenheit, der Teufel verleitete mich und trotz meinem Mangel an Courage —“ „Genug, Bruder, genug,“ ſiel die Schweſter ein, weil ſie fürch⸗ tete, der Aufſeher, ob er gleich ziemlich entfernt war, möchte das ge⸗ fährliche Geſtändniß hören. „Du fürchteſt, daß man mich höre,“ entgegnete er; „da ſei ganz ruhig, ich brauche nichts zu verheimlichen; man hat mich auf der That ertappt, und ich konnte nichts leugnen; ich habe deshalb 29 . 5 Alles geſtanden und weiß, was mich erwartet; meine Rechnung iſt richtig.“ 2 „Mein Gvott!“ erwiederte die arme Frau weinend, „mit wel⸗ cher Ruhe ſprichſt Du davon —“ „Was würde es helfen, wenn ich mit Unruhe davon ſpräche? Sei vernünftig, Johanna, ſoll ich Dich tröſten?“ Johanna wiſchte ihre Thränen ab und ſeufzte. „Wieder auf meine Geſchichte zu kommen,“ fuhr der Gefangene fort. „Ich war gegen Abend in Auteuil eingetroffen und konnte nicht weiter; ich wollte nur in der Nacht in Paris einziehen und hatte mich hinter einer Hecke niedergeſetzt, um auszuruhen und über meinen Feldzugsplan nachzudenken. Ueber dem Nachdenken ſchlief ich allmälig ein; ein Paar Stimmen weckten mich; es war ganz finſter; ich horchte; es war ein Mann und eine Frau, die auf dem Wege über meiner Hecke drüben mit einander ſprachen. Der Mann ſagte zu der Frau: Wer ſoll uns denn beſtehlen? Haben wir das Haus nicht hundertmal allein gelaſſen? — Ja, verſetzte die Frau, aber wir hatten da auch nicht hundert Francs in der Commode. — Wer weiß denn das? meinte der Mann. — Du haſt Recht! ant⸗ wortete die Frau, und die Leute gingen weiter. — Die Gelegenheit kam mir zu ſchön vor, als daß ich ſie hätte entſchlüpfen laſſen dür⸗ fen; Gefahr war nicht dabei. Ich wartete alſo, bis der Mann und die Frau ſich entfernt hatten, um hinter der Hecke hervor zu kommen. Etwa zwanzig Schritte von mir ſah ich ein Häuschen; das mußte das mit den hundert Franes ſein, denn ein anderes konnte ich nicht erblicken; Auteuil war 500 Schritte entfernt. Courage! rief ich mir zu; es iſt Nacht und Niemand zu Hauſe; wenn kein Hund Wache hält (Du weißt, daß ich mich immer vor Hunden gefürchtet habe), ſo iſt die Sache gelungen. Es hielt glücklicher Weiſe kein 30 Hund Wache. — Um recht ſicher zu gehen, klopfte ich an die Thür an, — nichts, — das machte mir Muth. Die Laden im Parterre waren zugemacht; ich ſteckte meinen Stock hinter einen, zwängte ihn auf und ſtieg durch das Fenſter in eine Stube hinein; in dem Kamine glühten noch ein Paar Kohlen, es war alſo nicht ganz finſter; ich erblickte eine Commode, an der ſich kein Schlüſſel befand, nahm eine Zange, zwängte die Schubkaſten auf und fand unter einem Haufen Wäſche den Schatz in einem alten wollenen Strumpfe; ich nahm nichts weiter, ſprang durch das Fenſter wieder hinaus und fiel — rathe einmal! Das war ein Zufall! —“ „Mein Gott! erzähle!“ „Auf den Rücken des Feldhüters, der in das Dorf zurückging.“ „Welches Unglück!“ „Der Mond war aufgegangen; er ſah mich aus dem Fenſter herauskommen und packte mich. Es war ein Kerl, der es mit zehn wie ich aufgenommen hätte. — Da ich die Courage nicht beſaß, ihm zu widerſtehen, ſo ergab ich mich in mein Schickſal. — Ich hatte den Strumpf noch in der Hand; er hörte das Geld klin⸗ gen, nahm mir Alles ab, ſteckte es in ſeine Jagdtaſche und nöthigte mich, ihm nach Auteuil zu folgen. Mit einem Gefolge von Stra⸗ ßenjungen und Gensd'armen kamen wir bei dem Maire an; die Eigenthümer ſollten zu Hauſe erwartet werden als ſie zurückkamen, machten ſie ihre Ausſage. — Ich konnte nicht leugnen, geſtand Alles ein und unterzeichnete das Protveoll, worauf man mir Hand⸗ ſchellen anlegte. So ging es fort —“ „ „Nun biſt Du wieder im Gefängniß vielleicht auf lange Zeit.“ „Ich will Dich nicht hintergehen, Johanna, Dir vielmehr lie⸗ ber Alles ſagen —“ „Was noch?“ — 31 „Muth! Muth!“ „Aber ſo ſage doch!“ . „Es handelt ſich nicht mehr um das Gefängniß.“ k „Wie ſo?“ „Da Rückfall, Einbruch und Einſteigen in der Nacht in ein bewohntes Haus vorliegen, — hat mir der Advoeat geſagt — ſo ſei die Sache außerordentlich klar und einfach, ich würde auf funf⸗ zehn bis zwanzig Jahre auf die Galeeren kommen und überdies am Pranger ausgeſtellt werden —“ „Auf die Galeeren! Du biſt ſo ſchwächlich und wirſt da ſter⸗ ben!“ rief die unglückliche Schweſter ſchluchzend aus. „Und wenn ich unter die Bleiweißer gegangen wäre?“ „Aber die Galeeren, ach Gott, die Galeeren!“ „Hm! Das iſt Gefängniß im Freien mit rother Kutte ſtatt einer braunen, und dann wünſchte ich immer das Meer zu ſehen. — Wie werde ich die Augen aufreißen!“ „Aber der Pranger, Unglücklicher! — Dem Spotte Aller aus⸗ geſetzt zu ſein! Ach Gott, mein armer Bruder!“ Und die Unglückliche weinte wieder. „Sei vernünftig, Johanna; — es iſt eine ſchlimme Viertel⸗ ſtunde, und wenn mir recht iſt, ſitzt man ſogar dabei. Bin ich überdies nicht daran gewöhnt, viel Volk um mich zu ſehen? Als ich meine Taſchenſpielerkünſte zeigte, hatte ich immer viel Leute um mich; ich werde mir vorſtellen, ich escamotire, und wenn es mir zu arg wird, drücke ich die Augen zu; das iſt eben ſo gut, als ſähe man mich nicht.“ Der Unglückliche wollte, indem er mit ſolchem Cynismus ſprach, weniger eine verbrecheriſche Unempfindlichkeit zur Schau tragen, als 32 durch dieſe ſcheinbare Gleichgiltigkeit ſeine Schweſter beruhigen und tröſten. Für einen Menſchen, der an das Gefängnißleben gewöhnt, bei dem nothwendiger Weiſe jede Scham erſtorben, iſt das Bagno nur eine Veränderung, ein Kleiderwechſel, wie Gobert ſich mit erſchrecklicher Wahrheit ausdrückte. Viele Gefangene in dem Centralgefängniſſe ziehen ſogar das Bagno des dortigen geräuſchvollen Lebens wegen vor und machen ſich oft eines Mordverſuches ſchuldig, um nach Breſt oder Toulon geſchickt zu werden. Man begreift das nun; ſie hatten, bevor ſie in das Bagno kamen, faſt eben ſo viel Arbeit, ihrer Beſchäftigung nach, und die rechtſchaffenſten Hafenarbeiter haben es nicht beſſer als die Sträf⸗ linge. Sie betreten und verlaſſen die Werkſtätten zu gleicher Zeit, und die Lager, auf denen ſie ihre von der Arbeit erſchöpften Glie⸗ der ausſtrecken, ſind oft nicht beſſer als die der Sträflinge. Aber ſie ſind frei, wird man ſagen. Ja, ſie ſind frei — einen Tag, den Sonntag, und dieſer Tag iſt auch für die Sträflinge ein Ruhetag. Sie haben die Schande, die Brandmarkung nicht. Was iſt aber die Schande, die Brandmarkung für dieſe Elen⸗ den, welche jeden Tag das Herz in dieſer hölliſchen Atmoſphäre mehr verhärten und alle Grade der Schande in dieſer Schule des wechſelſeitigen Unterrichts annehmen, in welcher die größten Ver⸗ brecher die angeſehenſten ſind? Das ſind die Folgen des jetzigen Strafſyſtems. Das Gefängniß iſt ſehr geſucht, — man bittet oft um — das Bagno. — — 33 „Zwanzig Jahre Galeeren! Ach Gott! Ach Gott!“ wiederholte die arme Schweſter Goberts. „Aber beruhige Dich doch, Johanna, ich bekomme nur ſo viel wie ich verdient habe, und ich bin zu ſchwächlich, als daß man mich zu Zwangsarbeiten verwenden könnte. — Wenn es keine Fabrik von Trompetchen und hölzernen Säbeln da giebt wie in Melun, wird man mir eine leichte Arbeit anweiſen, in dem Krankenhauſe z. B. mich beſchäftigen; ich bin nicht ſtöckiſch, ſondern eine gute Haut; ich werde Geſchichtchen erzählen wie hier, werde mir die Liebe meiner Vorgeſetzten, die Achtung meiner Came⸗ raden erwerben und Dir geſchnitzte Cocusnüſſe und Strohkäſt⸗ chen für meine NReffen und Nichten ſchicken. Der Wein iſt einge⸗ ſchenkt, er muß getrunken werden.“ „Wenn Du mir nur geſchrieben hätteſt, daß Du nach Paris kommen wollteſt, ſo würde ich mich bemüht haben, Dich zu beher⸗ bergen und zu verſtecken, bis Du eine Beſchäftigung gefunden.“ „Ich wollte auch zu Dir kommen, mochte aber nicht gern mit leeren Händen erſcheinen, und übrigens ſehe ich auch an Deinem An⸗ zuge, daß Du nicht mit Vieren fährſt. Wie geht es Deinen Kin⸗ dern, Deinem Manne?“ „Erwähne ihn nicht.“ „Immer noch Bruder Liederlich? Schade! Er iſt ſonſt ein gu⸗ ter Arbeiter.“ „Er macht mich recht unglücklich, und ich hatte Herzeleid genug ohne das, das Du mir nun machſt.“ „Wie ſo? Dein Mann?“ „Vor drei Jahren hat er mich verlaſſen, nachdem er unſre ganze Wirthſchaft verkauft, ſo daß mir nichts übrig blieb als meine Kinder und mein Strohſack ſtatt des ganzen Mobiliars.“ Die Geheimniſſe von Paris. VI. 3 34 „Das hatteſt Du mir nicht geſagt!“ „Warum auch? Du hätteſt Dich doch gegrämt.“ „Arme Johanna! Und wie haſt Du Dich mit Deinen drei Kindern durchgebracht? „Ich habe viel Unglück gehabt; ich arbeitete ſo viel ich konnte, machte Franſen, — die Nachbarinnen ſtanden mir bei und nahmen ſich der Kinder an, wenn ich nicht zu Hauſe war. — Obgleich mir nichts gelungen iſt, habe ich doch einmal im Leben Glück gehabt; es nützte mir freilich nichts meines Mannes wegen —“ „Warum?“ „Mein Poſamentirer hatte meine Noth einem ſeiner Abnehmer erzählt, auch ihm mitgetheilt, daß mein Mann mich verlaſſen, nach⸗ dem er unſere Wirthſchaft verkauft, und daß ich trotzdem mit allen Kräften arbeite, um meine Kinder zu erziehen. Als ich eines Abends nach Hauſe kam, fand ich meine Wohnung neu meublirt, ein gutes Bett, Meubles, Wäſche, — Alles von dem wohlthätigen Abnehmer meines Pofamentirers.“ „Ein braver Mann! — Arme Schweſter! — Warum haſt Du mir nicht geſchrieben und mir deine Noth mitgetheilt? Ich würde Dir mein Geld geſchickt, ſtatt es verjubelt haben.“ „Ich frei und Dich, den Gefangenen, um etwas anſprechen!“ „Ich erhielt auf Koſten der Regierung Koſt, Heizung und Wohnung; was ich verdiente, war reiner Profit. Da ich wußte, daß der Schwager ein guter Arbeiter und die Schweſter eine gute Arbeiterin und Wirthin war, ſo blieb ich ruhig und verjubelte mein Geld.“ „Mein Mann war ein guter Arbeiter, ja, aber er hat ſich auf die ſchlechte Seite geworfen. Als ich die unerwartete Hülfe gefun⸗ den, faßte ich neuen Muth; meine älteſte Tochter konnte auch ſchon etwas verdienen, und wir waren glücklich bis auf den Kummer, Dich in Melun zu wiſſen. Die Arbeit ging, meine Kinder waren anſtändig gekleidet, es fehlte ihnen faſt an nichts, ja es kam ſo weit, daß ich fünfunddreißig Franes bei Seite legen konnte. Da erſchien plötzlich mein Mann wieder. Ich hatte ihn ſeit einem Jahre nicht geſehen. Da er mich hübſch eingerichtet fand, ſo nahm er mir mein Geld, blieb da, ohne zu arbeiten, betrank ſich alle Tage und ſchlug mich, wenn ich mich beklagte.“ „Der Lump!“ „Noch nicht genug! Er hatte in unſere Wohnung ein ſchlech⸗ tes Weib gebracht, mit der er lebte; ich mußte dies zum zweiten Male dulden. Allmälig fing er auch wieder an, die Meubles zu verkaufen, die ich beſaß. — Da ich vorausſah, wie es kommen würde, ſo ging ich zu einem Advoeaten, der im Hauſe wohnte, um ihn um Rath zu fragen, was ich zu thun hätte, um meinen Mann zu hindern, mich und meine Kinder noch einmal an den Bettelſtab zu bringen.“ „Das war ſehr einfach; Du brauchteſt Deinen Mann nur aus dem Hauſe zu werfen.“ „Ja, aber dazu hatte ich kein Recht. Der Advocat ſagte mir, mein Mann könne als Haupt der Familie über Alles verfügen und dürfe im Hauſe bleiben, ohne etwas zu thun; es ſei ein Unglück, aber ich müſſe mich fügen; wegen ſeiner Geliebten aber, die er bei ſich habe, könne ich auf Scheidung von Tiſch und Bett antragen, wie er es nannte; auch würde ich um ſo leichter klagen können, da ich Zeugen habe, daß er mich geſchlagen, — aber die Scheidung würde wenigſtens, wenigſtens vier bis fünfhundert Franes koſten. Denke Dir! So viel faſt als ich in einem Jahre verdienen kann! Wer ſollte mir eine ſolche Summe leihen? Wie ſollte ich ſie dann 3 * zurückzahlen? Und fünfhundert Franes — auf einmal —, das iſt ja ein Vermögen!“ „Es giebt aber ein ſehr einfaches Mittel, fünfhundert Francs zu erlangen,“ ſagte der Spitzige bitter, — „man braucht nur ſeinen Magen ein Jahr lang an den Nagel zu hängen, von der Luft zu leben und ſehr fleißig zu arbeiten. — Ich wundere mich, daß der Advveat Dir dieſen Rath nicht ertheilt hat —“ „Du machſt immer Späße —“ „Diesmal nicht,“ entgegnete Gobert mit Unwillen, „denn es iſt eine Niederträchtigkeit, daß die Gerechtigkeit für die armen Leute ſo theuer iſt. Du biſt eine brave, würdige Familienmutter und . arbeiteſt mit allen Kräften, um Deine Kinder rechtſchaffen zu erzie⸗ hen; Dein Mann iſt ein liederlicher Lumv, ſchlägt Dich, beſtiehlt Dich und vertrinkt das Geld, das Du verdienſt; Du wendeſt Dich ₰ an die Gerichte, damit ſie Dich ſchützen, damit Du dem Taugenichts das Deinige aus den Klauen reißen kannſt. Aber die Gerichte ſa⸗ gen: Ja, Sie haben Recht, Ihr Mann iſt ein Taugenichts, man wird Ihnen zu Ihrem Rechte helfen, aber das Recht wird fünfhun⸗ dert Franes koſten. — Fünfhundert Franes, — gerade ſo viel wie Du brauchſt, um mit Deiner Familie ein Jahr lang zu leben. 3 Siehſt Du, Johanna, alles das beweißt, wie das Sprichwort ſagt, daß es nur zwei Arten von Menſchen giebt: die, welche gehenkt werden, und die, welche gehenkt zu werden verdienen.“ Lachtaube, die allein war und mit Niemandem zu reden hatte, hörte Alles mit an, was die arme Frau erzählte, und empfand das innigſte Mitleid mit ihr. Sie nahm ſich vor, das Unglück Rudolph zu erzählen, ſobald ſie ihn ſähe, denn ſie zweifelte nicht, daß er auch hier helfen würde. ——— CXXXII. vergleichung. Schn welche an dem traurigen Schickſale der Schweſter des Gefangenen den innigſten Antheil nahm, wendete die Augen nicht ab von ihr und ſuchte ſich ihr etwas zu nähern, als leider wieder ein Fremder in das Sprachzimmer trat, nach einem Gefan⸗ genen fragte, den man holte, und ſich zwiſchen Johanna und Lach⸗ taube auf die Bank ſetzte. Dieſe konnte bei dem Anblicke dieſes Mannes eine gewiſſe Ueber⸗ raſchung, ja Furcht nicht bergen. Sie erkannte in demſelben einen der beiden Gerichtsdiener, welche Morel hatten verhaften wollen. Dies erinnerte Lachtaube an den hartnäckigen Verfolger Ger⸗ mains und erhöhte ihre Traurigkeit, die ſie über der rührenden Er⸗ zählung der Schweſter Goberts etwas vergeſſen hatte. Sie rückte von ihrem neuen Nachbar ſo weit als möglich hin⸗ weg, lehnte ſich an die Wand und verſank wieder in ihre traurigen Gedanken. „Sichſt Du, Johanna,“ fuhr der Spitzige fort, deſſen joviales Geſicht ſich plötzlich verdüſtert hatte, „ich bin weder ſtark noch muthig, aber wenn ich dabei geweſen wäre, als Dein Mann Dich ſo behandelte, würde es zwiſchen ihm und mir nicht eben freundſchaft⸗ lich zugegangen ſein. Aber Du warſt auch zu gutmüthig —“ „Was ſollte ich thun? Ich mußte wohl über mich ergehen laſſen, was ich nicht hindern konnte. — So lange es bei uns noch etwas zu verkaufen gab, verkaufte mein Mann, um mit ſeiner Ge⸗ liebten in das Wirthshaus zu gehen, alles, ſelbſt das Sonntags⸗ kleidchen meiner jüngſten Tochter.“ „Aher warum gabſt Du ihm das Geld, das Du verdienteſt? Warum verſteckteſt Du es nicht?“ „Ich verſteckte es, aber er ſchlug mich ſo lange, bis ich es ihm gab. — Und ich gab es ihm weniger wegen der Schläge, als weil ich dachte: Ich darf mich von ihm nicht zü ſehr ſchlagen laſſen, damit ich im Stande bleibe, lange zu arbeiten; was ſollte aus mir wer⸗ den, wenn er mir z. B. einen Arm zerſchlüge? Wer ſollte meine Kinder ernähren? Wenn ich in das Hoſpital gehen muß, müſſen ſie unterdeß verhungern. — Du kannſt Dir denken, Bruder, daß ich lieber das Geld meinem Manne gab, um nicht geſchlagen, verletzt zu werden, damit ich weiter arbeiten könnte.“ „Arme Frau! Man ſpricht von Märtyrern, — Du biſt eine Märtyrerin.“ „Und doch habe ich niemals Jemandem etwas zu Leide gethan; ich verlangte nichts als zu arbeiten, meinen Mann und meine Kin⸗ der zu pflegen. — Es giebt nun einmal Glückliche und Unglückliche, wie es Gute und Böſe giebt!“ „Ja, und es iſt erſtaunlich, wie glücklich die Guten ſind! — Biſt Du denn jetzt Deinen ſchlechten Mann endlich los?“ „Ich hoffe es; er hat mich verlaſſen, nachdem er alles verkauft, —,— 39 ſelbſt meine Bettſtelle und die Wiege meiner beiden kleinen Kinder. — Aber wenn ich denke, daß er noch Schlimmeres im Sinne hatte —“ „Was?“ „Wenn ich ſage „er“, ſo meine ich eigentlich das ſchlechte Weib, das ihn antrieb; deshalb erwähne ich es auch. Eines Ta⸗ ges ſagte er zu mir: Hat eine Familie eine hübſche Tochter von funfzehn Jahren wie die unſrige, ſo iſt ſie ſehr dumm, wenn ſie von ihrer Schönheit keinen Gewinn zieht.“ „Ich begreife. — Nachdem er die Shiae verkauft hatte, wollte er die Kinder verkaufen.“ „Als er das ſagte, ſiehſt Du, Bruder, ſtieg mir das Blut nach dem Kopfe, und ich habe ihn durch meine Vorwürfe ſchamroth gemacht. Als ſeine ſchlechte Concubine ſich in unſern Streit miſchen wollte und behauptete, mein Mann könne mit ſeiner Tochter ma⸗ chen was er wolle, bediente ich ſie dermaßen, daß mein Mann mich ſchlug, und ſeitdem habe ich beide nicht wieder geſehen.“ „Siehſt Du, Johanna, es werden manche Menſchen zehn Jahre in das Gefängniß geſteckt, die nicht ſo viel verbrochen haben wie Dein Mann; ſie beraubten wenigſtens nur Fremde. Er iſt ein ſchlechter Kerl!“ „Im Grunde iſt er doch nicht ſchlecht; ſchlechte Geſellſchaften im Wirthshauſe haben ihn verdorben —“ „Ja, einem Kinde würde er nichts zu Leide thun, aber einer erwachſenen Perſon —2 Das iſt etwas andres.“ „Nun, man muß das Leben nehmen, wie es uns der liebe Gott giebt. — Ich hatte, nachdem mein Mann fort war, doch we⸗ nigſtens nicht mehr zu fürchten, krumm und lahm geſchlagen zu werden, und faßte wieder Muth. Da wir keine Matratze kaufen konnten, — vor allen Dingen muß man leben und den Miethzins 40 bezahlen, und wir beide, ich und meine älteſte Tochter, meine arme Katharine, verdienten kaum vierzig Sous des Tages, da meine beiden andern Kinder noch zu klein ſind, um etwas verdienen zu können, — da wir alſo keine Matratze kaufen konnten, ſo ſchliefen wir auf einem Strohſack, den wir mit dem Stroh ſtopften, wel⸗ ches wir an der Thür eines Ausſtopfers in unſerer Gaſſe auf⸗ laſen —“ „Und ich habe mein Geld verjubelt! Ich habe mein Geld ver⸗ jubelt!“ „Du konnteſt ja von meiner Noth nichts wiſſen, weil ich Dir nichts davon ſagte. — Ich und Katharina haben mit verdoppelter Anſtrengung gearbeitet. — Das arme Kind! Wenn Du wüßteſt, wie rechtlich, wie fleißig, wie gut ſie iſt! Alles ſucht ſie mir an den Augen abzuſehen, nie klagt ſie, und doch — hat ſie ſchon erfah⸗ ren, was Noth iſt, ob ſie gleich erſt funfzehn Jahre zählt. — Siehſt Du, Bruder, ein ſolches Kind zu haben, tröſtet mich über vielerlei,“ ſagte Johanna, indem ſie ihre Thränen abtrocknete. „Sie iſt Dein Ebenbild, wie ich ſehe; dieſen einen Troſt we⸗ nigſtens mußteſt Du haben —“ „Ich kümmere und gräme mich auch mehr ihretwegen als mei⸗ netwegen, denn ſeit zwei Monaten hat ſie faſt keinen Angenblick aufgehört zu arbeiten; einmal in der Woche geht ſie aus, um die Wäſche, die uns mein Mann gelaſſen hat, an der Seine zu waſchen; die ganze übrige Zeit ſitzt ſie und arbeitet. Leider iſt das Unglück für ſie zu früh gekommen; ich weiß wohl, daß es einmal gewiß kommt, manche Leute haben aber doch wenigſtens ein oder ein paar Jahre Ruhe. — Auch thut es mir leid, Bruder, daß ich für Dich faſt gar nichts thun kann. — Ich will mich indeß bemühen —“ „Glaubſt Du denn, ich würde etwas annehmen? Im Gegen⸗ . * * 41 theil, ich verlangte einen Sous von dem Ohrenpaare, um meinen Cameraden meine Geſchichtchen zu erzählen; jetzt werde ich zwei ver⸗ langen, und wenn ſie dieſe nicht zahlen, hören ſie nichts mehr; — das wird eine Beihülfe für Dich. — Warum nimmſt Du aber keine meublirte Wohnung? Daraus könnte Dein Mann doch nichts verkaufen.“ „Eine meublirte Wohnung? Bedenke doch, wir ſind unſerer vier, und man würde wenigſtens zwanzig Sous täglich verlangen; wovon wollten wir leben? Jetzt koſtet uns unſere Stube nur funf⸗ zig Franes jährlich.“ „Du haſt Recht, Schweſter,“ ſagte der Spitzige mit iite Ironie, „arbeite, plage Dich, um Deine Wirthſchaft wieder etwas in den Stand zu ſetzen; ſobald Du wieder etwas verdient haſt, wird Dich Dein Mann von neuem beſtehlen und dann — Deine Tochter verkaufen, wie er die Meubles verkauft hat.“ „Ehe ich das zugäbe, würde ich mich lieber todtſchlagen laſſen. — Meine arme Katharine!“ „Er wird Dich todtſchlagen und Deine arme Katharine ver⸗ kaufen. — Er iſt Dein Mann, nicht wahr? Er iſt das Haupt der Familie, wie der Advocat zu Dir ſagte, ſo lange Ihr nicht geſchieden werdet; und da Du fünfhundert Francs nicht daran zu wenden haſt, mußt Du Dich fügen; Dein Mann hat das Recht, ſeine Toch⸗ ter von Dir wegzunehmen und dahin zu bringen, wohin er will. Das arme Kind wird nicht davonkommen, wenn er und ſeine Ge⸗ liebte ſie in das Unglück ſtürzen wollen —“ „Mein Gott! Mein Gott! Es müßte ja keine Gerechtigkeit in der Welt geben, wenn eine ſolche Schändlichkeit möglich wäre!“ „Gerechtigkeit?“ rief der Spitzige mit lautem höhniſchen Lachen; — „es iſt damit wie mit dem Fleiſche, das für die Armen 42 den Pranger zu ſtellen, in das Bagno zu werfen ſind, — ah, das iſt etwas anderes; dieſe Gerechtigkeit giebt man ihnen umſonſt. — Legt man ihnen den Kopf vor die Füße, ſo geſchieht dies auch — gratis, — immer umſonſt. — Immer herein! Immer herein!“ — ſetzte der Spitzige in ſeinem Jahrmarktstone hinzu, „es koſtet weder zehn Svus, noch zwei Sous, noch einen Sou, nicht einmal einen Centime, nein, meine Herren, es koſtet die Kleinigkeit von — gar nichts; da braucht ſich Niemand auszuſchließen; es koſtet nur den Kopf; den Schnitt und die Friſur beſorgt die Regie⸗ rung. Das iſt die unentgeldliche Gerechtigkeit. — Die Gerechtigkeit aber, die dafür ſorgte, daß eine brave Mutter nicht geſchlagen und beſtohlen werde von ihrem Lump von Manne, der ſeint Tochter verhandeln kann und will, — dieſe Gerechtigkeit koſtet fünfhundert Franes, und — Du darſſt alſo nicht daran denken, arme Johanna.“ „Ach, Bruder,“ ſagte die unglückliche Frau mit bittern Thrä⸗ nen, „Du erſchreckſt mich.“ „Mir iſt es auch gräulich zu Muthe, wenn ich an Dein und Deiner Familie Schickſal denke und — Dir doch nicht helfen kann. Ich ſehe aus, als lachte ich immer. Aber ich beſitze eine doppelte Luſtigkeit, Johanna, eine luſtige Luſtigkeit und eine traurige. — Ich bin nicht ſtark und muthig genug, um ſchlecht, wild und rach⸗ ſüchtig zu ſein wie die Andern, — ich erleichtere mich immer durch mehr oder minder ſpaßige Redensarten. Meine Feigheit und meine Körperſchwäche ſind Urſache, daß ich nicht ſchlimmer geworden als ich bin. Das verfluchte einzelne Häuschen, in dem keine Katze und beſonders kein Hund war, mußte mir ſo im Wege ſtehen, — um mich zum Diebſtahl zu treiben. — Zufällig mußte auch der Mond auch zu theuer iſt. — Aber wenn ſie nach Melun zu ſchicken, an 43 prächtig ſcheinen; denn in der Nacht und allein fürchte ich mich teufelmäßig —“ „Deswegen habe ich auch immer geſagt, daß Du beſſer ſeieſt als Du glaubſt. — Ich hoffe deshalb auch, daß die Richter Mitleid haben werden —“ „Mitleid mit mir? Mit einem entlaſſenen rückfälligen Sträf⸗ linge? Darauf rechne nicht. — Ich habe auch nichts dagegen, deün es iſt mir einerlei, ob ich hier oder dort oder anderswy bin. Schlecht bin ich nicht, da haſt Du Recht; die, welche es ſind, haſſe ich nach meiner Art, indem ich über ſie ſpotte. — Nachdem ich lange Geſchichten erzählt habe, in denen, meinen Zuhörern zu Gefallen, diejenigen, welche die andern bloß aus Grauſamkeit peinigen, endlich ihren Lohn erhalten, fühle ich endlich, wie ich erzähle.“ 1 „Die Leute, die hier ſind, hören ſolche Geſchichten gern? Ich hätte das nicht geglaubt.“ „Wenn ich ihnen Geſchichten erzählen wollte, in denen Einer, der ſtiehlt oder mordet, um zu ſtehlen, endlich geſtraft wird, würden ſie mich nicht ausreden laſſen; wenn es ſich aber um eine Frau oder um ein Kind handelt oder um einen armen Teufel wie ich, den man nur ſo niederwirft, und ein Schwarzbart mißhandelt und verfolgt ſie, blos um ſie zu verfolgen, der Ehre wegen, wie man ſagt, ſo jubeln ſie vor Freude, wenn der Schwarzbart am Ende der Geſchichte ſeinen Lohn erhält. Eine Geſchichte namentlich habe ich: Gringalet und Schneidentzwei, welche in Melun Furore machte und die ich hier noch nicht erzählt habe. Ich habe ſie für heute Abend verſprochen, aber ſie werden tüchtig zahlen müſſen, und es ſoll Dir zu Gute kommen. — Ich will ſie auch niederſchreiben für Deine Kinder. — Gringalet und Schneid⸗ entzwei wird ſie amüſiren und, ganz unbeſorgt! Nonnen könnten ſie leſen.“ „Nun, armer Bruder, es iſt ein Troſt für mich, daß Du Dei⸗ nes Charakters wegen nicht ſo unglücklich biſt wie die andern.“ „Wenn ich wie ein gewiſſer Gefangener in unſerm Saale wäre, würde ich mir ſelbſt leid thun. — Der arme Burſch! Ich fürchte, daß er, ehe der Tag vergeht, an der einen oder andern Seite blutet, — es iſt ein ſchlimmes Complott gegen ihn für dieſen Abend im Gange —“ „Mein Gott, will man ihm etwas zu Leide thun? Miſche Dich wenigſtens nicht hinein, Bruder.“ „So dumm bin ich nicht. — Ich habe munkeln hören; — man ſprach vom Knebeln, damit er nicht ſchreien könnte, und damit man nichts ſieht, wollen ſie ſich im Kreiſe um ihn herumſtellen, als wenn ſie einen unter ſich anhörten, der ein Jvurnal oder ſonſt etwas vorleſen ſoll.“ „Warum aber will man ihn ſo mißhandeln?“ „Weil er immer allein iſt, mit Niemandem ſpricht und aus⸗ ſieht, als verabſcheue er die Andern, bilden ſie ſich ein, er ſei ein Spion, was ſehr dumm iſt, denn wenn er ſpioniren wollte, würde er ſich an Jeden anhängen. — Die Hauptſache iſt, er ſieht aus wie ein Herr, und das iſt ihnen zuwider. Der Capitain des Schlaf⸗ ſaales, das wandelnde Skelett, ſteht an der Spitze des Com⸗ plottes. Er iſt wie beſeſſen gegen den armen Germain, — ſo heißt ihr Schlachtopfer. Nun meinetwegen, — es iſt ihre Sache, — ich kann nichts thun. Aber Du ſiehſt, das hat man davon, wenn man im Gefängniſſe traurig iſt, — gleich wird man verdächtig; ich bin nie verdächtig geworden. — Nun haben wir, denke ich, genug ge⸗ ſchwatzt, Schweſter; geh nach Hauſe, Du verſäumſt Dir die Zeit; 45 ich freilich kann ſchwatzen, — bei Dir iſt es etwas anderes. Gute Nacht! Beſuche mich bisweilen, Du weißt, es macht mir Freude.“ „Noch einige Augenblicke, Bruder —“ „Nein, Deine Kinder warten auf Dich. — Apropos, Du ſagſt ihnen doch nicht, daß ihr Onkel hier in Penſion iſt?“ „Sie glauben, Du ſeiſt in America, wie ſonſt die Mutter. — Ich kann alſo von Dir ſprechen.“ „Sehr gut. — Nun geh, geh.“ „Ja, aber noch ein Wort, Bruder; ich habe nicht viel, will aber doch nicht ſo von Dir fortgehen; Du mußt hier frieren, — ohne Strümpfe, mit der ſchlechten Weſte! Ich werde Dir mit Ka⸗ tharinen etwas zurecht machen. Daß es uns nicht an gutem Willen fehlt, wirſt Du glauben, Bruder —“ „Wie? Was? Kleidungsſtücke? Ich habe einen ganzen Koffer voll! Sobald er ankommt, kann ich mich kleiden, wie ein Fürſt. .. Lache doch! Nicht? Nun, ernſtlich, Schweſter, ich ſchlage es nicht aus — bis Gringalet und Schneidentzwei meinen Beutel gefüllt haben. Dann werde ich Dich bezahlen. — Leb' wohl, meine gute Johanna; wenn Du wiederkommſt, ſollſt Du lachen, oder ich will nicht mehr der Spitzige heißen. Geh nun, geh, ich habe Dich ſchon zu lange aufgehalten.“ „Aber, Bruder, ſo höre mich nur an —“ „He, guter Freund! guter Freund!“ rief Gobert dem Aufſeher zu, der am Ende des Ganges ſaß, „ich bin zu Ende und möchte wieder hinein. Genug geſchwatzt!“ „Es iſt nicht recht von Dir, Bruder, daß Du mich ſo fort⸗ ſchia⸗ F Smn Gegentheil, es iſt ſehr gut. — Leb' wohl, faſſe Muth und ſage morgen früh Deinen Kindern, Du hätteſt von ihrem On⸗ kel geträumt, der in Ameriea ſei, und er habe Dich gebeten, ihnen einen Kuß zu geben. Leb' wohl.“ „Leb' wohl, Bruder,“ ſagte die arme Frau weinend, während ſie ihren Bruder fortgehen ſah. Lachtaube hatte, ſeit der Gerichtsdiener neben ihr ſaß, das Ge⸗ ſpräch des Gefangenen und Johannas nicht hören können, dieſelbe aber auch nicht aus den Augen gelaſſen, um wenigſtens die Woh⸗ nung der armen Frau zu erfahren und ſie, ihrem erſten Gedanken nach, Rudolph empfehlen zu können. Als Johanna von der Bank aufſtand, um das Sprachzimmer zu verlaſſen, trat das Mädchen zu ihr und ſagte ſchüchtern: „Madame, ich habe eben unwillkührlich gehört, daß Sie Fran⸗ ſen arbeiten.“ „Ja, Mademviſelle,“ antwortete Johanne etwas verwundert, aber ſogleich der Lachtaube günſtig geſtimmt. „Ich bin Kleidermacherin,“ fuhr Lachtaube fort; „da Franſen und dergleichen jetzt in der Mode ſind, ſo verlangen manche Damen Garnirung nach ihrem eigenen Geſchmack, und ich glaubte, es würde wohlfeiler ſein, wenn ich mich an Sie wendete, da Sie zu Hauſe arbeiten, als wenn ich zu einem Kanfmanne gehe. Auf der andern Seite könnte ich Ihnen auch mehr geben, als Ihnen der Kaufmann giebt.“ „Allerdings, Mademviſelle, wenn ich ſelbſt Seide kaufte, würde ich etwas dabei gewinnen. Sie ſind ſehr gütig, daß Sie an mich denken —“ „Ich will ganz offen ſein. — Ich warte auf die Perſon, die ich beſuchen will; da ich eben mit Niemandem zu ſprechen hatte, ehe der Herr ſich zwiſchen uns ſetzte, ſo hörte ich, wahrhaftig ohne 1* es zu wollen, Ihren Bruder von Ihrer Noth, von Ihren Kin⸗ dern ſprechen, und ich dachte bei mir; arme Leute müſſen ein⸗ ander beiſtehen. Da fiel mir ein, daß ich Ihnen vielleicht nützen könnte, da Sie Franſen arbeiten. — Wenn Ihnen das, was ich Ihnen eben ſagte, recht iſt, ſo haben Sie hier meine Adreſſe und geben Sie mir die Ihrige, damit, wenn ich eine kleine Beſtellung zu machen habe, weiß, wo ich Sie finden kann S. Lachtaube gab der Schweſter des Spitzigen eine Karte. Dieſe ſagte gerührt: „Ihr Geſicht hatte mich nicht getäuſcht, Mademoiſelle; und dann, nehmen Sie mir es nicht übel, Sie haben Aehnlichkeit mit meiner älteſten Tochter, weshalb ich Sie, als Sie eintraten, zwei Mal angeſehen habe. — Ich danke Ihnen; wenn Sie ſich an mich wenden, werden Sie gewiß mit meiner Arbeit zufrieden ſein. — Ich heiße Johanne Duport und wohne in der Straße Barillerie N „Nr. 1. Das iſt leicht zu merken. — Ich danke, Madame.“ „Ich habe Ihnen zu danken, meine werthe Demoiſelle. — Es iſt ſo gut von Ihnen, daß Sie gleich daran dachten, mich unter⸗ ſtützen zu helfen. — Noch einmal, ich bin ganz erſtaunt —“ „Es iſt doch ganz einfach, Madame Duport,“ ſagte Lachtaube mit einem reizenden Lächeln. „Da ich Aehnlichkeit mit Ihrer älteſten Tochter habe, ſo dürfen Sie ſich über meine gute Idee auch nicht wundern.“ „Ach, Sie ſind ſehr freundlich, und ich werde nun etwas we⸗ niger traurig fortgehen als ich glaubte, vielleicht auch, weil wir einander hier bisweilen treffen, denn Sie beſuchen wie ich einen Gefangenen.“ „Ja, Madame,“ antwortete Lachtaube ſeufzend. „ 48 * „Auf Wiederſehen denn, Mademviſelle, ich hoffe es wenigſtens,“ ſagte Johanne Duport. „Auf Wiederſehen.“ „Ich weiß nun doch die Wohnung der armen Frau,“ dachte Lachtaube, als ſie ſich wieder auf die Bank ſetzte, „und Herr Ru⸗ dolph wird ſich gewiß für ſie intereſſiren, ſobald er weiß, wie un⸗ glücklich ſie iſt; er hat ja immer zu mir geſagt: wenn Sie Jeman⸗ den kennen, der recht zu beklagen iſt, ſo wenden Sie ſich an mich.“ „Mit Ungeduld wartete ſie auf das Ende des Geſprächs ihres Nachbars, um endlich Germain rufen laſſen zu können. Ietzt noch einige Worte über die vorige Scene. Der Unwille des Bruders der Johanne Duport war leider, wie man geſtehen muß, vollkommen begründet geweſen. Er hatte vollkommen Recht, als er ſagte, die Juſtiz ſei für die Armen viel zu theuer. Eine Klage vor den Civilgerichten koſtet ſchweres, für Hand⸗ werker und Handarbeiter unerſchwingliches Geld; denn die Leute fönnen von dem, was ſie verdienen, kaum das Leben hinbringen. Wenn ein Familienvater, eine Familienmutter aus dieſer immer geopferten Claſſe eine Scheidung beantragen möchte, wenn zur Be⸗ gründung alles Mögliche vorliegt, wird er ſie erhalten? — Nein, venn kein Arbeiter iſt im Stande, 4 bis 500 Fres. für die koſt⸗ ſpieligen Formalitäten eines ſolchen urtels aufzuwenden. Dennoch hat der Arme kein anderes Leben als das häusliche; das gute oder ſchlechte Verhalten eines Mannes, eines Vaters, in ſolcher Familie, iſt nicht nur eine Frage der Moral, ſondern auch des Brodes — Verdient das Schickſal einer Frau aus dem Volke, ſo wie wir es zu ſchildern verſucht haben, weniger Theilnahme, weniger Schutz⸗ 49 als das einer reichen Dame, welche ſich über die Untreue ihres Mannes beklagt? Es giebt gewiß nichts des Mitleids Würdigeres, als die Seelenleiden. Wenn aber zu dieſen Schmerzen bei einer unglücklichen Mutter die Noth ihrer Kinder dazu kommt, iſt es dann nicht grauenhaft, daß die Frau ihrer Armuth wegen außerhalb des Geſetzes ſtehen und ſchutzlos mit ihrer Familie den Mißhandlungen eines faulen und verdorbenen Mannes ausgeſetzt ſein ſoll? Dieſer grauenhafte Fall kommt vor. Und ein Sträfling kann unter dieſen Umſtänden wie unter an⸗ dern mit Recht die Unpartheilichkeit der geſetzlichen Beſtimmungen leugnen, in deren Namen er verurtheilt iſt. Brauchen wir zu bemerken, wie gefährlich es für die Geſell⸗ ſchaft iſt, ſolche Begriffe gelten zu laſſen? Welchen Einfluß, welche moraliſche Würde ſollen dieſe Geſetze haben, wenn ihre Anwendung ausſchließlich von einer Geldfrage abhängt? Sollte die Civiljuſtiz wie die Criminaljuſtiz nicht Allen leicht zugänglich ſein? Wenn Leute zu arm ſind, als daß ſie die Wohlthat eines all⸗ gemein ſchützenden, rettenden Geſetzes in Anſpruch nehmen können, ſollte da nicht der Staat auf ſeine Koſten das Geſetz anwenden laſſen, ſchon aus Achtung für die Ehre und Ruhe der Familien? Doch laſſen wir dieſe Frau, die ihr Leben lang das Opfer eines verderbten und brutalen Mannes bleiben wird, weil ſie zu arm iſt, um die Trennung von ihm durch das Geſetz ausſprechen laſſen zu können; ſprechen wir von dem Bruder der Johanna Duport. Dieſer entlaſſene Sträfling kommt aus einer Höhle des Ver⸗ Die Geheimniſſe von Paris. VII. 4 %½ S ———————— 50 verbens, um wieder in die Welt einzutreten; er hat ſeine Strafe beſtanden, ſeine Schuld abgebüßt. Welche Vorſichtsmaßregeln hat der Staat gebraucht, um zu verhindern, daß er von Neuem Verbrechen begehe? Keine. Hat man ihm, mit menſchenfreundlicher Vorſorge, die Rückkehr zum Guten möglich gemacht, um, wie man es thut, ſo grauſam ſtrafen zu können, wenn er ſich unverbeſſerlich zeigt? Nein — Daß die Verdorbenheit in den Gefängniſſen anſteckt, iſt ſo be⸗ kannt, und man fürchtet ſich ſo ſehr davor, daß derjenige, welcher aus einem eneſſenne, überall der Gegenſtand der Verachtung, des Abſcheus und des Entſetzens iſt; wenn er auch ſich gebeſſert hat, er wird faſt nirgends Beſchäftigung finden. Die brandmarkende polizeiliche Aufſicht verweiſet ihn überdies an kleine Orte, wo ſeine frühern Verhältniſſe ſogleich bekannt wer⸗ den müſſen, wo er aber kein Mittel findet, die Ausnahmsbe⸗ ſchäftigungen zu betreiben, welche den Gefangenen oft durch die Ar⸗ beitspächter der Zuchthäuſer auferlegt werden. Wenn der Entſchloſſene den Muth hat, Verſuchungen zum Bö⸗ ſen zu widerſtehen, ſo wird er ſich einem der mörderiſchen Gewerbe widmen, von denen wir geſprochen haben, der Bereitung gewiſſer chemiſcher Producte, deren tödtlicher Einfluß diejenigen hinrafft, welche ſich damit beſchäftigen N t 1) Man hat, wird verſichert, ein Mittel gefunden, die unglücklichen Ar⸗ beiter bei dieſen entſetzlichen Beſchäftigungen zu ſchützen. (S. Mémoire de- scriplik d'un nouveau procédé de fabrication du planc de céruse, pré- senté à 'Academie des Sciences, par M. I. N. Gannal.) 3 . 51 Die Lage eines entlaſſenen Sträflings iſt demnach viel trau⸗ riger, viel peinlicher, viel ſchwieriger, als ſie vor ſeinem erſten Ver⸗ gehen war; er iſt von Hinderniſſen und Klippen umgeben und muß der Verachtung, der Hintanſetzung, oft ſelbſt der tiefſten Armuth trotzen. Und wenn er allen dieſen Verſuchungen zum Verbrechen un⸗ terliegt, wenn er ein zweites Verbrechen begeht, iſt man tauſendmal ſtrenger gegen ihn als bei ſeinem erſten Fehltritte. Das iſt ungerecht, denn faſt immer führt ihn die Noth, in die man ihn verſetzt hat, zu dem zweiten Verbrechen. Ja, denn es iſt dargethan, daß das Pönitentiar⸗Syſtem ver⸗ ſchlechtert, ſtatt zu beſſern. Statt leichte moraliſche Leiden zu heilen, macht es ſie unheilbar. Die Steigerung der Strafe, welche unbarmherzig den Rückfäl⸗ ligen trifft, iſt deshalb unbillig, barbariſch, weil der Rückfall glei ſam eine nothwendige Folge der Einrichtung der Strafanſtalt Die ſchreckliche Strafe, welche die Rückfälligen trifft, recht und logiſch ſein, wenn die Gefängniſſe die Gef ten, reinigten, und wenn nach Ablauf ihrer Stz Verhalten ihnen, wenn auch nicht leicht, ſo dock gemeinen möglich wäre. Wenn man ſich über dieſe Widerſprüc wie wird man erſt ſtaunen, wenn man wiſſen Verbrechen vergleicht, entweder Folgen oder wegen des ungeheuer ſchen den Strafen beſteht, mit d Das Geſpräch des Gefangg diener wird uns einen dieſer CXXXIII. Ferr Boulard. 5 er Gefangene, welcher in das Sprachzimmer trat, als Go⸗ vert Faſſelbe verließ, war ein Mann von etwa dreißig Jahren, roth⸗ ondem Haar und jovialem, vollem, rothem Geſichte; ſeine mittle machte ſeine ungeheure Dicke noch auffallender. Dieſer ſo gthe Gefangene hatte ſich in einen langen warmen Ueber⸗ em Flanell geknöpft; von gleichem Stoffe waren ſeine Mütze von rothem Sammet, à la Perinet Leclere digte den Anzug dieſes Mannes, der überdies Hausſchuhe trug. Obgleich die Mode der war, ſo hingen doch an der Kette ſeiner on guten Steinen, und endlich blitzten n an den dicken Händen dieſes Gefan⸗ ein Huiſſier war und wegen Unter⸗ Lnd. ar Peter Bourdin, einer der einſchneider Morel verhaften Lard beſchäftigt, dem Huiſſier 53 Petit⸗Jeans, welcher für Jacob Ferrand oft den Namen hergeben mußte. Bourdin, der kleiner und eben ſo feiſt war wie der Huiſſier, bildete ſich, ſo viel in ſeinen Mitteln ſtand, nach ſeinem Patron, deſſen Prachtliebe er bewunderte. Er liebte wie jener Schmuck⸗ ſachen und trug an dieſem Tage eine prächtige Topaz⸗Nadel, und eine lange goldene Kette ſchlängelte ſich zwiſchen den Knöpfen ſeiner Weſte hin. „Guten Tag, getreuer Bourdin; ich wußte, daß Sie meinem Rufe Folge leiſten würden,“ ſagte Herr Boulard mit einer dünnen, heiſern Stimme, welche ſeltſam von ſeinem dicken Körper und ſei⸗ nem großen blühenden Geſichte abſtach. „Ich der Aufforderung nicht Genüge leiſten!“ antwortete der Gerichtsdiener; „deſſen bin ich nicht fähig, General.“ So nannte Bourdin in familiärem und zugleich ehrerbietigem Scherze den Huiſſier, unter deſſen Befehlen er handelte. Uebrigens iſt dieſe militairiſche Ausdrucksweiſe unter gewiſſen Claſſen von An⸗ geſtellten ſehr gebräuchlich. „Ich ſehe mit Vergnügen, daß die Freundſchaft auch im Un⸗ glücke treu bleibt,“ ſagte Boulard mit herzlicher Heiterkeit; „ich fing ſchon an ängſtlich zu werden, da ich ſeit drei Tagen geſchrie⸗ ben hatte und kein Bourdin ſich ſehen ließ.“ „Denken Sie ſich, General, das iſt eine lange Geſchichte. Er⸗ innern Sie ſich des ſchönen Vicomte in der Rue de Chaillot?“ „Saint Remy?“ „Ganz richtig! Sie wiſſen, wie er über unſere Verhaftungen immer lachte!“ „Er war unverſchämt darin.“ „Nun, dieſer Vicomte iſt geſtiegen.“ ——— —,— —————— 54 „Iſt er Graf geworden?“ . „Nein; er iſt aus einem Betrüger ein Dieb geworden.“ „Ah!“ „Man verfolgt ihn wegen eines Diamantendiebſtahls. Die Diamanten gehören, beiläufig geſagt, dem Juwelier, welcher den Morel, den Steinſchneider, beſchäftigte, den wir verhaften wollten, als ein großer ſchlanker Mann mit ſchwarzem Schnurrbarte für den Hungerleider bezahlte und uns überdies beinahe die Treppe hin⸗ unterwarf.“ „Ja, ja, ich erinnere mich; Sie erzählten mir das, mein ar⸗ mer Bourdin; es war ſpaßhaft. Am meiſten lachte ich darüber, daß die Portiersfrau Ihnen einen Topf mit kochendheißer Suppe nachgeworfen —“ „Ja, und der Topf zerplatzte wie eine Bombe zu unſern Füßen, General. . Die alte Hexe! „Aber der ſchöne Vicymte?“ „Saint Remy wird wegen eines Diebſtahls verfolgt .. nach⸗ dem er ſeinem gutmüthigen Vater weiß gemacht, er habe ſich er⸗ ſchießen wollen. Ein Freund von mir, ein Polizeiagent, der wußte, daß ich dem Vicomte lange nachgeſpürt, fragte mich, ob ich ihm keine Auskunft über denſelben geben könnte. — Ich hatte zu ſpät erfahren, daß er, als wir ihn das letzte Mal feſtnehmen wollten, ſich nach Arnouville, fünf Stunden von Paris, geflüchtet hatte. — Als wir dahin kamen, war es zu ſpät, der Vogel war wieder aus⸗ geflogen.“ „Uebrigens hat er den zweiten Tag darauf den Wechſel bezahlt, durch Unterſtützung von einer vornehmen Dame, wie man ſagt.“ „Ja, General, aber das bleibt ſich gleich, ich kannte doch das Neſt, wo er ſich ſchon einmal verſteckt hatte; er konnte ſich zum 55 zweiten Male auch dahin gewendet haben, und ich ſagte das meinem Freunde, dem Polizeiagenten. — Dieſer forderte mich auf, ihn nach Arnouville zu begleiten. — Ich war gerade nicht beſchäftigt, — es gab eine Landparthie, ich nahm alſo die Aufforderung an —“ „Nun, und der Vicomte?“ „Iſt nicht zu finden. Nachdem wir um das Gut herumge⸗ ſchlichen, gingen wir endlich hinein, mußten aber wieder abziehen, wie wir gekommen waren. — Deshalb konnte ich Ihren Befehlen nicht früher nachkommen, General.“ „Ich war im voraus überzeugt, daß es Ihnen unmöglich ge⸗ weſen.“ „ „Aber darf ich, ohne Unbeſcheidenheit, fragen, wie Sie hierher gekommen ſind?“ „Canaillen, lieber Freund, Canaillen haben wegen einer Lum⸗ perei von ſechzigtauſend Franes, die ſie verloren haben wollen, mich wegen Unterſchlagung verklagt und nöthigen mich, mein Amt niederzulegen.“ „Wirklich, General? Das iſt ein Unglück! Wir werden alſo nicht mehr für Sie arbeiten?“ „Ich ſtehe auf Halbſold, lieber Bourdin.“ „Wer ſind die Leute, die ſo ſtreng gegen Sie verfahren?“ „Der eine, der erbittertſte, ein entlaſſener Sträfling, trug mir auf, den Betrag eines Wechſels von 700 Fres. einzucaſſiren, der eingeklagt werden mußte. Ich klagte, erhielt das Geld, und weil ich in Folge unglücklicher Operationen dieſe Summe wie viele andere verbrauchte, hat die ganze Sippſchaft keine Ruhe gehabt, bis man einen Haftbefehl gegen mich erließ — und ſo bin ich denn wie ein Verbrecher hier. Das Merkwürdigſte iſt übrigens, der Entlaſſene hat mir vor einigen Tagen geſchrieben, jenes Geld 56 ſei ſein einziges Hülfsmittel in ſchlechten Tagen geweſen, die ſchlech⸗ ten Tage wären gekommen (ich weiß nicht, was er darunter ver⸗ ſteht), und ich wäre verantwortlich für die Verbrechen, die er viel⸗ leicht begehen müßte, um dem Hunger zu entgehen —“ „Allerliebſt, auf Ehre!“ „Nicht wahr? Sehr bequem! Der Menſch iſt im Stande und ſagt das zu ſeiner Entſchuldigung. — Zum Glück kennt das Geſetz eine ſolche Mitſchuld nicht.“ „Sie ſind alſo blos wegen M des Vertrauens ange⸗ klagt, General?“ „Allerdings; halten Sie mich für einen Dieb, Bourdin?“ „Ach, Herr General! Ich wollte nur bemerken, daß in dieſem Falle die Sache nicht gefährlich ſei.“ „Sehe ich denn verzweifelt aus?“ „Keineswegs, ich habe Sie nie munterer geſchen. Wenn Sie auch verurtheilt werden, ſo kommen Sie doch gewiß mit zwei bis drei Monat Gefängniß und 25 Fres. Strafe weg. — Ich kenne das Geſetz.“ „Und man wird mir gewiß erlauben, dieſe zwei oder drei Mo⸗ nate — in einem Krankenhauſe in aller Bequemlichkeit zu verbrin⸗ gen. — Ich kenne einen Deputirten —“ „O —, dann können Sie ruhig ſein.“ „Ich muß deshalb auch lachen, Bourdin; die Dummköpfe, die mich hierher gebracht haben, erhalten doch keinen Pfennig von dem Gelde, das ſie verlangen. — Sie zwingen mich, meine Stelle zu verkaufen, — mir gleichviel. — Ich werde ſie meinem Vorgänger ſchuldig geblieben ſein. — Aber nun von der Sache, um deren wil⸗ len ich Sie erſuchte, zu mir zu kommen; es handelt ſich um eine delicate Sache, eine Frauengeſchichte,“ ſagte Herr Boulard mit ge⸗ heimnißvoller Miene. „Ah, wackrer Geueral, das ſieht Ihnen ähnlich. — Uebrigens rechnen Sie ganz auf mich.“ „Ich intereſſire mich für eine junge Künſtlerin am Theater, bezahle ihre Miethe, und dafür liebt ſie mich, ich glaube es wenig⸗ ſtens, denn bekanntlich haben oft die Anweſenden Unrecht. — Ich möchte alſo um ſo mehr wiſſen, ob ich Unrecht habe, da Aleran⸗ drine — Alexandrine heißt ſie — Geld von mir verlangt hat. Ich bin gegen Frauen nie knickerig geweſen, aber rupfen laſſen möchte ich mich nicht. Ehe ich alſo den Freigebigen gegen die liebe Freun⸗ din ſpiele, möchte ich wiſſen, ob ſie es durch ihre Treue verdient. Ich weiß recht wohl, daß nichts mehr roccoev, nichts perrückenhafter iſt als die Treue; aber ich lege Werth darauf, — es iſt eine Schwachheit von mir. Sie würden mir aber einen Freundſchafts⸗ dienſt erzeigen, wenn Sie einige Tage lang meine Geliebte beob⸗ achten und mir anzeigen könnten, woran ich mich zu halten habe, indem ſie entweder die Portiersfrau in dem Hauſe Alexandrinens plaudern laſſen oder —“ „Genug, General,“ antwortete Bourdin, indem er den Huiſ⸗ ſier unterbrach, „dazu gehört nicht mehr Schlauheit, als einen Schuldner zu beobachten und auszuſpioniren. Verlaſſen Sie ſich auf mich; ich werde ermitteln, ob Mademvoiſelle Alexandrine den Contract bricht, was mir nicht wahrſcheinlich vorkommt, denn, ohne Ihnen zu ſchmeicheln, General, Sie ſind ein zu ſchöner und zu freigebiger Mann, als daß man Sie nicht lieben ſollte.“ „Wenn ich auch ein ſchöner Mann bin, ich bin abweſend, lie⸗ ber Freund, und das iſt ein großes Unrecht; mit einem Worte, ich rechne auf Sie, um die Wahrheit zu erfahren.“ 58 „Sie ſollen die Wahrheit erfahren, ich bürge dafür.“ „Wie ſoll ich Ihnen dafür danken!“ „Ach, gehen Sie, General!“ 4 „Es verſteht ſich, lieber Bourdin, daß Sie eben ſo bezahlt werden, als wenn es ſich um eine Verhaftung handelte.“ „Das werde ich nicht zugeben, Herr General; haben Sie mich nicht immer, ſo lange ich unter Ihnen gedient habe, den Schuldner bis auf's Blut rupfen, die Verhaftungskoſten verdoppeln, verdrei⸗ fachen laſſen, die Sie dann ſo eifrig eintrieben, als wenn Sie ſelbſt ſie zu fordern hätten?“ „Das iſt etwas Anderes, lieber Freund, — und ich meiner Seits werde nie zugeben —“ „Herr General, Sie werden mich demüthigen, wenn Sie mir nicht erlauben, Ihnen dieſe Auskunft über Mademoiſelle Aleran⸗ drine als einen ſchwachen Beweis meiner Dankbarkeit zu über⸗ bringen.“ „Nun meinetwegen, ich will Sie nicht länger an Edelmuth zu übertreffen ſuchen. Uebrigens wird Ihre Aufopferung für mich ein ſüßer Lohn für die Nachſicht ſein, die ich immer in unſern Ge⸗ ſchäftsſachen bewieſen habe. —“ „Ich erwartete das, Herr General; aber kann ich Ihnen nicht in einer andern Weiſe dienen? — Sie müſſen ſich hier ſehr ſchlecht befinden, da Sie an Bequemlichkeit gewöhnt ſind. — Sie haben doch wenigſtens ein beſonderes Zimmerchen?“ „Allerdings; ich langte noch zu rechter Zeit an, denn ich erhielt gerade das letzte vacante; die übrigen befinden ſich in dem Theile des Gefängniſſes, der umgebaut wird. Ich habe mich ſo gut als möglich in meiner Zelle eingerichtet und befinde mich da nicht übel; ich habe einen Ofen, habe mir einen guten Lehnſtuhl bringen laſſen, 59 halte täglich drei lange Mahlzeiten, verdaue, gehe auf und ab und ſchlafe. Wäre die Beſorgniß um Alerandrinen nicht, ſo würde ich nicht eben zu beklagen ſein.“ „Aber, General, Sie, ein Gutſchmecker, werden die Gefängniß⸗ koſt nicht nach Ihrem Geſchmacke finden.“ „Iſt der Eßwaarenhändler in meiner Straße nicht gleichſam für mich dahin geſetzt worden? Ich habe vffene Rechnung bei ihm, und er ſchickt mir einen Tag um den andern einen wohlgeſpickten Korb. — Uebrigens, da Sie mir einmal Gefälligkeiten erweiſen wollen, könnten Sie die Güte haben, der kleinen Madame Michon⸗ neau, die gar nicht übel iſt, zu ſagen —“ „Ah, Sie böſer General!“ „Denken Sie nichts Böſes, lieber Freund,“ ſagte der Huiſſier mit geſchmeichelter Eitelkeit, „ich bin blos ein guter Kunde und ein guter Nachbar. — Bitten Sie alſo die liebe Madame Michynneau, in den Korb morgen eine Paſtete von marinirtem Thunſiſch zu thun, — es iſt jetzt die Zeit, und das Trinken wird mir beſſer darauf ſchmecken.“ „Eine vortreffliche Idee!“ „Ferner möge ſie mir wieder einen Korb mit Burgunder, Champagner und Bordeaur ſchicken, wie das letzte Mal, ſie weiß ſchon, auch zwei Flaſchen von ihrem alten Cognac von 1817 und ein Pfund friſchgebrannten und friſchgemahlenen veinen Moeca⸗Kaffee dazu thun —“ „Ich werde mir die Jahreszahl aufſchreiben, um ſie nicht zu vergeſſen“, ſagte Bourdin, indem er ſein Taſchentuch hervorholte. „Da Sie einmal ſchreiben, lieber Bourdin, ſo haben Sie doch die Güte, ſich zu notiren, in meinem Hauſe mein Eiderdunenkiſſen zu beſtellen.“ 60 „Alles ſoll buchſtäblich ausgeführt werden, General; ich bin nun wegen Ihrer Koſt ſo ziemlich beruhigt. — Ihre Spaziergänge aber machen Sie unter den Spitzbuben da?“ „Ja, und das iſt ſehr unterhaltend; ich gehe nach dem Früh⸗ ſtück herunter, bald in den, bald in jenen Hof. Ich kann Ihnen die Verſicherung geben, daß die Gefangenen im Ganzen doch recht brave Leute zu ſein ſcheinen, und daß es ſehr unterhaltende unter ihnen giebt. Die wildeſten ſind in der ſogenannten Löwengrube bei einander. Ah, dieſe Galgenphyſiognomien ſollten Sie ſehen! So iſt z. B. Einer da, welcher Skelett heißt; ſo etwas habe ich nie geſehen —“ „Ein ſonderbarer Name!“ „Er iſt ſo mager vder vielmehr ſo fleiſchlos, daß er den Na⸗ men in der That hat; ich ſage Ihnen, es iſt grauenhaft. Er iſt der größte Böſewicht, kommt aus dem Bagno und hat von Neuem geſtohlen und gemordet. Seine letzte Mordthat iſt ſo gräßlich, daß er recht wohl weiß, er wird zum Tode verurtheilt werden, aber er macht ſich nichts daraus.“ „Welcher Böſewicht!“ „Alle Gefangenen bewundern ihn und zittern vor ihm. — Ich habe mich ſogleich in gutes Vernehmen mit ihm geſetzt, indem ich ihm Cigarren gab. — Er beehrt mich nun mit ſeiner Freundſchaft und giebt mir Unterricht in der Spitzbubenſprache; ich habe ſchon ziem⸗ liche Fortſchritte darin gemacht.“ „Wie ſpaßhaft! Mein General erlernt die Spitzbubenſprache!“ „Ich ſage Ihnen, ich amüſire mich prächtig; die Leute haben mich ſehr gern, Manche nennen mich ſogar Du. — Ich bin nicht ſtolz wie ein kleiner Herr, Germain heißt er, ein Habenichts, der 61 nicht einmal eine beſondere Zelle haben kann und den großen Herrn gegen die Andern ſpielt.“ „Er muß ſehr erfreut ſein, einen Mann wie Sie zu finden, da er von den Andern nichts wiſſen mag.“ „Ah, er hat noch gar nicht gethan, als bemerke er mich ; hätte er mich aber auch bemerkt, ich würde mich wohl gehütet ha⸗ ben, mich mit ihm einzulaſſen. — Er iſt der Sündenbock in dem Gefängniſſe, man wird ihm früher oder ſpäter einen ſchlimmen Streich ſpielen, und ich habe keine Luſt, die Abneigung zu theilen, deren Gegenſtand er iſt.“ „Sie haben vollkommen Recht.“ „Das würde mir den Spaß verderben, denn meine Promenade mit den Gefangenen iſt eine wahre Luſt. — Nur haben die Spitz⸗ buben keine große Meinung von mir, moraliſch nämlich. — Sie ſchen ein, die Klage gegen mich bloß wegen Mißbrauchs des Vertrauens iſt eine Bagatelle für ſolche Leute. — Sie halten deshalb nicht viel von mir.“ „Nun freilich, neben dieſen Verbrecher⸗Matadoren ſind Sie —“ „Ein wahres Oſterlamm, Freund. — Aber vergeſſen Sie meine Aufträge nicht.“ „Ganz ruhig, General! 1) Mademoiſelle Alerandrine; 2) die Fiſchpaſtete und der Weinkorb; 3) der alte Cognac von 1817, der gemahlene Kaffee und das Eiderdunenkiſſen, — Sie ſollen Alles ha⸗ ben. Sonſt wünſchen Sie nichts?“ „Etwas hätte ich beinahe vergeſſen. — Sie wiſſen wohl, wo Badinot wohnt?“ „Der Geſchäftsagent? Ja.“ „Sagen Sie ihm, ich rechnete noch immer auf ihn, daß er 62 einen Advvcaten ausfindig machen würde, der meine Sache führt, und daß es mir auf ein Tauſendfrancsbillet nicht ankomme —“ „Ich werde zu Badinot gehen, Herr General. Heute Abend ſollen alle Ihre Aufträge beſorgt ſein, und morgen werden Sie erhalten, was Sie wünſchen. — Auf baldiges Wiederſehen!“ „Auf Wiederſehen, Freund!“ Und der Gefangene verließ das Sprachzimmer, aus dem ſich auch Bourdin entfernte. Nun vergleiche man das Verbrechen des Spitzigen, des Rück⸗ fälligen, mit dem Vergehen des Herrn Byulard. Man vergleiche die Urſachen, die Noth, welche ſie zu dem Böſen getrieben haben können. Man vergleiche endlich die Strafen, welche ſie erwarten. Der entlaſſene Sträfling, der überall Widerwillen und Furcht erregte, konnte an dem Orte, der ihm angewieſen worden war, die Beſchäftigung, die er erlernt hatte, nicht betreiben; er hoffte, ſich einer lebensgefährlichen, aber ſeinen Kräften angemeſſenen Arbeit Arbeit widmen zu können, aber dieſe Hoffnung ging nicht in Er⸗ füllung. Da verläßt er den ihm angewieſenen Ort und macht ſich auf den Weg nach Paris, weil er hofft, dort ſeine frühern Verhältniſſe leichter verbergen und leichter Arbeit finden zu können. Er kommt erſchöpft, von Hunger geplagt an; zufällig hört er, daß eine Summe Geld in einem nahen Hauſe liege; er giebt der Verſuchung nach, bricht einen Fenſterladen auf, öffnet eine Commode, ſtiehlt hundert Franes und entflieht. Man ergreift ihn; er iſt Gefangener. — Man wird ihm den Prozeß machen und ihn verutheilen. 63 Als Rückfälligen erwartet ihn eine Strafe von funfzehn bis zwanzig Jahren Zwangsarbeit und Ausſtellung. Er weiß das. Er hat dieſe fürchterliche Strafe verdient. Das Eigenthum iſt heilig. Wer in der Nacht eine Thür er⸗ bricht, um ſich der Habe eines Andern zu bemächtigen, muß eine ſchreckliche Strafe erleiden. Vergebens wird der Schuldige ſich mit Mangel an Arbeit, mit Armuth, mit ſeiner ſchwierigen, unerträglichen Lage als Entlaſſener entſchuldigen. — Deſto ſchlimmer; das Geſetz iſt gleich; die Ge⸗ ſellſchaft will und muß ihres Heiles und ihrer Ruhe wegen eine unbegrenzte Gewalt beſitzen und unbarmherzig die fühnen Eingrifſe in das Vermögen Anderer zurückweiſen. Ja, dieſer Elende, Unwiſſende, verdorbene und verachtete Rück⸗ fällige hat ſein Schickſal verdient. Aber was wird nun der verdienen, der unterrichtet, reich, von Allen geachtet, mit einem offiziellen Charakter bekleidet, ſtiehlt, nicht um den Hunger zu ſtillen, ſondern um koſtſpielige Launen zu be⸗ friedigen oder das Glück in der Agivtage zu verſuchen? — der, nicht hundert Franes, ſondern hunderttauſend Franes, eine Million ſtiehlt? — der, nicht in der Nacht, mit Gefahr ſeines Lebens, ſon⸗ dern einen Mann beſtiehlt, welcher ihm ſein Geld gezwungen unter der Bürgſchaft der Rechtlichkeit eines öffentlichen Beamten übergab, den das Geſetz ſeinem Vertrauen bezeichnet, aufnöthigt? Welche ſchreckliche Strafe wird der verdienen, der ſtatt eine kleine Summe, faſt aus Noth, zu ſtehlen, aus Luxus eine be⸗ deutende Summe ſtiehlt? Wäre es nicht eine ſchreiende Ungerechtigkeit, ihn nur mit einer gleichen Strafe wie den zu belegen, der, durch die Noth, durch die Armuth getrieben, zum zweiten Male ſtahl? 64 Das Geſetz wird ſagen: Wie kann man einen gut erzogenen Mann mit derſelben Siaſe; belegen wie einen Vagabunden? Pfui! Wie kann man ein Vergehen der guten Geſellſchaft mit einem gemeinen Einbruche vergleichen? Pfui! Wovon handelt es ſich denn eigentlich? Herr Byulard z. B. wird in Uebereinſtimmung mit dem Geſetze anworten: „Kraft der Befugniß, welche mein Amt mir giebt, habe ich „für Sie eine Summe Geld eingezogen; dieſe Summe habe ich aus⸗ „geben, vergeudet, es iſt nichts mehr davon übrig; aber glauben „Sie nicht, daß die Noth mich dazu getrieben hat. Bin ich ein „Bettler? ein Habenichts? Gott ſei Dank, nein, ich hatte und habe „hinreichend zu leben. O, beruhigen Sie ſich, ich hatte höhere Ab⸗ „ſichten. — Ich wagte mich mit Ihrem Gelde kühn in die blen⸗ „dende Bahn der Speculation; ich konnte die Summe zu meinem „Vortheile verdoppeln, verdreifachen, wenn mir das Glück gelächelt „hätte; leider war es gegen mich, und Sie ſehen, daß ich hierbei „ebenſoviel verliere wie Sie —“. Noch einmal — ſcheint das Geſetz zu ſagen, — hat dieſe raſche, cavaliere Beraubung bei hellem Tage irgend etwas mit dem Raube in der Nacht, mit dem Schlöſſeraufbrechen, dem Thürenauf⸗ zwängen, den Nachtſchlüſſeln, den Brecheiſen und allem Geräthe der elenden gemeinen Diebe gemein? Aendert ſich nicht die Strafbarkeit, ja ſogar der Name der Verbrechen, wenn ſie von gewiſſen Bevorzugten begangen werden? Ein Armer ſtiehlt bei einem Bäcker ein Brod, indem er eine Fenſterſcheibe eindrückt, — eine Magd ſtiehlt ihrer Herrſchaft ein Taſchentuch, einen Louis dor; dies wird ganz richtig und nothwendig 65 ein Diebſtahl unter erſchwerenden und infamirenden Umſtänden genannt und gehört vor die Aſſiſen. Das iſt gerecht, beſonders in dem letztern Falle. Der Dienſtbote, der ſeinen Herrn beſtiehlt, iſt doppelt ſtrafbar; er gehört faſt zur Familie. Das Haus ſteht ihm zu jeder Stunde offen, und er täuſcht auf unwürdige Weiſe das Vertrauen, das man in ihn ſetzt; dieſe Täuſchung belegt das Geſetz mit einer infamirenden Strafe. Noch einmal, es tan nichts gerechter, nichts moraliſcher ſein. Weyn aber ein Huiſſier, ein Staatsbeamter das Geld unter⸗ ſchlägt, das man ihm als Beamten übergeben mußte, ſo wird das weder mit dem Hausdiebſtahle, noch mit dem Einbruche gleich⸗ geſtellt; das Geſetz nennt es nicht einmal Diebſtahl. Wie? Nein. — Diebſtahl, — dies Wort iſt zu gemein; Diebſtahl? Pfui! Mißbrauch des Vertrauens, ah, das iſt feiner, an⸗ ſtändiger und paßt mehr für die geſellſchaftliche Stellung, für das Anſehen derer, welche in den Fall kommen können, dieſes — Ver⸗ gehen ſich zu Schulden kommen zu laſſen, denn man nennt dies ein Vergehen; Verbrechen würde auch zu gemein ſein. Und dann, ein wichtiger Unterſchied: Das Verbrechen gehört vor die Aſſiſen; der Mißbrauch des Vertrauens vor die Zuchtpolizeibehörde. O Uebermaß der Gerechtigkeit! Ein Diener ſtiehlt ſeinem Herrn einen Louisd'or, ein Hungriger zerbricht eine Fenſterſcheibe und nimmt ein Brod weg; das ſind Verbrechen, ſchnell vor die Ein öffentlicher Beamter vergendet, unterſchlägt eine Million, das iſt ein Mißbrauch des Vertrauens, und ein einfaches Zuchtpolizeigericht wird darüber erkennen. Die Geheimniſſe von Paris. VII. 5 66 Wird dieſer entſetzliche Unterſchied zwiſchen der Strafbarkeit beider nach dem Rechte, der Vernunft, der Logik, der Moral durch die Ungleichheit der Schuld gerechtfertigt? Worin unterſcheidet ſich der Hausdiebſtahl, den eine entehrende Strafe trifft, von dem Mißbrauche des Vertrauens, der mit einer zuchtpolizeilichen Strafe belegt iſt? Weil der Mißbrauch des Vertrauens faſt immer die Verarmung von Familien nach ſich zieht? und warum iſt ein Diebſtahl mit Einbruch verbrecheriſcher als ein Diebſtahl mit Mißbrauch des Vertrauens? Wie wagt man zu behaupten, daß die moraliſche Verletzung des Eides, nie das Vertrauen zu mißbrauchen, das die Geſellſchaft auf einen ſolchen Mann haben muß, minder verbrecheriſch ſei, als die materielle Verletzung einer Thüre? Man wagt es, — das Geſetz iſt ſo. Ja, je ſchwerer die Verbrechen ſind, jemehr ſie die Eriſtenz der Familien gefährden, die öffentliche Sicherheit und Moralität verletzen, um ſo milder werden ſie beſtraft. Je größere Bildung, je höhern Verſtand, je höhern Wohlſtand, je höheres Anſehen die Schuldigen beſitzen, um ſo nachſichtiger zeigt ſich das Geſetz gegen ſie. Das Geſetz ſſart ſeine ſchrecklichſten, ſeine entehrendſten Strafen für Arme auf, welchen, wir möchten nicht ſagen zur Entſchuldigung, aber zum Vorwande wenigſtens die Unwiſſenheit, die Rohheit, die Noth dienen, in der man ſie läßt. Dieſe Parteilichkeit des Geſetzes iſt barbariſch und in hohem Grade unmoraliſch. Man ſtrafe den Armen unbarmherzig, wenn er ſich an dem Eigenthume eines Andern vergreift, aber man ſtrafe auch unbarmherzig 67 den Beamten, welcher ſich an dem Eigenthume ſeiner Clienten vergreift. Man hoöre alſo nicht mehr Advoecaten Leute, die ſich ſchändlicher Beraubungen ſchuldig gemacht haben, durch Gründe wie etwa nach⸗ ſtehende entſchuldigen und vertheidigen: „Mein Client leugnet es nicht, die Summen, von denen es ſich handelt, verbraucht zu haben; er weiß, in welche Noth ſein „Mißbrauch von Vertrauen eine ehrenwerthe Familie geſtürzt „hat, aber mein Client beſitzt einen abenteuerlichen Sinn, läßt ſich „gern in gewagte Unternehmungen ein, und wenn er Speculationen „angefangen, wenn ihn das Agiotagefieber ergriffen hat, macht er „keinen Unterſchied mehr zwiſchen dem, was ſein iſt und was „Andern gehört —“ Das iſt, wie man ſieht, vollkommen tröſtend für die, welche beraubt wurden, und außerordentlich beruhigend für die, welche in der Lage ſind, beraubt werden zu können. Unſerer Anſicht nach würde ein Advocat ſchlimm ankommen, wenn er vor den Aſſiſen etwa eine ſolche Vertheidigung vorbrächte: „Mein Client leugnet nicht, einen Secretair erbrochen zu haben, „um daraus die Summe zu entwenden, um die es ſich handelt, aber „er liebt gutes Eſſen und Trinken, er verehrt die Weiber, er hat „ein beſonderes Gefallen an Luxus, und wenn ihn dieſe Ver⸗ „gnügungsluſt ergreift, macht er keinen Unterſchied mehr zwiſchen „dem, was ſein iſt und was Andern gehört.“ — In dem Bulletin des Tribunaux vom 17. Febr. 1843 iſt das Urtel des Gerichtshofes über einen Vertrauensmißbrauch eines Huiſſiers enthalten, der drei Perſonen um das ihm anvertraute Geld betrogen hatte und zu zwei Monaten Gefängniß wie 25 Fres. Strafe verurtheilt wurde. * 68 Wenige Zeilen weiter unten lieſt man das Urtheil gegen einen gewiſſen Tellier, einen entlaſſenen Sträfling, der in ein Haus ein⸗ geſtiegen war und werthloſe Gegenſtände entwendet hatte, alte Bett⸗ tücher, übergetretene Schuhe, unbrauchbares Küchengeſchirr und zwei Flaſchen Abſinth. Er wurde zu zwanzigjähriger Zwangsarbeit und zur Ausſtellung verurtheilt. Was läßt ſich zu dieſen Thatſachen hinzuſetzen? Sie ſprechen ſelbſt deutlich genug. Der alte Aufſeher hatte, ſeinem Verſprechen treu, Germain herbeigeholt. Nachdem der Huiſſier Boulard in das Gefängniß zurückgegangen war, öffnete ſich die Thüre des Ganges, Germain trat ein, und Lachtaube war von ihrem armen Schützlinge nur durch ein leichtes Drahtgitter getrennt. CXXXIV. Franz Germain. Ss fehlte den Zügen Germnins an Regelmäßigkeith aber man konnte kein intereſſanteres Geſicht ſehen; ſeine Haltung war untadelig, ſein ſchlanker Wuchs, ſeine einfache, aber nette Kleidung (graue Beinkleider und ein ſchwarzer bis an den Hals zugeknöpfter Rock) zeigten durchaus nichts von der ſchmutzigen Nachläſſigkeit, welcher ſich die Gefangenen meiſt überlaſſen; ſeine weißen kleinen Hände verriethen ebenfalls die Sorge für ſeine Perſon, welche den Haß der Andern gegen ihn gleichfalls geſteigert hatte, denn die moraliſche Verderbtheit findet ſich faſt immer mit körperlichem Schmutze vereinigt. Sein braunes, von Natur lockiges Haar, das er lang und an der Seite der Stirn, nach der Mode, geſcheitelt trug, umfaßte ſein blaſſes muthloſes Geſicht; ſeine ſchönen blauen Augen verkündeten ein offenes gutes Herz; ſein mildes, trauriges Lächeln ſprach ſein Wohlwollen und eine gewöhnliche Melancholie aus, denn der Un⸗ glückliche war, obgleich noch ſehr jung, ſchon ſchwer geprüft worden. Mit einem Worte, man konnte nichts Rührenderes ſehen als dieſes leidende, liebevolle, ergebene Geſicht, wie es nichts Rechtlicheres, nichts Ehrlicheres gab als das Herz des jungen Mannes. Schon die Urſache ſeiner Verhaftung (wenn man die ver⸗ leumderiſchen Erſchwerungen hinwegdenkt) bewies die Gutmüthigkeit Germains und nichts als eine augenblickliche Unvorſichtigkeit, die allerdings ſtrafbar, aber auch verzeihlich war, wenn man bedenkt, daß er am andern Morgen die Summe wieder hinlegen konnte, welche er für den Augenblick aus der Caſſe des Notars genommen hatte, um den Steinſchneider Morel zu retten. Germain erröthete leicht, als er durch das Gitter des Sprach⸗ ſaales das friſche, reizende Geſicht ſeiner Freundin erblickte. Dieſe wollte ihrer Gewohnheit gemäß heiter erſcheinen, um ihren Schützling ein wenig aufzumuntern und zu erheitern; aber das arme Kind verſtand es ſchlecht, den Kummer und die Unruhe zu bergen, die ſie ſtets empfand, ſobald ſie in das Gefängniß trat. Sie ſaß auf einer Bank an der andern Seite des Gitters und hielt ihren Strohkober auf den Knieen. Der alte Aufſeher blieb nicht in dem Gange, ſondern ſetzte ſich an einem Ofen am Ende des Saales nieder. Nach einigen Augen⸗ blicken ſchlief er ein. Germain und Lachtaube konnten alſo ungeſtört ſprechen. „Nun muß ich ſehen, Herr Germain,“ ſagte das Mädchen, indem ſie ihr hübſches Geſichtchen ſo nahe als möglich an das Gitter hielt, um die Züge ihres Freundes genauer betrachten können, „nun muß ich ſehen, ob ich mit Ihrem Geſichte zufrieden ſein kann. ð„ſt es weniger traurig? Hm! hm! So, ſo; — nehmen Sie ſi in Acht, — ich werde böſe werden.“ „Wie gütig Sie ſind, — heute noch zu kommen!“ 71 „Noch? Soll das ein Vorwurf ſein?“ „Ja, ich ſollte Sie wirklich darum tadeln, daß Sie ſo viel für mich thun, während ich — Ihnen nur danken kann.“ „Sie ſind auf falſchem Wege, denn die Beſuche, die ich Ihnen mache, ſind für mich ebenſo angenehm wie für Sie. Ich ſollte Ihnen alſo eigentlich auch danken. — Ah, hier ertappe ich den Un⸗ gerechten! Und ich ſollte Ihnen zur Strafe das nicht geben, was ich Ihnen mitbringe.“ „Noch eine Aufmerkſamkeit? Sie verwöhnen mich. — Dank! Dank! Aber, verzeihen Sie, ich wiederhole dies Wort ſo oft, das Sie bös macht. — Freilich kann ich Ihnen nichts weiter ſagen.“ „Erſtens wiſſen Sie nicht, was ich Ihnen bringe —“ „Was hat das für Einfluß?“ „Sehr artig! „Es mag ſein, was es will, kommt es nicht von Ihnen? — Ihre rührende Güte erfüllt mich mit Dank und —“ Er ſprach es nicht aus, ſondern ſchlug die Augen nieder. „Und was?“ fragte Lachtaube erröthend — „Und — und Ergebenheit,“ ſtammelte Germain. „Warum nicht lieher gar gleich Achtung wie am Schluſſe eines Briefes!“ fiel das Mädchen ungeduldig ein .. „Sie hintergehen mich, Sie wollten etwas Anderes ſagen, denn Sie hielten plötzlich inne —“ „Ich verſichere —“ „Sie verſichern, — Sie verſichern, und ich ſehe doch, daß Sie hinter dem Gitter roth werden. — Bin ich nicht Ihre kleine Freundin, Ihre gute Nachbarin? Warum verheimlichen Sie mir etwas? Reden Sie doch offen mit mir, ſagen Sie mir Alles,“ ſetzte ſie ſchüchtern hinzu, denn ſie wartete nur auf ein Geſtändniß 72 Germains, um ihm unverholen und ehrlich zu ſagen, daß ſie ihn liebe. . „Ich verſichere Sie,“ begann der Gefangene von Neuem mit einem Seufzer, „daß ich nichts weiter ſagen wollte, — daß ich Ihnen nichts verheimliche.“ „Pfui, der Lügner!“ rief Lachtaube, und ſie ſtampfte mit dem Fuße auf. — „Nun ſehen Sie da die große Cravatte von weißer Wolle, die ich Ihnen mitgebracht habe?“ — ſie nahm ſie aus ihrem Kober; „zur Strafe für Ihre Verſtellung ſollen Sie die Cravatte nun gar nicht bekommen; ich hatte ſie für Sie geſtrickt, weil ich bei mir dachte: es muß ſo kalt, ſo feucht in den großen Höfen des Gefängniſſes ſ daß ihn dies doch etws ſchützen wird. — Er iſt ſo froſtig — „Wie? Sie —2“ „Ja, Sie ſind froſtig,“ unterbrach ihn Lachtaube; „ich weiß es noch ganz genau, und doch wollten Sie immer, aus Rückſichten, mich verhindern, Holz in meinen Ofen zu legen, wenn Sie des Abends bei mir waren. Ah, ich habe ein gutes Gedächtniß.“ „Auch ich habe ein leider nur zu Sn ſ Germain mit bewegter Stimme. Und er ſtrich mit der Hand über die Augen. „Werden Sie ſchon wieder traurig, obſchon ich es Sen ver⸗ boten habe?“ „Wie ſollte ich nicht zu Thränen gerührt werden, wenn ich an Alles denke, was Sie für mich gethan haben, ſeit ich hier im Gefängniſſe bin! Und iſt dieſe neue Aufmerkſamkeit nicht rührend? Weiß ich denn nicht, daß Sie es ſich vom Schlafe abbrechen, um Zeit zu haben, mich zu beſuchen? Meinetwegen arbeiten Sie mehr —“ „Richtig! Betrauern Sie mich geſchwind, daß ich alle zwei 73 oder drei Tage einen hübſchen Spaziergang mache, um meine Freunde zu beſuchen, da ich ſo gern gehe! — Es iſt ſo unterhaltend, unterwegs die Läden zu muſtern!“ „Und heute, bei dieſem Wind und Regen, auszugehen!“ „Das iſt ein Grund mehr; Sie können ſich nicht vorſtellen, welche drollige Figuren man da ſieht! Einige halten den Gut mit beiden Händen, damit er ihnen nicht durch den Wind entführt werde; Andere ſchneiden, wenn ſich ihr Regenſchirm umſchlägt, unglaubliche Geſichter und drücken die Augen zu, während ihnen der Regen in das Geſicht ſchlägt. Es war dieſen Morgen den ganzen Weg her eine wahre Comödie und ich nahm mir gleich vor, Sie durch das Erzählen zum Lachen zu bringen; aber die Falten auf der Stirn wollen ſich auch gar nicht glätten!“ . „Die Schuld liegt nicht an mir, — nehmen Sie es nicht übel, aber die guten Eindrücke, die ich Ihnen verdanke, rühren mich zuletzt immer ſehr. — Sie wiſſen es ja, ich bin nicht luſtig, wenn ich mich glücklich fühle; ich kann nicht anders —“ Lachtaube wollte es nicht merfen laſſen, daß ſie trotz ihrem Geplauder nahe daran war, die Rührung Germains zu theilen; ſie gab deshalb dem Geſpräche ſchnell eine andere Wendung und ſagte: „Sie ſagen immer, Sie könnten nicht anders) aber es giebt noch manche Dinge, wo man auch nicht anders kann; warum thun Sie aber etwas nicht, trotzdem daß ich Sie gebeten habe —2“ fügte Lachtaube hinzu. „Was meinen Sie?“ i „Ihren Eigenſinn, ſich immer von den andern Gefangenen abzuſondern, nie mit ihnen zu ſprechen. Der Aufſeher hat mir geſagt, duß Sie es, in Ihrem eigenen Intereſſe, über ſich gewinnen ſollten. — Ich bin überzeugt, daß Sie es nicht thun. — Sie ſchwei⸗ 74 gen? Sie ſehen, es iſt immer daſſelbe Lied. Sie werden nicht eher zufrieden ſein, bis die ſchlechten Menſchen Ihnen etwas zu Leide gethan haben.“ „Sie wiſſen nicht, welchen Abſchen mir die Menſchen einflößen, Sie wiſſen nicht, welche perſönlichen Gründe ich habe, ſie und ihres Gleichen zu fliehen und zu verwünſchen —“ „Ach, ich glaube dieſe Gründe zu kennen; — ich habe die Papiere geleſen, die Sie für mich geſchrieben hatten und die ich nach Ihrer Verhaftung aus Ihrer Wohnung holte. — Ich habe die Gefahren erſehen, denen Sie bei Ihrer Ankunft in Paris ausgeſetzt waren, weil Sie ſich weigerten, in der Provinz an den Verbrechen des ſchlechten Menſchen Theil zu nehmen, der Sie erzogen hatte. Wegen des letzten Hinterhaltes, den man Ihnen legte, und um den Böſewichtern aus den Augen zu kommen, zogen Sie aus, ohne mir zu ſagen, wo Ihre neue Wohnung ſei. — In dieſen Papieren habe ich — auch noch etwas Anderes geleſen,“ ſetzte Lachtaube hinzu, indem ſie von Neuem erröthete und die Augen niederſchlug: „ich habe Dinge geleſen, die —“ „Die Sie nie erfahren haben würden“ fiel Germain lebhaft ein, „ohne das Unglück, das mich betroffen hat, ich ſchwöre es Ihnen. Aber, ich bitte Sie, verzeihen Sie mir dieſe Thorheiten und ver⸗ geſſen Sie dieſelben; nur früher konnte ich mir in dieſen, wenn auch unſinnigen Träumen, gefallen.“ Lachtaube hatte zum zweiten Male verſucht, ein Geſtändniß auf die Lippen Germains zu locken, indem ſie auf die Gedanken voll Liebe anſpielte, die er ſonſt niedergeſchrieben und der Erinnerung an das Mädchen gewidmet hatte, denn er hatte ſie, wie ſchon erwähnt, immer ſtill, aber heiß geliebt und nur, um in der herzlichen Ver⸗ 75 traulichkeit mit der Nachbarin zu bleiben, dieſe Liebe unter dem Scheine der Freundſchaft verſteckt. Er war durch das Unglück noch mißtrauiſcher und ſchüchterner geworden und konnte ſich nicht einbilden, daß Lachtaube ihn, den Gefangenen, auf dem eine ſchreckliche Anklage laſtete, liebe, während ſie ihm vor dem Unglücke, das ihn betroffen, nur eine ſchweſterliche Freundſchaft bewieſen hatte. Lachtaube unterdrückte, da ſie nicht verſtanden wurde, einen Seufzer und hoffte und wartete auf eine beſſere Gelegenheit, um Germain in ihr Herz blicken zu laſſen. Sie entgegnete deshalb verlegen: „Mein Gott, ich begreife recht gut, daß Ihnen die Geſellſchaft dieſer ſchlechten Menſchen zuwider iſt, aber das iſt doch kein Grund, ſich nutzloſen Gefahren auszuſetzen.“ „Ich gebe Ihnen die Verſicherung, daß ich, um Ihrem Wunſche nachzukommen, diejenigen anzureden verſucht habe, die mir minder ſchuldig vorkamen; aber wenn Sie wüßten, welche Sprache, welche Menſchen!“ „Freilich, es muß ſchrecklich ſein.“ „Noch ſchrecklicher iſt aber, daß ich mich, wie ich bemerke, allmälig an die gräulichen Geſpräche gewöhne, die ich unwillkührlich den ganzen Tag über anhören muß; ja, jetzt höre ich mit Gleich⸗ gültigkeit Gräuel an, die mich in den erſten Tagen mit Unwillen erfüllten, und ich fange an, an mir zu zweifeln,“ bemerkte er mit Bitterkeit. „Was ſagen Sie, Herr Germain?“ „Wenn man lange an dieſen ſchrecklichen Orten lebt, gewöhnt ſich der Geiſt endlich an die verbrecheriſchen Gedanken, wie das Ohr ſich an die rohen Reden gewöhnt, die man fortwährend um 76 ſich her hört. Ach Gott! ich begreife jetzt daß man unſchuldig, wenn auch angeklagt, das Gefängniß betreten und es verdorben ver⸗ laſſen kann —“ „Ja, aber Sie — Sie nicht.“ „Ja, ich und Andere, die tauſendmal beſſer ſind als ich. Die⸗ jenigen, welche uns vor der Verurtheilung zu dieſer Geſellſchaft verurtheilt, wiſſen nicht, was Schmerzliches und Verderbliches darin liegt, wiſſen nicht, daß mit der Länge der Zeit die Luft, die man hier athmet, anſteckend, für die Ehrenhaftigkeit tödtlich wird.“ „Ich bitte Sie, ſprechen Sie nicht ſo, Sie thun mir weh.“ „Sie fragten mich nach der Urſache meiner zunehmenden Traurigkeit, — das iſt ſie .. Ich wollte ſie Ihnen nicht nennen, habe aber nur ein Mittel, für Ihr Mitleiden mit mir mich erkennt⸗ lich zu zeigen.“ un n „Mein Mitleiden — mein Mitleiden!“ 700 „Ja; und das beſteht darin, Ihnen nichts zu werheimlichen. Sd geſtehe ich denn mit Schrecken, daß ich mich nicht wieder erkenne; wenn ich auch die Elenden verachte und fliehez nſo wirkt doch ihre Anweſenheit, ihre Berührung unwilliührlich auf mich. — Es iſt, als beſäßen ſie die ſchlimme Macht, die Atmoſphäre zu ver⸗ verben, in welcher ſie leben. — Ich fühle, wie das Verderben durch alle Poren in mich dringt. — Wenn man mich auch von dem Fehler; den ich begangen, freiſpräche, der Anblick der ehrlichen Leute und der Umgang mit ihnen würde mich verlegen machen und mit Schaam erfüllen. — Noch bin ich nicht ſo weit, daß ich mich inmitten meiner Gefährten wohlfühle, aber wohl fürchte ich bereits den Tag, an dem ich wieder unter achtungswerthe Perſonen treten ſoll, weil ich meine Schwachheit kenne — % „Ihre Schwachheit?“ 6 „Meine Feigheit —“ „Ihre Feigheit? Welche ungerechte Vorſtellungen haben Sie denn von ſich ſelbſt?“ „Iſt man nicht feig und ſchuldig, wenn man mit ſeinen Pflich⸗ ten, mit der Rechtſchaffenheit unterhandelt? — Und das habe ich gethan.“ „Sie! Sie!“ „Ich. — Als ich hierher kam, tänſchte ich mich nicht über die Größe meines Vergehens, ſo ſehr es auch zu entſchuldigen ſein mag. Jetzt kommt es mir ſchon geringer vor; wenn ich dieſe Diebe und Mörder immer mit chniſchem Spotte oder mit wildem Stolze von ihren Verbrechen reden höre, beſchleicht mich bisweilen der Neid über ihre kecke Gleichgiltigkeit und ein bittrer Spott über die Gewiſſensbiſſe, die mich wegen eines in Vergleich mit ihren Schandthaten unbedeutenden Vergehens peinigen —“ „Sie haben aber doch Recht; Ihre Handlung iſt gar nicht tadelnswerth, ſondern ſogar edel; Sie hatten die Gewißheit, am andern Tage das Geld zurückgeben zu können, das Sie blos auf einige Stunden nahmen, um eine ganze Familie von dem Ver⸗ derben, vielleicht dem Tode, zu retten.“ „Darauf kommt in den Augen des Geſetzes und der ehrlichen Leute nichts an; es iſt ein Diebſtahl. Allerdings iſt es minder ſchlecht, zu ſolchem Zwecke zu ſtehlen, als in anderer Abſicht; aber es iſt doch ſchon ein ſchlechtes Zeichen, daß man, um ſich vor ſich ſelbſt zu entſchuldigen, unter ſich ſehen muß. Ich kann mich flecken⸗ loſen Leuten nicht mehr gleichſtellen, muß mich vielmehr bereits mit den ſchlechten Menſchen vergleichen, unter welchen ich hier lebe. Mit der Zeit, ich merke das wohl, erſtarrt und verhärtet ſich das Gewiſſen. Wenn ich morgen einen Diebſtahl beginge, nicht mit 78 der Ueberzeugung, am nächſten Tage die Summe erſtatten zu können, die ich zu einem lobenswerthen Zwecke entwendete, wenn ich aus Habſucht ſtähle, würde ich mich noch immer für unſchuldig halten in Vergleich mit dem, welcher mordet, um zu ſtehlen. Und doch iſt bereits zwiſchen mir und einem Mörder ein eben ſo großer Abſtand wie zwiſchen mir und einem ganz vorwurfsfreien Manne. So wird ſich, weil es noch tauſendmal ſchlechtere Menſchen giebt, meine Schlechtigkeit in meinen eigenen Augen verringern. Statt wie ſonſt ſagen zu können, ich bin ſo rechtſchaffen wie der rechtſchaffenſte Menſch, werde ich mich mit den Worten tröſten: ich bin doch minder ſchlecht als die Böſewichter, unter denen ich immer werde leben müſſen.“ „Immer? Auch wenn Sie aus dem Hauſe entlaſſen ſind?“ „Wenn ich auch freigeſprochen werde; die Leute hier kennen mich; verlaſſen ſie das Gefängniß, und ſie begegnen mir, ſo werden ſie mit mir wie mit einem ehemaligen Gefängnißgenoſſen ſprechen. — Kennt man die gerechte Beſchuldigung nicht, welche mich vor die Aſſiſen gebracht hat, ſo werden dieſe Elenden mir drohen, ſie bekannt zu machen. Sie ſehen alſo, verfluchte, aber von nun an unauflösliche Bande knüpfen mich an ſie, während, wenn ich bis zu dem Tage meines Prozeſſes allein in meiner Zelle eingeſchloſſen und ihnen unbekannt geblieben wäre, ich dieſe Beſorgniſſe nicht zu fürchten hätte, welche nun meine beſten Vorſätze lähmen können. Wäre ich immer mit meinen Gedanken an mein Vergehen allein geweſen, ſo würde es mir immer größer und nicht kleiner erſchienen ſein, und je ſchwerer es mir vorgekommen wäre, eine um ſo größere Buße würde ich mir in Zukunft aufgelegt haben. Jemehr ich in meinem kleinen Kreiſe mich bemüht hätte, Gutes zu wirken, um ſo eher hätte ich Verzeihung hoffen dürfen. Man muß hundett 79 gute Handlungen verrichten, um eine einzige ſchlechte abzubüßen. — Werde ich jetzt je daran denken, das abzubüßen, was mir kaum einen Gewiſſensbiß verurſacht? Ich fühle es, es wirkt ein unwider⸗ ſtehlicher Einfluß auf mich, gegen den ich lange mit aller Kraft gekämpft habe. — Man hatte mich für das Böſe erzogen, ich folge meinem Geſchicke, und da ich allein, ohne Familie, daſtehe, ſo liegt ja auch im Grunde nichts daran, ob mein Leben ein ehrliches oder 6 ein verbrecheriſches iſt. — Und doch, — meine Abſichten waren gut und rein. Man wollte aus mir einen ehrloſen Menſchen machen, und es gewährte mir ſonſt ſchon eine innere Befriedigung, wenn ich mir ſagen konnte: ich bin nie von dem Pfade der Ehre gewichen, ob mir es gleich vielleicht ſchwerer geworden iſt als einem Andern. — Jetzt aber, — o, es iſt ſchrecklich, ſchrecklich!“ rief der Gefangene ſchluchzend aus, ſo daß Lachtaube, tief bewegt, ihre Thränen nicht zurückhalten konnte. Auch der Geſichtsausdruck ger betrübte ſie; ſie konnte ſich unmöglich entbrechen, Mitleid mit der Verzweiftung eines Mannes Zu fühlen, der ſich gegen die Einwirkung einer verderblichen Anſteckung ſträubte, deren ſchon ſo drohende Gefahr ſein Zartgefühl übertrieb. Ja, die Gefahr war drohend. Wir werden nie die Worte eines Mannes von ſeltenem Scharf⸗ ſinne vergeſſen, denen eine zwanzigjährige Erfahrung in der Gefäng⸗ nißverwaltung ſo großes Gewicht gab: „Auch angenommen, daß man ungerecht angeklagt und voll⸗ „kommen rein in ein Gefängniß kommt, ſo wird man es doch minder „ehrlich verlaſſen, als man es betreten hat; man könnte ſagen, die verſte Blüthe der Ehrenhaftigkeit verſchwindet ſchon 80⁰ „bei der Berührung mit dieſer freſſenden Luft für „immer.“ Wir müſſen indeß hirzuſetzen, daß Germain in Folge ſeiner kräftigen und geſunden Rechtlichkeit lange und ſiegreich gekämpft hatte, und daß er eigentlich mehr erſt die Annäherung der Krankheit als dieſe ſelbſt empfand. Seine Beſorgniſſe, daß ſein Vergehen ihm ſelbſt geringer vor⸗ kommen würde, bewieſen, daß er die Schwere deſſelben noch recht wohl fühlte; aber die Unruhe, die Furcht, die Zweifel, welche dieſe ſo ehrliche und edle Seele ergriffen hatten, waren doch auch nichts deſtoweniger beunruhigende Symptome. Lachtaube errieth mit ihrem weiblichen Scharfſinne und mit dem Inſtinet ihrer Liebe, was wir ausgeſprochen haben. Obaleich ſie überzeugt war, daß ihr Freund von ſeiner Recht⸗ lichkeit noch nichts verloren habe, ſo fürchtete ſie doch, daß Germain eines Tages gleichgiltig gegen das werden könnte, was ihn jetzt ſo ſchmerzlich beunruhigte. — —— CXXXV. Lachtaube. 8 Shne wiſchte ihre Thränen ab, wendete ſich an Germain, der die Stirn an das Gitter drückte, und ſagte in einem rührenden, ernſten, faſt feierlichen Tone, den er an ihr noch nicht kannte: „Hören Sie mich an, Germain; ich werde mich vielleicht nicht gut ausdrücken, denn ich ſpreche nicht ſo ſchön wie Sie, aber was ich Ihnen ſagen will, iſt richtig und wahr. — Zuerſt haben Sie Unrecht, wenn ſie ſagen, Sie ſtänden allein und verlaſſen.“ „O, glauben Sie nicht, daß ich jemals vergeſſe, was Sie aus Mitleiden mit mir thun —“ „Ich habe Sie vorhin nicht unterbrochen, als Sie von Mitleid ſprachen; da Sie dieſes Wort aber wiederholen, ſo muß ich Ihnen ſagen, daß es keinesweges Mitleid iſt, was ich für Sie fühle. — Ich will Ihnen das ſo gut wie möglich erklären. „Als wir Nachbarn waren, liebte ich Sie wie einen guten Bruder, wie einen guten Freund; Sie erzeigten mir kleine Gefällig⸗ keiten, ich erzeigte Ihnen andere; Sie ließen mich an Ihren Sonn⸗ tagsvergnügungen Theil nehmen, und ich ſuchte recht heiter und freundlich zu ſein, um Ihnen dafür zu danken, — wir waren quitt —“ Die Geheimniſſe von Paris. VII. 6 * 82 „Quitt? Ach nein, ich —“ „Laſſen Sie mich jetzt reden. — Als Sie das Haus verlaſſen mußten, das wir mit einander bewohnt hatten, that mir Ihre Ent⸗ fernung weher als die meiner andern Nachbarn.“ „Wirklich?“ „Ja, weil die andern ſorgloſe Menſchen waren, denen ich aller⸗ dings eben ſo wenig ſchuldig bleiben durfte wie Ihnen, die ſich aber erſt dann entſchloſſen hatten, meine Freunde zu werden, nachdem ich ihnen hundertmal wiederholt hatte, daß ſie nie etwas Anderes werden würden. Sie dagegen, Sie hatten ſogleich errathen, was wir für einander ſein müßten — „Trotzdem verbrachten Sie die ganze Zeit, die Ihnen frei blieb, bei mir; Sie lehrten mich ſchreiben, Sie gaben mir guten Rath, der zwar etwas ernſt, aber eben deshalb auch gut war, kurz Sie waren der aufopferndſte meiner Nachbarn und der einzige, der nichts — zur Entſchädigung verlangt hat. Noch nicht genug. — Als Sie auszogen, gaben Sie mir einen großen Beweis von Vertrauen, da Sie mir, dem armen Mädchen, ein ſo wichtiges Geheimniß anvertrauten; das machte mich ſtolz. — Als wir getrennt waren, dachte ich weit lieber und öfter an Sie als an meine andern Nachbarn. — Was ich Ihnen da ſüge, iſt wahr; Sie wiſſen, daß ich niemals lüge.“ „Wäre es möglich? Sie hätten einen ſolen ſ zwiſchen mir und den Andern gemacht?“ „Gewiß habe ich ihn gemacht, ich wäre ja ſonſt ſchlecht geweſen. Ja, ich dachte ſo bei mir: Kein Menſch iſt beſſer als Germain; er iſt nur etwas zu ernſthaft, aber gleichviel, wenn ich eine Freundin hätte, die heirathen und recht, recht glücklich werden wollte, ſo 83 würde ich ihr gewiß empfehlen, Germain zu heirathen, denn er würde ſeiner Frau die Ehe zu einem Himmel machen —“ „Sie dachten an mich „. wegen einer Andern?“ ſiel Germain traurig ein. „Freilich; ich würde mich ſehr gefreut haben, Sie glücklich in der Ehe zu ſehen, da ich Sie wie einen guten Freund liebte. — Sie ſehen, ich bin offen und ſage Alles —“ „Und ich danke Ihnen von Grund der Seele; es iſt ein Troſt für mich, zu erfahren, daß Sie mich unter Ihren Freunden vor⸗ zogen.“ „So ſtanden die Sachen, als Ihnen das Unglück begegnete. Da erhielt ich den guten lieben Brief, in dem ſie mir anzeigten, was Sie Ihr Vergehen nennen, was ich aber — freilich bin ich nicht gelehrt — eine gute und ſchöne Handlung nenne. — Sie erſuchten mich auch, jene Papiere zu holen, aus denen ich erfuhr, daß Sie mich immer geliebt, aber nicht gewagt hatten, mir es zu ſagen. Dieſe Papiere, in denen ich geleſen habe,“ — und Lach⸗ taube konnte ſich der Thränen nicht enthalten — „daß Sie an meine Zukunft gedacht, die eine Krankheit oder Mangel an Arbeit ſo traurig machen kann, und mir für den Fall, daß Sie eines gewaltſamen Todes ſtürben, was Sie damals fürchten konnten, das Wenige ver⸗ machten, was Sie ſich erſpart hatten —“ „Ja, denn wenn Sie bei meinen Lebzeiten ohne Arbeit oder krank geweſen, würden Sie ſich lieber an mich als an irgend Jemand gewendet haben, nicht wahr? Ich rechnete darauf; hatte ich Recht? Ich habe mich nicht geirrt, nicht wahr?“ „Das wäre ja auch ganz einfach geweſen; an wen ſonſt hätte ich mich wenden können?“ g * 6 84 „Sehen Sie, das ſind Worte, die wohlthun und vielen Kummer vergeſſen laſſen —“ „Ich kann Ihnen nicht beſchreiben, was ich fühlte, als ich — welch' trauriges Wort! — jenes Teſtament las, in welchem jede Zeile eine Erinnerung an mich oder einen Gedanken an meine Zu⸗ kunft enthielt; und doch ſollte ich dieſe Beweiſe von Ihrer Zu⸗ neigung erſt erfahren, wenn Sie nicht mehr ſein würden. — Kann man ſich wundern, daß nach einem ſo edlen Benehmen die Liebe plötzlich kommt? Das iſt gewiß ganz natürlich, nicht wahr, Herr Germain?“ Das Mädchen ſprach dieſe letztern Worte mit einer ſo rührenden und offenen Natürlichkeit, während ſie ihre großen ſchwarzen Augen auf die Augen Germains heftete, daß dieſer ſie nicht ſogleich ver⸗ ſtand, ſo wenig glaubte er, von Lachtaube wirklich geliebt zu werden. Dieſe Worte waren doch ſo deutlich, daß ihr Echo bis tief in ver Seele des Gefangenen wiederhallte; er erröthete und erbleichte abwechſelnd und rief dann aus: „Was ſagen Sie? — Ich fürchte, — ach, mein Gott! — ich täuſche mich vielleicht —“ „Ich ſage, daß ich Sie von dem Augenblicke an, als ich erfuhr, wie gut Sie gegen mich geweſen, und als ich Sie unglücklich ſah, anders liebte denn ſonſt, und daß, wenn jetzt eine meiner Freundinnen ſich verheirathen wollte,“ ſetzte Lachtaube lächelnd und erröthend hinzu, „Herr Germain ihr von mir nicht vorgeſchlagen werden würde —“ „Sie lieben mich! Sie lieben mich!“ „Ich muß es wohl ſelbſt ſagen, da Sie mich nicht darnach fragen.“ „Wäre es möglich!“ „Habe ich Sie doch zweimal auf den Weg geleitet, damit Sie es errathen möchten. — Aber nein, der Herr will das Angedeutete nicht verſtehen, er zwingt mich, Alles herauszuſagen. Es iſt vielleicht nicht recht, da aber nur Sie über meine Rückſichtsloſigkeit zürnen können, ſo fürchte ich mich weniger, und dann,“ ſetzte Lachtaube ernſter und mit inniger Bewegung hinzu, — „Sie erſchienen mir eben ſo niedergedrückt, ſo voll von Verzweiflung, daß ich nicht länger an mich halten konnte. Auch beſitze ich die Eitelkeit zu glauben, dieſes vffen aus dem Herzen geſprochene Geſtändniß würde dazu beitragen, daß Sie ſich für die Zukunft minder unglücklich fühlten. Ich dachte ſo bei mir: bis jetzt habe ich kein Glück in meinen Ver⸗ ſuchen gehabt, ihn zu zerſtreuen und zu tröſten; meine Leckerbiſſen brachten ihn um den Appetit, meine Luſtigkeit preßte ihm Thränen aus, diesmal wird er doch ... mein Gott! was haben Sie?“ rief Lachtaube aus, als ſie ſah, daß Germain das Geſicht mit den Händen bedeckte. — „Nun ſehen Sie, iſt das nicht grauſam? Was ich auch thun, was ich auch ſagen mag, Sie bleiben immer ſo unglücklich. — Das iſt zu ſchlecht und überdieß zu ſelbſtſüchtig. — Glauben Sie denn, Sie litten allein?“ „Ach, wie unglücklich bin ich!“ entgegnete Germain in Ver⸗ zweiflung. — „Sie lieben mich — nun, da ich Ihrer nicht mehr werth bin.“ „Meiner nicht mehr werth? Was Sie da ſagen, hat ja weder Sinn noch Verſtand; gerade als hätte ich ſonſt geſagt, ich wäre Ihrer Freundſchaft nicht werth, weil ich im Gefängniſſe geweſen bin, — denn ich bin doch auch Gefangene geweſen; bin ich deshalb weniger ein braves Mädchen?“ „Ja, aber ſie kamen in das Gefängniß, weil Sie ein armes ver⸗ 86 laſſenes Kind waren, während ich! — mein Gott! welcher Unter⸗ ſchied!“ „Nun, was das Gefängniß betrifft, ſo haben wir uns beide nichts vorzuwerfen. — Und bin ich nicht vielmehr ehrgeizig? denn meinem Stande nach dürfte ich gar nicht daran denken, einen andern Mann als einen Handwerker oder dergl. zu erhalten. — Ich bin ein Findelkind, beſitze nichts als mein Stübchen und meinen guten Muth, und doch komme ich keck daher und trage mich Ihnen zur Frau an —“ „Ach, ſonſt wäre dies der Traum, das Glück meines Lebens geweſen; aber jetzt, da eine entehrende Anklage auf mir laſtet, würde ich Ihren bewunderungswürdigen Edelmuth mißbrauchen, Ihr Mit⸗ leiden, das Sie vielleicht irre leitet, — nein, nein.“ „Aber, mein Gott!“ rief Lachtaube in ſchmerzlicher Ungeduld aus, „ich habe Ihnen ja ſchon geſagt, daß ich kein Mitleiden mit Ihnen habe, — Liebe iſt es, Liebe! Ich denke nur an Sie, ich eſſe nicht mehr. Ihr trauriges liebes Bild ſchwebt mir überall vor. — Iſt das Mitleiden? Jetzt, da ich mit Ihnen ſpreche, dringt mir Ihre Stimme, Ihr Blick in's Herz. — Sie haben tauſenderlei an ſich, was mir über alle Beſchreibung gefällt und was ich bisher nicht bemerkte. Ich liebe Ihr Geſicht, ich liebe Ihre Augen, Ihren Wuchs, Ihren Geiſt, Ihr gutes Herz, — iſt das Mitleiden? Warum liebe ich Sie jetzt anders als ſonſt? — ich weiß es nicht; warum war ich ausgelaſſen und luſtig, als ich Sie als Freund liebte, und bin nun ſo traurig, ſeit ich Sie als Geliebte liebe? — ich weiß es nicht. Warum hat es ſo lange gewährt, ehe ich fand, daß Sie ſchön und gut ſind, um Sie mit den Augen und dem Herzen zu lieben? — ich weiß es nicht, — oder doch, ja, ich weiß es: weil ich gefunden, wie ſehr Sie mich liebten, ohne daß Sie mir es ſagten, wie edel und freundſchaftlich Sie gegen mich waren. Da ſtieg mir die Liebe aus dem Herzen in die Augen, wie eine ſüße Thräne dahin ſteigt, wenn man gerührt iſt —“ „Wahrhaftig, ich glaube zu träumen, wenn ich Sie ſo ſprechen höre —“ „Und ich, — ich hätte es nie für möglich gehalten, daß ich den Muth haben würde, Ihnen das zu ſagen; aber Ihre Verzweiflung hat mich dazu gezwungen. — Sie wiſſen nun, daß ich Sie liebe als Freund, als Geliebten, als Mann, wollen Sie noch einmal ſagen, es wäre Mitleiden?“ Die edeln Bedenklichkeiten Germains ſchwanden einen Augen⸗ blick vor dieſem ſo aufrichtigen und muthigen Geſtändniſſe. — „Sie lieben mich!“ rief er aus. — „Ich glaube Ihnen, Ihr Ton, Ihr Blick, Alles ſagt es mir. — Ich will mich nicht mehr fragen, wie ich ein ſolches Glück verdient habe, ich gebe mich ihm blindlings hin. — Mein Leben, mein ganzes Leben wird nicht hin⸗ reichen, meine Schuld gegen Sie zu tilgen. — Ach, wie viel habe ich ſchon gelitten, aber dieſer Augenblick verlöſcht Alles.“ „Endlich, endlich ſehe ich Sie getröſtet. — Ach, ich wußte es wohl, daß es mir gelingen würde,“ ſprach Lachtaube mit himm⸗ liſchem Entzücken.“ „Und in den Schrecken eines Gefängniſſes, wo mich Alles niederbeugt, dieſes Glück! Germain konnte nicht vollenden. Dieſer Gedanke erimerte ihn an ſeine wirkliche Lage, und ſeine Bedenklichkeiten, die er einen Augenblick vergeſſen hatte, erhoben ſich grauſamer als je. Mit Verzweiflung fuhr er fort: „Aber ich bin ein Gefangener, bin des Diebſtahls angeklagt, werde verurtheilt werden, vielleicht entehrt! Und ich ſollte Ihr 88 muthiges Opfer annehmen, Ihre edle Begeiſterung für mich benutzen? Nein, nein, ſo ehrlos bin ich nicht!“ „Was ſagen Sie?“ „Ich kann — zu jahrelangem Gefängniſſe verurtheilt werden.“ „Nun wohl,“ antwortete das Mädchen mit Ruhe und Feſtig⸗ feit, „man wird ſehen, daß ich ein ehrliches Mädchen bin, und nicht verweigern, daß wir in der Gefängniß⸗Capelle getraut werden.“ „Aber man kann mich weit fort von Paris bringen —“ „Bin ich erſt Ihre Frau, ſo folge ich Ihnen und arbeite in der Stadt, wo Sie ſind; ich werde ſchon Arbeit finden und Sie alle Tage.“ „Aber ich werde in den Augen Aller gebrandmarkt ſein —“ „Sie lieben mich mehr als Alle, nicht wahr?“ „Können Sie fragen?“ „Nun, was liegt Ihnen an den Andern? In meinen Augen werden Sie nicht gebrandmarkt ſein, ich werde Sie vielmehr für den Märtyrer Ihres guten Herzens anſehen —“ „Aber die Welt wird Sie anklagen, die Welt wird Ihre Wahl verdammen und tadeln.“ „Die Welt! Meine Welt ſind Sie, ich bin die Ihrige; mögen die Leute reden.“ „Werde ich aus dem Gefängniſſe entlaſſen, ſo wird man mich überall zurückweiſen; vielleicht finde ich nie wieder eine Beſchäftigung; dann, ſchrecklicher Gedanke! wenn die Anſteckung, die ich fürchte, mich ergreifen ſollte, — welche Zukunft für Sie!“ „Sie verſtehen ſich ſelbſt nicht, nein, denn jetzt wiſſen Sie, daß ich Sie liebe, und dieſer Gedanke wird Ihnen die Kraft geben, den ſchlechten Beiſpielen zu widerſtehen; Sie werden bedenken, daß wenn auch Alle Sie von ſich wieſen, nachdem Sie aus dem Gefängniſſe 89 entlaſſen worden, Ihre Frau Sie mit Liebe und Dank aufnehmen wird, weil ſie überzeugt iſt, daß Sie ein ehrlicher Mann geblieben. Sie wundern ſich über dieſe Sprache, nicht wahr? ich wundere mich ſelbſt darüber. — Ich weiß nicht, woher ich das nehme, was ich Ihnen ſage, gewiß kommt es aus der Tiefe des Herzens, und das muß Sie überzeugen; wenn Sie ein Anerbieten verſchmäheten, das Ihnen aus vollem Herzen gemacht wird, wenn Sie die Liebe eines armen Mädchens nicht möchten, das. . .“ Germain fiel ihr mit leidenſchaftlicher Trunkenheit in's Wort: „Ja, ja, ich nehme es an, ich nehme es an; ich fühle es, es iſt bisweilen feig, gewiſſe Opfer abzulehnen; man erkennt dadurch an, daß man derſelben nicht würdig iſt. — Ich nehme es an, edles, muthiges Mädchen!“ „Wirklich? Iſt es diesmal Ihr Ernſt?“ „Ich ſchwöre es Ihnen, und dann, Sie haben etwas geſagt, das Eindruck auf mich gemacht, das mir den Muth gegeben hat, der mir fehlte —“ „Welches Glück! Und was habe ich geſagt?“ „Daß ich Ihretwegen jetzt ein ehrlicher Mann bleiben müßte. — Ja, in dieſem Gedanken werde ich die Kraft finden, den ver⸗ derblichen Einflüſſen um mich her zu widerſtehen. — Ich werde der Anſteckung Trotz bieten und dies mein Herz, das Ihnen angehört, Ihrer Liebe würdig zu erhalten wiſſen —“ „Ach, Germain, wie glücklich bin ich! Wenn ich etwas für Sie gethan habe, wie ſehr belohnen Sie mich!“ . „Und dann, ſehen Sie, ich werde die Schwere meines Ver⸗ gehens nie vergeſſen, ob Sie es gleich entſchuldigen. Meine Auf⸗ gabe wird in der Zukunft eine doppelte ſein: die Vergangenheit abzubüßen und das Glück, das ich Ihnen verdanke, zu verdienen; 90 deshalb werde ich Gutes thun, denn an Gelegenheit fehlt es nie, wenn man auch arm iſt —“ „Ach, mein Gott, ja, wir finden immer Leute, die noch unglück⸗ licher ſind als wir.“ „Hat man kein Geld —“ „So giebt man Thränen, wie ich es bei den armen Morels gethan habe.“ „Und das iſt ein heiliges Almoſen; die Mildthätigkeit des Herzens iſt ſo viel werth wie die, welche Brod giebt.“ „Sie nehmen alſo an? Sie beſinnen ſich nicht wieder anders?“ „Nie, nie, Geliebte! Ja, der Muth kehrt neu zurück; es iſt mir, als erwachte ich aus einem Traume; ich zweifle nicht mehr an mir ſelbſt, ich irrte mich, und zum Glück ſind mir die Augen geöffnet. Mein Herz würde nicht ſchlagen, wie es ſchlägt, wenn es etwas von ſeiner edlen Kraft verloren hätte —“ „Ach, Germain, wie ſchön ſind Sie, wenn Sie ſo ſprechen! Wie ſehr beruhigen Sie mich, nicht meinet⸗, ſondern Ihretwegen! — und nicht wahr, Sie verſprechen mir nun auch, da die Liebe Sie ſchützt, mit den ſchlechten Menſchen zu reden, damit Sie ſich den Zorn derſelben nicht zuziehen?“ „Beruhigen Sie ſich. — Als Sie mich traurig und nieder⸗ geſchlagen ſahen, glaubten Sie ohne Zweifel, ich litte Gewiſſens⸗ pein; wenn ſie mich ſtolz und heiter ſehen, werden ſie glauben, ihr chniſches Weſen habe mich angeſteckt —“ „Ja, ſie werden Sie nicht mehr in Verdacht haben, und ich kann ruhig ſein. — Alſo keine Unklugheit! Sie ſind jetzt mein, und ich bin Ihr Frauchen.“ Der Aufſeher machte in dieſem Augenblicke eine Bewegung; er erwachte. S2 91 „Schnell!“ ſagte leiſe Lachtaube mit einem reizenden Lächeln und züchtiger Zärtlichkeit — „Schnell, lieber Mann, einen Kuß auf die Stirn, — durch das Gitter hindurch! Das ſoll meine Ver⸗ lobung ſein.“ Sie drückte erröthend die Stirn an das eiſerne Gitter, und Germain berührte, tief bewegt, durch das Gitter hindurch mit ſeinen Lippen die reine weiße Stirn. Eine Thräne des Gefangenen fiel darauf gleich einer feuchten Perle. Ergreifende Taufe dieſer keuſchen, traurigen, ſchönen Liebe! „O! Schon drei Uhr!“ ſagte der Aufſeher, indem er aufſtand, „und um zwei Uhr ſollen alle Fremden fort ſein.“ „Es iſt Schade, meine liebe Demviſelle,“ ſetzte er zu dem Mädchen hinzu, „aber ich kann nicht, — Sie müſſen nun gehen.“ „O, ich danke Ihnen, daß Sie uns ſo allein mit einander ſprechen ließen. — Ich habe Germain Muth gemacht; er will nicht mehr ſo traurig ſein, will ſich nicht von den ſchlechten Menſchen ganz zurückziehen. — Nicht wahr, Freund?“ „Beruhigen Sie ſich,“ entgegnete Germain lächelnd, „ich werde von nun an der Luſtigſte im Gefängniſſe ſein —“ „Dann werden die Andern nicht mehr auf Sie achten,“ ſagte der Aufſeher. „Da iſt eine Cravatte, die ich für Germain mitgebracht habe, Herr“, fuhr Lachtaube fort; „muß ich ſie in dem Bureau abgeben?“ „Es iſt ſo gewöhnlich, indeß, da ich einmal gegen die Ordnung gefehlt habe, ſo kommt auf etwas mehr oder weniger nicht viel an. — Geben Sie ihm Ihr Geſchenk alſo in Gottes Namen ſelbſt.“ Der Aufſeher machte die Thüre des Ganges auf. „Der gute Mann hat Recht, ſo erſt iſt das Glück vollſtändig,“ ſagte Germain, indem er den wollenen Shawl aus den Händen des Mädchens nahm, die er zärtlich drückte. „Leben Sie wohl! Auf baldiges Wiederſehen! Jetzt fürchte ich nicht „ Sie zu bitten, mich ſobald als möglich wieder zu beſuchen — „Und ich verſpreche es. — Leben Sie wah guter Gernuin!⸗ „Adieu, meine liebe gute Freundin — „Binden Sie ja den Shawl um; es iſt ſo feucht!“ „Der ſchöne Shawl! Und Sie haben ihn ſelbſt für mich ge⸗ ſtrickt! Ich werde ihn immer tragen,“ ſagte Germain, indem er ihn an ſeine Lippen drückte. „Nun ſcheinen Sie auch Appetit zu erhalten; ſoll 4 Ihnen mein ſchönes Gericht machen?“ „Ja, und diesmal werde ich ihm tüchtig zuſprechen —“ „Ich bringe es. — Noch einmal, Adieu. Ich danke, Herr Aufſeher; heute gehe ich viel glücklicher und ruhiger fort. — Adieu, Germain!“ „Adieu, mein Frauchen!“ „Für ewig!“ Einige Minuten ſpäter ging Lachtaube, nachdem ſie ihre Ueber⸗ ſchuhe wieder angezogen und den Regenſchirm genommen hatte, leichtern Herzens aus dem Gefängniſſe hinaus, als ſie es betreten hatte. Während des Geſprichs Germains mit dem Mädchen kamen in einem der Höfe des Gefängniſſes, in den wir den Leſer nun führen wollen, andere Auftritte vor. — CXXXVI. Die Löwengrubr. enn das materielle Ausſehen eines großen Gefängniſſes, das nach allen Bedingungen des Behagens und der Geſundheit, welche die Menſchlichkeit erfordert, erbaut iſt, von Außen, wie bereits erwähnt, nichts Düſteres bietet, ſo macht dagegen der Anblick der Gefangenen einen entgegengeſetzten Eindruck. Man empfindet gewöhnlich Trauer und Mitleiden, wenn man unter eine Anzahl weiblicher Gefangenen tritt, indem man bedenkt, daß dieſe Unglücklichen faſt immer weniger durch ihren eigenen Willen als durch den verderblichen Einfluß des erſten Mannes, der ſie verführte, zum Böſen getrieben wurden. Und es behalten auch ſelbſt die verbrecheriſchſten Frauen in dem Herzen zwei heilige Saiten, die auch durch die gewaltſamſten, abſcheulichſten Leidenſchaften nicht ganz zerriſſen werden, — die Liebe und Muttergefühl. Es kann alſo bei dieſen elenden Geſchöpfen ein reiner Glanz noch hier und da das finſtre Dunkel einer tiefen Verdorbenheit erhellen. Bei den Männern aber, wie ſie das Gefängniß macht und dann in die Welt hinausſtößt, findet ſich nichts Aehnliches. Sie 94 ſind — das Verbrechen aus einem Stücke, ein Erzklumpen, der nur noch in dem Feuer der hölliſchen Leidenſchaften erglüht. Man empfindet deshalb auch bei dem Anblicke der Verbrecher, welche die Gefängniſſe füllen, im Anfange einen Schauder des Ent⸗ ſetzens und des Abſcheus. Erſt durch Ueberlegung gelangt man zu mitleidigern, freilich ſehr bittern Gedanken, — ja zu ſehr bittern, denn man bedenkt, daß die Bewohner der Gefängniſſe, der Juchthäuſer — die blutige Ernte des Henkers — immer in dem Schmutze der Unwiſſenheit, der Armuth und der thieriſchen Rohheit aufkeimen. Will der Leſer dieſen erſten Eindruck des Abſcheus und des Entſetzens begreifen, den wir erwähnten, ſo folge er uns in die Löwengrube. So heißt einer der Höfe in La Force. Hier befinden ſich meiſt die Gefangenen bei einander, welche wegen ihrer frühern Thaten, wegen ihrer Unbändigkeit oder wegen der —— Beſchuldigungen, die auf ihnen laſten, die gefährlichſten ſind. Nichtsdeſtoweniger hatte man ſich wegen des nothwendigen Baues in dem Gefängniß gezwungen geſehen, mehrere andere Gefangene ihnen zuzuweiſen. Dieſe waren, ob ſie gleich auch vor dem Aſſiſenhofe erſcheinen ſollten, in Vergleich mit den Andern in der Löwengrube faſt recht⸗ ſchaffene Leute. Der düſtere, graue, regnigte Himmel verbreitete nur ein mattes Licht über die Scene, die wir beſchreiben wollen. Sie ereignete ſich in der Mitte eines ziemlich großen vierſeitigen Hofes, der durch hohe weiße Mauern mit einigen vergitterten 5 wurde. 95 Am einen Ende dieſes Hofes ſah man eine ſchmale Thüre mit einem Schiebfenſter, an dem andern den Eingang in den Wärme⸗ ſaal, einen großen mit Steinplatten belegten Saal, in deſſen Mitte ſich ein eiſerner Ofen mit Bänken rundherum befand, auf denen mehrere Gefangene träg ausgeſtreckt lagen und mit einander ſprachen. Andere, welche die Bewegung det Ruhe vorzogen, gingen, vier bis fünf nebeneinander, Arm in Arm mit raſchen Schritten in dem Hofe auf und ab. Man müßte den markigen, düſtern Pinſel Salvators oder Goyas beſitzen, um die verſchiedenen Arten körperlicher und mora⸗ liſcher Häßlichkeit ſchildern und die Mämnigfaltigkeit der Anzüge dieſer Unglücklichen, die meiſt ſehr armſelig gekleidet waren, in ihrer ganzen Häflichkeit wiedergeben zu können. Da ſie nur Beſchul⸗ digte, d. h. für ſchuldig Gehaltene waren, ſo trugen ſie auch die gleichförmige Kleidung der Strafhäuſer nicht; nur einige erſchienen in derſelben, denn ihte Lumpen waren bei ihrem Eintritte in das Gefängniß ſo ſchmutzig, ſo verpeſtet geweſen, daß man ihnen nach dem gewöhnlichen Bade) die Kutte und die Beinkleider von grauem groben Tuche gegeben hatte, welche die Verurtheilten erhalten. Ein Phrenolog würde dieſe verbrannten Geſichter mit der flachen oder eingedrückten Stirn, dem grauſamen oder hinterliſtigen Blicke, dem böswilligen oder dummen Munde und dem ungeheuren Nacken aufmerkſam beobachtet haben. Faſt Alle hatten eine entſetz⸗ liche Aehnlichkeit mit Thieren. *) Nach einer übrigens in Geſundheitsrückſichten vortrefflichen Anordnung wird jeder Gefangene bei ſeiner Ankunft und dann monatlich zweimal in den Badeſaal des Gefängniſſes geführt, worauf man ſeine Kleidung einer Durch⸗ räucherung unterzieht. — Für einen Handwerker iſt ein warmes Bad ein nnerhörter Luxus. 96 In den liſtigen Zügen des Einen fand man die teufliſche Schlauheit des Fuchſes; hei dem Andern die blutdürſtige Raubgier des Raubvogels; bei dem Dritten die Wildheit des Tigers; bei Andern endlich die thieriſche Dummheit des Viehes. Das Herumgehen dieſes Haufens ſchweigender Menſchen mit kecken Blicken voll Haß, mit dem frechen Lachen, die ſich aneinander drängten, hatte etwas ganz ungewöhnlich Grauenhaftes. Man zitterte, wenn man bedachte, daß dieſe wilde Bande zu einer gewiſſen Zeit von Neuem in die Welt hinaus gelaſſen werden ſollte, der ſie einen unverſöhnlichen Krieg erklärt hat. Wie vielfache blutdürſtige Rache, wie viele mörderiſche Pläne ſchlummern noch in ihnen! Schildern wir einige der auffallendſten Phyſiognomien in der Löwengrube; die andern mögen den Hintergrund bilden. Während ein Aufſeher die Herumgehenden beobachtete, wurde in dem Wärmeſaale eine Art Berathung gehalten. Unter den Gefangenen, welche derſelben beiwohnten, werden wir Barbillon und Nicolaus Martial wiederfinden, die wir indeß nur erwähnen. Derjenige, welcher den Vorſitz und die Leitung der Diseuſſion zu haben ſchien, war ein Gefangener mit dem Beinamen: das Skelett'), den man mehrmals bei den Martials auf der Inſel des Ausſuchers hat erwähnen hören. Das Skelett war Vorſteher oder Capitain in Wärmeſaale. *) Wir fühlen hier eine gewiſſe Bedenklichkeit. In dem laufenden Jahre wurde ein armer Teufel, der ſich blos des Vagabundirens ſchuldig gemacht hatte, und der Decure hieß, zu einmonatlichem Gefängniß verurtheilt. Er trieb wirklich das Gewerbe eines wandelnden Skeletts auf den Jahr⸗ märkten, weil er unglaublich und entſetzlich abgemagert war. Dieſer Typus 96 Dieſer ziemlich hoch gewachſene Mann von etwa vierzig Jahren rechtfertigte ſeinen ſchrecklichen Beinamen durch eine Magerkeit, von der man ſich keine Vorſtellung machen kann. Wenn die Geſichtsbildung der Genoſſen des Skeletts mehr oder weniger Aehnlichkeit mit dem Tiger, dem Geier oder dem Fuchſe hatte, ſo erinnerten die Form ſeiner nach rückwärts laufenden Stirn und ſeine flachen, langgezogenen, knochigen Kinnladen, die auf einem maßlos langen Halſe ruhten, ganz an die Kopfbildung der Schlange. Völlige Kahlheit des Kopfes erhöhte dieſe Aehnlichkeit noch, denn unter der runzligen Haut der wie bei einem Reptil faſt flachen Stirn erkannte man die geringſten Erhabenheiten, die kleinſten Schädel⸗ nähte. Sein unbärtiges Geſicht ſah aus wie von altem Pergament, das unmittelbar auf die Knochen geklebt worden. Die kleinen ſchielenden Augen lagen ſo tief, der Augenbogen und die Backenknochen ſtanden ſo weit vor, daß man unter der gelblichen Stirn, auf der das Licht ſpielte, zwei buchſtäblich mit Schatten ausgefüllte Augenhöhlen ſah und die Augen in geringer kam uns merkwürdig vor, und wir benutzten ihn; aber das wirkliche Skelett hat moraliſch keine Aehnlichkeit mit unſerer fingirten Perſon. Hier ein Bruchſtück aus dem Verhöre Decures: Der Präſident: Was thaten Sie an dem Orte, als Sie verhaftet wurden? Antwort: Ich mache, nach dem Gewerbe als wandelndes Skelett, das ich betreibe, alle Arten Uebungen zur Ergötzlichkeit der Jugend; ich ver⸗ ſetze meinen Körper in den Zuſtand eines Skeletts, zeige meine Knochen und Muskeln nach Belieben, eſſe Arſenik, freſſenden Sublimat, Kröten, Spinnen und im Allgemeinen alle Inſecten; ich verſchlinge auch Feuer, kochendes Oel, waſche mich darin und werde wenigſtens einmal des Jahres durch die berühmteſten Aerzte, wie die Herrn Dubois, Orfila ꝛc nach Paris gerufen, die alle Arten Experimente mit meinem Körper machen, ꝛc. (Bulletin des Tribunaux.) Die Geheimniſſe von Paris. VII. 7 98 Entfernung in der Tiefe dieſer beiden dunkeln Höhlen, dieſer ſchwarzen Löcher zu verſchwinden ſchienen, die einem Todtenkopfe ein ſo grauenhaftes Ausſehen geben. Die langen Zähne, deren vorſtehende Fächer ſichtbar durch die gleichſam gegerbte Haut der Kinnladen durchſchienen, enthüllten ſich faſt fortwährend in Folge einer gewöhnlichen lächelnden Mundverzerrung. Obgleich nun aber die Muskeln dieſes Menſchen faſt zn Sehnen zuſammengeſchrumpft waren, ſo beſaß er doch eine außerordentliche Körperkraft. Die Stärkſten vermochten mit Mühe dem Griffe ſeiner langen Arme und ſeiner fleiſchloſen Finger zu widerſtehen. Er trug einen viel zu kurzen blauen Rock, der — und darauf bildete er ſich etwas ein — ſeine knochigen Hände und die Hälfte ſeiner Vorderarme oder vielmehr zwei Knochen (den radius und cubitus, — man verzeihe dieſe Anatomie) ſehen ließ, zwei Knochen, die in eine rauhe ſchwärzliche Haut gehüllt und durch eine tiefe Rinne getrennt waren, in welcher ſich einige harte, wie Stricke vertrocknete Adern hinzogen. Wenn er ſeine Hände auf einen Tiſch legte, war es, als lege er Dominoſteine hin, wie ſich der Spitzige ausdrückte. Das Skelett hatte funfzehn Jahre ſeines Lebens wegen Dieb⸗ ſtahls und Mordverſuchs im Bagno zugebracht, war aus dem ihm zum Aufenthalte angewieſenen Orte entflohen und bei Raubmord ergriffen worden. Dieſer letzte Mord war unter ſo entſetzlichen Umſtänden begangen worden, daß der Bandit, als Rückfälliger, ſich ſchon im Voraus und mit Recht für zum Tode verurtheilt anſah. Der Einfluß, welchen das Skelett durch ſeine Kraft, ſeine Energie, ſeine Schlechtigkeit auf die übrigen Gefangenen ausübte, war die Urſache geweſen, daß der Gefängnißdirestor ihn zum Capitain — 99 des Schlafgemachs gewählt hatte, d. h. daß das Skelett in Allem, was die Ordnung und die Reinlichkeit des Saales und der Betten betraf, die Aufſicht führte. Er verwaltete ſein Amt untadelhaft, und die Gefangenen würden nie gewagt haben, gegen die Pflichten zu verſtoßen, für deren Erfüllung er zu ſorgen hatte. — Die verſtändigſten Gefängnißdirectoren verſuchten, die er⸗ wähnten Obliegenheiten den Gefangenen zu übertragen, welche ſich noch durch eine gewiſſe Ehrlichkeit empfahlen oder minder ſchwere Verbrechen begangen hatten; ſie ſahen ſich aber genöthigt, dieſer doch logiſchen und moraliſchen Wahl zu entſagen und die Vorſteher unter den gefürchtetſten und verdorbenſten Gefangenen zu ſuchen, da dieſe allein Einfluß auf ihre Gefährten haben. Wir müſſen alſo noch einmal wiederholen, je größere Rohheit und Kühnheit ein Schuldiger zeigt, um ſo mehr wird er gleichſam — geachtet. Iſt dieſe durch die Erfahrung bewieſene Thatſache nicht ein unwiderleglicher Beweis gegen den Fehler der gemeinſamen Haft? Zeigt ſie nicht bis zur abſoluten Cvidenz die Macht der An⸗ ſteckung, welche für die Gefangenen tödtlich wird, von denen man doch noch einige Beſſerung hätte erwarten können? Ja, denn warum ſollten ſie an Reue, an Beſſerung denken, wenn ſie in dieſem Pandämonium, wo ſie lange Jahre, vielleicht ihr ganzes Leben verbringen ſollen, den Einfluß nach der Zahl der Schandthaten zumeſſen ſehen? Noch einmal, weiß man nicht, daß die Außenwelt, die ehrliche Geſellſchaft für den Gefangenen nicht mehr exiſtirt? Die moraliſchen Geſetze, welche dieſelbe leiten, ſind ihm gleichgiltig, und er nimmt nothwendig die Sitten derjenigen an, mit denen er lebt; und da alle Auszeichnungen in dem Gefängniſſe dem großen Verbrecher 7 * 100 vorbehalten ſind, ſo wird er immer nach dieſer entſetzlichen Ariſtocratie ſtreben. Doch kehren wir zu dem Skelett, dem Vorſteher des Saales zurück, der mit mehreren Gefangenen ſprach, unter welchen ſich Barbillon und Nicolaus Martial befanden. „Weißt Du gewiß, was Du da ſagſt?“ fragte das Skelett Nicolaus. „Ja, ja, hundertmal ja; der Vater Micon weiß es von dem dicken Lahmen, der ihn ſchon einmal erſchlagen wollte, weil er Einen verrettert*) hatte.“ „Das muß aus werden,“ fiel Barbillon ein — Der Vorſteher nahm auf einen Augenblick die Pfeife aus dem Munde und ſagte mit ſo leiſer, ſo heiſerer Stimme, daß man ſie kaum verſtand: „Germain iſt uns im Wege, er ſpionirt; wer wenig ſpricht, hört deſto mehr. — Haben wir ihn einmal zur Ader gelaſſen, wird man ihn wegbringen. — So war meine Meinung bis jetzt; da er aber verrettert hat, wie der dicke Lahme ſagt, ſo kommt er mit dem Aderlaſſe nicht weg.“ „So iſt es Recht,“ fiel Barbillon ein. „Es muß ein Exempel ſtatuirt werden,“ fuhr das Skelett etwas lebhafter fort. „Jetzt entdecken uns nicht mehr die Iltiſſe *), ſondern die Kapper***). — Jacob und Gauthier, die man letzthin geköpft, waren — verrettert, Ronſſilon, den man auf die Galeeren geſchickt, — verrettert.“ *) Verrathen. **) Die Polizeidiener. ***) Angeber. 101 „Und ich? Und meine Mutter? meine Schweſter? mein Bruder in Toulon?“ rief Nicolaus aus. „Sind wir nicht Alle durch Roth⸗ Arm verrettert worden? — Jetzt iſt er ſicher. — Man hat ihn nach Roquette gebracht; man wagte es nicht, ihn hier zu laſſen —“ „Und ich?“ fragte Barbillon; „hat mich Rot th⸗Arm nicht auch verrettert?“ „Und ich?“ fiel ein junger Gefangener mit dünner Stimme ein, der affectirt mit der Zunge anſtieß, „ich wurde von Jobert verrettert, der mir ein Geſchäft in der Straße Saint Martin an⸗ trug.“ Dieſer letztere Gefangene mit der dünnen Stimme, dem bleichen⸗ mädchenhaften Geſichte und ſchielenden hinterliſtigen Blicke war ſeltſam gekleidet; er trug auf dem Kopfe ein rothes Tuch, das zwei Büſchel blonder Haare ſehen ließ, die dicht auf den Schläfen auf⸗ lagen; die beiden Enden des Tuches bildeten eine bauſchige Roſette über ſeiner Stirn; als Cravatte trug er einen weißen Merinosſhawl mit kleinen grünen Palmen, der auf der Bruſt über einander geſchlagen war; ſeine Jacke von braunem Tuche verſchwand unter dem Gürtel weiter Beinkleider von groß und bunt carrirtem Zeuge. „Wenn das nicht eine Nichtswürdigkeit iſt!“ fuhr er mit ſeiner dünnen Stimme fort; „ich hätte um keinen Preis Jobert in Ver⸗ dacht haben mögen.“ „Ich weiß es wohl, daß er Dich angezeigt hat,“ antwortete das Skelett, der dieſen Gefangenen in beſondern Schutz genommen zu haben ſchien. „Man hat auch nicht gewagt, ihn hier zu laſſen, ſondern in die Conciergerie gebracht. — Das muß ein Ende nehmen; es muß ein Exempel ſtatuirt werden; die falſchen Brüder arbeiten für die Polizei und glauben ſicher zu ſein, wenn man ſie in ein anderes Gefängniß bringt als die, welche ſie angeben.“ 102 Sa „Um das zu verhindern, müſſen alle Gefangenen jeden Angeber für einen Todfeind anſehen; er mag Hinz oder Kunz, hier oder da verrathen haben, gleichviel, über ihn her! Sind vier oder fünf kalt gemacht, ſo werden die Andern ihre Zunge zweimal umwenden, ehe ſie wieder ſchwatzen.“ „Du haſt Recht, Skelett,“ ſagte Nicolaus; „alſo Germain muß daran —“ „Er muß daran,“ erwiederte das Skelett; „aber wir wollen warten, bis der dicke Lahme angekommen iſt. — Hat er z. B. bewieſen, daß der Germain ein Angeber iſt, — abgemacht.“ „Aber die Aufſeher, die immer da ſind?“ fragte der Gefangene mit der dünnen Stimme. 2 „Ich habe eine Idee. — Der Spitzige wird uns helfen.“ „Er? keine Courage —“ „Ein Floh hat mehr Kraft als er.“ „Wo iſt er?“ „Er war aus dem Sprachzimmer zurückgekommen, iſt aber wieder zu ſeinem Advocaten gerufen worden.“ „Und Germain? Iſt er noch immer im Sprachzimmer?“ „Ja, mit dem Mädchen, das ihn beſucht.“ „Sobald er kommt, Achtung! Aber wir müſſen auf den Spitzigen warten; ohne ihn können wir nichts thun.“ „Ohne den Spitzigen?“ „Nein —“ „Und Germain ſoll kalt gemacht werden?“ „Ich nehme es auf mich.“ „Aber womit? Die Meſſer nimmt man uns ja.“ „Willſt Du Deinen Hals in die Klammern da ſtecken?“ fragte W — 103 das Skelett, indem es die langen fleiſchloſen eiſenharten Finger auseinander ſperrte. „Du willſt ihn erwürgen?“ „Ein wenig.“ „Wenn es aber herauskommt, daß Du es geweſen biſt?“ „Bin ich ein Kalb mit zwei Köpfen, wie die, welche man auf den Jahrmärkten ſehen läßt?“ „Du haſt Recht; man kann Dir den Kopf nur einmal ab⸗ ſchlagen, und daß man Dir das thut, weißt Du ſchon.“ „Ganz ſicher; der Adoveat hat mir es noch geſtern geſagt. Ich wurde ergriffen mit der Hand im Sacke und dem Meſſer in der Kehle eines Andern. Ich bin ein Retourpferd (ein Rückfälliger), — die Sache iſt klar. — Wenn man mich nur nicht ſtiehlt aus dem Korbe des Henkers!“ Die Gefangenen lachten. „Tauſend Donnerwetter!“ fuhr das Skelett fort; „da denken die Richter, wir zitterten vor ihrer Guillotine. — Mir iſt es gleich⸗ giltig, ob es heute geſchieht oder morgen; lieber heute als morgen! Denkt die Menſchenmaſſe, die zuſammenſtrömen wird, um mich zu ſehen! Vier, fünf Tauſend werden ſich drängen und ſchlagen, um einen guten Platz zu erhalten; man wird Fenſter und Stühle ver⸗ miethen! Und Militair wird dabei ſein, Cavallerie und Infanterie, blos meinetwegen. Alle Augen ſind auf Einen gerichtet; in einer Minute iſt die Geſchichte vorbei; was kann man mehr wünſchen?“ „Ja, man denkt Wunder, was es mit der Guillotine auf ſich habe,“ fiel Nicolaus ein; „über das Gefängniß und das Zucht⸗ haus ſpricht man auch ſchlecht; aber iſt man nicht unter Freun⸗ den da?“ „Schlimm wäre es,“ ſagte der Gefangene mit der dünnen Stimme, „wenn man Jeden einzeln Tag und Nacht in eine Zelle einſperrte. — Man ſagt, es ſolle ſo werden —“ „In eine Zelle!“ rief das Skelett mit zornigem Entſetzen aus. „Rede nicht davon. — In eine Zelle! Ganz allein! Schweig! Lieber wollte ich mir Arme und Beine abhauen laſſen. — Ganz allein! Zwiſchen vier Wänden! — Ganz allein! Ohne Leute meiner Art zu haben, mit denen ich lachen könnte! Das geht nicht. Ich ziehe das Bagno hundertmal dem Centralgefängniſſe vor, weil man dort im Freien, nicht eingeſchloſſen iſt, Leute ſieht und hin und her läuft. Hundertmal lieber will ich mir den Kopf vor die Füße legen laſſen, als nur ein Jahr lang ganz allein in einer Zelle zu ſein. — Ja — jetzt bin ich überzeugt, geköpft zu werden, nicht wahr? Nun, wenn man zu mir ſagte: willſt Du lieber ein Jahr in eine Zelle? — ſo würde ich den Hals hinhalten. — Ein Jahr lang ganz allein! Das iſt ja nicht möglich! Woran ſoll man denn denken, wenn man allein iſt?“ „Wenn man Dich aber mit Gewalt in eine Zelle brächte?“ „Ich bliebe nicht darin, ich würde Alles aufbieten, um zu ent⸗ kommen,“ antwortete das Skelett. „Aber wenn Du nicht entkommen könnteſt? Wenn Du wüßteſt, daß Du nicht fliehen könnteſt?“ „So würde ich den erſten Beſten erſchlagen, um guillotinirt zu werden.“ „Wenn man aber die Mörder nicht zum Tode verurtheilte, ſordern lebenslänglich allein einſperrte?“ Dieſe Bemerkung ſchien einen beſondern Eindruck auf das Skelett zu machen. Nach einer Pauſe fuhr es fort: „Dann weiß ich nicht, was ich thun würde; ich rennte mir vielleicht den Kopf an der Wand ein oder verhungerte. Was? 105 Ganz allein, — das ganze Leben lang — mit mir? Ohne die Hoffnung, entfliehen zu können? Ich ſage Euch, es iſt nicht möglich. Scht ihr, ich würde einen Menſchen für ſechs Franes, für gar nichts, blos der Ehre wegen ermorden. Man glaubt, ich hätte nur zwei Perſonen umgebracht, aber wenn die Todten reden könnten, würden fünf beſtätigen können, wie ich arbeite —“ Der Räuber ſchnitt auf. Auch dieſe blutdürſtigen Prahlereien find einer der charakteriſti⸗ ſcheſten Züge der verhärteten Verbrecher. Ein Gefängnißdirector ſagte aus: wenn die angeblichen Mordthaten, deren ſich dieſe Unglücklichen rühmen, wirklich geſchehen wären, würde der zehnte Menſch ermordet ſein. „So iſt es bei mir auch“, fiel Barbillon ein, um ſich ebenfalls zu rühmen; „man glaubt, ich hätte nur den Mann der Milchfrau in der Cité ermordet, aber ich habe noch manchen Andern kalt gemacht mit dem großen Robert, der im vorigen Jahre geköpft wurde.“ „Ich wollte damit ſagen,“ fuhr das Skelett fort, „daß ich den Teufel und ſeine Großmutter nicht fürchte. — Aber, wenn ich in einer Zelle allein ſein ſollte, überzeugt, nie ausbrechen zu können, Donnerwetter! ich glaube, ich fürchtete mich —“ „Vor was?“ fragte Nicolaus. „Vor dem Alleinſein —,“ antwortete der Räuber. „Wenn Du alſo alle Deine Diebereien und Mordthaten erſt noch zu thun hätteſt, und es gäbe ſtatt der Centralgefängniſſe, der Bagnos und der Guillotine nur einſame Zellen, ſo würdeſt Du Dich wohl bedenken?“ 106 „Wahrhaftig — ja — vielleicht“) —“ antwortete das Skelett. Und der Menſch ſagte die Wahrheit. Man kann ſich den unnennbaren Schrecken nicht denken, den der bloße Gedanke an völlige Abſonderung in ſolchen Banditen erregt. Iſt dieſes Entſetzen nicht auch eine beredte Verwendung zu Gunſten dieſer Strafart? Noch nicht genug; die Verurtheilung zu dieſer von den Ver⸗ brechern ſo ſehr gefürchteten Abſonderung wird vielleicht nothwendig die Abſchaffung der Todesſtrafe herbeiführen; und zwar auf folgende Weiſe: Die Verbrechergeneration, welche jetzt die Gefängniſſe und Zuchthäuſer füllt, wird die Anwendung des Zellenſyſtems für eine unerträgliche Strafe anſehen. Dieſe Menſchen, welche an die verderbliche Lebendigkeit der 3 gemeinſamen Haft gewöhnt ſind, die wir in einigen gemilderten Zügen zu ſchildern verſuchten, und ſich im Wiederholungsfalle bedroht ſähen, von der ſchändlichen Geſellſchaft ausgeſch loſſen zu werden, wo ſie ſo luſtig ihre Verbrechen abbüßten, und in Zellen mit den Erinnerungen an die Vergangenheit allein, mit ſich ſelbſt allein zu ſein, würden vor dem Gedanken einer ſolchen entſetzlichen Strafe zurückſchrecken. Viele würden den Tod vorziehen und, um mit der Todesſtrafe belegt zu werden, ſelbſt vor einem Morde nicht zurückweichen; denn merkwürdiger Weiſe giebt es unter zehn Verbrechern, die das Leben los ſein möchten, neun, *) Hiſtoriſch. — — 107 die tödten werden — um ſelbſt umgebracht zu werden, während ein einziger ſelbſt Hand an ſich legt. Dann würde ohne Zweifel, wir wiederholen es, die äußerſte Spur einer barbariſchen Geſetzgebung wirklich aus unſern Geſetz⸗ büchern verſchwinden. Man würde die Todesſtrafe abſchaffen müſſen, um den Mördern dieſe letzte Zuflucht abzuſchneiden, welche ſie in dem Nichts zu finden glauben. Gewährt aber die lebenslängliche einſame Haft eine genügend ſchreckliche Strafe für einige große Verbrechen, wie z. B. für Elternmord? Man entweicht aus dem beſtbewachten Gefängniſſe, man hofft wenigſtens entweichen zu können. Man entziehe den Verbrechern, von denen wir ſprechen, dieſe Möglichkeit und dieſe Hoffnung. Die Todesſtrafe, welche doch keinen andern Zweck hat, als die Geſellſchaft von einem ſchädlichen Weſen zu befreien; die Todes⸗ ſtrafe, welche den Verurtheilten ſelten die Zeit zur Reue gewährt, nie die zur Abbüßung; die Todesſtrafe, welche Einige faſt bewußt⸗ los, Andere mit der entſetzlichſten, roheſten Gleichgiltigkeit erleiden, wird vielleicht durch eine ſchreckliche Strafe erſetzt werden, welche dem Verurtheilten Zeit zur Reue und Buße giebt und ein Geſchöpf Gottes nicht gewaltſam von dieſer Welt wegreißt. Das Blenden, die Entziehung der Sehkraft, wird den Mörder in die Unmöglichkeit verſetzen zu entfliehen oder Jemandem zu ſchaden, und die Todesſtrafe wird hierin, in ihrem einzigen Zwecke, wirkſam erſetzt ſein. Der Staat tödtet nicht nach dem Geſetze der Wiedervergeltung; er tödtet nicht, um Schmerzen zu bereiten, weil er von allen Strafarten die gewählt hat, welche er für die mindeſt 108 ſchmerzhafte hielt“); er tödtet wegen ſeiner eigenen Sicherheit. Was kann er von einem gefangenen Blinden fürchten? Die lebens⸗ längliche Abſonderung, gemildert durch menſchenfreundliche Unter⸗ haltung mit rechtlichen, frommen Perſonen, die ſich dieſer nützlichen Pflicht widmeten, würde es dem Mörder möglich machen, durch langjährige Reue ſeine Seele zu retten — Ein lauter Lärm und geräuſchvolles Freudengeſchrei der Ge⸗ fangenen, welche in dem Hofe umhergingen, unterbrach das Geſpräch, welches das Skelett leitete. Nicolaus ſprang auf und trat an die Thüre des Saales, um zu ſehen, was dieſes ungewöhnliche Geräuſch veranlaſſe. „Es iſt der dicke Lahme“, ſagte Nicolaus, indem er an ſeinen früheren Platz zurückkehrte. „Der dicke Lahme?“ rief das Skelett aus, „und iſt Germain aus dem Sprachzimmer zurück?“ „Noch nicht,“ antwortete Barbillon. *) Mein Vater, der Dr. Joh. Joſ. Sue, glaubte das Gegentheil; eine Reihe intereſſanter Beobachtungen über dieſen Gegenſtand, die er veröffent⸗ lichte ſoll beweiſen: daß der Gedanke noch einige Minuten nach der Ent⸗ hauptung zurückbleibt. — Man ſchaudert ſchon bei der bloßen Wahr⸗ ſcheinlichkeit. — Oxxxvmn. Das Complott. er dicke Lahme, deſſen Ankunft in der Löwengrube mit ſo geräuſchvoller Freude begrüßt wurde und deſſen Angabe für Germain ſo verderblich werden konnte, war ein Mann von mittler Größe, ſchien aber trotz ſeiner Dicke und ſeinem Gebrechen kräftig und ge⸗ wandt zu ſein. Seine, wie die der meiſten ſeiner Gefährten, beſtigliſche Ge⸗ ſichtsbildung hatte viel Aehnlichkeit mit der einer Dogge; ſeine eingedrückte Stirn, ſeine kleinen fahlen Augen, ſeine rückwärts⸗ hängenden Backen, ſeine ſchweren Kinnladen, von denen die untere mit langen Zähnen oder vielmehr Haken verſehen war, die hier und da über die Lippen herausragten, machten dieſe thieriſche Aehnlichkeit noch auffallender. Auf dem Kopfe trug er eine Pelzmütze und über ſeinem Anzuge einen blauen Mantel mit Pelzkragen. Der dicke Lahme war in dem Gefängniſſe mit einem Manne von etwa dreißig Jahren erſchienen, deſſen gebräuntes Geſicht mindere Verdorbenheit verrieth als die der andern Gefangenen, ob er ſich gleich ſo keck und entſchloſſen ſtellte wie ſein Gefährte. Bisweilen verdüſterte ſich ſein Geſicht, und er lächelte bitter — 110 Der dicke Lahme befand ſich ſogleich unter Bekannten. Kaum vermochte er auf alle Glückwünſche und Bewillkommnungsworte zu antworten, die man von allen Seiten an ihn richtete. „So biſt du endlich da, Dicker! Deſto beſſer, nun werden wir lachen —“ „Du fehlteſt uns — „Du haſt lange auf Dich warten lußen — „Ich habe alles Nöthige gethan, um die Freunde wiederzuſehen. — Meine Schuld iſt es nicht, daß die Polizei mich nicht früher haben mochte —“ „Man hängt ſich freilich nicht ſelbſt an den Nagel.“ „Du triffſt es gut, der Spitzige iſt auch hier.“ „Er auch? Ein alter Bekannter von Melun! Famos! Er wird uns die Zeit mit ſeinen Geſchichten vertreiben helfen, und an Zuhörern wird es ihm auch nicht fehlen, ich kann ihm neue an⸗ kündigen —“ Wen „Eben brachte man zwei. — Einen davon kenne ich nicht; der Andere hat eine blaue baumwollene Mütze auf dem Kopfe und eine graue Blouſe an; den habe ich ſchon irgendwo geſehen, ich denke bei der Wirthin zum weißen Kaninchen, — ein ſtarker Kerl!“ „Sag' an, dicker Lahmer, erinnerſt Du Dich, daß ich in Melun mit Dir wettete, Du würdeſt vor einem Jahre wieder einge⸗ ſteckt ſein?“ „Du haſt gewonnen; es war aber auch leicht genug, da ich gewiß eher ein Retourpferd wurde als einen Tugendpreis erhielt. Was haſt Du gethan? —“ „Geſtohlen —“ „Wie immer.“ 111 „Wie immer. — Ich gehe ruhig meinen Weg. — Mein Ver⸗ fahren iſt zwar kein ſeltenes, aber die Gimpel ſind auch nicht ſelten, und ohne die Dummheit meines Collegen würde ich nicht hier ſein. — Ich werde mir aber die Sache merken. Wenn ich wieder anfange, werde ich vorſichtiger ſein. — Ich habe ſchon meinen Plan —“ „Ah, da iſt auch Cardillac,“ ſagte der Lahme, als er einen armſelig gekleideten kleinen Mann von boshaftem, ſchlauem Aus⸗ ſehen, der etwas von dem Fuchſe und Wolfe hatte, auf ſich zu⸗ kommen ſah. „Guten Tag, Alter.“ „Willkommen, Herr von Langſalm!“ entgegnete der Cardillac genannte Gefangene heiter dem dicken Lahmen. „Alle Tage hieß es: er kommt, nein er kommt nicht. — Der Herr macht es wie die hübſchen Weiber: man ſoll ſich nach ihm ſehnen.“ Jä, ja „Biſt Du wegen etwas Geſcheidten hier?“ „Des Einbrechens habe ich mich entwöhnt. — Vorher führte ich einige gute Sachen aus; das letzte Mal brannte mir aber das Pulver von der Pfanne. Eine prächtige Gelegenheit, die übrigens noch zu benutzen iſt; diesmal hatten wir, Frank da und ich, kein Glück.“ Der dicke Lahme zeigte auf ſeinen Begleiter, auf den ſich Aller Blicke richteten. „Ja wirklich, es iſt Frank,“ ſagte Cardillac; „ich hätte ihn wegen des Bartes nicht wieder erkannt. — Du biſt es? Ich glaubte, Du wäreſt wenigſtens Maire jetzt in Deiner Heimath. — Du wollteſt ja den Ehrlichen ſpielen“ „Ich war ein dummer Kerl und habe meinen Lohn dafür er⸗ halten,“ entgegnete Frank; „aber jeder Sünder findet Erbarmen, 112 und ich ſtecke jetzt wieder in der Dieberei bis über die Ohren. Wenn ich wieder frei werde, ſoll man von mir hören!“ „Das heißt brav geſprochen.“ „Aber was iſt Dir begegnet, Frank?“ „Was jedem entlaſſenen Sträfling begegnet, der dumm genug iſt, um den ehrlichen Mann ſielen zu wollen. — Das Schickſal iſt gerecht. Als ich Melun verließ, beſaß ich eine Maſſe von neun⸗ hundert und ſo und ſo viel Franes —“ „Ja,“ fiel der dicke Lahme ein; „ſein ganzes Unglück ſchreibt ſich daher, daß er ſein Geld behielt, ſtatt es gleich durchzubringen, nachdem er entlaſſen worden. Ihr ſeht daraus, was die Reue nützt —“ „Man ſchickte mich nach Etampes,“ fuhr Frank fort. „Da ich meiner Profeſſion nach Schloſſer bin, ſo ging ich zu einem Meiſter, dem ich ſagte: „ich bin ein entlaſſener Sträfling, ich weiß, daß man ſolche Leute nicht gern annimmt, da ſind aber die 900 Fres., die ich erſpart habe, nehmen Sie das Geld und geben Sie mir Arbeit; mein Geld wird für mich bürgen. Ich will arbeiten und ein ehrlicher Mann werden.“ „Auf Ehre, nur Frank kann ſolche Einfälle haben.“ „Ihr werdet auch gleich ſehen, wie es ihm darauf ergangen iſt.“ „Ich bot alſo mein Geld dem Meiſter als Bürgſchaft an, damit er mir Arbeit gäbe. — „Ich bin kein Bankier, der Geld auf Zinſen nehmen kann,“ ſagte er zu mir, „und ich mag keinen geweſenen Sträfling in meiner Werkſtatt; ich arbeite viel in den Häuſern, muß die Thüren aufmachen, deren Schlüſſel man verliert, und wenn man wüßte, daß ich einen geweſenen Sträfling unter meinen Leuten hätte, würde ich meine Kurhen verlieren. Guten Abend, Nachbar!“ „Kind,“ ſagte der dicke Lahme mit viterlicher Miene zu Frank, 113 „es war Unrecht, daß Du nicht gleich aus dem Dir angewieſenen Orte entwichſt und nach Paris kamſt, um Dein Geld zu verthun und ſo in die Nothwendigkeit verſetzt zu werden, wieder zu ſtehlen. In einer ſolchen Lage hat man prächtige Einfälle!“ „Weißt Du gar nichts weiter, wie mir immer daſſelbe zu ſagen?“ entgegnete Frank ungeduldig; „ich gebe es zu, es war nicht Recht, daß ich mein Erſpartes nicht verthat, weil ich keinen Genuß davon gehabt habe. — Aber um wieder auf den mir angewieſenen Ort zurückzukommen, — es gab dort nur vier Schloſſer; der, an welchen ich mich zuerſt gewendet, hatte geſchwatzt, und als ich zu den andern kam, ſagten ſie mir daſſelbe, was mir der erſte geſagt hatte: ſchön Dank! ueberall daſſelbe Lied.“ „Seht Ihr, Freunde, was das nützt? Wir ſind für das ganze Leben gezeichnet.“ „Ich lebte zwei, drei Monate von meinem Gelde,“ fuhr Frank fort; „das Geld nahm ab, Arbeit fand ſich nicht ein. Ich verließ Etampes.“ „Das hätteſt Du gleich anfangs thun ſollen.“ „Ich kam nach Paris; hier fand ich Arbeit; mein Meiſter wußte nicht, wer ich war; ich ſagte, ich käme aus der Provinz. Es gab keinen beſſern Arbeiter als ich. Ich legte 700 Fres., die ich noch beſaß, bei einem Geſchäftsagenten an, der mir einen Schein gab. Als der Schein fällig war, bezahlte er ihn nicht. Ich ging mit dem Papiere zu einem Huiſſier, der das Geld herauspreßte und dem ich es dann ließ. Es ſollte mir in ſchlechten Zeiten gut thun. Unterdeß begegnete ich dem dicken Lahmen.“ „Ja, meine Freunde, und ich war die ſchlechte Zeit, wie Ihr gleich ſehen werdet. Frank war Schloſſer, machte Schlüſſel; ich wußte ein Geſchäftchen, wobei er mir behülflich ſein konnte, und ich Die Geheimniſſe von Paris. VII. 8 114 trug es ihm an. — Ich hatte Wachsabdrücke, und er brauchte nur darnach zu arbeiten. — Das gutmüthige Kind ſchlug mir es ab; er wollte wieder ehrlich werden. Ich aber dachte bei mir, man muß den Menſchen eine Wohlthat erzeigen, auch wenn ſie nicht wollen. Ich ſchrieb alſo einen Brief ohne Unterſchrift an ſeinen Meiſter, einen andern an ſeine Mitgeſellen, um ihnen zu verrathen, daß Frank ein entlaſſener Sträfling ſei. Der Meiſter wies ihm die Thüre, und die Geſellen drehten ihm die Rücken zu. — Er ging zu einem andern Meiſter und arbeitete da acht Tage. Gleiches Spiel! Wenn er bei zehn gearbeitet hätte, ich würde zehn Briefe geſchrieben haben.“ „Damals ahnte ich es nicht, daß Du mich vrttittheſt⸗ ant⸗ wortete Frank, „ſonſt würdeſt Du eine ſchlechte Viertelſtunde ge⸗ habt haben.“ „Ja, aber ich bin nicht ſo dumm; ich hatte Dir geſagt, ich ginge nach Longjumeau, um meinen Onkel zu beſuchen, war aber in Paris geblieben und wußte Alles, was Du vornahmſt.“ „Kurz, man wies mich auch bei meinem neuen Meiſter fort, als wäre ich nur zum Henken gut. Da arbeite man, da bleibe man ruhig! Statt zu fragen: was treibſt Du? fragt man: was triebſt Du? Als ich wieder keine Arbeit hatte, dachte ich: zum Glück haſt Du Dein Geld. Ich ging alſo zu dem Huiſſier; mein Geld war verſchwunden; ich hatte keinen Pfennig mehr, nicht einmal ſo viel, daß ich mein Schlafgeld bezahlen konnte. Da hättet Ihr mich in Wuth ſehen ſollen! Der dicke Lahme that, als käme er aus Long⸗ jumeau zurück und machte ſich meine Wuth zu Nutzen. — Ich ſah ein, daß ich nicht ehrlich bleiben konnte; hat man einmal geſtohlen, iſt man einmal im Gefängniß geweſen, ſo kommt man ſein Lebtage nicht wieder heraus. Der dicke Lahme bearheitete mich ſo lange...“ —,—— — —,—— 415 „Bis der brabe Frank ſich eines Beſſern beſann,“ fiel der dicke Lahme ein. „Er ging auf die Sache ein; ſie ſchien vortrefflich zu ſein; leider aber wurden wir, als wir den Mund aufthaten, um den fetten Biſſen zu erſchnappen, von der Polizei erwiſcht. Es war ein Unglück. Das Gewerbe wäre auch zu ſchön, wenn nicht bisweilen ſo etwas dazwiſchen käme —“ „Ja, aber ich wäre doch nicht hier, wenn mich der verfluchte Huiſſier nicht beſtohlen hätte,“ ſagte Frank mit verbiſſenem Grimme. „Nun, nun,“ fiel der dicke Lahme ein; „geht Dir es ſo ſchlecht? Befandeſt Du Dich beſſer, als Du arbeiteteſt?“ „Ich war frei.“ 35 „Ja, Sonntags; und auch da nur, wenn die Arbeit nicht drängte; die ganze Woche über an der RKette, wie ein Hund, und nie ſicher, auch Arbeit zu finden! Du erfennſt Dein Glück nicht —“ „Du wirſt es mich lehren,“ antwortete Frank bitter. „Na, gerecht muß man ſein; ich gebe es zu, Du haſt Recht unwillig zu ſein. Es iſt Schade, daß die Sache mißlang; aber nach ein paar Monaten kunn wieder ein Verſuch gemacht werden. Die Leute haben ſich beruhigt. Es iſt ein reiches, reiches Haus! Ich werde auf immer verurtheilt werden, weil ich den mir ange⸗ wieſenen Aufenthaltsort verließ, kann alſo bei der Sache nichts thun; wenn ich aber einen Liebhaber dazu finde, trete ich ſie ihm wohlfeil ab. — Die Wachsabdrücke hat meine Frau; es brauchen nur neue Nachſchlüſſel gemacht zu werden. Wenn ich ihm meine Anweiſungen gebe, geht die Sache allein. Es ſind da zehntauſend Fres. zu verdienen; das muß Dich tröſten, Frank.“ Der Mitſchuldige des dicken Lahmen ſchüttelte den Kopf, ſchlug die Arme über der Bruſt übereinander und antwortete nicht. 8 116 Cardillac nahm den dicken Shnn am Arme, zog ihn bei Seite und ſagte zu ihm: „Die Sache, die Dir verunglückte, iſt „ zu e „Nach zwei Monaten, ja.“ „Kannſt Du das Siß 5 „Ja.“ Wie viel willſt Du haben?“ „Hundert Fres. im voraus, und ich ſage Dir die Parole, die mit meiner Frau verabredet iſt, damit ſie die Wachsabdrücke ausliefert. Gelingt das Unternehmen, ſo verlange ich überdies „. fünften Theil des Gewinnes, der an meine Frau zu — „Nicht mehr als billig.“ Da ich weiß, wem ſie die Vachbabtrit gegeben, p würde ich ihn Se wenn er 3* um meinen Antheil betrügen wollte — t „Du hätteſt ein Reht dazu, wenn man Dich betröge, aber unter Dieben iſt man ehrlich; es muß Einer auf den Andern rechnen können, ſonſt wäre ja kein Geſchäft zu machen.“ Wieder eine Anomalie dieſer entſetzlichen Sitten! Der Elende ſagte die Wahrheit. 1 Die Diebe brechen ſelten das Wort, das ſr bei ſalcjen Ge⸗ ſchäften einander geben. Die verbrecheriſchen Handlungen werden meiſt auf Tren und Glauben ausgeführt oder, damit wir dieſe Worte nicht entwürdigen, die Noth zwingt dieſe Banditen, ihr Ver⸗ ſprechen zu halten; denn wenn ſie es brächen, würden, wie der dicken gar keine „Geſchäfte zu machen ſein — Sehr viele Diebſtähle werden auf vieſ Weiſe in dem Ge⸗ 117 fängniſſe verſchenkt, verkauft und verabredet, — eine weitere traurige Folge der gemeinſamen Haft. „Wenn das, was Du mir ſagſt, ſicher iſt,“ fuhr Cardillat fort, „ſo würde ich vielleicht das Geſchäft übernehmen; es liegen keine Beweiſe gegen mich vpr; ich werde freigeſprochen werden, komme binnen vierzehn Tagen vor das Gericht und werde alſo vielleicht in zwanzig Tagen frei ſein. Ehe die Nachſchlüſſel gemacht werden, ehe man 5 nöthigen Erkundigungen einzieht, vergehen vier, ſechs Wochen —“ „Gerade ſo viel, daß die Leute wieder ſcher — uebrigens glaubt Jeder, den man einmal beſtohlen hat, zweimal paſſire ihm ſo etwas nicht; Du weißt das —“ „Ich weiß es wohl. — Ich übernehme alſo die Sache; wir ſind einig.“ „Kannſt Du mir auch bezahlen? Ich verlange Draufgeld.“ „Da iſt mein letzter Knopf, und wenn keiner mehr da iſt, ſo giebt es noch andere,“ antwortete Cardillac, indem er einen über⸗ ſponnenen Knopf von ſeinem ſchlechten blauen Rocke abriß. — Mit ſeinen langen Nägeln kratzte er dann das Tuch ab, und ſtatt der Knopfform befand ſich darin ein Doppellouisd'pr. „Du ſiehſt,“ ſetzte er hinzu, „Daß ich Dir Draufgeld geben kann, wenn wir über die Sache einig geworden ſind.“ „Da Du bald frei wirſt und die nöthigen Fonds haſt, um Geſchäfte treiben zu können,“ ſagte der dicke Lahme, „ſo könnte ich Dir auch noch etwas Anderes überlaſſen, aber das iſt Kinderſpiel, wahres Kinderſpiel, von mir und meiner Frau ſchon ſeit zwei Monaten porbereitet; man braucht nur hinzugehen. Denke Dir ein einzelnes Haus in einem menſchenleeren Stadttheile, ein Erdgeſchoß, das auf der einen Seite auf eine todte Gaſſe, auf der andern in 118 einen Garten geht, und zwei alte Leute, die ſich mit den Hühnern zu Bette legen. Seit den Emeuten und aus Furcht beſtohlen zu werden, haben ſie an einer gewiſſen Stelle einen großen Topf ver⸗ ſteckt, der voll Gold iſt. Meine Frau hat das aufgeſpürt, indem ſie die Magd zum Schwatzen brachte. — Aber ich ſage Dir im voraus, die Sache iſt theurer e dir man nur hinzugehen und zuzugreifen — „Wir vereinigen uns — Aber ich ſehe⸗ veß Du nicht ſchlecht garheit haſt, Pue aus dem in rlm ent⸗ laffin biſt — „Ja, ich habe Glück gehubt und wtent vielleicht 1500 Fres. Das Beſte, was ich ausgeführt, geſchah bei zwei Frauenzimmern, welche in demſelben Hauſe wohnten wie ich —“ „Bei dem alten Micon, dem Hehler?“ „Richtig.“ 6 „Und Deine Frau Sſehhines“ „Iſt ein wahres Frettchen; ſie witterte bei den alten Leuten den Topf mit den Goldfiſchen.“ „Eine prächtige Frau!“ „Ich bin ſtolz auf ſie. — Bei der prictigen Frau fällt mir auch die Eule ein; kennſt Du ſie?“ „Ja; Nicolaus hat mir von ihr erzählt; der Schulmeiſter hat ſie umgebracht, und er ſelber iſt verrückt geworden.“ „Vielleicht, weil er, ich weiß nicht durch welches Unglück, die Augen verloren hat. — Wir ſind alſo einig, alter und ich werde von meinen Geſchäften mit Niemaiden ſprechen — „Mit Niemandem, — ich übernehme Rei — . wollen wir weiter davon ſprechen.“ u n i tzni „Was treibt man hier?“ — — 119 „Man lacht und treibt Tollheiten.“ „Wer iſt der Vorſteher des Saales?“ „Das Skelett.“ „Ein tüchtiger Kerl! Ich habe ihn bei den Martials auf der Inſel der Ausſucher geſehen, wo wir mit einander zechten —“ „Nicolaus iſt auch hier.“ „Ich weiß es; der alte Micon hat es mir erzählt; er beklagt ſich darüber, daß Nicolaus ihn ausziehe; ich werde mich auch an ihn halten. — Die Hehler ſind dazu da.“ „Wir ſprachen von dem Skelett, da kommt er,“ agte Car⸗ dillac, indem er auf den Vorſteher des Saales zeigte, der in der Thüre des Wärmeſaales erſchien. „Zum Appell!“ rief das Skelett dem dicken Lahmen zu. „Hier!“ antwortete dieſer, indem er mit Frank, den er am Arme nahm, in das Wärmezimmer ging. Während des Geſprächs des dicken Lahmen, Franks und Car⸗ dillacs hatte Barbillon auf Befehl des Skeletts zwölf bis funfzehn ausgewählte Gefangene geworben, die ſich einzeln, um keinen Ver⸗ dacht zu erregen, ebenfalls in den Saal begaben. Die andern Gefangenen blieben in dem Hofe; Einige ſprachen ſogar auf den Rath Barbillons laut und wie im Zanke, um die Aufmerkſamkeit des Aufſehers zu erregen und dieſelbe von dem Wärmeſaale abzulenken, wo bald Skelett, Barbillon, Nicolaus, Frank, Cardillac, der dicke Lahme und funfzehn andere Gefangene verſammelt waren und ungeduldig warteten, daß der Erſte das Wort ergreife. Barbillon, welcher den Auftrag hatte, Wache zu halten und die Annäherung des Aufſehers zu melden, ſtellte ſich an die Thüre. Das Skelett nahm die Pfeife aus dem Munde und ſagte zu dem dicken Lahmen: „Kennſt Du einen kleinen jungen Mann, Germain, mit blauen Augen und braunem Haare, der wie ein ehrlicher Menſch ausſieht?“ „Germain iſt hier?“ rief der dicke Lahme aus, deſſen Züge 2 Ueberraſchung, Haß und Zorn verriethen. „Du kennſt ihn alſo?“ fragte das Skelett. „Ob ich ihn kenne!“ entgegnete der Lahme; „meine Freunde, ich klage ihn an, er iſt ein Angeber und muß geknöcht werden.“ „Ja, ja,“ fielen die Andern ein. „Iſt es gewiß, daß er verrathen hat?“ fragte Frank. „Wenn man ſich irrte? Einen Menſchen zu knöchen, der es nicht verdient, wäre —“ Dieſe Bemerkung mißfiel dem Skelett, der ſich zu dem dicken Lahmen bog und leiſe ſagte: „Wer iſt der?“ „Ich habe mit ihm gearbeitet —“ „Iſt er ſicher?“ „Ja, aber er hat keine Galle, iſt weich und gutmüthig.“ „Genng, ich werde ein Auge auf ihn haben.“ „Wie, wann und wo hat Germain angegeben?“ fragte ein Gefangener. iiut „Erzähle, dicker Lahmer,“ fiel das Skelett ein, der Frank nicht aus den Augen ließ. „So hört,“ antwortete der dicke Lahme. „Einer von Nantes, der Haarige genannt, ein ehemaliger Sträfling, hat den jungen Menſchen erzogen, deſſen Herkunft ich nicht kenne. Als er das ge⸗ hörige Alter erreicht hatte, gab er ihn in Nantes zu einem Bankier, weil er glaubte, mit Hülfe des Burſchen ein gutes Geſchäft machen 121 zu können, das er ſchon lange im Sinne hatte. Er dachte an zweierlei, an falſche Wechſel und an Ausräumen der Caſſe des Bankiers, in der ſich vielleicht 100,000 Fres. befanden. — Alles war bereit, der Haarige rechnete auf den jungen Menſchen wie auf ſich ſelbſt. Dieſer ſchlief in dem Gebäude, wo die Caſſe war; der Haarige hatte ihm ſeinen Plan mitgetheilt. Germain ſagte weder ja noch nein, zeigte aber alles ſeinem Prinzipale an und entwich Abends nach Paris.“ Die Gefangenen gaben ihren Unwillen durch lautes Gemurmel und drohende Worte zu erkennen. „Er iſt ein Verräther, — er muß bluten.“ „Wenn Ihr es wollt, fange ich Streit mit ihm an und —“ „Man muß ihm eine Anweiſung auf das Hoſpital in das Geſicht ſchreiben.“ „Still!“ rief das Skelett mit gebieteriſcher Stimme. Die Gefangenen ſchwiegen. „Weiter!“ ſagte der Vorſteher des Saales zu dem dicken Lahmen, indem er die Pfeife wieder in den Mund nahm. „Der Haarige glanbte, Germain habe ja geſagt, rechnete auf den Beiſtand deſſelben und verſuchte mit zwei Freunden das Unter⸗ nehmen in derſelben Nacht. Der Bankier war auf der Hut, ein Freund des Haarigen wurde erwiſcht, als er eben in ein Fenſter einſtieg, er ſelbſt aber hatte das Glück zu entkommen. Er kam nach Paris, wüthend, von Germain verrathen worden zu ſein und eine ſo prächtige Gelegenheit geſtört zu ſehen. Eines Tages be⸗ gegnete er dem jungen Menſchen; es war am hellen Tage, er wagte alſo nichts zu thun, folgte ihm aber und ſah, wo er wohnte. In der Nacht fielen wir beide, der Haarige und ich, über Germain her. t wieder — Leider entwiſchte er uns. — Seitdem haben wir ihn nich finden können; jetzt iſt er hier, frage ich?“ „Du haſt nichts zu fragen,“ antwortete das Skelett mit Autorität. Der dicke Lahme ſchwieg. „Ich übernehme Deine Sache, Du trittſt mir die Haut Ger⸗ mains ab, ich heiße nicht umſonſt Skelett. — Ich bin ſo gut wie todt, — mein Grab iſt ſchon gegraben, ich wage alſo nichts, wenn ich auch hier arb eite. — Die Angeber thun uns noch mehr Schaden als die Polizei. — Wenn erſt jedes Gefängniß ſeinen Angeber umgebracht hat, er mag angegeben haben, wo er will, ſo wird den andern die Luſt vergehen. — Ich gehe mit gutem Bei⸗ ſpiele voran — man wird mir folgen Alle Gefangenen bewunderten die Entſchloſſenheit des Skeletts und drängten ſich um ihn. Selbſt Barbillon ſchloß ſich, ſtatt an der Thüre zu bleiben, der Gruppe an und bemerkte nicht, daß ein anderer Gefangener hereingetreten war. 91 Dieſer Letztere, in einer grauen Blouſe, mit einer blauen, roth geſtickten baumwollenen Mütze auf dem Kopfe, die er tief über die Ohren hereingezogen hatte, machte eine Bewegung, als er den Namen Germain hörte; dann miſchte er ſich unter die Bewunderer des Skeletts und unterſtützte lebhaft den verbrecheriſchen Vorſatz deſſelben. ſ. i „O, das Skelett iſt ein ganzer Kerl!“ ſagte Einer. „Wenn Alle wären, wie er, ſo würden wir zu Gericht ſitzen, und die Ehrlichen köpfen laſſen.“ „Das wäre auch ganz in der Ordnung; heute mir, morgen Dir.“ Wenn die Angeber ſehen, daß man ſie kalt machte, werden ſie nicht mehr verrathen.“ —¹ 123 „Gewiß.“ O m „Und da das Skelett einmal geköpft wird, ſo ſchadet es ihm nichts, den Angeber kalt zu machen.“ n * „Ich finde es doch hart, den jungen Menſchen umzubringen,“ warf Frank ein. 1 Was?“ entgegnete das Skelett in zornigem Tone ; „wir ſollen nicht einmal das Recht haben, einen Verräther kalt zu machen?“ „Ja, ein Verräther iſt er, — um ſo ſchlimmer für ihn,“ ſagte Frank nach einigem Nachdenken. Dieſe letztern Worte und die Bürgſchaft des dicken Lahmen beſänftigten das Mißtrauen, das Frank einen Augenblick unter den Gefangenen erregt hatte. Nur das Skelett verharrte in ſeinem Argwohne. „Aber was fangen wir mit dem Aufſeher an, Skelett?“ fragte Nicolaus. „Man beſchäftigt ihn irgendwo.“ „Nein, man muß ihn mit Gewalt feſthalten.“ „Nein.“ „Ruhe!“ gebot das Skelett, unb es trat die tiefſte Stille ein. „Hört mich an,“ fuhr der Vorſteher mit heiſerer Stimme fort; „ſo lange der Aufſeher im Saale oder im Hofe iſt, läßt ſich nichts machen. Ich habe kein Meſſer; der Angeber wird ſchreien und ſich wehren. „Wie aber 25 1 „Hört weiter. Der Spitzige hat verſprochen, uns heute nach Tiſche ſeine Geſchichte von Gringalet und Schneidentzwei zu erzäh⸗ len. Es fängt an zu regnen; wir gehen alle hierher, und der An⸗ geber wird ſich dort unten in den Winkel, an ſeinen gewöhnlichen Platz ſtellen. Wir geben dem Spitzigen einige Sous, damit er ſeine Geſchichte erzähle. — Der Aufſeher wird uns ruhig zuhören ſehen und fortgehen, um einmal zu trinken. Sobald er fort iſt, haben wir eine Viertelſtunde frei, und der Angeber iſt kalt gemacht, ehe der Aufſeher zurückkommt. Ich nehme das über mich; ich bin ſchon mit Andern fertig geworden. Helfen darf mir Niemand —“ „Halt einmal!“ rief Cardillac dazwiſchen. „Und der Huiſſier, der um dieſe Zeit alle Tage zu uns kommt? — Tritt er herein, um die Geſchichte des Spitzigen mit anzuhören, und ſieht er Ger⸗ main kalt machen, ſo iſt er im Stande und ruft um Hülfe. Der Huiſſier gehört nicht zu uns, hat eine Stube ſich allein, und wir können ihm nicht trauen.“ 1 „Du haſt Recht,“ ſagte das Skelett. „Ein Huiſſier iſt hier?“ ſagte Frank, der, wie man weiß, durch Herrn Boulard um 700 Fres. betrogen worden war; „ein Huiſſier iſt hier?“ wiederholte er mit Erſtaunen. „Wie heißt er?“ „Boulard,“ antwortete Cardillae⸗ „Das iſt mein Mann,“ entgegnete Frank, indem er die Fäuſte ballte; „er hat mir mein Geld geſtohlen —“ „Der Huiſſier?“ fragte das Skelett. „Ja, 700 Fres., die er für mich eingezogen hatte.“ „Du kennſt ihn? Er hat Dich geſehen?“ fragte der Andere weiter. „Wohl habe ich ihn eſchen — teider! Ohne ihn wäre ich nicht hier.“ Dieſes Bedauern klang in den Ohren des Sfeleits nicht gut; er ſah Frank lange von der Seite an, der auf einige Fragen ſeiner Gefährten antwortete, und wendete ſich dann an den dicken Lahmen, zu dem er leiſe ſagte: — ———— „Der iſt im Stande, den Aufſehern unſer Vorhaben zu melden.“ „Nein; ich bürge für ihn; er wird Niemanden verrathen, aber möglich wäre es, daß er Germain vertheidigte. Es wäre beſſer, man entfernte ihn.“ „Genug,“ ſagte das Skelett, der dann laut hinzuſetzte: „Sag', Frank, würdeſt Du den Huiſſier nicht über Dich nehmen?“ „Wenn er kommt, wird er ſeinen Theil erhalten.“ „Er wird kommen.“ „Aber nicht fortgehen, wie er gekommen iſt.“ „Das giebt eine Schlägerei, man ſchickt den Huiſſier in ſeine Zelle und Frank in das Loch,“ ſagte das Skelett leiſe zu dem bicken Lahmen; „ſo werden wir ſie beide los.“ „Klug iſt das Skelett, das muß man ihm laſſen,“ entgegnete der dicke Lahme mit Bewunderung; dann ſetzte er laut hinzu: „Wird man dem Spitzigen anzeigen, daß man ſich ſeiner Ge⸗ ſchichte bedienen will, um den Aufſeher zu entfernen und den An⸗ geber kalt zu machen?“ „Nein. Der Spitzige iſt zu weich und zu feig; wenn er das wüßte, würde er nicht erzählen. Iſt die Sache geſchehen, ſo fügt er ſich.“ In dieſem Augenblicke wurde zum Eſſen geläutet. „Zum Freſſen, ihr Hunde!“ rief das Skelett. „Der Spitzige und Germain werden kommen. Jetzt aufgepaßt, Freunde! der An⸗ geber iſt verloren.“ CXXXVMI Der Erzähler. 7 5 er neue Gefangene, den wir erwähnt haben, der eine baum⸗ wollene Mütze und eine graue Blouſe trug, hatte aufmerkſam zugehört und das Complott gebilligt, welches das Leben Germains bedrohte. Dieſer Mann von rieſenhafter Geſtalt ging mit den andern Gefangenen aus dem Wärmeſaale fort, ohne bemerkt worden zu ſein, und miſchte ſich bald unter die verſchiedenen Gruppen, die ſich im Hofe um die Eßwaarenvertheiler drängten, welche gekochtes Fleiſch in kupfernen Becken und Brot in großen Körben trugen. Jeder Gefangene erhielt ein Stück gekochtes Rinpfleiſch ohne Knochen, von dem man früh die Suppe gekocht hatte, in welche Brot geſchnitten wird, das beſſer iſt als das Commisbrot der Soldaten. Die Gefangenen, welche Geld hatten, konnten ſich Wein kaufen und denſelben in der Gefängnißtrinkſtube trinken. Diejenigen endlich, welche, wie Nicolaus, Lebensmittel von außen erhalten hatten, improviſirten ein Feſtmahl, zu welchem ſie andere Gefangene einluden. Die Gäſte des Sohnes des Gerichteten waren 127 diesmal das Steltt, Barbillon und, auf die Bemerkung des Letztern, der Spitzige, der auf dieſe Weiſe gewonnen werden ſollte, ſeine Er⸗ zählung zum Beſten zu geben. Der Schinken, die harten Eier, der Käſe vi das weiße Brot, welche der Hehler Micon freiwillig hatte liefern müſſen, waren auf einer Bank im Wärmeſaale ausgebreitet, und das Skelett ſchickte ſich an, Allem tüchtig zuzuſprechen, ohne ſich in dem Appetite durch den Mord ſtören zu laſſen, den er mit kaltem Blute begehen wollte. „Sieh doch zu, ob der Spitzige nicht kommt. Ehe ich den Germain umbringe, bringen mich Hunger und Durſt um ; vergiß nicht dem dicken Lahmen zu ſagen, Frank müſſe den Huiſſier packen, damit wir ſie beide aus der Löwengrube loswerden.“ . „Sei ruhig, Skelett; wenn Frank den Huiſſier nicht packt, wird es unſere Schuld nicht ſein. —“ Nicolaus ging fort. In demſelben Augenblicke trat Herr Boulard, eine Cigarre rauchend, die Hände in den Taſchen ſeines langen het von grauem Flanell, mit heiterem Geſichte herein. Frank und der dicke Lahme ſaßen und aßen auf einer Bank im Hofe; ſie hatten den Huiſſier nicht bemerken können, da er hinter ihrem Rücken hinging. Boulard ſchien mit Nicolaus reden zu millen der aber that, als ſähe er ihn nicht und auf Frank zuging. „Guten Tag,“ ſagte der Huiſſier zu Nicolaus. „Ah, guten Tag, Herr Boulard; ich ſah Sie nicht. Sie machen Ihren gewöhnlichen Spaziergang?“ „Ja, und heute habe ich zwei Gründe dazu. — Ich will Ihnen ſagen, welche. — Zuerſt nehmen Sie dieſe Cigarren; machen Sie keine Umſtände! Unter Cameraden muß man ſich nicht geniren!“ „Ich danke, Herr. Welche Gründe haben Sie heute zu Ihrem Spaziergange?“ „Ich habe keinen Appetit und dachte bei mir: wenn ich meine Cameraden ſo tapfer kauen ſehe, kommt der Bunger bei mir viel⸗ leicht auch.“ „Nicht dumm! Wenn Sie zwei ſehen wollen die teufelsmäßig kauen,“ ſagte Nieolaus, indem er den Huiſſier allmälig zu der Bank führte, wo Frank ſaß, „ſo wird Ihnen das Waſſer im Munde zu⸗ ſammenlaufen.“ „Das dürfte gut ſein,“ entgegnete Herr Voulard. „Nun, dicker Lahmer!“ rief Nicolaus. Der Angeredete und Frank drehten ſich raſch um. Der Huiſſier blieb erſchrocken, mit offenem Munde ſtehen, als er den erkannte, den er betrogen hatte. Frank ſeiner Seits warf augenblicklich Brot und Fleiſch auf die Bank, war mit einem Sprunge auf, packte den Huiſſter an der Kehle und ſagte: „Mein Geld!“ „Wie? was? Herr — Sie ewnn mich, — ich. „Mein Geld!“ „Lieber Freund, hören Sie mich an — „Mein Geld! Und es iſt ſchon zu denn Du biſt Schuld, daß ich hier bin.“ „Aber „ichnloniber 3u „Wenn ich auf die Galeeren komme, hörſt Du? — ſo iſt es Deine Schuld; denn wenn ich gehabt hätte, was Du mir geſtohlen haſt, würde ich nicht genöthigt geweſen ſein zu ſtehlen, ich wäre ehrlich geblieben, wie ich bleiben wollte. Du, Du kommſt vielleicht leicht davon. Man wird Dir nichts thun, — aber ich werde Dir 129 etwas thun, ich; Du ſollſt an mich denken. Ah, Du haſt Juwelen, goldene Ketten — und beſtiehlſt arme Leute? Da — da! Haſt Du genug? Nein, — noch mehr!“ „Hülfe! Hülfe!“ rief der Huiſſier, während Frank wüthend auf ihn losſchlug. Die andern Gefangenen, die bei dieſem Streite gleichgiltig blieben, ſtellten ſich um die beiden Ringenden oder vielmehr um den Schlagenden und den Geſchlagenen herum, denn Boulard leiſtete gar keinen Widerſtand und ſuchte nur ſo gut als möglich die Schläge ſeines Gegners zu pariren. Zum Glück kam der Aufſeher auf den Hülferuf des Huiſſiers herbei und befreite ihn aus den Händen Franks. Boulard richtete ſich blaß und entſetzt auf; eines ſeiner großen Augen war mit Blut unterlaufen. Ohne ſich die Zeit zu nehmen, ſeine Mütze aufzuheben, lief er zu dem Thürchen im Thore und ſagte: „Machen Sie mir auf, ich bleibe keinen Augenblick länger hier. Hülfe! Hülfe!“ „Und Sie folgen mir wegen der Schlägerei zu dem Director,“ ſagte der Aufſeher, indem er Frank am Kragen nahm; „Sie werden zwei Tage eingeſperrt werden.“ „Mir gleichviel; er hat ſeinen Lohn erhalten,“ ſagte Frank. „He, Frank,“ ſagte der dicke Lahme leiſe zu ihm, indem er ſich ſtellte, als helfe er ihm den Anzug wieder in Ordnung bringen, „nichts von dem, was man mit dem Angeber vornehmen will.“ „Sei ruhig; vielleicht hätte ich ihn vertheidigt, wenn ich da⸗ geweſen, denn es iſt doch hart, einen Menſchen — deshalb umzu⸗ bringen; aber Euch anzuzeigen vermag ich nicht.“ „Vorwärts!“ herrſchte der Aufſeher ihn an. Die Geheimniſſe von Paris. VII. 9 130 „Nun ſind wir von dem Huiſſier und Frank befreit, und jetzt darauf auf den Angeber!“ ſagte Nicolaus. In dem Augenblicke, als Frank den Hof verließ, trat Germain mit dem Spitzigen ein. Germain war nicht wieder zu erkennen; ſein ſonſt trauriges, niedergeſchlagenes Geſicht ſtrahlte vor Freude; er trug den Kopf hoch und ſtolz und ſah ſich keck und heiter um; er wurde geliebt, und das Gefängniß ſelbſt hatte nichts Grauenvolles mehr ſür ihn. Der Spitzige folgte ihm ſehr verlegen. Nachdem er lange gezögert hatte ihn anzureden, machte er eine gewaltſame Anſtrengung und legte leicht die Hand auf den Arm Germains, bevor dieſer den Gruppen der Gefangenen ſich genähert hatte, die ihn mit verbiſſ enem Grimme von weitem beobachteten. Ihr Opfer konnte ihnen nicht entgehen. Germain zuckte bei der Berührung des Spitzigen unwillkührlich zuſammen, denn das Ausſehen und die Lumpen des ehemaligen Taſchenſpielers nahmen ihn nicht eben für den Unglücktichen ein. Er erinnerte ſich indeß der Empfehlung ſeiner Lachtaube, und über⸗ dies fühlte er ſich zu glücklich, als daß er nicht wohlwollend hätte ſein ſollen; er blieb alſo ſtehen und ſagte ſanft zu dem „Was wollen Sie?“ „Ihnen danken.“ X „Wofür?“ „Für das, was Ihre hupſche Freundin für meine arme Schweſter thun will.“ „Ich verſtehe Sie nicht,“ entgegnete gainn verwundert. „So werde ich es Ihnen erklären. — Im Bureau vorn begegnete ich eben dem Aufſeher, welcher die Wache in dem Sprachzimmer hatte — ——————— —— 131 „Ach ja, er iſt ein braver Mann.“ „Gewöhnlich kann man einen Gefängnißaufſeher keineswegs einen „braven Mann“ nennen; bei dem alten Rouſſel aber iſt es etwas Anderes, er verdient dieſen Namen. Eben flüſterte et mir in's Ohr: Spitziger, Du kennſt doch Germain? — Ja, den Sünden⸗ bock Aller, antwortete ich —“ Da unterbrach ſich der Spitzige und ſagte zu Germain: „verzeihen Sie, nehmen Sie es nicht übel, wenn ich Sie Sündenbock nannte, achten Sie nicht darauf, ſondern auf das Ende.“ „Ich bin ganz Ohr —“ „Ja, antwortete ich alſo, ich kenne Germain, an dem ſich Alle reiben. — Du vielleicht auch, Spitziger? fragte mich der Aufſeher nit ſtrenger Miene. — Mein Herr Aufſeher, ich habe zu wenig Courage und bin zu gutmüthig, als daß ich mir erlauben könnte, mich an irgend Jemandem zu reiben; an dem Herrn Germain nun gar nicht, denn er ſcheint nicht ſchlecht zu ſein; man iſt ungerecht gegen ihn. — Du thuſt Recht daran, Spitziger, Partei für Germain zu nehmen, denn er iſt auch gegen Dich gut geweſen. — Gegen mich, Herr Aufſeher? Wie ſo? — Das heißt, nicht er ſelbſt und nicht gegen Dich, aber Du biſt ihm doch Dank ſchuldig, ſagte der alte Ruuſſel zu mir.“ „Erklären Sie ſich ein wenig deutlicher,“ ſiel Germain lächelnd ein. „Gerade das ſagte ich auch zu dem Aufſeher — erklären Sie ſich deutlicher. Da antwortete er: nicht Germain, aber ſeine hübſche Freundin iſt gegen Deine Schweſter ſehr gütig geweſen. Sie hatte gehört, wie Deine Schweſter Dir ihr häusliches uUnglück erzählte, und als die arme Frau aus dem Sprachzimmer fortging, erbot ſich das Mädchen, ihr nach Kräften beizuſtehen.“ 9* „Gute Luchtube!“ rief Germain gerührt ausn „Und davon hat ſie mir nichts geſagt!“ „Ah, ſagte ich zu dem Aufſeher, wenn es ſo iſt, ſo haben Sie ganz Recht. Germain iſt gut gegen mich geweſen, und wenn er es auch nicht ſelbſt war, ſo war es ſeine Freundin, und wenn auch nicht gegen mich, doch gegen meine arme Schweſter, — das bleibt ſich alles gleich.“ „Arme liebe Lachtaube!“ fiel Chungit ein; „ich wundere mich darüber gar nicht, — ſie hat ein ſo edles, mitleidiges Herz.“ „Der Aufſeher erzählte weiter: ich hörte alles das mit an, wenn ich mich auch ſtellte, als höre ich nichts. Ich habe Dir nun alles geſagt, und wenn Du nun Germain nicht einen Dienſt erweiſeſt, wenn Du ihn nicht warnſt, ſobald Du von einem Complott gegen ihn hörſt, ſo biſt Du ein Taugenichts. — Herr Aufſeher, entgegnete ich, ich tange nicht viel, das iſt wahr, aber ſo ganz ſchlecht bin ich doch nicht. Da die Freundin Germains gütig gegen meine arme Johanna geweſen iſt, die eine brave und ehrliche Frau iſt, ſo werde ich für Germain thun, was ich thun kann; leider wird dies aber nicht viel ſein. — Gleichviel thue es immer; übrigens will ich Dir eine gute Nachricht für Germain g die ic eben Sab habe.“ „Was?“ fragte Germain. „Es wird morgen eine Zelle für Sie ſoll ich Ihnen ſagen. „Wirklich? Welches Glück!“ rief Germain aus. „Der brave Mann hatte Recht Sie bringen mir da eine ſehr angenehme Nach⸗ richt.“ „Ohne mir zu ſchmeicheln, das glaube ich auch, denn Ihr Platz iſt nicht unter uns, Herr Germain.“ Dann unterbrach ſich der ———————— — — — 133 Spitzige und ſetzte ſchnell und leiſe hinzu, indem er ſich bückte, als hebe er etwas auf: „Die Gefangenen ſehen uns an; ſie wundern ſich darüber, daß wir mit einander reden; ich verlaſſe Sie; bleiben Sie auf Ihrer Hut! Wenn man Streit mit Ihnen anzufangen ſucht, antworten Sie nicht; ſie ſuchen nur einen Vorwand, Siez zu ſchlagen, Barbillon wird den Streit anzufangen ſuchen; nehmen Sie ſich vor ihm in Acht; ich werde verſuchen, ſie von ihrem Gedanken abzubringen“ Der Spitzige richtete ſich wieder auf, als habe er etwas gefunden, das er eine Zeit lang zu ſuchen ſchien. „Ich danke Ihnen und werde vorſichtig ſein,“ ſagte Germain, indem er ſich von ſeinem Begleiter trennte. Da der Spitzige nur von dem Complotte früh gehört nach welchem ein Zank veranlaßt werden ſollte, in welchem man Germain mißhandeln wollte, um ſo den Director des Gefängniſſes zu zwingen, demſelben einen andern Aufenthaltsort anzuweiſen, ſo wußte er von dem Morde nichts, mit dem das Skelett ſeit Kurzem umging, und wußte eben ſo wenig, daß man auf ſeine Erzählung rechnete, um den Aufſeher zu täuſchen. „So komm doch, Faulpelz,“ ſagte Nicolaus zu nn Spitzigen, indem er ihm entgegen ging. „Laß Dein Fleiſch liegen und iß mit uns, ich lade Dich ein.“ „Wo denn?“ „Hier in dem Wärmeſaale; der Tiſch iſtg gededt — Wir haben Schinken, Eier und Käſe, — ich bezahle.“ „Mir recht; aber es iſt Schade, meine Portion einzubüßen; noch mehr Schade iſt es, daß meine Schweſter keinen Vortheil davon haben ſoll. Sie und ihre Kinder ſehen ſelten Fleiſch, außer etwa vor der Thüre der Fleiſcher.“ . 134 „Komm ſchnell; das Skelett verliert die Geduld und iſt im Stande, mit Barbillon Alles allein zu verſchlingen.“ Nicolaus und der Spitzige traten in den Wärmeſaal. Das Skelett ſaß rittlings auf dem Ende der Bank, auf welcher die Lebens⸗ mittel des Nicolaus lagen und fluchte und wetterte. „Wo bleibſt Du ſo lange?“ donnerte der Bandit den Er⸗ zähler an. „Er ſchwatzte mit Germain,“ ſagte Nicolaus, indem er von dem Schinken abſchnitt. „Ah, Du ſchwatzeſt mit Germain?“ wiederholte das Skelett mit einem forſchenden Blicke auf den Spitzigen, ohne aber ſein eifriges Kauen einzuſtellen. „Ja,“ antwortete der Erzähler; „er gehört auch zu denen, welche die Stiefelanzieher und die harten Eier nicht erfunden haben. Iſt dieſer Germain dumm! Ich ließ mir ſagen, er machte den Spion in dem Gefängniſſe; dazu iſt er zu dumm.“ „Meinſt Du?“ entgegnete das Skelett, indem der Bandit einen Blick mit Nicolaus und Barbillon wechſelte. „Gewiß; dumm wie das Schinkenbein da! Und wen ſoll er denn ausſpioniren? Er iſt ja immer allein, ſpricht mit Niemandem, und Niemand ſpricht mit ihm; er flieht vor uns, als hätten wir alle die Cholera. Er wird alſo verdammt wenig zu berichten haben. Uebrigens wird er auch nicht lange ſpioniren können, da er eine Zelle für ſich allein bekommt.“ „Er!“ rief das Skelett aus, „und wann?“ „Morgen früh.“ „Du ſiehſt, er muß ſogleich kalt gemacht werden. Er ſchläft nicht in meinem Saale; morgen wird es nicht mehr Zeit ſein. Heute haben wir nur Zeit bis vier Uhr, und jetzt iſt es ſchon bald „ ——— 135 drei Uhr,“ ſagte das Skelett leiſe zu Nicolaus, während der Spitzige mit Barbillon ſprach. „Das bleibt ſich gleich,“ entgegnete Nicolaus laut, als antwortete er auf eine Bemerkung des Skeletts; „Germain verachtet uns offen⸗ bar.“ „Im Gegentheile, Kinder,“ erwiederte der Spitzige, „er fürchtet ſich vor Euch; er hält ſich unter Euch für den Geringſten unter den Geringen. Wißt Ihr, was er eben zu mir ſagte?“ „Nein. Laß hören.“ „Er ſagte: Sie ſind ſehr glücklich, Spitziger, da Sie wagen mit dem berühmten Skelett zu reden (er ſagte berühmt) wie mit Ihresgleichen; ich brenne vor Verlangen, mit ihm zu reden, aber er macht einen ſo gewaltigen, ſo gewaltigen Eindruck auf mich, als ſähe ich den Herrn Polizeipräfecten mit Leib und Seele und überdies in Uniform vor mir — „Das hat er Dir geſagt?“ fragte das Skelett, der ſich ſtellte, als glaubte er die Worte. „So gewiß, als daß Du der größte Räuber auf Erden biſt, er hat es geſagt —“ „Dann iſt es was Anderes,“ fuhr das Skelett fort; „ich werde mich mit ihm ausſöhnen. — Barbillon hatte Luſt, Streit mit ihm anzufangen; er wird aber wohl thun, wenn er ihn in Ruhe läßt.“ „Er würde ſehr wohl daran thun,“ ſetzte der Spitzige hinzu, überzeugt, die Gefahr abgewendet zu haben, von welcher Germain bedroht war. „Er wird außerordentlich wohl thun, denn der arme Teufel würde nicht die Courage haben, ſich in einen Streit einzu⸗ laſſen; er gehört zu meiner Sorte: kühn wie ein Haſe.“ „Es iſt aber doch Schade,“ fuhr das Skelett fort. „Wir 136 rechneten auf dieſe Schlägerei als eine Unterhaltung — Nachmittags; die Zeit wird uns lang werden.“ „Ja, was fangen wir an?“ warf Nicvlaus ein. „Nun, wenn es ſo iſt und wenn der Spitzige eine Geſchichte erzählen will, ſo werde ich keinen Streit mit Germain ſuchen,“ ſagte Barbillon. „Das ginge!“ entgegnete der Erzähler; „die Bedingung läßt ſich hören; aber ich habe noch eine andere, und ohne die beiden erzähle ich nicht.“ „Laß Deine andere Bedingung hören.“ „Nun, die ehrenwerthe Geſellſchaft“, ſagte der Spitzige in ſeinem Jahrmarkttone, „wird zwanzig Sous für mich zuſammen⸗ ſteuern. Zwanzig Sous, meine Herren, um den berühmten Spitzigen zu hören, der die Ehre gehabt hat, vor den berühmteſten Dieben und Mördern Frankreichs und Navarras zu arbeiten, und der jeden Augenblick in Breſt und Toulon erwartet wird, wohin er ſich auf Beſehl der Regierung begiebt. — Zwanzig Sous! Es iſt faſt um⸗ ſonſt, meine Herren!“ „Man wird Dir zwanzig Sous geben, wann Du fertig biſt.“ „Nachher? Nein, — vorher,“ entgegnete der Spitzige. „Hör' einmal an, glaubſt Du, daß wir im Stande wären, Dich um Deine wanzig S Sous zu betrügen?“ antwortete das Skelett verletzt. „Keineswegs,“ entgegnete der Spitzige; „ich beehre die Ge⸗ ſellſchaft mit meinem ganzen Vertrauen und verlange die zwanzig Sous voraus, nur weil ich ihren Beutel ſchonen will.“ „Auf Ehre?“ 3. „Ja, meine Herren, denn nach meiner er 6 lung wird man ſo entzückt ſein, daß man mir nicht zwanzig Sous, ſondern zwanzig 16 137 Francs, hundert Francs aufnöthigen würde! Und ich kenne mich, ich würde die Schwäche haben, ſie anzunehmen. — Ihr ſeht alſo, daß Ihr, ſchon der Sparſamkeit wegen, beſſer thun werdet, wenn Ihr mir die zwanzig Sous voraus gebt.“ „Ja, dumm biſt Du nicht —“ „Ich habe eben nur meine Zunge und muß ſie brauchen. — Und dann befindet ſich meine Schweſter mit ihren Kindern in ſo ſchlimmer Lage, — die zwanzig Sous ſollen ihr zu Gute kommen.“ „Warum ſtiehlt Deine Schweſter nicht, und ihre Kinder auch, wenn ſie alt genug dazu ſind?“ fragte Nicolaus. „Sprecht nicht davon, — ſie betrübt, ſie entehrt mich, — aber ich bin zu gut —“ „Sag, zu dumm, weil Du ſie in ihrer Ehrlichkeit unter⸗ ſtützeſt —“ „Freilich, es iſt wahr, ich unterſtütze ſie in dem Laſter der Ehrlichkeit, aber ſie iſt nur gut zu dieſem Handwerke, ſie dauert mich, alſo — Abgemacht! Ich erzähle Euch meine berühmte Ge⸗ ſchichte von Gringalet und Schneidentzwei, Ihr zahlt mir zwanzig Sous, und Barbillon fängt keinen Streit mit dem Schwachkopfe von Germain an.“ „Man wird Dir zwanzig Sous geben, und Barbillon fängt keinen Streit mit dem Schwachkopfe von Germain an,“ beſtätigte das Skleett. „Sy ſperrt die Ohren auf! Aber es regnet, und die Zuhörer kommen von ſelbſt, man braucht ſie nicht hereinzutrommeln.“ Es fing wirklich an zu regnen, die Gefangenen verließen den Hof und flüchteten ſich in den Wärmeſaal, begleitet von dem Aufſeher. Dieſer Wärmeſaal war groß, lang, mit Steinen gepflaſtert 138 und hatte drei Fenſter, welche in den Hof ſahen. In der Mitte befand ſich der Ofen, neben welchem das Skelett, Barbillon, Ni⸗ colaus und der Spitzige ſtanden; auf einen Wink des Vorſtehers ſchloß ſich auch der dicke Lahme der Gruppe an. Germain war einer der Letzten, welche hereintraten, und dies⸗ mal mit den lieblichſten Gedanken beſchäftigt. Er ſetzte ſich auf dem letzten Fenſterbrette nieder, ſeinem gewöhnlichen Platze, den ihm Niemand ſtreitig machte, denn er war von dem Ofen entfernt, um den ſich die Gefangenen gruppirten. Funfzehn unter den Gefangenen etwa waren, wie erwähnt, von dem Verrathe unterrichtet, den man Germain vorwarf, und von dem Morde, der ihn dafür ſtrafen ſollte. Der Plan blieb indeß nicht verſchwiegen und fand bald ſo viele Zuſtimmende, als es Gefangene da gab. Die Elenden ſahen in ihrer blinden Granſamkeit dieſen entſetzlichen Hinterhalt für eine vollkommen rechtmäßige Rache an und erblickten darin' eine ſichere Bürgſchaft gegen die künftigen Anzeigen der Angeber. Germain, der Spitzige und der Aufſeher waren die einzigen⸗ die nicht wußten, was geſchehen ſollte. Die allgemeine Aufmerkſamkeit theilte ſich zwiſchen dem Henker, dem Opfer und dem Erzähler, welcher unſchuldiger Weiſe Germain die einzige Hülfe nehmen ſollte, die der Letztere erwarten konnte, denn es ließ ſich faſt wetten, daß der Aufſeher, wenn er die Ge⸗ fangenen aufmerkſam der Erzählung des Spitzigen zuhören ſah, ſeine Bewachung unnöthig halten und dieſen Augenblick der Ruhe benutzen würde, um ſeine Mahlzeit einzunehmen. Als alle Gefangenen beiſammen waren, ſagte das Skelett wirk⸗ lich zu dem Aufſeher: „Der Spitzige hat eine gute Idee, Alter; er will uns ſeine 139 Geſchichte von Gringalet und Schneidentzwei vortragen. Es iſt ein Wetter draußen, daß man nicht gern einen Polizeidiener hinaus⸗ ſchickt, und wir wollen ruhig die Zeit hier abwarten, bis wir uns auf die Ohren legen.“ „Wenn er ſchwatzt, verhaltet Ihr Euch allerdings ruhig. — Man hat dann wenigſtens nicht nöthig, Euch immer auf dem Nacken zu ſitzen.“ „Ja,“ entgegnete das Skelett, „aber der Spitzige läßt ſich ſein Erzählen theuer bezahlen; er verlangt zwanzig Sous —“ „Ja, zwanzig Sous, eine Bagatelle, ſo gut wie nichts,“ ſprach der Spitzige, „wenn man dagegen die Abenteuer des armen kleinen Gringalet, des ſchrecklichen Schneidentzwei und des bösartigen Gar⸗ gouſſe hören kann; ſie zerreißen das Herz und treiben die Haare zu Berge. Und wer gäbe die Bagatelle nicht, um ſich das Herz zerreißen, die Haare zu Berge treiben zu laſſen?“ „Ich gebe zwei Sous,“ ſagte das Skelett, während er dem Spitzigen das Geld hinwarf. — „Knickert Ihr bei einem ſolchen Vergnügen?“ ſetzte er hinzu, indem er ſeine Genoſſen mit bedeu⸗ tungsvollem Blicke anſah. Es fanden ſich von mehreren Seiten Sous ein zur großen Freude des Spitzigen, der dabei nur an ſeine Schweſter dachte. „Acht, neun, zehn, elf, zwölf, dreizehn!“ rief er aus, indem er das Geld aufhob, „nun, Ihr Reichen, Ihr Capitaliſten und Bankiers, noch eine kleine Anſtrengung! Bei dreizehn könnt Ihr nicht ſtehen bleiben, das iſt eine unglückliche Zahl. — Nur noch lumpige ſieben Sous! Was? Ich hoffe doch nicht, daß man ſagen dürfe, die Löwen⸗ grube könne nicht ſieben lumpige Sous zuſammenbringen! Meine Herren, man würde glauben, Ihr wäret mit Unrecht hierher ge⸗ kommen oder hättet keine glückliche Hand gehabt.“ —— ————.——— — . Die gellende Stimme und die Lazzis des Spitzigen hatten Germain aus ſeinem träumeriſchen Sinnen aufgeſchreckt, und um dem Rathe der Lachtaube zu folgen, ſich etwas populair zu machen, um zu gleicher Zeit dem armen Teufel, welcher ihm nützlich zu werden verſucht hatte, ein kleines Almoſen zu geben, ſtand er auf und warf ein Zehnſousſtück vor die Füße des Erzählers, der auf den edlen Geber deutete und ausrief: „Zehn Sous, meine Herren, wie Ihr ſeht! Ich ſprach von Capitaliſten, à la bonheur! er zeigt ſich als Bankier, als Geſandter, um der Geſellſchaft angenehm zu ſein⸗ Ja, meine Herten, ihm verdankt Ihr den größten Theil von Gringalet und Schneidentzwei, und Ihr werdet ihm den Dank nicht ſchuldig bleiben. Für die drei Sous, die darüber ſind, werde ich auch ein Uebriges thun und die Stimme der Perſonen nachahmen, ſtatt wie Ihr und ich zu reden. Auch dies verdankt Ihr dem reichen Capi⸗ taliſten da —“ „Schwatze nicht ſo viel und fange nun an,“ unterbrach ihn das Skelett. „Nur noch einen Augenblick, Shr Herren,“ ſagte der Spitzige; es iſt recht und billig, daß der Capitaliſt, der mir zehn Sous ehelen hat, den beſten Platz erhält, den Vorſteher ab der ſich den Platz ſelbſt ausſuchen kann.“ 1 Dieſer Vorſchlag war dem Skelett ganz recht, und der Bandit antwortete deshalb: „Ja, nach mir muß er den beſten Platz haben.“ Er ſah dabei die Gefangenen von Reuem bedeutungsvoll an. „Ja, ja, er mag herankommen.“ „Er ſetze ſich auf die erſte Bank.“ — — —— 141 „Sie ſehen, junger Mann, Ihre Freigebigkeit findet den ge⸗ bührenden Lohn. Die ehrenwerthe Geſellſchaft erkennt es an, daß Sie ein Recht auf den erſten Platz haben,“ ſagte der Spitzige zu Germain. Germain glaubte wirklich, ſeine Freigebigkeit habe ſeine Ge⸗ fährten günſtig für ihn geſtimmt; er verließ deshalb, trotz ſeinem Widerwillen, ſeinen Lieblingsplatz und näherte ſich dem Erzähler. Dieſer hatte nebſt Barbillon und Nicolaus vier bis fünf Bänke an den Ofen geſtellt und ſagte mit Emphaſe: „Das ſind die erſten Logen! Ehre wem Ehre gebührt! Zuerſt der Capitaliſt! Dann ſetzen ſich die, welche bezahlt haben,“ fuhr der Spitzige vergnügt fort, da er feſt glaubte, Germain habe keine Gefahr mehr zu fürchten. „Die, welche nichts bezahlt haben, mögen am Boden Flatz nehmen oder ſtehen, ganz nach Belieben —“ Der Spitzige ſtand am Ofen und ſchickte ſich an, zu erzählen. Neben ihm ſtand das Skelett, bereit ſich auf Germain zu ſtürzen, ſobald der Aufſeher den Saal verlaſſen haben würde. In einiger Entfernung von Germain nahmen Nicolaus, Bar⸗ billon, Cardillac und andere Gefangene, unter denen man auch den Mann mit der baumwollenen Mütze und der grauen Blouſe bemerkte, die letzten Bänke ein. Die meiſten Gefangenen, die hier und da in Gruppen am Fußboden ſaßen, daſtanden, ſich an die Wand gelehnt hatten, hildeten den Hintergrund dieſes auf Rem⸗ brandtſche Manier durch die drei großen Seitenfenſter beleuchteten Bildes. Der Aufſeher, welcher unbewußt durch ſein Fortgehen das Signal zur Ermordung Germains geben ſollte, ſtand neben der halboffenen Thüre. 142 „Sind wir fertig?“ fragte der Spitzige das Skelett. „Ruhe!“ rief dieſer Bandit, indem er ſich halb umdrehte; dann wendete er ſich an den Spitzigen und ſetzte hinzu: „nun fange an, wir hören zu.“ Es trat eine tiefe Stille ein. oxxRMR. Gringalet und Schneidentzwei. D S2 he wir die Erzählung des Spitzigen mittheilen, müſſen wir den Leſer daran erinnern, daß die meiſten Gefangenen ſeltſamer Weiſe und trotz ihrer Verderbtheit faſt immer die naiven Erzählungen lieben, in denen, nach den Geſetzen eines unerbittlichen Geſchicks, der Unterdrückte nach zahlloſen Prüfungen an ſeinem Tyrannen ge⸗ rächt wird. Wir ſind weit entfernt, im Geringſten die verdorbenen Menſchen mit der Maſſe des ehrlichen armen Volks vergleichen zu wollen; aber iſt es nicht bekannt, mit welchem raſenden Beifalle das Publikum der Boulevard⸗Theater die Befreiung des Opfers begrüßt und mit welchen leidenſchaftlichen Verwünſchungen es den Böſewicht und Verräther verfolgt? Man ſpottet gewöhnlich über dieſe rohen Aeußerungen des Mit⸗ gefühls für das Gute, Schwache, Verfolgte, und des Widerwillens gegen das Mächtige, Ungerechte, Grauſame. Man thut unſerer Meinung nach Unrecht. 144 Iſt nicht Alles zu hoffen von einem Volke, deſſen guter mora⸗ liſcher Sinn ſich ſo unfehlbar äußert? von einem Volke, das trotz der Wunderkraft der Kunſt nie zugeben würde, daß ſich ein drama⸗ tiſches Werk mit dem Triumphe des Böſewichts und der Unter⸗ drückung des Gerechten endigte? Dieſe verlachte, verſpottete, verachtete Thatſache erſcheint uns ſehr beachtenswerth wegen der Tendenzen, die ſie darthut und die ſich ſelbſt häufig, wir wiederholen es, unter den verworfenſten Menſchen finden, ſobald ſie gleichſam ruhen und nicht durch Noth oder Verführung zu neuen Verbrechen getrieben werden. Sollte man nicht glauben, weil ſelbſt im Verbrechen verhärtete Menſchen bisweilen noch an der Erzählung und dem Ausdrucke edler Gefühle innigen Antheil nehmen, daß in allen Menſchen, mehr oder weniger, die Liebe zum Schönen, zum Guten, zum Gerechten liege, daß aber die Armuth und die Verdummung dieſe göttlichen Inſtincte erſticken und ſo die erſte Urſache der menſchlichen Entartung werden? Iſt es nicht offenbar, daß der Menſch meiſt nur ſchlecht wird, weil er unglücklich iſt, und daß man ihm die Tugend möglich macht, wenn man ihn den ſchrecklichen Verſuchungen der Noth entreißt, indem man ſeinen materiellen Zuſtand auf billige Weiſe verbeſſert? Der Eindruck, welchen die Erzählung des Spitzigen hervor⸗ brachte, wird hoffentlich einige der oben ausgeſprochenen Ideen deutlich machen. Der Spitzge begann alſo ſeine Erzählung bei der tiefſten Stille der Zuhörer mit folgenden Worten: „Die Geſchichte, welche ich der ehrenwerthen Geſellſchaſt er⸗ „zählen will, iſt in einer ſchon lange vergangenen Zeit geſchehen. „Das ſogenannte Klein-Polen war noch nicht zerſtört. Die 145 „ehrenwerthe Geſellſchaft weiß ohne Zweifel, was⸗ Klein⸗Polen „war?“ — „Allerdings,“ antwortete der Gefangene mit der blauen Mütze und der grauen Blouſe, „es waren Häuschen an der Straße du Rocher und der Pepinidre.“ „Richtig, mein Sohn,“ fuhr der Spitzige fort, „und die Cité, „die doch bekanntlich keineswegs aus Paläſten beſteht, würde gegen „jenes Klein⸗Polen immer noch eine Straße Rivoli ſein; aber für „unſere Leute war ſie ein famoſer Platz; Straßen kannte man da „nicht, ſondern nur Gäßchen, Häuſer auch nicht, ſondern Hütten; „ebenſowenig hatte man dort Pflaſter, ſondern einen weichen Teppich „von Koth und Miſt, ſo daß ein Wagen keinen Lärm gemacht haben „würde, wenn einer durchgefahren wäre; es kam aber keiner dahin. „Von früh bis zum Abend, beſonders aber vom Abend bis zum „Morgen hörte man den Ruf: „zu Hülfe! Mörder! Diebe! Wache!“ „Aber die Wache rührte ſich nicht. Je mehr Leute in Klein⸗Polen „erſchlagen wurden, um ſo weniger gab es zu arretiren. 5 „Es wimmelte und krabbelte von Menſchen dort; Ihr hättet „as ſehen ſollen; freilich wohnten wenige Juweliere, Goldſchmiede „und Bankiers da, aber deſtomehr Leierkaſtenmänner, Bajazzos, „Polichinells, Bären- und Affenführer. Unter den letztern nun gab „es einen, den man Schneidentzwei nannte, ſo ſchlecht war er, „beſonders gegen die Kinder. Man nannte ihn Sch neidentzwei, „weil er mit einem Beilhiebe einen kleinen Savoyarden mitten durch „gehauen haben ſollte.“ Bei dieſer Stelle der Erzählung des Spitzigen ſchlug es ein Viertel auf vier Uhr. Da die Gefangenen ſich um vier Uhr in ihre Schlafſäle begeben, ſo mußte das Verbrechen des Skeletts vor dieſer Zeit vollbracht werden. Die Geheimniſſe von Paris. VII. 10 146 — „Tauſend Donnerwetter! Der Aufſeher geht nicht fort,“ ſagte dieſer Bandit leiſe zu dem dicken Lahmen. — „Sei nur ruhig; iſt einmal die Geſchichte im Zuge, ſo wird er ſich ſchon drücken —“ Der Spitzige fuhr fort: „Woher Schneidentzwei gekommen, wußte Niemand; Einige „ſagten, er ſei ein Italiener, Andere nannten ihn einen Zigeuner, „einen Türken, einen Afrikaner. Die guten Frauen ſahen in ihm „einen Hexenmeiſter, obgleich ein Hexenmeiſter in dieſer Zeit eine „närriſche Rolle geſpielt haben würde. Ich für meinen Theil möchte „aber doch den Frauen beiſtimmen, und zwar deshalb, weil er immer „einen großen rothen Affen bei ſich hatte, der Gargouſſe hieß „und ſo bösartig war, daß man hätte ſagen können, er habe den „Teufel im Leibe gehabt. — Ich werde gleich mehr von dieſem „Gargouſſe erzählen. Jett will ich Euch den Schneidentzwei be⸗ „ſchreiben; er hatte eine Farbe wie Stiefelſtolpen, rothe Haare wie „ſein Affe, grüne Augen und eine ſchwarze Zunge, weshalb ich ihn „denn auch wie die guten Hausfrauen für einen Hexenmeiſter halte.“ — „Eine ſchwarze Zunge?“ fragte Barbillon. „Schwarz wie Dinte,“ antwortete der Spitzige. — „Warum?“ „Weil ſeine Mutter während ihrer Schwangerſchaft wahrſcheinlich „von einem Neger geſprochen hatte,“ entgegnete der Spitzige mit beſcheidener Beſtimmtheit. „Mit dieſen Vorzügen verband nun „Schneidentzwei das Gewerbe, ich weiß nicht wie viele Schildkröten, „Affen, Meerſchweinchen, weiße Mäuſe, Füchſe und Murmelthiere „zu halten, die einer gleichen Anzahl von kleinen Savoyarden oder „verlaſſenen Kindern entſprachen. „ „Alle Morgen gab Schneidentzwei einem Jeden ſein Vieh und 8. ———————᷑—— ———.— — — 147 „ein Stück ſchwarzes Brod, und nun fort — zum Betteln. Die⸗ „jenigen, welche Abends nicht wenigſtens funfzehn Sous brachten, „wurden geprügelt, und wie geprügelt! Im Anfange hörte man die „Kinder von einem Ende Klein⸗Polens bis zum andern ſchreien. „Ich muß nun auch erwähnen, deß in Klein⸗Polen ein Mann „lebte, den man den Alten nannte, weil er der älteſte dort und „gleichſam der Maire, der Vorſteher, der Friedens⸗ oder vielmehr „Streitrichter war, denn zu ihm ging man (er war Weinſchenke und „Garkoch), wenn man auf keine andere Weiſe fertig werden konnte. „Obgleich nun der Alte ſehr alt war, ſo war er doch ſtark, wie „Hereules, und ſehr gefürchtet. Man ſchwur in Klein⸗Polen nur „bei ihm. Sagte er: es iſt gut, ſo ſagten alle Andern auch: es iſt „gut; ſagte er: das iſt ſchlecht, ſo ſagten die Andern alle ebenfalls: „das iſt ſchlecht. Uebrigens war er im Grunde ein guter Mann, „aber ein ſchreckbarer, wenn z. B. ſtarfe Leute Schwächere malträ⸗ „tirten, ſo konnten ſie ſich nur vor ihm in Acht nehmen. „Da der Alte der Nachbar Schneidentzweis war, ſo hatte er „im Anfange die Kinder ſchreien hören wegen der Schläge, die ſie „von dem Thierbeſitzer erhielten. Gleich dachte er bei ſich: wenn „ich die Kinder noch einmal ſchreien höre, ſo ſoll das Schreien an „Dich kommen, und da Du eine ſtärkere Stimme haſt, ſo werde ich „auch ſtärker aufklopfen.“ — „Ein prächtiger Kerl, der Alte; er gefällt mir,“ ſagte der Gefangene mit der blauen Mütze. — „Mir auch,“ ſetzte der Aufſeher hinzu, der näher an die Gruppe trat. Das Skelett konnte eine Bewegung der Ungeduld nicht unter⸗ drücken. Der Spitzige fuhr fort: 148 „Des Alten wegen, welcher Schneidentzwei gedroht hatte, hörte „man die Kinder nicht mehr in der Nacht in Klein-Polen ſchreien, „aber die armen Kleinen hatten es deshalb nicht beſſer, denn ſie „ſchrieen, wenn ſie ihr Herr ſchlug, blos deshalb nicht, weil ſie noch „mehr geſchlagen zu werden fürchteten. Daß ſie ſich bei dem Alten „hätten beſchweren können, fiel ihnen gar nicht ein. „Für die funfzehn Sous, die jeder der Kleinen Abends bringen „mußte, erhielten ſie von Schneidentzwei Wohnung, Koſt und „Kleidung. „Abends ein Stück ſchwarzes Brot wie zum Frühſtück, — das „war die Koſt; Kleidungsſtücke gab er ihnen gar nicht, — das war „die Kleidung; und Abends ſperrte er ſie mit dem Viehe zuſammen „in einer Dachkammer ein, zu der man auf einer Leiter hinauf „ſteigen mußte, — das war die Wohnung. Waren die Thiere und „die Kinder zuſammen oben auf dem Stroh, ſo zog er die Leiter „zurück und ſchloß die Fallthüre zu. „Ihr könnt Euch das Leben und den Lärm denken, den dieſe „Affen, Meerſchweinchen, Füchſe, Mäuſe, Schildkröten, Murmel⸗ „thiere und Kinder ohne Licht in der Kammer machten, die ſo „klein war, daß ſie ſich kaum rühren konnten. Schneidentzwei ſchlief „in einer Kammer darunter und hatte ſeinen großen Affen Gar⸗ „gouſſe bei ſich, der an ſeinem Bette angebunden war. Wenn es „oben gar zu arg rumorte und ſchrie, ſtand Schneidentzwei ohne „Licht auf, nahm eine große Peitſche, ſtieg auf der Leiter hinauf⸗ „öffnete die Fallthüre und ſchlug im Finſtern mit der Peitſche unter „den krabbelnden Haufen von Kindern und Vieh. „Da er immer vierzehn, funfzehn Kinder hatte und einige der „unſchuldigen Würmer ihm bisweilen bis zwanzig Sous brachten, „ſo blieben dem Schneidentzwei nach Abzug der Koſten, die nicht — —————— ——— 149 „groß waren, vier Franes oder hundert Sous täglich übrig. Das „vertrank er, und einmal des Tages wenigſtens war er total ſchwarz. „— Das war ſeine Lebensweiſe, und er ſagte, er müſſe ſo leben, „ſonſt litte er den ganzen Tag an Kopfſchmerzen. Von dem Gelde „kaufte er aber auch Schöpsherzen für Gargouſſe, denn ſein großer „Affe fraß rohes Fleiſch wie ein Wilder. „Aber ich ſehe, die ehrenwerthe Geſellſchaft möchte auch n „von Gringalet hören; alſo, meine Herren —“ — „Ja, Gringalet, dann gehe ich und eſſe meine Suppe,“ ſagte der Aufſeher. „Unter den Kindern, die Schneidentzwei mit ſeinem Viehe aus⸗ „ſchickte“ fuhr der Spitzige fort, „befand ſich auch ein armer kleiner „Teufel mit Namen Gringalet, der weder Vater noch Mutter, „weder Bruder noch Schweſter hatte und ganz mutterſcelenallein in „der Welt ſtand, in die er nicht freiwillig gekommen war und die „er wieder verlaſſen konnte, ohne daß Jemand darauf geachtet hätte. „Er war klein, ſchwächlich, kränklich, daß es einen Stein hätte „erbarmen können. Man hätte ihn für ſieben oder höchſtens acht „Jahre alt gehalten, er war aber dreizehn alt. Wenn er ſo nur „halb ſo alt ausſah, wie er wirklich war, ſo geſchah es nicht aus böſem „Willen, — er hatte nur etwa alle zwei Tage einmal gegeſſen, und da „och ſo wenig, ſo wenig, und ſo ſchlecht, ſo ſchlecht, daß es wirk⸗ „lich zu verwundern war, wie er noch ſieben Jahre alt ausſehen „konnte.“ — „Der arme Teufel! Es ſn mir, als ſähe ich ihn vor mir,“ fiel der Gefangene mit der blauen Mütze ein. „Und es giebt ſo viele Kinder der Art — kleine, halbverhungerte Würmer —“ — „Sie müſſen jung anfangen, um ſich daran zu gewöhnen,“ entgegnete der Spitzige mit bitterm Lächeln. — „Mach weiter — geſchwind!“ rief das Skelett barſch aus. „Der Herr Aufſeher verliert die Geduld, ſeine Suppe wird kalt.“ — „Das bleibt ſich gleich,“ entgegnete der Aufſeher. „Ich will Gringalet noch etwas genauer kennen lernen; es amüſirt mich.“ — „Ja, es iſt ſehr intereſſant,“ ſetzte Germain hinzu, der auf⸗ merkſam zugehört hatte. „Ich danke für Ihre Bemerkung, Herr Capitaliſt“, antwortete der Spitzige; „das macht mir noch mehr Vergnügen als Ihre 10 Sous.“ — „Donnerwetter!“ ſchrie das Skelett; „wird's bald werden?“ — „Sogleich,“ entgegnete der Spitzige. „Schneidentzwei hatte eines Tages Gringalet halb verhungert „und halb erfroren auf der Straße aufgeleſen; er hätte beſſer gethan, „wenn er ihn hätte ſterben laſſen. Da nun Gringalet ſchwach war, „wurde er von den andern Kindern geneckt, die ihn prügelten und „ihm ſo arg mitſpielten, daß er wohl bösartig geworden wäre, wenn „es ihm nicht an Muth und Kraft gefehlt hätte. „Aber nein, wenn er tüchtig geprügelt worden war, weinte er „und ſagte; „ich habe Niemandem etwas zu Leide gethan, und mir „thut Jedermann Leids an; das iſt nicht recht. — Ach, wenn ich „ſtark und muthig wäre!“ — Ihr glaubt vielleicht, Gringalet wollte „hinzuſetzen: ſo würde ich es den andern ſchon entgelten laſſen. O, „keineswegs, nichts weniger; er ſagte: „wenn ich ſtark und muthig „wäre, würde ich die Schwachen gegen die Starken vertheidigen, „denn ich bin ſchwach und muß von den Starken viel leiden. „Da er aber nun einmal die Starken nicht hindern konnte, die „Schwachen zu quälen, ſo hinderte er wenigſtens, daß die großen „Thiere die kleinen fraßen —“ — „Das iſt ein drolliger Einfall!“ rief der Gefangene in der blauen Mütze dazwiſchen. 151 „Noch drolliger iſt es,“ fuhr der Erzähler fort, „daß dieſer Ein⸗ „fall für Gringalet ein Troſt wegen der Schläge zu ſein ſchien, die „er erhielt. Das beweiſt gewiß, daß er im Grunde kein ſchlechtes „Herz hatte —“ — „Das glaube ich! Im Gegentheil —“, ſagte der Aufſeher. „Der Spitzige erzählt ſehr gut.“ In dieſem Augenblicke ſchlug es halb vier Uhr. Der Henker Germains und der dicke Lahme wechſelten einen bedeutungsvollen Blick. Die Zeit rückte vor, der Aufſeher ging nicht fort, und einige der Gefangenen, die am wenigſten verhärteten, ſchienen den ſchrecklichen Plan des Skeletts gegen Germain faſt zu vergeſſen, ſo begierig hörten Sie der Erzählung des Spitzigen zu. „Wenn ich ſage,“ fuhr dieſer fort, „Gringalet hinderte die „großen Thiere die kleinen zu freſſen, ſo verſteht ſich, daß er ſich „nicht in die Angelegenheiten der Löwen, der Tiger, der Wölfe, noch „ſelbſt der Füchſe und Affen in der Menagerie Schneidentzweis „miſchte; dazu war er zu furchtſam; ſobald er aber z. B. eine Spinne „in ihrem Netze lauern ſah, um eine arme leichtſinnige Fliege zu „fangen, die ſorglos in der Sonne des licben Gottes herumflatterte, „ohne Jemanden zu beläſtigen, plautz! ſchlug Gringalet mit dem „Stocke in das Netz, befreite die Fliege und zermalmte die Spinne „wie ein Held, — ja, ja, wie ein Held, denn er wurde weiß wie vein neugewaſchenes Hemd, wenn er ſolch garſtiges Vieh angriff; „er mußte allen Muth zuſammennehmen, da er ſich doch vor einem „Maikäfer fürchtete und lange Zeit gebraucht hatte, ehe er ſich an „die Schildkröte gewöhnte, mit der ihn Schneidentzwei jeden Morgen „ausſchickte. Auch bewies Gringalet, weil er ſeine Furcht vor den „Spinnen überwand, um die Fliegen zu befreien —“ — „Eben ſo viel Courage wie ein Mann, der einen Wolf an⸗ greift, um ihm ein Lamm aus den Zähnen zu reißen,“ fiel der Gefangene in der blauen Mütze ein. „Oder wie Jemand, der ſich an Schneidentzwei gewagt hätte, um ihm Gringalet aus den Klauen zu reißen,“ ſetzte Barbillon hinzu, deſſen Aufmerkſamkeit durch die Erzählung ebenfalls ſehr gefeſſelt wurde. „Ihr habt vollkommen Recht,“ fuhr der Spitzige fort. „Nach „ſolchen Heldenthaten fühlte Gringalet ſich nicht mehr ſo unglücklich. „Ob er gleich ſonſt nie lachte, ſo lächelte er dann, ſetzte die Mütze „(wenn er eine hatte) auf ein Ohr und ſang die Marſeillaiſe mit „Siegermiene. In ſolchen Augenblicken würde es keine Spinne gewagt „haben, ihm in's Geſicht zu ſehen. „Ein anderes Mal fiel ein Heimchen in's Waſſer und zappelte „vor Angſt zu ertrinken; gleich war Gringalet bei der Hand, griff „muthig mit den Fingern in das Waſſer, holte das Heimchen heraus „und legte es in's ſonnige Gras. Ein Schwimmer mit Rettungs⸗ „medaillen am Rocke, der den zehnten Verunglückenden gerettet, „würde nicht ſtolzer geweſen ſein als es Gringalet war, wenn er „das Heimchen wohl und munter davonlaufen ſah — „Das Heimchen gab ihm weder Geld noch eine Medaille, ja es „bedanfte ſich nicht einmal bei ihm, eben ſo wenig wie die Fliege. „— Aber, Spitziger, wird die ehrenwerthe Geſellſchaft ſagen, welches „Vergnügen fand denn Gringalet, der von Jedermann geprügelt „wurde, darin, Heimchen zu retten und Spinnen zu tödten? Warum „rächte er ſich nicht dadurch, daß er ſo viel Schlimmes that, wie er „nach ſein Kräften thun konnte, z. B. indem er Fliegen von Spinnen „freſſen oder Heimchen ertrinken ließ oder gar Heimchen ſelbſt er⸗ „ſäufte?“ —.— 153 — „Ja, warum rächte er ſich nicht ſo?“ fragte Nicolaus. — „Was würde ihm dies genützt haben?“ warf ein Anderer ein. — „Er hätte gequält, weil man ihn quälte,“ erläuterte ein Dritter. — „Nein! Ich ſehe es ein, warum der arme Kerl gern Fliegen rettete,“ ſagte der Gefangene mit der blauen Mütze. „Er dachte vielleicht bei ſich: „wer weiß, ob man mich nicht auch einmal ſo rettet.“ „Der Camerad hat Recht,“ entgegnete der Spitzige, „er hat „errathen, was ich der ehrenwerthen Geſellſchaft eben ſagen wollte. „— Gringalet war nicht boshaft; auch ſah er nicht weiter als bis „zu ſeiner Naſenſpitze; aber er dachte bei ſich: Schneidentzwei iſt „meine Spinne, vielleicht thut einmal Jemand für mich, was ich „für die armen Brummfliegen thue, — vielleicht zerreißt man ihm „ſein Netz und befreit mich aus ſeinen Klauen. — Selbſt ſich zu retten, davon zu laufen, würde er nicht gewagt haben. Eines „Abends aber, als weder er noch ſeine Schildkröte Glück gehabt „und nur drei Sous verdient hatten, prügelte Schneidentzwei den „armen Gringalet ſo ſehr, ſo ſehr, daß er es wahrhaftig nicht mehr „aushalten konnte. Er lauerte auf den Augenblick, als die Fall⸗ „thüre offen war, und lief auf der Leiter hinunter, während Schneid⸗ „entzwei ſein Vieh fütterte —“ — „Deſto beſſer!“ ſagte Einer der Gefangenen. — „Warum beſchwerte er ſich nicht bei dem Alten?“ warf der Mann mit der blauen Mütze ein; „Schneidentzwei würde ſein Theil erhalten haben.“ „Das wagte er nicht, er fürchtete ſich zu ſehr und wollte lieber „verſuchen, ob er davon laufen könnte. Leider hatte ihn Schneidentzwei „geſehen, packte ihn am Halſe und zog ihn wieder in die Boden⸗ 154 „ammer hinauf. Gringalet zitterte diesmal am ganzen Körper, „wenn er bedachte, was ihn erwarte — „Ich muß nun von Gargvuſſe, dem großen Liebesaffen Schneid⸗ „entzweis, etwas ſagen. Das boshafte Thier war wahrhaftig „größer als der kleine Gringalet. Hört mich an, warum man ihn „nicht auch wie die andern Thiere der Menagerie auf der Straße „eigte. Gargouſſe war ſo boshaft und ſo ſtark, daß unter allen „den Knaben nur ein Auvergnat von vierzehn Jahren, ein ent⸗ „ſchloſſener Burſch, ihn hatte bändigen und an der Kette halten „können, nachdem er ſich oft mit ihm geſchlagen. Und Blut mußte „er doch noch immer oft laſſen, wenn der boshafte Affe tückiſch „wurde. „Warte,“ dachte da der Junge eines Tages bei ſich, „ich „will mich ſchon an Dir rächen.“ Er zog eines Morgens mit ihm „aus wie gewöhnlich und kaufte ihm, um ihn zu ködern, ein „Schöpsherz. Während Gargouſſe fraß, zog der Junge einen „Strick durch das Ende ſeiner Kette, band den Strick an den „Baum und prügelte dann das Thier weidlich durch.“ — „Das war recht gethan.“ — „Bravo!“ — „Immer drauf!“ „Ja, er ſchlug immer brav drauf,“ fuhr der Erzähler fort. „Ihr hättet ſehen ſollen, wie Gargouſſe ſchrie, die Zähne letſchte, „emporſprang, hin und her hüpfte; aber der Burſche ſchlug immer „darauf, haſt Du nicht geſehen —! „Leider iſt es bei den Affen wie bei den Katzen, ſie haben ein „zähes Leben. Gargouſſe war nun eben ſo pfiffig wie boshaft. „als er merkte, wo es hinauswollte, machte er plötzlich nach einem „tüchtigen Hiebe einen letzten Luftſprung, fiel der Länge lang am 155⁵ „Baume nieder, ächzte, ſtreckte alle viere von ſich, ſtellte ſich todt „und rührte ſich eben ſo wenig wie ein Stück Holz. „Weiter wollte der Auvergnat nichts. Er glaubte, der Affe „ſei todt, machte ſich aus dem Staube und ließ ſich bei Schneid⸗ „entzwei nicht wieder ſehen. Aber Gargouſſe blinzelte ihm nach, „und ſobald er ſah, daß er allein, daß der Auvergnat fort war, biß er „den Strick entzwei, der ſeine Kette an dem Baume feſthielt. Das „Boulevard Monceau, wo der Tanz vor ſich gegangen, war ganz „nahe bei Klein-Polen; der Affe wußte den Weg auswendig wie „ein Vaterunſer und kam zu ſeinem Herrn, der vor Wuth ſchäumte, „als er ſeinen Affen ſo zugerichtet ſah. Bon dieſer Zeit an hatte „Gargouſſe einen ſolchen Groll gegen alle Kinder im Allgemeinen, „daß Schneidentzwei, der doch gar nicht weichherzig war, ihn keinem „mitzugeben wagte, weil er ein Unglück fürchtete. Gargouſſe wäre „im Stande geweſen, ein Kind zu erwürgen und aufzufreſſen. Auch „würden die kleinen Thierzeiger, die das recht wohl wußten, ſich „von Schneidentzwei lieber haben halbtodt ſchlagen laſſen, als daß „ſie ſich an den Affen wagten.“ — „Ich muß meine Suppe eſſen,“ ſagte der Aufſeher, indem er nach der Thüre zu ging. „Der Spitzige lockt mit ſeinen Ge⸗ ſchichten die Vögel von den Bäumen herunter und zwingt ſie, ihm zuzuhören. Gott weiß, woher er das nimmt, was er erzählt.“ — „Endlich geht der Aufſeher,“ ſagte leiſe das Skelett zu dem dicken Lahmen; „ich halte es nicht länger aus. — Sorgt nur dafür, daß Ihr Euch dicht um den Angeber herum ſtellt, das Uebrige iſt meine Sache —“ — „Verhaltet Euch ruhig,“ ſagte der Aufſeher, indem er nach der Thüre hin ging. — „Ruhig wie die Bildſäulen,“ antwortete das Skelett, indem 4ℳ 156 der Bandit ſich Germain näherte, während der dicke Lahme und Nicolaus, nachdem ſie ſich durch einen Wink verſtändigt hatten, ebenfalls ein paar Schritte näher traten. — „Ach, Herr Aufſeher, Sie gehen gerade bei der ſchönſten Stelle fort,“ ſagte der Spitzige mit einem vorwurfsvollen Blicke. Wäre der dicke Lahme nicht geweſen, der ihn raſch am Arme ergriff, das Skelett hätte ſich auf Germain geſtürzt. — „Wie ſo bei der ſchönſten Stelle?“ antwortete der Aufſeher, indem er ſich nach dem Erzähler umdrehte. WintnDas glaube ich,“ ſagte der Spitzige; „Sie wiſſen gar nicht, was Sie einbüßen. — Das Schönſte in meiner Geſchichte fängt eben erſt an —“ — „Hören Sie nicht auf ihn,“ ſagte Skelett, mit Mühe ſeine Wuth an ſich haltend; „er iſt heute nicht im Zuge, ich finde ſeine Erzählung ſehr albern wie alles —“ — „Meine Erzählung albern?“ entgegnete der Spitzige in ſeiner Erzählereitelkeit verletzt; „Herr Auſſeher, nun bitte ich Sie, bleiben Sie bis zum Ende, — es dauert höchſtens noch eine Viertelſtunde. Uebrigens iſt Ihre Suppe ſo ſchon kalt, Sie büßen alſo nichts ein. Ich werde mich beeilen, ſo daß Sie ihre Suppe noch eſſen können, ehe wir in die Schlafſäle hinaufgehen.“ — „Ich bleibe, aber erzähle raſch,“ ſagte der Aufſeher, indem er wieder näher trat. — „Daran thun Sie ſehr recht; Sie werden, ohne mich zu rüh⸗ men, nichts dergleichen gehört haben, namentlich am Ende, — bei dem Triumphe des Affen und Gringalets, die alle kleine Thierführer und alle Bewohner Klein⸗Polens begleiteten. Auf Ehre, 's iſt prächtig.“ — „So etzähle ſchnell,“ ſagte der Aufſeher, der wieder an den Ofen trat. 157 Das Skelett zitterte vor Wuth. Es wurde faſt wahrſcheinlich, daß das Verbrechen nicht ausgeführt werden könnte. War einmal die Zeit des Schlafengehens gekommen, ſo war Germain gerettet, denn er befand ſich nicht in demſelben Schlafſaale mit ſeinem unverſöhnlichen Feinde, und am andern Tage ſollte er bekanntlich eine leergewordene einzelne Zelle erhalten. Dann erfannte Skelett auch an den Unterbrechungen durch mehrere Gefangene, daß ſie durch die Erzählung des Spitzigen mit⸗ leidig geſtimmt werden konnten; vielleicht ſahen ſie dann dem ſchreck⸗ lichen Morde, um den es ſich handelte, nicht gleichgiltig zu. Das Skelett konnte den Erzähler verhindern, die Geſchichte zu Ende zu bringen; aber dann ſchwand auch die letzte Hoffnung, den Aufſeher gehen zu ſehen. „Die ehrenwerthe Geſellſchaft mag ſelbſt urtheilen, ob meine „Geſchichte albern iſt,“ ſprach der Spitzige weiter. „Es gab alſo „kein boshafteres Thier als den großen Affen, Gargouſſe, der na⸗ „mentlich gegen die Kinder ſo erbittert war wie ſein Herr. — „Was that Schneidentzwei, um Gringalet für den Fluchtverſuch zu „ſtrafen? Das ſollt Ihr ſogleich erfahren. Er nahm das Kind, „ſperrte es für die Nacht wieder in der Dachkammer ein und ſagte: „morgen früh, wenn alle andern fort ſind, werde ich Dich vor⸗ „nehmen, und Du wirſt ſehen, was ich mit denen anfange, die aus⸗ „reißen wollen —“ „Ihr könnt Euch denken, welche ſchreckliche Nacht der arme „Gringalet verbrachte. Er that faſt kein Auge zu und fragte ſich „immer, was wohl Schneidentzwei mit ihm vornehmen wolle. „Nachdem er lange darüber nachgedacht, ſchlief er doch ein. — Aber „was für ein Schlaf war es! neberdies hatte er einen Traum, 158 „einen ſchrecklichen Traum, d. h. einen Traum, der im Anfange „ſchrecklich war, — Ihr werdet ſehen —“ „Er träumte, er ſei eine der armen Fliegen, von denen er „viele aus Spinneweben befreit hatte, und befinde ſich in einem „großen ſtarken Netze, in dem er mit allen Kräften zappele, ohne „ſich freimachen zu können. Dann ſah er langſam und heimtückiſch „ein Ungeheuer auf ſich zukommen, das das Geſicht Schneidentzweis „und einen Spinnenkörper hatte. „Mein armer Gringalet fing an zu zappeln, wie Ihr Euch „wohl denken könnt; aber je eifriger er war, um ſo mehr verwirrte „er ſich in dem Netze, wie es den armen Fliegen ergeht. — End⸗ „lich kam die Spinne heran, — ſie berührte ihn, er fühlte ſich von „den großen, kalten, haarigen Beinen des ſchrecklichen Thieres „ergriffen, fortgezogen, — er war ſchon halb todt, aber da hörte „er plötzlich ein leiſes helles Geſumme und ſah eine ſchöne goldene „Fliege, die einen zierlichen Spieß gleich einer Diamantnadel „führte, erzürnt um die Spinne herumfliegen, und eine Stimme „(wenn ich ſage eine Stimme, ſo denkt Euch die Stimme einer „Fliege) ſagte zu ihm: „arme it Fliege, — Du haſt Fliegen „gerettet, — die Spinne ſoll —“ Leider erwachte Gringalet plötzlich und ſah das Ende des „Traumes nicht. Dennoch war er anfangs einigermaßen beruhigt „und dachte bei ſich: vielleicht hätte die goldene Fliege mit dem „Diamantſpieße die Spinne getödtet, wenn ich das Ende des „Traumes geſehen. „Wenn aber auch Gringalet ſich mit ſolchen Gedanken wiegte, „um ſich zu beruhigen und zu tröſten, ſo konnte er doch ſeine Angſt „nicht unterdrücken, und je näher der Morgen kam, um ſo ſtärker wurde ſie, bis er endlich den Traum vergaß oder vielmehr nur * — 7 159 „an das Schreckliche deſſelben dachte, an das große Netz, in dem „er gefangen geweſen, und an die Spinne mit dem Geſichte Schneid⸗ „entzweis. — Ihr könnt Euch denken, wie er vor Furcht zitterte, „der arme Junge, ſo allein, ganz allein, ohne Jemanden, der ihn „vertheidigen mochte. „Früh, als er die Morgendämmerung durch das Fenſterchen „der Dachkammer hereinblicken ſah, verdoppelte ſich ſeine Angſt, „denn der Augenblick rückte heran, da er mit Schneidentzwei allein „ſein ſollte. Da ſiel er mitten in der Bodenkammer auf ſeine „Kniee, weinte heiße Thränen und bat ſeine Cameraden, ſie möchten „Schneidentzwei für ihn um Gnade bitten oder ihm beiſtehen zu „entkommen. Ach, alle ſchlugen dem armen Gringalet die Bitte ab, „einige aus Furcht vor dem Herrn, andere aus Sorgloſigkeit und „noch andere aus Bosheit.“ — „Böſe Buben!“ rief der Gefangene mit der blauen Mütze aus; „hatten kein Herz im Leibe!“ — „s iſt wahr,“ meinte ein Anderer, „es bleibt rührend, den armen Kleinen von der ganzen Welt verlaſſen zu ſehen.“ — „Und allein, ohne Vertheidiger,“ fuhr der Gefangene in der blauen Mütze fort; „man muß doch Jeden bedauern, der nichts thun kann als geduldig den Hals hinzuhalten. — Hat Einer Zähne, um zu beißen, ah, dann iſt es etwas Anderes; dann mag er ſich ſeiner Haut wehren.“ — „Das iſt wahr,“ meinten mehrere Gefangene. — „Nun,“ rief das Skelett, das ſeine Wuth nicht mehr bergen konnte, zu dem Gefangenen in der blauen Mütze gewendet, aus: „Wirſt Du wohl Dein Maul halten? Habe ich nicht Ruhe geboten? Bin ich der Vorſteher oder nicht?“ Der Mann in der blauen Mütze ſah ſtatt aller Antwort dem 160 Skelett keck in das Geſicht und machte dann die bekannte höhnende Geberde, indem er den Daumen der fächerartig ausgeſtreckten rechten Hand an die Naſenſpitze und den kleinen Finger an den Daumen der ebenfalls ausgeſpreitzten linken Hand ſtützte. Dieſe ſtumme Ant⸗ wort begleitete er mit einem grotest verzerrten Geſicht, daß mehrere Gefangene laut auflachten, während Andere dagegen über die Keck⸗ heit des neuen Gefangenen ſtaunten, der ſich gegen das allgemein gefürchtete Skelett aufzulehnen wagte. Dieſer Bandit ballte die Fauſt gegen den Gefangenen in der blauen Mütze und ſagte zähneknirſchend zu ihm: „Wir werden morgen mit einander rechnen —“ „Ich werde Dir das Addiren lehren, ſorge nicht — um dem Aufſeher nicht einen neuen Grund zum Bleiben zu geben, antwortete das Skelett ruhig: „Davon iſt die Rede nicht; ich habe auf Ordnung hier zu ſehen, und man muß auf mich hören, nicht wahr, Aufſeher?“ „Allerdings,“ antwortete der Aufſeher. „Unterbrich nicht, und Du, Spitziger, fahre fort, aber mach' ſchnell.“ — CXL. V Der Triumph Gringalet's und Gargouſſe's. Yringalet,“ fuhr der Spitzige fort, „der ſich ſo ganz ver⸗ „laſſen ſah, mußte ſich alſo in ſein unglückliches Schickſal ergeben. „Es wurde endlich Tag, und alle Kinder machten ſich bereit, mit „ihren Thieren fortzugehen. Schneidentzwei öffnete die Fall⸗ „thüre und rief jeden einzeln auf, um ihm ſein Stück Brod zu „geben. Alle ſtiegen auf der Leiter hinunter, während ſich Grin⸗ „galet, mehr todt als lebendig, mit ſeiner Schildkröte in einen „Winkel drückte und ſich nicht rührte. Er ſah einen ſeiner Cameraden „nach dem andern abziehen und hätte viel darum gegeben, wenn er „ihnen hätte folgen können. — Endlich verließ der letzte die Boden⸗ „kammer. Dem armen Knaben klopfte das Herz gewaltig, ob er „gleich bisweilen hoffte, ſein Herr würde ihn vergeſſen. Ach ja! „Eben rief Schneidentzwei, der unten an der Leiter geblieben war, „mit ſtarker Stimme: Gringalet! — Gringalet!“ „Hier, Herr!“ „Komm ſogleich herunter, oder ich hole Dich,“ ſprach Schneid⸗ „entzwei weiter. Die Geheimniſſe von Paris. VII. 11 162 „Gringalet glaubte, ſein jüngſter Tag ſei gekommen. „Nun,“ „dachte er bei ſich, und er zitterte an den Gliedern, während er an „ſeinen Traum dachte, „nun biſt Du arme Fliege in dem Netze; die „Spinne wird Dich packen —“ „Nachdem er ſeine Schildkröte vorſichtig und ſanft auf den „Boden gelegt hatte, nahm er gleichſam Abſchied von ihr, denn er „hatte das Thier ordentlich lieb gewonnen und trat an die Fall⸗ „thüre. Schon hatte er den Fuß auf die oberſte Sproſſe geſetzt, „als Schneidentzwei ihn an dem armen ſpindeldürren Beine packte „und ſo ſtark zog, daß Gringalet ſich nicht halten konnte, an der „Leiter herunter ruſchte und mit dem Geſichte auf alle Sproſſen „aufſchlug.“ — „Wie Schade, daß der Alte von Klein⸗Polen nicht da war! Er würde einen ſchönen Tanz mit Schneidentzwei aufgeführt haben,“ ſagte der Mann in der blauen Mütze; „in ſolchen Augenblicken iſt es ſchön, ſtark zu ſein.“ „Ja wohl, aber leider war der Alte nicht da. Schneidentzwei packte alſo den armen Kleinen an den Beinkleidern und trug ihn „in ſeine Schlafkammer, wo der große Affe an dem Bette angebunden „war. Sobald das böſe Vieh das Kind ſah, fing es an zu ſpringen „und die Zähne zu jletſchen wie wüthend und lief, ſo weit es die „Kette erlaubte, Gringalet entgegen, als wollte es den Armen „freſſen“ — „Armer Gringalet! Wie wird es ihm ergehen?“ — „Wenn er in die Klauen des Affen fällt, iſt er verloren.“ — „Donnerwetter!“ rief der Mann in der blauen Mütze; „ich könnte in dieſem Augenblicke keinem Floh etwas zu Leide thun. Und Ihr, Freunde?“ „Ich auch nicht.“ 163 — „Ich auch nicht.“ In dieſem Augenblicke ſchlug es drei Viertel auf vier Uhr. Das Skelett, das mehr und mehr fürchtete, es würde ihm keine Zeit zur Ausführung des Planes übrig bleiben, und wüthend über die Unterbrechungen war, welche zu verrathen ſchienen, daß mehrere Gefangene wirklich mitleidig geſtimmt worden, rief aus: „Ruhe nun! Dieſer unſelige Erzähler wird nie zu Ende kommen, wenn ihr ſo viel redet wie er.“ Diejenigen, welche die Erzählung unterbrochen hatten, ſchwiegen. Der Spitzige fuhr fort: „Wenn man bedenkt, wie ſchwer es Gringalet geworden war, „ſich an ſeine Schildkröte zu gewöhnen und daß ſelbſt die muthigſten „ſeiner Cameraden ſchon bei dem Namen Gargouſſes zitterten, ſo „wird man ſich eine Vorſtellung von ſeiner Angſt machen können, „als er ſich durch ſeinen Herrn ganz nahe zu dem Affen getragen ſah. „Gnade, Herr!“ rief er aus, und die Zähne klapperten ihm im „Munde zuſammen, als hätte er das Fieber, „Gnade, Herr! Ich „will es nie wieder thun.“ „Der arme Kleine ſagte: „ich will es nie wieder thun,“ ohne „zu wiſſen, was er ſagte, denn er hatte ſich nichts vorzuwerfen. „Aber Schneidentzwei achtete nicht darauf. Trotz dem Jammern „des Kindes, das ſich wehrte, trug er es ganz nahe zu Gargouſſe, „der es packte und —“ Die Zuhörer, die immer aufmerkſamer wurden, ſchanderten. — „Ich wäre dumm geweſen, wenn ich fortgegangen wäre,“ ſagte der Aufſeher, indem er noch näher trat. „Das iſt noch nichts; das Schönſte kommt noch,“ ſagte der Spitzige. „Sobald Gringalet die kalten haarigen Pfoten des großen „Affen fühlte, die ihn am Halſe und am Kopfe packten, wurde er 11 164 „wie wahnſinnig und ſchrie ſo jämmerlich, daß es einen Tiger er⸗ „barmt haben würde: „Die Spinne meines Traumes, Du lieber Gott! Die Spinne „meines Traumes! Kleine goldene Fliege, komm mir zu Hülfe!“ „Willſt Du Dein Maul halten! Willſt Du Dein Maul halten!“ „ſchrie Schneidentzwei dazwiſchen, indem er ihn mit dem Fuße trat; „denn er fürchtete, es könnte das Geſchrei gehört werden. Nach einer „Minute war das nicht mehr zu fürchten; der arme Gringalet „ſchrie nicht mehr und wehrte ſich nicht mehr; er kniete da, weiß „wie ein Tuch, ſchloß die Augen und zitterte an allen Gliedern wie „in der größten Winterkälte. Unterdeß ſchlug ihn der Affe, rupfte ihn, „kratzte ihn. Mitunter hielt das boshafte Thier inne, um ſeinen Herrn „anzuſehen, gerade als wären ſie beide mit einander einverſtanden „geweſen. Schneidentzwei ſeinerſeits lachte ſo laut, daß man von „dem Schreien Gringalets nichts gehört haben würde, wenn er noch „geſchrien hätte. Das ſchien dem Affen Muth zu machen, denn er „ſchlug und kratzte immer ärger —“ — „Der verfluchte Affe!“ rief der Mann in der blauen Mütze aus. „Hätte ich ihn am Schwanze, ich würde ihn herumdrehen wie eine Schleuder und ihm dann den Kopf auf dem Pflaſter zer⸗ ſchlagen.“ — „Der Affe war ſo ſchlecht wie ein Menſch.“ — „So ſchlecht iſt kein Menſch.“ „So ſchlecht wäre kein Menſch?“ entgegnete der Spitzige. „Und Schneidentzwei? Bedenkt nur, was er nachher that. Er „machte von ſeinem Bette die Kette des Affen los, die ſehr lang „war, entriß ihm auf einen Augenblick das Kind, das mehr todt „als lebendig war, und band es an der andern Seite des Bettes 165 „an, ſo daß Gringalet an dem einen Ende der Kette war, Gar⸗ „gvuſſe an dem andern.“ — „Eine ſchöne Erfindung!“ — „Es bleibt doch wahr, manche Menſchen ſind boshafter als die boshafteſten Thiere.“ „Als Schneidentzwei dies gethan hatte, ſagte er zu ſeinem „Affen, der ihn zu verſtehen ſchien: aufgepaßt, Gargouſſe! Man „hat Dich gezeigt; jetzt wirſt Du Gringalet zeigen; er wird Dein „Affe ſein. Allons! Auf, Gringalet! Oder ich heiße Gargouſſe „Dich wieder packen.“ „Das arme Kind war wieder auf die Kniee gefallen, faltete „die Hände, konnte aber kein Wort ſprechen; man hörte nur ſeine „Zähne zuſammenſchlagen. „Laß ihn marſchiren, Gargouſſe!“ ſagte Schneidentzwei zu „ſeinem Affen, „und wenn er ſtöckiſch iſt, mach' es wie ich.“ „Dabei verſetzte er dem Knaben Hiebe mit der Peitſche, dann „gab er ſie dem Affen. „Ihr wißt, daß die Affen alles nachmachen; Gargouſſe war „geſchickter als alle; er nahm alſo die Peitſche in die eine Pfote „und ſchlug auf Gringalet los, der wohl aufſtehen mußte. Wenn „er ſtand, war er etwa ſo groß wie der Affe. Schneidentzwei ging „darauf fort, die Treppe hinunter und rief Gargouſſe. Der Affe „folgte ihm und trieb Gringalet mit Peitſchenhieben vor ſich her. „So kamen ſie in den kleinen Hof des Hauſes Schneidentzweis, „der ſich hier zu amüſiren gedachte. Er ſchloß die Thüre zu und „befahl dem Affen, das Kind mit Peitſchenhieben im Hofe herum „zu treiben. „Der Affe gehorchte und jagte Gringalet herum, während „Schneidentzwei da ſtand und ſich vor Lachen den Bauch hielt. Ihr 166 „denkt nun wohl, mit dieſer Grauſamkeit ſei er zufrieden geweſen? „Keineswegs. Gringalet wäre bis jetzt mit einigen Kratzwunden, „vielen Peitſchenhieben und einer großen Angſt davon gekommen. „Schneidentzwei war alſo nicht zufrieden. „Um den Affen wüthend zu machen gegen das Kind, das kaum „noch Athem hatte, packte er Gringalet an den Haaren, that als „ſchlage und beiße er ihn, gab ihn dann dem Affen wieder und „ſagte: beiß! beiß! und zeigte ihm ein Stück Fleiſch, um ihm zu „ſagen: das wird Dein Lohn ſein. „Ach, Freunde, es war ein ſchrecklicher Anblick. „Denkt Euch einen großen rothen Affen mit ſchwarzer Schnauze, „der die Zähne fletſcht wie ein Beſeſſener und ſich wüthend, wie toll „auf den armen Unglücklichen ſtürzt, der ſich nicht vertheidigen „konnte, gleich bei dem erſten Schlage niedergeworfen worden war „und ſich auf den Bauch gelegt hatte, mit dem Geſichte an die „Erde, um nicht ganz entſtellt zu werden. Als Gargouſſe, der von „ſeinem Herrn immer mehr angereizt wurde, dies ſah, ſprang er „ihm auf den Rücken, packte ihn am Halſe und fing an, ihn am „Kopfe blutig zu beißen. „O die Spinne — meines Traumes! Die Spinne!“ rief Grin⸗ „galet mit erſtickter Stimme aus, und er glaubte, ſein Ende ſei „gekommen. Mit einem Male hörte man an die Thüre klopfen: „poch! poch!“ — „Ah, der Alte!“ riefen freudig die Gefangenen. „Endlich!“ „Ja, diesmal war er es, und er rief durch die Thüre hindurch: „Wirſt Du aufmachen, Schneidentzwei? wirſt Du aufmachen? „Stelle Dich nicht taub, denn ich ſehe Dich — durch das Schlüſſel⸗ „loch.“ „Schneidentzwei mußte antworten und ging unwillig nach der 167 „Thüre zu, um dem Alten aufzumachen, der trotz ſeiner funfzig „Jahre ein ſehr rüſtiger Mann war und mit dem ſich nicht ſpaßen „ließ, wenn er böſe wurde. „Was wollen Sie?“ fragte ihn Schneidentzwei, indem er die Thüre halb aufmachte. „Ich will mit Dir reden,“ antwortete der Alte, der faſt mit „Gewalt in den kleinen Hof hinein trat und, als er den Affen noch „immer Gringalet mißhandeln ſah, hinzueilte, Gargouſſe an dem „Felle packte, ihn von dem Kinde losreißen und wegſchlendern „wollte. Da erſt bemerkte er, daß das Kind mit dem Affen zu⸗ „ſammengebunden war. „Als er dies geſehen, warf er Schneid⸗ „entzwei einen ſchrecklichen Blick zu und ſagte zu ihm: „gleich „binde den armen Kleinen los!“ „Ihr könnt Euch die Freude und die Ueberraſchung Gringalets „denken, der, halb todt vor Schreck, ſich zu ſo gelegener Zeit und „wie durch ein Wunder gerettet ſah. — Er mußte an die goldene „Fliege ſeines Traumes obgleich der Alte S eben wie „eine Fliege ausſah —“ — „Na,“ ſagte der indem er nach der r hint zu ging, „da Gringalet gerettet iſt, ſo werde ich nun meine Suppe zu mir „nehmen.“ „Gerettet!“ entgegnete der Spitzige, „ach ja, gerettet! Der „arme Gringalet iſt noch nicht am Ziele ſeiner Leiden.“ — „Wirklich?“ fragten einige Gefangene theilnehmend. — „Was kann ihm denn noch begegnen?“ fragte der Aufſeher, der wieder zurückkam. — „Bleiben Sie, Aufſeher, und Sie werden es erfahren,“ antwortete der Erzähler. — 168 — „Der Spitzige macht mit Einem, was er will,“ meinte der Aufſeher; „ich bleibe noch.“ Das Skelett ſchäumte vor Wuth, und der Spitzige fuhr fort: „Schneidentzwei, der den Alten fürchtete wie das Feuer, hatte „brummend den Knaben losgebunden. Als dies geſchehen, ſchleu⸗ „derte der Alte Gargouſſe an den Boden und gab ihm einen ge⸗ „waltigen Fußtritt. Der Affe ſchrie jämmerlich, fletſchte die Zähne „und flüchtete ſich auf einen kleinen Schuppen, von wo er dem „Alten die Fauſt ballte. „Warum ſchlagen Sie meinen Affen?“ fragte Schneidentzwei „den Alten. „Du ſollteſt fragen, warum ich Dich nicht ſelbſt ſchlage. — „Das Kind ſo zu mißhandeln! Biſt Du ſchon ſo früh am Tage „betrunken?“ „Ich bin ebenſowenig betrunken wie Sie; ich lehre meinen „Affen ein Kunſtſtück; ich will eine Vorſtellung geben, in welcher er und Gringalet zuſammen auftreten; das iſt mein Geſchäft, „warum miſchen Sie ſich da hinein?“ „Ich miſche mich in das, was mich angeht. Als ich dieſen „Morgen Gringalet nicht mit den andern Kindern an meiner Thüre „vorüber kommen ſah, fragte ich, wo er ſei; die Kinder antworteten „nicht, und ſahen verlegen aus; ich kenne Dich und errieth, daß „Du ihm einen ſchlechten Streich ſpielteſt. Ich täuſchte mich nicht. „Höre mich an. So oft ich Gringalet nicht mit den Andern früh „an meiner Thüre vorüber kommen ſehe, werde ich mich hier ein⸗ „finden, und Du mußt mir ihn zeigen, ſonſt ſchlage ich Dich „bis —“ „Ich thue, was ich will; Sie haben mir nichts zu befehlen,“ „antwortete Schneidentzwei, durch dieſe Drohung gereizt. — „Sie 169 „werden nicht ſchlagen, und wenn Sie nicht ſogleich gehen, wenn „Sie wieder kommen, werde ich —“ „Plautz! hatte Schneidentzwei ein paar Püffe, die ein Rhino⸗ „zeros hätten niederwerfen können: „Das iſt der Lohn dafür, daß „Du dem Alten von Klein⸗Polen ſo antworteſt.“ — „Ein paar Püffe, das war knauſerig,“ ſagte der Mann mit der blauen Mütze; „ich würde ihn beſſer bedient haben.“ — „Er hätte es auch verdient,“ bemerkte ein anderer Ge⸗ fangener. „Der Alte,“ fuhr der Spitzige fort, „hätte es mit zehn Schneid⸗ „entzweis aufgenommen. Schneidentzwei mußte alſo die Püffe „einſtecken, aber er war wüthend darüber, daß er Schläge bekommen „hatte, namentlich in Gegenwart Gringalets. Er nahm ſich des⸗ „halb auch ſogleich vor, ſich zu rächen, und er kam auf einen Ge⸗ „danken, der nur einem Teufel einfallen konnte. Während er dieſen „Einfall überlegte und ſich dabei die Ohren rieb, ſagte der Alte „zu ihm: „Wenn Du das Kind noch einmal miß handelſt, ſo zwinge ich „Dich, mit Deinen Thieren Klein⸗Polen zu verlaſſen, oder hetze „Jedermann gegen Dich auf. Du weißt, daß man Dich ſchon haßt; „man wird Dir alſo eine Lehre geben, die Dein Rücken ſo leicht „nicht vergißt, dafür ſtehe ich.“ „Heimtückiſch wie er war, und um ſeinen böſen Einfall aus⸗ „führen zu können, gab Schneidentzwei klein zu und ſagte: „Sie „thun wirklich Unrecht, wenn Sie mich ſchlagen und glauben, ich „hätte etwas gegen Gringalet; im Gegentheil, ich wiederhole, daß „ich meinen Affen ein neues Kunſtſtück lehre. Er iſt einigermaßen „widerſpenſtig und hat im Unwillen den Kleinen gebiſſen, was mir „leid thut.“ 170⁰ „Hm!“ ſagte der Alte, der ihn von der Seite anſah; „ſagſt „Du mir da die Wahrheit? Warum bindeſt Du Gringalet, wenn „Du Deinen Affen ein neues Kunſtſtück lehrſt?“ „Weil Gringalet zu dem Kunſiſtücke gehört. Ich will Ihnen „meine Idee mittheilen. Ich gedenke dem Gargouſſe einen rothen „Rock anzuziehen und einen Federhut aufzuſetzen, ſetze Gringalet „auf ein Kinderſtühlchen, binde ihm eine Serviette um, und der „Affe ſoll mit einem großen hölzernen Meſſer den Barbier ſpielen.“ „Der Alte mußte darüber lachen. „Iſt das nicht ein drolliger Einfall?“ fragte Schneidentzwei. „Spaßhaft iſt es,“ entgegnete der Alte, „zumal Dein Affe ſich „gewiß geſchickt zum Barbier anſtellen wird.“ „Das glaube ich. Wenn er mich fünf⸗ oder ſechsmal Grin⸗ „galet hat raſiren ſehen, wird er es mit ſeinem großen hölzernen „Raſirmeſſer nachmachen. Aber erſt muß er ſich an den Jungen „gewöhnen, und deshalb hatte ich ſie zuſammengebunden.“ „Warum haſt Du aber grade Gringalet dazu ausgewählt?“ „Weil er der kleinſte iſt und, wenn er ſitzt, Gargouſſe größer „ausſieht als er. Uebrigens wollte ich auch Gringalet die Hälfte „der Einnahme zuwenden.“ 1 „Wenn es ſo iſt,“ ſagte der Alte beruhigt, „ſo bedaure ich, „Dich geſchlagen zu haben; Du haſt es bei dem nächſten Mole „gut.“ „Während ſein Herr ſo mit dem Alten ſprach, wagte Grin⸗ „galet ſich nicht zu rühren. Er zitterte wie ein Espenblatt und „hätte ſich gern vor dem Alten niecdergeworfen, um ihn zu bitten, „er möge ihn mit fortnehmen; aber er hatte den Muth nicht und „dachte bei ſich: „es wird mir gehen wie der armen Fliege in mei⸗ 171 „nem Traume; die Spinne wird mich zerreißen; ich täuſchte mich, „als ich glaubte, die goldene Fliege würde mich retten.“ „Nun, mein Sohn, da der Vater Schneidentzwei Dir die „Hälfte der Einnahme giebt, ſo wirſt Du Dir Mühe geben, Dich „an den Affen zu gewöhnen. — Du wirſt Dich an ihn gewöhnen, „und wenn die Einnahme gut iſt, wirſt Du Dich nicht zu beklagen „haben.“ „Er ſich heklagen? Haſt Du Dich zu beklagen?“ fragte ihn „ſein Herr, indem er ihm von der Seite einen ſo ſchrecklichen Blick „zuwarf, daß das Kind gern in die Erde geſunken wäre. „Nein, nein,“ antwortete er ſtammelnd. „Sie hören es,“ ſagte Schneidentzwei, „er hat ſich nie zu „beklagen gehabt; ich will immer nur ſein Beſtes. Wenn ihn Gar⸗ „gouſſe das erſte Mal gekratzt hat, ſo wird es nicht wieder ge⸗ „ſchehen, ich verſpreche es Ihnen; ich werde dafür ſorgen.“ „So wird Jedermann zufrieden ſein.“ „Gringalet vor allen,“ ſagte Schneidentzwei. „Nicht wahr, Du „wirſt zufrieden ſein?“ „Ja — ich werde zufrieden,“ antwortete das Kind zitternd. „Und zur Entſchädigung für die Kratzwunden gebe ich Dir ein „gutes Frühſtück, denn der Alte wird mir einen Teller mit Cote⸗ „lettes und Gurken, vier Flaſchen Wein und ein Fäßchen Brannt⸗ „wein ſchicken.“ „Mein Keller und meine Küche ſtehen Jedermann zu Dienſten.“ „Der Alte war ein braver Mann, verkaufte aber ſehr gern „Wein. Schneidentzwei wußte das, und ſo ging der Alte ganz „vergnügt und über das Schickſal Gringalets beruhigt nach Hauſe. „So war der arme Kleine wieder in der Gewalt ſeines Herrn. „Sobald der Alte den Rücken gewendet hatte, wies Schneidentzwei 172 „dem Armen die Treppe und befahl ihm, ſchnell wieder in die „Bodenkammer hinaufzugehen. Das Kind ließ ſich das nicht zwei⸗ „mal ſagen und lief erſchrocken davon. „Ach, Du mein Gott!“ rief Gringalet aus, als er ſich auf „das Stroh neben ſeine Schildkröte warf und bitterlich weinte. „Er mochte eine gute Stunde gelegen haben, als Schneidentzwei „ihn wieder rief. Der Kleine ängſtigte ſich diesmal noch mehr, „denn die Stimme ſeines Herrn klang nicht wie gewöhnlich. „Wirſt Du bald kommen?“ wiederholte Schneidentzwei unter „ſchrecklichen Flüchen. „Gringalet ſtieg eilig die Leiter hinunter. Kaum war er „unten angekommen, ſo nahm ihn ſein Herr und trug ihn in ſein „Zimmer, während er bei jedem Schritte wankte, denn er hatte ſo „iel, ſo viel getrunken, daß er total ſchwarz war und kaum noch „auf den Beinen ſtehen konnte. Er taumelte bald nach vorn, bald „nach hinten und ſah Gringalet mit ſchrecklichen Augen an, aber „ohne etwas zu ſprechen, die Zunge war ihm zu ſchwer. Grin⸗ „galet hatte ſich in ſeinem Leben nicht ſo ſehr gefürchtet. „Gargouſſe war an dem Bette angebunden. „In der Mitte der Stube ſtand ein Stuhl, und an der Lehne „hing ein Strick. „So — ſttz Dich — da — her,“ fuhr der Spitzige fort, indem er von nun an bis an's Ende das Stammeln eines Betrunkenen nachmachte, wenn er Schneidentzwei veden ließ. „Gringalet ſetzte ſich zitternd nieder. Schneidentzwei band ihn, „ohne ein Wort zu ſagen, mit dem Stricke an der Stuhllehne anz „aber das war keine leichte Aufgabe für ihn, da er auf den Bei⸗ „nen wankte und mit den Händen zitterte. Endlich war Gringalet — 173 „doch feſtgebunden. „Ach, Du lieber Gott!“ jammerte er. „Dies⸗ „mal wird mich Niemand erlöſen.“ „Der arme Junge hatte Recht; Niemand konnte, Niemand „durfte kommen; der Alte war beruhigt fortgegangen, und Schneid⸗ „entzwei hatte die Hausthür verſchloſſen und verriegelt. Es konnte „alſo dem armen Gringalet Niemand zu Hülfe kommen. — „Diesmal,“ ſagten die Gefangenen gerührt, „diesmal biſt Du verloren, Gringalet.“ — „Der arme Kleine!“ — „Wie Schade!“ — „Wenn er durch zwanzig Sous zu retten wäre, ich gäbe ſie darum.“ — „Ich auch.“ — „Der ſchlechte Schneidentzwei.“ — „Was hat er mit ihm vor?“ Der Spitzige fuhr fort: „Als Gringalet an den Stuhl gebunden war, ſagte ſein Herr „zu ihm“ — und der Erzähler ahmte von Neuem das Stammeln eines Betrunkenen nach — „Canaille — Du — biſt Schuld — daß „ich Prügel bekommen, Du mußt ſter — ſterben —“ „Er zog dabei aus ſeiner Taſche ein großes friſch geſchliffenes „Raſirmeſſer, machte es auf und faßte mit der einen Hand Grin⸗ „galet an den Haaren . . .“ Ein Gemurmel des Unwillens und des Abſcheus erhob ſich unter den Gefangenen und unterbrach den Spitzigen auf einige Zeit, der dann fortfuhr: „Bei dem Anblicke des Meſſers rief das Kind: „Gnade, Herr! „Gnade! Schlachten Sie mich nicht.“ 174 „Schrei zu in drei Teufels Namen, Du wirſt nicht lange mehr „ſchreien,“ antwortete Schneidentzwei. „Goldene Fliege, goldene Fliege, komm zu Hülfe!“ rief der „arme Gringalet faſt wahnſinnig, indem er wieder an ſeinen Traum „dachte, der ſo tiefen Eindruck auf ihn gemacht hatte. „Die Spinne „will mich packen!“ „Ah Du — Du nen — nennſt mich — Spinne, Du —,“ „ſtammelte Schneidentzwei. — „Da — rum und — auch — anderer „Geſchichten wegen — mu — mußt Du ſterben, — verſtanden? — „Aber nicht — von meiner Hand, weil — das — und weil man „mich gu — guil .. . guillotiniren — würde. — Ich — habe die „Sache — nur angeſtellt, — und — am Ende bleibt — ſich's doch „gleich,“ ſagte Schneidentzwei, indem er hin und her wankte. Dann „rief er ſeinen Affen, der die Zähne fletſchte und abwechſelnd ſeinen „Herrn und den Knaben anſah. „Da, Gargouſſe,“ ſagte er, indem er ihm das Raſirmeſſer und „Gringalet zeigte, den er an den Haaren hielt, — „mach' es ſo — „ſiehſt Dn? —“ „Und er fuhr mit dem Raſirmeſſet mehrmals an dem Halſe „Gringalets hin, als wolle er ihm die Kehle durchſchneiden. „Der Affe war ſo geſcheidt und ſo bösartig, daß er gleich er⸗ „rieth, was ſein Herr wollte, und um ihm dies zu beweiſen, faßte „er ſich ſelbſt mit der linken Pfote am Kinn, legte den Kopf zurück „und that mit der rechten Pfote, als ſchneide er den Hals durch. „Nichtig, Gargouſſe, — richtig,“ ſtammelte Schneidentzwei, „indem er die Augen halb zudrückte und ſo arg ſchwankte, daß er „mit Gringalet und dem Stuhle beinahe umgefallen wäre ... „— ſo iſts recht, — ich werde — Dich — losmachen und — Du 175 „— wirſt ihm die — Ke — Kehle abſchneiden, — nicht wahr, „Gargouſſe?“ „Der Affe knirſchte mit den Zähnen, als hätte er Ja ſagen „wollen, und ſtreckte die Pfote aus, um das Meſſer zu nehmen, das „Schneidentzwei ihm reichte. „Goldene Fliege, goldene Fliege, komm zu Hülfe!“ murmelte „Gringalet mit faſt verlöſchender Stimme denn er glaubte, diesmal „habe ſein letztes Stündlein geſchlagen. Er rief die goldene Fliege „zu Hülfe, ohne auf ſie zu hoffen; er ſprach die Worte aus, die „man beim Ertrinken ruft: „mein Gott!“ „Aber — in dieſem Augenblicke ſah Gringalet durch das offene „Fenſter eine der kleinen grünen und goldenen Fliegen hereinkommen, „deren es ſo viele giebt; ſie flog und flog umher, gleich wie ein „Feuerfunken, und eben als Schneidentzwei das Raſirmeſſer dem „Affen Gargouſſe gab, flog ſie dem Böſewicht gerade in das Auge. „Eine Fliege im Auge iſt nun nicht eben viel, aber im erſten „Augenblicke ſticht's und brennt's wie ein Nadelſtich. Schneidentzwei, „der kaum auf den Beinen ſtehen konnte, fuhr raſch mit der Hand „nach dem Auge, ſo raſch, daß er taumelte, der Länge nach hinfiel, „und gerade an das Bettbein, an das Gargouſſe gebunden war. „Goldene Fliege, ich danke Dir, Du haſt mich gerettet,“ rief „Gringalet aus, der von dem Stuhle aus alles geſehen hatte.“ — „Ja, es iſt wahr, die goldene Fliege war Schuld, daß ihm der Hals nicht abgeſchnitten wurde,“ ſprachen mehrere Stimmen. — „Es lebe der Spitzige mit ſeinen Geſchichten!“ rief Einer aus. „Wartet nur, das Schönſte und Schrecklichſte der Geſchichte „kommt noch. — Schneidentzwei war umgefallen wie ein Sack; er „war ſo betrunken, daß er ſich eben ſo wenig rührte wie ein Scheit „Holz und nichts mehr von ſich wußte. Beim Fallen hatte er, „Gargouſſe faſt todt gedrückt, ihm eine Hinterpfote faſt gebrochen. „— Ihr wißt, daß der Affe ſehr bösartig und rachſüchtig war. „Er hatte das Meſſer, das ihm ſein Herr gegeben, damit er Grin⸗ „galet die Kehle abſchneide, nicht losgelaſſen. Und was that der „Affe, als er ſeinen Herrn ſteif daliegen ſah? Er ſprang auf ihn, „kauerte ſich ihm auf die Bruſt, packte mit der einen Pfote die „Haut am Halſe und ſchnitt ihm mit der andern — ritſch! — die „Kehle durch, wie er es an Gringalet hatte thun ſollen.“ — „Bravo!“, — „Das war gut.“ — „Vivat Gargouſſe!“ riefen die Gefangenen begeiſtert. — „Vivat die kleine Fliege!“ — „Vivat Gringalet!“ — „Vivat Gargouſſe!“ „Ja, meine Freunde,“ fiel der Spitzige ein, über den Erfolg ſeiner Erzählung höchlich erfreut, „wie Ihr jetzt ruft, ſo rief eine „Stunde ſpäter auch ganz Klein⸗Polen.“ — „Wie ſo?“ „Ich habe erwähnt, daß der böſe Schneidentzwei, um ſeinen „böſen Plan ganz ungeſtört ausführen zu können, ſeine Thüre von „innen verſchloſſen und verriegelt hatte. Gegen Abend kamen die „Kinder nach einander mit ihren Thieren zurück. Die Erſten pochten; „Niemand antwortete; als ſie alle verſammelt waren, pochten ſic „wieder, — vergebens. Einer ging zu dem Alten, um ihm zu „ſagen, daß ihr Herr nicht aufmache, wie ſie auch anklopften. — „Er wird betrunken ſein,“ ſagte der Alte; „ich habe ihm Wein „geſchickt. Wir müſſen die Thüre aufbrechen, denn die Kinder können „doch die Nacht über nicht unter freiem Himmel bleiben.“ 177 „ „Man brach alſo die Thüre auf, gelangte hinein in das Haus „und kam in die Stube. Was ſah man da? Gargvuſſe fauerte „auf ſeinem Herrn und ſpielte mit dem Raſirmeſſer; der arme „Gringalet, den der Affe zum Glück nicht hatte erreichen können, „war noch immer auf dem Stuhle feſtgebunden, wagte die Leiche „Schneidentzweis nicht anzuſehen, ſondern betrachtete die kleine goldene „Fliege, die erſt lange um ihn herumgeflattert war, gleichſam um „ihm Glück zu wünſchen, und ſich dann auf ſeine Hand geſetzt hatte. „Gringalet erzählte den Leuten Alles. Es ſah, wie man zu „ſagen pflegt, wie eine Fügung des Himmels aus, und der Alte „rief denn auch aus: Vivat Gringalet! Vivat Gargvuſſe, der den „böſen Schneidentzwei umgebracht hat. Es war Zeit, daß die Reihe „an ihn kam.“ „Ja, ja,“ ſtimmte die Menge ein, denn Schneidentzwei wurde von Allen gehaßt. „Es war Nacht geworden man zündete Strohfackeln an und „band Gargouſſe auf eine Bank, die vier Jungen auf den Achſeln „trugen. Dem Afſen ſchien dies nicht eben zu gefallen, und er zeigte „fletſchend die Zähne, während er im Triumphe herumgetragen „wurde. Nach dem Affen kam die Reihe an Gringalet, den der „Alte auf ſeinen Armen herumtrug. Alle kleinen Thierführer, jeder „mit ſeinem Viehe, umringten den Alten; der Eine trug ſeinen „Fuchs, der Andere ſein Murmelthier, der Dritte ſein Meerſchweinchen; „die, welche Geige ſpielten, ſpielten Geige; manche hatten einen „Dudelſack, und ſie ſpielten auch; mit einem Worte, es war ein „Lärm, eine Freude, eine Luſt, wie man ſich's faum vorſtellen kann. „Hinter den Muſikern und den Thierführern folgten alle Bewohner „von Klein⸗Polen, Männer, Weiber und Kinder; faſt alle trugen Die Geheimniſſe vin Paris. VII. 178 „eine Strohfackel in der Hand und ſchrieen wie beſeſſen: Vivat „Gringalet! Vivat Gargouſſe! So ging der Zug in dem Hofe „Schneidentzweis herum. Gringalet ſeinerſeits hatte, ſobald er los⸗ „gebunden war, nichts Eiligeres zu thun gehabt, als die kleine „goldene Fliege in eine Papiertüte zu ſtecken, und während man „ihn im Triumphe herumtrug, rief er aus: „kleine Fliegen, ich „habe wohlgethan, daß ich Euch von den böſen Spinnen nicht freſſen „ließ, denn Das Ende der Erzählung des Spitzigen wurde unterbrochen. — „Vater Rouſſel,“ rief eine Stimme von außen, „komm doch und iß Deine Suppe; es wird Pald vier Uhr ſchlagen.“ — „Die Geſchichte iſt zu Ende, und ich gehe. Ich danke, Spitziger, Du haſt mich gut unterhalten, deſſen kannſt Du Dich rühmen,“ ſagte der Aufſeher zu dem Spitzigen, indem er nach der Thüre zu ging. Ehe er hinausſchritt, blieb er ſtehen und ſagte: „betragt Euch wie ſich's ziemt.“ — „Wir hören die Geſchichte vollends an,“ ſagte das Skelett keuchend vor Wuth. Dann ſetzte der Bandit leiſe gegen den dicken Lahmen hinzu: „ſieh dem Aufſeher nach, und wenn er aus dem Hofe hinaus iſt, rufe: Gargouſſe! und der Angeber iſt todt.“ — „Ja, ja,“ antwortete der dicke Lahme, der den Aufſeher begleitete und in der Thüre ſtehen blieb. „Ich ſagte alſo,“ fuhr der Spitzige fort, „daß Gringalet, während man ihn im Triumphe herumtrug, fortwährend — — „Gargouſſe!“ rief der dicke Lahme, indem er ſich umdrehte. Er hatte den Aufſeher den Hof verlaſſen ſehen. — „Zu mir! Gringalet — ich werde Deine Spinne ſein!“ ſprach alsbald das Skelett, indem es ſich ſo ungeſtüm auf Germain 179 ſtürzte, daß dieſer weder eine Bewegung machen, noch aufſchreien konnte. Seine Stimme erſtickte unter dem fürchterlichen Drucke der langen Eiſenfinger des Skeletts. 12* OLXI. Ein unbekannter Freund. enn Du die Spinne biſt, ſo werde ich die goldene Fliege ſein, Skelett,“ ließ ſich eine Stimme in dem Augenblicke vernehmen, als Germain, durch den plötzlichen und ungeſtümen An⸗ griff ſeines unverſöhnlichen Gegners überraſcht, auf die Bank fiel und der Räuber ihm ein Knie auf die Bruſt ſetzte, während er ihn an der Kehle gepackt hatte. „Ja, die Fliege werde ich ſein, und eine famoſe Fliege dazu,“ wiederholte der Mann in der blauen Mütze, von dem wir ſchon mehrmals geſprochen haben, der drei bis vier Gefangene, die ihn von Germain trennten, bei Seite warf, mit einem gewaltigen Satze zu dem Skelett gelangte, den Banditen packte und ihm auf den Schädel und zwiſchen die Augen einen endloſen Hagel dicht fallender Fauſtſchläge verſetzte. Der Mann in der blauen Mütze, der kein anderer war als der Chourineur, hämmerte noch immer mit den Fäuſten auf dem Skelett herum und ſagte dazu: „einen ſolchen Hagel bekam ich von Herrn Rudolph auf meinen Schädel, — ich habe mir das gemerkt.“ 181 Die Gefangenen blieben verblüfft ſtehen, ohne für oder gegen den Chourineur Partei zu nehmen, ſo ſehr hatte der unerwartete Angriff ſie überraſcht. Mehrere von ihnen, die den heilſamen Ein⸗ druck der Erzählung des Spitzigen noch nicht vergeſſen hatten, freuten ſich ſogar über dieſes Ereigniß, das Germain retten konnte. „Was hat der? Was will der?“ rief der dicke Lahme aus, der den Arm des Chourineurs von hinten faſſen wollte, während dieſer alle ſeine Kräfte aufbot, das Skelett auf der Bank feſtzu⸗ halten. 6 Der Vertheidiger Germains erwiederte dieſen Angriff des dicken Lahmen durch einen ſo heftigen Fußtritt, daß er denſelben weit von ſich ſchleuderte. Germain, der todtenbleich, halb erſtickt neben der Bank kniete, ſchien nicht zu wiſſen, was um ihn her vorging. Er war ſo heftig gewürgt worden, daß er kaum zu athmen vermochte. Nach der erſten Betäubung gelang es dem Skelett durch eine verzweifelte Anſtrengung, ſich von dem Choürineur frei zu machen und wieder auf die Beine zu kommen. Keuchend, trunken vor Wuth und Haß, ſah er grauenhaft aus — Ueber ſein leichenartiges Geſicht ſtrömte das Blut, und ſeine Oberlippe, die zurückgezogen war wie bei einem wüthenden Wolfe, ließ die dichtſtehenden Zähne ſehen. Endlich rief er mit vor Ermattung und Zorn zitternder Stimme aus: „Macht doch den Räuber da kalt! Memmen Ihr, — laßt mich von hinten überfallen, — der Angeber wird uns entkommen.“ Während dieſes kurzen Waffenſtillſtandes hatte der Chouri⸗ neur den halb ohnmächtigen Germain aufgehoben und ſo geſchickt 182 manövrirt, daß er allmälig in eine Ecke gelangte, wo er ſeinen Schützling niederlegte. In dieſer trefflichen Poſition konnte ſich der Chourineur, ohne fürchten zu müſſen, von hinten gefaßt zu werden, lange gegen die Gefangenen vertheidigen, denen er durch den Muth und die hereuliſche Kraft, welche er gezeigt hatte, bedeutend imponirte. Der Spitzige verſchwand in dem Tumulte, ohne daß man ſeine Abweſenheit bemerkte. Da die meiſten Gefangenen unſchlüſſig daſtanden, rief das Skelett aus: „Mir nach! Beide kalt gemacht! den großen und den kleinen!“ „Nimm Dich in Acht!“ antwortete der Chourineur, indem er ſich zum Kampfe anſchickte, die beiden Arme vorſtreckte und ſich feſt auf die kräftigen Füße ſtellte. „Nimm Dich in Acht, Skelett! — Wenn Du den Schneidentzwei ſpielen willſt, werde ich es wie Gargouſſe machen —“ „Greift ihn doch an!“ rief der dicke Lahme aus, indem er ſich wieder aufrichtete. „Warum vertheidigt der Wüthende den Angeber?“ „Er iſt ſelbſt ein Angeber. Wenn er Germain vertheidigt, iſt er ein Verräther.“ „Ja — ja!“ 5 „Nieder mit dem Angeber!“ „Nieder!“ „Ja! Tod dem Verräther, der ihn vertheidigt!“ So ſchrieen die Verſtockteſten der Gefangenen. Ein mitleidigerer Theil ſagte dagegen: „Nein, erſt möge er reden.“ „Ja, er mag ſich erklären!“ „Mau bringt Niemanden um, ohne ihn zu hören.“ „Und ohne Vertheidigung!“ * * 183 „Wir wären ja wahre Schneidentzweis!“ „Deſto beſſer!“ entgegnete der dicke Lahme mit den Anhängern des Skeletts. „Einem Angeber kann man nie zu viel thun.“ „Tod ihm!“ „Ueber ſie hergefallen!“ „Das Skelett unterſtützt!“ „Ja, ja. — Nieder mit der Blau⸗Mütze!“ „Nein, nein, die Blaumütze unterſtützt! Nieder mit dem Skelett!“ rief die Partei des Chourineurs. „Nieder mit der Blau⸗Mütze!“ „Nieder mit dem Skelett!“ „Bravo, Kinder!“ ſagte der Chourineur zu den Gefangenen, die es mit ihm hielten. — „Ihr habt ein Herz im Leibe, — Ihr werdet einen halbtodten Menſchen nicht umbringen wollen. Deſſen ſind nur ſchlechte Kerle fähig. Dem Skelett iſt es freilich einerlei, — er iſt ſchon im voraus verurtheilt, — deshalb treibt er Euch an. — Ihr aber werdet es empfinden, wenn Ihr ihm helft, Ger⸗ main umzubringen. Uebrigens will ich einen Vorſchlag machen. Das Skelett will den armen jungen Mann da kalt machen. — Nun, — er mag herkommen und ihn holen, wenn er Conrage hat. — Die Sache wird dann unter uns beiden abgethan, und wir werden ja ſehen, wie es abläuft. — Wagt er es nicht, ſo iſt er wie Schneidentzwei, hat nur Schwachen gegenüber Muth.“ Die Kraft, die Energie, das rauhe Weſen des Chourineurs mußten einen tiefen Eindruck auf die Gefangenen machen. Auch traten ziemlich viele auf ſeine Seite und umringten Germain. Die Partei des Skeletts ſtand um dieſen Banditen herum. Der blutige Kampf ſollte beginnen, als man in dem Hofe den 184 ſchallenden Tactſchritt des Infanterie⸗Pikets hörte, das ſtets in dem Gefängniſſe ſtand. Der Spitzige, der in dem allgemeinen Tumulte entſchlüpft, war in den Hof geeilt und hatte den Aufſehern gemeldet, was in dem Wärmeſaale vorging. Die Ankunft der Soldaten machte dem Auftritte ein Ende. Germain, das Skelett und der Chourineur wurden zu dem Director des Gefängniſſes abgeführt. Der erſtere ſollte ſeine Klage ausſprechen, und die beiden Andern hatten ſich wegen der Schlägerei im Gefängniſſe zu verantworten. Germain war ſo erſchrocken, ſo angegriffen und ſo ſchwach ge⸗ worden, daß er ſich auf zwei Aufſeher ſtützen mußte, um in ein Zimmer neben dem Cabinet des Directors zu gelangen, in das man ihn führte. Hier wurde er ohnmächtig; man ſah an ſeinem Halſe den mit Blut unterlaufenen Eindruck der Finger des Skeletts. Noch einige Secunden, und der Bräutigam der Lachtaube wäre erwürgt geweſen. Der Aufſeher des Sprachzimmers, der ſich immer für Germain intereſſirt hatte, kam ihm zuerſt zu Hülfe. Als er wieder zu ſich gekommen war und über das Geſchehene nachdenken konnte, fragte er nach ſeinem Retter. „Ich danke für Ihre Theilnahme und Pflege,“ ſagte er zu dem Aufſeher. „Ohne jenen muthigen Mann wäre ich verloren ge⸗ weſen.“ „Wie fühlen Sie ſich jetzt?“ „Beſſer. — d6 Geſchhene n mir jetzt wie ein ſchreck⸗ licher Traum vor — „Erholen Sie — „Wo iſt der, welcher mich gerettet hat?“ 185 „In dem Cabinet des Directors. Er hat ihm erzählt, wie es zu der Schlägerei gekommen iſt. — Es ſcheint, daß ohne ihn —“ „Ohne ihn war ich verloren. Ach, nennen Sie mir ſeinen Namen. Wer iſt er?“ „Seinen Namen kenüe ich nicht; er heißt der Chourineur und iſt ein ehemaliger Galeerenſträfling —“ „Das Verbrechen, das ihn hierhergebracht hat, iſt nicht ſchwer?“ „Sehr ſchwer, — Diebſtahl mit Einbruch, in der Nacht, in einem bewohnten Hauſe,“ antwortete der Aufſeher. „Er wird wahr⸗ ſcheinlich eben ſo viel befommen wie der Spitzige, funfzehn bis zwanzig Jahre Zwangsarbeit und Ausſtellung, — des Rückfalls wegen.“ Germain erbebte. Er wäre lieber einem minder verbrecheriſchen Menſchen Dank ſchuldig geweſen. „Ach, das iſt ſchrecklich!“ ſagte er. „Und doch hat der Mann, ohne mich zu kennen, meine Vertheidigung übernommen. So viel Muth, ſo viel Edelmuth .. . „Ja, bisweilen liegt in dieſen Menſchen auch noch etwas Gutes. — Die Hauptſache iſt, daß Sie gerettet ſind; morgen erhalten Sie Ihre Zelle, und dieſe Nacht ſchlafen Sie in dem Krankenſaale, wie der Herr Director befohlen hat. Faſſen Sie Muth! Die böſe Zeit iſt vorüber; wenn Ihre hübſche kleine Freundin kommt, können Sie dieſelbe beruhigen, denn wenn Sie einmal in der Zelle ſind, haben Sie nichts mehr zu fürchten. Gut werden Sie aber thun, wenn Sie ihr von dem jetzigen Vorfalle nichts erzählen. — Sie würde vor Angſt krank werden —“ „Gewiß erzähle ich ihr nichts davon, aber meinem Retter möchte ich danken. Wie ſchuldig er in den Augen des Geſetzes auch ſein mag, er hat mir nichts deſtoweniger das Leben gerettet.“ 186 „Ich höre ihn eben aus dem Cabinet des Directors kommen, der nun das Skelett verhören wird; ich werde ſie ſogleich mit ein⸗ ander wieder fortführen, das Skelett in den Kerker und den Chvuri⸗ neur in die Löwengrube. Uebrigens wird man ihm wohl einiger⸗ maßen für das danken, was er für Sie gethan hat; denn da er ſtark und entſchloſſen iſt, ſo wird er wahrſcheinlich an der Stelle des Skeletts zum Vorſteher ernannt.“ Der Chourineur erſchien jetzt in dem Zimmer, in welchem ſich Germain befand. „Erwarte mich da,“ ſagte der Aufſeher zu dem Chourineur, „ich will mich nur erkundigen, was der Herr Director über das Skelett beſchließt und werde Dich dann abholen. . . Unſer junger Mann da hat ſich unterdeß vollkommen wieder erholt; er will Dir danken, und er hat Urſache dazu, denn ohne Dich wäre es jetzt aus mit ihm.“ Der Aufſeher ging fort. Das Geſicht des Chourineurs ſtrahlte vor Frende; er trat vergnügt herein und ſagte: „Donnerwetter, wie bin ich zufrieden! wie freut es mich, daß ich Sie gerettet habe!“ und er ſtreckte Germain die Hand entgegen. Im Gefühle unwillkührlichen Abſcheus wich dieſer anfangs einigermaßen zurück, ſtatt die Hand zu ergreifen, welche ihm der Chourineur bot. Bald aber bedachte er, daß er dem Manne ſein Leben verdanke, und wollte jene erſte Bewegung wieder gut machen. Der Chourineur hatte ſie wohl ben nerkt; ſein Geſicht ver⸗ düſterte ſich; er wich ſeinerſeits zurück 1 d agte mit bitterm Ver⸗ druſſe. „Ah, ja — Sie haben Recht. — Ich bitte um Verzeihung.“ „Nein, ich habe um Verzeihung zu bitten. — Bin ich nicht Gefangener wie Sie? Ich darf nur an den Dienſt denken, den Sie 187 mir erwieſen! Sie haben mir das Leben gerettet. — Ihre Hand! Ich bitte darum, — Ihre Hand!“ „Ich denke, — es iſt nicht mehr nöthig. — Die erſte Bewe⸗ gung iſt die Hauptſache. — Hätten Sie mir gleich die Hand gege⸗ ben, ſo würde ich mich darüber gefreut haben, jetzt mag ich nicht, — nicht weil ich Gefangener bin wie Sie, ſondern,“ ſetzte er zö⸗ gernd hinzu, „weil ich, ehe ich hierherkam —“ „Der Aufſeher hat mir Alles geſagt,“ unterbrach ihn Germain. „Sie haben mir aber nichts deſtoweniger das Leben gerettet.“ „Ich habe nur meine Pflicht gethan und was mir Vergnügen machte, denn ich weiß, wer Sie ſind, Herr Germain.“ „Sie kennen mich?“ „Ein wenig, lieber Neffe, würde ich antworten, wenn ich Ihr Onkel wäre,“ entgegnete der Chourineur in ſeinem gewöhnlichen ſorglos heitern Tone, „und Sie würden ſehr Unrecht thun, wenn Sie meine Ankunft hier dem Zufalle zur Laſt legen wollten. Hätte ich Sie nicht gekannt, — würde ich nicht im Gefängniſſe ſein.“ Germain ſah den Chourineur verwundert an. „Wie? Weil Sie mich gekannt haben —?2“ „Bin ich hier, Gefangener —“ „Ich möchte Ihnen gern glauben, aber —“ „Aber Sie glauben mir nicht.“ „Ich kann nicht begreifen, wie ich die Veranlaſſung zu Ihrer Verhaftung ſein kann.“ „Sie ſind ſie ganz und gar.“ „Ich wäre ſo unglücklich geweſen?“ „Unglücklich? Im Gegentheil, ich danke Ihnen ſehr dafür —“ „Sie danken mir?“ 188 „Nun ja, weil Sie mir Gelegenheit verſchafften, La Force kennen zu lernen.“ „Wirklich“, ſagte Germain, indem er mit der Hand über die Stirn ſtrich, „ich weiß nicht, ob die ſchreckliche Erſchütterung, die ich eben erlitten, meinen Verſtand geſchwächt hat, aber ich kann Sie durchaus nicht begreifen. — Der Aufſeher hat mir eben geſagt, Sie wären hier wegen —“ Germain zögerte. „Wegen Diebſtahls? Nun ja, wegen Diebſtahls mit Einbruch, mit Einſteigen, in der Nacht obendrein, alſo mit der ganzen Schule,“ ſiel der Chourineur laut lachend ein. „Es fehlt gar nichts; die Sache iſt glatt.“ Germain fühlte ſich empört durch die kecke Rohheit des Chouri⸗ neurs und ſagte unwillkürlich: „Wie? Sie, ein ſo edelherziger, ſo muthiger Mann, ſprechen ſo? Wiſſen Sie nicht, welche ſchreckliche Strafe Sie erwartet?“ „So ein zwanzig Jahre Galeeren und der Pranger. Ich weiß das. Ich bin ein hartgeſottener Sünder, nicht wahr? weil ich die Sache ſo ſpaßhaft nehme! Was hilft's? Und doch, wenn man ſagen muß,“ ſetzte der Chourineur mit einem ungeheuern Seufzer und einer lächerlich⸗reuigen Miene hinzu — „daß Sie allein die Urſache meines Unglücks ſind —“ „Wenn Sie ſich deutlicher erklären wollen, werde ich Sie an⸗ hören. — Spotten Sie ſo viel Sie wollen, meine Dankbarkeit für den wichtigen Dienſt, den Sie mir geleiſtet haben, können Sie nicht erſchüttern,“ entgegnete Germain traurig. „Nehmen Sie es nicht übel, Herr Germain,“ entgegnete der Chourineur wieder ernſt, — „Sie ſehen mich nicht gern darüber 189 lachen, alſo ſtill davon! Ich muß mich mit Ihnen verſtändigen und will Sie zwingen, daß Sie mir am Ende die Hand ſelbſt reichen.“ „Daran zweifle ich nicht, denn trotz dem Verbrechen, deſſen man Sie beſchuldigt und deſſen Sie ſich ſelbſt beſchuldigen, verräth doch Alles an Ihnen Muth und Offenheit. Ich bin überzeugt, daß man Sie mit Unrecht anklagt; vielleicht iſt der Schein gegen Sie, aber —“ „O, was das betrifft, da irren Sie ſich, Herr Germain,“ ſagte der Chourineur ſo ernſt und in einem ſo aufrichtigen Tone, daß Germain glauben mußte. „Wahrhaftig, ſo wahr ich einen Beſchützer habe (— der Chourineur nahm ſeine Mütze ab), der für mich das iſt, was der liebe Gott für die guten Pfaffen iſt, ich habe in der Nacht geſtohlen, indem ich einen Laden aufzwängte, und wurde auf der That ertappt mit allem, was ich geholt hatte —“ „Die Noth, der Hunger trieben Sie zu dieſem Aeußerſten.“ „Der Hunger? Ich hatte 120 Fres bei mir, als man mich verhaftete, den Ueberreſt von einem Tauſendfranesbillet, ungerechnet, daß es der Beſchützer, den ich meine und der z. B. nicht weiß, daß ich hier bin, mir nie an etwas fehlen laſſen wird. Da ich aber von meinem Beſchützer geſprochen habe, ſo müſſen Sie glauben, daß die Sache ernſthaft iſt, weil dieſer, — ſehen Sie — man könnte vor ihm auf die Kniee fallen! — Den Püffehagel, den ich auf den Schädel des Skeletts regnen ließ, habe ich ihm abgelernt, — es iſt ſeine Manier. — Der Diebſtahl iſt mir auch ſeinetwegen einge⸗ fallen. — Kurz, wenn Sie hier ſind und nicht von dem Skelett erwürgt, ſo haben Sie es ihm zu danken —“ „Aber dieſer Beſchützer?“ „Iſt auch der Ihrige.“ „Der meinige?“ 190 „Ja. — Herr Rudolph beſchützt Sie. — Wenn ich ſage Herr, ſo ſollte ich eigentlich ſagen allergnädigſter Herr, denn er iſt we⸗ nigſtens ein Prinz; ich nenne ihn aber gewöhnlich nur Herr Rudolph⸗ und er erlaubt es —“ 5 „Sie irren ſich,“ entgegnete Germain in immer größerer Ver⸗ wunderung, „ich kenne keinen Prinzen —“ „Das wohl, aber er kennt Sie, und Sie merken nichts davon. — Das iſt ſo ſeine Art. Erfährt er, daß ein braver Mann in Noth iſt, — ritſch! wird dem braven Manne geholfen, ohne daß er ſieht oder merkt, wo es herkommt. Das Glück fällt ihm aus den Wolken wie ein Ziegel auf den Kopf. — Alſo Geduld, — Sie werden ſchon früher oder ſpäter auch Ihren Ziegel auf den Kopf bekommen —“ „Ich begreife wirflich nicht —“ „Sie werden noch ganz andere Dinge erfahren. — Aber wie⸗ der auf meinen Beſchützer zu kommen. — Vor einiger Zeit, nach einem Dienſte, den ich ihm geleiſtet haben ſoll, wie er behauptet, verſchafft er mir eine prächtige Stellung, ich brauche nicht zu ſagen welche, das würde zu weitläufig werden; kurz er ſchickt mich nach Marſeille, damit ich mich nach Algier einſchiffen und meine ſchöne Stellung antreten ſoll. — Ich reiſe von Paris ab, ganz fidel; gut! — aber es änderte ſich bald. Wir wollen annehmen, ich wäre bei ſchönem Sonnenſcheine abgereiſt, nicht wahr? Nun⸗ am nächſten Tage überzieht ſich der Himmel, am zweiten wird er ganz grau, und ſo fort immer dunkler und dunkler, je weiter ich mich entferne, bis er endlich ſchwarz wird wie der Teufel. Ver⸗ ſtehen Sie mich?“ „Durchaus nicht.“ „Nicht? Nun — haben Sie einen Hund gehabt?“ . . 191 „Welche ſeltſame Frage!“ „Haben Sie einmal einen Hund gehabt, der Sie recht liebte und der ſich verlief?“ „Nein.“ „Es iſt Schade, — ſo kann ich Ihnen blos einfach ſagen, daß ich, fern von Herrn Rudolph, unruhig und ängſtlich wurde wie ein Hund, der ſeinen Herrn verloren hat. Das war dumm; aber die Hunde ſind nun einmal nicht geſcheidt, ob ſie gleich ihre Herren lieben und ſich der guten Biſſen wenigſtens eben ſo wohl erinnern wie der Prügel, die ſie erhielten. Und Herr Rudolph hatte mir mehr gegeben als gute Biſſen, denn, ſehen Sie, Herr Rudolph iſt für mich Alles in Allem. Er hat mich aus einem rohen, tölpiſchen, wilden Taugenichts gewiſſermaßen zu einem ehrlichen Kerl gemacht, und blos durch Worte, die er zu mir ſagte. Dieſe paar Worte wirkten wie Zauberei —“ „Welches waren dieſe Worte? Was ſagte er zu Ihnen?“ „Er ſagte, ich hätte noch Herz und Ehre im Leibe, ob ich gleich im Bagnr geweſen bin, nicht weil ich geſtohlen — pfui! — aber wegen etwas vielleicht noch Schlimmern: weil ich gemordet hatte. Ja,“ fuhr der Chourineur traurig fort, „gemordet — in einem Anfall von Jorn und weil ich wie ein Vieh aufgewachſen war, von Gott und dem Teufel, von Gut und von Böſe, von Recht und Unrecht nichts wußte. Manchmal ſtieg mir das Blut in den Kopf, — ich ſah dann Alles roth vor mir, und wenn ich ein Meſſer in der Hand hatte, ſo ſtieß ich drauf los und immer drauf los. — Ich konnte nur mit Lumpen und Banditen umgehen, und in ſolcher Geſellſchaft lernt man keine guten Sitten; ich mußte im Schmutze leben, lebte alſo darin und merkte es nicht einmal. Als aber Herr Rudolph, weil ich trotz der Verachtung, die ich überall fand, und trotz der Arnuth lieber arbeitete als ſtahl wie die Andern, ſagte, das beweiſe, daß ich noch Herz und Ehre im Leibe habe, — Donnerwetter! Sehen Sie, bei dieſen zwei Worten war es mir, als packe mich etwas an den Haaren und hebe mich tauſend Fuß hoch in die Luft über das Ungeziefer, unter dem ich mich herumgetrieben hatte. Ich ſagte natürlich: Schön Dank! Das Herz ſchlug mir ganz anders wie von Zorn, und ich ſchwur mir, immer die Ehre zu erhalten, von der Herr Rudolph ſprach. Sie ſehen, Herr Germain, Herr Rudolph hat mich aufgemuntert, als er mir mit Güte ſagte, ich ſei nicht ſo ſchlecht, wie ich zu ſein glaubte, und ich habe es ihm zu danken, daß ich beſſer geworden bin. —“ „ Germain begriff, als er dieſe Worte hörte, immer weniger, wie der Chourineur den Diebſtahl hatte ben können, deſſen er ſich ſelbſt beſchuldigte. —— CXLI. * Die Bekreiung. 6 N . „ Ee ein,“ dachte Germain, „es iſt unmöglich, der Mann, der ſich über die bloßen Worte Ehre und Herz ſo begeiſtert, kann den Diebſtahl nicht begangen haben, von dem er mit ſo empörender Gleichgiltigkeit ſpricht.“ Der Chourineur fuhr fort, ohne die Verwunderung Ger⸗ mains zu bemerken: „Alſo ich bin gegen Herrn Rudolph, was ein Hund gegen ſei⸗ nen Herrn iſt, weil er mich in meinen eignen Augen wieder auf⸗ gerichtet hat. Ehe ich ihn kannte, hatte ich nichts gefühlt als die Haut; er rührte etwas unter der Haut auf. Als ich nun von ihm fort war, befand ich mich wie ein Leib ohne Seele. Je weiter ich mich entfernte, um ſo öfter wiederholte ich mir: er führt ein drolliges Leben; er giebt ſich mit ſo großen Canaillen ab (ich weiß etwas davon), daß er täglich ſeine Haut zwanzig Mal zu Markte trägt. — Bei einer ſolchen Gelegenheit könnte ich ſeinen Hund abgeben und meinen Herrn vertheidigen, denn ich habe tüchtige Zähne. Auf der andern Seite hatte er mir nun freilich geſagt: Die Geheimniſſe von Paris. vII. — 194 Du mußt Dich Andern nützlich machen und dahin gehen, wo Du etwas Tüchtiges leiſten kannſt. — Ich hatte freilich gleich Luſt ihm zu antworten: ich habe Niemandem ſonſt zu dienen, als Ihnen, Herr Rudolph; aber ich wagte es nicht, und er ſagte: geh. Ich ging — ſo weit als ich konnte. Aber, Donnerwetter! als ich auf ein Schiff gehen, Frankreich verlaſſen und das Meer zwiſchen mich und Herrn Rudolph bringen ſollte, ohne die Hoffnung zu ha⸗ ben, ihn wieder zu ſehen, — da verging mir der Muth. Er hatte ſeinem Geſchäftsfreunde in Marſeille aufgetragen, mir bei der Ein⸗ ſchiffung einen großen Haufen Geld zu geben. Ich ging zu dem Herrn und ſagte zu ihm: ich kann nicht; geben Sie mir ſo viel als ich brauche, um zu Fuße nach Paris zurückzukehren; ich habe gute Beine, — hier halte ich es nicht aus. Herr Rudolph mag ſagen, was er will, er mag böſe werden, mich nicht wieder ſehen wollen, — möglich, — ich werde ihn aber doch ſehen, ich werde ſein, wo er iſt, und wenn er ſo fort lebt wie bisher, ſo komme ich vielleicht einmal zu rechter Zeit, um zwiſchen ihn und einen Dolchſtoß zu treten. — Ich kann nicht ſo weit von ihm fortgehen, ob ich gleich nicht weiß, was mich ſo zu ihm hinzieht. — Man giebt mir was ich brauche, und ich komme in Paris an. Da ſtellte ſich die Angſt ein. Was ſollte ich Herrn Rudolph ſagen, um mich zu entſchuldigen, daß ich ohne ſeine Er⸗ laubniß zurückgekommen? Na — er kann mich doch nicht verſchlin⸗ gen, dachte ich. Ich ging alſo zu ſeinem Freunde, einem dicken Kahlkopfe — der auch ein prächtiger Mann iſt. Donnerwetter! Als Herr Murph eintrat, ſagte ich: „mein Schickſal wird ſich nun entſcheiden —,“ aber weiter brachte ich nichts heraus. — Ich erwautete eine tüchtige Strafpredigt; aber der würdige Mann empfing mich, als wäre ich erſt den Tag vorher bei ihm geweſen, S 195 und ſagte, Herr Rudolph ſei keineswegs böſe auf mich, ſondern wolle mich ſogleich ſehen. Er führte mich wirklich zu meinem Beſchützer. Donnerwetter! Als ich ihm gegenüber ſtand, ihm, der eine ſo tüchtige Fauſt und ein ſo edles Herz hat, der ſchrecklich iſt wie ein Löwe und ſanft wie ein Kind, der ein Fürſt iſt und eine Blouſe getragen wie ich, um Gelegenheit zu haben (ich ſegne ſie), mir auf dem Schädel herum zu hämmern, daß die Funken herum⸗ flogen, ſehen Sie, Herr Germain, da war ich wie umgewandelt und weinte wie ein Kind, — denken Sie ſich, wie meine Larve ausſehen mag, wenn ich heule! Herr Rudolph ſagte ernſthaft zu mir: „Du biſt alſo zurückgekommen?“ „Ja, Herr Rudolph, verzeihen Sie mir's, wenn ich Unrecht gethan habe, aber — ich hielt es nicht aus. Weiſen Sie mir einen Winkel in Ihrem Hauſe an, füttern Sie mich, oder laſſen Sie mich mein Brod hier verdienen, ich verlange weiter nichts, beſonders zürnen Sie nicht, daß ich zurückgekommen bin —“ „Ich zürne um ſo weniger, da du gerade zu rechter Zeit ge⸗ kommen biſt, um mir einen Dienſt zu erzeigen.“ „Ich, Herr Rudolph? Wäre es möglich? Es muß doch, wie Sie mir ſagten, da oben etwas geben; wie wäre es ſonſt zu erklären, daß ich gerade in dem Augenblicke hier ankomme, wo Sie mich brauchen? Und was könnte ich für Sie thun, Herr Rudolph?“ „Ein rechtlicher und vortrefflicher junger Mann, an dem ich Antheil nehme, als wäre er mein Sohn, iſt ungerechter Weiſe des Diebſtahls angeklagt und in La Frrre gefangen; er heißt Germain, iſt ſanſt und ſchüchtern von Charakter; die Böſewichter, mit denen er zuſammenleben muß, haſſen ihn, und er kann in große Gefahr 13* 196 kommen. — Du haſt leider das Gefängnißleben und eine große Anzahl Gefangener kennen gelernt, könnteſt Du nicht, wenn ehe⸗ malige Cameraden in La Force wären (das ließe ſich wohl er⸗ mitteln), ſie beſuchen und durch Geldverſprechungen ſie bewegen, den unglücklichen jungen Mann zu ſchützen?“ „Wer iſt der edle Unbekannte, der an meinem Schickſale auf ſolche Weiſe Antheil nimmt?“ fragte Germain im höchſten Grade überraſcht. 3 „Vielleicht erfahren Sie es; ich für meine Perſon weiß es nicht. Doch auf mein Geſpräch mit ihm zurück zu kommen; — als er mit mir ſprach, war ich auf einen ſo närriſchen Einfall ge⸗ kommen, daß ich unwillkührlich ſelber darüber lachen mußte.“ „Was haſt Du?“ fragte er mich. „Herr Rudolph, ich lache, weil ich das Mittel gefunden habe, Ihren Herrn Germain vor den Gefangenen zu ſchützen, ihm einen Beſchützer zu geben, der ihn tapfer vertheidigen wird; denn befin⸗ det ſich der junge Mann einmal unter dem Fittiche des Burſchen, den ich meine, ſo wird es Niemand wagen⸗ ihn ungebührlich anzu⸗ ſehen.“ . „Sehr gut. Es iſt wahrſcheinlich Einer Deiner ehemaligen Cameraden?“ „Allerdings, Herr Rudolph; er iſt vor einigen Tagen in das Gefängniß gebracht worden, wie ich bei meiner Ankunft erfuhr; es wird aber Geld koſten —“ „Wie viel iſt nöthig?“ „Ein Tauſendfrancsbillet.“ „Da iſt es.“ „Ich danke, Herr Rudolph. — Binnen zwei Tagen ſollen Sie Nachricht von mir haben. — Donnerwetter! Ich war glücklicher 197 als der König, — ich konnte Herrn Rudolph einen Gefallen erzeigen.“ . „Ich fange au zu begreifen, oder vielmehr, ich fürchte zu be⸗ greifen,“ entgegnete Germain. — „Iſt eine ſolche Aufopferung möglich? — Sie haben, um mich zu ſchützen, um hierher in das Gefängniß zu kommen, einen Diebſtahl begangen? Ich würde mein ganzes Leben lang mir darüber Vorwürfe machen —“ „Nur Geduld! Herr Rudolph hatte zu mir geſagt, ich hätte Herz und Ehre im Leibe, — Dieſe Worte ſind mein Geſetz, ſehen Sie, und er könnte ſie auch heute noch ausſprechen, denn wenn ich nicht beſſer bin als ſonſt, ſo bin ich doch auch nicht ſchlechter.“ „Aber der Diebſtahl? Der Diebſtahl? Wenn Sie ihn nicht begangen haben, wie ſind Sie hierher gekommen?“ „Warten Sie nur. Mit meinen tauſend Franes kaufte ich mir eine ſchwarze Perrücke; ich raſire mir meinen Backenbart ab, ſetze eine blaue Brille auf, ſtopfe mir ein Kiſſen im Rücken unter den Rock, ſo daß ich buckelig ausſehe, und ſuche ein oder ein paar Zimmer im Parterre in einer lebhaften Straße zu miethen. Ich finde, was ich ſuche, in der Rue de Provence und bezahle unter dem Namen „Herr Gregvire“ ein Vierteljahr voraus. Am andern Tage kaufe ich im Temple Meubles in meine beiden Zimmer, immer mit meiner ſchwarzen Perrücke, meinem Buckel und meiner blauen Brille, ſchicke das Gekaufte in meine Wohnung, Rue de Provence, wie auch ſechs ſilberne Teller, die ich auf dem Boulevard St. Denis kaufte, immer in meiner Verkleidung. Dann ordne ich alles in meiner Wohnung, ſage dem Portier, ich würde erſt den zweiten Tag darauf da ſchlafen, und nehme meinen Schlüſſel mit. An den Fenſtern meiner beiden Zimmer befanden ſich ſtarke Läden. Einen hatte ich abſichtlich von innen nicht eingehakt. In der nächſten 198 Nacht lege ich meine ſchwarze Perrücke, meine Brille, meinen Buckel, meine Kleider ab, in denen ich meine Habſeligkeiten gekauft und die Zimmer gemiethet hatte, packe alles das in einen Koffer, den ich an Herrn Murph, den Freund Rudolphs, ſchicke mit der Bitte, mir die Sachen aufzubewahren; dann kaufe ich die Blouſe da, die blaue Mütze da, eine zwei Fuß lange eiſerne Stange, und um ein Uhr in der Nacht ſchleiche ich in der Rue de Provence vor meiner Wohnung umher, warte bis eine Patrouille in die Nähe kommt, um den Laden meines Fenſters aufzubrechen, in meine Wohnung zu ſteigen und mich ſelbſt zu beſtehlen und ergriffen zu werden —“ Der Chourineur lachte aus Herzensgrunde. — „Jetzt verſtehe ich,“ ſagte Germain. „Es kam feine Patrouille. — Ich hätte meine Wohnung in aller Bequemlichkeit zwanzig Male ausräumen können. Um zwei Uhr endlich höre ich die Soldaten angetrappt kommen; raſch zwänge ich den Laden auf, drücke ein paar Fenſterſcheiben ein, um Lärm zu machen, ſteige durch das Fenſter hinein, ſpringe in das Zimmer, nehme das Käſtchen mit den ſilbernen Tellern und noch Einiges. — Zum Glück hatte die Patrouille das Klingen der Fenſterſcheiben gehört, denn eben als ich wieder durch das Fenſter ſie packte mich die Wache, die ſchnell herangekommen war. „Man klopft; der Portier macht auf; man holt den golger Commiſſar; er kommt; der Portier erzählt, die beiden Zimmer wären den Tag vorher von einem buckeligen Herrn mit ſchwarzem Haar und einer blauen Brille gemiethet worden, der Gregoire heiße. — Ich hatte das Flachshaar, das Sie da ſehen, machte große helle Augen und ſtand gerade da wie ein Ruſſe unterm Gewehr; man konnte mich alſo unmöglich für den Buckeligen mit 199 der blauen Brille und dem ſchwarzen Haar halten. Ich geſtehe alles, man bringt mich in das Depot, von dem Depot hierhet, und ich komme gerade zu rechter Zeit an, um den Klanen des Skeletts den jungen Mann zu entreißen, von dem Herr Rudolph geſagt hatte: ich nehme Antheil an ihm, als wäre er mein Sohn —“ „Ach, wie viel bin ich Ihnen ſchuldig — für ſo große Auf⸗ opferung!“ ſagte Germain. „Mir nicht, ſondern Herrn Rudolph —“ „Aber warum nimmt er Antheil an mir?“ „Das wird er Ihnen ſelbſt ſagen, wenn er es nicht vorzieht, Ihnen nichts davon zu ſagen; denn er begnügt ſich oft damit, Gutes zu thun, und wenn man ihn fragt warum? ſo antwortet er wohl: bekümmern Sie ſich um Dinge, die Sie augehen.“ „Weiß Herr Rudolph, daß Sie hier find?“ „So dumm war ich nicht, ihm meinen Einfall zu erzählen; er würde mir vielleicht die Poſſe nicht erlaubt haben, und ſie iſt doch, ohne Ruhm zu melden, famos, nicht wahr?“ „Aber welcher Gefahr ſetzten Sie ſich aus! — ſind Sie noch ausgeſetzt!“ „Was wagte ich? — nicht nach La Force gebracht zu werden, wo Sie waren, allerdings. Aber ich rechnete auf den Schutz des Herrn Rudolph, wenn es darauf ankam, aus einem andern Gre⸗ fängniſſe weg und hierher zu kommen. Ein Herr wie er vermag alles.“ 3 „Aber wenn Ihr Prozeß kommt?“ „So werde ich Herrn Murph erſuchen, mir den Koffer zu ſchicken, vor dem Richter meine ſchwarze Perrücke, meine blaue Brille, meinen Buckel nehmen und wieder Herr Gregvire werden für den Portier, der mir die Zimmer vermiethete, für die Leute, 200 bei denen ich kaufte — das iſt der Beſtohlene. Will man dann den Dieb wiederſehen, ſo lege ich Perrücke, Brille und Buckel ab, und es wird augenſcheinlich ſein, daß der Dieb unb der Beſtohlene zuſammen den Chourineur ausmachen, nicht mehr und nicht we⸗ niger. — Was ſoll man mir denn anthun, wenn es bewieſen iſt, daß ich mich ſelbſt beſtohlen habe?“ „Nun ja,“ ſagte Germain beruhigt; „aber warum ſagten Sie nichts zu mir, als Sie hierher kamen, da Sie doch ſo Antheil an mir nahmen?“ „Ich erfuhr ſogleich das Complott, das man gegen Sie an⸗ gezettelt hatte; ich hätte es verrathen können, ehe der Spitzige ſeine Geſchichte anfing oder beendigte, aber angeben, ſelbſt ſolche Banditen, das widerſträubt mir; ich verließ mich lieber blos auf meine Fauſt, — um Sie den Klauen des Skeletts zu entreißen. — Und dann dachte ich, als ich dieſen Banditen ſah: das giebt eine prächtige Gelegenheit, den Puffhagel nachzumachen, dem ich die Ehre der Bekanntſchaft mit Herrn Rudolph verdanke.“ „Wenn aber alle Gefangenen Partei gegen Sie genommen hätten?“ „So hätte ich gebrüllt wie ein Löwe und um Hülfe gerufen. — Lieber aber war es mir, meine Sache ganz allein abzumachen und zu Herrn Rudolph ſagen zu können: „ich allein habe die Sache ausgemacht; ich habe Ihren jungen Mann vertheidigt und werde ihn vertheidigen, Sie können ganz ruhig ſein.“ In dieſem Augenblicke trat der Aufſeher raſch in das Zimmer. „Herr Germain, kommen Sie ſchnell, ſchnell, zu dem Herrn Director; er will ſogleich mit Ihnen ſprechen. — Du, Chouri⸗ nenr, geh in die Löwengrube hinunter. — Du wirſt Vorſteher, wenn Du willſt, denn Du haſt Geſchick dazu, dieſes Amt zu 201 bekleiden, und die Gefangenen werden mit einem Manne Deiner Art nicht ſpaßen.“ „Mir iſt's recht, — Capitain oder Soldat.“ „Verweigern Sie mir Ihre Hand noch?“ ſagte Germain herz⸗ lich zu dem Chourineur. „Nein, nein, Herr Germain; ich glaube, jetzt kann ich mir dieſes Vergnügen erlauben, und ich drücke ſie Ihnen.“ „Wir werden einander wiederſehen, denn da ich nun unter Ihrem Schutze ſtehe, werde ich nichts mehr zu fürchten haben, und ich komme jeden Tag aus meiner Zelle in den Hof herunter.“ „Fürchten Sie gar nichts; wenn ich es verlange, darf man nur knieend mit Ihnen ſprechen. Aber da fällt mir etwas ein; Sie können ſchreiben; bringen Sie das, was ich Ihnen erzählt habe, zu Papiere und ſchicken Sie die Geſchichte dem Herrn Rudolph; er erfährt dann, daß er Ihretwegen nicht mehr beſorgt zu ſein braucht, und daß ich aus gutem Grunde hier bin; denn wenn er auf anderem Wege hörte, der Chonrineur habe geſtohlen, und er kennte den Zuſammenhang nicht, Donnerwetter! — das wäre mir fatal —“ * „Sie können unbeſorgt ſein; noch heute Abend werde ich an meinen unbekannten Beſchützer ſchreiben; morgen ſagen Sie mir ſeine Adreſſe, und der Brief geht ab. Noch einmat herzlichen Dank!“ 6 „Adieu, Herr Germain, — ich gehe zu dem Lumpenpack zu⸗ rück, deren Vorſteher ich nun bin. — Wenn ſie muckſen, mögen ſie ſich vorſehen!“ „Wenn ich bedenke, daß Sie meinetwegen eine Zeit lang unter dieſen Elenden leben müſſen...“ „Was ſchadet mir das? Jetzt iſt nicht mehr zu fürchten, daß *. 202 ſie an mir abfärben. — Herr Rudolph hat mich zu gut S — ich bin gegen Brand verſichert.“ Der Chourineur folgte dem Aufſeher. Germain trat in das Cabinet des Directors, wo er zu ſeiner großen Verwunderung Lachtaube fand, die blaß und ſehr bewegt ausſah, deren Augen in Thränen ſchwammen, die aber doch durch die Thränen lächelte. Aus ihrem ganzen Geſichte ſprach eine un⸗ beſchreibliche Freude. „Ich habe Ihnen eine gute Nachricht mitzutheilen“, ſagte der Director zu Germain. „Die Juſtiz hat erklärt, daß kein Grund vorliege, gegen Sie weiter zu verfahren. — In Folge davon und namentlich der Erklärungen von Seiten des Klägers habe ich den Befehl erhalten, Sie ſofort in Freiheit zu ſetzen —“ „Was ſagen Sie? Wäre es möglich?“ Lachtaube wollte ſprechen, aber ſie vermochte es vor übergroßer Freude nicht. Sie konnte Germain nur bejahend zunicken und die Hände dabei falten. „Mademoiſelle kam wenige Angenhlicte darauf an, als 66 den Befehl erhalten hatte, Sie zu entlaſſen,“ ſetzte der Dirertor hinzu. „Ein ſehr einflußreiches Empfehlungsſchreiben, das ſe mir überbrachte, theilte mir die rührende Aufopferung mit, die ſie wäh⸗ rend Ihres Aufenthaltes im Gefängniſſe bewieſen hat. Ich ließ Sie deshalb mit wahrem Vergnügen hierher beſcheiden, da ich überzeugt ſein konnte, Sie würden ſich glücklich ſchätzen, Arm in Arm mit Mademviſelle von hier fortzugehen.“ „Iſt es ein Traum?“ rief Germain aus. — „Wie gütig Sie ſind, Herr Director. — Verzeihen Sie mir, wenn mich die Ueber⸗ 203 raſchung und die Freude hindern, Ihnen zu danken, wie es meine Schuldigkeit iſt —“ Mn „Und ich, Herr Germain, ich bringe kein Wort heraus,“ ſagte Lachtaube; „denken Sie ſich meine Freude! Als ich von Ihnen fortging, traf ich den Freund Rudolphs, der auf mich war⸗ tete —“ „Wieder Herr Nudolph!“ ſagte Germain erſtaunt. „Ja, jetzt kann ich Ihnen Alles ſagen, und Sie werden Alles erfahren. Herr Murph ſagte alſo zu mir: Germain iſt frei; hier iſt ein Brief an den Herrn Gefängnißdirector. Wenn Sie zu ihm kommen, wird er ſchon den Befehl erhalten haben, Germain in Freiheit zu ſetzen, und Sie können ihn gleich mitnehmen. Ich konnte nicht glauben, was ich hörte, und doch war es wahr Schnell, ſchnell! Ich nahm einen Fiacre, ich kam an, — er wartet noch unten.“ F Wir unternehmen es nicht, das Entzücken der beiden Liebenden, als ſie das Gefängniß verließen, und den Abend zu ſchildern, den ſie in dem Zimmerchen der Lachtaube verbrachten, das Germain erſt um elf Uhr verließ, um ſich in ein beſcheidenes Gaſthaus zu begeben. Faſſen wir nun noch einmal die practiſchen oder theoretiſchen Ideen zuſammen, welche wir in dieſer Epiſode des Gefängniß⸗ lebens herauszuheben verſuchten. Wir würden uns glücklich ſchätzen, wenn wir dargethan hätten: Das Unzureichende und Gefährliche der gemeinſamen Haft... 204 Die Mißverhältniſſe zwiſchen der Strafe gewiſſer Verbrechen (ausdiebſtahl, Diebſtahl mit Einbruch) und gewiſſer Vergehen (Mißbrauch des Vertrauens) — i und endlich die materielle Unmöglichkeit der armen Claſſen, die Wohlthat der Civilgeſetze zu genießen. oxxMn. S t rafb ir geleiten den Leſer von Neuem zu dem Notar Jacob Ferrand. Das gewöhnliche Geplauder der Schreiber, die ſich faſt fort⸗ während mit den ſich verſchlimmernden Seltſamkeiten ihres Prinzipals beſchäftigten, wird uns in den Stand ſetzen, das zu erfahren, was ſeit dem Verſchwinden Cecilys geſchehen war. „Ich wette hundert gegen zehn, daß es mit unſerm Prinzipal aus wird, ehe ein Monat in's Land gegangen iſt, wenn keine Aen⸗ derung eintritt.“ „Seit die Magd, welche wie eine Elſaſſerin ausſah, das Haus verlaſſen, iſt er ſo abgefallen, daß er nur noch die Haut auf den Knochen hat.“ „Und welche Haut!“ „Er muß in das elſaſſiſche Mädchen verliebt ſein, da er ſeit ihrer Entfernung ſich ſo abzehrt.“ „Er verliebt!? Welcher Gedanke!“ 6 „Er geht im Gegentheil wieder mehr mit Geiſtlichen um als je.“ „Ja, und der Pfarrer der Gemeinde hier, der wirklich ein recht 6 206 achtbarer Mann iſt, das muß man geſtehen, ſagte geſtern, als er fortging, (ich habe es ſelbſt gehört) zu dem andern Geiſtlichen, der ihn begleitete: „es iſt bewundernswürdig! Herr Jacob Ferrand iſt ein Muſter der chriſtlichen Liebe und Mildthätigkeit auf Erden.“ „Das ſagte der Geiſtliche? von freien Stücken? ohne ſich Zwang anzuthun?“ „Was?“ „Daß der Prinzipal ein Muſter der chriſtlichen Liebe und Mildthätigkeit auf Erden wäre?“ „Ja, ich habe es ſelbſt gehört.“ „So ſteht mir der Verſtand ſtill; der Pfarrer ſteht in dem Rufe, und er verdient ihn, wirklich ein „guter Hirt“ zu ſein, wie man zu ſagen pflegt —“ „Ja, von ihm muß man wirklich ernſt und mit Achtung ſprechen; er iſt wirklich ſo gut und ſo mildthätig wie der kleine Blau⸗ mantel), und wenn man dies von Jemand ſagt, ſo geht nichts darüber.“ „Das will nicht wenig ſagen.“ „Nein. Alle Armen kennen und lieben den kleinen Blau⸗ mantel und den guten Pfarrer.“ „So komme ich auf meinen Ausſpruch zurück. Wenn der Pfarrer etwas verſichert, ſo muß man es glauben, weil er nicht lügen kann; und doch will mir es nicht in den Kopf, den Prinzipal für mildthätig zu halten — ich will eben ſo gern an ein Wunder glauben; es iſt nicht ſchwerer. *) Ich erlaube mir hier mit tiefer Verehrung den Namen dieſes großen Wohlthäters, Herrn Champion, zu erwähnen, den ich nicht die Ehre habe, perſönlich zu kennen, von dem aber alle Armen in Paris mit eben ſo großer Verehrung wie Dankbarkeit ſprechen. 207 „Ferrand freigebig! der im Stande iſt, ein Ei zu ſcheeren, wie man zu ſagen pflegt.“ „Aber die 40 Sous, die er uns zum Frühſtück giebt?“ „Das iſt ein Zufall und kein Beweis —“ „Ja, aber auf der andern Seite hat der erſte Schreiber geſagt, der Prinzipal habe ſeit drei Tagen eine ungeheure Summe von Schatzſcheinen in baar Geld umgeſetzt und —“ . „Nun?“ „So rede doch!“ „Es iſt ein Geheimniß.“ „Ein Grund mehr. — Alſo das Geheimniß?“ „Gebt mir Euer Ehrenwort, daß Ihr nichts ausplaudern wollt!“ „Wir ſchwören es bei unſern dereinſtigen Kindern.“ „Und dann beziehen wir uns auf das, was der große König Ludwig XIV. majeſtätiſch zu dem Dogen von Venedig vor ſeinem ganzen Hofe ſagte: „Ward ein Geheimniß erſt dem Schreiber kund, So weiß es auch die Stadt zur ſelben Stund'!“ „Hör' auf, Chalamel, mit Deinen Sprichwörtern!“ „Die Sprichwörter ſind die Weisheit der Nationen, und darauf hin verlange ich Dein Geheimniß.“ „Ich muß wiederholen, daß ich dem erſten Schreiber das Ver⸗ ſprechen gegeben habe, Niemandem etwas davon zu ſogen —“ „Nun ja, er hat Dir aber nicht verboten, es aller Welt zu erzählen.“ „Es drückt ihm das Herz ab; er möchte es gar zu gern er⸗ zählen.“ „Nun, der Prinzipal verkauft ſein Amt; jetzt iſt es vielleicht ſchon geſchehen —“ 208 Ah „Das iſt eine ſeltſame Neuigkeit!“ „An wen verkauft er es?“ „Das weiß ich nicht.“ ₰„ „Er verkauft es vielleicht, um ein anderes Leben anzufangen, Feſte, Routs zu geben, wie die große Welt ſagt.“ irℳ „Nun, Geld genug hat er.“ 4 „Und gar keine Familie —“ ₰ „Ob er Geld hat! Der erſte Schreiber ſpricht von mehr als einer Million, das Amt mitgerechnet.“ „Mehr als eine Million! Das klingt prächtig.“ „Man ſagt, er habe an der Börſe mit dem Commandanten Robert geſpielt und viel Geld gewonnen.“ „Er lebte aber auch wie ein Knicker.“ „Wenn ſolche Geizhälſe einmal anfangen Aufwand zu machen, ſchonen ſie das Geld ſo wenig wie Andere.“ „Ich glaube wie Chalamel, daß der Prinzipal ſich nun eine Güte thun will.“ „Er wäre auch ein Eſel, wenn er⸗ ſich nicht bis an den Hals in die Vergnügungen hineinſtürzte, da er die Mittel dazu hat.“ „Er ſieht mir aber doch gar nicht darnach aus, als denke er an Vergnügungen.“ „Er macht ein Geſicht, als ſei der Teufel geſtorben und er müſſe um ihn trauern.“ „Und der Pfarrer rühmt ſeine Mildthätigkeit!“ 1 „Die ächte hriſtliche Liebe fängt bei ſich ſelbſt an! Kennſt Du denn Deine Gebote nicht, Du gottloſer Menſch? Wenn der Prinzipal die größten Vergnügungen als Almoſen für ſich ſelbſt verlangſo iſt es doch ſeine Pflicht, ſie ſich zu bewilligen —“ 209 „Uebrigens wundere ich mich ſehr über ſeinen vertrauten Freund, der wie aus den Wolken hierher gefallen iſt und ihn nicht verläßt wie ſein Schatten.“ „Er hat ein fatales Geſicht.“ „Haare roth wie Möhren —“ „Ich möchte faſt glauben, dieſer Unbekannte ſei die Frucht eines Fehltritts, den Ferrand in ſeiner Jugend gethan —“ „Welche Dummheit! Siehſt Du nicht, daß der Fremde älter iſt, als der Prinzipal?“ „Nun, ſo iſt er vielleicht ſein Vater —“ „Hört nicht mehr auf Chalamel. Es iſt kein vernünftiges Wort mit ihm zu reden.“ . „So viel iſt gewiß, daß der Fremde ein häßliches Geſicht hat und Ferrand keinen Augenblick verläßt.“ „Er iſt fortwährend bei ihm in dem Cabinet; ſie eſſen mit einander, und Einer kann ohne den Andern keinen Schritt thun.“ „Mir kommt es vor, als hätte ich den Fremden ſchon irgendwo geſehen.“ „Mir nicht —“ „Habt Ihr nicht auch bemerkt, daß ſeit einigen Tagen regel⸗ mäßig faſt alle zwei Stunden ein Mann mit großem blonden Schnurrbart und militairiſcher Haltung kommt, der durch den Portier den Fremden rufen läßt? Dieſer geht dann hinunter und ſpricht einen Augenblick mit dem Schnurrbärtigen, der dann ab⸗ ſchwenkt und nach zwei Stunden wiederkommt.“ „Ja, das habe ich auch bemerkt. Es kam mir auch vor, als ſtänden draußen Leute, welche das Haus bewachen.“ Ernſtlich, es geht hier etwas Außerordentliches vor.“ „Wer das Leben hat, wird ja ſehen, was herauskommt.“ Die Geheimniſſe von Paris. VII. 14 210 Vielleicht weiß der erſte Schreiber mehr als wir; aber er ſpielt den Diplomaten —“ „Wo iſt er? Seit bald —“ „Er iſt bei jener Gräfin, die man ermorden wollte; ſie ſcheint jetzt außer Gefahr zu ſein.“ „Die Gräfin Macr Gregor?“ „Ja; dieſen Morgen ließ ſie den Prinzipal dringend zu ſich beſtellen, aber er ſchickte den erſten Schreiber zu ihr —“ „Vielleicht wegen eines Teſtamentes.“ „Nein, es geht beſſer mit ihr.“ „Der erſte Schreiber hat entſetzlich viel Arbeit, ſeit er Ger⸗ main an der Caſſe erſetzen muß.“ „Bei Germain fällt mir auch etwas Sonderbares ein.“ „Was?“ „Der Prinzipal hat, um ihn in Freiheit ſetzen zu laſſen, erklärt, er ſelbſt, Ferrand, habe ſich in der Rechnung geirrt und das Geld wiedergefunden, das er von Germain gefordert.“ „Das finde ich nicht ſonderbar, ſondern gerecht. Ihr werdet Euch erinnern, daß ich Germain immer für unfähig gehalten habe, einen Diebſtahl zu begehen.“ „Es muß ihm aber doch ſehr unangenehm ſein, als Dieb ver⸗ haftet worden und im Gefängniſſe geweſen zu ſein.“ „Ich an ſeiner Stelle würde von Ferrand Entſchädigung verlangen.“ „Er hätte ihn wenigſtens ſogleich wieder als Caſſirer anneh⸗ men ſollen, um zu beweiſen, daß Germain unſchuldig geweſen —“ „Ja, Germain würde aber nicht eingewilligt haben.“ „Iſt er immer noch auf dem Dorfe, wohin er ſich aus dem Gefängniſſe begeben hat, und von wo er uns ſchrieb, um un ⸗ zuzeigen, daß Ferrand die Klage zurückgenommen?“ 211 „Wahrſcheinlich, denn geſtern ging ich in das Haus, das er uns angegeben hatte, und man ſagte mir, er ſei noch auf dem Lande, und man könnte ihm nach Bouqueval unter der Adreſſe der Madame Georges ſchreiben.“ „Ein Wagen!“ rief Chalamel, indem er an das Fenſter trat; Haber keine ſo prächtige Equipage wie die des famoſen Vicomte. Erinnert Ihr Euch noch an den St. Remy mit ſeinem betreßten Jäger und dem dicken Kutſcher in weißer Perrücke? Jetzt iſt es ein ganz gewöhnlicher Wagen.“ „Wer ſteigt aus?“ „Wartet! — Ah! ein ſchwarzes Kleid.“ „Eine Dame! Eine Dame! Laſſen Sie ſehen.“ „O, wie unanſtändig fleiſchlich dieſer Laufburſche ſchon geſinnt iſt! Er denkt an nichts als an Frauenzimmer; man wird ihn bald an eine Kette legen müſſen, ſonſt raubt er bei hellem lichtem Tage Sabinerinnen.“ „Sie ſagten ja, ein ſchwarzes Kleid, Herr Chalamel, und ich glaubte —“ „Es iſt der Herr Pfarrer, Dummkopf! Laß Dir dies zur Warnung dienen!“ „Der brave Geiſtliche der Gemeinde hier?“ „Er ſelbſt.“ „Ein würdiger Mann!“ „Er iſt kein Jeſuit!“ „Das glaube ich, und wen ihm alle Geiſtlichen glichen, würde es nur fromme Leute geben.“ „Still! Man kommt zu uns!“ Alle Schreiber jetzten ſich an ihre Pulte und ließen ihre Federn kritzend über das Papier laufen. — 212 Das blaſſe Geſicht dieſes Geiſtlichen war zugleich mild und ernſt, geiſtreich und ehrwürdig. Ein ſchwarzes Käppchen verbarg ſeine Tonſur, und ſein graues ziemlich langes Haar fiel auf den Kragen ſeines braunen Rockes. Der treffliche Mann war, wie wir hinzuſetzen müſſen, in Folge ſeines aufrichtigen Vertrauens fortwährend durch die geſchickte Heuchelei des Jacob Ferrand getänſcht worden. „Befindet ſich Ihr würdiger Prinzipal in ſeinem Cabinet, meine Kinder?“ fragte der Pfarrer. „Ja, Herr Abbé,“ ſagte Chalamel, indem er ehrerbietig auf⸗ ſtand und dem Geiſtlichen die Thüre eines anſtoßenden Zimmers öffnete. Da der Abbé indeß in dem Cabinet des Notars ziemlich heftig ſprechen hörte und nicht hören wollte, was geſprochen wurde, ſo ging er raſch auf die Thüre zu und klopfte. „Herein!“ rief eine Stimme mit ſehr deutlichem italieniſchen Accente. Der Geiſtliche ſtand vor Polidori und Jacob Ferrand. Die Schreiber ſchienen ſich wirklich nicht geirrt zu haben, als ſie ihrem Prinzipale ein nahes Ende prophezeihten. Der Notar war ſeit der Flucht faſt unkennbar geworden. Obgleich ſein Geſicht entſetzlich hager war und eine Leichen⸗ farbe hatte, ſo ſah man doch auf ſeinen vorſtehenden Backenknochen eine fieberhafte Röthe; faſt fortwährend ſchüttelte ihn ein nervöſes Zittern, das ſich bisweilen bis zu krampfhaften Zuckungen ſteigerte; ſeine fleiſchloſen Hände waren heiß und trocken; ſeine großen grünen Brillengläſer verhüllten ſeine mit Blut unterlaufenen Augen, aus denen das unheimliche Feuer eines verzehrenden Fiebers glänzte. N 213 Das Geſicht Polidoris ſtach ſehr von dem ſn ab; man konnte nichts bitterer —, kälter — Höhniſches ſehen als den Ausdruck der Züge dieſes Böſewichts. Ein Wald von brennend rothen Haaren, unter die ſich einige graue miſchten, bedeckte ſeine bleiche runzelige Stirn; ſeine durchbohrenden Augen, durchſichtig und grünlich wie Aquamarin, ſtanden ſehr dicht an der Hakennaſe, und der Mund mit dünnen eingezogenen Lippen verrieth Bosheit. Polidori ſaß, völlig ſchwarz gekleidet, an dem Schreibtiſche des⸗ Notars Jacob Ferrand. Bei dem Anblick des Pfarrers ſtanden Beide auf. „Nun, wie geht es Ihnen, mein würdiger Herr Ferrand?“ fragte der Abbé theilnehmend; „befinden Sie ſich etwas beſſer?“ „Ich bin noch immer in demſelben Znſtande, Herr Abbé; das Fieber weicht nicht von mir,“ antwortete der Notar; „die Schlaf⸗ loſigkeit bringt mich um. — Doch der Wille Gottes geſchehe!“ „Sehen Sie, Herr Abbé,“ ſetzte Polidori ſalbungsvoll hinzu, „welche fromme Ergebenheit! Mein armer Freund bleibt ſich immer gleich; nur im Wohlthun findet er einige Linderung ſeiner Leiden.“ „Ich verdiene dieſe Lobeserhebungen nicht, und verſchonen Sie mich damit,“ ſagte der Notar trocken, und er vermochte kaum einen Ausbruch von Jorn und Haß zurückzuhalten. — „Nur dem Herrn ſteht es zu, über Gute und Böſe zu richten; ich bin nichts als ein elender Sünder.“ „Wir ſind allzumal Sünder,“ entgegnete der Abbé, „aber wir beſitzen nicht Alle die chriſtliche Liebe, die Sie auszeichnet, mein würdiger Freund, O, die ſind ſelten, welche gleich Ihnen von den irdiſchen Gütern ſich losreißen und nur daran denken, wie ſie die⸗ ſelben bei Lebzeiten auf recht chriſtliche Weiſe verwenden. . . Sind 2¹4 Sie noch n⸗ Willens, Ihr Amt zu verkaufen, um ſich ganz frommen Uebungen zu widmen?“ „Mein Amt iſt ſeit vorgeſtern verkauft, Herr Abbé; es iſt mir gelungen, was ſelten geſchieht, das Geld dafür vollſtändig baar zu erhalten. Dieſe Summe und einige andere gedenke ich zu der Gründung der Anſtalt zu verwenden, über die ich mit Ihnen ge⸗ ſprochen und deren Plan ich nun definitiv entworfen habe. Ich werde Ihnen denſelben vorlegen —“ „Ah, mein würdiger Freund!“ ſprach der Geiſtliche mit wahrer bewundernder Rührung, „ſo viel Gutes zu thun, ſo ohne Gepränge und, ich kann es wohl ſagen, auf eine ſo natürliche Weiſe! Ich wiederhole es, Leute wie Sie ſind ſelten und deshalb nicht genug zu ſegnen.“ „Weil wenige Leute ſp wie Jacob Reichthum mit Frömmig⸗ keit, Verſtund mit Wohlthun verbinden,“ ſagte Polidori mit ironi⸗ ſchem Lächeln, das aber dem guten Abbé entging. Bei dieſer neuen ſarkaſtiſchen Lobeserhebung ballte der Notar unwillkührlich die Fauſt, und er warf unter der Brille hervor Po⸗ lidsri einen Blick voll teufliſcher Wuth zu. „Sie ſehen, Herr Abbé,“ ſetzte der vertraute Freund Jacob Ferrands hinzu, „er iſt noch immer von ſeinen Zuckungen geplagt und will doch nichts dagegen thun. Ich bin troſtlos darüber, denn er wird ſich ſo ſelbſt um's Leben bringen. — Ja, ich wage es in Gegenwart des Herrn Abbé auszuſprechen, F iſſt Dein eigener Henker, armer Freund!“ Auch bei dieſen Worten Polidoris zuckte Ferrand nn aft, aber er beruhigte ſich. Ein Anderer als der Abbé würde während dieſer Unterredung und namentlich während der nachfolgenden den gezwungenen, un⸗ 215 willigen Ton Jacob Ferrands bemerkt haben; denn hchn kaum zu ſagen, daß ein höherer Wille, der Wille Rudolphs, dieſen Mann zu Worten und Handlungen zwang, die ſeinem eigentlichen Charakter völlig zuwider waren. Bisweilen ſchien der Notar, auf das Aeußerſte getrieben, dieſer allmächtigen und unſichtbaren Antorität nicht gehorchen zu wollen, aber ein Blick von Polidori machte dieſem Zögern ein Ende; er drängte dann den fürchterlichſten Haß in einen Wuthſeufzer zu⸗ ſammen und bückte ſich unter das Joch, das er nicht abwerfen konnte. „Ach, Herr Abbé,“ fuhr Polidori fort, der ſich's angelegen ſein ließ, wie es ſchien, ſeinen Mitſchuldigen mit Nadelſtichen zu quälen, „mein armer Freund vernachläſſigt ſeine Geſundheit zu ſehr. Helfen Sie mir ihm zureden, daß er ſich pflege, daß er ſich erhalte, wenn nicht für ſich und ſeine Freunde, ſo doch wenigſtens für die Unglücklichen, deren Hoffnung und Stütze er iſt.“ „Genug! Genug!“ murmelte der Notar dumpf vor ſich hin. „Nein, es iſt nicht genug,“ ſagte der Pfarrer gerührt, „man kann es Ihnen nicht genug wiederholen, daß Sie nicht ſich ſelbſt blos angehören, und daß es unrecht iſt, Ihre Geſundheit ſo zu vernachläſſigen. In den zehn Jahren, die ich Sie kenne, habe ich Sie nie krank geſehen, ſeit einem Monate aber ſind Sie kaum wie⸗ der zu erkennen. Die Veränderung Ihrer Züge fällt mir um ſo mehr auf, da ich Sie eine Zeit lang nicht geſehen habe. Ich konnte Iheen meine Verwunderung nicht bergen, als ich Sie das erſte Mal wiederſah, aber die Veränderung, welche ich ſeit einigen Tagen an Ihnen bemerke, iſt noch bedeutender; Sie fallen ſichtlich ab und erregen ernſtliche Beſorgniſſe in uns. Ich beſchwöre Sie, mein würdiger Freund, denken Sie an Ihre Geſundheit —“ 216 8. „Ich vin Ihnen ſehr dankbar für Ihre Theilnahme, Herr Abbé, aber ich gebe Ihnen die Verſicherung, daß mein ZJuſtand nicht ſo beunruhigend iſt wie Sie glauben.“ „Da Du ſo eigenſinnig hartnäckig biſt,“ fuhr Polidori fort, „ſo werde ich dem Herrn Abbé Alles ſagen; er liebt, achtet und ehrt Dich ſehr; was wird er ſagen, wenn er Deine neuen ver⸗ dienſtlichen Handlungen erfährt, wenn er die wirkliche Urſache Deiner Kränklichkeit kennen lernt?“ „Was hat er noch gethan?“ fragte der Abbé. „Herr Abbé,“ fiel der Notar ungeduldig ein, „ich hatte Sie gebeten, mich zu beſuchen, um Ihnen höchſt wichtige Pläne mitzu⸗ theilen, nicht um mich durch meinen Freund auf ſo lächerliche Weiſe rühmen zu hören.“ „Du weißt, Jacob, daß Du Dir von mir gefallen laſſen mußt, Alles zu hören,“ ſagte Polidori, indem er ihn unverwandt anblickte. Der Notar ſchlug die Augen nieder und ſchwieg. Polidori dagegen fuhr fort: „Sie haben vielleicht bemerkt, Herr Abbé, daß die erſten Symp⸗ tome der Nervenkrankheit Jacobs ſich kurz nach dem abſcheulichen Scandale zeigten, das Lyuiſe Morel in dieſem Hauſe verurſachte.“ Der Notar ſchauderte⸗ „Sie kennen alſo das Verbrechen des unglücklichen Mädchens?“ fragte der Pfarrer erſtaunt. „Ich glaubte, Sie wären erſt vor wenigen Tagen in Paris angekommen.“ „Allerdings, Herr Abbé, Jacob hat mir aber, als ſeinem Freunde und Arzte, Alles erzählt, denn er ſchreibt die Nerven⸗ erſchütterung, an welcher er leidet, faſt dem Unwillen über das Verbrechen Louiſens zu. Aber dies iſt noch nicht Alles; mein armer Freund ſollte leider! noch andere Schläge erfahren, die, wie Sie 4 —.—.—— — ———— 217 ſehen, ſeine Geſundheit untergraben haben. Eine alte Dienerin, die ſeit langen Jahren in ſeinem Hauſe war —“ „Madame Seraphin?“ fiel der Pfarrer ein, — „ich habe von dem Tode der Unglücklichen gehört, die durch einen Zufall ertrank, und ich begreife den Schmerz des Herrn Ferrand. Man vergißt zehnjährige treue Dienſte nicht ſo leicht, und ſolche Treue ehrt den Herrn eben ſo wie den Diener.“ „Herr Abbé,“ ſagte der Notar, „ich beſchwöre Sie, ſprechen Sie nicht von meinen Tugenden, es iſt mir peinlich.“ „„ „Wer ſonſt ſoll davon ſprechen? Du?“ entgegnete liebevoll Polidori; „Sie werden ihn noch mehr zu rühmen haben, Herr Abbé. Sie wiſſen vielleicht nicht, welche Dienerin bei Jacob die Louiſe Morel und Madame Seraphin erſetzte; Sie wiſſen nicht, was er für die arme Cecily gethan hat, denn die neue Magd hieß Cecily, Herr Abbé.“ Der Notar ſprang unwillkührlich von ſeinem Stuhle auf; ſeine Augen flammten unter den Brillengläſern, und eine glühende Röthe überflog ſein bleiches Geſicht. „Schweig! Schweig!“ rief er. „Kein Wort mehr, ich verbiete es Dir!“ „Beruhigen Sie ſich,“ entgegnete der Abbé mit mildem Lächeln; „welche neue edle Handlung haben Sie mir zu berichten? — Ich billige dieſen Mangel an Verſchwiegenheit bei Ihrem Freunde vollkommen. — Ich kenne die Magd nicht, denn wenige Tage nach ihrem Antritte bei unſerm würdigen Ferrand ſah er ſich durch über⸗ große Geſchäftslaſt zu meinem Bedauern genöthigt, den Umgang mit mir momentan abzubrechen.“ „Um Ihnen das neue gute Werk zu verbergen, das er im 6. 1 Sinne hatte, Herr Abbé; er wird aber, obgleich ſeine Beſcheiden⸗ heit ſich dagegen ſträubt, jetzt doch davon ſprechen hören müſſen, und Sie werden Alles erfahren,“ fuhe Polidori lächelnd fort. Jacob Ferrand ſchwieg, ſtützte ſich auf ſeinen Schreibtiſch auf und verdeckte ſeine Stirn mit den Händen. —— CxIMN. Die Armen-Vank. „ enken Sie ſich alſo, Herr Abbé,“ ſagte Polidori zu dem Pfarrer, indem er aber jedes Wort mit einem ironiſchen Blicke begleitete, „denken Sie ſich, daß mein Freund an ſeiner neuen Magd, die, wie bereits erwähnt, Cecily hieß, die beſten Eigenſchaften fand, große Züchtigkeit, engelgleiche Sanftmuth und beſonders große Frömmigkeit. Jacob hat, wie Sie wiſſen, durch ſeine lange Praris einen außerordentlich ſcharfen Blick ſich erworben, und er bemerkte bald, daß das junge Mädchen — ſie war jung und ſehr ſchön, Herr Abbé, — nicht zum Dienen geſchaffen war und daß ſie mit ſtreng religiöſen Grundſätzen eine gründliche Bildung und — ſehr mannigfache Kenntniſſe verband.“ „Das iſt wirklich ſeltſam,“ ſagte der Abbé. — „Dieſe Um⸗ ſtände waren mir völlig unbekannt. — Aber was iſt Ihnen, mein guter Herr Ferrand, Sie ſcheinen ſich unwohler zu fühlen?“ „Ich habe allerdings“, antwortete der Notar, indem er ſich den kalten Schweiß von der Stirn wiſchte, „heftiges — aber es wird vergehen.“ Polidori zuckte lächelnd die Achſeln. „Es iſt bei Jacob immer ſo,“ ſetzte er hinzu, „wenn er eine geheime gute That, die er vollbracht hat, enthüllt ſieht; er iſt mit ſeinen Wohlthaten ſo heuchleriſch! Zum Glück bin ich da, und es ſoll ihm glänzende Gerechtigkeit widerfahren. Alſo auf Cecily zurückzu⸗ kommen. Sie hatte ihrerſeits bald das vortreffliche Herz Jacobs erkannt, und als er ſie über ihre Vergangenheit befragte, geſtand ſie ihm unverholen, daß ſie, fremd, hülflos, durch das lüderliche Leben ihres Mannes in die größte Armuth gebracht, mit Freuden in das fromme Haus eines ſo achtungswürdigen Mannes eingetreten ſei. So viel Unglück, Ergebung und Tugend rührten Jacob, er ſchrieb in die Heimath dieſer Unglücklichen, um Erkundigungen über ſie ein⸗ zuziehen, und die Nachrichten, welche er erhielt, beſtätigten Alles, was ſie unſerm Freunde erzählt hatte. Jacob war nun überzeugt, daß er ſeine Wohlthat einer vollkommen würdigen Perſon erzeige, ſegnete Cerily wie ein Vater und ſchickte ſie in ihre Heimath mit einer Summe Geld zurück, die ſie in den Stand ſetzte, beſſere Tage und eine Gelegenheit zu einem paſſenden Unterkommen abzuwarten. — Ich füge kein Wort des Lobes für Jacob hinzu, denn die Thaten ſind beredter als meine Worte.“ „Gut, ſehr gut,“ rief der Pfarrer gerührt aus. „Herr Abbé,“ entgegnete Jacob Ferrand, „ich möchte Ihre koſtbare Zeit nicht mißbrauchen, ſprechen wir alſo, ich bitte darum, nicht mehr von mir, ſondern von dem Plane, um deſſentwillen ich Sie erſuchen ließ, zu mir zu kommen, damit Sie mir mit Ihrem Rathe beiſtänden.“ „Ich begreife, daß die Lobeserhebungen Ihres Freundes Ihre Beſcheidenheit verletzen, beſchäftigen wir uns alſo mit Ihren neuen guten Werken und vergeſſen wir, daß Sie der Urheber ſind; vor — —,— —— Allem wollen wir von der Angelegenheit ſprechen, mit der ſie mich beauftragt haben. Ich habe, Ihrem Wunſche gemäß, bei der Bank von Frankreich unter meinem Namen die Summe von hundert⸗ tauſend Fres. deponirt, welche für die Reſtitution beſtimmt ſind die Sie vermitteln und die durch mich erfolgen ſoll. Sie zogen vor, das Geld nicht in ihren Händen zu behalten, obgleich es meiner Meinung nach da eben ſo ſicher geweſen ſein würde wie in der Bank.“ „Ich habe darin, Herr Abbé, nur nach den Abſichten des un⸗ befannten Urhebers dieſer Zurückerſtattung gehandeltz er handelt ſo um die Ruhe ſeines Gewiſſens willen. Seinen Wünſchen zu⸗ folge ſollte ich Ihnen dieſe Summe anvertrauen und Sie bitten, dieſelbe der verwittweten Frau von Fermont geb. von Renneville zu übergeben (— die Stimme des Notars zitterte leicht, als er dieſe Namen ausſprach), wenn dieſe Dame bei Ihnen erſchiene und ſich legitimire.“ „Ich werde den Auftrag, den ſie mir geben, ausführen,“ ſagte der Geiſtliche. „Es iſt nicht der letzte, Herr Abbé.“ „Deſto beſſer, wenn die andern dieſem gleichen; denn wenn ich auch die Beweggründe nicht erforſchen mag, welche ihn veranlaßten, ſo rührt mich eine freiwillige Wiedererſtattung zu jeder Zeit. Die Beſchlüſſe, welche allein das Gewiſſen dictirt und die man treu und frei vor ſeinem innern Richter ausführt, ſind ſtets ein Zeichen auf⸗ richtiger Reue.“ „Nicht wahr, Herr Abbé? Daß hunderttauſend Franes mit einem Male zurückgegeben werden, iſt ſelten; ich bin neugieriger geweſen als Sie, was aber vermochte meine Neugierde gegen die un⸗ erſchütterliche Verſchwiegenheit Jacobs? Ich kenne deshalb den Namen 222 des ehrlichen Mannes auch nicht, der auf ſo edle Weiſe wiederer⸗ ſtattet —“ „Wer es auch ſein mag,“ ſprach der Abbé, „ich bin überzeugt, daß er in der Achtung des Herrn Ferrand ſehr hoch ſteht.“ „Dieſer ehrliche Mann ſteht in meiner Achtung wirklich ſehr hoch, Herr Abbé,“ antwortete der Notar mit kaum verhüllter Bitterkeit. „Das iſt noch nicht Alles, Herr Abbé,“ fuhr Polidori fort, indem er Jacob Ferrand bedeutungsvoll anſah, „Sie werden ſehen, wie weit die edelherzigen Bedenklichkeiten dieſes unbekannten Wieder⸗ erſtatters gehen, und wenn ich Alles ſagen ſoll, ſo vermuthe ich ſehr ſtark, unſer Freund da hat nicht wenig dazu beigetragen, dieſe Be⸗ denflichkeiten zu wecken und zu beruhigen.“ „Wie ſo?“ fragte der Pfarrer. „Was meinen Sie?“ ſetzte der Notar hinzu. „Und die Morels? jene brave ehrliche Familie?“ „Ach ja, ja, ich vergaß, — allerdings,“ ſagte Ferrand dumpf vor ſich hin. „Denken Sie ſich, Herr Abbé,“ fuhr Polidori fort, „jener Wiedererſtatter begnügt ſich nicht, ohne Zweifel nach dem Rathe Jacobs, jene bedeutende Summe zurückzugeben, er will auch, — doch ich laſſe dieſen würdigen Freund ſprechen; es iſt ein Ver⸗ gnügen, das ich ihm nicht entziehen will.“ „Ich bin ganz Ohr, mein werther Herr Ferrand,“ ſagte der Geiſtliche. „Sie wiſſen,“ ſprach Jacob Ferrand mit heuchleriſcher Salbung, in die ſich hier und da Zeichen eines unwillkührlichen Wiederſtrebens gegen die ihm aufgezwungene Rolle miſchten, Zeichen, welche ſich häufig durch die Veränderung ſeiner Stimme und das Zögern im 223 Sprechen kund gaben, „Sie wiſſen, Herr Abbé, daß die ſchlechte Aufführung der Louiſe Morel — ihren Vater ſo entſetzlich er⸗ ſchüttert hat, daß er den Verſtand verlor. Die zahlreiche Familie des Mannes war der Gefahr ausgeſetzt zu verhungern, da ihr ihre einzige Stütze fehlte. Glücklicher Weiſe kam ihr die Vorſehung zu Hülfe — und — die Perſon, die freiwillig jene Summe er⸗ ſtattet, welche Sie, Herr Abbé, übergeben wollen, glaubte einen — großen Mißbrauch des Vertrauens nicht hinlänglich abgebüßt zu haben. Sie fragte mich, ob ich nicht eine Familie kenne, welche Unterſtützung verdiene. Ich mußte ihr die Familie Morel bezeichnen, und man erſuchte mich, indem man mir die nöthigen Gelder über⸗ gab, die ich Ihnen ebenfalls ſogleich überreichen werde, Sie zu bitten, Morel eine jährliche Rente von zweitauſend Franes zu beſtellen, die nach ſeinem Tode auf ſeine Frau und ſeine Kinder übergehen ſoll.“ „Ich nehme dieſen neuen Auftrag, der allerdings höchſt achtbar iſt, an,“ ſagte der Pfarrer, „wundere mich aber, daß man denſelben nicht Ihnen ſelbſt gab.“ „Die unbekannte Perſon glaubt, und ich bin allerdings der⸗ ſelben Meinung, ihre guten Werke würden einen höhern Werth er⸗ halten, gewiſſermaßen geweiht werden, wenn ſie durch ſo fromme Hände, wie die Ihrigen, Herr Abbé, verrichtet würden.“ „Darauf weiß ich nichts zu antworten. Ich werde die Rente von zweitauſend Franes auf Morel, den würdigen und unglücklichen Vater Louiſens, beſtellen; ich glaube aber, wie Ihr Freund, daß Sie dem Eutſchluſſe nicht fremd welcher dieſe neue Buß⸗ gabe dictirte —“ „Nun“, ſprach Polidori, „werden Sie ſehen, Herr Abbé, zu wie hohen philanthropiſchen Anſichten mein guter Jacob in Bezug auf die milde Anſtalt ſich erhoben hat, über welche wir bereits geſprochen haben; er wird Ihnen den Plan vorleſen, wie er definitiv feſtgeſtellt worden iſt; das zur Stiftung der Renten nöthige Geld liegt hier in ſeiner Caſſe, ſeit geſtern iſt ihm aber ein Bedenken beigegangen, und wenn er es nicht auszuſprechen wagt, ſo werde ich es thun.“ „Das iſt nicht nöthig,“ entgegnete Jacob Ferrand, der ſ bisweilen lieber durch ſeine eigenen Worte betäubte, als daß er ſich gezwungen ſah, ſchweigend die ironiſchen Lobeserhebungen ſeines Mitſchuldigen zu ertragen. „Die Sache iſt folgende, Herr Abbé. — Ich habe gemeint, es zieme ſich — der chriſtlichen Demuth mehr, daß dieſe Anſtalt nicht unter meinem Namen begründet werde.“ „Dieſe Demuth iſt zu groß,“ rief der Abbé aus. „Sie können und müſſen mit Recht ſtolz auf Ihre milde Stiftung ſein; Sie haben das Recht, ja faſt die Pflicht, derſelben Ihren Namen zu geben.“ „Ich ziehe es doch vor, Herr Abbé, meinen Namen nicht zu nennen; ich bin feſt entſchloſſen. Auch rechne ich auf Ihre Güte und hoffe, daß Sie für mich, unter dem tiefſten Geheimniſſe, die letzten Formalitäten erfüllen und die niedern Beamten dieſer Anſtalt auswählen; ich habe mir nur die Ernennung des Directors und eines Aufſehers vorbehalten.“ „Auch wenn ich nicht ein wahres Vergnügen empfände, beſ dieſem Werke, das ganz das Ihrige iſt, mit thätig zu ſh es meine Pflicht ſein, Ihren Auftrag zu übernehmen — „Jetzt, Herr Abbé, wird mein Freund, wenn Sie es wünſchen, den Plan vorleſen, wie er ihn definitiv feſtgeſtellt hat.“ „Da Sie ſo gefällig ſind, lieber Freund,“ ſagte Jacob 225 Ferrand bitter, „ſo leſen Sie ſelbſt und Sie mir dieſe Mühe.“ „Ich bitte —“ „Nein, nein,“ antwortete Polidori, indem er dem Notar einen Blick zuwarf, deſſen ſarcaſtiſche Bedeutung dieſer wohl verſtand, vich finde ein wahres Vergnügen darin, von Dir ſelbſt die edeln Abſichten und Geſinnungen ausſprechen zu hören, welche Dich bei dieſer philanthropiſchen Stiftung leiteten.“ „Nun, ſo will ich leſen,“ ſagte der Notar haſtig, indem er ein Papier von ſeinem Schreibtiſche nahm. Polidori, lange der Mitſchuldige des Jacoh Ferrand, kannte die Verbrechen und geheimen Gedanken dieſes Elenden und konnte deshalb ein grauſames Lächeln nicht unterdrücken, als er ihn ge⸗ zwungen ſah, den von Rudolph dictirten Plan vorzuleſen. Man ſieht, der Fürſt ging bei der Beſtrafung des Notars mit unerbittlicher Logik zu Werke. Er folterte den Wollüſtigen durch die Wolluſt, den Habſüchtigen durch die Habſucht, den Heuchler durch die Heuchelei, denn Rudolph hatte den ehrwürdigen Pfarrer, von dem die Rede iſt, als Ver⸗ mittler der Wiedererſtattungen und Büßungen, die dem Notar auf⸗ erlegt waren, auserſehen, um den Letztern doppelt zu ſtrafen, weil er durch ſeine abſcheuliche Heuchelei die Achtung und Liebe des guten Abbé ſich erſchlichen hatte. War es für dieſen häßlichen Heuchler, für dieſen verhärteten Verbrecher nicht eine große Strafe, ſich gezwungen zu ſehen, die chriſtlichen Tugenden endlich wirklich zu üben, die er ſonſt ſo oft erheuchelt hatte, und diesmal, während er vor ohnmächtiger Wuth zitterte, die gerechten Lobſprüche eines achtbaren Geiſtlichen zu ver⸗ dienen, den er bis dahin getäuſcht hatte? Die Geheimniſſe von Paris VII. 15 226 Jacob Ferrand las alſo den nachſtehenden Aufſatz mit dem verbiſſenen Grimme, den man ihm wohl zutrauen kann. Bank für unbeſchäftigte Arbeiter. „Liebet Euch unter einander, hat Ehriſtus geſagt. „Dieſe göttlichen Worte enthalten den Keim aller Pflichten „und aller Tugenden, und ſie leiteten auch den demüthigen Gründer „dieſer Anſtalt. „Nur Chriſtus gebührt das Gute, das ſie vielleicht bewirkt. „Obwohl durch die Mittel beſchränkt, wollte der Stifter doch „ſo viele ſeiner Brüder als möglich an der Unterſtützung Theil „nehmen laſſen, die er ihnen bietet. „Er wendet ſich zuerſt an die redlichen, fleißigen Handwerker „mit Familie, die aus Mangel an Arbeit oft in ſchreckliche „Noth kommen. „Er bietet ſeinen Brüdern kein demüthigendes Almoſen, ſon⸗ „dern ein unentgeltliches Darlehn. „Möge dieſes Darlehn ſie oftmals hindern, ihre Zukunft auf „unbeſtimmte Zeit mit jenen drückenden Anleihen zu belaſten, welche „ſie aufnehmen müſſen, um warten zu können, bis ſie wieder Arbeit „erhalten, und um in Stande zu ſein, die Familie zu ernähren, „deren einzige Stütze ſie ſind! „Als Bürgſchaft für dieſes Darlehen fordert er von ſeinen „Brüdern nichts als ihre Verſicherung auf's Ehrenwort, das Dar⸗ „geliehene wieder zu erſtatten. „Er ſetzt eine Summe von 12,000 Francs aus, um, ſo weit „ieſelbe reicht, verheiratheten Handwerkern ohne Arbeit, „die im 7ten Arrondiſſement wohnen, Darlehen von 20 bis 40 „Franes ohne Zinſen zu gewähren. 227 „Man hat dieſen Stadttheil gewählt, weil hier vorzugsweiſe „viel Handwerker wohnen. „Dieſe Darlehen werden nur Arbeitern oder Arbeiterinnen „gegeben, welche ein Zeugniß ihrer guten Aufführung von dem⸗ „jenigen beibringen, welcher ſie zuletzt beſchäftigte und die Urſache „wie die Zeit der Arbeitseinſtellung angiebt. „Dieſe Darlehen ſind monatlich von dem Tage an, an „welchem er wieder Arbeit erhalten hat, in kleinen „Summen zurück zu zahlen. „Er unterſchreibt blos eine Verpflichtung auf Ehren⸗ „wort, das Darlehn zu beſtimmten Zeiten zurück zu zahlen. „Dieſer Verpflichtung treten als Bürgen zwei ſeiner Cameraden „bei, um der Heiligkeit des gegebenen Verſprechens durch die ſoli⸗ „ariſche Verbindlichkeit immer größere Anerkennung zu verſchaffen. „Der Arbeiter, welcher die ihm geliehene Summe nicht wieder „zurückzahlt, kann, ebenſo wie ſeine beiden Bürgen, nie wieder „Anſpruch auf eine neue Anleihe machen, weil er ein heiliges Ver⸗ „ſprechen nicht gehalten und namentlich mehreren ſeiner Brüder „nach einander den Vortheil entzogen hat, den er genoß, da die „Summe, die er nicht wieder erſtattete, für die Bank der Armen „verloren iſt. „Wenn dieſe Summen dagegen gewiſſenhaft zurückgezahlt „werden, wird ſich die Zahl der Hülfsdarlehen von Jahr zu Jahr „erhöhen und ſich eines Tags die Möglichkeit ergeben, auch andere „Arrondiſſements an dieſen Wohlthaten Theil nehmen zu laſſen. „Die Gedanken, welche uns bei der Errichtung dieſer Anſtalt „geleitet haben, waren: „den Menſchen durch Almoſen nicht zu erniedrigen; „die Faulheit nicht durch eine unfruchtbare Gabe zu begünſtigen; — 228 „vielmehr die Gefühle der Ehre und Rechtſchaffenheit in den „arbeitenden Claſſen zu heben, und „brüderlich dem Arbeiter zu Hülfe zu kommen, dem es wegen „der Unzulänglichkeit des Lohnes ſchon ſchwer wird, von einem „Tage zum andern Unterhalt zu finden, und der bei Arbeitsmangel „ſeine eigenen Bedürfniſſe wie die ſeiner Familie nicht einſtellen „kann, wie man die Arbeit einſtellt *).“ — „Ach Herr!“ rief der Abbé mit Bewunderung aus, „welche menſchenfreundliche Idee! Wir ſehr begreife ich Ihre Rührung bei dem Leſen dieſer ſo rührend einfachen Zeilen!“ Die Stimme Jacob Ferrands hatte ſich wirklich allmälig ver⸗ ändert; ſeine Geduld und ſein Muth gingen zu Ende, da er ſich aber fortwährend von Polidori bewacht ſah, wagte er es nicht, gegen die Befehle Rudolphs zu handeln. Man denke ſich die Wuth des Notars, der ſich gezwungen ſah, ſo freigebig, ſo mildthätig ſein Vermögen einer Claſſe zur Verfü⸗ gung zu ſtellen, welche er in der Perſon des S Morel ſo unbarmherzig verfolgt hatte. „Iſt die Idee Jacobs nicht vortrefflich, Herr Abbé?“ ftagte Polidori. „Ich, mein Herr, der ich die Armuth kenne, begreife mehr als ein Anderer, von welcher Wichtigkeit für arme und rechtliche Hand⸗ werker ohne Arbeit dieſes Darlehn werden kann, das den Glück⸗ lichen dieſer Welt vielleicht ſo unbedentend vorkommt. Ach, wie viel Gutes würden ſie thun, wenn ſie wüßten, daß ſie mit einer *) Unſer Plan, über welchen wir mit mehreren eben ſo rechtlichen wie gebildeten Handwerkern geſprochen haben, iſt gewiß ſehr unvollkommen, wir legen ihn aber den Perſonen, die ſich für die arbeitenden Claſſen intereſſiren, zur Berathung vor. 229 ſo geringfügigen Summe, welche zur Befriedigung ihrer geringſen Laune kaum hinreicht, mit 30 oder 40 Franes, die man ihnen ge⸗ wiſſenhaft zurückerſtatten würde, aber ohne Zinſen, ſehr oft die Zukunft, bisweilen die Ehre einer Familie retten könnten, welche der Mangel an Arbeit den ſchrecklichen Gefahren und Verſuchungen der Noth ausſetzt! Die Armuth ohne Arbeit findet niemals Credit, und wenn man ihr gegen Verpfändung kleine Summen leiht, ſo geſchieht es nur gegen ungeheure wucheriſche Zinſen. Leihen ſie 30 Svus auf acht Tage, ſo müſſen ſie 40 zurückzahlen, und doch ſind ſelbſt dieſe mäßigen Darleihen ſelten und ſchwer zu erlangen. Selbſt die Darleihen, welche das Leihhaus giebt, kommen unter gewiſſen Umſtänden auf nahe an 300 Procent“). Der Handwerker ohne Arbeit giebt dahin oft für 40 Sous die einzige wollene Decke, welche in den Winternächten ihn und die Seinigen gegen die Kälte ſchützt. Aber,“ ſetzte der Abbé begeiſtert hinzu, „ein Darlehn von 30 bis 40 Franes ohne Zinſen, in geringen Summen rückzahlbar, wenn ſich wieder Arbeit gefunden hat, iſt für rechtſchaffene Leute Rettung, Hoffnung, Leben. Mit welcher gewiſſenhaften Pünktlichkeit werden ſie ihre Verbindlichkeit erfüllen! — Es iſt ja eine heilige Schuld, die man eingegangen iſt, um ſeiner Frau und ſeinen Kin⸗ dern Brot zu geben!“ „Wie wohlthuend müſſen Dir dieſe Lobeserhebungen des Herrn Abbé ſein, Jacob,“ ſagte Polidori, „und wie viele wirſt Du noch wegen Deiner Stiftung eines unentgeltlichen Leihhauſes hören müſſen!“ *) Einen höchſt intereſſanten Aufſatz über die Leihhäuſer findet man in der Revue de Paris vom 11. Juni 1843 und deutſch in den „Blättern aus der Gegenwart“ Ceipzig) Nr. 28 u. 29. 1843. 230 „Wie?“ „Gewiß, Herr Abbé; Jacob hat auch dieſe Frage nicht ver⸗ geſſen, welche gleichſam ein Zubehör ſeiner Armen⸗Bank iſt.“ „Es wäre wahr!“ rief der Pfarrer aus, welcher bewundernd die Hände faltete. „Lies weiter, Jacob,“ ſagte Polidori. Der Notar las raſch weiter, denn die Sache wurde ihm un⸗ erträglich: „Die Hülfsdarlehen haben den Zweck, einem der größten „Uebelſtände im Leben der Handarbeiter, der Noth aus Mangel an „Arbeit, abzuhelfen. Sie werden alſo nothwendig nur den Hand⸗ „werkern bewilligt, welchen es an Arbeit fehlt. „Es iſt aber auch Vorſorge für andere drückende Verlegen⸗ „heiten zu treffen, in welche ſelbſt der Handwerker kommen kann, „der Arbeit hat. „Oft entzieht die Unmöglichkeit, an einem oder zwei Tagen „zu arbeiten, die durch Unwohlſein, durch die Pflege der kranken „Frau oder eines kranken Kindes, durch nothwendiges Ausziehen „herbeigeführt wird, dem Arbeiter den täglichen Lohn. Dann „wendet er ſich an das Leihhaus, von dem nur mit hohen Zinſen „Geld zu erlangen iſt, oder an Wucherer. „Um ſo viel als möglich die Laſt ſeiner Brüder zu erleichtern, „beſtimmt der Gründer der Armen⸗Bank ferner 25,000 Franes „jährlich zu Darlehn auf Pfänder, die aber 10 Francs jedesmal „nicht überſteigen dürfen. „Diejenigen, welche ſolche Darlehn erhalten, zahlen weder „Koſten, noch Zinſen; ſie müſſen aber beweiſen, daß ſie ein ehren⸗ „haftes Geſchäft betreiben und ein Zeugniß von ihren Arbeitgebern „beibringen, welches ihre Moralität darthut. — — — — — —— — — 231 „Nach zwei Jahren werden koſtenlos die Effecten verſteigert, „welche nicht eingelöſt worden ſind. Der überſchüſſige Ertrag des „Verkaufs wird zum Vortheil des Verpfänders zu 5 Prozent ver⸗ „zinslich angelegt'“). „Hat er dieſe Summe nach fünf Jahren nicht in Anſpruch „genommen, ſo wird ſie der Armen⸗Bank zugewieſen. „Die Verwaltung und das Bureau der Armen⸗Bank befinden „ſich in der Rue du Temple Nr. 17, in dem Hauſe, welches zu „dieſem Zwecke in der Mitte dieſes volkreichen Stadttheiles an⸗ „gekauft worden iſt. Ein jährliches Einkommen von 10,000 Fres. „iſt zur Deckung der Verwaltungskoſten der Anſtalt angewieſen⸗ „deren lebenslänglicher Director —“ Polidori unterbrach den Notar und ſagte zu dem Pfarrer: „Aus der Wahl des Directors dieſer Anſtalt werden Sie er⸗ ſehen, Herr Abbé, ob Jacob das Unrecht gut zu machen weiß, welches er unabſichtlich zugefügt hat. Sie wiſſen, daß er durch einen Irrthum, den er beklagt, fälſchlicher Weiſe ſeinen Caſſirer beſchuldigt hatte, eine Summe entwendet zu haben, welche ſich wiederfand.“ „Allerdings.“ „Nun, dieſem rechtſchaffenen jungen Manne, Franz Germain, *) Im Journal des Dépats vym 1. Auguſt theilt Sue einen ihm aus Montpellier zugegangenen Brief mit, in welchem es heißt: Sie werden ohne Zweifel mit Vergnügen erfahren, daß der Plan, welchen Sie kürzlich mit⸗ theilten, in Montpellier ſchon ſeit langer Zeit ausgeführt iſt. Die Anſtalt heißt Oeuvre du prét gratuit et charitable. Man leiht da auf Pfänder, aber ohne Zinſen oder ſonſtige Koſten, und ſchreibt nicht einmal den Namen deſſen, welcher ein Darlehn erhält, in ein Buch ein. Er befindet ſich nur auf dem Zettel an dem Pfande. Der Ueberſ. * überträgt Jacob die Direction dieſer Bank auf Lebenszeit mit einem Gehalte von 4000 Franes. Iſt das nicht bewundernswürdig, Herr Abbé?“ „Es ſetzt mich nichts mehr in Erſtaunen, oder es hat mich vielmehr bisher nichts in Erſtaunen geſetzt,“ antwortete der Geiſt⸗ liche. „Die Frömmigkeit und Menſchenliebe unſerks würdigen Freundes mußten früher oder ſpäter ein ſolches Reſultat haben. — Sein ganzes Vermögen einer ſo ſchönen Anſtalt zu widmen, iſt wirklich bewunderungswürdig!“ „Ueber eine Million, Herr Abbé,“ ſagte Polidori, „über eine Million, die er ſich durch Sparſamkeit, Ordnung und Rechtſchaffen⸗ heit erworben hat! Und doch gab es erbärmliche Menſchen, welche Jacob des Geizes beſchuldigen konnten! Wie, ſagten ſie, ſein No⸗ tariat bringt ihm jährlich 50 bis 60,000 Franes ein, und er verſagt ſich Alles?“ „Ich möchte dieſen Verleumdern antworten,“ fiel der Geiſt⸗ liche begeiſtert ein: „er hat funfzehn Jahre lang wie ein Armer gelebt, um eines Tages Arme auf glänzende Weiſe unterſtützen zu können.“ „So ſei Du nun auch wenigſtens ſtolz auf das, was Du thuſt, und freue Dich darüber,“ rief Polidori zu Jacob Ferrand gewendet aus, der mit ſtierem Blick und finſtern Mienen da ſaß und in tiefe Gedanken verſunken zu ſein ſchien. „Ach,“ ſagte der Abbé traurig, „in dieſer Welt giebt es keinen Lohn für ſo S und große Tugenden; ſein Ehrgeiz ſtrebt nach Höherem —“ „Jacob,“ fiel Polidori ein, indem er den Notar leicht auf die Achſel klopfte, „lies nun den Aufſatz vollends vor.“ „ 233 Der Notar zuckte zuſammen, ſtrich mit der Hand über die Stirn, wendete ſich dann an den Pfarrer und ſagte: „Ich bitte um Verzeihung, Herr Abbé, aber ich dachte, — ich dachte an den außerordentlichen Umfang, welchen dieſe Bank der Armen erhalten könnte, wenn das Einkommen immer dazu geſchlagen würde und die Darlehen immer regelmäßig wieder eingingen. Nach vier Jahren würde ſie ſchon für etwa 50,000 Thaler unentgelvliche Darlehen oder Darlehen auf Pfänder geben können. Das iſt unge⸗ heuer, und ich wünſche mir Glück,“ ſetzte er hinzu, indem er mit verhaltenem Grimme an den Werth des Opfers dachte, man ihm auferlegte. Dann fuhr er fort: „ich war, glaube ich —“ „Bis zur Ernennung des Franz Germain zum Director ge⸗ kommen, ja,“ entgegnete Polidori. Jacob Ferrand las weiter: „Zu den Koſten der Verwaltung der „Bank der Armen“ ſollen „10,000 Franes jährlich angewieſen werden, und der Director der⸗ „ſelben iſt Franz Germain, der Aufſeher aber der jetzige Portier des „Hauſes, Pipelet mit Namen. „Der Herr Abbé Dumont, dem die zur Gründung der Anſtalt „nöthigen Gelder werden überwieſen werden, wird einen obern „Aufſichtsrath ernennen, der aus dem Maire und dem Friedens⸗ „richter des Arrondiſſements beſteht und der andere Perſonen zu⸗ „ziehen wird, wenn er es im Intereſſe der Bank für nöthig findet, „denn der Gründer wird ſich für tauſendfach belohnt halten für das „wenige Gute, das er thut, wenn einige mildthätige Perſonen an „ſeinem Werke Antheil nehmen. „Die Eröffnung dieſer Bank wird durch alle Mittel der Oeffent⸗ „lichkeit angezeigt werden. „Der Stifter wiederholt zum Schluſſe, daß er kein Verdienſt 234 „bei dem hat, was er für ſeine Brüder thut. Sein Gedanke iſt „nur das Echo jenes göttlichen Gedankens: liebet Euch unter „einander!“ — „Und Ihr Flatz im Himmel wird neben dem ſein, der dieſe unſterblichen Worte geſprochen hat,“ rief der Abbé aus, indem er die Hände Ferrands in den ſeinigen drückte. Der Notar war zu Ende. Die Kräfte verließen ihn. — Ohne auf die Glückwünſche des Abbés zu antworten, übergab er ihm in Schatzbons die zur Grün⸗ dung dieſer Anſtalt und zur Stiftung der Rente für Morel, den Steinſchneider, nöthige bedeutende Summe. „Ich wage zu glauben, Herr Abbé,“ ſagte endlich Jacob Ferrand, „daß Sie dieſen neuen Auftrag nicht ablehnen werden. nebrigens wird ein Fremder, Sir Walter Murph genannt, der mir mit ſeinem Rathe — bei der Entwerfung dieſes Planes beigeſtanden hat, Ihnen einen Theil der Laſt abnehmen, noch heute mit Ihnen über die Ausführung des Planes ſprechen und ſich Ihnen zur Ver⸗ fügung ſiellen, wenn Sie es für nützlich halten ſollten. Ich bitte alſo, Herr Abbé, gegen Jedermann, dieſen ausgenommen, die größte Verſchwiegenheit zu bewahren.“ „Sie haben Recht. — Gott weiß, was Sie für Ihre Brüder thun, was liegt an dem übrigen? Ich für meinen Theil bedaure nur, daß ich bei dieſer frommen Stiftung nur durch meinen Eifer mitwirken kann. Aber was iſt Ihnen? Sie erbleichen. — Fühlen Sie ſich unwohler?“ „Ein wenig, Herr Abbé. — Das Ableſen dieſes langen Auf⸗ ſatzes, die Aufregung, in die mich Ihre wohlwollenden Worte ver⸗ ſetzen, und das Unwohlſein, das ich ſeit einigen Tagen fühle, — verzeihen Sie meine Schwäche,“ ſagte Jacob Ferrand, indem er Se — — — ſich mit Anſtrengung niederſetzte. „Es iſt wahrſcheinlich von keiner Bedeutung, aber ich bin erſchöpft.“ „Vielleicht würden Sie wohlthun, wenn Sie ſich zu Bett be⸗ gäben,“ entgegnete der Pfarrer mit aufrichtiger Theilnahme, „und Ihren Arzt kommen ließen.“ „Ich bin Arzt, Herr Abbé,“ entgegnete Polidori. „Der Zuſtand Jacobs erfordert eine aufmerkſame Behandlung, und ich widme ſie ihm.“ Der Notar zuckte zuſammen. „Ein wenig Ruhe wird Sie hoffentlich ſtärken,“ ſagte der Pfarrer. „Ich verlaſſe Sie jetzt, vorher aber will ich Ihnen eine Quittung über die erhaltene Summe geben.“ Während der Pfarrer den Empfangſchein ſchrieb, wechſelten Jacob Ferrand und Polidori einen Blick, der unmöglich zu be⸗ ſchreiben iſt. „Nun guten Muth! hoffen Sie!“ ſprach der Pfarrer, indem er dem Notar die Quittung übergab. „Gott wird noch lange nicht zugeben, daß Einer ſeiner beſten Diener ein Leben verlaſſe, das er auf ſo nützliche und edle Weiſe angewendet hat. — Morgen werde ich wiederkommen, um mich nach Ihrem Zuſtande zu erkundigen. Leben Sie wohl, mein würdiger und frommer Freund!“ Der Pfarrer ging fort; Jacob Ferrand und Polidori blieben allein. 8 8 6 2 8 ₰ 5 S — 2 = — 6 — — — S * — — — S — 6